Lei — hbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. V Leih- und Jeſebedingungen. — 8 1. Cffensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von Pden Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet o wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 4 Mit.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 1 Wer.— Pf. „ 3 5— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. Erſtes Kapitel. „Ihr Mächte, die Ihr kraft nöthigen Amts, Die Sünder zu züchtigen pfleget, Vertilget die Liebe, die Herzen zerſtört, Doch den nicht, welcher ſie heget!« Altes Lied. Puumerſand war der ſchönen Roſalie gegenüber in Ver⸗ legenheit. Er blickte ſeiner Patientin in's Geſicht, und ſein Gewiſſen ſtach ihn. Dennoch wollte er ſeine Maske als Arzt vorbehalten, indem ſich der Wunſch in ihm regte, den Namen und die Geſchichte des vermeinten Spions zu erkunden. Geradezu danach fragen konnte er jedoch nicht⸗ Endlich ſaßen Beide nebeneinander, und nach eini⸗ gem Zögern begann Plumerſand auf die gewöhnliche Weiſe ein Geſpräch anzuknüpfen, die ſo alltäglich und abge⸗ ſchmackt iſt, daß ſie nahe an närriſches Benehmen grenzt. Nachdem man gegenſeitig ſich verſichert hatte, daß man vollkommen gleicher Meinung war; daß, wenn es nicht regnen oder ungewöhnlich kalt, oder warm wer⸗ den würde, es einen unvergleichlich ſchönen Tag heute geben müßte, und was dergleichen unwichtiges Gewäſch mehr war, räuſperte Plumerſand ſich mit aller ihm möglichen Amtswürde, und bemächtigte ſich zuletzt des Pulſes der jungen Dame. Auf alle ſeine Fragen gab ſie kurze Antworten, doch that ſie dieß im ſanfteſten Tone, den er jemals gehört hatte. Als ihre bleichen Lippen ſich öffneten, bemerkte er, daß ihr Schweigen zwei wunderſchöne Zahnreihen Der alte Commodore⸗ verbarg— Zahnreihen, die nur geſchaffen zu ſein ſchie⸗ nen, um das elfenbeinerne Portal holden Lächelns ab⸗ zugeben; jedoch Lächeln ließ ſich hier nimmer erblicken. Plumerſand, der, allgemein geſprochen, ein wohlun⸗ terrichteter Mann war, ſpielte ſeine Rolle keineswegs ungeſchicklich. Die Symptome brachten ihn jedoch nicht wenig in die Klemme. Fieber zeigte ſich hier offenbar nicht; der Puls ging regelmäßig, obwohl ſchleichend. Die Dame hatte keinen Huſten, kein Aſthma, keine Bruſtbeſchwerden. Ihre Eßluſt war weder gut, noch ſchlimm; ſie achtete nicht ſonderlich auf ihre Speiſen, aß jedoch genügend, wenn ihr etwas vorgeſetzt würde — mindeſtens ſagte ſie dieß. Worüber ſie ſich am meiſten beklagte, waren ihre entſetzlichen Träume, die ſie nicht loswerden konnte, ſo daß ſie zitterte, ſich ſchlafen zu legen, und kallm wagte ihre Augen zu ſchließen. Sie bat Mr. Plumerſand, ihr kein Opium, in welcher Miſchung es auch ſein möchte, zu verſchreiben, indem dieß ihr Leiden nur ver⸗ mehrte, und ihren Zuſtand bis zum Wahnſinn ſteigerte. Nachdem ſie ihm, wie geſagt, in den gedrängteſten Worten dieſe Auskunft gegeben hatte, die er allerdings durch viele Worte herauslocken mußte, gelangte er zu der Schlußfolge, daß hier das alte Lied:»Krankheit des Ge⸗ müthes,« geſungen würde, und daß er ſich überzeugt zu halten hätte, das Geheimniß, welches er zu erforſchen trachtete, müßte von nicht geringer Wichtigkeit ſein. Außerdem wogten noch andere Gedanken in ihm, mit denen wir vor der Hand nichts zu ſchaffen haben, und die er ſelber kaum ſich einzugeſtehen wagte. Plumerſand befragte nun ſeine Patientin über die Diät, welche ſie beobachtete. Die Antwort, die ihm dar⸗ auf ward, entſetzte ihn. Ungeachtet aller Behutſamkeit Der alte Commodore. 7 in Roſaliens Aeußerungen, nahm er wahr, daß Vater und Tochter darin wetteiferten, wer am beſten hungern und einander am feſteſten glauben machen könnte, daß er täglich ſo viel äße, als er bedürfe. Dabei waren ſie Niemandem Geld ſchuldig, und kein Laden in der Um⸗ gegend konnte ſich an Sauberkeit und zierlicher Aus⸗ ſtattung mit dem des Monſieur Florentin meſſen; und Roſalie war in ihrer Kleidung nicht nur reinlich, ſunr dern ſogar'bien gentile.“ Vieles iſt mit Recht und Wahrheit zum Lobe des Hinſinkens des ermordeten Cäſar vor der Statue des Pompejus⸗ und von dem ſtillen Heldenſinn geſagt wor⸗ den, den der Imperator zeigte, als er„ſterbend ſich in ſeinen Mantel wickelte,« ſo daß er mit Majeſtät und Würde verſchied, und ſelbſt noch im Tode ſich groß und gelaſſen zund herriſch zeigte; allein was iſt das Alles gegen die hochherzige Ausdauer unſerer beiden freundlo⸗ ſen Ausländer? Ihnen wühlte der Dolch des Hungers im Buſen, doch riefen ſie die Vorübergehenden nicht an, zeigten nicht den ihnen nahe Stehenden ihre Wunden, ſondern hüllten ſich in den Mantel ihrer Reſpectabili⸗ tät, Beide entſchloſſen, klaglos vor jenem Altar, deſſen Heiligkeit weder Mann noch Weib jemals verletzen ſollte, nämlich dem Altar der Selbſtachtung, zu ſterben. Dieß war ſelbſt für den eigenſüchtigen Plumerſand zuviel. Der beſſere Menſch in ihm trug den Sieg da⸗ von. Als er die wahre Beſchaffenheit der Sache er⸗ kundet hatte, ſtand er auf und ſagte:»daß er die Symp⸗ tome der Patientin in Erwägung ziehen, und kom⸗ menden Tages zeitig die nöthigen Heilmittel verſchrei⸗ ben wollte.⸗ Er fragte nicht weiter, ſondern beurlaubte ſcch freund⸗ lich und ging wieder hinunter in den Laden. Dort an⸗ — Der alte Commodore. gelangt, begann Monſieur Plumerſand tief nachzuden⸗ ken. Er hatte Zeit dazu. Es war ein Kunde da, der ſich barbieren ließ, und Plumerſand ſah der ganzen Ope⸗ ration mit einer vhilsſep iſchen Aufmerkſamkeit zu, ſo daß er dadurch— mindeſtens für die nächſtfolgenden vier Stunden— zu einem beſſeren Menſchen gemacht ward. Der Kunde war ein derber, grämlich ausſehender Kohlenträger, den erſichtlich üble Laune plagte. Da ſaß er, unter'm Kinne die weißeſte Serviette Monſieur Florentin's, die ſich an ſeinem beſudelten Flauskittel ſchwärzen mußte. Sein Bart war von mehrtägigem Wachsthum und hätte einem Paar Groß Pfennignä⸗ geln verglichen werden mögen, die, die Spitze aufwärts gekehrt, aus einem Kiesbette hervorguckten. Um den untern Theil ſeines Geſichts herum war eine Seifen⸗ ſchaummaſſe angeklatſcht worden, die an Umfang dem ſchwarzen Haarwulſt auf dem Kopfe gleichkam und in wunderſamem Gegenſatze zu dieſem ſtand. Als das Ra⸗ ſirmeſſer durch dieſe Maſſe hinglitt, hörte man, wie Kohlenſtanb und andere Schmutzkerne knarrten und das Meſſer ſtumpften. Dabei ächzte und fluchte der Koh⸗ lenträger, Monſieur Florentin aber war um ihn herum mit aller zärtlichen Emſigkeit einer Amme, die ein kran⸗ kes Kind pflegt, beſchäftigt. Des Barbiers Höflichkeit war unverwüſtbar; dennoch wollte ſich der Bart des Mannes im Flauskittel nicht nach Wunſche ſeines Eig⸗ ners noch nach dem des'refugiée fügen, obſchon dieſer jedes ihm nur mögliche Linderung⸗ und Zweckförderung⸗ Mittel aufzubieten eifrigſt bemüht war. Endlich jedoch erreichte die langſame Operation ihre Endſchaft; der Mann war gewaſchen und abgetrocknet, und Mr. Florentin empfing nun für alle verwendete Mühe, für allen Aufwand von Zeit und Seife, und für — ———y ——— 8 —— Der alte Commodore. 9 das Beſudeln einer Serviette und eines Handtuchs— einen Pfennig und einen Fluch. Wir wiſſen, daß dieß Alles höchſt trivial iſt; laſſen wir uns indeſſen für ein Weilchen mit Mr. Plu⸗ merſand dazu herab, und wir werden einige heilſame 4½ Betrachtungen daraus herleiten. Daß Mr. Plumer⸗ ſand dieß that, wiſſen wir gewiß. Er entdeckte, wie die höchſten Tugenden auf der niedrigſten bürgerlichen Stufe geübt werden können, und daß die Laſterhaftig⸗ keit der Anmaßung und der Geringſchätzung gegen die Gefühle Anderer ſich nicht bloß auf diejenigen Klaſſen 4 des Volkes beſchränken, von denen man vorausſetzen mag, daß ſie ſich wenig um die unter ihnen Befindli⸗ chen kümmern. Mr. Plumerſand entdeckte auch, daß ein Mann geldſtolz ſein kann, wenn er nur zwei Pfen⸗ 82 nige in der Taſche hat, und daß er, indem er einen von dieſen Pfennigen ausgiebt, dabei eine weit verächt⸗ 8 lichere Eitelkeit zeigen kann, als ein Anderer, der Tau⸗ ſende von Pfunden hinzahlt; und endlich, daß, wenn Hunger auch den Leib umkommen läßt, er doch nimmer jene Laſter vertilgen wird, die ſowohl dem Ueberſatten, als dem, der, um nicht zu verſchmachten, nach einer Brotrinde giert, eigenthümlich ſind. »Mich dünkt, der Pfennig iſt ſauer verdient wor⸗ 4 den,“« ſagte Plumerſand. 3 »So ehrlich als ſauer, Monsieur. Wie ſinden Sie ma Rosalie?« 4 »Ich will offen mit Ihnen ſein. Sie hat zu viel auf dem Herzen und zu wenig im Magen.« Sie bringen mich um— vous m'assassinez. Juste ciel! was ſoll ich anfangen?« »Sie müſſen ihr zu Eſſen geben, und ich will ſie zum Sprechen bewegen. Sie ſelbſt befinden ſich nicht — 10 wohl; auch Ihnen muß ich verſchreiben. In meinen ärztlichen Anſichten bin ich jedoch ein wenig wunderlich. Ich wende ſelten Arznei an, wirke aber deſto mehr durch Diätvorſchrift. Ich werde Ihnen Beiden verſchreiben, werde Ihr Freund ſein, dagegen müſſen Sie aber auch meinen Verordnungen unbedingt nachleben.« Statt nun in ſchlechtem Latein ein noch ſchlechteres Recept über ekelhafte Latwerge zu Papiere zu bringen, ſchrieb Mr. Plumerſand drei gute Mahlzeiten auf, und zwar eine zum Frühſtück, die zweite zu Mittag, die dritte zu Abend und ließ einen guten Theetrank hinter⸗ drein reiten. 5 Als Monſieur Florentin die drei Streifen nebſt An⸗ hange las, will ich nicht ſagen, daß ihm der Bart ſich ſträubte, denn dieſer war glatt raſirt; allein er zog ſeine Brauen ſo in die Höhe, und ſchob ſeine Stirn⸗ haut dermaßen von Erſtaunen aufwärts, daß ſein Tou⸗ pet ſich erſt bedeutend hob, und dann wieder eben ſo bedeutend ſenkte. » C'est une chose impossible,« ſagte er, indem er ſeine ausgeſpreizte dürre Hand auf ſeine Bruſt legte, »und Monſieur, wir nicht ſind Acht en famille.« »Was das Unmögliche betrifft, ſo überlaſſen Sie das Gott und Ihrem Arzte. Hinſichtlich der Zahl Ih⸗ rer Familienglieder erwarte ich, dieſe möge nun klein oder groß ſein, daß Alles, was ich verſchreibe, gehörig eingenommen wird. Mein werther Monſieur Florentin, ich merke, daß Ihnen die Atmoſphäre des Landes Eng⸗ land wenig bekannt iſt. In Frankreich haben Sie ſo wielerlei Dinge, an denen Sie ſich ſättigen können, 'savoir— verzeihen Sie mir, Ihre National⸗Eitel⸗ keit, Ihre unerſchöpfliche Heiterkeit, Ihre ſchöne, elaſti⸗ ſche Luft, jedoch in England lebt man von nichts, als Der alte Commodore. Der alte Commodore. 11 vom Eſſen, vom Eſſen, vom Eſſen! Alſo ſag' ich Ih⸗ nen— eſſen Sie, eſſen Sie, eſſen Sie!« Ohne nun weiter der Urſache zu gedenken, die ihn zuerſt in den Laden geführt hatte, ſagte er dem erſtaun⸗ ten Barbier ein freundliches Lebewohl, und ging, nach⸗ dem er verſprochen hatte, nächſten Tages um dieſelbe Stunde ſeinen Beſuch zu wiederholen. Monſieur Florentins Betrachtungen waren keines⸗ wegs tröſtender Natur. Den guten Mann hungerte; doch das beachtete er nicht ſonderlich, denn er war dar⸗ an gewöhnt; allein ohne Gefahr zu laufen raſend zu werden, konnte er den Gedanken nicht ertragen, daß Roſalie jemals an ungeſtilltem Hunger leide oder daran gelitten hätte. Darin beſtand ſeine Qual. Es war Mittagseſſenszeit; er betrachtete die drei Recepte nebſt deren Anhange. Da ſtanden verſchrieben zwei Portio⸗ nen Hammelbraten größter Art, zwei dito wohlgeſotte⸗ ner Kartoffeln; ein Pint Doppeltbier für Monſieur, und zwei Gläſer guten Oportowein für Maz'mſelle; des Ferneren kleine niedliche Näſchereien vom Conditor für Letztere, die ſie durchaus haben müßte, ſo ſie nur irgend Neigung dazu ſpüren würde. Als der ehrliche alte Fran⸗ zoſe die Recepte las, trat ihn das Waſſer in die Augen und den Mund,'à Penvi les uns de P'autre.“ Um dieſe Recepte machen zu laſſen, hatte er einen Pfennig und einen Fluch gelöſet, und es verſteht ſich, daß Letzterer dabei weiter nicht in Anſchlag gebracht werden konnte. Ueberdieß war kein Feuer im Hauſe, denn da man mit⸗ ten im Junius lebte, hatte man gar nicht für nöthig erachtet, heut eines anzuzünden. Inmitten dieſer Betroffenheit, die übrigens beinah eine Stunde währte, hörte er, wie die wohlklingende Stimme ſeiner Tochter ihn hinauf zum Eſſen rief. Er 12 Der alte Commodore. bog die Klingel der Ladenglocke vor, daß er oben hören möchte, wenn Jemand kommen würde, und ſtieg trepp⸗ an. Auf einem kleinen runden Tiſche lagen dort ein krittlich ſauberes Tellertuch und zwei Pfennigsbrötchen, die nicht ſonderlich friſch, auch nicht ſonderlich groß waren, weil die Kornpreiſe ſich zur Zeit im Steigen geſtelen. Die Mitte der Tafel wies eine große Schüſ⸗ ſel mit etwas wenigem Krautſalat. War kein pain à discretion vorhanden, ſo befand ſich doch Waſſer nach Belieben da, und Gläſer, Teller, Meſſer und Ga⸗ bel waren ſo ſauber, daß ſie ſelbſt Einem, der den Tod vor Augen ſah, hätten Appetit erwecken mögen. Das Mahl wies ſich in Wahrheit leicht und poe⸗ tiſch; es war ſo, wie junge Damen gewohnt ſind da⸗ von in Romanen zu leſen, deren Heldinnen und Helden ihnen inniglich am Buſen ruhen— es war ein kärgli⸗ ches Mahl,“ gegen welches ſich auf der Welt nichts weiter einwenden ließ, als daß es, ach! allzu kärg⸗ lich war! Plumerſands Recepte in der einen, den ſauerver⸗ dienten Pfennig in der anderen Hand, blickte der arme Emigrirte kläglich auf dieſe leckeren Leckerbiſſen. Indeſ⸗ ſen—'il faut manger pour vivre, et non pas vivre Pour manger.’ Mit dieſem Aphorism im Munde, den er gern mit etwas Compacteren gefüllt gewußt hätte, bereitete Monſieur Florentin den Salat, das heißt, er goß über das Kraut drei Löffel voll arg verwäſſerten Eſſig, und das möglich kleinſte⸗Quantum Baumöl. Während deſſen arbeitete Roſaliens Oberlippe auf entſetzliche Weiſe, und zeugte von unausſprechlichem Leiden; dennoch verrieth des Mädchens Seelenzuſtand ſich durch kein Klagewort, durch keine Thräne. „La voilà préte,« ſagte der Vater, und wies auf 4„ Der alte Commodore. 13 den Salat;»jetzt Roſalie, mein Kind, iß ſo behaglich als Du kannſt.« Roſalie aber wollte dem Vater nicht geſtatten, ein wenig von dem ſchwachnährenden Kraute auf ihren Tel⸗ ler zu legen, ſondern ſchob ihm ſogar ihr eigenes Pfen⸗ nigsbrot hin, indem ſie ſagte:»Ich habe ſchon zu Mit⸗ tag gegeſſen, Papa. Sieh, hier liegen noch die Kru⸗ men davon. Vergieb, daß ich nicht auf Dich wartete.« »Wie iſt das möglich, mein Kind. Hatten wir doch weiter keine Speiſe im Hauſe als dieſe?« »Und das Erröthen, das von ihrer Schönheit, ihren Tugenden und ihrer kindlichen Liebe ihr verſagt ward, erſchien jetzt, von Schaam hervorgerufen, auf ihren Wangen, als ſie die Lüge ſprach; allein ihr Herz war doch dabei um ſo glorreicher rein. »Es iſt wahr, mein Vater,« entgegnete ſie, aber ich habe einige Pfennige für das Ausbeſſern einer Kante erhalten, und die gute Frau, die über uns wohnt, be⸗ ſorgte mir dafür ein Brot und ſogar etwas Fleiſch. Nochmals verzeihe mir, daß ich nicht auf Dich wartete, aber ich bin— ich war ſehr hungrig.« »Verzeihen? Dir?« verſetzte der Vater, der an dem einen Brötchen käuete;—»Nein, Roſalie,« und hier verſchwand die Hälfte des Salates—»ich ſollte Dich vielmehr um Verzeihung bitten,«— jetzt ward das zweite Brötchen verzehrt—»daß ich nicht beſſer für eine Tochter ſorge, die«— des Salates andere Hälfte ging jetzt der erſteren nach—»allzeit ſo liebenswürdig iſt.« Und das Mahl war verzehrt.»Le voilà tout mangé! Danken wir Gott für das, was wir hatten, obwohl fürwahr mich noch tüchtig hungert.« 6 Der ehrliche Franzoſe gewahrte nicht den Wolfs⸗ blick, der aus den Augen ſeiner Tochter ſchoß, als er Der alte Commodore. ſeine kümmerliche Mahlzeit hielt; während er aber reich⸗ lich von dem vorhandenen Waſſer trank, bemerkte er, daß Roſalie jedes Krümchen von der Serviette in ihre Flachhand ſammelte und das kleine Häuflein gierig ver⸗ ſchlang. Da blitzte ihm die ganze Wahrheit der Sache in die Seele; er wendete ſich raſch zu der Tochter, und rief in ärgerlichem Tone:»Roſalie, Du haſt mich hin⸗ tergangen, haſt— o Du liebes, böſes Kind! mir Un⸗ wahres geſagt— Du haſt noch nicht zu Mittage ge⸗ geſſen— Dich hungert— Du verſchmachteſt!—⸗ e»Mein lieber, liebſter Bater!« ſtammelte Roſalie, und konnte dann vor Schluchzen kein Wort weiter hervorbringen. »Ich habe noch dieſen Pfennig,« ſagte Monſteur Florentin—„was können wir dafür kaufen?« Ehe er jedoch dieſe Frage beantwortet erhalten konnte, klingelte die Ladenglocke, und Tritte mehrerer Perſonen wurden hörbar. »Trockne Deine Thränen, ma fille,« ſagte der Va⸗ ter haſtig.»Sammle Dich, daß dieſe hartherzigen Eng⸗ länder nicht Zeugen unſeres Elendes werden. Er ſprang hinaus; ihm entgegen rannte ein Kellner mit einer ver⸗ deckten Schüſſel; dem Einen folgte ein Zweiter und ein Dritter, und ehe noch Tochter und Vater ſich von ih⸗ rem Erſtaunen erholen konnten, ſahen ſie ihren Tiſch mit zwei Portionen Kalbsbraten, zwei Schüſſeln Gemüſe, einer Flaſche Portwein und einer Kanne ſchäumenden Bieres beſetzt. Mit Meſſer und Gabel in der Hand, nach denen er bei ſo einem entzückenden Anblick mechaniſch gegriffen hatte, verlangte Monſieur Florentin Erklärung von den Aufwärtern, deren Einer ihm auch ſogleich erwiderte, daß der Arzt, welcher heute früh hier geweſen wäre, im nächſten Gaſthofe Alles richtig gemacht hätte, um Der alte Commodore. 15 Mr. Florentin und Ma'mſelle täglich zweimal mit ei⸗ ner guten Mahlzeit, einer Flaſche Portwein und einer Kanne Doppeltbier zu verſehen, und daß er, nämlich der Kellner, hoffte, Monſieur werde mit dieſer erſten Lieferung zufrieden ſein.« Wortreich, wenn auch nicht beredt in ſeinem Danke, ſchob, während er dieſen ausſprach, Monſteur Florentin die Aufwärter zur Thüre hinaus, und dann— dann aß Monſieur Florentin zum zweiten Male zu Mittag, und Mam ſelle brach ihr Faſtensgelübde. Hätte Miß Belmont von dieſer dem Anſcheine nach ſo edlen Handlung Mr. Plumerſands Kunde gehabt, ſo würde ihm ſolches mehr, als ſein mühſam ausſpintiſir⸗ ter Liebesbrief genützt haben. Gewiß iſt's, daß, als Mr. Plumerſand jſene Edelthat beſchloß, er eine Wal⸗ lung der Zufriedenheit fühlte, die ihm um ſo köſtlicher ſein mußte, als ſie ihm bisher fremd geweſen war; je⸗ doch eben ſo gewiß iſt es, daß Mr. Plumerſand durch⸗ aus kein Lob für jene ſeine That verdient. Ich ſage das nicht in neidiſchem Unmuthe; noch weniger ſage ich es, weil Mr. Plumerſand hinker meinem Rücken und mir in's Angeſicht mich einen unnützen Penſionirten nannte; ſondern ich ſag' es, weil ſein Thun, im beſten Sinne aufgefaßt, nichts weiter als eine bloße ſinnliche Befriedigung war; ein Thun, das durchaus kein größe⸗ res Verdizuſt hat, als das Vergnügen, welches wir empfinden, wenn wir eingeſperrte und hungrige Thiere füttern. Es koſtete ihm kein Opfer, denn das wenige Geld, was er dafür hingab, war für ſeinen Reichthum ſo gut als Nichts. Wären nun dieſer Vater und dieſe Tochter, ungeachtet der heldenmüthigen und kindlichen Hingebung der Einen, und der zarten Rechtſchaffenheit und gebildeten Menſchenfreundlichkeit des Andern ir⸗ 16 Der alte Commodore. gendwie mit Herrn Plumerſand ſo in Beruhrung ge⸗ 4 bracht worden, daß dieſer in ihnen einige Rechte und Vorrechte hätte anerkennen und hochachten müſſen, ſo würde dieſer Mann der Mittagseſſensgeſchenke jene Vorrechte verſpottet, jene Rechte verletzt, und aus al⸗ 8 ler Macht ſeiner Bosheit denſelben eine ſie verdunkelnde unnd ſchwächende Deutung gegeben haben. Nach eben dieſem Grundſatze pflegen Damen und auch wohl Herren Lieblingsthiere zu halten und zu hät⸗ ſcheln, und, wunderſam zu erzählen iſt's! ſich auf ſol⸗ che Vorliebe wer weiß wie viel zu Gute zu thun. Lady Slimnam entfremdet ſich ihrer leiblichen Mutter, 5 haßt tödtlich ihre Zwillingsſchweſter, und läßt ihr eige⸗ nes Kind vor ihrer Thür wegtreiben, überfließt jedoch von Zärtlichkeit für einen garſtigen und tückiſchen Schooß⸗„ hund. Sir Zimper läßt bei Sturm und Regen ein 4₰ ganzes Dorf zum Dorfe hinaus in Nacht und Elend jagen, und hat dabei einen Narren in ſeinen Pudel gee freſſen, ſo daß, wer dieſem ein Leid zufügte, ſich auf 8 ein Duell mit Sir Zimper gefaßt machen kann, wäre er auch Sir Zimpers beſter Freund. Dergleichen Zuneigung zu Thieren zeugt jedoch nicht von der Liebe, ſondern von der Tyrannei des menſchli⸗ chen Herzens. Solche Thiere haben keine Rechte, nichts was Achtung begehrt; ſie begehren Nichts, und erhal⸗ 4 ten eben deßwegen Alles. Sie ſind Geſchöpfe, über welche ſich Herrſchaft ausüben läßt; man kann den Despoten gegen ſie ſpielen, und darum liebt man ſie. Sagt Dir, lieber Leſer, ein Herr oder eine Dame, 6 ſte hätten ihre Hündchen um gewiſſer guter Eigenſchaf⸗ ten willen lieb, ſo glaube ihnen nicht. Nichts als Herrſchſucht ſteckt in ſolcher Liebe zum Vieh— O der erbärmlichen Menſchennatur! daran, ſeine Schützlinge ſatt zu machen. Er galt fort⸗ Der alte Commodore. 12 Zweites Kapitel. „Der Nachbegier'ge nagt Am eignen Herzen, bis, was Menſchliches Daran war, aufgezehrt iſt, und dann glüht Ein ew'ger Feuerball in ſeinem Buſen.« Altes Schauſpiel. Unter angenommenem Namen ſetzte Mr. Plumer⸗ ſand ſeine Beſuche fort, und fand wirklich Vergnügen während für einen Arzt, und war in ſeinem Verkehre mit Vater ſo wie mit Tochter ziemlich zart. Seine Beſuche und das tägliche Aus⸗ und Einrennen der Gaſthofsaufwärter bei dem Barbier fielen endlich den Nachbarn auf. Hatte nun aber Monſieur Florentin mehr zu eſſen als ſonſt, ſo bekam er auch mehr zu ra⸗ ſiren als ſonſt, und ſein ruhiges, mildes Weſen gewann ihm die Achtung derer, welche er barbierte, ſo daß ihm bald zahlreiche Kundſchaft ward. Da Monſteur und Ma'mſelle Florentin ſo Vieles von ihrer Dankverpflichtung gegen Mr. Plumerſand ſprachen, ſo will ich gar nicht davon ſprechen. Nicht muß man ſich einbilden, Roſalie ſei im Stande geweſen, irgend Etwas vor ihrem Arzte zu verbergen, wonach dieſer ſie hätte ver⸗ nünſtiger Weiſe fragen können. Mr. Plumerſand hegte einen ſchwankenden Argwohn, durch den in ihm immer leb hafter der Wunſch aufſtieg, die ganze Geſchichte des ver⸗ Der alte Commodore. III. 2 1 18 3 Der alte Commodore. meinten Spions zu erfahren; und da er vierzehn Tage nach ſeinem erſten Beſuche bei Florentin's es für die höchſte Zeit erachtete, einen entſcheidenden Schritt hin⸗ ſichtlich ſeiner Mündel zu thun, ſo beſchloß er, ein lan⸗ ges Geſpräch mit Roſalien abzuhalten, dem Vater ei⸗ niges Geld zurückzulaſſen, und ſich bei Beiden alsdaun zu verabſchieden. 3 Während ſeiner wiederholten Beſuche hatte er Monſieur Florentin's Rath wegen des Umſtandes nach⸗ geſucht, der ihn zuerſt in des Barbiers Laden führte, nämlich: ſeine grauen Locken und ſeinen geliebten Zopf gegen falſchen Haarſchmuck zu vertauſchen. Monſieur Florentin, der ihm für ſein Leben gern dienſtlich ſein wollte, hatte alle möglichen Perrücken à la Brutus und à la Paganini auf Plumerſand's Schädel gepaßt, allein jede derſelben hatte nur mit der andern gewetteifert, welche von allen ihn am häßlichſten machen würde, ſo daß Mr. Plumerſand ſich gezwungen ſah, den Entſchluß zu faſſen, in ſeinem natuͤrlichen Aeußern ſeine Liebes⸗ bewerbung fortzuſetzen, obſchon die Dame einen ſo au⸗ ßerordentlichen Widerwillen gegen das an ihm hegte, was, ſeiner Meinung nach, von Würde und Maͤnnlich⸗ keit zeugte. Es war am letzten Nachmittage, den er in der Stadt zuzubringen gedachte, und ſchon waren die Poſt⸗ pferde auf morgen früh beſtellt, um ihn nach Jaſpar⸗ Hall zu bringen. Er hatte ſich bei dem Barbier beur⸗ laubt, der, faſt außer ſich vor Rührung, ſeine Gefühle des Schmerzes und der Dankbarkeit in die Backen ei⸗ nes armen Teufels ſchnitt, den er ſo eben in ſeinem Laden unter dem Raſirmeſſer hatte. Plumerſand, der neben Roſalien ſaß, bat dieſe auf die einſchmeichelndſte—* Weiſe, ihm die ganze Geſchichte in Bezug auf jenen — —õ—õy——õ—— Der alte Commodore. 19 verdächtigen Menſchen zu erzählen, indem er verſicherte, daß, wenn er alle näheren Umſtände kannte, er gewiß im Stande ſein würde, die Florentin's bei der Regie⸗ rung rechtfertigen, und ſo ſie auf die Liſte der übrigen Verpflegten bringen zu können, die, gleich ihnen, aus dem revolutionären Frankreich vertrieben worden waren. Schon begann eine leiſe Röthe der Geſundheit ſich auf Roſaliens bleichen Wangen zu zeigen; ſchon begann Roſaliens Unterhaltung, einen Anflug von Belebtheit zu gewinnen, und das unfreiwillige Zucken der Ober⸗ lippe war verſchwunden; dennnoch war das Mädchen nicht die Roſalie Florentin von ehedem. Letzteres wußte Plumerſand nicht, als Roſalie ihm die lange Geſchichte von ihren und ihres Vaters Leiden erzählte; er hielt Roſalie für ſchön, und ſchön war ſie auch. Indem Roſalie Alles, womit die Begeben⸗ heiten des vermeinten Spions verknüpft waren, er⸗ zählte, beabſichtigte ſie, ihre Liebe zu Letzterem dahinter zu verbergen; ſie ſprach kalt von ihm, und die kurzen, faſt vor ſich ſelber erſchreckenden Bemerkungen, die ſie über ihn machte, waren der Art, als errichteten ſie ein Denkmal aus kalten Steinen über dem Grabe ihrer Glückſeligkeit, und ſo verrieth ſie um ſo mehr eben das, was ſie keinen Menſchen wiſſen laſſen wollte. Mr. Plumerſand aber kümmerte ſich wenig um je⸗ des Herz, das nicht für ihn ſchlug, und hätte ſich eins finden können, das ihm ſeine Liebe vertrauen möchte, würde er es durch Unfreundlichkeit verletzt oder aus Grauſamkeit gebrochen haben. Viel aber kümmerte er ſich um die Geſchichte, welche von dem armen Mädchen erzählt ward, und als er dieſe bis zu Ende gehört hatte, war ſelbſt er, der vielgeübte Heuchler und Achſelträger, 2 /r Der alte Commodore. kaum im Stande, die Theilnahme zu verbergen, die er für dieſelbe hegte. »Jetzt, meine werthe Miß Roſalie, nennen Sie mir nur noch den Namen und Verſteckort dieſes jungen Helden.« Roſalie ſchauderte bei dieſer Anforderung. Gewiß hatte ſie nichts von dem menſchenfreundlichen Arzte zu fürchten; dennoch zögerte ſie, und gab zuletzt eine Ant⸗ wort der Weigerung. Plumerſand ward dagegen nur deſto dringender, und betrübte dadurch nicht wenig das Mädchen, ſo daß dieſe endlich verſetzte:»Ich glaube, ich habe geſchworen, keinem Menſchen jene beiden Um⸗ ſtände ohne beſondere Erlaubniß des jungen Mannes zu enthüllen.— Vater, komm' doch einen Augenblick herauf!« Monſieur Florentin ſchob ſich in das kleine Zimmer, und war dabei eitel Höflichkeit, Dienſtfertigkeit und Puder. »Vater,“« fuhr Roſalie fort,»haben wir nicht ge⸗ ſchworen, ſowohl ſeinen Namen als ſeinen Zufluchtsort zu verſchweigen? Dennoch wünſcht unſer werther Be⸗ ſchützer Beides zu wiſſen? Haben wir nicht geſchwo⸗ ren, Vater?« »Ah, bah! Er kannte ja Monsieur nicht, ſonſt würde er denſelben gewiß nicht mit in das Verbot ein⸗ geſchloſſen haben.« Der allzu leichtherzige Franzoſe nahm demnach un⸗ ſern Plumerſand bei Seite, und flüſterte ihm die wich⸗ tige Doppelauskunft in's Ohr;— das Geheimniß war verrathen. Viele Mühe mußte Plumerſand anwenden, um ſeine beſondere Freude über die gemachte Entdeckung zu ver⸗ bergen. Indeſſen verſicherte er den Florentin's, daß er Der alte Commodore. ſie jetzt, ohne jenes dritte Individunm zu kompromittiren, würde auf die Almoſenliſte der Regierung bringen kön⸗ nen. Dann nahm unter einer Fluth von Segnungen, die er nicht verdiente, der Verräther ſeinen Abſchied. Mr. Plumerſand hatte einigen Einfluß bei der Re⸗ gierung, ja mehr als nöthigen Einfluß, um den Flo⸗ reutin's ſchnell und wirkſam zu dienen. Hätten dieſe jedoch, hätte zumal Roſalie gewußt, daß das tägliche Brot, das ſie aßen, vielleicht mit dem Blute desjenigen erkauft würde, für den Beide ihr Leben hätten hinge⸗ ben mögen, ſo würde Roſalie gern geſtorben ſein, wenn ſie dadurch den Verrath des Geheimniſſes haͤtte unge⸗ ſchehen machen können. Nach dem Beiſpiele Mr. Plumerſand's, müſſen wir jetzt den Franzoſen und deſſen Tochter verlaſſen und uns nach Jaſpar⸗Hall begeben. Ehe wir uns jedoch unter die daſelbſt befindliche gute Geſellſchaft miſchen, müſſen wir uns von der ſchlechten dadurch losmachen, daß wir bemerken, wie durch die Anſtiftungen Mr. Plumerſand's, durch deſſen Advokaten Scharfus und durch zwei oder drei andere Herren in altmodiſchen Perrücken, Kapitän Oliver Oliphant bereits als der Nichtachtung des ihm aufgelegten Friedensbefehls ange⸗ klagt worden war, und daß das Gerichtsverfahren ge⸗ gen ihn in vollem Gange erhalten wurde. Underdown und Peter Drivel waren wohlbehalten im Wirthshauſe zum Pflug,“ unweit Jaſpar⸗Hall, an⸗ gelangt und quartiert. Erſterer hatte ſich mit einer Epiſtel vom Kapitän Oliphant verſehen, die, wenn ſie der Reviſion Peter's überantwortet worden wäre, die⸗ ſem nicht wenige»Hem! hem's!« abgenöthigt haben würde. Underdown meinte inzwiſchen, das Schreiben Der alte Commodore. würde gar wohl ſeinem Zwecke entſprechen, eben weil es ſo voll von nautiſcher Phraſeologie ſteckte. Andern Morgens machte Underdown ſich auf den Weg, ſeine delikate Miſſion auszurichten. Er verſah ſich zu dem Ende mit vorerwähntem Briefe und mit Peter, als ſeinem Kreditivſchreiben, welcher ſeinerſeits mit ſeiner Univerſalfibel und dem Bewußtſein von der Rechtlichkeit und Reinheit des Vorſatzes verſehen war. Mr. Underdown lief große Gefahr, ſeinen Anſchlag dadurch zunicht gemacht zu ſehen, daß er keine Unter⸗ redung mit Miß Belmont erlangen konnte. Die Kon⸗ ſine Plumerſand's empfing ihn, und erklärte ihm in ſo grobem Tone, als eine Ehrenhüterin ihn nur im Munde führen kann, daß es Roſa's Wunſch und ihres Vor⸗ mundes Befehl wäre, ſich keinem Fremden zu zeigen. Die Bitte, das Schreiben an die junge Dame abzuge⸗ ben, ward von der älteren als eine freche Beleidigung angeſehen. Dann wünſchte man ihm ſpitzig einen'guten Morgen,“ und ehe Mr. Underdown eine einzige von ſeinen verſöhnlichen Reden vom Stapel laufen laſſen konnte, fand er ſich, ſeltſam genug, wie er ſelber meinte, nicht nur vor der Thür des Zimmers, ſondern ſogar ausſeits des großen Einfahrtthores. »Peter Drivel,« ſagte Mr. Underdown halb ärger⸗ lich, halb neckiſch;»Peter Drivel, wir ſind förmlich ge⸗ ſchlagen.« „»So ſchlagen wir wieder,« entgegnete Peter, der nach einem Witze haſchte. ⸗ »Wie? wen? was?« »Wir ſchlagen Retraite. ⸗ »Doch meine ich,« ſagte Mr. Underdown,»ich finde noch etwas Anderes zu ſchlagen, nämlich Deinen Rücken.« Der alte Commodore. Mit Peter's Witz war's dießmal nichts. »Ich will hinunter an die Bucht gehen,« ſagte Mr. Underdown im Verfolge ſeines Geſprächs mit Peter;»denn ich gewahre, daß man dort das Haus liegen, auch von dem Hauſe aus recht wohl geſehen werden kann. Du, Peter, biſt mein Beglaubigungs⸗ ſchreiben; allein als ein guter Abgeſandter will ich es hinter mir laſſen, das heißt, Du wirſt das Haus um⸗ ſpähen, und Dich dabei, wenn möglich, Jedem zeigen. Sieht Miß Belmont Dich, ſo wird ſie Dich wahrſchein⸗ lich rufen laſſen, um etwas über oder von Deinem Herrn zu hören. Sollte ſich dieß ereignen, ſo ſag' ihr, daß ich von ihm einen Brief für ſie habe. Sollte ſie Deiner nicht gewahr werden, das rothgeſichtige Weib aber, die hier die Hausdame ſpielt, Dich als einen Va⸗ gabunden in den Stock legen laſſen, ſo ſchicke zu mir nach der Bucht, von wo ich nach einer Stunde ſelbſt zum Stockhauſe gehen, und durch's Gitter wie in ei⸗ nen Vogelkäfig gucken will.« Underdown ging küſtenwärts, ſo daß Peter keinen Witz an ihm auslaſſen konnte, auch wenn ihm einer hätte einfallen wollen. Peter ging dem Hauſe zu, ſchlug dabei ſeinen Dilworth auf, und las:»Aas— ein todtes Vieh; aß— Imperfektum des Verbums eſſen;« war jedoch noch nicht weiter gekommen, als bis „Bulle— ein päpſtliches Schreiben; Bulle— eine große Flaſche; Bulle— ein Ochs—« als er mit der Naſe gegen einen breiten, großknochigen, braungeſichti⸗ gen Bauerbengel in Livree ſtieß, der ihm entgegenſchrie: »Ochs Du ſelber, wenn Du nicht anſagſt, wer Du ſonſt biſt.« „Ich bin das Beglaubigungsſchreiben, Du Ruſtikus la »Ich will ihn bekuſſen; wart' Er nur!« Der alte Commodore. „Provinziale, Du biſt unurban. Ich habe mit Deiner Gebieterin zu reden. Melde mich Deiner Miß.« »Miß will nichts mit Seinesgleichen zu ſchaffen haben, und ſagt, ich ſei nun Konſtabel und ſoll Ihn in's Loch werfen, wenn Er ſich nicht gleich packt.« „Kerl, laß mich! ich ſtudire,« verſetzte unſer Peter, und nahm, mit dem aufgeſchlagenen Buche in der Hand, gerade den Fenſtern Miß Roſa's gegenüber auf einer Bank Platz, und that, als ob er eifrig läſe. „»Er will ſich alſo nicht packen?« fragte der Bauer im Bedientenrocke. »Nein, Du unbeſcheidener Tellerwiſcher!⸗ »Ich ſag' Ihm, dieß iſt herrſchaftlicher Grund und Boden, ſo weit bis an die Steine dort, die die Grenze anzeigen.« »Hinweg, gemeiner Staubklotz! Ich ſitze hier und hab' an hohe Worte zu denken.« »Na, ſo ſoll der Konſtabel ihm dabei den Kopf zu⸗ rechtſetzen— Er Handvoll von'nem Kerl!« Dieſe letztere Bemerkung des fortgehenden Dieners brachte Peter's Galle in Bewegung. Er raffte ein Steinchen auf, das juſt kantig genug war, um wohl⸗ geſchlendert ſeinen Weg in einen dicken Schädel zu fin⸗ den, warf und traf ſo gut, daß der Dienſtmann zuerſt mit der Hand nach der empfangenen Wunde fuhr, als wollte er unterſuchen, ob ſein Bißchen Gehirn auch durch das entſtandene Loch entwiſchen könnte, dann aber ſich haſtig wendete, und bald auf Armes Länge wieder vor dem nicht unvorbereiteten Peter ſtand. Ohne weiteres Zeitvergeuden waren beide Parteien in einen Zweikampf verwickelt, den man ſchlechtweg ein Fauſtgefecht zu nennen pflegt. Es hagelte Hiebe von beiden Seiten, ſo daß Peter zwar nicht leer dabei aus⸗ 4 V Der alte Commodore. 8 25 ging, jedoch bei weitem den Sieg über ſeinen Gegner davontrug; denn dieſer ſah ſich gezwungen, ſo große Augen zu machen, daß er den Gegner endlich gar nicht mehr ſehen konnte, wohl aber aus Leibeskräften um Hülfe ſchrie. Dieſer Umſtand half weſentlich zur Er⸗ reichung des Zweckes unſers Peter; denn das Geſchrei rief die Dienerſchaft heraus, und mit dieſer auch Jung⸗ fer Lorchen, die kaum den Schauplatz überblickt hatte, als ſie zu ihrer Herrin lief, und dieſer berichtete, daß der kleine Peter, der Dienſtmann des Kapitäns Oli⸗ phant, jämmerlich auf Dick Hal, den zweiten Bedien⸗ ten, losſchlüge. Nichts von dem Eindrucke hier, den dieſe Kunde auf Miß Roſa, unſere romantiſch geſinnte Freundin, machte, die bisher von Mr. Underdown's Bemühen, eine Unterredung mit ihr zu erhalten, gänzlich unwiſ⸗ ſend gelaſſen worden war. Gleichwie jede andere Hel⸗ din eines Kraftromans gethau haben würde, ſtürzte Roſa, von ihrer Zofe begleitet, dem Kampfplatze zu, auf welchem auch Kouſine Dredgely mit einem Geſichte erſchienen war, welches einer Sonne glich, die ſich Bahn durch einen Londoner Novembernebel brechen will. Schon wollte die Konſine unſern Peter, ohne ihn an⸗ zuhören, in den Stock legen laſſen, als Miß Belmont ſich in's Mittel ſchlug, und in dem Urtheilsſpruche der Kouſine, ſtatt des Stockhaufes, ihr Zimmer genannt wiſſen wollte; eine Motion, die mit großer Stimmen⸗ mehrheit durchdrang. Peter, der ſich jedoch als ein geziemendes Creditiv“ ſeines Herrn darthun wollte, bat um Erlaubniß, zuvor 'ſeine Hände von ſeinem Gegner loszuwaſchen,“ welches auch wirklich nöthig war, indem ſie ſich arg mit des Letzteren Blute beſudelt zeigten. Der alte Commod ore. Zwiſchen Lorchen und der Köchin wie im Triumphe davongeführt, hielt Peter nun ſeinen Einzug in die Küche, wo ihm zu ſeiner Abluition die beſten Dienſte geleiſtet wurden, wobei es ſich nicht ſagen läßt, ob Pe⸗ ter's Witz mehr oder minder ſprudelte, als das von den neckiſchen Dirnen ihm über Hände und Geſicht gegoſſene Waſſer. Geſäubert und zurecht gezupft ſtand Mr. Dribel alsdann vor der Romantiſchen. Der Weg dahin hatte ihm einige Mühe gemacht; er hatte zwiſchen eben ſo klaſſiſchen als zahlreichen Hinderniſſen hindurch gemußt, unter denen die hervorragendſten zwei Haufen ſchön vergoldeter franzöſiſcher Romane, eine Guitarre, eine Harfe, ein Klavier, ein Stickrahmen, ein Malergeſtell, eine Erd⸗ und eine Himmelskugel u. ſ. w. waren. Die Dame hatte erſt Tags zuvor ein wunderſam ähnliches Abbild in Waſſerfarben von der Belladonnat verfer⸗ tigt, wie dieſe vor Anker lag— ein Gegenſtand, der vor allen anderen Peter's Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm; doch war Peter höflich genug; ſein Erſtaunen darüber nicht laut werden zu laſſen. »Nun, Peter,« begann Miß Roſa Belmont, deren Wangenroth wohl etwas hoͤher glͤhete, als die Hitze des Tages es bewirken konnte;»ich will hoffen, daß mein übelerzogener Bedienter Dich nicht ſtark verletzte, als er Dich ſchlug.« »Mich ſchlug, Miß? Wenn Sie glauben, daß je⸗ ner unbeholfene Geſell mich ſo eigentlich wirklich ſchlug— dann, ja dann fühl' ich mich allerdings ver⸗ letzt. Der mich ſchlagen, der! mich, das Kreditiv!« „»Wie nennſt Du Dich, Peter?« „Das Kreditiv, Miß,“« ſagte Peter, ſteif aufgerich⸗ tet;„denn Kapitän Oliphant, Miß, hat Ihnen etwas Der alte Commodore. 27 ſehr Wichtiges mitzutheilen, kann aber ſein Schiff nicht verlaſſen, und ſo hat er mich mit einem andern Herrn, Mr. Underdown, an Land geſchickt. Mr. Under⸗ down aber mußte ſehen, wie ihm von einer rothge⸗ ſichtigen Perſon hier im Hauſe die Thür vor der Naſe zugeſchlagen ward, und doch hat Mr. Underdown ein Schreiben an Sie, und doch bin ich das Kreditiv die⸗ ſes Mr. Underdown— ich— der Geſchlagene, der—⸗ „»Fürwahr, Peter, es thut mir Leid! Plumper Geſell, der über Dich, den Schwächeren oder doch Feinergebauten, herfiel. Aber er ſoll aus dem Dienſte gejagt werden. Hier, Peter, nimm zwei Guineas— ein kleines Schmerzensgeld.“« Unehrerbietig genug, nahm Peter die Goldſtucke hin, ſchnellte mit dem Daumennagel erſt das eine, dann das andere in die Höhe, während in ſeiner Bruſt der Zweifel wogte, ob er das angebotene Geld auch wirk⸗ lich als Schmerzensgeld annehmen könnte. Endlich ſenkte ſich der Zweifel, als die Goldſtücke in die Taſche geſunken waren; Peter verbeugte ſich tief und bemerkte trocken:»er wollte, daß er täglich gegen ſolche Vergü⸗ tung ſo geſchlagen würde.«.— Die junge Dame hatte bereits geklingelt, um einen Diener an Mr. Underdown zu entſenden, damit dieſer ihr die Ehre ſeines Beſuches gönnen möchte, als Miß Dredgely, voll Aerger und Beſtürzung auf ihrem rothen Geſichte, hereinſtürzte— einem Geſichte, das zur Auf⸗ wahme und Abſpiegelung ſolchen Ausdrucks trefflich ge⸗ eignet war. »O Miß Roſa,« hob ſie an,»hier im Hauſe iſt Mord verübt, und der Thäter ſteht vor Ihnen. Richard liegt ohne Beſinnung, und iſt nicht wieder zu ſich ſelbſt zu bringen. Er liegt da mit kürbisdickem Kopfe. 28 Der alte Commodore. Der Doktor wird bald hier ſein. Der Mann wird ſterben, wenn er nicht gar ſchon todt iſt— wir müſſen den grimmen Mörder feſthalten. Sie aber, Miß Roſa, ſprechen ſo ruhig mit ihm— zum Ver⸗ wundern. Er abſcheulicher Gewaltthäter, Er! im Na⸗ men des Königs muß Er ſich als unſer Gefangener er⸗ geben. A⸗ verſetzte Peteuſt. Der Dickköpfige iſt nur'n Wisßchen betäubt— verdiente Züchtigung, daß er ſo ſchonungslos auf mich losſchlug.« „Losſchlug? Er hat ihn ja todtgeſchlagen.« »Kann ſein. Ich aber habe zwei goldene Beweis⸗ gründe, daß ich heute früh erbärmlich von ihm geſchla⸗ gen worden bin,« war Peter's ſpitzfindige Antwort. Miß Belmont ward jetzt jedoch über den Vorfall mit dem Diener ernſtlich beunrnhigt. Sie ging in den Vorſaal, wohin die Uebrigen ihr folgten. Dort lag Dick am Boden in wirklicher oder halbverſtellter Ohn⸗ macht. Die Umſtehenden wußten nicht mehr, was ſie mit ihm beginnen ſollten, als Mr. Underdown erſchien. Dieſer, der beſtändig einen kleinen chirurgiſchen Appa⸗ rat bei ſich führte, ließ überflüſſige Anweſende ſich ent⸗ fernen, ſchlug dem Geſchlagenen eine Ader, und brachte ihn bald wieder zu allem Selbſtbewußtſein eſſen der plumpe Geſell fähig war. Als ihm aeiſß wieder ſo weit offen ſtanden, wie deren Aufſch n es ge⸗ ſtattete, ſchüttelte er grimmig die Fauſt gegen Peter Drivel, ſtierte die Geſichter der Umſtehenden an, und bereitete ſich zum Weggehen. »Du wirſt wohlthun, Thomas, wenn Du ihn zu Bett bringſt und ihm ſeinen geſchwollenen Kopf ver⸗ bindeſt,« meinte Miß Dredgely.— »Ne, das will ich nicht haben, will's nicht haben. Der alte Commodore. 29 Ich ſag' hiemit meinen Dienſt auf. Ich will nach Haus zu meiner Mamme. Mein'n Lohn kann man mir nach⸗ ſchicken; ich will zu meiner Mamme.« Und nach Hauſe zu ſeiner Mama ging, zu großer Zufriedeuheit der übrigen Dienſtboten, der geſchlagene Dick Hal, der von jeher ſich gegen Jedermann als ein plumper Geſell bewieſen hatte. Drittes Kapitel. „»Begegnet Liſt der Liſt, ſo giebt es Hader. a Um dieſe Zeit waltete zwiſchen der jungen Miß und deren Hüterin eine Art von bewaffneter Nentralität ob. Die Aeltere wollte der Jüngeren nicht ſo viel Zwang auflegen, daß ſie dadurch beleidigen würde; die Jüngere wollte nicht die Aeltere zu offenbarer Feind⸗ ſchaft reizen. Wirblich ſtand Miß Dredgely ſehr im Bedenken, ob ſie ſich eigentlich auf die Seite des Vor⸗ mundes oder der Mündel neigen ſollte, da dieſe dem Zeitpunkte ihrer Volljährigkeit ſo nahe war. Underdown's Erſcheinen führte eine Kriſis des Fal⸗ les herbei. Nachdem Miß Belmont ihm für den Beiſtand ge⸗ dankt hatte, den er dem geſchwollenen Dick leiſtete, bat ſie ihn in ihrem mildeſten Tone, näher hereinzutreten und einige Erfriſchungen zu ſich zu nehmen. Die Eh⸗ renhüterin lächelte, ſtirnrunzelte, grämelte und höfelte dabei. Der alte Commodore. Underdown, der Alles gern in Frieden abmachen wollte, verbeugte ſich ſehr ehrerbietig, erſt gegen die Jüngere, dann gegen die Aeltere. »Ich danke Ihnen für Ihr gaſtfreundliches Aner⸗ bieten,« ſprach er zu Erſterer, und zu Letzterer ſagte er:»Wird mir dazu Ihre Erlaubniß?« „»Hm, Sir,« verſetzte Miß Dredgely,»ich befinde mich hier in einer beſondern Lage, ſo befind' ich mich. Eine arme Verwandte, obwohl aus einer der beſten Familien der Grafſchaft, wie ich Ihnen verſichern kann— dazu von echt religiöſen Grundſätzen, Sir. Wie ſoll ich mich hier benehmen? Beleidige ich Mr. Plumerſand, ſo wirft er mich, obſchon ich ſeine Kouſine bin, zum Hauſe hinaus, und ich muß dann an den Hun⸗ gerknochen von hundert Pfund jährlich nagen; und wie⸗ derum möchte ich um Alles in der Welt nicht dieſen lieben Engel erzürnen. Was ſoll ich thun?« Hier ließ ſie ein Schluchzen hören, das nimmer beſſer hat erkün⸗ ſtelt werden können, und zog dabei eins der weißeſten Cambric⸗Taſchentücher hervor, die aufzutreiben ſind. „» Wir bitten Sie, vielwerthe Miß,“« ſagte Under⸗ down in ſeinem einſchmeichelndſten Tone,»nichts zu thun, als was Ihrem eigenen Intereſſe am förderlich⸗ ſten ſein wird. In der That, Sie ſind von Mr. Plu⸗ merſand übel behandelt worden. Ich will Ihnen das klar auseinanderſetzen, zuvor jedoch mich Ihrer Einla⸗ dung zum Frühſtück bedienen, denn mich hungert wirklich.« 1 Bei dieſer Mahlzeit nun wußte Underdown die Rothgeſichtige ſo zu bearbeiten, daß dieſe nicht nur gänzlich für Miß Roſa und deren Ab⸗ und Ausſichten geſtimmt ward, ſondern auch derſelben unter Küſſen und Umarmungen ewige Freundſchaft gelobte. ——— Der alte Commodore. 31 Als Mr. Underdown dieſen wichtigen Schritt be⸗ wirkt hatte, erklärte er den Damen, wie Miß Roſa ſich nach Geſetz und Recht einen aͤnderen Vormund wählen könnte. Dann überreichte er Oliphant's Brief, und eröffnete ſo den Blicken Roſa's eine köſtliche, glück⸗ verheißende Ausſicht. Jetzt erſt gewahrte Underdown die ganze Fülle der romantiſchen Schwärmerei des Mädchens, die durch die lebhafte Beredtſamkeit in ih⸗ ren Ausdrücken ihn, dem Erſtaunen ſo ungewöhnlich war, wirklich in Erſtaunen ſetzte. 3 Miß Dredgely theilte jedoch dieſe Glücksanſichten nicht. Als ſie von dem Plane hörte, Roſa nach Treſt⸗ letree⸗Hall zu verſetzen, einem Orte, der an Räumlich⸗ keit, an Liebenswürdigkeit ſeiner Bewohner, beſonders aber an der feinen Geſellſchaft, die man dort haben könnte, Jaſpar⸗Hall bei weitem überträfe, und als ſie bei Nennung all' dieſer ſchönen Dinge ihres eigenen Namens gar nicht erwähnen hörte, war ihr Cambrie⸗ Taſchentuch wieder an ihren Augen, und ſie wehklagte: »O, was ſoll dann aus mir werden?« Roſa war zu ſehr in ihre eigenen holden Träume⸗ reien vertieft, als daß ſie auf dieſe Schmerzensäußerun⸗ gen hätte achten können; Mr. Underdown jedoch, dem nicht ſo viel am Herzen lag, als der Miß Belmont, die, wie ſie ſelber ſagte,'eitel Herze wäre, ließ es ſich angelegen ſein, auf den Kummer der Kouſine einzugehen, und einen Tröſter derſelben abzugeben. „Geben Sie nicht ſolchen bangen Vorahnungen Raum, theuerſte Miß,« begann er.„Bliebe Ihnen auch weiter keine Hoffnung, als die auf die Dankbar⸗ keit der Familie Bacuiſſart, ſo würden Sie ſchon, glau⸗ ben Sie mir, Urſache haben, ſich glücklich zu preiſen. Daß Miß Belmont den Kapitäu Oliphant heirathet, d 32 Der alte Commodore. kann als Gewißheit gelten. Nun bedenken Sie dagegen, daß Ihnen eben dadurch aller Raum geboten wird, ſelbſt die Gattin Mr. Plumerſand's zu werden—« »Wie? Ich 2&α »Eben Sie! Juſt das iſt der Punkt, um den ſich für Sie die ganze Angelegenheit zu drehen hat. Was äußeres Erſcheinen betrifft, möchte es Manchen geben, der das Ihrige dem der Miß Belmont vorzieht. Ich würde ein plumper Schmeichler ſein, wenn ich ſagte, jeder Mann müßte das thun; Mr. Plumerſand aber muß in ſeiner Seele feſt überzeugt ſein, daß Sie beſſer als jede Andere geeignet ſind, ſeine Gefährtin, ſeine Buſenfreundin, ſeine Gattin abzugeben, als es eine flüch tige junge Dame ſein kann, die zwar ſehr gelehrt, aber auch ſehr verkehrt erzogen worden iſt.« „ Mr. Plumerſand wird nimmermehr ſo denken!« verſetzte Miß Dredgely mit einem aufrichtigen Seufzer. »Er wird ſo denken, meine Treffliche, wenn wir ihm Muße und Gelegenheit dazu geben.« » Still doch, werther Sir! Miß Belmont könnte ja hören, was Sie da ſagen.« „Unbeſorgt! Sehen Sie nur, wie ſie jetzt bloß Au⸗ gen und Ohren für das hat, was ſie ohne Zweifel Be⸗ geiſterung nennt. Ich kenne die unzweidentigen Zeichen dieſer Krankheit. Miß Belmont macht Verſe. Nun frage ich Sie, meine Verehrte, ob dieß ſapphogleiche Geſicht, halb Glorie, halb Tollheit, wohl das Geſicht für die Frau eines ſo ernſten und ſo ſarkaſtiſchen Man⸗ nes abzugeben vermag, wie Mr. Plumerſand einer iſt?« „Freilich nicht, obwohl ich ehrlich geſtehe, daß ich wünſche, ich hätte jenes Geſicht mit allen ſeinen Mängeln.« „Ich bewundere die Ehrlichbeit dieſes Wunſches,« ntgegnete Underdown.»Wir Beide werden einander 2 .*. —— 8 Der alte Commodore. 33 ſchon verſtehen. Morgen früh begeben wir alle Drei uns nach der Hauptſtadt.« »Halt, Sir! Wie ſoll ich dazu gelangen können, Mr. Plumerſand's Frau zu werden, wenn ich als eine Mit⸗ verſchworene gegen ihn auftrete? Das heißt, wenn ich ihn wirklich nehme, denn noch habe ich keineswegs be⸗ ſchloſſen, ihn zu nehmen.« Nach dieſer angehängten Bemerkung wußte Under⸗ down, daß die Dame in ihres Herzens Innerſten ganz ſo dachte, wie er es wünſchte. »Miß Belmont, darf ich Sie einen Augeublick ſtö⸗ ren?« fragte er dann. „Ich bin eitel Aufmerkſamkeit,« verſetzte Roſa, und 1 fuhr dann im Murmeltone fort, als ob ſie ſich ohne alle Zeugen befände— .„Und Vogelgezwitſcher macht dann hetannt den Namen——« 3 „Oliver Oliphank,« ergänzte Underdown, indem er ihr zum Reime verhalf.»Ja, ja, Miß Belmont, ich weeiß, Sie ſind entſchloſſen, ſich morgen mit mir in die S tadt zu begeben, und zur Wahl eines neuen Vormun⸗ des die geſetzlich nöthigen Schritte zu thun. 4 8„ Feſt entſchloſſen!« 8 auUnd werden jeglicher Gewalt trotzen, die Sie darau . hiudem möchte.«* „Jeder, bis zu meinem letzten Athemzuge!⸗ 3„Da hören Sie's, Miß Dredgely! Sollten Sie nun als Miß Belmont's Frenndin und Hüterin, dieſelbe nicht, um Skandal zu verhüten, begleiten?« 1»Ich meine, das ſollt' ich.«* »Und als Freundin Mr. Plumerſand's, da Sie die⸗ - ſen Gewaltſchr ritt doch nicht hemmen können— als ſeine 2 Freundin, ſag' ich, die ganz in ſeinem Intereſſe handelt, Der alte Commodore. III. 3 4„ Der alte Commodore. ſollten Sie da nicht mitgehen, um das Verfahren Ihrer Pflegbefohlenen zu beobachten?« „ Zuverläſſig!« verſetzte die gänzlich befriedigte Dame. 4»Nun, ſo ſchreiben Sie ſofort an Mr. Plumerſand, und ſo voll Unwillens, als es Ihnen beliebt. Wir thun nichts auf verſteckte Weiſe. Mag der Herr Vormund, wenn er es wagt, ſich uns vor dem Lord Kanzler zeigen!« »Ich darf nichts anhören, was gegen Mr. Plumer⸗ ſand lautet, verſtehen Sie mich, Sir!« ſagte Miß Dredgely höchſt zufrieden. „»Ganz recht,« entgegnete Underdown, eben ſo zu⸗ frieden,»ganz recht, Miß, und Sie können nicht beſſer im Intereſſe jenes Herrn handeln, als wenn Sie deſfen Mündel nach der Stadt begleiten.« 8 V »Das werd' ich auch thun, Sir, und werde jenem„ ehrenwerthen Gentleman dieß ganz entſetzliche Gewalt⸗ verfahren gegen Miß Roſa und mich, ſo wie meinen gerechten Unwillen darüber melden. Bedenken Sie, Sir, daß ich dieß ohne allen Hinblick auf Ihre albernen Aeu⸗ ßerungen, Betreffs einer ehelichen Verbindung zwiſchen 1 Mr. Plumerſand und mir, thun werde; denn ich würde *. Mr. Plumerſand abweiſen müſſen, wenn er mir ſeine 3 Hand antragen ſollte. Oho, Sir! Ihren Anſchlägen 4 ſoll ſchon entgegengearbeitet werden.« »Je eher dieß geſchieht, deſto ſchneller kommt die* Sache zu Stande.⸗ 5»Mein Mißfallen an Ihrem Verfahren, Sir, iſt ſchon groß genug, Sie haben nicht nöthig, es durch mir mißfällige Anmerkungen noch vergrößern zu wollen.“ »Miß, mein Mißfallen kommt dem Ihrigen ganz 1* gleich.« Und dennoch fanden zwei Perſonen nicht leicht grö⸗ Der alte Commodore. 35 ßeres Wohlgefallen an ihrem gegenſeitigen Thun, als Miß Dredgely und Mr. Underdown. Ungeachtet der von beiden Seiten eingeſtandenen Feindſeligkeit gegeneinander, brachte Mr. Underdown den Reſt des Tages überaus zufrieden zu. Peter Dri⸗ vel war mittlerweibe der Held der Küche, und erregte daſelbſt eine ſo unzweideutige Verwunderung über ſeine Wite, daß wirklich ſeine Eitelkeit dadurch befriedigt ward. Mit dem heiterſten und ſanfteſten Geſichte, das Miß Dredgely ſeit langer Zeit gezeigt hatte, proteſtirte ſie an⸗ deren Morgens nochmals gegen das Verfahren der jungen Mündel und deren Helfershelfer, übergab dann der Haus⸗ hälterin alle Schlüſſel und ſtieg mit Miß Belmont und Lorchen in die Poſtchaiſe. Von vier Pferden gezogen, rollte dieſe flink die Straße nach London, während die darin Befindlichen offenbar mit einander zankten, und doch einander zum erſten Male in ihrem Leben von Herzen lieb hatten. In einem zweiten Wagen folgte ihnen Mr. Underdown, der Peter Drivel einen Sitz ne⸗ ben ſich unter der Bemerkung eingeräumt hatte, ſich allen Redens zu enthalten, da er, nämlich Mr. Under⸗ down, an heftigen Kopfſchmerzen litte. In Folge dieſes ihm auferlegten Schweigens war Peter der Einzige von unſeren Reiſenden, der ſich höchſt unbehaglich fühlte. In London angelangt, begab Mr. Underdown ſich zum Lord Kanzler; Miß Belmont mußte ebenfalls vor dieſem erſcheinen, Plumerſand's Briefe an deſſen Mün⸗ del wurden vorgezeigt, und Seine Herrlichkeit ſäumte nicht zu der Schlußfolgerung zu gelangen, daß der Vor⸗ mund ſein Amt aufé ſchmähliche Weiſe zu unwürdigen Zwecken gemißbraucht hatte. Seine Vormundſchaft ward 8 36 Der alte Commodor e. ihm abgenommen, und denjenigen Perſonen übertragen, die Miß Belmont vorgeſchlagen hatte. Für die wenigen Monate bis zu ihrer Volljährigkeit, ward der jungen Dame ein namhaftes Sümmchen ausgekehrt, und Mr. Plumerſand mußte, was für ihn das Aergſte bei der Sache war, ſämmtliche Koſten dieſer Procedur bezahlen. Damit erhielt denn auch der Prozeß gegen den Ka⸗ pitän Oliphant ſeine Hemmung, und die bisher für den⸗ ſelben aufgelaufenen Koſten fielen ebenfalls dem unge⸗ rechten Vormunde zur Laſt. Mr. Scharfus, der Rabuliſt, entging mit genauer Noth der Strafe auf der Advokatenliſte ausgeſtrichen zu werden, und eilte daher, die ganze Sache ohne Vor⸗ wiſſen ſeines Klienten niederzuſchlagen, indem dieſer Klient zur Zeit nirgend aufzufinden war. Weit von hinnen nämlich hatte Mr. Plumerſand ſich begeben, um Brennſtoff zu einem Feuer der Rache an der Fa⸗ milie Bacuiſſart nach den Erkundigungen zu ſammeln, die er von Monſteur Florentin eingezogen hatte, und ahnete nicht das Mindeſte von den energiſchen Maß⸗ regeln, die mit ſo gutem Erfolge gegen ihn ergriffen wurden. Couſine Dredgely ſpielte ihre Rolle vortrefflich. Sie hatte Duplikate an Mr. Scharfus und Mr. Plumer⸗ ſand geſchrieben, begab ſich gleich nach ihrer Ankunft in London zu Erſterem und erhob viel Klage und Selbſt⸗ rühmens über den Hergang. Scharfus ward getäuſcht, belobte die Dame höchlich, und bezahlte ſie gut, da das Geld dazu nicht aus ſeiner Kaſſe floß. Miß Dredgely kehrte ſodann nach Jaſpar⸗Hall zurück, um daſelbſt für kurze Zeit zu herrſchen, und ihre Plane auf die Hand des reichen Vetters reifen zu laſſen. Der alte Com modore. Viertes Kapitel. „Am Abend vor der Schlacht betreibt der Geiſt Ein Zauberwerk, ſchwört alles Gut' und Böſes Aus der Vergangenheit herauf und wägt Auf ſchauerlicher Waage Ruhmes Kronen Mit kaltem Grab' ab.« Altes Schauſpiel. Am Bord des„Donnerkeils hatte Jeder eine ſelt⸗ ſame Art von Liebe für den ausgewetterten alten Com⸗- modore gewonnen. Dieſer ſchien ſein Geſchwader und ſein Volk minder durch Strenge als durch raſtloſe Wach⸗ ſamkeit zu regieren. Kein begangener Fehltritt ward von ihm überſehen, wenige Fehler jedoch wurden geſtraft; die neunſchwänzige Katze war ſo zu ſagen abgeſchafft. Eine ſtille, aber raſch fortſchreitende Reform zeigte ſich unter der Mannſchaft, die ein Geiſt des Ehrgefühls zu beherrſchen begann. Sir Octavius war beinahe einen Monat lang am Bord geweſen, und es war noch kein einziger Rücken der ſchmachbringenden Peitſche entblößt worden, und nur des Herkommens wegen ward des Hochbootsmanns Rohrſtock noch bisweilen geſchwungen, doch geſchah dieß niemals im Beiſein des Commodore, weil man wußte, daß ſelbſt dieſe geringere Körperſtrafe ihm mißfällig war. So hatte ſich die Mannſchaft auf dem Donnerkeil⸗ mit einem Male vervollkommnet? Mit nichten. Noch immer fielen Vergehen, namentlich das der Trunkenheit vor, ja bei Einigen war dieß Uebel nur um ſo ärger Der alte Commodore. 38 geworden; allein dieſe einigen ſchwarzen Schafe waren die Parias unter den Uebrigen, waren Gegenſtände des Widerwillens und der Verachtung, und im Ganzen mied die Mannſchaft das Unrecht, nicht weil ſie nicht dafür geſtraft ward, ſondern weil es Unrecht war. Nachdem ſie Einmal dieß Gefühl empfunden hatte,— ein ihr neues, ſie beglückendes Gefühl— hatte ſie auch einen großen Vorſchritt zu moraliſcher Vervollkommnung ge⸗ than.— Vielleicht ward am Bord des„Donnerkeils“ keinem die Reform ſchwerer, als dem alten Commodore ſelbſt, während er doch alle Uebrigen reformirte. Immer noch ließ er dann und wann einen Fluch hören; oft röthete ſich ihm die Stirn, und das Schwingen ſeiner Eiſenfauſt zeugte von ſeiner inneren Aufregung. Ach! Niemand würdigte, ja Niemand kannte die Kämpfe, die zu Zeiten in ſeiner Bruſt zwiſchen der wildeſten Leiden⸗ ſchaft und dem tiefſten Pflicht⸗ und Reuegefühl ſtatt⸗ fanden.»Führe uns nicht in Verſuchung«, waren die wichtigſten täglichen Gebetsworte des alten Sir Octa⸗ vius Bacuiſſart. Ganz anders ging es auf dem Hinterdecke des Don⸗ nerkeils⸗ zu, als es auf dem des„Terrific’ der Fall ge⸗ geweſen war. Ehemals, wenn Sir Octavins auf Deck erſchien, bewirkte er, ſo zu ſagen, eine Einöde um ſich herum. Keiner wagte da dem Löwen in den Weg zu Weg zu ſtreichen, und nur die blieben oben, die der Dienſt dazu zwang. Jetzt jedoch begegnete ihm eines Jeden heiterer, wenn gleich ehrerbietiger Blick; und äußerte der Commodore dann irgend einen Wunſch— flugs wa⸗ ren Aller Hände bereit denſelben zu erfüllen; und der⸗ jenige Matros, dem dieß zuerſt gelang, und dafür den —— 2 22 Der alte Commodore. 9 Dank des Alten davon trug, war den lieben langen Tag lang überglücklich. Eine einzige Auekdote muß ich doch mittheilen, um darzuthun, in welcher hohen Verehrung der Commodore vorn und hinten auf dem„Donnerkeile“ ſtand. Immer befindet ſich vor'm Maſt irgend ein Mann, ein ſo zu nennender Stanfield, der ſich einbildet, und von den Uebrigen der Schiffsmannſchaft dafür gehalten wird, ein außerordentliches Talent im Zeichnen zu beſi⸗ ten. Dieſer durch ſich ſelbſt herangebildete Künſtler iſt allzeit ein rauher tüchtiger Matros, der ſein Schiff unter Verletzung jeglicher Regel des Anlegens, der Per⸗ ſpective und des Colorirens zeichnet, jedoch dabei jedes Tau und jede Klüſe gehörigen Orts anbringt, wenn er auch die See als eine grüne Lockenperrücke abbildet. Der Künſtler auf dem ˙Donnerkeile“ nun war ein ſo ehrlicher Matros, als je einer harten Zwieback kauete, und wußte mit der Handſpeiche eben ſo geſchickt, ja die Wahrheit zu ſagen, ungleich geſchickter als mit dem Blei⸗ ſtift umzugehen. Wäre er nicht beſſer im Stande ge⸗ weſen, einen Hauptſtagen einzubraſſen, als das Abbild eines Kriegsſchiffes herauszucoloriren, ſo würde ſchon eine Landkrabbe haben ſagen müſſen, Tim Tint verdiene gekielholt zu werden. Nun aber hatte Tim Tint gleiche Schwäche mit dem Cardinal Richelieu, dem man be⸗ kanntlich nicht dadurch ſchmeicheln konnte, daß man ihn einen großen Staatsmann nannte, welches er doch ge⸗ wiß und wahrhaftig war; der jedoch jeden Weihrauch⸗ duft, den man ihm als einem Poeten aufwallen ließ, gierig einſog, da doch über ſeinen Dichterberuf er ſelbſt einigen, die Welt aber durchaus keinen Zweifel hegte. So auch ward Tim Tint ungeduldig und wendete ſich ab, wenn man ihn einen trefflichen Seemann nannte; 40 Der alte Commodore. ſagte man ihm jedoch, er ſei ein großer Maler, ſo hatte man für immer ſein Herz gewonnen. Nun hatte eines Tages ein verſchmitzter Wicht vom Midſhipman, Tim Tint's Beruf zur Malerkunſt arg in Schatten geſtellt —»Mit Verlaub, Sir,« fiel der gereizte Timotheus dem verkleinernden Burſchen ein—»ich verſtehe mich darauf, etwas zu malen.⸗ »Etwas— aber keinen Engel!« entgegnete der Midſhipman.: Mit ſtolzem Selbſtvertrauen ward dieſe Herausfor⸗ derung angenommen; jedoch o! welche Martern des Si⸗ ſiphus erduldete Tim, als er ſich mit dieſer Engelmalerei abmüdete. Alle Arten von beflügelten Ungeheuern brachte Tim zu Papier, allein ſein eigener Dünkel war nicht im Stande, das Hingezeichnete, als mit dem Bilde eines Engels vergleichbar zu erkennen. Timotheus hätte ver⸗ zweifeln können! Endlich brachte er eine Creatur, die in einer Art Schlafrock ſteckte, mit leidlichen Flügeln und eben ſo leidlichen Händen und Füßen zu Gange— aber der Kopf, das Geſicht! das war's, woran ſeine Kunſt ſich rieb und daran herumrieb, denn wohl funfzig Mal ward jenes Geſicht aufgerieben, um wenn möglich noch ſchlechter wieder hingezeichnet zu werden. Mit ei⸗ ner Beharrlichkeit ſonder Gleichen hatte Tim verſucht, die Geſichter aller nenn tadelloſen Jungfrauen von der Portmouth⸗Landſpitze, die an Bord hatten kommen dür⸗ fen, zu zeichnen; hatte auch zuletzt gefunden, daß die Nanny mit dem Branutweinsgeſichte ihm am beſten gelungen war, weil deren Geſicht unmöglich hatte zu ſtark colorirt werden können; dennoch brachte er nimmermehr ein Engelsgeſicht heraus. Tim's Aerger darüber ward durch das Geſpött der ihn Umſtehenden wahrhaftig nicht gemindert, ſo daß er endlich verzweiflungsvoll ausrief: 3 Der alte Commodore. 41 „Alles bring' ich, Alles, nur das Geſicht nicht! Woher nehm' ich das Geſicht?« 1 „»Klapp der Figur's Geſicht, Sir Hockdichwie, an,« ſagte einer von den Maaten des Feuerwerkers—»kann 'n Engel flott ſein, ſo iſt's kein Anderer als Sir Hock⸗ dichwie Backyſquirt.“« Dieſem Gedanken, der Figur das Geſicht des alten Commodore einzumalen, gaben Alle ihren einſtimmigen Beifall. So geſagt, ſo gethan. Der kahle Kopf, der ſteife, klumpige Zopf, der zerſchmarrte Schädel, das ſchwarze Pflaſter über'm Auge ließen ſich leichter por⸗ trätiren, als die Geſichter der neun Muſen von der Landſpitze zu Portsmouth. Ohne ihren Beiſtand er⸗ reichte Tim ſein Ziel. Die Aehnlichkeit war überraſchend, der Midſhidman erklärte die Wette verloren zu haben, und Tim hätte durch Verfertigung ſeiner Commodore⸗ Engel ſich Geld machen können, wenn er gewollt hätte. Statt des Palmzweiges malte er ſeinem Bilde einen Flaggenſtab, mit dem langen flatternden Commodore⸗ wimpei daran, in die rechte Hand.— Bisweilen wurden dieſe Porträts Commodore⸗Engel“, bisweilen„Engel⸗ Commodore“ genannt. Tim verſchenkte die Bilder an ſeine Schüſſelmaate; eines derſelben aber kaufte ihm der Commodore ſelbſt für fünf Guineas ab, und das Bild hängt noch heut zu Tag, prunkend unter Rahmen und Glas in dem beſten Geſellſchaftszimmer zu Treſtletree⸗ Hall. Endlich telegraphirte Kapitäu Oliphant von der Belladonna“, daß das feindliche Geſchwader in Sicht wäre. Dieß geſchah gegen Sonnenuntergangszeit. Nach⸗ dem der Commodore ſich von dem Kours überzeugt hatte, den der Feind ſteuerte, änderte er den ſeines eigenen Geſchwaders, um dem Gegner querzukommen; da er 42 Der alte Commodore. dieſem aber nicht zur Nachtzeit nahe legen wollte, ließ er keinen ſchweren Segeldruck anklappen. Die kleine Flotte des Commodore hatte ſich rings um das Befehl⸗ ſchiff zuſammenziehen müſſen, und die ſämmtlichen Kapi⸗ täne des Geſchwaders wurden nunmehr an Bord des »Donnerkeils“ berufen, wo ſie in der Hauptkajüte den zu verfolgenden Plan vorgelegt und ihre Inſtruktionen erhielten, wobei allerdings die Einſicht und Erfahrung des alten Commodore die Bewunderung Aller rege machten. Es ward feſtgeſetzt, nächſten Tags um ſechs Uhr anzugreifen, worauf die Kapitäne ſich wieder an Bord ihrer Schiffe begaben, um nachzuſehen, daß dort Alles zum ſchauerlichen Werke, das man vorhatte, ge⸗ ordnet und geregelt ſein möchte. Während der kurzen Nacht kamen die beiden Ge⸗ ſchwader einander allmälig näher. Sir Octavius erfreute in der Einſamkeit ſeiner Kajüte ſich einer Heiterkeit der Seele, die ſo an Glückſeligkeit grenzte, daß ſeine eige⸗ nen Empfindungen ihn in Verwunderung ſetzten. Gern hätte er ſeinen Neffen, den Kapitän Oliphant bei ſich gehabt; dieß geſtattete jedoch der Dienſt nicht, denn die »Belladonna“ hatte in Begleitung einer Brigg von acht⸗ zehn Kanonen, den wichtigen Auftrag erhalten, die Be⸗ wegungen des Feindes genau zu beobachten. Das volle Vertrauen, das Sir Octavius längſt dem Freunde Underdown geſchenkt hatte, überhob ihn der Mühe, weitläufige häusliche Anordnungen auf den Fall zu treffen, daß er im Gefechte bliebe. Sir Octa⸗ vius ſchrieb einen pathetiſchen Brief an ſeine Schweſter, Lady Aſtell, worin er dieſe um ihre Vergebung anflehete und ſie bat, ſeinen Segen anzunehmen, und ſeiner nur als eines liebenden Bruders zu gedenken. Gegen zehn Uhr aß er fröhlich za Abend mit dem Kapitän Egerton, . Der alte Commodore. 43 und ertheilte dann gemeſſenen Befehl, daß alle Mann, Officier wie Matros, außer den Wachthaltenden ſich zur Ruhe begeben, und daß ſo wenig Hände als möglich zum Segeltrimmen geſtellt werden ſollten. Das war dem Volke, beſonders den Officieren und Midſhipmen gar nicht recht, die ſich auf der Puppe verſammelt hat⸗ ten, und durch ihre Nachtfernröhre eifrig nach den Franzoſen auslugten, ſo daß etliche von ihnen wie ge⸗ ſcholtene und murrende Schulknaben zu Bette geſchickt werden mußten. Bevor Sir Octavius ſich ebenfalls, etwa eine Stunde vor Mitternach, zu Bette legte, begab er ſich in ſeine Sterngallerie, wo er auf⸗ und abſchritt, und— was ſelbſt gute Menſchen nicht oft genug zu thun pflegen— mit ſeiner eigenen Seele Rückſprache hielt. Nicht wohl begreifen konnte er den Frieden, der über ihn gekommen war; da er jedoch, gleich den meiſten Seeleuten, ein wenig dem Aberglauben anhing, hielt er ſein Gefühl für ein Vorzeichen, daß mit dem nächſten Tage ſein ir⸗ diſches Daſein zu Ende gehen würde. Bisher war er am Vorabend eines Treffens von einer wilden Freude, von einer Gier nach Gemetzel ergriffen geweſen— jetzt ſah er den Kampf mit dem Feinde als eine traurige Nothwendigkeit zum Abmeſſen gegenſeitiger Geſchick⸗ lichkeit an. Die lufterſchütternde Breitſeite, das Pfei⸗ fen des unzuhemmenden Geſchoſſes, das Krachen der ſchweren Schiffsplanken, wenn dieſe dem zerſchmettern⸗ den Eiſen entgegen gähnten, hatten ihm vormals die Bruſt mit Entzücken gefüllt; vermochten aber jetzt kei⸗ nen Reiz für ihn zu haben. Der alte Commodore fühlte ſich einen umgewandelten Menſchen, und freute ſich über dieſe Umwandlung. Langſam und ſinnend ſchritt er in der Gallerie hin 44 Der alte Commodore. und her. Der Mond hing hoch am Himmel und warf breite, helle Strahlen über das ſich kräuſelnde Meer. In langer Linie, einer hinter dem andern ſchwammen majeſtätiſch die beſchwingten Thürme dahin, welche er befehligte— er, der alte, verſtümmelte, faſt zerruttete Mann. Der Commodore fand in dieſer ſeiner Krüppel⸗ haftigkeit, etwas Erhabenes. Er ſprach ſeinen Willen aus; und jene Schiffe mit ihren Tauſenden von Män⸗ nern, von denen jeder Einzelne an Körpertüchtigkeit ihm bei weitem überlegen war, gehorchten dieſem Wil⸗ len mit Eifer, Lebendigkeit und Vertrauen. Inzwiſchen fühlte ſich in dieſer Nacht die Eitelkeit des Commodore durch ſolche Gedanken nicht geſchmeichelt. Weit ab vom Wetterbaum des Donnerkeils“, in⸗ mitten des breiten Mondesſtrahl, deutlich und in glän⸗ zendem Weiß und überaus lieblich auzuſchauen, ſegelte die Fregatte ſeines Neffen, des Kapitän Oliphant, der eine Brigg von achtzehn Kanonen nachzog, ſo wie ein weiß gekleideter Edelknabe den Schritten einer Königin folgt. Dieſe beiden Schiffe waren dem Feinde ungleich näher als irgend ein Fahrzeug von des Commodore Ge⸗ ſchwader. Auch die Franzoſen waren deutlich unter gemächli⸗ chem Segeldrucke zu ſehen, wie ſie ihren Wind hielten, und am Horizont hin eine lange Reihe dunkler, aber kleiner Schatten zu ſein ſchienen, die jedoch, ſo wie je⸗ des Schiff unter dem Monde hinſchlüpfte, gleichſam ein Gewand lichter Glorie anlegten, und dann wieder in das ſchattige Dunkel hinüberwichen. Es war ein An⸗ blick, der einen Stanfield, den Malerfürſten, wohl häͤtte begeiſtern mögen. Schauplatz, Ort und Zeit, waren ganz geeignet die Betrachtungen des Commodore zu fördern. Hurtig ließ Der alte Commodore. 45 dieſer alle Ergebniſſe ſeines Lebens an ſeinem inneren Blicke vorüberziehen, bis er zu dem Moment kam, in welchem er ſeinen geliebten Neffen Aſtell auf die trüge⸗ riſchen Waſſer geſchleppt hatte. Da war's, als ob Dunkel ihn umhüllte, des Mondes Licht erſchien ihm nicht mehr glanzvoll wie vorhin, nicht mehr tanzte es lieblich auf den durchſichtigen Wellen. Alles um ihn her nahm ein leichenhaftes, granenerregendes Anſehen an. Octavius ſtand plötzlich ſtill, ſchlug an ſeine Bruſt und rief:»Iſt der Mord jenes Jünglings auf mein Sündenregiſter geſchrieben worden— o Du mein Herr Gott, ſo vergieb mir!« Und ſeltſam bewegt, blickte er hinab auf die am Ruderbaum und den Ketten ſich brechenden Wogen, als glaubte er ihn, den Geliebten, nochmals zu ſehen, ob⸗ wohl er ſich auf ganz anderem Schiffe und Meere be⸗ fand. Der Greis blickte ein Weilchen hinab, und wendete ſich dann ſchaudernd ab. Sein Herz ſehnte ſich, Zwie⸗ ſprache zu halten mit dem Geiſte des Jünglings. Hätte er dieſen über die Fluth daherſchweben ſehen, er würde ihn mit Freudigkeit begrüßt haben; vielleicht war er gottlos genug, im Herzen zu beten, daß der Geiſt ſich ihm zeigen moͤchte. Dann kam dem Commodore der Gedanke, ſeinen Kaplan zu ſich fordern zu laſſen; denn ihm zur Schaam ſeis geſagt, Sir Octavius verſtand kaum ſeine Gedan⸗ ken in irgend eine andere Gebetformel als in die:»Herr erbarme Dich meiner, des armen Sünders!« zu brin⸗ gen. Da er aber den Charakter jenes ehrwürdigen Herrn bis jetzt noch nicht kannte, ſo konnte er ſich nicht äberwinden, einem fremden Manne ſein Innerſtes aufzu⸗ decken. Zu bedauern bleibt es, daß der Commodore nicht x 46 wußte, wie all ſein Denken in dieſer Nacht auf dem Hin⸗ terſchiffe, und jeder Entſchluß, den er zur Stunde faßte, eitel Gebet waren, das wohl Erhörung und Billigung vor dem Throne des Ewigen hat erhalten mögen, bis auf einen Entſchluß, vielleicht den letzten, nämlich, welcher dahin lautete, daß er die an Auguſtus begangene Sünde wieder gut machen wollte, ſofern er es könnte, und der erſte Mann, den er morgen beim Entern des Frauzo⸗ ſen treffen würde, ſollte von ihm im Namen des armen Auguſtus daniedergeſtreckt werden. Dann befahl Sir Octavius ſeine Tochter dem Schutze des Himmels, that einen herzlichen Wunſch für die bal⸗ dige Geneſung ſeiner Schweſter, die er fortwährend für wahnwitzig hielt, warf ſich unausgekleidet auf ſein Bett und ſchlief bis zum Morgengrauen ſo ruhig, wie der Mittagsſonnenſtrahl auf einem Beete voll Vergißmein⸗ nicht. Der alte Commodore. Fuͤnftes Kapitel. „Im wilden Taumel raſender Gefechte Bewahret dennoch heil'ge Menſchenrechte! Und ob Ihr dreinſchlagt, ſo bedenkz, daß Gnade, Von Euch verübt, Euch des Erbarmens Pfade Zum Thronſitz eb'net, wo allew'ger Spruch Des Nichters ſchallt.—« Altes Gedicht. Als es heller Tag war, erkannte man, daß die ge⸗ genſeitigen Geſchwader ſich einander bedeutend genähert hatten. Die Belladonna“ und die Brigg befanden ſich auf Kanonenſchuſſes Weite von dem Feinde. Beide Der alte Commodore. Geſchwader ſtanden unter gleichem Tack, das franzöſi⸗ ſche etwa acht Meilen windwärts von dem engliſchen, und im Allgemeinen unter doppelt gerefften Top und Topgallant⸗Segeln und Vorderlinnen. Es ſtand alſo in ihrer Wahl, das Treffen nach Belieben zu beginnen. Um mit dem Gegner anzubinden, ließ Sir Octavius ſein Geſchwader alle Reffe ausſchütteln und alle Segel anſetzen. Der Franzoſe ſchien von dieſer Demonſtration keine Notiz zu nehmen, ſondern ſetzte ſeinen Cours mit Leichtigkeit und Würde ſort. Der Wind ging mäßig, der Himmel war wolkenfrei, und alles ſchie n einen lan⸗ gen Tag des Manöverirens zu verheißen, devor der Kampf ſich entſcheiden würde. Bis ſieben Uhr Morgens hielt dieſer Zuſtand der Dinge an. Ungeachtet allen Segelanſatzes, näherte das engliſche Geſchwader ſich nicht ſehr dem franzöſiſchen, welches, da es windwärts ging, das Beſte von der Brieſe hatte, oder auch, weil deſſen Schiffe ſchnellere Segler waren. Nach ſieben Uhr jedoch ward dieſe Spannung ein wenig gemindert. Die Nähe der Fre⸗ gatte und der Brigg ſchien endlich dem Feinde zu miß⸗ fallen, und das neben der„Belladonna“ hinſegelnde Li⸗ nienſchiff führte gegen dieſelbe ein halbes Dutzend Höf⸗ lichkeitsſchüſſe ab, welche zu ſagen ſchienen:»Sein Sie gebeten, Madame, ſich in ehrerbietigerer Entfernung zu halten.« Obwohl dieſe Andeutung keineswegs geflüſtert ward, wollte die trotzige Belladonna' ſie dennoch nicht 3 verſtehen. Am Bord des franzöſiſchen Admiralſchiffes ſiel nun ein kleines Signalgeben vor, und ſiehe! zwei große Fregatten ſegelten zu der engliſchen Fregatte und deren Brigg heran. Kapitän Oliphant erwartete ſie mit Ruhe, und als eine derſelben ihm bis auf Flintenſchuſſes 48 Der alte Commodore. Weite nahe gekommen war, brachte er ihr ſeine ganze Breitſeite dermaßen bei, daß augenblicklich des Feindes Topmaſte über Bord waren. Bei alldem konnte die Getroffene doch noch ihren Wind holen, um ihrerſeits eine Breitſeite loskrachen zu laſſen, ſo daß einige Spar⸗ ren der Belladonna’ das Fliegen bekamen, und einiges von deren Takelwerk wunderſamlich herunterbaumelte. Mittlerweile kam die zweite franzöſiſche Fregatte heran, und da der Commodore ſah, daß die Würfel allzu ſehr zu ſeines Neffen Nachtheile ſtanden, auch daß die übri⸗ gen franzöſiſchen Schiffe ſich nicht ſo ſchnell würden in's Mittel legen, und ſo ein allgemeines Treffen be⸗ wirken können, gab er der Belladonna“ und Brigg Signal, ſich leewärts ſeiner Schiffslinie zu legen. Die entmaſtete franzöſiſche Fregatte ward nun von ihrer Schweſter in's Schlepptau genommen, allein da⸗ durch wurden Beide außer Stand geſetzt, ihr Geſchwa⸗ der wieder zu erreichen, ſo daß Sir Octavins ſah, daß, wenn er ſich genugſam vorweglegen könnte, und der Feind keinen allgemeinen Kampf annehmen wollte, we⸗ nigſtens die eine der beiden Fregatten offenbar abge⸗ demnach eine Art von Vorfrühſtück, nach welchem die Engländer nicht wenig verlangten, Um acht Uhr pfiffen Letztere zum Morgenbrot, und in ihrem ganzen Geſchwader, will ich wetten, befanden ſich nicht zehn Mann, die nicht mit dem beſten Appe⸗ tite ſchmauſeten, obgleich es für Manchen unter ihnen wohl die letzte Mahlzeit ſein mochte. Nach dem Früh⸗ ſtücke ließ der Commodore zu Appell trommeln, und be⸗ ſuchte, obwohl alle ſeine Schiffe die ganze Nacht hin⸗ durch ſich kampfbereit gehalten hatten, jeden Winkel des Schiffes, in Begleitung ſeines Kapitäns und Erſten ſchnitten werden müßte. Dieſes kleine Gefecht war —,—— 8 Der alte Commodore. 49 Lieutenants. Man fand Aues in der beſten Ordnung. Es liegt mir nicht ob, einen umſtändlichen und amt⸗ lichen Bericht des Treffens hier abzugeben, das am 15. Julius ſtattfand. Ich werde nur ſo viel darüber mit⸗ theilen, als Verhältniſſe und Charakter meines Helden und der Gang meiner Geſchichte es erfordern. Wem daran nicht genügt, der nehme die von dem wackern und hochgelahrten Flottenkapitän Chamier herausgege⸗ bene Naval-History by James“ zur Hand, wo er volle Genüge und reiches Vergnügen vorfinden wird. Er wähle aus jener Aneinanderreihung von ſtattgefun⸗ denen Seegefechten eins der wackerſten und herzerſchüt⸗ terndſten heraus, ſo hat er ein treffendes Bild von dem⸗ jenigen Treffen, das am erwähnten Tage von Sir Octa⸗ vius Bacuiſſart geliefert ward. Ich habe bereits erwähnt, daß der Commodore je⸗ dem ſeiner Kapitäne die nöthigen Inſtructionen ertheilte, denen ſie ſelbſt im Falle größter Bedrängniß nachzu⸗ kommen hätten; dadurch vermied er es, ſeiner Flottille während des Treffens vielfache und oft nur ſtörende Signale geben zu müſſen, und hatte jetzt eigentlich nichts weiter zu thun, als auf Handhabung ſeines eige⸗ nen Schiffes zu achten. Da Niemand mir zu widerſprechen vermag, ſo könnte ich, um zu prunken, die franzöſiſche Streitmacht gegen die engliſche, als Zwei gegen Eins vorſpiegeln; jedoch dergleichen leicht zu erringender Ruhm wird von mir Namens des alten Commodore verſchmäht und gering⸗ geachtet. Das Geſchwader, gegen welches Sir Octa⸗ dius jetzt auf offner See, und nicht wie früher, zu ſei⸗ nem großen Nachtheile auf der Höhe des dem Feinde zu Gebote ſtehenden Hafens von Cherbourg, zu käm⸗ pfen hatte, war an Anzahl dem ſeinigen durchaus gleich, Der alte Commodore. III. 50 Der alte Commodore⸗ denn es beſtand, wie das ſeinige, aus fünf Linienſchiffen und zwei kleineren Fahrzeugen. Das einzige Mißver⸗ hältniß jetzt beſtand darin, daß das feindliche Admiral⸗ ſchiff— denn ein Admiral war es, der das franzöſiſche Geſchwader befehligte— ein Dreidecker größter Gat⸗ tung war, der La Magnifique“ hieß. Auch waren beide franzöſiſche Fregatten an Größe und Kanonenan⸗ zahl der Belladonna“ überlegen, und ihnen gegenüber konnte die engliſche Achtzehnkanonenbrigg kaum ſür mehr als Nichts gerechnet werden. Gegen neun Uhr, nach einigen zwiſchen ihm und Kapitän Egerton gewechſelten Scherzworten, ſehen wir den Commodore ſich auf die Hängmatten begeben, die man auf die Puppe des Donnerkeils⸗ geſtauet hatte, ſein beſtes Fernrohr zur Hand nehmen, und bedächtig Schiff nach Schiff des Feindes überblicken. Ihm ſchien zu behagen, was er ſah. Das größte Fahrzeug inmit⸗ ten der Linie wies ſeine drei Reihen Zähne auf wirk⸗ lich grimmige und furchtbare Weiſe, und ſchien große Luſt zu haben, in etwas Derbes einzubeißen. Die drei⸗ farbigen Flaggen weheten ſtattlich von ihren Gaffelen⸗ den herunter, und Alles drüben ſah aus, wie Regelmä⸗ ßigkeit, Ordnung und Entſchloſſenheit. Wirklich waren es ſammt und ſonders ſtattliche, ſorglich ausgerüſtete und mit Kernmännern der franzöſiſchen Flotte beſetzte Schiffe; denn das franzöſiſche Directorium fühlte die Nothwendigkeit, wenn möglich, die lange Kette von Siegen, die die britiſche Marine bisher errungen hatte, zu zerſprengen. Um dieß zu bewirken, hätte es keinen beſſeren Mann auswählen können, als den Admiral, Bürger Fresnoy; nur war dabei ein einziger Uebelſtand, und noch dazu ein entſetzlicher— dem tapfern Fresnoy ſtand nämlich der fechtende alte Commodore entgegen! 4 Der alte Commodore. 51 Das franzöſiſche Geſchwader hielt unter immer glei⸗ chen Segeln ſeinen Wind, und deſſen Vorderſchiff tand gegen halb zehn Uhr dem Donnerkeil“ beinahe gerade gegenüber. Sir Octavius ſtieg von der Puppe herab und ſagte zu dem Kapitän:„»Ich möchte die Schiffs⸗ mannſchaft anreden. Laſſen Sie doch alle Mann auf Mitteldeck kommen, und die Officiere ſich um mich ver⸗ ſammeln.« Die ſchrillenden Pfeifen der Hochbootsmanns⸗Maate ließen ſich flugs vernehmen, und in Haufen herauf ſchwärmte das Volk, zahlreich und rührig, wie ein Amei⸗ ſenhaufen umher rennt, deſſen Erdhügel zufällig durch den Tritt eines heimkehrenden Bauern auseinander ge⸗ wühlt ward. Mitunter behagt mir's, ein Gleichniß aufzuſtellen. Der alte Commodore ſtand im Kreiſe ſeiner Officiere, und vor ihm auf einem Haufen die Mannſchaft auf dem Mitteldecke, die mit nicht geringem Grade von Reſpekt zu ihm hinanguckte. 1 „Still!« ſagte der Alte, in rauhem Tone. Und Alle waren ſtumm, als erwarteten ſie, es würde eine Stimme aus den Wolken zu ihnen reden. „Da ich wünſche, daß Jeder die wenigen Worte höre, die ich zu ſagen habe,« fuhr der Commodore fort, „ſo mögen die, welche am weiteſten entfernt von mir ſtehen, zu Maſt klettern.« Eine halbe Minute lang gab's ein kleines Gewühl, dann war Alles wieder ruhig. »Jetzt paßt auf, meine Jungens! He? als ich zum Kommando über Euch kam, dachtet Ihr, Ihr hättet ei⸗ nen Tartaren— ſo Einen gekriegt, der Euch hübſch in Zucht hielte? Na! darin habt Ihr Euch nicht getäͤnſcht, denn ein ordentlicheres, geſetzteres und glücklicheres 4* 52 Der alte Commodore. Schiffsvolk als Ihr ſeid, iſt mir mein Lebelang nicht unter Augen gekommen.« Hier erhob ſich ein Gemurmel der Freude, das in ein lautes Hurrahgeſchrei ausgebrochen ſein würde, wenn der Alte nicht mit der Hand gewinkt, und geſprochen hätte:»Ihr wißt, daß ich im Allgemeinen das Hurrah⸗ rufen nicht leiden kann, und gewiß werdet Ihr nichts thun wollen, was mir nicht behagt. Auf eines hochbe⸗ tagten Seemanns Ehre ſchwöre ich Euch, daß ich Alles gethan habe, was Euch das Herz froh machen konnte, drum iſt's jetzt an Euch, mir ein Gleiches zu thun. Ihr werdet mich hierin nicht täuſchen! Könnte ich das nur denken, ſo würde das ſchon hinreichend ſein, mich mit Kummer in die Grube zu ſtürzen.“« » Ihr Alle ſeid jung, ſehr jung, in Vergleichung mit mir. Wenige von Euch zählen vierzig, kaum zwölf von Euch ſind funfzig Jahre alt; ich aber habe über Sechs⸗ zig auf dem Rücken. So bin ich von Natur, durch Gottes Fügung, ſo wie geſetzlich durch Seine Majeſtaͤt den König, den Gott ſegnen wolle, Euer Vorgeſetzter.« Hier zog er den Hut ab, denn ſeit ſeiner Wieder⸗ einſetzung gab es keinen beſſeren Königlichgeſinnten, als Sir Octavius Bacuiſſart! »Als ſolcher Vorgeſetzter,“ hieß es weiter in der Rede,»that ich an Euch, wie ein Vater an ſeinen Kindern. Erweiſet mir alſo als ſolche Eure Hoch⸗ ſchätzung und Liebe, und zeigt mir dieſe im herannahen⸗ den Gefechte. Wo der alte Commodore, der alte See⸗ mann und der alte Vater ſein wird, da ſeid auch Ihr! Bringt ſeinen Wunden keine Unehre; laßt ihn mit Euch ſtegen, oder glorreich in Eurer Mitte ſterben.« Den Officieren, und beſonders den Midſhipmen, ſchienen dieſe Worte kaum behagen zu wollen. Enger — Der alte Commodore. 53 umdraͤngten ſie den alten Kriegsmann, ſchauten ihm wie mit Vorwurf in'’s Geſicht, legten die Hand an ihre Degen, und ſahen aus, als wollten ſie ſagen: „Sind wir nicht Deine Söhne, eben ſo wohl als die dort unten?« Sir Octavius verſtand dieß, obwohl Keiner von Al⸗ len ein Wort geſagt hatte. Er lüftete abermals ſeinen dreiſpitzgen Hut, machte den ihn Umſtehenden eine freundliche Verbengung und ſagte:»Ich danke Ih⸗ nen.« In dem Schiffsvolke gewendet, fuhr er alsdann fort: »Ihr Alle habt ſonder Zweifel nach dem Dreidecker drüben gelugt. Ich muß ihn haben, und Ihr müßt mir beiſtehen ihn zu nehmen. Das Ding iſt ein alter Freund von mir, oder vielmehr eine meiner alten Pla⸗ gen. Vor etwa drei Jahren jagte ich ihm durch alle Gewäſſer der Erde nach, dennoch entwiſchte er mir. Durch ihn kam große häusliche Trübſal über mich, und indem er mir entging, verlor ich faſt alle Glückſeligkeit, die einem ſo ſchwer geprüften Manne, als ich es bin, noch hienieden hat übrig ſein mögen. „Ich ſag' Euch, meine Burſche, mich gelüſtet nach jenem Schiffe, und Ihr werdet mir's entern. An Eu⸗ ren Geſichtern ſehe ich, daß Ihr das thun werdet. Ich hab' mir die Sache uͤberlegt, und meine, das Ding läßt ſich entern. Zwar hat's hohe Seiten, aber Ihr ſeid jung und rüſtig, und ich ſelbſt will mich an die Spitze der Enterer ſtellen! Keine Gegenrede, Kapitän Eger⸗ ton, denn nichts bringt mich von meinem reiflich erwo⸗ genen Vorſatz ab. ⸗ 3 uUngeachtet der allgemein gegen ihn gehegten Ehrer⸗ bietung, ward er hier doch von den Stimmen Vieler —— —— — Der alte Commodore. 55 tigkeit die Gurgel abſchneidet, daß ſie ſich darüber wun⸗ dern müſſen; der dann in einen ſich ihm entgegenſträu⸗ benden Klumpen von Handſpeichen hinabſpringt, em⸗ pfangene Wunden verlacht, und entweder das Verdeck mit einem Hurrah klar macht, oder mit einem Spott⸗ worte im Munde den Geiſt aufgiebt. Kerle, die der⸗ gleichen Dinge thun, ſind außerdem wilde Burſche, die ihren Grog mögen— und o! wie mögen ſie ihn!— die immer in irgend einer kleinen Klemme ſtecken, welche der ſtille, gewiſſenhafte Mann jederzeit zu vermeiden weiß, und doch tritt in Kriegszeiten nur allzuoft der Fall ein, daß ein halbes Dutzend ſolcher tollen Burſche, die ſich ſelber nimmer gut thun, ein halbes Schock von jenen Schlichtherzigen aufwägen. Ich meines Theils aber, mag mau es immerhin der Albernheit meines ho⸗ hen Alters in den Schuh ſchieben, hege den Wunſch, unſers Landes Flotte möge nimmer Mangel an etlichen Häufchen ſolcher Wagehälſe leiden, die ich niemals reformiren würde, auch wenn ich es könnte; und ich vermuthe, daß aus dieſem Grunde mein Freund Sir Octavius jene Burſche nicht beſtrafen wollte⸗ „Dieſe alſo,« ſagte der Commodore,»haben den er⸗ ſten Anſturm zu machen. Ich weiſe ihnen dieſen Eh⸗ renpoſten an, damit ſie ihren Mitmatroſen beweiſen mögen, wie ich den echt brittiſchen Muth in Ihnen da⸗ durch ehrte, daß ich ihnen nicht die ſchimpfliche Strafe der neunſchwänzigen Katze zuerkannte. Ich biete Ih⸗ nen dieſe Gelegenheit, die Schmach von ſich abzuſtrei⸗ fen, die Jedem anhaftet, der etwas Unrechtes beging; mögen ſie mir darthun, daß meine Nachſicht nicht am unrechten Orte waltete, Doch ſollen die auf der ſchwar⸗ zen Liſte Stehenden nicht alle dieſer Ehre theilhaftig werden. Ich muß zuvor ſehen, wie Jeder von Euch 54 Der alte Commodore. unterbrochen, die ſich freiwillig zu Enterern antrugen. Sir Octavius gebot Ihnen jedoch Stille, und ſprach weiter:„»Die Sache des Enterns wird auf gehörige Weiſe von den eingezeichneten Enterern und den Mari⸗ ners unter deren Officieren betrieben. Die verlorene Hoffnung aber, diejenigen, die den erſten Anlauf ma⸗ chen, und an deren Spitze ich ſelber mich zu ſtellen habe, ſind bereits von mir ausgewählt worden.« Dieſe Ankündigung erregte kein geringes Erſtaunen, welches noch dadurch geſteigert ward, daß der Commo⸗ dore dem Kapitänſchreiber, Mr. Baldwin, befahl, ihm die ſchwarze Liſte zu reichen. »Hier, meine Männer,« ſagte der Commodore, als er in der Rechten die Liſte hielt, und über dieſe mit der Eiſenſpitze an ſeinem linken Arme zählend hinglitt— „hier finde ich dreiundfunfzig von Euch namhaft ge⸗ macht, die ſich irgend ein Verſehen im Dienſte zu Schulden kommen ließen.— Rufen Sie die Dreiund⸗ funfzig auf, Mr. Baldwin, damit ſie ſich auf dem Gangwege in Reih' und Glied ſtellen.« Erſteres und Letzteres geſchah, und einen Trupp ent⸗ ſchloſſenerer Kerle, wenn's Anſturm und Gefecht ſetzen ſollte, mag es, mit Ausnahme von vier oder fünf Schwächlingen, wohl nimmer auf einem Haufen gege⸗ ben haben.. Jetzt aber muß der alte ſkribbelnde Seemann wieder einmal abſchweifen, und bemerken, daß im Kriegsdienſte, ſo zu Lande wie zu Waſſer, der beſte moraliſche Mann nicht immer der beſte Kriegsmann iſt. Er⸗ ſterer, bei all' ſeiner Ruhe, ſeinem Gehorſam, ſeiner Ge⸗ wiſſenhaftigkeit und Dienſttreue, iſt nicht immer der⸗ jenige beſte Mann, der an einer Schiffsſeite hinauf⸗ huſcht, einem halben Dutzend Feinden mit einer Kur⸗ — Der alte Commodore. ſich verging, ehe ich ihn in meine Schaar des Ruhmes aufnehme. Zunächſt Daniel O'Sullivan— betrunken aufgeführt, ein— zwei— drei— vierzehn Mal! O Daniel O'Sullivan, das iſt zu arg!« „»Wiß un w'raftig, Cummdor, ſo is's!« ſagte ein feiner, ſchmucker, aber ziemlich wild ausſehender junger Ireländer,»un Särr Hockdichwy, Sie ſölber haben mir's Herz krank g'macht durch Ihre Nachſicht. Be⸗ lieb's Ihrer Hörrlichkeit, mir die Gnad' anzuthun, mich peitſchen zu laſſen; ich hab's vullauf verdient. Strafen Sie mich ab, Cummdor, ſo wird mir leichter zu Sinn ſeyn.« »Schon gut, O'Sulliban; da wir ſauer Stück Ar⸗ beit vor der Hand haben, ſo muß ich's noch'n Weil⸗ chen verſchieben, Dich leichter zu Sinne zu machen. Mittlerweile thue neben mir Deine Pflicht wie'n Mann,“« verſetzte der Commodore, und klopfte ihm dabei leiſe und vertraulich die kirſchrothen Wangen. O'Sullivan ergriff die Hand, küßte ſie und ließ ſie dann haſtig los, als ſchämte er ſich ſeiner Wallung; dann rief er: Bitt' g'hurſamſt um V'rzeiung, Särr Hockdichwy, aber ich will's ſchon thun.— Wollen wir nich?« ſetzte er hinzu, indem er die übrigen Schwarzliſtler anſah, und dabei die rechte Hand trotzig in die Seite ſtemmte. In dem⸗ ſelben Augenblicke ward mancher Schwur gemurmelt, der dem Commodore Beiſtand auf Tod und Leben zu⸗ ſagte. Die ſchwarze Liſte ward bis zu Ende durchprüft. Alle, die nur Geringes begangen hatten, ſahen ſich von ihr weggeſtrichen, und eben dadurch bei obwaltenden Umſtänden am härteſten beſtraft. Die Uebrigen, nahe an vierzig, erhielten Befehl, ſich als Enterer zu bewaff⸗ nen, d. h. ſie führten den wohlgeſchärften Kurzdegen, —— Der alte Commodore. 57 der mit einer Segelſchnur an die Fauſt gebunden wird, ferner den ſpaltenden Tomahawk, der oben eine Spitze zum Stich und vorn eine ſcharfe Beilſchneide hat, die in die Rippen des Schiffes zu treiben iſt, um den Auf⸗ kletterern ihre Arbeit zu erleichtern, und endlich noch legen ſie den breiten Ledergürtel an, in welchem zwei große eingeſchloſſene Schiffspiſtolen ſtecken. Als die»verlorene Hoffnung“ ſich auf die eben be⸗ ſchriebene Weiſe gerüſtet, und vor den Commodore zur Muſterung geſtellt hatte, trat zu dieſem ein kleiner Midſhipman, nahm höchſt beſcheiden ſeinen Hut ab, rapportirte, wie er geſtern Abend betrunken geweſen wäre, und bat, mit zu den Schwarzliſtlern gezählt zu werden⸗ Dem alten Commodore behagte des Burſchen Muth, ſo daß er demſelben ſeine Bitte gewährte. Augenblick⸗ lich trat ein därrer, vierzig Jahre alter Steuermanns⸗ Maat, als er ſah, wie der Plan des Midſhipman ge⸗ lungen war, vor den Commodore, und geſtand, daß er während der jüngſt verfloſſenen zehn Tage kaum eine Stunde lang nüchtern geweſen wäre. »Biſt Du jetzt nüchtern?« „»Vollkommen, Sir Octavius.“ „Gut, ſo bleib's, bis wir das franzöſiſche Admiral⸗ ſchiff genommen. Ich will Dich auf die ſchwarze Liſte ſtellen, und hoffen, daß Du dadurch auf die Kapitäns⸗ liſte kommſt.« Als der Commodore nun aber ſah, daß noch ein halbes Dutzend Matroſen nach gleicher Ehre ſtrebte, rief er aus:»Ich ſag' Euch, Jungens, meine ſchwarze Liſte iſt voll, und ich ſtelle keinen Einzigen mehr darauf, auch wenn ein Prinz von Geblüt ſich dazu meldete.“— Der alte Commodore⸗ Nimmer ward größerer Vortheil aus einer ſchwar⸗ zen Liſte gezogen! Der Commodore wendete ſich nun höflich zu ſeinem Kapitän, und ſagte:»Nehmen Sie's nicht übel, Eger⸗ ton, daß ich auf ſolche Weiſe Ihnen im Dienſtamte vorgreife. Meine Männer, ich ſelber ſtehe oben an auf der ſchwarzen Liſte; denn ich habe ein ſchweres Un⸗ recht abzubüßen, wenngleich es eine Privatſache be⸗ trifft. Ich führe Euch an. Mir lebte ein Ahnherr, der ſeiner Zeit in der Schlacht von Agincourt das Kriegsgeſchrei erhob. Thun wir daſſelbe. Hört mich an! Bei Anſturm durch Gewühl und Pulverdampf ſei unſer Kriegsruf: Néstroque!e und unſer Gegenruf: „Auguſtus!“ Keiner weich' im Kampfe einen Fuß breit zurück.— Néstroque! Vorwärts. Eins aber, meine Jungen, möcht' ich Euch noch ſagen: Ich habe mir den franzöſiſchen Admiral durch's Fernrohr beſehen; gleich mir, iſt er ein alter Mann, ein magerer, weiß⸗ haariger alter Mann, meine Jungen. Kommt Ihr ihm nahe, und er widerſtrebt nicht, oder widerſtrebt nur ſchwach, ſo ſchont ſeiner; thut's um meinetwillen. Be⸗ denkt, daß wir Beide die älteſten Freunde und Feinde unter Euch ſind. Und nun habt Ihr gehört, was ich zu ſagen hatte. Gedenkt des Kampfrufes Néstroquel“ und des Gegenrufs»Auguſtus!“— Jeder auf ſeine Station!« Um dieſe Zeit war das engliſche Geſchwader ſo vor⸗ weg geſchoſſen, daß das Vorſchiff der franzöſiſchen Linie bedeutend hinter dem Baume des Donnerkeils“ ging. Es ward alſo Signal gegeben, ſich den feindlichen Schif⸗ fen mehr zu nähern, ſo daß das Gefecht wirklich begin⸗ nen konnte, welches dann Breitſeite gegen Breitſeite vor'm Winde geſchah., * 8 — d v 5 Der alte Commodore. 59 Das Feuern des franzöſiſchen Dreideckers la Magni- fique“ war fürchterlich, und wären ſeine Geſchützſtücke beſſer gerichtet geweſen, ſo würde es zermalmelnd gewe⸗ ſen ſein. Das Schiff glich ganz eigentlich einem unge⸗ heuren Vulkan auf Waſſern, der Dampf und Gluth und Donner nach allen Seiten hin aus ſeinem Bauche ſpie. Dabei regte es ſich nicht. Der ſchwache See⸗ gang und die überaus leichte Brieſe hatten keinen er⸗ heblichen Einfluß auf daſſelbe. Sir Octavins ſtand mit ſeinem ſtattlichen Schiffe der'Magnifique“ faſt gerade entgegen. Seine Schwarzliſtler und Enterer hatten ſich auf Puppe und Hinterdeck hingeſtreckt, und waren bereit, zum feindlichen Schiffe hinanzuklimmen, ſobald man demſelben nahe genug gelegt haben würde. Die Brieſe hatte ſich beinahe zur Windſtille herab⸗ geſenkt, ſo daß dieſe den Kämpfern nur allzu verderblich ward, indem ſie ſich einander nicht nähern konnten. Lautes Pfeifen erſcholl, und andächtiglich ward das Aufſpringen einer Brieſe erſehnt. Das ſtehende und laufende Takelwerk des Donnerkeils“ war arg zerſchoſ⸗ ſen, und Maſten und Raae ſo mitgenommen, daß es mißlich ausſah; da warf ſich die erflehete Brieſe daher, ſo daß man die Segel endlich wieder gebrauchen konnte. Schwer hing der Pulverdampf über den Schiffen, und die Hitze des Tages ward beinahe unerträglich. Endlich, gleichſam wie aus Mitleiden gegen dieß langſame, verderbliche Schießgefecht, flog eine ſtarke Windklaue von Südweſt her gerade auf den Steuer⸗ baum der engliſchen Linie, wodurch der Dampf über die Franzoſen hingetrieben wurde. Ohne einiger raſirenden Kugeln zu achten, ließ der Commodore ſteuerbordwärts anliegen, und ehe drei Minuten vergingen, lag nach hef⸗ tigem Anſtoße der Donnerkeil“ ſeitlängs der„Magni- — 60 Der alte Commodore. ſique“ und war mit ihr im Handgemenge. Der dicke, ſchweflige Pulverdampf war ſo dicht, daß der Feind bei⸗ nahe überrumpelt ward; denn auf dem Deck des Admi⸗ ralſchiffes befanden ſich nicht mehr Leute, als zum Be⸗ dienen der Kanonen nöthig waren, und die als Reſerve aufgeſtellte Marinercompagnie. Durch die Luken, über die Hängmatten⸗Netzung und die Segelſtricke hinan ſchwärmten die engliſchen Matro⸗ ſen, als wären ſie durch ein Wunder geſandt, über das feindliche Schiff hin, wo ſie bald Hinterdeck und Gang⸗ wege und Vorderkaſtell überflutheten. Nur die Puppe war von franzöſiſchen Soldaten behauptet, und da dieſe beim erſten Anſturm die Leitern derſelben weggeriſſen batten, nahmen ſie eine ſchwer zu überwältigende Stel⸗ lung für diejenigen ein, die von unten herauf zu drin⸗ gen hatten. Mit der Rüſtigkeit und, leid thut es mir, hinzufü⸗ gen zu müſſen, mit dem Leichtſinn eines jungen Bur⸗ ſchen ſchwang der alte Commodore ſich in das Mittel⸗ maſtgetakel des franzöſiſchen Admiralſchiffes, und plumpte von dort herab zwiſchen ein Häufchen feindlicher Offi⸗ ciere auf dem Hinterdeck, die darüber nicht wenig er⸗ ſtaunten. Ich will nicht ſagen, daß der Commodore der Erſte am Bord des Franzoſen war, doch Einer von den Erſten war er gewiß. Donnernd erſcholl ſein Schlachtruf»Néstroque!« und mancher ſchwere Hieb fiel auf die Franzoſen, als der Gegenruf*Auguſtus!“ laut ward. Lang, robuſt, mit zerſchmarrtem Schädel— denn ſein Hut war ihm abgefallen— und mit ſeinem bepflaſterten Auge, im Geſichte roth wie glühendes Ei⸗ ſen, jagte der Commodore den ihm Entgegenſtehenden einen paniſchen Schrecken ein, der durch die Art, wie Sir Octavius ſich bewaffnet hatte, nicht wenig anhal⸗ — 5 Der alte Commodore. 61 tend gemacht ward. Am Stumpfe ſeines linken Armes war ein zweiſchneidiges Meſſer eingeſchroben, das er in fürchterlicher Radſchwingung ſich unaufhaltſam drehen ließ, während der große Schiffshaudegen in ſeiner Rech⸗ ten Alles vor ihm niederhieb, ſo daß Keiner ihm Widerſtand zu leiſten vermochte. Der Ueberfall, der auf dem Deck des Admiralſchiffs ſtattfand, war ſo plötzlich, daß die Männer, welche auf dem Hinterdeck die Kanonen bedienten, nicht einmal vermochten, ihre Ladeſtöcke und Luntenſtangen mit ir⸗ gend einer zum Handgemenge kaugenden Waffe zu ver⸗ tauſchen. Einer der Kanonenmänner, der noch die Bürſte in der Hand hielt, als Sir Octavius daherſauſ'te, wußte ſich nicht anders zu wehren, als daß er den ſchmutzigen Kratzer in das Geſicht des alten Commodore ſtieß, und dann ein paar Hiebe mit der Bürſtenſtange hinterdrein ſchickte. Nach dieſer unzarten Abwehr ſah der alte Commodore ſo ſchwarz aus, wie ein Londoner Eſſenkehrer. Das hinderte den Alten jedoch nicht, un⸗ verzüglich weiter zu dringen, bis er in die Kajüte un⸗ terhalb der Puppe gelangte, wo er Aug' in Auge dem zuſammengeſchrumpften Admiral gegenüber ſtand, der, in ſeiner Magerkeit und bei ſeinem hohen Alter, ſo ziemlich einem auf den Hinterbeinen ſtehenden, in fran⸗ zöſiſcher Uniform ſteckenden Affen ähnlich ſah, jedoch ei⸗ tel Rührigkeit und Grimaſſe war. „Sacre! ionnerre!« rief er, warf ſich in die voll⸗ kommenſte Fechterſtellung, und gab mit Blitzesſchnelle ſeinem Gegner die Terz und die Quart.—„Ces chiens d'Anglois, sont-ils donc commandés par un nèégre? „Gute Worte gegeben, Monsir PAmiral, gute Worte!« verſetzte der alte Commodore, und zerſchmet⸗ 62 Der alte Commodore. terte die feine Klinge des Franzoſen in anderthalb Dutzend Stücke. „Peste!«. rief*Monsieur,« warf das nutzloſe Heft weg, tröſtete ſich dann durch ein„Bonla und holte aus ſeinem Gürtel ein reich ausgelegtes Piſtol, das er dem alten Seeteufel gerade unter die Naſe hielt. „»Néstroque!« brüllte der Commodore, mit dem Fuße ſtampfend, und dem Kampfrufe folgte der Bei⸗ ſtand, ohne welchen der geſchwärzte Häuptling der Spwarzliſtler des blaſſen Todes auf der Stelle gewe⸗ ſen ſein würde. Als der franzöſiſche Admiral den Hahn ſeines Piſtols ſpannte, fühlte er ſeinen Arm in die Höhe geſchlagen, und ſich ſelbſt von hinten her um den Leib herum aufgehoben, ſo daß ſeine dünnen Beine fuß⸗ hoch vom Boden zappelten und um ſich herumſtießen. „»Wos nu mit m anfangen, Cummdor? Soll och'n in die See ſchmeißen? Halt Dich doch ſtill, Spaddel⸗ bein! Kannſt D' nich Dich ſtill halten?⸗ ſagte Daniel O Süllivan, der fchwärzeſte Kerl auf des Commodore's ſchwarzer Liſte, indem er ſeinem Gefangenen einen Puff gab, und ihn dem Kajütenfenſter näher trug. Das Sprudeln und Spucken aus des Admirals huͤb⸗ ſchem kleinen Munde würde grimmig geweſen ſein, wenn ſeine Körperſtellung nicht ſo überaus lächerlich ge⸗ weſen wäre. Bei alledem war es bewundernswürdig anzuſehen, wie eine ſo kleine Kreatur ſo entſetzlichen Lärm machen konnte. »Thu' ihm kein Leides, O. Sullivan,« ſagte der Com⸗ modore unter lautem Lachen. „Wiß un wiraftig nich, Särr Hockdichwy.— Da hinein, Moſchöh Krappo, und halt' Er ſich ruhig!⸗ Mit dieſen Worten ſchob der verwegene Daniel den Admiral in einen Verſchlag, der, quer durch die Kajüte, ——— n Der alte Commodore. 63 dicht unter den Spiegelfenſtern hinlief, warf die Krampe über ihm zu, und der Kommandeur des franzöſiſchen Geſchwaders ſah ſich, zu ſeinem giftigſten Aerger, mit ſich ſelber eingeſperrt, daß ihm ſchier der Athem verging. O'Sullivan aber ſehte ſich auf den Krampen und wiſchte ſich kaltblütig den Schweiß von dem breiten, rothbackigen Geſichte, während ſeine Kameraden oben das Hinterdeck des Feindes klar machten. Einige der Feinde waren über Bord geſprungen, Andere hatten das Takelwerk erklommen; einige Wenige lagen todt hinge⸗ ſtreckt, die Meiſten aber hatten ſich auf das Mitteldeck geflüchtet.. „O'Sullivan, Dein Gefangener wird erſticken; mach' ihm etwas Luft. Ich muß auf's Mitteldeck,“ ſagte der Commodore und rannte von dannen. Als er die Gegner auf Mittel⸗ und Unterdeck beſchränkt hatte, befahl er, die Luken über ihnen zuzuwerfen, ſo daß er ihrer ſicher war. Indem er jetzt auf„das Hinterdeck zurückkehrte, rief er dem am Bord des Donnerkeils“ befindlichen Kapitän Egerton zu, alles Geſchütz gegen Mittel⸗ und Unterdeck des Admiralſchiffes zu richten. Dieß konnte um ſo leichter geſchehen, da beide Schiffe noch ſeitlängs neben einander ſtanden;. inzwiſchen wur⸗ den nur wenige Schüſſe abgefenert, denn die Franzoſen ſenkten ihre Schießluken, und boten alſo keinen Wider⸗ ſtand mehr. Auf der Puppe hatten die franzöſiſchen Soldaten noch immer Poſto gefaßt; da aber ihre Be⸗ fehlshaber mit denen desn Schiffsvolkes nicht ein⸗ trächtig verfuhren, ſo war ihre Gegenwehr minder wirk⸗ ſam, als ſie es im andern Falle hätte ſein mögen, wie⸗ wohl ſie darum doch das Schiff nicht würden haben retten, wenngleich dem Feinde großen Schaden zufügen können. 64 Der afte Commodore. Auf den unteren Decken des Admiralſchiffes ging es fürchterlich her. Die Officiere ſahen ſich genöthigt, ſtarke Wachen vorn und hinten vor die Pulvermagazine zu ſtellen, weil ein verzweifelter Trupp der Mannſchaft ſich und das Schiff mitſammt den Siegern in die Luft ſprengen wollte. Lange durfte dieſer Zuſtand der Dinge nicht anhalten.. Die franzöſiſche Flagge wehete noch immer am Gaff, konnte jedoch, wenn auch aller Kampf am Bord der „Masnifique“ aufgehört zu haben ſchien, nicht eher ge⸗ ſenkt werden, als bis die auf der Puppe befindlichen Franzoſen entweder beſtegt waren oder ſich ergeben woll⸗ ten. Unterdeſſen war der Commodore wieder in die Kajüte gekommen, wo O'Sullivan noch immer ruhig auf dem Verſchlage ſaß, in welchem der franzöſiſche Admiral ſteckte. Daniel hatte dieſem inſofern das Athemholen erleichtert, als er einige einen Zoll hohe Klötze zwiſchen den Kaſten und deſſen Deckel ſchob, durch welche Spalte hindurch das endloſe Sprudeln und Spucken des kleinen Gefangenen vernehmbar ward. Sir Octavius riß ein Kajütenfenſter auf und ſchrie zum Donnerkeil“ hinüber:» Egerton, Kartätſchenfeuer boch gegen die Puppe herüber gerichtet! Hoch, ſag' ichle⸗ »Ja, ja, Commodore!« „Fordern Sie ſie erſt höflich auf, ſich zu ergeben. Sagen Sie ihnen, daß das Schiff unſer iſt, und daß der Admiral in ſeinem eigenen Weinkaſten ſteckt.« „»Ja, ja, Commodorel«. Die Kanonen auf des„Donnerkeils⸗ Hinterdeck wur⸗ den geladen und gerichtet, und die Truppen aufgefordert, ſich zu ergeben und Flagge zu ſtreichen. n Folge des Zwieſpaltes und der Unentſchiedenheit derſelben konnte keine eutſcheidende Antwort erlangt werden. Egerton Der alte Commodore⸗ 65 ließ nun eine mit Kartätſchen geladene Kanone losbren⸗ nen, die allüberzeugend wirkte. Die Mannſchaft ſtürzte zu Boden, die Officiere ſchrien, man habe ſich ergeben, und die große majeſtätiſche dreifarbige Flagge ſenkte ſich langſam herab, um nimmer wieder auf der ſtattlichen⸗ „La Magnifique“ zu wehen, deren Schmuck und Zier ſie ſo lange geweſen war. Nachdem man den erſten Transport von Gefangenen hinüber auf den„Donnerkeil“ geſchafft hatte, und die engliſche Flagge ſich oberhalb der franzöſiſchen aufge⸗ hißt befand, ſagte Sir Octavius:»Jetzt, Egerton, werden Sie wohlthun, ein wenig wegzulegen und den Feind ſehen zu laſſen, daß der Admiral in unſerer Ge⸗ walt iſt. Wir können das Schiff ſchon ſelbſt hand⸗ haben.“. Ddieſem Befehl ward nachgekommen, und es brachte die beſte Wirkung hervor. Zwei andere Linienſchiffe des franzöſtſchen Geſchwaders, denen ohnehin ſchon genug eiſerne Beweggründe in den Bauch gejagt worden wa⸗ ren, ſtrichen ebenfalls ſogleich Flagge. Die beiden noch übrigen hielten dieß für die beſte Gelegenheit, zu ver⸗ ſuchen, ob ſie es den Engländern nicht im Schuellſegeln 3 zuvorthun könnten; doch wurden ſie eingeholt, welches ſchlimm war, und ſodann genommen, welches das Schlimmſte war, was ihnen begegnen konnte. Unter Beihülfe der Brigg hatte Kapitän Oliphant ſich zum Herrn der Fregatte gemacht, welche gleich zu Aufang des Gefechtes entmaſtet worden war, und deren Schwe⸗ ſter erſchien demnach als das einzige Schiff, welches entrann, um nach Rochefort die Kunde zu überbringen, daß Monſteur Fresnoy's ſtattliches Geſchwader plötz⸗ lich überfallen worden wäre, und nun ſich auf der Fahr’ Rach Portsmouth befände, um dort zu kalfatern. Der alte Commodore. III. 5 e 66 Der alte Commodore. Nach ſolchergeſtalt von den Engländern vollſtändig errungenem Siege erinnerte ſich Sir Octayius, daß er ſeinen ausgezeichneten Gefangenen, den franzöſtſchen Admiral, ein wenig vernachläſſigt hätte. Er eilte wie⸗ der in die Kajüte, ohne weiter des Gelächters zu ach⸗ ten, das überall, wo er auf dem Wege dahin ſich zeigte, ihm nachſchallte. Als er vor O'Sullivan, der noch im⸗ mer in ſeiner vorherigen Stellung ſaß, hintrat, grinſete dieſer ihn keck an, und ein keckes Grinſen auf Daniel's Geſicht zeigte mehr Humor, als ein ſchlechtes Anuek⸗ dotenbuch. »Was lachſt Du, Sullivan? Warum lachen mir Alle ſo in die Zähne? Bin ich wirklich beſudelt im Geſichte?« fragte der Commodore; denn er hatte den Stoß mit der Kanonenbürſte nur allzu wohl gefühlt, als daß er nicht an die rußige Berührung hätte zurück⸗ denken ſollen. »Beſuddelt, Cummdor? Nich die Probe, Sarr Hockdichwy— ˙s is Alles ſchön eben ſchwarz, bis auf's Weiß in Ihrer Herrlichkeit ſchönem einen Auge, das Gott erhalten wolle, un bis auf Ihrer Herrlichkeit gute zwei Zahnreihen. Alles Andre iſt ſo glatt ſchwarz, wie 'ne iriſche Winternacht, wenn der Mond nunter⸗ glitſchte.« 4 „Schon gut, gut; dagegen hilft etwas Waſſer mit Seife. Wie aber iſt's mit dem Admiral?« »Da ſteckt er noch, is aber ballſtürig bis zum Doll⸗ werden, un doch kann man'n kein Wort verſtehen, Sir Hockdichwy.« 4 »Wie ſteht's, Monsir l'Amiral— comment vous und ſo weiter.— Wollen Sie ſich ergeben?— vous rendre? vous comprenez?« -—— — — — Der alte Commodore. 67 „Comment, Sieur Nèégref me rendre? Les Fran- gais meureni, mais ils ne se rendent jamais.« „»Kann ſein— sans doute, Monsir; aber Ihre ganze Flottille ſtrich Flagge.« „Fortune de guerre! Peste! ich will me rendre.— Je me rends, Mr. le nègre, wenn Sie mich laſſen heraus aus dieſem méchant cabinet, que je vous parle formidablement.« „Hilf dem Gentleman heraus, O'Sullivan!« Mit Stroh, Pechklümpchen und jeglicher Art von Schiffsunrath beſudelt, ſtand der kleine koſtbar geklei⸗ dete Mann vor ſeinem Sieger. Nachdem er, ſo gut er es konnte, ſeine Bekleidung geſäubert hatte, ſtampfte er mit dem rechten Fuße, und ſprudelte dann heraus: „Mr. le Nèégre, moi Ihr prisonnier; bon! nicht ich kann me battre avec vous au nom de la grande na- tion, mais ich kann me battre avec vous pour mon compte; denn, Saar, warum mich laſſen encachoter par dieſen Ein Matelot? moi, bamiral, wie eine leere bouteille in mein eigen buffet? Sacré nom de Dieu!l« „Was konnten wir mit Ihnen ſonſt anfangen, Ad⸗ miral; Sie waren ja ſo unbändig. Blut und metal⸗ lene Donnerbüchſen! warum litten Sie's, daß Einer von Ihren Leuten mir mit'nem Kratzer über's Ge⸗ ſicht fuhr, und mir beinahe mein Backbord⸗Auge aus⸗ ſtieß. Behandelt man ſo einen engliſchen Ober⸗Com⸗ mandeur? God dam! und das iſt beſſer geflucht, als Ihr pow'res sacré!« 3 Juste Ciel! vous n'tes pas nèêgre véritable? vous Commandeur en chef? Touchez là, mon ami, iou- chez laà,« ſagte der ſchnell beſchwichtigte Franzoſe, und reichte die Hand hin. Des Commodore's Zornwallung legte ſich; er nahm die dargebotene Hand und Beide 3 1 5*½ F* 86 gingen mitſammen auf die Puppe. Mr. Fresnoy ſah bald, wie vollſtändig der Sieg über ihn errungen war. Er legte ſeine Hand auf ſeine Bruſt, und ſeufzte mit einer Thraͤne im Auge:»So iſt Frankreich auf immer verloren für mich!« Begleitet vom Commodore, begab er ſich an die Hauptluke auf dem Mitteldeck, ſchob einige Gitterlat⸗ ten derſelben zurück, und rief den unten Befindlichen zu:»Tout est perdu. Rendons-nous, mes fils.« So ward'La Magnifique“ verloren und gewonnen. Die Böte vom Donnerkeil“ brachten nun die Gefange⸗ nen auf das engliſche Schiff. Kapitän Egerton erhielt Befehl, das genommene Admiralſchiff zu kommandiren, während der erſte Lieutenant vom„Donnerkeil“ unter dem Commodore als Kapitän zu fungiren hatte; ſo wie dann fernere bei ſolchen Gelegenheiten übliche Anord⸗ nungen getroffen wurden. Gegen vier Uhr Nachmittags war auf beiden Flot⸗ Der alte Commodore. tillen Alles leidlich klar gemacht, und man klappte den verwundeten Maſten ſo viele Segel als möglich an, um Kours nach Portsmouth zu ſteuern. Ein Viertelſtündchen nach vier Uhr ſaß der alte Commodore mit Monſieur Fresnoy und deſſen Ober⸗ officieren zu Tiſche. Der Alte hatte ſorglich ſich das Geſicht gewaſchen und ſeinen ſteifen Zopf mit neuem Bande aufſtaffiren laſſen. Er war eitel Höflichkeit und frohe Laune, und ſagte ſeinem Gafangenen— ſeinem Gaſte— alles mögliche Tröſtende, wobei dieſer jedoch ſeine Lage nur um ſo tiefer fühlte, Wie ſehr der alte Commodore ſich auch reformirt haben mochte, ſo hatte er im Buche der Pflichten der Menſchenfreundlichkeit noch manches Blatt zu ſtudiren; dennoch that er ſein Beſtes, und»wenn,“ wie Jemand geſagt haben ſoll, — . Der alte Commodore. 69 „Einer ſein Beſtes gethan hat, ſo ſind ſelbſt Engel nicht im Stande, mehr als er zu thun.« Als der Wein und dann der Kaffee getrunken wa⸗ ren, und es auf dem Verdeck für Monſieur Fresnoy nichts Erfrenliches zu betrachten geben konnte, ſchlug Sir Octavius Bacuiſſart eine Whiſtpartie vor, die mit Vergnügen angenommen ward. Sir Octavius ſchrob ſeine Zauge an, mit der er die Karten hielt, und man ſetzte ſich behaglich zum Spiel. Der Alte war bei Glücke, er gewann Rubber nach Rubber, und obwohl man nur zu geringen Pointen ſpielte, ſchien ſein Ge⸗ winn ihm doch eben ſo viel Vergnügen zu gewähren, als ſein jüngſt errungener Sieg ihm gemacht hatte. Der franzöſiſche Admiral hielt ein wenig inne bei'm Karken geben, und begann, ſich fließend, wenn auch nicht ſehr gründlich, über die Allgewalt des Glücks, oder Geſchicks, oder Zufalls auszuſprechen. Er führte dabei an, wie er vor drei oder vier Jahren ein Geſchwader komman⸗ dirt hätte, das faſt alle Gewäſſer der Erde durchſchiffte; daß er freilich auf ſeiner Fahrt von einer engliſchen Flottille unaufhörlich gejagt ward; daß er aber deſſen⸗ ungeachtet das Glück hatte, alle ihm gewordenen In⸗ ſtruktionen in's Werk zu richten, indem er mehrere eng⸗ liſche Handelsconvoyſchiffe theils zerſtörte, theils zu gu⸗ ter Priſe machte; und, indem er mit ſeiner kleinen Fauſt heftig auf den Liſch ſchlug, ſetzte er die Behaup⸗ tung hinzu, daß, wenn damals ihm geſtattet geweſen wäre, das ihn jagende Geſchwader anzugreifen, er es zuver⸗ läſſig beſtegt haben würde, weil damals ſein Glücksſtern im Aufſteigen begriffen geweſen wäre; während jetzt, bloß ausgeſandt, um feindliche Kriegsſchiffe zu bekäm⸗ pfen, ſein Unſtern zu ſeinem größten Erſtaunen und Entſehen binnen weniger als einer Stunde nach dem 70 Der alte Commodore⸗ Beginnen des Treffens ihn ſelbſt in ſeinen eigenen Weinflaſchenverſchlag, und ſein Geſchwader in die Ge⸗ walt des Feindes warf. Allerdings lag in dem Allen etwas einem Verhängniſſe Aehnliches, wodurch aller ge⸗ troffenen Vorſichtsmaßregeln geſpottet, alle Berechnung menſchlicher Klugheit verhöhnt, und aller Anſtrengung des reiflichen Erwägens, des Muthes und der perſön⸗ lichen Tapferkeit Trotz geboten worden war. Bei alledem ſchüttelte der alte Commodore ſehr ernſt. haft den Kopf und ſagte wenig. Er wollte das wan⸗ kende Troſtgebäude, in das ſein Gefangener ſich flüch⸗ tete, nicht zerſtören, und eben ſo wenig wollte er den Glanz des von ihm ſelbſt errungenen Sieges durch Trugſchlüſſe verdunkelt ſehen. Aus dieſem Doppelt⸗ grunde ſagte er mit kurzen Worten zu Monſieur Fres⸗ noy, daß dieſer im jüngſten Treffen vollkommen ſeine Schuldigkeit, und unter den obwaltenden Umſtänden Alles gethan hätte, was von einem Manne verlangt werden konnte. Dann aber bat er höflich um Erlaub⸗ niß, anderer Meinung betreffs jenes Geſchwaders zu ſein, von welchem Mr. Fresnoy vor ſo und ſo vielen Jahren verfolgt worden war, indem er ſelber, nämlich der Commodore, derjenige geweſen wäre, der der fran⸗ zöſiſchen Flottille damals durch alle Gewäſſer der Erde nachſetzte. Commodore und Admiral ſchüttelten einander noch⸗ mals die Hände, und der Franzoſe fuhr dann fort, zu ſchildern, wie zu jener früheren Zeit ſein Glücksſtern im Steigen geweſen wäre. Wir berühren hier nicht weiter das gebrochene Engliſch des ehrlichen franzöſiſchen Ad⸗ mirals. Schrieben wir ein Drama, ſo dürfte deſſen ge⸗ 4 radbrechte Sprechweiſe uns allerdings aus der Feder — Der alte Commodore. 71 fließen müſſen; jedoch in einer fortlaufenden Erzählung möchten ſolche Nachahmungen langweilig werden. Monſieur Fresnoy zählte die Schiffe her, die er zerſtört hatte, und beſchrieb die Kauffahrerflotte, die von ihm in den Hafen von Cherbourg eingebracht wor⸗ den war, welches Alles dem Leſer zur Genüge bekannt iſt.»Sogar bei dem kurzen Ferngefecht, das wir mit einander hatten, Sir Octavius,« ſetzte Fresnoy hinzu, „war der Vortheil entſchieden auf meiner Seite; denn keine einzige von Ihren abgeſchoſſenen Kugeln traf.« „Glaub's wohl, Admiral; denn Glücks genug war mir's, von Ihrer verd— Leeküſte weglegen zu können. O, das war eine verfl— Nacht; eine Nacht, Monſieur, wodurch mi elbſt der heutige glorreiche Tag beinahe verdüſtert wir« „Wie ſo, Cr Octavins? Ich ſchoß Ihnen ja höch⸗ ſtens einige unbedeutende Sparren an Ihrem Bord weg, und machte nur einen einzigen Gefangenen.“« „Gefangenen? Einen einzigen Gefangenen? Ich falle aus den Wolken! Um der Liebe Gottes willen, ſcherzen Sie nicht! Wer war jener Gefangene?« „Monsieur ſcheinen ſich ſehr für ihn zu intereſſiren. Er war ein ſchlanker Burſch, un beau gergon, den man unter'm Bug eben des Dreideckers gefunden, den zu nehmen Sie mir heute die Ehre erzeigten. Anfäng⸗ lich hielten meine matelois ihn für den conducteur ei⸗ nes Branders, einen diable, der uns in die Luft ſpren⸗ gen ſollte; als ſie aber ihn und ſeine Höllenmaſchine an Bord hiſſeten, wies er ſich als ein halb ertrunkener, von Kälte ſtarrer junger Burſch, und ſeine Brandma⸗ ſchine als ein nachläſſig zuſammengeſchlagener Hühner⸗ kaſten aus, die zuſammen von der Fluth in den Hafen geſpült worden waren.« — —— — —— — — —— war?« 72 Der alte Commodore. Waͤhrend dieſer Erzählung des Admirals zitterte der Commodore an allen Gliedern; ſo rüſtig er war, wäre er dennoch beinahe in Ohnmacht geſunken. In⸗ zwiſchen rief er nach einem Schluck Branntwein— dieß war allerdings nicht recht von ihm, denn es lief ge⸗ radezu dem Verſprechen entgegen, das er ſeinem Freunde Underdown gegeben hatte; da jedoch im vorliegenden Falle ſelbſt jener ſtrenge Mentor ihm verziehen haben würde, wollen wir ein Gleiches thun. Sobald er den ihm gereichten Stärkungstrank verſchluckt hatte, ergriff er Fresnoy's Hand, drückte ſie ſo gewaltig, daß die dürren Fingerchen derſelben wie in's Feuer geworfene Lorbeerblätter kniſterten, und rief, tief erſchüttert, mit rauher, jedoch aus dem innerſten Herzen kommender Stimme die Worte:»Lebt er noch?« »So viel ich weiß— oui.« » Barmherziger Gott! ich danke Dir. Und nun, Admiral, ſagen Sie an, und in ſo wenigen Worten als möglich, was ſprach der junge Menſch über die Urſache, die ihn in die See brachte? Sprach er davon, daß er gezwungen ward, über Bord zu ſpringen? Tadelte er deßhalb Dieſen oder Jenen?« »Niemanden, als ſich ſelbſt. Er verklagte ſich der Haſtigkeit, durch die er ſich ſelber in die Lage ſtürzte, in welcher wir ihn fanden. Es ſchien, als wollte er uns Alle glauben machen, daß nur ein Zufall ihn über Bord warf.« »Hören Sie's, Gentlemen? hören Sie's?« ſagte der alte Commodore, indem er ſich triumphirend zu ſeinen Officieren wendete.»Edler, hochherziger Junge, er! Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob ſein Name Aſtell . »Aſtell— oui, Monsjeur.“« 2 —„— Der alte Commodore. 73 »Sprach er von mir? von ſeiner Familie?« „Kein Wort. Ueber nichts war er ſchweigſamer, als über dieſen Punkt.« 3 „Admiral, Sie haben mich ſo eben zum glücklichſten Manne gemacht, der jemals lebte. Ich ſuche einen Ruhm darin, der Onkel jenes heldenmüthigen Jüng⸗ lings zu ſein. So glücklich haben Sie mich gemacht, daß ich Ihnen Ihr Schiff und Ihr ganzes Geſchwader zurückgeben und noch einmal mit Ihnen d'rum fechten könnte. Ja, ja! hol' mich Dieſer und Jener— und ärger, als ſo, darf ich nicht fluchen— ich könnt's— aber ich darf's nicht! Sie wiſſen, ich darf's nicht;'s wär' gegen die Kriegsartikel, Monsieur!« „Sont-ils bizarres, ces Anglais!« war die ſchlichte philoſophiſche Antwort Fresnoy's. „Aber ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen; ent⸗ ſchuldigen Sie mich für einige Minuten.« Der alte Commodore zog ſich in ſeine Hinterkajüte zurück, um ſeine Wallung durch inbrünſtiges Dankgebet zu Gott zu beſchwichtigen. Mit heiterer Stirn, ein Ausdruck wahren Seelen⸗ friedens, kehrte er bald wieder zur Geſellſchaft zurück. Er konnte nicht mehr Karten ſpielen; er konnte nichts, als von ſeinem Neffen ſchwatzen. Seine feinfühlenden Officiere, die wohl begriffen, daß manche Familienange⸗ legenheiten berührt werden würden, empfahlen ſich mit beſonderer Artigkeit Einer nach dem Andern, ſo daß der Commodore ſich bald mit ſeinem Gefangenen allein befand. Dieſer erzählte nun, wie er Wohlgefallen an dem Jünglinge gefunden hätte, und bemüht geweſen wäre, ſich deſſen Zuneigung zu gewinnen. Er hatte ihn auf einen Seezug mitgenommen, um ihm die Schwermuth 74 Der alte Commodore. zu ſcheuchen und ihn vielleicht der Sache der allgemei⸗ nen Freiheit ſo zuzuwenden, daß er unter den Panie⸗ ren des revolutionären Frankreichs hätte fechten mö⸗ gen. Dieſen Bitten des Admirals war jedoch der junge Mann durchaus abhold, ſo daß er die deßfalls ihm ge⸗ machten glänzenden Anerbietungen ſammt und ſonders zurückwies, und als die größte ihm zu erweiſende Gunſt nur begehrte, an irgend eine engliſche Küſte oder einen dem Lande England gehörenden Strand ausgeſetzt zu werden. Dieß durfte der Admiral jedoch nicht thun ſondern ſah ſich vielmehr nothgedrungen, ihn als Ge⸗ fangenen an die Behörden zu liefern. Der junge Mann ward hierauf zu Verdun gefangen gehalten, von wo er jedoch unter dem Beiſtande mer mit der Regie⸗ rung unzufriedenen Familie entfloh, ſo daß zu ver⸗ muthen ſtände, er hielte ſich noch jetzt in irgend einem dunkeln Winkel Frankreichs verſteckt. So tröſtend für den alten Commodore im Allge⸗ meinen dieſer Bericht auch war, gab derſelbe doch zu manchen Befürchtungen Anlaß. Sir Octavius dankte dem Admiral von Herzen für die Güte, welche dieſer ſeinem jungen Verwandten erwieſen hatte, und Beide trennten ſich für die Nacht als die beſten Freunde. Nach weniger als achtundvierzig Stunden lagen diee beiden Geſchwader zu Spithead vor Anker. Die Na⸗ tion ließ über den vom alten Commodere erfochtenen Sieg den lauteſten Jubel erſchallen. Wochenlang war nur Rede vom alten Commodore, vom alten fechtenden, Alles zerſchmetternden Commodore, ſo daß dieſer wirk⸗ lich den Gipfel ſeines Ruhmes erreicht hatte; denn er ſah ſeine Figur als Schildzeichen eines Bierhauſes in faſt jedem Flecken und Städtchen des Königreichs auf⸗ gehangen, und ward ſogar zum Helden einer Ballade „ Der alte Commodore. 8 75 gemacht, die einen Monat lang von allen Bänkelſaͤngern abgeorgelt ward. Dieſer gleichzeitige Beifallszoll iſt des Ruhmes wah⸗ rer Probirſtein. Wie ſo Manche kenn' ich, die zu Ba⸗ ronen, zu Grafen, und ſogar zu Herzogen gemacht wur⸗ den, und die doch nimmer Verdienſte genug beſaßen, um in einer Ballade zu figuriren, und die, wenn ſie auch verdienten, gehäugt zu werden, es doch nimmer dahin bringen konnten, auch nur dem Schilde der elen⸗ deſten Dorfſchenke zum Bilde zu dienen! Ich ſelber würde ein ſolches Schildzeichen abgegeben haben, wenn man mich nicht ſchon vor beinahe dreißig Jahren in Ruheſtand verſetzt hätte. Sechstes Kapitel. „—— O, welch ein Zauberwerk der Hölle Birgt einer einz'gen Thräne kleiner Kreis. Shakſpeare's»Klagen einer Liebenden.« Die Kataſtrophe meiner Geſchichte nahet heran. Ich habe nach großen Dingen geſtrebt. Meines Ehr⸗ geizes Flamme iſt hoch emporgelodert, und je höher eine Flamme ſteigt, deſto mehr zittert ſte. Indeſſen kann mir, ſollte mir wenigſtens mein Werk nicht mißlingen. Das Publikum wird mein Buch nicht als unnützes Ding auf den Bord ſtellen, wie die Lords der Admira⸗ lität es mit dem hochbetagten Autor deſſelben gemacht haben. Nein, mein Werk wird nicht ganz unnütz ſein; 76 Der alte Commodore. denn indem ich dieſe Begebenheiten erzählte, habe ich zum Beſten meiner Mitmenſchen gewirkt, denn ich zeigte ihnen, wie ſie durch Dulden und Vergeben ein⸗ ander wahrhaft wohlthätig werden können. Die Mummereien des Municipalbeifalls und der Hofbeglückwünſchungen wurden dem alten Commodore endlich läſtig. Die Freiheit, welche die Hauptſtadt ihm auf einer goldenen Doſe ſchenkte, war ihm ungleich we⸗ niger lieb, als ihm die Freiheit geweſen ſein würde, ſofort ſich nach Treſtletree⸗Hall begeben zu dürfen, um ſein Herzblatt, ſeine Tochter, zu umhalſen, und der Erſte zu ſein, der ihr ſagte, daß ſein und ihr Auguſtus noch lebte. Des Helden ſchönſte Triumphe finden ſich zuletzt doch immer im Schooße ſeiner Familie. Dort ſeinen Ruhm zu genießen, war das Sehnen des alten Commodore; indeſſen müſſen wir ihn doch noch für ein Weilchen in London laſſen, wo er ſich anſchickt, in vollſtändiger Uniform an den Hof zu gehen, und wo er ſich mit energiſchen Vorkehrungen zur Wieder⸗ erlangung ſeines Neffen beſchäftigt. Beſchauen wir die Ankunft Miß Roſa's und ihrer Dienſtmagd zu Treſtletree⸗Hall, wohin ſie von Mr. Un⸗ derdown und Peter Drivel begleitet worden war. Ihr Erſcheinen brachte dem ganzen Hauſe Freude. Mrs. Oliphant, die freilich nichts von den zarten Banden wußte, durch welche Miß Belmont an ihren Sohn ge⸗ knuͤpft war, empfing Roſa mit aller Liebe einer Mutter und mit aller echten Anmuth einer Dame von Stande, obwohl ſie nur die Wittwe eines Gewürzhändlers war. Miß Mathilde erblickte in Roſa das niedlichſtgekleidete Mädchen, das ihr jemals vor Augen gekommen war, glaubte jedoch auch ſofort überzeugt zu ſein, daß das zarte Roth und Weiß der Wangen Roſa's ein Erzeug⸗ Der alte Commodore. 77 niß der Kunſt wäre, und hoffte, durch ein auf ſolche Weiſe ihr neu ſich zu bietendes kosmetiſches Mittel die eigene Schönheit auf ungleich höhere Stufe zu heben. Auf die wilde Rebekka aber machte das Eintreten Roſa's in's Wohnzimmer zu Treſtletree⸗Hall einen faſt erſchreckenden Eindruck. Mit ihrer gewohnten Unbän⸗ digkeit wollte Rebekka ſchon auf Roſa losſtürzen und deren Hände faſſen, als die natürliche Zurückhaltung und jungfräuliche Würde in Roſa Belmont vor dieſem Ungeſtüm zurückwich und ſich majeſtätiſch emporgerich⸗ tet zeigte. Da ſtutzte Bekky nicht wenig, und rief aus: „»Herr Du mein Gott, wie ſchön! Die wird im Leben nicht ſo'n ſprudelköpfig Ding, wie ich bin, lieben kön⸗ nen! Die Haare möcht' ich mir ausreißen!« Sie ſprach dieß leidenſchaftlich und halb ſchluchzend, und wendete dabei der ganzen Geſellſchaft den Rücken zu. Ungeachtet all' ihrer Verſprechungen, ſich beſſern zu wollen, hatte Rebekka ſeit ihres Vaters Abreiſe in aͤußerer Anmuth geringe Fortſchritte gemacht. „Warum das?“« ſagte Mr. Underdown, indem er dem weibiſchen, oder vielmehr unweiblichen Ausrufe Bekky⸗Bakky's begegnete;»warum das ſchöne Haar aus⸗ raufen? Oder iſt dieß Haar nicht ſchön, Miß Bel⸗ mont? Ich habe die Ehre, Ihnen Miß Bacuiſſart, die einzige Tochter des Commodore Sir Octavius, vor⸗ zuſtellen.« „Das Haar iſt wirklich ſchön, und umgiebt ein Engelsköpfchen,« verſetzte Roſa.»Ich ſollte Sie nicht lieben? Wie konnten Sie das nur denken! Ich bin mehr als hundert Meilen hergereiſ't, bloß um Sie und alle die zu lieben, welche hier zu ſehen ich ſo glücklich bin. Wir wollen die beſten Freundiunen werden, und ich will Ihnen die beſte Art und Weiſe —— — — —— 78 Der alte Commodore. zeigen, wie man dieß ſchöne Haar auf das Schönſte ordnet—« „» Sie ſind eitel Güte und Wohlwollen,« fiel Miß Mathilde mit einer tiefen Verbeugung des Dankes ge⸗ gen Miß Belmont ein. „» Pah, was ſoll mein Haar!« rief Bekky.»Willſt Du mit Deinen ſchönen dunkeln Augen mich zaͤrtlich anblicken? willſt Deine ſchöne Wange an die meinige legen? willſt mich herzen und küſſen— ſo— und ſo? willſt mich ein ganz klein Bißchen liebhaben?« Rebekka geſellte zu den Worten die That, warf ſich in Roſa's Arme, küßte und umhalſete ſie, und brach dann in Thränen aus. Von dem Augenblicke an war die Freundſchaft dieſer einander ſo entgegengeſetzten Weſen unauflöslich. Rebekka's Ausbildung begann nun allen Ernſtes, und ſchritt raſch fort. Die vier Jäͤhrchen, welche Roſa mehr als Rebekka zählte, gaben ihr etwas von dem An⸗ ſehen einer Mutter bei; doch ward dieß nur gefühlt, denn es hüllte ſich ſo zart in Schweſterliebe und Freund⸗ ſchaft, daß eben dieſes Anſehen das ſtärkſte Band der Eintracht zwiſchen den beiden Mädchen abgab. Re⸗ bekka nahm in Allem ihre Freundin zum Vorbilde, ahmte ſogar einigermaßen deren gern auf Stelzen ge⸗ hende Redeweiſe nach, woͤdurch ihre eigene etwas plumpe Art, ſich auszudrücken, allerdings beſeitigt ward. Auch für Roſa war dieſe Freundſchaft von wohlthä⸗ tiger Wirkung. Roſa begann merklich, von Tage z9 Tage weniger von der zarten Empfänglichkeit des ſtoff⸗ beraubten Gemüthes zu ſchwatzen, und die Roſengluth ſchüchterner Liebe barg ſich hinter dem Schleier jung⸗ fräulicher Verſchämtheit. Die naturlichen Gefühlsaus⸗ Der alte Commodore. 3 79 brüche Rebekka's öffneten in Roſa's Buſen heilſamere und reinere Quellen der Empfindſamkeit. Roſa ge⸗ wann eine weſentliche Vorliebe für moraliſche Würde, und Underdown's Geſpräche mit deſſen Schuͤlerinnen— denn das waren die Mäͤdchen in der That, wenn auch nicht dem Namen nach— verliehen Einer derſelben wahre Erkenntniß der Schönheiten, und innige Liebe zur Erfüllung der Pflichken der Religion, und befeſtig⸗ ten im Herzen der Andern die längſt demſelben ſorglich eingeflößten Grundſätze. Nach Verlauf eines kurzen Monats war Roſa kaum halb ſo romanhaft, als ſie ehemals geweſen war, und zeigte ſich beinahe ganz verſtändig. Nach Verlauf „ deeſſelben kleinen Monats hatte Rebekka die beſten Fort⸗ ſchritte in alle dem gemacht, was zur Erhöhung der natürlichen Anmuth einer ſchönen und tugendhaften Jungfrau hinwirken kann. Während eben dieſes Mo⸗ nats war der alte Commodore umhergekreuzt, hatte ge⸗ fochten und den Hofmann geſpielt; Kapitän Oliphant aber, der mittlerweile ebenfalls gekreuzt war und ge⸗ fochten hatte, ſehnte ſich, den Liebhaber zu Roſa's Fü⸗ ßen zu ſpielen. Wo aber ſteckte unterdeſſen Mr. Plumerſand? Er war nicht weit, der Leſer darf's glauben; und ſo ward dens gar ſehr in der Nähe ein arges Unheil angeſponnen. Anfangs Auguſt— nicht früher als am zweiten, . nicht ſpäter als am ſiebenten jenes Monats— waren Roſa und Rebekka eines Abends Arm in Arm in eins der dichteſten Gebüſche von Treſtletree⸗Hall geſchlendert. Sie beſorgten keine Gefahr, obſchon es ſpät am Abend war, denn das Gebüſch lag innerhalb der Parkumzäu⸗ nung des Herrnhauſes. Der Tag war ſchwül geweſen, 80 Der alte Commodore. und der Thau noch nicht gefallen; ſo alſo ſchritten die Maäͤdchen hierher und dorthin zwiſchen den laubbekrön⸗ ten Grasplätzen. Miß Belmont hatte ihr Wohlbehagen am Mond⸗ ſchein noch nicht eingebüßt, und Miß Bacuiſſart hatte bereits angefangen, dieß Wohlbehagen kennen zu lernen. Arm in Arm luſtwandelnd, waren die beiden Schönen bei dem Austauſch ihrer Gedanken völlig ſo glücklich, als zwei Perſonen gleichen Geſchlechts es möglicher⸗ weiſe ſein können. Ja, ich zweifle, daß, wenn Roſa ihre Gefährtin gegen Kapitän Oliphant, und Rebekke die ihrige gegen ihren Vetter Auguſtus ausgetauſcht haben könnte, ſie höhere Glückſeligkeit empfunden haben würden— doch ich will hier vom Entzücken kein Wört⸗ chen geſagt haben. An eben dieſem Abend hatte Miß Belmont ihr In⸗ neres erſchloſſen, hatte der Freundin nichts aus ihrem früheren Leben verhehlt, und dabei mit vieler Seelen⸗ größe ſich ziemlich ſtreng gegen ihre Fehler bewieſen. Miß Bacuiſſart aber haßte den Herrn Plumerſand, wenn anders von ihr geſagt werden kann, daß ſie ir⸗ gend Jemanden haßte. So machte ſie denn ſich und der Gefährtin den Spaß, daß ſie das Wettrennen Mr. Plumerſand's beſchrieb, als dieſer ſeinen Dünnzopf zu retten hatte. Dann ſchritt ſie zur Geſchichte ihres ei⸗ genen Lebens, wie ſie verzogen worden war, und wie ſie ſich an jenem ziemlich boshaften Schwanke ergötzt hatte, jetzt aber ſich ſchämte, daß ſle ſo böswillig und eigenſüchtig hatte ſein können. Hierauf ſprach ſie von Auguſtus, und jetzt leuchteten ihre hellblauen Augen in einem Glanze, der ſelbſt den der Gluthaugen Roſa's überſtrahlte; ihr zarter Buſen wallte hoch auf, denn ihn ſchwellte eine hoffnung⸗ und troſtloſe Liebe; —— ,— — ,— Der alte Commodore. 81 ihre Pfirſichwangen rötheten ſich, und ein wenig abge⸗ ſondert von der Gefährtin, ſtand ſie da in aller Maje⸗ ſtät eines Tiefgefühls, das zu begreifen die Dame zar⸗ ter Gemüthsempfänglichkeit erſt ſeit ſehr kurzer Zeit be⸗ gonnen hatte.*— »Roſa,“« rief Rebekka in ihrem eben ſo wahren als füßen Schmerz—»Roſa, ich liebte ihn ſchon als wir noch Kinder waren. Wenn ich neben ihn mich ſetz⸗ te, war mir, als ſäße ich in einem friedeſtrahlen⸗ den Sonnenſcheine, und Alles um mich her erglänzte mir wie in himmliſchem Lichte! Ich liebe meinen Va⸗ ter, meinen guten, aufbrauſenden Vater, herzlich— ich beherrſchte ihn ſogar, und liebte ihn eben darum noch mehr; Auguſtus aber ward nie von mir beherrſcht, und dennoch liebe ich ihn inniger, o! weit inniger als meinen Vater. Es mag keck geſprochen ſein, wenn ich das ſage, Roſa; aber es iſt die Wahrheit. Lebte Au⸗ guſtus, ſo ſollteſt Du ihn nimmer zu ſehen bekommen; denn ſäheſt Du ihn, ſo würdeſt Du ihn auch lieben—. Ja, ja, Miß Belmont, lieben würden Sie ihn.« » Wie, Rebekka? verdien' ich das?« „»Nein, meine ſüße Lehrmeiſterin; Du verdienſt nichts Schlimmes; ſondern nur was lieblich, anmuthig und gut iſt; Auguſtus jedoch ausgenommen, denn ihn kann Keine verdienen— ſelbſt Du kannſt das nicht. Aber Weh iſt über mir— meine Herzensfülle iſt mir wahr⸗ lich eine Krankheit; ſpreche ich doch von Auguſtus, als lebte er noch, als wäre er nicht in unerforſchlicher Glückſeligkeit bei ſeinem Gotte, von wo er auf mich herabblickt und mich bemitleidet, ja, vielleicht mich liebt, wenn ein Engel des Lichtes einen ſo jaͤmmerlichen Wurm als ich bin, zu lieben vermag. Mein Herz iſt nicht ein Bißchen gefeſtigt, Roſa; ich kaun mein Elend Der alte Commodore. III. 6 82 Der alte Commodore. nicht tragen; ich muß eine Gegenaufregung haben; ich will wieder die eigenſinnige Tyrannin des Hauſes wer⸗ den; es lag Zeitvertreib— es lag Vergeſſen darin.« »Nicht doch, nicht doch, liebſte Rebekka!« »Wer ſoll mich hindern? wer mir gebietend entge⸗ gentreten? Iſt nicht Alles hier umher mein Eigen⸗ thum. Wo iſt das Nütßzliche der Bildung, die Du mir beibrachteſt? Kann ich das Andenken an Auguſtus nicht ehren, ohne meine Figur hinter der Harfe den Narren zur Schau zu ſtellen? Wozn nützt Geographie mir ſonſt noch, als den Ort ausfindig zu machen, an wel⸗ chem er im Meere umkam? Bedarf ich des Franzoͤſi⸗ ſchen oder Deutſchen, des Ikalieniſchen oder Lakeiniſchen, um ſeinen theuren Namen auszuſprechen— Auguſtus, Auguſtus, Auguſtus! Melodie ſind dieſe Sylben meinem wilden Herzen; und ſie ſchwichtigen mir die Seele mehr, als einer Mutter Lied an der Wiege ihres halbſchlum⸗ mernden Kindes geſungen. Würde es nicht eine gkor⸗ reiche Idee ſein, Roſa, wenn nun mein alter Vater heimging— Du ſiehſt, Roſa, wie wenig kindlich ge⸗ ſonnen ich bin, denn wenn ich an Auguſtus denke, liebe ich meinen Vater wenig, ach! ſehr wenfg— wenn nun der alte verdrießliche Mann in die Gruft ſank, würde es da nicht eine glorreiche Idee ſein, wenn ich jenes alte maſſive Steingebäude niederriſſe und daraus ein Grab— ein Monunment— ein Ding mit hartem Na⸗ men bauete— wie nennt man's doch, Roſa Belmont?« »Ein Mauſoleum,“ ſagte die durch die unbezähm⸗ bare Willensgewalt ihrer Freundin gänzlich bezwungene Roſaä. „»Mauſoleum? Das Wort klingt minder gut als Gruft, oder Tempel, ja ſelbſt als Grabſtein. Treſtle⸗ kree⸗Hall würde einen herrlichen Grufttempel abgeben; — Der alte Commodore. 83 nicht wahr Freundin? Und ich will's dazu machen, ſo⸗ bald mein Vater geſtorben ſein wird— ich, Rebekka Bacuiſſart. Aber Du ſprichſt nicht, Roſa? Erſchrecke ich Dich? Bisweilen erſchrecke ich Jeden; am Ende aber bin ich nur, was ſte aus mir machten, und ich würde dennoch etwas geworden ſein, wenn ſie den ar⸗ men Auguſtus nicht in die See gejagt hätten.“« „Was ſoll ich Dir ſagen, meine theure Rebekka? Ich erkenne Dich nicht in dieſem Deinen nenen Cha⸗ rakter. Nicht mehr ſehe ich in Dir das halbverſchämte, halbeigenwillige Kind, das ſich zur Jungfrau eifrig her⸗ anbildete. Ich begreife nichts von Dir, als daß ich Dich berzlich liebe, und— muß ich's ſagen?— und Dich ein wenig farchte.« „Ich will Dir etwas ſagen, Roſa;— ein Geheim⸗ niß, und ich erröthe nicht, es Dir zu geſtehen. In meinem vierzehnten Jahre war ich ein liebendes, ein leidenſchaftlich liebendes Mädchen. Da entriſſen ſie mir ihn, und ich nahm mir von Stunde an vor, ein eigen⸗ ſinniges Kind zu ſein. Für Auguſtus würde ich Alles — Alles gethan haben— jetzt erkenne ich nichts Mäch⸗ tiges mehr an, als meinen eigenen Willen, und meine unglückliche Liebe. Mag meine Liebe zu Auguſtus ro⸗ manhaft ſein— die Welt vermag nicht mir eine edlere und beſſere einzuflößen; d'rum ſoll dieſe Liebe im Leben mein Grundſatz, im Sterben mein Beiſtand ſein. Doch laß mich Dir von ſeiner Mutter— ſeiner fürchterlichen Mutter erzählen. Die Leute ſagen, ſie ſei toll; allein die Welt ſchmäht immer das, was ſie nicht begreifen kann. Gleich mir haugt ſeine Mutter an einem einzi⸗ gen, lebenfriſtenden Gedanken— an einer nimmer ſter⸗ benden Liebe zu Auguſtus.—« Rebekka erzählte nun der Freundin all' die troſtlo⸗ 6* 84 Der alte Commodore. ſen Hergänge im Leben Lady Aſtells. Sie ſchonte da⸗ bei ihres Vaters zu wenig, und— da wir nicht ver⸗ liebt ſind, müſſen wir's ſchon bekennen— lobte ih⸗ ren Auguſtus allzu ſehr. Dieſe ſchauerliche Geſchichte, die doch bloß häuslicher Natur war, machte Roſa ob des Werthes erröthen, den ſie bisher auf fein ausge⸗ ſponnenes Elend in Romanen gelegt hatte, und die einfache Redeweiſe, in welcher ihr jene Geſchichte mit⸗ getheilt ward, drang ihr geradezu zu Herzen und ließ dort eine nie zu tilgende Erinnerung zurück. »Jetzt Roſa, da Du Alles weißt, was auf meinen Auguſtus Bezug hat, ſo ſiehſt Du ein, daß, wenn er lebte, ich Dich nimmer ihn häkte erblicken laſſen. Grö⸗ ßere Huldigung hätte ich Deinen Vorzügen nimmer darbringen können. Den Todten kann ich betranern und dabei fortleben; nimmer aber hätte ich leben kön⸗ nen, um zu ſehen, daß eine Andere ihn, oder er eine Açndere liebte.« „Beruhige Dich, theure Rebekka; Dein Auguſtus würde nimmermehr mich, oder ein anderes Mädchen Dir haben vorziehen können.« „Wie magſt Du ſo ſprechen? Ich möchte beinahe fragen, wie darfſt Du ſo ſprechen? Gleich Dir war er reich an Körperſchöne, reich an lieblichem Weſen, und eines der ſanfteſten und doch tapferſten der Geſchöpfe Gottes. Sein Selbſt beherrſchte ihn nimmerdar! Wo er auch war, ſchien er nur das Glück Anderer zu er⸗ zielen— wie war er in dem Allen Dir ſo gleich! O, daß er etwas von jener Unbändigkeit an ſich gehabt hätte, die mir ſo reichlich zu Theil ward! Dann würde er ſich von ſeinem ungeſtümen Oheim, der mein Vater iſt, nicht haben wegreißen laſſen aus den Armen ſeiner Mutter und von der Seite ſeiner kleinen, ihn innig lie⸗ — Der alte Commodore. 85 benden, ihm gehorſamen Baſe; denn damals war ich ihm eben ſo gehorſam, als ich ihn liebte. Alle Anderen beherrſchte ich durch meinen Eigenwillen; er aber, voll lieblicher Freundlichkeit gegen Alle, ſo daß ihm gar kein Eigenwille blieb, war der alleinige Beherrſcher des meinigen. Daher, und daß er ſo liebfreundlich war, entſtand all dieß Mißgeſchick, all dieß Elend, all dieß endloſe Weh. Und dann war er, wie Du, beleſen und gebildet; hegte ſo hohe Begriffe von der Möglichkeit menſchlicher Vollkommenheit— ach, Roſa, Roſa! er hätte Dich lieben müſſen.« »Nun, ja, liebes Mädchen, ich will's glauben; und ich wuͤrde ihn auch wieder geliebt haben, jedoch nicht mit dem Glutheifer gegenſeitiger Leidenſchaft. Wir würden einander bewundert und der Artigkeiten viele geſagt, dann aber auch verſtohlen unſere beiderſeitigen Vorzüge in Vergleichung geſtellt haben. Vor der Welt würden wir als Nebenbuhler um der Welt Bewunde⸗ rung erſchienen ſein, und unſere Anſprüche auf dieſe würden uns zu einer zarten Neigung zu einander we⸗ der Raum noch Zeit gelaſſen haben.« Die keineswegs ganz gezähmte Rebekka hätte hier beinahe rufen mögen:»Loben Sie ſich ſelbſt ſo, Miß; nicht aber meinen Auguſtus!« indeſſen begnügte ſie ſich damit, ihr Köpfchen ſtolz zurückzuwerfen, und ihre ſchö⸗ nen Locken zu ſchütteln. „Meine Rede, ich ſeh' es, mißfällt Dir,« fuhr Roſa fort,»jedoch ich ſprach Wahrheit. Habe ich doch mei⸗ nen lieben Noll, den Gott täglich und ſtündlich ſegnen wolle, wie ich ihn ſegne; obwohl ich wirklich wünſche, daß er Alfred oder Edward hieße— der Name Oli⸗ phant geht ſchon an. Und liebe ich meinen Oliver doch herzlich, wiewohl eine kleine Tyrannei in meiner Liebe 86 Der alte Commodore.⸗ ſteckt, denn ich liebe ihn um ſo mehr, als ich weiß, daß ich in ihm nimmer einen Nebenbuhler, nimmer einen Ta⸗ del noch einen Richter finden werde. Ich vergöttere ihn um ſeines hohen moraliſchen Werthes willen— Re⸗ bekka, nicht für einen zwanzigfachen Auguſtus gäbe ich meinen kecken, tapfern, ehrlichen und hübſchen Oliver hin— doch ſtill, ich höre Jemanden—« »Unmöglich. Dieſer Theil des Parks iſt ringsum hoch abgehägt; auch darf ſich nicht einmal ein Diener des Hauſes unterſtehen, ihn zu betreten, ehe ich es nicht erlaubte; und meine Befehle hier werden pünkt⸗ lich genug vollzogen.« »Ich jedoch nehme mir heraus, ſie nicht zu beach⸗ ten,« ſagte ein trotzig hervortretender Mann. Miß Belmont kreiſchte und wollte davon laufen, Rebekka aber ſtand feſt dem Aufdringlichen gegenüber, und fragte, wie er ſich dergleichen unterſtehen dürfte. »Ich ſuche hier nach einem entlaufenen Miſſethäter, Miß Bacuiſſart. Im Namen des Königs, und als Magiſtratsperſon rathe ich Ihnen, mir nicht hinderlich zu werden. Ich bin mit geſetzlicher Vollmacht ver⸗ ſehen.« »Iſt dieſer Elende doch kein Anderer als Plumer⸗ ſand!« rief die unumſtändliche Rebekka. » Mein verhaßter Vormund!« ſagte die wenigtrö⸗ ſtende Roſa. »Ha! Miß Belmont! Bei allen Unmöglichkeiten, ſie iſt's!« ließ Plumerſand ſich vernehmen.»Darf ich fragen, Miß, wie Sie hierher kamen? wie Sie ohne meine Genehmigung Jaſpar⸗Hall verlaſſen konnten? Wo iſt Miß Dredgely?« Die letztere Frage war am leichteſten zu beantwor⸗ ten, und ſo fand Roſa denn ſofort Worte dazu:»Sie — Der alte Commodore. 87 iſt zu Ihren Dienſten in Jaſpar⸗Hall, Mr. Plumer⸗ 3 ſand,« ſagte ſie,»wo ſie Ihre ferneren Auordnungen erwartet.« „»Und Sie?« „Miß Belmont,“« ſiel Rebekka ein, indem ſie das Kabeltau des Geſpräches(denn das Wort„Faden“ würde hier nicht genügen), auffaßte—» Miß Belmont iſt mit Ihnen fertig. Sie hat ſich an den Lord Kanz⸗ ler um beſſere Vormünder gewendet, die ihr nicht Liebe abzwingen, ihr keine Verſprechungen abliſten wollen, alte und in böſem Rufe ſtehende Männer zu heirathen, und Seiner Herrlichkeit hat es gefallen, Miß Roſa's Geſuch dahin zu gewähren, daß ſie ſich zur Stunde, wenn nicht unter dem Dache, doch auf dem alleigent⸗ lichen Grund und Boden ihrer geſetzlichen Vormünder befindet.« „»Davon glaub' ich kein Wort. Ich will meine Au⸗ torikät geltend machen, bis das Geſetz mir Weiſung giebt, dieſelbe niederzulegen. Miß Roſa, kehren Sie zu Ihrer Pflicht zurück. Weiter will ich für jetzt nichts ſagen. Andere dringende Sachen ſollen Ihnen bei ſchicklicherer Gelegenheit in's Gewiſſen geſchoben wer⸗ den, ſobald ich im Stande ſein werde, Ihnen zu bewei⸗ ſen, daß ich Ihr beſter, Ihr einziger Freund bin. Mein Verfahren mag rauh zu ſein ſcheinen, allein ich muß Sie mit mir nehmen.“« „Ol ol ol« ſchrie die zarte Heroine.. „Das ſollen Sie wohl bleiben laſſen!« entgegnete die ſchlichte Rebekka. 5 „Und ich werd' es doch thun, Jungfer Winzig. Sie hätten billig ſchon ſeit zwei Stunden zu Bette gelegt, und damit Ihnen Ihr Recht geworden wäre, vorher gepeitſcht worden ſein ſollen⸗« 3 88 Der alte Commodore. »Achte nicht darauf, was dieſer elende Ungeſchliffene faſelt, Roſa. Lauf' in's Haus, während ich den Er⸗ bärmlichen hier feſthalte. Will er ſich unterſtehen, zu verſuchen Dir zu folgen, ſo werd' ich ihm die Seele aus dem Leibe ſchütteln. Lauf, Roſa, lauf' und bring' das ganze Haus hieher.« Indem ſie dieß ſagte, legte ſie furchtlos feſte Hand an Herrn Plumerſand. Roſa lief fort. »Laß mich los, Du weiblicher Satan! Los laß mich, ſag' ich. Bei'm Himmel! ich ſchlage Dich zu Boden, obſchon Du ein Frauenzimmer biſt, wenn Du nicht zur Stelle mich losläſſeſt. Willſt Du, oder nicht?« »Nicht vom Flecke ſollen Sie, Sir, bevor nicht Leute kommen und Sie wegen dieſes Ihres ſchändlichen Ueber⸗ falles feſtnehmen.« »So habe denn, was Du Dir ſelber zuzogſt!« ſchrie Plumerſand, und des Elenden Fauſt ſiel nieder auf das ſchöne Geſicht der unerſchrockenen Rebekka; die jedoch nicht losließ, auch nicht unter dem Schlage ächzte, wie⸗ wohl's ein derber Schlag war.»O, daß ich eine Waffe hätte!« rief ſie;»daß irgend ein ſtarker Arm in der Nähe wäaͤre, die dem letzten Sprößliug der Ba⸗ cuiſſarts angethane Schmach zu rächen! O warum lebſt Du nicht mehr, Auguſtus!« Plumerſand hatte bereits die Hand zum zweiten Schlage erhoben, um ſich loszumachen, als er zu Boden geſtoßen wurde, und ein ſchlanker, ſchlecht gekleideter, wild ausſehender Menſch einen ausländiſch geformten ſcharfen Dolch in Rebekka's Hand ſchob. Sein Blick begegnete für einen Augenblick dem des Mädchens; dann verſchwand der Befreier mit den Worten»Stoß zu!« »Ha! wie der Fluch der Erfüllung meiner böſen — Der alte Commodore. 89 Wünſche ſo ſchnell über mich kommt!« ſagte Miß Bac⸗ niſſart.»Aber der Elende liegt beſinnungslos, und ich will nimmer ſein Blut vergießen, obwohl mich dünkt, daß er es verdiente.“ 4 Wiele Lichter näherten ſich jetzt, doch bedurfte man ihrer bei dem klaren Mondſcheine kaum. Nicht wenig verwundert waren Mr. Underdown, ſo wie Mrs. Oli⸗ phant und deren Tochter. Miß Mathilde aber kam nicht mit, denn ſie war, wie gewöhnlich, in Ohnmacht geſunken. Verwundert, ſage ich, waren Alle, als ſie Rebekka mit gezücktem Dolche in der Hand, vor dem hingeworfenen, beſinnungsloſen Plumerſand fanden. Plumerſand ward in's Haus getragen, und ehe er noch wieder zu ſich ſelber kam, befanden der gebieteriſche Doktor Ginningham mit ſeinem Rohrſtocke, und der ſchweigſame Apotheker Calumbo ſich zu amtlicher Dienſt⸗ leiſtung neben dem Lager des Geſchlagenen, der ſeinen Hieb von eben ſo ſtarker als freigebiger Hand bekommen hatte.* Die erſten Worte, die Plumerſand herlallte, waren: „Die Wölfin ſchlug mich tüchtig, aber mir ſoll Rache an der ganzen Brut werden.“« „Still! Mein Patient ſchwatzt. Man kneble ihn. Zapfen Sie ihm, liebſter Calumbo, noch zwölf Unzen Blut ab, ſobald er nur noch eine einzige Sylbe hören läßt. Mr. Plumerſand, Mr. Plumerſand! ich ſagte Ihnen, Sie würden eines Tages mein Patient ſein. Jetzt ſind Sie's, alſo— kein Wort geſprochen! Der Zopf muß nun endlich fort. Ihnen muß der Kopf rat⸗ tenkahl geſchoren werden— es könnte doch eine inner⸗ liche Verletzung ſtattgefunden haben. Geſchwind Ca⸗ lumbo, geſchwind! er werde geſchoren; dann ſetze man ihm Blutigel—« 90 Der alte Commodore. »Eher ſoll Ihnen alle Verdammniß in den Leib fah⸗ ren!« ſchrie Plumerſand. „Wilde Worte!« ließ ſich der Doktor vernehmen— „Ausbruch von Delirium— von Wahnwitz! Iſt nichts im Hauſe, das einer Zwangsweſte gleichen möchte, ver⸗ ehrter Mr. Underdown?« »Ich glaube nicht, daß wir mit Artikeln ſolcher Art gehörig verſehen ſind,« verſetzte der Gefragte, den bei all ſeiner Ruhe der Gang, den die Dinge nahmen, zu kitzeln ſchien. „Große Nachläſſigkeit in einem ſo angeſehenen Hauſe wie Treſtletree⸗Hall. Nicht, daß dieſe Bemerkung Sie perſönlich treffen ſoll, Mr. Underdown. Sie ſprechen wenig, und immer nur zweckgemäß— ein großes Ver⸗ dienſt an Ihnen, Sir. Sie ahmen darin mich auf das Strengſte nach. Wohlan denn! aus Mangel an einer Zwangsweſte laſſen Sie vier von Ihren ſtärkſten Haus⸗ bedienten herauffkommen— nervige Männer, die das arme Geſchöpf hier niederhalten; ich muß ſonſt fürchten, dieſer Widerſpenſtige übt Gewaltthat gegen mich, ſeinen Arzt. Halt' ihn, John Butler, halt' ihn feſt— ich ſeh's, er kriegt's Hirufieber. Noch mögen Sie nicht völlig toll ſein, Mr. Plumerſand, doch würden Sie es bald werden, wenn ich nicht alle möglichen Vorkehrun⸗ gen dagegen träfe.« „»Dieſe verfl— Vorkehrungen werden mich toll ma⸗ chen—« „Sprechen Sie nicht. Patienten ſollten gar keine Bemerkungen machen; ſollten bloß die Fragen ihres Arztes beantworten. So recht, dieſe vier Mann wer⸗ den genügen. Haltet ihn nieder, Ihr Leute; er wird Jedem von Euch einen Kronthaler geben, ſobald ich ihn als geheilt entlaſſe. Haltet ihn ſtramm, jedoch ohne Der alte Commodore. 91 ihn zu kneifen— ſo recht! Iſt hier Jemand, der das Barbieren verſteht?« Peter Drivel trat vor und erklärte mit vieler Dumm⸗ dreiſtigkeit, daß, wenn Mr. Plumerſand die Gebühren zahlen würde, er ihn ſo kahl ſcheeren wollte, daß kein Haar ihm auf dem Kopfe bliebe, welches gegen die Trefflichkeit der Operation zeugen könnte. „»Aha! ein witiger Kopf— gut, gut! da wird's an Seifenſchaum nicht fehlen. Au's Werk, Ihr Leute. Ca⸗ lumbo, halten Sie Blutigel und ſpaniſche Fliegen zur Hand.. Plumerſand, welcher ſah, daß die Dinge ſich für ihn zum Schlimmſten geſtalten wollten, fand, daß ſeine Ge⸗ fahr durch Heftigkeit und Widerſetzlichkeit nur vergrö⸗ ßert ward; ſo alſo nahm er ſeinen mildeſten Blick, ſein einſchmeichelndeſtes Lächeln an, und bat mit dünner, mädchenhafter Stimme den Doktor Ginningham, ihm doch noch Einmal den Puls zu fühlen. Dann ergoß er ſich in argliſtige Lobpreiſung der ärztlichen Geſchicklich⸗ keit Ginningham's und ſchätzte ſich glüͤcklich, in die Hände eines ſo berühmten Mannes gerathen zu ſein. „Welche Wunderkur,« ſchloß Plumerſand ſeine Spei⸗ chelleckerrede—„»welche Wunderkur verrichteten Sie an der waſſerſüchtigen Wittwe Duck!« »Man mag ſein rechtes Bein loslaſſen,« verordnete der Arzt. „Und wenn die dumme Alte auch hinterdrein ſtarb,« fuhr der Schlaue fort,»ſo geſchah es nur, weil ſie ſich dem elenden Praktiker, Doktor Stummel, anvertrauete.⸗« „Es wird nicht nöthig ſein, die beiden Beine des Patienten länger zu halten,« ließ Ginningham ſich ver⸗ nehmen. 3 „Nein, Doktor, erachten Sie s für nöthig, ſo füg Der alte Commodore. ich mich willig darein. Ich weiß, in welchen guten, Ruckſicht nehmenden Händen ich mich befinde. Nim⸗ mermehr würde ich mich jenem Stummel anvertrauen, von dem keine Seele mit Gewißheit ſagen kann, woher er eigentlich ſein Doktordiplom hat.«. „Es iſt richtig!« rief der Arzt.»Man laſſe auch die Arme dieſes Gentlemans los; ſein Fieber iſt ſtark im Sinken begriffen; auch fand keine Hirnerſchütterung bei ihm Statt. In meinem Leben hörte ich keinen Men⸗ ſchen vernünftiger ſprechen; ſo alſo werden auch Blut: igel und ſyaniſche Fliegen unnöthig ſein.« Der Patient hatte die rechte Weiſe ausfindig ge⸗ macht, den Doktor für ſich zu ſtimmen, ſo daß bald nachher ſie als die beſten Freunde von einander ſchieden, und Mr. Plumerſand nicht nur ſeinen Zopf rettete, ſon dern auch von Blutigeln und ſpaniſchen Fliegen be⸗ freit blieb.— Der alte Commodore. 93 Siebentes Kapitel. „»Lehr' an Tyrannenhöfen Kriecherei, Zeſuiten, welche reiſ'ten, lehre lügen, Dem Feuer lehre brennen, Quellen lehre 2. Bergnieder fließen, Winden lehre blaſen, Dem Felsklump lehre feſt im Grunde liegen, Den Weibern lehre Stolz und Unbeſtand, Und ſieh dann zu, wie Deine Lehren fruchten; Doch, bitt' ich, lehre mir die Liebe nicht!« Cowley. Folgenden Tages hatte Mr. Plumerſand jedoch eine krittlichere Rechnung mit Mr. Underdown abzumachen. Bei der Erklärung, die dieſer ihm gab, erkannte der ehemalige Vormund zu ſeinem Schrecken, wie ſeine Pläne auf ſeine Mündel durchaus vereitelt worden waren, und wie ſein guter Ruf zuſammenſchrumpfte. Inu Verfolgung ſeiner rachſüchtigen Abſichten gegen die Familie Bacuiſſart hatte er ſich in der Nähe von Treſtletree⸗Hall aus Gründen verſteckt gehalten, die ſpäter an den Tag kommen werden. So ſetzte er ſich außer Verkehr mit ſeinem Anwalte Scharfus, und er⸗ hielt daher nicht die Berichte, die dieſer ihm geziemend nach Jaſpar⸗Hall eingeſchickt hatte. Nimmer war es ihm eingefallen, daß ſo entſcheidende Schritte gegen ihn gethan werden würden. Er ſah ſich vor aller Welt be⸗ ſchimpft und obendrein der Mündel verluſtig. Als er nun grämlich und mürriſch erklärte, daß er ſich wohl genug fühlte, wegzufahren, welches jedoch erſt am folgenden Morgen geſchah, und nun ſein Wagen an 94 der Thür hielt, ſagte ohne Nachdruck und Geberdenſpiel Mr. Underdown zu ihm:»Sobald Sir Octavius und Kapitän Oliphant hier ankommen, werden Sie gewiß Ihr Beſtes thun, um deren perſönliche Strafahnung von ſich abzuhalten. Ihr böſer Handet liegt klar am Tage. Sie haben ſich eines frechen Ueberfalls auf unſerm Grund Der alte Commodore. und Boden, und das noch dazu gegen die Erbin des anſehnlichſten Landgutes der angeſehenſten Familie der Grafſchaft ſchuldig gemacht.« »Die Tigerin ſchlug mich grimmig!« knurrte Plu⸗ merſand zwiſchen den Zähnen. »Sie würde nicht zu grimmig geſchlagen haben, wenn ſie Sie todtgeſchlagen hätte. Stets iſt ein Arm bereit, die Bacuiſſart's zu rächen.« 3 »Vipern ſind ſie alle!«— »Ihr Vorwand, daß Sie hier nach einem Miſſethä⸗ ter ſuchten, deſſen Namen und Ausſehen Sie uns nicht mittheilen wollen, iſt eine ſchale, und wie ich fürchte, lügenhafte Ausflucht. Wären Sie geradezu zu uns ge⸗ kommen, ſo würden wir Ihnen Beiſtand im Nachſuchen geleiſtet haben. Warum maßen Sie ſich das Amt eines Häſchers an? Ich werde Sie ſofort wegen Ihres Ueberfalls anklagen, und Sie zu Cautionleiſtung verur⸗ theilen laſſen; erwarten Sie zu dem Ende eine Citation von Seiten der Obrigkeit, ſobald Sie zu Hauſe ange⸗ langt ſein werden. Ihr guter Ruf iſt für immer dahin, und vielleicht ſteckt noch ſo viel Ehrgefühl in Ihnen, daß Sie eben deßbalb ſichf aus unſerer Nachbarſchaft fort⸗ begeben werden, wofür wir Ihnen denn recht dankbar ſein, und worüber wir uns von Herzen freuen wollen.« » Sind Sie zu Ende?« entgegnete Ruben Plumer⸗ ſand;„haben Sie Ihr Gift ausgeziſcht, Sie gemäſteter Paraſit dieſer geldſtolzen Familie? Wie elend und ent⸗ Der alte Commodore⸗ 4 95 würdigt Sie auch ſind, ſollen Sie dennoch bald über dieſe Familie erröthen— die ich bald den Hefen des Volks beigeſellen, deren Namen ich mit ſolcher Schande beworfen ſehen will, daß die Leute, wenn ſie ihn nennen hören, vor demſelben ausſpucken. Das will ich thun, und gleich will ich es thun. Dir, Du wilde Katze, mit den Krallen der Beiſchläferin eines Keſſelflickers, Dir will ich Diſteln und Nachtſchatten auf's frühe Grab pflanzen—« „Underdown, laſſen Sie mich dem Tölpel die Ohren zauſen!« rief Rebekka. „» Und Sie, Jungfer Roſa,« fuhr der Schimpfende fort,»Sie ſollen's vor Gericht kriegen. Ihnen will ich Ihr Vermögen bis auf den letzten Heller abproceſſiren, und dann mögen Sie in Hunger, Elend und Schmach umkommen! Und dieß Alles will ich thun, oder nicht mehr das Leben haben— ſo wahr mir Gott helfe!« Nach dieſer Ausſprudelung ſtürzte er fort, und ließ ſeine ehemalige Mündel nahe daran, in Krämpfe zu ver⸗ fallen. Mr. Underdown fühlte tiefes Mitleiden und unbeſchreiblichen Widerwillen gegen den Elenden, wäh⸗ rend Miß Bacuiſſart dem drohenden Frechling gern die Feuerzange, mit der ſie ſich während der jüngſten fünf Minuten bei'm Kamin zu ſchaffen gemacht hatte, an den Kopf geworfen hätte⸗ Im Verlaufe deſſelben Tages ward Mr. Plumerſand obrigkeitlich angehalten, Caution zu leiſten, ſich gebüh⸗ rend und zu gehöriger Zeit vor Gericht zu ſtellen, um ſich gegen die Ar⸗lage nächtlichen Ueberfalles und Ge⸗ waltthätigkeit gegen eine junge Dame zu reinigen. Da Mr. Plumerſand kein Verkriechen mehr helfen konnte, barg er ſich nicht mehr in entlegenen Baueru⸗ hütten, und ſpähte nicht heimlich mehr umher, ſondern — 96 Der alte Commodore. bezog eine Wohnung auf einem ſeiner Güter, wo er Niemanden vor ſich ließ, und alſo ſich der erwünſchten Einſamkeit erfreute. Da er das Aufgreifen des Spions und Verräthers nicht für ſich allein bewerkſtelligen konnte, wodurch er doch hauptſächlich ſich an der Familie Bacuiſſart rächen wollte, durch welche er ſo ſchlau um ſeine Mündel gebracht worden war, ſo be⸗ ſchloß er, ſeine Maßregeln öffentlich zu ergreifen. Er nahm alſo zwei derbe, brotloſe Wildhüter in Dienſt, die nicht im beſten Rufe ſtanden, unde beabſichtigte, mit dieſen jeden Morgen Landes, fünf Stunden Weges um Aſtell⸗Houſe und Treſtletree⸗Hall herum, zu durchſtöbern. Sein Grimm gegen die Bacuiſaart's milderte ſich kei⸗ neswegs, als er den unheilſchwangeren Bericht las, den ſeine Couſine Dredgely ihm über das abſtattete, was ſie einen treuloſen Abfall einer Mündel von. ihrem Vor⸗ munde nannte. Miß Dredgely rühmte daneben den von ihr geleiſteten Widerſtand, und ſchimpfte in den gewählte⸗ ſten Ausdrücken nicht nur auf den Kapitän Oliphant und Mr. Underdown, ſondern auch auf Peter Drivel. In⸗ dem ſie ſo die eine Hälfte des Herzens Plumerſand's mit Haß erfüllte, hoffte ſie, die andere Hälfte würde ſich in Liebe zu ihr entzünden. Dem Allen wurden Winke äber die Leichtfertigkeit des Benehmens Roſa Belmont's im Allgemeinen beigegeben; auch verſchwieg Couſinchen keinen einzigen Ausdruck, deſſen Roſa ſich über ihren Vormund bedient hatte, und der irgend ge⸗ eignet war, dieſen in Harniſch zu jagen. Plumerſand konnte aus dem Allen nicht recht klug werden; doch fing er an zu begreifen, daß ſeine achſelträgeriſche Ver⸗ wandte wohl Hand mit in dem böſen Spiele gehabt haben möchte, das mit ihm getrieben worden war. Als er die Briefe ſeines Anwaltes Scharfus las, . Der alte Commodore. 97 fand er Alles beſtätigt, was von Miß Dredgely berichtet worden war, und erſchrak nicht wenig über die großen Kooſten, die er zu bezahlen hatte. Von den Umſtänden dazu gezwungen, beſchloß er, ſich großmüthig zu zeigen, und ſchrieb folgende Zeilen an Miß Dredgely: „»Liebe Miß und Couſine. „Mit einem von Erkenntlichkeit überwallenden Herzen danke ich Ihnen für den Eifer, den Sie in meinen Angelegenheiten an den Tag legten; und obwohl dieſer ohne Erfolg angewendet ward, ſo weiß ich denſelben doch nach ſeinem ganzen Werthe zu ſchätzen, auch ſoll er nicht unbelohnt bleiben. Da ich nun auf ſo ſchmachvolle Weiſe der Vormundſchaft über Miß Belmont beraubt ward, ſo muß Ihr fer⸗ ½ neres Verweilen zu Jaſpar⸗Hall auf Ihre eigenen Koſten und eigene Gefahr geſchehen, denn es iſt den gegenwärtigen aufdringlichen Vormündern Miß Bel⸗ mont's zuſtändig, Ihnen für jeden Tag, den Sie da⸗ ſelbſt von nun an noch zubringen, eine Rechnung we⸗ gen Koſt und Logis aufzumachen, auch Sie zu zwingen, dieſelbe zu bezahlen, welches dieſe Leute denn auch, vermöge ihrer rachſüchtigen Natur und ihres Haſſes gegen mich ſonder Zweifel thun werden. „Da ich aus dem Briefe meines Anwaltes, Mr. Scharfus, abnehme, daß Sie Ihren Gehalt bis zu dem Augenblicke bezogen haben, an welchem meine Mändel von mir genommen ward, ſo haben Sie keine weitere Forderung an mich; deſſen ungeachtet aber, weil Sie ſofort abziehen müſſen, und weil ich Ihnen einen Beweis meiner Erkenntlichkeit gegen Ihre an meinen Angelegenheiten bewieſene Theilnahme zu ge⸗ 5 ben, mich verpflichtet fühle, lege ich Ihnen eine halbe Einpfundnote und meine Wünſche für Ihr Wohler⸗ Der alte Commodore. II. 7 Der alte Commodore. gehen bei. Eine zweite Halbpfundnote ſoll Ihnen an den von Ihnen zu beſtimmenden Ort nachgeſchickt werden, ſobald Sie von Jaſpar⸗Hall weggezogen. Melden Sie mir ſolchen Ort, aber thun Sie es poſt⸗ frei. Nicht, daß ich mich weigern möchte, das Porto für einen Brief von einer theuren nahen Verwandtin an mich zu bezahlen, ſondern weil ich zur Zeit der An⸗ kunft ſolchen Briefes, leicht abweſend ſein könnte, und meine Leute ein für allemal den Befehl haben, keine nen, Sie würden am beſten thun, wenn Sie ſich wie⸗ der bei der ſchwindſüchtigen Wittwe des Tabacksfa⸗ brikanten im Sanct⸗Bartholomäus⸗Hofe in die Koſt gäben; Sie haben es dort billig. Die alte Perſon wird's nicht lange mehr machen, und Ihnen gewiß, wenn Sie's nur danach anfangen, ein vernünftiger Weiſe zu hoffendes Kapital ausſetzen. »Ihre Abſicht, hieher zu kommen und mein Haus⸗ weſen zu führen, kann, werthe Miß und Couſine, ſich nimmer zur Wirklichkeit geſtalten, indem ich gar kein Hausweſen halte, und ſo wie die Sachen jetzt ſtehen, genng zu thun habe, mich in dieſer verrätheriſchen und verleumderiſchen Gegend bei Ehren zu erhalten. Miß Roſa hält ſich mit etlichen anderen Frauenzim⸗ mern und mit der glatten Schlange, Underdown ge⸗ nannt, zu Treſtletree⸗Hall auf.⸗Mir zum Aerger ſieht ſie geſund und glücklich aus; aber es ſoll nicht von Dauer ſein, ich ſag' Ihnen, Miß, nicht von Dauer ſoll das ſein. „Sie werden mich entſchuldigen, daß ich dieſes Schreiben unfrankirt an Sie befördere; allein ich bin zu ſehr von den Gerichtskoſten mitgenommen worden. „»Stets Ihr Sie verehrender Vetter „»Ruben Plumerſand.s unfrankirten Briefe an mich anzunehmen. Ich ſollte mei⸗ — Der alte Commodore⸗ 99 Die reiche Gabe, die in dieſem wortreichen Briefe zu einer zweifachen gemacht ward, koſtete, da ſie erſt den Weg nach London, und von dort beinahe den nach Land's⸗End hatte zurücklegen müſſen, der ſchönen Em⸗ pfängerin baare fünf Schillinge. Mrs. Dredgely las die Epiſtel mit dem größten Erſtaunen— eine ſolche Fülle gemeinen Sinnes war ihr noch nimmer vorge⸗ kommen. „Laß doch ſehen,« ſprach ſie, indem ſie ergrimmt mit den Zähnen knirſchte,»was dieſes lieben Vetters Frei⸗ gebigkeit mir am Ende ausbeutet! Da ich nicht Luſt habe, von hier wegzuziehen, Roſa auch ſicherlich mich nicht forttreiben wird, ſo koſten die beiden Briefe mit darin befindlichen zwei Halbpfundnoten baare zehn Schil⸗ linge Porto, und mein Rückſchreiben deßhalb, das mit meinem ergebenſten Danke befrachtet zu ſein hat, ver⸗ langt noch fünf Schillinge— Summa Dreiviertelpfund — O Du ſchabbiger alter Filz! Und das thut er an mir, der einzigen lebenden Verwandten, die er außer ſeinem Erben hat, den er ärger haßt, als ſeine Gedanken an ſeinen Sarg! Und der denkt daran, ſich mit Miß Roſa zu verehelichen? Mit den Würmern mag er verehelicht werden, die nach ſeinem ausgetrockneten Leichnam lun⸗ gern!« 3. Miß Dredgely war ein gottloſes Frauenzimmer, aber ihre Gottloſigkeit entſprang aus ihrer Geiſtesſchwäche. Waͤre ſie vom Glücke begünſtigt worden, ſo würde ſie eine ehrenwerthe Rolle im Leben geſpielt haben. Sie ſelber wünſchte Güterbeſitz, und förderte dieſen auch gern für Andere, aber ſie konnte den Verſuchungen nicht wi⸗ derſtehen, zu denen ſie durch Mangel und Armuth ge⸗ lockt ward— ſie war dazu unter zu guten Verhältniſſen herangewachſen. Leute von ſolcher ſchwachherzigen Gat⸗ 100 Der alte Commodore. tung, eben weil ſie nichts ſo ſehr, als ihr eigenes zeit⸗ liches Wohl, lieben, haſſen alle Diejenigen von Grund der Seele, die ihnen daſſelbe verkümmern möchten. Miß Dredgely hatte jetzt Urſache genug, Herrn Plumerſand zu haſſen, und dieſer ihr Haß erzeugte in ihr ein gott⸗ loſes Flehen, nämlich:»das Alles lohnende und Alles rächende Geſchick möchte ſie flugs zum Weibe dieſes Mannes machen, damit ſie demſelben zum Fluche würde!« Nachdem ſie dieß Sündengebet in Gedanken geſpro⸗ chen hatte, ſchrieb ſie an ihn, den ſie im Geiſte als ih⸗ ren künftigen Gatten betrachtete, einen an Demuth, Unterwerfung, Dankbarkeit und Schmeicheleien überrei⸗ chen Brief. Dieſer Köder lockte; Mr. Plumerſand ſchwur, ſeine Kouſine ſei die Trefflichſte aller Jung⸗ frauen, und begann den Wunſch zu hegen, ſie möchte Roſa's Vermögen beſitzen, damit er ſie zur Beherrſche⸗ rin ſeines Hauſes und— wir müſſen's ihm ja wohl nachſprechen— ſeines Herzens machen könnte. Miß Dredgely ging in ihren Spekulationen keines⸗ wegs fehl. Unter voller Zuſtimmung des Mitvormun⸗ des Underdown ſchrieb Miß Belmont ihr ſehr freund⸗ lich, bat ſie, nach Gefallen in Jaſpar-⸗Hall zu bleiben, und keineswegs ſich irgend eine Bequemlichkeit, an die ſte gewöhnt ſein möchte, zu entziehen, wohl aber ſich berechtigt zu ſehen, ſo lange, bis Roſa zur Volljährig⸗ keit gelangt ſein würde, ihren Gehalt als deren Hof⸗ meiſterin nach wie vor zu beziehen. Das war Balſam für Miß Dredgely's gekränkten Stolz, und ein Gegenmittel gegen ihre Furcht vor der ſchwindſüchtigen Wittwe, deren magerer Koſt und er⸗ bärmlichen Wohnung in der beſchränkten Sphäre des Sanct Bartholomäus⸗Hofes. Dieſe Zuſchrift Roſa's Der alte Commodore. 101 beantwortete ſie durch ein Dankſagungsſchreiben ganz anderer Art, als das war, welches ſie an ihren filzigen Vetter erlaſſen hatte. In ihrem Briefe an Miß Bel⸗ mont führte ſie eine einfache, gelaſſene, und wiederum ihren Zweck fördernde Sprache; in ihrer Epiſtel an ihren»lieben Verwandten“ aber drückte ſie grenzenloſe Liebe, nimmer genügendes Dankgefühl und unvergleich⸗ liche Unterwürfigkeit aus⸗ Wenn meine Leſer Briefe zu leſen bekommen, ſo mögen ſie dabei an Miß Dredgely's Korrespondenzfüh⸗ rung denken! Achtes Kapitel. „So wahr des Himmels Heilige der Armen, Die hier mit Elend ringen, ſich erbarmen, So wahr bleibt für und für Dein frommer, reiner Geiſt bei mir.« Altes Gedicht. An dem Abende des Tages, an welchem Mr. Plu⸗ merſand hatte Kaution ſtellen müſſen, ſchwebte ein un⸗ gewöhnliches Düſter über dem Frauenkreiſe zu Treſtle⸗ tree⸗Hall, ſo daß derſelbe, obſchon er aus fünf ſonſt hei⸗ tern Perſonen beſtand, es hinſichtlich ſeiner Schweig⸗ ſamkeit mit einer Quäkerverſammlung hätte aufnehmen können. Ein Geheimniß unbehaglicher Art fördert gewöhn⸗ 10⁰0² Der alte Commodore. lich eben ſo ſehr das Schweigen, als ein Wunder die Geſchwätzigkeit fördert. Mr. Plumerſand war in der irrigen Meinung geblieben, der Streich, der ihn zu Boden warf, wäre ihm von Rebekka's Hand gekommen. Dieſe Meinung hatte Vieles für ſich; denn wir wiſſen, auf welche unweibliche Weiſe Rebekka erzogen oder vielmehr verzogen worden war. Auch die Hausgenoſſen glaubten nicht anders, als Miß Bekky habe, da ſie mit dem Dolche in der Hand vor Plumerſand ſtehend ge⸗ funden worden war, dieſen mit dem Knaufe der Waffe an den Kopf geſchlagen, und ihn dadurch betäubt. Mr. Underdown hatte bisher unterlaſſen, die eigen⸗ ſinnige junge Erbin von Treſtletree⸗Hall über die Sache zu befragen; denn er wußte wohl, daß die mindeſte Anmaßung von Autorität von ſeiner Seite ihn um die wenige bringen würde, die er noch über Rebekka hatte. Dieß erſte Ergebniß eines wirklichen Romans im Le⸗ ben— mindeſtens eines, das ſich einigermaßen dem Fürchterlichen näherte, hatte nur allzu deutlich⸗gezeigt, wie wenig Romanheldin Miß Belmont war. Den gan⸗ zen Tag hindurch blieb ſie von Furcht erſchüttert, und all' ihre Verſuche, ſich zu faſſen und heiter zu ſein, blieben erfolglos, denn man ſah ihnen das Erzwun⸗ gene an. Rebekka dagegen war ungewöhnlich ruhig und ge⸗ ſetzt. Saß ſie, ſo ſaß ſie mehr aufgerichtet, als ſonſt; ging ſie, ſo ſchritt ſie, ſo zeigte ſie eine Haltung, wie die einer Königin. Auch ſie war den Tag hindurch ungewöhnlich ſchweigſam geweſen, oder, wenn ſie ge⸗ ſprochen hatte, war es in empfindſamen, lakoniſchen und ſpitzigen Redensarten geſchehen. Zuverläſſig beſchäftigte ſich bei ihr der Verſtand mit jenem Ergebniß, durch — — e Der alte Commodore. 103 welches die Phantaſie der übrigen Frauenzimmer in Thätigkeit erhalten ward. Tante Mathilde trug kindiſches Verlangen, zu wiſ⸗ ſen, wo Rebekka den Dolch gelaſſen hätte, und ob ſich Blut an dieſem befände; Rebekka aber ſuchte ſie dahin zu beruhigen, daß der Dolch gut verwahrt, und am Blutvergießen gänzlich unſchuldig, wenigſtens von ihrer Hand, geblieben wäre. Wie aber bekam Bekky den Dolch? grübelte Tant⸗ chen Mathilde, und beſchloß, ſolches ausfindig zu machen.. „Laſſen Sie uns ein wenig muſiciren,« nahm Un⸗ derdown das Wort. Man verſuchte dieß, und der Verſuch wies aus, daß Miß Belmont— v„ verſteht ſich, nur an dieſem Abend,« wie es in lobhudelnden Opernkritiken zu heißen pflegt— ein wenig ſtark detonirte, und daß ſie— ebenfalls»nur für dießmal«— ſchlecht auf der Gui⸗ tarre, und ganz abſcheulich auf der Harfe ſpielte; Re⸗ bekka aber blickte auf alle dieſe Verſuche mit einer Art von würdevoller Geringſchätzung. Halb weinend ließ Roſa die Harfe ſtehen, und ſetzte ſich neben Rebekka. »Noch nie ſpielte ich ſo ſchlecht, als heute,« ſagte ſie. „Roſalieb, Du ſprichſt da nur allzuſehr die Wahr⸗ heit,« verſetzte Bekky. „Das Inſtrument iſt entſetzlich verſtimmt.« »Mit nichten; Du ſollſt nicht ſo meine Harfe lä⸗ ſtern; die Verſtimmung ſteckt in Dir. Laß mich Dich überzeugen. Ich will Dir das Muſikſtück vorſpielen, das Du mich jüngſt lehrteſt, und dann tadle die Stim⸗ mung meiner Harfe, wenn Du kannſt.— Verſtan⸗ den?“ wie mein guter Vater zu ſagen pflegt.« Der alte Commodore. Sie ſpielte das einfache Liedchen, und dhwohl noch Anfängerin, ſpielte ſie es mit Ausdruck und Gefühl, daß Alle ſich verwunderten. »„Ich habe meine gute Harfe gerechtfertigt,« ſagte Rebekka gelaſſen, als ſie ſich wieder neben Miß Bel⸗ mont ſetzte. 1 „Und Dich obendrein,“ verſetzte dieſe, indem ſie dicht zu ihr heranrückte.»Du zeigſt Dich als eine wahre Heldin, rangeſt geſtern ſogar mit einem Böſewicht—« »Nicht ſo eigentlich, liebe Roſa. Aber,“« ſetzte ſie in traulichem Geflüſter hinzu,»aber möchteſt Du wohl, wenn die Anderen zu Bett ſind, im Park mit mir je⸗ nen Böſewicht aufſuchen?« Dieſer verwegene Antrag war faſt zu ſtark für Miß Belmont; ſie umhalſete und küßte die Freundin mit Haſt, und ſagte:»Ich will, ich will mit Dir gehen, aber es wird mir das Leben koſten.« Dabei ſprach ſie laut genug, daß Underdown es zum Theil hörte. »Mitgehen? wohin? was ſoll dieß Mädchengeſchwätz von Leben koſten?« fragte Underdown ungewöhnlich hurtig. „O,« entgegnete Rebekka,»ich bat Miß Belmont, mit mir nach einem Geſpenſt auszuſehen; da ſie aber fürchtet, das Leben dabei einzubüßen, ſo nahm ich meine Bitte zurück. Giebt es Geſpenſter, lieber Mr. Under⸗ down?« ſetzte ſie mit ihrem holdeſten Lächeln hinzu; und wenn Rebekka es wollte, ſo verſtand ſie es, über aus hold zu lächeln. „Wäaͤre Kapitän Dribble hier,“« ſagte Mr. Under⸗ down— und meinte damit meine Wenigkeit, liebſter Leſer—»ſo würde er uns erzählen können, daß er wirklich und wahrhaftig einen Geiſt ſah. Ich aber Der alte Commodore. 105 würde, ehrlich geſagt, nicht glauben, daß ich ein Ge⸗ 8 ſpenſt ſähe, auch wenn ich eines leibhaftig ſo vor Augen erblickte, als ich Sie jetzt vor mir ſitzen ſehe; ich wuͤrde eher glauben, mein Nervenzuſtand ſei überreizt, als daß, bloß um ein Wunder zu bewirken, die natürliche und heilſame Kette zwiſchen Urſache und Wirkung geſprengt * werden ſollte. Es ſtreitet gegen das Naturgeſetz, daß die Geſtalten, oder vielmehr die Bilder, der Geſtorbe⸗ nen ſich uns zeigen. Auch haben gemeinhin die ſoge⸗ nannten Geſpenſter gar keine genügende Urſache zu ih⸗ rem Erſcheinen; denn die Wunder, um derentwillen man in der Regel ihr Erſcheinen gelten käßt, ſind 8 gleichſam ein Spott gegen die Verfügungen des Allwiſ⸗ ſenden. Was meinen Sie, meine Damen? Iſt ein Wunder nöthig, um uns einen Topf mit Gelde finden zu laſſen? um uns den erfolgten oder zu erfolgenden Tod eines Freundes anzukündigen? Sollten uns dieſe Dinge bekannt werden, ſo wuͤrde der Himmel ſchon Mittel haben, ſie uns auf natürlichem Wege bekannt zu machen. Es giebt alſo keine Geſpenſter, außer daß wir uns durch Verbannen aller Fröhlichkeit aus un⸗ ſerm Kreiſe heute gleichſam zu Geſpenſtern machen. Beginnen wir alſo irgend ein Spielchen, damit wir uns als lebendige und lebensfrohe Geſchöpfe zeigen.“ Allein dieſer neckiſche Verſuch ſchlug nicht an— 4 keine von den Damen rührte ſich vom Platze; ſo daß der gemüthliche Underdown, der mittlerweile aufgeſtan⸗ den war, ſich gelaſſen wieder ſetzte. »Ich wollte, daß es Geſpenſter gäbe,a ſagte Re⸗ bekka mit vieler Beſonnenheit. „Warum, liebes Kind?« fragte Underdown.»Der 3 Wunſch bedünkt mich ſeltſam.“« ——— 106 Der alte Commodore. „Weil ich vorausſetze, es ſei nichts Unrechtes in ei⸗ nem Geſpenſte, wenn es zu einem Verbrechen auf⸗ fordert.« „Dieſe Streitfrage iſt mir zu kitzlich,« verſetzte Un⸗ derdown.»Um zu verſuchen, darauf zu antworten, müßte ich erſt die Natur eines ſolchen Geſpenſtes kennen. So wenig meine geſtellte Frage zu löſen iſt, ſo wenig iſt es die ihrige. Inzwiſchen hab' ich Sorge getragen, jedes Geſpenſt auszuſperren, inſofern ſolches durch Rie⸗ gel und Schlöſſer und Vorlegeſtangen geſchehen kann, ſo daß wir vor dergleichen Ueberfall ſicher ſein mögen.« Die Frauenzimmer alle, bis auf Rebekka, dankten ihm; doch zeigte Rebekka keine Mißbilligung, ſtand aber bald nachher auf, und fagte: „Bei alledem, Mr. Underdown, müſſen Sie einräu⸗ men, daß der ärgſte Zweifler die Geſpenſter nicht hin⸗ dern kann, ſich in die Region unſerer Träume zu drän⸗ gen. Dieſe Region will ich aufſuchen, und ſomit— gute Nacht Allen.« „Wie die Bekky ſo umgewandelt iſt!« ſagte Tante Mathilde mit einem Schander. 3 Als Rebekka den ehrlichen Underdown zur guten Nacht küßte— eine Gewohnheit, von der abzulaſſen ſie durchaus nicht geneigt zu ſein ſchien— flüſterte er ihr zu: 3 von dem Dolche erzählen?« »Ich will Ihnen nichts verhehlen, Ihnen, der Sie mir mehr, als Vater, ſind. Uebrigens erwarten Sie nichts Außerordentliches; ich habe beinahe gar nichts zu enthüllen. Gott ſegne Sie!« * „Wird lieb Bekky mir morgen nicht die Geſchichte —-;;— Der alte Commodore. 107 „Und Dich ebenfalls, liebes Kind!« 2 Bald nachher brach die Geſellſchaft auf, und Jeder zog ſich in ſein Schlafzimmer zuruck. r— Neuntes Kapitel. —-— Die Liebe ſtrahlt aus ihren ſonn'gen Augen, Die Liebe tändelt ihr im Lockenhaar, Die Liebe ſchwebt ihr auf dem Lippenpaar, Ihr Herz iſt keuſcher Liebe Hochaltar.« . Altes Gedicht⸗ Es war nahe an Mitternacht, und die geräumigen Gebäude, welche zu Treſtletree⸗Hall gehörten, lagen in abwechſelndem Licht und Schatten, denn der Mond ſchaute hoch in all' ſeinem Glanze auf ſie herab. Wo deſſen Silberſtrahlen ſpielten, konnten die Gegenſtände ſelbſt aus bedeutender Ferne wahrgenommen werden. Rebekka war weder zu Bett gegangen, noch hatte ſie irgend Vorkehrungen dazu getroffen. Sie war vollſtän⸗ dig und nicht, wie ehedem, nach ſchlotteriger Weiſe ei⸗ nes nachläſſigen, eigenſinnigen Kindes, ſondern als ein junges Fräulein von Stand, Reichthum und Bildung ——y—. gekleidet. Obſchon ſie ſtets lieblich geweſen war, ſchien es doch, als habe ihre jüngſt genoſſene Erziehung di ihr noch fehlende Anmuth vervollſtändigt. Rebekka hatte ſich ſo vervollkommnet, daß ihr eigner Vater, ohne ihr in's Geſicht zu ſehen, ſie nicht erkannt haben . würde. —— 1 108 Der alte Commodore. Der Gedanke, von welchem Rebekka, wie von einem böſen Dämon, geplagt ward, war der an den wild und verzweiflungsvoll ausſehenden jungen Mann, der ihr das Todeswerkzeug in die Hand geſchoben hatte. Daß dieſer noch um das Haus herumſchwärmte, war für ſie mehr als Ahnung, und hätte Stolz ihr nicht die auf⸗ ſteigende Idee unterdrückt, ſo würde ſie geglaubt haben, ſein Geſchick wäre durch eine geheimnißvolle Kette mit dem ihrigen verbunden. Rebekka hatte ſich in ihr Schlafzimmer zurückgezo⸗ gen. Dieß lag im erſten Stock, und ließ über die Ebene hinter dem Herrnhauſe hinwegſehen. Jedes Fen⸗ ſter dieſes Stockwerks hatte nach hinten hinaus einen kleinen eiſernen Balkon. Rebekkens Fenſter lagen ſo ziemlich in der Mitte der übrigen, und man konnte aus ihnen weit über die mondbeleuchtete Ebene und die Wipfel der dieſelbe begrenzenden Parkbäume ſchauen. Rechts weg lag das dichte Gebüſch, in welchem ſich die Geſchichte mit dem Dolche ereignet hakte. Rebekka ſaß, als es nahe zu Mitternacht war, vor ihrem Tiſchchen, auf welchem der entblößte Dolch lag⸗ Bald unterſuchte ſie genau die Klinge deſſelben, bald lugte ſie ſcharf in die Landſchaft hinaus. Sie gab ein Bild ab, wie eine Romanleſerin nur wuͤnſchen kann, und wie Miß Radeliffe uns deren ſo manche aus ihrer kunſtgeübten Feder vorgeführt hat. So beſchäftigt, börte ſie etliche Male leiſe an ihre Thür klopfen. Re⸗ bekka war erſtaunt, aber nichts weniger als furchtſam. Sie ergriff den Dolch und rief:»Der Fremde wird nicht hereindringen; will er's, ſo hat er ſelbſt mich ge⸗ gen ſich ſelber bewaffnet!« Da vor dem Spiegel zwei Wachskerzen brannten, auch das Mondlicht in Fülle Der alte Commodore. 109 durch das Fenſter hereinquoll, ſo war das Zimmer voll⸗ kommen erleuchtet. Auf die Frage, wer klopfte, meldete Roſa Belmont ſich an. Rebekka öffnete ſogleich; in Miß Belmont's Augen blitzte der Dolch, ſo daß dieſe faſt ohnmächtig in der Freundin Arme ſank. Als Roſa ſich ein wenig erholt hatte, ſtammelte ſie:»Liebe, liebſte Rebekka, das iſt ja gräßlich!« 3 „»Was iſt gräßlich, Du arme Zitternde. Mich dünkt, hier ſteht's hell und freundlich genug aus.« »Dich zu ſehen, Rebekka, um Mitternacht, mit ei⸗ nem fürchterlichen Dolche in der Hand.“ „Ei was! Bilde Dir ein, es ſei ein Vorlegemeſſer. Betrachte ihn nur, greif' ihn nur an— er iſt kaum ſo groß und, mit Ausnahme der Spitze, keineswegs ſo ſcharf, als ein ſolches Meſſer. Sei nicht albern.« „»Aber das Alles ſieht aus, wie das Eingangskapitel einer jener Schreckeusgeſchichten, die ich vormals ſo gierig las, und in denen mitzuwirken ich oft, thöricht genug, wünſchte. Jetzt wird ſolche Geſchichte wirklich, und ich ſterbe beinahe vor Schrecken.“ „Ich las niemals dergleichen Bücher, und es geht hier nichts Wunderſames, wohl aber, wie ich fürchte, etwas ſehr Betrübendes vor. Ich habe nichts vom Romantiſchen in mir. Derb aufgewachſen, von feſtem Körperbau, und vielleicht mit einem Anfluge der Kühn⸗ heit meines Vaters begabt, beſitze ich Nervenſtärke ge⸗ nug, um die Dinge aus dem Geſichtspunkte des geſun⸗ den Menſchenverſtandes aufzufaſſen. Laß mich Dich lehren, liebe Roſa, es eben ſo zu machen; ich vergelte Dir dadurch einigermaßen den Unterricht, den Du mir ertheilſt; und dann— welch eine theure, nützliche Freundin kannſt Du mir werden!« 2₰ —,—— 110 Der alte Commodore⸗ Miß Belmont, die ſich geſammelt hatte, verſprach Alles. Rebekka erzählte ihr nun den Vorfall im Ge⸗ büſche, den ſie bis jetzt Jedermann verſchwiegen hatte. Für Roſa's neuerrungene Standhaftigkeit war dieſes eine ſchwere Prüfung; doch ſchien ſie Geiſtesſtärke da⸗ durch zu gewinnen, daß ſie ſich feſter an die ſtandhafte Rebekka anklammerte. »Sieh jetzt ein, Roſa, wie die Begebenheiten ſich drängten und noch drängen. Der Menſch, der mich vor der Gewaltthätigkeit jenes Schurken Plumerſand ſchützte, deſſen Unthat an mir mit Blut geſühnt werden ſoll—— Was ſag' ich? Vergieb mir, Gott! ich will ja verzeihen; wenn ich jedoch an den Schlag denke, ſo werde ich unweiblich geſinnt— dennoch will ich verzei⸗ hen, will nicht nach den Geſetzen des Ritterthums, ſon⸗ dern nach denen des Chriſtenthums handeln—« „Es war der Schlag eines Elenden, doch ward er auf der Stelle gerächt.« »Wohl mag ich mich freuen, daß der Böſewicht niedergeworfen ward; denn ſieh nur— der dunkelblaue Fleck des Schlages iſt noch auf meiner Stirn.“« „»Wer war nur der, welcher meinen ehemaligen Vormund zu Boden ſchlug?« „Das eben iſt die quälende Frage, liebe Roſa. Au⸗ guſtus kann's nicht geweſen ſein; denn des Meeres Grab giebt eben ſo wenig, als der Leichenhügel und die Marmorgruft, die Todten wieder heraus.« O, ſprich nicht ſo ſchaurig, Rebekka!« „Wie ſo ſchaurig? Lerne die Sachen auffaſſen, wie ſie ſind; Du wirſt Dir dadurch die Seele ſtärken. Der liebe gute Underdown lehrte mich das. Auguſtus hat es nicht ſein können; denn der ſah hübſch aus und hatte ein langrundes Geſicht. Das Antlitz des Frem⸗ Der alte Commodore. 111 den aber war lang, hager und behaart. Auguſtus hat es nicht ſein können; denn der Fremde wollte mich zu einem Morde anreizen. Ach nein! Auguſtus hat es nicht ſein können; wohl aber ſagte Plumerſand, daß er einen Miſſethäter aufſuchte, und daß der Fremde, der mir den Dolch gab, ein vor dem Geſetze Fliehender iſt, will mir nur allzuſehr einleuchten.⸗ „»Wie, Du glaubſt wirklich—« »Daß nicht daran zu zweifeln iſt, und daß jedes reine Gefühl meines Herzens mich antreibt, nur Gutes von jenem Verfolgten zu denken. Schon weil Ruben Plumerſand, ſelbſt ein Böſewicht, ihn verfolgt, dünkt mich, der Fremde könne ſo ſchlimm nicht ſein.« »Wie verabſcheue ich dieſen Ruben Plumerſand!« ſagte Roſa. „Jetzt hör' mich mit all' Deiner Liebe an, beſte Roſa. Vorhin, als es ſchon Nacht geworden war, ſprach jener Flüchtige ein Wort zu mir, und das in ei⸗ nem Tone— ol in einem Tone, der Entzücken und Elend zugleich mir zuführte. Die Stimme glich ſo ſehr der Stimme deſſen, der jetzt im Himmel iſt—« „»Wie? der Stimme Deines Auguſtus.« „»Ja, ja, Roſa.« „Waltet denn irgend ein Zweifel ob, daß Auguſtus wirklich ertrank?« »Keiner als der, den widerſinnige Liebe hätte auf⸗ bringen mögen. Uebrigens erzielt der Fremde, wer er auch ſein mag, offenbar meinen Schutz, und ſcheint die nächſten Umgebungen dieſes Hauſes genau zu kennen. Anfänglich hielt ich ihn für den tollen kleinen Daniel Danvers—« „Und der iſt's auch am Ende. Laß uns ihn aus⸗ findig machen und ihn verſtecken. Hat er einen dum⸗ ————— 112 Der alte Commodore. men Streich gemacht, ſo hilft Dein Vater ihm aus der Klemme. Laß uns ihn verſtecken.⸗ » Gutes Mädchen, enttäuſche Dich. Wäre es Da⸗ niel, wer würde dem hier etwas anhaben wollen? Ach nein! er war es nicht; denn Du mußt wiſſen, ich habe den Flüchtling nochmals geſehen, und er hat mit mir geſprochen.« »Barmherziger Himmel!“ rief Roſa.»Wolle Gott uns Kraft verleihen, das Rechte zu thun!« „»Amen!“ ſagte Rebekka.»Jetzt höre, wie's kam. Der Schlag, den ich auf die Stirn erhielt, hatte mir uner⸗ trägliches Kopfweh zugezogen, worüber ich jedoch nicht klagen wollte; auch war mein Gemüth erſchüttert, auch erwartete ich, die Wahrheit zu ſagen, etwas der Art, was ſich ereignete. So ſetzte ich mich an's Fenſter und ſchauete nach dem dunkeln eingehägten Gebüſch hin⸗ über. Durch ein Pförtchen in demſelben, das nur We⸗ nigen im Hauſe bekannt iſt, kroch derſelbe Fremde her⸗ vor, ſchritt uͤber die Ebene, und ſtellte ſich dicht un⸗ ter meinen Fenſterbalkon. Ich zitterte; jeder ſeiner Schritte, obgleich ich keinen derſelben hörte, wider⸗ hallte mir gleichſam im Herzen— ich ſprach nicht— ich regte mich nicht— ich ſah nur ſtarr nach ihm hin— es war nicht die Geſtalt meines Auguſtus!« »Weiter, weiter! ich halt's ſonſt nicht aus; mir vergeht der Athem,« lallte Miß Belmont. »Es war nicht die Geſtalt, aber es war die Stimme meines Auguſtus. Ich ſchwankte nicht mehr. Wäre mir der Fremde auch als feſſelntragender Uebelthäter vorgeſtellt worden, ſo lag in ſeiner Stimme doch ein ſo gewaltiger Zauber, daß ich ihn ſogar auf dem Schaf⸗ fott würde angeredet haben—« »Huhu! und was ſprach er?« Der alte Commodore. 113 Er nannte bloß meinen Namen, rief leiſe Rebekka!“ Ich ſtürzte hinaus auf den Balkon, aber ich war ſo be⸗ ſtürzt, daß ich keinen Laut hervorbringen konnte. Ich begriff nicht, wie der Wildfremde zu der Stimme mei⸗ nes hinübergegangenen Auguſtus gekommen war. Er aber blickte mich ein Weilchen an, und rief dann in bitterer Angſt:»Ich Unglücklicher, ſie iſt es nicht!« Dann ſetzte er hinzu:»Lady, verrathen Sie mich nicht.“ In dieſen Worten vernahm ich nicht mehr die vorherige Stimme. Waͤhrend ich nun nach Worten rang, um ihm zu ſagen, daß ich dennoch Rebekka wäre, und daß ich ihm Dank für ſeine mir erwieſene Ret⸗ tung ſchuldete, fing der Haushund an, ſo heftig zu bel⸗ len und mit ſeiner Kette zu raſſeln, daß der geſcheuchte Fremde bis mitten auf die Ebene lief, und dort auf den Raſen niederſank. Tritt an's Fenſter, Roſa; ſieh dort hinüber— ſieh den dunkeln Fleck auf dem mond⸗ beleuchteten Graſe. Der Erdboden iſt kalt, der Thau fällt, den Unglücklichen wird frieren und hungern. O mein Gott, Roſa, er iſt es, und wir können ihm nicht beiſtehen; ihm nicht, der den Schlag, den jener Elende mir gab, rächte; ihm nicht, der eine Stimme hat, wie mein Auguſtus ſie hatte.« „Wir wollen ihm dennoch helfen, Rebekka; ich fühle mich jetzt ſtark dazu. Laß uns den guten Under⸗ down rufen— mit ihm uns berathen.“ »Nicht doch, nicht doch! Underdown iſt zu ſchlicht⸗ herzig; nicht ſeinem eigenen Vater würde er helfen, wenn dieſer ſich vor dem Geſetze flüchten wollte.« »Wenn wir uns irgend einem der Dienſtleute ver⸗ traueten?« meinte Roſa. „Noch weniger. Auf das Einfangen des Verfolg⸗ ten iſt eine Belohnung von hundert Pfund geſetzt. Wir Der alte Commodore. III. 8 116 Der alte Commodore. mich ſein, wenn ich laut aufſchreien dürfte. Komm zu mir— komm in meine Arme, mein geliebter Auguſtus! Dich muß entſeßlich frieren.« »Ich bin erſchöpft, und kann nicht hinan zu Dir. Blicke auf mich herab, Rebekka, und laß mich Leben und Stärkung aus Deinem Antlitz gewinnen. So ſeh' ich meine ſo lange mir verloren geweſene Schweſter, meine liebe, einzige Rebekka wieder! Glaube mir, ich fühle mich überſchwenglich glücklich; mögen ſie mich jetzt immerhin greifen! Dummer Junge, der ich war, Dich nicht zu kennen; aber Deine Kleidung führte mich irre.“ Alles das ſind eitel müſſige Reden, Auguſtus! Komm herauf, komm herauf! Glaubſt Du, ich könnte eher etwas hören oder ſehen, bevor ich Dich umarmte? O komm herauf, mein Auguſtus!« Und mit ausgeſtreckten Armen lehnte ſie ſich über das Gitter des Balkons; ſie würde ſich hinuntergeſtürzt haben, wenn ſie nicht von Roſa gehalten worden wäre. »Was ſoll aus mir werden?« ſagte der verzwei⸗ felude Jüngling.»Ich werde von allen Seiten be⸗ drängt; jegliche Bosheit iſt gegen mich losgelaſſen; Meineidige ſind gegen mich. Wo ſoll ich eine Zuflucht finden, Rebekka?« » Nur ſtill, Auguſtus! Mächtig, allmächtig bin ich in meiner Liebe; ich beſchütze Dich! Nur ſprich leiſer, um Deines Lebens willen, ſprich leiſer! Ha! da bellt der abſcheuliche Hund wieder.« »Ich will hingehen und ihn beſchwichtigen.« „Nein, nein, Auguſtus! Du ſollſt bei mir bleiben! Laß den Hund bellen. Reich' Deine Hand herauf, Lieb⸗ ſter, laß mich nur die Spitzen Deiner Finger berühren! O ich Elende, ich kann ſie nicht erreichen. Ach, Roſa, kannſt Du mit Deiner großen Gelehrſamkeit mir denn * Der alte Commodore. 117 gar nicht beiſtehen? kannſt mir nicht helfen, dieſen treuen Ritter in die Kammer ſeiner Dame zu bringen? Es iſt nichts Unrechtes darin, glaub's mir, liebe Roſa, denn waren wir nicht ſchon mit einander verlobt, mein Auguſtus und ich, als wir noch kleine Kinder waren, und wer hat mich gekannt, und mich nicht meines Au⸗ guſtus kleine Frau genannt?«— » Und ſollt' ich tauſend Jahre leben,« lispelte Au⸗ guſtus,»ſo würd' ich keine Andere als Dich bei dieſem ſüßen Namen nennen.« Das Bellen des Hundes nahm jetzt ſo ſehr zu, daß jeden Augeublick zu fürchten ſtand, es möchte Einer von den Hausleuten dadurch wach werden. Wirklich waren ſchon mehrere von ihnen es geworden, doch hatte keiner Luſt, näher in der Sache zu forſchen. Hurtig näherte Auguſtus ſich nun dem Hunde, und beſchwichtigte ihn durch wenige Worte. Der Schrecken der Damen war mittlerweile ohne Grenzen, obſchon der Jüngling ſchnell genug zurückkehrte. »Liebe Bekky,« ſagte er,»der Hund kannte mich, und iſt mir tren wie Du es biſt.« »So iſt das Thier beſſer, als ich bin. Ach! ich bin nur tren, aber ich kannte Dich nicht.« 4 »Peinige mich nicht dadurch, daß Du Dir ſelber Vorwürfe machſt. Wie geht es meiner lieben Mutter?« »Je nun— wohl; doch laß uns von uns reden. Roſa, beſte Freundin, Auguſtus iſt noch immer dort unten im kalten, ungeſunden Mondſchein.—« »In der Geſchichte der ſchönen Roswaldina und des Ritters mit dem ſilbernen Schuppenſchilde,« ſagte Roſa,»hab' ich geleſen, daß die Dame nach ihrer heim⸗ lichen Vermählung mit dem Geliebten dieſem mittelſt —ö— 114 Der alte Commodore. ſind keine Häſchergehülfinnen, Roſa. Was beginnen? Sollen wir den Aermſten vor unſeren Augen umkom⸗ men ſehen?«. „Das würde entſetzlich ſein! und wenn er nun durch irgend eine Wunderfügung des Himmels wirklich Au⸗ guſtus wäre? Bedenke, Rebekka, wie ſehr Dein Aeuße⸗ res ſich verändert hat, ſo daß jener Fremde Dich un⸗ möglich hat wieder erkennen können, wenn er Dich frü⸗ her auch noch ſo genau kannte; und wie mögen Zeit und Schickſale Deinen Auguſtus ebenfalls umgeſtaltet haben!« „Dieſer Gedanke bringt mich, zum erſten Mal in meinem Leben, einer Ohnmacht nahe,“« ſagte Rebekka. »Ja, und wäre der unglückliche auf dem Graſe dort tiefer noch als Kain in Blut getaucht, ſo will, ſo muß ich mit ihm ſprechen— will Alles, wär's auch das Schlimmſte, hören. Steh' mir bei, Roſa! Geh' auf den Balkon, und wink' ihm mit Deinem Taſchentuche. Schlafen kann er dort nicht, und todt— erbarmungs⸗ voller Himmel! todt wird er ja wohl noch nicht ſein.« In der Marter langen Erwartens, ſaß Rebekka innen am Fenſter, während ihre Freundin, durch das aufre⸗ gende Abenteuer halb von Freude, halb von Grauſen erfaßt, auf den Balkon hinaustrat, ſich in eine— viel⸗ leicht ein wenig geſuchte Stellung warf, und ihr wei⸗ ßes Taſchentuch hin und her ſchwenkte. Zum Glücke lagen des Hauſes übrige Bewohner in tiefem Schlafe. Wie anmuthig die Stellungen auch ſein mögen, die eine ſchöne Dame bei ſolchem Tuchſchwenken annehmen möge, ſo wird ſie deſſen doch überdrüſſig, wenn es durchaus keinen Erfolg hat. Miß Belmont fing ſchon an deſſel⸗ ben überdrüſſig zu werden, und wollte in das Zimmer zurückgehen, als der Fremde ſich ein wenig erhob, ab⸗ — — — Der alte Commodore. 115 wehrend mit der Hand winkte, und ſich dann wieder hinſtreckte. »Er mißtrauet uns, Roſa,« ſagte Rebekka, die voll Spannung dieß Alles mit angeſehen hatte,» dennoch mußt Du nicht ablaſſen.« Roſa gehorchte, und der lange und ſehnſüchtig herbeigewinkte Fremde kam end⸗ lich ſchüchternen Schrittes näher, und je näher er kam, deſto höher ſtieg die Furcht Roſa's, ſo daß ſie in's Zim⸗ mer zurückwich, als der Fremde dicht unter dem Bal⸗ kon ſtand. Freilich zitterte auch Rebekka, dennoch faßte ſie die Hand ihrer Freundin, trat mit dieſer hinaus, und hörte nun, wie eine leiſe, lallende Stimme unten ſagte: »Ladies, Sie werden mich nicht verrathen, nicht wahr?« »Gewiß nicht, Fremdling,« flüſterte Bekky. »Segen Ihrer Stimme,,“ erſcholl es von unten her⸗ auf.»Iſt's nicht Rebekka Bacuiſſart, die mit mir ſpricht?« »Sie iſt's. Und zu wem ſprech' ich? Ihre Stimme klingt mir wunderſam bekannt, aber Ihre Perſon kenn' ich nicht.« »Ich bringe Ihnen Nachricht von Auguſtus Aſtell.« »Du biſt Auguſtus!« ſagte Rebekka, in einem ſo unnatürlichen Tone, wie er jemals hat in ein Men⸗ ſchenohr dringen können— die Worte klangen wie ein fernherüber ſchallendes Echo. 1 „»Lady,« verſetzte der Mann unter dem Fenſter,»ich bin als Verräther ausgeſchrieen, und Leute haben ge⸗ ſchworen, ich ſei ein Mörder. Könnte Auguſtus Aſtell wohl ein Verräther und Mörder ſein?« »Nimmermehr! nimmermehr! Aber warum ſtehſt Du ſo zitternd da? Welche Wonne würde es jetzt für 8* X 118 Der alte Commodore. eines verknoteten Bett⸗Tuches, das ſie aus ihrem Thurmfenſter herabließ, in ihre Kammer half—« »Albernes Ding, wozu die vielen Worte? Zur Sache!« rief Rebekka; und durch ein ähnliches Mittel heraufgefördert, lag Auguſtus nach wenigen Minuten in den Armen der von Freude faſt wahnſinnigen Re⸗ bekka. Der ſpitzfindige Leſer und die überkeuſche Leſerin mögen immerhin hier von Unziemlichkeit reden; ich kann's nicht hindern. Die Sache trug ſich ſo zu, wie ich ſie erzählte. Bekky und Roſa hatten aber nichts Anderes im Sinne, als einem Verfolgten das Leben zu retten; vielleicht auch war es mit dieſer Verfolgung gar nicht ſo arg, als die liebebange Bekky und die furcht⸗ erfaßte Roſa es ſich dachten; da ſie es ſich aber ein⸗ mal ſo ſchlimm dachten, ſo konnten ſie nicht umhin, an⸗ ders zu handeln, als ſie handelten— Noth kenut kein Gebot, lieber ſpitzfindiger Leſer und ſchöne überkeuſche Leſerin; doch vielleicht kann ich alter Knaſterbart nicht mehr über dergleichen Angelegenheiten gehörig urtheilen. Kein Menſch kann bloß von Liebkoſungen leben. Nach vielen innigen Dankesworten gegen Gott und die beiden Mädchen, beſonders aber gegen Rebekka, und nach den herzlichſten Verſicherungen ewiger Liebe zu ſeiner'lieben kleinen Frau“, nahm Auguſtus keinen Au⸗ ſtand, zu bekennen, daß ihn gewaltig hungere, und er ſich entſetzlich ermüdet fühlte. Roſa ward hinunterge⸗ ſchickt, um das unromantiſche Amt zu verwalten, die Speiſekammer zu plündern, und eine Flaſche Wein aus dem Wandſchranke zu mauſen— ein Amt, deſſen ſie ſich natürlich ſo ſchlau und behende entledigte, als ob ſie dazu geboren worden wäre. Daß der kleine Raub in einer ſo weitlaͤufigen Wirthſchaft, als Haus Treſt⸗—— Der alte Commodore. 119 leetree ſie führte, weiter nicht bemerkt ward, brauche ich wohl kaum zu erinnern. Groß war das Vergnügen der beiden vorſchnellen Mädchen, als ſie den hungrigen Auguſtus ſich ſo ohne alle Umſtände ſättigen ſahen. Als dieſer ſein Mahl in den möglich größten Biſſen verzehrt hatte, ließ er ſo unzweideutige Zeichen von Schläfrigkeit blicken, daß nach herzlichem Austauſch von Segenswünſchen die Mäd⸗ chen dem ermüdeten Gentleman Zimmer und Bett über⸗ ließen, indem die überglückliche Rebekka ſich in das Schlafgemach Roſa's begab, die beinahe eben ſo glück⸗ lich war, ſich jedoch ein wenig über das unanſehnliche Ausſehen des vielgeprieſenen Auguſtus wunderte. Zehntes Kapitel. „Wenn der Magnet nicht mehr zum Nord ſich kehrt, Obſchon allewiges Geſetz ihn's lehrt; Wenn Fluthen nufwärts, anſtatt abwärts fließen, Wenn Flammen nicht mehr Wolkenſäume grüßen; Wenn ſie verkehrt ſich dem Verkehrten weih'n, Dann, eher nicht, will ich nicht mehr Dein Liebſter ſein.« Cowley. Früh am Morgen war Rebekka auf und gekleidet, und reich waren die Liebkoſungen, die ſie der Freundin zu machen hatte, ehe ſie dieſe genügend ermuntern konnte, um mit ihr Rath zu halten, was zunächſt mit dem in der Schlafkammer verſteckten Irrwanderer an⸗ zufangen ſein dürfte. 120 Die junge Erbin von Treſtletree⸗Hall, war eitel Rührigkeit und Unternehmungsgeiſt, während Roſa's Morgenbetrachtungen ihr ſagten, daß ſie einen vor⸗ ſchnellen Schritt gethan hätten, durch welchen ihr bei⸗ derſeitiger Ruf arg leiden könnte. Rebekka aber be⸗ reuete nicht im geringſten, was ſie gethan hatte, ob⸗ wohl die Unruhe, von der ſie ſich jetzt ergriffen fühlte, ihr alle Kaltblütigkeit zu eigentlichem Thun raubte. Sie hegte jetzt faſt nur den Wunſch, ihre Verantwort⸗ lichkeit mit Mr. Underdown, oder doch wenigſtens mit einer der ältlichen Damen im Hauſe zu theilen; mochte dieſe nun Mrs. Oliphant, oder deren eben nicht ſonder⸗ lich verſtändige Schweſter, Miß Mathilde Bacuiſſart ſein. Allein keinem dieſer Vorſchläge wollte Miß Bel⸗ mont Gehör geben. Inzwiſchen mußte der Vogel im Käfig nicht nur ſorgfältig verborgen gehalten, ſondern auch gefüttert werden. Das war eine böſe Klemme, doch wenn junge Damen in ihre Schlafkammer einen Liebhaber ſperren, ſo müſſen ſie ja nicht glauben, daß ſie ſich ſelber da⸗ durch ein Roſenbett bereiten. Es war acht Uhr, und das ganze Haus wach, ehe die beiden Mädchen noch das Mindeſte beſchloſſen hatten. »Du mußt zuſehen, mein Roſenknöſpchen,« ſagte Rebekka,»ob der liebe Auguſtus wach iſt. Uebel und wunderlich würde es herauskommen, wenn man mich von außen an die Thür derjenigen Kammer klopfen ſähe, in welcher man mich behaglich eingeriegelt glaubt. »Hm, hm! Du haſt Recht,« entgegnete Roſa, und nahm den Schlüſſel, denn man hatte den jungen Flücht⸗ ling eingeſchloſſen.»Wenn Mylord nun wach iſt, was ſoll ich ihm ſagen?« Der alte Commodore. „Schließe raſch auf, lange ihm den Schlüſſel hinein, * Der alte Commodore. 121 und ſag' ihm, daß wir ihm bald ein Fruͤhſtück bringen werden.« »Bin ich doch neugierig zu wiſſen, wie wir das an⸗ ſtellen wollen, liebſte Bekky!« „»Ja, darüber muß nachgedacht werden. Ich meine, wir führen es ſchon aus.« „»Miß Belmont ging an die Kammerthür, kehrte aber troſtlos zurück. „Um Gottes willen! was hat ſich zugetragen, Roſa?« „»Zugetragen? Der junge Mann ſchuarcht, wie wenn ein Rudel Muſikanten ſchlecht auf Pauken und Trom⸗ peten ſpielt, und nur Schmiedehammerſchläge an ſeine Thür würden ihn erwecken können. Ich habe mir mit Klopfen ſchon die Knöchel wund geſtoßen. Machen alle Maͤnner ſolchen Lärm, wenn ſie ſchlafen? Daß Dich! er wird das Haus zuſammenſchnarchen.« »Roſa, Du biſt heute Morgen recht unausſtehlich. Der liebe, ſüße Auguſtus! Wie er den Kopf wohl er⸗ kältet haben wird in voriger Nacht!« »Jedenfalls kann er kein ſonderlich böſes Gewiſſen haben. Man ſollte ihn zum Hauptmann der Schnar⸗ cher machen— vergieb, der Schläfer wollt' ich ſagen.“« »Ach, ſage was Du willſt, Roſa, nur ſteh' uns bei!« „Was ſoll ich denn thun, meine kleine blauäugige Weisheit?« 4 „Roſa, Du mußt Unpäßlichkeit vorſchützen, mußt in Deinem Zimmer bleiben, Dich ſogar wieder zu Bette legen; mußt vorgeben, Du habeſt ganz entſetzliche Eß⸗ luſt— ein gieriges Verlangen nach Beefſteabs und gro⸗ ßen Kannen voll Kaffee. Mir liegt dann die Pflicht ob, bei Dir zu bleiben, mit Dir zu frühſtücken, denn auch mich hungert über die Maßen. Leg' Dich in's 122 Bett, Liebſte, und ich geh' hinunter und berichte, wie entſetzlich unwohl Dir iſt.« »„Ich will's thun— freilich will ich's; nur bedenke, was für eine ſchlechte Komödiantin ich bin. Beſſer iſt's wohl, daß wir von dem Allen den guten Mr. Under⸗ down in Kenntniß ſetzen, ſonſt dürfte ich Wochen lang das Bett hüten müſſen, und lebenslänglich in den Ruf einer Vielfreſſerin kommen. Schluckt Dein Augu⸗ ſtus eben ſo wie er ſchnarcht?« „Zu Bette, zu Bette, liebſte Roſa!l«— »Und die Sonne ſcheint doch ſo hell!« ſeufzte Miß Belmont. Rebekka begab ſich zu den übrigen Familienmitglie⸗ dern im Frühſtückszimmer. Nicht wie ſonſt ſtürzte ſie haſtig herein, lief nicht wie ſonſt, in der Runde umher, um jeden Anweſenden einzeln zu begrüßen, ſondern ver⸗ ſuchte, ihr)e Wallung durch ein abgemeſſenes Betragen und geſetztes Weſen zu verſtecken. Forſchend blickte ſie in jedes Geſicht, doch nahm ſie in keinem etwas ſie Beunruhigendes wahr; ja, das Geſicht deſſen, den ſie am meiſten fürchten zu müſſen glaubte, verrieth unge⸗ wöhnliche Heiterkeit und Unbefangenheit. Nach den üblichen Begrüßungen ſagte Mr. Under⸗ down zu Rebekka:»Ei, ei, mein hübſches Kind, heute biſt Du ja zum erſten Male die Letzte hier.« Peter Drivel, der zur Zeit den Dienſt hatte, ſpitzte die Ohren, wie ein alter Schlachtgaul beim Schalle der Trompete; indeſſen war er bedächtig genng, ſich den Mund zuzuhalten, damit nichts Abgeſchmacktes heraus⸗ kommen möchte. Daß doch alle Witzbolde Peters Weis⸗ heit beſitzen möchten! „»Hörteſt Du wohl das heftige Gebell des Hofßun⸗ des in voriger Nacht, Rebekka?« fragte Underdown. Der alte Commodore. 4*† tes wohl noch eine Woche lang in der Hauptſtadt würde Der alte Commodore. 123 „Ich ſchlief feſt,« lallte Rebekka, während über ihre Wangen eine Röthe zog, die mit der Roſe von Da⸗ maskus hätte wetteifern können. „Das will ich Dir gern glauben,« war die Gegen⸗ antwort,»denn noch vor einer Viertelſtunde, als ich an Deiner Kammerthür vorüberging, vernahm ich ein unzweideutiges Schnarchen. Aber wo iſt Miß Roſa? Schläft ſie auch ſo feſt?« Dieſe letztere Frage ließ Rebekken einigen Athem ſchöpfen, denn vorher hatte ſie ſich ſo beklommen ge⸗ fühlt, daß ſie nicht wußte, ob ſie ſich ſelbſt, oder ob das Zimmer ſich im Wirbelkreiſe herumdrehte. »Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß Roſa ſehr unpäßlich iſt, ſo daß ich ſie nach ihrem Aufſtehen heute früh bewog ſich wieder niederzulegen; auch verſprach ich ihr, bei ihr zu fruͤhſtücken, und ihr den Tag über Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten.« 4 Bei dieſer Mittheilung wollten alle Damen treppan rennen, um der Patientin allerlei guten Rath zu er⸗ theilen; dem aber widerſetzte ſich Rebekka, indem ſie ſagte, daß ſie gewiß wüßte, Miß Belmont wünſchte jetzt nichts lieber, als allein gelaſſen zu werden. Sehr trocken, und wie Rebekka meinte, in ſehr ver⸗ fänglichem Tone, bemerkte Mr. Underdown,»daß er ſolches ſehr wohl glaube,« und durch ihn dazu ver⸗ mocht, nahmen die Frauenzimmer ihre Plätze wieder ein. Mit vieler Gelaſſenheit fragte nun Mr. Under⸗ down, ob man ſchon die große Neuigkeit wüßte. Aller Aufmerkſamkeit ward durch dieſe Frage reg' gemacht, und er las nun einen Brief vom alten Commodore aus London vor, in welchem dieſer berichtete, wie es ihm Leid thäte, daß er wegen eines wichtigen Privatgeſchäf⸗ 124 Der alte Commodore. verweilen müſſen. Dann grüßte und ſegnete er Rebekka. Wirklich athmete der Brief, wenn man bedenkt, wer der Schreiber deſſelben war, eitel Friede und Freudig⸗ keit. Mr. Underdown las jedoch nicht Alles, was in dem Briefe ſtand. Zuletzt ſchilderte das Schreiben aus⸗ führlich den jüngſt errungenen glorreichen Sieg, ſo daß eine halbe Stunde mit Leſen verging, und die arme Miß Bacuiſſart mirjelibeile wie Peter ſich ausgedrückt haben würde, zwiſchen Angſt und Bangen eingeklemmt ſaß. Die arme Rebekka war die Einzige, die an den Triumphgefühlen der Uebrigen nur geringen Antheil zu nehmen vermochte, und als Mrs. Oliphant ausrief: »Wie glücklich muß jetzt mein Bruder ſein!« ſeufzte Bekky und ſagte:»Wollte Gott, er wäre hier! ich koͤnnte ihn glücklicher machen, als tauſend Siege es zu thun im Stande ſind.« »Sieh da! unſere Heldin ſpricht in Gleichniſſen,« rief Mr. Underdown:»Bekky, Bekky, das iſt eine ge⸗ fährliche Art zu reden. Lieber ſollteſt Du nach Dei⸗ nem Hänflinge ſehen. Man ſoll ſeine Gefangenen nie⸗ mals vernachläſſigen noch gefährden, beſonders, wenn ſie ſich freiwillig einſperren ließen.« Das arme Mädchen zitterte an allen Gliedern, als ſie an's Fenſter trat, um ihren Vogel zu füttern, und dachte, obwohl ſie es nicht ſagte, ihr alter Lehrer ver⸗ ſtände ſelber ganz gewaltig in Parabeln zu reden. »Argwohnt er etwas?« fragte ſie ſich ſelbſt, und fühlte ſchweres Herzweh bei dieſer Frage. Rebekka ſchien, wäh⸗ rend alle Uebrigen ſich über das Schreiben des Com⸗ modore wie halb ausgelaſſen freueten, kaum die Dinge umher wahrzunehmen; ja ſie ſah nicht einmal den Blick 5 des Mitleidens und der Billigung, den Underdowe —,— —— Der alte Commodore. 125 Zeit zu Zeit an ihr haften ließ. Endlich befahl Under⸗ down, man ſollte ein vollgenügendes Frühſtück für Re⸗ bekka hinauf in die Krankenſtube tragen, und fügte zu Aller Erſtaunen hinzu, daß er ſelbſt einen Beſuch bei Niß Roſa Belmont abſtatten wollte, wenn dieſe nichts dagegen haben würde. Wie, in ſich ſelbſt verſunken, Rebekka auch dageſeſſen haben mochte, durch dieſe Worte mußte ſie aufgeſchreckt werden; obwohl ſie ſtumm von Beſtürzung blieb. Underdown aber fuhr fort: „Geh hinauf, liebe Rebekka, bringe der Miß Bel⸗ mont meinen Gruß und ſag' ihr, daß, wenn ſie nicht Anſtoß daran nimmt, einen alten Mann, wie ich bin, der in der Arzneikunde wohl erfahren iſt, als ihren Arzt bei ſich zu ſehen, ich mein Mögliches thun will, ihr ein vorläufiges Heilmittel zu verordnen, bis wir nachdrück⸗ lichen ärztlichen Beiſtand hier haben. Geh, und kehre ſogleich zurück; merk' auch wohl, Rebekka, daß der Fall ſein Gefährliches haben kann.“⸗ Rebekka rannte hinauf zu Roſa, die, als ſie Jeman⸗ den kommen hörte, über Hals und Kopf ſich in's Bett warf, obwohl ſie vollſtändig gekleidet war. Als die faſt athemloſe Rebekka Underdown's Auftrag ausgerichtet hatte, wollte Roſa ſich vor Lachen, wie man ſagt, aus⸗ ſchütten. »Was ich für Euch irgend thun rann,« ſagte ſte, „will ich thun. Wie aber bei Allem, was Schwierigkeit heißt, ſoll ich es anfangen, bleich und krank auszuſehen. Dazu iſt Dein Liebſter dicht nebenan eingeſperrt, und wie dick die Scheidewand auch ſein mag, dünkt mich doch, daß ich ihn noch immer ſchnarchen höre. Wahr⸗ haftig, die Geſchichte iſt gar zu lächerlich!« »Spotte meines Jammers nicht! Verrathe uns Beide, aber lach' uns nicht aus.« 126 Der alte Commodore. * 8„Das will ich ja auch nicht, lieb Herzchen. Schicke den Vormund⸗Doctor herauf. Ich will mein Geſicht der Wand zukehren und ſo blaß und lebensleer ausſe⸗ hen, wie eine abgekochte Steckrübe— wenn ich es näm⸗ lich kann. Jetzt geh und hole den lieben Mann herauf.« Mit Underdown und einer wohlverſehenen Fruͤhſtück⸗ ſchüſſel kehrte Rebekka zurück. Die Magd, die den Vorlegeteller trug, erhielt Befehl zu bleiben. Während all' dieſer Zeit blickte Rebekka, mit Thränen in den Au⸗ gen, flehend und forſchend in das Angeſicht des gelaſſe⸗ nen Underdown, und allaugenblicklich ſchwebten die Worte:»Ja, ja, Sie wiſſen Alles!« auf der Zunge. Wußte oder argwohnte Mr. Underdown etwas, ſo verſtand er doch trefflich zu ſchweigen und ſeine Würde zu behaupten. Mit geziemendem Anſtande näherte er ſich dem Bette der vermeinten Patientin. Er räuſperte ſich, wie ein Arzt ſich räuſpern muß, wenn er bis an den Hals voll mediciniſcher Weisheit ſteckt; er ergriff den Puls, beobachtete denſelben nach ſeiner Repetiruhr, ſeufzte, ſchüttelte bedenklich den Kopf, und ſagte dann mit unvergleichlicher Ernſthaftigkeit: 4 „»Da haben wir's!— ein galopirender Puls! Ich kenne dieſe Symptome; ſie brauchen mir nichts zu ſa⸗ gen, Miß Belmont— ja, ich verbiete ihnen ſogar alles Reden jetzt. Das Uebel, an welchem Sie leiden, iſt in Weſtindien allgemein, iſt Folge eines Mondſtiches, die ſich weit gefährlicher als die eines Sonnenſtichs zeigt. Unter Umſtänden dieſer Art iſt das Mondlicht in ho⸗ hem Grade gefahrbringend.“ 8 Die höchlich durch dieſe Poſſe beluſtigte Roſa konnte ſich des Kicherns unter der Bettdecke kaum erwehren; Mr. Underdown that, als erſchrak er, und fuhr fort: „»Richtig! Böſes, böſes Symptom dieß! Krampf in der 7 Der alte Commodore. 127 Kehle. Hier muß die größte Vorſicht beobachtet wer⸗ den. Gewiß haben Sie ſich dem Mondſchein und dem mitternächtigen Thau ausgeſetzt— vielleicht auf Re⸗ bekka's Fenſterbalkon—— „» Liebſter Horaz, haben Sie Erbarmen mit uns; Sie wiſſen Alles,« ſagte die allzu aufgeregte Rebekka. »Was faſeln Sie denn da, Miß Bacuiſſart?« ſagte der Pſeudoarzt mit ernſtem und beinahe finſterem Blicke.»Ich beklage Miß Belmont, weiß aber, daß ich ſie retten kann, wenn ſie ſich eine Zeitlang ruhig auf ihrem Zimmer hält. Doch weiß ich nur das, was ich ſehe. Dieſer Fall aber wird durch jede Muthma⸗ ßung nur um ſo gefährlicher gemacht— Jenny, Du magſt jetzt gehen; bedenk' aber, wie mein ausdrücklicher Befehl dahin lautet, daß in dieſem Theile des Hauſes es ſo ſtill, als irgend möglich hergehe, daß Niemand ſeinen Weg durch dieſen Corridor nehme. Miß Rebekka wird das Amt der Wärterin bei unſerer K Kranken ver⸗ walten; nicht wahr, Bekky?«. »O, von Herzen gern!« »So geh, Jenny, und ſage dem Reitknecht aufzu⸗ ſitzen und eiligſt zu Doctor Ginningham hinüberzurei⸗ ten, daß er gleich komme. Unterdeſſen, Rebekka, ſchick' ich ſorglich bereiteten Trank herauf, den Du der Pa⸗ tientin reichen magſt, wenn ſie Durſt fühlt. Auch mein Arzneikäſtchen werd' ich heraufſchicken.⸗ Als Underdown dieß geſagt hatte, folgte er der Magd, und machte unten im Hauſe bekannt, daß Miß Roſa ſich unvorſichtiger Weiſe dem Nachtthau im Mond⸗ ſchein ausgeſetzt hätte, und nun an einem heftigen Fie⸗ ber litte. Er verbot ſtreng, daß irgend Jemand ſie be⸗ ſuchte, und gab zu verſtehen, daß Rebekka als Kranken⸗ wärterin hier völlig genügte 128 Der alte Commodore. Das ganze Haus glaubte ihm, und die mittlere Ab⸗ theilung des Hauſes ward nach Möglichkeit unbetreten gelaſſen. Von ſeinem ſchweigſamen Apotheker begleitet, traf Doctor Ginningham geziemend ein, durfte aber nicht zur Patientin, ſondern mußte zu Mr. Underdown ge⸗ führt werden, der ſich mit ihm einſchloß. Jetzt erſt machten Arzt und Gehülfe den beiden Dameu ihre Auf⸗ wartung, und der gelahrte Doctor nahm dann Gelegen⸗ heit, den Fall als höchſt bedenklich hervorzuheben, und gemeſſenen Befehl zu geben, daß Niemand zur Patien⸗ tin gelaſſen würde, bevor die Kriſis nicht vorüber wäre. Auch ließ er einige Winke von Gefahr der An⸗ ſteckung fallen, und belobte Miß Rebekka's ſich auf⸗ opfernde Liebe zur Freundin. Hierauf beurlaubte er ſich, und daß ſeine Erklärung Betreffs des Gefahrvollen der Krankheit ihren Grund hatte, bewies ſich daraus, daß Korb nach Korb mit Arznei in einer Regelmaͤßig⸗ keit hinaufwanderte, wie eben ſo viele Heeresabtheilun⸗ gen, die zum Entſatz einer belagerten Stadt anrücken. Kaum war Underdown hinuntergegangen, ſo ſprang Roſa aus dem Bette, warf ſich in Rebekka's Arme und machte ſich durch lautes Lachen Luft, allein obwohl Miß Bacuiſſart recht wohl das Linkiſche ihrer Lage einſah, konnte ſie doch an Roſa's Luſtigkeit keinen Antheil neh⸗ men; ja, ſie war oft geneigt, ihre Freundin der Herz⸗ loſigkeit anzuklagen. Schon wollte ſie mit leiſem Vor⸗ wurfe herausrücken, als Jenuy, die auf Socken herauf⸗ geſchlichen war, an die Thür klopfte. Die beiden Mäd⸗ chen gaben, ſo ſchnell es ſich thun ließ, dem Zimmer das Ausſehen einer Krankenſtube, öffneten dann, und nah⸗ men von der Magd ein ſauber in Papier gepacktes Käſt⸗ chen in Empfang, welches ihnen als Mr. Underdowns *△ Der alte Commodore⸗ 129 Arzneikaſten geſchickt ward. Als Jenny wieder fort war, konnte Roſa die Zeit nicht abwarten, ihre Arzneien in Augenſchein zu nehmen, während Rebekka nur darauf bedacht war, ihrem lieben Auguſtus ein Frühſtück zu bringen. Während nun Lettere dieſes ordnete, öffnete Roſa das Käſtchen und hätte beinahe den Lachkrampf bekommen, als ſie darin— nichts als einen vollſtändi⸗ gen Apparat zum Raſiren fand; die Meſſer waren in der beſten Ordnung. Die Mädchen wußten nicht, was ſie dazu ſagen ſollten, als Roſa ſich erinnerte, wie der junge Herr, der all', dieſe Verwirrung anrichtete, jämmerlich ſtruppig um's Kinn herum ausſähe. Dann meinte Roſa, es würde gerathener ſein, dieſes ſeltſame Arzneikäſtchen dem Frühſtücke vorangehen zu laſſen. Das Kaſtchen unter dem Arm, ging Rebekka nun mit Zitkern hinaus und klopfte an die Thür ihres Ge⸗ liebten. »Schläft mein Auguſtus?« fragte ſie. „Nein, liebe Bekky. Iſt Alles ſicher?« „Ich weiß es wahrlich nicht. Ich glaube, Mr. Un⸗ derdown argwohnt, daß Jemand hier oder in der Nähe verſteckt iſt— er benimmt ſich ſo ſonderbar. Biſt Du angelleidek? „»Ja wohl, inſofern meine Lumpen eine Bekleidung genannt werden können.« »So nimm dieß erſt— ich komme bald wieder.“« Leiſe ſchloß ſie jetzt die Thür auf, öffnete ſie ein wenig, ſo daß ſie das Käſtchen hineinſchieben konnte, und würde ſie gleich wieder zugeſchloſſen haben, wenn Auguſtus nicht hurtiger, als ſie geweſen und ihre Hand ergriffen, und dieſelbe wie ein hungernder Liebhaber, der geſpeiſet ſein will, geküpt hätte. Der alte Commodore. III. 9 * —— 130 Der alte Commodore. »Nun, haſt Du ihn geſehen?« fragte Roſa, als 1 Rebekka mit glühendem Erröthen im Antlitze zurück⸗ 1 kehrte. „»Nein.« „»Woher denn dieſe verrätheriſche Slurß auf Deinen Wangen?« »Er küßte mir die Hand— ich meine, ihn hungert* nicht wenig. Thee und Kaffee ſind ganz kalt geworden. Wir müſſen Feuer anmachen.“ »Freilich, draußen ſind im Schatten nur ſieben Grad Wärme.“ Der Apotheker hatte ſich wunderſunlich geſputet; ſchon kam der erſte Korb mit Arzneien, von der auf den Zehen trippelnden Jenny gebracht, die durch die halbgeöffnete Thür zu gleicher Zeit einen Gruß von Mr. Underdown und die Botſchaft beſtellte, da jetzt wirkliche ärztliche Hülfe gereicht würde, möchten die Miſſes nur ſein Arzneikäſtchen unbenutzt bei Seite ſtellen. »Ich will mich nicht länger ſo auf die Folter ſpan⸗ nen laſſen,« dachte Rebekka, und ſagte zu Jenny:»Mei⸗ nen Gruß an Mr. Underdown und ich würde gleich zu ihm hinunterkommen, um ein Paar Worte mit ihm zu reden.« Sie fand den Gelaſſenen in tiefen Gedanken; vor ihm lag ein Mandat. Kein Lächeln begrüßte das ſchöne Mädchen, als ſie hereintrat, wohl aber ſtand er auf, und ſetzte ihr mit ſo ehrerbietigem Weſen einen Stuhl, daß es ihr durch das Herz ging. „»O Horaz Underdown, habe ich Sie beleidigt?« fragte das arme Kind mit Schluchzen. „»Nein, meine Beſte, Du ſtehſt jetzt höher in meiner Achtung und Bewunderung, als jemals.« — Der alte Commodore. 131 »So küſſen Sie mich, wie Sie bisher zu thun pfle⸗ gen, ich ſetze mich ſonſt nicht neben Sie.« »Da, Du Engelsantlitz! Doch müſſen wir von die⸗ ſen Kinderpoſſen ablaſſen. Seitdem Miß Roſa hier iſt, biſt Du wie mit einemmale aus einem Kinde eine Jung⸗ frau geworden. Ich erkenne Dich kaum mehr.« »Gefalle ich Ihnen?« fragte ſie lächelnd, obwohl keine Freude in dem Lächeln war, denn Rebekka ſagte das nur, um eine Pauſe zu gewinnen, damit ſie ſich ſammeln möchte, um ſich des ſie ſchwerbedrückenden Ge⸗ heimniſſes zu entladen. »Ueber die Maßen. Du biſt wahrlich noch bezau⸗ bernder als Deine theuerwerthe Mutter es war. Wie wird Dein Vater ſich über Deinen Anblick freuen!« »Ach, Horaz, ſprechen Sie nicht von ſolchen Nich⸗ tigkeiten! Bei aller Liebe, die Sie zu mir und den Meinigen hegen, ſagen Sie mir, ob Sie mein fürchter⸗ liches Geheimniß kennen?« »Bekky, wir Alle haben unſere Geheimniſſe; doch wollen wir, dürfen wir nicht darüber reden. Denke an die Drohung des Schurken Plumerſand! Rebekka, wir dürfen von gar keinem Geheimiß reden.— Lies dieſen Regierungsbefehl.« Rebekka las und ſchauderte. Das Blatt war im blutduürſtigen Geiſte»guter alter Zeit« abgefaßt. Es forderte zur Verfolgung und Hab⸗ haftwerdung eines Miſſethäters, eines Spions und Ver⸗ räthers auf, Namens Jacques le Meunier, alias Kapi⸗ tän Mainſpring auf, und bot hundert Pfund Belohnung dem, der den Delinquenten zur ſicheren Haft brächte, und warnte Jeden, demſelben Schutz oder Obdach zu verleihen, wenn er nicht der ſchweren Ahndung des Ge⸗ ſetzes anheimfallen wollte. 9* 132 Der alte Commodore. » Und worin beſteht die ſchwere Strafe?« fragte Re⸗ bekka, nach Athen ſchnappend. » Sie ſpricht Tod! Hör' mich an, Rebekka.« Und Mr. Underdown holte nun einen Folianten aus dem iBücherſchranke, und las daraus dem armen Mädchen einen Paragraphen vor, daß ihr das Blut in den Adern hätte zu Eis erſtarren mögen. »Du haſt nun vernommen, Rebekka, daß nicht bloß Tod, ſondern ſogar Schande für unſere Nachkommen auf ſolcher Theilnahme an dergleichen Miſſethaten ſteht. Höre mir wohl zu. Ich ſelber gehöre, wie Dein Vater, mit zum Friedensgerichte, ja, als Mitglied deſſelben, iſt mir dieſe Aufforderung eingeſendet worden, ſo daß ich amtlich verpflichtet bin, ſie in all ihrer Kraft walten zu laſſen.« „ Schrecklich 1 entſeblich 1« „Rebekka, die Pflicht gegen unſer Vaterland geht allen anderen Pflichten vor. Wir müſſen helfen, das Geſetz aufrecht zu erhalten.« »Aber Horaz, mein zweiter Vater und beſter Freund! Geſetzt nun, Sie hätten einen jüngeren, ſehr jungen Bruder, und er wäre der auf jenem blutdürſtigen Blatte Beſchriebene— was würden Sie thun?«. »Wüßte ich auf Eid und Schwur ſeinen Aufent⸗ haltsort, oder erblickte ich ihn ſelber, ſo würde ich ihn verhaften.« Auf das Erblicken legte er einen ſchweren Nachdruck. »Wenn Sie ihn aber unſchuldig wüßten?«⸗ »So würd' ich ihn dennoch verhaften. Das Gericht allein würde ihn losſprechen können.« »O, ich will noch härter in Sie dringen, Sie finſte⸗ rer Mann! Geſetzt nun, es wäre mein Vater, Ihr heuerſter Freund?« —,— —,— Der alte Commodore. 133 »So würde ich weder mir, noch ihm helfen können. Auch würde Dein edler Vater ſelbſt mir befehlen, meine Pflicht zu thun.« »Wie aber— wenn's Auguſtus, der ſchuldloſe Au⸗ guſtus wäre?« »Das wolle Gott in Gnaden verhüten! Nun aber, Rebekka, dringe nicht mehr in mich.« »Doch, doch! wenn ich ſelbſt, ich ſelbſt es nun wäre 2⸗ verſetzte das Mädchen, indem ſſe ihn durch Thränen an⸗ blickte. »Du ſetzeſt da einen unmöglichen Fall, liebſtes Kind,“⸗ ſagte Underdown, indem er ſie auf die Stirn küßte, und dann väterlich ſeine Hand auf ihr Haupt legte, denn in der Angſt ihres Herzens war Bekky vor ihm auf die Kniee geſunken.»Und da Du nun ſiehſt, Re⸗ bekka, wie ich von dieſer Regierungsverfügung und von der Krankheit Deiner Freundin hart bedrängt bin, ſo wirſt Du gewiß nicht ſo grauſam ſein wollen, mich mit Deinen Geheimniſſen zu belaſten. Wären ſie auch leicht wie eines Schulknaben Gelächter, würden ſie doch mich zu Boden drücken. Halte um Roſa's Zimmer her Alles ruhig, laß die Vorhänge in Deiner und ihrer Kam⸗ mer wohl herabgelaſſen ſein— zu viel Licht könnte ge⸗ fährlich werden. Deine Großtante, Lady Jemima, war eine ſehr hochgewachſene Dame— aber warum ſprech ich ſolches dummes Zeug! bloß daß mir einfiel, wenn es zur Mode für Männer würde, Weiberkleider zu tragen, ſich davon einen anſehnlichen Vorrath in der ſchwarzen Eichenkiſte am Ende der weſtlichen Gallerie für die künftigen jungen Herren dieſes Hauſes finden würde. Doch jetzt wirſt Du am beſten thun, Deine Freundin zu pflegen. Nichts mehr aber von Geheimniſſen— Du 134 Der alte Commodore. verſtehſt mich. Gott ſegne Dich, und verleihe dieſer Krankheit den Ausgang beglückenden Geneſens!« »Auch Sie, auch Sie ſegne Gott tauſendfältig!« rief Rebekka, und ſchloß den würdigen Alten in ihre Arme.»Was würde ohne Sie aus unſerer Familie geworden ſein?« Underdown fuhr mit der Hand über ſeine Augen, und indem er ſich abwendete, verließ Rebekka das Zimmer. Elftes Kapitel. „Durch jede Neckerei beleidigt ſein, Zeigt immer Stolz und wenigen Verſtand. Doch ſoll Verſtand ſich ſtets mit Demuth einen, Iſt irren menſchlich, ſo iſt göttlich das Verzeih'n. Altes Schauſpiel. Während des größeren Theiles des Tages ſich ſelber überlaſſen, hatten Roſa und Rebekka nichts Angelegent⸗ licheres zu thun, als für die Bequemlichkeit und Unter⸗ haltung des geſcheuchten Auguſtus zu ſorgen, der in alt⸗ modiſche Frauenkleider geſteckt, eine ſeltſame Miſchung des Hübſchen und des Lächerlichen zur Schau trug. Beide Maädchen brachten ſo viele Zeit bei ihm zu, als es irgend thunlich war, und Roſa war von ihren Mei⸗ nungen über das ſtruppige Ausſehen des Jünglings ganz und gar zurückgekommen. Obwohl er ihr ein wenig blaß und hager erſchien, bedünkte er ihr doch das„beau idéale eines ſchönen jungen Mannes. 1 7 — —— Der alte Commodore. 135 Rebekka war eitel Liebe und Hingebung gegen Au⸗ guſtus; ihr Herz vergötterte ihn, weit reichte er in ihren Augen über alle anderen Menſchen hinaus. Drei Tage lang brachte Auguſtus in dieſer köſtlichen Gefan⸗ genſchaft zu, und obſchon Roſa von Neugier geſtachelt ward, wollte Rebekka es doch nicht zugeben, daß ihr Geliebter ſeine Abenteuer erzählte. Er ſollte, wie ſie ſagte, ſich nicht ſo erniedrigen, daß er ſelber ſeine Recht⸗ fertigung in den Mund nähme; vielleicht auch fühlte ſie nicht Kraft genug in ſich, alle die Leiden anzuhören, die er ſonder Zweifel ertragen hatte. Mittlerweile machten die Mädchen ihn mit Allem, was vorgegangen war, bekannt. Den traurigen Ge⸗ müthszuſtand ſeiner Mntter beklagte Auguſtus aus tiefſter Seele. Anfänglich redeten ſie ihn mit ſeinem Titel an, allein das wollte ihnen gar nicht recht glücken, ſo daß ſie dabei blieben, ihn abkürzungsweiſe auszuſpre⸗ chen, und zwar ſo, daß Miß Belmont ihn Guſty, Re⸗ bekka aber ihn ſchlechtweg Gus nannte. Bei all dieſer behaglichen Umgebung ſehnte Augu⸗ ſtus ſich doch nach friſcher Luft, nach Thätigkeit und nach der Umarmung ſeiner Mutter. Er wußte recht wohl, daß er nicht viele Tage mehr da bleiben konnte, wo er jetzt war; dennoch grauſete ihn gleich einem ge⸗ meinen Miſſethäter in's Gefängniß zu wandern, und wegen ſeiner Natur durchaus fremder Verbrechen ſich vor Gericht geſtellt zu ſehen; vollends, da die Anzeigen gegen ihn eine ſo entſetzlich drohende Beſchaffenheit an⸗ genommen hatten. Endlich ward mit Ausnahme Rebekkens ihnen Alllen dieſes Eingeſperrtſein unerträglich. Rebekka wünſchte keine Veränderung— ihr Auguſtus ſtand unter ihrem Schutze; ſie konnte den lieben langen Tag hindurch ſeine 136 Der alte Commodore. holde Stimme hören, Hand in Hand neben ihn ſitzen, und ein leidenſchaftliches Daſein aus ſeinen Blicken ſaugen— was hätte ſie mehr zu wünſchen gehabt? Miß Roſa aber war herzenskrank— krank an dem Gedanken, die Kranke ſpielen zu müſſen. Die tägliche vierfache Sendung von vier Körbchen mit Arzneien war ihr widerwärtig, und obſchon ſie ihren Unmuth da⸗ durch zu ſcheuchen ſuchte, daß ſie ſich vornahm, die Latwergen und Mirturen alle in einen großen Krug zu ſchütten, ſie mit Branntwein zu vermengen, und das Gemiſch in einer Halbgallonflaſche, als einen köſtlichen ausländiſchen Wein, dem Apotheker zum Geſchenke zu machen, ſchüttete ſie die Bitterſalztränke doch jedesmal, ſo wie ſie einliefen, zum Fenſter hinaus. Sie mochte nicht ſingen, nicht ſpielen, und Liebesleute miteinander tändeln zu ſehen, iſt im höchſten Grade langweilig. So zeichnete ſie denn ein wenig, ſchalt ein wenig, und gähnte doppelt ſo viel, als ſie zeichnete und ſchalt; dennoch hatte ſie bisher ſich heldenmüthig jeder Klage enthalten. »Liebe Leute,« ſprach ſie am vierten Tage,»Ihr habt mich von meinem romanhaften Weſen gänzlich ge⸗ heilt. Jeder Zärtlichkeitsausdruck ekelt mich jetzt an. Fiele es jetzt Einem ein, mich'theure Geliebte“ zu nen⸗ nen, ſo ſchlüg' ich ihn auf den Mund, und ſagte er gar „mein Engel“ zu mir, ſo würde ich ihm eine Ohrfeige geben. Kommen Sie, Guſty, ſtellen Sie ein Bischen Vernünftiges an. Fahren Sie in dieſem, Ihrem ſenti⸗ mentalen Weſen fort, ſo werden Sie nimmer dazu tau⸗ gen ein anderes Gewand zu tragen, als dieſen Alten⸗ weiberrock, der Ihnen übrigens wirklich trefflich ſteht.⸗ »Soll ich ein wenig fluchen?« fragte Seine Herr⸗ lichkeit. „»Ach, thun Sie's, aber nicht etwa bei Bekky's kla⸗ — Der alte Com modore. 137 ren Augen oder ſo dergleichen. Um des Erbarmens der Abwechſelung willen fluchen Sie uns ein Bischen nach echt ſeemänniſcher Manier vor, oder beſſer— erzählen Sie uns Ihre Abenteuer, und warum man Abſicht hegte, Sie zu hängen.« »Pfui, Miß Belmont!« „»Iſt das mein Dank dafür, Bekky, daß ich mich, Dir zu Liebe, eine halbe Ewigkeit lang einſperren ließ? Die Kranke ſpielen iſt ein krankhaftes Spiel, bei wel⸗ chem man immer verliert. Entweder Mylord erzählt ſeine Abenteuer, oder ich renne treppab, welches Du denn als meine Art mein Bett aufzunehmen und heim⸗ zugehen anſehen magſt.« »Ich will erzählen,« ſagte Auguſtus,»„wenn Sie mich nicht mehr Mylord nennen wollen.« 4 »Nein, Auguſtus,« fiel Rebekka ein,»Du ſollſt nichts erzählen. Wer zweifelt an der Reinheit Deines guten Namens.« »Ich zweifle jg nicht daran,« ſagte die beharrliche Roſa.»Wenn wir Beide nur unſeren guten Namen nicht bei dieſer Geſchichte einbüßen; und darum heraus mit Allem!« 8 Miß Bacuiſſart lehnte trotz dieſer Bemerkung Ro⸗ ſa's ſich nur um ſo inngier an Auguſtus, der die weiten Falten ſeines ſchweren Damaſtkleides, nach Art römi⸗ ſchen Mantelwurfs zuſammenraffte, ſo daß die ſchönge⸗ ſteppten Unterröcke für ein Weilchen zu Geſicht kamen, und begann alsdann ſeine Erzählung. 138 Der alte Commodore. Zwoͤlftes Kapitel. „So Bethel ſprach, der ſtets gedankenvonl Spricht, was er denkt, und denket, was er ſpricht.« Pope. Das Beginnen, von dem im vorigen Kapitel Rede ward, ſoll unſerem Leſer nicht aufgebuͤrdet werden. Wir fan⸗ gen die Erzählung da an, als Auguſtus Aſtell am Bord des Terriſice thöricht genug ſeine Zuflucht zum Salzwaſ⸗ ſer nahm. »Gern wollte ich,« ſagte Auguſtus,» ehrerbietig von meinem Oheim ſprechen, doch bewies er ſich zu jener Zeit gegen mich als ein Unmenſch, als ein Tyrann. In Deinem Namen, o Bekky, flehete ich ihn an, mich nicht peitſchen zu laſſen— mein Flehen war jedoch ver⸗ gebens. Ich nehme Gott zum Zeugen, daß ich keinen Selbſtmord beabſichtigte, ſondern nur ſchimpflicher Strafe entgehen wollte. Ich nahm ſogar meine Gelegenheit wahr, ſo daß ich, da ich nur wenig ſchwimmen konnte, beſchloß, mich lieber einem eben vorbeitreibenden Hüh⸗ nerkaſten, der über Bord gefallen ſein mochte, anzuver⸗ trauen, als länger erfolglos das Mitleid eines Barbaren zu erflehen. So ſprang ich zum Kajütenfenſter hinaus und erreichte glücklich mein mißliches Rettungsboot. Der alte Terrific“ ſchlenkerte gewaltig leewärts, ſo daß, als die Böte herabgelaſſen worden waren, der Wind mich ſchon eine Meile weit weggetrieben hatte. »O Rebekka, mich fror entſetzlich, und ich fühlte ———— Der alte Commodore. 139 bittre, gallenbittre Reue. Ich dachte an Dich, und bewehklagte dann, daß ich den unvorſichtigen Brief an meine Mutter geſchrieben hatte. Fürchterlich ward ich hin und her geſpült, und ward, was das Schlimmſte war, jämmerlich ſeekrank. Ich ſah, wie unſer Geſchwa⸗ der Segel machte und mich hinter ſich ließ; wie kam es mir in meiner Tiefe gleich ſchwimmendem Gebirge vor! Mehrere Fiſcherböte glitten an mir vorüber, allein die Nacht war hereingebrochen, und ich war von Kälte beinahe erſtarrt. Zwar verſuchte ich, die Böte anzurufen, aber meine Stimme war ſo ſchwach, daß ich ſelber ſie kaum hören konnte; ſo mußte ich mich dem guten Glücke an⸗ vertrauen, anf welches ich mich damals ſehr verließ, und alſo gar nicht daran dachte, wie nahe ich meinem Verderben ſein könnte. Nur als ich Menſchen gegen mich hatte, die grauſamer als die Meereswogen waren, begann ich an meinem Schickſale zu verzweifeln. Jetzt aber, Rebekka, hatte ich ja die Vorſehung und ſtarke Stromfluth auf meiner Seite, und ſo kam es, daß ich in das Schneidewaſſer des franzöſiſchen Admiralſchiffes gerieth—« „Hilf Gott, Schneidewaſſer! Was iſt das? Brachte es Ihnen Wunden bei, Guſtav?« fragte Miß Belmont. »Keineswegs, denn es iſt nur ſcharf genug, um ſich ſelber zu ſchneiden; ſeine Kante iſt breit wie ein Pferde⸗ ruͤcken.« Mehrere ſolche Unterbrechungen zur Erklärung von Schiffsausdrücken, wurden durch Roſa veranlaßt; denn Rebekka war in den Gang der Erzählung ſo vertieft, daß wenn Augnſtus auch Griechiſch hineingemengt hätte, ſie doch keine Worterklärung von ihm verlangt haben würde. »Ich muß ſagen, daß der alte franzöſiſche Admirat 140 Der alte Commodore. mich edelſinnig behandelte; er fand ſogar Wohlbehagen an mir, und bot mir an, da er kinderlos war, mich zu adoptiren und zu ſeinem Erben einzuſetzen. Auch be⸗ mühete er ſich, mir jene wilden demokratiſchen Grund⸗ ſätze einzuflößen, durch welche Frankreich damals ſich in das beſte Blut der Landesſöhne tauchte. Oft machte er mir durch dergleichen Anträge den Kopf wirbeln, mein Herz war jedoch ſtets in England bei meiner Mutter und bei Rebekka. So konnte ſeine Beredtſamkeit denn bei mir uicht durchdringen, wie Du leicht denken magſt, Becky.« Ein Blick des innigſten Dankes lohnte dem Erzähler die Galanterie ſeines Einſchiebſels. »Länger als ein Jahr blieb ich in dieſer ehrenvollen Gefangenſchaft. Da ich oft mich freimüthig über die Gräuel äußerte, welche damals in Frankreich verübt wurden, und mir dadurch viele Feinde zuzog, ſah der Admiral, der ſich Fresnoy nennt, ſich genöthigt, mich von ſich wegzuſchicken. Freilich hatte ich, wäaͤhrend ich mich bei ihm befand, mehrere Male nach England ge⸗ ſchrieben, allein es ſcheint, daß keiner jener Briefe den Ort ſeiner Beſtimmung erreichte. »Außer den Empfehlungsbliefen, die Mr. Fresnoy mir an die Behörden mitgab, mögen an dieſe wohl noch andere Briefe, hinſichtlich meiner eingelaufen ſein, die mir nichts weniger als eine höfliche, ja, die mir nicht einmal eine chriſtliche Behandlung zuzogen. Man ging nicht mit mir wie mit einem Officier oder einem Gentleman um. Mit Gefangenen aus den Hefen des Volkes aller Nationen ward ich zu Verdun eingeſperrt. Ich fand daſelbſt nur wenige engliſche Matroſen, und dieſe Wenigen waren am Bord unſerer Kauffahrer zu Gekangenen gemacht worden. Ich konnte mich an ſie . Der alte Commodore⸗ 141 nicht anſchließen, denn— mit Erröthen ſag' ich's, ſo⸗ bald ſie ſich einigermaßen wieder gekräftigt fühlten, gingen ſie in den Seedienſt des Feindes über. »Man deutete mir geradezu an, ich würde wohl thun, dem Beiſpiele jener Matroſen zu folgen. Wie groß die Verſuchung war, Rebekka, auf ſolchem Wege um ſo eher entwiſchen, und mein Vaterland und meine Mutter und Dich, liebſte Rebekka, wiederſehen zu kön⸗ nen, widerſtand ich ihr dennoch, und um ſo leichter, da ich ja mein Ehreuwort hätte geben muͤſſen, nicht zu entwiſchen. Eine Schranke, wie dieſe, durfte ich, darf ich niemals überſchreiten, und ſo blieb ich denn in Haft, und war in jeder Beziehung namenlos elend.« »Armer Auguſtus!« »Endlich, jedoch ohne die entfernteſte Hoffnung, daß ſie mir gelingen würde, machte ich Pläne zu meiner Flucht. Anfänglich that ich es gleichſam mir ſelbſt zum Spotte; allmälig aber dämmerte mir ein Hoffnungs⸗ ſtrahl; Trieb zum Leben durchglühete mich wieder, ſo complottirte ich denn, und erliſtete und beſtach, ward jedoch entdeckt und ärger als vorher bewacht, bis ich von neuem anfing und es endlich mir glückte.« »O erzähle uns Alles— Alles!« »Es würde wenig Intereſſe haben. Für's Erſte mißlang jeder Verſuch. Ich glaube, meine Wächter be⸗ luſtigten ſich an meinen Verſuchen, und ließen mich darin gerade ſo weit gehen, als es ihnen gefiel, um dann boshaft über mich herzufallen und alle meine Hoff⸗ nungen zu zermalmen.« » Unmenſchlich grauſam!« »Ich will's nicht ſo nennen, denn meine Verſuche beſchäftigten mich, und ſchützten mich gegen Verzweiflung. Endlich ging ich friedlich ohne Plan, ohne Complott, „* 142 Der alte Commodore. ohne Vorbedacht einher. Fünf Minuten fruͤher hatte ich noch noch auf ein ganzes Leben von Gefangenſchaft gerechnet, und konnte anfänglich nicht glauben, daß ich mich außerhalb der gehaßten Feſtungswerke und Gräben von Verdun befand.“ »Aber wie gelangten Sie dahin?« fragte Miß Bel⸗ mont, hatten Sie das unſichtbar machende Feengewand oder die Siebenmeilenſtiefel des Rieſentödters zu dem Ende geliehen?« »Zur Feier einer der Siege Buonaparte's, welcher Sieg es war, gilt mir völlig gleich— fand eine große Feſtlichkeit in Verdun Statt. Ich will nicht ſagen, daß Kerkermeiſter und Schildwachen von etwas Anderem als von wildem Enthuſiasmus berauſcht waren; denn mit der Siegesnachricht waren auch drei oder vier ſtarke Transporte öſtreichiſcher Gefangener angekommen. Das Depoôt war indeſſen zum Erſticken voll. Einer alten Marketenderin war Einlaß geſtattet worden, daß ſie der Beſatzung allerlei zu ſchmauſen und zu zechen für hohe Preiſe verkaufte. Die Alte ſelbſt hatte der Flaſche ſo reichlich zugeſprochen, daß ſie eher taumelte als ging. Nicht lange währte es, ſo trieben die ausgelaſſenen Soldaten ihren Spott mit ihr, beſchmierten ihr das Geſicht mit Koth und hatten ſonſtige unmännliche Poſſen mit ihr vor. Endlich ſank die Alte ermüdet und betäubt in einen Winkel und entſchlief. Ihre Verfolger ließen ſie liegen, damit ſie ihren Rauſch ausſchlafen möchte. Jetzt kam mir der glückliche Gedanke, mir das Geſicht ebenfalls mit Koth zu beſchmieren. Ich that's, und mauſ'te dann der Alten ein Stück ihrer Oberbekleidung nach dem andern weg, warf einen Theil meiner Kleider über ſie hin, ſchob ihren großen Strohhut über mein Geſicht und wankte dem Thore der Feſtung zu. Man * —, ——õ— Der alte Commodorc. 143 achtete meiner nicht ſonderlich, außer daß man mir einen Fluch oder ein Schimpfwort nachſchickte. Da ich in der Geſtalt der Marketenderin für betrunken galt, ſo fand kein Anrufen der Schildwachen Statt, ja, ich ward ganz eigentlich über Zugbrücke und Glacis unter der Weiſung fortgeſtoßen, mich für's Erſte nicht wieder in⸗ nerhalb der Feſtung blicken zu laſſen; eine Weiſung, der nachzukommen ich gewiß Sorge trug.« „»Nun,“« fiel Roſa ein,»wie lange ſtellten Sie denn die alte Marketenderin vor?« »Nicht länger als bis ich das Feſtungsgebäude aus dem Geſicht hatte. Ich warf dann die Weiberkleider von mir und wuſch mich. Meine Liebe zur Reinlichkeit hätte mich jedoch beinahe wieder in meinen Kerker zu⸗ rückgeliefert. Ich hatte mir Geſicht und Haar noch nicht getrocknet, ſo ſah ich, wie zwei zu Pferde Patrouilli⸗ rende auf mich zuritten. Man hatte mich bereits ver⸗ mißt und ſetzte mir nach. Die Beiden gelangten zu den von mir weggeworfenen Kleidern, und während ſie die⸗ ſelben ſtutzend betrachteten, krümmte ich mich, und kroch in einem am Wege befindlichen Schweinſtall. Ich hätte das Abwaſchen vorhin ſparen können. »Meine Verfolger waren bald an dem kleinen Ge⸗ wäſſer, welches ich ſo eben verlaſſen hatte, und ſicherlich würde ich doch noch von ihnen erſpäht worden ſein, wenn nicht in demſelben Augenblicke von ihnen ein Mann bemerkt worden wäre, der in einiger Entfernung quer⸗ feldein lief. Ihm ſetzten ſogleich die beiden Reiter nach. Wer jener Mann war, wird mir wohl lebenslänglich ein Geheimniß bleiben. Indeſſen war er noch nicht weit gekommen, als er ein graſendes Pferd antraf, auf wel⸗ ches er ſich hurtig ſchwang, ſich an der Mähne deſſelb e 144 Der alte Commodore. hielt und ſo von dannen galloppirte. Nicht weiß ich, ob ſeine Verfolger ihn jemals einholten—« „Möcht' ich doch vor allen Dingen dieſen Theil der Geſchichte hören. Schade, Guſty, daß Sie nichts wei⸗ ter davon erfuhren; mich wird jetzt lebenslänglich unbe⸗ friedigte Neugier quälen,« ſagte Miß Roſa, und ſetzte dann hinzu.»Im Schweineſtall waren Sie dennoch recht wohl aufgehoben, nicht wahr?« „»„Roſa, wie kannſt Du ſo unartig ſein?« fiel Rebekka beinahe ärgerlich ein, 2* »Ich glaube nicht, Miß Roſa,« fuhr Auguſtus fort „inſofern ich nach der Arkeund Weiſe urtheile, in wel⸗ cher die Bewohner des Stalles ihre Geſinnung äußerten. Sie machten ſolchen Zeterlärm, daß man hätte glauben ſollen, ich wäre zu ihnen gekommen, um ſie vor der Zeit zu verſchmauſen. Die Mutter, durch ihr Alter und ihre Wohlbeleibtheit ehrwuͤrdig, würde mir beſonders übel mikgeſpielt haben, wenn ſie nicht mir zum Heile mit einem Ringe— einem Ringe, den ſie à lindienne durch die Naſe gezogen trug, geſchmückt geweſen wäre. Da der Abend hereingebrochen war, entſchlich ich dem Stalle, und kroch in einen allerliebſten Haufen Bohnenſtroh; och hatte ich nicht Neigung zu ſchlafen, ſondern machte mich, als es völlig dunkel worden war, heraus, um eine Freiſtäͤtte zu ſuchen.« »Gemtß in den beſten Häuſern, und 1 in denen ſi ſo wenig Menſchen als möglich muthmaßkene meinte Miß Belmont. »Mit uichten. Steinerne Gebäude hatten für mich keine Freiſtätte. Ich mußte dieſe im Herzen irgend eines Menſchen ſuchen, und deßhalb durchſpähete ich die Geſichter der Meuſchen. Ich hatte beſchloſſen, mich dem —— — Der alte Commodore. 145 erſten hübſchen Maͤdchen, das ich erblicken würde, anzu⸗ vertrauen.« »Wie? Auguſtus!« »Und wie? Rebekka!« fiel Roſa ein.»Der junge Sir verrieth hier nicht wenig Klugheit, beſonders wenn man die Geſellſchaft, die er ſo eben verlaſſen, und die Toilette, die er kürzlich gemacht hatte, gehörig bedenkt.⸗ „» Nun ja, ich mag widerwärtig genug ausgeſehen ha⸗ ben,« ſagte Auguſtus, vallein ich konnte zur Zeit mich ſelber nicht betrachten, und ſo ſtand meine Beſcheidenheit durch⸗ aus nicht meiner Geiſtesgegenwart im Wege. Ich lenkte meine Schritte in die Nebengaſſe des Ortes und guckte ſpähend bald in dieſes, bald in jenes Ladenfenſter, doch währte es lange, ehe ich ein mir zuſagendes Geſicht finden konnte, ja, es ſchien mir, als ſollte ich vielmehr mich finden laſſen.« 13 »Ich würde querfeldein gelaufen ſein,« meinte Roſa. »Das konnt' ich nicht; ich hatte nichts als mein Hemd und meine Beinkleider auf dem Leibe, und auf dem Kopfe einen neuen Strohhut, den ich von einem Zaune, wo er vermuthlich bleichen ſollte, weggenom⸗ men hatte.« »Mich dünkt, ich bin hier in allerliebſter Geſellſchaft) ſagte Roſa neckend, indem ſie ihr Kleid ſchüttelte, und ihren Stuhl ein weuig wweiter weg von Sepier Hert⸗ lichkeit ſchob. „»Es war in Feindes Lande, Miß Belmont.⸗ a »Achte nicht auf ſie, Gus,« ſiel Rebekka ein.„Un⸗ ſere Zeit, ihrer zu ſpotten, kommt wohl noch.«. 5 » Rebekka, ich meine, dieß war nicht der ſchlimmſte Diebſtahl, welchen dieſer achtbare Lord verübte, und den er zu geſtehen hat, inſofern er nach hluſchen Geſicher Der alte Commodore. III. 146 Der alte Commodore. umherſpähete. Er, der nach Geſichtern und Strohhüten haſchte, wird die Herzen nicht ungeſtohlen gelaſſen haben.“ Auguſtus erröthete, als ob die Weiberkleidung, welche er trug, ihm natürlich geweſen wäre; ja, er er⸗ röthete mehr als irgend eine alte Jungfer es viel⸗ leicht gekonnt haben würde. Rebekka fühlte ſich für einen Augenblick die Tochter des alten zornmüthigen Commodore; es kribbelte ihr in allen Fingerſpitzen. Ueber einen gewiſſen Punkt verſtand ſie keinen Spaß, und über dieſen Punkt war die dussaela ſene Roſa ſo eben geſtolpert. Es entſtand eine etwas peinliche Pauſe, die Auguſtus dadurch ausfüllte, daß er ſein Steifkleid zurechtpuffte, und ziemlich albern ausſah. Roſa erkannte, daß ſie zu weit gegangen war; ſie ergriff daher Rebekba's Hand, küßte dieſelbe, ohne ein Wort zu ſagen, mit Innigkeit, und aus den Augen der Erbin von Treſtletree⸗Hall leuchtete wieder der Glanz der Harmloſigkeit. Auguſtus fuhr fort. »Endlich fand ich ein ſchöneres Geſicht, als ich je⸗ mals geglaubt hatte, eines anzutreffen.« „Wo?« unterbrachen ihn beide Mädchen in Einem Athem. „ Wirklich war es die höchſte Zeit dazu, denn der Anruf der Patrouille drang ſchon von fernher in mein Ohr. Ich ſagte, ich fand das Geſicht zu rechter Zeit, doch mag ich kaum ſagen, wo ich es fand. Du, Rebekka, wirſt, oder mindeſtens Roſa wird darüber kachen, und das würde meinem Herzen ſehr wehe thun— »Ich werde nicht lachen— ſprich weiter, Auguſtns.⸗ Sch fand das wunderhübſche Geſicht in einem un⸗ anſehnlichen Friſir: und Barbierladen. Der Haarkraͤu⸗ ſeler nppiete eben eine alte t, Delc⸗ auf, Pnd 1 ſeine Der alte Commodore. 147 Tochter las ihm vor. Das Licht der Lampe ſiel auf der Letzteren Angeſicht— ein Antlitz, Rebekka, das mir damals als überirdiſch erſchien— eben weil ich es unter ſo beſonderen Umſtänden und in ſo beſonderem Lichte zum erſten Male erblickte. Ich beſann mich kei⸗ nen Augenblick, ſondern trat keck in den Laden. Vater und Tochter zeigten ſich fein höflich gegen mich. Ich hatte mich ohne Weiteres dem Erbarmen der Tochter überantworten und ihren Schutz erflehen wollen, aber ehe ich noch den Mund öffnen konnte, nahm der Vater das Wort. 3 »'Apparemment, Monsieur,“ ſagke er, wollen Sie erſt gewaſchen und dann raſirt ſein?⸗. »Ein Blick in ſeinen kleinen Spiegel belehrte mich über die Zweckmäßigkeit ſeiner Frage. Ich verbeugte mich ſchweigend; die junge Dame brachte mir ein Becken mit Waſſer und ein Handtuch, und verließ den Laden durch eine innere Thür. Ich wuſch mich, und ergab mich dann meinem Schickſal, indem ich mich zum erſten Mal in meinem Leben, ohne etwas davon zu wiſſen, raſtren ließ. Nachdem die Operation ſchon längſt vorbei war, wußte ich noch nicht, was ich ſagen ſollte; ich wünſchte, daß das hübſche Mädchen wieder hereinkommen möchte, und ſaß ſchweigend auf meinem Stuhle, freute mich je⸗ doch, daß mein äußeres Erſcheinen ein wenig menſchlicher geworden war. Endlich ſah ich mich gezwungen, zu be⸗ kennen, daß ich nicht nur kein Geld hätte, ſondern ein eben entſprungener Kriegsgefangener wäre. Mr. Flo⸗ rentin, denn dieſen Namen führte der Eigner des La⸗ dens, wußte nicht, was er mit mir anfangen ſollte. Verrathen wollte er mich nicht, doch glaube ich, daß er große Luſt hatte, mich zur Thür hinauszuwerfen. Zu meinem Glücke rief er Mademoiſelle herunter, um mit . 1 10* 148 Der alte Commodore. ihr Rath zu halten. Menſchenliebe ſiegte. Die Frei⸗ ſtatt, die ihnen höchſt gefährlich werden konnte, ward mir gewährt. Roſalie war eben ſo gutherzig als ſchön.« »Auguſtus! Du liebteſt?« rief die jetzt teſeranie fene Rebekka. »Das nicht, aber ich ſchätzte, ich verehrte— ja, in gewiſſem Sinne liebte ich Roſalie— wer hätt' es ver⸗ meiden können? doch liebte ich ohne Leidenſchaft. Es war ein heiliges Gefühl, und oft ſagte ich zu mir ſelbſt: Hätte der Himmel mir Rebekka zur Gattin und Roſalie zur Schweſter gegeben, ſo würde mein Glück hienieden weit über mein Verdienſt ſein.« „Schade iſt's doch, daß ſo gute Leute oft auch ſo hübſch ſind!« ſagte Rebekka mit nicht ſonderlicher Ge⸗ müthsruhe.»Wie lange bliebſt Du denn bei jenen ge⸗ meinen Leuten?« „Gemeine Leute? das waren, das ſind ſie nicht. Sie gehören zur Nobleſſe. Sie find Königlichgeſinnte, und hatten Alles verloren. Den Namen Florentin hat⸗ ten ſie bloß angenommen. Man hatte ſie verfolgt, proſcribirt; ſie waren von Ort zu Ort gewandert, und ſuchten Gelegenheit nach England zu entkommen. Hät⸗ ten ſie ſich der Seeküſte näher angeſiedelt, ſo würde es Verdacht erweckt haben.« »Nun, nun, ich will's glauben, daß ſie recht wackere Leute waren. Wie viele Tage bliebſt Du bei ihnen?« »Tage, Rebekka? Ich blieb Monate, Jahre bei ih⸗ nen. Erſt vor etwa einem Monate verließ ich ihr gaſt⸗ freies Dach, wie niedrig es ſein mochte; die braven Flo⸗ rentins ſchützten mich gegen die Verfolgung Meineidi⸗ ger, als jede andere Thür, jedes andere Herz mir ver⸗ loſſen war.«⸗ 5 ſch. 1.. 4. k Der alte Commodore. 149 »Doch das meinige nicht, Auguſtus! o, das meinige doch nicht! O, die abſcheulichen Franzoſen!« »Ei, Bekky,“« fiel Roſa ein,»ich ſehe das Abſcheu⸗ liche nicht in dieſen Franzoſen, die Seine Herrlichkeit gegen ſchmähliche Kerkerhaft ſchützten. Womit brachten Sie denn Ihre Zeit bei den Florentins hin?« »Ich lernte ihr Gewerbe; ich reiſete mit ihnen, bis⸗ weilen als ihr Gehülfe, bisweilen als ihr Neffe. Ich diente ihnen treu. Wie anders hätte ich ihnen meine Dankbarkeit beweiſen können.«. »Hm? So? Wie mißlich es auch iſt, ſo zu fra⸗ gen, muß man doch fragen, ob der Graf von Osman⸗ dale jemals einen Menſchen bei der Naſe hielt, und— 2 »Roſa, Du biſt ſo abſcheulich, als Du hübſch biſt,⸗ unterbrach ſie Rebekka. »Ich bin nicht verflichtet,« fuhr Auguſtus fort, „dieſe Frage zu beantworten. Sei ich nun Graf oder nicht, ſo darf ich doch ſagen, daß ich mein Brot ehrlich verdiente. Da es Rebekka jedoch nicht gern zu hören ſcheint, daß ich von den Florentins erzähle, ſo will ich nicht länger bei der Zeit verweilen, die ich mit jenen Rechtſchaffenen verlebte. Wir hatten bald ausfindig ge⸗ macht, daß Verdun uns keine Sicherheit gewährte. Wir durchwanderten mehrere Städtchen, und ſchwebten oft in Gefahr, gefangen genommen zu werden. Dieſe Le⸗ bensweiſe konnte nicht lange fortdauern. Florentin hatte ſein weniges geborgenes Geld beinah ausgegeben, und blieb ſelten lange genug an einem Orte, um durch das Gewerbe, zu welchem er gegriffen hatte, ſich neue Mit⸗ tel zu verſchaffen. Endlich näherten wir uns der Küſte. Dort trennte ich mich von meinen Rettern. Ich hatte jetzt allerdings Gelegenheit, mit meinen Freunden in England Briefe zu wechſeln, allein ich that 4 nicht, 150 Der alte Commodore. weil ich beſorgte, ſie möchten in ihres Herzens Freude mir geradezu antworten, und ſo meine abermalige Ein⸗ kerkerung herbeiführen, die ich wahrlich mehr als den Tod fürchtete. »Florentin hatte ſeine Vorkehrungen getroffen, und reiſete mit ſeiner Tochter auf einem Smugglerſchiffe nach England ab, wo er wohlbehalten eintraf. Ich würde mit ihnen gereiſet ſein, wenn ich Geld zur Ueber⸗ fahrt gehabt hätte; auch würden die Florentins für mich bezahlt haben, wenn es ihnen möglich geweſen wäre. So mußte ich denn zurückbleiben. Von dem zu⸗ rückkehrenden Schiffer erfuhr ich, daß die Florentins ſich in der Hauptſtadt Englands einen kleinen Laden nebſt Wohnung gemiethet hätten, wo es ihnen ziemlich wohl ginge. Der Schiffer überbrachte mir auch ihre Adreſſe. Mittlerweiſe war ich ſo franzöſirt worden, daß ich durchweg für einen Franzoſen von Geburt galt, und unter meinem angenommenen Namen Jacques le Meunier fortlebte.« Bei Nennung dieſes Nameuns dachte Rebekka an das entſetzliche Mandat. Sie erblaßte, ſagte jedoch nichts. »Nun, auf dem Lande an der Küſte ward ich jetzt ziemlich bekannt; in Städten wagte ich nicht, mich zu zeigen, und führte demnach ein mißliches und hart be⸗ drängtes Leben. Endlich konnte ich dem Drange, mein Heimathland und die Meinigen wiederzuſehen, nicht länger widerſtehen, und ging mit einigen Smugglern in der Hoffnung zu Schiffe, zu deſertiren, ſobald ich in England angelangt ſein würde. Das war ein verwege⸗ ner Streich, Rebekka; wirſt Du ihn mir verzeihen?« »Bei alldem lag nichts Arges darin, Gus; ich würde es eben ſo gemacht haben.“ Dieſe Aeußerung der jungen Dame war ziemlich 151 Der alte Commodore⸗ keck. Es iſt nicht recht, ſich mit dem Feinde des Lan⸗ des zu verbinden, um des eigenen Vaterlandes Handel ſchädigen zu helfen. Nicht ganz recht war's von Au⸗ guſtus, der ſich jedoch bei Rebekkens Aeußerung ſo ſehr erleichtert fühlte, daß er dieſe mit einem herzigen K Kuſſe bezahlte. »Da jedoch meine geuen Kameraden,“. fuhr der Held der Geſchichte fort,»mich für das hielten, wofür ich von jeher gegolten hatte„nämlich für den Neffen eines Königlichgeſinnten und Emigrirten, ſo behielten ſie mich ſcharf im Auge, ließen an der engliſchen Küſte mich nie⸗ mals an Land, und ſo mußte ich mehr denn einmal mit ihnen hinüber und herüber fahren⸗nehe ich⸗ Gelegenheit fand, meines Vaterlandes Boden zu betreten.« »Ei, ei,« ſagte Roſa,»da wurden MRalord ja wohl ein ausgelernter Smuggler? e » Mindeſtens lernte ich ein Boot handhaben, ward ſo vertraut mit der Waſſertiefe und der Beſchaffenheit des Grundes im Kanal, daß, wenn jemals andere Be⸗ ſchäftigung mir fehlen ſollte, ich einen trefflichen—« » Du ſollſt nimmer wieder zu Schiffe gehen,« fiel Rebekka ein;„das habe ich mir nun ein für allemal ſo in den Kopf geſetzt. Ich haſſe die Seer« 5„»Die Tochter des alten Commodore ſollte ſo nicht ſprechen. Doch ich komme jetzt zum jüngſten und ſchlimm⸗ ſten Theile meiner Erzählung. Unter Mitwiſſen fran⸗ zöſiſcher Behörden ſollte ein Trupp von Spionen und Mordbrennern und wilden Theoretikern, zum Umſtürzen von Regierungen auf dernengliſchen Küſte an's Land ge⸗ ſetzt werden, nachdem man dieß Geſindel mit allen Hülfs⸗ mitteln zu Betrügereien und verrätheriſchen Briefſchaf⸗ ten an mißvergnügte Engländer wohl verſehen hatte. Ohne mich geradezu eines Verſprechens an Theilnahme 152 Der alte Commodore. ſchuldig zu machen, erlangte ich Erlaubniß mitzufahren, weil man meiner Hände im Schiffe nicht wohl entbeh⸗ ren konnte. Wir landeten um Mitternacht zu Dover, und ſchlichen auf Nebenwegen und nur zur Nachtzeit nach London.. „»Warum verließeſt Du die Gottloſen denn nicht gleich in Dover, mein Auguſtus?« »Ach, ich erkannte nur zu hald, daß ich von einem Rudel Tyrannen zu einem andern 9run war. We⸗ nig Freude brachte es mir, mich in meinem Mutter⸗ lande zu beſinden. Die Genoſſen verrätheriſch anzuge⸗ ben, vermochte ich nicht; und da ich wußte, daß ſie in der Hauptſtadt meine Flucht nicht würden hindern kön⸗ nen, verſchob ich dieſe klüglich, bis ich in London ange⸗ kommen ſein würde. 19 » Unter Böſewichtern iſt immer Einer, der ſchlechter noch iſt, als alle Uebrigen es ſind, und der nur ſeine Gelegenheit abſieht, an ihnen zum Verräther zu wer⸗ den. Ich weiß es jetzt, daß Abſicht und Zweck dieſer, aus einem Halbdutzend beſtehenden glorreichen Invaſtons⸗ armee unſerer Regierung genau bekannt gemacht worden waren, daß man ſogar wußte, in welchem Hauſe die Spiyne und Aufruhrſtifter ſich befanden; denn kaum hatten dieſe ſich, froh über ihre glückliche Landung, niedergeſetzt, ſo brach auch die Polizei herein und verſuchte eine Gefangen⸗ nahme in Maſſe. Zu meinem Mißgeſchick waren die Häſcher zu gering an Anzahl. Sie wurden überwäl⸗ tigt, gebunden, geknebelt und, mit Ausnahme eines ein⸗ zigen Officianten, der, in ſeinem Blute ſich wälzend, auf der Flur liegen blieb, in einen tiefen Keller gewor⸗ fen. Der Menſch, der mit ſeinem Dolche den Polizei⸗ officianten verwundet hatte, und der der Anführer des Spiontrupps war, nannte ſich Kapitän Mainſpring, —õ— . Der alte Commodore. 153 doch glaube ich, er hieß nur ſo auf ſeinen Kreuz⸗ und Querzügen. »Mit den Uebrigen mußte ich nun die Treppe hinab. Meiner Unſchuld mir bewußt, weigerte ich mich jedoch, mit ihnen zu fliehen; flugs alſo galt ich ihnen für den⸗ jenigen Verräther, der ſie bei der Landespolizei angege⸗ ben hatte. Ich kann mich nur des Flammens ihrer Augen und ihrer geballten Fäuſte erinnern; denn als ich wieder zus Beſinnung kam, befand ich mich in einer entſetzlichen Lage. Ich ſaß am Boden; ich hatte andere Kleider als zuvor an; ich war mit Blute beſudelt, auf meinem Schooße lag ein bis an's Heft gerötheter Dolch, und neben mir hingeſtreckt der verwundete Polizeioffi⸗ ciant, der eben anfing ſich zu erholen, und jaͤmmerlich nach Hülfe ſchrie. Leute ſtürzten herein, die Häſcher wurden aus dem Keller befreit, und mich hielt man für den Mörder, denn ich ſteckte in den Kleidern des Kapi⸗ täns Mainſpring, der in meinem Anzuge entwiſcht war. »Schrecken und Schmerz, in Folge der erhaltenen Schläge, ließen mich keine Worte finden; den Verwun⸗ deten trug man in das nächſte Spital, mich ſchleppte man in das Gefängniß.« Beide Mäͤdchen ſtießen hier einen Schrei des Entſetzens aus, und hielten einander ängſtlich umarmt. Nachdem ihre gewiß höchſt natürliche Wallung ſich ein wenig ge⸗ legt hatte, ſagte Auguſtus: »Ich habe wenig mehr zu erzählen; allein dieß We⸗ nige iſt entſetzlich. Folgenden Tages ward ich zum Ver⸗ hör vor ein Gericht geſtellt, in welchem, wenn mein Gedächtniß mich nicht durchaus trügt, Mr. Plumer⸗ ſand, der Nachbar von Treſtletree⸗Hall, ein Beiſitzer warr. 1 „» Gott ſteh uns bei! Weiter, weiter, mein Auguſtusla Der alte Commodore. 154 »Ich bin feſt überzeugt, daß er es war— ja, ja; er faßte mich ſcharf in's Auge, und ſtellte mir plötzlich die Querfrage, die den übrigen Richtern völlig überflüſ⸗ ſig zu ſein ſchien,'ob ich jemals in der Gegend von Treſtletree⸗Hall geweſen wäre? Thor, der ich war, daß ich dieſe Frage verneinte. Aber ich wollte nicht, daß die über mich gekommene Schande ſich auch den thenren Meinigen mittheilte. Als Jacques le Meunier litt ich bloß allein; welches Elend aber würde es für uns Alle geweſen ſein, wenn ich, ein faſt überwieſener Verbrecher, als anerkannter Sohn der Lady Aſtell und als Neffe Sir Octavius Bacuiſſart's hätte ſterben müſſen!« »Noch ſolch ein garſtiges Wort, Auguſtus, und ich höre auf, Dich liebzuhaben,« ſagte die leidenſchaftliche Rebelka. 9l »Wie aufrichtig ich auch den ganzen Hergaug dars legte, ward meinen Erklärungen doch nur Geringſchä⸗ tzung entgegen geſetzt. Die verrätheriſchen Papiere in Mainſprings Kleidern, welche man bei mir hatte finden müſſen, zeugten fürchterlich gegen mich, und einer der gefangenen Spione ſchwur hoch und theuer, ich ſei Der⸗ jenige, der im Handgemenge den Polizeiofficianten nie⸗ dergeſtoßen hätte. Doch Aergeres noch ward an mir gethau. Man führte mich in's Spital zu dem dem Tode nahe Verwundeten. Der Aermſteler meinte, ſo⸗ fort mich als ſeinen Mörder zu erkennen⸗ und erblärte dieß unumwunden.“« »Möge Gott ihm vergeben!« lallte Rebekka. 1 »Gett wird's, denn der Unglückliche ſagte gewiß nur das, was er feſtiglich glaubte. Ich ward nun in meinen Kerker zurückgeſchleppt, um noch ſchärferen Un⸗ terſuchungen unterworfen zu werden. Es war Abend, als man mich zurückführte. Da ich mich überaus kör⸗ Der alte Commodore. 155 perſchwach fühlte, legte man mir keine Handſchellen an, ſondern brachte mich in einem Miethwagen fort.— Ich ſah faſt jedes Haus in der Stadt erleuchtet, ſah überall Freudenfeuer brennen— es war zur Feier eines großen Sieges auf See— 1 »Gewiß deſſen, den mein Vater erfocht,« unterbrach Rebekka. »Müſſige Buben warfen Schwärmer und Raketen in das Volksgewühl, ſo daß, inmitten einer engen Straße, vor dem Blitzen und Krachen die Pferde vor dem Wagen ſcheu wurden, ſich bäumten und den Wa⸗ gen ſo umwarfen, daß dieſer beinahe in die Glut eines Freudenfeuers fiel. Ich ſprang zum Schlage hinaus, und entlief, während meine beiden Wächter ſich mühſam vom Boden aufſammelten. Als ich entwiſchte, entriß ich, gleichſam aus Inſtinet der Selbſtvertheidigung, ei⸗ nem meiner Hüter den Dolch, den dieſer als einen Beweis gegen mich bei ſich führte. Im Parkgebüſch gab ich Dir jene Waffe, Rebekka.« »Ich werde ſie nimmer wieder anrühren, mein Au⸗ guſtus. Dort liegt ſie.« »Mag ſie liegen bleiben! Sicherlich hat ſie mehr als Eines Menſchen Blut getrunken; und nur in der dringendſten Noth will ich ſie wieder ſchwingen.— In meiner troſtloſen Lage erinnerte ich mich der Wohnung der Florentins, ſuchte ſie auf, und fand nochmals eine Freiſtätte in derſelben—« »Schon wieder die Florentins!« unterbrach Miß Bacuiſſart im Tone des Vorwurfes. „»Die Wachſan keit der Polizei war gjedoch nicht ſo leicht zu täuſchen. Ich ward erſpäht, und entkam mit genauer Noth. Meine Seele ſehnte ſich danach, noch Einmal Treſtletree⸗Hall zu ſehen, zu ſuchen, ob ich mir 156 Der alte Commodore. nicht Raths bei dem guten Underdown erholen könnte; vor Allem wollte ich dem Gefängniſſe entrinnen.« »Underdown würde Dich zuverläſſig den Gerichten ausliefern, mein Augnſtus. Was ſollen wir nun be⸗ ginnen?« »Hier bleiben kann ich nicht länger,« fuhr Auguſtus fort.»Welch ein Segen würde es mir ſein, wenn mein Onkel hier wäre? Er würde nicht ſo ſpitzfindiges Be⸗ denken tragen, wie Underdown, ſondern mir einen red⸗ lichen und umſichtigen Anwalt verſchaffen, oder mich ſo lange außerhalb Landes unterbringen, bis meine Un⸗ ſchuld erwieſen werden kann.« »Roſa,“« ſagte Rebekka,»ich bin zu erſchüttert, als daß ich ſchreiben kann. Du hörteſt Alles; ſchreibe gleich an Sir Octavius, verſchweige ihm nichts. Ich will dann ſonder Verzug den Brief befördern; das hurtigſte Pferd im Stalle ſoll den Boten nach London tragen.« Roſa zog ſich in ihr Zimmer zurück, und die beiden Liebenden waren zum erſtenmal allein mit einander. Dreizehntes Kapitel. „ Sei nah die Liebſte, ſei ſie fern, Stets wird das Herz ſich an ihr weiden. Die Liebe fleugt von Stern zu Stern, Drum kann kein Raum den Bund der Liebe ſcheiden. ⸗ Altes Gedicht. Während der vier Tage, die Auguſtus verſteckt bei — — —.— der Geliebten zubrachte, befand Mr. Underdown ſich in 4 Der alte Commodore. 157 einem faſt bejammernswerthen Zuſtande. Die Poſſe von Miß Belmont's anſteckendem Fieber fand vollen Glau⸗ ben im ganzen Hauſe, und wenn dieſem ſich auch kein Beſuch aus der Nachbarſchaft näherte, ſo ward es doch von einem böswilligen Augenpaar ſcharf belauert. Brau⸗ chen wir zu ſagen, daß Mr. Plumerſand dieſen tücki⸗ ſchen Lauerer abgab? Der Ehrenmann hatte bemerkt, daß nicht nur Briefe von der Poſt in Treſtletree⸗Hall einliefen, ſondern, daß auch täglich zwei oder drei außerordentliche reitende Bo⸗ ten eintrafen und wieder fortgalopirten. Plumerſand ſchnappte auf, daß dieſe Eilboten vom alten Commodore kamen und wieder an denſelben zurückbefördert wurden, und richtig folgerte er, es fände zwiſchen Sir Octavius und Mr. Underdown ein angelegentlicher, den entwiſch⸗ ten Spion und Mörder betreffender Briefwechſel Statt. Daß der fälſchlich als Mörder Angeklagte aber kein An⸗ derer als Auguſtus Aſtell war, wußte Mr. Plumerſand nur allzuwohl. Die Damen des Hauſes fühlten ſich weniger nn⸗ glücklich als Underdown; ſie fürchteten freilich Schlim⸗ mes, wußten jedoch nicht anders, als daß die Gefahr über Miß Belmont und deren beſtändiger Pflegerin Miß Bacuiſſart ſchwebte. Underdown ließ ſich ſelten, und nur wenn er nicht umhin konnte, vor ihnen ſehen. Ih⸗ ren wiederholten Fragen:»Wo iſt der Commodore? warum kommt er nicht?« konnte er nur die Antwort entgegenſetzen, daß Sir Octavius bald erſcheinen würde, für jetzt jedoch noch dringende Geſchäfte in der Haupt⸗ ſtadt hätte. Alle Bewohner Treſtletree⸗Hall's meinten, es würde dieſer vierte Tag nimmer enden; nur die beiden Lieben⸗ den meinten das nicht. 158 3 Der alte Commodore. Sehen wir uns für ein Weilchen nach dem alten Commodore um! In der Hauptſtadt iſt Gold allmächtig; man lege davon nur eine gehörige Quantität unter die Naſe ei⸗ nes Advokaten, und ſehe dann, welche Schuppen ihm von den Augen fallen! Sir Octavius nahm ſofort drei ſolche Diener des Rechts in Sold; die Florentin's wurden bald ausfindig gemacht, und von ihnen erfuhr der Commodore das Umſtändliche hinſichtlich ſeines Neffens, an deſſen Unſchuld er niemals gezweifelt hatte, und deſſen derzeitigen Verſteckort er recht wohl kannte, auch gar nicht ungehalten darüber war. Das Nächſte, was bewirkt werden mußte, war, die verdammende Anklage und Beweisführung gegen Au⸗ guſtus zu entkräften. Der Polizeiofficiant, der ſterbend wider dieſen ausgeſagt hatte, war leider todt. Der— andere Häſcher, der geſchworen hatte, geſehen zu haben, daß Auguſtus Jenen niedergeſtochen hätte, nahm zwar ſeinen Eid durch einen Gegeneid zurück, nachdem er mit den drei Rechtsfreunden des Commodore gehörige Rück⸗ ſprache gehalten hatte; indeſſen blieb es doch immer Hauptpunkt, des wirklichen Kapitäns Mainſpring hab: haft zu werden. Es verſteht ſich, daß reiche Beloh⸗ V nung dem zugeſichert ward, der dieß würde möglich machen können. Nachdem Sir Octavius dem Könige ſeine ſchuldige Aufwartung gemacht hatte, that er faſt nichts Anderes, als vom Richter zum Polizeioberſten zu rennen, oder Häſchern und Dieben und Diebesfängern aller Art Au⸗ dienz zu ertheilen. Er fragte nicht nach Sternen und Bändern und ſonſtigen Ehren.»Meinen Neffen geben Sie mir in ſeiner unbefleckten Ehre zurück!« das war 1 die Antwort, die er dem Miniſter hinwarf. Inmitten Der alte Commodore. 159 ſeines Siegesglanzes und der Volksbeliebtheit, zu der er gelangt war, ſah man dieſe ſeine beſcheidene Forde⸗ rung für um ſo billiger an, und bot Alles auf, um zur Erfüllung derſelben hinzuwirken; und ſo glückte es denn, den wirklichen Kayitän Mainſpring einzufangen, obwohl dieſer ſich dabei ſo tuͤchtig widerſetzte, daß noch eines Menſchen Leben daraufging. Mainſpring's Geſtändniß bewirkte augenblickliche Losſprechung des jungen Aſtell, ſo daß gegen ſteben Uhr am Abend des vierten Tages der ſüßen Haft deſſelben Sir Octavius und Kapitän Oliphant ſich in den Reiſe⸗ wagen des Erſtern warfen, Beide in Einem Athem: »Nach Treſtletree⸗Hall!« riefen, und als ein ſo fröhli⸗ ches Paar Gentlemen dahinraſſelten, wie deren jemals zwei mit vier Pferden fürbaß galopirten. Um dieſe Zeit befanden die beiden Liebenden ſich al⸗ —— lein mit einander. Der Tag war ſchwül geweſen, der Abend war es nicht minder. Miß Belmont fühlte ſich erſchöpft durch die vier Tage lange Einkerkerung; das Händedrücken, der Seelenaustauſch der beiden Verlieb⸗ ten hatten für ſie nichts Erquickendes. Auf Rebekka's V Bitte hatte ſie einen langen, wiewohl unnützen, Brief an Sir Octavius geſchrieben. Der Brief war befördert worden, und da Roſa ſich nun gänzlich unbeſchäftigt 4 ſah, wich ihre Entſchloſſenheit, und ſie begab ſich in ihre Kammer, um ihre Verdroſſenheit und Langeweile auszuweinen. Auguſtus ließ ebenfalls die Flügel hängen, wie ein Vogel der Wildniß, den man einkäfigte. Er ward un⸗ geduldig, und ward es beſonders über die Frauenklei⸗ 1 dung, in der er ſtecken mußte. Er hätte beinahe lieber die blutbeſudelten Lumpen des Mörders Mainſpring Der alte Commodore. wieder angelegt, die er vor Kurzem mit ſo vielem Ekel von ſich geworfen hatte. „O Rebekka!« rief er,»heute Nacht muß ich dieſen Ort fliehen.“ i »Unmöglich! Wie meinſt Du das, mein Auguſtus?« „»Ich kann's in dieſer Verkleidung nicht länger aus⸗ halten. Laß mich wieder als Mann vor meinen Mit⸗ menſchen ſtehen. Giebt Gott es zu, daß ihnen die Au⸗ gen verblendet bleiben, und verdammen ſie mich als Miſſethäter, ſo ſollen Sie ſehen, daß ich als Mann, und als unſchuldiger Mann, mein Elend zu ertragen vermag.“. „Du ſprichſt entſetzliche Worte, mein Geliebter. Deine Hand zuckt ſieberiſch. Lege Deine brennende Wange an die meinige; ſie iſt kühler— ſo— ſo, Au⸗ guſtus! Iſt's ſo nicht beſſer, als Schellen an den Händen und ſchwere Ketten an den Füßen haben? Sind meine Arme, die Dich umſchlingen, denn Dir ſo widerwärtige Bande? Lächle, mein Auguſtus; lächle nur ein einziges Mal Dein verzogenes Liebchen an.— So iſt's recht. Du ſollteſt immer ſo ausſehen; Du biſt gar zu ſchön, wenn Du lächelſt. Fühlſt Du Dich jetzt glücklich?« „Glücklich und elend zugleich. Ich hätte nicht hie⸗ herkommen ſollen. Welch eine Verdammniß würde ich auf mich laden, wenn ich Dein zartfühlendes Herz bräche! Du würdeſt ſterben, wenn man mich zum Tode führte— ja, ja, Du würdeſt ſterben!« „Zuverläſſig, Herr Graf. Doch will ich deßhalb nicht bemitleidet ſein,« verſetzte Rebekka ſtolz und ge⸗ reizt.»Du wagteſt Dein Leben daran, um der ſchimpf⸗ lichen Peitſche zu entgehen; ſtehe ich ſo tief unter Dir, Auguſtus, daß ich keinen Ruhm darin finden ſollte, für * Der alte Commodore. 161 Dich zu ſterben, der Du lieber ſterben, als Dich be⸗ ſchimpft ſehen wollteſt. O mein Auguſtus, ich bin ein einfältiges Geſchöpf, aber ich habe ein ſtarkes Herz. Doch laß uns nicht mehr vom Tode ſprechen. Die En⸗ gel, die den Schuldloſen beſchirmen, werden auch über uns unſichtbarlich walten. Sieh da— das iſt eine von Roſa's Redensarten— wie köſtlich die Stille iſt, die uns umgiebt!« „Ehrlich geſagt, ich finde das nicht,« derſeßte Au⸗ guſtus.»Ich ſehne mich nach friſcher Luft, nach dem Anblicke des blauen Himmelsgewölbes; möchte das Grün der Ebene draußen mit den Blicken einſaugen, möchte ein wenig die Vorhänge wegſchieben und ein Fenſter öffnen—« „Das könnte Gefahr bringen, Lieber.⸗ »Im Geringſten nicht. Wer kann in dieſes Zimmer ſehen? Vergönne mir friſche Luft, theure Rebekka.«⸗ Gehorſam ſtand das Mädchen auf, ſchob die Vor⸗ hänge zurück, und öffnete das Fenſter. „»Ah, köſtlich! köſtlich!— Und der Balkon dort! wie ſchön muß es auf jenem Balkon ſein. Von ihm herab ward meinem erkrankenden Herzen Heilung ge⸗ reicht; von ihm herab vernahm ich Deine ſüße Stimme— Deine Geſtalt kannte ich nicht, ihre Schönheit täuſchte mich, allein Deine Stimme erkannte ich im erſten Au⸗ genblick.« »Schmeichler! wenn Du ſo willſt, muß ich meinen Kinderrock wieder anziehen, und mir das Haar wieder wild um die Schultern flattern laſſen.« „»So grauſam wirſt Du nicht ſein; denn es würde Deiner Tante Mathilde den Todesſtoß verſetzen. Komm, laß uns auf den Balkon hinaustreten; er ſoll uns hei⸗ Der alte Commodore. III. b 162 Der alte Commodore. lig ſein, ſoll der Altar der Beſtändigkeit für uns hei⸗ ßen—. „Wünſche nicht ſo Vorſchnelles zu thun, mein Au⸗ guſtus.« 4 »Nichts Vorſchnelles iſt es. Ich ſehne mich da⸗ nach, die alten Schauplätze unſerer Kindheitſpiele zu überblicken. Komm, komm, Rebekka! Was für Gefahr kann es bringen? Sähe es auch ein Diener oder ein Bauer— was könnten ſie dazu ſagen, daß eine ſehr lange und ſehr anmuthige Dame auf Miß Bacuiſnart's Fenſterbalkon ſteht?« »Auguſtus, Du ſiehſt nicht aus wie eine Dame, ob⸗ ſchon Du eine der reichſten Damenkleidungen in der Grafſchaft trägſt, und Dein dickes Haar—« „Bedecke es, womit Du willſt, Bekky, nur laß uns auf den Balkon gehen. Die Sonne iſt im Sinken, und es iſt ſo wonnig, in die ſinkende Sonne zu ſchauen, auch wenn Traurigkeit ſich mit dem Wonnegefühl miſchte.⸗ Wie konnte wohl Auguſtus vergebens bitten, wenn⸗ Gewährung in der Macht Rebekka's lag? Halb mit Lächeln, halb in Furcht ſtülpte ſie ihm eine Muſſelin⸗ haube auf den Kopf, und trat Hand in Hand mit ihm auf den Balkon. Sie zählten die Zeit nicht nach Mi⸗ nuten. Sie ſtanden da und tauſchten Gelübde aus; ſie waren ſo Eins vom Andern hingenommen, daß ſie nicht hörten, oder doch nicht darauf achteten, wie Un⸗ derdown ſein Fenſter unten zu wiederholten Malen ha⸗ ſtig aufriß, und es eben ſo haſtig wieder zuſchlug. Endlich wurden ſie doch aus ihrem Liebesrauſche aufgeſchreckt, denn ſie vernahmen Underdown's Donner⸗ ſtimme, welche rief:»Wer ſchleicht dort umher?— John, reiche mir die Büchſe!« —— —+— Der alte Commodore. 163. Erſchreckt wichen die Liebenden zurück, und ver⸗ ſchloſſen nicht bloß das Fenſter, ſondern ſchoben auch die Vorhänge deſſelben dicht zu.— — Vorwärts, mein tapferer alter Commodore! Hakteſt Du je Urſache, Deine Energie zu zeigen, ſo war es in dieſer Stunde. Der Dolch des Mörders wird ſonſt bald über dem Buſen Deiner geliebten Toch⸗ ter blitzen, und— ſchrecklich zu erzählen iſt's— ihre eigene Hand wird ihn ſchwingen! 4 Es war zehn Uhr und beinahe dunkel, denn der Mond rang ſich durch den waldbekränzten Horizont. Rebebk Roſa ſtanden im Begriff, von dem ſchwer⸗ müthiz zguſtus Abſchied zu nehmen, als ein entſetz⸗ licher Late 3 äußern Thore des Hauſes vernommen ward. »Ich bin entdelee— ſie kommen!« rief Auguſtus; »horcht! ſie rennen das Vorderthor ein!« »Auf den Balkon! Flüchte Dich in das Parkge⸗ büſch!“ ſtammelte Rebekka; allein über den Balkon war Flucht unmöglich, denn auf der Ebene hinter dem Hauſe ſtanden Späher ausgeſtellt. »Jetzt bin ich ſo gut als verhaftet, Rebekka, bin ge⸗ opfert. Doch will ich lieber ſterben, als mich fangen laſſen.« »Ich ſterbe mit Dir, mein Auguſtus!« Gezwungen bin ich, zu ſagen, daß Miß Roſa, die in der Einbildung ſo oft eine Heldin geweſen war, jetzt wie zur Salzſäule geworden daſtand. »Rebekka,« ſagte Auguſtus,»könnten wir nur ein wenig Zeit gewinnen, ſo erklimme ich wohl das Spalier und entrinne über das Dach; allein dieſe abſcheutichen Weiberröcke! wie kann in ihnen ein Mann klettern, laufen oder fechten?⸗ 8 11* 164 Der alte Commodore.— »Reg' Dich auf, Roſa! Hoͤrſt Du denn nicht? Mein Auguſtus iſt in Gefahr! Wir müſſen das Haus in Brand ſtecken, damit er in der Verwirrung entrinne. Fort, leere Deine Garderobe aus, wirf Betten und⸗ Vorhänge auf einen großen Haufen in den Korridor! Meinen die Narren, daß ſie uns wie Schafe für die Schlachtbank greifen können?« Mehr todt als lebendig, that die arme Roſa, was ihr befohlen worden war. Am Ende des Ganges, der zu den Schlafgemächern führte, lag bald ein anſehnli⸗ cher Haufen Wäſche, Kleider und Betten, und ſonſtiger leicht brennender Gegenſtände. Als dieſe kehrung getroffen worden war, ſchob Rebekka die n en⸗ ſeit des Scheiterhaufens.»Geh jetzt, li Mäͤdchen,« ſagte die Aufgeregte,»Du biſt gutherzig, geiſtreich und ſchön, doch biſt Du nicht werth, Rein Schickſal und das meines Auguſtus zu theilen. Sobald das Feuer raſet, entrinne ich mit dem Geliebten.« »Ich kann's nicht zugeben,“ ſagte Auguſtus.»Gieb mir das Licht— Ein Opfer genügt— Rebekka, ich befehle Dir, jenen Dolch wegzuwerfen— er gehört nicht in die Hand eines Mädchens.« Reberka aber hörte nicht auf ihn, ſondern zeigte ſich als die Tochter ihres Baters. Statt aller Ant⸗ wort warf ſie das brennende Licht in die Wäſche, ſo daß augeublicklich eine Flamme aufloderte, und Alles umher ſich in dichten Rauch hüllte. Die Hitze und der Qualm waren zum Erſticken, ſo daß Auguſtus ſich ge⸗ n 3t ſah, mit Rebekka ſich in das Hinterhaus zu ziehen und dort alle Fenſter aufzureißen. In dieſem Augenblicke rollte der W modore um die Parkeckt und ſad Flammen. 4 3 3 agen des Com⸗ Hinterhaus in ——,— 8 Der alte Commodore. 165 knechte zu.»Das iſt meiner Bekky Werk; ja, ja, Noll, ſo iſt's! Schon Einmal wollte ſie das Haus in Brand ſtecken, als ich ſie ohne Abendbrot zu Bett ſchickte. Es brenut in ihrer Kammer— gewiß ein ra⸗ ſender Einfall von ihr, um Auguſtus zu beſchützen. Jag' zu, Kerl! jag' zul« Die keuchenden Pferde liefen aus allen Kräften, und über die Trümmer der eingerannten Thür weg ſtürzten Sir Octavius und Kapitän Oliphant in das Haus. Die große Marmortreppe wimmelte von Men⸗ ſchen, die theils Waſſer herbeiſchleppten, um das Feuer zu löſchen, theils, mit Spießen und Stangen bewehrt, ſich Bahn durch den Brand brechen wollten. Alles zeigte ſich in glüͤhrothem Lichte, Verwirrung herrſchte, und das Geſchrei der Frauenzimmer war euntſetlich. Nahe dem brennenden Haufen ſtand Underdown, die dem Anſchein nach lebloſe Roſa im Arme, und redete pathetiſch zu Auguſtus und Rebekka, ſich vor der Gluth zu retten, und ſich denen zu überantworten, die hinte dem Hauſe Wache hielten— es wäͤre dieß der einzige Ausweg, ſagte er, der ihnen übrig bliebe. Die hervorragendſte Figur oben auf der Treppe aber war Mr. Plumerſand, dem eine obrigkeitliche Perſon mit dem Verhaftsbefehl in der Hand zur Seite ſtand, und die Beide den Häſchern zuſchrien, ſie ſollten doppel⸗ ten Lohn empfangen, wenn ſie den Miſſethäter lebendig greifen würden. 4 Mittlerweile hatte ſich der Rauch ein wenig verzo⸗ gen, allein das Wandgetäfel und die Sparrbalken des Korridors brannten tüchtig, und hinter dieſer durchſich⸗ tigen Gruppe ſtand eine hohe Geſtalt in altfränkiſcher *Weiberkleidung, in der Hand, ſtatt anderer Waffe, ei⸗ nen Bettpfoſten. Mit der andern Hand war ſie be⸗ 2 166 Der alte Commodore. müht, einem jungen, überaus ſchönen Mädchen einen Dolch zu entwinden. Beide gewannen in dieſem Lichte und in dieſer Stellung ein übernatürliches Ausſehen. Der alte Commodore und Kapitän Oliphant waren flugs oben auf der Treppe. Der erſtaunte alte See⸗ mann fühlte ſich einen Augenblick lang ſo erſchüttert, daß er nur die Worte lallen konnte:»Rettet meine Kinder!« Dann aber machte er ſeinem kochenden Bu⸗ ſen Luft, indem er ſtatt eines ſcheußlichen Fluches, der ihn ebenfalls erleichtert haben würde, den Feldruf „Néstroque!“ herausheulte. Bei dieſem Geſchrei warf die ſtarrſinnige Bekky die Waffe von ſich, ſank in die Arme des Geliebten, und rief weinend:„»Wir ſind gerettet— ich höre das Kriegsgeſchrei unſeres Hauſes— mein Vater iſt dal« Dieſer Vater aber packte mit ſeinem Eiſenhaken den⸗ dürren Plumerſand, und warf ihn die Marmorſtufen hinunter, ſtürzte dann durch den brennenden Korridor, nahnm ſeine theure Tochter in ſeine Arme, kehrte, von Auguſtus begleitet, durch den in Flammen ſtehenden Gang zurück, und eilte treppab. Keinem fiel es ein, den Neffen des Commodyre anzugreifen, wohl aber zo⸗ gen vor dieſem, als er vorüberging, alle Anweſende, Magiſtratsperſon und Häſcher nicht ausgenommen, den Hut, und ließen ein lautes»Hurrah!“« erſchallen. Der Vater trug die Tochter in das nächſte Zimmer des Erdgeſchoſſes— wie hing ſie ſo innig an ihm! wie weinte er voll Entzücken über ihr! Kapitän Oliphant und Mr. Underdown mit Roſa folgten ihm auf dem Fuße.»Hier, Underdown,« ſagte der Commodore, „nehmen Sie dieſen Freilaſſungsbefehl vom Staats⸗ ſekretär, und zeigen ſie denſelben den Polizeiagenten und den Häſchern. Dann laſſen Sie Alles, was Hände hat, — —4 Ln †,— — Der alte Commodore. 167 Waſſer heranſchleppen nach Kriegsſchiffsmanier— von Hand zu Hand den Eimer aus dem Graben.— He! Noll wird ſchon für die Schöne dort ſorgen. Gewiß iſt ſie meine Mündel. Gus, mein Junge, gieb Deinem Ohm'nen Schmatz— ſo! nun wiſch' Dir den Ge⸗ ſchmack davon an Bekky's Lippen ab. Allerliebſte Ge⸗ ſchichten hier! Schlaue Schelme, die Ihr ſeid, und doch meint, der alte Seebär wüßte nichts von dem Al⸗ len. Hätte mir Euer Geſchick doch beinahe das Herz abgedrückt— hiſſah, huſſah! Bei alledem iſt mir die Bekky ein ſtattliches, und obendrein ein heldenmüthiges, kernbraves Mädchen geworden! Vor drei Monaten, als ich ſie verließ, war ſie noch ein Kind, und jetzt— da ſteht ſie! Auguſtus— Gus— klapp'nen Paul an den Kapſtan!« »Der Graf von Osmondale,« ſagte Rebekka, indem ſie durch ihre Thränen lächelte. »Graf hin Graf her! War er nicht mein Neſfe, be⸗ vor er Graf war?— Ein Graf im Unterrock und im bro⸗ katenen Steifkleid— hm! Noll, leih' ihm'ne Uniform!« »Nein, nein, liebſter Onkel! Ich will Alles, nur keine Uniform anziehen.« 4 3 »Aber, Vater, Du vergißt, daß Dein Haus brennt,«⸗ ſagte Rebekka. „Immerhin, Wetterdirne! Bin ich nicht glücklich genug, um Alles umher zu vergeſſen? O Bekky, mir iſt ganz danach zu Muthe, ein Glas Rum mit Waſſer zu trinken!«— Das Feuer ward gelöſcht, und es iſt Zeit, dieß Ka⸗ pitel zu ſchließen. Erläuterungen ſind langweilige Dinge, und Beſchreibungen von Entzücken leſen ſich. ſchwer. Geſegnet aber war in jener Nacht der Schlum⸗ mer eines jeglichen Bewohners von Treſtletree⸗Hall. * 4 168 Der alte Commodore. Vierzehntes Kapitel. Leb'wohl dem Leſer, der mich lobt, Gott ſegn' ihm ſeine Tage; Und auch dem Leſer, der mich ſchilt, Leb'wohl und gleiche Plage! Ein Autor hat des Glücks genug, Sobald geleſen wird ſein Buch.« Aus John Dory's Gedichten. Zwei Tage ungetrübten Glückes folgten; indeſſen ſprach Auguſtus viel von ſeiner Mutter, und dachte noch öfter an ſie, als er von ihr ſprach. Wohl über⸗ legte man, wie ihr am beſten beizubringen ſein möchte, daß ihr Sohn noch lebte. Der alte Commodore wollte durchaus nicht, daß der junge Graf zu ſeiner Mutter ginge. Er hatte ihn aus den Klauen Plumerſand's und der Juſtiz gerettet, und hatte deßwegen das größte Recht, ihn bei ſich zu behalten. Inzwiſchen ward aus⸗ gemacht, Horaz Underdown, der ſo oft Friedensſtifter und Friedensbote in der Familie geweſen war, ſollte der Ueberbringer jener frohen Zeitung ſein; und da man wußte, daß er dabei mit der ſorgfältigſten Umſicht verfahren würde, ſo konnte man wirklich keine beſſere Anordnung treffen.. Lady Aſtell, die arme, troſtloſe Mutter, hatte ſich bisher in einem bemitleidenswerthen Seelenzuſtande be⸗ funden, denn unter der Maske der Frömmigkeit lebte ſie in beſtändigem Murren gegen die Vorſehung. Von Monat zu Monat war ſie düſterer und grämlicher, und verkehrte nur mit geiſtlichen Rathgebern, unter denen ſie die ſtrengſten, und wohl mag ich, ohne deßhalb ge⸗ tadelt werden zu können, hinzufügen, auch diejenigen ausſuchte, die dem finſterſten Aberglauben anhingen. Dennoch erfuhr ſie in ihrer Zurückgezogenheit die glorreiche Kriegsthat ihres Bruders, und als ein ehr⸗ würhiger Sektirer ihr nun berichtete, wie Eitelkeit zu Treſtletree⸗Hall täglich neu aufgeputzt ihren Thron be⸗ ——“ Der alte Commodore. 169 ſtiege, befahl Lady Aſtell, es ſolle ihr Trauerwagen und deſſen düſteres Gefolge ausziehen, um, wie ſie ſagte, den Sünder zu deſſen Seelenheile von dem Lager ſeiner eingebildeten Glückſeligkeit aufzuſchütteln. 4 Underdown hatte ſich ſo eben fertig gemacht, um abzureiſen, als der Bericht einlief, der fürchterliche Trauerzug wälze ſich heran. Ganz Treſtletree⸗Hall ward dadurch aufgeregt. Auguſtus fühlte ſich ſo ent⸗ nervt, daß er ſich ſetzen mußte. Der Commodore ſah ernſt, aber nicht beunruhigt aus; ja, auf ſeinem Ant⸗ litze wies ſich eine religiöſe Heiterkeit. Sir Octavius Bacuiſſart verſammelte ſeine ganze Hausgenoſſenſchaft um ſich her, und ſtellte ſich, Augu⸗ ſtus zu ſeiner Rechten, Rebekka zu ſeiner Linken, in de⸗ ren Mitte. Die jungen Liebenden zitterten krampfhaft. Auguſtus verſprach, nicht eher zu reden, als bis ſein Oheim es ihm befehlen würde. Die ſchwere ſchwarze Kutſche hielt vor der Thür; jeder Diener des Hauſes hatte ſich ehrerbietig aufſtellen müſſen, um der Lady eine Hochachtung zu erweiſen, wie ſie nur einer Königin erwieſen werden kann. Wie zuvor in Schwarz geklei⸗ det, das weiße Wittwenband quer über die Stirn hin⸗ gelegt, trat die Dame mit ihrer gewohnten Gravität in die Mitte des Zimmers, und ſtarrte den alten Com⸗ modore an, der von ſeinem Seſſel ſich erhob und ihr eine feierliche Verbengung machte. Hoch auf wallte in dieſem Augenblicke manches der anweſenden Herzen. Lady Aſtell ſprach nicht ehex, als bis ſie den ſchauerli⸗ chen Brief aus ihrem Buſentuche hervorgezogen hatte. Indem ſie dieß that, fiel ihr Blick auf Auguſtus, aus deſſen Augen Thränen ſtrömten. Lady Aſtell drückte ihre Hand au ihre Bruſt und ſtieß einen heftigen Schrei aus; dann rieb ſie ſich die Augen, als ob ſie aus ei⸗ emreranmn erwachte, ſchüttelte traurig den Kopf und prach: »Die Wittwe iſt hier, die Du kinderlos machteſt.⸗ »Sei mir von Herzen willkommen, Schweſter,« antwortete ernſthaft der Commodore. » Hier iſt meine Anklage, Mörder! Gieb mir mei⸗ nen Sohn wieder!« 4 »Agnes, ich beraubte Dich eines Sohnes— ih gebe 170 Der alte Commoddre⸗ Dir einen Sohn und eine Tochter dafür. Werft Euch ihr zu Füßen, meine Kinder!« „Was iſt das? Wer iſt dieſer Jüngling? Denn Auguſtus, der vor ihr knieete, hatte ihre Hand bereits ergriffen und benäßte dieſelbe mit ſeinen Thränen⸗ »Mutter!« rief der Jüngling— und das Wort zuckte wie ein elektriſcher Funken durch Lady Aſtell's danzes Weſen. Sie ſank in des Sohnes Arme und weinte. „» Laſſen wir ſie ein Weilchen mit ihm allein,« ſagte Sir Octavius, und Alle entfernten ſich mit einer Ehr⸗ furcht gleich der, in welcher wir eine geheiligte Stätte zu betreten pflegen. Und war etwa jenes Familien⸗ zimmer in dieſem Augenblicke kein Tabernakel? Wirkte der Geiſt des Ewigen etwa nicht daſelbſt ſein ſegenvol⸗ les Werk, indem er die lange ihres Sohnes beraubt geweſene Mutter ſtärkte und erquickte? An dem Tage auch ſah man ein ſeltſames Schau⸗ ſpiel zu Treſtletree⸗Hall. Vorreiter, Reitknechte und Diener in Schwarz gekleidet ſah man, allein an ihren Hüten wehten weiße Bänder, und große Blumenſtraäͤuße trugen ſie vor der Bruſt, und ſchwarz behangene Pferde und Trauerwagen rannten und rollten durch den Park im Galopp nach Haus Aſtell, indem Kutſcher und Reit⸗ knechte und Diener Halloh und Huſſah riefen, wie wenn ſte Schulbuben geweſen wären, denen der Lehrmeiſter einen Erholungstag ſchenkte. Und die ſchwarze Kut⸗ ſche mit ihren trauerbehangenen Pferden und ihrer trauerbekleideten Dienerſchaft verſchwand wie durch Zau⸗ berſelag und ward nimmer wieder in der Grafſchaft geſehen. Aus einem Zimmer, in welches man ſie geführt hatte, entſendete Lady Aſtell einen ſchweſterlichen Brief an den alten Commodore, worin ſie dieſem ſagte, wie ſie beablichtigte für einige Tage bei ihm zu wohnen. Erſt als es zur Mittagstafel ging, zeigte ſie ſich— aber, ol wie verändert: Sie war ganz weiß gekleidet, und auf ihrer Matronenhaube trug ſie friſche Roſen. Von ih⸗ rem Sohne und ihrer Nichte geführt, trat ſie in den Speiſeſaal, wo ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, zu ih⸗ rem Bruder ging und ihn umarmte.—. Der alte Commödore. 171 Was ſoll ich weiter ſagen? Ihre Seelenkrankheit war geheilt. Lady Aſtell fuͤhlte vielleicht ſich glückli⸗ cher, als irgend Einer von den Uebrigen, ſo groß das Glück dieſer auch war. Nach dem Eſſen erbat der Commodore es ſich, als beſondere Gunſt, bei ſeinem Weine eine Pfeife Taback rauchen zu dürfen. Die . Pfeife ward ihm gebracht, er ſtopfte ſie ſich und rammte n 1 den Taback darin gehörig mit dem Stopfer an ſeiner Eiſenhand nieder. Der Wachsſtock ſtand brennend vor ihm; Sir Octavius aber machte keinen Gebrauch da⸗ von. Mit einer durch ſeine Wallung faſt lautlos ge⸗ machten Stimme ſagte er dann:»Agnes, Schweſter⸗ lieb, haſt Du nicht irgend ein vielgebrauchtes, unnützes Stück Papier, welches Du Deinem Bruder geben möch⸗ teſt, damit er daran ſeine Pfeife anzünde?« »Ich vergaß— ich vergaß,« antwortete Lady Aſtell tief bewegt, und holte den einſt ſo ſchrecklichen Brief ihres Sohnes hervor. Sorgfältig drehte ſie denſelben zuſammen, ſtand auf, beugte ſich über den alten Com⸗ modore, küßte ihm die narbenreiche Stirn und zündete den Fidibus an. Octavius nahm ihn aus ihrer Hand, und indem er ſeine Pfeife dabei anzündete, trug er Sorge, daß das Papier bis auf das letzte Reſtchen zu Aſche verbrannte; ja, dieß war ihm nicht genug; er zermalmte die Aſche zu Staub, bat ſeine Bekky, ihm dieſe in die Flachhand zu legen, ſchritt dann durch die Gartenſaal⸗ thüre hinaus auf den Grasplatz und ſtreuete den Staub in die Winde. Dann rauchte er mit der glorreichſten Selbſtzufriedenheit ſeine Pfeife aus. Wenig nur habe ich von den ferneren Lebenstagen dieſer neuvereinten, glücklichen Familie noch zu berich⸗ ten. Es vergingen einige Tage, ehe Peter Drivel ſich in die Nähe des alten Commodore wagte. Endlich zwang ſein Herr, der Kapitän Oliphant, ihn dazu, und das, als die ganze Familie beiſammen, die Geſellſchaft alſo ziemlich zahlreich war. In dem Augenblicke, in welcher er dem alten See⸗ helden ſichtbar ward, verfiel dieſer in ſeinen gewohnten Zornmuth, und blickte nach irgend Etwas umher, das er ihm an den Kopf werfen möchte:»Der witzelnde Halunke!« brüllte der alte Commodore,» und kein Stück 172 von einem Dinge zur Hand, um's ihn an ſeinen Maſt⸗ korb zu ſchmeißen 1« Ssn. Peter ſuchte die Thür, denn er fürchtete, das Ka⸗ minſchüreiſen gegen ſich herfliegen zu ſehen; der Kapi⸗ tän aber hinderke ihn am Fortgehen, während der alte Commodore, nachdem er ſich geſtellt hatte, als könnte er nichts Anderes finden, aus ſeiner Taſche eine mit Gold gefüllte Börſe hervorzog, die er, abſichtlich ſchlecht zielend, nach Peter Drivel warf, und dazu ausrief: „»Samml' auf, Kerl!« as Peter gehorchte mit Zittern. „Steck' die Beleidigung in die Taſche, und mach' nen Witz darauf, wenn Du kannſt, Du grinſender Burſch, Du!« Peter bekannte ſein Unvermögen, und war ſeit der Zeit einer der eifrigſten Dienſtleiſtenden um die Perſon des Baronet. Ueber Peter Drivel habe ich nur wenig zu ſagen, außer daß er ſich bemühete, das Witzeln in ein Syſtem zu ringen. Da er jetzt nicht viel zu thun hatte, nahm er Ainsworth's Lexikon zur Hand und compillirte alle Witze, die auf jegliches Wort darin von A. bis Z. ge⸗ macht werden konnten. Er wollte dieß Machwerk her⸗ ausgeben; ich aber rieth ihm, es nicht zu thun, weil er dadurch drei Viertheile der Witzbolde in der Haupt⸗ ſtadt dem Hungertode nahe bringen würde. Dagegen aber kaufte ich ihm das Manuſcript ab, machte jedoch, wie ich auf Ehre verſichern kann, keinen Gebrauch da⸗ von; will jedoch ein Witzbold, wenn er irgendwo zu Der alte Commodorr. Tiſche gebeten iſt, das Wortwitz⸗Lexikon vorher durch⸗ ſehen, ſo kann ihm ſolches Glück gegen das mäßige Ho⸗ norar von einer Guinee die Stunde zu Theil werden— und mag er ſich überzeugt halten, daß er ſein Geld nicht beſſer anzuwenden im Stande iſt.— Anekdoten⸗ ſchreibern iſt jedoch der Zutritt unterſagt. Ich habe gelebt, um ſeltſame Umwälzungen zu ſehen. Monſieur Florentin und deſſen Tochter kehrten mit den Bourbons, Erſterer als Graf zurück, und Letztere ward ſpäter ſogar eine Prinzeſſin. Sie waren niemals ſehr vertraut mit dem Grafen und der Gräfin von Osmondale, doch glaube ich nicht, daß die Schuld davon an Mylord lag. „ Der alte Commodore. 173 Mr. Plumerſand erhielt einen fürchterlichen Stoß, als der alte Commodore ihn die Treppe hinunterkollern ließ. Er klagte auf Schmerzensgeld und Ehrenerklä⸗ rung an. Als Erſteres ſprach das Gericht ihm fünf Pfund und etliche Schillinge zu, die Sir Octavins mit Freuden bezahlte. Statt der von ihm geforderten Eh⸗ renerklärung ward der Commodore zu einer Geldbuße von Einem Schilling verurtheilt, der jedoch nicht dem Heren Plumerſand, ſondern dem Fiscus anheimfiel. Plumerſand verkaufte ſein Gut in Herfordſhire, und als er ſich hierauf von Jedermann vernachläſſigt ſah, berief er ſeine Couſine Dredgely zu ſeinem Beiſtande, die ihn, den an Geiſt und Leibe Geſchwächten, ſo lange ſtrei⸗ chelte und hätſchelte, bis er ſie heirathete. So hatte ſie denn, wie ſie es wünſchte, ihre Rache, die ſie ihm bei Empfange der verhängnißvollen zwei Halbpfundno⸗ ten geſchworen hatte. Plumerſand iſt dahin. Ich ge⸗ denke ſeiner keineswegs mit Bosheit, obſchon er mich einen. Narren, einen Aufſchneider und unnützen Koſt⸗ gänger ſchimpfte. Der Weltenrichter wird ihn nach demjenigen Pfunde richten, das ihm zum Wucher ver⸗ liehen ward, denn wenig hatte Mr. Plumerſand von der Natur erhalten, wodurch er hätte im Guten wach⸗ ſen und gedeihen können. Zu gehöriger Zeit vermählte Graf Osmandale ſich mit der Erbin von Treſtletree⸗Hall, und Kapitän Oli⸗ phant ward der Gatte der Herrin von Jaſpar⸗Hall. Ich kann hierüber weiter nichts ſagen, als daß es kaum zwei glücklichere Ehepaare auf der Welt gegeben hat; denn ſie bekamen hübſche, jetzt ſchon zum Theil heran⸗ gewachſene Kinder, und die Ladies hielten ihre Männer beſtändig gehörig unter dem Pantoffel. 4 Der Commodore diente und diente, und that es je⸗ derzeit mit hohen Ehren, bis er endlich im Greiſenal⸗ ter als Admiral vom Rothen ſtarb. In der letzteren Zeit war er ungeachtet ſeines Kriegsruhms nicht ſon⸗ derlich beliebt bei einigen Lenten im Amte, weil er hartnäckig darauf beſtand, ſeine Schiffe zu den am be⸗ ſten bemannten in der ganzen Flotte dadurch zu ma⸗ chen, daß er auf die moraliſche Vervollkommnung der Mannſchaften hinarbeitete, und durch Freundlichkeit ihnen 174 Der alte Commodore. ihre Fehler und Mängel abzugewöhnen ſuchte. Welch ein allgemeiner Vorwurf lag darin für viele, viele Leute! Bei alldem verderbte Admiral Bacuiſſart Einen Mann, und dieſer Eine war Daniel O'Sullivan. Da⸗ niel ſchlenderte beſtaändig zu Treſtletree⸗Hall herum, verſchmähete alle Arbeit, machte alle Männer eiferſüch⸗ tig und alle Weiber confus, und ſtiftete auf der Welt weiter keinen Nutzen, als daß er kleine Kriegsſchiffe zimmerte, an denen er des Commodore breiten Wimpel herabflattern ließ. Er ward ein überaus abſcheulicher, unbändiger Lügner. Gegen das Ende ſeines Lebens gab Sir Octavius ſelbſt ſich der Aufſchneiderei hin; beſonders that er dieß nach dem Eſſen und in großer Geſellſchaft. Bei jeder ſolcher luſtigen Sitzung führte er ſein Gefecht gegen Monſieur Fresnoy und»la Magnifique“ vor. Anfäng⸗ lich, und bis etwa zwei Jahre nach dem Ereigniß, be⸗ gnügte er ſich damit, dem Daniel befohlen zu haben, den Admiral unter die Krampe zu legen; dann hatte Sir Octavius dieſes mit eigener Hand gethan, hatte jedoch nicht bloß den Admiral, ſondern auch deſſen Flot⸗ tenkapitän eingeſperrt; und wenn er zu dieſem Theile der Geſchichte gelangte, mußte jedesmal O'Sullivan herein und die Wahrhaftigkeit der Darlegung bezeugen — und ol was für ein Mann war Daniel O'Sullivan, wenn's an Bezeugen ging.— Der glorreiche alte Sir Octavins Bacuiſſart iſt nun in ſeine Gruft geſunken; er ſtarb geehrt, geliebt und betrauert. Sein letztes Lebensjahr verfloß ihm inmit⸗ ten ſeiner Enkel beſonders ſegensreich. Er iſt zetzt im Himmel— mich dünkt, es würde gottlos ſein, wenn man anders urtheilte. Seine weitläufigen Beſitzungen gingen auf ſeinen Eidam über, der von ſeinem ererb⸗ ten und erworbenen Gute einen edlen Gebrauch macht. Lady Aſtell und Mathilde wandeln nicht mehr unter den Sterblichen; ſie verſchwebten wie duftige Lichter, die ihren Weihrauch emporſenden. Ich ſtehe faſt al⸗ lein; nur Underdown, der ſanfte, fromme, freundliche Underdown iſt mir noch aufbehalten worden. Habe ich, Alles wohl erwogen, nicht des Glückes genug auf Erden? Der alte Commodore. 175 Mein Werk iſt gethan; ich habe meine ergebniß⸗ reiche Erzählung zu Ende gebracht. Indem ich auf ſie zurückblicke, bin ich nicht unzufrieden mit ihr. Sicher⸗ lich hat ſie Fehler im Menge; ich jedoch bin n im Stande geweſen, deren viele in ihr zu entdecken. Wer welche darin entdeckt hat, wolle ſie mit dem Mantel meiner guten Abſicht zudecken. Ich weiß, daß die von mir angegebenen Daten irrig ſind, allein durch einen Anachronismus wird eine Thatſache keineswegs zunicht gemacht. Ich bemühete mich jene Daten zu berichti⸗ gen, verglich Dokumente, erkundigte mich bei Behör⸗ den, nahm Rückſprache mit den noch lebenden Perſo⸗ nen meiner Geſchichte und hatte dabei den hundertjäh⸗ rigen Kalender in der Hand. Als ich jedoch mit Ver⸗ gleichung, Rückſprache und Nachfrage fertig war, ſa⸗ hen meine Daten eben ſo confus als vorhin, und in meinem Kopfe ſah es noch confuſer aus. Ich ward aber zum Niederſchreiben der wahrhafti⸗ gen Geſchichte des alten Commodore folgendermaßen veranlaßt: Je mehr wir uns einer anderen und beſſeren Welt nähern, deſto heller ſchießen Strahlen aus ihr zu uns herüber, wodurch die Seele uns durch Vergeiſtigung geläutert wird, ſo daß wir dunkel die Gebilde hoher Wahrheiten erblicken. Nicht eher, als bis die Sonne der Unſterblichkeit, obwohl weit unter dem Hori⸗ zonte, mit ihrem ſegensreichen Zwielichte die Wolken dieſer meiner irdiſchen Welt vergoldet hatte, entdeckte ich, mittelſt ihres ſchwachen Lichkausſtromes, das, was ich für eine moraliſche Wahrheit erachte. Ueber ſie ſann ich Tage und Nächte, Monden und Jahre nach; mit dem Nachdenken kam mir Erinnerung, und lieferte mir ihre bisher vernachläſſigten Schätze aus, aus denen ſich meine Hypotheſe enthob, ſo daß ich dieſe wahrhaftige Geſchichte etlicher Ereigniſſe aus dem Le⸗ ben des alten Commodore niederſchrieb. Wähnt Jemand, daß ich, der altersgraue Seemann, dieſe drei Bände aus mehr als gewöhnlicher Eitelkeit oder Liebe zum Honorargewinn ſchrieb, ſo vergeb' ich ihm, und verſichere ihm, daß ich ſie in edlerer Abſicht verfaßte, nämlich— um zu lehren, uns ſelbſt und An⸗ 176 Der alte Commodore. dere dadurch zu beſſern, daß wir das Gute und nicht das Böſe in uns thätig werden laſſen;— um zu leh⸗ ren alles Böſe in unſerer Natur durch Freundlich⸗ kei ohlwollen und ſtetes Vergeben zu entkräften und zu vertilgen, und ihm nicht einmal Raum zu geben ſich zu zeigen, viel weniger zu wuchern. Welche glorreiche Fähigkeiten zur Beſſerung ſind ſelbſt in dem Schlechteſten vorhanden! Wie ſehr ſind wir in dieſer Hinſicht vor den Engeln bevorzugt! Dieſe ſind in ihrer Natur vollkommen— ihrxe Grenzen ſind gezogen; was kann aber aus uͤns Würmern hienieden einſt dort droben werden! 4 Laſſen wir das Böſe in uns nimmermehr durch Furcht, durch falſche Schaam, durch körperliche Züchti⸗ gung thätig werden! Ein Menſch, der muthwillig Furcht in einem Andern erregt, iſt ein noch elenderes Geſchöpf, als ſelbſt ein Feigling. Bevor die Milde, die unvorhergeſehene Freundlich⸗ keit in die Seele des alten Commodore drang, gab er ein trübſeliges Bild verderbter Menſchheit ab! Freund⸗ lichkeit beſſerte ihn, und durch Freundlichkeit beſſerte er Andere. Jedoch ſchon in früher Jugend müſſen wir dem Grundſatze nachleben, nimmer durch Geiſtesmarter, noch durch Körperſchmerz zu ſtrafen. Ich hatte den Gedanken gehegt, vor meinem Hin⸗ ſcheiden ein dickes moraliſches Buch über dieß milde Syſtem zu ſchreiben, allein mein ehrlicher Underdown hat mich beinahe überzeugt, daß ich dazu nicht das er⸗ forderliche Talent beſitze; ſo alſo verfaßte ich dieß ro⸗ manartige Werk, in welchem ich darzuthun wünſche, wie ſtrahlend ſchön es iſt danach zu ſtreben, wahrer Chriſt, nicht dem Bekenntniſſe, ſondern dem Thun nach u ſein, und ſo die göttliche Lehre zu predigen:»Thue underen was Du willr, daß ſie Dir thun mögenl« 3 Ende des dritten Theiles. — ——— ſſſſnffſſſſſſſiſſnffſſinnſinſſiſiſſ 12 1 14 1 6 9 10 11 3 5 1