— 8 Leihbi! liothek deutſcher, engliſche franzöſiſcher Literatur — on.-. Eduardee mann in ießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 3 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— ZVBBuener: auf 1 Monat: 1 Mkf.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.—Pf. „ 3 6 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Vierzigster Band. Der alte Commodore. Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn.. Der alte Commodore. Von Capt. Marryat, Verfaſſer des:»Peter Simpel,«»Ardent Troughton,⸗ „der fliegende Hollaͤnder« ꝛc. Aus dem Engliſchen . von Dr. G. N. Baͤrmann. In drei Theilen. Erſter Theil. 8 Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838, 8 Erſtes Kapitel. „Denn Kugeln haben, ſammt der Gicht, Ihn ſo erbärmlich zugericht't, Daß er nimmermehr ſeetüchtig iſt.« Altes Lied. »Potz Wetterl« „Kapitän, Sie haben Ihre Geſchichte mit einem Fluchwort angefangen,“ läßt der Puriſt ſich vernehmen. „Sie haben ſie mit einem gemeinen Ausdruck be⸗ gonnen,« lispelt der junge Gentleman, dem nichts wi⸗ derwärtiger iſt, als wenn man ihn zu den Gemeinen zählt. 1 Und ach! ich ſelbſt geſtehe, daß ich dieſe meine Er⸗ zählung mit einem Plagiat eröffnet habe. Es thut mir leid, ſehr leid, daß ich durch dieß Geſtändniß der Ent⸗ deckung von dreiundzwanzig Kritikern vorgreife, die alle⸗ ſammt offenmäulig nach Odem ſchnappen, um mich die⸗ ſer Miſſethat anzuklagen. Ein ſchaͤndliches Plagiat iſt es, denn ich muß bekennen, daß mir mehr als ſieben Romane, ſie mögen viele oder wenige Bände zählen, drei Novellen, zwei Erzählungen, dreizehn Theaterſtücke und eine Predigt bekannt ſind, die genau eben ſo au⸗ Der alte Commodore. I. E 21 2 Der alte Commodore. fangen— nicht zu gedenken der Alltäglichkeit des Ge⸗ brauches jenes meines Anfangswortes; denn pflegt nicht jeder Ehemann, wenn er„voll ſüßen Weines“ ſpät Nachts nach Hauſe kommt und die Runzelſtirn der Beſänftigerin ſeines Gemüthes erblickt, und ſieht, wie an den Lippen der zärtlichen Hälfte der bittere Vorwurf gleich der Biene mit ihrem Stachel im Ro⸗ ſenkelche hängt— pflegt er nicht, ſag' ich, dem Falle des Hangenden dadurch zuvorzukommen, daß er das vollklingende»Potz Wetter!« ausruft? und ſtehen nach dieſem ſeinen glücklichen Anfange ſeines Kapitels ihm nicht alle darauf folgenden Wörter und Redensarten eben ſo nach Belieben zu Gebote, als ich denke, daß mir die meinigen zu Gebote ſtehen ſollen? Und dennoch brauch' ich wenig zur Schutznahme die⸗ ſes prunkenden»Potz Wetter's« zu ſagen. Ich kann dem Frömmler verſichern, daß, obwohl man es als eine Verkruͤppelung von»Gottes Wetter!“« anzuſehen hat, es durchaus kein Fluchwort, ſondern in demjenigen Sinne, in welchem man es ſpäterhin angewendet finden wird, nichts als eine ſchmerzlindernde Exclamation iſt, in welcher nicht mehr Gottloſigkeit ſteckt, als in deren beſcheidenen und klagenden Schweſtern»Ach!« und »O weh!« und»Du mein Himmel!« und» Jemine!« Und dem jungen Gentleman mit den vergoldeten Sporen und den Moſaik⸗Goldketten kann ich die Ver⸗ ſicherung geben, daß, wie geſchwellt der Ausruf auch klingt, er doch keineswegs gemein iſt; denn eben dieſer Ausruf ward mit darauf gelegtem erſtaunlichen Nach⸗ druck von dem erſten Gentleman des Jahrhunderts, der zu gleicher Zeit der erſte Monarch Europa's war, näm⸗ lich von Seiner hochſeligen Majeſtät, dem verſtorbenen Könige von England, und zwar gegen einen ſchmutzigen 1— . Der alte Commodore. 3 Jungen gebraucht, der nach dem Briefbeſteller der Pfen⸗ ningspoſt herumſuchte, dabei auf den in der Windſor⸗ Uniform ohne alle Begleitung einhergehenden Monar⸗ chen ſtieß, und dieſem einen Pfennig, nebſt einem zer⸗ knitterten Briefe, in die königliche Hand ſchob. „»Potz Wetter!« rief der Inhaber des Lebens und des Geſchickes ſo vieler loyalen Britten,»Potz Wetter, Junge! für wen ſiehſt Du mich an?« Es giebt keinen loyaleren Mann in Seiner Maje⸗ ſtät Staaten, als ich es bin; ich kann daher nicht glau⸗ ben, daß man mich der»laesae majestatis« anklagen werde, weil ich dieſe unſchuldige Antwort oder vielmehr ſchuldloſe Frage in Anregung brachte. Ich erzählte von der Anekdote nur ſo viel, als nöthig iſt, um zu bewei⸗ ſen, daß der Ausruf»Potz Wetter!« per se durch⸗ aus nicht gemein iſt. Daß er zu Häupten eines Buches oder Kapitels ein Plagiat iſt, geſtehe ich nochmals; doch werden Roman⸗ leſer mir gewiß verzeihen— denn ich verſichere ihnen, daß, wenn ſie ſich an beſagkes Wort ſtoßen, ſie ſich völlig in der Lage von Rabelais Giganten befinden werden, der ganze Windmühlen verſchlucken und ver⸗ dauen konnte und dabei wohl gedieh, der jedoch erſtickte, als er unfern der Oeffnung eines glühenden Backofens bemüht war, ein Pfund Butter zu verſchlingen. Für⸗ wahr! Leute, die in der Geſtalt von Sentenzen, Para⸗ graphen, Verwickelungen und Kapiteln aufgeſchüſſelte Plagiate gierig in ſich hinein zu ſchlucken gewohnt ſind, ſollten doch bei einem einzelnen gediebten Worte keine ſchiefen Mäuler ziehen. „»Potz Wetter!« Das donnernachäffende Wort ward mit beinahe der lanteſten Stärke der Menſchenſtimme in einem großen 1* 3 4 Der alte Commodore. und ſtattlichen Zimmer eines anſehnlichen Hauſes, un⸗ weit Treſtletree, in der Grafſchaft Herts, ausgeſtoßen. Das Zimmer wies nichts, wodurch es ſich im Allgemei⸗ nen vor denen eines güterbeſitzenden engliſchen Land⸗ edelmannes hätte auszeichnen mögen, außer daß es viele Gemälde, die ſich alleſammt auf nautiſche Gegenſtände bezogen, und die Bildniſſe Howe's, Duncan's, Ben⸗ bow's nebſt anderer Würdigen enthielt, die das ſtolze Monument von Englands Kriegsruhm zur See aufge⸗ richtet haben, Auch nahm neben anderem Geräth in dem Zimmer einen Ehrenplatz das prächtige Modell ei⸗ nes Schiffes von neunundachtzig Kanonen, mit daran herabhaͤngendem Wimpel eines Commodore oder Ge⸗ ſchwader⸗Befehlshabers, ein, und verſchiedene Exemplare von indiſchen Kriegeswaffen lehnten in den Winkeln des Gemaches, welches mittelſt einer Glasthür auf eine ſorgfältig gepflegte grüne Flur hinausſehen ließ, die mit breiten und langrunden Roſenbeeten geſchmückt, auch mit dichtgeſtellten Vaſen voll Blumen umkreiſ't war, ſo daß nahe der Thür die Luft von balſamiſchen Düf⸗ .ten erfüllt war, die beinahe das Aroma des Tabacks bewältigten, das ſich innerhalb des Zimmers nur alll ſpürbar machte. In dem Augenblicke, in welchem jener ſchreckliche Ausruf erſcholl, womit ich dieſe meine wahrhafte Ge⸗ ſchichte begonnen habe, enthielt das Zimmer, wel⸗ ches der Gartenſaal genannt ward, vier Perſonen, von denen ich wünſche, daß ſie meinen Leſern auf 1 das Genaueſte bekannt werden mögen. Blicken wir ein wenig zurück, denn nach dem Herausplatzen des entſetzlichen Wortes war Alles eitel Verwirrung und Unordnung. Betrachte genau, lieber Leſer, jenen derben breit⸗ Der alte Commodore. 5 ſchulterigen alten Gentleman; ſeinen Rücken dem her⸗ einfallenden Lichte zugekehrt; ſeine hohe, kahle Stirn von edler Wölbung, deren Marmorweiße jedoch durch einen tiefgehenden rothen Streifen entſtellt wird, der ſich von ſeinem Scheitel bis zur linken Schläfe zieht, und ſein Ende in einem feſt anliegenden ſchwarzen Pfla⸗ ſter findet, welches die Höhlung bedeckt, worin vormals das Auge geweſen war. Iſt nun auch die Stirn bis zum Wirbel kahl, ſo hat der Hinterkopf, bis an beide Schläfen herum, doch noch eine Fülle von drähtigem, aſchgrauen Haare, das in einen ungeheuer dicken, aber nicht langen Zopf zuſammenläuft, welcher ziemlich plump vermittelſt eines ſchwarzen Bandes gebunden erſcheint. Die Geſichtszüge des alten Herrn ſind vormals ſonder Zweifel beſonders hübſch geweſen; jetzt jedoch zeigen ſie ſich runzelig und wie von mancherlei Tinten gefärbt, von denen einige, wie ich ſchaamerröthend und beküm⸗ mert geſtehen muß, die Wahrzeichen von mindeſtens pe⸗ riodiſcher Trunkfälligkeit ſind. Das dem Alten geblie⸗ bene eine Auge iſt hell, groß, ſchwarz und feurig, und die darüber in Form eines lateiniſchen liegenden S ο) ſich hinziehende Braue, die ſich durch vieljährige Ge⸗ wohnheit des Zornblicks und durch beſtändiges Lugen durch ein Fernrohr ſo widernatürlich verzerrt hat, ver⸗ leihet jener Region des Geſichtes des alten Herrn ein Ausſehen, das man beinahe fürchterlich nennen kann. Der Mund iſt groß und weiſet ſchöne Zähne, jedoch iſt der Ausdruck des untern Geſichtstheils entſchieden ſinn⸗ lich. In dieſem Augenblicke aber zeigt ſich auf dem Antlitze durchaus nichts Würdevolles, wohl aber Murr⸗ ſinn, faſt Altweibiſches und unzweifelhafte Anzeichen von Krankhaftigkeit. Fahren wir jedoch fort in Beſchreibung dieſer für 6 Der alte Commodore. uns hochwichtigen Perſon. Du haſt zu bemerken, lieber Leſer, wie der alte Herr, der ſich jetzt ziemlich unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her bewegt, ſeine linke Hand verloren hat, daß er jedoch höchſt ſinnreich den Verluſt dadurch erſetzte, indem er ſeinem Arme eine kurze und ſtarke Eiſenſpeiche anpaſſen ließ, die nach einer ih⸗ rer Seiten hin in einen Haken, der ebenfalls von Ei⸗ ſen iſt, nach der andern aber in einen Pfeifenräumer ausläuft, welcher entweder von Knochen oder Elfenbein gemacht ward, jedoch ſo gebraucht und beſudelt iſt, daß man deſſen Material nicht geuau zu erkennen vermag. Steht dieſer Gentleman auf, ſo wird an ihm wahrzu⸗ nehmen ſein, daß er im Verhältniß zu ſeiner Breit⸗ ſchulterigkeit nicht hoch aufgeſchoſſen, jedoch immer noch ſchlank gewachſen erſcheint. In ſeiner Kleidung läßt er nichts Merkwürdiges wahrnehmen, außer daß ſie ziemlich nachläſſig angelegt erſcheint und in durchaus keiner Beziehung zu der Bürſte ſteht; nur iſt ein ſehr dünner und ſchmaler Streifen ſchwarzen Seidenzeuges um ſeinen Hals auffallend zu einer Zeit, in welcher Gentlemen eine Fülle von wohlgeſteiftem weißen Muſ⸗ ſelin als Halsbinde zu tragen pfleglen.* Der Gentleman iſt ein Invalide, denn ungeachtet der Hitze des Tages und wenigen Viertelſtunden nach Mittag hat er eins ſeiner Beine Tst und mit Flanell bewickelt, während in ſeinem Bereiche eine oben gepolſterte Krücke ſich an den Tiſch lehnt. Er iſt er⸗ ſichtlich hochſt übler Laune, obwohl eine unberührte Karaffe voll Madeira vor ihm ſteht, und ein faſt aus⸗ geleertes Kelchglas voll ſtarken mit Waſſer verſetzten Rums ſich dicht unter ſeiner Naſe befindet. Er raucht grimmig aus einer gewöhnlichen thönernen Pfeife, und ſtopft dann und wann auf die Tabacksaſche mit dem Der alte Commodore. 7 Räumer an ſeinem beſpeichten Arme. Dieſer Mann iſt der Commodore, und da er beinahe ſechzig Jahre zählt, fangen die Leute im Allgemeinen ſchon an, ihn »den alten Commodore« zu nennen. Auch iſt er das älteſte männliche Mitglied und der Repräſentant ſeiner Familie, und einer von den Reichſten in der Graf⸗ ſchaft; und hätte es ihm beliebt, jenen Nachdruck wal⸗ ten zu laſſen, den er jederzeit hatte blicken laſſen, als er noch flott war, würde er auch der Einflußreichſte in der Gegend ſein. Er war von acht Söhnen der Jüngſte, und hatte während ſeines bereits ziemlich vorgerückten Lebens alle ſeine Brüder ohne Leibeserben ſterben ſehen. Ich habe noch nicht erinnert, daß er Baronet war, weil er ſelbſt wenig Werth auf dieſen Titel legte, indem er denſel⸗ ben bloß durch Erbſchaft und durch den Verluſt ſo vie⸗ ler ihm theurer Verwandten, nicht aber von der Gnade ſeines Monarchen für Dienſte erhalten hatte, die er auf jenem unſtäten Schlachtgefild, Ocean genannt, lei⸗ ſtete. Er hatte ſich ausgezeichnet, jedoch hatte Hof⸗ gunſt ſich niemals herabgelaſſen, ihn. auszuzeichnen. Dafür gab es einen eindringlichen Grund, mit welchem der Leſer ſpäterhin bekannt gemacht werden wird. Wirklich ſah man es ihm an, daß es ihn verdroß, wenn man ihn als»Sir Octavius Bacuiſſart« anredete, denn der Titel»Commodore,« und zwar ſo hurtig als möglich ausgeſprochen, war die Benennung, auf die er ſich am meiſten zu Gute that. Von dem Commodore ſo weit entfernt, als die Oertlichkeit des Zimmers es geſtattete, ſaß ſeine unver⸗ mählt gebliebene Schweſter, Miß Mathilde Bacuiſſart, eeine Schöne, allein eine ziemlich überreife— eine wel⸗ kende Schöne. Sie war ſchlank und zart gebaut, zählte 8 Der alte Commodore. Fünfundvierzig, und wendete all' ihre Zeit und jegliche Kraft und Fähigkeit ihres etwas beſchränkten Geiſtes zum beſtändigen Kampfe mit der finſtern alten Bezwin⸗ gerin an, die man»die Zeit« nennt, und wobei dieſe Tag nach Tag, oder doch Monat nach Monat, immer mehr die Oberhand erhielt, trotz jeden Beiſtandes, den der Miß die Haubenſtickerin und Modenhändlerin in reichſter Fülle leiſteten. Ungeachtet der zwei, auch wohl drei ſchwachen Horizontallinien quer über ihre Stirn hin, die der Leſer nur in einem für ihn vor⸗ theilhaften, für die Miß aber unvortheilhaften Lichte ſehen konnte, und ungeachtet der ziemlich verlängerten Form, die ihre beiden Wangengrübchen allgemach an⸗ nahmen, war ſie ein noch immer recht liebliches Ge⸗ ſchöpf mit höchſt zarter, jedoch geſunder Geſichtsfarbe und einem Lächeln, das wahrlich bezauberte. Miß Mathilde hatte ſich hinter ihren Arbeitstiſch geklemmt, der mit allerlei Duftwaſſern wohlverſehen war, damit die Atmoſphäre unmittelbar um ſie her nicht von dem gemeinen Geruche geſchwängert werden möchte, den ihr Bruder ſo gewaltig aus ſeiner eben ſo gemein ausſehenden Pfeife herauspumpte. Ich brauche kaum zu berichten, daß ſie mit etlichen jener kleinen Künſte beſchäftigt war, die die Erhöhung weiblicher Schönheit bezwecken. Fragt man jedoch, und zwar mit Recht, warum an einem heißen Sommermittage die Dame ſich dem Tabacksqualm ausſetzte, da Treſtletree⸗ Hall der köſtlichen und gänzlich unbewohnten Zimmer ſo viele hatte, ſo gereicht meine darauf zu ertheilende Antwort freilich keineswegs zum Lobe des Helden die⸗ 3 ſer meiner Geſchichte. Miß Mathilde hatte Befehl er⸗ halten, zu bleiben, wo ſie war, und Mathilde gehörte zu jenen zarten Weſen, welche dazu geboren zu ſein Der alte Commodore. 9 ſcheinen, der Tyrannei des Mannes zu begegnen, ſie zu entwaffnen, und deſſen Bedruckung durch ſanftes Be⸗ nehmen und durch Herzensgüte in Liebe zu verwandeln. Dem Commodore gegenüber ſaß an dem vorerwähn⸗ ten, ſehr langen Tiſche ein dünner, ſchlanker, erſichtlich feingebildeter Mann von mittlerem Alter, mit höchſt einnehmender Phyſiognomie, die recht hübſch geweſen ſein würde, wenn das Geſicht nicht ein wenig zu läng⸗ lich geweſen wäre, und dem Ausdrucke deſſelben nicht jene Feſtigkeit gemangelt hätte, nach der wir allemal in einem männlichen Antlitze ausſchauen. Umringt von mehreren Papieren, ſchrieb er eben ſo gewaltig, als der Baronet rauchte; jedoch ſtatt des grämlichen Blickes der übeln Laune ſeines Vis-à-vis verrieth er offenbar Spuren von Furcht, ſo oft er dann und wann verſtoh⸗ len und hurtig über den Tiſch weg äugelte. Dieſer zweite Gentleman war einer der älteſten und, wie es in der Stunde der Noth ſich erwieſen hatte, einer der kreueſten Freunde des Commodore beſonders und der Familie deſſelben im Allgemeinen, obwohl er es in ſeinem amtlichen Range niemals weiter als bis zum Kapitänsſchreiber brachte. Vor Jahren ſchon hätte er freilich durch Vermittelung ſeines Freundes den Rang eines Zahlmeiſters erlangen können, allein dieß ſchien ſeinen Abſichten keineswegs entſprochen zu haben, auch muß eingeſtanden werden, daß zur Zeit unſerer Geſchichte die Schiffszahlmeiſter gar nicht die gentle⸗ menmäßigen Burſche waren, welche ſie heut' zu Tage ſind. So lange der Commodore als ſolcher Dienſte ge⸗ than hatte, war Mr. Underdown, ſo nannte ſich der zweite Gentleman im beſagten Zimmer, als deſſen Freund und Sekretär mit ihm gefahren, hatte jedoch Der alte Commodore. in ſpäterer Zeit niemals geſtattet, daß ſein Name auf die Schiffsliſten geſetzt ward. Er verfügte dieß ſo, weil er auf ſolche Weiſe Civiliſt blieb und es ihm das ein⸗ zige Mittel an die Hand gab, ſeinem Patron zu wi⸗ derſtehen, ſobald dieſer ſich allzu auffahrend gegen ihn benahm. Sein»Sir, ich gehe meiner Wege“ brachte den zornmüthigen Commodore augenblicklich zur Ruhe, und zwang ihm einen zitternden Händedruck und die Murmelworte ab:»So ungroßmüthig kann Harry Underdown nimmermehr ſein.« Aber die wichtigſte Perſon aus dieſer ſo ſeltſam zu⸗ ſammengeſetzten Geſellſchaft muß noch erſt beſchrieben werden. Sie war die Tyrannin des ganzen Hauſes, wie umfangreich dieſes auch ſein mochte, die Lärmanſtif⸗ terin ringsum, die Verkörperung eines allmächtigen Willens. Dem Ausbruche ihrer Impulſe vermochten nicht einmal die geiſtreiche Taktik und milde Philo⸗ ſophie der Gemüthsart Mr. Underdown's Schranken zu ſetzen— iſt es alſo zum Verwundern, wenn zum bloßen Werkzeuge der Wünſche dieſes Geſchöpfchens die immer zarte und geduldige Miß Mathilde herabſank? Aber der rauhe, alte, ſeltſame Commodore, mir ſeinem felsſtarren Temperamente, ſeiner von Natur ihm in⸗ wohnenden Zornmüthigkeit und den Exploſionen ſeines ſchießpulverartigen Grimmes— hatte er mit allen die⸗ ſen mächtigen, ehrfurchteinflößenden Attributen denn nicht das Vorrecht des Gebietens oder die Gewalt des Hemmens?— Ach! leider hatte er nichts von dem. Der Leſer erwartet gewiß, daß, wenn ich ihm dieß wichtige Perſönchen beſchreibe, er eine hochfahrende Medea vor ſich zu ſehen habe— auf deren Stien die Würde, auf deren Lippen der Entſchluß, in deren Au⸗ gen das nimmer erlöſchende, nimmer ermattende Lich — 8 1 t A Der alte Commodore. 11 der Geſchicksbeſtimmung thront;— oder, ſollten die alten klaſſiſchen Gebilde ihm nicht zuerſt vor die Seele treten wollen, ſo wird er ſich mindeſtens einbilden, er müſſe irgend ein hexenartiges altes Weib erblicken, das, in der einen Hand das Familiengeheimniß, in der an⸗ dern einen Beſenſtiel, Alles um ſich her nach Gefallen anordnet; ſo eine zweite Meg Merrilies, ohne deren Anrecht an natürliche Würde oder an übernatürliche Begeiſterung. Jedoch die Tyrannin von Treſtletree⸗ Hall war nichts von dem Allen; ſie war, lieber Leſer, nichts als ein kleines Mädchen von funfzehn bis ſech⸗ zehn Jahren,»alleiniges Hoffen und alleinige Erbin des Stammes und Vermögens«— worunter natür⸗ lich Stamm und Vermögen des Sir Octavius Bacuiſ⸗ ſart zu verſtehen ſind. Mit der Geſtalt, wie Poeten ſie einer Sylphe ver⸗ leihen; mit einem Geſichte, das halb einer Hebe, halb einem Seraph angehört; mit Augen, die bald vom Glanze des Nordlichts funkeln, bald in aller thauigen Reinheit tief im Herzen wohnenden Gefühls ſchwim⸗ men, führte das Mädchen keinen wohlklingenderen Na⸗ men, als den Namen Rebekka, der gewöhnlich zu Bekky abgekürzt ward; ja nicht ſelten nannte man ſie, unter gemeiner Alliteration, Bekky Bakky. Schwer dürfte es halten, anzugeben, was Miß Re⸗ bekka Bacuiſſart von ſich ſelber dachte; allein Jeder, der ſie kannte, hielt ſte ohne Weiteres für eine ſchöne Plage, für ein glänzendes Aergerniß, für ein Etwas, das zu gleicher Zeit gefürchtet, bewundert und geliebt werden muß. Wegen ihrer Ausgelaſſenheit hatte man ſie aus dreien Koſtſchulen zurücknehmen müſſen; ſie hatte mehr als fünf Hauslehrerinnen geſchlagen, ge⸗ kratzt und gebiſſen, und zur Zeit, von welcher wir hier — 1 12 reden, einen völligen, ſie krönenden Sieg davongetra⸗ gen. Sie hatte ihren eigenen unbezwingbaren Willen gegen das geſetzt, was bisher für den unbezwingbaren Eigenwillen ihres Vaters gehalten worden par, und denſelben bezwungen. 4 Wir müſſen bekennen, daß dieſer Kampf ſehr ungleich war, wenngleich beide Theile dieſelbe Hartnäckigkeit da⸗ bei zeigten; denn die beiden weſentlichen Nachtheile, in denen der Commodore ſtand, waren des Mädchens au⸗ ßerordentliche Schönheit und ſeine auserordentliche Liebe zu ihr. Männlich hatte er für die Oberherrſchaft ge⸗ fochten, da er ſich jedoch völlig überwältigt fand, ergab er ſich, und da er niemals etwas Halbes that, ward denn auch ſeine Unterwerfung vollſtändig. Ungeachtet ihrer gerundeten Glieder und ihres ſich ſchwellenden Buſens, deren des Mädchens kindhafte Bekleidung auf höchſt einnehmende und anmuthige Weiſe zu ſpotten ſchien, und ungeachtet allen Zuredens ihrer Tante Mathilde, wollte Rebekka, obſchon in ihrem ſechzehnten Jahre, dennoch ſich nicht als eine herange⸗ wachſene Jungfrau kleiden. Noch als ſie längſt ihren raſenden Appetit zu Butterbrot verloren, und das Roth ihrer Händchen, die ſich allwinterlich mit Froſtbeulen zu bedecken pflegten, längſt gegen eine köſtliche Sammet⸗ weiche und gegen ein blendendes Weiß vertauſcht hatte, konnte ihre Abneigung gegen eine ſolche Bekleidung nur dadurch erklärt werden, daß ſie Abſcheu gegen Alles hegte, was wie Kunſt oder Täuſchung ausſah. Sie empoͤrte ſich gegen jede künſtliche Anordnung ihres Der alte Commodore. Haars, und wehrte ritterlich die Schnürbruſt von ſich ab. 1 In demſelben Augenblicke, in welchem der Commo⸗ dore ſeine Pfeife ſchmaucht und ſeine ſcheußliche Mi⸗ Der alte Commodore. 13 ſchung von Rum und Waſſer trinkt, kniet Miß Rebekka hinter ihm. Ihr weißes Muſſelinkleidchen wird faſt ganz voneinem braunlinnenen Ueberwurf oder ſoge⸗ nannten Peöckchen bedeckt, und ihr reiches, glänzendes, kaſtanienbraunes Haar fällt ihr in üppiger Fülle über Nacken und Schultern. Unbemerkt von dem Commo⸗ dore, welcher raucht— von Mr. Underdown, welcher ſchreibt— und von ihrer Tante Mathilde, welche eine Perlenarbeit vorgenommen hatte,— hat ſie ihre ſchlanke, uneingezwängte Geſtalt des langen und breiten rothen Leibgürtels beraubt, und giebt ſich alle erſinnliche Mühe, denſelben in eine Art von Zaum und Gebiß für den großen, zur Zeit eben nicht friedlich geſinnt ausſehen⸗ den, bunten Hauskater zu verwandeln. Was ſoll's ge⸗ ben? Rauche nur fort, alter Commodore; freundlich verbirgt das Geſchick Dir das kommende Leid, von dem Dein ganzes Weſen erſchüttert werden ſoll. Ich bin ein getreuer Erzähler, und darf alſo das Weitere nicht verſchweigen. Die gottloſe Rebekka ſchleicht zu dem mürriſchen und raſtlos ſcheltenden Pa⸗ pagei ihrer Tante, der in ſeinem ſchwerfälligen vergol⸗ deten Käfig ſitzt, und befeſtigt deſſen kuppelförmiges Dach an das andere Ende ihres Gürtels und mittelſt deſſen an den Kater, wie arg der befiederte Zweifüßler auch»Bös Bekky! Bös Bekky!« ſchreit. Die Ope⸗ ration iſt gelungen. Jetzt giebt Rebekka dem Kater ei⸗ nen hinterliſtigen Schlag mit der Krücke ihres Vaters, 4 ndem ſie dazu ausruft:»Hab''ne Morgenſpazierfahrt, Pollchen!« und vorwärts brauſen Kater, Papchen und Käfig, gerade hin über das gichtgeſchwollene Glied des gequälten Commodore, wobei die Klauen des zornig gemachten Graupelzes durch alle Umwickelungen des Beines hindurchdringen. 14 Der alte Commodore. Der von Furcht raſend gewordene Kater umkreiſet in wildem Rennen dreimal das Zimmer, und der hin⸗ terdrein jämmerlich hin und her gekollerte Papagei kreiſcht mißtönendes Entſetzen aus. Nach dem dritten Rundrennen ſtürzt der bepelzte Gaul durch die Glas⸗ thür, welche auf den Raſenplatz führt. Da der Käfig zu groß iſt, als daß er hätte durch die gewaltſam gemachte Oeffnung hindurch können, muß der ſchreiende Papagei im Zimmer zurückbleiben, während der Kater, ſich von dem gefiederten Ungeheuer verfolgt wähnend, das lange losgeriſſene Gürtelband hinter ſich herſchleppt, und Zu⸗ flucht in dem dichten Schatten des Geſträuches ſucht. Als nun die neuerfundene Equipage auf ſolche Weiſe durch das Zimmer jagte, wollte die unheilſtiftende Er⸗ finderin derſelben vor Lachen berſten. Mr. Underdown's Haar ſträubte ſich, Miß Mathilde fühlte ſich ſchlimm und ſank höchſt ladymäßig in eine ſanfte Ohnmacht; der Commodore aber ließ ſeine Pfeife mit ihrem brau⸗ nen Inhalt aus dem Munde fallen, daß ſie in tauſend Stücke zerſprang, und ſtand eine Zeitlang aufgerichtet in ſprachloſem Schrecken da. Endlich, als der Kater hinausgeſprungen und der Mann vieler Schmerzen wie⸗ der zum Gebrauch ſeiner Zunge gelangt war, donnerte er das Schauerwort heraus, mit welchem ich dieß Ka⸗ pitel begonnen habe und mit welchem ich es auch ſchließe— das Schauerwort»Potz Wetter!« 8 Der alte Commodore. 13 Zweites Kapitel. „ Ein zorngereizter Greis, der ſeinem Herzen Zu lieben nimmerdar geſtatten wollt', Und doch nie haſſen konnte—« Altes Schauſpiel. »Potz Wetter!« Bedenke, lieber Leſer, ob unter all' dieſen trübſeligen Umſtänden der Commodore wohl hätte weniger ſagen können. Allein der eigentliche Aus⸗ druck ſeines Zornes war ungleich fürchterlicher auf ſei⸗ 3 nem Geſichte als in dem Schauergebrüll ſeiner Stimme. 4 Er ergriff die andere Krücke, die von ſeiner Tochter nicht zu einer Peitſche eingerichtet worden war, ſchwang⸗ ſie hoch mit ſeiner rechten Hand und wollte ſie gegen den umgeſtürzten Käfig und den quärrenden Papagei ſchleudern, als das verzogene Mädchen, gleich einer ſchönen Amazone, ihm entgegen ſprang und ihr glühen⸗ des Angeſicht voll Lieblichkeit mit der ergrimmten Häß⸗ lichkeit des Vaters beinahe in Berührung brachte, wäh⸗ rend ſie mit beiden Händen deſſen muskelſtarke Fauſt feſthielt.— » Du ſollſt nicht, Vater,« ſagte ſie,»ſollſt keine Fe⸗ der von meiner Tante Vogel beſchädigen, ſollſt nicht— follſt nicht ich ſage Du ſollſt nicht!« und da⸗ bei ſtampfte ſie heftig mit ihren kleinen Füßen. 4 igenblick kang bewegte ſich des alten See⸗ mannes entſetzliche eiſerne Speichenhand mit ihrem Ha⸗ ken ſchauerlich über dem lieblichen Lockenköpfchen der 8 16 Der alte Commodore. Tochter. Dieſe aber blickte ihm ſtarr und ohne zu zucken in's Auge, und rief:»Schlag' mich! Thu's nur! Willſt Du mich eben ſo umbringen, wie Du Auguſt umgebracht haſt, Du gottloſer alter Mann, Du? Ich ſage Dir's in Dein fürchterlich altes Geſicht hin⸗ ein, daß Du am beſten thuſt, den erſten Streich, den Du mir giebſt, zum Todesſtreich zu machen; denn fällt jemals Deine Hand im Zorn auf mich, und mir bleibt dann noch Kraft genug übrig, ſo ſchlepp' ich mich zum nächſten Teiche und ſtürze mich hinein— hörſt Du's? hinein ſtürz' ich mich— hinein. Wen in dieſer weiten Welt wirſt Du dann haben, der Dich liebt, Dich jäh⸗ zornigen alten Mann, wenn Auguſt erkrunken iſt und Rebekka ebenfalls ertrank?« »Das iſt allzu fürchterlich!« ſtöhnte der leidende Vater, als er, gleichſam zuſammenbrechend, in ſeinen Seſſel ſank.»Geh, Rebekka,“« fügte er dann in dem mildeſten Tone von der Welt hinzu,„geh zu Deiner Tante; denn ſieh, ſie iſt in Ohnmacht gefallen.“« Wie durch Zauberſchlag ſchien ſie, die verzogene und ungehorſame Tochter, in eine liebreiche und gehorſame Nichte verwandelt worden zu ſein— augenblicklich hatte ſie ihre Arme um den Nacken Mathildens ge⸗ ſchlungen und der Stirn derſelben zwei warme, leiden⸗ ſchaftliche Küſſe aufgedrückt. Allein obſchon Rebekka viel Liebe zeigte, ließ ſie doch wenig Unruhe blicken; denn ihre Tante ſank oft in Ohnmacht, und beſaß ei⸗ nen ganz eigenen Takt, zu gehöriger Zeit wieder aus derſelben zu erwachen. Miß Mathilde hatte ſich bald inſofern wieder erholt, daß ſie im Stande war, den Käfig wieder zurecht zu ſtellen und den Vogel wieder zu beſänftigen, wie erzürnt dieſer auch ſein mochte. Waͤhrend aber dieß Alles mit den Damen vorging, 3 3 Der alte Commodore. 17 war Sir Octavins nicht müßig geweſen. Die Schmer⸗ zen in ſeinem ſo ſchmählich angetaſteten Gliede wurden immer heftiger; er ſchielte nach einem Gegenſtande um⸗ her, an welchem er ſeinen Grimm auslaſſen möchte, und fand zum Unglück einen ſolchen in der Perſon des milden und friedfertigen Mr. Underdown. Erſchreckt von dem Donnerausrufe des Commodore, hatte der Schreiber haſtig ſeine Papiere zuſammengerafft, und wollte ſo eben über die Schwelle weg Zuflucht in ſei⸗ nem eigenen Zimmer ſuchen, als der Commodore mit einer Brüllſtimme ihn zurückrief. »Halt da, Du, weniger als ein Mann! Du min⸗ deſtens ſollſt mich nicht geringachten— Du ſollſt mich nicht wie ein eigenſinniges Kind behandeln— Du ſollſt nicht zu mir kommen, wenn und wo es Dir beliebt— Du, der Du mein Brot iſſeſt—« Was er weiter hätte ſagen mögen, läßt ſich unmög⸗ lich muthmaßen, denn abermals legte des Hauſes Ty⸗ rannin ſich in's Mittel, kam keck herangerannt, drückte ihr Händchen auf des alten Grämlers Mund und rief mit eben ſo viel Energie als Unverſchämtheit:„Pfui, Vater! kein Wort mehr gegen den lieben, guten Mr. Underdown! Vater, Vater, Du weißt, wie er Dich durch dieſe Welt gleich einem wilden Löwen im Ink⸗ ſeile führte— weißt, wie er Dir dreimal das Leben rettete— weißt, daß er Dich von Schande rettete! O mein Vater! Du ſelber haſt mir das geſagt— haſt mir geſagt, er ſei ein guter Menſch— hörſt Du wohl? ein guter, guter Menſch!« » Ein elender, zitternder, zaghafter, nervenſchw— ⸗ ſprudelte der Commodore heraus, ſo gut er die Worte durch die Fingerchen des Mädchens bringen konnte, die ſich ihm noch fortwährend auf die Lippen drückten. Der alte Commodore. I. 2 18 Der alte Commodore. „»Zitternd? zaghaft?« wiederholte die Tochter un⸗ willig—»„wer, Du mein zornmüthiger Vater, wer war's denn, frag' ich Dich, der, als unſere Wohnung in Bath eine einzige Flammengluth war, durch das Feuer ſtürzte und Dich bettlägerig Gichtkranken aus ei⸗ ner Hölle wegtrug, in welcher Du ohne ihn zu werth⸗ loſer Aſche verbrannt ſein würdeſt? War unter den Tauſenden, die dabei umherſtanden und gafften, ein Ein⸗ ziger, der nur den Verſuch zu ſolcher Rettung gewagt hätte?« »Ja,« antwortete der verſtockte Commodore, als er für ein Weilchen nach Odem geſchnappt hatte,»wer aber, Miß Bekky, war es, der in demſelben Augenblicke, an welchem er mich am ſichern Orte wußte, zuerſt wie ein Weib zu weinen anfing und dann vor Schrecken in Ohnmacht fiel? wer anders war's, als Dein tapferer Held dort, der zimperliche Mr. Underdown?« »Meine liebe, holde junge Miß—« begann der Schreiber einfallend. »Halt'n Mund, Mann, halt'n Mund, oder ich verſtopf' ihn Dir mit Küſſen,« unterbrach ihn das kleine Mannweib, nahm dann die Stellung einer Tra⸗ gödienkönigin an und fuhr, zu ihrem Vater gewendet, fort:»Bilden Sie ſich ein, Sir, ich würde es leiden, daß meinem beſten Freunde auf Erden ubel mitgeſpielt werde, und noch dazu unter demjenigen Dache, welches einſt das meinige ſein ſoll? Mr. Underdown iſt für⸗ wahr mein einziger Freund, denn was würd' ich bei dem gottloſen Temperamente, das Sie mir gegeben ha⸗ ben, wohl ohne ihn geworden ſein? Das Wenige, was ich weiß, verdank' ich nicht Alles ſeiner Liebs? Zittere ich bisweilen, ein Unrecht zu begehen, und fürchte ich den Namen Gottes, ſo rührt's von ſeinem Unterrichte Der alte Commodore. 19 her. Auch lehrte er mich noch eine und zwar bittere Pflicht— die Pflicht, Sie zu lieben, Sir.« »Bitter? O mein Kind!« »Ja, bitter! Was thuſt Du, Vater, daß irgend Jemand Dich lieben könnte? Kaum dem Körperſchmerz kannſt Du widerſtehen, geſchweige denn— »Deine Schuld, Du Lärmteufel, Deine Schuld!« »Und hat nicht der ſchmucke Doktor Ginningham Dir ausdrücklich verboten, Deinen garſtigen Rum⸗ und Waſſer⸗Stoff zu trinken? Hat er Dir nicht befohlen, allſtündlich von jener angenehmen Mixtur zu verſchlucken? Statt jedoch heilſame Arznei zu nehmen, haſt Du eben ſo viele Gläſer Grog ausgeleert.“ »Verd— die Arznei! verd— der Doltor! verd— Al⸗ les und Jedes, was nur anderthalb Zoll hoch iſt! Ol ol o! Ich, der ich in vierzig Treffen obſiegte, muß mich von einem Kinde zwicken laſſen, von einem Kinde, das noch dazu meine Tochter iſt!« » Bezwingen Sie ſich, mein grcchätzter Freund,« ſagte Mr. Underdown mit der freundlichſten aller Stimmen.. »Du wirſt mich raſend machen!« heulte der geplagte Commodore.»Halt' Dein milchgeſichtiges Maul, Du ſalbadernder, pſalmſingender, kniekrümmender, bibelpau⸗ kender Sohn einer—« Und abermals lag das milchweiße Händchen Rebek⸗ kens auf dem Krater des feurigen Wörtervulkans, dem Munde des Commodore. »Ich habe Dir's ein für allemal geſagt, Vater, daß ich's nicht haben will, daß der gute Mr. Underdown in meinem Haunſe geſcholten wird. Wir Alle hier thun, was wir können, um Dich zu lieben, und einen guten, pflichtübenden und gehorſamen Verwandten aus 2* Der alte Commodore. Dir zu machen, aber Du läßt uns ja nicht dazu kom⸗ men.« »Ei, ſeht doch, Miß,“« ſagte der Baronet, dem ſich, trotz ſeiner Schmerzen im Fuße, das Zucken eines krampfhaften Spottlächelns auf die Lippen lagerte.— »Ei ſeht doch, Miß, darf wohl eine bei der Sache unintereſſirte Perſon, wie ich es bin, ſo überaus kühn ſein, Ihnen eine einzige Frage vorzulegen? darf ich fragen, wie alt Sie ſind?« »Werde im kommenden Januar Sechszehn,« ant⸗ wortete Rebekka, indem ſie dem Frager mit vieler Sprödigkeit einen Knix vor die Füße warf. »Und des Ferneren, Miß, darf ich, durch Ihre gütige Herablaſſung ermuntert, wohl auch fragen, ob Sie einen Vater, oder ſonſt einen natürlichen Beſchützer haben? ⸗ » Einen guten, lieben, braven, edlen Vater, ſobald er nicht—« »Um Gotteswillen! reden Sie nicht aus,« ſagte Mr. Underdown, indem er das Mädchen geradezu in ſeine Arme nahm. »Ach, Bekky, mein Fuß! mein Fuß!« ſprach der faſt nachgebende Commodore. »Laufen Sie, Underdown, holen Sie flink die Salbe,“« und augenblicklich lag Rebekka knieend zu ihres Vaters Füßen.. Als die ehrliche Seele mit dem Linderungsmittel zurückkehrte, reichte er daſſelbe nur über die Schwelle und zog dann leiſe die Thür wieder hinter ſich zu; denn er ſah, wie die ungehorſame Tochter noch vor dem Va⸗ ter knieete, wee dieſer ſein Haupt über ſie hinneigte, mit ſeinen Armen liebevoll ihren Nacken umſchlungen batte, und hörte, wie des Vaters Segnung und des Der alte Commodore. 3 21 Kindes Schluchzen ihm gleich Himmelsmuſik erklang. So endete das Abenteuer mit dem Kater und dem Papagei, woraus zu entnehmen iſt, welch ein übelre⸗ giertes Haus das war, in welchem Sir Octavius Herr zu ſein ſich einbildete. Wir häben den alten Commo⸗ dore demnach in jener Umdüſterung eines Aberwitzes, von welchem er jederzeit ergriffen ward, wenn er ſich am Lande befand, geſehen. Wir werden ihn ſofort flott machen, und die freundlichen Leſer werden dann erkennen, wie inmitten des Sturmes oder der Schlacht Sir Octavius kaum der Nämliche iſt, der auf dem Trocknen die üble Gewohnheit hatte, ſich ſchon Morgens in eklen Grog und Tabacksqualm zu verſenken und ſich von ſeinem ei⸗ genen Kinde am Barte zupfen ließ. Es war jetzt fünf Jahre her, ſeitdem er zum letzten Male ein Kommando geführt hatte, und dieſe fünf Jahre voll Unthätigkeit hatten ſeine Leibesbeſchaffenheit und ſein Temperament weiter heruntergebracht, als alle Krankheit und alle Beſchwerde, die er erduldete, es zu thun im Stande geweſen waren; und kein Mann hatte jemals den Widerwärtigkeiten des Lebens beſſer denn der Commodore Stand gehalten. Durch ſeine Gicht, ſo wie durch den Eigenwillen und die übelgere⸗ gelte Liebe ſeiner Tochter, war er jetzt jedoch ſo auf⸗ geregt worden, daß trotz der Ermahnungen und Ein⸗ ſchärfungen des Doktors Ginningham, er ſich dem Trunke eben ſo hartnäckig ergeben hatte, als ſich ein Novemberregen zeigt, wenn der Wind aus Oſten blä⸗ ſet; ſo daß an demſelben Mittage um halb drei Uhr, als das erſte Geläut zum Mittagseſſen erſcholl— denn zu jener Periode aß man allgemein um vier Uhr zu Mittage, die Mitglieder dieſer ſo wunderlich geregelten Familie ſich in folgendem Zuſtande befanden: der Com⸗ ———————————— 94 2 22 Der alte Commodore. modore ſchlief feſt in dem Lehnſtuhle, auf welchem er den ganzen Vormittag zugebracht hatte, verſunken in eine glückſelige, jedoch ziemlich unrühmliche Empfin⸗ dungsloſigkeit, die ſich entweder von dem Unruheſtiften ſeiner Tochter oder von den Foltern ſeiner Krankheit herleitete. Miß Mathilde hatte ſich vollſtändig ange⸗ putzt, und ſah ſehr zart, ſehr hübſch, jedoch auf die ge⸗ lindeſte Weiſe ausgedrückt— nicht jung aus. Rebekka hetzte mit den Jägerburſchen und den Stalljungen in einem der Teiche im Park ihres Vaters eine Waſſer⸗ ratte; dabei flatterte ihr das Haar vor'm Winde wild um die Schultern, ihre Seidenſchuhe waren durchnäßt, und ihr Ueberwurfgewand wies ſich kothbeſudelt; wäh⸗ rend ihr nervenſchwacher Mentor, Mr. Underdown, ein Buch in der Hand, ihr bald da, bald dort nahe trat, und beſcheiden, wiewohl dringend, ſie bat, von einer Erholung abzulaſſen, die ſo wenig für ihr Geſchlecht, ihren Stand, und— wie ihm beliebte, hinzuzuſetzen, noch weniger für die Zartheit ihres Herzens paßte. Aus Schaamgefühl oder aus Liebe zu ihm, von dem ſie ſo ernſtlich ermahnt ward, hörte Rebekka auf, ſich mit der Ratte zu beluſtigen, ſchob liebreich ihr Händchen auf den Arm Underdowns, und ging mit ihm dem Herrnhauſe zu, indem ſie aufmerkſam die Mo⸗ rallehren anhörte, die der Nervenſchwache ihr ſo ange⸗ legentlich zufließen ließ. Als der Diener meldete, daß das Eſſen aufgetra⸗ gen wäre, befand der Commodore ſich in dem zum Zu⸗ bettgehen erforderlichen Zuſtande, und ging demnach auch zu Bette, ſo daß Nichte, Tante und Schreiber Platz. an der wohlbeſetzten Tafel nahmen, ohne ſonderliches Bedauern über die Abweſenheit des Familienhauptes zu aͤußern, denn das Ergebniß wamd zu alltäglich, als Der alte Commodore⸗ 23 daß es hätte Aufmerkſamkeit erregen können. Der Abend ward dann, wie gewöhnlich, theils unter Aus⸗ brüchen des Lärmgeiſtes Miß Rebekkens, theils damit hingebracht, daß dieſe dankbar die Verhaltungsregeln über ſittliches Betragen von der Tante hinnahm, und die noch werthvolleren Lehren des ſcheuen, jedoch ein⸗ ſichtsvollen Mr. Underdown aufmerkſam anhörte. So verging der Tag zu Treſtletree⸗Hall, dem Sitze des fechtenden alten Commodore, Sir Octavius Bacuiſſart; und dieſer Tag ſpiegelte ein treues Bild aller, oder doch der meiſten Tage ab, die ſich in trägem Fluge über dieſem ſchönen Wohnſitz hinwegſchwingten. Drittes Kapitel. „Sei gut; doch fleh' in Deinem Dünkel nicht Zum Himmel, Dich durch Wehſal zu erproben.« Altes Schaufpiel. Ungeachtet ſeiner großen und unbelaſteten Güter und ſeines hohen Rufes als einer der geſchickteſten und tapferſten Seehelden war Sir Octavius doch ein vor⸗ gehoben unglücklicher Mann. Hinter den vielen glor⸗ reichen Kriegsthaten, die er vollführt hatte, ſchielten etliche düſtere Handlungen hervor, die ſeiner Anſicht nach einen Schatten über den Glanz ſeiner Ehren war⸗ fen, oder auch, nach eben in ihm obwaltender Stim⸗ mung dieſelben blutig gefärbt erſcheinen ließen. Wie bald hält Sättigung diejenigen Thaten bedeckt, deren wir uns am meiſten rühmen könnten! im Hinſchwinden Der alte Commodore. der Jahre gedenken wir entweder ihrer nur mit Wider⸗ willen, oder ſie entſchwinden wohl ganz unſerem Ge⸗ dächtniſſe; aber ſchwere Miſſethat, die wir begingen, wird mit wahnſinnigem Eifer von uns überſchauet, und weicht nimmer aus unſerer Erinnerung, lebt vielmehr in derſelben mit immerdauernder Daſeinskraft,— ſie geleitet uns auf einſamen Spaziergängen bei Tage, und wird nächtlich bon uns geſehen, wie ſie den ſchauer⸗ lichen Reigen unruhiger Träume anführt. Sie lebt ewig, und kann nur durch fortwährendes Begehen im⸗ mer größerer Verbrechen verdrängt werden! Hierin liegt eine wohlthätige Anordnung der Fürſehnng— weil Reue obwalten kann, muß es auch Hoffnung für den Sünder geben. Dieſe immerwährende Zerknirſchung erhebt ſich bisweilen aus Handlungen, die unendlich verderblicher in ihren Folgen waren, als derjenige beab⸗ ſichtigt hatte, der ſie beging; und dann wird der Sta⸗ chel der Angſt ob einer düſtern, nie zu vergeſſenden That gemeiniglich durch Liebe oder ſonſtige reine See⸗ lenregungen geſchärft. Dieß war der Fall des alten Commodore. Ich beabſichtige nicht eine ausführliche Lebensbe⸗ ſchreibung unſers excentriſchen Helden zu geben, noch herzuzählen, in welcher von ſeinen ſiebenzig Seegefech⸗ ten er ſein Ange verlor, oder ihm die linke Hand weg⸗ geblaſen ward. Wirklich war der Körper des Commo⸗ dore mit Narben bedeckt, und dennoch nannte er ſich einen glücklichen Mann im Treffen. Ich werde von ſeiner Geſchichte nur ſo viel erzählen, als ſich davon mit unſerer vorliegenden thatſächlichen Begebenheit ver⸗ knüpft. 3 4 Zur Zeit, in welcher meine Erzählung beginnt, hatte Sir Octavius drei Schweſtern am Leben„Eine von Der alte Commddore. 3 25 dieſen liſt dem Leſer bereits in der Perſon der Miß Mathilde Bacuiſſart oder richtiger ausgedrückt, der Miß Baeuiſſart vorgeführt worden; denn ſie war nicht bloß die jüngſte, ſondern die einzige Unvermählte von den Dreien. Dem Scheine nach führte ſie das Haus⸗ weſen des Commodore, da dieß jedoch gemeinhin ſo viel heißt, als das Haus in Ordnung, oder Ordnung im Hauſe halten, ſo war die Dame hinſichtlich deſſen aller Mühe überhoben, indem Miß Rebekka dafür ſorgte, daß vom Keller bis zum Dache eitel Unordnung in al⸗ len Gemächern von Treſtletree⸗Hall herrſchte; doch war in dieſer Hinſicht das Zimmer ausgenommen, in welchem Mr. Underdown und deſſen Bibliothek ihre Wohnung hatten. Die zweite der Schweſtern war eine Miſtreß Oli⸗ phant, eine leidlich hübſche, ziemlich plumpe, aber recht glückliche Wittwe, obſchon alle Bacuiſſarts ſagten, ſie hätte ſich dadurch weggeworfen, daß ſie einen reichen Ge⸗ würzhändler ehelichte. Die Roſinen und Feigen, welche dieſer„en gros« in Schutz genommen hatte, vergalten ihm dadurch, daß er, als er ſtarb, ſeine Pflaume werth war. Seine Wittwe zählte jetzt etwa zwei und vier⸗ zig Jahre und hatte mehrere Kinder, von denen die Söhne, mit Ausnahme eines einzigen, ſich mit vieler Emſigkeit dem Handel widmeten; der Aeteſte on nen aber war, obſchon er kaum ſechsundzwanzig Jahre zählte, Poſtkapitän bei der königlichen Flotte und kom⸗ mandirte die Fregatte Monina. Waren die Mitglieder der Familie auch etwas ſcheu vor den zuckerigen Oliphanten, ſo ſtand der junge Ka⸗ pitän doch in einiger Gunſt bei dem alten Commodore, obwohl Erſterer ſtets Sorge trug, mit Letzterem ſo we⸗ nig als möglich in Berührung zu kommen. Dieß war „ 25 Der alte Commodore. ziemlich undankbar von dem Kapitän Oliphant, indem man hauptſächlich aus Rückſicht gegen ſeinen Oheim ihn mit ſolcher Poſthaſt zum Poſtkapitan gemacht hatte. Freilich war über des Commodore gute Laune, ja wohl gar über deſſen Gutherzigkeit während der jüngſt ver⸗ floſſenen fünf oder ſechs Jahre kein ſonderliches Lob an⸗ zuſtimmen geweſen, und ſo fügte es ſich denn, daß ob⸗ ſchon in Treſtletree⸗Hall ein hübſches Mädchen und eine reiche Erbin lebten, der junge Poſtkapitän doch 5 mehr die äußere Bauart beſagten Edelſitzes, als die in demſelben befindlichen Schönheiten und Behaglichkeiten zu bewundern ſchien. Die älteſte Schweſter des Commodore aber, von der wir jetzt zu berichten haben, war ein Frauenzimmer von ungleich höherer Auszeichnung geweſen und zeigt ſich im Verlauf unſerer Geſchichte als eine außerordent⸗ liche Frau. Etliche ſagten, ſie wäre toll; allein ihre Verklatſcher konnten ſich nicht einmal im Traume die wunderſame Verſtandesrichtigkeit der Dame einfallen laſſen. Von ihrer Jugendzeit an war ſie eine Schwär⸗— merin, aber nur in ihrer Liebe zum Schönen und Gexechten geweſen. Wenn jemals ein Weſen die Tu⸗ gend um deren Alles überſtrahlenden Lieblichkeit wil⸗ liebte, ſo war es Lady Aſtell. Sie hatte ſich ge⸗ ihut, bei jedem Falle die Folgerung aufzuſtel⸗ len:»Iſt er durchaus und wahrhaft recht, ſo muß er anmuthig und in hohem Grade ſchön ſein!« Niemand konnte ihr vorwerfen, daß ſie ſich jemals ei⸗ nes harſchen Wortes bediente oder einen herabwürdi⸗ genden Blick auf Jemanden warf; allein in ihrer Hart⸗ näckigkeit an dem feſtzuhalten, was ihrer Gewiſſens überzeugung nach recht, und folglich ſchön war, wie ſie ſich unerſchütterlich. Beſaß ſie einen Fehler, ſo wa * b Der alte Commodore. 27 es vielleicht der, daß ſie ſich ſtolz auf jene Vollkommen⸗ heit der Seelendisciplin fühlte, zu welcher ſie ihrer An⸗ ſicht nach gelangt war. Als ſie einſt, vielleicht allzuſehr vom, der Selbſtge⸗ fälligkeit des Rechtthuns geſchwellt, eine gemüthsunru⸗ hige Freundin ermahnte, that ſie es mit den Worten: »Meine liebe Iſabella, iſt dieß fortwährende Grämen und Klagen nicht ſündlich? Trachte beſſer darnach, Deine Wünſche und Dein Streben zu regeln. Sieh mich an; ich lebe im Frieden mit Gott und den Menſchen. ⸗ Obwohl dieß keineswegs im Phariſäerſinne, ſondern in der beſten Abſicht von der Welt geſprochen ward, drang der Dolch des Vorwurfes doch tief in das Herz der Angeredeten, ſo daß dieſe ſich Luft in der Gegen⸗ rede machte. »Du, Agnes Bacuiſſart? wohl magſt Du Dich des Friedens mit Gott und Menſchen rühmen; aber warte nur, bis die böſe Stunde kommt— warte, bis Trübſal über Dich hereinbricht, ſo wird dieſer, Dein ſelbſtgefälliger Muth ſich wohl in den Staub geworfen fühlen. Kein Wunder, daß Du, die Schöne, die Be⸗ güterte, die Gefeierte, die Geſchmeichelte und Verzo⸗ gene, im Frieden mit Gott und den Menſchen lebſt— Du biſt noch nicht auf die Probe geſtellt worden— Du haſt noch nicht Dein Herz hingegeben, und dann geſehen, wie die köſtliche Gabe geringachtend verworfen ward— Du biſt noch nicht auf die Probe geſtellt— Du biſt noch nicht verſucht worden!« und unter Thrä⸗ nen und jeglichen Troſt zurückweiſend, ſchied erzůrnt die herzbeladene Freundin. Bevor an jenem Abend Agnes Bacuiſſart ihr Haupt zum Schlummer niederlegte, begann ſie zu bedenken, 28 Der alte Commodore. wie ſie doch wohl noch nicht ſo gottergeben wäre, als ſie es bisher von ſich gedacht hatte, und verfiel hier⸗ auf in eine andere Sünde. Indem ſie der uns vom Heilande gelehrten, gottſeligen und liebeeinflüſternden Betworte:»Führe uns nicht in Verſuchung,« vergaß, erflehte ſie in ihrem Nachtgebete, Gott möchte ſie prü⸗ fen, damit ſie in der Probe beſtehen möchte— eine verwegene Bitte, die ihr furchtbar, die ihr herzzerrei⸗ ßend gewährt ward!„4 Tags darauf ſank ihr Lehrer, ein ſtiller, gern von ihr geſehener junger Mann, vor ihr auf ſeine Knie und bezeichnete ſich als das Opfer einer glühenden, ihn verzehrenden Leidenſchaft: da regte ſich ihr Gewiſſen und machte ihr Vorwürfe, und als ſie ihr allzuzartes „Nein“ ſtammelte, weinte ſie. Im Ganzen benahm ſie ſich jedoch edelmüthig dabei; denn während ſie in der Bruſt ihres demüthigen Bewerbers jegliche Hoffnung zerſtörte, gab ſie ſeinen Gefühlen für ſie ein Ziel, und zwar eines, das der troſtloſen Liebe entſprach, die, wie er ſchwur, nimmer aus ſeinem Herzen würde vertilgt werden können. Zunächſt nämlich ſorgte ſie, doch ſo, daß er höch⸗ ſtens muthmaßen konnte, aus weſſen Hand das her⸗ rührte, daß er lebenslänglich gegen Mangel geſichert ſein möchte, und dann ließ ſie ihn um ihretwillen ver⸗ ſprechen, über das Wohlergehen ihres jüngeren und am meiſten von ihr geliebten Bruders, unſeres Freundes, des Commodore, der damals ein lockerer und wilder Fregattenlieutenant war, zu wachen und deſſen unbän⸗ dige Gemüthsart nach beſten Kräften zu dämpfen. Wohl entledigte der abgewieſene, jedoch hochgeſchätzte Lieb⸗ —— haber ſich dieſer Zuſage, denn nimmer wich er von der ſie ſich mit Job zu vergleichen, und wandelte umher, Jſabelle nun ihrerſeits auf Agneſens bleichen Wangen Erreigniſſe des Erdenlebens; Agnes aber verſetzte darauf Der alte Commodore. 29 Seite des Commodore, und befindet ſich noch bei dem⸗ ſelben. Brauch' ich noch zu ſagen, daß dieſer ſtille Lieb⸗ haber Mr. Underdown war? Allein Agneſens Gebeterfüllung war erſt im Begin⸗ nen. Im Verlaufe dreier kurzen Jahre ſah ſie über ihre Familie dasjenige Leid kommen, was die herab⸗ würdigende Heirath ihrer zweiten Schweſter mit Mr. Oliphant genannt ward. Sie war zu feinſinnig, um dieß an und für ſich als eine Prüfung anzuſehen, da es jedoch die Gemüther ihrer ſtolzen Verwandten bitter⸗ lich ergriff, ſo fiel dieß Gefühl auch auf ſie zurück. Dann griff die eiſige Hand des Todes ein, ſo daß ſie das hurtige Werk des Verderbens derſelben ſchwer er⸗ fahren mußte. Während kurzer dreijähriger Zeitfriſt fah ſie ſieben ihrer Brüder nach einander zu Grabe tragen, ſo daß die Erhaltung der Ehre ihres edlen Hau⸗ ſes auf einen wilden, und wie ſie fürchtete, höchſt aus⸗ ſchweifenden jungen Seemann überging. Jetzt begann um noch ernſtlicher denn zuvor Gutes zu üben, und be⸗ müht zu ſein, den eigenen Kummer dadurch zu lindern, daß ſie trachtete das Leiden Anderer zu mildern. Als ihr Schmerz noch neu war, und der ſiebente ihrer Brüder kaum beſtattet war, trat die nämliche Iſabella, von der wir ſprachen, und die jetzt eine be⸗ glückte Gattin war, bei der Trauernden ein; und als Spuren jüngſtvergoſſener Thränen erblickte, wiederholte ſie derſelben die von ihr erhaltene Lehre von der Sünd⸗ lichkeit des Grämens und Härmens über die Dinge und ſanft, ja ſogar liebreich:»Meine theure Iſabelle, ich geſtehe zwar, daß ich natürliche Bekümmerniß fühle, 30 Der alte Commodore. allein trotz dieſer abhagernden Geſtalt und trotz dieſen hohlgeweinten Augen glaube mir, daß ich mich nicht abhärme; ich lebe dennoch im Frieden mit Gott und den Menſchen.«⸗ Allein ungeachtet der Stärke in dem wohlgeregel⸗ ten Geiſte Miß Bacuiſſart's, ſah Jeder ihr dennoch an, daß ihre körperliche Geſundheit mächtig erſchüttert worden war; und ungeachtet ihrer Frömmigkeit und Hingebung in den Willen des Ewigen würde Agnes dahingewelkt ſein, wenn nicht von den Lippen der Liebe des Balſams Tröſtung in ihr Herz geträufelt worden wäre. Nach verfloſſener Trauerzeit ehelichte ſie den Lord Aſtell, den jüngeren Sohn eines engliſchen Gra⸗ fen, der ihr jedoch, obwohl er jüngerer Sohn war, ein dem ihrigen an Bedeutendheit gleichkommendes Vermö⸗ gen zubrachte. Agnes hatte in ihren früheren Mädchenjahren Le⸗ bensglück gekannt; jetzt war ihr das herrliche Loos zu Theile worden, irdiſche Glückſeligkeit zu erfahren. War ſie jüngſther durch Kümmerniſſe geprüfft worden, ward ſie es jetzt weit mehr noch durch Freuden; immer aber vergaß ſie weder Gottes noch der Menſchen. Indem ſie ihre leidenſchafeliche Schwärmerei für das Rechte und Schöne unter der Würde einer matronenmäßigen Ruhe verſchleiert hielt, bewegte ſie ſich geſegnet und ſegenbringend in ihrer Sphäre. Allein das ſchwarze Buch ihrer Prüfungen war noch nicht geſchloſſen; ja, ſie hatte noch nicht einmal das letzte ſchauerliche Blatt deſſelben aufgeſchlagen erblickt. Nach vier Jahren ei⸗ nes Glückes, das vielleicht zu groß für ein Menſchen⸗ herz war, ſtarb Lord Aſtell plötzlich. Sagte die dem Wahnſinne nahe Wittwe im erſten Ausbruche ihres Schmerzes wiederum:»Der Herr hat's ——— Der alte Commodore. 31 gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn ſei gelobet?«— Wir wiſſen es nicht, allein ſie ſchloß ſich Tage, Wochen, Monden lang ein, und genoß nur ſo viel, als zur Nahrung ihres Kummers hinreichte, denn ihre Körperkräfte waren ſchier von ihr gewichen. Kein Prunk war in ihrem Schmerz; nicht behing ſie das Zimmer, welches ſie niemals verließ, mit dü⸗ ſteren Teppichen, verbannte auch nicht grämlich aus demſelben das Tageslicht, obwohl das Licht des Hof⸗ fens nicht in ihrem Buſen war; allein nur Wenige mochten zu ihr eintreten, oder wagten es, ſolches zu thun, und ſelbſt, wenn ſie von Leuten umgeben war, bemerkte ſie dieſelben kaum, und als die Iſabelle aus früheren Tagen ſich ihr mild und innigtheilnehmend näherte und mit von Kummer gedämpfter Stimme ſie anflehete, ge⸗ tröſtet zu ſein und nicht mehr zu weinen, vermochte die Gebeugte nur die Klageworte:»Er war ſo gut!« zu ſtammeln, und dann von Neuem ihre Thränen flie⸗ Fen zu laſſen. Dieß konnte nicht lange währen, würde auch nicht lange gewährt haben, wenn nicht Tröſtung nahe gewe⸗ ſen wäre. Agnes war jetzt ſo ſchwach, daß das Auf⸗ ſtehen von dem Ruhebett, auf welchem ſie gewöhnlich lag, ihr beſchwerlich war. Eine krankhafte Herzens⸗ neigung hielt ſie gleichſam an jenes Ruhebette gebannt, denn auf ihm war ihr Gatte geſtorben. Der Abend ſenkte ſich dunkelnd herab; es waren Perſonen in Agne⸗ ſens Zimmer, allein Agnes achtete ihrer nicht; die Leute naherten ſich ihr ſorglich, ſtanden über ſie hin⸗ gebeugt, ſie aber gewahrte ihrer nicht, denn ſie hatte ihr Geſicht in das Kiſſen geſenkt. Endlich ſchauerte ihr ein Eiſesfroſt durch die Glie⸗ der, und wie verwildert ſtieß ſie die Worte aus:»Er⸗ — 32 barmen, o Du mein Herr und Gotk, laß mich ſterben! Nimm mich hinauf zu ihm!« Allein ſchwer legte ſich eine Hand auf ihre Schul⸗ ter, und eine ihr längſtvertraute, klare, ſanfte Stimme ſprach zu ihr die Worte: „» Lady Aſtell, blicke auf und thue Deine Pflicht.« Agnes blickte nicht auf, bebte jedoch zuſammen und verſetzte:»Wer ruft? Iſt's eine Stimme vom Him⸗ mel?« 1 Die nämlichen ſüßen, wiewohl jetzt ein wenig mehr als vorhin zitternden Töne entgegneten ihr: »Es iſt der Zuruf der Heil. Schrift an die Gläu⸗ bigen in Chriſto; es iſt der Zuruf eines Kindes an ſeine Mutter— heiliger Zuruf, dem wohl nimmer wider⸗ ſtanden werden mag.“ Und dann vernahm Angnes ein Schluchzen und da⸗ zwiſchen eine andere dünne Stimme, die ihr das Herz hätte zerreißen mögen, und das Stimmchen ſprach: »Mama, küſſe den armen Guſty nur noch Einmal; er iſt auch gar nicht unartig.“ Und wie von elektriſchem Schlage durchzuckt, erhob ſich Lady Aſtell, ſchüttelte wild ihr vernachläſſigtes Lockenhaar aus ihren Augen und rief faſt kreiſchend: » Laßt mich ihn ſehen; laßt mich ihn ſehen!« und dann umklammerte ſie wie im Wahnſinn den Knaben und konnte nur die Worte lallen:»Mein Kind! mein Kind! mein Kind!« Nach einem Weilchen und wieder nach einem Weilchen wiederholte ſie dieſen Ausruf in immer ſanfterem Tone, je mehr und tiefer ſich der Friede in ihren Buſen ſenkte, bis die Worte ſich endlich in ein Gelispel auflöſeten und ſie, ihren Knaben Auguſtus im Arme auf ihre Lagerſtatt zurückſank und nach vielen troſtlos durchächzten Tagen und durchweinten Nächte Der alte Commodore. Der alte Commodore. 33 zum erſten Mal in einen ruhigen, ſeelenſtärkenden und körpererquickenden Schlummer verfiel. Der liebherzige kleine Junge, obwohl er kaum drei Jahre zählte, ging gleichſam aus Inſtinkt der Liebe auf die Empfindungen ſeiner Mutter ein; denn als der Fremde das Zimmer verließ, lagen Mutter und Söhn⸗ chen Arm in Arm ſanft eingeſchlafen. An demſelben Abend ſaß Mr. Underdown in ſeinem ſtillen Zimmer, und fühlte ſich nicht wenig überraſcht, als Lady Aſtell, mit ihrem Knaben Auguſtus an der Hand, zu ihm eintrat. Ihr Schritt war würdevoll, ihr Geſicht zeugte von gewonnener Faſſung, von Ueber⸗ wältigung empört geweſenen Gemüthes. Ihr Haar hing ihr nicht mehr aufgelöſet um den Nacken, ihre Kleidung wies keine Spur von Vernachläſſigung mehr. Freilich ſchwebte kein Lächeln auf ihren Lippen, als ſie mit ausgeſtreckten Händen ſich ihrem früheren Geliebten näherte, allein dieſe Lippen hauchten Worte herzlicher Begrüßung, und der Strahl der Dankbarkeit leuchtete in ihren Augen. Innig dankte ſie dem Guten, daß er ſie aus einer Erſtarrung erweckt hatte, die ſie jetzt ei⸗ nen ſündigen Schlaf der Selbſtſucht auf dem Poſten nannte, auf den ſie von der Fürſehung geſtellt worden war. Sie erkundigte ſich umſtändlich nach dem Befin⸗ den und dem Treiben ihres Bruders, des Poſtkapitäns, der jetzt ſchon in den Seekriegsannalen ſeines Vaterlan⸗ des durch ſeine Kühnheit und Tapferkeit und durch meh⸗ rere erfochtene Siege ſich rühmlich hervorgethan hatte. Mr. Underdown erzählte ihr, wie Tags vorher die Una“— die Fregatte, welche damals von Sir Okta⸗ vius b eeligt ward— aus Weſtindien in Portsmouth angelangt, wie der Kapitän, nachdem er die vorgefun⸗ denen Briefe geleſen, ihn hätte zu ſich rufen laſſen, wie Der alte Commodore. I. 3 —————— ——— ——— 8 8— ⁄ 34 Der alte Commodore. derſelbe in heftiger Aufregung, die er vergebens zu un⸗ terdrücken geſtrebt, auf das weibliche Geſchlecht ge⸗ flucht und dann in ſeiner rohen Wortſtellung plötzllich ausgerufen hätte:»Hier iſt der Teufel los und kein geſchmolzen Pech vorhanden! Aſtell ſitzt mit anderen Schüſſelmaaten zu Tiſche, und Agnes machte eine När⸗ rin aus ſich. Sie ſoll aber, wie ſich's gehört, vor dem Winde ſegeln. Geh hin und ſieh zu, was Du für ſie thun kannſt. Dera' ichen liegt ganz und gar außer meinem Fahrwaſſer— Du weißt's wohl— ſonſt würde ich ſelber zu ihr gehen:« und Mr. Underdown ſetzte hinzu:»Ich brauche wohl nicht zu ſagen, daß ich ſo ſchnell hereilte, als Geld und Pferde es irgend möglich machen konnten.« 4 Agnes dankte ihm nochmals, und wünſchte bald nachher ihm eine gute Nacht, nachdem ſie ihm verſi⸗ chert hatte, er könne fortan ihretwegen beruhigt ſein, denn ſie hätte bereits erkannt, wie ſie ſich hinlänglich ſtark fühlte, ihre Mutterpflicht zu erfüllen. Am Abend des nächſtfolgenden Tages war Mr. Underdown wieder bei Sir Octavius, ſtattete dieſem beruhigenden Bericht über deſſen Schweſter ab, und er⸗ hielt eine Woche ſpäter ein Schreiben von ſeinem Agenten, der ihm anzeigte, wie Mr. Horaz Under⸗ downs jährliche Leibrente von unbekannter Hand um ein Namhaftes vergrößert worden ſei. 5 Von dem Tage des Beſuches ihres ehemaligen Leh⸗ rers an erholte Lady Aſtell ſich wunderſam an Geiſtes⸗ und Körperkräften; ſie ward thätig und aufgerichtet, und konnte ſie auch ihrer Kümmerniß nicht änzlich le⸗ dig werden, war ſie doch zu Zeiten verhäl⸗ nißmäßig glücklich.„ — Der alte Commodore. 35 Da ich nimmer die Abſicht hege, Agneſens Leben zu beſchreiben, werde ich nicht der erfolgreichen Mittel gedenken, die ſie anwendete, um ihrem hochherzigen und blühenden Sohne eine Erziehung zu geben, die ihrer eigenen Tugend und ihrem eigenen wohlwollenden Gemüth entſprach. Vor dieſer Zeit, als Auguſtus etwa ſein zweites Jahr antrat, hatte der Commodore ſeinem geſchäftigen Leben einige Angenblicke weggeſchnappt und geheirathet. Allein nicht bloß ein Poſtkapitän iſt glücklich im Weg⸗ ſchnappen; denn noch mit größerem Maßſtabe treibt dieß Geſchäft der Tod, der es jedem Erdenſohne darin zuvorthut, und um dieſe ſeine Ueberlegenheit darzuthun, ſchnappte er Lady Bacuiſſart weg, nachdem er ihr kaum Zeit dazu gelaſſen hatte, die kleine Reberka an's Licht der Welt zu bringen. Der Commodore hielt ſich darob für e delten Mann, und äͤußerte ſich auch al Er ſchimpfte den Tod einen ſeigen lauern der in die Kammer einer Dame ſchlich, wo er doch ei⸗ gentlich nichts zu ſuchen hätte, und der dort ſeine Grauſambeit an der Jugend und Schönheit ausübte, wenn er doch ein andres Mal eine falſche Delikateſſe gegen diejenigen zeigte, mit denen er ſich bekannt ma⸗ chen ſollte, wenn Breitſeite gegen B s ein ſolcher. den Halunken, inen mißhan⸗ r 36 Der alte Commodore. Wir nähern uns jetzt derjenigen Periode in des Com⸗ modore's Leben, in welcher die Reue begonnen hatte, ſich ſeines Buſens zu bemächtigen. Bisher war er ein höchſt glücklicher Mann geweſen. Daß er die linke Hand eingebüßt, einen Mordhieb über die Stirn er⸗ halten und die Sehkraft ſeines einen Auges verloren hatte, waren Dinge, die er, als müßten ſie ſo ſein, als Kleinigkeiten, die nicht der Rede werth wären, be⸗ trachtete. Er hatte ja die Dankſagung beider Parla⸗ mentshäuſer für ſeine Kühnheit empfangen, hatte ja nach einem ſiegreichen Treffen den König und die Kö⸗ nigin bei ſich am Bord geſehen, und war, obſchon ein eingefleiſchter Whig, von der Tory⸗Adminiſtration höch⸗ lich geſchmeichelt worden. Außer dieſem Allen hatte er zeither ein geſondertes Kommando gehabt, und war nie aus einem Hafen geſegeit, ohne ſeinen breiten Wimpel als Commodore anfgehiſſet zu haben. Da er keines⸗ wegs verſchwenderiſch lebte, ſo nahm der Werth ſeiner Landgüter immer mehr zu, und er ging genau ſo oft an's Land, als ihm nöthig war, um ganz und gar ver⸗ narrt in ſein Töchterchen Rebekka zu werden, und die gemeſſenſten Befehle zu ertheilen, man ſollte das Kind nach deſſen eigener Weiſe ein verzogenes werden laſſen. Wir haben bereits geſehen, mit welcher Pünktlichkeit ihm in dieſem Betrachte gehorſamt ward. 3 Als Rebekka etwa zehn und Auguſtus faſt dreizehn Jahre zählte, die junge Miß auch alle ihre Hofmeiſte⸗ rinnen und Lehrer in der Ueberzeugung abgedankt hatte, daß ſie vollkommen erzogen wäre, walteten eine innige Vertraulichkeit und eine unbegrenzte Zuneigung zwiſchen dem Pärchen ob. Dieſes Verhältniß dauerte drei Jahre fort, bis Auguſtus Sechszehn zählte, und ward durch Lady Aſtell lebhaft unterſtüßt. Sie fand Behagen an Der alte Commodore. 37 dem wilden Mädchen, wegen ihrer wirklich guten Ei⸗ genſchaften, freimüthigem Weſen und Körperſchönheit, und that Alles, was in ihren Kräften ſtand, um den Mängeln an dem abzuhelfen, was Miß Rebekka ihre genoſſene Erziehung zu nennen beliebte. Gegen Lady Aſtell wies Rebekka ſich jederzeit fügſam, und wollte Alles ithun und lernen, um dem Vetter Au⸗ guſtus gefällig zu ſein; und dieſer, obſchon vom anderen Geſchlechte, war in den meiſten Stücken ein ſchönes Muſter, nach welchem ſie ihren Charakter hätte bilden mögen. Während der drei letzteren Jahre war Rebekka bei⸗ nahe zur Jungfrau herangediehen, und in den kurzen Zwiſchenzeiten, die der Commodore am Lande ſein konnte, war dieſer entzückt über die Fortſchritte, die ſein Töchterchen machte. Dabei ermunterte er auf das Feurigſte die wachſende Zuneigung zwiſchen Vetter und Mühmchen, und pflegte Beide nicht anders, als die Beiden Eheleutchen zu nennen. Lady Aſtell, die dem Alter nach als Schweſter dem Commodore zunächſt ſtand, hatte, ungeachtet ſeines rau⸗ hen Aeußeren und ſeiner vielfachen Ausſchweifungen, ihn ſtets mit unbegrenzter Zärtlichkeit geliebt, und ihn, ſo weit ihr ſtets reges Gewiſſen es irgend geſtattete, im Herzen, und gegen ihre Vernunft, allen ihren Brü⸗ dern und Schweſtern vorgezogen. Jetzt, da er der ein⸗ zige ihr am Leben gebliebene Bruder war, hing ſie nur noch inniger an ihm, und blickte auf die Vereinigung der Kinder, als auf den höchſten Gipfel ihres Erdenglückes hin. Schön und lieblich anzublicken war die Bewunde⸗ rung, die Verehrung, welche die bis jetzt noch ſo un⸗ geregelte Rebekka gegen ihren hübſchen und zartſinnigen Better hegte. Auguſtus war ein ſchöner Jüngling, von ———— Der alte Commodore. zartem etwas weiblichen Geſichtsausdrucke, und hatte die ariſtokratiſche Phyſtognomie ſeines verſtorbenen Vaters nach griechiſchem Modell geformt. Er liebte ſeine Kou⸗ ſine mit aller Gefühlstiefe, wie nur ein ſinniges Ge⸗ müth ſie hegen konnte; er liebte ſie ſogar zärtlich, wie⸗ wohl bis jetzt ohne Leidenſchaft. Um das Mädchen zu vermögen, etwas zu thun, das ihr widerwärtig war, — und ſich in Zwang halten laſſen, war ihr das Widerwärtigſte— brauchte Auguſtus nur zu ſagen: »Thu's meinetwillen,« und es ward gethan. Auguſtus und Rebekka beiſammen zu ſehen, war ein Anblick, wie wenn der Engel der Glückſeligkeit die Schritte eines Genins jugendlicher Freude lenkt. Wie vollendet nun auch das Aeußere des jungen Aſtell ſich wies, ſo war doch ſeine Seele durch die frommen und unabläſſigen Belehrungen ſeiner Mutter noch bewundernswerther gemacht worden; wirklich über⸗ ſtrömte dieſe Seele vom Trachten nach allem Hohen und nach Wohlwollen gegen alle Menſchen. Auguſtus hatte von ſeiner Mutter gelernt, das Rechte in allen Dingen um deſſen eigenthümlicher Schönheit willen zu lieben. Der Leichtfertige hätte den Jüngling für einen noch nicht ſechszehnjährigen Burſchen als allzugeſetzt anſehen mögen; allein Guſty's Frendenlächeln— denn zum Lachen ſteigerte dieß ſich niemals— war wonnig anzuſchauen, und ward irgend eine Großthat erzählt, ſo ſah man, wie ihm die Gluth in die Wangen ſtieg, daß ſchier auch ſeine Schläfen ſich rötheten, und wie ſeine Augen blitzten, als erſchaueten ſie etwas über dieſe Welt Hinausreichendes. Bei all dieſer äußeren Ruhe beſaß er jedoch eine Feſtigkeit des Vorſatzes und eine Beharrlichkeit des Entſchluſſes, die, obwohl bei großen Veranlaſſungen zur Thätigkeit aufgerufen, durch Der alte Commodore. nichts bewältigt werden konnte. Er war ein Jüng⸗ ling von vielen ſanften Herzensregungen, der nur Ei⸗ nen Haß im Buſen trug— Haß gegen Unterdrückung. War er, der Schutzengel Rebekka's in der Nähe, ſo war das Mädchen ein umgewandeltes Weſen, war lenk⸗ ſam, gehorſam, zartſinnig. Anſtatt die Blumenbeete niederzutreten, pflegte ſie derſelben, als ob dieſe die Gabe des Dankgefühls beſäßen. Sie zwickte und zwackte dann nicht Tante Matty's Papchen, ſondern ſtreichelte und hätſchelte ihn, lernte jegliche Lektion, die Mr. Underdown ihr aufgab, und hielt ihre Be⸗ kleidung gewiſſenhaft reinlich. Wir wollen nicht ſagen, daß der Vetter ſein Mühmchen ganz und gar um⸗ ſchuf; er raufte nur das Unkraut aus, von welchem dieß herrliche, ſchöne Blümchen der Schöpfung ſich um⸗ wachſen wies— ein Blümchen, das lebenslänglich an ſeinem Buſen zu hegen Auguſtus ſich feſt vorgenom⸗ men hatte. Alle dieſe anmuthigen Ausſichten ſollten jedoch bald dahinſchwinden, ſo daß ihrer nur als eines einzigen flüchtigen Sonnenſtrahles zu gedenken war, der durch eine Sturmwolke blickte, und dann ſich nimmer wie⸗ der zeigen wollte. Es war im ſtürmiſchen und denkwürdigen Novem⸗ ber des Schlußjahres vorigen Jahrhunderts, als das von Sir Octavius befehligte Geſchwader durch Unwetter und unumgängliche Nothwendigkeit des Kalfaterns in Portsmouth oder vielmehr auf der Rhede von Spit⸗ head Anker werfen mußte. Da während der jüngſtver⸗ floſſenen fünf Jahre der Commodore größtentheils zum Kanaldienſte verpflichtet geweſen war, hatte er oft Ge⸗ legenheit gefunden, und dieſelbe benutzt, nach Treſtle⸗ Der alte Commodore.. tree⸗Hall zu kommen, und ſein Herz an dem Heran⸗ wachſen ſeines Töchterchens, ſo wie an einem Geplau der mit ſeiner geliebten Schweſter, Lady Aſtell, und de⸗ rem Sohne zu erfriſchen, welche letztere Beide faſt beſtändig unter ſeinem Dache wohnten. An jenem ver⸗ hängnißvollen November kam er abermals an, und fand, wie gewöhnlich, alle die er am meiſten auf Erden liebte, verſammelt, um ihn willkommen zu heißen; dennoch hatte der finſtere alte Mann die Granſamkeit, den Frie⸗ den dieſes Kreiſes herzlicher Liebe zu ſtören. Drei Tage lang wies er ſich zwar ungewöhnlich freundlich, welches er jederzeit dadurch that, daß er ſich des Tabackrau⸗ chens und Tabackkäuens, ſo wie jedes Fluches enthielt, der lauter als ein Geflüſter erſchollen wäre. Dabei gab er ſich beiſpiellos gelaſſen, und ſchien große Stücke auf ſeinen Neffen zu halten. Am Abend des dritten Tages funkelten die Wein⸗ karaffen im hellen Scheine des Kaminfeuers, und wohl⸗ behaglich hatte die Familie ſich um letzteres in einen Kreis geſetzt. Dem Commodore war um dieſe Zeit ſchon das volle Maß ſeiner Verſtümmelung ſo zu Theile geworden, wie wir es bei Eröffnung unſerer Erzählung beſchrieben haben. Mit dem unverletzten Arme hielt er ſein Töchterchen umſchlungen, und als er das Mädchen etliche Male liebevoll an ſich gedrückt hatte, ſpähete er mit ſeinem Auge in dem glücklichen Kreiſe umher, gewahrte bald den Gegenſtand ſeines Suchens, Augu⸗ ſtus, der neben ſeiner Mutter ſaß, packte ihn mit dem Haken, der ihm als Hand diente, beim Kragen und hiſſete ihn zu ſich herüber auf ſeine andere Seite. Dann ſchauete er freundlich links und rechts, und machte end⸗ lich ſeinen Gefühlen Luft, indem er ausrief:»'ne ſchmucke Gruppe, Schweſter Aſtell, bei'm Jupiter! Der alte Commodore. 41 Wir drei würden ein ſchönes Puppenbild für die Vie⸗ toria“ abgeben.« »Ja wohl,“« verſetzte Lady Aſtell,»die Mittelfigur iſt von ſchlagender Wirkung!« 4 »Recht ſo, Schweſter, recht ſo. Ich bin all mein Lebelang ſchlagend geweſen, und wie Du ſagſt, mit Wirkung.⸗ Nimmer aber ſchlug ich um, und werd's nimmer, ſo lange ich noch eine Patrone im Pulverma⸗ gazine habe. Na, Gus, wie geht's Dir und Deiner kleinen Frau? Immer mit vollen Segeln! he? Ich muß ſagen, die Dirn' iſt ganz und gar ein Hofdämchen worden; denn ſie läßt ihres Vaters Zopf in Ruhe wackeln. Noch vor'nem Jahre mußt' ich ſcharf nach dem Hintertheile meines Kopfes auslugen, ſonſt würd' ich den Kater oder ſonſt was d'rangeſpleißt gehabt haben, ehe ihr Hände hättet, vraufpfeifen können, um Topſegel zu reffen. Hübſch herausgewachſen! he? Du lieber kleiner wilder Huſar!« und dann ſchabte er liebherzend mit ſeinem rauhen Barte ihr die Wangen, daß er ihr die zarte Haut ſchier blutrünſtig gemacht hätte. Als dieſe kleine Aufwallnng väterlicher Zärtlichkeit vorüber war, deren Schauſtellung dadurch weſentlich abgekürzt ward, daß das kleine Dämchen ihn aus aller Macht an dem ſo oft von ihr verfolgten Zopfe zerrte, wendete der Commodore ſich auf die andere Seite, um einen Theil ſeiner derben Zärtlichkeit an ſeinem Neffen auszulaſſen. 3 »Na, Gus,« ſagte er zu ihm, während er mit ſei⸗ nem einen Auge ihn durch und durch beſchauete, und ihn näher zu ſich heranholte, indem er ihm mit dem Haken einen Puff in die Rippen gab, daß es dem Jun⸗ gen beinahe den Athem verſetzte—„Gus, Du bhiſt ſo lang und ſo ſchnurgerade worden, wie'n Topmaſt, und — Der alte Commodore. ſtehſt in Deinem oberen Takelwerk ſo ſnugg aus, wie das Nachtſchiff Seiner Majeſtät des Königs. Bei den Krafteigenſchaften des Salpeters! ich habe den Jungen ſo lieb, als ob er mein eigener wäre. Ich will'nen Kerl aus ihm machen, Lady Aſtell; ich ſag' Dir, ich will's. Gus, wie geht's mit Deinem Lernen? Biſt bald durch damit, ſollt' ich meinen, ſo weit, als die Landkrabben von Schulmeiſtern Dir dabei durchhelfen können— he?« »Je nun, Onkel, Doktor Pertinar meint, ich ſei in meinen Humaniora weit genug vorgeſchritten, um die Univerſität beziehen zu können.“ „Hm— Humaniora? Univerſität beziehen? Wenn man ihn anſieht, ſollte man doch meinen, er ſei einen langen Strich vorausgeſegelt ein Tölpel zu werden! Univerſität? He? An Bord des Terrifik“ haſt Du zu gehen, das iſt die Univerſität, Junge, die Du zu be⸗ ziehen haſt, um Deine H umanitäten zu ſtudiren.« »Bruder,« fiel Lady Aſtell ſchaudernd und erblaſ⸗ ſend ein—»hörſt Du den Windſtoß, der das Haus faſt erſchütterte?« „Ich hört'n, Schweſter, und ſollte meinen, wir können ihm nicht mehr Linnen zeigen, als feſteingereffte Topſegel und Unterſegel. Bei alldem iſt's doch nur „ne Mütze voll Wind, nur'ne Mütze voll. Aber laß hören, Gus, was Du denn im Lernen vor Dich ge⸗ bracht haſt?«, „»Ich habe angefangen die griechiſchen Tragiker zu leſen,« ſagte der beſcheiden erröthende Neffe. Sobald der Commodore anfing, die Geduld zu verlie⸗ ren, begann er auch den Reſpekt gegen diejenigen Förm⸗ lichkeiten aus den Augen zu ſetzen, die die Außenwerke der Hochachtung abgeben, mit welcher wir uns immer Der alte Commodore. 43 im Beiſein von Frauenzimmern ausrüſten ſollten. Bei Erwähnung der griechiſchen Tragiker holte er aus ſei⸗ ner Weſtentaſche jenen Abſchen aller Damen, nämlich eine ſchweinſchwänzige Rolle Kautaback hervor, biß ver⸗ drießlich ein namhaftes Endchen davon ab, ſteckte das ſcheußliche Prüntje in den linken Winkel ſeines Mun⸗ des und rollte daſſelbe, ſo wie ſein eines Auge gleich⸗ zeitig mit einem Schielblicke bösweiſſagenden Mißbeha⸗ gens gegen den klaſſiſchen Lehrling. »Griechiſche Tragiker? Hm! das ſoll alſo wohl hei⸗ ßen, Neffe, Du kannſt endlich eine griechiſche Komödie leſen?« „Jedoch nur noch unvollkommen, Sir.« „» Unvollkommen!« wiederholte der Eraminator, in⸗ dem er das Wort dermaßen betonte, daß es Jedem als ein vierſylbiges deutlich hörbar ward, und als er es ſo abgewogen ausgeſprochen hatte, ſpie er verächtlich einen übelgelenkten Tabacksſaft⸗Auswurf von ſich, daß dieſer in all ſeiner Fülle in den Schooß des reichen Seidenkleides der friedſamen Mathilde niederfuhr.»Ver⸗ zeihung, Matty;'n fehlgegang'ner Schuß; aber'ne naſſe Schwappe und ein trockener Glättſtein machen Alles wieder gut,« ſetzte der bärbeißige Commodore hinzu. »Mein Kleid iſt unwiederbringlich ruinirt,« ſagte Mathilde ſanften Tones, indem ſie aufſtand und ge⸗ laſſen das Zimmer verließ. Der Commodore käuete für ein Weilchen mit erhöhetem Eifer ſein Röllchen, wendete ſich dann zu ſeinem Neffen, und rief haſtig: »Da ſieht Er's, was ſeine verd— Griechen angerich⸗ tet haben!« „»Das unrichtige Citat kam aus ihrem eigenen 44 Der alte Commodore.⸗ Munde,“ bemerkte Mr. Underdown, indem er von ſei⸗ nem Buche aufſah. Ohne dieſe Unterbrechung zu beachten; fuhr der„ Commodore mürriſch zum Neffen fort.»Wie lange hat man denn Griechiſch gelernt?« »„Er begann es zuſammt dem Lateiniſchen in ſeinem ſiebenten Jahre, lieber Bruder,« ſagte Lady Aſtell, » und obgleich ich ſelbſt keine kompetente Richterin in der Sache bin, höre ich doch von allen Seiten, daß ſeine Fortſchritte in jenen beiden, einem Gentleman ſo nothwendigen Sprachen, erſtaunlich ſind.“ »Sag' mir doch, Auguſtus, wenn ich fragen darf, ob Du in der Rechenkunſt ſo weit vorgedrungen biſt, daß Du weißt, wie viel Sieben von Sechszehn ſind?« „Neun, lieber Oukel. „Nu, ſo kann der Junge doch etwas Geſcheidtes. Was für praktiſche Kenntniſſe, Sir, hat man denn während der neun Studienjahre des Griechiſchen und Lateiniſchen ſonſt noch gewonnen, außer der, daß man unvollkommen eine griechiſche Tragödie leſen kann?« Bei dieſer Frage öffneten drei Advokaten des jun⸗ gen Herrn mit einem Male ihren Mund⸗ „Geiſtesbildung,“« ſagte die Mutter. „Klaſſiſche Kenntniſſe,« ſagte Underdown. „Niemand verſteht ſo gut, als er, das Luſtboot zu rudern,« ſagte Rebekka. Rebekka erhielt einen Kuß von ihrem Vater. „Die Dirn' iſt die einzige Geſcheidte unter Euch,⸗ ſagte der Commodore.„»Nun, Auguſtus, Kopf keck in die Höhe und flugs zur Sache gekommen. Kennſt Du den Unterſchied zwiſchen dem Segeln unter Meridian und mittlerer Breite?« 3 4 X&* Der alte Commodore. 45 »Nein Onkel,“« antwortete der junge Menſch ge⸗ ſenkten Tones. „»Kannſt Du eine Meridian⸗Obſervation an der Sonne anſtellen?« »Nein,“ erſcholl es noch kleinlauter. »Kannſt Du'nen Kompaß einſchachteln?« »Nein,“« ſprach der Neffe, völlig muthlos gemacht. »Da habt Ihr's!« rief der Commodore, indem er mit einer Miene abſoluten Triumphes umherblickte. »Das nennen ſie am Lande nun'nen jungen Gentleman erziehen! Sechszehn Jahre alt, und kann nicht'nmal ſeinen Kompaß einſchachteln— da habt Ihr's!« »Weßhalb ſollt' er's auch können? Eben ſo wohl hätteſt Du ihn fragen mögen, ob er ein Pferd zu be⸗ ſchlagen verſteht. Leute von Auguſt's Stellung im Le⸗ ben bedürfen in der Regel keiner Kenntniß von hand⸗ werksmäßigen Künſten. Für einen halben Kronthaler ſchachtelt jeder Tiſchler ihm ſeinen Kompaß ein, ſobald er einen bekommt,« ſagte Lady Aſtell in Schutznahme ihres Sohnes. „»Weibereinfalt!« rief der alte Seemann ſpöttiſch, nahm dann einen Zornblick an und fuͤhr fort:»Laſſen Sie ſich ſagen, Madam, daß dieſes jungen Menſchen Erziehung elendiglich vernachläſſigt worden iſt. Ich, der ich kraft des Teſtamentes ſeines Vaters ihm Vor⸗ mund bin, habe meine Pflicht gegen ihn hintangeſetzt. 4 Ich muß dazu thun. Ich komme heim, ich examinir' ihn, ich forſche nach dem, was er weiß, ich erhalte zur Antwort, er habe Humaniora ſtudirt, und als ich auf den Grund gehe, finde ich, daß er und eine Kuh gleichviel von einem Kompaß verſtehen. Nennt man das Humaniora, Lady Aſtell? Ich erkenne meinen Feh⸗ ler; ich muß Guſty's Erziehung vor die Hand nehmen, —ÿõ‧⅞— Der alte Eommodore. muß ſie vollenden. Ich will ihn auf nächſter Fahrt mit zur See nehmen?«— Dieſe Aeußerung erzeugte, mit Ausnahme Auguſtus ſelbſt, aus dem Munde Aller einen Schrei der Unruhe, der nicht wenig durch das Wiedereintreten Miß Ma⸗ thildens verſtärkt ward, die ein anderes Kleid angelegt hatte, und in den Burſchen vernarrk war. Die beäng⸗ ſtigte Mutter wackelte auf ihrem Stuhle hin und her, rang erbärmlich die Hände und rief, ſobald ſie Worke finden konnte, in rührendem Tone:»Bruder, lieber Bruder, ſo grauſam kannſt Du nicht ſein!« »„Grauſam, Lady Aſtell? Bei meinem Leben! ich ſehe keine Grauſamkeit darin. Es iſt die größte Güte, die ich dem Jungen erweiſen kann. Was hätten Sie dabei zu fürchten, Madam?« »Ach, Octavius, eine Mutter mag wohl vor den Gefahren des Meeres zittern!« 4 „»Zittern? Gefahren? Was willſt Du damit ſagen, Schweſter? Die See iſt der einzige ſichere Ort, den ich kenne. Betrachte Deine eigene Familie, und dann ſprich mir noch von Gefahren auf der See. Wo ſind meine ſieben ältere Brüder? Keiner von ihnen ging zur See, doch ſind ſie alle todt. Ja, das Land hat ſie umgebracht. Am Lande mäſteten ſie ſich in ihrer Fülle wie eingeſtallte Ochſen, und lange vor ihrer Zeit fielen ſie ab vom Baume des Lebens wie überreife Fei⸗ gen; hier aber bin ich, der ich in ſiebenzig Gefechten unter jeglichem Himmelsſtriche, in allem Wetter war, von der windſtillen Hitze, die das Hirn unterm Schaͤ⸗ del verſengen möchte, bis zum bitteren ſchneidenden Nordwinde, auf welchem der Tod ritt, und ſeine eiſſge Lanze ſchwang; hier, ſag' ich, bin ich, und das in gu⸗ ter Geſundheit und mit trefflichem Luftholen—verd— * — Der alte Commodore. mich!« und er gab den unzubezweifelndſten Beweis von dem letzten Theile ſeiner Behauptung, denn keines Menſchen Lungen, als ſeine oder die des griechiſchen Ausrufers, hätten mit ähnlicher Vehemenz den Schluß⸗ fluch herausſtoßen können. »Aber ich ſag' Dir, Pa,« ſcholl das ſchrillende Stimmchen der Miß frech dazwiſchen, die gänzlich über die Schranke hinausging, die ihrem Betragen gewöhn⸗ lich durch die Anweſenheit der Lady Aſtell und des lie⸗ ben Guſty geſteckt war—»wie kannſt Du Dich einen geſunden Mann nennen, wenn Du ſtatt des Auges ein ſchwarzes Pflaſter, ſtatt der Hand einen Eiſenhaken, und regelmäßig im Frühling Deinen Gichtanfall haſt und über und über von Narben vollſitzeſt wie'n— wie'n—« »Wie, was, Du ſchlechtgeregelte Wetterdirne?⸗ fiel der Commodore ihr ein, indem er ihr ſein eines dunkles, brennendes Auge zukehrte. »Wie'u räudiges Schwein,« kreiſchte die junge Lady, und verſteckte ſich hinter Auguſtus. »Ha!« ſagte der Commodore, der ſeinen Grimm verſchluckte,»ſäh' ſie nur nicht ihrer Mutter ſo ähn⸗ lich— doch gleichviel. Heut iſt Mittwoch Abend; nächſten Montag fahr' ich ab; ſo befehl' ich! Ihm, Maſter Auguſtus, ſich bis dahin bereit zu machen, mit mir in der Chaiſe wegzurollen. Du, Mathilde, wenn Lady Aſtell keine Luſt dazu bezeigt, ſiehſt nach des Burſchen Wäſche; ich bin ſein Vormund, und mit ſoll er— bei Gott!« »Er ſoll nicht mit!« ſagte die hübſche Kleine, die mit von Wallung ergluͤhendem Geſichte über des Jüng⸗ lings Schulter guckte. »Das wollen wir ſehen, Miß; und hältſt Du nicht Der alte Commodore. Deine impertinente Zunge, ſo laß ich Dich augenblick⸗ lich in's Bett kollern.« „Thutſt Du's, ſo ſteck' ich's Haus in Brand,« ent⸗ gegnete die gehorſame Tochter mit großer Gelaſſenheit. Da der Commodore aus böſer Erfahrung wußte, daß er nur allzuſehr Grund hatte, zu erwarten, ſie würde ihre Drohung vollführen, ſchüttelte er höchſt feierlich ſein Haupt, und gab die Sache auf, inſofern das Zu⸗ bettbringen der zungen Dame darunter verſtanden ward. Bisher hatte die betrübte Mutter durch dieſe un⸗ erwartete Ankündigung einer ſo entſetzlichen Trennung ſich ſo ſehr hinnehmen laſſen, daß ſie noch nicht im Stande geweſen war, ihre Faſſung zu erlangen; und als ſie ſich ſo weit geſammelt hatte, daß ſie eine An⸗ ſtrengung zum Vertreten ihres Kindes machen konnte, vermochte ſie doch nur mit leiſer Stimme, jedoch mit einem Pathos, der aus ihrem innerſten Herzen kam, die mit einem, an Mr. Underdown haftenden, bitten⸗ den Blicke begleitenden Worte hervorzuſtammeln:»O Horaz, Horaz, mein beſter Freund— Freund der Fa⸗ milie! erhalten Sie mir meinen Auguſtus.“« Das ruhige, blaſſe Geſicht des Angeredeten übergoß ſich für einen Augenblick mit glühender Röthe, Rück⸗ erinnerung hatte für ein Weilchen das lichthelle Ban⸗ ner früherer Liebe wehen laſſen; dann nahm ſein Ant⸗ litz die gewohnte Marmorbläſſe wieder an. Er ſtand auf und verbeugte ſich tief gegen Lady Aſtell, dieſe aber ſchien Troſt aus ſeinem ſanften und melancholiſchen Lächeln gewinnen zu wollen. Ehrerbietig zu dem Com⸗ modore gewendet, ſprach dann Mr. Underdown:»Ich bin überzeugt, Sir Octavius, daß Sie es in allen Stücken auf's Beſte meinen, und nichts iſt Ihren Gedan⸗ ken fremder, als der Gedanke, Lady Aſtell zu betrüben.« Der alte Commodore. 49 »Nun freilich; es geſchieht Alles zu ihrem wie zu des Jungen Beſten, und darum muß er mit zur See.« »Sie aber meint, dieß Beſte ſei das Schlimmſte, was ihr und ihrem Sohne begegnen könne. Haben wir aber nicht auch vergeſſen, Sir Octavius, diejenige Per⸗ ſon zu befragen, die bei dieſem Falle am meiſten inter⸗ eſſirt iſt? Was ſagt Auguſtus ſelbſt zu dem Vor⸗ ſchlage?« Der junge Burſch ſtand noch vor ſeinem Oheim und ſein Mühmchen hatte ihm einen Arm über die Schulter gelegt, während ihr Blick mit Innigkeit an ſeinen Augen hing; und als dieſe Frage erſcholl, ſtellte das Mädchen ſich auf die Zehen, damit ſie ihre glü⸗ hende Wange an die des Knaben legen konnte. Es iſt wahr, Rebekka zählte erſt dreizehn Jahre, dennoch ſtellten die Würfel das alten Commodore ſich ſehr un⸗ günſtig, denn er hatte ihrer Drei gegen ſich. Augu⸗ ſtus aber, der dem Gluthhicke des Oheims nicht begeg nen mochte, ſah ſeine Mutter an, wechſelte einen ein⸗ zigen Blick mit ihr, und hatte dann ſofort die entſchloſ⸗ ſene Antwort auf der Zunge.»Ich bin noch niemals wiſſentlich meiner Mutter ungehorſam geweſen, und will es auch in dieſer Sache nicht ſein.«. Ein Kuß von Rebekka und ein»Gott lohn's Dir, mein Sohn!« von Lady Aſtell belohnten den Jungen für deſſen Dreiſtigkeit, doch war ihm minder Süßes noch vorbehalten. Mr. Underdown begann beklommen und unruhig zu werden, Miß Mathilde aber danach zu trachten, ſich unbemerkt davon zu ſchleichen, welches offenbar Zengniß ablegte, daß der Commodore in Zorn gerathen wollte; noch erkennbarer aber ward dieß aus der ſonderbaren Sympathie, welche zwiſchen dem Va⸗ ter und der Tochter obwaltete; denn ſo oft des Erſte⸗ Der alte Commodore. I. 4 50 Der alte Commodore. ren Grimm anſchwoll, ſtieg auch der Letzteren Wider⸗ ſtand und Heftigkeit dagegen. Aus verſchiedenen Be⸗ weggründen und zu verſchiedenen Zwecken ſchienen Beide einer und derſelben Leidenſchaft ſich hinzugeben. Re⸗ bekka ſtand nicht mehr halb hinter ihrem Vetter, als wolle ſie ſich verkriechen, ſondern dem Vater Aug' in Aug' gegenüber, neben ihrem Spielgefährten, als deſſen Vertreterin. Sir Octavius ward zur Zeit nicht von der Gicht geplagt, allein aus der dunkeln Röthe, die ſein Antlitz überzogen hielt, mochte vermuthet werden, ihn könnte zur Stunde ein apoplektiſcher Zufall treffen, als er von ſeinem Stuhle ſich erhob und hoch aufgerich⸗ tet in ſeiner ganzen gebieteriſchen Länge daſtand. Der Sturm brach ſolchergeſtalt aus, daß der Commodore mit einer unnatürlichen angezwungenen Ruhe ſagte; „Schweſter Mathilde, ſei gebeten, Deinen Sitz wieder einzunehmen. Sie, Mr. Underdown, werden mir eine beſondere Gefälligkeit erzeigen, indem Sie die Thür, verriegeln; denn Sie ſollen wiſſen, Sir,« und ſeine Stimme erhob ſich bei dieſen Worten plötzlich—»daß, wenn eine Familie von glorreicher Abkunft und bisher unbefleckter Ehre im Begriff ſteht, ſich zu entwürdigen, man mindeſtens zu verhüten trachten muß, daß ihre eigenen Dieſtleute nicht Zeugen dabei abgeben. Jetzt höre man mich, ein Jeder und insgeſammt, denn Alle insgeſammt ſind angerückt gegen mich, der ich das Haupt des Hauſes bin, und Alle insgeſammt beabſich⸗ tigen, den erſten Actus ihrer Rebellion zu einem Actus feigen Ungehorſams zu machen. Ja, ja, krümm' er ſich nur, junger Sir— ich ſagte feig! Hört man's, fühlt man die ganze Bitterkeit des Ausdrucks? He? kann Er jetzt, da der ganze Vorwurf ſich Ihm an's Herz ge⸗ klammert hat, noch eben ſo aufgerichtet daſtehen, als — Der alte Commodore, 51 Er vor einer Stunde ſtand? Kann Er es wagen, die kriegsverſtümmelte Geſtalt und das zerfetzte Antlitz von ſeiner Mutter Bruder anzublicken, nachdem Er ſich ge⸗ weigert hat, dieſem zur Vertheidigung eines Landes zu folgen, das, Gott wolle helfen! nichts hat, worauf es ſich verlaſſen dürfte, als die Tapferkeit ſeiner Söhne? He?« »Schonen Sie meiner, Onkel— ſchonen Sie mei⸗ ner Mutter!« »Wiſſ' Er, entarteter junger Geſell, daß ich, ſein alleiniger Hüter, ihn zwingen könnte, mit mir an Bord zu gehen; doch iſt Leben oder Tod zur See, Eins wie's And're, viel zu edel für einen Haſenherzigen.« »Pah!« kreiſchte Rebekka, deren Antlitz voll Gluth, deren Auge voll Blitzesleuchten war—»Pah! Gus iſt kein Haſenherziger— hörſt Du's?« Der Commodore, durch den vorlauten Einwurf des Mädchens nicht im Mindeſten verletzt, klopfte ſchmei⸗ chelnd auf den Kopf Rebekkens, und ſagte bloß:»Ei⸗ genwilliges und im Irrthume befangenes Kind! Wollte der Himmel, Dein Vetter hätte nur ein Fünkchen von Deinem Muthe. Wehe dem Lande, wenn die Söhne der Edeln deſſelben in ihrem Herzen feige Dirnen ſind!⸗ Flehend wendete Auguſtus ſich zu Lady Aſtell. Tod⸗ tenbläſſe lag auf ſeinem Geſichte. »Mutter, Mutter,“« ſagte er,»ſprich Du für mich— ich werde ſchwer geprüft; Du weißt es, daß ich kein Feigherziger bin.⸗« Die ſo aufgeforderte Mutter erhob ſich von ihrem Stuhle, und legte, indem ſie der finſtern Stirn ihres Bruders wenig achtete, vertraulich ihre rechte Hand 4* Der alte Commodore. auf ſeine Schulter, indem ſie mit ihrer Linken deſſen eine Hand faßte. „»Komm, mein Bruder,« ſprach ſie mit krankhaftem Lächeln—»Du weißt, daß wir Beide noch nie mit einander zankten, daß zwiſchen uns nicht Bruder noch Schweſter kam, daß wir Säuglinge zuſammen waren, und daß Du kaum aufhörteſt, Nahrung aus unſerer Mutter Bruſt zu nehmen, als ich ſchon Deine Stelle einnahm— Du kannſt dieß nicht vergeſſen, kannſt nicht vergeſſen, wie Ein Bettchen uns aufnahm, Ein Spiel⸗ werk uns Beiden für lange Zeit diente. Mögen dieß auch nur Albernheiten ſein— dennoch erinnere Dich, wie glücklich ſie uns machten.« »Sie thaten's, thaten's!« ſagte der alte Mann, in⸗ dem ſein Auge funkelte. „Wirklich? Sagſt Du das? O, wie freut's mich! Und Du ſollſt Dich erinnern, Bruder, wie wir Beide krank am Scharlachfieber lagen, wie viel wir litten und wie lieb wir uns hatten; wie, wenn Dir die Zunge an dem Gaumen klebte von brennendem Durſte, Du doch erſt mir die Taſſe zuwinkteſt und ſprachſt:'Erſt ſoll lieb Agnes trinken.— Du ſollſt Dich deſſen er⸗ innern, Bruder— »Ich erinnere mich, erinnere!“ „ Und ſollſt Dich daran erinnern, wie wir eines Ta⸗ ges in der Kirche waren, unſere Geſichter in unſer Ge⸗ betbuch geſenkt hatten, und wie wir weinend aufblick⸗ ten und unſere Mutter anſahen, als der Geiſtliche die Bibelworte las: Und er war der einige Sohn ſeiner Mutter, und ſie war eine Wittib⸗—« Durch dieſen letzteren Zuſpruch ward der eiſenfeſte Seemann mächtig erſchüttert, ſprach jedoch nicht. „O mein Bruder,“« fuhr Lady Aſtell mit ſteigendem Der alte Commodore. Affekte fort,»„warum willſt Du Dich ſo verſtocken? warum ſo mein Herz vor Dir verſchließen? Soll ich noch mehr ſagen? Muß ich Dich daran erinnern, wie oft ich zwiſchen Dir und Deinen Brüdern, ja, und Deines Vaters Zorne ſtand? wie oft ich Deine Geld⸗ börſe füllte, wenn Du mit lockeren Zeiſigen ſie geleert hatteſt? wie ich Dir ſtets Vertreterin, ſtets liebende Schweſter war? Und was begehr' ich denn für alle Dir gewidmeten Jahre voll Liebe und Innigkeit und Freundlichkeit? Nichts, als daß Du mir mein Kind, meinen einzigen Sohn laſſen ſollſt.« Bei dieſer feierlichen Mahnung ward der Commo⸗ dore gerührt, ſehr gerührt; dennoch erwiederte er kein Wort, ſondern küßte die Hand der Schweſter mit aller ehrerbietigen Galanterie der alten Schule, und führte dieſe zu ihrem Stuhle zurück. Dann nahm er ſeinen eigenen Sitz wieder ein, und begann ſchweigend mit ei⸗ ner ſolchen Vehemenz zu rauchen, als hätte er die Leute glauben machen wollen, er müßte zum Heil aller Anweſenden ſofort das Zimmer mit Qualm anfüllen. Niemand ſchien geneigt zu ſein, die tiefe Ruhe dieſes Schweigens zu ſtören; wohl aber zog Lady Aſtell ihren männlichen Sohn immer näher an ſich, und liebkoſ'te ihn mit der Innigkeit einer Mutter, die ſo eben ihr Kind aus einer bedeutenden Gefahr gerettet hat. Wir verweilen ſo umſtändlich bei dieſem folgenrei⸗ chen Auftritte, um den Leſer deſto deutlicher die ſchwere Verantwortlichkeit erkennen zu laſſen, die der Onkel ſo eigenſinnig und faſt mit Wildheit ſeinem eigenen Haupte aufladete. Schon hatte das friedſame Gemurmel fröh⸗ licher und vertraulicher Unterhaltung wieder unter den Familiengliedern begonnen, als Sir Octavius, der mitt⸗ lerweile mit ſeiner zweiten Pfeife fertig geworden war, Der alte Commodore. 2, 4 ſeine gellende Stimme erhob und ausrief:»Es kann nicht ſein!« Dieſer Spruch ſcholl allen Anweſenden wie ein Todesurtheil in's Ohr— und wie wenig fehlte, 5 daß er ein ſolches geworden wäre! Der Commodore ſtierte ſo wild umher, daß es ſchien, als verlangte ihm b nach Hader; da aber Keiner ihn unterbrach, fuhr er fort:»Von einer Mutter muß ich einer Mutter Schwäche erwarten— ich beklage ſie, während ich ſie liebe; aber dieſe Liebe darf mir nicht Herrin der Ver⸗ b nunft werden. Während ich die innigſte Zuneigung zu meiner Schweſter hege, darf ich nicht vergeſſen, daß ſie nicht die einzige Mutter in den drei Königreichen iſt. Ich muß bedenken, daß die Königin dieſer Reiche eben⸗ falls eine Mutter iſt, und daß in eben dieſem Augen⸗ blicke, während ranhe Winde die Ecken dieſes Hauſes 5 umheulen, ihr eigner Sohn, der tapfere Prinz Heinrich, gleich den niedrigſten Unterthanen ſeines königlichen Vaters, Dienſt auf ſtürmiſchen Gewäſſern thun muß, 4 und ſonder Beben, ſonder Murren und Klagen wirklich thut— »Sie hak der Söhne mehrere,“ ächzte die troſtloſe Lady Aſtell. Der Commodore aber achtete dieſes Einwurfes nicht, ſondern ſprach weiter:»Wenn ſolch erhabenes, ſolch 2 patriotiſches Beiſpiel da nicht beachtet wird, wo es am meiſten gewürdigt werden ſollte, ſo will der Bruder nicht drob klagen, wiewohl der alte Diener ſeines Kö⸗ nigs nicht unterlaſſen kann, ſolches zu bedauern. Er wird demnach von der Schwäche der Mutter ablaſſen und an den Stolz und die Tapferkeit des Sohnes ap⸗ pelliren— iſt an dieſem ſolcher Zuruf verloren, erweiſ't er ſich als ein Feigling— ſo helf' ihm Gott; ich habe dann nichts weiter zu ſagen. Je eher ich von ei- — Der alte Commodore. 3 ner feindlichen Kugel hingerafft werde, deſto beſſer wird's ſein. Bin ich jetzt doch wie ein geknicktes Rohr, das über den unwiderſtehlichen Strom hinhängt, der es bald der Vergeſſenheit zuſchwemmt. Hatt' ich gehofft, nach dem nächſten von mir erfochtenen oder doch von mir miterfochtenen Siege mit dieſem Jüngliug an der Hand dem Fuße des Thrones nahezutreten und zu ſprechen: „Stellen Sie mich, Majeſtät, unter die Edeln des Lan⸗ des, und geſtatten Sie dieſem jungen Manne, dem künf⸗ tigen Gemahl meines einzigen Töchterleins, der an meiner Seite gelernt hat, für ſeinen König und ſein Vaterland zu fechten, meinen Namen und Titel zu er⸗ ben!— Tritt vor, Auguſtus, und ſprich! Hab' ich wie ein alberner alter Mann geträumt, oder kann ſo Glorreiches ſich ereignen? Willſt Du, wenn nicht für die Ehre des Hauſes Deiner Mutter— des Hau⸗ ſes der Bacuiſſart— doch um des Ruhmes Deiner langen Reihe väterlicher Ahnen einem einzigen feind⸗ lichen Kanonenblitze ſtehen? nur Ein Jahr lang ſieg— reich auf den Wellen reiten, die Deinen alten normän⸗ niſchen Aeltervater, den grimmen Tramontane, herüber⸗ trugen, daß er für ſeine Söhne ein umfangreiches Erb⸗ theil in dieſen Landen erſtritt? Willſt Du, ſag' ich, dieß thun, Auguſtus, oder Dich als einen Auswurfling beider Häuſer kundgeben, von denen Du abſtammſt, und alſo mich zwingen, meinen Kajütenjungen zum Sohne anzunehmen und ihm meinen Namen und meine Tochter zu vererben.“ »Mach' Dir meinethalben beine Unruhe; Pah— ich will keinen Kajütenjungen!« plapperte die gehor⸗ ſame Rebekka dazwiſchen. »Wenn ich aber ſage, es ſoll ſein, Miß?« fragte der Vater. ———— —— —— 56 Der alte Commodore. »Dann wirſt Du etwas Dummes geſagt haben, und damit hat's ein Ende,« antwortete kaltblütig die Tochter. 4 Dieſer kleine Familienzwiſt gab dem Jünglinge Zeit, ſeine Gedanken zu ordnen und zu folgendem Entſchluſſe zu gelangen. Zuerſt kniete Auguſtus vor ſeine Mutter hin, küßte deren Hand und ſagte:»Mutter, vergieb mir, wenn ich Dir ungehorſam bin.« Dann ſtand er auf, trat mit ſtolzem Weſen vor den Commodore und ſprach:»Onkel, vergeben Sie mir, wenn ich nicht gleich dem Aufrufe folgte, den Sie an mein Ehrgefühl, meinen Muth, mein Emporſtreben und meine Vaterlandsliebe ergehen ließen; ſehen Sie mich doch von meinen Entſchuldi⸗ gunggründen umringt! Ich bin in dieſem Augenblicke bereit, mit Ihnen zu gehen. Selbſt Ihr düſterer Cha⸗ rakter«— und er ſtammelte bei dem Worte düſter— »wird meinem Entſchluſſe einiges Lob zollen, da Sie wiſſen«— und er wendete ſich wieder zu ſeiner Mut⸗ ter—»wie lange ich ſie liebe und all' mein Glück in ihr fand.“ „Das weiß ich, mein edler Junge, das weiß in. und von dieſem Augenblick an biſt Du wahrlich mein Sohn!“« rief Sir Octavius, und drückte den Jüngling an ſeine gebräunte Bruſt. Was aber ſagte die Mutter— eben die Mutter, die ſich jetzt ſchon kinderlos fühlte? Sie ſchlug heftig ihre Hände über ihrem Haupte in einander und mur⸗ melte:»Jetzt bin ich wahrhaft verlaſſen, denn mein eigener Sohn ſagt ſich los von mir. Laßt mich fort, daß ich meinen Gott aufſuche, ſonſt muß ich wähnen, auch er habe mich verlaſſen!«— und in der Tiefe ih⸗ Der alte Commodore 57 res Jammers flüchtete ſie in die Einſamkeit ihrer Kam⸗ mer, um zu beten und zu weinen. Wir wollen über das Elend hinwegeilen, durch wel⸗ ches die vier Tage bezeichnet wurden, welche des On⸗ kels und des Neffen Abreiſe nach Portsmouth vorher⸗ gingen. Keinem ſchien behaglich zu Sinne zu ſein, als nur dem Commodore; doch war es, als ob auch Er nur zur Hälfte ſich ſeines Sieges freuete, und oft hörte man ihn murmeln:»Wie, wenn ich ihn zurückließe, den milchgeſichtigen Narren, in den Alle ſich ſo vergafft ha⸗ ben? Aber er iſt doch ein ſtattlicher, edler Burſch— der König darf ihn nicht einbüßen— ich will über ihn wachen, als ob er ein Wiegenkind wäre.« Und ſie rei⸗ ſeten ab, inmitten der nicht zu hemmenden Thränen Aller, bis auf Eine, deren Schmerz das düſtere und ſtarre Weſen der Verzweiflung angenommen hatte. Ich will den Leſer nicht durch Nacherzählung der feierlichen Beſchwörung martern, die Lady Aſtell an den Commodore am Morgen vor deſſen Abreiſe rich⸗ tete. Sie war wild und faſt wahnſinnig. In dem ei⸗ nen Augenblicke flehete ſie ihn an, als ob er eine Gott⸗ heit geweſen wäre, und rief alle Segnungen des Höch⸗ ſten auf ihn herab, wenn er ihr den Sohn wohlbehal⸗ ten zurückbringen würde; dann wieder ſollte jeder Fluch, der an Seel' und Leib ihn quälen könnte, über ihn kommen, falls er durch Nachläſſigkeit oder Grauſamkeit nicht die Hoffnung ihres Herzens, den Juwel ihrer Seele, das Leben ihres Daſeins vor allem Leide be⸗ wahrte. Sir Octavius gelobte, Letzteres zu thun, und berenete den Schritt, den er gethan hatte; doch war er ein halsſtarriger Mann, und beharrte daher bei einem . Entſchluſſe, von welchem er jetzt wünſchte, daß er ihn limmer gefaßt haben möchte. —— Der alte Commodore. 4 Dieſe faſt gewaltſam zwiſchen Mutter und Sohn bewirkte Trennung, und dieſes Aufzwingen einer Le⸗ bensbahn, zu der der Jüngling durchaus nicht berufen 4 zu ſein ſchien, waren von vorn herein fruchtbar an leid⸗ vollen Reſultaten. Lady Aſtell zog ſich auf ihren eige⸗ nen Landſitz; Mr. Underdown begab ſich, wie ſich das 3 ſchon von ſelbſt verſtand, mit dem Commodore zur See, und die ſanfte, ja ſchwache Miß Mathilde hatte auch nicht einen Schatten von Gewalt über ihre unbändige Nichte Rebekka, bei der nun die guten Wirkungen vier⸗ jährigen Unterrichts und Beiſpiels binnen eben ſo vie⸗ len Monaten ganz und gar verloren gingen, ſo daß das junge Dämchen wilder und zügelloſer ward, als es je⸗ mals geweſen war. Mittlerweile war Auguſtus als Midſhipman auf ſeines Onkels Schiffe, dem Terrific,“ einem ſtattlichen Vierundſtebenziger, eingezeichnet worden, der nebſt dreien 1 anderen Linienſchiffen und zweien Fregatten ein überle⸗ genes Geſchwader des Feindes im Hafen von Cherbourg zu beobachten hatte. Des Commodore breiter Wimpel wallte demnach vom Maſte des Terrific⸗ herab. Der Dienſt aber war überaus ſtreng und ſchwer; denn die Flotte in Cherbourg war zur Zeit die einzige disponible Seegewalt, die das franzöſiſche Directorium beſaß, und die jetzt auf günſtige Gelegenheit lauerte, in See zu ſchlüpfen, um Englands werthvolle, von Oſt⸗ und Weſt⸗ 3 indien nach der Heimath beſtimmten, Handelsfahrzeuge aufzufangen und, wenn möglich, zu guter Priſe zu machen. 8 Der Commodore benahm ſich zu gleicher Zeit mild und ſtreng gegen ſeinen Neffen. Er heiſchte von dieſem ſtrenge Pflichtausübung, zeigte ihm jedoch bei jeder Ge⸗ legenheit die größte Nachſicht. Allein die Ergebniſſe —— . Der alte Commodpre. fingen jetzt an, ein Gemüth zu erbittern, das von jeher nicht zu den ſanften hatte gezählt werden können. Der Commodore war von der Küſtennähe weg hinaus auf die hohe See geblaſen worden, nachdem er ſechs Mo⸗ nate lang den Hafen von Cherbourg eng blockirt gehal⸗ ten hatte. Das franzöſiſche Geſchwader, das aus ſechs Linienſchiffen, von denen eins ein Dreidecker war, und aus zwei Fregatten beſtand, nahm den günſtigen Au⸗ genblick wahr und entwiſchte, ſo daß Sir Octavius jetzt ſeit länger als fünf Monaten demſelben auf allen Ge⸗ wäſſern der Erde, wie man faſt ſagen könnte, nachzu⸗ jagen hatte. Von der Stunde des Ausſegelns an hatte Keiner vom engliſchen Geſchwader jemals wieder Fuß an Land geſetzt; die Schiffe waren durch Transporte, vom Kanal her zu dem Ende geſendet, auf See verproviantirt worden, und als ſie ihre langwierige Jagd anfangen mußten, waren ſie nicht ſonderlich wohl verſorgt. Die Entbehrungen, ſowohl der Officiere als des Volks, wurden ſchwer fühlbar; dennoch murrte der weichlich erzogene Auguſtus nimmer, ſondern hielt ſich ſtreng zu Ausübung ſeiner Dienſtpflicht, hatte ſich die Liebe ſei⸗ ner Mitofficiere, ſo wie das Wohlwollen der Mann⸗ ſchaft erworben, und ſich die Bewunderung des Com⸗ modore erzwungen. Hinweg ſchoß das nachjagende Geſchwader über den weiten Ocean; ſchneller jedoch ſegelten die Fliehenden. Als Sir Ockavius den Küſten von Amerika nahe kam, mußte er ſehen, daß er zu ſpät kam. Der Flotte Feind, was nicht immer ſo viel ſagen will, als des Feindes Flotte,“ hatte eher, als der Commodore, die weſtindi⸗ ſchen Inſeln erreicht. Nach wenigen Wochen ſchmach⸗ teeten die Männer, die unter der froſtgepeitſchten hohen . 60 3 Der alte Commodore. und kalten Breite von Newfoundland geweſen waren, unter der lebenerzwingenden Sonne der Tropengegenden. Einen ganzen Monat lang trieben beide Geſchwader, 2 die nichts weniger als unſchuldige Geſinnungen gegen einander hegten, das höchſt unſchuldige Kinderſpiel des Haſchemännchens um alle Inſeln Weſtindiens herum, ohne daß eins von ihnen gegriffen worden wäre, und der franzöſiſche Admiral, der nichts Geſcheites in der Gegend mehr anzufangen wußte, ſetzte endlich die Weiterfahrt quer über den atlantiſchen Ocean fort, dem Vorgebirge der guten Hoffnung zu, und hinter ihm drein jagte beſtändig der argerliche, fluchende Commo⸗ dore. Nachdem der Franzoſe in die Tafelbucht geguckt und dort nichts zu ſeiner Bequemlichkeit ausgekramt gefun⸗ den hatte, nahm er nicht nur franzöſiſchen Abſchied, ſondern auch ein halbes Dutzend engliſche Kauffahrer mit, mittelſt deren er ſich friſch verproviantirte und re⸗ ſtaurirte, indem er ihnen die Kerne aus der Schale herausknackte, und Letzteren dann geſtattete, ihre ſpeci⸗ fiſche Schwere im Salzwaſſer zu erproben; d. h. nach⸗ dem er die Schiffe geplündert hatte, bohrte er ſie in Grund. Hierauf zeigte er einige Neigung, den engli⸗ ſchen Präſidentſchaften im Oſten einen Beſuch abzuſtat⸗ ten; da er jedoch zweifeln mochte, daſelbſt guten Em⸗ pfang vorzufinden, oder weil ſein Sonntagsanzug abge⸗ tragen erſcheinen mochte, änderte er ſowohl ſeinen Cours als ſeine höflichen Abſichten, und ſtand aus für irgend einen Theil der ſüdamerikaniſchen Küſte, an die er möchte hinanholen können; welches ſo viel ſagen will, als: er ſegelte von Ort zu Ort, je nachdem der Wind ihn blaſen mochte, und ließ dabei auf ſeiner Fahrt gewiſſe Seeſpuren von ſeiner Anweſenheit in der * Der alte Commodore⸗ 61 Geſtalt von geplünderten und entmaſteten Fahrzeugen zurück. Während all' dieſer Zeit bekam unſer alter Com⸗ modore nicht ein einziges Mal den Feind zu Geſichte, ſo daß ihm nichts übrig blieb, als ſich ſelbſt und Alle, die unter ihm dienten, zu verdammen und zu quälen. Seine Mannſchaft war in allen Dingen, nur nicht was Flüche und Hiebe betraf, auf verkürzte Rationen ge⸗ ſetzt. Wie große Vorliebe ich auch für den alten Com⸗ modore hege, ſo muß ich doch geſtehen, daß er auf die⸗ ſer ſeiner jüngſten Fahrt anfing, ſich ſehr unangenehm zu machen, und die neunſchwänzige Katze zeigte ſich auf ſeinem Schiffe rühriger, denn jemals. Ich ſelbſt habe viele tauſend Meilen auf der Salzwaſſerfläche hinter mir gelaſſen, und jederzeit gefunden, daß man bei hei⸗ term Gemüth am eheſten guten Wind hat, und daß ein Kapitän es nie beſſer wehen läßt, als wenn er ſeinen Leuten am wenigſten wehe thut; allein der alte Commodore wußte davon nichts. Des Menſchen Ver⸗ ſtand hatte damals noch keine Siebenmeilenſtiefel an⸗ gezogen und ſeinen Gigantenmarſch angetreten, und Niemand dachte daran, der Dampf könne auch noch et⸗ was Anderes thun, als aus der Pfeife des Theekeſſels herauswirbeln. Der auf ſolche Weiſe alſo unwiſſende Commodore ward nun ein wenig jähzornig und tyranniſch, verwen⸗ dete zu wenig Zeit zum Schlafen und zur Erſtärkung ſeines Körpers, zu viel Zeit aber, ſeine Schiffe zu trim⸗ men und ſeine Officiere zu ſchuhriegeln. Wir müſſen annehmen, daß die Franzoſen jederzeit entweder günſti⸗ gere Brieſe hatten, oder ſich beſſer auf's Segeln ver⸗ ſtanden, oder aber daß Beides mit ihnen der Fall war; denn immer ſteuerten ſie vor'm Schnabel des Commo⸗ 62 Der alte Commodore. dore, und immer blieb nothgezwungen der Commodore ihnen hinter'm Stern, wodurch denn die Galle des Sir Octavius, wie man leicht denken kann, nicht wenig auf⸗ geregt ward. Unter dieſen Umſtänden gab ſich zum erſten Male der Charakterfehler des Midſhipman Auguſtus Aſtell kund. Dieſer Fehler iſt oft als ein Vorzug belobt worden; jedoch ob Eines, ob Anderes, ſo that er übel, ſich auf einem Kriegsſchiffe zu zeigen. Dieſer Fehler oder Vorzug beſtand in einem unüberwindlichen Ab⸗ ſcheu gegen Alles, was Tyrannei und Unterdrückung heißt— ein Abſcheu, wie er jemals die Bruſt eines Hampden ſchwellte, oder der einen Ruſſell auf das Schaffot lieferte. Zur Ehre des Commodore, der unſer Liebling und Held iſt, darf nicht gedacht werden, daß er ſich tyranniſcher, als irgend ein anderer Seekönig ſeiner Zeit, zeigte, ja er zeigte ſich wohl nicht einmal ſo arg; allein die Haſt des Nachjagens hatte ihm jeg⸗ liches ſanftere Gefühl aus dem Buſen gejagt. In Wahrheit, er war ärgerlich geworden, und Aergerlich⸗ ſein iſt der ſchlimmſte Gemüthszuſtand für einen Mann, dem unbeſchränkte Gewalt in die Hände gelegt ward. Sir Octavius begann, eine ungünſtige Meinung von den Anſtrengungen ſeiner Schiffsmannſchaft zu hegen, und dieſer Meinung gab er Rückhalt— brauchen wir zu ſagen, wie er das that? Gegen dieß Alles nun empörte ſich Auguſtus Aſtell's zartes Gemüth, und die Empörung eines wahrhaft zar⸗ ten Gemüthes iſt jederzeit heftig. Es wurmte ihn das häufige Auspeitſchen, von welchem er Zeuge ſein mußte, und als er nun ſah, wie die Zahl der Gezüchtigten ſich vermehrte, benutzte er das Vorrecht, das ſein Oheim ihm noch immer einräumte, und bat anfänglich bei die: Der alte Commodore. 63 ſem, wenn er mit ihm allein war; ja er ging dann ſo weit, daß er ihm Vorſtellungen, und endlich ſogar— der unbeſonnene junge Mann!— ihm Vorwürfe deß⸗ halb machte. Durch etliche ſolcher Auftritte kam er glücklich durch, denn des Commodore's Herz hing noch an ihm, und er erinnerte ſich des Verſprechens, daß er der Schweſter Aſtell gegeben hatte; allein durch dieſes übel angelegte Thun beſſerte der junge Verfechter der Menſchheit keineswegs die Stimmung des Befehlsha⸗ bers und die Lage der Schiffsmannſchaft. Ueberdieß war Auguſtus ein viel zu guter Menſch, als daß er nicht einige Feinde hätte haben ſollen; dieſe waren aber, als ſie die Entfremdung ſahen, die zwiſchen On⸗ kel und Neffen entſtand, mit allem Eifer des Bosheit darüber aus, den Riß immer mehr zu erweitern, bis aus der Entfremdung nach und nach ein ziemlich arger Haß ward. Während all' dieſes vorging, that Augu⸗ ſtus mehr denn jemals ſeine Pflicht, und ſchien in dem Maße, in welchem er ſeines Onkels Zuneigung verlor, demſelben deſto mehr Bewunderung und Hochachtung abzuzwingen. Unter ſolchem Zuſtande der Dinge langte der Commodore bei ſchlimmem Wetter und in der übel⸗ ſten Laune zu Rio⸗Janeiro an. Wie gewöhnlich war Monſieur Leichtfuß ihm um ſiebenundzwanzig Stunden Weges auch hier zuvor geeilt. Das engliſche Geſchwa⸗ der war zudem genöthigt, achtzehn Stunden lang auf der Höhe des genannten braſilianiſchen Hafens liegen zu bleiben, um Waſſer und andere dringende Bedürf⸗ niſſe einzunehmen, während welchen Aufenthalts das Gemüth des Commodore ſich ſolchermaßen verſchlim⸗ merte, daß ein alter Quartiermeiſter, der ihm fünfund⸗ zwanzig Jahre gedient hatte, die Bemerkung machte: »Käme auch der Engel Gabriel vom Himmel, und gäbe 64 Der alte Commodore. Seiner Gnaden dem Commodore eine Anweiſung auf ein neues Auge, ſo würde er doch, ehe er ſich herab⸗ ließe, daſſelbe anzunehmen, das Auge ſammt dem Him⸗ melsboten verdammen, und es dieſem, anſtatt es in die eigne Augenhöhle zu ſtecken, mit einem Fluchworte in's Maul werfen.« Viertes Kapitel. „Denn wer ertrüg' des Bootsmanns Peitſchenkatze, Des Unterdrückers Qual, des Stolzen Schmähwort, ———— des Dienſtes Marter, Und Hohn, den das geduldige Verdienſt Hinnehmen muß von dem Unwürd'gen, wenn Er Nuhe ſich verſchaffen könnt', indem Er über Bord ſpringt’« Hamlet auf See. Ich bin jetzt fir darüber aus, leewärts Wind zu ho⸗ len und meine Ergebniſſe alle in guten Segelcours zu bringen; wir werden bald prächtig weiter kommen, in⸗ dem wir friſche Abfahrt von dem Lande anſtellen, das wir mittelſt unſers erſten Kapitels machten, dem wir uns jetzt bedeutend vorgeſchoben haben. Wir bitten den Leſer, alle unſere bisherigen Kapitel, mit Aus⸗ nahme des erſten, rückblickend zu überſchauen, welches nöthig iſt, um die Urſachen zum Treffen unſerer Erzäh⸗ lung, die jedoch nicht das Treffen ſelber ſind, zu verſte⸗ hen. Im folgenden Kapitel werden wir all' unſere Schiffe auf die Höhe gebracht haben, und ſtolzen We⸗ Der alte Commodore. 65 ſens der Kataſtrophe zuſteuern. Schütteln wir alſo unſere Reffe aus— Linnen angeklappt— vorwärts! In der Eile, mit welcher wir über dieſe Prä⸗ liminarien weggehen möchten, haben wir nicht Zeit gehabt, des Mr. Underdown ſo ehrend zu erwähnen, als dieſer Gentleman es verdient. Auf allen ſeinen Wanderungen und Fahrten zu Lande und zur See mit ſeinem Patron bewahrte er ſich fortwährend ſeine Unabhängigkeit, ſo daß er es ſich nimmer geſtattete, den Gegenſtand irgend einer Beförderung auf See ab⸗ zugeben, oder am Lande irgend eine Beſoldung für ſeine Dienſtleiſtungen anzunehmen. So ſicherte er ſich ein vollſtändiges Commando über den Commodore, inſofern nämlich irgend eine Moral⸗Autorität ſolches zu führen vermochte. Obwohl zwiſchen beiden Theilen nimmer Rede davon war, wußte Mr. Underdown doch recht wohl, woher ihm ſein mäßiges Jahreinkommen gewor⸗ den war. Dieß aber reichte völlig zu ſeinen Beduͤrf⸗ niſſen, und überreichlich zur Befriedigung ſeines Ehr⸗ geizes hin. Treulich und eifrig hielt er den Vertrag mit ihr, die einſt das Geſtändniß ſeiner Liebe ſo mild an⸗ hörte und ſo zart zurückwies, und zu gleicher Zeit den edeln Verſuch machte, die Zurückweiſung dadurch zu mildern, daß ſie ihm auftrug, über ihres Bruders wilde Leidenſchaftlichkeit zu wachen. Und die Vorſehung ſchien ſeine unwandelbare Neigung zu der Schweſter und ſeine unerſchütterliche Sorgfalt für den Bruder mit Wohlgefallen zu betrachten; denn Horaz Under⸗ down hatte faſt in jedem Treffen, das der Commodore lieferte, neben dieſem geſtanden, und war immer unverletzt geblieben, während Sir Octavius faſt je⸗ desmal eine Schlappe und, wie wir wiſſen, einigemal eine recht tüchtige davontrug. Mehr als einmal war Der alte Commodore. I. 5 66 Der alte Commodore. Horaz, den Degen in der Hand, mit dem Commo⸗ dore und deſſen Enterern auf feindlich Deck geſprun⸗ gen, ſo daß er ganz wider Willen ſeine Klinge das Blut derer hatte trinken laſſen, die ſich ihm wider⸗ ſetzten. All' dieß machte ihn ſchaudern, und für all dieß begehrte er keinen Dank, litt auch nicht, daß ſein Name in die Schiffsregiſter eingetragen ward, damit ſeine Nützlichkeit nicht etwa ſich verminderte. Sein Lohn blühete ihm in eigener Bruſt und in der Reinheit und Erhabenheik ſeiner unerwiderten, aber völlig ge⸗ würdigten Liebe. Seine Leidenſchaft für Lady Aſtell war längſt vorüber— ſie hatte einem heiligeren Prin⸗ zip, einer Vereinbarung von Verehrung und Liebe, Raum gegeben. 4 ungeachtet ſeiner höchſt mäßigen Lebensweiſe wäre Horaz Underdown im Verlaufe dieſer langen Jagdfahrt beinahe das Opfer eines tropiſchen Fiebers geworden. Während ſein Leben in Gefahr ſchwebte, zeigte der Commodore ein muſterhaftes Benehmen gegen ihn, und ließ am Krankenbette ſeines edeln und uneigennützig3en Freundes alle Sorge und Vieles von der Zärtlichkeit eines Frauenzimmers walten. Für eine Zeitlang leitete ſich aus dieſem Vorfalle viel Gutes für die Schiffs⸗ mannſchaft und für die übrigen unter ſeinem Commando ſegelnden Fahrzeuge her; denn während dieſer Zeitfriſt zeigte ſein rauhes Gemüth ſich als geſänftigt. Lange Zeit jedoch, ehe das Geſchwader zu Rio de Janeiro an⸗ legte, hatte das Fieber unſern Kranken verlaſſen, dieſen jedoch ſo erſchöpft, daß ihn eine Zehrung bedrohete, wenn ihm nicht die reinſte Luft und die nährendſte Diät zu Theil werden würde. So ward er denn, um zu geneſen, zu Rio an's Land geſetzt.— 8 So böſe das Temperament des Commodore zu die⸗ Der alte Commodore. 67 ſer Zeit war, konnte dieſer ſich doch nicht eines ehren⸗ werthen Ausbruchs ſeines natürlichen Gefühls enthal⸗ ten. Er drückte die Hände des Kranken, als dieſer in ſeinem Bette in das Ueberfahrboot hinabgelaſſen ward, und flehete ihn an, ſobald als möglich in England wie⸗ der zu ihm zu kommen. Als er nun dem zum Strande rudernden Boote kummervoll nachblickte, rief er:»Gokt helfe mir und denen, welche mit mir ſind!« und, gleich⸗ ſam als wollte er ſeinen Gefühlen Luft machen, ließ er alle Mann auf Deck zur Exekution rufen, und ſpendete dann freigebig zwanzig und einige Dutzend Katzenhiebe an ſeine Mannſchaft. Wir verweilen nicht bei der Betrübniß, die Augu⸗ ſtus fühlte, als ſein Lehrer und Freund von ihm ſchied; nicht bei der allgemeinen und nnerheuchelten Beküm⸗ merniß des Schiffsvolkes; denn Horaz Underdown war wirklich der Freund Aller. Sie fühlten und äußerten ſolches auch, daß mit ihm alles gute Glück geſchieden wäre; der Geiſt der Barmherzigkeit umſchwebte nun nicht mehr den Terrific.- Sir Octavins Bacuiſſart ward ein ſtrenger Zuchtmeiſter, ſeine Officiere bildeten eine mißvergnügte Parkei, und ſeine Mannſchaft war nicht viel Beſſeres, als eine Rotte Meuterer. In dieſer ſtürmiſchen und eiligen Jagd nach Europa zu ward das Gemüth des jungen Aſtell dermaßen gegen den Commandirenden empört, daß der Jüngling dieſem im Geiſte allen Gehorſam, ſo als ſeinem kriegeriſchen Obern wie als ſeinem Oheim und Vormunde, weigerte. Eine Zeitlang hatten Beide ſich höchſt kalt gegen ein⸗ ander gezeigt; jetzt fingen ſie an, einander zu haſſen, dder doch ein an Bitterkeit dem Haſſe gleichendes Ge⸗ fühl zu hegen. Auguſtus verabſcheuete das, was er die Tyrannei und Grauſamkeit ſeines Onkels nannte, und 5* 68 Der alte Commodore. der Oheim fühlte einen tiefen und nagenden Groll gegen die Anmaßung eines jungen Menſchen, den er noch vor Kurzem ſo ſehr geliebt hatte, und den er den⸗ noch bewundern mußte, obſchon derſelbe ſich zum Rich⸗ ter und Tadler ſeiner Handlungen aufwarf, und durch die ſtrengſte Ausübung ſeiner Dienſtpflichten ihm, dem Commandirenden, gleichſam Trotz bot. Der Commo⸗ dore würde wer weiß was darum gegeben haben, wenn er den jungen Midſhipman auf irgend einem Dienſt⸗ verſehen hätte erkappen können, bloß um ihn dann in ſeine Kajüte zu beſcheiden, ihm zu verzeihen, und ſo ohne Anſchein von Selbſtdemüthigung ſeinem Neffen die Hand zu ſchütteln; allein der junge Aſtell wollte, um uns einer Midſhipman's⸗Redensart zu bedienen, ſich nimmer»als ein Stapper zeigen.« Hatte er auch ſo eben erſt die Mittelwache gehabt und war durchnäßt und ermüdetz in ſeine Hängmatte gekrochen, ſo daß ſeine ſtarren Glieder kaum hatten wieder geſchmeidig werden können, und es ward um zwei Uhr am dunkeln Mor⸗ gen zu Deck gepfiffen, war er dennoch der Erſte, der aus ſeiner Hängmatte ſprang, und der Letzte, der ſeine Station unten oder oben wieder verliesß Man muß geſtehen, daß, wenn der Commodore nim⸗ mer ſeine Mannſchaft ſchonte, er eben ſo wenig ſich ſelbſt ſchonte; denn wo's nur Manöver anzuſtellen gab, war er bei Nacht und bei Tage zu allen Stunden am Platze, verſäumte dann niemals, zu rufen:» Wo iſt Mr. Aſtell?« fand dieſen aber jedesmal pünktlich auf ſeinem Poſten. War das Werk gethan worden, und hatte man alle Mann wieder hinunter gepfiffen, ſo ſchlich dann der Alte wohl langſam und kopfſchüttelnd in ſeine Kajüte, und murmelte dabei vor ſich hin:»Der arme Junge— der eigenſinnige Tropf! warum läßt er Der alte Commodore. 69 ſich auch nicht auf die Krankenliſte ſtellen? Er wird's nimmer aushalten; und was ſoll ich dann ſeiner armen Mutter ſagen?« Dann pflegte er in Grimm auszu⸗ brechen und auszurufen:»He! Steward! Du fauler, knochenpolirender, tellerleckender H.... ſohn! Liegſt Du ſnugg in Deiner Hängmatte, Du, während mein Neffe bebt, wie'n Wetterhahn vor'm Nordoſt⸗Sturme? Auf, Faulpilz, ſag' ich, und glüh' ein Pint von meinem aller⸗ beſten Portwein über der Spritlampe, karge nicht mit gutem Gewürz darein, und trag's zu Mr. Aſtell's Hängmatte und ſag' ihm dabei, der Doktor ſchickt' es ihm; denn— verſtehſt Du mich?— macht' er's je⸗ mals ausfindig, daß dergleichen von mir käme, ſo zer⸗ ſchlag' ich Dir alle Knochen am Leibe!« Und dann monologirte er weiter:—»Säh's nur nicht aus, als vergäb' ich mir was im Commando, ſo wollt' ich dem Burſchen ſchon'nmal freundlich zuſprechen—'s iſt'n firer Junge, ich muß ies geſtehen! Und ſoll er nicht der Vater meiner Großkinder werden?— Ich will ihn morgen zum Frühſtück einladen. Wie aber, wenn der junge Hund's ausſchlägt? Wahrſcheinlich— wahr⸗ ſcheinlich thut er's.— Nicht doch! wir wollen's noch ein Weilchen anſtehen laſſen.« Und er ließ es ein Weilchen anſtehen, und richtete dadurch beinahe ſeinen Neffen und ſeine eigene Glückſeligkeit zu Grunde. Nun war, wie ich dem Leſer, dem beſten Freunde, den ich auf der Welt habe, verſichern kann, der Com⸗ modore eine ſeltſame und derb durch einander gerüttelte Miſchung von Gutem und Böſem. Hätte es mir be⸗ hagt, ſo würde ich meinen alten Commodore zum Com⸗ modore der Popularität, zu einem fechtenden, zechen⸗ den, großmüthigen, gutherzigen und pöbelgemeinen Schwabber haben machen können; beſſer jedoch gefiel 70 Der alte Commodore.⸗ es mir, nach dem Leben zu zeichnen, und da mir der Charakter noch friſch in der Erinnerung war— denn der alte Schlucker hat mich ſelber oft auf dem Maſte reiten laſſen— und da faſt alle meine erzählten Er⸗ gebniſſe wirklich wahr ſind, und ich ſelbſt von etwas läſſiger Natur bin, habe ich das benutzt, was ich fir und fertig vorfand, ohne mir erſt die Mühe zu geben, eine wahrſcheinliche Dichtung zu ergrübeln. Ein beſſe⸗ rer Seemann, ein beſſerer Schiffer, ein beſſerer See⸗ taktiker als der Commodore konnte nicht gefunden wer⸗ den, und ein beſſerer Menſch, als er— den zu finden beine ſchwere Aufgabe geweſen ſein dürfte— würde in des Commodore's Lage und zu deſſen Zeit zuverläſſig ſich ſeiner Pflicht nicht ſo wohl entledigt haben. Obgleich Sir Octavius um dieſe Zeit noch nicht Funfzig zählte, war er doch bei der ganzen Flotte als „der fechtende alte Commodore« bekannt, und galt männiglich für einen Mann der verzweifelteſten Ent⸗ ſchloſſenheit. Als ſein Geſchwader auf dieſer langen, denkwürdigen und troſtloſen Jagd die Gewäſſer durch⸗ ſchnitt, war der Samen jener Menterei, der bald nach⸗ her ſo furchtbar fruchtbar aufſchoß, unten u reichlich ausgeſtreut. Die übrigen von ihm abhängigen Schiffe würden längſt in offene Empörung gegen ihn ausgebrochen ſein, hätte die Mannſchaft derſelben nicht gewußt, wie bei den erſten Symptomen von Aufſäſſig⸗ beit der„Terrific ſich ihnen ſeitlängs legen würde. Man wußte, daß der Alte ſein Volk in Unterwürſig⸗ keit halten wollte und konnte, und man täuſchte ſich in dieſem Wiſſen durchaus nicht. Alles wohl erwogen, war der Commodore kein Wunderthier; gleich den Meiſten von uns, war er die Kreatur jener Umſtände und Verhältniſſe, die in ihm einen gedeihenden und 4 4 8 Der alte Commodore⸗ 71 wilden Sohn erzogen, den ſein Vater, der Eigenwille, mit der allzu bereitwilligen und hartmäuligen Mähre Unverantwortlichkeit gezeugt hatte. Zudem verdankte er all' ſein Fortkommen im Leben einer gewandten Ver⸗ wegenheit und einer wohlorganiſirten Heftigkeit, und da dieſe bisher ihn in den Stand geſetzt hatten, feind⸗ liche Schiffe wegzunehmen, lebte er des Glaubens, daß die nämlichen Prinzipien, nach Umſtänden gehörig mo⸗ dificirt, ihn befähigen würden, ſeine eigenen Fahrzeuge gehörig zu regieren. Und ſo wies es ſich auch aus mit jenen Prinzipien, die jedoch— Dank der Philanthropie des edelherzigen engliſchen Volkes und dem geſunden Menſchenverſtande der Flottenofficiere!— nicht mehr vorwalten dürfen. Doch zurück zu unſerm Geſchwader. Die derzeiti⸗ gen Dieunſtleiſtungen deſſelben waren im höchſten Grade beſchwerlich. Mit Ausnahme der wenigen Stunden, die es, an einem einzigen Anker ſchwimmend, einmal auf der Höhe von St. Johns, Newfoundland und dann vor Rio zubrachte, war es ſeit beinahe vierzehn Mona⸗ ten in See geweſen, während welcher Zeit die Schiffs⸗ genoſſen nothwendiger Weiſe von Sechs auf Vier ra⸗ tionirt worden waren, d. h. jeder Mann mußte ein Dritttheil von ſeiner keineswegs nahrhaften Speiſe ein⸗ büßen, und erhielt oft kaum ein Quart friſches Waſſer täglich. Dazu kam, daß zu jener Periode die Flot⸗ tenſchiffe hinſichtlich der Qualität ihrer Alimente ſehr ſchlecht verſorgt wurden, und daß vor der gro⸗ ßen Meuterei es männiglich eingeſtändlich war, wie ſelbſt die volle Tagsration zu geſunder Erhaltung ei⸗ nes tüchtigen und arbeitſamen Matroſen nimmermehr ausreichte. Der Scorbut hatte angefangen, ſich ſeinen entſetzli⸗ 3 72 Der alte Commodore. chen Weg durch die Schiffsmannſchaften hindurchzufreſ⸗ ſen. Friſches Rindfleiſch und Gemüſe waren Dinge, an welche jetzt nur in Hoffnungkrämpfen gedacht werden konnte. Eine Art von Fata Morgana aus Rüben, Wurzeln, Kartoffeln und Kohl ſchwebte den Leuten al⸗ lerdings beſtändig vor Augen, allein wie viele Meilen weit blieb das Blendwerk entfernt von ihren Mäulern! Freilich räumte der Commodore den Matroſen alle vor⸗ handenen Breiten des Knurrens und Murrens ein, nur daß er dabei erinnerlich zu machen wußte, wie er, wenn es ihn in Wort oder Geberde jemals erreichte, die Katze würde zu ſchwingen wiſſen. Er demonſtrirte ſei⸗ ner Mannſchaft, wie er ſelber noch nicht klagte, obſchon er eben ſo tafelte, als ſie, welches beinahe der Fall war, und daß für ſein Vaterland hungern eben ſo edel wäre, als für daſſelbe zu fechten. Und als nun zwölf große, braunfellige, beiſpiellos und augenfällig hungrige Jack's nach hinten mit drei Ochſenrippen auf einer höl⸗ zernen Schüſſel kamen— als dieſe Männer, die zu⸗ ſammen einen lebendigen Eſel hätten verſchlingen und verdauen mögen, ſelbſt wenn er auch mit Eiſen beſchla⸗ gen geweſen wäre und ſie dann nur hätten bei'm Schwanze anfangen dürfen— als dieſe Mäaͤnner, ſag' ich, nun kamen und ehrerbietig den Commodore fragten, ob dieſe kahlen Rippen, an deren Knochenkanten ſich ein Fetzen zuſammengeſchnurrtes, pökelſalziges, mahagoni⸗ farbiges Fleiſch angeſetzt hielt, das etwa zwei Unzen Cölner Gewicht halten mochte, ihnen als ein achtpfün⸗ diges Stück Rindfleiſch aufgetragen werden und auf zwei Tage, wovon der letztere ein Banyantag, d. i. Feſttag, war, für zwölf Mann hinreichen ſollte?— da brachte der alte Gentleman ſein eines Auge dicht an das Stück und beguckte es, als ob es ein entomologi⸗ Der alte Commodore. 23 ſches Specimen von ſeltenem Genus geweſen wäre. Nach dieſer viſuellen Unterſuchung ſtieß er die eiſerne Speiche, die er jederzeit am Ende ſeines Armes trug, außer wenn er ſeine Gabel zum Eſſen, oder ſeine ela⸗ ſtiſchen Zangen zum Feſthalten der Whiſtkarten an⸗ ſchrob, in das wenige entdeckbare Fleiſch, hielt dann ſeinen Arm wie einen Handwagbalken aysgeſtreckt, als wollte er ſich von der ungeheuren Leichtigkeit des Ge⸗ wichts überzeugen, und dieß vollends mit einem Geſichte voll Bedauerns, ſo daß er ſchon im Begriff war, den Proviantmeiſter kommen zu laſſen und ihn über die Sache zur Rede zu ſtellen— als ſein ſcharfes eines Auge plötzlich auf dem Mitteldeck entlang eine endloſe eihe von hungrigen Männern erblickte, die mit kläg⸗ lich belegten Holztellern daſtanden, das Reſultat der kecken und jämmerlichen Expoſtulation erharrten und alleſammt bereit waren, jeder mit ſeiner beſonderen Klage hervorzuſtürzen. Da war der Commodore ſofort entſchieden. Er ſah ein, wie alle Abhülfe durch des Uebels Größe unmöglich werden müßte; ſo alſo wen⸗ dete er ſich finſtern Blicks zu den zwölf Klageführen⸗ den, und ſprach:»Liebe Männer, Ihr würdet beſſer thun, Eures Fleiſches zu wahren, und Eure Knochen ſelber abzunagen. Es iſt gefährlich, mit dem T*rl zu Tiſch zu ſitzen, oder Euren Kapitän aufzufordern, Kno⸗ chen mit Euch zu knaupeln. Dießmal will ich Euren Fehler überſehen, weil Ihr hungrig ſeid, welches ein Zufall iſt, der, wenn er ſich ereignet, doch nicht mehr als Zwölfen von Euch zuſtoßen darf; denn ſtieße er Rehenen zur Zeit zu, ſo würde es offenbar Meuterei ein!« 4 Die Klageführenden machten ſich mit ihren Ochſen⸗ rippen davon, indem ſie dieſe höchſt gottlos beäugelten 74 Der alte Commodore. 1 und den Wunſch hegten, ihnen möchten Zähne und Magen der Hyäne verliehen worden ſein. Die lange Reihe der Erſpektanten aber auf dem Mitteldecke ſchlüpfte hinunter, jeder von ihnen ſeinen Holzteller in der Hand, und pries ſich glücklich, bei dem meuteriſchen Ausdrucke ſeines Hungerleidens ohne mürbe geprügel⸗ ten Rücken davongekommen zu ſein. Es kann kein Zweifel obwalten, dem philanthropi⸗ ſchen Leſer werde dieß Verfahren von Seiten unſers ehrſamen Commodore nicht nur als höchſt grauſam und eigenmächtig, ſondern auch als beleidigend erſcheinen; und ich bin überzeugt, daß alle meine Leſerinnen mit einem in Parentheſis zugegebenen Seufzer ausrufen werden:»Wenn der Commodore ſeinen Leuten den Hunger nicht ſtillen konnte, ſo hätte er das beklagen und mit ihnen trauern, und auf ſolche Weiſe zeigen ſollen, daß er mit ihrem Kummer ſympathiſirte«(ich glaube, ſympathiſirte iſt das rechte Wort),»auch wenn er, und eben weil er demſelben nicht abzuhelfen vermochte.« Nichts da meine Schönen! Unter den damals obwaltenden Verhältniſſen that der Commodore nur, was recht war; die Geſchichte ſtand auf der Spitze— gab ſich als einen Kampf zwiſchen Mißver⸗ gnügen und Autorität zu erkennen. Hätte Sir Octa⸗ vius mit ſeiner Mannſchaft auf ein ſogenanntes»Hühn⸗ chenrupfen« ſich eingelaſſen, ſo würde Letztere, um uns des Commodore's eigenen Ausdruckes zu bedienen, dem Commodore ganz andere Knochen zu knaupeln vorgelegt haben. Das Schiffsvolk wollte nur ein anerkanntes Unrecht als Paradepferd vorgeführt wiſſen, auf welches dann vom Scheitel zur Sohle geharniſchte Meuterei ſich geſchwungen und den Befehlshaber zu Boden ge⸗ ritten haben würde. Bei meinem geringen Antheil u Der alte Commodore. 75 der Ruhmerwerbung meines Vaterlandes ſchwör' ich's— ein ſehr ermäßigter und höchſt verzeihlicher Schwur— daß meine Moralprinzipien ſchier mit meiner Schreibe⸗ tinte verſiegen, und ich ein Apoſtel des Nothbehelfs werde. Es thut mir Leid, allein wann werden wir alleſammt geraden Wegs in der Rennbahn der Gerechtigkeit da⸗ hintraben? Sagt mir das, Ihr Gottfrommen und Ihr Moraliſten! wann? und dann will ich Euch genau den Augenblick nennen, in welchem Nothhülfe von dem An⸗ geſichte der Erde zu verſchwinden hat. Es iſt jedoch ein trübſelig Ding, mißverſtanden zu werden— ich will daher verſuchen, mich ſo vollkommen deutlich zu machen, als es mir möglich iſt. Nothhülfe, um ein Privatintereſſe zu fördern, iſt Niedertraͤchtig⸗ keit; Nothhülfe, um Gemeinwohl zu ſichern, iſt oft Weisheit, iſt bisweilen Tugend. Dieſe Behauptung giebt ſich nicht als Kaſuiſtik, ſondern als geſunden Men⸗ ſchenverſtand. Geſetzt, ein Menſch ſei von der Peſt er⸗ griffen und wolle ſich in ein mit geſunden Leuten ange⸗ fülltes Zimmer begeben; geſetzt auch, durch die Gewalt der Krankheit ſei Wahnwitz erzeugt worden— ſo würde dem Hereindringenden Vorſtellungen zu machen unnütz, ſein Aushauchen oder Berühren aber Tod ſein. Wer will nun ſagen, daß Niederſchirßen jenes Men⸗ ſchen auf der Schwelle kein Act der Gerechtigkeit ſo wie der Nothhülfe ſein würde? Freilich liegt es im Gebiete der Möglichkeit, daß der Peſtergriffene hätte geneſen können, ohne Jemanden auzuſtecken; dennoch würde ſolch ein Act unter ſolchen Umſtänden gerecht ſein, und zwar gegen wen? Allerdings nicht gegen das einzelne Opfer, wohl aber gegen die Vielen. In den Mühen und Kämpfen des öffentlichen Lebens ereignen ſich dieſem Falle gleichende modifizirte Fälle 76 fortwährend; und ſolche Erwägungen müſſen zur Ver⸗ theidigung vieler von den Handlungen des Commodore als gültig angeſehen werden; denn ich habe zu beken⸗ nen, daß ihnen keine andere Vertheidigung nachzuwei⸗ ſen iſt. Während ich jedoch ſeine Sache verfechte, hab⸗ ich ſeine Perſon ganz und gar außer Augen gelaſſen— Ahl er blieb ja auf dem Verdeck, eben als er die zwölf langen Kerle fortgeſchickt hatte, die aus der Fuͤlle ihres Aergers und aus der gänzlichen Leere ihres Magens dumpf vor ſich hinmurmelten. Als nun aber Richard Stubbs, der Leithammel der Zwölf, und eben der, welcher die Knochen trug, mit dieſen und den Elfen beinahe unterhalb der Jakobslei⸗ ter vom Hinterdeck herab verſchwunden war, kam eine Sinneswandlung über den Geſichtsausdruck des Com⸗ modore, denn er zerrte ſeine rothen und verknoteten Mienen in ein grinſenartiges Lächeln, nahm dann ſei⸗ nen gewohnten finſtern Stierblick wieder an, und über⸗ ließ ſich endlich einem leiſen Gepfeif, aus welchem die auf dem Deck Befindlichen jedoch deutlich genug die Melodie des Liedes heraushorchen konnten, das zu An⸗ fangsverſen die Worte führt: „»O du Roaſtbeef von Alt⸗England! O du altengliſch Roaſtbeef!« Richard Stubbs hörte es nicht minder, und ſtatt über den drolligen Zwiſchenvorfall, gleich den, dem Sir Octavius nahe ſtehenden Officieren zu lächeln— denn dieſe durften auf dem Hinterdecke lächeln, obwohl es Keinem als dem Commodore und den Winden geſtattet war, an jener heiligen Stelle zu pfeifen— ſchüttelte Richard Stubbs, ſag' ich, trauernd ſein Haupt über den fleiſchloſen Gebeinen der Ochſenhaftigkeit, während Der alte Commodore. Der alte Commodore. 77 ſein hinterwärts hinausſtehender Zopf feierliche Krüm⸗ mungen in dem argloſen Luftrevier macht. »Hierher, meine Männer!« polterte der Commo⸗ dore in ſeiner rauheſten Tonangabe heraus—»hieher, nach hinten, Sir, mit jenem ercellenten achtpfündigen Stück Rindfleiſch, und das gleich! Soll ich den Hoch⸗ bootsmanns⸗Maat pfeifen, daß er Euch Beine machte?« So kam Dicky Stubbs denn nach hinten, und er⸗ wartete, weil er über des Commodore's Gepfeife ge⸗ kopfſchüttelt hatte, natürlich nichts Anderes, als min⸗ deſtens drei Dutzend Gutgeſtriegelte. „Na, Sir?« fragte der Commodore, als der buß⸗ fertige Richard auf dem Hinterdecke Platz genommfen hatte, und in der einen Hand die unſeligen Ochſenkno⸗ chen, mit der andern aber eine drathdicke Locke zurück⸗ hielt, die ihm über die rechte Schläfe herunterbaumelte. »Ich urtheilte nicht über'r Gnaden Muſik, ich dachte nur an das'zellente achtpfündige Rindfleiſchſtück.« »Nu, mein Mann! und wie waren denn Deine Gedanken beſchaffen?« Kam's nun, daß der Commodore eben ſein Prüntje herumwarf, oder war's ein Lächeln auf des Alten Ge⸗ ſichte, oder aber war's, ſonſt etwas, das ihn dazu an⸗ regte— genug es ermuthigte unſeren Stubbs zu der unerhört kecken Antwort:»Sir Hok⸗tapf⸗us,“«(die mittlere Sylbe gehörig accentuirt,)» meine Gedanken waren, daß wir an all die Freude denken möchten, die das Rindſtück uns gemacht hat, ſintemal wir nimmer ein Mittagseſſen von demſelben werden erhalten kön⸗ nen.⸗ »Sag' doch an, wie lange Du zur See fuhrſt?« »Halt ſtill,'r Gnaden, ſo daß'ch'r Gnaden kein Wort der Lüge ſpreche— Kommenden Johannestag 78 Der alte Commodore. werd' ich fünfunddreißig— das macht denn, Matros und Junge zuſamm'ngezählt, juſt— die und zwanzig Jahre.« » Und in weſſen Dienſt?« »In Seiner Majeſtät, des Königs, den Gott ſegne!« Bei dieſer Antwort lüpfte der Commodore leiſe ſei⸗ nen kleinen dreiſpitzigen Hur, um etwa einen Zoll hoch, ohne ſein Haupt zu entblößen, denn er war zu jeuer Zeit ein Ultra in ſeiner Loyalität und ſtrikt ehrlich in ſeinem Toryismus. Nach dieſer kleinen Ceremonie fuhr er fort fürchterlich grimmig auszuſchauen, als wollte er Erſatz für den kleinen Akt von Demuth erlangen, den er ſo eben vollzogen hatte. „»Richard Stubbs,“« fragte er weiter,»hörteſt Du jemals von Sataus Mehlklümpen?« „Der Herr ſegn''r Gnaden und Seine Majeſtät! nein, Sir,« antwortete Richard und zitterte am gan⸗ zen Leibe. »Der Geſchützmeiſter ſoll jeden dritten Mann von den Zwölfen herſchicken, die mir heute dieß Rindſtück unter die Naſe hielten.« 4 Während dieſer Befehl vollzogen ward, ſchien der alte Befehlshaber ſich wenig um die Blicke der ihn Um⸗ ſtehenden zu kümmern, ſondern ſetzte ſeinen ſtandfeſten Marſch auf dem Hinterdecke, nach Seemanns Weiſe mit einem langen und einem kurzen Beine gemächlich fort. Es währte ein Weilchen die drei Nachgeforderten berbeizuſchaffen, denn keiner von den Dreimännern war von jenem öffentlichen Geiſte beſeelt, der die achtzehn Bürger von Calais antrieb, ſich ſelber dardülſeten um 3 Der alte Commodore. 79 den Zorn des ärgerlichen Edward gezänkſüchtigen An⸗ denkens zu beſänftigen. Endlich ſtanden ſie unter Muſterung, und machten ſich miteinander darauf gefaßt, daß, wie übel ihre Stellung auch ſein mochte, ihre Rücken doch binnen Kurzem noch übler als ihre Bäuche geſpeiſ't werden würden. Dieſe Vorahnung erzeugte unter ihnen jedoch nicht ſo gewaltige Senſation, als Maucher es wohl erwarten möchte; denn zu jener geſegneten Periode ver⸗ ordneten Schiffskapitäne und empfingen Schiffsmann⸗ ſchaften ein Dutzend Hiebe mit eben dem„sang- froid,« womit Verwandte und gute Freunde beim Chriſtfeſt⸗ mahle einander eben ſo viele Weinflaſchen zureichen. Als der Commodore ſie alle in ſchnurgerader Linie vor ſich hatte, ſtellte er ſich vor den Mittelmann hin, ließ ſein eines Wehrwolfsauge die Reihe entlang gleiten und ſagte dann ſchneidenden Tons:»Ihr Männer, weiß Einer von Euch, was Satans Mehlklümpe ſind?« Die Katechumenen— mir behagt's, ein hochtönend Wort, wo ich's nur kann, zum Dienſte zu preſſen— — die Katechumenen kopfſchüttelten, und fühlten ein Kitzeln quer über die Schultern hin, als wüßten ſie, daß das Recept zu dem genanntentantiparadieſiſchen Ge⸗ bäcke ihnen dort mit rother Dinte aufgezeichnet werden würde. Da ihr Schweigen jedoch genügende Kundge⸗ bung ihres Nichtwiſſens war, fuhr der Commodore fort, der mittlerweile eine zahlreiche Zuhörerſchaft ge⸗ wonnen hatte, indem faſt jeder auf dem Schiffe befind⸗ liche Officier herzugetreten war, um des Commodore's großes Bewandertſein in der Gaſtronomie zu vernehmen. » Meine Männer, ehe die meiſten von Euch gebo⸗ ren worden waren, diente ich«(mit gewöhnlicher Hut⸗ lüftung ward dieß geſagt)»ſchon Seiner Majeſtät, * 80 und das zu einer Zeit, in welcher die brittiſchen See⸗ leute einen Ruhm in ihren Beſchwerden ſuchten und ſich an ihrem Ruhme ſättigten, ſintemal ſie ſehr oft wenig Anderes zu beißen und zu brocken hatten. Ihr aber, ein geſunkenes Geſchlecht, ein Rudel gutſchmecke⸗ riſcher Halunken, die Ihr nur darauf ſinnt, wie Ihr Seiner Majeſtät des Königs, den Gott ſegne!“ (dieß ward höheren Tons, als gewöhnlich geſprochen,) »Schweinfleiſch und gelbe Erbſen immer fetter erlangen möget. Nichts nützt es, ſolchen Gierfreſſern, wie Ihr ſeid, zu ſagen, wie, als ich während des Holländerkrie⸗ ges im Schiff'das Wieſel' ſegelte, die Mannſchaft auf eine Unze vom Rindsfell, das am Hauptmaſt getrock⸗ net worden war, täglich per Mann geſetzt ward, und wie, als auch dieſe Speiſe uns ausging, verſucht ward, welche Art von Holz, in Sägeſpäne verwandelt, das beſte Surrogat für Weizenmehl abgeben würde. Nach verſchiedenen angeſtellten Proben erkannten wir, daß das harte Holz, welches wir vom ſpaniſchen Feſtlande bezogen, am beſten dazu tauge, und ward von Stund an daſſelbe'lignum vitae“ oder der Klotz des Lebens, auf eben die Weiſe benannt, wie wir Weizenbrot oder Gerſtenmehl den Stab des Lebens nennen. Dann er⸗ hielten die kleinen runden hölzernen Räder in unſeren Windeblöcken den Namen'Garben“, denn wirklich wa⸗ ren ſie uns wie Korngarben. Nun, Ihr Lümmel, kann ich Euch verſichern, daß jenes Klotz⸗des⸗Lebens⸗Brot ſehr nahrhaft war, ſobald man's nur erſt verdaut hatte, wiewohl ich bekennen muß, daß es den Zähnen ein wenig arg zu ſchaffen machte; indem ich die beiden mangelhaften Malmzacken, die ich in meinem Munde hatte, daran zerbrach, dennoch verſchlang ich's, Ihr Hunde, wie nur ein Derbyſhire⸗Pflugbengel ſeinen Der alte Commodore. Der alte Commodore. 81 Speck hinunterglitſchen laſſen kann. Aha! ich ſehe, wie Euch hungrigen Gäuchen bei bloßer Nennung des ſchmie⸗ rigen Leckerbiſſens das Maul voll Waſſer läuft. Ich that Unrecht, ſolches anzurichten, ich muß's Schiff vrumlegen, und'nen andern Kours ſteuern. Wohlan denn, meine Männer, ſo lange ich dieß Schiff und Ge⸗ ſchwader kommandirt habe, bin ich allzeit wie ein Va⸗ ter gegen Euch Alle geweſen—«— »Ja,“« ſagte der ſtiergeſichtige Kaplan, der ſich dicht neben den Redner geſtellt hatte—»Sie haben jederzeit das göttliche Beiſpiel nachgeahmt, Sir, und diejenigen gezüchtigt, welche Sie lieb haben.⸗ »Nichts jetzt von Eurem Geſalbader, Paſtor!« fiel ihm der liebenswürdige Kommunikant ein, indem er mittelſt ſeines Eiſenhakens, den geiſtlichen Berather aus dem Wege hob, und dann fortfuhr:»So, meine Männer, ſeht Ihr, lieb' ich Euch wie meine Kinder, und habe, abgeſehen davon, daß ich den Stock zu ſehr ſchonte, mich Euch als einen verſtändigen und nachſich⸗ tigen Vater erwieſen— ein wenig allzu nachſichtig viel⸗ leicht, indem ich meine Strafabrechnung mit Euch Allen ein wenig allzu weit leewärts abtrieb— eine Schwäche von mir, aus der jedoch hoffentlich Keiner von Euch wird böslichen Nutzen ziehen wollen.— Nun, zum Heile des Dienſtes Seiner Majeſtät des Königs«—(Hut in die Höheh»den Gott ſegnen wolle, daß er nimmer einen Banyantag erleben möge! ſeid Ihr alleſammt von Sechs auf Vier geſetzt worden, und heißes Wetter und langes Ausliegen werden unſer Salzfleiſch zuſammenſchrumpfen laſſen, wie'nen Advokaten, den die Dürrſucht in's Leichentuch legt. Dieß Alles weiß ich, und gleichsalls weiß ich, daß Ihr nicht wie die Männer ſeid, mit de⸗ Der alte Commodore. I. 6 82 nen ich während des Holländerkriegs ſegelte;— in je⸗ nen Tagen ſättigten ihrer Vier ſich kanm an Einem Ochſen zu Einer Mahlzeit, aber wiederum konnten auch alle Vier von des Ochſen Klauen vierzehn Tage lang ſatt werden, je nachdem es mit der Ordre übereinſtimmte, oder dem Wohle des Flottendienſtes am zuträglichſten war. Ach! damals gab es Rieſen, und Weiſe oben⸗ drein, die ihre Reckenſtärke noch durch ihre Weisheit verſtärkten, und eben die Weiſen jener Tage waren es, die den Matroſen, ſobald der Mundvorrath knapp ward, die Kunſt lehrten, Satans Mehlklümpe zu machen. Nun, meine Männer, da ich wünſche, daß Eure Ra⸗ tionen Euch auf's Beſte zu Nutzen kommen mögen, und da ich nicht meine, daß irgend Rückſichten mich bewe⸗ gen könnten, Euch auf Rindsfelle oder auf Sägeſpänen⸗ mehl zu ſetzen, ſo werdet Ihr wohlthun, mich auf⸗ merkſam anzuhören—« Und der Commodore holte aus einer ſeiner Taſchen ein tüchtig abgegriffenes Buch von Roderich Random hervor, welches er gemeiniglich bei ſich trug, hielt daſ⸗ ſelbe mit ſeiner Rechten, begann dann mit ſeiner eiſer⸗ nen Linken die Blätter ſorgfältig hin und her zu wen⸗ den, als ſuche er die rechte eigentliche Stelle auf, und gab ſich dann mit einem Blicke, der ſauer genug war, um mit demſelben Kohl ſonder Eſſig einzuſäuern, die Miene, als läſe er folgenden Paſſus her:»Pagina fünfundſiebenzig, Kapitel vierzehn— wie man Sa⸗ tans Mehlklümpe zurichtet: Es nehme der Koch eine Vierundzwanzigpfünder⸗Kugel, oder eine Kugel von ir⸗ gend einem anderen Kaliber, je ſchwerer deſto beſſer, und ſäubere ſie wohl mittelſt Speichel und friſchem Kal⸗ fatwerg—“ Hiier brachen drei Midſhipmen in ein unziemliches Der alte Commodore. Der alte Commodore. 83 Gelächter aus, und wurden ſofort auf die drei reſpekti⸗ ven Maſtſpitzen wegen ihres unmanierlichen Unterbre⸗ chens des feierlichen Vortrags geſchickt; und der Com⸗ modore, nachdem er ſie halbweg das Getakel hinauf mit dem Auge verfolgt hatte, las dem Anſcheine nach weiter:—»'mit Speichel und friſchem Kalfatwerg—« » Und dann weide die Kugel aus und ledere ſie ab, wird unn folgen,« flüſterte Stubbs ſeinen Kameraden in der Linie zu,»was aber wird der Geſchützmeiſter dazu ſagen?« »'und friſchem Kalfatwerg; dann nehme er alle Knochen her, die er finden kann, gleichviel, ob von Schweinen oder von Ochſen, und ſtampfe dieſelben mit⸗ telſt der Kugel zu einem Brei, der an Konſiſtenz verdor⸗ benem Mehle gleichkommt; hierauf lege er die Kugel wieder auf die Geſchützraufe, nehme zu jeder Handvoll von beſagtem Brei drei Händevoll Hafermehl, miſche Bei⸗ des ſorgfältig mit kaltem Waſſer, knete es in einen Teig zuſammen, zergliedere dieſen in halbpfündige Klümpe, laſſe dieſelben drei Stunden lang in Salzwaſſer kochen, würze ſie mit Schießpulver und trage. ſie höllenheiß auf. Sothane Schüſſel wird dann die heilſamſte und ſchmackhafteſte ſein, die man haben kann, ſobald nichts Beſſeres anzuſchaffen iſt.“« »Ich zweifle nicht um'n Haͤppchen d'ran, Sir Hock⸗ ti⸗och⸗was,“« ſagte ein grimmiger alter Quartiermei⸗ ſter, einer von den Belehrten. »Ich eben ſo wenig, als jeder andere vernünftige Menſch,« ſagte der Commodore in Fortſehung der Rede. Hier ſteht jedoch am Ende des Rezepts noch'ne An⸗ merkung, die Euch vorzuleſen ich mich verpflichtet fuͤhle. Wenn irgend ein ſeefahrender Mann, ob Ma⸗ 6* 84 tros oder Mariner, falls der Koch einige Kuochenſplit⸗ ter unzermalmt in dem Brei gelaſſen hätte, allzuſehr von dem Leckerbiſſen angelockt, zu gierig von den Klüm⸗ pen ſchlucken, und ihm einer von den beſagten Splittern in der Kehle ſtecken bleiben ſollte, ſo mag er ſich auf zweierlei Weiſe Erleichterung verſchaffen; er ſtößt denſel⸗ ben entweder mit einem fettbeſtrichenen Affenzagel nie⸗ der, oder zwingt ihn dadurch aus der Gurgel heraus, daß er von ſeinen Schüſſelmaaten ſich zwiſchen die Schultern knuffen läßt, und hängt es ganz von ſeinem Belieben ab, ſich des einen oder des anderen dieſer Mit⸗ tel zu bedienen, und kann der Koch hinterdrein ge⸗ bührend dafür geſtriegelt werden.“« Der Commodore hielt inne, indem er auf die Män⸗ ner, die Handſpeichen und die Hebebäume blickte; und obwohl einem ſcharfen Beobachter der menſchlichen Na⸗ tur, oder einem ausgelernten Phyſiognomiker, es er⸗ ſichtlich geweſen ſein dürfte, wie Sir»Hock⸗tapf⸗ us« der Säure in ſeinem Gemüth durch Spötterei Luft machte, konnte doch während dieſer ganzen lächerlichen Scene kein Lächeln in den tiefen Runzeln ſeines Ge⸗ ſichtes erſpürt werden. S Nachdem er beſagten Blick auf die Männer gewor⸗ fen und ihnen zur Genüge zu verſtehen gegeben hatte, daß er keinen Spaß trieb, klappte er ſein Buch zu, um es wieder in die Taſche zu ſchieben, als der garſtige alte Quartiermeiſter, der vorhin geſprochen hatte, und der, mit den geringfügigen Ausnahmen von Rang, Er⸗ ziehung und Verſtümmelung, ein Seitenſtück des Com⸗ modore war, ſeinen rechten Fuß zurückſetzte, mit dem Kopfe nickte, und im Tone eines Dorfküſters die Worte ſprach:»'ch dank' Ihnen herzlich für meinen Part, Sir Hock⸗ti⸗och⸗was Baeckyſquirt.⸗ Der alte Commodore. 5 Der alte Commodore. 85 » Und wofür hätteſt Du mir denn beſonders zu dan⸗ ken, Du alter eingefleiſchter Sünder, der Du biſt?⸗ »Für Freiſtellung der Wahl zwiſchen den beiden Vergnügungen nach der Mahlzeit, Sir Hock⸗ti⸗och⸗was.⸗ »Packt Euch fort, ich bin mehr als ein Vater Euch Allen; und merkt's Euch, meine Männer, ſchnurrt Euch in Zukunft Euner Mundvorrath zuſammen, ſo backt Euch Satans Mehlklümpe; beſſer, Ihr füllt Euch mit ihnen die Bäuche, als die Köpfe mit meuteriſchen Gedanken an, und ſo Ihr wißt, daß Ihr dem Vater⸗ lande dient und einem fliehenden Feinde nachſetzt, ſo müſſen ſolche Klümpe Euch köſtlicher ſchmecken, denn das Manna, welches vom Himmel fällt. Geht'nun⸗ ter und verzehrt vollends Euer Mittagseſſen, und ſagt meinem Steward, er ſolle jedem von Euch ein Vier⸗ telpint Rum verabreichen.« Und die Burſche polterten hinunter auf Mittel⸗ und Unterdeck, und ſchwuren, der alte Commodore wäre doch am Ende der rechte Kerl für ſie, und ſie wollten die Satansklümpe doch wenigſtens'umal probiren, wie⸗ wohl das ſchwarze Gewürz d'raus weglaſſen. Die Officiere, welche ſich faſt bis auf den letzten Mann auf dem Hinterdecke verſammelt hatten, um Zeuge dieſes Auftrittes zu ſein, wußten nicht, was ſie daraus machen ſollten, und viele von ihnen blickten den Commodore bittend an, als wollten ſie um Erlaubniß flehen, zu lachen. Er aber ſchien unerweichlich zu ſein⸗ und als ſie erkannten, daß ſie in ſeinem Beiſein ſich ihrer Lachluſt nicht hingeben konnten, gingen ſie hinun⸗ ter und überließen ſich ihrem ungeſtümen Drange. Je⸗ doch, wie herzlich ſie auch lachen mochten, fanden ſie, daß das Schiffsvolk rühriger und heiterer war, 86 Der alte Commodore. und der Dienſt raſcher und beſſer wie je zuvor ſeinen Fortgang hatte. Dieſer Dienſt war ſchwer. Während des Tages ward das Geſchwader in Eine Linie, jedes Schiff etwa hundert Ellen weit vom andern entfernt, gelegt. So konnten ſie, indem ſie weiter ſegelten, eine um ſo grö⸗ „ ßere Strecke obſerviren; kam dann die Nacht heran, ſo zogen ſie ſich allmälig wieder näher aneinander, den »Terrific im Centro, und während dieſer Zeit hatten ſie alle Segel augeſetzt, welche die Maſten irgend tra⸗ gen konnten. Der Feind jedoch, den ſie ſuchten, wich ihnen beſtändig aus. Und fiel es bei all' dieſer ſchweren Arbeit irgend Einem ein, Satan's Mehlklümpe zu ba⸗ cken und gar dieſelben zu verzehren? Ja, und zuerſt wurden die Klümpe auf des Commodore Tafel gebracht, wo ſie auch zuerſt gegeſſen wurden, ſo weit ich es min⸗ deſtens von Perſouen habe in Erfahrung bringen kön⸗ nen, die ſich damals mit auf dem Schiffe befanden! Drei Tage, nachdem der Commodore ſeine Lehrſtunde der Kochkunſt ertheilt hatte, und eben mit ſeinem er⸗ ſten Lieutenant, mit dem Officier der Vormittagswache, einem halbverhungerten Midſhipman, mit dem Schiffs⸗ kaplan am Ende des Tiſches und dem Zahlmeiſter zu ſeiner Rechten beim Eſſen ſaß, brachte der Wirth, wie gewöhnlich, ſeine Entſchuldigung vor, daß er ſeinen Gä⸗ ſten nichts weiter als Schiffsproviſion vorſetzen könnte, die jedoch durch des Kochs Geſchicklichkeit ſo ſchmack⸗ haft als möglich zugerichtet worden wäre. Zum erſten Gange zeigte ſich an dem einen Ende der Tafel eine Suppe aus Schiffserbſen— grünröckige Gentlemen, die da Trotz boten, wenn man ſie zerquetſchen wollte, und mit einer überraſchenden Hartherzigkeit begabt waren, vol⸗ Der alte Commodore. 87 lends wenn man das vielſtündige Kochen bedenkt, dem man ſie unterworfen hatte. Allein dieſe Einleitung war dadurch ſalbungsvoll und nahrſam gemacht worden, daß man Klümpchen fetten und ranzigen Pökelſchweinfleiſches auf der ſtarrſinnigen Erbſenbrühe ſchwimmen ließ. Am entgegengeſetzten Ende der Tafel ſtand eine Terrine voll Lobskus*). Jeder, der zur See fuhr, weiß was Lobs⸗ kus iſt— es iſt eine Speiſe für Götter, und ſo befrie⸗ digender Natur, daß für einen bloßen Sterbiichen ein einziger Löffel voll davon auf ein ganzes Jahr geung iſt, ſobald er irgend etwas Andexres zu eſſen auftreiben kann. In der Mitte der Tafel ſtand ein zwiefaches Fiſchge⸗ richt. Tags zuvor hatte man einen Haifiſch gefangen und Theile davon auf zwiefache Weiſe zugerichtet. Einige Stücke vom Schwanze deſſelben waren in Florentineröl gebraten, und die anderweitigen Stücke des nämlichen Schwanzes hatte man, wie der Franzoſe es zu nennen pflegt,»vau naturel« geſotten; und beide Schüſſeln be⸗ gehrten, daß man ſie anlächelte, wenn man Luſt dazu hatte, und gegeſſen zu werden, wenn man darmzerna⸗ genden Hunger fühlte. Während des kurzen Aufenthal⸗ tes des Geſchwaders zu Rio Janeiro war keine Zeit übrig geweſen, ſich irgend mit Gemüſen zu veiſorgen, weßhalb alſo der Koch klüglich dergleichen wäſſerige und ſchwammige Speiſe nicht auf die Tafel gefördert hatte. Der gute Mann wußte, daß weder ſein Herr, noch deſſen Gäſte Pythagoräer waren. Obſchon es alſo an dem fehlte, was allgemein Gemüſe genannt wird, *) Gedämpfte Fleiſchabſchnitzel, die ſtark mit Zwiebeln, Schiffs⸗ zwieback und Pfeffer angerichtet und gewürzt ſind. 3 Anm. d. Ueberſ. 88 Der alte Commodore. befand ſich doch eine von Gemüſe abſtammende treffliche Schüſſel auf dem Tiſche, die ſo friſch war, als irgend ein Landedelmann im fröhlichen Alt⸗England ſie jemals hätte auf die Tafel ſeines ſtattlichen Schloſſes ſtellen mögen. Es war ein köſtlicher Salat aus Senf und Kreſſe, die im Garten des Commodore's Sternſpazier⸗ wege gewachſen war. Dazu zeigte die Tafel ſich reichlich mit Wein beſetzt, obwohl von Sir Octavius, ſo gern er ſein Gläßchen ſchlürfte, niemals geſehen ward, daß er an Bord ſich einem Uebermaß im Trunke hingab⸗ Zum zweiten Gange machte die Erbſenſuppe einer Schüſſel ſehr dünner Pökelfleiſchſcheiben auf wohl in friſchem Waſſer eingeweichten Schiffszwieback, die bei⸗ derſeits in ſuͤßem Oele gebraten waren, Platz. Dieſe Schüſſel würde ſchon willkommen geweſen ſein, wenn nicht die Zwiebacke eine zu große Einwohnerzahl von fetten weißen Maden gezählt hätten. Es giebt Leute, die gern lebendige Speiſe zu ſich nehmen, und Würmer ſind allerdings eine lebendige Speiſe, und wünſchen wir unſrerſeits ihnen jederzeit den beſten Appetit, wie⸗ wohl wir willig, ſo wir irgend können, ung mit den Würmern begnügen, die uns in den Kopf gekommen ſind, und die wir, beliebt's Gott, wohl lebenslänglich darin behalten werden; doch Würmer aus unſerem Munde fern zu halten, werden wir uus angelegen ſein laſſen, ſo lange wir können.»Jederſnach ſeinem Ge⸗ ſchmacke!« ſagte jener Strauß, als er ein Bündelchen Zehnpfennignägel aufgeſchnappt hatte, um es zu ver⸗ ſchlingen. Dem Fiſch im Centro folgte eine ſolide und edel⸗ ausſchauende Nachahmung eines Rindslendenſtückes, aus rothem Stein heraus modellirt— es war eine Täuſchung, aber eine großartige, als es dampfte und Der alte Commodorc. 89 einige Fettklunkern daran herumbaumelten. Der Zahl⸗ meiſter verſuchte mit dem Vorlegemeſſer eine Scheibe davon herunter zu ſäbeln, allein die Schneide des Werk⸗ zeugs legt ſich um, und man war mit dem Verſuch am Ende. Sonder Zweifel hatte das Gericht einſt ei⸗ nen weſentlichen Beſtandtheil eines lebendigen Ochſen ausgemacht, der ein langes Leben der Galanterie un⸗ ter den Jos des galanteſten aller Länder, des Edel⸗ ſteines der See, gelebt hatte; jetzt jedoch hatte der Salpeter die animaliſchen Fibern kryſtalliſirt, und das Lendenſtück war zur Zeit kaum minder ſolide, als irgend ein Ueberbleibſel eines Foſſils. Bei dem eiteln Verſuche, das mit einem Meſſer zu zerlegen, was vielleicht kaum mittelſt einer Tiſchlerſäge hätte zerſtückt werden können, ſchüttelte der Commo⸗ dore ſchelmiſch den Kopf gegen den Zahlmeiſter, und ſagte:»Sie gleichen dem, deſſen in der Schrift gedacht wird— wenn wir Sie um Speiſe bitten, geben Sie uns einen Stein.« „»Mit Verlaub,“« fiel der Kaplan ein;»Sie hätten ſprechen ſollen, wenn wir Euch um Brot hitten,“ Sir Octavius.« Niemand beachtete inzwiſchen dieſe Unterbrechung. Wer hörte auch je auf einen Kaplan, wenn er an Bord eines Schiffes eine Bibelſtelle citirte, zur Zeit der Regierung Georgs des Dritten, oder bevor Gambier „Religion und grünen Thee auf der Flotte in die Mode brachte?! » Es iſt,« ſagte der Zahlmeiſter, der zu gleicher Zeit mit dem Kaplan, nur um eine Terz höher, als dieſer, ſprach—»es iſt dieß gewiß, Sir Octavius, eines der kompleteſten Pröbchen paſſiven Widerſtandes, wie ich es jemals anzutreffen das Schickſal gehabt habe. 90 Der alte Commodore. Könnte es aber nicht, Sir Octavius, den pulveriſtreu⸗ den Wirkungen einer Vierundzwanzigpfünderkugel un⸗ terworfen, und ſothanermaßen für junge Bälge in eine ſaftige Speiſe, bekannt unter der Benennung Satan's Mehlklümpe,“ verwandelt werden?« »Ihr Vorſchlag iſt zuverläſſig annehmbar; verwah⸗ ren Sie daher in ihrer Vorrathskammer jene Schüſſel, die ſich ganz vollkommen für ihre Kinder zu Gosport eignet.« Und nun kicherte der Commodore, und der erſte Lieutenant brüllte, und der Officier der Vormit⸗ tagswache kreiſchte, und der Kaplan grunzte, und der Zahlmeiſter greinte, und die Midſhipmen ſchluckſeten, obwohl Alle meinten, ſie lachten— wieherten würde das beſſere und gelehrtere Wort hier ſein; allein es iſt durch betitelte Damen, die da Novellen ſchreiben, ein wenig abgenutzt worden; lachen wir alſo, auch wenn wir wiehern, und bilde Niemand ſich ein, daß, zufolge der ſchönen Verfaſſerinnen, beide Worte eine und die⸗ ſelbe Sache bedeuten. Wir haben den Commodore unter der gedoppelten Plage von Gicht und Grog am Lande, und zuverläſſig in einiger Faſelei geſehen— wir haben ihn als den finſtern, mißgeſtimmten, ſarkaſtiſchen, doch weit hinaus berechnenden Tyrannen auf ſeinem Hinterdeck geſehen, und werden ihn jetzt in ſeiner Kajüte, zu Häupten ſei⸗ ner Tafel, als eine etwas von alldem verſchiedene Per⸗ ſon erkennen. Leſer— wie gern red' ich Dich an! es iſt mir wirklich zu Muthe, als hätte ich Dich am drit⸗ ten Weſtenknopfe gepackt, und als zög' ich bei jedem Redeſatze Dich immer näher an mein Herz— Leſer, wir werden einander trefflich verſtehen, bevor wir mit dieſem Buche zu Ende kommen, und Du wirſt den Charakter meines Helden durch und durch erkannt haben, —— Der alte Commodore. 9¹ welches bis jetzt noch nicht der Fall mit Dir iſt; ob⸗ wohl Du bereits herausgefunden haſt, daß mein Com⸗ modore jene Weiberſchwäche beſaß, nach welcher ver ſich am behaglichſten fühlte, wenn Alles nach ſeinem Willen ging.« Deſſen ward er aber bald müde, und dann bedurfte er der Schwäche anderer Leute, welches bekanntlich weder bei Dir, mein Leſer, noch bei Frauen⸗ zimmern der Fall iſt. Alſo, lieber Leſer, ſobald Sir Octavius Bacuiſſart die kurze Speiche, die er gewöhnlich an ſeinem künſtli⸗ chen Arme trug, abgeſchroben und an deren Statt ſeine große dreizinkige Gabel eingefugt hatte, zeigte er Vieles von der Urbanität eines Gentleman, und ſchien wirklich für eine Zeitlang zu vergeſſen, daß er der Commodore war; obwohl es in der That für ſeine Gäſte höchſt gefährlich blieb, ſolches ebenfalls zu vergeſſen. So alſo, während er lächelte und mit ſeinen Gäſten ſchwatzte und, wäh⸗ rend die Gabelun ſeiner Gäſte gewechſelt wurden, ſeine Gabel in die Höhe hielt, damit der Steward ſie ihm, wie einem kleinen Jungen, der ſich am Syrupstopfe be⸗ ſudelte, die Finger, abwiſchen mußte, würde man ihn für eine ziemlich umgängliche Kreatur gehalten haben. Jedoch wir müſſen in unſerer Beſchreibung jenes Mit⸗ tagsmahls weiter ſchreiten! Das Lobskus am untern Ende des Tiſches war ab⸗ getragen und ſtatt deſſen eine Schüſſel Frikaſſee geſtellt worden, die der Koch aus Theilen der Eingeweide des vorerwähnten Haifiſches bereitet hatte und die mittelſt Senfs und Pfeffers und anderer Gewürze ſich keines⸗ wegs unſchmackhaft erwies; und da der Wein reichlich floß, auch der Wirth ſeinen Hinterdeckston wegließ, fühlte bald Jeder der ihn Umgebenden ſich ſo glücklich, wie auf einem Rübenfelde ein Schwein, deſſen Schnauze 92 Der alte Commodore. man von dem appetithemmenden Ringe befreit hat.— Ich hätte hier ein anderes Gleichniß wählen, hätte ſa⸗ gen können,»ſo glücklich wie im Elyſium« oder»wie auf üppiger Flur«— jedoch nach mir wird es Leute geben, die ebenfalls Romane ſchreiben, und warum ſollte ich denen alle neuen und alle beſten Vergleichungen vor'm Maule oder eigentlich vor der Feder wegſchnap⸗ pen? Bei meinem Barte! dazu din ich viel zu groß⸗ müthig. Der dritte Gang zeigte ſich jetzt;— dicht unter der Naſe des Commodore dampfte ein großer Pflaumen⸗ kuchen; die Mittelſchüſſel war ein mißlungenes Werk, denn ſie enthielt gebratenen Zwieback, ſo daß man, wenn man davon aß, die darin befindlichen Würmer nicht lebendig verſpeiſete. Die dritte Schüſſel dieſes Ganges hätte ein köſtliches Beigericht enthalten ſollen, allein leider hatten die Ratten allen Salzfiſch, und der Commodore und deſſen Freunde läugſt alle Kartoffeln aufgezehrt. Dieſer Mangel ward jedoch reich erſetzt durch eine edle Schuͤſſel mit Frikandellen, die lieblich am unteren Ende der Tafel in ihrer reichen Brühe aus Florentineröl, Kaneel und Zucker dampften. Der Com⸗ modore blinzelte ſie mit ſeinem einen Auge an— der erſte Lieutenant ſtierte mit beiden Augen auf ſie hin— der zweite Lieutenant hätte ſie mit den Augen verſchlin⸗ gen mögen— der Kaplan ſegnete ſie im Geiſte— der Zahlmeiſter ſuchte mit den Augen die größte derſelben aus, und die Midſhipmen hatten bereits in erquicklichem Vorgenuß Hand an den Brühnapf gelegt. Nun waren des Commodore Frikandellen bei der ganzen Flotte berühmt. Die Frikandellen auf nautiſche Manier ſind aber gemeinhin nichts weiter, als eine Miſchung von Mehl und Waſſer, ein geſottenes, unge⸗ 3 Der alte Commodore. 93 ſäuertes, in Oel gebratenes Brot, und ein ſo harter Klump, daß man ſie als Kegelboßel, ja, als Kanonen⸗ kugel hätte gebrauchen, und ſich dabei eines tüchtigen Ueberdenhaufenwerfens verſichert halten können. Die Frikandellen des Commodore aber waren'toute autre chose! Der Koch des großmüthigen Spenders der Frikandellen'sans pareille“ war nämlich ein Palermi⸗ taner, und beſaß das Geheimniß, jene kleinen Puddings faſt ſo leicht, wie die bekannten vols-au-vent“ oder „ſpaniſchen Windbälle“ zu bereiten, und der Prozeß der Gährung, den er mit ihnen vornahm, ließ weder den bittern Geſchmack der engliſchen Bierhefen, noch den ſauern des gemeinen franzöſiſchen Sauerteigs nach. Der Commodore hatte jederzeit etliche Fäßchen des feinſten amerikaniſchen Weizenmehls am Bord, das einzig und allein zur Anfertigung dieſes Leckerbiſſens beſtimmt war. Die Frikandellen alſo in lieblich brauner Brühe, ſechs an der Zahl, gleichſam ein Bällchen für jeden Tiſchgenoſſen, ſtehen auf der Tafel. Der Commodore, der im Stillen zwei derſelben für ſich zu erſchnappen wünſchte, begann mit gewinnendem Lächeln ſeinen er⸗ ſten Lieutenant zu fragen:»Soll ich Ihnen ein Stück⸗ chen von dieſem Pflaumengebäck vorlegen? es ſieht recht lecker aus.«* Aber dieſe Kriegsliſt war durchſchaut!»Dank' Ih⸗ nen, Sir Octavius; nein!« verſetzte der Gefragte— ein Frikandellchen, Sir, wenn's beliebt.« Auf die nämliche heuchleriſche ringsum gethane Frage erfolgt ringsum die nämliche Antwort:»Ein Frikan⸗ dellchen, Sir, wenn's beliebt.« Endlich iſt Jeder ſo beglückt, einen von den erſehn⸗ ten Globen dampfend und in reichem Brühüberguß ſchwim⸗ mend auf ſeinem Teller zu haben. Faſt gleichzeitig 94 Der alte Commodore. führt Jeder davon ein Stück, das durch ſeine Kleinheit ſich wahrhaftig nicht auszeichnete, zum Munde, und Vier von der Geſellſchaft ſpucken das Zuſichgenommene wieder aus— der Midſhipman und der Kaſtellan hat⸗ ten in ihrem epikuriſchen Eifer den Klump mit einem Male verſchluckt. Dann folgten Manlverzerrungen, Flüche und Verwünſchungen und ein Schreien nach Waſſer, um den Geſchmack des Ekels aus den Mäu⸗ lern wegzuwaſchen. Der Commodore, im erſten Parorxis⸗ mus ſeines Grimmes, läßt ſeinen Steward, ſeinen Koch und Kochs⸗Maat kommen, und iſt feſt entſchloſſen, dieſe das ſcheußliche Gebäck bis auf's letzte Reſtchen verſchlu⸗ cken und, Behufs guter Verdauung, ihnen dann Mann nach Mann ſechs Dutzend mit der Katze verabreichen zu laſſen. Als die erſtaunten Angeklagten bebend ihre Unwiſ⸗ ſenheit vorſchützten, begann der Zahlmeiſter eine ge⸗ nauere Unterſuchung ſeines Frikandellchens, das er, als das größere, ſich klüglich auserſehen hatte. Mit Meſ⸗ ſer und Gabel wühlte er es auseinander und entdeckte im Centro deſſelben ein Streifchen Papier, auf welchem leſerlich geſchrieben ſtand:»Ein Sataus Mehlklump, dem Sir Hockdichwehus Bacckyſquirt gewidmet.— NB. Fettbeſchmierte Affenſchwänze ſind nach geſchehe⸗ ner deßfallſiger Anforderung bei dem Geſchützmeiſter zu haben.“« Die Scene verwandelte ſich jetzt in ein ſchallendes Gelächter, und der Commodore nahm den Stich mit trefflicher Gemüthsruhe hin, ſchickte jedoch ſeinen Mann nach vorn unter das Schiffsvolk, um zu erkunden, wer von dieſen ihnen den Streich geſpielt hatte, ſtatt der Leckerſchüſſel, die ekelhaften Biſſen unterzuſchieben. Der Spaß lief über das ganze Schiff, die Mannſchaft war Der alte Commodore. 95 unbändig luſtig, und ſelbſt in der Kajüte perging der Abend unter gemäßigter Fröhlichkeit. Derjenige Mann aber, der den alten Commodore hätte abwettern mögen, mußte ſcharf anbraſſen, um mehr als fünf Striche näher zu Winde zu liegen, wie er, und zu gleicher Zeit einen guten Segelerkiel haben, ſonſt würd's nichts damit geweſen ſein. Da die Agen⸗ ten in dieſer Angelegenheit nicht hatten ausmitteln können, wer der kecke Geſell war, der dieß Gebäck dem Commodore heraufbeförderte, ſetzte dieſer am andern Morgen Betreffs der Sache ein anderes Geſicht auf, und ſchien ſeit Wochen zum erſtenmale auf dem Hinter⸗ deck luſtigen Humors zu ſein, obwohl er ſich vom Er⸗ ſchnappen des franzöſiſchen Geſchwaders völlig ſo weit entfernt, als jemals, befand. Lant und offen ſprach er mit Jedem auf Deck und Puppe über den Hergang, nannte ihn einen geiſtreichen Streich und einen Schwank, der Belohnung verdiente, und erklärte, daß, wenn er den beſcheidenen Mann, der ihn hatte beluſtigen wollen, ausfindig machen könnte, er ihm ein Geſchenk von ſechs Guineen machen würde, welches freilich für einen ſo drolligen Geſellen nur ein Weniges wäre. Da nun Jedermann bekannt war, daß Sir Octavius niemals ſein gegebenes Wort brach, ſo hatte dieſe Rede den ge⸗ wünſchten Erfolg. Unſer bekannter Freund Dick Stubbs, der dabei freilich ſehr ſchafsköpfig ausſah, kroch zwei⸗ felvoll nach hinten, wo ſein Gebieter ſtand, und zog ſich beinahe eben ſo oft wieder zurück, als er vorwärts rückte; da er inzwiſchen wußte, daß mehr denn zwanzig ſeiner Maate ihn vom Vorderkaſtell aus im Auge hat⸗ ten, zog er den Hut herunter, und legte ſich das beſte Geſicht an, das er aufzubringen vermochte.. „»Nas Richard Stubhs,« ſagte der Commodore, in⸗ 96 dem er ihn freundlich und aufmunternd anblickte— „was kann ich für Dich thun?« »Ich komm', um'r Gnaden Verzeihung wegen der großen Freiheit zu erbitten, die'ch mir nahm, als ich ſo ohn' alle Umſtände'r Gnaden etliche von den Klüm⸗ pen raufſchickte, die'r Gnaden uns backen zu lehren ſo gütig waren; und ich hoffe— ich hoffe— „»„Was hoffſt Du, Stubbs?« „»Daß, da die Klümpe'r Guaden ſchmeckten—« »Ei freilich, Stubbs! ſie ſchmeckten mir ſo wohl, und die Manier, womit Du mir ſie zukommen ließeſt, war ſo ausgeſucht fein, daß ich Dich dafür belohnen will. Hier haſt Du ſechs Guineen, mein ſchmucker Junge; mögen ſie Dir wohl bekommen!« »Und ich hoffe«— vollendete der hocherfrente Stubbs, der die Goldſtücke in den Zipfel ſeines ſeidenen Tuchs knotete—»ich hoffe,'r Gnaden hat's nicht quergenommen, und hat mir ganz und gar die Freiheit verziehen, die mir zu nehmen ich ſo dreiſt geweſen bin—« »Ganz und gar, mein Mann, und jetzt geh' an Deinen Dienſt, und ſobald ich Deiner wieder bedarf, werd' ich Dich rufen laſſen—« Und hinweg zu der Mannſchaft ging der Verfertiger von»Sataus Mehlklümpen,« und ſchätzte ſich für den glücklichſten Mann vom ganzen Geſchwader. Auguſtus Aſtell nun, deſſen wir leider ſeit längerer Zeit nicht gedachten, ſah dieß Alles mit an und begann, eine beſſere Meinung von ſeinem Oheim zu hegen; al⸗ lein ſein Vertrauen zu deſſen Bekehrung ſollte keine Stunde lang vorhalten. Bösweiſſagende Vorkehrungen wurden auf dem Schiffe getroffen— die Quartiermei⸗ ſter betakelten das Gerüſt, und die Hochbootsmanns⸗ Der alte Commodore. Der alte Commodore. 97 Maate ſtriegelten liebkoſend die Schwänze ihrer Katzen nieder, daß ſie fein glatt hängen möchten. Ob dieſer Zurüſtungen war Richard Stubbs jedoch durchaus nicht beſorgt; denn um die Mittagszeit ward gemeiniglich Dieſer oder Jener abgeſtraft, und Dick Stubbs ſchickte ſich mit vieler Gleichgültigkeit an, einen Zuſchauer da⸗ bei abzugeben. 4 »˙S iſt zwölf Uhr, Sir Octavius,« ſagte der Steuer⸗ mann.. »Mach's ſo, und laß die Mannſchaft zum Abſtra⸗ fen heraufpfeifen,« entgegnete der Commodore; und die Mannſchaft ward demnach zum Abſtrafen heraufgepfif⸗ fen. Die Schiffsſoldaten hatten ſich in Reih' und Glied auf dem Gangwege aufgeſtellt und die ſonſtigen Förm⸗ lichkeiten waren beobachtet worden, die ſchwarze Liſte ward verleſen und die Strafbaren nahmen, je nach Verſchiedenheit ihrer Vergehen, ihre zwei, drei oder vier Dutzend Hiebe hin. Als der Letzte auf der Liſte abge⸗ fertigt worden war, und von Jedermann geglaubt ward, es würde zum Eſſen gepfiffen werden, befahl der Com⸗ modore, Richard Stubbs möchte vortreten und Jacke und Hemd hernnterſtreifen. Alle erſtaunten, Auguſtus Aſtell aber fühlte Abſcheu. Sir Octavlus wußte von dieſen Regungen freilich nichts, würde aber, wenn er davon gewußt hätte, ſich den Geier d'rum gekümmert haben, ſondern ſprach mit ruhigem, gelaſſenen Tone: »Richard Stubbs, für die Aufmerkſamkeit, womit Du mir Deine Klümpe ſchickteſt, habe ich Dir gedankt und, wie ich hoffe, Dich genügend belohnt; jetzt aber hab' ich eine andere Pflicht zu erfüllen— nämlich Dich da⸗ für zu ſtrafen, daß Du meine Klümpe unterſchlugſt. Schnürt ihn an, und zählt ihm ſechs Dutzend auf!« Als Dick ſie alle Sechs erhalten hatte, ließen Hoch⸗ Der alte Commodore. I. 7 * 98 Der. alte Commodore. bootsmann und Hochbootsmanns⸗Maate das Verdeck von der Muſik des Zum⸗Eſſen⸗Pfeifens erklingen; der arme Richard Stubbs aber kroch zum Wundarzt, daß ſein gargeprügelter Rücken verbunden würde, und mur⸗ melte dabei, daß doch nichts ſo wahr wäre, als das Sprichwort:»Der muß'nen langen Löffel haben, der mit dem Teufel'ne Abendſuppe verſpeiſen will.« Fuͤnftes Kapitel. ————„Haſt Du den Geiſt geſehen?« „Ich, Sir? Ach nein! und herzlich freut es mich, Daß er für mich unſichtbar iſt geblieben. Spricht er auch, wenn er umgeht?« 4„Ei, bei'm Küſter! Drei Stunden lang ohn' Unterbrechung ſchwatzt er.« „Ei? wirklich? und was ſagt der ſchatt'ge Pfaff!« „Die's hörten, wiſſen's nicht, weil ihre Herzen Zu hörbar pochten.“« „Schauerlicher Geiſt, das!« Altes Schauſpiel⸗ Da Sir Octavius zu behaupten wußte, wie es ihm weder an Seetüchtigkeit, noch an Schifffahrtkunde, noch an richtigen Anſichten von Flottenkriegszucht fehlte, vermochte er die Admiralität dahin, daß dieſe keinen Kapitän unter ihm auf dem„Terriſice ernannte; da er jedoch ohne Verletzung der Wahrheit und Schicklichkeit nicht behaupten konnte, daß er keines Religionzuſpruchs 8* Der alte Commodore. 99 bedürfte, wie läſtig dieſer ihm auch ſein mochte, ſo war ſeinem Schiffe ein Kaplan beigegeben worden. Wir ehren den Beruf des Geiſtlichen und ſchätzen dieſen ge⸗ wiß nach ſeinem Verdienſt, weßhalb man alſo unſere Motive nicht mißverſtehen wolle, wenn wir das beſchrei⸗ ben, was ein Schiffskaplan vor ſechzig Jahren war, auch wenn man die Genauigkeit unſers Abriſſes bezwei⸗ feln möchte. Zuvörderſt war ein ſolcher Kaplan nicht der Mann der Gelahrtheit und Frömmigkeit, wie es heut' zu Tage ein Geiſtlicher in Seiner Majeſtät Marine zu de⸗ ren Segen und Frommen iſt. Kein ſtudirter Geiſtli⸗ cher, der ſich irgend eine Pfarre am Lande verſchaffen konnte, ward damals ein Kaplan auf See. Wir ver⸗ gaßen den genauen Belauf ſeines Jahrgehaltes, doch war derſelbe ſo gering, daß er für eine Schmach gelten konnte. Sobald ein ſolcher verfolgter Geiſtlicher an Bord ſeines Schiffes kam, widerte er allen daſelbſt Be⸗ findlichen an, und ward nur von den Wenigen äu⸗ ßerlich verehrt, die es nicht wagten, ihre eigentliche Geſinnung gegen ihn lautwerden zu laſſen. Er ward von Schiff zu Schiff verſetzt, indem man aller Orten Verlangen trug, ſeiner, als einer Beſchwerde, ledig zu werden. Brauchte Kapitän A. ein paar gute Segel⸗ macher, und konnte Kapitän B. dieſe gegen zwei tüch⸗ tige Matroſen entbehren, ſo gab Letzterer dieſe nicht weg, ohne daß ſein Kaplan mit in Kauf genommen werden mußte. Gegen allgemeine Geringachtung kann kein Menſch aufkommen, und da die Schiffskaplane eben nicht die elite ihres Standes waren, ſo wichen ſie bald den Umſtänden, und ſanken zu Sykophanten, ja nicht ſelten zu Spionen der Kapitäne hinab. Der Schiffsmannſchaft leiſteten ſie weder geiſtlichen 8 7* 100 Der alte Commodore. noch ſonſt einen Dienſt, und was ihr Abhalten der Leichenreden betraf, ſo weiß man, daß dieſer feierliche Gotktesdienſt eben ſo fromm, eben ſo wirkſam von Offi⸗ cieren, als von ordinirten Geiſtlichen, ja ſelbſt von ei⸗ nem Biſchofe, begangen worden iſt. Die Kapläne jener Zeit ſind nie als ſolche befunden worden, die des Men⸗ ſchen abſcheidende Seele ermuntert, oder des Wanken⸗ den Glauben befeſtigt, oder des Herzens Härte er⸗ weicht oder deſſen Verderbtheit zum Schamgefühl ver⸗ mocht hätten. Waren ſie überhaupt von irgend einem Nutzen, ſo waren ſie es auf eine ſeltſame Weiſe. Sie waren die Lehrmeiſter der Midſhipmen— worin? in den Artikeln des Chriſtenglaubens? in der Ausübung der Demuth, der Selbſtverleugnung, des echten Chri⸗ ſtenthums? Nicht im Geringſten; ſondern höchſtens in der Geometrie und Trigonometrie, im ebenen und im Mittlerbreite⸗Segeln; nicht im Ausüben eines Werks der Gnade, ſondern im Vollbringen eines Tagewerks. Und dafür erhielten ſie von jedem Schüler gemeinhin einen halben Kronenthaler monatliches Honorar. Wie verfänglich es auch klingen mag, muß ich mich wiewohl mit aller Beſcheidenheit, dahin äußern, daß zur Zeit wirkliche Kapläne nichts auf Seiner Majeſtät Flottenſchiffen zu ſchaffen haben. Ich bin einzig und allein aus Religionmotiven zu dieſer Anſicht gekommen. Die Sache hat einen Anſtrich von Heuchelei. Vermöge der kirchenverbeſſerten Evangelienauslegung haben wir den Höchſten als einen Gott der Liebe zu verehren, ha⸗ ben der Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu wider⸗ ſtreben, und zwar nicht durch Mord und Blutvergießen, ſondern dadurch, daß wir Böſes mit Gutem vergelten, daß wir dem Räuber unſers Mantels auch unſern Rock, und dem, der uns den rechten Backen ſchlug, auch un⸗ Der alte Commodore. 101 ſere linke Wange zum Schlage anbieten. Aus der Ver⸗ derbtheit unſerer Menſchennatur erkennen wir, daß wir nicht zu ſolchem Grade der Vollkommenheit gelangen können; daher iſt Alles, was ich ſage, dieſes: Es ſieht frommer Spötterei ähnlich, wenn man einen Mann, der bei Allem, was heilig und feierlich iſt, all' jene Leh⸗ ren predigen ſoll, auf eine Maſchine ſetzt, die mit den tödtlichſten und furchtbarſten Werkzeugen des Zerſtö⸗ rens ausgerüſtet iſt, welche nur erſonnen werden kön⸗ nen, und mit denen ſich der Mord im Großen nur be⸗ gehen läßt. Oft habe ich an einem Sonntage auf der Flotte vor Toulon innerlich gelächelt, wenn wir Alles aufboten, die Franzoſen zum Treffen zu bewegen, nach⸗ dem der Kaplan die ſalbungvollen Worte der Litanei abgeſalbadert hatte:»Vor Schlacht und Mord und ſchnellem Tod, bewahr' uns, lieber Herre Gott.« Wahr⸗ lich, wahrlich, dieß iſt eine arge Spötterei! Wir wiſſen nicht, ob dieſer ganz beſondere Anruf gegenwärtig aus der Litanei weggelaſſen wird; allein wir wiſſen, daß er damals beſtändig im Gebrauch war, und deßgleichen wiſſen wir, daß er geradezu im Wider⸗ ſpruch zu den Kriegsartikeln ſteht, nach denen Officie⸗ ren und Soldaten es ſtreng obliegt, ihr Möglichſtes und Aeußerſtes zu thun, bei Todesſtrafe im Unterlaſ⸗ ſungsfalle, zu tödten, zu erſchlagen, zu verwüſten, zu verheeren und niederzubrennen. Es iſt dieß Sinn und Inhalt der Kriegsartikel, obwohl wir dieſelben zur Stunde nicht wörtlich und buchſtäblich im Gedächtniſſe haben—— doch wir wollen über dieß Dilemma nicht weiter in's Horn blaſen. Am Bord eines Dreideckers diente ich ſelbſt mit ei⸗ enem jungen Geiſtlichen, der ſich gehörig zu Orford aus⸗ gebildet hatte, ein Mann von gutem moraliſchen Cha⸗ 10* rakter war, und jenes ernſte und geſittete Benehmen zeigte, welches ſich jederzeit Hochachtung erzwingt; den⸗ noch ward dieſer Mann, eben vermöge ſeiner Stellung, binnen wenigen Wochen gänzlich umgewandelten Ge⸗ müths. Des Schiffsvolkes Nichtachtung ſeiner ver⸗ ſchlechterte ihn immer mehr, ſo daß er, bei den beſten Abſichten von der Welt, anſtatt ein zu geiſtlicher Be⸗ lehrung abgeſondertes Individuum zu ſein und zu blei⸗ ben, nur allzubald Einer der Unſern ward. Ich Der alte Commodore. behaupte feierlich und nach meinem beſten Ermeſſen, daß durch ihn nimmer ein Mann am Bord zu einem beſſern Chriſten gemacht ward; wir aber machten ihn zu einem trefflichen Seemann in eben dem Maße, in welchem er ein immer ſchlechterer Geiſtlicher ward. Aus dieſen und noch vielen anderen Gründen glaub' ich nicht, daß ein ordinirter Prieſter eine am Bord ei⸗ nes Kriegsſchiffes erforderliche Perſon ſein könne. Die Vereinbarung der Kirche und des Staats, die ich, ſo weit meine literariſchen Fähigkeiten und die mir dazu gebotenen Gelegenheiten es geſtatteten, jederzeit aufrecht erhielt, iſt beiden oft im Wege geweſen; indeſſen wollen wir das Prinzip in ſeiner Kraft laſſen, jedoch es nie ſo weit in's Detail zu führen ſuchen, daß wir den Feld⸗ ruf:»Kirche und Flottendienſt!« erſchallen laſſen, da es oft der Glaubensbekenner verſchiedene anf einem und demſelben Schiffe giebt, und ſelbſt der überwieſene Miſſethäter im Kerker die Freiheit hat, ſich einen Geiſt⸗ lichen von ſeiner eigenen Confeſſion zum Seelenrathe zu wählen. Mag der Kapitän, der gemeiniglich zur Lan⸗ deskirche gehört, allſonntäglich den Gottesdienſt nach ſeiner Lehre auf ſeinem Schiffe abhalten laſſen, doch treibe er nicht dazu mit Tau⸗Endchen die Mannſchaft, die nicht ſelten theilweiſe aus Mitgliedern ganz ande⸗ Der alte Commodore. 103 rer Confeſſionen beſteht. Er ermahne und fordere auf zur Theilnahme an dem Gottesdienſte, nicht aber wolle er gewaltſam dazu zwingen. Und ſomit hätt' ich hier⸗ über mein Sprüchlein geſprochen; und man verzeihe mir dieſe Abſchweifung. Der Kaplan unſers Commodore war in der That gleich vielen ſeiner Genoſſen— er war ein pöbelhafter Menſch, und zuverläſſig ein höchſt weltlich geſinuter. Indeſſen will ich ſeinen Charakter nicht in's Einzelne jausmalen, ſondern nur bemerken, daß er gern gut aß und trank und, obſchon es ihm gänzlich an Phantaſie gebrach, ſtandhaft an Geſpenſter glaubte. Letzteres halt' ich für keinen Fehler an ihm; denn ich ſelbſt glaube an Geiſtererſcheinungen— doch davon ſpäterhin. Da wir nun den Wunſch hegen, in unſerer Ge⸗ ſchichte ſo ſchnell als möglich vorzurücken, verſetzen wir den Leſer ſofort mit dem Geſchwader in die Nähe der engliſchen Küſte, um die Zeit der letzteren Tage des Fe⸗ bruars vom Jahre 17**, nachdem beſagtes Geſchwader beinahe ſiebenzehn Monate lang ſeinen erfolgloſen Kurs geſteuert hatte. Es wurden jetzt häufig Schiffe ange⸗ ſprochen und, wie es von den unermüdenden Anſtren⸗ gungen des Commodore zu erwanten ſtand, war dieſer den feindlichen Schiffen vorgekomn n, und befand ſich jetzt zwiſchen ihnen und deren Hafen, denn es war wohl kund geworden, daß die Franzoſen nach ſo langer Abweſenheit von Europa nicht noch durch die Straße von Gibraltar laufen wollten. Auch vernahm jetzt der Commodore Nachrichten, die ihm noch ärgerlicher waren. Zwei große Treffen wa⸗ ren vorgefallen, und er hatte an keinem derſelben Theil genommen. Dennoch, und ungeachtet des ſchlechten 8 1049 Der alte Commodore. Zuſtandes ſeiner Schiffe, war er entſchloſſen, ſo lange er konnte See zu halten im Einlaufe des Kanals, und das zur Zeit des Herannahens der Aequinoctialſtürme. Er hoffte noch immer, die Fahrzeuge des Feindes zu erwiſchen, zu nehmen oder zu zerſtören. Er und Auguſtus waren unverſöhnlich gegen einan⸗ der geblieben; ja, neuerdings hatte der Commodore auf⸗ gehört, jene unfreiwillige Hochachtung zu zeigen, die das tadelloſe Benehmen des Jünglings ihm fortwährend abgezwungen hatte. Der Oheim war dreifach durch die raſtloſe kaltſinnige Geringachtung gereizt worden, die der Neffe gegen ſeinen Commandirenden hegte, und zu verhehlen ſich nicht die geringſte Mühe gab. Ohren⸗ bläſer und das hinterliſtige Geflüſter des Sykophanten hatten ihr unheilbringendes Werk betrieben, ſo daß, als die einander entfremdeten Verwandten nach ſo langem Umherſchweifen zum erſten Male die tiefblauen Küſten ihres Geburtslandes wiederſahen, Sir Octavius ſich in dem möglich ſchlimmſten Gemüthszuſtande in Bezug anf ſeinen Pflegbefohlenen befand. Es war die letzte Nacht des Februars. Tags vor⸗ her hatte das kleine Geſchwader Lands⸗End gemacht, und lag nun hin unter enggerefften Topſegeln bei hefti⸗ gem Nordweſt⸗Sturme. Die Nacht war klar und wol⸗ kenfrei, obwohl mondlos, und die Kälte derſelben ward um ſo bitterlicher von Denen gefühlt, die noch vor Kurzem die Hitze der Tropengegenden paſſirt waren. Um ſieben Glocken der erſten Wache, das heißt, nach der Landkrabben Zeitrechnung, um halb elf Uhr in der Nacht, kam der Commodore, vom Kaplan be⸗ gleitet, auf Deck, und Beide ſtiegen zur Puppe hinan. Seiner Gewohnheit nach beſchauete Sir Ockavius durch Der alte Commodore. 1905 ſein Nachtfernrohr den Horizont, zählte ſein Geſchwa⸗ der und bemerkte genau die Lage eines jeden der Schiffe. Vor Froſt zitternd ſtand der Kaplan neben ihm. Die⸗ ſer Gentleman hatte bei der Sorge für die Seelen Anderer des eigenen Leibes Behaglichkeit nie vergeſſen, und da die Erhaltung des Schiffes und der ſterbliche Inhalt deſſelben nicht ſeiner Obhut anheimgeſtellt war, pflegte er ſich nicht jenen Zwang der Enthaltſamkeit aufzuerlegen, dem der Commodore auf See hinſichtlich des Trinkens ſich jederzeit unterzog. Beide hatten zu⸗ ſammen gegeſſen, wobei der Mann des Krieges ſich während des langen Abends begnügte, ſeinen Rothwein zu ſchlürfen, der Mann des Friedens aber ſeinen Grog ſchluckte. Nicht daß ich behaupten will, Letzterer ſei betrunken geweſen; er war bloß ein wenig ſentimental und mit dem Doppelgeſichte begabt, mit welchem er bisweilen Geſpenſter ſah, oder Vernunftgründe wahr⸗ nahm, wo deren keine wahrzunehmen waren. Nachdem der Commodore ſich gehörig umgeſchaut und ſeinen Wachtofficieren einige Inſtruktionen ertheilt hatte, weil das Schiff vor der Gewalt des Sturmes ſich mächtig leewärts ſeitlegte, klemmte er ſeinen Eiſen⸗ haken in einen Beilegekloben, und blickte hinunter auf das Hinterdeck. Der wachthabende Lieutenant ging an der Wetterſeite hin, wo er vom Bollwerk ein wenig geſchützt ward; leewärts hin aber ſchritt eine hohe, ſchlanke und überaus anmuthige Geſtalt. Sie bewegte ſich langſam, mit abgemeſſenem Tritte, und bei dem makten Sternlichte ſah ihr Autlitz ſehr blaß aus. Dann und wann ſtürzten die wogenden Wellen windwärts her gegen den breiten und übergelehnten Baum des Vier⸗ undſtebenzigers, thürmten ſich, als wollten ſie deſſen Seiten überſchütten, und zerſchellten in Schaum und 108 Der alte Commodorc. Spritzregen, ſo daß leichte, aber kalte Schauer über den Jüngling hinrieſelten, der ihrer jedoch kaum ſo viel ach⸗ tete, daß er die Tropfen von ſich abſchüttelte. Und im⸗ mer hin und her und auf und ab ſchritt er, wie ein Automat, dem Auſchein nach unempfindlich gegen Wind und Welle und Schiffesſchwanken. Dieſer Jüngling war der Midſhipman der Wache Auguſtus Aſtell, und zu gleicher Zeit der Graf von Osmondale, obwohl er ſolches nicht wußte. Während der kurzen Friſt, die er auf See zugebracht hatte, waren ihm zwei Oheime und deren Vater nach einander geſtorben. Als er ſo auf dem troſtloſen und unbehaglichen Ver⸗ deck hin und her ging, waren Seele und Gedanken bei ihm daheim; in eben dieſem Augenblick unterhielt er ſich mit ſeiner Mutter, der er all' die ſüßen und zar⸗ ten Dinge ſagte, von denen ein kindlich liebendes Ge⸗ müth nur erfüllt ſein, und durch die ein Mutterherz erfreut werden kann. Und dennoch, als wäre er ſich dieſes ſeines Abſchweifens von der ſchauerlichen Gegen⸗ wart bewußt, rüttelte er ſich, wie durch eine Anſtren⸗ gung, auf, gelangte alle fünf Minuten bis an's Ende des Hinterdecks, und rief daſelbſt dienſtpflichtig mit lan⸗ ter und melodiſcher, wiewohl melancholiſcher Stimme: »Wohl ausgeſchaut auf dem Lee⸗Gangweg da!« wel⸗ ches dann mit dem Einerlei⸗Singſang:»Ja, ja, Sir!« beantwortet ward; oder es erſcholl auch:»Gut ausge⸗ ſchaut im Leebug!«—»Ja, ja, Sir!«— Fleißig ausge⸗ lugt auf'm Wetterbug!«— Ja, ja, Sir!«— Fein ausge⸗ lugt auf'm Wetter⸗Gangweg!«— Ja, ja, Sir!« Und ſo lief die wohlklingende, jedoch faſt feierliche Anmahnung um das Schiff herum, und klang während dieſer Nacht in den Ohren des Commodore wie Leichengeſang, ſo daß der Alte den Gedanken nicht loanpesben konnte, es ſäͤhe der * Der alte Commodore. 107 hinter ihm auf⸗ und abſchreitende Neffe wie ein ſchat⸗ tenartiges Weſen auf einem Kirchhofe aus; als er aber nun von dieſem empfangenen Eindruck den Kaplan in Kenuntniß ſetzte, ward dieſer davon mit einem heftigen Zähneklappern befallen, und ging dann, da der Com⸗ modore die richtige Saite des abergläubiſchen Geiſtlichen fibriren gemacht hatte, in Erzählung einer Geiſter⸗ geſchichte über, die jedoch, wie alle ſeine Geiſtergeſchich⸗ ten, ein gemeines, alltägliches, plumpköpfiges und blut⸗ gieriges Geſpenſt zum Helden hatte— einen Geiſt, der ſich entſetzliche Mühe um nichts und wieder nichts gab, und ſich mit alltäglichem Kettenraſſeln, Tiſch⸗ und Stuhl⸗Umwerfen und Einſchüchtern kleiner Kinder und alter Weiber beluſtigte. Während nun der Kaplan das neugierige Ohr ſeines Befehlshabers mit einer Geſpenſtergeſchichte eigener Wahnerfindung ſättigt, wollen wir dem Leſer unſere Geiſtergeſchichte erzählen. Leſer, der Mann, welcher Dich jetzt anredet, iſt ein alter, ſehr alter Mann— kurzweg: er iſt ein weißhaa⸗ riger alter Seemann, der mit der Gegenwart beinahe abgeſchloſſen hat, nur noch in der Vergangenheit lebt, und feſt auf das Jenſeit vertraut. Er hat nichts mit dem Heut', oder dem Geſtern, oder den vielen anderen noch früher entſchwundenen Tagen zu ſchaffen. Er ver⸗ gißt beinahe ſchon die Namen der herzlich lieben Freunde, die ihm tagtäglich die Hand ſchütteln, nimmt ganz gra⸗ vitätiſch vor ſeinen Urenkelinnen den Hut ab und ſpricht zu ihnen, es werde ihn glücklich machen, ihre Befehle uz empfangen, und kann nimmer recht zur Erkenntniß kommen, ob Englands Reformbill durchging, durchgeht oder ganz und gar durchgegangen iſt. Bei all' dieſer wundervollen Mangelhaftigkeit des Gedächtniſſes kann 108 Der alte Commodore. er— kann ich jedoch mich deutlich erinnern, wie Lord Howe am Morgen des denkwürdigen erſten Junius aus⸗ ſah, und mir ſchwebt es vollkommen deutlich vor Au⸗ gen, wie viele Diamanten in den Schuhſchnallen Sr. Majeſtät Georgs des Dritten, gottſeligen Anden⸗ kens, befindlich waren, als Er und ſeine Königin nach der Schlacht auf der Höhe von Camperdown an Bord von Lord Duncau's Schiff kamen. Ich zählte die Dia⸗ manten— ja! ich war damals oft mit großen Dingen beſchäftigt, jetzt aber bin ich ſeit manchem langen Tage in's alte Regiſter geſchrieben worden. Seiner Majeſtät Rathgeber hätten beſſer thun können; indeſſen iſt das jetzt von keiner Erheblichkeit mehr, denn ich bin ein ſehr alter Mann. Es war vor ſechzig— nein, vor einundſechzig Jah⸗ ren, denn ich hatte ſo eben mein Lientenants⸗Patent bekommen.— Wir trugen damals keine Epauletten, uͤberhaupt kein Gold au unſerer Perſon, außer wenn wir einen Wechſel einkaſſirt oder ein ſpaniſches Königs⸗ ſchatzſchiff ſeiner Dublonen entlaſtet hatten; dennoch war ich auf meine weißen Schnüre eben ſo ſtolz, als irgend ein Lieutenant heutiger Zeit es auf ſeine Gold⸗ klunkern auf der Schulter nur ſein kann. Unſere Fre⸗ gatte hatte zu Engliſchhafen auf Antigua kalfatert— ein trübſelig heißes Loch jener Eugliſchhafen, wo man den Tag über aus nahem Salzſumpfe her umqualmt, und allnächtlich von des Windes kalten Fingern ge⸗ kühlt wird, die mit dem Betaſten der Auszehrung Ei⸗ nem über den Leib fahren. So kam denn das gelbe Ungethüm zu uns an Bord, und ſpielte ſeine ſataniſchen Ränke. Wir hurtig Anker auf, und legten uns weiter hin auf die offenere Rhede von Saint John; die armen Geſellen aber, an deuen die Seuche berumkrabbelte, Der alte Commodore. 109 konnten dieſelbe nicht abſchütteln, und wenn auch auf der Rhede juſt keine mehr erkrankten, ſo ſtarben doch alle Erkrankte. In der dritten Nacht, nachdem wir unſern luftigeren Ankerplatz erreicht hatten, war von Allen, die die Seuche ergriffen— die, wie Ihr mir's glauben könnt, lieben Leutchen, gar hurtig zu Werke geht— nur noch Einer am Leben— ein lieber Junge, ein ſüßer kleiner Che⸗ rub, an zwölf Jahre alt— ein Jdol, ein Herzblätt⸗ chen! Sorglich hatten ſie ihm die Hängmatte am kühlſten Orte in der Kapitänskajüte aufgeſchlungen, und der Schiffsarzt glaubte zu Zeiten, und glaubte dann wieder nicht, es würde der liebe ſüße Burſch geneſen. Bisher hatte dieſer all' ſein Weh wie ein kleiner Held oder wie ein Märtyrer der Wahrheit ertragen; in jener dritten Nacht aber ward er unruhig, und ſeufzte und ächzte nach ſeiner Mutter und ſeinem Schweſterchen— armer Junge!— Na! wir wollen nicht weiter davon reden. Nun ſtammte er aus einem ſtattlichen Hauſe, und ſeine Muttber war eine vornehme Lady, und als der ſterbende Knabe nach ihr und ſeinem Schweſterchen winſelte, ſchlief die Mutter in England in ihrem Bal⸗ dachinbette, und hörte ihn nicht. Sein unſchuldiges Schweſterlein aber hörte ihn.— Woher ich das weiß? Das ſollſt Du bald erfahren, lieber Leſer. Es war noch nicht Mitternacht, wiewohl nicht weit davon, als ich vom Hinterdeck herab gewahrte, wie über die ſtille Waſſerfläche raſchen Schrittes eine edle, matronenartige Geſtalt im Nachtkleide herüberſchritt, und, wie es ſchien, ohne um irgend einen Gegenſtand ſich zu kümmern, geradenweges durch die Kajütenfenſter ſchlüpfte; und dann hörte ich von der Stelle aus, auf Der alte Commodore. der ich ſtand, ganz deutlich ein Freudengekicher und einen matten Ausruf:»Dank! Dank!« und ein Todes⸗ röcheln— Alles durch einander. Ich wußte nun, daß der Knabe todt war, und daß er nicht eher hatte ſter⸗ ben können, als bis ſeine Mutter kommen war, um ihn zu ſegnen. Als ich und der Dobtor darauf in die Kajüte gingen, war der Knabe todt— auf ſeinem Antlitze ſchwebte ein Lächeln, und ſeine Arme lagen ſo ausgeſtreckt, als hätte er kurz zuvor irgend Jemand umfaßt gehalten. Ich ſprach damals kein Wort; allein nächſten Tages in der Frühe beim erſten Sonnenlichte— denn von dergleichen Dingen ſpricht ſich's am beſten bei'm Son⸗ nenſchein— ſagte ich zum Schiffsarzte:»Frank,«— und ich ſtockte ein wenig—» Frank, ſahen Sie nicht etwas— etwas ganz Beſonderes über'n Stern weg in vergangener Nacht, kurz vorher, ehe der hochachtbare Mr. Mowbray ſtarb?«. „»Nein,« antwortete er—»ſahen Sie etwas?« Ich aber fertigte ihn mit einer nichtsſagenden Aus⸗ flucht ab, und ſchwieg ganz und gar über die Geiſter⸗ geſchichte. Wir langten zu gehöriger Zeit wieder in England an; Keiner von uns aber mochte weder ſchrei⸗ ben, noch in Perſon die lieben Aeltern von dem Ver⸗ luſt in Kenntniß ſetzen, den ſie vor ſechs Monden er⸗ litten hatten. So gab ich denn den Volontär ab, der das traurige Amt verwalten wollte. Die Leute fällten ein hartes Urtheil über mich, denn ſie mißverſtanden meinen Beweggrund; ſie wähnten, ich wollte mich gern in eine edle Familie einſchwärzen, oder ſagten mir an⸗ dere unehrenwerthe Dinge nach; ich aber wollte bloß in Erfahrung bringen, ob die Frau Gräfin wüßte, wie ihre Seele von ihrem Körver abweſend geweſen war: Der alte Commodore. 111 Ich zeigte mich damals als ein ſchmucker junger Menſch mit vielem einnehmenden Weſen und ainer ſanf⸗ ten, wohlklingenden Stimme; verſtand mich auch dar⸗ auf, ein Dämchen bei der Hand zu halten und ihr das Herzchen herauszuhaspeln, ohne daß ſie oder ich dabei an Liebe gedacht hätte. So ließ ich mich denn mit ei⸗ nem Empfehlungsſchreiben vom Kapitän von Chatham nach London rollen, um einer zärtlich liebenden Mutter zu melden, daß ihr liebſter Sohn geſtorben war. Nicht daß ich die edle Matrone durch langſam ge⸗ ſteigerte Angſt bis zu dem verhängnißvollen Klimar hinan gemartert hätte— o nein! in wenigen bebend ausgeſprochenen Worten ſagt' ich ihr das Schlimmſte, und ſetzte mich dann neben ſie und weinte mit ihr. Mein unverſtellter Schmerz erregte ſelbſt inmitten des ihrigen ihre Aufmerkſamkeit— ſie drückte mir die Hand und verließ das Zimmer. Bald nachher trat ihr Ge⸗ mahl zu mir ein, zeigte ſein Herzleid, wie ein Mann es zeigen ſoll, und bat mich, einige Tage bei ihnen zu⸗ zubringen. Das war's juſt, was ich wollte. So fein⸗ ſinnig, als ich es vermochte, leitete ich natürlich das Geſpräch auf den mir am meiſten am Herzen liegenden Gegenſtand, indem ich dem lieben hingeſchiedenen Knaben das wohl von ihm verdiente Lob ſpendete, und entdeckte bald, daß der Mutter nichts von dem Glücke kund war, das ſie ihrem ſterbenden Söhnchen bereitet hatte. Be⸗ vor ſie mich erblickt hatte, war ihr nicht die leiſeſte Ahnung von dem Tode deſſelben gekommen. Gegen alle Etikette blieb ich eine ganze Woche lang bei dieſer edeln Familie, ward jedoch endlich durch ei⸗ nen Brief von meinem Kapitän zu meiner Pflicht zu⸗ rückgerufen. Ich hatte einen freundlichen, ja freund⸗ ſchaftlichen Abſchied von meinem edeln Wirth und deſſen 112 Der alte Commodore Gattin genommen, und zögerte noch auf der Schwelle des Beſuchzimmers, als mir einfiel, um Erlaubniß zu bitten, hinauf in die Kinderſtube gehen zu dürfen, um der kleinen hübſchen Tochter des Hauſes ein Abſchieds⸗ küßchen zu geben; denn ich begann zu denken, meine erhitzte Einbildungskraft habe meine Augen zu Narren gehalten, als ſie dieſelben überredete, daß ſie einen Geiſt auf den Waſſern ſähen, als der arme kleine Junge in Todesnöthen lag. Des Ferneren bedachte ich mich, daß ich keine deutliche Erinnerung an die Geſichtszüge der vorübergleitenden Viſion hatte, obſchon mir dieſelben im Allgemeinen als bleich, aber ſchön vorſchwebte. Nun waren die Züge der Mrs. Mowbray ſchön, nicht aber bleich, und ſofern es das Antlitz betraf, fand ich keine Uebereinſtimmung in den Mienen der Gräfin und denen der Erſcheinung, die mich in jenem Aungenblick ſo be⸗ troffen gemacht hatte, und mich in einſamen Stunden ſo oft zum Nachſinnen vermochte. Auf meine Bitte, die kleine Adelaide zu ſehen, ſollte dieſe herunter beſchieden werden; da ich aber wünſchte, ſie inmitten ihres kleinen Haushaltes in der Kinder⸗ ſtube zu erblicken und ein wenig mit ihr zu plaudern, ward ich treppan gewieſen. Adelaidchen war ein hübſches und geiſtreiches klei⸗ nes Geſchöpf, von heiterer Gemüthsart, obwohl ſie zu Zeiten einen Auflug von Tiefſinn blicken ließ. Ich hatte ſte einige Male Abends, wenn ſie den Aeltern gute Nacht wünſchte, auf ein paar Minuten geſehen, bei welchen Gelegenheiten ſie ſich gern zu mir heran geſchoben und diejenige plötzliche Anhänglichkeit gezeigt hatte, die man oft an Kindern von lebhafter Empfäng⸗ lichkeit wahrnimmt. Ihre Aeltern hatten dieß nicht bemerkt, weil ſie entweder zu ſehr mit ihrem Püiten 6 Der alte Commodore. 113 Verluſte beſchaͤftigt waren, oder nicht ganz beſonders auf das Thun ihrer jüngſten Kleinen achteten, da ſie der blüßenden Söhne und Töchter mehrere zählten. Ich nahm das Kind auf meinen Schooß. Sie trat, glaub' ich, damals in ihr ſiebentes Jahr, und war über⸗ ſchwenglich reich an natürlicher Lieblichkeit. »Liebe Adelaide,« ſagte ich,»ich bin gekommen, Dir meinen Abſchiedskuß zu bringen; ich reiſe weg.⸗ »Ach! das thut mir leid. Gute Leute kommen und haben mich lieb, und gehen dann gleich wieder weg; garſtige Leute bleiben. ⸗ »Es freut mich, daß Du mich lieb haſt, Kleine; aber wie kommt's, daß Du mich ſo gern ſiehſt, da ich Dir beinahe ein Fremder bin.« »O doch, doch! Sie waren ſo freundlich gegen Bruder John.« »Woher weißt Du das, kleine Fee?« »Hab's geſehen, hab's geſehen, und am meiſten in der Nacht, als ich Mama nicht aufwecken konnte.⸗ Dieſes unſchuldige Bekenntniß machte mich ſeltſam zit⸗ tern, und an meine Stirn hängten ſich Schweißtropfen. »O erzähl' mir, liebes Kind, erzähl' mir Alles von jener Nacht,« ſagte ich. »Ja, wenn ich darf—« »Freilich darfſt Du. Wie fragſt Du auch erſt, ob Du darfſt.« „Weil ich's der Gouvernante Miß Broadling auch hab' erzählen wollen; die aber ſagte, ich ſollte ſchwei⸗ gen, und es wär' ein dummer Traum geweſen, und ich müßte nicht ſelber mich erſchrecken wollen, ſondern müßte ſuchen, es zu vergeſſen; nun aber kann ich's nicht vergeſſen, und weiß gewiß, daß es kein Traum war.« »Wie gern hört' ich doch den Traum erzählen!« Der alte Commodore. JU. q,₰,8 Der alte Commodore. »Ja? Ich möcht' ihn Ihnen auch gern erzählen, aber nur Ihnen, Sir; denn ich ſah Sie in jener 114 Nacht, und kannte Sie gleich wieder, als Sie Papa und Mama zu beſuchen kamen.⸗ „Ei, das iſt ja wunderſam Geſchwind den Traum!⸗ »Ja, aber es war nicht Ein Traum— es waren zwei, drei, vier Träume— und es pflegte ſo zu ſein: Wenn ich zu Bette ging, mocht' ich nicht ſchlafen, und doch macht' ich meine Augen zu; und da Mama mir immer ſagte, ich ſollte, ehe ich meine Augen zumachte, beten: Wach' über mir, mein Gott, derweil ich ſchlafe!“ ſo that ich das immer nach Verleſen des Abendgebetes in unſerer Kammer. Nun, hatte ich dann meine Au⸗ gen zugemach t und gebetet: Wach' über mir, mein Gott, derweil ich ſchlafe, ſo war mir's immer, als ob Bett und Kammer ſich rund herum dreheten, und dann pflegte Bruder John's Stimme ganz leiſe, leiſe zu mir zu ſa⸗ gen: Laidchen, Laidchen, komm her zu mir!“ und dann macht' ich meine Augen auf, und ſah ihn an einem mir ganz fremden Orte und viele gute Leute um ihn herum; und Sie waren auch dabei, und Bruder John ſah ſo krank aus, und fragte immer nach Mama, und dann dankte er mir, daß ich ſo weit hergekommen wäre, ihn zu beſuchen; und doch ſchien er zu wiſſen, daß ich dicht bei Mama im Bett hier im Hauſe lag, denn er bat mich immer, Mama zu wecken, und ſte zu ihm kommen zu laſſen. Ich verſuchte nun, ſie zu wecken, und rief ſie laut, aber ich konnte doch nicht laut genug ru⸗ fen; ich wollt' auch Mama ſchütteln, aber es Ving nicht; und dann weint' ich, weil es nicht ging, und ich glaubte, mir wollte das Herz brechen, weil ich Mama nicht zu Bruder John kommen laſſen konnte, der ſo weit weg und ſo todtkrank war—« * Der alte Commodore. 115 „Aber, mein liebes Kind, das Alles war ja nichts weiter, als was die Leute den Alp nennen.“ »So ſagte Miß Broadling auch, als ich ihr mei⸗ nen erſten Traum erzählte, und drum erzählte ich ihr auch die anderen nicht, weil ſie mich ſchalt; ſondern ſchwieg, wie Miß mir befohlen hatte. Die Alpe müſ⸗ ſen doch kurioſe Dinger ſein, daß ſie Einen wirkliche Leute ſo ganz weit weg können ſehen laſſen; aber recht abſcheulich ſind ſie gewiß auch.« »Das ſind ſie, liebe Kleine. Aber laß mich auch das Uebrige über die anderen drei Alpe hören.« »O, ſie waren beinahe alle wie der erſte, nur nicht der letzte. Bruder John aber ward immer verdrieß⸗ licher, weil ich Mama nicht wecken und zu ihm kom⸗ men laſſen konnte; und doch ſah der arme Bruder, wie ich mir alle Mühe dazu gab. Er ſah aber von Stunde zu Stunde immer ſchlimmer aus, und mich dünkte, er ſagte: Mama— aber Sie müſſen nichts wiederſagen, lieber Sir—« »Nichts, nichts, nichts!⸗ „— John ſagte: Mama könnte nicht kommen, weil ſie vor Schlafengehen ihre Seele nicht mit Gott ver⸗ ſöhnt, weil ſie nicht recht gebetet hätte. Das waren ſeine eigenen Worte. O, wie leid that mir's, und wie fürchtete ich mich, zu Bette zu gehen!« „Mein liebes, ſüßes Kind 1⸗ rief ich— und habe ſeit jenem Tage an keinem Abend mein Nachtgebet ver⸗ ſäumt. „»Na,« fuhr die kleine Geiſterſeherin fort,»was meinen Sie, was ich am Abend vor dem letzten Alp that? Ja, all' mein vieles Hingehen zu Bruder John ſchien mich ganz groß und klug zu machen, und ich be⸗ kam ſo ſchlaue Dinge in den Kopf, wie ich ſie ſonſt nie 8* 116 Der alte Commodore. bekommen hätte. So, als ich nun neben meinem Bette hinkniete und Miß Broadling, wie immer, laut den Abendſegen las, betete ich gar nicht nach, ſondern er⸗ zählte mir eine ſchnurrige Geſchichte vor, und murmelte dabei ſo, daß Miß Broadling meinte, ich hätte ſchön nachgebetet, und da lobte ſie mich dafür und küßte mich und legte mich dann in's Bett, nachdem ſie ihre Brille abgenommen hatte, denn ſie ſieht nicht gut und iſt auch taub auf dem einen Ohre—« „So ſahſt Du alſo wohl in jener Nacht den lieben Bruder John nicht?« fragte ich. „O doch, doch, und Mama ging auch zu Bruder John hin.« Ein Schauer des Aberglaubens durchrieſelte meinen ganzen Körper. 3 »Ich wollte noch gar nicht einſchlafen, Sir, und darum hatt' ich den Abendſegen ja nicht nachgebetet, und wollte gar nicht meine Augen zumachen, und dar⸗ um betete ich auch gar nicht: Wach' über mir, mein Gott, derweil ich ſchlafe!“ und ol es währte ſo lange, ehe Mama zu Bett kam, und ich war bange, Bruder John würde eher ſterben, als Mama käme. Endlich kam Mama; o! wie freut' ich mich! Da wartete ich ſtill, bis Mama al' ihre Nachtkleider angelegt hatte, und dann ſagt' ich:„Mama, ich bin recht unartig ge⸗ weſen, und habe gar nicht den Abendſegen nachgebetet heute! Da ſchalt Mama mich erſt ein wenig, es ging 3 aber bald über, und als ſie in's Bett ſteigen wollte, ſagt ich:„Liebe Mama, ich kann gar nicht einſchlafen, wenn ich nicht erſt meinen Abendſegen nachgebetet habe; ſei ſo gut und lies ihn mir vor, das Buch liegt auf dem Tiſche da! Und ich ſprang aus dem Bett und holte ihr das Buch, und Mama nahm mich in ihren Der alte Commodore. 117 Arm und küßte mich ſo viel, ſo viel, und ſagte, ich wär' ein liebes ſchnurriges Ding, und hätte ſie, ich weiß nicht was, an Verſäumtes erinnert. Und da knie⸗ ten wir Beide hin, und Mama las den Abendſegen, aber ganz anders als Miß, und ſo langſam und ſchön, daß mir die Thräuen dabei über die Backen liefen, und ich betete Wort für Wort das Vaterunſer nach, und das Gebet kam mir weit, weit ſchöner vor, als ſonſt. Daranf legten wir uns in's Bett, und Mama war wohl traurig, denn ſie weinte laut, und ich weinte auch, und ſagte zu ihr: Mama, ich glaube, wir werden recht gut ſchlafen, wenn wir Beide unſer letztes kleines Ge⸗ bet erſt ſprechen! und ſie küßte mich und wir beteten Beide nun zugleich, als ob wir nur Einen Mund alle Beide gehabt hätten: Wach' über mir, mein Gott⸗ derweil ich ſchlafe!“ und flugs war Mama eingeſchla⸗ fen, und nicht lange währte es, ſo brachte der Alp mich wieder zum Träumen.« „Du kleiner Engel!« ſagte ich und küßte die Kleine, wobei mir die Thränen in den Augen ſtanden—»und dann—« »Dann war ich wieder an dem fremden Orte, und armer Bruder John war noch viel, viel ſchlimmer; aber er freute ſich ſo, mich zu ſehen, und ſagte mir, Gott würde mich immer, immer lieb haben, und er hätte mich auch lieb, obſchon er mich niemals wieder⸗ ſehen würde; und er wollte über mir wachen ſo lange ich lebte, und ich ſollte eine recht, recht glückliche Frau werden.„Nun leb' wohl, lieb Laidchen,“ ſagte Bruder John, bis wir uns dereinſt wiederſehen, und dann weck' mir auch Mama. Und obſchon ich ſo viele, viele Mei⸗ leu weit weg war, lag ich doch in Mama ihren Armen. So küßt' ich ihr denn erſt die Thränen weg, die ihr 118 Der alte Commodore. noch auf der Backe hingen, und ſagte dann ganz leiſe zu ihr: Mama, ſteh' auf! Bruder John iſt todtkrank und will Dich noch einmal, nur noch einmal küſſen!“ — und da ſtand Mama auf und ging gerade durch die Wand weg, und da war mein Alp auch weg, denn ich ſchlief feſt ein. Daß Bruder John aber wirklich ge⸗ ſtorben war, erfuhr ich nicht eher, Sir, als bis Sie kamen und es uns erzählten.⸗ „» Und ging Mama denn wirklich aus dem Bette?⸗ fragte ich. »Ich weiß es nicht— auch hat ſie nicht, ſo wie ich, den Alp gehabt, denn als ich ſie am andern Mor⸗ gen fragte: Mama, biſt Du heut' Nacht aufgeſtanden geweſen?“ ſagte ſie: Nein, mein Liebchen, ich habe ſeit langer Zeit nicht ſo ſanft geſchlafen, als in dieſer Nacht, und das dank' ich Dir, lieb Laidchen;“ und weiter fragt' ich: Hat Dir denn nichts geträumt, Mama?“ und ſie ſagte Nein,“ doch hätte ſie die ganze Nacht hindurch ein Bewußtſein himmliſchen Lebens gehabt— ich glaube, dieß waren ihre Worte, die ich freilich nicht recht verſtehe.⸗ Als die Kleine ihre wunderſame Erzählung vollen⸗ det hatte, zog ich ſie dicht an meine Bruſt, erklärte ihr, wie ſeltſam und phantaſtiſch die Träume manchmal ſind, und daß die Nichtigkeit ihres Alps ſich deutlich daraus ergäbe, daß ihre Mutter nichts von dem Allen wußte, was mit ihnen Beiden vorgegangen ſein ſollte. Ich lobte die Vorſicht der Gouvernante, indem ich der Kleinen ſagte, nie wieder mit der Miß von ihren Alp⸗ träumen zu ſprechen, und dieſe, ſobald ſie es irgend könnte, zu vergeſſen. Hierauf nahm ich herzlichen Ab⸗ ſchied von dem Kinde, voll des Gedankens von der Wahrheit in der Bemerkung Hamlet's: ——— Der alte Commodore. 119 „»Mehr Ding' im Himmel und auf Erden giebt es, Als Eure Weltweisheit ſich's träumt, Horaz;« und voll von der Ueberzeugung, daß ich wirklich den Geiſt eines lebenden Weſens geſehen hatte, in welcher Ueberzeugung ich bisher gelebt habe, und in welcher Ueberzengung ich ſterben werde. 3 Der ſeltſamſte Theil dieſer geheimnißvollen Bege⸗ benheit aber war wohl der, daß, als ich Miß Ade⸗ laide Mowbray in ihrem vierzehnten Lebensjahre wie⸗ derſah, ſie ſich meiner zwar und ihres Bruders eben⸗ falls ein wenig erinnerte, daß ſie jedoch unſer frü⸗ heres Geſpräch in der Kinderſtube, ſo wie Alles betreffs ihrer Alpträume, vergeſſen hatte. Das Verſprechen aber, das von ihrem ſterbenden Bruder ihr gegeben wor⸗ den war, erfüllte ſich an ihr bis auf den letzten Buch⸗ ſtaben. Ich habe ſeit einigen Jahren Adelaide Mow⸗ bray überlebt— du mein Himmel! wen habe ich nicht überlebt?— und ſie war wirklich eine Reichgeſegnete unter den Frauen; reich geſegnet in jeder Lebensbezie⸗ hung, ſo als Gattin und Mutter, wie als Freundin, ſtets beglückt, von ununterbrochen guter Geſundheit, und ihr Sterben war ſo ſanft und heiter, daß es wohl ein Hinüberſchweben in die Glorie der Herrlichkeit hat ge⸗ nannt werden mögen. Und das wäre denn meine Geiſtergeſchichte— die Geiſtergeſchichte des alten, zum Autor gewordenen See⸗ mannes. Sie mag leichtfertig, einfältig, kindiſch— mag als eine Entwickelung übernatürlicher Mittel zu keinem wirklichen Zwecke erſcheinen, dennoch weiß ich weiter nichts über dieſelbe zu ſagen, als daß ſie wahr iſt; und daß, wie albern ſie Dieſen oder Jenen bedün⸗ ken möge, durch ſte doch mittelſt wundervoller Herzens⸗ 120 Der alte Commodore. güte das ewige Heil dreier Seelen bewirkt worden ſein dürfte. Möge der Leſer ſich vorſtellen, daß, waͤhrend ich ihm meine Geiſtergeſchichte erzählte, der Kaplan ſich ſelber in die entſetzlichſte Furcht jagte, während er dem Commodore ſein Geſpenſtermährchen erzählte. Schrieb ich hier bloße Erdichtungen nieder, ſo hätte ich leicht meine Erzählung in den Mund des Geiſtlichen legen und ſo die Einheit meiner Geſchichte bewahren können; da der Kaplan jedoch allzu ſehr der Mehrzahl unſerer Bekannten glich, von deren Reden aus eigenen Mitteln nur diejenigen annehmbar ſind, durch welche ſie ihre Abſicht andenten, ſich bei uns zu verabſchieden, ſo würde es eben ſo widerſinnig geweſen ſein, von ihm meine Ge⸗ ſchichte erzählen zu laſſen, als wenn man zu dem Grun⸗ zen eines Schweines, das die Kolik hat, eine italieniſche Muſikbegleitung ſetzen wollte. Bei alldem ſchienen des Kaplans Bemühungen dem Commodore ſo wohl zu behagen, und das Schauerliche und Uebernatürliche ſtimmte mit deſſen Innerem zur Stunde ſo wohl überein, daß er etwas that, was er ſelten zu thun pflegte— er entladete ſich nämlich der Gedanken, die ſeine Seele bedrückt hielten, in einer vertrauensvollen Rede an ſeinen Geſellſchafter, der all⸗ minutlich vor Entſetzen zuſammenſchauderte, als die rauhen Töne, in denen Sir Octavius ſprach, und die Schauerklänge, die von der Oberfläche der erzürnten Waſſer herauf dem Kaplan in ſolchem Gemiſche zu Oh⸗ ren drangen, daß er nichts anders glaubte, als es ſprächen mehrere Stimmen zu gleicher Zeit zu ihm. »Will Ihnen ſagen, was's iſt, Maſter Schwarz⸗ rock,“ ließ ſich der Commodore vernehmen,»aber halt“ Dich feſt, Kerl, ſonſt wirſt Du leewärts weggeſpült, ——— Der alte Commodore. wie'n verſchüttetes Glas Grog. Will ſagen, was es iſ, aber legen Sie ſich's an's Herz als'n Geheimniß. Sehen Sie, hier horcht Niemand, wenn Lauſcher hier anders horchen und hören könnten in dieſem vermale⸗ deiten, verwetterten aller Stürme—« „Fluchen Sie nicht, Sir Octavius, ich bitte Sie, fluchen Sie nicht, nur jetzt nicht! Keiner mag hier horchen, aber Viele mögen wohl hier reden, denn ſo wahr ich lebe, ich habe vernommen, wie'n Halbdutzend Stimmen, als Sie fluchten, Ihnen auf Steuerborddeck nachäfften. Gehen wir hinunter und plandern wir in der Kajüte weiter.« » Unſinn! Wiſchiwaſchi! Feſtgehalten, und wir ſte⸗ hen hier ganz gut. Ausgelugt! da kommt'ne See, die die Rippen des alten Schiffes tüchtig genug rüt⸗ telt!« Und gewiß genug kam die See, und das Schiff bäumte ſich dagegen, als wollt's ſteueruͤber ſtürzen, und trotz ſeiner Geiſtlichkeit war in demſelben Momente der Kaplan hinüber in die Lee⸗Speigate gebündelt, wäh⸗ rend der Commodore ſich mit ſeiner eiſernen Kralle wie eine Fledermaus angeklammert hatte, der See⸗ ſchweppe und den Lee⸗Lauerwinkeln Trotz bot.„He!l« fuhr er, ohne ſich zu unterbrechen, zu reden fort:»Zwei Mann von der Hinterwache her! den Kaplan aufge⸗ ſammelt und ihn windwärts herübergelangt!« Als der gequetſchte und zum Tod erſchreckte Kaplan wieder ſeitlängs ſeinem Commandirenden bugſirt war, fragte Letzterer nicht erſt, ob Jener einen Puff weggekriegt hätte, ſondern ſchrie ihm zu:»Warum hielten Sie ſich nicht feſt? Na, Sie haben's ſo gewollt, und wohl⸗ bekomm's Ihnen. Wir können hier ſo gut als in der Kajüte miteinander ſchwatzen; und überdieß will ich Der alte Commodore. . ſehen, wie das alte Schiff ſich behabt— es arbeitet tüchtig? He?« 5 „O fürchterlich! fürchterlich!« „Was fürchterlich? Ich ſehe nichts Fürchterliches in der Sache. Alles iſt ordentlich, und natürlich und ſeemäßig und ſchiffsmanierlich. Vielleicht meinen Sie, es würde weniger arbeiten, wenn ich'n Hauptverſuch⸗ ſegel anſetzte? Nichts davon! Ich mag wohl ſagen, der alte Rumpf zieht tüchtig Waſſer, aber da die Pumpen wohl bemannt ſind, können wir ihn ſchon flott halten.⸗ „»Schlimmer und immer ſchlimmer! Sie ſollen wiſ⸗ ſen, daß durch das entſetzliche Gebraus der fürchterli⸗ chen Welle, die mich niederwarf, ich deutlich eine Men⸗ ſchenſtimme, wie aus dem Schooße des Meeres herauf, kreiſchen hörte; und als ich drüben auf der anderen Seite hingekollert lag, ſah ich rings um mich herum glührothe Sterne tanzen.⸗ „Papperlapap! Heult die Seebrandung, ſo läßt ſie zu Zeiten ſeltſame Töne vernehmen, und die geſehenen Sterne ſind nur Verkündigung, daß Sie morgen früh ein paar dickaufgelaufene Augen haben werden. Was aber die Geſpenſter betrifft, von denen Sie vorhin ge⸗ ſalbadert haben, mag ich in der Kajüte nichts hören. Ich kann nimmer meine Augen«—(er ſagte niemals „mein Auge“, obwohl er nur Ein Auge hatte)—»von dem Burſchen dort abwenden«— und er zeigte auf ſeinen Neffen, der trotz Sturmesgeheul noch immer ſeinen feier⸗ lichen Marſch fortſetzte—»er ſieht mir bei Allem, was auf der Welt iſt, ganz und gar wie'n Geſpenſt aus. Um Gott wollt' ich, ich hätt' ihn nie mit auf See ge⸗ nommen; am Ende wird aus ihm noch mein Schickſal und mein Fluch. Was nun die Geiſter anlangt, Ma⸗ ſter Schwarzrock, ſo will ich weder ſagen, daß es deren 1 Der alte Commodore. 123 giebt, noch daß es deren nicht giebt, denn ich habe de⸗ ren noch keinen geſehen, obwohl ich Manchen geſehen habe, der deren ſah; doch, ſo wahr Schiffe nach der Kompaßnadel ſteuern! überkommt dem Jungen etwas Schlimmes, ſo wird mich ein Geiſt, und noch dazu ein entſetzlicher Geiſt verfolgen. Dichter heran zu mir, Sir, und ſtehen Sie nicht da und wackeln, wie ein Klümpchen Gallert in der Hand'ner jungen Dirne, ſondern hören Sie zu. Ich riß jenen Burſchen faſt mit Gewalt aus den Armen ſeiner Mutter, und als wir ſchieden, warf ſie ſich vor mir auf ihre Kniee und rief höchſt feierlich: Stoßt meinem Sohne und Deinem Neffen ein Unglück zu, ſo nehme ich den lebendigen Gott, den Gott des Vaterloſen und der Wittib zu Zeugen, daß ich es vor Deine Thür legen will, und Vorwurf ſoll ſein in Deinem Ohr und Deiner Seele für immer, ſelbſt wenn Du nicht Schuld daran warſt, denn haſt Du nicht ſtarrköpfig ſelbſt dieſe ſchwere Ver⸗ antwortlichkeit über Dein Haupt gebracht?« Und als ſie ſo ſprach, ſah ſie aus wie ein Engel, mit den Augen einer Löwin. Geht durch Dich er mir verloren, ſo will ich lebend Dich mit meinen Flüchen durch die Welt jagen, und wenn ich geſtorben bin, ſoll mein Geiſt Dich zum Raſendmachen verfolgen. Das Grab ſoll mich nicht zurückhalten; dem Throne der Barmherzig⸗ keit werd' ich entweichen, um Dich zu foltern. Der unbezwingliche Wille iſt gleich der Seele— beide ſter⸗ ben nie! Wenn ich wieder vor Dir ſtehe und zu Dir ſpreche: Gieb mir meinen Sohn, und Du kannſt ſolches nicht, ſo wird Deine Schweſter Dir fluchen; Weh und Elend ſollen Dich zermalmen, Dein graues Haar ſoll zu Schanden werden vor der Menge, und ſelbſt der Niedrigſtgeborne ſoll Dich verwerfen!“« 124 Der alte Eancspote „»Das iſt ſchrecklich! Nicht um der Welt Güter willen wollt' ich Hand an jenen Jüngling gelegt haben..“. »Ich war ein Narr, ein hartköpfiger Narr, und bereue es bitterlich. Nach wenigen Wochen vermag ich ihn heimzuſenden, jedoch Gott weiß, was bis dahin noch ſich zutragen kann. Ich habe mein Möglichſtes an ihm gethan; Jeder auf'm Schiff muß mir's bezeu⸗ gen. Er iſt auf dem Unterdeck an die Hinterkanonen ſtationirt, wo die Rippe am ſtärkſten iſt, wohin im Treffen das Geſchüß am ſeltenſten wirkt; dennoch denkt und thut der Junge, als ob ich ihn nicht lieb haͤtte. 4 Soll Einer von uns Beiden fallen, o! ſo möcht' ich’s ſein! Aber horch!— es iſt Mitternacht— ſie ziehen acht Glocken an!« Der Zimmermann kam und rapportite ſieben Fuß Waſſer im Pumpenborn. Die Backbordwache ward auf⸗ gerufen und die Steuerbordwache auf Deck behalten, der Ablöswache an den Kettenpumpen beizuſtehen, die während des Sturmes angeſchirrt worden waren, und Alles arbeitete, Trupp um Trupp. Es iſt ein ſchauerlich Getös in dunkler Nacht dieß unharmoniſche Klipp und Klapp der Kettenpumpen, das von keinem Sturm überheult werden kann; es über⸗ tönt das Brauſen des Meeres; und der Gedanke, daß 4 der Feind ſich verſtohlen in die Citadelle ſchleicht, hat etwas Fürchterliches. So ward dem Commodore noch eine Grauſensbegleitung zu ſeiner Rede, die er fortwäh⸗ rend an den erſchreckten und zagenden Geiſtlichen ge⸗ richtet hielt, und die er nur dadurch unterbrach, daß er von Zeit zu Zeit die verſchiedenen Rapporte an⸗ nahm, die ihm über den Zuſtand des Schiffes und über die Lage derjenigen Fahrzeuge des Geſchwaders über⸗ bracht wurden, die noch in Sicht waren. Immer noch zeigen; wie übel ſtolzer Trotz auf junger Stirn ſich Der alte Commodore. hartnäckig an dem Beilegekloben angepinnk, ſprach der Alte zu dem Kaplan:»So alſo, Sir, muß ich des fe⸗ ſten Glaubens leben, daß, wenn dieſer junge Burſch ſterben ſollte, der Friede meines Lebens für immer da⸗ hin ſein würde— ſeine Mutter würde lebendig mir ſchrecklich— im Tode vollends enkſetzlich ſein; und ver⸗ mag irgend ein Weib die Ketten und Banden des Grabes zu ſprengen, ſo iſt's ſicherlich meine Schweſter Agnes. Drum verſtehen Sie mich, Kaplan— da ich fürder nicht mehr über die Sache zu reden Willens bin. Sollte dem Knaben etwas zuſtoßen, und Sie ſollten mich ein paar Nächte darauf in meinem Bette mauſetodt und mit ſonderlich verzerrtem Geſichte finden, ſo können Sie wiſſen, daß ſie bei mir war, und dann vor der Welt die Sache begütigen.« „»Um des Erbarmens willen, Sir Octavius, hören Sie auf— laſſen Sie mich fort, ich halt's nicht län⸗ ger aus.« „»Nichts da! hiergeblieben, Mann! Bald ſchlägt's Ein Glocken, dann wird Mr. Aſtell abgelöſet. Größ⸗ tentheils ſeinetwegen hab' ich Sie hier zurückbehalten. Sobald Sie ſehen, daß der nächſte Midſhipman ihn ablöſet, gehen Sie zu ihm, nehmen Sie ihn in Ihre Kajüte und reichen ihm irgend eine Erquickung, denn der arme Junge muß bis auf die Knochen durchnäßt ſein, und ich weiß, daß Sie einen guten Biſſen im Hinterhalt haben, den er eſſen möchte. Dabei übereilen Sie ihn aber nicht, ſondern geben ihm beiher einen be⸗ dächtigen, ermahnenden Pudding zu ſchlucken— ver⸗ ſtanden, gelehrter Herr? Sagen Sie ihm freundlich und in allgemeinen Ausdrücken, wie dankbar es in ei⸗ nem Jüngling iſt, den Betagten untergeben ſich zu 126 Der alte Commodore. ausnimmt. Sagen Sie ihm— verſtanden?“(dieß war ein Lieblingsausdruck des Commodore)—»ſagen Sie ihm, daß jederzeit, wenn der Sünder, und Sünder ſind wir Alle, die Sonne über ſeinen Zorn untergehen läßt, ſeine Rechtfertigung am Tage des jüngſten Gerichtes nur um ſo mehr erſchwert wird. Sagen Sie ihm, daß, wenn ſehr junge Perſonen das Thun ihrer Vorgeſetzten bekritteln, ſie dabei bedenken ſollten, wie anſcheinendes Unrecht, pure, bare Gerechtigkeit ſein könne— verſtan⸗ den? Aber nicht nennen Sie dabei meinen Namen! nicht deuten Sie im Geringſten auf mich hin, und ſa⸗ gen ihm, daß, wenn die Jungen ihre Herzensneigung hätten, die Alten deren wohl ebenfalls haben könnten. Und nun gute Nacht.— He! Du, Joſeph Cummins, hilf dem Kaplan die Puppenleiter'nunter— hurtig, Kaplan, ſonſt iſt der Junker eher von Deck weg, als Sie'nüberkommen.« Und als der Geiſtliche nun fort war, hörte der Commodore doch noch nicht auf, ſich mit dem bisher ausgeſprochenen Gedanken zu beſchäfti⸗ gen. Wehevoll ſchüttelte er den Kopf und ſprach in ſich hinein:»Bin doch wohl wieder ein alter Narr und zum vierten Theil'n alter Wehrwolf geweſen. Am Ende kann der Schwarzrock, obſchon er auf der Schule ſeine Schüſſeln und Näpfe voll zugerichteter Gelehr⸗ ſamkeit gefreſſen hat, doch nichts Geſcheites bei dem Jungen ansrichten. Je nun, kann er ihm denn keine guten Rathſchläge geben, ſo kriegt der Burſch doch was Warmes, und das hat denn bei ſolchem Wetter auch ſeinen Werth. Erſt als der Schimmer des Frühroths ſich blicken ließ, entwich der Commodore der Puppe des Terrefic’. Wäaͤhrend der vielen Stunden aber, die er auf derſelben zugebracht hatte, war er geſehen worden, wie er in Der alte Commodore. 127 großer Gemüthsunruhe bald auf dem Verdecke hin und her ſchritt, bald über das Wetterbollwerk in bitkerlicher Zerſtreutheit hinüberſchauete. Der Mann war nicht zufrieden mit ſich ſelbſt.. Fuͤnftes Kapitel. „»Ira, furor brevis est!« „Darum, wenn der Zornwind bläſtt, Woll't nicht ihm entgegen blaſen, Nicht gleich ihm voll Ingrimms raſen! Zeigt dem Zorne kaltes Blut, So wird endlich Alles gut.« »Weisheit auf der Gaſſe.⸗ Ich bin im Begriff mich der erſten Kataſtrophe zu nähern. Unwillen iſt ein Gefuͤhl, das mir jetzt ſelten die Nerven durchzittert. Ich vermag Mitleiden, Ver⸗ achtung und Bedauern zu fühlen, doch iſt all dergleichen bei mir keine Leidenſchaft mehr, ſondern nur Empfindung; und dennoch flackert das Jugendfeuer in meiner Bruſt auf, und mich ſchaudert, während ich erzähle und mit⸗ theile, wie mein ehrenwerther und vielgefürchteter Held ſo ganz und gar abtrünnig ward der Nachlebung des unſerem Kapitel vorangeſetzten Volks⸗Sittenſpruches. Zehn Tage nachdem der Commodore dem Kaplan übertragen hatte, daß dieſer ihm den Neffen ermahnen und erquicken ſollte, am ſiebenundzwanzigſten März nämlich, ward nach vierundzwanzig Stunden anhaltendem dicken Nebelwetter das lang' erſpähete franzöſiſche Ge⸗ 128 Der alte Commodore. ſchwader entdeckt— aber wo? Leider ſchmuck und ſung, mit Cherbourg unter ſeinem Lee, wohlbehalten und ſicher an der normänniſchen Küſte! Als der Nebel allgemach ſeinen wolligen Vorhang zu⸗. ſammenklappen ließ, und Schiff nach Schiff mit dem ver⸗ haßten dreifarbigen, lang herniederflatternden Wimpel ſich verſichtbarte, ward der Schiffsarzt auf die Puppe ge⸗ gerufen, denn man war der Meinung, Sir Octavius hätte einen apoplektiſchen Anfall erlitten, ſo ſtarr waren deſſen Geſichtszüge, ſo regungslos deſſen Gliedmaßen, ſo roth unterlaufen wies ſich deſſen eines Auge, und ſo dick angeſchwollen waren ihm die Adern auf der Stirne und in den Schläfen. Als der Arzt ſich dem Commodore näherte und ihn an die Haud griff, um ihm den Puls zu fühlen, ſchlenderte der Alte ihn mit Heftigkeit von ſich und ſchrie:»Ich bin nicht krank— ich bin raſend!« Und raſend war er wirklich. Vom Steuermann bis zum letzten Jungen mußte Alles ſeinem Grimme her⸗ halten. Der Anblick, den er hatte, war nun allerdings zum Raſendwerden, ſelbſt für die Philoſophie eines un⸗ gleich ruhigeren und beſſer geregelten Gemüths, als das des alten Commodore. Als die feindliche, jetzt durch noch eine Reihe von Kriegsſchiffen verſtärkte Flotte küſtenwärts lief, bolte ſie mehr und mehr zu Wind, in⸗ dem ſie ſich in müſſiger Prahlerei bis auf Kanonenſchuß⸗ weite dem engliſchen Geſchwader näherte, denn ſie wußte wohl, daß es von Seiten des Commodore Wahn⸗ witz geweſen ſein würde, ſich bei halbem, ſtrandwärts wehenden Sturme mit ihr, die von furchtbaren Land⸗ batterien gedeckt war, in ein Handgemenge einzulaſſen. Als die franzöſiſchen Kriegsſchiffe ſich gerade vor die Mündung des Hafens geſchoben hatten, legten ſie bei, und den Engländern ward jetzt der Verdruß, zu Der alte Commodore. 129 ſehen, wie Kauffahrer nach Kauffahrer, hoch am Maſt die franzöſiſche Flagge über der engliſchen, in Cher⸗ bourg hineingleiten, und hinter dem furchtbaren Fork, »pelée“ genannt, verſchwinden mußte. Es ſchien, als ſpänne man dieſe Operationen recht abſichtlich aus, um die Folterqual des alten Commodore zu verlängern. Gefährlich war es, dieſem ſich zu nähern; er raſete, er fluchte— o wie entſetzlich fluchte er! Ja, ja, zu jener Stunde hätte das Commando ihm abgenommen werden ſollen; denn er befand ſich in jenem Zuſtande, in wel⸗ chem Heinrich der Achte, der davon gelieferten Beſchrei⸗ hung nach, ſich während ſeiner letzten Krankheit befun⸗ den haben ſoll, und man noch nicht gewagt hatte, ihm zu ſagen, daß er ſich am Nande des Grabes befand. Der Abend ſchlich heran, und die Franzoſen zogen ſich in die Hafenmündung. Da nun die Fluth ſtark eintrat, ward es den Engländern gebieteriſche Noth⸗ wendigkeit, Segel zu machen und ſich vor Dunkelwer⸗ den auf gute Höhe zu legen. Hierzu ward dann Be⸗ fehl gegeben; zu gleicher Zeit auch ward dem Zimmer⸗ mann Ordre, die Gerüſte aufzuſchlagen. Der Commodore, der ſeinen Grimm nicht bemeiſtern konnte, übernahm ſelbſt die Lenkung des Terrifice. Nimmer ward der Dienſt genauer, nimmer hurtiger verrichtet; Sir Octa⸗ vius aber ſah dennoch in Allem, was geſchah, Ungehor⸗ ſam, Meuterei und Rebellion. Kaum waren die Wet⸗ terbraſſe angeholt und die Taue niedergeringelt, ſo ließ er ſeinen Steuermann und drei von ſeinen Lieutenanten mit Arreſt belegen, ſchalt mit einem halben Dutzend ſeiner Lieblingsofficiere, ſchickte dann nach dem Hochbootsmann, ging in ſeine Kajüte und ließ zweien ſeiner Midſhip⸗ men die Katze geben. Von dort begab er ſich auf den Gangweg, wo er Der alte Commodore. I. 9 130 Der alte Commodore. jeden Mann peitſchen ließ, der auf der ſchwarzen Liſte ſtand, und wiederum jeden Mann peitſchen ließ, gegen den irgend eine Anklage vorgebracht werden konnte. Erzähl' ich etwa Ueberſpanntes oder Erdichtetes? Ent⸗ werf' ich etwa ein Zerrbild? O, der armen Men⸗ ſchennatur! Man leſe die Chronik jener Zeiten. Was mein Held unter der ſchlimmſten aller Zornregungen vergleichungsweiſe mit Mäßigung that, das haben an⸗ dere tapfere Officiere aus Scherz und Hohnſpott gethan; denn wer, der da mit Flottenangelegenheiten ſich be⸗ kannt machte, weiß nicht, daß ſolcher Kapitän, ſo er an Land ging, kein größeres Rühmens von ſich zu ma⸗ chen wußte, als wenn er ſagen konnte, er habe ſeine Mannſchaft als die glücklichſte von der Welt zurückge⸗ laſſen, denn die Hälfte derſelben— Hunderte von Men⸗ ſchen— habe er auspeitſchen laſſen, ſo daß ſie ſich glücklich prieſe, es überſtanden zu haben, und die an⸗ dere Hälfte prieſe ſich gleichfalls gluͤcklich, weil ſie jetzt ſicher ſein könnte, erſt morgen ausgepeitſcht zu werden. Giebt es ungeachtet der Vorſchriften der Moral, der Einſchärfung der Religion und der Fortſchritte der Bildung einen Prozeß, durch welche Menſchen zu Cali⸗ gula's zu machen ſind, ſo werden ſicherlich Caligula's ge⸗ macht. O, der furchtbaren Menſchennatur! Indeſſen mögen wir jetzt jedoch Gott danken, daß dieſe Maſchi⸗ nerie, dieſes Uebelerzeugen, wozu eigenmächtige Gewalt die Triebfeder war, nicht mehr im Flottendienſte exiſtirt. f Unſer lieber alter Held verfuhr jedoch nicht unge⸗ ſtraft ſo leidenſchaftlich und ſo grauſam. Er hatte ge⸗ gewiſſe fürchterliche Gewiſſensbeängſtigungen, zu denen ſich noch andere Qualen geſellten. Sein Neffe, der thörichte Junge, der er war, warf ihm von Zeit zu Der alte Commodore. 131 Zeit alle Arten von Blicken zu, von Mitleiden bis zum Unwillen hinauf. Das war die ſchlimmſte Me⸗ thode, nach welcher der jugendliche und hochherzige Moraliſt verfahren konnte. Ja, als der alte Commo⸗ dore ſeine Männer unter der Peitſche bluten ließ, flü⸗ ſterte ihm Jemand ganz deutlich die Worte:»Feigher⸗ ziger und Tyrann!« in's Ohr; ſchanete er dann umher, ſo ſchien Jeder ſich nur mit der eben vorgenommenen Henkerarbeit zu beſchäftigen, obwohl der junge Aſtell auf höchſt verdächtige Weiſe dicht neben ſeinem zornwil⸗ den und wildzornigen Oheim ſtand. Der letzte Mann hatte ſeine Hiebe weg, und alle Mann wurden unter Deck gepfiffen; jedoch der Zorn des alten Commodore hätte weder durch Pfeife noch durch Trommel geſchwichtigt werden können, und ſein eines Auge ſchielte fürchterlich nach anderen Gegenſtän⸗ den umher, die er möchte eben ſo elend machen, als er ſelbſt elend war; und zum Erſtenmale brannte es ihm jetzt im Buſen, offenen Hader mit ſeinem Neffen anzu⸗ zetteln, denn er hatte es in deſſen Blicken geleſen, und ſchob keinem Anderen als ihre die vorwurfsvollen Flü⸗ ſterworte in den Schuh. Da ſtand nun dicht neben ihm das Opfer, doch wollten ſich keine Späne finden, das verderbliche Feuer des Verzehrens zu bereiten. Der Commodore vergaß für einige verhängnißvolle An⸗ genblicke, daß er eine Schweſter hatte. Feſt bin ich davon überzeugt, daß Gott der Herr gemeiniglich uns dadurch ſtraft, daß er uns unſere gott⸗ loſen Wünſche gewährt, und daß Satan ſtets einen gro⸗ ßen Vorrath von unſeren Lieblingsſünden hat, die alle mit ſchmucken neuen Namen auf Zettelchen geſchrieben ſtehen, welche er uns in die Hand ſchiebt, ſobald wir ihrer nur begehren. Verlangt uns nach Rache?— fiugs Der alte Commodore. iſt ſie da unter dem Namen Gerechtigkeitsliebe«; be⸗ dürfen wir des Haſſes— ſogleich wird er uns unter dem Namen„»Verachtung der Gottloſigkeit« dargebo⸗ ten, u. ſ. w. „Hal! hätt' ich nur ſo recht triftigen Grund, meinen Aerger an jenen ſtolzen jungen Tadler meiner Schwäche auszulaſſen,« dachte Octavius. »Lieber, leidenſchaftsloſer, gutherziger Sir,« fluͤ⸗ ſterte Beelzebub,„nennen Sie doch die Dinge nicht bei ſo verkehrten Namen!„Aerger? Ei ſieh mir Einer! Ihre geſetzmäßige Autorität haben Sie aufrecht zu er⸗ halten; weiter nichts— erlauben Sie mir, Ihnen dazu Gelegenheit zu geben. Erinnern Sie ſich nicht, daß vorgeſtern Abend der würdige Kaplan Ihnen einen pflichtgemäßen Wink davon gab, wie Mr. Aſtell's Hang⸗ mattenmann betrunken war, und wie Mr. Aſtell, der doch darum wiſſen mußte, den Kerl nicht rapportirte?« Nun wußte der Commodore freilich nicht, daß Sa⸗ tan allein es war, der dieß Alles in ihm that, ſondern wähnte, er verfahre nur nach ſeinem eigenen verſtändi⸗ gen Ermeſſen; ſo alſo ſtand er ſtill, fuhr auf und ſchrie mit wahrer Schreckensſtimme:»Ha, Mr. Aſtell! Hie⸗ her, Sir! Wiſſen Sie, daß ich Sie nach Verdienſt gleich jetzt könnte ebenſo auspeitſchen laſſen, wie Mr. Thompſon und Mr. Johnſon, und das trotz Ihrer Frau Mama, und trotz Ihren frommſcheinenden Blicken?« „»Schwerlich, Sir,« verſetzte der Angeredete;»denn ich hoffe, Sie glauben nicht, daß ich es verdiente, und wenn Sie es glaubten, würden Sie es doch nicht thun.« „Und ich würd's doch thun, bei Gott! und jetzt Wahrheit geſprochen, Sir! Verſtanden?« „»Wir in unſerer Familie lügen niemals, Sir Or⸗ 1 tavius. ⸗ Der alte Commodore. 133 »War John Sunninghill, Ihr Hangmattenmann, vorgeſtern Abends betrunken, oder war er's nicht?⸗ »Er war betrunken, Sir Octavius.« »Und Sie verheimlichten ihn, Sir?« „Verzeihung, Sir, ich verheimlichte ihn nicht; ich rapportirte ihn bloß nicht.⸗ „»Und warum, Sir? warum, Sir?«⸗ »Frei und offen, Sir Octavius?« „Nun freilich, Sir! Meinen Sie, daß ich Freimü⸗ thigkeit und Offenheit fürchte?⸗ „Ich rapportirte ihn nicht, weil er der Sohn eines der Saſſen meiner Mutter iſt, und aus Liebe zu mir mit mir zur See ging; weil ich ſeiner und meiner Mutter verſprach— feierlich verſprach, freundlich ge⸗ gen ihn zu ſein, und weil ich wußte, daß die ihm wer⸗ dende Strafe unverhältnißmäßig ſchwer ausfallen würde.⸗ „»Wußten Sie das? Ei, ei! Wiſſen Sie denn auch, daß Sie ſelbſt ſich ſchwer, ſehr ſchwer vergingen, indem Sie einen Trunkenbold nicht rapportirten?« »Wenn Sie ſo denken, Sir, ſo bin ich herzlich gern bereit, eine angemeſſene Strafe dafür zu erleiden; das heißt, eine Strafe, wie ein Gentleman ſie über den anderen verhängen mag. Ich dachte—«⸗ »Denken? dachte? was zum Teufel ſoll das heißen? Sagen Sie mir doch, Sir, wer Ihnen Erlaubniß gab zu denken?« Dieſe Frage war ehedem ein Lieblingsausdruck eines höheren Seeofficiers gegen einen geringeren. »Der große Gott, der Ihnen Erlaubniß gab, zu athmen,« war die Antwort des Midſhipman. » Und das unterſtehen Sie ſich, mir in's Geſicht zu ſagen? Freches Bürſchchen!« »Onkel, dieſe Heftigkeit—⸗ 134 Der alte Commodore. »Onkel! Ich will nicht beonkelt ſein!— ſolch ein Wort giebt's vicht in den Kriegsartikeln. Unter dieſem breiten Wimpel, Sir, giebt's keine Verwandtſchaft zwi⸗ ſchen uns, als die, welche von Ihnen die ſtrengſte Sub⸗ ordination fordert. Recht gut würd's Ihnen thun, wenn ich Sie eben ſo abpeitſchen ließe, wie ſo eben Ihre Schiffsmaaten abgepeitſcht wurden.« Nicht gewiß weiß ich es, ob nun der Teufel nicht dem Neffen denſelben Streich, wie dem Oheim, ſpielte, denn kaum hatte der junge Aſtell zu ſich ſelbſt geſagt⸗ „Wäre es nicht thöricht, eines jähzornigen Mannes Grimm zu reizen, und des Reſpektes zu vergeſſen, den man jederzeit einem Vorgeſetzten ſchuldig iſt, ſo—— ⸗ als auch der ſataniſche Betrüger ihm zuflüſterte:»Wie können Sie ſo die Dinge bei ganz und gar unrechten Namen nennen, junger Sir? Stolz und edler Muth iſt's allein, was ſich in Ihnen regt— d'rum fordern Sie ihn nur heraus, Sie auszupeitſchen!« „»Mich würden Sie gewiß nicht auspeitſchen laſſen,« ſagte daher der Jüngling, indem er trotzig den Kopf zurück warf—»denn der bloße Verſuch dazu, Sir, würde Sie entehren, und alſo dürfen Sie ſolchen Ver⸗ ſuch gar nicht machen!« „Nicht dürfen? Bei'm lebendigen Gott! ſo will ich denn bei dieſem heil'gen Namen ſchwören, es ſoll keine Stunde des Athmens mehr uns Beiden werden, wenn ich Sie nicht binnen dieſer Friſt peitſchen laſſe, auch wenn Sie zwanzig Mal mein Neffe, ja auch wenn Sie hundert Mal mein Sohn wären! Hinunter in Ihre Kajüte, Sir; mein Eid iſt aufgezeichnet. Sie ſind Gefangener, bis die Strafe an Ihnen vollzogen ward— und ſprechen Sie noch Ein Wort, ſo laß ich Ihnen Handſchellen anlegen!⸗ — Der alte Commodore. 135 Schier verdummt ging der arme Augnſtus unter Deck. Er hatte ſein Todesurtheil vernommen. Auf Standhaftigkeit machte er jetzt keinen Anſpruch mehr; er verzweifelte, und geſtand ein, daß er verzweifelte. Nicht einmal den Chriſten konnte er mehr in ſich be⸗ wahren, denn er konnte ſeinem Oheim nicht vergeben. In ſeiner Verzweiflung aber lag eine fürchterkiche Ruhe — ſeine Schüſſelmaate boten ihm Branntwein mit Waſſer; er aber wollte nichts hinnehmen; er verlangte bloß ein Blättchen Papier, welches man ihm reichte, und worauf er die wenigen Worte ſchrieb: »Mutter, Wenn Du dieſes lieſeſt, ſo gehe hin und fordere von Deinem Bruder Deinen ermordeten Sohn. Ich bete zu Gott, daß er Dich ſegnen möge. Auguſtus Aſtell.⸗ Dann weinte er ſo heftig, daß die Schrift auf dem Papiere, wenn man dieß nicht vor ihm weggenommen hätte, gänzlich verlöſcht ſein würde. In der Kajüte ward jetzt das Gerücht laut, der Geſchützmeiſter käme, ihn abzuholen, worauf der Jüngling haſtig ſeine Thrä⸗ nen trocknete, und den Brief verſiegelte. Zu einem ſeiner Schüſſelmaate gewendet, ſprach er hierauf:»Dan⸗ vers, der Tyrann ſoll mich nimmer peitſchen; bis zum letzten Augenblicke werd' ich ihm die Spite bieten. Sollte mir etwas zuſtoßen, ſo übergieb mit eigener Hand dieſen Brief an Lady Aſtell; ſag' ihr, daß ich ihr niemals Unehre machte, und jetzt ſtehe der Ausgang in Gottes Hand!« Er ſchüttelte dann Allen die Hand; ſagte ihnen ein herzliches Lebewohl und folgte dem Ge⸗ ſchützmeiſter in die Kajüte des Befehlshabers. Der Commodore ſah noch finſterer aus als zuvor; zwei oder drei Officiere waren bei ihm, auch der Kaplan 136 Der alte Commodore. war zugegen. Mit der Katze bereit ſtand der Hoch⸗ bootsmann, ſo wie der Quartiermeiſter mit den Hand⸗ klammern. Die Officiere hatten ſich, wiewohl ſehr un⸗ bedachtſam, für den jungen Mann verwenden wollen, und als Neffe und Oheim jetzt einander gegenüberſtan⸗ den, ſagte Letzterer bloß mit krächzender Stimme: „Ausgezogen!« Die Thränen in meinen Augen geſtatten mir nicht, die rührenden Flehensworte hinzuzuſchreiben, die der arme Junge an ſeinen Oheim richtete. All ſein Stolz war von ihm gewichen; er erbot ſich zu jeder Genug⸗ thuung; er wollte ſogar ſich auf ſeine Kniee werfen, und wegen ſeines Starrſinnes um Vergebung bitten, jedoch der Commodore murmelte bloß zwiſchen den Zäh⸗ nen:„Mein Schwur, mein Schwur!« Alle, die in der Kajüte waren, weinten, nur nicht die beiden Verwandten; ſelbſt der grämliche alte Hoch⸗ bootsmann, der, ſeitdem ſein letztes kleines Kind ge⸗ ſtorben war, keine Thräne geweint hatte, und bei dem Thränen eine Seltenheit waren, fuhr ſich mit der Hand über die Augen, und im Herzen regte ſich ihm Etwas, das bis zur Meuterei nicht weit zu gehen haben mochte. Wo war damals Mr. Underdown, der Treffliche, der wöhlthätige Genius dieſer heimgeſuchten Familie? jener milde Mentor, der in ſeinen Händen den Lenk⸗ zaum des Herzens unſers oft allzu rohen Commodore's hielt— wo war er? Seltſame, jedoch ſonder Zweifel weiſe Himmelsfügung. Blaß, jedoch mit raſch ihm wie⸗ derkehrender Geſundheit ſaß er in unterdrückter, je⸗ doch entzückender Bewunderung der wundervollen Schön⸗ heit vor der Mutter desjenigen Kindes, das ſich vor ihrem Bruder flehend wand, und all ſeine Seelen⸗ kräfte zum Vollführen eines entſetzlichen Verbrechens 1 7 Der alte Commodore. 137 zuſammenraffte— eines Verbrechens, das um ſo ſcheuß⸗ licher iſt, als es gegen den Quell der Natur wogt, und in dem langen und düſteren Verzeichniſſe menſchlicher Sünden das einzige iſt, das dem, welcher es begeht, keine Zeit zu Reue und Buße, und zu Flehen um Barm⸗ herzigkeit übrig läßt! Ja, in eben jenem Augenblicke ſaß Lady Aſtell in ihrem prächtigen Beſuchszimmer in freundlichem Ge⸗ ſpräche mit ihrem ehemaligen beſcheidenen Anbeter, der jetzt ihr inniger Freund war, und Beide ſprachen von ihm, von ihrem Sohne— der Mutter liebſtes Thema! Der Dame heftiger Kummer über den Hintritt ihrer Verwandten hatte ſich geſänftigt, und mit allem Stolz einer Mutter pries ſie ſich glücklich, daß die Grafen⸗ würde von Osmondale einen ſo edlen Repräſentanten gefunden hatte; und dieſer Repräſentant— o Hohn⸗ ſpott aller Hohnſpöttereien!— ſollte wie ein Miſſe⸗ thäter angeſchnürt und gezüchtigt werden. Hätte die Mutter dieß ſehen können, würde ſie auf der Stelle geſtorben ſein. Wir müſſen dem Leſer die abſchreckende Scene in der Kajüte des Terrifice vollends ausmalen. Als der arme Auguſtus fühlte, wie Gewalthand an ihn gelegt werden ſollte, raffte er ſich plötzlich em⸗ por, und ſein Geſicht ward bleich, wie ſeine Stirn es war, und weißer als der reinſte Marmor, war die Weiße jener hohen und geſpannten Stirn. Verzweif⸗ lung thronte ihm auf derſelben, denn der Jüngling hatte den Bittenden von ſich abgeſtreift und machte einen Märtyrer aus ſich. »Onkel,“ ſprach er mit ſehr leiſer aber deutlich vernehmbarer Stimme,—„Sie halten ſich an Ihrem Schwur— auch ich habe meinen Entſchluß gefaßt. 138 Der alte Commodore. Ehe Sie jedoch an dem Repräſentanten zweier edler Haͤuſer eine unverwiſchbare Schmach verüben laſſen—⸗ „Nichts von Schmach, junger Meuterer.«⸗ „»Oheim, Sie erſcheinen zwiefach geſchmäht, indem Sie ſo ſprechen. Hören Sie mich; denn es dürfte das Letztemal ſein, daß ich zu Ihnen rede— die letzte Bitte, die ich jemals an Sie richte. Ehe Sie mich anſchnallen laſſen, beſchwöre ich Sie bei dem feierlichen Verſprechen, welches Sie meiner Mutter gaben, mir zu erlauben, Ihnen in der Hinterkajüte ein paar Worte unter vier Augen zu ſagen. Indem Sie mir dieß ge⸗ währen, thun Sie wahrlich nicht zu viel an dem Spiel⸗ genoſſen Ihrer Tochter.⸗«* „S nützt zu nichts,— Gus— Augus— Mr. Aſtell will ich ſagen. Ich will Sie hören, aber die Katze muß ich Ihnen geben laſſen— bei Gott!« Und aus Gerechtigkeit gegen den alten Mann muß ich geſtehen, daß er bei dieſen Worten am ganzen Leibe bebte, und jammervoll auf die in der Kajüte Anweſen⸗ den blickte. Es waren gute, gefühlvolle und wackere, aber auch eingeſchüchterte Männer. Hätte nun Einer von ihnen das Opfer gewaltſam aus den Klauen des Ver⸗ derbers geriſſen, der alte Commodore würde gewiß ſolch menſchenfreundliches Thun geſegnet und hinterdrein den Meuterer ſogar liebgehabt haben. Bei'm Schluſſe der kurzen Rede des Commodore rannte der Kaplan unterthänigſt hin, und riß die Thür auf, die zur Hinterkajüte führte. Gleichſam wie durch einen heroiſchen Vorſatz geadelt, ſchritt der bleiche Jüngling ſeinem Befehlshaber voran und trat ſtattlich vor demſelben in das Privatzimmer. Schweigend, und wir müſſen ſagen troſtlos, folgte ihm der Commodore. Als Oheim und Neffe allein miteinander waren, ſchloß Der alte Commodore. 139 Auguſtus gelaſſen die Thür, heftete einen emphatiſchen „Blick auf ſeiner Mutter Bruder und ſagte ruhig: „Oheim, glauben Sie an das höchſte Walten einer göttlichen Fürſehung?⸗ „»Wozu dieſe Frage, Junge? Zu Deiner Bitte! Die Halunken von Franzoſen holen um die Landzunge herum, und werden bald, bei all meinen Vorfahren! auf halbe Kanonenſchußweite heranlegen; Deine Bitte, Dein Verlangen! kein Geſchwätz von Fürſehung!«⸗ Wir müſſen jetzt einen hurtigen Blick auf die Stel⸗ lung der beiden Geſchwader werfen. Die Franzoſen an der Küſte entlang, gegen welche der Wind blies, doch that er dieß in einer Richtung, die ihnen geſtattete, ih⸗ ren Kours mit wenigſtens einigen Kompaßſtrichen Er⸗ ſparniß zu ſteuern. Das engliſche Geſchwader war mit dem Feinde ſo lange parallel geſegelt, bis Beide ſich dem Fort Pelée näherte, wo der Commodore genöthigt war, mindeſtens ſeine übrigen Schiffe, wenn auch nicht den Terrific“ küſtenab zu holen, während er voll unbe⸗ zwinglicher Begier, mit den Feinden anzubinden, ſein Commandoſchiff ſtark leewärts von ſeinen übrigen Fahr⸗ zeugen ſteuern ließ. Als nun die Franzoſen um die Spitze herumfuhren, damit ſie auf die Rhede von Cher⸗ bourg laufen möchten, ſchoben ſie ſich nothwendiger Weiſe ein wenig vorwärts gegen den*Terrific“, und ſo wie nun jedes franzöſiſche Schiff das Flachwaſſer abge⸗ wettert hatte und herumlegte, um gerade in den Hafen einzulaufen, gab es dem Schiffe des Commodore ſein Feuer, obwohl nicht aus Breitſeiten, ſondern mit gro⸗ ßer Beſonnenheit aus Kanone nach Kanone. Kaum war der erſte dieſer Schüſſe gefallen, die ziemlich dicht an die Kajütenfenſter hinanpraſſelten, öffnete der alte Befehlshaber die Thür ſeiner Hinterkajüte und ſagte 140 Der alte Commodore. gelaſſen zu dem erſten Lieutenant, der im Vorzimmer auf Befehl wartete:»Mr. Alſop, ſetzen Sie alle Segel an, die wir tragen können, und unterhalten Sie ein ſtätiges Feuer gegen den Feind. Laſſen Sie ſo hurtig als möglich ſchießen, damit wir vom Dampf eingehüllt werden. Schicken Sie die beſten Männer an's Steuer⸗ rad und halten Sie den Terrific“ ſcharf an gegen den Feind.« Nachdem er auf ſolche Weiſe ſeine Befehle ertheilt hatte, ging er mit der vollkommenſten Kaltblütigkeit wieder in die Hinterkajüte zurück und von da auf die Sterngallerie, von wo aus, da der Schnabel des„Ter⸗ rific- nur noch mehr küſtenab geholt ward, er einen trefflichen und höchſt zornanregenden Anblick des ent⸗ rinnenden Geſchwaders hatte. Während der zehn Minuten, die dieſer kleine Ku⸗ gelaustauſch anhielt, machte er Lärm genug, und der grämliche alte Commodore ſchritt unterdeſſen im Stern auf und ab, und ſtimmte ſeine Seele nur um ſo höher zu Grimm und Rache. Bald fluchte er auf die Drei⸗ farbigen, als dieſe hinter dem Fort Pelée verſchwan⸗ den, und bald auf den, welchen er ſeinen meuteriſchen und rebelliſchen Neffen zu nennen beliebte, der allein in der Hinterkajüte ſaß, wo ſich keine Kanonen befan⸗ den. Den Arm auf den Tiſch und das Haupt in die Hand geſtützt, ſaß der arme Auguſtus in dumpfem Nach⸗ ſinnen da. Er hörte nicht oder achtete doch nicht auf das Brüllen der Geſchützſchlünde, un dals eine feindliche Kugel durch die Kajüte fuhr und des Schiffes Rippen krachen machte, würdigte er dieſelbe keines Ausrufes, ja er änderte nicht einmal ſeine Stellung. Das nutzlloſe Schießen hörte bald beiderſeitig auf. Der alte Commodore. 141 Der erſte Lieutenant kam und rapportirte dieß dem Commodore, den er nur allzuwohl kannte. Er empfing Befehl, die Kanonen einzuziehen und zum Rückzuge zu trommeln. Hierauf näherte der Oheim ſich wieder ſei⸗ nem Neffen, der aufſtand, um ihn zu empfangen, als Sir Octavius ihm entgegen kam. Des Commodore's Antlitz war düſterer und dämoniſcher als jemals. Der Alte begann eine Rede an den Jüngling mit einem fürchterlichen Fluche, welcher von dem wieder eintretenden Mr. Alſop unterbrochen ward. Der Lieu⸗ tenant rapportirte das Bedachen der Kanonen und wie das Schiff ſnug auf der Höhe des Hafens läge. »Na, und was für Schaden, Sir, haben dieſe feigen, ſchleichenden franſchen Hunde angerichtet?⸗« fragte der Commodore. »Sie verſetzten uns drei Schüſſe in den Rumpf, Sir, haben uns den großen Springtau„Stagen weg⸗ geblaſen und das laufende Takelwerk ein wenig be⸗ ſchädigt.« »Sparren verwundet?« „ Keine, Sir Octavius.⸗ »Gott ſei Dank! Eine beſondere Fürſehung wacht über die Angelegenheiten der Religion und Loyalität. Dieſe königmörderiſchen Franzoſen vermögen nichts ge⸗ gen Seine Britanniſche Majeſtät, den Gott ſegne!« »Doch thut es mir leid, Sir, Ihnen rapportiren zu müſſen, daß wir einen Todten und fünf Schwerver⸗ wundete haben.“ „»Kriegsunfälle, weiter nichts; ſind doch die Maſten unbeſchädigt!« »So können wir zum Grog pfeifen, Sir Octavius?« »Nein, Sir; nicht eher als bis ich meine Sache mit dem jungen, aufſäͤſſigen Halunken abgemacht habes 142 Der alte Commodore. — womit er ſeinen Neffen ſehr höflich meinte, der die dritte Perſon in der Hinterkajüte abgab. Der erſte Lieutenant ſtand einige Augenblicke regunglos, jedoch volt Angſt über das, was zunächſt geſchehen möchte, während der Commodore kreuz und quer ſchritt, bald ſein hageres Geſicht ſo bleich wies, als Seelenqual es nur machen konnte, und bald an ſich wahrnehmen ließ, wie er am Rande des wüthendſten Zornausbruches ſtand. Endlich brach er los:. „Verſtanden, Mr. Alſop? verſtanden? Wir haben unſere Pflicht gethan, Sir, und doch liegen ſine hunds⸗ föttiſchen Atheiſten von Franzoſen, nachdem wir ſie um die halbe Welt herumjagten, ſicher in ihrem ſtin⸗ kenden Hafenpfuhl vor Anker. Mögen ſie mit ſammt ihren Schiffen darin verrotten! Da liegen ſie nun aber ſicher, und mit ihnen wenigſtens zwanzig von unſeren Kauffahrern.« „Fünfundvierzig, Sir Octavius; fünfundvierzig hab' ich ſelbſt gezählt, Sir.« „Nu, nu, Sir, und wenn Sie ſie zählten— Gott verd—! nennen Sie's denn ſubordinationsgemäß, dem Oberkommandirenden zu widerſprechen? Angenommen, es wären auch ihrer dreißig, ſo haben wir doch immer un⸗ ſere Schuldigkeit gethan. Nun, Sir, dieſe zwanzig oder dreißig— ich will hoffen der Steuermann habe die geringere und demnach wahrſcheinlichere Anzahl in's Schiffstagebuch eingeſchrieben— ich ſag's, dieſe zwan⸗ zig Kauffahrerſchiffe werden eben jetzt ein großer Ver⸗ luſt für das Land ſein. Deunoch— ich wiederhol's — dennoch haben wir unſere Schuldigkeit gethan.⸗ „Sonder Zweifel, Sir Octavius.« »Dennoch— Seine Majeſtät, den Gott ſegne! und die Admiralität, die Gott verd—! und das Land 143 — das Lumpenpack, das!— dennoch ſoll keiner von Allen ſagen, wir hätten unſere Pflicht nicht gethan.⸗ „»Zuverläſſig, Sir.« 4 »Nicht wahr, Mr. Alſop? Und, verſtanden, Sir? Ich werde meine Schuldigkeit ferner thun— ich werde dieſem jungen Menſchen die Katze geben laſſen.« „Si—r— el« ſagte der erſte Lieutenant entſetzt, indem er einige Schritte zurückwich. »Sie hören's, Sir; ich will ihn gepeitſcht wiſſen. Hochbootsmann und Quartiermeiſter und Handklam⸗ mern flugs in meine Vorderkajüte geſchafft! Iſt dieſe Ordre nicht deutlich?⸗ »Sir Octavius, wenn ich höchſt ergeben, und höchſt ehrerbietig, und allerunterthänigſt«— der arme erſte Lieutenant, dem die Kehle wie zugeſchnürt war, wollte beredt erſcheinen, und wählte demnach das längſte Wort, deſſen Bedeutung er nicht kannte—»wenn ich allerunterthänigſt bemerken dürfte, daß Schüſſe im Grimm abgefeuert worden— daß mehrere Breitſeiten Schüſſe gefallen ſind, Sir Octavius; daß ein Menſch getödtet und Blut vergoſſen ward; daß wir uns wahr⸗ lich im Treffen befanden, Sir Octavius, und daß, ſo lange ich in Sr. Majeſtät Flottendienſt ſtand, welches einen Zeitraum von etwa— etwa— laſſen Sie mich nachrechnen, Sir Octavius—— »Schweigen Sie, Sir!«. »Ich wollte nur bemerken, Sir Octavius, daß nach im Zorn abgefeuerten Schüſſen Abſtrafung nicht——« »Gehorchen Sie!« brüllte der Commodore, indem er ſeinen eiſenbeſchlagenen Arm heftig auf den Tiſch, klappte. Mr. Alſop blies hurtig zum Rückzuge, und ſtieß, Der alte Commodore. 144 Der alte Commodore. als er die äußere Thür der Kajüte hinter ſich zuge⸗ macht hatte, einen ſo ſchrecklichen Schwur aus, worin das Wort»Tyrann« eine Hauptrolle ſpielte, daß ſogar dem Kaplan die Haare dabei zu Berge ſtanden; der Fluch mußte alſo ein ſehr arger geweſen ſein. Zornmüthige Menſchen wiſſen nur allzuwohl, welch ein wildes Entzücken, welch ein teufliſches Vergnügen darin liegt, ihrem Grimme den Zügel ſchießen zu laſ⸗ ſen; es iſt wie der Triumph ein ungeſtümes Pferd bei noch ungeſtümerem Wetter zu reiten; ein Gefühl von dem Genuß einer fürchterlichen Macht; ein ſtrafbares, verwerfliches, dennoch für den Tyranniſchgeſtunten ein Gefühl unbeſchreiblicher Wonne, dem ſeceilich, außer bei völlig Wahnſinnigen, ſtets Reue, oft die bitterſte Seelenangſt folgt. Dieſer ſcheuslichen Aufregung hatte jetzt der alte Commodore ſich ganz und gar hingegeben. Ja, mit Wahrheit mag der Zorn die Freßſucht, die Hungersnoth gottloſer Seelen genannt werden, denn er muß ſeine Beute haben. „»Mr. Aſtell,« fragte der Entſetzliche,»ſind Sie bereik, die Strafe zu erleiden, die Ihr meuteriſches Betragen Ihnen zuziehen muß?«⸗ „»Jede Strafe, Sir, ſelbſt den Tod, ſobald ſich keine Unehre damit verknüpft.“ »Narrenpoſſen, Junker! Zehn Dutzend wärden Ih⸗ nen noch nicht zuviel ſein.« „Ein einziger Hieb ſchon würde alles Leben in mir vernichten.« „»Werden ſehen, werden ſehen!« »Sie werden’'s nimmermehr ſehen.⸗ „»Kein Geprahle, Sir. Die Stunde iſt beinahe verfloſſen, und mein Schwur noch unerfüllt. Sie rie⸗ Der alte Commodore. 145 fen mich hieher um mir eine Privatbitte vorzulegen; reden Sie!« Was der Neffe zu dem Oheim ſagte, erfuhr Keiner; denn die Unterredung, die bisher in lautem Wortwech⸗ ſel, der durch die Bretterwände ſchallte, geführt wor⸗ den war, ſchien plötzlich aufgehört zu haben. Mittlerweile waren der erſte Lieutenant mit ſeiner Eingeſchrecktheit, der Hochbvotsmann mit ſeiner Kate, und die Quartiermeiſter mit den Handklammern, ſo wie drei oder vier Officiere in die Vorderkajüte gekommen, um den Ausgang des Haders zwiſchen den Verwand⸗ ten abzuwarten. „»Potz Schwefel und blaues Feuer!« ſagte Mr. Alſop zu dem Kaplan,„Paſtor, warum leiden Sie das? Verſtehen Sie doch Ihr Plappermaul dicht genug an Ihres Blackyſquirt's Ohr zu legen, wenn Sie ihm eine hämiſche Geſchichte zu erzählen haben; warum wiſſen Sie denn jetzt kein Wort hervorzubringen, um die alte Eiſenfauſt zu verhindern, ſein eigen Fleiſch und Blut zu peitſchen?« »Hm, hm Ich darf mich nicht drein mengen,«⸗ verſetzte der hinterliſtige Geiſtliche.»Der Baronet liebet den jungen Menſchen, und deßhalb züchtiget er ihn, denn,'wen der Herr lieb hat— »Glühende Lava über ſolche Liebe! Sie, ein Mann des Friedens und— Hol' Sie der Henker! Pfui über Sie. Paſtor! Pfuil⸗ Dieß Geſpräch ward bei Seite gehalten, und nur die Officiere hörten zu. »Ich kalkulire ſo—« ſagte der Hochbootsmann, indem er ehrerbietig gegen den erſten Lieutenant die Hand an ſeine Seitenlocke legte,»daß, wenn die Katze ihn nur Einmal berührt, es, Gott erbarm's! dem jun⸗ Der alte Commodore. I. 10 Der alte Commodore. gen Manne das Herz bricht— er überlebt's keine Stunde.«⸗ „» Sir, da iſt ſein Hanguatten⸗Mann, der ihn in dieſe Schlappe gebracht hat— heult aufm Mitteldeck wie'n Ochs, und mögt'n Commodore ausgepeitſcht ſehen, und verflucht ſich, er woll' über Bord ſpringen, wenn Hand an Mr. Aſtell gelegt würde.« Dieſer Rapport war eine Huldigung des einen von den Quar⸗ tiermeiſtern. Hierauf trat einer von den Langgedienten, der älteſte von den Quartiermeiſtern vor. In der Hand trug er die zu den Handklammern gehörenden Stricke: „»Mr. Alſop,“« ſagte er auf höchſt ehrerbietige Weiſe, »ich bin ſechzig Jahr alt und ſtarren Sinnes, und der Rücken eines Greiſes, der ſo oft dem Feinde das Ant⸗ litz zugewendet hielt, ſollte nicht vor der Katze entblößt werden; dennoch, wenn's geſchehen könnte, Sir, ſo wollt' ich, Sie ließen's dem Sir Hockt⸗tief⸗ uns⸗ wiſſen; denn für jeden Schlag, den er ſeinem Neffen geben laſſen will, will ich'n rundes Dutzend hinneh⸗ men, und Dank dafür ſagen— ſo will ich!« und da⸗ bei ſchleuderte er in ſeinem Eifer die Handklammer⸗ ſtricke zur Luke hinaus. »Da ſchwimmen ſie hin,« ſagte der Hochbootsmann; „ſoll mich doch verlangen, ob ſie bei dieſem guten Wind und bei Fluthwaſſer zu Hafen kommen. Schade, daß ſie ſo allein dahin treiben— will ihnen doch die Strie⸗ gel wohl geglättet nachſchicken!« und plauz! warf er die neunſchwänzige Katze den Stricken nach. »Was treiben Sie, Mr. Sorsbey?« ſagte der erſte Lieutenant.»Das darf ich nicht zugeben.« »Nu, ſo mag man mich dafür abſtrafen, wenn man Luſt dazu hat!« 6 5 Der alte Commodore. 147 Was der alte Seemann ferner geſagt haben würde, möchte für immer unbekannt bleiben, denn in dieſem Augenblicke ward in dem Hinterzimmer der Kajüte ein Gepolter, dann ein Zerſchmettern von Glasſcheiben, und dann des Commodore's Schreien nach Hülfe gehört. »Der Junker langt aus, im Namen ſeiner Schüſ⸗ ſelmaate,« ſagte der Hochbootsmann. »Gieb's ihm tüchtig!« murmelte mehr als Einer von den Seeleuten. Die Officiere ſtürzten jedoch unverzüglich in die Hin⸗ 6 terkajüte, wo ſie den Tiſch umgeſtoßen, das Fenſter hinausgeſchlagen, die Kajüte aber leer fanden. Zu gleicher Zeit hörten ſie ein heftiges Plätſchern im Waſ⸗ ſer. Als ſie über den Schiffsſtern blickten, ſahen ſie, wie der alte Commodore mit ſeinem Eiſenhaken in der Ruderkette verwickelt war und mit dem Kopf zur Fläche des ihn umſpülenden Meerwaſſers hing, ſo daß ihm ſchier der Athem hätte vergehen mögen; der jedoch, als er wieder in die Höhe gebracht worden war, ſo laut ſchrie, als ſein Ausſpeien des Salzwaſſers es zuließ⸗ »Legt bei! laßt die Böte hinunter— hakt mich von der verfluchten Kette los, ſo kann ich ihn wohl noch retten. Armer Gus! liebſter Gus! halt' Dich oben, Junge, um Deiner Mutter— um Deines elenden, ar⸗ men Onkels willen!«⸗ Mr. Alſop begriff ſofort den ganzen Hergang; er ranute zu Deck, ließ das Schiff beilegen und beide Hinterdeckböte hinunterlaſſen. Eines von dieſen nahm ſogleich den Commodore ein, und beide Fahrzeuge ru⸗ derten nun fort, um den Grafen von Osmondale auf⸗ zufiſchen. Die Nacht war hereingebrochen; der„Terrific⸗ lag auf der Leeküſte eines Feindes, und die Fluth hatte 5*. 10* ₰ 148 Der alte Commodore. ſcharf landwärts eingeſetzt. In dieſer Stellung alſo bei⸗ gelegt zu bleiben, hieß dem Tode geradezu vor'm Rachen verharren. Wenige Zeit alſo konnte verwendet werden, den armen Jungen zu ſuchen, und dieſe Zeit war der Sicherheit des Schiffes und aller Mann am Bord deſ ſelben höchſt gefährlich. Die Meinung, daß Aſtell un⸗ tergeſunken war, beſtätigte ſich dadurch, daß die beiden Böte ſich inmitten einer Flotte franzöſiſcher Fiſcher⸗ ſchmacks befanden, die von den brittiſchen Kreuzern nicht im mindeſten beläſtigt wurden; und daß wie viele von den Schmacks man auch anrief, man doch jederzeit die Antwort erhielt, es hätte ſich nichts ſchwimmend ge⸗ zeigt, was einem lebenden oder todten Menſchenkörper ähnlich ſähe. Sogar der zerrüttete alte Oheim begann zu gewah⸗ ren, daß es Zeit war, zurückzukehren, beſonders da man ſah, daß auf den Batterien ſich Lichter zeigten. Tief ſeufzend wendeten, alſo alle Mann mit den Böten ſich den Schiffen zu, und ließen, während der alte Commo⸗ dore wie in Todesnöthen ſtöhnte, den jungen Grafen, wenn dieſer nicht ſchon auf dem Grunde des Meeres lag, dem Tode zur Beute. Von Seewaſſer bis auf die Hant durchnäßt, halb bewußtlos und in ſich zuſammengeſunken, mußte, als das Boot ſeitlängs gelegt hatte, der alte Commodore an Bord gehoben werden. Er gab ein ſcheußliches Schauſpiel ab. Sein Geſicht war leichenfarbig, ſeine Glieder zitterten, das weggeſpülte ſchwarze Pflaſter hatte ſeine leere Augenhöhle entblößt, und er taumelte als der gedemüthigſte, verworfenſte Elende über jenes Hin⸗ terdeck, auf welchem er mit einer größeren Gewalt, als ein morgenländiſcher Deſpot ſie zu üben pflegt, befeh⸗ ligt hatte. Vom Kaplan und dem Wundarzte beglei⸗ 4 nichts vermögen, irgend eine zum Heile ſeiner Geſund⸗ 149 tet, begab er ſich ſofort in ſeine Kajüte und warf ſich auf ſein Ruhebett. Gebeugt wie er war, ſo an Seele wie an Leib, war ſein Seemannsmuth doch noch ſtark genug, um ihn zu vermögen, ſeinen erſten Lieutenant zu ſich zu beſcheiden. Mit milder, faſt brechender Stimme ſprach er zu demſelben:»Haben Sie die Güte, Mr. Alſop, alles Nöthige anzuordnen, daß wir auf gute Höhe kommen. Morgen, wenn's tagt, geben Sie Signal, den Kours nach Spithead zu ſteuern, und laſſen Sie jedes Schiff ſeinen Weg ſo gut machen als es kann. Sollte ich morgen todt oder wahnwitzig ſein, ſo werden Sie wohl thun, als Kapitän zu verfahren. Da das Geſchwader ſich zerſtreuen wird, ſo haben Sie keinen Officier über ſich, und die kurze Beförderung dürfte der Admiralität zum Nutzen gereichen. Gute Nacht. Bedenken Sie, meine Herren,« fuhr er zu Kaplan und Wundarzt fork,»daß, wenn dieſe Worke meine letzten ſein ſollten, ich die Ausſage leiſte, Mr. Alſop ſei ein tapferer Officier, ein Gentleman und ein guter und liebreicher Menſch. Ich würd' es nieder⸗ ſchreiben, Sir, aber ich kann keine Feder halten. Noch⸗ Der alte Commodore. mals gute Nacht!« Mr. Alſop verließ die Kajüte, um die erforderliche Oberaufſicht zu übernehmen, war dabei aber über die Milde, die er ſo eben mit angeſehen und angehört hatte, wie vom Donner gerührt.»Zu gut, als daß es lange anhalten könnte,« murmelte er.»Ich wollt', er hätte Hand an's Certifikat gelegt,'s wäre beſſer für mich. Ausübender Kapitän vom„Terrificee— gut!« Mit erhöhetem Muthe begann er hierauf die empfangenen Befehle in's Werk zu richten. Den in der Kajüte befindlichen Commodore konnte * 150 Der alte Commodore. heit gereichende Vorkehrung zu treffen. Als der Schiffs⸗ arzt ihm vorſtellte, welche Folgen es haben könnte, wenn zer in den naſſen Kleidern bliebe, ſchauderte er bloß zuſammen, und ſagte:»Meinen Sie, Sir, daß mein armer Neffe trocken auf'm Leibe iſt?— Armer Auguſtus!« Endlich verlangte er, man ſollte ihn allein laſſen; und da er jeglichen Beiſtand, ſowohl hinſichtlich ſeines Körpers als ſeiner Seele, zurückwies, ſo überließen die Berather des Einen wie des Andern ihn der Einſamkeit, der bitter⸗ ſten Reue, die jemals eines Menſchen Gemüth hat äng⸗ ſtigen können. Vielleicht war es das Beſte, was der alte Octavius hatte thun können, als er die Nacht hindurch in den naſſen Kleidern geblieben war; denn am nächſtfol⸗ genden Morgen ward er von ſo heftigem Gichtanfall ergriffen, und vom Rheumatismus ſo in allen Gliedern heimgeſucht, daß nichts an ihm als ſein rechter Fuß und ſeine eiſerne Hand ohne die entſetzlichſten Schmer⸗ zen war. Jetzt blieb ihm weniger Muße, den Leiden der Seele ſich zu überlaſſen. War er Abends vorher ein Gegenſtand des Grauſeus geweſen, ſo war er an⸗ deren Morgens ein höchſt bemitleidenswerthes Weſen; da er jedoch weder für ganz todt noch für ganz wahn⸗ witzig gelten konnte, mußte der liebenswürdige erſte Lieutenant ſich mit ſeiner Beförderung zum ſelbſithaͤti⸗ gen Kapitän noch ein Weilchen gedulden. Die geſammte Schiffsmannſchaft hegte folgenden Ta⸗ ges ein allgemeines Gefühl des Unwillens. Die gehäſ⸗ ſigſten Gerüchte über den alten Commodore kamen in Umlauf. Mehr denn murmelnd ward geſagt, er habe ſeinen Neffen erſtickt oder mit ſeiner eiſernen Speiche erdolcht, und ihn dann über Bord geworfen. Auguſtus Aſtell's Hangmatten⸗Mann erhob ſein Haupt nicht * b V Der alte Commodore.. 151 mehr, ſondern verkroch ſich in einen der dunkelſten Win⸗ kel. Allein all dieſe Gaͤhrung unter den Matroſen war nichts gegen die Aufwallung, die raſtlos die Midſhip⸗ men ergriffen hielt. Das ſtattgefundene Ereigniß er⸗ zeugte mehr Tropen und Redefiguren für die Beredt⸗ ſamkeit der Gallſucht, als jemals deren von Eicero oder Demoſthenes erſonnen wurden, wenn ſie ihrem Unwillen gegen Tyrannen und öffentliche Frevler Luft machten. Sie verdammten den alten Commodore nach beſten Kün ſten und mit aller Salbung eines polemiſchen Doktors der Gottesgelahrtheit, verfluchten ihn erſt perpendiku⸗ lar, von der Krone ſeines Kahlkopfes bis zur Spitze ſeiner gichtgequalten Zehe, und dann diagonal vom Ende des Mittelfingers ſeiner rechten Hand geraden Weges durch die Bruſt, Herz, Leber und Lungen mit eingeſchloſſen, bis zum äußerſten Spitzpunkt ſeiner Eiſenklaue zu Ausgange ſeines linken Armſtummels. Der Alte ward durch und durch vermaledeit! 8 5 Die beiden geſtriegelten Midſhipmen ſprachen glor⸗ reiche Dinge über Selbſtmord, und erklärten, während ſie ihre ſchmerzenden Körpertheile rieben, daß kein Gentleman, der öffentlich gepeitſcht worden wäre, le⸗ ben ſollte. Dann erklärten Beide mit Vehemenz, daß ſie des jungen Aſtell's glänzendem Beiſpiele folgen und über Bord ſpringen wollten, ſaßen hinterdrein jedoch ſo ſtill und ruhig, als es die ſchmerzlichen Folgen der von ihnen jüngſt erlittenen Operation irgend geſtatten wollte. Wir müſſen jetzt zu dem Commodore zurückkehren, der am folgenden Morgen eben ſo ernſtlich den ärztli⸗ chen Beiſtand erbat, als er denſelben Abends vorher von ſich abgewieſen hatte. Wir wollen nicht viele Worte von der Nacht voll Angſt machen, die der Com⸗ modore durchwachte. Ihm war, als würde ſeine Seele —— 3— 152 Der alte Commodore. in einem ungeſtüm brauſenden Feuermeere umhergeſto⸗ ßen. Jetzt bebte ſein Leib in jeder Fiber von den ent⸗ ſetzlichſten Schmerzen. Nicht mehr war er der milde Commodore. In Flanell gewickelt, auf dem Kopfe eine rothwollene Nachtmütze, lag er unruhig auf ſeinem Sopha, und ließ bald nach der Mittagsſtunde ſeine vorzüglicheren Officiere vor ſich fordern. Mit wildem und grimmigem Geſichtsausdrucke empfing er ſie, welche Zornesmienen jedoch ſeltſam und oft lächerlich von den Verzerrungen, die plötzlicher Schmerzensanfall ihm ver⸗ urſachte, und zu Zeiten durch die niedergeſenkten Blicke der Scham unterbrochen wurden, welche ein ſtolzer Mann fühlt, wenn er eine Lüge vorbringen will. Seine Rede klang ungefähr folgendermaßen: „» Gentlemen,— O dieſe hölliſche Gicht!— Für⸗ wahr, Gentlemen, nicht Einer von Ihnen war freund⸗ lich genug, oder geſcheit genug, oder muthig genug, den Jungen loszubitten;— nicht, daß ich ihn wollte auspeitſchen laſeen— Donner und Wetter! Kaplan, meinen Sie, daß ich Einer bin, wie Sie ſind, ein Fleiſchklumpen ohne Nerven— legen Sie ihren aufge⸗ dunſenen Leichnam ſeitweg weiter hinaus! Nicht ein Wort hatten Sie geſtern für den armen Gus, hol' Sie der Teufel— und alle mit einander. Ich bin ein elen⸗ der alter Mann— doch das hat hiermit nichts zu chaffen— ſo alſo hören Sie Gentlemen! ein Unfall hat den armen Gus betroffen— den armen edlen Au⸗ guſtus! der ſeltſamſte, unglücklichſte Unfall von der Welt— verſtanden? Gentlemen, ich zürnte ihm— wie gerechte Urſach ich dazu hatte, weiß Jeder. Sie ſelber hörten's, wie er mich reizte, daß ich ihm die Katze nicht würde geben laſſen— ja, ja! der arme Junge wußte, daß er davor ſicher war. Als ob ich 4 —— —“ Der alte Commodore⸗ 153 denn mein eigen Fleiſch und Blut gepeitſcht haben würde — meinen eigenen Sohn! verſtanden, Gentlemen? denn Sie wiſſen, er ſollte Becky heirathen— Miß Bacuiſ⸗ ſart wollt' ich ſagen. Prrr' dieſes entſetzliche Reißen— will denn Niemand mir'nen Schlag vor'n Kopf ge⸗ ben? Arme Becky! arme Becky!— o— o— Sie wiſ⸗ ſen nicht, was ich leide, Gentlemen. Nun hat Au⸗ guſtus eine Mutter am Leben; wie Ihnen Allen be⸗ kannt iſt— Lady Aſtell. Wir müſſen keine Beſtien ſein, Gentlemen; dürfen ihr nicht Knall und Fall's Herz brechen. Gäb's irgend einen Halunken, der ihr die Lüge hinterbrächte, daß ihr lieber, ihr edler, ihr einziger Sohn über Bord ſprang— Doktor, Doktor! ich erſticke! Verd—, Sir! iſt das eine Stellung, in die man einen Kranken legt, wie ich einer bin? Heben Sie mich auf— weiter weg von mir, Gentlemen! Luft— Luft— Luft! Es geht nicht— Branntwein her!'n Glas Branntwein!“ »Mit aller Ergebenheit, Sir Octavius, muß ich bemerken, daß unter dieſen Umſtänden Branntwein—« „»Herzensdoktor, nur'n einziges Glas, und ich will gefügig ſein wie'n Schooßhund.« Der Branntwein ward getrunken, und der⸗Commo⸗ dore ſprach weiter: »Das iſt'ne trübſelige Geſchichte, Gentlemen, und Lady Aſtell iſt'ne fürchterliche Frau. Gott helf' uns Allen! Nun hören Sie zu, wie das traurige Ereigniß eigentlich ſtattfand. Bei unſerem Privatgeſpräch in der Hinterkajüte ermahnte ich meinen Neffen, und ich meine, ich brachte ihn zur Erkenntniß ſeines unehrer⸗ bietigen Betragens gegen ſeinen Oberbefehlshaber. Wir gingen endlich zu einer recht freundlichen Unterredung über— uf! dieß Reißen— dieß Kneipen! dieß Zerren! ——— 1 ¼ 154 Der alte Commodore. Was ſollen dieſe meuteriſchen Blicke bedeuten, Mr. Brunston?— meinen Sie, daß ich lüge, Sir?— Nun, inmitten ſolcher Unterredung begannen jene höl⸗ lenverfluchten Königsmörder, jene gottverhaßten Fran⸗ ſchen gegen uns abzuprotzen; das machte mich,— ich will es nur geſtehen— ein wenig ärgerlich, und ein 3 Paar Worte, die Gus herausſtieß, brachten mich wie⸗ der in Harniſch. Als das Schießen vorüber war, war ich nur noch wenig ärgerlich, und ſprach halb ernſthaft, 4 halb im Scherz wieder über's Auspeitſchen,— that ich das nicht, als Sie mir rapportirten, Mr. Alſop?« »Ganz nach Ihrem Belieben, Sir Octavius,« ſagte der gewiſſenhafte erſte Lieutenant. »Nicht nach meinem Belieben, Sir, ſondern die Wahrheit. Na, Auguſtus und ich, wir waren wieder allein miteinander, und nachdem ich ihm noch ein Bis⸗ chen den Tert geleſen hatte, war Alles zwiſchen uns in Ordnung. Ich glaube, wir reichten einander die Hand— gewiß weiß ich's nicht, doch mein' ich, daß es geſchah.«— Und hier begann der alte Mann ſo ent⸗ ſetzlich zu zittern und ſo hurtig zu reden, daß man ihn kaum verſtehen konnte;»Auguſtus, ſagte ich, als ich auf dem Sterngange hin und her ſchritt, und auf die erbärmliche Schießmanier der lumpigen Franſchen hin⸗ blickte— Gus, ſagt' ich, ſie haben uns unten in'n Leebug geſchoſſen, wie mich dünkt; haben Sie's, ſo müſſen wir's Loch flugs verpflocken. Spring' doch in die Hinterdeckgallerie hinunter, Auguſtus, und ſieh nach, ob ich Recht habe, aber verſpring' Dich nicht, hörſt Du? Er aber verſprang ſich, ja, ja— verſprang ſich, und ich bin nun ein unglücklicher Mann. Ich ſah ei⸗ nen Augenblick ſein Haar im Waſſerſtrich des Schiffes K 8 155 ſchwimmen— Gott der Herr erbarme ſich ſeiner Seel' und der meinigen!« Der bejammernswerthe Oheim hielt inne, und um ihn her herrſchte Todesſtille. Niemand glaubte ihm, und er merkte das wohl. In dieſem Augenblicke ward Au⸗ guſtus Aſtell vollgenügend gerächt. Nach kurzem Kampfe mit ſich ſelbſt fuhr der Commodore fort: »Aus Hochachtung für den Untergeſunkenen werden Sie, Gentlemen, dieß Alles zur allgemeinen Kunde bringen; und«— indem er ſich zu dem Steuermann wendete, den er, als die übrigen Officiere vor ihn ge⸗ fordert wurden, losgelaſſen hatte—„ und Sie werden in's Schiffstagbuch eintragen, daß während des Tref⸗ fens mit dem franzöſiſchen Geſchwader Mr. Aſtell zu⸗ fällig über Bord glitſchte, als er mit Erfüllung einer gefahrvollen Dienſtpflicht beſchäftigt war, ſo daß er lei⸗ der ertrank. Gentlemen, ich habe Ihnen weiter nichts zu ſagen.« Als er dieſe Rede geendet hatte, ſank er erſchöpft auf ſein Lager zuruͤck, und wendete ſein Geſicht ab, das er zum Theil in die Kiſſen ſteckte; allein ſeine Der alte Commodore. ſſchreckerſtarrten Zuhörer erhoben ſich nicht— es ging ein Geflüſter unter ihnen, und Mr. Alſop ſagte end⸗ lich:»Sir Octavius, es kommt uns nicht zu, ein ein⸗ ziges der Worte zu bezweifeln, die Sie uns über die⸗ ſes unglückliche Ergebniß zu ſagen die Güte hatten; doch wird es uns ſchwer halten, der Erzählung allge⸗ meinen Glauben zu verſchaffen, inſofern— inſofern—⸗ Ohne den Kopf aufzurichten, winkte der Commo⸗ dore ungeduldig mit der Hand gegen die Thür. »Inſofern—« fuhr Mr. Alſop fort—„»inſofern— das will ſagen— oder wie ich wohl ſagen möchte. wegen— weil— weil Mr. Aſtell kurz zuvor, ehe er 156 über Bord ſprang— über Bord fiel, mein' ich— ei⸗ nen kurzen Brief an ſeine Mutter ſchrieb, den mit ei⸗ gener Hand zu überliefern, Mr. Danvers ihm hat ſchwören müſſen.« „»Und Danvers wird ſeinen Schwur halten!« knurrte der alte Quartiermeiſter. 1 Wie wenn ein prometheiſcher Blitz zehnfachen Le⸗ bens durch den Commodore gefahren wäre, ſprang die⸗ ſer auf ſeine Beine, und ſtand, trotz Gicht und Rheuma und Gliederreißen nimmer in ſeinem Leben aufgerichte⸗ ter da. „Den Brief her— den Brief her!« brüllte er mit Donnerſtimme. »Mr. Danvers hat ihn.« »Her mit ihm— hurtig! Warum iſt er nicht hier?« Mr. Danvers trat ſo ſchleichend und behutſam in die Kajüte, wie der Fuchs wohl in die Höhle des Krankheit vorſchützenden Löwen ſchlich. »Den Brief, den Brief! und haben Sie ihn er⸗ brochen, ſo ſoll das heilige Kreuz Donnerwetter—« ſchrie der Commodore ihm mit ausgeſtreckter Hand ent⸗ gegen. 4 »Welchen Brief, Sir Octavius!« fragte Mr. Un⸗ ſchuld, indem er beſcheiden vor ſich niederſah, und ſeine Hände mit Demuth niederhangen ließ. „Den Brief, Kerl, den Mr. Aſtell geſtern ſchrieb!« »Ei, Sir Octavius! Mr. Aſtell ſchrieb niemals einen Brief an mich. Wir konnten ja einander jeder⸗ zeit genugſam ſprechen!« »Wollt Ihr Euer Spiel mit mir treiben?— Mr. Sorsbey! die Katze her!— Ich meine, Sir, den Brief, den Mr. Aſtell an ſeine Mutter ſchrieb.⸗ Der alte Commodore. 7 —— teer gab, kurz zuvor gab, ehe er zufäll 157 »Ich weiß nicht, von welchem Briefe Sie reden, Sir Octavius.« »Wie wagen Sie's, Sir, bei einer ſo feierlichen Gelegenheit, wie dieſe iſt, ſo ſchmählich zu lügen? gleichſam über den todten Körper Ihres Schüſſelmaaten hinweg zu lügen? Den Brief her, Sir, und das auf der Stelle!« »O, Sir, die Gelegenheit, wie Sie ſagen, Sir, iſt zu feierlich, als daß man eine ſündliche Lüge aus⸗ ſprechen möchte; ich erinnere mich jetzt an ein Billetchen — iſt das der Brief, den Sie me 2. „» Ahal erinnern Sie ſich? wirklich?— Ich meine den Brief, Sir, den Mr. Aſtell Ihnen für ſeine Mut⸗ lnie i fiel.« „»Der Brief— ja ſo, der Bridk, Sir Octavius! Ich hoffe, Sir, mit aller Ergebenheit, daß Sie nicht glauben, ich werde bei dieſer ſo feierlichen Gelegenheit irgend mehr lügen als Sie ſelber, Sir Octavius, der Brief fiel ebenfalls zufällig über Bord, Sir.“« »Donnerwetter! Wagt ſo ein Kerl meiner zu ſpot⸗ ten? Wo iſt der Hochbootsmann? Mr. Sorsbey! die Katze her, und das gleich! Verſtanden?« „»Mich, Sir Octavius,“« ſagte der kleine Meuterer Danvers ganz gelaſſen,»„mich mögen Sie peitſchen laſſen, ich ſpringe gewiß nicht über Bord.« „»Mit Verlaub, Sir Hockt⸗wi⸗uns,“« ſagte der Hochbootsmann mit einem Scharrfuße und einem Kopf⸗ nicken,—»mit Verlaub, Sir, geſtern— bei dem Lärm und Tumult geſtern— fiel die Midſhipmen⸗Katze gleichfalls zufällig über Bord.« „» Daß Dich i Sieleskage peitſche.— Nein, nein! Laſſen Sie mich allin, Gentlemen! Niemand ſoll hier bleiben, als Mr. Alſop und Mr. Danvers.« Der alte Commodore. 158 8 Der alte Commodore. Der Commodore ſank abermals faſt leblos in ſeine Kiſſen zurück. Wohl ahnete ihm, von welcher ſchauer⸗ lichen Wichtigkeit der Brief für ihn werden würde. So leidend er auch war, wollte er dennoch Alles auf⸗ bieten, denſelben wieder zu erlangen. Zuerſt entſendete er den Geſchützmeiſter und den Pfifſigſten der Schiffs⸗ korporale, um Kiſten und Kaſten des Midſhipman Danvers zu durchſuchen, und dann jeden Winkel der Midſhipmenkajüte zu durchſtöbern, während er unter⸗ deſſen den Junker nicht außer den Augen ließ. Da dieß Suchen ſich als unnütz erwies, wurde die Perſon des jungen Mannes ſelbſt durchſucht, jedoch ebenfalls er⸗ folglos. Commodore und erſter Lieutenant boten jetzt alle ihre Schmeichelworte auf, um dem jungen Manne den Brief abzulocken, doch blieb derſelbe hartnäckig dabei, das Schreiben nicht mehr zu haben, ſondern, aus Furcht, dadurch in irgend eine Klemme zu gera⸗ then, es durch eine der Luken des Unterdecks ins Waſ⸗ ſer geworfen zu haben. Mit dieſer Ausſage mußte der beklagenswerthe Baronet zufrieden ſein und ſich abguälen. Folgenden Tages ankerte er mit ſeinem durchwetter⸗ ten Geſchwader zu Spithead, als der elendeſte Menſch auf dem Antlitze der weiten Erde, obwohl er auf dem Waſſer ſchwamm, denn zu Spithead befindet ſich ja Erde unter den Waſſern, was für Waſſer ſonſt anderswo unter der Erde auch ſein mögen. Enthält nicht dieß ganze Kapitel eine große mora⸗ liſche Lehre für Alle, die da Machthaber zu nennen ſind? * Der alte Commodore. Sechstes Kapitel. „Nicht gut herausſtaffirt habt Euren Grimm Ihr, Wie im Theaterprunk geht er einher.« —»Die Zierde macht ihn Noch ſchrecklicher.« Webſter. Während der Commodore, die Beute jeglichen nagen⸗ den Gefühles, und von der Furcht durchſchauert irgend Einem von ſeiner Familie ſein Angeſicht zu zeigen, be⸗ müht war, ſich alle Erinnerungen dadurch zu verſcheu⸗ chen, daß er mit der größten Energie ſein Geſchwader ausbeſſern ließ, haben wir mit unſerem Freunde, dem Leſer, denn wir wiſſen, daß wir dieſen zur Stunde zu unſerem beſten, zuverläſſigſten Freunde gemacht haben — nach Treſtletree⸗Hall zurückzukehren. Der mit Lächeln und Thränen grillenhaft abwech⸗ ſelnde April war ſo eben eingetreten, und das lange Zwielicht ſenkte rings um das alte und große Herrn⸗ haus einen von den Fruchtbaumblüthen duftenden Nebel herab. Obgleich es draußen nicht kalt genug war, daß man künſtlicher Wärme bedurft hätte, brannte doch ein helles Feuer im Geſellſchaftszimmer, und da Niemand für nöthig erachtet hatte, es zu befehlen, waren noch keine Lichter hereingebracht worden. In dem geräumi⸗ gen Gemache befanden ſich zuvörderſt die ſtattliche und noch immer ſchöne Lady Aſtell und Miß Mathilde Bacuiſſart, welche Letztere ſehr jungfernmäßig, ſehr 160 Der alte Commodore hübſch und überaus reizbar ausſah. Dann erblickte man darin Miß Rebekka, des beängſtigten alken Com⸗ modore einzige Tochter, die ſich ziemlich geſittet zeigte indem ſie zur Zeit gute Fortſchrikte durch Aufſicht und Beiſpiel ihrer Taute Aſtell machte. Die vierte anwe⸗ ſende Perſon war unſer friedliebender und einſichtsvoller Freund, Mr. Underdown, den wir zu Rio⸗Janeiro ver⸗ ließen, der jedoch, weil er keiner entfliehenden Flotte nachzujagen hatte, vor etwa vierzehn Tagen völlig wie⸗ derhergeſtellt in England eingetroffen war. Lady Aſtell war bloß zum Mittagseſſen herunter gekommen; denn ihr Herz war voll von der Ankunft der Schiffe des Commodore zu Spithead. In heftiger Wallung zwiſchen Freude und Beſorgniß erwartete ſie jeden Augenblick, das Heranrollen des Wagens zu hö⸗ ren, der ihr ihren Bruder und ihren einzigen Sohn zu⸗ führen würde. Um Beide zu umarmen, hatte ſle ſich mit Mr. Underdown eilig nach Treſtletree⸗Hall be⸗ geben. Fünf Monden waren verfloſſen, ſeitdem Titel und Güter der Familie ihres verſtorbenen Gatten auf ihren Sohn übergingen. Inniglich hoffte ſie, die Erſte zu ſein, die ihrem Auguſtus dieſe Nachricht mittheilen, die Erſte, die ihn als Grafen von Osmondale begrüßen würde, welchen natürlichen Wunſch jedoch die ſtarr⸗ köpfige Miß Rebekka zu vereiteln trachten wollte, ſollte ſie auch von den Hufen der Wagenpferde niedergetreten werden. Im Ganzen war die Stunde ein Moment großer Aufregung. Alle zeigten ſich ruhelos und kaum ver⸗ ſtändig, wenn wir Mr. Underdown davon ausnehmen, der dann und wann von deun Uebrigen für ſehr unem⸗ pfindlich gehalten ward, weil er zu Zeiten Zweifel über Der alte Commodore. 161 die Ankunft des erwarteten Oheims und Neffen äußerte. Er achtete nicht ſonderlich darauf, als Miß Mathilde ihn deßhalb für unvernünftig ſchalt, und lachte nur, als Miß Rebekka ihn einen Grämler nannte und ihm mit Wegſtibitzen ſeines Buches drohete. Als er jedoch rieth, lieber alle Hoffnung aufzugeben, an dieſem Abend noch die Erwarteten ankommen zu ſehen, warf Lady Aſtell ihm einen ſolchen Blick des Vorwurfs zu, daß es ihm durch die Seele drang und er augenblicklich von der Feſtlichkeit zu plaudern begann, die er zum Em⸗ pfange des jungen Lords auf den Familiengütern zu veranſtalten beabſichtigte. Bald war man wieder an dem lange beſtritteuen Punkte, ob Auguſtus durch ſeinen Park in einem Triumphwagen von zwanzig jungen Pächterburſchen ge⸗ zogen werden ſollte, die ſich die Erlaubniß dazu erbeten hatten, um dadurch ihre Hochſchätzung an den Tag zu legen; oder ob die Zweifel der Mutter hierüber, als läge in ſolchem Triumphzuge einerſeits zu viel Komö⸗ dienmäßiges und andererſeits zu viel Erniedrigendes, als vollgeltend zu betrachten wären. Miß Rebekka er⸗ klärte ſich nachdrücklich für den Triumphwagen und die jungen Burſche, indem ſie ſich heimlich zuflüſterte, ſie würde ein Plätzchen neben Auguſtus im Wagen bekom⸗ men. Mathilde ſtimmte ihrer Nichte bei, während Mr. Underdown den Wagen zuließ, nicht aber die vor den⸗ ſelben zu ſpannenden Pachterjünglinge. Dagegen em⸗ pfahl er vier ſchneeweiße Füllen und eben ſo viele neben denſelben herſchreitende junge Männer; während Lady Aſtell eigentlich ſich wenig um die Art und Weiſe des Einzuges ihres Sohnes kümmerte, wohl aber ſehnlich danach verlangte, daß dieſer nur erſt kommen möchte. „Es kann gewiß keine Erniedrigung für die Män⸗ Der alte Commodore. I. 11 162 Der alte Commodore. ner ſein,« ſagte Rebekka, indem ſie ihre dichten Locken zurückſchob und eine allerliebſte Miene von Wichtig⸗ thuerei machte;»denn Guſtchen— der Graf von Os⸗ mondale, wollt' ich ſagen— hat mich ſehr oft auf dem Garkenſtuhle herumgefahren; und oft hab' ich geſehen, wie der Graf ſeinen lieben Rücken herlieh und den Spring⸗ bock für die Dorfjungen abgab, die mit ihren braunen Fäuſten ſich derb auf ihn ſtützten, wenn ſie holterpolter über ihn wegſetzten.«„ »Holterpolter, liebe Bekky?« verwies Miß Ma⸗ thilde—»mich dünkt, ſolch ein Polterwort ſollte nie⸗ mals über die Lippen eines Frauenzimmers kommen.“«, „Papperlapapp, Tantchen! was für'n Wort ſoll ich ſagen, wenn ein Trupp junger Burſche die Beine aus⸗ einander——« „Nichts ſollſt Du ſagen, ſondern ſollſt wegſehen. Springbock! welch ein gemeines Spiel! Mich wundert, daß junge Sprößlinge der Ariſtokratie ſich herablaſſen, dergleichen zu ſpielen. Meinen Sie nicht auch, lieber Mr. Underdown, daß dergleichen Spiele höchſt gemein ſind?«— 3 „Faſt eben ſo gemein, als Eſſen und Trinken,« ver⸗ ſetzte der Gentleman mit einem ruhigen Lächeln. »Sagt' ich Dir's nicht, Bekky?« bemerkte Miß Mathilde hierauf—»Dein eigener Liebling ſpricht ge⸗ gen Dich.« „Das thut er nicht, das thut er niemalsla ſagte Rebekka, ſprang auf und gab ihm einen ſchmatzenden Kuß, daß man's hätte im Jägerhäuschen hören können. »Ahi das afficirt mich! Pfui, Miß Rebekka Ba⸗ cuiſſart! Niemals haben Sie mich geſehen, daß ich auf⸗ ſprang und Mr. Underdown auf ſo verlehende Weiſe küßte.⸗ Der alte Commodore. 163 » Auf welche Weiſe würdeſt Du ihn denn küſſen, Tantchen?« fragte die Naive. „ Auf gar keine Weiſe, Miß. Und zudem müſſen Sie mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß, wenn junge Damen, von denen man glauben möchte, ihre Erziehung ſei vollendet, Gelegenheit nehmen, von demjenigen Körper⸗ theile eines jungen Edelmannes zu ſprechen, der mit einem Theile des Rockes bedeckt iſt, welcher nicht zuge⸗ knöpft zu werden braucht, es keineswegs mit den be⸗ ſten Begriffen von Schicklichkeit übereinſtimmt, wenn man denſelben'ſeinen lieben Rücken“ nennt.« »Papperlapapp! Tantchen Mat hält'nmal wieder nen Sermon.« »Tantchen Mat! Ei, hör' mir Einer!— Schwe⸗ ſter Agnes,« fuhr die Ermahnende, zu Lady Aſtell ge⸗ wendet, fort,»weiſe doch Deine vorlaute Nichte ein Bißchen zurecht!« „»Laß an dieſem geſegneten Abend keine Unfreund⸗ lichkeit walten, liebſte Schweſter! Faſt lieber noch als ſonſt iſt mir heute die Kleine in ihrer Munterkeit. O Mathilde? erwarten wir vicht von Aundenbni zu Au⸗ genblick meinen Auguſtus? »Ja, ja, Auguſtus!“ riefen Alle wie mit Einer Stimme; denn dieſer Name war ein Talisman des reinſten Glücks füͤr Alle. »Jetzt, liebſte Rebekka, nahm Mr. Underdown das Wort, indem er die ſchöne Unbändige beinahe auf ſeinen Schooß zog,»jetzt laß uns das Ende Deiner Schutzrede zu Gunſten der in Pferde zu verwandelnden Bauern⸗ burſchen hören. Die Gründe einer ſo methodiſchen und ſyſtematiſchen jungen Dame müſſen ſchwerge⸗ wichtig ſein.« „»Ah, ich merk's ſchon, Du willſt mich wieder aus⸗ 11* 164 Der alte Commodore.⸗ lachen, Du lieber, unartiger Underdown. Doch ſoll's mich nicht kümmern. Ich habe mehr als einen Grund dazu, und der erſte iſt der, daß Auguſtus, ſowohl als ich, nicht ſonderlich ſchwer wiegt.« „»Ohoho! da wär's Geheimniß heraus!« und Alle ſtimmten von Herzen ein in das Lachen des ehrlichen Geſellen.»Ja, ja, der Grund iſt ſchon allein hinrei⸗ chend. Miß fährt alſo mit dem Grafen?« Inmitten dieſer Fröhlichkeit, an welcher die ſchöne und, wie man ſieht, jetzt ſehr herangebildete Bekky den lachendſten Antheil nahm, hörte man, wie ein einzelner Reiter die Allee heraufſprengte. Das Lachen hörte auf— das Lachen, ſagte ich bloß? Nein, jede Seelen⸗ kraft des ganzen kleinen Familienkreiſes ſchien ſich in ein einziges Gefühl bangen Erwartens zuſammenzu⸗ drängen. Niemand ſprach, Keiner regte ſich, bis man den nämlichen Reiter wieder wegtraben hörte. Als die Hufſchläge allgemach in der Ferne verhallten, ſchauerte es leiſe, doch erſichtlich, durch alle Glieder Lady Aſtell's— es war das erſte bange Ahnen eines Unheils. Ein dreikaches, leiſes, jetzt jedoch bösweiſſagendes Klopfen erſcholl an der Thür, und nur die Jüngſte von den im Zimmer befindlichen Perſonen beſaß Geiſtes⸗ ſtärke genug, um das einfache Wort»Herein!“ zu ru⸗ fen. Herein trat nun der ſilberhaarige alte Haushof⸗ meiſter. Auf einem Praͤſentirteller trug er einen gro⸗ ßen Brief, deſſen Siegel jedoch abſichtlich unterwärts gekehrt lag. Ernſten und langſamen Schrittes ging er zu Lady Aſtell, die ihre bebende Hand nach dem Schrei⸗ ben ausſtreckte. Kaum aber hatte Jakob auf ſolche Weiſe ſich dieſer ſeiner Dienſtpflicht entledigt, ſo eilte er mit der Schnelligkeit eines Jünglings wieder zum Zimmer hinaus. Lady Aſtell aber, die in demſelben Der alte Commodore. 165 Moment das ſchwarze Siegel des Briefes erblickte, warf das Papier von ſich, als hätte ſie einen Skor⸗ pion augerührt. »Ich kann ihn nicht— darf ihn nicht leſen,— können Sie's, wagen Sie's, Mr. Underdown?« fragte ſie, und hielt ſich mit Mühe, daß ſie nicht ohnmächtig ward. Miß Mathilde hatte eine plaſtiſche Stellung angenommen. »Wo iſt der Bote, der dieß brachte?« fragte Mr. Underdown den hereingerufenen Diener. »Fort, Sir; er wollte nicht einmal abſteigen, ſon⸗ dern ſagte, er hätte Befehl, augenblicklich zurückzu⸗ kehren.« „Sagte er nicht, wer ihn ſchickte?⸗ „Nein, Sir; er ſagte weiter kein Wort.⸗ „»Du magſt gehen.« 5 Sobald der Diener hinaus war, ſagte Mr. Under⸗ down in einem ſo ſanften Tone, als eine Menſchen⸗ ſtimme ihn nur hören laſſen kann: „»Meine theure, theure Lady Aſtell, wir müſſen uns auf irgend etwas Betrübtes vorbereiten. Beten wir im Herzen um Seelenſtärke, bevor wir dieß ſchauer⸗ liche Siegel löſen! Es thut mir leid, ſehr leid, ſagen zu müſſen, daß die Adreſſe dieſes Briefes von der Hand des Commodore geſchrieben worden iſt«— und mit lallender, kaum vernehmbarer Stimme ſetzte er hinzu: »Wir müſſen auf das Schlimmſte gefaßt ſein.« »Ja,« ſagte die kleine gehorſame Tochter mit Schluchzen—„die Adreſſe zeigt Vaters garſtige Krä⸗ henfüße und Hahnenbeine. Was kann dem lieben Au⸗ guſtus begegnet ſein?« „»Laßt uns niederknien und beten!« ſprach Under⸗ down feierlich.. 166 Der alte Commodore. »Jetzt bin ich vorbereitet,« ſagte Lady Aſtell.— „Leſen Sie den Brief, mein theurer, edler Freund, aber thun Sie es leiſe, und nennen Sie mir dann mit einem einzigen Worte mein Geſchick.« Lady Aſtell ſprach dieſe Worte mit der fürchterlichen Ruhe kalter Ver⸗ zweiflung. Underdown wendeke ſich zur Seite und las, während ihm die Thränen über die hagern und blaſſen Wangen floſſen, die wehbefrachtete Epiſtel von Anfang bis zu Ende. Als er dieß gethan hatte, faltete er ſie zuſam⸗ men und ſteckte ſie, bei kummervollem Nachſinnen, in ſeine Taſche. Dann ging er zu Lady Aſtell, die mit einem Lächeln aufſtand, ihn zu empfangen— mit einem Lächeln— einem Lächeln! o, des krankhaften, ſchauer⸗ lichen, herzzerreißenden Lächelns! „Reden Sie, mein Freund—»reden Sie; fürchten Sie nichts von mir; ich fühle mich ſtark, auch das Schlimmſte zu hören— was iſt's?« „»Auguſtus iſt im Himmel.« Lady Aſtell ſank in die Arme, die ihr ehemaliger Liebhaber in banger Ahnung ausgeſtreckt hatte, um die zum Glück Ohnmächtiggewordene nicht auf den Boden fallen zu laſſen. Ueber Scenen dieſer Art ſchnell hinwegzueilen iſt jederzeit das Beſte. Mögen meine zartfühlenden Leſe⸗ rinnen immerhin ſich das bange Erwachen aus der Ohnmacht und das Wiederverſinken in dieſelbe der be⸗ raubten Mutter— die heſtigeren, aber minder ſchmerz⸗ lichen Krämpfe Miß Mathildens, und den wilden, faſt unbändigen Schmerz Rebekkens, die noch niemals ohn⸗ mächtig geworden war, ſo lebhaft als möglich vorſtellen. Denken wir uns dabei, daß es nahe an Mitternacht war, und daß die troſtloſe Familie, aus Furcht vor der * — Der alte Commodore. 467 Wirkung der Einſamkeit auf jedes einzelne ihrer Glie⸗ der, es nicht wagte, ſich zu trennen. 1 Endlich erhob die wehbeladene Mutter ihre Stimme und ſprach: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genom⸗ men, der Name des Herrn ſei gelobet—« „Amen!“« fiel Underdown feierlich ein. „Du aber biſt's, o mein Bruder! der mir dieß— dieß Uebergrauſame zugefügt hat. Wer ſoll jetzt die Lücke in der Ritterlichkeit des Landes ausfüllen? Wohl mögen die Edeln des Bezirkes ſich jetzt vergebens nach einem Repräſentanten des edelſten ihrer Häuſer um⸗ ſehen— er iſt todt! Mein Auguſtus! mein Sohn! mein wackerer, guter, lieber Junge! Bruder, Dein Antlitz kann ich nimmer wieder anblicken— wir müſſen einander fremd ſein für immer. Dein Herz war von Stein, als Du mir meinen Troſt, meine Stütze, mei⸗ nen Ruhm vom Herzen nahmſt. Du kannſt mir mei⸗ nen Sohn nicht wiedergeben. Ich verzeihe Dir— ich hoffe, daß ich Dir verzeihe, aber wiederſehen mag ich Dich nicht.« »Agnes! Lady Aſtell!« rief der tieferſchütterte Un⸗ derdown—»das iſt unchriſtlich.« »„Das iſt's nicht! das iſt's nicht!« ſchluchzte das verzogene Kind,»das iſt's nicht! Laſſen Sie Vater ſein Geſicht zeigen, wenn er's kann, ſag' ich. O Au⸗ guſtus! mein Freund, mein lieber, lieber Freund! mein Spielgenoß! Jett will ich mich um nichts mehr küm⸗ mern, will nichts mehr lernen und leſen; nein! will auch nie wieder in die Kirche gehen;— niemals, Augu⸗ ſtus, werden wir mehr beiſammen ſitzen! Ich will meine Kleider zerreißen, will all' meine Tändelſachen zerſchlagen— ſo will ich! Alles, Alles will ich thun, 168 Der alte Commodore. was meinen Vater verdrießen kann— ja, ja, ſo will ich; ſo will ich! Und in wildem, ohnmächtigem und höchſt ungeziemendem Zorne ſtampfte ſie dabei auf die Flur. „»Gehen Sie zu Bette, Miß Bacuiſſart, und gleich!a ſagte Mr. Underdown höchſt ärgerlich. „Ich will nicht! Wie können Sie mir in meinem eigenen Hauſe befehlen, zu Bette zu gehen? Ich habe Sie nicht mehr lieb, und will auch nicht leiden, daß Sie mich lieb haben. Zu Bette gehen— ei, ſeht doch! Tante Agnes wird mir nicht ſagen, daß ich zu Bette gehen ſoll. Liebe, gute Tante Agnes, wenn Du mir fagſt, daß ich gehen ſoll, ſo will ich gehen.« Und ſie kam und kniete zu Füßen der unglücklichen Mutter, und begrub in deren Schooß ihr brennendes, thränen⸗ naſſes Augeſicht.»Du wirſt mich nicht ſchelten,« ſchluchzte ſie,»Du liebteſt mich um des armen Guſty's willen.« „Liebte Dich? Ja, o ja, und werde Dich immer lieben, gutes, theures Kind!« »Ich will zu Bette gehen, Tante, wenn Du es wünſcheſt.« „Nein, Liebſte! Du nahmſt eine edle Stelle in mei⸗ nes Sohnes Herzen ein; Du ſollſt Theil nehmen an unſerm Kummer.— Jetzt, Mr. Underdown, weiß ich, daß mein Thun in dieſer Welt gethan iſt— ich muß mich zum Sterben vorbereiten. Noch ein Paar Auf⸗ tritte gleich dieſen, und ich bin des Todes. Morgen will ich in meine einſame Wohnung, und mich au⸗ ſchicken, meine Seele dem Schöpfer aller Dinge zu über⸗ antworten. Ich bleibe nicht länger in dem Hauſe die⸗ ſes mörderiſchen— dieſes grauſamen Bruders;— hier iſt mir, als müſſe die Luft mich erſticken. Sorgen Sie, — 1 .* Der alte Commodore. 469 daß ich morgen abreiſen kann— morgen, gleich nach dem Frühſtück—— Frühſtück?— werd' ich jemals wieder eſſen? Ehe ich aber die Einſamkeit ſuche, laſſen Sie mich Alles— alle näheren Umſtände wiſſen; ich bin jetzt zu betrübt, als daß ich einen zweiten Streich fühlen könnte. Mein erprobter, mein treuer Freund, leſen Sie den Brief.« Ohne Zaudern und ſonder Bemerkung las Mr. Un⸗ derdown Folgendes: »Am Vord v. S. M. Schiff„Terrifie“ Spithead, den 3. April 17** Liebe Schweſter! Ich wollte, Underdown wäre bei mir; denn nim⸗ mer bin ich glücklich, wenn ich ihn nicht abrufen kann. Ich könnte Dir die Geſchichte nicht in Wor⸗ ten aus meinem Munde erzählen; werde nicht eher heimkommen, als bis das Raſen dieſes Sturmes ſich einigermaßen gelegt haben wird. Sonderbar Ding das, daß er, wie ich höre, zu dem Titel gelangt iſt. Kein Glück, wie geſagt, wenn Underdown nicht da iſt; ich bitte Dich, ſchick' ihn her, ſobald als mög⸗ lich. Schlimme Botſchaft, Schweſter; fürwahr! je⸗ doch ſind wir Alle Gottes Kreaturen, und ſtehen in des Höchſten Hand. Ich ſelbſt bin nicht wenig herun⸗ ter, laſſe das Geſchwader kalfatern, wie Du weißt— aber mein Kummer wird dadurch nicht gemildert, und dieſe unheilvolle Nachricht—— doch ich ver⸗ gaß, daß ich ſie Dir noch nicht mittheilte. Vielleicht thu' ich am beſten, wenn ich Dir'nen Ertrakt aus'im Schiffsbuch hierherſetze. Darin, weißt Du, kann's nichts Erlogenes geben, Schweſter; alſo: — 170 Der alte Commodore. »März 31.; 5 Uhr Nachmittags. Starke Brieſen bei wolkigem Himmel. Wind: Nord zu Weſt, ein Viertel Weſt. Cap La Hogue Weſt zu ein Viertel Süd, funfzehn Meilen. Das franzöſiſche Geſchwader geſehen— ſechs Linienſchiffe und zwei Fregatten mit zwan⸗ zig Priſen, hart am Strand auf Backbord⸗Tack, bei freier Fahrt. Um 6 Uhr 30 Min. legte das franzöſiſche Geſchwader ſich in die Cherbourg⸗ Mündung und eröffnete ſein Feuer gegen den „Terrific. Dieſer beantwortete ſolches durch wie⸗ derholte Breitſeiten. Um 7 Uhr 40 Min. hörte das Feuern von beiden Parkeien auf. Wäh⸗ vend des Treffens fiel der hochachtbare Mr. Au⸗ guſtus Aſtell über Bord, als er in Vollführung einer gefährlichen Dienſtpflicht beſchäftigt war, und mußte leider ertrinken. Um 8 Uhr nach Mittag legten wir weiter unter Segel.“ So ſiehſt Du ein, liebe Schweſter, daß wir uns faſſen müſſen, ſo gut es ſich thun läßt. Sage Ma⸗ thilden, daß ſie ſich's nicht allzuſehr zu Herzen nimmt. An Bekky meinen Gruß, und ich werde ſtrenge Hand an ſie legen, wezn ich nach Hauſe komme. Recht bedacht, iſt's doch beſſer, wenn Underdown noch'ne Zeitlang bei Dir bleibt; er verſteht ſich d'rauf, Ei⸗ nem die Bekümmerniß wegzuſalbadern. Jetzt nichts mehr von Deinem Dich liebenden Bruder Octavius Bacuiſſart. Als Mr. Underdown dieß Schreiben geleſen hatte, ſagte er:»Meine theure Lady Aſtell, obwohl unſer ge⸗ liebter Auguſtus auf ſo dunkle Weiſe umkam, iſt er — Der alte Commodore. 171 doch ſo glorreich, als irgend ein Held umgekommen, der jemals ſich für das Wohl ſeines Vaterlandes aufopferte. Ich will jetzt nicht alltägliche Troſtgründe bei Ihnen verſuchen. Der Schlag, der Sie traf, iſt fürchterlich, und Ihr Kummer muß herzzermalmend ſein. Und ſo mag er's; doch brauch' ich Ihnen nicht zu ſagen, daß über uns ein unerſchöpflicher Quell des Erbarmens ſtrömt— o ſchöpfen Sie aus ihm, theure Lady!“« Allein Agueſens Geiſt ſchwebte über den wogenden Wellen, in denen ſie den Leichnam ihres geliebten Soh⸗ nes hin und her geſchwemmt zu erblicken ſich einbildete. „Keine Leichenfeier!« rief ſie—»kein geziemend Begräbniß! Am Strande findet ſogar ein getreuer Hund ſeine Gruft!— O mein Sohn! mein Sohn!« „Was, theure Freundin, ſind Formen und Ce⸗ remonien gegen das Weihopfer der Herzen? Die Seele in ihrer Reinheit wird eben ſo leicht aus der Tiefe des Meeres, als aus dem marmorüberdeckten Monumente ſich emporſchwingen. Kann es jedoch Ih⸗ ren Schmerz in etwas beſäuftigen, ſo wollen wir, ehe wir uns fuͤr die Nacht trennen, die Leichengebete leſen.“« »Es würde mich höchlich beruhigen. Die ganze Dienerſchaft möge ſich verſammeln.“« Der Auftritt, der jetzt erfolgte, war eben ſo ſchmerz⸗ lich, als erhebend; gegen den Schluß derſelben ward jedoch dadurch eine beruhigende Wirkung hervorgebracht. Zwar floſſen auch dann noch Aller Thränen, allein, mit Ausnahme zweier von den Anweſenden, wurden ſowohl Zähren frommer Ergebung als tiefen Kummers ge⸗ weint.. Als Lady Aſtell ſich in ihr Zimmer zurückzog, ſagte Mr. Underdown zu ihr:»Mylady, bei der beuſchen 172 Der alte Commodore. Liebe, die ich einſt zu Ihnen hegte, und bei der heili⸗ gen Freundſchaft, welche ewig unſere Herzen verbunden halten wird, beſchwör' ich Sie, daß Sie in Ihrem Ge⸗ bete, bevor Sie einſchlafen— ½ „Schlafen?« „»Gott wird Ihnen in ſeiner Güte einen ruhigen Schlaf verleihen! Ich beſchwöre Sie, daß Sie, bevor Sie einſchlafen, in Ihrem Nachtgebet Ihres unglückli⸗ chen Bruders gedenken, und eine Segnung über ſein Haupt erflehen.« „Ich will's— wenn ich es vermag.⸗ —— Siebentes Kapitel. 3 „Rach' einer Seel' iſt's, die da tief verfank In's bodenloſe Meer des Grau'nentſetzens.« Der Leſer vernehme jetzt ſofort die Ergebniſſe des nächſtfolgenden Morgens. Mr. Underdown war von jeher ein Frühaufſteher, verließ jedoch, außer mitten im Sommer, ſelten vor dem Frühſtück ſein Zimmer, indem er ſeine Zeit entweder bei ſeinen Studien, oder im Ordnen der Rechnungen Sir Ockavius Bacuiſſart's gro⸗ ßer Beſitzthümer zubrachte. Miß Mathilde konnte ſchwer⸗ lich bei irgend einer Gelegenheit dazu vermocht werden, vor der Mittagseſſenszeit ſichtbar zu ſein; während Rebekka, je nachdem die Laune des Augenblicks ſie be⸗ 4 ſtimmte, entweder mit dem erſten Lerchengezwitſcher heraus war, oder noch im Bett lag, wenn ſchon die —— ————’* Der alte Commodore. 173 Sonne begonnen hatte, ihre Strahlen oſtwaͤrts zu ver⸗ ſenden. 3 An dem denkwürdigen vierten Maitage nun, Punkk neun Uhr Morgens, ſaßen im Frühſtückszimmer von Treſtletree⸗Hall zwei, ihrer eigenen Schätzung nach, hochwichtige Perſonen. Die eine war Bekky Balky, denn einen beſſeren Titel verdiente ſie jetzt kaum, wenn man ihr Aeußeres betrachtete. Sie hatte während der vergangenen Nacht, des Weinens wegen, wenig geſchla⸗ fen, und als der Frührothſchimmer in ihre Fenſter blickte, ſtand die Erbin von Treſtletree⸗Hall auf, ſtieg ungewaſchen und ungekämmt treppab, ſchloß und rie⸗ gelte die Hauptthür auf und ging geraden Weges hin⸗ übex, um Auguſtus Aſtells weißes Reitpferd zu beſu⸗ chen. Der Morgen war rauh und nebelig, und auf dem Wieſenſtücke und dem ſchmutzigen Stallhofe, über die ſie hinweg mußte, beſudelte ſie ſich die Kleider bis über die Knie hinauf. Ihr galt das gleich, denn ſie hatte jetzt beſchloſſen, Alles zu thun, was ſie nicht thun ſollte; und da Erkältung ihr nichts anhaben konnte, kümmerte ſie ſich eben ſo wenig um ihr äußeres Er⸗ ſcheinen, als um etwaige Folgen ihres Thuns. Bald ſtand das Mädchen in dem Stalle, und hielt mit ihren ſchöngeformten weißen Armen das zarte und doch muthige Rößlein umhalſet. Sie ſtreichelte es, und weinte bei demſelben inniger, als ſie es bei dem Herrn des Thiers gethan haben würde, und machte, da ſie ſich unbeobachtet und unbelauſcht wähnte, ihrem Her⸗ zen durch Worte inniger Liebe Luft, welche ſie dem Andenken ihres geliebten Spielgenoſſen zollte. »Ich habe große Luſt,« ſprach ſie,»zu Tode zu hun⸗ gern; aber es iſt ſo ſchrecklich, hungerig zu ſein. Ich mag nicht leben— ich will mich umbringen. Nein, 174 Der alte Commodore. ich will warten, bis Vater kommt, und dann das Haus in Brand ſtecken. Ja, ja, das will ich— um Deinet⸗ willen will ich's, lieber, liebſter Auguſtus. Wir wollen Alle miteinander ſterben; und dann hat's ein Ende mit der Familie und ihrem albernen Stolze, und mit Ser⸗ monen über Schicklichkeit, und mit Lehrſtunden, und mit Allem. Das Haus will ich niederbrennen mit Al⸗ lem, was darinnen iſt.— Aber der arme, gute Un⸗ derdown— was that er, daß ich auch ihn verbrennen könnte? Nein, ich muß warten, bis der weg iſt. Und Tante Matty, die gute, einfältige Tante Matty? Lie⸗ ber möcht' ich mit Haut und Haar verbrennen, als ihr nur einen Finger verſengen. Und Vater— rauher al⸗ ter Vater— nachdem er ſo lange und ſo tapfer gedient hat— ˙s wär' hart, ihn zu verbrennen; und er war immer ſo freundlich mit mir— nein, er darf auch nicht verbrannt werden. O Himmel! Niemand iſt da außer mir, der verbrannt werden könnte! Was fang' ich an? was fang' ich an?—— Und iſt das ein ordentlich Bett für Rover?« Rover war der Name des Pferdes, und indem Bekky Bakky dieſem ihre Aufmerkſamkeit zulenkte, zeigte ſie ſich minder untröſtlich, nahm eine Heugabel und fing an, die Streu des Thieres aufzuſchütten— eine Beſchäftigung, die ſie, ach! zu mehreren Malen ſchon getrieben hatte. Nicht lange jedoch hatte ſie ſo ge⸗ wühlt, als Jemand unter dem Stroh die Zinken der Gabel faßte, und ein breites, luſtig ausſehendes Jun⸗ gengeſicht hervorguckte. »Halt' an, Du!“ rief's unter dem Stroh heraus: „Du haſt mir beinahe mein Steuerbord⸗Augenlicht ver⸗ finſtert!« 3 3 So ſeltſam dieſe Erſcheinung auch war, ward Re⸗ 3 Der alte Commodore 173 bekka doch nicht durch dieſelbe erſchreckt. Das Mäd⸗ chen trat bloß einen Schritt zurück, ſtemmte mit der Rechten ihre Waffe in die Höhe und ſtand abwehrend, als kein übles Bild einer jungen Venus unter den Amazonen, da. »Und wer biſt Du, den ich hier, wie einen Räuber, auf meinem Grund und Boden verſteckt finde?« fragte ſie.»Steh' auf und ſprich!« erſcholl dann die kecke Aufforderung des unbändigen Mädchens. Und das will ich. Gewiß thun Sie mir kein Lei⸗ des, ſobald Sie nur halb ſo freundlich, als hübſch ſind. Sicherlich rede ich mit der Tochter des fechtenden alten Commodore— Gott verd— ihn!« »Wie wagſt Dus, elender Landſtreicher, der Du biſt, ſo herabwürdigend von meinem Vater zu ſprechen?« »Um Verzeihung, Miß Rebekka, aber ich meine, vorhin gehört zu haben, Sie möchten ſelber den alten Mucker auf den Bratroſt gelegt wiſſen.« »Nichts mehr von ſolchem Wiſchiwaſchi, ſonſt weck' ich das Hausgeſinde. Nochmals frag' ich: wer biſt Du damit ich mein Verfahren nach Deiner Antwort einrichte.“« »Nur ohne Furcht, Miß Rebekka.“« „»Was? Furcht vor ſo'nem winzigen Dinge, wie Du biſt?— Biſt Du n Bettler oder'n Tagedieb— was biſt Du?« »Ach, liebes Fräulein, ich bin nicht viel Beſſeres, denn ich bin ein Ausreißer.« »Von welchem Schiffe? Sprich!“ »Vom Terrific.* Wie? von meines Vaters Schiffe? O, erzähle mir von Auguſtus!« „»Ich war ſein Freund— ſein Buſenfreund—⸗ 176 Der alte Eommodore. „Ha! Auguſtus Aſtell's!« „Sein Freund, ſonſt keines Menſchen Freund; um ſeinetwillen deſertirt' ich.« »Deſertirt? um ſeinetwillen? um meines lieben Guſty's willen? Du allerliebſter Junge!« „Ja, Miß, ich habe ſeinetwegen viel gelitten; um ſeinetwillen ließ Ihr hochgeehrter Vater mir zweimal die Katze gebeu.« „»Armer kleiner Menſch! Kommen Sie mit in's Haus, und erzählen Sie mir das Alles.« Allein der kleine Danvers mochte dieß nicht wagen. Mit der Miß ging er demnach zwiſchen den Hecken bis neun Uhr umher, und während dieſer Zeit hatte der zerlumpte kleine Midſhipman Alles aufgeboten, um die Tochter glauben zu machen, ihr Vater wäre einer der ſcheußlichſten Tyranuen, die jemals auf jenem ehemali⸗ gen Schauplatze der Tyrannei, das Hinterdeck eines Kriegsſchiffes genannt, umherſtapfte. Sehen wir jetzt, wie dieſe beiden neugebackenen Freunde Hand in Hand dem Hauſe zuſchreiten! wie auf dem Geſichte der jungen Erbin das Lächeln mit den Thränen ringt, und wie auf dem des entlaufenen Reffers Frechheit mit Unruhe abwechſelt! »Kann ich's glauben?« fragte das aufgeregte Maͤdchen. Juſt nicht ſo geradezu, Miß Bekky; dennoch wa⸗ ren die Umſtände ſehr zu ſeinen Gunſten. Freilich war der Abend dunkel und kalt; allein das Salzwaſſer iſt jederzeit wärmer, als die Luft, und auf der Meeres⸗ fläche befanden ſich viele kleine Fahrzeuge; dazu kommt, daß Auguſtus wie'ne Ente ſchwimmt, und ſo kann ich nicht glauben, daß er ertrank— er iſt gar zu n ſchmucker Junge!« Der alte Commodore. 177 „Ich will ihn mir noch lebend denken— wie glück⸗ lich macht mich der Gedanke! Ob wir ſeiner Mutter unſere Meinung mittheilen?« „Ich weiß nicht. Thun wir's lieber nicht; es könnte ſie nur um ſo heftiger aufregen— vollends wenn er wirklich ertrank.« „»Denken Sie das nicht? Wiſſen Sie gewiß, daß er ſchwimmen kann?« „»Hm, ich ſah ihn freilich niemals ſchwimmen, weiß auch nicht, daß er mir jemals ſagte er könne es— aber er iſt'n gar zu glorreicher Burſch— er konnte immer Alles.« „»Wir wollen gleich Mr. Underdown zu Rathe ziehen.« „» Underdown? das iſt Eiſenklau's Schreiber? Hm! iſt der hier?« 4 „» Ei freilich! er wird ſich freuen, Sie zu ſehen.« „Kann ſein, kann ſein, Miß; beſſer doch ich lichte Anker und ſteche in See, denn Ihr guter Underdown würde mich als einen Ausreißer an Ort und Stelle ſchaffen laſſen, ehe ein Kater ſich das Ohr lecken kann, wie wir zu ſagen pflegen, wenn wir flott ſind.« »Sie mögen ſpaßige Dinge ſagen, wenn Sie flott ſind; jetzt ſollen Sie jedoch hier bleiben und ſie am Lande ſagen. Meinen Sie, daß ich Sie ſogleich wie⸗ der fortlaſſe, mein niedlicher kleiner Midſhipman?« „Glauben Sie, daß er mich nicht ausliefert?« »Er darf nicht— Sie allerliebſter kleiner Burſch!« Sol gingen ſie miteinander in's Haus und in's Früh⸗ ſtückzimmer, und nicht lange währte es, ſo hätte bald der eine Diener den anderen umgerannt, um die tauſend Befehle der unumſchränkten Erbin zu vollziehen. Das köſtlichſte Frühmahl ward beſtellt— Wildgeflügel mit Der alte Commodore. I. 12 178 Der alte Commodore. Champignonbrühe ſollte augenblicklich zugerichtet wer⸗ den, die beſten Weine ſollten ſofort aus dem Keller herauf geſchafft werden. Obwohl nun der kleine Daniel Danvers, oder der doppelte Dan, wie er gemeiniglich von ſeinen Schiffs⸗ maaten genannt ward, von Miß Rebekka ſich ſo gön⸗ nermäßig behandelt ſah, zählte er doch volle drei Jahre mehr als das Mädchen, war jedoch nicht ſo lang ge⸗ 13 wachſen als ſie. Er war breitſchulterig und in ſeinem Wuchſe etwas gehemmt, hatte jedoch für einen Paus⸗ back, der jemals einen kieſelharten Schiffszwieback an⸗ grinſete, das liebfreundlichſte Geſicht von der Welt. Er verwunderte ſich ſo über Alles, was er ſah, daß wenn er nicht unmäßig hungrig geweſen wäre, er vor Er⸗ ſtaunen nicht die Kinnbacken würde haben bewegen kön⸗ nen. Die Pracht, die im Zimmer herrſchte, und Alles übertraf, was er der Art jemals geſehen hatte, die Fülle und Köſtlichkeit des Mahles, und die Emſigkeit der zahlreichen Dienerſchaft im Ausrichten der Befehle eines hübſchen, aber ſchmutzigen, grillenhaften Mädchens — das Alles dünkte ihm wie Zauberri aus irgend ei⸗ nem Feenmährchen zu ſein. Bei alldem aß er, und ſprach kein Wort, während ſeine wohlwollende Wirthin, höchlich erſtaunt üͤber einen Appetit, der ihr weit über Alles hinausreichte, was ſie von menſchlicher Eßluſt jemals ſich hatte vorſtellen können, ihm fortwährend den Teller mit Leckerbiſſen belegte. 4 „Dieſen in Eſſig gelegten Fiſch noch, köſtticher Dan—“ da ging die Thür auf und in Reiſekleidern, auf den Arm Mr. Underdowu's geſtützt, trat Lady Aſtell's majeſtätiſche Geſtalt in das Zimmer. Vo Schrecken ließ Daniel Meſſer und Gabel fallen, und ſtarrte die Hereintretenden an, als ob der letzte —— Der alte Commodore. 179 voll, den er zu ſich genommen hatte, ihm zu groß zum Verſchlingen wäre. „Laß Dich nicht irren, lieber Daniel, es iſt nur meine Tante Agnes mit Mr. Underdown. Es iſt gar nicht nöthig aufzuſtehen, Mr. Danvers. „Wen, im Namen alles deſſen, was unſchicklich iſt, haben wir hier?« fragte Underdown ziemlich ſchneidend. „Rebekka, welchen Landſtreicher haſt Du hier bei Dir?« fragte Lady Aſtell mit Betrübniß. Nun hatte Mr. Danvers nichts, das hätte für ihn reden mögen, außer ſeinem Geſichte. Ein einnehmen⸗ des Geſicht ſoll ein Empfehlungsbrief von des Höchſten Hand ſelbſt geſchrieben ſein, wie man ſagt. Was nun Daniel Danvers betraf, ſo hatte es mit dem Briefe bei ihm ſeine Richtigkeit; allein das Aeußere des Leibes, der dazu gehörte, und all deſſen, was an und auf dieſem hing, ſtrafte ſofort den Empfehlungsbrief Lügen. Daniel hatte zu Fuß beinahe achtzig(engliſche) Meilen im elende⸗ ſten Wetter zurückgelegt; ſeine Kleider waren zerfetzt, die wenige Leinwand, die um ſeinen Hals herum entdeckt werden konnte, war ſchmutzig, und ſeine Hände zeigten ſich ſchwarz, wie das Ungewaſchene ſich nur zeigen kann. Hierzu füge man noch den Umſtand, daß ſeine zerlumpte Uniform Spuren des Bettes trug, in wel⸗ chem er einen Theil der jüngſtvergangenen Nacht zu⸗ gebracht hatte, denn Stroh⸗ und Heuhalme und ſon⸗ . ies Stallunſauberkeiten hafteten dem armen Jungen Rebekka dagegen, obwohl in peinvoller Gemüths⸗ Kannnung, ſah vielleicht nie ſchöner aus als eben jetzt. Die Gluth der Schwärmerei lag auf ihren Wangen und ihre Augen funkelten von dem unſterblichen Feuer der Seele. 12* 180 Der alte Commodore. „Wer iſt dieſer Menſch, Rebekka?« fragte Mr., Underdown düſter. „Mein Gaſt und mein Freund.— Mich dünkt, jetzt wiſſen Sie genug von ihm, Sir,« antwortete das ſchöne, ſich erzürnende Mädchen.»Vater ſagt, man ſoll mir nicht querkommen, und ich will auch nicht, daß man mir querkommt.« „So, Miß? und darf man in aller Unterthänigkeit fragen, wo Sie dieſen Ihren zerlumpten Freund auf⸗ fanden?«. „Im Stalle, wo er die Nacht zubrachte, welches deſto mehr Schande für uns iſt.— Unſer beſtes Bett würde nicht gut genug für ihn ſein.“ 3 „Mr. Underdown,« ſagte der Strohbedeckte ſtam⸗ melnd,»ich war der Freund Auguſtus Aſtell's.⸗ „Meines Knaben Freund!“ kreiſchte die Mutter —»reden Sie! reden Sie!“ „Wahrhaftig! es iſt Daniel Danvers,“« ließ Under⸗ down ſich vernehmen, der jetzt erſt ſeinen kleinen Mann erkannte. „Ja, ich bin der unglückliche Daniel Dauvers. Ich war Schüſſelmaat und Vertrauter Auguſt Aſtell's und bin jetzt ein Ausreißer vom Terrific! Mögen Sie mich jetzt ausliefern, Sir, wenn Sie wollen— mir ſoll's gleich ſein, denn ich habe meinen Schwur gehal⸗ ten.« „Schwur? welchen Schwur? O ſagen Sie mir Alles. Wenn Sie meines Sohnes Freund ſind, ſoll es Ihnen an meinem Schutze nicht fehlen.“ „Tante— Mr. Underdown⸗— fiel Rebekka ein —„ehe er ſpricht, noch Eine Frage: konnte Auguſtus ſchwimmen?« 25 3 Die Antwort beider Gefragten lautete: ⸗»Nein.⸗ Der alte Commodore. 181 Da verſchwand augenblicklich alle Geiſtesmunterkeit Rebekkens. Das Mädchen brach in krampfhaftes Schluchzen aus, und ſenkte ihr Geſicht in ihre auf den Tiſch gelegten Hände. „»Was hat das Alles zu bedeuten?« fragte die auf⸗ geregte Mutter, die kaum Kraft genug in ſich fühlte, um zu reden. „»Je nun, Milady, kurz bevor Auguſtus über Bord ſprang—« 1 „» Sprang? mein Sohn? über Bord ſprang? Augu⸗ ſtus ein Selbſtmörder?« rief die troſtloſe Mutter, in⸗ dem ſie zu einem Stuhle wankte. »Voreiliger junger Mann, was haben Sie hier an⸗ gerichtet?« ſagte Underdown, indem er den Midſhip⸗ man bei'm Kragen ergriff und derb ſchüttelte.»Kom⸗ men Sie mit mir weg von hier.« Lady Aſtell war jedoch nicht in Ohnmacht geſunken. Sie ſchien von einem neuen und ſeltſamen Leben beſeelt zu ſein, und ſagte mit heiſerer Stimme:»Mr. Under⸗ down, ich befehle Ihnen von dem jungen Manne abzu⸗ laſſen. Er war meines Sohnes Freund— hochachten Sie, lieben nnd verehren Sie ihn! Bei der geringſten Heftigkeit, die Sie auch nur in einem einzigen Worte gegen dieſen jnngen Menſchen äußern, hat es für im⸗ mer mit unſerer Freundſchaft ein Ende. Komm zu mir her, Freund meines Sohnes, daß ich Dich in meine Arme ſchließe. Und jetzt, bei der Mutter, die Dich einſt geliebt haben muß, beſchwöre ich Sie, Mr. Danvers, mir Alles— Alles zu ſagen! Schon gut, Mr. Underdown— ich bin nicht wahnſinnig, nicht aufgeregt— bin nicht mehr das ſchwache Geſchöpf von geſtern.— Ich will Alles, Alles hören.« Der beſtuͤrzte Daniel erzählte nun den Hergang, ſo 182 Der alte Commodore. wie er männiglich am Bord des„Terrific“ geglaubt ward. Während dieſe entſetzliche Erzählung fortrückte, kam eine ſeltſame Umwandlung über Lady Aſtell. Ihr gan⸗ zes Weſen ſchien ſich umzukehren. Man konnte kaum ſagen, daß ihre Geſichtszüge ihre eigenen blieben— der frühere Ausdruck derſelben war für immer ver⸗ ſchwunden, und an deſſen Statt nahmen ſie einen rau⸗ hen und rachbegierigen Ernſt an, der mehr dem gemei⸗ ßelten Marmor, als Muſkeln und Adern entſprach. Ihre Geſtalt ſchien an Länge zugenommen haben, auf ihren Wangen lagerte wieder eine Röthe. Man ſah deutlich, daß ſie jetzt einen anderen Lebenszweck, als den zu ſterben hatte. Endlich legte ſich ein ſtarres Lächeln auf ihre Oberlippe, und als die traurige Ge⸗ ſchichte auserzählt worden war, erblickte man Weniges mehr von der chriſtlichen Agnes Aſtell— denn dieſe war die Medea der Heidenzeit geworden. Während der Mittheilung ward des Briefes ge⸗ dacht, den der verzweifelnde Sohn an ſeine Mutter ſchrieb; dieſe verlangte denſelben jedoch nicht. Als der junge Meuſch von dem Briefe ſprach, reichte er den⸗ ſelben hin; Lady Aſtell ſchob ihn jedoch von ſich, und als die ſchauerliche Kataſtrophe ihres eigenen Sohns ihr dargelegt ward, vergoß ſie— ſeltſam genug!— keine Thräne. Kaum jedoch ſchilderte Daniel ſeine ei⸗ genen erlittenen Verfolgungen, die Schmeicheleien und Peitſchenhiebe, die ihm geworden waren, um ihm den von ihm verſteckten Brief abzulocken; kaum berührte er ſein Entlaufen und ſeiner beſchwerdevollen Reiſe nach Treſtletree⸗Hall, nachdem er Lady Aſtell vergebens in deren eigener Wohnung geſucht hatte, ſo rollten ſtille Thränen über die Wangen der unglücklichen Mutter, Der alte Commodore. 183 die dann, als die Geſchichte zu Ende erzählt worden war, mit Ruhe die Worte ſprach:„»Geben Sie mir jetzt den Brief.« Sie nahm ihn und küßte ihn, löſete jedoch nicht das Siegel deſſelben. Dann wendete ſie ſich zu Un⸗ derdown, und ſagte in einem ſeltſamen und unnatür⸗ lichen Tone:»Sie haben Alles mit angehört. Wiſſen Sie irgend etwas zur Entſchuldigung dieſes an einen Verwandten verübten Mordes vorzubringen, ſo ſagen Sie es.« „Faſſen Sie ſich, theure Lady; Ihr Anblick er⸗ ſchreckt mich.« „»Thut er das? dennoch fühlte ich mich nie in mei⸗ nem Leben wohler— nie ſtärker, nie entſchloſſener, nie tüchtiger zu irgend einer geziemenden That. Wollen Sie meine Frage beantworten?« „ Meine Anſicht von der Sache iſt ganz einfach die, daß es durchaus an Beweiſen fehlt, der Behauptung zu widerſprechen, die Sir Octavius ſelbſt in ſeiner Ka⸗ jüte gegen ſeine Officiere, und in ſeinem eigenhändigen Schreiben an Sie äußerte.« „Genug! ich will nicht fragen, ob Sie ſelbſt an das glauben, was Sie ſo eben ſagten. Geſtern erfuhr ich, daß ich keinen Sohn mehr hätte; heute erfahr' ich, daß ich keinen Bruder mehr habe.“« „Laſſen Sie uns überlegen, theure Freundin—⸗ „Nichts von dergleichen, Sir! Uns iſt eine höhere Pflicht auferlegt worden. Leſen wir die Weiſung des Todten! Hören wir ihn— den Jugendlichen und Schö⸗ nen, der auf widernatürliche Weiſe ſein Grab unter den kalten Wellen des Meeres ſinden mußte! Verneh⸗ men wir ſeinen letzten Willen, und was dieſer uns ge⸗ 184 Der alte Commodore. beut, das wollen wir thun, ſo wahr es einen gerechten Gott giebt, der den Mord baſtraft! Hören Sie.⸗ Sie las nun den Brief, den wir nochmals hierher⸗ ſetzen: »Mutter, 8 Wenn Du dieſes lieſeſt, ſo gehe hin und fordere von Deinem Bruder Deinen ermordeten Sohn. Ich bete zu Gott, daß er Dich ſegnen möge. Auguſtus Aſtell.« „Auguſtus, mein geliebter Sohn, Dir ſoll bis auf⸗ den Buchſtaben gehorſamt werden. Die Forderung ſoll ihm in's Ohr donnern— ſchlafend und wachend, in geſunden und kranken Tagen ſoll er ſie hören; ja, er⸗ ſchallen ſoll ſie ihm noch aus dem Geheul der böſen Geiſter, die ſein Sterbebette umſchwirren werden!« „ Das iſt allzu ſchrecklich, allzu unchriſtlich, allzu unweiblich.« „Meinen Sie? und doch ſagen Sie, daß Sie mei⸗ nen Auguſtus liebten?« Zu Danvers gewendet fuhr die Lady fort:»Zu mir her, junger und ritterlicher Sir! Haben Sie Aeltern?« 4 „Ich bin verwaiſ't.« „Um ſo beſſer, ſo nehm' ich Sie an Kindes Statt an. Sie reiſen mik mir— mein Wagen erwartet uns. Verlaſſen will ich dieß verfluchte Dach, allein mit Schrecken unter daſſelbe zurückkehren. Um derer willen die ich hier zurücklaſſe, will ich meinen Fluch 1 nicht auf die Schwelle des Hauſes legen, ſondern will bloß auf ihr den Staub von meinen Füßen ſchütteln. Rebekka, ehre Deinen Vater; ſpäterhin werde ich wohl wieder lernen, Dich zu lieben. Mr. Underdown, leben Sie wohl. Ich wollte, ich könnte ſprechen:„Möchten wir bald einander unter glücklicheren Umſtänden wiederſehen!“ Der alte Commodore. 185 Auf die Schulter des Jünglings gelehnt, ſchritt ſie jetzt ſtolz durch den Vorſaal, ſtieg mit Daniel Danvers in ihren Wagen, ließ die Gäule zum ſtärkſten Galopp antreiben, und entſchwand, ſo wie der geſtörte Morgen⸗ traum eines bettlägerigen Kranken. „Da ſind zwei edle Gemüther zu Grunde gerichtet worden!« ſeufzte Underdown, indem er ſeinem Studir⸗ zimmer zuſchlich. Voll Schrecken und Entſetzen ging Rebekka hinauf, warf ſich auf ihr Bett, und weinte ſich in unruhigen Schlummer. Achtes Kapitel.* „Wie ein felſenherz'ger Dämon Peitſcht' er ſchonungslos den Seemann, Kürzte den Grog ihm zu Land und zu See; Und von Allen Keiner ſchützt' ihn, Und zuletzt ſogar entſetzt ihn Befehl von den Lord's der Admiral⸗teel« Altes Schifferlied. Am Bord von Sr. Majeſtät Schiffder Terrific,“ das mit aller Haſt zu Spithead ausbeſſerte, ſtanden die Sachen in Bezug auf den alten Commodore um nichts beſſer als zu Treſtletree⸗Hall. Nachdem er Alles in Bewegung geſetzt hatte, um des entlaufenen Midlhip⸗ man Danvers wieder habhaft zu werden, war der kör⸗ perkranke und ſeelenbeladene Commodore zehn Tage ſpä⸗ ter wie verſteinert von Erſtaunen und bitterlich in ſei⸗ 186 Der alte Commodore. nem Innern verletzt durch die von der Admiralitaͤt ein⸗ gelaufene Ordre zu ehrenvoller Entlaſſung und Abzah⸗ lung allen rückſtändigen Soldes und aller gemachten Priſengelder, nicht ſowohl an den beſagten entwichenen Daniel Danvers, den Midſhipman, ſondern auch an den ſchlichten Matroſen, Thomas Sunninghill, des ehe⸗ maligen Grafen von Osmondale Hangmattenmann. Dieſe Ordre weiſſagte Unheil— und das Unheil zögerte nicht, ſich einzuſtellen. Noch zwei Tage ver⸗ gingen, und ſiehe da! der Commodore war ohne ange⸗ gebenen Grund, ohne alle Umſtände, ja ohne alle amt⸗ liche Höflichkeit abgeſetzt! Einige Stunden lang wollte dem alten Herrn die Sache gar nicht glaublich dünken. „Mich abſetzen!« brüllte er zornerglühend—»mich! und das in ſo kritiſchen Zeitläufen? Iſt das Miniſte⸗ rium toll? Mich, den fechtenden alten Commodore? Mich? Nein, nein; ſie haben mich nicht abgeſett. Doch ſteht dieſer Brief ganz vermaledeit darnach aus— Blut und Gallengift! dem muß ich auf den Grund kommen. Mein Boot bemannt!« Das Boot ward bemannt, und neue Kränkung er⸗ wartete den Alten. Das Ergebhniß war ruchbar wor⸗ den, und auf den Geſichtern der geſammten Boots⸗ mannſchaft lag ein wildes, unverſtändliches Grinſen. »Das iſt zu arg!« ſagte Sir Ockavins.„»Da ſieht man, wie die Welt belohnt! Habe ich nicht alle dieſe dreizehn Halunken zu tüchtigen Seeleuten geprügelt? und jetzt hohngrinſen die Schufte gegen ihren alten Commodore? Verſtanden? Aber nur ſtill, Ihr ſaubern Zeiſige. Wie wollen unſere Ragen an einander ſpreizen, wenn wir wieder an Bord kommen. Eingeſetzt!« Es bedurfte dieſes Befehls nicht; denn die Matro⸗ ſen hatten noch niemals mit beſſerem Eifer gerudert. —— Der alte Commodore. 187 Sie glaubten, ſie ſetzten ihn zum letztenmale vom Ter⸗ rifie“ an Land, und dießmal hatten ſie Recht. Den⸗ noch paßte Sir Octavius ſo wohl zu ihren rauhen und biederen Naturen, daß, als ſie einen neuen Befehlsha⸗ ber erhalten hatten, kein Mann unter ihnen war, der den alten Commodore nicht zurückgewünſcht hätte. Zur Zeit aber, in welcher ſie ihn zu Portsmouth an Land ſetzten, waren ſie voll Unwillens über ſein Betragen gegen ſeinen Neffen, denn die Meiſten unter ihnen glaubten nicht anders, als er habe in ſeinem Grimme den jungen Aſtell eigenhändig über Bord geſtoßen. In dem Augenblicke, als man am Lande ſich des Commodore annahm, denn dieſer war noch ſehr unpäß⸗ lich, zog der Hochbvotsmann mit Hohnlächeln auf den Lippen den Hut, und meinte,»er und die Mannſchaft brauchten wohl nicht auf Sir Hock⸗Dich⸗wie⸗uns“ zu warten.«⸗ Für dieſen unhöflichen Wink trug der Mann von der Eiſenfauſt des Alten einen Puff davon, der ihn in's Waſſer ſtürzte, während er den Donnerzuruf vernehmen mußte, man ſollte ſo lange warten, bis der Teufel Con⸗ trabefehl geben würde. Zwiſchen zwei Midſhipmen, die er als lebendige Krücken mit in das Boot genommen hatte, hinkte der Alte jetzt auf die Admiralität, wo er über die Maßen kalt aufgenommen wurde. Der Ad⸗ miral konnte keinen Klagebeweis gegen den Commodore führen, hätte dieſem jedoch gern ein Kriegsgericht für jeden Punkt bewilligt, in welchem der Alte ſich hätte ſchuldig fühlen mögen. Das war Wurmſaamen und Aloe für Sir Octavins. Mit dankloſem Stolze und grimmigem Lächeln lehnte er ſeines Obern Anerbieten ab, und begab ſich alsdann trübſelig niedergeſchlagen in den angeſehenſten Gaſthof des Ortes. 188 Der alte Commodore. „»Hm! ſo bin ich— ich denn wahrhaftig abgeſetzt. Waͤr's nicht weiſe gethan, wenn ich mich ſonder Verzug erhängte? Abgeſetzt! Iſt's möglich?« Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo ſank er, ein Märtyrer leiblichen und geiſtigen Wehes auf den Sopha, als ein Bote mit einem ſchneidendhöflichen Briefe von dem Ad⸗ miral eintrat, durch welchen dem Commodore angedeu⸗ tet ward, wie dieſer allem Vermuthen nach ungern noch einmal an Bord des'Terrific“ gehen würde, zumal da deſſen Nachfolger bereits den Dienſt angetreten hätte, weßhalb alſo der Admiral es uͤbernommen hätte, Be⸗ fehl zu ertheilen, daß alle Effekten des Commodore ſorglich zu Lande gebracht und zu ihm in das Wirths⸗ haus geſchafft würden. Bei Empfang dieſes Schmachanſinnens war des al⸗ ten Commodore erſter Impuls, den Admiral vor Klinge oder Piſtolenlauf zu fordern; nach beſſerem Erwägen jedoch, fiel ihm ein, wie der Admiral nach Inſtruktion verführe, und ſo riß er denn Angeſichts des Boten den Brief in Stücken, und überantwortete ihn dem Kamin⸗ feuer, indem er kaltblütig ſagte,»man möchte hingehen, von wannen man gekommen wäre, ſintemal er dem Ad⸗ miral nichts zu erwiedern hätte.« Sodann entließ er ſeine Midſhipmen, indem er ihnen befahl, der komman⸗ dirende Officier möchte ihm ſeine Diener, mit Ausnahme ſeines Stewards ſchicken, weil Letzterer das Anlanden ſeiner Effekten beaufſichtigen ſollte. Sir Octavius blieb nun der Einſamkeit in einem Wirthshauſe überlaſſen, wo er mehr Muße als Neigung hatte, au ſeinen Neffen, ſeine Tochter und ſeine Schweſter zu denken, und voll⸗ aus zu erkennen, wie großes Elend er ſich und Ande⸗ ren dadurch bereitet hatte, daß er ſeinen böſen Leiden⸗ „Gaſten freien Lauf ließ. Der alte Commodore. 189 Der Commodore war nicht der Mann, der lange paſſiv oder unthätig bleiben konnte. Er ſagte, er wollte dieſen Tag und die nächſtfolgende Nacht der Ruhe widmen. Das that er denn auch; allein dieſe Ruhe war für ihn die quälendſte aller Foltern. Ungeachtet des Rathes eines von ihm berufenen Arztes und ſeines eigenen Schiffsarztes, ließ er am folgenden Morgen eine Chaiſe mit Vieren vorfahren, und ging nach Lon⸗ don ab; nicht um das Uebel ſeiner verächtlichen Entlaſ⸗ ſung zu beſeitigen, denn das war unmöglich, wie er wußte, ſondern um, wenn möglich, den Einfluß auszu⸗ kundſchaften, durch welchen ſeine Abſetzung bewirkt wor⸗ den war. Der alte Commodore. Neuntes Kapitel. „Probſtein. Warſt jemals am Hofe, Schäfer? Corin. Wahrlich, nein! Probſt. Dann biſt Du verdammt. Corin. Nun, ich hoffe— 8 probſt. Fürwahr, Du biſt verdammt, ſo wie ein ſchlecht geröſtet Ei nur auf Einer Seite gebraten iſt. Corin. Weil ich nicht am Hofe war? Euren Grund! Probſt. Ei, wenn Du nie am Hofe wareſt, ſo ſahſt Du nie gute Sitten; wenn Du nie gute Sitten ſahſt, ſo müſſen Deine Sitten ruchlos ſein, und Ruchloſigkeit iſt Sünde, und Sünde iſt Ver⸗ dammniß— Du biſt in einem bedenklichen Zu⸗ ſtande, Schäfer. Shakſpeare's:»Wie's Euch beliebt.⸗ Schon habe ich, der Chroniſt des Lebenslaufes des alten Commodore, es meinem lieben guten Freunde, dem geneigten Leſer geſagt, daß ich ein alter, ſteinalter Seemann und ein wenig geſchwätzig bin, alſo nach meiner eigenen Weiſe meine Geſchichte auserzählen muß, wenn ich ſie nicht ganz unerzählt laſſen ſoll. Ueber Daten herrſcht beſtändig eine Konfuſion in meinem Kopfe. Es kommt, glaube ich, daher, daß man mich ſo gemüthlich bei Seite geſchoben hat. Das Einlullende eines jeden Ruheſtandes wirkt natürlich auch auf die Geiſtesfähig⸗ keit, ſo daß mir jetzt Jahre entſchlüpfen, von denen ich nicht ſo viel in mein Gedächtniß aufzunehmen vermag, als ich ſonſt es von Wochen im Stande war. So kann ich jetzt, und ſollt' es— was freilich nicht viel auf 191 ſich hat— mein Leben koſten, nicht angeben, in wel⸗ chem Jahre der Commodore mit Poſtpferden nach Lon⸗ don kam. Ich weiß bloß, daß es in eben dem Jahre, wenn nicht ein Jahr oder anderthalb Jahre ſpäter ge⸗ ſchah, in welchem ich Bekanntſchaft mit einem Leibdie⸗ ner des Königs gemacht hatte. Ich glaubte damals lange genug als Lientenant gedient zu haben, und hegte ein ſehr natürliches, vielleicht auch lobenswerthes, ob⸗ wohl ungewöhnliches Verlangen, zum Kapitän gemacht zu werden, nachdem ich zu zehn Malen eine gewiſſe Stelle im»„Gil Blas von Santillana« geleſen hatte, und zur Zeit unbeſchäftigt war, als ich nach London ging, um daſelbſt, wenn nicht bei Hofe, doch durch den Hof mein Glück zu machen. Bevor ich dieſen kitzlichen Punkt weiter berühre, iſt es nöthig, von mir zu ſagen, daß eine Darlegung von aufrichtiger Unterthanentreue mir ſtets Licht und Leuchte auf meinen Wegen und ein Troſt meinem Her⸗ zen von dem Augenblicke an geweſen iſt, in welchem ich Erſteren wahrnehmen, und in Letzterem die erſte ehren⸗ werthe Regung fühlen konnte. Machte ich hierin mich einer einzigen kleinen Ausnahme ſchuldig, beging ich hierin die Sünde einer kurzen Pauſe, ſo habe ich mir ſelber ſolches verziehen, und die Welt muß ſich alſo darüber zufrieden geben. Jedoch anſtatt mich weitläufig über meine loyalen Geſinnungen auszulaſſen, bevor ich auf den perſönlichen Charakter des Königs Georg III. hinweiſe, werde ich wohlthun, mich demüthig und anerkennend deſſen hohe Privattugenden und deſſen noch höheren, wiewohl oft beſtrittenen öffentlichen Werthes zu erinnern. Der Neid ſelbſt, würde er auch durch den ſchmählichſten Parteigeiſt angefeuert, hätte dem geuannten Monarchen den reichen Der alte Commodore. 192 Beſitz aller Eigenſchaften nicht ableugnen können, durch welche das Individuum geſchmückt und würdevoll darge⸗ ſtellt wird. Daß etliche Ereigniſſe unter ſeiner vieljährigen und väterlichen Regierung ſich als unheilvoll auswieſen — daß viel Geld verſchwendet, viel Blut vergeudet— daß das Reich durch den Verluſt der amerikaniſchen Ueberſiedelungen zerſtückt und der Nachkommenſchaft eine unzutilgende Schuldſumme aufgelaſtet ward— das iſt eben ſo wahr, als es beklagenswerth bleibt. Allein das Alles war Erzeugniß unabwendbarer Bege⸗ benheiten. Der König legte weiter daran keine Hand, als die unausbleiblichen Folgen für die Nation zu min⸗ dern und die natürlichen Wirkungen auf die Menſchheit zu ſchwächen. Georg der Dritte war durchweg ein Mo⸗ narch, wie der Geiſt der Zeiten in Bezug auf Englands künftiges Gedeihen ihn erheiſchte. Wäre er nachgiebiger gegen das Geſchrei der raſenden Demokratie geweſen, deren böſer Geiſt Europa verheerte, ſo würde die Lan⸗ desverfaſſung der umſichfreſſenden Fäulniß des Aufruhrs auf tauſenderlei Wegen gewichen ſein; denn dieſe Fäul⸗ niß iſt zu allen Zeiten, und war beſonders zu jener Zeit, wiewohl ſelten öffentlich, energiſch, wenn auch noch ſchleichend, werkthätig. Weäͤre der dritte Georg ein finſterer Herrſcher ge⸗ weſen, und hätte er verſucht, dieß damals allzu vor⸗ herrſchende Prinzip des Gleichmachens mit ſtärkerer Hand, als er es that, zu ſchwächen, ſo würde eine blutige Kriſis eingetreten ſein, ein Bürgerkrieg das Land verwüſtet, und England den unmoraliſchen und blutbeſudelten, vom königsmörderiſchen Frankreich be⸗ tretenen Weg des Republikanismus eingeſchlagen haben. Meinem geringen Verſtande nach, hat zum Heile des Landes England, die Fürſehung kein größeres Zei⸗ Der alte Commodore. Der alte Commodore. 193 chen ihrer beſonderen Huld gegen uns Engländer geben können, als daß ſie uns die vieljährige und tugendreiche Regierung des dritten Georg ſchenkte. Hätte die Mehr⸗ zahl ſeiner Unterthanen nur ein Zehntheil ſeiner edlen und guten Eigenſchaften beſeſſen, ſo würde keine Reform nöthig geworden ſein, und wie König Georg durch den Glanz ſeiner Tugend ſeine weltliche Krone verherr⸗ lichte, ſo wird er auch, falls Vernunft etwas Zuver⸗ läſſtiges und Religion etwas Wahres in ſich faſſen, eine Krone da ererbt haben, wo es keine Parteien giebt, und wo Geſchrei unabhelfbaren Elendes nimmer er⸗ ſchallen kann. Wenn ich alſo dieß Alles erkenne und fühle und glaube, ſo beſchuldige man mich nicht der Unehrerbietig⸗ keit gegen das Andenken jenes erlauchten Herrſchers, ſobald ich in der Munterkeit des lebhaften Erzählens, während ich der Liebenswürdigkeit des Monarchen volle Gerechtigkeit widerfahren laſſe, auf eine oder andere von deſſen Eigenthümlichkeiten anſpiele. Sein Charak⸗ ter gehört jetzt der Weltgeſchichte an, und iſt inſofern Eigenthum jedes Schriftſtellers, der von demſelben Ge⸗ brauch machen möchte; jedoch ein Eigenthum, das mit Zartheit behandelt, und mit jener Ehrerbietung benutzt ſein will, von welcher die Großen glauben, das Recht zu haben, ſie zu fordern, die jedoch nur der Gute ſich zu ſichern vermag. Zur Geſchichte zurück! Ich kam an den Hof— ich ergriff dieſe Maßregel aus dem liebenswürdigſten aller Beweggründe. Zunächſt hatte ich nichts, was für mich ſprach, als meine geleiſteten vieljährigen Dienſte, und meine ſchon zu mehreren Malen wieder aufgebro⸗ chenen Wunden. Zweitens hatte ich nicht Luſt länger Nachts Wache zu halten, eben weil die feuchte Nacht⸗ Der alte Commodore. I. 13 2* 194 Der alte Commodore. luft mir jederzeit eine Entzündung der Wunde zuzog, die eine in Howe's Treffen, im Jahre 1794, mir durch die Lunge gegangene Musketenkugel gemacht hat. Nicht um der eitlen Auszeichnung willen, Kapitän genannt zu werden, noch weniger aus ſchmutziger Geldgier, zwei oder drei Schillinge monatlich mehr an Löhnung zu erhalten, ſondern bloß um mich gegen gefährliches Er⸗ kälten zu ſchützen, geſchah es, daß ich Beförderung nach⸗ ſuchte. Nichts auf der Welt hätte uneigennütziger er⸗ ſcheinen können.* So alſo kam ich nach London, wo ich nach vielen Bemühungen endlich ſo glücklich war, mit einem kleinen alten Mann bekannt zu werden, der die Stelle eines Leibdieners bei Seiner allerglorreichſten Majeſtät Georg dem Dritten bekleidete. Der kleine alte Mann fand Behagen an mir, und ich fand Behagen an dem kleinen alten Manne; weß⸗ halb ich denn dem Hofe von Sainct James's nach Wind⸗ ſor, und von Windſor nach Weymouth, und von Wey⸗ mouth wieder nach Saint James's folgte. Mein alter Freund förderte mich nicht ſonderlich. Er erzählte mir, wie die hohen Lords und Ladies fort⸗ während um die Perſonen ihrer Majeſtäten herumbet⸗ telten, und ſo laut und ſo unausgeſetzt bettelten, daß er ſich wirklich ſchämte, überhaupt um etwas zu bitten; daß er jedoch bei vorkommender Gelegenheit meines Geſuchs beſtens erwähnen wollte. Endlich gerieth ich in dritte Himmelsverzückung; ich zog nämlich die monarchiſche Aufmerkſamkeit auf mich. Es war an ei⸗ nem geſegneten Donnerstage, einem Tage, der bekannt⸗ lich allwöchentlich Einmal eintritt; es war im grünen Park, der, wenn's Zeit dazu iſt, ſich grün zeigt, wie alle Parke es zu gehöriger Zeit thun. Als Seine Wohl⸗ Der alte Commodore. 195 wollende Majeſtät an mir vorüberging, zog ich meinen Hut und machte dem Könige eine tiefe und ehrerbietige Verbeugung. Seine Majeſtät ſah mich an— Seine Majeſtät ſprach. Indem er ſich zu einem hohen Lord, geſchmückt mit breitem blauen Bande über die Schulter,— wendete, ſprach in Beziehung auf mich, mein iden⸗ tiſches, individuelles Selbſt, Seine Maſuſtät Georg der Dritte genau die Worte: 4 »Schlimmer, ſchlimmer, ſehr ſchlimmer Huſten, der! Ein blaſſer, blaſſer magerer junger Mann— ſeh' ihn oft— böſer, böſer Huſten— muß Tropfen einnehmen, Tropfen, Tropfen!« Allein bei den letzteren Worten war Seine Maje⸗ ſtät ſo weit von mir abgetropft, daß ich über Namen und Beſchaffenheit der von mir zu nehmenden Tropfen der dümmſte Tropf von der Welt blieb. Man denke ſich! von dem mächtigſten Potentaten der Erde ein Re⸗ cept verſchrieben zu erhalten— ich konnte nicht anders folgern, als daß jetzt mein Glück gemacht ſein müßte. Ich ſuchte meinen alten Fr„den Leibdiener auf, und fand ihn. Eine Viertelſtünde lang ſchüttelte ich ohne Aufhören ihm die Hand, und nahm es nicht we⸗ nig krumm, daß er ſich nicht ſo eifrig gab, als ich es that. Indeſſen war die Ehre mir nun einmal erzeigt worden, und ihrer konnte kein irdiſches Geſchick mich jemals berauben. Wolle nicht wähnen, lieber geſer, daß ich hinſichtlich meiner, ohne Rückſicht auf meine Erzählung, in's Plan⸗ dern gerathe; Du wirſt erkennen, daß meine perſön⸗ lichen Abenteuer am Hofe wirklich etwas mit. dem alten Commodore zu ſchaffen haben. Nun denn! nach dem erwähnten höchſt glüͤckliche en 13* 8 196 Der alte Commodore. Ergebniß lief ich dem Könige nur noch mehr quer über den Weg. Seine Majeſtät mochte ſich zu Windſor oder zu Weymouth, zu Kenſington oder Hampton⸗Court oder Kew befinden— mir war's gleich; ich war ebenfalls da, und verbeugte mich tiefer und huſtete lauter als jemals. Endlich kam ein geſchniegelter, zierbengliger, ſtrandreitender Schlucker von dienſtthuendem Lord— in meinem Leben werd' ich kein Behagen wieder an einem dienſtthuenden Lord finden können— kam, ſage ich, eines Tages in Saint James's Park auf mich zu, nachdem der König mit ſeinem Generalſtabe vorüberge⸗ ſchritten war, und vermeldete mir Seiner Majeſtät Bitte, mich fürderhin nicht mehr auf Seiner Majeſtät Wegen finden zu laſſen, und ſetzte hinzu, daß er, der Dienſt⸗ thuende nämlich, mich, falls ich wieder betreten würde, den Conſtabeln zu überantworten hätte. Das war ein ſchwerer Kreuzhieb, und ich hatte große Luſt, dem Dienſtthuenden einen Fußtritt zu ver⸗ ſetzen, dieſer hielt aber nicht ſo lange Stand, bis ich zum feſten Entſchluſſe darüber gekommen war, ſondern ließ mich ſtehen, wo ich ſtand. Ich hätte nun— und ich wollte, daß ich I nenen hätte, denn es würde mir ein wenig die Bruſt erleichtert haben— ich hätte mit Wolſey ausrufen können: »Lebwohl Dir, langes, langes Lebewohl Dir, Du meine Größe! Seht, das iſt der Menſch. Heut' treibt er zarte Knoſpen ſüßen Hoffens, Und morgen Blüthen und iſt dick behangen Mit keuſchen Aehren; doch am dritten Tag Tritt Froſt ein, ach! ein tödtlich bittrer Froſt, Und während der Behagliche noch wähnt, Es nahe ſeine Größe ſich der Reife, Beißt ihr der Froſt die Wurzel ab, und ſieh! Er fällt, wie ich jetzt falle.« 8. Der alte Commodore. 197 Aber ich rief das nicht aus. Ich ging in ſcheußli⸗ cher Stimmung und mit einem Huſten, der ſchlimmer denn jemals war, in meine Wohnung. Drei Tage lang beächzte ich meine welk gewordenen Hoffnungen, und begann, den Gedanken zu faſſen, die Oppoſitions⸗ männer möchten doch nicht ganz und gar eingefleiſchte Teufel ſein, und es dürfte wohl einiges Gutes in Charles James For ſtecken. Ich begann auch, über meine Bruſtkrankheit zu vernünfteln.»Wenn Könige,“« ſprach ich zu mir ſelbſt,»Widerwillen gegen einen chro⸗ niſchen Huſten haben, ſo ſollten ſie das Kriegsſpiel fein bleiben laſſen, damit ihren Unterthanen keine Kugeln durch die Lungen gejagt werden.« Ach! ich ſpie faſt Leber und Lunge meiner ganzen Unterthanentreue aus. Endlich ſprach mein kleiner alter Leibdiener bei mir ein. Er fand mich ohne Kniebänder, in herabſchlot⸗ ternden Strümpfen und mit unbeſchuheten Füßen— ich ſah beinahe wie ein Rebell aus. »Seine Majeſtät hat nach Ihnen gefragt,« fing er an. 8 »Und was ſagte der König?« fragte ich grämlich. » Er fragte mich nach dem Namen des blaſſen Offi⸗ ciers mit dem entſetzlichen Huſten.«⸗ »Nun?« rief ich etwas minder mürriſch. »Ich nannte ihm Namen und Gewerbe.« »Sagten Sie ihm nichts von meinem Geſuche bei Hofe?« »Die Gelegenheit dazu war nicht günſtig. Erſt vor fünf Minuten hatte Lord Bittwohl um ein Ver⸗ ſprechen gebeten, daß ſeines jüngeren Sohnes bei näch⸗ ſter Kapitänsvacanz gedacht werden möchte.« » Und der erhielt ſicherlich das Verſprechen! Frei⸗ lich, freilich! der junge Hochachtbare iſt ein beſſerer 198 Unterthan, als ich; er iſt nicht von feindlichen Säbel⸗ hieben zerfetzt, iſt nicht durch die Lungenflügel geſchoſ⸗ ſen worden, und wird's auch nimmermehr werden. Weiß ich doch, daß er zeitlebens noch kein Gewehr im Ernſt abknallen hörte. Der König hat Recht, wenn er den befördert; denn der iſt dienſtfähiger, als ich.« »Der König hat jedoch das Verſprechen nicht ge⸗ geben.« 3 »Nicht? Hm! Was ſagte denn Seine Majeſtät ferner über ein ſo verſtümmeltes und geringfügiges In⸗ dividuum, als ich eins bin?« »Daß bei Ihrem ärgerlichen— Seine Majeſtät bedurfte einer Minute, bevor er dieß Wort zur Geburt brachte— daß bei Ihrem ärgerlichen und hartnäckigen Huſten Sie Sorge für ſich tragen ſollten—« »Und das war Alles?« »Alles.« »Nal! wohl bekomm's mir!« Mein Geſpräch mit dem kleinen Alten hatte ein Ende; allein kaum war dieſer fort, ſo ließ ich aus dem nächſten Laden mir ein halbes Buch Propatriapapier holen, und begann ein Pamphlet mit folgenden Worten: »Die Gebrechen einer monarchiſchen Regierungs⸗ verfaſſung ſind mannichfaltig und offenkundig. Gleichwie die Erde nicht zwei Sonnen ertragen kann, ſo vermag dieß Königreich nicht, es unter zwei Majeſtäten auszuhalten; unvereinbar ſind demnach die Majeſtät des Volkes und die Maje⸗ ſtät des Monarchen. Soll nun die Majeſtät der Vielzahl der Majeſtät des Individuums unterlie⸗ gen, oder—— 2 Als ich ſo weit geſchrieben hatte, erlitt ich einen ſo ſtarken Angriff von meinem Huſten und meinem Ge⸗ Der alte Commodore. Der alte Commodore. 199 wiſſen, daß ich gezwungen war, meine Feder niederzu⸗ legen, um ſie nimmer wieder als Pamphletſchreiber in die Hand zu nehmen. Folgenden Tages kam mein kleiner Alter— er hieß Sturzner, und war von Geburt ein Deutſcher— eitel Freude und Lächeln wieder zu mir. „»Seine Majeſtät ſchickt Ihnen dieſe Schachtel Bruſtkuchen und dieß Billet, von eigner hoher Haud an den erſten Lord der Admiralität geſchrieben, das Sie in Perſon einzureichen haben.« Mit der Miene eines Kaiſers wies ich den Deut⸗ ſchen zu meiner Stube hinaus, legte meine Galla⸗ Uniform an, machte dem erſten Lord meine Aufwar⸗ tung, und war Tags darauf— Kapitän! Ich glaube, ich bin der erſte Marineofficier, der ſich in ein Ober⸗ kommando hineingehuſtet hat. Wiederum folgenden Tags ging ich, mit der größ⸗ ten Epaulette, die London hatte liefern können, auf meiner linken Schulter, zu Hofe. Ich ward überaus huldreich aufgenommen. „Kapitän Drib— ib—bibble,« ſagte Seine Allergnä⸗ digſte Majeſtät—»wie— wie— wie geht's mit Ih⸗ rem Huſten? Die Bruſtkuchen gekoſtet? he? he? Und's andere Recept? hat's angeſchlagen? Ah ja, ich ſehe, ich ſehe— durch die Lunge geſchoſſen— damals— am erſten Juni— ſchwer verwundet worden da— bei Dings da— weiß Alles, Alles— beilegen, beilegen! wieder geſund werden— Könige ſind gute Aerzte. Schön ſo, recht, recht ſchön ſo, Lady Georgy!« Da ich nun ſehr verſtändig folgerte, daß, auch bei der größten Anmaßung der Eitelkeit von meiner Seite, unmöglich der letztere Theil der Rede des Königs an 5 mich gerichtet ſein konnte, huſtete ich meinen Dank 200 Der alte Commodore. aus und entfernte mich. Nach jenem Tage ſtellte man mich auf's Sims, wie n altes Predigtbuch; da man je⸗ doch zur Zeit mir guten vergoldeten Schnitt mitgab, ſo will ich weiter nicht darüber klagen. Ich glaube übrigens, man hätte, wie ich ſchon früher bemerkt habe, beſſer thun können, zumal da mein Huſten ſich legte, und ich jetzt ein rüſtiger alter Burſch von Achtzigen und darüber bin. Es war aber höchſt notßwendig, meinen Leſern dieß Alles von mir ſelber zu erzählen, damit ſie verſichert ſein können, daß ich eine Quelle hatte, aus welcher ich mir Kunde von dem herleitete, was am Hofe vorging. Ich war nach erhaltenem Patente ſo eben mit mei⸗ nem Handkuſſe fertig, als Sir Octavius Bacuiſſart in die Stadt hereinraſ'te. Seine vier abgejagten Hengſte und ſein kothbeſpritzter Wagen hielten vor dem Admira⸗ litätsgebäude, und verurſachten großes Aufſehen in Weſt⸗End, und noch größeres in der City. Für eine halbe Stunde lang fielen die Staatspapiere um andert⸗ halb Procent, denn man glaubte, die Oeſterreicher hät⸗ ten eine tüchtige Schlappe bekommen; als aber an der Börſe kund ward, es ſei ein hoher Marine⸗Officier in vollſtändiger Uniform aus dem Wagen geſtiegen, hoben die Papiere ſich flugs wieder um zwei vom Hundert, denn nun mußte ein glänzender Sieg zu Waſſer erfoch⸗ ten worden ſein. Was für'nen Spektakel richtete das Hereinrollen des alten Commodore an, der doch nichts weiter wollte, als Erkundigung einziehen, weßhalb man ihn abgeſetzt hatte! Der erſte Lord und zwei Beiſitzer bildeten ſofort eine Sitzung. Die hölzernen Häupter einer Admirali⸗ tät können immer etwas bilden, ſobald ſie zuſammen⸗ geſteckt werden, und eine Sitzung iſt wirklich etwas. — e Der alte Commodore. 201 Dem alten Commodore ward ſofort Audienz bewilligt; dennoch machte es ihm unſägliche Schwierigkeit, derſel⸗ 6 ben theilhaftig zu werden, denn zwei Thürſteher konn⸗ ten nur mit großer Beſchwerde den ſchweren und fech⸗ tenden alten Podagriſten treppan ſchaffen. Von Seiten der Lords zeigte die Sitzung ſich über⸗ aus kalt und höllich, von Seiten des Baronets hinge⸗ gen höchſt heftig und unbeſonnen. Die einzige Antwort, die er vom erſten Lord herauspreſſen konnte, war die, daß es nicht länger im Intereſſe von Seiner Majeſtät Flottendienſt ſein könnte, ihn, den Sir Octavius, fer⸗ nerhin im Kommando zu laſſen. Keine Klage ward gegen ihn vorgebracht oder vorzubringen beabſichtigt. Er möchte ſich alſo beurlauben. Andere Antwort ward ihm nicht. Auch hieß es ferner, der Admiralität deß⸗ halb zu machende Mittheilungen dürften am beſten auf dem gewöhnlichen Wege eines an den Sekretär gerich⸗ teten Dienſtſchreibens zu bewerkſtelligen ſein. 3»So will ich eine perſönliche Unterredung mit Sei⸗ ner Majeſtät haben!« Der erſte Lord hielt dies für ziemlich unausführbar, da er wußte, daß allerhöchſten Ortes eine Abneigung, den Commodore zu ſehen, vorherrſchte. Wirklich wußte der erſte Lord, daß der Lord Kämmerling die Weiſung e erhalten hatte, dem Commodore zu verſtehen zu geben, wie man deſſen Beſuche bei Hofe gar wohl entbehren könnte. »Wirklich?« brüllte der Commodore.»Alſo dahin iſt's gekommen? So will ich denn mein angeſtammtes 1 Erbrecht walten laſſen, und Ihre Majeſtäten auf eine Manier beſuchen, die ihnen, hol' mich der Teufel! nicht 4 ſonderlich angenehm ſein ſell. Bei der Gewalt des 4 Salpeters, das will ich, Mylord!« 202 Der alte Commodore. »So iſt's alſo wahr!« murmelte einer von den bei⸗ ſitzenden Lords, der in dieſer ſogenannten Schule für Staatsmänner Unterricht in der Regierungskunſt nahm, und ſaß zwei Minuten ſpäter in ſeinem Wagen, um im Galopp ſich nach Saint James's Palaſt zu be⸗ geben. Der erſte Lord lächelte ungläubig, und der gekränkte alte Commodore entfernte ſich von der Admiralität, wenn möglich in noch üblerer Laune, als der, in welcher er gekommen war. 6 Die Beſchaffenheit dieſer Drohung wird ſpäterhin dem Leſer unter Augen gelegt werden, welcher ſodann entſcheiden mag, ob die Abſetzung des Commodore durch dieſe ſchon vor einem Jahre von Sir Octavius ausge⸗ ſprochene Drohung, die irgend ein Sykophant in das Ohr der Majeſtät niederlegte, oder durch das erzeugt ward, wovon im nächſtfolgenden Kapitel die Rede ſein wird. Vielleicht ergiebt es ſich, daß Beides den Sturz des dienſterprobten Helden bewirkte. Der alte Commodore. 203 Zehntes Kapitel. „»Der Wittib Liebe zu dem einz'gen Sohn Iſt aller Regungen des Herzens ſtärkſte, Gewaltigſte, unwiderſtehlichſte; Sie iſt, fürwahr! ihr letzter Herbſtgenuß, Die letzte Freud' ihr, eh' ihr Winter eintritt.« Altes Schauſpiel. Nachdem ich, wie ich es denn that, im vorhergehen⸗ den Kapitel mein eigenes Abenteuer erzählte, hat Nie⸗ mand mehr ein Recht, ſich zu wundern, daß ich alle Hofgeheimniſſe jener Zeit in Erfahrung brachte. Der Superkluge und Zweifelſüchtige mag immerhin fragen, warum ich dergleichen in Erfahrung Gebrach⸗ tes nacherzähle; meine Antwort darauf iſt eben ſo triumphreich, wie die eines Miniſters, der zwar Un⸗ recht, aber die Stimmenmehrheit für ſich hat. Ich bin unglücklich in meinen Gleichniſſen; bin jedoch zu alt, um dieſe beſſer wählen zu können. Vielleicht ge⸗ ben meine Recenſenten ſich die Mühe, dieſes ſtatt mei⸗ ner zu thun; ſie ſind Pfuſcher und Flicker, die ſelber keine Keſſel zu machen verſtehen, jedoch verſuchen, die fehlerhaften Keſſel Anderer zu flicken, und gewöhnlich in dieſen zwei Löcher machen, wo zuvor nur eins war. Beiläufig geſagt iſt dieß jedoch ein trübſeliges Thema. Zur Sache. Meine Antwort für die Superklugen 204 Der alte Commodore und Zweifler lautet folgendermaßen: Ich ſelber ſegelte in meinen früheren Lebensjahren mit dem alten Com⸗ modore, und kannte ihn und ſeine Familie während ei⸗ ner Reihe von Jahren. Ich habe auch die Ehre ge⸗ habt, Lady Aſtell beſuchen zu dürfen, geſtehe jedoch, daß ich mir niemals habe die Freiheit nehmen können, ihr irgend eine Frage vorzulegen. Der Leſer muß daher 8 meinen Bericht über die folgende Scene zwiſchen ihren Majeſtäten und beſagter Lady'cum grano salis-— d. h. gemäß der Ueberlieferung Derer hinnehmen, die das Salzfäßchen auf die königliche Tafel ſetzen.—— Oho! ich habe mein Schul⸗Latein noch nicht vergeſſen. Den Tag nachher hatte Lady Aſtell, in tiefe Trauer gekleidet, Treſtletree⸗Hall verlaſſen. Sie kam nach Lon⸗ don, und ſuchte nach und erhielt das, was eine Privat⸗ audienz bei der Königin genannt wird. Sie fiel der Gemahlin Georgs des Dritten zu Füßen, und lange ſwihrte es, ehe ſie vermocht werden konnte, ihr erlitte⸗ nes Unrecht kund zu geben. Als ſie aber die Schleu⸗ ſen ihrer Tiefgefühle öffnete, als ſie die Beredtſamkeit ihres beängſtigten Herzens ſtrömen ließ, und die über⸗ ſchwängliche Liebe ſchilderte, welche ſie, die Wittwe, zu ihrem einzigen rikkerlichen Sohne hegte, weinte die Königin, die zur Zeit ebenfalls einen edeln Sohn im Flottendienſte hatte, mit in ihre Thränen. Dann folgte die lebhafte Beſchreibung von den Verfolgungen, welche Auguſtus Aſtell erlitten hatte, und von deſſen ſtolzem Gemüth, das, um der beſchimpfenden Strafe des Aus⸗ V peitſchens zu entgehen, ſich in den ſchauerlichen und V ſeelenheilgefährdenden Abgrund des Selbſtmordes ſtürzte. Als die faſt wahnwitzige Mutter endlich den Sprung Der alte Commodore. 205⁵ und Sturz ihres Sohnes und das Zuſammenſchlagen der dunkeln Wellen über demſelben ſchilderte, ſchauderte die Königin zuſammen und ſagte:»Kann ſo Schreck⸗ liches ſich wirklich zugetragen haben?« und als die un⸗ glückliche Mutter fortfahren wollte, ſagte die Königin theilnehmend zu ihr:»Halten Sie inne, der König muß dieß ebenfalls hören,« und zog ſich zurück. Nach kurzer Friſt ward Lady Aſtell in des Privat⸗ kabinet des Monarchen beſchieden, wo ſie im Beiſein der Koͤnigin Seiner Majeſtät ihre traurige Geſchichte wiederholte, und damit ſchloß, das ſie den letztan Brief des verzweifelten Auguſtus vorzeigte. Wo die Seele von den erhabenſten Regungen erfüllt iſt, würde der als ein elender Schriftler erſcheinen, der die Wirkung ihres Ausdruckes dadurch ſchwächen wollte, daß er Ei⸗ genheiten der Rede oder der Geberde beſchriebe. Seine Majeſtät ſaß neben der ſo neuerdings und ſo ſchauerlich kinderlos gemachten Wittwe, und hielt de⸗ ren Hand mit aller Theilnahme eines Freundes. Mit ehrenvoller Wärme verſuchte er jeden Troſtgrund bei ihr, die nicht getröſtet ſein wollte. Er ſagte der Lady, daß er herzlich wünſchte, der Dienſt möchte überhaupt der Barbarei des Auspeitſchens ledig werden; daß ſie bedenken müßte, wie dieſe Strafmethode jederzeit auf der Flotte üblich geweſen, die Schmach und Unehre des Auspeitſchens aber nicht auf Seiten des Beſtraften, ſondern auf Seiten deſſen wäre, der unrechtmaͤßig ſolche demüthigende Züchtigung verhängte. Er fügte hinzu, daß er die Muter in ihr von ganzem Herzen bemitlei⸗ dete, und fragte ſie zuletzt, was er für ſie thun könnte? 3 3 Der alte Commodore. I. 14 Der alte Commodore. »Guter, gnädiger, huldvollſter König,« antwortete Lady Aſtell,»iſt jener wilde, jähzornige Mann wohl tauglich, den Befehl über Ihrer Majeſtät beſte und brabſte Unterthanen zu führen? darf er ſie quälen und erkränken? Dieß war Berührung eines kitzlichen Punktes. Ei⸗ nen beſſeren Seemann und einen tüchtigeren Schiffs⸗ befehlshaber gab es im ganzen Lande nicht. Das wußte der König; auch gedachte er der vieljährigen Dienſte, und des verſtümmelten Körpers, und der zer⸗ ſtörten Geſundheit des Commodore. Ueberdieß ver⸗ mochten bei damaliger Beſchaffenheit der Flotten⸗ diſciplin nur harſche und entſchloſſene Charaktere, wie Sir Octavius einer war, den kecken Geiſt des Tages zu beherrſchen und zu beugen. Deßgleichen erwog Seine Majeſtät, daß, wenn Auguſtus ein gewöhnlicher Menſch geweſen wäre, er, wie Tauſende vor ihm, ſeine Hiebe hingenommen haben und nach geziemend ausgeſtoßenen Schimpfreden wieder an ſeine Pflicht ge⸗ gangen ſein würde, um ſpäterhin Anderen die Katze zuzuerkennen. Alles wohl bedacht, hatte der Commo⸗ dore nur ein unbeſtrittenes und allgemein angewen⸗ detes Vorrecht ausgeübt. Es war kein Hader zwi⸗ ſchen ihm und dem Dienſt— er hatte, nach damaliger Folgerung und Außerung der Leute, kein eigentliches Unrecht begangen, obwohl ein ſolches als höchſt ſchwer zwiſchen Bruder und Schweſter obwalten mochte. „»Meine theure Lady Aſtell,« ſagte der Monarch mit Zartſinn,»Sie können unmöglich glauben, daß Sir Octavius den Wunſch hegte, ſeinen Neffen zu ei⸗ nem Selbſtmörder zu machen.« — — 8 Der alte Commodore. 207 »Mit ihrer Majeſtät Genehmigung,« verſetzte die ſchwergereizte Mutter,„das Blut, aus welchem Au⸗ guſtus Aſtell ſowohl von väterlicher als mütterlicher Seite ſtammt, gehört zu dem edelſten des Landes, und mein Sohn würde nicht mein Sohn, noch Sir Octa⸗ vius Bacuiſſarts Neffe geweſen ſein, wenn er nicht lie⸗ ber den Tod erlitten, als Schande ertragen hätte. Da nun zur Zeit weder der Dienſt noch der König des Commodore entbehren konnte, zögerte ſeine Maje⸗ ſtät, des Letzteren Abſetzung zu verſprechen, welches die erſte Genugthnung war, die Lady Aſtell im Sinne hatte. Ihr wurden Ehrenſtellen angeboten; ſie ſollte lebenslänglich den Titel führen, der ihrem Sohne ge⸗ bührt haben würde— ſelbſt ein Kriegsgericht ſollte über ihren Bruder gehalten werden; jedoch dieß Alles, beſonders Letzteres, verwarf ſie. Wie unverſöhnlich jetzt auch ihr Haß gegen Sir Octavius war, wollte ſie doch keine Unehre über ihre Familie gebracht wiſſen; ſie be⸗ gehrte nichts, als des Commodore Entſetzung vom Dienſte. Zur See konnte ſie, das wußte ſie, ihn als ihr Opfer nicht erreichen, auch würden ihm Be⸗ ſchäftigung ihm Dienſte kaum Muße laſſen, Reue zu fühlen. Sie mußte ihn alſo am Lande haben, ihn dem Müſſiggange und um ſo mehr dem Nachdenken hinge⸗ geben wiſſen; ſie konnte nicht raſten, bis ſie ihres Sohnes letzte Verfügung in's Werk gerichtet haben würde. Im Herzen wenig erleichtert, doch erfüllt von der Trefflichkeit des königlichen Paares, beurlaubte Lady Aſtell ſich bei dem König und der Königin. Eine Art von Halbverſprechen ward ihr wirklich gegeben, im 32 208 Der alte Sommod te. Fall ein Anderer würde gefunden werden, der an die Stelle des Commodore treten, oder wenn bei näherem 3 Forſchen irgend etwas Klagbares gegen Sir Octavius aufgefunden werden könnte.—& Agnes Aſtell aus dem Hauſe Bacuiſſart kehrte in ihre troſtloſe Wohnung zurück, wo ſie über ihr Unglück brütete und auf Rachepläne ſann. Ende des erſten Theils. 3— 8 3.* 8 3 E ——— ſnnſnſſſnſſinſſſſſſſſſ Wrrranunm 6 7 8 9 10 11 1 p Llnnu 2 13 14 15 16 “ 4