—. 8 27 9 8 —** Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduward Oftmann in Gießen, b Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.* 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von) jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗] den angenommen. 2 8 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt; 8 V für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf., 2 Mk.— Pf. 3„ 3- „ 3„—„ 3„—„„y—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Neununddreissigster Jand. Die Büßung, oder Ardent Troughtonn. 2* Dritter Theil. Braunſchweig, 1 Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. Die Buͤßung, oder Ardent Troughton. Herausgegeben von Capt. Marryat, Verfaſſer des:„Peter Simpel,«»der alte Commodore,“ „der fliegende Hollaͤnder« ꝛc. Aus dem Engliſchen von Dr. G. N. Baͤrmann. Dritter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. — ——————ÿ Erſtes Kapitel. ch ſchwieg gegen den Leſer eine Zeitlang von meiner Schweſter. Sie vermied mich, und zwar ſonder Zwei⸗ fel, weil die ſeltſame und unnatürliche Gluth, die nur allzuoft aus meinen Augen leuchtete, ſie beunruhigte oder ihr mißfiel. Sie befürchtete herannahende Geiſtes⸗ zerrüttung. Waren wir beiſammen, ſo zeigte ſie ſich gleichmäßig freundlich und mild— ach! nur allzumild. Wären wir einerlei Glaubens geweſen, ſo wie wir von einerlei Aeltern waren, ſo würde ſie verſucht haben, Tröſtungen der Religion in mein aufgeregtes Gemüth zu ſenken; allein ſie durfte nicht wagen, gemeinſam mit mir aus jener geſegneten Quelle des Hoffens, jenem einzigen Heilborn der Unglücklichen, zu trinken. Sie ward der beſondere Liebling Aller, die ſich am Bord befanden, und ſelbſt ihre Scheu ſchien Jedem nur um ſo größere Hochachtung für ſie einzuflößen. Daß ſie Miene und Weſen und anmuthige Zuverſicht eines Stutzers annahm, bemerkte ich mit einigem Schmerz, denn wenn ſolches ihr auch eine Unabhängigkeit ſicherte und recht hübſch anzuſehen war, fürchtete ich doch, es möchte ſpäterhin, wenn ſie wieder als Frauenzimmer ſich zeigen würde, ihr nachtheilig werden. Obgleich ſie Ardent Troughton. III. 1 Die Büßung, oder nun ſich leicht in die ſonderbaren Umſtände fügte, von denen ſie ſich umringt ſah, obgleich ſie für jeden Scherz ein Laͤcheln bereit hatte, und jede Gefälligkeit der der⸗ ben Matroſen mit einem milden Blicke der Billigung lohnte, war ſie doch, ſobald ſie ſich unbemerkt glaubte, nichts weniger als heiter und zufrieden. Während der Stille der Nacht hörte ich oft ſtundenlang ihre leiſen, halbunterdrückten Seußzer. Doch warum ſo lange bei dieſen wenigen Wochen des Elends verweilen? Es mangelte uns an Thätig⸗ keit, an Aufregung von Außen her— ſie ward uns nur allzubald. Der amerikaniſche Kapitän hatte uns die Haupt⸗ kajüte ganz und gar zu unſerem Gebrauche eingeräumt. Freilich aß er täglich zu Mittag bei uns, und trank auch ſeinen Kaffee mit uns; doch that er dieß mehr aus Hochachtung, als weil er dazu berechtigt geweſen wäre; jedoch nach ſieben Uhr Abends ſprach er niemals bei uns ein. Der edelherzige Amerikaner prunkte nicht mit Großmuth; denn als ich von der reichen Beloh⸗ nung ſprach, die ich ihm für die vielfache Unruhe, welche ich ihm verurſachte, zukommen zu laſſen gedächte, ver⸗ warf er meine Zuſage nicht mit der ſtolzen Miene ei⸗ nes hoffärtigen Wohlthäters, ſondern räumte ein, daß der Billigkeit nach ihm eine Belohnung gebührte, und daß er dieſelbe, wenn Gelegenheit dazu ſich böte, willig annehmen würde, obwohl er andererſeits vollkommen damit zufrieden wäre, wenn die Sache, als Ausübung von Menſchenfreundlichkeit, auf ſich beruhen bliebe, und er den Lohn dafür in ſeinem eigenen Bewußtſein zu finden hätte. Unter dieſen freundlichen Verſtändniſſen lebten wir mit einander ohne Zwang, wenngleich mein und meiner Schweſter Mißgeſchick und Bekümmerniß — — Ardent Troughton. 3 ihn jederzeit bewog, uns mit einer Hochachtung zu be⸗ handeln, die von ſeiner republikaniſchen Geſinnung dem höchſten Grade des Lehensadels verweigert worden ſein würde. Wir näherten uns ſtark den kühleren ſüdlichen Brei⸗ ten, und es wurden Vorkehrungen getroffen, gegen den gewaltigen Wallrathfiſch zu kämpfen, als an einem Sonntagabend der Kapitän nicht ſo zeitig, als ſonſt, unſere Kajüte verließ. Ich hatte das Geſpräch auf ihn ſelbſt gelenkt. Er erzählte mir von ſeiner behaglichen Wohnung zu Boſton, von ſeinen Feldern, die weſtwärts unweit ſeiner Geburtsſtadt lagen— von dem bisheri⸗ gen Gelingen ſeines Gewerbes— von ſeinen bis jetzt unumwölkten Ausſichten. Wie machte dieß Alles mich ſo elend; dennoch trieb ich ihn an, weiter zu xeden. Mit Innigkeit, mit allem Stolze eines Gatten ſprach er nun von ſeinem ſchönen Weibe, ſeinen lieblichen Kin⸗ dern. Obwohl Tauſende von Meilen bittern und ge⸗ fährlichen Waſſers zwiſchen ihm und den theuren Sei⸗ nigen lagen, war ſeine Seele dennoch bei dieſen— er war entzückt von ihnen, er ſegnete ſie— o, wie inbrün⸗ ſtig ſegnete er ſie, und den Urheber aller Segnungen ſeines uͤberfließenden Erdenglückes! Während er ſich von dieſen ſeinen Gefühlen hinreißen ließ, floſſen ihm Thraͤnen über die Wangen, und als er zuletzt nicht Worte ſinden konnte, um ſeine Wonne⸗ und Dankge⸗ fühle auszudrücken, vergaß er mit einem Male jeglichen Unterſchied der Perſonen, der Nationen und der Glau⸗ benslehren, und ſagte feierlich:»Es iſt der Abend des Tages des Herrn— beten wir!« Dieſe Aufforderung geſchah zu plötzlich und war zu erhaben, als daß ihr hätte widerſtanden werden können. Honoria kniete mit mir neben ihm. Ja, die ſtreng er⸗ . 1* Die Büßung, oder zogene Papiſtin und der biſchöfliche Proteſtant knieten hin und erhoben ihre Seele gen Himmel bei dem Ge⸗ bete irgend eines neuerleuchteten Methodiſten, deſſen Gebet jedoch ein gutes war, denn es kam aus einem demüthigen, frommen und dankerfüllten Herzen. Als der gute Kapitän ſich erhoben hatte, ſah er verlegen aus; er ſtammelte eine Entſchuldigung.»Sen⸗ nor und Sennora,“« ſagte er,»vergeben Sie mir, aber ich ward von meinen Empfindungen hingeriſſen.« »Wann,“« fragte ich ihn, indem ich ihm freundlich meine Hand auf den Arm legte,»wann werden Sie den Muth haben, wahrhaft brav zu ſein— den Muth, ſich ihrer beſten Handlungen nicht zu ſchämen?« Er drückte liebevoll meine Hand, und verließ die Kajüte. Die Sonne war untergegangen. Das kurze Zwie⸗ licht jener reineren Himmelsſtriche dunkelte in Nacht hinüber— eine Feierlichkeit waltete in dem Düſter un⸗ ſerer Kajüte— eine Feierlichkeit, die wohl zu dem Ge⸗ bete ſtimmte, das wir ſo eben verrichtet hatten. Ho⸗ noria ward jedoch von dieſem meinen Gefühle nicht er⸗ griffen, denn haſtig und wie in Beſtürzung betete ſie ihren Roſenkranz ab. Ich ſtörte ſie nicht in ihrer hur⸗ tigen Andacht; als ſie aber mit dieſer zu Ende war, ſetzte ich mich gelaſſen neben ſie und nannte ſie bei Namen. »Was wünſcht mein Bruder?« fragte ſle. „Du ſcheinſt beunruhigt zu ſein.« »Ich fürchte, eine ſchwere Sünde begangen zu ha⸗ ben. Ich betete mit einem Ketzer, und— wolle Gott mir's vergeben!— meine Seele war andächtig bei ſei⸗ nem Gebet.« 1 »Woher alſo meinſt Du, geſündigt zu haben?« —— 8 Ardent Troughton. 5 „»Kannſt Du fragen, Ardent? Wie würde der gute Pater gezürnt, welche ſchwere Buße würd' er mir auf⸗ erlegt haben, wenn er von dieſer meiner Achſelträgerei gewußt hätte! O, daß ich gleich einem Geiſtlichen mei⸗ ner Kirche beichten, und mein Herz von dieſer autſeß⸗ lichen Gottloſigkeit reinigen könnte!« „»Beichte!« ſagte ich ruhig. „Spotteſt Du meiner, Ardent? Kein frommer Va⸗ ter iſt zugegen—« „»Doch! der gütigſte, beſte, glorreichſte, machtvollſte, barmherzigſte Vater iſt es— der Vater im Himmel, der Vater unſer Aller! Kniee, Honoria, und beichte ihm, dem von uns Allen zu Preiſenden!« Sie kniete, ſie faltete ihre Hände und hob ihren ſchönen Blick himmelwärts; ſis zeigte ſich ſchweigend und regungslos, wie eine kalte marmorne Bildſäule. Endlich brach ich das Schweigen und fragte mit al⸗ lem nur möglichen Zartgefühl:»Beichteſt Du Schwe⸗ ſter?« »Ach, mein Bruder!“ verſetzte ſie,»ich finde keine Worte.“ „Ich dachte mir's, liebe Honoria. Und da ich Theil an der Sünde nahm, will ich unſer Thun in Worte faſſen, die Du mir nachſprechen magſt.⸗ In einfacher Sprache beſchrieb ich das Geſchehene, und Honoria ſprach meine Worte nach. Als ich aber Verzeihung für das Gethane, als für eine begangene Sünde, zu erflehen begann, ſprang meine Schweſter auf und ſprach zitternd:»Ardent, dieß iſt Albernheit. Mich dünkt, ich habe nicht vor Gott geſündigt, wenn⸗ gleich ich großes Unrecht gegen ſeine heilige Kirche be⸗ ging.« »Wohl iſt's Albernheit, Honoria. Gott und deſſen Die Büßung, oder Kirche treffen hier nicht zuſammen; wem willſt Du an⸗ hangen?« 4 »Du erforſcheſt mein Herz, Bruder! Kann ich mich da noch beſinnen? Ich habe nicht geſündigt.« 3 » Umarme mich, theure Schweſter!« ſagte ich.»Jetzt wirſt Du nicht mehr, wie bisher, Anſtand nehmen, mit Deinem ketzeriſchen Bruder zu beten. Fortan werden wir einander werther noch, als jemals, ſein, und doch wird keines von uns dadurch ſeinem Glauben abtrünnig gemacht werden können. Von jetzt an werden unſere Gemüther in reinerem Einklange ſtehen; ich kann jetzt frei und ungezwungen mit Dir reden; laß uns jeden Gedanken, jede Herzensregung mit einander theilen!« ⸗ Wie Bruder und Schweſter es thun ſollten.« »Gewiß, Honoria; wie Bruder und Schweſter es ſollten! Du ſprichſt richtig; welches Band könnte in⸗ niger und heiliger ſein?— Mir ſcheint, als ob alles Lebende außer uns jetzt für uns in Vergeſſenheit ge⸗ ſenkt würde; denn wo wir uns zeigen mögen, wirft der Tod Alles ſiegreich danieder. Du fürchteſt Dich jetzt nicht mehr, in Gemeinſchaft mit mir zu beten, ſo laß uns den Himmel ſchweigend anflehen, Honoria, daß der gute, rechtſchaffene Mann, der uns ſo freundlich auf⸗ nahm und verpflegt, nicht dem böſen Geſchick verfalle, das ſich ſo verhängnißvoll an meine Gegenwart gefeſſelt zeigt.« „Iſt das nicht Aberglaube, Ardent? Dennoch zeigt er ſich in frommer, edelmüthiger Geſtalt, und alſo will ich ihn theilen.« 3 Ungern verweile ſch lange bei heiligen Gegenſtän⸗ den; indeſſen hochgeſpannte Gefühle müſſen jederzeit entweder zur Verzweiflung oder zur Religion führen, Ardent Troughton. 7 ſobald Hoffnung den Trauerzug ſchließt, durch welchen unſere Glückſeligkeit zu Grabe geleitet wird. Honoria und ich, wir trennten uns an dieſem Abend zum Schlafengehen geſammelter, als jemals ſeit unſerer Flucht von dem Schiffe des Blutvergießens. Wer wird die Wirkſamkeit des Betens bezweifeln können? Mit ſeiner Donnerſtimme, die nur in den Gewölben des bebenden Herzens vernommen wird, ruft das Gewiſſen:»Bete!« Wo iſt die Religion, wie ir⸗ rig ſie auch ſei, die hierin nicht der einen, der einzig heiligen und wahren, gliche? wo iſt die Religion, die ihre Bekenner nicht zu Gebet und Lobgeſang aufriefe, geſchähe dieſes nun vom hohen Dome der Kathedrale, vom Dorfkirchthurme, vom Minaret, vom Götzen⸗ tempel oder von öder Felskanzel herab?»Bete!“ iſt der Univerſalruf der ganzen Natur, durchaus abge⸗ ſondert von den Dogmen jeglicher, von dem Aberwitz jeder Glaubensmeinung. Die ſegenbringende heilige Schrift aber verſichert uns, daß Gebet, und nur Gebet, im Stande iſt, ſlegreich mit dem Giganten, Schickſal genannt, zu ringen, und die Wunder ſowohl einer irdi⸗ ſchen Errettung als einer ewigen Seligmachung zu be⸗ wirken. Welch eine erhabene Verfügung der Liebe— einer Liebe, die als Lenkerin und Beherrſcherin der Macht erſcheint! Wir beteten— und der edelmüthige Amerikaner entging dem an meine Ferſen ſich kettenden Unheile. Schon nächſten Tages, ehe unſer Schiff noch Jagd auf einen Fiſch gemacht hatte, begegnete uns ein bereits vollgeladenes Fahrzeug, das auf ſeinem Rückwege nach irgend einem Hafen von Nord⸗Neuſeeland begriffen war, um daſelbſt auszubeſſern und einige Paſſagiere nach Amerika an Bord zu nehmen. Dieſe Gelegenheit — Die Büßung, oder mußte benutzt werden. Trübſelige Zeit⸗ und Jugend⸗ verſchwendung würde es für Honoria und mich geweſen ſein, wenn wir zwei, ja drei Jahre damit hätten hin⸗ bringen wollen, daß wir lernten, wie eine Harpune ge⸗ ſchwungen, ein Walrrathfiſch gejagt, getödtet, zerſtückt, ausgethrant und eingetonnt wird, und wie man Fiſch⸗ bein reinigt. Zunächſt nahmen Honoria und ich Abſchied von je⸗ dem Einzelnen der Schiffsmannſchaft; denn es war Keiner am Bord, deſſen Freundſchaft wir nicht gewon⸗ nen hätten. Ich muß geſtehen, daß unter meiner Vier⸗ geſellſchaft ich am wenigſten beliebt war. Jugurtha und Springer konnten Beide ziemlich gleichen Anſpruch auf die Gunſt des Schiffsvolks machen; wäre jedoch über ſie abgeſtimmt worden, ſo glaube ich, der Hund würde eine Ueberzahl von Freunden gehabt haben. Ho⸗ noria, oder der junge Don, wie ſie allgemein genannt ward, hatte Allen zu viel Ehrfurcht und Bewunderung eingeflößt, als daß man ſich unterſtanden hätte, ſie ſo, wie jene Beiden, zu lieben. Ich meines Tbeils ward reichlich bemitleidet, und ſchien ihnen bei meinem erſten Erſcheinen ein wenig durch meine Unglücksfälle den Verſtand verloren zu haben. Nicht eher verließ ich Alle, als bis ich Jedem eine Anweiſung für eine nicht unanſehnliche Summe bei meinen ehemaligen Lehrherren, Mrs. Falk und Com⸗ pagnie zu Lothbury, eingehändigt hatte, ſo daß hundert Pfund unter die Mannſchaft zu vertheilen ſtanden. Ein zweites Hundert fiel dem Arzte und den beiden Steuer⸗ leuten, gemäß ihrer Rangordnung, zu, und ein drittes Hundert nahm nach vielen Bitten und Drängen Kapi⸗ tän Darkins an. Der Menſch iſt ſtets übermäßig frei⸗ — — Ardent Troughton. 9 gebig, ſobald er in Ungewißheit ſchwebt, ob er über⸗ haupt etwas zu geben hat. Nachdem dieſe Einrichtungen getroffen waren, galt es, die Schwierigkeit zu beſeitigen, Jugurtha und den Hund von den bisherigen Schiffsgenoſſen zu trennen. Nicht daß dieſe Beiden uns hätten verlaſſen wollen, ſondern weil die Amerikaner ſie Beide zu behalten wünſchten. Ich ſah mich zuletzt genöthigt, es in die freie Wahl Beider zu ſtellen. Hinſichtlich des Negers war dieſe bald entſchieden. »Willſt Du mit uns gehen, Jugurtha, um nochmals Schiffbruch zu leiden, oder willſt Du bei Deinen neuen Freunden bleiben?« fragte ich ihn. Obwohl ſtumm, warf er auf höchſt beredte Weiſe mir dieſe ungeziemende Frage vor. Ein Weilchen ſtand er regungslos zwiſchen beiden Parteien. Ich dachte, er ſchwankte; die Mannſchaft glaubte ihn ſchon auf ih⸗ rer Seite. Ein luſtiger Yankee, welcher wußte, daß Jugurtha ziemliche Vorliebe zu dem zuckerigen Alkohol hegte, der durch die Einzelnſylbe Rum“ höchſt uneigent⸗ lich bezeichnet zu werden pflegt, ergötzte ſich daran, dem Neger verſtohlen eine Flaſche voll von jenem Ge⸗ tränk, als eine Art von Köder, zu zeigen. Dieſe Pantomime machte dem kleinen Trupp Ma⸗ troſen, dem ſie vorgeſpielt ward, nicht wenig Spaß, ſo daß Einer von ihnen zu den Kameraden ſagte:»Wenn der ſtumme Schneeball nich wiſſen duht, ob er ſeinen Wollkopf backbord⸗ oder ſteuerbordwärts kugeln ſoll, ſo ſeht nur zu, daß er'n rechten Anblick vom echten Stoff bekommt, und klappt Ihr ihm dieſen vollends un⸗ ter den Riecher, ſo iſt er poſ'tiv der Unſrige. Gieb ihm'nen Schluck, Zaches Topflecker!« Alle Anweſenden lachten oder lächelten doch über Die Büßung, oder dieſe Bemerkung, nur nicht Jugurtha, der die Flaſche ergriff, ſie jedoch nicht nach Erwarten der Matroſen an den Mund führte, ſondern der Bauch derſelben an dem Bollwerk zerſchmetterte, dann ſich ſtolz aufrichtete, die geballten Fäuſte ſich drohend erhob, und einen Blick voll dämoniſcher Abſcheulichkeit und Verhöhnung gegen ſeine Verſucher ſchoß. Er ſah aus, als gelüſtete ihm nach Einzelnkampf mit Allen. Nachdem er ſich auf ſolche Weiſe deutlich ausgeſprochen hatte, wendete er den Matroſen den Rücken, kam herüber zu Honoria und mir, knieete vor uns und weinte über unſeren Händen. Keiner verlangte jetzt mehr von ihm, daß er uns verlaſſen ſollte. Während die Mannſchaft nun am Ne⸗ ger verzweifeln mußte, bat ſie um den Hund.»Freunde,« lvutete meine kurze Antwort,»laßt ihn frei auf Deck, und ſeht zu, ob er bei Euch bleiben will.« Sie willig⸗ ten in dieſen Vorſchlag, und Honoria und ich ſchritten über den Gangweg, um in's Boot zu ſteigen. Jugurtha hatte bereits, um ſich zu überzeugen, daß er nicht ge⸗ trennt würde, und um ſeine Rührung zu verbergen, ſich in das Boot hinabgelaſſen. Nachdem wir nochmals herzlichen Abſchied von Ofſicieren und Matroſen genom⸗ men hatten, begaben wir uns, von Kapitän Darkins geleitet, ebenfalls in das Boot, das uns an an Bord des Schiffes die muntere Sally“ bringen ſollte. Wir waren erſt wenige Ellen weit weggerudert, als der Neger bereits ſeinen vierbeinigen Gefährten vermißte. Er ſprang au, und ließ ſein entſetzliches Geheul hören, welches vom Schiffe herüber mit lautem Gelächter und Gebell vermiſcht ward; dann war der Hund bei uns. Nichts Lärmendes, nichts Ungeziemendes geſellte ſich zu dieſem Thun Springers, das getreue Thier kletterte ge⸗ mächlich in das Boot herein und ſette ſich ernſtaft auf Ardent Troughton. 11 die Schnabelbank deſſelben. Springer ſchüttelte ſich auch nicht, um des Seewaſſers aus ſeinem Pelze ledig zu werden; er beſaß zu viele Höflichkeit, als daß er un⸗ ſer Boot zu ſeinem Toilettenzimmer gemacht hätte. Zweites Kapitel. Erblicke, geliebter Leſer, uns auf dem thranbeſudelten Verdecke der Sally«. Der Aublick war entmuthigend für uns; ehe wir jedoch Zeit hatten, alle Unannehmlich⸗ keiten, die unſer warten mochten, wahrzunehmen, bega⸗ ben wir uns in die Kajüte, wo Kapitän Darkins unſere Geſchichte der Länge nach erzählte. Nathangel Willis, der Kapitän der„Sally“, erſtaunte und entſetzte ſich darüber, doch ſchien er nicht das Mitleid für uns zu fühlen, das wir bei ihm vorausgeſetzt hatten. Er war augenſcheinlich ein harter Mann, der geziemenden Ab⸗ ſcheu gegen jede Schurkerei fühlte, allein der keinen Be⸗ griff davon hatte, daß ſolcher Abſcheu ihm Geld koſten ſollte. Er fluchte weidlich auf Mantez und das ſpaniſche Schiff, hatte fürchterliche Ahnung, betreffs des Schick⸗ ſals Derer, die auf demſelben zurückgeblieben ſein moch⸗ ten, und führte Midleidsausdrücke gegen uns im Munde; wer aber hatte die Koſten für meine und meiner Schwe⸗ ſter, zuſammt des Negers und des Hundes Ueberfahrt zu decken? Nathangel Willis war ein tugendhafter Mann, nur mußte die Tugend ihm nicht an den Geld⸗ beutel greifen. Er hielt ſich überzeugt, daß ich nicht Die Büßung, oder mit Zuverläſſigkeit wiſſen könnte, ob in den Händen unſerer Korreſpondenten ſich Guthaben genug befände, um unſere Verbindlichkeiten zu löſen, nachdem meines Vaters ganzer Reichthum auf dem ſpaniſchen Schiffe verloren gegangen wäre; noch weniger aber könnte ich ſagen, ob Ueberſchuß genug bliebe, um neue Wechſel zu tilgen, die ich auf irgend einen europäiſchen Platz abge⸗ ben möchte. Dieſe Bemerkungen waren mir unangenehm, eben weil ſie nicht allen Grundes entbehrten, und weil ich zu ſtolz war, eine unnütze Anforderung an Nathangel's Großmuth zu machen. Kapitän Darkins that, was er konnte, um ihn uber die Sache zu beruhigen; doch lag es am Tage, daß Willis handgreiflichere Sicherheit als Betheuerungen über unſere Rechtſchaffenheit und pathe⸗ tiſche Erzählung unſerer erlittenen Unglücksfälle ver⸗ langte. Während er ſein Mitgefühl verſchwenderiſch gegen uns ansſprach, und ſich in Berſicherungen ſeines Eifers, betreffs Unglücklicher ergoß, ergab es ſich, daß er den Entſchluß gefaßt hatte, uns nicht an Bord zu nehmen, ſondern uns der Ausſicht zu überlaſſen, noch zwei oder drei Jahre lang uns am Bord der Marie Anna“ befinden zu müſſen. Inmitten dieſer Spannung, ja, nachdem er bereits uns angedeutet hatte, daß er bereit ſei, uns, von ſeinem Mitleiden begleitet, wieder über ſeines Schiffes Seite hinabſteigen zu ſehen, zuckte plötzlich ein Strahl— nicht der Menſchenfreundlichkeit, ſondern ſchlauen Gedankens über ſein widerwärtiges Geſicht. Er nahm mich bei Seite in eine Ecke der Kajüte, und ſprach folgenderma⸗ ßen zu mir: »Ich ſage, Mr. Engliſcher, daß in Betreff dieſes Ueberfahrtgeldes ich kalk'lire, wie ich bei Vollführung — ¼ Ardent Troughton. 13 einer guten Handlung, nicht meines Herzens Feſt⸗ mahl will zum Raube werden laſſen, inſofern dieß Ueberfahrtsgeld in Betracht kommt. Gutes thun, iſt das wahre Weſen der Moral. Der Neger von Ihnen nun ſieht genugſam wie'n hübſches, wohl⸗ geſtaltetes Thier aus, als wäre er bis auf den letzten Heller ſeine ſiebenhundert Dollars werth. Ich lege zu Rio an, wo ih ihn, wie im Handumdrehen, wie bei'm Blinzeln von'nem Alligatorauge auf den Markt ſchaffen kann. Geben Sie mir juſt ein Stückchen Pa⸗ pier, mit der Zuſicherung, daß der Burſch mein ſein ſoll; wir kommen dann leicht miteinander überein, und ich werde das demüthige Werkzeug in den Händen der Vorſehung, um Sie in Stand zu ſetzen, die Schuldigen zu beſtrafen, und be⸗ glücke dabei mein eigenes Herz, indem ich meinen Mitkreaturen Gutes thue.« Dieſer Profeſſor edler Geſinnungen hatte zwei Stim⸗ men, nämlich die ethiſche und die natürliche Stimme. Die Worte, die er mit erſterer ſprach, habe ich in durch⸗ ſchoſſener Schrift mitgetheilt, und dieſe Stimme ſchnob er überaus volltönend durch die Naſe. Die andere Stimme ließ er durch ſeine Zähne ziſchen, und ehe man an dieſelbe gewöhnt worden war, brachte ſie jenes zu⸗ ſammenſchauernde Gefühl hervor, das uns zu ergreifen pflegt, wenn wir eine Säge feilen hören. Wohl hatte ich früher Worte des Verfluchens und Gottläſterns ge⸗ hört, dennoch reichten dieſelben nicht an die Scheußlichkeit hinan, die in der Stimme dieſes Nathanael Willis, des Befehlshabers und theilweiſen Eigners des Schiffes'die muntere Sally’ lag. Späterhin wunderte ich mich über nichts ſo ſehr, als daß ich dieſen Schnauber und Ziſcher nicht gleich bei ſeinem erſten Lautwerden gegen mich zu Die Büßung, oder. Boden geſchlagen habe. Mit Ekel wendete ich ihm den Rücken zu, trat zu Kapitän Darkins und ſagte kaltblü⸗ tig:»Ich bin überzeugt, daß Ihr Freund ſich niemals mit mir einigen wird. Ich fürchte, ich muß mit den Meinigen noch länger Ihrer Menſchenfreundlichkeit zur Laſt fallen.« Als wir nun ernſtlich uns zur Abfahrt anſchickten, ſchien der Schiffer der„Sally es eben ſo ungern zu ſehen, daß wir gingen, als er abgeneigt war, uns ohne Sicherheit für unſer Fährgeld zu behalten. Er bat uns daher, nicht ſo haſtig in unſerem Entſchluſſe zu ſein, und meinte, vielleicht hätte ich oder meine Schweſter noch einige klingende Münzen in den Taſchen, und ſchloß ſeine Rede mit dem Geſchnaube ſeiner ethiſchen Stimme in den Worten, daß»„ſein Herz Verlangen trüge, den Unglücklichen beizuſtehen.⸗ Wir ſchritten nun zu der entwürdigenden Bemühung, unſere Taſchen zu durchſuchen, von der ich vorher wußte, daß ſie nichts ausbeuten würden, denn waͤhrend der jüngſt von uns erlebten Schreckensauftritte war Geld das Geringſte geweſen, das uns hätte in den Sinn kommen können. Der uneigennützige Wunſch Natha⸗ nael's, den Unglücklichen beizuſtehen, ſchien alſo in Bezug auf uns unerfüllt bleiben zu ſollen. Während der unpoetiſchen Operation, die ich und meine Schweſter vornahmen, begann Kapitän Darkins plötlich:»Dummkopf, der ich bin, daß ich nicht früher daran dachte! Sie wiſſen, Kapitän, daß ich kein Baares wegzugeben habe, denn das Wenige, das ich mitnahm, wird nothdürftig hinreichen, um irgendwo während des Winters Schiff zu beſſern. Allein meine Bürgſchaft iſt zuverläſſig gut, und herzlich gern biete ich ſie an.« Ich konnte meinen Dank nur dadurch ausdrücken, 83 Ardent Troughton⸗ 15 daß ich ihm mit Innigkeit die Hand drückte. Honoria that mehr; ſie verrieth beinahe ihr Geſchlecht, indem ſie den ehrlichen Seemann herzlich küßte. In der That, unſere Erſchütterung ſetzte den edelmüthigen Amerikaner beinahe in Verlegenheit. Dieſe kleine Scene veranlaßte den Kapitän der „Sally“, ſein Geſchnaube wieder hören zu laſſen.»Ich betheure, verheiße und ſchwöre, daß Handlungen, wie die Ihrigen, Kap'tän Darkins, mächtig wohlthätig dem Herzen— ja, demſelben ein wahres Feſtmahl ſind. Ich theile Ihre tugendhaften Geſinnungen, und biete gern meine Hand, um an der guten That, Unglücklichen bei⸗ zuſtehen, Antheil zu nehmen. Ja, Ihre Bürgſchaft nehm' ich an für die Unkoſten, welche dieſe Beklagens⸗ werthen am Bord der„Sally“ verurſachen werden, die ich mächtig beträchtlich wünſche zu einem Tempel des Wohlwollens zu machen.« In echtem Schachergeiſte ging dieſer Profeſſor der Großmuth an's Werk. Er verlangte, wir ſollten unſere ganze Ueberfahrt bis New⸗York bezahlen, wo immer wir auch landen wollten, denn er kannte meine Abſicht, die dahin ging, den nächſten beſten civiliſirten Hafen zu erreichen. Bei alldem befand unſere Sache ſich in gu⸗ ten Händen. Der Vertrag lief darauf hinaus, daß wir monatlich ein Beſtimmtes zahlen, und ſobald ich es ver⸗ langte, an ein anderes Schiff geliefert oder an Land ge⸗ ſetzt zu werden, wo ſolches ſich würde thun laſſen. Kapitän Darkins leiſtete Bürgſchaft fuͤr den Belauf, im Fall die von mir auszuſtellenden Wechſel nicht eingelö⸗ ſet werden würden. Große Sorgfalt hinſichtlich ſeiner ſelbſt zeigte Nathangel während des Abmachens dieſer ſeiner Handlung uneigennützigen Wohlwollens! Nach ſchriftlicher Abfaſſung und Unterzeichnung die⸗ Die Büßung, oder ſer Uebereinkunft ließen die Kicherzüge befriedigter Hab⸗ gier um den Mund Nathanael's ein wenig nach, und er fing an lebhaftes Verlangen ſpüren zu laſſen, Kapi⸗ tän Darkins möchte jetzt an Bord ſeines eigenen Schif⸗ fes zurückkehren. Zuvor war jedoch noch eine Ueberein⸗ kunft zwiſchen Beiden auszugleichen; dieſe betraf einen Gegenſtand, den ich überſehen hatte, obwohl er beſon⸗ ders meiner Schweſter von Wichtigkeit ſein mußte— nämlich die Beſchaffenheit und Räumlichkeit unſerer Behauſung am Bord. Ueber dieſen Punkt beſeitigte unſer fürſorgender Freund Darkins jegliche Moͤglichbeit künftigen Streites; denn er beſtand darauf, daß man uns ſofort unſere Kajüte zeigte, und daß wir unverzüg⸗ lich von derſelben Beſitz zu nehmen häͤtken. Dieſe An⸗ ordnung gereichte ſehr zum Verdruſſe des uneigen⸗ nützigen Nathanagel's. „ Jetzt, Sennor,« ſagte der ehrliche Darkins mit Nachdruck,»jetzt kennen Sie genau Ihre Rechte, und inſofern ich Ihren Charakter kenne, bin ich überzeugt, daß Sie dieſelben zu behaupten wiſſen werden. Ich bin von Natur nicht niedergeſchlagenen Gemüthes, doch weiß ich nicht, wie's kommt, daß ich, ohne eigentliche Urſache dazu zu haben, mit Bekümmerniß von Ihnen und von Ihrem ſchönen jüngeren Bruder ſcheide, der ein wahrer Engel iſt. Ich mache mir ſelber Vorwürfe über dieſe meine Weichherzigkeit; ja, ja, und auch bittere Vorwürfe mache ich mir, daß ich nicht Alles aufbot, um Kunde von dem Schickſale Ihrer Aeltern und Freunde auf jener Arche des Blutvergießens, jenem ſpaniſchen Vierundſechsziger, zu erlangen. Bis an das Ende meines Lebens werde ich mich für weniger als für einen Mann halten, wenn ich mich daran erinnere, wie ich Ihre Schweſter, das Opfer ſataniſcher Grau⸗ ——— Ardent Troughion. 17 ſamkeit an der Raaſtange hängen ſah. Es wird jener Anblick mich ſtets, ſelbſt in meinen Traͤumen verfolgen. Iſt Ihr Bruder, der hier neben Ihnen ſteht, ſchon ſo überaus lieblich, wie himmliſch ſchön muß Ihre Schwe⸗ ſter geweſen ſein. Aber dem Himmel ſei Dank, daß ich ihre Geſichtszüge nur nicht ſah. Aber bei alldem bin ich kein wahrer Mannf und das werd' ich mir uimmer⸗ mehr vergeben; nimmermehr!« 3 Die ehrliche Seele war ſo hingenommen, daß ich beinahe das Geheimniß von dem Geſchlechte meines ſo⸗ genannten Bruders heimlich mitgetheilt hätte; indeſſen that ich es nicht, ſondern beſchränkte mich darauf, den braven Darkins zu verſichern, daß er unter obwaltenden Umſtänden unmöglich mehr hätte thun können, als er gethan hatte. »Ich danke Ihnen herzlich für dieſe Zuſicherung,« entgegnete er mir;»ſie tröſtet mich. Mit meinen beſten Wünſchen für Sie, verlaſſe ich Sie jetzt; und mögen Sie ſich überzengt halten, daß ich eifrigſt die Juſtiz ge⸗ gen die Piraten in Bewegung ſetzen werde. Sind dieſe nicht wahrhaftige Dämonen, ſo ſollte ich meinen, daß die Hinopferung Ihrer ſchuldloſen Schweſter ihren Blut⸗ durſt ſättigte; zwar werden Ihre Aeltern und Freunde zwar noch Leiden zu erdulden gehabt haben, doch hoffe ich, es wird Alles noch gut enden— und ich will beten, daß es ſo ende. Leben Sie wohl, und des Himmels Segen ſei mit Ihnen. Mögen wir einander unter glück⸗ licheren Umſtänden wiederſehen oder nicht, ſo bin ich doch überzeugt«— und hier lächelte er, und ſtrebte, ſeine Rührung durch erzwungene Scherzhaftigkeit zu verdecken —»daß Sie und Ihr lieber Bruder niemals den Yan⸗ keeſchiffer von Südſee⸗ Walſiſchjägern vergeſſen werden.⸗ c Ardent Troughton. III. 2 Die Büßung, oder Ich brauche nicht zu ſagen, was ich antwortete. Wir drückten einander die Hände und ſchieden. Unſer Schiff ſetzte nun alle Segel an und ſteuerte nordweſtwärts. Ich ging mit Honoria und dem Neger auf das Hinterdeck, damit wir deſto beſſer dieſen Tem⸗ pel des Wohlwollens“, der die muntere Sally“ hieß, möchten ſchwimmen ſehen, und in den aufgenommen zu werden, uns ſo ſchmähliches Geld koſtete. Ein ſchmie⸗ rigeres und ſchlüpfrigeres Heiligthum hing nimmer an der Bruſt des alten Oceans. Anfänglich waren die Gerüche uns beinahe unerträglich. Dennoch ſtrich das Fahrzeug ſchmuck durch die Wellen. Da der Wind ſcharf auf unſern Steuerbordbug wehete, ſo begaben wir uns ſo weit nach hinten, als möglich, und gewöhnten ſo all⸗ mälig unſere Naſen an den Miſchgeruch von Pech und Thran und modernden animaliſchen Stoffen, woran Schiffer und aufgedunſene Mannſchaft ein unſägliches Behagen zu finden ſchienen. Ein geſunderer Rudel fett⸗ beſchmierter und ſaftgeſchwollener Geſellen dürfte ſchwer⸗ lich in irgend einem thranigeren und beſſer geeigneten Kaſten aufzufinden geweſen ſein. Kindiſch würden wir uns gezeigt haben, wenn nach ſo ſchweren erlittenen Unglücksfällen wir uns über ge⸗ ringfügige Beſchwerden beklagt hätten; ja, anſtatt uns über den getroffenen ſchmutzigen Tauſch elend zu fühlen, wurden wir ſogar heiter, und bei meinem ſchwarzen Freunde ſteigerte dieſe Heiterkeit ſich bald zum Entzü⸗ cken. Er ergötzte ſich an der Miſchung von Stinkdüften, die meiner Schweſter und mir ſo zuwider waren; und rannte auf Deck umher, und hielt die Naſe über die Schmelztöpfe, gleich einem feuchtnaſigen Hatzhunde, der zur Zeit des Morgenthaues der Fährte nachrennt. Bei alldem bleibt es wahr, daß der Geruch durchaus Ge⸗ 1 Ardent Troughton. 19 ſchmacksſache iſt. Für mich giebt es in eines Parfüme⸗ händlers Laden Gerüche, die mir widerwärtiger ſind, als es der Duft friſchen Thranes iſt. So ſchmierig und ſchmutzig nun das Phyſiſche der „munteren Sally⸗ auch war, ſo würde man es ihr ha⸗ ben vergeben oder doch es dulden können, ſobald nur ihr Moraliſches einigermaßen etwas getaugt hätte; allein ihre Mannſchaft, die nach meinem Dafürhalten einem Schiffe das iſt, was die Seele dem Menſchen⸗ körper iſt, befand ſich hinſichtlich ihres Leibes wie ihres Geiſtes in trübſeliger Beſchaffenheit. Sie wich durchaus von der des Kapitäns Darkins ab. Dieſe beſtand aus frommen, ordentlichen, pflichtliebenden Leuten, die nie in Uebermaß tranken, und ſelbſt nicht bei Ausgelaſſen⸗ heit den Namen Gottes unnütz führten. Wie ganz anders wieſen ſich die Menſchen, unter denen wir uns jetzt befanden! Sie waren lärmende, zänkiſche, gottver⸗ achtende und menſchenſchimpfende Halunken, deren ge⸗ wöhnliche Redeweiſe ein Fluch, und deren Lieblingsaus⸗ druck eine Gottesläſterung war. Der Verfeinertſte unter ihnen war ihr Kapitän, der Profeſſor moraliſcher Geſinnungen und der Menſch mit zweien Stimmen; allein die ihm gewordene Verfei⸗ nerung machte ihn nur noch abſcheulicher. Obſchon er, wie geſagt, zweiſtimmig war, hatte er doch nur Ein Herz, und dieſes Herz wäre beinahe vom Geize geplatzt; dabei ſah er abſchreckend häßlich aus, und zählte minde⸗ ſtens funfzig Jahre. Er hatte einen überaus glücklichen Fang gethan, allein das verſtimmte ihn nur um ſo mehr, denn die Mannſchaft theilte ja ſeine Freude, weil ſie Antheil an dem Gewinne hatte, und ſo ließ der Neid, den Nathanael darüber fühlte, ihn des eigenen Glückes nicht froh werden. Um dieß gehörig zu verſtehen, muß 2* 20 Die Büßung, oder man wiſſen, daß die Wallfiſchjagd ein Unternehmen iſt, bei welchem keiner von denen, die daxan Theil nehmen, weder von den Rhedern noch vom Kapitän Beſoldung empfängt, ſondern nur gewiſſen verhaͤltnißmäßigen Antheil an der Ausbeute hat. In dieſen beſcheidenen Antheil ſeiner Leute nun war Kapitän Nathangel Willis bis über die Ohren verliebt, und wir werden bald ſehen, wie er in⸗ mitten des Wortkrams ſeiner moraliſchen Geſinnungen ſich um dieſe Geliebte zu bewerben und ſie zu gewinnen wußte. Mich verlangte zu ſehen, wie die erſte Mahlzeit, die man uns vorzuſetzen hatte, beſchaffen ſein würde, und als meine Neugier endlich befriedigt ward, hatte auch mein Ekel ſeine höchſte Stufe erreicht. Ich weiß nicht, ob ich zu rechtfertigen ſein würde, wenn ich die Mahlzeit und Tiſchgenoſſenſchaft am Bord eines Südſee⸗Wallfiſchjägers beſchriebe; das aber weiß ich, daß mancher Leſer Beſchreibungen unſauberer Feſt⸗ mahle barbariſcher Griechen, wenn ſolche aus den Rui⸗ nen von Herkulanum oder Pompeji herausgeholt worden wären, klaſſiſch, intereſſant und empfehlenswerth nennen würde, obſchon die Beſchreibung der Schmauſe⸗ reien jener Helden der Tiefe nur die Bezeichnung vie⸗ hiſche und'empörend“ verdienen könnten. Könnten die Thatſachen genau angegeben werden, ſo zweifle ich nicht, daß Jaſon und deſſen Hauptleute an ihren Eßtiſchen— eine Beſchreibung, die manches modernen Buchhändlers Glück machen, und manchen modernen Autors Ruhm ausbeuten würde— ſich nicht im mindeſten appetitlicher zeigen, als es die Schauſtellung war, die Nachmittags um zwei Uhr am Bord der muntern Sally“ ſtattfand. Da es jedoch mißlich Ding iſt, eine ekelhafte Sache zu beſchreiben, ohne dabei ekelhaft zu werden, ich zudem Ardent Troughton. 21 unfähig bin, jenem Sympoſium*) der thrandurchweich⸗ ten Gäſte auf der Sally den Anſtrich der Alterthüm⸗ lichkeit oder Klaſſicität zu verleihen, ſo will ich hier bloß bemerken, daß Honoria und ich nicht eher im Stande waren, von dem ranzigen Schweinefleiſche und dem dun⸗ ſtenden Seehundsgefüllſell, das man uns vorſetzte, zu genießen, als bis unſere natürliche Eßluſt bis zum Heiß⸗ oder Gierhunger geſteigert worden war. Sogar das Schiffsbrot war ſchmierig— Alles war fettdurchtränkt; es gab nur Einen Mahlzeitgang, aber er war durch und durch thranig. Ein Lapp⸗ oder Grönländer hätte an dieſer Tafel ſich in den Himmel verſetzt glanben mögen! Kapitän, Schiffsarzt und Supercargo oder doch ein Individuum, welches das Amt des Letzteren und zugleich das eines Schiffszahlmeiſters verwaltete, machten nebſt dem Oberſtenermann die Geſellſchaft in der Kajüke des Erſteren aus. Lärmende Sprecher, ungeheure Freſſer, entſetzliche Flucher und verwegene Lügner waren dieſe vier Oberprieſter des Tempels des Wohlwollense. Dem Kapitän Darkins konnte ich es verzeihen, daß bei ſeinem langen Tiſchgebete die Erbſenſuppe und der Pudding kalt wurden, denn ſeiner Tafel Sauberkeit und die die⸗ ſelbe heiligende Sitte ließen ſolches zu; hier gab es aber weder vor der Mahlzeit, noch während und nach der⸗ ſelben ein Gebet, und wirklich war auch nichts da, wo⸗ für ein Menſch hätte Dank ſagen können, er müßte ſich denn an thrauigen Speiſen und an Rum haben laben können, der flüſſiges Feuer zu ſein ſchien. Da die Genoſſen der Sally mit meinem Geſchicke keinen weiteren Zuſammenhang hatten, als den, daß ſie *) Welches ſo viel als„Gaſtmahl⸗ oder Schmaus“ heißt, werthe Leſerin. 9 Anm. du Ueberſ. 22 Die Büßung, oder mich meiner großen und allendlichen Beſtimmung näher brachten, die ſich meiner Seele in unverlöſchbaren Zügen eingeprägt hat, ſo begnüge ich mich, eine leichte Skizze von ihren Eigenthümlichkeiten und ihrem Treiben hurtig hinzuzeichnen. Der Dämon des Geizes in ſeiner ſchlimmſten Geſtalt hatte die ganze Bande ergriffen, ſo daß, als kaum ein eben ſo ſudelhafter Dienſtmann die ſudelhaften Ueberbleibſel der Mahlzeit fortgeſchafft hatte, friſche Rumflaſchen und die Karten zum Criböage⸗ ſpiel herbeigeholt wurden. Nathanael Willis begann die Operation, wie ich recht woße erlauſchte, damit, daß er eine lange morali⸗ ſche Sentenz herausſchnob, und dabei die Fünfen von Herzen und Rauten unterſchlug. Sein Gegenpart, der Schiffsarzt, minder geläufig von Zunge, aber ungleich fingerfirer als er, war ungemein geſchicklich im Ordnen ſeines Spiels, und ſchlug auf ſo ausgezeichnete Weiſe die Volte, daß nur der ruhige Blick eines theilnamloſen Zuſchauers es erſpähen konnte. Die Karten wieſen ſich fettbeſudelt, wie denn das ganze Schauſpiel ekelhaft war. Der Oberſteuermann und der Supercargo ſahen anfänglich bloß zu, und wetteten, fanden jedoch darin bald nicht Aufregung genug. Ein noch ſchmutzigeres Spiel Karten und ein Stück Kreide wurden hervorge⸗ ſucht, und bald hatten auch ſie ſich unter grimmigen Flüchen gegen einander in das geheimnißvolle, ſogenannte Puttſpiel verſenkt. Geld ward dabei nicht aufgezogen, denn Verluſt und Gewinn wurden angeſchrieben, indem man um den zu erwartenden Antheil an der Ausbente der Ladung des Schiffes ſpielte. Meine Schweſter blickte mit Entſetzen auf dieſes Treiben und flehete mich auf ſpaniſch an, mit ihr auf Deck zu gehen, ehe die Orgie noch recht ihren Anfang Ardent Troughton. 23 nehmen möchte. Ich weigerte mich deſſen, da ich meine neuen Gefährten nicht gleich anfänglich durch einen Schein von Geringſchätzung beleidigen wollte. Gelaſſen ſagte ich zu Honoria, daß, weil ſie ein heranwachſender und verzogener Junge wäre, ſie auch als ein ſolcher ſich gebehrden und wenigſtens ſcheinbar Wohlgefallen an ihrem Grog finden müßte. Auch warnte ich ſie, nimmer, außer wenn ſie ſchliefe, von meiner Seite zu weichen, damit ſie jedenfalls meines Schutzes gewiß ſein könnte; und gab überdieß zu verſtehen, daß wenn ſie ihrer au⸗ ßerorderlichen Jugend halber Vorwand finden könnte, ſich von dem Tiſche zu entfernen, ſolches mir doch nicht zuſtände, und daß jede Unannehmlichkeit immer noch beſſer wäre, als die, von einander getrennt zu ſein. Da der Kapitän wußte, daß ich nichts zu verlieren hatte, ſo drang er nicht in mich, mit ihm zu ſpielen; ich konnte daher einen ruhigen Zuſchauer des Vorgehen⸗ den abgeben. Ich that dieß ſo lange, als ich glaubte, daß gewöhnliche Höflichkeit es verlangte, und lange ge⸗ nug, um zu ſehen, wie Nathanael ſich bewundernswür⸗ dig kaltblütig behauptete, während ſeines Gegenpartes Vernunft und Geld einen verzweifelten Wettlauf hielten, wer von Beiden zuerſt in die Schlinge laufen würde. Drittes Kapitel. Als ich meine Schweſter auf das beengte, mit aller⸗ lei Gepäck beladene Hinterdeck der Sally“ führte, ward Die Büßung, oder uns ein neuer und ſeltſamer Anblick dargeboten. Der Wind war günſtig, die Brieſe ſtätig und zur Lenkung des Schiffes war nur wenig Arbeit und Achtſamkeit nöthig. Der Nachmittag gab ſich ſonnig, und das Meer ziemlich ſtill. Dieß Alles war recht gut und näherte ſich dem Schönen. Wirklich war über uns und um uns her Alles heiter und lieblich; jedoch auf den Ver⸗ Decken— welch ein Gegenſatz! Es war als würde ein ungeheurer Käfig voll Dämonen durch die friedlichen Bezirke eines Paradieſes gezogen. Alles in dieſem Kä⸗ ſig lärmte, ſchimpfte und fluchte. In jedem Winkel des Verdeckes ſaß ein Neſt tobender Spieler. Die Mannich⸗ faltigkeit der Spiele war nicht weniger überraſchend. Vom einfachen Paar oder Unpaar“ und dem Hutha⸗ ſchen der Waiſenjungen an bis zum ariſtokratiſchen Pi⸗ kett hinauf war jegliches Spiel in vollem Gange. Die Mannſchaft war zahlreich, wie ſolches gewöhnlich auf Schiffen dieſer Gattung der Fall iſt, und ſo erhielt die Scene eine Lebendigkeit und Buntheit, daß ſie höchſt eigenthümlich und ſonderbar erſchien.. Doch muß ich es dieſer Schiffsmannſchaft zu ihrer Ehre nachſagen, daß weder ihr Wachthabender, noch ihr Mann am Steuer ſpielten; wiewohl ich vergebens um⸗ herblickte, ob ich irgend einen Andern erſchauen möchte, der dieſem verderblichen Zeitvertreibe nicht nachging. Lächeln mußt' ich, als ich ſah, wie dieſe Verehrer For⸗ tunens, wenn ſie um irgend einer Kleinigkeit zu Maſt beordert wurden, ihre Karten in den Buſen ſteckten, und ihr Werk flinker betrieben, als wenn ſie durch die Katze dazu gehetzt worden wären, damit ſie nur deſto ſchneller zu ihrem Lieblingsſpiele zurückkehren könnten. Da Alles um uns her ſich mehr oder minder dem Wahn⸗ ſinne des Spieles hingab, bat Honoria in ihrem ſtillen Ardent Troughton. 25 und gedankenvollen Weſen mich um Erklärung deſſen, was vorging, indem ſie bemerkte, jedes Andere würde beſſer für uns ſein, als Vergangenes zu bedenken und zu beſprechen. Aus meines Herzens Tiefe ſtimmte ich hierin mit meiner Schweſter überein, und nachdem ich mit ihr auf dem Taffrell Platz genommen hatte, begann ich eine Vorleſung über das Laſter des Spieles, die ich ſeitdem bis zu drei Octavbänden ausgedehnt habe⸗ und zu deren Herausgabe, um gegen die Druckrtoſten gedeckt zu ſein, ich nur noch die Subſcription der Her⸗ ren Mitglieder der Spielclubs in der Hauptſtadt er⸗ warte. Als ich Honorien dieſe Leidenſchaft in meinen Schlußworten als einen in der Menſchenbruſt einge⸗ freſſenen Krebs ſchilderte, der nicht ausgerottet werden könnte, ſo lange noch auimaliſches Leben im Körper wäre, obſchon Romanſchreiber und Komödiendichter von gebeſſerten Spielern gefaſelt haben, bemerkte ſie: »Sollte nicht Todesfurcht Ueberwinderin dieſer Lei⸗ denſchaft werden können?« »Sie kann ihr Zwang anlegen,“« verſetzte ich,»nicht ſie bezwingen, obwohl die Furcht im Allgemeinen all⸗ mächtig genannt werden mag. Hört jedoch ſolche Furcht auf, ſo wird die Spielwuth ſich wieder in ihrer ur⸗ ſprünglichen Gewalt zeigen. Ein eingefleiſchter Spieler wird ſelbſt durch den Hinblick auf den Tod nicht ge⸗ bändigt, denn viele ſolcher Art Menſchen haben auf ih⸗ ren Sterbebetten mit den Würfeln geklappert, während der grimme Senſenmann vor den Augen ihres Geiſtes ſtand und gleichſam ihnen zum Hohn die letzten Sand⸗ körner in ihrem Stundenglaſe ſchüttelte; ja, manche ha⸗ ben ihr eigenes Leben verſpielt.« »Mich ſchaudert, indem ich Dich anhöre, Ardent. ½ Die Büßung, oder Das iſt eine Leidenſchaft, die ich nicht zu begreifen vermag. Wie kann eine Sache Reiz haben, die nach dem, was ich von ihr ſehe, eben ſo läppiſch als unedel erſcheint!« „Das Mittel iſt, wie Du ſagſt, wegen ſeiner Geiſt⸗ loſigkeit eines fünfjährigen Kindes unwürdig; allein die Zwecke des Spiels ſind fürchterlich, die in nichts Ande⸗ rem beſtehen, als den gierigſten Geiz raſend zu machen. Jeder Spieler beneidet und begehrt leidenſchaftlich das Vermögen des andern.“« „» Und das wäre unheilbar, ſagſt Du?« „Unheilbar.« »Nun denn, Ardent, ſo iſt unſer unſchätzbares ſchwarzes Stück Freundſchgft auch ein Spieler— ſieh ihn dort!« „Die Neger ſind das Meiſtentheils,« antwortete ich kaltbluͤtig, als ich hinblickte und ſah, wie, halb von Segellinnen verdeckt, Jugurtha und ein Anderer mit ſchmutzigen Karten ſpielten, deren zahlloſe Flecke dem Schiffsgenoſſen beſſer bekannt ſein mochten, als ſein Gebet um ſein tägliches Brot. So weit ich es aus der Ferne beurtheilen konnte, ſpielten ſie das ſogenannte Alle Vier. Zwiſchen ihnen auf dem Verdecke lagen et⸗ liche ſpaniſche Thaler. Beglückter, als jener Perſer⸗ könig, der eine große Belohnung demjenigen bot, der ihm ein Vergnügen verſchaffen könnte, hatte Jugurtha eins gefunden. In ſeiner Luſt zeigte er ſeine blendend⸗ weißen Zahnreihen durch die Nacht ſeines Antlitzes. Schweigend und halb bekümmert betrachtete ich ihn, als ich entdeckte, daß er der gewinnende Theil war. »„Da nun Jugurtha ein Spieler geworden iſt, lieber Bruder,« ſagte Honoria,»ſo wird er wohl nicht länger ehrlich und gut und liebfreundlich gegen uns ſein.« Ardent Troughton. 27 „Nicht Alle, die da ſpielen, ſind Spieler, aber Alle, welche ſpielen, ſchweben in der entſetzlichen Gefahr, es zu werden. Das Spiel iſt eine Aufregung, die ſich dem feurigen Temperamente und dem Hange zur Träg⸗ heit der Afrikaner vorzugsweiſe anſchmiegt. Jugurtha erleidet jetzt die Operation des Einimpfens, und ſcheint, bei meiner Seele! das Blatterngift herrlich einzuſau⸗ gen. Siehſt Du, mit welchem unzuverkennenden Ent⸗ zücken er die Silberſtücke in ſeinen Hut wirft? Das taugt nimmermehr!« Ich rief den Neger mit lauter Stimme. Augen⸗ blicklich ſtand er vor uns. Es wies ſich aus, daß Ka⸗ pitän Darkins, als er ſein Boot beſtieg, dem Burſchen eine Handvoll Dollars geſchenkt hatte. Der liſtige und habgierige amerikaniſche Makros mochte dieß geſehen haben, und hatte nun danach getrachtet, dem Neger dieſe Fettfedern auszurupfen. Jugurtha aber war, wie ich jetzt merkte, kein Neuling im Kartenſpiele, noch in irgend einem Spiele, das unter Seeleuten üblich iſt. Er war ein durchtriebener Spieler, und es ſchmerzt mich, ſagen zu müſſen, daß die Unbekanntſchaft mit dem Spiele, welche er ſeinem Gegner vorgeſpiegelt hatte, nichts als eine Falle geweſen war, um dieſem Geld ab⸗ zugewinnen. Ich errieth dieſe Umſtände aus des Ne⸗ gers Zeichenſprache, und kann daher dieſen meinen letz⸗ teren Verdacht nicht als durchaus begründet anſehen. Ich ermahnte und Honoria bat ihn, vom Spiele abzulaſſen, doch bedurfte es dazu nur weniger Worte; denn kaum begriff Jugurtha unſere Wünſche, ſo fügte er ſich denſelben mit Freudigkeit. Er lief hin und wollte das gewonnene Geld zurückgeben; der Yankee aber war entweder zu ſtolz, um es anzunehmen, oder weigerte ſich deſſen aus irgend einem düſtern Beweg⸗ * Die Büßung, oder grunde. Die Bereitwilligkeit, die Jugurtha uns ge⸗ zeigt hatte, gereichte ſehr zur Freude, ja zur Beluſti⸗ gung Honoriens; denn dieſe machte mir lächelud die Bemerkung:»ventiseder müßten meine Anſichten von der Leidenſchaft des Spieles mangelhaft, oder aber Ju⸗ gurtha müßte ein Tugendmuſter ſein.⸗ Als wir ſo plandernd auf dem Hinterdeck ſtanden und ich die Dollars in der Hand hielt, von denen ich beſchloſſen hatte, daß ſie nimmermehr Ingurtha's Ei⸗ genthum bleiben ſollten, ſchlich ein kümmerlich ausſehen⸗ der, elend bekleideter junger Menſch in jener achtloſen Weiſe an uns hin, die deutlich darthut, daß derjenige, welcher ſie blicken läßt, alle Selbſtachtung verloren hat. Er ſah ganz ſo aus, wie ein trotziger Seebettler. Die geſammte Mannſchaft war ſchmutzig und ſchmierig, doch ging keiner von ihr, dieſen Menſchen ausgenommen, zerlumpt einher. Das Haar dieſes Nichtsnutzigen zeigte ſich ſtarr von Pech und Thran; ſein rothwollenes Bruſttuch oder Schiffshemd war voll von Löchern und thranbeſudelt. Er trug weder Strümpfe noch Schuhe, und ſeine linnene Hoſe war mit Unrath beklert, nur da nicht, wo ſie ſich zerriſſen wies. Als er achtlos ne⸗ ben uns hinſchob, ſpitzte er bei dem Geklingel der Sil⸗ berſtücke in meiner Hand die Ohren, wie ein Schlacht⸗ gaul, wenn die Trompete erſchallt, und ſtierte nach den Münzen mit jenem Gierblicke, den ich bisher nur als dem Heißhunger eigen geglaubt hatte. »Dieſer Menſch iſt ein Opfer des Spiels,“« ſagte ich in ſpaniſcher Sprache zu meiner Schweſter. „»Sprich zu ihm, Ardent, und ſuche ihn zu beſſern; er wird ja wohl nicht verſtockter als Jugurtha ſein. In ſeinem Geſichte zeigt ſich Etwas, das noch nicht auf völlige Laſterhaftigkeit deutet⸗« Ardent Troughton. 29 „Und ſo war's; des Menſchen Stirn zeigte ſich hoch, und der obere Theil ſeines Geſichtes ſogar hübſch. Das Kinn ſtand ihm jedoch zu wenig hervor, und in den Mundmuskeln war keine Spur von Entſchloſſen⸗ heitsandeutung wahrzunehmen. »Guter Freund,« ſprach ich gleichgültig, indem ich jedoch ihm freundlich zunickte,»das Schiff ſcheint ein glückliches, ein ſehr glückliches zu ſein.« Er achſelzuckte, und ſeine Mienen drückten ein tau⸗ ſendfaches lächerliches Verneinen aus. „Ihr wollt's doch nicht leugnen?« fuhr ich fort. »Alles ſcheint hier ſo munter und aufgeregt zu ſein. Mich dünkt, hier ſei bloß das Spiel, nicht die Arbeit an der Tagesordnung.« 4 » Und auch an der Nachtordnung, ſollt' ich meinen,« verſetzte er. »Auch Nachts? Nun, deſto beſſer. Fürwahr,⸗ ſetzt' ich hinzu,»wenn dieß Hinterdeck gehörig abge⸗ ſchwappt, oder jener Riß im Spankerſegel geflickt würde, dürfte das eben ſo gut ſein; da Ihr aber alle⸗ ſammt ſo beglückend beſchäftigt ſeid, ſo würde es als Zeitvergeudung angeſehen werden müſſen, wenn Ihr Ench mit ſolchen Geringfügigkeiten abgäbet.« »Ich kalk'lire ſo eben, Mr. Brittiſcher, daß Ihr uns bedeutend viel auslacht und im Herzen uns für onen köſtlichen Rudel von Schuften haltet, und, bei Gottes Wahrheit! das ſind wir auch. Indeſſen iſt nicht Jedermann dazu geboren, auf'nem Alligator zu reiten, wenngleich er'nen verwittert pfiffigen Begriff von'nem ſilbernen Sattel hat.“ » Auf mein Wort, ich verſteh' Euch nicht!“« ſagte ich.»Wollt Ihr dadurch auf das engliſche Sprichwort hindeuten und zu verſtehen geben, ich hätte mich aufs Die Büßung, oder hohe Pferd geſetzt, obſchon dieſe Ehre weit eher Anderen zuſtände, ſo irrt Ihr Euch und mißverſteht mich durch⸗ aus. Ich klage über nichts. Das Schiff fährt ſeinen Strich, die Segel ſind gehörig getrimmt, und ziehen gut; obſchon man bekennen muß, daß ein Bischen Aus⸗ beſſerung ihnen nicht ſchaden würde. Nicht mein Ge⸗ ſchäft, noch meine Neigung kann es ſein, hier Fehler zu finden; ja, es freuet mich ſogar zu ſehen, wie die Wache auf Deck ſich ſo fröhlich mit Karten, Würfeln und Do⸗ minoſteinen beluſtigt, daß es Zeitverſchwenden heißen würde, wenn man die Verdecke ſäuberte, die Taue ge⸗ hörig niederringelte und deren Enden ordentlich zurichtete. Reden wir vielmehr von Euch. Ihr ſcheint nur dünn bekleidet zu ſein, und die Nächte ſind in dieſen hochſüd⸗ lichen Breiten um jetzige Jahreszeit bisweilen kalt. Wie kommt das?« »Das kommt von'nem allmächtigen Unglück in der Karte.« »So habt Ihr all das Eure verloren?« »Alles— Vergangenes, Gegenwärtiges und Zu⸗ künftiges— Alles bis auf das, worin ich ſtecke.« »Je nun, ein Glücksſtand, wie der iſt, der auf die⸗ ſem Schiffe herrſcht, läßt ſich ohne ein kleines indivi⸗ duelles Leiden nicht erkaufen. Ihr wißt ſelbſt, daß nicht Alle gewinnen können. Ich aber gewinne immer, denn mein iſt das untrügliche Geheimniß, immer zu gewin⸗ nen; da ich aber ein Menſchenfreund bin, ſo entäußere ich mich meines Vorzuges vor allen Uebrigen, und ſpiele niemals.« Bei dieſer meiner Aeußerung glänzten des jungen Burſchen Augen von Entzücken, und eine Miene unwill⸗ kürlicher Ehrfurcht vor mir überflog ſein Geſicht.»Und Ardent Troughton. 31 dieß Geheimniß, Sir, bezieht ſich bei Ihnen auf alle Spiele?« „Auf alle Glückſpiele.« „»O, das möcht' ich kennen, das möcht' ich kennen! Dann könnt' ich meinem armen Weibe wieder unter die Augen treten, könnte wieder meine Kinder auf meinen Knieen ſchaukeln; ſo wie ich jetzt aber bin, würde mir der Galgen minder ſchrecklich ſein, als der Gedanke, wieder meines Hauſes Schwelle zu betreten. Welch eine Glückſeligkeit würden Sie mir und den Unſchuldigen bereiten, die durch meine Gottloſigkeit leiden müſſen, wenn Sie mich jenes Geheimniß lehrten.« »Um es zu lernen,« ſagte ich,»mußt' ich eine ſchwere Probe beſtehen; ein Gleiches wird von Euch gefordert. Zunächſt müßt Ihr Euch der Selbſtbeherrſchung beflei⸗ ßigen; ohne dieſe werdet Ihr nimmer im Stande ſein, die verwickelten Berechnungeu zu begreifen, die ich Euch zu lehren habe. Bringt dieſe Fahrt Euch kein Geld ein?« „»Keinen Cent; ich verſpielte meinen ganzen Antheil an der Jagd, ſo bedeutend dieſe auch geweſen iſt. Drei⸗ jaͤhrige Mühen ſind für mich in nichts zerronnen. O, Sir, lehren Sie mich Ihr Geheimniß!« »Nun, nun; Jedes zu ſeiner Zeit! Ihr mögt gleich die erſte Probe beſtehen; die erſte Lektion in der Selbſt⸗ beherrſchung empfangen. Hier nehmet dieſe zwölf— dreizehn— vierzehn Dollars. Ich gebe ſie Euch aus⸗ drücklich zu dem Zwecke, und zu keinem anderen, daß Ihr damit zu dem Zahlmeiſter geht, und bei ihm Euch die nöthigſten Kleidungsſtücke kauft. Wendet die ganze Summe dazu an, und bringt mir des Zahlmeiſters Em⸗ pfangſchein.— Keinen Dank! Ihr wißt noch nicht, welchen Gegendienſt ich verlange. Vielleicht hege ich die Abſicht, durch Euch die eine Hälfte alles Geldes auf Die Büßung, oder dieſem Schiffe zu gewinnen, indem ich Euch die audere Hälfte zum Gewinn laſſe. Erſt aber muß ich Euch vor⸗ bereiten, indem ich Euch zeige, wie Ihr ſelber Euch vorzubereiten habt. Bevor Ihr zum Zahlmeiſter geht, müßt Ihr mit dieſem Gelde in der Hand Euch wenig⸗ ſtens drei Minuten lang als Zuſchauer bei jedem Spiele aufhalten, das jetzt hier betrieben wird. Verſeht nichts dabei, das ſag' ich Euch! Gelangt Ihr dann ohne Euer Geld zu wagen, an den Ort Eurer Beſtimmung, und bringt Ihr mir des Zahlmeiſters Quittung über alle vierzehn Dollars, ſo werde ich finden, daß Ihr Stand⸗ haftigkeit und Selbſtbeherrſchung genug beſitzt, um eine zweite Lektion zu empfangen. Geht jetzt an Euer Werk, und möge es Euch zum Heile der Eurigen daheim wohl gelingen!« Voll Frende, Dankbarkeit und Hoffnung machte der Zerlumpte ſich auf den Weg. Ernſthaft blickte ihm der Neger nach, öffnete aber, als der Zögling meines neuen Gewinnſyſtems noch nicht weit genug weg war, um ihn nicht zu hören, ſeinen ſchwarzen Ungethümsra⸗ chen, und ließ ein ſo entſetzliches Gelächter erſchallen, als ich es nie zuvor von ihm vernommen hatte. Ver⸗ wundert ſahen wir ihn an. Jugurtha machte nun die Geberden des Kartenſpielens, zeigte auf meinen neuen Freund und kehrte dann ſeine leere Taſchen um. »Was meint der Neger, und was haſt Du vor, Ar⸗ dent?« fragte Honoria. Jugurtha kennt die menſchliche Natur und meint, jener Bettler wird ſofort ſein Geld verlieren. Ich aber denke, ſo der Mann Entſchloſſenheit beſitzt, ihn allmälig zu belehren, wie er der Verſuchung zum Spiele zu wi⸗ derſtehen hat. Hat er keine Entſchloſſenheit, und ver⸗ ſpielt er die vierzehn Dollars, ſo beweiſet ſich meine b Ardent Troughton. 33 CTheorie, Honoria, nach welcher ein ausgemachter Spie⸗ ler unheilbar iſt.« Jugurtha hatte Recht. Viel eher, als er zu dem Zahlmeiſter gelangen konnte, begann der Elende, in dem Wahne, mich täuſchen zu können, ein Spiel, gewann, und verlor dann Alles. Einige Tage lang verſteckte er ſich vor mir; endlich kroch er voll Verwirrung, in eben der zerlumpten Kleidung, in der ich ihn zuerſt ge⸗ ſehen hatte, zu mir heran, und ſagte:»Ach, Sir, ob⸗ ſchon ich ein Yankee bin, bin ich doch ein geborner Narr. Nicht die erſte Lection, ein ſtets gewinnender Spieler zu werden, konnte ich aushalten, und ſo habe ich denn nun einen feierlichen Eid geſchworen, niemals wieder zu ſpielen.⸗ Drittes Kapitel. In ſolchem Schiffe, mit ſolch einem Befehlhaber und ſolcher Mannſchaft, mußte meine Schweſter und ich des Himmels prächtigen Baldachin dem Plankendache des Verdeckes vorziehen. Erſt wenn Nacht uns umdüſterte und ihren kalten Thau herabſinken ließ, ſuchten wir den Schutz der Kajüte der munteren Sally. Dort erblick⸗ ten wir regelmäßig getriebenes Spiel, bei welchem nicht nur die Officiere, ſondern auch diejenigen Matroſen, denen es noch nicht an Geld fehlte, Zutritt hatten. Ein habgierigerer Trupp von Menſchen hat ſich nirgend⸗ wo zuſammengefunden. Der Geiz ſchien bei ihnen ein⸗ . Ardent Troughton III. 5 Die Büßung, oder wurzelt, ja, ihnen eingebrannt zu ſein. Dennoch wa⸗ ren die entarteten Individuen, welche dieſen Trupp ausmachten, weder unbändig bei ihren Verluſten, noch anſcheinend frech, wenn ſie gewannen. Ein ſtiller, aber verzweiflungsvoller Eifer blickte aus all ihrem Thun hervor. Mit Ekel zogen wir uns von dieſem Anblick zurück, und während wir es thaten, konnte Honoria ſich nicht enthalten, ihre Verachtung auszudrücken, die, zwar ein Zeichen ihrer tugendhaften Geſinnung, in unſerer ge⸗ genwärtigen Lage aber ſehr gefährlich war. »Das alſo,« dachte ich,»iſt der Menſch! Wohl mag von ihm geſagt werden, daß er mit einer ſchmieg⸗ ſamen Seele begabt iſt! Iſt er nicht das nämliche We⸗ ſen, das an civiliſirten Höfen den verfeinerten Gleißner und glattzüngigen Schmeichler— in der Handelsſtadt den überliſtenden Kaufmann— in den Wildniſſen von Neu⸗Seeland den wilden Kannibalen— in den Ur⸗ wäldern Amerika's den Stoiker und Skalpirer— in dieſem amerikaniſchen Wallfiſchjäger den geizigen, hab⸗ gierigen Spieler— und aller Orten den Sohn der Um⸗ ſtände abgiebt? Wohl iſt er's; Drum laßt uns alle⸗ ſammt ſo tugendhaft ſein, als wir es zu ſein vermögen, aber laßt uns fortan nicht mehr ſtolz auf unſere Tugend ſein.— Hier« fuhr ich im Selbſtgeſpräche fort— »hier zeigt der ziſtige, Empfindſamkeit heuchelnde Na⸗ thanael Willis eine ſtaunenerregende Energie, und die größte Feinheit eines Macchiave., um ſich des dürfti⸗ gen Eigenthums ſeiner Officiere und Matroſen zu be⸗ mächtigen. Waͤren ihm die Portale eines modernen Ho⸗ fes geöffnet worden, ſo würde er einer der abgefeimteſten Diplomaten geworden ſein. Gleichwie eine Mordhe⸗ katombe einen Sieg bethätigt, ſo führt ein großer Be⸗ truger, der Millionen Menſchen Nachtheil zufügt, ei⸗ Ardent Troughton 35 nen trefflichen Hauptſtreich diplomatiſcher Politik aus. Ich darf daher dieſen amerikaniſchen Wallfiſchjäger nicht ſtrenger beurtheilen, als irgend einen behäbigen Miniſter oder gewandten Politiker; wenigſtens darf ich das nicht eher, als bis ich gehört habe, was er für ſich ſelber vorzubringen hat. Vielleicht kann ich, wenn ich Funfzig alt ſein werde, beſtimmen, welcher von den beiden ein⸗ ander widerſtreitenden Grundſätzen, aâußerſte Selbſt⸗ ſucht und liberale Philantropie, am beſten geeignet iſt, die Bande der menſchlichen Geſellſchaft gegen das Zer⸗ reißen zu ſchützen. We her von beiden dieſelben zer⸗ reißt, weiß ich ſchon.« 4 Als ein Wandelnder auf wüſten Waſſern, mit ei⸗ nem rebelliſchen Herzen, unter zertrümmerten Glücks⸗ umſtänden und mit einer liebenswürdigen Schweſter, die ich zu ſchützen, und gegen die ich mich ſelber zu ſchützen hatte, würde ich durch dieſe entſetzlichen Ver⸗ hältniſſe zu Kleinmuth herabgebracht worden ſein, wenn ich mich nicht gegen Schmach hätte wappnen müſſen. Ich fand bald, daß dieſer Tempel des Wohlwollens“, dieſe „muntere Sally“, faſt eben ſo ungaſtlich war, als die Tempel des Mittelalters nur ſein konnten, welche eine Freiſtatte, zugleich aber auch den Hungertod darboten. Ich ſah mich nicht nur als unwillkommenen, ſondern auch als verdächtigen Gaſt behandelt. Honoria, in welche Verkleidung ſie ſich auch hätte hüllen mögen, war zu ſchön, als daß ſie mit irgend ei⸗ nem an Böswilligkeit ſtreifenden Gefühle hätte betrach⸗ tet werden können, allein ihre Zuruückhaltung, ihre au⸗ ßerordentliche Scheu und die ſchweigſame Geringſchätzung, womit ſie zu Zeiten auf die Sallymänner blickte, ließen dieſe ſie mit einem Gefühle von Hochachtung und Rück⸗ ſicht betrachten, das zu niederdrückend war, als daß 3 ℛ 3 „ 36 Die Büßung, ober es ihnen hätte behaglich ſein können, doch arrete dieſes Unbehagen nicht in Böswilligkeit aus. Täglich fühlten wir uns unbehaglicher. Sogar Jugurtha, mein Buſenfreund, mein dunkel⸗ farbiger Bruder, mit ſeiner thieriſch frohen Lebendigkeit, und faſt unzuerſchöpfender heiteren Laune, ſchien endlich unter dieſen theilnahmloſen Amerikanern allen Lebens⸗ muth zu verlieren. Gleich von Anfang an nahm er an keiner Schiffsarbeit Theil, ſondern wendete alle Zeit dazu an, meine und Honoriens peinliche Lage ſo gut er es vermogte zu mildern.. Das zweite zu meinem Gefolge gehörende Indivi⸗ duum, nämlich Springer, erwies ſich unter uns als der beſte Philoſoph, denn ſein Gleichmuth blieb unerſchüt⸗ tert, und von vorn herein hatte er mit Pfoten und Zähnen den Matroſen bewieſen, daß ein Fußtritt ſofort zurückgegeben würde, und daß er nicht gewohnt wäre, Schläge hinzunehmen, ohne dieſelben zu vergelten. Das Wetter ward jetzt immer wärmer, ſo daß un⸗ ſere Ladung den Geruchsnerven immer beſchwerlicher werden mußte, weßhalb meine holde Gefährtin und ich jederzeit auf dem Schiffe da zu finden waren, wo wir uns dem Winde am nächſten befanden. Unſerer Be⸗ rechnung nach näherten wir uns ſtark dem Haupthafen im nördlichſten Theile von Neu⸗Seeland, und ich hoffte ſchon auf baldige Erlöſung aus dieſem thranigen Spie⸗ lerneſte, denn ich beſchloß mich auf das erſte uns be⸗ gegnende Fahrzeug überzuſchiffen, es möchte dieß be⸗ ſtimmt ſein, wohin es wollte. Willis hatte zeither mir die Nichtigkeit und Schaal⸗ heit ſeiner Unterhaltung öfter und reichlicher zugewen⸗ det, als ich bei all meiner Höflichkeit ſie angenehm fin⸗ den konnte. Ich will hier nur ſeines jüngſten Geſprä⸗ Ardent Troughton. 37 ches mit mir gedenken, da es eine auffallende Epiſode hinſichtlich der Leidenſchaft des Spieles darbietet. Der Wind ſtand uns faſt gerade hinten, und ſchob ſich nur ein ganz klein wenig ſteuerbordſeits, die Brieſe war gemäßigt, und der Tag lachte im Sonnen⸗ ſchein. Die'muntere Sally“ hielt Wettlauf mit ihren eigenen Ausdünſtungen, welche ſie jedoch, wie hurtig ſie ſegelte, dennoch, und ſehr zu unſerer Zufriedenheit⸗ nicht einholen konnte. Honoria und ich, wir ſaßen Hand in Hand auf dem Taffrell, und wanderten, jedes für ſich, durch eine ſelbſtgeſchaffene Welt hin, drückten einander bald mehr bald minder die Hand, und blickten dann und wann voll Tiefgefühls an. Glücklich in die⸗ ſen Grübeleien, ungeachtet des Elends, von welchem wir umdüſtert wurden, ſaßen wir da, als plötzlich das allzuſchlaue und ſtets unwillkommene Geſicht Nathanael's an uns haften blieb. Wie ſahen nicht, daß er zu uns heranſchritt. „Na,“ hob er an, ⸗will mir doch ganz beſonders gemuthen, daß Ihr beiden Winkelhocker eine mächtig kurioſe Familie abgebt. Dieſe ganze letzte Halbſtunde habt Ihr'nander in die Augen geguckt.« »Haben wir das?« fragte ich ein wenig verlegen. »Haben wir das? Was Beſſeres hätten wir denn auch begucken können, Kapitän?«. »Hm— Ei— das ſei dahin geſtellt— Aber un⸗ ſer Hauptroyalſegel zieht verdonnert gut. Die muntere Sally iſt'ne regelrechte Seglerin, ſo kalk'lir' ich; wiewohl Eitelkeit den Füßen des Menſchen eine Grube, und dem Schreiten des Frommen ein Strauchelblock iſt.⸗ „»Nur jetzt keine Empfindelei, Kapitän,« fiel ich ihm in's Wort— vich bitte Sie.⸗ 2 Still, ſtill doch, Mr. Spaniol! Waren Sie und 38 Die Büßung, oder der junge Burſch da nicht ſo eben noch lauter Empfin⸗ delei? Suchten Sie nicht, wie die Schrift ſagt, nach den Stäubchen in den Augen, Einer dem Andern? und wohl mehr Strahlen als Stäubchen ſuchten Sie, ſo kalk'lir' ich— mindeſtens in dieſen blauen Luglöchern des hübſchen Geſichts da— a »Was wollen Sie damit ſagen, Sir?⸗ unterbrach ich ihn. »Daß ich in drei Tagen nicht ſo viel Geempfindel⸗ tes herſalbadern kann, als Sie Beide in drei Minuten durch Blick und Geberde ausdrücken. Ja, ja, wenn Sie jetzt auch mit dem Händepreſſen aufhören, iſt doch was ich ſage ganz verd— wahr.« Wenn die von Sonne und Luft bereits gebräunten Wangen Honoriens bei dieſer Rede errötheten, ſo ge⸗ ſchah es nur aus Entrüſtung. Da ich nicht wußte, was der Menſch meinte, oder da ich fürchtete, das er zuviel meinte, lenkte ich flugs das Geſpräch dadurch ab, daß ich ihn fragte, ob er geſtern Abend Glück im Spiele gehabt hätte. Die Frage hellte ihm zwar die Mienen auf, machte ihm jedoch keineswegs ſolches Vergnügen, als ich vermuthet hatte. 0 » Es giebt kaum was zu gewinnen,« antwortete er trübſelig kopfſchüttelnd. Der Timotheus Clayton, der Zimmermann, der habgierige, hinterliſtige Schuft hat eher gewonnen, als verloren— will nichts Anderes ſpielen, als alle Vier, und betrügt ochſig, ſo kalk'lir ich. Nichts mehr mag ich mit ihm zu thun haben; ich wollte, Sie nähmen ihn vor.«⸗— „»Weßhalb ſollte ich das?2⸗ »Nun ja, Sie ſind ſchlau wie'ne wilde Katze— ich hörte davon, daß Sie eingezeichnet ſtehen, wie Ei⸗ Ardent Troughton. 39 ner, der immer gewinnt; haben den Pfiff ſicher in den Spielhöllen zu London weggegriegt.⸗ »Aber ich habe kein Geld, um mit dieſem Zim⸗ mermann ſpielen zu können,« entgegnete ich. „Sogleich ſtreck' ich Ihnen hundert Dollars auf Ihren Neger vor, und verlange, ſtatt allen Zinſes, nur die Hälfte Ihres Gewinnes; alſo— zugegriffen!« „Das iſt außerordentlich gütig von Ihnen; fürwahr! außerordentlich gütig. Hundert Dollars auf den Neger — Alle Vier⸗Spiel mit dem Zimmermann— die Hälfte des Gewinnes für Sie— wie freundlich! be⸗ ſonders die letzte Bedingung!« „»Immer ſagt' ich's! Immer ſag' ich Ihnen, daß Sie einen ungewöhnlichen, hübſchbeträchtlich artigen Aus⸗ dem⸗Wege⸗geh⸗Menſchen in mir finden möchten, der ungeheure Theilnahme für Unglückliche fühlt. Ja, ja, Mr. Sbaniol! dem Elenden beizuſtehen iſt die erſte aller menſchlichen Pflichten— jedoch Sie lieben das Empfindſame nicht, auch wenn's aus dem innerſten Her⸗ zen kommt— Laſſen Sie alſo den Zimmermann rufen; hier ſpielt ſich's recht gut. Am beſten iſt's wohl, wenn ich Ihnen ein Spiel von meinen Karten leihe—« »Nicht jetzt,« unterbrach ich;»wir wollen dieß kleine Geſchäft ſchon nebenher, und völlig zu ihrer Zu⸗ friedenheit abmachen— verlaſſen Sie ſich darauf. In⸗ zwiſchen laſſen Sie mich Ihnen einen kleinen Irrthum berichtigen. Ich liebe ſehr das Empfindſame, ſelbſt wenn es aus dem Herzen eines Spielers kommt, denn ich liebe es um ſein Selbſtwillen; und deßwegen, da Sie zeither mir ſoviel des Empfindſamen ſpendeten, be⸗ drückt mir ein gewiſſes Etwas das Herz. Wie könnte ich es mit meinem Gewiſſen ausmachen, dieſen Zim⸗ mermann arm zu machen, vielleicht ganz zu Grunde zu .. 40 Die Büßung, oder richten, obſchon er'ochſig“ betrügt, nichts ſpielen mag, als Alle Vier, und nicht leiden will, daß Andere ihn im Piket oder im Häufeln betruͤgen?« »Sir,“« ſagte der Amerikaner,»jetzt erſt verehre ich Sie recht; Sie ſind ein Mann nach meinem Herzen. Anfänglich hegte ich gleiche Skrupel; da überlegte ich nochmals— es geht nichts über zweimaliges Ueber⸗ legen, ſobald das einmalige nicht ausreicht— vor Al⸗ lem, wenn man'nen Punkt mit ſeinem Gewiſſen ab⸗ zumachen hat. Prüfen Sie nur, Sir, und Sie werden finden, daß das hartnäckigſte Gewiſſen endlich doch der Vernunft Gehör giebt. Ich habe faſt Alles Geld ge⸗ wonnen, das jedem Einzelnen in dieſem Schiffe noch ausſteht, und hab's gewiſſenhaft gewonnen, Sir; ja, ja, gewiſſenhaft! denn ſonſt würde Nathangel Willis es nicht gewonnen haben.⸗ »Jetzt gelangen wir zu dem rechten Punkte. Klä⸗ ren Sie über ihn mich auf, und dieſer Ihr Zimmer⸗ mann ſoll im Spiel zu Bett gebracht werden, um nim⸗ mer wieder aufzuſtehen.« »Eine gewiſſe Klaſſe von Perſonen,« demonſtrirte nun der Gewiſſenhafte,»wird durch Armuth tugend⸗ haft erhalten. Der Arme kann ſich nicht betrinken, auch nicht hinter den Lockungen üppiger Dirnen herlau⸗ fen. Armuth iſt eine große Zerſtörerin der Eitelkeit in der Kleidertracht. Armuth und Müßiggang können nicht mitſammen beſtehen. Armuth macht die Men⸗ ſchen arbeitſam, und jagt ſie auf See, damit ſie zum Beſten der Gemeinde Wallrathfiſche fangen helfen. Ich laſſe es mir ſauer werden für das Gemeinwohl.« „Ja, ja, ich ſeh's, Sie bringen große Opfer. Was aber werden die Rheder ſagen, wenn Ihre Mannſchaft *. Ardent Troughton. 41 nach dreijähriger Arbeit zerlumpt und geldlos in den Hafen zurückkehrt?« „»Ei, ich ſelber bin Hauptrheder.« »Aber die übrigen Rheder?« „»Werden ſich d'rüber freuen. Die Mannſchaft muß deſto eher wieder zu See weg.“ „»Aber die Stadtbehörden?« »Sind alleſammt Schiffseigner.« „Jetzt verſteh' ich vollkommen. Groß ſind die Opfer, die Sie dem Gemeindewohl bringen; aber auch Ihr Lohn muß groß ſein.« »Mein Vermögen iſt groß.« „»Das eben wollt' ich geſagt haben. Sie beſitzen gewiß eine zahlreiche Familie—« „Ich kenne was Beſſ'res, als das.« „Viele, von Ihnen abhängige, Verwandte— »Um keine Seele auf der Welt habe ich mich zu kümmern.« 3 „Wie? Sie haben keinen Freund— keinen Gegen⸗ ſtand Ihrer Liebe— Ihrer Wohlthätigkeit?« „Ich bin kein Narr, wohl aber bin ich Nathangel Willis.« »Dann, im Namen alles Vernünftigen! ſagen Sie mir, weßhalb Sie in Ihrem Alter Reichthümer auf⸗ häufen, und ſich abmüden, den harten Händen Ihrer Mannſchaft den ſauer erworbenen Lohn Ihrer Beſchwer⸗ den und Entbehrungen zu entringen?« »Ich ſagt's Ihnen ja ſchon— das Volk ſoll zur Tugend angehalten werden.⸗ »Gut, das iſt hinſichtlich des Volks; nun aber hin⸗ ſichtlich Ihrer. Wozu gebrauchen Sie all' dieß Geld?« »Wozu ich's gebrauche? Ich gebrauch's, und ge⸗ brauche noch mehr, noch viel mehr. Sagt' ich denn, Die Büßung, oder 3 es gäbe Niemanden, um den ich mich kümmere? So verbarg ich es denn in meinem Herzen. Wohl kümmere ich mich um Einen, und ich lebe nur, um ihn zu Grunde zu richten— ihn zum Bettler zu machen— ihn aus ſeinem prächtigen Hauſe zu verjagen— ⸗ »Und der Eine iſt— 2— »Der erſte Kaufherr— der erſte Mann in unſerer Stadt; oder vielmehr er war es.« »Und was that er Ihnen?« Als ich ein Junge war und mit ihm unter ſtrenger Schulaufſicht ſtand, veranlaßte er, daß ich in's Loch ge⸗ ſteckt wurde, weil ich an einem Sonntage Karten ge⸗ ſpielt hatte. Nun ſoll Er durch Karten ruinirt wer⸗ den, inſofern Geld und Haß es irgend bewirken können. Und was Alles vermögen Geld und Karten in den Haͤnden eines beleidigten und ehrlichen Mannes!« »Ich entriſſe Sie gern einem kleinen Irrthume, ſagte Ihnen gern, was Sie eigentlich ſind,« entgegnete ich;„doch will ich's verſchieben, denn die Brieſe ſteift ſich. Dort in Südoſt zeigen ſich etliche häßliche ſchwarze Wolken, und Sie werden wohlthun, Ihre Royalſegel einzurollen und Mannſchaft zu Ihrem Topgallantlinnen hinaufzuſchicken, wenn anders die ſpielenden Gentlemen ſich dazu abmüßigen können.« „„Sie haben Recht, Sir; ſo muß ich beſtätigen— Hände'nauf! Segel gekürzt!« So endete mein längeres jüngſtes Geſpräch mit ei⸗ nem nautiſchen und empfindelnden Spieler— Ardent Troughton. 43 Viertes Kapitel. Die luſtigen Spieltage auf der munteren Sally’ gingen hurtig ihrem Ende entgegen; denn— ohne Metapher ſei es geſagt— der Kapitaͤn hatte kaum ſeine Leute zu Maſt befehligt, als dieſe auf eine drol⸗ lige, jedoch auch höchſt unheildeutende Weiſe ihrer Kar⸗ ten ledig wurden. Vorhin ſchon ſagte ich, wie Dieſer und Jener, wenn er in's Takelwerk hinauf und vom Spiele abbrechen mußte, ſeine Karten ſo lange in den Buſen ſteckte, bis er das nöthige Geſchäft in der Höhe beſorgt haben würde. Nun ſaßen ihrer Vier beim Pfennigwhiſt am Hauptmaſt. Einer von ihnen, an dem juſt die Reihe war, Karten zu geben, mußte zu Maſt, ſteckte alſo das Spiel gemalter Blätter zwiſchen ſein Bruſtbein und ſein Linnenhemd, und lehnte ſich über den Raa⸗Arm hinaus, wo ein plötzlicher Windſtoß die Zweiundfunfzig aus ihrem Ruhewinkel heraustrieb und ſie nach allen Richtungen hin um das Takelwerk herumjagte, ſo daß das Schiff ſich durch eine Wolke von gekleiſtertem Papiere Bahn zu machen ſchien. We⸗ nige Karten aber fielen auf das Verdeck; die meiſten wurden hinausgeweht auf den Schooß des Oceans. Die Brieſe ſteifte ſich immer mehr, und Kapitän und Mannſchaft waren genöthigt, ſich mit ernſteren Dingen zu beſchäftigen, als das Geſchäft des Geldge⸗ winnens es war, wie ernſtlich ſie dieß auch zu betrei⸗ ben pflegten. Das Takelwerk fing an, ſich zu ſtraffen, 44 Die Büßung, oder die Maſten begannen, ſich zu beugen, die Schiffsplanken krachten. Segel nach Segel ward gekürzt, und das Meer ſchlenkerte ſeine zahlloſen Arme, ließ ſein Geheul über ſeine Oberfläche hintoſen, und ſchwängerte die Winde mit ſeinen endloſen, rlatſchenden Seufzern. Honoria ſah jetzt zum erſten Male das Entſtehen nes Sturmes, und ihre Seele ſchien ſich mit demſel⸗ ben 3 eben. Der zunehmende Wind blies uns noch immer enisfünten, und das Schiff ſchien mit ihm wett⸗ zulaufen, während die ergrimmten Wogen hinterdrein ſpülten und ſchäumten, um endlich doch hinter ihm wie müde Hunde zurückzubleiben, die vergebens einem edeln fluͤchtigen Hirſche nachſtrecken, bis ſie fallen. Noch waltete keine wirkliche Gefahr ob, allein ſie ſtand ſehr zu befürchten. Der Sturm wuchs, nicht durch plötzliche Stöße, ſondern in fortwährendem Brau⸗ ſen, wie wenn ein vom Himmel begabter Redner in ſeinem an die Menge gerichteten Vortrage pathetiſch und leidenſchaftlich wird, bis er die Gemüther Tauſen⸗ der erſchüttert, ſie Eines Sinnes macht, und den gei⸗ ſtigen Todesſtreich gegen einen Altar oder einen Thron führt. 3 »Ich höre den Gott des Sturmes zu mir reden,« ſagte Honoria;»wie ſchauerlich— wie prächtig— wie fürchterlich iſt ſeine Stimme; und dennoch, wie ſo ſchön! Bleibe bei mir, unterſtütze mich, Ardent— ich kann ſeinem Athem nicht mehr mein Geſicht zuwenden. Wie das Schiff ſchwankt! So groß es auch iſt, ſcheint es mir jetzt doch nur ein Staubkörnchen zu ſein, das vor dem Athem des allmächtigen Unſichtbaren dahin⸗ rollt. Ardent, mein Bruder, ſind wir in Gefahr?« »Noch nicht, liebe Schweſter.« Ardent Troughton. 45 „»Aber was für ein Klappen und Knarren ſchallt aus der Hinterkajüte?« »Sie ſchließen nur die Luken, oder ſchiffen die Tod⸗ tenlichter, wie ſie's nennen; das heißt, ſie verklemmen die Fenſter der Kajüte gegen den Anſturm der Welle.« »Welch ein ſchauerlicher Ausdruck— Todtenlich⸗ ter!« »Seltſame Unterſuchung würde es abgeben, Pauo⸗ ria, wenn man den Urſprung vieler Schiffsat ucke er⸗ forſchen wollte, die faſt eben ſo ſeltſam ſind, als es jetzt ein Geſpräch über dieſelben iſt. Willſt Du nicht lieber unter Deck gehen?« „Giebt's Gefahr, ſo will ich's nicht, und giebt's keine, ſo iſt die Kajüte wahrlich der letzte Ort, auf den ich mich beſchränkt wiſſen möchte. Wie mit abgemeſſe⸗ nem und doch mächtigem Drange der Orkan zu⸗ nimmt!« »Wohl thut er es!« »Würde es nicht wahrhaft edel ſein, wenn wir uns Schwingen erzeugen und über dieſe wallende Brandung hinweg und dem Sturme zuvoreilen könnten? Würde das nicht ein glorreicher Wettlauf ſein, Ardent?« »Du kannſt ihn zur Stelle beginnen, Honoria; keine Schwingen holen den Flug des Geiſtes ein! Doch iſt's ein ſeltſamer und kühner Wunſch, den Du da äußerſt, meine Schweſter.« »Ja, und beſſer würde es ſein, wenn ich es thäte. Was aus mir die Umſtände noch machen werden, weiß ich nicht. Scenen, gleich dieſer, und Auftritte, Ardent, die uns nimmer aus der Erinnerung ſchwinden können, müſſen mich entweder zu einer Amazone machen, oder mich zerſtören; und doch fühl' ich, trotz all' meiner Prunkrede, daß es mir an einem aufrechthaltenden 46 Die Büßung, oder Gefühle— an irgend einem großartigen Prinzip fehlt, um deßwillen ich ringen würde, um am Leben zu bleiben, oder für welches ich freudevoll ſterben möchte. Hörſt Du mich, Ardent? Das Brauſen der Waſſer wird entſetzlich.« »Ich höre Dich vollkommen deutlich, Honoria. Deine Silberglöckchentöne machen ſich deutlich in die⸗ ſem Gebrüll und Geheul vernehmbar.⸗ »Dennoch hör' ich mich ſelber kaum.« „Tritt tiefer unter das Bollwerk und ſprich wei⸗ ter. In Deiner Stimme liegt Troſt. Ich bedarf kei⸗ nes mich aufrechthaltenden Prinzips, ſo lange Honoria bei mir iſt.« »Dank Dir, Ardent— Dank Dir, mein Bruder. Wie einſam und verlaſſen wir hier ſind! Niemand kommt zu uns, und mich dünkt, ich leſe krankhaften Schrecken auf den Geſichtern derer am Steuerrade. Wie ſie zu arbeiten ſcheinen— ihrer Vier zugleich! Müſſen jetzt ihrer Vier das bewirken, was ich ſonſt von einer einzigen Hand habe leichthin thun ſehen?« „»Sie müſſen. Jene vier Männer bedürfen all' ih⸗ rer Kraft und der ſorglichſten Wachſamkeit, um das Schiff vor dem Winde zu erhalten, gleichwie der Pfeil vor dem Bogen hinziſcht. Das kleinſte Verſehen, das geringſte Nachlaſſen ihrerſeits, und das Schiff fliegt in den Wind, und muß augenblicklich kieloberſt gehen.« „»Was heißt das, Bruder?« „»Das heißt, das Schiff wendet ſeine Seite dem Winde zu und ſchlägt um.« „Entſetzlich! Und muß das geſchehen?« „»Wir ſind in Gottes Hand. Bücke Dich tiefer noch; mich dünkt, es kann Keiner in dieſes Gebraus ſchauen und leben.“« Ardent Troughton. 47 Einander umſchlungen haltend, ſaßen wir auf dem Verdeck unter dem Lee des Bollwerks, und warteten geduldig, doch auch mit durchdringendem Schauer der Ehrfurcht, den Ausgang ab. Seitdem Jugurtha ſich auf dieſem Schiffe befand, hatte er mit einem mannich⸗ faltig beluſtigenden Prunkweſen die Miene eines Gent⸗ leman angenommen. Er wußte recht wohl, daß für ſeine Ueberfahrt bezahlt ward; alſo hatte er bisher ſich wohl gehütet, ſeine ebenholzſchwarze Hand an einem Tau⸗ ende zu beſudeln. Jetzt jedoch ſahen wir ihn, wie er im Takelwerk herumtanzte, und nicht bloß ſelbſt arbei⸗ tete, ſondern durch Beiſpiel und Geberden Andere zu⸗ rechtwies und ermunterte. Dennoch kam er uns nicht nahe. Das Schiff flog noch immer vor'm Winde. »Sprich zu mir, Ardent; laß mich den Klang Dei⸗ ner Stimme hören. Vielleicht iſt's unſere letzte Unter⸗ redung. Fröhlich koͤnnen wir ſie nicht machen; laß ſie aber ruhig und zärtlich ſein. Erzähle mir von den grünen Gefilden in meines Vaters England— von dem England Deiner Kindheit— von dem Lande, das Dir ſo lieb iſt.« »Von Herzen gern, Honoria. Mit Ausnahme von drei oder vier Monaten iſt die Fruchtbarkeit jeunes Lan⸗ des wunderſam,« begann ich;»in ſeinen mittelländi⸗ ſchen Grafſchaften hat es Thäler, die in üppiger Frucht⸗ fülle aus dem Schooße der Natur hervorgebrochen zu ſein ſcheinen— die ſtillen, friedlichen Hütten——« Allein dieſer mein kläglicher Verſuch, die Schrecken der Gegenwart von uns zu ſcheuchen, ward durch einen Schrei des Entſetzens von meiner Schweſter unter⸗ brochen. »Was iſt, o was iſt dieß Alles, mein Bruder? Sieh jene Trümmer!« 48 Die Büßung, oder »Sind wir nicht auf das Schlimmſte gefaßt?« ver⸗ ſetzte ich.»Ich will von Dir nicht verlangen, daß Du nicht zitterſt; doch geſchah nichts, als daß die drei Top⸗ maſte vor dem Sturme zerbrachen. Du ſiehſt, wir füh⸗ ren jetzt nur das Vorderſegel ab, das man wegen der ungeheuren Gewalt des Windes nicht einzurollen wagt. Auch ſteuert ſo das Schiff deſto beſſer. Blick' nicht auf das Wrack hin, Honoria; thu's nicht!« Vom Falle der Topmaſten waren mehrere Matro⸗ ſen erſchlagen worden; ihre verſtümmelten Leichen la⸗ gen auf dem Verdeck, und unſer Hund, Springer, war mit genauer Noth dem Zerſchmettertwerden entgangen, als er durch das verworrene Takelwerk ſprang. Wenig mehr iſt mir von jenem unheilvollen Tage in der Erinnerung geblieben. Die Wellen wurden vom Sturme niedergepeitſcht, und die ganze Meeresfläche zeigte ſich mit weißem Dunſte bedeckt, der halb als Nebel, halb als Schnee erſchien. Die Atmoſphäre hatte ſich verdüſtert, und über uns konnte nichts als ein ſchwarzgelber Qualm wahrgenommen werden. Vor uns ſahen wir etwa zwei Minuten lang ſchwere ſchwarz⸗ blaue Wolbenberge, hoch wie der Hauptmaſt war, mit einer ſchaumweißen Kante hinſchweben. Das Getöſe aber, das einige Augenblicke lang auf uns eindrang, war betäubend; es war, als ob Legionen von Dämo⸗ nen ſich bemühten, in ihrem Geziſch die Donner des Allmächtigen zu erſäufen. Was weiß ich mehr von dem, was unmittelbar dar⸗ auf erfolgte? Nichts, außer daß ich fühlte, wie meine Schweſter immer dichter an mich kroch, ſich immer fe⸗ ſter an meine Bruſt klammerte.— Ein Stoß— ein Gepolter vieler, vieler Gegenſtände, ein Heulen brau⸗ ſenden Waſſers— und dann war es für eine Zeitlang — Ardent Troughton. 49 ſtill. Nach einem Weilchen war mir, als läge ich auf einem daunigen, ſammetweichen Bett, und wohl be⸗ durfte ich ſolcher nachgiebigen Milde unter mir; denn mein ganzer Leib ſchien eine einzige Quetſchung, und all' mein Gebein zermalmt zu ſein. Dabei erſcholl noch immer der Kamdi zwiſchen Sturm und Fels in meinem Ohr; doch kam es mir nicht mehr wie das Heulen des Windes und der Waſſer vor, ſondern es be⸗ dünkte mich das Gebrumme einer ungeheuren Menſchen⸗ menge zu ſein, aus welchem das zürnende Schmähen und fernher ſchallende Verwünſchen gegen den Namen Ardent Troughton mir entgegen drang. So mächtig iſt die Gewalt des Geiſtes in deſſen geſundem Zuſtande wie in ſeiner Wahnbildnerei, daß ich meinen ganzen Zuſtand mit einem Male erkannte. Jetzt wußte ich, daß ich mich niemals dem Ocean vertraut, niemals Vater, Mutter und Schweſter gehabt hatte— daß ich niemals Lehrling bei einem Kaufmann in Loth⸗ bury geweſen war, obwohl ich das Gerücht von dem Vorhandenſein eines Solchen vernommen hatte. Ich durchlebte jetzt in wenigen Augenblicken ein ganzes frü⸗ heres Daſein noch Einmal. Ich war ein Ritter— hatte es unternommen, die Unſchuld eines fälſchrich an⸗ geklagten ſchönen Mädchens zu beweiſen— war in den Kampfſchranken niedergeſtreckt worden— nich on Stärke, Feſtigkeit und Kraft war mehr in mit ich war das Geſpött einer hohnziſchenden Menge; ſo alſo ſchloß ich feſt meine Augen, indem ich beſchloß, durch mächtige Willensanſtreugung zu ſterben, und bildete mir daun ein, ich hätte dieß bewerkſtelligt. Aber der grimme Menſchenjäger, Tod genaunt, der Alle verfolgt, und Jeden endlich einholt, läßt in ſeiner Laune ſich ſelher nachjagen, und zwar ohne daß es ge⸗ uMdas Troughton. III. 4 Die Büßung, oder lingt. Bis in den kalten Vorhof des Vergeſſens hatt ich ihn gehetzt, allein der Spötter entging mir dennoch, und leitete mich unter vielen mich ſchwer ermüdenden Schritten durch romantiſche Gegenden, prächtige Tem⸗ pel und phantaſtiſch gebaute Städte; und als ich end⸗ lich aus jenen Traumregionen hervortrat, durch welche die Erdenwelt vom ewigen Sein geſondert wird, fand ich mich auf weicher Fläche wieder— ein leiſer Wind ſpielte um mein Antlitz und führte mir tauſend aromatiſche Düfte zu, und über mir ſtrahlte eine helle Sonne, die mir die Augen blendete, ſo oft ich verſuchte, dieſe zu öffnen. Abermals war ich Ardent Troughton, der ſchiffbrüchige Kaufmann. Fuͤnftes Kapitel. Nichts mehr von Gefahren auf See— nichts von Orkanen— nichts von Schiffbrüchen! Ocean, Deine Pracht ſoll mich nicht mehr vermögen, Dir Ehre anzu⸗ thun! Du biſt von jeher mein größter Feind geweſen; denn wenn Windſtille lächelte und ſich auf Deinen unbegrenzten Schooß herabſenkte, geſchah es immer nur mir zum Verrathe. So oft die Winde einander wie raſend über Deine Flächen und Tiefen hin mich trieben, geſchah es, als ob ich ein Mörder geweſen wäre, der der rächenden Strafe entfliehen wollte; und dennoch, Ardent Troughton. 51 Du alter Ocean, ſag' ich Dir, daß ich Dir trotze! Nichts hab' ich von Dir begehrt, als das kalte und durchſichtige Grab Deiner Tiefe, und das haſt Du, der Du von jeher mein größter Feind wareſt, mir ver⸗ weigert, und warfſt zuletzt mich wie eine Dir ekle Laſt von Deiner Bruſt ab, um meine unſterbliche Seele durch Verſuchungen, die ſchier über alles menſchliche Elend hinausreichen, in Gefahr zu bringen. Sag' an, Du Meer, das von Sangeskundigen das unermeßliche genannt worden iſt, was ſind am Ende Deine Stürme, Deine heulenden und brauſenden Flu⸗ then gegen das Wallen und Wogen meiner von Leiden⸗ ſchaft durchſtürmten Seele? Wahrlich nichts weiter, als die leichte Brieſe des Südens, durch welche kaum die Locke auf der Stirn eines ſchönen Kindes bewegt wird. Längſt iſt zwar der fürchterliche und langwierige Kampf auf jener troſtloſen Inſel vorüber— und trug ich in ihm den Sieg davon? Ach! ja und nein. Ver⸗ nunft und Gewiſſen waren ſeltſam gegen einander in Feindſchaft. Mächtig hadern dieſe zwei gewaltigen Gottheiten im Tempel, der da Menſch heißt, mit ein⸗ ander, und ſchütteln ihn, daß er einſtürzen möchte. Endlich ſiegte das Gewiſſen, und die für eine Zeitlang eſiegte feige Vernunft entfloh. 3 Doch vergebens rede ich in Parabeln. Weg mit dieſen Reminiscenzen reinen Denkens! Ich habe ge⸗ lebt, um zu erkennen, daß die größte aller Segnungen die iſt, daß man das Vermögen erlangt, zu vergeſſen. Ich will mein Thun hererzählen, wie's im Raume ſich zutrug, und des Geiſtes Thätigkeit unerwähnt laſſen. Hingeſtreckt lag ich am Boden, mein ganzer Körper ſchmerzte mich, ich war läſſig in allen meinen Sinnen, und mein Bemühen, die Augen aufzuſchlagen, ward 4* 2 52 Die Büßung, oder durch den blendennen Schein deſſen verzögert, was ich endlich für eine faſt ſenkrecht über mir brennende Sonne erkannte. Ich rang, um mich in eine andere Lage zu bringen, und fühlte, daß etwas Schweres auf meiner Bruſt lag. Endlich brachte ich mich auf Eine Seite, und gewöhnte allgemach meine Augen an den faſt un⸗ erträglichen Glanz des Tages. Ueber die Kräuſelwellen des Meeres friſchte eine leichte Brieſe her, und wehete mir ein köſtliches Lebensgefühl zu, ſo daß mein Körper einige Stärkang gewann. Ich entdeckte jetzt, daß ich auf feinem Sande lag, der beinahe ſchneeweiß war und einen ſeltſamen Gegenſatz zu den vielen grünen Gras⸗ knoten bildete, die durch dieſes Sandbett hervorquollen. Ich fühlte durch den Hauch des Windes mich er⸗ freulich gekräftigt, und wünſchte nichts, als dieſe köſt⸗ liche Empfindung nach Möglichkeit zu verlängern, in⸗ dem ich fürchtete, mich, wenn ich umherblicken würde, von Schreckniſſen umgeben zu ſehen. Bis jetzt war mir, als ob ich träumte, oder wenn ich wachte, ſo be⸗ zog alle meine Beſinnung ſich doch nur auf mein Selbſt. Allmälig aber begann die Erinnerungskraft die Nebel zu verſcheuchen, die vor ihren ſchrecklichen Gebilden hingen. Ich ward den Gedanken an das berſtende Schiff, an die verſchlingenden Waſſer und an meine ſich an mich klammernde Schweſter zurückgegeben. Dieſe letzte Vorſtellung genügte, mich aufzuſchrecken, und die troſtloſe Küſte erſcholl von meinem Angſtrufe:»Ho⸗ noria!«. Mein Verzweiflungsruf ward gehört— ich fuhr auf und ſah ihr todtenbleiches Antlitz auf meinem Schooße liegen; ihre Finger hielten feſt in dem Schlitz meines Kleides, ohne daß ich ſie hätte losmachen kön⸗ nen. Wie erſtarrt blickte ich ſie ein Weilchen an— Ardent Troughton. 53. ich konnte meines Elendes Umfang icht ermeſſen. Ich glaube, ich ſank in Ohnmacht, denn ſonſt wüßte ich meine Unthätigkeit oder die Gedankenloſigkeit, welche ſich bei dieſem Anblicke meiner bemächtigte, nicht zu rechtfertigen. Ich erinnere mich, daß ich endlich, da ich die Fin⸗ ger nicht von meinem Kleide losmachen konnte, mit ei⸗ nem Federmeſſer, das ich noch in meiner Taſche fand, das Stück aus dem Schlitz meines Kleides heraus⸗ ſchnitt, das von Honoriens Hand feſtgehalten ward. Da die Hitze der Sonne immer unerträglicher ward, ſtand ich auf, und zwang mich, Herr der unſäglichen Schwäche zu werden, die mich überfallen hatte. Ich hob Honoriens Leiche, denn dafür hielt ich ſie, auf, um ſie in den Schatten eines der vielen mir unbekannten Bäume zu tragen, die ich unfern von mir landeinwärts ſtehen ſah. Ein Wonneentzücken durchrieſelte mich, als ich fühlte, wie ihre Wange, die an der meinigen lag, nicht kalt, daß ihre Lippen noch roth waren, daß ihr aber Blut aus einer leichten Wunde nahe der Schläfe quoll. Sie lebte— das war genug! Welcher noch ſo köſtliche Wundertrank hätte mir mehr Kräfte verleihen können, als dieſer Gedanke es that? Sie lebte! Die Laſt, die ich trug, war nicht mehr ſchwer— ich war ein Goliath an Stärke— ein Held an Kraft. Ich hätte vor Freude lachen können, wenn nicht Thraͤ⸗ nen mir aus den Augen geſchoſſen wären— Thränen, die ich unmöglich zurückhalten konnte. Ich war aber⸗ mals über alle Maßen glücklich, denn Honoria lebte—— aber wozu? Dieſe ſchauerliche Frage ſtieß mir allerdings auf— aber ich erſäufte ſie; ich ſtieß dieſen fürchterlichen Ge⸗ danken unter Waſſer— ich erwürgte ihn, als wäre er 54 der Meuchler meiner Mutter geweſen; allein er ſtieg immer wieder herauf— er wollte ſich nicht umbringen laſſen. Honoria lebte— jedoch wozu? Ich legte ſie in den wohlthätigen Schatten eines mir durchaus unbekannten Baumes, aus deſſen Blät⸗ tern jedoch fortwährend in großen Tropfen ein kühler, erfriſchender Thau quoll, während uns ein ſüßer aroma⸗ tiſcher Pflanzenduft umwallte. Wir ſaßen auf köſt⸗ lichem Raſen, der faſt dem Mooſe glich, und der Ort war ſo erquickend kühl, daß er mich beſſer in den Stand ſetzte, den brennenden Durſt zu ertragen, der bisher an meinen Eingeweiden genagt hatte. Ich deckte Honoriens ſchöne Geſtalt mit ihrem zer⸗ riſſenen Kleide zu, und ſchritt zu einem Gebuͤſch, in welchem ich eine rieſige Pflanze mit becherförmigen Blättern erblickte, in denen ich, wie ich vermuthet hatte, klares Waſſer fand, das ſich von dem Regen während des Sturmes in voriger Nacht oder durch den Frühthau darin geſammelt hatte. Ich ſchnitt einige dieſer Blätter mit meinem Meſſer ab, und trug Sorge, das darin befindliche Waſſer nicht zu verſchütten. Ich tränkte damit meine Lippen; es war kühl, aber etwas bitter. Ob dieſe Bitterkeit heilſam oder unheilſam war, konnte mir weiter nicht in den Sinn kommen. Aehnliche Becher trug ich zu meiner Schweſter, und flößte ihr von dem Waſſer aus denſelben ein. Ich bemerkte nun, daß Honoria ſchwach athmete; auch fühlte ich, daß ihr das Blut langſam durch die Adern rann. Endlich ſeufzte ſie tief auf, und ihre klarblauen Augen ſenkten ſich in meinen Blick. Ich ward da⸗ durch in tiefſter Seele erſchüttert— Honoria lächelte engelartig und regte dann die Lippen. Anfänglich war keiner ihrer Laute verſtändlich, dann hörte ich ſie Die Büßung, oder —— Ardent Troughton. 55 ſtammelnd ſagen:»Ardent, wie glücklich bin ich— ich glaubte nicht, Dich jemals wieder zum Leben gebracht zu ſehen.« Mit einem leéiſen, kaum bemerkbaren Drucke des Armes, der bisher wie todt um meinen Nacken gehan⸗ gen hatte, zog ſie mich an ſich, ihr Kopf ſank auf meine Bruſt, ihre Augen ſchloſſen ſich, und ein ſegens⸗ reicher Schlaf nahm ſie unter ſeine ſchattigen und flau⸗ migen Schwingen. Ich betrachtete ſie, als ſie ſchlief— das Starre ihrer Züge war gewichen und hatte einem heitern Ausdrucke der Lieblichkeit und eines ſtillen Ent⸗ zückens Raum gegeben. Ein ganzer Himmel von Zu⸗ friedenheit war in ihrem Antlitze zu ſchauen, ſogar ein Lächeln begann die Grübchen ihres Mundes zu höhlen, und das'beredte Blut“ den Triumphſang der in ihre Wangen zurückkehrenden Schönheit zu ſingen. und jetzt ſchreckte ich mich auf zur Betrachtung. Ich blickte die in meinen Armen ſchlummernde Lieblich⸗ keit an— ich ſchaute in die Einſamkeit, die ringsum mich umgab, und— mich ſchauderte. Ich ward ein einziges ungeheures Gedankenprinzip. Alles Phyſiſche ſchien von mir ausgetrieben und in die Winde geſtreut worden zu ſein. Das Fieber raſete nicht mehr in mei⸗ nen Pulſen— der Durſt hatte aufgehört, mein Herz gleich einem ausgepreßten Schwamme zu dörren, und der Hunger nagte nicht mehr an meinen Eingeweiden. Während des ſtundenlangen Schlafes Honoriens durch⸗ lebte ich mein Leben noch Einmal; kein Umſtand deſ⸗ ſelben entging mir. Mir war, als beſäße ich die über⸗ natuͤrliche Gewalt, ſogar der Zeit Herr zu werden, in⸗ dem ich eine einzige ihrer Stunden zwang, das Werk eines Vierteljahrhunderts zu thun. 56 Die Büßung, oder Nochmals neckte ich mich in unſchuldigen, bald an⸗ nähernden, bald abſtoßenden Schäkereien mit den fünf Miſſes Falk— nochmals ſummirte ich die Eonten ih⸗ res ehrſamen Vaters, und behandelte deſſen ſchmucke und bürgerlich⸗plumpe Söhne mit verachtender Freund⸗ lichkeit. Ich horchte auf die Aeußerungen des Aber⸗ glaubens und Schwärmereifers des ehrlichen Gavel— litt nochmals Schiffbruch mit ihm und ſah ſeine edle Selbſtaufopferung. Nochmals ſah ich zum erſten Male meine Schweſter, ohne daß ich ſie kannte, und weihete ihr meine unheilige Liebe. Nochmals kämpfte ich mit dem Piraten Mantez um das Leben meiner Aeltern, und verweilte lange, ſehr lange bei dieſer Blutſcene. Waren all' dieſe Rückblicke nicht Wahnſinn? Ein An⸗ derer würde an den jetzigen Augenblick und an die un⸗ mittelbare Zukunft gedacht haben; allein dieſe ſchente ich, wie ich eine von der Peſt ergriffene Stadt ſcheuen würde. Ich konnte ſchuldlos und mit einigem Stolze auf die Vergangenheit zurückblicken; allein das Jetzt war mir ein faſt unerträgliches Gemiſch von Glückſelig⸗ keit und Marter— die Zukunft voll Abgründe und Klüfte, die in's Verderben führten. Ja, dieſes Jetzt war ein ſchäumender Zuſammenfluß von Seelenqual und Wonne, denn vertrauend ſchlum⸗ mernd lag mir im Arm— meine Schweſter! Sollte ſie erwachen, um hier Hungers zu ſterben? Ich blickte umher und gewahrte die mancherlei fruchttragenden Bäume und Geſträuche; einige von ihnen mußten heil⸗ ſam ſein— und nicht weit von mir erkannte ich den ſtattlichen Kokosnußbaum mit ſeinen langen, fächer⸗ gleichen Blättern und deſſen reicher Frucht. Ich er⸗ kannte dieſen Baum ſogleich nach früher von demſelben geſehenen Abbildungen. Nein, unſere Gefahr drohte — — Ardent Troughton. 57 nicht als Hunger, wohl aber als ein fürchterlicherer Feind. Zurück zwang ich meine Erinnerung zu meinen Aeltern, zu meinem ſo edlen, gefühlvollen und aufrichti⸗ gen Vater, meiner ſo ſchönen, hochherzigen, zarten Mutter— wie ich Beide ſo ſpät erſt kennen lernte und doch ſie ſo innig liebte. Ich überredete mich, daß ſie todt wären. Mit abſichtlichem Schmerz malte ich mir die Art ihres Sterbens vor— ich ſah ihr Blut ſtrömen— hörte ihre letzten Stammelworte— bildete mir ein, ſie zu hören, wie ſie mich und Honoria ſegne⸗ ten, ehe ſie verſchieden— dieß Gebild ward zu rüh⸗ rend, zu erſchütternd für mich, und ich fing an, zu wei⸗ nen. Anfangs ſchienen die Thränen mir langſam abge⸗ preßt zu werden; endlich floſſen ſie reichlich, und führ⸗ ten mir eine ſeltſame Tröſtung und Beruhigung zu. Ja, das Weinen mag zu Zeiten ein Vergnügen ſein— wie beklagenswerth iſt es, daß des Menſchen Natur ſo wild dem Manne dieſe Tröſtung zu weigern pflegt! Drei Stunden lang, während Honoria ſchlief, käuete ich ſo am bittern Kraute der Rückerinnerung. Die Sonne hatte ſich bedeutend gegen den weſtlichen mit Gehölz bekrönten Hügel geſenkt, als meine brennenden Thränen auf die Stirn meiner erwachenden Schweſter fielen. Sie küßte mich liebevoll, und ſprach dann leiſe: »Ardent, mein theurer Freund, wo ſind wir?ke „Ach, liebſte Schweſter, ich weiß 3 à nicgk.s 8 »Du weinſt?« »Seltſam— leidenſchaftlich.“ »Weßhalb, beſter der Brüder? Doch wie bin ich ſo einfältig, daß ich frage, weßhalb!« » Nicht unſertwegen weint' ich, Honoria, obwohl wir des Leidens jetzt genug haben.“« Die Büßung, oder »Sage das nicht. Ich weiß von keinem Leiden— denn biſt Du nicht bei mir?« „»Herziges— thörichtes Mädchen!« »Ja wohl thöricht, Ardent— denn— vergieb mir— ich ſollte es jetzt nicht ſagen— aber vergieb— mich hungert entſetzlich.— Nicht wahr, ich muß mich ſchämen?« »Wie ſo, Honoria. Das Land hier ſcheint ſchön zu ſein. Blick' hin! Dort zwiſchen jenen maleriſchen Fel⸗ ſen, nahe dem Waſſerrande, ſtehen Bäume, die uns Beiden eine erfriſchende und nährende Frucht bieten; allein ich fürchte, Dich hier allein zu laſſen.« „Ich will aufſtehen und mit Dir gehen— wir wol⸗ len uns nie mehr trennen.“ »Nie mehr!« Als Honoria ſich erhoben hatte und von meiner zar⸗ ten Umarmung fortgezogen ward, ſchrie ſie auf— eine Welt voll Gedanken ward durch dieſen Schrei mir durch das Hirn gejagt; und doch war bei meiner Schweſter dieſer Schrei nur der einfache Ausdruck ei⸗ nes körperlichen Schmerzes. »O, Ardent, ſieh doch meinen Nacken an,« ſagte Honoria. Ich that'’s, und ſah in dem Fleiſche deſſelben den Eindruck einer oberen und unteren Zahnreihe irgend eines Thieres. Ich ſagte, was ich ſah. Honoria fuhr ſich etliche Male mit der Hand über die Stirn und verſetzte:»Hier iſt Alles eitel Verwirrung, Ardent. Ich wollte Dich fragen, auf welche Weiſe wir hierher⸗ kommen. Jetzt erinnere ich mich. Drüben auf dem weißen Sande lag ich und war bemüht, Dich in's Le⸗ ben zurückzurufen. Wie ich dorthin kam, weiß ich nicht. Mir war, als hätteſt Du mich durch die Waſſerwirbel 2 —— Ardent Troughton⸗ 59 getragen. Ach, Ardent, Du thateſt es— thateſt es, und erſchöpfteſt ſo beinahe Dein eigenes Leben, um das meinige zu retten.« „Nein, Liebſte, ſo glorreiches Verdienſt iſt nicht mein. Ich erinnere mich nur, daß ich Dich feſt um⸗ klammert hielt, als ich von den Armen des Todes mich erfaßt wähnte. Im Gegentheil, als ich erwachte, fand ich Dich dem Anſchein nach leblos; doch hatteſt Du offenbar mich gerettet, denn feſt hingen Deine Finger in meinem Kleide.“« „Wie können wir Beide gerettet worden ſein?« „Ich weiß es nicht; laß uns die Stelle näher be⸗ trachten. ⸗* Indem wir unſers Hungers vergaßen, ſtanden wir an der Bucht auf der Stätte, wo wir uns früh Mor⸗ gens wieder gefunden hatten. Der Anblick war über⸗ aus lieblich. Die weißſandige Bucht dehnte ſich in ei⸗ ner Krümmung von Norden nach Süden auf etwa eine Halbſtunde Weges aus, und wir waren in den tiefſten Theil der Bucht an's Land geworfen worden. Die Hörner der Bucht liefen in zwei Vorgebirgen von ho⸗ hen, ſchrecklichen Felſen aus, doch war des Landes Pflanzenwuchs ſo üppig, daß ſelbſt auf jenen Felſen manches hübſche Geſträuch hervorſchoß. Die Sehne dieſes Buchtbogens war eine faſt gerade Linie fortlaufenden Raſengrundes, der ſich von Vorge⸗ birge zu Vorgebirge erſtreckte, und wahrſcheinlich durch ein Korallenriff gebildet ward. Längs dieſer Linie heul⸗ ten die Waſſer betäubend, obwohl ringsum der Himmel ruhig war. In dem Waſſerſtrudel am Riff aber ſchäumte und toſete es wie ferner Donner. Weithin vor uns wogte allgemach das Meer, ſobald ſeine Wel⸗ Die Büßung, oder len aber jene Zauberlinie berührten, ſchien es wie ra⸗ ſend aufzukochen, ſo daß es ſchauerlich anzuſehen war. »Durch dieß Gebraus müſſen wir gekommen eein,« ſagte meine Schweſter, indem ſie bebend ſich an mich klammerte.»Inmitten des fürchterlichen Sturmes muß es geſchehen ſein.« »Wahrſcheinlich war es der Sturm ſelbſt, der uns durch dieſen Strudel, oder vielmehr, da die See höher angeſchwellt war, als jetzt, über dieſen Strudel hinweg⸗ hob.« „»Warum aber, mein Ardent, ſind nicht auch Andere durch ſolches Wunder gerettet worden?« »Vielleicht wurden ſie's, obſchon wir's nicht wiſſen. Als das Schiff in den Waſſerſchlund verſank, befanden wir allein uns auf dem hinterſten Theile deſſelben, der dem Stoße am fernſten war. Der entſetzlichen Welle, durch welche das Fahrzeug an jenen unter Waſſer be⸗ findlichen Klippen zerſcheitert wurde, iſt ſicher eine zweite gefolgt, welche uns, die wir einander umklam⸗ mert hielten, über die Klippenlinie ſchleuderte, und ſo uns allein rettete. Da während des Sturmes jeder Matros ſich an Maſt oder Takelwerk gebunden hatte, ſo wurden ſie gewiß mit den Trümmern des Schiffes in die Tiefe außerhalb des Riffs gewirbelt. »Aber dieß entſetzliche Riff iſt ja über tauſend Schritte weit von uns— was brachte uns zu Strande?« »Die Gewalt der Welle, wenigſtens weiß ich es nicht anders zu erklären.« „Ein fürchterlicher Gedanke beſchleicht mich, Ardent. Wovon erwacht' ich, als ich Dich meiner Meinung nach todt auf dem Sande liegen fand? Es muß vom Schmerze der Wunde in meinem Nacken geſchehen ſein, die mir vielleicht ein wildes Thier biß. Unbewaffnet, ———P ñN˙43 O¶TNn— Ardent Troughton. 61 wie Du biſt, werden wir verſchlungen werden. Sicher hat mein Schreien das Unthier verſcheucht. Wir ſind gänzlich wehrlos, und dürfen nicht mehr ſchlafen.« »„Darüber zu grübeln, nützt zu nichts,« ſagte ich. „Indeſſen enthalten dieſe ſüdlichen Inſeln keine Thiere, die, ihrer Größe wegen, ſelbſt von einem unbewaffneten Menſchen zu fürchten wären. Laß uns ſehen, welche Speiſe wir uns verſchaffen können.“ Wir wendeten uns jetzt den Kokosnußbäumen zu; allein indem wir es thaten, fühlten wir Beide, wie körperſchwach wir geworden waren; dennoch bemühten wir uns, uns ſtärker zu zeigen, als wir es waren, und zu ſcherzen und, wenn möglich, uns einander zu unter⸗ ſtützen. Bei den Bäumen angelangt, fanden wir, daß deren Früchte viel zu hoch hingen, als daß wir ſie hät⸗ ten erreichen können; zum Heil aber gereichte es uns, fünf oder ſechs abgefallene überreife Nüſſe zu entdecken. Von dieſen enthielt nur eine, die erſt kürzlich herabge⸗ fallen ſein mochte, den erfriſchenden milchigen Saft, nach welchem wir ſo eifrig ſuchten. Wir theilten den⸗ ſelben mit einander, und verzehrten den größeren Theil der inneren Schale der Frucht. Dieß war die erſte Mahlzeit, die wir auf dieſer Inſel— denn dafür hiel⸗ ten wir das Land— verzehrten— wahrlich ein höchſt mäßiges und rohes, aber doch ein kräftigendes Mahl. Als wir hierauf uns auf den weichen Sand geſetzt hatten, und das Geheul der Brandung fortwährend zu uns herſcholl, fühlten wir mit Bangen die Einſamkeit, in welcher wir uns befanden. Dieß Gefühl kam uns gleichzeitig, denn wie aus einem Munde, Honoria in ſpaniſcher, ich in engliſcher Sprache, riefen wir aus: »Wie ſchaurig iſt dieſe Wildniß!« » Und doch,« ſprach ich weiter,»ſollten wir nicht 62 Die Büßung, oder innig dankbar dafür ſein? Gott gebe, daß unſere Ein⸗ ſamkeit nicht noch ſchauriger werde. Eins von uns kann dem Andern entriſſen werden. Lieber möcht' ich ſterben als hier allein hinſchmachten. c »Jene Einſambeit kann nimmer mir zu Theil werden, Ardent; denn ich würde, ich könnte Dich keine Stunde lang überleben. Aber ſieh', die Sonne iſt bereits hinter den Bergen; die Schatten der Nacht beſchleichen uns, und mich fröſtelt.« »Verzage nicht, meine Honoria.« „»O nein, Ardent,— ich will mich geiſtesfriſch er⸗ balten. Mein Herr und König— denn ſicherlich mußt Du als Beherrſcher dieſes Eilandes angeſehen werden — ein armes ſchiffbrüchiges Mädchen fleht Deine kö⸗ nigliche Gaſtfreundſchaft um eine Kämmerlein, ein La⸗ ger und einen Arzt an, denn ihre Glieder ſind ermüdet, und ihre Wunde, die irgend ein Raubthier in Deiner Majeſtät Staaten ihr biß, ſchmerzt entſetzlich.« »Schöne Prinzeſſin,« verſetzte ich wehmüthig lächelnd —»denn Deiner Schönheit und Deinem würdevollen Weſen nach kannſt Du, obſchon als Seefahrerjunge verkleidet, nichts Geringeres ſein— ich will Dir nicht nur mein halbes, ſondern mein ganzes Königreich geben. Ich ſelbſt will Dein Arzt ſein, und da, wunderſam ge⸗ nug, es uns an Dienern gebricht, ſo ſieh in mir auch Deinen Kämmerling, und Deinen Wächter während der Nacht. Nur muß ich mit Leidweſen hinzufügen, daß ſich noch kein Schlafgemach hat wollen auffinden laſſen. Aber ſchwatzen wir nicht hohl und ſpottend? Honoria, wir haben bis jetzt nur die Sprache der Liebe gegenein⸗ ander geführt— wir hätten jedoch vielmehr die der Frömmigkeit führen, und dem Höchſten für unſere wun⸗ derbare Errettung danken ſollen.« Ardent Troughton. 63 »Du ſprichſt gut und fromm, mein Bruder. Er, der den Vögeln ihr Neſt, dem wilden Thiere ſeine Höhle giebt, wird ſicherlich auch uns nicht verlaſſen, ſo wir ſeinen herrlichen Namen preiſen und nach ſeinem heili⸗ gen Willen thun.« „»Wir wollen nicht einzeln beten wie bisher, Honoria.“« »Gewiß nicht, mein Ardent, hinfort und für immer iſt Dein Gott auch mein Gott, Dein Glaube an ihn der meinige. Du biſt beredeter als ich— gieb den Dankesregungen meiner Seele Worte— bete laut.« Wir knieeten mitſammen auf dem Sande, beteten und fühlten uns geſtärkt und getröſtet. Ich unterſuchte nun Honoriens Wunde im Nacken. Sie war unbedeu⸗ tend, obſchon der Eindruck der Zähne einigen Schmerz verurſachen mußte. Nirgendwo war die Haut verletzt. Ich dachte, es müßte der wirkungsloſe Biß eines alten, ſtumpfzahnig gewordenen Thieres ſein. Alles, was ich thun konnte, war, daß ich meiner Schweſter mein ſei⸗ denes Tuch umband, um ihr den Nacken gegen die Nachtkälte zu ſchützen. Unſere Kleider waren von der Sonnenhitze trocken geworden, und die Lebensweiſe, die wir zeither geführt hatten, ließ uns nichts von dem fürchten, was gemeinhin Erkältung genannt wird. Hand in Hand ſchritten wir von der Bucht, einer Gruppe von Felſen, Bäumen und Unterholze zu, die eine phantaſtiſche Miſchung erblicken ließ. Es war bei⸗ nahe dunkel, als wir dieſelbe erreichten. Wir hofften dort einen Ruheplatz für die Nacht zu finden, allein ich erkannte bald, daß wir ſehr gefehlt hatten, nicht früher uns nach einem Obdach umzuſehen. Bei alldem hielt Honoria ſich wunderſam aufrecht. Ich meines Theiles, als ich raſſelnde Blätter unter meinen Füßen fühlte, hätte, achtlos gegen die Gefahr, von irgend einem Thiere 3 64 gebiſſen zu werden, mich hinſtrecken und ſchlafen können, aber ſolcher Gefahr wollte ich meine zarte Gefährtin nicht ausſetzen. Ich fand bald, daß es unnütz war, in das Innere des Landes vorzudringen, denn das Laubwerk verdickte ſich immer mehr, und die Dunkelheit nahm zu. Ich blickte troſtlos umher, und wollte ſchon meiner Schwe⸗ ſter rathen, ſich unter einen der Felſenvorſprünge auf den Raſen hinzulegen, als ich etwa auf Manneshöhe eine Höhlung in einem Felſen gewahrte, die zur Noth groß genug zu ſein ſchien, daß ein Menſche darin ausge⸗ ſtreckt liegen könnte. Ich taſtete mit meinen Händen darin herum, und fand die Fläche eben und frei von jedem Hinderniß. Die Höhle glich ſo ziemlich einer Schiffskoje. »Sieh, Honoria,“« ſagte ich freudig,»der Himmel verläßt uns nicht; er giebt Dir eine Schlafkammer in einem lebendigen Felſen. Zwar wird Dein Lager hart ſein, aber es iſt vollkommen trocken und Du wirſt gegen den Nachtthau geſichert ſchlafen können. Wilde Thiere können Dich dort nicht erreichen. Erſt aber will ich die Blätter aufſammeln, die unter unſeren Füßen raſſeln.« »Nicht doch, Ardent. Du ſollſt nicht von mir gehen. Wer weiß auch, welche Inſekten ſich zwiſchen den Blät⸗ tern befinden können. Kein Lager kann hart genug ſein, um mir balſamiſche Ruhe zu verſagen, ſo lange mein Bruder bei mir iſt.« „Du haſt Recht, Honoria, ich muß Deine Betttücher bei Tage ſuchen. Jetzt, da es immer dunkler wird, Liebe, laß mich Dich in die Höhlung heben, und mögen alle guten Engel Dich beſchützen!« Als ich meine Schweſter vorſichtig hinaufgehoben, Die Büßung, oder Ardent Troughton. 65 und ſie ſich wohlgemuth niedergelegt hatte, rief ſte:»O hier iſt's ſchön und bequem. Unter meinem Kopfe iſt's hoch, wie von einem natürlichen Pfühle. Komm herein, Ardent, es fehlt nicht an Raum hier.«. »Nicht für Königreiche, Honoria. Ich wache hier unter der Höhle. Glaube mir, ich bin weder erſchöpft noch ſchläfrig.“« »Ich kann das nicht zugeben; ich will lieber zu Dir wieder hinunter. Wie könnte ich hier ruhen, und Dich, Gott weiß, welchen Gefahren ausgeſetzt wiſſen. Ich ſage Dir, neben mir iſt Raumes die Fülle. Komm herauf, mein Ardent! Liebſt Du mich nicht mehr? Bin ich nicht Deine Schweſter?« »Du biſt ein liebes, frommes, unſchuldiges Weſen; aber dringe nicht mehr in mich. Ich habe ſo eben dem Höchſten bei dem hellen Sternenlichte, das glorreich über mir funkelt, geſchworen, hier unten die ganze Nacht hindurch zu bleiben. Mich friert nicht im Mindeſten, und aller Wahrſcheinlichkeit nach werd' ich bald einſchla⸗ fen. Warum ſeufzeſt Du ſo kläglich? Ich ſage Dir, mir iſt ganz wohl zu Sinne. Sprich Dein Vaterunſer und dann ſchlafe, meine Theure.« »Erſt küſſe mich, Ardent, dann will ich verſuchen zu ſchlafen./. Ich küßte euſch und flehete Gott an, ſie in ſei⸗ nen heiligen Schutz zu nehmen. Dann ſetzte ich mich finnend auf einen unteren Felsvorſprung. Nach einem Weilchen ſagte Honoria: »Ardent, ich kann nicht ſchlafen.« „»Was fehlt meiner theuren Schweſter?« »Nichts, Ardent, als daß ich Deine liebe Stimme hören möchte, oder daß das dumpfe Brauſen der Bran⸗ dung nicht in mein Ohr dränge.⸗ Ardent Troughton. III. 5 66 Die Büßung, oder „Wende Dein Geſicht ab.“« 4 „Das that ich, aber ich höre es dennoch, und es er⸗ innert mich an das Schiff und an Alle, die mit demſel⸗ ben verſanken.« „»Singe Dich leiſe in den Schlaf, Honoria, dann hörſt Du das Brauſen nicht⸗« »Ich kann nach geſprochenem Nachtgebet nichts Welt⸗ liches mehr ſingen.« „Singe Deine Veſperhymne an die heilige Jung⸗ frau.« »Die iſt ja papiſtiſch, Ardent. a »Sie iſt ein reiner Erguß eines ſündeloſen Herzens, anmuthig meinem Ohr, und ſonder Zweifel dem Höch⸗ ſten wohlgefällig.« »Möge er Dich ſegnen, Ardent, ſo wie meine Seele Dich für immer und ewig ſegnet.« Mild erklang jetzt ihre liebliche Stimme im Hym⸗ nengeſange aus der Felshöhunng hervor. Die Klänge miſchten ſich mit dem dumpfen Ferndonuer der Bran⸗ dung— hell funkelten droben die Sterne— meine Seele ward von heiligem Frieden beſchlichen— mein Haupt ſank auf meine Bruſt, und ehe die Klaͤnge noch in meinem Ohre verhallt waren, ſchlief ich ſchon den von Anſtrengung und Ermüdung erzeugten traumloſen Schlummer. So verging und endete der erſte unſerer T Tage auf der Honorieninſel. 4 Ardent Troughton. 67 Sechstes Kapitel. »Auf mit Dir, Du Langſchläfer!« waren am ande⸗ ren Morgen die heiteren Worte, die Honoria in dem vergnügteſten Tone ſprach, den ſie jemals hatte hören laſſen.»Siehſt Du nicht, Ardent, daß es wenigſtens acht Uhr ſein muß? Dieſe Deine Felskammer wird heiß wie ein Ofen werden, in dem wir unſer Frühmahl kochen könnten. Gewaltig dringt die Sonne herein.⸗ »Du biſt luſtigen Sinnes, Schweſter. Warſt Du ſchon lange auf.«. »Herunter, ſollteſt Du fragen. Ja! und ich habe ſchon meine Abwaſchungen im Bade zwiſchen jenen Felſen abgehalten, und wie Undine in verwachſenem Schilfrohr meine Toilette gemacht. Wie ſeh' ich aus heute fruͤh?« »Schön wie immer, wiewohl ein wenig ſonnver⸗ brannt. Wahrhaftig, Schweſter, Du haſt das Treff⸗ lichſte aus Deinem Anzuge gemacht. Jetzt will ich mich auch baden, und dann ſoll's Frühſtück geben. Würde zu Letzterem nur eben ſo leicht Rath hier, wie zu Er⸗ ſterem.« »Komm mit mir an die Bucht, rechts am Felſen iſt Vorraths genug zum Frühſtück, ſo Du ihn nur zu ſam⸗ meln wagen willſt.« 4 Sie ergriff mich bei der Hand, und führte mich an eine Felsbank, die in phantaſtiſchen Formen weit in's Meer hinausreichte, und bald Gebilde wie gothiſche Schwib⸗ bogen, bald wie griechiſche Säulen, bald langgewölbte 5 σ— * „ 68 Die Büßung, oder Hallen zeigte, deren Flur die blaue Meeresfluth war, denn das Ganze lag im Bezirke des vorhinbeſchriebenen Korallenriffes. Auch befanden ſich daſelbſt einige Grot⸗ ten, die feſteren Boden als bloßes Meerwaſſer hatten, und während der Mittagshitze einen kühlen und anmu⸗ thigen Aufenthaltsort dargeboten haben würden. Ich konnte nicht umhin, mein Erſtaunen und mein Vergnügen hierüber auszudrücken.„Hier müſſen wir des Tages über wohnen, Honoria,« ſagte ich— welche ſchöne, hochgewölbte Grotte, wie wunderſam ihr natür⸗ liches Schnitzwerk! Aber das Frühſtück, Schweſter, Du weißt, daß das unerläßlich iſt.“« „Komm nur ein wenig weiter heraus.— Sieh, das Waſſer iſt klar geung, täuſchen mich meine Augen nicht, ſo ſitzen unten am Felſen Auſtern, ſo groß wie ein Tel⸗ ler— zu Tauſenden ſitzen ſie da. Sieh! und an der vorſpringenden Felsabdachung hängen Muſcheln.— Schau, wie die Fiſche im klaren Waſſer einander jagen. Komm, Ardent, laß uns frühſtücken.« „Recht gern, dann müſſet wir aber zu unſeren Bäu⸗ men zurückkehren, denn die Klarheit des Waſſers täuſcht Dich in Beziehung auf deſſen Tiefe, die mindeſtens drei bis vier Faden miſſet. O daß ich ſo erbärmlich erzogen ward! daß ich nicht ſchwimmen, viel weniger tauchen lernte! Hätten wir nur Jugurtha hier, ſo würden wir täglich eine köſtliche Mahlzeit halten. Ach, ich bin am Ende doch ein armes, hülfloſes Weſen meiner Honoria.« „Sage das nicht. Ich verzichte gern auf Auſter und Muſchel. Ein Frühſtück aus Kokosnüſſen iſt mehr als köſtlich. Ich will ein Paar der beſſeren Nüſſe ſuchen.«⸗ Ich benutzte Honoriens Fortgehen, um ebenfalls meine Toilette zu machen. Das kühle Morgenbad in der See erquickte mich, daß ich mich wunderſam geſtärkt ——— Ardent Troughton. 69 fühlte. Durch meine erneueten Kräfte kühn gemacht, verſuchte ich ſogar einige Muſchelthiere am Felſen zu erreichen, allein ich konnte nicht lange genug unter Waſ⸗ ſer bleiben, um ſie abzulöſen. Ich ſagte Honoria nichts von meinem mißlungenen Verſuche, als ich zu ihr kam, und ſie unter dem Baume zu der Frucht deſſelben hiuaufblickte. Freilich hing die Frucht da, allein es iſt eine etwas ſchwierige Sache, zu frühſtücken, wenn die Speiſe dazu vierzig Fuß höher als der Mund befindlich iſt, der nach ihr lechzet. »Nun, Ardent?« „»Nun, Houoria? „Dort hängen eine Menge Nüſſe, deren Milch uns erquicken würde.« »Ja, wie erlangen wir ſie aber?« „Schüttele den Baum.« »Ich will's verſuchen.— Er ſteht unbeweglich wie ein Fels.« 3»Du mußt hinaufklettern, Ardent. Ich wußte nicht, ob ich klettern konnte, denn ich hatte es nie verſucht. Doch wandelten mich einige Zweifel deßhalb an. Die Stämme der Bäume waren alle glatt und kahl, und ach! mein Hände waren nichts weniger als gehärtet. Ich fürchtete, mein Klettern würde wie mein Schwimmen und Tauchen beſchaffen ſein. Dennoch verſuchte ich Erſteres, kam auch einige Fuß hoch mit den Füßen vom Boden, aber den Kopf brachte ich dabei um keinen Zoll höher. Die Naturkundigen mögen ſagen, was ſie wollen, der Menſch iſt nicht, wie der Bär, der Affe, oder das Eichhörnchen, ein Kletterthier. 4 Honoria mußte über unſere mißliche Lage lachen. Die Büßung, oder Sie bot mir ihre Schultern an, deren ich mich auch be⸗ diente. Dadurch erklomm ich etwa eine Höhe von fünf Fuß, rutſchte aber kläglich wieder hinunter und hatte mir die innere Fläche der Hände bös zerſchunden und mein Beinkleid ſchlimm zerriſſen. „Weich eine hülfloſe Kreatur iſt Dein Bruder,« ſagte ich, indem ich mich ſelber ſchmähete. „Keineswegs, denn Du biſt weder ein Affe noch ein Wilder. Mit der Zeit wirſt Du ſchon klettern lernen. Uns hungert, aber wir verzweifeln nicht. Wir können ja nur die innere Schale einer von den alten abgefalle⸗ nen Kokusnüſſen eſſen, und friſches Waſſer finden wir hald. Aber kannſt Du nicht mit einem Stocke oder Steine Nüſſe von den Bäumen werfen, wie in Spanien die Buben es mit den Kaſtanien machen?« Ringsum war weder Stein noch Stock. Die Bucht ⸗ itel weißen Sand am Ufer, und höher hinauf nichts als moosweichen Raſen; kein Kieſelſteinchen war zu erſpähen. Wir ſammelten daher drei oder vier der geſündeſten Nüſſe, und gingen nun landeinwärts, um friſches Waſſer zu ſuchen. Aus dem Umfange der weſt⸗ lichen Berge nahm ich ab, daß ein ſo großer Landſtrich, wie der, auf welchem wir uns befanden, nicht nur Bäche, ſondern wohl auch Fluͤſſe enthalten müßte, allein der Pflanzenwuchs war w dicht, daß wir nicht durch ihn hindurchdringen konnten. Indem wir unſere Speiſe trugen, gingen wir einige Schritte landeinwärts, da ſtand Honoria plötlich ſtill, und brach in ein ſchelmiſches Lachen aus.»Ardent,“ ſagte ſie,»wir ſind doch recht dumm, und werden uns nie darin finden, auf einer men⸗ ſchenöden Inſel zu wohnen. Könunen wir denn nicht mit der einen Kokosnuß die andere vom Baume ſchlagen?«— Ardent Troughton. 71 .„Ich wendete mich, ohne Luſt zu haben, an Hono⸗ riens Ausgelaſſenheit Theil zu nehmen. »Meine viehiſche Dummheit und mein gänzlicher Mangel an Erfindungsgeiſt werden Dich und mich noch dem Hungertode überantworten,“« ſagte ich.»Rings um mich und in der Luft und in dem Waſſer befindet ſich Speiſe, ich aber bin nicht Mann genug, ſie uns zu ver⸗ ſchaffen.« 4 Bei alldem ging ich rüſtig an's Werk. Von zehn Würfen mit einer abgefallenen Kokosnuß traf einer, al⸗ lein ohne daß eine Frucht ſiel, ſo feſt ſaß dieſe am Baume. Erſchöpft von dieſer ungewohnten Anſtrengung, brachte ich endlich ein Paar Nüſſe herunter, die voll ſchöner Milch waren. Honoriens Munterkeit regte mich zu immer erneuertem Werfen an, und als ich meinen Zweck erreicht hatte, jauchzte ſie auf, wie im Triumphe. Es war jetzt drückend heiß geworden; wir zogen uns daher in unſeren jüngſt aufgefundenen Seepalaſt zuruͤck, bohrten dann ein Loch in die Nüſſe, und trauren Lu kühlen, köſtlichen und erfriſchenden Saft derſelben. Ich fing jetzt an über Alles nachzudenken. Anſtatt, wie wir es geſtern gethan hatten, die Schalen der Nüſſe am Felſen zu zerbrechen, ſchnitt ich ſie jetzt in der Mitte rund herum ſo tief als möglich ein, und ließ ſie dann durch einen Schlag an den Felſen zerplatzen. Auf dieſe Weiſe verſchaffte ich uns zwei leidliche Becherſchalen mit Deckel. Nachdem wir jeder unſere Nuß verſchlun⸗ gen hatten, denn'gegeſſen“ würde ein zu ſchwacher Aus⸗ druck für das gierige Thun unſers Hungers ſein, dankten wir Gott in einem kurzen Gebete. Da ich ſah, daß meine Schweſter na immer in der heiterſten Laune war, reichte ich ihr mit meinem ernſte⸗ ſten Geſichte und mit tiefer Verbeugung meine beiden * Die Büßung, oder Becherſchalen und ſagte:»Erlauben Sie mir, Miß Troughton oder Trottoni, Ihnen zur Grundlage Ihres Hausrathes dieſe beiden Küchengeſchirre zu überreichen.« »Ich empfange die Gabe mit Dank. Sie iſt, wie Sie ſagen, Sennor, eine Grundlage. Was beginnen wir jetzt? Ich fühle mich ſtark und muthig genug, um Jegliches zu unternehmen.« »Es frenut mich, daß Du ſo ſprichſt, Honoria. Du ſollſt für unſer Mittagsmahl ſorgen. Arme und Schul⸗ tern thun mir weh von dem Werfen; vielleicht gelingt es Dir beſſer.« »Aber wenn nun alle jene Nüſſe aufgezehro ſein werden? Was dann? Auch dünkt mich, es wird mir nicht behagen, bloß von Kokosnüſſen zu leben, ſelbſt wenn wir ſie immer haben können.“« „Auch mich dünkt das,« verſetzte ich, indeſſen laß uns nicht zu früh lecker werden. Denken wir ſorglich über unſere Lage nach, Honoria. Wir bedürfen Nah⸗ rung, Bebleidung und Wohnung.« Wohnen wir nicht herrlich in dieſer köſtlichen Grotte?«⸗ »O ja, ſie iſt ein Palaſt für einen Meergott, und ſtände ſie an einem bewohnten, oder nur erreichbaren Ufer, ſo würden Tauſende zu ihr wallfahrten, um ſie zu bewundern; man würde mit allerlei Leckerbiſſen beſetzte Tiſche um ſie herum und in ihr aufſtellen, Tänzer wür⸗ den in ihren romantiſchen Hallen ihre Sprünge machen, und ihr ſchön ausgehauenes Dach von den neueſten und lieblichſten Muſikſtücken erklingen; doch meine ich nicht, daß irgend einem Menſchen einfallen würde, in ihr zu ſchlafen. Deine Kammer in der Felſenhöhlung, Hono⸗ ria, dürfte weit angenehmer ſein. So kühlend die Luft in dieſer Grotte iſt, ſo feucht iſt ſie, daß in derſelben ſchlafen, den Tod herbeiführen möchte. Nein, Honoria, — Ardent Troughton. 73 wir müſſen uns eine minderglänzende, aber zuſagendere Wohnung ſuchen.⸗ 3 »Von Herzen gern, Ardent. Dieß hier aber iſt un⸗ ſer Prunkſaal; abgemacht! Du wirſt uns eine beſcheide⸗ nere aber beſſer eingerichtete Behauſung mit Wohnge⸗ mach, Schlafzimmern und Küche erbauen. Wir wollen hier wie König und Königin leben.« »Ich, Honoria? ich ſoll bauen? Du ſpotteſt mein! Armes Kind der Verfeinerung und Civiliſation, das ich bin! O, daß Jugurtha hier wäre! Höre mich an, Honoria. In England giebt es eine Volksgeſchichte— die beliebteſte, die das Land hat, die jeder Engländer, der leſen kann, geleſen hat, die zu tauſend Malen nachge⸗ bildet und in jede lebende Sprache überſetzt worden iſt. Sie heißt die Geſchichte Robinſon Cruſoe's.« »Ich hörte von ihr, doch ward mir verboten, ſie zu leſen.« »Wohl, während wir hier Hand in Hand ſitzen, was ſchön und herrlich iſt, wenn wir dabei mit dem uns Nöthigen bedient wären, will ich Dir die Geſchichte, ſo gut ich mich ihrer erinnere, erzählen. Merke auf jeden kleinen Umſtand, und ſage mir Alles, was Dir etwa dabei einfallen möchte; denn fürwahr, ich bin ſchwach und hülflos wie ein Kind.« Ich erzählte, und ließ, wie ich glaube, beinen einzi⸗ gen Umſtand aus. Honoriens blaue Augen hefteten da⸗ bei feſt an meinem Blicke, doch ſprach ſie nicht, ſondern ſchüttelte nur dann und wann den Kopf. Sie ſah nichts Aehnliches zwiſchen uns und Robinſon. Als ich erläu⸗ terte, wie Robinſon angefangen hatte, ſein Zelt zu er⸗ bauen, unterbrach ſie mich, indem ſie mich fragte, wann wohl das Wrack unſers Schiffes an den Strand geſpült werden möchte, daß ich Beile und Hammer und Sägen —74 Die Büßung, oder erhielte?»Dieß zu erwarten,« antwortete ich,»wäre hoffnungslos, da wahrſcheinlich die munkere Sally“ jen⸗ ſeits des Riffes in die bodenloſe Tiefe ſank, und deren Trümmer vom Meeresſtrudel weit weggeriſſen worden waren.« Es lag in dieſer Betrachtung wenig Troſt, doch fanden wir ihn darin, als wir ein Weilchen dar⸗ über nachgedacht hatten. »Ich bemerkte,« ſagte Honoria,»daß während faſt alles Volk auf dem Schiffe ſich irgendwo angebunden hatte, unſer ſchwarzer Freund Jugurtha ganz frei um⸗ her lief.« 8— „Das ſah ich ebenfalls, Schweſter, und vermöge der Beſchaffenheit des Riffes, an welchem wir ſcheiterten, mußte das Schiff ſchnabelüberwärts verſunken ſein. Wir aber, die wir uns auf dem Taffarell, das heißt, auf dem außerſten Hintertheil deſſelben befanden, wurden ſonder Zweifel eben durch dieſen glücklichen Umſtand gerettet.« „Wo aber blieb Springer, unſer lieber, herrlicher Hund 2 „»Wahrſcheinlich kam er mit der Mannſchaft um, oder wenn er ſich rettete, jagt er nach Nahrung in jenen fernen Waldungen umher.« „Erzähle weiter von Robinſon Eruſoe,« ſagke meine Schweſter niedergeſchlagen. Ich kam im Verlaufe meines Erzählens zu der Stelle, wo Robinſon Fußſtapfen im Sande erblickte. Bei Nennung dieſes Umſtandes fuhren wir Beide auf⸗ „Ich Einfältiger!« rief ich.» Laß uns den Bucht⸗ ſand genau unterſuchen, Honoria; vielleicht enträthſeln wir zugleich den Biß in Deinem Nacken.“ Aber unſere Weisheit kam zu ſpät. Da wir den ganzen Tag lang uns auf kleinem Raume umher getrie⸗ ben, und nach jeglicher Richtung hin Schritte gemacht Ardent Troughton. 75 hatten, ſo konnten wir keine Fußſdüren als nur unſere eigenen auffinden. »Ach, Honoria, wir gleichen eher zweien Kindern, die ſich im Walde verliefen, als zwei verſtändigen, auf ſich ſelbſt angewieſenen Geſchöpfen. O, warum ward ich jemals geboren?« »Um mein Glück zu machen, Ardent!« Wir ſetzten uns wieder in die Grotte, und ich be⸗ ſchloß die Erzählung der Geſchichte Robinſons. »Ardent,“« ſagte Honoria jetzt,»ich muß geſtehen, daß unſere Lage wenig Aehnliches mit der des ebenfalls ſchiffbrüchig geweſenen Robinſon hat. Ihm trieb vom Wrack Alles zu— uns aber bietet ſich nichts davon. Alles, was die Geſchichte Dir nützen kann, iſt, daß Du ſchnell laufen und Lama's jagen lernſt, wie Robinſon Cruſoe.« »Du wirſt mich auslachen, Honoria. Ich bin nie⸗ mals barfuß gegangen, und ſieh! unſere Beider Schuhe ſind zerriſſen. Laß uns jetzt unterſuchen, was wir be⸗ ſitzen, um uns die uns fehlenden Fleiſcher und Bäcker, Zimmerer und Schuhmacher zu erſetzen. Zeige mir den Inhalt Deiner Taſchen, Honoria, das Geringſte kann jetzt uns nützlich werden.« Wir ſuchten und durchſuchten, allein der Erfolg da⸗ von war höchſt entmuthigend. »Ich habe nichts als ein Taſchentuch, einen kleinen Kamm, und Murray's abgekürzte Grammatik. Erſteres ſind ziemlich wohl erhalten; letztere beſudelt und halb zerriſſen.« Ich hatte Honoria täglich Unterricht in der engli⸗ ſchen Sprache ertheilt, und ſie trug daher ihr Lehrbuch gewöhnlich bei ſich. In meinen Taſchen fand ich eben⸗ falls nichts, außer einem einklingigen Federmeſſer, einem 76 3 Die Büßung, oder Taſchenkamm, einem ſilbernen Bleiſtiftgehänſe und einem Zahnſtocher von gleichem Metalle. Nur allzuwahrſchein⸗ lich war es, daß ich letzteren nicht ſehr durch Gebrauch abnützen würde. Als dieſe Unterſuchung vorüber war, ſtellte ſich drin⸗ gendes Verlangen nach einem Mittagseſſen bei uns ein. Von der Anſtrengung am Morgen war mein Arm ſo ſteif geworden, daß ich ihn kaum erheben konnte; wie ſollte ich unter brennender Sonnenhitze alte Kokosnüſſe nach friſchen in die Höhe ſchleudern. Ich klagte Hono⸗ ria mein Leid. 8 »Ich würde ſchon ſelbſt es verſuchen,“« verſetzte ſie, „wenn ich nur eine Kopfbedeckung hätte. Gewiß, ſo klein Dein Federmeſſer auch iſt, können wir doch wohl uns Hüte durch daſſelbe verſchaffen. Ich habe einen Einfall, Ardent. Komm mit zum Unterholze.“ Sie band ihr Tuch über den Kopf unter dem Kinne zu, faßte meine Hand, und leitete mich über den bren⸗ nenden Sand. Bei den Büſchen ließ ſie mich breite und lange Piſangblätter abſchneiden, die wir mit Hülfe von Faſern einiger Schlingpflanzen zuſammenhefteten, und dann uns über den Kopf banden, ſo daß wir uns dadurch zwei ungeheure, grüne, ſehr leichte und köſtliche kühle Schaufelhute verſchafften. Als wir unter dieſen weiter ſchritten, ſahen wir wie zwei rieſenhafte Gras⸗ hüpfer aus. „Wir müſſen täglich eine neue Mütze haben,« ſchä⸗ kerte Honoria. »Arge Verſchwenderin!« rief ich.»Sieh, wir ſind von Früchten umringt, laß uns pflücken und eſſen.« »Die Verſuchung iſt groß; aber kennſt Du die Na⸗ tur dieſer Beeren?«. „Nicht im Geringſten. So wenig als Du bin ich Ardent Troughton. 3 77 je zuvor in Tropenländer geweſen. Bloß die Kokosnüſſe kenn' ich aus Beſchreibungen. Fruͤchte, wie dieſe hier, müſſen, wenn ſie auch nicht giftig ſind, anfänglich uns gewiß ſehr ſchädlich ſein, und Krankheit hier iſt zuver⸗ läſſiger Tod.« »Aber ich habe in Büchern geleſen, daß Früchte, an denen Vögel pickten, den Menſchen nicht ſchaden können.« „Glaube das nicht, Honoria. Viele Thiere nähren ſich vom europäiſchen Nachtſchatten. Wünſcheſt Du aber gar zu ſehr von dieſen Beeren zu eſſen, ſo laß mich ſie zuvor verſuchen—« »Ardent, wie kannſt Du ſo grauſam ſein!« Wir ließen die lockenden Strauchbeeren hinter uns, und gingen zu unſerer Speiſekammer, den Kokosbäumen. Ich konnte den Arm nicht rühren, um auch nur den geringſten Verſuch zum Werfen zu machen. Honoriens Bemühungen dazu waren noch lächerlicher als die meini⸗ gen. Dieſe Nüſſe waren für uns eben ſo unerreichbar, als die goldenen Aepfel der Heſperiden. Wir begnügten uns demnach mit einigen abgefallenen ſaftloſen, die wir mitnahmen, um ſie in unſerem Seepalaſte zu verzehren. Unſer Hunger machte uns die Mahlzeit ſchmackhaft, die uns jedoch einen Durſt erzeugte, den zu löſchen, wir nicht gleich Mittel zur Hand hatten. „»Laß uns einen Quell ſuchen, Honoria,“« ſagte ich. » Unſere Becher werden uns von großem Nutzn ſein.« Nicht weit hatten wir zu wandern, um ein klares Gewäſſer zu finden, das über ein Felſenbett rieſelte, und in eine Art von Teich da auslief, wo der Moos⸗ raſen den Sand umgab. Das Waſſer war vollkommen geſchmacklos und köſtlich kühl. Dieſer Bach war uns ein wahrer Schatz. Wir tranken zu wiederholten Malen 8 Die Büßung, oder aus ihm, und freueten uns um ſo inniger, wenn wir dabei des verbitterten Tranks aus den Blätterkelchen von geſtern gedachten. »Jetzt, da wir uns erfriſcht fühlen, Honoria, wollen wir daran denken, Dir Dein Lager für die Nacht zu bereiten. Wir wollen ſorglich die kleinſten und trocken⸗ ſten dieſer abgefallenen Blätter ſammeln— doch was iſt das hier?« rief ich, als wir behutſam weiter in das Unterholz vordrangen.»Dieß muß ein Baumwoll⸗ ſtrauch oder etwas dem Aehnliches ſein. Wie ſanft und feſt und ſeidenartig iſt dieſe Frucht— und wie reichlich wächſt ſie hier! Honoria, heute Nacht ſollſt Du auf einem Dunenbette ſchlafen. Sieh ſcharf nach, daß kein Inſekt darin ſteckt. Das iſt wahrlich eben⸗ falls ein 2 lc Wir plüllderten jetzt mehrere Geſträuche, und tru⸗ gen die n llige Subſtanz in den Felsſpalt, wo ich mei⸗ ner Schweſter ein köſtliches Bette bereitete. Feſt entſchloſſen, ferner da zu ſchlafen, wo ich die vorige Nacht zugebracht hatte, nämlich unter der Fel⸗ ſenhöhlung Honoriens, machte ich mir ebenfalls ein ſol⸗ ches wolliges Lager zurecht. „Wir rücken bedeutend vor, Honoria,“« ſagte ich; „wir haben unſer Meerſchloß und unſer Binnenlands⸗ Scchlafgemach, unſeren Obſtgarten, unſer gutes Waſſer und keine ſchlechten Betten. Jetzt iſt Feuer das zu⸗ nächſt Wichtigſte, das wir uns verſchaffen müſſen. „Feuer iſt das vorzüglichſte Scheidezeichen zwiſchen dem Thiere und dem Wilden. Die roheſten Wilden haben es ſich zu verſchaffen gewußt. Zwar erzählt man Fa⸗ beleien von Wilden auf der Küſte von Magelhaen, die nicht eher das Feuer gekannt haben ſollten, als bis Europäer zu ihnen kamen; doch glaube ich davon nichts. —— — Ardent Troughton. 79 Gewiß, Honoria, leben auch ſolche Menſchen irgendwo, ſo wollen wir doch nicht ſo entartet wie ſie ſein— wir wollen uns Feuer anmachen. Laß uns etliche ganz trockene Blätter und Zweige, wie dieſe hier, ſammeln. So. Jetzt brauchen wir nur noch einen Feuerſtein. Ja, ja, es ſoll ſchön gehen! ſind wir nicht verſtändige und wohlerzogene Weſen? Am Ende kommen wir doch noch ohne den ehrlichen Jugurtha zurecht.« Der Gedanke an ein loderndes Abendfeuer und ge⸗ röſtete Kokosnüſſe zum Mahle machte mich ganz heiter. In der Abſicht, in der Grotte unſer Feuer zu zünden und dort zu Abend zu eſſen, trugen wir Alles, was wir für brennlich hielten, dahin. Dieß erforderte mehr⸗ maliges Hin⸗ und Hergehen. Endlich fehlte nichts mehr, als der Feuerſtein, welcher mir jedoch keine Sorge machte, da ich glaubte, ein Stückchen vom Fel⸗ ſen würde dieſelben Dienſte thun. Mit einem Granitſtücke und dem Rücken meines Federmeſſers ſchlug ich nun an einander, daß ich mir beinahe die Finger zerquetſchte, ohne daß ich einen ein⸗ zigen Funken in das ausgebreitete dürre Laubwerk hätte fallen laſſen können. Meine Schweſter löſete mich in dem Verſuche ab, doch waren alle unſere Be⸗ mühungen fruchtlos. Wir wunderten uns über unſer Mißgeſchick. Robinſon Cruſoe und alle andere ſchiff⸗ brüchige Seeleute hatten ſo leicht Feuer geſchlagen. Wir konnten nicht umhin, uns für unbeſchreiblich dumm zu halten. Mich ſchlug dieß Mißlingen gewaltig nieder. Ich konnte meinen Verdruß nicht verbergen, und wäre um ſo eher in Zorn gerathen, als ich ſah, daß Honoria große Luſt hatte, mich auszulachen. Mir fiel nun ein, daß, wenn man zwei Stücke Holz an einander riebe, Die Büßung, oder es einen Brand hervorzubringen pflegte. Ich rieb aus Leibeskräften, rieb mir aber nichts als Aerger heraus. Ich machte die Hölzer warm, aber das war Alles. Ich ſah mich in die Nothwendigkeit verſetzt, mich noch nicht ganz und gar für einen Wilden zu halten. Nach allen dieſen vergeblichen Verſuchen und An⸗ ſtrengungen, die ich gewiſſermaßen der Steifheit meines rechten Armes zuzuſchreiben hatte, ward ich ſchweig⸗ ſam und ſchwermüthig. Ich ſehnte mich nach Geſpräch, mochte aber keinen Gedanken lautwerden laſſen, denn ich dachte nur an die Zukunft, an die trübſelige Zu⸗ kunft, die unſer harrte. Nichts half es, daß Honoria tröſtend mir verſicherte, ſie mache ſich nichts aus dem Feuer, und daß ſie hoffte, es würde uns morgen viel⸗ leicht beſſer glücken. Gegen Abend fühlte ich mich völ⸗ lig elend, und die Sonne ging an dieſem zweiten Tage meines Aufenthalts auf der Inſel über meinem Miß⸗ vergnügen zur Ruhe. Wir aßen nicht zu Abend— ich nicht, weil meine Bekümmerniß mich nicht eſſen ließ, und Honoria nicht, weil ſie mich traurig ſah. So gebeugten Gemüths und ſo körpermüde ich auch war, unterließ ich doch nicht, mit Honorien andächtig zu beten, bevor wir uns zur Ruhe legten. Nach voll⸗ endetem Gebete hob ich meine Schweſter in ihr Fels⸗ bett, das ihr, wie ſie ſagte, wie Dunenlager zu ſein ſchien. Ich flehete Gott an, ſie zu ſegnen, wünſchte ihr gute Nacht, und ſtreckte mich dann ebenfalls zur Ruhe nieder. —— Ardent Troughton. 81 Siebentes Kapitel. Obwohl ich weit beſſer, als in voriger Nacht, lag, währte es doch lange, ehe ich einſchlief. Honoria klagte nicht wieder über das Brauſen der Brandung, ſondern entſchlummerte faſt gleich, nachdem ſie ſich niedergelegt hatte. Ich lag und ſann über alle denkbaren Möglich⸗ keiten nach, uns Feuer zu verſchaffen. Glaslinſen, um die Sonnenſtrahlen aufzufangen, hatte ich nicht. Feuer von aller Natur und Farbe kam mir in den Sinn— Raketen, Schwärmer und römiſche Lichter tanzten vor den Augen meines Geiſtes; ich gelangte aber durch nichts von dem Allen zu einem zweckfördernden Einfall. Ich gedachte ſogar des Selbſtverbrennens, allein hätte ich aus Liebe zu meiner Schweſter aus mir ſelber ein Freudenfeuer machen wollen, ſo fehlte es mir doch au dem Spiritus, um meinen Leib damit zu ſättigen. End⸗ lich entſchlief ich unter Spiegelfechtereien von griechi⸗ ſchem Feuer, brennenden Schiffen, zuckenden Blitzen und flammenſpeienden Vulkanen. Dieſe Gebilde müſ⸗ ſen mich die ganze Nacht hindurch beſchäftigt haben, denn es war hell am Morgen, als dieſe meine Träume einen friedlichen und ländlichen Charakter annahmen, ſo daß mir war, als ſtände ich auf irgend einem viel⸗ betretenen Feldwege bei Islington, und ſähe gemäch⸗ lich einen feuchten Heuhaufen brennen. „»Ich hab's gefunden!« ſchrie ich, und fuhr aus dem Schlafe auf. 3 Ardent Troughton. III. 6 Die Büßung, oder zas haſt Du gefunden, mein Ardent?« rief eine Schweſter, deren hübſches Geſicht aus Ihrer elsſchlucht hervorguckte. »Wie wir ein gutes Feuer anmachen. Im Wachen in ich ein Narr, im Traume aber ein Weiſer. Sieh, die Fonne ſteht ſchon hoch; eilen wir, zu baden und zu(ühſtücken. Dieſer dritte Tag beginnt glorreich. Heute Mittag, Honoria, haben wir Feuer und gerö⸗ ſtete Muſcheln. Jetzt wird's uns recht wohl gehen. Haben wir Feuer, ſo können wir uns Alles verſchaffen.« »Auch die Kokvsnüſſe von den Bäumen?« „ Freilich— wir legen Feuer um den Baum berum, vis er abbrennt oder ſtürzt.« * pilf mir hinunter, Ardent.« 4 ſte Tag fand uns überwältigt von Muͤdig⸗ keit und ken megs im Wohlſein. Die welken, ver⸗ trockneten Kokosnüſſe en uns an. Waſſer, klares Waſſer, nächſt anenlichte die beſte Gabe, die jemals dem N. eicht werden kann, war unſere einzige Labu Ermhſam als wollte er unſerer Leiden ſpotten ze te dieſer Tag ſich heller und ſchöner noch, als die iden vorhergehenden geweſen waren, die wir in dieſem einſamen Paradieſe zugebracht hatten. Faſt der ganze Tag ging mit fruchtloſen Verſuchen, uns Feuer zu verſchaffen, hin. Unſer Mißgeſchick ver⸗ größerte ſich auch noch dadurch, daß unſere zerriſſenen, von Salzwaſſer durchdrungenen Schuhe nicht mehr hal⸗ ten wollten. Das Wenige, das von ihnen noch übrig war, ſcheuerte uns auf klägliche Weiſe die Füße ſo wund, daß wir es vorziehen mußten, barfuß zu gehen. Dadurch wurden wir auf einen nur kleinen Raſenfleck beſchränkt. Auf dem glühenden Sande war nicht zu ſchreiten, und in den Buſch hätten wir nicht dringen Ardent Troughton. können, ohne uns die Sohlen an tauſendfältigegs: cheln und Dornen zu verletzen. Unſer Elend bedräng uns von allen Seiten. Auf einer Inſel, vielleicht ar einer Feſtlandsküſte von unabſehbarem Umfange, ſah wir uns auf eine kleine Ebene beſchränkt, wie Seekälbe in einer Meereshöhle; aber, ach! nicht wie dieſe am⸗ phibiſchen Ungeheuer konnten wir uns Land und. Waſ⸗ ſer zu Nutze machen.“ Ich ſchloß auf mein eignes Ausſehen von dem Ho⸗ noriens. Bleich, ermattet, aber reſignirt, ſaß ſie neben mir, ihren Kopf an meine Schulter gelehnt, wenn ich nicht abweſend war, um ihr vom Quellbache friſches, eiskaltes Waſſer zu holen, oder nicht meine kindiſche, Verſuche zum Feueranmachen wiederholte. 3 Und bitter, bitter zum Tode waren di gen, die ich anſtellte. Meine eigen 3 it, meine gänzliche Werthloſigkeiths zren die größten Mar⸗ tern für meine Seele. Vor Saien Blicken ſchwebte nichts, als langſames Hinſtenhen die ſchrecklichſte Raſerei deſſen von uns Beidenn er Anderen um eine kurze Spanne Zeit überleben würde. a Ich häufte unausſprechbaren Hohn auf egn eigenes Haupt. Ich, ein Mann in Fülle der Kraft, ich, der ich einſt ſo ſtolz auf die Rüſtigkeit und Stattlichkeit meiner Perſon geweſen war— ich ſah mich in ein Elyſium verſetzt, um in demſelben zu verhungern— und mit wem? Ach, mit meiner Schweſter, deren Daſein der eine große Pulsſchlag meines Herzens war! Elender Ardent! Der wilde Indianer, deſſen Sprach⸗ lehrbuch aus dem Geplapper weniger Worte beſteht, war gegen mich zweifach ein König— ein Held— ein Engel. Die kleinen grünen Affen ſogar, die in ihrer Wildheit ſich von Baum zu Baum ſchwangen, waren 6* Die Büßung, oder in der Lage, in welcher ich nich jetzt befand, mir un⸗ endlich überlegen. Bald glaubte ich nicht im Geringſten an alle die Berichte, die ich über Schiffbrüchige und Verſchla⸗ gene, wie wir es waren, jemals geleſen hatte; bald wieder hielt ich ſie für die zuverläſſigſten Wahrheiten, und häufte Schmach ſonder Maß auf mein Haupt, daß ich um ſo ſchwächer und unerfinderiſcher als meine Mitmenſchen wäre. Ich war die Beute jedes wider⸗ ſtreitenden Gefühls, durch das mein eigenes Daſein mir zuwider gemacht ward— ein Daſein, das ich doch nicht aufgeben konnte, ſo lange ich das ſchwache, aber unausſprechlich ſchöne Weſen, meine geliebte Honoria, neben mir ſah. Ich muß hier bemerken, daß, ſo weit meine Wahr⸗ nehmung reichte, der Ort, an welchem wir uns befan⸗ den, durchaus frei von Muſkitos und Sandfliegen war, die bekanntlich ärger ſind, als die ägyptiſchen Plagen. Wären auch dieſe noch unſere Peiniger geweſen, ſo würden wir ſicher unſerem Elende haben erliegen müſſen. Gegen die Abenddämmerung ſank meine Schweſter in Schlaf. Voll Unwillen über meine Nutzloſigkeit und voon Selbſtvorwürfen zernagt, beſchloß ich, trotz dem brennenden Sande unter meinen Sohlen, und auf die Gefahr hin, von giftigen Kriechthieren im Schilfkraute und Graſe gebiſſen oder geſtochen zu werden, nach ir⸗ gend einer anderen Speiſe zu ſuchen, durch welche Ho⸗ norieus Eßluſt gereizt werden möchte, und die, vermöge ihrer Aehnlichkeit mit denjenigen Früchten, die ich kannte, für heilſam zu erachten ſein dürften. Von dem Piſang und dem Banana wußte ich, daß, in Folge über ſie geleſener Beſchreibungen, ich ſie erkennen Ardent Troughton. 85 müßte, ſobald ich ſie nur erblicken würde. Schon war mir eine edle großblätterige Pflanze aufgeſtoßen, die ich als zur Gattung des Piſang gehörend angeſehen hatte; auch glaubte ich, daß ich in Bezug auf die Guava mich nicht irren würde. Auf dem Sande, der das Dickicht umgab, litt ich viel; als ich aber tiefer in's Innere gelangte, wo Baͤume und Sträuche noch ungleich höher waren, konnte ich beſſer fortkommen. Einige Früchte koſtete ich, ohne ſie zu verſchlucken. Meiſtentheils waren ſie kühlend für den Gaumen und von mildem, ſäuerlichen Geſchmacke. Von der Köſtlichkeit des Laubwerks rechts hin von mir angelockt, wendete ich mich dahin, und fand zu meiner unausſprechlichen Freude nicht nur eine Fülle von Banana's, ſondern auch viele Waſſermelonen. Mit dieſen köſtlichen Früchten verſah ich mich reichlich, und trug ſie Honorien auf, noch ehe dieſe erwacht war. Kurz vor Sonnenuntergang erwachte meine Schwe⸗ ſter unter heftigem Fieberdurſte. Wie lieblich dankbar blickten ihre ſanften blauen Augen, als ſie erſt auf die friſchen Früchte, dann auf mich fielen! Unſere Seelen ſchwelgten in einem Glücke, mit dem unſere Körper nichts zu ſchaffen hatten, und dieß beſeligende Gefühl bedünkte uns eine Zuſicherung zu ſein, daß, wenn unſer Unſterbliches ſich von dem Irdiſchen gelöſ't haben würde, eine nimmer ſchwindende Seligkeit unſer wartete. So beſtätigte Natur uns die wohlwollenden Lehren, die uns von dem Glauben eingeprägt worden waren. Reichlich genoſſen wir an dieſem Abend von der neuen Speiſe, und unſer Odem war Dank gegen Gott, ehe wir uns an unſere beiderſeitigen Schlafplätze be⸗ gaben.. Am folgenden Tage fühlten wir uns krank— ach! * Die Büßung, oder wie elend krank! kaum vermochten wir, uns, Eins vom Andern unterſtützt, unſerer Grotte zuzuſchleppen. Von der Frucht von geſtern war reichlich übrig geblieben, allein wir ſpürten keine Neigung, davon zu eſſen. Un⸗ ſer Geſchrei war nach Waſſer gerichtet. Wie beſchreib' ich das Weh meines Herzens, als ich fühlte, daß ich ohnmächtig niederſank, ehe ich die Quelle erreicht hatte, aus der ich uns unſern einzigen Labe⸗ trunk holen wollte? Mir war, als preßte der Tod mich an ſeine eiskalte Bruſt. Angſt um meine Schwe⸗ ſter— ich weiß keinen anderen Grund anzugeben— ließ mich mich aufraffen, ſo daß ich nicht nur das Ge⸗ wäſſer erreichte, ſondern auch Honorien Fülle des Er⸗ quickungstrankes brachte.— Doch wozu die vielen Tage einzeln ſchildern, die wir im Elende, heute krank, mor⸗ gen noch kränker, hinbrachten? Honoriens Schönheit ſchien allgemach gänzlich ſchwinden zu wollen. Ihr Haar ward verwirrt, ihre Stimme klang hohl, Ausſatz bedeckte ihre ſonſt ſo blendend weiße Haut. Wirklich, von ihrer Schönheit blieb ihr nichts, als ihre großen blauen Augen, die nur um ſo heller zu ſtrahlen ſchie⸗ nen; mich dünkt, ſie wurden größer in dem Maße, in welchem meine blühende Schweſter zum Gerippe ab⸗ magerte. Mein Herz weinte Blut, ſo oft ich ſie anſah. Ich ſelbſt gab einen ſcheußlichen Anblick ab. Meine von Natur dunkle Geſichtsfarbe hatte ſich da, wo die Haut der Sonne preisgegeben war, beinahe zu ſchwarz oder doch ſchwarzroth verwandelt. Das Kinn war mir mit ſtruppigen Haaren bewachſen. Dazu hagerte ich nicht weniger, als Honoria; doch ſah dieſe in ihrem Hinſchwinden menſchlich aus, denn ſie erinnerte an Tod und Grab; ich aber ließ faſt nichts Menſchliches mehr an mir wahrnehmen. Wohl kann ich ſagen, daß Ho⸗ 1 4 /— V—ÿ—ÿ—ͦ—ꝛ-—— Ardent Troughton. 87 noria und ich nur für einander lebten; denn haͤtte Ei⸗ nes von uns nicht gelebt, würde das Andere ſich ru⸗ hig zum Sterben hingeſtreckt haben. Dennoch können nicht alle Erzählungen von Schiff⸗ brüchigen an unbewohnten Orten erlogen ſein— warum waren wir denn in ungleich ſchlimmerer Lage, als alle jene anderen Unglücklichen? Ich kann nur antwortken, daß entweder mein Geiſt zu ſchwach zum Erfinden, oder daß ich zu ſehr Ariſtokrat war, den man von der Wiege an dazu erzogen hatte, von der Arbeit anderer Menſchen zu leben. Daß ich, ſelbſt neter den günſtig⸗ ſten Verhältniſſen, von meiner eigenen Handarbeit nicht hätte leben können, lag am Tage. Da weder Honoria noch ich an Stärke zunahm, ſo begannen wir allen Ernſtes zu denken, daß unſere letzte Stunde ſchnell herannahete. Jetzt regten ſich jene ge⸗ heimnißvollen Gefühle angeborner Keuſchheit, die nim⸗ mer von einem Weibe weichen, bevor ſie nicht jede an⸗ dere Tugend von ſich abgeſtreift hat. Während meine Kleidung faſt nur aus Lumpen beſtand, hatte Honoria die ihrige ſo zu erhalten geſtrebt, daß ſie von ihrem Matroſenanzuge anſtändig bedeckt ward. Wie ſie dieß ohne dazu nöthige Werkzeuge anſtellte, vermag nur ein Frauenzimmer zu erklären. Während ich jedoch oft müßig daſaß, hatte ſie, ſo krank ſie ſich fühlte, aus den Faſern der Kokosnuß ſich lange Fäden zu drehen gewußt, die von ziemlicher Stärke waren. 4 Auf den Gang der Zeit achtete ich nicht. Minde⸗ ſtens aber müſſen wir vierzehn Tage ſo zugebracht ha⸗ ben. Endlich ſchien der Tod unvermeidlich, ja ſogar wünſchenswerth. Honoria ſagte, ſie wüßte, daß ſie zu⸗ erſt ſterben würde; ſollte jedoch der Tod mich früher hinnehmen, ſo würde ſie zuverläſſig mich keine Stunde Die Büßung, oder überleben. Am meiſten aber quälte ſie jetzt der Ge⸗ danke, daß nach ihrem Sterben ſie unbegraben würde daliegen müſſen. Wie ſehr ich dagegen vernünftelte, beruhigte ich ſie doch nicht darüber; ja, ich machte ſie nur noch ungeduldiger, ſo daß ſie endlich ihr Geſicht an meine Bruſt legte, und weinend mich anflehete, ein Grab für ſie zu graben. Sie ließ von dieſer Bitte nicht ab; ja, wollte mit den letzten Trümmern ihrer Kraft mir in Erfüllung derſelben beiſtehen. Jede Mar⸗ ter konnte ſie ertragen, nur nicht die quälende Vorſtel⸗ lung, wehrlos auf dem kahlen Sande zu liegen. Ver⸗ gebens richtete ich ihre Aufmerkſamkeit auf die kühle Grotte oder auf ihre Felſenkammer, als auf ein größe⸗ res Grab; ſie wollte dem Blick entzogen ſein, obſchon wir uns an einem Orte befanden, an welchem wahr⸗ ſcheinlich noch nie ein Menſchenauge umhergeſchaut hatte und ſchwerlich jemals umherſchauen würde. O, dieſes Grabgraben! Dennoch mußte es gethan werden. Viele haben aus Liebe zum Tode oder aus tiefem . Religionsgefühle ſich bei ihrer Lebenszeit ihre Grab⸗ ſtätte zurichten laſſen; allein bei mir herrſchte weder ſolche Liehe noch ſolches Gefühl vor; ich glaube wohl, daß ich den Tod nicht fürchtete, doch weiß ich, daß ich nicht auf ihn hinblicken mochte. O, wie bitterlich be⸗ klagte ich meine Hülfloſigkeit. Kann ländliche Umgebung uns mit der Gruft ver⸗ traut machen, ſo hatten wir bald eine Stätte gefunden, die als unſere künftige Ruheſtatt uns im Leben nichts zu wünſchen übrig gelaſſen haben dürfte. Nahe dem Quell, wo dieſer in den Sandteich ſich ergoß, war ein ſtilles, von den ſchönſtblühenden Geſträuchen umringtes Plätzchen; eine Einſamkeit in der Einſamkeit, die von heiligem Frieden zeugte. Wir beſchloſſen, daß an die⸗ Ardent Troughton. 89 ſem Oertchen unſere Ueberreſte neben einander dem Staube zurückgegeben, und von tauſendfachem Blüthen⸗ duft umhaucht werden ſollten. Nach dieſem Beſchluſſe war es, als ob Honoriens geſunkener Muth ſich kräftig wieder erhob. Sie ſagte mir, ihr wäre, als ob ſich ihr die Thür eines freund⸗ lichen Hauſes geöffnet hätte. Mit dem aufkeimenden Muthe kehrte ihr einigermaßen die Eßluſt zurück. Nach etlichen Stunden befand ſie ſich erſichtlich wohler, ward aber verdrießlich, als ich andeutete, daß dieſes Anfertigen ihres Grabes das Mittel abgeben würde, daß ſie keines Grabes bedürfte; ſie beſtand jedoch dar⸗ auf, daß wir bald würden ſterben müſſen, und bat mich, keine Zeit zu verlieren, dafür zu ſorgen, daß wir mit Anſtand abſcheiden könnten. Ich hatte geglaubt, einige Charakterfeſtigkeit zu be⸗ ſitzen— arge Täuſchung! Ich muß von jeher ſchwacher und knabenhafter Natur geweſen ſein; denn um tapfer, oder rührig, oder geiſtig thätig zu ſein, bedurfte ich je⸗ derzeit dazu ſtarker Anregung von außen. In mir ſtrömte kein lebendiger, ſelbſtwirkender Quell. Warum gab ich ſonſt das kindiſche Spiel des Grabmachens zu? warum ſonſt half ich ſogar dabei? Jeder meiner Ner⸗ ven, jeder Pulsſchlag meines Herzens hätte auf das Aeußerſte von mir angeſtrengt werden ſollen, um mich zu bemühen, meine hinſterbende Schweſter aufzurichten und zu kräftigen.— Thor, feiger Thor, der ich war! Wir hatten große platte Muſcheln, die am Strande in Fülle vorhanden waren, geſammelt, und mit dieſen, wie mit Schaufeln, begannen wir unſer Todtengräber⸗ werk, das freilich einen ſehr langſamen Fortgang hatte. Zwei Tage lang trieben wir es, und beſſerten offenbar dadurch unſern Geſundheitszuſtand; denn das Eſſen 90 Die Büßung, vder ſchmeckte uns beſſer und wir ſchliefen feſter. Am drit⸗ ten Tage ſchämte ich mich des Grabgrabens. »Komm, Honoria,« ſagte ich, als wir Beide bei Sonnenaufgang aufgeſtanden waren;»nichks von Tod⸗ tengräberei heute— ſie widert mich an.« »Gut, Ardent; Dir zu Gefallen wollen wir nur heute früh eine Stunde lang, und heute Abend im Kühlen wieder eine graben. Das wird köſtlich ſein.⸗ »Köſtlich— hm! Mich dünkt, köſtlicher würde es ſein, wenn wir einen Schluck friſche Kokosnußmilch er⸗ langen könnten. Dort hängt die lockende Frucht, wäh⸗ rend wir wie Würmer in der Erde wühlen. Mißlingt unſer Verſuch— ſo hat's weiter nichts auf ſich, als daß er mißlingt. Dann wollen wir in der kühlen Abendſtunde den Felſen rechts zu erklimmen trachten, um zu entdecken, wie's um uns her weiter ausſieht. Laß uns munter ſein, ſo werden wir der Gräber noch lange nicht bedürfen.« »Wie Du willſt. Ich hoffe, dieſe Stärke und die⸗ ſer Muth werden ein Weilchen anhalten. Ich fühle mich wirklich ein wenig beſſer. Bei alledem glaube nur, daß uns wenig oder keine Hoffnung bleibt. Könn⸗ teſt Du Dich ſelber ſehen, Du würdeſt vor Deinem An⸗ blick erſchrecken.« »Laſſen wir die Komplimente bei Seite, Schweſter⸗ chen. Wir wollen beten, uns baden, und dann zu den Bäumen! So lange noch ein Stückchen Fleiſch an meinen Händen und Füßen bleibt, will ich verſuchen, den niedrigſten Baum zu erklimmen.« Wie geſagt, ſo gethan. Die am niedrigſten hän⸗ gende Frucht war wenigſtens fünfunddreißig Fuß hoch von uns entfernt. Wir konnten nicht die Rolle des hochſinnigen Fuchſes ſpielen, der die Trauben, die ihm Ardent Troughton. 91 zu hoch hingen, für ſauer erklärte. Als mir die Fabel einfiel, konnte ich nicht unterlaſſen, meine Schweſter an dieſelbe zu erinnern. Honoria lächelte darüber— zum erſten Male ſeit vielen Tagen. „»Bei dieſem holden Lächeln, Honoria, ſchwör' ich, ich will dieſen Baum erklettern, oder an ſeinen Wur⸗ zeln mich hinſtrecken und ſterben!« „Kein vorſchnelles Gelübde, Ardent! ſonſt lächle ich nicht wieder! Halt ſtill! ich habe einen Einfall. Dieſe Bindfäden, die ich aus den Kokosnußfaſern machte— ſchlinge Knoten hinein, befeſtige an das Ende ſolchen Strickes einen Stein, und wirf dieſen in den Baum, bis der Strick ſich um einen ſtarken Aſt dicht am Stamme ſchlingt, und dann hilf Dir an ihm hinauf.« „Vortrefflich, mein Schutzengel!« rief ich voll Ent⸗ zücken. Nach einigen Verſuchen hatte der Strick ſich oben feſtgeſchlungen; ich wickelte ihn um den glatten Stamm, und half mir ſo mittelſt der Knötchen in das Dickicht des Baumes. Keine Nuß, die ich erreichen konnte, blieb ſitzen. Bei dieſer Gelegenheit ſchaute ich auch umher, machte jedoch keine beſondere Ent⸗ deckung, als die, daß der Wald hinter uns immer dichter zu werden ſchien. Ich klomm nun wieder zur Erde. Meine Füße bluteten, denn ſie waren zerſchunden, wor⸗ über meine Schweſter ſich mehr betrübte, als ſie ſich über die Fülle unſerer Ernte freuete, die uns aller⸗ dings reiche Mahlzeiten zuſicherte. Bei alledem nahm ich die Sache leicht, wickelte mittelſt einiger Fäden ein Stückchen von meinem Hemde um meine wunden Füße, nahm eine ſtolze Miene an, und verwarf für heute al⸗ les Grabgraben. Wir begaben uns in die Grotte, wo wir hochlebten und den Tag mit Verfertigung von Bind⸗ fäden und bei leidlich fröhlicher Unterhaltung hinbrachten. * Die Büßung, oder Tags darauf ſchien der Geiſt des Scharfſinns über uns gekommen zu ſein; denn in meinen kühnen Er⸗ wartungen von meiner heutigen Rührigkeit ging ich ſo weit, daß ich Honoriens Fuß maß, um ihr ein paar Sandalen zu verſchaffen. Es fehlte an nichts, als an den Sohlen dazu; Stricke, um ſie zu befeſtigen, hatten wir. Sonder Zweifel vom heil. Criſpin begeiſtert, machte ich, nachdem ich meine Schweſter beſchworen hatte, die kühle Grotte nicht zu verlaſſen, bevor ich zu⸗ rückgekehrt ſein würde, mich auf den Weg in das Dickicht. Ich wollte mit meinem Federmeſſer einen genügend dicken Baumaſt abſchneiden, um aus deſſen innerer Rinde ein Paar Sohlen zu erhalten; allein mein Meſſer gab ſolche Neigung zum Abbrechen zu erkennen, und die Arbeit ſchien ſo endlos werden zu wollen, daß ich mich gezwungen ſah, mein denkwürdiges Vorhaben aufzugeben. Dennoch ſchnitt ich mir einen derben Stock ab, an dem ſich mehrere Haken befanden, und ſchälte nun mit meinem Meſſer ſo viele äußere Baumrinde, die freilich bröckeliger als der innere Baſt war, ab, als ich zu meiner Schuſterei erforderlich glaubte. Mit alledem, und außerdem mit friſchen Kokosnüſſen bela⸗ den, kehrte ich nach fünfſtündiger Abweſenheit müde, aber frohherzig, in unſern Meerpalaſt zurück. Wie groß war meine Verwunderung, als ich an den Füßen meiner Schweſter die köſtlichſten Sandalen aus Perlmutterſchalen erblickte. „»Welche Nymphe des Oceans hat meiner ſchuldloſen Schweſter dieß huldvolle Geſchenk gemacht?« fragte ich, als Honoria, die auf ihrer Felsbank ſaß, mir mit hol⸗ dem Liebreiz das ſchönſte Füßchen entgegen hielt, das jemals mit einer Sandale bekleidet war. „»Ardent, das nämliche Weſen wird Dir ähnliche Ardent Troughton. 93 Sandalen machen. Ich verſichere Dir, daß ſie überaus kühl an den Füßen ſind.«. Honoria hatte von den am Strande umherliegenden Perlmutterſchalen ſich ein Paar geſammelt, die für ihren Fuß nicht zu klein waren, am Felſen ſie abgeſchliffen, einige Löchlein hineingebohrt, und durch dieſe einige von ihren Fäden gezogen, ſo daß ſie die Sandalen ſchlittſchuhartig unter ihre Füße hatte befeſtigen kön⸗ nen. Wir konnten nun hoffen, bald durchaus keinen Mangel an Fußbekleidung zu leiden. Wir brachten den Nachmittag in Heiterkeit zu, ob⸗ wohl wir uns bei nutzloſen Verſuchen, uns Feuer zu verſchaffen, abquälten. An das Grabgraben ward je⸗ doch den lieben langen Tag hindnrch mit keinem Ge⸗ danken gedacht. Folgenden Tages verbeſſerte ich meine Schnur zum Erklettern der Bäume ganz beſonders dadurch, daß ich Stäbchen von Baumäſten hineinknüpfte, wie wohl Kna⸗ ben den Schweif eines Papierdrachen zu verfertigen pflegen. Doch das war nicht Alles. An dieſem denk⸗ würdigen Tage verſah ich mich zum erſten Male mit einem Auſtern⸗ und Muſchelnſchmauſe; denn lockend hingen der Schalthiere viele an den in's Meer vor⸗ ſpringenden Felſen. Unter meiner Anleitung hatte Ho⸗ noria bald einen Netzkorb zu Stande gebracht, der zwar plump genug ausſah, in den jedoch die Thiere hinein⸗ fielen, die ich mit dem Hakenſtocke, an den mein Netz gebunden war, von der Felswand abſtieß. Das war wiederum ein köſtliches Mahl. Bei der Haſt, mit welcher ich, um Honorien die Erſtlingsgabe meines geiſtreichen Einfalls zu überreichen, eine der Au⸗ ſtern öffnen wollte, hätte ich beinahe mein Federmeſſer, dieß uns ſo überaus nützliche Werkzeug, abgebrochen. 94 Die Büßung, oder Nur durch Honoriens Beſonnenheit ward es gerettet. Wir rieben oder ſchliffen die Schalthiere am Felſen, bis wir ſie leicht öffnen konnten. Wir fingen, wie mich dünkt, ſchon an, rühmliche Nachahmer Robinſon Cruſoe's zu werden. Nur das Feuer, das Feuer! daran fehlte es uns! Wie herzlich würde ich ein Don⸗ nerwetter begrüßt haben, wenn es einen ſeiner Blitze in den Stamm irgend eines alten Baumes geſchleudert hätte. Bisher war das Wetter köſtlich geweſen: heiß, brennend heiß um Mittag, aber dadurch ward uns un⸗ ſere kühle Grotte um ſo werther gemacht. Kaum daß wir eine einzige Wolke an dem klarblauen Himmel über uns hatten hinziehen ſehen. Nachts fiel freilich ſchäd⸗ licher Thau, gegen den wir jedoch, Honorie in der obe⸗ ren, ich in der unteren Felshöhle, wohl geſchützt waren. Im Ganzen muß ich ſagen, daß Gewohnheit uns un⸗ ſern Zuſtand allmälig immer erträglicher machte, ſo daß ich mich mit großen Projekten herumtrug, und ſogar den Entſchluß gefaßt hatte, ſobald die Wunden meiner Füße geheilt ſein würden, mich mit einem zugeſpitzten Baumaſt zu bewaffnen, und, einem zweiten Nimrod gleich, in den Wald zu ſtreifen. .» Ardent Troughton. 95 Achtes Kapitel. Noch zwei Tage vergingen mir unter dieſen Aus⸗ ſichten bei Kokosnußſammeln und Auſternfiſchen, wäh⸗ rend meine Schweſter Schnürchen drehete und Flecht⸗ werk machte. Gegen Abend des zweiten Tages kältete ſich zum erſten Male, ſeitdem wir an den Strand ge⸗ worfen waren, das Wetter über die Maßen, bergehoch ſtieg die Brandung, und der Regen fiel nicht in⸗Tropfen, ſondern gußweiſe. Die Waſſer ſtiegen hoch über das Riff, überſpülten unſere Sandbucht, und ziſchten und bellten bald durch die Spalten unſerer Grotte. Kaum daß ich ein Häufchen Bindgarn retten konnte, das auf der Flur unſers Palaſtes lag, der jetzt uns keine Freiſtatt mehr bot. Trotz dem Regen mußten wir landeinwärts zu den Felſen wandern, in deren Höhlen ſich unſere Schlaf⸗ kammern befanden. Durchnäßt und entmuthigt, konnte ich nichts Beſſeres thun, als meine Schweſter in ihre Niſche ſchieben, und deren Oeffnung mit ſo vielen grü⸗ nen Blättern, als ich deren pflücken konnte, gegen das Eindringen des ſchneidend kalten Windes zu verſtopfen ſuchen. Allein, wie Alles naß war, ſo waren es auch dieſe Blätter, ſo daß ſie von meiner armen Schweſter wohl den Wind, nicht aber die Feuchtigkeit abhielten. Ich ſchlief während dieſer ganzen Nacht nicht, ſondern wanderte auf und ab vor meiner Felshöhle, und redete mit Honorien, ſo oft ſie mir zuſprach. Sie klagte nicht, doch als der Tag grauete, ſagte ſie, ſie füͤhlte ſich gliederſteif und ſehr zum Schlafe geneigt. 96 Die Büßung, oder Mit Sonnenaufgang legten ſich Wind und Regen; die Luft ward wieder warm, balſamiſch und wohlthätig. Die Brandung heulte noch, allein dieß Heulen war auch das Einzige, wodurch Kunde von dem Sturme während der vergangenen Nacht gegeben ward. Je wärmer es ward, deſto erquickender dufteten Blumen und Geſträuche. Ich hob die noch ſchlafende Honoria aus ihrer feuchten Kammer, und legte ſie an den trockenſten und wärmſten Ort, den ich hatte auffinden können.. Ihr Schlaf war anhaltend und lethargiſch. Es be⸗ gann heiß zu werden und ich wollte ſie wecken, allein es gelang mir nicht. Ich trug ſie an einen mehr ge⸗ gen die Sonne geſchützten Ort, während ich mich ſelber krank, gliederſteif und todtmüde fühlte. Ich hatte die ganze Nacht nicht geſchlafen, dennoch ſtrebte ich, mei⸗ ner Schlaͤfrigkeit zu widerſtehen, vermochte dieß jedoch endlich nicht mehr, und ſank neben Honorien zu Boden in den Schlaf. Laugſam kroch mein Blut durch meine Adern, wie wenn jeder Tropfen deſſelben hätte von Schrecken er⸗ ſtarren wollen, als Honoria mich weckte, indem ſie über mir kniete und mich heftig ſchüttelte. Kein Zweifel konnte hinſichtlich ihres wilden Blickes obwalten. Auf ihrer hagern, durchſichtigen Wange brannte des Fiebers entſetzliche Gluth— wie mit Kraft des Wahnſinns hielten ihre duͤrren Finger meine Schultern gepackt. Das Weh der tropiſchen Krankheit hielt ſeinen Geier⸗ fraß an ihr. 3 »Auf, Schläfer!« kreiſchte ſie mit heiſerer Stimme — gräßlich kamen die Worte uͤber ihre dünnen, mit ſchwarzer Kruſte ſich überziehenden Lippen.»Auf! un⸗ ſere Stunde iſt endlich gekommen, und unſer Bett blieb Ardent Troughton. 97 noch unbereitet. Entſchuldigung muß uns werden, daß wir kein Sterbekleid in dieſer Wüſtenei anlegen können. Zum Grabe, Faullenzer! Vielleicht, daß das große Weſen, das den Vögeln ihr Federkleid verlieh, auch uns ein Leichentuch bereitet. Fort, Mann! au's Werkl an die Todtengräberarbeit!« Schwer hab' ich gefündigt, denn in jenem Augen⸗ blicke wünſchte ich uns Beiden plötzlichen Tod. Dann flehete ich inbrünſtig, als ich die Kranke zum Quell trug, Gott möchte uns Beide durch einen ſeiner wohlthäti⸗ gen Blitze tödten. Als ich Honoria das friſche Waſſer reichte, von dem ſie gierig trank, und ihre brennende Hand und Stirn damit wuſch, blickte ſie mich, wie in wildem Dankgefühle au, ſchrie aber dennoch:»Zum Grabe — zum Grabe!« Ich war gezwungen, ihr zu gehorchen. Kein anderes Mittel gab es, ſie zu beſchwichtigen. Raſend, wie ſie ſelber es war, machte ich mich an die Arbeit. O wie wahnſinnig trieb ſie mich zur Eile an! Es war er⸗ ſichtlich, daß ſie mich nicht mehr erkannte. Sie ſprach von großen Geldſummen, die ſie mir geben wollte— die ſich noch am Bord der Santa Ana“ befänden— daß ich nur ihren Namen zu nennen brauchte, um Herr unermeßlicher Reichthümer zu werden— daß ich aber hurtiger, hurtiger graben müßte. Dann lachte ſie matt darüber, daß ſie ſelbſt ihre Beſtattung auorduete, und rief mich dann zum Zeugen auf, daß ſie doch nimmer anders als ſo verfahren könnte. »Du biſt ein unglückſelig und finſterblickender Menſch,« faſelte ſie weiter.»Mir ekelt vor Deinem dicken Barte — Du biſt ſcheußlich— gleichſt nicht im Mindeſten meinem ſchönen lieben Bruder Ardent. Mach' das Grab groß genug für mich und Ardent und für meine Aeltern Ardent Troughton. III. 7 98 Die Büßung, oder — ſie Alle werden bald hier liegen, obſchon ich bei Gottes Gnade nicht weiß, wo ſie jetzt ſind. Du ſollſt mich dicht neben Ardent legen— aber eile, eile, ſpute Dich! Der wilde Hund ſoll nicht meine Glieder zer⸗ fleiſchen— ja, ja, wir wollen dem Wolfe ſchon das Handwerk legen! Die Hyaäne ſoll mich nicht in Stücke zerreißen! Geſchwind— ſie kommen! Horch! ich höre ſie— Gottloſer Menſch, ſie ſind mir auf den Ferſen, und mein Grab iſt immer noch nicht fertig.— Ich will Dir nicht fluchen, aber——« Bewußtlos und ohne ein Glied zu regen, ſank ſie hin. Wear ich auch raſend? Ich ſprang auf; ich warf die Muſchel, mit der ich unter der größten Anſtrengung gegraben hatte, von mir; ich ſchlug mir die Schläfen mit meinen geballten Fäuſten. Waren der wilde Wolf, die gefräßige Hyäne wirklich uns auf den Ferſen? Mochte ich nun raſend ſein oder nicht— wirklich erſcholl es um mich her, wie das ſchrillende Geheul eines Raubthieres und wie das hohle Gebell eines Hundes; dann raſſelte es im Unterholz— ein kleines pantherartiges Thier ſetzte mit einem Sprunge über das Bachgewäſſer und ſauſete vorüber, wie der Wind, und im nächſten Augenblicke ſtand Jugurtha mir zu Füßen in dem nicht halb vollen⸗ deten Grabe, und in wilden Kreiſen umſtreifte uns Springer, mein Hund. Mein Erſtes war, um den Hals meines ſchwarzen Bruders zu fallen und zu weinen— aber dieß war nur ein augenblickliches Thun.»Noch iſt ſie nicht todt, mein Jugurtha,« ſprach ich—»o rette ſie! rette ſie 1 Er küßte in Haſt meine Hände, ſtieß ein wehmüthi⸗ ges Geheul aus, hob Honoria, wie wenn ſie ein Kind geweſen wäre, hoch in ſeine Arme, und rannte mit ihr —— Ardent Troughton. 99 fort durch das Dickicht, ſo daß ich ihn flugs aus den An⸗ gen verlor. Der Hund jedoch blieb mir und ward unter tauſend Freudenſprüngen mein Führer. Länger als eine halbe Stunde ging's durch Waldland, dann kamen wir auf eine Savannah, die von einem anſehnlich breiten Fluſſe begrenzt ward. An einer ſeiner Krümmungen in einem Hain von Banyanen und Piſangbäumen ſtand ein Wig⸗ wam oder eine Negerhütte mit zwei kleineren Nebenge⸗ bäuden. Ich war jüngſther von zu widerſtreitenden Ge⸗ fühlen abgehetzt worden, als daß ich mich ſonderlich hätte verwundern können. Aus einer Rauchſäule, die weiter hin aufſtieg, nahm ich ab, daß das Land bewohnt war, und daß wir uns einem indiſchen Dorfe näherten. Der Eilweg, den ich zuruͤcklegen mußte, griff mich un⸗ ſäglich an, und ich war einer Ohnmacht nahe, als ich den Eingang des gaſtlichen Wigwams erreichte. Kaum daß ich zu einer Art von Sitz wankte, der mit reichem Pelzwerk bedeckt war, gierig aus einer mir gereichten Kürbißflaſche köſtliche Milch trank, und ſah, wie Hono⸗ ria noch athmend auf einer Art vom Bette lag, als ich von Geiſtes⸗ und Körperanſtrengung bewältigt, in tiefen Schlaf verfiel. Tage lang wußte ich wenig von dem, was mit mir vorging. Ich war Opfer des nämlichen Fiebers geworden, von dem meine Schweſter ſich ergriffen fühlen mußte. Das Erſte, deſſen ich deutlich gewahr werden konnte, war die Segnung, Honoria zu erblicken, die ungleich verbeſſerten Ausſehens mich umſchwebte und mir Pfle⸗ gerin war. Ich fühlte mich glücklich, und beunruhigte, während der Erſchlaffung, die meiner Krankheit gefolgt war, mich über nichts. Wonne genug war es mir, Ho⸗ noriens Hand zu haiten, meinem Hunde den Kopf zu . 7* 100 ſtreicheln und matt in Jugurtha's von Freude glänzen⸗ des Antlitz zu blicken. Als vollends Honoria mir einſt Die Bußung, oder aus einem Kürbißfläſchchen ein wenig köſtlichen Weines zu trinken reichte, wähnte ich, wie ich es während der Zeit meines Geneſens auf meinem Lager mir oft vorge⸗ ſtellt hatte, mich in einer unbeſuchten Gegend, einer der theilweiſe civiliſirten Geſellſchafts⸗ oder Freundſchafts⸗ Inſeln zu befinden— doch nimmer in meinem Leben hatte ich mich mehr getäuſcht als jetzt. Alle Bequemlichkeiten um uns her waren durchaus die Schöpfung Jugurtha's. Sobald als ich auf Honoriens Arm geſtäbt hinaus⸗ gehen konnte, befand ich mich in einem ländlichen Pa⸗ radieſe. Durch Ausroden einiges Strauchwerks war ein anmuthiger Weg am Flußrande hin gemacht wor⸗ den. An ihm ſah ich, auf einer Moosbank ſitzend, das leibhaftige ſchwarze Abbild der Glückſeligkeit, meinen Jugurtha, wie er mit Hülfe einer ſcharfen Muſchel und biegſamen Zweigen ſich Fiſchfangfallen machte. Sobald er uns erblickte, warf er ſeine Arbeit weg, eilte uns entgegen, und waͤre gern vor uns niedergeknieet und hätte uns die Hände geküßt. Ich umarmte ihn mit ſolcher Innigkeit, daß Honoria herzlich über uns lachte. O wie drang dieß Lachen ſo erquickend durch meine Seele! es war der herzermunternde Herold wiederkeh⸗ render Glückſeligkeit. »Nein, nein, Jugurtha,« ſprach ich,»Du biſt hier mein gnädiger gebietender Herr und König. Ich muß das anerkennen, obſchon Honoria uns auslacht. Wer, Jug, wer half Dir denn dieſe köſtlichen Bauten auf⸗ führen? Du mußt recht freundliche Nachbarn haben.« Bei dieſer Frage grinſete Ingurtha noch lebhafter als zuvor, und wies all ſeine weißen Zähne. ch zählte * 4 Ardent Troughton. 1 101 dieſe nie, doch glaube ich, er hatte deren mehr als ſonſt dem Sterblichen zufallen. Dabei ſprang er umher und machte Kapriolen aller Art, bis er ſeine Pantomime dadurch beendigte, daß er auf Honoria deutete. Da dieſe nun ebenfalls mit Lachen nicht aufhörte, ſo glaubte ich, Beide hätten mich zum Beſten; bald aber kam's heraus, daß Beide ſich in der von Jugurtha von meiner Schweſter früher ſchon erlernten und neuerdings nach⸗ geübten Zeichenſprache unterhielten, die mir nun von Honoria in Worten deutlich gemacht ward. Lange währte es, ehe ich glaubte, daß Alles, was ich ſah, von dem Scharfſinn und dem Fleiße Jugurtha's hervorgebracht worden war, und daß er dazu nur kurze drei Monate gebraucht hatte. Wie tief ſank ich bei dieſer Betrachtung in meiner Selbſtachtung! Gleich uns, und faſt unter gleichen Umſtänden war Jugurtha nebſt dem Hunde an den Strand geſpült worden, und während der verachtete Neger ein Eden um ſich her erſchuf, wäre ich mit meiner Schweſter beinahe Hungers geſtorben. Es verſteht ſich, daß ich von dem Verlangen entbrannte, die Mittel kennen zu lernen, durch welche Jugurtha ſich ſo hoch über mich emporgeſchwungen hatte. Das Erſte, was ich von dem Neger erbat, war, daß er mir zeigen möchte, wie er Feuer anmachte, welches ich trotz all meiner europäiſchen Erziehung nimmer hatte be⸗ werkſtelligen können. Ohne irgend ein Lächeln verächtlicher Hoffart erfüllte Ingurtha meinen Wunſch; und erſtaunen mußte ich, als ich ſah, wie er gleichſam die nächſten beſten grünen Zweige und ein Klümpchen trockenes Gras zur Hand nahm. Ueber letzterem rieb er dann die beiden erſteren, welches einen feinen Staub erzengte, der angeblaſen, ofort das Gras entzündete. Der Wilde iſt am Ende 102 Die Büßung, oder doch der Klügere, dachte ich, und dieſer mein Gedanke diente keineswegs meiner Eitelkeit zur Schmeichelei. Nach wenigen Tagen fühlte ich mich vollkommen ge⸗ neſen, und begann nun alle mich umgebenden natürlichen und künſtlichen Wunder in Augenſchein zu nehmen. Neuntes Kapitel. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß in Schilderung deſſen, was ich erblickte, ich mit meiner Schweſter zu beginnen habe, die, einige Hitzblattern, an denen ſie litt, weggedacht, nie ſo ſtrahlend ſchön als jetzt ausgeſehen hatte. Ihre Magerkeit war gänzlich verſchwunden, und ſie erfreute ſich einer Fülle von Geſundheit. 4 Auf ihrem Köpfchen trug Honoria, wenn ſie aus⸗ ging, eine phantaſtiſche Mütze, die ſo dicht mit buntfar⸗ bigen Federn eingefaßt war, daß man den Stoff, aus welchem ſte beſtand, nicht erkennen konnte Oben auf dieſer Kappe befand ſich ein Bündel größerer Federn, des ganz eigentlich ein Federbuſch genannt werden konnte, welcher kokettirend genug ihr über das rechte Ohr herab⸗ hing. Fügte ſie zu dieſem Kopfputz einen Kranz aus den friſcheſten Blumen hinzu, ſo meine ich, keine mit Inwelen beſetzte Grafenkrone könnte anmuthiger oder würdevoller ausſehen. Den Oberleib bedeckte noch ihre alte blaue Jacke, die aber von der Schulker herüber bis unter die Bruſt breite Streifen von weichem, glän⸗ zendem Thierfelle als Beſatz wies. Dann trug ſie weite 7 7 — Ardent Troughton.. 103 kürkiſche Beinkleider, die rauh zuſammengenäht, aus dem Baſte des wilden Maulbeerbaumes gefertigt waren, nachdem Jugurtha dieſen Baſt auf dem Felſen geklopft, mit Salzwaſſer getränkt und ihn ſo von ſeinen äußeren Knötchen geſäubert hatte. Das Gewebe dieſer natür⸗ lichen Leinwand war nicht gröber, als das des Zeuges, aus welchem in England Küchenhandtücher gemacht werden. Die Farbe derſelben war ſchmutzigbraun, aber Ingurtha hatte ſtark im Sinne aus Beeren und Pflan⸗ zeu, deren Beſchaffenheit er kannte, einen Färbeſtoff zu bereiten, um ein neues Paar Hoſen, das er ſchon in Arbeit hatte, noch um ſo greller und hübſcher heraus⸗ zuputzen. An ihren Füßchen hatte meine Schweſter Halbſtie⸗ felchen, die aus an der Sonne getrockneten und mürbe⸗ geklopften Fellen beſtanden, deren langes braunes Haar nach außen gekehrt war. Ueber einen aus weichem Holze mit einer ſcharfen Muſchel geſchnitzten Leiſten ge⸗ ſchlagen, waren ſie für den Fuß paſſend in Form ge⸗ bracht, und ihr unterer Theil mit dem oberen durch einen Gummi verbunden worden, der reichlich aus einem hohen, kleinblättrigen Baume träufte. Honoria ver⸗ ſicherte mir, daß ſie ihr völlig beqnem, ja beinahe waſ⸗ ſerdicht wären, auch durchaus keinen übeln Geruch an ſich hätten. War etwas daran auszuſetzen, ſo konnte es nur das ſein, daß ſie für ihre Füßchen ein wenig kleiner hätten ſein mögen. Inbrünſtig ſehnte ich mich nach einem ähnlichen Stiefelpaar. Mit einem aus dunklem Holze gefertigten langen Bogen und Pfeilen aus Rohr, die an der Spitze einen ſcharfen Kieſel oder eine kantige Muſchel hatten, ſtand HKoonoria da als die Diana dieſer gottgeſegneten Gegend. Schon hatte ſie, während ich die Hütte noch nicht 104 Die Büßung, oder verlaſſen konnte, ſich im Bogenſchießen geübt, und wirk⸗ lich einmal eine diebiſche Ratte getroffen, die dann von Jugurtha vollends getödtet und von Springer wegge⸗ ſchleppt worden war. Das Haus beſtand, wie die meiſten Gebaͤude ur⸗ ſprünglicher Baukunſt unter mildem Himmelsſtriche, aus einem einzigen langviereckigen Gemache, deſſen Wände aus Baumpfählen beſtanden, die durch Zweige leicht verknüpft und mit den Blättern des Zuckerrohres und Kokosnußbaumes getäfelt worden waren. Das Dach, das ſich von einer inmitten des Gebäudes aufgepflanzten Stange ringsum herabſenkte, war auf ähnliche Weiſe und aus gleichen Materialien gefertigt. Inwendig war einen Fuß hoch ringsum die Erde gegen die Wände auf⸗ geführt worden, wodurch dieſe nicht wenig Feſtigkeit er⸗ hielten. Dieſe Erdbank nun hatte Jugurtha tüchtig niedergeſtampft, und ſie mit kleinen Blättern, feinem trockenen Graſe und der Frncht des Baumwollenſtrau⸗ ches überdeckt, und hierüber köſtliche Felle gebreitet, denn ſchon mancher wilde Hund und andere kleine Raub⸗ thiere waren von ihm erlegt worden. Gleich an dem Tage, an welchem der Neger uns in ſeine Wohnung führte, begann er die Wände derſelben zu verdoppeln und den Zwiſchenraum mit Lehm auszu⸗ füllen, den die Sonneuhitze bald ſo hart wie Ziegelſtein brannte. Da meine Geſundheit zunahm, legte ich ebenfalls Hand an die Arbeit, die uns von Morgens bis Abends anhaltend beſchäftigte. Zwar wollte Jugurtha uns als Fürſt und Fürſtin halten, und begehrte, wir ſollten un⸗ ſere Tage müſſig verſchlendern; allein das konnte ich ſo wenig als Honoria zugeben. Viel gab es für uns zu Ardent Troughton. 105 thun, und, o! welches Vergnügen fanden wir in dieſen Beſchäftigungen! Unſere erſte Sorge war, für meine Schweſter eine abgeſonderte Wohnung zu erbauen, und zwar ſollte ſie ſo bequem und hübſch eingerichtet werden als möglich. Wir machten zunächſt die Seitenwände höher, und brachten inſofern eine Verbeſſerung, in Vergleich zu Jugurtha's Hütte, an, daß wir Oeffnung für ein Fenſter ließen, damit nicht bloß die Thür dem Lichte und der Luft Eingang in das Innere verſchaffte. Da wir nicht wußten, wie hoch die Kälte ſteigen möchte, vermochte ich meinen ſchwarzen Freund zu Anlage eines Herdes aus gebackenem und an der Sonne getrocknetem Lehm innerhalb der neuen Wohnung. Dann kam die Reihe an einen Rauchfang, der ſo angelegt werden mußte, daß die Orkane ihm nichts an⸗ haben konnten. Jugurtha wußte dieß mit Gewandtheit auszuführen, indem er ihn aus leichten Lehmſteinen und „nichts weniger als hoch hinausbauete. Wie eifrig wir dieß Werk auch betrieben, hielt es uns dennoch nicht gänzlich von anderen Beſchäftigungen zurück. Wir unterhielten uns nur wenig, und dieß Schweigen war unſererſeits ein unfreiwilliger und un⸗ willkürlicher Tribut, den wir der Sprachloſigkeit des ehrlichen Negers zollten. An Mannigfaltigkeit und Fülle von Speiſen und Getränke fehlte es uns nicht, und wir gediehen dabei trefflich. Honoriens Haus, oder vielmehr Zimmer, war nach einigen Monaten fir und fertig. Der angebrachte Ka⸗ min wies ſich dienſtlich aus, und der Schornſtein rauchte nicht. Endlich gab meine Schweſter darin mit gezie⸗ mender Würde ihren erſten Geſellſchaftsſchmaus. Der Tiſch in der Mitte beſtand aus einem großen, faſt 106 Die Bübung, oder ſchwarzen Schieferſteine, den Jugurtha dadurch geglät⸗ tet hatte, daß er ihn mit einem härteren Steine abſchliff. Er war nicht viereckig, nicht rund, nicht oval, nicht winkelig, ſondern beſaß die Verdienſte aller dieſer For⸗ men und ruhete auf vier Füßen, aus tief in den Boden ge⸗ triebenen Steinklumpen verfertigt. Auch wenn wir noch ſo arg umhergeſprungen wären, würden wir nicht in Gefahr gerathen ſein, dieſen Tiſch umzuſtoßen. Ein Gleiches galt von den feſtgeſtampften Sitzen, die jedoch mit tro⸗ ckenem Graſe, Baumwolle und weichen Thierfellen wohl bedeckt waren. 24* 3 Wir hatten Trinkgeſchirre aus Kokosnußſchalen, Schüſſeln und Kummen und Flaſchen aus Kürbiſſen, und ſchmucke Muſchelſchalen zu Tellern. Unſer war das Fleiſch mehrerer Thiere, beſonders dasjenige junger wilder Ferkel. An Fiſchen hatten wir Ueberfluß, und unſeres Nachtiſches hätte ſich ein Aldermann nicht zu ſchämen brauchen. Zu all dieſem muß ich hinzufügen, daß keiner beſſer als Jugurtha es verſtand, dem Palmenbaume den Saft abzuzapfen, denſelben gäͤhren zu laſſen und ſo einen köſt⸗ lichen Wein aus ihm zu erzeugen. Zu dieſem Inaugu⸗ ralfeſte nun wurden alle Hauptperſonen des Gebietes eingeladen, und keiner von ihnen war ſo ungalant oder unhöflich, wegzubleiben. Bald nach der Mittagsſtunde begaben wir uns an die Tafel, an welcher Honoria mit unvergleichlicher An⸗ muth und Würde den Vorſitz führte. Ihre Aufmerk⸗ ſamkeit gegen ihre Gäſte ging in der That weit, daß ſie deren Schuͤſſeln und Teller eigenhändig wuſch und nach dem Eſſen ſelbſt den Tiſch abräumte, um Platz für die Kaffeeſtunde zu gewinnen. Zum erſten Male an die⸗ ſem Einweihungstage enthielten wir uns jeglicher Ar⸗ Ardent Troughton. 107 beit, die nicht unumgänglich nöthig zu unſerem Schmauſe war. Wir fühlten uns unabhängig und glücklich, und dieß Gefühl gab ſich auf unſeren Geſichtern, in unſeren Geſprächen und unſeren Geberden kund. Bei dieſem in den Jahrbüchern meines Lebens ſo denkwürdigen Schmauſe war Springer der Erſte, der ſich vergaß. In ſeiner Wonne fraß er ſo viel geſottenes Ferkelfleiſch, daß ihm ward, als könnte er nicht recht klar aus den Augen ſchauen, weßhalb er denn ſich hin⸗ aus in das Hellere begab, ſeine Augen ſchloß und im Sonnenſcheine einſchlief. Jugurtha ſprang zu wiederholten Malen vom Tiſche auf und tanzte, und konnte in ſeiner Fingerſprache kein Ende finden. Auch drückte er im Ganzen ſich recht wohl aus. Mich dünkt, er hatte ſein Lebelang nicht fröhlicher ſein können, als er an dieſem Tage war. Honoria wies ſich herablaſſend genug, uns einige muntere ſpaniſche Liedchen zu ſingen, nach deren Takte ihr ſchwarzer Zuhörer hüpfte und tanzte und Schnippe⸗— chen ſchlug. Ich machte manche tiefſinnige Anmerku* gen und hielt allerlei treffliche Reden, beſchloß auch, mich nächſten Tages zu raſiren, wobei ich auf mein Fe⸗ dermeſſer und zumal anf Jugurtha's Scharfſinn ver⸗ trauete. Wohl darf ich ſagen, es war uns dieſer ganze Tag eine durchaus unumwölkte Sonne des Vergnügens. Ein Spaziergang bei Mondlicht, Arm in Arm mit meiner Schweſter am Ufer des Fluſſes entlaug, beſchloß die Feſtlichkeit. Ich führte dann Honoria an die Schwelle ihrer neuen Wohnung. Wir brauchten nicht anzupochen, daß man uns aufmachte, denn die Thür des Häuschens war noch nicht fertig. Wogegen hätte auch meine Schweſter 108 Die Büßung, oder ſich verriegeln und verſperren ſollen? Regen und Sturm⸗ wind wieſen ſich bisher ja noch nicht erbittert. Nachdem wir uns gegenſeitig Gottes Segen gewünſcht hatten, ſchien nach dieſem Freudentage Honoria der erſte trübe Gedanke zu beſchleichen. Tief aus dem Herzen aufſeufzend, ſagte ſie, als wir für die Nacht von einan⸗ der ſchieden, und ſie einen ſchweſterlichen Friedenskuß auf meine Stirn drückte:»O, mein geliebter Ardent, wie wird dieß Alles enden?« »Wir ſind in Gottes Hand, Honoria,« verſetzte ich. „»Bedenke aber, daß Du dieſe Frage nie mehr aufwer⸗ fen, dieſen Gedanken nie mehr hegen, ihm nie wieder auch nur Raum geben ſollſt. Es iſt dieß das Einzige, was ich Dir befehle. Wir ſind jetzt glücklich, Schweſter — laſſ' uns dafür dem Höchſten danken! Gute Nacht!⸗ — Zehntes Kapitel. Nach dem Jubelfeſte des geſtrigen Tages ward das von demſelben ergänzte Glück mir durch den raſtlos wiederkehrenden Gedanken;»Wie wird das enden? ⸗ verbittert. Obgleich ich— wie ich glaube, dem Le⸗ ſer geſagt zu haben— meiner Schweſter verboten hatte, jemals dieſe feierliche Frage aufzuwerfen, erklang die⸗ ſelbe beſtändig in meiner Seele, und die einzige Ant⸗ wort, die ich darauf zu ertheilen vermochte, beſtand in den einfachen aber gewaltigen Worten:»Entfleuch vor dem dräuenden Zorne.« Ja, Alles, was ich mir von Ardent Troughton. 109 der höchſten Glückſeligkeit denken konnte— einer Glück⸗ ſeligkeit, die in ihrem Uebermaße jedes Sehnen nach dem Himmel vertilgen, und den Gedanken an ein Jen⸗ ſeit widerwärtig machen würde, war für mich, und für mich allein, in den ſchrecklichen Worten enthalten:»Ent⸗ fleuch vor dem dräuenden Zorne.⸗ Ich floh. Vergebliche Anſtrengung! meine Schweſter war beſtändig bei mir— war es, wie tief ich mich in das dunkelſte Gebüſch des ſchönen Eilandes auch verſteckte! Aus jedem Strauche ſchauete mich die lächelnde, blühende, liebeeinflößende Geſtalt Honoriens an, und war mir im Geiſte näher, als wenn ſie wirklich körperlich bei mir geweſen wäre. Ich erkannte endlich, daß ſie bei dieſen eingebildeten Zuſammenkünften mir zwiefach ge⸗ fährlich war; denn alsdann blickte, that und ſprach ſie genan ſo, wie der Dämon, der in mir ſein Unweſen trieb, und der mich in's Verderben jagen wollte, wünſchte, daß ſie blickte, thäte und ſpräche. Zu oft nur, wenn von Leidenſchaft raſend gemacht ich beinahe zum Ent⸗ ſchluſſe des Verbrechens gelangt war, und dann dem Verſucher in der Einſamkeit zu entrinnen und Schutz gegen mich ſelbſt zu erlangen trachtete, floh ich in die Reinheit ihrer Nähe, und die Heiligkeit ihres Unſchuld⸗ blickes kühlte mich wieder zum Gebrauche meiner Ver⸗ nunft, ſo daß ich ehrerbietig an unſere gemeinſamen Aeltern dachte. 1 Ich rüttelte mich auf, ich ſchuͤttelte die roſenum⸗ wundenen, jedoch ehernen Bande des Betrachtens ab, und ſtrebte mich der Weisheit zu erinnern, die ich in vielgeprieſenen und männiglich verehrten Büchern gele⸗ ſen hatte. Daß raſtloſe körperliche Thätigkeit das beſte Verwahrungsmittel gegen die Hinterliſt einer rebelliſchen Einbildungskraft ſei, war ein Aphorism, das kühn her⸗ 110 vorragend vor meiner Seele ſtand, und auf meinen Fall am meiſten anwendbar zu ſein ſchien. Ich verſuchte es. Ich arbeitete unmäßig. Ich fing ſogar an, den bisher unermüdlichen Jugurtha zu erſchöpfen, indem ich ihn zu neuen Unternehmungen nöthigte, ihn in neue Erfin⸗ dungen verwickelte. Dieſe raſtloſen Beſtrebungen des Geiſtes und des Körpers ließen um uns her einen Schein von Civiliſation entſtehen. War auch in den erſten Rudimenten von Künſten, die auf bloße Erhaltung des phyſiſchen Daſeins abzweckten, mein ſchwarzer Freund mir unſäglich überlegen, ſo übernahm ich doch, nachdem Die Büßung, oder die erſten Vorſchritte gemacht worden waren, die Lei⸗ tung der Dinge, und es ſteht nicht zu bezweifeln, daß Jugurtha oft mit Ueberdruß mir folgte, indem er durch⸗ aus nicht das Erfrenliche, viel weniger noch das Noth⸗ wendige der von mir auf die Bahn gebrachten Verbeſ⸗ ſerungen begreifen konnte. „Wen erwarteſt Du denn, mein Arventn war die beſtändige Frage meiner Schweſter, wenn früh am Mor⸗ gen ich irgend eine große Umgeſtaltung in unſerer Woh⸗ nung, oder an unſeren Geräthen oder Pflanzungen ab⸗ handelte, und dann Abends todtmüde, von meinen zu ſolchen Zwecken betriebenen Arbeiten zurückkehrte. Meine einzige Antwort auf dieſe zarten Fragen, war keine andere, und konnte keine andere ſein— ob⸗ wohl Honoria die tiefe Wahrheit derſelben nicht ahnete — als die:»Ich arbeite nur für Deine Glückſeligkeit.« »Du würdeſt dieſe Glückſeligkeit erhöhen, mein Bruder, wenn Du mir öfter Deine Geſellſchaft ſchenk⸗ teſt,« verſetzte dann Honoria.„Was bedürfen wir jetzt denn noch weiter?« „»O, viele, viele Dinge! Sollte uns das Schickſal werden, unſere Lebenstage hier zubringen zu müſſen, ſo Ardent Troughton. 3 1ʃ1 bedenke nur, daß wir uns nimmer geſtatten dürfen, innezuhalten zoder zu ſtocken. Von den vierundzwanzig Stunden des Tages muß ich zwölf Stunden lang un⸗ ausgeſetzt arbeiten, damit, wenn das Alter uns beſchleicht, oder mich überfällt, ich im Stande ſein möge, faſt Al⸗ les, ohne daß ich arbeite, zu bewirken.« »Wie fürſorgend Du biſt, Ardent! Mußt Du aber arbeiten, ſo laß mich Dir helfen.“ „»Du arbeiteſt ſchon mehr als nöthig iſt, Honoria. Bleib' im Hauſe und nahe dem Hauſe, Theuerſte, und ſchmücke aus und verbeſſere, was Jugurtha und ich, die wir ſtärker, aber minder geſchicklich ſind, nur roh auszuarbeiten verſtehen.«. So alſo trieben an vierzig Tage lang der Neger und ich Jagd und Gartenarbeit und Fiſcherei, und fertigten Geräthſchaften aller Art mit einem an Wahn⸗ ſinn grenzenden Eifer. Hätte Jugurtha mit mir reden können, ſo würde ich minder elend geweſen ſein. Trotz aller körperlichen Anſtrengung konnte ich das Wogen der Gedanken nicht beſchwichtigen. Ich ward ein Caſuiſt. Ich ſtrich meine Gefühlsfrage auf dem Probierſteine aller Art von Gründen und Gegengründen. Ich forſchte nach dem Willen Gottes— oder bildete mir wenigſtens ein, daß ich darnach forſchte— während ich doch immer nur auf meinen eigenen Willen hörte. Unter den in ihm gegeneinander lodernden Gluten zer⸗ bröckelte mein Herz zu bitterer Anhe Und dennoch entdeckte ich einige Wahrheiten— jedoch leben wir nicht in dem Jahrhunderte, in wel⸗ chem ich ſie veröffentlichen dürfte. Welche Seiten, welche Kapitel, welche Bücher würde ich anfüllen kön⸗ nen, wenn ich, wie Jean Jacques, eine Geſchichte mei⸗ ner Seele und der ſchwerſten Prüfung ſchreiben wollte, * Mrs 112 Die Bußung, oder welche dieſelbe zu jener Zeit erlitt! Wird das Leben nach ſeiner Thätigkeit gewürdigt, und iſt Denken die vornehmſte Thätigkeit des Lebens— ol welche Jahr⸗ hunderte voll Elend verlebte ich dann in einem kurzen Zeitraume von wenigen Monden. Honoria, die durch⸗ aus nichts von der Urſache, und nur Geringes von dem Umfange der Seelenqual wußte, durch die ich beinahe zum Wahnſinn getrieben ward, blühete mittlerweile in täglich ſich erhöhender Schönheit. Ohne daß ſie es gewahrte, habe ich— bald hätte ich geſagt, ſtunden⸗ lang— ihre engelartige Lieblichkeit betrachtet, und wenn ſie dann plötzlich ihren Strahlenblick auf mich warf, erſchrak ich und rannte, indem ich einen Schrei ausſtieß, als ob ich im innerſten Herzen den Mordſtahl fühlte, wie raſend von dannen und das Flußufer ent⸗ lang.— Thor, der ich war! als ob es dem Menſchen möglich wäre, ſeinen eigenen Gedanken zuvorzueilen! O, es war ein ſchauerlicher, ein marternder Kampf zwiſchen einander widerſtreitenden Principien, und die Arena jenes wüthenden Streites, mein jammernswer⸗ ther Buſen, ward dadurch zum Schauplatz des Verder⸗ bens und der Troſtloſigkeit gemacht, und keine Friedeus⸗ hoffnung wollte mir ſchimmern. Die Sucht, mich durch Handarbeiten abzumüden, währte kaum ſo viele Tage, als das Segensſchiff des künftigen Menſchengeſchlechtes auf den gottbewegten Waſſern ſchwamm. Viele Gedankenraben wurden aus der Arche meines Buſens entſendet, aber keine wieder⸗ kehrende Taube trug mir ein Oelblatt, das ſchöne Sym⸗ bol des Friedens, zu. Nach dieſer Periode gerieth ich in die Melancholiephaſe meines Geiſtes. Alles über mir und um mich her verdüſterte ſich. Freilich ſah ich noch immer die Sonne am wolkenloſen Himmel, allerdiugs Ardent Troughton. 113 erblickte ich den Blitz, wie er ſeine pfeilartigen Feuerſtröme vom öſtlichen bis zum weſtlichen Horizonte ſchoß, allein jene ſchien mir ihren Glanz, dieſer ſein ſchreckendes Leuchtzucken verloren zu haben. Die ganze Natur zeigte ſich mir, wie in einer grauſchwarzen Livree— der funkelnde Strom, das lebendige Grün des Laubwerks, die prunkende Glorie der Blumenfülle— alle miteinander umhüllte ein Leichen⸗ gewand; von einem plötzlichen Vermodern ſchien das allgemeine Ausſchauen der Natur ergriffen worden zu ſein. Alles Lebende ſchien dem Grabe entgegenzuſchrei⸗ ten, alles Unbeſeelte in Moderaſche zu zerbröckeln. Al⸗ les! Sagte ich Alles? Verblendeter, der ich bin! Nicht ſo war es mit allen Dingen! Die glänzende, leuchtende Ausnahme davon warſt Du, Du meine ein⸗ zige, meine lichtklare Honoria! Als ich Dich betrach⸗ tete, erſchienſt Du mir blendender noch als der Urquell des Lichtes. Du warſt in meinen Augen die Grund⸗ lage einer neuen Lebensordnung, eine Verkündigerin und Botin einer ewigen und beſſeren Welt als die Erde iſt, die wir betraten, eines lieblicheren Himmels als der war, der ſeinen Baldachin über uns ausgeſpannt hielt; warſt vor Allem die Erzeugerin des Gluthgedankens an ein edles Geſchlecht von Weſen, die den Allewigen preiſen, einander lieben und glückſelig ſein würden. Und all dieſer erhabenen Glückſeligkeit Theilnehmer ſollte ich nicht ſein.— Ha! auf jenem Ocean lagerte der unverhüllte, nicht von lächelnden Waſſern umſpulte Fels, handgreiflich, deutlich, in allen Schreckniſſen des Verbrechens da. Und nun ſchüttelte ich mich auf aus dieſem Hin⸗ ſtarren, und begann meine Lage metaphyſiſch zu erwä⸗ gen. Ich vernünftelte über dieſelbe; ich ſtellte meine Gedanken in faßliche ſcholaſtiſche Ordnung. Ich hatte Ardent Troughton. III. 8 „ 114 Die Bübßung, oder mein'major’ und mein'minore, meine propositiones“ und meine'data“, und ging flugs an's Werk; allein plötzlich hielt ich inne, wie ein Menſch, der da glaubt, auf fahrloſem Wege vorzuſchreiten und plötlich findet, wie dicht vor ſeinen Füßen ein Abgrund gähnt. Ich erkundete bald, daß ich Alles beweiſen und unmittelbar darauf eben ſo leicht alles Bewieſene durch Gegenbeweis wieder umſtoßen konnte. Es war keine Wahrheit in mir. Alles, was ich deutlich zu unterſcheiden vermochte, war, daß ſich in mir ein faſt unbezwinglicher Impuls zum Thun regte, der durch ein ſchreckliches Vorgefühl von Reue gehemmt ward. Inmitten dieſer fürchterlichen geiſtigen Kämpfe ent⸗ ſtahl ich, wäͤhrend eines ſtillen Abends, als der junge, neugeſtchelte Mond hinter dem friſchen Laubwerk im Weſten verſchwunden war, mich meinem Lager, wie Einer, der ein Verbrechen im Sinne hat, und ſuchte beim klaren und heitern Sternenlichte meinen Weg hinauf zu einem auf einer kleinen aber ſteilen Anhöhe befindlichen Haine, unfern unſerer Wohnungen. Es war einer der erhöheten Oerter der Natur, die Stätte, die in den Tagen der Typen und der Opfer es werth geweſen ſein würde, auf ſich einen dem lebendigen Gotte gewidmeten Altar errichtet zu ſehen. Dort wachte ich, und— darf ich es ſagen, ohne gottlos zu ſein?— und betete bis zu Sonnenaufgang. Nicht will ich behaupten, daß durch langes, nächt⸗ liches Ringen mit meinem Geiſte ich mich neu gekräf⸗ tigt oder erfriſcht fühlte. In Einem Sinne war ich allerdings geſtärkt worden, denn ich hatte jene Elemen⸗ tarkraft des Geiſtes— die Kraft des Vorſatzes erlangt. Mein Vorhaben war beſtimmt— mein endlicher Ent⸗ ſchluß gefaßt worden. Jenes gewaltige Thun meiner Ardent Trougbton. 115 Seele wird und kann nur dann gewogen werden, wenn im Gerichtshofe der Ewigkeit ich vor dem Allmächtigen, als meinem Richter, erbeben werde. Indem ich nach Anſichten der Menſchenſatzungen mich würdige, erkenne ich, daß in jener ſchrecklichen Nacht das Weh meiner Büßung begann, das in ſeinem Fortſchreiten nicht lang⸗ ſam war. Als ich zu unſerer Niederlaſſung zurückkehrte, traf ich auf Honoria, die eben aufgeſtanden war, wie ſie in ihrer Stimme, in ihrem Herzen und auf ihrem Antlitze den Morgengeſang erklingen ließ. Ich blickte ſie mit der Ehrfurcht an, die wir einem unſterblichen Weſen ſchuldig ſind, das mit himmliſcher Botſchaft zu uns herabgeſendet ward. Ich begann mit ihr eine abgemeſ⸗ ſene und feierliche Unterhaltung, und übertrat dabei meinen ſo oft und ſo ausdrückiich ertheilten Befehl, indem ich ſie verleitete, von der Zukunft zu ſprechen. Ich fing an prunkredend über die hohen Zwecke zu wer⸗ den, die wir Sterbliche in der Schöpfung zu erreichen im Stande zu ſind. Ich war beredt in Betreff einge⸗ bildeter Pflichten, und ernſt, indem ich ihr den Lehrſatz aufzwang, daß zu Zeiten wir ohne Sünde nicht in der einfachen Frömmigkeit des Daſeins glücklich ſein könnten, deſſen ſie zum mindeſten jüngſther ſich in ſo hohem Maße erfreuet hätte. Aber ich ſprach myſtiſch, Vudem ich ihr Vorwarnung gab, wie irgend eine weſentliche Veränderung uns Bei⸗ den nothwendiger Weiſe bevorſtände, da ich aber zu gleicher Zeit auf meiner Hut gegen die Art und Weiſe war, auf welche jene Veränderung ſtattfinden ſollte; in⸗ dem ich damals ſelbſt noch nicht recht wußte, wie ich meinen Entſchluß in's Leben treteu laſſen wollte, machte ich meine Schweſter verwirrt, und gab mir dabei den 116 Die Bußung, oder Schein eines Heuchlers, der durch Worte hintergehen und verdutzen will. Als nach dieſer Frühvorleſung Honoria ſich mit ei⸗ nem wohlwollenden Lächeln von mir abwendete, hörte ich ſie vor ſich hinmurmeln:»Was kann Ardent mit all dieſen Homilien über Zukunft anders meinen, als daß er eine Kirche zu bauen beabſichtigt?« Es iſt hier nicht nöthig zu bekennen, worin meine Abſicht beſtand; es genüge zu ſagen, daß ich jene Ab⸗ ſicht als meine Pflicht anſah; und daß des Menſchen Wunſch und Pflicht auf Uebermaß von Längenweite Hand in Hand mit einander gehen— das mögen die Geiſter aller kleinen Kinder, der Brut ketzeriſcher Ael⸗ tern ausſchreien; deren Leiber in päͤpſtlichen Flammen verbrannt worden ſind. Während dieſes ganzen Vormittags war ich zurück⸗ haltend und ſchweigſam. Dieſe Aeußerung von Unge⸗ ſelligkeit diente eben nicht zur Beruhigung für meine Schweſter, denn ich hatte dieſe ſeit längerer Zeit ſchon an ſeltſame Umwandlungen meiner Stimmung gewöhnt. Als bei unſerem Mittagsmahle ich mich anſchickte, einen der Vorläufer meiner Abſichten mit gehöriger Feierlich⸗ keit loszulaſſen, erſtickte Honoria meine entkeimende Kraftrede mit einem Male durch die ſcherzhafte Be⸗ merkung, wie Jugurtha recht kernfeſt und ſtattlich aus⸗ ſehe und Springer ſo fett würde, daß er kaum laufen könnte. Obſchon in eben dieſem Augenblicke ich der Mei⸗ nung lebte, Herr aller Kraft meiner Imagination und meines Unterſcheidungsvermögens zu Vollführung einer erhabenen Entdeckung zu ſein, deren Tendenz dann in einer des Gegenſtandes würdigen Sprache kund zu ma⸗ chen, ich mich für beamtet hielt, konnte ich doch kein * .— Ardent Troughton. 117 Wort hervorbringen. Ohne meines Schweigens ſonder⸗ lich zu achten, planderte mein Schweſterchen fort: »Jammerſchade iſt's, lieber Ardent, daß wir in die⸗ ſer ſchönen Wildniß kein indianiſches Mädchen auffinden können, die unſerm guten Jugurtha zum Weibe werden möchte, Ich dächte, wir dehnten unſere Nachforſchun⸗ gen in dieſem unſern Königreiche etwas weiter aus.⸗ „Das Kichern und ungeheure Behaglichkeitgrinſen, wodurch die Geſichtszüge des Negers bei dieſer einfa⸗ chen und reinunſchuldigen Bemerkung belebt wurden, hätte mich beinahe raſend gemacht. Wäre ein Donnerkeil mir zu Füßen in den Erdboden gefahren, ich würde nicht fürchterlicher mich haben entſetzen können. In den Worten ſelbſt, ſo wie in der Art und Weiſe, wie ſie ausge⸗ ſprochen wurden, lag durchaus nichts; dennoch ſchienen ſie die Myſterien und Meinungen einer bändereichen Schrift zu enthalten. Sie ſtachelten für den Augenblick mich bis zum Tollwerden; ich ſtürzte hinaus aud war ein Irrwanderer während des übrigen Theiles jenes Tages. Spät Abends kehrte ich heim. Ich war mir be⸗ wußt, daß mein Thun nicht das eines Menſchen von geſundem Verſtande geweſen war, und um nun mein Leid noch vergrößert zu wiſſen, mußte ich Honoria in Thräuen finden. Wie gern, wie bald ließ ſie ſich trö⸗ ſten. Sie hatte ſich eingebildet, mich abſichtslos belei⸗ digt zu haben. Bei alldem konnte ich ihr ihre frühere Munterkeih nicht zurückgebens Sie hatte mir eine Art von Geſtändniß entlockt, als ob ich mich nicht ganz glücklich fühlten und drang nun in mich, mich ihr zu vertrauen. In Erwiederung dieſes marternden Ver⸗ langens, hatte ich nichts zu bieten, als Ausflüchte und Verſtellungen. Ich ließ meine Stimme ſo zärtlich als möglich erklingen, meine Blicke ſo brüderlich als mög⸗ 118 Die Büßung, oder lich ſein, allein bei alldem umgab ich meine Perſon mit einer Wuͤrdigthuerei, wie ein hochbetagter Vater ſie gegen ſeine Söhne zur Schau zu tragen pflegt. Ich ſcheuchte, inſofern dieß irgend verträglich mit Freund⸗ lichkeit war, Alles von mir, was wie Vertraulichkeit ausſah; ich geſtattete Honorien nicht mehr die Schmei⸗ chelrechte einer Schweſter gegen mich, und ſite— die holde Närrin— ſie leitete aus dem Allen die Folge⸗ rung her,— daß ich ſie zu wenig liebteln 11392 An“ 9,6 Gesf e 4 Kapitel.— 1 an 1 rnhd 731112 bilänwman 125 44 411 nch ni Genug der Zeit und des Papieres⸗ iſt verwendet worden, um eine Beſchreibung der Irrwanderungen und Verkehrtflüge des Herzens zu liefern. Es iſt nothwen⸗ dig, zu Thatſachen überzugehen, und all denen, die dieſe Bläatter überblicken mügen, das kitzliche Amt zu über⸗ laſſen, ſich alles das vorzuyhantaſiren, wovon in meinen ſeltſamen Lebensverhältniſſen meine Seele ſich bewegt fühlte. Ich bin bemüht geweſen, in meiner Beſchrei⸗ bung alle von ſelbſt anzuſtellenden Betrachtungen zu vermeiden, und mich dünkt, mir ſei dieß„gelungen. Nicht daß ſie langweilig geweſen wären, als ich ſie anſtellte, wohl aber würde es langweilig ſein, ſie her⸗ zuzählena Hais DturSei unannn aun Leid thut es mir, ſagen zu müſſen, daß die Sünd⸗ lichkeit des menſchlichen Herzens ſo weit geht, däͤß ich zum erſtenmale in meinem Leben etwas dem Widerwil⸗ 1 Ardent Troughton. 119 len Aehnliches gegen Jugurtha in mir aufſteigen fühlte. Ich wußte recht wohl, daß dieſe Regung zu meiner eigenen Schande ſich mir durch meiner Schweſter ge⸗ ſtrige argloſe Betrachtung erweckte. Ich begann den Neger als eine moraliſche Zufälligkeit, als ein Etwas zu betrachten, das nicht nur in meinen Thätigkeitsplan ſich miſchen, ſondern ſogar aufgefordert werden möchte, eine der Haupttriebfedern deſſelben abzugeben. Und was hatte Feindſchaft mit ihm, dem Guten, dem Mil⸗ den, dem Gehorſamen zu ſchaffen? mit ihm, dem ich ſo Vieles, ja Alles verdankte? Konnte jemals Abneigung in mir gegen den ſich erheben, der von jeher den Un⸗ dank als das ſchwärzeſte aller Verbrechen angeſehen hatte? Ich ſchlug an meine rebelliſche Bruſt, denn mein Gewiſſen ſagte mir, daß ſolches geſchehen war. unnöthig iſt's und allzu peinvoll würde es ſein, dem Leſer all meine ferneren Operationspläne darzule⸗ gen. Es genüge ihm zu wiſſen, daß der erſte meiner Vorſätze dahin ging, unverzüglich und allein abzureiſen, um den Fluß, der vor der Thür unſerer Wohnung ſtrömte, bis an deſſen Quellen zu verfolgen. Ich ver⸗ lautbarte dieſe meine Abſicht mit der Despotie eines Menſchen, gegen den Widerſpruch oder auch nur Ge⸗ genvorſtellung Sünde ſein würde. Kurz und kalt klan⸗ gen die Worte, die ich dabei in Anwendung brachte. Honoria wagte nichts dagegen zu ſagen, und zwar, wie ich fürchte, meines harſchen Weſens willen; doch ward ſie von unſäglichem Schmerze hingenommen. Auch Ju⸗ gurtha ward betroffen und blieb es eine Zeitlang, als er von der bevorſtehenden Trennung hörte. Um ihnen Beiden ſo vielen Troſt zu bieten, als ich vermogte, ſetzte ich die Zeit meiner Abweſenheit auf vier Tage und Nächte feſt, und verſprach feierlich, noch 120 Die Büßung, oder eher zurückzukehren, falls ich früher die Flußmündung entdecken würde. Ich nahm nun nicht Anſtand, Hono⸗ ria unter der Obhut Jugurtha's zu laſſen; Springer aber ſollte mich begleiten. Vierundzwanzig Stunden reichten hin, mich mit nöthiger Speiſe zu verſorgen; auch hatte des Negers Unterricht ſchon ſo viel bei mir gefruchtet, daß ich eine Menge genießbarer Früchte in jenem pflanzenreichen Lande zu unterſcheiden wußte. Ich ſtellte mir die Reiſe nicht als ſonderlich beſchwer⸗ lich vor, indem ich, wenn ich mich hart am Flußufer hielte, allerdings die Regelloſigkeiten von Thal und Hü⸗ gel vermeiden würde. Erſtaunt, betroffen, ſtumm und faſt in Thraͤnen aufgelöſet, fand Honoria, als ich ſcheidend ſie ſegnete, keine Worte, um ihre Bekümmerniß auszudrücken. Ju⸗ gurtha war während ſeines Umganges mit mir zum erſten Male grämlich, beinahe mürriſch. Ich that, als bemerkte ich dieſe ungewöhnliche Aeußerung nicht ,ſon⸗ dern empfahl ihm, als ich fortging, das Wohl meiner Schweſter auf ſo nachdrückliche Weiſe, als meine Re⸗ dekraft es vermochte. Mit ſchwerem Herzen und einem erſtickenden Ge⸗ fühle in der Bruſt, reiſ'te ich von einem Orte ab, der mir ſo viele Monate lang Obdach, Geſundheit und, bis meine Empfindungen ihre krankhafte und leidenſchaftliche Färbung annahmen, Glückſeligkeit geboten hatte, und ſtürzte mich abſichtlich in die ungeheure und ſchöne Einſamkeit der Wildniß. Dem Hunde war's nicht zuſagend, mit mir zu kom⸗ men; denn auf alle Weiſe, die ſein Inſtinkt ihm nur angeben konnte, zeigte er ſeine Abneigung mir zu folgen. Oft ſtand er ſtill, kehrte ſich unſerer Wohnung zu und heulte erbärmlich; zu Zeiten ließ er ſogar einen Sinn Ardent Troughton. 121 der Emporung blicken, als wollte er rückgängige Schritte machen. Dem Allen ſetzte ich jedoch meinen feſten Wil⸗ len entgegen, und als das Thier ein Stündchen Weges mit mir gegangen war, ſchloß er ſich dichter an mich, wedelte mit dem Schweife und gab ſonſtige Andeutun⸗ gen von einem Verlangen, das Unrecht gut zu machen, das er durch ſein Hinneigen zum Ungehorſam gegen mich begangen hatte. Während der erſten ſieben Meilen fand ich, daß der Fluß daſſelbe Ausſehen, wie vor unſerer Wohnung wies; das heißt, er war funfzig Fuß breit, von merkwürdig kla⸗ rem Waſſer und dem Anſcheine nach tief genug, um mit leichten Schiffen befahren werden zu können. Seine Krüm⸗ mungen waren nur gering und ſanft und ſein Ufer zeigte ſich wenig oder gar nicht ſandig. Er floß lang⸗ ſam, und ſofern ich es berechnen konnte, etwa andert⸗ halb Meilen die Stunde. An den meiſten Stellen ſenkte der grüne Raſen ſich bis an den Rand der leben⸗ digen Waſſer; doch fanden ſich hie und da ſumpfige Stellen, an denen ſich eine Menge Vögel aufhielten, an denen ich nur den allgemeinen Charakter erkennen konnte, deren eigentliche Gattung aber mir gänzlich fremd war. Dieſe Sumpfſtellen nöthigten mich zum Einbiegen in's Binnenland, wodurch ich Gelegenheit fand, die wunderſame Fruchtbarkeit des Bodens und die gren⸗ zenloſe Fülle ſeiner Pflanzenerzeugung zu bemerken. Spuren von verſchiedenen Arten kleiner wilder Thiere wieſen ſich in Menge, und rattenartige, große, fette und träge Thiere liefen ſchaarenweiſe quer über unſern Weg— ein leckerer Schmaus für Springer. Man wundere ſich nicht über die Genauigkeit, mit der ich alles deſſen erwähne, was ich auf meiner Wan⸗ 122 Die Büßung, oder derung wahrnahm; denn ſetzte ich damals nicht voraus, jenes Land ſollte mein künftiges Königreich ſein, und ich den Patriarchen eines kommenden Geſchlechts abgeben? Indeſſen ſuchte ich auf dieſem meinen einſamen Ansfluge weder nach Blumen oder Früchten, noch nach Vögeln oder Vierfüßlern, ſondern nach Spuren von Menſchen herum; allein nichts der Art fand ich, wie eifrig ich auch ſpähete. Als um Mittag die Hitze der Atmoſphäre drückend ward, zog ich mich einige hundert Ellen weit in den Wald zurück, wo ich mit meinem Gefährten meine Mahlzeit hielt. Weiche tiefe, ehrfurchterregende Stille umgab mich dort. Alles Lebende, bis auf das Geſchlecht der Inſekten, hatte ſich zur Ruhe begeben; ich erlag dieſer bedrückenden Ruhe; peinlich fühlte ich, daß ich allein war. Welche Erleichterung, welche Wonne würde es mir geweſen ſein, wenn ich irgend einen menſchlichen Laut vernommen hätte! Meiner Schweſter Stimme würde mich Geſang der Cherubim bedünkt haben; ja, ſelbſt Jugurtha's ſcharfe Kehllaute würden mir willkom⸗ men geweſen ſein, wie die Waſſer des Brunnens es dem in der Wüſte Verſchmachtenden ſind. Ich blickte den Hund an, daß er das laſtende Joch dieſes unnatür⸗ lichen Schweigens zerbrechen möchte, allein Springer hatte zu viele Ratten verſchmauſ't und war geneigt, ſeiner Nachmittagsgewohnheit“ nachzugehen. Alles erwogen, iſt des Menſchen Geiſt dem Men⸗ ſchen eine Laſt. Als ich den überſatten, ſchlafenden Hund betrachtete, ſtieg mir der Gedanke auf, daß In⸗ ſtinkt hiulänglich und zuverläſſig zu größerem Glücke für das vielgeprieſene Abbild der Gottheit geweſen ſein würde. Was nützt uns, ſo lange wir angenehme Im⸗ pulſe und noch angenehmere Befriedigung dieſer Impulſe Ardent Troughton. 123 ſpüren, die Betrachtung, jene krittliche Richterin mit der Wagſchale, die Alles bis in deſſen kleinſte Theile ab⸗ wägt? und was iſt all dieß krittliche Abwägen weiter, als eine ausbeuteloſe, höchſt läſtig fallende Aufdringlichkeit? Nach noch vielen anderen ſubtilen und albernen Speku⸗ lationen dieſer Art— die um ſo alberner waren, als ſte ſubtil waren— hätte ich beinahe beſchloſſen, wieder nach meiner Wohnung in meinen kleinen Kreis, einem ſinnlichen Thiere gleich, zurückzukehren, mich den Herrn alles deſſen, was ich ſah, zu bedünken, und zu eſſen, zu trinken, mich luſtig zu machen und zu ſchlafen. Es giebt keine Stätigkeit im Geiſte des Menſchen. Es gab ihrer nie, ſelbſt nicht bei denen, auf die die Welt, wie auf die größten Helden blickte— nie gad es deren eher, als bis ein Wahnwitz irgend einer Art ſich in's Mittel legte. Die Stätigkeit, die wir in dem Thun einiger Menſchen wahrnehmen, iſt nicht die Stä⸗ tigkeit ihres Geiſtes, ſondern eine fortgeſetzte Wirkung der nämlichen anregenden Umſtände, von denen ſie um⸗ ringt werden. Gewohnheiten und phyſiſche Bedürfniſſe allein ſind es, die das ausmachen, was die ſo prunkend zur Schau getragene Stätigkeit genannt wird. Man entfeſſele die Seele ihrer phyſiſchen Bande, ſo viel man kann, und das Wenige, in welchem jenes Viel enthalten iſt, kann nur im Schlaf erkannt werden, und beobachte dann die Seele in der Stunde des Wachens, während ihr Körper ſchläft— welch ein wandelbares, ſchwaches Weſen iſt alsdann eben jene Seele;— ſie iſt in ihren Träumen am freieſten. Ein Weſen, das nur Seele iſt, muß der Inbegriff aller Veränderlichkeit ſein. Ich ſtelle dieſe Bemerkungen zu meiner eigenen Recht⸗ fertigung an. Ich ſtelle ſie an, um mich gegen Ver⸗ achtung wegen meiner immer wechſelnden Entſchlüſſe zu 124 Die Bübung, oder verwahren. Ich vermochte damals meine eigenen Um⸗ ſtände zu erſchaffen— ich war der Schiedsrichter der mir obliegenden Pflichten— der Schöpfer meiner eige⸗ nen Impulſe— und eben damals nur meinem Gotte und meinem Gewiſſen verantwortlich. Wer vermag das im Gewühl der Menſchen? Eingekerkert in den geſell⸗ ſchaftlichen Kreiſen, vermögen, v, wie ſo Wenige abzu⸗ ſchweifen, ſei's nun auf rechten, oder auf verkehrten Weg hin! und wenn ſie es thun, wie bald und wie übervoll müſſen ſie es büßen. Ja, meine Selbſtverant⸗ wortlichkeit war mir damals eine Laſt und ein Fluch! Ungeachtet all meines inneren Mißbehagens ſchlief ich an jenem Mittage vielleicht ruhig, gewiß aber lange und feſt. Ich konnte mich keines Traumes, keiner Auf⸗ forderung, keiner Offenbarung, die ich während meines Schlummers gehabt hätte, entſinnen; doch war mir ein tiefer, unzuerſpürender Eindruck geblieben, als wäre mir auf geheimuißvolle Weiſe Rath ertheilt worden— der Rath, in meinem Vorhaben fortzuſchreiten. So ſchüttelte ich denn die meinen Kleidern anhaftenden trockenen Blätter ab, ſtand auf, rief Springer von ſei⸗ nem Lager auf und ſetzte mit feſterem Schritte und mit minder beugſamer Entſchloſſenheit meine Wande⸗ rung fort. in⸗ GiuE 8 un Ich hatte damals und habe noch meinen Vorrath von Eitelkeit. Wer, der Etwas werth iſt, hätte den⸗ ſelben nicht? Theilweiſe ging mein Vorrath auf meine Perſönlichkeit. Verachten wir Keinen, und vor Allen, verachten wir uns ſelber nicht! Undank gegen den Ge⸗ ber alles Guten iſt es, perſönliche Vorzüge geringzu⸗ ſchätzen, und Undank und Kleinlichkeit iſt es, ſich zu ſtellen, als ſchätze man ſte gering. Ich glaubte damals, daß ich ſolche Vorzüge, wenn nicht in hohem Grade, Ardeni Troughton. 125 doch in Fülle beſaß. Als ich im Begriff ſtand, im kla⸗ ren Waſſer mir Geſicht und Hände zu waſchen, widmete ich eine Minute, ehe ich die ſtille Fläche der Fluth be⸗ wegte, dem Selbſtbeſchauen. Das Reſultat davon werde dem Leſer mit der Verſicherung kund, daß ich ſeit mei⸗ nem jüngſten Schiffbruche dießmal mich zuerſt beſpiegelte. Wir ſchämen uns ſehen zu laſſen, daß wir Dinge thun, von denen wir wiſſen, daß Jeder ſie thut, und finden doch am Thun derſelben Vergnügen. Schlank, muskelſtark und ebenmäßig gewachſen, hätte ich meine Geſtalt beinahe für fehlerfrei halten mögen, wenn nicht meine Schultern etwas unverhältnißmäßig breit geweſen wären; ein Fehler, durch den ich an jener ſtattlichen Haltung, die Hochgeborenen eigen zu ſein pflegt, eben ſo viel einbüßte, als ich dadurch an phyſi⸗ ſcher Stärke gewann. Meine Geſichtszüge waren re⸗ gelmäßig und deutlich, vielleicht ein wenig ſcharf ge⸗ ſchnitten, meine Augen ruhelos, wild und brennend, und durch die gebräunte Haut meiner Wangen ſchimmerte ein dunkles Karmoiſinroth, mein Kinn⸗, Lippen⸗ und Backenbart waren, wie mein Haupthaar, dick, ſtark, lockig und von glänzendem Schwarz; dennoch wies bei aller dieſer Kräftigkeit des Ausſehens der allgemeine Ausdruck meiner Mienen als ein Ganzes ſich ſeltſam mild uftd ruhig. Meine Stirn war hoch und breit, jedoch zuverläſſig nicht weiß, und zeigte bereits ver⸗ ſchiedene horizontale und zwei oder drei perpendikulare Linien. Meine Bekleidung war maleriſch und elegant; in⸗ dem die oberen Gewänder zwar von Fellen gemacht, jedoch ſehr nach europäiſcher Mode geſchnitten erſchie⸗ nen. Die aus verſchiedenen Pelzſtreifen gefertigte Ma⸗ troſenzacke ſah romantiſch genug aus. Ich trug eine 126 Die Büßung, oder hohe kegelförmige Kappe, von den Fellen einer kleinen Gattung von Hirſchen, die ſehr ſtandhaft gegen die Näſſe war. Auch fehlte es mir nicht an einer Art von Leinen, das aus der inneren Rinde eines Baumes ge⸗ fertigt worden war, die zuvor mit Waſſer geſättigt und dann doppelt genommen ward, ſo daß ſie ein ſehr ſanf⸗ tes linnenartiges Gewebe abgab. Für alle dieſe Herr⸗ lichkeiten hatte ich dem Neger zu danken. 1d Hor Ueber meinen Rücken hin hingen mein Bogen und ein Bündel Pfeile aus ſtarkem Rohr, und an der Spitze mit einem ſtarken Fiſchknochen verſehen. Hinſichtlich des Treffens konnte ich mich für keinen ſonderlichen Bogenſchützen ausgeben. Jugurtha verſtand ſich fehler⸗ los darauf, allein ich vermochte den Bogen ungleich kräftiger abzuſchnellen und ihn um ein Drittheil weiter zu ſchießen als er. Gegen einen großen und nicht zu fernen Gegenſtand war er in meiner Hand eine wirklich furchtbare Waffe. Auch war ich mit einem Spieße, das heißt, mit einem langen und derben Stabe verſe⸗ hen, der zur Spitze eine harte kegelförmige Muſchel hatte, die völlig ſo ſcharf und faſt eben ſo zähe wie Ei⸗ ſen war. Gegen den Körper eines Menſchen oder Thie⸗ res würde dieſe Waffe völlig gleiche Wirkung mit einer Lanze gehabt haben. Im Vertrauen auf meine Waffen, meine Geſundheit und meine Stärke fürchtete ih nichts, was etwa mir über den Weg ſtreichen möchte, und ſchritt abermals in meiner Einbildung durch einen Landſtrich hin, in welchem ich ſpäterhin ein Königreich zu begrün⸗ den haben würde. Als ich den Fluß hinabzog, fand ich, daß deſſen Bette ſich breitete und verflachte, auch daß ſein Lauf ſehr durch Felstrümmer gehemmt ward. Auf dieſem Punkte ſchien die Schifffahrt mir zweifelhaft, und wenn Ardent Troughton. 127 überhaupt möglich, doch höchſt ſchwierig zu ſein, und eines geſchickten Lootſen zu bedürfen. In meiner da⸗ maligen Gemüthsſtimmung fand ich hierin große Be⸗ kümmerniß, weil jener Umſtand den Werth meines ein⸗ ſtigen Reiches verringerte und den Fortſchritten hinderlich werden müßte, die meine Nachkommenſchaft in der Ci⸗ diliſation machen ſollte. Was für müſſige Träumer wir ſind! Zwoͤlftes Kapitel. Bisher bin ich Geſellſchafter des Leſers geblieben und habe nichts erzählt, als was ich ſelbſt entweder ſah oder dachte oder empfand. Da jedoch die Kataſtrophe meiner Abenteuer ſich ihrer Entſcheidung nähert, ſo muß ich in gedrängter Kürze, gemäß ſorgfältig geprüften Berichtes, der mir von Anderen ward, die Ergebniſſe mittheilen, die ſich in jener ſchwimmenden Hölle zutru⸗ gen, welche den Namen Santa Ana führte. Sie ward zuletzt beſchrieben, wie ſie mit ſchlappen Segeln ein Spiel der Winde war, und wie ihr troſtlo⸗ ſer Anblick noch entſetzlicher durch den jungen engliſchen Burſchen gemacht ward, der in den Kleidern meiner Schweſter, ein blaßgelber Leichnam, an der Vorderraa hin und her baumelte. Schauerlich, wie die Santa Ana“ in ihrem Aeußeren war, gab ſie in ihrem Innern doch ein noch ſcheußlicheres Schauſpiel ab. Der geeig⸗ netſte, der ekelhafteſte Gegenſtand, und geeignet wegen 128 Die Büßung, oder der Ekelhaftigkeit, womit ſie verglichen werden konnte, war der eines ungeheuren und übel in Ordnung gehal⸗ tenen Metzgerhauſes. Unter allen Bewohnern deſſelben waren die Todten die bei weitem glücklicheren. Diejenige Partei, die ſich zur Sache des Rechts und des Wohlwollens gehalten hatte, war im Kampfe beinahe aufgerieben worden; und unmittelbar, nachdem dieſer verzweiflungsvolle und verderbliche Sieg ſich zu Guͤnſten des Kapitäns Mantez entſchieden hatte, wur⸗ den die wenigen am Leben Gebliebenen, und von denen kein Einziger unverwundet war, kaltblütig bis auf eine einzige Ausnahme niedergedolcht. Seltſam ge⸗ nug machte der Kapitän ſelbſt dieſe Ausnahme, die ſich in keinem Anderen als in dem den Leſern gewiß noch bekannten Silberlöffel darſtellte. In der Vorderkajüte war mein Vater, ſchwer, je⸗ doch durchaus nicht gefährlich verwundet, niedergeſunken. Er hatte mehrere breite und einige tiefe Hiebe erhalten und einen bedeutenden Blutverluſt erlitten; dennoch war ihm die Beſinnung geblieben. William Watkins, der Löffel, lag über ihn hin, und bei jedem Verſuche, den der alte Mann zum Aufſtehen machte, ward er durch den auf ihm laſtenden Stadthahn gehindert. Dieſer Watkins war zwar brav, jedoch zugleich auch ein kaltblütiger und liſtiger Menſch. Bis auf das Aeußerſte hatte er angeſtrengt, jedoch beſonnen und mit großer Vorſicht gefochten. Vielleicht waren von ſeiner Hand mehr Gegner, als von irgend einer anderen gefallen, dennoch hatte er ſelbſt am wenigſten gelitten. Freilich war er verwundet worden. Doch nichts weniger als gefährlich oder ſchwer. Dennoch hatte er ſich den Schein gegeben, als wäre er es, indem er ſich über und über mit Blut beſudelte. Indem er ſich nach Möglichkeit Ardent Troughton. 129 todt ſtellte, ſah man ihn, wie geſagt, über meinen Va⸗ ter hingeſtreckt liegen, als Mantez zurückkehrte, nachdem er mich durch das Kajütenfenſter hatte entſpringen ſehen. Mantez, der das Verſchwinden meiner Schweſter wahrgenommen hatte, ſpähete jetzt nach Auskunft über ſie. Die wenigen unſerer Anhänger, die noch gelebt hatten, waren allzuhaſtig hingeſchlachtet worden, und ihre Mörder hatten es nicht für nöthig erachtet, auch nur eines Einzigen zu ſchonen, der ihnen hätte Kunde geben können. In dem Zuſtande wilder Aufregung aber, in welchem die Sieger ſich befanden, achteten wenige derſelben auf das lebhafte Forſchen des Kapitäns nach der Doncella. Meine Mutter lag bewußtlos auf dem Teppich in der Hinterkajüte, und Iſidora glich für eine Zeitlang einer Wahnſinnigen. Als die weibliche Die⸗ nerſchaft befragt ward, ſagte dieſe der Wahrheit gemäß aus, Honoria habe ſich in die See geſtürzt. Da dieſe Ausſage dem zu widerſtreiten ſchien, was Mantez ſelbſt geſehen hatte, ſo ſtieß und ſchlug er auf plumpe Weiſe die Auskunftgebenden. Hätte in dieſem Momente entſetzlichen Grimmes der Kapitän meinen Freund Don Juliano lebend erblickt, ſo würde er dieſen vollends erſchlagen haben. Juliano aber lag zwiſchen den Todten wie ein Todter. Der Kapitän zweifelte nicht, daß, wenn die Unbändigkeit ſeiner Leute ſich gelegt haben würde, er dieſe wohl wie⸗ der zur Unterwürfigkeit zwingen könnte; doch fürchtete er, es möchte Honoria in ihre Hände fallen, da er doch wünſchte, meine Schweſter in ſeine Klauen zu bekommen. Bereits hatte er beide Kajüten durchſucht, und ſtand nun vor der Gruppe von Leichnamen, über welche letz⸗ tere hin der Silberlöffel lag. Mit boshaftem Grinſen Ardent Troughton. III. 9 Die Büßung, oder blickte Mantez dieſen an. Er erkannte in ihm nur denjenigen, der ihm zwei leichte Wunden beigebracht hatte— die einzigen, die er im Kampfe davontrug. Als der Silberlöffel auf ihn ſchoß, hörte oder verſtand Mantez die Anſpielung nicht, die von Watkins auf den Bruder des Kapitäns gemacht ward. Bei alldem hatte Letzterer Neigung genug, um dasjenige zu beſchimpfen, was er für die Leiche Williams hielt. »Engliſches Aas,« rief Mantez mit rachegierigem Fußtritte,»wagteſt Du das edle Blut eines Spaniers zu vergießen?« Watkins erduldete ſtoiſch den Tritt, konnte jedoch der phyſiſchen Gewalt deſſelben nicht widerſtehen, und mußte alſo von dem Körper meines Vaters herunter⸗ gleiten. Nun aber wünſchte dieſer ſchlaue, jedoch wahr⸗ haftig gutherzige Stadthahn, daß der alte Kaufmann nicht eher zu Geſichte käme, als bis die Blutgier der Sieger ein wenig nachgelaſſen haben würde. Langſam zog der Löffel ſich alſo wieder in ſeine frühere Lage zurück; wie behutſam er dieß auch bewerkſtelligte, ſo ward es doch von Mantez wahrgenommen. „»Wie, Ketzer, biſt Du noch nicht in der Hölle 2⸗ ſchrie dieſer, und ließ ſeinen Dolch vor den Augen des hingeſtreckten Seemannes blitzen.—»Fahr' hin!« Allerdings war dieſer Befehl eben ſo einfach als energiſch und vollkommen verſtändlich; da jedoch Ge⸗ horſam hier etwas läſtig geworden ſein würde, packte der Silberlöffel die herniedergeſchwenkte Hand mit ſeiner Lin⸗ ken, riß ihn nieder, und legte ſeine audere Fauſt ſo erſti⸗ ckend an die Gurgel des Meuchlers, daß dieſer kaum ath⸗ men, jedoch keinen Laut von ſich geben konnte. Im nächſten Augenblicke hatte Watkins ihn zwiſchen zwei Leichen geworfen, blickte jetzt forſcheund umher und ſah, daß nur Ardent Troughton. 131 Todte oder Verſcheidende ſich in der Kajüte befanden. Dieß war ein Glück für Mantez, denn es rettete ihm das Leben. „»Wenn's beliebt,« ſagte der Silberlöffel flüſternd in ſeinem Jargon, den hier zu wiederholen, wir für zu unbequem für den Leſer erachten—»wenn's beliebt, Kapitän, ſo könnt Ihr eine gute Erſtickung haben. Möchtet Ihr jedoch zuvor noch eine Bemerkung oder eine Aeußerung machen, ſo—« und die klemmende Fauſt ließ etwas nach. „Arrah— ah—«begann Mantez, als wollte er um Hülfe ſchreien. In demſelben Augenblicke war ihm die Schraube an der Kehle wieder ſo thätig, daß er blau im Geſichte ward, dabei tieelte ſein eigener Dolch ihn unter den Rippen. » Schlechte Manieren habt Ihr doch, Kapitän,« flüſterte der Löffel weiter, der wie ein Verliebter neben ihm hingeſtreckt lag.»Warum converſirt Ihr nicht auf gentile Weiſe, wie ich, im Flüſterton? Seid ſo gütig, mir zu ſagen, ob Ihr noch irgend Etwas zu befehlen habt, bevor ich Euch das Herz an dieſe delikate Lanze ſpieße.⸗ Durch ihre zuſammengeklemmten Zähne hindurch ſchloſſen jetzt flüſternd der Engländer und Spanier einen fürchterlichen Vertrag, mit welchem Erſterer jedoch ſich nicht eher begnügte, als bis Letzterer die Punke deſſel⸗ ben auf das Griffkreuz ſeines eigenen Dolches beſchwo⸗ .ren hatte. „Jetzt, Kap'tän, ſteht auf, und bedenkt, daß, bis wir an Land legen, wir einander nimmer aus den Angen laſſen.« „Und bis dahin willſt Du mir treulich dienen?⸗ »Ganz gewiß— ich will, wenn Ihr ſchlaft und 9* Die Bußung, oder wenn Ihr wacht, Euch zur Seite ſein. Ihr ſollt eſſen und trinken, und ich will Euch ſcharf bewachen, ich will an Euch haften, wie der goldene Reifen am Finger ei⸗ nes ſilzigen Armenpflegers.⸗ Zuverläſſig kannte Mantez nicht die Kräftigkeit des letzteren Vergleiches; inzwiſchen müſſen wir annehmen, daß er ihn für eine feierliche Zuſicherung hielt, denn er erklärte, vollkommen zufriedengeſtellt zu ſein. Watkins, immer noch den Dolch in der Fauſt, half nun dem Ka⸗ pitän vom Boden auf. Die Bedingungspunkte des erzwungenen Kontraktes nun waren: Perſönliche Sicherheit allen noch lebenden Paſſagieren, unverzüglicher wundärztlicher Beiſtand allen Verwundeten und ſorglichſte Verpflegung Aller; ferner unverletzliche Zurückgezogenheit meiner Schweſter,(von deren gelungener Flucht keiner der Kontrahirenden bis⸗ jetzt etwas wußte,) falls dieſe ſolche wünſchte, und dann die wichtigſte Bedingung unter allen, daß Watkins ſo⸗ fort in das unglorreiche Amt eines alleinigen Leibdie⸗ ners des Kapitäns eingeſetzt würde. Dieſe ganze hurtige Unterhandlung ward in ſpaniſcher Sprache betrieben, die dem Silberlöffel faſt eben ſo geläufig als ſeine Mutter⸗ ſprache war. Auf welche Weiſe beide Paktſchließende dieſen Feſt⸗ ſtellungen nachzukommen gedachten, läßt ſich ſchwer den⸗ ken; doch ſchickten dieſelben ſich wohl zu ihrer derzeiti⸗ Bedrängniß, und was würde der raffinirteſte Diplomat mehr haben verlangen können?. Mein ehrwürdiger Vater, der ein ſchweigender Zeuge dieſer Verhandlungen und ſehr im Zweifel geweſen war, ob der Silberlöffel von echtem oder ſchlechtem Metall ſein möchte, ſtellte ſich jetzt aufrecht, und wollte eben eine einſichtsvolle Bemerkung machen, als fünf Betrun⸗ Ardent Troughton. 133 kene hereindrangen, die die Branntweinkammer beraubt und den in Honoriens Kleidern ſteckenden Jungen da⸗ ſelbſt entdeckt hatten. Allgemeine Verwirrung herrſchte jetzt. Der Grimm der bezechten und rachedürſtenden Mannſchaft war auf's Höchſte geſtiegen, ſo daß trotz des Löffels Einreden und den ſchwachen Begütigungsreden des Kapitäns der arme Junge an die Raa des Vorderkaſtells auf die vorbe⸗ ſchriebene Weiſe hinaufgehiſſ't ward. Bei allen Ver⸗ brechen, die Mantez bereits auf der Seele trug, fühlte er dennoch einen Schauder über dieſen unnützen und empörenden Mord. War auch die Verwirrung groß auf dem Schiffe, ſo ſahen die minder Raſenden unter der Mannſchaft ſich doch genöthigt, auf die feindſelig ausſehenden Bewegun⸗ gen des Amerikaniſchen Fahrzeuges zu achten. Man ſchaffte genügendes Pulver an, um damit die auf dem Mitteldeck befindlichen Kanonen zu laden, die zu dieſem Zwecke langſam herangeſchoben wurden. Dabei aber verfuhr Jeder unabhängig vom Andern, und ſchon jetzt zeigte es ſich, daß keine anerkannte Autorität mehr waltete. Die beiden Oberofficiere lagen verwundet, die beiden nächſtfolgenden waren todt. Die wenigen Uebrigen be⸗ trachteten ſich als unüberwindliche Helden, von denen jeder Einzelne ſich zum Oberkommando berechtigt glaubte. Der Wundarzt und der Schiffsbarbier waren zum Glück unverletzt geblieben. Der Koch, der als eine für Aller Wohlfahrt hochwichtige Perſon ſich ſelber als ſolchen zu ſchätzen wußte, hatte während des Handgemenges ſich in ſeinen großen kupfernen Keſſel verkrochen. Sein Maat, ein hundiſcher Neger, der dieß bemerkte und nach dem Oberamte trachtete, erſäufte ihn erſt halb in Die Büßung, oder Salzwaſſer, klappte dann den Schließdeckel zu, damit des Kochs Geſchrei nicht gehört würde, zündete dann das Feuer unter ihm an, und ſott ihn gemächlich zu Tode. Der ſchwarze Böſewicht, der ein Gelüſten nach Mannichfaltigkeit im Morden hatte, griff nun mit der Feuergabel bewaffnet, deren Zinken er zuvor glühend gemacht hatte, unſere Partei an, und gelangte zu einem weit edleren Schickſale, als er es verdient hatte, indem ihm eine von den Kugeln der Kajütenkanonen durch die Rippen fuhr. Es iſt gut, die Geſchicke wichtiger Perſonen für die Nachwelt aufzuzeichnen. Nachdem alle Todte und tödtlich Verwundete über Bord geworfen waren, befanden von der zwei⸗ hundert Köpfe ſtarken Mannſchaft, welche geſund von Barcelona abgefahren war, ſich nur noch zweiundvierzig am Leben, und von dieſen waren nur dreiundzwanzig dienſttauglich. Daß dieſe nicht ausreichte, lag am Tage, denn als ſie die Verdecke klar gemacht hatten, ſchienen ſie der Meinung zu ſein, genug für das Schiff, für ſich und für den Ruhm gethan zu haben, und beſchloſſen, nichts mehr für die Officiere in's Werk zu richten. Des Wundarztes auf der Santa Ana“ habe ich früher erwähnt. Er war ein trockner, verſtockter, doch wie ich glaube, auch ein durchaus guter und aufrichtiger Mann. Er ſchien ein Menſch zu ſein, welcher glaubte, die Nichtigkeit aller Dinge erkannt zu haben, die ſich mit den gewöhnlichen Lebensangelegenheiten verknüpfen. Er verachtete Alle, die ihn umgaben, that jedoch all ſein Mögliches, um jedem Einzelnen Huülfe zu leiſten. Er war ſehr ſchweigſam, und redete er einmal, ſo thab 4 er es gewiß auf ſarkaſtiſche Weiſe. Fleißig bis zu of⸗ Ardent Troughton. 135 fenbarem Nachtheile für ſeine Geſundheit, war er viel⸗ leicht geſchickter, als man es von ihm in ſeiner Stel⸗ lung hätte erwarten mögen. Er hatte in der ſpaniſchen Armee gedient, und daſelbſt ein weites Feld für ſeine Ausbildung gefunden. Ein Menſch ſeiner Art iſt ge⸗ wöhnlich ein Menſch der Abneigungen. Mehrere der⸗ ſelben hatten ihn während ſeines Lebenslaufes angewan⸗ delt, und miteinander ihm Verluſte erzeugt. Unter Anderen verlor er durch ſie eine Braut und deren Ver⸗ mögen, eine gute Anſtellung am Hofe und endlich die Hoffnung auf die Stelle eines Oberarztes bei der Anglo⸗ ſpaniſchen Armee. Seitdem er ſich an Bord der Santa Ana’ begeben hatte, waren ſeine Abneigungen unzählbar worden, da er ſie jedoch in einem Anfalle von Ueberdruß nicht ent⸗ fernen konnte, vergaß er ſie alle, um deren neue zu er⸗ langen. Zu Anfange der Fahrt ſchien er ſich an unſere Familie anzuſchließen, ſo daß wir trotz ſeinen Wunder⸗ lichkeiten ihn recht wohl leiden mochten; dann aber faßte er plötzlich eine Abneigung gegen etwas ungewöhnlich Unduldſames und Frömmelndes in dem Prieſter, und ſtattete ſeitdem nur amtliche Beſuche bei uns ab. Frü⸗ her ſchon hegte er entſetzliche Abneigung gegen Man⸗ tez; und als die Empörung auf der„Santa Ana’ ausbrach, hatte er durch ſeine aufeinandergehäuften Ab⸗ neigungen ſich faſt gänzlich von der übrigen Mannſchaft abgeſondert. Bei jener denkwürdigen Gelegenheit nun befand er ſich in der Tauenkammer und ſtellte einige chemiſche Experimente an, in die er ſo vertieft war, daß anfäng⸗ lich der Lärm ihn nicht ſtörte. Endlich als das Feuern überhand nahm, und das Schreien und Kreiſchen nicht mehr aufhören wollte, iſteckte er ſeinen Kahlkopf durch Die Büßung, oder die Hinterluke auf dem Mitteldecke. Da er nun ſah, daß wir wie eben ſo viele eingefleiſchte Teufel, jedoch mit noch mehr als ſataniſcher Wildheit, einander die Gurgeln abſchnitten, winkte er ſeinem Helfer, dem Bart⸗ ſcherer, von dem Gefechte weg, und kehrte gelaſſen in die Tauenkammer zurück, wo er ſeine chirurgiſchen In⸗ ſtrumente zurechtlegte. Unſer aber war ein Grimm, der keine Erbarmen hatte, keine Rückſicht auf Freund oder Feind zuließ. Wo der Mann fiel, da blieb er liegen. Keiner bückte ſich, um des Geſtürzten Wunde zu unterſuchen, noch weniger, um ihn an ſicheren Ort zu ſchaffen. Alſo erſt, nachdem aller Kampf vorüber war, wurden des Wund⸗ arztes Dienſte in Anſpruch genommen; doch wurden ſie auch dann noch ihm erleichtert, indem die Barbarei Et⸗ licher von der Mannſchaft jeden Verwundeten äber Bord warf, der ihrer Meinung nach unheilbar war. Der Erſte, zu welchem Sennor Zurbano gerufen ward, war der erſte Steuermann, Namens Gomez Al⸗ farucho, vor welchem der Prieſter ſtand. Der Mann war tödtlich verwundet. Er fühlte das ſelbſt, doch fla⸗ ckerte zögernd noch auf ſeinem Antlitze die Hoffnung, als er den Chirurg herantreten ſah. Außer dem Manne Gottes war Niemand bei ihm. Wer auch hätte in jenem Augenblicke der Emancipation von aller Autorität ſich ſo weit erniedrigen können, den Aufwärter zu ſpie⸗ len, wäre es auch nur für eine kurze Stunde bei einem Sterbenden geweſen! »Was habt Ihr Euch alleſammt ſo angeſtrengt, einander zu erdolchen? Scheint doch eine ſeltſame Ver⸗ laſſenheit auf dem Schiffe zu herrſchen le ſagte der ein⸗ tretende Wundarzt. O, Sie guter, rerricher allertrefflichſter Zurbauo — „ — —— Ardent Troughton. 137 muß ich ſterben? ſind dieß tödtliche Wunden? Sehen Sie her, ſehen Sie— die Löcher ſind nur klein.« „»Meine Sonde her, Boccofugo,“— die Silberſpitze fuhr in die Löcher—»klein, aber tief!« »Ja, tief— ich fühl's. O, wie tief! Doch reichen ſte nicht bis an den Lebensquell? He? Können Sie ſie nicht heilen, Sie ſo Gelahrter, Sie ſo Weiſer?⸗ „Sie werden meines Beiſtandes nicht lange bedür⸗ fen,« verſetzte Zurbano.»Geſchwind, rechnen Sie Ihre Sünden dieſem frommen Manne her; das wird eine gute Aufgabe für Sie ſein. Mittlerweile will ich mein Beſtes für Sie thun— thun Sie aber auch Ihr Be⸗ ſtes für ſich ſelbſt; denn, bei allen Kräften der Pharma⸗ cie! wir Beide haben keine Zeit zu verlieren.« Dieſe kaltblütige Ankündigung der nahen Auflöſung Affaruchv's hatte auf dieſen Leidenden eine ſchreckliche Wirkung. Er hatte früher manche Wunde davongetra⸗ gen, und ſich männlich ſtandhaft dabei erwieſen; jedoch zu wiſſen, daß er dem Tode nahe war, verwandelte den einſt Braven urplötzlich in den erbärmlichſten aller Feig⸗ linge. Er begann ſofort zu phantaſiren, und verrieth in ſeinem erbärmlichen Gejammer dem Chirurg und dem Geiſtlichen das Ganze der treuloſen und piratiſchen Anſchläge des Kavitäns Mantez und deſſen Genoſſen, gegen die Geldſchätze, und in Folge davon gegen das Leben der Paſſagiere. Zurbano hörte zu, und fuhr in ſeinen Operationen fort. Der Prieſter erklärte ſich von Entſetzen ergriffen, und war ſo erſchrocken durch Alles, was er hörte, daß ehe er noch die Worte der Abſolution ausſprechen konnte, und als Zurbano eben dem Sünder den letzten Verband anlegte, die Seele des Letzteren mit einem ſcheußlichen Fluche, beiden Helfern entſchlüpfte. eiAy, desdichado de mi— ich Unglückſeliger!⸗ 138. Die Büßung, oder lallte der Mönch—»Satanas iſt zu mächtig für mich — Einer meiner Heerde ging für immer verloren. Ich moͤchte ihn wohl noch einige Millionen von Jahren aus dem Fegfeuer befreit gewußt haben, wenn ich im Stande geweſen wäre, ſeine Beichte zu vernehmen und ihn zu abſolviren! Nun aber hat der Teufel den ſündendicken Gomez Alfarucho in seculis seculorum zu ſeinem Ei⸗ genthume erwiſcht. Satanas iſt zu mächtig für mich geweſen.« „»Oder die Klingenſtiche der Troughtonianer ſind es geweſen,« verſetzte der Mann der Arzneikunde trocken, packte ſeine Inſtrumente zuſammen, und ließ den Todten bei dem Abwehrer der ewigen Verdammniß. Dreizehntes Kapitel. Ich will mir einige Zeit gönnen, um die vollſtän⸗ dige Umwälzung zu beſchreiben, die mit denjenigen vor⸗ ging, welche die übrig gebliebene Mannſchaft dieſes unheilvollen Schiffes abgaben; und die daraus ſich ent⸗ hebenden moraliſchen und phyſiſchen Folgen werden mich noch mehr zu beſchäftigen haben. Von der Koje des Oberſteuermanns begab Zurbauo ſich ſonder Zeitverluſt in die Hauptkajüte, wo er kaum eingetreten, den Schlamm der Miſanthropie von ſich ab: ſtreiffe. Meines Vaters und Don Juliand's Wunden wurden gehörig verbunden, und Beiden ward dann die würdige Behandlung, die den Kranken zukommt. Auch Ardent Troughton. 139 der Kapitän erhielt chirurgiſchen Beiſtand, doch nicht ohne manche ſarkaſtiſche Nebenbemerkung aus dem Munde Zurbano's. Die Weiber wurden zu ſich ſelbſt gebracht, und man machte ihnen begreiflich, daß bei jeder wieder⸗ holten Schauſtellung von Ohnmacht man ſie mit Ader⸗ laß, Blutigeln und Salzwaſſer beſtrafen wurde; ſo daß meine Mutter und Donna Iſidora zu einem verhältniß⸗ mäßig ruhigen Zuſtand herabgeſtimmt wurden. In der Staatskajüte war auf ſolche Weiſe eine Art von Ordnung hergeſtellt worden, und zeigte einigermaßen einen Schein von Behaglichkeit. Zurbano richtete nun ein Lazareth auf dem luftigſten Theile des Mitteldeckes für die verwundete Schiffsmannſchaft ein, und hier hatte er mit dem Barbier hinreichende Beſchäftigung, um etwa die heranſchleichende Langeweile zu verſcheuchen. Wirklich hatten Chirurg und Gehülfe die niedrigſten Spitaldienſte ſelbſt zu verrichten; denn alle Matroſen waren mit einem Male Granden geworden. Der Mann, der nach der Abdankung des Silber⸗ löffels nach dem Steuerrade gegriffen hatte, war lange nach dem Aufhören des Mordens noch nicht abgelöſet worden. Vergebens ſchrie er Jedeu an, der ihm in Sicht kam; ſo verließ er denn endlich ſeinen Poſten, und das Schiff flog mit allen ſeinen geſammten Beiſatzſegeln in den Wind. Ein Glück war's für die Santa Ana“ und ihre bethörte Mannſchaft, daß der Himmel nicht immer den Menſchen mit Vergeltung heimſucht. Die ſchwache Brieſe ſeukte ſich gegen die Zeit des Sonnen⸗ untergangs, und die ungeheure Linnenmaſſe hing ſchlapp an den Ragen herunter, wie alte Banner in den ſtillen Kreuzgängen einer alterthümlichen Kathedrale zu han⸗ gen pftegen. Zu beſſerem Verſtändniſſe deſſen nun, was ich zu 140 Die Büßung, oder erzählen habe, wird es nöthig ſein, eine Ueberſicht der Inſaſſen der Kajüte vorzunehmen. Dieſe beſchränkten ſich jetzt auf meinen Vater und Don Juliano, welche Beide verwundet, und Letzterer ziemlich ſchwer, in ihren Kojen lagen. Donna Iſidora hatte mit zweien Mäd⸗ chen ausſchließlich die Hinterkajüte inne. Die männli⸗ chen Diener der Paſſagiere, ſo wie die Nichtmatroſen, welche mein Vater mit an Bord genommen hatte, wa⸗ ren mit einander im Gemetzel umgekommen, oder nach demſelben grauſam erdolcht worden. Gegen Abend waren die beiden Mägde wieder ſo weit zur Beſinnung gekommen, daß ſie ein Feuer auf dem Kajütenherd zündeten und Vorbereitung zu einer Mahlzeit trafen, deren Alle ſehr bedurften. In dieſer Annäherung von Rückkehr zu einigen Ziemlichkeiten des geſelligen Lebens müſſen wir ſie vor der Hand verlaſſen. Wir wenden uns zu dem Kapitän, der allerdings ein Schiff, aber weder Mannſchaft noch Autorität hatte. In Uebereinſtimmung mit dem Pakt, den er und der Silberlöffel gemacht hatten, folgte Letzterer ihm wie ſein eigener Schatten, oder treffender geſagt, wie der böſe Genius eines Schriftſtellers dieſem folgt. Außer dem Dolche hatte Watkins ſich mit zwei geladenen Pi⸗ ſtolen verſehen, und wohl wußte Mantez, wozu dieſe dienen ſollten, im Fall das Mindeſte gegen die Sicher⸗ heit der Kajütenbewohner verſucht werden würde. Nachdem der Kapitän verbunden worden war, und eine Zeitlang in ſeiner Koje unter der Puppe geruht hatte, begann er die ſtrengſten aller Forderungen, näm⸗ lich die des Hungers und Durſtes zu ſpüren; jetzt, und jetzt erſt gelangte er zur vollſtändigen Erkenutniß der gänzlichen Desorganiſation, der ſeine Mannſchaft erlag. Nicht Lebensmittel, nicht Diener, nicht Köche, Ardent Troughton. 141 nicht einmal Feuer war zur Hand. Gelaſſen berichtete ihm dieß der Silberlöffel. Ein Zwieback und etwas Wein und Waſſer, weiter nichts war aufzutreiben. Als Herr und Knecht dieſes Mahl miteinander ge⸗ theilt hatten, ohne dabei ſonderlich auf Unterſchied des Ranges zu achten, begab der Kapitän ſich auf das Hin⸗ terdeck, um zu ſehen, ob er ſeine verlorene Autorität wiedererhalten könnte. Das Verdeck wies ſich gänzlich verlaſſen, auch am Steuerrade war Niemand; ja, auf erſterem lagen noch das Zeltlinnen und die Splin⸗ ternetzung, obgleich dieſelben zum Theil eingerollt waren, um Platz zu gewinnen, die Leichen über Bord zu wer⸗ fen. Alles auf Deck war glitſchig von Blut— ein kläglicher, jammervoller Anblick! Mit bleichem Ent⸗ ſetzen ſtarrte Mantez den Silberlöffel an. „»Euer eigenes Verlangen, Schiffer!« war die un⸗ umſtändliche Antwort auf den ausdrucksvollen Blick. „»Was, im Namen der heiligen Schaar aller Mär⸗ tyrer! ſoll ich anfangen?« fragte der zu Grunde gerich⸗ tete Befehlshaber. „»Ihr Beſtes, Sennor—; wär's auch nur der Ver⸗ änderung willen, denn Sie haben zeither genug des Schlimmen gethan. Sehen Sie zu, was für Hände Sie an die Beiſatzſegel legen können; ich will an's Ruder gehen.« Watkins hatte bei dem günſtigen Nordweſtwinde das Schiff bald wieder in ſeinem gehörigen Steuerſtrich; dem Kapitän ward es nicht leicht gemacht. Da war kein Bootsmann und kein Bootsmannsmaat, der die Jungen heraufgepfiffen hätte, und dem Rufen des Ka⸗ pitäns ward während langer Zeit von keiner Seele Auf⸗ merkſamkeit geſchenkt. Der einzige Menſch, der ihm in Sicht kam, war 142 Die Büßung, oder der betagte Prieſter, Pater Saavedra, der hageren und bleichen Anklitzes über Deck daherwankte, und dann und wann krampfhaft ſeine Hände rang. Sein Kummer war unerheuchelt. Als ſein Blick dem des Kapitäns begegnete, ſchanderte er entſetzt vor demſelben zurück. Er gedachte der Geſtändniſſe, die der verſtorbene Ober⸗ ſteuermann wider Willen abgelegt hatte. In Mantez erſchauete er den Urheber des unzuſühnenden Elendes, das ſich zugetragen hatte. „ Darf ich mit Ihnen reden, frommer Pater?« fragte der Kapitän, der gegen den Geiſtlichen jeht zum erſten Male wirklich ehrerbietig ſprach. »Sei kurz, mein—« Der Prieſter ſtockte; er konnte das WortSohn“ nicht über die Lippen bringen, als er die Leiter zum Hinterdeck hinanſtieg. „»Welch neues Unheil, Pater, kündet mir Ihr angſt⸗ ausdrückendes Geſicht?« „»Alles und Jedes— das Schlimmſte! Schiff und Alles, was darauf iſt, iſt dem Fluche hingegeben.« „»Meinen Sie die Vertilgung des größten Theils meiner Mannſchaft durch dieſe blutige, abſcheuliche und ketzeriſche Meuterei?« »Wer trieb dazu an? Doch nichts mehr davon! Sünder, mit der in Blut getauchten Seele, kannſt Du Dir kein größeres Unglück als dieſes denken?« „»Ja; mein erſter Steuermann, der bravſte und beſte von allen meinen Leuten, ſtarb vor zwei Stunden. „Läſterung! Freilich iſt ſein Tod ſchrecklich gewe⸗ ſen; doch ein noch finſtereres Grauſen ſchwebt über uns. Nicht länger geſtattet mir mein prieſterliches Gewiſſen, dieſe Arche der Verfluchten mit dem Namen die hei⸗ lige Anna“ zu benennen— ſie iſt Anna, die Verma⸗ ledeiete“1⸗ Ardent Troughton. 143 „Vielleicht, frommer Vater, meinen Sie, daß aus Mangel an Dienſtthuenden wir Alle im nächſten Sturme ertrinken werden? oder daß, wenn der Sturm zögert hereinzubrechen, wir hier auf dieſer troſtloſen See um⸗ kommen möchten, und Jeder nach dem Lebensblute ſei⸗ nes Genoſſen gieren dürfte? Wie Sie ſagten, Pater; es iſt ſchrecklich.« „Schweig, Einfältiger! Giebt's für das Alles nicht Entſündigung, wenn nicht in dieſer Welt, doch in der zukünftigen?— Ich ſpreche von einem unſühnbaren Verbrechen— von einer Sünde gegen den heiligen Geiſt— von einer Miſſethat, für die zahlloſe Myria⸗ den von Jahren im Fegfeuer nicht als Buße hinreichen. Wiſſe, und erhebe in Vorempfindung Deines ewigen Peinleidens in Flammen— daß das Licht erloſch, welches vor dem Altare der heiligen Jungfrau brannte — daß der Heiligen auf gottloſe Weiſe die Kleider abgeſtreift wurden, daß man in ihren holden Mund eine Tabackspfeife ſchob, und in ihre glorreiche rechte Hand, die doch ſpäterhin die Sünder zu den Stufen des Thrones der Gunade leiten ſoll, tempelſchänderiſch ein Glas mit Rum ſteckte.« Mit gen Himmel geho⸗ benen Händen und verſtärkter Stimme ſetzte der Mönch hinzu:»Krieg und Verderben! Im Namen Gottes verfluch ich dieſes Schiff, und Alles, was es enthält!« Während der letzteren Hälfte der Erzählung des Prieſters rollte der derbe Kauſtengel im Munde unſeres Freundes Watkins am Steuerrade wunderſamlich von einer Höhlung ſeiner dicken und wohlgebräunten Wange in die andere, und bedächtlich ward der hochfarbige Saft links und rechts hin weggeſpützk. Nicht geradezu ein Lachen war's, was der Mann am Steuer von ſich gab, wohl aber war's jene Art 144 Die Büßung, oder von Jubelkichern, das von einem Triumphe zeugt, woran Einer ſich heimlich ergötzt. Die Eutweihung des klei⸗ nen wächſernen Muttergottesbildes— denn Entwei⸗ hung war es allerdings— war, obſchon ſie von dem aufrichtigſten Ikonoklaſten*), der jemals lebte, verübt worden war, hatte doch derjenige nicht begangen, der ſich jetzt an derſelben erfreute. Watkins hatte jedoch bei dem Allen zu viele Erfahrungen gemacht, um nicht einzuſehen, daß bei einer ſo ſchwachgeiſtigen Mannſchaft, die, wenn ſie wirklich eine Religion beſaß, nur diejenige von in die dunkelſten Tiefen der Unwiſſenheit getauchten Frömmlern haben konnte, der Einfluß des Paters Al⸗ les in Allem war.— Mantez fühlte ſich von dem Bannfluche des Prie⸗ ſters ſo zuſammengedonnert, daß er keine Bemerkung lautwerden laſſen konnte. Der weltlichgeſinnte Weiſe wird zwiſchen zweien Gefahren jederzeit die geringere wählen, ſobald Wahl nothwendig iſt. Nach dieſem Grundſatze ließ Watkins das Steuerrad ſelber für ſich ſorgen, und ging, um das mißliche Werk zu unterneh⸗ men, den Pater pro tempore nicht von einem Katho⸗ liken zu einem Proteſtanten, ſondern von einem Prieſter, zu einem Hochbootsmanne umzuwandeln. Zum Glücke für ſeinen Eifer in der Proſelytenma⸗ cherei friſchte ſich eben die Brieſe auf, und das Schiff kam allgemach in den Wind. In dieſem Zuſammen⸗ treffen ſtand Watkins, ſo lang wie er war, vor dem alten Manne, machte ihm eine ehrerbietige Berbeu⸗ gung und bat um Gehör. Dieſe Bitte ward ihm je⸗ doch nicht eher gewährt, als bis er mit der möglich *) Ein Ikonoklaſt, ſchöne Leſerin, iſt das, was man auf Deutſch einen»Bilderſtürmer« nennt. Der Ueberſ. — Ardent Troughton. 145 größten Zartheit mit ſeiner theerigen und hornigen Hand den Vulkan der Vermaledeiungen geſtopft hatte. »Nur allzuwahr iſt's, frommer Pater,« ſprach Watkins;»wir ſind mit Stumpf und Stiel von der Hauptmaſtſpitze bis zum Schrammkiel ein verdammtes Geſindel— wir Laien nämlich; doch das iſt kein Grund, weßhalb auch Sie, gottfrommer Herr, erſan⸗ fen müßten, wenngleich Sie vielleicht nichts dagegen haben, ſintemal es ein leichter Uebergang zur ewigen Seligkeit iſt, derer Sie gewiß ſind, und nach der Sie alſo um ſo inniger Verlangen tragen mögen. Wir aber, die wir allewiglich geſchmört werden ſollen, ſchieben ſolchen Proceß gern ſo weit als möglich hinaus. Nun. aber, guter Pater, flehe ich um unſertwillen, die wir elende Sünder ſind, Euch an, uns nicht alleſammt noch heute Abend in die andere Welt zu jagen, ſondern Ih⸗ ren Genuß der Seligkeit noch ein wenig aufzuſchieben.« »Heute Abend? Heute Abend noch? Wie kann ich's abwenden?« ſagte der Pater.»Ungeachtet meiner Zerknirſchung ziemt es mir doch nicht, anmaßend zu ſein. Was wir vom Fegfeuer wiſſen, iſt zuverläſſig nicht anmuthig, und nicht ſchicklich würd' es für einen dem Dienſte der Kirche Gewidmeten ſein, wenn er ab⸗ ſchiede, ohne das letzte der ſieben Sakramente zu em⸗ pfangen.« Bei dieſem Theile der Rede ſchnappten die Topgal⸗ lant⸗ Beiſatzſegelſtangen mit heftigem Krachen ab, und die Linnen baumelten hülflos herunter wie die zerbro⸗ chenen Flügel eines Geiers, und gaben Andeutung, daß das Schiff nur allzubald Wrack werden würde. Das Zeichen war offenkundig— wer was von der Sache verſtand, kount' es deutlich leſen. »Sie, und nur Sie können retten,« fuhr der Ardent Troughton. III. 10 146 Die Bühung, oder Löffel fort.»Die wenigen am Leben gebliebenen Ma⸗ troſen haben ſich erſt in Blut, dann in Rum beſoffen und ſind rein toll von Dünkel. Jeder wähnt ein Don zu ſein, Keiner will Ordre pariren, und es iſt abſolut nothwendig, daß die unter ihnen am wenigſten Trun⸗ kenen maſtan gehen und Segel kürzen. Fluchen Sie ſte aus ihrem ſäuiſchen Müſſiggang mit Kerze und Ge⸗ betbuch heraus; denn— glauben Sie einem alten Seemann— wenn Sie ſie nicht heraufſchaffen, ſo ge⸗ hen wir miteinander nach wenigen Stunden zu Grunde.« Pater Saavedra ging, wenn mau ſeine Jahre und ſeine Körperſchwäche erwägt, mit ziemlicher Hurtigkeit unter Deck, um zu thun, wie ihm geheißen worden war; Mantez aber ſtand verwundert und bangend vor dem neuen Mitbefehlshaber, den er ſelbſt ſich herange⸗ bildet hatte, der jedoch achtlos gegen jegliche Art von Selbſtbetrachtung, ruhig wieder an's Steuer ging und bald nachher das Schiff in den rechten Fahrſtrich brachte. 8 In allen Geſpräc dei abet, d r mittheilten oder noch mitzutheilen Veranlaſſung finden möchten, gaben und geben wir nur den Sinn von dem, was der Sil⸗ berlöffel auf Spaniſch ſagte, denn der Geiſt deſſelben und deſſen groteske Eigenthümlichkeit ſind nicht zu ver⸗ dolmetſchen. 4 Bei alldem war er ſo oder ſo, und zu feinen ei⸗ genen Erſtaunen, eine gewichtige Perſon geworden; hatte jedoch bei all ſeinem Scharfſinn keineswegs den ſonderbaren, wenngleich höchſt natürlichen Gang vor⸗ ausgeſehen, den die Dinge jetzt nahmen. Nicht konnte er es faſſen, daß Mantez auf ſeinem eigenen Schiffe plötzlich zu einer Null hinabſinken würde; und als er den ſeltſamen Pact, den wir beſchrieben haben, mit Ardent Troughron. 147 ihm ſchloß, ſo wollte er bloß das Meſſer des Kapitäns in der Scheide halten, ſo daß er ihn erdolcht oder er⸗ ſchoſſen haben würde, ſobald Mantez gegen irgend Ei⸗ nen der Kajütenpaſſagiere hätte etwas Feindſeliges ferner unternehmen mögen. Von den wenigen Halbnüchternen unter Deck wur⸗ den nur ſieben Mann tüchtig gefunden, maſtan zu ge⸗ hen, und die Beiſatzſegel zu reffen. Auch kroch keiner von dieſen eher in's Takelwerk, als bis er Proteſt eingelegt hatte, ſo daß dieß ſein Thun nicht etwa als ein Aufgeben ſeines neuerworbenen Rechtes angeſehen würde— des Rechtes, das zu thun, woran der Spa⸗ nier ſo großes Behagen findet— des Rechtes nämlich, nichts zu thun. 8 Nach drei Stunden langem Gezänk und Gefluche waren die Beiſatzſegel auf Deck heruntergelaſſen und die Topgallantſegel eingeholt. Der Verſuch, Topſegel zu reffen, würde ſich als durchaus nutzlos erwieſen ha⸗ ben, ſo ließ denn Watkins ſie auf den Kapſtan herun⸗ ter und die ſieben Spanier gingen prahlend und tau⸗ melnd zurück zu ihren Orgien unter Deck. Gewiſſer⸗ maßen ihrem Beiſpiele folgend, begab der Silberlöffel ſich in die Kajüte des Kapitäns, wo er ſich dieſem ge⸗ genüber ſetzte, und Beide begannen nun unter tiefem Schweigen einander lauernd und wehvoll in's Geſicht zu ſtarren. 10* Die Büßung, oder Vierzehntes Kapitel. * Am Bord der Santa Ana“ war Freiheit⸗Jubel⸗ feſt; Jeder that was ihm beliebte, und ihm beliebte folglich nur das, was er that. Sie, die Wenigen, die am Bord lebend geblieben waren, wußten, daß ſie nicht Alles thun konnten, deßwegen zogen ſie es vor, müſſig zu bleiben. Das Verderben ſchwebte vor ihnen, doch ſchien es noch fern zu ſein. Die Sonne leuchtete hell, und die wandelbaren Lüfte ſpielten an⸗ muthig und gelinde. Der liebe lange Tag war dem Schiffsvolk eine Sieſta, ſobald es ihnen ſo gefiel, und die Nacht eine Zeit ungeſtörten Schwelgens— be⸗ haglich Ding für los senores Espanoles. Sie hat⸗ ten auf der Tiefe ihre Heimath gefunden, und ſagten, ſie wollten dieſelbe als ſolche bis an ihr Ende anſehen. Daß ſie auf derſelben ihr Ende und dazu ein naſſes Grab, und zwar binnen Kurzem finden würden, war höchſt wahrſcheinlich. Deſſen ungeachtet folgte Jeder von ihnen ſeinem Gelüſte, und ſo war vor der Hand Alles ruhig. Das Schiff ſchwamm außerhalb des Fahrſtriches eines jeden anderen unter den Breiten von Windſtillen und beſtändig umſetzenden Brieſen; keine Beobachtung ward angeſtellt; Keiner ging au's Steuer, es möchte denn zur Beluſtigung geſchehen ſein. Mit unſäglicher Mühe hatte Watkins das Hinterdeck klargemacht und geſchwappt, und die Mägde hielten die Prunkkajüte in Ardent Troughton. 149 leidlicher Ordnung; jeder andere Theil des Schiffes ward immermehr mit Unflath angefüllt. Ein recht behagliches Leben war dieß ſonder Zwei⸗ fel, ſo lange es währen konnte; denn die Mannſchaft hatte nichts zu thun, oder that doch nichts als eſſen, trinken, ſchlafen und rauchen, und dabei ſpielen. So vergingen Tage und Wochen. Mein Vater und Don Juliano waren von ihren Verwundungen geneſen, und die Damen hatten jetzt mit keinen Krankheiten als mit denen des Gemüthes zu kämpfen. Die Leute am Bord ſonderten ſich in kleine Gemeinden ab, die gänzlich von einander unabhängig, und oft feindlich ge⸗ gen einander waren. Da Jeder über die Brot⸗ und Branntweinkammer herfiel, ſobald es ihm gefiel, und von dem Vorrathe nahm, was ihm beliebte, ſo fingen die Vorſichtigen unter ihnen an, im Geheim aufzuſpei⸗ chern, und von dem baaren Gelde am Bord, welches Mantez und die Mitverſchworenen unter ſich hatten thei⸗ len wollen, ſtahl Jeder ſo viel, als er davon erwiſchen konnte, während von den Verſchworenen ſelbſt nur zwei, nämlich der Kapitän und der zweite Steuermann, am Leben blieben. Das Elend noch zu verſchlimmern, gab ſich bald kund, daß des Paters Geiſteslicht, wie die Lampe vor dem Altare ſeines kleinen wächſernen Muttergottes⸗ bildes erloſchen war. Von unzuſammenhängenden Rache⸗ drohungen ging er zu fürchterlicher Selbſtpeinigung und ermattenden Faſten über, die, verbunden mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen Zuſtande religiöſer Aufregung, ihr tödtlich Werk an ſeinem Gehirne verübten. Er hörte auf, ſich zu geißeln und zu faſten, allein er raſete faſt immer auf den Verdecken umher, ſo daß ſein ſelten ihn erfaſſender Schlaf ihn da überſiel, wo er ſtand. Er ward ein be⸗ „. 150 Die Büßung, oder mitleidenswerther, herzzerreißender Gegenſtand; und es ſchien, als wäre zur Entſchädigung für den Verluſt ſei⸗ ner Vernunft ihm eine übermenſchliche Beredſamkeit zu Theile geworden. Wie fürchterlich war dieſe Be⸗ redſamkeit! Seine kreiſchenden Töne, die von den ent⸗ ſetzlichſten Flüchen erdröhnten und von den bitterſten Klagen erſchallten, weckten Nachts den Schlafenden, um zu hören, daß für ihn und jeden auf dem Schiffe weder in dieſer noch in jener Welt irgend eine Hoffnung vorhanden wäre.— Als William Watkins ſah, daß die Ergebniſſe den Kapitän faſt gänzlich unſchädlich gemacht hatten, hörte er allmälig auf, denſelben ſcharf zu bewachen, und über⸗ ließ es dem Stolze des Caſtilianers, dieſem ſein Bett zu machen und deſſen Speiſen zu kochen. Der Silber⸗ löffel richtete jetzt alle ſeine Aufmerkſamkeit auf meinen Vater und deſſen Gefährten, zu denen jetzt auch Zur⸗ bano und der Barbier kamen; und da Letzterer ſich wirklich nützlich zu machen wußte, ſahen die Kajüten⸗ bewohner ſich ziemlich wohl bedient. Sie ſonderten ſich faſt gänzlich von der übrigen Schiffsgeſellſchaft ab, und kamen dann und wann nur Abends auf das verlaſſene Hinterdeck.. Rührte es nur von den Unterſtrömungen oder von den vorherrſchenden Nordbrieſen her, die nie mehr als mä⸗ ßig waren; genug, das Schiff gelangte immer weiter unter ſüdliche Breiten. Wirklich ging es ſo geraden Weges weit von New⸗Orleans weg, als es ihm möglich war. Nehmen wir nun an, daß unter den erwähnten Umſtänden fünf Wochen verfloſſen waren, und beſchreiben wir dann die Scene in der Vorderkajüte. Ehe ich je⸗ doch dazu ſchreite, muß ich erwähnen, wie ſo gänzlich der damalige Freiheitszuſtand, der keine Herrſchaft, kei⸗ Ardent Troughton. 151 nen Zwang kannte, alle jene Idioſynkraſteen und ſchlei⸗ chenden Wahnſinnsregungen erweckt hatte, die nach der Meinung einiger Gelehrten allen Menſchen eigen ſein ſollen. Der Charakter jedes Individuums zeigte ſich jetzt ſcharf hervorgehoben. Mein Vater, der ſich viel⸗ leicht des am beſten geregelten Verſtandes ruͤhmen konnte, war ziemlich ſo wie ſonſt. Nachdem ich dieß vorbemerkt habe, damit man mich keiner unnatürlichen Uebertrei⸗ bung beſchuldige, fahre ich fort. Es war um die Stunde, die den Untergang der Sonne kündet, und gemeiniglich die glorreichſte aller vierundzwanzig Theile des Tages zu ſein pflegt. Es war ziemlich windſtill; die See glatt und blänkernd, wie ein heller Spiegel, außer, wenn zu Zeiten das, was Liebeskranke einen Zephyrhauch, Seeleute aber eine Katzenklaue nennen, auf einige Ellen weit über die Oberfläche der Waſſer huſchte und dann hinſtarb. Die Luft war friſch, elaſtiſch und erquickend, und da die Hälfte der Schiffsluken offen ſtanden, ſo zog der Strich dieſer reinen Atmoſphäre fortwährend durch die Kajüte. Vielleicht zog über Mr. Troughton's Tiſch eine fri⸗ ſchere Brieſe hin, als ſie auf hundert Meilen in der Runde hätte geſpürt werden mögen. An dieſem Tiſche ſaß er zu oben, Sennor Zurban zu unten. Letzterer war beſchäftigt, Noten in ein um⸗ fangreiches Manuſcript einzutragen. Hinter ihm, jedoch etwas zurück, ſo daß man nicht ſagen konnte, er befände ſich mit an demſelben Tiſche, ſaß der Barbier, der mit kleinen grauen Augen eine Miſchung von Rum und Waſſer aublinzte, auch dann und wann von ihr nippte, und dabei mit ſchweigender Bemwunderung die dünnen, die Feder hurtig führenden Finger ſeines Meiſters be⸗ trachtete. Dieſer Mann war der glücklichſte der Ge⸗ 152 Die Büßung, oder ſellſchaft; er hegte ſo entzückenden Glauben an die Weis⸗ heit des Chirurgen, daß, ſo lange er dieſen bei ſich wußte, er ſich geharniſcht gegen jede Gefahr fühlte. Meine edle Mutter befand ſich da, wo ein gutes Eheweib ſich allzeit befinden ſollte— zur Rechten ihres Gatten. Sie ſah würdevoll und bekümmert aus, ließ ihre Gebetskorallen durch die Finger geleiten, und man hörte, wie ſie leiſe dabei flüſterte. Ueber meines Vaters Schulter hin blickte unſer Freund, der Stadthahn, der Silberlöffel. Vertraulich, jedoch ehrerbietig ſchrieb er, in frecher Demuth Allen gleichſam Geſetze gebend. Nicht genügte es ihm, ſich neben meinen Vater geſtellt zu wiſſen, ſondern er ſtand mit dieſem auf ſo gutem Fuße, daß er mit aus einem demſelben gehörenden Glaſe trank, und dieß ſo oft wieder füllte, als es ihm räthlich⸗ſchien — und der Rothwein war wirklich gut. Als er ſich 3 über meines Vaters Schulter lehnte, wies er die Miene frecher Gleichgültigkeit eines ungezogenen Pagen; au⸗ ßerdem war er ein Orakel. Nebeneinander, traurig und niedergeſchlagen ſaßen Don Juliano und Donna Iſidora. Der Wein vor dem Kavalier blieb unberührt, ſein Geſicht war bleich und hager— er ſah aus wie ein Hoffnungsloſer. Die Donna war noch immer ſchön, aber ihre Gedanken waren nicht bei ihrem Verlobten. Einer ungekrönten Leidenſchaft waren religiöſe Vorurtheile zu Hülfe gekommen, und hatten der erſten Neigung Gluth gänzlich ausgelöſcht. Mit edler Auf⸗ richtigkeit hatten Vetter und Baſe ſich gegen einander er⸗ klärt, ſich gegenſeitig geſtanden, daß ihre Liebe zu einander erſtorben war. Dabei behaupteten ſie, ihre Verwandt: ſchaftsliebe und ihre Freundſchaft zu einander hätte zuge: nommen. Sie ſehnten ſich nach irgend einem Wechſel der Dinge— nach irgend einer Auftöſung ihrer Zwei⸗ Ardent Troughton. 153 fel und ihres Elendes; führte ſolcher Wechſel auch das große Ende aller Dinge, den Tod herbei. Waren nun alle dieſe Perſonen mehr oder minder düſterer Stimmung, ſo gab doch Einer der Anweſenden dazu einen ſchlagenden Gegenſatz ab, Einer, deſſen Grinſen unerſchöpflich war, denn ſelbſt in ſeinem Schlafe lachte er die ſeiner unbedeutenden Seeie vorüberhuſchenden Traumgebilde an. Er erklärte, daß er nur für zwei Dinge in der Welt— für l'amour? und la bagatelle-— lebte. Dieſer Eine zeigte ſich mit allem outré“ eines vollkommenen petit⸗maꝛtre“ gekleidet, als die Karrika⸗ tur einer Karrikatur, und machte es wie die Uebrigen, d. h., er that nichts, als mit Teufelsgewalt ſein Ste⸗ ckenpferd reiten.— Er war der zweite Steuermann, den man unter dem Namen Auguste Epaminondas Montmorenci“ kannte— ein imponirender Name, der gewichtig klang K und zweifelsohne auch zur Laſt fallend war;— c'est tout égal“. Der Name behagte dem Manne, und zur Vertheidigung deſſen würde er das Leben gewagt haben, bloß weil er ihm nicht gehörte. Er war etwa dreißig Jahre alt, lang, nicht ühel gebaut, doch von höchſt äf⸗ ſiſchem, abſcheulich häßlichem Geſichte, und am häßlich⸗ ſten, wenn er lachte, welches er dem Geſichte einen Ausdruck verleihen“ nannte. Aber er hatte einen Blick! welcher Franzoſe hat den nicht? verſteht ſich, der Blinde ausgenommen. Und mit dieſem Blicke und mit ſeinem Grinſen hielt Auguſt Epaminondas Montmorenci ſich für unüberwindlich. Wie er überhaupt in ſeine gegen⸗ wärtige Umgebung gekommen war, würde Jedem, nur nicht ihm ſelber, ein Räthſel geweſen ſein; doch be⸗ ſaß er ein höchſt bequemes Vocabelnbuch für alle ſeine— Laſter. Er war zu ſehr ein Mann von Ehre als daß er — 154 Die Büßung, oder durch irgend eine Ausflucht hätte verbergen mögen, wie er einer von den piratiſchen Verſchworenen geweſen, die meinen Vater beraubten, nannte dieß jedoch eine „petite indiscrétion“. Er bat meinen guten Vater, dieſer möchte ſeine Jugend bedenken und ihm verzeihen, ja, um der Damen willen vergeſſen, als deren ganz Er⸗ gebenſten er ſich erklärte. Er hatte den Umgang mit Mauntez aufgegeben; Mantez'war gemein“; er bat da⸗ her, nan möchte ihm in der Kajüte als einen privilegir⸗ ten Gaſt anſehen— er würde trachten, ſich angenehm zu machen— er ſähe auch nicht ein, wie ihm dieß mißglücken könnte— und ſo ward denn ſeine Geſell⸗ ſchaft geduldet; die preisgegebenen Paſſagiere konnten nicht umhin. Zu dieſem Allen muß ich hinzufügen, daß man die Kajütenthür ſtark verrammelt hatte, und daß alle Män⸗ ner ſich bewaffnet wieſen. Auf dem Tiſche ſtand Ueber⸗ fluß an Wein und Branntwein, auch fehlte es nicht an Eingemachtem, an Oliven und getrockneten Früchten, um die Getränke zu würzen. Die Gruppe ward durch zwei ſudelhafte ſpaniſche Mägde vervollſtändigt, die am Boden ſaßen, und von denen die Eine den Kopf auf den Schooß der Anderen gelegt hatte, welche emſig eine wohlbekannte iberiſche Beſchäftigung trieb. » Die Kourſe ſtehen ſchrecklich zu unſerm Nachtheile, Mr. Watkins,« ſagte Mr. Troughton, indem er über ſeine Schulter weg, den Stadthahn anblickte. „» Um Verzeihung, Don— ich bin nicht eher Mi⸗ ſter, als bis ich meinen langen Rock anſchiffte— bin Watkins ſchlechtweg, wenn's beliebt, oder— beliebterer Kürze willen— der gottloſe Vill,⸗ verſetzte der Sil⸗ 4 berlöffel in ſeinem Jargon. 19 »Wie aber, Watkins, wird dieß Alles enden 2 Ardent Troughton. 155 „Mein Vater und ich thaten, genau um die näm⸗ liche Zeit, die nämliche Frage, obgleich wir uns in ganz verſchiedener Lage befanden. „»Wenn wir nicht«— entgegnete der Stadthahn, deſſen verſtümmelte Redeweiſe wir nicht weiter verfolgen wol⸗ len—»wenn wir nicht des Eheſten erſaufen, ſo wird Einer oder der Andere von dem bezechten Ungeziefer das Fahrzeug in Brand ſtecken, und uns zu Tode ſchmo⸗ ren; und geſchieht keins von Beiden, ſo würgen ſie uns mit kaltem Stahl ab; und erſaufen wir nicht, und ver⸗ brennen wir nicht, und verbluten wir nicht,— nun, ſo müſſen wir verhungern, ehe fünf Monate über unſere Köpfe hinziehen, und das iſt ſo gewiß, als die Weis⸗ heit für den Menſchen gemacht ward.« Um der Empfindungen der Frauenzimmer zu ſchonen, ward dieß Geſpräͤch abſichtlich in engliſcher Sprache geführt. 2 3„Glauben Sie wirklich an all ſolch Unheil, Wat⸗ kins?⸗ 1 »Gott ſoll mir helfen, wenn ich nicht daran glaube,« war die kurze aber kräftige Antwort. »So hilft Gott Ihnen auf eine ſeltene Weiſe. Könnten wir nur das Volk zur Arbeit vermögen! Meinen Sie nicht, daß wir dann, ſo unbeholfen das Schiff auch iſt, irgend einen civiliſirten Hafen erreichen würden?« » Allerdings. ⸗ „»Um unſer Aller Sicherheit willen, laſſen Sie uns darnach trachten!« —»Iſt unmöglich. Keine Seele am Bord will ge⸗ horchen. Wäre Mr. Ardent jetzt hier,— der könnte vielleicht einen guten Fiſch braten— und doch fragt ſich's noch. Die, welche nicht aus Liebe arbeiten wollen, 156 Die Büßung, oder und die wir nicht durch Furcht zur Arbeit bringen können, kann nur Einer treiben, und der Eine iſt der Teufel.« »Sind ſie denn nicht für ihr eigenes Leben beſorgt?« »Nicht im Geringſten. Jeder von ihnen hat ſeinen Beutel oder Kaſten voll von Ihren hübſchen Dublonen, und überläßt ſich, ſo lange Zwieback und Waſſer vorhal⸗ ten, dem Kapitel der Zufälle.« »Welche Zufälle aber können—« »Erſtens glauben ſie einem Schiffe zu begegnen, an deſſen Bord ſie dann Alle ſich begeben wollen, und ihr einziges Thun daher iſt, daß ſie einen Lugmann in den Maſtkorb ſtellen. Dann bilden ſie ſich ein, nicht weit von den weſtindiſchen Inſeln zu ſein, und ſobald ſie dieſe gewahr werden, wollen ſie ſich der Böte bemächtigen, wenigſtens will dieß jeder Eine für ſich, und an Land legen. Woran ſie am wenigſten oder gar nicht denken, iſt, in einen Hafen einzulaufen, wo es Geſetze, Perrü⸗ ckenköpfe und den Gevatter Dreibein giebt.« »Sie ſind ein ſchlauer Geſell, Watkins. Wären Sie an der Londoner Börſe erzogen worden, ſo würden Sie Ihr Glück gemacht haben. Viele Glücksjahre ſoll⸗ ten Ihnen noch zu Theil werden. Verlaſſen wir uns ſelber nicht, Watkins, ſo wird Gott uns ebenfalls nicht verlaſſen. Uebernehmen Sie doch das Kommando des Schiffes, da dem Kapitän, ſo wie dem ausgemachten Eſel da im grünen Schwalbenſchwanzrocke, Keiner ge⸗ horchen will.« „» Das geht gar nicht; ich verſteh's Gewerbe nicht, und bin überdieß ein Ketzer. Bei alldem könnte Sen⸗ nor Zurbano uns auf's Härchen ſagen, wo wir uns ei⸗ gentlich befinden, wenn er wollte. Tritt Noth an Mann, ſo bin ich wohl am Steuer zu gebrauchen. Uebrigens Ardent Troughton. 157 komm's wie's komme, ſo werden keine zwei Tage ver⸗ gehen, und John Spaniol hat alle Hände voll zu thun.« Man ſchreckte Zurbano aus ſeiner Beſchäftigung auf, in die er ſich mehr als jemals vertieft hatte, viel⸗ leicht weil Mr. Montmorenci ihm eine unſägliche Ab⸗ neigung einflößte, zog ihn mit in die Konferenz, und theilte ihm des Silberlöffels Ideen mit. Zum Glück fand Zurbano aus, daß der folgende Tag ſich einer Mondobſervation günſtig zeigen würde, und wie wenig geübt der Stadthahn auch war, konnte er doch recht gut die Sonnenhöhe meſſen, und vom Quadranten die Grade und Sekunden ableſen, als ZurbanoHalt!“ rief. Oft hatte ſich mein Vater bemüht, die Apathie zu begreifen, die dieſer ſeltſame Wundarzt gegen die un⸗ ſägliche Gefahr ſeiner Lage blicken ließ. Endlich ent⸗ deckte er den Schlüſſel zu derſelben, und dieſer war ſonderbar genug. Jene Apathie leitete ſich erſtens aus dem Umſtande her, daß Zurbanod ſich gänzlich nicht dar⸗ um kümmerte, was aus ihm werden würde, denn neben ſeinen vielen Abneigungen hatte er ſeit Kurzem auch eine Abneigung gegen ſich ſelbſt gefaßt. Zweitens hatte er ſein Horoſkop in Verbindung mit dem des Kapitäns Mantez geſtellt, und— wie er ſolches bewerkſtelligte, iſt ein Geheimniß— herausgefunden, ihm ſtehe das Schickſal bevor, den Leichnam des Mantez, nachdem dieſer gehenkt worden ſein würde, zergliedern zu müſſen. Mittlerweile hatte Auguſtus Epaminondas tauſend Albernheiten, die er für Galanterie hielt, an die Frauen⸗ zimmer gerichtet; da ſie jedoch nur Albernheiten, ohne die geringſte Beimiſchung von Witz oder Laune waren, ſo bleibt es uns erlaſſen, die Redensarten jenes See⸗ Adonis hier zu wiederholen. Mantez, der elende Mantez, von Jedem verlaſſen 158 Die Büßung, oder und gemieden, ſchlich auf dem Schiffe, deſſen Befehls⸗ haber er war, wie ein von der Geſellſchaft ausgeſtoße⸗ ner Ausſätziger umher. Nach und nach wurde er gegen ſeine Perſon eben ſo nachläſſig, als ſein zweiter Steuer⸗ mann die ſeinige herausputzte; und ging an ihm der Montmorenci vorüber, ſo that er es nur, indem er in phantaſtiſchem Großthun an ein Riechglas roch, oder ſich die Naſenlöcher zuhielt. »Gefallen tief— tief— tief von ſeiner Höhe⸗ war Mantez, und beſſer würde es für ihn geweſen ſein, wenn er»ſich in ſeinem Blute gewälzt“ hätte, ſtatt daß er noch einige Monate in dieſem unertraͤglichen Elende ſich hinſchleppen mußte. Nachdem die Konferenz in der Kajüte abgebrochen worden, und die Sonne untergegangen war, begaben die Frauenzimmer, in Begleitung der Herren, ſich auf das Hinterdeck, um ſich ein wenig auszulüften. Dieß war des Triumphes Stunde für Auguſtus Epaminon⸗ das; er plapperte wie ein Affe in der Brunſtzeit, ſchoß ſeine Blicke nach allen Richtungen hin, und grinſete und katzenbuckelte, und katzebuckelte und grinſete. Bis⸗ weilen gab er ſich in ſo hohem Maße lächerlich, daß er ſogar der tiefbekümmerten Donna Iſidora ein Lächeln entzwang. Geſchah dieß, ſo ſtellte er ſich auf die Fuß⸗ ſpitzen, reckte den Hals, wie ein ſiegreicher Kampfhahn in die Höhe, ſchlug ſich an ſeine ſeegrünen Rocktaſchen und pries ſich übermenſchlich ſelig. Der Kerl war noch nicht des Hängens werth. ——— Ardent Troughton. 159 Funfzehntes Kapitel. Zu ihrem Erſtaunen ſah die rebelliſche Schiffsmann⸗ ſchaft, wie am folgenden Mittage der Wundarzt und der Silberlöffel die Sonnenhöhe nahmen, und dieß Er⸗ ſtaunen wichs, als Abends die nämlichen Perſonen eine Mondobſervation anſtellten. Wattkins ward unverzüglich ein bedeutender Mann. Als er nach vorn unter die Spanier ging, umdräng⸗ ten dieſe ihn, und fragten, wiewohl mit vieler Artigkeit, wo man ſich eigentlich befände. Unſer Freund aber gab ſich orakelhaft und geheimnißvoll. Anfänglich wollte er Beſorgniß einflößen, und dann zu etwas der Unterwer⸗ fung Aehnlichem einſchüchtern. Inzwiſchen deutete er ihnen an, daß man irgendwo in den tropiſchen Gewäſ⸗ ſern an einem beſonderen Orte wäre, wo die Strömun⸗ gen, die immer ſtärker als die Winde wären, ſich kreis⸗ förmig bewegten, und nahm dann Gelegenheit, ſie in einen Zuſtand von Thätigkeit zu verſetzen, indem er ihnen verſicherte, daß er gleich ihnen, nichts weniger wünſchte, als das Schiff nach irgend einem Hafen zu bringen, daß er aber gern mit ihnen an irgend eine unbewohnte Küſte anlegen möchte, die jedoch dem Wohn⸗ orte von Menſchen nahe genug wäre, daß ſie nicht Ge⸗ fahr liefen zu verhungern. Da das Schiffsvolk aber um des Silberlöffels ver⸗ trauten Umgang mit den Paſſagieren wußte, ſo ſah es ihn als einen Feind an. Diejenigen, die ihm ant⸗ 160 Die Büßung, oder worteten, erklärten ihm, daß ſie es vorzögen, das Be⸗ gegnen eines Schiffes abzuwarten, um ſich an Bord deſſelben zu begeben und die Santa Ana“ zu verlaſſen. »So alſo,« fragte der unwillige Stadthahn,»ſo alſo wollt Ihr nicht arbeiten, magnificos mios?« Einſtimmig verſetzten Alle, daß ſie geborene Hidal⸗ gos wären, wenngleich Mißgeſchick ſie gezwungen hätte, für ein Weilchen das Kleid des Vornehmen abzuſtreifen und in die Matroſenjacken zu kriechen; daß es ihnen an nichts als an Geld gefehlt hätte, um die ihnen ge⸗ bührende bürgerliche Stellung wieder einzunehmen, und daß, da ſie ſolches nunmehr beſäßen, der Teufel arbeiten möchte, wenn er wollte, ſie aber würden es nicht thun. Wakkins deutete nun leiſe auf das Recht hin, wo⸗ mit ſie ihr errungenes Vermögen ſich angeeignet hätten. Nicht daß er dabei den kleinſten Gedanken hatte, ſie zu bewegen, auch nur einen einzigen Maravedi herauszu⸗ geben,— denn das Geldherausgeben iſt ſelbſt ehrlichen Leuten zuwider— ſondern bloß um zu erfahren, wie die Mannſchaft von dem durch ſte begangenen Raub eigentlich dachte. Dieſe aber hielten das Schiff bereits für Wrack, gegen welches ſie keine Verbindlichkeit hatten, von deſſen Gelde ſie alſo, wie von einer Kriegs⸗ beute, Beſiz genommen hätten, und ihr Recht dazu war ihnen eben ſo einleuchtend, wie das des Plünderns einer belagerten und eingenommenen Stadt. Wehe dem Ehrlichen, wenn die Spitzbuben wähnen, das Recht auf ihrer Seite zu haben!. Hohnlächelnd brachte Watkins ihnen den ſpaniſchen Gruß dar, daß ſie viviesen mil anos— tauſend Jahre leben möchten, um eines ſo wohl erworbenen Ei⸗ genthumes zu genießen, daß ihn jedoch einige Ahnung anwandelte, wie die Sennors bald kein ſo müſſiges Leben Ardent Troughton. 161 würden führen können, als ſie ſich's wohl vorſtellten; ja, er verſprach ihnen unter Gottes Segen juſt ſo viele Arbeit, als zu ihrer Geſundheit dienlich ſein möchte, und vielleicht noch ein Bißchen mehr. Die Hidalgos waren zu denkfaul, um ihn deßhalb auszuſpotten, und ſtreckten ſich entweder zum Schlafen nieder, oder griffen nach ihrem Taback. An demſelben Abend hatte Zurbano, als er mit meinem Vater Rath hielt, dieſem verſichert, daß man ſich unter 15⁰0 45“ ſüdlicher Breite, und unter etwa 250 40“ öſtlicher Länge befand, und ein Weſtſüdweſt⸗ Kours der beſte ſein würde, den man einſchlagen könnte, indem man alsdann Rio Janeiro nahen dürfte, oder falls man nicht ſo glücklich ſein ſollte, dieſen Hafen zu erreichen, man doch in den Fahrſtrich irgend eines eng⸗ liſchen Oſtindienfahrers gelangen könnte; ein Schiff aber, das Großbritannien gehörte, würde ihnen verhältnißmä⸗ ßige Sicherheit, ja, vielleicht Strafe den Miſſethätern zuzuwenden wiſſen. Watkins ward nach den beſten Mitteln befragt, dem Schiffe Segel anzulegen. Um ſich's behaglicher zu ma⸗ chen, hatten die Spanier die Topgallantmaſte auf's Deck heruntergelaſſen, wochenlang hatten die drei Topſegel, halb eingerollt, auf dem Kapſtan gelegen, und die Unterſegel waren auch halb, aber unvollkommen eingerefft, ſo daß ſie in bewundernswerther Unordnung an den unteren Raaen baumelten. 2 Watkins meinte, was gethan werden ſollte, müßte von ihnen ſelbſt gethan werden. Er meinte ganz rich⸗ tig. Mr. Troughton, der niemals verzweifelte, ſagte dann, ſie wollten ſehen, was ſie thun könnten; und als Auguſtus Epaminondas Montmorenci eingeladen ward, zu helfen, verſprach er aus Liebe zu den Damen ſeinen Ardent Troughton. III. 11 Dir Büßung, oder Beiſtand. Das Wenige, was vom Paſſatwinde blies, war günſtig. So gingen denn mein Vater, Zurbano, deſſen Gehülfe, der Barbier, und der zweite Steuermann alle unter des Löffels Leitung auf's Vorderkaſtell. Die Da⸗ men boten ihre Mithülfe an, welche jedoch abgelehnt wurde. Mit Mühe und zu grämlichem Erſtaunen der Spa⸗ niſchen gelang es den Fünfen, das Jibſegel anzuſplei⸗ ßen; desgleichen brachte man das Vorderſegel in Ord⸗ nung, und endlich auch hatte man nach ſchwerer halb⸗ ſtündiger Arbeit das Vordertopſegel aufgehiſſet. So war das Schiff vor den Wind gebracht und ging gut. Der Schnabel deſſelben war freilich nicht genau nach dem Koursſtriche gerichtet, näherte ſich jedoch dem Ha⸗ fen, und konnte ſicher ſein, wenn es ſo fort ſegelte, in den Fahrſtrich der Indienfahrer zu gelangen. Wenn Watkins nichts anders zu thun hatte, begab er ſich je⸗ derzeit an das Stenerrad; konnte er dieß aber nicht, ſo mußte die Santa Ana“ allerdings ſich ſelber ſteuern. Nachdem unſere kleine Geſellſchaft dieß Manöver ausgeführt hatte, kehrte ſie in viel beſſerer Stimmung in die Kajüte zurück. Don Juliano war nicht mit ih⸗ nen geweſen, um einen Matroſen abzugeben, indem die Damen nicht ohne alle männliche Bedeckung hatten bleiben wollen. Nach mehreren unwirkſamen Winken brachte man Monſteur Montmorenci endlich dahin, daß er ſich empfahl, und als auch der Silberlöffel ſich für die Nacht zurückzog, bat er meinen Vater um Er⸗ laubniß wiederzukommen und berichten zu dürfen, wie das Schiff ginge. 2 In unverſtelltem Zorne kehrte er bald nachher zu⸗ rück. Die Spanier, denen das Verfahren der Kajüten⸗ geſellſchaft mißbehagte, hatten ſich inſofern zur Thätig⸗ keit aufgeruͤttelt, daß ſie alle aufgehiſſeten Segel wieder 2 Ardent Troughton, 103 niederließen und die Zugleinen kappten. Während dieſer Nacht ging keiner von den Fünfen zu Bett, ſondern unter dem Beiſtande des Silberlöffels verproviantirten ſie die Kajüte, brachten alle ihre Waffen in Ordnung und verſahen ſich mit Kriegsvorrath. Der folgende Tag ging auf die gewöhnliche Weiſe hin; Mantez hielt ſich zurückgezogen, und die Mann⸗ ſchaft beluſtigte ſich im Sonnenſchein. Abends ſagte Watkins zu meinem Vater, es möchte dieſer, was für Geräuſch er während der Nacht auch hören möchte, ſich durch nichts beunruhigen laſſen, auch den Damen nicht geſtatten, unruhig zu werden, ſondern mit dieſen ſich überzeugt halten, daß Alles ſicher wäre. »Halten Sie Ihre Thür verrammelt,« ſagte er,»„und beſorgen Sie nichts.⸗ Gegen elf Uhr in jener Nacht befand der Löffel ſich mutterſeelen⸗allein auf der Puppe und hielt ein Selbſtgeſpräch. Ihn beſchien der Mond mit all ſeiner ſtillen Majeſtät. Watkins hätte ſeinen Monolog mit den Worten:»O, Du ſilberne Luna!« beginnen können, doch ſchlug er mit der Hand auf ſeine arg betheerten Beinkleider, und rief in ſeinem Jargon:—» ungeziefer, das nicht arbeiten will! Giebt's denn keine Aepfelhö⸗ kerinnen mehr am Krautmarkte? Wenn's deren nicht mehr giebt, ſo mögen ſie nicht mehr arbeiten ſollen, dieſe mückenzerſtochenen backenbärtigen Halunken, mit ihren allerliebſten zarten Pfötchen. Aber noch giebt's Hökerinnen am Krautmarkte, und wir ſitzen hier in der ſchönſten Patſche— mihi] eine Katze in einem Waſch⸗ kübel iſt eine Naͤrrin gegen uns. Ach, Mary Oſt, Mary Oſt, dieß Alles rührt von Dir her! Aber ich will Euch bearbeiten, meine Jungens! So laß uns leben, ſo lange wir können, und ich verbürg's, wir wol⸗ 1 14*⁸ 454 Die Bußung, oder len nicht ſterben, ſo lange wir's hindern können.— So geht's, ja, ja! wir wollen ſie wohl herausholen, daß ſie die Fäuſte aulegen!«⸗ Watkins ging hinunter auf's Mitteldeck, wo er den alten Prieſter antraf, der ſeine ſchauerliche Runde ging, und ſeine endloſen Vermaledeiungen ausſtieß. Vergehens trachtete Watkins ihn zur Ruhe zu bringen; ſeinen Bitten wurden die fürchterlichſten Flüche entgegengeſetzt, und ſo beſchloß der Löffel denn, den Pfaffen zum Bei⸗ ſtande zu benntzen. Da dieſer ein Paar tüchtige Lun⸗ genflügel hatte, gab er bald einen trefflichen Helfer für Watkins ab.— „»Alle Mann Schiff pumpen— Schiff leck— fünf Fuß Waſſer im Raum'— alle Mann, alle Mann! Schiff pumpen! Schiff leck! leck! leck!«⸗ Dieß ſchauerliche Geſchrei während der Stille der Nacht ward laut durch die ſchrillende Stimme des Paters wiederholt, der in Folge ſeiner Raſerei von einer vollkommenen Waſſerſcheu befallen war. Erſchreckt kroch ein Halunke nach dem andern herauf, um zu hö⸗ ren, daß er rettungslos würde erſaufen müſſen. Man ging hinunter und unterſuchte— man fand den Leck nur allzugewiß, ſo wurden die Kettenpumpen denn be⸗ mannt, und man arbeitete, als ob's das Leben gelten müßte. Anfangs hielt auch Watkins ſich voll Eifers an's Werk, bald aber erklärte er, ſich den Arm verrenkt zu haben, und trat aus. Mau bezwang den Leck ein we⸗ nig— ein ganz klein wenig. Einige wurden abgeord⸗ net, den Leck aufzuſuchen, konnten ihn aber nicht finden. Mantez und der Montmorenci, die mit aufgeſchrieen worden waren, arbeiteten tüchtig mit. Als Watkins 6 7 Ardent Troughton 4 165 ſah, daß Alle ſo verdienſtlich beſchäftigt waren, ſchnitt er ein ſaures Geſicht, als fühlte er Gliederſchmerzen, und kroch in ſeine Koje. Die ganze Nacht hindurch pumpten die Spanier, und als es tagte, fanden ſie, daß ſie dem Leck bis zur Hälfte gewehrt hatten. Damit das Waſſer nicht wie⸗ der die Oberhand bekommen möchte, ſahen ſie ſich ge⸗ zwungen, ſich in zwei Hälften zu theilen, ſo daß die eine ein Weilchen ruhete, während die andere pumpte. Von jetzt an war die„Santa Ana“ ein ſchwimmendes Gefängniß voll martervollen Arbeitens. Watkins mußte fortwährend den Arm in einer Binde tragen, und man gewahrte, daß, weun durch irgend etwas dem Silber⸗ löffel die gute Laune geſtört ward, der Leck augenblick⸗ lich, und mit demſelben die unerträgliche Arbeit zunahm. Was unn die Kajütenpaſſagiere betraf, ſo erklärten ſie, zuſammt dem Wundarzt und dem Barbier, einſtimmig, ihres Lebens überdrüſſig zu ſein, wollten alſo daſſelbe durch Arbeit um keinen Augenblick verlängern, ſondern wären bereit zu erſaufen, ſobald es Gott und den Sen⸗ nores an den Pumpen gefallen würde. Sechszehntes Kapitel. 3 Von jeher habe ich den Scharfſinn bewundert, wo⸗ mit der Menſch ſich ſelber und ſeinen Mitgeſchöpfen Elend bereitet. Gleichviel, ob die gottähnlichen Geſchöpfe, die jenen Namen führen, in ſchmalen Gäßchen und en⸗ 166 Die Büßung, ober gen Höfen volkreicher Städte zuſammengepackt ſind, oder ob in ein Jagdrevier, auf welchem ein europäiſches Kö⸗ nigreich Platz finden könnte, ſich ein Vierzig bis Funf⸗ zig zählender ſkalpirender Indianerſtamm theilt— im⸗ mer wird Einer den Andern verfolgen, und Alle werden Alles aufbieten, um einander einen Vorgeſchmack von jener Hölle zu verſchaffen, an die ſie glauben oder nicht glauben. Das Herz des Meuſchen iſt über die Maßen gott⸗ los. Der Menſch iſt von Natur ein Lügner, und die Wahrheit iſt nicht in ihm. Wunderbar bleibt es, und ein erhabener und glorreicher Beweis von der wachſa⸗ men Fürſorge einer wohlwollenden Vorſehung, daß jenes gemeine, regierſüchtige und hadergierige Thier noch nicht ausgerottet ward. Daß ganze und zahlreiche Geſchlech⸗ ter deſſelben durch ihre eigenen Laſter vertilgt worden ſind, glaube ich feſt— Geſchlechter, die körperlich und geiſtig vielleicht edler waren, als jetzt irgend ein Ge⸗ ſchlecht es iſt. Daß wir ſo, wie wir ſind, immer noch ſind, iſt, dünkt mich, einer der ſtärkſten Beweiſe von einer wunderbaren und göttlichen Vermittelung. Die alleigentliche Beſchaffenheit des Genus, Menſch ge⸗ nannt, beſtärkt dieſen Glauben in mir. Könnte wohl ich, oder jeder Andere, irgend eine an⸗ dere Meinung als dieſe hegen, ſobald ich die Gräuel erzähle, die die Inſaſſen der'Santa Ana’ ſelbſt über ihre eigenen Häupter brachten? Fünf lange, und ſo weit es die Elemente anging, lichte Monate waren dahingegangen, und das unglück⸗ ſelige Schiff ſchwamm noch immer, das Spiel jedes Windes. Es ſchwamm, aber als Wrack, und zeigte ſich jetzt dünn bemannt von einer Gruppe ſchwachſinniger, plappernder und kraftloſer Skelette. Die Jungen unter Ardent Troughton. ihnen ſind alt, die Alten kahlköpfig worden; doch er⸗ achtet Jeder unter ihnen ſich für reich, und wähnt, jeder Tag, der über ſeine Hagerkeit hinſcheint, werde derjenige ſein, der ihm Erlöſung, und mit dieſer Ge⸗ ſundheit und Erdenglück zuführt. Als das alte Schiff luſtig mit den Geiſtern des Orkans tanzte, krachten zu dreien Malen ſeine alten Rippen, und unnatürliches Getös brach aus ſeinem dick⸗ geſchwellten Bauche hervor. Es ſchien ein animaliſches Leben empfangen zu haben, und wirbelte und tanzte und ſchoß vorwärts, als wollte es mit der Hurtigkeit der Winde wetteifern. Dieſe Hurtigkeit war fürchterlich, und Keiner wagte es, vom Bord auszulugen, ſo gewal⸗ tig huſchte der Kiel durch die Waſſer. Die Verdecke waren menſchenleer— Keiner freute ſich der ra⸗ ſenden Fahrt— doch nein! Einer der Mannſchaft that's, und dieſer Eine war ein verachteter— ein durchgeſchlüpfter Miſſethäter. Seit lange hatte er die Zugleinen ausgebeſſert, und während dieſer entſetzlichen Nacht ſtand er am Steuerrade, und lenkte des Fahr⸗ zeugs wildergrimmten Lauf.»Vorwärts! vorwärts!« ſchrie er— und hielt, verlaſſen von Allen, das kra⸗ chende Schiff vor dem Winde. Er ſuchte irgend ein Schickſal— er floh vor der aushungernden Erſtarrung der Windſtillebreiten. Sein Buſen ſchwellte ſich, als er allein die gewaltige Maſſe mit allen der in ihrem Bauche ſteckenden Elenden lenkte. Jegliches— Alles war ihm willkommen— er hätte die ſcheußliche Babel mit gleichem kalten Blute gegen den ſtarren Fels, auf den nackten Sand, oder in den Keſſel einer brauſenden Brandung treiben können.»Vorwärts! vorwärts!« lautete ſein Geſchrei, und trotz ihren Jahren der Küm⸗ merlichkeit, trotz den Tagen ihres Wahnvitzes gehorchte Die Büßung, oder ihm wacker die alte Hexe— der Sturm ließ ſie ein mitternächtiges Bankett halten. Dieſer Sturm aber ging vorüber, und Hunderte von Meilen waren vor dem grimmen Nordoſtwinde in ent⸗ ſetzlichem Fluge zurückgelegt worden; Keiner aber in dem, dem Verderben hingegebenen Schiffe wußte oder kümmerte ſich darum, wohin man gerathen war. Viel des Unheiligen war von den elenden Genoſſen begangen worden. Des Mörders Hand hatte ſich nur zu oft mit dem Blute des Gefährten geröthet, und die geſellige Tafel war mehr als einmal durch den Stoß des Meuch⸗ lers mit Blut überſpritzt worden. Nur ſiebenzehn von der unſeligen Mannſchaft be⸗ fanden ſich noch am Leben. Ausgemergelt krochen ſie im Sonnenſchein umher, oder haderten ſchwach mit ein⸗ ander um die verdorbenen Ueberreſte des Mundvorra⸗ thes, die ſie noch hatten. Selbſt in ihrem jetzigen ohn⸗ mächtigen Zuſtande ſchwangen ſie noch das Mordmeſſer, und was dem Arm an Kraft abging, ward durch den Hohlblick ſataniſchen Haſſes erſetzt, ſo weit dieſer rei⸗ chen konnte. Dieß Alles aber war nichts gegen das Grauſen, das am Tage ſie wie losgelaſſene Dämonen ſcheuchte, und bei Nacht ſie mit hundert ſcheußlichen Geſichten ängſtigte. Sogar William Watkins hatte einen Anflug von Mitleiden mit ihnen gewonnen, und längſt aufge⸗ hört, ſie zu zwingen, den ſchwachen Reſt ihrer Kräfte an den Pumpen zu erſchöpfen. Das unglückliche Schiff ſchien nicht bloß vom Him⸗ mel, ſondern auch von allen Menſchen verlaſſen zu ſein; denn kein Fahrzeug war dieſer Arche des Elendes, und den in Verbrechen getauchten Inſaſſen deſſelben begegnet. Ich, ja ich, war am Bord dieſer Arche geweſen, Ardent Troughton. und der Fluch meines früheren Dortſeins lag fortwäh⸗ rend auf ihr; allein auch die in ihr Befindlichen hatten emſig darnach getrachtet, ihre eigene Verdammniß her⸗ beizuzwingen. Sie hatten ſchwer geſündigt, und wur⸗ den fürchterlich beſtraft. Diejenigen, die bei Zeiten ſtarben, waren verhältnißmäßig die Geſegneten. Wollen wir uns noch ein wenig, und nur noch ein wenig auf die ekeln Einzelnheiten jenes Elendes einlaſ⸗ ſen. Der Pater, dem die Vorſehung das Leid mit dem Mantel des Wahnwites bedeckt hielt, kannte ſeinen Jammer nicht, ſondern raſete weiſſagend umher. Wahr⸗ lich! er ſuchte nicht, wohin er ſein Haupt legen, noch was er eſſen oder trinken wollte. Statt aller Speife nahm er hier einen Biſſen und da einen, obſchon er die Gabe jedesmal dem Geber mit der bitteren Zuſiche⸗ rung ewiger Verdammniß dankte. Endlich wurden die Biſſen zu ſchmal, und man verweigerte ihm ſeinen Bett⸗ lerantheil. Vor drei Monaten war er denn geſtorben. Das Licht vor ſeinem wächſernen Bilde war nimmer wieder angezündet worden; ihm ſelbſt aber hatte ſich wenige Stunden vor ſeinem Abſcheiden die Lampe der Vernunft wieder aufgehellt. Immer aber bis zum Verſcheiden ſchreckte ihn die Furcht vor einem Grabe in der Waſſer⸗ tiefe. Umſtanden von meinen Aeltern, von Don Juliano, Iſidora und dem grimm und zerſtreut blickenden Zurbano, verwandelte er in ſeinen letzten Angenblicken ſeine Flüche in Segnungen, und ſchien wirklich ein Mann Gottes zu ſein. Sogar Zurbano's finſteres Antlitz nahm ſanfte Mienen an, und die Muskeln ſeines Mundes zuckten, als der Sterbende, mit der Innigkeit eines Bruders ihn ermahnte, von ſeinem Unglauben abzulaſſen, und zu irgend einem Religionsglauben Zuflucht zu nehmen, es möchte dieſer Glaube ſein, welcher er wollte, ſo er nur 170 Die Büßung, oder die Erlöſung zur Grundlage hätte. Dieſe plötzliche und aufrichtige Liberalität machte einen tiefen Eindruck auf Alle, beſonders aber auf meine Mutter, die von jener Stunde an hinfort eine ſchlechtere Katholikin, aber eine beſſere Chriſtin war. Die unerwartete Liebfreundlichkeit und das gänzliche Ablaſſen von Bigotterie in dem Pater rührte den Silberlöffel dermaßen, daß er ſagte:„Gefällt's Ihrer Ehrwürden, ſo will ich Ihrem Herzen eine Wohlthat erzeugen, und das Licht vor der kleinen Madonna an⸗ zünden, daß es hell auflodert; auch finde ich wohl noch ein Fläſchchen gutes Oel, falls Ihre Ehrwürden ſich damit einſchmieren möchten, um dem kleinen Teufel, der etwa gottlos genug ſein wollte, Sie in die kleine Hölle hinunter zu holen, die Sie, wie ich glaube, das Feg⸗ feuer nennen, unangefochten durch die Finger zu glitſchen.« »„Nichts von dem Allen, mein guter Freund, denn dieß Alles ſind mir jetzt Nichtigkeiten,“ verſetzte der Mönch.»Wenn ich vor dem Herrn die Hand er⸗ hebe, wie vor'm Gerichte, ſo glaube ich nicht, daß das Innere derſelben um eines Oelfleckchens willen werde un⸗ terſucht werden, und was das Licht vor dem wächſernen Bilde betrifft, ſo würde daſſelbe fortgebrannt haben, wenn wirklich irgend eine Kraft in dem Bilde geſteckt hätte, und dieſes hätte jenes brennend wiſſen wollen. Die Salbuung, die jetzt mir am nöthigſten ſein wird, kann nur diejenige frommer Gedanken, und das Licht kein anderes als das Licht des Glaubens an die Erlöſung ſein, durch welche allein irgend ein Menſchenkind gerettet 6 werden kann. Denke inzwiſchen nicht, mein gütiger Freund, daß ich als Apoſtat ſterbe. Ich wünſche, ge⸗ läutert im Schooße meiner Kirche zu ruhen; und der einzige irdiſche Wunſch, der mir noch übrig bleibt, iſt Ardent Troughton. 171 — aber komm näher zu mir, Watkins, denn ich fühle, daß meine Stimme ſchwächer wird.⸗ „Ich höre Ihre Ehrwürden ganz vernehmlich.« „Selbſt durch den Nebel, den Gott in ſeiner Gnade zeither um meinen Geiſt gelagert hatte, habe ich zu Zeiten bemerkt, daß in Dir allein noch etwas von der Liſt der Schlange zu ſtecken ſcheint. Meinen Gebeinen ſchaudert vor einem naſſen Grabe— laſſe ſie, gleichviel wo, in trockenes Land— wenn möglich, in geweiheten Boden gelegt werden; es iſt dieß, meine Freunde, kein Vorurtheil der Frömmelei, ſondern der Wohlanſtändig⸗ keit. In Erde aber laſſe mich legen, Freund Watkins, — wär's auch in noch ſo lockeren Sand, unter noch ſo dürren Fels, doch wird es mir tauſendfältig lieber ſein, als mich in die kalten, tiefen Waſſer geſenkt zu wiſſen.« Und der bloße Gedanke hieran ließ ihn ſo erbeben, daß für ein Weilchen Alle glaubten, ſeine Seele ſei von ihm gewichen. Da der Stadthahn jedoch merkte, daß der Pater ihn vernehmen konnte, ſprach er mit einem ſeiner ſon⸗ ſtigen Zungengeläufigkeit ſeltſam widerſtreitenden Stot⸗ tern:»Keine Furcht, Ehrwürden! Jeder hat ſo ſeinen Geſchmack, und jeder Narr—— doch jetzt iſt's nicht Zeit, weltliche Sprichwörter auszukramen. Sonder Furcht, Ehrwürden! Gelangt's Schiff an's Trockene, und hat der Silberlöffel, wie ſie mich nennen, Odem und Armkraft genug dazu, ſo ſein Sie unbeſorgt— er bereitet Ihnen ein ſchmuckes und behagliches Grab, und giebt Ihnen obendrein ein Wolldeckchen mit, und legt Sie vier Fuß tief in warme Erde, daß der Froſt Ihnen nichts anhaben kann; und vielleicht ſprießt dann eines Tages ſo oder ſo ein Blümchen über ihrem Leichnam auf.« 172 Die Büßung, oder „»Ich danke Dir— und ſegne Dich. „Bemühen Sie ſich darum nicht— geben Sie ſich ganz und gar zur Ruhe. Sobald der Athem aus Ihnen heraus iſt, nähe ich ſie auf gut ſeemänniſch und nach Briſtoler Mode in Ihre Hangmatte, und ſtaue Sie nn⸗ ter, wo die Feuchtigkeit nicht zu Ihnen kommen, und keine Ratte— hol' der Trrl die Beſtien!— Ihnen an der großen Zehe nagen kann— da doch das freche Ungeziefer vorige Nacht mir, dem Lebendigen, an der Lende hinauflief, d'rum hol's der Tr*l! ſag' ich. So mögen Ihre Ehrwürden behaglich und als guter Shriſt ſterben.⸗ Dieſe in ſeltſame Worte gefaßte Zuſicherung, die in einer noch ſeltſameren Miſchung von Spaniſch und Engliſch ertheilt ward, ſchien eine ſänftigende Wirkung auf den Sterbenden hervorzubringen, ſo daß er bald nachher, ohne noch ein Wort zu reden, ſanft ſeinen letz⸗ ten Athemzug that. William Watkins hielt ihm Wort. Sorglich nähte er den Leichnam in eine Hangmatte, hiſſte ſie in den Mittelmaſt, wo er ſie vor der Hand in die Topkiſte klappte, und wo dieſelbe überaus ruhig liegen blieb. Siebenzehntes Kapitel. Der erſte Urheber alles Elendes am Bord der „Santa Ana“, Don Roderigo Mantez, litt nicht wenig an Seelenpein. Er, der Stolze, war jetzt der Gegen⸗ ſtand allgemeiner Verachtung. Die ehrgeizigen Pläne, Ardent Troughton. 173 um derentwillen er ſeine unſterbliche Seele auf's Spiel geſetzt, und ſich vielfacher Mordthaten ſchuldig gemacht hatte, zogen ihm nichts als Schmach und Elend zu. Sein Geiz, um deſſen Befriedigung willen er Alles, und das Scheußlichſte gewagt hatte, mußte ſehen, wie deſſen Beute in die Hände derer übergegangen war, die er für die Verächtlichſten der Verächtlichen anſah, und die jetzt ihn noch obendrein verhöhnten. Auch war er in dem verſpottet worden, was er ſeine Liebe nannte, und worin die Menſchen am wenigſten Spott und Ver⸗ achtung ertragen können. Wie dieſe Gräuelſchaar zer⸗ malmender Gefühte ihn nun auch darniederbeugen mochte, lebte dennoch ſein Gelüſten nach Rache in ihm. Das Gelüſten war die einzige Stütze ſeiner Eriſtenz, war Alles, wodurch ſeine feige Seele noch mit ſeinem jetzt ausgemergelten Körper zuſammengehalten ward. Er verkroch ſich beinahe fortwährend in ſeine Kajüte üunter der Puppe. Niemand ſuchte ihn dort auf ſeinem Lager; und er ſchlich wie ein ſchmutziges und feiges Raubthier nur zur Nachtzeit hervor, um ſich Speiſe und Trank zu verſchaffen. Während langer Zeit ſchleppte er auf ſolche Weiſe einen Vorrath für viele Tage zu⸗ ſammen; jedesmal aber, wenn auf dieſen Wegen ihm Einer begegnete, ward er von demſelben angeflucht oder mit den Füßen geſtoßen. Ihm gaben Alle das Elend Schuld, das über Alle gekommen war. Er war Allen ein Dorn im Auge, ein Abſcheu. Ich will nicht viel über meinen Vater während je⸗ ner Periode ſagen. Eine ſtille, an's Komiſche ſtreifende Niiedergeſchlagenheit hatte ſich ſeiner bemächtigt. Er aß und trank gut, und wurde immer duſterer ſcherzhaft. Nicht mehr Freude fand er am Durchſehen ſeiner Conto⸗ ücher; jedes Folio in ſeinem Hauptbuche hatte er ab: 8* 174 Die Büßung, oder geſchloſſen, und auf den Debetſeiten ſtand in großen Lettern:»An widerwärtigen Zufällen am Bord der „Santa Ang— Saldo;« wodurch die Creditſeite ſeines ganzen Vermögens aufgewogen, und ſo Alles eben und gleichgemacht ward. Mittlerweile hatte ihn eine unmäßige Vorliebe für den Silberlöffel angewandelk, ſo daß er mit dieſem nicht bloß redete, ſondern auch mit ihm aß und trank. Er hielt ihn nur für einen Schelm im Kleinen, der wohl ein Pfennigſtück mauſete, wenn es ihm zwiſchen die Finger kam, dem man aber ungezählte Tauſende ſicher anvertrauen konnte. Ich glaube wirklich, daß der Spaß, den dieſer Stadthahn meinem Vater machte, die eigent⸗ liche Urſache war, daß dieſer nicht der Laſt ſeines Miß⸗ geſchickes erlag. Zum Zeitvertreib machte Watkins meinen Vater zu einem Adepten im Brettſpiel, und gab ſich beſonders belu⸗ ſtigend in ſeinen Schnurren mit Mary Oſt— und je ſenti⸗ mentaler Watkins ſich gab, deſto beluſtigender war er. Zudem leiſtete er der ganzen Geſellſchaft weſentliche Dienſte. Durch irgend ein Mittel erhielt er ſich bei guten Leibeskräften, und ward, da er ſtets mit einem Paar geladenen Piſtolen umherging, nicht wenig von der halbverhungerten und niedergehetzten Mannſchaft gefürchtet, ſo daß dieſe ihm nicht ſelten leidlich gehorchte. Er trotzte ihren Meſſern, und hatte längſt alles brauch⸗ bare Schießpulver unter ſeine Obhut genommen. Die geſammte Gewalt des Schiffes hätte jetzt den Bewoh⸗ nern der Staatskajüten nichts anhaben können. Der Löffel hatte auch die Aufſicht über die Vor⸗ rathskammern übernommen, ſo daß, nachdem das Schiff ſechs Monden laug in der Irre herumgetrieben war, die Kajüten ſich noch recht wohl verproviantirt ſahen. “ Ardent Troughton. 175 Seit lauger Zeit aß er mit meiner Familie an deren Tiſche, und ward von ihr ganz wie ein Genoß und Mitglied betrachtet. Von meiner ſtillheitern Mutter habe ich nur wenig zu ſagen. Durch ihren hohen Religionsaufſchwung un⸗ terſtützt, und im Glauben an die Rettung ihres Sohnes, erduldete ſie jedes Mißgeſchick mit eben der Ruhe, mit der ſie ſich der von einem geliebten und geehrten Beicht⸗ vater ihr auferlegten Büßung würde hingegeben haben. Eine friedliche Hingebung lächelte beſtändig auf ihrem Antlitz, ſo daß es Erleichterung gewährte, ſie anzubli⸗ cken, und ihr glückliches Lächeln über ihres Mannes Scherze, ihre Behaglichkeit, dieſelben zu ſehen, denn kein Wort derſelben verſtand ſie, und würde ſie auch nicht verſtanden haben, ſelbſt wenn ſie nicht wie gewöhnlich auf Engliſch laut geworden wären. Don Juliano war einem abgeſperrten Jagdfalken ähnlich worden. In Thätigkeit hätte er groß ſein mö⸗ gen, im Leiden verſtand er nicht, es zu ſein. Seine Wunden, die ſchwerer als die meines Vaters und des Löffels geweſen waren, heilten nur langſam. Er war ärgerlich, und manchmal Anderen, ſo wie ſich ſelber, zur Laſt. Zu öfteren Malen wandelte ihn das Verlangen an, über Mantez in deſſen Zurückgezogenheit herzufallen — ein Verlangen, über welches er ſein Leben auf das Spiel geſetzt haben möchte, denn Mantez war ein Meu⸗ chelmörder bis in's Rückgrat hinein. In ſolcher Ge⸗ . müthsſtimmung und unter ſolchen Umſtänden gedeiht ein Liebeshandel nicht ſonderlich. Er und Jiidora ver⸗ nünftelten über ihr Verhältniß zu einander, und waren, inſofern es Leidenſchaft betraf, ganz vernünftig. Aufänglich war Donna Iſldora arg von Kraͤften gekommen. Gegen das Ende ihrer Haft in jenem ver⸗ 176 Die Bußung, oder hängnißvollen Schiffe nahm ſie jedoch ſich überraſchend zuſammen. Sie ſchritt nicht mehr trüb' und gebeugt umher; ſogar die Wangenfarbe kehrte ihr leidlich wieder. Sie kokettirte mit dem Silberlöffel, obwohl ſolch nütz⸗ liches Geräth nimmer an ihre Lippen kam, und foppte und drillte Monſieur Auguſtus Epaminondas. Neben dem Allen pflegte ſie ihren armen Vetter, beſchwichtigte ihn, wenn er mürriſch, und zankte mit ihm, wenn er vernünftig war; unterhielt ſich mit meiner Mutter, und ſtellte ſich, als ob ſte meines Vaters Spaßmachereien verſtände. Mit dem Sennor Zurbano ſchien ſie jedoch ein in⸗ nigeres Bündniß zu ſchließen. Sie ſchäkerte unbarm⸗ herzig über ſeine Abneigungen, und trotzte ihm, daß er deren keine gegen ſie faſſen durfte; und dieſer Trotz ge⸗ lang ihr ſowohl, daß zur Vergeltung der heiteren Stun⸗ den, die ſie dem Chirurg dadurch verſchaffte, dieſer ſie gern in der Chemie unterrichtet, und ſie tief in die Geheimniſſe der Phyſiologie eingeweihet haben würde. Von dergleichen aber wollte Iſidora nichts wiſſen; forſchte dagegen eifrig in die Aſtrologie hinein— nicht, daß ſie ein Wörtchen davon gewußt hätte, ſondern weil es ſo anmuthig war, ſich in der Schauerverſicherung ge⸗ ſichert zu fühlen, daß Mantez gehenkt werden, und Zurbano ihn ſeciren würde. Da nun Zurbano drei dicke Eide geſchworen hatte, den Bauch des Elenden nicht eher aufzuſchneiden, als bis man wohlbehalten an Land gelegt hätte, ſo lagerte auf dem hundiſchen Geſichte des hängenswerkhen ehemaligen Schiffskommandeurs eine Hoffnungsausſicht, an der die Donna mit inniger Theil⸗ nahme und Vorliebe hing. Dieß iſt jedoch der ſonnige— der einzige ſonnige Punkt in dem Gemälde; alles Uebrige auf dem Schiffe Ardent Troughton. 177 war unnachlaſſender Jammer. Zwei Horden von Weſen, die eine, eine reale, die andere eine ideale, fielen jett über die elende Schiffsmannſchaft her; Ratten von un⸗ bändiger Größe und von übermäßiger Wildheit, und Schaaren von Nachtgeſpenſtern trieben ihr Unheil in allen Winkeln. Unter dieſen Leiden waren die einge⸗ bildeten die größten. Kam Schlimmſtes zum Schlimmen, ſo konnten die Ratten verſpeiſet werden— was aber war mit Nachtgeiſtern aufzuſtellen? Ein guter Prieſter hätte dieſe bannen mögen, aber eine Mahlzeit läßt ſich nimmer aus ihnen bereiten, und das Einzige, wodurch dieſelben den Hunger vertreiben können, iſt, daß ſie die Leute zu Tode ängſtigen. Sogar der Zweifelfüchtigſte unter den Zweiflern, der zu keinem Glauben, als zu dem, der durch die Aſtro⸗ logie vermocht werden konnte, mußte einraͤumen, daß während der Todtenſtille der Nacht ſich ſeltſames und unnatürliches Getös vernehmen ließ. Inſekten, von ſo ungehenrer Größe, daß ſie unter höhere Klaſſifikation hätten gebracht werden müſſen, machten uͤberdieß den Leuten den Aufenthalt auf dem unkern Verdecke ſtrei⸗ tig. Ihrer wurden ſo viele, und ſie erſchienen unter ſo ſeltſamen Geſtalten, daß Zurbano neue und eilfertige Formationen muthmaßte, und befürchtete, die Sanka Ana’ wuͤrde zur Arena einer nie gekannten, ſcheußlichen Thierwelt werden. Die herabgeſtimmte Imagination der wenigen am Leben gebliebenen Matroſen hatte andere Er⸗ läuterungen dieſer Phänomene vorräthig— man glaubte ſteif und feſt, ſie waͤren die abgeſchiedenen Seelen der ermordeten Schiffsgenoſſen, die in dieſe Thiere hätten fahren müſſen, um einen Theil ihrer Fegfeuerbuße ab⸗ zuhalten. In Geheim lachte Watkins über dieß Alles, waͤh⸗ Ardent Troughton. III. 12 178 Die Büßung, oder rend er ſein Mögliches that, um die Leute in dieſer ihrer abergläubiſchen Muthmaßung zu beſtärken Er haßte die ganze Rotte mit unzuſänftigendem Grimm, und mit einer Energie, die des Parteigängers eines Religionskriegs würdig geweſen wäre. Und fort und fort trieb der ungeheure Trog auf den träg wallenden Wogen dahin. Endlich kam eine kleine Brigg in Sicht. Die Aufregung war gewaltig und allgemein. Nothzeichen aller Art wurden ſofort gegeben, und immer glaubte man, daß ſie irgend wahrgenommen werden könnten. Bleiche Geſichter rötheten ſich— Glieder bebten, und nach vielen in Faulheit verlebten Tagen wurden die Spanier mit Einemmale rührig. Jeder ſann auf ein vorzubringendes Mährchen, und ver⸗ barg an ſeinem Leibe ſeine übelgewonnenen Reichthümer. Kiſten wurden beſchnürt und wieder beſchnürt, und Beutel bis zum Erſticken vollgeſtopft. Ihre Freuden⸗ tage naheten— eines Jeden Augen ſchielten nach ir⸗ gend einem Lieblingslandwinkel, wo er ſeine Hausherr⸗ ſchaft antreten, wo er in Glückſeligkeit, Frieden und Wohlhabendheit ſeinem fernen Grabe entgegenſchreiten wollte. Don Mantez kroch aus ſeinem Lauerloche hervor, und hoffte die Autorität zurückzuerhalten, die bis jetzt er doch noch nicht zu zeigen wagte. Ihm träumte, nach kurze Zeit würden die gegen ihn rebelliſchen Gemüther zum Gehorſam zurückgebracht und gezwungen werden, den Raub wieder von ſich und in das ihm wieder zu Theil werdende Schiff ſpeien zu müſſen. Er wußte ſchon, was er vorgeben wollte. Seine Paſſagiere hatten einen Theil ſeiner Leute aufgewiegelt, und ſo waren die Verräther in Meuterei gegen ihn auf⸗ geſtanden. Zuverläſſig mußten in der ſo hurtig heran⸗ * Ardent Troughton. 179 nahenden Brigg Leute von Autorität befindlich ſein, und ſeine Sache war ja allgemeine Sache aller Kom⸗ mandirenden. Stolz und hervorragend ſtand er auf dem Taffrell. Nochmals hatte er alle äußeren und ſichtbaren Abzeichen eines Oberen angelegt. Seine beſte Uniform — ich habe früher ſchon erinnert, daß er Officier in der ſpaniſchen Flotte war— mußte herhalten; Epau⸗ letten glänzten auf ſeinen Schultern, und ſein mächtig großer dreieckiger Hut ließ deſſen Feder im Winde wehen. Keiner, vom Kapitän bis zum letzten Matroſen, dachte in jenem Augenblick an die Beraubten, die Be⸗ ſchädigten, die Verletzten und lange Zeit hindurch Be⸗ ſchimpften. Dieſe aber, die Paſſagiere, die wahren Eigner des Schiffes und der Reichthümer in demſelben — dieſe wollte man verlaſſen, und ſie, wenn ſie nicht am Bord der hinbröckelnden Santa Ana⸗ gelaſſen wer⸗ den konnten, verleugnen oder ſie derjenigen Verbrechen anklagen, die man ſelbſt begangen hatte. So war Aller Abſicht, ohne weitere Verabredung dazu. Unter dieſer beſonderen Lage der Dinge ſiel auch der galante und ſorgfältig gekleidete Auguſtus Epaminondas Montmo⸗ renci von derjenigen Partei ab, deren Damen ſich bis⸗ her hatten rühmen können, einen der Ihrigen in ihm zu ſehen. All ſeine Aufmerkſamkeit richtete ſich auf drei Kiſten von ziemlicher Stärke und Gewicht, und auf das Zuſammenſchnüren derſelben, mittelſt der derb⸗ ſten Stricke, die er hatte auftreiben können. Nachdem er dieß bewerkſtelligt hatte, kollerte er ſie auf den Gang⸗ weg, daß ſie bereit ſein möchten, über Bord zum Boot gelantſcht zu werden, und ließ ſeine phantaſtiſch heraus⸗ geputzte einfältige Perſon bei ihnen Wache halten. Nicht aber zu der Menſchenklaſſe, zu welcher der 12* 3 * —y———ᷣ—᷑——-ꝭ—ꝛ—ẽ—ÿ—ÿZBFñ——ꝭ—ꝭ—ꝭ—ʒ—ʒ—õp-—————— 7 180 Die Büßung, oder Montmorenei gehörte, zählte ſich der Silberlöffel. Er hatte nichts von der Goldmünze angerührt; hatte nicht einmal ſeine Löhnung genommen— er ſah ſeiner Be⸗ lohnung noch entgegen, und hing fortwährend meiner Familie an. Dieſe aber konnte keine Schätze in Sicher⸗ heit bringen, konnte den harannahenden Fremden durch nichts als durch ſchlichtes Erzählen ihres erlittenen ſchweren Unrechtes beſtechen. Dennoch röthete ihr die Hoffnung die Wangen— ſie ſtammelte Gebete, daß die ihnen ſo nahe Errettung ihr werden möchte, und vertrauend ſah ſie glücklicheren Tagen entgegen. Es iſt vier Uhr Nachmittags; noch drei gute Stun⸗ den wird es helle bleiben, und Erlöſung ſchwimmt wa⸗ cker heran in Geſtalt eines kleinen, gedrungen gebauten Schiffes. Nicht Viele mehr ſind zu retten, und o! wie ſtürmiſch klopft daß Herz in eines Jeden Bruſt. Sie haben das Takelwerk erklommen;— Etliche, noch eifri⸗ ger und kecker, haben ſich auf den Vorder⸗ und Beſan⸗ maſt begeben. Dem Mittelmaſte nahte ſich Keiner, denn dort hält die Leiche des alten Mönches Wache, und Alle glauben, es werde dieſe doch am Ende noch ein naſſes Grab finden, denn wer will ſich mit einem Klumpen modernder Gebeine befaſſen? Die Leute auf der Brigg haben die Santa Ana“ obſervirt, und obſerviren ſie noch. Es iſt erſichtlich, daß dieſe ihnen mißbehagt, ſie ziehen ein Segel nach dem andern ein, und— o Himmel! ſchon nahet die Nacht! Haben die Fremden denn alle Herzen von Marmor? 3 Zweifel und Angſt fallen über die ſpaniſche Mann⸗ ſchaft her— die Brigg ſegelt nicht mehr heran— ſle hat beigelegt, und man ſieht, wie ihre Officiere durch die Fernröhre das ungeheure Wrack recognoſciren. Ardent Troughton.⸗ Deutlich nimmt man wahr, daß ſie nicht wiſſen, was ſie aus einem ſo großartigen und ſo un keimlich aus⸗ ſchauenden Getrümmer machen ſollen. Sie nehmen ſeltſame Phänomene wahr— Unkraut und Schlingpflan⸗ zen, die ſich au dem zerriſſenen und in Unordnung ge⸗ rathenen Takelwerk hinanwinden, und am Bauche des Schiffes zeigen ſich mooſige Auswüchſe! Und dann die Leute auf dem Wrackl ſolche hageren Geſtalten, ſolche unheimlichen Geſichter! Man muß überzeugt ſein, daß Die auf der Brigg beabſichtigen, mit aller Behutſamkeit zu verfahren— am Bord des Wracks kann die Peſt— die Mannſchaft derſelben kann ver⸗ ſteckt und zahlreich, und alle aufgepflanzte Nothzeichen können eitel Hinterliſt und Verlockung ſein! Es ge⸗ ziemt ſich, mit Vorſicht zu Werke zu gehen. Ueber dieſe dem Anſcheine nach hartherzige Zöge⸗ rung nun ward die harrende Mannſchaft ſchier wahn⸗ witig— ſie machte wilde Geberden in die Luft hinein, jedoch zur Erwiederung alles deſſen entrollt der Ame⸗ rikaner an ſeinem Gaff⸗Ende ſeine Flagge, und läßt ſie majeſtätiſch im Winde flattern. Dieß ſcheint nicht viel weniger als Hohnſpott zu ſein. Was nützt all dieſe Zeichendiplomatie? Sind die Hülfeflehenden nicht im Elende? ſind ſie nicht Chriſten und Seefahrer? haben ſie nicht ſo die engliſche wie die ſpaniſche Flagge halb⸗ maſthoch aufgehiſſ't? haben ſie nicht zu noch größerem Zeichen von Bedraͤngniß die erſtere das Untere zu Oberſt entfaltet? Anſtatt ihnen mit offenen Armen entgegen zu eilen, den Hungernden Speiſe, den Kranken Arznei zu reichen, und ihnen Allen Erlöſung zu bringen, glänzen auf dem Verdecke der Brigg die Enterhaken und die Klingen 182 Die Büßung, oder der Haudegen, wie unter'm Takelwerk die Maͤnner, die ſie tragen, deren Schneide prüfen. Die Zeit entſchleicht, und die rothe und durſtig ausſehende Sonne berührt den Horizont— Mondlicht wird es nächſte Nacht nicht geben— und das Zwie⸗ licht hält in jener klaren Atmoſphäre nur wenige Mi⸗ nuten lang vor. Will die amerikaniſche Brigg noch mehr der Erkundigungen einziehen? Nein, endlich ſcheint ſie der Großmuth Aufforderungen gehorchen zu wollen. Sie hat deutlich erkannt, daß Frauenzimmer, daß Da⸗ men am Bord des Wracks ſich befinden, hat geſehen, wie dieſe mit den anmuthig geformten Armenwinkten und weiße Friedenszeichen flattern ließen. Wer kann Weiberbitten widerſtehen? Die Brigg zaudert nicht länger, ſie füllt ihr Haupttopſegel und gleitet immer näher dem maſſiven und verbröckelten Rumpfe auf den Waſſern. Eile, o eile! nicht Zeit iſt zu verlieren! Die Wunder über den Tiefen ſind mannichfaltig— ſie ließen ſeit lange zwar ſich nicht blicken, denn ſeit ihrer Abfahrt aus dem Hafen, ſehen Brigg und Wrack zum erſten Male eine dichte Nebelbank, wie durch Zauberei her⸗ vorgerufen, leewärts emporſteigen, ſich gegen den Wind bewegen und die Santa Ana“ wie in ein Leichentuch hüllen. Mit übernatürlicher Schwärze ſenkt ſodann der Mantel der Nacht ſich herunter, und der Wind hat plötzlich nach dem entgegengeſetzten Kompaßſtrich umge⸗ ſetzt, und iſt zu einem Sturme angeſchwollen, der über die Fläche des Meeres dahinbrauſ't. Die herrannahende Brigg mußte ſonder Zweifel über Steuer getrieben worden ſein. Sie und die Santa Ana’ ſahen einander nie wieder. Manche ſeltſame Geſchichte hatten die Matroſen von jener ſchmucken Ardent Troughton. 183 Amerikanerbrigg von dem rieſigen Schiffe zu erzaͤhlen, das ſte weit, weit unter jenen Südbreiten geſehen hat⸗ ten. Stundenlang ſchwatzten ſie von deſſen zerſpleißten Takelwerk, deſſen moosbewachſenen Rippen, deſſen ſelt⸗ ſam angebraßten Raaen, und von deſſen zerlumpten Segeln, die in phantaſtiſchen Fetzen herabhingen. Am wunderfamſten aber klang ihre Erzählung, wenn ſie von der hohläugigen, geſpenſtiſch ausſehenden Mannſchaft deſſelben ſprachen. Es mußten Geiſter geweſen ſein; denn hatten ſie nicht inmitten der Hageren einen pari⸗ ſer Gecken geſehen, der in lichtgrünen Pantalons und himmelblauem Spitzrocke auf Deck umherſchritt? des Mannes in neuer vollſtändiger Seeuniform gar nicht zu gedenken. Dann die ſchönen Damen auf der Puppe, die mit weißeren Armen winkten, als Sterbliche weiße Arme zeigen können— und endlich der alte Herr mit großer gepuderter Perrücke auf dem Kopfe und eine Brille auf der Naſe! Mußte das Schiff nicht ein Aufenthalts⸗ ort verdammter Geiſter geweſen ſein? Und wird der Zuhörer nicht von der Wahrheit überzeugt ſein müſſen? Was ſoll er denn Anderes, wenn er hört, wie der ehrliche Seemann ſich bereit er⸗ klärt, auf ſeine Hausbibel zu ſchwören— und wohl zu merken, er iſt ein frommer Mann, der ſeine Kinder zur Gottesfurcht anhält— daß er mit ſeinen eigenen Au⸗ gen ſah, wie das Schiff in einer ſchwarzen Nebelmaſſe verſchwand, und im ſelben Augenblicke nicht mehr geſe⸗ hen ward, ſolch ein entſetzlicher Sturm erhob ſich plötzlich. Viele, Viele wurden dadurch dem Glauben an das geſpenſtiſche Schiff gewonnen, und wackere Seeleute hielten den fliegenden Holländer“ nicht mehr für eine Fabel. Schauerlich und langwierig und überaus kläglich, 184 Die Büßung, oder war das Geheul der Verzweiflung, das ſich auf der »Santa Ana“ erhob, als der Nebelqualm dieſe dem Blicke aller Hoffnung entzog. Die Bejammernswerthen fühlten nicht den plötzlichen Sturm— ſie ſchrieen, ſie fluchten, ſie weinten und ſchrieen von Neuem. Eitel waren ihre Anſtrengungen, vergebens blieb ihr Weh⸗ geſtöhn.— Mantez ſtürzte kopflings vom Taffrell, und ſtieß ſich den Schädel an dem Verdeck. Er wagte nicht mehr zu hoffen— Wunder ſchaarten ſich gegen ihn. Er gab jetzt alle Hoffnung auf, ſich mit der ewigen Gerechtigkeit auseinanderſetzen zu können. Nimmer wieder würde er unter eiviliſirtes Volk gelangen, keine Gelegenheit ſich ihm bieten, die vielen Sünden in Buße umzuwandeln, und mit ſeinem Golde den allgewaltigen Prieſter zur Abſo⸗ lution und zur Zuſicherung verkürzter Qualen im Fegfeuer zu beſtechen. Mantez war Einer von denen, die ſich darauf verlaſſen, dem Allwiſſenden zu entſchlüpfen und ihren Lüſten zu leben, bis ſie deſſen überdrüſſig wurden, und die dann den werthloſen Reſt ihrer Tage und den ihnen übriggebliebenen Geldſchatz dem feilen Kirchen⸗ diener überantworten, der ihnen Vertreter bei'm All⸗ mächtigen ſein ſoll. In jener fürchterlichen Nacht wich ſolche falſche, jedoch manchen Weltling aufrechthaltende Hoffnung ganz und gar und für immer von dem Sün⸗ der Mantez. Auguſtus Epaminondas Montmorenci ertrug gleiches Mißgeſchick auf ganz andere Weiſe. Unter einem Stru⸗ del von'sacre dieuxe, lantſchte er ſeine drei Kiſten wieder an deren Verſteckort— fluchte auf die fortune de la guerre“, wickelte eine Locke wieder zurecht, die der Rebel ihm zerſtört hatte, trällerte ſein'vive la Ardent Troughton. 185 bagatelle“, und bat allerunterthänigſt um Erlaubniß, den Damen ſeine Hochachtung bezeigen zu dürfen. Die Meiſten von der Mannſchaft durchwachten die Nacht auf dem Verdecke; jedoch am nächſten Morgen war um ſie her nichts zu ſehen, als die zürnenden Him⸗ mel und die grollenden Waſſer. —— Achtzehntes Kapitel. Laſſen wir ab von der Santa Ana“ und deren er⸗ bärmlicher Menſchenladung, wie ſie auf dem langgeſtreck⸗ ten, feierlichen Wellenſchlage der ſüdlichen Meere ein ſchauerliches, grau ausſehendes Wrack dahintreibt, und kehren wir zur Honorien⸗Inſel zurück;— denn ſo ſollte meiner Einbildung nach der Ort heißen, an welchem ich meine künftige Herrſchaft zu begründen, mir vorphanta⸗ ſirte. Voll von Gedanken an meine einſtigen Regie⸗ rungseinrichtungen, ſetzte ich mit Springer gemächlich meine Wanderung am rechten Ufer des Fluſſes fort, den ich bereits it dem Namen„Jug belegt hatte— und dieß aus zwei Gründen, erſtens zu Ehren der Treue und hohen Eigenſchaften Ingurtha's, und zweitens, weil die Namen aller großen Flüſſe, welche auserſehen ſind, oft vom Volke genannt zu werden, kurze Namen führen, und leicht und luſtig von der Zunge gleiten ſollten. Von Zeit zu Zeit ſchweifte ich ſeitwärts ab in die Wäͤlder und auf die Ebenen, und ſuchte nach meinen Unterthanen— allein umſonſt. Bis jetzt hatte ich kei⸗ 186 Die Büßung, oder nen einzigen derſelben auffinden können. Gegen die Abenddämmerung bemerkte ich, daß der Fluß einen ganz andern Charakter angenommen hatte. Er breitete ſein Bett ſo bedeutend, daß er das bildete, was man beinahe einen See hätte nennen können. Das Bett ſchien au⸗ ßerordentlich flach zu ſein, ſo daß der Fluß an dieſer Stelle kein Schiff, das größer als ein Waſchkübel ge⸗ weſen wäre, hätte ktragen können. Das war ein em⸗ pfindlicher Schlag für mich. Ich zitterte bei dem Ge⸗ danken, wie dieſe Flachheit dem Handel meines einſtigen Königreichs hinderlich werden würde, und mir kamen allerlei Bedenken, über die Ebbe in meinem ⸗Staats⸗ ſchatze, von wegen des Mangels an genügenden Zollein⸗ künften. In dieſes Bett waren mehrere Felsbrocken ſo nahe an einander hingeſtreut, daß ſie als Stufenſteine dienen konnten, und zwiſchen ihnen kroch der Fluß träge da⸗ hin; doch war das Waſſer von durchſichtiger Reinheit als es über das Felsgeſtein entſchlich.. Ich beſchloß, am andern Morgen über den Fluß zu gehen, und dann am linken Ufer deſſelben meine Wan⸗ derung fortzuſetzen. Der Morgen brach, wie es in jenen Klimaten gewöhnlich der Fall iſt, glorreich an. Nach⸗ dem ich gebadet und gefrühſtückt hatte, begab ich mich leichten Herzens und feſten Schrittes aaf den etwas ermüdenden Weg, auf dem ich bald von Fels zu Fels ſpringen, bald durch Waſſer waten mußte. Springer kam behender damit zu Stande; er kümmerte ſich nicht um das Geſtein, ſondern ſchwamm luſtig um daſſelbe herum, ſo daß er fortwährend im Waſſer blieb. End⸗ lich befanden wir uns am jenſeitigen Ufer und in einem Lande, das, wenn möglich, noch ſchöner als das war, welches wir verlaſſen hatten. Luſtig wanderten wir Ardent Troughton. 187 weiter— ich, indem ich mit den Augen meiner Phan⸗ taſte Heerſtraßen ſah, an denen niedliche Hütten ſtanden, Schafe weideten, wohlgepflügtes Land ſich zeigte, wäh⸗ rend fernhin Stadtthürme ihre Spitzen erhoben. Wahr⸗ lich! wir ſind am glücklichſten, wenn wir uns ſelber täuſchen. 1 Bald nachher ward der Fluß immer ſchmaler und ſeine Strömung raſcher, wenngleich nicht brauſend. Seine Hurtigkeit konnte an irgend einem auf ihm ſchwimmenden Gegenſtand deutlich wahrgenommen wor⸗ den. Das Waſſer ſchien eine ſich ſenkende Ebene hinab⸗ zugleiten, und die Ufer zu beiden Seiten geſtalteten ſich hoch und ſteil. Je weiter wir fortgingen, deſto tiefer unter mir la⸗ gerte ſich das Flußbette, während das Land, auf wel⸗ chem ich wanderte, ziemlich als ebene Fläche erſchien. Ddie Ufer wurden jeht ſenkrecht, das Waſſer aber wies ſich allmählig immer ſchmaler und immer haſtigeren Laufes. Nach einer Strecke von einigen Feldwegen Länge erblickte ich die offene, weite, unbegrenzte See. Ich gelangte auf das äußerſte Ende des Tafellandes, das in einem kühn emporſtrebenden Fels auslief, deſſen Fuß von der See auf zweihundert Fuß tief unter mir be⸗ ſpült ward. Der zuſammengedrängte Fluß im Grunde verwandelte ſich beinahe in einen Sturz, und brauſete zwiſchen Geſtein in das Meer, ſo daß ſein weißer Waſ⸗ ſerſchaum weithin ſich mit den dunkelblauen Fluthen des Oceans miſchte, nachdem er verſchiedene Sandbänke aufgeworfen hatte, durch welche ſein Ausſtrom wunder⸗ hübſch zertheilt ward. Das war der Jug von ſeiner kleinen Stadt bis zu ſeiner Mündung. Dieſer Fluß konnte nur für ein Wie⸗ 188 Die Bützung, oder genkind der Natur gelten. Jahrhunderte würden ihm erforderlich geweſen ſein, um ſich ein bequemes ſchiffba⸗ res Bett auszuwühlen. So feurigen Hoffens ich auch war, konnte ich doch nicht daran denken, es zu erleben, daß dieſer Fluß je⸗ mals ſchiffbar werden würde; mit gemäßigten Schritten trat ich daher meinen Rückweg an, indem ich mich auf dem linken Ufer hielt, konnte aber keine Spur von ei⸗ nem Menſchen finden, ſo daß ich nicht ſonderlich Aus⸗ ſicht hatte, ein Weib für Jugurtha heimzubringen. Am vierten Tage nach meiner Abreiſe, zwei Stun⸗ den vor Sonnenuntergang, traten Springer und ich aus dem Dickicht, das unſerer Wohnung— bald hätte ich ge⸗ ſagt, der Hauptſtadt meines Reiches gegenüber lag. Sowohl Jugurtha als Honoria hatten am andern Ufer nach mir ausgeſehen. Der Neger ſtand auf einem Aſte eines der höchſten Baͤume. Da plumpte Springer plötz⸗ lich in's Waſſer, und die Lugenden wurden aufmerkſam auf mich. Ueber Hals und Kopf war der Neger vom Baume herunter, allein trotz ſeiner Haſt kam Honoria ihm doch zuvor. Sie hatte das kleine muldenartige, von Jugurtha behufs unſerer Fiſcherei längſt gefertigte Fahrzeug losgebunden, und ruderte mitten in den Fluß hinein, ehe noch mein ſchwarzer Freund deſſen Ufer er⸗ reichen konnte. Entzückend war der Augenblick, in welchem Honoria mich, und ich ſie umfaßt hielt. That ich dieß ein wenig lange, und als Bruder ein wenig zu leidenſchaftlich, ſo fühle ich doch, daß Gott mir das längſt vergeben hat. Die gute Honoria, ſie konnte vor Lachen nicht weinen, und vor Weinen nicht lachen. Wir ſetzten nun hinuͤber, ich empfing des Negers Be⸗ willkommnungszeichen, und es war das heiterſte Wieder⸗ ſehen, das ich jemals erlebt habe. Ardent Troughton. 189 Mich duͤnkte, Honoriens Schönheit war jetzt ſtrah⸗ lender, als je zuvor. Wirklich konnte ſie von keiner Tochter Eva's an Fülle der Lieblichkeit übertroffen wer⸗ den. Ich hatte ſie in allerlei Anzügen, ſogar in einer Ausſchmückung geſehen, von der wir uns einbilden, daß ſie den Engeln des Himmels eigenthümlich ſei, doch meinte ich, ihr ſtände keine Kleidung beſſer, als die, welche ihr eigener Scharfſinn und Jugurtha's Fürſorge ihr geliefert hatten, und die, wie der Leſer weiß, aus reichen Pelzen und prunkenden Federn zuſammengeſetzt war. Honoria ſah darin halb wie Amazone, halb wie Engel aus. Mir gefällt Kleidung, es iſt Poeſie in ihr. Wer an⸗ ders als ein Halunke oder ein Wilder kann ſie gering⸗ achten? Honoria beſaß in Bezug auf Betleidung die größte Erfindungsgabe und den geläutertſten Geſchmack; ihr Gemüth war ein Spiegel der Wahrheit, der jedes wirklich Schöne zurückſtrahlte; ſie konnte die geringfü⸗ gigſten Kleinigkeiten nicht auf den Tiſch ſtellen, ohne daß man in der Stellung derſelben alle Schönheit, de⸗ ren ſie fähig war, bemerkt hätte. Auch unter den größten Mißverhältniſſen habe ich meine Schweſter nie⸗ mals etwas Unanmuthiges thun ſehen. Honoria konnte nimmer in einem linkiſchen oder lächerlichen Geſichts⸗ punkte erſcheinen. Sogar Jugurtha fühlte den Einfluß ihrer Nähe, und hatte ſich etwas von ihrem Weſen angeeignet. Er war von Natur lang, hager und knochig, und zeigte mehr Körperkraft als Anmuth. War er ernſthaft, ſo pflegte er abſtoßend zu ſein. War er luſtig, ſo gab er ſich über⸗ trieben; jetzt jedoch durchdrang in ſeinen ernſteren Mo⸗ menten ihn eine Art von Würde, und ließ er Luſtigkeit blicken, ſo geſchah es mit einer Harmonie, die man früͤ⸗ her an ſeinen Bewegungen nicht hatte wahrnehmen können. 190 Die Büßung, oder Unter feiner Auffaſſung des Schönen, Holden und Richtigen würde Honoria nicht mehr ſie ſelbſt geweſen ſein, wenn ſie anders als höchſt vollkommen und rein von Geiſt, Gedanken und That hätte ſein wollen. Neunzehntes Kapitel. Die Buͤßung. Beinahe einen ganzen ſegensreichen Monat brachte ich nun daheim zu; ein ſchwindelerregendes, jedoch all⸗ durchdringendes Gefühl der Glückſeligkeit hielt ſich mei⸗ ner bemächtigt. Wir arbeiteten leichthin— projektirten neue Verbeſſerungen, und waren luſtig und lebensfroh den lieben langen Tag hindurch. Ich ſtattete meiner Schweſter genauen Bericht von dem ab, was ich auf meiner Wanderung durch mein Königreich geſehen hatte, ſo daß ſie Luſt bekam, einen Ausflug mit mi⸗ zu unter⸗ nehmen, worin zu willigen ich jedoch keineswegs vorbe⸗ reitet war. Ich fühlte mich zu unentſchloſſen, und traute mir zu wenig ſelbſt, um allein mit meiner Schweſter in jenen weiten üppigen und entnervenden Einöden zu wandeln. Ich bitte den Leſer, allen Ernſtes zu glauben, daß kein unkeuſcher Gedanke jemals in meine Seele gekom⸗ men iſt. Im ſchlimmſten Falle ſpekulirte ich nur über die Zukunft, und war höchſtens bis zu den Sünden der Kaſuiſtik vorgerückt. Ich hatte mit meiner Seele den 191 feierlichen Vertrag geſchloſſen, meine Anſichten von un⸗ ſerer Lage Honoria nicht eher darzulegen, als bis ſie ihr einundzwanzigſtes Jahr erreicht haben würde. Beſonders fürchtete ich mein Alleinſein mit Honoria in dieſer Einſamkeit, inſofern als ich zu Vernünfteleien, zu unnützen und voreiligen Erörterungen— zu der Sünde verlockt werden könnte, des ſo jugendlichen Mädchens Verſtandesanſichten zu untergraben. Daheim hatten wir unſere Beſchäftigungen und unſere Vergnügungen, und Jugurtha war beſtändig in unſerer Naͤhe; auch war es Ardent Troughton⸗ bei ihm und ſeinen Schwänken unmöglich, lange Zeit ernſthaft zu bleiben. Die wahrhaftige Fülle meines Glückes machte mich vollends ruhelos. Mir war Seligkeit zu Theil wor⸗ den; ich wünſchte ſie mir zu befeſtigen, und meinte, ich würde dieß thun, wenn ich ſie abermals hinter mir ließe. Ich hatte eine abermalige und längere Reiſe vor. Weſt⸗ wärts von unſerer Wohnung und gerade vor derſelben lagen in blauer Nebelferne, ſo wie auch oſtwärts weg eine Reihe ziemlich hoher Berge, die jedoch eine breite Unterbrechung blicken ließen, durch welche hindurch nichts als der Horizont wahrzunehmen war. Dorthin wollte ich eine Entdeckungsreiſe unternehmen. Die Kundma⸗ chung meines Entſchluſſes erregte neue Beſorgniß. Dieß⸗ mal erklärte ich, eine ganze Woche lang wegbleiben zu wollen, und belud mich daher mit einem größeren Vor⸗ rathe von trockenen Lebensmitteln. Da ich mich gen Weſten wendete, und der blaue Himmel über mir in Sicht bleiben würde, zweifelte ich nicht, dem rechten Wan⸗ derſtriche folgen zu können, indem ich der Leitung des Lichtes folgte; denn wenn auch der Himmel bewölkt ſein ſollte, konnte ich doch erkennen, nach welcher Seite hin der Wolkenrand erhellt erſchien. Zudem hatte ich 192 Die Büßung, oder gelernt, andere Kennzeichen wahrzunehmen. Vielfaͤltig wuchs im Graſe eine kleine blaue Blume, die jederzeit ihren zarten Blüthenſtengel ſüdweſtwärts ſenkte, und die Rinde eines gewiſſen kleinen Baumes hatte ſüdlich im⸗ mer einen weißen Streifen; überdieß war ich gewiſſer⸗ maßen ein Förſter worden. Ich reiſete früh am Morgen ab, ließ jedoch dießmal den Hund zuruͤck. Weder Jugurtha noch Honoria durf⸗ ten mich ein Stück Weges begleiten. Bewaffnet und ausgerüſtet wie das vorige Mal, ſchritt ich, ſo viel als möglich den geraden Weg haltend, über Savannen, klet⸗ terte über Höhen, ſetzte über Sümpfe, und bahnte mir Weg durch Dickichte, und gelangte nach einem Marſche von zwanzig(engl.) Meilen gegen Abend an den Fuß des Bergſtriches. Nachdem ich mir einen alten, ehrwürdigen großen Baum ausgeſucht hatte, deſſen Aeſte ſich meinem Zwecke bequem, wie die Radien eines Mittelpunktes ausbreite⸗ ten, nahm ich auf demſelben meinen Schlummerſiz für die Nacht, verſchmauſete wohlgemuth mein Abendbrot und ſchlief bald ein. Als ich das Hochland hinanſtieg, fand ich die Gegend weit geöffnet. Endlich war ich allgemach eine bedeu⸗ tende Höhe, die den Gipfel des Striches abgab, hinan⸗ gekommen, und entdeckte nun verſchiedene Bäche und Flüßchen, die linksab liefen. Ich hatte den Bergrücken hinter mir, und ſtreifte nun durch weite, mit edeln Waldbäumen beſprengte Ebenen. Dieſer Theil des Landes war umfangreich und lief gen Weſten in eine ziemlich offene Waldgegend aus. Je weiter ich vordrang, deſto dichter ſtanden die Baͤume, und des Unterholzes gab es immer mehr. 3— Ardent⸗Troughton. 193 Da ich bisher nirgendwo Spur von einem Menſchen hatte ſinden können, gab ich es nunmehr gänzlich auf, darnach zu ſuchen, und hielt mich überzeugt, daß außer mir und den Meinigen keine menſchliche Seele auf der Inſel wohnte. Als ich achtlos nun durch das Buſch⸗ werk ſchlenderte, durchrieſelte mich ein Schauer des Er⸗ ſtaunens, der mir keineswegs angenehm war, indem ich etwa fünf Fuß hoch vom Boden etliche Zweige von ei⸗ nem Kaffeeſtrauche abgebrochen ſah. Etliche von den zarten Schößlingen waren auf den Boden gefallen, an⸗ dere wieſen ſich zerknickt zurückgebogen. Bis jetzt war mir noch kein Thier begegnet, das zu ſolcher Höhe hätte hinanreichen können; daraus folgte aber noch nicht, daß es dergleichen Thiere hier nicht gäbe. Indem ich ange⸗ legentlich über dieſe Wahrzeichen nachforſchte, auch mei⸗ nen Bogen geſpannt und nach meinen Pfeilen geſehen hatte, ging ich behutſamer weiter. Meine Zweifel, ob ich mich an einem von Menſch oder Thier beſchrittenen Orte befunden hatte, wurden bald verſcheucht, denn ich war nicht zweihundert Ellen weit gegangen, als ich ein zerſtörtes Bienenneſt vor mir ſah. Alle meine Träume von Begründung eines Inſelreiches zerſchellten ſodann durch den Anblick eines hohlen Baumſtammes, der nie⸗ dergeworfen und zum Theil angebrannt dalag. Ich wußte damals, und weiß eigentlich noch nicht, ob dieſe Entdeckung mich bekümmerte oder erfreuete. Nach Menſchenweiſe fing ich an zu vernünfteln. Am Ende konnten dieß auch nur einige Wilde verübt haben, die mit ihrem Kanoe bei einer Luſtfahrt hier angelegt und dann ſich wieder wegbegeben hatten; ſo daß ſie keine Einwohner waren, die Inſel und deren Herrſchaft mir alſo dennoch möchte werden und dennoch verbleiben kön⸗ nen. Je weiter ich ſchritt, deſto wahrſcheinlicher ward Ardent Troughton. III. 143 194 Die Büßung, oder mir dieß, denn es zeigten ſich mir keine Spuren mehr, als die von kleineren wilden Thieren. Da der Abend herannahete, hatte ich für nichts wei⸗ ter als für mein Nachtquartier zu ſorgen, und daſſelbe bei der Natur zu beſtellen. Das Gemach, welches dieſe mir in vergangener Nacht anwies, hatte wir gar nicht behagt. Freilich war es bequem, ſicher und luftig ge⸗ weſen, allein der Fußboden deſſelben hatte ſich als gar zu uneben erwieſen, und war mir auch feſter Schlaf geworden, ſo ſtand ich andern Morgens doch mit Glieder⸗ ſchmerzen auf. So beſchloß ich denn, mir eine Kammer und ein Bett zu ſuchen, woraus ich nicht fallen könnte, wenn ich mich etwa in unruhigem Schlummer hin⸗ und herwälzen möchte. Ich brauchte nicht lange zu ſuchen. Eine Maſſe zerbrochener Felſen bot mir eine hohe, recht gute Plattform dar, auf welcher ich mein Obergewand ausbreitete, mein Abendeſſen verzehrte, inbrünſtig für das Wohl der Meinigen betete, mich auf den Rücken ſtreckte, meine Hände gefaltet auf meine Bruſt legte, die Augen ſchloß und die Ankunft des Beſänftigers Schlaf erwartete.. 8 Er kam, aber er verweilte nicht. Nachdem er mir allerlei leichte und anmuthige Dinge in's Ohr geflüſtert, und in ſeinem traumumwölkten Hohlſpiegel manch freud⸗ volles und phantaſtiſches Bild gezeigt hatte, entwich er mir, und ließ mich die kalte Nachtluft, die mir über das Angeſicht ſtrich, und den Thau fühlen, der ſich auf meine Stirn niederließ. 4 In Erwägung des weiten Weges, den ich nächſten Tages gern zurücklegen wollte, ſehnte ich mich eben ſo eifrig nach Schlummer, als dieſer geneigt zu ſein ſchien, mich zu fliehen. Ich dachte an mancherlei einfache Hülfs⸗ mittel, die den Schlaf herbeizulocken pflegen, von denen Ardent Troughton. 195 ich früher gehört hatte, allein keines von allen, die ich verſuchte, wollte auſchlagen. Endlich unterzog ich mich einer ermüdenden Arbeit— nämlich dem Verſuche, die Myriaden von Sternen zu zählen, die ſo hell und ſo wohlwollend auf mich herabzublicken ſchienen. Als das dunkle Blau über mir immer dunkler ward, trat Fremd⸗ ling nach Fremdling in kleinem Goldpunkte heraus, und meine Beſchäftigung ward mir immer verwilderter ge⸗ macht. Dieß Heraustreten in ein leuchtendes Daſein vereinbarte ſich ſo mit meinen Ideen von Bewegung, daß ich anfing mich zu wundern, warum die größeren und helleren Sterne ſich nicht des nämlichen Vorrechtes bedienten. Bald nachher bemerkte ich, daß ſie entweder das thaten, wozu ſie nach meiner Meinung ein Recht hatten, oder daß ich träumte. Um des Einen oder des Anderen Wirklichkeit zu er⸗ kunden, erhob ich mich aus meiner liegenden Stellung, ſetzte mich aufrecht und blickte umher. Hier konnte keine Täuſchung mich bethören; im hellen Sternenlicht war Alles, ſo wie es ſich gezeigt hatte, ehe ich mich nieder⸗ legte. Deutlich erkannte ich den Bananabaum wieder, von dem ich kurz vorher gepflückt und gegeſſen hatte. Die untere Welt ſtand unbeweglich in ihrer ſchattigen Wirklichkeit da— die Bäume, die offenen Räume und die Umriſſe der ewigen Hügel veränderten ſich nicht; üͤber ihnen in den Himmeln aber fand eine harmoniſche Bewegung Statt. Von Seele eitel Eifer, von Körper durch das Gefühl der Muͤdigkeit erſchöpft, legte ich mich abermals auf den Rücken, und beobachtete den langſa⸗ men und labyrinthiſchen Tanz der Sphären. Leiſe, aber großartig tief, wie das ferne Brauſen der ſich ſenkenden Fluthen, drangen Muſik und die Stim⸗ men zahlloler Harmonieen in mein Ohr.»Dieß iſt,« 12* „,— 196 Die Buüßung, oder ſagte ich zu mir ſelbſt,„nichts als das myſtiſche Thun eines alten Aberglaubens, der ſein Neckſpiel mit meinem, zwiſchen Wachen und Schlafen ſchwebenden Geiſte treibt. Ich ſehe, aber ich glaube nicht; ich höre, aber ich will die Eriſtenz keines Klanges einräumen— es iſt Alles Täuſchung. Wenn aber,“« fuhr ich fort, als die Klänge immer vernehmbarer wurden—»wenn dieß kein Traum iſt, ſo laſſe man mich deutliche Worte vernehmen, und ich will gläubig ſein. Ich bin kein Poet— ich konnte in meinem ganzen Leben keine einzige Verszeile zu Gange bringen— was mir zu Häupten vorgeht, iſt ſchauerlich ergreifend, doch iſt es eitel Täuſchung.“* Kaum hatte ich ſo zu mir ſelber geſprochen, als die großartige Chorſymphonie betäubend in mein Ohr drang; nicht länger mehr quoll ſie in unklaren Harmonieen zu mir her, ſondern faßte ſich in Worte, deren jedes mir vollkommen deutlich hörbar war. Nimmer hatte ich zu⸗ vor einen Begriff von der Erhabenheit menſchlicher Sprache gehabt. Die Hymne, die triumphirende Hymne der Geſtirne wird nimmer aus meinem Gedächtniſſe ge⸗ tilgt werden können. Ich will ſie dem Spötter nicht preisgeben. Bevor das geiſtige Auge nicht von dem Ne⸗ bel der Sündhaftigkeit befreit iſt, kann es das nicht verſtehen, was zu verſpotten ein Leichtes iſt. Sind der Gottheit geheiligte Worte dieſer Entweihung entgangen? Sie ſind es nicht. Als der Hymnus, in welchen ich mir elber unbewußt, verklungen war, ſchien ein langgehaltener, trauervoller Klang das Univerſum zu erfüllen und zu ſagen:»Wir werden entſchwinden— unſere Lichter werden in Ver⸗ geſſenheit verlöſchen, aber die Söhne des Menſchen und die Erben Gottes werden leben in immerwährender Ardent Troughton. 197 Glückſeligkeit. Möge der Menſch ſich erfreuen, denn für ihn giebt es keinen Tod. ⸗ Dieß war der Sinn des tiefklingenden Halles— ich gebe deſſen Worte nicht, noch das Metrum der Worte, obwohl dieſe unvertilgbar in mein Hirn gebrannt wor⸗ den ſind. 1 Hierauf herrſchte eine Stimme in allen Himmeln, und auf Erden, und aus dem Mittel des gewölbten Domes über mir, und wo die meiſten Sterne ſich zu⸗ ſammendrängten, rollten dieſe auseinander, wie Deman⸗ ten aus einem Bündel, und das Magnetblan des Fir⸗ mamentes that ſich auf, und enthüllte mir den Anblick der Vorhöfe der himmliſchen Heerſchaaren. Ein gewal⸗ tiges, aber mildes Licht verbreitete ſich, und obwohl mich dünkte, es wäre überaus hell und rein, blendete es doch nicht, und meine Augen zuckten nicht vor demſelben. Und als ich feſt in dieſe Einſicht blickte, gewahrte ich drei Throne, einen zur Rechten und einen zur Linken, die beide niedriger als der in der Mitte waren. Und ich erkannte im erſteren ſofort den der Gnade, und im zweiten den der guten Gaben, während der mittlere, als der Thron der Gerechtigkeit fürchterlich anzuſchauen war, weil hinter ſeinem hochgewölbten Baldachin Blitze hervorzuckten.. Auf dieſen Thronen ſaß Niemand, noch ſah ich En⸗ gel des Wiſſens oder der Liebe in den weiten und glän⸗ zenden Vorhöfen, und mein Herz in mir ſehnte ſich bis zum Zerberſten, daß ich möchte hingehen und mich nie⸗ derwerfen vor dem Throne der guten Gaben, und meiner Seele Verlangen zu erbitten. Allein ich wußte, daß ich mir nicht eines Seraphs Schwingen geben, alſo nicht hinauf mich flügeln konnte in die unſichtbare Nähe, um niederzufallen und anzubeten. Inmitten meiner Thränen 198 Die Bußung, oder ward ich gewahr, daß eine weibliche Geſtalt neben mir ſtand und mit lieblicher Stimme flüſterte:„ Erheb' Dich, Ardent!« Ich antwortete:»Biſt Du es, Honoria?« und die Stimme verſetzte:»Blick' auf und ſiehe!« Und nicht Honoria, ſondern Douna Iſidora ſtand neben mir. Und als ich ſie ein Weilchen betrachtet hatte, ge⸗ wahrte ich, daß ſie unausſprechlich ſchön war, und aus dem Glanze ihrer Augen ſtrahlte ſie Freundlichkeit und ſeelenerquickende Liebe auf mich herab. Ich wunderte mich, daß ich ſie ſo oft betrachtet, und doch nie zuvor entdeckt hatte, wie ihre Lieblichkeit von Ewigkeit her geſchaffen zu ſein ſchien, mir eine Gefährlin zu werden, ſobald Buße und Vergebung mich von allen Mängeln der Sterblichkeit geläutert haben würden. »Von wannen kommſt Du, Iſidora?« ſprach ich. »Sage mir, Allerſchönſte, ob meine Sinne mich äffen, oder ob Du in Wahrheit mir nahe biſt?« »Ich bin es.« „»Von wannen kommſt Du?« »Ju einem von Zeit und Stürmen zerrütteten Schiffe ward ich auf den Wogen hin⸗ und hergeworfen. Ich bin nur im Geiſte bei Dir. Mein ſchwacher Körper liegt, ſeiner Sonderung von mir ſich unbewußt, in ſtar⸗ rem, jedoch unruhvollem Vergeſſen. Er iſt nicht der Körper, in welchem Du mich jetzt ſiehſt, ſondern er iſt ermüdet und ziemlich abgehagert.« »Schon gut,“« ſagte ich emphatiſch—»wie ſteht's um meine Aeltern?« »Frage nicht. Ich kann meine Sendung nicht über⸗ ſchreiten. Ich bin nur hier, um Dich zu den Füßen des ewigen Thrones zu führen. Steh' auf und komme.“ »Ich wollte, Du wäreſt Houoria,« entgegnete ich; „mitſammen wollten wir dann ihre Sache vertreten—⸗ ——— Ardent Troughton. 199 »Deine Sache— komm, ſag' ich.« 2 »Willſt Du meiner ſpotten, Iſidora? Ich vermag nicht einmal meine rechte Hand zu erheben; ſo ſchwer wie ein Thonklumpen, der an die Erde germeler ward, iſt mein Körper.« n „Verlaſſ' ihn.« bile »Wie ſtell' ich das an, engelgleiche Sdoras A „Wolle es und habe Glauben. Ich habe keine Flü⸗ gel, und dennoch, ſieh nur, ſchwing' ich mich aufwärts. Was vermöchte der Glaube nicht zu vollenden 2 Wie ſoll ich das durchſchauernde Gefühl beſchreiben, deſſen ich inne ward, als ich ſpürte, daß ich mich meiner irdiſchen Hülle entwand? Keinen Nerven, kein Empfin⸗ dungsvermögen verlor ich, Alles in mir ſchien voltkom⸗ men zu einem höheren Zwecke, und doch von der nämli⸗ chen Natur, wie zuvor, zu ſein. Endlich ſtand ich auf der Bruſt meiner eigenen ſtillen und kalten Hülle— ich betrachtete ſie unter mir, wie der Bildner den ge⸗ meißelten Marmor, das Werk ſeiner igene Hände betrachtet. »Du hältſt Dein ſterbliches Gehäns für ein Etwas, das Bewunderung verdient,« ſagte die ſanfte Stünine meiner Gefährtin. »Ich bekenne frei dieſe menſchliche Eitelkeit.«. »Könnteſt Du nur, Ardent, Dich ſo ſehene wie ich Dich ſehe.« »Mein gegenwärtiger Zuſtand des Seins iſt ſo be⸗ ſeligend aufregend für mich,« ſagte ich,» daß ich beſtän⸗ dig in ihm bleiben möchte; deunoch hege ich eine leb⸗ hafte Anhänglichkeit zu dieſer gefühlloſen Maſſe unter mir, daß ich weinen könnte, ſie in Mhodear ſich auflöſen zu ſehen.« »Du biſt noch für viele Jahre nicht von ihr geſon⸗ 200 Die Büßung, oder dert. Inzwiſchen laß für ein Weilchen von ihr ab— erhebe Dich!« Ich gehorchte und ſchwebte augenblicklich durch einen faſt grenzenloſen Raum hin, langte endlich an, und knieete vor dem Throne der guten Gaben. In dieſem Augen⸗ blicke ſchauete Iſidora mich mit einer aus Zweifel und Beſorgniß gemiſchten Innigkeit an. Zitternd flehete ich um das, was nur zu denken, ſchon ein Verbrechen war. Mich ſchauderte, als ich meine gottloſe Bitte aus⸗ geſprochen hatte. Als ich mich wendete, um den mich begleitenden Geiſt anzublicken, fand ich Iſidorens wun⸗ derſchönes Autlitz von Jammer getrübt und in Zähren gebadet. Ihr Auge ſenkte bitteren Vorwurf auf mich herab, daß mein Herz ſich mit Wehmuth erfüllte. Nicht lange jedoch ward mir geſtattet, ihre Bekümmerniß an⸗ zuſchauen. Indem ich nicht wußte, ob meine unheiligen Bitten gewährt waren, ward ich wider Willen vor den Thron des Gerichts getrieben, und nun begannen die Martern meiner Viſion.— Alles was Schreckliches geſehen und gehört werden kann, drang mit Einemmale auf mich ein. Zangen lebendiger Flammen, die von kei⸗ ner Hand gelenkt wurden, brannten auf meiner Stirn das Fürchterliche— das ich nicht niederſchreiben werde. Mein tauſendfach empfänglicherer Körper, als meine ir⸗ diſche Hülle es geweſen war, fühlte ſich, obwohl er ganz blieb, wie in Stücke zertheilt— jeder zuckende Nerv war ein geſondertes, lebendes, furchtbar gequältes We⸗ ſen. Dieſes körperliche Weh aber, war nichts gegen mein geiſtiges Leid. Die eiſigſte Furcht, das entſetz⸗ lichſte Bangen packten mich; Verzweiflung heulte ih⸗ ren bitterſten Fluch gegen mich aus, der da ewig— ewig— ewig währen ſollte.n Wie vom Donner gerührt Ardent Troughton. 201 — entſetzt— kreiſchend verſuchte ich zu fliehen, und den Thron der Gnade zu erreichen; aber neidiſche und un⸗ ausmeßbare Abgründe öffneten ſich zwiſchen mir und dem Heiligthume, nach welchem ich trachtete. Hinab in dieſe Schlünde ſiel ich— ſiel— ewiglich fallend, und als ich ſiel, ſchoß ich bald durch Gluthen, die entſetzli⸗ cher brannten, als wir uns die Flammen der Hölle nur vorſtellen können, und bald durch eine eiſige Kälte hin, die da ſchien, als verwandelte ſie jedes meiner Glieder in das feinſte und ſprödeſte Glas. Kreiſchend legte ich dieſe Regionen zurück, und dann folgte ein noch tieferer Hinabſturz in eine erſtickende Leere. Wie bang war mein Streben nach einem einzigen kleinen— kleinen Athemſchöpfen! wie ſehnte ich mich zu zerberſten und als Blaſe zu zerſpringen; dennoch fiel ich abwärts— abwärts— abwärts! Die Zeit ſchien alle ihr Sein aufgelöſet zu haben, und all Ding ſich mit dem Maßſtabe der Ewigkeit zu meſſen. Ein einziger Moment menſchlichen Wehes ſchien die Gewalt der Dauer von Jahrhunderten in ſich zu faſſen. Nachdem ich dieß Fallen, meinem Ge⸗ fühle nach, Jahrhunderte lang ertragen hatte, ſagte ich zu mir ſelbſt:»Ich will meinen Herrſcherwillen gel⸗ tend machen— mindeſtens meinen Herrſcherwillen über mich ſelbſt. Könnte ich mich nur von der Erde zum Himmelsthron erheben, ſo möchte ſolches vielleicht von dem Gefühle des Fallens erlöſen, oder dieß doch nicht für ewig geſtatten. Meine Augen ſollen nicht mehr niederwärts gekehrt ſein!« Augenblicklich fühlte ich Stillſtand und mein emporgewendeter Blick ſah die un⸗ fägliche Tiefe des Abgrundes, in welchen ich gefallen war, über ſich. Zu unausſprechlichem Troſte für mich war der Thron 20 Die Bübßung, oder der Gnade mir noch immer ſichtbar, und zu Füßen deſ⸗ ſelben niedergebeugt knieete Iſidorens Geſtalt. Ich rief ſie bei Namen— ſie erhob ſich. Ich ſagte ihr, daß ich in meines Herzens Tiefe bereut hätte, und fle⸗ hete ſle an, für mich zu bitten. Ich ſah, wie ſie knieend dieß that; ich ſprach dann den alleinigen heiligen, allerhe⸗ benden Namen aus, und ſofort linderten ſich meine Qualen; die eine ngenden Wände der ungeheuren Kluft⸗ tiefe, in der ich ſchwebte, wichen zu beiden Seiten und entrollten in die Ferne, wie die Nebel eines eGomheri morgens. Und Iſidora war wieder neben n mir, und abermals betrat mein Fuß feſten Boden, und die flockigen Wol⸗ ken ſchwebten mir zu Häupten durchides Himmels blaue Gewölbe. Hand in Hand wanderten wir weiter, und unſere Rede war klagend und rührend und lieblich.— » Und wohin gehen wir, meine Iſiddra?« »Ardent, Geliebter meiner Seele, an das Ufer des Meeres.« Und entlang zogen wir einen Weg, der unendlich lang zu ſein ſchien, jedoch höchſt anmuthig war, und immerfort lautete meine Frage:»Wohin, Iſidora?⸗ und immer klang die Antwort:»Zum Seeufer.“ „Aber warum, meine Iſidora?« „Um Deinen Aeltern und mir ſelber zu begegnen.⸗ „»Aber biſt Du denn nicht mir zur Segnung hier bei mir?2« „Ich bin nur bei Dir, Ardent, um zu hören, wie Du im Namen Deſſen, der auf dem Throne des Ge⸗ richtes und der Gnade ſiht, die gedachte aber nicht ver⸗ übte Miſſethat Deines Herzens verwirfſt. ⸗ „Meine Augen wurden geöffnet, Iſidora, ich habe das Gute geſehen und kenne es jetzt. Bei jenem ge⸗ Ardent Troughton. 203 fürchteten Namen entſage ich um für immer meinem fündlichen Wunſche, und bereue bitterlich. Ich klam⸗ mere mich einzig und allein an Dich, meine Iſidora, meine mir Verlobte.⸗ „»Genug! wenn der Becher der Büßung bis auf die Hefe geleert ſein wird, blüht für Dich langdauernde Wonne.⸗ „»Durch Dich?« fragte ich, und blickte auf nach Antwort— ſah mich aber allein. Ich verſank nun in eine tiefe Schwermuth, und nebenher bedünkte die Luft mich ſchneidend kalt, und peinigte das innerſte Gebein meiner allzu empfindſamen Verkörperung. Meine Seele ſehnte ſich in ihren gröberen Leib zurück. Mein Wille allein war nicht länger zu meinem Weiterkommen hin⸗ reichend. Ich mußte mich mühſam durch die eiſige Luft hindurcharbeiten, bis nach vielen Stunden des Wanderns ich wußte, daß ich mich dem Orte näherte, von welchem ich mit Iſidora mich wegbegeben hatte. Dann begann ich heftig zu zittern, indem ich bedachte, wie viele Jahre lang ich mein gebrechliches Gehäͤuſe verlaſſen hatte, ſo daß ich glaubte, nichts anders als eine Verweſungs⸗ maſſe, oder einen Haufen gebleichter Gebeine von dem⸗ ſelben wiederfinden zu können. Groß war meine Freude und laut mein Dankruf, als ich meinen Leib in all ſei⸗ ner männlichen Schöne, von Moder durchaus unberührt wiederfand. Wie ein Kind Verlangen trägt, ſich an der Mutter Buſen zu ſchmiegen, ſehnte ich mich, von meinem Körper wieder Beſitz zu nehmen. Einige Au⸗ genblicke lang fürchtete ich, ich würde für immer ent⸗ körpert bleiben, und doch dem Froſte, dem Schmerze, dem Hunger und der Ermüdung preisgegeben ſein müſ⸗ ſen. Mein umgewandelter Zuſtand hatte mir noch nicht ausreichende Erkenntniß verliehen— ich wußte nicht, Die Büßung, oder wie ich mit meinem irdiſchen Ich mich wieder verein⸗ baren ſollte, und mittlerweile drang die Kälte immer grimmiger auf mich ein. Die Sonne ging unter, und ich ſtand noch und ſann über meinen troſtloſen Zuſtand, als zu meinem unſäg⸗ lichen Schrecken und faſt unbezwinglichen Grimm ich einen ungeheuren Geier, den ekelſten ſeines abſcheulichen Geſchlechtes ſich heranſchwingen, ſich auf die Bruſt mei⸗ nes Leibes ſetzen, ſeinen kahlen, fleiſchigen Nacken vor⸗ ſtrecken, und ſeinen ſcharfen und gekrümmten Schuabel gegen das rechte Auge meines ſterblichen Ich's hacken ſah. Noch eines Athemzuges Friſt, und er würde ſeine entſetzliche Naturwaffe in die Höhlung meines Hirus geſenkt haben. Ich packte den fleiſchfreſſenden Epikuräer bei ſeiner langen und klebrigen Kehle, und drehete dieſe um und um bis das Ungethüm todt war, worauf ich den eklen Leichnam von mir warf. „»Ardent,“« rief ich, indem ich mein Selbſt bei deſſen rechter Hand faßte,»Ardent, es iſt hohe Zeit, daß Du Dich aufrichteſt und Dich rührig zeigſt. Was würde ſelbſt im beſten Falle Iſidora zu einem einäugigen Lie⸗ besbewerber ſagen? Steh' auf, Mann, ſonſt kommen nicht bloß Bruder und Schweſter, Hndern die ganze Sipp⸗ ſchaft, bis in das hundertſte Glied, des nacktgurgeligen Herrn über Dich her, denn ſchon ſeh' ich einen ganzen Schwarm ſchwarzen Geflügels vor der Scheibe dieſer untergehenden Sonne vorüberziehen.“ So that ich einen derben Ruck, um mein Ich aus ſeiner liegenden Stellung aufzuzwingen, und— der arme, wahrhaftige, hautüberzogene Ardent Troughton fand mich aufrecht ſitzend, allein, rheumatiſche Schmer⸗ zen in allen Gliedern, und einen lebeudigen Geier, der Ardent Troughton. 205 mit mattem Flügelſchlage ſchwerfällig und wider Willen vor mir entflog.— Die Sonne war inzwiſchen nicht im Untergehen begriffen; vielmehr war ſie erſt vor zwei Stunden auf⸗ gegangen. Anfänglich war ich ſteif, doch ſchüttelte ich mich zurecht und empfand gierigen Hunger; da ich jedoch mit Speiſe mich reichlich verſehen, konnte ich denſelben bald verjagen; wunderte mich aber, daß ich eine ſo über⸗ aus große Mahlzeit zu mir nehmen mußte. Dann er⸗ griff ich, wie man ſchlechtweg zu ſagen pflegt, meinen Wanderſtab und ging weiter, anfänglich zwar etwas lahmfüßig, nach und nach jedoch gelangte ich wieder zu Gelenkigkeit und Kräften in meinen Gliedern. Meine Seele aber war ein Chaos von Zerruͤttung; nur mein Erinnerungsvermögen erwies ſich als voll⸗ kommen. Dieß hatte jedes Jota von dem, was ich in meiner Schlummerviſion oder in meinem Traumſchlafe ſah und empfand, unauslöſchlich in ſich aufgenommen. Sechsunddreißig Stunden lang hatte ich geſchlafen oder in Verzuckung gelegen, welche Thatſache ſich nachher mir außer allen Zweifel ſtellte. Auch kann man ſich hierüber nicht wundern, ſobald man weiß, daß ich mich durch narkotiſche Beeren vergiftet hatte, die von etli⸗ chen Bewohnern der Südſee⸗Inſeln„Kirkurru“ genannt werden, und von denen ich, da ich ſie für wilde Wein⸗ trauben hielt, gegeſſen hatte. Als meine Seele in ihre natürliche Stimmung zu⸗ rückkehrte, begann ich eine tiefe Lehre aus meinem Traume zu entwickeln. Reinere und feſtere Gedanken bemächtigten ſich meiner nach und nach. Ich dachte jetzt oft und mit Innigkeit an Iſidora, und betrachtete mit geringerem Widerwillen die Wahrſcheinlichkeit, daß ich nicht im Stande ſein würde, ein mächtiges König⸗ 206 Die Büßung, oder reich zu begründen. Alle dieſe Gedanken trugen aber dazu bei, mir ein tiefes Demuthsgefühl einzuflößen. Ich erachtete mich nicht mehr für gerecht und aufrich⸗ tig in meinen eigenen Augen; dennoch konnte ich nicht umhin, mir vorzuſtellen, meine Irrthümer durch das Traumleiden, das ich erduldete, gebüßt zu haben. Wäre ich Katholik geweſen, ſo würde ich mich für überzeugt gehalten haben, ich hätte in wenigen Stunden zuſam⸗ mengedrängte Jahrhunderte im Fegfener zugebracht. Was hat der Menſchen Zählmethode mit der Allmacht zu ſchaffen? Dennoch beſchloß ich, mich nicht ſo anzu⸗ ſehen, als wäre ich der Pflicht entledigt, mich tiefer Reue und einem Leben der Buße, nicht bloß dem Lip⸗ pendienſte, ſondern der Tugend hinzugeben, mein Glück dem Glücke Anderer zu opfern, und in Demuth vor Gott meinen Nebenmenſchen alles in meinen Kräften ſtehende Gute zu erweiſen. Zwanzigſtes Kapitel. Als ich am vierten Tage bald nach Sonnenaufgang meine Wanderung gen Weſten fortſetzte, gewahrte ich in bedeutender Ferne eine wirbelnde weiße Rauchſäule, bei deren Anblick mir der letzte Gedanke ſchwand, als könnte ich in der Geſchichte dadurch verewigt werden, daß ich der patriarchaliſche Begründer eines neuen und umfangreichen Herrſcherthums im Suden ward. Die Strafe, die ich jüngſt erlitten hatte, ließ mich dieſe Ardent Troughton. 207 Enttäuſchnng mit ziemlicher Gelaſſenheit hinnehmen. Ich blickte auf jenes Anzeichen von Einwohnerſchaft mit Gefühlen des Vergnügens, bemerkte jedoch nicht, daß ich in demſelben Augenblicke eine praktiſche Schmäh⸗ ſchrift auf die Menſchheit machte, indem ich ſorgfältig meine Waffen unterſuchte, bevor ich mich meinen meuſch⸗ lichen Mitbrüdern näherte. Ich that ſogar noch mehr, denn ich drang ſo verſteckt als möglich vor, und ſchlich ganz eigentlich einem Diebe gleich zu ihren Wohnungen. Als ich weiter ſchritt, fand ich mehr denn Andeu⸗ tung einer Niederlaſſung von Wilden— eingehägte Fruchtbaumgruppen und bebauete Aecker. Forſchend blickte ich rings nach jenen unfehlbaren Wahrzeichen vorgerückter Civiliſation— dem Galgen, da ich dieſen jedoch nicht gewahr wurde, ſo ſchloß ich, daß die Leute, wer ſie auch ſein möchten, noch nicht über den Hirten⸗ ſtand hinaus kultivirt ſein könnten. Je näher ich kam, deſto mehr Rauchſäulen erblickte ich, und als ich endlich eine Heerde Schweine ſah, erwartete ich große Dinge. Ich folgerte, daß eine Gemeinde, die ſich eines Fleiſchers rühmen konnte, es zu keinem geringen Grad von Kultur gebracht haben müßte. Ungeachtet aller dieſer günſtigen Vorzeichen aber, wollte ich doch lieber erſt ſehen, als geſehen werden, ſo alſo ſchlug ich Krummwege ein und zeigte mich niemals auf freiem Felde. GEidlich gelangte ich auf wohlbetretene Pfade, und hielt nun meinen Pfeil an den Bogen gelegt, während mein furchtbarer Spieß in der Schlinge auf meinem Rücken ſteckte. Soſchritt ich vorwärts. Menſchenſtim⸗ men draugen bald, o Freude! in mein Ohr. Luſtig hallten ſie über die grüne Wieſe, und bald war ich ihnen nahe genug, um hören zu können, daß ſie Spaniſch ſprachen. Ich drückte mich in den Buſch, bis ſie mir beinahe gerade 208 gegenüber gekommen waren. Es waren etwa ein hal⸗ bes Dutzend Knaben und Mädchen— alſo Unbewaffnete. Sie waren ſchöne Exemplare eines Südſee⸗Indianer⸗ Geſchlechts, und ſo weit ich es wahrnehmen koͤnnte, frei von der unter denſelben ſo gewöhnlichen garſtigen Sitte des Tättowirens. Wenn auch etwas gedrungenen Wuchſes, zeigten ſie doch viel Ebenmaaß des Körpers, und waren von klarer, doch nicht dunkelbrauner Haut⸗ farbe. Die Aelteſte unter ihnen war ein etwa neun⸗ zehnjähriges Mädchen. 8 Ich ſteckte meinen Pfeil wieder in die Ledertaſche, nahm meinen Spieß zur Hand, und ſtand nun plöglich vor den Kindern. Ein Schrei des Erſtaunens, vielleicht auch des Schreckens begrüßte mich, doch freuete es mich, daß ſie keine Miene zur Flucht machten. Indem ich meinem Geſichte alle mir mögliche Mienen der Milde verlieh, ſagte ich ihnen, daß ich ein ſchiffbrüchiger, von Die Büßung, oder weitem Wandern ermüdeter Fremder wäre, der bei ſei⸗ nem Suchen nach Hülfe bis hieher kam. Meine beſcheidene Rede brachte erwünſchte Wirkung hervor; ich gewann ſofort das Vertrauen der Indianer, die mich zuthulich umdrängten. Der Hurtigſte unter ihnen, ein munter ausſehender Junge, ward entſendet, um im Dorfe meine Ankunft zu melden, während zwei von den jungen Mädchen meine Hände ergriffen, und gleichſam wie im Triumphe mich von dannen führten. Gott vergebe es mir, daß ich dieſen beiden braunen Schönheiten allerlei Wind vormachte. Während ſie mir tauſend wunderliche Fragen ſtellten, erkundigte ich mich fortwährend nur nach dem, was ſie aßen; ſie müſſen mich für einen gefräßigen, niedrig geſinnten Geſellen gehalten haben. Nachdem ſie mir Rindfleiſch, Ziegen⸗ fleiſch, Fiſche, Wildgeflügel, Früchte und andere eßbare 1 Ardent Troughton. 209 Lebensmittel hergenannt hatten, ward ich über dieſen Punkt nur noch frageſüchtiger. „Was aber, holde Tochter, eſſet Ihr denn an Eu⸗ ren hohen Feſttagen— giebt es da kein beſonderes Mahl?« „Nichts als etwas mehr Fleiſch, mehr Fiſch und mehr Wildgeflügel als ſonſt. ⸗ Ich fand, daß ich genöthigt war, einen Punkt zu berühren, der mich perſönlich nur allzuſehr anging. Mit nicht geringem Stocken und Erröthen, ſolche Frage ſolchen unſchuldigen und hübſch. ausſehenden Geſchöpfe ſtellen zu müſſen, ſtammelte ich endlich die Frage her⸗ aus, ob ſie nicht zu Zeiten Männer und Weiber kochten und verſchmauſeten. Bei dieſer Frage ſchleuderten Beide meine Hände mit einer ausdrucksvollen Miene des Ekels und Ab⸗ ſcheues von ſich— eine Miene, die mir lieblicher als das ſanfteſte Lächeln war, durch welches ſie mich hätten erfreuen mögen; und gewiß würden dieſe gebräunten Töch⸗ ter anmuthig haben lächeln können, ſobald ſie es nur gewollt hätten. Dem Umfange des Landes nach zu urtheilen, glaubte ich mich auf irgend einem Theile von Neu⸗Seeland zu befinden, und da deſſen Ureinwohner in dem böſen Rufe der Menſchenfreſſerei ſtehen, ſo hielt ich die meinen neuen Freundinnen vorgelegte Frage keineswegs für ſo am unrechten Orte gethan. Durch ihren unverſtell⸗ ten Ekel ward ich jedoch überzeugt, daß ihnen derglei⸗ chen Greuel fremd war, und fühlte mich unausſprechlich glücklich, daß ich nicht nöthig haben würde, bei einem Eſſen die wichtige Rolle zu ſpielen, eine der Haupt⸗ ſchüſſeln deſſelben abzugeben. Es koſtete mir einige Muͤhe, die gute Meinung Ardent Troughton. III. 14 210— Die Büßung, oder meiner Gefährten wieder zu gewinnen, wenn mir dieß überhaupt jemals ganz gelang. Indeſſen kehrten An⸗ zeichen von Freundlichkeit wieder, und wir näherten uns der Niederlaſſung. Mehrere Perſonen geſellten ſich zu uns, und ich hatte mich über die Aufnahme, die mir ward, durchaus nicht zu beklagen. Mich beluſtigte das Gemiſch von Indianiſch und Spaniſch, was ſie ſprachen. Die Jün⸗ geren unter ihnen waren offenbar die beſſeren Linguiſten, während die Aelteren eine barbariſche Redeweiſe führ⸗ ten. Alle waren nicht ungeſchmackvoll, halb europäiſch, halb ſüdſeeiſch bekleidet. Ich hatte ſo viele Fragen zu beantworten, daß ich ſelbſt deren keine thun konnte. So gelangte ich in ein ganz hübſch ausſehendes, außerordentlich bevölkertes Dorf, in welchem Alles den Anſchein von Wohlhabend⸗ heit, Zufriedenheit und Glückſeligkeit hatte. In der Mitte des Dorfes befand ſich ein offener Raum, an deſſen äußerſtem Ende ſich ein geräumiges, ziemlich feſt erbautes Haus befand, welches, wie ich nachher erfuhr, das Gerichtsgebäude und die Kapelle war. Auf der öſtlichen Dachſpitze deſſelben erhob ſich das Symbol des Chriſtenthums. 8 Mich umringte jetzt eine Menge ehrerbietiger Gaffer, von denen viele mir die Hand zum Gruße reichten. Alles, was ich ſah, behagte mir ungemein. Während ich einfache Höflichkeiten mit dieſen guten Leuten wechſelte, erhob ſich ein munteres Geſchrei, und von den Aelteſten der Gemeinde begleitet, trat mir eine der ehrwürdigſten Geſtalten entgegen, die ich in meinem Leben ſah. Der Mann, der auf mich zukam, zeigte nicht bloß die Hal⸗ tung eines Europäers, ſondern war auch von weißer Hautfarbe. Haupt⸗ und Barthaar hingen ihm filber⸗ Ardent Troughton. 211 farben lang herab. Milde und Wohlwollen waren Haupt⸗ züge ſeines Angeſichtes. Er trug keine Symbole von Herrſcherthum an ſich— ſein Erſcheinen war hinläng⸗ liche Buͤrgſchaft ſeiner Autorität. „Willkommen unſeren Hütten der Unſchuld und der Gaſtfreundſchaft, Fremdling, wer Du auch ſein mögeſt,« waren die Worte, mit denen er mich anredete. Die Betonung der Rede war richtig, und die Wortſtellung die eines gebildeten Spaniers. Ich antwortete ſo gut als ich es vermochte, bat um ſeinen Schutz und Beiſtand, um die Gunſt einer Privatunterredung, und um den Namen des Ortes und des Volkes, das er zu beherrſchen ſchien. „Bei meiner Reue über meine Sünden— ich höre reines Caſtilianiſch! Mein Sohn, Du biſt mir willkom⸗ men, wie der befruchtende Regen es der lechzenden Erde iſt, wäre es auch nur, weil Du mein Ohr durch die echten Klänge meines Geburtslandes erfreueteſt. Son⸗ der Zweifel umarme ich einen Spanier?« ſetzte er hinzu, als er mich für einen Augenblick wie ein Vater in ſeine Arme ſchloß. »Von Vater und Mutter her ein Spanier, auf ſpaniſchem Boden geboren, aber in England erzogen,⸗ verſetzte ich, indem ich es nicht fuͤr nöthig hielt, ihm zu ſagen, daß Mr. Troughton, der Vater, nur ein natura⸗ liſirter Iberier war. „»O dann halte ich Dich für einen echten Spanier,« ſagte der Greis.»Der Zufall, daß Du in England erzogen wardſt, gereicht Dir nur zum Vortheile. Die Engländer ſind ein edles Geſchlecht, eine wackere Na⸗ tion. Jetzt aber komm, wir haben Dir ein einfaches Mahl bereitet. Nachher iſt's Zeit genug zu Privat⸗ unterredungen. 2 14* 5 Die Buüßung, oder »Allein ich kann nur kurze, ſehr kurze Zeit hier bleiben.⸗ „»Ich meinte, Du habeſt Schiffbruch gelitten und ſuchteſt eine Heimath.⸗ „So iſt's, ehrwürdiger Sennor. Alles buchſtäblich wahr— aber—« »Erſt nur zur Mahlzeit. Du fragteſt auch nach dem Namen dieſes Ortes. Ich lebe hier ſeit beinahe achtzehn Jahren, weiß jedoch nicht, wie die Geographen, oder die, denen er bekannt ſein mag, ihn nennen. Ich bin ſogar unwiſſend über deſſen Umfang, und ob er eine Inſel oder einen Theil eines großen Feſtlandes iſt. Ich kam nie weiter, als zwanzig Meilen über dieſen Punkt hinaus. Inzwiſchen nannte ich den Ort Mantezuma, und die ſchlichten guten Einwohner, die Du ſiehſt, ſind Mantezumier. Aber komm herein und iß.“« „Es iſt ein anmuthig⸗klingender Name,“ ſagte ich lakoniſch, und folgte meinem Wirth in das Haus. „Das Königreich Honoria und eine männliche Nation von Honorianern würde eben ſo prunkredneriſch im Munde klingen,« flüſterten Phantaſie und Eitelkeit mir zu; indem ich jedoch meiner Büßung gedachte, verſcheuchte ich ſofort ſolchen verraͤtheriſchen Gedanken. Das Mahl war, obwohl offenbar in Eile bereitet, überreich und mit vielem Geſchmack angeordnet. Alle nahmen mich mit Höflichkeit auf, doch blickte man da⸗ neben mich mit Ehrfurcht an, welches, wie ich nachher erfuhr, von meinem kriegeriſchen Ausſehen herrührte. Als ich mich genügend erquickt hatte, entließ der ehrwürdige Greis ſeine übrigen Gäſte, führte mich in ſeine Privatwohnung und ſtellte mich dort ſeinem Weibe und ſeinen Kindern vor. Die Dame war eine hübſche Idnkanerin von mittleren Jahren, und wohlbeleibter Ardent Troughton. 213 als irgend eine, die ich bisher unter den Mantezumiern geſehen hatte. Mit aller Hochachtung gegen Ihre Ma⸗ jeſtät geſprochen, war dieſe doch ſo plump, als irgend eine königliche Perſon de facto oder de jure nur ge⸗ dacht werden kann— obwohl Jeder weiß, daß ſie ſol⸗ ches nur auf anmuthige Weiſe ſein konnte. Der Hof — mir behagt Etikette— wies ein zahlreiches und edles Geſchlecht. Eine Ueberfülle von guten Dingen dieſes Lebens bot ſich ringsum dar. Mir geſiel Alles, was ich ſah, und meine Eitelkeit läßt mich glauben, daß ich gegenſeitig gefiel. Mein Wirth meinte, daß nach ſo weiter Reiſe mir ein Stünd⸗ chen Ruhe wohlthun würde, und führte mich in ein Schlafgemach, wo er mir ein Bett anwies, welches mich mit allzu großer Geringſchätzung an das denken ließ, welches ich dem Kunſtfleiße Jugurtha's und dem Verſchönerungsſiune Honoriens daheim verdankte. Ich ſchlief beinahe drei Stunden lang, und würde dieſen Genuß bis in die Nacht hinein verlängert haben, wenn mein ehrwürdiger Wirth mich nicht geweckt hätte. Ein warmes Abendeſſen erwartete mich, und mit demſelben die Geſellſchaft aller beaux und belles des Ortes. Je mehr ich ſah, deſto zufriedener ward ich mit Allem. Ich ſehnte mich darnach, meine Schweſter und Jugurtha in dieſen geſelligen Kreis einzuführen. Ohne mich geheimnißvoll zu geben, enthielt ich mich doch öffentlicher Kundmachung meiner eigentlichen Lage, ſowie meiner Abenteuer. Ich verſparte dieß für eine Privatunterredung mit meinem Wirthe, dem ich viele Fragen vorzulegen hatte. Zu nicht ſpäter Stunde zer⸗ ſtreute ſich die Geſellſchaft. Die Familie meines Wir⸗ thes hielt ihre Betſtunde nach katholiſchem Gebrauche, und ich blieb dann mit dem Greiſe allein. Ich über⸗ 214 Die Büßung, oder lieferte ihm eine kurzgefaßte Erzählung von meinen Schickſalen, ſeitdem ich Barcelona verlaſſen hatte, und beſchrieb zuletzt die Lage Honoriens und des Negers. Natürlich ſchwieg ich von meiner Viſion und meiner Büßung. Einundzwanzigſtes Kapitel. Ich ſchrieb es der Gewalt meines Redevortrages zu, als ich ſah, daß der Greis, ohne mich zu unterbre⸗ chen, meine Erzählung anhörte, und dabei unter Thrä⸗ nen die größte Gemüthsaufregung blicken ließ. Als er ſich endlich zu einer Gegenrede ſammelte, war dieſe ſo freundlich und väterlich, als mein Herz ſie nur wünſchen konnte. Er verſprach mir für den nächſten Tag eine Geleitſchaft von ſo vielen ſtarken Männern, als ich de⸗ ren mir ausſuchen möchte, die einen Tragſeſſel mitneh⸗ men ſollten, um meine Schweſter, wenn dieſe ermüden ſollte, auf ihre Schultern zu nehmen. Jede Anordnung, die mir genehm ſein möchte, und die er bewirken könnte, ſollte getroffen werden. Aus freien Stücken theilte mein Wirth mir nun ſeine Geſchichte mir. Sonder Zweifel muthmaßt der Leſer ſchon, wer derſelbe war, obſchon mir es damals durchaus nicht einfiel. Er war auf verrätheriſche Weiſe an Land geſetzt und daſelbſt verlaſſen worden. Durch ein Wunder war er dem Meuchelmord entgangen— hatte Mittel gefunden, ſich Obdach und Unterhalt zu Ardent Troughton. 215 verſchaffen, und, wie ſeltſam es ſcheinen mag, fern aller menſchlichen Hülfe, ſeine wankende Geſundheit durch⸗ aus befeſtigt. 3 Nachdem er beinahe ein Jahr lang auf der Inſel geweſen war, landete auf derſelben ein Trupp Indier mit Weibern und Kindern. Durch einen Zufall daſelbſt längere Zeit zurückgehalten, trafen ſie mit dem Spanier zuſammen, und wurden durch deſſen äußeres Erſcheinen ſo von Ehrfurcht ergriffen, daß ſie ihn zu ihrem Häupt⸗ linge wählten, nachdem ſie den ihrigen unlängſt in ir⸗ gend einem thöricht betriebenen Scharmützel verloren hatten. Es iſt durchaus nicht meine Abſicht, zu erzählen, durch welche ſanfte, jedoch eindringliche Mittel er den Zuſtand ſeiner neuen Unterthanen verbeſſerte, und ſie ſo eine Stufe näher zum Tempel der Kultur führte. Er ward geliebt, und man gehorchte ihm— gehorchte ihm gewiſſenhaft, eben weil man ihn innig liebte. Es gab anſehnlichen Reichthum unter ihnen, aber keinen Hader, keine Prozeſſe, denn ihr Oberhaupt hatte den Gebrauch des Geldes noch nicht unter ihnen eingeführt. Da ich nun ſah, daß die kleine Kolonie keinen Advokaten beſaß, ſo wunderte ich mich auch nicht mehr, daß ſlie keinen Galgen hatte. Ich brauche nicht zu ſagen, daß mein ehrwürdiger Greis kein Anderer als Don Diego Mantez, der ältere Bruder des Kapitäns Roderich Mantez war. Die Art und Weiſe, wie Don Diego an Land gelockt ward, iſt von dem Silberlöffel längſt beſchrieben worden. Diego vereinigte in ſeiner Perſon die Würde eines Oberhaup⸗ tes des Staates und der Kirche. Er war zu gleicher Zeit Prieſter und König ſeiner durch ihn zum Chriſten⸗ thum gebrachten Gemeinde. Er nannte dieſe Katholi⸗ 216 Die Büßung, oder ken, doch hatte er wenige oder gar keine von den Mum⸗ mereien des Papismus beibehalten. Er kopulirte, taufte und begrub, und ich glaube nicht, daß er deßwegen ver⸗ diente, in papiſtiſchen Kirchenbann gethan zu werden. Aber ich muß hurtiger erzählen! Begleitet von acht rüſtigen und luſtig ausſchauenden jungen Männern und dem älteſten Sohne Diego's, auch mit Lebensmitteln wohl verſehen, begann ich am nächſten Morgen meine Reiſe oſtwärts. Da ich meine Wegzeichen gehörig inne hatte, ge⸗ langten wir ohne andere Unterbrechung weiter als die, welche zum Eſſen und Raſten nothwendig war. Bald ſetzten wir über den Fluß, und Honoria lag wieder in meinen Armen. Ich zögerte ſonder Gewiſſensunruhe bei dieſer Umhalſung— Honoria war wieder meine theure, meine beſchützte Schweſter. Nicht fürder be⸗ trachtete ich ſie, als vom Schickſal und dem Böſen in mir auserſehen, die einſtige Königin eines Reiches und die Mutter eines Geſchlechtes von Halbgöttern zu werden.. Das Erſtaunen meiner würdigen Mantezumier war außerordentlich, als ſie die Schönheit meiner Schweſter erblickten, die ihnen als übermenſchlich erſchien. Sie würden niedergeknieet und Honoria⸗ angebetet haben, wenn dieſe es nicht verhindert hätte. Alle waren über die Maßen fröhlich. Jugurtha ſchnitt Kapriolen, und grinſete und ſtieß ſeine disharmoniſchen Freudentöne zur Verwunderung meiner Gefährten aus, die es be⸗ klagten, daß der Neger ſo ſchlecht Spaniſch ſprach. Auch ſeine Häßlichkeit, die eben ſo hohen Grades als die Schönheit meiner Schweſter war, fiel ihnen nicht wenig auf. Inzwiſchen bewirtheten wir ſie nach beſtem Vermö⸗ Ardent Troughton. 217 gen, und ſie leerten zum erſten Male fröhlich einige Becher voll Palmwein. Nachdem meine Geleitſchaft Abends ihre Ruheſtatt gefunden, der muthmaßliche Erbe von Mantezuma aber ſein Nachtlager aus Fellen, die wir äber unſern Eßtiſch breiteten, eingenommen hatten, zog ich mich mit meiner Schweſter in unſer inneres Gemach zurück, und erzählte ihr Alles, was ich geſehen und ge⸗ hört hatte. Der Ausdruck ihrer Dankbarkeit für alle Mühen und Beſchwerden, welche ich ihretwegen unkernommen und erduldet hatte, war ſo überfließend zärtlich, daß mein Herz hätte in Wonne zergehen mögen. Wie liebte ich das Kind! Allein der Gedanke augenblicklichen Fortreiſens behagte ihr gar nicht, ſo wie ich es vermu⸗ thet hatte. Sie hatte ſich's einmal vorgeſetzt, mit mir in unſerer beglückenden Einſamkeit zu leben und zu ſterben. Sie wußte, daß Wegreiſen recht und gezie⸗ mend für ſie war, aber die Aufforderung dazu kam ihr ſo plötzlich. Auch hatte ſie bereits ihre Lieblinge. Zwei Zwergäffchen und ein weißes Eichhörnchen erwarteten des Lebens Glück von ihrer Hand; auch hing ihr Herz an ihrem Blumenbeete, und etliche buntbefiederte Vö⸗ gel hegten ein ſcheues Vertrauen zu ihr. Außerdem hatte ſie manchen noch unreifen Plan im Kopfe, den ſte gern zur Ausführung gebracht hätte, ohne dafür an⸗ dern Lohn, als meine Verwunderung und Billigung zu wünſchen. Dieſe Sehnſüchteleien ſchwanden jedoch bald, als ich zu ihr von ihren Aeltern redete, mich auch ein we⸗ nig bedenklich über Religion vernehmen ließ. Ich ſagte ihr von der Kapelle, in der ſie wieder Gottes Wort hören möchte; und als ſie ſah, daß ich nächſten Mor⸗ auch nicht ein einziges Mal tragen laſſen, vielmehr 218 Die Büßung, oder gens abzureiſen wünſchte, ichwand ihr jeglicher Wunſch längeren Bleibens. „Mit Tagesanbruch war Alles geſchäftig zur Reiſe. Diego's junger Sohn, ein anmuthiger Sechszehnjähri⸗ ger, war eitel Aufmerkſamkeit gegen meine Schwe⸗ ſter. Jugurtha war der Einzige, der keine Freude an der Reiſe hatte. Anfänglich wollte er Alles mit⸗ nehmen, und ungeachtet ſeiner Liebe und Hochachtung zu Honoria und mir ſchienen ſeine vorwurfsvollen Blicke uns zu ſagen:»Warum Euch Fremden vertrauen, ſo lange noch Jugurtha lebt? warum dieſen Ort des Frie⸗ dens verlaſſen und Euch unter die Obhut und Aufſicht Anderer begeben?« Zu dreien Malen fürchtete ich ei⸗ nen Hader zwiſchen dem Neger und dem Sohne Diego's, denn die pagenartige Aufmerkſamkeit des Letzteren war meinem ſchwarzen Freunde nichts weniger als angenehm. Wir nahmen nichts mit uns als unſere verſchiede⸗ nen Kleidungsſtücke und reichlichen Mundvorrath. Die prinzlichen Schultern ächzten unter Honoriens Kleider⸗ vorrathe. So begannen wir unſere Reiſe. Um dem Neger die Hochachtung Aller zu erringen, ſprach ich fortwährend mit ihm, fragte ihn um Rath, und ließ ihn durch ſeine Fingerſprache antworten, und auch Ho⸗ noria erwies ihm große Aufmerkſamkeit; dennoch ver⸗ mochte dieß Alles kaum dem ehrlichen Neger deſſen früheren Gleichmuth zurückzugeben.) Als wir zur Nachtruhe aͤnhielten, ward eine beſon⸗ dere Lagerſtätte für Honoria bereitet, und ungeachtet aller meiner Gegenvorſtellungen Wache unfern derſelben gehalten, in der der Sohn Diego's die Hauptrolle ſpielte. Honoria wollke ſich während der Reiſe, die ziemlich raſch und ohne alle Unterbrechung von Statten ging, Ardent Troughton⸗ 219 wies ſie ſich als beſonders tüchtige Fußgängerin aus. Das Weiterkommen war eine beinahe immerwährende Feſtlichkeit. Lachen und Scherzen machten die Runde — rauhe Lieder erklangen, und wenn wir unſer Mahl. einnahmen, trat einer oder der andere von den jungen Burſchen, der eben ehrgeiziger als die Genoſſen ſein mochte, hervor, und ergötzte uns durch einen Tanz. Als wir dem Orte unſerer Beſtimmung bis auf eine kleine Strecke nahe gekommen waren, zogen uns Männer und Frauen mit einem Vorrath friſch gekoch⸗ ter Speiſen und jüngſt gepflückten Fruͤchten entgegen.— Der Reſt unſeres Weiterziehens war ein Triumph. Gruppe nach Gruppe ſchloß ſich uns an, und ehe wir den Wohnungen uns näherten, umgab uns die geſammte Bevölkerung, mit Ausnahme deſſen, was der Hof ge⸗ nannt werden dürfte. Jetzt war aller Widerſtand Ho⸗ noriens vergebens; ſie mußte ſich in eine Art von Seſ⸗ ſel ſetzen, den vier Jünglinge auf den Schultern trugen. So traten wir Don Diego, deſſen Frau und Kindern und den Wenigen entgegen, die als die Aelteſten der kleinen Nation angeſehen wurden. Brauche ich bei den Freuden zu verweilen, die nun erfolgten? Tagelang ward an nichts als an Beglück⸗ wünſchung und an Sang und Tanz gedacht. Das beſte Haus mit ſeinen Höfen und Umzaͤunungen, das der Ort darbieten konnte, ward uns eingeräumt, und übertraf den königlichen Palaſt an trefflicher Einrichtung, wenn auch nicht an Umfang. Schwatze mir Keiner mehr von Volkswallung! Gegen Honoria ließ fie ſich aus; denn lange währte es, ehe die Mantezumier glaubten, meine Schweſter ſei wirklich ein ſterbliches Weſen. Die ſchlich⸗ ten Leute hatten bisher des Maͤdchens Gleichen nie ge⸗ ſehen, und da wir von Allen, wie zu ihren Familien 220 gehörend, behandelt wurden, ſo ward Honoria eben ſo ſehr geliebt als verehrt. Sie war es, die im König⸗ reiche Mantezuma den Ton angab. Die halbe weibliche Einwohnerſchaft lief früh Morgens herbei und guckte, und lief dann hin und erzählte der anderen Hälfte, auf welche Weiſe Honoria ſich bekleidet zeigte, und beide Hälften vereinigten dann hinſichtlich der Bekleidung ſich zu einem nachahmenden Ganzen. Grotesk genug kehrte dieß Nachahmen ſich heraus, doch war es ſelten ganz ungefällig. Zwiſchen Diego, ſeiner Familie und uns waltete die innigſte Vertraulichkeit ob. Sein älteſter Sohn würde ſich unbeſchreiblich glücklich geſchätzt haben, unſer Sklav zu ſein, ſo nur ein Huldblick aus Honoriens blauen Au⸗ gen ihn hätte dafür belohnen mögen. Königliche Ver⸗ wandtſchaft, darf ich wohl ſagen, bettelte ſich uns an. Jugurtha ſchien jedoch nicht geneigt zu ſein, ſich, wie ich es erwartet hatte, zu beweiben. Der einzige Grund, den ich dafür anzugeben weiß, war ſeine Beſonnenheit, die ihm ſagte, daß er fünfundvierzig Jahre und darüber zählte— ein ſehr verſtändiger Grund. Springer hatte gutes Quartier, befand ſich nicht nur überaus wohl, ſondern ward auch ungewöhnlich fett, ja, ſogar etwas Die Büßung, oder aſthmatiſch, und die kleinen halbnackten Mantezumier gewannen in ihm den geduldigſten und friedſamſten Spielgenoſſen, den ſie ſich nur wünſchen konnten, ja, ſie ſelber waren unter einander, wenn ſie nach ſeinen Liebkoſungen haſchten, minder friedſam, als der Hund es war. Meine eigenen Gefühle um jene Zeit kann ich kaum beſchreiben; im Ganzen jedoch fühlte ich mich weit glücklicher denn damals, als ich mit dem rang, was ich mein Schickſal nennen möchte. Ich war über Ardent Troughton. 221 den Rubicon gegangen. Ich hatte Honoria als meine Schweſter öffentlich aufgeführt. Wie neigen wir uns doch zur Tugend hin, wenn die Blicke von Hunderten an uns haften!. Ich wendete alle meine Zeit an, um das Vertrauen der Maͤnner und das Wohlwollen der Damen zu erlan⸗ gen, und beides glückte mir; welches allerdings ein Wunder war, denn ſelten geſchieht's, daß erlangte Gunſt bei dem einen Geſchlechte uns nicht weſentlich bei dem anderen zum Nachtheile gereicht. Nebenbei ſah ich mich nach einem tauglichen Orte zu einem Schiffswerfte um. Wir beſuchten die Kirche, wohnten einer Trauung bei, und Honoria und ich hielten jedes einen Säugling zur Taufe. Wir fingen an zu naturaliſiren, und Don Diego wünſchte nichts angelegentlicher, als uns für immer bei ſich zu behalten. Ich könnte hier eine aller⸗ liebſte Epiſode einſchalten, und von den Galanterieen und verliebten Anläſſen erzählen, die ſich um Honoriens willen zeigten; allein mein Gemüth war inmitten all deſſen oft viel zu weit entfernt, während Honoria ſich herzlich über die Wunderlichkeiten des Augenblickes zu erfreuen ſchien. Einen Monat lang mochten wir uns an dieſem gaſt⸗ freundlichen Orte aufgehalten haben, als ſich ein Sturm erhob, wie ihn die Einwohner bisher noch nie erlebt hatten, und der es über ſich nahm, uns die Warnung zu geben, ein wenig zuverläſſiger zu bauen. Mehreren Häuſern wurden die Dächer abgeriſſen, und etliche Ge⸗ bäude, die einigen höheren Anſpruch machten, als bloße Viehſtälle zu ſein, ſturzten zuſammen, wie auf Sand⸗ boden übel aufgethürmter Ehrgeiz. Zwar ſetzte es dabei keine Todesfaͤlle, aber doch arge Gliederquetſchungen ab. 222 Die Büßung, oder Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Um zu ſehen, welche Verwüſtungen der naͤchtliche Sturm angerichtet haben möchte, begab ich mich andern Morgens zeitig an das Seeufer. Ich ſtand allein auf dem Küſtenſande. Das Wetter war ruhig, obwohl die See noch hoch in der kleinen Bucht ging, an welcher hin ſich mehrere Häuschen erhoben. Sorgfältig hatte man die Kanoes auf das Trockene gelegt, ſo daß der Sturm ihnen nicht nachtheilig werden konnte. Nicht lange hatte ich den Schauplatz betrachtet, als mir der ſeltſamſte Aublick ward, den ich in meinem Leben haͤte haben können. Hart am Vorlande, und faſt in dem Sprudel, der von den Felſen zurückgeworfen ward, trieb langſam auf dem Wogenſchwalle ein ungeheurer, jedoch noch nicht entmaſteter, hochpuppiger Zweidecker. Ich fühlte mich wie angewurzelt an der Stelle— ich erbebte bis in das Mark meiner Gebeine— ich wollte ſchreien, hatte aber keine Stimme— denn ich erkannte ſofort in dem Zweidecker die Santa Ana“! Jedoch wie verwandelt war dieſe! Als ich ſie vor ſieben Monaten verließ, war ſie ein ſtattlich ausſehendes Schiff— jetzt glich ſie einem rie⸗ ſigen Geſpenſte deſſelben. Es war etwas fürchterlich Unnatürliches in dem Grün, womit ſie ſich bewachſen zeigte. Nach wenigen Minuten entdeckte ich, daß menſch⸗ liche Weſen auf ihr umherkrochen. Ardent Troughton. 223 Ich raffte mich zuſammen, eilte dem Hauſe zu, flů⸗ ſterte Don Diego und Honoria einige Worte zu, uahm dann den Neger und mehrere nach ihrer Weiſe wohlbe⸗ waffnete Einwohner mit, ſprang in den größten der Kähne, und ruderte hurtig dem treibenden Wrack zu. Wir waren ein mächtiger Trupp, an Funfzig ſtark, ob⸗ wohl die Beſchaffenheit unſerer Waffen es uns nicht geſtattet haben würde, den Kampf mit halb ſo vielen bewehrten Europäern zu unternehmen. Mit welchen ſtürmiſchen Gefühlen näherte ich mich dem Schiffe! Es hatte den Schnabel landwärts ge⸗ kehrt. Eine Welt hätte ich darum geben mögen, in die Kajütenfenſter deſſelben blicken zu können! Bald aber durchzuckte mich ein elektriſcher Freudenſtrahl— unter mehreren Geſichtern, die bang zu uns herüber⸗ blickten, entdeckte ich auch eines, das keinem Andern als meinem Vater gehören konnte. Ich dankte Gott, daß des Theuren Leben erhalten worden war. Bald darauf nahm dieſer ſeine Brille von der Naſe und wiſchte die Gläſer derſelben. Die Art und Weiſe, wie er dieß zu thun pflegte, war ſo eigenthümlich, daß ich ihn daran unter Tauſenden erkannt haben würde. „Greift aus! greift aus!« ſchrie ich unſeren Rude⸗ rern zu—»Honoria und ich ſollen doch noch von ih⸗ rem Vater geſegnet werden!« Nach wenigen Minuten lag unſer Kanoe ſeitlängs derSanta Ana“. Uneingedenk aller etwaigen Folgen waren Jugurtha und ich flugs auf dem Verdeck, und ich lag in den Armen meines Vaters. Lange währte dieſe Umarmung und der Thränen wurden viele dabei vergoſſen. „Ardent, komm zu Deiner Mutter.⸗« 224 Die Büßung, oder „Gott ſei gedankt!« rief ich, und ſah umher, in der Hoffnung, die Ebengenannte zu erblicken. Kaum hatte ich mich aus den Armen meines Vaters losgemacht, ſo gewahrte ich, wie Jugurtha einen alten Bekannten mit ſehniger Fauſt, jedoch nicht liebevoll, ſondern an der Kehle gepackt hielt. Der alte Bekannte war kein Anderer, als der Kapitän Mantez in ſeiner Gallauniform. „Binde den Elenden an Händen und Füßen,“ ſagte ich,»aber füg' ihm kein Leid zu, Jugurtha; thu's nicht, mein Bruder, unſere Zeit wird kommen. Alte und wer⸗ the Freunde harren unſer.⸗ In einem Augenblicke lag Mantez an Händen und Füßen zuſammengeſchnürt auf dem Verdeck. Nun ging's mit meinem Vater, Jugurtha und mir in die Staatskajüte. Was ſoll ich ſagen? Genügt's nicht, wenn ich berichte, daß meine Mutter mich ſegnete, Don Juliano mich und mein Kommen bejubelte, und daß Donna Iſidora mir beſeligt und beſeligend ohnmäch⸗ tig in die Arme ſank. Letztere blieb jedoch nicht lange in dieſem Zuſtande. Thränen kamen ihr zur Hülfe— an meine Bruſt ge⸗ lehnt, ſchluchzte ſie—»Ardent, Tag und Nacht habe ich nur an Sie gedacht.“« Dann entſtand eine kurze Pauſe, ein Schweigen des Bangens.»Wo iſt unſere Honoria 24 hörte man als⸗ dann ſtammeln. „Sie iſt in Sicherheit, wohlauf und ſchäner als je⸗ mals.⸗ Inniger Dank wallte zu Gott empor, meine Mut⸗ ter brachte ihn vollen Herzens knieend dar. Während deſſen hatten der Silberlöffel und Jugur⸗ tha einander brüderlich begrüßt, und in Wahnſinn ähn⸗ Ardent Troughton. 225 lichem Entzuͤcken die Kajüte umtanzt; dann holte er mit einer Behendigkeit, wie ſie nur an Bord eines Schiffes wahrgenommen werden kann, eine Flaſche hervor, ent⸗ ſtöpſelte ſie, ſchüttete ihren Inhalt in eine Schale, miſchte, des Scheines willen, ein wenig Waſſer— ſo wenig als irgend nöthig war““ juſt ſo wie die Tories dem eng⸗ liſchen Volke die Reform hätten bieten mögen— dazu, und Beide tranken dann gemüthlich mitſammen. Watkins ward mir alsdann von meinem Vater förmlich als einer ſeiner beſten Freunde unter der Be⸗ titelung Mr. William Watkins vorgeſtellt. Mittlerweile lugte zur Thür der Kajüte das häͤß⸗ liche Geſicht eines grinſenden Gecken in zerriſſenem blauen Frack und grünen Pantalons herein, und zog ſich haſtig wieder zurück. Es drückte eine ſeltſame Miſchung von Vertraulichkeit und Furcht aus. Der Menſch war mir von jeher zuwider geweſen, doch konnte ich deßhalb nicht unhöflich gegen ihn ſein, inſofern er meinen Aeltern in deren troſtloſer Lage irgend eine Aufmerkſamkeit oder Artigkeit erwieſen hätte. „»Was verdient dieſer Gaukler?« fragte ich den Sil⸗ berlöffel. „In eine Wolldecke genäht und in Pomade zu Tode geſchmort zu werden,« war die Antwort. »Bind' ihn, Jug, und leg' ihn neben den Kapitän.⸗ Ungeachtet der ungewöhnlich langen Beine Mr. Au⸗ guſtus Epaminondas Montmorenci's war die Sache bald zu Stande gebracht— geknebelt von Watkins, fühlte der Haſenfuß ſich neben Mantez hingeſtreckt. Dieß Verfahren überhob ihn des Fluchens, obwohl ſeine 'sacres“, aus Sucht hervorzudringen, ihm beinahe die Kehle zerſprengt hätten. Ardent Troughton. III. 15 226 Die Büßung, oder Wir Alle gingen jetzt mit Zurbano und dem Barbier auf das Verdeck, wo wir alle von der Mannſchaft noch übrigen Spanier theils krank, theils wohlauf fanden, wenn ſolche halbverhungerte Skelette anders noch wohlauf ſein konnten. Jeder von ihnen hatte ſeine beſte Kleidung angelegt und ſeinen Beutel oder Kaſten bei der Hand, und war bereit, in's Boot zu gehen. Unterdeſſen waren mehrere Kanoes ſeitlängs gekom⸗ men, doch benahmen alle Einwohner ſich ſehr ordentlich. Diejenigen, die ich herauf an Bord ließ, waren mitein⸗ ander beeifert, den Befehlen, die ich ertheilte, Folge zu leiſten. „Sennores,“ ſagte ich zur Mannſchaft,»zwar gehen wir noch nicht an Land, doch ſein Sie überzeugt, daß Jeder von Ihnen das Schiff ſo verlaſſen ſoll, wie er es zu Barcelona beſtieg— und der zweite Mann, der da⸗ gegen murrt, baumelt an der Raae, denn der erſte Mur⸗ rende wird ihn aufhängen müſſen.« Ich hörte keinen Laut des Unwillens, nur den liebelallenden Lippen des Letzten aus dem Stamme der Montmorenei entſchlüpfte trotz des Knebels, der ihm im Munde ſteckte, ein ver⸗ nehmlicher Seufzer. „Jetzt, Mr. Watkins,“ ſagte ich, und legte die Hand an den Hut,»ſetze ich Sie zum Hafenmeiſter aller Lan⸗ dungsplätze im Königreiche Mantezuma ein⸗ Sie wer⸗ den daher Sorge tragen, daß dieß Schiff in jene Bucht gelootſ't, und dem Strande ſo nahe als möglich gelegt werde.« Die Mannſchaft ſollte mir jetzt helfen, die Schlepp⸗ taue über Bord zu ſenken. Etliche machten Einwen⸗ dungen, wovon ich jedoch nichts hören wollte. Alles, was ich dem Volke einräumte, war dieß, daß denen Ardent Troughton. 227 welche mir jetzt gehorchten, Vergeſſen des Geſchehenen, den Widerſpenſtigen aber ſtrenges Verhör und Strafe wegen verübter Dieberei am Lande zu Theil werden ſollten. Mit melancholiſchen Seitenblicken auf ihre ge⸗ füllten Kiſten ließen ſie die verlangten Taue über den Schiffsbug gleiten.. So ward durch wackeres Rudern der kräftigen Man⸗ tezumier die Santa Ana“ bis auf etwa zweihundert Fuß vom Ufer vor Anker gelegr. Don Diego, deſſen Familie und die ganze Macht ſeiner Bürgerbewaffnung empfingen uns am Ufer; in⸗ mitten Aller ſtand die allgeliebte Honoria, die bereits in der Ferne ihre Aeltern wahrgenommen. Da die Santa Ana“ jetzt feſt auf dem Sande lag, ließ ich alle Mann durch Watkins auf den Gangweg beordern. Nachdem ich zwei große, feſte, leere Kiſten, die eine für das Gold, die andere für das Silber hatte herbeiſchaffen laſſen, mußte Jeder das, was er an Effec⸗ ten ſein nannte, bezeichnen. Nach dieſer kleinen Cere⸗ monie leerten wir die geſtohlenen Säcke in die Kiſten aus, und brachten dieſe mit ihrem wiedergewonnenen Gold und Silber in Sicherheit. Was jedem Manne wirklich angehörte, ward ihm gewiſſenhaft eingeräumt, und er ſelber alsdann, zuvor wohl durchſucht, wobei Mr. Watkins manche eingenähete Dublone aufzufinden wußte, über Bord in den Kahn gelantſcht. Auf dieſe Weiſe brachten wir eine ungeheure Summe Geldes zuſammen. Zuletzt kam der unglückliche Mont⸗ morenci an die Reihe. Man führte ihn auf den Gang⸗ weg. Ich ſtutzte ein wenig, als ich ihn geknebelt fand. Ich wuͤrde das früher nicht geſtattet haben, wenn meine 15* 228 Die Büßung, oder Aufmerkſamkeit nicht auf andere Dinge gerichtet gewe⸗ ſen wäre. Er mußte ſeine dem Leſer bekannten Kiſten herbei⸗ ſchaffen, die ebenfalls ausgeleert wurden, obwohl er, wie mich dünkt, ſelbſt für den ſchlauen Watkins zu pfiffig war, denn, wenn dieſer ihm auch beim Durchſuchen Goldſtücke aus dem Rockkragen und ſeiner Hüften⸗ und Wadenbekleidung zog, glaube ich doch, daß der Zierben⸗ gel mit einer anſehnlichen, an ſeinem Leibe verſteckten Geldſumme durchſchlüpfte, die ihm für jetzt doch durchaus unnütz blieb.. Gebunden, wie er war, ward Mantez ſeinem zwei⸗ ten Steuermanne ohne alle Umſtände in das Boot nach⸗ ſpedirt. In dumpfem Schweigen ertrug Mantkez Alles, was mit ihm vorgenommen ward. Die lieben Leute in der Staatskajüte hatten mitt⸗ lerweile ihre Zeit trefflich beuutzt. Die Damen und deren Mägde erſchienen, wie zum Balle geputzt; mein Vater hatte auf ſein ehrenwerthes Haupt jene beſondere Prunkperrücke geſtülpt, die er eigentlich bei ſeinem er⸗ ſten Erſcheinen in New⸗Orleans hatte tragen wollen; ſeinen langen goldbeknopften Rohrſtock hatte er in der Hand. Sogar Don Juliano hatte ſich herausſtaffirt— es muß doch ein großes Vergnügen gewähren, das Er⸗ ſtaunen der Unwiſſenden zu erregen! Alle meine Garderobe fand ich am Bord ſo vor, wie ich ſie zurückgelaſſen hatte, und ich hätte mich demnach ebenfalls ſtattlich kleiden können; indeſſen aus vielleicht noch größerer Eitelkeit, als die der Paſſagiere der „Santa Anac, verſchmähete ich äußeren Prunk und verſah mich bloß mit ſauberer Wäſche. Ich hatte mich im Vorbei⸗ gehen in einem Spiegel erblickt, und war gar nicht übel Ardent Troughton. 229 zufrieden mit meiner dunkel und männlich bebarteten Perſon in ihrem ſo maleriſchen barbariſchen Anzuge. Als wir Alle an Land gekommen waren, blickte Don Diego mit ernſter Bekümmerniß auf ſeinen Bruder, gab ſich ihm aber nicht zu erkennen. Vieles, Vieles ging jetzt auf mich über. Meine erſte Sorge war, alles auf und an dem Schiffe Werthvolle in gute Obhut zu bringen, meine zweite, über den ſchändlichen und treuloſen Mantez zu verfügen. Der Urheber ſo vieler entſetzlichen Mordthaten durfte nicht am Leben bleiben. Wir ſperrten ihn zwei Tage lang in ein entlegenes Haus, wo er ſcharf bewacht, im Uebri⸗ gen jedoch gut behandelt ward. Am dritten Tage beab⸗ ſichtigte ich, ihn vor ein öffentliches Gericht zu ſtellen, das die Aelteſten hielten, und bei welchem Diego, in welchem der Verbrecher noch immer nicht ſeinen Bruder erkannte, den Vorſitz führte. Rodrich Mantez ward zum Verhör gebracht; er zeigte ſich noch eben ſo mürriſch, als er es bei ſeiner Gefangennehmung geweſen war. Oeffentlich klagte ich ihn des Seeraubes und des Mordes an, und be⸗ gehrte, daß ſeine Richter ihm das Urtheil ſprächen. Er bebte vor der Gewalt meiner Anklage; als ich aber geen⸗ det hatte, und eine Stille eingetreten war, nahm er ſich zuſammen, wie Einer, der ſich zum Kampfe berei⸗ tet, und ſprach. Er wälzte die Klage des Mordes auf mich beſonders und auf ſeine Paſſagiere im Allgemeinen zurück, indem er feierlich behauptete, wir hätten zuerſt Blut vergoſſen. Er forderte mich auf, meine Anklage gegen ihn zu beweiſen; allein hierin ſchoß er fehl, denn Auguſtus Epaminondas Montmorenci zeugte gegen ihn, und wies eine Schrift vor, die von Mantez und den 230 Die Buüßung, oder Verſchworenen behufs der Mordanſchläge gegen die Paſſagiere unterzeichnet worden war. Mantez erklärte dieß für ein falſches Document, während er aber dieſe nichtsſagende Entſchuldigung hervorſtammelte, trat Wil⸗ liam Watkins vor den Angeklagten, gab ſich ihm kund, und klagte ihn an, ſeinen Bruder an unwirthbaren Strand ausgeſetzt, und ihm ſelber dabei nach dem Leben getrachtet zu haben. Von dieſer Anklage ſuchte ſich Mantez durch gottes⸗ läſterliche Schwüre zu reinigen, während ſein Bruder, wie ein Kind weinend, dieß nicht länger anhören konnt⸗, ſondern die Hand erhob, und milden Tones ſagte:»Laß ab, o, laß abl« Der Miſſethäter glaubte aus dieſen Worten zu ent⸗ nehmen, daß der Oberrichter ihn für unſchuldig hielt, und er fuhr deßhalb nur noch ärger fort, ſich zu ver⸗ fluchen und zu beſchwören, ward jedoch abermals von Watkins unterbrochen, der ihn anklagte, ſeinen Neger⸗ ſklaven die Zunge ausgeſchnitten zu haben, damit ſie nicht als Zeugen gegen ihn wegen begangenen Seerau⸗ bes auftreten möchten; und als nun Jugurtha heran⸗ ſprang und ſeinen zungenloſen Mund zeigte, erfolgte ein Geheul von Verwünſchung, und es erſcholl das all⸗ gemeine Urtheil, den Böſewicht Roderich Mantez zu Tode zu ſteinigen. Dennoch ward der Trotz des Miſſethäters nicht ge⸗ beugt. Feierlich appellirte er gegen Verhör und Gericht indem letzteres kein Gewaltrecht über ihn hätte, daß er daher augenblickliche Loslaſſung verlangen dürfte, und wirklich auch verlangte. Sein Bruder antwortete hierauf:»So lange ich der Vater dieſer Kolonie war, und ihr Geſetze gegeben tez der Verſammlung den Rücken zu, und entwich. Miſſethäter nach. ihm aber zu:„geh, und ſei ſo barmherzig, als Du es Ardent Troughton. 231 habe, ſahen wir uns nie genöthigt, ſchwerere Strafe zuzuerkennen, als die, jede Rede mit dem Beklagten zu unterſagen. Doch verfügt unſer Geſetz für Hauptver⸗ brechen eine ſchwerexe Strafe, die ich jedoch ungern über einen Fremden verhänge. Da Du aber ſelbſt forderſt, indem Du unſere Gerichtsbarkeit ableugneſt, ſo werde ſie Dir auf ſelbſtgewähltem Wege. Du biſt verbannt— Du genießeſt nicht länger den Schutz unſerer Geſetze. Erhebe Dich alſo, und meide unſere Stadt und alle ihr zugehörenden Anpflanzungen. Wir kümmern uns fortan weder um Dein Leben, noch um Deinen Tod. Gebt ihm ein Brot und einen Kürbiß voll Waſſer mit, und möge er dann fern von unſeren Wohnungen umkommen oder leben!« Die Sitzung endete, und ohne ſich ſeinem Bruder zu erkennen zu geben, ging Diego in ſeine Kammer und weinte und betete. Die dargebotene Gabe von ſich werfend, kehrte Man⸗ Einer aber war da, der kein Wort ſprach, dem aber von allen Worten, die geſprochen wurden, keins verloren ging. Mit Triumph im Blicke ſah er dem enteilenden Als ich bald hierauf in ſchwermüthige Gedanken verſunken an der Bucht ſtand, kam Jugurtha zu mir, und bat durch wohlverſtändliche Zeichen um Urlaub. Ich wagte nicht, ihm in’s Geſicht zu ſehen, flüſterte ſein kannſt.« Gab ich einen Mordanſchlag? Möge Gott es mir vergeben, aber das von mir und meinen armen Freunden erlittene Unrecht war ſchwer geweſen! Früh am folgenden Morgen ſah man Mantez an 232 Die Büßung, oder der Vorderraa der Santa Ana“ hängen, und Jugurtha blickte ſo ruhig und behaglich, als ſeine verzerrten Ge⸗ ſichtszüge es nur immer zuließen. Auf welche Weiſe dieſe Kataſtrophe herbeigefügt worden war, mochte ich niemals erforſchen. Zurbano ging an Bord und ſecirte den Leichnam des Gehenkten, der ſodann ſtill in den von ſeinem Bruder geweiheten Boden begraben ward. Ueber Roderich Mantez aber ward fortan das unver⸗ brüchlichſte Schweigen beobachtet. 3 Watkins nahm dieſe Gelegenheit wahr, um auch den bisher im Topmaſt verwahrten Leichnam des Prieſters zu beſtatten. Abgeſehen von Diegy's Bekümmerniß, deren wahre Urſache Keinem eigentlich kund ward, ſah Alles uns Alle in regſter Thätigkeit, und die Spanier, die wohl begriffen, daß Widerſtand ihnen zu nichts half, legten endlich Hand an die Arbeit. Die Materialien der„Santa Ana“ hätten zum Erbauen von wohl dreien Schoonern hingereicht; wir baueten aus ihnen ein ſchlankes, ſtatt⸗ liches, kupferbeſchlagenes Schiff, das Honoria“ genannt, und ſchon in ihrem Entſtehen verhieß, eine Schnellſegle⸗ rin zu werden. Nicht bloß beaufſichtigte ich des Tages die Arbeit, ſondern legte ſelbſt mit Hand an. Abends erfreuete ich mich meiner Familie, oder ſprach mit Iſidora geheim⸗ nißvoll von Büßung, von doppelter Exiſtenz und von der Thorheit, wenn nicht vom Verbrechen, in Nahver⸗ wandtſchaft zu heirathen. Hinſichtlich Honoriens fand ein Seitenſpiel Statt, das Stoff zu zweien ſpaniſchen Komödien geliefert haben würde; indeſſen gewannen die männlichen Tugenden und der ſchwärmeriſche Charakter Don Juliano's bald feſten Fuß in dem Gebiete der Hochſchätzung meiner ſchönen Schweſter. Ardent Troughton. 233 Ungeachtet meiner jetzt gewöhnlich heiteren Stim⸗ mung beſchlich mich doch oft ein Trübſinn, den nur Iſidorens Nähe zu ſcheuchen vermochte. Täglich fand ich etwas Neues und Engelartiges in der Schönheit der Donna, obwohl ich nicht ſagen will, daß ich dieſe höher als die Anmuth Honoriens ſtellte, wohl aber ſagte ſie mehr und mehr meinem Geiſte zu, denn immer deutlicher ſah ich in Iſidora das verkörperte Bild mei⸗ ner nächtlichen Viſion. An einem ſchönen Abend entſchlich ich mit ihr dem Kreiſe der Gefährten, und brachte mehr als eine Stunde hin, um ihr mein nächtliches Geſicht zu ſchildern— ſpät kehrten wir als Berlobte zurück. Zum erſten Male in meinem Leben war mir jetzt, als ob ich im Sonnenſcheine wandelte; Alles um mich her trug die Farbe des Friedens und der Freudigkeit. Ich hatte keine Momente überſpannter Aufwallung mehr, und für lange, lange Zeit kamen die Schreckniſſe meines nächtlichen Traumes unter dem Sternenhimmel mir aus den Gedanken.’ Mittlerweile hatte der Bau der Honoria ſeinen luſtigen Fortgang. Ich hatte inzwiſchen eine kleine Meinungsverſchiedenheit mit meinem Vater. Ich wollte das Schiff gänzlich wie eine Jacht gebaut wiſſen, er aber wünſchte demſelben ſo vielen Kielraum, daß er eine Ladung Sandelholz mitnehmen könnte, woran das Königreich Mantezuma Ueberfluß hatte. Ich trug je⸗ doch den Sieg durch Don Diego davon, der ganz ein⸗ fach fragte, womit Mr. Troughton das Sandelholz zu bezahlen gedächte.»Mit Dublonen!« war die argloſe Antwort. Der Häuptling ward dadurch von Grauſen epfaßt, denn Einführung des Geldes wollte er ſo lange Ardent Troughton. III. 16 234 Die Büßung, oder als möglich in ſeiner Kolonie vermeiden. Ehe er einen einzigen Dollar als Kaufgeld angenommen hätte, würde er lieber die ungeheure Santa Ana¹ mit dem duftigen Holze beladen haben. 4 So ward denn die Honoria’ eine Jacht, und zwar eine ſchmucke, wie ich ſchon ſagte. Faſt von hinten nach vorn nichts als Kajüte, enthielt ſie der Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten in Menge, und wenn auch Wil⸗ liam— um Verzeihung! ich wollte ſagen— wenn auch Mr. William Watkins die meiſte Thätigkeit bei dem Bau des ſchönen Seglers an den Tag legte, ſo ward doch jeder gute Rath, der dazu, gleichviel von wem, gegeben werden mochte, beherzigt und nach Möglichkeit befolgt. Der Tag brach endlich an, an welchem wir den gaſt⸗ lichen und freiherzigen Mantezumiern ein ewiges Lebe⸗ wohl zu ſagen hatten. Für uns Alle war es ein Tag der Bekümmerniß, für Etliche einer der Verzweiflung. Die Geſchichte der Letzteren habe ich jedoch nicht zu beſchreiben. Möge des Wahnes ihrer Ingend nur als eines Gegenſatzes zu dem beſſeren Wandel ihres ſpäteren Lebens gedacht worden ſein! Wir ſchifften uns ein. Unſere Schiffsmannſchaft war nicht zahlreich. Sechs der Beſſergeſinnten von den Matroſen folgten uns, die Uebrigen blieben freudig zu⸗ rück. Das Kommando der„Honoriat übertrugen wir Mr. Watkins, deſſen erſter Steuermann ich ward, und mit dem ich Wache um Wache hielt. Jugurtha war Hochbootsmann und alles Uebrige. Auch Don Juliano machte ſich uns nütlich. Wir ſteuerten nordwärts, und ſprachen nach einigen Tagen ein Schiff an, das uns über unſere Länge und Breite genau unterrichtete. Dann — Ardent Troughton. 235 machten wir nach St. Helena, wo wir friſche Lebensmittel einnahmen, und dann England glücklich erreichten. In London eingetroffen, war mein Vater beinahe eben ſo reich, als er es bei ſeiner Abfahrt von Barcelona gewe⸗ ſen war; denn ſeine ausſtehenden Gelder liefen ihm faſt alle ein, und von dem Baaren auf der Santa Ana⸗ war nur wenig verloren gegangen. Da Honoria noch zu jung zum Heirathen war, be⸗ gab ſich Don Juliano ſchweren Herzens nach Südame⸗ rika, wo es ihm jedoch beſſer glückte, einen Theil ſeiner Reichthümer wieder zu erlangen, als er es geglaubt hatte. Wir ſind am Ende noch eine recht wohlhabende Familie, und wenn wir auch eigne Geſchäfte betreiben, ſo verleumdet man uns doch, wenn man erzählt, wir hätten allen Verkehr mit den Falcks aufgegeben. Seit einigen Jahren ſind Don Juliano und ich ver⸗ heirathet; er mit meiner Schweſter, ich mit ſeiner Kou⸗ ſine; und an Geſprächsſtoff fehlt es uns nun und nimmer. Springer iſt lange todt— er ſtarb an Altersſchwäche und Fettigkeit. William Watkins kommt gut und ehrlich vorwärts. Wir ſchenkten ihm die Honoria“ und er iſt voll zufrie⸗ den. Jugurtha befindet ſich noch immer bei mir, iſt aber oft grämlich, beſonders wenn er lange Zeit fern von meinen Kindern ſein muß. Bei allem Glücke, was mich umgiebt, habe ich doch Anwandlungen von Gewiſ⸗ ſensbiſſen, die dann immer ſo lange währen, bis meine Iſidora mir nahe tritt. Wir haben ſeitdem genau die geographiſche Lage der Kolonie Diego's und ſeiner Mantezumier erkundet, al⸗ lein ein feierlicher Schwur verbietet uns, die Welt da⸗ mit bekannt zu machen. Don Diego fürchtet allzuſehr 236 Die Büßung, oder Ardent Troughton. die Civiliſation, und war, wie ich glaube, im Herzen froh, als wir von ihm ſchieden. Für Gavel's Mutter ſorgte ich, und— ſchließe nun mit der durch meine Geſchichte ſo wohl verdeutlichten guten Lehre:. „daß es eine ſchmähliche Sünde iſt, gött⸗ liche Geſetze hintenan zu ſetzen, um weltli⸗ chen Zufällen die Hand zu bieten.⸗ Ende. —————* 2 S— e— rhärünnunmunn rnunn 8 9 10 1 15 16 17