. Leihbibliothek deutſcher, Fengliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 32 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8” auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——= 1 ———— — 5 N N — 4——. 21— à Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Achtunddreissigster Jand. — Die Buͤßung, b oder 8 Ardent Troughton. —— 8 Zweiter Theil. 4 Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. Die Buͤßung, oder Ardent Troughton. Herausgegeben von Capt. Marryat, Verfaſſer des:»Peter Simpel,«»der alte Commodore,“« „der fliegende Hollaͤnder« ꝛc. Aus dem Engliſchen von Dr. G. N. Baͤrmann. Zweiter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. Erſtes Kapitel. Zu jener Zeit obſiegten die Waffen Frankreichs in Spanien; die Parteianhänger in Barcelona wurden täg⸗ lich kühner, und die franzöſiſchen Truppen zogen ſich rings dicht um die Stadt zuſammen. Unſere Lage ward kritiſch. Wir hatten viele Waaren und eine große Menge von Hausgeräth einzuſchiffen. Es durfte keine Zeit verloren werden, und Don Rodrigo Mantez wies ſich eben ſo thätig als mein Vater und ich es thaten. Er hatte ein faſt tauſend Tonnen großes Schiff zu be⸗ mannen, und dieß zu einer Zeit und an einem Orte, wo „»die Menſchen«— um uns des Ausdrucks eines tapfe⸗ ren Feldherrn zu bedienen—»ſchnell verbraucht wur⸗ den.« Seelente wurden gewaltſam weggeſchnappt, um Soldaten aus ihnen zu machen, und Soldaten wurden verlockt, zum Matroſendienſt überzugehen. Landſtreicher und Miſſethäter fanden dabei Unterkommen, ſobald ſie leidlich geſund und körperſtark waren; ſo gelangten wir endlich zu einer Mannſchaft von einhundert neun und funfzig Perſonen, den Kapitän ungerechnet, die aus al⸗ lerlei Nationen beſtanden, und unter einander allerlei Gewerben anhingen. Das Schiff, die Santa Ana oder heilige Anna, das nämliche, das mich nach Barcelona getragen hatte, 6 Die Büßung, oder und nun uns und unſer Vermögen nach der neuen Welt bringen ſollte, war ein ſpaniſches Kriegsſchiff, ein Zwei⸗ decker geweſen, und hatte ſeiner Zeit vier und ſechszig Kanonen geführt. Es war ein ſtarkes, obſchon ziemlich altes Fahrzeug, für ſeinen Gehalt ſehr kurz, und mit einer großen Puppe verſehen, die weit auf das Hinter⸗ deck reichte und demnach Raum zu einer ſehr luftigen und bequemen Kajüte darbot. Auf dem Haupdteck befand ſich ebenfalls eine ſchöne Kajüte, und im Geſchützraume, das heißt auf dem unteren Verdecke, wo das Schiff ſeine niedrigere Kanonenreihe gehabt hatte, gab es recht gute Kammern. Jene Kanonen waren nämlich jetzt weg⸗ geſchafft und alle Schießluken dicht verkalfatert worden. Die unteren Maſte der Anna waren mit einander ſtark und hochragend; dagegen wieſen Topmaſten und ſämmt⸗ liche Topbekleidung ſich verhältmäßig klein. War das Schiff zur See ausgerüſtet, ſo hatte es ein plumpes ſchwerfälliges Anſehen. Auch muß ich erwähnen, daß ihr Bugſpriet unmäßig groß erſchien, ſelbſt wenn die Anna als Kriegsſchiff betrachtet ward, während ihr Jibbaum und alles darüber Hinausragende unbedentend klein war. In Folge deſſen, was ich auf meiner Fahrt von England aus erfahren hatte, konnte ich das Schiff mit dem Auge eines Seemannes prüfen, und ſah vorher, daß die Anna ſchlecht arbeiten und in nie⸗ driger See heftig rollen würde. Sie war außerlich bunt aber geſchmacklos angeſtrichen. Innerhalb ihres Bords wies ſie ſich mit Ausnahme der Paſſagierkajüten, in ſchmutzigem Zuſtande. In letzteren hatte ich ſelbſt Reinlichkeit beſchaffen laſſen. Als das Schiff ſeine La⸗ dung eingenommen hatte und ſegelfertig lag, ging es tiefer in Waſſer, als es ſolches, gemäß ſeiner Traglinie hätte thun ſollen.— Wehe ihm alſo im Sturme! 2— — —— Ardent Troughton. 7 Ich gebe eine ſo genaue Beſchreibung von der Anna, weil ihr Verdeck und ihre höhlenartigen Tiefen Schau⸗ plätze vieler und entſetzlicher Auftritte wurden. Wir — ich mag mich wohl folgerecht in der Mehrzahl aus⸗ drücken, da ich Handelsgeſellſchafter meines Vaters war — wir hatten fünf Achtel Parten des Schiffes ange⸗ kauft, wobei mein Vater einen guten Handel gemacht zu haben glaubte; die übrigen drei Achtel waren Ei⸗ genthum des Kapitäns Mantez. Zieht man den ſehr großen Tonnengehalt des Schiffes in Erwägung, ſo war die Summe von Dollars, die wir für unſere Par⸗ ten gezahlt hatten, von nicht ſonderlicher Erheblichkeit. Wären wir nicht eingeſchritten, ſo würde Mantez das Fahrzeug abgetakelt, und ſo für eine Zeit lang ſeine Beſchäftigung verloren haben, denn die Anna war für den damaligen kümmerlichen Zuſtand des Handels Spa⸗ niens viel zu groß. Wir hatten von denen Abſchied genommen, die wir nimmer wiederſehen ſollten, hatten ihnen die Hände ge⸗ ſchüttelt, ſie umarmt und alles gethan, was bei ſolcher Trennung gethan zu werden pflegt. Nachdem die hei⸗ lige Anna reichlich mit Weihwaſſer beſprengt, auch ein kleines wächſernes Abbild der heiligen Jungfrau mit einer vor demſelben brennenden Ampel auf einem Al⸗ tärchen, zwiſchen den Pumpen des Unterverdecks aufge⸗ ſtellt war, ward das Schiff zum Hafen hinausbugſirt, und früh am folgenden Morgen ſchifften wir uns ein. Etwas Feierliches, das Gemüth Erſtarrendes liegt in der Selbſtverbannung aus dem Vaterlande, und mein Vater hatte Spanien als ſeine Vaterland anzuſehen. Als das Boot uns zu Schiffe brachte, beobachtete ich ihn genau— auf ſeinem Geſichte drückte ſich ein trau⸗ riger Entſchluß aus; ſeine Perrücke ſaß ihm ein we⸗ Die Büßung, oder nig ſchief, welches nicht wenig bei einem Manne von ſo krittlicher Genauigkeit ſagen wollte; und obſchon er ſonſt ſeine Brille nur wenn er las oder ſchrieb zu ge⸗ brauchen pflegte, hatte er ſie dennoch jetzt aufgeſetzt. Ich glaube, er that es, um ſeine Thränen zu verbergen. Seine Gattin war faſt hülflos von Bekümmerniß, und Honoria weinte bald und betete bald, ja bisweilen that ſie beides zugleich. Die einzigen Weſen, die an dieſem Einſchiffen Freude zu haben ſchienen, waren Jugurtha und Springer, die beide lange genug von mir, jedoch nicht von Anderen hintangeſetzt worden ſind. Der Hund war der Liebling, der Spielgenoß Honoriens, die ſich oft ſtundenlang mit ihm beluſtigte. Nimmer ward dabei die Stärke von Seiten eines Thieres zarter geltend gemacht; nimmer erſchien Zartheit dabei ſtärker, als auf Seiten des Mäd⸗ chens, deren bloßer Blick ſchon dem Hunde Geſetz war. Die Gewalt der Sanftmuth iſt ſehr groß! Der Neger war wohl genährt und gekleidet, und war mein Diener in jedem Betrachte; auch hatten alle Uebrigen ihn lieb. Des Burſchen muntere Laune ließ ſich gar nicht erſchüttern, und obwohl er, wie man geſtehen muß, beiſpiellos häßlich ſelbſt denjenigen war, bei denen Häßlichkeit noch für Schönheit gilt, ward er von allen ſeinen Dienſtboten geliebt, und die weib⸗ lichen Dienſtboten wieſen in Beglaubigung deſſen ſich keineswegs als die Zurückhaltendſten. Ich glaube, Ju⸗ gurtha würde die Hübſcheſte von ihnen haben heirathen können. Er und der Hund alſo ſchnoben mit unverho⸗ lenem Entzücken die Seeluft ein. Endlich faßten wir Fuß auf den Planken dieſes verhängnißvollen Schiffes. Als wir das Hinterdeck der 7 Ardent Troughton. 9 Santa Ana hinanſtiegen, empfing Mantez uns mit einer Höflichkeit, in die ſich ein ſtarker Beiſatz von Selbſtge⸗ fälligkeit miſchte, und als er Honoria erblickte, die ihre kleine Hand in dem Zottelfell Springers begraben hielt, weährend der Hund, als erkennte er dieſe Ehre, unter des Madchens Liebkoſung ſich blähte, und majeſtätiſch wie ein junger Löwe des Waldes daſtand, konnte der Kapitän nicht unterlaſſen, mit einiger Bitterkeit zu be⸗ merken,»daß es gegen allen Seegebrauch wäre, Hunde an Bord zu nehmen.« „Kapitän Mantez,« verſetzte mein Vater gelaſſen, »wir haben dieß Schiff zu unſerer Ueberfahrt gemiethet, unſers Rhederantheils daran gar nicht zu gedenken.« »Sennor Trottoni,« entgegnete der Kapitän,»ich ſprach über dieſen Gegenſtand nur als über eine Dienſt⸗ angelegenheit. Jenes unnütze lebendige Gerüll da, der ſtumme Schwarze, gehört wohl auch mit zur Ladung?« »Mann und Hund ſtehen unter meinem Schutze,« ſagte mein Vater. »Sie ſind meine Lieblinge,« fügte meine Schweſter hinzu. »Sie ſind meine Freunde,« ſagte ich mit einem 3 unwilligen Blick auf Mantez. „»Nun, nun,“ entgegnete dieſer, indem er eine Nach⸗ giebigkeit erheuchelte, die den Tumult in ſeinem Inneren Lügen ſtrafte—„»verbittern wir einander nicht durch 5 Wortwechſel die erſten Augenblicke, die Sie unter mei⸗ ner Obhut zubringen. Wollen Sie mir erlauben, Sie in die Kajüte zu führen, während ich Anker lichten laſſe?« und indem er den Damen die Hand bot, ver⸗ ſchwand er mit dieſen und meinem ihm folgenden Vater unter der Puppe. Auf dem Hinterdecke befand ſich außer mir jetzt 8 . 1 1 10 Die Büßung, oder Niemand, als mein ſchwarzer Gefährte, den ich folgen⸗ dermaßen anredete:»Jugurtha, Du biſt ein guter Menſch. Verſtehſt Du mich? Du biſt mein Freund; dieſer Kapitän iſt weder Dein, noch mein Freund. Er iſt ein gottloſer Menſch. Weißt Du, Jugurtha, was ich unter einem Gottloſen verſtehe?« Als ich dieſe letztere Frage aufwarf, ward die ſchwarze Nacht des Antlitzes meines Negers von einem teufliſchen Ausdruck von Einverſtänduiß geröthet. Jugurtha ſtand aufrecht da— er ſchien von Wuchs noch ſtattlicher zu werden, er blickte mit einer Würde umher, die durch⸗ aus unvereinbar mit der Wildheit in ſeinen Geſichts⸗ zügen war, und indem er endlich ſein großes Einſchlag⸗ meſſer, das er jederzeit nach der Sitte der Seeleute an einer Segelſchnur um den Hals trug, hervorzog und aufſchlug, machte er die Pantomime des Ausſchneidens der Zunge an der Wurzel, und zeigte mir dabei ſein verſtümmeltes Sprachwerkzeug. Mich ſchauderte. Ich wagte nicht, ihn zu verſtehen. Ich war geneigt zu⸗ glauben, er wollte mir bloß im Allgemeinen zu verſte⸗ hen geben, daß diejenigen, welche ihren Mitgeſchöpfen, die Zunge ausſchnitten, gottloſe Menſchen wären. Den Gedanken, daß der einſtige Gatte meiner Schweſter ein ſolcher Menſch ſein könnte, wies ich mit aller Gewalt von mir. Ich wendete mich ab von dem Neger, und ſchritt ein Weilchen auf dem Verdeck umher, konnte je⸗ doch des Gedankens nicht ledig werden. Meine See⸗ lenangſt ſtieg vielmehr ſo ſehr, daß ich wieder zu Ju⸗ gurtha trat und feierlich zu ihm ſprach:»Der Mann, den ich meinen Freund nenne, muß nicht das ſagen, was nicht wahr iſt, muß nicht lügen. Sprich, guter Jugur⸗ tha, als wir dem Hungertode nahe waren, als die Sonne uns im Boote ausdörrte, nahm ich Dich zu . Ardent Troughton. 11 meinem Bruder an; ſprich alſo, ſprich! that er— that der Kapitän das, was Du ſagteſt?“ Der arme Burſch ſchlug ſeine Hände ineinander, blickte ehrfurchtsvoll gen Himmel, ſah dann mir gerade und ſcharfblickend in's Geſicht, und bewegte angſterfüllt und heftig das Stümpfchen ſeiner Zunge, als ob er re⸗ den wollte; allein auf dieſe ſeine gewaltige Anſtrengung erfolgte nichts als ein ſcharfer, kurzer, ziſchender Laut. Dann brach Jugurtha in Thränen aus und ſtand ge⸗ ſenkten Hauptes vor mir. Wäre das Wort»„Ja« auf den Schwingen des Donners zu mir hergetragen wor⸗ den, ſo würde ich es nicht deutlicher haben vernehmen können. Dennoch rang ich danach, mich für getäuſcht zu halten. Im nächſtfolgenden Augenblicke wiſchte Ju⸗ gurtha mit ſtolzer Geringachtung die Thränen aus ſei⸗ nen Augen und ſtand dann wieder in der gewöhnlichen Abgeſtumpftheit oder Philoſophie ſeines Weſens da. »Jungurtha,“« fuhr ich fort, ich fürchte, Dich ver⸗ ſtanden zu haben, dennoch zittere ich, es zu glauben. Gieb mir irgend ein deutlicheres Zeichen. Wenn es wahr iſt, daß dieſer Mann der Elende war, ſo erhebe Deitze rechte Hand gen Himmel.⸗ Jugurtha that dieß augenblicklich, und in der näm⸗ lichen Hand hielt er die blanke Klinge, die er aus ſei⸗ nem Buſen hervorgeholt hatte, und die jetzt einen Mo⸗ ment lang im Sonnenſchein blitzte. Ehe er die Waffe wieder an ihren Verſteckort brachte, drückte er dieſelbe an ſeine Lippen, als liebkoſete er dem Werkzeuge, durch welches ſeinem erlittenen ſcheußlichen Unrechte Rache werden ſollte. „»Wie? wann? wo? armer Jugurtha!« rief ich: »Wer iſt dieſer Mantez? Welche Miſſethaten mag er begangen haben? Er meiner Honoria Gatte? Eher er⸗ 12 Die Büßung, oder ſchlag' ich ſelbſt ihn! Doch gelaſſen— er kommt daher mit aller Hoffart eines Befehlshabers auf dem Geſichte. Jugurtha, Du liebſt mich; thu' alſo wie ich Dir es heiße. Unſere Zeit wird kommen. Er iſt mein Feind und der Deinige; aber keinen Mord, Jugurtha— denk an die Brigg Jane“. Jetzt geh' und bediene Deine junge Gebieterin.« Es war jetzt um Mittagszeit; eine ſteife Topgallant⸗ Brieſe ſprang oſtwärts her, und es war gerade See genug da, wo wir an einem einzigen Anker ritten, um die Bewegung des Schiffes fühlbar zu machen. Werft und Feſtungsbrüſtungen von Barcelona waren mit Zu⸗ ſchauern augefüllt, welche die Abfahrt der Santa Aua mit anſehen wollten. Bei der buntgemiſchten Mann⸗ ſchaft, die wir an Bord hatten, und in meinem Zweifel an der Geiſtesgegenwart unſers Kapitäns, war ich an⸗ gelegentlich beſorgt, zu ſehen, auf welche Weiſe unſer Unterſegelgehen bewerkſtelligt werden würde, und begab mich deßhalb auf das Hauptverdeck. Da unſer Fahrzeug früher Kriegsſchiff geweſen war, hatte es ſtatt einer Ankerwinde einen Kapſtan oder eine Ankerſpille auf dem Hinterdecke. Bisher war mir das Lichten des Ankers nur mittelſt des Windebaumes zu Geſichte gekommen; ich trug daher um ſo mehr Ver⸗ langen, die Art des Ankerlichtens, die man jetzt vor⸗ nehmen würde, zu betrachten und genau kennen zu lernen.. Schon war das Botentau zu dem Kabel auf dem Hauptverdeck gebracht und mit den Ankerbeitauen daran befeſtigt worden. Man hatte die Halbdrehung des Ka⸗ bels von den Klüſen oder Haltblöcken gelöſet, ſo daß das Schiff jetzt nur noch an dem Botentau ankerte. Freilich begriff ich dieſe Vorrichtungen auf den erſten 4 Ardent Troughton 13 Blick; da aber alle diejenigen ſich am Bord befanden, die mir die Liebſten auf der Welt waren, ſo hielt ich es für meine Pflicht, das Verfahren zu beobachten. Ich ſah, daß das Klüſenkau, der Bote genannt, ein umlaufender, um den untern Theil des Kapſtans ge⸗ wundener Zubringer war, der an dem eigentlichen An⸗ kertau nicht weiter als bis zur Hauptluke befeſtigt blieb, wo die Ankerbeitaue ven demſelben abgelöſet wurden, das Kabel hinunter in den Raum geſenkt, der Bote in⸗ zwiſchen auf der anderen Seite des Schiffes zurück zu der Kabelklüſe geführt und daſelbſt an einen neuen Län⸗ gentheil des Kabels befeſtigt ward. Obgleich der Bote um den Kapſtan auf dem Hauptdeck herumgewickelt iſt, wird der Kapſtan doch vom Hinterdecke mittelſt ſtrahlen⸗ artig geſpreizter Stangen getrieben, gegen welche die Männer mit Schultern oder Händen ſich anſtemmen, nach dem von ihnen zu bewältigenden Widerſtand im Kreiſe herumtraben und langſamer oder ſchneller ſchie⸗ ben; ſo daß ſie ungefähr die Arbeit der Pferde in einer Roßmühle verrichten. Ich gebe dieſe umſtändliche Be⸗ ſchreibung, damit meine ſchöne Leſerinnen dasjenige ein wenig verſtehen mögen, was ſich gleich zu Anfange un⸗ ſerer Fahrt mit uns ereignete. Mantez, der ſich nicht wenig bruͤſtete, verſammelte ſeine Officiere um ſich her, ließ ſich das Fernrohr rei⸗ chen, und überblickte die Stadt. Der Anblick war be⸗ friedigend. Dann befahl er die Stangen in die Anker⸗ ſpille zu ſtecken, und ſchrie durch ſein Sprachrohr nach vorn hin:»Alle Mann zu Ankerlichten!⸗ »In ſo weit wär' Alles gut,« dachte ich,»der Mann hat mindeſtens eine hellklingende Stimme.« Ich ging nun in die Kajüte, und bat die ſich darin befindenden Perſonen auf die Puppe zu kommen, das Die Büßung, oder Manöver mit anzuſehen, und der Stadt Valet zu ſa⸗ gen, die ihnen ſo lange Zeit zur Heimath gedient hatte. Betrübt willigten Alle in mein Geſuch. Don Juliano und Donna Iſidora rangen Beide unter großer Nieder⸗ geſchlagenheit. Auch einen Prieſter traf ich in der Ka⸗ jüte an, doch war er weder meiner guten Mutter Beicht⸗ vater, noch jener Geiſtliche, der vormals zu dem Schiffe gehört hatte. Mit Ausnahme dieſes ehrwürdigen Herrn nahmen wir auf der Puppe Platz, als eben die Kapſtan⸗ ſtangen bemannt worden waren, und der Befehl»An⸗ ker auf!« erſcholl. Das Schauſpiel, das unter uns auf dem Hinterdecke ſtattfand, war vollkommen neu für meine Mutter und meine Schweſter, ja, beinahe auch für meinen Vater, denn dieſer hatte ſich ſeit drei und zwanzig Jahren nicht der zum Sprichworte gewordenen Treuloſigkeit des Meeres anvertraut. Der Anblick wies nichts Ein⸗ ſchmeichelndes, denn die Matroſen, welche die Pferde⸗ arbeit am Kapſtan verrichteten, waren ein ſo zerlumptes und übelausſehendes Geſindel, als unter den Arbeitern beim Thurmbau zu Babel nur hätte zuſammengefunden werden können, kurz zuvor ehe die Sprachverwirrung eintrat. Als ſie rundum traten, ſteifte ſich der Wind, und ſobald die Topſegel gelöſet, heimgerichtet und ge⸗ hiſſt waren, und das Schiff kurz über Ankerring ſtand, vermochten ſie kaum die Spille zu drehen; ja, hätte man die Sperrhaken nicht zu Hülfe genommen, ſo wür⸗ den ſie vor dem Spilldrange haben zurückweichen müſſen. Von Anfang an hatte es viel Lärm gegeben, jetzt aber gab es große Verwirrung. Wer einen Mund öff⸗ nen konnte, hatte einen Befehl zu ertheilen. Freilich ſind Befehle nöthig und oft gut Ding; allein, da ein einziger vollzogener Befehl tauſend bloß gegebene Be⸗ Ardent Troughton. 15 fehle aufwägt, ſo ward, in Verhältniß zu der Anzahl der erſchallenden Befehle, die Arbeit nur höchſt kümmerlich verrichtet. Ich erkannte ſofort, daß unſerem Kapi⸗ tän es nicht an Seefahrtkunde, wohl aber an jener Geiſtesruhe, Kaltblütigkeit und Entſchloſſenheit fehlte, wovon auf See die Engländer ſich den Alleinbeſitz an⸗ geeignet zu haben ſcheinen. Ich wünſchte uns James Gavel, wenn auch mit deſſen Handſpeiche, zurück. Nun, die Hauptragen waren ſo gebraſſt worden, daß der Schnabel des Schiffes ſeewärts gehalten wurde, und endlich war der Anker aus dem Grunde losgemacht. Der Wind ſchnob wie ein Trupp wilder Pferde über Stamm zu Stern; die Gewänder der Damen wurden in tauſend phantaſtiſchen Formen gepeitſcht und ſtröm⸗ ten in Falten hinter ihren Trägerinnen, als ſuchten ſie Schutz gegen das Blaſen. Mein ehrſamer Vater, ſeine Brille auf der Naſe, reckte mitten auf der Puppe den Hals vor, und bemühete ſich, Kunde von alldem zu er⸗ langen, was er ſah, als plötzlich mit entſetzlichem Rucke der Anker vom Grunde losriß, worauf während weniger Minuten die Männer am Kapſtan ihn hoch genug auf⸗ hiſſten, um ihn an den Katzenblock aufzuhaken. Das Schiff wendete ſich nun langſam herum, und legte ſei⸗ nen ungeſchlachten Rumpf vom Winde ab. Inmitten nicht geringen Gewühls ſetzte man Segel an; der Anker aber hing noch immer am Bug. Wir richteten unſere Blicke auf die Stadt, und ſahen von dorther, wie einige weiße Taſchentücher uns ein langes Lebewohl nachwinkten. »Nun, Ardent,« ſagte mein alter Vater zu mir, indem er ſeine Augengläſer abnahm, und ſich die Feuch⸗ tigkeit abwiſchte, die der Wind oder ſonſt eine Urſache 16 ihm in die Wimpern getrieben hatte—»Nun, Ardent, was denkſt Du davon?« „»Wovon, Vater?«⸗ „»Von dem Schiff und allem, was auf dem Schiffe vorgeht.« „Daß zu unſerem Heil eine gütige Vorſehung über uns wacht,« antwortete ich. »Ja wohl, Ardenk! biſt ein guter Junge, daß Du an Vorſehung denkſt. Ich hege hohe Verehrung gegen die Vorſehung; indeſſen iſt's unſer Freund Mantez mit ſeiner Mannſchaft, dem ich ſo viele tauſend Piaſter zu zahlen habe, damit er mich und die Meinigen wohlbe⸗ halten nach Neu⸗Orleans ſchaffe.« „Ich wollte, er hätte unſere Dollars, und wir wä⸗ ren wohlbehalten.« „ Still, Ardent, daß Mutter und Schweſter Dich nicht hören! Meinſt Du nicht, daß wir recht ſchmuck, wie die Matroſen es nennen, unter Segel gekommen ſind?« „» So tölpelhaft als möglich ſind wir's, Vater.« »Nun, nun, mein Junge; gewiß iſt's doch nicht die Schuld unſers wackern Kapitäns geweſen. Hörteſt Du, wie er ſchrie? Saheſt Du, wie er ſich anſtrengte? Ich ſollte meinen, der arme Mann muß jetzt tüchtig ſchwitzen.« Ich ſchüttelte den Kopf, und dachte an den armen James Gavel. » Und ſieh nur,« fuhr mein Vater fort, indem er mit erzwungener Freudigkeit die Hände rieb—» ſieh nur, wie munter und hurtig wir jetzt gehen. Guter Wind, mein Junge, und Alles iſt ſicher. Aber Du ſiehſt ſo grämlich aus.« »Ich kann's nicht helfen. Ich gewahre mehr ſchlimme Die Büßung, oder — Ardent Troughton. 17 Vorbereitungen, als jemals die Brigg Jane“ bedrohe⸗ ten. Ich leite meine Beſorgniſſe nicht von den Ratten, ſondern von den Menſchen her.« Voll Wichtigthuerei ſtieg Kapitän Mantez in dieſem Augenblicke zur Puppe herauf, verbeugte ſich gegen die Damen, und wollte von ihnen ganz eigentlich beglück⸗ wünſcht ſein, daß er ſo ſtattlich und gewandt ſie auf den Weg zu ihrer Beſtimmung gebracht hatte. » Unſeren Glückwünſchen werden noch einige Stan⸗ gen hinderlich,« ſagte ich in engliſcher Sprache, und zeigte auf die durchſpeichte Ankerſpille. »Es bläſ't hier kalt,« nahm mein Vater das Wort; wich wollte, Sie beföhlen Ihren Leuten, jene Stangen aus dem Kapſtan zu ziehen, damit wir auf das Hinter⸗ deck hinunterſteigen können.« „Sogleich!« verſetzte Mantez, und ging die nöthi⸗ gen Befehle zu ertheilen. Um dieſe Zeit gab's Gewühl im Vorderſchiffe, und ich vermuthete, man nähme das vor, was mit techni⸗ ſchem Ausdrucke»den Anker fiſchen« genannt wird, das heißt, die Ankerſchaufeln über Bug zu hiſſen und ſie für eine lange Reiſe zu ſtauen. Auf Befehl des Kapitäns zogen ſteben bis acht Matroſen die Spillſtangen aus, als ein entſetzliches Plumpen vom Bug des Schif⸗ fes herab vernommen ward; der Kapſtan drehete ſich mit der Hurtigkeit eines abgeſchnellten Uhrrades herum, und die Spillſtangen wurden nach allen Seiten hinge⸗ ſchleudert. Eine von ihnen warf den Kapitän auf's Verdeck hin, und Jeder, der ihrem Umſchwunge nahe war, mußte ſich niedergeworfen fühlen. Die Damen kreiſchten erſt, dann ſtanden ſie ſtumm voll Erſtaunen und Grauſen. Das Wirbeldrehen der Spille und der Stangen hörte auf. Die weuigen Beitaue, die das Ardent Troughton. II. 2 18 Die Büßung, oder Kabel an dem Botentaue feſtgehalten hatten, zerriſſen eines nach dem anderen in der Klüſe, und der Anker gewann bald Grund zu fünfundzwanzig Klafter Tiefe. Dampfend ſauſete das Ankertau durch die Klüſenblöcke. Keiner von der Mannſchaft hatte Geiſtesgegenwart ge⸗ nug, die Klüſenſcheibe durch Hineinſtopfen von Hang⸗ matten oder dergleichen in ihrem Deehen zu hemmen, und die Folge davon war, daß das Ankerkabel in ſeiner ganzen Länge hinausgedonnert ward, bis es, vermöge ſeines Haltknotens in der Krampe am Hauptmaſte an⸗ geſtrammt, innehalten mußte. Der Ruck, den dieſes plötzliche Innehalten verurſachte, war ſo heftig, daß er uns, die wir uns auf der Puppe befanden, platt auf die Naſe warf. Zu gewaltſam ward das Schiff vom Winde getrieben, als daß das Ankerkabel hätte halten können; es zerriß wie eine verbrannte Flachsſchnur, allein nicht eher, als bis das Schiff unter allen ſeinen Beiſatzſegeln ſeinen Schnabel zu Wind gedreht hatte. Der Lärm und die Verwirrung unter und auf Deck waren ſchrecklich. Obgleich keine erhebliche Gefahr ob⸗ ſchwebte, herrſchte doch allgemeine Furcht. Die Segel klappten jetzt platt zurück, und das Schiff ging hurti⸗ gen Laufes ſternwärts. Um die Kajütenfenſter herum begann das Waſſer zu gurgeln und zu ſchäumen, und ſchon hatten ehrbegierige Wellen die ſchwachen Schran⸗ ken durchbrochen und waren in die Gemächer des Haupt⸗ deckes gedrungen. Ich habe vorhin geſagt, daß das Schiff ſchwere Ladung führte, weßhalb denn mit jedem Augenblick unſere verkehrte Fahrt immer beunruhigen⸗ der ward. Und wo der Kapitän? Gequetſcht und blutend lag er auf dem Verdeck, und die meiſten ſeiner Officiere befanden ſich in ahnlichem Zuſtande. Einander wider⸗ Ardent Troughton. 19 ſprechende Befehle wurden ertheilt, und zwei an Stärke einander faſt gleiche Parteien zerrten zu gleicher Zeit an den Backbord⸗ und Steuerbord⸗Hauptbraſſen, ſo daß die Hauptraaen durchaus unbewegt ſtehen blieben. Jugurtha ſtand mit unterſchlagenen Armen behaglich neben mir und grinſete voll Entzücken. Mein Vater konnte vor Beſtürzung kein Wort hervorbringen, und die Uebrigen auf der Puppe, lauter fromme Katholiken, wußten ihre Zeit nicht beſſer anzuwenden, als ſich der Obhut ihrer reſpektiven Lieblingsheiligen zu empfehlen. Ich muß bekennen, meine Schlechtherzigkeit war ſo arg, daß ich mich über all dieſe Verwirrung inſofern freuete, als ſie den Werth der Großpralerei des Don Rodrigo Mantez darthat, und daß ich wünſchte, dieſen in der Würdigung meiner Schweſter und übrigen Fa⸗ milienglieder ſo tief als möglich herabzubringen. »Jugurtha,« ſagte ich,„laß mir zu Liebe Dein Grinſen nach. Hebe meinen Vater auf und ſetze ihn bequem auf den Huͤhnerkaſten. Du brauchſt des Ska⸗ puliers der Sennora nicht zu achten, und die Schnur von Honoriens Roſenkranz muß wahrhaftig zerriſſen ſein, denn das ganze Verdeck iſt mit Erinnerungskügel⸗ chen an Ave Maria's und Paternoſters überſäet. Achte nicht darauf, Jugurtha, ſage ich Dir, es iſt jetzt nicht an der Zeit, auf äußere Religionsgebräuche zu achten. Hu! wie wir ſo läſtig ſternwärts fahren! Hörſt und ſiehſt Du's, mein ehrlicher Jugurtha, wie die Maſten knarren und die Raaen ſich biegen? Und dabei will ich wetten, ſind dießmal die Stagen vorn und hinten ſtraffer geſpannt, als es jemals die Saiten auf Hono⸗ riens Harfe waren, und der Wind ſpielt herrlich d'rauf, daß es eine trefflich⸗paſſende Begleitung zu dem barba⸗ riſchen und viehmäßigen Getöſe da unten abgiebt! Iſt 2* 20 Die Büßung, oder das Alles nicht über die Maßen luſtig, mein Jugurtha? Aber grinſe nicht, Freund; freue Dich darüber in den dunkeln Kammern Deines Herzens, ſo wie ich es thue.«⸗ Anf dieſe Weiſe machte ich für eine Zeit lang meinen Empfindungen Luft, denn ich ward fortgeriſſen von einem boshaften, wiewohl freudigen Geiſte der Spötterei. Indem ich dieſen meinen Hohn ausließ, glitt eine engliſche Brigg ſcharf an uns hin. Anmuthig wies ſie ihre Beiſatzſegel unten und oben vor eben dem Winde geſchwellt, der uns unſerem Verderben entgegenzujagen ſchien. Ueber alle Vergleichung kleiner als unſer Fahr⸗ zeug, glich die Brigg einem Schwane, der ſtolz einem plumpen Holzklotze vorüberſchwebte. Sobald ſie uns ſeitlängs kam, ſprang ein kleiner feuriggeſichtiger roth⸗ haariger Weſtbritte, auf das Bollwerk ſeines Hinter⸗ decks und ſchrie durch ſein ungeheures Sprachrohr uns auf folgende beglückwünſchende Weiſe an: „Schiff haho, hohoi! Ihr ſpan'ſchen Lümmel, wollt Ihr Stern voraus zur Hölle fahren? habt'r nimmer inen Mann am Bord, der'n Mann is? Spanier ſind zu nichts nutz!« und er fuhr, in den Wind hineinjauch⸗ zend, mit ſeinem ſtattlichen kleinen Fahrzeug an uns vorüber. Dieſer höhnende Anſpruch ärgerte mich. „Jugurtha,« rief ich,„unſers Kapitäns Zeit iſt noch nicht gekommen; laß uns jenen Inſelbewohnern zeigen, daß hier am Bord Männer ſind.« In dieſem Augenblick ſchleppte der verdummte Man⸗ tez ſich die Puppenleiter hinan. Ich entriß ihm das Sprachrohr, das er in der Hand hielt, ſchob ihn un⸗ willig auf die Seite, ſprang vor zum Puppenrande, und heulte mit einer Stimme, deren Wiederhall ſchier mich ſelbſt erſchreckte, über's Schiff hin:»Still da, vorn und hinten! In's Vorſchiff, Jugurtha, und nachgeſehen, Ardent Troughton. 21 daß meinen Befehlen Folge geleiſtet wird! Nimm die Handſpeiche da, und den Erſten, der nicht gehorcht, ſchlag' nieder!« Augenblicklich ſtillte ſich der Lärm. »Zimmermann mit Leuten, die Kajütenluken vorge⸗ ſetzt! Steuer hart aufwärts! Mannſchaften an die Steuerbordbraſſen! Hauptragen herum! Platz da, und's Jibſegel windwärts geholt!'nen Ruck an der Backbord⸗ braſſe— ſo— ſo—] Haltet's Haupt⸗ und Beſam⸗ Topſegel ſchwankend!— Jugurtha, ſtoße dem faulen Dänen in die Rippen!— Herum geht's Schiff wie von ſelbſt— Laßt die Kopfſegel nach!— Backbord⸗ Kopfbraſſe bemannt! Losgelaſſen und angeholt! Rich⸗ tet's Steuer!« So war in weniger als zwei Minuten das Schiff wieder vor den Wind gebracht und ging nun ſeinen richtigen Kours. Es war ein ſonderbares Schauſpiel, das die erſchrockene Mannſchaft darbot, als ſie ſchweigend einem Kommandirenden gehorchten, der wie durch Zau⸗ berwerk auf's Verdeck gerufen worden zu ſein ſchien, unnd mit ihr Jugurtha, der hin und her rannte, bald dieſen Mann ſtieß, bald jenen ſchlug, bald einem Drit⸗ ten ein Seil in die Fauſt ſchob und aller Orten zugleich war. Auch hielt ich nicht eher inne, als bis ich jedes Segel getrimmt und jedes Tau gehörig aufgeringelt und die Verdecke ſorglich geſäubert ſah. Während deſ⸗ ſen ſtand Don Rodrigo Mantez ſtarr von Verwunde⸗ rung und hielt ſein Taſchentuch an ſein blutendes Ge⸗ ſicht. Als ich Alles zu meiner Zufriedenheit angeordnet hatte, ſchritt ich zu dem vernichteten Kapitän, be⸗ grüßte ihn mit meiner beſten Verbeugung und ſagte, indem ich ihm ſein Sprachrohr zuruͤckgab:„Kapitän Mantez, da Ihr Schiff wieder unter richtigem Steuer 22 Die Büßung, oder geht, ſo überantworte ich Ihnen das Kommando zurück, das ich nothgedrungen zu unſerer Aller Erhaltung für ein Weilchen übernehmen mußte.« 6 Der Menſch ſtieß, verſteht ſich in ſpaniſcher Sprache, einen Fluch aus, der zu fürchterlich war, als daß ich ihn überſetzen oder niederſchreiben möchte, und en⸗ dete mit dem Worte Meuterei und einer Drohung, worauf er ſich langſam in ſeine eigene Kajüte begab. „»Mein braver Junge!« ſagte mein Vater zu mir, indem er mir mit Herzlichkeit die Hand ſchüttelte,»Du biſt unſere Sicherung!« »Mein herrlicher Sohn!« rief meine Mutter; „möge die heilige Jungfrau ihn zum wahren Glauben bekehren!« „»Mein edler Bruder,« ſagte Honoria ſchüchtern, indem ſie mich umarmte;»wie ſtolz bin ich auf Dich! wie liebe ich Dich! warnm ſo kalt, ſo abſtoßend ge⸗ gen mich, liebſter Ardent? Was habe ich Dir zu Leide gethan? Wir ſind nicht einmal Freunde, und Du willſt nicht, daß wir es ſind, obwohl meinem ſehnenden Her⸗ zen nach der Liebe eines Bruders verlangt! Ardent, iſt mein Recht nicht eben ſo ſtark als mein Verlangen 2 »Glaube mir, Honoria,« verſetzte ich,„daß ich Dich herzinniglich liebe. Bevor ich Dich ſah, nahm der Gedanke an Dich ſchon den wärmſten Winkel mei⸗ nes Herzens ein. Ich war vernarrt in Deine hübſchen Briefchen an mich— ich brannte vor Ungeduld Dich zu ſehen.— Jedoch wir wollen davon nicht mehr re⸗ den. Es hat ein großes ſchauerliches Mißverſtändniß obgewaltet, ſo daß mein Gemüth oft bis zum Wahn⸗ witze krank iſt. Aber ſieh, unſere Freunde, Don Ju⸗ 4 liano und deſſen holdes Mühmchen, harren ſchon meiner, Ardent Troughton. 23 um mich dadurch zu verziehen, daß ſie mich zum Helden der Minute machen.“ Wirklich kirrten die beiden Genannten mich durch Lobreden, von denen ſie glaubten, daß ich ſie verdiente, bis zum Gipfel meiner Thorheit hinauf. Nachdem ich alles, was ſie mir ſagen mochten, mit Aufmerkſamkeit angehört hatte, erwiederte ich kurzweg, aber mit Nach⸗ druck,»daß ich hoffte, es würde der Auftritt, von wel⸗ chem ſie ſo eben Zeugen geweſen waren, den gehörigen Eindruck auf ſie machen.« Sie verſtanden dieſe Worte völlig, und es freuete mich wahrzunehmen, daß ſie mei⸗ nen Vater zum Nachdenken bewogen und meine Schwe⸗ ſter ſchaudern machten. Zweites Kapitel. Wäͤhrend einiger Wochen fiel nichts Erhebliches vor. Die aus vielen Nationen zuſammengeſetzte Schiffs⸗ mannſchaft begann ſich zu einem leichter zu lenkenden Ganzen zu verſchmelzen, und der Dienſt ward ohne große Mißgriffe und ohne unglückliche Zufälle verrichtet. Die Gemüther blieben jedoch in unſerer kleinen ſchwim⸗ menden Welt nicht müßig. Von Tage zu Tage wurden wir kälter gegen Mantez, bis dieſer endlich ſich gänzlich unſerm Tiſche und unſerer Geſellſchaft entzog. Ich wünſchte nichts ſehnlicher als dieſe Entfremdung, die zu bewirken, ich alle meine Geiſteskräfte aufgeboten hatte. Honoria begann einen Widerwillen gegen ihn 24 Die Büßung, oder merken zu laſſen; ſogar meine gelaſſene, würdevolle Mutter, die früher ſo ſehr für Don Rodrigo einge⸗ nommen, fing an, ihn mit Empfindungen zu betrach⸗ ten, die der Verachtung nahekamen. Dieſer Gang der Dinge betrübte anfänglich meinen Vater ſehr. Er hatte ſein Wort zu der Heirath gegeben, ja ſogar einige darauf bezügliche Papiere als vorläufigen Contrakt un⸗ terzeichnet. Begegneten wir dem ſelber ſich ſo nennen⸗ den Don auf dem Hintedecke, ſo gab er ſich entweder krittlich und lächerlich abgemeſſen, oder ſinſter und ſchweigſam anmaßend gegen uns Alle; und als wir ſo eben unter die wärmeren Breiten gelangt wa⸗ ren, gab es im Hinterſchiffe eine ſolche Ladung von Haß, Argwohn und ſo vielerlei böſer Geſinnungen, der Laſt des Mißbehagens unſers Kapitäns gar nicht dabei zu gedenken, daß ſie uns in mehr denn Einer Hinſicht hätte in den Grund verſenken mögen. Mittlerweile war mein Gemüth wieder zu ſeiner moraliſchen Geſundheit gelangt. Ich hatte mein Herz geſchult, meine Schweſter in aller Reinheit zu lieben. Ich hatte das glorreiche und unbekannte Weſen, dem in der Kathedrale ich eine unheilige Liebe gelobke, von der Identität meiner ſchönen Honoria geſondert. Wirk⸗ lich ſchwächte die Erinnerung an jenen Auftritt ſich mir immer mehr. Ich lebte hänslich mit meiner Fa⸗ milie, ging auf all deren kleine Sorgen und Freuden ein, beſprach mich mit meinem Vater über unſere künf⸗ tige Einrichtung in Neu⸗Orleans, uuterrichtete meine Schweſter in der engliſchen Sprache, und feſtigte ſie in ihrer Abneigung gegen Mantez; geſtattete auch, um meine theure und verehrte Mutter zu beglücken, ihr und dem Prieſter regelmäßig täglich eine Stunde vor dem Abendeſſen an meiner Bekehrung zu arbeiten. Zu Ardent Troughton. 25 ſagen, daß ich Aller Liebling ward, hieße eine viel zu arme Sprache im Munde führen; ich ward vergöttert, und mein Neger und mein edler Hund bekamen ihren vollen Antheil an dieſen Gefühlen, die mich nach und nach ſo glücklich machten. Es dürfte ſcheinen, als hätte ich das ausgezeichnete Paar vergeſſen, das gleich mir und meiner Familie ſein ferneres Schickſal dem Meere anvertraut hatte. Beide wurden in dem beglückenden Kreis der Meinigen mit eingeſchloſſen; allein ſie waren weit entfernt ſich glücklich zu fühlen. Das gegenſeitige Vertrauen zwiſchen ihnen ſchien, wenn möglich, ſich noch zu ſteigern; allein in ihrem Benehmen gegen einander, waren ſie nicht mehr leidenſchaftlich, ja, nicht einmal zärtlich. Ihnen war ein ſchweres Loos gefallen. Die Reichthümer, die Beide beſaßen, und die mit ihnen eingeſchifft worden waren, reichten durchaus nicht zu der Behauptung des Ranges aus, für welchen ſie geboren wurden, und Ju⸗ liano's Ausſichten, ſeine ſüdamerikaniſchen Beſitzungen wieder zu erlangen, traten weit, ſehr weit in die Ferne zurück. Doch nicht daraus allein floß ihr Zuſtand des Mißbehagens. Sie hatten als Verwandte zu vertraut mit einander gelebt, und mindeſtens auf Seiten Iſido⸗ rens war ihre Nahverwandſchaft Veranlaſſung zu re⸗ ligiöſen Bedenklichkeiten, hinſichtlich ihrer Vermählung — ein Beweis, daß Iſidora aufgehört hatte, ihren Vetter zu lieben. Ich hatte ihr gegenſeitiges Betragen wahrgenommen, jedoch von der Urſache deſſelben nichts geahnt; jetzt ward mir dieſelbe plötzlich durch folgende Unterredung kund. In einer jener köſtlichen Nächte, die den Breiten der Paſſatwinde ſo eigenthümlich ſind, und die einem ſonnenheißen Tage folgen, lief das Schiff ſtark vor dem 26 Die Büßung, oder Winde, während die linde Brieſe jeden Faden unſerer Segel geſchwellt hielt. Das Fortſtoßen war ſo regel⸗ maäßig, daß die gepauſchten Linien regungslos ſtanden. Alles war ſo ſtill, daß das Schiff wie in ſeinem Schlafe dahinzugeleiten ſchien, während die Sterne über uns in ihrer ſcheinbaren Größe und in ihrem Glanze dem Ocean gleichſam näher gekommen waren, um freudevoll auf dem ruhigen Schauplatz her niederzublicken. Es war eine gottvolle Nacht, eine Nacht, von welcher die Seele von den Dingen der Erde entrückt wird, daß ſie unſterbliches Anrecht geltend macht, und verſucht die Wege des Ewigen zu ergründen, zu verehren und an⸗ zubeten. Als ich in ſolcher Nacht über das Hängmattengitter des Bugnetzes hinlehnte, und mich einem Grübeln hin⸗ gab, durch welches Schwermuth in Genuß umgewandelt wird, und indem ich bald die vorüberſchlüpfenden phos⸗ phorſchimmernden Wellen belauſchte, bald den flimmern⸗ den Widerſchein irgend eines prächtigen Sternes be⸗ obachtete, der ſich unter tauſendfachem blitzenden Zucken auf dem Waſſer abſpiegelte, oder bald im Geiſte die Schauertiefe ermaß, über welche wir ſo leicht hinweg⸗ getragen wurden, fühlte ich, daß Jemand mir näher kamz doch war die leiſe Erſchütterung nicht hinreichend, mich aus meinem ſelbſtſüchtigen und einſamen Freudengenuß aufzuſcheuchen; und erſt, als ein tiefer Seufzer neben mir erſcholl, wendete ich mich und blickte auf. Bei'm melancholiſchen Lichte der Sterne ſah ich, daß mein Freund Don Juliano faſt bis zu Thränen erſchüttert war. Offenbar wünſchte er ſich mit mir zu unterhal⸗ ten, und eben ſo offenbar nahm ich an ihm wahr, daß er verlegen war, auf welche Weiſe er zuerſt den Gegen⸗ ſtand berühren ſollte, der ihm ſo ſchwer drückend auf * ₰ — ℳᷣ-yyy— — Ardent Troughton. 27 der Seele lag. Zu ſeiner Erleichterung begaun ich im ſanfteſten Tone, in welchem ich zu reden vermochte— und wer hätte in ſolcher Umgebung harſch reden können? — und fragte ihn, warum er ſo ſpät, da es bereits Mitternacht war, noch nicht ſeine Lagerſtätte geſucht oder wohl gar dieſelbe wieder verlaſſen hätte. »Mein theurer Ardent, verſetzte er trübſinnig; „ſtatt Ihnen zu antworten, möchte ich lieber Ihnen Ihr Frage zurückgeben.« »Hier meine Antwort darauf, und ſei Ihnen da⸗ durch ein Beiſpiel des Vertrauens gegeben, das ich übrigens nicht für nöthig erachtet habe. Ohne zu er⸗ wähnen, daß unſere Kajüten etwas beengt ſind, und wir uns immer mehr der Zone nähern, die man, em⸗ phatiſch genug, die heiße nennt, ſo daß Eingeſperrtſein faſt unerträglich wird, fand ich, daß meine Gedanken jene ſchreckenerregende Geſtaltung annahm, die nur all⸗ zuoft Herold wirklicher Unglücksfälle iſt— deßhalb, ja, deßhalb kam ich hierher, um mich mit den Sternen zu berathen.«— »Thaten Sie das wirklich?« fragte mein Freund ein wenig aufgeregt;»und was ſagten Ihnen die Sterne?“ „»Sie ſprachen mir Frieden in die Seele.« „»Ha! gut!« verſetzte er, offenbar ein wenig getänſcht in ſeiner Erwartung; ich dachte jedoch, Ihnen wären andere Schlußfolgerungen zugekommen; allein es iſt al⸗ les eitel Prunkgeſchwätz!« »Eine Schlußfolgerung leitet ſich inzwiſchen daraus her, zu der Jeder, der nicht Narr oder Philoſoph iſt⸗ leicht gelangen kann— die erſchütternde, unausſprech⸗ liche— ſagte ich unausſprechliche?— durchaus uner⸗ 28 Die Büßung, oder forſchliche Prachtgröße des Schöpfers dieſer Sterne. Doch das iſt ein Gemeinplatz, Freund Julian!« „Zugeſtanden; jedoch ein Gemeinplatz, der bei wei⸗ tem nicht allgemein genug bekannt iſt. Warum aber Prachtgröße?« »Dieß Wort iſt das einzige angemeſſene dafür. Es faßt alles in ſich, was die menſchliche Seele nicht nur von der Allmacht, ſondern auch von Glanz und Glorie be⸗ greifen kann; und dieſe Attribute enthalten jederzeit die des Wohlwollens und der Güte.« »Wie folgern Sie das, Ardent?« »Eine ſolche ehrfurchterweckende Macht, die ſo hoch erhaben über die von ihr in's Daſein gerufenen empfin⸗ denden Weſen iſt, hätte ſich bewogen finden mögen, ſich unter den ſcheußlichſten Eindrücken ſeelenfolternden Schreckens kundzuthun; aber ſehen Sie nur, wie die Hand des Allmächtigen deſſen Schöpfung in Schönheit — freundlich und väterlich in Schönheit kleidete, die in dem Maaße zunimmt, in welchem der Geiſt fähig wird, dieſelbe zu würdigen. Blicken Sie auf und be⸗ trachten Sie! Wenn Sie dieſe Schönheit beſchauen, ſo empfinden Sie nicht Schmerz, ſondern Wonne in den Schauerzittern, das durch Ihr Herz rinnt, obwohl Sie dabei von einem frommen Fürchten ergriffen werden.« »Ja, dieſer Himmel, unter welchem wir hinſegeln, iſt ein glorreich dunkler Sapphirbogen mit lebendigen Edelſteinen geſchmückt. Aber bewegen wir uns wohl wirklich? Steht nicht vielmehr das Schiff ſtill, und ſchleicht nicht das blaue Wellengekräuſel an uns vorüber? »Ein Sinnbild der Zeit, lieber Freund. Wir ſchei⸗ nen ebenfalls ſtätig zu ſein, wir gewahren nicht, wie wir der Ewigkeit entgegenſchreiten, während Stunden, Tage, Jahre, Ergebniſſe und Kataſtrophen an uns vorüberflie⸗ Ardent Troughton. 29 gen, da inzwiſchen ſie es doch ſind, die auf unſern marmorgepflaſterten Pfad eingebettet wurden, wir aber an ihnen hin unſeren Gräbern entgegeneilen.« „Was wollen Sie ſagen? Sind Sie ein Fataliſt?« »Einigermaßen bin ich's. „»Wie 2« „»Glauben Sie nicht, daß die Sonne morgen über zwanzig Jahre ebenfalls wieder aufgehen werde? Oder, wenn es an jenem Tage dem höchſten Weſen gefallen wollte, ſie erlöſchen zu machen, würde mein Beweis⸗ grund dennoch derſelbe bleiben. Welches von Beiden aber der Fall ſein würde.— Eines von beiden wird der Fall ſein müſſen, ich mag es nun erleben oder nicht.“« „»Sonder Zweifel wird es das.« »Nun, ſo erkennen Sie auch, inwiefern ich ein Fa⸗ taliſt bin. In der Weltregierung des Allmächtigen ſind die Verläufe aller Ergebniſſe zuvorverordnet. Bei Be⸗ herrſchung unſer ſelbſt mögen wir dieſe uns zum Nutzen oder Schaden gebrauchen, und dadurch unſere Handlun⸗ gen ſo einrichten, daß wir unter des Höchſten unbegrenz⸗ ter Barmherzigkeit Lohn oder Strafe aus ſeiner Hand empfangen.« »Mich dünkt, ich verſtehe Sie,« ſagte Don Juliano, »aber iſt es nun ein von Gott zuvorverordnetes Ergeb⸗ niß, oder ein Ergebniß meines freien Willens, wenn ich Iſidora meine Verwandte eheliche oder nicht eheliche?“ »Ha! hingen Sie dieſem Gedanken nach? Die Gelegenheit, das Ereigniß ſcheint in Ihrer Gewalt zu ſein. Machen Sie davon Gebrauch zu Gottes Ehre und zu Ihres Gewiſſens Beruhigung. Hat doch Ihre Frage mir eine faſt vernarbte Herzenswunde wieder dufgeriſſen!« »Ich würde Sie nicht verſtehen wollen, auch wenn — —— 30 Die Büßung, oder ich Sie verſtehen könnte,« entgegnete mir Don Juliano; „»dennoch hat meine Iſidora etliche düſtere ſchreckliche Andeutungen ausgeſeufzt; aber deſſenungeachtet«— dabei faßte er meinen Arm und drückte ihn heftig— „deſſenungeachtet ſoll ſie mich heirathen!« „Wer bezweifelte das?«. „»Ich— ſie ſelbſt— der Prieſter—« »Ha! dieſe Prieſter! Sagen Sie mir nicht, was Prieſter ſagen! Was ſagt Ihr eigenes Herz?2« »Mein Herz will nicht befragt ſein; die Angele⸗ genheit iſt fürchterlich vor den Richterſtuhl meiner Ver⸗ nunft gebracht worden. Glauben Sie an die Verhei⸗ ßung zukünftigen Belohnens und Beſtrafens?« »Unerſchütterlich. Nur die, welche Strafe fürchten, ſtellen ſich, als verlengneten ſie dieſen Glauben.« »Dennoch bitte ich Sie, verachten Sie mich nicht; denn wahrlich, bevor ich mein trugvolles Herz erforſchte, hielt ich mich für religiöſer, als Sie. Ich war gewiſ⸗ ſenhaft in Beachtung meiner kirchlichen Gebräuche, ich betete oft und beichtete regelmäßig; allein ein Vorfall, ein kleiner Vorfall, der mir während unſeres kurzen Aufenthalts zu Barcelona kund ward, hat all meine Zuverſicht in die göttliche Gerechtigkeit erſchüttert.« » Es thut mir in der Seele weh, dieß zu hören,«⸗ verſetzte ich—»und jener Vorfall?« »Sie haben wohl nie von dem frommen Pater Pa⸗ ver gehört? Der Mann war ein Heiliger auf Erden; fündelos, tadellos, demüthig vor Gott und mild mit den Menſchen. Er wies ſich nur ſtolz gegen den Be⸗ drücker, nur finſter gegen den reueloſen Uebelthäter. Dieſer Mann, Freund Ardent, predigte das Evange⸗ lium, doch that er dieß mehr in Werken als in Worten; und von ihm mochte mit Wahrheit geſagt werden, daß, Ardent Troughton⸗ 31 wenn man den Rock von ihm begehrte, er den Mantel obendrein gab. Kein Falſch war in ihm, und ſein äu⸗ ßerer Menſch ſchien nach der engelartigen Schönheit ſeiner Seele geformt zu ſein. Verſtehen Sie mich, Ardent, er war kein gewöhnlicher Mönch— er war der Ortsprieſter, den die Kapuzenbrüder vermieden, ja, wohl gar haßten. Er ſtand in ſeinem ſchönſten männ⸗ lichen Alter. Jetzt lachen Sie nicht, Troughton, über die Alltäglichkeit des Gräßlichen, das ich zu erzählen habe. In ſeinem Städtchen erhob ſich plötzlich das Gerücht, es ginge ein Thier in wilder Wuth umher— um meine Anekdote imponirender zu machen, möchte ich das Thier einen Wolf nennen, doch war es nichts mehr, als ein räudiger, aber großer Kettenhund, der die Ge⸗ gend durchſtreifte, und in dieſem Augenblicke ſich in das Schulhaus geſchlichen hatte, wo den armen kleinen un⸗ ſchuldigen Weſen unvermeidlicher Tod durch ihn dro⸗ hete. Maͤnner, kräftige Männer, die einſt als Solda⸗ ten gedient hatten, waren dem tollen Hunde begegnet und geflohen, um ihre Waffen zu holen. Halb wahn⸗ ſinnige Mütter dagegen umringen kreiſchend das Schul⸗ haus. Naver zauderte nicht, holte nicht erſt Waffen herbei, denn dieſe führte er ſtets mit ſich— in ſeiner Hochherzigkeit und Gottesfurcht drang er in die Schul⸗ ſtube. Als die Kinder ihn erblickten, klatſchten ſie in ihre Händchen und riefen: Wir ſind gerettet— unſer Va⸗ ter kommt! und ſie wurden Alle gerettet— Alle! denn in dem Augenblicke, in welchem das tolle Thier einem der Kleinen an die Gurgel ſpringen wollte, fuhr der gute Hirt, der Apoſtel, mit ſeinem Arm in die giftige, ſchwären⸗ beſäete Kehle des grimmen Hundes und erwürgte ſo den Verderber. Sein Arm ward entſetlich verletzt— die Wunden deſſelben wurden ausgebrannt, wurden ſogar, 32 Die Büßung, oder ſeinen lieben Pfarrkindern Genüge zu thun, mit den heiligſten Reliquien in Berührung gebracht; allein trotz dem Allen—— ich kann nicht forfahren, denn Pater Paver war mein Freund—«, und Julian hielt inne und barg ſein Geſicht in ſeine Hände, indem er ſich über die Hangmattennetzung bückte. »Ich weiß es,« fiel ich ein, indem ich abſichtlich mich der ſtärkſten Ausdrücke bediente, die ſich mir nur darbieten wollten:„er ſtarb elend in der fürchter⸗ lichſten Hundswuth; jedoch der Tod iſt uns Allen ge⸗ mein, und durch die Leiden in ſeiner Sterbeſtunde ward die hohe Würde ſeiner heldenmüthigen That wahrhaft geheiligt. Jedes Zucken der Pein, die flammengrimmig ſeine zitternde Nerven durchraſete, war ein Verdienſt mehr für ihn, reinigte ihn um ſo mehr dem ewigen Ruhme. Allein in dem Allen ſehe ich keine göttliche Ungerechtigkeit.« »Nein, nein,“« entgegnete mein Freund, ein wenig unzufrieden;„ſo meint' ich's nicht. Es hält nicht ſchwer einzuſehen, daß keine Aufgabe zur Seelengröße ohne große Opfer und ſchwere Leiden gelöſet werden kann; was mich jedoch verwirrt macht, lieber Ardent, iſt dieß: Wäre der fromme Paver eines ſanften Todes geſtorben, ehe ihn der tolle Hund biß, würde er nicht dann die ewige Seligkeit erlangt haben, als nachdem er zuvor die entſetzlichſten Todesqualen ertragen mußte? Sie ſchweigen? Wohlan! ſo waren ſolche Qualen alſo die Folgen einer überzähligen guten Handlung, und— verzei⸗ hen Sie mir das Gottloſe dieſes Gedankens— und ſchwankte nicht in dieſem Falle die Waage der ewigen Gerechtigkeit« „Nein,“ verſetzte ich,»indem das Maaß der ewigen Seligkeit ſo reich gefüllt iſt, daß kein Menſch hienieden Ardent Troughton. 33 jemals des Guten zu viel, ja nur daſſelbe genug thun könne. Doch wollen wir dieß übergehen, und für jetzt Ihre Hypotheſe als wahr annehmen— was leiten Sie denn daraus her?2« „Daß der Menſch, um ſein zeitliches Glück zu ſichern, bisweilen ein kleines Unrecht begehen dürfe.« „»Wirklich? Wie aber, wenn der Menſch in dem Augenblicke ſtirbt, in welchem er ſolches Unrecht begeht, was wird ihm alsdann zu Theil?« »Wenn er in Sünden ſtirbt, wird ihm die Ver⸗ dammniß. Der Verſuch dazu iſt ſchauerlich, und ich dachte nie daran, als unter vorausgeſetzter nachfolgen⸗ der Reue.« »Wer thäte das nicht? wenigſtens wird es Jeder thun, der an die Lehre von zukünftiger Vergeltung glaubt. Doch zu welchem Punkte wollen Sie mich ei⸗ gentlich leiten?« Don Juliano ſchwieg ein Weilchen, endlich ermannte er ſich wie durch eine gewaltſame Anſtrengung und rief aus:»Glauben Sie nicht, daß die Moralgeſetze gleich denen der zuverläſſigen Wiſſenſchaften feſtgeſtellt und unſdelbae ſind?2« »Als Richtſchnur für den Wandel des Menſchen— nein. Wir haben keine andere Richtſchnur als die Ge⸗ bote Gottes und die ſich darauf begründenden irrthum⸗ freien Satzungen der Menſchen; dieſe aber ändern ſich, wie Sie wiſſen, gemäß den Umſtänden. Es war nichts Strafbares, nichts Unmoraliſches in Abraham's Vor⸗ haben, den geliebten Sohn zu opfern; nach jüdiſcher Satzung iſt dieſes Vorhaben das frömmſte, das Abra⸗ ham hegen konnte. Beiſpiele dieſer Art laſſen ſich mehrere anführen.— »Ardent, Sie haben mir die einzige Hofſuung ent⸗ Ardent Troughton. II. 3 34 Die Büßung, oder riſſen, auf welche ich mich ſtützte. Die unmittelbaren Abkömmlinge unſers erſten Aelternpaares müſſen ein⸗ ander geheirathet haben—« „»Warum ſagen Sie mir das?« fragte ich argwöh⸗ niſch, und, wie ich fuͤrchte, ärgerlich. Don Juliano ſchwieg abermals ein Weilchen; von innerer Bewegung zitternd, legte er endlich ſeine Hand ſchwer auf meine Schultern, und ſah mir ſo ſcharf in's Geſicht, als ob er es abzeichnen wollte. Auf ſeinem Antlitze wies ſich eine ſeltſame Miſchung von Furcht, Sorge und Bekümmerniß, und doch bereitete dieß Alles mich nicht auf die ſeltſame und plötzliche Frage vor, die er mir in den Worten ſtellte:»Könnten Sie Iſi⸗ dora lieben?⸗« „»Könnte ich meinen Freund erdolchen, während er ſchlaͤft?« gegenfragte ich. Unwillkürlich wendeten wir uns Beide von der Stelle ab, auf welcher wir bisher geſtanden hatten und ſchritten ſchweigend auf dem Verdecke hin und her. Ich mei⸗ nerſeits wankte unter den beängſtigendſten Gedanken, unter denen der laſtendſte der war, daß meine frühere Thorheit geargwohnt, vielleicht gar entdeckt ward, und daß man Bemerkungen darüber anſtellte. Drittes Kapitel. Auf dieſe Weiſe den bitterſten Grübeleien hingege⸗ ben, erhielt ich einen ſehr inſtinktvollen und ernſten, E Ardent Troughton. 35 aber ſchweigenden Geſellſchafter. Die Kajüte, in der ich ſchlief, war die vorderſte auf der Backbordſeite, ge⸗ rade unter dem Vorſprunge der Puppe, dem Steuerrade gegenüber. Ich hatte die Thür derſelben vorſtehen laſ⸗ ſen, und mein getreuer Springer, der ſeine nächtliche Ruheſtätte unter meinem Lager zu haben pflegte, mochte es für gerathen gehalten haben, ſeinen Winkel zu ver⸗ laſſen, und mit Don Juliano und mir auf dem Ver⸗ decke umherzuſpazieren. Nach einer Weile ward mein Freund durch den Hund aus ſeinen Träumereien aufgeſchreckt, deſſen theil⸗ nehmende Ernſthaftigkeit ihm ſogar ein Lächeln entlockte. »Hielt Springer früher ſchon ſo officiersmäßig die Wache mit Ihnen?« fragte mich Don Juliano. »Niemals that er es, und ich wundere mich bei⸗ nahe darüber.⸗ »Welches Vorzeichen liegt denn darin? Sie werden mir das ſagen könunen, nachdem Sie auf einem von Vorandeutungen verfolgten Schiffe eine ſo ſtrenge Lehr⸗ zeit ausdienten.« Ehe ich hierauf antworten konnte, kam der Officier der Wache, der dritte Steuermann, über Deck zu uns heran, und bemühete ſich ehrerbietig und zögernd, mir in ſchlechtem Spaniſch zu verſtehen zu geben, wie der Kapitän poſitiven Befehl gegeben hätte, den Hund vom Hinterdecke wegzuſchaffen. Statt auf dieſe Anforderung zu entgegnen, wendete ich mich zu meinem Freunde und ſagte zu ihm:»Ich habe auf dieſem Schiffe mehr böſe Vorzeichen bemerkt, als die waren, durch welche mein Freund Gavel, deſſen Geſchichte ich Ihnen ſo oft er⸗ zählen mußte, in Schrecken geſetzt ward. Unſer Freund hier unter dem Hute von Theertuch hat Ihnen ſo eben ein ſolches Vorzeichen genannt.⸗ In engliſcher Sprache 5 3* 36 Die Büßung, oder ſagte ich dann zu dem dritten Steuermanne:»Sie ſprechen ſehr ſchlecht ſpaniſch, und aus Ihrem Aecente nehm' ich ab, daß Sie ein Englaͤnder ſind. Wie hei⸗ ßen Sie?⸗ Als der Mann ſich in ſeiner Mutterſprache angere⸗ det hörte, erheiterte ſich ſein Geſicht trotz der dunkel⸗ braunen Färbung deſſelben. Ein Lächeln der Freude lag auf ſeiner Lippe.»David Drinkwater, zu Ew. Ed⸗ len Dienſten,« antwortete er, indem er den Hut abnahm und zwiſchen beiden Händen ihn herumdrehete. „Und welche Anſtellung— ich ſollte ſagen, welchen Bordplatz haben Sie in dieſem Schwimmkaſten?« »„Ich bin dritter Steuermann, in Ermangelung von „was Beſſerem, Sir.« „Es bedarf des Beſſeren nicht, David,« verſetzte ich.»Sie mögen wiſſen, David, daß ich der Sohn eines Engländers, und bis in mein Rückenmark Eng⸗ länder bin; daß dieſes Schiff bis auf drei Achttheile deſſelben meinem Vater und mir gehört, und daß es für dieſe Reiſe gänzlich unſer Eigenthum iſt.« „Das hatte ich mir ſo herausgeklügelt, und da Sie jetzt ſelbſt es ſagen, Sir, ſo bin ich davon überzeugt.« „Iſt's alſo nicht hart, David, daß auf meinem ei⸗ genen Hinterdecke nicht Raum für meinen Hund ſein ſoll, daß er neben mir her ſchlendern möge?« „Verwettert hart ſcheint mir das, wahrhaftig, Sir! Doch Ordre muß parirt werden; und ich ſeh's ſo an, daß der Kapitän, dem Herkommen im Seedienſte nach, das Recht hat, Verordnungen nach Belieben zu machen, auch wenn er nicht Rheder iſt; obzwar freilich ich am Bord eines ſo ſtrammen Kriegsſchiffes diente, als jemals eins getakelt war, und Hunde auf dem Hinterdecke her⸗ 4 Ardent Troughton. 37 umlaufen ſah, wiewohl dieſe immer dem Schiffer zu ei⸗ gen gehörten.« „So meinen Sie wirklich, daß der Kapitän, kraft ſeines Amtes berechtigt iſt, dieſem ſchönen Thiere zu verbieten, mir zur Seite zu ſein?« »„Ich verſtehe mich nicht auf die Macht des Kapi⸗ täns, aber ich meine, er hat das Recht, den Hund vom Hinterdeck wegzuweiſen, wiewohl, alle Dinge gehörig erwogen, es verd— ſpött'ſch und ſchabbig gethan ſein würde, und ſo will ich ſprechen, ſo lang' ich David Drinkwater heiße.«— Nachdem ich in Kürze und ohne weitere Bemerkung den Inhalt dieſes Dictums meinem Freunde Juliano mit⸗ getheilt hatte, deſſen Engliſch noch im Keimen begriffen war, führte ich Springer in meine Kajüte, befahl ihm ſich hinzulegen, und machte die Thüre hinter ihm zu. Als ich zu meinem Gefährten zurückkehrte, ſagte ich zu dieſem:»Dieſer Mantez wird bald in offene Feind⸗ ſchaft gegen uns ausbrechen. So gut als ich wiſſen Sie, daß er ſich uns gänzlich entfremdet hat, ſo daß ſelbſt Honoria nicht mehr vermag, ihn zu unſerer Kajüte zu lenken. Bei alldem wird er ſeine Anſprüche auf das Mädchen nicht aufgeben. Daß er mich haßt, iſt ganz natürlich; denn zwiſchen ihm und mir fiel zu viel Be⸗ leidigendes vor, als daß wir auch nur den Schein von Herzlichkeit gegen einander aufrecht erhalten könnten. Können Sie ſeine weiteren Vorſätze muthmaßen, oder wiſſen Sie, wer er iſt?« »Er iſt der Verlobte Ihrer Schweſter, und eben deßwegen könnt' ich ihm mit Freuden die Gurgel ab⸗ ſchneiden.« »Ha! Sprechen Sie ſo?— Geben Sie mir Ihre Hand darauf. Wir wollen ihm nicht die Gurgel ab⸗ 38 Die Büßung, oder ſchneiden, aber— aber— eher will ich ſolches an mir thun laſſen, als daß er Honoria ehelichen ſoll; und den⸗ noch,« fuhr ich mit düſterem Blicke fort,»dennoch möchte ich Sie nicht zum Liebhaber meiner Schweſter.“ „»So ſagte auch Iſidora,« verſetzte Juliano;»Sie möchte dazu weder Mantez, noch mich, noch irgend einen anderen Menſchen. Ich wendete mich haſtig gegen meinen Geſellſchafter; meine Stirn glühete vor Schaam und Verdruß, allein ehe Zornesworte über meine Lippen kamen, brachte ſein ruhiges und argloſes Geſicht mich wieder zum richtigen Gefühle der Würde meiner eigenen Unſchuld. Da je⸗ doch einmal eine kaum nach ihrem Sprengen wieder angeknüpfte Saite von ihm berührt worden war, nahm ich liebevoll ſeine Hand, empfahl ihn dem Schutze ſeiner Heiligen, wünſchte ihm eine gute Nacht und begab mich in meine Kajüte. Ich ſchlief waͤhrend jener Nacht wie ein Gewiſſen⸗ gequälter, und erhob mich am folgenden Morgen mit dem Entſchluſſe, meine Zeit mehr Iſidoren und minder meiner Schweſter zu widmen. Ich nahm mir vor, die⸗ ſen Tag zu einem Tage des Beobachtens zu machen, die Handlungen und das Betragen der mich Umgeben⸗ den auf das Schärfſte zu erforſchen, und ſo in die Be⸗ weggründe ihres Benehmens zu dringen und ihre endli⸗ chen Abſichten zu erſpähen. Als ein gehorſamer Sohn begann ich bei meinem Vater. Im Herzen dieſes guten, ſanften und redlichen Mannes hatte ich bald geleſen. Er brachte den größten Theil ſeiner Morgenſtunden mit Ordnen ſeiner Bücher, mit dem Entwerfen ſeiner ſpäte⸗ ren Operationspläne und mit Unterſuchen des feſten Verſchlages im Brauntweinraume hin, wo ſeine ſchwe⸗ ren eiſenbeſchlagenen Kaſten mit Dublonen und Piaſtern Ardent Troughton. 39 hinter doppelten Thüren verwahrt ſtanden. Er betrach⸗ tete ſeine Reiſe als ein Tagesgeſchäft, das bald beendigt ſein würde; und was den Bruch des Verſprechens be⸗ traf, das er dem Kapitän Mantez gegeben hatte, ſo war er völlig bereit, lieber jede verlangte Büßungsſumme zu zahlen, als daß ſeiner ſo zärtlich von ihm geliebten Tochter auch nur die leiſeſte Beunruhigung zu Theil bliebe. Er ſah die Heirathsverabredung als bloßen Han⸗ delskontrakt an, für deſſen Nichterfüllung er allerdings Entſchädigung zu zahlen haben würde, und die er auch gern zahlen wollte. Er gewahrte nichts, das ihm hätte Unangenehmes bereiten können, als nur das langſame Vorwärkskommen des Schiffes, und des Kapitäns ver⸗ aändertes Weſen erſchien ihm bloß als Ausübung des Rechtes, nach welchem verſchmähete Liebhaber ſich einen Anſtrich von Wichtigkeit geben dürfen. Meine liebe, ſtattliche Mutter fühlte ſich nur durch drei Dinge beunruhigt, nämlich, daß ſie nicht wußte, den langen, langweiligen Tag hinzubringen, daß auf dem Verdecke ihr ein Unfall begegnen oder ſie in eine Stellung verſetzt werden möchte, die der Würde einer ſpaniſchen Matrone widerſtrebend iſt, und endlich meine Bekehrung von der Sünde der Ketzerei. Honoria, die Muntere und Schöne, war keinen Au⸗ genblick unbeſchäftigt, und fühlte ſich keinen Augenblick unglücklich. Ihr Harfenſpiel, ihr Geſang, ihr Engliſch⸗ lernen und der Unterricht, den ſie dem Neger in der Fingerſprache ertheilte; die Neckereien, die ſie mit mir, den Spott, den ſie mit ihrem vorigen Liebhaber trieb, der noch immer vorgab, ſie ſei ihm über Alles theuer, füllten ihr zur Genüge den lieben langen Tag aus. Zu wiederholten Malen verſicherte ſie mir, daß jetzt, wo ſie meine Liebe beſäße, ſie vollkommen glücklich wäre. 40 Die Büßung, oder Sie ſah kein Wölkchen am Horizonte ihres Geſchickes, und wahrlich! ſie verdiente es, daß ihr dieſer durchaus nicht verdüſtert ward. Ging ſie auf dem Verdecke um⸗ her, ſo ſchien es, als brächte ſie der Schiffsmannſchaft Segnung zu; obwohl keiner derſelben ihr nahe zu tre⸗ ten wagte, kamen doch Alle hinzu, um ſie zu betrach⸗ ten. Es war, als wäre Honoria ihnen Allen ein Un⸗ terpfand der Sicherheit, denn Alle prophezeieten, es würde ſie weder Sturm noch Unheil treffen, ſo lange Honoria am Bord wäre; und konnte Einer von ihnen unter irgend einem Vorwande ihr nahe genug kommen, daß ihr himmliſches Lächeln— und ſie lächelte Jeden an—— auf ihn fiel, fo fühlte er ſeine Bruſt erleich⸗ tert, und wies während des übrigen Theils des Tages eine ſtolzer getragene Stirn. Einige von den ſchwär⸗ meriſchen Matroſen aus ſüdlicheren Ländern hatten ſich Honoriens Namen mit Schießpulver in den Arm ge⸗ brannt, und pflegten ihren Betheuerungen dadurch Nach⸗ druck zu geben, daß ſie bei der Schönheit Honoriens ſchwuren. Hätte das Mädchen ihre Allgewalt gekannt, ſo würde ſie allmächtig geweſen ſein, und das Schiff in jeden Welttheil führen können, ſobald dieſer nur Waſ⸗ ſer genug dazu gehabt hätte. Jugurtha aber, dieſe dunkelfarbige Liebenswürdigkeit, war allen Glückes theilhaftig, deſſen ſeine Natur irgend fähig ſein konnte. Er war unſer perſönlicher Begleiter und Honoriens beſonderer Liebling. Sein Mund hatte ſich von jeher ſehr geräumig gewieſen; war jedoch durch ſein fort⸗ währendes Grinſen des Frohſinnes noch vergrößert worden, ſo daß zwiſchen deſſen Winkeln und den Ohren nur Raum für eine krumme Falte blieb, die auf das Deutlichſte Luſt und Freudigkeit ausdrückte. Zu gleicher Zeit ſchienen ſeine weißen Zähne um ſo viel größer, ſeine Augen um ſo viel 2 * 8 — ꝑ A Ardent Troughton. 41 kleiner und blinzender, und ſeine ſchwarze Hautfarbe um ſo viel glänzender geworden zu ſein. Er war ein ſo veränderter Menſchworden, daß oft Mantez an ihm vor⸗ übergehen konnte, ohne ihn ſeinem dämoniſchen Stier⸗ blicke anzuſehen. Jugurtha's fortwährende Beſchäftigung in der Kajüte geſtattete ihm nicht, ſonderlichen Verkehr mit der Schiffsmannſchaft zu haben; doch hatte dieſe, inſofern ſie ihn kannte, im Allgemeinen ihn recht lieb. Wie befriedigend für mich auch die Erwägung des Gemüthszuſtandes meiner Familienmitglieder ausgefal⸗ len war, verurſachten das Benehmen des Kapitäns Mantez und deſſen wachſende Vertraulichkeit mit ſei⸗ nem erſten und zweiten Steuermanne mir nicht geringe Beſorgniß. Dieſe beiden Unwürdigen waren Gomez Alfaruche, ein rauher, banditenartiger Spanier, der den Dienſt eines erſten Lieutenants verwaltete, und ein baum⸗ langer, Don Quixotiſcher, verhungert ausſehender Nor⸗ man, der unter dem ſowohl hochklingenden als erborgten Beinamen Auguſtus Epaminondas Montmorenci ein⸗ herſtolzirte. Beide Steuerleute wußten auf beſondere Weiſe die Geſetze auszulegen, die den Beſitz des Pri⸗ vakeigenthums begründen und die das Recht feſtſtellen, Miſſethäter dem Tode zu überantworten. Es verſteht ſich, daß ich ſo wenig, als meine Familie den geringſten Verkehr mit dieſen Männern unterhielt, obſchon ich den⸗ ſelben die Gerechtigkeit widerfahren laſſen muß, zu be⸗ kennen, daß dieſe Sonderung keineswegs Folge eines Mangels an mancherlei Einleitung zu beſſerem Verneh⸗ men auf Seiten dieſer beiden erlauchten Perſonen war. Der dritte Maat, oder Officier, war, wie ich bereits geſagt habe, ein ſchlichter, und wie ich hoffte, ein ehrlicher Eng⸗ länder, der ſich David Drinkwater, alſo mit einem Na⸗ men nennen ließ, der, wie ich ſchlau genug argwöhnte, eben 42 Die Büßung, oder ſo unecht als unpaſſend ſein mochte. Bei alledem freuete es mich, zu ſehen, daß David nicht in das Ver⸗ trauen des Kapitäns und der beiden oberen Steuerleute gezogen ward; aus welchem Grunde ich ſofort darüber nachzudenken begann, wie ich mir ihn geneigt machen könnte. Ich fand bald, daß dieſes keine ſchwere Auf⸗ gabe war; ich brauchte nur zu beweiſen, wie wenig er ſeinem Namen»Waſſertrinker« entſprach. So oft David die Wache zur Abendzeit auf dem Verdeck hatte, gab ich mich mit ihm in's Geſpräch und erwies ihm jene Freimüthigkeit und Offenherzigkeit, wodurch ſo leicht eines Seemannes Herz gewonnen wird. Ich ermunterte ihn, von ſich und ſeinen Aus⸗ ſichten zu ſchwatzen, was er denn auch rückhaltlos ge⸗ nug that. Seine Geſchichte hatte jedoch offenbar einen faulen Fleck, den er mich nicht erkennen laſſen wollte, und ich war zu großmüthig, um ihm durch zu ſtellende Querfragen die Wahrheit abzuzwacken. Da ich ſeines Vertrauens bedurfte, zeigte ich ihm deutlich, daß ich ihm das meinige nicht vorenthielt, und gewann auch, bis auf den erwähnten faulen Fleck, vollkommen das ſeinige. Viertes Kapitel. Einige Abend nach meinem aufregenden Geſpräche mit Don Juliano kam David, der geſehen haben mochte, wie der Kapitän ſich in ſeine Kajüte zurückgezogen hatte, —— Ardent Troughton. 43 über Deck zu mir heran, wo ich umherſpazierte, und fragte mich, nach einigen unbeholfenen Einleitungswor⸗ ten zu einem Geſpräche, plötzlich: »Wiſſen Sie, Mr. Troughton, welchen Kours wir ſteuern?« »Nun, den nach Neu⸗Orleans,“ verſetzte ich. »Vielleicht. Wohin aber ſteht des Schiffes Schna⸗ bel jetzt?« fragte David weiter. „»Wie ſo? Ich will nachſehen.« „»Thun Sie das.« Ich ging und ſah nach dem Kompaſſe, und fand, daß wir Südweſt zu Weſt ſteuerten. Ich ſagte es mei⸗ nem Geſellſchafter. »Ganz wohl. Wiſſen Sie denn auch, daß wir ein mächtig Theil zu weit zum Süden machen? und daß während dieſer ganzen Woche Kapitän Mantez mir rundweg geſagt hat, ich brauchte mir nicht mehr die Mühe zu geben, Sonnenobſervationen anzuſtellen?« »Wirklich? und Sie?« »Ich ſtellte ſie dennoch täglich auf dem Vorder⸗ ſchiffe an, und weiß, daß wir jetzt zehn Grade näher der Linie ſind, als wir es irgend nöthig hätten.« »Danach muß geſehen werden, David,“« verſetzte ich—»wer leitet den Kours des Schiffes?« »Vornehmlich der Kapitän; doch hat der lange ge⸗ ſpenſtiſche Franzmann eben ſo viel damit zu ſchaffen.“ »Aber der Kapitän kann unwiſſend, der Franzos es nicht minder ſein,« bemerkte ich. »Ganz recht, ganz recht; doch wiſſen ſie zur Ge⸗ nüge, wohin ſie's Fahrzeug richten.« »Wiſſen Sie's auch, David?« »Mein Seel', nein!« ſagte er, und bekräftigte dieſe 4*½ 44 ſeine Behauptung durch einen derben Schlag mit ſeiner rechten Fanſt in ſeine linke Hand. »Nicht nach Neu⸗Orleans?⸗ „Ich meine, nein.« 4 „»David, Sie beunruhigen mich. Sie wiſſen, daß jedes mir theure Weſen ſich auf dieſem unſeligen Fahr⸗ zeuge befindet. Sagen Sie mir, ob Sie noch irgend andere Anzeichen von Hinterliſt wahrgenommen haben?« „Freilich hab' ich ſo allerlei kurioſes Zeug wahrge⸗ nommen,« verſetzte David.»Vor zwei Abenden waren in des Hochbootsmanns Kajüte faſt alle Officiere, ja alle außer mir, verſammelt, und der Kapitän war mit⸗ ten unter der Sippſchaft.“ „Waren ſie wirklich? und der glorreiche Don war mit dabei? Wohlan, David! bei dem engliſchen Blute, das in Ihren Adern fließt, Sie müſſen uns beiſtehen! Sie werden es nicht mit anſehen, wie wir, gleich einer Brut junger Hunde, auf unſerm eigenen Schiffe fort⸗ geführt und bei erſter Gelegenheit erſäuft werden.« »Nimmer, ſobald ich's hindern kann; doch mögen ſie's bei Allem nicht ſchlimm meinen. Vielleicht ſchwei⸗ fen wir nur ein Bißchen umher, um die Fahrt zu ver⸗ längern und den Officieren und dem Volke für zwanzig oder dreißig Tage mehr Löhnung zuzuſpielen. Doch komme, was wolle; für die Freundlichkeit, die Sie mir erwieſen haben, und um des lieben ſegenverbreitenden Geſchöpfs, ihrer Schweſter, willen, ſteht Ein armes Leben Ihnen zu Dienſten, und das iſt das Leben des Thunichtgut David Drinkwater. Hier meine Hand darauf.“« »Ich nehme dieß Unterpfand als Ihr Freund an,“ ſagte ich;»Honoria ſoll Ihnen ebenfalls danken. Für⸗ wahr, Mann! meine Schweſter wird ruhiger und ſanf⸗ Die Büßung, oder Ardent Troughton. 45 ter ſchlafen, wenn ſie weiß, daß ſie unter dem Schutze nicht des Thunichtgut, ſondern des Thurecht David ſchläft. Ja, ja, wir wollen dieſen heckorſpielenden Go⸗ liath ſchon bezwingen, Freund David!« »Mit einer Schlinge— an der Raaſtange— der Hund verdient's!« In dieſem Augenblicke n die Glocke des Kapi⸗ täns, und David ging hinunter, um ſeine Befehle in Empfang zu nehmen. Nicht lange währte es, ſo kam David wieder herauf und ſah, ſeinem eigenen Ausdrucke nach, ſchwarz aus wie'n Donnerwetter. Indem er eine Dienſtmiene annahm und den Hut rückte, redete er mich mit den Worten an:»Don Rodrigo Mantez de Flu⸗ ſterbellow, oder wie ſein ausländiſcher Name ſonſt hei⸗ ßen mag, läßt dem Sennor Trottoni ſeinen Gruß ver⸗ melden, und würde es als eine beſondere Gunſtbezeigung anſehen, wenn derſelbe ſeine Abende anders hinbringen wollte, als die Aufmerkſamkeit der wachthabenden Of⸗ ficiere vom Dienſte abzulenken, und dieſelben ihren Ob⸗ liegenheiten abtrünnig zu machen.« Dieſe Botſchaft, die der ehrliche Kerl Wort nach Wort zu überbringen ſich bemühete, ward in ſchlechtem, aber hochklingendem Spaniſch abgegeben. »Gut geſprochen, David!« ſagte ich;»Sie beſſern ſich recht hurtig in Ihrer Ausſprache. Aber das giebt nur eine Kerbe mehr in's Abrechnungshölzchen. »Daß Dich der——« fluchte David nach recht orthodorer Seemannsweiſe.—»Von mir zu glauben, ich könnte mich verleiten oder beſtechen laſſen, meine Hand gegen meinen Officier zu erheben.— Die Gur⸗ gel will ich ihm in ſeiner eigenen Hängmatte abſchnei⸗ den!« Damit ſtapfte er voll Unwillen hinüber nach 46 der Steuerbordſeite des Hinterdecks, und hielt ſchwei⸗ gend den Reſt ſeiner Wache ab. Meine Bruſt ward jetzt Beute von tauſend der ent⸗ ſetzlichſten Vermuthungen; und obgleich ich für die Nacht mich in meine Kajüte zurückzog, fühlte ich doch nicht die geringſte Neigung zum Schlafe. Ich raffte alle meine Kräfte zuſammen, um den Gefahren zu trotzen, von denen ich meinte, daß ſie uns bedroheten, und zu gleicher Zeit beſchloß ich, nur im äußerſten Nothfalle eine der Damen oder meinen guten Vater im Voraus zu beunruhigen. Die Büßung, oder Fuͤnftes Kapitel. Kaum war es taghell geworden, ſo weckte ich mei⸗ nen Freund Juliano, und vertraute ihm all' meinen Argwohn. Er erblickte den Zuſtand der Dinge ſogleich in demſelben Lichte, als ich ſelbſt es that. Wir kamen überein, in's Geheim alle Waffen und den erforderlichen Schießvorrath in unſere Kajüte und in das Prunk⸗ gemach auf dem Hauptverdeck zu verbergen, welches Gemach, mit ſeinen kleinen Seitenkabinetten, ausſchließ⸗ lich von den Frauenzimmern bewohnt ward. Meines Vaters Hängbett war dicht an der Außenſeite des Bollwerks an der einen Seite des Deckes, das des Geiſtlichen an der andern Seite aufgeſchlungen, und Beide waren mit ausgeſpanntem Segeltuche verhangen. Ardent Troughton. 47 Ich habe ſchon erinnert, daß ich in einer kleinen Ka⸗ jüte, unmittelbar unter dem Vorſprunge der Puppe, auf der Steuerbordſeite ſchlief, und daß Don Juliano mir gerade gegenüber wohnte. Die Puppenkajüte ward ausſchließlich von Mantez bewohnt; dort ſchlief und ſaß er, und aß auch daſelbſt ſeit unſerm uns von ihm aufgedrungenen Bruche mit ihm. Die Steuerleute hat⸗ ten ihre Hängmatten irgendwo auf dem Hauptverdeck aufgeknotet, und die übrige Mannſchaft war, ſo wie es auf großen Schiffen gewöhnlich iſt, untergebracht. Ein kluger General wird allemal, wenn er es kann, ſich ei⸗ nen Ueberblick des Schlachtfeldes verſchaffen, bevor das Treffen beginnt. Bei alledem hatte ich mir vorgenommen, die Dinge ſo ruhig als möglich aufzufaſſen, und indem ich mich ſtellte, als dächte ich, Alles ginge gehörig ſeinen Fort⸗ gang, hoffte ich, die Verſchworenen dahin zu beſchränken, daß ſie nichts Unrechtes unternehmen möchten. Da es nothwendig war, jeden Verdacht einzuſchläfern, begann Don Rodrigo Mantez noch an demſelben Tage, ſich, eben dieſem Grundſatze gemäß, zu bezwingen. Vormit⸗ tags, etwa um ſieben Glocken, kam er zu mir auf die Puppe und machte mir eine ſehr freundliche Verbeu⸗ gung, die ich mit einem leiſen Lächeln zu erwiedern ſtrebte. Nach dieſer erhaltenen Aufmunterung ſprach er mit Freundlichkeit:»Sennor Trottoni, ich hoffe, daß der dritte Steuermann Ihnen geſtern Abend meine Botſchaft nicht auf unhöfliche Weiſe überbrachte.« „» Wie wär's möglich, Kapitän,« verſetzte ich in er⸗ zwungenem ſcherzhaften Tone,»kaltblütig eine glühende Kohle in der Hand zu tragen, oder eine Botſchaft, de⸗ ren Sinn beſagt, man wolle einen Ihrer Untergeordne⸗ 48 ten ſeiner Pflicht abtrünnig machen, wie einen Glück⸗ wunſch zum neuen Jahre zu überbringen?« »Verzeihen Sie mir, Sennor; der Mann hatte mich falſch verſtanden. In ſeiner eigenen Sprache iſt er närriſch, noch närriſcher aber in einer ihm fremden Redeweiſe. Sie ſprachen ſehr laut, wie Ihnen erinner⸗ lich ſein wird, und ich bedurfte wirklich der Ruhe. Ich ſag' es, das Ganze war ein Mißverſtändniß. Aller⸗ dings kam es mir nicht zu, Sie um Herabſtimmung Ihres Tones erſuchen zu laſſen. Ich bitte alſo noch⸗ mals um Verzeihung.— Wird ſie mir?« „»Reden wir nicht mehr davon, Sennor,“« verſetzte ich;»ich hege genan die Geſinnungen gegen Sie, welche Sie gegen mich hegen, deſſen ſein Sie feſt verſichert. Aber es iſt bald Mittag— wär's nicht Zeit, Sonnen⸗ obſervationen anzuſtellen?« »Ja wohl. Gleich ſollen meine Offteiere kommen.« So begannen denn Mantez mit ſeinem Sertanten und die beiden Oberſteuerleute mit ihren Quadranten, die Sonnenhöhe zu meſſen.« »Wo iſt denn der Engländer? Männer ſeines Lau⸗ des ſind gemeiniglich gute Seelente.« »Doch macht dieſer eine Ausnahme, Sennor; er iſt ein Stümper.« „»Das thut mir leid. Bring' doch meine Empfehlung an Hrn. Drinkwater,“ ſagte ich zu einem naheſtehen⸗ den Matroſen,» und meine Bitte, mir ſeinen Quadran⸗ ten zu leihen. Ich will doch ſehen, Kapitän, ob ich es verlernt habe, die Sonne aufzufangen. Am Bord der Brigg, auf welcher ich Schiffbruch litt, habe ich für dieſe Arbeit eine gute Schule durchgemacht.“« Der Quadrant ward mir bald eingehändgi. Ich Die Büßung, oder Ardent Troughton. 49, brachte den untern Sonneurand an den Horizont, und bald nachher ging die Sonne unter. »Zwölf Uhr! Glocke gezogen!« rief Mankez. Mittlerweile nahm ich meinen Bleiſtift zur Hand und berechnete die Breite. Indem ich dann ein Er⸗ ſtaunen zeigte, welches ich keineswegs fühlte, ſagte ich mit angemeſſener Betonung:»Zehn Grad dreizehn Minuten nördlicher Breite! Was heißt das? Durch welches Wunder ſind wir hieher gerathen?« Einen Augenblick lang, freilich nur für einen Au⸗ genblick lang, beſonders inſofern es Mantez betraf, ſa⸗ hen die drei Verſchworenen ganz verblüfft aus. »Hoho,« nahm Mantez das Wort—»hoho, Sen⸗ nor! gewiß iſt Driukwater's Quadrant eben ſo wider⸗ ſinnig, als deſſen Eigenthümer.«. „ Nein, nein!“ verſetzte ich,»das kann nicht ſein!« und indem ich des Kapitäus Sertanten aufhob, den er achtlos auf die Fenſterluke der Kajüte hingeſtellt hatte, ſetzte ich hinzu:»denn ich leſe die nämliche An⸗ zahl von Graden und Minuten, unter ſehr geringer Abwei⸗ chung, auch auf Ihrem Inſtrumente. Auch trifft Ihr Qua⸗ drant, Monſieur, ganz mit dem meinigen zuſammen. Wie, im Namen alles Redlichen, Offenen und Ehreuwerthen, ſind wir ſüdlich von allen Karaibeninſeln gelangt?« Nach einer ziemlich laugen Pauſe verſetzte Mantez: »Bin ich doch eben ſo verwundert, als Sie! Sennor Montmorenci, ich hoffe, Sie haben mich nicht getäuſcht; indeſſen laſſen Sie uns mit einander in meine Kajüte gehen, um die Seekarte zu Rathe zu ziehen und unſern Steuerkours zu juſtiren. In der That, ich bin völlig bereit, die Leitung des Schiffes dem Sennor Trotton zu überlaſſen, ſobald er ſich für einen beſſeren Seemann hält, als wir es zu ſein uns ſchmeicheln.« Ardent Troughton. II. 4 50 Die Büßung, oder „Mit nichten. Es thut mir leid, ſagen zu müſſen,⸗ enkgegnete ich,»daß ich nur wenig davon verſtehe; doch dünkt mich, es wird uns ſchwer halten, einen Ha⸗ fen in der ſüdlichen Hemiſphäre zu machen, die zufälliger Weiſe mehr denn dreißig Grade nördlicher Breite zählt.« Wir gingen in die Kazüte, die Karte ward aufge⸗ ſchlagen, und bald lag meines Zeigefingers Spitze auf der Breitenlinie, durch die wir ſo eben hinfuhren. „Jetzt, meine Herren,« ſprach ich,»laſſen Sie hören, wie weit weſtwaͤrts wir geſtrichen ſind!« Aber die Herren wußten davon nichts, oder ſtellten ſich, als wüßten ſie es nicht. Die Chronometer befanden ſich in Unordnung, die todte Rechuung war ſchlechter als un⸗ nütz, und eine Mondesobſervation war nicht angeſtellt worden, ſeitdem wir das Land aus dem Geſichte ver⸗ loren hatten. Jetzt zum erſten Male fiel es mir auf, daß wir kein einziges Schiff hatten anſprechen können. Dieß war freilich ſehr natürlich, denn wir befanden uns auf einem der unbeſuchteſten Theile des Oceans, dieſer großen Fahrſtraße der Nationen. Waren wir denn ab: ſichtlich aus dem gewohnten Steuerſtriche der Schiffe herausgerathen? Und die Ueberzeugung, daß wir es waren, durchzuckte mich wie ein galvaniſcher Stoß. Ich zweifelte nicht mehr, daß wir verrathen wären. Dennoch bemeiſterte ich meinen Geſichtsausdruck, und ſagte mit aller mir nur anzueignenden Milde:»Sie ſehen, Sennores, daß wir uns, wie unſchuldige Kind⸗ ein im Walde, verirrt haben. Dieſe Inſulaner, die Engländer, hangen dem Waſſer ſo natürlich wie See⸗ hunde an, und ich glaube wahrhaftig, daß viele von ih⸗ nen ſchon aus Inſtinkt wiſſen, wo ſie ſich befinden, wenn man ſie in irgend einen beliebigen Theil des Oceaus erſeßte. Laſſen wir David Drinkwater kommen. Wir Ardent Troughton. 51 können ja ſeiney Rath annehmen oder verwerfen, je nachdem es uns gut bedünken mag; vielleicht bietet durch ihn ſich ein Ausweg, den wir nicht verlieren dür⸗ fen, ſo wie wir uns verloren haben.« „Sag' dem engliſchen Hunde, dem Drinkwater, hier⸗ her zu kommen,« rief Mantez ſeinem Dienſtmanne zu. Drinkwater kam beſcheiden genng herein, doch lauerte hinter ſeiner Demuth ein Grollen, welches mir für Be⸗ weis der Schlichtherzigkeit des Mannes galt. »Wir haben Sie rufen laſſen, Mr. Drinkwater,« ſprach ich mit vieler Hochachtung in meinem Weſen, „damit Sie uns Ihre Meinung abgeben mögen, wo wir uns befinden.« „Geſegnet will ich ſein, wenn ich's weiß. Wir ſind irgendwo auf dem Atlantiſchen, ſollt' ich meinen.« „Das iſt eine umfaſſende und richtige Meinung. Vielleicht wiſſen Sie auch, unter welchem Breitengrade wir uns befinden.“ »Nicht weit von der Linie, kalkulir' ich, und zwar nach dem Auf und Unter der Sonne um Mittag, nach dem Pech, das aus den Kalfaterritzen quillt, und nach der höllenmäßigen Unverſchämtheit der Kockroatſchen. ⸗ „Gerade hier iſt unſere Breite,« ſagte ich und zeigte dabei auf die Karte;»jetzt möchten wir Ihre unmaß⸗ gebliche Meinung über unſere Länge hören.« »Nun,“ verſetzte er,»wenn ich ſprechen ſoll, ſo möcht' ich ſagen, wir wären ſo ungefähr drei— nicht weit von der Höhe der Sanct⸗Pauls⸗Inſel. Wir haben nicht mehr als dreißig Grad weſtwärts gemacht— nen⸗ nen Sie mich'nen Lümmel, wenn's nicht wahr iſt. Wir befinden uns juſt auf dem Außerwegsfahrſtriche, auf dem alle Sklavenſchiffe wegzuſchlüpfen pflegten, als 4* 1 52 Die Büßung, oder die Engländer den Sklavenhandel für Piraterei er⸗ klärten.« „Aber woher wiſſen Sie das Alles?« „»Segne Gott Ihre beiden klarſehenden Augen, Mr. Troughton, obwohl ich's ſage, der's nicht ſagen ſollte, weil, zu meiner um ſo größeren Schande, ich ſelbſt auf einem Sklavenſchiffe diente. Den Seezug hier kenne ich ſo gut, als die Butterblumen und Gänſeblümchen auf der Wieſe hinker meines Vaters Hauſe.« Mit einem tiefen Seufzer fuhr er fort:»Ich wollt', ich wäre da— doch das gehört nicht hierher.— Ich habe mein Sagen geſagt; jetzt thun Sie Ihr Thun.« »Unſer Thun thun, David? Von unſerem Thun ſoll jetzt nicht Rede ſein. Was rathen Sie uns, zu thun? Sprechen Sie dreiſt heraus, und bei'm heiligen Georg von England ſchwör' ich, daß Ihr Thun gethan werden ſoll.« „Sie denken doch nicht, den Kours des Schiffs ohne meine Zuſtimmung zu ändern?« fragte Mantez, wobei er jedoch kein verdrießliches Weſen zeigte. „Das werde ich gewiß!« rief ich. »Das ſollen Sie dennoch nicht, indem ich dießmal Alles billigen werde, was Sie vorſchlagen mögen.« Da hören Sie's, David! Was alſo wollen Sie, daß ich thue?« Na, hätt' ich's Schiff in Händen, ich ließe die Backbord⸗Beiſatzſegel herunterglitſchen, bevor ein Affe eine Kokosnuß zerkuackte, ließe die Backbordbraſſen ein⸗ ründen, den Wind an den Steuerbalken bringen und des Schiffes Schnabel gehörig nordweſtwärts legen. Soo's dem Pfeifer gefällt, machen wir dann die Jung⸗ fraueninſeln, die ich von Anſehen eben ſo gut, als meine eignen Brüder und Schweſtern kenne.« Ardent Troughton⸗ 53 »Nun, Kapitän Mantez,“ ſagte ich mit tiefer Ver⸗ beugung,»wollen Sie mir die beſondere Gunſt erzei⸗ gen, dieſen Anrathungen zu folgen?« »Allzu gütig ſind Sie, Sennor Trottoni,“ verſetzte der Kapitän mit noch tieferer Verbeugung.„»Vielleicht auferlegen Sie mir eine immerwährende Verpflichtung dadurch, daß ſie ſelbſt das Alles in's Werk richten. Die Sache iſt ſo verſtändig auseinandergeſetzt worden, daß ich ſofort den Befehl über dieß Schiff einem jun⸗ gen Menſchen überlaſſen muß, der mein Paſſagier und obendrein ein Händler mit Baumwolle und rohem Zu⸗ cker iſt. Somit erſuche ich Sie, mein Sprachrohr zu nehmen und dafür zu ſorgen, daß Alles gethan werde, was Ihnen gutdünkt.« c „»Mit dem unverſtellteſten Vergnügen von der Welt,« verſetzte ich, indem ich dem verwunderten Manne das dargebotene Sprachrohr abnahm. Ich be⸗ gab mich nunmehr auf das Hinterdeck und ſchrie: „»Mannſchaft'rauf! Segel getrimmt!« und nach kur⸗ zer Friſt legte das Schiff unter zunehmender Segel⸗ ſchnelle herum, und wir ſteuerten den angerathenen Kours, indem die Wetter⸗Topmaſtbeiſatzſegel wacker zogen. Der Schall meiner Stimme bei'm nöthigen Befehl⸗ ertheilen brachte ſofort meine Familie, ſo wie auch Ju⸗ liano und Iſidora, auf das Verdeck. Honoria freuete ſich nicht wenig, als ſie gewahrte, wie ihr Bruder aber⸗ mals Kapitän ſpielte, und ſie ſagte mir das mit aller Munterkeit jugendlichen Behagens. Wirklich führte der Auftritt ſein Drolliges mit ſich; denn kaum ließ ich mich als Befehlshaber vernehmen, ſo betrachtete Ju⸗ gurtha ſich ex officio als meinen Lieutenant, und ſein Eifer, meine Befehle pünktlich und gehörig vollzogen 54 Die Büßung, oder zu wiſſen, gab, zuſammt ſeiner bewundernswürdigen Rührigkeit, als er nun hin und her ſprang, keinen ſchlechten Begriff von einer ſchwarzen Bohne ab, die in einer Schmorpfanne zwiſchen bratenden Erbſen umher⸗ hüpfte. Hätte irgend ein Anderer kommandirt, ſo glaube ich, daß er ſchwerlich Hand an ein Tau gelegt haben würde, um das Schiff vor dem Unterſinken zu ſichern, ſo lange er nämlich vorausſetzen konnte, daß meine und der Meinigen Sicherheit nicht in Gefahr ſchwebte. Nachdem die Anordnung zu Stande gebracht wor⸗ den war, gab ich dem Kapitän das Sprachrohr zurück. Er empfing es mit einem ironiſchen Lächeln, zeigte je⸗ doch wegen der Freiheib, die ich mir genommen hatte, weiter keine Symptome von Mißbehagen. Es gefſiel ihm an dieſem Tage, ſich huldvoll zu zeigen; und wirk⸗ lich war ſein Benehmen das eines Menſchen, der ſo eben ein verzweifeltes Spiel gewonnen hat. Auf den Geſichtern der beiden Oberſteuerleute ließ ſich ebenfalls deutlich eine luſtige Bosheit wahrnehmen. Mir ſank das Herz bei all' dieſen Zeichen von gelungener Ber⸗ rätherei. Nichtsdeſtoweniger mußte ich mein Mittags⸗ mahl verzehren, und ich beſchloß, dieſes zu einem denk⸗ würdigen Eſſen zu machen, indem ich David Drink⸗ water zu unſerer Tafel ladete. Bisher hatten wir zwiſchen uns und der Schiffs⸗ mannſchaft eine ſtrenge Grenzlinie gezogen gehalten. Freilich war während der erſten vierzehn Tage unſerer Fahrt Don Rodrigo Mantez unſer beſtändiger Gaſt geweſen; allein nachdem wir unſere erſichtliche Abnei⸗ gung gegen ſeinen verkraulichen Umgang hatten merken laſſen, war er nie wieder in unſere Prunkkajüte ge⸗ kommen. .— Ardent Troughton. 55⁵ Das Glück und die Ehre, mit uns zu eſſen, war beinahe zu viel für den ehrlichen David. Meines Va⸗ ters Gemüthlichkeit, meiner Mutter ſanfthöfliches We⸗ ſen und Honoriens kindhafte, neckiſche Koketterie mach⸗ ten ihn ganz wild vor Vergnügen. David ſang uns ſeine beſten Seemannslieder vor und erzählte uns ſeine beſten Schiffergeſchichten. Wie wird doch ſo oft unter dem rauheſten Aeußern ſo viel geſunder Verſtand, ſo viel echte frohe Laune, ſo viel Adel der Seele gefun⸗ den! David machte den himmelblauen Augen Honvo⸗ rieus ein Kompliment, wie der glücklichſte Poet es kaum beſſer hätte herausbringen können; er bat das Mädchen nämlich, ihn nicht ſo ſcharf anzuſehen, indem ſeine Mutter ihn gelehrt hätte, daß es Sünde des Götendienſtes wäre, irgend ein anderes Blau anzu⸗ beten, als das, wodurch ſeinen Augen der Himmel ver⸗ ſchleiert würde. 6 Sechſtes Kapitel. „Was haſt Du denn eigentlich heute Vormittag mit dem Schiffe vorgenommen, Ardent?« fragte mein Vater, als wir bei Tiſche ſaßen. „Lieber Vater, wir hatten uns in den Wegweiſer⸗ fingern geirrt und einen weiten Umweg gemacht.« „ Ja, ſo'nen circumbendibus,« fiel David ein. b»Ganz richtig,« ſagte ich—»einen'circumben- dibus, um einen Punkt zu erreichen, der gerade vor 56 Die Büßung, oder uns lag. Es war ein bloßes Verſehen in unſeren kod⸗ ten Rechnungen.“«— »Haha!« ſagte mein Vater,»die verſchiedenen Poſten auf unrichtiges Konto geſtellt, wohle gar auf Konto ſchlechter Kunden. Hm, hm! man ſollte täglich die Rechnungen ſaldiren. Wir werden jetzt wohl eine lange Bilanz per contra Creditor zu ziehen ha⸗ ben— he?« »Allerdings; doch mich dünkt, wir müſſen dieſe Verzögerung dem Kapitän zu Laſten ſtellen.« »Mir will gemuthen, daß er die Kreideſtriche von ſeiner Logtafel wegwiſchen wird, ehe er einen einzigen Schuß'rausgiebt,« ſagte unſer bilderreicher Steuer⸗ mann. »Mich dünkt, das Schiff ſegelte nie zuvor ſo ſchnell, als jetzt. Seht nur, wie die Wellen an uns hinflie⸗ gen!« bemerkte mein Vater. »Gewiß iſt unſer Fahzeug jetzt in ſeinem beſten Se⸗ gelzuge,« ſagte ich,»und hält's, wie wir, nur rechten Strich, ſo werden wir bald das wieder einholen, was wir ſo ſchändlich verloren haben.«⸗ »Daran zweifle ich ſehr, Sir,« bemerkte der ſcharf⸗ ſinnige David.»Wir ſind in den Breiten der Wind⸗ ſtille, und ſechs oder acht Wochen auf einem Glasſpie⸗ gel ſchmoren, will in dieſer Weltgegend ſo viel als Nichts heißen.« »Das wolle der Himmel in Gnaden verhüten!« rief ich ſchaudernd;»mein größtes Elend erlitt ich un⸗ ter Windſtille auf See.« »So lange wir vor'm Winde liefen, hatten wir das Recht, zu erwarten, er würde uns ſo lange folgen, bis er ſich ausblies; jetzt aber, da wir quer durch ihn hin⸗ ſegeln, müſſen wir auch erwarten, ſein Aufhören zu er⸗ Ardent Troughton. 57 fahren. Eine luſtige Sturmbrieſe wird Ihnen keine fünfzig Meilen Breite, doch au funfzehnhundert Meilen Länge zumeſſen. Wir haben, mein' ich, Sturm auf Deck, aber Windſtille auf dem Angeſichte der See zu erwarten.“« „»Möchten Sie unprophetiſch ſein, David, wie Ba⸗ laam, als er auszog, Zeugniß zu geben.« »Ach, Sir, zwiſchen mir und Balaam iſt größere Aehnlichkeit, als Sie wähnen; als wir Beide prophe⸗ zeien wollten, wurden wir verhindert durch—« »Einen Engel oder Eſel?“ fragte Honoria mit Lachen. »Durch einen Engel, Miß,« ſagte David,»denn Sie haben mich ſo eben unterbrochen.« »Iſt er nun nicht ein vollkommener'preux cheva- lier“?« fragte Honoria— v»ein fahrender Ritter auf See? ein Bißchen derb, aber höflich und zuverläſſig— zuverläſſig wie——« »Wie der Hauptanker, Miß!“« vollendete David. »Getreu wie— wie—« „»Wie der Kompaß.« „»Tapfer— tapfer wie—« und die ſchöne Neckende hielt abermals inne, um ſich wieder unterbrechen zu laſſen. » Hohol wir Engländer rechnen die Tapferkeit für nichts, weil wir ſie immer in Kauf geben.« »Edel geantwortet, lieber David,“« ſagte ich;»wem aber ſoll dieſe Tapferkeit gewidmet ſein? Irgend eine ſchöne Dame gilt immer für die Schutzgöttin eines ech⸗ ten Ritters.« Die Schützgöttin war ein verwirrender Begriff für David, der mit gut betheerten Fingern ſich den Kopf zu kratzen begann. 58 Die Büßung, oder In dem Ueberwallen ihrer Laune ſagte Honoria: Mr. Drinkwater iſt der vollkommenſte amphibiſche Bayard— ohne Furcht und ohne Tadel— aumuthig wie ein junges Reh, zart wie eine kopfhängeriſche Lilie.— Eben jetzt wühlt er mit ſeiner beharniſchten Hand in dem dunkeln Federubuſche ſeines Helms, um ſein Viſir aufzuſchlagen und ſeine Kopfbedeckung abzu⸗ legen; denn was wir jetzt erblicken, kann nichts weiter ſein, als des edeln Ritters Art und Weiſe, ſich zu ver⸗ hüllen.« Genug, genug, Honoria!« fiel ich ein wenig mißbe⸗ haglich ein,»Du treibſt den Scherz ſonſt zu weit. Könnten wir ihn bis auf das Herz enthüllen, ſo wür⸗ den wir erkennen, daß er ſo edel und echt, und weit uneigennütziger iſt, als der beſte Ritter, der jemals in der Chriſtenheit erglänzte. Und, verſtehe mich, Hono⸗ ria! ohne den Wunſch zu hegen, Dir die geringſte Be⸗ ſorgniß einzuflößen, möchte ich doch Deinem Gemüth auf das Feierlichſte die Ueberzengung einprägen, daß es der Dienſt ſolcher Herzen iſt, deſſen wir wohl zu bedür⸗ fen haben werden. Ich wünſche zu Gott, daß Du jetzt, eben jetzt, Mr. David zu Deinem Ritter ſchlagen möchteſt.« 3 Der Leſer weiß, daß ich jegliche Urſache hatte, des Unterſteuermanns Eifer zu unſerm Gunſten anzuregen, und das Neckſpiel meiner Schweſter erweckte mir plötz⸗ lich den trefflichen Gedanken, ſolches wirklich in's Werk zu richten. Mein Vorſchlag ward lebhaft von allen Anweſenden angenommen, denn ich hatte den Dolmet⸗ ſcher zwiſchen Engländern und Spaniern abzugeben, wo irgend Dieſe oder Jene nicht zu verſtehen ſchienen, was geſagt ward. Wir errichteten bald einen herrlichen Thronſitz, auf welchen wir mit geziemenden Ehren das Ardent Troughton. 59 ſchöne Mädchen erhoben. Die Harmonie unſers Ver⸗ fahrens wäre bald durch eine kleine Mißhelligkeit ge⸗ ſtört worden, denn Don Inliano wünſchte der Erſte zu ſein, dem die Ehre des Ritterſchlages ertheilt würde; jedoch ſeine Kouſine ſowohl als ich proteſtirte laut ge⸗ gen ſolches an dem ehrlichen Steuermanne zu verüben⸗ des Unrecht, und erklärten Juliano für durchaus untüch⸗ tig zu dem zu ſtiftenden Orden, indem dieſer nur aus⸗ ſchließlich für Seefahrer ertheilt werden ſollte. Juliano gab endlich den Vorſtellungen Iſidorens nach; doch that er es mit erſichtlicher Unluſt und widerſprach, ſo wie alle junge Männer zu widerſprechen pflegen, wo ein hübſches junges Mädchen mit im Spiele iſt. Da ſaß nun Honoria auf erhöhetem, mit allerlei prunkenden Flaggen herausgeputztem Stuhle, und zeigte unſeren bewundernden Blicken, wie holde Sanftmuth und Majaſtät ſo ſchön mit einander verſchmolzen ſein können. „Jetzt, Honoria,« ſprach ich, indem ich unſere Mummerei ſo eindringlich als möglich zu machen wünſchte,»jetzt benimm Dich nicht nur als eine Schöne, ſondern auch als eine Königin. Ehre die Macht, die Gott Dir gegeben hat, und die da gewaltiger iſt, als die Macht der Gewalt. Sieh ernſthaft aus, meine liebe— liebſte Schweſter; ſpiele herrlich und helden⸗ mäßig dieß Spiel zu Ende, und möge es, da die Wege des Allerhöchſten unerforſchlich ſind, uns Allen zum Heile gereichen—« Bei dieſen Worten fuhr Honoria auf und ſah ſehr beunruhigt aus; ich aber fuhr ſogleich fort:—»im Fall unglücklicher Weiſe Gefahr uns umringen ſollte, Don Juliand de Araguez, Grand von Spanien, ver⸗ waltet zur Zeit das Amt eines Oberkämmerers und Die Büßung, oder Geheimſchreibers unſerer glorreichen Königin, und ge⸗ falle es ihm, ehrerbietig zur Linken Ihrer Majeſtät zu ſtehen. Iſidora, gleichen Namens und gleichen edlen Hauſes, ſei der Monarchin erſter Miniſter und Freun⸗ din. Allein Küſſe dürfen an dieſem Hofe zur Zeit noch nicht verabreicht werden,“« ſetzte ich hinzu, als die eine Dame ſich herniederbeugte und die andere ſich auf die Zehen ſtellte, um einen Schweſterkuß gegen einander auszutauſchen.»Du aber, Ingurtha,«⸗ ſprach ich wei⸗ ter,»tummle Dich, und fülle meines Vaters großen goldenen Becher mit dem beſten Weine. Da kniee hin zu unſerer Herrin Füßen— ein Ehrenplatz, Du elfen⸗ beinzähniger Halunke, den zu erlangen Tauſende Dir die Gurgel abſchneiden möchten;— nicht ſo nahe knien— Du mußt Raum für den künftigen Ritter laſſen. Du, Schweſter, nimm dieſen entſcheideten De⸗ gen, und halte ihn in Deiner Hand als ein Werkzeug, dem Du eben ſo ſehr vertraueſt, als Du es fürchteſt.« Honoria nahm die Waffe, betrachtete ſie von der Spitze bis zum Griffe mit leuchtenden Augen, aus de⸗ nen der Furcht ein kühner Trotz entgegenzublitzen ſchien, und legte dann die blauke, ſchimmernde Klinge quer über ihren jugendlichen, warmen Buſen, der hoch zu wallen und dem Eiſen zu widerſtreben ſchien; denn die Waffe ruhete auf ihm, ohne Eindruck auf ihn zu machen. Das Feierliche im Benehmen der Umſtehenden, de⸗ nen ich ihre Stellungen angewieſen hatte, und Hono⸗ riens würdevolle und anmuthreiche Haltung, verbunden mit ihrer außerordentlichen Schönheit, begannen, uns Ehrfurcht einzuflößen, ſo daß wir mehr und mehr fühl⸗ ten, wie wir eine wichtige Ceremonie vollführten. Der ehrliche David, der unerſchüttert hundert Ardent Troughton. 61 Stürme abgewettert hatte, ward ein wenig blaß und ſah beinahe furchtſam aus. Meine Aeltern ſtanden in Verwunderung über das Schauſpiel verſunken, das ich Ihnen ſo plötzlich bereitet hatte, und in welchem ihrer Tochter eine ſo glänzende Rolle zu Theil gewor⸗ den war. Der gute Prieſter ſah ſchweigend und billi⸗ gend zu. Nach kurzer Pauſe, während wir einander betrachteten, wagte ich es, den Geiſtlichen anzureden. „ Würdiger Herr,« ſprach ich zu ihm mit der auf⸗ richtigſten Hochachtung in meinem Weſen,»Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie und die Religionslehren verehre, de⸗ nen Sie ſo aufrichtig anhangen, und die Sie ſo gott⸗ fromm durch ihren Wandel verdeutlichen. Dürfen wir zu der kleinen Scene, die wir aufführen, uns Ihren Segen erbitten? Glauben Sie, es wird weder den guten Sitten noch der Ehre Gottes widerſtreben, wohl aber dürfte es, unſerm Ermeſſen nach, der Sache Bei⸗ der förderlich werden. Wollen Sie uns die Gunſt er⸗ zeigen, unſer Thun durch ein Gebet einzuweihen?« »Recht gern, mein geliebter Sohn,“ verſetzte der Pater.»Wir mögen aufſtehen oder uns niederlegen, zum Hauſe der Feſtlichkeit oder in die Wohnung der Traurigen gehen, mögen eines Mitmenſchen Elend min⸗ dern, oder uns eigenen Glückes erfreuen— immer wird unſer Thun dem Allmächtigen dadurch nicht minder wohlgefällig ſein, wenn wir deſſen Segen auf daſſelbe herabflehen. Da nun die Ceremonie, in welcher Sie be⸗ griffen ſind, Tugend einprägen und kräftigen ſoll, ſo werde ich im folgenden Gebete den Segen Gottes auf dieſelbe herabflehen.« Nicht ſonderlich zu unſerer Erbauung, jedoch zu nicht geringem Durchſchauern für David Drinkwater, 62 Die Büßung, oder las der fromme Herr uns jetzt ein langes lateiniſches Gebet vor. 3 8 Als dieſes vollendet und dann eine geziemende Pauſe beobachtet worden war, nahm ich die Stellung eines Redners an und rief:»David Drinkwater, dritter Steuermann auf dem Schiffe Santa Ana, in Erman⸗ gelung von was Beſſerem— tritt vor. David, ſinte⸗ mal unſere Monarchin, Lady Honoria, gewillt iſt, ei⸗ nen Ritterorden in Uebereinſtimmung mit ihrem Na⸗ men und mit dem Zwecke zu ſtiften, Ritterthaten auf dem Meere zu fördern, iſt es ihr Wille, demſelben die Benennung»Orden der Seefahrer⸗Ehre“« beizulegen. Da nun unſere Herrin auf dem Throne hier vor Dir, David Drinkwater, in Dir jene echten Eigenſchaften und hohen Gaben bemerkt hat, durch welche die Ritter⸗ ſchaft in den Augen Aller ſo werth gemacht wird, will ſie huldreich Dich zu dem erſten Ritter dieſes von ihr neu zu ſtiftenden Ordens ernannt wiſſen. Beſchräukt, wie wir ſind, David Drinkwater, in dieſer ſchwimmen⸗ Feſtung, müſſen manche ſonſt vor Ertheilung des Rit⸗ terſchlages übliche Ceremonien wegfallen, und etliche derſelben ſpäterhin vorgenommen werden. Ueblich iſt es, David, für den, der den Ritterſchlag erlangen will, daß er Nachts zuvor in irgend einer Kapelle Wache bei ſeinen Waffen hält; Du magſt daher, wenn Du über dieſen Punkt einiges Bedenken trägſt, morgen Nacht Deinen Theertuchhut und Deine erbſenfarbige Jacke be⸗ wachen. Doch erheiſchen wir dieß nicht unbedingt von Dir, ſondern ſtellen es Dir als Gewiſſensſache anheim.« »So möcht' ich wohl davon ſ'ſpendirt ſein,« ver⸗ ſetzte David,»es wäre denn, ich hätte eine Flaſche Rum dabei zur Hand.« »Sehr verſtändig geantwortet, Freund David; * ——xäi Ardent Troughton. 4 63 „auch kannſt Du eine Meſſe anhören, ſo's Dir be⸗ liebt.« 4 „Geboren als Presbyterianer, Mr. Trondhäon— geboren als Presbyterianer.« Ein gültiger Einwurf. Jetzt wegen der Inſignien des Ordens. Erfindungsgeiſt und Kunſt haben ſich in Glauzbeweiſen erſchöpft— Diamanten ſind gemein, Gold iſt etwas Alltägliches— Sterne haben auf fal⸗ ſchen und verrätheriſchen Herzen geglänzt, und Bänder ſind um Knire gewickelt worden, die bei dem Heranna⸗ hen der Gefahr aneinanderſchlottern. O David, von dem Allem wollen wir nichts anwenden; doch ſollſt Du ein Abzeichen tragen, das ungleich einfacher und unend⸗ lich ſchöner iſt! Es ſoll eine von Dir um den Hals getragene Locke von dieſem goldenen Haare ſein.« Bei dieſen Worten ſchob ich meine Hand in Hono⸗ ria's Haupthaar, und fuhr fork:»Verſchlungen ſein ſoll die Locke mit einem blauen Bande, von dem nur ein kleines Endchen aus dem Weſtenknopfloche hervorzu⸗ gucken hat.“ »Nicht um der Welt willen,« ſagte Honoria, indem ſie ihr Haar mit beiden Händen bedeckte. »Machen Sie auch mich zum Ritter,« fiel Don Juliano ein, indem er zu meiner Schweſter Füßen ſank—„geben Sie mir den Orden!« »„JInliano, an Ihren Platz!“« rief ich ernſtlich.»Ho⸗ noria, ſieh mich feſt an. Scheine ich im Ernſt zu ſprechen? Sehe ich nicht aus, wie ein Bruder, der eiferſüchtig auf Deine Ehre iſt? Elend und mönchiſch, wie Du erzogen worden biſt—« »Ardent!« ſprach meine Mutter, denn ich hatte in ſpaniſcher Sprache geredet. „Unterbrechen Sie mich nicht, Sennora.— Elend 64 Die Büßung, oder und mönchiſch, wie Du erzogen worden biſt, mußt Du dennoch von den edeln Frauen gehört haben, die ihre Haarflechten aufopferten, daß Bogenſehnen daraus ge⸗ macht würden, um die Feinde zurückzutreiben, die ſonſt in ihre Heimath gedrungen ſein und ihre Ehre gefähr⸗ det haben würden; ſogar Du mußt das allgemeine Sprichwort gehört haben, das von einem obſchweben⸗ den Mißgeſchicke ſagt: es hängt an einem einzigen Haar. Schweſter, höre mich! Ohne Metapher, ohne Allegorie ſage ich Dir, daß nicht bloß Dein, ſondern auch mein Schickſal, mein Leben und das Deiner Ael⸗ tern und Gefährten von einer Locke Deines Haares abhängt, die Du Einem verweigerſt, der Dir nimmer etwas Anderes, als ein ehrerbietiger Anbeter und Be⸗ freier, oder aber etwas ſein kann, was ich nicht aus⸗ ſprechen darf.« »Iſt das der Fall, lieber Bruder? Hier, nimm alle Locken!« Und indem ſie die Bänder löſete, ließ ſie die üppige Fülle ihres Haares über ihre Schultern fallen.»Vertheile ſie eher, Locke bei Locke, unter die Schiffsmaunſchaft, als daß meinen Aeltern, ehe Dir, Ardent, mein theurer Ardeut, auch nur Ein Haar ge⸗ krümmt werde. Mein Gott! iſt es dahin gekommen?« Und indem ſie ihre königliche Rolle vergaß, beugte ſie ſich von ihrem Thronſitze herab auf meine Schulter und weinte. „Nein,“ ſagte ich beſänftigend und im Flüſtertone, „nein, edles Mädchen, noch iſt es dahin nicht gekom⸗ men. Dieſer ehrliche Burſch iſt zum Glück nicht Spa⸗ nier genug, um uns zu verſtehen. Doch wir fürchten Etwas, ſind hier dem böſen Spiele böſer Menſchen hin⸗ gegeben. Ich trachte danach, mir eine Partei zu bil⸗ den, und dieſer Mann muß uns ein Werkzeug werden. Ardent Troughton. 65 Ich wünſche, ſeinen Eifer anzuſpornen, denſelben zu befeſtigen. Beunruhige unſere Aeltern nicht— faſſe Dich.« 1 Augeublicklich nahm das hochherzige Mädchen ihre würdevolle Stellung wieder ein, und ich fuhr in laut⸗ geſprochenen Worten fort:»Nein, Honoria, eines ſo großen Opfers bedarf es nicht; denn nur der erſte Rit⸗ ter Deines Kapitels, wer er auch immer jedesmal ſein möge, geuießt des beglückenden Vorrechtes, der Hüter Deiner Haarlocke zu ſein. Alle anderen Mitglieder die⸗ ſes Ordens haben das Allen gemeinſame blaue Band zu tragen; überdieß trägt aber Jeder eine Haarlocke von ſeiner eigenen Geliebten, wenn er eine ſolche be⸗ kommen kann, und mich dünkt, ich habe jetzt eine ſo treffliche Anordnung erſonnen, als irgend eine der neue⸗ ren Stiftungen dieſelbe aufzuſtellen vermag.⸗— „Wie aber ſoll unſer Wahlſpruch heißen?« fragte Honoria, indem ſie eine ihrer größten Wangenlocken abſchnitt und dieſelbe mit einem leichten blauen Bänd⸗ chen geſchmackvoll zu einer Schleife verknüpfte. »Darüber müſſen wir den einſtigen Sir David be⸗ fragen, beſonders da er mindeſtens zwanzig gute und trene Männer für unſeren Dienſt anzuwerben hat,« antwortete ich mit bedeutendem Blick auf den Unter⸗ ſteuermann. »Herzlichen Dank, Sir, und Ihnen gleichfalls meine Dienſtergebenheit,« ſagte David, indem er ſich, wie ge⸗ wöhnlich, hinter den Ohren kratzte.»Ich will mein Beſtes thun. Was halten Sie und was hält die junge Lady von dem Spruche: „Das Schiff das geht, Der Wind der weht, und's Mädel liebt den Matroſen!’ Ardent Troughton. II. 3 5 Die Büßung, oder „Allerdings ein an ſich ſehr guter Spruch, Sir David; doch meinen Sie nicht, in aller Beſcheidenheit zu bemerken, daß, weil der Orden, den Sie erhalten ſollen, ein„Orden der Seefahrer⸗Ehre“ iſt, wir ein we⸗ nig Bezug darauf zu nehmen haben?« »Ich ſeh's, ja, ja!« verſetzte Sir David, der immer noch in ſeinem Haare wühlte—»Ehre, ja Ehre— ſo laſſen Sie uns den Spruch nehmen: ⸗Unbefleckt ſoll unſre Ehre, Wie die Fluth des Meeres, ſein!e „Das wird vollkommen ausreichend ſein. Jetzt zur Vollendung der Ceremonie. Aufmerkſam Alle! Iſt der ritterliche Halsſchmuck fertig?« „» Er iſt's,« ſagte Honoria, und legte die Schleife dar, die wirklich einen geſchmackvollen Halsſchmuck ab⸗ gab. Aus den übriggebliebenen Haaren hatte ſie eine zweite Schleife gefertigt.»Dieſe Schleife,« ſprach ſie weiter,»um Dir zu zeigen, Ardent, daß ich von keiner ſpröden Ziererei ergriffen bin, denke ich meinem getreuen ſchwarzen Knappen Jugurtha zu verleihen. Und nun fortgefahren, im Namen des Ritterthumes!“ Siebentes Kapitel. Der verſchämte Kandidat des Ritterſchlages mußte jetzt zu Honoriens Füßen niederknien. Indem er ſeine plumpen Fänuſte gefaltet hielt, ließ ich von ihnen ſo viel bedecken, als meiner Schweſter zarte Händ⸗ . Ardent Troughton. 67 chen dieß zu bewerkſtelligen vermochten, und ſprach dann zu ihm: »David Drinkwater, beantworte feierlich und im Geiſte der Wahrheit die Fragen, welche Deine Monar⸗ chin Dir vorlegen wird, und hab' Acht, Deiner Gott⸗ heit gerade in's Angeſicht zu ſchauen, daß ſie über die Wahrhaftigkeit Deiner Antworten urtheilen möge.« David blickte voll Verwirrung, Beſchämung und Rührung aufwärts, während Juliano eine treffliche Studie für den Ausdruck verhaltener Eiferſucht abgab, und mich dünkte, Iſidora ſchien ſich ſeiner marternden Gemüthsſtimmung zu freuen. Als dieß Alles gehörig angeordnet war, ſchauete meine Schweſter ſchalkhaft, halb triumphirend, halb neckend, rings umher, ſchüttelte leiſe ihr köſtliches, glän⸗ zendes Haar, das, gleich goldenem Nebel, über ihre Marmorſchultern hinhing, ſenkte ihre großen blauen Augen in feſtem Blicke auf den knienden Bittenden, der vor ihr bebte und erröthete, und ſprach mir dann dieſe Worte nach: »David Drinkwater, biſt Du eifrig geſonnen, der Nitterſchaft Gelübde und Obliegenheiten treulich, recht⸗ lich und adelig auf Dich zu nehmen, Dein Herz zu reinigen, als würde es im Feuer geläutert, und es zu ſäubern von jeglicher Niedrigkeit, Falſchheit und Feig⸗ heit?« „Ich bin's.« »Willſt Du jederzeit und augenblicklich Dich waff⸗ nen für die gerechte Sache, ſelbſt wenn dieſe Sache zum Tode führte? Willſt Du den Bedrängten beiſtehen und dem Bedrücker widerſtreben? So der Ungerechte und Starke ſeinen Arm erhebet, um den Unſchuldigen zu treffen, willſt Du dann den Streich abwenden, oder 5* 68 Die Büßung, oder aber ihn auffangen? Willſt Du der Freien Sache ver⸗ treten, des Sklaven Feſſeln löſen?« Mit dumpfer Stimme ſtöhnte David:»Ich will, ich will, ich will.« Jugurtha, der mit dem Weinbecher neben ihm, doch in einer dem zum Ritter zu Schlagenden entgegenſtehen⸗ den Körperrichtung und beinahe ihm gegenüber kniete, ⸗ ließ bei dieſem inbrünſtigen Ausrufe ein Lächeln wahr⸗ nehmen, ſo umfangreich ſein großer Mund es nur her⸗ vorbringen konnte, und klopfte mit der Linken ermuthi⸗ gend ihn auf den Schädel, ſo wie wir wohl einen klei⸗ nen Knaben beloben, der wirklich ſo eben ein guter kleiner Junge war. »Willſt Du, David Drinkwater, von ganzer Seele und mit allen Deinen Kräften gegen den Räuber auf hoher See, gegen den Verderber und Piraten ſtreiten?« »„Ich will, bei Gott!« »Halt inne, Bruder,« rief Honoria, deren Antlitz wie durch plötzlich über ſie gekommene Begeiſterung zu leuchten begann,»ſprich mir nichts mehr vor— ich weiß meine Rolle und will ſie durchführen.— David Drinkwater, Du haſt ſchwere Prüfungen beſtanden— haſt fürchterliche Auftritte erlebt, biſt Theilnehmer an einigen Unthaten geweſen. Bekenne dieſe mir nicht— Du biſt Einer geweſen, der da zwiſchen Gutem und Böſem ſchwankte und der ſtrauchelte. Du könnteſt abermals ſchwanken—« „Niemals!“ verſetzte David. »Betrachte dieß nicht als ein Gaukelſpiel, ſondern als eine bindende und heilige Feierlichkeit. Ich frage Dich bei der Keuſchheit Deiner Schweſter, ſo Du das Kreiſchen des bedrängten Mädchens hörſt, und der Ge⸗ Ardent Troughton. 69 waltthäter wäre mächtig— wo wirſt Du alsdann ſein?« „Wo er iſt, mit meinem Knie auf ſeiner Bruſt, mei⸗ ner Hand an ſeiner Gurgel, meinem Meſſer bis an deſſen Heft zwiſchen ſeinen Rippen.“ „Bei der fürſorgenden Liebe Deiner Mutter, bei der mannhaften Zuneigung Deines Vaters frage ich: wür⸗ deſt Du es mit anſehen, daß jener edlen Matrone ein Leides geſchieht, oder daß jenes ehrwürdige graue Haupt unter eines Meuchlers Füße getreten wird?« »Eher wollte ich ſelber ſterben, ſo wahr mir Gott helfe!« „Du haſt tugendlich und adelig geantwortet. Dein ſei das Ritterthum der Meere. Ich kleide jetzt Dich ein mit dieſem Halsſchmucke des Ordens der Seefahrer⸗ Ehre. Was Rüſtung betrifft, ſo iſt Redlichkeit die ſtärkſte; ſie hat beine ſchwachen Stellen, keine ſchlecht zuſammengefügten Gelenke, durch die das Schwert der Gottloſen dringen könnte; und meinem Ritter können nur die Gottloſen feind ſein. Was Sporen anbelangt, ſo wirſt Du die ſchärfſten und beſten in der Gelegenheit finden. Sei wahr, ſei gerecht, ſei ehrenwerth und ge⸗ treu mir und den Meinen. Sei alles dieß— ich be⸗ ſchwöre Dich bei dem Andenken an Deine ſchuldloſe Kindheit— bei der Liebe zu Deinen fernen Theuren— bei dem Gott, der aller Orten zugegen iſt!« Indem ſie nun die Klinge des Degens auf ſeine Schulter legte, ſagte ſie mit hoher Milde, obwohl ſanf⸗ ten Tones:»Steht auf, Sir David Drinkwater.⸗ Inmitten unſeres Beifallgebens erhob der arme Burſch ſich und wankte wie ein Berauſchter. In ſei⸗ nen Augen hingen zwei große Waſſerkugeln, die man hätte Thränen nennen mögen, wenn ſies in den Augen Sie Gefährten Ihres Ordens anwerben müſſen. Binnen 70 Die Büßung, oder eines anderen minder rauhen und derben Sterblichen wahrgenommen worden wären. Es verſteht ſich, daß alle Anweſenden nach einander zu ihm traten, ihn mit Förmlichkeit als»Sir David« anredeten und ihn be⸗ glückwünſchten, während er unterdeſſen mit ſeiner lin⸗ ken Hand, gleich einem Verwilderten, ſich die Stirn rieb und zwiſchendurch ausrief:»Ich weiß, es iſt nur ein Spiel— nur ein Spiel— aber ich will d'ran hal⸗ ten— halten, ſo lang' ich lebe— ſo lang' ich lebel« »Sir David,« ſagte Honoria,»die Ceremonie iſt noch nicht zu Ende; Sie müſſen niederknien und mir die Hand küſſen.« Er kniete, und wir Alle fuhren zu⸗ ſammen, denn wir glaubten, es ſei eine Porterflaſche geſprungen, obſchon es nichts weiter war, als die Aus⸗ ſtrömung der Unterthanentreue Sir David's auf Hono⸗ riens Finger. »So, ſo iſt's genug,« ſagke Honoria.»Mädchen⸗ hände ſind nicht gemacht, um aufgegeſſen zu werden. Jugurtha, den Becher. Herr Ritter— ich trink's Euch zu.« Sie trank und reichte das Gefäß dem Rit⸗ ter— der Blume der Seeritterſchaft hin. David faßte den Kelch mit beiden Händen, und als er ihn bis zu den Lippen erhoben hatte, nickte er über den Rand deſ⸗ ſelben ſeiner Monarchin höchſt freundlich zu, indem er ſagte:»Ma'm, ich trink's auf Ihr gut's Wohlſein!« that einen Zug, der beinahe alerandriniſch und ſo tief war, daß Jugurtha genöthigt ward, das Gefäß wieder zu füllen. Als dieſe Nothwendigkeit volfführt worden war, ging der Becher im Kreiſe herum, ſo daß Jeder von uns auf das Wohl des neuernannten Ritters trank. Ich trank dieſem zuletzt zu, und indem ich es that, ſagte ich zu ihm:»„Bedenken Sie, Sir David, daß Ardent Troughton. 71 jetzt und morgen laſſen Sie mich wenigſtens zwanzig kleine blaue Bandendchen, wenn auch nicht prunkend zur Schau getragen, in eben ſo vielen Knopflöchern er⸗ blicken. Wir müſſen unſere Freunde von unſeren Fein⸗ den unterſcheiden lernen. Verſtehen Sie mich, Herr Ritter?« »Verſtehe ich meinen Kompaß einzuſchachteln oder einen Wetteröhrring auszuholen? Da mir aber die erſte Hundewache zuerkannt worden iſt, und der Kap'tän *s n Bißchen ſchief auf mich hat, ſo muß ich, liebe Leute, mit vielem Dank für all' Ihre mir erwieſene Gunſt, jetzt um Erlaubniß bitten, mich entfernen zu dürfen. Und verlaſſen Sie ſich drauf, Miß, ob in Spaß oder Ernſt, David Drinkwater iſt getreu bis in's Rückenmark.« Honoria war jetzt von ihrem Pſeudothrone herabge⸗ ſtiegen, und trat, ehe Sir David die Kajütenthür er⸗ reicht hatte, zu ihm, indem ihre Augen jetzt zum erſten Male ſich mit den natürlichen Thränen der Beſorgniß füllten, ergriff ſeine hörnernen Fäuſte mit ihren ſammet⸗ weichen Iendehen, blickte ihm forſchend in's Geſicht und ſprach in einem Tone, der ſo überredend wie der eines Engels war, der uns zu guten Thaten ermun⸗ terte:»O, ſprechen Sie nicht von Scherz! Sir Da⸗ vid Drinkwater, wollen Sie treu Ihrem ritterlichen Gelübde ſein?« Unſer ehrlicher Bundesgenoß war völlig überwältigt. Wie ſoll ich ſeine Antwort mittheilen? Sie war nicht nur unfein, ſie war pöbelhaft— war ſo ungeeignet, vor geſitteten Ohren ausgeſprochen zu werden, als jener Ort es iſt, zu dem ein ſo breiter Weg führt, und deſſen Höfe mit guten Abſichten gepflaſtert ſind. Jedoch, ſo wie der Ritter ſeiner inneren Rührung auf keine au⸗ 72 dere Weiſe Luft zu machen wußte, ſo kann auch ich keine Umſchreibung für jenen Ausdruck finden, und muß daher für dießmal es darauf hinwagen, meinen zarten Leſerinnen anſtößig zu werden, um meinen ehrlichen Leſern zu genügen. »Sir David Drinkwater, werden Sie treu Ihrem ritterlichen Gelübde ſein?« »Wenn ich's nicht bin, ſo ſchindet mich!« ſagte hierauf der Ritter, indem er die Kajüte vexließ. Bei Aufführung dieſer ernſthaften Poſſe war es un⸗ möglich, zu verhindern, daß unſere wirkliche Lage nicht beunruhigend von meinem Vater und den Damen ge⸗ ahnt ward. Freilich that ich mein Beſtes, um ihnen einzureden, daß ich nur ſo große Gefahr vorausſetzte, um nöthige Vorſichtsmaßregeln zu ſichern; allein bei all' meiner Beredtſamkeit konnte ich das Düſter nicht verſcheuchen, und ſchwer bedrückten Gemüthes zogen Alle ſich an dieſem Abend zeitig in ihre Schlafgemächer zurück. Als ich mich mit meinem Vater und Don Juliano allein in der Prunkkajüte befand, denn auch der Pater hatte ſich, wie die Damen, zeitig wegbegeben, rückten wir unſere Stühle näher an einander, wie Leute, die in einer Klemme ſind, und begannen, unſere Lage zu beſprechen. So wie ich allmählig meine Anſicht von unſerm Beſorgniß erregenden Zuſtande entwickelte, und die Gründe angab, welche mich zu meinen Forderungen geleitet hatten, ſah mein Vater ſofort mit mir die Größe der Gefahr ein, in welcher wir ſchwebten; doch zeigte der wackere alte Herr keine Furcht, ſondern be⸗ Die Büßung, ober ſorgte nur, wir möchten nicht gehörig vorbereitet ſein, wenn die Sache zum Ausbruche käme. Da von dem Charakter des Kapitäns Mantez Vieles abhing, ſtrebte = —— Ardent Troughton. 73 ich, über dieſen alles nur Erkundbare zu vernehmen. Beſaß er einen guten Charakter? hatte er Zutritt zu ehrenwerther Geſellſchaft? war er wirklich von adeliger Abkunft? Alle dieſe Fragen wurden von Juliano und meinem Vater bejahend beantwortet. Dieſe ſagten mir ferner, daß Mantez große Beſitzungen durch den ſüd⸗ amerikaniſchen Aufſtand verloren hätte, daß er entſchie⸗ dener Royaliſt wäre, daß bis zum Tode ſeines älteren Bruders, der am Bord eines Schiffes auf der Fahrt nach der Sklavenküſte ſtarb, Mantez zu Zeiten auf der königlichen Flotte, zu Zeiten auf Kauffahrerſchiffen Kommando geführt hätte; daß mein Vater ihn bisher in alle ſeinem Verkehr mit ihm ſtreng rechtſchaffen fand; und daß deſſen Verwandtſchaft, ſo zu Madrid wie in Barcelona, untadelhaft, ſein Benehmen und ſeine Per⸗ ſon nie widerwärtig wäre, und daß, da jüngſther ſein Vermögen ſich verbeſſerte, auch politiſche Rückſichten dazu anriethen, meine Aeltern ſich bewogen gefunden hätten, den Kapitän bis zur Zeit meiner Ankunft als einen paſſenden Bewerber um die Hand meiner Schwe⸗ ſter gelten zu laſſen. Als ich dieß Alles vernahm, ſchwankte ich von Neuem. Ich kannte den Mann als einen Böſewicht, aber als einen berechnenden. Würde er ſeine Stellung in der Welt, vielleicht ſein Leben, durch eine That des Seeraubes, der gewaltſamen Entführung, vielleicht des Mordes, verwirben wollen? Für einen Angenblick ver⸗ neinte ich mir dieſe Frage; als ich aber erwog, wie wir ihn und ſeine Aumaßung behandelt hatten, als ich den Werth bedachte, den ein Spanier auf Vollführung ſeiner Rache zu legen pflegt, und vor Allem, als ich mich an die ungeheuren baaren Reichthümer erinnerte, die wir am Bord hatten und haben mußten, weil die 74 Zeiten zu Wechſelnegocen viel zu unruhig und unſicher waren, fühlte ich meine frühere Anſicht der Sache nur allzuſehr beſtätigt. Indem ich meinem Vater und dem Prieſter rieth, künftig innerhalb ihrer Kajüten zu ſchlafen, wünſchte ich gute Nacht und zog mich zur Ruhe auf das Hinterdeck zurück. Ich ſah nach dem Kompaß und fand, daß wir den richtigen Kours ſteuerten. Dieß beruhigte mich ein wenig; als ich aber unter den Vorſprung der Puppe kam, hörte ich Töne wilder Luſtigkeit aus der Kajüte des Kapitäns ſchallen; und da ich mehrere Stimmen, und zwar Stimmen von Perſonen vernahm, die ver⸗ möge ihres Dienſtranges nicht dahin gehörten, flößte ſich abermals bange Ahnung meinem Herzen ein. Als ich in mein Kämmerchen trat, bemerkte ich, daß Springer nicht, wie ſonſt, unter meinem Bette lag; ich ging daher auf's Hauptdeck, um den Hund aufzuſuchen, der wahrſcheinlich ein wenig an den Mahl⸗ zeiten der Mannſchaft Theil nahm, deren Liebling er war. Es mochte etwa halb elf Uhr ſein, als ich dieſen kleinen Streifzug unternahm. Die Lichter waren aus⸗ gelöſcht, und da ich im Vorderſchiffe Töne engliſcher Luſtigkeit hörte, beſchloß ich, an dieſer ſo viel Antheil zu nehmen, als ich es, ohne geſehen zu werden, konnte. Um die Rollblöcke der Steuerbordſeite herum gela⸗ gert fand ich meine Leutchen— ſämmtliche am Bord befindliche Engländer und Amerikaner, die ſich auf zehn oder zwölf Perſonen belaufen mochten. Ich ſchlich dicht zu ihnen hin; der Hund ſpürte mich ſogleich, blieb je⸗ doch auf ein Zeichen von mir ganz ruhig, ſo daß ich mich endlich, da es beinahe finſter war, neben den Verſam⸗ melten hinkauerte, die mich entweder nicht bemerkten, oder doch mich für Einen ihrer Gruppe hielten. Die Büßung, oder Ardent Troughton. 75 Wie ich es vermuthet hatte, vernahm ich hier die unter Seeleuten gewöhnlichen Klagen über die Launen des Kapitäns, über die Heftigkeit der Steuerleute, über die Sudelhaftigkeit und Trägheit der ausländiſchen Schiffsmaate, worunter ſie natürlich Jeden, nur nicht ſich ſelber verſtanden; nach dieſen Klagen wendeten ſie ſich heitererem Geſprächsſtoffe zu. Man ſprach belobend von Sir David, in hohem Tone von meiner Wenigkeit, und enthuſiaſtiſch von Honorien— man fluchte, ſie wäre durch und durch Engländerin, ohne einen einzigen ſpaniſchen Blutstropfen in ihren Adern, und ich hatte das Vergnügen, von verſchiedenen unter ihnen befind⸗ lichen Sängern mit trübſeliger Stimme ein paar Ma⸗ troſenlieder herorgeln zu hören. Ich glaube, ich würde in Schlaf geſunken ſein, wenn nicht ein durch die Naſe ſchnaubender Tenorſänger uns das Lied: „»Hör' auf, Du wilder Boreas, Du blaſ'ger Unhold, ſchweige!« ſeiner ganzen Länge nach zum Beſten gegeben hätte. Aber auch dieß nahm ein Ende. Es verſteht ſich, daß zwiſchen dieſen melodiſchen Beſtrebungen es längeres und kürzeres Geplauder gab; doch entſchlüpfte Keinem von ihnen ein einziges Wort, das mich hätte folgern laſſen können, es ſei eine Verſchwörung gegen die Schiffs⸗ paſſagiere im Werke. Zum Mindeſten waren die hier Verſammelten daran durchaus unbetheiligt. — Die Büßung, oder Achtes Kapitel. Ich war im Begriffe, mich von dieſem Konklave zurückzuziehen, als ich plötzlich vermocht ward, zu blei⸗ ben, indem ich mich durch die ſo eigenthümlich verdre⸗ hete Sprache eines ſogenannten Londoner Stadthahns, eines Menſchen beluſtigt fand, deſſen Geſicht ich freilich nicht ſehen konnte, der aber von ſeinen Genoſſen bald mit dem Namen»Silberlöffel,« bald»Bill Watkins⸗ belegt ward. Um gegen Hohnſpott ſchußfeſt zu ſein, habe ich lange genug gelebt, und nehme daher nicht Anſtand, zu geſtehen, daß des Silberlöffels falſcher Gebrauch der Lippenlaute und Hauchlaute und deſſen Wortverſtümme⸗ lungen mir damals recht erfreulich erklangen, denn ſie erweckten in mir Rückerinnerung an die fünf ſchönen Töchter meines ehemaligen Lehrherrn, Mr. Falk's, und an alle die ſtillen Frenden zu Lothbury. Ich zollte da⸗ her Bill's Worten alle Aufmerkſamkeit, und ward für dieſe meine Artigkeit auf eben ſo ſonderbare als wün⸗ ſchenswerthe Weiſe belohnt. »Na, Bill Watkins, warum holſt Du nicht Dein Kehlumlegen an Bord?« fragte eine Bierbaßſtimme. »Jech nu, Dſchennelmen, weil'ch groämlich bün.« „»Was? haſt Du Grundwaſſer in Deinen Brannt⸗ weinraum gekriegt? Pump's aus, Mann, pump's aus!“ Ardent Troughton. 77 »Harcelirt mir den Silberlöffel nicht,« erklang ei⸗ nes Andern Stimme;»er is'n unterhaltender Burſch, wenn er will, und kennt den Schiffsdienſt, was noch mehr ſagen will, ſo will's!« „Ganz recht geſprochen, mein Weißlillichen, den Dünſt könn'ch. H'aber gegen Grämlichkeit hilft nichts, h'als'ne Bulle mit gutem Goeiſt oder'ne Riechbüchſe „ner woeiblichen Frauensperſon. Wenn ich über Mary Oſt ſpek'lire, bün'ch immer ſo tief'runter, wie die Koerle, die's Poarterr h'in Cowwen⸗Garden b'ſuchen.« »Mary Oſt— verd-—t!« rief die Bierbaßſtimme von vorhin.. »H'ich will Mary H'Oſt nich verdammt haben, h'auf keune Weuſe, h'und von keunem Großmaul, wie'r h'auch heußen mag. Komamſt Du mir ſo, ſo woerd' ich meine Fäuſte—— »Na, na, Bill,'s war nicht bös g'meint; überdieß hab' ich Dich am liebſten, wenn D' vor'm Wind treibſt. Mary Oſt war'ne ſo ſchmucke Dirne, als jemals eine über'n Gangweg trippelte, ſo war ſie! Laß uns Alles rein'raus von ihr hören!« „Sie woar'n ſchön's Kindchen,“« ſagte der Silber⸗ löffel mit einem tiefen, unzuverkennenden Seufzer; „h'und wär' ich koein verfluchter Hollunk g'weſen, ſo wär' ſie die weibliche Frauensperſon, die mein Glück g'moacht hätte.“«. »Na, mein Billyjunge, hat ſie auch nicht Dein Glück gemacht, ſo haſt Du doch ein Lied gemacht, das uns g'fällt; mir pumpt's jedesmal, wenn ich's Dich höre ſingen, das Waſſer in d' Augen; ˙s iſt ſo melan⸗ kollſch, wie der letzte Zwieback im Brotbeutel, wenn kein Land zu G'ſicht iſt. Herunter damit von der Lippe, mein Silberlöffel, raus damit!« 78 Die Buͤßung, oder »Nu, h'Ihr h'Alle müßt den Kohrus mitheulen,⸗ ſagte Billy, und ſtimmte, unterſtützt von dem ganzen Trupp, nach kläglicher Weiſe ſein „»Mary Oſt, o Mary Oſt!« an. Nach dieſem Ausrufe folgte eine Pauſe von ſchauer⸗ licher Länge, während welcher die tiefſte Stille herrſchte, die ſich jedesmal nach den wiederholten Chorworten von Neuem einſtellte. Der Löffel aber ſang vor: „h'O Mary Oſt, h'o Mary Oſt, Du wardſt mir Unglücksdirne! Denn ſeit Du nicht mehr biſt mein Troſt, . Griff ich zum'blauen Zwirne.“ Mein Takelwerk iſt all zerfetzt, Statt Handtuchs brauch' ich Finger; Galt ſonſt ich wenig, gelt' ich jetzt, b'O weh! noch viel geringer. h'O Mary Oſt, h'o Mary Oſtla Die Köchin küßt' ich wohl einmal, Was thun nicht die Begier'gen! Doch ſeit Du warſt mein' Liebesqual, Frag' nichts ich nach der Schmier'gen. Ich geh' nach Süd und Weſt und Nord, Weil Mary mich will meiden; Doch iſt der Oſt der h'einz'ge h'Ort Für meine Liebesfreuden. h'O Mary Oſt, h'o Mary Oſt!« Ich muß hier erwähnen, daß dieſe Anſpielung auf die vier Kompaßſtriche lauten Beifallsjubel erzeugte, ſo daß der begleitende Chor mit noch größerer Salbung abgeleiert ward. Noch wehklagender fuhr alsdann der Löffel fort: „» Und wer, o wer iſt Mary Oſt? Fragt man zu hundent Malen, Bei Sonnenhitz' und Winterfroſt Von meinen Liebesqualen. Ardent Troughton. 79 Schaut um, h'Ihr Narr'n, die Kreuz und Quer Nach Weibern, ſchön und zierlich, Schaff' ich Euch doch'ne Schön're her, Figürlich und natürlich— h'O Mary Oſt, h'o Mary Oſt!a Wie gewöhnlich, trat nach dieſer Strophe eine kurze Unterbrechung des Geſanges ein, weil verſchiedene be⸗ ſonders gute Kenner allerlei Anſprüche gewiſſer Molly's, Suckey's und Peggy's geltend machen wollten; da ſich jedoch nach genauer Beleuchtung ergab, daß von den Schönen auf der Portsmouths⸗Landſpitze und auf dem Hinrichtungswerfte zu Wapping etliche nicht damit zu⸗ frieden wares, den Taback zu ſchmauchen, ſondern ihn auch zu käuen; daß ferner Etliche von ihnen, wenn auch luſtig, doch lahm waren, und daß Andere, trotz ihrer hübſchen Augen, dennoch ſchielten, und daß Alle noch öfter ſich betrinken möchten, als ſie es könnten, weßhalb denn der niegeſehenen Mary Oſt der Vorzug vor Allen eingeräumt werden mußte. Bill erhielt alſo Erlaubniß, ſein Lied zu Ende zu ſingen, welches er in folgenden Worten that: „ Die Woche löſ't zwei Pfund ſie baar, Und weiß ſich, hu! zu kleiden; Hat roſ'ge Backen, blankſchwarz Haar, Wie thät' ich mich d'ran weiden! Sie wohnt— ich ſag's nicht, hihihi! So kann ſie keiner finden; Nicht für'ne Kön'gin gäb' ich ſie, Thut ſie gleich Garn nur winden— 9'O Mary Oſt, h'o Mary Oſt! Sie gab den Laufpaß mir, h'o weh! Weil ich im Weg' ihr ſtände, Voll Grams begab ich mich auf See, Mein Leid hat, ach! kein Ende. Die Büßung, oder Und ſo, Gefahren, nur heran! Ich bin kein feiger Skulker, Und ſterb' ich— Schiffsgenoſſen, dann Schreibt hübſch auf mein Se— pulker: *h'O Mary Oſt, h'o Mary Oſt!“« Und als nun das Klageecho verhallt war, entſtand eine Pauſe von einigen Minuten, die größtentheils da⸗ durch ausgefüllt ward, daß man ſich mit friſchen Kau⸗ ſtengeln verſorgte und die Naſen mit dem natürlichen Schuupftuche ſchneuzte. Die Pauſe ward endlich von der Bierbaßſtimme durch die Frage unterbrochen: „Warum nennt denn der Silberlöffel ſein Grab, denn das, denk' ich, meint' er damit, ein See— pulker?« „»Weil wir ihn in Seewaſſer begraben ſollen,« ant⸗ wortete ein Pfiffikus mit einer Diskantſtimme. »Dummhut,'s ſind keine Spillen in dem Block, den Du ſtatt'nes Kopfes auf dem Rumpfe trägſt! Wie können wir die Worte„Mary Oſte auf die Wellen ſchreiben, oder einen Grabſtein auf See feſtlegen?« »Ich will Dir ſagen, mein ſchmucker Junge, wie wir ſo'n Fahrzeug betakeln,« ſiel ein Dritter ein. „Wenn der Löffel ſeine Tiſchnummer verloren hat, und wir eben auf Senkbleitiefe fahren, ſo verſenken wir den Leichnam mit'nem Werpanker, und knüpfen ihm'nen hölzernen Grabſtein d'ran, der oben ſchwimmt, wie'ne Boje am Bojentaue, ſo bei Sturm wie bei Windſtille. Auf den hölzernen Grabſtein aber kannſt Du die Mary Oſt abmalen, mit welcher Farbe Du willſt. Das nennt man ein Seepulker machen. Iſt das nicht ganz Deine Meinung, Bill?« »Nee! h'Ihr h'Alle ſeid h'unwiſſende h'Eſel!« ſagte der Silberlöffel mit einem wunderſamen Aufwand von Hauchlauten und Unwillen.»Ich will, ſo's Gott Ardent Tronghton. 81 gefällt, auf Hornſeykirchhof begraben liegen— er iſt ſo h'anmuthlich— nur'ne kleine Strecke von der Mehe⸗ krooplis entfernt, und nahe bei dem Primroſehügel, wo ich und Mary ſo h'oft mitſammen wandelten. Wenn ſte dann mit h'ihrem h'unſchuldh'igen Herzen h'am h'Arm h'eines h'Andern des Weges geht, ſo mag ſie auf mich hinh'unter blicken, wenn ich in meinem kalten Grabe liege.« Er ſprach dieſe Worte ſo ganz nach Stadthahns Sprechweiſe und mit ſolchem Pathos, daß ich zum Weinen und zum Lachen gleiche Neigung verſpürte. Dennoch bezwang ich mich und hielt mich ſtill. »Bill,« ſagte die Bierbaßſtimme,»ich halt' Dich im Grund für'nen ſchnurr'gen Geſellen. Du weißt ſo Eins und's Andre, was wir nicht wiſſen, trotz Deinem Stadthahngekrähe!“ „ h'Er mag h'erfahren, Mr. Benjamin Bobſtay,« verſetzte Bill,„daß ich reg'lrecht h'erzogen worden bin, wie wir's auf der Schule nennen, h'alſo keine h'An⸗ zapfung wegen meiner Sprechh'art, ſo bitt' ich.⸗ Nichts im Geringſten von dergleichen, Bill; nur daß ich ſagen wollte, wir Alle hätten's gern, daß Du das Garn Deines Lebensgeſpjunſtes abwickelteſt— bun⸗ tes Garn gewiß? Haſt'was geſehen? He?« »Ja wohl, Ben, und Schauerliches— zu viel nur, zu viel! Mann des Lebens, ich könnt' machen, daß Dir die Haare zu Berge ſtehen, und Dir das Fleiſch h'auf den Knochen zu kriechen h'anfängt.“ „»Thu’s! thu's!« erſcholl's von allen Seiten, und meine Unvorſichtigkeit ging ſo weit, daß ich, obwohl unbemerkt, in den allgemeinen Zuruf einſtimmte. „Da iſt der Jugh'urtha, das h'arme ſchwarze dumme Vieh. Ich weiß, wie der ſein h'Artik'lirglied verlor.⸗ Ardent Troughton. II. 6 82 Die Büßung, oder »Den Teufel weißt Du!“« ſagte ich, von plötllicher Erſchütterung ergriffen. Einen Augenblick lang herrſchte Todtenſtille, dann flüſterte es:»Wer ſprach? wer ſprach? Warſt Du's, Jack?«—»Nein.“—»Es war— na, Ihr wißt wohl.« Der Diskantſtimmige, welcher der Meinung ward, es möchte ein Spion unter ihnen ſein, ſchlug vor, die Sitzung aufzuheben und des Löffels Geſchichte bis zu einem anderen Abend zu verſparen; dagegen ward je⸗ doch ſofort deßhalb geſtimmt, weil Benjamin Bobſtay die entſetzliche Lüge vorbrachte, daß er ſelbſt ſeine Va⸗ terſchaft zu dem Geheimnißvollen bekannte. Da Bill Watkins ferner ſehr klüglich bemerkte, daß keiner von den'ſchawwigen Spaniern und ausländi⸗ ſchem Sudelvolk ihn verſtehen könnte, auch wenn ſie ihn hörten, begann er die»Geſchichte vom Stadthahn⸗ matroſen.“ Neuntes Kapitel. Der Stadthahnmatroſe iſt im Begriff, ſeine Lebens⸗ geſchichte zu erzählen. Ehe ich jedoch dieſelbe mittheile, muß ich meinen Freunden bemerken, daß ich nicht Wil⸗ lens bin, die durchaus willkürliche Ausſprache dieſes Bürgers der Welthauptſtadt nachzuſchreiben. Wie er die Worte von ſich geben wollte, hing bei ihm gänzlich von der Laune des Augenblicks ab; er war in der That ein Autokrat in Hinſicht auf die Sprache, ein Tyrann Ardent Troughton. 83 gegen die Redetheile. Ueberhaupt gab der Silberlöffel ſich als Enthuſiaſt. War er flott, ſo enthielt er ſich ſorg⸗ lich aller nautiſchen Redensarten; am Lande jedoch wußte er dieſe nicht oft genug anzubringen. So alſo, wenn er am Bord war, nannte er das Maſtklettern„die hanfene Leiter hinanſteigen«; befand er ſich aber am Lande, ſo ſtieg er keine Treppe hinan, ohne ſolches Thun das »Maſtklettern« zu benennen. 3 Auf See ſah er ganz frommthuend aus, und zeigt bei einem Fluche, der erſcholl, das Weiße im Auge; wenn er hingegen am Strande war, fluchte er ſo unaufhör⸗ lich und ſo ſcheußlich, daß Jeder, der ihn hörte, bei ſeinen Läſterungen von Schander ergriffen ward. Ein ganz vertrackter Geſell war Bill Watkins— ein ſchlechter Kerl, in welchem viel Gutes ſteckte.— Eines von jenen mittelmäßigen Geſchöpfen, die, durch Drang ſich auszu⸗ zeichnen, ſich zu Grunde richten. 1 »Na, Gen'lmen,« fing William an,»'s kann Keinem von Euch was ſcheren, wer meine Aeltern waren, und weil ich Keinem von Euch mich zuſchwören will, ſo braucht Ihr mich nicht zu ernähren, wenn ich der Ge⸗ meine zur Laſt falle. Ich erhielt meine h'Erziehung mit den übrigen Schlingeln und Flegeln in einer h'öffentli⸗ chen Schule, allein in welcher von den h'Univerſitäten — das will ich nicht ſagen, denn ich würde dann die Bekümmerniß haben, die von mir erwähnten Schlingel und Flegel ruchbar zu machen.— Na, ich machte ſolche Fortſchritte in meinem Lernen, daß die Schulvorſteher ganz h'erſtaunt wurden und allzuſammen ſagten, es würd' 'ne Todſünde ſein, wenn man ſolche Tollente nicht der Welt überlieferte. So gaben ſie mich in die Lehre bei einem Hoſenmacher insbeſondere, der aber auch Kleider⸗ macher im Allgemeinen und ein Gen'lman obendrein 6* . Die Buͤhung, oder war. Na, mir behagte das nicht, und ich will Euch auch ſagen, warum. Ich konnt’ nicht aushalten, ſo mit unterſchlagenen Beinen zu ſitzen, und der Geruch des friſchen Bockleders war mir widerwärtig. Ueberdieß fand ich es höchlich beleidigend, daß Leute, die tief unter mir ſtanden, höchſt anzügliche Schimpfreden von Hölle und dergleichen in meinem Beiſein um ſich herumwarfen. Nun aber kann man nicht den ganzen lieben Tag lang die Leute prügeln, wißt Ihr, denn man wird's endlich müde und bekommt zudem noch den Namen von'nem Zänker. So holt' ich denn eines Tags meine Ferſen unter meinen Dickbeinen hervor und gab ihnen durch Davonlaufen eine viel beſſere Beſchäftigung.“ Ich werde ſchnell über denjenigen Theil ſeiner Le⸗ bensbeſchreibung hinweggehen, der von jenen Abentenern überquillt, die einem behenden, müſſiggehenden Haupt⸗ ſtadtvagabunden ſo ganz eigentlich zu begegnen pflegen. Dieſer fand bald ſeinen Weg in die Tretmühle, welche, wie es ihm vorkam, ganz eigentlich für ihn angefertigt zu ſein ſchien, da er einer der erſten von denen war, die ihre Füße auf jene ſich umwälzende Beförderungs⸗ leiker ſetzten, auf der ihr immerdar herumſteigen könnt, ohne in die Höhe zu gelangen. Es verſteht ſich, daß er in ſehr böſe Geſellſchaft gerieth, in eine Geſellſchaft, deren Begriffe vom Eigenthumsrechte durchaus verkehrt waren. Dabei machte er Bekanntſchaft mit Criminal⸗ verbrechern, ohne daß er ſelber jedoch bis jetzt ein Ver⸗ brechen begangen, ſondern nur dann und wann, wie der ehrliche Jack Falſtaff, vor den Gerichtsſchranken die Ehrlichkeit ſeiner Genoſſen beſchworen, und dafür jedes⸗ mal, gleich dem feiſten Ritter, ſeine achtzehn Pfennige bekommen hatte. Durch dieſe Vergeſellſchaftung nahm er die Sitten Ardent Troughton. 85 des Schwindlerpöbels an, und ſog deſſen Grundſätze ein, hütete ſich jedoch vor der Hand auf das Sorglichſte, an den Gefahren deſſelben Theil zu nehmen. Durch ſeine Zuvorkommenheit und Rührigkeit erhielt er endlich den Dienſt eines Oberkellners in einem bekannten, vielbe⸗ ſuchten Wirthshanſe, in der Gegend des Fleet. Er ſel⸗ ber falſchmünzte niemals— er gewiß nicht; allein der Himmel weiß, wie's zuging, die Taſchen ſteckten ihm beſtändig voll von ſchlechten Silberſtücken. Er hatte es, mußte alſo es nothwendiger Weiſe eingenommen haben, und gewiß würde es hart geweſen ſein, wenn der Ver⸗ luſt einen ſo armen Mann hätte treffen ſollen, als er war; folglich vertheilte William Watkins das falſche Geld höchſt unparteiiſch, ja ziemlich verſchwenderiſch unter den Gentlemen, die ſich Guineen wechſeln lie⸗ ßen, durch welches Alles er viel Gold und ein ganz klein wenig Verdacht einerntete, doch wußte er dieſen wie jenes zu verſtreuen. Als er ſich in dieſem blühen⸗ den Zuſtande befand, erblickte er zum erſten Male Mary Oſt. Möge er wieder für ſich ſelber reden. »O ihr, meine Angen! war ſie nicht ein Engel? Sie war ſo ſchön, daß ſie mich an Madam Abingdon, die Komödienſpielerin erinnerte, wenn anders angenom⸗ men werden mag, Madam hätte ſich in der Kirche er⸗ blicken laſſen können. Trippelte Mary Oſt durch die Straße, ſo ſah Jeder ihr nach, ſowohl Gentleman als Handwerker, ſo Lord als Eſſeukehrer. Ich weiß es nicht auszudrücken, aber es war, als führte ſie Licht mit ſich, wo immer ſie ging. Ich ſage nicht eigentlich, daß ſie Sonnenſchein um ſich herum verbreitete, aber ſo gewiß ich glaube, ſelig zu werden, ſo gewiß iſt es, daß wenn ſie ihr Köpfchen zu ihrer Thür, am unteren Ende von Simions Hof, hinausſteckte, Alles um ſie her weni⸗ 86 Die Büßung, oder vier oder fünf Schattenſtriche dunkler erſchien— h'oft und h'oft habe ich das geſehen.« » Das kann ich auf keinerlei Weiſe ausdeuten,« fiel Einer von den Zuhörern ein,»das heißt, bis auf drei Strich gerade in's Windauge ſegeln.« „Hoho,'s iſt Alles natürlich genug,« ſagte Bill Bobſtay, den ich nunmehr an ſeiner Bierbaßſtimme er⸗ kaunte,„ſie muß ſo was vom Fell des Haifiſches an ſich gehabt haben— ſo etwas von Foffranz, wie die Zottelperrücken ſagen— jeder ſtinkende Fiſch leuchtet im Dunkeln.«. „Stinbender Fiſch? Du Lügenmaul!“« ſagte der Sil⸗ berlöffel grimmig.»Da nimm das!« und dabei gab er im Dunkeln einem Unrechten einen derben Puff in den „Nacken; der Geſchlagene ſchickt das Empfangene weiter, und ſo entſtand ein hübſches Handgemeng, während deſ⸗ ſen ich mich platt auf das Verdeck ſtreckte. Springer jedoch war zu Gange wie ein junger und ſtarker Löwe, und brachte, ohne zu beißen, einen nach dem anderen der ergrimmten Fauſtkämpfer durch Pfotentritte zur Ruhe. Das treue Thier that dieſes nur, um mich vor Leid zu bewahren, denn ich⸗lag krampfhaft lachend in⸗ mitten des Gewühls, während der Hund mich deckte, und jeden, der uns nahe kam, niederriß. „Schwerer Seeſchwall!— Heda, Paul!— So ſtoppt doch All' mit'nander!« ſchrie Bill Bobſtay: „»Hier iſt der Teufel los, und an heißem Pech fehlt's nicht! Ich habe drei Püfſe in die Freſſe, und'n paar tüchtige Hiebe zwiſchen Wind und Waſſer bekommen, während des jungen Herrn Hund hier mir beinahe den Skalp abgezerrt hat, und hier liegen wir im Dunkeln Einer über den Andern her, wie eben ſo viel ſchnurrige fel, die in einer Pfefferdoſe eingeklemmt ſtecken. Hat — — Ardent Troughton. 3 87 der Löffel Streit mit mir, ſo will ich's morgen bei hellem Tage mit ihm ausmachen, Raa an Raa gebunden auf einem Seekaſten, nur bitt' ich von vorn herein, ſagen zu dürfen, daß ich nicht Abſicht hatte, ſeine Phantaſie⸗ dirne einen ſtinkenden Fiſch zu nennen— nein! ich bin zu ſehr Mann, um irgend'ne Frauensperſon zu ſchimpfi⸗ ren, und habe nicht an zwanzig Jahre lang die See befahren, ohne'n Bischen von guten Manieren zu ler⸗ nen. Ich wollte dem Mädchen nichts Schlimmes nach⸗ reden, Bill; aber, verlangſt Du's, will ich Dir doch aus purer Liebe zu Dir, morgen zum Boren ſtehen— ˙s iſt all Eins.« 4 Dieſe Erklärung befriedigte den erzürnten Stadthahn⸗ Jeder rieb ſich da, wo er Eins weggekriegt hatte, und durch einander wurden Haͤnde im Dunkeln ausgeſtreckt und geſchüttelt, wie's der Zufall gab; Eintracht war wieder hergeſtellt, und der Silberlöffel erzählte weiter, wie folgendes Kapitel es mittheilen wird. Zehntes Kapitel. »Nu, Mary Oſt und ich, wir hielten uns zuſammen; ich nahm ſie mit in die h'Oper, nach White⸗Conduit⸗ Haus und nach andern modiſchen Beluſtigungsh'örtern. Schwerlich iſt h'Einer von h'Euch jemals in White⸗ Conduit⸗Haus geweſen. Dort muß Einer ſeine Augen wahren— dort muß Eines Conduwite weiß ſein, Ihr Jungens— Schwarzſchenkel werden dort nicht zu⸗ 88 gelaſſen; und nicht nur muß Eure Conduwite weiß ſein, ſondern, wenn's Ball giebt, müßt Ihr auch weiße Ta⸗ ſchentücher haben. War ich damals nicht'n Blümchen? Einmal wollte ich Mary nach Alle⸗Max in Willis Säle führen, aber ich that's nicht—'s war allzu gemein da — Marxl pfui Dich an! Mary wollte keine Strahl Donnerblitz nehmen— Portwein⸗Negus mit Muskstnuß, das war's Rechte, oder vielleicht bei kaltem Wetter ein wenig Rum mit Kanehl— ja, ich wußte damals wohl, was feine Lebensh'art hieß. »Na, ich will Euch kein Wort ſagen, das wie'ne Lüge klingen könnte, aber wenn Mary und ich ausgin⸗ gen, ſo gingen wir vorſtehend dſchentihl aus; gewöhn⸗ lich aber blieb Mary zu Hanſe und war fleißig bei ihrer Arbeit. Sie hielt ſich wie eine Leddy und ihre alte Mutter ebenfalls. Sie war'n gutes Mädchen;'n ſehr Die Büßung, oder gutes Mädchen war Mary Oſt. Aus mir machte ſie 'nen rechten Löffler, und brachte es ſo weit, daß ich eben ſo gut mir hätte einſallen laſſen, in der Kirche zu fluchen, als in ihrem Beiſein'n Schandwort auszuſprechen, und gaunern— nel das ging nicht bei Mary, durchaus nicht! Na, um die lange Geſchichte kurz zu machen, ſie wollte mich nicht eher heirathen, als bis wir acht⸗ hundert Pfund zuſammen haben würden; und ſehr zu ihrem Ruhme muß der Wahrheit gemäß geſagt werden, daß ſie ſchon mehr als's Halbe jener Summe geſpart hatte. Ich hätte, ſo lukertiv war meine Stellung, bald die andere Hälfte beibringen können, aber ich war h'un⸗ bändig und fürchtete außerdem, Mary möchte von irgend einem Vornehmen weggefiſcht werden. Mancher Ge⸗ werbsmann, der in eigenem Hauſe ſaß und gut Geſchäft machte, hätte ſie gern gehabt; aber ne! ſie und ich, wir wollten mitſammen in's Geſchäft kommen, als Dameu⸗ Ardent Troughion. 39 ſchuhmacher. Nu, die halde vornehme Welt würde uns Kundſchaft geweſen ſein, und die Schuhe, die Mary einfaßte, koſteten immer das Doppelte; aber wie geſagt, ich war h'unbändig, und drängte und zwäͤngte das arme Ding, mich zum glücklichen Menſchen zu machen— das iſt ſo der Weg, den unſer Eins einſchlägt— ſie aber war ſtandhaft, wie die Pumpe am Altenthor— die köſtliche Pumpe! So ward ich maulhenkoliſch, und theilte meine kummervolle Lage einem von meinen alten Genoſſen, den Drängern, mit. Na, unter dieſen war nun Einer, Namens Jim Pruſter— hab' ihn nie unter anderem Namen gekannt— ein pfiffiger Geſell, wie ich ſagen muß, obſchon er gekratzt und geſchoren worden iſt — das iſt ſo an der Tagesordnung mit'n Beſten von uns— nen Strick als Halstuch und Baumwolle über die Ohren. Jim nun nannte mich den ärgſten Dümm⸗ ling von der Welt; er aber war ſelber ganz verwettert verliebt, ſo bemitleidete er mich und bewog mich zu nem wahren Meiſterſtück, leiſtete dabei auch einen feierlichen Eid auf ſeinen beſten Hut, daß ich für den Einen Mit⸗ gang den ganzen Plunder gewinnen ſollte. Ich alſo willigte darein. „»Nu aber, Bobſtay, will'ch Dir gleich beweiſen, daß ich durch und durch ein ehrlicher Kerl bin, denn was that ich nun? Ich ging zu Mary Oſt und begehre, daß ſie mich friſch heirathen ſoll, ſo wie ich gehe und ſtehe; ſie aber ſpricht wie gewöhnlich: Warte, William, bis wir die Achthundert voll haben, um Lizenz und Ge⸗ möbel zu kaufen.— Mein Augapfel,“ ſag' ich dagegen und ſage ſo:„h'iſt's Geld h'ein Hinderniß hier, ſo iſt's beute Donnerstag, bring' ich Dir nun Montag die Vierhundert, willſt Du denn„stantpeet« mit mir in die Kirche gehen?“—„Ich will,“ ſagte ſie, woher aber 90 Die Büßung, oder ſoll's Geld kommen? Worauf ich wie'n verſchimmel⸗ ter Narr ihr alles von meinem Verbündniß mit Jim erzähle. Nu hättet Ihr's ſehen ſollen, Gen'lemen Ma⸗ troſen— ich ſelbſt konnt's nich glauben, wenn ſchon ich's ſah— ſehen ſollen hättet Ihr, wie die Dirne, ſonſt ſo ſanft und mild, jetzt krötig aufſtand und mir'n Sermon, wie'n Pfaff hielt. Plump'raus ſagte ſie mir dabei, daß, wenn ich das Meiſterſtück ausführte, ſie mich angeben wollte. Ich aber glaubte ihr nich mehr, als ich dachte, daß ich,'n geborner Gen'leman, gezwungen ſein könnte, mit ſo'ner auserleſenen Rotte von Vagabunden in dieſem verwetterten ſpan'ſchen Schwimmer zuſammen⸗ zuſtecken— auweſende Geſellſchaft, verſteht ſich, davon ausgenommen. »Na, ich weiß nicht recht, wie ich mit der Mary aus'nander kam; ich war in zu geſpannter Leidenſchaft; wollte gehen, um aus Liebe zu ihr meinen koſtbaren Hals zu wagen, und ſie wollte gehen, um mich um dieſen einen Strick knoten zu laſſen. Bei alldem glaubt' ich nicht, daß ſie's jemals würde thun können, und nächſten Freitag führte Jim und ich richtig das Stückchen durch, und als wir den Plunder auf die Seite geſchafft hatten, händigte Jim— ein ehrlicherer Kerl hat nimmer h'Odem geholt, baare dreihundert Pfund und noch zwanzig d'rü⸗ ber ein, um Schmuck für meine Liebſte zu kaufen. Ich glanbe, er behielt kaum dreißig für ſich— das iſt's, was ich Rechtſchaffenheit nenne! „»˙S Beſte von dieſem Syaß aber kommt noch. In⸗ dem ich mir's nicht h'einfallen laſſe, daß ſolch ein Satan h'in h'ihr ſteckt, ſchreib' ich ihr'nen Liebesbrief, und ſchreib' ihr drin Alles, was'ch aus Liebe zu ihr gethan hätte, und rechn' mir's h'als Verdienſt an; ſchreib' ihr auch, daß ich auf die Bibel mein Haffidavi gethan, nimmer ——,— — Ardent Troughton. 91 dergleichen wieder zu thun, und— ſ' helf mir Gott, Gen'lemen, ich that's auch nimmer wieder— und ſagt' ihr dabei, ich wollte kommenden Montag mit meinem Freund in'ner Miethskutſche vor ihre Thür kommen, ſintemal ich die Lizenz gekauft, und daß ſie keine Zeit zu verlieren hätt', ſich ihre Braut jumfer anz'ſchaffen. Und was meint Ihr, was ſie mir für'ne Antwort auf meine h'Epiſtel ſchickt?„h'Elender William, flieh h'und rette Dein Leben,“ ſchreibt ſie— Deine noch h'elen⸗ dere Mary.“ »Ich zeig' das dem Jim, der aber ſagt:'S is hAll's Dudelei, ſo wahr, als es Sperlingshähne auf St. Ja⸗ mes's Markt giebt. Fährt Montag die Kutſche bei bhr vor, ſo ſchlüpft ſie hinein, wie'n friſch abgehäuteter lal.“ »Mich aber, müßt Ihr wiſſen, ſtellte das h'Alles nich zufrieden. Ich ſpreche dreimal am Sonnabend bei Mary vor, konnte ſie aber nich'n einziges Mal in Sicht kriegen; dennoch wartete ich meine Gelegenheit ab, und ſchlüpf', als die Hausmagd'nausgeht, um wohl für die Sonntagsküche einzukaufen, wie ich meine, in's Haus, und grad' hinauf in den zweiten Stock, wo Mary wohnte. Dort klopf' ich aun, aber die Thür war ver⸗ riegelt, und ich hör' gewiß g'nug, wie Mary ſchluchzt, als ob ihr's Herzchen platzen wollte. Sprech' ich alſo: „Laß mich nur'nen Augenblick'nein! worauf ich eine Weiberſtimme ſagen höre: ˙Will, mach' jetzt, daß Du fortkommſt.“ Sprech' ich: So ſag' mir nur, daß h'Alles in h'Ordnung is.—„S is Alles in Ordnung,“ ſpricht ſie.„Wohl denn,“ ſprech' ich,»die Kutſche ſoll Mon⸗ tag um Elf daſein.“—»Schon gut, ſagt die Weiber⸗ ſtimme, die aber ziemlich grämlich oder ſo klang. Dann hör''ch Mary fürchterlich kreiſchen, und was'rumpur⸗ — — 92 Die Büßung, oder zeln; dann aber war Alles ſo ſtill, wie'n Dieb unter'm Ladentiſch'nes Juwelenhändlers. So horch' ich, und horch''ne lange Weile, nichts aber rührt ſich; ſprech' ich alſo: Is Mary krank, um Gotteswillen?— Mach', daß Du fortkommſt,“ ſagte die Weiberſtimme noch'nmal —»Fort, und bedenk', was Du am Montag zu khun haſt.“ Ich geh' hierauf zu Jim Pruſter— das Herz ſteckte mir iu der Kehle,— ſo dick, wie'n Norfolker Mehlklump. ˙S is'ne Falle, Jim, ſprech ich. Nar⸗ renkrams,“ ſpricht er. Ich wipp' aus,“ ſprech' ich. „Thu's,“ ſpricht er, und ſetzte hinzu,*ich bin'n präſen⸗ tirlicher junger Kerl, um, wenn die junge Frau'usperſon ſich's umal vorgenommen hat, ſich kop'liren zu laſſen, ſo muß ſie nich ang'führt werden.“ „Dieſe Anſicht der Sache,“ wie'nmal einer meiner Freunde ſagte, als er ſeinen Vig'linkaſten beſchaute, aus dem ihm's'Strument geſtohlen worden war— dieſe Auſicht der Sache gefällt mir nicht,“ ſprach ich; und als Jim mir darauf verſicherte, von unſer Dieb'rei wär' wei⸗ ter kein Aufhebens gemacht worden, und keiner der Halt⸗ feſte hätte davon gemunkelt, ſo meinten wir, Alles wär' ſchon recht und machten uns— haſt D's geſehen!— „nen luſtigen Abend. „Na Montag kommt ran, und wir bei Zeiten'raus! Und ob wir ſchmuck waren, alle Beide? He! Ich will es Euch ſagen, was'ch anhatte— Alles nach neueſter Mode! Ich trug'nen blauen Rock mit gelben Knöpfen, zne weiße Jeanweſte, unter der weißen eine ſeidene nel⸗ keufarbige, unter der nelkenfarbigen eine ſeidene himmel⸗ blaue, und unter der himmelblauen eine ſeidene ſm'ragd⸗ grüne, doch war dieſe dann nur recht zu ſehen, wenn ich mich bückte. Von den Bruſtnadeln in meiner Hemdfrille, und von den Ringen an meinen Fingern Ardent Tronghton..93 Fingern ſprech' ich gar nicht. Weiter! Dann hatt' ich 'n Paar funkelneue weiße hirſchlederne Hoſen und detti gelbe Stulpſtiefeln an, und an der Bruſt keinen kleinen Biumenſtrauß; kann's Euch verſichern. Nicht aus dün⸗ nem Ton ſang ich, als ich wit Jim in die Mieths⸗ kutſche ſtieg. »Na, in Jims Wohnung war um zwölf ne kalte C'lation beſtellt, und nachdem Mary und ich ſie zu uns genommen haben würden, ſollte das glückliche Paar ſich in'ne Schäſe ſetzen und'nunter zum Hirſchen in Barnet rollen— Alles nach'm Styl, wie Ihr ſeht, Gen'lemen. Alle dieſe herrlichen Vorkehrungen hatte ich der Mary durch'n Billjetchen am Sonntag ange⸗ zeigk, und darauf'ne Antwort, wenn ſchon nich von ihr, ſondern wie ich meine, von der Weiberſtimme er⸗ halten, worin's hieß, daß ſie ſehr unpäßlich und wirr⸗ haſtig, daß aber h'Alles h'in h'Ornung wäre. »Nu, Schüſſelmaate, müßt Ihr wiſſen, daß Miß Oſt am Ende des Hofes wohnte, ſo mußte denn der Miethskutſcher vor'm Eingang des Hofes halten. Mir war das ſchon recht; denn wir konnten nun zu Fuß wie Pfanhähne den Hof entlang gehen, ohne daß Je⸗ mand hätte ſagen dürfen,'s geſchäh' aus Stolz. Als wir aber auhalten, ſeh' ich noch'nen Wagen da halten. »Wohl gethan,“ ſprech' ich,'wohl gethan Mary!'n Wetterdirnel das. Sieh nur Jim, ſie hat auch Freunde, ſo ſchlankweg ſie auch is.“—»Freut mich teufelmäßig,“ ſagt Jim. Kaum aber ſteht unſer Wagen ſtill, ſo kommt 'n bös ausſchauender Geſell an den Schlag, bringt'n ſchön Kompliment von der Miß Oſt, und bittet, die Gen'lmen möchten ſich nich die Mühe geben, auszuſtei⸗ gen; denn ſie und ihre Freunde würden gleich da ſein. Damit legte er ſeine garſtige Fauſt an die Wagenklinke 94 Die Büßung, oder und häͤlt ſie feſt. Jim, der an der andern Seite ſitzt, ſteckt'n Kopf zum Wagen'naus, und— ſchau! ſteht da ein anderer Kerl und hält die andere Klinke feſt. Jim guckt ihn'n Weilchen an, wird dann kreideweiß, wirft ſich in'n Wagen zurück, und in der Gurgel, als ob er'n Dutzend heiße Kaſtanien verſchluckt hätte, kollerte ihm das Wort'geſchnappt.“ »Anfangs konnt' ich das Alles nich begreifen; denn ich kannte keinen von den höflichen Leuten, die mir ſo dienſtwillig aufzuwarten ſchienen. Mittlerweile ſteigt 'n dritter Höflicher'nauf auf'n Bock zum Kutſcher. Mir blieb nich lange Zeit drüber zu grübeln, denn die Thür unten im Hofe geht auf, und'raus kommt der Polizeiofficiant Mr. Townshend mit drei anderen Halt⸗ feſten und einem Gen'leman und einer Leddy, die wir nicht kannten. Zwiſchen dieſen aber ging die perfidi-wu Marxy Oſt, ganz in Schwarz und bleich wie der Mond, wenn er'n Brechpulver eingenommen hat, und dabei weinte ſie wie'n Strohdach bei Thauwetter. Schöne Hochzeit war das! So ſteck' ich den Kopf zum Kut⸗ ſchenfenſter'naus und ſpreche: Mary!“ und ſie wird h'ohnmächtig, und wird ganz ſäuberlich in die andere Kutſche gehoben. Mr. Townshend kommt an meine Wagenthür, lächelt h'überh'aus leutſelig und hält auf die höflichſte Weiſe von der Welt ein Paar Handſchel⸗ len in der Hand, die ſo ſauber und blank ſind, als man nur wünſchen kann, ſie zu ſehen— ſobald man ſie nur nich an ſeinen h'eigenen Händen ſehen muß.»h'Irgend h'ein Mißverſth'ändniß, Mr. Townshend,“ ſprech' ich, denn ich kannte den Schlucker recht wohl. Mißverſt⸗ h'ändniß, werther Sir,“ wiederhol' ich, und mache gute Miene zum böſen Spiele.—»Nicht im Geringſten, Mr. Watkins, ſpricht er, und war dabei ſicherlich ein Ardent Troughton. 9⁵ höchſt dſchenthiler Mann, der an ſeiner Uhrkette zwei Petſchafte mehr trägt als der größte Lord in der Band⸗ ſtraße. Durchaus kein Mißverſtändniß! Erlauben Sie mir, daß ich mich Ihrer Geſellſchaft erfreue.“ »So ſteigt er in meinen Bräut'gamswagen ſo leut⸗ ſelig, als müßte er mich zur Trauung fahren. Er ſchien wirklich eine beſondere Vorliebe für uns gefaßt zu ha⸗ ben; denn nichts konnte feiner ſein, als die zarte Weiſe, womit er uns die Handſchellen anlegte, obſchon der Spaß an ſich nichts weniger als erquicklich war.„Wo⸗ hin fahren wir? fragte Mr. Towushend, als er Jim und mich mit den Wriſten zuſammenkoppelte, und dann ſalbaderte er ein Allerlei von Ringen und Banden und Ehebündniſſen.— Wohin fahren wir?»Je nu,“ ſprech' ich, es muß wohl dahin gefahren werden, wohin Sie wollen; da Sie aber'n ſo höflicher Mann ſind, ſo wer⸗ den Sie den Pfarrer zu Sanct Annen nicht warten laſſen..— Nicht doch,“ ſpricht er,'wir fahren dort vorbei auf dem Wege nach Bopſtreet. Sie ſehen, Mr. Watkins, daß ich zu höflich bin, um Sie am Hochzeits⸗ tage von Ihrer Braut zu trennen— ſie fährt vor uns her; wir werden ganz behaglich bei Seiner Geſtrengen mit ihr zuſammentreffen. Das aber laſſen Sie mich Ihnen ſagen, Mr. Watkins, giebt's einen Engel auf Erden, ſo iſt's Miß Oſt; ſie hat einem Advokaten ſchon zehn Pfund geboten, daß er Sie aus der Klemme ziehen möchte.“ »Nicht wohl vermag ich den beh'ängſtigenden h'Auf⸗ tritt vor den Gelahrten zu beſchreiben. Mary wagte nicht mich anzublicken, und ſiel aus einer h⸗Ohnmacht in die andere. Als ſie ſprechen konnte, bat ſie bei'm Rich⸗ ter für mich und flehte die h'Advokaten an, die h'Alles thaten, um mich loszukriegen, aber es wollt' nich gehen. 98 Die Büßung, oder Jim ſteckte nu vollends in der Klemme, und ſo wurden wir nach Newgate abgeführt.— Köſtlicher Hochzeits⸗ tag, das! »Wie aber war mir zu Muthe, meine luſtigen Jun⸗ gen? Was fühlte ich in jener Bedrängniß? Gallig bös war ich, und wie ein Mann, dem man ſchweres Unrecht anthat; und als ſie mich und meinen Kamraden geket⸗ tet durch die Straßen führten, folgte Mary mir nach, weinte bitterlich, demüthigte ſich vor mir, ſprach mir Hoffuung ein, drang mir ihr Geld auf und ſagte mir, ſie wollke mich heirathen, ſobald ich frei ſein würde; ſie wäre von dem Gen'leman angeführt, den ich heltoblen hatte und der ihr meine Freilaſſung verſprach. In mei⸗ ner Bruſt aber raſete damals Satanas, ſo daß ich ſie mit meinem gefeſſelten Arm nieder und in den Stra⸗ ßeukoth ſtieß, während um mich herum der Pöbel ziſchte und pfiff und jubelte und fluchte. Das, Schiffsmaate, war das größte Verbrechen, das ich jemals beging! »Ich hab' Mary Oſt ſeitdem nie wieder geſehen. So weit das Geſetz es irgend erlaubte, hielt ſie mich herrlich geſpeiſ't im Gefängniß, und bezahlte die beſten h'Advokaten zu meiner Vertheidigung; aber der Stoß, den ich ihr gegeben hatte, ward mein Verderben. Sie war zu krank, um als Zeugin gegen mich aufzutreten; auch bedurfte es ihres Zeugniſſes gar nich. Auch hatte mein Verfahren gegen ſie das Herz meines Anklägers ſo verhärtet, daß er nicht einmal mich der richterlichen Gnade empfehlen wollte, als ich ſchuldig befunden wor⸗ den war, und ſo— und ſo, Gew'lemen, ſo henkten ſle den armen Jim, und mich— mich transpertirten ſie auf Lebeuszeit für mein h'erſtes Vergehen⸗ ſo wahr mir Gott helfe, und h'Alles, weil ich'ne Dirne zu ſehr liebte und h'eher hiich noch zwanzig Jahre h'alt wars⸗ Ardent Troughton. 97 »'n harten Stand ſcheinſt Du gehabt zu haben, ſo wie Du's erzählſt,« ſagte Bill Bobſtay,»ich aber will Dich nicht überholen. Mach' ich dieſe Fahrt klar und werd' ich nicht beſtohlen, ſo will ich ſelber die Mary Oſt aufſuchen— wohl verſtanden, Du haſt doch keine Anſprüche mehr? oder haſt Du, Bruder Silberlöffel? denn ſieh,'nen Schüſſelmaaten muß man nicht ausſte⸗ chen wollen.« 2 »Keinen, keinen Anſpruch mehr!« antwortete der melancholiſche Stadthahn. 1 „Wohlan,« ſagte Bill händeklatſchend,»will ſich's paſſen, ſo heirath' ich ſie ſelbſt.« »Du?« ſagte William mit lautem Spottlachen und in bitterer Seelenqual, denn dieſe hat ſo gut ihr Lachen wie der Schmerz ſein Schreien hat—„Du⸗ Ehe ſie dreißig Jahre zählte, ward ſie Lady Mayoreſſe von London, und iſt jetzt'ne Leddy, wie eine ſein muß, die an'nen completten Bar'nett verheirathet is. Du? Na, bei alldem kann der Gauner und der wiedergekehrte Sträfling ſich in Wahrheit rühmen, daß er einſt dieſe glorreiche Leddy hätt' heimführen können, wenn er ſel⸗ ber es vernünftig gewollt hätte.« Nach dieſer Aufwallung des Stolzes gab er ſeinen Genoſſen eine lange Erzählung über die Schwänke und Schnurren zum Beſten, die am Bord der Gefangenen⸗ ſchiffe vorfielen, die wir jedoch übergehen und den Fa⸗ den da wieder auffaſſen, wo das Verbrecherſchiff auf ſei⸗ ner langen und düſtern Fahrt über die Südſee nach Port Jackſon begriffen war. 4 „»Das war ein Höllenleben,« ließ der Stadthahn ſich vernehmen—»eingeſperrt wie wilde Beeſte in ei⸗ nem Gitterkaſten— und wir waren nicht viel beſſer als wilde Beeſte— ließ man uns nur zu Dreien oder Ardent Troughton. II. 7 98 Die Büßung, oder Vieren zur Zeit auf Deck, um ein Maul voll heiße Luft einzuſchnappen, die im Vergleich zu dem Höllen⸗ h'ofen unten wahrhaftig kühl zu ſein ſchien. Wir ſteck⸗ ten in einem Schiffe von ſ'chshundert Tonnen und d'rü⸗ ber— Siebenhundert und noch Einige— damals war noch keine Reg'lation. Der vierte Theil der lebendigen Ladung fand gewöhnlich Weg über Bord, ehe man in Bot'nybay ankam. Damals fuͤhlte ich Reue und Zer⸗ knirſchung genug. Na, ich weiß nicht, wo wir eigentlich waren; es war grimmig heiß, und wir mögen wohl um dieſen Strich hier'rum geweſen ſein, wenn ich nach dem Seeſchilf und der Hitze urtheile, als'n ſpan'ſcher Skla⸗ venfahrer, wohl bewaffnet, ſich uns ſeitlängs legte. Die Sklavenfahrer hatten damals frei Gewerbe; aber wie dem nnn, auch ſein mochte, genug, die Spanier waren mit England im Krieg, und ſo verlangten ſie von un⸗ ſerem Schiff, daß es ſich ruhig ergeben ſollte. Unſer Schiffer aber war'n kleiner, krittlicher Kerl, und da wir nun'nen Kap'tän, zwei Lieutenants und ne ganze, ſechszig Mann ſtarke Compagnie vom funfzigſten Regi⸗ ment an Bord hatten, der Schiffer auch auf ſeinem ſchmucken Deck zwölf kurze Neunpfünder führte, ſo ging's los, und ſie packten an wie mit Hammer und Zange. Das war'n mordmäßiges Gefecht, Jungens! hübſch ſtill Wetter— Raa an Raa gelegt! Ob nicht jede Kugel durch die Rippen des alten Schiffs fuhr und ſich dann'nen Weg durch die Bäuche der Trans⸗ pertirten bahnte? Da war an kein Entrinnen— an keine Bewegung inmal zu denken! Hu, wie heult's in der vollgepfropften Spelunke! Und in den Hinterlöchern, wo ganze Klumpen von Weibſtücken lagen— hu! wie ſcheußlich ſchrieen die, daß Einem die Ohren gellten! Soldaten und Matroſen auf Deck konnten's nicht aus⸗ Ardent Troughton. 99 halten, ſo öffneten ſie die Löcher und ſperrten ſie Alle in den Raum; doch dieß geſchah nicht eher, als bis viele von ihnen durch die Kugeln in Stücke zerſtiebten, unnd noch mehrere von Furcht und h'Erſtickung das Le⸗ ben gelaſſen hatten. »Giebt'n Gemetzel'ne glorreiche Schlacht ab, ſo war Dir das eine, Bill Bobſtay. Jede Kugel ging g'rad durch uns durch, wie'ne Piſtolkugel gegen'ne Tonne von Häring' abgefeuert, denn ſo dicht lagen wir zuſammengepackt. Und, o meine Augen! wie fleheten wir, daß ſie uns möchten'nauslaſſen, damit wir mithül⸗ fen bei den Kanonen; aber ſie trauten uns nicht, und arbeiteten lieber allein, obſchon zu nicht ſonderlichem Zwecke; denn gegen jeden Schuß, den wir thaten, that der Feind zwei, und gegen zwei Mann von uns ſtan⸗ den drei feindliche. Während nun ſo Jan Spanjol uns arme Gefangene in'nen dicken Brei von Blut und Hirn und Därmen rührte, fegte er oben vom Deck die Blau⸗ und Rothjacken weg, zerſchoß alle Maſte, und machte unſer Fahrzeug zu complettem Wrack. Nu is's mein Princip, ſein Beſtes zu thun, um zu gewinnen; ſieht aber Einer, daß er nicht gewinnen kann, ſo muß er ſich kaltblütig ducken und den Andern den beſſern Mann ſein laſſen. Nun am Ende konnt' unſer Schiff nich mehr fechten, ſintemal es Keinen mehr hatte, der's Nö⸗ thige verrichtete. Als aber die Flagge geſtrichen ward, kreiſ'te der Spanjol um uns'rum, bis er ſich endlich In Herz faßte und an Bord kam. Von dem Blutbad war Mehreren unter ihnen übel worden— keine Sylbe dran erlogen, Bill, keine Sylbe! Wer aber, meint Ihr wohl, war der erſte Kerl von ihnen, der zu uns'rüber ſprang? He! kein Anderer als unſer jetziger ſpan'ſcher Schiffer, Kapitän Mantez.« 7* 100 Die Büßung, oder Dieſe Mittheilung jagte Alle in Schrecken, und wohl Keinen mehr als mich. Viele Schimpfwörter liefen vom Stapel, und der Eifer, mehr erzählen zu hören, ward in mannichfaltigen plumpen Ausdrücken dargelegt. Ich ge⸗ ſtehe, daß, als ich in meinen Winkel gekauert ſaß, ich von unerklärbarer Ahnung bebte, irgend eine Kapital⸗ ſchandthat zu vernehmen, die mich ſchandern machen und mich wegen der Sicherheit meiner Familie in To⸗ desangſt verſetzen würde. Elftes Kapitel. Der Silberlöffel fing jetzt an, ſich für'ne gewaltig wichtige Perſon anzuſehen, wie ſolches deutlich aus der Krähſtimme abzunehmen war, mit der er ſeine Erzäh⸗ lung fortſetzte. »Der Kapitän,« ſprach er weiter,»kennt mich jetzt nicht; ich bin ſeitdem haarborſtig worden, und als er mich aus dem Gitterkaſten herauszog, war ich ein blei⸗ ches, ausgehungertes Geripp. Damals aber war er bei alldem noch nicht Kapitän, ſondern nur der Zweite im Kommando. Weder er jedoch, noch ſonſt Einer, wußte, was man mit dem gewonnenen Schiffe, noch weniger aber mit der Ladung anfangen ſollte; denn Galgenvögel ſind in keinem Hafen der Welt eine gute Marktwaare. Jetzt, Maate, werdet Ihr mir nicht glauben wollen; dennoch is h'Alles wahr wie ˙s h'Evangeljum. St! Still! Seid Ihr ſicher, daß keiner von den h'ausländ'⸗ ſchen Kerlen in der Näh' iſt? Schnüffelt'rum— wit⸗ — — Ardent Troughton. 101 tert Ihr kein Knoblauch? Ne,'s is h'Alles h'in h'Or⸗ nung, glaub' ich. Na, dieſer Dickethu Mantez gab nun h'Order, h'alle Verwundeten und Todten über Bord zu werfen. Natürlich wurden dieſe erſt geſtrippt; denn ſo 'nem Spanjol iſt's gleich, wohin er ſeine ſäuiſche Hand ſtreckt, ſo lange er ſie mit'nem d'ranklebenden Pfennig wieder zurückziehen kann. Na, das räumte denn ſchmuck auf, wie Ihr wohl glauben mögt. Von den braven Verfechtern unſeres Schiffs waren nicht mehr als fünf geſund an Leber und Gliedern geblieben, und die konn⸗ ten dieß Gräbniß im Großen nicht beſchicken. »Das Oberdeck war ſolcherweiſe ziemlich klar ge⸗ macht. Jetzt gingen ſie auf's Mitteldeck, wo ſich die Gen'lemen und Leddies Gefangenen befanden. Und wen trafen hier Mantez und ſeine Officiere, die bis über die Ferſen in Blut wateten? Keinen andern, als Timo⸗ theus Fribbut, die Schildwache an unſerer Thür, der ſo ſteif daſtand, wie ſein Zopf war. So ſprachen ſie zu ihm, er möcht' aus'm Wege gehen und'n Schlüſſel brausgeben. Fribbut aber ſchwur, keinen Zollbreit zu weichen, noch herzugeben, was man verlangte, ehe er nicht regelrecht von ſeinem Sergenten wär' abgelöſ't worden. Als nun'n Paar ihn hin und her ſchuppten, warf er s Baj'nett vor und ſchrie, wie die Order's ihm befohlen hatte, nach der Korp'ralswache. Da jagte ihm Einer ganz gemüthlich'nen Kurzdegen durch'n Leib, ſo daß Timotheus für immer abgelöſt war. Das nenn’ ich Euch 'nen reg'lären Schildpoſten; ſo'n Kerl muß dumm und ſteif wie'n Pfoſten ſtehen. Na, Tim ward über Bord gehuppt, und da Gen'lemen Malefactoren nicht beſ⸗ ſer tractirt wurden als Soldaten und Matroſen, ſo warf man Todte und Verſtümmelte ohne alle Cer'monj' über Bord. Die Frauensmenſcher wurden auf gleiche Die Büßung, oder Weiſe bedient, nur daß man die am Leben ließ, die nur wenig beſchädigt waren; glaubte man aber, ihre Wun⸗ den könnten Schererei machen, ſo mußten ſie ebenfalls kopfüber. „Dieſe Art zu jäten dünnte gut ab. Von beinah Achthunderten, die vor'ner Stunde noch gelebt hatten, waren kaum Vierhundert übrig, die Schiffszwieback hät⸗ 5 ten kauen können. Bei alldem wußten die Spanier nicht, was ſie mit uns und mit der Priſe aufſtellen ſollten. Das Schiff war entmaſtet und die Nothſtan⸗ gen waren obendrein zerſchoſſen. So endlich riefen ſie all' uns h'Engländer, Männer, Weiber und Jungen auf Deck, und ſtellten uns'ne Wahl, die damals uns von ungeheurer Großmuth gegeben zu ſein ſchien. Alle, die da wollten, konnten an Bord des ſpan'ſchen gehen, und g. Alle, die wollten, konnten am Bord des h'engliſchen Schiffes bleiben— die Weiber eingeſchloſſen. 7 „Na, das war Euch'ne abſonderlich kitzliche Wahl — mindeſtens für Gen'lemen Tranſpertirte. Wir hatten nicht Luſt, an'n Schiff zu gehen, das nicht viel beſſer als'n Piratenfahrzeug war, trauten aber auch Einer dem Andern in unſerem Schiffe nicht, denn ich muß es nur geſtehen, wir waren'n garſtiger Klump von Mal'fikanten. Viele von uns ſtellten ſich jedoch gewaltig hoch und ſagten, da ſie nun ihre eigenen Her⸗ ren wären, ſo könnten ſie's Fahrzeug in jeden Hafen der Welt bugſiren, und im Hui's wieder auftakeln. 8 Dabei ſchienen ſie ganz entzückt darüber zu ſein, eine Republik zu bilden, in der Jeder thun dürfe, was er wolle, und den Damen behagte dieß eben ſo wohl. — »Ich für meine Perſon hatte meine Scrupel dabei. Mir ſiel, als ich meine Kameraden betrachtete und ſah, Ardent Troughton. wie jeder von ihnen Kommando führen wollte, das ſpa⸗ niſche Sprichwort ein: 1 „El Sefior,— vos Seflor,— yo seüor!« — Wer führt das Schiff nun in's Hafenthor?— So ich, und mit mir etwa ſiebenzig Kerle und dreißig Weiber — beiläufig geſagt, die hübſcheſten unter Allen— trans⸗ 5 pertirten wir unſer Leben und unſere Schickſale an Bord des Spaniers. Die Dons— um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich s ſagen, beraubten das Schiff nur des wenigen Geldes und Silbergeräthes, was ſie darauf finden konnten, ehe ſie es den Mal'ſi⸗ kanten überließen. Das ſpan'ſche Fahrzeug blieb dieſen nun nahe liegen, bis es dunkelte, wahrſcheinlich, um zu ſehen, wie ſie ſich benehmen würden. Solch'n Gekreiſch und Geheul und Geſchrei und Geſing' aber hätt' nicht laut werden können, wenn auch alle Tollhäusler wären 4 losgelaſſen worden. Sie wurden glorreich beſoffen, und als wir ſie aus Sicht verloren, hatten ſie noch keine Hand ausgeſtreckt, um Schaden zu beſſern; wohl aber jagten ſie, Männer und Weiber, auf Deck hinter'nan⸗ der her, wie eben ſo viele wilde Katzen, oder wie'n Rudel Kaninchen in einer ſchönen mondhellen Sommer⸗ nacht. Wir aber gingen unter Segel, und anderen Morgens hatten wir nichts in Sicht. Kurjos und ganz fühlſophiſch dürft's ſein, zu wiſſen, was aus dem Wrack und der Mannſchaft d'rauf geworden ſein mag. 8½ Aus Mangel an Pfiffigkeit ſind ſie gewiß nicht umge⸗ kommen, denn dreihundert und etliche anſtelligere Kerle, als die am Bord des Wracks waren, hättet Ihr zeitle⸗ bens nicht in allen drei Königreichen auf'nen Klumpen bringen können. »Ja, ja,« ſagte Einer von den Zuhörern,»recht kurjoſe Spek'lation mußt's abgeben, zu wiſſen, was — —,—— 104 Die Büßung, oder aus jenem Fahrzeug voll Dieben ward. Haſt Du nie hinterdrein gehört, daß es angerufen ward, oder irgend⸗ wo zu Hafen kam?« »Nein; doch Leides hat ihm ſchwerlich widerfahren können— dazu hatte es zu viele Talente am Bord: nur daß ich dieſen nicht trauen mochte.“« Ich muß nun wieder unſers Freundes Silberlöffels Erzählung abkürzen, und meinen Leſern mittheilen, daß das Schiff, an welches er ſich begeben hatte, ein ſpani⸗ ſcher, ſchwer bewaffneter Sklavenfahrer war, der zur afrikaniſchen Küſte ſegelte, um eine Ladung Dunkelfar⸗ biger einzunehmen, mit denen er die Pflanzungen ſeines Eigenthümers und Befehlshabers Don Diego Mantez, des älteren Bruders unſers wohlbekannten Freundes verſorgen wollte. Die engliſchen Miſſethäter wurden auf dem Schiffe nicht viel beſſer als Sklaven behandelt, obwohl die Frauenzimmer danach trachteten, ſich auf Deck und unter Deck ein feſtliches Leben zu verſchaffen. Don Diego, der wenigſtens zehn Jahre älter als ſein Bruder war, ſchien um dieſe Zeit bedenklicher Geſund⸗ heit zu ſein, und Will Watkins entdeckte, daß derſelbe einen ganz anderen Charakter als ſein leidenſchaftlicher und liſtiger jüngerer Bruder beſaß. Will machte auch aus⸗ findig, daß er durchaus alles Das mißbilligte, was mit den Verwundeten am Bord der Priſe vorgenom⸗ men worden war, und daß er es für eine verfeinerte Barbarei hielt, das Wrack ſeinem Schickſale zu über⸗ laſſen; indeſſen war Diego um dieſe Zeit ſo hinfällig, daß ihm keine Kraft und Energie blieb, ſich widerſtre⸗ bend, ja nur kommandirend zu zeigen. Aus des Löffels Erzählung war abzunehmen, daß das Sklavenſchiff heinahe die ganze afrikaniſche Küſte. entlang fuhr, jedoch ſeines tiefen Waſſerſtandes wegen D: — Ardent Troughton. 105 im Allgemeinen genöthigt ward, zwiſchen den verſchiede⸗ nen Niederlagen von Menſchenwaare hin und her zu kreuzen. Die engliſchen Verbrecher mußten ſchwere Dienſte thun, denn jedem Unterofficiere, ja ſogar jedem tüchtigen Matroſen ward Einer von jenen Elenden gleichſam als weißer Sklav übergeben. Statt des Sol⸗ des erhielten ſie Schläge, und der einzige Lohn ihrer Dienſtleiſtungen beſtand in dem ihnen geſtatteten Vor⸗ rechte, ſich von dem Abfall der Schiffsvictualien zu ſät⸗ tigen. Die Folge davon war, daß ſie Alles aufboten, zun deſertiren zu können, und ſo entweder den Negern am Strande, oder ihrer eigenen Unmäßigkeit, oder aber der Unheilſamkeit des Klima's zum Opfer zu fallen. Bei alldem ſcheint es, daß der Verlobte der Lady Mayoreſſe zu großen Dingen aufbehalten ward; er war mit mehr als mit Doktor Southey's»Zauber⸗ fluch von Kehama“ geſegnet, denn ihn wollte weder Feuer verbrennen, noch Waſſer erſäufen, noch Hunger umbringen, noch das gelbe Fieber ihn packen. Wie aber hätte auch der Held des gekrönten Poeten oder mein Held durch Feuer, Waſſer, Schwert, Hunger oder Peſtilenz umkommen können, da es Vorbeſtimmung Bei⸗ der war, gehenkt zu werden? Das bekannte Sprich⸗ wort klingt hart, aber es iſt unwiderſprechlich wahr. So rang alſo Will Watkins, auf daß er, gleichwie er ſein Lebelang zu ſeinem Nutzen gelebt hatte, endlich zum Nutzen des allgemeinen Beſten ſterben möchte. Als das ſpaniſche Sklavenſchiff mit voller Ladung die Küſte verließ, blieben von den engliſchen Verbrechern nur funfzehn Männer und ſieben Weiber am Bord deſ⸗ ſelben übrig. Krankheit, Liederlichkeit und zügelloſe Un⸗ maäßigkeit hatten ihr böſes Thun an den Uebrigen verübt. Ich weiß nicht, ob des Löffels poetiſche Begeiſterung 106 Die Büßung, oder ihn nicht dazu verleitete, jene zierliche Redeſigur zu be⸗ nutzen, die man Hyperbel nennt; deunoch verſicherte er mir zuverſichtlich, daß die Santa Caridad⸗— ſo hieß das Sklavenſchiff— in ihren Räumen und Spelunken mehr als funfzehnhundert Neger faßte. Da die engliſche Re⸗ gierung zur Zeit ſo eben begonnen hatte, dieſem Han⸗ delsverkehr mit den Söhnen Ham's bedenkliche Hinder⸗ niſſe in den Weg zu legen, ſo war jene Ladung wirklich von unſchätzbarem Werthe, indem ſie beinahe ſo angeſe⸗ hen werden konnte, als wäre jeder Sklap, den ſie am Bord hatte, einen Silberbarren werth. Um alſo Alles zu vermeiden, was Störung von Seiten brittiſcher Kreu⸗ zerſchiffe hätte heißen können, ging die Santa Caridad⸗ bedeutend ſüdwärts, und gelangte endlich zwiſchen die Inſelgruppen des ſtillen Meeres. Während all dieſes Verfahrens ward Don Diego ſowohl von der Mannſchaft als von den Sklaven wenig geſehen. Im Allgemeinen ging die Rede von ihm, daß er ſich in der Beſſerung befände, aber außerordentlich ſchwach wäre. Sobald das Schiff an die erſte grüne unbewohnte Inſel angelegt hatte, ging Diego mit ſeinem Bruder an Land, wo ein Zelt aufgeſchlagen ward, und wo er mit etlichen ſeiner Officiere und Matroſen wohl vierzehn Tage lang verweilte. Um dieſe Zeit war das⸗ Schiff beſchäftigt, ſich mit friſchem Waſſer und Holz⸗ vorrathe zu verſehen, die Neger auszulüften und wieder geſchmeidig zu machen, und ſoviel grünes Gemüſe an Bord zu bringen, als aufgetrieben werden konnte. Die⸗ ſes wohlerwogene Thun, das, wie man nicht anders glaubte, auf Don Diego's Befehl verübt ward, hatte die wohlthätigſten Wirkungen; denn wie gedrängt voll Men⸗ ſchen das Schiff auch war, herrſchte durch dieſe Maßregeln doch ein ziemlich guter Geſundheitszuſtand auf demſelben. —= Ardent Troughton. 107 Geneſen und gekräftigt kam Don Diego wieder an Bord. 8 Bei dieſem Theile der Erzählung oder des»Garu⸗ abwickelns«, wie die Seeleute ſich ausdrücken, erſcholl der Ruf:»Steuerbordwache— ho, ahoi!« Die Zu⸗ hörer waren jedoch ſo geſpannt, daß ſie ſammt und ſon⸗ ders beſchloſſen, ſich nicht in ihre Hängmatten zu bege⸗ ben. Der Stadthahn hatte alſo die Freude, ſich noch lange, ja bis nach Mitternacht fortſprechen zu hören. Unter allen Anweſenden verlangte mir am wenigſten nach Aufhebung der Sitzung oder vielmehr der Liegung, indem die Meiſten von uns ſich in hingeſtreckter Stel⸗ lung befanden. Wirklich war mir zu Muthe, als ver⸗ nähme ich die Orakelſprüche meines eigenen Verhäugniſſes. Zwoͤlftes Kapitel. In fernerem Zuſammendraͤngen der Geſchichte Will Watkins habe ich zu berichten, wie dieſer unter man⸗ cherlei Redefiguren eines Stadthahns, die er bisweilen durch eine geiſtreiche oder gefühlvolle Bemerkung würzte, welche ſeinem Verſtande und ſeinem Herzen Ehre machte, erzählte, daß die Santa Caridad nach Erfriſchung ih⸗ rer Manſchaft weſtwärts ſteuerte, und daß der jüngere Mantez den ſeltſamen Einfall bekam, ſechs von den kräftigſten Negerſklaven zu Ruderern ſeines Bootes aus⸗ Zuwäͤhlen, und von dieſen Sechſen Einer mein Jugurtha,* mein theurer verſtümmelter Jugurtha war. Der Stadt⸗ 108 Die Büßung, oder hahn erzählte auch, wie der jüngere Mantez ohne au⸗ dere Waffen als ſeinen Degen und ſeine Piſtolen ſich bei Windſtille oder leichter Brieſe weit weg vom Schiffe entfernte, und dabei dem Anſcheine nach ſich gänzlich ſeinen ſechs Dunkelfarbigen vertraute; und daß ſeine verrätheriſche Freundſchaft gegen dieſe deren einfache Gemüther ſo ſehr einnahm, daß ſie für eine kurze Zeit ihm wahrhaft anzuhangen ſchienen. »Nu aber, Gen'lemen,« fuhr Will fort,»will ich Euch das Schandbare an der Sache erzählen. Unſer Don fing an Behagen auch an mir zu finden— meine Fratze, oder ſonſt was an mir, geſiel ihm ſo ſehr, daß er mich zu ſeinem Leibdiener und zum Hochbootsmanne ſeines Rundbootes machte. Ich pickte von ſeiner Sprache bald ſo viel auf, daß ich ihn und obendrein ſeine Schel⸗ merei verſtehen konnte. Oft, wenn ich ihn raſirte, war ich verſucht——« »Holla! Stop! Dergleichen erzähle den Schiffs ſol⸗ daten— denn ein Matros— Du weißt wohl—— Wie, Menſch, geht's denn zu, daß der Kapitän Dich jetzt gar nicht zu kennen ſcheint?« »Mr. Bobſtay,'n Gen'leman, der da weiß, wie man ſich als'n Gen'leman zu betragen hat, geht nimmer ſo weit, daß er verſucht wird, die Wahrheitsliebe eines andern Gen'lemans, der als ein Gen'leman bekannt iſt, zu bezweifeln. Merk' Er ſich's, Sir— r—, daß ſchon um Geringeren willen ich meinen Mann auf dem Kalk⸗ hofe zu erſchießen verſtand! Wie ſollte der Kap'tän mich kennen, da er jetzt ſo hoffärtig iſt, daß er kaum einen Menſchen auſchaut? Der glattgeſichtige, bleiche Transpertirte von zwanzig Jahren, der ich damals war, und der dachshaarige, theekaſtenbraune Geſell voll Blat⸗ ternarben, der ich jetzt bin, ſind doch wohl verſchieden Aedent Troughton. 109 genng von einander. Ben, ich kenne mich ſelbſt nicht mehr, außer an meiner Stimme. Ne, als ich auf dem Kai zu Barc'lona vor den Kapitän hintrat und ihn ge⸗ nau in'’s Geſicht ſtarrte, erinnerte er ſich meiner ſo we⸗ nig, als ein Kater ſich ſeiner alten Großmutter erinnert. Dennoch hätt' ich ihm ein paar Worte in's H'Ohr flü⸗ ſtern können, daß er hätte aus der Haut ſpringen mö⸗ gen; und ich würd's gethan haben, wenn er mich hin⸗ terdrein nicht hätte über Bord ſpringen laſſen mögen. Kap'tän Mantez, meine Böckchen, iſt juſt der Mann, der ſich nicht bei Kleinigkeiten aufhält. Kann Einer ſo ruhig, als wüſche er ſich in ſeinem Waſſerbecken, ſeine Hände in das Blut eines Bruders tunken, ſo—— a »Eines Bruders?« riefen alle im dumpfen Tone des Grauſens; und ſogar Springer heulte kläglich, als ſchau⸗ derte ihn inſtinktmäßig. »Ja, Schüſſelmaate, eines Bruders, ſag' ich; und ſogar das dumme Vieh hier ſcheint mich verſtanden zu haben. Aber ſacht! kommt dicht um mich herum, denn wir müſſen flüſtern. Wir waren nahe den weſtlichen Küſten von h'Amerika, als ich bemerkte, daß die Brüder immer zuthulicher zu einander wurden, ſich küßten, wie die beſtial'ſchen Spaniers allmorgentlich zu thun pflegen; und dann hieß es: Mein lieber Diego, fühlſt Du Dich beſſer? Soll ich Dir Dieß thun? oder gefällt's meinem guten, edlen Bruder, daß ich ihm Jenes thue?“ ſo hät⸗ ſchelte und löffelte er ihn, wie'n Irländer'ne leere Flaſche betätſchelt, in der ſich noch'n paar verlorene Tropfen befinden mögen. Nal ich erfuhr, daß ſie bald zu ihrem Patermony kommen würden— ich ſollt' meinen, Keiner von Euch weiß, was das heißt; ich aber weiß es, denn ich bin auf hoher Schule h'erzogen worden. Es bedeutet, daß ihre Pflanzungen, wo ſie, wie es ſchien, 110 Die Büßung, oder dringend der Schwarzen bedurften, und ſicherlich hatten ſie dieſer genug geladen. Beide aber wurden einig, die beſten der Sklaven auszuſcheiden, und die übrigen auf und ab im Lande zu verkaufen. Aus dem Geſchwätz der Bruͤder unter einander ſchien ſich zu ergeben, daß bei dieſem Sklavenhandel ſich gleichſam die Steine un⸗ ter ihren Füßen ihnen in Gold verwandelten.«. »Na, als wir nun alleſammt erwarten, das feſte Land von dieſem Südh'amerika zu machen, was geſchieht da an einem ſchmucken Nachmittage? Wir kommen an 'nen Haufen der ſchönſten und genialſten Eilande, die man nur ſehen kann. Der Wind wehte Euch ſo mild und ſo lieblich und ſo h'inſinuwirlich auf die Backen und auf die Stirn, wie'ne h'anmuthige Lüge Einem in's Ohr'nein ſäuſelt— und ſo legen wir bei, und Don Diego mit dem jüngeren Mantez nehmen Jeder zne Vogelflinte, begeben ſich nebſt Eurem gehorſamſten Diener mittelſt des Gigs geradezu an Land. O ihr, meine Augen! was für'ne ſchöne Gegend! Der Horn⸗ ſeywald war ein Sauſtall dagegen, und Kenſingtons Gärten damit verglichen ſind nichts weiter als ein Bis⸗ chen Koth in'nem Blumentopfe. Der Duft des ſüßen Kraut⸗ und Strauchwerks wallte zu uns herüber, wie ein Hauch aus eines Parfümeriehändlers Laden in der Hauptſtadt, und ſogar der Uferſand, als wir auf ihn aus dem Boote ſprangen, duftete wie Mylady's Muff. „»“ Bleib' mit den Negern im Boot, William Wat⸗ kins,“ ſagte der jüngere Mantez,'und hab' Acht, daß es flott bleibt!’—„Ja, ja, Sir,“ ſprech' ich, ſteige wieder ein, und ſchiebe ſo auf Kahnes Länge vom Ufer ab. Nun aber paßt auf, Gen'lemen, ſo werdet Ihr die Schurkerei der Sache verſtehen. Mantez kehrte wieder um, und ſpricht, als wär' ihm, dem h'amphibiſchen Böſe⸗ Ardent Troughton. 111 wicht, was Beſſeres eingefallen, denn er hatte Alles zum voraus bedacht— Du kannſt,“ ſpricht er,'nur umher ſpazieren, Freund Watkins, und Dir'n paar Ananas und Orangen pflücken; wohl verſtanden, bleib' ſo in der Nähe, daß Du dem Boote zurufen kannſt, und dieſe Flinte trag' mir in's Dickicht.“ Dabei gab er mir gewal⸗ tig dickthunig ſein Gewehr, blickte die Männer im Schiff an, die uns wieder anguckten, und ſetzte hinzu: Paß auf, und wenn Du uns Feuer geben hörſt, ſo komm nicht zu uns; ſicherlich finden wir etwas zu ſchießen.“ Ich mein', er fand etwas zu ſchießen! »Ich ſteig' an Land, trage ihm geziemend die Flinte nach, die ich dann ihm geb' und wieder umkehre; denn aufänglich entferut' ich mich nicht weit von der Bucht, und ſah die beiden Brüder ſo einträchtlich mit einander ſein, wie Brüder es ſein ſollen. Sie gingen in das Di⸗ ckicht des ſchönen Gehölzes. Ich ſollte meinen, es müßten Blumen und Pflanzen und Bäume in Gottes des All⸗ mächtigen Lande ſein, und iſt dem ſo, mein⸗ ich, es müßte dieß Land dem Inſelwäldchen ähnlich ſein, in welches die beiden Brüder gingen. Ich wartete drei Stunden— Niemand kommt zurück; und da ich an⸗ fänglich nur in kleinem Kreiſe an der Bucht hinging, immer rundum, wie Kreiſe es nun einmal hartnäckig ſind, wird der Kreis, den ich ging, nach und nach im⸗ mer größer, dennoch ſah ich Niemanden und Niemand auch kam. So wird's dämmernd, und ich befand mich eine ziemliche Strecke weit binnen Landes, und ſtand unter einem natürlichen Felſen, der in allerlei lebendigen Farben ſpielte, und deſſen Gipfel ſich mit Blumen und Früchten bekrönte. Ich bewunderte die Schönheit deſſel⸗ ben, als— paff! eine Kugel, eine einzige Kugel daher ſchwirrt, und hinter mir ſo an den Felſen ſchlägt, daß 112 Die Büßung, oder die Splitter davon mir in Stirn und Schadel ſchmet⸗ tern, und daß das Blut mir über's Geſicht träuft. „Ich ſtand hoch aufgerichtet, und ſtarrte hin, wie'n angeſtochenes Schwein; da ſah ich, wie der jüngere Mantez ſeine Flinte wieder ladete. Von ſeiner hinter⸗ liſtigen That war ich ſchier wie verhext, ſo daß ich mich nicht rühren konnte. Als ich aber nun ſah, daß er mit ſeinem hölliſchen Gewehr abermals nach mir zielte, meint' ich, es ſei an der Zeit, mich'n Biſſel vorzuſehen; ſo alſo werf' ich mich der Länge nach auf den Boden, und mache mich ſteif wie'n todter Hammel. Na, heran kommt dieſer läſterliche ſpaniſche Sünder, und giebt mir 'nen Stoß mit dem Fuße, welches wie'n Gen'lman aufzunehmen, ich mir nicht einfallen ließ, ſintemal wir ſo weit vom Kalkpachthofe entfernt waren. Dann purrte er mit der Mündung ſeiner Flinte an mir herum, ſtieß mich mit ihr auch'n paar Mal derb in die Rippen, und zwi⸗ ſchen meinen halbgeſenkten Wimpern hindurch ſah ich, wie er nochmals losdrücken wollte. Das war Euch eine Sittwation, mehr geſpannt als anmuthig,“ wie der Mann ſagte, der am Schandpfahle hatte ſtehen müſſen — und ſchon wollt' ich rufen: Thut's nicht!“ aber ich rief's doch nicht, denn ich dachte, daß er alsdann es erſt thun würde. So ließ er mich liegen, ging jedoch noch immer nicht an's Boot; ich aber that dieß, und ließ deſſen Schnabel knapp an Strand legen, ſprang hinten auf die Sternbank und nahm den Steuerbalken ſo par⸗ thetich in die Hand, als ob gar nicht ſo eben erſt auf mich wie auf'nen fremden Hund, dem's Maul ſchäumte, geſchoſſen worden wäre. Schiffsgenoſſen, ich bin ihm Eins ſchuldig!. „Kurze Zeit nachher kommt Mantez ohne ſeine Flinte und ſchreit und heult, daß es weit hinſchallt über die . 4 Ardent Troughton⸗ 113 ſtillgekräuſelte See bis zum Bord des Schiffes.„Mein Bruder! o mein Bruder! was kann ich für meinen Bru⸗ der thun? Ich ducke mich, und ſeh' ihn, wie er mit den Armen wild umherficht. Ich hatt' nicht Luſt, Einen von ihm an die Kinnladen zu bekommen. Hinan, hinan ge⸗ rudert, Ihr ſchwarzen Halunken!“ ſchreit er weiter; „wo aber iſt der entlaufene Schuft Watkins, der den Kapitän umgebracht hat?— Hier, Sir, zu Ihren Dienſten,“ ſprech' ich, indem äch aufſpring' und hinter ihm ſtehe. Wie glupte er da! Endlich mußte er doch etwas ſagen. Man hat nach Dir geſchoſſen?“ fragte er. Ja, Sir,“ ſprech' ich.„Ein höchſt geheimnißvoller Vorfall, ſagte der kaltblütige Meuchler.„Durchaus nicht, Sir; iſt ganz deutlich,“ ſprech' ich. So ſeh' ich alſo, daß Du meinen Bruder nicht erſchoſſen haſt,“ ver⸗ ſetzte er. Nein,“ ſprech' ich. Doch aber ſtürzte er ſo in'nen Abgrund, als ob Jemand ihn erſchoſſen hätte,“ ſagte er.»Er ſtürzte? Na, Sie müſſen's am beſten wiſſen,“ ſprech' ich. Hm,'s iſt eitel Mißverſtändniß,“ ſagte er, und klemmt mir'ne Fauſt voll Dublonen in 4 die Hand, auch weißt Du recht wohl, daß nach Dir nicht geſchoſſen ward, ſondern, daß Du auf einen Hau⸗ fen ſcharfer Kieſelſteine fielſt.—„Ja, ja, ſo war's; ich erinnere mich,“ ſprech' ich. Aber,“ ſagt er, wenn es Dir einfallen ſollte, das zu vergeſſen, ſo—— und dabei fummelte er am Silberſchaft eines großen Meſſers herum. — unbeſorgt, Sir,“ ſprech' ich.„Ah, wir verſtehn h'einh'ander,“ ſagt der Don. ˙h'Excellent!“ ſprech' ich, und ſo kommen wir Beide an Bord, wo's nun gewalti⸗ gen Heidridrum gab. Böte bemannt und bewaffnet, und Laternen und Fackeln und Lichter mit— Alles, um den armen Dou Diego zu ſuchen, der in'nen Ab⸗ grund geſtürzt war. Na, Don Diego wollte ſich nicht Ardent Troughton. II. 8 114 Die Büßung, oder finden laſſen; und mein Lebstage ſah ich Keinen, der über⸗ den Verluſt eines Bruders ſich ſo gehabt hätte, wie der Kapitän.— Das war Euch'ne Kümmerniß, Ihr, meine pfeifenden Dompfaffen! Die Kajüte ward ſchwarz aus⸗ gehangen, der Kommandör ſchweppte ſich den lieben langen Tag die Augen, und der Pfaff las Meſſe für die Seele des Todten, bis die Zung' im Maul ihm klapperte, wie trockene Erbſen in'ner Armenbüchſe. »Verlaufs deſſen kopzm' ich in große Gunſt; kaum aber erreichten wir den erſten bedeutenden Hafen— ich meine, ſie nannten ihn Junkal— ſo fordert Mantez mich ganz freundlich auf, mit ihm an Land zu fahren. Ich fragte ihn, ob er auch'ne Flinte mitnehmen wollte, worauf er köſtlich grimmig ausſah und„Nein“ antwor⸗ tete. Da wir jedoch dießmal in kein Gehölz gingen, ſchmuggl' ich mir vom Geſchützmeiſter'n Piſtol und gehe mit Mantez ganz freundſchaftlich in'n Wirthshaus. Als wir dort allein in'ner Stube ſind, ſpricht er zu mir: Du weißt, was für'n verwettert ſchuftiger Ge⸗ ſell Du biſt— welches eine große Lüge war— und wir können nicht länger mitſammen fahren. Hier ſind zweihundert Dublonen für Dich, weil ich einen Sünder, wie Du biſt, Gelegenheit geben möchte, zu bereuen. So alſo rath' ich Dir zu einem Prieſter zu gehen; und willſt Du wirklich von Deinem ruchloſen Wandel ab⸗ laſſen, ſo kannſt Du nichts Beſſeres thun als, dieſe Hand⸗ voll Gold zum Erkaufe von Seelenmeſſen für meinen armen Bruder zu verwenden.“ Dabei bekrenzte er ſich und ſchweppte hinterdrein ſich wieder die Augen. Merk Dir's aber, fuhr er dann fort, find' ich Dich jemals auf zwanzig Meilen weit in meinem Bereich, ſo wird's mir leid thun,'n paar Unzen Gold zu Seelenmeſſen für Dich ſelber rausrücken zu müſſen.“ Drauf ſpring' ich Ardent Troughton. 115 auf und ſpreche, daß ich mich ſchämen müßte, einen ſo großmüthigen Mann meinetwegen ferner in Koſten zu ſetzen, worauf er von mir ging, indem er die Jungfrau Maria und alle Heerſchaaren der heiligen h'Engel bat, mich in ihren Schutz zu nehmen.⸗* Ich nehme abermals den Faden der Erzählung des Silberlöffels auf, indem ich das Gewirr ſeiner Aben⸗ teuer ſchneller entwickeln kann, als dieſer wortreiche Stadthahn es vermochte. Sobald Mantez ihn am Lande zurückgelaſſen hatte, ſegelte das Schiff nordwärts, und der Stadthahn blieb in der elenden Spelunke jenes fie⸗ berkranken Städtchens, unter einer reinkatholiſchen Be⸗ völkerung, bei welcher der Branntwein wohlfeiler war, als es das Dünnbier in England iſt; dennoch entſchlüpfte Will Watkins jeglichem Uebel. Weder ward er auf der Straße von einem Neidhart aus dem Volke erdolcht, noch von dem bigotten Pfaffengezücht eingekerkert, noch fiel er dem Fieber, ſo wie auch nicht dem Klima, noch ſeiner eigenen Unmäßigkeit zum Opfer. Er erkannte bald die Gefahren der Trunkenheit, und die noch grö⸗ ßere Gefahr, zu zeigen, daß er Geld bei ſich führte. Er ſtellte ſich arm, ſagte, man hätte ihn am Strande vergeſſen und bat um Arbeit. Jetzt aber habe ich den abſcheulichſten Theil der Ge⸗ ſchichte zu erzäͤhlen. Die Santa Caridad“ war nach Lima gekommen, um einen Theil ihrer Ladung zu ver⸗ kaufen. Es ſcheint, daß Mantez nicht gewußt hat, oder es doch nicht recht hat glauben wollen, daß die Neger zwar niemals eine andere Sprache als die ihrige gehörig ſich aneignen, daß ſie jedoch leicht von jeder au⸗ deren Sprache einiges Weniges plappern lernen. Die ſchwarze Bootsmannſchaft hatte von dem aufgedrunge⸗ nen Vertrag zwiſchen Mantez und dem überwieſenen 7 116 Die Büß ung, oder Verbrecher genug gehört und verſtanden. Da die ſechs nun immer wie eine Bootsmannſchaft behandelt wurden, und als ſolche ſich mit dem Matroſenvolke vermiſchte, ſchnappten ſie immer mehr ſpaniſche Wörter auf, began⸗ nen ihre Krausköpfe zu ſchütteln, ihre dicken Lippen zu verziehen, und gar ſeltſame Dinge über das Verſchwin⸗ den Don Diego's und Will Watkins zu plappern. Das kam bald zu den Ohren des Brudermörders, der ſofort ſeine Maßregeln ergriff. Da er nicht gern ſechs ſeiner beſten Neger verlieren, eben ſo wenig aber Gerüchte wollte in Umlauf kommen laſſen, durch die ſein Leben hätte gefährdet werden können, wußte er einen Hader mit den Sechſen anzuzetteln, ſie eines Anſchlages gegen ſein Leben zu beſchuldigen, und ſeinem Wundarzt, oder einigen von deſſen Gehülfen zu befehlen, den Negern ſo die Zunge zu verſtümmeln, daß ſie nicht davon ſterben könnten, ihnen jedoch dadurch das Sprechen für immer verboten ſein würde. Dieß geſchah, und man ſtieß ſie dann wieder in den Schiffsraum, um ſie gleich den übri⸗ ggen Sklaven zu verhandeln. Einer von den Sechſen war mein treuer Freund Jugurtha. „ Ich hoffe, der menſchenfreundliche Leſer wird nicht wähnen, eine folche Gräuelthat ſei unwahrſcheinlich, wiewohl ich herzlich gerne glauben will, daß ſie es jetzt iſt, und fernerhin für immer ſein wird. Wenn ich je⸗ doch dadurch dieſes Buch nicht allzu weit ausdehnen müßte, ſo könnte ich Dutzende von Fällen anführen, die noch von ungleich zügelloſeren Grauſamkeiten zeugen würden, und die vor Gericht nur allzu ſehr beſtätigt worden ſind. Aus dem, was der Silberlöffel erzählte, wird ſich auch ergeben, daß in jenen fernen Gegenden ſpaniſcher Niederlaſſungen es keine ungewöhnliche Strafe war, den Sklaven die Zunge zu ſchlitzen, ſobald dieſe Ardent Troughton. 117 ſich einer Dummdreiſtigkeit ſchuldig gemacht hatten. Bei alldem ward durch dieſe Operation der Marktpreis für Jugurtha und deſſen Gefährten nicht ſonderlich ver⸗ ringert, denn ſie wurden gut verkauft. Im beſten Ge⸗ lingen ſeiner Gottloſigkeit verkaufte Mantez, mit Reich⸗ thümern beladen, das Schiff, und nahm Beſitz von ſei⸗ nes Bruders Pflanzungen, auf denen er wie ein unum⸗ ſchränkter Monarch ſo lange lebte, bis die Revolution in Merico ausbrach, und das Geſchrei Tod den Spa⸗ niern! ihn zur Flucht trieb, ſo daß er um ſeiner Er⸗ haltung willen wieder zu ſeinem Gewerbe und zu Aus⸗ übung ſeiner Talente greifen mußte. 3 So lag durch den Transportirten, Will Wat⸗ kins, das ganze Leben des Böſewichts, der mein Schwa⸗ ger werden wollte, wie eine Landkarte vor mir— kein Pünktchen auf derſelben fehlte. Durch eine fürchterliche Mitwiſſenſchaft war ich demnach bewaffnet, allein noch wußte ich nicht, wie ich dieſe Waffe mit Nutzen gebrau⸗ chen ſollte. Von den Abenteuern des Silberlöffels hatte ich Alles vernommen, was mich intereſſiren konnte, da ich jedoch gern incognito bleiben wollte, verhielt ich mich ſtill, bis er zu Ende erzählt hatte. Es ſcheint, ein kleiner Küſtenſchiffer, als er er⸗ fuhr, es ſei von der Santa Caridad’ ein Engländer zurückgelaſſen worden, habe unſern William, zu deſſen nicht geringem Verdruſſe an Bord genommen, und ihn nach eben dem Hafen gebracht, in welchem das Skla⸗ venſchiff lag und ſeine Ladung verkaufte. Watkins ent⸗ zog ſich dem Anblicke des abſcheulichen Mantez, bis die⸗ ſer wieder abfuhr, begab ſich dann an Bord eines ame⸗ rikaniſchen Südſee⸗Wallfiſchjägers, kam darauf nach New⸗York, wo er all ſein Geld in plumpſter Ausſchwei⸗ fung vergeudete, und wirklich wie Kain ein Irrwanderer 118 Die Büßung, oder auf dem Angeſichte der Erde ward. Dringende Noth zwang ihn, ſich nochmals in die Dienſte eben des Man⸗ nes zu wagen, der vor vierzehn Jahren ihm nach dem Leben getrachtet hatte. Der Silberlöffel beſchloß ſeine Geſchichte mit einer Lehre, die mich vermuthen läßt, daß zur Zeit ſeines Umganges mit Mary Oſt er nicht ganz unbekannt mit dem Inhalte irgend einer Leihbiblio⸗ thek geweſen war. „Aus dem Allen,« ſprach er zu den Genoſſen,»könnt Ihr herausrechnen, daß, wenn in meiner Jugend ich nur einen ziemlichen Vorrath Eitelkeit weniger, und'n ganz klein Biſſel Rechtſchaffenheit mehr beſeſſen hätte, ich in dieſem geſegneten Augenblicke, ſtatt mich in der Welt herumſtoßen zu laſſen, ſelber Lord Mayor von London, und meine Mary Lady William Watkins hätte ſein können, ſtatt daß ſie nun Lady Joſias Gobblego iſt.⸗ — Dreizehntes Kapitel. Es war beinahe um die Mitte der Mittelwache, alſo etwa um zwei Uhr Morgens, als der Stadthahn ſeine Geſchichte auserzählt hatte. Ohne entdeckt wor⸗ den zu ſein, entſchlüpfte ich dem Zuhörerkreiſe und begab mich auf das Hinterdeck, wo ich unſern neugebackenen Ritter, Sir David Drinkwater, auf Wache fand. Gegen jegliche Störung geſichert, vertraute ich ihm Alles, was ich ſo eben gehört hatte. Der ehrliche Kerl ſchien ganz muthlos zu werden, und geſtand, daß er unſere Sache Ardent Troughton. lig als hoffnungslos anſähe. Er hegte die Meinung, Man⸗ tez argwöhnte in Jugurtha einen von der ſchwarzen Bootsmannſchaft, die durch ihn verſtümmelt ward, ob⸗ wohl er nicht zu wiſſen ſchien, welcher von den ſechs Negern derſelbe ſein möchte; denn er, nämlich der dritte Steuermann, hatte jederzeit wahrgenommen, wie Man⸗ tez dem Neger Jugurtha einen, wie man am Bord zu ſagen pflegt, weiten Schlafraum ließ, als fürchtete er deſſen plötzliches Eindringen auf ihn. „Und warum auch nicht?« fragte Sir David, deſſen Begriffe von Ritterlichkeit noch nicht weit her waren; „wüͤrde der Schwarze es nicht auf Ihr Geheiß thun?« 3„Es thun?“« verſetzte ich—»Nur allzu gern. Es koſtet mir die größte Anſtrengung, ihn davon zuruͤckzu⸗ halten.« „Warum— im Namen des böſtlichen Lebens Ihrer Aeltern, Ihrer Schweſter, Ihrer ſelbſt und Ihrer Freunde — warum denn ihn zurückhalten?« »Ich kann meine Zuſtimmung zu keinem Meuchel⸗ morde geben.« 1 »Der Schuft iſt ja ſelber ein Meuchler,« verſetzte David— v»ein blutbeſudelter Mörder— ein Todtſchlä⸗ ger an ſeinem eigenen Bruder! Laſſen Sie ſich ſagen, Mr. Troughton, wenn Ihre Aeltern und jener bene⸗ deite Engel auf den Waſſern, Ihre Schweſter, mit ab⸗ geſchnittener Gurgel daliegen— werden Sie das'n Meuchelmord nennen oder nicht? und wenn Sie nun die Ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel zur Verhinderung ſolchen Greuels nicht anwenden, ſind Sie dann nicht Mitſchuldiger ſolchen Mordes? Da laſſen Sie den Schwar⸗ zen um Ihrer Selbſt willen ſeine Rache nehmen!“« „Nein, nein! Sie werden mich nicht in ſolche Ver⸗ uchung führen, Drinkwater; ja, Sie müſſen ſich nicht 120 Die Büßung, oder beleidigt fühlen, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Vorſchlag mich anekelt. Laſſen Sie uns nicht die Erſten ſein, die eine Reihefolge von Mordthaten beginnen! Wir müſſen den Angriff, oder doch mindeſtens Anzeichen deſſelben abwarten. Was iſt Ihnen zu unſerem Schutze geglückt, lieber Freund?« »Nun, ſo wie die Sachen ſtehen, juſt nichts Gerin⸗ ges. Wenn Sie ſcharf danach auslugen, werden Sie morgen mehrere blaue Bandſtreifchen erblicken, und fra⸗ gen Sie dann nach der Bedeutung derſelben, ſo wird die Antwort lauten, daß man zum Wacker⸗Plump⸗ Clubb gehöre.“« „»Wacker⸗Plump⸗Clubb? was heißt das? Das iſt eine ſonderbar klingende Benennung.« „Ei ja, für eine Landkrabbe. Wenn's losgeht, ſo hoff' ich, daß Alle von unſerer Partei dreinplumpen wer⸗ den. Nur fürcht' ich, das Spiel geht zu Ende, ehe wir noch Zeit finden, in das Verſteckte deſſelben einzudringen.« »Dennoch ſollen Sie, wenn's zum Treffen kommt, ſehen, wie eine Landkrabbe ſich zu wehren wiſſen wird, und zwar mit ſtarker Hand.« »Wieder landkrabb'ſch geſprochen!„Wiſcher“ ſtatt „Hand“ hätten Sie ſagen müſſen,« entgegnete David und ſetzte hinzu:»Aber jetzt wünſchen Sie mir gute Nacht, denn Sie bedürfen der Ruhe.« »Gute Nacht— oder vielmehr guten Morgen,« ſagte ich. „»Während dieſer Nacht ſchlief ich— ſchlief, wenn Empfindungsloſigkeit des Körpers und Folter der Seele Schlaf genannt werden können. Die ganze Nacht hin⸗ durch hatte mein Geiſt mit jenen euntſetzlichen, wenn auch träumeriſchen Vorboten von Unheil zu ringen ge⸗ habt, die wie Höllengeſtalten“ dem innern Geſichte . Ardent Troughton. 121 vorſchweben; ſo daß am folgenden Morgen ich ungeach⸗ tet meines Bemühens, das Gegentheil davon zu ſein, als abgemattet, niedergeſchlagen und krank erſchien. Ich beſaß geringe Wiſſenſchaft von der Regſamkeit des Gemüthes in Anderen; mein Inneres war von Kindes⸗ beinen an von ſo beſonderer Beſchaffenheit geweſen, daß ich es nicht als Deutung deſſen gebrauchen konnte, was bei obſchwebendem Unheil in der Imagination An⸗ derer vorgehen möchte. Zwar hatte ich viele Bücher voll von den geprieſenſten Lehrſätzen geleſen, als z. B.: „Die ſchlimmſte Gewißheit iſt beſſer als die Angſt der Zweifel⸗—„»Thätigkeit iſt die beſte Schutzwehr gegen Verzweiflung,“ und noch eine Menge nach⸗ geplapperter Weisheiksſprüche ähnlicher Art; dennoch hielt ich Vieles davon für irrig. Vernunftſchlüſſe, die ſich nicht auf ein ganzes Leben anwenden laſſen, geben eben dadurch Grund genug zu dem Verdachte, daß ſie eben ſo wenig zu einem Theile des Lebens paſſen; eine einzige verlebte glückliche Stunde iſt ein Gewinn, den man der Maſſe von Elend abrang, die nothwendiger⸗ weiſe auch auf dem glücklichſten Erdendaſein laſtet⸗ Sollte ich meinen Aeltern und meiner Schweſter ſagen, daß allem menſchlichen Ermeſſen nach ſie binnen weni⸗ gen Tagen ſchrecklich ermordet werden würden? ſollte ich Honorien und Iſabellen ſagen, daß man ſie wahr⸗ ſcheinlich zu noch Entſetzlicherem aufſparte? ſollte ich verurſachen, daß ſie jene Gräßlichkeiten, jene Todesqua⸗ len tauſendmal während der wenigen Tage fühlten, die noch bis zur Ausführung des Letzten verfließen möch⸗ ten, wenn überhaupt das Letzte ſtattfinden dürfte? oder ſollte ich die geheimnißvolle Furcht vor einer obſchwe⸗ benden, gewaltigen, jedoch undeutlichen Kataſtrophe, ei⸗ ner düſtern Wolke gleich, über ihnen hangen laſſen? 122 Die Büßung, oder Seltſame Verflechtung unſerer gemeinſamen Natur! Wie ſo oft, wie ſo inbrünſtig wünſchen wir in derglei⸗ chen ſchauerlichen Fällen den gordiſchen Knoten, der ſolche Entſetzlichkeiten zuſammenhält, durch irgend eine Verzweiflungsthat zu zerhauen! Der Abgrund, in den wir, während wir ihn fürchten, hinabblicken, ſcheint uns anzulocken, den verderbenbringenden Sprung zu thun! Als wir am nächſtfolgenden Morgen mitſammen bei'm Frühſtücke ſaßen, erfaßten mich erſchreckende Ge⸗ danken an das Pulvermagazin.„ Stürzen wir uns alle⸗ ſammt,“« ſprach der Verſucher in mir,»vor den Thron der Gottheit und erflehen von ihr Gerechtigkeit über die Häupter der Uebelthäter! Nur weniger Schritte, nur eines einzigen Funkens bedarf es, ſo bring' ich Klä⸗ ger und Verklagte vor das ewige Gericht, und verſetze ſie in Regionen der Seligkeit und überantworte ſie der Strafe der Sünder, ſo daß dieſe der Unſchuld nicht mehr ſchaden können.« Eine Zeitlang bedünkte es mich, ich brächte dadurch ein glorreiches Opfer, das beinahe werth wäre, meine unſterbliche Seele daran zu wagen. Dieſe wilden Gedanken ſenkten ſich jedoch bald, in⸗ dem ich mich meiner erſten Fahrt und des beklagens⸗ werthen Schickſals des wahnbethörten und heldenmüthi⸗ gen Gavel erinnerte. Ich begann jetzt Jun färchten, mein Herz ſei beiſpiellos gottlos— gottloſer als des Menſchen Herz im Allgemeinen, indem ich einſah, wie meine Einbildungskraft mich ſchon ſo oft an den Rand einer Mordthat— einer rieſenhaften Mordthat geführt hatte. Ich blickte dann auf Jugurtha und ſchauderte; 3* in dem Augenblicke, in welchem ich den ſündigen Gedan⸗ kengang in mir verdammte, gedachte ich ſeiner Gering⸗ achtung des eigenen Lebens, ſeiner Anhänglichkeit an mich und meiner Schweſter, des unzuvergütenden Un⸗ Ardent Troughton. rechtes, das er erlitt, und der Bereitwilligkeit ſeiner Hand; bewältigt endlich von den Kämpfen dieſer meiner inneren Regungen, deren Ausdruck auf meinem Geſicht ich gern verborgen hätte, nur daß ich es nicht konnte, fand ich mich in den Armen meiner Schweſter wieder, deren Augen von Thränen überquollen, und deren Lip⸗ pen mich ſtammelnd anfleheten, ihnen Alles zu ſagen. Ich gewährte mir eine eigenſüchtige Erleichterung, als ich ſprach, als ich nachgab, und ihnen Alles ent⸗ hüllte, was ich wußte und was ich argwöhnte; ja, in meinem wilden Entzücken übertrieb ich ſogar meine Vermuthungen. Als ich ſprach, umdrängte mich immer mehr die entſetzte Gruppe— ergrimmt und hoch aufge⸗ richtet ſtand ich in ihrer Mitte— ich redete zu ihnen von der Unwürdigkeit, ſich auf unedle Weiſe das Leben zu erhalten, und ſagte, indem ich von Wallung bei⸗ nahe erſtickte und kaum weiter ſprechen konnte, mit dumpfer Grabesſtimme:„Wollen wir es nicht wagen, mit einander zu ſterben?« Anfänglich ward dieſe gottloſe Anmahnung mit kei⸗ nem Laute beantwortet; der Tod aber, den ich ſo toll⸗ ſinnig angerufen hatte, ſchien bereits von meiner Mut⸗ ter, meiner Schweſter und Iſidoren ſeinen Tribut for⸗ dern zu wollen. Die Erſte, welche dieß ſchauerliche, unnatürliche Schweigen brach, war meine Schweſter. Indem ſie mich noch feſter in ihre Arme ſchloß, flüſterte ſte: „Bruder, ich bin bereit, mit Dir zu ſterben.« „Nein, nein,« ſagte mein Vater, indem er uns un⸗ terbrach, und der, obwohl heftig erſchüttert, doch der Standhafteſte von uns Allen zu ſein geſchienen hatte; „nein, nein! ſterben können wir immer, ſobald wir es wollen. Ich hoffe, daß keiner, der mit mir verwandt Die Büßung, oder iſt, jemals einen Gedanken hegen wird, der an Selbſt⸗ mord ſtreift. Entſetzlich genug ſchon iſt es, in tödtli⸗ chem Kampfe gegen unſere Mitmenſchen umzukommen. Wir befinden uns wahrlich in trübſeliger Lage, jedoch tragiſche Redensarten und Auftritte wie der, welcher ſo eben ſtattfand, erinnern mich an ein Theaterſpiel, und können nichts Heilſames beſchaffen. Steckt ein Mann in einer Klemme, ſo frag' ich: was thut er alsdann? Ei nun, er ruft ſeine Gläubiger zuſammen und handelt mit ihnen ab, ſo gut er kann, damit er ſein Gewerbe von Neuem mit einigem Erfolge betreiben möge. Wir ſind in Bedräugniß, haben vorſchnell ſpekulirt, ſind in böſen Händen— wir müſſen ſuchen, uns abzufinden; müſſen einen großen Theil unſers Vermögens, vielleicht unſer ganzes Vermögen hingeben«— und hier ſtockten dem alten Manne die Worte ſchier in der Kehle— »Ich werde d'rum noch nicht ganz arm, nicht völlig bankerott ſein,« ſetzte er hinzu,»wenn die Böſewichte mir nur mein liebes Weib, meinen braven Sohn und meine ſchöne, herzige Tochter laſſen.« Er hielt einige Augenblicke inne, nahm dann eine wunderſame Heiterkeit an und fuhr fort:„Ardent, mein Junge, wir wollen von vorn anfangen. Würde ich auch ohne einen Heller an Land geſetzt, ſo kennt man mich doch an jedem kultivirten Orte und wird mir daſelbſt den Credit nicht verſagen. Ja, ja, wir wollen's ſchon machen, Ardent— wollen's ſchon; nur nichts Tragiſches mehr! Fleiß und ein ſauberes Rechnungs⸗ buch, und Alles wird noch gut gehen. Hier iſt keine Zeit zu verſäumen; es gilt ſo gut abzuhandeln, als wir können. Zieht Euch Alle in die Hinterkajüte zurück, und Ihr ſollt hören, wie ich dieſen Mantez bearbeite.« Es verſteht ſich, daß wir meinem Vater gehorchten. Ardent Troughton 125 Kaum war das Frühſtücksgeräth fortgeſchafft, ſo hatte der alte Troughton auch etliche Papiere nebſt Schreib⸗ zeug auf den Tiſch geſchafft, und gar ſehr zu ſeinem Behagen die Vorderkajüte einem Komptoir ähnlich ein⸗ gerichtet. Dann ließ er eine höfliche Einladung an den Kapitän ergehen, es möchte dieſer ihm die Ehre eines halbſtündigen Beſuches erzeigen. Ich nahm keinen Anſtand— ich fand nichts Unrech⸗ tes darin, den Lauſcher abzugeben. Aus Furcht vor irgend einem gewaltſamen Ausgange der Sache hatte ich mich, wie Don Juliano, mit Piſtolen und Degen verſehen. Deutlich ſah und hörte ich Alles, was vor⸗ ging. Mantez erſchien bald; ſeine Haltung war förmlich, ſein Weſen mürriſch und abgeſchloſſen. Er trat mei⸗ nem Vater entgegen, als wollte er eine erlittene Be⸗ leidigung rächen. Wirklich veranlaßte ſein Schielblick mich, unwillkürlich nach dem Pulver auf meiner Piſtol⸗ pfanne zu ſehen. Mein Vater begann das Geſpräch mit der Aeuße⸗ rung, daß er hoffte, ſein Gaſt befände ſich wohl— daß dieſem die Paſſagiere keine Beſchwerde verurſachten— daß man die Reiſe raſch und glücklich zurücklegen würde — daß die jüngſt ſtattgehabte Abirrung vom rechten Fahrſtriche zu beklagen wäre. Dann berührte er leiſe den Wankelmuth menſchlichen Herzens und das Schwan⸗ ken der Neigungen blutjunger Mädchen. Mein Vater gab ſich beinahe ſcherzhaft— er war ein bewunderns⸗ würdiger Diplomat! All' dieſe friedſamen Darlegungen beantwortete der Kapitän nur mit einem ſchauerlichen, unzuſagenden Lächeln— er ſah durchaus wie ein Böſe⸗ wicht aus, den jedoch die Schaam noch nicht gänzlich 126 Die Büßung, oder verlaſſen hatte. Ich fühlte mich ſtark verſucht, eine Kugel auf ihn abzuſchießen. 12 Mr. Troughton lenkte nun deutlicher auf das hin⸗ üͤber, was er eigentlich ſeinem unangenehmen Geſell⸗ ſchafter mitzutheilen hatte. Wir in der Hinterkajüte waren eitel Bewunderung der Seelengröße und der Er⸗ habenheit in der Selbſtaufopferung des ehrlichen Grei⸗ ſes. Mit vielen geltenden Gründen legte er dem Ka⸗ pitän dar, wie er ein zu großes Vermögen an Bord unſers Schiffes gebracht hätte— das Vorhandenſein ſeiner Kiſten und Kaſten mit Dublonen und Piaſtern ließ ſich nicht wegleugnen. Dieß war thöricht, war nicht geſchäftmäßig gehandelt, und deßhalb äußerte er den entſchiedenen Vorſatz, dem erſten Schiffe, das ihnen be⸗ gegnen würde, die genaue Haͤlfte ſeiner Gelder und die übrigen Paſſagiere zu überantworten, während er ſelbſt mit der anderen Haͤlfte ſeiner Habe auf der Santa Ca⸗ ridad⸗ bleiben, und mit Mantez nach New⸗Orleans, dem Orte ihrer Beſtimmung, ſegeln wollte. Mr. Trough⸗ ton erinnerte dabei, daß es gleichviel wäre, nach wel⸗ chem Hafen ſolches ihnen begegnende Schiff ſteuern möchte, indem ſein Sohn, wenn er dort ſich nicht wohl niederlaſſen könnte, leicht Gelegenheit finden würde, ſich anderswohin zu begeben. Wäͤhrend dieſer Eröffnung ſchien ein ſchauerliches Licht über die finſteren Geſichtszüge des Kapitäns hinzu⸗ ziehen— niemals noch hatte ich geglaubt, daß ein Menſchenantlitz einen ſolchen ſataniſchen Ausdruck anu⸗ nehmen könnte. Als mein Vater geendigt hatte, ſprach der ihm antwortende Mantez ſehr langſam und mit ſtarkem innern Nachdrucke— wenn ich mich dieſer Be⸗ zeichnung bedienen darf. Es war kein Nachdruck im Tone, ſondern in der Seele. Ardent Troughton⸗ 127 „Daß wir einander recht verſtehen, Sennor Trot⸗ toni,« ſagte Mantez,»im Fall wir morgen einem Weſt⸗ indienfahrer begegnen, wollen Sie Ihren Sohn mit der Hälfte Ihres Vermögens an Bord deſſelben geben, da⸗ mit er ſich nach Weſtindien bringen laſſe?« „So iſt's; Sie verſtehen mich, daß es zum Bewun⸗ dern iſt.“« „Auch wollen Sie das thun, wenn das Schiff etwa nach London, New⸗York oder Amſterdam ſegelte?« „Allerdings.« „Auch wohl gar nach Barcelona zurück? Wie?« „Zuverläſſig, denn von dort aus würde er beſonders leicht nach allen Häfen der Welt gelangen können.« „Sehr wohl angeordnet— ſehr wohl, in der That!“« „Es freut mich von Herzen, daß Sie mein Vorha⸗ ben billigen. Ich wußte wohl, daß Sie meine Anſicht theilen würden, und hoffe daher, daß Sie vom Maſt⸗ korbe gut auslugen laſſen werden.« „Der Auslug iſt gut genug, Sennor; Sie aber ge⸗ hen ein wenig, ein ganz klein wenig zu ſchnell zu Werke. Einen Augenblick, Sennor,“« ſetzte Mantez hinzu, indem er an ſeinen Fingern zählte:„Ihr halbes Vermögen— Ihren glorreichen Sohn— die Sennora Mutter— den frommen Pater— die beiden Verwandten Don Juliano und Donna Iſidora und— wie ſich das wohl von ſelbſt verſteht— jenen ſcheußlichen Neger wollen Sie aus⸗ ſchiffen. Wenige Fahrzeuge dürften Raum genug für alle die haben, welche Sie auf ſolche Weiſe mir entzie⸗ hen wollen.« „Meine Tochter ſoll auch noch mit ausgeſchifft wer⸗ den,“ ſagte der Vater Troughton. »Nein!« ſchrie der Kapitän und ſchlug mit der geball⸗ bezahlte. Sie können nichts gegen mich beabſichtigen, 128 Die Büßung, oder ten Fauſt auf den Tiſch, daß dieſer hätte zertrümmern mögen. »Ja doch, werther Sennor, Honoria und Ardent müſſen fort, wer auch ſonſt am Bord bleiben möchte.« »Aber Sie iſt meine Verlobte, Sennor; ſie iſt meine Verlobte.« »Sie war's; wir können keines Menſchen Neigun⸗ gen zwingen, edler Sennor. Jede Genugthuung an Gelde, die von zwei Schiedsrichtern, von denen jeder von uns einen wählen mag, gefordert werden kann, ſoll von mir gezahlt werden; und können die Schieds⸗ richter ſich nicht einigen, ſo mögen ſie einen entſcheiden⸗ den Obmann wählen. Das Mäͤdchen aber, werther Sennor— Sie können ja den Unbeſtand der Mädchen — hat einen entſchiedenen Widerwillen gegen das Hei⸗ rathen gefaßt, und gezwungen ſoll— kann der Menſch nicht werden.« »Aha!« ſagte Mantez mit noch wilderem Blicke, und indem er einen mit prächtigem Griff verſehenen Dolch, den er beſtändig im Buſen trug, halb aus der Scheide zog und ihn dann wieder einſteckte—„ Aha! wir ver⸗ ſtehen einander— ja, ja! Sehen Sie nur nicht ſo ver⸗ wundert aus; wir verſtehen einander.« Dann legte er ſeinen ſcheußlichen Mund an meines Vaters Ohr und flüſterte. Später erfuhr ich, daß ſein Geflüſter die Worte enthalten hatte:»Sie und die Ihrigen ſind in meiner Gewalt, und Sie wiſſen, daß ſie es ſind.« »Auf ſolche Weiſe,« antwortete mein Vater,„iſt Jeder in der Gewalt eines Andern, ſobald dieſer ein Schurke zu ſein wagt. Von Ihnen jedoch ahnete mir nimmer etwas Unwürdiges; Sie ſind Spanier, ſind Hi⸗ dalgo, ſind Einer, den ich freigebig zu meinem Schutze Ardent Troughton. 129 was nicht ſtreng ehrenwerth, aufrichtig und freundſchaft⸗ lich wäre.« „Eben deßwegen rathe ich Ihnen, Ihre Anordnun⸗ gen ein wenig abzuändern. Die Graundzüge derſelben ſind nicht übel, und können, wenn ſie ausgeführt wer⸗ den, uns Allen viel Unruhe und vielleicht noch etwas Schlimmeres erſparen.⸗ »Allerdings haben wir, wie Sie meinen, zu viele Paſſagiere am Bord. Ich will, ſobald ein Schiff anzu⸗ rufen ſein wird, Ihren Wunſch mit dem kleinen Unter⸗ ſchiede erfüllen, daß, weil meine Geſellſchaft zeither nicht mehr behagt hat, ſie Alle ſich an Bord jenes Schiffes begeben.« »Herzlich gern, o! herzlich gern!« verſetzte mein Va⸗ ter, indem er in unverſtellter Freude aufſtand.— »Alle,« ſagte der Halunke mit kalter und ſarkaſti⸗ ſcher Beſonnenheit—»Alle und Alles, bis auf Honoria und das Gold.“« Vierzehntes Kapitel. Mein Vater ſank auf ſeinen Stuhl zurück, als ob alle Lebenskräfte ihm mit einem Male geſchwunden wä⸗ ren. Die Maske war ſolchergeſtalt verächtlich von ih⸗ rem gewiſſenloſen Träger abgeworfen worden. Dieſer hatte offenkundig den Meuchlerdolch gezuckt— er ſtand als überwieſener Räuber und Pirat vor uns. In dieſer fürchterlichen Kriſts ſpannte mein Freund Julian, ohne es vielleicht ſelbſt zu wiſſen, ſein Piſtol. Das bösweis⸗ Ardent Troughton. II. 9 Die Büßung, oder ſagende Geklapper drang vernehmlich in das Ohr des Böſewichts, der, während mein Vater in Verzweiflung daſaß, voll Furcht aufſprang, und in heftiger Bewegung ausrief:»Bin ich verrathen?« Es war ſcheußlich ergötzlich zu hören, wie der Ha⸗ lunke, der uns Alle in die Falle des Mordraubes ge⸗ lockt hatte und Einigen von uns wohl noch Schlimme⸗ res zudachte, von Verrathenſein ſprach. »Nein, Sennor Mantez,“« verſetzte mein Vater mit Standhaftigkeit,« auf dieſem Schiffe giebt's keinen an⸗ deren Verrath, als den, welcher in Ihrem eigenen Bu⸗ ſen brütet; und gegen dieſen moͤge der Himmel in ſeiner Barmherzigkeit die Meinigen und mich armen, betroge⸗ genen Greis beſchützen!« Mein Vater war inzwiſchen nicht ſo leicht zu be⸗ wältigen— ein ekelhafter Handel begann jetzt. Der Vater Troughton bot mehr und mehr von ſeinem Reich⸗ thum, bis er endlich ſeine und der Seinigen Sicherheit beſtätigt wiſſen wollte. Der Schurke zögerte— man fing an, Verträge niederzuſchreiben; mehrere Formulare der Art waren bereits zu Papier gebracht, ſchon hielt, um dieſelben zu unterzeichnen, der Kapitän die Feder in der Hand, als er plötzlich aufſprang, das Dintefaß über einen Theil der Documente hingoß, die übrigen Blätter wild in Stücke zerriß und ausrief:»Sennor Trottoni, ſo geht's nicht— in der Lage, in welcher wir uns zu einander befinden, ſind keine Verbriefungen oder Contracte bindend.“ „»Mein Ehrenwort aber— mein Schwur— Dieſe feierlichen Worte meines Vaters fihren dem Böſewichte keinen andern Gedanken, als den an Trug und Hinterliſt und Verrath zu; er ſchien ſogar es zu verſchmähen, das Geſpräch weiter fortzuführen, und ver⸗ Ardent Troughton. ließ mit den Worten:»das Mädchen und das Gold!« die Kajüte. Wir, nämlich Don Juliano und ich, mußten all' un⸗ ſere Mäͤßigung und Beſonnenheit zu Hülfe rufen, um dem Böſewicht keine Piſtolenkugel nachzujagen. Mit ſteigender Bewunderung umringten wir Alle meinen Va⸗ ter. Ich küßte ſeine weiße und ziemlich welke Hand mit einem an Ehrfurcht hinanreichenden Gefühle. Nach einer höchſt troſtloſen Pauſe hob ſich das Gemüth mei⸗ nes Vaters wieder; in ſeinen Augen begann ein ſtolzes, kampfluſtiges Feuer zu lodern.»Jetzt,« ſagte er,»jetzt Ardent, mein Junge, ſtehe ich zu Dir! Er iſt ein Narr und ein Böſewicht zu gleicher Zeit. Er mag uns Alle umbringen, mag das Schiff in irgend einen fernen Ha⸗ fen laufen laſſen und es verkaufen; dennoch wird's ihm bei weitem nicht den Gewinn eintragen, den ich ihm für unſere Sicherheit anbot, denn er wird ſeinen gott⸗ loſen Raub mit ſeinen Genoſſen theilen müſſen. Er iſt zuverläſſig ein Narr, und eben daraus leite ich noch Hoffnung zu unſerer gänzlichen Rettung her. Geh jetzt, Ardent, und ſieh zu, ob Du unbelauert ein Ge⸗ ſpräch mit unſerem würdigen, jüngſt zum Ritter geſchla⸗ genen Sir David Drinkwater anknüpfen kannſt.« Als ich zur Kajüte hinaustreten wollte, gewahrte ich, wie unſer Erzfeind bereits den erſten Streich gegen uns geführt hatte. Vor unſerer Thür draußen ſtand eine Schildwache mit gezogenem Degen und geladenen Pi⸗ ſtolen. Wir waren Gefangene. Dieſer Stoß war uns fürchterlich. Der Mann vor der Kajütenthür wieß uns ſtatt aller Antwort auf unſere Fragen die Spitze ſeines Degens, die er mir auf die Bruſt ſetzte. Sogar die Schönheit und überredende Zartheit Honoriens ver⸗ mochte nicht, ihm Rede abzugewinnen. Wir ſchickten 9* 132 Die Büßung, oder jetzt unſere Diener hinaus; dieſe durften aus⸗ und ein⸗ gehen, jedoch durften ſie es nur einzeln und erhielten dann eine Wache als Begleitung mit, ſo daß ſie zu Keinem von der Mannſchaft reden durften. Selbſt in der Küche, wenn ſie unſer Mahl bereiteten, war ihnen unterſagt, ein Wort zu ſprechen. Der Kapitän hatte alle Mann auf das Deck gerufen, und uns öffentlich der Meuterei angeklagt. Auf Einzelnheiten ließ er ſich da⸗ bei nicht ein, und da Viele der Mannſchaft die Anklage nur allzu gern für wahr halten wollten, ſo entſtand unter dem Volke kein Murren über die Veröffentlichung. Wir wurden jetzt bewacht, wurden wie Thiere des Feldes in der Hürde eingeſperrt gehalten, um zum Schlachten aufbewahrt zu werden. Jeder Ausweg ſchien uns verrammelt zu ſein; es war uns ſogar die Macht benommen, edlen Muthes mit den Waffen in der Hand zu ſterben. Vierundzwanzig Stunden hatten wir ſo ohne allen Verkehr mit denen draußen hingebracht. Ich will nicht bei Schilderung der Angſt verweilen, die zu verrathen wir nicht umhin konnten, noch der kläglichen und klage⸗ reichen Verſuche erwähnen, die wir machten, uns ein⸗ ander durch erzwungene Heiterkeit aufzurichten. Mich quälte eine fürchterliche Ahnung von den Gräueln, welche erfolgen möchten; und das ſchlimmſte aller böſen Vorzeichen war für mich das Eintreten einer Windſtille. Die Lautloſigkeit der Elemente geſellte ſich jetzt zu der unſrigen. Uns umgab ein Schweigen, wie wenn wir verurtheilte Verbrecher geweſen wären, die bei ſolcher Stille um ſo tiefer in ihre Seelen blicken, und unter wachſender Herzensangſt den Augenblick heranrücken ſe⸗ hen ſollten, der ſie in den dunkeln Schlund der Ewig⸗ keit zu ſtürzen haben würde, 4 Ardent Troughton. Ein matter Hoffnungsſtrahl blitzte uns am folgenden Tage entgegen: Die Wache vor unſerer Thur trug, wie⸗ wohl keineswegs prunkend, eine kleine blaue Bandſchleife am Vorhemd angenadelt. Mit einem Anfluge glühen⸗ den Dankgefühls gegen den rauhen Steuermann Drink⸗ water begrüßte ich das Zeichen. Ich ſcheute mich nicht, den Mann anzureden, obwohl er ein Spanier war. Dieſer jedoch legte, als ich über die Schwelle treten wollte, ſeine Hand plump auf meine Bruſt, ſchob mich zurück und warf mir die Thür vor der Naſe zu. Mein Unwille über dieſe Vermeſſenheit verwandelte ſich jedoch in Freude, denn mir zu Füßen lag ein unſauber zuſam⸗ men gefalteter Brief— unſer Freund Drinkwater hatte ihn geſchrieben. Wir Alle zogen uns ſofort in die Hinterkajüte zu⸗ rück und— um einen gewöhnlichen, jedoch gewaltſamen Ausdruck zu gebrauchen— verſchlangen daſelbſt den In⸗ halt des Schreibens, das ſich vollkommen deutlich gab und von dem Scharfſiune wie von der Standhaftigkeit Davids Zeugniß ablegte. Die beſte Hoffnung, die er uns hegen ließ, war ein verzweifelter und blutiger Kampf zur Behauptung des Schiffes. Schon hatte er mehr als vierzig Matroſen in unſer Intereſſe gezogen. Er wagte es nicht, ſeine Proſelytenmacherei weiter zu trei⸗ ben, und ſagte uns, daß jeder Augenblick des Zögerns zum Kampfe ihn ſelber in die größte Gefahr bringen würde. Er bat uns um Erlaubniß, noch in derſelben Nacht den Streit losbrechen zu laſſen, und wir ſollten ſo geheim als möglich der Schildwache eine unſeren Entſchluß enthaltende Antwort mitgeben. Ddieß war ſo plötzlich gekommen, daß es uns mit Bangen erfüllte. Wie konnten wir es über uns ver⸗ „mögen, es laut zu geſtehen, daß wir unter dem Schat⸗ 134 Die Büßung, oder ten der Nacht und unter aller erträumten Sicherheit des Schlafes einen Theil der Mannſchaft auf dem Schiffe beſtochen hatten, um dem Kapitän und deſſen haupt⸗ ſächlichen Officieren die Gurgel abzuſchneiden? wie, wenn Gerechtigkeit dann uns mit Donnerſtimme fragen würde: »Warum thatet Ihr das?«— wie hätten wir da ant⸗ worten ſollen? Wir bebten vor dem Gedanken an Meu⸗ terei. Das Verbrechen ſteht jederzeit zuerſt im Vor⸗ theile. Nach kurzer und herzerſchütternder Verhandlung ſchrieb ich mit unſer Aller Bewilligung folgende kurze Antwort: „» Mein lieber David! Wir können nicht die Erſten ſein, welche hier Blut vergießen. Stehen Sie uns bei in Vorbereitungen zu dem Kampfe, und muß es dahin kommen, ſo rei⸗ zen Sie unſere Feinde zum Angrifſe. Kommen Sie, wenn möglich, noch heute Abend zu uns. Schon iſt Ihnen unſere Hochachtung und Dankbarkeit gewiß. Retten Sie uns aus dieſer Bedrängniß ſo iſt Ihr zeit⸗ liches Wohl begründet. Honoria gebeut Ihnen, zu bedenken, daß Sie ihr Ritter ſind.« Durch die zum Scheine grollende Schildwache er⸗ reichte dieſe Epiſtel den Ort ihrer Beſtimmung. Wollte ich die Geſchichte unſeres Empfindens und Thuns während dieſer peislichen Stunden darlegen, ſo würde dieſer Theil meiner Erzählung ſich in dicke Bände ausſpinnen. Honoriens Charakter ſchien durch dieſe Be⸗ drängniſſe ſich nur um ſo mehr zu ſtärken und zu befe⸗ ſtigen. So tapfer mein Freund Julian auch war, ſo vermochte er doch kaum der Kriſis mit Standhaftigkeit entgegen zu blicken. Er hätte gern den Knoten durch Raſchheit zerhauen, die er dann natürlich Tapferkeit Ardent Troughton. 135 genannt haben würde; er gab ſich ſchwankend, ruhelos und verſtört; ſeine Kühnheit ſchien ſich nur für ein Schlachtfeld zu eignen; ſein Eifer bedurfte des Schalles der Trompeten und des Prunks aufgeſtellter Käm⸗ pferſchaar; einer Ameiſe im Sande gleich unrühmlich umzukommen, war ihm ein allzu bitterer Gedanke. In ſolchem Zuſtande von Herzensempfindung zu reden, dürfte Verſpottung ſein; es war nicht an der Zeit, höflich klingende Redensarten vernehmen zu laſſen und ſich ſchuldloſer Tändelei tugendhafter Zärtlichkeit hinzugeben. Sein Liebesgeſchick war für ihn ein ſchleichendes Elend — eine ihm vorbehaltene Qual, und auch dieß zeigte Einfluß auf ſein Benehmen. Je laſtender ſeine Bedräng⸗ niß ward, deſto erſichtlicher ward ſeine Verehrung ge⸗ gen meine Schweſter, allein dieſe Verehrung gab ſich nur allzu oft in einem liebenswürdigen Eigenwillen kund. Zwiſchen ihm und ſeiner Muhme waltete nicht einmal mehr der Anſchein von einer andern als brüderlichen Zuneigung ob. Donna FJiidorens Gemüth war bedrückt, doch benahm ſie ſich gelaſſen, und ſchien völlig reſignirt zu ſein, jeglichem Streiche zu ſtehen, den das Geſchick gegen ſie führen möchte. In Momenten, in denen Furcht uns nicht allzu ſehr erfaßt hielt, ſchien ſie ſich glücklich zu fühlen, wenn ſie nur zwiſchen Honorien und mir ſitzen und unſer Beider Hände in den ihrigen halten konnte. Meine Aeltern waren elend; doch fühlten ſie dieß minder ihrer ſelbſt, als ihrer Kinder wegen. Der alte Prieſter und unſere Diener waren völlig ſo eigen⸗ ſüchtig in ihrer Betrübniß, als es die meiſten Menſchen zu ſein pflegen; und da ſie überdieß die Stellung der Parteien gegen einander nicht gehörig kannten, ſo konnte man ſich nicht wohl auf ſie verlaſſen. Gegen Abend ſprang eine Brieſe auf, und auf dem Die Büßung, oder Koompaß in der Kajüte nahm ich wahr, daß das Schiff nicht nur außer Kours war, ſondern geradezu ſüdwärts geſteuert ward. Es war nach Mitternacht, dennoch hatte Keiner von uns ſich zur Ruhe gelegt. Bei alle⸗ dem freuete es mich, in der Mittelwache den Stadt⸗ hahnmatroſen, der der Silberlöffel genannt ward, als Schildwache vor unſerer Thür zu ſehen. Gegen zwei Glocken, alſo etwa um ein Uhr, ſchlich David Drink⸗ water ſich in unſere Kajüte. Er war mit Kriegsbedarf beladen. Wir verſtanden dieß nur allzuwohl, indeſſen ward nur wenig geſprochen. Nach und nach ſtahlen ſich mehrere Matroſen herein, und brachten Musketen, Piſtolen, Piken und Kurzdegen. Alles dieß ward faſt nur ſchweigend betrieben. Nachdem wir Waſſen und Munition für wenigſtens funfzig Mann ausreichend ge⸗ hörig in Sicherheit gebracht hatten, unterſuchte Drink⸗ water die großen Kanonen in unſerer Kajüte, zog aus jeder derſelben den Pfropfen, und ladete ſie über der ſchon darin befindlichen Kugel noch mit einer Kartät⸗ ſchenpatrone.. Nicht wenig aber verwunderten wir uns über den Zwieback, das Waſſer und den Branntwein, womit er uns ebenfalls verſorgte; denn dieß ſchien anzudeuten, daß wir eine Belagerung auszuhalten haben würden. Nachdem David dieſe Vorkehrungen getroffen hatte, ſtellte er meinem Vater einen hautgebräunten Officier vor, in welchem ich den Geſchützmeiſter erkannte. Es begann ein Geflüſter, und bald darauf füllte mein Va⸗ ter einen von dem uneigennützigen Gentleman mitge⸗ brachten Linnenbeutel mit Dublonen. Wenige Worte wurden jedoch dabei gewechſelt, und nach einer Stunde war Niemand mehr bei uns, als der dritte Steuer⸗ mann. Ardent Troughton. 137 Um gegen Störung geſichert zu ſein, zogen wir Alle uns in die Hinterkajüte zurück. Nicht brauche ich die Dankſagungen, die geſeufzt, die feierlichen Verſprechun⸗ gen, die gegeben, und die Händedrücke, die dem neuen Ritter geboten wurden, zu beſchreiben. Drinkwater war aber nicht ſo aufgeräumt, als ich ihn gern geſehen hätte. Als er uns Alle um ſich herum verſammelt und drei Kelchgläſer Portwein nach einander geleert hatte, ſprach er geſenkten Tones: „David Drinkwater iſt ein Mann von wenigen Worten. Dier liegt ihre Sicherſtellung. Möge jener ehrenwerthe Herr, der Eigner dieſes Schiffes, thun, wozu er ein Recht hat, nämlich den Kapitän abſetzen und kraft gehörigen Dokumentes das Kommando in meine Hände legen. Ich weiß, daß Mantez ſich wider⸗ ſetzen wied; indeſſen gebe man mir den Neger Jugurtha mit ſeinem langen Meſſer im Gürtel, ſo ſoll die Sache ſchon in aller Stille abgemacht werden. Mir ſei's überlaſſen, die übrige Mannſchaft alsdann zufrieden zu ſtellen. Was ſagen Sie dazu?« „Wir können Sie nicht zum Meuchelmorde dingen. Nein, Driukwater, unſere Feinde müſſen zuerſt etwas Gewaltthätiges unternehmen. Reizen Sie ſie dazu, wenn Sie wollen— weiter aber können wir nicht gehen,“« lautete meine entſchloſſene Antwort. „Wie aber, Mr. Troughton? wie? In Folge deſ⸗ ſen, was ich für Sie that, ſehe ich mich gleichſam an Händen und Füßen gebunden auf einem Lager von Schießpulver, und Zündruthen rings um mich her flackern. Zu Viele wiſſen um das Geheimniß— mein Leben iſt hin; doch das hat nichts auf ſich, obſchon ich gern jener lieben jungen Dame einen Dienſt geleiſtet hätte. O Du mein Himmell jetzt einen tüchtigen Aus⸗ 4 138 Die Büßung, oder fall gemacht, und nach fünf Minuten iſt das Schiff in unſeren Händen. Jug, mein Junge,« fuhr er, zu dem Neger gewendet, fort,»Du würdeſt gewiß gleich in des Kapitäns Kajüte ſein?« Jugurtha zog mit teufliſchem Entzücken den Ballen ſeines Daumens über die wohlgeſchliffene Schneide ſei⸗ nes Meſſers— ängſtlich blickte ich auf meinen Vater. Dieſer kopfſchüttelte, Don Juliano aber ſagte haſtig: „Fürwahr, Ardent, es ſcheint ungerecht von uns ge⸗ handelt, wenn wir dieſes Wackern und ſo vieler anderen braven Männer, die furchtlos Alles an unſere Rettung ſetzen, ſo in Gefahr bringen. Geben Sie an Drink⸗ water die verlangte Beſtallung, Sennor, und mag Mantez alsdann auf ſeine eigene Gefahr widerſpenſtig ſein.« „Nicht ſo,« verſetzte mein Vater. Zwar ſind ſieben Achttheile von Schiff und Ladung mein Eigenthum, und auch das letzte Achttheil gehörte mir während der Ueberfahrt; dennoch fürcht' ich, daß auf See nicht in des Kapitäns Rechte gegriffen werden darf. Nur zu unſerer Selbſtvertheidigung dürfen wir Gewalt brauchen.« »So bin ich verkauft,« ſagte David mit Bekümmer⸗ niß, indem er ſeine breiten Hände über ſeine Bruſt kreuzte. Ich fühlte, daß wir nicht redlich gegen ihn verfüh⸗ ren, und mir kam der Gedanke, daß Noth ihr eigenes Geſetzbuch habe; entſchieden alſo ſprach ich:»Morgen wollen wir zur Gewaltthat ſchreiten. Halten Sie ſich bereit, uns beizuſtehen, Drinkwater.« »Das war eines Mannes und echten Britten wür⸗ dig geſprochen. Uebrigens wird dieſe übertriebene Ge⸗ rechtigkeitsliebe, deren Grund ich durchaus nicht wahr⸗ nehmen kann, mehr Blutvergießen anrichten, als nach — — Ardent Troughton. 139 meinem ſtillen Plane hätte ſtattfinden ſollen. Die Sache muß jetztt offen ausgefochten werden. Nun, Sir, ſagen Sie uns, wie Sie das anfangen wollen.⸗ „»Morgen, genau um die Mittagsſtunde,“ ſprach ich, „will ich der Schildwache meinen Weg abzwingen. Wi⸗ derſteht dieſelbe, ſo muß ſie die Folgen davon erleiden. Ihre Partei wird ſich bewaffnet halten, und zehn Mann derſelben, auf die man ſich verlaſſen kann, die⸗ nen zum Schutz der Damen und des Prieſters in der Kajüte. Wir Uebrigen dringen dann auf das Hinter⸗ deck. Finden wir dabei keinen Widerſtand, ſo rufen wir alle Mann auf Deck, erklären Ihnen die Beſchaf⸗ fenheit der Sache, wobei natürlich Sie und Ihre Freunde uns unterſtützen, legen den Kapitän und deſſen Mitverſchworene in Arreſt, ändern unſern Kours, in⸗ dem wir nach New⸗Orleans ſteuern, und unter Gottes Beiſtand wird dann Alles wohlgehen.“ »Zugeſtanden. Ich halt' aus bei Ihnen bis zum Tode. Mittlerweile verrammeln Sie die Hinterkajüte, ſo gut Sie es können, und ziehen Sie die großen Ka⸗ nonen nach vorn; doch iſt's wohl beſſer, wenn das erſt morgen geſchieht. Erfuhren Sie, daß ſich ein Schiff nicht fern von uns zeigte? Nach ſeinem Getakel halt' ich's für'nen Yankee⸗ Südſee⸗Wallfiſchjäger. Es wird zumal unter dieſen Breiten, oder vielmehr Längen, gar nicht wiſſen, was es aus uns machen ſoll. Vielleicht würde es uns für'nen alten Indienfahrer halten, wenn wir mehr öſtlich ſchifften. Hat's uns morgen noch in Sicht, ſo wird's viel zu' vermuthen“ und zu'kalk'liren“ haben, wenn es hört, wie unſere Kanonen und Gewehre knallen, und wenn's ſieht, wie unſere Kurzdegen blitzen, und wird uns dann weit genug vom Leibe bleiben. Je⸗ doch jetzt zur Ruhe mit Ihnen, wenn Sie Ruhe finden. 140 Die Büßung, oder Auf mich zählen Sie unbedingt, und möge die gerechte Sache obſtegen!« Bald nachher verließ er uns; unſere guten Wünſche und unſere Segnungen folgten ihm. Darauf be⸗ gaben wir uns zu Bett, und zwar mit Gefühlen von Menſchen, die da wiſſen, daß ſie ſich am Rande eines Kampfes auf Leben und Tod befinden. Die Entſchei⸗ dung, zu der wir gelangt waren, ſchien jedoch meinem Freunde Don Juliano gute Dienſte geleiſtet zu haben. Er konnte der Kataſtrophe dreiſt entgegenſchauen, allein der ſchwankenden Ungewißheit hatte er nicht Stand zu halten vermocht. Nach Jugurtha's ſtrahlendem Ant litze zu urtheilen, hatte der Neger alle von uns Ande⸗ ren verlorene Glückſeligkeit ganz allein gefunden. Der nächſte Morgen brach ſo ſchön an, als jemals ein Poet ihn hat wünſchen können. Noch immer ſtri⸗ chen wir ſüdwärts, und als ich gegen acht Uhr aus ei⸗ ner der Steuerbord⸗Schießluken ſah, erblickte ich auf drei Meilen weit uns zur Seite ein ſtattliches Schiff, welches gleichen Kours mit uns ſteuerte. Wohl begriff ich, das dieß ein gewiſſermaßen verdrießlicher Umſtand für Mantez war. Jenes Schiff konnte doch ſpäterhin gegen ihn zeugen. Dieſe Ueberzeugung war es vielleicht, die unſern verrätheriſchen Kapitän bewog, jegliches Se⸗ gel anzuſpannen, das zu tragen ſein Schiff im Stande war. Vermuthlich ſah der Amerikaner hierin eine Auf⸗ forderung zum Wettſegeln, denn auch er ſetzte alle ſeine Linnen an. Bald jedoch zeigte ſich ſeine Ueberlegenheit, und nachdem er eine weite Strecke uns vorweg geſchoſ⸗ ſen war, reffte er großprahlend eins ſeiner Beiſatzſegel nach dem andern wieder ein. Wir Alle brachten den Vormittag damit hin, unſere Waffen zu unterſuchen und zu ordnen. Es verſteht 4 — fr Ardent Troughton. 141 ſich von ſelbſt, daß unſere Schildwache nichts davon merken konnte. Nun hatte ich kurze Zeit nach meiner Einſchiffung unter der Mannſchaft einen feinen, hübſchen jungen Engländer bemerkt, den ich bald zu meinem Leibdiener machte, indem ich dem Neger die Bedienung meiner Familie im Allgemeinen überließ. Der junge Burſch war genau von gleicher Körpergröße mit meiner Schwe⸗ ſter, und ſah, von fern erblickt, ihr ziemlich ähnlich. Es war ſchon elf Uhr, und unſere Herzen pochten ſtürmiſch. Plötzlich kam, wie durch höhere Eingebung, mir der Gedanke, daß, wenn unſere Feinde obſiegen ſollten, Honoria zuerſt von ihnen aufgeſucht werden würde. Wir hatten unter uns ausgemacht, daß, wenn das Gefecht vor ſich gehen würde, die Frauenzimmer unter Begleitung Etlicher von uns ſich an einen ſichern Ort im unteren Schiffsraume begeben ſollten. Darein wollten die Damen jedoch nicht willigen. Dieſer Starr⸗ ſinn, der anfänglich mich nicht wenig verdroß, gereichte ſpäterhin meiner Schweſter zu weſentlichem Vortheile. Honoria mußte ihre wallenden Haarlocken aufopfern, und mein Burſch ſeine Kleider mit ihr wechſeln. In der gefährlichen Lage, in der wir uns befanden, konnte keine Rückſicht auf krittliche Anſtändigkeitsformen ge⸗ nommen werden. Ich ſagte bloß zu meiner Schweſter, es wäre nothwendig, daß ſie ſich verkleidete, und ſie gehorchte. Meine Hand zitterte unter der Aufgabe, die von ihr gelöſet werden ſollte— mein Herz erkrankte bei fürchterlichen Ruͤckerinnerungen; allein es war Ver⸗ hängniß— ich hoffe, daß es Verhängniß war! Ich, der Zarterzogene, zu einem Gewerbe herangebildet, das Gewaltthat als ſeine größte Feindin anſteht, ich, der 142 Die Büßung, oder ich dem Morde die Vergeltung beinahe in menſch⸗ lich ſichtbarer Geſtalt hatte nachſchreiten ſehen— ich, der von Natur Abſcheu gegen Blutvergießen hegte— ich mußte abermals nach des Schickſals Fügung Urſache werden, daß Menſchenblut floß! Schwer, ſchwer ruht Verantwortlichkeit deſſen auf meinem Haupte. Waren meine Handlungen die der Blutſchuld?— Allerbarmer! dann blicke auf meine erlebten Unfälle, und laß die fürchterlichen Büßungen, denen ich unterlag, nicht ganz werthlos vor Deinen Augen ſein. 4 Nur noch wenige Minuten fehlten bis zur Mittags⸗ ſtunde.— Bitter lächeln mußte ich, als mein theurer alter Vater in einem Gürtel, den er umgeſchnallt hatte, ein paar ungeheure Piſtolen und einen ſchweren Degen ſchob. Jugurtha waffnete ſich bis an die Zaͤhne, und auch Don Juliano ſorgte, daß nicht aus Mangel an Bewaffnung der Sieg uns entriſſen werden möchte. Wir zogen nun die Kajütenkanonen vorwärts, und rich⸗ teten deren Mündungen dem Decke zu, indem wir na⸗ türlich entſchloſſen waren, nöthigenfalls durch den Schiffsverſchlag hindurchzufeuern. Die Damen mit ihren Dienerinnen krochen in Eine Gruppe zuſammen, und verbargen in der Hinterkajüte ihr Geſicht in den Teppich. Meine Mutter ſtopfte ſogar Baumwolle in ihre Ohren. Honoria, als Kajütenjunge gekleidet, ſchien, als ſte mit hingeſtreckt am Boden lag, in dieſem Anzuge nicht außer ihrer Sphäre zu ſein. Sogar Ich blickte in die Geſichter meiner Gefährten, die, den Neger ausgenommen, todtenbleich ausſahen. »Jugurtha,« ſprach ich feierlich,„ Jugurtha, mein Ardent Troughton. 143 Freund, ſo Dir meine Liebe werth iſt, ſo Du unſer Al⸗ ler Leben ſchätzeſt, und bei dem Leiden, das wir mit⸗ ſammen ertrugen, beſchwör' ich Dich, brauche nicht mehr Gewalt, als nöthig iſt, um bei der Schildwache vorbeizukommen. Stoße ſie bei Seite, aber vergieße kein Blut. Erſt wenn unſer Feind verwundete oder tödtete, laß alle Deine Stärke und Wildheit los.« Zu meinem Vater, zu Don Juliano und unſeren Begleitern gewendet, fuhr ich fort:»Liebe Freunde, folgt mir auf den Ferſen— wir müſſen einen Anlauf anf das Hinterdeck nehmen, wo wir Drinkwater und die Unſrigen antreffen werden. Laßt uns nicht die Er⸗ ſten ſein, die Gewaltthat üben.« Es ſchlug acht Glocken— alſo Hochmittag— es war das Grabgeläut für manchen Tapfern, wie auch für manchen Gottloſen, und für Manchen, der nichts sweniger als bereit war, vor den ewigen Richter zu treten. In Honoriens gewöhnlicher Kleidung, die dichte, ſchwarze, anmuthige Mantilla dicht über ſein Geſicht gezogen, ſtellte ich meinen Burſchen zwiſchen Jugurtha und mich— ich ſchritt ihm zur Rechten, der Neger ihm zur Linken. Wir ſtießen die Kajütenthür auf, allein die Schildwache trat vor, und ihr Degen ward mir ſogleich an die Kehle gehalten. Der Kerl ſah wild und guerillamäßig aus, war enkſchloſſenen Weſens und grauſamen Blickes. Ich glaube wirklich, Drinkwater hatte ihn abſichtlich auf dieſen Poſten be⸗ fördert, damit das Ungethüm um's Leben kommen möchte. „Zurück, Sennor, zurück; oder es gilt Ihr Leben!⸗ rief der Kerl, und machte eine Bewegung, als wollte er mir ſeine Waffe durch die Kehle zum Genick hinaus⸗ bohren. Springer knurrte, ich machte Vorſtellungen— Die Büßung, oder jedoch ein Geiſt, ſchneller als der Hund und ich, war mit uns. Dieſer Geiſt hieß Jugurtha. In einem Mo⸗ ment war der Wächter vom Unterleibe bis zur Bruſt hinan aufgeſchlitzt, und ſtürzte als eine Blut⸗ und Ge⸗ därmmaſſe zu Boden, ſo daß er kaum Zeit hatte Laͤrm zu rufen, und mit ſeinem Lebensblute einen ſcheußlichen Fluch von ſich zu ſpeien.— In dieſer Welt konnte dann kein Leid mehr ihn treffen. Wir ſchoben den Leichnam auf die Seite, und er⸗ reichten über die Leiter weg, ohne weiteres Hinderniß, das Hinterdeck. Ich ſtürzte vor und rief den Hoch⸗ bootsmannsmaaten zu, alle Mann heraufzurufen. Als ich aber zur Seite blickte, ſah ich meinen in Honoriens Kleidern geſteckten Burſchen neben mir ſtehen. Dieß hatte ich nicht gewollt. Wir hatten uns jetzt förmlich bloßgeſtellt. Drink⸗ water aber erwies ſich erprobt wie eine Damascener⸗ klinge. — Fuͤnftes Kapitel. „ »Wacker⸗Plumpers! zu den Waffen!“« erſcholl es über das Verdeck hin. Ich ſah mich bald von einer guten Wache Anhänger umringt; vermengt mit der übrigen Mannſchaft, kamen ſie alle die Lukentreppen herauf. Von Furcht gepackt, und an allen Gliedern zitternd, hätte Keiner beſſer als mein Burſch die er⸗ ſchreckte Honoria vorſtellen können. Das Erſte, was ich ſprach, als ich mich von meinen Freunden unterſtützt — —— gaurtha ſchoß, wie ein Tiger aus dem Röhrig, über das Ardent Troughton. 1 ſah, waren die Worte:»Drinkwater, ſchicken Sie nige vertraute Leute mit meiner Schweſter fort, u dieſe an einen ſicheren Ort zu bringen.« Die vermeinte Dame ward ſofort von einer eifrigen Schaar umringt, die aus Matroſen beſtand, welche nicht alle zu unſerer Partei gehörten, denn auf dem Schiffe befanden ſich nur Wenige, die nicht eine Art von romanhafter Ver⸗ ehrung gegen meine Schweſter gehegt hätten. Die Verwirrung ward jetzt ſchrecklich. Als eben die Mantilla die Hinterdeckleiter hinab verſchwand, ſtürzte Mantez, vollſtändig bewaffnet, aus ſeiner Kajüte; ſieben oder acht Mann begleiteten ihn. Er verſuchte ſogleich, den verkleideten Burſchen zurückzuhalten; Ju⸗ Verdeck, und führte mit einem Tomahawk, den er vom Kapſtan heruntergeriſſen hatte, einen tödtlichen Hieb ge⸗ gen ſeinen Erzfeind. Einer der Getreuen des Letzteren warf ſich vor, lag aber augenblicklich mit bis auf das Kinn geſpaltenem Schädel da. Das Geſchrei,»Meutereil“ er⸗ ſcholl jetzt nach allen Seiten hin, Degen klirrten, Mus⸗ keten⸗ und Piſtolenſchüſſe krachten. Aufangs errangen wir bedeutenden Vortheil, denn wir trieben den bereits verwundeten Kapitän und deſſen Officiere unter die Abdachung der Puppe, und dann in die Kajüte zurück, deren Steuer⸗ und Backbord⸗Thüren die Flüchtigen ſogleich hinter ſich verrammelten. Die Männer am Steuerrade flohen von ihrem Poſten und überließen uns ſo das Kommando über daſſelbe. Das Hinterdeck war ebenfalls unſer. Schon begannen wir einander zu dem leicht errungenen Siege Glück zu wünſchen. Ich blickte umher, und ſah mich von faſt funfzig Ardent Troughton. II. 10 Anhängern umgeben, die alle mit dem blauen Baͤnd⸗ chen geſchmückt waren, während Sir David Drinkwa⸗ ter, unter einem Uebermaaß von Verbeugungen, die In⸗ ſignien ſeines Ordens zeigten. Fürchterlich erſcholl jetzt aber vom Mitteldeck und aus dem Vorderkaſtell das Geſchrei herüber:»Mord! Meun⸗ terei! Tod den Engländern!« Verſchiedenartig bewaffnet ſchwärmte die Mannſchaft wie eine ergrimmte Wespen⸗ ſchaar auf Deck herauf. Die Leiche der Schildwache ward durch das Gewühl hindurchgetragen, und reizte den Groll ſchier bis zur Raſerei. Ich trat vor, um die Schiffsmannſchaft anzureden, allein meine Worte ver⸗ mochten nicht durch das tollhaͤusleriſche Geſchrei hin⸗ durchzudringen. Mehrere Flinten und Piſtolen wurden auf mich abgedrückt, verſagten jedoch alle. Ich ge⸗ wahrte ſofort, daß wir mindeſtens Einer gegen Zwei zu kämpfen hatten. 3 Schon hatten unſere Gegner begonnen, das Vorder⸗ ſchiff ſtark zu beſetzen. Sie ſchoben die beiden lan⸗ gen Zwölfpfünder in den Vorderbug und richteten ſie gen hinten. Matroſen, mit Musketen bewehrt, krochen das Vordertakelwerk hinan, und poſtirten ſich in die Maſtkörbe. Bei allen dieſen mir ſchrecklich ſcheinenden Vorkehrungen ſchien Drinkwater überaus, jedoch ſehr zur Unzeit, erfreut zu ſein. Weder mein Vater noch ich vermochten ſo Lächerliches aus dieſen Zurüſtungen abzunehmen. Während wir in dieſem Zuſtande des Harrens Einer den Andern anblickten, um auf das Vortheilhafteſte einen zweiten Angriff zu beginnen, und ich mittlerweile fand, daß ſogar keiner meiner Auhän⸗ ger mich hören wollte, rief ich, Namens meines Vaters und meiner ſelbſt, als Eigner des Schiffes, den ehrlichen David Drinkwater zum Befehlshaber des Schiffes aus, Ardent Troughton. 147 und ſetzte feierlich den Mann ab, der ſich Kapitän Mantez nannte, indem ich ihn als„Räuber, Pirat ud Mörder’ anklagte. Dieſer Erklärung ward mit einem dreifachen ehrer⸗ bietigen Hurrah begegnet, worauf Sir David ſeinen Hut zog, und Allen eine ſehr herablaſſende Verbengung machte. Obgleich die Eintracht auf dem Hinterdecke herzerquickend war, ergab die Neuigkeit, die ich unter gewaltiger Anſtrengung meiner Lunge durch das Sprach⸗ rohr in ſpaniſcher, engliſcher und franzöſiſcher Sprache hatte erſchallen laſſen, auf dem Mitteldeck und im Vorderkaſtell ſich nichts weniger als willkommen. Statt unſeres Hurrah erſcholl dort der Ruf:»Nieder mit den Engliſchen! Tod den Meuterern! Blut über die Häupter der Todtſchläger!« Thoricht genng beharrten unſere Gegner bei dem Gedanken, es waltete ein Na⸗ tionalſtreit ob. Kapitän Drinkwater,« ſagte mein Vater mit ſo vieler Ruhe, als ob er einen Poſten zu Journal ſtellte, „wir begeben uns gänzlich unter Ihre Obhut.— Be⸗ fehlen Sie, und wir gehorchen. „Wohl, Sir! Nehmen Sie Don Juliano, Jugurtha und ein Dutzend Männer zu ſich, und vertheidigen Sie die Kajüte. In ihr befinden ſich die Frauen und unſer Kriegsvorrath. Stellen Sie ſich in eine Linie quer vor dem Bollwerke des Mitteldecks auf. Finden Sie ſich allzu hart bedrängt, ſo wollen wir über die Hinterdeck⸗ leiter Ihnen Verſtärkung ſchicken. Bedenken Sie, Sir, daß die Kajüte unſere Citadelle iſt. Wollen jene ausländi⸗ ſche Lumpenhunde keine Vernunft annehmen, ſo mein' ich, wir fechten's mit ihnen auf dem Mitteldeck aus. Nun, mein ſchmucker Silberlöffel,« fuhr er, zum Stadt⸗ hahn gewendet, fort,»Du biſt Trumpf bis in Dein . 10* * Die Vüßung, oder Rückenmark. Nimm's Steuerrad in die Hand— Du zwingſt's ſchon, und richte genau ſüdwärts ein Viertel zu Oſt, und kannſt Du mit Deinem Puffer einen Knall gegen Don Backenbartando losbrechen, ſo wird Dir darum noch nicht das Schiff in den Wind fliegen; nichts Anderes aber hindere Dich an gehörigem Stenuern. Jetzt Mr. Tronghton, ſo leid es mir thut, müſſen wir die Sache allen Ernſtes angreifen.« »Laſſen Sie mich noch Einmal zu der irrgeführten Mannſchaft reden.« 4 »Meinetwegen! Purren Sie ſte an, warnen Sie ſle aber gleich von vorn'rein, daß, wenn Sie ſich nicht binnen fünf Minuten ergielt, wir auf ſie feuern. ⸗ »Sie werden uns auslachen, wenn ich das ſage. Wahrſcheinlicher iſt's, Kapitän Drinkwater, daß ſie auf uns feuern. Sie ſcheinen mit leichten Waffen wohl verſehen zu ſein, und gebrauchen ſie ihre beiden langen Kanonen, ſo muß ihnen das einen entſchiedenen Vor⸗ theil gewähren. Laſſen Sie uns lieber in Maſſe vor⸗ dringen, und uns zu Herren des Vorderkaſtells machen. Das Mitteldeck gehört uns alsdann ebenfalls.⸗ »Ganz wohl geſprochen, Sir, allein wir haben keine Mannſchaft zu vexrlieren, und Einigen von uns würde ſolches Verfahren doch das Leben koſten. Ueberdieß iſt's beſſer, Ihrem Kapitän zu gehorchen, als mit ihm zu disputiren. Proklamiren Sie alſo, was Sie wollen, und dann bleiben wir ſtehen, wo wir ſtehen, und geben ihnen eine tüchtige Ladung.« Während ich durch das Röͤhr denen im Vorderka⸗ ſtell entgegen ſchrie, ward meine Aufmerkſamkeit durch ein Getümmel rege gemacht. Ich wendete mich, und ſah die vor zwei Minnten noch gänzlich verlaſſene Puppe mit Menſchen angefüllt. Mantez war mit ſeinen Of⸗ 8 Ardent Troughton. 149 ficieren und mehreren ſeiner Anhänger über die Hinter⸗ gallerieen geſtiegen. Es war mir nicht in den Sinn gekommen, daß ſo viele Mannſchaft hätte hinten ſein können. Die meiſten davon waren wohl mit Flinten bewaffuet, hatten auch ſchon die beiden Karronaden ſo gerichtet, daß dieſe unſere ganze Stellung beſtreichen konnten. Wir ſtanden zwiſchen zwei Feuern; unſer Verderben ſchien gewiß zu ſein. Ein entmuthigender Gedanke ſtieg mir auf. Ich wendete mich zu Drink⸗ water, packte ihn bei'm Rockkragen und rief:»So ſind Sie alſo ein Verräther?« »Suchen Sie die Wahrheit davon in meinem Her⸗ zen— Sie haben ja einen Degen in der Hand. Er gab dieſe Antwort in einem gelaſſenen, ja trauernden Tone— er fühlte ſich offenbar tief verletzt. Indem er ſich von mir abwendete, theilte er unſere ge⸗ ringe Mannſchaft in zwei Kämpferreihen, die eine der Puppe, die andere dem Vorderkaſtell zugewendet. Die Männer erhielten Befehl, ſich ſchußfertig zu machen. Der Geſchützmeiſter, ein Spanier, und der einzige Offi⸗ cier, den wir für uns hatten gewinnen können, ich ſelbſt und Drinkwater, wir ſtanden zwiſchen den beiden Rei⸗ hen am Kapſtan. Wie durch Wunderwerk ſenkte eine tiefe Stille ſich über das Schiff hin. Augeſichts eine der anderen, ſtierten die Gegenparteien einander an. es ſchien, als müßte das Gefecht ein unnatürliches Handgemeng werden— mindeſtens würde jede Partei, weiter von der anderen eutfernt, mehr Eiſer zum An⸗, fange gezeigt haben. Wir wußten, daß während die Kugeln uns vielleicht durch den Leib fahren würden das Blitzen des Geſchoſſes uns die Augen blenden müßte. Bei alldem ſtrich das Schiff unter ſeinen geſchwell⸗ ten Segeln in ſtiller, friedlicher Majeſtät dahin. Ich 150 Die Büßung, oder blickte empor zu deſſen ſtolzer, ſtattlicher Haltung— es glich mir einer Schönen, die mit dem Krebſe der Zeh⸗ rung in ihrer Bruſt durch ihres Baterhauſes Hallen ſchreitet. Während dieſes bangen Augenblicks entſetzlichen Be⸗ denkens ergriff uns Alle ein ſolcher Schauer, daß Drinkwater, der abgeſondert von den Uebrigen neben mir ſtand, mich in einem Flüſtertone anredete, den man nur am Lager des Todes hören zu laſſen pfleget. »Ich vergebe Ihnen Ihren Argwohn, Troughton,“« ſprach er.»Nicht um Ihrer ſelbſt willen ſtieg er Ih⸗ nen auf. Alles ſteht für Sie auf dem Spiele. Ich bin kein Feigling, dennoch ſage ich Ihnen, daß ich für mich ſelber zittere. Glücklich war ich niemals. Die weitgeſchweiften, gewölbten Brauen, in die Ihre Stirn endet, fehlen mir— ſie ſind ein Zeichen langen Lebens. Wie ſehr ich Sie ehre, indem wir ſo dem Ra⸗ chen des Todes gegenüberſtehen,— Ihnen das zu ſa⸗ gen, gebricht es mir an Zeit. Ich ehre Ihren Abſcheu gegen Blutvergießen ſogar ſo ſehr, daß ich die Gegner zuerſt angreifen laſſen will; geht's aber los, ſo laſſen Sie uns gleich der verwundeten Hyäne ſein, die kein Erbarmen zeigt und keines begehrt. Hören Sie, der Böſewicht ſpricht— wie deutlich ſeine Schurkenſtimn durch dieſe Stille hallt!« Mit ſeinem bleichen haarbewachſenen Geſichte, das er nur zum Theil hinter dem Beſaanmaſt hervorgucken ließ, rief Mantez denen im Vorderſchiffe zu. Seine Worte waren erbärmlich. Er ſchrie, man ſollte uns zuſammenhauen, weil wir engliſche Ketzer und Läſterer der Heiligen wären. Uns rief er zu, daß wir uns als geopfert anzuſehen hätten. Dann befahl er, man ſollte, wenn er ſein Tuch ſchwenken würde, mit Kanonen und 1 d Ardent Troughton. 151 Kleingewehr zu gleicher Zeit auf uns feuern, und drei⸗ mal wiederholte er die Warnung, hübſch niedrig zu hal⸗ ten, damit die auf der Puppe nicht mikgetroffen wür⸗ den. Seiner Ordre begegnete ein matter Jubelruf. Al⸗ len dieſen Anorduungen ſetzte Drinkwater nur ein Hohn⸗ lächeln entgegen. Was ich empfand, war fürchterlich; ich dachte weiter nichts, als augenblickliche Vernichtung meiner ſelbſt und meiner wenigen Getrenen. Im ei⸗ gentlichen Sinn des Wortes ſah ich in die Mündungen der Geſchoſſe auf der Puppe und im Vorderkaſtell, aus denen heraus uns unvermeidlicher Tod entgegen brüllen ſollte. Bei'm Anblicke dieſer ungeheuren Mordwerk⸗ zeuge achtete ich minder der kleineren blitzenden Ge⸗ wehrröhre, die ſich ebenfalls gegen uns kehrten. Ich ſah die brennenden Lunten an den Lavettenzapfen han⸗ gen. Meine Qual war ſo groß, daß ich zum Himmel flehete, er möchte mich vor einer Ohnmacht bewahren, auf daß ich nicht zwiſchen meinen eigenen furchterfaßten Streiterreihen zu Boden ſänke. Von Mantez konnte ich nichts gewahren, denn er ſtand hinter dem Beſaan⸗ maſte; einen Augenblick aber erblickte ich ſein geſchwenk⸗ tes Taſchentuch, und in demſelben Moment ſpie das hohlgebohrte Eiſen ſeine Flammen aus— die Kanonen donnerten, die Musketen knallten, doch von den Unſri⸗ gen ſiel kein Mann. 3— »Ein Wunder! Ein Wunder!« ſchrieen mebrere Spanier von unſerer Partei. »Scharf gezielt, vorn und hinten,« ließ Drinkwater ſich vernehmen;—»Feuer!« und auf der Puppe und vorn ſtürzten ſie reihenweiſe hin, wie gelbes Korn vor der Senſe des Mähers. »Feſtgeſtanden und ſo ſchnell als möglich geladen!“ Wir thaten es, und weder der Geſchützmeiſter, noch 152 Die Büßung, oder David, noch ich, blieben unthätig. Bedächtig zielten wir mit unſeren Piſtolen, vermochten jedoch dem ſorg⸗ fältig ſich hinter dem Maſte haltenden Mantez keine Kugel zuzuſchicken. Den Feinden erklärte ſich das Wunder bald. Der Geſchützmeiſter hatte aus allen Gewehren und Kanonen die Kngeln herausgezogen, und als die Gegner von Neuem laden wollten, fanden ſie nur kugelloſe oder feuchte Pa⸗ tronen vor. So wohl bewaffnet wir dagegen waren, würden wir bald jeden einzelnen Feind, ſobald er ſich gezeigt hätte, im Stande geweſen ſein niederzublitzen; allein, ach! nicht waren wir auserſehen, ſo leicht den Sieg zu erringen. Wir wurden durch einen der dümmſten Zufälle, den es vielleicht geben kann, überwunden. Schon hatten wir uns angeſchickt, Beſitz von der Puppe zu nehmen, denn die, welche auf derſelben noch lebten, waren ſchon aus der Schußweite der Gewehre gewichen, indem ſie ſich platt auf den Boden geworfen hatten; ſchon entſchlichen die Spanier, die einen Wider⸗ willen gegen den Stand der Dinge zu hegen begannen, einzeln dem Gefechte; ſchon hatten die Tapferen, die ſich vornahmen, das Deck zu erſturmen, ſich zum Vor⸗ dringen geſchaart, um mit Meſſer und Kurzdegen den Streit zu Ende zu bringen; ſchon hielt ich mich und meine Familie geſichert; ſchon wähnte Drinkwater im ruhigen Beſitze des Schiffskommando's zu ſein, und zwei⸗ felte nicht mehr daran, lange genng zu leben, um ſich der Hochachtung und geldeinträglichen Freundſchaft rei⸗ cher Handelsherren zu erfreuen, und an deren Tafeln ein willkommener Gaſt zu ſein— als alle dieſe glänzen⸗ den Ausſichten und glorreichen Hoffnungen in einer plötzllichen und elenden Niederlage erſtickten. Auf der Puppe befand ſich ein einziger verſchlagener Kopf, der Ardent Troughton. 153 jederzeit beſſer iſt, als ein langer Arm, jenes Prärogativ der Könige, oder als ein langer Degen, jene ſonſt ſo wirkſame Waffe, wenn ein Mann Kraft und Geſchick⸗ lichkeit beſitzt, ſie zu führen. Der beſchriebene wilde und gleichſam häusliche Kampf hatte kurze Zeit nach Mittag begonnen. Um unter den tropiſchen Breiten zu verhüten, daß das Pech nicht aus den Schiffsfugen quille, und die Köpfe der Seefahrer nicht geſchmort werden, pflegte man, ſobald die Sonne einige wenige Grade über den Horizont heraufkommt, ein Segelzelt über dem Hinterdecke auszuſpannen. Dieſes Sonnenzelt iſt aus ſtarkem Segellinnen gemacht, haͤngt bei ſeiner Ausſpannung an einem Rückentaue, iſt an den Ringen des Haupt⸗ nud Beſaan⸗Maſtes befeſtigt, und wird nach den beiden anderen Seiten hin mit Bindtauen an das ſteife Takelwerk geknüpft. Auf einem Kauffah⸗ rerſchiffe, beſonders einem ſpaniſchen, befinden ſich ſolcher Bindtaue nicht viele und nicht ſonderlich feſt verknüpfte. Als nun unſere Partei in gedrängtem Haufen unter dem Sonnenzelte daſtand, und nach vorn und hinten wacker losſchoß, wobei ſie durch den Pulverdampf litt, den ſie ſelbſt erregte, und der wegen der Zeltdecke ſich um ſo weniger vertheilen konnte, meinte jener vorerwähnte Schlaukopf, deſſen Namen ich niemals habe erkunden kön⸗ nen, es ſei wohlgethan, einige Mann, die wir wegen des Dampfes und Zeltlinnens nicht ſehen konnten, zu welchem Umherlugen wir auch viel zu ſehr beſchäftigt waren, hinaufzuſchicken und auf ein zu gebendes Zeichen die Stricke des Sonnenzeltes abzuſchneiden. Als wir eben die Früchte unſers muthigen Kampfes einernten wollten, hoͤrten wir das Wort»Nun!“« rufen, und auf uns herab fiel das ungeheure Linnen, das uns in ſeine Falten verwickelte. Nicht aber hatten wir bloß ————— 154 Die Buüßung, oder die Laſt dieſer Decke zu tragen, ſondern unſere Widerſa⸗ cher auf der Puppe in den Maſtkörben und im Takel⸗ werk ſprangen auf uns, während wir unter der Decke rangen. Unmöglich ward's uns, uns auf den Beinen zu erhalten; wir purzelten über einander hin, und jetzt be⸗ gann eine ganz neue Art von Gefecht, wobei Mantez und deſſen Partei jeglichen Vortheil hatten, indem ſie ihre Waffen frei gebrauchen konnten, und nur den Him⸗ mel über ſich zu fürchten hatten, während wir unten beinahe von der Hitze erſtickten, und jede unſerer Be⸗ wegungen gehemmt und vereitelt ward. Niemand konnte bei dieſem Kampfe ſeinen Gegner ſehen, Jeder ſtieß mit Dolch oder Meſſer, die Klinge aufwärts oder niederwärts gekehrt, nach ſeinem Feinde, je nach dem ſeine Lage oder Stellung ihn dazu anregen mußte. Es war eine Art von Mordlotterie— ein Gewinnſtechen. Zu bald nur⸗ tränkte das Sonnenzelt ſich mit Blut, zu bald nur ward das Verdeck davon ſchlüpfrig. Es war ein Gefecht auf ſpaniſche Manier. Mann nach Mann der Unſrigen ward vom tödtenden Skilett durchbohrt, und hörte auf zu kämpfen und zu athmen. Bei dieſem ſeltſamen und blutigen Handgemenge rührte Will Watkins, der Silberlöffel, ſich nicht von ſeinem Poſten. Er hielt den Schnabel des Schiffes genau nach der ihm angewieſenen Richtung hinaus, und ſteuerte überaus köſtlich. Mann nach Mann hatte er von der Puppe herab auf das Zeltlinnen ſpringen ſehen, und wie auf ſeine Freunde unter dem verfluchten Se⸗ geltuche getreten wurde; dennoch rührte er ſich nicht von der Stelle— er lauerte noch auf ſeinen Mann. Endlich, als Mantez ſah, daß ſeine Partei ſo ſehr die Ueberhand gewann, ſchickte er ſich an, uns auf wirkſa⸗ mere Weiſe, als bloß durch ſeine Stimme den Garaus Ardent Troughton. 155 zu machen, und kam demnach behutſam von der Puppe herunter. Kaum aber hatte Will Watkins ihn voll in Sicht, ſo ließ derſelbe das Steuerrad für ein Weilchen ſich ſelbſt regieren, holte ſeine beiden Piſtolen hurtig aus ſeinem Gürtel hervor, und knallte ſie nacheinander mit den Worten ab:»Das is Eine für Dich, die ich Dir für Deinen Schuß auf der wüſten h'Inſel ſchuldig bin, und dieſe Zweite kommt Dir von Deinem ermorde⸗ ten Bruder, Du h'Ungeziefer!« Beide Schüſſe trafen, jedoch dem Anſcheine nach nicht tödtlich. Nachdem der Löffel einmal vom Steuern abgelaſſen hatte, behagte es ihm nicht mehr, ſeinen Po⸗ ſten zu behaupten, ſondern indem er ſich auf das Deck niederwarf, kroch er zu uns unter das Sonnenzelt. Sofort hörten wir das Krachen der Beiſatzſegelſtangen, und fühlten, wie das Schiff ſich bedeutend auf die Seite legte— es war herum in den Wind geflogen. Um dieſe Zeit war kein Einziger meiner unglücklichen Genoſſen mehr unverwundet. Ach! die meiſten von ihnen, die ſich in das Linnen hatten verwickeln müſſen, waren erſchlagen worden. Von mir ſelbſt will ich nicht reden. Ich war ebenfalls verletzt. Drinkwater, obwohl an mehreren Theilen ſeines Körpers durchbohrt, war noch kräftig, hatte aber alle beſſeren Eigenſchaften ſeines Mu⸗ thes eingebüßt, zeigte ſich wölfiſch, lechzte gierig nach Blut. Ohne ſich noch um Sieg zu bekümmern, trach⸗ tete er nur nach Rache und Gemetzel. Ihn dürſtete, das Auntlitz ſeiner Feinde zu ſehen. Sein Grimm ließ ihn nicht mehr Herr ſeines Thuns bleiben; er war unfähig, Andere zu leiten. Unſere Gegner, welche wußten, daß unſer einziger Ausweg durch die Hinterluken wäre, hatten ſogleich Lukenklappen und andere ſchwere Gegenſtände auf das 156 Die Bubung, oder Sommerzelt geworfen. Wir riefen jetzt die auf dem Mitteldecke zu Hülfe; ſie begannen durch den Weppen⸗ ſtuhl hinauf zu feuern, welches ſie in ihrer Stellung wohl bewerkſtelligen konnten. Dadurch wurden die Spa⸗ nier zwar genöthigt, ſich von den Luken zu enkfernen; allein ſie warfen auf dieſe nun die Leichen der Gefalle⸗ nen, deren wir ihnen durch unſer Musketenfeuer reich⸗ lich hatten zukommen laſſen. Die Ständer, an denen die Lenktaue befeſtigt geweſen waren, brachen bei dem Handgemenge bald zuſammen, und ſo lagen denn die Streben und Gitterluken unmittelbar auf den Kamm⸗ hölzern der Luke, ſo daß uns Allen klar ward, wie je⸗ der Einzelne von uns, wenn dieſe Hinderniſſe nicht weg⸗ geräumt würden, unter angeſtrengtem Zappeln erſchlagen werden müßte. Einige von uns hatten verſucht, mit Meſſer oder Kurzdegen das Sommerzelt zu zerſchneiden, um ſich Luft zu ſchaffen, allein dadurch wurden wir nur um ſo mehr der Aufmerkſamkeit unſerer Feinde über uns bloßgeſtellt, die nun um ſo leichter den Elenden unter uns entdeck⸗ ten, in welchem ſich noch Leben befand. Die gemachten Einſchnitte zeigten uns auch, wie ſo gewiſſer und ver⸗ hängnißvoller man uns eingefangen hatte, denn auf die Decke war das Splitternetz herabgelaſſen worden, ſo daß wir wilden Beſtien gleich unter einem wirklichen Netze liegen mußten. Widerſtand leiſteten wir nicht mehr, denn wo ſich Einer von uns regte, fuhr ſogleich ein Dolch oder ein Bayonnet auf ihn herab. Schon hatten die über uns Befindlichen ihren ſcheußlichen Siegesjubel angeſtimmt, und ſchon hörten wir, wie ſie Rath darüber hielten, Netzung und Linnen wegzuſchaffen, um uns einzeln her⸗ hervorzuziehen und über Bord zu werfen. Ich vermag — Ardent Troughton⸗ 157 kaum mich meines individuellen Gefühles bei dieſem Rathſchlage zu erinnern; doch dünkt mich, blinde Wuth war vorherrſchend bei mir. Ich hatte Aeltern, Schwe⸗ ſter und Freunde vergeſſen; alles Leben und alle Ener⸗ gie ſchienen ſich in mir im Gefühle nach Rache zu ver⸗ einigen— dennoch durfte ich mich nicht regen, durfte kein Lebenszeichen von mir geben. Sogar der verzwei⸗ felte Drinkwater hatte durch die wiederholten Dolchſtiche von oben her aufgehört zu fluchen, zu heulen und er⸗ folglos unter dem Zeltlinnen zu wühlen. Aus dieſer Bedrängniß, deren Ende gewiſſer Tod zu ſein ſchien, wurden die von uns noch Lebenden durch ein wirkliches Wunderwerk gerettet. Wir verdankten dieß dem ſtummen, vielverachteten Neger Jugurtha, dem ſtets in meinem Herzen hohe Verehrung gezollt worden, der für immer zu meiner Rechten ſitzen ſoll! Wie wunder⸗ voll, jedoch auch wie barbariſch erſchien ſein Aushülfs⸗ mittel! wie thieriſch, und doch wie erhaben war ſeine innige Liebe! wie ſo inſtinktmäßig und doch wie ſo edel wies ſich ſeine unwandelbare Dankbarkeit! Indem er neben mir ſitzt und ſtrebt, Licht und Leben aus meinen getrübten Augen zu entlehnen, frage ich mich, was iſt Glückſeligkeit, was iſt Entzücken, wenn ſie nicht jene triumphirenden Gefühle ſind, die aus ſeinem Antlitze leuchten, indem er glaubt, durch irgend eine kleine Dienſt⸗ leiſtung mir gefällig zu ſein, oder durch irgend eine ſtumme liebevolle Scherzgeberde mich aus meinen Grübeleien aufgeſtört zu haben? Worte? O wie unnöthig ſind, Du mein armer Gefährte, ſie einer Freundſchaft gleich der unſrigen! 3 Als wir ſo, ohne Metapher zu reden, da lagen im Schatten des Todes, erſtickt durch unſeren eigenen To⸗ desodem, und umherwühlend im eigenen und in Anderer „ 158 Die Bußung, oder Blute, wurde das alte Schiff bis in ſeinen Kern durch eine fürchterliche Erploſſon erſchüttert; ein betäubendes Licht drang auf uns ein; Sonnenzelt und Netzung riſſen und borſten in tauſend Stücke, die Hinterluke war von jedem Hinderniſſe geſäubert, und die zerſchoſſenen Glied⸗ maßen unſerer Gegner lagen nach allen Richtungen hin um uns herum geſchleudert. Anfänglich glaubte ich, mein Vater habe in ſeiner Verzweiflung Feuer in das Pulvermagazin geworfen und das Schiff in die Luft ge⸗ ſprengt. Dieſes an ſich ſo entſetzliche und in ſeinen Folgen für unſere Feinde ſo verderbliche Ereigniß ward durch die Tapferkeit, den Scharfſinn und die Treue Jugurtha's herbeigeführt. Er allein ſchien ganz die Urſache unſerer plötzlichen Niederlage auf dem Hinterdecke begriffen zu haben— ein Mißgeſchick, das uns in demſelben Augen⸗ blicke ereilte, als wir den Sieg bereits in Händen hat⸗ ten. Mit Hülfe derjenigen Schaar, die wir zum Schutze der Damen, der Kajüte und des Schatzes abgeordert hatten, brachte er eine der Kajütenkarronaden an den Treppengang, und donnerte mit einer Kartätſchenladung von dort aus jedes Hinderniß weg. Lange bevor unſere Feinde ſich von ihrem Entſetzen erholen konnten, wurden, unter dem Beiſtande unſerer Freunde auf dem Mitteldecke, unſere Sterbenden und Verwundeten in unſere letzte Feſtung, in dig Kajüte ge⸗ ſchafft, während die von uns noch unverletzt Gebliebenen ſich auf dem Mitteldecke ſchaarten, um jeden Angriff zu⸗ rückzutreiben. Ardent Troughton. 159 Sechszehntes Kapitel. Unſer Wettſegler, der Südſee⸗Wallfiſchjäger legte um dieſe Zeit aus eigenem Antriebe ſich unſerer Wetter⸗ ſeite näher, denn unſer nicht mehr geſteuertes Schiff trieb immer weiter leewärts, indem es vom Winde ab⸗ fiel. Zu wiederholten Malen rief er uns an, und fragte, was vorginge, da wir, wie eben ſo viele Tollhäusler, einander zu vertilgen trachteten. Von zwei oder dre Stimmen, ward ihm unter Androhung einer Breitſeite gerathen, ſich davon zu machen und ſich um ſich ſelber zu bekümmern. Unſer Yankee⸗Freund ſtampfte und fluchte, daß wir Engländer ſchnurrige Katzenpaviane wären, die, anſtatt zum Mittagseſſen zu pfeifen, ſich den Spaß machten, Einer dem Andern die Gurgel abzuſchneiden. Da der Amerikaner aber ſah, daß ſich mehrere Frauenzimmer in der Hinterkajüte befanden, die durch nichts vermocht werden konnten, ſich, wie wir es ihnen anbefohlen hat⸗ ten, ruhig hinzuſtrecken, fand er ſich bewogen, ſein Boot auszuſetzen und zu bemannen, es uns ſeitlaͤngs zu legen, und jeden Augenblick im Nothfall es bereit zu halten, wieder abzuſtoßen, ſo lange aber bis auf Piſtolenſchuß⸗ weite uns nahe zu bleiben. Die Stille, welche nach der Exploſion eintrat, durch die wir von der Laſt der Zelt⸗ decke und der Splitternetzung befreiet worden waren, hielt nicht lange an. Die ſpaniſche Partei ſchien jetzt wüthend geworden zu ſein; ſelbſt die, welche vorhin ſich feig in den Raum geflüchtet hatten, kamen wieder her-⸗ Die Bußung, oder vor und ſtanden beiſammen. Ungeachtet des Aufräu⸗ mens, das wir unter unſeren Feinden angerichtet hat⸗ ten, war ihre Anzahl doch noch dreimal ſo groß als die unſrige, indem wir unter der Netzung gar zu ſehr gelitten hatten. Die von uns auf das Mitteldeck Ab⸗ geſchickten waren bis jetzt noch unverwundet, beliefen ſich in Allem aber nur auf Funfzehn, meinen Vater und Don Juliano mitgerechnet. Alle waren jedoch wohl be⸗ waffnet, während unſere Gegner nichts als ihre Gür⸗ telmeſſer hatten. Meine eigenen Wunden waren freilich ſchmerzhaft, aber nicht gefährlich. Der beſtochen geweſene ſpaniſche Geſchützmeiſter war um's Leben gekommen; der arme Drinkwater, ſeinem letzten Athemzuge nahe, trachtete noch immer blutgierig nach Rache. Inzwiſchen ward er in die Hinterkajüte getragen, obwohl er es nicht leiden wollte, wo alsdann die Frauen ihn nach beſtem Vermö⸗ gen verbanden. Zu unſerm Unglücke gehörte der Schifs⸗ arzt nicht zu unſerer Partei. Abermals trat eine ſchauerliche Panſe ein. Die Spanier, welche unſere Schießwaffen und mit Schrecken unſere aufgeſtellten Reihen quer über das Verdeck hin ſahen, griffen uns unter den bitterſten Fluchworten an, die mehr hervorgeheult, als geſprochen wurden. Mantez war ſchmerzlah, aber nicht tödtlich durch Will's Piſto⸗ lenkugeln verwundet worden, und hielt in ſeiner berech⸗ nenden Schlauheit ſich anf dem über uns befindlichen Verdecke geſichert. Der Arzt war ſeinen Wunden be⸗ reits zur Hülfe gekommen, ſo daß er jetzt, mit gezoge nem Degen in der Hand, durch Befehlworte, Flüche und Geberden, ſeine Leute auf dem Mitteldecke autrieb, uns anzugreifen, welches er jedoch lange Zeit ohne ei⸗ gentlichen Erfolg that. Während unſere Gegner hinter 8 4 * 3 161 den Kanonenwegen hockten und Schutz ſuchten, wollten wir unſer Pulver nicht unnütz verſchießen, ſondern erſt den Anlauf der Feinde abwarten. Mittlerweile kam der Prieſter in ſeinem vollen Ornate, das elfenbeinerne Kruzifir in der Hand, auf das Verdeck, ſtellte ſich zwiſchen die einander bedrohenden Parteien, und veran⸗ laßte ſo ein Anfhören des Mordkampfes. Ein ſolches plötzliches Innehalten in einem unent⸗ ſchiedenen Gefechte erzeigt jedesmal eine Pauſe der Pein, der Reue und der Furcht. Während dieſes Auf⸗ ſchubs, der tauſendfach marternder als der Kampf ſelbſt iſt, fühlt man mehr als jemals, daß unſere Wunden ſchmerzen, daß digfer Schmerz ſeine Wehklage möchte laut werden laſſen, daß Selbſtbetrachtung uns verdammt, daß Reue ihre Skorpionengeißel ſchwingt, und daß der Schrecken, und deſſen noch verworfenere Schweſter, die Feigheit, dem Herzen zuflüſtert, es ſei keine Schande, wenn man ſich unterwirft, keine Unehre, wenn man die Flucht ergreift. ls der fromme Vermittler zu ſeinem Friedeuswerke daherſchritt, blickten meine Kameraden einander verzwei⸗ felnd und erſchüttert an. Unſere verringerte Anzahl, unſere blutenden Wunden und die Ungleichheit der Streiterzahl brachten ſie beinahe dazu, die verhängniß⸗ vollen Worte auszuſprechen:»Was ſollen wir thun?« welche oft nichts weiter bedeuten als:»wir wollen nichts weiter thun, als uns ergeben.« Dieß war jedoch nicht die Sprache Aller. Noch im⸗ mer befanden ſich einige entſchloſſene Gemüther un⸗ ter uns. Jugurtha glich irgend einem aus ſchwarzem Geſtein gehauenen grimmigen Götzenbilde, dem Emblem eines barbariſchen Schlachtengottes; denn während die⸗ Ardent Troughton. II. 11 Ardent Troughton⸗, 162 Die Büßung, oder ſer kurzen Zwiſchenzeit ſtand er finſter, regungslos und ſchrecklich da. Mein in ſeinem Aeußern ſo wenig krie⸗ geriſch erſcheinender guter Vater wies ſich ruhig, wie der Fromme am Todesrande, wo die Gottloſen⸗ ihn nicht mehr quälen können. Julian gab ſich aufgeregt, unge⸗ duldig über dieſes Zögern und voll Eifers zum Blut⸗ vergießen. Die Uebrigen unſerer Partei blickten mit ſteigender Angſt auf die Wirkung des Einſchreitens des Prieſters.. Jede Hoffnung, die ſie jedoch auf dieſe Vermittelung geſetzt haben mochten, verſchwand eben ſo ſchnell, als gute Vorſätze zu verfliegen pflegen. Kaum hatten die Spa⸗ nier den Geiſtlichen in ihrer Nähe, ſo betrachteten ſie dieß als eine Siegesverheißung, als Empfangnahme ei⸗ nes geweiheten Paniers, als einen göttlichen Zuruf, an⸗ zugreifen und zu erſchlagen. Des frommen Paters Er⸗ mahnungsſtimme ward durch ihr Vivatgeſchrei erſtickt. Sie umfaßten ſeine Kniee, ſie knieeten vor ihm, ſie küß⸗ ten ſein Gewand, aber was er ſprach, wollten ſie nicht hören. O, wie geſunken ſind wir, wenn Religionseifer zum Mantel ſo vieler ſcheußlichen Leidenſchaften, ſo vie⸗ ler ſchwarzer Thaten gemacht werden kann! Er, der unſerer brünſtigen Hoffnung nach als ein Friedens⸗ bote dahergeſchritten war, ward ein Aureger zum Mor⸗ den. Er war gut, aber ſchwach, und als wir, die Au⸗ gen voll Thränen, ſahen, wie man ihn ehrerbietig die Treppe hinab in's Vorderkaſtell in Sicherheit brachte, hörten wir auf zu hoffen. Die Feinde unterſuchten nun die Kanonen um ſich her, allein dieſen allen war die Ladung entzogen worden. Sie ſtellten ſich nun in ge⸗ drängte Reihen, und rückten ſtandhaft gegen uns zu beiden Seiten des Verdeckes heran. Zu gleicher Zeit⸗ war der Befehl erfolgt, uns auch, indem man über da Ardent Troughton. Taffarell durch die Kajütenfenſter drang, im Rücken zu zu überfallen. Dadurch ward unſer Geſchick entſchieden. Wir hatten jetzt nichts zu thun, als uns zu rächen und zu ſterben. »Leben um Leben!« rief ich den Feinden zu:» Suche Jeder ſich ſeinen Mann aus— Leben um Leben!« »Zwei für h'Einen, und d'rauf und d'ran!« ſagte Will Watkins, indem er mit gutem Erfolg eines ſeiner Piſtolen auf einen Spanier abſchoß, und mit dem Kol⸗ ben deſſelben derb und nachdrücklich zwiſchen das Ge⸗ wühl ſchlug.»So ſind's Zwei und Drei, und dann noch Eins ſind Vier,« fuhr er fort, als er ſein zweites Piſtol eben ſo gebrauchte;»und wenn die da nun vierfaches Leben aus mir rausholen, ſo bin ich h'entweder'ne Katze oder'n h'Ungeziefer.« Wir Alle hatten unſere Feuerwaffen abgeſchoſſen, und die Feinde waren uns jetzt auf wenige Schritte nahe. »In die Kajüte!« rief ich. Wir zogen uns zurück, ergriffen die Lunten, die neben den Karronaden ſteckten, welche Drinkwater bis an deren Mündung mit Trau⸗ benkugeln und Kartätſchen geladen hatte, und feuerten die Geſchütze gerade durch die Verſchläge, mitten hinein in die beiden gegen uns dringenden Reihen ab. Ein fürchterliches Geheul erfolgte. Vollſtändig und entſetz⸗ lich muß jenes Gemetzel geweſen ſein, obwohl ich nicht auf daſſelbe hinblickte. Jene unnütze That wird für ewig ſchwer auf meinem Gewiſſen liegen. Das Echo des Ge⸗ heuls der Sterbenden und Verſtümmelten wird noch in meiner Todesſtunde mir in den Ohren klingen. Indeſſen war ich verwundet, war gereizt, war raſend. Wenn ich jedoch jenes ſchauerliche Todtenopfer veranlaßte, ſo hatte ich doch nicht den Kampf zuerſt herbeigeführt. Das gleichzeitige Losbrennen der beiden überladenen Ge⸗ 3 11* Die Büßung, oder ſchütze, die ſich überdieß im engen Raume der Kajüte befanden, erzeugte durch ſein Gekrach eine augenblickliche Taubheit. Zum Verwundern war es, daß die Kanonen nicht zerſprangen. Es vergingen einige Sekunden, ehe wir uns unſerer Lage bewußt wurden, und als nach ei⸗ ner eingetretenen Todtenſtille der Sinn des Gehörs nns wiederkehrte, drang uns das vorerwähnte Geheul in's Ohr, dem dann langgehaltenes Aechzen, Stöhnen und jeder andere Laut folgte, der von Todesangſt und Ver⸗ zweiflung und letztem Ringen zeugen mag. Dieß Weh⸗ geſchrei ward nicht bloß vor uns vernommen— auch aus der Hinterkajüte drang das halbunterdrückte Krei⸗ ſchen des Entſetzens der Frauenzimmer, und durch dieſes hindurch machte ſich ein Triumphruf vernehmbar. Da⸗ vid Drinkwater, der unter den Händen der Frauenzim⸗ mer ſein Leben ausblutete, war es, der jenen Ruf er⸗ ſchallen ließ.. »Hurrah! Gloria!« ſchrie Drinkwater—»ich ſterbe wie ein—« Das Blut gurgelte ihm in der Kehle, und er nahm das letzte Wort mit in die Ewigkeit hinüber. Gott wolle es ihm vergeben, denn es war ein Sünden⸗ wort! Obgleich die Verheerung unter den Spaniern durch die Kartätſchen ſich fürchterlich zeigte, waren doch noch der Feinde genug am Leben, um ſich an uns zu rächen. Inzwiſchen hielten ſie wohl eine Minute lang inne, ehe ſie ſich gegen die Wenigen ſtürzten, die ihnen eine ſo ſchreckliche Niederlage bereitet hatten. Endlich rannten ſie an. Mächtigere Feinde mögen ſich auf ihre Gegner geſtürzt haben, jedoch ein wilderer, ein raſenderer An⸗ griff fand nimmer Statt. Mantez ſelbſt, der nun ſeiner Perſon nicht mehr achtete, war, wenn nicht an der Spitze, doch inmitten der Gruppe. Nicht durch die Thüͤ Ardent Troughton. 165 drang man zu uns herein, ſondern was von den Boll⸗ werksverſchlägen noch ſtand, ward niedergeriſſen, und das alte, klaſſiſche Gleichniß vom Wolf, der in die Schafhürde drang, fand hier ſeine vollſtändigſte Anwen⸗ dung. Sie fielen über uns her, ſie ſtürzten ſich zwiſchen uns; nichts blieb uns übrig, als nachzugeben, niederzu⸗ fallen und uns todt zu ſtellen oder zu fliehen. Fliehen? Wohin? Nirgend hin, als in die klaren, kalten Höhlen des Oceans! In des Meeres durchſichtigen Fluthen ſchien der Tod mir ſchön, überaus ſchön in Vergleichung zu meinen blutenden Wunden, und meiner verlängerten Pein, die noch bitterer durch das rachgierige Frohlocken unſerer Feinde gemacht ward, welche der meines endli⸗ chen Todesröchelns nur allzu gewiß folgen mußte, wenn ich auf dem unglückſeligen Schiffe bleiben würde. Während unſere Bezwinger in raſendem Durſte nach Gemetzel mit ihren todbringenden Dolchen um ſich her⸗ umſtießen, ſtürzte ich in die Hinterkajüte, wo ſich mir ein kaum minder fürchterlicher Anblick darbot. Der Tep⸗ pich dort war mit Blut getränkt, und in blutbeſudelten Gewändern lagen die Frauenzimmer am Boden. Ich hatte nicht Zeit, Einzelnes zu Rtrachten. In meiner Verwirrung nahm ich nicht einmal meine Mutter wahr; nur Einen Gegenſtand gab es hier, auf den ich für ei⸗ nen Augenblick meine Aufmerſamkeit richten konnte. Dieſer Gegenſtand war meine Schweſter, die im Anzuge eines Kajütenjungen neben der Leiche Drinkwater's in Gebet verſunken kniete, und ihren Blick auf das in ihrer Hand befindliche Kruzifir heftete. Mein Hereinſtürmen ſtörte ſie nicht in ihrer Andacht. Allein der Moment drängte; ich legte meine Hand auf Honoriens Schulter, und lallte in Verzweiflungsangſt aus meines Herzrns Tlefe die Worte hervor:»Komm, Honoria.⸗ Die Büßung, oder Ganz Ergebung blickte ſie auf, und erſchien mir als ein Weſen, das des Grabes Grenzen bereits überſchrit⸗ ten hatte. Mich dünkt, ſie lächelte. Ihre milde Ant⸗ wort war die Frage:» Wohin, o mein Bruder?« »Zu ſterben, um der Schande zu entrinnen.« »Ich komme.« Nicht wagte ich hinter mich zu ſchauen. Ich ſtürzte durch das offene Fenſter der Kajüte, allein kaum hatten mich Fallenden die ſich theilenden Waſſer aufge⸗ nommen, als ich ein zweites und drittes Plätſchern neben mir hörte— Honoria und Ingurtha, und zuletzt auch mein getreuer Neufoundländer waren mir gefolgt. Keins von uns hatte augenblickliches Ertrinken zu fürch⸗ ten, und obſchon Honoria und ich den Tod als ſicheren Ausweg geſucht hatten, hielt doch der grimme König an jenem Tage nicht Hof für uns in den Regionen des un⸗ begrenzten Meeres. Wahr iſt's, daß wir der entſetzlich⸗ ſten Gefahr entgangen waren und uns verhältnißmäßig in Sicherheit befanden. Ich habe vorhin bemerkt, daß der amerikaniſche Wall⸗ fiſchjäger, der, mochten wir es wollen oder nicht, ſich zu unſerem Geleitsmaſme gemacht hatte, dem tödtlichen Kampfe auf unſerem Schiffe zuſah, und daß, als er be⸗ merkte, daß wir Frauenzimmer am Bord hatten, er ſein großes Boot ausſetzte, obwohl jede Einmiſchung von Seiten deſſelben durch die Spanier zurückgewieſen wor⸗ den war. Nicht zwei Minuten hatten wir uns im Waſ⸗ ſer befunden, ſo waren wir auch ſchon in das Boot ge⸗ nommen, dennoch war Honoria ohnmächtig geworden, wiewohl Jugurtha im Waſſer auf das Behutſamſte für ſie geſorgt hatte. Jene zwei Minuten würden auch mir verderblich geworden ſein, wenn mein getreuer Springer nicht geweſen wäre. So leicht meine Wunden auch ſein Ardent Troughton⸗ 167 mochten, ſchmerzten ſie mich doch empfindlich, und ſeit meinem Schiffbruch auf der Brigg Jane' hatte ich nur geringe Fortſchritte im Schwimmen gemacht. Als Mantez und die am Leben gebliebenen Spanier merkten, daß ich und Jugurtha entronnen waren, wur⸗ den ſie beiſpiellos wüthend. Sie hatten keinen Schieß⸗ bedarf, ſonſt würden ſie uns ſicher in den Grund ge⸗ bohrt haben; inzwiſchen warfen ſie nach uns in ohn⸗ mächtigem Grimme, als wir in das Boot gehoben wur⸗ den, Blöcke, Handſpeichen und was ihnen ſonſt in die Hände fiel. Zum Glück traf man uns nicht; allein der Feinde ſcheußliche Worte verletzte, ja, vernichtete mich. Sie ſchrieen mir nach, daß alle die Meinigen niederge⸗ metzelt würden. Mich ſchanderte, mein Flehen, das ich an die Amerikaner richtete, einen Verſuch zur Rettung zu machen, konnte ich nur ſtammeln— eine Erſtarrung ſchien über mich gekommen zu ſein, und ich fühlte mich hülflos wie ein Kind; meine Wahrnehmungen jedoch wa⸗ ren lebhaft— ſeltſam lebhaft. Nicht Wort, nicht Accent, nicht Geberde entging mir, als ich hörte, wie Mantez mir im höchſten In⸗ grimme des Haſſes fluchte, wie er mir nachrief, ich möchte zu allen Teern gehen, und das Bewußtſein mit mir neh⸗ men, daß meine Schweſter in ſeiner Gewalt wäre. Dieſe Erklärung gab er mir mit einer Miſchung von Schaamloſigkeit und Gottesläſterung. Ich antwortete ihm nicht; ich blickte auf meine, dem Anſcheine nach hülfloſe Schweſter, und ſank dann für kurze Friſt in die eiſigen Arme der Verzweiflung, indem ich Honorien und mir den Tod wünſchte. In dieſer ſchauervollen Erſtarrung wurden meine Schweſter und ich an Bord des Wallfiſchjägers in die Kapitänskajüte gebracht, wo Honoria die Erſte war, 168 Die Büßung, oder welche wieder zum völligen Beſitz ihre Geiſteskräfte ge⸗ langte. Ihr war das Vorrecht geblieben, weinen zu können. Kaum hatte ſie ſich erholt, ſo brach ſie in ei⸗ nen Strom von Thränen aus, warf ſich in meine Arme und rief:»Theurer Ardent, Du biſt mir noch geblieben.⸗ Siebenzehntes Kapitel. Kapitän Darkins, Befehlshaber auf dem Südſee⸗ Wallfiſchjäger, deſſen Schiffsarzt und deſſen Oberſteuer⸗ mann, die uns umſtanden, brannten vor Nengier über alle die ſeltſamen Ergebniſſe auf der Santa Ana“, von denen ſie Zeugen geweſen waren. Sie hatten bald aus⸗ findig gemacht, daß der Neger eben ſo ſtumm als der Neufoundlandhund war; ſo blieb ihnen weiter nichts übrig, als mein und meiner Schweſter Erwachen abzu⸗ warten. Ich glaube, ich ſchweifte um jene Zeit am Rande des Wahnwitzes. Mir war, als erblickte ich alle Gegenſtände durch eine blutrothe Atmoſphäre. Ja, Al⸗ les erſchien mir roth, bis auf das ſpaniſche Schiff, das ich durch die Steuerbordluken wahrnehmen konnte, und das mir, wie eine Maſſe lodernder Gluthen vorkam. Wenn jedoch meine Phantaſie mich hinſichtlich der Farbe käuſchte, ſo waren meine Wahrnehmungen der Umriſſe der Gegenſtände vollkommen richtig. Mir ſchwindelte, mir ward übel, indem ich mich bemühte, die Täuſchung von mir abzuſtreifen. Durch meine vergeblichen Anſtrengun⸗ Ardent Troughton. 169 gen endlich gänzlich erſchöpft, ließ ich mein Haupt auf den Tiſch ſinken, neben welchem ich ſaß und ſtöhnte: »Honoria, ich werde wahnſinnig; Alles erſcheint mir blutdurchnäßt.« Jetzt erhob ſich der Heldenmuth, der kühne Helden⸗ muth der weiblichen Seele— Honoria, die ich für ein Kind hielt, welches kaum Sechszehn zählte— die ich, bis noch vor ganz kurzer Zeit in meinem Umgange mit ihr, nur als ein von lachendem Scherze zu zarter Milde übergehendes Weſen gekannt hatte— ſie zeigte ſich jetzt erhaben, während ich mich gebeugt fühlte; vor mir ſtand ſie wie eine für einen Eroberer Geſchaffene, wie ein Engel, nicht nur des Lichtes, ſondern auch der Macht. »HRichte Dich auf, Bruder,« ſprach ſie mit einer Kräftigkeit, die mir durch die Seele drang—»Richte Dich auf, Bruder! wir ſind Waiſen, und Fremder Blicke haften an uns: Blicke guter und freundlicher und gaſt⸗ licher Fremdlinge, wie ich hoffe; allein auch dieſe ſollten uns nicht in unſerer Schwäche ſehen. Ihr Mitleiden müſſen wir hinnehmen, ihre Verachtung darf nicht auf uns fallen. Bisher habe ich Dich als einen Helden ge⸗ liebt, ja, faſt angebetet; und jetzt, da wir aufgefordert werden, zu dulden und uns hochherzig zu weiſen, laß uns bedenken, daß wir allein in der Welt ſtehen. Er⸗ wäge, daß ſpaniſches Geblüt in meinen Adern wallt. Nicht mehr fließt es in jenem leiſen Laufe, der ſich nur verſtärken ſollte, um der Jungfran Wangen erröthen zu laſſen. Wir haben jetzt Niemanden als Gott und uns, um uns in unſerer Rache beizuſtehen.« Ihre Worte gaben mir die Beſinnung wieder. Mit Trauern blickte ich ihr in's Antlitz; mich dünkte, ich ge⸗ wahrte in demſelben etwas Niezuvorgeſehenes— es war etwas Schattiges, Düſteres, Erhabenes, aber nichts 170 Beneidenswerthes. Es verletzte mich, während es mir Verehrung abzwang. Ihre Schönheit war, wie ich ſie bereits beſchrieb, ſächſiſcher Art, war ſtrahlend und ſon⸗ nig, und am weikeſten von dem entfernt, was auf dü⸗ ſtere Leidenſchaft hindeuten konnte; allein in dieſem Au⸗ genblicke der Aufregung Honoriens ſchien etwas geheim⸗ nißvoll Schreckliches in ihrem Geſichtsausdrucke zu liegen. Doch konnte ich dieſen Ausdruck nicht irgend einem be⸗ ſonderen Geſichtszuge zuſchreiben— und ich durchſpähete jeden ihrer Züge; denn ich befand mich in jenem Zuſtande der Geiſteserſchöpfung, in welchem die Seele gern der Gegenwart und dem ſie zermalmenden Leid entflieht, um ſich mit Unterſuchungen zu befaſſen, die dem Ge⸗ dankengange, welchem ſie folgen ſollte, fremd ſind. Die ſcharfe Wahrnehmung jedoch, die ſich mir ſo plötzlich aufdrang, daß auch ſie, Honoria den einen ſchwarzen Tropfen in ihrem Herzen mit ſich führte, daß ſie nicht durchaus fromm und himmliſch geſinnt wäre, rief mir fürchterliche Gebilde vor die Seele, und ich ſah nochmals das ſchöne Geſchöpf vor mir, das zu lie⸗ ben ich nicht für Sünde erachtet hatte. Die Verderbt⸗ heit des Menſchenherzens iſt ſchrecklich. In demſelben Augenblicke, in welchem allem menſchlichen Vermuthen Die Büßung, oder lnach meine Aeltern und Freunde unter den Meſſern raſender Meuchler ihr Leben aushauchten, hegte ich Phantaſieen, die an das Unreine ſtreiften. Freilich war ich körperlich und geiſtig fürchterlich geſchwächt; dennoch wird dieſe meine damalige Sinnenrichtung Be⸗ weis dafür abgeben müſſen, daß der Menſch keinen ſicheren Schutz, als nur in der Religion, keinen Troſt, als nur in der Feſtigkeit des Glaubens, keine Seelen⸗ ſtärke, als nur die hat, welche er ſich aus Gott her⸗ leitet. Ardent Troughton. 171 Anſtatt meiner Schweſter muthigem und natürlichen, wenn gleich gottloſem Aufrufe zur Rache zu antworten, blickte ich ſie abermals traurig an, und ſprach zu ihr: »Honoria, dieß Alles läßt mich am Herzen erkranken. Seit ich Dich aufſuchte— Dich, und nur Dich— habe 4 ich nichts gefunden, als einen endloſen Kreis von Schmach und Rache, und Rache und Schmach. Glückſeliger wür⸗ den wir Beide ſein, wenn wir uns hinſtreckten und ſtür⸗ ben. Der Menſch ſoll nicht— ich mindeſtens kann nicht immer die Hände in Blut tauchen, zu deſſen Erlöſung der Allgerechte am Kreuze litt. Werde ich wieder zu irgend einem energiſchen Thun aufgerüttelt, ſo wird es dazu ſein, daß ich einen Eid ablege, nimmer wieder Schmach oder Beleidigung zu rächen, nimmer wieder des Zornes Hand gegen ein athmendes Weſen zu erheben.« Ich ließ mein Haupt wieder auf den Tiſch ſinken, indem ich mein Geſicht mit beiden Händen bedeckte. Mit leidenſchaftlichem Schmerze rief Honoria:»Der Geiſt ſeines Stammes iſt von ihm gewichen, und doch erſchlagen ſie eben jetzt ihm Vater und Mutter⸗ Bricht mein Herz nicht plötzlich, ſo werden meine Sinne mich verlaſſen.“« Kein Wort dieſes kurzen Geſpräches ward vom Ka⸗ pitän Darkins und den ihm Umgebenden verſtanden, denn Honoria und ich hatten Spaniſch geredet. Der ehrliche Schiffer, der inzwiſchen, wenn er auch nicht ſonderlich die Heiligkeit des Kummers begriff, dieſen doch gern hätte lindern mögen, ſchüttelte mich ſanft an der Schul⸗ ter und ſagte:»Halloh, Maſter! ich dächte, Sie wären 'n Brit'ſcher. Verheißen und ſchwören thu' ich, daß's in abſonderlich hübſch bedeutendes Gefecht war, das Sie da drüben in Ihrem dickbauchigen Schiff abhielten; Klapper⸗ ſchlangen können ihm nicht an Bord kommen, kalk'lir ich⸗⸗ Die Büßung, oder »Ich bin mehr Engländer als Spanier,“« verſetzte ich, indem ich mich bemühete, Ermannung zu zeigen, » und mein Dank—« »Schon gut, ſchon gut, Maſter, den mögen Sie von Ihrer Logtafel wegwiſchen. Wer iſt der junge Burſch' da? Heil iſt er doch faſt ſo hübſch wie'n Boſtoner; kann kein knoblauchkäuender Spannjer ſein.« Ich ſtockte einen Augenblick, dann ſagte ich dreiſt: »Wir wurden in Spanien geboren, unſer Vater iſt ein Engländer, unſere Mutter eine Spanierin— der dort iſt mein Bruder.⸗ Honoria blickte mich mit einem Lächeln des Dankes an und machte ein Zeichen der Zuſtimmung:»Sie wil⸗ ligt alſo in meine Verſtellung!« ſprach in mir mein verrätheriſches Herz— jenes gottloſe Herz, das zum Verräther an meiner unſterblichen Seele ward. Als ich inſofern den amerikaniſchen Kapitän be⸗ friedigt hatte, beſtand dieſer darauf, wir ſollten ſo⸗ fort unſere naſſen Kleider ablegen, und mir ſollten meine leichten Wunden verbunden werden. Zu mei⸗ ner nicht geringen Beruhigung wieß er jedem von uns eine abgeſonderte Kajüte an. Eine noch einfachere Ma⸗ troſenkleidung verhüllte jetzt in gewiſſem Grade noch mehr die wundervolle Schönheit meiner Schweſter, wäh⸗ rend das Stattliche meines Ausſehens durch einen mir aus des Kapitäns Vorrath hergeliehenen Anzug nur unbedeutend verringert ward. Wir hatten uns bald umgekleidet, und als wir wieder in der Kajüte erſchie⸗ nen, fanden wir Erfriſchungen aufgetragen, unter denen Branntwein und kochendes Waſſer ſich beſonders aus⸗ zeichneten. Wer Zutritt in die Kapitänskajüte hatte, nahm ſofort mit uns Platz an der Tafel. Die Mary Ann“ von Boſton(ſo hieß das Schiff Ardent Troughton. 173 lief noch immer auf Halbſchußweite neben der Santa Ana“ her, welche Letztere begann ihre Segel zu trim⸗ men, und Alles an ihrem Bord gemächlich in Ordnung zu bringen. Ich ſah mich jetzt genöthigt, ausführlichen Bericht von dem abzuſtatten, was ſich ſeit Kurzem auf den blutgetränkten Verdecken des ſpaniſchen Schiffes zu⸗ getragen hatte. Meine Erzählung erfüllte alle Zuhörer mit Grauſen, während meine arme Schweſter dabei in Thränuen hätte zerfließen mögen. Als ich geendigt hatte, flehte ich den Kapitän des Wallfiſchjägers ſo dringend an, als ich es irgend vermochte, einen Verſuch zu ma⸗ chen, ſich in Beſitz der Santa Ana“ zu bringen, und ſo, wenn's nicht ſchon zu ſpüt ſein würde, die vielen Opfer der Rache des abſcheulichen Mantez noch zu ret⸗ ten. Allein ſchon während dieſer kurzen Friſt hatte ich die bitteren Früchte der Verſtellung einzuſammeln. Um meiner Geſchichte Wahrſcheinlichkeit zu verleihen, hatte ich erwähnt, meine Schweſter befände ſich noch immer an Bord des Spaniers im Raume verborgen; der Leſer aber weiß, daß ſtatt Honorien der arme Kajütenjunge in deren Kleidern ſteckte. Die vermeinte Bedrängniß eines jungen ſchönen und reichen Mädchens von guter Herkunft nahm Kapitän Darkins' Theilnahme lebhaft in Anſpruch, ſo daß dieſer ſchon darauf bedacht war, die Aermſte zu retten, obwohl es zu ſpät ſein dürfte, irgend einem der Männer unſerer Partei zu Hülfe zu kommen. Letzteres leuchtete mir nur allzuſehr ein, denn, als ich aus dem Kajütenfenſter in's Meer geſprungen war, hatte ich geſehen, wie Don Juliany völlig hülflos und todtenbleich auf dem Verdecke in ſeinem eigenen Blute ſaß, und wie mein theurer Vater niedergeſtreckt, und über ihn hin die blutige Leiche Will's, des Stadt⸗ hahnmatroſen, lag. In fürchterlicher Ahnung von dem, 174 was das Schickſal der Frauenzimmer unter einer ſol⸗ chen Rotte von kampferhitzten Böſewichtern ſein würde, freuete ich mich beinahe, daß es ſo wenig wahrſcheinlich war, Julian und mein alter Vater könnten Zeugen da⸗ von werden. Ich ſprach viel von unſeren Reichthümern, und bot dem Kapitän Darkins und ſeinen Steuerleuten einen Theil derſelben, ja Alles an, wenn ſie dieſelben den Pi⸗ raten abjagen wollten. Indeſſen muß ich ihnen die Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß die Hoff⸗ nung, meine vermeinte Schweſter und Donna Iſidora zu retten, ihnen größere Verlockung als das Geld war, einen Verſuch zu wagen. 4 Nach kurzem Verhandeln mit ſeinen Steuerleuten berief Kapitän Darkins ſeine Mannſchaft nach hinten, ſchilderte ihr in männlicher, kurzer und kräftiger Rede die Gräuel, die auf dem naheliegenden Schiffe verübt worden waren, ja wohl noch jetzt verübt würden, und ließ die Frage an ſie ergehen, ob ſie bereit wären, Alles aufzubieten, ſo viele Schätze und was mehr, ſo vieler Menſchen Leben den Händen der Piraten und Mörder zu entreißen. Die Mannſchaft antwortete mit einem zuſtimmenden Hurrah. Hierauf bewaffneten wir uns Alle; jedoch der Hauptarm zu einem Seegefecht, näm⸗ lich Schwergeſchütz, fehlte unſerer Partei. Deſſenungeachtet befahl Kapitän Darkins dieMary Ann“ der Santa Ana“ näher zu ſchieben; und wäh⸗ rend die Schiffe ſich nun einander näherten, hielten wir Rath über den beſten Operationsplan. Dem Anſcheine nach zu folgern, ſchien jeder Verſuch unſererſeits auf ein Schiff, das ich jetzt als meinen Gegner bezeichnen muß, hoffnungslos genug. Wir hatten keine Kanone, die Santa Ana“ aber war damit reichlich verſehen, Die Büßung, oder Ardent Troughton. 175 und nicht zu bezweifeln ſtand, daß Mantez und deſſen Rotte den von dem Geſchützmeiſter weggeſtaueten Schieß⸗ vorrath gefunden hatten. Der Verſuch, ein Schiff zu entern, das ſo hoch über Waſſer ging, als die alte „Santa Ana,“ war ein gefahrvolles, faſt von Wahnwitz zeugendes Unternehmen. Alles, was wir dabei thun konnten, war, uns hinter den Spiegel des uns feindli⸗ chen Schiffes zu legen, mit unſerem Gewehrfeuer den Feind zu ängſtigen, und zu ſuchen, über die Beſaanket⸗ ten und Hinterdeckgallerien in die Kajüte deſſelben zu dringen. Durch die Reihefolge von Schreckniſſen, welche ich erlebt hatte, war ich ſo an Geiſt und Körper erſchöpft und durch heftige Anſtrengung und Blutverluſt ſo ge⸗ ſchwächt worden, daß der Gedanke an abermaligen Kampf mich als einen Feigherzigen erſcheinen ließ. Zuverläſſig zeigte ich mich als der minder Muthige unter Allen, die jetzt auf einen Angriff bedacht waren. Als wir zur„Santa Ana“ hinanlegten, zog dieſe prunkend an ihrem Auslieger die ſpaniſche Flagge auf, als hätte ſie ein Treffen im Sinne. Hierauf zuckten mit geziemendem Stolze die Streifen und Sterne einer Flagge in die Höhe, die nimmer zu Unehre gebracht und ſelten nur auf dem Ocean überwunden worden war. Seltſame Lage! ich war im Begriff, unker amerika⸗ niſchem Schutze gegen mein und meines Vaters Schiff zu kämpfen, an deſſen Bord ſich meine Aeltern todt oder lebend befanden. Inzwiſchen täuſchte uns der Schein. Die Spanier dachten wenig daran, daß wir in feindlicher Abſicht uns ihnen nahe legten. Sie wa⸗ ren zu ſehr mit Ausübung einer Gräuelthat beſchäftigt, zu der nur Barbaren zu ſchreiten vermögen. Beide Schiffe liefen ſüdwärts voll vor'm Winde, und da der 176 Die Büßung, oder Amerikaner ſchneller ſegelte, näherte er ſich immer mehr der Santa Ana. Wir waren bereits nahe genug, um aurufen zu können, als der Spanier eine Kanone ab⸗ feuerte. Aengſtlich horchten wir Alle nach dem Kra⸗ chen unſrer Maſten und Bugplanken, denn wir glaub⸗ ten gewiß zu ſein, der Schuß habe aus ſo geringer Ent⸗ fernung uns treffen müſſen. Doch war dieß nicht ge⸗ ſchehen; als aber der Pulverdampf verflog, wieß ſich unſeren Blicken ein Gegenſtand des Entſetzens. An der Raaſtange der Santa Ana“ hing der hübſche Knabe in den Kleidern meiner Schweſter— mir ſchwindelte, mir wollte das Herz brechen! Der lange ſchwarze Schleier, den der Wind ihm vor'm Geſichte wegwehte, daß er weit hinausflatterte, zeigte des ſchuldloſen Jungen ver⸗ zerrte Mienen, und ließ uns die hervorgetretenen Aug⸗ äpfel deſſelben erblicken, die wie mit einem Blicke des Vorwurfs auf unſere Verdecke ſtierten. »Für mich! für mich!« kreiſchte Honoria, und ward ohnmächtig. Obſchon ſelbſt bis zum Tode gemartert, raffte ich doch aus Gründen der Klugheit meine Schwe⸗ ſter auf und trug ſie in die Kajüte, verließ ſie auch nicht eher, als bis ſie ſich erholt hatte, und ich ſie hier⸗ auf in einen todtenähnlichen Schlaf verſunken ſah. Dieſe abſcheuliche Schauſtellung ohnmächtiger Rache ließ die ſchlichtherzigen Boſtoner ein lautes Geheul der Verwünſchung ausſtoßen, welches jeder Matroſe, der ein Piſtol oder Gewehr führte, mit dem Verſenden ei⸗ ner Kugel begleitete. Dieſer winzige, nichtsſagende An⸗ griff ſchien jedoch nicht den geringſten Eindruck zu ma⸗ chen. Die Santa Ana“ ſetzte ihre Fahrt fort, wäh⸗ rend der Leichnam des beklagenswerthen Jünglings an der Raaſtange vor'm Winde hin⸗ und herbaumelte. Ka⸗ pitän Darkins gebrauchte nun eine andere Waffe, die 8 Ardent Troughton. 177 jedoch eben ſo ohnmächtig wie ſein Piſtol war, obſchon er ſie in trefflicher Sache, mit unerſchrockenem Muthe und in edler Geſinnung führte. Dieſe Waffe war ſeine Zunge, welche die ärgſte Beſchimpfung, den lauteſten Unwillen und Abſcheu ausſprach. Während Darkins auf ſolche Weiſe ſeinem gerechten Grimme Luft machte, ſchien der Spanier dieß mit charakteriſirender Unempfind⸗ lichkeit aufzunehmen, und ſteuerte ſeinen Kours fort, ohne durch Rede oder Zeichen zu antworten, obſchon gewiſſe bösweiſſagende Andeutungen auf ſeinem Mittel⸗ decke ſichtbar wurden, ſo daß Kapitän Darkins es für rathſam hielt, Segel anzuſetzen und vorweg zu ſchießen. Am Bord der Santa Ana“ ward eine Kanone nach der andern gegen die Mary Ann“ gerichtet, doch zeigte ſich dabei des Piraten Schwäche und erlittener Verluſt an Mannſchaft, denn ehe dieſer die Kanonen hatte rich⸗ ten können, war der Amerikaner ſchon über Schußweite hinaus, ſo daß von der endlich abgeſchoſſenen Breitſeite des Spaniers ihn keine einzige Kugel erreichte. Ruhig ſetzte Kapitän Darkins ſeine Fahrt fort. Achtzehntes Kapitel. War es den Spaniern auch ein Leichtes geweſen, zum Abfeuern ihrer Breitſeite ihr Schiff in den Wind zu legen, ſo hielt es doch ſchwer für ſie, daſſelbe wieder in deſſen Steuerſtrich zu bringen; ſo daß, als der Ame⸗ rikaner ihnen meilenweit voraus war, an ihrem Bord, Ardent Troughton. II. 12 daß, nach ſolcher Gräuelthat, gewiß alle Paſſagiere er⸗ Die Büßung, oder nach Seemannsausdruck, zu Sechs und Sieben zu ſein ſchien. Einige ihrer Segel flogen back, wie man auf Schiffen ſpricht, andere klatſchten im Winde, und das Schiff kam auf und fiel ab, als ſchien es ihm ſo und nicht anders zu belieben. Wir verloren die Santa Ana“ bald gänzlich aus dem Geſichte, jedoch noch bis zum letzten Augenblicke, als ihr Rumpf uns ſchon un⸗ ter'm Horizonte war, mußten an ihrem Bord noch Ver⸗ wirrung und Mißhelligkeit herrſchen, indem ihr Schna⸗ bel noch immer nicht ſich rechten Kourſes gerichter wieß. Alle dieſe Umſtände erfuhr ich von dem ehrlichen Amerikaner; denn ſeitdem ich meine ohnmächtige Schwe⸗ ſter in die Kajüte getragen hatte, vergingen Tage und Wochen, bevor ich mich auf Deck begab, oder an irgend Etwas, das mich umgab, Theil nahm. Als Kapitän Darkins die tiefe Schwermuth gewahrte, die mich be⸗ drückt hielt, drang er als wahrhaft feinſinniger Mann mir ſeine Geſellſchaft nur dann auf, wenn er glaubte, mir Troſt verleihen oder mir eine Zerſtreuung bieten zu können. Sorgfältig hielt er jeden Zudringlichen von mir entfernt. Inzwiſchen konnte, bei all' ſeiner Ehr⸗ furcht gegen meinen Kummer, es bei unſeren Mahlzei⸗ ten nicht vermieden werden, daß ein Geſpräch auf die Bahn gebracht ward. Ich war dabei ehrlich bemüht, aus allen Kräften ſeiner geſelligen Stimmung zu ent⸗ ſprechen, wiewohl ich überzeugt bin, daß mir dieß nur kläglich gelang. Bei jenen kurzen Unterhaltungen er⸗ fuhr ich denn, wie er, nachdem er die Perſon, die er für meine unglückliche Schweſter halten mußte, hatte an der Raaſtange hängen ſehen, er alle Hoffnung, uns dienſtlich werden zu können, aufgab; denn er folgerte, — — Ardent Troughton. 179 mordet wurden, und jeder Verſuch zur Rettung alſo vergeblich ſein würde. Er berichtete mir ferner, daß er es kaum bei ſeinen Rhedern würde verantworten kön⸗ nen, wenn er ſeine Fahrt länger verzögerte, um, unter wahrſcheinlicher Aufopferung ſeiner Mannſchaft, eine ritterliche That zu vollführen; und daß er eilen müßte, ſein Fiſchereigewäſſer zu erreichen, wozu die Zeit nur ſchon allzu ſehr vorgerückt ſei. Indeſſen gab er mir einige Hoffnung, die ſich jedoch nimmer erfüllte, daß wir einem franzöſiſchen, amerikaniſchen oder engliſchen Kriegs⸗ ſchiffe begegnen dürften; und wäre ſolches der Fall, ſo wollte er mich und die Meinigen an Bord deſſelben lie⸗ fern, und würde dann, wie er hoffte, ſolches Schiff ge⸗ wiß Jagd auf die Mordpiraten machen. Jugurtha und Springer machten ſich bei Alt und Jung am Bord allgemein beliebt; noch mehr aber ward meiner Schweſter, die fortwährend für einen hübſchen Jungen galt, von Allen die größte Hochachtung erwie⸗ ſen. Jedes ſchmückende Kleidungsſtück, das ſich finden laſſen wollte, ward ihr aufgedrungen, und ſe, die in hohem Grade die Weiberkunſt verſtand, ſich zu putzen, erſchien bald in einem Anzuge, der nicht minder ſeltſam als wohlkleidend war. 4 Ich könnte ganze Bände aufüllen, wenn ich all' meine hochberedten Gefühle, allen Aufruhr meiner Ge⸗ danken ſchildern wollte, die unaufhörlich bei Tag und Nacht ſich mir aufdrängten. Ich lebte nur in Geiſtes⸗ und Gemüths⸗Anſtrengung; und wenn ich am ſchwer⸗ müthigſten zu ſein ſchien, glich ich am meiſten dem Feuer auf heiligem Altare, das ſich durch eigene Gluth ſelbſt verzehrt; und ich zittere noch, wenn ich daran denke, daß der Weihrauch meiner Gedanken nicht himmelan 12*¾ 180 Die Bußung, oder ſtieg. Mich ſchauderte, wenn der ehrliche Darkins mit ſeinem durchwetterten, aber ruhigen Geſicht, ſich wohl⸗ wollend neben mich ſetzte, meine welke Hand in ſeine harte gebräunte Rechte legte, mit freundlichem, theil⸗ nehmendem Blicke mir in's Auge ſchaute, und mich fragte, wie es um mein Fieber ſtände, das mich in Folge meiner Herzens⸗ und Körper⸗Wunden ergriffen hatte. Schwer laſtete mir dann die Ueberzeugung auf der Seele, daß meine unglückſelige Nähe auch ihm unheilbringend ſein würde. Ich fühlte mich als einen Verfluchten— ich glaubte beinahe, es ſchwebte fortwährend ein Finger über mir, der mich als einen von Gott Verlaſſenen be⸗ zeichnete, und alle Menſchen anmahnte, mich zu mei⸗ den; und immerfort hallte in meinem Ohre eine Stimme, die den mich Umgebenden zurief, aufzuſchauen, und das entſetzliche Zeichenbild zu betrachten, das mich als einen Menſchen kundmachte, den man fliehen und im bitteren Schmerze der Einſamkeit ſterben laſſen ſollte. Seitdem ich die Behauſung der Familie Falck in Lothbury verlaſſen hatte, war durch meine Gegenwart nichts als Elend und Unheil herbeigeführt worden. Wo waren alle jene Schiffsgenoſſen, die mit mir in der »Jane' ſegelten? Alle waren dahin, waren elendiglich ertrunken, bis auf meinen getreuen Ingurtha. Wo wa⸗ ren jene Aeltern und Freunde, die ich durch mein Er⸗ ſcheinen in Barcelona in's Elend brachte? Ermordet, ſcheußlich, auf unmenſchliche Weiſe ermordet waren ſie. Und hatte meine Anweſenheit auf der Santa Ana' nicht Kampf und Verheerung und Tod bereitet? Welche Aus⸗ ſichten ſelbſt blieben denen, die nicht dabei umgekommen waren? Ich hielt mich überzeugt, daß die Theilung der von ihnen ſo ſchändlich errungenen Beute ſie zum H Ardent Troughton. 181 Blutvergießen unter ſich anreizen würde; und vrach der Sturm aus— und daß er ausbrechen würde, wußt' ich! — wie konnten da die wenigen Erſchöpften, die am Le⸗ ben geblieben waren, jenen Leviathan der Tiefe lenken und regieren, den ſelbſt deſſen vollzählige Mannſchaft nicht genügend zu handhaben gewußt hatte? Alle auf der Santa Ana“ würden im Sturme umkommen, die Wellen ihr Grab, ihr Schiff, das ſo lange ihre Woh⸗ nung geweſen war, würde ihr Sarg werden müſſen. Ihr Schickſal war beſiegelt, denn ich hatte mich an ih⸗ rem Bord befunden. Saß ich auch den lieben langen Tag, während ſchlei⸗ chendes Fieber durch meine Adern rollte, in brütendem Schweigen da, ſo pflegte ich doch Nachts zu reden. Ich ließ meine Wehklage über die achtloſen Wellen hin er⸗ ſchallen, die dem fluthdurchſchneidenden Schiffe luſtig im Mondenſcheine nachtanzten. O! wie beredt war ich dann! Mein Weh verlieh mir eine Majeſtät; in der Feierwürde meines Kummers erhob ich mich und hielt Prunkreden. Die ganze Natur ſchien mir zuzuhören, und in der ſcheinbaren Hochachtung, die von der Stille um mich her mir erwieſen ward, fand ich Troſt für mein brechendes Herz. Ward meine Klageſtimme laut und drang hinauf zu den ausgeſtellten Lugwächtern, ſo hör⸗ ten dieſe ſie mit Ehrfurcht an und füſterten einander zu: »Der ſpaniſche Grand ſchwatzt mit den Geiſtern ſeiner Aeltern und ſeiner Schweſter; obgleich für uns Alles ſtill iſt, hört er ſie doch. Er ſieht ſie, obſchon wir ſie nicht ſehen. Der arme Menſch! er wird ſterben, erſt aber wird er wahnſinnig werden. Laß uns für ihn be⸗ ten, ehe wir uns ſchlafen legen.« Ja, jene rauhen, arbeitmüden Männer nahmen Theil 15 Die Büßung, oder an mir— ſie hatten einigen Begriff von der Größe meines Kummers, dem ſie die größte Hochachtung zolle ten; denn ich duldete für mich allein und unter dem Schleier des Geheimniſſes. 1 Meine ehrlichen Schiffsmaate täuſchten ſich jedoch. Ich ward nicht wahnſinnig; auch war's gar nicht wahr⸗ ſcheinlich, daß ich es werden würde. Solch ein Aus⸗ gang meiner Leiden würde eine Glückſeligkeit geweſen ſein. Ach! mein Auffaſſungsvermögen war nur allzu deutlich, mein Gedächtuniß nur allzu treu und genau; die Begebenheiten meines Lebens ſtanden nur allzu leb⸗ haft vor meiner Seele, und ich vernünftelte nur allzu richtig über ſie! Ja, ich war verflucht. Stunde nach Stunde flehete ich um Barmherzigkeit, aber ich that's mit einem rebelliſchen Gemüth, und mein Gebet ward nicht erhört. Oft in jenen krampfhaften Wallungen meines Herzens flehte ich um das Erſcheinen eines En⸗ gels, mit dem ich mich berathen, mit dem ich vernünf⸗ teln, mit dem ich ringen möchte, wie es vor Alters der Patriarch that, damit ich ihm darthäte, wie die mir auferlegte Laſt zu ſchwer war, als daß ich ſie tragen könnte.»Worin,“ fragte ich wie ein Raſender—»worin beſteht meine Schuld? Unfreiwilliges Sehnen, ein un⸗ ausgeſprochener Gedanke, ein unwillkürliches Wangen⸗ erröthen, ein wirres Blitzen der Augen— ſind dieſe an ſich ſo phantaſtiſche, ſo ſtark von mir bekämpfte, ſo weſenloſe Dinge— ſind ſie meine Miſſethaten? Muß ich um dieſerwillen meinen Pfad in der Welt unter dem Schatten der Schwingen des Todes dahin wandeln, während meine Fußtritte auf einem von Blute ſchlüpf⸗ rrig werdenden Boden unſicher ſind? Muß um ſolcher 4 Ardent Troughton. 4 4* Phantome des Idealen meine Strafe ſo ſchwer, V Marter ſo wirklich ſein?« Nicht bloß aber, wenn ich allein war, ließ ich ſolche Klagefragen erſchallen. Jugurtha wußte, daß, wenn alle die, welche nicht die Wache auf dem Verdecke hatten, im Schlafe lagen, ich aufſtand und ſprach, und mich wie ein Wahnſinniger geberdete. Meine Wehklagen aber waren für meine Empfindungen eben ſo wohl ein Al⸗ leingeſpräch, auch wenn Jugurtha ſie mit anhörte. Mit anhörte? Nein, er that mehr; er beantwortete ſie, be⸗ antwortete ſie hochberedt durch ſprechende Geberde, durch ſcharfen Blick, durch leiſes, tonloſes Gemurmel. Er verſtand verſtand mich ganz— nicht ſo ſehr aus aus Uebereinſtimmung unſerer Ge⸗ 4 us dem herleiteten, was wir mit⸗ meinen Wor 3 ſinnnn di ſamme rſucht und erlitten hatten. Er verſtand mich durchaus; ſeine Freundſchaft war mehr, als was ſonſt Freundſchaft unter Menſchen iſt. Einer Nacht muß ich beſonders hier erwähnen, in welcher mein Fieber auf's Höchſte geſtiegen war, ſo daß Seichm zenee Blei ſtatt Blutes in meinen Adern zu fließen und mein Kopf ein davon überfließender Keſſel zu ſein ſchien, ſo daß mein ganzes Weſen erſchüttert ward. In jener Nacht des Entſetzens, der einzigen viel⸗ leicht, in welcher mein Zuſtand an Wahnwit grenzte, hatte ich mich gänzlich erſchöpft. Elend war ich längſt geweſen— jetzt mußte ich mitleiderregend erſchienen ſein. Ich hatte mich aufrecht in trotzbietender Stellung hingeſtellt— plötzlich brach ſich mein fieberiſcher Muth; ich konnte mich nicht länger aufrecht erhalten— meine Glieder ſanken wie im Todeskampfe zuſammen— ich fiel auf meine Knie, ich beugte mich vorüber, mein Kopf * Die Büßung, oder nmer tiefer, bis meine Stirn das Verdeck berührte, und nur meine Hände ſtützten mich gegen gänz⸗ lichen Fall. In dieſer demüthigen, thierähnlichen Stel⸗ lung krümmte ich mich zu den Füßen des erſtaunten Negers. Mein Zuſtand brachte ihn für ein Weilchen außer ſich. Er legte ſeine Hände über mir wie zum Gebete ineinander, und ſeine Thränen, die köſtlicher als die köſtlichſte Salbung waren, fielen auf mein herabge⸗ würdigtes Haupt. 8 Eine Zeitlang war dieß Alles dem Neger unbegreif⸗ lich. Kurz zuvor hatte er mich mit Kraft und Auche edruck ſprechen, mich den Himmel um fürchterliche Rache an dem Mörder Mantez anflehen hörst d im näch⸗ ſten Augenblicke ſah er mich ſchwäche ſe ein Kind. Anfänglich hinderte ihn ſeine en mie wohnte Hochachtung, ſeine Hände an meine Perſon zu legen; ſeine Liebe zu mir überwog dieſelbe jedoch, ſo daß er mich aufhob und ſorglich mich auf mein Lager in der Kajüte legte, wo er dann zu meinen Füßen niederkniete. Solche Aufmerkſamkeit, ſolche Liebe drang bei all' mei⸗ ner Verzweiflung mir zu Herzen. Obſchon mein Athe holen mich eine Anſtrengung koſtete, die, um mein Le⸗ ben zu verlängern, ich kaum aufzubieten vermochte, wollte ich doch die Odemzüge, die ich für meine letzten hielt, wenn möglich in Worte ausprägen, um dadurch Jugurtha's Liebe zu vergelten.„ »Mein Freund,« lallte ich,»ich ſterbe. Sei gut, ſei freundlich gegen meine Schweſter.“ Jugurtha ſchluchzte krampfhaft.. „Mantez darf nicht leben.«. 8 Der Schwarze ſtellte ſich haſtig aufwärts— ſeine 3— 1 Ardent Troughton. 3 185 3 Augen ſprühten Funken; er ſtarrte vor ſich hinaus, wie eine fürchterliche Verkörperung der Rache. »Verſteh mich, Freund Jugurtha, er muß durch das Geſetz ſterben. Du kannſt jetzt ein wenig ſchreiben und verſtehſt die Fingerſprache. Wenn Wellen und Stürme und Gottes Blitze ihn verſchonen, ſo jage ihn durch die Welt, bis wir gerächt ſind. Nein, nein— Du ver⸗ ſtehſt mich nicht, Jugurtha, jage ihn, bis er gehenkt, gehenkt, gehenkt wird! Du wirſt der rechtſchaffenen Buck⸗ ramänner, die Dir helfen, viele finden.« Jugurtha's Blick ſenkte ſich, er ſchüttelte mit dem Kopfe, und fuhr dann mit ſeiner Hand über meine Bruſt hin und her. Wohl verſtand ich dieſe ſeine Geberde, und erwiederte ihm:»Nein, nein, Jugurtha, dort iſt kein Troſt für mich,« und mehr aus phyſiſcher Schwäche als Unluſt zum Sprechen verſank ich wieder in Schwei⸗ gen. Dieſe Anſtrengung, mich mitzutheilen, hatte mich inzwiſchen erleich hatte in gewiſſem Grade den to⸗ desähnlichen St mpf verſcheucht, von dem ich be⸗ ſchlichen geweſe— Als der Neger zurück, kehrte jedoch h, daß ich ſchwieg, zog er ſich leiſe d mit einem Trinkglaſe und einer Flaſche voll Rum z Dieſe Handlung, die ſo we⸗ nig mit meinen hochge Gefühlen im Einklange war— dieſer freundliche hochherzige Gedanke Ju⸗ gurtha's, meinem Herzen Wärme und Stärkung zu brin⸗ gen, zwang mir ein halbes Lächeln ab, doch wies ich das Dargebotene mit leiſem Kopfſchütteln zurück. Ge⸗ täuſcht in ſeinem wohlwollenden Bemühen, ſetzte Jugur⸗ chte bei Seite, und ſah dabei ſehr bedrückt 1 ſſen aus. Gugenn lee neben mir Hſann unſtreitig nach, auf welche Weiſe er ghton. II. 13 Die Buͤßung, oder mir möchte Troſt zuführen können. Da ich ihn nicht glauben machen wollte, ich achtete ſeiner Naͤhe nicht, ſo redete ich ihn abermals an, und zwar that ich dieß im freundlichſten Tone, indem ich ſagte:»Mein lieber Jugurtha, leg' Dich ſchlafen— begieb Dich in Deine Hangmatte.— Ich danke Dir von ganzem Herzen, doch Troſt vermagſt Du nicht mir zu gewähren. Ich werde nimmer getröſtet ſein, ſo lange Mantez lebt, oder ſo lange ich ſelber lebe.« Die letzteren Worte ſprach ich ſo leiſe, daß ich an⸗ fauglich mich überzeugt hielt, der Neger habe ſie nicht hören können; dieſer aber antwortete darauf ſo ſeltſa⸗ mer und ſo treffender Weiſe, daß ich ſogleich folgerte, er habe mich gehört. Hierin täuſchte ich mich jedoch ſehr. Er zog ſein langes Meſſer hervor, und legte es in meine Hand. 1 »Wie ſoll ich das verſtehen?« die tödtliche Waffe feſt in meines Jugurtha ſah plötzlich ganz lebe rechten, geſchloſſenen Hand ſchlug und zeigte dann bedeutungsvoll au „Wie?“« grübelte ich,»wirft di Neger mir meinen Mangel an er, es ſei Zeit fuͤr mich ragte ich, und hielt 3 4 us, mit ſeiner an die Bruſt, as Meer. r arme, unbelehrte tugend vor? Meint ben, und ich hätte nicht den Muth dazu? Hält er mich für feigherzig? Die That iſt leicht, der Uebergang lind, und im Augenblick des Todes werde ich über Alles belehrt ſein. Ja, das iſt die verbotene Frucht vom Baume der Erkenntniß; doch nur dem Feigherzigen iſt ſie verboten.« Ich betrachkete nunmehr die Klinge mi ich pruͤfte die Spihe der Waffe. Mir beha — 3 * Ardent Troughton. 187 Luft hinein.— In meinem Fieberwahne glaubte ich, Mantez vor mir zu ſehen;— es war ein entzückender, jedoch gefährlicher, verderblicher Zeitvertreib. Ein ſcheuß⸗ licher Gedanke in mir erzeugte den anderen— meine Sinne fingen wieder an, ſich zu verwirren, und in dem Uebermuthe meiner Täuſchungen würde ich wahrſchein⸗ lich einen Streich gegen meine eigene Bruſt geführt haben, da fühlte ich plötzlich, daß Jugurtha meine Hand packte und mir das Meſſer entwand. Dieſes gewaltſame Thun brachte mich ſofort von meinen wilden Phanta⸗ ſieen zurück. Ich lächelte matt und ſagte:»Nicht mir ſelbſt wollt' ich ein Leid zufügen; doch iſt das Meſſer eben ſo gut bei Dir, Jugurtha, als bei mir aufgehoben. Der Neger ſchüttelte den Kopf und ſchob das Meſſer wieder in die Scheide. Da ich in ein tiefes Nachſinnen verfiel, zog er ſich abermals zurück. Nicht länger als vorhin blieb er jedoch aus, und brachte jetzt die große Hausbibel des amerikaniſchen Ka⸗ pitäns mit, deren Umſchlagecken von Metall waren, und die nur mittelſt roher Eiſenhaken geöffnet werden konnte. Er legte das heilige Buch mit einer Ehrfurcht vor mich hin, als hätte er dintgſeiner Fetiſchſchlangen zu hand⸗ haben, legte ſeine Ar reuzweis über die Bruſt, ver⸗ bengte ſich tief und entfernte ſich.. Wer lehrte ihn, mir dieſen Tröſter bringen? Ich aber fühlte damals nicht die ganze Tiefe ſeiner liebevollen Freundlichkeit, noch das Schöne in ſeiner feierlichen Handlung; einige Augenblicke lang betrachtete ich das heilige Buch ſogar mit Gleichgültigkeit. Mechaniſch nur ſchlug ich es auf— dann aber ſiel mein Blick auf eine Zeile und einen Vers und ein Kapitel, welche anzu⸗ deuten nimmer ein Menſch auf Erden mich wird ver⸗ * 13* 188 Die Büßung, oder Ardent Troughton. mögen können. Genüge es zu ſagen, daß jene Stelle meinen Gefühlen eine neue Richtung, meinem Körper ein neues Leben, meinem Charakter einen neuen Grund⸗ ton verlieh, und daß ich am anderen Morgen weniger hätte weiter leſen ſollen; aber— ich wollte nicht. Ende des zweiten Theils. ſieberiſch, aber verhärteteren Herzens aufſtand.— Ich ooͤoöoöoaͤaͤoͤſͤoſͤſſ — ————yy—. ———y—— 3 4 Die Büßung, ögen können. Genü⸗ ein neues Leben, meit ton verlieh, und da fieberiſch, aber ver hätte weiter leſen meinen Gefühlen eine . Dmnanſnepſnamnmant 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18