deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von Eduard Ottmann in Gießen, 4 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: b 1 —— —————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „ 3„=„ 3„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 42 26 3 8— liefert 8 — Capt. Marryat's ſaͤmmtliche Werke. Siebenunddreissigster Band. Die Buͤßung, oder Ardent Troughton. Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. Oie Buͤſung, oder Ardent Troughton. * Herausgegeben von Capt. Marryat, Verfaſſer des:»Peter Simpel,«»der alte Commodore,⸗ „der fliegende Hollaͤnder« ꝛc. — Aus dem Ergliſchen von Dr. G. N. Baͤrmann. In drei Theilen. 3 Erſter Theil. Braunſchweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1838. Erſtes Kapitel. . 8 „Jenſeits!«— allumfaſſendes Wort! Du des Men⸗ ſchen Seligkeit und ſein Schrecken; jedoch für wie We⸗ nige ſo beſeligend, für wie unzählige Myriaden ſo ſchreckenvoll!— Jenſeits! ſchauerliche Betrachtung! vermieden, ſo lange Geſundheit uns geſtattet, fröhlich zu ſein, und nur zu oft von der Ziererei des Zweifels be⸗ gleitet, ſobald Körperweh die zurückſchaudernde Seel⸗ wider Willen in jene dunkeln Reiche führt, von denen unſer Gewiſſen uns ſagt, daß ſie mit ewigen Wirklich⸗ keiten angefüllt ſind—— Jenſeits! Wie habe ich mich für daſſelbe vorbereitet? Ach! ich habe ſchwer geſündigt. Schon hienieden iſt meine Miſſethat gegen mich auf die Wage gelegt worden. Das Phantom meiner Schuld iſt neben mir hergewandelt, iſt während entſetzlicher Jahre voll Reue der Genoß meiner Schritte geweſen. Mit mir wird es in die Pforten der Ewig⸗ keit eintreten, wird ſich gegen ſeinen alten Gefährten wenden und mir ein Dämon der Anklage werden. 5 Meines Lebeus bin ich müde und meiner Seele ſtell' ich die Frage, wo ich ruhen mag; ſie aber ant⸗ wortet mir:»Jenſeit des Grabes.“« Allein in der Tiefe meines Herzens wird eine Stimme laut, die mir Ardent Troughton. I. 1 Die Büßung, oder gebeut, zu leben, zu zweifeln und zu zittern. Klein⸗ müthig gehorch' ich dieſer hohlen Stimme. Sünde, Du glängende Zauberin! In der Blüthe Deiner Jugend ſcheint das Dunkel Deines Antlitzes ein Uebermaß von Licht zu ſein, und im Frühſchimmer Deiner Lieblichkeit zeigſt Du Dich fürchterlich als eine blutbefleckte Jungfrau, die ſtolz und ſiegestrunken daher⸗ ieht; der Trotz hat in Deinem verwegenen Auge ſei⸗ nen Thron aufgeſchlagen, und Luſt und Ueppigkeit ver⸗ ſcheuchen einander im Lächeln von Deinen ſonnigen „Wangen Dieß, o Sünde, iſt Deine ſchwellende Ju⸗ gend; ſie iſt feſſelnd, iſt ſchrecklich, iſt unwiderſtehlich. Angethan mit dieſem verführeriſchen Glanze, erſchienſt Du mir in meinen früheren Lebenstagen in der dufti⸗ gen Einſamkeit ſüdlicher Haine; dort, während meine jungen Pulſe von Entzücken über die Bethörungen Deiner Silberſtimme klopften, wähnte ich in Dir eine öttin zu erblicken, und ſank nieder und betete an. Sünde, jetzt kenn' ich Dich! In Deiner Iugendzeit warſt Du eine mich feſſelnde Begleiterin— in Deinem ſpäteren Frauenalter eine niederzwängende Tyrannin, abſchon Dir noch einige Ueberbleibſel Deiner früheren Schönheit geblieben waren;— allein jetzt, was biſt Du jetzt in Deinem ſcheußlichen Alter? Ein ekelhaftes Gerippe, das in Seide und Hermelin ſich kleidet. Ich blicke in Dein Angeſicht, und ſehe nur den fleiſch⸗ und augenloſen Schädel, der ſich mit höhnendem Diademe krönt; denn ſogar in Deiner Abſcheulichkeit bleibſt Du königlich. Du behaupteſt den Vorrang vor dem Für⸗ ſten des Schreckens. Ehe der Tod war, warſt Du, und ich möchte fürchten, Du werdeſt noch da bin wenn der Tod ſelber geſtorben ſein wird. Allzu blendendes Ungethüm, ich habe mit Dir ge ———— ——⏑——— Ardent Troughton. 3 rungen. Deine Knochenhand fühl' ich noch an meiner Bruſt; aber freiwillig werde ich nicht mehr mit Dir wandeln, Deine Pfade nicht fürtdie des Vergnügens anſehen, da noch Keiner ſie für Pfade des Friedens an⸗ erkannte. Reue iſt eine glorreiche, allein nicht aus⸗ reichende Streiterin gegen Dich. Sie weint nur über eine Schuld, die ſie nimmer abtragen kann. Büßung allein iſt Deine Bezwingerin; allein ſie macht ſtrenge Forderungen— wie ſtreng ſie iſt, mag das unauslöſch⸗ liche Blut des göttlichen Erlöſers beweiſen! Ich habe geſündigt— ich habe bereut; aber— habe ich auch gebüßt? Darf ich hoffen, daß der Lebensſtrom, der auf dem Calvari⸗Berge floß, ſich mit den Thräͤnen meiner Zerknirſchung vermiſche und für immer das Gedächtniß meiner Schuld tilge? Was bin ich jetzt? Im Alter von funfzig Jahren betrachte ich dieſen abgelebten—— doch halt! Vor⸗ ausdenken iſt Todesmarter— die Gegenwart iſt Fol⸗ ter. Zurückwenden will ich mich zu den Tagen meiner Jugend, als der geſegnete Strahl des Sonnenlichtes nicht nur meine Stirn beſchien, ſondern mein Hn durchdrang, ſo daß ich eitel Licht und Leben und Liebe war. Wie ſchwer ich mein Erinnerungsvermögen auch be⸗ ſteuere, beut es mir aus meiner Kindheit doch nichts weiter dar, als das Andenken an eine elende und kurze Fahrt am Bord eines kleinen Schiffes, und einige un⸗ klare, ſehr unklare Vorſpiegelungen von Balkonen, Veranda's und ſonnbeſchienenem Gemäuer. Zu gehöri⸗ ger Zeit befand ich mich in einer Koſtſchule, aus der ich während der üblichen Ferien abwechſelnd in drei verſchiedene Häuſer kam, deren Beſitzer, wie ich ſpäter⸗ hin vernahm, die Korreſpondenten und Agenten meines 1* 4 Die Büßung, oder Vaters waren, welcher, obſchon Engländer, für einen reichen ſpaniſchen Handelsmann galt, der zu Madrid und Barcelona ſeine Comtoire hatte. Dieſe vier⸗ bis ſechswöchentlichen Ferienbeſuche konnten von dem Mooſe der Zuneigung nur wenig an einen Stein anſetzen, der ſo beweglich als ich war. In meinem zwölften Jahre kam ich in eine gram⸗ matiſche Schule zu Norwich, unter die Aufſicht eines Lehrers, der wegen ſeiner Gelehrtheit berühmt gewor⸗ den ſein würde, wenn er nicht ungleich berühmter durch ſeine Schulzucht geweſen wäre; und die Strenge dieſer Zucht würde nicht geduldet worden ſein, wenn der Mann nicht im Rufe eines großen Gelehrten geſtan⸗ den hätte. Ich blieb in dieſer Schule bis zu meinem ſiebenzehnten Jahre. Nichts Merkwürdiges zeichnete ue langen Zeikraum aus. Einmal alle Vierteljahre pflegte ich ziemlich regelmäßig zwei Briefe, einen, mit guten Rathſchlägen vollgepfropft, von meinem geehrten Vater, und einen anderen von meiner liebevollen Mut⸗ ter zu erhalten, der viel kürzer als der erſtere war, aber von innigen Gebeten für meine Geſundheit und mein Gedeihen erglühete. Alle dieſe frommen Wünſche ſprachen ſich jedoch in ſehr ſchlechtem Engliſch aus. Während meiner Schuljahre hatte ich nur ſehr we⸗ nig Religionunterricht, und ich mag wohl ſagen, daß ich mir eine höchſt heterogene Art von Glaubensſätzen zuſammenraffte, wie die Einzelnheiten dazu ſich mir aus meiner klaſſiſchen Lektüre, von der Kanzel herab, und endlich und hauptſächlich aus der Heiligen Schrift dar⸗ geboten hatten. Von der Schule zu Norwich aus ſetzte ich meine Ferienbeſuche bei meines Vaters Korreſpondenten fort, und konnte durch lange Uebung endlich faſt jedesmalzl Ardent Troughton. 5 aus dem Grade von Herzlichkeit oder Zurückhaltung, womit ich empfangen und bewirthet ward, angeben, ob die Wechſelcourſe für England vortheilhaft ſtanden oder nicht. Ich würde ſagen, daß, als ich Norwich verließ, mein Charakter ſich entwickelt hätte, wenn ich nicht wüßte, daß ich damals gar keinen Charakter hatte. Dem Anſcheine nach war ich ein Gemiſch von Vernei⸗ nungen. War ich nicht geiſtreich, ſo war ich doch ſicherlich nicht einfältig. War ich nicht äußerlich hübſch, ſo war ich doch gewiß nicht uneinnehmend. Bis dahin hatte ich noch keine entſchiedene Neigung zu irgend einem Geſchäftsbetreiben dargethan. Unter Fröh⸗ lichen war ich froh, unter den Betrübten traurig, und, wie es ſchien, nur für die Eindrücke des Augenblicks empfänglich. Obgleich ich keine Laſter an mir hatte, war ich doch nicht für die Herrlichkeit der Tugend er⸗ wärmt; ich war damals geſittet aus Gewohnheit und gut aus einem Antriebe, den ich weder verſtand noch erkannte. Man verglich mich oft mit einer Wachsfigur, allein die, welche mich umgaben, wußten ſo wenig als ich, daß dieſe nachgiebige, jeden Eindruck aufnehmende Subſtanz, mit der man mich verglich, nur die Hülſe aller Elemente zu einem verzehrenden Feuer war— ich war, wenn man ſo will, Wachs von außen, von innen aber Salpeter, Schwefel und Harz. In meinem achtzehnten Jahre ward ich auf das Comtoir der Firma Falk, Perez und Compagnie ge⸗ bracht; in ein Haus, mit welchem mein Vater in be⸗ ſonderen Handelsgeſchäften ſtand. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich auf ſolche Weiſe ein Hausgenoß der Fa⸗ milie Falk ward, die zu Lothbury wohnte. Das Haus war zuverläſſig ziemlich alt und düſter, denn in den 6 Die Bübung, oder Wintermonaten mußten wir den ganzen Tag Licht auf jenen Pulten des Comtoirs brennen, die nicht dicht am Fenſter ſtanden. Die Falk waren ein gedeihendes Ge⸗ ſchlecht, deun der alte Herr des Namens war mit fünf Söhnen und fünf Töchtern geſegnet. Erſtere waren, gleich mir, Alltags⸗Charaktere; Letztere theilten unter ſich jegliche Gattungen weiblicher Charakteriſtik, jedoch nur in Umriſſen und keineswegs ausgeführt. In dieſem Comtoir erlangte ich leidliche Kenntniß ausländiſcher Wechſelgeſchäfte, und ward vollkommen in die Myſterien der Buchführung eingeweiht. Wirklich ward ich höchſt pünktlich, und ſetzte den größten. Werth auf Kleinlichkeiten. Ich fühlte mich ſtolz auf die außer⸗ ordentliche Sauberkeit derjenigen Bücher, die meiner Führung anvertraut worden waren; meine rothen Li⸗ nien ſtanden jederzeit in ihren ſtrengen rechten Win⸗ keln; meine Handſchrift, obgleich ſie ſteif war, ſchien vermöge ihrer Sauberkeit eher von einem Kupferſtecher als von einem Schreiber herzurühren, und gegen einen Din⸗ tenfleck auf meinen Blattſeiten hegte ich einen Abſcheu, wie eine verblühende Jungfer ihn gegen die leiſeſte Be⸗ nachtheiligung ihres Tugendrufes nur hegen kann. In der That, ich ward ein feierlicher Kleinigkeits⸗ krämer. Bei den Prinzipalen der Firma galt ich für einen guten jungen Menſchen, bei meinen Mitcomtoiri⸗ ſten für einen geſchniegelten Gecken, bei den jungen Damen meiner Bekanntſchaft, und deren waren nicht wenige, für einen abſonderlich ſchmucken jungen Herrn mit klaſſiſchem und romantiſchem Geſichtsausdrucke. Dieſe ganze Beſchreibung iſt höchſt langweilig; allein das ſoll ſie auch ſein, denn ich wünſche dem Leſer einen Begriff von der lethargiſchen Einförmigkeit meines da⸗ maligen Lebens zu geben, damit er ſich den Gegenſatz — Ardent Troughton. ausmale, und ſchaudernd jenen furchtbaren Zeitabſchnitt damit vergleiche, in welchem der ruhige Strom des Lebens ſich über ſein Bett hinauswälzt, gleich einem toſenden Waſſerfall in den Abgrund ſich ergießt, und im Hinabbrauſen Alles, was von ſeinen Fluthen erfaßt wird, zernichtet, bis er hinunterſtürzt in die ſchauer⸗ liche, bodenloſe Tiefe, die von den Nebeln des Todes umſchleiert wird. Während meiner Comtkoirdienſtzeit erhielt ich, wie früher, regelmäßig väterliche und mütterliche Briefe, zu deuen ſich jetzt noch Zuſchriften von meiner Schweſter Honoria geſellten, die ich damals noch nie geſehen hatte. Honoriens Briefe waren unſtreitig unter der Aufſicht von Lehrern geſchrieben; denn ſie waren über die Maßen förmlich in ihrer Abfaſſung und in abſcheulichem Eng⸗ liſch. Herrſchte zu jener Zeit irgend ein Gefühl bei mir vor, ſo war es das der Neugier, zu ſehen, wie das kleine Dämchen, Honoria genannt, wohl ausſehen möchte. Ich hegte dieß Gefühl weder in Beziehung auf meinen BVater noch auf meine Mutter, obwohl mir deren Per⸗ ſönlichkeit gänzlich aus dem Gedächtniß entſchwunden war. Dieſe Neugier ward jedoch nicht im Mindeſten Störe⸗ rin meiner ſich immer gleich bleibenden Lebensweiſe, und die Parorismen derſelben hielten nie länger, als zwei bis drei Tage nach Empfang einer der kleinen un⸗ verſtändlichen Zuſchriften an, durch welche ſie erzeugt worden waren. 8 Die Büßung, oder Zweites Kapitel. Auf beſchriebene Weiſe verlebte ich mein achtzehntes, neunzehntes und zwanzigſtes Jahr, und durchſchlüpfte unverletzt jene glückſelige Zeit, die ſo oft an verderbli⸗ chen und unſeligen Verlockungen überreich iſt. Biswei⸗ len, wenn düſterer Unmuth auf mir laſtet, blicke ich auf jenen Zuſtand erkünſtelter Unſchuld mit Hohn zurück und belege ihn mit der Bezeichnung'verächtlich“; auch kann ich noch jetzt nicht begreifen, wie damals eine ſchiefe Falte in meiner Halsbinde oder eine übel geord⸗ nete Locke über meiner Stirn meine Gemüthsruhe ſtö⸗ ren konnte, wenn ich bedenke, wie ſpäterhin meine Na⸗ tur zu ſolcher Unempfindlichkeit gedieh, daß ich uner⸗ ſchüttert, ja gefühllos meinen Körper hätte zerfleiſchen laſſen können. Es dürfte unterhaltend, jedoch meinem Zwecke widerſtrebend ſein, wenn ich die nichtsſagende Kleinlichkeit meines Comtoirlebens, die ſtoiſche Gleich⸗ gültigkeit ausmalte, womit ich die fünf Kampfgerichte des verlarvten Entgegenkommens der fünf Miſſes Falk nicht nur beſtand, ſondern auch die viel treffender an⸗ gewendete Taktik ihrer lieben Mama und die hochher⸗ zige Selbſtverleugnung ihres Papa's abwehrte, der noch mehr that, als mich zum Werben anzureizen, indem er dergleichen Umtriebe auf das Feierlichſte als niedrig und eines Gentleman unwürdig bezeichnete, und dann jedesmal mit den Worten ſchloß:»Dennoch hüten Sie ſich, lieber Freund! ich glaube, Agathe möchte allzu empfänglich für Ihre Verdienſte werden.« Ardent Troughton. 9 Was nun Agathe, die älteſte Tochter, betraf, welche rothes Haar hatte, doch übrigens wirklich hübſch war, obgleich ſie Fünfundzwanzig zählte, ſo wurde die näm⸗ liche Sprache in Beziehung auf jede der fünf Schwe⸗ ſtern, bis hinab zur jüngſten, der kleinen Mira, geführt, welche, ungeachtet der ſchiefen Richtung, die die glanz⸗ vollen Blicke ihrer feurigen ſchwarzen Augen annahmen, ſich ausnehmend zart, Flein und lieblich zeigte. Bei den an mich gerichteten Warnungreden ward dann nur der Name der Schönen geändert, je nachdem man vor⸗ ausſetzte, daß jede der Fünf an die Reihe der von mir begünſtigten gekommen ſein möchte. Gewöhnlichem Gange der Dinge nach hätte ich einer dieſer lieben Dämchen zu Theil werden müſſen, denn ſie waren wirk⸗ lich ſämmtlich liebenswürdig, und hegten, wie ich feſt glaube, eine wahre, wenn auch nicht leidenſchaftliche Zuneigung zu mir, die ich denn ihnen Allen auf geſetzte, nüchterne Weiſe erwiederte. Mit der Zeit würde ich vielleicht in Mira's Feſſeln geſchmachtet haben, denn ich begann, es für eine angenehme Beſchäftigung zu hal⸗ ten, mich zu bemühen, die ſchießenden Blicke eines ſchie⸗ lenden Mädchens aufzufangen, das übrigens, wie ge⸗ ſagt, hübſch und obendrein unſchuldig war. Dieß erin⸗ nerte mich auf angenehme Weiſe an die Zeit, in wel⸗ cher ich als Kind in einem Stückchen Spiegelglaſe die Sonnenſtrahlen auffing und auf die Mauer fallen ließ, während ich an dem vergeblichen Bemühen meiner Spielgenoſſen, dieſelben zu haſchen, mich nicht wenig ergötzte. Drei Monate nur fehlten mir noch an dem Zeit⸗ punkte, in welchem das wohlwollende Landesgeſetz uns geſtattet, unſeren Namen etwas Männlicheres, als das Wort unmündig’ beizugeſellen. Aber mir fällt ein, 10 Die Büßung, oder daß ich dem Leſer noch gar nicht den Namen mitge⸗ theilt habe, den ich damals führte. Er hieß Ardent Troughton. Weßhalb man in der Taufe mich»Ardent« hatte benennen laſſen, weiß ich nicht zu ſagen. Viel⸗ leicht geſchah es, weil unter den Spaniern der Ge⸗ brauch vorherrſcht, ihren Kindern einen adjeckiviſchen Vor⸗ namen, als»Fromm“«,»Treu«,»Gnadenreich« u. ſ. w. beizulegen, als wünſchten ſie, ihre Kleinen möchten im Beſitz der durch ſolchen Namen ausgedrückten Eigen⸗ ſchaft ſein; kurz, man hatte mich ſo und nicht anders taufen laſſen, und während der Zeit, in welcher ich vor dem Geſetze nichts Anderes, als der„unmündige« Ar⸗ dent Troughton war, ſchien mein Taufname in lächer⸗ lichem Widerſpruche mit meiner Natur zu ſein. Viel kleinlicher Witz war an denſelben verſchwendet, wie z. B. ich müßte, ſo ich es nur irgend verſuchte, ein glühender Liebhaber, ein feuriger Bewunderer u. ſ. w. ſein; bis endlich die Verfolgungen, die ich in dieſem Betracht erlitt, ein ganz entgegengeſetztes Ende nah⸗ men, indem man mir den Spitznamen»Phlegmati⸗ ker« gab. Phlegmatiſch war ich wirklich. Um mich und an mir war eine Kälte und Abgemeſſenheit, die an Miß Agathe»die Würde der Ruhe« genannt ward. Ich ſtand im beſten Vernehmen mit mir ſelbſt und mit al⸗ ler Welt. Ich war Zeuge von Ausbrüchen der Leiden⸗ ſchaft geweſen, allein ich konnte dieſe nur unter der Vorausſetzung begreifen, daß ſie Abirrungen der Ver⸗ nunft waren. Wirklich war ich zu jener Zeit moraliſch ſo erſtarrt, daß ich die erhabenen Rhapſodieen Milton's für unnatürlich und die gigantiſchen Kämpfe der Leiden⸗ ſchaften in den Werken Shakſpeare's für ekelhaft hielt. Ich verſank beinahe in die Nichtsbedeutendheit der Fri⸗ Ardent Troughton. 11 volität und des Stumpfſinnes, denn ich fing an, das zu werden, was man»gentil“ nennt, und war ſtolz dar⸗ auf, daß ich es ward. Unter meinen Kollegen galt ich für ein Wunder von Fähigkeiten, und der Phlegmatiker Troughton brauchte nur den Mund zum Reden zu öffnen, ſo hörte man ehrerbietig ſeine Meinungäußerungen an. Meine Mutterſprache war Spaniſch, und ein Lehrmeiſter ver⸗ hinderte mich, das zu vergeſſen, was ich in meinem Geburtslande gelernt hatte. Ich ſprach das Franzö⸗ ſiſche ziemlich gut, wiewohl à Panglais, und hatte von klaſſiſcher Gelehrſamkeit genug eingeſchlürft, um es er⸗ forderlich zu machen, daß ich Gelerntes für einige Jahre vergaß, damit ich mich des Vortheils deſſelben beraubte. Mein Aeußeres war um dieſe Zeit ziemlich vortheil⸗ haft. Ich hatte von meiner Mutter hinlänglich ſpani⸗ ſches, vielleicht auch mauriſches Blut geerbt, um meine Hautfarbe dadurch hell zu bräunen und mein ſchwarzes Haar in beneidenswerthe Locken zu ringeln, während mein Vater mir genug ſächſiſches oder engliſches Blut mitgegeben hatte, um meine Wangen roth und meine Körpergeſtalt groß und athletiſch zu machen. Die Da⸗ men erzeigten mir die Ehre, zu ſagen, daß ich ein ge⸗ fährlicher Mann ſein würde, wenn ich nicht ſo phleg⸗ matiſch wäre. Nun denn! dieſer phlegmatiſche, gentile junge Mann machte raſche Fortſchritte in der Gentili⸗ tät— verſteht ſich auf höchſt phlegmatiſche Weiſe, denn er hatte bereits die Bekanntſchaft eines Schau⸗ ſpielers zweiten Ranges gemacht, und bei Stultz einen neuen Modeanzug beſtellt. Schon ſeit mehreren Mona⸗ ten erhielt ich meine Hüte und Handſchuhe aus den erſten Magazinen der Bond⸗Street. Dieſen Beſtre⸗ bungen ging ich, wie geſagt, ganz kaltblütig nach, und 12 Die Büßung, oder Keiner weiſſagte mir Schlimmes, weder betreffs meines neuen Freundes noch meiner neuen Kleider. Es würde ein gänzliches Umkehren der Begriffe geweſen ſein, wenn man mich irgend einer Uebertreibung fähig gehalten hätte. Der Geſchäftsverkehr zwiſchen meinem Vater und ſeinen Agenten war während der ganzen Zeit des Krie⸗ ges nicht aufgehoben worden, welchen der Friedensfürſt Godoy zwiſchen Spanien und England bewirkte. Neu⸗ trale Unterthanen und Schleichhändler thaten auf um⸗ faſſendere Weiſe und auf größeren Umwegen das, was bald wieder der ehrſame Handelsmann thun ſollte. Als endlich die pyrenäiſche Halbinſel ſich gegen die angrei⸗ fende und eingreifende Politik Napoleons erklärte, ward Godoy verbannt und Ardent Troughton nach Hauſe berufen. Des Vaters Befehl, in meine Heimath zurückzukeh⸗ ren, traf, wie man ſich denken kann, das ganze Falk'ſche Haus, wie ein Donnerſchlag. Die fünf Miſſes wurden der Reihe nach ohnmächtig. Die reſpektable Dame Mama erhielt einen ihrer hyſteriſchen Zufälle, und als ſie es für gerathen fand, wieder zu ſich ſelbſt zu kom⸗ men, rief ſie aus:»Ich bin hin!« Dabei liefen ihr die Thränen über beide Backen, ich aber vermochte nicht zu faſſen, inwiefern ſie denn»hin« ſein könnte. Mr. Falk rieb faſt die Gläſer ſeiner Brille aus ihrer Ein⸗ faſſung heraus, indem er den wichtigen Befehlbrief las und immer wieder las; indeſſen, mochte er reiben, ſo viel er wollte, ſtanden doch die verhängnißvollen Worte da, und er fühlte, daß er einen Eidam verloren hatte, ſo daß er nicht umhin konnte, laut auszurufen:»Solche Verbindung!« Durch dieſen Ausruf ward in jedem Buſen der Fa⸗ milienglieder, nur nicht in dem meinigen, ein gewaltiger — — Ardent Troughton. 13 Aufruhr erregt. Sogar die Dienſtboten des Hauſes hatten angefangen, in mir den einſtigen Schwiegerſohn zu ſehen, und nannten mich ſchon nicht anders, als „der junge Herr,« welches nicht wenig zum Verdruß der fünf Söhne Falk gereichte. Ich hatte mich ſo ſehr⸗ daran gewöhnt, Alles mit Gleichgültigkeit zu betrach⸗ ten, daß ſelbſt der Gedanke, meine Aeltern wiederzu⸗ ſehen, mir kaum die geringſte Herzensregung verurſachte. Mehr Empfänglichkeit hatte ich für die Vorſtellung, meine kleine Schweſter zu umarmen; woher dieß aber kam, weiß ich nicht. In der Einbildung hatte ich mir ſehr vollſtändige Bilder von meinen Aeltern entworfen, jedoch um Honoria zu malen, gebrach es mir an Far⸗ ben. Ich zitterte, ſie möchte rothes Haar wie Miß Agatha, eine bräunliche Hautfarbe wie Miß Tabitha, graue Augen wie Miß Eudoria, oder eine ſchwerfällige, und plumpe Geſtalt wie Miß Eleonora haben; ja, ſo großes Vergnügen ich auch darin fand, die Irrwiſch⸗ blicke zu verfolgen, die aus Miß Mira's ſchwarzen Au⸗ gen verſendet wurden, bebte ich doch bei dem Gedanken, Honoria möchte ſchielen, wie die kleine hübſche und geiſtreiche jüngſte Tochter des Herrn Falk. Ich bin der Meinung, nunmehr alle Regungen eingeſtanden zu ha⸗ ben, die ich fühlte, als ich daran zu denken hatte, daß ich meine Familie wiederſehen würde. Zu jener Zeit war ich der phlegmatiſche Troughton. Nach meiner gewöhnlichen ruhigen und methodiſchen Weiſe bereitete ich Alles zu meiner Abreiſe. Mein würdiger Wirth und Lehrherr konnte ſo wenig dieß als mich ſelbſt verſtehen. Er ſagte, mir mangle Lebendig⸗ keit, während er ſich über eine unbedeutende Vorkeh⸗ rung zu meiner Reiſe, die ich ganz gelaſſen traf, erei⸗ ferte. Miſtreß Falk meinte, es fehle mir an Ge⸗ 14 ſchmack, und dabei glitt ihr Blick an ihren fünf Töch⸗ tern der Reihe nach hin; die Söhne aber ſagten, mir ginge eine Seele ab, während die Töchter behaupteten, ich hätte kein Herz. Die Büßung, oder Drittes Kapitel. Es war am Vorabende meiner Abreiſe. Die ge⸗ ſammten Dreizehn— unglückliche Zahl!— ſaßen bei ihrem letzten trübſeligen Abendeſſen. Alle, außer mir, ſchienen tief erſchüttert zu ſein. Die Augen der Miſſes waren roth geweint; Mrs. Falk that gar nicht dazu, ihr immer wiederkehrendes Schluchzen einzuſtellen; Mr. Falk der Vater ſah ungemein ernſt aus und aß mit der Kinnbhackenkraft eines Wilden, als wäre er ent⸗ ſchloſſen, ſeinen Zorn über irgend einen verhehlten Verdruß an jedem der auf dem Tiſche befindlichen Ge⸗ richte auszulaſſen. In ſeiner Eßgier lag fürwahr et⸗ was Rührendes. Wie großartig jedoch ſolche Art von Ausdruck des Kummers ſein mag, muß ſie dennoch ihre Endſchaft erreichen. Als zuletzt ſein Herz und die Re⸗ gion ſeiner animaliſchen Oekonomie, die ſich ein wenig mit einem rhetoriſchen Schwunge und einem tiefen Seufzer Teller und Meſſer und Gabel von ſich weg, ſtreckte ſeinen Arm aus und ſprach:»Mein lieber Ar⸗ dent, dieß iſt wahrſcheinlich das letzte Abendeſſen, das wir mit einander verzehren!« Es war ein heißes Eſ⸗ unterhalb deſſelben befindet, ganz voll waren, ſchob er 7 Ardent Troughton. 15 ſen, denn die Mode in Lothbury verlangt Abends warme Schüſſeln. Die Miſſes ſeufzten hörbar. Es war wirk⸗ lich rührend, beſonders da in des alten Herrn Sprech⸗ weiſe eine Undeutlichkeit vorherrſchte, die dem Pathos gleichkam, eigentlich jedoch davon herrührte, daß er das letzte Stückchen ſeines heißen Apfelkuchens noch nicht ganz hinuntergeſchluckt hatte. Mr. Falk fuhr fort: »Liebe Frau, ich bitte Dich um den Cognac. Hier, lieber Ardent, im Schooße meiner Familie, meiner liebevollen Gattin, meiner blühenden Töchter, meiner— meiner— meiner geſchäftfleißigen Söhne, der Stützen und Strebepfeiler meines Alters; hier, inmitten und im Stolze meiner hauslichen Glückſeligkeit, will ich mein Herz ſeines Kummers entladen, will die Schleu⸗ ſen meiner Sorgen öffnen.“ »O nein, o nein! thu's nicht! thu's nicht!« ſchluchzte die wohlbeleibte Miſtreß Falk, während Miß Agathe, der Altersreihe nach, jede ihrer Schweſtern, bis auf die kleine Mira hinunter, mit kölniſchem Waſſer verſorgte. »Ich will's, will's dennoch!« ſprach Mr. Falk der Vater weiter,»will meinen Buſen vor ihm auſſchlie⸗ ßen, der mir mehr als Sohn iſt, und will das Maß meines Wehes vor ihm ausleereu— mit Einem Worte, ich will, da ich Morgens nie vor neun Uhr aufſtehen mag, unſerm jungen Freunde Troughton jetzt gleich Lebewohl ſagen.« »Ach!« zimperte Miß Agathe,»es iſt etwas un⸗ beſchreiblich Herzzerreißendes in dem Scheiden von ei⸗ nem vieljährigen werthen Freunde. Ich bin überzeugt, Papa hat unſer Aller Empfindungen ausgeſprochen, und nur jungfräuliche Zurückhaltung hielt uns ab, die näm⸗ lichen Worte laut werden zu laſſen. Aber glauben Sie mir, Mr. Ardent, Alles— wie die glorreichen Alten 16 Die Büßung, oder es ausdrückten— Alles, was Vater geſagt hat, fühlen auch wir.“ Ich verbeugte mich gegen Miß Agathe, und bemerkte ganz gelaſſen, daß ich, aller Wahrſcheinlichkeit nach, bald wieder zurückkehren würde. „»Niemals!“« ſagte Mr. Falk der Vater im Orakel⸗ tone;»Sie begeben ſich in ein Land, das voll von al⸗ ler Art von Abſcheulichkeiten iſt, in ein Land der Prü⸗ fungen und Verſuchungen, in ein Land der Papiſten, in ein Land der Courtiſanen, in ein Land der Meuchel⸗ mörder. Ich ſeh' es, ja ich ſeh' es— in ein Land des Verderbens für einen ruhigen, wohlgeſitteten jungen Mann, wie Sie es ſind. Nach einem Tage wird man Ihnen Ihre Religion wegſtreiten, nach einer Woche ſie um Ihr Herz, nach vierzehn Tagen um Ihr Leben bringen. Ruhig, und, ich darf es ſagen, ohne zu belei⸗ digen, nachgebend und ſchwach, wie Sie es ſind, wer⸗ den Sie nur allzu bald in jenem abſcheulichen Treib⸗ hauſe des Laſters Ihren Glauben, Ihre Geſundheit und Ihr Leben einbüßen.“ Ich verbeugte mich, ganz gehorſamſt zuſtimmend. „Mich dünkt nicht, daß er nachgiebig iſt,« bemerkte Agathe ſchüchtern. »Weßhalb?« fragte Papa finſter, denn er konnte nicht leiden, daß man ihm widerſprach. Agathe errö⸗ thete und ſenkte ihr Haupt, gab aber weiter keine Antwort.— »Ich bin überzengt, ſchwach iſt er auch nicht,“« fiel die hübſche ſchielende Mira eein. „Ei, und woher weiß Miß Mira das?« forſchte der Vater. 3 »Je nun, neulich hob Mr. Ardent mich auf, als ob ich eine Puppe wäre, und— und—« Ardent Troughton⸗ 17 „Nun?« riefen ein Halbdutzend Stimmen zugleich, unter denen jedoch der Halbbaß der Mutter die Ober⸗ hand behielt. » Und ſetzte mich ruhig wieder nieder,« ſagte Mira voll Verwirrung. »Phlegmatiker Troughton!“« bemerkte James Falk mit ſeinem gewöhnlichen Hohnlachen. »O, ol« ſchluchzte Mama,»vielleicht kehrt Ardent am Ende doch wieder zu uns zurück.«⸗ Der liebe Hausherr hob nun an, mir eine Fülle von jenen heilſamen Rathſchlägen zu ertheilen, mit denen das Alter ſo freigebig gegen die Jugend iſt, während dieſe ſich dabei als eine ſiebartige Empfängerin zu ver⸗ halten pflegt. Endlich ward es Zeit, daß man ausein⸗ ander ging. Das förmliche Abſchiednehmen mußte nun ſtattfinden. Der alte Mr. Falk hegte wirklich eine kleine Zuneigung für mich. Wir Alle erhoben uns und ſtanden geſenkten Kopfes in einem kleinen Kreiſe um das Kaminfeuer herum; Papa in der Mitte. Niemand wollte das Schmerzenswort»Lebewohl« zuerſt ausſpre⸗ chen. Endlich ließ Falk der Vater ſich vernehmen⸗ „»Mein lieber Ardent, es iſt meine Schuldigkeit, zu er⸗ klären, daß Sie, ſo lange Sie unter meinem Dache wohnten, ſich als ein höchſt exemplariſcher, höchſt tu⸗ gendhafter junger Mann gezeigt haben. Sie haben weder meine Rechnungsbücher beſudelt, noch verſucht, meiner Töchter Köpfe zu verdrehen.« Indem er hierauf den Blick der Stelle zuwendete, wo ſeine fünf Söhne ſich zuſammengerudelt hatten; und, in Bezug auf ihre Stärke, vielleicht die Fabel von dem Bündel Stäben vor Augen hatten, fuhr er fort:»Sie, Ardent, haben nie das Ihnen zugewieſene Jahrgeld überſchritten, ſind nie ſpät Abends nach Hauſe Ardent Troughton. I. 2 18 gekommen, haben niemals Taback geraucht, und nie⸗ mals, nein! niemals, weder hinter meinem Rücken noch mir in's Geſicht, mich„der Alte« genannt. Sie ha⸗ ben den Dienſtleuten keine Unruhe gemacht, mir jedoch große Zufriedenheit mit Ihnen gewährt. Unausgeſetzt beſuchten Sie mit meiner Familie die Kirche, waren an jedem Morgen der Erſte, an jedem Abend der Letzte im Comptoir. Sie beſitzen einen rechtlichen und offenen Charakter, ließen, wenn es zum Eſſen ging, niemals auf ſich warten, und haben Eigenſchaften an ſich, welche als Elemente künftiger Größe angeſehen werden müſ⸗ ſen. Sie werden eines Tages, wie man ſagt,»Ihre Pflaume werth ſein«*), oder»Eier und Fett haben,« und ſchreiten Sie auf Ihrer Laufbahn ſo fort, wie Sie es bisher thaten, ſo iſt es keine Anmaßung in Ihnen, wenn Sie hoffen, daß man Sie ſpäter als den Lord Mayor dieſer anſehnlichen Stadt erblickt. Sie werden zu uns zurückkehren, Ardent, und uns wieder ein Sohn, und jenen jungen Männern, die kaum werth ſind, Ihre Brüder genannt zu werden, ein Vorbild ſein. Vergeſ⸗ ſen Sie nicht, Ardent, daß— komme Wohl, komme Wehe— die Thür meines Hauſes Ihnen beſtändig of⸗ fen ſtehen und das Lächeln des Willkommens Sie jeder⸗ zeit empfangen ſoll; ja, je unglücklicher Sie daran wä⸗ ren, deſto wärmer und herzlicher ſollten Sie von uns aufgenommen werden. Ich muß mich zur Ruhe legen, allein ich fühle, daß, wenn ich ginge, bevor ich Ihnen meinen Segen gegeben hätte, ich in dieſer Nacht kei⸗ nes friedlichen Schlummers theilhaftig werden würde.« Des alten Herrn Augen wurden naß bei dieſen Worten. »Sein Sie gut, beſonnen und verſtändig,« fuhr er *) 100,000 Pfnnd Sterling im Vermögen haben. Die Büßung, oder — Ardent Troughton. 19 fort;»hangen Sie Ihrer Religion an, aber ehren Sie zugleich auch Ihre Mutter. Widmen Sie ſich den Ge⸗ ſchäften Ihres Vaters eben ſo eifrig, als Sie ſich den meinigen widmeten; und ſomit gute Nacht und Lebe⸗ wohl. Möge aller Orten des Himmels Segen mit Ihnen ſein, und vergeſſen Sie nicht, Ihrem Vater die Nothwendigkeit vorzuſtellen, unſerer Firma einen noch⸗ maligen Rabatt— nehmen wir drei Quart pro Cent an— auf die letzte Schiffsladung Wein zuzugeſtehen, denn Sie wiſſen, daß die Waare nicht Probe hielt.« Hier war mein Lehrherr ganz und gar überwältigt; er drückte mir die Hand, und hatte eine Thräne auf jeder Backe liegen, als er das Zimmer verließ. Die fünf Söhne ſchüttelten mir hierauf nach der Reihe die Hand und entfernten ſich. Jetzt blieb noch der ergrei⸗ fendſte Moment übrig, nämlich der des Abſchiednehmens von der Mama und den fünf Liebtöchterchen. Ich wollte darüber hinhuſchen; die Damen aber ſchienen Wohlgefallen an dem Elende zu finden, welches ſie, ih⸗ rer Betheuerung nach, erduldeten. Miß Agathe trat mir zuerſt nahe, und bat mich, von ihr ein Angedenken anzunehmen, welches in einer Kapſel beſtand, worin ei⸗ nige Abſchnitzel ihres goldenen Haares lagen. Miß Tabitha beſcheukte mich mit einer Geldbörſe, Miß Eu⸗ doxia gab mir ein Uhrband, Eleonora ein Taſchenbuch, die kleine Mira aber hielt ſich zurück. „»Wie?« ſagte ich ſo gereizt, als meine ſtandfeſten Geſinnungen es geſtatteten—»wie? iſt meine kleine Spielgenoſſin Mira eben ſo in ihrer Liebe als in ihrer Geburtfolge die Letzte?« »Ich habe nichts zu geben, Ardent; vielleicht aber nehmen Sie dieſen Brief mit an Ihre Schweſter, die gewiß eben ſo hübſch, ſo ruhig und ſo gut iſt, als—« Die Büßung, oder —»als Mira es iſt!« ergänzte ich, faßte ſie in meine Arme, und gab ihr unter dem Vorwande ihrer Kindlichkeit wohl zwanzig Küſſe und einen ſo innigen Segen, daß mein Beiname»der Phlegmatiker« wohl ein wenig dadurch beſchämt ward; gewiß aber behaup⸗ tete ich meinen Charakter durch das abgemeſſene We⸗ ſen, womit ich meine Lippen an die dargebotenen Wan⸗ gen der übrigen Schweſtern drückte Der Zug ent⸗ fernte ſich endlich langſam; ihm voran ſchritt die wei⸗ nende Mutter, die ſchweigenden und kopfhängeriſchen Töchter zogen hinterdrein; die Letzte war Mira. Dieſe wendete ſich kurz um und ſchickte mir aus ihren Feuer⸗ augen einen ihrer Gluthblicke zu. Allerdings hieß dieß mich einem Kreuzfeuer bloßſtellen, das, wie alle Tak⸗ tiker wiſſen, das heftigſte und verderblichſte iſt. Ich that einen Schritt vorwärts, um Mira's kleine weiße Hand zu faſſen, jedoch meine natürliche oder meine mir angezwungene Kaltblütigkeit hielt mich zurück, und der Schritt ward nur zu dem Vorläufer einer tiefen Ver⸗ beugung, als das Mädchen durch die Thür verſchwand. Am andern Morgen befand ich mich frühzeitig am Bord der nach Barcelona beſtimmten Brigg„Jane,⸗ die damals im Reviere von Gravesend ankerke. Viertes Kapitel. Ich hatte all' mein Gepäck mit derjenigen Regel⸗ — mäßigkeit und Nettigkeit weggeſtauet, die Theile mei⸗ nes Charakters geworden waren; der finnengeſichtige, Ardent Troughton. 21 läͤrmende Kapitän des Schiffes hatte bereits bei ſich ausgemacht, mich für einen zierpuppenhaften Milch⸗ bart zu halten, und war anfänglich geneigt, mich ver⸗ ächtlich zu behandeln, obſchon ſein altes und ſchlecht beſchaffenes Fahrzeug von meinem Vater gemiethet worden war. Mein Aufenthalt am Bord dieſes Schif⸗ fes war der erſte wirkliche Verdruß, den ich jemals hatte; dennoch ward ich dadurch nicht aus meiner ru⸗ higen Faſſung gebracht. Wahr iſt es, daß der Schiffer mir das eingeräumt hatte, was er ſeine Staatskajüte nannte; allein aller Staat, den ich darin wahrnehmen konnte, war der Staat der Unſauberkeit, der ſich darin in ſeinem ganzen Umfange zeigte. Als wir die Mün⸗ dung des Kanals erreicht hatten, war ich bereits über⸗ zeugt, daß Tomkins nichts weiter, als ein unwiſſender, roher, trunkfälliger Kerl, und die ihm anvertraute werthvolle Ladung trockner Waaren in der größten Ge⸗ fahr war, naß zu werden, ja daß ich ſelbſt ſehr leicht würde erſaufen können. Der Steuermann war ein beſſerer Seefahrer, aber eben ſo mürriſch und bärbeißig, als ſein Kapitän plump und trunkſüchtig. Die Matro⸗ ſen waren zerlumpte, faule Burſche, die, wie es ſchien, von Tomkins zu dem wohlfeilſten Lohne gedungen und aus einem Spitale zuſammengerafft worden waren. Das einzige umgängliche Thier, das ich auf dem Schiffe ent⸗ decken konnte, war ein großer Neufoundlandhund, mit dem ich aus ſehr verſtändigen Gründen, unter denen ſeine Kunſtfertigkeit im Schwimmen nicht den gering⸗ ſten abgab, ſofort das engſte Freundſchaftsbündniß ſchloß. Kaum hatten wir Lands⸗End aus dem Geſicht verlo⸗ ren, ſo begann ich, über mein eigenes Ende nachzuden⸗ ken, denn ein heftiger Sturm erhob ſich, und ich fand, daß ich auf nichts zu vertrauen hatte, als auf ein 22 Die Büßung, oder bodenſchlechtes Schiff, auf eine ſchwache Mannſchaft, auf einen betrunkenen Kapitän, auf den Hund Bounder oder Springer und auf die göttliche Fürſehung. Be⸗ vor zwei Stunden verſtrichen waren, wünſchte ich, un⸗ geachtet der eben erwähnten Troſtgegenſtände, ich möchte auf meinem Pultbock im Komptoire der Herren Falk, Perez und Kompagnie ſitzen, und mit rother Dinte Linien unter die Summen ziehen, die in ſauber hinge⸗ ſchnirkelten Ziffern den Totalbelauf der Buchkolumne zeigten. 3 Der Nordoſtwind hatte mit einer boshaften Beharr⸗ lichkeit eingeſetzt, die am treffendſten mit dem Redefluß eines keifenden böſen Weibes verglichen werden konnte, das durch Uebung im Eifern und Geifern immer neue Kräfte dazn gewinnt. Er blies den liebenlangen Tag; etliche Segel wurden eingezogen, andere aus den Bin⸗ detauen geblaſen, und als die Nacht hereinbrach, hofften wir, der Sturm werde ſich einlullen, ſo daß kraft ſol⸗ chen Hoffens der Schiffer ein Ertraglas zu ſich nahm, und zeitig zu Köoje ging, wo er denn zwiſchen Dumm⸗ heit und Rum ein Einlullen erfuhr, das weder auf Deck noch am Himmel, noch auf der Oberfläche der Waſſer gefunden ward. Die Brigg war gut getrimmt, inſofern von einem ſolchen Troge geſagt werden mag, daß er überall in's Gleichgewicht geſetzt werden konnte. Die Leichtigkeit ihrer Ladung war durch Ballaſt gut ausgeglichen wor⸗ den, und inſofern war Alles gut. Ich fühlte mich arg ſeekrank. Kam ich auf Deck, ſo konnte ich mich nicht auf den Füßen halten; und unten war die faule, eingeſchloſſene Luft mir unerträglich. Dergleichen Elend. iſt freilich alltäglich; allein in Folge meiner früheren Lebensweiſe, meiner krittlichen Liebe zur Reinlichkeik Ardent Troughton. und der mir gewordenen verzärtelten Erziehung, ge⸗ reichte es zu wahrer Todesqual. Gegen acht Uhr Abends konnte ich meine Qnal unter Deck nicht mehr aushalten; denn zu den übelriechenden Ausdünſtungen in der Kajüte und dem entſetllichen Krachen der Schiffs⸗ rippen geſellte ſich mir das regelmäßige, laute, naſen⸗ ſchnaubende Geſchnarch des viehiſch betrunkenen Schif⸗ fers Tomkins, der in einer Art von Wandſchranke dicht neben der Kajüte lag, deren elender Bewohner ich war. Den Schlafloſen und denen, die an krankhaften Ner⸗ venzuſtänden leiden, ſoll, wie ich mir habe ſagen laſ⸗ ſen, das fortgeſetzte Picken des ſogenannten Todten⸗ wurms ein Gefühl verurſachen, das man mit den langſamen Rädern eines ermüdeten Geiſtes vergleichen kann, das jedoch in Vergleichung mit dem endloſen be⸗ ſtialiſchen Grunzen meines Quälers als wahre Muſik erklingen dürfte. Faſt zum erſten Mal in meinem Leben —. ward mein Zornmuth rege gemacht— mich ergriffen eine ſeltſame Leere und ein Begehren nach Vertilgung. Ich betrachtete aufänglich mit Grauſen, dann mit grim⸗ miger Behaglichkeit das ſataniſche Vergnügen, das mir daraus erwachſen würde, wenn ich dem Elenden den Schädel einſchlüge. Ich ſchauderte vor meinem eige⸗ nen Gedanken zurück, doch drängte er ſich mir wider meinen Willen auf. Ich erſtaunte über meine eigene Verworfenheit— ich erbebte von Entſetzen bei dieſer plötzlichen Einſicht in mein eigenes Gemüth— zorn⸗ und ſchamerfüllt geſtand ich mir, daß ich ein Sohn Adam's und ein Bruder Kain's wäre. „»O!« rief ich aus, als ich mich ruhelos auf mei⸗ nem Lager umherwarf—„»o, Ardent Troughton, wenn eine ſo unbedeutende Anreizung, ein dem Anſchein nach ſo geringfügiger Impuls Dir ein ſo brennendes Ver⸗ Die Büßung, oder laugen nach Vertilgung erzengte, was ſchützt Dich als⸗ dann vor eigener Mörderhand, wenn erſt Ungerechtigkeit Dich niedertritt oder Beſchiwpfung Dein ſpottet? In Deinem Herzen glimmt eine ſchwarze Kohle in unruhiger Gluth; löſche ſie, und zwar ſofort, ſonſt wirſt Du von ihr verzehrt werden!« Ich ſprang von meinem Bett auf und kroch, wie gedemüthigt, wie krank und wie elend ich auch war, hinauf auf Deck. Der Anblick daſelbſt und von dort aus war kläglich. Die See hatte mit unſerer Ent⸗ fernung vom Lande an Schwere zugenommen, und die Mißlaune und Grämlichkeit des Maaten, der die Wache hatte, waren wie die See nur um ſo höher angeſchwollen. Das Schiff hielt ſeinen Kours nach der Straße von Gibraltar, den Wind auf ſeiner Back⸗ bordſeite, und hatte bei eingerefftem Vorderſegel nur ein Sturmſegel angeſetzt. Es ging in raſchem Laufe, allein die Nacht war übermäßig dunkel„ und die Kälte entſetzlich, denn letztere ward durch die eiſig geſpitzten Schneeflocken, die ſchräg über das Verdeck gepeitſcht wurden, noch emfindlicher gemacht. Als ich auf Deck gelangte, befand ich mich, wie man wohl denken kann, keineswegs in ſanfter Ge⸗ müthsſtimmung. Oben am Treppengange eingetroffen,“ hörte ich deutlich, wie der Mann am Steuerrade mit verächtlichem Herumrollen ſeines Kautabackſtengels die Worte ſagte:»Langer Land⸗Dandy, der!“ Erbaut von dem hochklingenden Titel, der mir auf dem Hinterdecke beigelegt worden war, kam ich, als ich über den kleinen Raum hinüber zur Wetterſeite taumelte, mit dem grämlichen Steuermanne, wiewohl zuverläſſig nicht weil ich es wollte, in Berührung. Der Steuermann hieß Gavel; ja, ja, ich entſinne mich, Ardent Troughton. James Gavel hieß jener Mann mit der unſeligen Ge⸗ müthsart. „»Mir aus dem Wege, Sir,«ſchrie er, und drängte mich mit ſeinem Arme zur Seite. »Mir das?« fragte ich. »Ja.“ »Sie ſind gtob, Sir!« »Ich thue meinen Dienſt. Sie ſind mir im Wege. Im Dienſt, und wären Sie der Sohn des Königs, und kämen mir in den Weg, würd' ich Sie ſo aus meinem Wege ſchaffen“ und dabei ſtieß er mich back⸗ bordwärts hinüber. Das heftige Schaukeln der Brigg brachte mich zum Wanken und Fallen, ſo daß ich heftig gegen die eiſernen Beilegepinnen fiel und mich arg beſchädigte. In jeuem Augenblicke fühlte ich den Schmerz des Fal⸗ les nicht. Die Handgreiflichkeit des Steuermannes konnte kein Schlag genannt werden; ſie war ein Stoß — eine Bewegung, wodurch ein Hinderniß hatte beſei⸗ tigt werden ſollen. Ich ſtierte meinen Angreifer an, und blickte dann gierig nach irgend einer Waffe umher, womit ich die Beleidigung rächen könnte. Sogar Bounder, der Newſoundlandhund, deſſen ich ehrenvoll erwähnt habe, ſtand mir bei, wie jung meine Bekannt⸗ ſchaft mit ihm auch noch ſein mochte. Er nahm vor mir eine drohende Stellung an, als wollte er mich ge⸗ gen fernere Beleidigung ſchützen, und knurrte trotzig meinen Widerſacher an. Dieß plötzliche Widerſtreben des Hundes ſchien gewaltig auf Gavel zu wirken, denn mit einem ſcheuslichen Fluche rief er aus:»„Iſt denn Alles, was athmet, mir feindlich geſinnt?k« Ich fühlte, wie das Gebrechen des Zornes mich ſchier übermeiſterte; indem ich jedoch der entſetzlichen — 26 Die Büßung, oder Gemütheregung gedachte, die ich in der Kajüte gehabt. hatte, bezwang ich mich durch eine einzige gewaltige Anſtrengung. Welch eine geheimnißvolle Verflechtung von Gedanken und Empfindungen iſt das menſchliche Gemüth! Ohne irgend abſichtliche Beleidigung oder Schmach erlitten zu haben, hatte mich kurz zuvor nach Blute gedürſtet, und jetzt, wo ich die eine wie die an⸗ dere, und zwar in nicht geringem Grade erfahren hatte, war ich bloß darauf bedacht, meine verletzte Ehre her⸗ zuſtellen und meinen Beleidiger ſchlechthin zu züchtigen. Nachdem des Zornes erſte Aufwallung ſich bei mir gelegt hatte, ging ich hinüber zu Gavel, legte ihm meine Hand ſchwer auf die Schulter und ſagte lang⸗ ſam und deutlich zu ihm:»Sie haben mir ein ſchweres Unrecht angethan; Sie müſſen mir Abbitte leiſten.« »Eher will ich Sie verd— ſehen,« war ſeine Antwort. „»Sie müſſen abbitten!« entgegnete ich.»Hier auf Ihrem eigenen Elemente, und auf Planken, auf denen ich, unmuthig im Geiſte und todesſchwach von einer Krankheit, die Ihnen zu einer Quelle des Spot⸗ tens über mich wird, kaum Fuß zu faſſen vermag, bin ich nicht im Stande, es mit Ihnen auszufechten. Zwin⸗ gen Sie daher nicht Gedanken an Meuchelmord in meine Seele. Leiſten Sie Abbitte! um meinet⸗ um Ihretwegen flehe ich Sie an— thun Sie es!l »Ich ſag', ich will's nicht! Einem Mann, der wirk⸗ lich Mann iſt, würd' ich, falls ich ihn auf eine dem Manne nicht ziemende Weiſe beleidigt hätte, willig aus Herz und Seele Abbitte leiſten; jedoch, daß ich, ein ausgelernter Seemann, mich erniedrigen ſollte, ein zahnputzendes, nach Pomade riechendes, weißpfotiges Ding wie Sie's ſind, um Verzeihung zu bitten— Ardent Troughton. nimmermehr, und ſtänden Sie über mir und hielten mir das Stilett auf die Bruſt, mit dem ihre verd— feigherzigen Landsleute jederzeit bei der Hand ſind! Sie um Verzeihung bitten? Ja, wäre Ihres Dol⸗ ches Spitze in meinem Herzen, würde ich Sie den⸗ noch verfluchen, und mein letzter Kampf ſollte Hohn gegen Sie ſein. Ha! Sie ſuchen wohl nach Ihrem Dolche oder Ihrem Meſſer? He? Wohlan! hier iſt meine breite Bruſt— wagen Sie's und ſtoßen Sie zu. Ich mag eben ſowohl von der niederträchtigen Hand eines Zwitterſpaniers ſterben, als das verfluchte Leben, das ich jetzt führe, fortleben; denn ich bin krank, kranf, krank an der Welt und an Allem was auf ihr iſt.« Ungeachtet des wachſenden Zornes, den der größere Theil dieſer Anrede in mir erregt hatte, fühlte ich doch die letzteren Worte in einem ſo rührenden und dum⸗ pfen Tone der Schwermuth— in einem Tone geſpro⸗ chen, der ſo ganz und gar gegen des Mannes gewöhn⸗ liche Rohheit und Wildheit ſtritt, daß ich in meinem Vorſatze, vollſtändige Rache zu nehmen, plötzlich ge⸗ hemmt ward, obſchon ich kaum wußte, wie dieſer Wech⸗ ſel der Geſinnung mir kam. Indem ich mich alſo am Wetterkakelwerke feſthielt, antwortete ich mit einer Ruhe, von der ich ſelber überraſcht ward:„Mr. Gavel, Sie verſagen mir Gerechtigkeit, weil Sie mich für unmänn⸗ lich halten; allein Ihre Profeſſion iſt nicht die meinige — Ihre Kenntniſſe, Ihr Vermögen, Beſchwerden zu ertragen, Ihre Fähigkeit, feſten Fuß auf fürchterlichem Meeresſchwalle zu faſſen— das Alles iſt nicht mir eigen; jedoch kann ein Mann an dem Allen Mangel leiden, und dennoch Adel des Herzens, Feſtigkeit des Vorſatzes und die Erhabenheit eines echten Muthes 28 Die Büßung, oder beſitzen, wovon der Unerzogene nicht einmal einen Be⸗ griff hat. Ich ſchreibe mir freilich dieſe Vorzüge in keinem hohen Grade zu, doch hoff' ich, daß ich derer hinlänglich mein nenne, um für einen eben ſo guten Mann zu gelten als James Gavel, der Oberſteuer⸗ mann auf der von meinem Vater gemietheten Brigg „Jaue’ iſt.« »Beweiſen Sie's!« entgegnete mürriſch mein Wi⸗ derſacher. »Ich werde es beweiſen, ſobald Gelegenheit ſich dazu darbietet— und wenn ich es bewies, ſo werden Sie Ihren Irrthum eingeſtehen— werden um Ent⸗ ſchuldigung bitten. Dieß iſt der erſte Zank, in bon ich jemals gerathen bin, und ich flehe in Demuth den Himmel an, es möge der letzte ſein, denn ich ſcheine mir dadurch in einen Dämon verwandelt worden zu ſein.« „So, ſo; das iſt rechtſchaffen geſprochen, Mr. Troughton. Gelegenheiten werden ſich genug bieten. Dieß iſt ein dem Untergange beſtimmtes Schiff. Tod⸗ ahie umſpielten in vergangener Nacht die Vorder⸗ topmaſt ⸗Spitze eine ganze Stunde lang, wie die Sand⸗ uhr zeigte; und nach vorn hinaus ſah der alte Hug⸗ ahns ein ſeltſames Thier, halb Fiſch, halb Hyäne, das von Seefahrerleichen lebt, und beſſer als der Haifiſch weiß, wann fette Leichname in die See kol⸗ ern werden. Da! nimm das hin, Du Lümmel!« ſetzte er hinzu, indem er dem Mann am Rade einen ſo heftigen Schlag in's Geſicht gab, daß dieſes ſich a genblicklich mit Blut überzog. Zu gleicher Zeit er⸗ griff er ſelbſt die Speiche und ſetzte hurtig den Kours des Schiffes zurecht—»nimm das hin, und lerne fahr ſchweben?« fragte ich. Ardent Troughton. 29 Deinen Strich am Rade halten, daß Du uns nicht vor der Zeit zum Scheitern bringſt.« Ich bedauerte den Gezüchtigten nicht ſehr, wie ſchwer der Schlag ihn auch getroffen hatte. Der Meunſch wies ſich augenblicklich unterwürfig und that ſeinen Dienſt ohne auch nur das Blut von ſeinem Ge⸗ ſicht abzuwiſchen. Er hatte, wäͤhrend er dem Steuer⸗ manne zuhörte, das Steuern vernachläſſigt und die Brigg ſich ſoweit in den Wind drehen laſſen, daß eine überſchwemmende See über ſie hinging. Weil Alles gut geſichert worden war, litten wir durch dieſelbe weiter keinen Schaden, als den, daß das Salzwaſſer uns überſpülte, nachdem wir uns bereits vom Regen ſattſam durchnäßt fühlten. »Sie meinen alſo, Mr. Gavel, daß wir in Ge⸗ „»Ich weiß es gewiß— kümmert mich jedoch nicht, — bin der Welt überdrüſſig.'S giebt keine Beför⸗ derung mehr für'nen Mann, der ſeinen Dienſt thut. Sehen Sie dort das Vieh, unſern Schiffer Tomkins, an.— Mit ſeinen Mitteln würde ich mich glücklich fühlen, würde meiner armen Mutter ein behagliches und zufriedenes Leben ſichern.« »Gilt er denn nicht für einen guten Seemann?« fragte ich weiter. »Die Sache iſt genau dieſe, Sir: Er taugt zum Kommando auf dieſem oder jedem anderen Schiffe, juſt zwei halbe Stunden während der vierundzwanzig Stunden des Tages— nur für den kurzen Zeitranm ehe er völlig betrunken wird. Bis er die zu ſeiner Stärkung erforderliche Quantität zu ſich genommen hat, iſt er furchtſam wie ein Haſe und ſchwach wie eine verzogene Dirne, die von grünem Thee lebt; hat 4 30 Die Büßung, oder er zuviel Branntwein geſchluckt, ſo iſt er voreilig und übermüthig wie ein ruinirter Spieler, der ein Weib und ein Neſt voll Kinder hat; und die beiden erwähn⸗ ten Halbſtunden ausgenommen, befindet er ſich jeder⸗ zeit entweder in dem einen oder dem anderen Zuſtande. Aber immerhin— jetzt iſt's einerlei; ihm iſt das grüne Leichentuch ausgebreitet— er wird's weit genug fin⸗ den, mein' ich, und wird bald in einem Grabe liegen, das tiefer als das ſeines Vaters iſt.“« 3 »Aber woher alle dieſe ſchlimmen Ahnungen? Sie wiſſen, daß ich bis jetzt noch ein kläglicher Seemann bin, ſonſt ſollten Sie mich nicht, wie Sie es thaten, ungeſtraft auf die Seite geſtoßen haben. Indeſſen da⸗ für ſollen Sie mir noch verantwortlich ſein. Woher aber alle dieſe Zweifel an unſerer Wohlfahrt? Das Schiff rollt freilich, ſcheint jedoch jetzt in keiner grö⸗ ßeren Gefahr zu ſein, als in der es während der jüngſt⸗ verfloſſenen achtundvierzig Stunden war. Wirklich, Ihre ſchauerlichen Vorherverkündigungen ſehen wie Aberglaube aus.« »Sehen ſie ſo aus? Je nun, nennen Sie's wie Sie wollen. Die Ratten wiſſen über dergleichen Dinge beſſer zu urtheilen als wir, wir blinde Sterbliche, die wir ſind. Merken Sie auf! dieß iſt ein altes Fahr⸗ zeug, und ſteckte vormals voll von den ſchwarzen Gent⸗ lemen mit langen Schwänzen und ſchwarzen Schnauz⸗ bärten. Es gab keine ſchönere Kolonie von ihnen auf irgend einem Schiffe auf der Themſe von der London⸗ brücke bis zum Leuchtthurm von Nore. Nul ich würde geſegnet ſein, wenn ich nicht an eben dem Abend, an welchem Sie zu Gravesend an Bord kamen, geſehen hätte, wie die Geſchwänzten, ſo gemächlich und ſo ge⸗ regelt als ob ſie Soldaten geweſen wären, die Kabel⸗ ——.— Ardent Troughton. 31 kette hinabzogen, und in drei Diviſionen, wobei etliche von den Vätern und Müttern die Kleinen zwiſchen ih⸗ ren Zähnen hielten, dem Waſſer zueilten.« „ Unglaublich!« rief ich. „»Wahr! die eine Linie ſchwamm an Bord des In⸗ dienfahrers George“, das auf dieſer Reiſe ein ſicheres Schiff ſein wird, von dem die Rheder und Befrachter, wenn ſie Alles wüßten, die Aſſekuranz hätten ſparen können.« „Wohin begaben ſich die beiden anderen Rattenab⸗ theilungen?“ fragte ich. „»Ich gab nicht Acht darauf,« war Gavel's Ant⸗ wort.»Ziemliche Strecke ſtromabwärts, wie mich duͤnkt. Ich möcht's ſelbſt wiſſen; allein ich hatte zu⸗ viel mit der Letzten im Zuge, die die Brigg verließ, zu thun. Es war eine große, von Alter grau gewordene Ratte. Als ſie auf dem letzten Gliede der Kabelkette ſtand, kurz zuvor ehe ſie in's Waſſer ſprang, wendete ſte ſich gemächlich herum und ſchüttelte dann den Kopf gegen das Schiff, mit einer Gravität und Wichtig⸗ thuerei, als ob ſie ein Richter auf der Bank geweſen wäre. Ich hatte große Luſt das Splitzeiſen, das ich eben in der Hand hielt, nach ihr zu werfen, nur daß dieſer alte Schiffskaſten nicht ſonderlich reich an Vor⸗ räthen iſt. Bei meiner Seele, mir war ziemlich dar⸗ nach zu Muthe, Stange wegzuwerfen*) und mich mit den Ratten davonzumachen!« »So folgern Sie daraus unſeren Untergang?⸗ *)»Stange wegzuwerfen— to have out imy stick,« ein Seefahrerausdruck, deſſen Erklärung der freundliche Leſer in Marryat's Werke:»Der alte Commodore,« 2. Theil, 2. Kapitel vorzufinden hat. . Anmerk. des Ueberſ. 32 Die Büßung, oder „»Zuverläſſig. Zudem haben wir einen Mörder am Bord. ⸗ »Entſetzlich!« rief ich, indem meine eigenen ver⸗ worfenen Gedanken in der Kajüte als meine Ankläger vor mir heraufſtiegen.»Das iſt eine ſchwere Anſchul⸗ digung, Mr. Gavel— woher nehmen Sie ſie?« »Die That mag noch nicht begangen ſein, doch iſt ſie vorherbeſtimmt; und der Mann, der ſie vollführen wird, oder bereits vollführt hat, befindet ſich in dieſem verd— Fahrzeuge.« »Wenn aber, ihren lächerlichen Voranzeigen zu⸗ folge“, entgegnete ich,»„das Schiff ſo bald zu Grunde gehen ſoll, und jener Mord noch nicht begangen ward, ſo kann ja überhaupt kein Mord geſchehen, da wir Alle ein gemeinſames Schickſal haben werden.⸗ Ich ſprach dieß mit einem ſchauerlichen Mißtrauen gegen mich ſelbſt. 4 »Vielleicht iſt's, vielleicht iſt's nicht. Wenn's auch noch nicht geſchehen iſt, wird dennoch unſere Zeit, wie kurz gemeſſen ſie ſein möge, lang genug zum Begehen einer Gottloſigkeit ſein, die uns Alle in die Hölle ſtürzt. Sie ſelbſt ſahen mich vorhin an, als trügen Sie Ver⸗ langen, mir die Kehle abzuſchneiden, bloß weil ich Sie aus meinem Wege ſchob. Ich darf ſagen, daß wenn Sie zur Stunde ein Meſſer in der Hand gehabt hät⸗ ten, Sie es mir zwiſchen die Rippen gebohrt haben würden. Sie ſchaudern? Ei, ei, Mr. Troughton, welch ein geringfügiger Umſtand war es, der zwiſchen Sie und ihre Mordgedanken trat!— Sie ſollten ſich ſchämen.« Mir brannten die Wangen von Zerknirſchung bei dieſem Verweiſe des rauhen und grämlichen Seemannes dennoch war ich zu ſtolz, um in Worten meine Gefühl, Ardent Troughton. 33— zu verrathen. Kaltblütig verſetzte ich:»Sie werden mir Genugthuung für die mir zugefügte Beleidigung geben, ſobald Sie mich erprobt haben; wir wollen die⸗ ſen Hader ausſetzen, jedoch nicht ihn vergeſſen. Mitt⸗ lerweile laſſen Sie uns großmüthig gegen einander handeln. Ich habe bereits gelernt, Ihre trefflichen Ei⸗ genſchaften zu ſchätzen; ich weiß, daß von Ihnen allein das Heil dieſes Schiffes abhängt, wenn dieß wirklich gerettet werden kann; es iſt alſo zu bedauern, daß Sie ſo gute Eindrücke durch Ihr ungeberdiges Betra⸗ gen ſchwächen.« »Mein ungeberdiges Betragen, wie Sie es zu nen⸗ nen belieben, hat mit dem Allen nichts zu ſchaffen. So wie die Sachen ſtehen, könnte dieß Fahrzeug nur gerettet werden, wenn wir den Mörder, gleichwie ei⸗ nen Jonas, über Bord würfen. Zappelte er dort in dem Waſſerſtrudel leewärts, ſo möchten wir binnen ei⸗ ner Stunde gut Wetter und ſchmucke See haben. Aus meines Herzensgrunde wollt' ich, er zappelte dortl⸗ „ Mr. Gavel, Sie eutſetzen mich!« rief ich aus. »Sind das Geſinnungen eines Chriſten? Es iſt in der Ordnung, daß Verbrechen beſtraft werden, doch un⸗ männlich und widernatürlich iſt es, an der Strafe ſich zu ergötzen. Hätte ich geſagt, es ſei teufliſch, ſo würde ich ſolche Geſinnung nur allzu treffend charakte⸗ riſirt haben.« » Selbſterhaltung, Mr. Troughton!— Aber horch! es legt ſich verſtaͤrkte Hand an den Blasbalg! und bemerken Sie, mein ſchmucker, geſchniegelter Herr, wie pechdunkel es plötzlich geworden iſt— Sie ſind jetzt nicht ſeekrank; nein, nein! die Furcht hat's Ih⸗ nen vertrieben— blicken Sie auf, und ſchauen Sie Ardent Troughton. I. 3 34 Die Büßung, oder über das Bollwerk hinaus, ſo Sie's wagen mögen, und ſagen Sie mir alsdann, was Sie ſehen.«⸗ Bangen Herzens gehorchte ich. Anfänglich wollte die entſetzliche Heftigkeit des Windes mir den Athem rauben, und der Spritzregen machte mich faſt blind; indem ich jedoch theilweiſe mein Geſicht mit meinen Händen beſchirmte, ward ich in den Stand geſetzt, für ein Weilchen hinauszuſchauen und zu beobachten. Fuͤnftes Kapitel. »Halloh! noch'n Mann an's Rad! Hab' Acht auf's Steuer, mein Junge— feſtangehalten! So! feſtangehalten! Das Schiff wankt wie'n trunkener Flottenmatros. Na, Mr. Troughton, was haben Sie geſehen?« fuhr Gavel zu mir gewendet fort, der ich hatte vor'm Winde zurückweichen müſſen, und jetzt bemüht war Athem zu ſchöpfen, als ich mich unter das Wetter⸗Bollwerk duckte. »Alles oben ſchwarz, ſchwarz, ſchwarz!« antwortete ich, als ich Luft erſchnappt hatte;»nirgend ſchien Licht herzuſchimmern als aus dem grimmigen Schaume der erzürnten Waſſer, und den Horizont bezeichnete ein bleicher, krankhaft gefärbter Streifen, der ſo furchtbar nahe zu ſein ſchien, als drängte er heran, um uns von allen Seiten zu umzingeln. Das Schauerlicht, Gavel, das aus den ziſchenden Wogen aufſteigt, iſt ſchrecklich anzuſchauen.« Ardent Troughton. 35 Das iſt's— aber ſehen Sie nicht die Todkenlich⸗ ter, die hie und dort tanzten, juſt da, wo der klaffende Schlund der Wellen am ſchwärzeſten ausſieht?« »Beſchreiben Sie ſie mir,«ſagte ich. »O, ſie ſind nichts, ſobald man an ihren Anblick gewöhnt iſt,« verſetzte der Steuermann.»Mir erſchei⸗ nen ſie immer, als ob durch die ſchwarzen Tiefen des unergründlichen Oceans ſie einer verdammten Seele zur Hölle hinunter leuchteten; und doch ſind ſie eigentlich nichts als zitternde kleine, kränklich ausſehende Flämm⸗ chen. In vergangener Nacht tanzten ſie um die Haupt⸗ topmaſtſpitze herum— dort, dort!« rief er, und packte meinen Arm wie mit Simſonskraft—»„Schauen Sie in's Vordertakelwerk— dort ſind ſie! So wahr ein Gott im Himmel lebt, der Mörder befindet ſich am Bord!« Ich ſtarrte hin und ſchauderte. Es zuckten viele kleine, ſich ſchlängelnde, ſchlangenähnelnde Ausſtrömun⸗ gen elektriſcher Gluth zwiſchen den Segeln. Obwohl ich wußte, daß dieſelben von natürlichen Urſachen her⸗ rührten, konnte ich doch nicht verhindern, daß der Schauer des Aberglaubens mir eiſig durch das Blut bis in's Herz kroch. Bei alldem bemeiſterte ich mein Bangen, ſo gut ich es konnte, und antwortete dem Steuermann:»Jene blauen Flämmchen, die Sie Tod⸗ tenlichter nennen, ſind nichts als Andeutungen, daß die Atmoſphäre mit poſitiver elektriſcher Materie überladen iſt, und entſtanden ſicher nur durch das Reiben des Holzes und der Taue an dem Eiſen der Vordermaſt⸗ ſpitze. Anſtatt uns zu zeigen, daß wir einen Mörder am Bord haben, ſind ſie nur Vorandeutungen baldigen Blitzens und Donnerns.« »Das weiß ich auch,« entgegnete mir Gapel; 3* 36. Die Büßung, oder „allein das iſt eitel Bücherweisheit. Leute, die ſich an dergleichen halten, glauben bei ihrer Philoſophie an nichts, und Sie machen es eben ſo. Hat man doch ſchon alle Bibelwahrheiten wegphiloſophirt! Pfui über Eure natürlichen Urſachen! Ihr wollt Alles bewieſen haben, und an Nichts ſoll mehr geglaubt werden. Weil der Donner gemeiniglich nach ſolchen Todtenlichtern hereinbricht, folgt d'rum noch nicht, daß dieſe nicht die Anweſenheit eines Mörders auf dem Füſun andeuten; und wird der Regenbogen durch nakürliche Urſachen erzeugt, ſo iſt das kein Grund, warum man denſelben nichts als ein ſtets wiederkehrendes Wunder anzuſehen hat, welches der Herr allen Menſchen und Völkern als 3 ein Zeichen aufſtellte, daß das Waſſer nimmer wieder die Erde überſchwemmen ſoll, obwohl es wahrſcheinlich 4 genug iſt, daß es dieſen preisgegebenen Kahn mit Al⸗ lem, was darauf und darinnen iſt, verſchlingen wird. Bei alldem wird Jem Gavel mit ſeinem ungeberdigen Betragen, bis zum Letzten ſeine Schuldigkeit thun, 3 mag's hoch, mag's niedrig wehen. Ich wollte, daß ˙s Vorderſegel'runter wär', aber ich zweifle, daß wir Ochſenfleiſch(nämlich Menſchenhände) genug haben, um's einzureffen, ohne es in Fetzen zu zerreißen. Mein Seel! jene Todtenlichter führen'nen luſtigen Tanz auf 1. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo verſetzten ein Krachen, als ob der ganze Himmel geborſten wäre, und ein furchtbar zuckender, blendender Blitz uns Alle in einen Zuſtand augenblicklicher Betäubung. Der Haupttopmaſt war zerſplittert, und fiel mit ſeinem ſchweren Tabelwerk leewärts herunter. Der fürchter⸗ liche Donnerſchlag brachte eine plötzliche Windſtille hervor. Bisher hatte der heulende Wind mich gehin⸗ dert, das dumpfe, eintönige, jedoch grimme Brauſen der ————““ —.— — Ardent Troughton. 37 Wogen zu hören; jetzt ſchien die ganze Oberfläche des Meeres plötzlich wie von den Stimmen zahlloſer Menge erfüllt zu ſein, und vom Antlitze des Oceans herüber ſcholl das Sauſen nah und fern wie das Stöhnen einer ſündigen Welt, die am ſchauerlichen Tage der Aufer⸗ ſtehung aus ihren Gräbern hervorkommt. In fürchter⸗ lichem Gegenſatze zu dieſem allgemeinen, herzzerreißen⸗ den Getös unten, war uns zu Häupten Alles wieder finſter und unnatürlich ſtill. »Alle Mann— Vorderſegel auf! Wrack geklart!« ſchrie der Steuermann.»Jetzt iſt's Zeit. Ho! nur ein halb Dutzend gute Hände hinauf— hinauf!« Al⸗ lein bevor der erſte Mann von der Wache nnten ſein zurückfahrendes Haupt über der Lukenklappe gezeigt hatte, erneuerte der Sturm mit verdoppeltem Grimm ſein Toſen; doch that er es aus faſt entgegengeſetztem Him⸗ melsſtriche, und warf das Vorderſegel todt rückwärts. In demſelben Augenblicke ward die Brigg fürchterlich ſternwärts gedrängt, das Steuerrad wirbelte rund her⸗ um, und der Mann an demſelben wurde von dem Rucke beinahe über Bord geſchleudert, während das Ruder dabei zu falſcher Richtung geklemmt ward und der Wir⸗ kung entgegen arbeitete, die durch das zurückgepreßte Vorderſegel und durch die Neigung der Vorderraa ganz natürlich das Schiff zum Seitabweichen gebracht haben würde. Der Steuermann rannte, ſo wie ich, an das Rad, allein wir konnten es nicht bewegen. Nach einer Minute trieben die Fenſterluken der Kajüte einwärts, dieſe füllte ſich mit Waſſer, und Mr. Tomkins, unſer betrunkener Schiffer, ward aus ſeiner Koje heraus und im Hemde zur Kajüttentreppe hinangeſpült. Der Elende war in ſeiner Angſt verächtlich. Hülf⸗ los und händeringend rannte er umher, und flehete 38 Die Büßung, oder 4 Gott um Vergebung au. Er bemühete ſich um nichts, gab auch keine Befehle, und Niemand nahm Rückſicht auf ihn. Indeſſen ging das Schiff wüthend ſternwärts. Das Waſſer drang jetzt durch die Kajütenfenſter herein und füllte die Brigg, ſo daß feige Verkriecher unten kein Bleibens mehr fanden; von den kalten Wellen wurden ſie aus ihren Hangmatten herausgewaſchen. » Alle Mann vorn!« ſchrie Gavel;»wir müſſen den Vordermaſt kappen—'s iſt unper einziger Aus⸗ weg. Flink, flink! meine Jungen! Kommen Sie mit, Troughton. Sollen wir den benebelten Tölpel ſeinem Schickſale überlaſſen?« ſetzte er hinzu, indem er auf den Schiffer zeigte; der Maſt wird auf ihn fallen und ihn zerſchmettern.« »Wer iſt jetzt Mörder in Gedanken, Gavel?« ent⸗ gegnete ich ihm.»Nein.« So riſſen wir Tomkins mit uns fort in's Vorderkaſtell. Der Steuermann ergriff eine Art; ein ungemein großer, rühriger ſchwarzer Kerl packte eine andere. Gavel hieb an den Vorder⸗, der Neger an den Vordertopmaſt⸗Stagen, und nach kaum einer halben Minute lagen des Schiffes geſammte Maſten vorn und hinten über Deck hin. Die Wirkung dieſes Verfahrens war augenblicklich. Die Brigg dre⸗ hete ſofort ab und legte ihre Breitſeite gegen den Wind. So war uns für dießmal das Leben gerettet. Als wir uns zum Hinterſchiffe zurückkrabbelten, fanden wir zu Vergrößerung unſeres Mißgeſchickes das Steuer aus den Spindeln gedrängt und, von den Ru⸗ derketten gehalten, durch den Wellenſchlag gegen die Schiffswand geſtoßen. Nach etlichen erfolgloſen Ver⸗ ſuchen, es zu befeſtigen, ward es von den Ketten los und flott gemacht, damit es kein Loch in den Rumpf des Schiffes treiben möchte. 77 Ardent Troughton. 39 „»Wir ſind halb voll Waſſer— Alle Mann an die Pumpen!« rief Gavel. ⸗ Ich richtete nur einen eintzgell' raſch verfliegenden Gedanken an meines Vaters koockene Waaren, zog mich bis auf die Unterkleider aus, ſtellte mich mit in die Reihe und pumpte aus Leibeskräften. Da wir das Schiff hurtig vom Waſſer befreieten, ſo war kein Grund vorhanden, zu fürchten, daß wir einen Leck hekommen hätten. Um Mitternacht befanden ſich nur ſechs Zoll Waſſer im Pumpenbrunnen, und da keine erhebliche Gefahr mehr drohete, kam Gavel zu mir heran und ſagte mit grimmandeutender Höflichkeit: „»Na, Mr. Troughton, ich muß ſagen, daß Sie heut Nacht ſich als ein Mann gezeigt haben, und ich ſchäme mich nicht zu geſtehen, wie mir's herzlich leid thut, daß ich Sie leewärts ſchob. Ich meine, daß ich einem Gentlemau von Ihrer Abkunft nicht meine Hand bieten darf, allein ſagen will ich, daß es mich von Herzen ſchmerzt, Sie auf dieſem Fahrzeuge zu wiſſen— denn untergehen muß es. Bei alldem laſſen Sie mich Ihnen den Rath zu geben, ſich niederzulegen. Der Steward wird Sie mit einem trockenen Anzuge verſehen; d'rum machen Sie ſich's an Seel und Leib behaglich, denn— verlaſſen Sie ſich darauf— wir werden ſchauen, wie jeder von uns dem Tode entgegentritt, ehe viele Tage vergangen und dahin ſein werden.« Ich nahm ſeinen Rath, nicht aber ſeine dargebotene Hand an. Ich wies dieſe nicht aus Beweggründen des Uebelwollens zurück, ſondern weil mein Stolz mir noch nicht geſtatten wollte, zu denken, ich hätte irgend ſonderliche Proben von männlichem Sinne abgelegt. Als ich die Kajüte erreichte, fand ich, daß der Zim⸗ mermann bereits die Luken derſelben ausgebeſſert hatte, 40 Die Büßung, obder und daß von dem Steward und dem Kajütenjungen mein Bett leidlich trocken gemacht worden war. Das in das Schiff, als dieſes ſternwärts trieb, eingedrungene Waſſer war nicht in meinen Koffer gelaufen, ſo daß ich leicht zu vollſtändig trockener Bekleidung gelangen konnte. Meine Seekrankheit war gänzlich gewichen, und ich bin niemals wieder von ihr befallen worden. Der Schiffer hatte ſich ebenfalls angekleidet, und war von Neuem eifrigſt bemüht, ſich viehiſch zu betrin⸗ ken. Seiner lallenden Aufforderung, an ſeiner ent⸗ würdigenden Ausſchweifung Theil zu nehmen, ſetzte ich verächtliche Weigerung entgegen; er aber ward, indem er Rache gegen mich ſchnob und alle möglichen und unmöglichen Dinge verfluchte, nach der kurzen Friſt einer Halbſtunde in einem Zuſtande beſtialiſcher Be⸗ wußtloſigkeit in ſeine Koje gehoben. Ehe ich mich ſchlafen legte, gelobte ich, daß, ſo ich jemals Spanien wohlbehalten erreichen würde, die „Jane’ das letzte Schiff ſein ſollte, auf welchem Joſias Tomkins jemals kommandiren würde; obſchon ich noch nicht bei mir ausgemacht hatte, mich für James Gavel in dieſem Betrachte zu verwenden. Ich entſchlummerte bald, und ſchlief gegen meine Erwartung ſo feſt, daß ich erſt ſpät am andern Morgen geſund, und nicht nur erquickt, ſondern faſt heiteren Sinnes erwachte. Ardent Troughton. 41 Sechstes Kapitel. Es war ſchon neun Uhr, als ich auf Deck kam. Langſam und mürriſch klarten die Matroſen das Wrack weg, das oben umherlag, und der grämliche Steuermann ſtieß und handſpeichte ſie mit einer Wildheit, durch welche ſich mir alle die ungünſtigen Eindrücke erneuer⸗ ten, die mir durch ſeine Rührigkeit und Wackerheit während der vergangenen Nacht beinahe verwiſcht wor⸗ den waren. Deſſenungeachtet hielt ich mich zu keiner Einmiſchung berechtigt, denn vielleicht verdiente die Mannſchaft die Züchtigungen, die ihr ſo reichlich ge⸗ ſpendet wurden. Nachdem ich Unrath und Ueberreſte von Tauwerk auf einem kleinen Raume unter dem Lee des Hinterdeckbollwerks weggeräumt hatte, rief ich zu meiner Beluſtigung den großen Newfoundlandhund, Bounder, zu mir her, und begann mir deſſen Gunſt dadurch zu erwerben, daß ich ein wildes Lärmſpiel mit ihm betrieb. Mein Entgegenkommen ward freundlich von ihm aufgefaßt, und meine Freundſchaftsbeweiſe wur⸗ den mit vieler Wärme erwiedert. Das Wetter hatte ſich jetzt zu einem ſtätigen Wir⸗ belſturme geſetzt,(Seeleute kennen dieſen Ausdruck, der freilich einen Widerſpruch zu enthalten ſcheint,) welcher aus Weſten blies. Wir waren ihm gänzlich preisgege⸗ ben, und lagen, wie der Matroſe ſagt, gleich einem Klotz auf dem Waſſer. Mit Ausnahme des Bugſpriets hat⸗ ten wir kein Stückchen Maſt mehr, dennoch hegten 42 Die Büßung, oder Alle bis auf den abergläubiſchen und murrköpfigen Steuermann lebhafte Hoffnung, daß wir wohlbehalten zu Hafen gelangen würden. Wirklich hatte, den Sturm und das vor uns befindliche Wrack weggedacht, Alles ein heiteres Anſehen. Wir waren ſtark ſüdwärts ge⸗ trieben, der Tag war freundlich und die Sonne ſchien hell aus einem wolkenloſen Lufthimmel. Ungeachtet der Munterkeit meiner Stimmung konnte ich doch nicht fortwährend mit einem Hunde ſpielen, und da mir aus Mangel an Beſchäftigung wirklich die Zeit lang ward, ging ich zu Gavel, und fragte ihn mit geziemender Beſcheidenheit, ob er mir nicht nützliche Arbeit zuweiſen könnte. Er vergalt mir dieß durch ein unerheucheltes An⸗ ſtarren des Erſtaunens, und ſtammelte dann:»Ei frei⸗ lich— von Herzen gern. Da! leihen Sie uns eine Hand, dieß Segel loszuknüpfen— ſo— ſo! Kommen Sie her, wir wollen mitſammen arbeiten, und dann können Sie's nach Schiffsmanier lernen. Bei alldem ſteckt doch ein echter Eichenkern in Ihrem Gemüth, nur will mich bedünken, die theerigen Schnüre werden Ihnen die langen hübſchen weißen Finger beſudeln. Gut gemacht— bei'm heiligen—— das iſt die echte Matroſenmanier. Nu, der Herr ſegne Sie! er hätte einen Seemann aus Ihnen machen ſollen.« »Nun, Gavel, Sie ſehen, wie gern ich einen aus mir machen will— Sie verhelfen mir tüchtig dazu— vervollkommnen mich; laſſen Sie mich dafür Sie ver⸗ vollkommnen.« „Recht gern; ich bin in nichts vollkommen, als nur im Seeweſen.« »Doch wünſch' ich Sie im Seeweſen zu vervoll⸗ kommnen.« . 8 Ardent Troughton. 43 „Na, das iſt hübſch! Was weiter? Möcht' ich das doch hören!« »Ich möchte Ihnen zeigen, wie Sie's anzuſtellen haben, die Kraft, die Stärke— ich glaube, Sie neu⸗ nen es Rindfleiſch— welche Sie haben, auf's Beßte zu benutzen, und die hurtigſte Arbeit von Ihrer zer⸗ lumpten und murrſinnigen Mannſchaft zu erlangen.« „»Was? thu' ich das etwa nicht? Sehen Sie's Stationsbuch an— jeder Mann weiß, wohin er zu ſehen und ſeinen Dienſt zu thun hat, wollte er nur Mannes genug ſein und ihn thun.« »Verzeihen Sie mir, Mr. Gavel, die Leute arbei⸗ ten nicht gern für Sie, und thun deßhalb Alles man⸗ gelhaft.« »Weiß es— ſind ein Neſt voll Lümmel! Der Himmel kann mir's zeugen, daß meine Zunge des Schimpfeus, meine Hand des Antreibens müd' iſt. ⸗ „»Das eben beklag' ich. Verſuchen Sie ſanfte Mittel.“« »Mein ungeberdiges Benehmen? Ahal ich verſtehe Sie. Doch möcht' ich Ihnen wohl beweiſen, daß Sie ganz und gar Unrecht haben.« »Im Gegentheile! Laſſen Sie mich Ihnen beweiſen, daß ich völlig Recht habe. Fluchen und ſchlagen Sie nicht während der nächſten Halbſtunde— zeigen Sie mir den, der Verkehrtes thut— laſſen Sie mich mit ihm reden. Gefällt Ihnen dann meine Methode nicht, ſo brauchen Sie ſie ja nicht anzunehmen; ich erbitte nur von Ihnen, daß Sie ſie probiren.« »Gauz gut, Mr. Troughton; Sie fangen an, mir zu gefallen. Schreiten Sie zum Werke. Sehen Sie dort den faulen, grollenden Halunken, der eben ſein Werkzeng hingeworfen hat, nicht nur ſelber müſſig 44 Die Büßung, oder ſteht, ſondern durch ſeine verd— Advokatenzunge auch alle Anderen um ihn her von der Arbeit zurückhält.« Ich ging zu dem Matroſen, ſagte ihm einige Worte in verſöhnendem und friedlichem Tone, und als ich zu meiner eigenen Arbeit neben dem Steuermanne zurück⸗ kehrte, ſah dieſer den vorherigen Müſſiggänger ſchwei⸗ gend und ſogar fröhlich arbeiten, als hinge ſein Leben davon ab. Mir ward Gelegenheit, noch drei Andere von der Mannſchaft zu ihrer Pflicht anzumahnen, und es geſchah mit erwünſchtem Erfolge, ehe noch die Halb⸗ ſtunde der mir eingeräumten Autorität verſtrichen war. Anfänglich ſtand der Steuermann ſtumm vor Erſtaunen, dann bat er mich, entweder ihm mein Recept zu geben, durch welches ich Kerle, die das Salz nicht werth wä⸗ ren, dazu brachte, daß ſie wie Seeleute arbeiteten, oder aber die Aufſicht über dieſelben ſo lange fortzuführen, als wir mit einander ſegeln würden. „» Es liegt das Ganze in einer Nuß,“« verſetzte ich —»Lehren Sie die Leute, ſich ſelbſt zu ach⸗ ten, indem Sie ihnen zeigen, daß Sie ſie achten könnten. Glauben Sie denn, Gavel, es gäbe ein von Gott nach deſſen Ebenbilde geſchaffenes Weſen, das er dazu beſtimmt hätte, von ſeines Gleichen wie ein unvernünftiges Schlachtvieh herumgeſtoßen zu werden? Jeder jener Männer, die Sie ſo unmenſchlich ge⸗ züchtigt, auf die Sie ſo gottläſternd geflucht haben, beſitzt gleich Ihnen eine unſterbliche Seele. Um dieſes glorreichen Vorzuges willen alſo, den Sie mit ihm thei⸗ len, ehren Sie denſelben. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, daß jene Leute entwürdigte Weſen, daß Einige unter ihnen in der Wurzel laſterhaft, und daß Alle verzweifelt gottlos ſind; allein glauben Sie mir— in dem Schlimmſten von uns ſteckt viel Gutes— im Be⸗ Ardent Troughton. 45 ſten von uns befindet ſich viel Böſes. Laſſen Sie uns auf das Gute wirken, Gavel, das wir in dem Menſchen finden, und verlaſſen Sie ſich darauf— Sie werdeu dann wahrnehmen, daß das Böſe in ihm zuſehends ab⸗ nimmt.⸗ »Hm, Mr. Troughton, Sie laſſen mich die Sache aus einem mir ganz neuen Geſichtspunkte betrachten. Ich will Ihren Plan verſuchen. Sein Sie mir ſo nahe, als Sie können, um mir beizuſtehen, wenn ich richtig ſteuere; mich zu hindern, wenn ich unrichtigen Kours einſetze. Zur Vergeltung dafür will ich einen tüchtigen Seemann aus Ihnen machen.« Ich ging den Vertrag ein, und die daraus hervor⸗ gehenden Vortheile waren groß und gegenſeitig. Deer Sturm dauerte unabläſſig fort; unſere Ausſichten beſtanden zunächſt darin, uns zu bemühen, uns irgend einem vorüberfahrenden Schiffe bemerkbar zu machen, ſo daß wir Beiſtand von demſelben erhalten möch⸗ ten; und wenn dieß fehlſchlüge, uns auf unſere eigenen Hülfsmittel zu verlaſſen, ſobald unſere Nothmaſte auf⸗ gerichtet ſein würden. Um Erſteres zu bewirken, hatten wir gleich am erſten Tage, als wir Wrack worden waren, einen hohen Stagen an den Stumpf des Hauptmaſtes gebunden, und daran die Flagge, das Unionzeichen nach unten gekehrt, befeſtigt. Mehrere Tage waren jedoch. jetzt verfloſſen, und wir entfernten uns immer mehr von den Küſten Europa's und alſo von der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, Beiſtand zu erhalten. Am achten Tage des Sturms befanden wir uns, wie wir aus Sonnen⸗ Obſervation genau abnahmen, unter 31050“˙, hatten je⸗ doch durchaus keinen Begriff von unſerm gemachten weſtlichen Abtreiben. Der Kapitän erhielt ſich in ſeinem Zuſtande trunke⸗ Die Büßung, oder nen Stumpfſinnes, und ward ſo von mir wie von dem Steuermanne vermieden. Die Matroſen arbeiteten mun⸗ ter, und am neunten Tage begannen wir mit dem Ver⸗ ſuche, Unter⸗Nothraaſtangen querüber anzubringen. Dieß geſchah am 2. April 18**, und folgenden Tages hatten wir auch ein Erſatzſteuer eingeſetzt. Während all dieſer Zeit hatte ich unaufhörlich unter Anleitung des Steuer⸗ mannes gearbeitet, und ſo einigermaßen gelernt, ein Schiff aufzutakeln. Ich hielt Wache mit Gavel, machte mich in jedem Wirkungskreiſe des Matroſenlebens ſo nütz⸗ lich als ich konnte, und gelangte ſo zu unſchätzbaren Kenntniſſen. Am 5. April ließ der Wind nach, die See ward mild und das Wetter herrlich. Um Mittag befanden wir uns unter volliger Windſtille. Wirklich ſchien Alles ein heiteres Ausſehen anzunehmen. Sogar Mr. Tomkins, der Schiffer, fühlte den kräftigen Ein⸗ fluß unſerer veränderten Lage, hielt ſich während des größten Theils des Tages nüchtern, und zeigte ſich viel auf dem Verdecke. Er konnte nicht umhin, ſeine Be⸗ wunderung und ſein Erſtaunen über den verbeſſerten Zuſtand und die Diſciplin der Mannſchaft zu äußern. Die Leute verrichteten ihren Dienſt mit Hurtigkeit und Frohſinn. Mr. Gavel hatte ſein Schelten, Fluchen und Schlagen eingeſtellt. Die Lehren, die ich während der jüngſtverfloſſenen vierzehn Tage erhalten hatte, wa⸗ ren mir von unſchätzbaren Nutzen geworden. Ich hatte gelernt, meine Hülfsmittel zu gebrauchen, und kannte nunmehr den vollen Werth der Schönheit jener Wiſſen⸗ ſchaft, die Keinem ſo vollkommen als dem Seemanne bekannt iſt, und die die beſcheidene Benennung»Noth⸗ hülfe« führt. Wir hatten jetzt drei Tage lang völlige Windſtille, während welcher Zeit wir unſer Nothgetakel fertig Ardent Troughton. 47 machten. Ich klomm jetzt aufwärts, legte mich auf die Raagen hinaus, und lernte bald das Reffen und Einrol⸗ len. Auch nahm ich bei'm Steuermann Unterricht in der Schifffahrtkunſt, machte mich mit dem Gebrauche des Quadranten, Sertanten und Vertikalzirkels ver⸗ traut. Gavel lächelte kummervoll über den Eifer, mit dem ich mich all dieſen Dingen hingab, ſagte jedoch nichts, wodurch derſelbe hätte unterdrückt werden können. Am 10. April ſprang nordwärts eine leichte Brieſe auf, und Schiffer und Steuermann hielten einen Rath, zu welchem ich aus Höflichkeit hinzugezogen ward. Es ſollte ausgemacht werden, welchen Kours wir zu ſteuern hätten. Als wir England verließen, hatten wir nur für ſechs Wochen Mundvorrath und Waſſer eingenom⸗ men, und waren jetzt ſchon einen Monat lang im See geweſen; dennoch hatten wir noch nicht Urſache, unruhig zu ſein. Beſchloſſen ward endlich, bei dem derzeitigen günſtigen Winde weiter ſüdwärts zu gleiten, in die Breite der kanariſchen Inſeln zu gelangen, und dann weſtwäͤrts zu ſteuern, bis wir den hohen Gipfel von Teneriffa erblicken würden. Wir thaten es, und befan⸗ den uns um Mittag des folgenden Tages genau in je⸗ ner Breite. Wir hielten unſern Parallelkours zwei Tage lang; da wir jedoch kein Land entdeckten, fingen wir an be⸗ unruhigt zu werden. Am dritten Tage trat wieder Windſtille ein, und der Steuermann und einige alte Matroſen hegten die Meinung, wir wären zu weit weſtwärts getrieben, und befänden uns jetzt unter jenen veränderlichen Zonen in die man jederzeit geräth, bevor die regelmäßigen Paſſatwinde erreicht werden. Dieſe widerwärtige Befürchtung erwies ſich an⸗ deren Tages als nur allzugegründet, in Folge einer 48 Die Büßung, oder unvollkommenen, vom Steuermann angeſtellten Mond⸗ Obſervation. Unſere Lage ward wieder beunruhigend, und wir fanden es für nöthig, die Mannſchaft auf halbe Ration zu ſetzen. Da dieß ein ziemliches Murren zu⸗ wege brachte, wollte Gavel wieder zu ſeiner Handſpeiche greifen, ich wußte ihm jedoch ſolches wieder auszureden, und berief mit ſeiner Erlaubniß alle Mann nach hinten, wo ich ſofort alle meine Privat⸗Mundvorräthe in die allgemeine Speiſekammer lieferte, und nur meinen Wein für mich zurückbehielt. Dann vermochte ich durch we⸗ nige, ruhig und feſt geſprochene Worte die Mannſchaft, ſich der nothwendigen Beſchränkung zu unterziehen, und ward für mein Bemühen durch einen Hurrahruf des Volkes belohnt. Dieſe unglückſeligen Ereigniſſe dienten ſehr zu För⸗ derung meiner ſeemänniſchen Ausbildung und machten mich tüchtig, ſpäterhin mit Entſchloſſenheit gegen die prüfungsreichen und ſeltſamen Schickungen zu verfahren, mit denen ſo viele Jahre lang zu ringen, ich leider auserſehen war. Wir hielten den Schnabel unſeres Schiffes jetzt oſtwärts, um wenn möglich zu einer von den kanariſchen Inſeln zu gelangen, allein wir hatten nichts, als eine mit leichten und äffenden Brieſen ſich miſchende Windſtille. Auf dem Oceane kamen wir nicht weiter, während unſere Lebensmittel nur allzu erſichtlich abnahmen. Ich brauche nicht zu ſagen, daß der Steuer⸗ mann, mit dem ich in ein enges Bündniß— Freund⸗ ſchaft will ich es nicht nennen— getreten war, herz⸗ lich mit mir darin übereinſtimmte, auch ſeinen Privat⸗ Mundvorrath zum allgemeinen Beſten herzugeben. Wir rathſchlagten mitſammen und beſchloſſen, den Schiffer Tomkins zu vermögen, ein Gleiches zu thun. Der Le⸗ ſer weiß, wie ſehr ich dieſen Mann verachtete und 8 Ardent Troughton. 49 haßte, dennoch hatte ich eine Klugheit, die vielleicht ein Ueberreſt meines früheren ruhigen Temperaments war, bisher angewendet, um mich alldem fern zu halten, was wie ein Bruch mit ihm ausſehen könnte. Wir verhan⸗ delten ein Weilchen darüber, welche Zeit wohl die ge⸗ eignetſte ſein möchte, ihm unſeren unangenehmen An⸗ trag zu machen, fanden aber bald, daß ſolcher Aufſchub unnütz war. Tomkins hatte ſich jüngſther ziemlich nüch⸗ tern gezeigt; ſo gingen wir Nachmittags in die Kajüte und eröffneten ihm, was wir von ihm erwarteten. Seine Wuth war unlenkſam. Er überhäufte uns mit den ge⸗ meinſten Schimpfreden, und klagte Gavel als die ur⸗ ſprüngliche Urſache all' unſerer Widrigkeiten an; endlich rief er ſogar den Steward, daß dieſer ihm ſeine Piſto⸗ len bringen ſollte, und ſchwur dabei, uns auf der Stelle niederzuſchießen, weil wir uns offener Meuterei ſchuldig gemacht hätten. Ehe wir zu Tomkins eingetreten waren, hatte Ga⸗ vel mir feierlich verſprechen müſſen, ſeine Heftigkeit zu bezwingen. Er that dieß, wenn ein Beharren bei gräm⸗ lichem, wilden Schweigen ſo genannt werden mag. Wer aber hielt mein Temperament im Zaume? Ardent Troughton war es, welcher jetzt ſprach. Ich ſchleuderte dem Schiffer meine leidenſchaftlichen Aeußerungen ent⸗ gegen, ich ließ ihn meinen unvertilgbaren Hohn fühlen, ich ſtellte ſeinen eigenen Charakter vor ihm hin; ſchil⸗ derte ihm ſeine Trinkſucht, ſeine viehiſche Natur, ſeine Untüchtigkeit, ſeine Feigheit— ich ließ mich durch den Strom meines Grimmes hinreißen. Anfänglich ſaß er da wie er ſtarrt, und betrachtete mich mit der Dummheit eines Trunkenen; nach und nach aber begann ſein Auge ſich aufzuhellen, die Muskeln ſeines Geſichtes nahmen eine finſtere Strenge an, ſeine Mienen verzogen ſich zu ei⸗ Ardent Troughton. I. 4 50 nem dämoniſchen Ausdrucke, doch ſaß er noch immer ſtill, außer daß er gleichſam abſichtslos und mechaniſch die rechte Hand an einer ſeiner Piſtolen beſchäftigt ſein ließ. Der Steward, ein ehrenwerther und würdevoller grauköpfiger Mann, den des Schiffers Starrblick erſchreckte, kroch vorſichtig hinter mich, und lugte dann und wann über meine Schulter weg nach ſeinem gereizten, grimmige Blicke ſchießenden Herrn. Ich aber war noch nicht auf die Höhe mit meiner Phi⸗ lippika gekommen; ſondern vom Unwillen hingeriſſen, fuhr ich, mit dem Fuße ſtampfend, fort:»Entwurdigtes Vieh, das Sie auf der Stufenleiter der Schöpfung ſind! Sie ſtehen tief unter dem edlen Hunde auf unſerem Verdeck. Wollten wir ſtreng unſere Pflicht gegen uns und die Mannſchaft üben, ſo müßten wir unverzüglich Sie des Kommandos entſetzen und Sie im Viehſtall anbinden, dem Sie— ich ſag's Ihnen,— nur Un⸗ ehre machen würden. Taſten Sie nur an Ihren Piſto⸗ len herum, Sie Feigherziger! Ich verlache Sie und Ihre Waffen. Sie verdienten den ſchlechteſten Unrath am Bord zu Ihrer Nahrung, und thun Sie fortan nicht Ihre Schuldigkeit, theilen Sie nicht mit uns Ihre aufge⸗ häuften Leckerbiſſen, halten Sie ſich nicht nüchtern, ſo ſoll, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt— ich ſpreche dieß im Namen der Mannſchaft, im Namen des Eig⸗ ners dieſes Schiffes, der thöricht genug Ihnen ſein reiche Ladung vertranete, im Namen meines Vaters ſprech' ich's!— ſo ſoll alſo mit Ihnen verfahren werden. ⸗ „Meinſt Du, junger Meuterer?« war ſeine hurtige Antwort, indem er das Piſtol aufhob und losbrannte. Ich hatte ihn im Auge behalten, ſprang auf die Seite und— die Kugel pfiff in die Bruſt des alten Mannes Die Büßung, oder Ardent Troughton. 51 hinter mir. Ehe Tomkins das zweite Piſtol ergreifen konnte, ſiel ich mit Gewalt über ihn her; wir warfen ihn zu Boden und banden ihn augenblicklich an Händen und Füßen. »Der alſo iſt der Mörder,«“ ſagte mir in dumpfem Flüſtertone der Steuermann.»Wir müſſen ihm das Schickſal des Jonas zuertheilen, und ſo unſer Aller koſtbares Leben retten.« 3 Siebentes Kapitel. „»Alle Mann hieher— Alle!« rief Gavel, als er den trunkenen und mörderiſchen Schiffer gebunden hatte. Schrecklich und empörend war der nun erfolgende Auf⸗ tritt. Das heulende Vieh, welches wir ſo eben nieder⸗ geworfen hatten, lag zuſammengeſchnürt und hülflos auf dem Kajütenverdeck, knirſchte mit den Zähnken in ſeiner ohnmächtigen Wuth und machte ſeinem Grimme durch die ſcheußlichſten Läſterungen Luft. Auf der näm⸗ lichen Stelle lag der ſilberhaarige arme alte Steward in ſeinem Blute. Ich hielt ihn in meinen Armen, wäh⸗ rend aus der Todeswunde ihm das Lebensblut entſtrömte. Vergebens war ich bemüht das Blut zu ſtillen, das über das Verdeck hinrieſelte, und eben diejenige Hand benäßte, die es nutzlos vergoſſen und dem Greiſe das Leben genommen hatte. Ddie hagere und ausgemergelte Schiffsmannſchaft ſtand um uns herum. 4* 52 Die Büßung, oder »Meine Jungen, meine Jungen, meine lieben gu⸗ ten Leute,« begann der niedergeworfene, feige Tomkins zu winſeln—„kommt mir zu Hülfe. Ihr ſeht, hier giebt's Meuterei und Mord— ich bin unſchuldig— ganz und gar unſchuldig. Es beſteht ein ſchändliches Komplott zwiſchen dem Paſſagier und dem Steuermann, um mir das Kommando abzunehmen. Sie haben damit angefangen, meinen getrenen Williams umzubringen. ⸗ Bei dieſen Worten ſchielte er nach dem alten Manne, der in meinen Armen lag; der ſterbende Steward aber ſprach nicht und regte ſich auch nicht.»Auf, meine Männer!« fuhr Tomkins fort;»fallt über Gavel und Troughton her! Thut's, meine Burſchen! und jeder von Euch ſoll'ne Flaſche Rum haben.« » Lügner und Mörder zugleich!« rief der mürriſche Steuermann,»obſchon die Todten ſich nicht aufrichten und gegen Dich zeugen können, ſo wird Letzteres doch Dein eignes Piſtol thun. Ihr Leute, wem glaubt Ihr? dieſem betrunkenen Meuchelmörder, oder dieſem Gentle⸗ man, Mr. Troughton, der ſo gut und freundlich gegen uns Alle geweſen iſt?« „Weiß nicht, was ich denken ſoll,« ſagte der Hoch⸗ bootsmann, der bereits in Gedanken an den verſpro⸗ chenen Rum ſchwelgte.»Uns iſt wohl bekannt, Mr. Gavel, daß weder Sie, noch Mr. Troughton dem Ka⸗ pitän jemals wohlwollten; jetzt aber kalkulire ich, da wir doch ſo knapp an Leuten ſind, und wenn Kapitän Tomkins Wort halten und den Rum herauslangen will, ich dafür ſtimme, daß man ihn losbinden und dieſe ganze Mordgeſchichte den Perrückenköpfen zum Schlich⸗ ten überantwortet werde, ſobald wir an Land legen— das iſt ſo meine Meinung.⸗ „ Ardent Troughton. 53 » Und meine— und meine— und meine!a riefen die übrigen Matroſen, mit Ausnahme eines Einzigen. »Ardent Tronghton,“« ſagte Gavel feierlich zu mir —»das iſt nun Ihre gebeſſerte Mannſchaft— da ha⸗ ben Sie die Ebenbilder Gottes, die zu handſpeichen Ihnen für Entwürdigung gilt. Nicht nur lecken ſie den Fuß des Mörders, der noch naß von dem Blute ſeines Opfers iſt, ſondern ſie würden auch ihre eigenen Seelen verkaufen, nur um ſich einmal beſaufen zu kön⸗ nen. Laſſen Sie den wilden Beſtien ihren Willen. Es laſtet ein Fluch auf dieſem Schiffe— eine Woche ſpäter wird Alles eins ſein. Die„Jane“ und jegliche lebende Kreatur auf ihr iſt dem Verderben verfallen.«⸗ »Schön'n Dauk meinerſeits« ſagte der Hochboots⸗ mann,„doch all dieß Wiſchiwaſchi hat hier nichts zu bedeuten. Eines Mannes Wort iſt ſo gut als das ei⸗ nes Anderen. So ſchneidet ihm alſo die Schnüren los, Jungens, und dann wollen wir uns'nen luſtigen Abend machen.« »Hurrah!« ſchrie die Mannſchaft, und ihr Spre⸗ cher trat hinzu, den elenden Mörder loszubinden, als ſich ihm ein unerwartetes Hinderniß entgegenſtellte. Ich habe vorhin eines großen und kräftigen Negers erwähnt, der ſo rüſtig geholfen hatte, den Vordermaſt zu kappen. Von dieſem Manne hatte ich weniger Notiz genommen als von allen Uebrigen. Ich erinnerte mich nicht, daß ich ihn jemals hatte ſprechen hören. Nicht wenig erſtaunte ich alſo, als ich ſah, wie dieſer Menſch aus der Gruppe ſeiner Schiffsmaate hervorſtürzte, den Hingeſtreckten beſchritt, das zweite Piſtol ergriff und durch Geberden zu verſtehen gab, wie er den Erſten, der es verſuchen möchte, den Kapitän loszubinden, auf der Stelle niederſchießen würde. Die Leute wichen zu⸗ 54 Die Büßung, oder rück, und der Steuermann gab ſich bei dieſer Wendung der Sache einem leiſen Spottlachen hin, welches ſcheuß⸗ lich widerwärtig bei dieſer Gräuelſcene klang. Ich war immer noch mit dem ſterbenden Steward beſchäftigt, indem ich mein Schnupftuch auf ſeine ver⸗ wundete Bruſt hielt, obſchon ich den Blutfluß nicht ſtillen konnte. Die Matroſen waren, um mich eines Schifferausdruckes zu bedienen, ſternwärts getrieben. Der Neger hatte jetzt ſeine rechte Hand an der Kehle des Kapitäns, während er mit der Linken das Piſtol geſpannt hielt. Er blickte bald auf mich, bald auf Gavel, und ſchien von uns ein Zeichen zu erwarten, dieſer Bedrängniß dadurch ein Ende machen zu ſollen, daß er den Elenden mittelſt deſſen Halsbinde erwürgte. Der Steuermann läͤchelte billigend dem bereitwilligen Heuker zu, der ſich ſelber in dieß Amt eingeſetzt hatte; ich aber redete ihm eindringlich zu, dem Gefangenen kein Leid zuzufügen. Der Neger gehorchte mir ſofort, indem er in ſeiner Kehle ein fürchterliches Gurgeln hö⸗ ren ließ. Endlich ſprach der Hochbootsmann zu Tomkiuns: „»Mir und der Mannſchaft thut's leid, Sie ſo auf Deck hingeworfen und eingerefft zu ſehen, Kapitän. Alles, was wir jetzt thun können, iſt, an das zu denken, was vorgeht, wenn dieſe Sache vor's Gericht kommt. Ka⸗ pitän— Sind Sie unſchuldig an des armen Mannes Tode oder nicht?« »Ich bin's.« „»Wollen Sie's beſchwören?« »Ich will's. ⸗ „»So wahr Ihnen Gott helfe?« »So wahr mir Gott helfe,« autwortete der Läſterer.« —— Ardent Troughton. 4 55⁵ Eine Stille trat ein, dann aber erhob, zum Er⸗ ſtaunen und Schrecken Aller, der ſterbende Steward ſich ein wenig in meinen Armen und ſprach deutlich: „»Kapitän Tomkins erſchoß mich— Gott mög' ihm vergeben!« und als eine Leiche ſiel er in meine Arme zurück. I „Er hat geendet,« ſagte ich jetzt.»Gute Män⸗ ner, nehmt den Rath eines kreuen Freundes an: Geht ſchweigend an Eure Dienſtpflicht und betet innerlich für den Verſtorbenen. Berathet Euch mit Eurem eigenen Herzen. Mr. Tomkins kann keine Aufſicht mehr auf dieſem Schiffe führen. Sobald wir in den Hafen kom⸗ men, ſoll er dem Civilgericht überliefert werden, daß er Rede ſtehe wegen der That, deren Ihr theilweiſe Zeu⸗ gen geweſen ſeid. Geht, ſeid verſtändig— erkennt⸗ in mir Euren Freund, und leiſtet dem Steuermanns, Mr. Gavel, Gehorſam.«.* Gedemüthigt, doch ohne Aufſaͤſſigkeit, zogen ſie ſich“ zurück. Als der Neger, der ſich zuletzt entfernte, an mir vorüberging, knieete er nieder, legte meine Hand ehrerbietig an ſeine Stirn und an ſeine Lippen und ſtand dann auf, um wegzugehen. Ehe er jedoch dazu gelangte, rief Gavel ihm zu: »Jugurtha, ich bedarf Deiner. Hilf mir dieſen Leichnam und dieſen lebenden Klumpen der Beſtialität in die Hinterkajüte ſchaffen. Beide ſollen einander Ge⸗ ſellſchaft leiſten, und ich will ſchon Sorge tragen, daß der Todtenwächter nüchtern bleibe. Fort mit ihm!« Das Winſelflehen des elenden Trunkenboldes war im höchſten Grade ekelhaft; in Jugurtha's nervigen Armen ward er jedoch bald an den Ort ſeiner Gefan⸗ genſchaft geſchafft, und dann ward mit mehr Ehrerbie⸗ tung die Leiche des alten Williams neben ihn gelegt. 56 Die Büßung, oder Als das Stöhnen und Klagegeheul des Schiffers immer ununterbrochener und jämmerlicher erſcholl, be⸗ gab ich mich auf Deck, wo ich Nachmittags, während das Wetter noch immer ſchön war, obwohl äffende Winde weheten, meine verkürzte Ration, die völlig der der Matroſen gleich war, verzehrte. James Gavel genoß nichts. Er ſchien ſinnend, zerſtreut, zuweilen verſtört, und murmelte verſchiedene Bibelſtellen und fromme Ausrufungen vor ſich hin. Am öfterſten ließ er die Worte hören:»Herr Gott, erbarme dich ſeiner Seele.« Um fünf Uhr ging er hinunter, und ich folgte ihm bis in die Vorderkajüte in der Abſicht uach, um zu hören, ob Tomkins noch ſtöhnte. Hier fand ich den Steuermann knieend ſo andächtig vor der geöffneten Bibel beten, daß er mich nicht hereinkommen hörte. Ich blickte ihm über die Schulter und fand das heilige Buch an derjenigen Stelle geöffnet, an welcher von der Aufopferung des Propheten Jonas die Rede⸗ iſt. Mich ſchauderte. Eine Furcht beſchlich mich, als ver⸗ ſtände ich nur allzuwohl das Trachten ſeiner verſtörten und abergläubiſchen Einbildungskraft; ich legte meine Hand auf ſeine Schulter— er erſchrak, zitterte und blickte zu mir auf. »Dieß darf nicht ſein, Gavel,« ſprach ich ſanft. »Ihre Gedanken ſind unheilig, unchriſtlich— ver⸗ dammlich. In eben dem Buche, welches da vor Ihnen liegt, ſteht auch das ausdrückliche Gebot:»Du ſollt nicht tödten.« »Zahn um Zahn, Aug' um Ange, Leben um Leben,⸗ verſetzte Gavel.»Doch fürchten Sie nichts; ich will keinen Mord begehen; und thät' ich's, Ardent Trough⸗ ton, ſo würden Sie beſonders Urſache haben, mir es —, Ardent Troughton. 57 Dank zu wiſſen. Dieſer Mord, wie Sie die Sache uneigentlich nenneu, wird Sie Ihrem Vater, Ihrer Mutter, Ihrer Schweſter zurückgeben. Doch fürchten Sie nichts. Gott der Herr ſelbſt wird dieſen Zweifel löſen. Ich bin nichts als ein Werkzeug.« »Sie erfüllen mich mit Entſetzen,« ſagte ich. „» Ueberantworten wir dieſen unglücklichen Mann den Geſetzen ſeines Landes, die ihm unparteiiſche Richter und einen rechtsgemäßen Urtheilsſpruch zuerkennen. Ueberlaſſen Sie ſich nicht ſolchen wilden Träumereien. Morgen werden wir Teneriffe erreichen; dort überge⸗ ben wir ihn der Civilbehörde, wenn wir auf der Rhede kein Kriegsſchiff antreffen. Der brittiſche Konſul wird uns Rath ertheilen.« »Wir werden nimmer Land erreichen, ſo lange der Mörder ſich am Bord befindet, keiner, keiner von uns wird's!« antwortete Gavel voll Murrſinn. „» Wohlan, ſo laſſen Sie lieber uns mitſammen um⸗ kommen, als daß wir durch abſichtliche Meuchlerthat unſere Seelen gefährden.« »Wer ſpricht von Meuchlerthat, Troughton? Das Wort kam aus Ihrem, nicht aus meinem Munde. Ich will meine Hände nicht mit des Elenden Blute beſu⸗ deln. Sein Geſchick ruht in des Höchſten Hand. ⸗ „»Treiben Sie keine Spiegelfechterei mit mir,⸗ warf ich ihm ein.»Was iſt Blut? Hunger, Gift, Würgtod oder die kalten Tiefen des unzuergründenden Meeres bewirken alle das Nämliche. Soll ſogar ein Menſch wie Tomkins, gleich einem auf unſerem Wege kriechenden ekeln Gewürm ohne Gebet,— ohne Für⸗ bitte,— ohne chriſtliches Begräbniß auf die Seite ge⸗ ſchafft werden? Selbſt wenn das Geſetz ihn zum Tode verdammt, wird ihm auf ſeinem letzten Gange weder die 05 Die Bübung, oder Tröſtung der Religion, noch nach ſeinem Abſcheiden eine Gruft verweigert werden. Für wie ſündig Sie ihn auch halten mögen, haben Sie doch kein Recht, ihn ſolcher Vortheile zu berauben.« »Sie ſollen ihm werden; ich will hineingehen und bei ihm und bei dem Todten beten.« „»Gavel, bei Allem was heilig iſt, ſchwör' ich Ih⸗ nen, daß ich ein ſcharfes Auge auf Sie haben werde. Ich will dieſen Mann bewachen, bis das Geſetz über ſein Schickſal entſcheidet.«⸗ „Es ſei. Fürchten Sie nichts; ich ſchwöre Ihnen, daß ihm ein chriſtliches Begräbniß werden ſoll.« „»Kann ich mich bei dieſer Zuſicherung beruhigen Darf ich mich auf Sie rerlaſſen?« »Sie können's und oürfen's. Sehen Sie nur, ich krage dem Sünder Speiſe hinein.⸗ Der Steuermann nahm nun eine Ration Speiſe, genau derjenigen gleich, die jeder Matroſe erhielt, und geſellte dazu ein halbes Pint faulendes kaltes Waſſer. Ich folgte in die Hinterkajüte. Tomkins lag in See⸗ lenangſt am Boden, wo er ſich, obwohl er noch immer gebunden war, ſoweit als möglich von dem Leichnam weggerollt hatte. Sein hageres Geſicht war todten⸗ bleich, außer da wo es durch dunkele Flecke der Un⸗ mäßigkeit entſtellt ward. Er gewährte einen elenden Aublick; jede Muskel ſeines Geſichts zuckte, jedes Glied an ihm bebte. »Ich hab' Euch Speiſe und Trank gebracht,« ſagte der Steuermann finſter.„ Eßt, und dann trachtet Friede mit Eurem Gott zu ſchließen.« Aber Tomkins konnte weder eſſen noch trinken, konnte nur flehen, ihn von der ſchauerlichen Geſellſchaft zu erlöſen, und ihm einen Schluck ſeines Lieblingsge⸗ — Dn — Ardent Troughton. 59 tränkes zu reichen. Wie brünſtig, wie leidenſchaftlich flehte der verworfene Elende um den Trunk des Be⸗ rauſchens! Seine Rede klang bald kühn, bald bilder⸗ reich, bald pathetiſch und rührend. Ich hatte keinen Sinn für die Gewalt ſeiner Beredtſamkeit. Welche glühenden Worte wurden vergendet, um das Vorrecht zu erlangen, ſich zu einem Vieh zu machen! Dem Al⸗ len ſetzte Gavel jedoch keine andere Antwort entgegen, als die, daß er den Geſangenen nur noch feſter zuſam⸗ menſchnürte und ihn an einen Bolzenring in der Spie⸗ gellube band. Dann lockerte er ihm ein wenig die Arme, damit er, falls er es wollte, einige Nahrung zu ſich nehmen konnte. Als der Steuermann alle Bande gehörig geſichert und befeſtigt glaubte, verſchloß er die Kajütenthür und begab ſich mit mir auf das Verdeck. Alle meine Vorſtellungen gegen dieſe unnöthige Grau⸗ ſambeit hörte er mit ſtarrer Achtloſigkeit an. Achtes Kapitel. Es war eine leichte, aber uns günſtige Brieſe auf⸗ geſprungen, und um ſie zu nützen, ſetzten wir ſo viele Segel an, als unſere Nothmaſte und Aushülfeſtangen nur zu tragen vermochten. Als die Gluth der Hitze nachließ und der Abend kühl und klar herannahete, ließ ſich der hohe und ſchneeweiße Gipfel von Teneriffe ge⸗ rade vor uns erblicken, indem er ſich in dem dunkeln Blau des Luftgewölbes um ſo lebhafter und ſchöner her⸗ 60 Die Büßung, oder vorhob. Ueber uns Alle, nur nicht über Gavel und den in der Kajüte Gefangenen kam Frende. Mein Ent⸗ zücken war groß— der Maat jedoch wurde immer dü⸗ ſterer. Ich hätte in jenem Augenblicke meinen bitterſten Feind umarmen können. Voll von dieſer überqnellen⸗ den Milch menſchlicher Herzensgüte, redete ich in den freundlichſten und mildeſten Ausdrücken zu dem aber⸗ gläubiſchen Zeloten; allein ich konnte ihm nicht die Seele rühren. Ich ſprach mit ihm von ſeinen Freun⸗ den, von ſeiner Heimath, von dem ihm noch beyor⸗ ſtehenden Glücke, von ſeiner herannahenden Beförde⸗ rung, jedoch das Alles ging ihm nicht zu Herzen. Ich ſprach von ſeiner Mutter, und er ſänftigte ſich, doch war dieß nur ein Uebergaug aus felſiger Erſtarrtheit der Verzweiflung zu deren Schwäche. Aus dem Zucken ſeiner Geſichtsmuskeln nahm ich ab, daß er hätte wei⸗ nen können, allein Scham davor ließ ihn nicht dazu kommen. Er dankte mir mit bebender Stimme für alle meine Freundlichkeit gegen ihn, ließ mich in mein Ta⸗ ſchenbuch die Wohnung ſeiner Mutter niederſchreiben, bezeichnete mir dieſe in einer Nebenſtraße liegende Woh⸗ nung, und bat mich, freundlich gegen ſeine Mutter zu ſein. Fürwahr, wenn er auf dem Schaffotte, der Hen⸗ ker neben ihm, geſtanden hätte, ſo würde er nicht feierlicheren Abſchied von mir haben nehmen, nicht in⸗ brünſtiger für mich zu Gott haben flehen können, als er es that. Mittlerweile kamen wir bei günſtiger und hurtig zunehmender Brieſe dem Lande immer näher. Es dämmerte ſchon, als wir fanden, wie der Wind ſo zugenommen hatte, daß wir Segel einrollen mußten. Es ward raſch und munter gethan. »Es kommt heran,« ſagte Gavel zu mir;»wir nähern uns dem Ende dieſes fürchterlichen Kapitels; ———— — ð — — Ardent Troughton. 61 denn noch vor Mitternacht werden wir das große Ge⸗ heimniß erkundet haben. Mir grauſet, aber ich fühle mich glücklich.« » Unſinn!« rief ich. »Aber ich habe piel zu beſchicken,« fuhr er fort, ohne meines Einwurfes zu achten.»Ich will ſo Viele von Euch retten, als ich kann. Bitterer Trank wird mir gereicht, doch will ich und mag ich ihn nicht zurück⸗ weiſen.« 3 Er ließ abermals alle Mann heraufkommen und noch mehr Segel kürzen. Nachdem dieß gethan war, und wir wieder unter bloßem Vorderſegel ſchifften— o, des unglückſeligen Vorderſegels!— rief er alle Mann nach hinten, und redete folgendermaßen zu ihnen: „Meine Männer, zu Nacht wird's ſchwere Arbeit geben,— halter Euch bereit. Aus Zeichen, auf die Ihr Euch nicht verſteht, nehm' ich ab, daß vor Mitternacht See und Wolben raſen werden. Laßt uns darauf vor⸗ bereitet ſein! Der da unten verſprach jedem von Euch ein Quart Rum, ich aber weiß, daß Ihr's nicht neh⸗ men würdet, auch wenn man es Euch böte. Laßt uns nicht gleich Beſtien am Rande unſerer Gräber ſtehen; da jedoch viel des Bösſinnes zwiſchen mir und Euch geweſen iſt, will ich als Friedenserbieten jedem Mann am Bord ein halbes Pint Branntwein verabreichen.« »„Zu viel, zu viel!« rief ich; allein Gavel beachtete keinen Laut von dieſem Einwurfe. »Iſt nun Einer unter Euch, dem ich Unrecht oder weh that, ſo tret' er vor, und ich will ihm zu Rechte verhelfen, ſo ich kann. Keiner? Wohlan! es freut mich herzlich, daß kein Uebelwollen mehr zwiſchen uns herrſcht. Reichen wir einander alleſammt die Hand. 62 Um vier Glocken*), zur Zeit der erſten Wache, wollen Die Büßung, oder wir den Todten begraben. Dünkt Einem unter Euch ſein halbes Pint zu viel, ſo laſſe er's unausgetrunben. Wir dürfen den letzten Dienſt, den wir dem alten Wil⸗ liams leiſten, nicht entweihen; denn Ihr alle wißt, daß er Euer und eines jeden Seemanns Freund war. Woh⸗ nen wir ſeinem Gräbniß als Männer und Chriſten bei. Vexveinigt Euch, meine Freunde, mit mir, ſo brünſtig Ihr könnt, zu dieſer Leichenfeier— uns droht großes Elend; denn es befindet ſich ein Mörder am Bord.« Außer dem Mann am Steuerruder, und einem der nach vorn auslugte, wurden jetzt alle Mann unter Deck geſchickt, dann ging Gavel mit mir auf Deck umher. Er rang mit unſäglicher Niedergeſchlagenheit. Endlich ließ er den Neger Jugurtha zu ſich rufen, und ich machte jetzt erſt die Entdeckung, daß dieſer arme Menſch ſtumm war. Deſſenungeachtet wußte der Steuermann ſich ihm wohl verſtändlich zu machen, und das düſtere Geſicht des Schwarzen wies ein Grinſen der Behaglichkeit, das ich beinahe hätte dämoniſch nennen mögen. Es war jetzt nahe an acht Uhr, oder, nautiſch aus⸗ gedrückt, um die Anfangszeit der erſten Wache. Ich war bereits ein leidlicher Seemann geworden, und hatte eine ſtrenge Schule durchgemacht, die mir jedoch nicht bloß hinſichtlich meiner derzeitigen Lage zum Heile, ſon⸗ dern auch für mein ſpäteres Leben zur größten Wichtig⸗ keit gereichte. Mit vieler Hochachtung in ſeinem Weſen krat Ga⸗ vel zu mir und ſagte:»Mr. Troughton, wollen Sie *) Nämlich um zehn Uhr Abends. 4 Anm. d Verf. U Ardent Troughton. 63 die Gefälligkeit haben und die erſte Hälfte der erſten Wache halten? Sie gewahren, wie der Wind ſich zum Sturme hinanlärmt; am Steuerrade ſteht ein guter Mann, und vorn laſſ' ich ſorglich auslugen. Stören Sie die Mannſchaft nicht im Genuß ihres Braunnt⸗ weins, wenn es nicht dringend nöthig wird. »Da ſie ſo lange enthaltſam war, wird ſie betrun⸗ ken werden,« meinte ich. »Ich weiß es, doch wird es nur theilweiſe geſche⸗ hen. Ich ſpreche jetzt unter unſichtbarer und übernatür⸗ licher Eingebung; nach wenigen Stunden werden Alle wieder nüchtern ſein. Stören Sie auch mich ſelbſt unter keinerlei Vorwand. Jugurtha geht mit mir hin⸗ unter, um die Leiche in ihr Grabtuch zu nähen. Sie wiſſen, daß wir heute Nacht beſtatten. Unter dieſem heißen Himmelsſtriche kann ein todter Körper nicht länger liegen, zudem iſt es unheilbringend, eine Leiche am Bord zu haben; man fühlt ſich ſo unheimlich dabei. Ueberdieß möchte ich dem trunkſüchtigen Sünder da un⸗ ten geiſtlichen Troſt zuſprechen—« „»James Gavel!“« unterbrach ich ihn. »Ardent Troughton, ich begegne Ihrem Blicke mit ruhiger Stirn und heiterem Gewiſſen. Wir ſind dem Untergange verfallen. Trotz aller menſchlichen Geſchick⸗ lichkeit werden, wenn nicht Alle, doch die Meiſten von uns in dieſer Nacht in ihr Waſſergrab ſinken. Es iſt unſicher, den trunkenen Raſenden unten loszulaſſen. Kann er in der Kriſis, wenn die Schiffsrippen ausein⸗ ander gehen, und der kalte ſchwarze Wellentod gegen uns daherfährt, wohl gerettet werden? darf er wohl gerettet werden? und ſollte ich, tief in Sünden ver⸗ ſeukt, wie er es iſt, nicht bemüht ſein, etliche fromme Gedanken in ſeiner Seele zu erwecken? Die Parabel 64 Die Büßung, oder von der elften Stunde iſt Honig und Balſam für den Sünder.“ „Gut; ſo gehen Sie. Bedürfen wir Alle nicht ſol⸗ chen Troſtes?«— „Keiner bedarf deſſen ſo ſehr als er.« Gavel ging nun mit Jugurtha unter Deck; und ſo lange ich meine einſame Wache abhielt, hörte ich aus der Hinterkajüte ein leiſes Stöhnen heraufſchallen, das ſich mit dem Pfeifen der Winde miſchte, die kreiſchend hinter uns drein blieſen, während wir unſern hurtigen Kours ſteuerten. Die Nacht war außerordentlich dunkel, denn mit dem Sturme war auch das ſogenannte fliegende Ge⸗ wölk erſchienen und verdüſterte das geringe Sternlicht, auf welches wir gehofft hatten. Der Mond, der un⸗ ſtäte Begleiter der Sonne, umwanderte unſern Plane⸗ ten, und befand ſich mit ihm jetzt tief unter dem Hori⸗ zont. Daß meine Gedanken einen düſteren Charakter annahmen, war ſehr natürlich. Das Geſchäft, das unter mir vor ſich ging, den getödteten Steward ins Leichentuch zu nähen, welches zu gleicher Zeit ſein Sarg war, die trübſeligen Erlebniſſe des Tages, und die fürchterlichen Vorverkündigungen des Steuermannes, die ich, wie gern ich es auch gethan hätte, nicht gering⸗ achten konnte— das Alles lag mir ſchwer auf der Seele. Gern hätte ich mich mit dem Mann am Steuer unterhalten, allein dieſer mußte alle ſeine Aufmerkſam⸗ keit anwenden, um die Brigg gegen deren Beidrehen zu ſchützen. Fortwährend rief ich dem Mann im Vorder⸗ ſchiffe zu, fleißig auszulugen; allein ſein eintöniges, ſchleppendes:»Ja, ja, Sir!« war durchaus nicht ge⸗ eignet, meine Schwermuth zu ſcheuchen oder meine Ge⸗ 9 Ardent Troughton. 65 danken zu zerſtreuen. Wie es in ſolchen Fällen gewöhn⸗ lich geſchieht, ſchweifte mein Geiſt in die Vergangen⸗ heit zurück, und in einer Miſchung von Bitterkeit und Vergnügen beſchlich mich die Erinnerung an frühere Tage. Zum erſten Male fühlte ich eine ſeltſame Zärtlich⸗ keit für die kleine Mira. Ich gedachte ihrer reinen und ſchönen Hautfarbe, und der redlichen und geiſtvollen Offenheit ihres Geſichts. Ich erinnerte mich der gaſtli⸗ chen Tafel des ehrlichen alten Kaufmanns mit allen ih⸗ ren Leckenbiſſen, und die wohlwollenden lächelnden Mie⸗ nen um dieſelbe herum. Ich brachte dieß Alles und noch weit Mehreres in Gegenſatz mit dem rollenden, halb Wrack gewordenen Schiffe, das wie Einer, der ſich von Krämpfen erholte, durch die Fluthen taumelte, ferner mit den Seevagabunden, die jetzt meine Gefähr⸗ ten waren, und vor Allem mit dem murrſinnigen und abergläubiſchen, wenn auch mannhaften Steuermanne, der den Gräuelgedanken an Mord ſo mit ſeinem Ge⸗ müthe vertraut gemacht hatte, daß er denſelben durch Zuſtimmung der Religion, und Anwendung einer ſeltſamen und laſterhaften Vernünftelei zu heiligen ſtrebte. Was ich jetzt zu erzählen habe, wird für wilde Dich⸗ tung erachtet werden, und ich wollte, dem wäre ſo; mir jedoch war es eine entſetzliche Wahrheit, die mir die Schauerlehre gab, unſerer ſchwachen Menſchennatur zu mißtrauen, und mir die Ueberzeugung der Nothwen⸗ digkeit aufzwang, gegen Anmaßung, die die Säugamme des Aberglaubens iſt, auf unſerer Hut zu ſein. Ich will jedoch über dieſen Theil meiner Biographie ſo ſchnell, als ich kann, hinwegſchlüpfen. Es war um acht Glocken, oder um zehn Uhr, als James Gavel wieder auf Deck kam. Er ſah ernſt und Ardent Troughton. I. 5 66 Die Büßung, oder düſter aus, doch glühete in ſeinen Augen eine wilde Aufregung, die man mit Peinlichkeit anſah, und die bei dem Scheine der Laterne, welche er in der Hand hielt, mich um ſo ſchreckender bedünkte. Zuförderſt dankte er mir in ausgeſuchter Redensart für die ſorgliche Wache, die ich gehalten hatte. Wirklich hatte ich in neuerer Zeit eine Verfeinerung der Sprechweiſe an ihm wahr⸗ genommen, wie ſie in ſeiner früheren Wortwahl nicht zu ſpüren geweſen war. Dann bat er mich, die Mann⸗ ſchaft behufs der Todtenbeſtattung auf Deck zu rufen. Der Wind ſang heulend durch das Takelwerk, während der wehklagende Ruf des Hochbootsmanns:»Alle Mann zum Begräbniß!« ſeltſam trauererweckend erſcholl. Die Männer kamen nicht ſo hurtig als gewöhnlich herauf; ſondern ſchwebten wie Schatten in der Dunkelheit lang⸗ ſam und ehrfurchtsvoll zum Hinterdeck heran. Neuntes Kapitel. Auf Gavel's Anordnung, der die Vorbereitungen beaufſichtigte, wurde die Gitterbahre nicht, wie es ſonſt zu geſchehen pflegt, auf den Gangweg, ſondern auf das Taffarell gebracht, damit, weil wir vor'm Winde fuh⸗ ren, der Leichnam, wenn er hinabgeſenkt würde, deſto ſchneller das Schiff klarmachen möchte. Die Leine ward feſtgemacht, und noch eine Laterne angezündet; dann ging Gavel mit Jugurtha und dem Hochbootsmann hin⸗ unter, und bald nachher ward die Leiche heraufgehiſſet, mit der Schiffsflagge, wie mit einem Bartuche, bedeckt 653 —.,.— —— —,— Ardent Troughton. 67 und auf die Gitterbahre gelegt, um über Bord gelantſcht zu werden. Die Art des Todtenbeſtattens auf See iſt folgende: Der Leichnam wird in die Hangmatte des Verſtorbenen genähet, und ſtarb dieſer an irgend einer für anſteckend zu haltenden Krankheit, ſo wird auch deſſen Bett mit in den ſegeltuchenen Sarg gelegt. Ihm zu Füßen packt man etliche ſchwere Geſchützkugeln mit ein, um ein ſchnelles Unterſinken zu bewirken. Das Lugengitter dient dabei als Bahre, worauf dieſes mumienartige Behältniß der Sterblichkeit gelegt, und zuſammt dem Leichnam gewöhnlich über des Schiffes Seitenbord in's Meer gelantſcht wird. Wenn der Leichengottes⸗ dienſt zu Ende iſt, holt man mittelſt der daran gebun⸗ denen Stricke das Gitter wieder an Bord. Auf Anordnung des Steuermanns war die Leiche auf dem mit der Flagge überdeckten Gitter zum Verſen⸗ ken heraufgeſchafft worden; die Schiffsmannſchaft ſtand gedrängt um dieſelbe herum; einer der Matroſen hielt die Laterne, und Gavel ſchickte ſich an, die Begräͤbniß⸗ predigt herzuleſen. Aller Hüte wurden abgenommen, als einer der Matroſen das Wort nahm:. »Mit Verlaub, Mr. Gavel,“« ſagte der Mann,»aber mich dünkt, als hätten Sie des armen Steward Betten mit eingenäht; es ſieht mir ſo dickgeſtopft aus. Da er nun an keinem Fieber ſtarb, und mein ganzer Plunder beim jüngſten Sturm über Bord gewaſchen ward, ſo möcht' ich'nen ord'ntlich'n Preis für ſein'n zahlen, und Sie können's von meiner Löhnung innebehalten.« Jugurtha fletſchte die Zähne, und der Maat ant⸗ wortete bloß:»Stille! nicht den Gottesdienſt geſtört!« »War's nicht beſſer, Mr. Gavel,« bemerkte der Hochbootsmann,»wenn Sie den Kaptän heraufkommen 5*† Die Vüßung, oder ließen. Es dürft' ihm gutthun, mein' ich, bei dem Manne zu ſtehen, den er erſchlug.« »Er iſt nahe genug,« verſetzte Gavel hurtig und mit einem leiſen Schauder.»Man unterbreche mich nicht ferner, Du da am Steuer, John Crouſins, ſieh nach der Schiffsſpitze und halte Deine Ohren offen.“« Dreimal begann Gavel, und bei jedem Verſuche ward ihm wie im Zorne die Stimme von dem Lippen geblaſen, ſo daß er endlich ſein Antlitz von der Leiche abwenden mußte, um forfahren zu können. Dieß War⸗ nungszeichen, dieſer erſichtliche Zorn deſſen, dem der Sturmwind ſelbſt ein Diener iſt, machte dennoch den Steuermann nicht erbeben. Gavel war ein Mann von ſtarken Nerven, oder aber mehr als Enthuſiaſt. Mit lauter, wohlklingender, vom Winde nicht zu übertönender Stimme begann er in ſeiner veränderten Stellung:»Ich bin die Auferſtehung und das Leben, ſpricht der Herr« u. ſ. w. u. ſ. w. Dabei hatte er ſeine linke Hand feſt an die Leiche gelegt, während er in der rechten das Gebetbuch hielt. In dem ganzen Auftritte lag eine wilde Feierlichkeit, wodurch nicht die Seele erhoben, wohl aber das Herz erbeben gemacht ward. Der amtverrichtende Prieſter, denn ſo müſſen wir für dieſen Augenblick den wilden Schwärmer nen⸗ nen, ſchien eben ſo ſehr vom Geiſte des Trotzes, als von dem Gefühl der Frömmigkeit angeregt zu werden, und auf ſeinem Geſichte drückte ſich ein Lauern befrie⸗ digter Rache oder einer anderen böſen Leidenſchaft aus; daß es gefährlich war, ihm hier wie irgendwo zu wider⸗ ſprechen, gab ſich durch eine Unterbrechung kund, die bei jeder anderen Gelegenheit lächerlich geſchienen haben würde. Der getäuſchte Matros, der das Bett zu erben ge⸗ ³ Ardent Troughton. 69 wünſcht hatte, welches ſeiner Meinung nach mit dem Leichnam eingenäht worden war, rief, als Gavel die Worte las:»Nackt ſind wir in die Welt gekommen, und nackt werden wir wieder hinausgehen,« mit lauter Stimme:»Warum nimmt Williams denn ſein Unter⸗ bett und ſeine Wolldecken mit?« 3 Die Hand, die an der Bahre lag, fuhr augenblicklich in die Höhe, und von dem Manne der Leidenſchaft ge⸗ leitet, geradezu in's Geſicht des Matroſen, und es er⸗ ſchollen dabei die Worte:»Sei ſtill, gottloſer Spötter!« Als der Matroſe von dem Schlage zu Boden fiel, murmelte er einen fürchterlicher Fluch, und man hörte ein ſonderbares, verhaltenes Aechzen; Niemand aber wußte von wannen daſſelbe kam. Gavel las weiter. Der Sturm nahm allaugenblicklich zu, was jedoch auf den düſtern Vorleſer keinen Ein⸗ druck zu machen ſchien; denn er las immer lauter und eindringlicher. Uns alle überlief ein Schauder. Bis⸗ weilen dünkte es mich, als regte ſich der Leichnam un⸗ ter der Flagge, ohne daß dieß von dem Schwanken und Rollen des Schiffes herrühren konnte. Ich bemühete mich, des gräßlichen Gedankens, der mich ergriff, ledig zu werden; es war umſonſt— mein Verdacht ſteigerte ſich mit jeder Minute; ich wußte nicht, was ich thun ſollte.« Gavel las weiter. 5 Der Sturm wurde immer wüthender. Der Reduer aber ſchien ſeine Kraft gegen denſelben zu erproben; denn ſeine Stimme ward ſchrillend, und übermeiſterte ſo noch immer die gewaltigen Winde. Zweimal legt' ich meine Hand auf Gavel's Arm und bat ihn innezu⸗ halten, allein eben ſo gut hätte ich den Sturm anſpre⸗ chen konnen, der uns unſerm Verderben entgegen blies 70 Die Büßung, oder Gavel rang— rang bloß, ſagt' ich?— Gavel raſete unter dem Einfluß einer abergläubiſchen Aufregung; nichts, als plötzlicher Tod, hättte ihn zum Stillſtand bringen können. Gavel fuhr fort. Ein zweiter Mann ſchritt ſtill zum Rade, um dem Steuerer Beiſtand zu leiſten, denn die Brigg ging hoch und tief und rollte ent⸗ ſetzlich— allein für all dieß ſchien Gavel keinen Sinn zu haben. Die Predigt näherte ſich ihrem Ende— ich fühlte mich in einer nie erlebten Angſt; der Schweiß ſtand mir auf der Stirn. Mir war, warum oder wo⸗ her, wußt' ich nicht, als ob ich irgend einem ſcheußlichen, unnatürlichen Opferdienſte beiwohnte. Mehr denn ein⸗ mal war ich im Begriff, Hand an den eingebündelten Leichnam zu legen, um die mich zermalmende Laſt mei⸗ nes Argwohns fort zu ſchaffen; allein als der grauſame Steuermann zu den Schlußworten kam, die da lauten: » und ſo übergeben wir ihre Leiber den Tiefen,“« u. ſ. w., drängte ſich mir die Wahrheit der Sache in all ihrer Schrecklichkeit auf, ſo daß ich Gavel's Kehle packte und ausrief: entſetzlicher Mörder!— Ihr Männer, holt die Leichen an Bord.« Gavel aber war zu hurtig für mich, er verſetzte der Gitterbahre einen Stoß über den Schiffsſpiegel weg, und das Patſchen der in ihr kaltes tiefes Grab ſinken⸗ den Leiber ward beim Schwalle der Waſſer, die unter dem Kiele brauſeten, kaum vernommen. Mann des grauſamen Aberglanbens! was haſt Du gethan?“« rief ich weiter. Gefaßt und beinahe ruhig antwortete er: Da wär' ein Jonas mehr für den Wallfiſch— ich habe den Reg⸗ ſamen mit dem Erſtarrten begraben. Ihm ward der Troſt der Religion— ihm ward ein chriſtliches Begräb⸗ niß. Für uns Alle aber waltet jetzt Sicherheit— die Ardent Troughton. 71 Winde werden bald ſtillſein. Hände an's Vorder⸗ ſegel!« „Verblendeter Mörder!“« ſagte ich, ſtarr von Ent⸗ ſetzen; er aber hörte mich nicht, ſondern ging nach vorn, um das einzige Segel, welches das Schiff angeſetzt hatte, einziehen zu heifen. Bei dem Verſuche dazu ward es in Fetzen zerſchlitzt. Im nächſten Augenblicke ging eine See über uns hin, ſchweppte das Steuerrad, die beiden Matroſen von demſelben, und das Kompaßhäuschen weg, und die Brigg kenterte. Ehe noch dieſe Beſchädigun⸗ gen gänzlich wahrgenommen werden kounten, lagen auch ſchon unſere Nothmaſten über Seit. Wir waren aber⸗ mals Wrack. Alles Schauerliche, Prächtige eines Sturmes kam gewaltſam über uns— der praſſelnde Hagel, der züngelnde Blitz, der dem Grimme des Himmels eine Stimme in dem betäubenden Donner ver⸗ lieh, und der Wind— o, dieſer Wind! Es ſchient als wäre er im Stande, uns aus dem Waſſer heraus⸗ zuheben, wären wir nicht, wie ich mir vorſtellte, mit einer ungeheuren Sündenlaſt, mit der Laſt eines Doppel⸗ mordes beladen geweſen. Der muthlos werdende Steuermann kroch jetzt zu mir nach hinten; er ſah jämmerlich, hager und elend aus; er wies nicht mehr den belebten Geſichtsausdruck eines Rachevollſtreckers— er war ein bebender Miſſethäter. »Gott vergebe mir!“« rief er in ſeiner Seelenqual, „wie hat Satanas mich verleitet!« In dieſem Augen⸗ blicke konnte ich die Bitterkeit meiner Vorwürfe nicht zurückhalten. Ich legte meinen Mund dicht an ſein Ohr und rief ihm zu:»Iſt dieß die Windſtille, die Du uns erkauft haſt, Du Mann der Feindſeligkeit? Wohin ſollen wir jetzt nach Rettung umſchauen? etwa nach der ſchwarzen Woge, die mit dem Körper Deines ermordeten Die Büßung, oder Kapitäns ihr Spiel treibt? und wie ward Dein Kapitän ermordet? Wird es Dir nicht am Tage des Gerichts vorgerechnet werden? Was krümmſt Du Dich hier? Für Dich kommt Reue zu ſpät; Gebet iſt Dir unnütz. Siehſt Du Die dunkle wogende See, die eben über Dein Vorderſchiff brauſete und eben ſo ſchonungslos als Dein Thun war, die Hälfte Deiner Mannſchaft, wie wenn ſie Seeunkrant wäre, in die erzürnte Tiefe ſchweppte? Siehe da die Rettung, die Du für Blutgeld erkaufteſt! Es iſt die dritte— nicht wahr, James Ga⸗ vel, die dritte Welle, die ihr Seeleute für ſo verderb⸗ lich haltet? Nun, da kommt die zweite, und ſchau, wie glatt geſpült Deine Verdecke ſind! Zitterſt Du nicht vor der dritten Woge? Sprich, Mörder!« »Schonen Sie meiner!« »Auf, Mann, und zeige etwas von Deiner gerühm⸗ ten Seefahrerkunſt! Wo iſt jetzt Deine ſonſt ſo ſchlaue Liſt? Weiß Dein Hirn keinen Ausweg? hat Dein Herz keine Fibern mehr? Hat Deine rechte Hand ihre Kraft eingebüßt? Ja, ja! So kniee denn nieder und ſiehe deinem Tode wie ein Miſſethäter entgegen; denn umkommen werden wir Alle— Alle— Alle, denn der Mörder iſt immer noch am Bord. Auf dieſe faſt unſinnigen Schimpfreden antwortete der zitternde Elende keine Sylbe, ſondern zog ſich, an allen Gliedern bebend, in den möglichſt kleinſten Raum zu⸗ ſammen. Ich befand mich in einer ſonderbaren Stel⸗ lung, niedergekanuert unter die ärmlichen Ueberreſte der Wetterſeite des Hinterbollwerkes; neven mir an einer Seite ſtand der grinſende Neger Jugurtha, an der an⸗ dern Springer, der Newfoundländer, während der gänz⸗ lich gebeugte Stuermann ſich uns zu Füßen am Boden wand. Von Zeit zu Zeit blickte der Hund kläglich Ardent Troughton. 73 auf und leckte mir Geſicht und Hände; der Neger da⸗ gegen ſchien ein eingefleiſchter Stoiker zu ſein. Die dritte See kam heran. Einen Augenblick lang bemerkte ich, hoch zu Häupten unſerer Jammergruppe, einen weißen ſich kräuſelnden Baldachin, im nächſten Momente aber waren wir weit leewärts, ein wenig von einander geſondert, im offenen und furchtbaren Meere. Damals konnt' ich noch nicht ſchwimmen. Jugurtha war bald mir zur Seite, nicht minder war es der ge⸗ trene Springer. Die Wellen gingen ungeheuer hoch, brachen ſich jedoch nicht, außer da, wo ſie Widerſtand fanden, denn ſie wogten in gleicher Richtung mit dem Zuge des Windes. Ich verlor durchaus nicht mein Er⸗ kennungsvermögen, ſondern gewahrte peinlich deutlich alle Gefahren und Schrecken um mich her, ſtatt durch dieſelben beſtürzt gemacht zu werden. Springer ſchwamm tapfer. Ich legte bloß meine linke Hand auf des Hun⸗ des Rücken, und ward ſo genügend obengehalten. Mir zur Rechten ſchwamm Jugurtha, muthig wie Einer. Wir waren bemüht, uns zu wenden und zur Brigg zu⸗ rückzukehren, von welcher wir heruntergeſpült worden waren. Ungeachtet des Spritzwaſſers glückte uns das Herumkommen, aber vom Schiff war nichts zu erbli⸗ cken. Wäre es auch noch vorhanden geweſen, wür⸗ den doch in der Dunkelheit die wenigen Ellen Entfer⸗ nung, die wir weggeſchleudert worden waren, hinge⸗ reicht haben, es unſeren Augen zu verbergen Jetzt zum erſten Male verzweifelte ich. Ich richtete einen einzigen Gedanken an meine mir unbekannten El⸗ tern und an meine Schweſter, und begann alsdann zu beten. Als ich dieß gethan hatte, fühlte ich mich ziem⸗ lich beruhigt und beinahe reſignirt. Sonder Betrübniß vermochte ich ſogar, einer verlängerten Todesangſt ent⸗ 74 Die Büßung, oder gegen zu ſehen, und fühlte keine Neigung, mich durch plötzliches Untertauchen unter das Waſſer früher dem Tode zu überantworten. 5 Indeſſen war einſtweilige Hülfe zur Hand. Durch die Finſterniß zu uns heran ſchwamm das Langboot, das zugleich mit uns von der Brigg heruntergeſpült wor⸗ den war. Jugurtha griff mannhaft aus; der wackere Hund gab ihm nichts nach, und bald ſaßen erſt der Schwarze, dann ich, dann Springer wohlbehalten im Fahrzeuge. Nach einem Weilchen hörten wir eine Menſchen⸗ ſtimme, und als ich über den Spiegel blickte, ſah ich James Gavel, der ſich an der Ruderfloſſe feſt hielt. „Ardent Troughton,« ſprach er,«reichen Sie mir die Hand. Sie haben ſich wie ein beſſerer Mann, als ich bin, erwieſen— Gott ſegne Sie— denken Sie bis⸗ weilen an einen armen verblendeten Sünder, der mehr aus Unwiſſenheit, denn aus Herzens Härtigkeit Böſes that.— Sie haben meiner Mutter Adreſſe« „Kommen Sie an Bord,“ ſagte ich, indem ich ihn heraufziehen wollte, als er krampfhaft meine Hand hielt. »Nimmermehr!« verſetzte er;„der Mörder ſoll nicht abermals zweier Menſchen koſtbares Leben ge⸗ fährden.« „Bei Ihrem Hoffen auf Erlöſung, wahren Sie ſich vor Selbſtmord.« „Ich wills, ich thu's— Gott ſegne Sie! Ich will hoffen und ſchwimmen bis auf's Aeußerſte. Denken Sie an James Alfred Gavel und an Ihr Verſprechen, wegen ſeiner Mutter!« Durch plötzliches Untertanchen machte er ſeine Hand 3 aus der meinigen los, wendete ſein Geſicht vom Boot —— — Ardent Troughton. 75 ab, und griff nach der Richtung aus, in welcher das Schiff oder irgend ein Getrümmer vermuthet werden konnte. Nach wenigen Minuten war er meinen Blicken ver⸗ loren. Der Adel dieſer Selbſtopferung preßte mir un⸗ willkürliches Schluchzen aus. Ich konnte nicht umhin, zu geſtehen, wie in dieſem, ſelber ſich dem Tode weihen⸗ den Schwärmer die beſten Erforderniſſe zu einem Hel⸗ den vereinigt lagen, und nur durch einen ſinnloſen Aber⸗ glauben und einen gottloſen und entweihenden Begriff von einer wohlwollenden Fürſehung zu Grunde gerich⸗ tet worden waren. Nie hat man wieder von James Alfred Gavel gehört! Zehntes Kapitel. In dem Augenblicke, in welchem ich den Schwar⸗ mer Gavel aus den Augen verlor, dünkte mich, daß der Wind ſich einlullte. Ungeachtet meiner gefahrvollen faſt rettungsloſen Lage, konnte ich nicht umhin, den finſtern, hochherzigen, ſelbſt ſich opfernden Seemann zu beklagen, und im Herzen zu beten, daß ſein gebrachtes Opfer zum Heile ſeiner Seele gereichen möchte. Nachdem die Wallung, die ſo natürlich dieſem ſchauer⸗ lichen Ereigniſſe hatte folgen müſſen, ſich ein wenig ge⸗ legt hatte, richtete ich meine Gedanken auf meine der⸗ zeitige Lage. Das Boot hatte nur wenig Waſſer ge⸗ 76 8 Die Büßung, oder ſchifft, und ſchwamm munter auf der hohen auslangen⸗ den, nicht jedoch ſich brechenden See. Es war das Langboot, ein großes, ſtarkgebautes Fahrzeug, auf wel⸗ chem man die Weinpipen an Bord gebracht hatte, und das völlig ſeetüchtig war; allein außer den Querbänken befand ſich nichts, weder Segel noch Ruder noch Stange irgend einer Art in demſelben. Deſſenungeachtet mußte es uns nothwendig ſein, unſere Lage ſo erträglich als möglich zu machen. Jugurtha hatte ſich auf die Fußbretter im Spiegel, die Kniee, auf denen ſeine Hände ruheten, in die Höhe gezogen, geſetzt, ſo daß ſein Unterkörper ſich im Waſſer befand. Er ſchien zufrieden zu ſein; zum Mindeſten war er unempfindlich. Wenigſtens zwanzig Minuten lang verharrte er in dieſer Stellung, und Springer, der Neufoundlandhund hatte ſich mit anſcheinend ähnlichen Gefühlen unter die Vorderbank gekauert. Ich verbrachte dieſen Zeitraum abwechſelnd mit Gebet und den bitter⸗ ſten Vorahnungen. Inzwiſchen hören des Menſchen Pflichten nur mit deſſen Leben auf, und ich wußte, daß Thätigkeit die beſte, gemeinlich die obſtegende Gegnerin der Beſorgniß iſt. Es bedurfte jetzt keines Aberglaubens mehr, um wahrzunehmen, daß der Sturm ſich bedeutend ſenkte. Zwar heulte der Wind noch von Zeit zu Zeit mit krampf⸗ haften Stößen über den Otean, indeſſen hatten wir in den Wogenhöhlen beinahe Windſtille. Ich nahm mich zuſammen und ſtand auf. »Jugurtha,« ſprach ich zu dem Neger, indem ich ihm freundlich die Hand auf die Schulter legte—»Ju⸗ gurtha, hörſt Du mich? Mein braver ſchwarzer Bru⸗ der, wir müſſen uns tummeln und das Waſſer aus dem Boote ſchweppen.« —.,.— Ardent Troughton. 77 Anfänglich achtete er meiner Rede nicht, als er aber die beiden Silben»Bruder« vernahm, fuhr er in die Höhe und zitterte, und gleich darauf ward durch ein höchſt inniges, unerheucheltes Frendenlächeln für ein Weilchen ſein Mund geöffnet, der eine Doppelreihe der weißeſten und größeſten Zähne zeigte. Dann ſprang der Neger auf, als wäre er elektriſirt worden. Ob⸗ ſchon ich über das Ausſchöpfen des Waſſers im Boote ſchwatzte, wußte ich dennoch nicht, wie wir es anſtellen wollten. Wir hatten weder Hut noch Mütze, und mein Scharfſinn vermochte kein anderes Mittel, als das des beſchwerlichen und kindiſchen Gebrauches unſerer hohlen Hände, zu erſinnen. Jugurtha verſtand ſich beſſer dar⸗ auf; im Augenblicke hatte er ſeine Jacke ausgezogen, aus der er eine Art von Schlauch zuſammenknöpfte und knotete, und unter meiner Mithülfe war das Fahrzeug bald waſſerleer. Durchnäßt und erſchöpft, wie wir waren, machte Ermüdung ihre gewöhnliche unzurückweiſende Forderung an die Natur. Jugurtha legte ſich gleich mir brüderlich auf den Boden des Fahrzeuges, und Springer kam, da die Nacht kalt war, und ſtreckte ſeinen zottigen und Wärme verleihenden Pelz zwiſchen uns. So entſchliefen wir auf offener See, in offenem Kahne, während der ſich ſenkende Sturm uns ſein klagendes Wiegenlied ſang.— Wohl erinnere ich mich der Köſtlichkeit jenes Schlum⸗ mers. Während der erſten Stunden wurden meine Sinne in ein tiefes traumartiges unklares Bewußtſein von Sicherheit eingewindelt; mir war, als fühlte ich mich von den erfaßbaren Armen einer Fürſeh⸗ ung umſchlungen, und ich niſtete mich tief in meine erträumte Glückſeligkeit, wie ein unentwöhntes Kind Die Büßung, oder in den Schoß ſeiner Mutter ein. Gegen Morgen aber verdeutlichten und erheiterten ſich immer mehr und mehr die Viſionen meines Geiſtes. Mir träumte, lächer⸗ lich genug, ich läge im beſten Prunkbette. Mr. Falck's, meines ehemaligen Lehrherrn, und deſſen fünf Töchter ſtänden, mit Schalkblick in den Augen, um mich her⸗ Miirr war, als ſähe ich ſie deutlich, aber erwachen konnte ich nicht; vor dem großen Bette trugen ſie ein köſtliches Früſtück auf, dem es weder am Weine noch an Früchten fehlte. Ich rang nach Erwachen, und wollte ſie ſchel⸗ ten, daß ſie ſo unzart waren, in eines Junggeſellen Schlafgemach zu kommen, und ihm ſo viele lockende, wie einem Tantalus, mich quälende Speiſen vorzuſetzen. Allein meine Bemühnngen blieben fruchtlos, ich konnte weder ſprechen noch mich regen, obſchon ich ganz deut⸗ lich ſah und hörte, was vorging. Dann kam es mir vor, als träte die plumpe aber hübſche, rothhaarige Miß Agatha dicht an mein Bette, tändelte mit ihren alabaſterweißen Fingern an meinen brennend errötheten Wangen herum und ſagte in einem Tone, wie eine Amme ihn wohl gegen ihren Saͤugling annimmt:»Klein allerliebſt Püppchen, das nicht aufwachen kann— oder kann's? Hei! hopſa! hier iſt Dein Fruͤhſtück, klein Herz — ſollſt auch Zückerchen haben, wenn Du die lieben Aeuglein aufthun willſt— hörſt Du, Schäͤtzchen?« Und bei jedem dieſer Worte lachten, bis zum Krämpfebe⸗ kommen, die übrigen Schweſtern. Jetzt beſchlich mich ein Geſühl des Unwillens— ein Erkennen des Ueber⸗ natürlichen geſellte ſich zu meinem Traume— wie geht es nur zu, dachte ich, daß ich ſteinern, regungslos und kraftlos zu ſein ſcheine? »Seht doch, ei, ſeht doch,« fuhr meine gottloſe Quälerin fort:»wie verdrießlich er in ſeinem Schlum⸗ ꝛ — „— Ardent Troughton 79 mer ausſieht! Huſch Dich, mein Knäbchen! Ardentchen, Pardentchen, ſie ſollen Dich nicht zwicken und zwacken — ei, nicht doch! Kommt, liebe Schweſtern, wir wol⸗ len ihn wiegen und dazu ſingen.« Weiter träumte mir nun, daß jede der vier Schwe⸗ ſtern einen der Bettpfoſten faßte, und ungeachtet des feſten und ebenen Bodens unter mir mich kraftvoll ſchaukelten, und daß die kleine Mira mit ihren hellen, ſchrägblickenden Augen luſtig zu mir herſchielte, als ſie, ſo gut ihr Lachen es ihr geſtattete, zu Füßen meines Bettes ſtand und ſang?»So geht's mit ihm hinauf, auf, auf; ſo geht's mit ihm hinab, ab, ab.« Mir war als hielte dieß Poſſenſpiel lange Zeit an, bis Mira zuletzt ausrief:»O, der dummköpfige Schlä⸗ fer! er wird nimmer erwachen. Laßt uns noch Eins verſuchen!« damit nahm ſie einen ungeheuren Krug mit kaltem Waſſer und ſchüttete mir daſſelbe über das Ge⸗ ſicht. Jetzt erwachte ich wirklich. Das ſalzige Spritzwaſſer ſtrömte mir über die Wangen, mein Prunkbett war in ein ſchmutziges Boot, das köſtliche Frühmahl in eine hungrige Waſſerwoge verwandelt. Statt der friſchen und fröhlichen Geſichter erblickte ich nichts Menſchliches, als den ſchwarzen und entſtellten Jugurtha. Meine geſammte Geſellſchaft beſtand in zweien ſprachloſen Geſchöpfen. Alle Hoffnung war mir mit der Brigg, mit Gavel in die Untiefe des Meeres geſunken. In meiner Seele Erbitterung, verwünſchte ich den trügeriſchen Traum, und wendete mich weinend zur Seite. Die Schreckniſſe der nächſten drei Tage waren fürch⸗ terlich; ſie enthielten Jahre voll Elend, voll menſch⸗ licher Leiden, voll unſäglicher Angſt! Hätte ich ſpäter⸗ hin meinen Kalender nach demjenigen anderer Menſchen 80 Die Büßung, oder berichtigt, ſo würde ich geglaubt haben, die Sonne wäre monatelang nicht untergegangen. Was iſt die Zeit anders, als die Buchführerin des Empfindens und des Thuns? O, jene Tage waren lange, lange Jahre!: Aber ſie hatten ihr Gutes. Soll ich ſie beſchreiben? Mir ſchwächt ſich der Muth dazu; dennoch, da ſie, wie geſagt, ihr Gutes hatten, fühl' ich, daß Beſchreibung derſelben, ſo mangelhaft dieſe auch ausfallen mag, alle Feierlichkeit einer mir auferlegten Pflicht in ſich faſſet. Der erſte Morgen wies ſich wolkenlos; das Wetter war ſchwül und der Wind hatte ſich gänzlich ge⸗ legt; der Wellenſchlag langgeſtreckt und eintönig. Jugurtha regte ſich kaum, ich that es eben ſo wenig. Wir kauerten uns, ſo tief wir konnten, in das Boot, um dem unerträglichen Auge der unverſchleierten Sonne zu entrinnen. Ich ſprach nicht. Gegen Mittag wollte der Neger einen Schluck Salzwaſſer, den er mit der hohlen Hand heraufgeſchöpft hatte, zu ſich zu nehmen; allein er ſpie ihn mit einer Geberde des größten Ekels wieder aus, und machte nachher keinen ähnlichen Ver⸗ ſuch mehr, ſondern ſank in den Zuſtand der Empfin⸗ dungsloſigkeit zurück, der im Mißgeſchicke ihm eigen zu ſein ſchien. Der Hund war an dieſem erſten Tage der unruhigſte von allen Dreien. Er rannte von Schnabel zu Steuer, von Bank zu Bank, rückwärts und vor⸗ wärts, wie wohl wilde Thiere in ihrem Menageriekäfig zu thun pflegen; dann ſtand er wieder ſtill und ließ ein jämmerliches Geheul hören. Dieß trieb er den lie⸗ ben Tag lang, als aber die Sonne unterging, kam er zu uns nach hinten, und kroch zwiſchen uns. Er ſtrebte meine Hände und mein Geſicht zu lecken, allein ſeine Zunge war trocken und rauh, und der Verſuch verur⸗ Ardent Troughton. 81 ſachte ihm offenbar Schmerzen. Während dieſes ganzen Tages voll blendenden Lichtes und dumpfen Schweigens ward ich von einem entſetzlichen Durſte gequält; ich fing an Gavel zu beneiden. Wie nichtsſagend iſt die Fabel vom Tantalus, in Vergleichung zu dem, was wir damals duldeten! Vor unſeren Blicken leuchtete, tanzte und lächelte das ſpot⸗ tende Naß bis hinunter in ſeine klare und unergründ⸗ liche kalte Tiefe. Welcher Quell, der in ſeiner Reinheit aus ſtarrem Felſen hervorſprudelt, welcher Bach, der tändelnd und plätſchernd über den kühlen Kies hinglei⸗ tet, vermöchte, nebenbuhlende Vergleichung mit dem lockenden, durchſichtigen Anblicke der tiefblauen Meeres⸗ wogen auszuhalten, auf deren verrätheriſchem Buſen wir dahintrieben? Allein man bringe nur dieß klare, lockende Waſſer an die heißen Lippen, laſſe es nur den lechzenden, brennenden Schlund berühren— o, des Hohnes! o, der Todesfolter des Verſpottens alsdann! Der Durſt iſt dem inneren Menſchen das, was Fol⸗ ter, Rad und Scheiterhaufen ſeinen Gebeinen ſind, möge ſelbſt mein ärgſter Feind nimmer den Durſt in ſeiner ganzer Peinlichkeit kennen lernen! Als die Nacht hereinbrach, ſenkten die Krallen des Hungers ſich tief in unſere Eingeweide, und wir wur⸗ den gierig wie Wölfe; der edle Hund aber ward es nicht; dieſer legte, wie vertrauensvoll, ſein geſenktes Haupt auf mein Knie, während ſeine ſehnſuchtsvollen Augen bittend in mein Geſicht blickten, während ich— Ungeheuer, das ich bin! gierig nach der Feuchtigkeit trachtete, die in ſeinem Hirn, nach dem Blute, das in ſeinem treuen, ehrlichen Herzen ſein möchte. Jugurtha las in meiner Seele— der Hunger iſt von einer wun⸗ derſamen Sympathie erfüllt. Des Negers Augen ſtierten Ardent Troughton. I. 6 82 Die Büßung, oder auf das ſchmeichelnde Thier zu meinen Füßen, das mir das Leben gerettet hatte. Der Schwarze erhob ſich und öffnete das Einſchlagmeſſer, das er nach Seefahrerweiſe an einem Endchen Segelgarn um den Hals hängen hatte, und ſchickte blutgierig ſich an, den Metzger ab⸗ zugeben. Allein, indem er dieß that, begann er ein wildes, unnatürliches Heulen; den erſten Laut, den ich je aus ſeinem Munde gehört hatte, denn ihm war die Zunge ausgeſchnitten; das furchtbare Geheul hätte, als es ſich über die leiſe wogende Fluth hinſtahl, bei der Stille jenes entſetzlichen Abends meilenweit vernommen werden können. Jugurtha ging auf Springer zu, und das Herz wollte mir brechen. Der Hund hatte mich ſicher durch den Sturm und durch die erzürnten Wogen getragen; er war mein Spielgenoß geweſen, und vertraute mir jetzt als einem Freunde. Er war unſer Gefährte im Elende— lief mit uns dieſelbe Gefahr— dennoch woll⸗ ten wir ihn verzehren! Wie treulos, wie ſo ganz menſchartig würde ein ſolches Thun geweſen ſein! Ich konnte nicht darein willigen. Springer ſelbſt ſchien des Schwarzen Abſicht zu verſtehen, denn er ſtarrte auf das geſchwungene Meſſer hin, ſtöhnte jämmerlich und kroch noch dichter an mich, als an ſeinen natürlichen Beſchützer. »Jugurtha,“ ſagte ich ſanft,»Du biſt ſehr hungrig, mein Freund, und ich bin es auch— dennoch laſſ' uns warten. Der arme Springer iſt unſer Genoß in Ge⸗ fahr geweſen. Morgen werden wir irgend einem Schiffe — irgend einer Hülfe begegnen. Gott hat Erbarmen mit den Barmherzigen. Verſtehſt Du mich? Schlag' Dein Meſſer zu, mein Bruder. Glaube mir, wir wer⸗ den ſo ſanfter ſchlafen, als wenn wir uns mit dem —— Ardent Troughton. 83 Fleiſch und Blute dieſes guten Geſchöpfes geſättigt hätten.« Bei dieſen Worten ließ die Wildheit auf dem Ge⸗ ſichte des ehrlichen Burſchen nach; ſonder Murren klappte er ſein Meſſer zuſammen und legte ſich ruhig mir zu Füßen. Nochmals ſchickten wir alle Drei uns an, wie Brüder neben einander zu liegen. Bei Jugurtha's bereitwilligem Gehorſam erfüllte mein Herz ſich mit weiblicher Zärtlichkeit, und mit Thränen in den Augen that ich das Gelübde, es ſollte, ſo der Allmächtige uns das Leben erhalten wuͤrde, der Neger, möge Wohl oder Wehe kommen, mir ſtets ein Freund und Brudey ſein, daß er von meinem Brot eſſen, aus meinem Becher trinken, ſein Haus unter meinem Dache ſein ſollte. Wie hab' ich dieß Ge⸗ lübde erfüllt? Ach! nicht allzu wohl. Mein Schlummer während der zweiten Nacht war unruhig, geſtört und träumeriſch. Ich beſuchte darin alle Feſtmahlzeiten, woran jemals Theil genommen zu haben ich mich irgend erinnern konnte. Wie unbefriedi⸗ gend waren ſie alle! Das den Augen Verheißene ward beſtändig zur Lüge für die Lippen. Und dennoch koſtete ich bisweilen; wenn aber mein Traum dieſen Genuß darreichte, ſo war das darauf folgende Gieren nach mehr, mehr, mehr, ganz unerträglich. Als die Nacht ſich in den Morgen auflöſete, fühlte ich mich kalt, frö⸗ ſtelnd, fieberhaft. Meine Leidensgefährten ſchienen ſich keiner beſſeren Ruhe zu erfreuen. Springer jagte, packte und verſchlang offenbar allmählich ſeine Beute. Der Schlaf des Negers war feſt, tief und todähnlich. In⸗ gurtha war der Glücklichere von uns Dreien. Der Morgen kam, und mit ihm ſtellten ſich die gluthverſendende Sonne, die erſtickende Hitze und der . 6* Die Büßung, oder allverzehrende Durſt ein. Unſere gedörrten und über⸗ angeſtrengten Augäpfel ſpäheten am unbegrenzten Heri⸗ zont umher; jedoch kein freundliches Segel, kein Hoff⸗ nung gebendes Fleckchen, keine Hülfe zeigte ſich. Blau und überwältigend hell war Alles um uns her— über uns quoll der unerträglich brennende Tag. In Ju⸗ gurtha's Zügen malte furchtbar ſich der Hunger; der Hund war unruhig und fieberhaft, und mich machten Hunger und Durſt und tauſend bittere Täuſchungen beinahe raſend. Ich fürchtete in völligen Irrſinn zu verfallen. Ich bildete mir ein, ich ſaͤhe Land— kühle Lauben— ſpielende Springbrunnen— und dann, als ſtreifte ein ungeheurer Dreidecker an uns hin; ſobald ich aber im Begriff war, das beſchwingte Ungeheuer anzurufen, und es zu bitten, uns nicht niederzuſegeln, war das geſpen⸗ ſtiſche Schiff wieder verſchwunden. Der Wahn jedoch, der mir am öfterſten wiederkehrte, war der, daß ich Flaſchen an uns vorbeiſchwimmen ſah, in denen ſich ſonder Zweifel angenehmes kühlendes Geträuk befand, von denen ich jedoch keine einzige erreichen konnte. Tags vorher war ich niedergeſchlagen und ſchweigſam geweſen; an dieſem Tage fühlte ich jedoch einen unwi⸗ derſtehlichen Drang zum Sprechen; blickte ich jedoch auf Iugurtha, deſſen Geſicht ſo finſter, ſo gierhungrig ausſah, ſo widerſtand ich für eine lange Weile jener Verſuchung. —— Ardent Troughton. 85 Elftes Kapitel. Es mag zwei Stunden nach Mittag geweſen ſein, als der Neger ſich plötzlich auf ſeine Füße ſtellte, wie wenn er die Qual des Hungers nicht länger ertragen konnte, und die deutlichſten Zeichen machte, daß er ſchlachten und eſſen wollte. Durſt war in jenem Augenblick mein vorherrſchendes Leiden. Ich glaubte nicht, daß des Hundes Blut ihn würde löſchen können, und mein Wi⸗ derwille gegen das Vergießen des Lebensſtromes, war es auch nur der eines unvernünftigen Thieres, regte ſich ſo mächtig denn je zuvor. „Jugurtha, laß uns nicht tödten,“ ſagte ich zu dem Neger.»Nichts Gutes geht daraus hervor. Kapitän Tomkins tödtete den Steward, und dann tödtete Ga⸗ vel den Kapitän. Hierauf ward Gott zornig und zer⸗ ſtörte die Brigg mit Allem, was in ihr war, bis auf Dich und mich und dieſen armen Hund. Verſtehſt Du mich? Dieſe Nacht wollen wir ſchlafen. Iſt morgen früh Gott nicht zu uns kommen, ſo wollen wir Springer ſchlachten und eſſen— nicht wahr?« Der Schwarze nickte bejahend, und ich fand, daß ich beſſer von ihm verſtanden ward, wenn ich in kurzen Sätzen zu ihm redete. Indem ich Jugurtha vom Todt⸗ ſchlage an dem Hunde zurückhielt, fühlte ich, daß ich Unrecht that, und nicht jenem unwandelbaren und von Gott gegebenen Geſetze der Selbſterhaltung folgte, das der Höchſte als eine Schranke gegen den Selbſtmord in unſere Bruſt gelegt hat. Indeſſen beſchloß ich, dem 86 Die Büßung, oder 1 Neger nicht länger als bis zum nächſten Morgen hin⸗ derlich zu werden, und ſelbſt, wie ekelhaft es mir auch ſein möchte, von der empörenden Speiſe zu genießen. Es ſchien, als hätte der Neger ſich dahin beſtimmt, mir bbis zum Tode zu gehorchen, ſo daß mein Herz ſich um ſo mehr zu ihm neigte. Bitterlich beklagte ich es, daß er nicht mit mir reden konnte. Dennoch ſprach ich fort⸗ während mit ihm, denn ich war wie von einer Rede⸗ ſucht ergriffen, und glaubte auch, es würden meine Worte in gewiſſem Maße unſere trüben Gedanken an⸗ ders lenken. So entſtand folgendes Wort⸗ und Zeichen⸗ geſpräch: »Jugurtha iſt ein guter Menſch.“ Der Neger ſchüttelte trauervoll verneinend den Kopf. »Jugurtha mag nicht gern Blut vergießen.⸗ Ein wiederholtes unzweidentiges Zeichen des Ver⸗ neinens erfolgte. »Aber Ingurtha guter Menſch— liebt ſeinen wei⸗ ßen Bruder— und wird um dieſer Liebe willen thun, was ſein weißer Bruder ihm ſagt.“— Er küßte liebreich und ehrerbietig meine Hand. Ich war ſehr gerührt. »Warum liebt mein Bruder mich, ſeinen weißen Freund ſo ſehr?« 3 Jugurtha ſtand auf, und gab mir durch die beredteſte⸗ Pantomime, die ich jemals erblickt hatte, dentlicher zu verſtehen, als jemals Worte es gekonnt hätten, daß er mich wegen meiner Freundlichkeit gegen ihn und gegen ſeine Schiffsgenoſſen liebte, und daß unter allen Men⸗ ſchen ich allein ihn niemals geringſchätzend behandelt, noch weniger aber ihm Leides gethan hätte. Ich er⸗ — — — —— Ardent Troughton. 87 kannte jetzt, daß eine Unterhaltung mit dem Stummen nicht ſchwierig war. „Wie kam's, daß Jugurtha ſeine Zunge einbüßte?« fragte ich.* 4 Er legte ſich auf den Grund des Bootes, zeigten wie ihm Ketten oder Bande über Arme und Beine ge⸗ ſchnürt wurden, nahm dann ſein Meſſer heraus, und bezeichnete damit das gewaltſame Ausſchneiden des Sprachwerkzeuges.. »Im Namen des Erbarmers!“ rief ich—»wer that das?« Seine Pantomime vermochte nicht einen Namen zu buchſtabiren; ich ſuchte dieſen Fragepunkt aus ihm herauszubringen. „Schwarzer Menſch in Jugurtha's Land?« Ein verneinendes, unwilliges Kopfſchütteln war die Antwort. „Buckra⸗Menſch?„ Gildes und rachſüchtiges Bejahen. „Wer aber— wer durfte dieß in einem geſitteten Lande thun?« 3 Der arme Jugurtha konnte dieß nicht erklären. Wir ſchwiegen hierauf ein Weilchen, bis mir wie ein Lichtſtrahl in der Finſterniß eines Kerkers plötzlich der Gedanke kam, daß Jugurtha, mein erwählter Bruder, der mit mir an der Schwelle des Todes ſtand, kein Chriſt ſein möchte. War dem ſo, welche Pflicht hatte ich alsdann zu erfüllen— und in welchem kurzen Zeit⸗ raume hatte ich ſie zu erfüllen! Ich befragte den Neger. Er wußte nichts von Gott und Erlöſung; er hatte niemals gebetet. Von einem Jenſeits hatte er keinen Begriff, wie ich ſolches minde⸗ ſtens aus ſeinen Bewegungen ſolgern mußte; denn als Die Büßung, oder ich ihn fragte, wohin er nach ſeinem Tode gelangen würde, breitete er plötzlich ſeine Arme aus, als wollte er das Zerberſten einer Waſſerblaſe andeuten, blies da⸗ bei mit Heftigkeit ſeinen Odem von ſich, und fuhr ſich ungeduldig mit der Hand über das Geſicht. »Ingurtha,« ſprach ich,»das große Weſen, welches die Sonne, und Dich, meinen Freund, und mich, und alle Dinge machte, erſchuf ſie aus Liebe und zur Liebe, um hier auf Erden unter Prüfungen glücklich zu ſein, und um nach dem Tode ohne Prüfungen immer, immer, immer fort glücklich zu ſein. Hörſt Du wohl, Jugur⸗ tha? Das große Weſen machte uns Alle, aber nicht mit ſeiner Hand, ſondern durch ſeinen ewigen Willen; aber er machte den erſten Mann und die erſte Frau mit ſeiner eigenen Hand— unſeren erſten Vater und unſere erſte Mutter. So ſind wir Alle Brüder und Schweſtern miteinander. Jugurtha— gleichviel von welcher Farbe— die kommt von heißer Sonne in ei⸗ nem Lande und von kaltem Wetter in anderem Lande.« Jugurtha ſchien mich recht wohl zu verſtehen, ich fuhr daher fort: »Aber Dein erſter Vater und Deine erſte Mutter, die auch meine erſten Aeltern waren, und die Gott, wie ich Dir ſagte, mit eigenen Händen geſchaffen hatte, thaten ſehr bös— thaten, was Gott befohlen hatte nicht zu thun, und ſprachen Lügen, und ſo kam Sünde über ſie, und über ihr ganzes Geſchlecht, und über Dich und mich, und der Tod kam auch, der nicht war, ehe die Sünde kam; und deßwegen nun müſſen wir Alle ſterben.⸗ Bei dieſer Kundmachung ſchien der Neger höchſt elend zu ſein; dieß Gefühl ſcheuchte ich ihm jedoch bald, denn ich fuhr auf dieſe vertrauliche Weiſe fort, ihm Ardent Troughton. 8 89 nicht die Myſterien, ſondern die Thatſachen der Aufer⸗ ſtehung des Menſchen und das untilgbare, liebevolle Op⸗ fer des Erlöſungswerkes zu erklären. Ich öffnete ſeine Seele dem Gnadenquell, begeiſterte ihn zu dem Gefühle der Unſterblichkeit, und er weinte echte Thränen der Freude. Dieß ward freilich nicht in einem Augenblicke bewirkt. Ich mußte oft Geſagtes wiederholen, aber ich that's unermüdet. Ich vergaß meinen Hunger und mei⸗ nen Durſt und mein troſtloſes Alleinſein auf den wü⸗ ſten Waſſern— war meines Bruders Leib auch ver⸗ loren, ſo ſtrebte ich doch, ſeine Seele zu erretten— ſo ward mir die Gewalt der Zunge— ich war wirk⸗ lich begeiſtert! und als eben die Sonne unterging— verzeihe mir's Gott, wenn ich Unrechtes that— taufte ich den Neger mit dem ſalzigen und bitteren Waſſer, das meinem Dafürhalten nach ſich als unſer Grab er⸗ weiſen würde. Nach dieſer nur in der Form, nicht aber im Geiſte, unvollkommenen Ceremonie, betete ich mit Iugurtha während der kurzen Zeit des Zwielichtes, und wir leg⸗ ten uns dann ſehr getröſtet und, ſo Gott es wollte, zum Sterben bereit nieder. Deutlich nahm ich wahr, wie des Negers Lebens⸗ kräfte ſchwanden. Er war älter als ich, und hatte vor dem Untergange der Brigg mühſam gearbeitet. Ich ſelbſt rang unter mühſamer Aufregung; ich hatte zu viel geſprochen— mein Geiſt ward irre. Jugurtha war mir nicht mehr der ſchiffbrüchige, ſterbende Neger— er be⸗ dünkte mich der herriſche Numidier, der ſo lange gegen das allesbezwingende Rom gekämpft hatte; nur daß ich nicht begreifen konnte, wie der mächtige Krieger mir ſo ruhig und ſo erſchöpft zu Füßen lag. »Auf, Sohn Manaſtabal's!« rief ich wild,»die römi⸗ 90 Die Büßung, oder ſchen Legionen ſind hinter Dir her. Warum ſchlaͤfſt Dnu hier? Marius mit ſeinen Cohorten und ſeinen Adlern zieht gegen Dich. Greif' an mit Deiner mauriſchen Reiterei— ruf' Deinen Genoſſen, den König Bocchus zu Hülfe— jedoch, ich bedachte nicht, daß Du ſtumm biſt. Ein herrlicher König, fürwahr! Was willſt Du vor dem römiſchen Senate Dich gegen den beleidigten und ſchwer verletzten Adherbal vertheidigen? Du willſt ihn umbringen? Recht wohl— aber hab' ich Dich nicht ſo eben auf den Namen der dreieinigen Gottheit getauft? und haben wir nicht gelübdet, kein Blut mehr zu ver⸗ gießen? Jugurtha, mich dünkt, daß Du bei alldem ein kläglicher König biſt. Wie? todt? Ja, ja, ich wußte, daß ſechs Tage nöthig wären, um Dich zu Tode zu hungern, und, ich danke Gott, ich habe noch nicht mei⸗ nen dritten Tag des Verhungers geſehen. In ſolchem Irrſinn ſchwebte meine Seele. Beſinnen noch kann ich mich darauf, wie mir, in⸗ mitten der mich erfaſſenden Raſerei, der Gedanke kam, daß, wenn ich länger anſtände, den armen Hund zu ver⸗ zehren, ich einen indirekten Selbſtmord begehen würde, und wie ich nach dem Meſſer des hingeſtreckten Ne⸗ gers herumfühlte, als ich in gänzliche Bewußtloſigkeit verſank. Folgenden Morgens, als die Sonne zwei Stunden hoch ſein mochte, erwachte ich, oder erholte mich, wie ich wohl eigentlich ſagen ſollte, von meiner langen Ohumacht. Ich war irrſinnig, doch war ich es in himm⸗ liſcher, ſegensreichen Geiſteserkrankung. Die Erinne⸗ rung daran wird nimmer von mir weichen— ſie ward mir von der glühenden Sonne unauslöſchlich in mein dürrgewordenes Hirn gebrannt. Dieſe Erinnerung wird mir lebenslänglich bleiben müſſen, und wird nach dem Ardent Troughton. 91 Tode meines Leibes vielleicht ſich als etwas mehr, denn als bloße Wahnſinnsviſton ausweiſen. Ich richtete mich aus meiner hingeſtreckten Stellung auf, fühlte mich ſteif und ſchwach, aber beſeligend ruhig im Gemüthe. Ich blickte umher— es war windſtill. Selbſt der langgeſtreckte und abgemeſſene Wogenſchwall von geſtern zeigte ſich nicht mehr. Zu meinen Füßen lagen der Neger und der Hund. In Beiden ſchlugen die Pulſe noch, doch waren Beide unempfindlich. Meine Verſuche, den Schwarzen aufzurichten, brachten nur eine lethargiſche Bewegung der Ungeduld hervor, und ich ließ bald davon ab, ihn zu ſtören. Hunger, Durſt, Angſt, Schrecken, Todesfurcht— jegliches Gefühl, au⸗ ßer dem einer köſtlichen Schwäche, war von mir ge⸗ wichen. Mich dünkte, wein Weſen wäre zurückgewan⸗ dert zu ſeiner früheſten unſündigen Kindheit. Aufrecht zu ſtehen ſtrengte mich zu ſehr an, ich lehne« mich alſo an eine der Bänke im Boot. Ein ſtiller Segensſtrom überfluthete ſo lind mein Bewußtſein des Daſeins, daß mein Dankgefühl dadurch lebhaft angeregt ward, und ohne daß ich es wußte, brach ich in Lobgeſang aus. »Ehre ſei Dir, Du Allewiger— hier bin ich!« rief ich wie in Entzücken:»Rufſt Du Deinem Knechte? Siehe da, ich bin bereit! auf dem Strahlennebel Deiner Sonne will ich emporſchweben und den Schemel Deines Thro⸗ nes küſſen. Allgütiger, ich preiſe Dich! Meine Zunge iſt ſchwach, und auf meinen Lippen ſind keine Wortke, die Deiner würdig wären. Wer ertieft das Maß Dei⸗ ner Liebe, Du unendlich Gnadenreicher? Der leuchtende Schooß Deines Meeres iſt glorreich im Abſpiegeln Dei⸗ nes Himmels— aber was iſt er? oder die Welten, die ewiglich in Deinem Firmamente rollen— was ſind ſie? Nichts als ein Sandkorn am Meeresufer, nichts als Die Büßung, oder ein Tropfen im weiten Ocean, verglichen mit dem um⸗ faſſenden Gedanken an Dich ſelbſt, in mir, dem Wurme! Unnennbarer! Geheimnißvoller! Dich kann Niemand be⸗ greifen— ſelbſt die, welche Deinen Thron umſtehen, ſind in Ehrfurcht verloren; wir wiſſen nur, daß Du ein ewiges, unerforſchliches, unbegrenztes Urweſen der Liebe biſt. Nimm mich zu Dir, umhülle mich mit dem Schat⸗ ten Deiner allſchützenden Schwingen; lehre mich meinen Lobgeſang, daß ich ihn erſchallen laſſen und daß mein Herz fröhlich ſein möge!«. In dergleichen Rhapſodien redete ich, und mein Bu⸗ ſen ſchwellte ſich von unausſprechlichen Beſtrebungen, die allzuglühend waren, als daß ſie hätten in Worte ge⸗ faßt werden können. Stunde nach Stunde verrann, und als die Strahlen der Sonne ſchräg vom Himmel herabglitten, dünkte mich, daß Nebelgeiſter von oben her auf ihnen, wie auf einer Aetherbahn herabwallten und auf dem Waſſer wandelten und ſich um das Boot verſammelten, in welchem ich, wie in einem Sterbe⸗ bette lag. Ich weiß, daß das Alles eitel Täuſchung war; allein wie erkennbar, wie lichtglänzend erſchienen jene Weſen! Aufänglich unterſchied ich ſie nur ſchwach; ich fuhr mit den Händen über meine Augen, ich be⸗ mühte mich, aus ihnen jene himmliſchen Abſpiegelungen wegzuwiſchen, als wären ſie Geſpenſter, nichtige Ge⸗ ſchöpfe einer zerrütteten Organiſation geweſen; allein ſie wollten nicht weichen, ſie drängten ſich um mich hex und lächelten mich an. Etliche von dieſen ſchönen Schat⸗ ten fächelten mit ihren ambroſiſchen Schwingen mir Küh⸗ lung zu, während ſie duftigen Regen auf mich fallen ließen. Von Augenblick zu Augenblick wurden ſie er⸗ kennbarer und wirklicher, und dann glitt eine Sympho⸗ nie vieler vermiſchter Stimmen leiſe über die Oberfläche Ardent Troughton. 93 des Waſſers, und obwohl die Worte in einer nie zuvor von mir gehörten Sprache erklangen, verſtand ich ſie dennoch vom Geiſte aus ſogleich, und der Chor ſchien zu mir zu ſagen: Bruder Geiſt, komm hinauf in Deine Wohnung droben!“ Und wiederum bedünkte mich das Boot in einen Wolkenwagen verwandelt, und weit hinweg auf den Wogen ſtand die Geſtalt Jugurtha's, der wie ein Rieſe erſchien, welcher einen entlegenen Hügel erſtieg. All⸗ mälig ſchien der Raum zwiſchen dem blauen Waſſer und dem blauen Himmel ſich zu verringern, doch wußte ich nicht, ob jenes emporſtieg, oder dieſer ſich herniederſenkte. Endlich verſchwammen beide in einander und wurden wie Eins, und dann entwickelten ſich langſam goldene Nebel in der Mitte, wie elfenbeinerne Pforten eines glorreichen Tempels, und mit plötzlichem Hervorbrechen berührte das durchſichtigſte Licht zuckend meine Stirn, und drang mir in das Herz, welches ſofort erkannte, daß das Licht das Weſen des Ewigen war, während von den vier Enden des Weltalls her rollende Donner von Harmonien gegen einander hallten, und meinem wir⸗ beluden Gehirn die Worte:»Bete an!« verdeutlichten. Ich aber, betäubt durch dieſes Licht und dieſe Melodie, ſank beſinnungslos auf der Stelle nieder, auf welcher ich ſtand. Wäre meine Seele in jenem Augenblicke wirklich von mir geſchieden, welches glorreiches Hinüberſchlummern. würde das geweſen ſein! Wir müſſen jedoch zu den ſtrengen, den peinlichen Wirklichkeiten des Erdenlebens zurückkehren! — Die Büßung, oder Zwoͤlftes Kapitel. Als ich abermals äußere Gegenſtände wahrnehmen konnte, geſchah es mit einer ſchwachen, kindiſchen, je⸗ doch zu gleicher Zeit wahrhaft troſtloſen Auffaſſung. Schwankende und unklare Vorſtellungen von Schiffs⸗ maſten, von Theerausdünſtung und von ſeltſamen und unfreundlich ausſchauenden Geſichtern ſchwebten mir dun⸗ kel, und wie durch eine Art von erſtickendem Zwielicht geſehen, als die erſten Dinge vor, auf welche ich meine Gedanken richtete. Dann begann die Erinnerungskraft langſam den ſchwarzen Schleier zwiſchen mir und der Vergangenheit wegzuziehen, ſo daß ich zuerſt mit Leb⸗ haftigkeit deſſen gedachte, was ich für mein triumphiren⸗ des Sterben gehalten hatte, und dann weiter zurück⸗ blickte auf alle die trübſeligen Ereigniſſe in dem geſchei⸗ terten Schiffe, und meine ertrunkenen Gefährten ſchrit⸗ ten in trauriger Reihefolge vor meinem geiſtigen Au⸗ ſchauen vorüber. Ich fing jetzt an mich zu überzeugen, daß ich mich im Raume eines großen Schiffes befand, und auf einer ſchmutzigen zerlumpten Wolldecke lag, die auf Taugewin⸗ den ausgebreitet worden war. Ich betrachtete mich ſelbſt, und mir ekelte vor den elenden Lumpen, wo⸗ mit ich mich bedeckt erblickte. Mich ſchauderte, als ich meine gebräunten und abgemagerten Hände, und die verſchrumpften Sehnen meiner welkgewordenen Arme anſah. Ich erkannte mich und war elend. Ich fühlte entſetzlichen Hunger, und doch dabei einen unwiderſteh⸗ ichen Trieb zum Schlafen, dem ich mich auch hingab, — — Ardent Troughton. 95 ſo daß ich mich nochmals in Selbſtvergeſſen verſenkte. Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich ſehr erquickt, und was bedeutend zu meinem Wohlſein beitrug, war, daß mir zu beiden Seiten Jugurtha und der getreue Springer lagen. Ich umarmte Beide. Nach kurzer Weile zeigten ſich etliche Männer mit La⸗ ternen, und nach ihnen ſtieg eine Geſellſchaft von Herren und Damen in unſern Kerker herab, und verſammelten ſich mit Blicken ſowohl der Neugier als des Mitleidens um unſere Lagerſtatt. Der Arzt— denn wer erkennt dieſen nicht inſtinktmäßig?— Der Arzt näherte ſich mir, fühlte meinen Puls und nach dem Klopfen meines Her⸗ zens, wendete ſich zu der Geſellſchaft und ſagte im rein⸗ ſten Caſtilianiſch:* „Bei alldem mag dieſes ſcheußlichen und ekelhaften Gerippes Leben noch gefriſtet werden können.« „Welche Lehre für die Eitelkeit Ardent Tronghtons, der noch vor wenigen Wochen ſich für ſo hübſch hielt! „»Laßt mich ihn betrachten! Nicht doch— haltet mich nicht zuruͤck. Häßlichkeit kann mir nichts anhaben. Leucht' ihm in's Geſicht, Freund— er flößt mir Theil⸗ nahme ein. Ihr Alle wißt, Ihr grauſamen Männer, daß Ihr ſie ohne meine Grille für todt würdet haben lie⸗ gen laſſen.— Höher die Laterne!— Jeſus! welch ein Schauerblick!— dennoch hat er ungeheuer große, aber ſchöne Augen, ſo wahr ich katholich bin! Kann er reden, oder iſt er ſtumm wie die beiden Anderen es ſind?« All dieß ward von einer ſtrahlendſchönen ſpaniſchen Dame geſprochen; und als ich in die ſüßen Harmonien ihres Angeſichts blickte, ſog ich, wie aus einem Lebens⸗ auell, Geſundheit und Stärke ein. „Sennora,“ ſagte ich in ſpaniſcher Sprache,» der verunglückte Kaufmann dankt Ihnen. O, gewähren Die Büßung, oder Sie mir nur die Luft und das Licht des Himmels, und das Leben, das Sie mir erhielten, ſoll Ihnen gewidmet ſein.« »Da ſehen Sie's!« ſagte die Dame mit einem trium⸗ phirenden, wonnigen Lächeln.»Indem ich ein geknick⸗ tes, ſaftlos Rohr aus dem Ocean fiſchte, gewann ich mir einen Anbeter! Wer von Ihnen Allen, Sennores, obſchon Sie ſich rühmen, Spanier zu ſein, hat jemals ſo galant zu mir geſprochen? Jedenfalls, Kapitän Man⸗ tez, laſſen Sie ihn bequemer unterbringen.« »Hat er irgend einen bürgerlichen oder militäriſchen Rang?« fragte der Kapitän des Schiffs, indem er den Kopf aufwarf, und ſo ſich derb den Schädel an einem der niedrigen Raumbalken ſtieß. Ich antwortete kurzweg verneinend, und der ſtolze Spanier wendete ſich raſch um und verſchwand. Meine ſchöne Fürſprecherin wendete ſich hierauf zu einem plump ausſehenden Manne:»Sie, der Sie der zweite im Kommando ſind,« ſagte ſie, haben gewiß eine Kajüte, der es nicht an Raum für dieſen armen Men⸗ ſchen gebricht, und eine anſtändige Kleidung werden Sie ihm ebenfalls abgeben können.“ Aber dem Oberſteuermann ſchien dieſe Zumuthung nicht ſonderlich zu behagen. Dennoch heulte er mir, ſo ar⸗ tig er es konnte, die Worte entgegen: »Sind ſie ein Seemann, Sennor?« Ich kopfſchüttelte. 4 »So begreifen Sie, Donna Iſidora, daß meine Kleider ihm nicht paſſen können, und meine Kajüte wird juſt ausgemalt. Er kann hier recht gut liegen, bis wir vor Anker gehen.“ Damit entfernte er ſich, und ging an ſeine Geſchäfte, und ließ, gleich dem Leviten, der an der andern Seite vorüberging, eine der wichtigſten Pflichten unerfüllt. Ardent Troughton. 97 Donna Iſidora lächelte bei dieſen abſchläglichen Ant⸗ worten etwas bitter, und ſchien jetzt aus boshafter Ne⸗ ckerei entſchloſſen, zu verſuchen, wie weit man dieſe Un⸗ gaſtlichkeit wohl treiben möchte. In dieſer Abſicht wendete ſie ſich zu einem ſehr weibiſch ausſehenden und überaus ſorgfältig gekleideten Manne, der in ſeinen Taſchen zwei Uhren, mit Ketten und Anhängſeln prun⸗ kend, ſtecken hatte, und ſagte:»Wohlan, Conde, zu Eh⸗ ren der uralten iberiſchen Gaſtlichkeit werden Sie ihn in Ihre Hinterkajüte nehmen, die Sie ſo herrlich her⸗ ausſtaffirt haben, und worauf Sie ſo ſtolz ſind.« „Iſt er von Adel? iſt er ein Hidalgo? hat er nie⸗ mals auf einem Eſel geritten?« „Mich dünkt, er ſagte, er wär' ein Kaufmann ⸗— allein ehe die Dame noch ihre mitleidsvolle Rede enden konnte, war der Mann mit dem uralten Adelsſchilde ſchon die Treppe der Hinterluke hinan. Die drei Frauenzimmer, welche mit Donna Iſidora gekommen waren, fingen an zu kichern, und zeigten ſich höchlich beluſtigt. Meine Vertheidigerin blickte mit einer liebenswürdigen Betroffenheit umher, in welcher, wie zu glauben ich nicht unterlaſſen konnte, ein Anſehnliches von Bosheit enthalten war, als ſie plötzlich ausrief: „Gelobt ſei die heilige Jungfrau! hier kommt der Pater. Vorſichtiger, frommer Vater, denn dieſer Ort iſt einer der finſterſten— geben Sie Acht, wohin Sie treten. Benedicite! Jetzt ſind Sie ſicher, und brauchen daher meine Hand nicht länger zu halten und zu druͤcken. Zu rechter Zeit ſind Sie gelommen, Ehrwürdiger. Der Halbtodte, den ich aus dem Ocean fiſchte, weiſet ſich als ein Spanier aus— nicht wahr, Sennor, Sie ſind ſpaniſcher Abkunft? Sie ſehen, Pater, er bejahete. Er Ardent Troughton. I. 7 98 Die Büßung, oder iſt ein ſpaniſcher Kaufmann, der mir bereits ſein Leben geweihet hat.« Der Geiſtliche ſchnob einen Seufzer heraus, der von den Umherſtehenden als Folge der Vollblütigkeit ſowohl, als des Verliebtſeins genommen werden konnte; denn der Prieſter war ſehr feiſt, und für einen Cöliba⸗ ten leicht entzündbar. „»Um nun ſein Erbieten von einigem Werth für mich zu machen,« fuhr die Dame fort,»müſſen Sie helfen, ihm das Leben dadurch zu verlängern, daß Sie ihm ei⸗ nen Theil von ihrer trefflichen Kajüte einräumen und ihm einige anſtändige Kleider verſchaffen.« „Ei nun, reizende Tochter, wenn Sie zu Zeiten in meine beſcheidene Zelle eintreten und die Geneſung Ih⸗ res Schützlings beobachten wollen— denn Sie wiſſen, daß ich Werke brüderlicher Liebe und Barmherzigkeit gelobte— wenn Sie alſo eintreten wollen—⸗ „Verſteht ſich, verſteht ſich!« »Ich habe köſtliches Eingemachtes— die Nonnen von Santa Marguerita verſtehen ſich trefflich auf Ein⸗ gezuckertes— möge das Fegefeuer ſie nicht lange prü⸗ fen!— dann habe ich auch noch'noyeau de Marti- nique— und noch Eines giebt's außerdem, was den Lippen lieblicher ſein kann—« dabei leckte er ſehr be⸗ deutungsvoll die ſeinigen—»Ja, ſchöne Tochter,« fuhr er dann fort,»Mildthätigkeit— doch über dieſe habe ich bereits nach der Meſſe glorreiche Dinge geſprochen — Wir wollen den armen Zöllner in unſre Zelle neh⸗ men.— Mein Sohn,“« ſprach er durch die Naſe zu mir—»ſonder Zweifel biſt Du ein Kind der heili⸗ gen Mutterkirche, ein andächtiger Katholik?« »Nein, frommer Pater,« antwortete ich mit Nach⸗ Ardent Troughton. 99 druck, jedoch ehrerbietig.»„Der bin ich nicht. Ich ward als Proteſtant erzogen.« Dieß unbeſonnene Geſtändniß machte auf alle Um⸗ ſtehenden einen merklichen Eindruck, ſo daß ſogar die Damen, und mit ihnen die edelherzige Iſidora, einen Schritt von meiner elenden Lagerſtatt zurückwichen. Der Prieſter ſtellte ſich, als ergriffe ihn ein Schauder; er erhob ſeine Hände und begann etwas Lateiniſches zu murmeln, woraus ich die Worte:» de hereticos— damnati sunt— in saeculis saeculorum« deutlich heraushörte. Zu der Dame gewendet, fuhr dieſer Nach⸗ ahmer des Samariters alſo fort:»Du ſiehſt, meine Tochter, wie hier Unmögliches gethan werden ſoll. Der Elende, der Abſcheuliche, dieſer Inbegriff alles Entſetzens iſt für die Ewigkeit an Satanas gekettet. Es würde gottlos ſein, ihn nur anzurühren— würde gottlo⸗ ſes Vergehen am Himmel ſelbſt ſein, dieſem Ketzer bei⸗ zuſtehen.« »Sobald er nicht bereuet,« verſetzte meine zarte, Beſchützerin. „»Wenn er bereuet, wenn er ſich bekehrt! Bis dahin aber—« »Bis dahin muß er geſpeiſet, getränkt, bekleidet und ſorglich gepflegt werden, damit er lebe und das gute Werk der Buße und Bekehrung vornehme.« „Ich widerſpreche nicht, meine Tochter; übel jedoch würde es ſich für mich ſchicken, einen Ketzer und Ver⸗ ächter der Wahrheit gleichſam an meinen Buſen zu le⸗ gen. Nun aber, Sennora, iſt dieſer arme ſtumme Ne⸗ ger, der vielleicht nimmer einen Sterbenslaut von dem Namen des Erlöſers hörte, ein zehn Millionen Mal höher geſtelltes Weſen, als jenes lutheriſche Ungeheuer; *— 4 100 Die Büßung, oder denn dieſer Schwarze iſt kein Proteſtant, und wohl alſo mag ich ihm Beiſtand leiſten. „Um Vergebung, ehrwürdiger Herr,« fiel ich ein, »er iſt ebenfalls Proteſtant, denn ich ſelbſt taufte ihn nach dem Ritus der reformirten Kirche, inſofern ich mich noch deſſen erinnern konnte, als ich ihn in dem Boote, in welchem ihr uns fandet, dem Tode nahe glaubte.« Bei dieſer dreiſten Enthüllung entlief der Mönch ſo ſchnell, als ſeine Fettmaſſe es ihm geſtattete, und rief dabei mit einem Abſcheu, der, wie ich glaube, un⸗ erheuchelt war:»Läſterung, Läſterung! Sünde wider den heiligen Geiſt!“ 3 Von allen dieſen ſonderbaren Vorgängen war einer unter den Anweſenden ein eifriger Beobachter. Dieſer Eine war der Schiffsarzt, ein bleichgelber Mann mit buſchigen Brauen, der ſeine Gedanken in Feſſeln zu halten ſchien, und mit Verachtung bald auf mich, bald auf den Pfaffen blickte. Während jedoch der Geiſtliche Mildthätigkeit predigte, flößte der ſchweigſame Arzt „mir ſtärkenden Sago ein. Als er mit dieſer Vorbereitung zu meinem Wie⸗ dergeneſen zu Ende war, dankte ich dem Wundarzte herzlich, und fügte hinzu:»Mitleidiger Sennor, obwohl Sie bis jetzt noch nicht zu mir redeten, Ihre Blicke mich anch nicht aufmunterten, ſind Sie doch der Ein⸗ zige, von dem ich eine weſentliche Wohlthat empfing. Alles, was ich von der Gaſtlichkeit dieſes Schiffes er⸗ bitte, iſt einfache Nahrung, friſche Luft und ein Lager von Segeltuch auf dem Halbdeck. Erreiche ich meine Behauſung in Barcelona, ſo ſoll dieſe geringe Bei⸗ ſtandsleiſtung reichlich vergolten werden.« „»Gott verhüte,« ſagte Donna Iſidora,»daß Sie ſo niedrig von uns denken. Sprechen Sie, Julian,⸗ „— — Ardent Troughton. 101 fuhr ſie zu einem ſehr jungen und hübſchen Manne fort, auf deſſen Arm ſie ſich ſtützte—»ſprechen Sie zu Ih⸗ rem unglücklichen chriſtlichen Landsmann, und entlehnen Sie dazu die Worte von Ihrem Edelſinn und Ihrem caſtiliſchen Ehrgefühle.« Der Jüngling vergalt dieſe vertrsnensvolle Anrede durch einen liebeberedten Blick, und ſagte dann in einem leiſe zitternden Tone zu mir, der von der Rührung ſeines Herzens zeugte:»Fremdling und Freund— ich heiße Sie willkommen am Bord meines Schiffes— meine Kleider— Alles, was mein iſt, ſteht Ihnen zu Dienſten. Sagen Sie mir nicht eher, wer Sie ſind, als bis Sie geſund und in Frieden von mir ſcheiden. Bis dahin werde ich in Ihnen nur die Würde des Mißge⸗ ſchicks anerkennen.« » Und Ihre eigne!« verſetzte ich, indem ich haſtig ſeine dargebotene Hand ergriff.„Doch will, edler Spa⸗ nier, der Unglückliche, der ſo herabgekommen vor Ihnen liegt, ſich herausnehmen, Ihnen Bedingungen zu ſtellen; und nur, wenn dieſe angenommen werden, kann er Ihrer Großmuth ſich anheimgeben. Ich habe gelobt, nimmer von dieſen Genoſſen mich zu trennen,« fuhr ich fort, indem ich auf den Neger und den Hund zeigte,»denn wiſſen Sie, erlauchter Sennor, wir litten Tage lang wüthenden Hunger mit einander auf wüſter See, und haben einander nicht gegeſſen. ⸗ » Hören Sie's, Iſidora,« ſagte Julian— vſie ha⸗ ben einander nicht gegeſſen. Der Grund klingt gut.« „ Ei freilich,« verſetzte die Dame lächelnd—»ein unwiderlegbarer Grund.« »Wir werden etwas beſchränkt ſein— ja, ja, Sen⸗ nor,« fuhr Julian fort,„da Sie jedoch einander nicht nicht aufaßen, ſo müſſen wir wohl Raum machen.— Die Büßung, oder O, Iſidora,« ſprach er, als er mit der Dame wegging —»lächeln Sie nicht über den Beweggrund des ar⸗ men Kaufmanns! Es war Etwas— es war Viel, daß in ſo fürchterlicher Lage der weiße Menſch des ſchwar⸗ zen ſchonte; daß Beide aber des Hundes ſchonten, bei'm allſehenden Himmel, das war großartig! Dieſer Kauf⸗ mann ſoll mir Freund werden.« Lieblich tönten dieſe Worte in mein Ohr— ſanft erklangen ſie meiner gebeugten Seele. Ich war mehr als entſchädigt— ich war belohnt für all mein ver⸗ gangenes Leiden... Nach kurzer Zeitfriſt wurden wir in die geräumige und luftige Kajüte Julian's geſchafft; allen unſern Be⸗ dürfniſſen half man ab, und unterließ nichts von Allem, was unter den obwaltenden Umſtänden zu unſerer Wohl⸗ fahrt gereichen konnte. Wirklich ward uns das ganze Gemach eingeräumt, denn der Eigner deſſelben ſchlief anderswo. Er beſuchte mich fleißig, und auch die huld⸗ volle Donna Iſidora ſprach bisweilen bei uns ein. Cins jedoch machte mich ein wenig betroffen; nämlich, daß bei jedem ihrer Beſuche ſie mich mit geſteigertem Er⸗ ſtaunen betrachtete; jedoch miſchte dieß Erſtaunen ſich mit Kennzeichen echten Vergnügens und Triumphes. Nachdem ich vierzehn Tage lang die Kajüte bewohnt, und ſammt meinem Gefolge ungeheuer gegeſſen hatte, machten Julian und Iſidora mir die ſchmeichelhafte Mittheilung, daß ich und meine Gefährten faſt gänzlich von Allen auf dem Schiffe vergeſſen worden wären. Dann baten Beide mich, mir mindeſtens bei Tage das Vergnügen zu verſagen, auf Deck zu gehen. Der Haupt⸗ grund, der ſie zu dieſer Bitte bewog, war, daß ich der Feindſchaft des Geiſtlichen ausweichen möchte. Wohlthätern, wie dieſe waren, konnte ich nichts ——-— Ardent Troughton. 103 verſagen, und ward demnach ein freiwilliger Gefangener in meiner Kajüte. Ich erfuhr, daß das Schiff, auf welchem ich mich befand, ehemals ein ſpaniſcher Vier⸗ undſechsziger geweſen, jetzt aber als Fluetſchiff ausge⸗ rüſtet war, und obwohl es eigentlich nicht mehr zum Flottendienſt gehörte, doch von einem Flottenkapitän der Krone Spaniens befehligt ward, während die übri⸗ gen Officiere, ſo wie die Mannſchaft in gleichem Range mit denen auf Kauffahrerſchiffen ſtanden. Das Schiff war von Lima ausgeſegelt, und hatte viele Paſſagiere und eine bedeutende Anzahl von Linientruppen am Bord. Dazu war es reich beladen, und ich vernahm, wie man am Bord in nicht geringem Maße beſorgte, mit einem franzöſiſchen oder engliſchen Kreuzer zuſammenzutreffen. Wirklich war damals jeder Spanier dem Schickſale un⸗ terworfen, im Bombaſt des Fähnrichs Piſtol, mit den Worten angefahren zu werden: 4 »Unter welchem König, Lump! Sprich oder ſtirb!« — denn während jener Kriſis regierte Joſeph Bona⸗ parte zu Madrid, und König Ferdinand, obwohl er ſich in Frankreich befand, beherrſchte gemeinſam mit den Engländern die meiſten der Provinzen Spaniens. Don Mantez, der Kapitän hatte deßhalb beſchloſſen, mit Allen Alles zu ſein, bis er den Hafen von Cadiz er⸗ reicht haben würde. Indeſſen bot ſich ihm nicht ſonder⸗ lich Gelegenheit, dieſe Diplomatie in Ausübung zu brin⸗ gen, da nur engliſche Krenzer auf See waren, und er dieſen nur ſich der Wahrheit gemäß zu nennen brauchte, um ſicher zu ſein. Aus ſeinen Unterredungen mit mir hatte Don Ju⸗ lian beiläufig entnommen, daß ich von England gekom⸗ men war; und als das Schiff dem erſten brittiſchen Kriegsfahrzeuge begegnete, war er artig genug mich zu 104 Die Büßung, oder fragen, ob ich demſelben Mittheilungen zu machen wünſchte. Da ich jedoch beabſichtigte, nach Spanien, und zumal ſo ſchnell als möglich nach Barcelona zu ge⸗ langen, lehnte ich ſein Anerbieten ab. Ob dieſes mein Verfahren einen günſtigen Eindruck auf ihn machte, konnte ich zur Zeit nicht entſcheiden. Dreizehntes Kapitel. Wir langken endlich auf der Höhe von Cadiz an, und als wir beilegten, kamen einige Böte mit Land⸗ und Seeofficieren ſeitlängs, ſo daß mehrere Stunden lang unſere Verdecke oben und unten mit Leuten in glänzenden Uniformen angefüllt waren; denn eine An⸗ kunft wie die unſrige war für die Spanier eine Sache von einiger Merkwürdigkeit und Wichtigkeit. Um dieſe nämliche Zeit ließ Kapitän Mantez ſich herab, daran zu denken, daß er mein elendes Selbſt und mein eben ſo elendes Gefolg an Bord genommen hatte. Er ſchickte demnach, wie ich ſpäterhin erfuhr, zu Julian, und redete, als dieſer vor ihn hintrat, ihn folgendermaßen an: „Don Juliano de Aranjuez, ich vernehme, daß Sie in Ihrer Kajüte jenen elenden, bettelhaften und ketze⸗ aiſchen Spanier herbergten, den wir mit ſeinem Neger und ſeinem Hunde aus der See fiſchten. Ich habe da⸗ gegen nichts zu ſagen. Auf der Ueberfahrt war die Kajüte Ihr Privateigenthum— wirklich haben Sie — —* Ardent Troughton. 105 honett dafür bezahlt. Jetzt jedoch iſt es meine Pflicht, jene ſchuftigen Ungläubigen an Land zu ſetzen. Ihrem Aeußern nach müſſen ſie zu den Gemeinſten der Ge⸗ meinen gehören. Laſſen Sie die Halunken ſich fort⸗ machen.“ 3 „Sennor, es befinden ſich keine Halunken an Bord. Freilich habe ich in meiner Kajüte ein paar Freunde, die ich unter Ihrer Erlaubniß gern mit nach Barce⸗ lona nehmen möchte.“ »Von Herzen gern, Don Juliano. Wollen Sie heute mit Ihren Freunden bei mir zu Mittag eſſen? Da wir erſt gegen ſieben Uhr Abends oſtwärts ſegeln, ſo wird Seine Excellenz der Gouverneur mit Gefolge mir die Ehre erzeigen, ein Gaſt an meiner geringen Tafel zu ſein. So machten Sie ſich alſo ſo ſchnell als Sie konnten von Ihren bettelhaften Koſtgängern los? Das war weiſe von Ihnen. Um drei Uhr ſehen wir einander wieder. Von ſeinem blühenden Mühmchen begleitet, trat Julian jetzt zu mir in die Kajüte. Beide Geſichter ſtrahlten von Frende und Vergnügen. Nach wenigen Erklärungsworten zwiſchen meiner Erretterin und mir, ſchob Julian die Dame ziemlich haſtig zur Thür hinaus, öffnete dann eine große eiſenbeſchlagene Kiſte, holte aus ihr eine prächtige Huſarenoberſten⸗Uniform hervor, und rief:»Hier, Freund! kleiden Sie ſich hurtig in dieſe meine Nichtigkeiten— benutzen Sie ſie alle. Ich be⸗ fehl' es. Und Du hier, mein luſtiges Schwarzgeſicht, fahr' in dieſe geſtickte Jacke— und nun in dieſe tür⸗ kiſche Beinkleider und rothen Stiefel. Da, dieſen Muslinturban ſtülpe ein wenig ſeitwärts auf Deinen Kopf— es geht, es geht! Daher, Sambo! betrachte Deine vielfältigen Schönheiten in dieſem Spiegel. Hei⸗ 106 Die Büßung, oder lige Mutter! er ſieht aus, als ob er für den Anzug geboren ward.“ 2 Als Jugurtha ſich in den Spiegel erblickte, ſprang er voll Entzücken und in dem engen Raume des Ge⸗ maches gar ſehr zu unſerer Störung umher, während die verſtümmelten Ueberreſte ſeiner Zunge einen ſchril⸗ len Zitterton hören ließen, der dem Krillen eines Be⸗ ckenpaares nicht unähnlich war. Ich hatte meinen Anzug vollendet, und Don Ju⸗ liano betrachtete mich von allen Seiten mit Stolz und Wohlbehagen.»San Ignatio!« rief er,»Sie ſind prächtig. Drei Wochen haben Wunder von Jahren be⸗ wirkt. Kaum darf ich Sie Iſidoren vorſtellen! Mein Leben verwett' ich, Sie ſind ein Edelmann, und wer⸗ den bald ein trefflicher Katholik ſein, denn Schade wär's, wenn ein Mann von ſo edlem, ſo ausgezeichne⸗ tem Weſen ein Ketzer bliebe. Jetzt, werther Herr, bitte ich Sie um die einzige vertraute Mittheilung, bis wir uns trennen— wie nennt man Ihre Herrlichkeit von England?« 8 »Nichts von Herrlichkeit, rechtſchaffener Don Ju⸗ liano. Ich bin wirklich ein ſchlichter Kaufmann und nenne mich Ardent Troughton.« »Ardent Trutt— Trott— Trotonn? Das iſt gefährlich für die Zähne, und ich bring's nimmer her⸗ aus. Solch ein Name iſt unmöglich in eines Jeden Munde— dieſer möchte denn ſächſiſch ſein. Erzeigen Sie mir die Gefälligkeit, den Namen noch einmal zu nennen.“ »Ardent Troughton.« »Ja, er iſt durch und durch barbariſch, obwohl er engliſch ſein ſoll; jedoch bei Ihrem Ausſehen, Ihrer Ardent Troughton.⸗ 107 Geſichtsfarbe, Ihrer Ausſprache des Spaniſchen, können Sie unmöglich ein Engländer ſein.⸗ „»Nein,“ verſetzte ich, wich bin ein Spanier von Geburt.«⸗ „Mich freut's, dieß zu hören; Ihren Namen müſſen wir aber ſpaniſcher machen. Was ſagen Sie zu Don Ardentizabello de Trompe Hilla? Werden Sie den Na⸗ men behalten können?— Don Ardentizabello de Trompe Hilla?«. „Ich will's verſuchen.⸗ „Und, merken Sie! Sie ſind mit Ihrem Stummen unlängſt zu Cadiz, von einer geheimen Botſchaft am perſiſchen Hofe angelangt, und wollen, ehe Sie zurück⸗ kehren, um Ihre Unterhandlungen abzuſchließen, Ihr Schloß unweit Barcelona's beſuchen.« »Und das Gepäck Seiner Excellenz des Geſandten?« fragte ich. „»Hab' ich in meine Kajüte unter Schloß genommen. Jetzt ſchlüpfen Sie hinaus und mengen Sie ſich unter das Gewühl von Narren, die in Uniform oder Ordens⸗ kleid in allen Winkeln der Zwiſchendecke umhertreiben, und ſorgen Sie dafür, mit dem größten Schwarm der⸗ ſelben, dem Sie ſich nur anſchließen können, auf das Hinterdeck zu kommen. Ich trete Ihnen dann entgegen und empfange Sie.«— „Jugurtha,« ſagte ich, als ich die Kajüte verließ, zu dem Neger,» bleib' in meiner Nähe, und ſo oft ich zu Dir rede, mache mir Deinen Salem, wie es in Deinem Vaterlande üblich iſt.“ Der Schwarze grinſete bejahend, indem er den Mund von einem Ohre zum andern zog. Im unvollkommenen Lichte der Zwiſchendecke hatte ich mich bald, von Jugurtha begleitet, unbemerkt unter 108 das Gedraͤnge neugieriger Beſuchenden gemiſcht, und ſtieg unter dem harmoniſchen Klirren meiner Waffen das Hinterdeck hinan. Kaum hatte ich auf demſelben feſten Fuß gefaßt, ſo trat Don Juliano mir entgegen, ergriff ehrerbietig meine Hand, und ſtellte mich erſt dem Die Büßung, oder Gouverneur und dann dem Kapitän mit den Worken vor:»Seine Excellenz, Sennor Don Ardentizabello de Trompe Hilla— vor Kurzem vom perſiſchen Hofe hier eingetroffen.« Wir verbeugten uns diplomatiſch gegen einander, die Wachen präſentirten das Gewehr, und die Muſiker ließen den Conſtitutionsmarſch erklingen. Ich ward nun zu den Damen geführt, wo mir von allen Seiten her Huldblicke und Honigworte zu Theil wurden. Als ich mich der Donna Iſidora vorgeſtellt ſah, bemerkte ſie trocken:»daß ſie ſchon früher Jemand mir aͤhnlich geſehen, und daß ſie glaubte, meine Haut⸗ farbe hätte ein wenig vom Sonnenbrande gelitten.« Keiner erkannte uns, und Jugurtha war gleich mir ein Gegenſtand allgemeiner Bewunderung. Nur der Kapitän ſchien ein wenig ärgerlich zu ſein, daß ich ſo unbemerkt an Bord gekommen war. Der Tag verging in Heiterkeit. Alles war Frohſinn und zuvorkommendes Weſen und Galanterie. Wir aßen unter einem Flag⸗ genbaldachin auf dem Hinterdecke zu Mittage, wobei Jugurtha ziemlich behende und ſorglich hinter meinem Stuhle aufwartete. Gegen ſechs Zhr brach die Geſell⸗ ſchaft auf, die Beſuchenden fuhren an Land, und unſer Schiff ſetzte Segel an. Nachdem man Alles geordnet und die Segel für die Nacht gekürzt und getrimmt hatte, zogen Paſſagiere, Militärofficiere und meine Wenigkeit ſich mit dem Ka⸗ pitaͤn in deſſen Staatskajüte zurück. Don Paver, der Prieſter, war wirklich ſehr aufmerkſam gegen mich, denn Ardent Troughton. 109 er theilte ſeine Unterhaltung zwiſchen Donna Iſidora und mir. Es ward recht hüͤbſch muſicirt und geſun⸗ gen, ſo daß es einem Dilettantenkreiſe alle Ehre ge⸗ bracht haben würde. Als eine Pauſe in dieſen Unterhaltungen eintrat, näherte der Käpitän ſich Iſidoren, dem Pater und mir, und warf nach mehreren Höflichkeits⸗ und Entſchuldi⸗ gungsreden die Frage auf, wie es hätte zugehen kön⸗ nen, daß meine Ankunft an Bord ihm unbemerkt ge⸗ blieben wäre. „»Fürwahr, Sennor,« verſetzte ich, vich weiß mich deſſen nicht zu erinnern, auch habe ich es gar nicht beachtet. Doch dünkt mich,« ſetzte ich mit aller Gleich⸗ gültigkeit eines Vornehmeren hinzu,„daß einige von Ihren Leuten mir über Seit zu Bord halfen.« «Davon bin ich überzeugt,» ſagte Iſidora mit Ver⸗ ſchmitztheit. „Doch thut es mir wirklich leid,« verſetzte Mantez, odaß ich mich nicht auf dem Gangwege befand, um Sie zu empfangen.“ „ Bei alldem glaub' ich nicht,« war meine Entgeg⸗ nung,„daß Sie deßhalb der Nachläſſigkeit beſchuldigt werden können. Auch beachtete ich meinen Empfang nicht ſonderlich. War der tapfere Kapitän zugegen, Sennora, als ich am Bord erſchien?« „Allerdings, und er befand ſich in ganz abſcheulicher Stimmung. Er fluchte ſchrecklich. Ein Glück für Sie war es, daß Sie ihn nicht hörten; ich würde nicht für die Folgen eingeſtanden haben.«⸗ Mantez knaupelte au ſeinem Schnurrbart, und ſah eben ſo tückiſch als verdutzt aus. Da ſeine Peinigerin bemerken mochte, daß ſie den Scherz wohl zu weit triebe, ſagte ſie:»Glauben Sie ja nicht, Kapitän, daß Sie 110 Die Büßung, oder als der Don an Bord kam, auch nur im Geringſten aus Ihrem natürlichen Charakter fielen; ſie verfuhren durch⸗ aus demſelben gemäß; denn aus Gründen, die der Sen⸗ nor wohl dürfte erklären können, kam er in unzuerfor⸗ ſchender Verkleidung und höchſt beſcheidenem Fahrzeug an Bord.« „» So bin ich alſo völlig wegen unabſichtlicher Ver⸗ ſäumniß entſchuldigt,« verſetzte Mantez. „»Völlig,« ſagte ich mit einer Gönnermiene, und das Geſpräch brach ab. Der Leſer kann ſich wohl vorſtellen, daß ich mir Freiheit und friſche Luft, die mir jetzt zu Gebote ſtan⸗ den, zu Nutzen machte. Statt in unſere Kajüten zu⸗ rückzukehren, begaben Julian und Iſidora ſich mit mir abgeſondert auf die Puppe des Schiffes, und wir plau⸗ derken mitſammen bis Mitternacht. Ich vermochte jetzt meinen Dirth dazu, alle ſeine Bedenklichkeiten, die ſich auf ritterliche Auslegung der G. ſtfreiheit ſtützten, zu beſeitigen, und eine ausführliche Erzählung meiner Le⸗ bensgeſchichte anzuhören. Er that dieß mit der größ⸗ ten Aufmerkſamkeit, und einige me ner Mittheilungen rührten ſeine ſchöne Verlobte zu T)ränen. Als ich geendet hatte, reichten Beide mir die Hand zur Freund⸗ ſchaft und waren verſchu enderiſch in Anerbietungen ih⸗ res Beiſtandes. Ach! ſie ahneten nicht, wie ſehr ſie ſelbſt des Beiſtandes bedü fen würden. Beide entſtammten ein m und demſelben edlen kata⸗ loniſchen Hauſe, welches große Güter in Sudamerika beſaß. Das Geſchrei nach Unabhängigkeit, zu welchem ſich alle Schreckniſſe eines verderblichen Bürgerkrieges geſellten, war längſt in den ſpaniſch⸗amerikaniſchen Be⸗ ſitzungen erſchollen. Don Julian hatte ein Reiterregi⸗ ment befehligt— gefochten, und brachte jetzt, da dieſer —— Ardent Troughton. 111 Kampf bis auf die letzte Hoffnung herabgekommen war, ſeine ſchöne Baſe und vieles von ihrem baaren beider⸗ ſeitigen Vermögen nach ihrem Geburtslande. Nach ſei⸗ ner Vermählung mit Ifidora, und ſobald er ſeine junge Frau in eine ſichere Lage verſetzt haben würde, wollte Julian entweder daheim ſeinen Kampf für Spaniens Unabhängigkeit fortſetzen, oder aber nach Amerika zu⸗ rückkehren, um zu ſehen, was dort noch von den Fa⸗ miliengütern gerettet werden rönnte. Ihre Kinderjahre hatten Beide in der Nähe von Barcelona verlebt, und obwohl ſie ſich der Namen mancher Familien in jener Stadt erinnerten, hatten ſie doch von meinem Vater niemals etwas gehört. Die Verkleidung, die ich nach Julians Willen hatte anlegen müſſen, wurde fortwährend beibehalten; es wußte aber Niemand um das Geheimniß, als der ver⸗ traute Diener meines Freundes, der mich und meine Gefährten in der Kajüte mit allem Nöthigen hatte ver⸗ ſehen müſſen. Auf dem Schiff aber glaubten alle Uebri⸗ gen, daß die beiden aufgefiſchten armen Teufel aus gu⸗ ten, für ſie ſchwerlich ehrenvollen Gründen, ſich mit⸗ telſt eines Strandbootes zu Kadiz von dannen gemacht hätten. Was Springer betraf, ſo war er wieder eben ſo wohl genährt, als ſeine Leidensgefährten, lief im Schiffe nach Belieben hin und her, und galt für den Liebling Aller. Wirklich hatte Kapitän Mantez die Abſicht geäußert, das ſchöne Thier für ſich zu behalten, wogegen ich jedoch, wenn gleich fuͤr's Erſte noch ſchwei⸗ gend, proteſtirte. Nach kurzer und glücklicher Fahrt warfen wir An⸗ ker im äußeren Hafen von Barcelona. 112 Die Büßung, oder Vierzehntes Kapitel. Der geneigte Leſer denke ſich, wie ich vom Schiffs⸗ verdeck aus auf die Berge meines Mutterlandes, Spa⸗ nien, und auf die Thurmſpitzen meiner Vaterſtadt blicke, und wie dabei meine Seele, meine Gefühle, alle meine Gedankenverknüpfungen durchaus engliſch ſind! Da ſteht Troughton, der vormals den lammartigen Beinamen „der Ruhige“ führte, und prunkt in brandrother, glän⸗ zend ſchimmernder kriegeriſcher Uniform, und hinter ihm ein noch bunter herausgeputzter Stummer als Beglei⸗ ter! Durch ſeine Adern quoll Geſundheit mit allen ih⸗ ren rebelliſchen Wünſchen und Anſprüchen, während verborgene, wilde Temperamentsheftigkeit, allmälig, aber deſto ſicherer, ihm das Herz mit jener Verſtockt⸗ heit ſtählt, die den Willen dahin vermag, ſtets eifrig den Leidenſchaften zu gehorchen und deren ſtürmiſche Gebote unabläſſig zu vollführen. Obwohl um dieſe Zeit meine Lage ein wenig miß⸗ lich war, fand ich ſie doch bei meinem erſten Betrach⸗ ten derſelben nicht unbehaglich; ſie war romantiſch ge⸗ nug, und in den Augen Anderer konnte ich mich ſo ge⸗ heimnißvoll darſtellen, als es mir belieben mochte. Der anſcheinende Kavallerieoberſt und der angebliche(jedoch nicht durch mich ſelbſt angebliche) qußerordentliche Ge⸗ ſandte vom perſiſchen Hofe, war freilich nichts weiter als der Superkargo eines Schiffes, das ſammt ſeiner Ladung jetzt ſonder Zweifel auf dem Grunde des Mee⸗ res im Gleichgewicht erhalten ward; ich war dabei 35 .A Ardent Troughton. 113 geldlos, konnte keinen Bürgen für meine Identität ſtel⸗ len, und hegte einigen Widerwillen dagegen, mich im Hauſe meines Vaters zu zeigen. Denn was hatte ich ihm als Erſatz für die von ihm erwarteten Reichthümer zu überbringen? Nichts, als eine entſetzliche Schiffbruchs⸗ Nothleidens⸗ und Sterbegeſchichte! Als ich dieß in Berathung zog, ſteigerte mein Wi⸗ derwille gegen das Aufſuchen ſeines Hauſes und ſeines Segens ſich ſo hoch, daß ich anfänglich dadurch beun⸗ ruhigt und dann überaus ſchwermüthig ward. Ich klagte mich des Mangels jener milden und natürlichen Herzensregungen an, die die Grundlage von faſt aller Glückſeligkeit in dieſer Welt abgeben. Meine Gedan⸗ ken erfüllten ſich mit Bitterkeit, als ich ſinnend über das Taffarell lehnte, und ſonder Zweifel ſpiegelten dieſe Gedanken ſich in meinem Geſichtsausdrucke, denn ich ward aus meiner Träumerei durch einen leiſen Druck der Hand Donna Iſidorens auf meine Schulter auf⸗ geſchreckt. Mit ihrem wackern und jugendlichen Ge⸗ liebten ſtand die Spanierin neben mir. „Wann,“« fragte ſie lächelnd,»wird Seine Excel⸗ lenz Don Ardentizabello de Trompe Hilla ſich geneigt fühlen, dieſe Wolke von ſeiner Stirn zu ſcheuchen, und ſich herablaſſen, den Barceloniern zu erlauben, des Son⸗ nenſcheins ſeiner Geſellſchaft theilhaftig zu ſein?« »Ja wohl, wann?« ſetzte Julian hinzu.»Wir haben wirklich alle unſere Kraft dazu zuſammennehmen müſſen, bevor wir uns Ihrer Excellenz zu nähern wag⸗ ten. Welche feindliche Heerſchaaren vernichteten Sie in Ihrer Einbildung, oder wer ward vor dem ſchwar⸗ zen Tribunal Ihrer Gedanken zum Tode verurtheilt? Sie ſahen wild und ſchrecklich aus.« „Wild wohl, ſchrecklich aber nicht,« fuhr die Dame Ardent Troughton, I. 8 114 fort; es iſt jedoch mein Wille, daß Sie nicht wild ausſehen. Ich habe einige Rechte an Sie— Sie ſind mein Strandgut; ſind mein durch das Recht, das bei den Engländern flotſam und jetſom“ heißt; denn Niemand, außer mir, würde ſo ein welkes Schilfrohr aus der See herausgefiſcht haben.« „Iſidora!« „Es iſt dennoch ſo, wie ich ſage; doch Sie, Julian, kommen hierbei nicht in Betracht. Sie wiſſen recht wohl, daß, ungeachtet Ihres ſtrengen Blickes, Kapitän Mantez dieſe armen unglücklichen Geſchöpfe nicht an Bord ſchaffen laſſen wollte, wie eifrig Sie ſich auch für dieſelben verwendeten.⸗ „»Wie?« fragte ich ſchneidend, indem ich jetzt erſt mein Schweigen brach. „Weil,“ antwortete die Donna zögernd, als ſchämte ſie ſich, daß ein Menſch, der ſich ihren Landsmann nennen mochte, ſo unmenſchlich hatte ſein können— »weil er aus der Bauart des Sarges, in welchem Sie ſchwammen, und den Sie, wie ich glaube, ein Boot nennen, abzunehmen glaubte, daß Sie ein Engländer wären.“ „Ha! that er das? Möge der Himmel meiner ver⸗ geſſen, wenn ich deſſen uneingedenk werde!« „Ardent Troughton,« ſagte meine Belehrerin in ſanftem, jedoch eindringlichem Tone—„»ich fürchte, daß Ihre Gedanken böſe ſind. Noch nie ſah ich Sie ſo aufgeregt. Denken Sie an das Schauergeſchick je⸗ nes wackern James Gavel, über den Sie mich ſo oft zum Weinen brachten. Nicht wollte ich durch meinen Scherz dieſen großen rothen Fleck auf Ihrer Stirn hervorbringen. Geſtatten Sie mir auch nicht, Sie als meinen Eigengehörigen ganz in Anſpruch zu nehmen, Die Büßung, oder — ———ͦ—ͦ—ÿ—ℳ·—— Ardent Troughton. 115 ſo habe ich doch mindeſtens einen Rettungsantheil an Ihrer Perſon— ein Achttheil, wie ich glaube. Ich wähle alſo das mir Gebührende aus und bemächtige mich Ihres Geſichtes— heitern Sie es auf!« »O nein! nicht das Geſicht, ſondern den Arm,⸗ verſetzte ich lebhaft,»und zu jedem ehrenwerthen und brüderlichen Dienſte auch mein Herz!«⸗ Als ich ſo ſprach, ſchüttelte Julian mir herzlich die Hand, und die mandelnförmigen, großen und dunkeln Augen Iſidorens ſchwammen in glänzenden Thränen, durch welche ein ſeltſam ſpielendes Feuer ſich hindurch⸗ rang. Ich verſtand dieß nicht. Ar A e „» Wohlan,)« ſprach Julian lachend weiter,„da wir unſere Haupt⸗ und Staats⸗Aktion zu Ende geſpielt haben, ergeht die Frage, ob es Jhrer Excellenz beliebt, ſich auszuſchiffen? Kapitän Mantez wartet in ſeiner Kajüte, um Abſchied von Ihnen zu nehmen. Der erſte Kutter liegt ſeitlängs bemannt für Sie, und Ihr Ge⸗ folge befindet ſich bereits im Boote.« » Und der Hund? Er iſt kein unerhebliches Mitglied von dem, was Sie mein Gefolge zu nennen belieben.« »Ja, das ſchöne Thier erfreut ſich der beſonderen Gunſt des Kapitäns, der es zu behalten beabſichtigt.« »Dann wird er auch mich behalten, Don Julian; der Hund und ich bleiben beiſammen. Aber allen Ern⸗ ſtes und fürwahr in aller Bekümmerniß ſei es geſagt, daß es mich wahrhaft ſchmerzt, jemals dieſe Verklei⸗ dung angelegt zu haben, und ich ſehne mich, ſie abzu⸗ ſtreifen. Hätte ich Ihre Abſicht gewußt, als Sie mich und meinen ſtummen Jugurtha in dieſe Mumme⸗ rei ſteckten, ſo würde ich mich nimmer zu Ihrem groß⸗ müthigen Betruge verſtanden haben. Sie wiſſen, daß Sie mich, bevor ich es ahnen konnte, ſo als den per⸗ 8* 116 ſiſchen Geſandten vorſtellten, daß ich Ihnen nicht mehr widerſprechen durfte. Mein Herz in ſeinen innerſten Tiefen ſagt Ihnen Dank für Ihre wohlwollenden Be⸗ weggründe und liebt Sie inniglich dafür, theurer Ju⸗ lian; iſt's aber möglich, ſo laſſen Sie mich ſofort die⸗ ſes erborgten Prunkes ledig werden. a „Das iſt unmöglich.« »So betrübt es mich in Wahrheit ſehr. Sie ſind Hidalgo, edel von Abkunft, und ſtehen i n Mili⸗ tärrang im Dienſt Ihres Landes; ich bin nichts, als ein Kaufmann— ja, bin's nicht einmal; denn mein Vater dürfte es für räthlich finden, mich noch eine Zeitlang in ſeinem Komtoir beſchäftigt zu halten.« »Sie, mit dieſer hohen, ſtolzen Miene, der Kom⸗ mis eines Hehihelshaziren Sie ut dieſem Kriegerblick? Abgeſchmackt! das! Doch allen Ernſtes, Ardent, es iſt unfreundlich von Ihnen, Ihre Selbſtverunglimpfung Die Büßung, oder mir aufzubürden.) Ich habe Sie als meinen Freund er⸗ kannt; ſo alſo ſind wir einander gleich. Ich geſtehe Ihnen, daß dieſe Maskerade ein wenig unbeholfen her⸗ auskommt, doch müͤſſen wir diefelbe ſo kange fortſpielen, bis wir an's Land gelangen. Dort mögen Sie meine von Ihnen verachtete Prunkkleidung ablegen. Der Geſandte verſchwinde dann betreffs geheimer Botſchaft, und Genär Mehent Troughton im ſchlichten ſchwarzen Kleide möge dann für immer aller Bekanntſchaft mit Don Arditenzabellv de Trompe Hilla entſagen; jedoch um meinetwillen müſſen Sie das Schiff in all' Ihrem jetzigen Ehrenglanze verlaſſen.« „»Um Ihretwillen— Alles!« Inlian dankte mir mit einem Händedrucke und Iſi⸗ dora that es noch beredter durch einen Blick aus ihren ſchönen Augen, durch den ſie den Weiſen hätte zum —— Ardent Troughton. 117 Narren, und den Raſenden zahm machen mögten, ſo wohlwollend war mir der Ausdruck dieſer Augen. In dieſem Augenblick kam der Dienſtmann unſers großmächtigen Kapitäns, um uns zu einer, in der Ka⸗ jüte einzunehmenden, Abſchieds⸗Collation einzuladen. Indem ich um meiner edlen Freunde willen den gro⸗ ßen Widerwillen bezwang, den ich gegen Mantez ge⸗ faßt hatte, betrat ich deſſen Kajüte, nahm daſelbſt mit glorreicher Herablaſſung den Ehrenſitz ein, trank die nöthigen Geſundheiten mit und hielt die erforderlichen Reden. Ein Geſchöpf aber begrüßte mich da unten mit herz⸗ licher Freude, und das war Springer, der Newfound⸗ landhund, der, ſehr zu ſeinem Mißbehagen, in einem Winkel angekettet lag. Sein Wonneausdruck, als er mich ſah, gränzte an Tollheit und ward, als ich fort⸗ gehen wollte, durch ſeine Heftigkeit der Geſellſchaft läſtig. Wirklich hatte Don Paver, der Prieſter, das Thier in allen Formeln der katholiſchen Kirche verflucht, denn unter Springers Bewegungen, um zu mir zu ge⸗ langen, war des Hundes Kette um das rechte Bein des Geiſtlichen gewickelt worden, ſo daß dieſer von ſeinem Stuhle herabgezwängt und unter den Tiſch gerollt ward. „Der Hund ſcheint Ihnen ſeltſam zugethan zu ſein,⸗ ſagte Mantez, als wir aufſtanden. „ Ungleich ſeltſamer war er es ſo eben dem würdigen Pater,“« verſetzte ich. »Möge das Vieh unter endloſer Todespein in zehn⸗ tauſend Stücke zerſchmettert werden!« rief der chriſt⸗ liche Prieſter.»Das Ungethüm hat mir das Schien⸗ bein geſchunden vom Knie bis zur Fußbeuge— ſehen Sie, wie das Blut durch meine gewebten Strümpfe Die Büßung, oder ſickert; ich muß zum Wundarzte. Fluch über die Beſtie, und Fluch über Alle, die da lachen über das Leiden ei⸗ nes Dieners Chriſti!« »Sie hörten, Mantez,« ſprach ich,»wie das arme Thier von dem vielgeduldigen apoſtoliſchen Pater mit Fluche belegt ward; nichts Gutes kann über das Haupt der verwirkten Kreatur kommen; ſie wird, wo ſie auch weilen mag, Allen verderblich werden. So will ich ſie mit Ihrer Erlaubniß fiugs mit an Land nehmen.« »Nicht doch, Excellenz— ich habe beſondere Vor⸗ liebe für den Hund gefaßt und kann ihn nicht von mir laſſen.« Mit finſterem Blicke auf den Pater, denn der Kapitän war ein Stück von einem Tyrannen, fuhr er fort:»Wenn der fromme Herr den Hund verfluchte, ſo ſoll er ihm den Fluch auch wieder abnehmen; hat er ihn zu ſeinem Vergnügen in den Bann gethan, ſo ſoll er zu dem meinigen ihm denſelben wieder abnehmen, und das für alle Sporteln, die die Kirche vernünftiger⸗ weiſe dafür fordern mag. Nein, nein; wir wollen den Hund behalten, und wird der wackere Burſch erſt'n Bißchen zahmer und gewöhnt ſich mehr an uns, ſo will ich doch den ſehen, der es wagt, ihn zu verfluchen oder in die Hölle zu verdammen. In jeder anderen Sache würde ich mich ungemein glücklich ſchätzen, Ih⸗ rer Excellenz gefällig zu ſein.⸗ »Aber der Hund gehört mir,« ſagte ich. „Ihnen?« „Ja— ich—■ Hier aber ward ich zu rechter Zeit von Donna Iſidora unterbrochen, die neckend ihre Hand an meine Lippen legte und rief:»De Trompe Hilla, ſobald ich an Land zu meinem Onkel komme, entſchädige ich Sie für das Fehlgeſchlagene Ihrer Bitte durch zwei Möpſe — —— Ardent Troughton. 119 und einen Pudel, von denen letzterer ſo gut zugeſtutzt iſt, als der Lippenbart unſers Kapitäns.“ „Sie freilich, Sennora, dürfen ſagen, was Ihnen beliebt,« ſiel Mantez ein. „Ich habe zu viel geſagt,⸗ dacht' ich,»und dennoch kann ich meinen edlen Freund nicht aufgeben, auf deſ⸗ ſen Rücken ich in der wilden See ruhte, als ich bang mit dem Tode rang.“ „Wollen Sie den Hund verkaufen?« fragte ich, indem ich vergaß, daß ich keines einzigen Hellers Herr war. Der Kapitän blickte ernſthaft beleidigt auf. Ohne Julian's Liſt zu verrathen, konnte ich nichts weiter thun, wenn ich nicht üble Folgen für meinen Freund haͤtte herbeiziehen wollen; und ſo verbeugten Mantez und ich ſich ſteif genug gegen einander, indem Jeder dem Andern den gemäßigten Wunſch äußerte, daß er noch'mil annos“(tauſend Jahre) leben möchte, worauf wir alle auf Deck gingen, um uns in die Böte zu begeben. Als ich jedoch die Hinterdeckleiter hinauf⸗ ſtieg, drang des Hundes faſt menſchliches Geheul mir wie das Geſchrei eines ertrinkenden Bruders durch das Herz. Ich eilte mit Don Julian de Araguez und Donna Iſidora in mein Boot, wo Jugurtha meiner harrte. Ehe wir abſtießen, ſaß der Kapitän auch ſchon in ſeinem Gig; der Hund aber heulte, daß es weit hin ſcholl, und Grimm kochte in mir. Die Büßung, oder Funfzehntes Kapitel. Ich blickte nach vorn und ſah meinen Stummen im morgenländiſchen Koſtüm, wie er mit dem Dolche ſpielte, den er in ſeinem Gürtel trug, und dabei mit mehr als dämoniſchem Haſſe den Kapitän anſtarrte. Schon frü⸗ her hatte ich, ohne jedoch ſonderlich darauf zu achten, geſehen, wie der Neger auf ähnliche Weiſe den Kapitän anſtierte. Jetzt, da der Schwarze mir gerade gegenüber ſaß, machte er mich ſchaudern durch den hölliſchen Trotz, der jede ſeiner Mienen verzerrte. Spaniſche Matroſen ſind in Handhabung ihrer Böte nicht ſonderlich erfahren. Es blies ziemlich friſch, die See rollte ein wenig, und die Böte klarten nicht gleich eines das andere, ſondern trieben mitſammen hinter den Schiffsſpiegel, und waͤhrend all' dieſer Zeit ward ich durch das Geheul des Hundes geängſtigt. Ungeachtet all' meines Bemühens, meine Wuth niederzuringen, quoll der ſchwarze Tropfen in meinem Herzen immer weiter aus und trieb mich zur Wuth. Bei einem Ge⸗ heul, das kläglicher, als ich es jemals vernommen hatte, mir ins Ohr drang, vergaß ich die Gefahr, in die ich mich und meine usben mir ſitzenden beiden edelherzigen Lebensretter ſtürzte, ſprang im Spiegel des Bootes in die Höhe, hob meine Hände drohend empor, und rief:; »Mantez, bei Gott! ich muß und will jenen Hund ha, ben!— Rudert an Bord, Leute!« In dieſem Angenblicke waren die Fahrzeuge klar von v Ardent Troughton. 121 einander, als Jugurtha, während ich ſprach, mit wil⸗ dem Freudengeſchrei überlangte und den Rand des Boo⸗ tes packte, in welchem ſich der Kapitän befand. In unbezwingbarer Wuth erhob ſich auch Mantez, und be⸗ fahl unter einer Unzahl von Flüchen den Matroſen in unſerem Boote, uns augenblicklich an Land zu ſetzen. Dieß konnte jedoch nicht vollführt werden, ſo lange der Neger das andere Fahrzeug gepackt hielt. Die Ver⸗ wirrung in beiden Böten war groß. Iſidora ſank faſt bewußtlos zurück und Julian bemühete ſich vergebens, mich zum Sitzen zu bringen. Die Matroſen im Kutter und im Gig ahmten ihrem Befehlshaber nach, indem ſie ebenfalls anfingen zu fluchen, und das Durcheinan⸗ der der Stimmen, das Klatſchen der Ruder und wider⸗ ſtreitendes Befehlertheilen gaben einen unbeſchreiblichen Lärm ab. Jugurtha jedoch hielt feſt, und ſo trieben beide Böte hinter Stern, gerade unter die Fenſter der Kajüte, ſo daß unter dieſen erſt das Gig des Kapitäns und an dieſem der Kutter lag. Mantez mußte unſäglich ergrimmt ſein, denn er nahm wirklich ſein Cigarro aus dem Munde, um ſeine Flüche noch emphatiſcher von ſich geben zu können. Wir waren nur wenige Ellen weit vom Schiffsſtern wegge⸗ trieben, als ich mich der ungewöhnlichen Körperſtärke des Hundes erinnerte, und alſo ſo laut ich konnte, aus⸗ rief: Huſſa! Springer! hieher, Burſch! hieher!« Kaum hatte ich dieſen Zuruf erſchalen laſſen, ſo er⸗ blickte ich das getreue Thier, das Bie ein fliegender Vogel Greif, die Eiſenkette hinter ſich her ſchleppend, durch die Fenſterſcheiben der Kajüte fuhr, daß das Glas nach allen Richtungen hinſprang, der Hund aber wegen der Höhe der Fenſter und des gewaltigen Anlaufes, den er genommen haben mochte, mit ungeheurem Geplatſch — 122 Die Büßung, oder ins Waſſer dicht neben den Spiegel des Bootes plumpte, in welchem Mantez ſich befand und fortwährend ſcheuß⸗ lich fluchte. Bevor dieſer ſich noch von der Wirkung des erhaltenen Spritzbades erholen konnte, war Sprin⸗ ger ſchon in dem Gig, warf das ihm im Wege ſtehende Hinderniß, nämlich den Kapitän, zu Boden, überſchüt⸗ tete dieſen mit dem von ſeinem Zottelfell eingeſogenen Waſſer, nahm von dem Geſichte des Kapitäus aus ei⸗ nen neuen Anſprung und gelangte ſo zu mir in den Kutter, während ſeine nachſchleppende Kette dem nieder⸗ geworfenen Mantez eine blutige Naſe und aufſchwellende Augen zuzog. Zu meinen Füßen äußerte das getreue Thier mir auf jede nur mögliche hündiſche Weiſe ſein Entzücken, ſich wieder bei mir zu befinden. 3 Bei dieſem Anblicke ließ Jugurtha einen ſchrillenden, metallartig klingenden Triumphſchrei erſchallen, ſtieß das Gig von ſich weg und klatſchte jubelnd in die Hände. Bei dem plötzlichen Falle des Kapitäns erhoben die Matroſen in beiden Fahrzengen ein lautes Gelächter, welches mehr als zur Hälfte ein Spottgelächter war, und die Böte ſchwammen ſchon ziemlich weit von ein⸗ ander, eher Mantez ſich erhob und ſein blutrünſtiges Geſicht erblickt ward. Er ſprach nicht. Indem er mich ſtarr aufah, ballte er ſeine rechte Hand zu einer Fauſt, ſtreckte den Daumen derſelben aus und ſtieß dieſen unter mehrfachen Bewegungen bedeutungsvoll niederwärts. »Ardent Troughton,« ſagte Julian,» der Menſch wird Sie meuchelmorden.« 3 » Unbeſorgt, Don Juliano,« verſetzte ich, vich werde ſchon auf meiner Huth ſein.«⸗ Ich war ſo erfreut über meinen Triumph, daß ich mich um nichts weiter kümmerte; kaum jedoch hatte ich ſpaniſchen Boden betreten, ſo nahmen ernſtere Vor⸗ Ardent Troughton. 123 ſtellungen jeden meiner Gedanken in Anſpruch. Ohne es zuvor miteinander verabredet zu haben, ließen meine Freunde und ich, anſtatt daß wir uns nach unſeren bei⸗ derſeitigen Wohnungen befragt hätten, unſere Sachen in das engliſche Hötel bringen; denn in welcher irgend bedeutenden Stadt des Auslandes faͤnde ſich heut zu Tage nicht ein Gaſthof, der ſolchen Namen führt? Nachdem Don Julian ſein Gepäck, das von den Matroſen des Kutters zu Land getragen worden war, ſicher untergebracht, und Donna Iſidora, um Toilette zu machen,— denn in ſeiner Freude hatte Springer uns Alle beſpritzt— ſich zurückgezogen hatte, redeten wir lange und voll Beſorgniß über mein ferneres Ver⸗ fahren. Das Reſultat dieſer Berathungen wird ſich aus dem Verlauf dieſer Selbſtbiographie ergeben. Bald nach unſerer Ankunft im engliſchen Hötel, und als ich ſo eben Jugurtha und Springer geziemend quar⸗ tiert ja, ich mag wohl ſagen, verſteckt hatte, rollte ein von fünf Maulthieren gezogenes, rumpelndes ſchwerfälliges, vergoldetes Fuhrwerk vor die Thür des Gaſthofes, und es ſtieg ein feierlich, doch freundlich aus⸗ ſehender alter Herr aus. Ich war zu klug, um mich zu zeigen, indem ich im Begriff ſtand, meine glorreichen Namen und Titel abzulegen. Dennoch konnte ich durch das Fenſter mir den Don zur Genüge beſchauen. Nach einer halben Stunde fuhr er weg mit Iſidora und de⸗ ren weitläufiger Verwandten, einer alten Perſon, die der jungen Dame am Bord zur Geſellſchafterin und zur Beſchirmerin gegen böſen Leumund gedient hatte. »Der alte Edelmann,« ſagte Julian zu mir,»der meine Kouſine ſo eben mit nach ſeinem Hauſe genom⸗ men hat, nennt ſich Don Manuel Alvarez, und iſt mein und Iſidora's Oheim mütterlicher Seite. Sie wiſſen, 124 Die Büßung, oder daß wir Waiſen ſind. Gleich den meiſten Töchtern der ſorgloſen Hidalgo's dieſes zerrütteten Landes, hat Iſidora nicht das geringſte Vermögen; und was etwa von ihres Vaters Erbgut übrig blieb, iſt von ihren Brüdern laͤngſt durchgebracht worden. Ich aber bin, etliche Beutel voll Dublonen ungerechnet, nicht beſſer daran. Von meinem Oheim erfuhr ich, daß unſer franzöſiſcher König in Spanien, Joſeph Bonaparte, nicht nur das einzige Erbgut, das ich in Altkaſtilien beſitze, konfiscirt, ſon⸗ dern es auch einem ſeiner Generale ganz und gar zu eigen gegeben hat. Spanien iſt mir jetzt kein Vater⸗ land mehr.« »Warum begleiteten Sie Ihre Kouſine nicht zu Ih⸗ rem Oheime, lieber Julian?« »Wie? Sollte ich Sie hier allein laſſen? Ich berich⸗ tete meinem Onkel, daß einer meiner Freunde, ein Rei⸗ ſegefährte, eine Herausforderung vom Kapitän Mantez erwartete, und die Ehre von mir forderte, Ihnen bis zu abgemachter Sache beizuſtehen.« Ich konnte nur meine Dankesäußerungen für ſo viele Beweiſe ſeiner Güte wiederholen. Wir brachten den Tag zuſammen im Gaſthofe hin; Mantez jedoch, ob⸗ wohl er von ſeinen Leuten erfahren haben mußte, wo wir uns aufhielten, ſchickte keine Herausforderung. Als es Abend ward, bat ich Julian, mich zu verlaſ⸗ ſen, mir jedoch zuvor einen der einfachſten Anzüge zu leihen, die er beſitzen möchte. Wohl wußte ich, daß der junge Mann ſich nach der Geſellſchaft ſeiner ſchönen Kouſine ſehnte, und ich gab ihm zu verſtehen, daß ich nicht länger mehr den erdichteten Charakter durchführen wollte, den er mir ſo gänzlich gegen meine Abſicht auf⸗ gedrungen hatte. »Sie wiſſen, Julian,“« ſetzte ich hinzu,»daß ich Ardent Troughton. 125 nicht eher in das Haus meines Vaters gehen will, als bis ich beweiſen kann, daß ich meines Vaters Sohn bin.« „Ich weiß, Ardent,“ verſetzte er freundlich,»daß Sie in dieſer ganzen Angelegenheit mit der Ihnen ei⸗ genen klaren Einſicht verfahren werden. Kommen Sie mit mir in mein Schlafzimmer, damit ich mich von Don Ardentizabello de Trompe Hilla verabſchiede.“ Nicht lange währte es, ſo hatte ich eine gut paſſende ſchwarze Bekleidung angelegt. Mein buſchiger Backen⸗ bart ward weggeſchoren, der wilde Lippen⸗ und Spitz⸗ bart verſchwand, und als ich meinen Hals mit einem weißen Tuche umwickelt hatte, ſteckte ich beinahe aber⸗ mals in einer Verkleidung. In dem geſchniegelten Ci⸗ viliſten, der vor ihm ſtand, konnte Julian keine Spur mehr von dem wie ein Parder bebartet geweſenen Ka⸗ valleriſten wieder erkennen.. „Jetzt kann ich recht wohl begreiſen,« ſagte Don Julian lachend,»„warum man Sie früher den kalten Ardent nannte. Sie ſehen ſo ruhig und nachdenkend wie ein Stoiker aus. Wahrlich, blickt man Ihnen nicht ſcharf in's Geſicht, ſo wird Keiner, ſelbſt. Mantez nicht, Sie erkennen. Jedoch eine ſo anſehnliche Perſon muß mit Taſchengeld verſehen werden. Hier, nehmen Sie dieſe Börſe mit Dublonen; ſie iſt nur klein, doch wird ſie ausreichen, bis Sie von Ihrem Vater erkannt werden.« „Wir wollen den Frieden unſerer vollkommenen Freundſchaft,« fiel ich ein,»nicht durch große Geld⸗ verpflichtungen ſtören. Ich nehme nur zehn von dieſen Dublonen; ſie genügen. Kein Wort mehr. Ich gebe Ihnen dafür eine Anweiſung auf das Haus Falk und Kompagnie in Lothbury; doch müſſen Sie mir erlau⸗ 126 Die Büßung, oder ben, dieſelbe vorauszudatiren— da! Ich verſichere Ih⸗ nen, daß ſie verkaufbar iſt.« „Nur um Sie über dieſe Angelegenheit zu beruhi⸗ gen, nehme ich dieß Papier an,« ſagte Juliau.»Was mich wundert, iſt, daß Sie, da Sie doch, wie Sie mir ſelbſt geſagt haben, mit Ihrer Familie im Brief⸗ wechſel ſtanden, ſich Ihrem Vater nicht vermittelſt Ih⸗ rer Handſchrift zu erkennen geben wollen, die recht hübſch und entſchieden nach engliſcher Manier iſt.« »Nein,“« entgegnete ich;»ich vermag nicht, ſolchen Schritt zu thun, vermag nicht, mich den Querfragen zu unterwerfen, die mir zu ſtellen ein verſchlagener Kaufmann für nöthig erachten möchte; und hätte ich zuletzt auch, um mich im Buchführerſtyle auszudrücken⸗ eine Bilanz zu meinen Gunſten gezogen, ſo würde ich dennoch unter Zweifeln anerkannt und ſo lange mit vorſichtsvollem Argwohn behandelt werden, bis irgend Jemand kommt oder ein Umſtand ſich ereignet, wodurch mein»ipse dixit« ſich bewährt. Die einzige Gunſt, die ich jetzt, Don Julian, von Ihnen erbitte, iſt, daß Sie den Leuten im Gaſthofe ſagen, der Officier wäre mit ſeinem Manne und Hunde ſchnell und insgeheim nach Madrid abgereiſet, und daß Sie dann noch eine halbe Stunde, nachdem ich fortgegangen ſein werde, verwei⸗ len. Geben Sie mir Ihre Adreſſe. Ich werde nicht unterlaſſen, bei erſter Gelegenheit Sie von meinem Aufenthalt in Kenntniß zu ſetzen.« Hierauf ging ich aus und kaufte für Jugurtha ei⸗ nen Matroſenanzug, mit welchem ich den Neger aus⸗ ſtattete, der alsdaun mit mir ſich bei Don Juliano verabſchiedete. Ich ſchärfte dem Schwarzen nun ſein ferneres Benehmen ein, verbot ihm durchaus, in den Straßen umherzuſchweifen, und befahl ihm, ſich und - Ardent Troughton. 127 Springer ſorgfältig zu Hauſe zu halten. Nachdem ich die Dämmerung abgewartet hatte, gingen wir fort, um uns einen andern Gaſthof zu ſuchen, den wir denn auch bald fanden. Schwer hielt es, ein paar dunkle und entlegene Zimmer in demſelben, eines für mich, das andere für meinen Begleiter, zu erlangen. Um neun Uhr beſtellte ich Eſſen für uns, und faßte den Entſchluß, mich nochmals anders zu kleiden. Sechzehntes Kapitel. Aus den Fenſtern des Hötels, in welchem ich mit meinem von mir geſchiedenen Reiſegefährten zuerſt ab⸗ geſtiegen war, und das in einer der Hauptſtraßen der Stadt ſtand, hatte ich gegen Abend, als die Einwohner begannen aus ihren Häuſern hervorzukommen, mehrere Gruppen junger Mäanner in ſehr zerlumpten und arg⸗ geflickten dunkelfarbigen Mänteln und großen abgenutz⸗ ten dreieckigen Hüten geſehen. Ihr Ausſehen zählte ſie offenbar dem geiſtlichen Stande zu, welches um ſo wahr⸗ ſcheinlicher ward, als ſie nicht Anſtand nahmen, ihnen begegnende beſſer bekleidete Leute um ein Almoſen an⸗ zuſprechen. Julian ſagte mir, daß dieſe bemäntelten Herren Studenten von der Univerſität Valencia wären⸗ die ſich von ihrer Hochſchule herabgebettelt hätten, um während der Sommerzeit die kühlere Seeluft in Bar⸗ celona zu genießen. Ich hatte jene einſtigen Advokaten 128 Die Büßung, oder und Doktoren zur Genüge aus den Fenſtern beſchauen können, denn in dieſer Stadt dient die Mitte der mehr als eine Meile langen, breiten, hübſchen und zu beiden Seiten mit hohen Pappeln gezierten Hauptſtraße den Fußgängern zum Auf⸗ und Abſchleudern, während, den Häuſern nahe, rechts und links die Wagen hin⸗ und herfahren. Ich beſchloß jetzt, mich als ein ſolcher Stubent zu kleiden. Nicht weit brauchte ich mich von meiner Her⸗ berge zu entfernen, um zu einem Trödler zu gelangen, der mich bald und, fürwahr! gegen geringe Baarvergü⸗ tung, mit Hut und Mantel verſah. Ueberdieß kaufte ich mir den weiten ſpaniſchen Nationalmantel⸗ kehrte dann in mein Wirthshaus zurück, aß zu Abend und legte mich ſchlafen. Den ganzen folgenden Tag brachte ich, als Student gekleidet, damit hin, die Stadt zu durchwandern, in die verſchiedenen Kirchen derſelben zu gucken, und durch die engen, jedoch ſaubern Straßen zu traben, und mich, wiewohl vergebens, zu bemühen, mich irgend ei⸗ ner mir in meinen Kinderjahren bekannt geweſenen Stelle wieder zu erinnern. Ein Umſtand beunruhigte mich beſonders; ich fragte nämlich mehrere Male nach der Wohnung des engliſchen Kaufmannes Sennor Troughton, Niemand aber kannte weder deſſen Woh⸗ nung noch deſſen Namen. Dieß beſchwerte mir übri⸗ gens das Gemüth nicht lange, obwohl es mir innig wohlgethan haben würde, wenn ich auch nur die Mauern des Gebäudes hätte betrachten können, in welchem meine Aeltern und meine Schweſter Honoria wohnten, über die meine Phantaſie von jeher ſeltſam thätig geweſen war. Mit dieſen Wanderungen brachte ich meine Mor⸗ Ardent Troughton. 129 genſtunden hin, und aß dann um zwei Uhr an der „mesa redonda« oder der Wirthstafel im angeſehen⸗ ſten Gaſthofe der Stadt. Wie wenig ich auch auf leckeres Eſſen halte, fand ich dieß doch hier, und über⸗ dem eine höchſt gemiſchte Mittagsgeſellſchaft. Hier er⸗ fuhr ich alle Tagsneuigkeiten, unter Anderem denn auch den Rückzug Sir John Moore's und das behauptete Vordringen eines neuen franzöſiſchen Armeekorps gegen Catalonien. Jeder ſprach behutſam, nur thaten dieß nicht die entſchieden zur Franzoſenpartei Gehörenden. Dieſe waren allerdings großprahlend genug. Ich horchte auf Alles, und merkte mir Alles an, was ich gehört hatte. Nachmittags beſuchte ich den mit Menſchen über⸗ füllten öffentlichen Spaziergang, und hier hatte ich zum erſten Male die günſtigſte Gelegenheit, die ſpaniſchen Frauenzimmer in ihrer aumuthigen Nationaltracht zu beſchauen. Sie machten allerdings einen überaus an⸗ genehmen Eindruck auf mich, und obwohl ſie Alle ein⸗ ander ſo ziemlich gleich gekleidet waren, daß ſie hätten regimentsmäßig aufgeſtellt werden mögen, verlangte mich doch nicht nach einer Unterbrechung dieſer Einför⸗ migkeit. Ihr Koſtüm beſtand damals aus einem ein⸗ fachen, eng den Körper umſchließenden, ſchwarzſeide⸗ nen Rocke von wunderſamer und weiſe zugeſchnittener Kürze; denn der Boden Spaniens wird von Füßchen beſchritten, welche ſich mit Knöcheln geſchmückt zeigen, die den Hofhaltungen des Himmels zur Zierde gereichen dürften— und die Fkokettirend anlockende Mantilla fiel ihnen üͤberaus reizend vom Haupte herab, indem ſie bald zum Theil ein Auge verſchleiert, deſſen Gluth dennoch durch die Maſchen des ſchwarzen Spitzengewebes hervor⸗ loderte, bald das reine, durchſichtige Braun des Nackens Ardent Troughion. I. 9 7 130 hervorhob, bald das zartere Weiß der Hautfarbe einer Anderen durchſchimmern ließ. Fügt man hiezu noch, daß jede Dame in ihrer Hand ein Fächerchen trug, welches wirklich der echte Zauberſtab der Grazien zu ſein ſchien, das bald, hurtig geöffnet, mit dem Zephir kokettirte, bald haſtig und klappernd zugeworfen ward, als wollte es die Liebeshuldigung zu neuer Beobachtung ihrer Pflicht mahnen; dann wieder einen»pesado« oder Ueberläſtigen von ſich abwinkte, und ein anderes Mal wieder um die liebliche Eignerin herum die be⸗ ſcheidenen Jünglinge winkte, die nur des Huldzeichens harrten, um die Opfer ihrer Anbetung durch ſanftes Herlispeln ihres„pasiega, sennora— nur vorüber, Dame!« darzubringen, ſo wird man geſtehen mäſſen, daß die ſpaniſche»lechugina« oder Umherſchlenderin mit ihrem Fächer, durch den ſie Andere gewöhnlich in Gluth verſetzt, Alles bewirken, nur nicht ſich ſelber kühlen kann. Und dann der Gang dieſer Seunorita's! Wie, um Himmelswillen, bringen ſie dieſen nur hervor? Man ſchwatzt vom Tanze, als ſei er Poeſie der Bewegung— aber welche Poeſie? Ein Kunſtler, der von den Zehen und Ferſen ſeiner Mitmenſchen lebt, erörtert uns viel⸗ leicht, wie im Epos das ſtattliche Menuet, in der Ode mit ihren Strophen und Antiſtrophen die Quadrille mit ihren Touren und Gegentouren, im Bacchantentanze nichts als ein ſchottiſcher Volkstanz ſich darſtelle, wie ein zartes anakreontiſches Lied eine ſchlechte Nach⸗ ahmung des Walzers iſt, und daß keine Poeſie der Die Büßung, oder Wellt es vermag, die Energie eines ireländiſchen Jig oder Quiektanzes auszudrücken, man möchte denn dabei die tollen lyriſchen Ergüſſe dieſes oder jenes modernen whiskeytrinkenden Pindar zu Hülfe nehmen. Allerdings — — Ardent Troughton. 131 mögen wir zugeben, der Tanz ſei Poeſie der Bewegung, allein der Gang einer echtſpaniſchen Dame iſt etwas mehr, als das. Der alte Erdengott muß in Entzücken gerathen, wenn ſeinen hochbetagten Buſen das aller⸗ liebſte kleine Getrippel kitzelt, ſo oft eine ſpaniſche Donna ſich herabläßt, über denſelben hinzuwandeln.. Ich betrachtete meine Landsmänninnen und ward ſtolz. Allein dieſe Einförmigkeit des Anzuges erſtreckte ſich nicht auf die männlichen Spazierenden. Da ſah man den derben und hochgewachſenen Katalonier in ſei⸗ ner muntern und verſchiedentlich verzierten Jacke, ſei⸗ nem regelloſen Einherſchreiten und ſeinem Bergbewohner⸗ blicke; ſeine weiten, faltenreichen Beinkleider waren mit rother Schärpe um den Leib feſtgebunden, und aus dem Gürtel guckte der Griff ſeines„cuchillo« oder Meſſerdolches hervor, einer Waffe, die dem Spanier ſo unerläßlich, als ſeiner Dame der Fächer iſt. Wie über⸗ trieben an ſich auch die lange, weiße, bis zur Hälfte des Rückens ihm hinabreichende Kappe iſt, ſchadet ſie doch dem Maleriſchen ſeines Erſcheinens eben ſo wenig, als ſie das Kriegeriſche ſeines Weſens entſtellt. Ihm mit hoffärtigem Stierblicke oder mit ehrſüchtigem Aus⸗ ſchreiten vorüber geht der bräunliche, noch ungleich lu⸗ ſtigere, dabei aber weit mehr verfeinerte Andaluſier. Minder groß und breitſchulterig, als der Katalonier, ſcheint ſeine ſchmächtige und anmuthige Geſtalt nur aus aneinandergefügten Muskeln zuſammengeſetzt zu ſein. Unſtreitig mauriſchen Urſprungs, zeigt er in ſei⸗ nem buſchigen, rabenſchwarzen Backenbarte und ſeinem dunkelfarbigen Geſichte einen nicht unangenehmen Aus⸗ druck des Schrecklichen; dennoch iſt bei all' dieſem wil⸗ den Ausſehen der Andaluſier ein entſchiedener Stutzer. 9* 132 Die Büßung, oder Sein Anzug iſt erfinderiſch vollendet, und zeigt nicht die kleinſte Spur von Vernachläſſigung in irgend einem ſeiner Theile. Seine lichtfarbige Jacke läßt keinen Riß, kein Fleckchen an ſich wahrnehmen, auf ſeinem tonnenförmigen Hute findet kein Stäubchen Platz, wäh⸗ rend ſeine Beinkleider und Gamaſchen, mit den abſon⸗ derlichſten Figuren durchwirkt, ihm ſo knapp anſchlie⸗ ßen, daß man ſie für die zierlich taͤttvwirte Oberfläche ſeiner Haut halten möchte. Dieſe Fülle von Fröhlichkeit und verſchwenderiſcher Schauſtellung von Buntheit findet jedoch ihren ſchrof⸗ fen Gegenſatz in der primitiven Einfachheit des Valencia⸗ bauers, der, im buchſtäblichen Sinne der Worte»sans culottes,« ohne auch nur an's Erröthen zu denken, durch die glänzenden Gruppen der Barceloner Mode⸗ welt hindurchgeht. Der ehrliche Geſell trägt nichts, als ein ſchlichtes, einfaches weißes Gewand, das keines⸗ wegs ſo ſauber gefertigt, noch ſo geſchmackvoll ausge⸗ nähet iſt, wie der Linnenkittel in der engliſchen Graf⸗ ſchaft Kent. Um ſeinen Leib gebunden, reicht dieß Ge⸗ wand ihm beinahe bis an's Knie, ſo daß ſeine ſonn⸗ verbrannten, mahagonifarbenen Unterſchenkel ſich nackt zeigen, während er unter ſeinen Sohlen plumpe San⸗ dalen hat. Auch trägt er eine weiße Kappe, die aber weder ſo maſchenreich, noch ſo lang herabhangend, als die baumelnde Eitelkeit des Kataloniers, iſt. Der An⸗ blick ward nicht wenig durch die verſchiedenen Militär⸗ uniformen, durch die breitränderigen Hüte der»cano- nigos« oder Stiftsherren, ſo wie hie und da durch die bettelhafte Bekleidung eines Karmelitermönches, durch das ſtrickumgürtete graue Gewand eines Barfuͤßers und durch die rothen Pausbacken eines lebeluſtigen Bene⸗ diktiners vermannichfaltigt. Damals aber ſtand das Ardent Troughton. 133 Mönchsweſen in üblem Geruch, und die Kloſterbrüder ſchlichen verſtohlen durch die Menge hin und warfen ſo bange und ſcheue Blicke umher, daß man deutlich dar⸗ aus erkennen mochte, wie ſie zum Märtyrerthume noch keineswegs reif waren. Die eigentlichen Bettler be⸗ nahmen ſich dreiſt, lautſprechend und ausgeſucht ekel⸗ erregend. Als ich ſchweigſam dieſe Scene betrachtete, die alle Buuntheit und Abgeſchmacktheit einer Maskerade er⸗ blicken ließ, ward die Freude, die ich beim Anſchauen der ſpaniſchen Frauen über mein Vaterland empfun⸗ den hatte, mächtig herabgeſtimmt. Ich entzog mich dieſem mit Pfauenſchritten betretenen Wege, wo das Gewühl in all' ſeiner aufgeblaſenen Eitelkeit ſeine ſchö⸗ nen und garſtigen Federn zur Schau trug, und wich aus dem Weichbilde von Barcelona, um mich im An⸗ blicke der edeln Bergkette zu ſättigen, die ſich hinter der Stadt von Norden gen Süden, ſo weit das Auge reichen kann, bis zu ihren Gipfeln mit Grün bedeckt, maleriſch ausdehnt. Friede, ja Erhebung gewährte dieſer Anblick. In⸗ dem ich über das Sonderbare meiner Lage grübelte, und im Allgemeinen der herzlichen Grüße an mir vorübergehender Landleute gar nicht achtete, ſchritt ich weiter, und ſchon war die Sonne beinahe hin⸗ ter den Höhen hinabgeſunken, ehe ich an Heimkehr dachte. Die Folge davon war, daß der Abend mich mit ſeinem purpurnebeligen Zwielicht umhüllte, als ich mich unter dem hohen Bergvorſprunge befand, auf wel⸗ chem ſich ſtirnrunzelnd die umfangreichen Feſtungswerke erheben, die den Hafen beſtreichen und der Stadt Ehr⸗ furcht einflößen. Als ich ganz und gar in den Schat⸗ ten dieſer kanonenbeſpickten Höhe gekommen war, dun⸗ 134 kelte es ſo ſehr, daß es ſchwer gehalten haben würde, einen Bekannten zu erkennen, und ich fand, daß ich, gleich manchem anderen Wanderer, mich verirrt hatte. Zum Glück gewahrte ich Jemanden, der, in den ge⸗ wöhnlichen Mantel gehüllt, einherging, griff ehrerbietig an meinen dreieckigen Hut, und erkundigte mich nach dem Wege, der zu dem nächſten Stadtthore führen möchte. „»Gott mit Ihnen, Herr Student,« ſagte der Mann im Mantel,» und er ſei es im Namen des heiligen Lukas und der übrigen heiligen Evangeliſten!« Und indem er mir einen Piaſter in die Hand ſchob, ſetzte er hinzu:»Jetzt, lieber Herr, verlaſſen Sie mich aber, denn ich möchte gern allein ſein.« An der Stimme erkannte ich ſofort, daß der Spre⸗ cher mein wohlwollender junger Freund Julian war, und es erfolgten nun gegenſeitige Erklärungen und Be⸗ glückwünſchungen. Julian hatte mir nur Trauriges zu erzählen, denn um ſeine Angelegenheiten ſtand es noch verzweiflungsvoller, als er es vermuthet hatte, und um über dieſelben ungeſtört nachdenken zu können, war er an den abgelegenen Ort gegangen, an welchem ich ihn traf. Unſer Geſpräch ward ſehr ernſt, und als wir wieder in die Stadt zurückgekehrt, hatten wir von weltlichen Dingen abgelaſſen, und ſprachen nur noch von den Zuſtänden der Seele. Statt unſere bei⸗ derſeitigen Wohnungen aufzuſuchen, ſchritten wir bis gegen Mitternacht im Schatten der alten Kathedrale umher. In dieſer Unterredung öffneten wir einander unſere Herzen ganz, und da der Eindruck, den dieß auf Die Büßung, oder mich machte, großen Einfluß auf mein ſpäteres Geſchick gehabt hat, will ich einen kurzen Abriß davon geben. Nachdem wir beiderſeils die unergründliche Liebe und Ardent Troughton. 135 die grenzenloſe Güte des Weltenſchöpfers anerkannt und etliche feine Hypotheſen über das Vorhandenſein des Böſen aufgeſtellt hatten, die nur dazu dienten, unſeren Verſtand wie in einem Netze zu verfangen, ſagte Julian, indem er, gleichſam um ſeinen Worten ein groͤßeres Ge⸗ wicht beizulegen, ſich ſchwerer als vorhin auf meinen Arm lehnte:»Ardent, eine vollkommene, ungetrübte, endloſe Glückſeligkeit iſt dem menſchlichen Verſtande unbegreiflich. Das reinſte, das erhebendſte Wohlergehen muß, um gewürdigt zu werden, irgend etwas haben, dem es ſich entgegenſtellt. Nichts kann an ſich ſelbſt abgemeſſen werden; und ſo bin ich, im Widerſpruche mit dem, was viele Geiſtliche vorbrachten, ſehr geneigt, zu denken, daß im ſegnungsreichen Zuſtande unſeres Le⸗ bens nach dem Tode uns Erinnerung an das Weh und Leid dieſer elenden Welt geſtattet ſein wird; daß folg⸗ lich der gute Menſch, der hienieden am meiſten erdul⸗ dete, jenſeits nothwendig einen höheren Grad von Glückſeligkeit genießt. Doch will ich, Freund Trough⸗ ton, dieſes nicht als ein Glaubensdogma, ſondern nur als einen Gegenſtand aufſtellen, der mir vielfältigen Kummer verurſachte, zu welchem Sie, mein Freund, die abſichtloſe Veranlaſſung gaben.« „»Ich? Sagen Sie mir unverzüglich, was Sie da⸗ mit meinen?« »Während der Schreckniſſe jenes entſetzlichen Schiff⸗ bruches, den Sie mir ſo lebhaft beſchrieben haben, müſ⸗ ſen Sie an Seele und Körper die größte Qual erdul⸗ det haben, deren ein Menſch theilhaftig werden kann. Daß dem ſo war, ergab ſich aus dem Zuſtande gänz⸗ licher Erſchöpfung, in welchem Sie gefunden worden ſind. Als Sie an Bord unſeres Schiffes genommen wurden, als Ihre Gebeine ihr verlorenes Fleiſch wieder 136 Die Büßung, oder erhielten, als Ihre Wangen wieder der Geſundheit Farbe annahmen und Ihr Gemüth ſeine frühere Heiter⸗ keit wiedererlangte, erwartete ich bei Ihnen einen hö⸗ heren Ausdruck von Dankgefühl.« »Wie? Ich undankbar? O Juliano, Sie treten mich zu Boden, Sie vernichten mich! Ehe Sie ſo von mir denken, möchte ich lieber zu Ihren Füßen knien und Sie bitten, mich zu tödten.« »Nicht gegen mich waren Sie undankbar, nicht ge⸗ gen mich, lieber Ardent! Mir verdanken Sie nichts. Blicken Sie auf Ihren himmliſchen Beſchützer! Könnte wohl der menſchliche Geiſt durch irgend Etwas den Gegenſatz unſterblicher Glückſeligkeit und irdiſchen Elen⸗ des treffender erkennen, als im Erwägen deſſen, was Sie auf dem Meere und unten im Schiffe erduldeten, und wodurch Sie erfreut wurden? Dennoch haben Sie dieſen Beweis der unendlichen Barmherzigkeit Gottes niemals, weder geſprächsweiſe noch durch Theilnahme am öffentlichen Gottesdienſte, ja, ich fürchte, nicht ein⸗ mal im ſtillen Gebete anerkannt!« »Mit Beſchämung geſtehe ich, daß Sie Recht ha⸗ ben— wie grauſam erforſchen Sie mein Herz!« »Nicht grauſam, ſondern von Herzen freundlich, lieb⸗ reich, brüderlich. Iſidora erwartete ſo wenig, als ich, ſolche Herzenshärtigkeit von Ihnen.⸗ »Julian, ich fühle mich erniedrigt vor Ihnen, und noch dieſe Nacht will ich in der Stille meines Käm⸗ merleins—« »Das wird nicht genügen! Thun Sie es immer⸗ hin, aber genügen wird es nicht! Sehen Sie dieß edle Tempelgebäude— ſchauen Sie, wie deſſen altersgraue Thürme himmelwärts ſtreben! Sehen Sie, wie dar⸗ über der Mond in durchſichtiger Reinheit, einer gerecht⸗ Ardent Troughton. 137 fertigten Seele gleich, ſich erhebt, welche ſo eben die Banden des Grabes von ſich abgeſtreift hat.— Um⸗ wallt dieſen Ort nicht eine Heiligkeit, von der ſich Ihr Herz durchdrungen fühlt?« „»Ganz gewiß; jedoch die Verſchiedenheit unſeres Lehrglaubens——« »Was hat die damit zu ſchaffen?« unterbrach Ju⸗ lian mich lebhafter noch, als zuvor.»Giebt es zweier⸗ lei Lehrglauben für die Dankbarkeit? Entſtand Glau⸗ bensverſchiedenheit durch das Abweichen menſchlicher Jrrthümer, ſo wird Gott dem, der ernſtlich zu ihm fle⸗ het, um derjenigen Liebe willen vergeben, die er gegen alle ſeine Menſchen walten läßt, und vermöge der er ſeinen eigenen Sohn zur Erlöſung des Welt zum Opfer werden ließ. Treten Sie hin vor den Höchſten im auf⸗ richtigen Drange nach Wahrheit und in Reinheit des Herzens, ſo wird Ihr Gebet ihm angenehm ſein, auch wenn es am Fuße des Altars einer römiſch⸗katholiſchen Kirche emporſteigt.« » Wie, Julian? Sie wollen doch keinen Bekenner Ihres Glaubens aus mir machen?« »Das verhüte Gott! Wenn wir Katholiſchen in unſeren vervielfältigten Gebräuchen und Ceremonien fündigen, ſo fordere ich Sie, der Sie ebenfalls Sünder ſind, auf, morgen mit uns niederzuknien und zu beten. Von dem Weihrauch des Aberglaubens, der, Ihrer Au⸗ ſicht nach, die, wie ich gern eingeſtehen will, richtig ſein mag, unſere Gebete umwallt, wird Ihr Gebet, noch ehe es zur Deckwölbung dieſes Tempels empordrang, vor den Augen des Allerbarmers geläutert ſein, ſobald es im reuevollen Geiſte aus dem Herzen kam. Dieß edle Gebäude iſt zuvörderſt dem höchſten Gotte, und dann erſt Unſerer heiligen Mutter zum Meere gewidmet. b 138 Die Büßung, oder Zur Ehre dieſer Heiligen wird morgen um Mittag eine große Proceſſion ſtattfinden. Alle Seefahrer, die in der Stunde der Gefahr irgend ein Gelübde thaten, werden kommen und der Heiligen ihr Scherflein der Andacht darbringen.— Ardent Troughton, um Ihres Freun⸗ des, um Ihrer unſterblichen Seele willen, treten Sie ein mit jenen Frommen; denn wer, als Sie, iſt jemals wunderbarer erhalten worden?« » Ich will's!« „Lächeln Sie auch nicht, Ardent Troughton, über die mancherlei Abgeſchmacktheiten, die Sie dabei er⸗ blicken werden. Sie gehören nicht dem wahren Geiſte an, nützen aber zu frommer Erweckung ſchläfriger See⸗ len. Auf Flitterleunk und Paniere und Weihrauch und Reliquien blicken Sie, als auf ſinnbildliche und au ſich nichtige Dinge— es hat dieß nichts auf ſich; nur kommen Sie wirklich zum Gebete!« „»Ich will's,« wiederholte ich. „Geringachten Sie auch nicht die demüthigen Opſer⸗ gaben des durchwetterten Schiffsvolkes.« »Ich will dort ſein, Julian, und ebenfalls meine Opfergabe— ein reuiges, bußethuendes Herz darbringen.“ Wir waren Beide gerührt, baten gemeinſam den Höchſten um ſeinen Segen, und begaben uns in unſere Wohnung. O des verhängnißvollen Verſprechens, das ich gege⸗ ben hatte! Beſſer wäre mir geweſen, ich hätte mit James Gavel den Tod in den Wellen gefunden, als daß ich es gab und hielt! Thor, der ich war, der wohlge⸗ meinten Sophismen meines Freundes zu achten! Was hatte ich, der Proteſtant, mit papiſtiſchen Mummereien zu ſchaffen? In ſelbſt über mich gebrachter Verblen⸗ . dung ſtürzte ich mich meinem Schickſal entgegen! Ardent Troughton. 139 4 Siebenzehntes Kapitel. Am folgenden Morgen, als die Wallung ſich bei mir gelegt hatte, bereuete ich bitterlich meine gegebene Zuſage, in einer katholiſchen Kirche meine Andacht zu verrichten. Ich erinnerte mich lebhaft der Worte, die der ehrliche alte Kaufmann Falck zu mir ſprach, als ich mich bei ihm verabſchiedete. Bei alldem hielt ich meine Zuſage für unverbrüchlich, und beſchloß daher, mich dem Gebet und frommer Betrachtung ſo gänzlich hinzugeben, daß ich den an mir vorüberziehenden Religionspunkt nicht gewahren würde. Nachdem ich eine ausführliche Beſchreibung meiner Abenteuer an den Agenken meines Vaters, Mr. Falck, abgefaßt, dieſem genau meine Lage geſchildert und ihn gebeten hatte, entweder einen ſeiner Söhne oder ſonſt einen Beweisführer zu entſenden, der mich bei meinem Vater beglaubigen und denſelben in den Stand ſetzen würde, die verſicherte Summe für die mit ihrer Ladung verlorengegangene Brigg Jane“ zu erheben, begab ich mich um Mittag in die Kirche Unſerer Lieben Frau zum Meer.. Auf meinem Wege dahin kam ich an der Proceſſion vorüber, vermied jedoch ſogleich dieſelbe anzublicken und trat in die Kirche, die noch faſt menſchenleer war. Ich kniete vor dem prächtigen Altarbilde nieder, und hoffe, daß meine proteſtantiſchen Freunde mich für das, was ich daſelbſt that, nicht verdammen werden. Nachdem ich ſo, der Meinung des Unduldſamen nach, vielleicht 140 Die Büßung, oder unter Gefährdung des Heiles meiner Seele, die meinem Freunde Julian gegebene Zuſage erfüllt hatte, wollte ich mich entheben, als Muſikklänge und Trompetenge⸗ ſchmetter mich zurückhielten. Die weitgeöffneten Thuͤr⸗ flügel des Gotteshauſes erfüllten ſich mit einer dicht⸗ gedrängten und prunkreichen Proceſſion, die im Einzel⸗ nen beſchreiben zu wolle, ein nichtiger Verſuch ſein würde; es genüge zu ſagen, daß ſie aus einem Gemiſche von Erhabenem und Abgeſchmacktem beſtand. Mehrere Heilige, beiderlei Geſchlechts, plump aus Holz geſchnitzt, mit widerlich roth bemalten Backen und nach der neue⸗ ſten Mode bekleidet, wurden auf Männerſchultern auf⸗ recht getragen; Paniere und Reliquien gab es dabei in Fülle. Hoch über Alle ragte eine vierzehn Fuß hohe koloſſale Figur, die, der Himmel weiß, welchem Ge⸗ dankengange gemäß, für den heiligen Joſeph galt, ob⸗ wohl ſie in hellgrünem Rocke, in Augenſchmerz erre⸗ genden karmoſinfarbenen Beinkleidern in gelben Stulp⸗ ſtiefeln, und in echt ſpaniſchem, mit prächtiger weißer Feder geſchmücktem Hute prunkte. Die Geſchicklichkeit des Holzſchnitzers wies ſich nicht im Geringſten ſeiner Frömmigkeit gleich, denn die ganze Figur war mißge⸗ ſtaltet und lächerlich häßlichen Geſichts. Dennoch beug⸗ ten, da dieſer würdige Heilige ſein Autlitz ſo hoch erhaben über alle Anderen wies, alle Anderen als an⸗ dächtige Beſchauer ſich deſto tiefer vor ihm. Unter vie⸗ len andern Albernheiten hebe ich nur noch die heraus, daß mitten im Zuge ſich ein ſtattlicher, reich verzierter, jedoch leerer Triumphwagen befand. Eine Abtheilung dieſer Proceſſion war ganz geeig⸗ net, theilnehmende Rührung einzuflößen. Dieſe Abthei⸗ lung beſtand aus etwa dreißig ehrlich ausſehenden See⸗ fahrern, die mitten durch die ganze Mummerei hindurch Ardent Troughton. 141 den Kreuzgang der Kirche heraufdrangen, um zu Füßen der heil. Mutter zum Meer ihre Opfergaben niederzu⸗ legen. So ernſt und rauh ſie von Mienen ſich auch zeigen mochten, ſtanden doch Thränen in den Augen eines jeden von ihnen. Sie waren dankbar dieſe Män⸗ ner; und Dankbarkeit iſt dem Allmächtigen ſtets ein willkommenes Opfer und Gebet! Freilich ſtanden ſie in dem Wahne, ſich das höchſte Weſen dadurch noch geneigter zu machen, daß ſie auf den Altar der heiligen Wachskerzen von verſchiedener Größe kleine wächſerne und buntangekleidete Heiligenbilder, und— was die frommen Pater am meiſten ſchätzten, einige kleine mit Silbermünzen gefüllte linnene Beutel niederlegten. Deſſenungeachtet lag in bieſer Ceremonie, ſo wie in dem Benehmen der Schiffsleute etwas Eindruckbewir⸗ kendes. Jeder dieſer Männer war aus der gaͤhnenden Tiefe, oder vor dem Tode auf wellenbeſpültem Riff durch die Hand der Fürſehung gerettet worden; und nicht die leiſeſte Neigung fühlte ich, dieſelben zu belä⸗ cheln oder zu beſpötteln, obſchon ſie von Scheffeln voll wurmzerfreſſener Knöchelchen, denen alleſammt Wun⸗ derkraft zugeſchrieben ward, umgeben, und von einem Trupp derber Geſellen umringt waren, von denen jeder eine zehn Fuß lange und verhälknißmäßig dicke Wachs⸗ kerze trug, deren unangezündetes Ende in einem an dem Knie des Trägers befeſtigten Fußgeſtell ruhete, auch zu mehrerer Sicherheit um deſſen Leib feſtgegürtet war, und obſchon tauſend andere eben ſo übertriebene und lächerliche Spielereien dieſen Aufzug begleiteten. Die Opfergaben der ehrlichen Burſchen wurden auf einer achteckigen Silberſchüſſel, die acht ſchneeweiß ge⸗ kleidete Prieſter trugen, in Empfang genommen. Als jeder Opferer ſeinen Tribut gezollt hatte, glaubte ich, 142 Die Büßung, oder daß das Schauſpiel ſeine Endſchaft erreicht hätte, und erhob mich abermals aus meiner knienden Stellung, um fortzugehen. O, daß ich gegangen wäre! daß ich da⸗ mals gewußt hätte, wie ich an der Kriſis meines Schickſals ſtand! Ein plötzliches und triumphirendes Einfallen der Orgel feſſelte mich an die Stätte. Das himmelhohe, gothiſch geſchnitzte Wölbdach erbebte bei den harmoni⸗ ſchen Widerklängen, und der Boden zitterte unter mei⸗ nen Füßen, als ob er Theil nähme an der göttlichen Melodie. Dann erſcholl der Choralgeſang zu Ehren der jungfräulichen Mutter— der Jugendlichen, der Schönen, der Benedeieten! Sie ward als der Geiſt der geläuterten Liebe begrüßt, ward in traulichen, herzi⸗ gen, häuslichen Ausdrücken um ihre himmliſche Fürbitte angeflehet. Man betete zu ihr, es möchte ihr Erbar⸗ men über das Meer hinhauchen, und ſie ſelber, die da ſterblich geweſen wäre, möchte in ihrer geſegneten Un⸗ ſterblichkeit der armen Erdenkinder eingedenk ſein. Frei⸗ lich ward dieſer begeiſternde Hymnus in gereimtem Mönchslatein abgeſungen, allein er drückte die Gedan⸗ ken klar, kräftig und innig aus, und Muſik und Chor⸗ ſtimmen dabei waren erhaben und trefflich. Bei jeder Strophe ſtiegen die Prieſter mit dem Opferbecken eine der zum Hochaltare führenden Mar⸗ morſtufen hinan, beugten nach jedem zurückgelegten Schritte ihre Knie, und erhoben einen andächtigen Fle⸗ hensblick zu dem Altarsblatte, welches das vom Heili⸗ genſcheine der Schönheit und Unſchuld umwallte Bild⸗ niß der Jungfrau wies. Meine Augen hafteten an dem unausſprechlich ſchönen Antlitze des Bildes, und mich dünkte faſt, daß ein ſo unvertilgbar einnehmender Geſichtsausdruck die götzendieneriſche Anbetung verdiente, Ardent Troughton. 143 die ihm gezollt ward. Mittlerweile umringten die amt⸗ verrichtenden Prieſter und die Akoluthen den Altar; die Weihrauchgefäße ließen ihre Düfte emporwallen, die nach und nach das ganze Gebäude durchdrangen, indem ſie in anmuthigen Wölkchen zu des Wölbdaches reichem Schnitzwerke emporſchwebten, und endlich ſich in einem Nebelſchein von Erhabenheit auf die ganze Proceſſion herabſenkten, ſo daß dieſer alles Widerwärtige des Ausſehens genommen ward. Der Hergang begann einen peinlichen Eindruck auf mich zu machen; ich er⸗ bebte, mein Herz pochte, Thränen ſtanden in meine Au⸗ gen. Ich fühlte mich ſtark verſucht, das belaſtende Entzücken, von welchem ich ergriffen war, durch einen wilden Schrei von mir zu ſcheuchen, als die Prieſter die oberſte Altarſtufe erreicht hatten, wo ſie zuſammt dem Bilde gleichſam in einer glorreichen Duftwolke verloren, und Orgel und Chorſtimmen, im Wieder⸗ hallen eines lieblichtönenden Donners, das laute»Ave Maria, halleluja!« erſchallen ließen! Hinter dem Altar brach ein blendendes Licht hervor, und eine lebende, eine athmende Gottheit ſchien herabzuſchweben und die Opfergabe zu ſegnen! Es war Gaukelei— es war Zauberblendwerk! Augenblicklich warf die ganze Gemeinde ſich in den Staub. Ich ließ mich auf meine Kniee nieder, aber ich ſenkte mein Haupt nicht. Ich war wie bezaubert. Alle meine Geiſtesfähigkeiten hatten ſich in mein Seh⸗ vermögen zuſammengedrängt. Da lächelte vor meinem Hinblick die Verkörperung tadelloſer Schönheit; aber es war eine Schönheit, die mit meiner Seele von dem Anbeginn aller Dinge und aller Zeit geſchaffen zu ſein ſchien, und die jetzt zum erſten Male in das Erdenleben eingefuhrt, die lange vorenthaltene Sympathie, die An⸗ Die Büßung, oder betung und die Liebe des mit ihr zugleich in's Leben gerufenen Sklaven heiſchte, auf daß er ihr dienen möchte! Wie dieſes Wunder allübertreffender Lieblichkeit be⸗ kleidet war, wußte ich nicht; durch welche künſtliche Vorrichtung ſie aus der ſich öffnenden Leinwand des Altarbildes hervorkam, oder auf welche Weiſe ſie nach Empfangnahme und Segnung der Opfergaben, in den Triumphwagen der Preceſſion geſchafft ward, ſuchte ich nimmer zu entdecken, ſo nahe ich dem Zuge auch war. Alles, was ich davon weiß, iſt, daß als ſie rundum durch die Kirche gefahren ward, ich mich ihr ſo nahe als möglich hielt, meine Augen an ihr ſtrahlendes Ant⸗ litz heftete, und dabei alles, was mir in den Weg kom⸗ men mochte, aus meinem Wege ſchob oder überrannte. Dreimal wiederholte ſich ihre Umfahrt durch die Kirche, wobei ſie huldvoll ihre Segnung an die ſie um⸗ drängende Volksmenge ſpendete. Ohne der Stöße und Schläge zu achten, die ich empfing, blieb ich ihr dicht zur Seite. Einmal begegneten unſere Blicke einander, als ſie ſanft ihr Geſicht wendete. Es iſt mir zuwider von Baſilisken zu ſprechen; die Sprache hat keine Worte, die Poeſie keine Rhythmen, um die Allgewalt des Rei⸗ zes jenes Blickes ausdrücken zu können; obwohl der Jungfrau blaue Augen milder ſchaueten, als der Flaum auf der Schwinge des jugendlichſten Seraphs, zogen ſie doch meine Seele mit einer Gewalt zu ſich, die ſtärker war, als der Tod. Ich konnte nicht von ihnen weg⸗ blicken, und eben ſo wenig vermochte das jugendliche Prunkopfer ſeinen Blick von dem meinigen abzuwen⸗ den. Auch weiß ich nicht, wie lange dieſes beider⸗ ſeitige Anblicken fortgedauert haben würde, wenn nicht mein Fortſtoßen und Niederwerfen der mich Hindernden ſolche Aufmerkſamkeit erregt hätte, daß zwei baumſtarke Ardent Troughton. 145 Schweizer mich augenblicklich aus der Proceſſtonsreihe herausriſſen. Allein nichts Zärtliches, nichts Tröſtliches lag in dem Blicke dieſer Nachahmung der Göttlichkeit. Ich konnte in ihren Augen nur ein ſchauererregendes tiefes Nachſinnen, ein Gefühl des Verwunderns und einer Schrecken erzeugenden Neugier wahrnehmen. Ehe ich wieder in ihre Nähe gelangen konnte, brach der Lobge⸗ ſang wieder aus, die Weihrauchwolken wallten von Neuem empor, das Altarbild hüllte ſich in Dunſtglorie, und durch dieſen hinweggeführt, verſchwand die Ver⸗ bildlichung der heiligen Mutter. 3 Meine hinſtarrenden Augen hafteten an ihr his zum letzten Momente, und als der letzte faltenreiche Vorhang, den ich matt durch den Dampf ſchimmern ſah, ſich hinter der Erſcheinung ſeukte, kniete ich an dem Altargitter, begrub das Geſicht in meine Hände, ſchus die Augen, und ermuthigte meine Seele, bei jedem Ge⸗ ſichtszuge zu verweilen, den ich ſo eben mit ſo wonni⸗ gem Entzücken betrachtet hatte. Die Orgel verklang ſich in melodiſchen Tönen. Pro⸗ ceſſion und Volksgewühl zogen ſich nach und nach zu⸗ rück; endlich entwichen auch einzeln die vielen Prieſter — ich aber achtete all deſſen nicht, und wußte auch nicht, daß ich allein war. So in mich gekehrt, und immer noch in der näm⸗ lichen Stellung, begann ich, meiner Seele Fragen zur Beantwortung vorzulegen; doch war dieſelbe viel zu verwirrt dazu.»Kann dieß Liebe ſein? Kann Liebe ſo plötzlich entſtehen? War dieſe Erſcheinung wirklich ein lebendes Weſen? Ich kenne ſie genau— ich habe mit ihr Geſpräche geführt, ſie bewacht, mit ihr gebetet, mich mit ihr gefreuet— aber wo? Entweder,« ſprach ich Ardent Troughton. I. 10 Die Büßung, oder voll Bitterkeit zu mir ſelbſt— v»entweder beſitze ich ein zwelfaches Daſein, oder ich bin wahnwitzig.— Kalter Troughton! O daß ich nimmer meinen Schreib⸗ ſtuhl im düſtern Comtoir der City verlaſſen hätte! Dieß unzuſättigende Herz wird ſich nimmer mit Zu⸗ friedenheit erfüllen, wird nimmermehr wieder Friede fühlen.— Liebe zu ihr? Nein, der Art iſt dieſes Ge⸗ fühl nicht! Ich weiß nur, daß ich elend bin.« Aber⸗ mals verſank ich in eine ſchmerzliche Träumerei. Wie lange ich ſo verharrte, weiß ich nicht; endlich ward ich durch einen leiſen Schlag auf die Schulter erweckt; ich blickte auf, und ſah Julian's lächelndes Angeſicht über mir. „»Wie,“« ſprach er,»allein am Fuße des Hochaltars? Gewiß ſind Sie der andächtigſte Menſch in Barcelong. Hätte ich Sie abſichtslos zu einem Neubekehrten ge⸗ macht? Aber ernſthaft— wie finden Sie die Ceremo⸗ nieen unſerer Kirche?«⸗ »Abſcheulich!« rief ich,»wollte Gott, ich hätte ſie nimmer geſehen!« »Das iſt ungroßmüthig geſprochen, Troughton, ⸗ verſetzte mein Freund.»Vielleicht ſpielen Sie dabei beſonders auf die verlebendigte Vorführung der Jung⸗ frau an. Der Kunſtgriff ſchreibt ſich aus uralter Zeit her, und Manche, die ſonſt ihr Lebelang keinen gott⸗ frommen Gedanken faſſen würden, fühlen ſich durch der⸗ gleichen Aufregungen zur Andacht getrieben. Der ver⸗ ſtändige und aufrichtige Beter, ſieht in dergleichen Ver⸗ bildlichungen nichts Unrechtes. Wie aber führte in Bezug auf eine Feierdarſtellung die Sennorita ihren Charakter durch?«⸗ »Sie war allzugöttlich,« verſetzte ich.»Wer iſt ſie?« fügte ich hinzu, indem ich bebte. —jxæxE Ardent Troughton. 147 »Die einzige Tochter eines ſpaniſchen Kaufmanns, den der gute König Joſeph aus Madrid vertrieb, nach⸗ dem er ihn wie einen Schwamm ausgedrückt hatte.⸗ »Spaniſch? Ihr goldenes Haar, ihre blendend⸗ weiße Hautfarbe und ihre geründete Geſtalt— wie ungleich dieß Alles der anmuthvollen aber gebräunten und fleiſcharmen Schönheit einer Spanierin! Sie kann keine Spanierin ſein, Don Juliano.« „O, Sie kennen Ihre Landsmärninnen nicht! Sie i*ſt durch und durch Spanierin, und Barcelona's aner⸗ kannte Schönheit.⸗ „Aber ihr Name, lieber Julian? ihr Name?⸗ „Sie heißt die Trottoni— eine höchſt muntere und andächtige Katholikin iſt ſie, ich kann es Ihnen ver⸗ ſichern.« 3 „»Hm! aus der heute mehr als ein Engel gemacht ward. Sagen Sie mir doch, Sennor,« fragte ich mit Bitterkeit,»ob dieß Weſen, das eine Himmliſche vorſtellte, ſich gewöhnlich in die Mantilla kleidet, und den kurzen, ganz abſonderlich verkürzten ſpaniſchen Wei⸗ berrock trägt?« »Allerdings, ſonſt würden ihre ſchönen Knöchel arge Urſache haben, ſich zu beklagen.« »Und mit ihrem Fächer weiß ſie ſicherlich auch zu tändeln? » Kein Mädchen in Barcelona handhabt dieß un⸗ erläßliche Geraͤth aumuthiger, als ſie.⸗ »Herrlich! trefflich! und gutherzig iſt ſie dabei auch? wird ſich vielleicht herablaſſen, einem hübſchen Caballero das Cigarro anzuzünden, und es ihm zu überreichen, nachdem ſie einige anmuthige Züge that?« » Es iſt dieß Sitte des Landes, Ardent, und die Schöne erwies mir dieſe Artigkeit noch geſtern Abend.⸗ 3 10* 148 Die Büßung, oder „Den Trr*l that ſie das!— Doch mir be⸗ hagt's— es thut mir wohl— thut mir unſäglich wohl!« „»Würde Ihnen nicht noch wohler ſein, wenn ich Sie bei ihr einführte? Ich traf ſie in einer'tertulia“ (Abendgeſellſchaft), als ich Sie geſtern verließ. Sie mögen mich, wenn's Ihnen gefällig iſt, heut' Abend zu ihr begleiten.“« „»Nimmer, nimmer! ich will dieſe Täuſchung ver⸗ ſcheuchen. Ich habe ſie ſo geſehen, wie ſie nur eigentlich geſehen werden muß. Reden wir von etwas Anderem. Ich fühle, daß ich nur ein kurzes, aber zum Tode er⸗ müdendes Leben führen werde, indem ich einem Irr⸗ wiſche nachjage.« Nachdem ich den dringenden Bitten meines Freun⸗ des, mit ihm zu gehen, widerſtanden hatte, begab ich mich in mein einſames Quarkier, um durch Nachdenken dem Eigenſinn eines allzu heftigen Temperaments ent⸗ gegenzuarbeiten, der, wie ich fühlte, mich in's Elend, wohl gar in Wahnſinn zu ſtürzen trachtete. Ich konnte jedoch der Viſion der heiligen Jungfrau, ſo wie der Marter des ſcheußlich grotesken Gedankens, ſie mit ei⸗ nem Cigarro im Munde zu ſehen, nicht ledig werden. Der Leſer wird hieraus abnehmen, daß ich mich zum erſten Male verliebt hatte, daß ich nichts davon wußte, und in meiner unzuſagenden Lage mich heſtig und unverſtändig gab. Wer hat jemals erkannt, daß die Liebe den Charakter eines Mannes oder Weibes, ausgenommen in den Augen des geliebten Gegenſtandes, gebeſſert hätte? Mich machte ſie ungeduldig und reizbar, ſo daß ich ſelten vor Dunkelwerden mein Quartier verließ, und dann mit Jugurtha und Springer am Mee⸗ resufer umherſtreifte, mir vorredete, ich ſei der unglück⸗ Ardent Troughtron. 149 lichſte Menſch von der Welt, und Alles aufbot, mir dieſe meine Behauptung zu beweiſen. So vergingen vierzehn Tage, und ich ward täglich grämlicher und ſchwermüthiger. Während dieſer Zeit ſah ich weder Julian noch Iſidora. Durch die gerin⸗ gen Forſchungen, die ich angeſtellt hatte, war mir die Ueberzeugung gekommen, daß meine Aeltern ſich nicht in Barcelona befanden, und meine Sehnſucht, dieſelben zu ſehen, war längſt von mir gewichen. Endlich wagte ich es, meine Wohnung zu verlaſſen, und eine lichtere Behauſung für mich und mein Gefolge außerhalb des Stadtbezirks zu ſuchen, weil ich dort minder geſtört ſein, und meine Streifereien mit meinen beiden Gefährten die ganze Nacht hindurch würde fort⸗ ſetzen können, ohne den läſtigen Anruf einer Schildwache oder den Argwohn der ehrlichen Einwohner hinſichtlich meines mitternächtigen Umherſtreifens befürchten zu müſſen. Es war jetzt gegen das Ende des Julius, das Wetter überaus warm, und mein vorſtädtiſcher Schlupfwinkel ward ſehr angenehm. Freilich bewohnte ich ein elendes Häuschen, allein, Dauk der Sorgfalt Jugurtha's! wir hatten ungleich beſſere Nahrung als Wohnung. So lebte ich nicht bloß in Zurückgezogen⸗ heit, ſondern beinahe in Abgeſchiedenheit, bis am drit⸗ ten Auguſt all meine Thatkräfte auf das Seltſamſte nochmals in Anſpruch genommen wurden.. Büßung, oder Achtzehntes Kapitel. Es war ein klardunkler Abend, und über uns brei⸗ tete ſich jener köſtliche ſpaniſche Sommerhimmel, der in jedem Nerv eben ſo gefühlt als er geſehen wird. Jugurtha war, ſo wie ich, wohlbewaffnet, denn in Spa⸗ nien trägt Jeder Waffen. Springer, der die Gewohn⸗ heit hatte, ſeine Waffen niemals abzulegen, begleitete uns, als wir während jenes Abends einen weiteren Streifzug als es ſonſt geſchehen war, vorgenommen hat⸗ ten. Wir gelangten auf uns unbekannte Pfade, und ſchlenderten, achtlos gegen etwaiges Betreten fremden Gebietes, dahin, wo der Duft der thaubenäßten Oran⸗ genblüthen am kraͤftigſten einlud. Zuletzt befanden wir uns nahe bei einem langen, niedrigen Gebäude, das den ſpaniſchen Landhänſern ſehr unähnlich war, wohl aber ziemlich einer engliſchen Meierei glich. Feine Sitte gebot uns augenblicklich umzukehren, jedoch leiſe Muſik⸗ klänge und Geſangtöne mahnten uns nicht nur zum Stillſtehen, ſondern ſogar zum Vorwärtsſchreiten. Wer wäre nicht lieber eingeladen als zurückgewieſen? Wir ſchlichen alſo dem Landhauſe näher, und da die bis faſt zur Erde reichenden Fenſter deſſelben offen ſtanden, konn⸗ ten wir ſo ziemlich wahrnehmen, was in dem Haupt⸗ zimmer vorging. Wir ſahen eine häusliche Scene, die keinen ſonderlich maleriſchen Anblick darbot; ſtanden auch nicht nahe genug, um die Geſichtszüge der kleinen drinnen befindlichen Geſellſchaft zu erkennen, die aus Ardent Troughton. 151 einem aͤltlichen Herrn, einer Frau in reifen Jahren und einem ſehr jungen Frauenzimmer beſtand. Der alte Herr trug eine wohlgepuderte Perrücke, und war an einem Schreibepult ſehr geſchäftig mit dem Ordnen mehrerer Papiere; die Dame arbeitete an einem Stickrahmen, und die junge Dame, die zu der in Spanien überall zu findenden Guitarre ſang, hatte ihr Geſicht mit der Mantilla verhüllt, und ihre Geſtalt 3 zum Theil von dem Scheine der einen großen, beſchat⸗ teten Lampe abgewendet, welche auf dem Schreibepult des alten Herrn brannte. Das Zimmer ſchien nicht beſonders ſchön möblirt zu ſein, doch hatte die ganze Scene etwas Gemüthliches, das meinen Gefühlen über⸗ aus ſänftigend zuſagte. Obſchon ich den Geſang deutlich hörte, achtete ich nicht ſonderlich auf ihn, denn der ſchallende Hymuus, den ich kürzlich in der Kirche Unſerer lieben Franen zum Meere gehört hatte, hallte mir noch fortwährend im Ohre. Allmälig, während meine Begleiter in nur geringer Entfernung blieben, näherte ich mich immer mehr den Balkonfenſtern, bis endlich meine rechte Hand an dem Sims derſelben ruhete. In dieſer Annäherung, die et⸗ was Romantiſches mit ſich führte, beunruhigten friedliche Erinnerungen an vergangene Tage mir die Seele, und verſetzten mich zurück in das wohlmöblirte Geſellſchafts⸗ zimmer zu Lothbury, und zu den für mich verloren ge⸗ gangenen Plejaden— obſchon ihrer nur fünf waren, den Miſſes Falck. Die Stimme der jugendlichen Sän⸗ gerin begann jetzt mir behaglich zu klingen. Ich ſehnte mich nach einem Anblicke des Geſichtes der Sängerin, die ſich noch fortwährend über ihr Inſtrument beugte. Nicht lange jedoch währte es, ſo ward ich mit dem ſchlimm⸗ ſten aller Flüche, dem eines erfüllten Wunſches belegt. 152 Die Bützung, oder Eine beſonders durchdringend lieblich klingende Ca⸗ denz des jungen Frauenzimmers machte, daß die Dame von ihrer Arbeit mit dem gewöhnlichen ſpaniſchen, einem engliſchen Ohre unfromm lautenden Ausrufe:»Jeſus!« auffuhr und die Stirn der Sängerin küßte. Ich hatte gerade Zeit genug zu bemerken, daß die Dame außer⸗ ordentlich ſchön war, in der ſchattigen Fülle mauriſcher weiblicher Ueppigkeit, von der das Herz der Männer ungleich eher eingenommen wird, als von der Schön⸗ heit lichterer Hautfarbe. Ich hatte, ſage ich, gerade Zeit genug, dieß zu bemerken, als das kleine hinter ihm vorfallende Geräuſch den Herrn in der Puderperrücke von ſeinen Papieren aufblicken und ſeine milden von Zärtlichkeit ſtrahlenden Geſichtszüge zeigen ließ. „»Meine Tochter!« ſprach er mit Innigkeit. Das Mädchen ſtand auf, und hatte augenblicklich ihre weißen Arme um den vom Alter gebeugten Nacken des Vaters geſchlungen, während die Dame über Beide gebückt daneben ſtand. Es war dieß eine von den Auf⸗ wallungen tiefen Gefühles, die— ach, nur zu ſelten! — in häuslicher Kreiſe Abgeſchloſſenheit, die nichts weniger als Abgeſchiedenheit iſt, zum Ausbruche zu kommen pflegen. Allein, was war dieß Alles damals für mich? Nichts. Ich ſah es zu jeuer Zeit, ohne es weiter zu beachten. Erſt in ſpäteren Jahren, als ich dieſe Scene tauſend Mal und wieder tauſend Mal überdachte, traten dieſe vorgegangenen Einzelnheiten mir wieder vor die Seele. Ach, was war dieß für mich?— In dem Augen⸗ blick, in welchem das junge Frauenzimmer ſich tändelnd auf ihres Vaters Schooß geſetzt hatte, ſchüttelte ſie ihr Haar zurück, das wie wogendes Funkeln goldenen Lichts ihr Haupt umwallte und hinter den Falten ihrer Man⸗ Ardent Troughton. 153 tilla zu leuchten ſchien, und enthüllte mir ſo mit einem Male all die himmliſche Lieblichkeit jenes Antlitzes, von welchem ich im Gebete erflehet hatte, es nimmer wie⸗ der zu ſehen, oder aber es lebensläuglich erſchauen zu dürfen— jenes Angeſicht der Nachahmung Unſerer lie⸗ ben Frauen zum Meer— ſie, vor der ich ein Gewühl von Anbetern hatte knieen ſehen— ſie, für die ich die Orgel ihre Halleluja's hatte aushauchen hören— ſie, die Verkörperung der heiligen Mutter Gottes! Wie kam's, daß meine erſte Bewegung in jenem Moment die war, mich zu überzeugen, daß mein Dolch noch in meinem Gürtel ſteckte, daß meine Piſtolen Pul⸗ ver auf der Pfanne hatten? Ahnete mir Todesgefahr für ſie oder für mich? Mein Thun war unwillkürlich. Ohne daß ich den mich dazu antreibenden Grund jemals habe ermitteln können, zog ich Jugurtha heran, und wies ihm die Scene. Der Neger legte ſeine breite platte Naſe dicht an die Glasſcheibe und ſperrte ſeinen ohnehin ſchon großen Mund, auf den er ſtolz war, zu einem Grinſen undenkbaren Entzückens bei dem Anblicke auf. Auch der Hund kam näher, um ſich den Gaffern beizu⸗ geſellen. In dieſer unſerer Stellung hatte ich kaum ſo viele Zeit, um dem Wunſche bei mir Raum zu geben, es möchte ein Trupp Banditen in das Zimmer vor mir dringen, damit ich ſie erſchlagen könnte, als die Mutter aufblickte, und das ſeltſame und etwas ſcheußliche Bild gewahrte, das ſich draußen vor dem Fenſter wies. Jetzt gab's im Hauſe Kreiſchen und Rennen und Rufen nach Dienern, und ich hatte kaum Zeit, mich davon machen zu wollen, als ich mich ſchon von Be⸗ waffneten umgeben ſah. Ehe ich noch meine Piſtolen hervorholen konnte, fühlte ich mich auf ein Knie nieder⸗ geworfen, und der Dolch des Kapitäns Mantez blitzte — Die Büßung, oder über mir. O daß ich in jenem Augenblicke den Tod gefunden hätte! Jahre, lange Jahre der Kämpfe und des Elendes würden mir dann erſpart worden ſein; allein der getreue Springer war wachſamer als wir Anderen. Bevor der Dolchſtich hernieder fahren konnte, war das Thier an das Meuchlers Kehle, und ich vermochte deſ⸗ ſen aufgehobene und bewehrte Hand von mir abzudrän⸗ gen. Mittlereweile ſetzte Jugurtha mit ſeinem ſchweren Meſſer ſich dämoniſch zur Wehre, und hielt einen Kreis von Angreifern von ſich ab. Dieß konnte jedoch nicht lange währen; man kam ihm immer näher, und um⸗ ringte mich und meinen Geguner ſo eng, daß wir Alle mit entſetzlichem Gepolter durch das Fenſter in das Gemach getrieben wurden, in welchem der erſtaunte Hausherr, deſſen erſchreckte Gattin und Tochter und betroffene Dienſtleute ſtanden. In's Zimmer hineingerollt, hatte ich mich leicht der Waffe bemächtigt, die gegen mich erhoben geweſen war. Ich ſtand auf. Mantez aber befand ſich in arger Klemme; Springer ließ nicht los, und den Kapitän rettete nur deſſen dicke ſchwarze Halsbinde vor augenblicklichem Tode. Er war nahe daran, erwürgt zu werden. Ju⸗ gurtha war ergriffen worden, dennoch hatten ihrer Zwei Mühe genug, ihn feſt zu halten. Dieſe achtete er je⸗ doch wenig, wohl aber deuteten ſeine Blicke und Ge⸗ berden ausſchließlich auf Mantez, deſſen Kopf von dem wildgewordenen Hunde heftig gegen den Boden geſto⸗ ßen ward und deſſen Geſicht blauſchwarz zu werden begann. Mittlerweile fühlte ich mich frei von aller perſön- lichen Beläſtigung, ſtellte mich daher in die Mitte des Zimmers, zog meine Piſtole heraus, ſpannte ſie, und blickte grollend umher, um zu ſehen, wen ich zum erſten Ardent Troughton. 155 Opfer meines Zornes zu machen hätte. Allein bei die⸗ ſem mordſüchtigen Umherſchweifen fielen meine Blicke auf die ſtattliche Mutter und die liebliche, jetzt ſchön⸗ bleiche Tochter. Da ließ ich beide Hände ſinken und rief laut:»Nein,— nicht hier— nicht jetzt— nicht in dieſer Umgebung!« Sonder Zweifel war alle Wildheit aus meinem Weſen gewichen, denn der alte Herr trat furchtlos mit den Worten zu mir:»Herr Student,«(der Leſer wird ſich der Kleidung erinnern, die ich trug,)»Sie allein von dieſen Hereindringenden ſcheinen nicht ganz und gar vom Dämon des Mordens beſeſſen zu ſein. Können Sie nicht dem ehrenwerthen Kapitän aus den Klauen jenes fürchterlichen Thieres helfen?« »Weßhalb ſollte ich das? Der Schurke wollte mich meuchelmorden!« »Sie leiſteten Widerſtand,« ſagte einer von den Vieren, die genng zu thun hatten, den Neger gebändigt zu halten.»Erkennen Sie mich— ich bin der Ober⸗ alguazil, und komme, auf eidliche, Ausſage des ehren⸗ werthen Kapitän Mantez, dieſen als Studenten ver⸗ kleideten Menſchen zu verhaften, der ein Spion und Betrüger und Landſtreicher iſt, kürzlich noch ſich Don Ardentizabello de Trompe Hilla nannte und mehrere Verbrechen beging. So alſo, Sennor, wie immer Sie heißen mögen, rufen Sie Ihren Hund zu ſich, und fol⸗ gen Sie mir geraden Weges zum Gefängniſſe.« Während deſſen rang der gepackte Jugurtha von Neuem heftig, ſo daß der Alguazil darüber ſchier außer Athem verſetzt ward, und nur lallend noch die Worte hervorbringen konnte:»Sennor Trottoni, ich befehle Ihnen und Ihren Dienern, im Namen der Obrigkeit, 156 Die Büßung, oder uns beizuſtehen, zu helfen und zu unterſtützen, dieſen Betrüger mit den Piſtolen feſtzunehmen.« »Beſſer wird's ſein, ſolches nicht zu thun,« ſiel ich ein;» denn die beiden Erſten, die ſich mir nähern, ſchieß' ich nieder.« Voll Angſt rief jetzt die ältere Dame:»Unterdeſſen erwürgt das Ungeheuer den edlen Kapitän. Großmü⸗ thiger Fremdling, ich flehe Sie an, den Hund abzuru⸗ fen oder zu erſchießen.« „ Stets,“ verſetzte ich, indem ich mich gegen die Dame verbeugte—»ſtets würd' ich mich glücklich ſchätzen, einer erhabenen Sennora gefällig zu ſein; in dieſer Kleinigkeit kann ich es jedoch nicht.« Es ver⸗ ſteht ſich, daß ich mich in ſpaniſcher Sprache ausdrückte; doch ſetzte ich bitterlich auf Engliſch hinzu:»Ungeheuer? Der Himmel entſcheide, wer von Beiden das größte Ungeheuer iſt. Möge der feigherzige Meuchelmörder in Stücke zerriſſen werden.“ „»Sie ſprechen Engliſch,« nahm der alte Herr in dieſer Sprache ſehr bewegt das Wort;—»im Namen des allgnädigen Gottes! wer ſind Sie? Reden Sie die Wahrheit!“ „Sennor, ich bin kein Spion, kein Betrüger, kein Landſtreicher, kein Verbrecher; ſondern Ardent Trough⸗ ton, ein ſchiffbrüchiger Kaufmann.« „Von der Brigg Jane?« „»Allerdings, auf welcher ein gewiſſer Tomkins kom⸗ mandirte.« »Dann Sir, befehl' ich Ihnen, Namens Ihrer Sohnespflicht, dem Hunde dort zu wehren, denn er er⸗ droſſelt ſonſt den Verlobten Ihrer Schweſter.“« Dieß ward mit ſo rühriger Würde geſprochen, daß ich augenblicklich gehorchte. Sofort lag der Hund zu Ardent Troughton. 157 meinen Füßen. Zu jener Stunde verſtand ich nichts, ſondern that wie mir geheißen ward, und war eine bloße Maſchine. Ich war wie betäubt, und fühlte den⸗ noch eine folternde Pein, ein Bewußtſein ſchwerer Miſ⸗ ſethat, das mir durch das Mark meiner Gebeine drang — mein Gefühl mochte dem gleichen, das ſich des Ver⸗ urtheilten während ſeines ſchweren, träumeriſchen Schla⸗ fes bemächtigt, der der Stunde ſeiner Hinrichtung vor⸗ angeht. Hätte man zu jener Stunde mir befohlen, die Mündung meiner Piſtolen gegen mein eigenes Haupt zu richten, ſo würde ich es geduldig, ja— ſoll ich es geſtehen?— ſo würde ich es faſt mit Eifer gethan haben. Ingurtha, deſſen Charakter aus dem unbedingteſten Gehorſam gegen mich und der innigſten Anhänglichkeit an mir zuſammengeſetzt war, bemerkte jetzt, daß ich des Meuchlers Bedderben nicht wollte, und hörte daher auf, ſich losringen zu wollen, ſo daß die Häſcher ihn aus freien Stücken losließen. Mein Vater und deſſen Diener waren nun bemüht, den halberſtickten Kapitän wieder zu ſich ſelbſt zu bringen, welches ihnen jedoch erſt nach ziemlich langer Zeit glückte. Während deſ⸗ ſen lehnte ich, in den dunkelſten Winkel des Zimmers zurückgewichen und die Piſtolen noch immer in meinen Händen, mich in dumpfer Betäubung an die Wand. Den erſten Gebrauch, den Mantez von ſeinem Selbſt⸗ bewußtſein machte, war, daß er ſeinen tödtlichſten Grimm gegen mich ausließ; da er mich jedoch nicht öffentlich ermorden konnte; ſah er ſich gezwungen, ſeine Wuth auf den Befehl an den Alguazil zu beſchränken, mich augenblicklich in's Ortsgefängniß zu ſchaffen. Bis jetzt war noch keine Erklärung zwiſchen den ſo ſon⸗ derbar zuſammengeführten Familiengliedern vorgefallen; Die Büßung, oder denn die hurtige Erkennung zwiſchen Vater und Sohn hatte ſich in einer Sprache geäußert, die der älteren Dame völlig fremd, und mit welcher das jüngere Frauen⸗ zimmer nur ſehr mangelhaft bekannt war. Mein Vater ſah ein, daß eine Art von Erläuterung ſtattfinden müßte, denn der Grimm des Kapitäns nahm wieder überhand, während mein erſter Entſchluß, Mantez, ſobald er Hand an mich legen würde, niederzuſchießen, deutlich in einem entſchloſſenen und kalthöhniſchen Geſichtsausdrucke wahr⸗ zunehmen ſein mochte. Mit ernſter Milde und mit wahrhaft anmuthiger Höflichkeit, zwang Mr. Troughton den Kapitän zum Sopha zurück, indem er zu ihm ſagte:»Lieber Ro⸗ drigo, ich hafte für die ſichere Bewachung dieſes jungen Mannes, dem Sie kein Leid zufügen können, ſobald Sie mein Freund bleiben wollen. Weh thut es mei⸗ nem Herzen, zu ſehen, daß Ihr erſtes Zuſammentreffen mit ihm inmitten wilder Ausbrüche grimmen Zornes ſtattfindet. Haben Sie die Güte, Ihr Häſchergefolge fortzuſchicken. Jeder ſoll hier gebührend zufrieden ge⸗ ſtellt werden. Hier, Ihr Leute, nehmt dieſes Geld und entfernt Euch. Ich hafte für ihn, den Ihr zum Gefangenen machen wolltet, und daſſelbe thut Euer würdiger Aufforderer, Don Rodrigo Mantez— nicht wahr Rodrigo?« „ Unter ausreichenden Gründen,« brummte der lie⸗ benswürdige, erwählte Schwiegerſohn aus ſeiner ge⸗ ſchwollenen Kehle hervor. Die Haͤſcher grinſeten, verbeugten ſich und gingen von dannen. Ardent Troughton. Neunzehntes Kapitel. * .* Nachdem der alte Herr ſeine Dienerſchaft fortge⸗ ſchickt, und das Zimmer ſorgfältig verriegelt hatte, ſetzte er ſich mit großer Würde in ſeinen Lehnſtuhl, zu Häupten eines großen, mit grünem Tuche bedeckten Tiſches. Er winkte ſeiner Frau und ſeiner Tochter, ſich ebenfalls zu ſetzen, wies dem Kapitän einen Sitz zu ſeiner Rechten an, legte einige Bogen Papier vor ſich zurecht, wiſchte ſeine Brillengläſer klar und nahm ſehr bedächtig eine Feder zur Hand, die er zurecht ſchnitt. Sein ganzes Verfahren ſah aus, als ob ein Verhör ſtattfinden ſollte, und mir will gemuthen, ich erſchien dabei ſo ziemlich wie ein Miſſethäter, oder ein mit den Waffen in der Hand auf der That ergriffener Mörder. In ſtummer Ohnmacht ſah ich aus meinem Winkel heraus dem Allen zu, und meine Arme hingen ſchlaff an mir herab, obwohl ich die Piſtolen noch im⸗ mer in meinen Händen hielt. Zu einer Seite neben mir ſtand Jugurtha, der von der jüngſt gehabten An⸗ ſtrengung noch ſchwer athmete, und dabei ein unnatür⸗ liches Ziſchen zwiſchen ſeinen Zähnen hören ließ. Ob⸗ wohl er ganz ſtill ſtand, hatte doch die Blutgier auf ſeinem Angeſichte, die, wenn er in Wuth gerieth, ihn wirklich ganz gräßlich machte, noch keineswegs nachge⸗ laſſen. Er kreuzte ſeine Arme über der entblößten Bruſt, und ſein blankes Hiebmeſſer hielt er in der Hand. Zur andern Seite, neben mir, befand ſich . / Die Büßung, oder mein getreuer, noch immer aufgeregter Springer, der bald ſich an meinen Beinen rieb, bald ſich die Seiten mit ſeinem prächtigen Schweife peitſchte und dabei mir ſtarr in's Auge ſah, als ob er ein Zeichen zu einem zu erneuenden Angriff erwartete. Wir müſſen wahr⸗ lich ein furchtbares Kleeblatt abgegeben haben. Ich fühlte in jenem Augenblicke nicht den unvor⸗ theilhaften Eindruck, den ich machte. Ueber meinem Erkenntnißvermögen hing ein Nebel; und mein Herz fühlte ſich beängſtet, als ob neuerwachte Reue es be⸗ laſtet hielt. Während der förmlichen und etwas lang⸗ weiligen Zurüſtungen meines ehrſamen Vaters, blickte ich mit mürriſchem Stumpfſinn auf die vor mir befind⸗ liche Gruppe. Endlich hatte der ältere Troughton ſeine Vorbereitungen beendigt, die er, was ich damals nicht einſah, nur deßwegen vornahm, damit alle Auweſende ſich von ihrer Aufregung erholen möchten. Mit ruhi⸗ gem und ſchlauem Lächeln redete jetzt mein Vater mich an:* „»Wollen Sie mir die Gefälligkeit erzeigen, Herr Student aus Valencia, mir zu erlauben, Sie meiner und Ihrer Familie vorzuſtellen?« Ich verbeugte mich bloß, denn all meine ſtürmi⸗ ſchen Gefühle kehrten in meine Bruſt zurück, und das Seltſame meiner Lage mit all ſeinen Zweifeln und Be⸗ fürchtungen drängte ſich mir von Neuem auf. „Liebe Julia, und Du, Honoria,« fuhr mein Va⸗ ter fort,»„Ihr wißt, wie ſehr mir der Ausbruch aller heftigen Empfindungen zuwider iſt. Glaubt Ihr die Eurigen nicht mäßigen zu können, ſo werdet Ihr wohl thun, Euch zu entfernen, denn ich hege ſtarke Vermuthung, daß jener hochgewachſene Jüngling mit dem verdrießlichem Geſichte, dem zerlumpten Studen⸗ Ardent Troughton. 161 mantel und den Piſtolen in den Händen, unſer ehren⸗ werther, und wie Mr. Falk uns ſo oft ſchrieb, unſer kaltblütiger Sohn Ardent Troughton iſt—« „Wir wollen bleiben,« ſagten beide Frauenzimmer wie aus einem Munde. „»Gerathet aber nicht in allzu heftige Bewegung,«⸗ ſprach mein Vater weiter.»Bedenkt, daß es hier Fragen vorzulegen, und Zweifel zu löſen giebk, bevor wir ihn in unſere Arme ſchließen können. Wirklich er⸗ warteten wir nicht in unſerem Ardent einen ſo wild und banditenmäßig ausſehenden jungen Menſchen zu er⸗ blicken.« »San Antonio! er iſt ſchön wie ein Engel,« rief die edle Matrone, indem ſie ſich in ihrem Seſſel erhob und mir ihre Arme entgegenſtreckte. Das Herz der Mutter ſprach aus ihr. „»Mein Bruder! mein Bruder!« ſchluchzte Honoria krampfhaft. Ich war gewaltig, ich war feierlich gerührt. „»So geht's nimmer,« ſagte Vater Troughton. »Weib und Tochter, meint Ihr, daß mein Herz nicht gleich dem Enrigen mich antreibt, den Sohn, den ein⸗ zigen Sohn zu umfaſſen, den wir ſeit Wochen als ei⸗ nen Todten betrauert haben? Wie aber erſcheint dieſer Menſch vor uns? Er bricht zu uns herein, wie ein Dieb in der Nacht— ſeine Hand liegt an der Gurgel des Mannes, dem ich meine Tochter zur Ehe geben will — er kommt, von dieſem würdigen Hidalgo als Betrü⸗ ger und Böſewicht angeklagt.— Geziemt es dem Sohne Edward Troughton's, auf ſolche Weiſe zu kommen?⸗ „»Es genügt, daß er gekommen iſt!« rief die er⸗ ſchütterte Mutter. »Sennora, iſt er unſer Sohn? Nas jetzt, unbe⸗ Ardent Troughton. I. 162 Die Büßung, oder ſchützt wie wir ſind, mißtrauet er uns; noch jetzt lie⸗ gen ſeine Finger am Schloſſe ſeiner Piſtolen.— Sir, beliebt's Ihnen ſich zu entwaffnen?« »Foltern Sie mich nicht, o mein Vater!« rief ich, indem ich nach und nach mich aus meiner Erſtarrung herausarbeitete.»Foltern Sie mich nicht. Ich habe viel, ſehr viel gelitten. Bemitleiden Sie mich. Folgte ich jetzt meinem Herzen, vollführte ich das feurigſte Begehren deſſelben, ſo würde ich ehrerbietig Ihnen zu Füßen knieen, mein Haupt vor Ihnen beugen, um Ih⸗ ren Segen bitten und ſterben. Jedoch für mich giebt es keine Glückſeligkeit mehr. Noch vor wenigen Mo⸗ naten war ich ſtolz darauf, zu denken, es würde Sie ſtolz machen, in mir Ihren Sohn zu ſehen, es würde Ihnen den Buſen ſchwellen, wenn Sie, geſtützt auf meinen Arm, in der zahtreichſten Verſammlung von Menſchen ausrufen könnten: ˙Seht ihn, er iſt's, iſt mein lange erſehnter Sohn!“ Ich verließ England mit einer nur von Freude erfüllten Bruſt— ich ſchwelgte in beſeligendem Vorgenuſſe, nicht des Hoffens, ſondern der Ueberzeugung.— Vater, ich habe Vieles erlitten, und werde ferner noch Vieles erdulden müſſen.« »Unſinn, lieber Ardent!« ſagte Mr. Troughtkon, in welchem ſich nun der Vater regte, ſo daß er des vorſichtigen Kaufmannes darüber vergaß.»Bin ich nichts zu Deinem Glücke? Iſt dieſe edle Dame, dieſe blühende, erröthende Schweſter, die ſo ängſtlich und doch ſo lieblich lächelt, Dir nichts? Sind wir Alle, Ardent, nichts zu Deiner Glückſeligkeit?« » Sie ſind Alles, worin ein Menſch Segnung fin⸗ den kann, der ſolche Segnung verdient. Doch ſollte dieſes unſer erſtes Zuſammenkommen durchaus nur un⸗ ter uns ſtatkfinden. Bevor ich mich alles deſſen ent⸗ Ardent Troughton. 163 laſte, was ich zu erzählen habe, bevor ich am heimath⸗ lichen Herde mein Herz ausſchütte, ſchicken Sie jenen Menſchen, jenen Fremden fort,“« ſagte ich, indem ich mit Abſcheu auf Mantez blickte. „» Betrüger!« rief dieſer,»ich werde bleiben. Du elender Menſch vieler Verkleidungen, ſollſt dieſe meine redlichen Freunde nicht länger hintergehen.« Bei dieſem Ausbruche von Heftigkeit erhob ſich neue Bewegung. Jugurtha und Springer ſchickten ſich abermals zu Vollführung deſſen an, was ſie für ihre Schuldineit hielten. Sogar mein ſanfter Vater ſchien über des Kapitäns Unbändigkeit empört zu ſein, wäh⸗ rend dieſem von der Sennora und Honorien laute Vor⸗ würfe gemacht wurden. Als die Ruhe wieder hergeſtellt war, ſagte ich: »So mag er bleiben. Aus Erbarmen gegen ihn, be⸗ gehrte ich ſein Fortgehen. Wir wollen in ſeinem Bei⸗ ſein die heiligen Gefühle bezwingen, die das häusliche Glück ausmachen, das zu theilen er nicht verdient, und das er auch nimmermehr mit uns theilen ſoll!« Ich ſprach dieß mit Heftigkeit, und blickte jetzt zum erſten Male meine Schweſter an, zitternd den Eindruck abwarketend, den meine Prophezeiung hervor⸗ bringen möchte. Doch verſtand Honoria meiner Rede Sinn nicht— ihre ſchwimmenden Augen hingen an mir im heiligſten Entzücken ſchweſterlicher Liebe. Eine ſchauerliche Kriſis war eingetreten. Sogar auf meines Baters ruhiger Stirn ſah ich die Schatten der Rührung gelagert. Ich begann eine Erzahnung von dem Tage an, an welchem ich mich an Bord der un⸗ glücklichen Brigg Jane begeben hatte, ich legte Alles dar, was mir begegnet war. Als ich in meiner ergeb⸗ nißreichen Geſchichte fortfuhr, erweiterte ſich meine 11* 164 Die Büßung, oder Bruſt, es zuckte mir durch alle Nerven— ich ward leidenſchaftlich beredt. Ich empfand ein Entzücken in⸗ nerer, ſchwermuthsvoller Befriedigung, als ich meine vielen und wunderſamen Leiden ſchilderte. Ich erzählte von unſeren Bedrängniſſen, unſerer Verlaſſenheit, un⸗ ſerer Angſt während des anhaltenden Sturmes— von der Rohheit und der Todesart des Schiffer Tomkins— von den hochgeſtimmten Gefühlen und dem wahnſinnigen Aberglauben des edelſinnigen Gavel's— von dem gott⸗ loſen Morde, den dieſer Namens der Religion began⸗ gen hatte— von deſſen Reue und deſſen heldenmüthi⸗ gem Sterben. Ich lobte ihn— ich nannte ihn meinen Freund— ich beklagte ſeinen Tod als den eines Bru⸗ ders— ich vergoß ſeinem Andenken heiße Thränen. Dann ſchilderte ich die Raſerei des Durſtes und Hun⸗ gers, die im Boote über mich gekommen war— wie hurtig wir zu mumienartigen Geſchöpfen zuſammen⸗ ſchrumpften— wie bald in Folge unſerer lange erdul⸗ deten Leiden Jugurtha, ich und der Hund Erleichte⸗ rung durch todähnlichen Schlummer fanden— wie wun⸗ derbar wir gegen den Willen des Mannes gerettet wur⸗ den, der vor uns ſaß, und den ich durch die bitterſte Verachtung, die ich nur irgend in meine Worte legen konnte, zu einem Nichts zuſammenſchüchterte. Dann flammte ich wieder in Begeiſterung auf, und verweilte bei dem hohen Charakter Don Inliano's und deſſen Verlobten Donna Iſidora. Ich legte meine Zweifel, meine düſteren Bedenklichkeiten dar, nachdem ich zu Bar⸗ celona gelandet war— ich äußerte meine Abneigung, mich meinen Aeltern ohne mitführende Beweiſe meiner Identi⸗ tät vorzuſtellen— ich ſchilderte mein Erblicken Honoria's in der Kirche Unſerer lieben Fraun zum Meer— ich gab die Mittel an, durch welche ich geſucht hatte, mir Ardent Troughton. 165 die erforderlichen Beweisführungen zu verſchaffen— ich führte zuletzt meine Erzählung bis zu dem Augen⸗ blicke herab, der mich zurück in den Kreis der Meini⸗ gen geführt hatte. Thränen in Fülle wurden von meiner edlen Mutter und meiner zarten Schweſter während meiner umfaſſen⸗ den Mittheilungen vergoſſen; und lange Zeit, bevor ich mit dieſen zu Ende war, hatte Mantez drohend und fluchend ſich davongemacht. Ernſt und feierlich und lange anhaltend war, als ich geendet hatte, die Segnung, die mir von dem alten Manne ward, inbrünſtig die Umarmung und zart und herzerſchütternd das Gemurmel ſüßer Liebe meiner Mut⸗ ter, und wild und begeiſtert das Vergnügen meiner all⸗ zuſchönen Schweſter, als dieſe bald an meinem Halſe weinte, bald mich mit Lebhaftigkeit küßte, dann mei⸗ nen Springer liebkoſete, und dann dem ehrlichen, zäh⸗ neweiſenden Jugurtha, der Alles, was vorging, wohl verſtand, die Hand ſchüttelte. Für ein Weilchen war die Glückſeligkeit meiner Fa⸗ milie vollkommen. Mein Vater blickte mit väterlichem Stolz auf mich, und begann ſchon, mir eine Hochſchä⸗ tzung zu bezeigen, durch die mein Herz noch feſter mit dem ſeinigen verknüpft ward. Ich war verloren gewe⸗ ſen und wieder gefunden worden. Man hatte mich als einen Todten beweint, und ich war den Meinigen ge⸗ beſſert, geläutert und in der Kraft junger Mannheit zurückgegeben worden. Die Meinigen hatten in mir eine Stütze und einen Beſchützer in Zeiten der Wider⸗ wärtigkeit, und im Glücke ein Weſen, welches ſie mit der Fülle ihrer Liebe überſtrömen und mit welchem ſie die reinſte irdiſche Gluͤckſeligkeit, nämlich die Freude häuslichen Lebens theilen konnten. — 166 Die Büßung, oder Nachdem ſich der Sturm meiner Empfindungen ge⸗ legt hatte, ſchalt mein Vater mich ein wenig, daß ich ſo krampfhaft empfindlich ihn nicht gleich aufgeſucht, und der väterlichen Liebe ſo wenig Erkennungsvermögen zugetraut hatte. Dann bemühete er ſich, durch gutmü⸗ thigen Scherz mir den Gedanken wegzulachen, als ſei ich ein dem Elende fortwährend preisgegebener Menſch. Um mich deſto kräftiger zu einer geſunden Gemüthsſtim⸗ mung aufzurütteln, erzählte er mir, wie er in meinem Alter plötzliche Anwandlungen von Niedergeſchlagenheit gefühlt hatte, daß dieſelben doch nur ſo lange dauerten, bis irgend ein wirkliches Leid ihn traf. Er hob mir hervor, wie die beſten Elemente zur Glückſeligkeit mich umringten, und daß es nicht nur thöricht, ſondern gott⸗ los wäre, einer Schwermuth nachzuhängen, die, wäh⸗ rend ſie meinen eigenen Frieden untergrübe, auch die Glückſeligkeit derer gefährdete, die kein Elend, aus mei⸗ ner Hand ihnen gereicht, verdienten. Ich ſtimmte Allem bei, was mein Vater ſagte, und gelübdete im Geiſte, daß ſo gute Rathſchläge auf keinen unfruchtbaren Bo⸗ den fallen ſollten. Wir trennten uns an jenem Abend als friederfüllte, hocherfreuete Familienglieder. Ich beſchloß glücklich zu ſein, beſchloß, meinen Buſen von dem gefährlichen Stoffe, den ich darin aufgenommen hatte, zu läutern, und betete um Befeſtigung dieſer meiner Vorſätze. Meine Schweſter— noch ein bloßes Kind— kaum vierzehn Jahre alt— ich ward gefaßter. Meine leidenſchaftliche Bewunderung, meine plötzliche Liebe waren einer Frem⸗ den gewidmet geweſen;»jetzt,« ſagte ich triumphirend, indem ich in der Ueberzeugung der Wahrheit ſprach— „jetzt iſt dieſe Fremde nicht mehr vorhanden, vorhan⸗ den alſo iſt auch nicht mehr die wahnſinnige Leiden⸗ Ardent Troughton. ſchaft, von welcher ich ſo gewaltig und ſo unfreiwillig ergriffen geweſen war. Dieſe Gedanken ſtärkten mich. Ich fühlte, daß mir Vergebung geworden war; ich ward ruhig. Ein hei⸗ ligeres Gefühl hatte ich zu hegen, und ich gelobte ſol⸗ ches zu thun— gelobte, über einer ſchuldloſen, ſchönen und jungen, ſehr jungen Schweſter zu wachen; ich ſchwur, dieſer Pflicht in aller Aufrichtigkeit, mit aller Gewiſſenhaftigkeit, in aller Frömmigkeit nachzuleben; aber der Gedanke an Honoriens Vermählung mit Mantez war Wermuth für mich, war ein verzehren⸗ des Feuer für meine innerſten Lebenskräfte. Zwanzigſtes Kapitel. *† Nicht zu berichten brauch' ich, daß folgenden Tages ein gemäſtete Kalb geſchlachtet ward. Freunde ſtürm⸗ ten mit ihren Glückwünſchen zu uns herein— unter den vorzüglichſten derſelben befanden ſich Don Juliano und Donna Iſidora. Auch Don Rodrigo Mantez ließ ſich mit zu Höflichkeit geglätteter Stirn wieder unter 167 uns erblicken. Seine Aeußerungen waren die wärmſten, die Entſchuldigungen, die er mir darbrachte, die reich⸗ haltigſten, ſeine Freundſchaſtserbietungen kannten keine Grenzen, und keiner von Allen lachte ſo herzlich, als er über die ihm betreffs meiner von meinem Freunde aufgehefteten Myſtifikation. Dennoch haßte ich den Men⸗ 168 Die Büßung, oder ſchen von Grund meiner Seele aus, und über alle Ma⸗ ßen. Gott verzeihe mir dieſe ſchwere Sünde! doch ſchien jener Haß mir ein zweites, ein um Vieles kräftigeres Lebensprinzip zu ſein, und ich hegte es mit einem Ei⸗ fer, mit welchem ein junger Poet ſeine erſte Liebe zu hegen pflegt. So lange wir in dieſer Welt leben, müſſen wir in ihr lächeln; ſo verſpotteten denn dieſer Meuchler und ich einander täglich, und oft ganze Tage durch gegen⸗ ſeitiges heuchleriſches Grinſen. Er hatte Vieles vor mir voraus. Nicht konnte ich verdeckte Hohnrede auf des Banditen Dolch bemänteln, doch dadurch ward ſein Lächeln nur noch ſanfter und milder. Selten ließ nach unſerer ſcheinbaren Ausſöhnung er einen einzigen Mus⸗ kel ſeines gelben Geſichtes etwas Anderes, als die tiefſte Hochachtung gegen mich ausdrücken. Ja, ja! er beſaß eine große Seele. Sobald er bemerkt hatte— und er bemerkte es ſogleich,— daß jegliche Hindeu⸗ tung auf ſeine einſtige Verbindung mit mir mich in Zuckungen verſetzte, enthielt er ſich durchaus jeglicher Erwähnung derſelben, mindeſtens that er dieß in mei⸗ nem Beiſein; und viele und entſetzliche Qualen hat mir der aalglatte Böſewicht dadurch erſpart. Wenden wir uns jedoch für eine Zeitlang von die⸗ ſer Werkthätigkeit böſer Leidenſchaften ab, um unſern Blick auf trockene Geſchäfts⸗Einzelnheiten zu lenken. Mr. Troughton nahm mich förmlich zum Handelsgeſell⸗ ſchäfter an. Wir unterzeichneten lange, wortgeſchraubte Kontrakte in Duplikaten und Triplikaten und beſiegel⸗ ten ſie, nicht, als ob wir Vater und Sohn, ſon⸗ dern als ob wir Jude und Chriſt, und voll Verlangens geweſen wären, einander zu übervortheilen. Ich fand meines Vaters Vermögen größer, als ich mir es vor⸗ —— Ardent Troughton. 169 geſtellt hatte, doch befand es ſich in ſehr unſicheren Händen. Schonungslos war er von beiden Parteien ge⸗ plündert worden, die damals in Spanien um die Ober⸗ herrſchaft rangen. Freilich gab jede dieſer Parteien, als ſie ihm ſein Geld abnahm, Verbriefungen, durch welche ihm Zurückerſtattung verheißen ward, wenn die Zeiten ruhiger und beſſer geworden ſein würden; allein wenn ſolche Zeiten wirklich wiederkehren ſollten, konnte er doch ſicher ſein, die Haͤlfte ſeines Hingegebenen zu verlieren, und dann mußte die obſiegende Partei ſich erſt als redlich herausſtellen. Indem mein Vater dieſe Dinge in Erwägung zog, beſchloß er klüglich ſeine Ge⸗ ſchäfte abzuſchließen, all' ſein Eigenthum nach Mög⸗ lichkeit zu Gelde zu machen, und beſſere Sicherheit in Amerika zu ſuchen, wo er vorläufig ein anſehnliches Be⸗ ſitzthum in Louiſtana gekauft hatte. Seit mehreren Jahren ſchon gab mein Vater ſich für einen Katholiken aus, und hatte ſeinen ehrlichen engliſchen Namen Troughton in das hochklingende Trot⸗ toni verwandelt. Wirklich trachtete er eifrig darnach, überall für einen Spanier zu gelten, und ward von Allen, die ihn nicht genauer kannten, für einen ſolchen gehalten. Er war ein verſchlagener und umſichtiger Mann mit warmem Herzen und hohem Begriffe, von der Würde des Charakters eines Kaufmannes. Unſtrei⸗ tig liebte er den Reichthum, und vermehrte den ſeini⸗ gen gern. Er beſaß eine nicht zu ermüdende Beharr⸗ lichkeit, die ſich gar wohl der Spinne verglich, denn wie oft man das Gewebe dieſer raſtloſen Mathemati⸗ kerin zerſtören mag, ſtellt ſie es doch jederzeit wieder her. So war mein Vater, und zu mehreren Malen hatte er die Hälfte, ja die ſämmtlichen Früchte ſeiner Mühen eingebüßt; dennoch ward er nimmer niederge⸗ 170 Die Buüßung, oder ſchlagen, ſondern begann mit deſto größerem Eifer ſeine Beſtrebungen von Neuem. Nichts lag ihm ferner, als die Abſicht, ſich vom 6 Geſchäfte zurückzuziehen. Er wünſchte ſich ſichere Oert⸗ lichkeit, Schutz gegen Bedrückung und Beſchirmung ei⸗ ner feſtſtehenden Regierung, ſo daß er von ſolchem Punkte aus die Strahlen ſeiner Handelsthätigkeit über das Antlitz der Erde verbreiten möchte, und glaubte ſolchen Punkt an dem Orte gefunden zu haben, an welchen ſich zu begeben er beabſichtigte. Meine Mutter war ein herrliches Muſterbild einer ſpaniſchen Sennora. Sie ſtammte aus guter Familie, wiewohl von einem verarmten Zweige ihres edlen Hau⸗ ſes, beſaß hohe Geſinnungen, war durch und durch Spanierin, hing feſt ihrer Religion an, deren Pro⸗ ceſſionen ihr ganz beſonders theuer waren, und ward vollkommen, wie wohl ohne ihr Wiſſen, von einem kleinen, ſehr alten Mönche, ihrem Beichtvater, be⸗ herrſcht, der ſeinerſeits von einer ungewöhnlichen Ge⸗ fräßigkeit beherrſcht wurde. Da Mr. Troughton noch immer in gewiſſem Maße ſeiner engliſchen Gewohnheit lebte und vier gehaltvolle Mahlzeiten des Tages zu ſich nahm, auch eine wohlgefüllte Speiſekammer beſaß, ſo hing der fromme Pater gottſelig unſerm Hauſe und 3 all' dem an, was daſſelbe enthielt. Unter keinem Dache in Barcelona gab es ſo gute Biſſen, als unter dem meines Vaters. Meine Schweſter war in Kköſtern, bald in dieſer, bald in jener Stadt, in welcher die Familie gelebt hatte, erzogen worden, jedoch nicht eingeſperrt geweſen, denn wenigſtens einmal wöchentlich, und gemeiniglich an den Sonntagen, hatte ſie ihre Aeltern beſucht. Um dieſe Zeit war ſie ſo eben vierzehn Jahre alt geworden, 17ʃ und, der Landesſitte gemäß, hatte man, weder unter ihrer Zuſtimmung noch Weigerung, feſtgeſetzt, daß ſie nach ihrem vollendeten ſechzehnten Jahre die Gattin des Kapitäns Mantez werden ſollte. Bis zu jener Periode ſollte in den ihrem Vaterhauſe nahegelegenen Klöſtern ihre Erziehung vollendet werden. Da mein Vater zu ſeiner Abreiſe nach Amerika nur meine Ankunft erwartet hatte, war mein verlän⸗ gertes Ausbleiben ſeinen Anordnungen ſehr hinderlich geworden; jetzt aber war Alles dazu wieder im Fort⸗ ſchreiten begriffen. Das nämliche Schiff, auf welchem ich nach Barcelona gekommen war, ſollte uns und un⸗ ſere Ladung überfahren, und der verhaßte Mantez ſollte abermals das Schiff befehligen. Don Juliano und deſ⸗ ſen liebenswürdige Kouſine, die jetzt unſere täglichen Gäſte waren, hatten die Trümmer ihres Vermögens zu⸗ ſammengerafft, und beſchloſſen, die Reiſe mit uns zu machen, ſich in unſerer Nähe niederzulaſſen, und Ame⸗ rika als ihre künftige Heimath zu betrachten. Wir er⸗ warteten, daß ſie vor ihrer Einſchiffung einander ehe⸗ Ardent Troughton. lichen würden; allein aus Gründen, die wir nicht ver⸗ ſtanden, und die eine Folge von uns noch unbekannt ge⸗ bliebenen Ereigniſſen waren, ließen ſie erſichtlich durch⸗ aus kein Verlangen blicken, ſich unauflöslich mit einan⸗ der zu verbinden, obwohl ihre gegenſeitige Liebe ſich durchaus nicht vermindert zu haben ſchien. Mantez beſuchte uns ebenfalls fortwährend, und verſchwendete ſeine kleinen Aufmerkſamkeiten an meine Schweſter, welche dieſelben, als ſich von ſelbſt verſte⸗ hend, hinzunehmen ſchien, und ganz eigentlich ihm ihre kleinen Befehle ſo ertheilte, als ob er ihr dienſtbar ge⸗ weſen wäre. Ich erkannte deutlich, daß der Quell von Honoriens Zärtlichkeit ſich bis jetzt noch nicht erſchloſ⸗ 172 Die Büßung, oder ſen hatte, und daß ſie keine Liebe, außer der zu ihren Familiengliedern, kannte. Nachdem ich nunmehr meine Lage und meine äuße⸗ ren Verhältniſſe damaliger Zeit dem Leſer dargeſtellt habe, muß ich zu der Geſchichte meiner Gefühle zurück⸗ kehren. Ich hatte ſchwer gekämpft, und mich überzeugt, daß ich überwunden hätte. Auch hatte ich überwunden. Ich blickte zuri ück auf mein vergangenes Betragen, und ſah ein, wie ſehr ich geirrt, wie ſchwer ich geſündigt hatte. Zum erſten Male begann ich einzuſehen, welche Schönheit und welch felſenfeſtes Vertrauen in ſtreng moraliſchem Verhalten liegen, und, wie es uns Pflicht iſt, gegen die leiſeſte Regung, die uns zum Abſchweifen von der Rechtlichkeit entweder durch Erhitzung unſerer Leidenſchaft, oder zum Nähren unſeres Stolzes verleitet, auf unſerer Hut zu ſein. Ich fand, daß bei mir der Stolz mein Hauptverſucher geweſen war. Welchem Elende würde ich ausgewichen ſein, wenn ich meines Va⸗ ters Haus ſofort aufgeſucht, nicht aber davor zurückgebebt hätte, in demſelben auf die Gefahr, beargwohnt zu wer⸗ den, demüthiglich in meiner Armuth zu erſcheinen! Aber ich nahm falſchen Stolz zu meinem Führer an, und dieſer leitete mich geradezu der Leidenſchaft in die Arme, ſo daß beinahe mein Seelenfrieden dadurch für immer zu Grunde gerichtet worden wäre.»Aber es war ja doch nur ein geringes Vergehen,“ ſagte ich zu mir ſelbſt, als ich in meinem einſamen Zimmer auf⸗ und abſchritt. Muß ich denn vielleicht ein langes Le⸗ ben hindurch mich mit raſtloſer Wachſamkeit abquälen, um nur ja keinen verkehrten Schritt zu thun? Mu ich mit dieſem von entzückenden Ahnungen wild erglü⸗ henden Buſen innehalten, grübeln und des Alters Eis⸗ froſt einladen, mein Herz zu erfüllen, ehe ich wagen — Ardent Troughton. darf, eine einzige Frucht der Freude in daſſelbe aufzu⸗ nehmen? Muß ich jedes mir dargereichte Vergnügen prüfen, bis es mir durch mein Grübeln zum Ekel ge⸗ macht wird? Muß ich ſtets nur nach Vernunft, nie⸗ mals nach Herzensantrieb handeln? Muß ich durch die Welt wandern, als fänden ſich auf meinem Wege nichts als Wolfsgruben und Dornenhecken? Muß ich des Herkommens freies Aufathmen in den herzbeklem⸗ menden Bruſtharniſch der Vorſicht zwängen? Muß ich mir das Leben zu einem unausgeſetzten Unterſuchungs⸗ prozeß machen, daß der Tod nur um ſo minder furcht⸗ bar erſcheine? Und ach! wenn ich dieß Alles nun thue— was wird alsdann mein Lohn ſein? Die größte Glückſeligkeit iſt dem Menſchen hienieden möglich; al⸗ lein ein ſolcher fortgeſetzter Zuſtand des Kämpfens iſt keine Glückſeligkeit.— Freilich giebt es ein Jenſeit, und dafür zu ringen, dafür zu leben, iſt allerdings der Anſtrengung werth.« Und dieß Letztere beſchloß ich. Ich bewachte meine Gedanken, noch ehe ſie in's Daſein traten. Ich kaſteiete mein Gemüth bis zur Demuth; ich war gehorſam, be⸗ hutſam, ſtrebte auf alle Weiſe, Gutes zu thun, ſprach ſtets ſanft, gerieth niemals in Zorn, betete oft, unter⸗ drückte jede ſtürmiſche Neigung in mir, und zeigte mich eifrig in Erfüllunß meiner Pflichten. Der Mann mit den Piſtolen, der wilde Hund und der bewaffnete Ne⸗ ger waren vergeſſen. Man nannte mich wieder den kaltruhigen Troughton,— Alle lobten mich; Jeder ſagte, ich wäre die Ehre meines Vaters, die Segnung meiner Familie; Aeltern wünſchten ſich einen Sohn, Mütter für ihre Töchter einen Gatten, der mir gleichen möchte. Mittlerweile aber kam kein Frieden in meine Seele. Ich war elend, ein dumpfer Trübſinn breitete Ardent Troughton. I. 12 174 Die Büßung, oder ſeine Schreckniſſe über mein Gemüth hin; in meiner Angſt begann ich zu weinen, und gottlos rief ich aus: »Es giebt keine Freude im Rechtthun!« und ſo war Rechtſchaffenheit nicht mehr mein Antheil! »Welche Krankheit habe ich, und wie iſt ihre Be⸗ ſchaffenheit?« rief ich eines Abends mit Heftigkeit. »Ich habe mich ſelbſt bezwungen, und dennoch iſt mein Herz gegen mich empört.« Ich will es nicht ausmalen, wie es in mir immer duüſterer und düſterer ward. Wie trauerten mein Vater, meine Mutter, meine Schwe⸗ ſter— o dieſe Schweſter!— über meine abnehmende Geſundheit! Endlich drängte ſich mir die Ueberzeu⸗ gung auf, meine Natur wäre ſo durchaus ſündhaft, daß Pflicht gegen die menſchliche Geſellſchaft von mir heiſchte, mich in ewige Einſamkeit zu vermauern. Durchdrungen von dieſem Gedanken, erklärte ich we⸗ nige Tage vor unſerer feſtgeſetzten Abreiſe meinem Va⸗ ter, wie ich mich gänzlich untüchtig für die Welt fühlte, daß ich beabſichtigte, meine Religion zu än⸗ dern, und ſofort mein Noviciat als Mönch anzutre⸗ ten. Wir befanden uns bei dem Frühſtück, als ich die⸗ ſen unvernünftigen Entſchluß lautwerden ließ. Natür⸗ lich erſtaunte Jeder darüber, doch ward meine Eröff⸗ nung von den Anweſenden ſehr verſchiedenartig aufge⸗ nommen. Die Frömmelei des Landes in allen Reli⸗ gionsangelegenheiten war ſo groß, daß, obſchon man um politiſcher Freiheit willen einander bis in den Tod be⸗ kämpfte, man dennoch ſich in der Prieſter Feſſeln nicht nur noch feſter ſchnürte, ſondern ſie als beſten Schmuck nur noch ſtolzer mit ſich umhertrug. Meines Vaters Bekümmerniß war groß, doch wagte er nicht, dieſelbe in all' dem Unwillen zu äußern, der, wie ich deutlich ſah, in ihm aufgeſtiegen war. Meine Ardent Troughton. 175 Mutter nahm das Wort und ermahnte mich gelinde, mich wohl zu bedenken und keinen vorſchnellen Ent⸗ ſchluß zu faſſen, wiewohl ſie nicht umhin konnte, ihre Freude darüber zu erkennen zu geben, daß ich die Irr⸗ thümer meiner früheren Ketzerei einſähe. Der kleine Mönch aber fand Zeit, zwiſchen den ungeheuren Biſſen, mit denen er ſich gütlich that, meinen Vorſatz zu be⸗ lobpreiſen. Meine Schweſter weinte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Der Leſer wird leicht ermeſſen, daß meine Beweg⸗ gründe, dem proteſtantiſchen Lehrglauben zu entſagen, von welchem ich, beiläufig geſagt, nicht einmal wußte, inwiefern er ſich von dem der römiſch⸗katholiſchen Kirche unterſchied, rein menſchenfeindlich waren. Eine Glau⸗ bensform, der ich Alle, die mir auf Erden theuer wa⸗ ren, ſo inniglich anhangen ſah, konnte inzwiſchen mie nicht zuwider ſein. Da ich wirklich nichts weiter wünſchte, als mir ſelber zu entfliehen, kümmerte es mich wenig, wo ich einen Zufluchtsort fand. Dazu überfiel mich der Schreckensargwohn, ich wäre verur⸗ theilt, die Entheiligung, womit ich in meiner wilden Leidenſchaft mich gegen die katholiſche Proceſſion und gegen die himmliſche Darſtellung der Hauptzierde der⸗ ſelben, gegen die heilige Jungfrau, verſündigt hatte, durch alle die Bußübungen derjenigen Kirche zu ſühnen, die ich unabläſſig vermieden oder verachtet hatte. Mei⸗ 12* 176 Die Büßung, oder nes Vaters behutſamen Abmahnungen entgegnete ich Folgendes: »Ich will mir nicht die Entſcheidung anmaßen, welcher von beiden der edlere Charakter iſt; ob der, welcher, ſeiner eigenen geiſtigen Kraft mißtrauend, der Verſuchung, und dadurch dem Zorne des Ewigen, ent⸗ fliehet, oder der, welcher kühn der Verlockung entgegen⸗ tritt, mit ihr ringt und ſie beſiegt, oder aber, unterlie⸗ gend im Kampfe, den fürchterlichen, ewigwährenden Fluch ſeiner Vermeſſenheit auf ſein Haupt ladet; allein inbrünſtig, erbarmensvoll und herzerſchütternd iſt der von unſerm Erlöſer uns in den Mund gelegte Gebets⸗ ruf:„Führe uns nicht in Verſuchung!“ Nur Gott, der des Menſchen Schwäche kennt, konnte uns ſolches Flehen in den Mund legen. Ich habe zeither den Rin⸗ ger gegen die Zauberverlockung der Sände abgegeben; fürchterlich, o fürchterlich, mein Vater, leide ich in die⸗ ſem Kampfe. Ich will nicht länger anmaßend den Helden ſpielen; ich bekenne meine Schwäche; aber ich will mich nicht zum Gefangenen machen laſſen— ich will entfliehen.« 8 »Wahrlich, Ardent,« ſagte der beſonnene alte Mann, »Du ſprichſt in Ueberſpannung. Vor welcher Sünde, welcher Verlockung willſt Du fliehen? Befindeſt Du Dich nicht im Schooße einer tugendhaften Familie, die Dich liebt, Dich beinahe vergöttert? Hier wird nim⸗ mer Verbrechen noch Schande Zutritt finden können. Wer ſtrebt hier gegen Deinen Seelenfrieden? Was argwöhnſt Du hier? Fürwahr, mein Sohn, mußt Du vor den Thorheiten einer Welt fliehen, der wir am Ende viel zu verdanken haben, ſo ſuche Zuflucht, Ardent, bei unſerer überſtrömenden Liebe.« Mich ſchauderte. Während dieſes kurzen Geſpräches Ardent Troughton. 177 hatte meine ſtattliche und liebreiche Mutter mit dem betroffenen Ausſehen eines Diplomaten dageſeſſen, dem ein ſchlauerer Kopf, als er ſelbſt iſt, durch eine Gegen⸗ vorſtellung den Plan verdarb. Plötzlich aber glänzten ihre Augen wieder, ihre Stirn leuchtete ſonnenhell, und mit der Freude eines glücklichen Räthſellöſers rief ſie:»Heiliger Sylveſter! wie verblendet waren wir Alle! der Junge iſt verliebt.« »Verliebt?« ſagte Honoria, ſprang auf, gab mir ei⸗ nen derben, ſchweſterlichen Kuß, und ſetzte hinzu:»O wie freut mich das, lieber, lieber Ardent!« »Ich leugne es durchaus ab,“« fiel ich eifrig und feierlich ein,»durchaus leugne ich es ab. Du aber, Honoria, weißt, oder ſollteſt doch aus meinem Beneh⸗ men ermeſſen, daß ich ein ſehr zurückhaltender Menſch bin. Ferner bin ich Dein Bruder— Dein älterer Bruder, der demnach die Stelle eines zweiten Vaters vertritt. Mir behagen dergleichen Freiheiten nicht— ſie ſind mir höchſt zuwider, und ich bitte Dich, ſie nie zu wiederholen.« Das arme Kind brach in Thränen aus; doch ver⸗ goß ſie nur die bittere Strömung beleidigter Schweſter⸗ liebe, während mein Herz Blut weinte. »Ich muß geſtehen,« ſprach mein Vater zu mir,»daß Dein Weſen mir rauh vorkommt. Fürwahr, Du haſt Deiner Schweſter nur geringe Aufmerkſamkeit bewieſen, Du, der ſo ſcherzhafte und ſo liebevolle Briefe zu ſchrei⸗ ben wußte. Es ſchmerzt mich, ſagen zu müſſen, Ardent, daß Dein Herz das einzige iſt, auf welches Honoriens liebevolle Natur keinen Eindruck zu machen gewußt hat; und doch iſt Honoria ein gutes, frommes Kind!«. Mit von Vaterwonne leuchtenden Augen ſetzte er hinzu: „»Komm in meine Arme, Honoria!« und Honoria warf 178 Die Büßung, oder ſich in die dargebotene Umarmung, und ſchluchzte in ihr ihre kleinen Bekümmerniſſe hinweg. Pater Gorbellazo, der jetzt ſeine nicht leicht zu ſtil⸗ lende Eßgier befriedigt, auch ſich die Kehle mit einem tüchtigen Glaſe voll alten Kanarienſektes geſpült hatte, bekreuzte ſich und fing an:„Meine Brüder, mir liegt die Erfüllung einer großen Pflicht ob. Ein blökendes Schaf läßt ſich außerhalb der Hürde vernehmen— eine Seele iſt zu retten— ein Ketzer zu bekehren. Mein Sohn Ardent, Deine Vorſätze ſind gottfromm, und die Heiligen werden dieſelben ſegnen. Du wirſt einen Gott dienenden Mönch abgeben. Jetzt aber laß mich einlei⸗ tungmäßig Deine Meinungen über die ſieben Sakra⸗ mente unterſuchen.« »O,« warf ich ihm hin,« ich dachte nicht an die Dogmen Ihres Glaubens, Pater; die ſtille, heilige Ab⸗ geſchiedenheit, die Ihre Kirche gewährt, iſt das Ein⸗ zige, wonach ich trachte. Was hat es auf ſich, ob es ein Sakrament mehr oder minder für uns giebt, wenn nur das Herz zu ſeiner Wiedergeburt gelangt? In England hat man an zweien Sakramenten völlig ge⸗ nug, und ich verſichere Sie, daß es recht wackere Leute in England giebt.« Der Mönch bekreuzte ſich bei dieſen meinen Wor⸗ ten, und murmelte ein lateiniſches Gebet her,— meine Mutter bekreuzte ſich und ſah erſchreckt aus,— meine Schweſter bekreuzte ſich und blickte mich liebevoll an,— Kapitän Mantez bekreuzte ſich und ſchlug mit ſeiner Hand an den Griff ſeines Degens, welches das einzige Zeichen von Feindſeligkeit war, durch welches er zeither mich beehrt hatte, obwohl er immer in Uniform einher⸗ ging. Er blickte mich bei dieſer ſeiner Handgeberde ſo wild an, als ob ich ihm eine perſönliche Beleidigung — —— Gedanke wieder, Mönch werden zu wollen. Ardent Troughton. 179 zugefügt hätte. Inmitten all' dieſes Bekreuzens aber war mein Vater der alleinige Kreuzträger. Nach dieſen Ceremonien erhob ſich der Kloſterbruder, um in höchſt ſalbungsreichem und unbrünſtigem Fluche ganz England, mit Allem, was darinnen iſt, zu ver⸗ maledeien. Sobald er dieß, zu großem Wohlbehagen ſeines Herzens, gethan hatte, ward er wunderſam friedlich geſinnt, und als mein Vater, dem dieſer ganze Auftritt höchſt läſtig wurde, mich aufforderte, ihn in's Comtoir zu begleiten, befahl ver Prieſter mir ausdrücklich, zu bleiben, auf daß er das Werk der Bekehrung mit mir vornähme. Mein Vater ging; meine Mutter aber ſchien von der Sache ſo ſehr erbaut zu ſein, daß ſie ſich von Ho⸗ norien ihre Arbeit herreichen ließ, und ſich anſchickte, die Erläuterung des Lehrglaubens ihrer Kirche mit an⸗ zuhören; und da meine Schweſter ebenfalls blieb, wich ihr galanter Verehrer auch nicht von der Stelle. Jetzt gab es eine lauge polemiſche Erörterung, und eben die Glaubensartikel, von denen ich kurz zuvor ab⸗ laſſen wollte, wurden jetzt mit Eigenſinn von mir ver⸗ theidigt; und als nun zuletzt der glattzüngige Mantez, um das zu ermuthigen, was ihm als mein Verlangen, abtrünnig zu werden, erſchien, in ſeiner mildeſten Rede⸗ weiſe zu mir ſagte, daß zur Zeit der Beendigung mei⸗ nes Noviziates, wenn ich ein Jahr lang die Tonſur ge⸗ tragen haben würde, es gerade die Periode ſein dürfte, in welcher ich ihn dadurch zu ſegnen hätte, daß ich ihn mit meiner Schweſter kopulirte:— da ward ich mehr denn jemals Proteſtant, und mein Glaube befeſtigte ſich gleich dem Granitfels, der im Mittelpunkte der Erde ſein Bett hat. Von Stunde an kam mir nimmer der 180 Die Büßung, oder Ardent Troughton. Mein bitterer Seelenkampf ſollte jedoch nicht in Spanien ausgefochten werden. Nach meinem Religions⸗ ſtreite mit dem Pater Gorbellazo ward mein Gemüth ungleich geregelter. Ich ſuchte, ohne mehr von dieſen Dingen zu reden, die Zurückgezogenheit meines Stüb⸗ chens auf, rief die Macht des Gebetes zu Hülfe, und berieth mich lange und kräftig mit meinem Innern. Ich fühlte mich getröſtet,— ich erſchien mir nicht mehr als ein Auswürfling,— ich ſchmeichelte mir, meine unfreiwillig begangene Sünde wäre mir vergeben, und beſchloß alsdann, Beſchaftigung zu ſuchen, die ich denn auch mehr als zur Genüge fand. Ende des erſten Theils. ennfſſſfffnſſff 8 9 12 13 14 15 16 7 10 11