von. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 1 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Muchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— BBucher: auf 1 Monat: 1 Meir.— Pf. 1 Wer. 50 Pf. 2 Wet.— Pf. 3„; „ 3 2=„ 3„—„„„ 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen b der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. I Die Anſiedler in Canada. Von eN. Capitän Marryat. Nach dem Engliſchen bearbeitet von Ludwig Hauff. -67. 39 *. Fünf Theile. . 0H —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung 1845. Erſtes Kapitel. Es war im Jahre 1794, daß eine engliſche Fa⸗ milie auswanderte, um ſich in Canada anzuſiedeln. Dieſe Provinz war uns von den Franzoſen, welche ſie zuerſt coloniſirten, mehr als dreißig Jahre vor dem erwähnten Zeitraume abgetreten worden. Ich muß aber hiebei bemerken, daß das Auswandern und das Anſiedeln in Canada zu jener Zeit eine ganz andere Sache war, als es gegenwärtig iſt. Die Schwierig⸗ keiten des Transportes, die Gefahren, welchen man ausgeſetzt war, waren viel größer, denn damals waren noch keine Dampfboote, welche die Strömungen und den reißenden Lauf der Flüſſe bekämpften. Die India⸗ ner hausten noch in Ober⸗, und manche Abtheilungen derſelben auch in Unter⸗Canada und die Gegend war mit vielen wilden Thieren aller Art angefüllt, die zum Theile nützlich, zum Theile gefährlich waren. Die An⸗ zahl der Europäer war gering, und die meiſten unter ihnen waren Franzoſen, die ſich nicht beſonders darüber freuten, daß die Colonie von den Engländern erobert worden war. Wohl hatte ſich eine große Anzahl eng⸗ liſcher Anſiedler eingefunden und verſchiedene Nieder⸗ laſſungen angelegt; allein da die franzöſiſchen Colov⸗ niſten bereits Beſitz von den beſten Ländereien in Un⸗ tercanada ergriffen hatten, ſo mußten dieſe neuen An⸗ ſiedler nach Obercanada hinaufgehen, wo, obſchon das Land beſſer war, die Entfernung von Quebec und Mont⸗ real ſo wie anderer bevölkerter Theile, weit größer und wo es viel ſchwerer war, ſich irgendwo Hülfsquellen zu eröffnen, oder den erforderlichen Schutz zu erlangen. 6 Ich erwähne dieſes Alles, weil gegenwärtig die Umſtände ſo ganz verſchieden ſind; und nun werde ich die Urſache erzählen, welche dieſe Familie veranlaßte, ihre Heimath zu verlaſſen und ſich ſolchen Mühſeligkei⸗ ten und Gefahren auszuſetzen. Herr Campbell war von gutem Hauſe, aber da er der Sohn einer der jüngeren Linien der Familie war, ſo beſaß ſein Vater keine Reichthümer, und Herr Camp⸗ bell ſah ſich folglich genöthigt, zu irgend einem Ge⸗ ſchäfte ſeine Zuflucht zu nehmen. Herr Campbell wählte das eines Wundarztes, und nachdem er, wie es be⸗ ſtimmt iſt, die Spitäler durchgemacht hatte, errichtete er ſein eigenes Geſchäft und war in wenigen Jahren als ein in ſeinem Fache ſehr geſchickter Mann betrach⸗ tet. Seine Praxis nahm fortwährend zu, und ehe er dreißig Jahre alt war, hatte er geheirathet. Herr Campbell hatte eine einzige Schweſter, welche bei ihm wohnte, denn Vater und Mutter waren beide todt. Aber fünf Jahre nach ſeiner Heirath verliebte ſich ein junger Gentleman in ſie, bot ihr ſeine Hand, und dieſe wurde angenommen, obgleich er nicht reich war, den er hatte einen über jeden Einwurf erhabenen Charakter und gute Ausſichten. Miß Campbell ver⸗ tauſchte ihren Namen mit dem Namen„Percival“ und Verließ ihres Bruders Haus, um ihrem Gatten zu olgen. Die Zeit verging ſchnell, und nach Verlauf von zehn Jahren befand ſich Herr Campbell in einem blü⸗ henden Geſchäfte, zugleich aber auch in der Nothwen⸗ digkeit, eine Familie zu ernähren, denn ſeine Gattin hatte ihn mit vier Knaben beſchenkt, von welchen der jüngſte erſt wenige Monate alt war. So glücklich Herr Campbell in ſeinen eigenen An⸗ gelegenheiten war, ſo traf ihn doch ein ſchweres Miß⸗ geſchick und dieſes beſtand in dem Schickſale ſeiner Schweſter, der Mrs. Percival, welche er auf das in⸗ nigſte liebte. Dieſes Mißgeſchick war mit Umſtänden & . 5 8 8 7 verknüpft, welche es um ſo peinlicher machten; das Geſchäftshaus, mit welchem Herr Percival aſſocirt war, fallirte, und immerwährende Plage und Angſt, welche Herr Percival auszuſtehen hatte, zogen ihm ein hefti⸗ es Fieber zu, welches nur mit ſeinem Tode endigte. In dieſem traurigen Zuſtande, als eine Wittwe mit einem zwei Jahre alten Kinde, einem kleinen Mädchen, und mit der Ausſicht, aufs Aeußerſte eingeſchränkt zu werden, wurde Mrs. Percival in das Haus ihres Bru⸗ ders gebracht, welcher, gleich ſeiner Gattin, alles mög⸗ liche that, um ihr in ihrer traurigen Lage Troſt und Schutz zu gewähren. Allein ſie hatte ſoviel bei dem Unglücke ihres Gatten gelitten, daß, als die Zeit nahte, ihre Kraft zu Ende war, und daß ſie ſtarb, indem ſie einer zweiten Tochter das Leben gab. Herr und Frau Campbell wurden demnach mit der Sorge für dieſe zwei kleinen verwaiſten Mädchen be⸗ laſtet, und zogen dieſe auf wie ihre eigenen Kinder. So war der Stand der Dinge nach Ablauf von zehn oder elf Jahren nach Herrn Campbells Hochzeit, als ein Umſtand eintrat, der ebenſo unerwartet als willkommen war. Herr Campbell hatte die Runde ſeiner Geſchäfts⸗ beſuche beendigt, das Mittageſſen war vorüber, und er ſaß noch bei Tiſche mit ſeiner Frau und mit ſeinen ältern Kindern, denn es waren die heiligen Chriſtfeier⸗ tage, und da war Alles zu Hauſe. Die Kindsfrau war eben mittels der Klingel gerufen worden, um die bei⸗ den kleinen Mädchen und den jüngſten Knaben herein⸗ zubringen, als der Poſtbote an der Thüre pochte und das Dienſtmädchen einen Brief mit einem großen ſchwar⸗ zen Siegel hereinbrachte. Herr Campbell öffnete den⸗ ſelben und las was folgt: „Sir,— wir haben das große Vergnügen, Ihnen kund zu thun, daß nach dem Tode des Herrn Sholto Campbell zu Wexton⸗Hall, Cumberland, welches ſich am neunzehnten des letzten Monats erreignete, auf Sie, 8 in Folge Mangels directer Erben, die Inteſtaterbfolge fiel, weil Sie der nächſte Verwandte ſind. Der muth⸗ maßliche Erbe ging auf der See, oder in Weſtindien zu Grunde, und man hat ſeit fünfundzwanzig Jahren nichts von ihm gehört. Wir hoffen, die erſten zu ſeyn, Ihnen zu der Erwerbung eines Eigenthums, welches jährlich 14,000 Pfund einträgt, Glück zu wünſchen. Man hat kein Teſtament bei dem Tode des Herrn Sholto Campbell vorgefunden, und es iſt feſtgeſtellt, daß nie eines gemacht worden iſt. Wir haben daher die Siegel auf das perſönliche Eigenthum deſſelben ge⸗ legt, und ſtehen zu Ihren Befehlen. Wir haben nur noch beizufügen, daß, wenn es unſern Geſchäftskreis betrifft, und wir nicht bereits verpflichtet ſind, Sie über die Dienſte verfügen mögen Ihrer ganz gehorſamſten „Harwey, Paxton, Thorpe u. Comp.“ „Was haſt Du, mein Theurer?“ rief Mrs. Camp⸗ bell, welche die ganz ungewöhnliche Aufregung ihres Gatten wahrnahm. Herr Campbell mochte nicht antworten, reichte aber den Brief ſeiner Gattin hin. Mrs. Campbell las ihn und legte ihn dann auf den Tiſch. 3 „Nun, meine Liebe!“ rief Herr Campbell freudig, indem er von ſeinem Sitze aufſtand. „Es iſt eine ſehr plötzliche Ueberraſchung,“ be⸗ merkte Mrs. Campbell gedankenvoll und langſam.„Ich habe oft gefühlt, daß uns eine Unannehmlichkeit begeg⸗ nen könnte. Ich vertraue auf Gott, daß er uns das Glück möge ruhig ertragen laſſen, ebenſo wie die ſchwere Aufgabe hinſichtlich der Beiden, mein theurer Campbell.“ „Du haſt recht, Emilie,“ entgegnete Herr Camp⸗ bell, indem er ſich wieder ſetzte;„wir ſind und waren lange glücklich.“ „Dieſer plötzliche Reichthum kann zu unſerem Glücke nichts beitragen, mein theurer Gatte. Ich fühle, es 9 wird vielmehr zu unſerer Liebe beitragen, denn er ſetzt uns in den Stand, für das Glück Anderer zu ſorgen, und mit ſolchen Gefühlen laß uns denſelben dankbar annehmen.“ „Ganz richtig, Emilie, aber wir müſſen unſere Pflicht in dieſem Leben erfüllen, bis es Gott beliebt, uns abzurufen. Bis hieher bin ich in meinem Geſchäfte aufs Höchſte durch meine Mitmenſchen geſegnet worden, und wenn ich nun bei dieſem Wechſel der Dinge nicht mehr aus meinem warmen Bette eile, um den Leiden⸗ den beizuſtehen, ſo habe ich doch jedenfalls die Mittel, andere zu verwenden, die dieſes thun. Wir müſſen uns ſelbſt berückſichtigen, jedoch mit einem Blicke auf Ihn, der dieſen großen Reichthum uns geſchenkt hat, und wir müſſen ihn, ſo viel als möglich, zu Seinem Dienſte verwenden.“ „Mein Gatte ſprach, wie ich fühlte, daß er ſpre⸗ chen werde,“ ſagte Mrs. Campbell, indem ſie aufſtand und ihn umarmte.„Wer ſo fühlt, wie Du, kann nie zu reich ſeyn.“. Ich darf nicht zu lange bei dieſem Theile meiner Erzählung verweilen. Ich habe daher nur zu bemer⸗ ken, daß Herr Campbell von Wexton⸗Hall Beſitz nahm und in einer Weiſe lebte, welche ſeinem vermehrten Reichthum entſprach. Zugleich ließ er aber nie eine Gelegenheit vorüber gehen, Gutes zu thun, und in die⸗ ſer Beziehung ſtand ihm ſeine Gattin hülfreich zur Seite. Sie hatten noch keine drei oder vier Jahre hier gewohnt, als ſie ſchon in der ganzen Umgebung als Beglückende betrachtet wurden, indem ſie die Induſtrie ermuthigten, den Unglücklichen beiſtanden, den Nothlei⸗ denden halfen, Armenhäuſer und Schulen gründeten und Alles, was in ihrer Macht ſtand, thaten, um Wohl⸗ ſtand und Glück auf manche Meilen um Hall her zu verbreiten. Zu der Zeit, als Herr Campbell Beſitz er⸗ griff, befand ſich das Erbgut in einem ſehr vernach⸗ läßigten Zuſtande, und es mußten bedeutende Summen 8 10 auf daſſelbe verwendet werden, wenn ſich ſein Werth vergrößern ſollte. Das ganze reiche Einkommen des Herrn Camp⸗ bell wurde nützlich und vortheilhaft verwendet, und der in ſeinen Glücksumſtänden eingetretene Wechſel hatte alſo am meiſten die Ausſichten ſeiner Kinder geändert. Heinrich, der älteſte, welcher für das Geſchäft ſeines Vaters beſtimmt war, wurde zuerſt in eine Privat⸗ Erziehungs⸗Anſtalt und dann in ein Colleg gebracht. Alfred, der zweite Knabe, hatte das Seeweſen ſich aus⸗ erkoren und am Bord einer ſchönen Fregatte ſich einge⸗ ſchifft. Die beiden andern Knaben, der eine Percival genannt, erſt zwei Jahre alt, als ſein Vater Beſitz von dem Erbgute ergriff, und der andere, John, welcher erſt wenige Monate alt war, blieben zu Hauſe und erhiel⸗ ten ihre Erziehung von einem jungen Geiſtlichen, wel⸗ cher in der Nähe von Hall wohnte, während eine Gou⸗ vernante für Mary und Emma Percival, zwei wahr⸗ haft ſchöne und verſtändige Mädchen, beſtimmt wor⸗ den war. So war der Stand der Dinge, als Herr Camp⸗ bell zehn Jahre im Beſitz von Wexton war, und als eines Tages Herr Harrwey, der Chef der Firma, welche ihm ſeine Erbfolge in das Gut angekündigt hatte, ge⸗ meldet wurde. Herr Harrwey kam, um ihn in Kenntniß zu ſetzen, daß ein Reclamant erſchienen ſey, er gab ihm Kunde von deſſen Abſicht, eine Kanzlei⸗Bill zur Erlangung des Guts zu erwirken, indem er, wie er behaupte, der Sohn der Perſon ſey, welche als Präſumtiv⸗Erbe betrachtet worden und die man ſo manche Jahre für todt gehal⸗ ten habe. Herr Harrwey bemerkte, daß, obgleich er es für ſeine Pflicht erachtet, Herrn Campbell von dieſem Umſtande in Kenntniß zu ſetzen, er denſelben als eine Sache ohne alle Folge betrachte, und daß, aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach, durch dieſelbe ein Betrug verſucht werde, der von irgend einem Winkeladvokaten ausgehe, 11 um einen Vergleich herbeizuführen. Er bat Herrn Campbell, ſich dieſem Umſtande nicht zu ſehr hinzuge⸗ ben und ſich darüber nicht zu ärgern, und verſprach, Herrn Campbell auf der Stelle in Kenntniß zu ſetzen, wenn er mehr darüber hören würde. Mit der Mei⸗ nung des Herrn Harrwey zufrieden, zog Harr Camp⸗ bell dieſen Umſtand bei ſich ſelbſt in Ueberlegung und erwähnte von ihm nicht das geringſte gegen ſeine Gattin. . Noch waren aber nicht drei Monate verfloſſen, als Herr Campbell einen Brief von ſeinem Anwalte erhielt, in welchem dieſer ihn benachrichtigte, daß der Erb⸗ ſchaftsprätendent nun mit dem größten Eifer auftrete, und daß er, es ſchmerze ihn, es ſagen zu müſſen, eine häßliche Erſcheinung(um ſeinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen) ſey, dann daß jedenfalls die klagende Par⸗ thei verſuche, durch den Rechtsſtreit Herrn Campbell bedeutende Koſten zu verurſachen. Der Anwalt forderte von Herrn Campbell Inſtructionen und verſicherte da⸗ bei wiederholt, daß, ſo kunſtreich die Sache auch ange⸗ legt worden, er ſie dennoch als einen betrügeriſchen Verſuch betrachte. Herr Campbell antwortete und be⸗ vollmächtigte den Anwalt, jede mögliche Vorkehrung zu treffen und alle nothwendigen Ausgaben zu beſtreiten. Eine Rückſicht, welcher ſich Herr Campbell hingab, be⸗ ſtimmte ihn, ſeine Gattin von dem, was vorging, nicht in Kenntniß zu ſetzen. Es konnte in ihr ein trau⸗ riges Gefühl erzeugen, und deßwegen beſchloß er, ſie für jetzt in Unwiſſenheit zu laſſen. Zweites Kapitel. Nach Verlauf mehrer Monate ſchrieb Herr Harr⸗ wey wieder aͤn Herrn Campbell und verſicherte ihn, daß der Anſpruch der entgegengeſetzten Parthei, welche 12 er früher für betrügeriſch erklärt hatte, ſo klar ſey, daß er die ſchlimmſten Folgen fürchte. Es zeigte ſich, daß der Inteſtaterbe, welcher vor Herrn Campbell ſtand, in Indien ſich verheirathet hatte und auch, wie vorausgeſetzt worden war, geſtorben ſey. Aber es war vollſtändiger und genügender Beweis vor⸗ handen, daß die Heirath gültig, und daß der Kläger der Sohn ſey. Es unterliege keinem Zweifel, bemerkte Herr Harrwey, daß Herr Campbell die Zurückgabe des Eigenthums auf einige Zeit verzögern könne, daß er ſie aber doch am Ende bewerkſtelligen müſſe. Sobald Herr Campbell dieſen Brief erhielt, ging er zu ſeiner Gattin und ſetzte ſie von Allem in Kennt⸗ niß, was ſich ſeit einigen Monaten ereignete, und was die Urſache geweſen war, ihr nichts von dem Empfange des Briefes des Herrn Harrwey zu ſagen, den er jetzt in der Hand hielt, um ſie über ihre Meinung hinſicht⸗ lich des Gegenſtandes zu befragen. Nachdem Mrs. Campbell dieſen Brief geleſen hatte, antwortete ſie: „Es ſcheint, mein theurer Mann, daß wir wohl berufen waren, Beſitz von dieſem Gute zu ergreifen und es mehrere Jahre ſtatt eines andern zu behalten; jetzt ſind wir aber berufen, es dem rechtmäßigen Eigen⸗ thümer zurückzugeben. Du fragſt mich um meine Mei⸗ nung, aber gewiß iſt keine Veranlaſſung hiezu gegeben. Wir müſſen nun, da wir wiſſen, daß die Klage gerecht iſt, handeln, wie wir wünſchen würden, daß gegen uns gehandelt werde.“ „Das iſt's, meine Theuerſte, wir müſſen es ohne weiteren Streit zurückgeben. Es war gewiß mein Ge⸗ danke, ſeit ich den Brief des Herrn Harrwey geleſen habe. Aber es iſt hart, ein Bettler zu werden.“ „Es iſt hart, mein theurer Gatte, wenn wir dieſen Ausdruck gebrauchen müſſen, aber es iſt zugleich auch der Wille des Himmels. Wir erhielten das Gut in der Vorausſetzung, daß es unſer Eigenk)um ſey; wir haben, ich hoffe es, daſſelbe während dieſer Zeit nicht— 1³ mißbraucht, vielmehr in guten Stand geſetzt, und wenn es der Wille des Himmels iſt, daß wir deſſelben be⸗ raubt werden ſollen, ſo laß uns die Ueberzeugung ha⸗ ben, daß wir gewiſſenhaft und gerecht handelten und daß Er uns in dem, was wir ferner zu ertragen ha⸗ ben, Troſt verleihen wird.“ 4 „Ich will auf der Stelle ſchreiben,“ entgegnete Herr Campbell,„und Herrn Harrwey benachrichtigen, daß ich nur ſo lange geſtritten habe, als die Sache zweifelhaft erſchien, daß ich aber jetzt, nachdem er mich benachrichtigt, daß mein Gegner geſetzlicher Erbe ſey, bitte, daß jede weitere Procedur unterbleibe, und daß ich geſonnen bin, ihm unverzüglich den Beſitz abzu⸗ treten.“ „Thue das, mein Theurer,“ entgegnete ſeine Gat⸗ tin, indem ſie ihn umarmte.„Mögen wir auch arm ſeyn, ſo habe ich doch das Vertrauen, daß wir immer noch glücklich ſeyn werden.“ Herr Campbell ſetzte ſich nieder, ſchrieb einen Brief mit Inſtructionen an ſeinen Anwalt, ſiegelte denſelben und ſchickte damit einen Diener auf die Poſt. Sobald der Diener die Thüre des Zimmers ge⸗ ſchloſſen hatte, bedeckte Herr Campbell ſein Geſicht mit ſeinen Händen. 5 „Es iſt in der That eine ſchwere Prüfung,“ ſagte Mrs. Campbell, indem ſie ihre Hand auf ihren Gatten legte,„aber Du haſt Deine Pflicht gethan.“ „ Ich ſorge nicht für mich ſelbſt; ich denke an meine Kinder.“ „Dieſe müſſen arbeiten,“ verſetzte Mrs. Campbell; „Beſchäftigung iſt Glück.“ „Ja, das geht wohl für die Knaben; aber dieſe armen Mädchen! Welche Ausſicht bleibt ihnen?“ „Ich hoffe, daß dieſe nicht ſo ſchlimm daran ſind, Campbell, und daß ſie ſich mit Ergebung fügen und für uns eine Quelle der Zufriedenheit ſeyn werden. Ueberdieß ſind wir ja nicht abſolute Bettler.“ 14 „Das hängt von unſerm Gegner ab. Er kann alle rückſtändigen Renten verlangen, und wenn er es thut, ſind wir mehr als Bettler. Indeſſen, Gottes Wille geſchehe; ſollen wir allein Gutes empfangen und nicht auch Schlimmes?“ „Laß uns hoffen, mein Theurer,“ entgegnete Mrs. Campbell in liebevollem Tone;„laß uns auf das Beſte hoffen!“ „Wie wenig erkennen wir, ſtockblinde Sterbliche, die wir ſind, was für uns gut iſt,“ bemerkte Herr Campbell.„Hat nicht dieſe Erbſchaft verurſacht, daß ich mein Geſchäft als Wundarzt aufgab, was in aller Ehrbarkeit einen hinreichenden Unterhalt für meine Kinder gewährte; nun verlieren meine Kinder, was ich geſät habe. Ich bin zu alt, um mein Geſchäft wieder aufzunehmen, und wenn ich es thäte, haben nicht die Umſtände die Praxis geändert, die ich hatte. Du ſiehſt, daß das, was uns als das einzige und höchſte Glück im Leben erſchien, ſich als das Gegentheil bewährte.“ „So weit, als unſer beſchränkter Geſichtskreis über die Dinge uns urtheilen läßt, räume ich es ein,“ ent⸗ gegnete Mrs. Campbell.„Aber wer weiß es, was ſich ereignet haben möchte, wenn wir im Beſitze geblieben wären. Alles iſt verborgen vor unſerm Blicke. Er thut, was Er das Beſte für uns hält, und an uns iſt es, uns mit Ergebung zu unterwerfen. Komm, mein Theuerſter, laß uns hinaus gehen, die Luft iſt friſch und wird Deine geröthete Stirne kühlen.“ Zwei Tage nach dieſer Unterredung traf ein Brief von Herrn Harrwey ein und ſetzte ihn in Kenntniß, daß er von dem Entſchluſſe Herrn Campbells, auf das Gut ohne weiteren Streit zu verzichten, dem Gegner Nachricht gegeben habe, daß die Erwiderung deſſelben ſehr ehrenwerth ſey, daß er nicht im Sinne habe, irgend einen Anſpruch wegen der rückſtändigen Renten zu ma⸗ chen und bitte, daß Herr Campbell und Familie Wer⸗ ton⸗Hall für drei Monate als zu ihrer Verfügung ge⸗ 8 8 ——— 15 ſtellt betrachten möchten, damit ſie im Stande ſeyen, ihre Anordnungen zu treffen und über ihre Geräth⸗ ſchaften zu verfügen und ſo weiter. Der Inhalt dieſes Briefes war eine große Er⸗ leichterung für Herrn Campbell, der bisher nicht im Stande war, zu erkennen, was ſein zukünftiges Schick⸗ ſal ſeyn möchte, und er war dankbar für das artige Betragen des neuen Eigenthümers, daß er keinen An⸗ ſpruch wegen der rückſtändigen Renten mache, indem ihn ein ſolcher in die höchſte Armuth verſetzt haben würde. Er ſchrieb ſogleich an Herrn Harrwey, bat ihn um Ueberſendung einer Rechnung der geſetzlichen Koſten, damit dieſe ſo bald als möglich bezahlt werden könnten. In drei Tagen kam dieſe und mit ihr ein Brief, in welchem ihm Herr Harrwey meldete, daß in Folge der ſchnellen und bereitwilligen Abtretung des Eigenthums an den Kläger, ſobald die Klage als be⸗ gründet ſich gezeigt, und weil derſelbe davon Kenntniß erhalten hatte, wie ſehr das Gut in den zehn Jahren, während welchen Herr Campbell es beſeſſen, verbeſſert worden ſey, der neue Eigenthümer veranlaßt wurde, auf eine ſo liberale Weiſe ſich zu benehmen. Dies war wahrhaft belohnend für Herrn Campbell, denn die gerichtlichen Koſten waren enorm und ſtiegen auf nahe an tauſend Pfund hinauf.. Herr Campbell las die Totalſumme und warf die Menge Papiere verzweifelt auf den. „Wir ſind ganz ruinirt, meine Theure!“ ſagte er traurig. 7 3 „Sollen wir nicht hoffen?“ entgegnete Mrs. Camp⸗ bell.„Allen Ereigniſſen müſſen wir, da wir das ſchlimmſte wiſſen, feſt in das Angeſicht ſehen.“ „Ich habe nicht ſo viel Geld, mein theures Weib, daß ich dieſe Rechnung von nahe an tauſend Pfund bezahlen kann.“ „Es mag ſo ſeyn,“ entgegnete Mrs. Campbell. 16 „aber da find noch unſere Möbeln, die Pferde, die Wagen, Alles das iſt zuverläſſig mehr werth.“ „Aber wir haben noch andere Rechnungen zu be⸗ zahlen; Du vergißt dieſe.“ „Nein, das thue ich nicht; ich habe ſie alle geſam⸗ melt, und dieſe betragen nicht mehr als 300 Pfund, ſo weit ich urtheilen kann; aber wir haben nicht Zeit zu verlieren, mein Theurer, und wir müſſen Muth ſchöpfen.“ „Was willſt Du denn beginnen, Emilie?“ ſagte Herr Campbell. 7 „Wir müſſen nicht mehr Koſten auf uns laden, unſere gegenwärtige Einrichtung muß ſogleich abgeän⸗ dert werden. Sende morgen früh alle Diener fort, und erkläre ihnen, was ſich ereignet hat. Dieſen Abend will ich es den beiden Mädchen und der Miß Pater⸗ ſon zu wiſſen thun, welche auf der Stelle entlaſſen werden muß, da wir nicht länger eine Gouvernante halten können. Wir müſſen allein den Koch, eine Haus⸗ magd, einen Laufer, und einen Stallknecht zurückbehal⸗ 2 ten, der nach den Pferden ſieht, ſo lange ſie nicht ver⸗ kauft ſind. Sende einen Brief an Herrn Bades und gib ihm Nachricht von einer baldigen Verſteigerung weil er nicht länger in dem Colleg bleiben kann; wir haben Zeit die Fülle, um unſere Plane für die Zu⸗ kunft zu entwerfen, von welchen auch unſer zukünftiges Schickſal abhängt.“— Herr Campbell beſtätigte das Urtheil ſeiner Gat⸗ tin. Miß Paterſon war auf's tiefſte betrübt, als ihr Mrs. Campbell die Neuigkeit mittheilte. Mary und Emma Percival empfanden kief für die Wohlthäter ih⸗ rer Kindheit, dachten aber nicht an ſich ſelbſt, ſie fühl⸗ ten nur, daß Mrs. Campbell ſo treulich für ſie geſorgt, daß ſie von ihrer Jugend auf ſo trefflich von ihr ge⸗ pflegt worden. Sobald ſie unterrichtet waren, was ſich ereignet habe, eilten ſie auf das Zimmer des Herrn der Möbeln. Auch mußt Du an Heinrich ſchreiben, 17 Campbell, hingen ſich an ſeinen Nacken und erklärten, daß ſie alles thun wollten, was ſie vermöchten, um ihn glücklich zu machen, daß ſie für ihn arbeiten woll⸗ ten, wenn es nöthig ſey, vom Morgen bis in die Nacht. Am nächſten Tage war der ganze Haushalt in dem Speiſezimmer verſammelt und durch Herrn Camp⸗ bell von dem in Kenntniß geſetzt, was ſich ereignet hatte, und es wurde den Verſammelten die Nothwen⸗ digkeit ihrer unmittelbaren Entlaſſung gezeigt. Ihr Dienſtlohn wurde berechnet und ausbezahlt, bevor ſie das Zimmer verließen, was alle mit vielfachem Aus⸗ drucke des Schmerzes thaten. Miß Paterſon bat, ihr zu geſtatten, noch einige wenige Tage länger als eine Freundin zu bleiben, und da ſie es wohl verdiente, ſo wurde ihre Bitte bewilligt. „Dank dem Himmel,“ ſagte Herr Campbell, nach⸗ dem der ganze Haushalt entlaſſen war,„das iſt vorü⸗ ber. Es iſt eine große Laſt von meinem Herzen.“ „Onkel, hier iſt ein Brief von Alfred,“ ſagte Emma Percival, indem ſie in das Zimmer trat.„Er iſt gerade zu Portsmouth angekommen und ſagt, das Schiff ſey beordert, unmittelbar bezahlt zu werden und ſein Kapitän ſey zu einem Schiff von fünfzig Kanonen beſtimmt und wolle ihn mit ſich nehmen. Er ſagt, er wolle in einigen Tagen hier ſeyn und...“ „Und was, Theuerſte?“ ſagte Mrs. Campbell. „Er ſagt, die Zeit ſey ihm zu kurz, aber er hoffe, Du würdeſt nichts dagegen haben, wenn er zwei Ka⸗ meraden mitbringe.“ „Armer Junge, es thut mir leid, daß Dir dieß 1 abgeſchlagen werden muß,“ entgegnete Herr Campbell. „Du mußt ihm ſchreiben, Emma, und ihm ſagen, was ſich ereignet hat. „Ich ſoll ihm ſchreiben, Onkel?“ „Ja, theure Emma, ſchreibe ihm,“ entgegnete Die Anſiedler in Canada. 2 ———y— Mrs. Campbell,„Dein Onkel und ich haben zu viel zu beſorgen.“ „Ich werde es, weil Sie es wünſchen,“ ſagte Emma und die Thränen traten ihr in die Augen, als ſie das Zimmer verließ. „Herr Bates, der Auctionator, wünſcht Sie zu ſprechen, Sir,“ ſagte der eintretende Laufer. „Bitten Sie ihn, daß er herein komme,“ antwor⸗ tete Herr Campbell. Herr Bates, der Auctionator, trat ein und über⸗ reichte Herrn Campbell einen Brief und dieſer bat ihn, einen Stuhl zu nehmen, während er den Brief leſe. Der Brief war von Herrn Duglas Campbell, dem neuen Eigenthümer des Gutes, und erſuchte Herrn Ba⸗ tes, dem Herrn Campbell zu verſichern, daß, wenn er wünſche, daß die Meubles und dergleichen gegen eine Schätzung zurückblieben, Herr Bates eine großmüthige Schätzung aufſtellen und auf ihn wegen der Bezahlung traſſiren ſolle. 3„Das iſt in der That ſehr rückſichtsvoll von Herrn Douglas Campbell,“ bemerkte Mrs. Campbell,„und es kann, mein Lieber, keine Erinnerung dagegen ſtatt fin⸗ den. Sagen Sie meinen beſten Dank dem Herrn Dou⸗ glas Campbell für ſeine Gefälligkeit und wenn Sie, Herr Bates, die Schätzung morgen oder die nächſten Tage vornehmen können, ſo werde ich es für eine be⸗ ſondere Gunſt betrachten.“ „Ich werde es thun,“ entgegnete Herr Bates, wel⸗ cher ſich erhob und ſich beurlaubte. Sobald als die Schätzung beendigt war, bemühte ſich Herr Campbell, einen Ueberſchlag über das zu ma⸗ chen, was ihm als Eigenthum blieb und fand, daß die anze Summe bloß auf ſiebzehn oder achtzehnhundert Pfund ſich belaufe. Drittes Kapitel. Es mag ſeltſam erſcheinen, daß Herr Campbell, nachdem er zehn Jahre im Beſitz der Erbſchaft gewe⸗ ſen war, und im Betracht, daß er für junge Kinder zu ſorgen hatte, nicht über eine größere Summe ver⸗ fügen konnte; indeſſen kann dieſes leicht erklärt wer⸗ den. Ich habe bereits eben geſagt, daß die Erbſchaft in einem ſehr ſchlimmen Zuſtande war, als Herr Camp⸗ bell in deren Beſitz gelangte, und daß er ſich gezwungen ſah, einen großen Theil des Einkommens auf dieſelbe zu verwenden. Ferner hatte er eine ſehr beträchtli he Summe für Gründung von Armenhäuſern und Schulen ausgegeben; Werke, welche er nicht aufſchieben wollte, weil er ſie als religiöſe Verpflichtungen betrachtete. Die Folge davon war, daß er nur ein Jahr vor der Erhebung der Klage durch den Erben begonnen hatte, für ſeine jüngern Kinder zu ſorgen, und da die Erb⸗ ſchaft jetzt um zweitauſend Pfund jährlich mehr ertrug, als zu der Zeit, in welcher er in den Beſitz derſelben kam, hatte er ſich entſchloſſen, fünftauſend Pfund jähr⸗ lich zurückzulegen und dieß auch ſeit fünf Monaten ge⸗ than. Die enormen Gerichtskoſten hatten indeſſen dieſe Summen geſchmälert und zwar mehr, als wir bereits geſagt haben, und daher wurde er mit ſammt ſeinen Hunderten leicht ein armer Mann, wenn ihm das Ei⸗ genthum genommen wurde.. Am Tage nach der Abſchätzung erſchien der älteſte Sohn, Heinrich; er ſchien ſehr beſtürzt, mehr als ſeine Eltern, und die, welche ihn kannten, vorausgeſehen hat⸗ ten. Es wurde indeſſen mehr dem Gefühle für ſeinen Vater und ſeine Mutter, als für ſich ſelbſt zugeſchrieben. Die Berathungen, welche zwiſchen Herrn und Mrs. Campbell über ihre künftigen Plane gepflogen wurden, waren vielfach; aber keiner von allen war ausführbar, oder ſchien nur einigermaßen vortheilhaft. Mit den 30 einzigen ſiebenzehn bis achtzehnhundert Pfunden, welche ihnen blieben, war wenig anzufangen. Herr Campbell er⸗ kannte, daß die Rückkehr zu ſeinem Geſchäfte mit eini⸗ ger Ausſicht auf Erhaltung ſeiner Familie nicht mög⸗ lich ſey. Sein älteſter Sohn Heinrich mochte eine An⸗ ſtellung erhalten; aber er war für nichts geeignet, als für die Barre oder für den geiſtlichen Stand; und wo waren die, die ihn unterhielten, bis er ſich ſelbſt un⸗ terhalten konnte? Alfred, der nun ein Unterſchiffer war, erhielt ſich, es iſt wahr, ſelbſt; aber es mußte ſehr ſchwierig ſeyn, und es war für ihn wenig Aus⸗ ſicht auf Beförderung. Dann waren die beiden andern Knaben da, und die beiden Mädchen, welche mächtig heranwuchſen, kurz, eine Familie von acht Köpfen. Eine ſo geringe Summe in Fonds anzulegen, war nutz⸗ los, weil ſie von den Intereſſen nicht leben konnten, welche ſie geben ſollten. Sie prüften den Gegenſtand nach allen Richtungen, aber ohne Erf⸗ Nacht eintrat, legten ſie mehr und mehr verzagt ihr Haupt auf das Kiſſen. Sie waren ſchon bereit, Hall zu verlaſſen, und noch wußten ſie nicht, wohin ſie ihre Schritte richten ſollten. Dieß währte ſchon eine Woche, als ſie von ihrem Sohne Alfred umarmt wurden, wel⸗ cher in aller Eile und ſobald, als das Schiffsvolk aus⸗ bezahlt worden war, ſich auf den Weg gemacht hatte, mit ihnen ſic zu vereinigen. Als die erſte Freude des zwiſchen ihnen, die ſo lange getrennt ge⸗ Wiederſehen weſen, vorüber war, ſagte Herr Campbell: „Alfred, es thut mir leid, daß ich Deinen Kame⸗ raden nicht einmal einen Fiſchfang geben kann.“ „Was liegt daran? Ich und wir alle ſind um Ihretwillen da, mein theurer Vater, meine theure Mut⸗ ter; aber was iſt es, was kann nicht geändert wer⸗ den, auch wenn wir das Beſte thun wollten? Doch wo iſt Heinrich, wo ſind meine Couſinen?“. „Sie ſind in den Park ſpazieren gegangen, Alfred, olg, und als die E. V 85 21 Du hätteſt beſſer gethan, ſie aufzuſuchen; ſie ſind ſehr angſtlich, Dich zu ſehen.“ „Ich will es, Mutter, laſſen Sie uns über das Umarmen und Küſſen los gehen, und dann werden wir vernünftig ſeyn, wenn Gott will, für eine halbe Stunde,“ ſagte Alfred, indem er ſeine Mutter wiederholt küßte, und dann aus dem Zimmer eilte. „Sein Geiſt iſt jedenfalls nicht niedergedrückt,“ bemerkte Mrs. Campbell;„ich danke Gott dafür!“ Alfred fand bald ſeinen Bruder und ſeine Couſi⸗ nen, Mary und Emma, und als das Umarmen und Küſſen vorüber war, ſtellte er Fragen über den wirkli⸗ chen Stand der Angelegenheiten ſeines Vaters. Nach einer kurzen ÜUnterredung ſagte Heinrich, deſ⸗ ſen Geiſt ſehr niedergedrückt war: „Mary und Emma, vielleicht wollt Ihr hineinge⸗ hen; ich wünſche, mit Alfred allein zu ſprechen.“ „Heinrich, Du biſt ſehr betrübt,“ bemerkte Alfred, nachdem ſich ſeine Couſinen entfernt hatten.„Stehen die Dinge wirklich ſo ſchlimm?“ „Sie ſtehen ſchlimm genug, Alfred; aber was meinen Geiſt ſo ſehr niederdrückt, iſt das, daß ich fürchte, meine Thorheit habe es ſchlimmer gemacht.“ „Wie ſo?“ entgegnete Alfred. „Die Sache iſt, daß mein Vater bloß ſiebzehn⸗ hundert Pfund hat, eine Summe, die gering genug iſt, um in der Welt zu leben; aber was mich bekümmert, iſt dieſes. Als ich im Colleg war und nicht an eine ſolche Wandelung des Glücks dachte, da anticipirte ich meinen Jahresgehalt, weil ich glaubte, ich würde ihn zu Weihnachten bezahlen können, und ich machte eine Schuld von zweihundert Pfund. Mein Vater ermahnte mich immer, den mir ausgeſetzten Jahresgehalt nicht zu überſchreiten, und dennoch that ich es. Jetzt kann ich den Gedanken nicht ertragen, in dem Colleg Schul⸗ den zu haben, und zu gleicher Zeit meinem Vater einen harten Schlag zu verſetzen, indem ich ihm zumuthe, meine Schulden zu bezahlen. Dieß iſt es, was mich ſo unglücklich macht. Ich kann mich nicht überwinden, es ihm zu ſagen, weil ich überzeugt bin, daß er ſo ehrenwerth iſt, ſie bezahlen zu wollen. Ich ging mit mir ſelbſt zu Rathe, aber in der That weiß ich nicht, was ich thun ſoll. Ich thue nichts, als daß ich mir alle Tage Vorwürfe mache, und ich kann bei Nacht nicht ſchlafen. Ich war ſehr thöricht, aber ich bin über⸗ zeugt, daß Du meine gegenwärtigen Gefühle freundlich beurtheilen wirſt. Ich wartete, bis Du nach Hauſe kamſt, weil ich wußte, Du könnteſt über die Sache beſſer mit dem Vater ſprechen und daß ich vor Scham und Qual ſterben würde.“ „Sieh, Heinrich,“ entgegnete Alfred,„ein Ueber⸗ ſchreiten des Gewöhnlichen, wie wir es hier ſehen, iſt ein wahrhaft gemeines Ding, und wenn man Alles be⸗ trachtet, ſo darf man deßwegen keinen großen Gram haben, wenn Du annimmſt, daß Du den Willen und den Vorſatz hatteſt, zu bezahlen; laß Dir das nicht ſo am Herzen liegen. Ich glaube in der That, daß Du Deine rechte Hand darum geben würdeſt, nicht ſo ge⸗ handelt zu haben, weil ſich die Umſtände jetzt ſo ge⸗ wendet haben. Aber dennoch iſt kein Grund dazu vor⸗ handen, ſich deßhalb ſo ſehr zu grämen. Ich habe eine dreijährige Löhnung erhalten, und das Priſengeld für die letzten achtzehn Monate, und es gebührt mir noch mehr für einen franzöſiſchen Kaper. Alles zuſammen beläuft ſich auf zweihundertfünfzig Pfund, welche ich meinem Vater zum Geſchenk geben wollte, da er jetzt unter dem Winde iſt. Aber ich will es nun anders machen; ich gebe ſie entweder Dir, um Deine Schulden zu bezahlen, oder ich gebe ſie ihm, damit er es thut, wenn Du es nicht thun willſt; hier iſt es; nimm, was Du brauchſt, und händige mir den Reſt ein. Der Va⸗ ter weiß nicht, daß ich Geld habe, und er ſoll es auch jeßn nicht erfahren, ſo wenig als daß Du Schulden haß 11 —, — 23 „Ich danke Dir, mein theurer Alfred! Du machſt Dir keinen Begriff, welche Laſt auf meiner Seele ag nun kann ich meinem Vater in das Angeſicht icken.“ 4 „Ich hoffe, Du wirſt es; wir Seeleute ſind mit ſolch zarten Gefühlen nicht geplagt, Heinrich. Ich hätte ihm die Wahrheit längſt ſagen ſollen, ehe ich ſie Dir ſagte. Ich konnte es aber nicht über mein Herz bringen. Wenn dieſes Mißgeſchick ſich während des letzten Kreuzzuges ereignet hätte, da würde ich gerade in Deiner Lage ge⸗ weſen ſeyn; denn ich hatte eine Schneiderrechnung zu bezahlen, ſo lange wie eine Fregattenwimpel, und nicht genug in meiner Taſche, um auch nur das Frühſtück einer Maus zu bezahlen. Nun laß uns zurückgehen, und Du ſey ſo fröhlich als möglich, und ermuntere ihn etwas.“— Alfreds munterer Geiſt mußte Gewiß Alle erhei⸗ tern, und nach dem Thee trat Herr Campbell, welcher mit ſeiner Gattin in Berathung getreten war, ſobald der Bediente das Zimmer verlaſſen hatte, mit einer vollſtändigen Darlegung der Gedanken hervor, bei wel⸗ chen wir ihn gelaſſen haben, und erklärte, daß er in dieſer ſchwierigen Lage die Meinung der ganzen Fami⸗ lie zu wiſſen wünſche und daß er ſicherlich keinen Ent⸗ ſchluß faſſe, ohne daß ſie darüber beſchloſſen und ihn gebilligt hätten. Heinrich, welcher ſeinen Geiſt mittelſt der von Alfred empfangenen Hülfe geſammelt hatte, war begierig, zuerſt zu ſprechen und entgegnete: „Theurer Vater, theure Mutter, wenn Sie mit ſich nicht über einen Plan übereinkommen können, ſo fürchte ich, daß es nicht wahrſcheinlich iſt, daß ich Ihnen bei⸗ ſtehen kann; aber ich muß wenigſtens ſagen, daß ich, was auch beſchloſſen ſeyn mag, ſehr erfreut ſeyn werde, meine Pflicht gegen Sie, gegen meine Brüder und meine Schweſtern zu erfüllen. Meine Erziehung war nicht von der Art, daß ſie auch einem armen Manne wahrhaft nützlich ſeyn kann; doch, ich bin bereit, mit weit es meine Fähigkeiten erlauben.“ „Davon bin ich überzeugt, mein theurer Junge,“ entgegnete ſein Vater.„Nun, Alfred, müſſen wir auf Dich, als unſere letzte Hoffnung ſehen, denn Deine zwei Couſinen ſind nicht im Stande, uns einen Rath zu geben.“ „Gut, mein Vater, ich habe eine ziemliche Zeit darüber nachgedacht und einen Vorſchlag zu machen, welcher Ihnen Anfangs unausführbar ſcheinen wird, während er mir doch als unſere einzige und unſere beſte Hoffnung erſcheint. Die wenigen hundert Pfund, welche Sie gerettet haben, ſind in dieſer Gegend von keinem Nutzen, ausgenommen, Sie auf ein oder zwei Jahre vor dem Hunger zu ſchützen. In einer andern Gegend haben ſie den Werth von mehreren Tauſen⸗ den. In dieſer Gegend hat eine große Familie eine Menge Laſten und Ausgaben, in einer andern Gegend aber ſind Sie ein um ſo reicherer Mann, je mehr Sie Kinder haben. Wenn Sie daher einſtimmen wollen, Ihre Familie und Ihre gegenwärtigen Mittel in eiine andere Gegend zu verſetzen, ſo werden Sie ein reicher Mann werden, während Sie hier ein armer ſind.“ „Welche Gegend iſt es, Alfred?“ „Ei, nun, Vater, der Zahlmei zoſen aus Canada vertrieben worden waren, dahin kam, um ſein Glück zu verſuchen. Sein ganzes Vermögen beſtand bloß in dreihundert Pfund; jetzt war er kaum meinen Händen und mit meinem Kopfe zu arbeiten, ſo ſter auf unſerem Schiffe hat einen Bruder, welcher, ſobald als die Fran⸗ vier Jahre da. Ich las einen Brief von ihm, welchen 8 der Zahlmeiſter erhielt, als die Fregatte in Portsmouth einlief, und in dieſem ſchrieb er, daß es ihm gut gehe, und daß er für reich gelte, daß er eine Meierei von fünfhundert Morgen habe, von welchen zweihundert angebaut ſeyen, und wenn er nur genug Kinder hätte, die ihm helfen könnten, ſo wollte er binnen kurzer Zeit. ſo viel Geld erwerben, daß er mehr Land unmittelbar —— 25 ankaufenzkönne. Das Land iſt vort zu einem Dollars F der Morgen zu haben, und Sie mögen nun prüfen und wählen. Mit Ihrem Gelde werden Sie ein gro⸗ ßes Eigenthum kaufen. Mit Ihren Kindern werden Sie es gehörig bebauen, und in wenigen Jahren wer⸗ den Sie jedenfalls behaglich, wo nicht im Ueberfluſſe leben. Ihre Kinder werden für Sie arbeiten, und 5 Sie werden Befriedigung in dem Bewußtſeyn finden, unabhängig und glücklich zu leben.“ „Mein theurer Sohn, ich erkenne an, daß Du da einen Plan entworfen haſt, der viel Empfehlendes für ſich hat, aber da gibt es noch Bedenken.“ „Bedenken!“ entgegnete Alfred.„Ja, allerdings, deerren gibt es; wenn die Ländereien bebaut wären, daß der Same nur aufzugehen brauchte, dann würden gar Viele darnach greifen; aber, mein theurer Vater, ich kenne keine Bedenken, welche nicht beſiegt werden können. Laſſen Sie uns dieſe Bedenken betrachten. Zuerſt ſchwere Arbeit, gelegenheitlich Beraubung, ein Haus von Holz, harte Winter, Abſonderung von der Welt, hie und da Gefahr vor wilden Thieren und wil⸗ den Menſchen; ich räume ein, daß es ein trauriger Wechſel gegen ein ſolches Herrenhaus iſt, wie dieſes mit ſeinen ſchönen Möbeln, mit ſeiner vortrefflichen Küche, mit der gebildeten Geſellſchaft und dem unend⸗ lichen Intereſſe, welches man für eine Gegend hat, mit der wir in täglicher Verbindung ſtehen. Nun, was die ſchwere Arbeit betrifft, ſo wollen Heinrich und ich ſo viel als möglich thun, um Ihre Hände zu ſchonen. Iſt der Winter hart, ſo iſt kein Mangel an Brennholz; wenn die Hütte rauh iſt, ſo werden wir ſezulet be⸗ haglich machen; wenn wir abgeſchieden von der elt ſind, ſo haben wir Geſellſchaft genug an uns ſelbſt; wenn wir in Gefahr ſind, ſo haben wir Feuergewehre und tapfere Herzen, uns ſelbſt zu vertheidigen, und in deer That, ich kann nicht einſehen, wie wir wahrhaft 26 glücklicher, wahrhaft behaglicher und jedenfalls wahr⸗ haft unabhängiger ſeyn können.“ „Alfred, Du ſprichſt, als wenn Du mit uns gehen wollteſt,“ ſagte Mrs. Campbell. „Und glauben Sie denn, meine theure Mutter, daß ich es nicht wolle? Glauben Sie, daß ich hier blei⸗ ben wolle, während Sie dort ſind und meine Gegen⸗ wart Ihnen nützlich ſeyn kann. Nein, nein, ich liebe den Dienſt, das iſt gewiß; aber ich kenne auch meine Pflicht, und dieſe iſt: meinem Vater und meiner Mut⸗ ter beizuſtehen, und in der That, ich ziehe dieſes vor. Die Ideen eines Seekadeten von Unabhängigkeit ſind in der That groß, und ich halte die Wilden Amerika's für freier und unabhängiger, als daß ich länger im Dienſte bleiben und von jedem jüngeren Lieutenant vielleicht zwanzig Jahre lang mit mir ſpielen laſſen wollte. enn Sie gehen, ſo gehe ich auch, das iſt ge⸗ wiß; in der That, ich würde elend ſeyn, wenn Sie ohne mich gehen wollten, und ich würde jede Nacht träumen, daß ein Indianer mit Mary davongelaufen, vder daß ein Bär meine kleine Emma aufgefreſſen abe.“ „Wohlan, ich will mein Glück mit dem Indianer verſuchen!“ entgegnete Mary Percival. „Und ich mit dem Bären,“ ſagte Emma,„viel⸗ leicht will er mich bloß herzen, wie Alfred that, als er nach Hauſe kam.“ „Schönen Dank, mein Fräulein, für den Ver⸗ gleich!“ erwiederte Alfred lachend. „Alfred, ich erkenne in der That, daß Dein Vor⸗ ſchlag reifere Ueberlegung verdient,“ bemerkte Mrs. Campbell.„Dein Vater und ich wollen uns darüber berathen, und vielleicht ſind wir bis Morgen früh zu einem Entſchluſſe gekommen. Nun werden wir am Beſten thun, wenn wir Alle zu Bette gehen.“ „Ich werde gewiß von dem Indianer träumen,“ ſagte Mary. 27 „Und ich werde von dem Bären träumen,“ fügte Emma hinzu, indem ſie ſchelmiſch auf Alfred blickte. „Und ich werde von einem wahrhaft ſchönen Mäd⸗ ben träumen, welches ich zu Portsmouth ſah,“ ſagte red. „Ich glaube Dir nicht,“ verſetzte Emma. 3 Herr Campbell klingelte nun den Bedienten, das Familiengebet wurde geleſen und Alle zogen ſich gu⸗ ten Muthes zurück. Am nächſten Morgen waren Alle früh bei der Hand; nachdem Herr Campbell etwas in der Bibel ge⸗ leſen hatte, was ſeine unabänderliche Regel war, und nachdem er ein Dankgebet geſprochen, ſetzten ſie ſich zum Frühſtücke nieder. Nachdem das Frühſtück vorüber war, ſprach Herr Campbell: 5 „Meine lieben Kinder, nachdem Ihr uns in der vergangenen Nacht verlaſſen hattet, hielt ich mit Eurer Mutter eine lange Berathung und wir kamen zu dem Beſchluſſe, daß uns kein Sideren gpewes bleibe, als der, welchen uns Alfred gezeigt hat. Wenn Ihr daher Alle unſerer Meinung ſeyd, ſo ſind wir entſchloſſen, unſer Glück in Canada zu verſuchen.“ „Ich bin gewiß dieſer Meinung,“ entgegnete Heinrich. „Und Ihr, meine Mädchen?“ ſprach Herr Campbell. „Wir wollen Ihnen bis an das Ende der Welt folgen, Onkel,“ entgegnete Mary,„und ſo viel wir mit unſerem geringen Verſtande und unſern geringen Kräf⸗ ten vermögen, Ihnen Ihre Sorgen für uns zwei arme Waiſen lohnen.“ Herr und Mrs. Campbell umarmten ihre Nichten, denn ſie waren durch Mary's Antwort ſehr gerührt. Nach einer Pauſe ſagte Mrs. Campbell: „Und nun, da wir zu einem Entſchluſſe gekommen find, müſſen wir unſere Anordnungen unmittelbar tref⸗ fen. Was ſollen wir hinſichtlich unſerer ſelbſt verfü⸗ 28 gen Kommt, Alfred und Heinrich, was ſchlagt Ihr vor 24 „Ich muß unmittelbar nach Orford zurückkehren, um meine Angelegenheiten zu ordnen und über meine Bücher und anderes Eigenthum zu verfügen.“ „Haſt Du genug Geld, mein lieber Junge, um Alles zu bezahlen?“ ſagte Herr Campbell. 1 „Ja, mein theurer Vater,“ entgegnete Heinrich, indem er ein wenig erröthete. „Und ich“ ſagte Alfred,„ich glaube, daß ich hier voon keinem Nutzen ſeyn kann, daher meine ich, daß ich dieſen Nachmittag mit der Landkutſche nach Liverpool Lehen ſillte, denn von da aus ſchiffen wir uns am eeſſten ein. Ich werde zunächſt an unſern Zahlmeiſter ſchreiben, ob er uns nicht Belehrung ertheilen kann, und ich will auch ſuchen, ſo viel als es mir möglich iſt, Erkundigung von andern Leuten einzuziehen. So⸗ bald als ich etwas mitzutheilen habe, werde ich ſchreiben.“ „Schreibe, ſo bald Du angekommen biſt, Alfred, Du magſt etwas mitzutheilen haben, oder nicht, wir müſſen jedenfalls wiſſen, daß Du glücklich angekom⸗ men biſt.“ 4 „Ich werde es thun, meine theure Mutter.“ „Haſt Du Geld, Alfred?“ „a, hinreichend, Vater, ich reiſe nicht mit vier Pferden.“ „Gut, ſo wollen wir denn hier bleiben, um ein⸗ zupacken, Alfred, und ſo bald Du in Liverpool ange⸗ kommen biſt, mußt Du für uns eine beſcheidene Woh⸗ nung miethen, in welcher wir ſogleich abſteigen können. Zu welcher Zeit ſegeln die Schiffe nach Quebec?“ „Gerade um dieſe Zeit, mein Vater, es iſt jetzt März, und ſie wollen nun jede Woche abſegeln. Je früher wir daran ſind, deſto beſſer iſt es, denn wir können dann um ſo behaglicher im Winter wohnen.“ Wenige Stunden nach dieſer Unterredung verließen Heinrich und Alfred Hall, um nach ihren verſchie⸗ — 29 denen Beſtimmungen abzugehen. Herr und Mrs. Campbell und die beiden Mädchen hatten drei oder vier Tage vollauf mit dem Einpacken zu thun. Es hatte ſich ſchon in der Nachbarſchaft die Kunde verbrei⸗ tet, daß ſie nach Canada auswandern wollten, und die Pächter, welche von Herrn Campbell die Ländereien gepachtet hatten, kamen alle herbei und boten ihre Wagen und ihre Pferde zum Transporte der Effecten nach Liverpool ganz unentgeldlich an. In der Zwiſchenzeit traf ein Brief von Alfred ein, welcher nicht ſäumig geweſen war. Er hatte niit allen Kaufleuten, welche mit Canada Geſchäfte hatten, Bekanntſchaft gemacht, und war durch dieſe bei einigen Perſonen eingeführt worden, welche vor wenigen Jah⸗ ren ſich dort angeſiedelt hatten und im Stande waren, jede, Auskunft zu ertheilen. Dieſe unterrichteten ihn Hüber das, was das Räthlichſte bei dieſem Verſuche ſey, wie ſie von ihrer Landung an zu Werke gegangen, und, was noch von größerer Bedeutung war, die Kauf⸗ leute gaben ihm Empfehlungsbriefe an die engliſchen Kaufleute zu Quebec, welche ihm gewiß jeden Beiſtand bei der Anſiedelung, ſowie bei dem Ankaufe der Län⸗ dereien und bei dem Transporte der Effecten nach der Gegend leiſten würden. Alfred hatte hierauf ein Schiff gemiethet, welches in drei Wochen abſegelte, und den Preis der Ueberfahrt für den Fall feſtgeſetzt, daß ſie in dieſer Zeit zur Abreiſe bereit ſeyen. Er ſchrieb Alles ausführlich ſeinem Vater und wartete auf deſſen Ant⸗ wort, um Alles deſſen Wünſchen gemäß einzurichten. Heinrich kam von Orford zurück, hatte ſeine Rech⸗ nungen bezahlt und brachte ſeine Hefte und andere Bücher mit ſich. Er war guten Muthes und leiſtete ſeinen Aeltern die größte Hülfe. Alfred hatte in Allem, was er unternahm, ein ſo reifes Urtheil, daß ihm ſein Vater ſogleich ſchrieb, er möge das Schiff, welches er benannt hätte, und beſon⸗ ders die Cajüte miethen, und für alle die verſchiedenen 30⁰ Gegenſtände ſorgen, welche ſie angewieſen worden wa⸗ ren mit ſich zu nehmen, und er traſſirte auf ihn zum Behufe der Zahlung, damit die Leute nicht auf das Geld zu warten hätten. In vierzehn Tagen waren ſie alle bereit; die Wagen waren mit ihren Effecten einige Tage zuvor abgefahren. Herr Campbell ſchrieb einen Brief an Herrn Douglas Campbell, dankte ihm für ſeine Gefälligkeit und Rückſicht und ſetzte ihn davon in Kenntniß, daß ſie an dem folgenden Tage Wexton⸗ Hall verlaſſen würden. Bloß darum bat er ihn, als um eine Gunſt, daß der Schullehrer und die Schulleh⸗ rerin an der Dorfſchule beibehalten würden, was von Bedeutung war, damit der Unterricht der Jugend nicht vernachläſſigt werde. Dann fügte er noch bei, daß er aus den Zeitungen entnommen, daß ſich Herr Douglas Campbell ohnlängſt verheirathet, und daß er und Mrs. Campbell ihm und ſeiner Gattin alles mögliche Glück wünſchen und dergl. Nachdem er dieſen Brief abgeſchickt hatte, war vor ſeiner Abreiſe von Hall nichts zu thun, ausgenommen die wenigen Diener, welche noch da waren, zu bezah⸗ len und zu entlaſſen, denn Mrs. Campbell hatte ſich entſchloſſen, keinen derſelben mitzunehmen. Am Nach⸗ mittage gingen ſie das Letztemal durch den Park.— Mrs. Campbell und die Mädchen liefen durch alle Zimmer von Hall, um ſich zu überzeugen, daß Alles ſauber, reinlich und nett ſey. Die armen Mädchen ſeufzten, als ſie an dem Piano und der Harfe in dem Prachtſaale vorübergingen, denn dieſe waren ihre al⸗ ten Freunde. „Kümmere Dich nicht, Mary,“ ſagte Emma,„wir haben unſere Guitarren und können in den Wäldern von Canada Muſik ohne Harfe und ohne Piano machen.“ Anm folgenden Morgen fuhr die Chaiſe, welche ſo geräumig war, daß alle darin Platz hatten, aus Halls Thor und alle befanden ſich darin; ihre Pächter aber und die armen Leute ſtanden ringsumher, alle hielten — 31 aus Ehrfurcht die Hüte in den Händen und wünſchten ihnen alles Glück nach, als ſie durch die Allee und durch die Thore des Parks fuhren. Hall und der Park lagen ſchon lange hinter ihnen, bis ſie ein Wort wech⸗ ſelten. Sie trockneten ihre Thränen, aber ihre Herzen waren zu voll, als daß ſie ſprechen konnten. Am fol⸗ genden Tage langten ſie in Liverpool an, wo Alfred für eine Wohnung geſorgt hatte. Alle Gegenſtände wurden an Bord gebracht, und das Schiff lief aus dem Strome aus. Da ſie nichts weiter zu beſorgen hatten, und der Capitän wünſchte, von dem nächſten günſtigen Winde Gebrauch zu machen, ſchifften ſie ſich vier Tage nach ihrer Ankunft zu Liver⸗ pool ein. Ich will ſie nun am Borde des„Kaufmanns von London,“ wie das Schiff hieß, allein laſſen, wo ſie alle ihre kleinen Vorbereitungen unter Oberaufſicht Alfreds zu ihrer bevorſtehenden Abfahrt machten, und ich will indeſſen eine kleine Schilderung ihrer Charak⸗ dere, ihres Alters und der Sinnesart der Familie geben. X Viertes Kapitel. Herr Campbell war eine Perſon von vielfach lie⸗ benswürdigen Eigenſchaften; er war religiös, ein guter Mann, liebte ſeine Frau zärtlich und gab ihren Mei⸗ nungen ſtets den Vorzug vor den ſeinigen. Er war wahrhaft väterlich gegen ſeine Kinder, die er ſehr liebte, ohne zu nachſichtig gegen ſie zu ſeyn. Er war zwar kein Mann von hor energiſchem Charakter, doch war er gefühlvoll und wohl unterrichtet. Seine Herzens⸗ güte ſetzte ihn oft der Gefahr aus, belogen zu werden, und da er nie einen Betrug argwohnte, konnte es nicht fehlen, daß er fortwährend betrogen urde; ſein 32 Charakter war daher der eines einfachen, guten, ehrba⸗ ren Mannes. Mrs. Campbell paßte vollkommen als deſſen Gat⸗ tin, denn ſie hatte all' die Energie und all' die Ent⸗ ſchloſſenheit des Charakters, welche zeitweiſe ihrem Manne fehlten. Dennoch war nichts Männliches in ihren Manieren und in ihrem Auftreten; ſie war im Gegentheile ſehr zart in ihren Formen und ſehr ſanft in ihrem Benehmen. Sie beſaß eine große Feſtigkeit, und Selbſtſtändigkeit und hatte alle ihre Kinder bewun⸗ dernswürdig erzogen. Gehorſam gegen ihre Aeltern war das Prinzip, welches ihnen nach der Furcht Got⸗ tes eingeprägt worden war; denn ſie wußte zu wohl, daß ein ungehorſames Kind niemals glücklich ſeyn kann. Wenn je ein Weib geſchickt war, die Schwierigkeiten und Gefahren, welche ihnen drohten, zu beſeitigen, ſo war es Mrs. Campbell, denn ſie beſaß Muth und Gei⸗ ſtesgegenwart, Thätigkeit und Gewandtheit. Heinrich, der älteſte Sohn, war nun gerade zwan⸗ zig Jahre alt. Er beſaß viel von dem Charakter ſei⸗ nes Vaters, er war ohne Laſter, neigte ſich aber mehr fun Unthätigkeit, als zu etwas Anderem. Viel war einer Erziehung und ſeinem Leben im Colleg zuzu⸗ ſchreiben, mehr aber ſeinen natürlichen Anlagen. Alfred, der Seemann, war ganz das Gegentheil, voll von Energie, thätig in jeder Beziehung, geduldig und arbeitſam, wo es nöthig war, und nahm nie etwas in die Hand, ohne es wo möglich zu vollenden. Er war ungeſtüm, aber nicht roh, und in Sprache und Manieren wahrhaft kindlich; dabei war er aber voll Selbſtvertrauen und erſchrak vor nichts. Mary Percival war ein wahrhaft liebenswürdiges, äußerſt überlegendes Mädchen, ſchüchtern, ohne blöd zu ſeyn, und miſchte ſich ſelten in die Unterhaltung, aus⸗ genommen, wenn ſie allein mit ihrer Schweſter Emma war. Sie war voll ehrerbietiger Anhänglichkeit an ihren Onkel und ihre Tante, und zu viel mehr fähig, 8 3³ als ſie ſelbſt dachte, denn ſie war ſehr beſcheiden und demüthig. Ihre Sinnesart war zart und in ihrem Geſichte ausgeprägt. Sie zählte nun ſiebzehn Jahre und wurde allgemein bewundert. Emma, ihre Schweſter, erſt fünſzehn Jahre alt, war von einer ganz verſchiedenen Gemüthsart, natür⸗ lich, fröhlich, geneigt, an Allem ſich zu ergötzen, freudig wie die Lerche, und vom Morgen bis in die Nacht ſingend. Ihr Charakter, deſſen Ausbildung ſie der Sorge und Aufmerkſamkeit der Mrs. Campbell verdankte, war eben ſo liebenswürdig, als der ihrer Schweſter, und ihr lebhaftes Temperament verleitete ſie ſelten zu einer Unbeſcheidenheit. Sie war das Leben in der Familie, wenn Alfred weg war, denn dieſer allein war ihrem Temperamente gleich. Percival, der dritte Knabe, war nun zwölf Jahre alt. Dieſer war ein ruhiger, gewandter Burſche, ſehr gehorſam und ſehr aufmerkſam auf Alles, was man ihm ſagte, ſehr begierig, Belehrung zu erhalten, und wahrhaft natürlich wißbegierig. John, der vierte Knabe, zählte zehn Jahre, war kühn, eine Art von John Bull als Knabe, nicht ſehr begierig zu lernen, aber in jeder Beziehung wohlge⸗ artet. Er zog Alles ſeinem Buche vor, zugleich war er aber gehorſam und ſuchte auf Alles ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu lenken, ſo viel er es vermochte, ſo wie er Alles leiſtete, was man von einem Knaben in ſei⸗ nem Alter erwarten konnte. Er war in jedem Dinge ſehr langſam, ſehr ruhig und ſprach ſelten, wenn er nicht angeſprochen wurde, er war nicht einfältig, ob⸗ wohl ihn viele Leute dafür hielten, gewiß aber war er ein ſehr ſonderbarer Knabe und es war ſchwer zu ſagen, was aus ihm werden würde. Ich habe nun die Familie beſchrieben, wie ſie zu der Zeit erſchien, als ſie ſich an Bord des„Kaufmanns von London“ einſchiffte, und ich habe nur noch beizu⸗ fügen, daß am dritten Tage nach ihrer Einſchiffung Die Anſiedler in Canada. 3 34 ein günftiger Wind die Segel ſchwellte und daß ſie durch den britiſchen Kanal flogen. Der„Kaufmann von London“ ſegelte nach Cork, wo das nordamerikaniſche Convoi ſich ſammelte. Zu der Zeit, von welcher wir ſprechen, hatte der Krieg zwiſchen dieſem Lande und Frankreich begonnen, wel⸗ ches unter allen Schrecken der Revolution litt. Bei ihrer Ankunft in Cork erholte ſich unſere Geſellſchaft etwas von der Seekrankheit, welcher alle von ihrer Einſchiffung an unterworfen waren. Sie warfen hier den Anker neben mehr als hundert andern Kauffahrtei⸗ Schiffen, unter welchen man die ſtolzen Maſte und Segel eines großen Schiffes von fünfzig Kanonen und zwei ſchlanke Fregatten bemerkte, welche beſtimmt wa⸗ ren, ſie nach ihrem Beſtimmungsorte zu begleiten. Der übrige Theil der Geſellſchaft, welcher immer noch litt, zog ſich bald zurück, aber Alfred blieb auf dem Decke, und indem er auf die Bruſtwehr des Schiffs ſich lehnte, waren ſeine Augen und ſeine Gedanken un⸗ abläſſig auf die flatternden Wimpeln der Kriegsſchiffe gerichtet, und eine Thräne rollte über ſeine Wangen, als erinnere er ſich daran, daß er ſeiner Lieblingsbe⸗ ſchäftigung nicht mehr folgen dürfe. Das Opfer, wel⸗ ches er ſeiner Familie brachte, war unſtreitig groß. Früher hätte er leicht darauf verzichtet, als er noch nicht wußte, daß es ſo ihm gefalle. Er hatte ſeinem Vater nicht erzählt, daß er das Lieutnantsexamen be⸗ ſtanden hatte, bevor er in Portsmouth belohnt wurde, und daß ſein Capitän, welcher wahrhaft väterlich gegen ihn geſinnt war, ihm verſprochen hatte, daß er bald im Dienſte befördert werden ſolle. Er hatte ihm nicht erzählt, daß all' ſein Wünſchen, all' ſein tägliches Hof⸗ fen, das angelegentlichſte Sehnen ſeines Lebens das war, eine Capitänsſtelle zu bekommen, und eine ſchöne . zu commandiren, und daß dieſes durch das Opfer vernichtet worden ſey, welches er ihm und ſei⸗ nem Wohle gebracht. Er hatte dieß Alles in ſich ver⸗ — 3⁵ ſchloſſen, und ſtellte ſich, als wenn er es nicht fühle; aber nun, da er allein war, und die Wimpeln allein ſich ſeinem Blicke darboten, konnte ſein Schmerz nicht geſehen werden. Er ſeußzte tief, und indem er ſich mit gekreuzten Armen abwandte, ſprach er zu ſich ſelbſt: „Ich habe meine Pflicht erfüllt. Es iſt hart, nachdem ich ſo lange gedient habe und da gerade jetzt die Zeit kommt, in welcher ich mit Recht auf meine Belohnung warten kann, den Dienſt zu verlaſſen, ſtatt mich durch meinen Eifer auszuzeichnen und einen Ruf zu erlangen, den ich, wenn es Gott gefiel, auch erlangt hätte. Es iſt hart, ihn jetzt zu verlaſſen, und in die Wälder ver⸗ bannt zu werden mit einer Axt in der Hand; aber wie konnte ich meinen Vater verlaſſen, meine Mutter, meine Brüder und meine Schweſtern, die ſo vielen Gefahren und Entbehrungen ausgeſetzt ſind, während ich einen ſtarken Arm habe, um ihnen zu helfen. Nein! Nein! Ich habe meine Pflicht gegen die gethan, wel⸗ che auch gegen mich ihre Pflicht erfüllt haben, und ich vertraue, daß mein eigenes Bewußtſeyn mir meine Belohnung geben, und die Reue vertreiben wird, der wir uns nur zu leicht hingeben, wenn wir an das ge⸗ denken, was unſere früheren Ausſichten waren.... Ich ſehe, mein guter Junge,“ ſagte Alfred nach einer Weile zu einem Manne in einem Boote,„ein Schiff von fünfzig Kanonen, wie heißt daſſelbe?“ „Ich weiß nicht, welches Schiff fünfzig Kanonen, oder welches hundert hat,“ antwortete der Irländer, „aber wenn Sie das größte von den dreien meinen, das heißt der„Portsmouth.“ 4 „Der Portsmouth! daſſelbe Schiff, welches Kapi⸗ tän Lumley befehligt!“ rief Alfred,„ich muß an ſeinen Bord gehen.“. Alfred eilte in die Cajüte und bat den Capitän des Transportſchiffes, welcher Wildſon hieß, ihm das kleine Boot zu geben, um an den Bord des Kriegs⸗ ſchiffes zu gehen. Seine Bitte wurde gewährt und 36 Alfred war bald am Borde des Portsmouth. Hier waren mehrere ſeiner alten Kameraden auf dem Halb⸗ verdeck und bewillkommten ihn herzlich, was ihm eine große Freude verurſachte. Schnell ſandte er nun eine Botſchaft an den Stevard und ließ bitten, daß ihn Ca⸗ pitän Lumley ſprechen möge, worauf unmittelbaͤr die Weiſung erfolgte, er habe ſich in die Cajüte zu ver⸗ fügen. „Gut, Herr Campbell,“ ſagte Capitän Lumley „wenn Sie ſich auch erſt zuletzt mit uns vereinigen, 4 iſt es doch beſſer als niemals. Sie kommen gerade noch recht, ich habe ſchon gedacht, Sie wollten auf die einfältige Grille der Ihrigen eingehen, von der Sie mir in Ihrem Briefe ſagten, und wollten den Dienſt gerade da verlaſſen, wo ſich Ihnen eine ſo herrliche Ausſicht auf Beförderung darbietet. Was konnte die⸗ ſen Gedanken in Ihrem Kopf erzeugen?“ „Nichts, Sir,“ entgegnete Alfred,„als meine Pflicht gegen meine Aeltern; es iſt ein ſehr trauriger Schritt für mich, doch ich bitte Sie, zu urtheilen, ob ich anders handeln kann.“ Alfred ſetzte nun dem Capitän Lumley Alles das auseinander, was ſich ereignet hatte, den Entſchluß, welchen Vater und Mutter gefaßt hatten und der ihn an den Bord des Holzſchiffes brachte, um mit dieſem ſeiner neuen Beſtimmung entgegen zu gehen. Capitän Lumley hörte Alfreds Erzählung ohne Unterbrechung an, und ſagte dann nach einer Pauſe: „Ich denke, Sie handeln recht, mein Junge, und ich muß Sie ehren; wohin Sie auch gehen mögen, ich zweifle nicht, daß Ior Muth und Ihr Schutz von der größten Bedeutung ſeyen; es iſt Schade, daß Sie jetzt den Dienſt verlaſſen ſollen. 2 aber... „Aber Sie opfern ſich ſelbſt, ich weiß das, jich be⸗ wundere den Entſchluß Ihres Vaters und Ihrer Mut⸗ ⸗ „Ich fühle das innig, Sir, ich verſichert Sie, ter, Wenige können den Muth haben, ſolch einen Schritt zu wagen, beſonders wenige Frauen. Ich werde hinüber kommen, um meine Verehrung zu be⸗ zeugen. In einer halben Stunde bin ich fertig, und Sie ſollen mich begleiten und einführen. In der Zwi⸗ ſchenzeit können Sie Ihre alten Kameraden ſprechen.“ Alfred verließ, von der Güte des Capitäns Lum⸗ ley ſehr geſchmeichelt, die Cajüte und trat zu ſeinen früheren Kameraden hinaus, mit welchen er zuſam⸗ men blieb, bis der Bootsmann pfiff, in die Capitäns⸗ barke hinabzuſteigen. Der Capitän kam nun auf das Verdeck, und gleich nachdem er gekommen war, befan⸗ den ſie ſich im Boote. Der Capitän folgte, und bald waren ſie auf dem„Kaufmann von London.“ Alfred führte Capitän Lumley bei ſeinem Vater und bei ſeiner Mutter ein, und nach Verlauf einer halben Stunde hatten ſie gegenſeitig Gefallen an ſich gefunden, und die vertrauteſte Freundſchaft war geſchloſſen, als Ca⸗ pitän Lumley bemerkte: „Ich begreife, daß Ihnen der Beiſtand Ihres Sohnes bei Ihrer Ankunft in Canada nothwendig iſt; aber Sie können ihn dennoch von ſeiner Anweſenheit auf dieſem Schiffe dispenſiren. Der Grund dieſer Bemerkung iſt nicht, daß er den eingeſchlagenen Weg verlaſſen ſoll. Einer meiner Lieutnants wünſcht das Schiff wegen Familienangelegenheiten zu verlaſſen. Er hat mich um die Erlaubniß hiezu gebeten, und ich habe es für meine Pflicht gehalten, die Bitte ihm ab⸗ zuſchlagen, weil wir auf dem Punkte ſind, abzuſegeln, und weil es mir unmöglich iſt, einen andern herbeizu⸗ ſchaffen. Aber um Ihres Sohnes willen, will ich es ihm jetzt erlauben, und Alfred, wenn er an Bord des Portsmouth kommen will, die Lieutnantsſtelle übertra⸗ gen. Sollte ſich irgend etwas auf der Ueberfahrt er⸗ eignen, und dieſes iſt nicht unmöglich, ſo will ich ihm ſeine Beförderung zuſichern; es unterliegt keinem Zwei⸗ fel, daß ich ſeine Anſtellungsordre beſtätigt erhalte. 8 38 Zu Quebec ſoll er das Schiff verlaſſen und mit Ihnen ehen. Ich habe nicht im Sinne, ihn von der Erfül⸗ ung ſeiner Pflicht zurückzuhalten, aber Sie werden berückſichtigen, daß wenn er dieſe Stelle erhält, er für die Zukunft auf halben Sold geſetzt wird, was, wenn er in Canada mit Ihnen bleibt, eine große Unterſtü⸗ tzung ſeyn wird, und wenn ſich die Dinge ſo gut ge⸗ ſtalten ſollten, daß Sie nach einem Jahre oder nach zweien ohne ihn zurecht kommen können und ihm er⸗ lauben, in den Dienſt wieder einzutreten, dann iſt es für ihn der bedeutungsvollſte Schritt, und er wird, wie ich nicht zweifle, bald dazu gelangen, ein Schiff zu befehligen. Ich will Ihnen bis morgen Zeit geben, ſich zu entſchließen. Alfred kann morgen an Bord kommen und mir Ihren Entſchluß ſagen.“ „Mich dünkt, Capitän Lumley,“ entgegnete Mrs. Campbell,„ich ſollte Ihnen erklären, daß mein Mann durchaus keinen Grund hat, nur einen Augenblick zu zögern und daß wir den Uebertritt unſeres Sohnes, während unſerer Ueberfahrt, nicht hindern. Ich würde gewiß ein ſehr ſchwaches Weib ſeyn, wenn ich für eine ſolche Wohlthat nicht ein ſolches Opfer brächte und zu⸗ gleich Ihnen höchſt dankbar für die Geſinnungen gegen unſer Kind wäre, ich glaube daher auch, daß es Herr Campbell nicht für nöthig finden wird, eine Bedenkzeit bis auf morgen zu nehmen; doch überlaſſe ich ihm, ſelbſt zu antworten.“ „Ich kann Sie verſichern, Capitän Lumley, daß Mrs. Campbell nur meine eigenen Gefühle ausgeſpro⸗ chen hat und daß wir entſchloſſen ſind, Ihr Anerbieten mit der größten Dankbarkeit anzunehmen.“ „So hat alſo Alfred,“ entgegnete Capitän Lum⸗ ley,„morgen früh am Bord des Portsmouth zu er⸗ ſcheinen und er wird hier die Anſtellungsordre für ſich bereit finden. Ich glaube, wir werden den nächſten Tag abſegeln, wenn das Wetter nur einigermaßen günſtig iſt, und wenn ich nicht noch ſeine andere Gelegenheit 39 habe, Ihnen meine Verehrung— bezeugen, ſo müſſen Sie mir jetzt erlauben, Ihnen Lebewohl zu ſagen. Ich werde während der Ueberfahrt meine Augen beſonders auf Ihr Schiff richten und jedenfalls wird es Alfred thun, davon bin ich feſt überzeugt.“ Capitän Lumley drückte Herrn und Mrs. Campbell die Hand, verbeugte ſich gegen den übrigen Theil der Geſellſchaft in der Cajüte, und verließ das Schiff. Als ſie über das Verdeck gingen, bemerkte er gegen Alfred: „Ich begreife, daß Sie etwas Anziehendes in Ihrer Ge⸗ ſellſchaft finden, es iſt entſetzlich melancholiſch, wenn man daran denkt, daß Ihre ſchöne Couſinen in den Wäldern von Canada begraben werden ſollen. Alſo, morgen um neun Uhr erwarte ich Sie. Adieu!“ Die Ideen, welche in Alfred während der Ueber⸗ fahrt aufſtiegen, waren nicht angenehm; Herr und Mrs. Campbell waren ſehr glücklich über die Ausſicht, die ſich Ihnen ſelbſt durch den Vortheil ihres Sohnes eröffnet hatte, und ſahen voll guten Muthes auf ihn und auf den folgenden Morgen.. „Capitän Wilſon, Sie ſegeln ſo gut, daß ich hoffe, daß Sie ſich während der ganzen Ueberfahrt feſt an uns halten werden,“ bemerkte Alfred.’ „Ausgenommen, wenn Sie in ein Gefecht mit einem Feinde gerathen, denn dann werde ich mich in einer ehrfurchtsvollen Entfernung halten, Herr Alfred,“ ent⸗ gegnete Capitän Wilſon lachend. „Das iſt natürlich. Kanonenkugeln wurden nicht für Damen erfunden, obſchon ſie keine Einwendung ge⸗ gen Bälle haben*). Nicht wahr Emma? Gott behüte, nicht mehr. Du kannſt oft mit dem Fernglaſe mich ſehen, wenn Du Luſt dazu fühlſt.“ Alfred ſtieg in das Boot hinab und war bald am Bord des Portsmouth. Am folgenden Tage ſegelten *) Das Wortſpiel bezieht ſich auf: kanon-bals(Kanon⸗ kugeln) und bale(Bälle). 40 ſie bei friſchem Winde und günſtigem Wetter ab. Der Convoi war nun auf 120 Segel angewachſen. Wir müſſen während der Ueberfahrt nach Quebec Herrn und Mrs. Campbell nebſt Familie verlaſſen und Alfred auf den Portsmouth folgen. Mehrere Tage war das Wetter günſtig, obgleich der Wind nicht immer gut war. Der Convoi blieb in der beſten Ordnung, der„Kaufmann von London“ fuhr⸗ nie von dem Portsmouth weg und Alfred brachte, wenn er nicht auf der Wache oder ſonſt beſchäftigt war, einen großen Theil ſeiner Zeit damit zu, das Schiff durch ſein Fernglas zu beobachten und die Bewegungen ſei⸗ ner Couſinen und der übrigen Familie zu bewachen. Am Borde des„Kaufmanns von London“ war man auf eine ähnliche Weiſe beſchäftigt, und oft flatterte ein Sacktuch als Zeichen des Grußes und der Erkennung. Als ſie endlich an die Sandbänke von Neufundland kamen und in einen dichten Nebel ſich eingehüllt befan⸗ den, da feuerte das Kriegsſchiff fortwährend Kanonen ab, um den Kauffahrern zu zeigen, in welcher Richtung ſie zu ſegeln hätten, und die Kauffahrteiſchiffe läuteten ihre Glocken, um ſich nicht aneinander ſtießen. Der Nebel hielt zwei Tage an, und er währte da noch, als die Geſellſchaft am Bord des„Kaufmanns von London,“ gerade als ſie beim Mittageſſen in der Cajüte ſaß, einen Lärm und ein Geräuſch von dem Decke her hörten. Capitän Wilſon ſprang haſtig auf, und bemerkte, daß ſein Schiff von einem franzöſiſchen Caper geentert worden ſey, daß dieſer Mannſchaft darauf geworfen und Beſitz ergriffen habe. Es war hier nicht zu helfen und er konnte nichts anders thun, als in die Cajüte gehen und ſeine Paſſagiere in Kenntniß ſetzen, daß ſie gefangen ſeyen. Der Schrecken, den ſie bei dieſer Nach⸗ richt empfanden war ſo groß, als man ſich denken kann; aber Klagen und Thränen waren hier nutzlos. Eins war gewiß, daß dieſe Nachricht ſie des Appetits zu dem gegenſeitig zu warnen, damit ſie — 4¹ Mittageſſen beraubte und daß dieſes bald von dem fran⸗ zöſiſchen Offizier und ſeiner Mannſchaft aufgezehrt wurde, nachdem ſie das Boot verlaſſen und das Schiff in eine entgegengeſetzte Richtung gebracht hatten. Capitän Wil⸗ ſon, welcher auf das Verdeck zurückgekehrt war, kam nach einer Viertelſtunde von da zurück und benachrich⸗ tigte die Geſellſchaft, die in Folge des Schreckens über die plötzliche Wendung ihres Schickſals ſchweigend da ſaß, daß der Wind ſehr flau ſey, daß es ihm vorkomme, als wenn ſich der Nebel ein wenig aufkläre, und daß, wenn dieſes der Fall, große Hoffnung vorhanden ſey, daß ſie bald aus der Gefangenſchaft befreit würden. Dieſe Nachricht ſchien die Hoffnungen des Herrn und Mrs. Campbell neu zu beleben, und ſie wurden mehr und mehr ermuthigt, als ſie den Donner der Kanonen aus einer nicht großen Entfernung hörten. Nach we⸗ nigen Minuten wurde die Kanonade wirklich furchtbar und die Franzoſen, welche am Bord waren, fingen an, Zeichen der Unbehaglichkeit zu geben. Die Sache war, daß eine franzöſiſche Escadre aus einem Linienſchiffe von 60 Kanonen und 2 Corvetten beſtehend den Convoi beob⸗ achtet hatte und ihm während des Nebels nahe gekom⸗ men war. Sie hatten mehrere Schiffe gekapert und in Beſitz genommen, bis ſie entdeckt worden waren. Zu⸗ letzt aber trieb das Sechszig⸗Kanonenſchiff ganz nahe an den Portsmouth, und Alfred, welcher die Wache hatte und auf der Lauer lag, bemerkte, ungeachtet des Nebels bald, daß es kein Schiff von dem Convoi ſey. Er rannte fort, um den Capitän zu benachrichtigen und die Mannſchaft wurde auf der Stelle an ihre Plätze beordert, ohne die Trommel zu rühren oder ſonſt ein Geräuſch zu machen, damit der Feind nicht erkenne, daß er ſo nahe ſey. Die Raaen wurden gebraßt, um den Lauf des Portsmouth zu hemmen, ſo daß das feindliche Schiff näher kommen konnte. Stillſchweigen herrſchte ringsum, nicht ein Flüſtern wurde gehört, und als das franzöſiſche Schiff näher kam, bemerkten ſie ein Boot, 42 welches von demſelben ausgeſetzt war, um ein anderes Schiff zu entern, und ſie hörten, wie die Befehle in franzöſiſcher Sprache ertheilt wurden. Dies war für Capitän Lumley hinreichend. Er drückte das Steuer⸗ ruder nieder und ſchleuderte eine volle Ladung auf den Feind, welcher auf einen ſolchen Empfang nicht vorbe⸗ reitet war, obgleich ſeine Kanonen geladen waren und Alles zum Gefechte vorbereitet war. Die Antwort auf die Lage war der Schrei:„Es lebe die Republik!“ und in wenigen Sekunden befanden ſich beide Schiffe in ernſt⸗ lichem Gefechte, der Portsmouth hatte den Vortheil, daß er am Bug ſeines Gegners lag. 3 Es iſt oft der Fall, daß eine heftige Kanonade aus einer Todesſtille hervorgeht, ſo war es auch hier, und die beiden Schiffe blieben in ihrer früheren Stellung, ausgenommen, daß die des Portsmouth günſtiger wurde, indem er voll ſtand gegen das franzöſiſche Schiff, ſo daß ſeine Batterieſeite den Gegner überſchüttete, ohne daß dieſer vermochte, das Feuer aus mehr, als vier oder fünf Geſchützen zu beantworten. Der Nebel wurde immer dichter, die beiden Schiffe hatten ſich gegenſeitig beträchtlich genähert, aber es war unmöglich, etwas zu unterſcheiden. Alles, was man von dem Deck des Portsmouth ſehen konnte, war der Kluverbaum, und der Toppmaſt am Bugſprit des Fran⸗ 4 zoſen, der Reſt des Bugſprits, und der ganze Rumpf war in undurchdringliches Dunkel gehüllt; indeſſen war es für die Kanoniere genug, um ihre Geſchütze zu rich⸗ ten, und das Feuer von dem Portsmouth war ſehr ſchnell, beſonders, da man nicht wußte, welche Wirkung es that. Nach einer halbſtündigen, unaufhörlichen Ka⸗ nonade hatten ſich die beiden Schiffe ſo genähert, daß der Kluverbaum des Franzoſen zwiſchen das vordere und ſtarke Tackelwerk des Portsmouth ſtieß. Capitän Lumley gab ſogleich Befehle, das Bugſprit des Fran⸗ zoſen an den großen Maſt zu ſpüren, und dieſes war durch den erſten Lieutenant, Alfred, und ſeine Seeleute 1 4³ ohne irgend einen Verluſt ausgeführt, denn der Nebel war immer noch ſo dick, daß die Franzoſen auf ihrem Vordercaſtell nicht erkennen konnten, was mit ihrem Bugſprit⸗Toppmaſte vorgehe. „Nun iſt es unſer!“ ſagte Capitän Lumley zu dem erſten Lieutenant. „Ja, Sir, ſchnell genug. Ich denke, wenn ſich der Nebel verzieht, ſo werden ſie ihre Flagge herab⸗ nehmen.“ „Nicht eher Raſt, als bis ſie herunter iſt!“ ent⸗ gegnete Capitän Lumley.„Feuer auf dasſelbe von der Mitteldeck! Laßt ihm keine Zeit, Athem zu ſchöpfen. Herr Campbell, ſagen Sie dem zweiten Lieutenant, daß zuerſt die Vorderdeck⸗Kanonen mehr rückwärts ge⸗ richtet werden. Ich ſage: nicht ohne Raſt!“ wieder⸗ holte Capitän Lumley gegen den erſten Lieutenant. „Dieſe Republikaner wollen einen großen Lärm ſchla⸗ gen, und ſogar auf dem Waſſer.“ „Es hellt ſich ein wenig auf, Sir, und zwar auf der Nordſeite,“ ſagte der Schiffsmeiſter. „Ich ſehe— ja es iſt ſo,“ entgegnete Capitän Lumley.„Wohlan, je früher, je beſſer; wir wollen ſehen, was er von allen den Schüſſen bekommen hat, die wir ihm entgegengeſchickt haben.“ Ein weißer ſilberner Streif zeigte ſich nordwärts am Horizonte, nach und nach dehnte er ſich aus, wurde röthlich und breiter, bis zuletzt der Vorhang gelüftet ward, und einige Füße auf dem klaren blauen Waſſer ſichtbar wurden. Als es fortfuhr, ſich zu nahen, bekam das Licht mehr Lebhaftigkeit, der Raum dehnte ſich et⸗ was aus, und das Waſſer wurde unruhig durch den ſich erhebenden Wind, bis zuletzt der Nebel ſich auf⸗ rollte, als wenn er nach und nach aufgewickelt worden wäre, dann in einer breiten Wolke leewärts dahin ſchwebte, ſo daß ſich der Zuſtand und die Stellung des ganzen Convoi's und der Schiffe, aus dem dieſer be⸗ ſtand, zeigte. Die engliſchen Seeleute am Borde des 4⁴ Portsmouth ermunterte die Rückkehr des Tagslichtes, obgleich es ziemlich beſchränkt war. Capitän Lumley fand, daß er ſich wirklich im Mittelpunkte des ganzen Convoi's befinde, welcher rund um ihn her ſtill lag, mit Ausnahme von ungefähr fünfzehn Schiffen, welche auf wenige Meilen entfernt lagen, jedoch mit ihren Spitzen in entgegengeſetzter Richtung. Das waren au⸗ genſcheinlich ſolche, welche gekapert worden waren. Die zwei Fregatten, welche als Arrieregarde des Con⸗ voi'’s aufgeſtellt worden, waren immer noch zwei oder drei Meilen entfernt, ſetzten aber alle Segel bei, um herbei zu kommen und dem Portsmouth beizuſtehen. Manches Schiff des Convoi's, welches in der Feuer⸗ linie war, ſchien an ſeinen Maſten und Tauen gelitten zu haben, ob ſie aber nicht auch eine Beſchädigung im Rumpfe erhalten hatten, das war unmöglich zu ſagen. Das franzöſiſche Linienſchiff hatte durch das Feuer des Portsmouth ſehr gelitten. Der große Maſt desſelben und das Beſamſegel hingen auf die Seite, die vordern Stück⸗Pforten waren größtentheils zerſchmettert und Al⸗ les ſchien am Borde in der größten Verwirrung zu eyn. „Es kann nicht lange widerſtehen,“ bemerkte der Capitän,„immer zugefeuert, meine Jungen!“ „Die Circe und der Vixen kommen uns zu Hülfe,“ bemerkte der erſte Lieutenant.„Wir brauchen ſie nicht und ſie würden bloß eine Entſchuldigung für die Fran⸗ zoſen ſeyn, daß ſie der Uebermacht unterlegen ſeyen. Wenn ſie die gekaperten Schiffe wieder nehmen wür⸗ den, dann würde es von Nutzen ſeyn.“ „Das iſt wahr, Herr Campbell; geben ſie ihnen das Signal, die Kaperſchiffe zu verfolgen.“ Alfred beeilte ſich, den erhaltenen Befehl zu voll⸗ ziehen, die Flaggen flatterten gerade von dem Haupt⸗ maſte, als er einen Schuß durch den Arm bekam; denn die Franzoſen, welche nicht im Stande waren, den größten Theil ihrer Geſchütze zu gebrauchen, beſtrichen, 45 als der Nebel verſchwunden war, unaufhörlich mit ih⸗ rem Musketenfeuer die Decks des Portsmouth. Alfred verlangte bloß von dem Schiemann ſein Sacktuch, um es ſich um den Arm zu binden; nachdem dieſes geſche⸗ hen war, fuhr er fort, ſeine Pflicht zu thun. Die Franzoſen machten nun einen Verſuch, ihr Schiff los zu machen und die Befeſtigungen ihres Bugſpriets zu zerhauen, aber die Soldaten des Portsmouth waren darauf vorbereitet, und nachdem ungefähr zwanzig flotte Burſche an den Spürren und Fallreepstreppen zu Grunde gegangen waren, wurde der Verſuch aufgegeben und vier Minuten ſpäter war die franzöſiſche Flagge abge⸗ nommen. Sie wurde von ihrem Bugſpriet durch den erſten Lieutenant und eine Abtheilung ſeiner Seeleute geriſſen. Die Trooptaue wurden ausgeworfen, die Schiffe hingen an einander und die engliſchen Seeleute erhoben ihren dreimaligen Freudenruf zu Ehren des Siegs. Fünftes Kapitel. Das franzöſiſche Schiff von ſechszig Kanonen ver⸗ ſuchte ein Leonidas zu ſeyn. Es war mit zwei großen Fregatten ausgeſchickt worden, um den Convoi aufzu⸗ fangen, aber es war von ſeinen beiden Gefährten durch cinen Windſtoß getrennt worden. Seine Mannſchaft war in der That ſtark, die am Borde des Portsmouth war unbedeutend. In ein Paar Stunden war der Portsmouth und ſeine Priſe bereit, mit dem Convoi weiter zu fahren, aber er blieb noch halten, um auf die Fregatten zu warten, welche in der Jagd auf die Kaperſchiffe begriffen waren. Alle die gekaperten Schiffe waren eilig herbeigekommen, mit Ausnahme des„Kauf⸗ manns von London,“ welcher ſo ausgezeichnet gut ſegelte. 46 Zuletzt ſchwebte er herbei, zur großen Freude Alfreds, welcher, ſobald die Kugel ausgezogen und ſein Arm eingerichtet worden war, ſein Fernrohr auf die Jagd gerichtet hatte. Bevor die Nacht eintrat, war der ganze Convoi wieder geſammelt und ſegelte ſeiner Beſtim⸗ mung entgegen. Der nächſte Morgen war klar und die Luſt gemäßigt. Mrs. Campbell, welche gleich al⸗ len übrigen ſehr beängſtigt wegen Alfred war, bat den Kapitän Wilſon, gegen den Portsmouth zu fahren, damit ſie Gewißheit erhalte, ob er geſund ſey. Kapi⸗ tän Wilſon that, wie ſie gebeten, und ſchrieb mit Kreide in großen Lettern auf den Logbord die Worte: „Alles wohl?“ und hielt ſich an die Seite, ſo daß er nahe an dem Portsmouth vorüber kam. Alfred war nicht auf dem Deck, das Fieber hatte ihn gezwungen, in ſeiner Hängmatte zu bleiben, aber Capitän Lumley machte die nämliche Antwort auf den Logbord des Ports⸗ mouth, und Herr und Mrs. Campbell waren zufrieden geſtellt. „Wie gerne würde ich ihn ſehen!“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Madame,“ bemerkte Capitän Wilſon,„aber ſie haben am Bord des Portsmouth gerade jetzt zu viel u thun, ſie müſſen den angerichteten Schaden ausbeſ⸗ en nach den Verwundeten ſehen. Sie haben eine roße Anzahl von Gefangenen an Bord, ſie können ehen, welche große Menge noch an den Flaggenſtöcken iſt, ſie haben alſo keine Zeit zu Komplimenten.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Herr Campbell,„wir müſſen alſo warten, bis wir zu Quebec ankommen.“ „Wir ſehen alſo Alfred nicht?“ ſagte Emma. „Nein, Miß, weil er Beſchäftigung genug hat, und ich darf das ſagen, ohne nach ihm gefragt zu ha⸗ ben. Sie haben geantwortet, daß Alles wohl iſt, und das iſt genug. Nun müſſen wir die Segel anholen, und Capitän Lumley würde mir nicht danken, wenn ich wieder kommen würde, um ihn zu fragen.“ 3 4 — 47 „Ich bin zufrieden geſtellt, Capitän Wilſon, und ich bitte Sie, nichts zu thun, was dem Capitän Lumley mißfällt, wir werden Alfred, ich wage es zu ſagen, bald durch das Fernglas ſehen.“ „Ich ſehe ihn jetzt,“ ſagte Mary Percival,„er hat ſein Fernrohr und er richtet es auf mich.“ „Gott ſey Dank, nun bin ich beruhigt!“ Der Portsmouth fiel von dem franzöſiſchen Linien⸗ ſchiffe ab, ſobald als daſſelbe Nothmaſte hatte und ſegeln konnte, und der Convoi nahte ſich der Mündung des St. Lorenzo. „Capitän Wilſon,“ ſagte Percival, welcher ſeine Augen auf das Waſſer gerichtet hatte,„was ſind das für Thiere, die auf und nieder tauchen, ſo große weiße Dings?“ „Dieſe nennt man die weißen Wallfiſche, Percival,“ entgegnete Capitän Wilſon,„ſie ſind nicht häufig zu ſehen, ausgenommen hier.“ „Was iſt denn die Farbe der andern Wallfiſche?“ „Die nordiſchen Wallfiſche ſind ſchwarz und werden die ſchwarzen Wallfiſche genannt, aber die ſüdlichen Wallfiſche, oder die Kaſchelotten, ſind nicht von ſo dunk⸗ ler Farbe.“ Capitän Wilſon gab nun auf Percivals Frage eine Schilderung des Fangs der Wallfiſche, über die er ent⸗ zückt war. Er konnte dieſes thun, weil er ſelbſt meh⸗ denß Reiſen auf den nördlichen Wallfiſchfang gemacht atte.. Percival war von ſeinen Fragen nicht abzubringen und Capitän Wilſon war ſo gefällig gegen ihn, daß er ihm immer antwortete. John ſtaunte, wenn Capi⸗ tän Wilſon erzählte, ſah ſehr feierlich und ſehr auf⸗ merkſam darein, ſprach aber nicht ein Wort. „Nun, John,“ ſagte Emma zu ihm, nachdem die Unterredung beendigt worden war,„wovon hat Euch Capitän Wilſon erzählt?“ „Von Wallfiſchen,“ entgegnete John, indem er an ihr vorüberging. „Nun gut; aber kannſt Du mir das Alles erzäh⸗ len, John? „Ja,“ entgegnete John, indem er weiter ging. „Miß Emma, der behält Alles, was er weiß, für ſich ſelbſt,“ bemerkte Capitän Wilſon lachend. „Ja, ich ſoll nichts von dem Wallfiſchfang erfah⸗ ren, Sie müßten ſich denn herablaſſen, mir ſelbſt da⸗ von zu erzählen, das iſt klar,“ entgegnete Emma, in⸗ dem ſie den ihr dargebotenen Arm des Capitäns Wil⸗ ſon nahm und dieſer nun auf ihre Frage ſogleich den. Gegenſtand wiederholte. In drei Wochen, von dem Tage des Gefechts an gerechnet, warfen ſie Anker vor der Stadt Quebec. So wie die Anker geworfen waren, erhielt Alfred die Erlaubniß, am Bord des„Kaufmanns von London“ zu gehen, und nun erſt erfuhr ſeine Familie, daß er eine Wunde erhalten hatte; er trug ſeinen Arm noch immer in der Schlinge, obgleich er faſt geheilt war. Ich übergehe die zahlloſen Fragen über ihre Ge⸗ fangenſchaft und ihre Befreiung aus derſelben, ſowie über das Gefecht mit dem franzöſiſchen Schiffe. Während ſie ſich hierüber unterhielten, wurde ge⸗ meldet, daß Capitän Lumley in ſeinem Boote an Bord komme. Sie gingen nun auf das Verdeck des Schiffes, um ihn zu empfangen. „Nun, Mrs. Campbell,“ ſagte Capitän Lumley, nachdem die erſten Begrüßungen vorüber waren,„Sie müſſen mir und den Meinigen Glück wünſchen, daß wir ein Schiff genommen haben, das bei weitem grö⸗ ßer war, als mein eigenes; und ich muß Ihnen Glück wünſchen wegen des Benehmens Ihres Sohnes Alfred, und ſeiner gewiſſen Beförderung. Er hat ſie reichlich verdient.“. „Ich bin Ihnen außerordentlich dankbar, Capitän Lumley, und bringe Ihnen eiligſt meine Glückwünſche ———— 49 dar,“ entgegnete Mrs. Campbell;„ich bedaure allein, daß mein Sohn verwundet wurde.“ „Sie ſollten im Gegentheil hiefür dankbar ſeyn, Mrs. Campbell,“ erwiderte Capitän Lumley,„es iſt die glücklichſte Wunde von der Welt, und es iſt auch hiebei nicht das geringſte zu beklagen, denn es ſetzt mich in den Stand, ihn mit Ihnen nach Canada gehen zu laſſen, ohne daß bekannt wird, daß er den Dienſt verlaſſen hat.“ „Wie ſo, Capitän Lumley?“ 1 „Ich kann ihn ausſchiffen, um ſich hier in Quebec in die Kranken⸗Quartiere zu begeben. Ich will, daß ſeine Wunde viel gefährlicher iſt, als in der Wirklich⸗ keit, und daß er auf halbem Sold ſo lange, als es ihm beliebt, bleiben kann, dann kann er ſtets wieder verwendet werden. Doch ich kann nicht länger blei⸗ ben, in Kurzem werde ich zu dem Gouverneur ehen, und ich denke, ich werde Sie im Vorübergehen ſehen. Sie dürfen verſichert ſeyn, daß ich, wenn ich Ihnen von irgend einem Nutzen ſeyn kann, gewiß keinen An⸗ ſtand nehmen werde, den geringen Einfluß, den ich habe, auszuüben.“ 3 Capitän Lumley nahm von der ganzen Geſellſchaft herzlich Abſchied und ſagte Alfred, daß er ſich als von dem Schiffe entlaſſen betrachten und mit ſeiner Familie wieder vereinigen möge. „Der Himmel ſendet uns Freunde, wenn wir in der größten Noth ſind, und dieſe am wenigſten erwar⸗ ten,“ ſagte Mrs. Campbell, als ſie von dem Zugbord zurückging.„Wer hätte ſich, als wir zu Cork ankerten, eingebildet, daß ein ſolches Glück auf uns warte, und daß in der nämlichen Zeit, in welcher Alfved ſein Handwerk uns zu lieb aufgegeben hatte, ſeine Beför⸗ derung im Dienſte ihn erwarte.“ Bald darauf gingen Mrs. Campbell und Heinrich mit Capitän Wildſon an's Land, um ſich nach Quar⸗ tieren umzuſehen und die Empfehlungsbriefe zu über⸗ Die Anſiedler in Canada. 4 59 reichen, welche ſie an alle Kaufleute zu Quebec erhal⸗ ten hatten. Als ſie mit einem Herrn Farguhar, wel⸗ cher ſich freundlich bereit erklärt hatte, ihnen beizuſte⸗ hen, nach Quartieren umſahen, kamen ſie mit Capitän Funnley⸗ welcher von dem Gouverneur zurückkehrte, zu⸗ ammen. „Ich bin erfreut, Sie anzutreffen, Mrs. Campbell,“ ſagte Capitän Lumley,„ich fand, indem ich dem Gou⸗ verneur meine Ehrfurcht bezeugte, daß ein ſogenanntes Admiralitätshaus ſich hier befindet, welches für die äl⸗ tern Offiziere von den Schiffen ſeiner Majeſtät durch die Regierung vollſtändig möblirt iſt. Es ſteht zu meiner Dispoſition, und da der Gouverneur mich er⸗ ſucht hatte, im Gouvernementshauſe zu wohnen, ſo bitte ich Sie, daſſelbe als zu Ihren Dienſten ſtehend au betrachten. Sie werden hier mehr Bequemlichkeit jnden, als in irgend einem Quartiere, und dadurch bedeutende Unkoſten erſparen.“ „Wir haben nicht nöthig, uns weiter umzuſehen, Mrs. Campbell,“ ſagte Herr Farguhar. Mrs. Campbell drückte dem Capitän Lumley ihre Anerkennung aus, und kehrte mit dieſer erfreulichen Nachricht an Bord des Schiffes zurück. 4 „O, Alfred, wie ſehr ſind wir Deine Schuldner! mein theurer Junge!“ ſagte Mrs. Campbell. 3 „Meine Schuldner? Mutter! Ich ſollte eher den⸗ ken, die des Capitäns Lumley.“ „Ja, auch die des Capitäns Lumley, ich räume es ein, aber immer war es Dein vortreffliches Be⸗ nehmen, wodurch Du ihn unter ſeinem Commando an Dich geknüpft haſt, und dieſem verdanken wir ſeine Bekanntſchaft und all' die Gefälligkeiten, welche wir von ihm empfangen haben.“ Am nächſten Tage wurde die Familie ausgeſchifft und nahm Beſitz von dem Admiralitätshauſe. Herr Farguhar verſchaffte ihnen eine Dienſtmagd, welche nebſt einem Manne und einer Frau, denen die Aufſicht — 51 über das Haus anvertraut war, allen Erwartungen entſprach. Mrs. Campbell brachte die Sache mit Ca⸗ pitän Wildſon in Ordnung, der ſich wahrhaft großmü⸗ thig weigerte, für Alfreds Ueberfahrt eine Bezahlung anzunehmen, weil dieſer nicht an Bord des„Kauf⸗ manns von London“ geblieben ſey, dagegen nahm er ihre Einladung an, zu Ihnen zu kommen, wenn er nur einige Zeit dazu finde; dann entfernte er ſich, und ſie waren nun allein in ihrer neuen Reſidenz. In wenigen Tagen fand ſich die Familie Camp⸗ bell ganz behaglich in dem Admiralitätshauſe angeſie⸗ delt; aber ſie hatte nicht im Sinne, hier länger zu bleiben, als es nöthig war, denn ihr Aufenthalt in Quebec war, ungeachtet dieſer Begünſtigung, mit Un⸗ koſten verknüpft, und Herr Campbell empfand wohl, daß er kein Geld habe, um es wegzuwerfen. An einem der folgenden Tage nach ihrer Landung beſuchte ſie Capitän Lumley, nachdem er ſie den Tag Lubor dem Gouverneur vorgeſtellt hatte, welcher den eſuch des Herrn Campbell entgegnete, und ſich in Folge der Vorſtellungen des Capitäns Lumley für ihr Wohl ſehr zu intereſſiren ſchien. Es war daher nicht darüber zu erſtaunen, daß ſie ſich von jemand mit Schmerz trennten, der ſich ihnen als ein ſo gefälliger Freund bewieſen hatte, und die Ausdrücke der Dankbarkeit, welche er von der ganzen Geſellſchaft erhielt, waren daher vielfach. Capitän Lumley drückte allen die Hand, verſicherte Alfred, daß er nicht ermüden wolle, für ſein Intereſſe zu ſorgen, wünſchte ihm allen möglichen Er⸗ folg und verließ das Haus. Ein Stunde ſpäter war der Portsmouth unter Segel, und flog mit gutem Winde dahin. An dem folgenden Tage bat der Gouverneur Herrn Campbell, zu ihm zu kommen, und als er dieſes that, ſetzte ihm derſelbe auseinander, daß er große Schwie⸗ rigkeiten haben würde, daß es gefahrvoll und mit großem Ungemache verknüpft ſey, wenn er den Plan 5² ausführen wollte, ſich in Obercanada anzuſiedeln. Er redete ihm zwar nicht ab, dieſes zu thun, denn er hatte ihm nichts anzubieten, was ihn verleiten konnte, ſeinen Sinn zu ändern, doch er hielt es für Pflicht, ihn nach Hennchein Erfahrungen zu warnen, damit er wohl vor⸗- ereitet ſey. 4„Ich fühle ein lebhaftes Intereſſe für jede eng⸗ liſche Familie, welche hieherkommt, damit ſie gut unter⸗ gebracht wird und angewöhnt, und ich nehme um ſo größeres an der Ihrigen, da Sie aus einem ſo ge⸗ mächlichen Leben in eine ſolche Lage verſetzt worden ſind. Das Intereſſe, welches mein alter Freund, Ca⸗ pitän Lumley, an Ihnen nimmt, iſt gewiß hinreichend, um mich zu beſtimmen, Ihnen jede in meiner Macht ſtehende Hülfe anzubieten und Sie mögen davon Ge⸗ brauch machen, Herr Campbell. Der Oberintendant iſt unmittelbar hiehergekommen, und ich muß Sie ihm zunächſt vorſtellen, denn von ihm hängt es am meiſten ab, daß Sie Land erhalten, und er kann Ihnen die beſte Auskunft über die Gegend und die Localitäten geben. Aber Sie müſſen ſich erinnern, daß es nicht länger als dreißig Jahre iſt, daß dieſe Provinzen an Großbritanien abgetreten wurden, und daß nicht allein die franzöſiſche Bevölkerung, ſondern auch die Indianer ſehr feindſelig gegen die Engländer geſinnt ſind, denn die Indianer waren feſte Verbündete der Franzoſen, ſind es noch, und verabſcheuen uns. Ich habe über die Sache wohl nachgedacht, und ich hoffe, daß ich Ihnen Dienſte leiſten kann; iſt es nicht der Fall, ſo will ich, ich verſichere Sie, Ihrem Willen nicht den geringſten Zwang anthun, und Sie mögen jede Unterſtützung, welche Ihnen gewährt werden kann, verlangen. Je⸗ denfalls wird es ſtarken Muth und geſchickte Hände erfordern. Ihr Sohn Alfred wird Ihnen große Dienſte leiſten; doch wir müſſen prüfen und Ihnen jede andere Hülfe verſchaffen, die nur immer gewährt werden kann.“ — — —ʒ˖——C—/—;ÿ 5⁵ Eine lange Unterredung fand zwiſchen dem Gou⸗ verneur und Herrn Campbell ſtatt, während welcher Letzterer viele werthvolle Anweiſungen erhielt. Sie wurden indeſſen durch die Ankunft des Oberintendan⸗ ten unterbrochen, und das Thema wurde wieder auf⸗ genommen. „Das Land, welches ich für Herrn Campbell vor⸗ ſchlagen möchte,“ bemerkte der Oberintendant nach eini⸗ ger Zeit,„iſt eine Abtheilung, welche von der Regie⸗ rung als Reſerve zurückbehalten wurde, in der Nähe des Ontario⸗Sees; es gibt Ländereien, welche näher bei Montréal liegen; aber alles Land von guter Be⸗ ſchaffenheit wurde dort verkauft. Dieſes Land, will ich Ihnen bemerken, Herr Campbell, iſt eigenthümlich gut, denn es hat ziemlich wenig von dem Feld, was wir Prairie nennen, oder natürliche Wieſen. Es hat vielmehr den Vortheil, daß es in einer langen Ausdehnung an dem Ufer hinzieht, daß ein kleiner Fluß auf einer Seite iſt, und dann liegt es in keiner großen Entfernung, vielleicht vier oder fünf Meilen, vom Fort Frontagnac, und es wird leicht ſeyn, Hülfe von dort zu bekommen, wenn es erforderlich iſt.“ Der Oberintendant deutete auf einen Theil der Karte, nahe bei Presqu' ile de Quinte, als er dieſe Bemerkung dem Gouverneur machte. „Ich ſtimme mit Ihnen überein,“ entgegnete der Gouverneur,„und bemerke, daß auf der andern Seite des Stromes überall Anſiedler ſind.“ „Ja, Sir,“ erwiderte der Oberintendant,„dieſer Theil, welcher vorhin erwähnt wurde, war beſtimmt, daß er eine Reſerve des Gouvernements bleiben ſolle, und wenn eine Probe über die Güte des Landes er⸗ fordert würde, ſo würde ſie in der Perſon gefunden werden, welche es früher inne gehabt hat. Der alte Jäger Malachi Bone hat es vier Jahre gehabt, und er kennt es nach allen ſeinen Theilen. Sie erinnern ſich des Mannes wohl, Sir? Er war ein Führer für 54 2 die engliſche Armee vor der Einnahme von Quebec; General Wolfe hatte eine große Meinung von ihm, und ſeine Dienſte waren ſo gut, daß er mit einer Fläche von hundert fünfzig Morgen belohnt wurde.“ „Sch erinnere mich jetzt ſeiner,“ bemerkte der Gouverneur,„aber da ich ihn ſo viele Jahre nicht ge⸗ ſehen habe, ſo war er meinem Gedächtniſſe entſchlüpft.“ „Es wird für Sie von großem Vortheile ſeyn, Perr Campbell, wenn Sie dieſen Mann zum Nachbar aben.“. „Nun,“ fuhr der Gouverneur fort, indem er ſich an den Oberintendanten wendete,„kennen Sie nicht eine Perſon, welche Willens ſeyn möchte, dem Herrn Campbell zu dienen und auf welche man ſich verlaſſen kann; ſie müßte natürlich der Gegend kundig ſeyn und wirklichen Nutzen verſprechen.“. „Ja, Herr Gouverneur, ich kenne einen wahrhaft guten Mann, und Sie kennen ihn auch; aber Sie ken⸗ nen bloß die ſchlimme Seite von ihm, denn er iſt ge⸗ wöhnlich in Unruhe, wenn Sie ihn ſehen.“ 3„Wer iſt es 20 „Martin Super, der Schlingenſteller.“ „Wie, das iſt der junge Burſche, der ſolche Un⸗ ordnungen verurſacht, und der, wenn ich mich recht rünner, gegenwärtig wegen Schwelgerei im Gefäng⸗ niß iſt.“ „Derſelbe, Sir, aber Martin Super, obgleich ein ſchwindelköpfiger Burſche zu Quebec, iſt ein Pfund Gol⸗ des werth, wenn er ſich außer der Stadt befindet. Sie mögen es ſeltſam finden, Herr Campbell, daß ich Ihnen einen Mann anempfehle, welcher von einem ſo wider⸗ ſpenſtigen Charakter zu ſeyn ſcheint; aber es iſt That⸗ ſache, daß die Schlingenſteller, welche auf die Verfol⸗ zung des Wildes, wegen der Felle, ausgehen, nachdem ſie Monate ausgeweſen und, wie es ſich denken läßt, jeder Entbehrung ausgeſetzt waren, mit ihren Päcken von Fellen zurückkehrend, dieſe an die Kaufleute der — —— 55 8 Stadt veräußern. So wie ſie nun ihr Geld haben, laſſen ſie von ihren Gelagen, welche keiner Beſchreibung fähig ſind, ſo lange nicht ab, bis ihr Verdienſt durch⸗ gebracht iſt, und dann ſchicken ſie ſich wieder an, die Jagd auf das Wild zu wagen. Nun liebt übrigens Martin Super mehr die Kurzweil, wenn er nach Hauſe kommt, und da er ein ziemlich wilder Burſche iſt, ſo iſt er oft außer ſich, wenn er zu viel getrunken hat, ſo daß er gelegenheitlich in das Gefängniß kam, weil er ein Schwelger war. Indeſſen kenne ich ihn gut, er war bei mir vor mehreren Monaten zur Aufſicht, und ich weiß, daß er ein braver Mann, ſtandhaft und thätig in ſeinem Dienſte iſt.“ „Ich glaube, Sie haben Recht, wenn Sie ihn em⸗ pfehlen,“ bemerkte der Gouverneur.„Er wird nicht ſäumen, aus dem Gefängniſſe zu gehen, und ich zweifle nicht, daß er es auf ſich nehmen wird, Sie zu führen, weil er Ausſicht hat, bei Ihnen, Herr Campbell, auf ein oder zwei Jahre Dienſt zu finden. Was die Ca⸗ nadier betrifft, ſo ſind ſie wahrhaft harmlos, zu glei⸗ cher Zeit aber ſehr unnütz. Es gibt darunter Aus⸗ nahmen, daran iſt kein Zweifel, aber im Allgemeinen iſt ihr Charafter keineswegs thätig und muthvoll. Wie ich vorhin ſagte, ſie bedürfen ſtarke Herzen, und Mar⸗ tin Super iſt eines derſelben, das unterliegt keinem Zweifel. Vielleicht können Sie ihn für Herrn Campbell gewinnen.“.— Der Oberintendant verſprach dieſes zu thun und bald darauf verließ Herr Campbell den Gouverneur unter vielfachem Danke.— Herr Campbell, welcher allen möglichen Unterricht über das, was bei ſeinem Unternehmen das Nothwen⸗ digſte ſey, erhalten hatte, war vierzehn Tage lang thätig beſchäftigt, um ſeine Einkäufe zu machen. Während dieſer Zeit verwandte er mehr Aufmerkſamkeit auf die in Quebec wohnenden Engländer und Franzoſen. Alfred, deſſen Wunde nun ganz geheilt war, entwickelte ſo viel 56 Thätigkeit, wie gewöhnlich, und Heinrich war ſeinem Vater von großem Nutzen, indem er Inventarien an⸗ fertigte, Liſten machte und dergleichen. Auch Mrs. Camp⸗ bell und die beiden Mädchen waren nicht unbeſchäftigt; ſie hatten rohe Manufakturwaaren der Gegend ange⸗ kauft, und waren ſehr eifrig daran, ſie für ſich ſelbſt oder für die Kinder zurecht zu richten. Herr Campbell war eines Morgens bei Herrn Farguhar, dem Kauf⸗ mann, geweſen, um Nachfragen wegen der Ueberfahrt nach der neuen Beſitzung Wäuſeellen, denn er hatte ſeine Uebereinkunft mit dem O erintendanten abgeſchloſſen, als der Gouverneur einen ſeiner Adjutanten ſchickte, um ihm zu ſagen, daß er im Sinne habe, in ohngefähr zehn Tagen eine Abtheilung Soldaten nach dem Fort Frontignac abzuſenden, indem er die Nachricht erhalten habe, daß die Garniſon an einem dort ausgebrochenen Fieber erkrankt ſey, und daß, wenn Herr Campbell ſich ſelbſt und ſeine Familie gleich ſeinem Gepäcke vor Un⸗ annehmlichkeiten bewahren wolle, er unter der Escorte des Offiziers und der Truppenabtheilung reiſen ſolle. Dieſes Anerbieten wurde mit Freuden angenommen, und als Herr Campbell zu dem Gouverneur ging, um ihm ſeinen Dank abzuſtatten, ſagte ihm der Letztere, daß in den Schiffen und Canoes für ſie und all ihr Gepäcke vollſtändig Raum ſey, daß er ſich daher in dieſer Hin⸗ ſicht nicht weiter Mühe geben und keine Koſten verur⸗ ſachen ſolle. Sechstes Kapitel. Am nächſten Tage fand ſich der Oberintendant ein, und brachte Martin Super, den Schlingenſteller, mit ſich. „Herr Campbell,“ ſagte der Oberintendant,„dies iſt mein Freund, Martin Super. Ich habe mit ihm ge⸗ 57 ſprochen und er hat eingewilligt, Ihnen auf ein Jahr zu dienen und er will bei Ihnen bleiben, wenn er zu⸗ frieden iſt. Wenn er Ihnen ſo gut dient, als er mir gedient hat, während ich durch die Gegend reiſte, ſo darf ich keinen Augenblick zweifeln, daß Sie in ihm eine kräftige Stütze finden.“ Martin Super war ziemlich groß, ſchlank, ſchien indeſſen thätig und kräftig. Sein Kopf war kleiner, als es gewöhnlich iſt, was ihm das Ausſehen großer Leich⸗ tigkeit und Thätigkeit gab. Seine Geſichtszüge waren angenehm, indem ſie eine ununterbrochene gute Laune ausdrückten, was auch mit ſeinem wirklichen Charakter übereinſtimmte. Er war in eine Art Jägerrock von Dammhirſchfellen gekleidet, trug blaue, tuchene Bein⸗ kleider, eine Mütze von dem Fell eines Waſchbären und einen breiten Gürtel um ſeine Weſte, in welcher ſein Meſſer ſteckte. 3 „Nun, Martin Super, ich will Ihnen die Beſtim⸗ mungen des Engagements mit Herrn Campbell vorle⸗ ſen, damit Sie ſehen, ob Alles ſo iſt, wie Sie wünſchen.“ Der Oberintendant las das Engagement vor und Martin Super nickte mit dem Kopfe beifällig. „Herr Campbell, wenn Sie damit zufrieden ſind, ſo mögen Sie jetzt unterzeichnen. Martin wird das⸗ ſelbe thun.“ 7 Herr Campbell unterſchrieb ſeinen Namen und hän⸗ digte die Feder Martin Super ein, welcher aber dann zuerſt ſprach: „Herr Intendant, ich weiß nicht, wie man meinen Namen ſchreibt, und wenn ich es wüßte, ſo könnte ich ihn nicht ſchreiben, ich muß es alſo wie die Indianer machen und mein Totem beiſetzen.“ „Was iſt Ihr Name bei den Indianern, Martin?“ „Der Maler“ entgegnete Martin und machte dann unter Herrn Campbells Schrift eine Figur(einen Pan⸗ ther) und ſagte dabei,„das iſt mein Name, ſo gut als ich ihn ſchreiben kann.“ 3 58 „Sehr gut,“ entgegnete der Oberintendant, nhier iſt das Dokument, Herr Campbell; meine Damen ich muß mich beurlauben, denn ich habe ein Geſchäft. Ich will Ihnen Martin Super dalaſſen, Herr Campbell, denn Sie werden ſich ohne Zweifel gerne ein wenig mit ihm unterhalten.“ 1 Der Oberintendant entfernte ſich und Martin Su⸗ er Wlieh zurück. Mrs. Campbell war die erſte, welche prach: „Super“ ſagte ſie,„ich hoffe, wir werden gute Freunde werden; aber nun ſagen Sie mir, was Sie mit Ihrem Totem wollen.“ „Ei nun, Ma'am, ein Totem iſt das Kennzeichen eines Indianers und Sie wiſſen, daß ich faſt ein In⸗ dianer bin. Alle indianiſchen Häuptlinge haben ſolche Totems, einer iſt genannt die große Otter, ein anderer die Schlange, der dritte ſo und ſo, und ſie unterzeich⸗ nen mit einer Figur, gleich dem Thiere, nach dem ſie genannt werden, und dann ſehen Sie, Ma'am, wir Schlingenſteller, die wir faſt immer mit ihnen leben, haben uns auch ſolche Namen gegeben, und ſie haben mich den Maler genannt.“ „Warum gaben ſie Ihnen den Namen Maler?“ „Weil ich zwei derſelben an einem Tage tödtete.“ „Zwei Maler getödtet!“ riefen die Mädchen. „Ja, Fräulein, und zwar mit meiner Flinte.“ „Aber warum tödteten Sie die Manner?“ ſagte Emma. „Die Männer getödtet! Ich ſagte nichts von Män⸗ nern; ich ſagte, ich habe zwei Maler etödtet,“ ver⸗ ſetzte Martin lachend und zeigte eine Reihe von Zähnen, ſo weiß wie Elfenbein.. „Was iſt denn ein Maler, Super?“ fragte Mrs. Campbell. 8 „Ei nun ein Thier, und ein wahrhaft ungeſchicktes Geſchöpf zuweilen, ich kann es Ihnen ſagen.“ 59 „Das Zeichen gleicht einem Panther, Mama,“ rief Mary aus. „Nun gut, Miß, es mag ein Panther ſeyn, aber wir kennen ihn nur unter dem andern Namen.“ Herr Farguhar trat ein, und es wurde an ihn die Frage gerichtet; er lachte und erzählte ihnen, daß die Maler eine Art von Panther ſeyen, nicht gefleckt, ſondern von ſchwarzbrauner Farbe, und zu Zeiten ſehr gefährliche Thiere. „Kennen Sie die Gegend, nach welcher wir gehen?“ fragte er Heinrich Super. „Ja, ich bin dort vor Monaten herumgeſchlendert, aber die Biber ſind jetzt ſelten.“ „Gibt es noch andere Thiere dort?“ „Ja, niederes Wild, wie wir es nennen.“ „Was ſind das für Arten?“ „Ei nun die Maler, Bären und Bergkatzen.“ „Dank, dank, das heißen Sie niederes Wild; was muß denn dann hohes Wild ſeyn?“ ſagte Mrs. Campbell. „Büffel, meine Damen, iſt, was wir hohes Wild nennen.“ „Sind denn die Thiere, von welchen Sie ſprechen, nicht gut zu eſſen, Super,“ ſagte Mrs. Campbell,„oder gibt es denn kein Wild, welches gegeſſen werden kann?“ „O, ja, eine Menge von Rothwild und kalekuti⸗ ſchen Hähnen, und Bären, die gut zu eſſen ſind, das meine ich.“ „Ah, das lautet beſſer.“ Nach einer Unterhaltung von einer Stunde wurde Martin Super entlaſſen, nachdem er die ganze Fami⸗ lie mit Ausnahme von Alfred, welcher nicht zu Hauſe war, höchlich ergötzt hatte. Wenige Tage ſpäter wurde Martin Super, der nun in den Dienſt getreten, und mit Alfred ſehr be⸗ ſchäftigt war, der ihn bereits als Günſtling angenom⸗ men hatte, zu Herrn Campbell gerufen, welcher mit ihm über die Artikel des Inventariums ſprach, die es g8 60 enthielt, und der ihn fragte, was von dieſen Dingen nothwendig, oder räthlich zum Mitnehmen ſey. „Sie ſprachen ſo etwas von Feuergewehren,“ ent⸗ Aegnete Martin, welche Sorte von Gewehren meinen ie?“. 4 „Wir haben drei Vogelflinten und drei Musketen, nebſt Piſtolen.“ „Vogelflinten, das ſind, glaube ich, Gewehre für Vögel; die ſind zu nichts zu gebrauchen; Musketen, das ſind Geräthſchaften für Soldaten; nicht zu gebrau⸗ chen; Piſtolen ſind Buffer und nichts beſſer. Haben Sie keine Flinten? Ohne Flinten kann man nicht in die Wälder gehen. Ich habe eine, Sie aber müſſen mehrere haben.“ „Gut, ich glaube, Sie haben recht, Martin, das i*ſt mir nicht beigefallen. Wie viele müſſen wir haben?⸗ „ Nun, gerade ſo viel, als Perſonen in der Fami⸗ lie ſind. Wie ſtark iſt Ihre Familie?“ ſonen. „Alſo, Sir, ſage ich zehn Flinten, das wird hin⸗ reichend ſeyn, zwei Lanzen dazu, für alle Fälle,“ ver⸗ ſetzte Martin. „Wie, Martin,“ ſagte Mrs. Campbell,„Sie wer⸗ den doch nicht meinen, daß die Kinder, dieſe jungen Mädchen, und ich mit Flinten ſchießen ſollen?“ „Ich meine, Ma'am, daß ich, als ich ſo alt wie dieſer kleine Knabe war,“ er deutete auf John,„mein Ziel wohl treffen konnte; und ein Weib muß wenig⸗ ſtens verſtehen, mit einer Flinte umzugehen und ſie zu laden, wenn ſie auch dieſelbe nicht abfeuert. Es iſt eine tödtliche Waffe, Ma'am, und der größte Gleich⸗ macher in der Welt, denn der Drücker geht los, wenn ein Kind daran zieht, und macht dem Leben des ſtärk⸗ ſten Mannes ein Ende. Ich wollte nicht ſagen, daß wir gerade gezwungen ſeyen, auf dieſem Wege davon Gebrauch zu machen, indeſſen iſt es immer beſſer, der⸗ „Wir ſind fünf männliche und drei weibliche Per⸗ 61 gleichen zu haben und andern Leuten wiſſen zu laſſen, daß wir dergleichen haben, und daß ſie immer geladen ſind, wenn es erforderlich iſt.“ 1 „Gut, Martin,“ ſagte Herr Campbell.„Ich ſtimme mit Ihnen überein; es iſt beſſer, vorbereitet zu ſeyn. Wir wollen alſo zehn Flinten mitnehmen, wenn wir ſie kaufen können. Wie viel werden ſie koſten?“ „Mit ſechszehn Dollars will ich die beſte kaufen, Sir; doch ich denke, daß ich beſſer dazu tauge, ſie aus⸗ ſunrihlee als Sie, und ich will den Verſuch machen, ſie für Sie einzukaufen.“. „Machen Sie es ſo, Super, Alfred wird mit Ih⸗ nen gehen, ſobald als er zurückgekommen ſeyn wird, dnd Sie und er können dann die Sache in Ordnung ringen.“ „Nun, Super,“ bemerkte Mrs. Campbell,„Sie haben uns Weiber durch den Gedanken ſehr erſchreckt, daß ſo viele Feuergewehre erforderlich ſind.“ „Wenn Pontiac noch am Leben wäre, meine Da⸗ men, würden ſie alle erforderlich ſeyn; doch der iſt nun todt; aber es ſind immer noch viele auswärts lie⸗ gende Indianer, wie wir ſie nennen, da, die nicht beſſer ſeyn werden, und ich habe es immer gern, wenn ich die Flinten ſtets geladen ſehe. Nun, Ma'am, neh⸗ men Sie an, daß alle Männer in den Wald hinaus ſeyen, und daß während unſerer Abweſenheit ein Bär komme; würde es nicht beſſer ſeyn, ein geladenes Ge⸗ wehr für ihn zu haben, und wollten Sie, oder die jun⸗ gen Frauenzimmer nicht vorziehen, den Drücker in Be⸗ wegung zu ſetzen, als von dem Bären in ſeiner Weiſe umarmt zu werden?“ .„Martin Super, Sie haben mich vollſtändig über⸗ zeugtz ich will nicht allein lernen, ein Gewehr zu la⸗ den, ſondern auch eines abzufeuern.“ „Ich will die Knaben lehren, von demſelben Ge⸗ brauch zu machen, Ma'am, und die werden dann zu Ihrer Vertheidigung bereit ſeyn.“ gepackt und zur Einſchiffung bereit. Da erging eine 62 „Machen Sie es ſo, Martin,“ verſetzte Mrs. Campbell,„ich bin überzeugt, daß Sie vollkommen recht haben.“ Als Super ſich bald darauf entfernt hatte, bemerkte Herr Campbell: 4 „Ich hoffe, meine Theure, daß Du und die Mäd⸗ chen durch Martins Bemerkung nicht erſchreckt worden. Es iſt nothwendig, wohlbewaffnet zu ſeyn, wenn man ſo abgeſchieden und ſo fern von jeder Hülfe iſt, wie wir ſeyn werden; aber daraus, daß wir gegen die Gefahr vorbereitet ſeyn müſſen, folgt noch nicht, daß eine ſolche Gefahr wirklich unſerer harre.“ „Für mich ſelbſt kann ich gut ſtehen, mein theurer Campbell,“ entgegnete deſſen Gattin,„ich bin darauf vorbereitet, wenn es nöthig iſt, der Gefahr entgegen⸗ zutreten und zu thun, was ein ſchwaches Weib thun kann. Ich fühle, daß das, was Martin ſagte, nur zu wahr iſt, daß, mit einer Flinte in der Hand, ein Weib oder ein Kind dem ſtärkſten Manne gleich iſt.“ „Und ich, mein lieber Onkel,“ ſagte Mary Per⸗ eival,„ich werde, ich verſichere Sie, mit Gottes Hülfe wiſſen, meine Schuldigkeit 85 thun, ſo eigenthümlich auch die Umſtände für ein Weib ſeyn mögen.“ „Und ich, mein theurer Onkel fügte Emma la⸗ chend bei,„ziehe unendlich vor, ein Gewehr abzufeuern, ſtatt von einem Bären, oder einem Indianer umarmt zu werden, weil man unter zwei Uebeln immer das geringſte wählen muß.“ „Wohlan denn, ich ſehe, Martin hat nicht übel, ſondern er hat im Gegentheil gut gehandelt. Es iſt immer das Beſte, auf das Schlimmſte gefaßt zu ſeyn und auf die Hülfe der Vorſehung in der Gefahr zu vertrauen.“ 2 Die Einkäufe waren nun alle gemacht, Alles war zweite Botſchaft von dem Gouverneur und ſetzte Herrn Campbell davon in Kenntniß, daß, wenn er nicht ei⸗ 63 nige Kühe und Pferde eingekauft habe, der Offizier auf dem Fort Frontignac mehr Vieh habe, als erfor⸗ derlich ſey, und ihm damit aushelfen könne, was viel⸗ leicht beſſer ſeyn dürfte, als dergleichen ſo weit mit ſich zu führen. Herr Campbell hatte von den Kühen geſprochen, aber die Sache nicht zu Ende gebracht, und er nahm daher freudig das Erbieten des Gouver⸗ neurs an. Dieſe Botſchaft war mit einer Einladung an Herrn Campbell, die Damen, an Heinrich und Alfred begleitet, ein Abſchiedsdiner im Gouvernements⸗ gebäude am Tage vor ihrer Abreiſe anzunehmen. Die Einladung wurde angenommen, und Herr Campbell dem Offiziere vorgeſtellt, welcher die nach Fort Fron⸗ tignac beſtimmte Truppenabtheilung kommandirte; er erhielt von dieſem die beſtimmte Zuſicherung, daß er Alles, was er könne, thun werde, um ihm das Leben angenehm zu machen. Die Güte des Gouverneurs en⸗ digte hiemit noch nicht, er beſtimmte den Offizier, zwei große Zelte zum Gebrauch des Herrn Campbell mitzu⸗ nehmen, welche nicht eher zurückgegeben werden ſollten, als bis das Haus vollſtändig gebaut und die Anſied⸗ lung vollendet ſeyn werde. Der Gouverneur ſchlug auch vor, daß Mrs. Campbell und die Schweſtern Per⸗ eival im Gouvernements⸗Gebäude zurückbleiben ſollten, bis Herr Campbell die erforderlichen Vorbereitungen ge⸗ troffen habe, ſie aufzunehmen; aber Mrs. Campbell ging hierauf nicht ein, und lehnte unter vielfachem Danke das Anerbieten ab. Siebentes Kapitel. Es war jetzt bereits Mitte Mai's, es waren nur noch wenige Tage auf die Abreiſe, aber es war nicht das geringſte Zeichen des Grünens zu ſehen und die 64 Bäume waren noch nicht belaubt. Doch im Verlaufe der drei Tage, bevor ſie Quebec verließen, trat die Vegetation ſo reißend ſchnell hervor, daß es ſchien, der Sommer ſey plötzlich gekommen. Die Hitze war nun wirklich ſehr groß, während es bei ihrer Landung durchdringend kalt war; aber in Canada, ſo wie im ganzen nördlichen Amerika, ſind die Uebergänge von der Hitze zur Kälte, und von der Kälte zur Hitze reißend chnell... Meine Leſerinnen werden erſtaunen, wenn ſie hören, daß wenn der Winter in Quebec beginnt, alle zum Verbrauche während deſſelben erforderlichen Thiere auf einmal getödtet werden. Zahlreiche Heerden von vielleicht drei oder vierhundert Stieren werden ge⸗ ſchlachtet und. aufgehangen. Jede Familie tödtet ihr Rindvieh, ihre Schafe, Ferkel, kalekut'ſchen Hähne, ihr Geflügel und dergleichen, nnd alle werden in Bo⸗ denkammern aufgehangen, wo die todten Körper un⸗ mittelbar hart gefrieren und vollſtändig gut und friſch während der ſechs oder ſieben Monate des ſtrengen Win⸗ ters bleiben, welcher in dieſem Clima herrſcht. Wenn eine Portion Fleiſch gekocht werden foll, wird ſie nach und nach in lauwarmem Waſſer aufgethaut und, nachdem dieſes geſchehen iſt, an das Feuer geſetzt. Wenn das Fleiſch in ſeinem gefrorenen Zuſtande unmittelbar an das Feuer gebracht wird, verdirbt es. Dann iſt noch ein anderer eltſamer Umſtand, welcher in dieſer kalten Gegend getroffen wird. Ein kleiner Fiſch, der Schneefiſch genannt, wird wäh⸗ rend des Winters gefangen, indem man Löcher in das dicke Eis macht, dieſe Fiſche zu Tauſenden an die Löcher kommen und mit Handnetzen heraus und auf das Eis gezogen werden, wo ſie in wenigen Minuten ſo hart gefrieren, daß ſie dieſelben, wenn es ihnen beliebt, ent⸗ zwei brechen können, wie einen morſchen Stab. Das Rindvieh wird während der Wintermonate mit dieſen Fſſchen gefüttert. Es hat ſich aber erprobt, was wahr⸗ haft ſaltſam iſt, daß wenn dieſe Fiſihe vier und zwanzig — 65 Stunden oder länger gefroren ſind und im Waſſer nach und nach aufgethaut werden, wie man es mit dem Fleiſche macht, wieder aufleben und ſchwimmen, als wenn ſie eben erſt aus dem Waſſer gekommen wären. Wir fahren indeſſen mit unſerer Erzählung fort. Herr Campbell fand, daß ihm nach Beſtreitung aller ſeiner Ausgaben noch dreihundert Pfund geblieben waren, und dieſes Geld hinterlegte er in der Bank von Quebec, um davon Gebrauch zu machen, wenn er es für nothwendig finden ſollte. Seine Ausgaben waren wirklich ſehr bedeutend geweſen; da war zuerſt die Reiſe und Ueberfahrt einer ſo großen Familie. Dann hatte er in Liverpool eine große Quantität von Meſſer⸗ ſchmiedswaaren und Werkzeugen, Geräthſchaften und ſo weiter eingekauft, welche Artikel hier alle wohlfeiler waren, als zu Quebec. In Quebec hatte er alſo noch Artikel von bedeutender Ausdehnung für das Haus, z. B. vollſtändig mit Glas verſehene Fenſter, Oefen, Bretter. für den Fußboden, Speiſeſchränke, Scheidewände nebſt Vorräthen und Töpfergeſchirr aller Art einzukaufen, dann zwei kleine Wagen, verſchiedene Käſten und eine Menge anderer Dinge, welche anzuführen zu weitläufig wäre, Die Koſten der Anſchaffung derſelben hatten ihm all ſein Geld genommen bis auf die dreihundert Pfund, deren ich erwähnt habe. Es war am dreizehnten Mai, daß die Einſchiffung ſtatt hatte, und am Nachmittage war Alles bereit, ſo daß Mrs. Campbell und ihre Nichten auf die Fahrzeuge ebracht wurden, welche an der Werfte lagen und die ruppen ſchon am Bord hatten. Der Gouverneur mit ſeinen Adjutanten und andere einflußreiche Perſonen von Quebec begleiteten ſie dahin, und ſowie Lebewohl geſagt war, wurde das Signal gegeben, die Soldaten in dem Fahrzeuge brachten drei Hurrahs und es ging von der Rhede in den Strom Eine Zeitlang fand ein Schwenken der Sacktücher und dergleichen von Seiten derer ſtatt, die an der Werfte waren auf gutes Gluck Ddie Anſiedler in Canada. 5 66 der Reiſenden. Aber dieſe waren ſchon weit von ihnen entfernt und die Familie befand ſich allein und abge⸗ ſondert in der Cajüte und lauſchte dem abgemeſſenen Tone der Ruderſchläge ſchweigend. Und es iſt auch nicht zu wundern, daß Alles ſchwieg; denn Alle waren mit ihren Gedanken beſchäftigt. Die Erinnerung an den ſchönen Park in Werton, den ſie verlaſſen, nachdem ſie dort ſo lange und ſo glücklich elebt hatten, kam ihnen in den Sinn; Hall mit all einem Glanze und all ſeiner Behaglichkeit ſtieg in ihrer Erinnerung auf; ein jedes Zimmer mit ſeinen Geräth⸗ ſchaften, ein jedes Fenſter mit ſeiner Ausſicht ging an ihrem Gedächtniſſe vorüber. Sie hatten den atlanti⸗ ſchen Ocean durchſchnitten, und waren nun, fern von dem civiliſirten Leben, fern von aller Bequemlichkeit, im Begriffe, ſich in den Wäldern Canadiens zu verlieren, beſchränkt auf ihre eigene Hülfe, auf ihre eigene Ge⸗ ſellſchaft, auf ihre eigenen Anſtrengungen. Es war der Anfang eines neuen Lebens, für weiches ſie ſich nach dem luxnriöſen Leben, welches ſie bisher geführt, nur wenig geeignet fühlten.— Aber mochten auch ihre Gedanken und Erinnerun⸗ gen ſie ſchweigend und nachdenkend gemacht haben, ſie erzeugten keine Verzweiflung und keinen Unwillen, es tröſtere ſie die Macht, welche allein ſchützen kann, die allein gibt und nimmt und mit uns macht, was ſie für das Beſte hält. Ihr Hoffen war bei allem dem kein grundloſes, denn überall war Vertrauen, Entſchloſſen⸗ heit und Ergebung. Nach und nach wurden ſie aus ihren Träumereien durch die Schönheit der Landſchaften und die Neuheit deſſen, was ſie ſahen, geriſſen; die Geſänge der canadiſchen Bootsleute waren muſikaliſch 3 iud erheiternd, und je weiter ſie kamen, deſto mehr angten Alle ihren frohen Muth wieder. Alfred war der Erſte, der ſeine Melancholie ver⸗ ſcheuchte und ſie bei den andern zu verſcheuchen ſuchte, und dieſes war auch nicht ohne Erfolg. Der Offizier, 67 welcher das Truppendetachement befehligte und auf dem nämlichen Fahrzeuge mit der Familie war, hatte ihr Stillſchweigen nach ihrer Abfahrt von der Werfte ge⸗ ehrt; vielleicht fühlte er mehr, als es ſchien. Sein Name war Sinclair und ſein Rang der des älteſten Capitäns im Regimente. Ein ſchöner, blühender junger Mann, ſchlank und wohlgebaut und wahrhaft edel in ſeinem Benehmen. „Wie wahrhaft ſchön das Laubwerk in dieſer Ge⸗ gend iſt, Mutter,“ ſagte Alfred, indem er zuerſt das Schweigen ninterbrach,„welch ein Contraſt zwiſchen den Blättern des weißen Ahorn, ſo durchſichtig und gelb, wenn die Sonne ſie beſcheint, und den neuen Schöß⸗ lingen der Pechtanne.“ „Es iſt in der That ſehr merkwürdig,“ entgegnete Mrs. Campbell,„und die Aeſte der Bäume, die faſt bis auf den Spiegel des Waſſers herabhängen....“ „Und gleich den guten Samaritanern,“ ſagte Emma, „ihre Arme ausſtrecken, damit jeder Unglückliche, wel⸗ chen der Strom mit fortgeriſſen hat, durch ihren Bei⸗ ſtand ſich ſelbſt retten möge.“ „Ich habe nicht gewußt,“ entgegnete Alfred,„daß Bäume ſo viel Liebe oder ſo viel Ueberlegung haben, Emma. 3 „Ich kann für ihre Liebe nicht gut ſtehen, aber an der Seite dieſes klaren Waſſers mußt Du ihnen Ueber⸗ legung einräumen, Vetter,“ entgegnete Emma. „Ich vermuthe, daß Du zu ihren Eigenſchaften auch noch die Eitelkeit hinzufügen willſt,“ antwortete Alfred, „denn gewiß wird Jeder glauben, der ſie über dem Strom hängen ſieht, daß ſie ſich ſelbſt in dem glänzen⸗ den Spiegel beſehen und bewundern.“ „Sehr gut für einen Seecadetten; ich habe nicht gewußt, daß eine ſolch ausgeſuchte Sprache bei den Hahnenkämpfen gebräuchlich iſt,“ entgegnete das Mädchen..— 4 „Vielleicht nicht, Couſine,“ antwortete Alfred,„aber 3 68 wenn Seeleute in der Geſellſchaft von Damen ſind, werden ſie aus der Geſellſchaft ausgeſtoßen.“ 3 „Gut, ich muß zugeben, Alfred, daß Du um einen großen Theil geſchliffener wurdeſt, nachdem Du einen Monat am Ufer warſt.“ „Ich danke, Couſine Emma, für dieſes unumwun⸗ dene Geſtändniß,“ entgegnete Alfred lachend. „Aber was iſt das, auf dieſem Punkte dort, ſagte Mary Percival,„iſt es ein Dorf,— eins, zwei⸗ drei Häuſer— gerade vor uns aufſteigend?“ „Das iſt ein Floß, Miß Percival, welcher, den Fluß herab kommt,“ ſagte Capitän Sinclair,„wenn wir demſelben näher kommen, werden Sie ſehen, daß er vielleicht zwei Morgen groß Waſſer bedeckt, und daß drei Viertheile daran gezimmertes Holz iſt. Dieſe Flöße ſind viele tauſend Pfund werth. Sie werden zuerſt aus Stämmen gebildet, durch Nägel befeſtigt und das Bauholz wird zwiſchen die Stämme gebracht. Hier ſind vielleicht fünfzig oder hundert Menſchen be⸗ ſchäftigt, um den Floß auf dem Strome zu leiten, und die Häuſer, die Sie ſehen, ſind zur Bequemlichkeit die⸗ ſer Leute erbaut. Ich habe auf, manchen Flößen ſchon⸗ mehr als fünfzehn Häuſer geſehen, welche den Werth von dreißig oder vierzig großen Schiffen enthalten.“ .„Es iſt wirklich wunderbar, wie ſie ihn auf dem Strom führen und leiten,“ ſagte Herr Campbell. »„Es iſt eine wahrhafte Geſchicklichkeit, und es ſcheint ſeltſam, daß eine ſolche enorme Maſſe gelenkt werden kann; aber es iſt ſo, wie Sie ſehen werden. Da ſind drei oder vier Ruder, welche an langen Schwengeln befeſtigt ſind, und wie Sie bemerken, ver⸗— ſchiedene Schwengel auf jeder Seite.“. Ddiie ganze Geſellſchaft war nun auf die Hinter⸗ platte des Fahrzeugs getreten, um auf die Leute auf dem Floße zu ſehen, welche ſich auf die Zahl von fünf⸗ zigen oder ſechzigen belief. Er ſchwamm nun auf der Toppſeite voruber und wurde durch die Schwengel — 69 geleitet, welche die vereinigte Kraft von ſieben oder acht Männern regierte, die nun von dem einen Schwen⸗ gel zu dem entgegengeſetzten hinübereilten und gleich einem Steuermanne lenkten. Das Fahrzeug fuhr ihm etwas aus dem Weg, und der Floß kam dann ziemlich ſchnell vorüber. So wie es außer Zweifel war, daß ihre Fahrt nach Quebec nun gerade ging und ein fri⸗ ſcher Wind über den Fluß ſich verbreitete, zogen die Leute auf dem Floße zehn oder fünfzehn Segel an verſchiedenen Maſten auf, um ſich in ihrer Thalfahrt zu erleichtern, und dieß erregte abermals die Bewun⸗ derung der Geſellſchaft. Die Unterhaltung wurde nun allgemein, bis die Fahrzeuge am Ufer des Fluſſes befeſtigt wurden, indem die Mannſchaft ihr Mittagsmahl verzehrte, wel⸗ ches bereitet wurde, ehe man Quebec verließ. Nach einer Ruhe von zwei Stunden wurde weiter gefahren, und mit Eintritt der Nacht kamen ſie zu St. Anna an, wo ſie Alles zu ihrem Empfange vorbereitet fanden. Obgleich ihr Bett aus Blättern von Mais oder india⸗ niſchem Korn beſtand, ſo waren ſie doch ſo ermüdet, daß ſie dieſelben ſehr behaglich fanden, und bei Anbruch des Tages ſeher erfriſcht und beeilt waren, die Reiſe fortzuſetzen. Martin Super, welcher mit den zwei „jüngſten Knaben in einem beſondern Boote war, hatte eine außerordentliche Sorge für die Bequemlichkeit der beiden jungen Damen nach ihrer Ueberſchiffung gezeigt, und es bewährte ſich, daß er lange ſchon die Herzen der beiden Knaben gewonnen hatte, indem er ſie den Tag hindurch mit Anekdoten unterhielt. Als bald nach der Einſchiffung der Name Pontiac wiederholt durch Capitän Sinclair genannt wurde, be⸗ merkte Mrs. Campbell: „uUnſer Diener, Super, hat dieſes Namens er⸗ wähnt, ich geſtehe, daß ich nicht das Geringſte von den canadiſchen Angelegenheiten weiß, und es iſt mir nur ſo viel bekannt, daß Pontiac ein indianiſcher Häupt⸗ 70 ling war. Können Sie, Capitän Sinclair, uns einige Auskunft hinſichtlich dieſer Perſon geben, welche in der Provinz ſo wohl gekannt zu ſeyn ſcheint?⸗. „Ich ſchätze mich lülähe Mrs. Campbell, wen ich im Stande ſeyn ſollte, Ihrem Wunſche entſprechen zu können. In einem Punkte kann ich allein mit Zu⸗ verſicht ſprechen, weil mein Onkel zu dem Detachement in dem Fort Detroit, welches zu jener Zeit ſo nahe daran war, genommen zu werden, gehörte, und in meiner Gegenwart oft dieſe Geſchichte erzählt hat. ontiac war Häuptling aller alten Seeſtämme der Indianer. Ich will den Namen dieſer einzelnen Stäm⸗ me nicht wiederholen und nur einen Stamm benennen, den der Ottawai. Er war zu der Zeit, als Canada uns von den Franzoſen abgetreten wurde, der über⸗ wiegende. Zuerſt war er ſehr eingebildet und hochmü⸗ thig und verlangte die Souveränität über die Gegend, war aber dennoch ſehr höflich gegen die Engländer, oder ſchien wenigſtens ſo zu ſeyn. Die Franzoſen hat⸗ ten jedoch bei all' den nord'ſchen Stämmen uns in ſo ſchlimmen Ruf gebracht, daß ſie zu der größten Feind⸗ ſeligkeit beſtimmt wurden und unſern Namen zu haſſen ſchienen. Sie ſind nun geneigt, zu ruhen, und es iſt jetzt zu hoffen, daß ſie uns fürchten, und nach den ver⸗ ſchiedenen Zuſammentreffen mit uns, ſich bequemen werden, ruhig zu bleiben. Sie haben vielleicht gehört, daß die Franzoſen mehrere Forts erbaut haben, daß ſie die meiſten Gegenden im Innern und an den See'n beherrſchen, und daß dieſe nun alle, nachdem jene das Land aufgaben, von unſern Truppen beſetzt ſind, um die Indianer unter Aufſicht zu halten. Alle dieſe Forts ſind iſolirt und Communicationen zwiſchen ihnen ſind ſelten. Es war im Jahr 1763, daß Pontiac zuerſt die Feindſeligkeiten gegen uns begann, und dabei den Plan hatte, uns wo möglich von den See'n zu ver⸗ treiben. Das war ein tapferes Unternehmen, und daß ein Indianer mehr Feldherrntalent zeigte, als man er⸗ 71 warten konnte, das war ihrem Kriegsſyſteme beizu⸗ meſſen, welches immer auf Kriegsliſt gebaut iſt. Die⸗ ſer Operationsplan war, alle unſere Forts zu gleicher Zeit zu überrumpeln, wenn es möglich war, und ſeine- Anordnungen waren ſo vortrefflich, daß er fünf Tage nach der Entwerfung des Planes ſchon den Erfolg hatte, daß er ſich im Beſitze von zwei Drittheilen derſelben befand, d. h. er überrumpelte zehn bis dreizehn Forts. Hierauf wurden die Angriffe durch andere Häuptlinge unter ſeiner Direction gemacht, weil Pontiac nicht bei allen gleichzeitigen Stürmen zugegen ſeyn konnte.“ „Ließ er die Garniſonen ermorden, Capitän Sin⸗ clair? ſagte Atfred.— 4 1 „Den größern Theil derſelben, einige wurden ver⸗ ſchont und ſpäter um hohe Preiſe ausgelöſt. Ich muß, als einer beſondern Veranlaſſung der Fortſchritte die⸗ ſes Häuptlings im Vergleich mit andern Indianern er⸗ wähnen, daß er ſich zu jener Zeit der Creditbills und der Münzen aus Rinde bediente, dieſe mit ſeinem To⸗ tem bezeichnete, der Otter, und daß dieſe Bills alle bezahlt wurden und beſſer als die manches civiliſirten Staates.“ „Das iſt wirklich merkwürdig von einem Wilden,“ bemerkte Mrs. Campbell,„aber wie hat Pontiac die Einnahme aller dieſer Forts ausgeführt?“ „Die meiſten derſelben wurden durch eine eigen⸗ thümliche Kriegsliſt genommen. Die Indianer ſind be⸗ ſonders und außerordentlich geſchickt in einem Spiele, welches Baggatiway genannt und mit einem Ball und einer langen Handhabe, einer Art Rackete, geſpielt wird. Sie theilen ſich in zwei Parthien, und der Zweck einer jeden Parthie iſt, den Ball in ihren eigenen Ring zu bringen. Es iſt hie und da gleich dem Schleudern in England und Schottland. Mehrere Hunderte werden hie⸗ bei von beiden Seiten gewettet, und die Europäer waren ſo erfreut, bei den Indianern Thätigkeit und Gewandt⸗ heit in einem ſo hohen Grade bei dieſem Spiele ent⸗ 2 3 wickeln zu ſehen, daß es ſehr gewöhnlich war, ſie zu bitten, dieſes Spiel zu ſpielen, wenn ſie ſich in der Nähe des Forts befanden. Pontiac baute alſo hierauf ſeinen Plan, nach welchem die Indianer ihr Ballſpiel unter den Forts begannen und, nachdem ſie kurze Zeit geſpielt, ihren Ball in das Fort ſchleudern ſollten, wo⸗ rauf alle, wie natürlich, in das Fort gingen, daß ſie dann, nachdem ſie das zwei oder drei Mal gethan und das Spiel wieder angefangen hatten, um jeden Arg⸗ wohn zu verſcheuchen, dieſes wiederholen und den Ball verfolgen ſollten, bis ſie durch die Thore geſtürmt ſeyen, und wenn ſie dann alle darin wären, dann ſoll⸗ ten ſie ihre verborgenen Waffen hervorbringen und die nichts ahnende Garniſon niedermetzeln.“ „Das war beſtimmt eine ſehr ſcharffinnige Kriegs⸗ liſt,“ bemerkte Mrs. Campbell.— „Und ſie hatte, wie ich ſchon bemerkte, Erfolg; drei Forts ausgenommen. Eines, auf welches Pontiac 1 3 den Angriff ſelbſt leitete und an deſſen Eroberung ihm am meiſten lag, war Dedroit, in welchem, wie ich ſchon ſagte, mein Onkel garniſonirte. Doch dieſer An⸗ griff mißlang und zwar durch einen fehr eigenthümli⸗ chen Umſtand.“. „Ich bitte, erzählen Sie uns wie, Capitän Sin⸗ celair,“ ſagte Emma.„Sie glauben nicht, wie ſehr mich das intereſſirt.“. und mich auch, Capitän Sinclair,“ fügte Mary bei. 3 „Ih ſchätze mich ſehr glücklich, im Stande zu ſeyn, Ihnen einen Theil des etwas langweiligen Tages zu verkürzen, Miß Percival, und ich werde alſo mit mei⸗ ner Erzählung fortfahren.“ „Im Fort Dedroit lagen dreihundert Mann, als Pontiac mit einer großen Anzahl von Indianern dort ankam und unter den Wällen lagerte; aber er hatte ſeine Krieger ſo mit Weibern und Kindern vermiſcht und brachte ſo manche Gegenſtände des Tauſchhandels —— 73 mit, daß kein Verdacht gegen ihn geſchöpft wurde. Die Garniſon hatte noch nichts von der Einnahme der andern Forts gehört, welche bereits ſtattgehabt hatte. Die ungewöhnliche Anzahl von Indianern wurde zwar dem Major Gladwin, welcher das Fort befehligte, ge⸗ meldet; allein dieſer hatte keinen Argwohn. Pontiac ſchickte ein Schreiben an den Major, daß er wünſche, eine Unterredung mit ihm zu haben, und zwar zu dem Zwecke, die Freundſchaft zwiſchen den Indianern und den Engländern feſter zu knüpfen. Der Major Glad⸗ win willigte ein, und beſtimmte den nächſten Tag zum Eunpfange Pontiacs und der übrigen Häuptlinge im ort.“ „Es iſt zu erwähnen, daß Major Gladwin ein indianiſches Weib dazu verwendete, ihm ein paar in⸗ dianiſche Schuhe(Moccaſſins) von einem merkwürdig ſchön gezeichneten Felle eines Elenthiers zu fertigen. Das indianiſche Weib brachte ihm dieſe Moccaſſins mit dem Ueberbleibſel des Fells. Der Major war ſo erfreut darüber, daß er ihr den Auftrag gab, noch ein Paar Moccaſſins aus demſelben Felle zu fertigen, und er ſagte ihr, daß ſie die Ueberbleibſel des Fells für ſich behalten könne. Nachdem das Weib dieſen Auf⸗ trag erhalten hatte, ging ſie von dem Major weg, aber anſtatt das Fort zu verlaſſen, blieb ſie zögernd darin, bis ſie bemerkt und dann gefragt wurde, warum ſie nicht gehe. Sie erwiderte, daß ſie die Ueberbleibſel des Fells gern zurückgeben möchte, weil ſie von ſo großem Werthe ſeyen, und als dieſes ſeltſam erſchien, wurde ſie nochmals gefragt, und ſagte dann, wenn ſie mit dieſem Fell weggehe, ſo würde ſie nie mehr im Stande ſeyn, zurückzukehren. Major Gladwin ſchickte nach dem Weibe, damit er die Ausdrücke, welcher ſie ſich bedient hatte, ſelbſt hörte, und es war klar, daß ſie im Sinne habe, etwas mitzutheilen, daß ſie aber furchtſam ſey. Als ſie aber in die Enge getrieben, dann wieder ermuthigt und des Schutzes verſichert 5 8 74 worden war, eröffnete ſie dem Major Gladwin, daß Pontiac und ſeine Häuptlinge morgen unter dem Vor⸗ wande, mit ihm zu ſprechen, in das Fort kommen wür⸗ den, daß aber dieſelben die Läufe ihrer kurzen Flinten abgenommen hätten, um ſie unter ihren Blankets(lei⸗ nenen Kitteln) zu verbergen, und daß ihre Abſicht ſey, auf ein von Pontiac gegebenes Zeichen den Major Gladwin und alle, bei der Unterredung befindlichen Officiere zu ermorden, während die andern Krieger mit verborgenen Waffen unter dem Vorwande des Handels in das Fort kommen, die Garniſon angreifen und nie⸗ dermetzeln ſollten.“ 5 „Nachdem der Major Gladwin dieſe Eröffnung erhalten hatte, that er alles mögliche, um das Fort in Vertheidigungsſtand zu ſetzen und traf jede erdenkliche Vorſorge. Er machte ſeine Offtziere und Soldaten mit dem Vorhaben der Indianer bekannt, inſtruirte die Officiere, wie ſie ſich bei der Zuſammenkunſt zu beneh⸗ men haben, und die Garniſon, wie ſie die angeblichen Verkäufer behandeln ſolle. Als es zehn Uhr war, kam Pontiac mit ſechs und dreißig Häuptlingen und mit einem Gefolge von Kriegern zu der beſtimmten Unter⸗ redung in das Fort, und ſie wurden alle mit großer Artigkeit empfangen. Pontiac hielt die Anrede, und als er dazu kam, den Wampum ³⁹) zu überreichen und denſelben der Major in Empfang nehmen ſollte, was nach der Mittheilung des indianiſchen Weibes für die Häuptlinge und die Krieger das Signal war, das Nie⸗ dermetzeln zu beginnen, zogen der Major und ſeine Officiere ihre Degen halb aus den Scheiden, und die Soldaten erſchienen mit geladenen Musketen und auf⸗ gepflanzten Bajonneten außen vor dem Berathungs⸗ zimmer, vollkommen in Bereitſchaft. Pontiac, ſo tapfer *) Schmuck der Indianer aus Muſcheln und andern glän⸗ zenden Sachen beſtehend, die an dein Leibgürtel getragen und als Zeichen der Freundſchaft gegoben werden.— 3 . 8 75⁵ er war, wurde blaß und erkannte, daß er entdeckt ſey, und um weiteren Verdacht von ſich abzuwenden, en⸗ digte er ſeine Rede mit mehrfachen Verſicherungen der Verehrung der Engländer. Major Glad in ſetzte ihn, ſtatt ſeine Rede zu erwiedern, unmittelbar in Kenntniß, daß er von ſeinem mörderiſchen Vorhaben Kunde habe. Pontiac verneinte dieſes, aber der Major Gladwin ging auf den Häuptling zu, und indem er ſein Blan⸗ ket auf die Seite ſchob, zeigte er den kurzen Flinten⸗ lauf, und entließ Pontiac und die übrigen Häuptlinge, ohne ein Wort weiter zu ſprechen. Hierauf bedeutete Major Gladwin Pontiac, das Fort auf der Stelle zu verlaſſen, weil er außerdem nicht im Stande ſeyn würde, die Wuth der Soldaten zurückzuhalten, welche ihn und alle ſeine im Fort befindlichen Burſche nieder⸗ metzeln wollten. Pontiac und ſeine Häuptlinge war⸗ teten eine zweite Ermahnung nicht ab, ſondern eilten, ſo ſchnell als möglich zu dem Thor hinauszukommen.“ „War es von dem Major Gladwin klug, Pontiac und ſeine Häuptlinge fortzulaſſen, nachdem ſie in das Fort mit der Abſicht gekommen waren, ihn und ſeine Soldaten umzubringen? ſagte Heinrich Campbell,„hätte der Major nicht ein Recht dazu gehabt, ſie feſt zu halten?“. „Ich denke, daß er volles Recht hiezu gehabt hätte, und ſo meinte auch mein Onkel; aber Major Gladwin dachte anders. Er ſagte, daß er ihnen ein ſicheres Ge⸗ leit und Schutz zugeſagt habe, ehe er von ihrer Ver⸗ ſchwörung Kenntniß erhalten, und daß ihm ſeine Ehre niiht geſtatte, von einem gegebenen Verſprechen abzu⸗ gehen.“ .„edenfalls hatte der Major, wenn er irrte, auf der rechten Seite geirrt,“ bemerkte Alfred.„Ich denke ſelbſt, daß er zu gewiſſenhaft war, und ich an ſeiner Stelle würde einige, wenn auch nicht Pontiac ſelbſt, als Geißeln und Bürgen für das gute Benehmen der übrigen Stämme zurückbehalten haben.“ 76 „Die Folge zeigte, daß Major Gladwin klug ge⸗ handelt hätte, wenn er ſo gethan haben würde, wie Sie meinten. Denn am folgenden Tage machte Pon⸗ tiac, welcher durch die Güte des Majors Gladwin nicht entwaffnet war, einen wüthenden Angriff auf das Fort. Er bot alle mögliche Kriegsliſt dabei auf, aber der An⸗ griff wurde abgeſchlagen. Pontiac umzingelte hierauf das Fort, und, aller Unterſtützung beraubt, hatte die Garniſon große Noth zu ertragen. Doch ich muß nun abbrechen, weil wir jetzt an den drei Flüſſen ſind, wo wir dieſe Nacht zubringen müſſen. Ich hoffe, daß Sie Ihr Lager nicht zu unbequem finden werden, Mrs. Campbell, und ich fürchte, daß Sie es, je weiter wir kommen, um ſo ſchlimmer finden werden.“ 3 „Darauf ſind wir vollkommen vorbereitet, Capitän Sinclair,“ entgegnete Herr Campbell,„denn meine Gattin und meine Nichten haben zu viel geſunden Sinn, als daß ſie in den Wildniſſen von Canada Londons Gaſthöfe erwarten ſollten.“ 5. 8 Das Fahrzeug war nun am Ufer und die Geſell⸗ ſchaft landete in dem verpaliſadirten kleinen Dorfe der drei Flüſſe. 3 3 Achtes Kapitel. Capitän Sinclair hatte geſagt, daß ſie am folgen⸗ den Tage eine ſtärkere Tagereiſe zu machen hätten, daß ſie, ſo früh als möglich, bei Aufgang der Sonne, auf⸗ brechen wollten, und in einer halben Stunde hatte Alles gefrühſtückt und war in den Booten. Schon mehrmals hatten ſich im Strome die Segel gehoben, aber der Wind war flau. Herr Campbell fragte, wie weit ſie an dieſem Tage zu reiſen hätten. 8 „Nahe an fünfzig Meilen, wenn es möglich iſt,,“ — ⁴——— 77 entgegnete Capitän Sinclair.„Wir haben zwei und ſie⸗ benzig Meilen in den zwei erſten Tagen gemacht, aber von hier nach Montreal iſt es neunzig, und ich fürchte, den größten Theil des Tags über zuzubringen um daß wir an einer Lichtung halten werden müſſen, die wir kennen und die ich für ſicher halte. Ich bedaure, ſagen zu müſſen, daß Sie ſich auf Ihre Zelte und Ihre eige⸗ nen Bette für dieſe Nacht werden verlaſſen müſſen, in⸗ dem keine Wohnung auf dieſer Seite des Fluſſes, die wir erreichen könnten, groß genug iſt, uns aufzunehmen.“ „Kümmern Sie ſich nicht, Capitän Sinclair, wir werden ganz wohl ſchlafen, entgegnete Mrs. Camp⸗ bell;„aber wo wird der übrige Theil ſchlafen? für die iſt ja nur ein Zelt da„.. „O, kümmern Sie ſich um die Uebrigen nicht, wir ſind an ſo etwas gewöhnt und Ihre Herren werden ſich auch nicht darum kümmern; Alles ſchläft in den Fahr⸗ zeugen, ein Theil iſt am Feuer, ein Theil wacht, und es ſchläft alſo nicht Alles.“ Nach einer weitern Unterredung ſagte Mary Per⸗ cival zu Capitän Sinclair:. „Wie ich glaube, haben Sie, Capitän Sinclair, Ihre Erzählung von Pontiac nicht ganz beendet, als Sie dieſelbe geſtern da abbrachen, als das Fort De⸗ droit blockirt wurde. Wollen Sie uns durch die Er⸗ zählung deſſen, was ſich weiter ereignete, verpflichten?“ „ Mit dem größten Vergnügen, Miß Percival. Es war ſehr ſchwierig, das Fort zu unterſtützen, weil alle Verbindung abgeſchnitten war; zuletzt ſandte der Gou⸗ verneur ſeinen Adjutanten, Capitän Dalyell, welcher den Anſchlag hegte, ſich ſelbſt mit zweihundert und fünf⸗ zig Mann in das Fort zu werfen; dieſer machte, kurz auf einander, mehrere Angriffe auf die Lager der In⸗ dianer, aber Pontiac hatte Nachricht von ſeinem Vor⸗ haben erhalten, legte ihm einen Hinterhalt, brachte den Truppen große Verluſte bei, und Dalyell fiel in einem Gefechte, welches nahe bei einer Brücke ſtatt hatte, die noch die Bloodybrücke genannt wird. Pontiac ſchnitt den Kopf des Capitäns Dalyell ab und ſteckte ihn auf einen Pfahl.“ 4 „Das iſt zu viel für Major Gladwins außeror⸗ dentliches Ehrgefühl!“ rief Alfred aus,„hätte er Pon⸗ tiac als einen Gefangenen zurückgehalten, ſo hätte die⸗ ſes Alles nicht ſtattgefunden.“ „Ich pflichte Ihnen bei, Herr Alfred,“ entgegnete Capitän Sinclair.„Es hieß in der That einen Wolf los laſſen, aber Major Gladwin war in der Meinung, recht zu handeln, und er kann daher nicht getadelt wer⸗ den. Nach dieſer Niederlage war die Entſetzung ſchwie⸗ riger als je, und die Garniſon litt ſchrecklich. Verſchie⸗ dene Schiffe, welche zur Unterſtützung derſelben ausge⸗ ſchickt worden waren, fielen in Pontiacs Hände und dieſer behandelte die Mannſchaft wahrhaft grauſam. Die Beſatzung litt durch das beſtändige Wachen und den Man⸗ gel an Lebensmitteln, und war den größten Entbehrun⸗ gen preisgegeben. Zuletzt kam ein Schooner mit Unter⸗ ſtützung, und dieſen griff Pontiac, wie gewöhnlich, mit. ſeinen Kriegern in ihren Canoes an. Der Schooner war gezwungen, Reißaus zu nehmen, aber die Indianer ver⸗ folgten ihn, und ihr unaufhörliches Feuern verwundete faſt die ganze Mannſchaft am Borde, bis zuletzt der Schooner geentert und genommen wurde. Als ſie an den Schiffswänden und an den Schiffskanonen herauf⸗ kletterten, befahl der Capitän des Schiffs, der ein ſehr entſchloſſener Mann war und den feſten Vorſatz hatte, in die Hände der Indianer nicht zu fallen, einem Ka⸗ noniere, Feuer in das Magazin zu werfen und ſo Alles in die Luft zu ſprengen. Dieſen Befehl hörte einer von Pontiacs Häuptlingen, der engliſch verſtand, rief ih den andern Indianern zu und ſprang vom Schiffe. Die andern Indianerz folgten ihm und eilten in ihre Canoes, oder ſchwammen ſo ſchnell als möglich vom Schiffe weg. Der Capitän benützte den günſtigen Wind und gelangte wohlbehalten an das Fort, ſo wurde die Garniſon un⸗ 79 1 terſtützt, ſo wurde die ganze Garniſon durch den Muth dieſes einzigen Mannes vom Untergange gerettet.“ „Sie ſagen, daß Pontiac nun todt ſey, und Mar⸗ tin Super erzählte es uns ohnlängſt auch. Wie iſt er umgekommen, Capitän Sinclair?“ fragte Mrs. Campbell. „Er wurde durch einen Indianer getödtet, aber es iſt ſchwer zu ſagen warum. Vor vielen Jahren hatte er mit uns Freundſchaft geſchloſſen, und eine ſehr frei⸗ gebige Penſton von der Regierung erhalten; aber es ſcheint, daß ſein Haß gegen die Engländer wieder er⸗ wachte und daß er bei einer von den Indianern gehal⸗ tenen Berathung den Vorſchlag machte, uns aufs Neue anzugreifen. Nachdem er geſprochen hatte, ſtieß ihm ein Indianer ſein Meſſer in das Herz, aber es iſt ſchwer zu beſtimmen, ob die That einem Privathaſſe, oder der Abſicht zuzuſchreiben iſt, die Wiederholung eines Krieges zu vermeiden, der die Stämme ſchon ſo ſehr zuſammen⸗ geſchmolzen hatte. Eines iſt gewiß, daß der größte Theil der Abneigung der Indianer gegen die Englän⸗ der mit ihm zu Grabe gegangen iſt.“ „Ich danke Ihnen, Capitän Sinclair,“ ſagte Mary Percival,„daß Sie uns dieſe ſchreckliche Geſchichte er⸗ zählt haben. Pontiacs Leben iſt ein ſehr intereſſantes.“ „ In ſeinem Charakter iſt viel zu bewundern und viel zu bedauern, und wir dürfen die Indianer nicht zu ſtrenge beurthetlen. Er war geſchaffen, um zu be⸗ fehlen, er beſaß großen Muth und große Geſchicklichkeit in allen ſeinen Anordnungen, und er hatte den Takt, all die See⸗Stämme der Indianer zuſammenzuhalten, was keine leichte Aufgabe war. Daß er das Streben hatte, uns aus dieſen Ländern zu vertreiben, als deren Souverain er ſich, und wahrhaft mit Recht, betrachtete, iſt nicht zu wundern, beſonders da unſere Anmaßungen täglich wuchſen. Der größte Fehler ſeines Charakters war in unſern Augen ſeine Verrätherei, aber wir müſſen bedenken, daß die ganze Art der Indianer, Krieg zu führen, auf Kriegsliſt gebaut iſt.“ 3 „Daß er das Fort angriff, nachdem er, obgleich ſeine Abſicht bekannt war, ſo großmüthig entlaſſen wor⸗ den, iſt in der That ſehr niedrig;“ bemerkte Mrs. Campbell. 3— „Was wir als großmüthige Entlaſſung betrachten, hielt er wahrſcheinlich für Thorheit und Schwäche. Die Indianer haben im Kriege keine Idee von Großmuth. Wäre Pontiac erſchoſſen worden, ſo würde er muthig geſtorben ſeyn, und er hatte keine Idee davon, daß, weil Major Gladwin es für unehrbar hielt, ihm das Leben zu nehmen, er darum verpflichtet ſey, uns im Beſitze ſeines Landes zu laſſen. Wenn wir aber den Charakter der Indianer betrachten, ſo iſt die Verrätherei kein Be⸗ ſtandtheil derſelben, der ausgenommen im Kriege, und es iſt nicht zu bezweifeln, daß ſie zu jeder andern Zeit gaſtfreundlich und gut ſind, wie ſie ſelbſt verſichern, was zu Ihrer Beruhigung dienen mag. Es iſt zu bedauern, daß ſie keine Chriſten ſind. Es ſollte gewiß eine große Verbeſſerung eines Charakters herbeiführen, welcher in ſeinem unaufgeklärten Zuſtande noch ſo viel Bewun⸗ derungswürdiges hat.“ Wenn die Form der Anbetung und des Glaubens einfach iſt, hat es ſeine Schwierigkeit, Convertiten zu machen, und der Indianer iſt ein klarer Denker. Ich hatte einmal eine Unterredung über dieſen Gegenſtand mit einem der Häuptlinge. Nachdem wir einige Zeit geſprochen hatten, ſagte er:„„Sie glauben an einen Gott— das thun wir auch; Sie geben ihm einen Na⸗ men,— wir geben ihm einen andern, wir ſprechen nicht dieſelbe Sprache, das iſt der Grund. Sie ſagen: wenn ihr Gutes thut, ſo geht ihr in das Land des gu⸗ ten Geiſtes ein— ſo ſagen auch wir. Die Indianer und die Nankees(das iſt die Engländer) beide verſuchen, daſſelbe Ziel zu erreichen, obgleich ſie nicht denſelben Weg einſchlagen. Ich denke aber, daß es viel beſſer iſt, wenn wir alle nicht mit einander gehen, wenn viel⸗ 84 mehr jeder Mann ſein eigenes Cannoe rudert. Das ſind meine Gedanken.“ „Es iſt, wie Sie ſagen, Capitän Sinclair, ſchwer, mit Männern zu disputiren, welche ſo ſcharf ſehen und ſo praktiſch in ihren Ideen ſind,“ ſagte Mrs. Campell. „Nichtsdeſtoweniger muß ein falſcher Glaube oft auf falſche Wege führen, und was an dem Charakter der Indianer achtungswerth iſt, wird durch Annahme der chriſtlichen Principien und der chriſtlichen Hoffnungen erhoben und geſteigert werden; ſo muß ich immer denken, daß es wahrhaft wünſchenswerth iſt, daß die Indianer Chriſten werden. Und ich vertraue, daß bei vorſichtigen und überdachten Maßregeln ein ſolches Re⸗ ſultat nach und nach herbeigeführt werden kann.“ Es war zwei Stunden vor Sonnenuntergang, als ſie bei der Stelle ankamen, an welcher ſie dieſe Nacht zubringen wollten; ſie landeten und alle Soldaten wa⸗ ren beſchäftigt, das Zelt auf einem der drei Hügel auf⸗ zuſchlagen, während Andere Holz ſammelten, um Feuer anzuſchüren. Martin Super brachte bald die Bettge⸗ räthſchaften und legte ſie, durch Alfred und Heinrich unterſtützt, in das Zelt. Capitän Sinclairs Flaſchen⸗ keller lieferte hinreichende Artikel, um Thee zu machen, und in weniger als einer halben Stunde war der Keſ⸗ ſel über dem Feuer. Sobald ſie an dieſen Erfriſchungen und an dem Inhalte eines von den drei Flüſſen mit⸗ genommenen, mit Nahrungsmitteln verſehenen Korbes Antheil genommen hatten, zogen ſich die Damen zurück, um ſchlafen zu gehen. Zur Sicherung gegen irgend einige Eindringlinge ſtellte Capitän Sinclair Schildwachen an verſchiedenen Stellen aus, und der übrige Theil der Truppen mit den andern männlichen Reiſegefährten lagen um ein großes Feuer, welches aus zwei oder drei Baumſtäm⸗ men angeſchürt war und mehrere Ellen hoch in die Höhe flackerte. In kurzer Zeit war Alles ſtille und Die Anſiedler in Canada. 6 deln. Die franzöſiſchen 82 Alle waren eingeſchlafen, mit Ausnahme der Schildwa⸗ chen, des Sergeanten, des Korporals und des Capitäns* Sinclair, welche ſich gegenſeitig ablösten. Die Nacht ging ohne alle Störung vorüber, und am folgenden Morgen ſchifften ſie ſich wieder ein und ſetzten ihre Reiſe fort. Vor Sonnenuntergang kamen ſie in der Stadt Montreal an, wo ſie den getroffenen Anordnungen zufolge einen Tag halten ſollten. Herr„ Campbell hatte hier einige Einkäufe zu machen und er hatte im Sinne, ſich zwei der kleinen canadiſchen Pferde anzuſchaffen, doch nach den Bemerkungen des Capitäns Sinclair gab er dieſen Gedanken auf. Capitän Sin⸗ clair bemerkte ihm nämlich, daß er weder Heu noch andere Nahrungsmittel für die Thiere habe und daß ſie ihm alſo während des erſten Jahres viele Ausgaben machen würden, ohne von großem Nutzen für ihn zu ſeyn, und daß ferner aller Wahrſcheinlichkeit nach, wenn die Garniſon des Forts Frontignac im folgenden Jahre abgelöst werde, die Offiziere erfreut ſeyn würden, ihre Pferde um einen geringeren Preis zu⸗verkaufen, als dieſe in Montreal koſten würden. Sie hatten ein Em⸗ pfehlungsſchreiben an den Gouverneur und wurden mit aller Aufmerkſamkeit empfangen. Die Bevölkerung war ſchon ziemlich franzöſiſch, und viele von den Einwoh⸗ nern kamen aus Zuvorkommenheit, oder um ihre Neu⸗ gierde zu ſtillen, herbei. Die franzöſiſchen Damen zuckten die Achſeln und riefen aus:„est-il possible?“ als ſie hörten, daß die Campbells bereit ſeyen, nach einer ſo fernen Stelle abaugehen und ſich dort anzuſie⸗ entlemen ſagten den Miß Campbells, daß es ein großes Opfer ſey, ſolche Schön-⸗ heit in der Wildniß zu begraben; allein was ſie ſagten, machte wenig Eindruck auf irgend Jemand. Capitäan Sinclair machte das Anerbieten, noch einen Tdag zu bleiben, wenn Herr Campbell es wünſche; dieſer ſehnte ſich aber im Gegentheile ſo bald als möglich an ſeinem Beſtimmungsorte anzukommen, und ſo ſchifften ſie ſich 8⁵ am folgenden Morgen wieder ein, indem ſie noch drei⸗ hundert und ſechzig Meilen längs des Fluſſes hinauf⸗ zufahren hatten. Es würde zu viel Raum wegnehmen, wenn ich alles das erzählen wollte, was ſich während dieſer ſchwierigen Bergfahrt ereignete; aber ſie waren hie und da gezwungen, zu landen und die Schiffsladun⸗ gen aus den Booten zu tragen; ein oder zwei Fahrzeuge waren mit ihrer großen Laſt aufgeſeſſen und ihre Ent⸗ behrungen wuchſen mit jedem Tage ihrer Reiſe. Ich habe zu viel zu erzählen, als daß ich auf dieſe Gegen⸗ ſtände eingehen könnte, beſonders da ihre Einzelnheiten das Intereſſanteſte ſind, und ich will mich damit be⸗ gnügen, zu ſagen, daß ſie nach ſechzehn Tagen, in wel⸗ chen ſie mit mancher Gefahr zu kämpfen hatten, ſo er⸗ müdet wurden, und von den Stichen der Musquitos, welche ſie bei Nacht überfielen, ſehr zu leiden hatten, wohlbehalten bei Fort Frontignac landeten und von dem Kommandanten mit wahrhafter Aufmerkſamkeit empfangen wurden, indem derſelbe Briefe von dem Gouverneur zu Quebee erhalten hatte, die ihn aufſor⸗ verten, ihnen alle mögliche Hülfe zu leiſten. Der Kom⸗ mandant, Oberſt Forſter, zeigte dem Herrn Campbell und ſeiner Familie die Zimmer, welche für ſie herge⸗ richtet worden, und nun waren ſie zum erſtenmale hri ſo vielen Tagen allein und für ſich ſelbſt. Nach einer kurzen Unterredung, in welcher ſie über die Güte ſpra⸗ chen, mit welcher ſie aufgenommen worden, und über die Schwierigkeiten, welche ſie auf ihrer langen und beſchwerlichen Reiſe von Quebec aus beſtanden hatten, bemerkte Herr Campbell: „Mein theures Weib und meine theuren Kinder, wir haben verſchiedene bedeutende Zufälle zu beſtehen gehabt, es hat dem Allmächtigen gefallen, uns wohlbe⸗ halten über die ungeſtüme See zu führen, unſern Geiſt zu erheben, indem er uns unerwartet Freunde und Unterſtützung ſchickte, und wir ſind nun nur noch we⸗ nige Meilen von dem Orte unſerer Beſtimmung. 84 Aber laßt uns nicht glauben, daß unſere Gefahren und Schwierigkeiten beendigt ſeyen. Im Gegentheil, ohne daß ich wünſche, Euch verzagt zu machen, ich fühle, daß dieſe nun erſt beginnen werden. Wir haben man⸗ ſcher Entbehrung, mancher Anſtrengung und vielleicht auch mancher Gefahr entgegenzuſehen, bevor wir in Sicherheit und in Gemächlichkeit leben können; aber wir müſſen unſer Vertrauen in die Vorſehung ſetzen, welche uns bisher ſo gnadenreich bewahrt hat, und wir müſſen, wenn wir auch auf unſere eigene Kraft und unſere eigene Hülfe bauen müſſen, von der Hülfe Got⸗ tes begleitet werden. Es iſt lange her, daß wir ein Unglück gehabt, von dem wir uns jedoch wieder erholt haben. Laßt uns dieſes Unglück ergreifen, um unſern Dank auszuſprechen gegen Gott für das ſtets gnädige Willfahren unſerer Bitten, und laßt uns flehen, daß er uns ferner ſeinen Schutz gewähre. Gerade in der Wildniß laßt uns auf ihn bauen, ihm vertrauen und ihn immer in unſern Gedanken bewahren. Wir müſſen ſtets in unſerem Sinne tragen, daß dieſes irdiſche Le⸗ ben bloß eine Pilgerſchaft, daß, wenn ſeine Dauer kurz iſt, wenn wir mit Trübſalen oder mit Leiden zu käm⸗ pfen haben, dieſes ein Zweck und unzweifelhaft zu un⸗ ſerem Beſten iſt. Dieß iſt unſere Weisheit ſowohl, als unſere Pflicht, daß wir uns dem geduldig unterwerfen, was über uns kommen mag, daß wir nie unſern Muth verlieren oder zaghaft werden im Dulden, ſondern viel⸗ mehr auf Seine Barmherzigkeit und Seine Macht ver⸗ trauen, der, wenn er es für gut findet, uns von allem Uebel befreien wird und befreien kann.“ Herr Camp⸗ bell kniete jetzt nieder und um ihn her ſeine Familie, und in einem inbrünſtigen, tiefgefühlten Gebete ſprach er ſeinen Dank gegen die an ihm bewährte Barmher⸗ zigkeit und ſeine demüthige Bitte um fernere Hülfe aus. So beredt und ſo kraftvoll waren ſeine Worte, daß die Thränen aus den Augen ſeiner Gattin und ſei⸗ ner Nichten rannen, und als er geendet hatte, da wa⸗ ¹ * 8⁵ ren die Herzen Aller ſo voll, daß ſie ſich ohne ein wei⸗ teres Wort, nachdem ſie ſeinen Segen empfangen und einander gute Nacht gewünſcht hatten, nach ihren La⸗ gerſtätten zurückzogen. Neuntes Kapitel. Die Geſellſchaft war, nachdem ſie einmal wieder auf guten Betten geſchlafen hatte, ſo erfriſcht, daß Alle ſehr früh auf und angekleidet waren. Kurz nach ſieben Uhr befanden ſich Alle auf dem Wall des Forts ver⸗ ſammelt, von wo ſie die Landſchaft überſahen, die wahrhaft ſchön und maleriſch war. Vordem, ſo er⸗ zählte man ihnen, war der See breit, ein Binnenſee, der ſich am Horizont verlor, nun ganz ruhig und nahe an den Ufern mit kleinen Eilanden bedeckt, die, voll grünen Laubs, auf dem glänzenden Waſſer zu ſchwim⸗ men ſchienen; weſtwärts und gerade gegenüber waren die glänzenden Zugehörungen des Forts, in einiger Entfernung rückwärts die Wälder; eine Heerde Rind⸗ vieh graſ'te auf einem Theile des cultivirten Landes; ein anderer Theil deſſelben war durch ein ſchlangen⸗ artiges Gehege vertheilt, welches ihn begränzte, und war angebaut. Hier und da ſah man ein hölzernes Haus, was zum Schutze für das Vieh während des Winters diente, und in der Entfernung von einer hal⸗ ben Meile war ein kleines Fort, mit hohen Palliſaden umgeben, welches für die mit der Bewachung des Rindviehs Beauftragten im Falle der Gefahr oder des Ueberfalls als Rückzug und Sicherheitsort diente. Nahe an dem Fort goß ein reißender Strom, der jetzt, indem er austrat, ſeine Ufer erfriſchte, ſeine Waſſer in den See, in ſeinem Laufe eine Menge Geſträuche mit ſich führend. Die Sonne ſchien glänzend, die Spechte flo⸗ 86 gen von Baum zu Baum, oder auf die Geländer der Gehege, der Königsfiſcher flatterte über dem reißenden Strom auf und nieder, und das Zwitſchern und die wilden Rufe anderer verſchiedener Vögel ließ ſich von allen Seiten hören. „Das iſt wahrhaft ſchön, nicht wahr,“ ſagte Mrs. Campbell.„Gewiß kann das Ungemach, in einer Ge⸗ gend, gleich dieſer, zu leben, nicht ſo groß ſeyn.“ „Wenn es immer ſo wäre, dann vielleicht, Ma⸗ dame, ſagte Oberſt Forſter, welcher ſich der Geſellſchaft angeſchloſſen hatte, als Mrs. Campbell dieſe Bemerkung machte.„Aber das Canada im Monat Juni iſt unge⸗ heuer von dem Canada im Monat Jänner verſchieden. Daß wir unſer Leben eintönig in dieſem Fort, in wel⸗ chem wir von der übrigen Welt abgeſchieden ſind, fin⸗ den, gebe ich zu, und die Winter ſind ſo lang und ſo ſtreng, daß ſie unſere Geduld erſchöpfen, aber ein Sol⸗ dat muß ſeine Pflicht thun, und darf unter den Tro⸗ pen nicht ſchwitzen, in den Wildniſſen Canadas nicht frieren. Ich kenne kein angenehmeres Leben, als wenn die Gefahr ſich uns naht und wenn ich das angenehme Gefühl der Aufregung empfinde, welches für einen Au⸗ genblick eintritt. Ich habe mit Capitän Sinclair ge⸗ ſprochen, Herr Campbell, und finde, daß Sie, bevor der kurze Sommer herum iſt, zu viel zu thun haben, wenn Sie bis zum kommenden Winter fertig ſeyn wol⸗ len, mehr, als Sie mit Ihren beſchränkten Mitteln leiſten können. Ich ſchätze mich glücklich, daß die von dem Gouverneur mir ertheilte Inſtruktion mir erlaubt, zu Ihren Dienſten zu ſtehen. Ich ſchlage vor, daß die Damen hier bleiben ſollen, während Sie mit der Hülfe, die ich Ihnen leiſten kann, nach Ihrem Gute abgehen und Alles für deren Aufnahme vorbereiten.“ „Tauſend Dank für Ihr gütiges Anerbieten, Oberſt; aber nein, nein, wir wollen alle zuſammen gehen!“ unterbrach ihn Mrs. Campbell.„Wir können nützlich ſeyn, und wir wollen im Zelte bleiben, bis das Haus —— 87 gebaut iſt. Sagen Sie nicht ein Wort mehr, Oberſt Forſter! Das iſt beſchloſſen; obgleich ich Ihnen meinen Dank für Ihr gütiges Anerbieten wiederhole.“ „Wenn das der Fall iſt,“ entgegnete Oberſt For⸗ ſter,„habe ich nur zu bemerken, daß ich eine Abthei⸗ lung von zwölf Soldaten abſenden werde, die ich wohl auf wenige Wochen entbehren kann, um Sie in Ihren Arbeiten zu unterſtützen. Ihre Belohnung wird Ihnen keine große Koſten verurſachen. Capitän Sinclair hat ſich freiwillig erboten, den Befehl darüber zu führen.“ „Den innigſten Dank, Sir,“ ſagte Herr Campbell, „und da wir, wie Sie wiſſen, keine Zeit zu verlieren haben, ſo wollen wir, mit Ihrer Erlaubniß, morgen früh abreiſen.“ „Gewiß kann ich Ihnen davon nicht abrathen,“ entgegnete der Commandant,„obwohl ich hoffte, daß ich das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft etwas länger haben würde. Sie wiſſen, daß ich von dem Gouverneur die Weiſung habe, Sie mit Rindvieh aus unſerem eigenen Stalle zu einem billigen Preiſe zu verſehen, ich habe daher nur noch zu ſagen, daß Sie nach Ihrem Belie⸗ ben auswählen mögen.“ „Und ich,“ ſagte Capitän Sinclair, der ſich mit Mary Percival unterhalten hatte, und nun ſich an Herrn Campbell wendete,„ich habe eine andere Sammlung für Sie bei meinen Kameraden hinſichtlich eines Gegen⸗ ſtandes veranſtaltet, mit welchem Sie ſich nicht ver⸗ ſehen haben, den Sie aber ſehr nützlich, ich möchte ab⸗ ſolut nothwendig ſagen, finden werden.“ „Was mag das ſeyn, Capitän Sinclair?“ ſagte Herr Campbell. „Eine Auswahl von Hunden von jeder Gattung. Ich habe ein Rudel von fünfen, und obwohl ſie bei weitem nicht ſo ſchön ſind, als Ihre netten Hunde in England, ſo werden Sie doch finden, daß ſie der Ge⸗ gend ganz angemeſſen ſind und ihre Schuldigkeit voll⸗ kommen thun. Ich habe einen Hühnerhund, eine Dogge, 88 zwei Dachshunde und einen Fuchshund. Alle zuſamnien ſehr muthig und bereit, Panther, Wölfe, Luchſe, ſogar auch einen Bären anzufallen, wenn es erfordert wird.“ „Das iſt ein ſehr werthvolles Geſchenk,“ entgegnete Herr Campbell,„und ich ſage Ihnen meinen aufrichti⸗ gen Dank.“ „Sie werden beſſer thun, die Kühe auszuſuchen, ehe Sie gehen, Sie müßten denn vorziehen, daß ich es für Sie thue,“ bemerkte Oberſt Forſter.„Sie ſollen in ein oder zwei Tagen hinübergetrieben werden, denn ich vermuthe, daß die Damen wünſchen werden, Milch zu haben. Bei meinem Leben, Herr Campbell, ich muß Sie in ein Geheimniß einweihen. Die wilden Zwie⸗ beln, welche in ſo großer Menge in dieſer Gegend wachſen und welche das Rindvieh ſo gerne frißt, geben der Milch einen ſehr unangenehmen Geſchmack, Sie können dieſen entfernen, wenn Sie die Milch ſieden, ſobald ſie von den Kühen gemolken wurde!⸗ „Meinen Dank, Oberſt, für Ihre Belehrung,“ entgegnete Herr Campbell,„denn ich habe kein beſon⸗ deres Verlangen, den Geruch von Zwiebeln in der Milch zu haben.“ 3 Das Abrufen zum Frühſtück brach dieſe Unterhaltung ab. Während des Tages waren Heinrich und Alfred, unterſtützt von Capitän Sinclair und Martin Super, emſig bemüht, die beiden Fahrzeuge mit Vorräthen, Zelten, verſ iedenen Kiſten und Linnen und andern Be⸗ dürfniſſen, welche ſie mit ſich gebracht hatten, zu bela⸗ den. Herr und Mrs. Campbell waren mit den Mäd⸗ chen ebenſo fleißig, die zum unmittelbaren Gebrauch bei ihrer Ankunft auf ihrer Länderei nothwendigen Ge⸗ genſtände auszuwählen und einzupacken. Da ſie ſehr ermüdet waren, eilten ſie, früh zu Bette zu gehen, da⸗ mit ſie am folgenden Morgen bald zur Einſchiffung be⸗ reit ſeyen; und nach dem Frühſtücke, welches der gefal⸗ lige Oberſt und die andern Offiziere gegehen hatten, gingen ſie an das Ufer des Sees und ſchifften ſich in 89 dem Boote des Commandanten, welches für ſie herge⸗ richtet worden war, mit Capitän Sinclair ein. Martin Super, Alfred und Heinrich kamen mit den fünf Hun⸗ den auf die beiden Fahrzeuge, welche mit dem Corpo⸗ ral und den 12 Soldaten bemannt waren, die der Com⸗ mandant Herrn Campbell mitgab. Das Wetter war wunderſchön, und ſie fuhren beſten Muthes ab. Die Entfernung zu Waſſer war nicht mehr als drei Meilen, während ſie zu Land faſt fünf iſt, und in einer halben Stunde liefen ſie in die Bucht ein, an welcher die Be⸗ ſitzung lag. „Das iſt alſo das Land, Mrs. Campbell, welches Ihre zukünftige Reſidenz ſeyn wird;“ ſagte Capitän Sinclair, mit ſeiner Hand deutend.„Sie bemerken, wo der Bach in den See mündet, das iſt Ihre öſtliche Gränze, das Land auf der andern Seite iſt das Eigen⸗ thum des alten Jägers, von dem wir geſprochen haben. Sie ſehen das kleine hölzerne Haus, nicht viel größer, als eine indianiſche Hütte und das Stück mit india⸗ niſchem Korn, das da auf dem Grund hervortritt, der mit einem Gehege eingefaßt iſt. Dieſes Stück Land ſcheint für ihn von keinem Nutzen zu ſeyn, da er kein Rindvieh irgend einer Art hat, wenn es nicht in das Gebüſch getrieben worden iſt; aber ich denke, unſer Mann ſagt, daß er die Jagd ausſchließend liebe, und daß er ein indianiſches Weib habe.“ „Gut,“ ſagte Emma Percival lachend,„auf eine weibliche Geſellſchaft hatten wir ganz und gar nicht ge⸗ rechnet. Wie heißt der Mann?“ „Mallachi Bone,“ erwiederte Capitän Sinclair. „Ich vermuthe, Sie erwarten, daß Mrs. Bone Sie zuerſt beſucht.“ „Sie muß es auch thun, wenn ſie die Gebräuche der Welt kennt,“ entgegnete Emma.„Doch wenn ſie es nicht thut, dann werde ich, wie ich denke, die Ce⸗ remonieen bei Seite ſetzen und hingehen, ſie zu beſuchen. 90 Ich bin ſehr neugierig darauf, mit einer indianiſchen Dame Bekanntſchaft zu machen.“ „Sie werden ſehr erſtaunt ſeyn, mich ſo ſprechen zu hören, Miß Emma; aber ich verſichere Sie, trotz dem, daß ich ſie nie geſehen habe, daß ſie dieſelbe wohl⸗ gezogen finden werden. Alle indianiſchen Weiber, deren Charakter aus Einfachheit und Zurückhaltung zuſammen⸗ geſetzt iſt, ſind es. Halte das Boot mehr rechts, Selby, wir wollen hart an dem kleinen Hügel landen!“ Das Boot des Commandanten hatte ſehr gut ge⸗ fahren und war vor den andern Fahrzeugen eine lange Strecke voraus. Einige Minuten ſpäter waren ſie Alle ausgeſchifft und ſtanden auf dem Hügel, ihr neues Ei⸗ genthum überſehend. Eine Abtheilung von ohngefähr dreißig Morgen, welche ſich längs der Ufer des Sees hinzog, war eine natürliche Prairie, oder eine mit kur⸗ zein, ſchönem Graſe bewachſene Wieſe; das Land un⸗ mittelbar hinter der Wieſe war auf dreihundert Ellen weit mit Buchholz bedeckt, und an dieſes reihte ſich eine dunkle und undurchdringliche Stirn von hohen Bäumen — an, welche die Ausſicht der Landſchaft beſchränkten. Das Gut des alten Jägers jenſeits des Baches enthielt die⸗ ſelbe Abtheilung von natürlicher Wieſe, und war in gewiſſer Beziehung nur eine Fortſetzung des dem Herrn Campbell gehörigen Theils. „Gut,“ ſagte Martin Super, ſobald er zu der Ge⸗ ſellſchaft auf dem Hügel kam, denn die Fahrzeuge waren jetzt angekommen.„Gut, ich ſehe, Herr Campbell, daß Sie im Begriff ſind, dieſes Grasſtück zu betrachten; es wird nicht wenig Hiebe koſten, bis die Art den Wald gelichtet hat, welcher dort hinten liegt. Der iſt ein großes Gut für einen neuen Anſiedler.“ „Ich meine ſo, Martin,“ erwiederte Herr Campbell. „Gut, Sir, nun fangen Sie, ſobald es Ihnen be⸗ liebt, zu arbeiten an, denn ein Tag iſt ein Tag, und darf nicht verloren werden. Ich will mit fünf oder ſechs Männern, welche mit der Art umgehen können, 4 4 91— in den Wald gehen und das Fällen des Holzes begin⸗ nen, während Sie und der Capitän dort entſcheiden, wohin das Haus kommen ſoll; die andern Soldaten können jetzt die Zelte für die Nacht aufſchlagen, denn Sie dürfen nicht erwarten, vor dem nächſten Vollmond ein Haus über ihren Häuptern zu ſehen.“ In einer Viertelſtunde war Alles in Bewegung. Heinrich und Alfred ergriffen ihre Art, folgten Martin Super und halfen den Soldaten; die andern waren be⸗ ſchäftigt, die Ladung auszuſchiffen und die Zelte aus⸗ zuſpannen, während Capitän Sinclair und Herr Camp⸗ bell die Gegend unterſuchten, um den Platz für das Haus auszuwählen. Mrs. Campbell blieb ſitzend auf dem Hügel zurück und überwachte die Ausſchiffung des Gepäcks, und Percival brachte ihr nach ihrer Anweiſung die Gegenſtände, welche zum unmittelbaren Gebrauche erforderlich waren. Mary und Emma Percival, von John begleitet, gingen, da ſie jetzt zu nichts anderem beſtimmt waren, gegen den Fluß und dem Walde zu. „Ich wollte, ich hätte meine Schachtel bei mir;“ ſagte John, welcher das fließende Waſſer gewahrte. „Warum vermiſſeſt Du Deine Schachtel, John?“ ſagte Mary. „Wegen meiner Angeln, die darin find,“ entgeg⸗ nete John. „Warum? Siehſt Du Fiſche in dieſem kleinen Waſ⸗ ſer?“ ſagte Emma. „Ja,“ erwiederte John, indem er voran lief. Mary und Emma folgten ihm, und nun ſtand er ſtill, eine ihm unbekannte Blume zu pflücken. Als ſie John ein⸗ holten ſtand er unbeweglich und deutete auf eine Figur auf der andern Seite des Waſſers, welche feſt und re⸗ gungslos ſtand, wie er ſelbſt. Die beiden Mädchen ſtanden ſtill und gewahrten einen Mann in Thierfelle gekleidet, der ſich auf eine lange Flinte lehnte und ſeine Augen auf ſie richtete. Sein Geſicht war braun und 9² wetterfarbig und ſo dunkel, daß es ſchwer war, zu ſagen, ob er von indianiſcher Abſtammung ſey oder nicht. „Das muß der Jäger ſeyn, Emma,“ ſagte Mary Percival;z„er iſt nicht wie die Indianer gekleidet, welche wir in Quebee ſahen.“ „Er muß es ſeyn,“ entgegnete Emma,„wollen wir nicht mit ihm ſprechen?⸗ „Wir wollen warten und zuſehen,“ verſetzte Mary. Sie warteten eine Minute und noch länger, aber der Mann ſprach nicht und veränderte auch ſeine Stel⸗ lung nicht.. „Ich will mit ihm ſprechen, Mary,“ ſagte Emma endlich.„Mein guter Mann, nicht wahr, Sie ſind Malachi Bone?⸗ 4 „Das iſt mein Name,“ entgegnete der Jäger mit dumpfer Stimme,„und woher ſind Sie und was machen Sie hier? Iſt es ein Spaß vom Fort, oder was iſt es, was all' dieſe Störung verurſacht?“ „Störung! Weil wir einen großen Lärm machen; nein, es iſt nicht Spaß, wir kommen, um uns hier anzuſiedeln und werden Ihre Nachbarn ſeyn.“ „Hier anſiedeln, was meinen Sie denn, Sie junge Frauenzimmer? Hier anſiedeln!— Sie nicht, gewiß nicht.“ „Ja, wir, gewiß. Kennen Sie nicht Martin Su⸗ per, den Schlingenſteller? Er iſt mit uns, und befin⸗ det ſich gegenwärtig im Walde beſchäftigt, um Holz zu einem Haufr zu fällen. Weißt Du, Mary,“ ſagte Emma im ſtillen Tone zu der Schweſter,„ich bin zuerſt über dieſen Mann erſchrocken, und darum ſpreche ich ſo höflich mit ihm.“ „Martin Super— Ja, ich kenne ihn,“ entgegnete der Jäger, der ohne weitere Umſtände ſein Gewehr auf⸗ nahm, ſich umwendete und in der Richtung nach ſeinem eigenen Gute abging. „Nun, Mary?“ bemerkte Emma nach einer Pauſe von wenigen Seeunden, während welcher ſie die Rück⸗ 9³ kehr des Jägers erwarteten,„der alte Gentleman ſcheint nicht äußerſt höflich zu ſeyn. Ich denke, wir gehen zu⸗ rück und erzählen unſer erſtes Abenteuer.“ „Laß uns dahin gehen, wo Alfred und Martin Fahir arbeiten und ihnen das erzählen,“ entgegnete ary.— Sie erreichten bald den Platz, wo die Männer mit dem Fällen der Bäume beſchäftigt waren, und er⸗ zählten Alfred und Martin, was ſich ereignet hatte. „Er iſt zornig, Miß,“ bemerkte Martin,„ich ver⸗ muthe ſehr deßwegen, weil es ihm nicht angenehm iſt, wenn er irgendwie zu ſehr umgeben wird. „Was meinen Sie damit?“ „Ich meine, Miß, daß er nicht liebt, Geſellſchaft ſo nahe bei ſich zu haben, er änderte und baute an dieſem Wigwam*) früher viel.“ „Aber warum ſollte er nicht Geſellſchaft lieben? Ich ſollte glauben, daß ihm dieſe angenehm ſey,“ ver⸗ ſetzte Mary Percival. „Sie mögen ſo denken, Miß, aber Malachi Bone denkt anders, und das iſt wirklich ſehr natürlich; ein Mann, der ſein ganzes Leben in den Wäldern allein gelebt hat, deſſen Augen nie ruhen, deſſen Ohren im⸗ mer wachen, der auf jeden Laut horcht, wenn ein Zweig bricht, oder ein Laut fällt, der den Finger an dem Drücker und ein Auge halb offen ſchläft, der iſt nicht gewöhnt an Geſellſchaft und kann ſie nicht gewöhnen. Ich erinnere mich der Zeit, wo ich dieſes auch nicht konnte. Ei nun, Miß, wenn ein Mann vielleicht Mo⸗ nate lang kein Wort geſprochen hat, ſo ermüdet das Sprechen, und wenn er Monate lang kein Wort ſpre⸗ chen hörte, iſt Flüſtern für ihn ein Unglück. Alles iſt Gewohnheit, Miß, und Malachi liebt, wie ich ver⸗ muthe, dieſes nicht, und ſo iſt er widerwärtig und *) Amerikaniſche Hütte. ärgerlich. Wenn die Arbeit vorbei iſt, will ich ihn aufſuchen.“ „Aber er hat ſein Weib, Martin, nicht wahr?“ „Ja, aber es iſt ein indianiſches Weib, Herr Alfred, und indianiſche Weiber ſprechen nicht, wenn ſie nicht angeſprochen werden.“ „Welch' eine Empfehlung,“ ſagte Alfred lachend, „ich denke wirklich, ich ſoll mich nach einem indianiſchen Weib umſehen, Emma.“ 4 „Ich denke, Du thäteſt am beſten,“ entgegnete Emma.„Du willſt gewiß ein ruhiges Haus; wenn Du darauf aus, und wenn Du zu Hauſe biſt, dann willſt Du nur Dein eigenes Geſpräch hören, das iſt, was Du allein liebſt. Komm, Mary, laß uns gehen, damit er von ſeiner Frau träumen kann.“ Die von dem Kommandanten des Forts auser⸗ wählte Mannſchaft war in der Handhabung der Art wohl geübt; ehe es dunkel wurde, war mancher Baum gefällt und fertig gemacht. Die Zelte waren alle auf⸗ geſchlagen, das für die Familie Campbell auf dem Hü⸗ gel, von welchem wir geſprochen haben, das des Ca⸗ pitäns Sinclair und der Soldaten in einer Entfernung von hundert Schritten. Die Feuer brannten und da das Mittageſſen kalt geweſen war, wurde ein warmes Abendeſſen durch Martin und Mrs. Campbell mit Hülfe der Mädeten und der Knaben bereitet. Nach dem Abend⸗ eſſen zogen ſich Alle in ihr neues Bett zurück; Capitän Sinclair hatte einen Mann als Schildwache aufgeſtellt und die Hunde wurden an verſchiedenen Orten vertheilt, damit ſie Laut geben konnten, wenn irgend eine Gefahr nahte, was aber nicht anzunehmen war, weil die Indianer ſeit geraumer Zeit in der Nachbarſchaft des Forts Fron⸗ tignac ſehr ruhig waren. Zehntes Kapitel. Am nächſten Morgen, als ſie, nachdem Herr Camp⸗ bell die Gebete geſprochen hatte, beim Frühſtück ver⸗ ſammelt waren, ſagte Mary Percival: „Hörtet Ihr den ſeltſamen und lauten Lärm in der vergangenen Nacht? Ich wurde durch denſelben ſehr erſchreckt, aber da niemand ein Wort ſagte, hielt ich meine Zunge.“ „Niemand ein Wort ſagte, weil, wie ich vermuthe, Alles feſt ſchlief,“ ſagte Alfred,„ich habe nichts gehört.“ „Es war gleich dem Tone von Erdkreiſeln in ei⸗ ner Entfernung, mit Ziſchen und Flüſtern verbunden,“ fuhr Mary fort. „Ich glaube, ich kann Ihnen das erklären. Es war alſo während der Nacht, Miß Percival?“ ſagte Capitän Sinclair.„Das iſt ein Lärm, den Sie während der Sommermonate jede Nacht erwarten müſſen, an den ſie ſich aber bald gewöhnt haben werden.“ „Wie ſo? Was war es?“ „Fröſche, ſonſt nichts. Ausgenommen das Ziſchen und das Flüſtern, welches von den Eidechſen herkommen mag; dieſe werden Ihnen jede Nacht eine Serenade bringen, und ich hoffe nur, daß Sie nicht durch irgend ein gefährlicheres Ding geſtört werden.“ „Iſt es möglich, daß ſolch kleine Geſchöpfe einen ſolchen Lärmen machen können?“ „Ja, wenn Tauſende, ich möchte ſagen Millionen zu einem Concerte vereinigt ſind.“ 3 „Ich danke Ihnen für dieſe Erklärung, Capitän Sinclair; ſie hat meinen Geiſt etwas erleichtert.“ Nach dem Frühſtücke ſetzte Martin(wir werden ihn in Zukunft mit dieſem Taufnamen nennen) Herrn Campbell in Kenntniß, daß er bei Malachi Bone, dem Jäger, geweſen ſey und daß dieſer großes Mißvergnü⸗ gen über ihre Ankunft ausgeſprochen und erklärt habe, den Platz verlaſſen zu wollen, wenn Sie blieben.“ „Zuverläßig erwartet er feſt, daß wir den Platz ihm zu Gefallen verlaſſen.“ „Nein,“ erwiederte Martin, doch wenn er in üble Laune gebracht wird, was Malachi noch nicht iſt, ſo möchte er es für ſie wahrhaft unangenehm machen, hier zu bleiben, denn er würde die Indianer in ihre Nähe bringen.“ Campbell. 3 „Nein, ich glaube nicht, daß er es thun wird,“ entgegnete Martin,„weil Sie ſehen, daß es gerade ſo leicht für ihn iſt, weiter hinauf zu gehen.“ „Aber wie ſollten wir ihn von ſeinem Eigenthum wegtreiben, wenn wir nichts thun, als auf dem unſri⸗ gen bleiben,“ bemerkte Mrs. Campbell. „Er ſagt, er wolle ſich nicht drängen laſſen; Ma'am, er kann es nicht ertragen, gedrängt zu werden.“ „Wie ſo? Es iſt doch ein Fluß zwiſchen uns?“ „Das wohl, Ma'am, aber er fühlt es doch im⸗ mer. Ich ſagte zu ihm, daß wenn er gehen wollte, ſo dürfte ich ſagen, daß Herr Campbell ſein Grundeigen⸗ thum kaufen wollte, und er ſchien ganz bereit, daſſelbe zu verkaufen.“ „Das würde eine große Zugabe zu Ihrem Eigen⸗ thum ſeyn, Herr Campbell,“ bemerkte Capitän Sinclair. „In dieſem Falle würden Sie die ganze Praierie und das Recht auf beiden Seiten des Fluſſes haben, und, wie es den Anſchein hat, ſind die Felder beſſer.“ „Gut,“ erwiederte Herr Campbell,„ich nehme an, daß wir hier bleiben, oder daß auf alle Fälle das⸗ jenige, welches mich überleben wird, die Gegend ganz haben will, ich werde daher ſehr erfreut ſeyn, wenn ich irgend eine Uebereinkunft mit Bone treffen und ſein Eigenthum erkaufen kann.“ „Er wird doch das nicht thun,“ ſagte Mrs. 3 97 „Ich will noch mehr mit ihm ſprechen, Sir,“ ſagte Martin. Der zweite Tag war vergangen wie der erſte, in⸗ dem man Vorbereitungen zur Erbauung des Hauſes traf, welches, da man nun eine ſo unerwartete Hülfe bekommen hatte, nach der Anweiſung des Capitäns Sinclair gegen den urſprünglichen Plan bedeutend ver⸗ größert wurde. Als Herr Campbell die Soldaten be⸗ zahlte, welche gegen eine gewiſſe Summe täglich zur Arbeit verwendet worden, hatte er bloß den Scrupel, ſie länger zu gebrauchen. Zwei von ihnen waren gute Zimmerleute, und eine Säggrube war angelegt wor⸗ den, damit man die Thüren und die Läden der Fen⸗ ſter herrichten konnte, welche Herr Campbell vorſichti⸗ ger Weiſe mitgebracht hatte. Am dritten Tage kam ein Boot von dem Fort, brachte die Ration der Mann⸗ ſchaft und zwei ſchöne Bücher als Geſchenk des Kom⸗ mandanten. Capitän Sinclair fuhr mit dem Boote zurück, um einige Artikel, deren er bedurfte, ſich zu verſchaffen, und kam am Abende wieder. Das Wetter war fortwährend ſchön und im Laufe der Woche war ein großer Theil des Holzes gefällt und zugehauen worden. Während dieſer Zeit hatte Martin verſchie⸗ dene Zuſammenkünfte mit dem alten Jäger und es war feſtgeſetzt, daß derſelbe ſein Eigenthum an Herrn Campbell verkaufen ſolle. Geld ſchien ihm zu mangeln, indeſſen war es ihm unnütz; Schießpulver, Blei, Flin⸗ ten, Leinwand und Tabak waren die hauptſächlichſten Artikel, welche im Tauſchhandel erfordert wurden. Die Bezahlung wurde aber nicht pünktlich feſtgeſetzt. Eine intime Freundſchaft wurde zwiſchen dem alten Jäger und John geſchloſſen; wie dieſes zugieng, war ſchwer zu ermitteln, indem beide ſehr wortkarg waren, das aber war gewiß, daß John ſo oft als möglich an den Strom ging und ſelten zur Mahlzeit zu Hauſe war. Martin ermittelte, daß er in der Hütte des alten Jä⸗ Die Anſiedler in Canada. 7 98 gers war und ſagte, daß man ſich deßhalb nicht zu ſor⸗ gen brauche, und ſo war Mrs. Campbell zufrieden ge⸗ ſtellt 4 „Aber was thut er denn dort, Martin?“ ſagte Mrs. Campbell, als ſie nach dem Abendeſſen mit ihm allein war. „Weiter nichts, als daß er das Weib anblickt, oder Malachi, wenn er ſein Gewehr putzt, oder ſonſt irgend ein Ding, was ihm nur gerade in die Augen fällt. Er ſpricht nie, und macht es wie der alte Ma⸗ lachi.“ 3„Er brachte dieſen Nachmittag einen ganzen Bün⸗ del Forellen mit,“ bemerkte Mary,„er iſt alſo nicht müßig.“ 3 „Nein, Miß, er iſt ſchon mit Tagesanbruch beim Fiſchen und gibt die eine Hälfte Ihnen, und die andere Hälfte dem alten Bone. Er will eine Lärmrakete die⸗ * ſer Tage machen, wie der alte Malachi ſagt; er kan jetzt ſchon die Kugel aus dem Lauf des alten Mannes ganz gut herausziehen, das kann ich ſie verſichern.“ „Wie verſtehen Sie das, Martin?“ fragte Mrs. Campbell. „ Ich meine, daß er ſchon ſehr gut feuern kann, Ma'am; gegenwärtig iſt aber eine ſchwere Flinte für ihn nicht tauglich, eine kleinere würde beſſer für ihn ſeyn.. „Aber iſt er nicht zu jung, um ihm ein Gewehr anzuvertrauen, Onkel?“ ſagte Mary. „Nein, Miß,“ unterbrach Martin,„man kann hier nicht zu jung ſeyn; je bälder ein Knabe brauch⸗ bar iſt, deſto beſſer iſt es, und ein Knabe mit einem Gewehr wird immer brauchb ar als Mann, und die Flnten treffen immer gut, wenn gut gezielt iſt. Herr Percival muß ſeine Flinte ſo bald haben, ſo bald ich Zeit habe, ihm Unterricht zu ertheilen.“ „Ich wünſchte, Sie hätten nun Zeit, Martin,“ rief Percival. ———— „Sie vergeſſen Tante, daß Sie verſprochen haben, das Laden und Abfeuern eines Gewehres zu lernen.“ „Nein, ich habe es nicht vergeſſen, und ich beab⸗ ſichtige auch, mein Wort zu halten, ſobald es Zeit ſeyn wird; aber John iſt noch gar zu jung.“ „Nun, Mary, ich glaube, wir müſſen uns auch noh einſchreiben laſſen,“ ſagte Emma. „Ja, wir werden es bei der weiblichen Flinten⸗ brigade,“ entgegnete Mary lachend. „Ich liebe in der That dieſen Gedanken ſehr,“ fuhr Emma fort;„ich werde damit keine Ungereimt⸗ heiten anſtellen, aber merke Dir's, Alfred, wenn Du mein Mißfallen erregſt, ſo werde ich meine Flinte er⸗ greifen.“ „Ich vermuthe, Du wirſt mit Deinen Augen meh ausrichten wollen, Emma,“ entgegnete Alfred achend. „Doch nicht einer Bergkatze gegenüber, wie Mar⸗ tin es nennt? Bitte, was iſt eine Bergkatze?“ „Ein Maler, Miß.“ „O, nun kenne ich's, eine Bergkatze iſt ein Ma⸗ ler, und ein Maler iſt ein Leopard oder ein Panther — ſo wahr ich lebe, Onkel, hier kommt der alte Jä⸗ ger, und John, der ihm auf den Ferſen nachtrabt. Ich denke, er will zuletzt gar hieher kommen. Der Beſuch gilt mir, davon bin ich überzeugt, weil er zu⸗ erſt mit mir in Berührung gerieth, und über mich er⸗ ſtaunte.“— „Das möchte wohl der Fall ſeyn,“ bemerkte Ca⸗ pitän Sinclair,„er hat nicht oft Gelegenheit, ſolche Gegenſtände in den Wäldern zu ſehen, wie Sie und Ihre Schweſter.“ 8 „Nein,“ entgegnete Emma,„ein engliſches Weib muß wahrhaft eine Seltenheit ſeyn.“ Als ſie dieß ſagte, kam Malachi Bone herein, ſetzte ſich, ohne zu ſprechen, und nahm ſeine Flinte zwiſchen die Knie. 3 „ 1⁰⁰ ⸗ „Ihr Diener, Sir,“ ſagte Herr Campbell,„ich hoffe, Sie befinden ſich wohl. „Was, um des Himmels willen, machen Sie, hie⸗ her zu kommen?“ ſagte Bone, indem er rund umher⸗ blickte.„Sie taugen nicht in die Wildniß! Der Win⸗ ter wird bald kommen, und dann gehen Sie zurück. Ich weiß dieſes voraus.“ „Nein, das werden wir nicht,“ entgegnete Alfred, „denn wir haben nichts, um zurückzugehen, weil die Leute, von welchen wir kommen, uns drängten, ſo daß wir hieher kamen, um mehr Platz zu finden.“ „Ich glaube, daß Sie mich drängen wollen,“ ent⸗ gegnete der Jäger;„ſo will ich weiter gehen.“ „Gut, Malachi, der Gentleman hier will Ihnen Ihr Eigenthum bezahlen.“ „Ich ſagte es Ihnen ſchon,“ bemerkte Martin. „Ja, aber ich habe ihn oder ſeine Güter noch nicht geſehen.⸗ „Seine Güter, ich glaube, Sie meinen, wir ſeyen ſie,“ ſagte Emma. „Nein, Mädchen, Sie meinte ich nicht, ich meinte Schießpulver und dergleichen.“ „Ich glaube, Emma, Du biſt im letzten Worte mitbegriffen,“ ſagte Alfred. „Da wäre ich denn mehr, als Du biſt, denn Deiner wäre gar keine Erwähnung geſchehen,“ ver⸗ ſetzte Emma. 8 „Martin Super, Sie wiſſen, ich ſpezificirte mit Blei auf Papier,“ ſagte Malachi Bone.— „Sie thaten es und Sie ſollen es haben,“ ſagte Herr Campbell.„Sagen Sie nun, was Ihre Bedin⸗ gung iſt, und ich will mit Ihnen abſchließen.“ „Gut, ich will das Martin und Ihnen genauer ſagen. Ich werde es morgen erklären.“ „Morgen, und wohin werden Sie gehen?“ Malachi Bone deutete weſtwärts. „Sie ſollen meine Flinte nicht hören,“ ſagte der 1 101 alte Jäger nach einer Pauſe;„aber ich glaube, Sie werden nicht hier bleiben. Sie wiſſen nicht, was das Leben⸗hier iſt. Dieſes Leben paßt für Sie nicht. Nicht für eines von Ihnen, dieſen Knaben ausgenommen,“ fuhr Malachi fort, indem er ſeine Hand auf Johns Kopf legte,„der iſt für die Wälder geſchaffen, laſſen Sie ihn mit mir gehen. Ich will einen Jäger aus ihm machen, nicht wahr Martin?⸗ 8 „Daß Sie es thun werden, iſt gewiß, wenn er bei Ihnen aushalten kann.“ „Wir können ihn nicht entbehren,“ entgegnete Herr Campbell.„Aber er ſoll Sie beſuchen, wenn Sie es wünſchen.“ „Gut, das iſt ein Verſprechen, und ich will nun nicht ſo weit gehen, wie ich es früher im Sinne hatte. Er hat ein gutes Auge, ich werde um ihn nachſuchen.“ Der alte Mann brach dann auf und ging fort. John folgte ihm ohne mit irgend jemand ein Wort geſprochen zu haben. „Mein theurer Campbell,“ ſagte ſeine Gattin, „was haſt Du mit John im Sinne? Du wirſt doch nicht wollen, daß der Jäger ihn mit ſich nehmen ſoll.“ „»Nein, gewiß nicht,“ entgegnete Herr Campbell. „Aber ich ſehe keinen Grund, warum er nicht gelegen⸗ heitlich bei ihm ſeyn ſollte.“ „Es wird für ihn in der That ſehr gut ſeyn, wenn er bei ihm ſeyn wird,“ ſagte Martin,„wenn ich rathen ſoll, laſſen Sie den Knaben gehen und kom⸗ men, der alte Mann hat ihn lieb gewonnen, und will ihn ſein Jagdhandwerk lehren. Das iſt geeignet, Ma⸗ lachi Bone zum Freunde ſich zu machen.“ „Was kann uns dieß nützen?“ fragte Heinrich. „Ein Freund in der Noth iſt ein Freund in der That, und ein Freund in der Wildniß iſt nicht wegzu⸗ werfen. Der alte Malachi wird uns beiſtehen, wenn— eine Gefahr uns begegnet, wir werden ihn als ſolchen 10² kennen lernen, der Knabe wird die Urſache davon ſeyn, und er wird uns helfen, wenn Noth vorhanden iſt.“ „In Martin Supers Bemerkungen liegt ein tiefer Sinn, Herr Campbell,“ bemerkte Capitän Sinclair. „Sie werden dann Malachi Bone als Vorhut haben und das Fort als Rückhalt, wenn es nöthig iſt.“ „Und vielleicht die nützlichſte Erziehung, welche der Junge erhalten kann, um ihn auf ſein künftiges Leben vorzubereiten, wird er von dem alten Jäger erhalten.“ Wenn er immer ihn ſo freundlich behandelt, dieſes iſt jedenfalls die unerläßliche Bedingung,“ bemerkte Heinrich. p„Laſſen Sie ihn gehen, Sir; laſſen Sie ihn ge⸗ en.“ 8— „Ich will noch keine beſtimmte Antwort geben, Martin,“ entgegnete Herr Campbell.„Jedenfalls will ich ihm erlauben, ihn zu beſuchen; dagegen kann kein Einwurf ſtattfinden; aber es iſt Zeit, ſchlafen zu gehen.“ C 3 Eilftes Kapitel. Wir müſſen einen Zeitraum von ſechs Wochen überſpringen, während welcher die Arbeit ununterbro⸗ chen fortgeſetzt, das Haus von Holz aufgerichtet, voll⸗ ſtändig zurecht gemacht und wohl verkleidet wurde. Die Fenſter und Thüren wurden angebracht und das Dach auf den ſtarken Balken von Birkenholz gehörig befeſtigt. Das Haus beſtand aus einem großen Zim⸗— mer, als Speiſezimmer, und einer Küche nebſt einem Vorplatze von wohlgeſchlagenem Lehm; aus einem * kleinen Zimmer, als einem Unterhaltungszimmer, und drei Schlafzimmern, welche alle Fußböden hatten, ei⸗ nes von den größten derſelben war ringsum längs —. . 10³ der Wände mit Stauhölzern in derſelben Weiſe ver⸗ ſehen, wie es auf Packetbooten gefunden wird. Die⸗ ſes Zimmer war für die vier Söhne und hatte zwei Reſervebettſtellen. Die andern für die zwei Mädchen und für Herrn und Mrs. Campbell beſtimmt, waren viel ſchmäler. Bevor das Haus halb gebaut war, wurde ein großes Nebengebäude angefügt, welches da⸗ zu diente, all die Geräthſchaften und ſonſtigen Gegen⸗ ſtände, welche Herr Campbell mitgebracht hatte, auf⸗ zunehmen, und ein Kornhaus wurde über dem Maga⸗ zinszimmer angebracht. Das Innere des Hauſes war noch nicht ganz bequem gemacht, als die Geräthſchaf⸗ ten hineingebracht wurden und die Familie darin ſchlief; aber ſo rauh es noch war, ſo war es doch den Zelten vorzuziehen, in welchen ſie von den Musquitos aufs Aeußerſte geplagt wurden. Die Geräthſchaften waren nun vor dem Wetter geſichert, und ſie hatten ein Dach über ſich, was der Hauptzweck war, der erreicht wer⸗ den ſollte. Die Zimmerleute waren noch immer em⸗ ſig bemüht, das Innere des Hauſes zu vollenden, und der übrige Theil der Mannſchaft war damit beſchäf⸗ tigt, Riegel zu fertigen, für ein Gehege, und dünnere Balken zu dem Zwecke auszuſuchen, die Gebäude mit hohen Paliſaden ringsum zu verſehen. Martin war nicht träge geweſen. Die Hauptſeite des Hauſes war gerade gegen den Buſchwald gerichtet, der ſich an die Prairie anreihte und Martin hatte denſelben ſehr ge⸗ lichtet und ſo Holz in Menge für den Winter geſam⸗ melt. Es wurde dafür geſorgt, daß die vier Kühe, welche von dem Fort hergetrieben worden waren, wäh⸗ rend des Winters in dem kleinen Gebäude auf der andern Seite des Fluſſes untergebracht werden ſollten, welches Malachi Bone zugehörte, mit einer hohen Holz⸗ einfaſſung umgeben, und groß genug war, ſie zu faſ⸗ ſen. Der Commandant hatte wahrhaft gefällig die beſten Milchkühe ausgeſucht, und Mary und Emma Percival hatten bereits ihre Pflicht an denſelben ver⸗ 104 ſucht. Die Milch wurde in das Lagerhaus gebracht, bis ein Milchhaus gebaut werden konnte. Eine ſehr nette Brücke war über den Fluß geworfen worden und jeden Morgen gingen die zwei Näͤdchen, gewöhnlich von Heinrich, Alfred oder Capitän Sinclair begleitet, hinüber und bekamen bald in ihrem neuen Berufe als Milchmägde Erfahrung. Alles bekam einen verhei⸗ ßungsvollen Anſchein. Heinrich und Herr Campbell hatten, während Martin und Alfred den Buſchwald lichteten, gegraben und der Garten war bereits mit den wenigen Artikeln beſtellt, welche man in dieſer Jahreszeit bekommen konnte. Der Commandant hatte einige Ferkel für die Anſiedler bereit, ſo wie dieſelben in Empfang genommen werden konnten, und war⸗ mehr als einmal in dem Boote herüber gekommen, um ſich von ihren Fortſchritten zu überzeugen und ih⸗ nen Rathſchläge zu ertheilen, welche ſie dankbar an⸗ nahmen. 4 Wir dürfen indeſſen Malachi Bone nicht vergeſſen. Am Tage, nachdem Bone zu Herrn Campbell gekom⸗ men war, bemerkte ihn Emma, wie er mit ſeiner Flinte in den Wald ging und ihm ihr Vetter John folgte, und da ſie begierig war, das Weib des Indianers zu ſehen, ſo überredete ſie Alfred und Capitän Sinclair, ſie und Mary auf die andere Seite des Stromes zu beyleiten. Die Hauptſache war zu wiſſen, wo der Uebergang ſich befand, aber da John ihn nach ihrer Meinung gefunden hatte, ſo war anzunehmen, daß hier ein Durchgang ſey, und ſie machten ſich daher auf, ihn zu ſuchen. Sie fanden, daß eine halbe Meile ſtromaufwärts, wo der Fluß durch den Wald floß, ein großer Baum hinübergeworfen worden war, und mit Hülfe der jungen Männer kamen Mary und Emma ohne große Schwierigkeiten über denſelben. Sie gin⸗ gen dann auf der andern Seite ſtromabwärts und nä⸗ herten ſich der Hütte des alten Malachi. Als ſie vor⸗ wärts gingen, konnten ſie nicht wahrnehmen, daß ſich 8 10⁵5 irgend etwas rege, doch zuletzt begann ein Hund von indianiſcher Zucht zu bellen; noch kam Niemand heraus und ſie gelangten an die Thüre der Hütte, an welcher der Hund ſtand; jetzt ſahen ſie das indianiſche Mädchen, welches ſie ſuchten, auf dem Hausplatze ſitzend. Sie war ſehr emſig beſchäftigt, ein Paar Moccaſſins von Hirſchleder zu fertigen. Sie ſchien erſchrocken, als ſie zuerſt Alfred ſah; als ſie aber bemerkte, daß die jun⸗ gen Frauenzimmer mit ihm kamen, kehrte ihr Selbſt⸗ vertrauen bald zurück, ſie erhob ihren Kopf ein wenig und ſetzte dann ihre Arbeit fort. „Wie jung ſie iſt!“ ſagte Emma,„ſie kann nicht älter als achtzehn Jahre ſeyn.“ „Ich zweifle, daß ſie ſo alt iſt,“ entgegnete Capitän Sinclair. „Sie hat einen ſehr beſcheidenen, durchaus nicht affectirten Blick, nicht wahr Alfred?“ ſagte Mary. „Ja, ich denke, ſie iſt zuweilen ſehr eigenſinnig.“ „Sie iſt jedenfalls ein zu junges Weib für den alten Jäger,“ bemerkte Alfred. „Das iſt nichts Ungewöhnliches bei den India⸗ nern,“ erwiderte Capitän Sinclair,„ein ſehr alter Häuptling hat oft drei oder vier junge Weiber; dieſe werden aber mehr als Mägde betrachtet, denn als ſonſt etwas.“ Aber ſie muß uns ſür ſehr roh halten, daß wir hier ſtehen und in dieſer Weiſe ſprechen. Ich glaube aber, daß ſie nicht engliſch ſprechen kann.“ „Ich will mit ihr in ihrer eigenen Sprache ſpre⸗ chen, wenn ſie eine Chippeway oder eine von den Stämmen dieſer Gegend iſt; denn alle haben denſelben Dialect, ſagte Capitän Sinclair. Capitän Sinclair redete ſie nun in der indiani⸗ ſchen Sprache an, und das indianiſche Mädchen ant⸗ wortete mit einer wahrhaft zarten Stimme, daß ihr Mann ausgegangen ſey, um einiges Wildpret nach Hauſe zu holen. „Sagen Sie ihr, wir ſeyen gekommen, um hier — leben, und wir wollten ihr etwas geben, was ihr ehle.“ Capitän Sinclair redete ſie wieder an und empfing ihre Antwort: „Sie ſagt, daß Sie ſchöne Blumen ſeyen, aber nicht die wilden Blumen aus der Gegend, und daß der kalte Winter Sie tödten werde.“ „Sagen Sie ihr, daß ſie uns im nächſten Som⸗ mer noch lebend finden werde,“ ſagte Emma,„und geben Sie ihr, Capitän Sinclair, dieſe Broche, und ſagen Sie ihr, ſie ſey von mir.“ Capitän Sinclair ſagte dieſes und übergab die Broche dem indianiſchen Mädchen, welches, indem es aufſah und auf Emma lächelte, ſagte:„daß ſie nie die ſchöne Lilie vergeſſen wolle, welche ſo freundlich gegen die kleine Erdbeerpflanze geweſen ſey.“ „Ihre Sprache iſt in der That poetiſch und ſchön,“ bemerkte Mary.„Ich habe ihr nichts zu geben— O, ja, ich habe etwas, hier iſt mein elfenbeinernes Nadel⸗ büchschen mit vielen Nadeln darin. Sagen Sie ihr, es werde ihr von Nutzen ſeyn, wenn ſie ihre Moccaſ⸗ ſins mache; öffnen Sie es und zeigen Sie ihr, wa darin iſt.“ 8 „Sie ſagt, daß ſie dadurch in den Stand geſetzt ſey, ſchneller und beſſer zu arbeiten, und ſie wünſcht Ihren Fuß zu ſehen, damit ſie dankbar ſoyn könne. So zeigen Sie ihr Ihren Fuß, Miß Percival.“ Mary that ſo, das indianiſche Mädchen betrachtete ihn prüfend, lächelte und ſchüttelte ihren Kopf. „O, Capitän Sinclair, ſagen Sie ihr, daß der kleine Knabe, welcher mit ihrem Manne gegangen, unſer Vetter iſt.“ Capitän Sinclair hinterbrachte die Antwort, welche alſo lautete:„Er wird ein großer Jäger werden und, bei meiner Seele, viel Wild nach Hauſe bringen.“ „Wollen Sie ihr nun ſagen, daß wir immer uns 107 freuen werden, ſie zu ſehen, und daß wir jetzt nach Hauſe gehen wollen. Auch fragen Sie nach ihrem Namen und ſagen Sie ihr den unſern.“ Als Capitän Sinclair dolmetſchte, ſprach das in⸗ dianiſche Mädchen nach ihm die Namen Mary und Emma ſehr deutlich aus. „Sie hat Ihre Namen, wie Sie hören, ausgeſpro⸗ chen, ihr Name lautet überſetzt: Erdbeerpflanze.“ Sie nickten hierauf der jungen Indianerin ein Lebewohl zu und kehrten nach Hauſe. Am zweiten Abend nach dieſem Beſuche, als ſie beim Abendeſſen waren, kam die Sprache auf den Jäger und ſein jun⸗ ges indianiſches Weib, und plötzlich brach John, der miß gewöhnlich ſchweigend geweſen war, in die Worte aüs: „Morgen gehen ſie fort.“ „Sie gehen morgen fort, John; wohin gehen ſie?“ ſagte Herr Campbell. „In die Wälder,“ entgegnete John. John hatte richtig geſprochen. Am nächſten Mor⸗ gen, in der Frühe, wurde Malachi Bone, ſein Gewehr über die Schulter, eine Axt in der Hand, geſehen, wie er durch die Prairie des Herrn Campbell, gefolgt von ſeinem Weibe, ging, welch' letzteres unter der Bürde ſich krümmte, die aus allem Eigenthume des alten Jä⸗ gers beſtand. Er hatte die Nacht zuvor mit Martin geſprochen und ihm geſagt, daß er in wenigen Tagen wiederkommen werde, um den Kauf über ſeine Beſitzung an Land mit Herrn Campbell abzuſchließen. Dies war gerade geweſen, ehe ſie ſich zum Frühſtück geſetzt hat⸗ ten, und ſie bemerkten dann, daß John fehle. „Er war gerade zuvor auf den Wieſen,“ ſagte Mrs. Campbell,„er muß mit dem alten Jäger weg⸗ geſchlichen ſeyn.“ „Das unterliegt gar keinem Zweifel, Ma'am,“ ſagte Martin.„Er will mit ihm gehen und ſehen, wo dieſer nun ſeinen Wigwam aufſchlägt, und er wird 108 eher nicht zurückkehren; ſie brauchen daher nicht nach ihm auszuſchicken, und wir wüßten überdies nicht, auf welchem Wege wir fortſchicken ſollten.“ 3 Martin hatte recht, zwei Tage ſpäter kam John wieder zum Vorſchein und blieb die ganze Woche ruhig zu Hauſe. Er fing Fiſche in dem Strom, oder übte ſich mit einem Bogen und mehreren Pfeilen, welche er von Malachi Bone erhalten hatte, und der Knabe ſchien ſchweigſamer zu ſeyn und mehr Luſt zu haben als je, die Einſamkeit aufzuſuchen. Indeſſen war er immer noch gehorſam und gefällig gegen ſeine Mutter und Couſinen, und war in Percivals Geſellſchaft, wenn dieſer Forellen im Strome fing. Es war während der Abweſenheit des alten Jä⸗ gers, daß die Holzhütte deſſelben in Beſitz genommen wurde, und daß die Kühe von der Wieſe dahin ge⸗ bracht wurden.. Als das Werk mehr vorwärts ſchritt, zog Martin jeden Tag, begleitet von Alfred oder Heinrich, auf die Jagd aus. Herr Campbell hatte einen großen Vor⸗ rath von Munition ſowohl, als von Flinten, in Que⸗ bec ſich angeſchafft. Dieſe waren ausgepackt worden, und die jungen Männer bekamen täglich mehr Uebung. Für jetzt hatten die Ueberbleibſel von Wild aus dem Fort und gelegentlich erhaltenes friſches Rindfleiſch die Nothwendigkeit nicht herbeigeführt, daß Herr Campbell zu ſeinen Tonnen geſalzten Schweine⸗ fleiſches ſeine Zuflucht nehmen mußtez aber jetzt war es nöthig, daß ſo oft als möglich eine Er⸗ gänzung herbeigeſchafft werde, und daher traf der Hausherr ſeine Anordnungen. Martin hatte einen ſichern Schuß auf eine große Entfernung, und er kehrte ſelten ohne einen Hirſch zurück, den er auf ſeinen Schul⸗ tern trug. Der Garten war geleert, und der Ferkel⸗ ſtall war beendigt, aber nun war der ſchwierigſte Theil der Arbeit zu beginnen, und dieß war das Fällen der Bäume und das Ausrotten des Landes, um Korn zu 109 ſäen. Hierin konnte keine Unterſtützung von der Gar⸗ niſon erwartet werden, obgleich von der Menſchen⸗ freundlichkeit des Commandanten ſchon mehr geſchehen war, als man hättte erwarten können. Es war in den letzten Tagen des Auguſts und die von der Gar⸗ niſon hergegebenen Soldaten erwarteten zurückberufen zu werden; die Häuſer waren vollendet, die Paliſaden waren rund um das Haus und das Hintergebäude ge⸗ pflanzt, und die Soldaten wurden in das Fort zurück beordert. Capitän Sinclair erhielt von dem Comman⸗ danten einen beſondern Wink, daß er die möglichſt ſchickliche Eile anwenden ſolle, und ſeine Abweſenheit wurde auf wenige Tage mehr, welche, wie er vertraute, genügend ſeyn würden, erſtreckt. Capitän Sinclair, welcher geneigt war, länger in der Geſellſchaft, die ihm ſo werth war, zu bleiben, und nun beinahe ein Glied der Familie geworden war, fand, daß er keine Entſchuldigung mehr machen könne. Er rapportirte, daß er bald, am 1. September, zurückkommen würde, und am Morgen dieſes Tages kamen die Schiffe, um die Soldaten wegzuführen, und brachten die Ferkel und das Geflügel, welches verſprochen worden. Herr Camp⸗ bell brachte ſeine Rechnung mit Capitän Sinclair in Ordnung und ſtellte einen Wechſel auf einen Banquier in Quebec aus, um die Soldaten, die Kühe und die Ferkel zu bezahlen. Der Capitän ſchied dann von ſei⸗ nen Freunden unter gegenſeitigem Bedauern und unter vielfachen herzlichen Lebewohls, wurde von der ganzen Familie bis an das Ufer begleitet, ſchiffte ſich mit allen ſeinen Soldaten ein und fuhr nach dem Fort ab. Zwölftes Kapitel. Die Campbells blieben geraume Zeit an dem Ufer und ſahen den dahinfahrenden Booten nach, bis ſie ſih 1.* 110 um die Spitze wendeten und nicht mehr geſehen werden konnten; dann gingen ſie nach Hauſe. Aber wenige Worte wurden gewechſelt, als ſie zurückkehrten, denn eine Aufregung fehlte ihnen in der Einſamkeit, die ſie bisher mit ſo manchem ihrer Landsleute getheilt hatten. Nicht, daß dieſe, mit Ausnahme des Capitäns Sinclair, ihre Geſellſchafter geweſen wären, aber ſie waren ge⸗ wohnt, die Soldaten bei ihrer Arbeit zu ſehen, und„ nun ſchien bei ihrer Abreiſe der Platz entvölkert. Mar⸗ tin und John waren beide abweſend, der letztere war zwei Tage weggeweſen, und Martin, der noch nicht. Zeit gefunden hatte, ſich über die Anſiedlung des alten Malachi Bone Gewißheit zu verſchaffen, war ausgezo⸗ gen, ſie ausfindig zu machen, und ihm Herrn Camp⸗ bells Bemerkungen zu hinterbringen, daß die Beſuche Behu häufiger und länger ſeyen, als Herr Campbell wünſche. 4 Als ſie nach Hauſe kehrten, ſetzten ſich Alle nieder, 4 und dann begann Herr Campbell zuerſt zu ſprechen: 4 „Nun, mein theures Weib, ſind wir allein hier, † uns ſelbſt überlaſſen, auf unſere eigenen Hülfsmittel beſchränkt. Ich bin üher unſer Wohlergehn nicht im Zweifel, wenn wir uns ſelbſt anſtrengen, wie es un- ſere Pflicht iſt, es zu thun. Ich fürchte, daß wir Un-⸗ gemach zu bekämpfen, Schwierigkeiten zu beſiegen und „gelegenheitlich Unannehmlichkeiten zu begegnen haben werden. Aber wir wollen uns daran erinnern, wie liebreich wir bisher, Dank der Vorſehung, unterſtütztt und ermuthigt worden ſind, wie viel Hülfe wir em⸗ 8 pfangen haben, und wie viele Gefälligkeiten uns zu Theil geworden ſind. Gewiß müſſen wir uns dem Himmel ſehr dankbar fühlen, für all' die Wohlthaten, die er uns bisher erzeigt hat, und wir müſſen einen feſten und zuverſichtlichen Glauben auf Den ſetzen, der bisher ſo liebreich über uns gewacht hat. Laßt uns da⸗ her weder Reue noch Verzweiflung fühlen, ſondern mit Dank erfülltem Herzen und liebevoll unſere Pflicht imn 111 dieſem Abſchnitte unſeres Lebens erfüllen, in welchen uns zu verſetzen Ihm gefallen hat.“ 4 „Ich ſtimme mit Dir überein, mein lieber Mann,“ entgegnete Mrs. Campbell,„und ich kann mit Aufrich⸗ tigkeit ſagen, daß ich nicht darüber betrübt bin, daß wir uns unſeren eigenen Anſtrengungen überlaſſen ſind, und daß wir eine Unannehmlichkeit zu beſtehen haben, indem wir ohne die Hülfe Anderer arbeiten. Bis jetzt war unſer Verſuch gering, allein ich kann mir vorſtel⸗ len, was aus unſern Verſuchen werden wird. Kommt der Mai, denn früher können wir uns keinen rechten Begriff machen, kommt er aber, ſo hoffe ich, daß wir finden, wie dankbar wir für ſo Vieles ſeyn müſſen, und unſer durch viele Erfahrungen geläuterter Glaube mag nebſt einer ehrerbietigen Unterwerfung unter das, was dem Allmächtigen gefällt, beweiſen, ob wir Züchtigung verdienen oder nicht.“ „Recht, meine Theure“ entgegnete Herr Campbell. „Wir wollen auf das Beſte hoffen; wir ſind hier in der Wildniß ebenſo gut unter ſeinem Schutze, als wir es in Werton⸗Park waren; wir ſind gerade ſo allen üblen Gelüſten des Fleiſches ausgeſetzt, wie wenn wir in Reichthum und lleppigkeit lebten, wenn wir jetzt in die⸗ ſem Holzhauſe ſind; aber wir ſind, ich danke Gott, in unſerer gegenwärtigen Lage dem Vergeſſen deſſen nicht ſo ausgeſetzt, der ſo liebevoll für uns ſorgt und in ſei⸗ ner Weisheit alle unſere Wege ordnet. Sehr wahr hat der Dichter geſagt: „„Süß ſind des Ungemaches Folgen.« „Wohl,“ bemerkte Emma nach einer Pauſe, als wenn ſie der Unterhaltung eine mehr muntere Wendung geben wollte.„Ich bin begierig, was meine Verſuche ſeyn werden. Bedenkt einmal, die Kuh will hinaus⸗ ſchlagen, oder die Butter will nicht fertig werden.“ „Oder, wenn Du aufgeſprungene Finger im Win⸗ tter bekömmſt, oder Froſtbeulen an den Füßen,“ fuhr Mary fort. 112 „Das wird ſchlimm ſeyn, denn Capitän Sinclair ſagte, daß, wenn wir nicht vorſichtig ſeyen, wir die Naſenſpitze erfrieren und verlieren würden.“. „Das würde hart für Dich ſeyn, Emma, denn Du ſchonſt ſie nicht,“ ſagte Alfred. „Du gehſt mir immer mit gutem Beiſpiele voran, Alfred.“ „Wir müſſen auf die Naſe des Andern ſehen, ſagt man, um ſagen zu können, unſere eigene ſey in Ge⸗ fahr, und wenn wir einen weißen Fleck auf eines an⸗ dern Naſe ſehen, ſo müſſen wir ein Bischen Schnee nehmen und ſie damit einreiben; eine kleine, zarte Auf⸗ merkſamkeit, welche dieſem Klima eigenthümlich iſt.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich nicht wiſſe, was meine Verſuche werden ſollen,“ ſagte Alfred,„das heißt, gewiſſe Verſuche, und das kann Heinrich eben ſo wenig; wenn ich auf die enormen Stämme dieſer Bäume ſehe, die wir mit unſern Aexten umgehauen haben, ſo fühle ich, daß es ein harter Verſuch iſt, bevor wir Meiſter ſind. Denkſt Du nicht auch ſo, Heinrich?“ „Ich habe in meinem Sinne gedacht, daß ich we⸗ nigſtens zwei neue Felle für meine Hände haben werde, bevor der Winter kommt,“ entgegnete Heinrich.„Aber Bäume zu fällen, war kein Theil meines Univerſitäts⸗ Unterrichts.“ „Nein,“ erwiederte Alfred,„Orford lehrt das nicht; nun, mein Univerſitäts⸗Unterricht..“ „Dein Univerſitäts⸗Unterricht?“ rief Emma. „Ja, meiner, ich habe auf dem Univerſum geſegelt, und das iſt ein Univerſitäts⸗Unterricht, aber da kom⸗ men Martin und John; ei, John hat eine Flinte auf ſeiner Schulter, er muß ſie mit ſich genommen haben, als er jüngſt verſchwand.“ „Ich glaube, daß er in dieſer Zeit gelernt hat, wie man ſie gebraucht, Alfred,“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Ma'am,“ entgegnete Martin, welcher einge⸗ treten war,„er verſteht ſie ſehr wohl zu gebrauchen, 4½ 113 und er hat Sorge für ſie und Sorge für ſich. Ich ließ ſie ihn mit nach Haus bringen in der Abſicht, ihn zu beobachten, er hat zweimal gefeuert und geladen, als wir zurückkehrten und er hat dieſen Holzglucker getödtet,“ fuhr Martin fort, indem er das todte Thier auf dem Hausflur zeigte,„der alte Malachi hat es ihm wohl gelehrt und er hat ſeine Lektionen nicht vergeſſen.“ „Was für ein Thier iſt das, Martin; iſt es gut zu eſſen?“ ſagte Heinrich. 4. „Nicht ſehr gut, Sir, es iſt ein Thier, welches im Schlamm wühlt, und iſt ſehr ſchädlich in einem Gar⸗ ten oder für den jungen Mais und wir ſchoſſen es da⸗ her und brachten es mit.“ „Das ift ſchlimm, daß es nicht gut zu eſſen iſt.“ „Oh, Sie mögen es eſſen, Sir, ich ſage nicht, daß es nicht zum Eſſen geſchaffen ſei; aber da gibt es noch viel beſſere Dinge.“ 3 „Das iſt hinreichend für mich, Martin,“ ſagte Emmaz„ich werde es nicht berühren, und jedenſalls nicht in dieſer Zeit, wer es auch immer thun mag.“ „Ich ſprach den alten Bone, Sir, und er ſagte, nes ſei ihm Alles recht. Er wolle ihn nicht länger mehr, als einen Tag bei ſich behalten, ohne ihn zuerſt zu Ihnen zu ſchicken, um Exrlaubniß zu holen.“ „Das iſt Alles, was ich verlange, Martin.“ „Sie waren diesmal zwei Tage aus, und eben erſt nach Hauſe gekommen, als ich anlangte. Das Wild war noch im Walde.“ „Ich ſchoß einen Damhirſch“ ſagte John. „Du haſt einen Damhirſch geſchoſſen, John,“ ſagte Alfred,„was Du für ein tüchtiger Burſche wer⸗ den willſt durch und durch.“ „Ja, Sir, der alte Malachi hat mir erzählt, daß der Knabe einen Damhirſch geſchoſſen habe, und daß er ihn ſelbſt morgen hierher bringen werde.“ „Das freut mich, denn ich wünſche mit ihm zu Die Anſiedler in Canadg. 8 144 ſprechen,“ ſagte Herr Campbell,„aber John, wie kamſt Du dazu, die Flinte ohne Erlaubniß mitzunehmen?“ John antwortete nicht. 4 „Antworte mir, John!“ „Ich kann nicht ohne Flinte ſchießen,“ erwiederte ohn.. „Nicht, Du kannſt nicht? Aber dieſes Gewehr iſt nicht das Deinige.“ „Geben Sie es mir, und ich ſchieße, was Sie wollen vor dem Mittageſſen noch!“ entgegnete John. Ich denke, Sie würden ſo am Beſten thun, Va⸗ Ich 4 1 ter,“ ſagte Heinrich, leiſe.„Die Verſuchung wird zu roß. 8„Du haſt recht, Heinrich,“ ſagte Herr Campbell bei Seite.„Nun, John, ich will Dir die Flinte geben, wenn Du verſprichſt, mich um Erlaubniß zu fragen, wenn Du gehen willſt und ſtets zu der Zeit zurückzu⸗ kommen, zu welcher Du die Rückkehr verſprochen haſt.. „Ich will es jedesmal ſagen, wenn ich gehe, wenn mich die Mutter jedesmal gehen läßt, und ich will im⸗ mer zurückkommen, wie ich es verſprochen habe, wenn..“ „Wenn was?“ 1 „Wenn ich erlegt habe,“ ſagte John. 3 „Er meint, Sir, daß wenn er fort und auf ein Thier ausgegangen iſt, dieſes gefallen ſein muß, und daß er, ſobald er das Wild entweder verloren oder ge⸗ ſchoſſen habe, zurückkommen werde. Das iſt ſo die Weiſe eines wahren Jägers, Sir, und Sie dürfen deshalb nicht zanken.“ fvrich denn, John, wiederhole, daß Du es ver⸗ „Martin,“ ſagte Percival,„wann wollen Sie mich das Abfeuern einer Flinte lehren?“— „O, nun bald, Sir; die Soldaten ſind nun fort, und ſo bald als Sie das Ziel treffen können, ſollen Sie mit mir und Alfred gehen.“ 415 „Und wo werden wir es lernen, Mary?“ ſagte Emma. „Ich will es Euch lehren, und auch meiner ver⸗ ehrten Mutter einen Ünterricht geben,“ ſprach Alfred. „Nun wohl, wir wollen es Alle lernen,“ ſagte Mrs. Campbell. 1 „Was iſt morgen zu thun, Martin?“ fragte Alfred. „Ei nun, Sir, da ſind Bretter genug, um eine Fiſcherbarke zu machen, und wenn Sie und Herr Heinrich helfen wollten, ſo glaube ich, daß wir in einem oder zwei Tagen eine fertig haben ſollen. Der See iſt voll von Fiſchen und es iſt zu bedauern, daß wir nicht mehr Zeit haben, während das Wetter ſo ſchön iſt.“ „Ich habe Netze genug im Lagerhauſe,“ ſagte Herr Campbell. 4 „Herr Percival wird das Fiſchen bald von ſich ſelbſt lernen,“ bemerkte Martin,„und dann wird er ſo viel bringen, als Meiſter John.“ „Fiſche!“ ſagte John mit Verachtung. „Ja, Fiſche, Meiſter John,“ entgegnete Martin. „Ein guter Jäger iſt immer auch ein guter Fiſcher, und verachtet dieſen nicht, denn der gibt ihm oft eine Mahlzeit, wenn er vielleicht ſonſt mit einem leeren Ma⸗ gen ſchlafen gehen müßte.“ „Nun, ich will die Fiſche mit Vergnügen fangen,“ rief Percival.„Nur muß ich hie und da auf die Jagd ziehen können.“ „Ja, mein lieber Junge, und wir müſſen auch hie und da in das Bett gehen, dazu iſt es nun hohe Zeit, weil wir morgen alle mit Tagesanbruch auf ſeyn müſſen.“ Den nächſten Morgen begannen Mary und Emma die Kühe zu melken, dießmal nicht wie gewöhnlich von den jungen Männern begleitet, denn Heinrich und Alfred waren beſchäftigt und Capitän Sinclair war fort. Als ſie über die Brücke gingen, ſagte Mary zu ihrer Schweſter: Emma, uns Melkfräulein erwarten nun keine Gentlemens mehr.“ „Nein,“ erwiederte Emma,„der Beruf iſt nun 116 alles Reizes beraubt, und ein Vergnügen müſſen wir nun als eine Pflicht betrachten.“ Affued und Heinrich ſind mit Martin bei dem Fi⸗ ſcherboote,“ bemerkte Mary. „Ja,“ verſetzte Emma,„aber es kommt mir vor, Mary, daß Du mehr an Capitän Sinclair als an un⸗ ſere Vettern denkſt.“ „Das iſt vollkommen wahr, Emma, ich dachte an ihn,“ erwiederte Mary ernſthaft.„Du glaubſt nicht, wie ſehr ich ſeine Abweſenheit fühle.“ „Ich kann mir es vorſtellen, meine theure Mary. Werden wir ihn bald wieder ſehen?“ „Ich weiß es nicht, ich glaube aber gewiß, vor drei oder vier Wochen nicht. Es kann verſchoben wer⸗ den, bis ſie vom Fort ausgehen, um Heu zu machen, und wenn er dann einer von den Officieren iſt, die mit der Mannſchaft ausgeſendet werden, dann iſt er abweſend, und wenn er in dem Fort zurückbleibt, ſo iſt er auch gezwungen, ganz dort zu bleiben; ſo iſt alſo keine Hoffnung, ihn zu ſehen, bis das Heumache vorüber iſt.“ 4 „Wo werden ſie denn Heu machen, Mary?“ „Du weißt, ſie haben allein rund um das Fort her genügende Weide für das Rindvieh während des Sommers und ſie gehen dann an die Ufer des Sels und auf die Inſeln, welche, wie Du weißt, zum Theil cultivirtes Land ſind, ſie mähen das Gras ab, machen Heu, ſammeln es in die Schiffe und fahren es in das Fort, was für den Winter aufbewahrt wird. Dieſe Prairie war ihre beſte Hülfe, nun aber haben ſie die⸗ ſelbe verloren.“. „Aber Oberſt Forſter hat dem Vater genug Heu für die Kühe während dieſes Winters verſprochen, und wir könnten ſie nicht füttern, wenn er das nicht gethan hätte. Capitän Sinclair will alſo das Heu herüber⸗ bringen, und dann werden wir ihn wiederſehen, Mary. Aber wir müſſen jetzt auf unſere Kühe zugehen. Nie⸗ —— 117 mand treibt ſie uns herbei. Wenn Alfred einige Ma⸗ nieren hätte, ſo würde er hergekommen ſeyn.“ „Und warum nicht Heinrich, Emma?“ fragte Mary lächelnd. „O, ich weiß es nicht, Alfred kam mir zuerſt in den Sinn.“ 3 „Ich glaube, daß dieß wirklich der Fall iſt,“ ver⸗ ſetzte Mary.„Nun, ich bin aber bei Dir, ſo gehe weiter und melke Deine Kühe.“ „Es iſt Alles recht gut, Miß,“ entgegnete Emma lachend,„aber ſo bald ich gelernt habe, meine Flinte abzufeuern, dann wirſt Du vorſichtiger ſeyn in dem, was Du ſagſt.“ Als ſie nach Hauſe kamen, fanden ſie den alten Jäger, mit einem ſchönen Bock, den er vor ſich liegen hatte. Herr Campbell war mit dem Knaben und Mar⸗ tin ausgegangen, welcher ſeine Meinung über die Größe der Barke wünſchte. 3 „Wie befinden Sie ſich, Herr Bone?“ fragte Mary. „Hat John den Damhirſch geſchoſſen?“ „ Ja, und ſo gut, wie ein alter Jäger, und das Geſchöpf kann wahrhaftig das Wild auf ſeinen Schul⸗ tern tragen. Welche von Ihnen heißt Mary?“ „Ich,“ antwortete Mary. „Dann habe ich etwas für Sie,“ ſagte der alte Malachi, indem er aus ſeiner Weſte ein kleines Paket zog, daſſelbe aufwickelte und ihr einhändigte, indem er ſagte:„Es iſt ein Geſchenk von der Erdbeerpflanze.“ Mary öffnete das Paket und fand darin ein Paar Moccaſſins, ſehr ſchön gearbeitet, von Stacheln eines gefleckten Stachelſchweines. „S wie ſchön und wie gut von ihr! Sagen Sie ihr 3 daß ich ihr danke und ſie ſehr liebe. Wollen Sie das?“ „Ja, ich will es ihr ſagen. Wo iſt der Knabe?“ „Welcher? John? Ich denke, er iſt an den Fluß gegangen, um einige Forellen zu fangen, er will * 118 bis zum Frühſtück zurück ſeyn, und das iſt gerade fertig. Komm, Emma, wir wollen die Milch hereinbringen.“ Herr Campbell und die, welche mit ihm waren, kamen bald zurück.— Malachi Bone ſagte, daß er den Bock gebracht habe, den John geſchoſſen, und daß er, wenn es an⸗ gehe, ein Fäßchen Schießpulver und einiges Blei mit⸗ nehmen wolle, daß er wünſche, Herr Campbell berechne, was er ihm für ſein Eigenthum zu geben beabſichtige, und daß er ihm dieſes in Waaren ausbezahle, wie er es verlange. „Warum ſagen Sie nicht ſelbſt den Preis, Ma⸗ lachi?“ ſagte Herr Campbell. „Wie kann ich einen Preis ſagen? Es wurde mir unentgeldlich gegeben, ich überlaſſe Ihnen und Mar⸗ tin Super Alles, wie ich ſchon früher ſagte.“ „Sie ſetzen großes Vertrauen in mich, das muß ich ſagen. Nun, Bone, ich will Sie nicht hintergehen, aber ich bin beſorgt, Sie müſſen etwas lange auf Ihre Bezahlung warten, wenn Sie dieſelbe allein durch Waaren von meinem Lager haben wollenͤ.. „Um ſo beſſer, Meiſter. Es wird noch lang ſeyn, bis ich ſterbe, und was dann noch vorhanden iſt, das gehört dem Knaben da,“ entgegnete der alte Jäger, in⸗ dem er ſeine Hand auf Johns Kopf legte. „Bone,“ ſagte Herr Campbell,„ich habe keine Einwendung dagegen, daß der Knabe gelegenheitlich mit Ihnen gehe, aber ich kann ihm nicht erlauben, daß er immerfort weg ſey. Ich wünſche, daß er immer am Tage, nachdem er bei Ihnen geweſen, zurückkomme.“ „Das iſt nicht verſtändig, Meiſter. Wir gehen auf das Wild aus. Wer weiß, wo wir es finden, wie lange wir auf daſſelbe anſtehen, und wie weit wir ge⸗ hen müſſen? Müſſen wir auf die Jagd gehen, weil das Koppel auf iſt, weil offene Zeit iſt? Das will ich nicht thun. Ich glaubte, ich wollte aus dem Knaben einen Jäger machen, und er muß lernen ausſchlafen, 1¹9 und alles das thun, was ein Jäger thun muß. Sie müſſen ihn länger bei mir laſſen, und wenn er zurück⸗ kommt, dann mögen Sie ihn länger behalten. Aber ich wünſche ihm, ein Mann zu werden, und je mehr er mit mir geht, deſto beſſer. Er ſoll die ganze Kunſt der Indianer lernen, das verſpreche ich Ihnen, und den folgenden Winter ſoll er Biber fangen und Ihnen die Felle bringen.“ 8— „Ich denke, Sir,“ bemerkte Martin,„was der alte Mann ſagt, iſt Alles in Ordnung.“ „Und ſo denke ich auch,“ ſagte Alfred,„das heißt John in die Schule ſchicken. Laſſen Sie ihn gehen, Vater, und nur für die Feiertage zurückkommen.“ „Ich will immer zu Euch kommen, wenn ich kann,“ ſagte John. „Ich bin durch Johns Rede mehr zufrieden geſtellt, als Ihr Euch vorſtellen könnt,“ ſagte Mrs. Campbell. „John iſt ein braver Knabe und ſpricht nicht anders, als er denkt.“ 5 „Gut, meine Theure, wenn Du keine Einwen⸗ dung haſt, ſo will ich zuverläßig auch keine erheben.“ „Ich denke, daß ich mehr durch Johns Liebe ge⸗ winne, als durch Gewalt, mein lieber Mann. Er ſagt, er wolle immer kommen, wenn er könne, und ich glaube ihm. Ich habe deßhalb keine Einwendung dagegen, ihn mit Malachi Bone gehen zu laſſen, je⸗ denfalls auf eine Woche, oder eine ähnliche Zeit.“ „Aber ſeine Erziehung, meine Theure?“ „Es iſt gewiß, daß er jetzt nichts lernt, ſo lange er von dieſem Waldfieber, wenn ich es ſo nennen darf, befallen iſt. Er wird vielleicht nach einem Jahre lernbegieriger ſeyn, als jetzt; Du mußt berückſichtigen, daß wir nicht die Befugniß haben, mit dieſem Kinde auf die gewöhnliche Weiſe zu verfahren, und wenn auch meine mütterlichen Gefühle meinem Ürtheile widerſtreben, ſo iſt es gewiß ſtark genug, daß meine Entſcheidung dahin ausgefallen iſt. Wir müſſen hier nicht den Werth einer 120 vollendeten Erziehung betrachten, wie wir es gewöhn⸗ lich thun. Wollen wir ihm jeden Vortheil geben, wel⸗ chen das Eigenthümliche ſeiner Lage von uns fordert. Denn wir ſind jetzt in den Wäldern und zu einer Art von Naturzuſtand zurückgekehrt, wo die erſte und wich⸗ tigſte Kenntniß die iſt, unſern Unterhalt zu gewinnen.“ „Wohl, meine Theure, ich denke, Deine Anſichten ſind in dieſer Beziehung die richtigen, und daher magſt Du, John, zu Malachi Bone in die Lehre gehen; komme zu uns, wenn Du kannſt, und ich erwarte, Dich aus dem Weſten heimkehren zu ſehen, wie einen Nimrod.“ Der alte Malachi ſtaunte bei dem Schluſſe dieſes Geſprächs. Alfred bemerkte dieſes und brach in ein Gelächter aus. Dann ſagte er: „Das Ende von allem dem iſt, Malachi, daß mein Bruder John die Erlaubniß meines Vaters hat und daß Sie einen Mann aus ihm machen ſollen.“ „Der wird ſchon ſelbſt einen Mann aus ſich ma⸗ chen,“ entgegnete Bone,„ich kann bloß einen guten Jäger aus ihm machen, und das will ich, wenn er und ich mit einander Haus halten. Nun, Meiſter, wenn mir Martin das Pulver und das Blei geben wird, ſo will ich aufbrechen. Kann der Knabe mitgehen?“ „Ja, wenn Sie es verlangen,“ entgegnete Mrs. Campbell.„Komm, John und ſage mir Lebewohl; er⸗ innere Dich Deines Verſprechens!“ John ſagte Allen mit allem möglichen Anſtande Lebe⸗ wohl, und dann trabte er hinter ſeinem Schulmei⸗ ſter her.. Dreizehntes Kapitel. Im Verlauf einer Woche oder zweier ſtanden die Sachen alle an ihrem Platze und die Familie begann —,— — 121 ſich etwas behaglicher zu fühlen; denn es war ein Grad von Regelmäßigkeit und Ordnung eingetreten, welcher während der Anweſenheit der Soldaten und deren Be⸗ ſchäftigung nicht erreicht werden konnte. Herr Camp⸗ bell und Percival trugen alle Gegenſtände während des Morgens in das Haus, und der Letztere, der das Geflügel und die Ferkel beſorgte, holte Waſſer aus dem Fluſſe und dergleichen. Mary und Emma melkten die Kühe und leiſteten dann ihrer Mutter während des Tages im Waſchen und dergleichen Hülfe. Herr Camp⸗ bell unterrichtete Percival, arbeitete in dem Garten und half ſonſt, ſo viel als er konnte, wo er es nützlich fand; aber er war in den Jahren zu weit vorgerückt, um ſchweren Arbeiten ſich unterziehen zu können. Al⸗ fred, Heinrich und Martin Super waren während des ganzen Tags beſchäftigt, Bäume zu fällen und das Land auszuroden; aber jeden andern Tag ging der Eine oder der Andere mit Martin in die Wälder, um für Nahrung zu ſorgen, und ſie brachten dann Hirſche, wilde Truthähne oder anderes Wild mit nach Hauſe, welches nebſt einem Stück geſalzenen Schweinefleiſches und den Fiſchen hinreichend für den Unterhalt der Fa⸗ milie war. Percival hatte die Erlaubniß, nun mit auf die Jagd zu gehen, und bekam Uebung mit dem Schieß⸗ gewehre. Er bedurfte nur etwas mehr Uebung, um ein guter Schütze zu ſeyn. 2 Wenn halb fünf Uhr vorbei war, ſtanden Alle auf; um halb ſieben Uhr waren Alle bei dem Gebete ver⸗ ſammelt und dann ging es zum Frühſtück. Um ein Uhr wurde zu Mittag geſpeist und um ſieben Uhr Abends der Thee und das Abendeſſen zu gleicher Zeit eingenommen. Um neun Uhr begaben ſie ſich zu Bett. Ehe zwei Monate vorübergegangen waren, ging Alles gleich einem Uhrwerke. Ein Tag glich dem andern, und die Zeit entfloh ſo ſchnell, daß ſie ſich wunderten, wenn der Sonntag ſchon wieder da war. Sie hatten nicht Zeit, Alles auszupacken, und die Bücher, welche 1²² Mrs. Campbell ausgeſucht und mitgenommen hatte, waren auf den Bänken in dem Sprachzimmer aufge⸗ ſtellt, denn ſie hatten bisher nicht Zeit zum Leſen, und waren überhaupt, wenn der Tag vorüber war, zu ſehr ermüdet, um nicht ſogleich ihr Bett zu ſuchen. Die einzige Zeit der Muſe im ganzen Tage war zwiſchen dem Abendeſſen und dem Schlafengehen; da waren ſie Alle in der Küche verſammelt und ſprachen über die geringfügigen Gegenſtände, welche ihnen während des Tages auf der Jagd oder zu Hauſe be⸗ gegnet waren. Sie waren nun in der Mitte Oktober; der Winter war nahe und ſie ſahen mit einer gewiſſen Bangigkeit vorwärts. John hatte ſein Wort gewiſſenhaft gehalten. Er war hie und da auf drei oder vier Tage abweſend, und wenn dieß der Fall war, ſo kam er zuverläſſig nach Hauſe und blieb einen oder zwei Tage da. Alfred und Martin hatten ſchon lange die Fiſcherbarke vollen⸗ det und ſie war leicht und bequem zu handhaben. Hein⸗ rich und Percival fuhren in verſelben aus und als ſie zurück waren, fuhr John mit Percival eine halbe Meile weit in den See hinaus, und kam bald mit einer. rei⸗ chen Beute an Fiſchen zurück. Mrs. Campbell hatte ſo viel davon bekommen, daß ſie eine ganze Tonne voll zum Gebrauche für den Winter einſalzen konnte. Eines Tags wurden ſie durch den Beſuch des Ca⸗ pitän Sinclair überraſcht. Er war von dem Fort her gekommen, um ſie zu benachrichtigen, daß das Heu ein⸗ gebracht worden ſey, daß er es in einem oder zwei Tagen herſchicken wolle. Er ſetzte Herrn Campbell da⸗ von in Kenntniß, daß der Kommandant ihm einen jungen Stier geben könne, wenn er wünſche, derglei⸗ chen als Wintervorrath zu haben. Dieſes Anerbieten wurde dankbar angenommen, und nachdem Capitän Sinclair zu Mittag mitgeſpeist hatte, war er gezwun⸗ gen, in das Fort zurückzukehren, weil ihm ſeine Pflicht A 7 12³ gebot, bei Nacht dort zu ſeyn. Ehe er ſich jedoch ent⸗ fernte, hatte er mit Martin Super eine Unterredung, ohne daß es die Uebrigen bemerkten. Dann lud er Alfred ein, mit ihm nach dem Fort zu gehen und am folgenden Morgen zurückzukehren. Alfred ging darauf ein, zwei Stunden, ehe es finſter wurde, brachen ſie auf, und ſobald ſie auf der entgegengeſetzten Seite des Baches waren, hatte ſich Martin Super mit ihnen ver⸗ einigt. „Die Gründe, aus welchen ich Sie gebeten habe, mit mir zu kommen, ſind zweifach,“ ſagte Capitän Sin⸗ clair zu Alfred,„zuerſt wünſche ich, daß ſie den Weg nach dem Fort kennen lernen, für den Fall, daß es nothwendig ſeyn ſollte, eine Mittheilung während des Winters zu machen, dann wünſche ich eine Unterre⸗ dung mit Ihnen und Martin hinſichtlich der Nachrich⸗ ten zu haben, welche uns über die Indianer zugekom⸗ men ſind. Ich kann Ihnen allein ſagen, was ich vor Ihrer Mutter und Ihren Couſinen nicht ſagen mochte, weil ich ſie in einen Zuſtand von Bangigkeit und Un⸗ ruhe verſetzen konnte, die nutzlos, ohne Zweck ſeyn könnte. Die Sache iſt, daß wir ſeit einiger Zeit die Gewißheit erhielten, daß die Indianer verſchiedene Be⸗ rathſchlagungen gehalten haben; es ſcheint nicht, daß dieſelben bis jetzt zu irgend einem Entſchluſſe gekom⸗ men ſind; indeſſen iſt es doch gewiß, daß ſie ſich in einer großen Anzahl nicht ferne von dem Fort verſam⸗ melt haben. Ohne Zweifel haben ſie franzöſiſche Emiſ⸗ ſäre aufgeregt, uns anzugreifen. Wir können übrigens daraus erſehen, daß ſie nicht ſelbſt Luſt dazu gehabt haben, und daher iſt es wahrſcheinlich, daß vor dem nächſten Jahre nichts unternommen wird, denn der Herbſt iſt die Jahreszeit, in welcher ſie ihre Streifzüge ausſenden; indeſſen herrſcht keine Gewißheit hierüber, wiewohl ein großer Unterſchied zwiſchen einer Vereini⸗ gung aller Stämme gegen uns und einem gewöhnli⸗ chen indianiſchen Streifzuge iſt. Wir müſſen daher 8 124 immer wachſam ſeyn, denn wir haben es mit einem verrätheriſchen Feinde zu thun; und nun zu Ihrem In⸗ tereſſe bei dieſer Sache. Wenn die Indianer das Fort angreifen, was ſie unerachtet unſerer Verträge mit ih⸗ nen thun können, ſind Sie da, wo Sie ſich befinden, nicht ſicher; aber unglücklicher Weiſe mögen Sie auch nicht ſicher ſeyn, wenn wir nicht angegriffen werden, denn wenn die Indianer ſich ſammeln, ſo ſind ſie im⸗ mer in Banden von fünf bis zehn Individuen, welche, nachdem ſie ihre Wohnung verlaſſen haben, womöglich nicht ohne Beute zurückkehren wollen; das ſind keine regulären Krieger, oder, wenn es Krieger ſind, bei den Stämmen nicht ſehr geachtet, weil ſie zu der letzten Klaſſe der Indianer gehören, welche mehr Straßenräu⸗ ber und Banditen ſind. Sie müſſen daher gegen die Beſuche dieſer Leute auf der Hut ſeyn. Es iſt ein Glück für Sie, daß der alte Bone ſeinen Aufenthalt mehrere Meilen weſtwärts verlegt hat, und da Sie in einem ſo guten Vernehmen mit ihm ſtehen, iſt es nicht ſehr wahrſcheinlich, daß ſich Ihnen eine Abtheilung In⸗ dianer nahe, ohne daß er es wiſſe und Ihnen davon Nachricht gebe.“ „Das iſt wahr, Capitän,“ bemerkte Martin,„und ich will ſelbſt zu ihm gehen und ihn zur Wachſamkeit auffordern.“ 4 „Aber werden ſie ihn nicht angreifen, bevor ſie auf uns einen Angriff machen?“ fragte Alfred. „Warum ſoͤllten ſie das?“ entgegnete Sinclair. „»Er iſt ſo gut ein Indianer, ſo gut, als ſie es ſind, und er kennt die Meiſten von ihnen. Und überdieß, was ſollten ſie gewinnen, wenn ſie ihn angreifen? Dieſe Streifparthien, welche Sie zu fürchten haben, ge⸗ hen auf Raub aus, und erwarten nicht, in ſeinem Wig⸗ wam irgend etwas zu finden, ausgenommen etwas Pelze. Nein, ſie wollen ſeine Flinte, welche ſie fürch⸗ ten, wenn er gezwungen iſt, ſie zu gebrauchen, icht kennen lernen. Ich ſage Ihnen dieß, Alfred, damit — — 125 Sie vorbereitet und ſcharf auf Ihrer Hut ſeyn können. Es iſt leicht möglich, daß nichts dergleichen ſich ereig⸗ net, und daß der Winter ohne Gefahr vorübergeht, und ich ſage Ihnen und Martin dieſes, weil ich glaube, daß Wahrſcheinlichkeiten nicht genügend ſind, um die übrigen Glieder Ihrer Familie, und namentlich den weiblichen Theil derſelben, in Unruhe zu verſetzen. In wie fern es räthlich ſey, Ihrem Vater und Heinrich das mitzutheilen, was ich Ihnen eröffnet habe, iſt Ihre Sache. Wenn ich vorhin ſagte, daß ich nicht glaube, daß Sie von einem allgemeinen Angriffe viel zu fürch⸗ ten haben, ſo gründete es ſich darauf, daß wir im Jahre ſchon zu weit vorgerückt ſind und daß wir wiſ⸗ ſen, daß die Verſammlung aus einander ging, ohne zu einem Beſchluſſe gekommen zu ſeyn. Sie haben allein die Angriffe der kleinen Parthien, der Marodeurs, zu fürchten, und ich glaube, daß Sie ſtark genug ſind, wenn auch nicht der Zahl nach, doch in den Vertheidi⸗ gungsanſtalten ihrer Wohnung, dieſen mit Erfolg zu widerſtehen, wenn Sie nicht plötzlich überfallen wer⸗ den. Das iſt Alles, was Sie zu fürchten haben, und nun, da Sie gewarnt wurden, iſt die Gefahr halb vorüber.“ „Gut, Capitän,“ ſagte Martin,„aber nun will ich Sie verlaſſen und während der Nacht zu dem alten Malachi hinübergehen; denn wenn ſie einen Angriff machen, ſo werden ſie ihn, wie es mir ſcheint, zwiſchen dem Fallen des Laubes und dem Fallen des Schnees machen, und daher iſt es um ſo beſſer, je früher Ma⸗ lachi als Wache beſtellt iſt. Guten Abend, Sir!⸗ 4 Capitän Sinclair und Alfred ſetzten nun ihren Weg nach dem Fort fort. Sie hatten eine enge Freund⸗ ſchaft geſchloſſen und waren in ihren gegenſeitigen Mittheilungen ohne Rückhalt. 3 „Sie haben keinen Begriff, Alfred,“ ſagte Capi⸗ tän Sinclair,„wie ſehr die eigenthümliche Lage Ihrer Familie meine Gedanken beſchäftigt.„Es könnte zunächſt 126 als eine Thorheit erſcheinen, daß Ihr Vater Ihre Mutter und Ihre Couſinen an ſolch' einen Platz gebracht hat, und ſie ſolchen Entbehrungen und Gefahren aus⸗ ſetzte. Ich kann wahrhaftig bei Nacht nicht ſchlafen, wenn ich bedenke, was ſich ereignen könnte.“ „Ich glaube,“ entgegnete Alfred,„daß wenn mein Vater genau gewußt hätte, daß er in die gegenwärtige Lage kommen würde, er ſich nicht entſchloſſen haben würde, England zu verlaſſen; aber Sie müſſen erwägen, daß er mit viel mehr Ermuthigung und mit der Idee herüberkam, daß er bloß das Ungemach eines gewohn⸗ lichen Anſiedlers hinſichtlich der Urbarmachung des Lan⸗ des zu beſtehen haben würde. Er dachte, wie wir es zuletzt Alle thaten, daß wir uns bei andern Gutsbe⸗ ſitzern nieverlaſſen und keine beſondern Gefahren zu beſtehen haben würden. Als er zu Quebec ankam, fand er, daß alles gute Land nächſt den civiliſirten Gegen⸗ den verkauft oder von den franzöſiſchen Canadiern be⸗ ſeſſen war; es wurde ihm der Rath, weiter weſtwärts zu gehen, von ſolchen Perſonen gegeben, die wohl wiſ⸗ ſen mußten, was ihm hiebei begegnen konnte, die aber wahrſcheinlich glaubten, daß die Gefahr, welche jetzt naht, nicht mehr beſtehe, und er folgte dem Rathe, von welchem ich nicht glaube, daß er gewiſſenlos gegeben worden ſey. Ich ſelbſt denke eben jetzt, daß der Rath gut war, obgleich wir von Frauen begleitet ſind, die in einer ſo verſchiedenen Sphäre aufgezogen wurden, und für deren Wohlfahrt eine ſolche Unruhe nachtheilig iſt; denn hören Sie nun, Sinclair, ich ſetze voraus, ohne daß wir unſern Ankauf gemacht hätten, hätten Sie gehört, daß viele Coloniſten, Männer und Weiber, ſich da niedergelaſſen haben, wo wir es thaten; hätten Sie dieſes ſo vorſchnell und unüberlegt beurtheilt, wenn ihre Weiber geweſen ſeyen?“ „Ich würde mich in der That wenig um Sie vorausgeſetzt, daß es bloß wirkliche Landleute und , 127 kümmert, und vielleicht über dieſen Gegenſtand gar nicht nachgedacht haben.“. „Aber angenommen, daß die Subjecte auf das Fort gekommen wären, und nachdem ſie gehört hätten, daß die Anſiedler ein verpaliſadirtes Haus und vier oder fünf gute Flinten haben, um Aufnahme gebeten und erklärt hätten, daß ſie entſchloſſen ſeien, mit dem Fort zu fallen, wenn es nöthig wäre?“ „Ich gebe zu, daß ich wahrſcheinlich geſagt haben würde, ſie ſeyen in einer Lage, um ſich ſelbſt zu ver⸗ theidigen.“ „Höchſt wahrſcheinlich, und daher ſind wir in der⸗ ſelben Lage; Ihre gefühlvolle Theilnahme an uns ver⸗ rrößert die Gefahr und ich hoffe daher, daß in Zu⸗ zlunft unſere Lage Ihre nächtliche Ruhe nicht mehr ſtören werde.“ „Ich wollte, ich könnte mir ſelbſt dieſes Gefühl von Sicherheit geben, Alfred. Wenn ich allein mit Ihnen wäre, um Ihnen in Ihrer Vertheidigung bei⸗ zuſtehen, würde ich geſund genug ſchlafen.“ „Dann würden Sie nicht mehr ſo oft als Wache in Anſpruch genommen werden,“ erwiederte Alfred la⸗ chend.„Fürchten Sie nichts, Sinclair, wir befinden uns wohl genug, und wenn wir um Hülfe bitten, ſo rechnen wir auf Sie und eine Abtheilung Soldaten.“ „Das ſollte ſehr ſchwierig ſeyn, Alfred,“ entgeg⸗ naete Capitän Sinclair;„wenn Ge ahr genug vorhan⸗ den wäre, dieſes von dem Comman danten zu verlan⸗ gen, ſo würde dieſelbe Gefahr erordern, daß die Macht in dem Fort nicht geſchwächt werde; nein, Sie würden eine Zuflucht in dem Fort finden und Ihr Gut den Indianern Preis geben können.“ „Dies würde gewiß der weiſeſte nuter zwei Plä⸗ nen ſeyn,“ entgegnete Alfred,„und jedenfalls könnten wir unſere Frauenzimmer ſchicken. Aber die Indianer e jetzt nicht gekommen und wir müſſen hoffen, ß ſie nicht kommen wollen.“ 3 128 Die Unterhaltung wurde jetzt auf einen andern Gegenſtand gelenkt und eine halbe Stunde ſpäter lang⸗ ten ſie auf dem Fort am 4 Alfred wurde zunächſt durch den Oberſt Forſter bewillkommt, in deſſen großer Gunſt er ſtand. Der Oberſt konnte es nicht unterlaſſen, ſeine Meinung aus⸗ zuſprechen, daß Herr Campbell und ſeine Familie in einer höchſt gefährlichen Lage ſeyen und er bedauerte, daß der weibliche Theil der letzteren, welche mit ſo ganz entgegengeſetzten Ausſichten aufgewachſen, in ei⸗ ner ſolchen Lage ſich befinde. Er verſuchte ihm einen Wink zu geben, daß wenn Mrs. Campbell und die beiden Fraͤulein Percival den Winter in dem Fort zu⸗ bringen wollten, er alle Anſtalten zu ihrer Aufnahme treffen würde. Aber Alfred erwiederte, daß er über⸗ zeugt ſey, daß kein Anerbieten ſeine Mutter und Cou⸗ ſinen beſtimmen könne, ſeinen Vater zu verlaſſen, daß ſie ſein Glück getheilt hätten und daß ſie auch das Un⸗ glück mit ihm theilen wollten; daß ſie alle davon Kenntniß gehabt hätten, was ihnen hier bevorſtehe, und zwar ehe ſie hieher gekommen, und daß ſein Va⸗ ter ein Leben mit einer ehrenwerthen Unabhängigkeit, wenn auch mit Gefahren gepaart, der Hülfe Anderer und dem Nachſuchen hierum vorziehe. „Aber ich, kann noch immer keinen Grund dafür finden, daß die Damen bleiben und ſich der Gefahr Sun ausſetzen.“ Me „Je mehr wir ſind, deſto leichter können wir die Gefahr abweiſen,“ erwiederte Alfred.. „Aber Frauen ſind wahrhaftig allein ein Hinderniß.“ „Ich denke anders,“ entgegnete Alfred.„So jung und zart als meine Couſinen ſind, ſo fürchten ſie ſich nicht mehr, als meine Mutter, wenn ihre Dienſte er⸗ fordert werden. Sie können nun von einem Gewehre Gebrauch machen, wenn es die Noth erheiſcht, und das Haus vertheidigen,; ein entſchloſſenes Weib iſt immer ſo thätig, wie ein Mann. Glauben Sie mir, ———— — —— * 1²9 ſie werden ſo handeln, wenn ſie in die Nothwendigkeit verſetzt ſind. Sie ſehen daher, mein Oberſt, daß wir, indem Sie die Indianer herbeirufen, an Kraft gewin⸗ nen,“ ſetzte Alfred lachend hinzu. „Nun, mein guter Junge, ich will nicht mehr in Sie dringen. Ich rufe Ihnen nur in's Gedächtniß, daß ich ſtets bereit ſeyn werde, Ihnen erforderlichen Falls eine Unterſtützung zu ſchicken.“ „Ich habe gedacht, Oberſt Forſter, daß es, da wir gegenwärtig keine Pferde haben, von ſehr großem Nutzen für einen gewiſſen Fall ſeyn würde, wenn Sie einige Raketen hätten. In der Entfernung, in der wir uns von Ihnen befinden, ſollte eine Rakete auf der Stelle geſehen werden, wenn ſie bei Nacht abge⸗ brannt wird, und ich verſpreche Ihnen, daß ſie nicht ohne höchſte Nothwendigkeit abgebrannt werden ſollen.“ „Es iſt mir ſehr erwünſcht, daß Sie dieſen Ge⸗ genſtand erwähnt haben. Sie ſollen ein ganzes Du⸗ tzend haben und es mitnehmen. Sie gehen mit den Booten zurück, welche morgen das Heu hinüberführen, nicht wahr?“ „Ja, ich ſoll die Unannehmlichkeit ertragen, meine Schuhe zu retten, indem ich ſie in den Händen trage, weil wir keine Schuhflicker mehr haben, ich glaube, es wird die letzte Fahrt ſein, welche in dieſer Jahres⸗ zeit mit den Booten gemacht wird.“ „Ja,“ entgegnete der Oberſt, der Froſt will jetzt ſchon beginnen, in vierzehn Tagen werden wir wahr⸗ ſcheinlich mit einer tüchtigen Menge Schnee heimge⸗ ſucht werden, und das Land wird dann bis zum Früh⸗ ling bedeckt ſeyn. Doch ich hoffe, daß wir von Ihnen gelegenheitlich ſehen oder hören werden.“ „Ja, ſobald ich in meinen Schneeſchuhen gehen kann, werde ich Ihnen einen Beſuch abſtatten,“ erwie⸗ derte Alfred.„Doch ich habe dieſe Kunſt jetzt erſt zu lernen.“ 3 Die Anſiedler in Canada. 9 1³⁰ Am folgenden Morgen war die Luft hell und der Tag glänzend. Die Sonne ſchien auf das ſcharlach⸗ rothe Laub der Eichen und auf die transparentgelben Blätter des Ahornbaumes. Ein ſchwacher Froſt hatte vor zwei oder drei Morgen die Wälder entlaubt, und nun freuten ſie ſich deſſen, was der indianiſche Som⸗ mer genannt wird, nämlich die Rückkehr eines beſſern und wärmern Wetters, welches dem Winter auf kurze Zeit vorangeht. Die Soldaten waren beſchäftigt, das Heu in die Schiffe zu bringen; vor Mittag noch hatte Alfred dem Oberſt Forſter und den andern Officieren auf dem Fort Lebewohl geſagt und ging, von Capitän Sinclair begleitet, hinab, um ſich einzuſchiffen. Alles war fertig und Alfred ſtieg in das Boot; Capitän Sinclair war im Dienſte und daher nicht im Stande, ihn zurückzubegleiten. „Ich werde nicht fehlen, den Schildwachen Anwei⸗ ſungen wegen der Raketen zu geben, Alfred,“ ſagte Ca⸗ pitän Sinclair,„und das ſagen Sie Ihrer Mutter und Ihren Couſinen. Und nun ſehen Sie, daß Sie das Schießen lernen, z. B. auf eine Tonne mit der Muskete. Gott befohlen; Gott behüte Sie, mein lie⸗ ber Junge.“ „Leben Sie wohl!“ entgegnete Alfred, und das Boot ſtieß vom Ufer. Vierzehntes Kapitel. Nach Alfreds Rückkehr von dem Fort gingen ei⸗ nige Tage ohne irgend ein Ereigniß vorüber; Martin hatte den alten Malachi Bone beſucht, und dieſer hatte verrſprochen, daß er auf der Lauer ſeyn und unverweilt Nachricht geben und Hülfe leiſten wolle, wenn irgend eine feindſelige Maßregel von Seite der Indianer er⸗ ——— 13³¹ griffen werden würde. Er ſagte auch zu Martin, daß er in wenigen Tagen entdeckt haben wolle, was ſtatt⸗ gehabt habe und was weiter zu befürchten ſey. Als Martin mit dieſer Nachricht zurückkehrte, war Alfred zufrieden und erwähnte gegen niemand etwas, außer gegen ſeinen Bruder Heinrich, welchem er das mit⸗ theilte, was er von Capitän Sinclair gehört hatte. Die Einförmigkeit ihres Lebens wurde durch die Ankunft eines Korporals von dem Forte unterbrochen, welcher der Ueberbringer der erſten Briefe war, die ſie ſeit ihrer Ankunft auf der Colonie erhielten. Briefe, ja Briefe, nicht allein von Quebec, ſondern auch von England wurden angekündigt. Das ganze Haus war in Aufruhr und Alles drängte ſich um Herrn Camp⸗ bell, während derſelbe das große Paket öffnete. Zuerſt ein Pack engliſcher Zeitungen von dem Gouverneur zu Quebec— dieſe wurden bei Seite gelegt; ein Brief von Herrn Campbells Agenten zu Quebec— dieſer betraf Geſchäfte und konnte bei müßiger Zeit geleſen werden; dann Briefe aus England; zwei lange, welche zwei doppelte Blätter füllten, von Miß Paterſon an Mary und Emma; ein anderer von Herrn Campbells Agenten in England; und ein anderer großer auf Pro⸗ patriapapier mit:„In Sr. Majeſtät Dienſten,“ gerich⸗ tet an Herrn Alfred Campbell. Jeder Theil griff nach ſeinen Briefen und eilte mit denſelben bei Seite. Mrs. Campbell, die einzige, welche keinen Brief empfangen hatte, betrachtete ängſtlich Alfreds Züge, welcher nach einem plötzlichen Erröthen ausrief:„ich bin in meinem Range beſtätigt, meine theure Mutter, ich bin ein Lieutenant in den Dienſten Sr. Majeſtät, Hurrah! Hier iſt ein Brief eingeſchloſſen von Capitän Lumley; ich kenne ſeine Handſchrift.“ Alfred empfing die Glück⸗ wünſche Aller, händigte das officielle Schreiben ſeiner Mutter ein und fing dann an, den Brief des Capi⸗ täns Lumley zu durchleſen. Nach einem kurzen Schwei⸗ gen, während deſſen Alle mit dem Leſen ihrer Cor⸗ 3 . 13² reſpondenz beſchäftigt waren, ſagte Herr Campbell: „Ich habe Euch alſo gute Neuigkeiten mitzutheilen. Herr H. ſchreibt mir, daß Herr Douglas Campbell, weil er die Gewächshäuſer und das Treibhaus in ſo utem Zuſtande gefunden, die Abſicht habe, für die Pflanzen etwas zu bezahlen, daß dieſelben auf ſieben⸗ hundert Pfund geſchätzt worden ſeyen und daß er dieſe in die Hände meines Agenten bezahlt habe. Dieß iſt außerordentlich freigebig von Herrn Douglas Camp⸗ bell, und ich erwartete es um ſo weniger, als ich bei meiner Beſitzergreifung Pflanzen vorfand, ſo daß ich auf keine Vergütung Anſpruch machen konnte. Indeſſen bin ich zu arm, um dieſes Anerbieten abzulehnen, deſ⸗ ſen Zartheit ich zu wohl fühle, und werde daher ſchrei⸗ ben und ihm für ſeine großmüthige Berückſichtigung danken.“ Alfred hatte den Brief des Capitäns Lum⸗ ley geleſen und dieſer machte ihn ſehr nachdenkend. Es rührte daher, daß ſeine Beförderung und die Be⸗ merkungen in Capitän Lumleys Briefe alle ſeine frü⸗ here Reue darüber, daß er den Dienſt verlaſſen habe, wieder erweckt hatten und er war daher ſehr melan⸗ choliſch. Als aber ſeine Couſinen ihre Briefe laut vorlaſen, kehrte ſein heiterer Sinn nach und nach zurück. Nachdem alle Briefe geleſen waren, wurden die Zeitungen vertheilt. Nichts geſchah mehr an dieſem Tage, und am Abende ſaßen Alle rund um das Kü⸗ chenfeuer her und brüteten über den erhaltenen Neuig⸗ keiten bis lange nach der gewöhnlichen Zeit ihres Schlafengehens. „Meine theure Emilie,“ ſagte Herr Campbell am nächſten Morgen, ehe er das Schlafgemach verließ,„ich habe überdacht, welch' wahrhaft belangreiche Ergänzung unſeres Geldes dieſes iſt. Meine Fonds waren, wie Du bei der Anweiſung meines Agenten zu Quebec ge⸗ ſehen haſt, beinahe erſchöpft, und wir haben uns ſo manche Gegenſtände anzuſchaffen. Wir haben im näch⸗ ſten Jahre zwei Pferde anzukaufen und wir müſſen — — 133 unſere Vorräthe in jeder Beziehung vermehren; wenn wir einen oder zwei Männer haben könnten, würde es von großem Vortheil ſeyn, denn je früher wir das Feld anbauen, deſto früher ſind wir unab ängig.“ „Ich pflichte Dir bei, Campbell, beſonders da wir jetzt Alfreds halbe Gage, armer Junge, bekommen wer⸗ den, die uns eine große Unterſtützung ſeyn wird. Ich habe während der vergangenen Nacht mehr an ihn, als an irgend etwas gedacht; ich beobachtete ihn, als er Capitän Lumley's Brief las, und ich begriff die Urſache, daß er eine Zeit lang ſo ernſt, und mit ſeinen Gedanken abweſend war, ſehr wohl. Ich fühlte mich zunächſt geneigt, ihn zu ſeiner Beſchäftigung zurückkeh⸗ ren zu laſſen; es würde qualvoll ſeyn, mit ihm zu theilen, und das Opfer von ſeiner Seite iſt wahrhaft groß.“ 4 N „Still; es iſt ſeine Pflicht,“ erwiderte Herr Camp⸗ bell,„und er iſt uns überdieß jetzt ſo abſolut noth⸗ wendig, daß er bei uns bleiben muß. Wenn wir ein⸗ mal mehr angeſiedelt und ſeines Beiſtandes weniger bedürftig ſeyn werden, dann wollen wir über dieſen Gegenſtand ſprechen.“ In der Zwiſchenzeit waren Mary und Emma wie gewöhnlich gegangen, die Kühe zu melken. Es war ein herrlicher, klarer Tag, mit einer kühlen Luft, welche ihren Geiſt erheiterte, und der Sonnenſchein, in den vor dem Wind geſchützten Lagen angenehm, gab einen der ſchönſten Tage vor dem Heranbrauſen des Winters. Beide hatten ihre Kühe gemolken und waren eben im Begriffe wegzugehen, als ſie beide ſich mit ihren Eimern auf einen Block ſetzten, welcher vor Malachi's Hütte war, die früher zu einem Kühſtalle nicht benutzt wurde. „Weißt Du, Mary,“ ſagte Emma nach einer Pauſe,„ich bin jetzt traurig, weil ich einen Brief von Miß Paterſon erhalten habe.“ „Deswegen, theure Emma?“ 3 „Ja, deswegen, er hat mich wankend gemacht. 1³⁴ Ich habe in der vergangenen Nacht nichts als geträumt, jede Kleinigkeit tauchte in meinem Geiſte wieder auf, Alles, was ich am meiſten zu vergeſſen wünſchte. Ich ſah mich im Geiſte wieder in all' die Gänge unſeres vielgeliebten Hauſes verſetzt; ich ſpielte die Harfe, Du begleiteteſt mich wie gewöhnlich auf dem Piano, wir gingen außen unter den Geſträuchen herum. Wir machten eine Spazierfahrt im Wagen; alle die Diener ſtanden vor mir; wir kamen in das Dorf und an das Armenhaus; wir waren in dem Garten und pflückten Roſen und Vergißmeinnicht. Ich war gerade hinauf gegangen, um Alles für eine große Dinergeſellſchaft in Bereitſchaft zu ſetzen und hatte Simpton geläutet, als ich aufwachte und mich ſelbſt in einer Holzhütte fand, meine Augen auf die Hölzer und Balken, welche als Dach dienen, gerichtet, Tauſende von Meilen von Wexton⸗Hall, eine halbe Stunde länger im Bette, als eine Milchmagd thun ſoll.“ „Ich will zugeſtehen, meine theure Emma, daß ich ſchon oft ſolche Nächte zugebracht habe. Alte Erinne⸗ rungen, beſonders wenn ſie ſo plötzlich in unſerm Ge⸗ dächtniſſe erweckt werden, wie es durch die Briefe der Miß Paterſon geſchehen, regen uns auf. Doch ich ſtrebe, ſo viel als es mir möglich iſt, ſie von meinem Geiſte zu verbannen, mich nicht einem nutzloſen Bereuen hinzugeben.“ 3 „Reue hege ich auch nicht, Mary, wenigſtens hoffe ich ſo; aber man kann nicht leicht gegen die Erinne⸗ rung helfen; ich kann es nicht ändern, wenn ich mich erinnere, daß, wie Macduff ſagt, ſolche Dinge waren.“ „Er mag wohl ſo ſagen, Emma; aber was hatte er verloren? Sein Weib, ſeine Kinder, welche auf eine entſetzliche Weiſe gemordet worden; und was ha⸗ ben wir verloren im Vergleiche mit ihm? Nichts als etwas Lurus. Haben wir nicht Geſundheit und Geiſte Haben wir nicht unſern freundlichen Onkel und unſere Tante, die uns auferzogen haben; haben wir nicht un⸗ 135 ſere Vetter, die ſo anhänglich an uns ſind? Hat uns nicht die Güte unſeres Onkels und unſerer Tante gleich ihren eigenen Kindern aufgezogen, und ſollten wir arme Waiſen je an dieſem Luxus in unſerem Schmerze Theil ge⸗ nommen haben? Müßten wir nicht vielmehr dem Himmel danken, daß die Umſtände uns ſo günſtig waren, daß wir voll Dank für ſeine Wohlthaten auf zu ihm blicken kön⸗ nen? Wie viel größer ſind die Entbehrungen unſeres Onkels und unſerer Tante jetzt, da ſie ſo weit in den Jahren vorgerückt ſind, und ſo lange an Wohlſtand und Behaglichkeit gewöhnt waren, und ſollen wir mur⸗ ren aus Reue, während es nur auf ihre Rechnung ge⸗ ieht Gewiß, meine liebe Emma, das wollen wir nicht. „Ich fühle die Wahrheit von allem dem, was Du ſagſt, Mary,“ entgegnete Emma,„und das Alles haſt Du nicht vergebens zu mir geſprochen, ich habe mich ſelbſt bei jedem Deiner Worte überzeugt, doch ich fürchte, daß ich bei weitem nicht ſo philoſophiſch bin, wie Du. Indem ich anerkenne, daß das, was Du ſagſt, richtig iſt, habe ich immer noch daſſelbe Gefühl; ich wünſche nämlich, daß ich den Brief von Miß Paterſon nicht erhalten hätte.“ 3 „In dieſen Wünſchen liegt kein Unrecht; aber das iſt zu wünſchen, daß Du nicht von Reue hingeriſſen werdeſt.“ „Meine theure Mary, ich bin eine Tochter Eva's,“ entgegnete Emma lachend,„ich will mich mit meinem Briefe von Miß Paterſon wegmachen, und ich darf ſagen, in einem oder zwei Tagen ſoll Alles vergeſſen ſeyn. Der liebe Alfred; wie ich mich freue, daß er befördert worden iſt; ich werde ihn Lieutenant Camp⸗ bell nennen, bis er deſſen überdrüſſig iſt. Komm', ¹ Mary, oder wir müſſen unſern Onkel warten laſſen; komm, Juno.“ Daß Emma„Juno“ ſagte und ihm zurief, zu fol⸗ gen, erinnert mich daran, daß ich die Hunde meinen Leſern noch nicht vorgeſtellt habe, und daß dieſelben einen Platz in unſerer Geſchichte haben wollen. Ich muß es nun nachholen. Capitän Sinclair hatte, deſſen wird man ſich erinnern, Herrn Campbell von den Of⸗ ficieren des Forts fünf Hunde verſchafft, und darunter zwei Dachshunde, welche Trim und Snob genannt wurdenz Trim war ein kleiner Hund und an das Haus gewöhnt, aber Snob war ein ſehr kraftvoller und wil⸗ der Hund; einen Fuchshund, welchen Emma ſo eben. Zuno gerufen hatte; Bully, eine ſehr ſchöne, junge Dogge, und Sancho, ein alter Hühnerhund. Bei Nacht wurden dieſe Hunde angelegt. Juno in dem Nebengebäude; Bully und Snob an der Thüre des Hauſes gegen die Paliſſaden; Trim innerhalb der Thüre, und Sancho an die Hütte des Malachi Bone, in welche die Kühe bei Nacht gebracht wurden. Herr Campbell fand es Anfangs ſehr koſtſpielig, dieſe Hunde zu futtern; ſobald aber Martin und ſeine Gefährten Wild nach Hauſe brachten, da war immer Vollauf für alle. Sie waren auch alle ſehr ſcharfe und ſehr muth⸗ volle Hunde, aber auf dem Fort zur Welt gekommen, zur Jagd gebraucht worden, und daher auf das Wild außerordentlich aus, und ich muß noch hinzufügen, daß es ſehr wachſame Hunde waren und ſich der Protection Herrn Campbells ſehr erfreuten. 8 Für die nächſten zwei Tage blieb die Familie außer ihrer Ordnung, denn es gab ſo viele Neuigkeiten in der Zeitung, bei ihrem Durchleſen erwachten ſo viele Erinnerungen, es war darüber ſo viel zu reden und zu plaudern, daß wirklich ſehr wenig geſchah. Das Wetter war indeſſen viel kälter geworden, und in den zwei letzten Tagen hatte die Sonne nicht geſchienen, die Farbe des Himmels war ein einförmiges dunkles Grau, und Alles kündigte an, daß der Winter nahe vor der Thüre ſey. Martin, der auf der Jagd gewe⸗ ſen war, ſagte bei ſeiner Heimkehr, daß unverzüglich 1 4 1³7 eine Aenderung des Wetters eintreten würde, und ſeine Vorherſage bewahrheitete ſich vollſtändig. Fünfzehntes Kapitel. Es war am Donnerſtage Abends, als ſie Alle um das Feuer verſammelt waren; denn es war kälter als früher, und das Sauſen des Windes durch die Bäume im Walde kündigte einen Sturm aus dem Norden an. „Wir werden ihn früh haben,“ bemerkte Martin. „Der Winter kommt meiſtens mit einem Sturme.“ „Ja,“ erwiederte Alfred,„und es ſcheint, als wolle es ein ſehr heftiger Sturm werden. Horcht, wie die Aeſte der Bäume ächzen und aneinanderſchlagen.“ „Ich denke, wir ſollten unſere Schneeſchuhe aus dem Lagerhauſe holen, John, ſagte Martin,„und dann wollen wir ſehen, ob Sie in ihnen über das Feld gehen können, wenn Sie auf die Jagd gehen. Sie haben noch kein Muſethier geſchoſſen.“ „Iſt das Muſethier daſſelbe, was das Elenthier iſt, Martin?“ ſagte Heinrich. „Das glaube ich nicht, Sir, aber ich habe beide Namen ſchon dem Thiere geben hören.“ „Haben Sie ſchon eines geſchoſſen?“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Ma'am, mehr als eines, das ſind liſtige Tiere, ſie rennen nicht wie andere Thiere, aber ſobald die andern xennen, ſo traben ſie, und ſo gelangen ſie eben ſo weit. Sie ſind ſehr ſcheu und laſſen ſich ſchwer nahe kommen, ausgenommen bei hohem Schnee, denn dann will ihnen ihre Schwere nicht erlauben, darüber wegzulaufen, wie die leichten Thiere können; ſie ſinken bis an die Schultern hinein, und arbeiten ſich dann ſo lange ab, bis ſie ereilt werden. Sie ſehen, Meiſter g Percival, das Muſethier kann nicht Schneeſchuhe an⸗ legen wie wir, und das gibt uns einen Vortheil über das Thier.“ „Sind es gefährliche Thiere, Martin?“ fragte Mary Percival. „Jedes große Thier iſt mehr oder weniger gefährlich, wenn es gehetzt wird, Miß. Das Geweih eines Muſe⸗ thieres wiegt mitunter fünfzig Pfund, und es iſt ein ſchwer zu bändigendes Thier; aber es vermag gar nichts, wenn der Schnee tief iſt. Jedenfalls werden Sie, wenn wir eines mitbringen, finden, daß es ein gutes Eſſen iſt.“ „Ich will eines mitbringen„ ſagte John, welcher ſeine Flinte putzte. „Ich ſage Ihnen, Sie dürfen ſo früh, als Sie können, Ihre Schneeſchuhe herrichten ¹ entgegnete Mar⸗ tin.„Der Wind geht heftiger, und ich vermuthe, daß Sie Ihren Weg zu Malachis Hütte nicht finden wer⸗ den, Meiſter John, wie Sie morgen zu thun im Sinne hatten.“ „Es iſt gewiß eine ſchreckliche Nacht.“ bemerkte Mrs. Campbell,„und ich fühle, daß die Kälte em⸗ pfindlich iſt.“ „Ja, Ma'am, aber ſo wie der Schnee da iſt, wird es wärmer.“ „Es iſt Zeit, zu Bett zu gehen,“ bemerkte Herr Campbell.„Ihr könnt nun Eure Arbeit bei Seite legen, und Du, Heinrich, gib mir die Bibel.“ Während der Nacht wuchs der Wind allmälig zu einem Orkane an, die Bäume im Walde ächzten und knarrten, beugten ſich, ſenkten ihre langen Arme auf die Erde nieder, und verurſachten einen ungewöhnlichen, mehr und mehr ſchrecklichen Lärmen. Der Wind heulte durch die Paliſſaden, ſchleuderte Aeſte auf das Dach, und obgleich ſie alle im Bette lagen, ſo konnten ſie doch vor dem ſchrecklichen Lärm nicht ſchlafen, und ſie fühlten mehr und mehr die Kälte. Es war die erſte Probe des neuen Hauſes in ſchlechtem Wetter, und 1³9 Alles, was wachte, erwartete angſtvoll das Ergebniß. Gegen Morgen ließ der Sturm nach und nun war Alles ruhig. In Folge der ſchlafloſen Nacht, welche ſie durch⸗ gemacht hatten, waren ſie nicht ſo früh wie gewöhnlich auf. Als Emma und Mary aus ihrem Zimmer kamen, fanden ſie Alfred und Martin ſehr mit Schaufeln be⸗ ſchäftigt, und zu ihrem Erſtaunen ſahen ſie, daß der Schnee drei Schuh hoch auf der Erde lag und daß er an manchen Plätzen höher hingeweht worden, als ſie ſelbſt waren. „Nun, Alfred,“ rief Emma,„wie ſollen wir im Stande ſeyn, dieſen Morgen zu den Kühen zu gehen. Der Winter kam ohne die geringſte Ahnung.“ „Es ſchneit immer noch,“ bemerkte Mary,„zwar nicht viel, aber doch iſt der ganze Himmel finſter.“ „Ja, Miß, wir werden noch viel mehr bekommen,“ bemerkte Martin.„Herr Campbell und Herr Heinrich haben nach dem Hintergebäude zu gehen, um mehr Schaufeln zu holen, denn wir müſſen feſt arbeiten, um einen Fußweg zu machen und den Schnee gegen die Paliſſaden zu werfen.“ „Welch' ein plötzlicher Wechſel!“ ſagte Emma.„Ich wollte, der Himmel würde aufhören, dann würde ich keine Sorgen haben.“ „Morgen wird er es, Miß Emma, das kann ich Ihnen ſagen, aber der Schnee muß zuerſt herab ſeyn.“ Martin und Alfred hatten nur Zeit, einen Pfad nach dem Nebengebäude zu machen. Herr Campbell und Heinrich kehrten mit mehr Schaufeln zurück, und ſo wie das Frühſtück vorüber war, begann die Arbeit. Unmöglich war es, daß Mary und Emma gingen, um die Kühe zu melken. Martin unternahm es, nachdem er einen Fußſteig zu der Hütte des Jägers gemacht hatte, in welcher die Thiere für manche Nacht zuge⸗ ſchneit waren. Nach der Anweiſung Martins wurde der nächſt 14⁰ den Paliſaden liegende Schnee abgelöſt und längs der Pfähle gleich einem Walle ſo hoch aufgehäuft, als ſie es zu thun vermochten, wodurch ſie das Haus von dem Schnee befreiten und zu gleicher Zeit eine Schutzwehr gegen die kalten Winde, welche ſie zu erwarten hatten, ridteten. Alle arbeiteten fleißig; Percival und John waren von großem Nutzen, und Mrs. Campbell nebſt den Mädchen halfen ihnen, indem ſie den zurückgeblie⸗ benen Schnee ſammelten und ihn von den Fenſterge⸗ ſimſen und andern Theilen wegſchafften. Um Mittag hörte das Schneegeſtöber auf, der Himmel wurde hel⸗ ler und die Sonne ſchien glänzend, obgleich ſie nur wenig wärmte. Nach dem Mittageſſen wurde die Arbeit fortgeſetzt und ein Weg nach der Hütte begonnen, in welcher die Kühe waren; ehe die Nacht eingetreten war, waren ſie bis zur Brücke über den Fluß gelangt, was die Hälfte des Wegs ausmachte. Es war ein Tag voll großer Mühe, und ſie waren erfreut, für den Reſt deſſelben Ruhe zu haben. Mrs. Campbell und die⸗Mädchen hat⸗ ten einen Ueberwurf von wollenen Decken und von Fel⸗ len über die Betten gemacht, denn die Kälte war nun ſtark, und der Thermometer ſtand weit unter dem Ge⸗ frierpunkte. Am folgenden Morgen ſetzten ſie ihr Unternehmen wieder fort, der Himmel war noch unbewölkt und die Sonne ſchien hell und glänzend. Bis zur Mittagszeit war der Weg nach dem Kuhhauſe vollendet und die Männer beſchäftigten ſich dann damit, ſo viel als möglich Brennholz herbeizuſchaffen, bis es dunkel war. „Nun,“ bemerkte Alfred,„mögen die Sachen wie gewöhnlich innerhalb der Thore gehen; und was haben wir außen zu thun, Martin?“ „Sie müſſen zuerſt Ihre Schneeſchuhe anlegen und lernen in denſelben zu gehen,“ entgegnete Martin,„ſonſt ſind Sie ein Gefangener, ſo gut als wie die Damen. Sie ſehen, John, daß Sie nicht in Malachis Hütte ſind.“ 141 „Ich gehe morgen,“ entgegnete John. „Nein, morgen nicht, denn ich muß mit Ihnen gehen,“ ſagte Martin,„ich kann mich nicht darauf ver⸗ laſſen, daß Sie Ihren Weg finden, und ich kann we⸗ der morgen noch übermorgen gehen. Wir müſſen mor⸗ en unſern Stier ſchlachten; da hat es zwar keine Ge⸗ fahr, denn ich will ihn jetzt den ganzen Winter erhal⸗ ten; aber wir müſſen unſer Heu ſichern.“ „Meine Speiſekammer iſt nur ärmlich ausgeſtattet,“ bemerkte Mrs. Campbell. „Hat nichts zu ſagen, Ma'am, wir werden bald was darin haben, was unſer Rindfleiſch ſpart; in der nächſten Woche ſollen Sie ſie wohl gefüllt haben.“ „John,“ ſagte Herr Campbell,„erinnere Dich daran, daß Du nicht ohne Martin weggehen darfft.“ „Ich will es nicht,“ entgegnete John. Alles Wildpret in der Speiſekammer war aufge⸗ zehrt, das geſalzte Fleiſch war weg, ſo wie alle die Fiſche, die herbeigeſchafft waren. Die letzteren waren vortrefflich genannt worden.. „Wie heißt der Fiſch, Martin?“ „Er wird der Weißfiſch⸗genannt,“ entgegnete Mar⸗ tin,„und ich habe von alten Leuten aus der Gegend ſacen hören, daß kein Fiſch beſſer, ja nicht einmal ſo gut ſey.“ Er iſt ganz gewiß vortrefflich,“ entgegnete Herr Campbell,„und wir wollen nicht vergeſſen, eine tüchtige Portion für den nächſten Winter zu ſammeln, wenn es Gott mält, unſer Leben zu erhalten.“ Wo ſind Sie geboren, Martin?“ ſagte Heinrich, als ſie um das Feuer der Küche wie gewöhnlich am Abende herſaßen. „Ei nun, Herr Heinrich, ich bin zu Quebec ge⸗ boren, mein Vater war ein Korporal in der Armee unter General Wolfe und wurde in der großen Schlacht verwundet, welche zwiſchen dieſem und dem Franzoſen Montcalm ſtatt hatte.“ 14² In welcher beide Generale getödtet wurden, aber der Sieg uns blieb.“ „So hörte ich,“ entgegnete Martin.„Meine Mut⸗ ter war eine Engländerin und ich wurde vier Jahre nach der Einnahme von Quebec geboren. Meine Mut⸗ ter ſtarb ſchon früher, doch mein Vater blieb am Leben bis vor fünf Jahren, wie ich glaube. Ich kann das nicht beſtimmt ſagen, weil ich drei oder vier Jahre im Dienſte der Pelz⸗Geſellſchaft war und ihn todt fand, als ich zurückkehrte.“ „Sind Sie denn Ihr ganzes Leben ein Jäger ge⸗ weſen?“. „Nicht mein ganzes Leben und auch eigentlich nicht ein Jäger. Ich nenne mich ſelbſt einen Schlingenſteller, aber ich bin Beides noch. Zuerſt, als ich ohngefähr vierzehn Jahre alt war, war ich bei den Indianern außen; denn mein Vater wollte einen Tambour aus mir machen. Das konnte ich nicht ausſtehen und ich ſagte daher zu ihm:„„Vater, ich will kein Tambour werden.““„„Dann, Martin,““ ſagte er,„„mußt Du Dir ſelbſt helfen, denn Alles, was ich habe, liegt in der Armee.““„„So will ich es auch machen, Vater,““ ſagte ich;„„ich habe Luſt nach den Wäldern.““„„Nun gut,““ ſagte er,„„wie Du willſt, Martin,““ ſo ſagte ich ihm ein Lebewohl und ſah ihn vor zwei Jahren nicht wieder.“* „Nun und was ereignete ſich dann?“ „Ei nun, ich brachte drei oder vier Päcke guter Felle mit nach Hauſe und verkaufte ſie gut. Mein Va⸗ ter war ſo erfreut, daß er ſelbſt ein Schlingenſteller werden wollte, bis ich dem alten Manne, einem Manne mit einem lahmen Beine, denn er war am Beine ver⸗ wundet worden und hinkte, ſagte, daß er ſeinen Le⸗ bensunterhalt bei der Jagd in den Wäldern von Ca⸗ nada nicht finden werde.“ „War Ihr Vater noch in der Armee?“ „Rein, Ma'am, er war nicht mehr in der Armee, — — 14³ ſondern er war in dem Departement des Magazins⸗ aufſehers verwendet, der gab ihm Unterkunft und Be⸗ zahlung für ſeine Wunde.“ „Nun, fahren Sie fort, Martin.“ „Ich habe nicht viel mehr zu ſagen, Ma'am, ich brachte meine Felle nach Hauſe, verkaufte ſie, und mein Vater half mir das Geld ſo lange durchbringen, als er am Leben war, und es war ihm ſein Antheil ſehr willkommen. Ich empfand leider, als ich von der Pelz⸗ kompagnie zurückkam, und fand, daß der alte Mann todt war, ein ſehr ſchmerzliches Gefühl, denn ich hatte mit Vergnügen dem Empfang des alten Mannes ent⸗ gegengeſehen, und ſeiner Freude, ſeiner Luſtigkeit mit mir.“- 3 „Ich fürchte, daß dieſe Fröhlichkeit nicht ſehr klug war, Martin.“ „Nein, Sir, die war wahrhaft thöricht, ich glaube es, aber ich fürchte, daß dieß immer der Fall mit uns Schlingenſtellern iſt. Wir gleichen den Matroſen, die nicht wiſſen, was ſie mit dem Gelde anfangen ſollen, wenn es ausbezahlt wird; ſo wurden wir mit ihm fertig, je früher, je beſſer, denn es iſt unſer Feind, ſo lange wir es haben. Ich verſichere Sie, Sir, daß ich mich gewöhnlich viel glücklicher fühlte, wenn all mein Geld fort war, und wenn ich wieder zu den Wäldern zurückkehrte. Es iſt ein hartes Leben, aber ein Leben, welches für ein anderes untauglich macht, ein Leben, welches ſie wahrhaft anzieht. Ich will damit nicht ſa⸗ gen, daß ich, während ich bei Ihnen bin, eine Luſt habe, zu wechſeln; indeſſen, ſo lang als hier eine Jagd iſt, iſt es immer ſo gut, als wenn ich in den Wäldern wäre; aber außerdem denke ich, ich ſolle als Schlingen⸗ ſteller ſterben.“ „Aber Martin,“ ſagte Herr Campbell,„wie viel klüger wäre es geweſen, das Geld zuſammenzuſparen, um nach einiger Zeit Felder zu kaufen, und ſich als ſelbſtſtändiger Mann auf einem Eigenthume anzuſie⸗ 144 deln, vielleicht zu heirathen und Familienvater zu werden.“ 4 „Das möchte vielleicht ſeyn; aber da ich nichts ſo ſehr als das Schlingenſtellen liebe, ſehe ich nicht ein, wie ich jenes werden ſollte. Ich könnte mein Leben Andern zu Gefallen ändern, aber nicht mir ſelbſt.“ „Das iſt wirklich wahr, Martin,“ ſagte Alfred lachend. „Vielleicht ändert Martin ſeinen Sinn, ehe er ein alter Mann iſt,“ entgegnete Mrs. Campbell.„Herr Gott, was war dieß für ein Lärmen,“ rief Mrs. Camp⸗ bell aus, als ein melancholiſches Geheul vorüber war. „Bloß ein elender Wolf, Ma'am,“ ſagte Martin; „wir müſſen erwarten, daß dieſe Thiere uns jetzt na⸗ hen, da der Schnee gefallen und der Winter herbeige⸗ kommen iſt.“ „Ein Wolf! Sind dieſe nicht gefährlich?“ fragte Mary Percival. 1 „Das hängt davon ab, Miß, wie hungrig ſie ſind. Doch, ſie wagen es ſelten, ein menſchliches Weſen an⸗ zugreifen. Wenn wir einige Schafe im Stalle hätten, dann würden dieſe einen ſchlimmen Stand haben.“ Das Geheul wiederholte ſich, und einige von den Hunden, welche in das Haus genommen worden wa⸗ ren und vor dem Feuer ausgeſtreckt lagen, ſprangen auf und knurrten. 8 „Die hören ihn, Ma'am, und wenn wir ſie hin⸗ ausließen, würden ſie bald bei ihm ſeyn. Nein, nein, John, bleiben Sie ſitzen und putzen Sie fort an Ihrer Flinte; wir können den Wölfen nicht wehe thun, ihre Felle gelten nicht mehr, äls einen halben Dollar, und ihr Fleiſch taugt nicht zum Futter für die Hunde. Laßt das Gewürm heulen, bis es müde iſt. Er wird zu den Wäldern zurückgehen, ehe es Tag wird.“ „Der iſt gewiß mitunter ſehr melancholiſch und traurig, weil er ein ſolches Geheul macht,“ ſagte Emma, nich fürchte mich.“ — 145 „Was, Emma, fürchten?: ſagte Alfred, indem er zu ihr ging.„Wahrhaftig, ja, ſie zittert; warum, meine liebe Emma? Erinnere Dich, wie erſchrocken Du und Mary bei dem Lärmen der Fröſche warſt, als Ihr ſie zum erſtenmal hörtet; Ihr wurdet ſie ſehr bald ge⸗ wohnt, und ſo wird es auch mit dem Geheul der Wölfe gehen.“ „Das iſt ein großer Unterſchied, Alfred,“ entgeg⸗ nete Emma und ſchauderte zuſammen, als das Ge⸗ heul ſich wiederholte.„Ich weiß nicht, was es iſt,“ ſagte ſie, indem ſie ſich wieder ſammelte,„aber ich glaube, es iſt das Leſen des Little Reed Riding Hood's in meiner Kindheit, was mir einen ſolchen Abſcheu vor dem Wolfe beigebracht hat. Ich zweifle aber nicht, daß ich ihn bald verloren haben werde.“ „Ich muß geſtehen, daß es nicht den angenehmſten Eindruck auf meinen Geiſt macht,“ bemerkte Mrs. Campbell.„Doch ich wußte, was uns begegnen konnte, wenn wir hierher kommen, und wenn es ſonſt nichts iſt, als durch das Geſchrei eines wilden Thieres belä⸗ ſtigt zu werden, ſo kommen wir leichten Kaufes davon.“ „Ich würde viel mehr Ruhe empfinden, wenn alle Gewehre geladen wären,“ ſagte Mary Percival in ih⸗ rer gewohnten ruhigen Weiſe. „Und ich auch,“ bemerkte Emma. „Nun, wenn das zu Eurer Beruhigung beiträgt, dann iſt es leicht geſchehen,“ ſagte Herr Campbell. „Laßt uns alle unſere Gewehre laden, und dann wie⸗ der an ihre Plätze bringen.“ „Meins iſt geladen,“ ſagte John. „Und die übrigen ſollen es bald ſeyn,“ bemerkte Alfred,„auch die für Euren Gebrauch beſtimmten, Mutter und Couſinen. Nun, empfindet Ihr nicht ei⸗ nige Genugthuung in dem Gedanken, daß Ihr ſelbſt laden und feuern könnt? Die Uebung während des Die Anſiedler in Canada. 10 146 ſchönen Wetters iſt Euch nicht entgangen, nicht wahr, theure Emma.“ .„Nein, und ich bin ſehr erfreut darüber, daß ich es gelernt habe; ich bin etwas verzagt im Begreifen, Alfred; aber wenn ich auch etwas ſpäter faſſe, ſo be⸗ halte ich es um ſo beſſer.“ 3 „ Das glaube ich auch,“ entgegnete Alfred.„Ein Windſtoß auf der See tönt wirklich furchtbar, wenn man in der Hängmatte herumgeworfen wird; aber wenn man auf dem Deck iſt, empfindet man eine Klei⸗ nigkeit davon. Nun find die Flinten geladen, und wir wollen zu Bette gehen und gut ſchlafen.“ Sie zogen ſich zurück, doch Alle ſchliefen nicht ſehr gut. Das Heulen eines Wolfes wurde durch das eines andern beantwortet; Emma und Mary umklammerten ſich und ſchauderten, als ſie dieſe Töne hörten, und es währte lange, bis ihre Aufregung verging und bis ſie einſchliefen. Sechszehntes Kapitel. Der nächſte Morgen war hell und glänzend, und als Mary und Emma, von Alfred begleitet, hinaus⸗ gingen, die Kühe zu melken, obgleich es ſehr kalt war, da ſah Alles ſo glänzend und ſtrahlend im Sonnen⸗ ſcheine aus, daß ſie ſich wahrhaft dadurch ermuntert fühlten. Der See war noch nicht gefroren, ſeine azur⸗ blauen Waſſer kontraſtirten ſeltſam mit der ganzen mit Schnee bedeckten Gegend, und die ſchlanken Tannen mit ihren hängenden Aeſten boten einen abwechſelnden Anblick von dem reinſten Weiß und dem dunkelſten Grün dar. Vögel waren nun nicht mehr zu ſehen oder zu hören. Alles war ſtill, ſo ſtill, daß, als ſie den Fußpfad entlang gingen, der nach dem Kühhauſe aus⸗ geſchaufelt war, ſie über den Ton ihrer eigenen Stim⸗ 147 men ſtaunten, den die Luft ganz beſonders wohlklingend und klingelnd wiedergab. Alfred hatte ſeine Flinte über die Schulter gehängt und ging vor ſeinen Cou⸗ ſinen her.. 3„Ich will Dir beweiſen, daß all Deine Furcht grundlos war, meine theure Emma, und daß Du Dich durch einen elenden Wolf durchaus nicht hätteſt aufre⸗ gen laſſen ſollen,“ ſagte Alfred. „Das mag wohl ſeyn,“ verſetzte Emma,„aber nun ſind wir recht erfreut über Deine Geſellſchaft.“ Sie kamen an die Kühhütte ohne weiteres Aben⸗ teuer, ließen Sancho los, welcher angebunden war, weil es beſtimmt war, daß der Hund mit den andern zu Hauſe bleiben ſollte, und melkten nun die Kühe. Nachdem ſie dieſes Geſchäft beendigt und die Fütterung beſorgt hatten, bemerkte Mary Percival, daß ihre Fuß⸗ ſtapfen abgedrückt waren. „Ich muß ſagen, daß es mir nicht bloß ſehr gele⸗ gen, ſondern auch ſehr angenehm wäre, wenn ſich die Kühe näher bei dem Hauſe befänden.“ „Das glaube ich auch,“ entgegnete Alfred,„es iſt Schade, daß kein Kühſtall innerhalb der Palliſaden iſt; aber gegenwärtig haben wir keine Mittel, einen zu machen. Nächſtes Jahr, wenn mein Vater ſeine Pferde und ſeine Schafe gekauft hat, wie er im Sinne zu ha⸗ ben ſagt, werden wir einen regelmäßigen Stall für alle Thiere nahe am Hauſe bauen und ihn rund herum ſo mit Palliſaden verſehen, wie es das Haus iſt, je⸗ doch mit einem Uebergange von der einen Palliſadirung in die andere. Das wird ſehr gelegen ſeyn; aber Rom iſt nicht in einem Tag gebaut worden, wie das Sprich⸗ wort ſagt, und wir müſſen daher bis zum andern Win⸗ ter warten.“ gund bis ſie in der Zwiſchenzeit von den Wölfen gefreſſen worden ſind,“ verſetzte Emma lachend. „Was, Du machſt nun Scherze über Deine Furcht, Emma?“ 148 „Ja, ich fühle mich ſehr muthig, nun da ich glaube, daß nichts zu fürchten iſt.“ Der Reſt der Woche war unter den Uebungen des männlichen Theils der Anſiedlung mit den Schneeſchu⸗ hen vorübergegangen. Der weibliche Theil aber kam ſelten zur Thüre hinaus, weil die Kälte wirklich ſehr ſtreng war. In den erſten drei oder vier Tagen wur⸗ den Mary und Emma durch Alfred begleitet, ſpäter aber, nachdem das Heulen der Wölfe jede Nacht ge⸗ hört worden war, faßten ſie Muth, indem ſie erkann⸗ ten, daß dieſe Thiere beim Tageslicht nie ſich blicken ließen, und gingen nun wie früher allein ihre Kühe zu melken. Am Donnerſtage hofften ſie den alten Ma⸗ lachi Bone zu ſehen; allein er kam nicht, und John, welcher nun vollkommen fertig in ſeinen Schneeſchuhen gehen konnte, wurde wahrhaft ungeduldig. Alfred und Martin waren eben ſo begierig, den alten Mann zu ſehen, weil er ihnen Gewißheit geben ſollte, ob er irgend eine Entdeckung hinſichtlich der Indianer gemacht habe. Der Sonntag war wie gewöhnlich ein Tag der Ruhe von der Arbeit. Das Kirchengebet wurde von Herrn Campbell geleſen und der Abend ging in ernſt⸗ haften Betrachtungen hin. Herr Campbell, gewöhnlich guten Muthes, war es an dieſem Abende nicht, wahr⸗ ſcheinlich hatte die Strenge des Winters, die er nun geſehen und deren lange Dauer er erkannt hatte, Ein⸗ fluß auf ſeinen Geiſt gewonnen; er war melancholiſch ſowohl als ernſt. Er kam mehr als einmal auf ihren früheren Aufenthalt in England zurück, was eine ſehr ungewöhnliche Erſcheinung war, und leitete durch deren Verfolg die Unterhaltung darauf. Obgleich es Nie⸗ mand ſagte, ſo fühlten es doch Alle, welch' ein Unter⸗ ſchied zwiſchen ihrer gegenwärtigen Lage und zwiſchen der ſey, die ſie aufzugeben gezwungen geweſen. Mrs. Campbell, welche erkannte, daß der Trübſinn über die ganze Geſellſchaft ſich verbreitet habe, machte verſchie⸗ dene Bemerkungen, die den Zweck hatten, ſie mit ih⸗ 149 rem gegenwärtigen Looſe auszuſöhnen, und nach eini⸗ ger Zeit bemerkte Herr Campbell: „Vielleicht, meine theuren Kinder, iſt es eine gött⸗ liche Gnade, welche uns hieher in dieſe Wildniß ge⸗ ſchickt hat; wahr iſt es, daß wir von der Civiliſation entfernt ſind, und daß wir, eingeſchloſſen durch einen ſtrengen Winter, der Freuden und Vergnügungen be⸗ raubt ſind, welche wir in der Geſellſchaft gefunden hät⸗ ten, die wir verlaſſen mußten, aber laßt uns in un⸗ ſerm Geiſte erkennen, daß wir von ſo manchen Verſu⸗ chungen entfernt ſind, mit welchen jene uns umgeben haben würden.“ „Aber jetzt, Papa, würden Sie ſehr erfreut ſeyn, wenn uns die Umſtände erlauben ſollten, nach England zurückzukehren, würden Sie das nicht?“ ſagte Percival. „Ja, mein Kind, ich würde es, und wenn ich auch ſo lange hier geblieben wäre, um Anhänglichkeit an dieſe Stelle- und an die Einſamkeit, die ich erſt ſo wi⸗ derwärtig fand, zu bekommen, ich wollte nun zurück⸗ kehren nach England und zu der Geſellſchaft, wenn ich die Mittel hätte. Als Chriſten haben wir vor der Welt und ihren Verſuchungen nicht zu fliehen, aber uns in unſerer Liebe zu rüſten und unſer Vertrauen auf ihn zu ſetzen, zu kämpfen den guten Kampf, das iſt unſere Pflicht erfüllen in dem Stande des Lebens, in welchen es Gott gefallen hat, uns zu verſetzen.“ „Aber, wenn wir je nach England zurückkehren dürften, dann würde keine Abänderung des Lebens ſtatt⸗ finden, welches wir früher geführt hatten, nicht wahr, Papa?, „Ich ſehe keine, mein theurer Knabe; aber wir wiſ⸗ ſen nicht, was uns auferlegt iſt. Sollte eines von uns je zurückkehren, ſo glaube ich, daß es in einer demü⸗ thigern Weiſe leben würde; und ich für meinen Theil würde in dieſem Falle vorziehen, wenn es ſo wäre, obwohl ich vertraue, daß ich keinen großen Mißbrauch von dem Reichthum machen würde, den ich ſo lange 1⁵⁰0 als mein Eigenthum betrachtete; ich würde vorziehen, oder ich würde wenigſtens nicht trauriger ſeyn, viel we⸗ niger zu haben und folglich auch weniger Verantwor⸗ tung zu tragen.“. „Indeſſen, mein lieber Campbell, obwohl wir Alle unvollkommen ſind, ſo glaube ich doch nicht, daß Viele einen beſſern Gebrauch davon gemacht hätten, als Du machteſt.“ 75 „Ich dachte auch ſo ſeiner Zeit, meine Theure,“ erwiederte Herr Campbell,„doch ſeit ich es verloren, habe ich oft gedacht, daß ich viel mehr Gutes damit hätte thun können. In der That iſt, meine theuren Kinder, nichts dem ewigen Heile ſo gefährlich, als Reichthum; er vermag das Herz zu verhärten, damit es ſich die Mittel beſtändiger Selbſttäuſchung verſchaffe. Unter ſolchen Umſtänden iſt man geneigt, eigenliebig zu werden, mit ſeinem eigenen Werke im höchſten Grade zufrieden und zu hochmüthig, um ſeine Fehler zu er⸗ kennen. Habt Ihr in der Litanei, welche ich dieſen Morgen bei dem Gottesdienſte las, bemerkt, wie die⸗ ſes Gebet hauptſächlich auf die Befreiung von den Ge⸗ fahren des Reichthums gerichtet war? „Zu jeder Zeit in unſerm Trübſale, zu jeder Zeit in unſerm Wohlſtande, in der Stunde des Todes, und an dem Tage des Gerichts, erlöſe uns, guter Gott.“ „Prüft dieſes, meine theuren Kinder, ſtets in un⸗ ſerer Trübſal, das iſt, ſowohl in Armuth und Traurig⸗ keit, und vielleicht verhungernd vor Mangel(und in wenigen Lagen ſind die Menſchen ſo aufgeregt zu Ver⸗ brechen), als auch zu jeder Stunde unſeres Reichthums, und ihr findet, daß dieſer, der augenſcheinliche und klar hervortretende Reichthum, dem Seelenwohle mehr gefährlich iſt, als die äußerſte Armuth und die Verſu⸗ chungen, welche ſie begleiten; bemerkt ferner, wenn ihr in die gefährlichſte aller Lagen kommen ſolltet, wenn Alles hingegeben iſt, und nichts mehr vernichtet 15⁵¹ werden kann, bedenkt da: der Stunde des Todes folgt der Tag des Gerichts.“ Herr Campbell hörte auf zu ſprechen und es trat nun eine Pauſe ungefähr eine Minute lang in der Un⸗ terhaltung ein, bis Mary Percival ſagte:— „Was betrachten Sie denn, mein theurer Onkel, als die beneidenswertheſte Lage des Lebens?“ „Eine beſcheidene Unabhängigkeit betrachte ich als das Beneidenswertheſte; nicht beſchäftigt durch den Han⸗ del, weil der Geiſt des Handels zu geneigt iſt, uns zu verleiten, uns damit zu befaſſen, was ein wirklicher Betrug iſt. Ich möchte ſagen, daß ein Landedelmann, der auf ſeinem Eigenthume und in Mitte ſeiner Lehens⸗ leute wohnt, dabei die Armen um ihn beſchäftigt, eine Lage hat, in welcher er die wenigſte Verſuchung findet, Unrecht zu thun, und die meiſten Gelegenheiten, Wohl⸗ thaten auszutheilen.“— Ich bin mit Dir einverſtanden, mein theurer Campbell,“ ſagte ſeine Gattin,„und doch, wie wenige ſind mit einem ſolchen Looſe zufrieden?⸗ „Weil das Jagen nach Reichthum ſo ſtark iſt, daß jeder mehr habenwill, als er hat, daß ſo wenige Men⸗ ſchen zufrieden ſeyn mögen. Dieſes Sehnen nach Be⸗ reicherung überfällt uns und bemeiſtert ſich unſerer, und was kann abſurder ſeyn, als die Sorge und die Aengſt⸗ lichkeit, Reichthümer zu gewinnen von Seiten derer, welche vielleicht ſchon mehr haben, als für ihre Bedürf⸗ niſſe nothwendig iſt; dieſes Haſchen nach Reichthümern, das nicht weiß, wo es aufhören ſoll, und die Seele in Gefahr bringt, das zu erlangen, was ſie beim Tode zurücklaſſen muß. Andere häufen Reickthümer auf, nicht geleitet durch den Geiz, um ſie zuſammenzuha ten, ſon⸗ dern getrieben von der Sucht, ſie zu vergeuden, und ſie ſammeln ungerechter Weiſe, damit ſie nach Belie⸗ ben verſchwenden können; dieſe gleichen Narren, und wie bedeutungsvoll iſt die Lehre, welche uns die heilige — 8 1² Schrift gibt.“ Herr Campbell ſchlug die vor ihm lie⸗ gende Bibel auf und las: „Und er ſagte zu ihnen ein Gleichniß und ſprach: Es war ein reicher Menſch, deß Feld ha te wohl ge⸗ tragen. Benund er gedachte bei ſich ſelbſt, und ſprach: was ſoll ich thun? Ich habe nicht, da ich meine Früchte hie ſammle. Und ſprach: Das will ich thun, ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darein ſammeln alles, was mir gewachſen iſt, und meine Guter. „ und will ſagen zu meiner Seele: liebe Seele, Du haſt einen großen Vorrath auf viele Jahre, habe nun Ruhe, iß, trink, und habe guten Muth. „Aber Gott ſprach zu ihm: Du Narr, dieſe Nacht wird man Deine Seele von Dir fordern*).“ Nach einem kurzen Schweigen bemerkte Mrs. Camp⸗ bell:„Seitdem ich hier bin, habe ich oſt darüber nach⸗ gedacht, was unſere Lage ſeyn möchte, wenn wir in England geblieben wären. Wir möckten in dieſem Au⸗ genblicke in der größten Traurigkeit ſeyn, viellei tt Mangel an Nahrung haben, und ich habe daher Gott oft gedankt, daß er uns die Mittel ließ, hieherzukom⸗ men und für uns ſelbſt zu ſorgen, wie wir bisher ge⸗ than haben und wie wir auch ferner ohne Zweifel, wenn es ihm gefällt, thun werden. Wie viel beſſer ſind wir in dieſem Augenblicke daran, als viele Tauſende unſe⸗ rer Landsleute, welche in England geblieben ſind. Wie viele ſind verhungert! Wie viele wurden durch Man⸗ gel zu Verbrechen fortgeriſſen! Wir haben dagegen ein gutes Dach über unſern Häuptern, genügende Kleidung und mehr als hinreichende Speiſe. Wir haben daher viele Gründe, Gott für die Wohlthaten zu danken, *) Evangelium Luc. 12, 16— 20. 155 welche er uns erzeigt hat; er hat unſer Gebet erhört: „„Gib uns unſer täglich Brod heute!““ „Ja,“ fuhr Herr Campbell fort,„„gib uns unſer täglich Brod heute!“ iſt Alles, was wir von ihm bit⸗ ten ſollten, und es begreift Alles, aber wie herzlos wird dieſes von Man en ausgeſprochen, indem ſie es täglich in ihren Gebeten wiederholen. So iſt es mit dem Segen, der zum Mahle erbeten wird, den ſo Manche als eine lecre Form betrachten. Sie vergeſſen, daß der, welcher gibt, auch nehmen kann, und in ihrem Hochmuthe glauben ſie, daß ihre eigene Geſchicklichkeit und Anſtrengung es geweſen ſeyen, welche ihnen den täglichen Unterhalt an Nahrung verſchafft haben, und ſie danken ſie ſelbſt, ſtatt dem Geber alles Guten. Wie viele Tauſende ſind da, die um viel mehr bitten, als ſie nöthig haben, von ihrer Wiege bis zu ihrem Grabe, ohne einen dankbaren Blick zum Himmel auf⸗ zuſenden, indem ſie den Fleiſcher und den Bäcker als ihre Verſorger betrachten, und die Schuld dur hſtrichen iſt, ſo wie die Rechnung bezahlt wurde. Wie verſchie⸗ den muß das Gefühl des armen Bewohners einer Hütte ſeyn, der in Ungewißheit ſchwebt, ob ſeine Ar⸗ beit ihm und ſeiner Familie am morgenden Tage ein Mahl verſchaffen werde, der oft Hunger und Elend er⸗ duldet, und, was iſt qualvoller, weiß, daß auch ſeine Lieben ſie erdulden. Wie inbrünſtiger muß er beten, wenn er ruft:„Gib uns unſer täglich Brod heute!““ Die Unterredung hatte eine ſehr ernſte Wirkung auf die Geſellſchaft, und als ſie ſich bald darauf zur Ruhe begaben, da legten ſie ihre Häupter nicht ohne Ergebung auf ihre Kiſſen nieder, vielmehr dankerfüllt für die Wohlthaten, die ihnen erzeigt worden waren und fühlend, daß ſie auch in der Wildniß unter dem Auge einer wachenden und gnadenreichen Vorſehung eyen. Siebzehntes Kapitel. Am Montag Morgens kamen Alfred und Martin in den Viehſtall und ſchlachteten den Stier, welchen ſie von dem Commandanten des Forts erhalten hatten. Als er getödtet war, wurde er aufgeſchnitten und in das Lagerhaus gebracht, wo er bis zur Verſpeiſung während des Winters aufgehangen wurde. Als die Geſellſchaft bei dem Mittageſſen ſaß, wurde ſie von Capitän Sinclair und einem Lieutenant der Garniſon überraſcht. Es iſt ſchwerlich nothwendig zu ſagen, daß die ganze Familie erfreut war, ſie zu ſchen. Sie waren in ihren Schneeſchuhen gekommen, und brach⸗ ten einige Reb⸗ und Haſel⸗Hühner mit, wie ſie dann und wann genannt werden, die ſie auf ihrem Wege ge⸗ ſchoſſen hatten. Capitän Sinclair hatte von dem Com⸗ mandanten die Erlaubniß erhalten, hinüber zu gehen und zu ſehen, wie ſich die Familie Campbell befinde. Er hatte keine Neuigkeiten von irgend einer Bedeutung, weil keine Verbindungen zwiſchen Montreal und Que⸗ bec ſtatt gehabt hatten, auf dem Fort befand ſich Alles wohl, Oberſt Forſter hatte ſeine Grüße geſchickt und gebeten, daß ſie es ihm möchten wiſſen laſſen, wenn er ihnen in irgend etwas nützlich ſeyn könne. Capitän Sinclair und ſein Freund ſetzten ſich zu dem Mittag⸗ eſſen nieder und ſprachen mehr, als ſie aßen, indem ſie über jeden Gegenſtand Fragen erhoben. „Herr Campbell, wo haben Sie Ihren Ferkelſtall gebaut?“ 9 ſe nnerhalb der Paliſſaden, nächſt dem Geflügel⸗ auſe.“ „Das iſt gut,“ entgegnete Capitän Sinclair,„denn ſonſt könnten ſie von den Wölfen heimgeſucht werden, welche ſehr lüſtern nach Schweinen und Hämmeln ſind.“ „Wir ſind von ihnen heimgeſucht worden“ ſagte Emma,„und zwar unlängſt bei Nacht durch ihr Heu⸗ 155 len, welches mich noch zittern machte, als ich ſchon im Bette lag.“ „Kümmern Sie ſich nichts um ihr Heulen, Miß Emma, wir haben genug um das Fort her, ich kann Sie verſichern, keiner greift an und dieſe werden auch Sie nicht angre fen, ſo lange ſie nicht angegriffen wer⸗ den, wenigſtens kenne ich keinen Fall, obwohl ich ge⸗ ſtehen muß, daß ich von einem gehört habe.“ „Sie werden doch dieſe Nacht hier ſchlafen?“ „Ja, wir haben es im Sinne, wenn Sie ein Bären⸗ oder Büffel⸗Fell entbehren können,“ verſetzte Capitän Sinclair. 3 „Ohne Zweifel können wir das,“ ſagte Herr Campbell., „Wenn Sie ſich damit behelfen können, Capitän Sinclair,“ ſagte Emma etwas ſcherzhaft.„Da Sie ſagen, daß es keine gefährlichen Thiere ſeyen, ſo brin⸗ gen Sie uns dieſe Nacht ein wenig Felle, das würde den Gegenſtand unterhaltend machen.“ 2 „Emma, wie kannſt Du ſolchen Unſinn ſprechen 27 rief Mary Percival.„Wie ſollten wir Sie auffordern können, als Gaſt ſolch' einem Dienſte ſich zu unterzie⸗ hen? Warum haſt Du das nicht Alfred, oder Heinrich, oder Martin vorgeſchlagen?“ „Wir wollen es beide verſuchen, wenn es Dir be⸗ liebt,“ entgegnete Alfred. „Ich muß mein Veto gegen jedes ſolches Wagſtück einlegen““ ſagte Herr Campbell,„wir haben genug Ge⸗ fahren zu beſtehen, ſo daß wir nicht nöthig haben, ihnen freiwillig entgegen zu gehen, und wir haben gerade jetzt keine Gelegenheit für Wolfshäute. Ich muß Sie jedoch für morgen um Ihre Hülfe bitten. Wir wünſchen un⸗ ſer Fiſcherboot aus dem Waſſer zu ziehen, bevor ſich das Eis auf dem See feſtſetzt, und wir haben nicht Hände genug dazu.“ 3 Während des Tags fragte Capitän Sinclair Alfred, ob er nicht von dem alten Jäger irgend eine Nachricht hinſichtlich der Indianer erhalten habe. Alfred entgeg⸗ 156 nete, daß er ihn jeden Tag erwarte, daß er aber bis jitzt noch keine Wittheilung von ihm empfangen habe. Capitän Sinclair ſagte, daß ſie im Forte in derſelben Lage ſich befinden und daß Oberſt Forſter hoffe, daß der alte Jäger bis jetzt irgend eine Erkundigung eingezo⸗ gen habe. „Ich würde nicht überraſcht ſeyn, wenn Malachi Bone morgen früh hierher kommen ſollte,“ verſetzte Alfred, zer iſt eine geraume Zeit weggeblieben, und ich bin ſicher, er iſt eben ſo begierig, John bei ſich zu haben, als die⸗ ſer ungeduldig iſt, zu gehen.“ „Nun, ich hoffe, daß es ſo wird, damit ich dem Oberſt ſagen kann, daß ich Nachforſchungen in der Ge⸗ gend anſtellte. Ich glaube aber, daß er wohl im Stande ſeyn wird, eine Entſchuldigung zu finden, um hierher zu kommen, indem er beſorgter um Ihre Familie iſt, als ich mir dachte. Wie gut Ihre Couſine Mary aus⸗ ſieht.“ „Ja, und, wie ich glaube, auch Emma, ſie iſt um einen halben Kopf gewachſen, ſeit ſie England verließ. Zeim Himmel, Sie haben mir zu meinem Range als Lieutenant Glück zu wünſchen, den ich erlangt habe.“ „Ich thue das gewiß, mein theurer Junge,“ entgeg⸗ nete Capitän Sinclair.„Sie werden ſich im Fort freuen, wenn ſie dieſes hören. Wann werden Sie hinüber kommen?“ „Sobald ich ein wenig beſſer auf den Schneeſchu⸗ hen gehen kann. Wenn aber der alte Jäger morgen nicht kommt, ſo werde ich hinüber kommen, ſobald er uns einige Neuigkeiten bringt.“ 3 Die Vergrößerung ihrer Geſellſchaft machte Alle ſehr vergnügt und der Abend ging höckſt angenehm vorüber. Bei Nacht wurde Capitän Sinclair und Herr Gwynne in das große Schlafzimmer logirt, in welchem der ganze jüngere, männliche Theil der Familie ſchlief, und das, wie oben erwähnt wurde, zwei Reſerve⸗Bett⸗ ſtellen hatte. . 157 Am nächſten Morgen hätte Capitän Sinclair die beiden Fräulein Percival gerne auf ihrer Milchexpedi⸗ tion begleitet; allein da ſeine Dienſte zum Herauszie⸗ hen der Fiſcherbarke in Anſpruch genommen wurden, ſo war er gezwungen, dahin zu gehen, um mit allen übri⸗ gen Männern zu helfen. Percival und John waren die einzigen, welche mit Mrs. Campbell zu Hauſe blie⸗ ben. Nachdem John, wie gewöhnlich, einige Zeit an ſeiner Flinte gewiſcht hatte, warf er ſie auf ſeine Schul⸗ ter, rief den Hunden, welche herumlagen, und hüpfte hinaus, um einen Spaziergang zu machen, gefolgt von dem ganzen Rudel, mit Ausnahme Sancho's, welcher unabänderlich die Mädchen nach dem Kühhauſe begleitete. Mary und Emma trippelten über den neu gemach⸗ ten Schneepfad nach dem Kuhhauſe, ſie waren munter und freudig und trugen ihre Eimer in den Händen. Emma lachte über Capitän Sinclairs Täuſchung und daß es ihm nicht erlaubt war, ſie zu begleiten. Sie waren gerade bei dem Kühhauſe angekommen, als der alte Sancho wüthend zu bellen anfing, und auf die ent⸗ gegengeſetzte Seite des Hauſes ſprang, in einem Mo⸗ mente auf dem Schneehaufen zurückprellte, über wel⸗ chen er weggeſprungen war, und einen großen, ſchwar⸗ zen Wolf feſthielt, der ihn gleichfalls gepackt hatte. Der Kampf war nicht ſehr lange, aber während deſſelben waren die Mädchen von einem ſolch' paniſchen Schre⸗ cken erfaßt, daß ſie gleich Bildſäulen nur zwei Ellen von den Thieren entfernt ſtanden. Nach und nach wurde der alte Hund durch die wiederholten Anfälle und Biſſe des Wolfs überwältigt, aber er ſtritt muthig, bis er zuletzt unter die Füße des Wolfs gerieth, und er, ſeine Zunge heraushängend, ſchrecklich blutete und leblos da⸗ kag. Sobald ſein Gegner überwältigt war, ſetzte ſich das aufgeregte Thier, indem es ſeine Füße auf den Körper des Hundes ſtellte, ſeine Haare ſträubte und ſeinen furchtbaren Kopf ſchüttelte, augenſcheinlich in den Stand, die beiden jungen Frauenzimmer anzugreifen. 1⁵⁸ Emma ſchlang ihren Arm um Mary's Leib, indem ſie ihren Körper vorſchob, als wenn ſie ihre Schweſter ret⸗ ten wolle. Mary verſuchte das nämliche, und dann blieben ſie erwartungsvoll und in Schrecken vor dem zu erwartenden Sprung des Thieres ſtehen, als plötzlich die andern Hunde herbeiſprangen und auf den Wolf ſtürzten. Ihr vereinigtes Bellen ſchallte durch die ganze Ebene hin, und John kam herbei, als der Wolf ſich gegen ſeine neuen Feinde vertheidigte; er ſetzte die Mündung ſeiner Flinte auf den Kopf des Thieres und ſchoß es nieder. Die beiden Schweſtern hatten ſich während dieſes ganzen Vorgangs feſt umſchlungen gehalten; als ſie aber merkten, daß der Wolf todt war und daß ſie ge⸗ rettet ſeyen, konnte Mary nicht länger ſtehen und ſank in ihre Kniee, indem ſie ſo ihre Schweſter unterſtützte, welche eine Ohnmacht bekommen hatte. Wenn John ritterlich den Wolf ſchoß, ſo ſchoß er gewiß ſehr nahe an ſeinen Couſinen vorbei. Er ſah auf Mary, neigte ſeinen Kopf über den Körper des Wolfes, ſagte: ner iſt todt,“ nahm ſeine Flinte auf die Schulter, kehrte ſich um und ging nach Hauſe. Bei ſeiner Rückkehr fand er die Geſellſchaft gerade von dem Herausziehen der Fiſcherbarke zurückgekehrt und die Heimkunft der Fräulein Pereival erwartend, um dann zum Frühſtücke zu gehen. „Waren Sie es, John, der ſo eben geſchoſſen hat?“ ſagte Martin. „Ja,“ erwiederte John. „Worauf haſt Du geſchoſſen?“ ſagte Alfred. „Auf einen Wolf,“ war Johns Antwort. „Auf einen Wolf! Wo?“ fragte Herr Campbell. „Bei der Kuhhütte,“ verſetzte John. „Bei der Kuhhütte!“ ſagte ſein Vater. „Ja, Sancho iſt getödtet.“ „Sancho getödtet! Wie, Sancho war ja mit Deinen Couſinen!“ 15⁵9 „Ja,“ entgegnete John. „Wo haſt Du denn dieſe gelaſſen?“ 4 „Bei dem Wolf“ entgegnete John, indem er ſeine Flinte ganz gleichgültig wiſchte. „Gütiger Himmell“ ſchrie Herr Campbell; Mrs. Campbell erbleichte; Alfred, Capitän Sinclair, Martin und Heinrich ergriffen ihre Flinten und ſtürzten in der größten Eile in der Richtung gegen das Kuhhaus fort. „Meine armen Mädchen!“ rief Herr Campbell aus. „Der Wolf iſt todt, Vater,“ ſagte John. „Todt, warum haſt Du das nicht ſogleich geſagt, Du nichtswürdiger Bube!“ rief Mrs. Campbell. „Ich wurde nicht gefragt.“ 3 In der Zwiſchenzeit hatten die Andern das Kuh⸗ haus erreicht, und fanden zu ihrem Entſetzen, nächſt dem Wolfe und dem todten Hunde, die beiden Mäd⸗ chen im Schnee, hart neben den beiden Thieren, liegen; denn Mary war kurze Zeit, nachdem John weggegangen, ohnmächtig geworden. Sie hoben nun die Körper der beiden Maͤdchen auf, und erkannten bald, daß dieſelben nicht verletzt waren. In kurzer Zeit kamen beide wie⸗ der zu ſich und wurden durch die jungen Männer nach Hauſe gebracht. Sobald ſie anlangten, zog ſie Mrs. Campbell in ihr Zimmer, damit ſie ſich ſchneller erholen möchten, und nach einer Viertelſtunde kehrte ſie zu der Geſell⸗ ſchaft zurück, welche ſie mit Fragen beſtürmte, wie die Sachen ſtehen. „Sie ſind nun mehr bei ſich,“ entgegnete Mrs. Campbell,„und Emma hat bereits zu lachen angefan⸗ gen, aber ihr Lachen iſt nur hyſteriſch und gezwungen; ſie will zur Mittagszeit herüberkommen. Es ſcheint, daß ſie John für ihre Errettung verpflichtet ſind; denn ſie ſagen, daß der Wolf gerade auf ſie habe losſprin⸗ gen wollen, als er ihnen zu Hülfe kam. Wir müſſen dem Himmel wirklich ſehr dankbar für ihre Erhaltung 7 ſeyn. Nach dem, was Martin von den Wölfen ſagte, war ich nicht der Meinung, daß ſie ſo gefährlich ſeyen.“ Nun, Ma'am, ich that es hauptſächlich, um ſie zu tadeln, und was iſt die Urſache?“ verſetzte Martin. „Als ich den Stier tödtete, warf ich die Ueberreſte in den Schnee bei der Kuhhütte, in der Meinung, daß die Wölfe und andere Thiere ſie bei Nacht freſſen möchten; aber ich ſehe, daß dieſes Thier hungrig war, von die⸗ ſem Mahle nicht abließ, als der Hund es angriff, und daß dieſer Angriff die Beſtie ſo wild und wüthend machte.“ „Ja, es war ein Fehler von mir und Martin,“ bemerkte Alfred;„dem Himmel ſey Dank, daß es nicht ſchlimmer iſt.“ 3 „So ferne dieſes ein Gegenſtand der Reue iſt, betrachte ich es als einen der Dankbarkeit,“ entgegnete Herr Campbell.„Wenn dieſes begegnet wäre, ohne daß irgend eine Hülfe gekommen wäre, ſo würden dieſe armen Mädchen in Stücke geriſſen worden ſeyn. Nun, da wir die Gefahr kennen, mögen wir uns in Zukunft vor derſelben hüten.“ 3 „Ja, Sir,“ verſetzte Martin,„in Zukunft wollen wir die Kühe nach Hauſe treiben, damit ſie jeden Mor⸗ gen und Abend gemolken werden; innerhalb der Palli⸗ ſaden wird keine Gefahr ſeyn. Meiſter John, Sie ha⸗ ben wohl gethan. Sie ſehen, Ma'am,“ fuhr Martin fort, was ich geſagt habe, iſt wirklich eingetroffen. Eine Flinte in der Hand eines Kindes iſt eine ebenſo tödtliche Waffe als in der Hand eines ſtarken Mannes.“ „Ja, wenn Muth und Geiſtesgegenwart bei ihrem Gebrauche vorwalten,“ entgegnete Herr Campbell. „John, ich bin über Dein Betragen ſehr erfreut.“ „Die Mutter hat mich nichtswürdig geheißen,“ ſagte John noch zürnend. „Ja, John, ich hieß Dich nichtswürdig, weil Du uns nicht ſagteſt, daß der Wolf todt ſey, und uns in der Meinung ließeſt, Deine Couſinen ſeyhen in Gefahr, 4 161 nicht aber, weil Du den Wolf getödtet haſt. Nun aber küſſe ich Dich und danke Dir für Deine Herzhaf⸗ tigkeit und Dein braves Benehmen.“ „Ich werde allen Officieren auf dem Forte ſagen, welch ein braver kleiner Junge Sie ſind, John,“ ſagte Capitän Sinclair.„Es ſind ſehr wenige unter ihnen, die einen Wolf geſchoſſen haben, und dann habe ich weiter, John, einen ſchönen Hund, welchen mir einer der Officiere vor einigen Tagen gegen einen Klepper gab, und ich will ihn mit herüber bringen, und ihn Ihnen als Ihren eigenen Hund zum Geſchenke machen. Er will Alles jagen und ſſt ein ſehr kräftiger Hund, der über einen Wolf leicht Herr wird. Er iſt halb eine engliſche Dogge und halb ein ſchottiſcher Hirſch⸗ hund, und er iſt ſo groß,“ fuhr Capitän Sinclair fort, indem er ſeine Hand der Schulter Johns gleich hielt. „Ich will mit Ihnen nach dem Fort gehen,“ ſagte John,„und ihn hieher bringen.“ „Thun Sie das, John, und ich will mit Ihnen gehen,“ ſagte Martin,„wenn es der Herr erlaubt.“ „Wohl,“ verſetzte Herr Campbell,„es mag geſche⸗ hen; wenn er mit Martin geht, ſeine eigene Flinte und den Hund hat, ſo wird John, hoffe ich, ſicher ge⸗ nug ſeyn.“ „Gewiß, ich habe keine Einwendung,“ ſagte Mrs. Campbell,„und ſage Ihnen vielen Dank, Capitän Sinclair.“ „Wie heißt der Hund?“ ſagte John. „Oscar,“ entgegnete Capitän Sinclair.„Wenn Sie ihn mit Ihren Coufinen laufen laſſen, braucht man vor einem Wolfe keine Furcht zu haben; er wird nie von einem überwältigt werden, wie der arme Sancho.Ä“ „Hie und da will ich ihnen denſelben leihen,“ ſagte John. „Immer, wenn Sie ihn nicht ſelbſt brauchen, John.“ Die Anſiedler in Canada. 11 +————= 162 „Ja, immer,“ verſetzte John, indem er zur Thüre hinausging. „Wohin gehſt Du, mein Lieber?“ ſagte Mrs. Campbell. „Ich will den Wolf abziehen,“ entgegnete John, indem er fortging. „Gut,“ bemerkte Martin,„der will ein ſchulgerech⸗ ter, kühner Jäger werden. Ich kann ſagen, der alte Bone hat ihn gelehrt, ein Thier abzuziehen. Indeſſen will ich gehen und ihm helfen, denn es iſt wirklich eine ſehr gute Haut.“ Martin folgte dem Knaben. „Martin hätte beſſer wiſſen ſollen, wohin man die Ueberreſte thut,“ bemerkte Capitän Sinclair. „Wir müſſen nicht zu ſtreng ſeyn, Capitän Sin⸗ clair,“ ſagte Alfred.„Martin verachtet die Wölfe, und der Wolf würde nicht in der Nähe geblieben ſeyn, wenn ihm ein Mann ſtatt zwei jungen Mädchen ent⸗ gegengeſtanden wäre. Die Wölfe ſind ſehr ſchlau und ich glaube, daß ſie ein Weib oder ein Kind angreifen werden, während ſie vor einem Manne fliehen. Ueber⸗ dies iſt es etwas ſehr Ungewöhnliches für einen Wolf, bis Tagesanbruch zu bleiben, ſelbſt wenn ihn ein Fraß reizt. Dieſer Fraß war es, der außerordentliche Hun⸗ ger des Thieres und der Angriff des Hundes, ein Zu⸗ ſammenfluß von Umſtänden, der dieſes Ereigniß her⸗ beiführte; ich glaube nicht, daß Martin getadelt werden kann, denn Alles kann man nicht vorherſehen.“ „Möglich,“ entgegnete Capitän Sinclair,„aber was man wohl thut, das endet gut.“ „Sind noch mehr andere Thiere hier zu fürchten?“ fragte Mrs. Campbell. „Der Bär hat ſich nun während des Winters in den Höhlen, oder in hohlen Bäumen, oder in der Erde verborgen, wo er ſich eine Grube gemacht hat. Er wird nicht vor dem Frühlinge herauskommen. Die Bergkatze, oder der Panther, iſt ein viel gefährlicheres Thier als der Wolf, doch iſt es ſelten; ich denke übri⸗ 165 gens, daß ſich die jungen Damen nicht allein und ohne einige Flinten hinauswagen ſollen, um einem ähnlichen Ereigniſſe auszuweichen. Wir haben ſehr viele Luchſe hier, aber ich zweifle, daß dieſe ein Kind angreifen werden, obgleich das Thier kämpft, wenn es angegrif⸗ fen wird, und ſehr arg beißt und kratzt.“ Die beiden Schweſtern Percival traten nun ein; Emma war ſehr luſtig; aber Mary ſehr ernſt. Capi⸗ tän Sinclair drückte beiden die Hand und ſagte: „Nun, Emma, Sie ſcheinen ſich früher geſammelt zu haben, als ihre Schweſter.“ „Ja,“ verſetzte Emma,„aber ich war viel mehr erſchrocken als ſie, und wenn ſie mich nicht gehalten hätte, ſo wäre ich auf die Füße des Wolfes gefallen. Ich überließ mich meiner Furcht, Mary hielt die ihrige zurück, und ihre Anſtrengungen waren alſo viel größer als die meinigen, ſo daß ſie ſich von denſelben nicht ſo bald erholen konnte. Die Wahrheit iſt, Mary iſt tapfer, wenn die Gefahr da iſt, ich aber bin nur tapfer, wenn ſie vorüber iſt.“ „Ich war weit mehr erſchrocken als Du, meine theure Emma,“ ſagte Mary Percival.„Doch wir müſſen unſerer Tante nun helfen und das Mittageſſen fertig machen.“ „Ich kann nicht ſagen, daß ich dieſen Morgen ei⸗ nen Wolfshunger habe,“ entgegnete Emma lachend, naber Alfred will für mich und für ſich ſelbſt eſſen.“ In wenigen Minuten ſtand das Mittageſſen auf dem Tiſche und alle ſetzten ſich, ohne auf Martin und John zu warten, die immer noch damit beſchäftigt waren, den Wolf abzuziehen. Achtzehntes Kapitel. „Hier kommen Martin und John endlich,“ ſagte Herr Campbell, nachdem ſie ohngefähr eine Viertel⸗ ſtunde bei Tiſch ſich befanden. Aber das war irrig, ſtatt Martin und John er⸗ ſchien Malachi Bone und war zu ihrem Erſtaunen von ſeiner jungen Frau, der Erdbeerpflanze, begleitet. Jedes hieß ihn willkommen und die Fräulein Per⸗ cival eilten zu ihrer kleinen weiblichen Bekanntſchaft und wollten haben, daß ſie ſich zwiſchen ſie ſetze; doch — ſie lehnte es ab, und nahm ihren Sitz auf dem Fuß⸗ boden nächſt dem Feuer. „Sie iſt an Seſſel und Stühle nicht gewohnt, Miß. Laſſen Sie ſie da, wo ſie iſt“ ſagte der alte Bone.„Sie befindet ſich dort behaglicher, und das iſt es, was Sie wollen, davon bin ich überzeugt. Ich brachte ſie mit mir, weil ich all das Wild nicht ſelbſt tragen konnte, und ihr zugleich auch den Weg zum Hauſe und wie dieſes befeſtigt iſt, zeigen wollte, damit ſie bekannt ſey, wenn ich bei Nacht eine Botſchaft ſen⸗ den ſollte.“ „Eine Botſchaft bei Nacht ſenden,“ ſagte Mrs. Campbell überraſcht.„Warum? Welch mögliche Ver⸗ anlaſſung könnte ſich hiezu darbieten 24 Capitän Sinclair und Alfred, welche erkannten, daß der alte Jäger ſo Manches zu ſagen habe, waren ſehr in Verlegenheit über das, was er ſagte. Sie wollten Mrs. Campbell und die Mädchen nicht mit den Indianern erſchrecken, beſonders da ſie gerade die⸗ ſen Morgen ſo ſehr in Aufregung gebracht worden waren. Endlich ſagte Alfred: — „Die Sache iſt, meine theure Mutter, daß zuvor gewarnt, ſo viel als zuvor bewaffnet iſt, wie das Sprüchwort ſagt und daß ich Martin beauftragte, Ma⸗ lachi Bone zu bitten, daß er es uns unmittelbar zu 165 wiſſen thun ſolle, wenn er erfahren würde, daß einige Indianer nahe oder um uns ſeyen.“ „Ja, Ma'am, das iſt die ganze Geſchichte,“ fuhr Malachi fort, wenn ſie in den Wäldern ſind, ſo iſt es das Beſte, immer das Gewehr geladen zu haben.“ Mrs. Campbell und die Mädchen waren ſichtbar nicht wenig erſchrocken, als ihnen die Gefahr ſo ge⸗ radezu angekündigt wurde. Capitän Sinclair nahm es wahr und ſagte: „Wir haben immer Spione und Aufpaſſer um das Fort, damit wir wiſſen, wo die Indianer ſind und was ſie beginnen. Letzten Monat wußten wir, daß ſie eine Berathſchlagung hielten, daß ſie aber aus⸗ einander gingen, ohne zu irgend einem Entſchluſſe ge⸗ kommen zu ſeyn, und ohne daß ſie, ſo viel wir Ge⸗ wißheit erlangen konnten, irgend eine Feindſeligkeit beſchloſſen hätten. Doch wir trauen den Indianern nie, und da ſie wiſſen, daß wir ſie beobachten, ſo hü⸗ ten ſie ſich ſehr wohl, irgend eine Gewaltthat zu ver⸗ üben; ſie haben lange Zeit nichts unternommen und ich denke, ſie werden es auch jetzt nicht wagen. In der Zwiſchenzeit erfahren wir, wo ſie ſind, und ich bat Alfred, mit Malachi Bone zu ſprechen, daß er uns unmittelbar Nachricht gebe, wenn er etwas von ihnen hören oder ſehen ſollte. Ich habe indeſſen nicht im Sinne gehabt, daß die Damen in der Nacht geweckt werden ſollen,“ fuhr Capitän Sinclair lachend fort, „das war auch ganz und gar nicht nöthig.“ „Malachi Bone wollte antworten, doch Alfred kneipte ihn in den Arm. Der alte Mann verſtand, was er meinte, und ſchwieg. Endlich ſagte er: „Ja wohl, darum iſt ſich nicht zu kümmern, und es geſchah nur, daß die Erdbeere ihren Weg und die Lage kennen lernte; es iſt bloß, daß ſie weiß, wo die Hüude ſind, wenn ſie mit einer Botſchaft kommen ollte.“ „Nein, nein,“ entgegnete Herr Campbell,„ich bin 167 clair,„iſt das der Häuptling, welcher den Franzoſen diente und eine Medaille trägt?“ „Derſelbe, Sir; er iſt zwar kein Häuptling; er war aber ein ſehr guter Krieger in jener Zeit und die Franzoſen waren ihm außerordentlich gewogen, weil er ihnen ſehr wohl diente; aber er iſt nicht Häuptling, ob er gleich als eine Art davon in Folge der Ver⸗ hältniſſe betrachtet wurde, in welchen er mit den Fran⸗ zoſen ſtand. Er iſt nun ein alter Mann und wahr⸗ haft erbittert, er hat während des Kriegs manchen Engländer an den Pfahl geſpießt und ſonſt gemartert. Er haßt uns und hetzt immer an den Indianern, den Krieg mit uns zu beginnen; doch bis zu dieſem Tage war es vergeblich, und ſie achteten bei der Verſamm⸗ lung nicht auf ihn.“ „Aber warum gefällt Ihnen die Sache mit ihm nicht?“ ſagte Herr Campbell. „Weil er ſeinen Aufenthalt für ſeine Winterijagd nicht ferne von uns mit ſechs oder ſieben jungen Krie⸗ gern genommen hat, die ihm ganz ergeben ſind, und weil er ein Nichtswürdiger iſt. Wenn die indianiſche Nation den Krieg nicht beginnen will, ſo thut er es mitunter auf eigene Rechnung, wenn es ihm möglich iſt. Er hat keinen geringen Ruf, ich kann es Ihnen ſagen.“ 6 „ Will er Sie angreifen?“ „Mich? Nein, nein; er weiß etwas beſſeres zu thun; er kennt meine Flinte wohl. Er hat ihr Ge⸗ ſchoß in ſeinem Körper; er dürfte es auch nicht, wenn er wollte, denn ich bin ſelbſt Indianer und kenne die Liſt der Indianer. Sie ſehen, dieſes Volk hat eigene Begriffe; während des ganzen Kriegs konnten ſie mich mit ihren Flinten nicht treffen, und ſie glauben, daß ich unverwundbar ſey. Das iſt nun ihr Aberglaube und ſie denken, meine Flinte fehle nie,(und darin ha⸗ ben ſie allerdings recht, denn ich fehle unter hundert Schüſſen nicht einmal,) ſo kam es denn, daß ſie mich 2 168 als ein übernatürliches Weſen fürchten und mich auch ſo nennen; doch das iſt der Fall bei allen von ihnen nicht, und wenn die Schlange über die Paliſſaden klettern kann, ſo möchte es ſehr gefährlich ſeyn.“ „Die Stämme wiſſen aber doch, daß irgend ein Angriff, auch dieſer Art, als eine Kriegserklärung be⸗ trachtet werden würde,“ ſagte Capitän Sinclair,„und daß wir Wiedervergeltung ausüben würden.“ „Ja, aber Sie ſehen, daß die Schlange keine Rück⸗ ſicht auf die Verhältniſſe der Stämme zu uns nimmt. Seine Nation iſt weiter oben, zu entfernt, als daß ſie ſich vor Züchtigung fürchten ſollte; und die Stämme hier, obgleich ſie ihn als einen alten Krieger vereh⸗ ren, der gegen die Engländer gekämpft hat, und ob⸗ gleich ſie die größte Achtung vor ſeinem Alter haben, erkennen ihn oder ſeine Handlungsweiſe nicht an. Sie würden auf der Stelle und mit Wahrheit Alles läug⸗ nen und ſie können auch ſeinem unheilvollen Beginnen nicht zuvorkommen.“ „Was iſt dann, wenn eine Unthat begangen wird, die Abhülfe?“ „Ei nun, wenn Sie ihn und ſeine Bande irgendwo finden können, dann mögen Sie alle tödten, und die Indianer werden nicht ein Wort ſagen, oder irgend eine Klage ausſtoßen. Das iſt Alles, was geſchehen kann, und was ich thun will, iſt, daß ich mit ihm ſpre⸗ chen werde, wenn ich ihm begegne. Er fürchtet mich, und ſeine Burſche deßgleichen. Sie halten mich für edicin.“ „Mediein! Was iſt das?“ ſagte Heinrich. 1 „Sie meinen, daß er ein bezaubertes Leben hat,“ entgegnete Capitän Sinclair.„Die Indianer ſind ſehr abergläubiſch.“. „Ja, das ſind ſie; nun, vielleicht kann ich meine Medicin erproben, und ich will ihm eine oder zwei Pillen aus meiner Flinte geben,“ ſagte Malachi mit einem grimmigen Lächeln.„Wie es auch ſey, ich will 169 bald mehr von ihm erfahren und es, wenn es geſche⸗ hen iſt, Sie wiſſen laſſen. Schließen Sie Ihre Pa⸗ liſaden⸗Thore alle Nacht feſt und behalten Sie die Hunde innerhalb derſelben; ich werde Ihnen zu jeder Zeit Warnung zukommen laſſen. Wenn ich ihnen auf der Spur bin, wird die Erdbeere kommen, und darum brachte ich ſie mit hieher. Wenn Sie dreimal an den Paliſaden zu irgend einer Stunde der Nacht klopfen hören, dann wird ſie da ſeyn, und dann laſſen Sie ſie herein.“ „Gut,“ ſagte Mrs. Campbell.„Ich bin ſehr er⸗ freut, daß Sie mir dieß Alles erzählt haben; da ich nun weiß, was wir zu gewärtigen haben, werde ich muthiger und mehr auf meiner Hut ſeyn.“ „Ich denke, wir haben klug gehandelt, indem wir Ihnen Alles das ſagten, was wir ſelbſt wußten,“ ſagte Capitän Sinclair,„ich muß früh aufbrechen, in⸗ dem ich vor Sonnenuntergang in dem Fort ſeyn muß. Martin und John werden mit mir gehen und den Hund hieher bringen.“. „Will der Knabe nicht mit mir gehen?“ fragte Malachi. 3 „Ja, morgen früh kann er gehen; aber nach ſei⸗ ner Zurückkunft von dem Fort wird es zu ſpät ſeyn.“ „Nun, ich will hier warten,“ verſetzte Malachi. „Aber wo iſt er?“ „„⸗Er iſt fort, um einen Wolf abzuſtreifen, den er dieſen Morgen geſchoſſen hat,“ entgegnete Alfred;„er wird bald hier ſeyn.“ Mrs. Campbell erzählte Malachi kürzlich das Aben⸗ teuer; der alte Jäger lauſchte ſchweigend und nickte dann beifällig. „Ich ſtehe gut dafür, er bringt dieſen Winter noch mehr Felle nach Hauſe,“ ſagte er. Die Geſellſchaft brach gerade auf, als Martin und John herbeikamen. Capitän Sinclair ſprach mit den Fräuleins Percival, während der alte Jäger zu der 170 8 Erdbeerpflanze etwas in ihrer Landesſprache ſagte; die Anderen beſorgten ihr Geſchäft, gingen entweder hin⸗ aus, oder räumten den Tiſch ab, während Capitän⸗ Sinclair ſeine Reiſe mit John und Martin antrat, Je⸗ der mit einer Flinte bewaffnet. „Nun, das war ein aufgeregter Tag,“ bemerkte Herr Campbell, kurz ehe ſie zu Bette gingen.„Wir haben Gott ſehr zu danken und die größte Ürſache, ihn um ſeinen fernern Schutz und um ſeinen ferneren Bei⸗ ſtand anzuflehen. Gott behüte Euch Alle, meine Kin⸗ der! Gute Nacht.“ Neunzehntes Kapitel. Am nächſten Morgen, kurz nach Anbruch des Ta⸗ ges, fanden ſich Martin und John ein und brachten den prächtigen Hund mit ſich, welchen Capitän Sinclair John geſchenkt hatte. Obgleich einer der größten Hunde, ſchien Oscar doch ſehr gutartig zu ſeyn, und überging das Knur⸗ ren und die ärgerlichen Blicke der andern Hunde mit gänzlicher Verachtung. „Es iſt in der That ein edles Thier,“ ſagte Herr Campbell, indem er ihn auf den Kopf tätſchelte. „Es iſt ein ſchönes Geſchöpf, bemerkte Malachi, „ein Wolf wird ihm keinen Widerſtand leiſten können, und, wie ich erwarte, wird auch ein Bär mehr als eine Hand nöthig haben, um ihn zu bändigen; aber, komm her, Knabe,“ ſagte der alte Jäger zu John, indem er ihn auf dem Wege nach dem Thore fortführte. „Du wirſt beſſer thun, den Hund hier zu laſſen, das Thier wird hier von Nutzen ſeyn, während es uns zu nichts dient.“ John machte keine Erwiederung und der Jäger fuhr fort: 4 4171 „Ich ſage, es wird hier von Nutzen ſeyn, denn die Mädchen könnten von einem andern Wolfe ange⸗ fallen, oder das Haus könnte angegriffen werden, wäh⸗ rend gute Jäger keine Hunde gebrauchen. Braucht er für uns zu wachen und uns Kunde von der Gefahr zu geben? Nein, das iſt unſere Pflicht, und wir müſſen auf uns ſelbſt vertrauen, und nicht auf ein Thier. Soll er für uns jagen? Nein, denn ein Hund kann einen Hirſch nicht ſo ſchnell erreichen, als wir ihn mit unſern Flinten erreichen können; ein Hund kann uns entdecken, wenn wir wünſchen, verborgen zu ſeyn. Die Fährte eines Hundes kann uns auffinden laſſen, während wir wünſchen, daß unſere Fußtritte nicht entdeckt werden. Das Thier wird uns nicht das Geringſte nützen, John, es wird uns vielmehr ärgern, beſonders jetzt, da der Schnee liegt. Zur Sommerszeit kannſt Du ihn pro⸗ biren und ihn lehren, wie der Hund eines Jägers ſich benehmen ſoll; aber wir werden beſſer thun, wenn wir ihn hier laſſen, und ſchnell ohne ihn aufbrechen.“ John nickte zum Zeichen der Beiſtimmung mit dem Kopfe und dann ging er zum Thore hinein. „Gott befohlen!“ ſagte John, indem er zu ſeiner Mutter und zu ſeinen Couſinen hintrat.„Ich werde den Hund nicht mitnehmen.“ „Du willſt den Hund nicht mitnehmen? Das iſt ſohr hübſch von Dir, John,“ ſagte Mary,„denn wir wünſchen ihn zu behalten, damit er uns beſchütze.“ John nahm ſeine Flinte auf die Schulter, gab der Erdbeerpflanze ein Zeichen, dieſe ſtand auf, blickte freundlich, ohne zu ſprechen, auf Mrs. Campbell und die Mädchen und folgte John auf dem Fuße. Malachi war gewiß nicht ſehr artig, denn er ging mit John und ſeiner Frau fort, ohne ſich die Mühe zu nehmen, Lebewohl zu ſagen. Es muß indeſſen bemerkt werden, daß er im Geſpräche mit Martin war, welcher ihn auf dem Wege begleitete. 8 Der Winter war nun ſehr ſtrenge geworden, der 172 Thermometer ſtand zwanzig Grade unter dem Gefrier⸗ punkt und die Kälte war 5 heftig, daß alle möglichen Vorkehrungen gegen dieſelbe getroffen wurden. Mehr als einmal war Percival, deſſen Geſchäft es war, das Holz zum Feuern herbeizubringen, vor Kälte faſt er⸗ ſtarrt, allein da Mrs. Campbell außerordentlich auf⸗ merkſam war, ſo wurde das Mittel des kalten Schnees ſtets mit Erfolg angewendet. Das Heulen der Wölfe währte jede Nacht fort, aber ſie waren nun daran ge⸗ wöhnt, und die einzige Folge davon war, daß, wenn einer derſelben näher als gewöhnlich an das Haus kam, Oscar ſeinen Kopf in die Höhe hielt, knurrte und dann ſich wieder niederlegte, um fortzuſchlafen. Oscar bekam eine große Zuneigung zu den Mädchen, und war ihr unwandelbarer Gefährte, wenn ſie das Haus ver⸗ ließen. Alfred, Martin und Heinrich gingen nun täg⸗ lich auf die Jagd aus, indem, wenn ſie nicht auf der Jagd waren, wenig für ſie zu thun war. Herr Camp⸗ bell blieb mit ſeiner Gattin und ſeinen Nichten zu Hauſe, hie und da, jedoch nicht ſehr oft, begleitete Per⸗ cival die Jäger; Malachi und John wurden wenig ge⸗ ſehen, John kehrte immer nach zehn Tagen zurück, aber obgleich er ſeinem Verſprechen genau nachkam, ſo war ſeine Sehnſucht, zu Malachi zurückzugehen, doch ſo auf⸗ fallend, daß Mrs. Campbell wünſchte, daß er lieber weg ſey, als daß er ſo oft wider ſeinen Willen nach Hauſe zurückkehre.. Inzwiſchen kam die Zeit des Jahresſchluſſes, und, eingeſchloſſen, wie ſie durch die Strenge der Jahreszeit waren, da ſie auch nur wenig oder nichts zu thun hat⸗ ten, ſchien der Winter länger und langweiliger, als es der Fall geweſen wäre, wenn ſie ſchon ſeit längerer Zeit ſich angeſiedelt und Mittel, ſich zu beſchäftigen, gehabt hätten; denn im Winter iſt es, daß der canadiſche Land⸗ mann ſein Dreſchen und andere mit der Landwirthſchaft verbundene Geſchäfte vornimmt und ſich ſo auf den kommenden Frühling vorbereitet. Bei ihnen war es — 173 4 der erſte Winter, ſie hatten daher nichts dergleichen zu thun und waren folglich ohne Beſchäftigung. Mrs. Campbell und ihre Nichten arbeiteten und laſen, be⸗ ſchäftigten ſich ſo viel als möglich, ſie waren aber im⸗ mer in die Thore eingeſchloſſen, und das konnte natür⸗ lich der Monotonie und der Langweiligkeit ihrer Lage nicht abhelfen. Die jungen Männer fanden Beſchäftigung und Unterhaltung in der Jagd; ſie brachten eine Menge verſchiedener Thiere und Felle, und der Abend war ge⸗ wöhnlich der Erzählung deſſen gewidmet, was ſie wäh⸗ rend des Tages auf ihren Jagdzügen erlebt hatten. Aber auch dieſe Jagdgeſchichten wurden zuletzt mit Gleichgültigkeit gehört. Es war daſſelbe Thema, im⸗ mer und immer wiedergegeben, wenn auch mit Väria⸗ tionen, und daher war es für den Zuhörer nicht länger mehr anziehend. „Ich bin doch Kegierig, wenn John zunrückkommen wird?“ ſagte Emma zu ihrer Schweſter, als ſie arbei⸗ tend da ſaßen. 6 5 „Da er immer nur zwei Tage dableibt, ſo dürfen wir ihn für längere Zeit nicht erwarten.“ 4 „Ich weiß das; ich bin begierig, ob Oscar einen Wolf tödten könnte; ich hätte faſt Luſt, ihn hinauszu⸗ laſſen, um es zu verſuchen.“ „Ich dächte, Du hätteſt genug an Wölfen, Emma,“ entgegnete Mary.— „Nun wohl; aber der alte Malachi will uns keine Neuigkeiten mehr von den Indianern bringen,“ fuhr Emma gähnend fort. „Ei, ich denke nicht, daß ſeine Neuigkeiten irgend etwas Angenehmes brächten, Emma, und warum ſoll⸗ ten wir dann welche wünſchen?“ „Warum, meine theure Mary, weil mir etwas Neues mangelt. Ich bedarf etwas, was mich aufregt, ich bin ſo mißlaunig. Es gibt hier nichts als Nähen, Nähen alle Tage, und ich muß immer daſſelbe Ding 174 thun. Welch ein ſchreckliches Ding ein Winter in Ca⸗ nada iſt, und noch iſt er nicht halb vorüber.“ „Es iſt wahrhaft melancholiſch und eintönig, meine theure Emma, ich gebe es zu, und wenn wir mehr Abwechslung in unſerer Beſchäftigung hätten, ſo würden wir es weit angenehmer finden; aber wir müſſen den innigſten Dank dafür fühlen, daß wir ein gutes Haus über unſern Köpfen haben, und mehr Sicherheit, als wir glaubten.“ „Nur zu viel Sicherheit, Mary; ich fange an zu fühlen, daß ich einen Indianer ſelbſt in ſeiner Kriegs⸗ rüſtung empfangen könnte dieß wäre doch eine kleine Abwechslung. „Ich denke, Du würdeſt Deinen Wunſch bald be⸗ reuen, wenn er gewährt würde.“ „Leicht möglich, aber jetzt kann ich nicht anders helfen, ich muß es wünſchen. Wann werden ſie nach Hauſe kommen? Wie viel Uhr iſt es? Ich bin be⸗ gierig, was ſie bringen werden; die alte Geſchichte, ei⸗ nen Bock, ich bin des Wildes überdrüſſig.“ „Emma, Du haſt unrecht, wenn Du Dich miß⸗ vergnügt und übelgelaunt fühlſt.“ 3 „Auch möglich, aber ich habe ſeit wenigſtens hun⸗ dert Tagen keinen Gang von hundert Schritten gemacht, und das machkt mich ſo arg verſtimmt, daß ich es kaum ſagen kann, und ich thue nichts als gähnen, gähnen, ähnen, weil mir Luft und Bewegung fehlt. Der On⸗ eel läßt uns nicht auf eigene Rechnung gegen dieſen ſchrecklichen Wolf ausgehen; ich möchte wiſſen, wie ſich Capitän Sinclair auf dem Fort befindet und ob er auch ſo übelgelaunt iſt, wie wir.“ Um Gerechtigkeit gegen Emma zu üben, müſſen wir ſagen, daß es ſelten war, daß ſie ſich ſolche Kla⸗ gen erlaubte, daß aber die Langeweile größer war, als ſie ihr hochfliegender Geiſt ertragen konnte. Mrs. Campbell begann ihren Haushalt einzurichten, dieß gab ihr Beſchäftigung, und Mary empfand, vermöge ihrer F 175 natürlichen Anlage, dieſes Einſchließen nicht ſo ſehr, als Emma. Wenn ſich daher Symptome von Schlaf⸗ loſigkeit zeigten, oder wenn ſie verſuchte, ihre Klagen wiederholt zu äußern, ſo raiſonnirte ſie mit, und be⸗ ſänftigte ſie, machte ihr aber rie Vorwürfe. Am Tage nach dieſer Unterredung nahm Emma, um ſich ſelbſt zu unterhalten, eine Flinte und ging mit Percival hinaus, ſie ſchoß mehrmals nach einem Ziele, und ihre Fort⸗ ſchritte waren ſo ziemlich; nach und nach bekam ſie Uebung und nicht ein Tag ging vorüber, ohne daß ſie und Percival ſich nicht eine oder zwei Stunden lang geübt hätten, ſo daß zuletzt Emma mit großer Genauig⸗ keit ſchießen konnte. Uebung und ein Bekanntſeyn mit dem vollſtändigen Gebrauch der Waffe gibt Vertrauen, und dieſes erlangte Emma zuletzt, ſie forderte Alfred und Heinrich heraus, mit ihr auf das Ochſenauge zu ſchießen, und ſie wurde als Siegerin erklärt, entweder in Folge der Galanterie jener, oder vermöge ihrer über⸗ legenen Geſchicklichkeit. Herr und Mrs. Campbell lachten, wenn Emma hereinkam und ihnen ihre Erfolge erzählte, und fühl⸗ ten ſich erfreut, daß ſie endlich etwas gefunden hatte, was zu ihrer Unterhaltung diente. Es ſ ien eines Abends, daß die Jäger ziemlich langſam ſeyen; es war eine helle Mondſchein⸗Nacht, aber es war auch ſchon acht, und ſie hatten ſich noch nicht gezeigt. Percival hatte die Thüre geöffnet, um etwas von dem längs der Palliſaden aufgeſchichteten Brennholze zu holen, und es war ſpäter als gewöhn⸗ lich, daß er nach dem Paliſſaden⸗Thore ſah. Herr Campbell hatte ihn angewieſen, dieſes zu thun, und Emma, durch die Schönheit der Nacht angezogen, trat unter die Thüre des Hauſes, als plötzlich das Geheul eins Wolfes ganz nahe bei ihr hörbar wurde. Die Hunde, hieran gewöhnt, ſprangen zwar raſch auf, gin⸗ gen aber nicht von dem Feuer der Küche hinweg. Emma ging hinaus und blickte zwiſchen den Paliſſaden durch, 176 ob ſie nicht das Thier ſehen könne, und der kleine Trim, der Dachshund, folgte ihr. Trim war ſo dünn, daß er durch die Paliſſaden kriechen konnte, und ſo bald als er bei ihr war, und den Wolf bemerkte, ſchlüpfte das muthige Thier zwiſchen den Paliſſaden hindurch und ſprang auf die Beſtie los, indem er ſo laut, als er konnte, bellte. Emma rannte hinein, riß eine Flinte herab, kam wieder heraus und erkannte, daß der arme Trim bald gefreſſen ſeyn würde. Dieſe Vorausſetzung war auch richtig, der Wolf, ſtatt die Flucht zu ergrei⸗ fen, ſprang auf das Thier los und packte es. Emma, welche das Thier nicht vollſtändig erkennen konnte, weil es vielleicht fünfzig Schritte von ihr war, ſchlug an und feuerte in dem Augenblicke, als der arme Trim einen lauten Schrei von ſich gab. Es war gut gezielt, Wolf und Hund lagen neben einander. Herr und Mrs. Campbell und Mary eilten, als ſie den Knall der Flinte hörten, hinaus und fanden Percival und Emma an den Paliſſaden hinter dem Hauſe. „Ich habe ihn getödtet, Tante,“ ſagte Emma, „aber ich fürchte, er hat den kleinen Trim getödtet. Wir wollen hinausgehen und nachſehen.“ „Nein, nein, meine theure Emma, das muß nicht ſeyn, Deine Vettern werden bald nach Hauſe kommen und dann wollen wir ſehen, wie die Sachen ſtehen; für jetzt aber iſt die Gefahr zu groß.“ „Da kommen ſie,“ ſagte Percival,„ſie laufen ſo ſchnell ſie können.“. Die Jäger waren bald an dem Paliſſadenthore und wurden eingelaſſen; ſie hatten kein Wild bei ſich. Emma ſpottete ihrer, daß ſie leer nach Hauſe kommen. „Nein, nein, meine kleine Couſine,“ entgegnete Alfred,„wir hörten den Knall einer Flinte und wir warfen dann unſer Wild ab, damit wir Euch ſchneller zu Hülfe kommen könnten, wenn es erforderlich ſey. Was war denn das?“— „Sonſt gar nichts, als daß ich einen Wolf ge⸗ 177 ſchoſſen habe, und daß mir nicht erlaubt wurde, mein Trophäe hereinzubringen,“ ſagte Emma.„Komm Alfred, ich will mit Dir und Martin gehen.“ Sie kamen an den Platz und fanden, daß der Wolf todt war und der arme Trim lag ihm, gleichfalls todt, zur Seite. Sie trugen den Körper des kleinen Hun⸗ des hinein und ließen den Wolf bis auf morgen liegen, weil Martin ſagte, er wolle ihm für Miß Emma das Fell abziehen. „Und ich mache einen Fußſchemel daraus,“ ſagte Emma,„das ſoll mir ein Erſatz für die Furcht ſeyn, die ich vor den andern Wölfen hegte. Komm, Oscar, guter Hund, du und ich wollen auf die Wölfe jagen. Mein armer, kleiner Trim, wer hätte denken ſollen, daß ich zugleich mit Dir einen Wolf tödten werde?⸗ Martin ſagte, es würde unnütz ſeyn, zu dem Wilde zurückzukehren, indem es die Wölfe ohne Zweifel ſchon gefreſſen haben werden. Sie ſchloßen daher das Pali⸗ ſadenthor und traten in das Haus. Emma's Abenteuer war der Gegenſtand der Unter⸗ haltung an dieſem Abende, und Emma ſelbſt war ſehr entzückt darüber, daß ſie eine ſolche That vollbracht hatte.„ „Nun,“ ſagte Martin,„ich habe nur ein Frauen⸗ zimmer gekannt, welches einen Wolf erlegte, Miß Emma ausgenommen.“ „Und wer war es, Martin?“ fragte Mrs. Campbell. „Es war die Gattin eines unſerer Farmer, Ma'am; ſie war einmal auf der Arbeit in einem Nebengebäude, als ſie einen Wolf zu der Thüre ihrer Hütte, in wel⸗ cher niemand war, als ihr Säugling in der Wiege, hineinlaufen ſah. Sie rannte zurück und fand den Wolf gerade, wie er das Kind bei ſeinen Kleidern aus der Wiege herauszog, Das Thier blickte auf ſie mit ſeinen funkelnden Augen, aber da es etwas im Rachen trug, ſo that es dem Kinde nichts, und ſprang auf ſie zu. Die Anſiedler in Canada. 12 178 Das Weib hatte Geiſesgegenwart genug, die Flinte ihres Mannes zu ergreifen und auf den Wolf anzule⸗ gen, aber ſie fürchtete ſich ſo ſehr, das Kind zu ver⸗ wunden, daß ſie die Mündung nicht gegen ſeinen Kopf, ſondern gegen ſeine Schultern hielt. Sie feuerte ge⸗ rade, als der Wolf ſich davon machte, das Thier fiel, konnte ſich aber wieder auf die Füße machen, ließ das Kind aus dem Rachen fallen, und ging nun auf die Mutter los, um ſie anzugreifen. Das Weib hob das Kind auf, aber der Wolf verſetzte ihr einen ſchrecklichen Biß in den Arm, und brach ihr den Knochen nahe am Fauſtgelenke entzwei. Ein Wolf hat ein merkwürdig ſtarkes Gebiß, Ma'am. Indeſſen war daß Kind geret⸗ tet, die Nachbarn kamen herbei, und erlegten das Thier.“ „Welch' eine furchtbare Lage für eine Mutter!“ rief Mrs. Campbell aus. 2 „Wo fand dieſes ſtatt?“ „Nicht weit von Mountains, Ma'am,“ entgegnete Martin,„Malachi hat mir die Geſchichte erzählt, er iſt daher gebürtig.“ „Er iſt alſo ein Amerikaner?“ 5 „Ja wohl, Ma'am, er iſt ein Amerikaner, weil er in dieſer Gegend geboren iſt; aber da dieſe engliſch war, als er geboren wurde, ſo nennt er ſich ſelbſt ei⸗ nen Engländer.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete Mrs. Campbell.„Er ne geboren, ehe die Colonien ihre Unabhängigkeit erhielten.“ „Ja, Ma'am, lange zuvor. Er kann nicht ſagen wie alt er iſt. Als ich noch ein Kind war, da war er, ſchon, wie ich mich erinnere, ein alter Mann. Indeſ⸗ ſen der Name, den ihm die Indianer geben, beweist jeß. Er wurde damals der„„graue Dachs““ ge⸗ nannt.“ 3 „Iſt er denn wirklich ſo alt, als Sie denken, Martin?“—. „Ich glaube, daß er ſchon mehr als ſechszig Mal — 8. 179 den Schnee kommen ſah, Ma'am, doch glaube ich, nicht viel mehr. Sein Haar war grau, ehe er noch zwan⸗ zig Jahre alt war. Er erzählte mir dieſes ſelbſt, und dieß war auch eine der Urſachen, warum ſich die In⸗ dianer ſo ſehr vor ihm fürchten. Sie haben es von ihren Vätern, daß der graue Dachs ein großer Jä⸗ ger war, und dieß war Malachi ſchon vor mehr als fünfzig Jahren. So bilden ſie ſich ein, daß, weil ſein Haar grau ſey, er zu jener Zeit ſchon ein ſehr alter Mann geweſen ſeyn müſſe, ſo ſcheint er ihnen alſo ewig zu leben, ſie betrachten ihn als bezaubert, und es iſt ihre Redensart gebräuchlich:„große Medicin.““ Ich hörte einige Indianer ſagen, daß Malachi hundert und fünfzig Winter geſehen habe, und ſie glauben es wirklich. Ich widerſprach es ihnen nie, wie Sie ſich vorſtellen können.“ „Lebt er behaglich?“ „Ja, Ma'am, das thut er, ſeine Frau weiß, was er wünſcht, und thut, was er ſie heißt. Sie iſt wirklich in den alten Mann verliebt, und ſieht auf ihn; als wenn er ihr das wäre, was er wirklich iſt, ein Vater. Seine Hütte iſt immer voll von Fleiſch und er hat eine Menge von Fellen. Er trinkt keinen Branntwein, und wenn er Tabak zum Rauchen und Pulver und Kugeln hat, was kann ihm da fehlen?“ „Glücklich ſind die, welche es am wenigſten ſchei⸗ nen,“ bemerkte Herr Campbell.„Ein Mann, der in irgend einer Lage zufrieden iſt, iſt zuverläſſig glücklich. Wie wahr ſind die Worte des Dichters: Wie wenig iſt es, was wir hier enrbehren, und auch dieſes Wenig nur auf kurze Zeit. „Malachi Bone iſt ein glücklicherer Mann, als hun⸗ derte Derer, die in England in Ueppigkeit leben. Laßt ihn uns, meine lieben Kinder, als Beiſpiel nehmen und an ihm lernen, mit dem zufrieden zu ſeyn, was der Himmel uns beſchert hat. Aber es iſt Zeit, um ſchla⸗ 180 fen zu gehen.„Der Wind hat ſich erhoben, und wir werden eine lärmvolle Nacht haben. Heinrich gib mir das Buch. Zwanzigſtes Kapitel. Alfred und Martin ſchafften den Wolf herein, wel⸗ chen Emma geſchoſſen hatte, aber er war ſo hart ge⸗ froren, daß ſie ihn nicht abziehen konnten. Der arme, kleine Trim wurde eingeſcharrt, aber die Erde war zu feſt gefroren, als daß ſein Körper hätte eingegraben wer⸗ den können, und er wurde daher unter dem Schnee verborgen, bis im Frühjahr das Thauwetter eingetre⸗ ten ſeyn würde. Was den Wolf betraf, ſo ſagten ſie niemand etwas davon, aber ſie blieben auf, als der übrige Theil der Familie ſich zurückgezogen hatte, und nachdem der Wolf einige Zeit lang am Feuer gelegen war, ſo vermochten ſie ihn abzuziehen. Am folgenden Morgen zogen die Jäger aus und ſie waren ſehr begierig darauf, einen Truthahn, wo möglich, zu ſchießen; weil am folgenden Tage der Chriſt⸗ tag war. 3 „Wir wollen Oscar mit uns nehmen,“ ſagte Al⸗ fred,„der iſt ſehr ſchnell, und kann überall hinrennen, wohin wir mit unſeren Holzſchuhen nicht kommen können.“ „Ich bin begierig, ob ſie einen Truthahn bekom⸗ men werden,“ ſagte Emma, nachdem die Jäger fort waren. „Ich denke, es wird ſchwierig ſeyn,“ ſagte Mrs. Campbell,„doch ſie wollen Alles aufbieten, was ſie ver⸗ mögen. „Ich hoffe, Sie werden es, denn ein Chriſttag ohne einen Truthahn iſt ſehr unengliſch.“ „Wir ſind nicht in England, meine theure Emma,“ B ſagte Herr Campbell,„und wilde Truthähne ſind auch bei den Geflügelhändlern nicht zu finden.“ 4 „Ich weiß, daß wir nicht in England ſind, mein theurer Onkel, und ich fühle es auch. Ach, was der Tag vor dem Chriſttage in Werton⸗Hall brachte, welche Maſſen von warmen Wollenſtoffen, welch' eine Menge von Mänteln, Flanells, wollenen Strümpfen! Wie wir alle ſo emſig und ſo glücklich im Vorbereiten und im Ausleſen der Gaben für den folgenden Morgen waren, damit Alle auf viele Meilen weit an dieſem Tag ge⸗ kleidet ſeyn mochten. Und dann das Zimmer des Haus⸗ verwalters mit all' den Speiſen, mit Mehl und mit Pflaumen, nach der Kopfzahl einer jeden Familie. Alles zurecht gelegt und mit Zetteln zur Vertheilung vorbe⸗ reitet, und dann die Geſellſchaft, die in die Dinerhalle eingeladen war, das große Diner, die neuen Kleider für die Schulmädchen, und die Gemeinde ſo fröhlich mit ihren neuen Kleidern in den Gängen der Kirche, mit ihren Ciſtenroſen und Miſteln. Ich weiß, wir ſind nicht in England, mein theurer Onkel, und daß Sie eine Ihrer größten Vergnügungen verloren haben, Gu⸗ tes zu thun und Alles rund um Sie her glücklich zu machen.“— „Wohl, meine theure Emme Ich habe das Ver⸗ gnügen verloren, Gutes zu thun, und wenn der Him⸗ mel wollte, daß es ſo ſeyn ſollte, und wenn wir ihm dafür dankbar ſeyn müſſen, und wenn wir keine Wohl⸗ thaten mehr ſpenden können, ſo ſind wir doch jedenfalls nicht der Gegenſtand der Barmherzigkeit Anderer, denn wir ſind unabhängig und haben unſer tägliches Brod. Man kann wahrhaft glücklich ſeyn und die ergebenſte Dankbarkeit gegen ſo große Wohlthat hegen, ohne zum Mittageſſen oinen Truthahn zu haben.“ „Das war nicht mein Ernſt, mit dem Truthahn, mein theurer Onkel, es war die Verbindung der Ideen, geknüpft an eine lange Gewohnheit, welche mich an un⸗ ſere Chriſtzeit in Werton⸗Hall denken ließ. Indeſſen, 182 mein theurer Onkel, wenn es ein Bedauern enthielt, ſo war es weniger wegen mir, als wegen Ihnen,“ ent⸗ gegnete Emma mit Thyränen in ihren Augen. „Vielleicht ſprach ich etwas zu ſtreng, meine theure Emma,“ ſagte Herr Campbell.„Aber ich höre von einem ſolch' feierlichen Tage nicht gerne ſprechen, als wenn er bloß des Eſſens einer gewiſſen Speiſe wegen im Gedächtniß geblieben wäre.“. „Es war thöricht von mir“ entgegnete Emma, nund es war gedankenlos geſprochen.“ Emma ging auf Herrn Campbell zu, küßte ihn, und Herr Campbell ſagte:„Nun ich hoffe, ſie werden einen Truthahn bringen, weil Du einen wünſcheſt.“ Die Jäger kamen nicht ſehr ſpät zurück und als ſie in den Geſichtskreis eintraten, kam Percival, der ſie erſpäht hatte, hereingelaufen und ſagte, daß ſie ordentlich beladen ſeyen, und ihr Wild an einer Stange geſchleppt bringen. Mary und Emma gingen an das Thor, ihren Vet⸗ tern entgegen. Daß dieſelben ſchwer beladen waren und daß Martin und Alfred eine Stange trugen war gewiß, aber ſie konnten nicht erkennen, woraus ihre Beute beſtand. Als aber die Jäger an das Paliſaden⸗ Thor kamen, entdeckten ſie, daß es nicht ein Wild, ſon⸗ dern ein menſchliches Weſen war, welches ſie in einer Art Tragbahre, welche aus Aeſten gemacht war, trugen. „Was iſt es, Alfred?“ ſagte Mary. „Warte, bis ich wieder Athem geſchöpft habe,“ ſagte Alfred, indem er das Thor aufmachte,„oder frage Heinrich, denn ich bin zu abgemattet.“ 3 Heinrich kam mit ſeinen Couſinen in das Haus und ſetzte ihnen auseinander, ſie ſeyen auf der Verfolgung wilder Truthähne begriffen geweſen, und da habe Os⸗ car plötzlich geſtanden und zu bellen angefangen, fie ſeyen dann auf den Hund zugelaufen und hätten in einem Buſche ein armes, indianiſches Weib faſt ganz erfroren und mit einer Verrenkung der Fußknöchel ge⸗ * „ — 185 funden, die ſo ſtark war, daß eine ſchreckliche Geſchwulſt ſie umgab und daß ſie ſich nicht. rühren konnte; Martin habe in der indianiſchen Sprache mit ihr geſprochen, aber ſie ſey von Kälte und Hunger ſo erſchöpft geweſen, daß ſie ihm nur noch ſagen konnte, ſie gehöre zu einer kleinen Parthie von Indianern, welche einige Tage auf der Jagd ausgeweſen ſeyen, und weit von hier ihre Win⸗ terhütten aufgeſchlagen hätten; daß ſie unter der Bürde, welche ſie zu tragen gehabt, zuſammengeſunken, und daß ihr Bein ſo ſchlimm geworden, daß ſie nicht mit ihnen habe gehen können, daß ihr dann dieſelben ihre Laſt abgenommen, und ihr überlaſſen hätten, ihnen zu folgen, wenn ſie könne.. „Ja,“ fuhr Alfred fort,„ſie ließen das arme Ge⸗ ſchöpf ohne Speiſe in dem Schnee liegen. Noch einen Tag, und es wäre mit ihr aus geweſen. Es iſt wun⸗ derbar, wiß ſie die letzten beiden Nächte ſo überleben konnte. Aber Martin ſagt, daß die Indianer immer ein Weib in dieſer Weiſe verlaſſen und dem Tode aus⸗ ſetzen, oder ihr überlaſſen, ſich zu helfen, wie ſie kann, wenn ſie von einem Unfalle betroffen worden iſt.“ „Jedenfalls wollen wir ſie ſogleich herein bringen,“ ſagte Herr Campbell,„und ich will zunächſt ſehen, ob meine chirurgiſche Hülfe von Nutzen ſeyn kann, und her⸗ nach wollen wir thun, was wir für ſie thun können. Aber wie weit von hier habt Ihr ſie gefunden?“ —„Bei acht Meilen,“ entgegnete Heinrich,„und Alfred hat ſie den ganzen Weg hergetragen, Martin und ich haben mit einander abgewechſelt, ausgenommen einmal, als ich Alfreds Platz einnahm.“ „Du ſiehſt alſo, Emma, daß ich ſtatt eines wilden Truchahnes ein indianiſches Weib gebracht habe,“ ſagte red. 1 „Ich lobe Dich mehr wegen Deiner Güte, Alfred,“ entgegnete Emma,„als wenn Du mir einen geladenen Wagen voll Truthähnen gebracht hätteſt.. In der Zwiſchenzeit hatten Martin und Heinrich 184 die arme Indianerin hineingetragen und ſie auf den Boden in einiger Entfernung von dem Feuer hingelegt, denn ſie dachten, ſie ſey wirklich erfroren und jedenfalls hätte ihr die plötzliche Annäherung an das Feuer ſchädlich ſeyn können. Herr Campbell unterſuchte den Knöchel ihres Fußes und richtete unter Beiſtand der Andern die Verrenkung wieder ein. Dann band er ihr Bein auf badete es mit warmen Weineſſig, als ein erſtes Mittel. Mrs. Campbell und die beiden Mädchen rieben die Glie⸗ der des armen Geſchöpfes, damit der Kreislauf des Blutes etwas hergeſtellt wurde, und dann gaben ſie ihr etwas Warmes zu trinken. Mrs. Campbell machte den Vorſchlag, daß ſie ein Bett für ſie auf den Boden der Küche zurecht machen wolle. Dieß geſchah in einer dem Feuer nahen Ecke, und nach Verlauf einer Stunde verfiel die Kranke in einen tiefen Schlaf. „Es iſt ein Glück für ſie, daß ſie nicht in dieſen Schlaf verfiel, ehe wir ſie fanden,“ ſagte Martin,„ſonſt würde ſie nie mehr erwacht ſeyn.“ „Ganz gewiß,“ entgegnete Herr Campbell,„wiſſen Sie etwas darüber, von welchem Stamme ſie iſt, Martin??“ „Ja, Sir, ſie iſt eine von den Chippeways, es gibt aberverſchiedene Abtheilungen darunter; wenn ſie indeſſen wieder erwacht, ſo will ich ermitteln, zu wel⸗ cher ſie gehört, als wir ſie fanden, war ſie zu ſehr er⸗ ſchöpft, als daß ſie mehr hätte ſagen können.“ „Es erſcheint als ſehr unmenſchlich, ſie auf dem Wege zu Grunde gehen zu laſſen,“ bemerkte Mrs. Campbell. „Ja wohl, Ma'am, das iſt es; aber Noth kennt kein Gebot. Die Indianer konnten ſie, wenn ſie auch wollten, nicht mit ſich nehmen; vielleicht hundert Mei⸗ len weit. Dies wäre vielleicht die Veranlaſſung zu mehreren Todesfällen geweſen; denn die Kälte iſt jetzt zu groß, als daß man bei Nacht einige Zeit hätte 185 ſchlafen können, indeſſen gaben ſie ihr durch ein großes Feuer einige Hülfe.“— „Selbſterhaltung iſt allerdings das erſte Geſetz der Natur,“ bemerkte Herr Campbell;„aber wenn ich die Sache recht begreife, ſo ſchätzen die Wilden das Leben eines Weibes nicht ſehr hoch.“ „Das iſt auch der Fall, Sir,“ entgegnete Martin. „Ich muß zugeben, daß ſie es nicht höher ſchätzen, als Sie ein Laſtthier.“ „Das iſt bei wilden Nationen immer der Fall,“ bemerkte Herr Campbell.„Das erſte Zeichen der Ci⸗ viliſation iſt die Behandlung des andern Geſchlechts, und in dem Verhältniſſe, in welchem die Civiliſation ſteigt, werden auch die Frauen geehrt und geſchätzt. Aber euer Abendeſſen iſt fertig, meine Kinder, und ich denke, nach euren Anſtrengungen und eurem Faſten müßt ihr deſſelben ſehr bedürftig ſeyn.“ „Ich bin noch zu ſehr ermüdet, um zu eſſen,“ be⸗ merkte Alfred.„Ein ordentlicher Schlaf unter meinem Bärenfälle wird mich mehr erfreuen. Zu gleicher Zeit will ich verſuchen, was ich thun kann,“ fuhr er lachend fort, und nahm ſeinen Platz bei Tiſche ein. Nichts deſtoweniger machte Alfred, trotz ſeiner Be⸗ merkung, einen tüchtigen Anfall auf das Abendeſſen, und Emma lachte über ſeinen Appetit, nachdem er ver⸗ ſichert hatte, ſo geringe Eßluſt zu haben. „Ich ſagte, ich ſey zu ermüdet zum Eſſen, Emma, und ſo glaubte ich auch damals; aber mit dem Eſſen kam auch der Appetit,“ entgegnete Alfred lachend,„und wenn euer Spott nicht geweſen wäre, würde ich, wie ich glaube, noch mehr eſſen.“ „Wie lange iſt John abweſend?“ ſagte Herr Campbell. 1 „Nun bald vierzehn Tage,“ bemerkte Mrs. Camp⸗ bell.„Er verſprach, am Chriſttage wieder zu kommenz ich glaube daher, wir werden ihn morgen früh ſehen.4 „Ja, Ma'am, und ich glaube ſagen zu dürfen, daß 186 der alte Malachi Bone gewiß mit ihm kommen wird. Er ſagte wenigſtens ſo, als er das Letztemal wegging. Er bemerkte, daß der Knabe das Wildpret nicht würde tragen können, und vielleicht wollte er, daß er eines bringe, denn er weiß, daß die Leute am Chriſttage gerne reichlich eſſen.“ „Ich möchte wiſſen, ob der alte Malachi auch re⸗ ligiös iſt?“ bemerkte Mary.„Glauben Sie„daß er es iſt, Martin?“ „Ja, Miß, ich glaube, daß er es iſt, aber er zeigt es nicht. Ich weiß ſelbſt ganz gewiß, was ſeine Ge⸗ ſinnungen in dieſer Beziehung ſind. Wenn ich früher oft Wochen und zuweilen Monate lang außen war, ohne einen Menſchen zu ſehen und zu ſprechen, wenn ich ſo ganz allein in den Wäldern war, da fühlte ich viel mehr Religion in mir, als bei meiner Rückkehr nach Quebec, obgleich ich in die Kirche ging. Und der alte Malachi hat, wie ich weiß, eine tiefe Ehrfurcht vor dem göttlichen Weſen, und er unterzieht ſich ſeinen Pflichten, ſo weit er es vermag; wenn er aber nie in eine Stadt geht, oder ſich mit einer Geſellſchaft zur Ausübung der Religion vereinigt, ſo möchte ich ſagen, daß die Beobachtung der heiligen Feſttage für ihn ver⸗ loren iſt, ihm wie eine Art Traum vergangener Tage erſcheint, jener Zeit, ehe er ſein Jägerleben zu führen begann. Er weiß, daß die Jahreszeiten kommen und gehen, und das iſt Alles. Ein Tag gleicht dem andern, und er kann nicht ſagen, welcher Tag ein Sonntag iſt, denn er iſt nicht im Stande zu rechnen. Nun, Ma'am, wenn Sie wünſchen, daß Meiſter John am Freitage Abends zu Hauſe ſey, weil Chriſtnacht iſt, ſo glaube ich, daß Malachi in tiefen Gedanken ſich befindet. Er wird ſich in ſeinen Geiſt zurückrufen, was der Chriſt⸗ tag iſt, und wenn Sie deſſelben nicht erwähnt hätten, ſo würde dieſer Tag wie jeder andere an ihm vorüber gegangen ſeyn; allein Sie erinnerten ihn daran, und badaug ſagte er, daß er kommen wolle, wenn er könne. 187 Ich bin überzeugt, daß er nun, da er weiß, daß es Chriſttag iſt, im Sinne hat, ihn als ſolchen zu begehen.“ „Was NMartin ſagt, ſcheint mir ſehr wahr,“ be⸗ merkte Herr Campbell.„Wir begehen den ſiebenten Tag in der Woche, ein Anderer aber nimmt die Jah⸗ reszeiten an, um in ſeinem Geiſte ſeine Pflicht zu er⸗ füllen, um die Religion auszuüben. In den Wäldern, fern von einer Verbindung mit andern Chriſten, wer⸗ den dergleichen Gegenſtände leicht vergeſſen, und wenn wir einſt unſere Berechnung verlieren ſollten, würden wir uns nicht leicht zurecht finden. Aber kommt, Al⸗ fred, Heinrich und Martin, ihr müßt ſehr ermüdet ſeyn, und wir werden Alle am Beſten thun, zu Bette zu gehen. Ich will nach kurzer Zeit aufſtehen, um meiner Kranken etwas zu trinken zu geben, wenn ſie es wünſcht. Gute Nacht, meine Kinder.“ Einundzwanzigſtes Kapitel Der Chriſttag war in der That, wie Emma be⸗ merkt hatte, ein anderer als die früheren Chriſttage. Obgleich die Kälte ungewöhnlich ſtreng war und der Schnee mit ſeinen weißen Flocken die Luft füllte, der Nordoſtwind durch die entblätterten Bäume heulte und die langen Arme dieſer gegen einander ſchlug, obgleich der See eine Platte dicken Eiſes war, bedeckt mit Schnee, welchen an verſchiedenen Plätzen der Wind zu kleinen Hügeln angeweht hatte, ſo hatten ſie doch im⸗ mer noch ein gutes Dach über ihren Häuptern und ein warmes, flammendes Feuer auf ihrem Herde, ſie hat⸗ ten kein häusliches Unglück, die erſten Unfälle waren beſiegt, und ſie waren eine einige Familie, liebend und geliebt, voll gegenſeitiger Güte und Nachſicht; ſie be⸗ wieſen, wie wahr der Spruch iſt:„Es iſt beſſer, ein 188 Gericht Kraut mit Liebe verzehrt, denn ein gemäſteter Ochſe mit Haß.“ Indeſſen waren ſie Alle gottesfürch⸗ tig geſinnt; ſie erkannten, daß ſie große Schuldner des Himmels für all' die täglichen Wohlthaten waren, in⸗ dem er ſie mit Nahrung und Kleidung verſah, vor Krankheit und Leiden bewahrte und ihnen demüthige und zufriedene Herzen gab, und ſie fühlten an dieſem Tage, wie wenig das Wort im Stande ſey, ihre Ge⸗ danken, den Dank für die Güte und Barmherzigkeit Gottes auszuſprechen, die er ihnen und der ganzen Welt bewieſen. Daher betrachteten ſie ſich mit liebe⸗ vollen und demüthigen Blicken, als ſie ſich zum Mor⸗ gengebete verſammelten. Herr Campbell hatte die Kranke ſchon beſucht und ihren Verband wieder in Ordnung gebracht; der Knöchel war beſſer, aber immer noch ſehr geſchwollen; das arme Geſchöpf ließ keine Klage hören, ſie blickte dankbar für das auf, was an ihr geſchah, und für die Güte, welche man ihr erwies. Sie waren alle in ihre beſten Sonntagskleider geklei⸗ det, und ſobald als der Gottesdienſt vorüber war, hatten ſie ſich gegenſeitig ſo innig und ſo herzlich Glück gewünſcht, da trat Malachi Bone, ſeine kleine Frau, die Erdbeere, und John zur Thüre des Hauſes herein, beladen mit der Beute der Jagd in den Wäldern, wel⸗ che ſie in einer Ecke der Küche niederlegten und dann die Geſellſchaft grüßten. „So ſind wir denn Alle am Chriſttage verſam⸗ ratt. ſagte Emma, welche der Erdbeere die Hand reichte. 3 Das indianiſche Mädchen lächelte und nickte mit dem Kopfe.. „Und Du, John, haſt uns drei wilde Truthähne gebracht; Du biſt ein guter Knabe!“ fuhr Emma fort. „Wenn wir jetzt nur Capitän Sinclair da hätten!“ ſagte zu Emma und Mary Percival Martin, der an Emma's Seite ſtand und der Erdbeere die Hand drückte. Mary erröthete ein wenig und Emma entgegnete: 189 . „Ja, Martin, wir vermiſſen ihn ſehr; es kommt uns immer vor, als gehöre er zu der Familie.“ „Ja,“ entgegnete Martin,„und es iſt auch nicht ſeine Schuld, daß er nicht hier iſt; es ſind nun mehr als ſechs Wochen, ſeit er nns verlaſſen hat, und ich bin ſicher, daß, wenn der Oberſt es ihm erlaubt hätte, Capitän Sinclair...“ „An dieſem Tage hier ſeyn würde,“ ſagte Capi⸗ tän Sinclair, welcher mit Herrn Gwynne, ſeinem frü⸗ heren Begleiter, zur Thüre des Hauſes hereingekommen war, ohne bemerkt zu werden, denn der übrige Theil der Geſellſchaft war im Geſpräche mit Malachi Bone und John. „Ach, wie freue ich mich, Sie zu ſehen,“ rief Em⸗ ma.„Sie allein fehlten uns, um unſere Chriſttagsge⸗ ſellſchaft vollſtändig zu machen; und ich bin auch ſehr erfreut, Sie zu ſehen, Herr Gwynne,“ fuhr Emma port, indem ſie ihm die Hand reichte. „Es koſtete viele Mühe, den Oberſt zu überreden, daß er uns fort laſſe,“ ſagte Capitän Sinclair zu Mary.„Aber da wir von den Indianern nichts mehr gehört hatten, ſo willigte er endlich ein,“ „Sie haben dieſen Winter nichts mehr von den Indianern zu fürchten, Capitän, und Sie können dieſes Ihrem Oberſt ſagen,“ bemerkte Malachi.„Ich kam durch Zufall geſtern auf ihren Jagdplatz, als ſie auf⸗ gebrochen und weſtwärts gezogen waren, nämlich die zornige Schlange und ſeine Parthei. Ich folgte ihrer Spur durch den Schnee, einige Meilen weit, um ſicher zu ſeyn. Sie haben Alles mit ſich genommen; aber auf die eine oder die andere Art, ich konnte nicht aus⸗ findig machen, ob das Weib mit ihnen war, und ſie hatten doch eines. Sie trugen ihre Pelzpäcke ſelbſt⸗ das will ich beſchwören, und ſie hatten ſie zu verſchie⸗ denen Zeiten abgeworfen, was nicht der Fall geweſen wäre, wenn ſie nicht durch Männer getragen worden wären; denn Sie müſſen wiſſen, daß der Indianer 190 unter einer Bürde ſehr ungeduldig wird, während die⸗ ſelbe ein Weib den anzen Tag ohne irgend eine Klage trägt. Nun, da dieſe Parthei abgezogen, iſt keine an⸗ dere auf fünfzig Meilen weit in der Nähe. Ich will mich darauf hängen laſſen.“ „Es freut mich ſehr, Sie ſo ſprechen zu hören,“ entgegnete Capitän Sinclair. „Dann iſt vielleicht das arme Weib, welchem Ihr zu Hülfe gekommen ſeyd, Alfred, das zu dieſem Trupp gehörige?“ bemerkte Herr Campbell und erzählte dem Malachi Bone, was ſich am vorigen Tage ereignet, wie die Jäger das Weib nach Hauſe gebracht hatten, welches in der Ecke dort lag, und von den Beſuchen⸗ den noch nicht bemerkt worden war. Malachi Und die Erdbeere gingen zu derſelben hin; die Erdbeere ſprach mit ihr Indianiſch, mit leiſer Stimme, das Weib antwortete in gleicher Weiſe, und Malachi ſtand oben an, und lauſchte: 3 „Es iſt gerade ſo wie Sie dachten, Sir, ſie ge⸗ hört zu der zornigen Schlange und ſie ſagt, daß dieſer mit ſeiner Parthei weſtwärts gegangen ſey, weil die Biber hier ſehr ſelten ſeyen, was ich ihm hätte ſagen können. Sie beſtätigt meine Ausſage, daß alle India⸗ ner abgegangen ſind, daß ſie aber im Frühjahre an denſelben Platz wieder kommen wollen, um eine Be⸗ rathſchlagung zu halten.“ 3 „Iſt ſie von demſelben Stamme, von welchem die Erdbeere iſt?“ fragte Heinrich.— „Das kann ſeyn,“ entgegnete Malachi,„denn ich weiß wirklich nicht, welchem Stamme die Erdbeere an⸗ gehört.“ „Aber ſie ſprechen doch dieſelbe Sprache?“ „Ja, aber die Erdbeere lernte die Sprache von mir,“ antwortete Malachi. „Von Ihnen?“ ſagte Mrs. Campbell,„Wie ſo?“ „Ei nun, Ma'am, es iſt jetzt vierzehn oder fünf⸗ zehn Jahre, daß ich zu der Wahlſtatt eines Gefechtes ¹ 1 8 191 kam, welches aͤn einem der kleinen Seen zwiſchen den Stämmen dieſer Gegend und einer Streifparthie der Huronen, die ausgezogen war, ſtattgefunden. Jene wurden von den Huronen überfallen, und, ſo viel ich erfuhr, alle entweder ſcalpirt, oder in die Gefangen⸗ ſchaft fortgeſchleppt. Die Huronen waren ohngefähr eine oder zwei Stunden abgezogen, als ich auf die Stelle kam, auf welcher das Geſecht ſtattgehabt hatte, und als ich die Leichname liegen ſah, dachte ich bei mir ſelbſt, welche Geſchöpfe doch die Menſchen ſind, daß ſie Gottes Ebenbild in einer ſolchen Weiſe verun⸗ ſtalten. Da ſah ich unter einem Buſche zwei kleine durchdringende Augen auf mich hervorſchauen, zuerſt dachte ich, es möchte ſolch' eine Beſtie ſeyn, wie z. B. ein Luchs oder dergleichen, und ich ſchlug meine Flinte auf daſſelbe an; ehe ich jedoch den Drücker berührte, dachte ich, ich könnte vielleicht doch irrig ſeyn, und ich ing auf den Buſch zu, und entdeckte da ein indiani⸗ ſches Kind, welches der Niedermetzlung entgangen war, indem es ſich in den Buſch verſteckt hatte, ich zog es hervor, es war ein Mädchen, ohngefähr zwei Jahre alt, das nur wenige Worte ſprechen konnte. Ich nahm ſie in meine Hütte mit, und habe ſie ſeitdem immer bei mir behalten; ſo weiß ich alſo nicht genau, wel⸗ chem Stamme ſie angehört, weil Alle dieſelbe Sprache ſprechen. Ich nannte ſie die Erdbeere, weil ich ſie unter einem Buſche auf dem Boden fand, und zwiſchen Erdbeerpflanzen, welche hier wuchſen.“ „Und dayn haben Sie dieſelbe geheirathet?“ fragte Percival. „Sie geheirathet! nein, mein Knabe, ich heirathete ſie nie. Was hat ein alter Mann, nahe an ſiebzig Jahren, noch mit dem Heirathen zu thun. Man nennt ſie meine Frau, weil man glaubt, ſie ſey mein Weib, und weil ſie ihre Pflicht gegen mich gleich einem Weibe erfüllt, aber wer ſie meine Tochter nennen würde, der würde das Ziel beſſer treffen, denn ich war ihr ein Vater. „Nun, Malachi, um Ihnen die Wahrheit zu ſu⸗ gen⸗ ich hielt ſie auch für zu jung, um Ihre Frau zu ſeyn,“ „Gut, Miß, Sie haben nickt ſehr unrecht,“ ent⸗ gegnete der alte Mann,„ich wünſchte ihren Stamm auffinden zu können, aber es wollte mir nie gelingen, und in der That, wie ſollte ich es erfahren, der Trupp, welcher überfallen worden war, hatte einen weiten Weg hieher, obgleich er dieſelbe Sprache ſprach. Ich glaube auch, daß keine Ausſicht mehr dazu vorhanden iſt, wenn ich auch immer noch auf Entdeckungen aus⸗ ginge, denn es fanden ſo viele Ueberfälle, und ſo viele Metzeleien ſeit den letzten zwanzig Jahren ſtatt, daß es ksum möglich iſt, daß Nachforſchungen mit einem Erfolge gekrönt werden ſollen.“— „Aber warum wünſchen Sie, ihren Stamm auf⸗ zufinden?“ ſagte Mary. „Weil ich ein alter Mann bin, Miß, und bald zu erwarten habe, zu meinen Vätern verſammelt zu wer⸗ den, und weil dann dieſes arme kleine Mädchen ganz allein ſtehen wird, obgleich ich ſie heirathen könnte, bevor ich ſterbe; aber wenn ich ſie heirathete, würde ich ſie doch allein laſſen müſſen; das kann alſo nichts helfen; ich bin ein alter Mann, und was bedeutet das.“ „Es hat viel zu bedeuten, Malachi,“ ſagte Herr Campbell,„ich wünſchte, Sie würden mit uns leben, tes würde dann für Sie geſorgt werden ‚wenn es nö⸗ thig wäre, und Sie würden nicht allein in der Wild⸗ niß ſterben.“. „Und die Erdbeere ſoll nie der Freunde erman⸗ geln, wie wir ihr ſolche anbieten können, Malachi,“ ſagte Mrs. Campbell.„Wenn Ihnen etwas begegnen ſolltte, ſo wird ſie willkommen ſeyn, hier zu leben und hier zu ſterben, wenn ſie bleiben will.“ 1 Malachi erwiederte nichts, er war in tiefen Ge⸗ 193 danken, und ſtützte ſein Kinn auf ſeine Hände, welche oben auf ſeiner Flinte ruhten. Mrs. Campbell und die Mädchen waren gezwungen, wegzugehen, um das Mittageſſen zu bereiten. John ſetzte ſich zu der Erd⸗ beere und dem indianiſchen Weib und horchte, was ſie ſagten, denn er verſtand nun die Sprache der Chippe⸗ way. Alfred, Sinclair und die übrigen Gentlemen der Geſellſchaft ſtanden im Geſpräche am Feuer, als ſie von Herrn Campbell gebeten wurden, ſich in das Geſellſchaftszimmer zu begeben, damit die Kochopera⸗ tionen durch ſie nicht gehindert würden. Malachi Bone blieb immer noch ſitzen, wo er war, in tiefe Gedanken verſunken. Martin, der zurückblieb, ſagte zu Miß Percival mit leiſer Stimme:. „Nun, ich dachte wirklich, daß der alte Mann das Mädchen geheirathet habe, und ich dachte auch, das ſey Schade,“ fügte er bei, indem er auf die Erdbeere hinblickte,„denn ſie iſt ein ſehr junges Mädchen und ſehr hübſch für eine Indianerin.“ „Ich denke,“ entgegnete Mary Percival,„ſie könnte überall als ſchön betrachtet werden, Martin, Indianerin oder nicht; ihre Geſichtsbildung iſt wirklich hübſch und ſie hat ein melancholiſches Lächeln, was vollkommen ſchön iſt. Aber nun, Martin, rupfen Sie dieſe Truthähne, oder wir bringen ſie zur gehörigen Zeit nicht fertig.“ Sobald das Mittageſſen beim Feuer war und ſo wie ſie daſſelbe der Aufſicht Martins überlaſſen konn⸗ ten, gingen Mrs. Campbell und die Fräulein Percival in das Geſellſchaftszimmer. Herr Campbell hielt nun den Morgengottesdienſt, Heinrich funktionirte als Kirch⸗ ner in den Reſponfiren. Der alte Malachi hatte ſich der Geſellſchaft angeſchloſſen und war äußerſt aufmerk⸗ ſam. Sobald als der Gottesdienſt vorüber war, ſagte er: „Dieſes Alles ruft mir längſt vergangene Tage Die Anſiedler in Canada. 13 iws Gedächtniß, Tage, welche mir wie ein Traum er⸗ ſcheinen, wo ich noch Knabe war, Vater, Mutter, Brüder und Schweſtern um mich hatte; aber viele Sommer und viele Winter ſind ſeitdem über mein altes Haupt hingegangen.“ 1 „Sie ſind in Maine geboren, Malachi, nicht wahr?“ „,Ja, Ma'am, halbwegs nach dem weißen Gebirge. Mein Vater war ein ſtrenger, aber ein rechtſchaffener Mann. Ich erinnere mich, wie heilig der Sonntag in unſerer Familie gehalten wurde, wie meine Mutter uns alle reinigte, uns unſere beſten Kleider anlegte, und wie wir zur Kapelle oder zur Kirche gingen. Ich vergaß, wie dieſe genannt wurde; es hat aber nichts zu ſagen, wir gingen hin, um zu beten.“. 4 „War Ihr Vater von der herrſchenden Kirche, Malachi?“ „Ich kann es nicht ſagen, Ma'am, denn in der That, ich weiß nicht, was Sie meinen. Er war aber ein guter Chriſt und ein guter Menſch, das weiß ich.“ „Sie haben recht, Malachi. Wenn die Bevölke⸗ rung wächst, ſo finden Sie das Volk in Secten ge⸗ theilt, und was ſehr ſchlimm iſt, mit einander ſtrei⸗ tend oder ſich gar haſſend, wegen Formen und Worten, in welchen ſie von einander abweichen. Hier, in un⸗ ſerer einſamen Lage, fühlen wir, wie unbedeutend die Unterſchiede ſind, welche die Religionen gewöhnlich von einander ſcheiden, und daß wir ſehr wohl die rechte Hand der Gemeinſchaft reichen könnten, welche die linke Hand unter irgend einer Benennung von Chriſtenthum auf das Evangelium hält. Sind nicht Alle in weſentlichen Dingen mit einander übereinſtim⸗ mend, find nicht Alle von denſelben Hoffnungen belebt, erkennen nicht Alle dieſelbe Richtſchnur an, und ſind nicht Alle unter derſelben göttlichen Barmherzigkeit be⸗ griffen, welche wir beſonders an dieſem Tage vereh⸗ ren? Alle aufrichtigen Chriſten glauben, daß Gott hei⸗ — — 195 lig, mächtig, gut und barmherzig iſt, daß ſein Sohn für uns Alle ſtarb, und daß wir durch ſeine Vermitt⸗ lung und ſeine Verdienſte, wenn wir ſeinen Geboten folgen, erlöst werden, und die Seligkeit im Himmel erlangen, wir mögen Mitglieder der engliſchen Kirche oder irgend einer andern Kirche ſeyn. Wer könnte vorziehen, mit Recht unſere eigene Weiſe der Anbetung vorziehen, und glauben, daß ſie erbauender ſey! Wir haben das Recht nicht, mit denen zu ſtreiten, die nach ihrem Gewiſſen von uns in einigen Formeln und Ce⸗ remonien abweichen, welche den Geiſt des Chriſten⸗ thums nicht betreffen.“ Nach einer Pauſe ſagte Mary Percival: „Malachi, erzählen Sie uns mehr von Ihrem Va⸗ ter und von Ihrer Familie.“ Davon kann ich wenig erzählen, Miß, und ich kann nur das ſagen, daß ich mich noch erinnere, daß es glückliche Tage waren, an die ich nur mit Aerger zurückdenke. Mein Vater hatte eine große Meierei und wollte uns Alle bei ſich behalten. Im Winter fällten wir Holz, und ich hatte eine große Luſt zu dem Jäger⸗ leben; da mir aber mein Vater nicht erlauben wollte, von Hauſe wegzugehen, blieb ich da, bis er ſtarb, und dann ging ich meinen Streifzügen nach. Ich war noch keine zwanzig Jahre alt, und habe ſeitdem meine Fa⸗ milie nicht mehr geſehen. Ich bin ein Jäger und ein Schlingenſteller, ein Wegweiſer, ein Soldat und ein Dolmetſcher geweſen, aber in den letzten fünfundzwanzig Jahren war ich fern von Städten und Dörfern und lebte allein in den Wäldern. Je mehr man für ſich ſelbſt lebt, um ſo mehr liebt man dieſes Leben, und jetzt, da die Umſtände uns auf die Tage unſerer Ju⸗ gend zurückführen, macht es mich zweifelhaft, was das Beſte ſey, allein zu leben oder nicht.“ „Ich bin erfreut, Malachi, Sie ſo ſprechen zu hören,“ ſagte Herr Campbell. „Ich denke mir nicht, daß ich ſo etwas je geſagt 1496 habe,“ entgegnete der alte Mann.„Als ich zuerſt die⸗ ſes Mädchen jenſeits des Fluſſes ſah(er blickte dabei auf Emma), da härmte ſich mein Herz dieſes Knabens wegen; und nun dieſe Verſammlung, um Gott zu prei⸗ ſen und den Chriſttag zu feiern— Alles hat dazu bei⸗ getragen.“ „Aber beten Sie denn nicht, wenn Sie allein ſind?“ ſagte Mary. „ Ja, in einer gewiſſen Art, Miß; aber ſie gleicht nicht Ihren Gebeten. Die Lippen bewegen ſich nicht, während das Herz fühlt. Wenn ich unter einem Baume liege, eines Thieres harrend, und ein Blatt berühre und es unterſuche, dann betrachte ich, wie merkwürdig und wundervoll es iſt; ich denke dann, daß es Gott ge⸗ macht hat, daß Menſchen ſo etwas nicht vermögen. Wenn ich das junge Gras hervorſprießen ſehe und wenn ich bemerke, daß es dieſes jedes Jahr thut, ohne daß ich weiß wie, dann denke ich an Gott und an ſeine Güte, die den wilden Thieren ihr Futter gibt; und der Mond und die Sterne verurſachen, daß ich an ihn denke, wenn ich wache und ich fühle ſehr oft, daß er überall waltet, und daß ich ihn nicht ſo verehre, wie ich ſollte. Ich habe nie gewußt, wann Sonntag iſt, obwohl ich mich erinnerte, wie heilig er in meines Vaters Haus gehalten wurde, und ich würde nicht gewußt haben, daß heute der Chriſttag iſt, wäre ich nicht mit Ihnen zu⸗ ſammengekommen. Alle Tage waren einem Manne gleich, der allein in der Wildniß lebte, und ich fühle, daß dieſes nicht hätte ſein olle. „Das iſt wahr,“ bemerkte Herr Campbell,„ſo gewiß es iſt, daß beſtimmte Zeiten und Jahreszeiten nothwendig ſind, um die Pflichten unſerer Religion ge⸗ hörig zu beobachten, und ich bin erfreut zu hören, daß Malachi dieſes ſagt, denn ich baue hierauf, als auf eine Veranlaſſung, daß er mehr bei uns ſein wird, als er es bisher war.“ 197 „Kommen Sie jeden Sonntag zu uns, Malachi,“ ſagte Mrs. Campbell.. „Ich denke, ich will es, Ma'am, wenn ich kann— in der That, ich weiß nicht warum ich ſage: wenn ich kann. Es war Unrecht, ſo zu ſagen.“ „Ich wünſche, daß Sie nicht allein Ihrer Perſon wegen, ſondern auch Johns wegen kommen; wenn Sie damit einſtimmen, jeden Sonntag Morgens zuk ommen und uns jeden Montag zu verlaſſen, ſo haben Sie dann die ganze Woche für ſich zum Jagen.“ „Wenn es Gott gefällt, ſo will ich,“ entgegnete Malachi. „Und bringen Sie die Erdbeere mit ſich,“ ſagte Mary. „Ich will es, Miß, es kann nur gut für ſie ſein.“ Nun wurde das Mittageſſen angekündigt, und Alle nahmen Platz— eine glückliche Geſellſchaft. Herr Camp⸗ bell brachte bei dieſer Gelegenheit zwei oder drei Fla⸗ ſchen von ſeinem kleinen Weinvorrathe herbei, den er für Krankheitsfälle oder für andere Gelegenheiten auf⸗ bewahrt hatte. Sie hatten Alle ſo lange ohne Wein oder ſonſtige geiſtige Getränke gelebt, daß ſie ſich we⸗ nig um dieſelben bekümmerten. Ihr Mittageſſen be⸗ ſtand aus geſalzten Weißfiſchen, gebratenem Wildpret, geſottenem, gepöckeltem Rindfleiſche, einem gebratenen Truthahne und einem Plum⸗Pudding, und ſie waren alle ſehr fröhlich, obgleich ſie in den Wäldern Canadas und nicht in Wexton⸗Hall waren. „Meine Kinder,“ ſagte Herr Campbell nach dem Mittageſſen,„ich trinke nun die Geſundheit von Euch Allen, und wünſche Euch alles mögliche Glück, was die Welt geben kann, und zu gleicher Zeit empfangt meinen herzlichſten Dank und die Verſicherung meiner innigſten Liebe. Ihr ſeyd Alle gut geweſen, gehorſam und fröhlich, und Ihr habt mir manche Laſt erleichtert. Es hat der Vorſehung gefallen, uns in die Wildniß zu ſenden, und ich bin mit dem Looſe zufrieden geweſen, dieſes Geſchic mit gehorſamen und willfährigen Kindern zu theilen. Wenn ſie gemurrt hätten und mit unſerer Prüfung un⸗ zufrieden geweſen wären, wenn Ihr mißvergnügt ge⸗ weſen wäret, und Euch ſelbſt angeklagt hättet, wie peinlich wäre unſere Lage geweſen! Aber da Ihr im Gegentheil voll guten Muthes, voll Aufmerkſamkeit, voll williger Ergebung gegen alle Entbehrungen ge⸗ weſen, ſtets von Eurer Liebe gegen mich, gegen meine Gattin und gegen Euch ſelbſt geleitet worden ſeyd, ſo habt Ihr uns den Wechſel unſerer Lage, welchem wir unterworfen wurden, nicht fühlen laſſen. Ich wieder⸗ hole Euch, meinen theuren Kindern allen, meinen Dank, und möge der Allmächtige Euch behüten und bewahren!“ Zweinndzwanzigſtes Kapitel. Wir ſind in unſerer Erzählung da ſtehen geblieben, als unſere Canadiſchen Anſiedler ſich des Chriſttags er⸗ freuten. Am folgenden Morgen brachen Malachi Bone, die Erdbeere und John auf, um weſtwärts nach ihrer Wohnung zu ziehen, und Capitän Sinclair mit ſeinen Gefährten ging nach dem Fort zurück. Das indianiſche Weib war beſſer, und die Familie kehrte zu ihrer ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigung zurück. Wir müſſen nun kürzlich einige wenige Ereigniſſe erzählen, welche während des übrigen Theils des langen Winters ſtatt hatten. Ma⸗ lachi Bone, John und die Erdbeere erſchienen faſt jeden Sonntag, der alte Jäger ſchien ſich nach und nach wie⸗ der mehr an die Geſellſchaft Anderer zu gewöhnen, und er blieb manchmal einen oder zwei Tage über den Sonn⸗ tag. Das indianiſche Weib war nach Verlauf von drei Wochen vollſtändig hergeſtellt, und ließ durch die Erd⸗ beere andeuten, daß ſie fortzugehen und mit ihrem Stamm ſich zu vereinigen wünſche, dagegen war na⸗ 199 türlich nichts zu erinnern, und nachdem ſie den erfor⸗ derlichen Vorrath von Lebensmitteln erhalten hatte, ging ſie zu Ende Januars fort. Februar und März folgten, der Winter dauerte noch immer an, aber die Sonne bekam mehr Kraft und die Kälte war nicht mehr ſo ſtrenge. Vor Mitte April wurde der See nicht frei vom Eiſe, das Thauen be⸗ gann und dann war es ſo ſchnell, daß der kleine Fluß ein reißender Strom wurde, ſo daß er einen großen Theil des Landes der Prairie unter Waſſer ſetzte. We⸗ nige Tage genügten indeſſen, die Scene zu ändern; der Schnee, der ſo viele Monate hindurch das Land bedeckt hatte, war ganz verſchwunden, die Vögel, welche ſtumm, oder während des Winters weggezogen gewe⸗ ſen waren, kamen nun zurück, und ſangen und zwitt⸗ ſcherten um das Haus her. Das lachende Grün der Wieſen trat plötzlich vor ihre Blicke, die Natur begann wieder zu lächeln. Weitere zehn Tage verfloſſen, die Bäume trieben ihre Blätter, und nach ein oder zwei Stürmen wurde das Wetter warm und der Himmel heiter.— Bei dieſem Wechſel empfand die ganze Geſellſchaft eine innige Freude, die Kühe wurden nun auf ihre Weide getrieben, Emma und Mary gingen, wie früher, ſie zu melken, und waren nicht mehr vor einem Zu⸗ ſammentreffen mit den Wölfen furchtſam. Die Barke wurde wieder in das Waſſer gebracht und Pereival und John ſorgten für Fiſche. Alfred, Heinrich und Martin waren ſehr emſig bemüht, die anzubauenden Felder auf⸗ zuhacken, das erſte Getreide zu ſäen. Herr Campbell arbeitete alle Tage im Garten, das Geflügel lärmte und ſchrie, und da nun das Jagen für einige Zeit vor⸗ über war, ſo kamen Malachi und die Erdbeere fort⸗ während, ſie zu beſuchen. „Oh, wie entzückend iſt es,“ rief Emma aus, als ſie nach der Brücke gingen und in den weiten, blauen See hinaus ſchauten.„Iſt es nicht ſo, Mary, nach⸗ 2 200 dem wir während ſo mancher trauriger Monate einge⸗ ſchloſſen waren.“ „Das iſt es in der That, Emma, ich wundere mich über den Strom Deiner Gefühle nicht, ich fühle ſelbſt. Wohl war der Winter lang und traurig, aber der Früh⸗ ling iſt dafür doppelt an Werth erhöht.“ „Ich meine, es ſey in der That ſehr ſonderbar, daß Capitän Sinclair nicht gekommen iſt, uns zu beſuchen. Meinſt Du nicht auch, Mary?“ „Ich erwartete ihn gewiß,“ entgegnete Mary;„ich vermuthe indeſſen, daß ihm ſeine Pflicht nicht erlaubte zu kommen.“ „Zuverläſſig könnte er jetzt kommen, da das Wetter ſchön iſt; denn daß es ſchlecht war, war während des Winters die Urſache, daß er nicht kam. Ich hoffe, daß er nicht krank ſey.“ „Ich hoffe es auth, ganz aufrichtig, Emma,“ ent⸗ gegnete Mary;„aber komm, Schweſter, wir dürfen nicht zögern; höre, wie die Kühe nach uns blöcken, wir wollen ihnen ihr Frühſtück geben; wir werden bald mehrere ha⸗ ben, ja, und Milch in Menge, und dann werden wir auch mehr Butter bekommen; ich arbeite gerne, wenn das Wetter ſchön iſt.“ Nach dem Frühſtück ſprach Emma gegen Alfred ihr Staunen aus, daß Capitän Sinclair bis jetzt noch nicht gekommen ſey, und ſie äußerte zugleich ihre Furcht, daß er krank ſeyn möchte. Alfred verſprach auf ihre Bitte, am Nachmittage nach dem Fort zu gehen und Erkundi⸗ gungen einzuziehen. John, welcher Malachis Mahnung nicht vergeſſen hatte, brachte beinahe jeden Tag aus dem Fluſſe einen Korb voll ſchöner Forellen und eine Menge andere Fiſche und Eier, was ſehr annehmbar war, denn das Rindfleiſch war ganz aufgezehrt, und außerdem wäre de ei auf geſalztes Schweinefleiſch beſchränkt ge⸗ weſen.. Alfred brach, wie er Emma verſprochen hatte, nach dem Fort auf und wurde von Martin begleitet. Er 204 kehrte am nächſten Morgen mit einer Menge von Neuig⸗ keiten zurück. Capitän Sinclair war, wie Emma gedacht hatte, nicht im Stande, zu kommen, denn er hatte ſich durch einen ſchweren Fall das Knie verletzt, und mußte für einige Zeit liegen; er war indeſſen ſehr guten Muthes, und der Arzt hatte verſprochen, daß er in vierzehn Tagen wieder hergeſtellt ſeyn werde. Er ſandte die freundlich⸗ ſten Empfehlungen der ganzen Familie. Daſſelbe that der Commandant gegen Herrn Campbell, und derſelbe be⸗ merkte zugleich, in ſieben bis zehn Tagen werde er ein Boot nach Montreal abſchicken, und wenn Herr Campbell Einkäufe dort zu machen habe, oder wenn er wünſche, irgend etwas dahin ohne Koſten zu ſchicken, ſo möge er verfügen, und das Boot würde die verlangten Artikel mitnehmen. Sie hatten keine weiteren Verbindungen mit Quebee gehabt, erwarteten aber jeden Tag einen Laufer mit Briefen aus England und mit Zeitungen; auch hoff⸗ ten ſie ferner, bald im Stande zu ſeyn, ihnen ihre Ver⸗ ehrung perſönlich zu bezeugen. Dies war es, was Alfred brachte. Emma machte ſo viele Fragen in Bezug auf Capitän Sinclair, daß Mary, die neben ihr ſtand, und Alfred über dieſe außer⸗ ordentliche Wißbegierde lachten; hierauf wurde der Vor⸗ ſchlag des Commandanten, hinſichtlich der Reiſe nach Montreal erörtert. Der alte Malachi hatte verſchiedene Päcke von Häuten vorräthig; Martin hatte fünf, Alfred drei und Heinrich zwei; denn ob wir gleich ihrer Jagd⸗ züge nicht beſonders erwähnt haben, ſo tödteten ſie doch viele Thiere, deren Fell ſie anlockte. Die Päcke Mala⸗ chi's waren indeſſen am meiſten werth, denn er hatte Biber⸗ und andere Felle, während die Päcke Martins unter andern größten Theils aus Hirſchhäuten beſtanden. Die Frage war nun, wen man mit ihnen wegſchicken ſolle. Malachi war nicht dazu geneigt, Martin konnte nicht wohl entbehrt werden, und wenn er nach Montreal geſchickt werden würde, gerieth er ohne Zweifel in Un⸗ annehmlichkeiten; dagegen kannten Heinrich und Alfred d von dem Werth der Felle gar nichts, während Herr Campbell, welcher Mehl und Schweinefleiſch und andere verſchiedene Artikel einzukaufen wünſchte, vorgezogen haben würde, einen von ihnen hinzuſchicken. Indeſſen wurde die Schwierigkeit bald durch den alten Malachi gehoben, indem dieſer bemerkte, er habe eine Schätzung ſeiner Felle vorgenommen, die andern könnten in gleicher Weiſe abgeſchätzt werden, ehe ſie fortgeſchickt würden, und daß, wenn der Preis nicht ganz oder nahe zu erreicht werden ſollte, es beſſer ſeyn würde, wenn ſie zurückge⸗ bracht würden. Herr Campbell war mit dieſer Anord⸗ nung zufrieden, und Heinrich wurde beſtimmt, die Reiſe zu unternehmen. Herr Campbell machte ſein Verzeich⸗ niß der nothwendigen Artikel, Mrs. Campbell fügte ihre Liſte bei, und Alles war bereit, damit bei der erſten Nachricht von der Abfahrt des Bootes die Abreiſe vor ſich gehen könne. Martiin ſchien durchaus nicht verdrieß⸗ lich, daß er nicht zu der Reiſe beſtimmt worden ſey, denn es hatte ihn Malachi Bone unterrichtet, daß die Erd⸗ beere ſein Weib nicht ſey, wie er geglaubt hatte, und Martin war ununterbrochen an ihrer Seite. Sie fing nun an, einige Worte engliſch zu ſprechen, und wurde ein großer Liebling von Allen. Herr Campbell hatte, ſo bald er erfahren, daß Malachi ſich nicht mehr von ihm entfernen werde, für ſeine Pflicht gehalten, ihm die Zurückgabe des Landes anzubieten; aber Malachi wollte es nicht zurücknehmen, er ſagte, Land vermiſſe er nicht, doch möchte er vielleicht ſeine Hütte etwas näher zu ihnen hinbauen. Indeſſen, meinte er, bleibe für jetzt das Ding am beſten, wo es ſey, und Herr Campbell erneuerte den Antrag nicht wie⸗ der. Malachi kam bald wieder auf ſeine Bemerkung zu⸗ rück, daß er ſeine Hütte etwas näher rücken möchte, und einige Tage ſpäter machte er einen Beſuch mit der Erd⸗ beere und John, alle drei mit de Geräthſchaften ſeines Haushalts beladen, und in unglaublich kurzer Zeit hatte er einen andern Wigwam auf der Weſtſeite des Hauſes, 20³ am Ende der Prairie des Herrn Campbell, errichtet. Dies gereichte Mrs. Campbell zu der höchſten Zufrieden⸗ heit, weil ihr John immer nahe war, indem er nun nicht mehr in der Hütte ſchlief, ſondern zu Hauſe in einem Zimmer mit ſeinen Brüdern. Der größte Theil des Ta⸗ ges wurde in der Hütte, oder in Geſellſchaft mit dem alten Jäger zugebracht, und durch dieſe neue Anordnung bekam es nach und nach den Anſchein, als wenn es nur eine Familie wäre. Es verging kein Tag, ohne daß die Erdbeere in ihr Haus kam und ſich nützlich zeigte, indem ſie in Allem, was ſie kannte, Hülfe leiſtete, und das, was ſie noch nicht kannte, mit der größten Schnelligkeit lernte. Einen oder zwei Tage nach der Botſchaft vom Fort, fragte Mrs. Campbell Mglachi einiges über die Fertigkeit der Biber, indem ſie ſo vieles von der Klug⸗ heit dieſer Thiere gehört hatte. „Ja, Ma'am,“ ſagte Malachi,„der Biber iſt gewiß ein ſehr verſtändiges Thier, und ich kann ſagen, ich wurde nie müde, ihn⸗zu beobachten; ich habe zu ſagen vergeſſen, im Sommer, als ich wegging, habe ich einen Bau von ihm beobachtet.’— „Und ich auch,“ ſagte Martin;„ich lag unter einem Buſche am Ufer des Fluſſes und ſah, wie ſie eine ganze Berathung mit einander hielten, und nach ihrer eigenen Weiſe ſo ernſtlich mit einander verhandelten, daß ich in der That dachte, ſie hätten eine Sprache, ſo gut als wie wir. Es iſt immer einer von den Alten, welcher plaudert, und die Jungen lauſchen.“ „Das iſt wahr,“ entgegnete Malachi, ich habe ſie ſelbſt eine Berathſchlagung halten ſehen, und noch dieſer trennten ſie ſich alle, um an's Werk zu gehen, welches darin beſtand, einen Fluß abzudammen, und ihre Woh⸗ nungen zu bauen.“ „Und was thaten ſie, Malachi?“ ſagte Mrs. Campbell... „Ei nun, Ma'am, ſie thaten alle zuſammen das, was Chriſten gethan haben würden. Die Indianer ſa⸗ 204 gen, daß die Biber ſo gut Seelen hätten als ſie, und ge⸗ wiß würden die Indianer recht haben, wenn der Sinn eine Seele geben würde. Das erſte, was ſie thaten, war, daß ſie Schildwachen ausſtellen, die ihnen Nachricht von dem Nahen einer Gefahr geben; ſowie nämlich Je⸗ mand ihnen nahe kommt, ſo geben die Schildwachen ihr Signal, alle tauchen dann unter, und verſchwinden, bis die Gefahr vorüber iſt.“ „Es gibt viele Thiere, und beſonders auch Vögel, welche Aehnliches thun,“ bemerkte Herr Campbell.„Es iſt meiſtens bei denen der Fall, welche in Schaaren zu⸗ ſammenleben, oder in Heerden.“— ℳ „Das iſt richtig, Sir,“ verſetzté Martin. „Nun, Ma'am, die Biber ſuchen einen Platz aus, der zu ihrem Unternehmen geeignet iſt; ſie bedürfen dazu eines Fluſſes, welcher durch ein flaches Land fließt, und das Waſſer dieſes Fluſſes dammen ſie ſo ab, daß daſſelbe einem großen Teiche gleicht, wobei aber noch genug Fall übrig bleibt, daß das Waſſer herunter fließt, und die Fläche des Bodens einige Fuß hoch bedeckt. Wenn ſie den Platz gefunden haben, den ſie brauchen, dann be⸗ ginnen ſie ihr Werk.“ „Vielleicht erfordert,“ bemerkte Herr Campbell, „dieſe Auswahl mehr Scharfſinn als der übrige Theil der Arbeit, denn die Biber müſſen ein beſonderes Inge⸗ nieurtalent haben, um die Auswahl zu treffen. Sie müſſen fähig ſeyn, genau zu berechnen, daß, wenn ſie ihr Werk beginnen, ſie ihre Fläche erhalten, und die Tiefe des Waſſers, welche im Teiche nothwendig iſt. Das iſt vielleichteder wunderbarſte von allen Inſtinkten.“ „Das iſt es, Sir, und ich habe ſchon oft ſo ge⸗ dacht,“ entgegnete Malachi.„Und dann zu ſehen, wie ſie alle ihre Werkzeuge bei ſich haben, ſo daß der Korb eines Zimmermanns nicht beſſer verſehen ſeyn kann. Ihre ſtarken Zähne dienen ihnen als Aexte, um Bäume zu fällen, ihre Schwänze dienen ihnen als Kellen bei ihren Mauerarbeiten. Ihre Vorderfüße gebrauchen ſie — 205 gerade, wie wir unſere Hände, und ihre Schwänze die⸗ nen ihnen auch noch alsskleine Karren, oder Schieb⸗ karren.“ „Ich bitte, fahren ſie fort“ ſagte Mary,„ich inte⸗ reſſire mich jetzt außerordentlich dafür.“ 3 „Nun, Miß, ich habe dieſe kleinen Geſchöpfe ken⸗ nen gelernt, wie ſie ſind; ſie erbauen Dämme vier oder fünfhundert Schritte in der Länge, ſieben und acht Fuß dick, und das Alles in einer Jahreszeit. Es iſt vielleicht das Werk von fünf oder ſechs Monaten.“ „Aber wie viele glauben Sie, daß an der Arbrit ſind?“ ſagte Heinrich. „Vielleicht hundert, nicht mehr.“ „Nun gut; aber wie errichten ſie die Dämme, Malachi?“ ſagte Emma. „Hieran iſt zu ſehen, welchen Verſtand ſie haben. Ich habe ſie oft beobachtet, wie ſie dicke Bäume mit ihren Vorderzähnen durchſägten. Die Bäume konnten ſie nicht wegtragen, das iſt gewiß, wenn auch Alle an das Werk gegangen wären. Daher ſuchen ſie immer ſolche Bäume aus, welche am Ufer des Fluſſes ſind, und ſie unterſuchen, wohin ſich der Baum neigt, um zu ſehen, ob er in den Fluß fallen will. Iſt dieſes nicht der Fall, dann fällen ſie ihn nicht; wenn ſie ihn aber fällen und wenn er nahe daran iſt, umzufallen, wenn der Wind ihm aber während des Fallens eine andere Richtung geben könnte, dann laſſen ſie den Baum ſtehen, bdis der Wind ihnen zu Hülfe kommt. So wie die Bäume da ſind, befreien ſie ſie von den Aeſten und Zweigen, und flößen dann das Holz dahin, wo der Damm gemacht werden ſoll. Sie legen die Bäume quer und wenn ſie hierauf über einander lie⸗ gen, ſo überlaſſen ſie es dem Waſſer, die andern an ihre Plätze hinzuflößen; doch ehe dieſes der Fall iſt, und ſo bald als die Unterhölzer an ihren Plätzen ſind, ſchaffen die Thiere langes Gras und Thon herbei, la⸗ den dieſes auf ihre platten Schwänze und führen es 206 ſo zu dem Damm, worauf ſie die leeren Stellen zwi⸗ ſchen den Stämmen ausfüllen, bis Alles ſo feſt iſt, wie ein Wall, und das Waſſer vollſtändig geſtemmt iſt.“ „Ja,“ ſagte Martin,„ich habe ſie eine Nacht ar⸗ beiten gehört, und ſie plätſcherten und ſchlugen mit ih⸗ ren Schwänzen, daß ich glauben konnte, es ſeyen fünf⸗ zig Männer an der Arbeit, während es nur hundert dieſer kleinen Thiere waren. Aber ſie arbeiten Tag und Nacht, und ſcheinen nicht zu ermüden, bis der Damm fertig und ihr Werk vollendet iſt.“ „Aber die Anfertigung des Dammes iſt bloß eine Vorbereitung zur Anfertigung ihrer Häuſer?“ bemerkte Mrs. Campbell. „Nichts anderes, Ma'am, und ich denke, der übrige Theil des Werkes iſt ebenſo wunderbar.“ „Aber es iſt Zeit, zu Bett zu gehen,“ bemerkte Herr Campbell, und wir müſſen daher die weitere Er⸗ zählung Malachi's auf einen andern Abend verſchieben.“ „Ich bin überzeugt, daß keines in der Geſellſchaft ſo begierig auf das Ende iſt, als ich es bin,“ verſetzte Mrs. Campbell; aber da Du ſagſt, daß zehn Uhr vorüber iſt, und Malachi mit der Erdbeere nach Hauſe zu gehen hat, ſo wünſche ich Euch gute Nacht.“ „O, meine Liebe, welch' ein Schade, rief Perci⸗ val,„ich werde die ganze Nacht von Bibern träumen; ja, das werde ich gewiß!“ Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Zwei oder drei Tage lang war Herr Campbell ſehr beſchäftigt, das Verzeichniß der Artikel zu machen, welche er nothwendig hatte. Seine Fonds zu Quebec waren leider gering, aber die Verbindung mit ſeinem 207 Agenten hatte herbeigeführt, daß nach Herrn Douglas Campbells Abſicht, für die Gewächs⸗ und Treibhaus⸗ Pflanzen Zahlung zu leiſten, ihm dieſe Sache ſehr er⸗ leichtert wurde. Er entſchloß ſich nun, ſich eine kleine Heerde von Schafen anzuſchafſen und eine oder zwei von den canadiſchen Kleppern, indem dieſe ſür den Be⸗ trieb der Landwirthſchaft erforderlich, ſo wie zwei Kar⸗ ren oder leichte Wägen, wie ſie in der Gegend gebräuch⸗ lich waren. Zu gleicher Zeit waren Alfred, Martin und Heinrich ſehr beſchäftigt, den Saamen zwiſchen die Stöcke der gefällten Bäume zu ſäen, ſie hauten fröhlich auf die Erde ein, und harkten denſelben hinein, denn das war Alles, was zu geſchehen hatte. Das gerodete Land betrug jetzt zwölf Morgen und die eine Hälfte deſſelben war mit Hafer und die andere Hälfte mit Waizen beſäet. Das auf der andern Seite des Fluſ⸗ ſes gerodete Land von Malachi Bone war mit Mais und indianiſchem Korn beſtellt. So wie der Saame darin war, umgaben ſie das Land mit hohen Gehegen, welche aus Stücken von der weißen Ceder gemacht waren, die in den Sümpfen in einer Entfernung von einer hal⸗ ben Meile wuchſen, wobei zu bemerken iſt, daß ſie viel⸗ fach von den Soldaten unterſtützt wurden, welche ih⸗ nen zu ihrer Aushülfe bei ihrer Ankunft beigegeben worden waren. Das Stück Landes dieſſeits des Fluſ⸗ ſes, nächſt dem Hauſe, war beſonders für eine bedeu⸗ tende Heu⸗Ernte beſtimmt, und ſobald, als ſie konn⸗ ten, hatten ſie im Sinne, die Kühe in das Gebüſch zu treiben; das iſt, im Wald ihr Futter finden zu laſſen, damit ſie auch Heu von der andern Seite, welhe Ma⸗ lachi gehört hatte, erhielten. Aber die Prairie mußte eingehegt werden, und dieß war die Arbeit, die ſie be⸗ ginnen mußten, ſo wie der Saame geſäet war. „Ich hoffe, daß der Oberſt, wenn er herüber kömmt, von uns überredet werden ſoll, einige Solda⸗ ten dieſen Sommer über hier zu laſſen,“ ſagte Martin zu Alfred,„denn wir haben dieſelben zu Anfertigung 208 des Geheges und zu Einbringuug des Heues nothwen⸗ dig. Unſere Sommer ſind nicht ſehr lang, und es iſt vollauf zu thun.“ „Ich denke, mein Vater wird die Bitte ſtellen,“ entgegnete Alfred. „Ach, Sir, er wird nun den Werth dieſer Prai⸗ rie erkennen; ſtatt ausgehen zu müſſen, um Heu zu ſu⸗ chen, wie ſie auf dem Fort jetzt thun müſſen, haben wir Heu genug zur Fütterung. Wir ſollen ja auch Schafe bekommen?“ „Ja, und ich vermuthe, daß wir eine Winterhalle für ſie bauen müſſen.“ „ Das müſſen wir gewiß, denn die Wölfe ſind den Schafen ſehr gefährlich, obgleich ich denke, daß ſie im Ganzen die Ferkel lieber haben. Ich wünſchte, daß wir das Gehege rund um die Praierie machen können; aber dieß vermögen wir nimmermehr, wenn wir nicht Huli von dem Fort erhalten.“ Aber iſt es denn auch ſicher, wenn man die Kühe i den Buſch treibt?“ O ja, Sir, ihnen wird während des Sommers kein Leid geſchehen, hie und da werden wir Mühe ha⸗ ben, ſie wieder zu finden, das iſt aber nur der Fall, bis ſie Kälber haben. Sie kommen dann jeden Abend zu ihren Jungen zurück; wir werden bald eine Rind⸗ viehheerde haben; acht Kälber und acht Kühe.“ „Man muß bloß die Kühkälber aufziehen, obgleich Ihr Vater die Abſicht hat, Ochſen unter das Joch be⸗ kommen zu wollen, wir bedürfen derſelben erſt in der Zeit von zwei Jahren.“ „Ja, wir werden große Landwirthe nach und nach werden!“ entgegnete Alfred ſeufzend, indem er in die⸗ ſem Augenblick an Capitän Lumley und deſſen nauti⸗ ſche Beſchäftigung dachte. Am Abende des Tages, an welchem dieſe Unter⸗ redung ſtatt hatte, wurde Malachi Bone gebeten, ſeine Bemerkungen über die Biber fortzuſetzen. 209 „Nun, Ma'am,“ begann er,„wie ich letzthin ſagte, ſo bald als ſie den Fluß gedammt und den Teich ge⸗ bildet haben, bauen ſie ihre Häuſer und nun beginnen ſie ihre Arbeit unter dem Waſſer, und es iſt mir ſchwierig zu ſagen, wie ſie die Pfähle in dem Boden befeſtigen; aber ſie befeſtigen ſechs Pfähle in dem Grunde und zwar ſehr dauerhaft, und auf dieſe bauen ſie ihr Haus, welches wirklich ſehr merkwürdig iſt. Es hat die Form eines großen Ofens und iſt aus Thon und fetter Erde gemacht, mit Aeſten und Kräu⸗ tern aller Art gemiſcht. Es hat drei Reihen von Kam⸗ mern, eine über der andern, ſo daß, wenn das Waſ⸗ ſer durch einen Regenguß oder ſchnelles Thauwetter anſchwillt, ſie im Stande ſind, höher hinaufzuſteigen und ſich ſelbſt zu trocknen. Jeder Biber hat ſein eige⸗ nes kleines Gemach und der Eingang zu demſelben iſt unter dem Waſſer, ſo daß er untertauchen muß, um in denſelben zu kommen, und daß ihn nichts daran hindern kann.“ „i, wie merkwürdig! Und wovon leben ſie, Ma⸗ lachi?“ „Sie ſchälen die Rinde von dem ab, was wir Aſpen⸗ holz nennen, Ma'am, was eine Art von Saalwelde iſt, ſammeln ſich davon ſo große Quantitäten im Herbſte, als zu ihrer Nahrung während des Winters, wenn ſie meh⸗ rere Monate eingefroren ſind, erforderlich iſt.“ „Gut, aber wie fangen ſie die Biber?“ „Da gibt es verſchiedene Weiſen, hie und da bre⸗ chen die Indianer den Damm durch, laſſen das Waſſer ablaufen und tödten dann alle, ausgenommen ein Dutzend Weibchen und ein halbes Dutzend Männchen, dann ſtopfen ſie den Damm wieder zu, damit die Thiere werfen und ſich vermehren können. Eine andere Weiſe iſt die, daß, wenn der Biberkeich feſt gefroren iſt, in das Biberhaus von oben hereingebrochen wird; wenn. ſie dieſes thun, ſo tauchen die Biber alle unter und 8 Die Anſiedler in Canada. 14 — entwiſchen, aber die Meiſten kommen wieder herauf, um Athem zu ſchöpfen, und gehen an die Löcher im Eiſe. Hier ſind Netze aufgeſtellt, und auf dieſe Weiſe werden ſie gefangen; aber eine hinreichende Anzahl bleibt immer auf den Blöcken zurück und dieſe werden dann in Schlingen gefangen, welche in das Aspenholz gelegt werden, dieß iſt indeſſen ſchwieriger.“ „Es gibt aber auch eine andere Art von Bibern, Ma'am, welche der Landbiber genannt wird, und die⸗ ſer iſt leichter zu fangen,“ bemerkte Martin,„dieſe machen Höhlen in die Erde, gleich den Kaninchen. Die Indianer ſagen, daß dieſe Biber einfältig und eitel ſeyen, und daß es nicht nothwendig ſey, ſie auszutreiben, wie die Andern.“ „Nun, ſagen Sie uns, was machen Sie, wenn Sie im Winter auf die Biberjagd gehen, Malachi?“ „Wir jagen die Biber nie allein, Ma'am, wir ge⸗ hen aus, um Alles zu jagen; wir gehen auf die Biber⸗ teiche, und ſtellen dann unſere Schlingen für Biber, Ottern, Marder, Katzen, Füchſe und andere dergleichen Thiere, wir fangen ſie alle, groß und klein, wir bauen unſere Hütte, ſtellen unſere Schlingen überall aus, und ſehen dann jeden Tag nach; was zum Eſſen gut iſt, eſſen wir, und die Felle der Thiere, welche wir fan⸗ gen, verkaufen wir.“ „Iſt das Biberfleiſch gut?“ „Ja, Ma'am, ein ziemlich gutes Eſſen, vielleicht das Beſte, was man zu dieſer Zeit findet.“ „Aber welch' ein erbärmliches Leben das ſeyn muß!“ ſagte Mrs. Campbell. „Sie mögen wohl ſo denken, Ma'am, aber wir Jäger denken anders,“ entgegnete Malachi.„Wir ſind . daran gewöhnt und ſind allein, unſern Gedanken über⸗ laſſen.“ „Das iſt wahr,“ bemerkte Martin,„iſt der Win⸗ ter und die Biberjagd vorbei, dann geht es nach QOue⸗ 4* t bec, und dort iſt das Leben elender, als Sie ſich den⸗ ken können.“ 3 „Es muß ein eigener Reiz in dieſem Leben liegen, das iſt gewiß,“ bemerkte Herr Campbell,„denn wie Viele ergeben ſich demſelben Jahr aus Jahr ein und denken nicht an ihre Lage, bloß an ihren Verdienſt.“ „Das iſt wahr, Sir,“ entgegnete Martin,„was ſie aus ihren Fellen erlöſen, iſt ausgegeben, ſobald ſie in Quebec ſind, das weiß ich nur zu gut, und dann kehren ſie wieder zur Jagd zurück.“ „Nun, ſie ſind wie die Matroſen,“ bemerkte Alfred, „welche nach einer langen Seereiſe all' ihre Löhnung und all' ihre Priſengelder in wenigen Tagen vergeu⸗ den, und dann wieder zur See gehen.“ „Gerade ſo,“ entgegnete Malachi,„und was iſt der Nutzen des Geldes, wenn ſie es aufbewahren? Ein Jäger kann immer ſo viel aufbringen, als Pulver und Blei koſtet, oder er nimmt es auf Credit und zahlt bei ſeiner Rückkehr mit einem Theile ſeiner Felle. Was ſoll er mit dem Ueberreſte beginnen? Es nützt ihm zu nichts und folglich verſchwendet er es.“ „Wäre es denn aber nicht beſſer, wenn er es ſo lange zuſammenſparte, bis es genügt, eine Niederlaſ⸗ ſung zu bauen und gemächlich zu leben?“ „Aber lebt er denn da gemächlich, Ma'am?“ ſagte Malachi.„Hat er nicht mehr zu arbeiten, hat er nicht auf viel mehr Gegenſtände zu ſehen? hat er nicht als Landmann viel mehr Sorgen, als wenn er es nicht iſt?“ „ Das iſt wahrhaft philoſophiſch,“ bemerkte Herr Campbell.„Glücklich iſt der Mann, der zufrieden, wenn auch arm iſt. Wenn ein Mann vorzieht, bloß von Fleiſch zu leben, wie die Jäger thun, dann iſt kein Grund vorhanden, warum er harte Arbeit thun, und die Erde herumarbeiten ſollte, um ſich Brod zu ver⸗ ſchaffen; wenn die Bedürfniſſe gering ſind, dann ſind es auch die Sorgen, und gerade darum müſſen die 21² 5 Wilden die Nothwendigkeit empfinden, die Jagd zu üben, wenn ſie Weib und Kinder haben.“ „a, Sir, das müſſen ſie thun, und ſie haben in ihrer eienen Weiſe eine ſchwere Arbeit, um ſich ihre Nahrung zu verſchaffen. Schlingenſteller ſind ſelten ver⸗ heirathet, es würde auch für ſie in den Wäldern nichts taugen, und dann haben ſie für nichts zu ſorgen, als für ſich ſelbſt.“ 1 „Es erſcheint mir als ein wildes, aber als ein ſehr unabhängiges Leben,“ bemerkte Mrs. Campbell,„und ich glaube, daß es die Unabhängigkeit iſt, welche ihm ſo viele Reize gibt.“ 8 „Das iſt es, Ma'am,“ erwiederte Martin. „Aber was treiben ſie denn während des Sommers, Malachi?“ „Ei nun, Ma'am, wir nehmen unſere Flinten, da gibt es Damhirſche, Luchſe, wilde Katzen, Bären, Eich⸗ hörnchen, und viele andere Thiere, und dann gehen wir auch zeitweiſe auf die Jagd nach Honig.“ „Sagen Sie uns doch, wie Sie den Honig bekom⸗ men, Malachi?“ „Die Bienen, Ma'am, leben immer in den Höh⸗ len alter Bäume, und es iſt in der That ſehr ſchwer, dieſe in einem Walde aufzufinden, denn die Höhlen, in welche ſie ſich verkriechen, ſind klein und liegen mitun: ter ſehr hoch, indeſſen erhalten wir gewöhnlich einen Wegweiſer.“ „Wie verſtehen Sie das, Malachi?“. „Wir fangen die Bienen, wenn ſie auf den Blu⸗ men ſitzen, um Donig zu ſammeln, und laſſen ſie wie⸗ der fliegen. So wie die Biene ihre Freiheit wieder erlangt, fliegt ſie gerade auf ihren Schwarm zu, wir beobachten ſie, bis wir ſie nicht mehr ſehen können, ge⸗ hen in dieſer Richtung fort, fangen eine andere, und ſo gehen wir fort, bis wir ſie auf einem Baume antreffen; und wenn wir ermittelt haben, daß der Schwarm und der Honig in dem Baume iſt, dann fällen wir ihn.“ 2¹³ „Wie nett!“ ſagte Percival.— „Es erfordert ein ſcharfes Auge,“ bemerkte Mar⸗ tin,„die Biene von ferne zu beobachten, einige von den Schlingenſtellern fangen die Bienen und geben ihnen Zucker mit Whisky*) getränkt, dies macht die Biene betrunken, ſie kann nicht ſo gut fliegen und ſo entdeckt man ihren Schwarm früher.“ „Das iſt capital!“ rief Percival,„aber ſagen Sie mir, Martin, wie tödten Sie die Bären?“ „Warum, Meiſter Percival? Zuverläſſig mit un⸗ ſeren Flinten. Die leichteſte Weiſe ſie zu tödten iſt, wenn ſie in ihren Lagern in den hohlen Bäumen ſind.“ „Wie bringen Sie dieſe aber da heraus?“ „Wir klopfen an die Bäume mit unſern Aexten, und dann kommt der Bär heraus, um zu ſehen, was es gibt; ſo wie er ſeinen Kopf blicken läßt, ſchießen wir ihn.“ „Iſt das Ihr Ernſt, Martin?“ „Ja, Ma'am, mein voller Ernſt;“ entgegnete Martin. „Das iſt vollkommen wahr, Ma'am,“ ſagte der Jäger.„Die Bären in dieſer Gegend ſind nicht ſehre wild. In der Maine haben wir viel ſchlimmere ge⸗ habt. Ich habe Indianer in einem Canoe geſehen, wie ſie auf einem Fluſſe auf Bären warteten, die hinüber ſchwammen, und ſie ſchoſſen an einem Tage ſechs oder ſieben im Waſſer.“ „Der Bär iſt ein boshaftes Thier, wenn er hun⸗ grig iſt,“ verſetzte Martin,„und da wir im Herbſte mehrere hier herum haben werden, ſo wollen wir uns nicht einbilden, daß die Sache ſo gar leicht ſey.“ „In der That iſt ein Bär nicht ſehr zu fürchten,“ ſagte Emma, und Malachi hat geſagt, daß er ſie nicht für gefährlich halte, ich habe indeſſen nicht Luſt, einen *) Eine Art Branntwein. 214 Bären zu ſehen. Sie ſagen, Martin, daß wir der⸗ gleichen zu erwarten haben. Warum das 2 „Weil wir hier ein großes Feld mit Mais und ein beſätes Feld haben, was ſie anzieht.Ä“ „Nun, wenn ſie kommen, ſo muß ich mich auf meine Flinte verlaſſen,“ entgegnete Emma lachend; „aber jedenfalls ſchieße ich nicht ſo oft auf ihn, als ich im Anfange meines Hierſeyns ſchoß.“ „Feuern Sie nicht auf ihn, Miß, wenn Sie nicht ſicher ſind, ihn todt zu ſchießen,“ ſagte Malachi.„Dieſe Geſchöpfe ſind ſehr gefährlich, wenn ſie verwundet ſind.“ „Fürchten Sie nicht, Malachi, ich werde bloß zu meiner Vertheidigung feuern, das heißt, wenn mir keine andere Wahl übrig geblieben iſt. Ich habe in der That mehr Vertrauen auf meine Füße, als auf meine Flinte. Wurden Sie je von einem Baͤren umarmt?“ „Ich wurde noch nie von einem umarmt, aber einmal war ich näher an einem, als ich wünſche, wie⸗ der bei einem zu ſeyn.“ „Wie war das? Erzählen Sie es uns, ich bitte,“ ſagte Emma. „Es war, als ich noch jung war, daß ich eines Tags einen Baum im Walde mit meiner Art ſondirte, und die Gewißheit bekam, daß ein Bär darin hauſe. Da aber das Thier nicht herausſchaute, kletterte ich auf den Baum hinauf, um in die Höhle von oben hinab zu ſchauen und zu ſehen, ob der Bär zu Hauſe ſey. Wenn es ſo war, ſo hatte ich beſchloſſen, ihn heraus⸗ zutreiben. Ich war alſo oben an dem hohlen Stamme und gerade im Begriffe meinen Kopf in die Höhle zu ſtecken, als plötzlich der Rand des Baumes, auf wel⸗ chem ich kniete, nachgab wie ein Schwamm, und ich in die Höhle hinein fiel. Indem ich vor mich hin ſah, kam ich mit dem Kopf nicht voran, denn dieſer wäre bis auf den heutigen Tag zurückgeblieben. Die Höh⸗ lung war in der Mitte des Baumes und zu enge, als daß ich mich hätte umwenden können, und ſo blieb ich 215 ſtecken. Ich kam ſo mit dem Staub und mit dem Ge⸗ rölle allmälig hinunter, bis ich gerade auf den Bären kam, der auf dem Boden lag, und ich fiel mit einer ſolchen Gewalt auf ihn herab, daß ich ſeinen Kopf nie⸗ derdrückte, und er nicht im Stande war, mit ſeinen Zähnen mich zu erfaſſen, was gerade etwas ſehr An⸗ genehmes nicht geweſen wäre. Indeſſen war der Bär ebenſo ſehr, als ich, wo nicht mehr, beſtürzt, und er lag deßhalb ganz ruhig unter mir, bis ich mich wieder etwas faſſen konnte. Dann dachte ich, wie Sie ein⸗ ſehen werden, ſpät genug, daran, aus der Höhle des Baumes heraufzuſteigen, und ſie war gerade ſo weit, daß ich mich auf der einen Seite mit meinem Rücken, und auf der andern mit meinen Knieen anſtemmen konnte, um mich hinaufzuarbeiten. Durch dieſes Mit⸗ tel gelangte ich allmälig wieder in der Höhle hinauf, und ich legte mich quer über dieſelbe, um wieder zu Athem zu kommen. Ich war nicht länger als den vier⸗ ten Theil einer Minute da, und ich hatte im Sinne, viel länger da zu bleiben, als ich plötzlich den Kopf des Bären neben einem meiner Füße bemerkte. Er war nach mir heraufgeklettert, ich ſah, daß er ſehr wild war, und ſo machte ich mich in einem Momente auf einen Aſt und kam auf den Boden am Fuße des Bau⸗ mes, was ohngefähr zwanzig Fuß betrug. Ich war durch den Fall ſehr beſchädigt, doch war kein Bein ge⸗ brochen, und ich war mehr zerkratzt, als verletzt; ich lag eine Zeitlang ganz ſtill, bis das Brummen des Bären mich an ihn erinnerte. Ich ſprang auf meine Beine, und gewahrte, daß er nach mir aus dem Baume gekommen und noch ſechs Fuß von der ⸗Erde ſey; da war keine Zeit zu verlieren, ich ergriff meine Flinte, und hatte gerade noch Zeit, ſie ihm ans Ohr zu ſetzen, um ihn zu erſchießen, da er noch vier Fuß von der Erde war.“. „Welch ein wunderbares Ereigniß.“ * 216 „Ja, vielleicht war es ein ſolches, aber da iſt nun meine Erzählung zu Ende, Miß.“ Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die Nachricht kam, daß die Abfahrt des Bootes nach Montreal am nächſten Morgen ſtattfinden werde. Als das Boot herauf kam, brachte es zur größten Freude der ganzen Geſellſchaft Capitän Sinclair, wel⸗ cher ſehr beſorgt geweſen war, wie es denen gehe, mit welchen er in einem ſo intimen Verhältniſſe ſtand, und die ihm ſo viele Gefälligkeiten erzeigt hatten. Sein Knie war allmählig geheilt, und ſobald als die erſten Fragen vorüber waren, ſetzte er ſie davon in Kenntniß, daß er einen Urlaub auf ſechs Wochen er⸗ halten habe und bereit ſey, nach Quebee zu gehen. „Nach Quebec!“ rief Emma,„und warum gehen Sie nach Quebec?“ dern Canada's nach der neueſten Mode gekleidet zu ſeyn?“ ——— ——— 217 „Warum nicht,“ rief Emma, welche fühlte, daß ſie den Meiſten als thöricht vorkommen, aber ſich nicht aus ihrer Verlegenheit zu retten wußte.„Ich kann doch jedenfalls für mich allein in meinen Spiegel ſehen.“ „Ich will verſuchen, Ihnen etwas mitzubringen, was Ihnen gewiß Vergnügen machen wird;“ entgeg⸗ nete Capitän Sinclair, was aber die Mode betrifft, ſo weiß ich, daß Sie nur ſcherzen, indem Sie eine Perſon ausſuchen, die zu ungeſchickt dazu iſt.“ „Nun, ich glaube nicht, daß Sie meine Aufträge ſehr gut ausrichten werden, und daher will ich Sie mit denſelben nicht beläſtigen,“ entgegnete Emma, „und nun ſagen Sie uns, warum Sie nach England gehen?“ „Meine theure Emma,“ bemerkte Herr Campbell, „Du ſollteſt Dir keine ſolche Fragen erlauben, denn Capitän Sinclair hat, wie ich nicht bezweifle, ſeine eigenen Gründe.“ „Es iſt wirklich wahr, daß ich meine eigenen Gründe habe,“ entgegnete Capitän Sinclair,„da ich aber kein Geheimniß daraus mache, ſo will ich mit Vergnügen Emma's Neugierde befriedigen. Ich weiß nicht, ob Sie ſchon erfahren haben, daß ich in ſehr früher Jugend Waiſe und unter die Aufſicht eines Vor⸗ mundes geſtellt wurde. Als mein Vater ſtarb, traf er in ſeinem letzten Willen die Anordnung, daß ich nicht eher in den Beſitz meines Eigenthums geſetzt werden ſolle, als bis ich fünfundzwanzig Jahre alt ſeyn würde. Ich wurde in den letzten Tagen fünfundzwanzig Jahre alt und mein Vormund hat mir geſchrieben, ich möchte nach Hauſe kommen, damit er der Verantwortlichkeit enthoben würde und bei mir ſich über das ausweiſen könne, was man ihm anvertraut hatte.“ „Werden Sie ſich lange dort aufhalten?“ ſagte Herr Campbell.“ „Das iſt nicht nothwendig, es hält außerordentlich ſchwer, von unſerem Regiment während der Dauer ei⸗ 218 nes Krieges Urlaub zu bekommen. Es geſchieht auch bloß durch Protection, daß ich dieſen nun bekomme. Bei meiner Ankunft in Quebec will mich der Gouver⸗ neur in ſeinen Stab nehmen und mir den Urlaub ge⸗ ben. Ich ſoll nicht länger ausbleiben, als es noth⸗ wendig iſt, und ich ſelbſt bin auch ſehr dafür, bald wieder bei meinem Regimente zu ſeyn. Sie können daher darauf rechnen, daß ich, wenn ich am Leben bleibe, vor Beginn des Winters, wenn nicht ſchon früher, wieder bei Ihnen ſeyn werde. So, nun habe ich Alle meine Commiſſionen an Sie ausgerichtet und ich kann nur noch beifügen, daß ich mich ſehr glückli h ſchätzen werde, wenn ich allen Ihren Wünſchen aufs beſte zu entſprechen im Stande bin.“ „Nun, wir alle haben in der That nicht gewußt, daß Capitän Sinclair ein Mann des Glückes iſt. Sie glauben wohl, daß Sie wieder kommen würden;“ fuhr Emma ernſthaft fort;„aber wenn Sie einmal in Eng⸗ land ſind, dann werden Sie dort bleiben wollen, und ganz Canada vergeſſen.“ „Mein Vermögen iſt nicht ſehr bedeutend,“ ent⸗ gegnete Capitän Sinclair,„für England kaum genü⸗ gend, um eine junge Weltdame zu beſtimmen, den Blick auf mich zu richten; vielleicht aber genügt es doch, um ein gefühlvolles Weib glücklich zu machen. Mein Vermögen wird mich daher in England nicht zurückhalten, und es iſt, wie ich ſchon ſagte, mein ſehn⸗ lichſter Wunſch, mich bald wieder mit meinem Regi⸗ mente zu vereinigen.“ 3 3 „Sie mögen nun wieder kommen oder dort blei⸗ ben,“ bemerkte Herr Campbell,„ſtets werden unſere beſten Wünſche mit Ihnen ſeyn, Capitän Sinclair! Wir ſind nicht undankbar für die Güte, welche Sie uns erzeigten.“ „Nie werde ich,“ entgegnete Capitän Sinclair, „die vielen glücklichen Stunden vergeſſen, die ich in Ihrer Geſellſchaft verlebte. Doch wir werden trau⸗ 219 rig, wenn wir zu lange über dieſen Gegenſtand ſpre⸗ chen. Das Boot kann nicht länger als zwei Stunden ausbleiben und Heinrich muß dann bereit ſeyn. Der Commandant will, daß ich dieſen Abend noch nach Montreal abfahre.“ „Dann haben wir in der That keine Zeit zu ver⸗ lieren,“ bemerkte Herr Campbell.„Heinrich, mache Deine Kiſten bereit, und Martin wird ſie dann in das Boot ſchaffen, ehe wir zu Tiſche gehen. Es wird lange Zeit währen, bis Sie wieder mit uns zu Mittag ſpei⸗ fen werden,“ ſprach Herr Campbell zu Capitän Sin⸗ clair.„Ich wünſche Ihnen gute Geſundheit und alles Glück, bis Sie wiederkehren. Kommt, Mädchen, ſeht nach dem Mittageſſen. Mary! Wo iſt Mary?“ „Sie ging vor wenigen Minuten in ihr Zimmer,“ ſagte Emma;„aber ich bin hier und ih kann Alles thun, was von ihr oder meiner Tante gefordert wird. Komm, Percival, breite das Tiſchtuch auf; Alfred, hilf mir, das iſt zu ſchwer für mich. O, da kommt meine Tante, jetzt kannſt Du fortgehen, Alfred, wir können das ohne Dich beſſer.“ „Das iſt ein Dank!“ bemerkte Alfred lachend. Da Heinrich täglich in Erwartung der Abberu⸗ fung war, ſo bedurfte er nicht lange zu ſeinen Vorbe⸗ reitungen, und in wenigen Minuten erſchien er, von Mary Percival begleitet. Nun ſetzten ſie ſich zum Mittageſſen, ſie waren aber nicht fröhlich, denn Capi⸗ tän Sinclairs unerwartete Abreiſe hatte einen gewiſ⸗ ſen Trübſinn über Alle gebracht. Dennoch ſcherzten ſie gegen das Ende des Mahles ein wenig und Herr Campbell brachte eine ſeiner Weinflaſchen zum Vor⸗ ſcheine, um auf das Glück der beiden Reiſenden zu trinken. Jetzt war die Zeit zur Abreiſe da, Capitän Sinclair und Heinrich nahmen von Mrs. Campbell und den Fräulein Percival Abſchied und gingen von den männlichen Mitgliedern der Familie begleitet an das Ufer. „Ich kann das Abreiſen eines Menſchen nicht er⸗ tragen, mit welchem ich in ſo inniger Verbindung ſtand. Die Abreiſe des Capitäns Sinclair verurſacht mir da⸗ her einen herben Schmerz.“ 8 Mary ſeufzte, antwortete aber nicht. „Ich bin nicht erſtaunt, Dich ſo ſprechen zu hö⸗ ren, Emma; denn in England, wo wir von Freunden umgeben waren, fiel die Abreiſe uns allerdings ſchon ſehr ſchmerzlich; aber hier, wo wir ſo wenige Freunde haben, ja, ich möchte ſagen, wo Capitän Sinclair der einzige iſt, fällt es noch viel ſchmerzlicher. Indeſſen währt ja, wie ich hoffe, die Trennung nur eine Zeit⸗ ang.“ „Ich bin wahrhaftig ſehr traurig, daß wir ohne Schutz vom Forte ſind,“ ſagte Mary.„Ich würde nicht erſtaunt ſeyn, wenn Capitän Sinclair nicht wie⸗ der kommen würde.“ „Ich würde ganz außerordentlich darüber ſtaunen,“ entgegnete Emma.„Ich bin ſicher, daß er zurückkom⸗ men wird, wenn er nicht eine unvermeidliche Abhaltung bekommt.“. „Da er ein ſo großes Verlangen ausgedrückt hat, mit ſeinem Regimente wieder vereinigt zu werden, ſo würde ich ebenſo überraſcht ſeyn, als Du, Emma,“ ſagte Mrs. Campbell.„Er iſt kein flatterhafter, jun⸗ ger Mann; aber kommt, wir müſſen den Mitteagstiſch abräumen.“ Herr Campbell, Alfred, Percival und Martin kehr⸗ ten bald zurück, denn Capitän Sinclair war gezwun⸗ gen, auf der Stelle abzufahren, damit er in Gemäßheit erhaltener Befehle zu gehöriger Zeit in das Fort zu⸗ rückkehre. Malachi und John waren auf die Jagd ge⸗ gangen und die Erdbeere war in ihrer Hütte. Daher ſaß am Abende die Geſellſchaft ſehr vermindert in der Küche, und der Abſchied von Capitän Sinclair hatte ſie nicht ſo geſtimmt, um fröhlich ſeyn zu können. Wenige Worte wurden dann und wann gewechſelt, 221 aber die Unterhaltung ſtockte. Emma ſprach von Ca⸗ pitän Sinclairs Erwartungen und Entwürfen. „Wir können nie wiſſen, welche Wechſelfälle in die⸗ ſer Welt eintreten, meine theure Emma,“ ſagte Herr Campbell.„Alle Entwürfe Sinclairs können durch Um⸗ ſtände vernichtet werden, welche er nicht in ſeine Be⸗ rechnung zog. Wie ſelten treffen die Reſultate mit unſern Erwartungen zuſammen. Als ich meine Kunſt ausübte, erwartete ich nicht im Geringſten, daß ich der⸗ Beſitzer von Wexton⸗Hall werden ſollte, und als ich im Beſittze deſſelben war, wie wenig dachte ich daran, daß ich gezwungen werden könnte, daſſelbe zu verlaſ⸗ ſen, und in dieſe traurige Wildniß zu gehen. Wir ſtehen in der Hand Gottes, und er macht es mit uns, wie er es will. Ich habe dieſen Morgen geleſen, und ich habe nicht bloß einmal die Bemerkung gemacht, wie oft nicht nur Individuen, ſondern auch Nationen in ihren Erwartungen getäuſcht werden. Ich kenne keinen ſchlagenderen Beweis hiefür, als ihn die Ge⸗ ſchichte der Ereigniſſe liefert, die ſich in neueſter Zeit zugetragen. Vielleicht haben niemals in ſo kurzer Zeit ſo reißend ſchnelle Wirkungen in Folge geringer Urſa⸗ chen ſtattgehabt, und ſie beweiſen jedenfalls, daß die Wirkungen gerade das Gegentheil von dem waren, was die kurzſichtigen Sterblichen erwartet hatten. Es war im Jahr 1756, erſt vor vierzig Jahren, daß die Franzoſen im Beſitz dieſer Provinzen waren, und uns angriffen, um uns dieſen Theil von Amerika, den wir erobert hatten, zu entreißen. Was war der Erfolg? Nach einem Kriege, der wegen ſeiner Grauſamkeit und Hartnäckigkeit vielleicht in der Geſchichte ſeines Glei⸗ chen nicht hat, denn beide Theile gebrauchten die Wil⸗ den, und dieſe marterten und quälten wechſelsweiſe die Franzoſen und die Engländer zu todt, verlor Frankreich, welches Alles erringen wollte, Alles, und wurde im Jahr 1760 gezwungen, ſeine eigenen Provinzen an Großbritannien abzutreten. Hier iſt ein Fall, in wel⸗ 222 chem ſich die Angelegenheiten ganz gegen die Erwar⸗ tungen der Franzoſen wendeten.“ „Und nun? Zu keiner Zeit war England glückli⸗ cher und geachteter von fremden Nationen, als am Ende dieſes Kriegs. Aber ſein Glück machte es anma⸗ ßend und ungerecht. Es bedrückte ſeine Colonien, es glaubte, daß dieſe ſeinem gebieteriſchen Willen nicht widerſtehen dürften; es bildete ſich ein, daß nun, nach⸗ dem die Franzoſen aus Canada vertrieben worden, ganz Amerika ihm gehöre; aber gerade, weil die Fran⸗ zoſen aus Canada vertrieben worden waren, wagten es die Colonien, zu widerſtehen. So lange als die Franzoſen dieſe Gegend inne hielten, hatten die engli⸗ ſchen Coloniſten ihre Grenznachbarn zu Feinden, und ſie ſahen daher auf England, als auf ihren Schutz und ihre Hülfe. Sie verlangten Hülfe und Beiſtand, und ſo lang als ſie dieſe verlangten, waren ſie nicht geſinnt, irgend eine Remonſtration gegen die Zahlung eines Theils der Koſten zu machen, welche von ihnen gefor⸗ dert wurden. Hätten die Franzoſen eine Armee unter Montcalm in dem Augenblicke ſchlagfertig da gehabt, als die Stempelacte, die Auflage auf Thee, Salz u. ſ. w. eingeführt wurde, wäre die größte Frage geweſen, ob die Coloniſten ſich irgend eine Weigerung erlaubt ha⸗ ben würden; aber da ſie nicht länger mehr einer Armee zu ihrer Vertheidigung bedurften, ſo veranlaßten ſie die erwähnten Auflagen, in offenem Aufruhr ſich gegen das zu erheben, was ſie als ungerecht betrachteten, und endlich ihre Unabhängigkeit zu erklären. So finden wir denn hier die Ereigniſſe ganz anders geſtaltet, als Englands Erwartungen waren. „Bemerkt weiter. Die amerikaniſchen Coloniſten errangen ihre Unabhängigkeit, was ihnen aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach nicht gelungen ſeyn würde, wenn ih⸗ nen nicht die zahlreiche Armee und die Flotte der Fran⸗ zoſen Beiſtand geleiſtet hätte, weil ſie über den Verluſt Canada's erbost, England durch den Verluſt ſeiner 22³ eigenen amerikaniſchen Beſitzungen zu demüthigen wünſchten. Aber wie wenig dachten der König von Frankreich und ſein Adel daran, daß ſie, indem ſie die Grundſätze der Amerikaner unterſtützten, und die fran⸗ zöſiſchen Truppen und Schiffe, ich möctte ſagen, das franzöſiſche Volk in Maſſe mit denſelben Grundſätzen von Gleichheit anſtecken ließen, wie wenig dachten dieſe daran, daß ſie den Sitz der Revolution in ihr eigenes Land verpflanzen, und daß der König ſowohl, als der größte Theil des Adels auf dem Blutgerüſte ſterben würden.“ „Hier haben wir abermals Ereigniſſe ganz ge⸗ gen die Erwartungen, und Ihr werdet bemerken, daß dei jeden Unternehmungen irgend einer der beiden Partheien das Reſultat war, daß der Schlag auf ihr eigenes Haupt fiel, nicht auf das des Gegners, welches er zerſchmettern ſollte.“ „Ich erinnere mich,“ ſagte Alfred, nachdem Herr Campbell geendigt hatte,„daß ich einmal von einer Geſchichte von einem morgenländiſchen Könige geleſen habe, welcher von einem Derwiſche einen Spruch er⸗ kaufte, und hierauf befahl, daß derſelbe auf alles Gold⸗ und Silbergeräthe in dem Palaſte eingegraben werden ſolle. Das Sprichwort lautete:„unternimm nie etwas, ohne den Ausgang bedacht zu haben.“ Es ereignete ſich, daß eine Verſchwörung gegen den König ange⸗ ſponnen wurde, und daß von den Verſchwornen be⸗ ſtimmt wurde, es ſolle ihm von ſeinem Wundarzte mütteſ einer vergifteten Lanzette zur Ader gelaſſen werden. Der Wundarzt ging darauf ein, des Königs Arm wurde unterbunden, und eine von den filbernen Platten untergehalten, um das Blut aufzunehmen. Der Wundarzt las die Aufſchrift und wurde durch dieſelbe ſo ſehr erſchreckt, daß er die Lanzette zurückzog, das womploit entdeckte, und dadurch das Leben des Königs rettete.“ 8 224 „Eine ſehr nette Geſchichte, Alfred,“ ſagte Mrs. Campbell. „Die Frage iſt nun,“ fuhr Alfred fort,„ob beide Partheien, Frankreich und England, ſich als kurzſichtig bewährt, oder ob ſich nicht auch die Amerikaner trotz ihrer Allianz getäuſcht haben, indem ſie eine demokra⸗ tiſche Regierung erlangten.“ „In wie ferne eine moderne Demokratie von Be⸗ ſtand ſey, kann ich in dieſem Au enblicke nicht entſchei⸗ den, entgegnete Herr Campbell;„das aber weiß ich, daß in fruͤheren Zeiten ihre Dauer in der Regel kurz war und fortwährend mit Oligarchie und Tyrannei wechſelte. Eines iſt gewiß, daß keine Regierungsform iſt, unter welcher das Volk ſo ſchnell laſterhaft, oder wo man mit ſolcher Undankbarkeit behandelt wird.“ 2uf„Wem ſtellen Sie das in Rechnung, Sir?“ fragte red. „Dafür ſind zwei Haupturſachen. Die eine iſt, daß, wenn alle Menſchen für gleich erklärt werden, (welcher Mann wird ſeinem Jungen erlauben, es zu werden, wenn er will), dann die einzige Unterſchei⸗ dungsquelle dahin iſt und die Begierden der Welt nun die Leidenſchaft bekommen, über die ganze Erde hin zu ſtürmen, und ſo demoraliſirend iſt keine andere Be⸗ gierde. Die andere iſt, daß die Völker, oder, um ei⸗ gentlich zu ſprechen, die Pöbelregenten größtentheils durch Schmeichelei und Kriecherei gewonnen werden müſſen, und zwar von Seite derer, welche dieſe Idole für ſich gewinnen wollen. Nun iſt aber Schmeichelei eine Lüge und eine Gewohnheit, die auf gleiche Weiſe den demoraliſirt, der ſie gebraucht, und den, der ſte annimmt. Keine Regierung iſt ſo verächtlich oder ſo unangenehm für einen ehrbaren Mann, als eine demo⸗ kratiſche.⁰ „Dieß iſt meine Meinung, Sir, und ich glaube, ſie iſt ziemlich allgemein.“) 225 „In wie fern die Amerikaner eine ſolche Meinung mißbilligen,“ fuhr Herr Campbell fort,„bleibt uns zu ſehen übrig; aber das iſt gewiß, daß ſie ihre neue Regierungsform mit einer ſo großen Ungerechtigkeit begonnen haben, daß ſie die Annahme rechtfertigen, daß alle ihre gerühmten Tugenden nichts als Anmaßun⸗ gen ſind. Ich rechne hieher, daß ſie ihre Sklaven nicht frei gegeben. Sie haben ihre eigenen Verſicherungen bei ihrer Unabhängigkeitserklärung Lügen geſtraft, denn ſie hatten in derſelben alle Menſchen gleich und von Ge⸗ burt an frei erklärt, und man kann nicht erwarten, daß der Segen Gottes über denen walte, welche ſich ſelbſt emancipirten und dennoch ſo ungerecht waren, dieſe armſeligen Creaturen in der Sklaverei zu erhal⸗ ten. Die Zeit wird kommen, ich zweifle nicht daran, obwohl von uns Allen, die wir hier gegenwärtig ſind,, vielleicht keines mehr dieſen Tag ſehen wird, wo die Wiedervergeltung auf ihr Haupt fällt oder wenigſtens auf die Häupter ihrer Nachkommen; denn die Sünden der Väter werden heimgeſucht an den Kindern bis in's dritte und vierte Glied. Aber es iſt Zeit, daß wir daran denken, uns zurückzuziehen. Gute Nacht, Gott behüte Euch Alle!“ 6 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Nach zwei Tagen kehrten Malachi und John zu⸗ rück, und brachten die Felle von drei Bären mit, welche ſie erlegt hatten. Zu dieſer Jahreszeit ſind die Thiere ſo mager und armſelig, daß es nicht der Mühe lohnte, ihr Fleiſch mitzunehmen. Es war alſo jetzt nicht der Mühe werth, gegen ſie auszuziehen, und die Beiden blieben größtentheils zu Hauſe, fiſchten in Die Anſiedler in Canada. 4 15 2 26 dem See, oder fingen Forellen in dem Fluſſe. Alfred und Martin waren immer noch mit dem Landbau be⸗ ſchäftigt; die Saat war aufgegangen, und ſie ſchnitten nun Hölzer für das Gehege der Prairie. 3 Vierzehn Tage nach Capitän Sinclairs Abreiſe kam Oberſt Forſter in einem Boote von dem Fort, um ſie zu beſuchen.— 8— „Ich verſichere Sie, Herr Campbell, ſagte er, „ich war im vorigen Winter um Sie ſehr beſorgt, und ich bin erfreut, daß er mit ſo wenigen Schwierig⸗ keiten an Ihnen vorüberging. In früherer Zeit hatten wir Anfechtungen von den Indianern, dieſe ſind aber für jetzt vorüber. Sie kommen dieſen Sommer wie⸗ der zuſammen, aber das Gouvernement von Quebee iſt wachſam, und ich zweifle nicht, daß eine kleine Verſöh⸗ nung zu Stande kommen und allen Haß beſeitigen wird. Wir erwarten eine große Menge von Decken und andern Gegenſtänden in dieſem Frühjahr, als Ge⸗ ſchenke für die Stämme, mittelſt welcher wir ſie bei gutem Willen zu erhalten hoffen, und wir haben meh⸗ rere franzöſiſche Emiſſäre aufgegriffen, welche feindſelig gegen uns handelten.“ „Aber immer ſind wir noch den Anfällen von herumſchweifenden Parthien ausgeſetzt,“ ſagte Herr Campbell. „Wohl wahr,“ entgegnete der Oberſt,„aber gegen dieſe haben Sie Ihre eigenen Vertheidigungsmittel. Sie ſind in einer ſo vereinzelten Stellung, ſo bloß ge⸗ ſtellt, wie gegen einen Dieb in England, nur mit dem Unterſchiede, daß Sie in England die Geſetze anrufen können, während Sie hier das Geſetz ſelbſt handhaben müſſen.“ „Es iſt gewiß nichts Angenehmes, in einem fort⸗ währenden Zuſtande der Beängſtigung zu ſeyn,“ be⸗ merkte Herr Campbell.„Doch wir wußten, was wir zu erwarten hatten, ehe wir hieher kamen, und wir müſſen uns nun zufrieden ſen. Daß Sie, Oberſt, — 227 Capitän Sinclair verloren haben, iſt auch ein großer Verluſt für uns.“ „Ja, er iſt nach England gegangen, aber nur auf kurze Zeit,“ entgegnete der Oberſt,„und wir werden ihn bald wieder hier ſehen. Er muß eine große Freude an ſeinem Handwerke haben, weil er mit ſolchen Mit⸗ teln bei demſelben bleibt.“ 8 „Er erzählte uns, daß er hingehe, um von einem kleinen Eigenthume Beſitz zu nehmen.“. „Ein Eigenthum von nahe an 20,000 Pfund jähr⸗ lich,“ erwiederte der Oberſt.„Er mag es als ein geringes Eigenthum betrachten, ich aber würde anders denken, wenn es mir zu Theil geworden wäre.“ „Ich hatte in der That keinen Gedanken, daß es ſo groß ſey, weil er ſo davon ſprach,“ entgegnete Herr Campbell.„Ich habe eine hohe Meinung von ihm und zweifle nicht einen Augenblick, daß er einen guten Gebrauch davon machen werde.“ „Jedenfalls kann er einer Gattin ein luxuriöſeres Leben verſchaffen, als wir Soldaten in der Regel kön⸗ nen,“ ſagte der Oberſt lachend. Die Unterhaltung zwiſchen dem Oberſt und Herrn Campbell lenkte ſich nun auf das Gut, und nach vielen Fragen bemerkte Jener: 3 „Ich habe überdacht, daß es ſehr vortheilhaft, ſo⸗ wohl für die Regierung, als für Sie, Herr Campbell, ſeyn möchte, wenn, nachdem Ihr Beſitzthum gelichtet und ausgerodet iſt, mit der Waſſerkraft, welche Sie hier beſitzen, von Ihnen eine Mahl⸗ und eine Säge mühle errichtet würde. Sie wiſſen, daß die Regieru das Fort mit Mehl und mit Vorräthen aller Art zu verſehen hat, und daß die Zufuhr bedeutende Koſten macht, daß das Rindvieh, welches wir auf dem Fort halten, uns mehr koſtet, als es werth iſt, da wir nun Ihre Prairie verloren haben, die uns äußerſt gelegen war. Auf der andern Seite würden Ihnen Ihre Pro⸗ dukte bei der Entfernung Ihres Gutes von irgend ei⸗ 228 nem Markte ſehr wenig nützen, wenn Sie nicht irgend einen Abſatz für dieſelben finden. Wenn Sie aber eine Müßhle errichten und Ihr eigenes Getreide ſelbſt mah⸗ len, was Sie im folgenden Jahre thun können, wenn Sie genügende Mittel haben, und da Sie ferner eine Menge von Stämmen beſitzen, ſo ſind Sie im Stande, das Fort mit Mehl, Rindfleiſch, Schweine⸗ und Ham⸗ melfleiſch u. ſ. w. zu verſorgen. Sie machen dabei ei⸗ nen guten Gewinn, und es koſtet das Gouvernement nur die Hälfts des Preiſes, den es jetzt bezahlt; ich habe dem Gonvernement über dieſen Gegenſtand ge⸗ ſchrieben, ihm geſagt, daß wir die Mittel nicht haben, unſere Stämme zu fällen und das auszuführen, was ich Ihnen jetzt vorſchlage. In wenigen Tagen erwarte ich Antwort, und ich werde autoriſirt werden, eine Uebereinkunft mit Ihnen zu treffen, welche, wie ich nicht im Mindeſten zweifle, für Sie vortheilhaft ſeyn wird.“ Herr Campbell erſtattete dem Oberſt ſeinen leb⸗ haften Dank für ſeine Güte und erklärte, daß er ſei⸗ nem Rathe folgen würde, wenn er die hinreichenden Mittel hiezu hätte; da dieſes aber nicht der Fall, ſo ſey es ihm nur dann möglich, wenn ihm erlaubt werde, zu der Arbeit um eine Abtheilung von Soldaten zu bitten, welche ihm der Kommandant während des Som⸗ mers geben könne. „Das iſt ein Punkt, über welchen ich Gewißheit wünſchte, denn mein Zartgefühl erlaubt mir nicht, hier⸗ züber eine Frage zu ſtellen. Nun aber finde ich, daß ſerer Uebereinkunft keine Schwierigkeiten im Wege ſtehen werden.“ Der Oberſt blieb geraume Zeit, betrachtete das Gut und unterhielt ſich mit Herrn Campbell; dann nahm er Abſchied. In der Zwiſchenzeit waren Alfred und ſeine Cou⸗ ſinen ausgegangen; der Tag war ſchön und klar, und am Nachmittage war die Hitze nicht zu drückend. .. 229 Als ſie am Ufer des Fluſſes hinſchlenderten, ſagte Mary: „ Nun, Alfred, was ſagſt Du zu dem Vorſchlage des Oberſten?“ „Ja,“ bemerkte Emma,„Du biſt durch ihn etwas ſtark beunruhigt.“ „Wie ſo) theure Couſine?“ „Ei nun, begreifſt Du nicht, daß, wenn die Mühle errichtet wird, Du die geeignete Perſon ſeyn wirſt, ſie zu betreiben? Welch ein Wechſel im Gewerbe! Zu⸗ erſt ein Seemann, dann ein Müller. Ich ſehe Dich ſchon in Deinem Rock, weiß wie Mehl, zum Mittag⸗ eſſen kommen.“ „Meine liebe Emma, Du beabſichtigteſt es nicht, ich weiß es, aber Du fühlſt nicht, daß Du mich be⸗ trübſt. Als der Oberſt den Vorſchlag machte, erkannte ich die Bedeutung deſſelben, und daß er eine Quelle großen Vortheils für meinen Vater ſeyn würde; aber zu derſelben Zeit, ich weiß nicht, wie das kam, habe ich die Idee lieb gewonnen, daß wir nicht für immer hier bleiben werden, und dieſer Plan ſcheint mir uns zu einem lebenslänglichen Aufenthalt hier zu führen. Dieß ſtimmte mich trübe. Ich weiß, daß es eine Thor⸗ heit iſt, und daß wir keine Hoffnung auf eine Erlöſung haben; aber dennoch kann ich nicht anders, weil jene Hoffnung immer vor meinen Augen iſt, meine Seele mit dem Gedanken beſchäftigt, daß ich eines Tags mei⸗ nem Berufe wieder gegeben werde; und den Gedan⸗ ken, auf Lebenszeit ein Müller zu werden, kann ich jetzt noch nicht liebgewinnen.“„. „Nun, Alfred, ich ſagte es bloß, um Dich eiſt Wenig zu plagen, nicht um Deinen Gefühlen wehe zu thun, glaube mir das,“ verſetzte Emma.„Du ſollſt kein Müller werden, wenn Du nicht willſt. Heinrich wird vielleicht beſſer dazu taugen, als Du. Was aber das Verlaſſen dieſes Ortes betrifft, ſo hege ich keinen Gedanken, daß dieſes je möglich werde. Ich habe mir 230 in den Kopf geſetzt, in den Wäldern Canada's zu le⸗ ben und zu ſterben, und ich betrachtete es als mein eigenſinniges Schickſal, daß all meine Annehmlichkeiten in der Luft dieſer Wüſte vergehen ſollen.“— „Bereuen iſt nutzlos, wenn nicht ſündig,“ bemerkte Mary Percival.„Wir haben vielmehr dankbar zu ſeyn; jedenfalls ſind wir unabhängig, und wenn wir im Stande ſeyn werden, die Schuld an unſerem Onkel und unſerer Tante für ihre Güte abzutragen, ſo müſ⸗ ſen wir um ſo mehr erfreut und zufrieden ſeyn, als wir den Wechſel ihrer Verhältniſſe uns mehr zu Herzen nehmen müſſen, als wir es thun. Ich habe eben ſo gut gedacht, als Du, Alfred, und ich ſage Dir meine Gedanken. Ich blickte auf einige Jahre vor⸗ wärts, und in dieſer Zeit iſt es möglich und wahr⸗ ſcheinlich, daß wir in jeder Richtung andere Anſiedler als Nachbarn haben werden. Dieß wird uns Sicher⸗ heit geben. Dann dachte ich weiter, daß das Gut meines Onkels an Bedeutung und Werth gewinne, und daß er in dem Diſtrikte der Obmann werde, was auch für einen Anſiedler von Vortheil iſt; weiter dachte ich, daß, von Andern umgeben, in vollſtändiger Sicher⸗ heit und in angenehmer, unabhängiger Stellung mein Onkel die großen Opfer nicht vergeſſen werde, welche mein Vetter Alfred ſo edel brachte, ſofort einwillige, daß er zu ſeiner Beſchäftigung zurückkehre, zu welcher er ſo große Neigung hat, und in der er ſich, wie ich nicht im Mindeſten zweifle, auszeichnen wird.“. „Gut geſprochen, meine ſüße Prophetin,“ ſagte Alfred, indem er ſeine Couſine küßte,„Du haſt mehr Verſtand, als wir Beide.“— „Antworte für Dich ſelbſt, Alfred, wenn es Dir beliebt, ſagte Emma, indem ſie den Kopf zurückwarf, als ſey ſie beleidigt.„Deine Bemerkung werde ich nicht vergeſſen, das verſichere ich. Uebrigens prophe⸗ zeihe ich gerade das Gegentheil; Alfred wird nie mehr auf die See gehen, er wird von den Reizen der Toch⸗ 231 ter irgend eines ſchottiſchen Anſiedlers, einer Hanne oder Margareth, bezaubert werden, ſich als canadiſcher Bauer niederlaſſen, und auf einem langbeinigen, ſchwar⸗ zen Klepper reiten.“ „Und ich prophezeihe,“ entgegnete Alfred,„daß zu derſelben Zeit, in welcher ich mich, wie ſo eben geſagt wurde, verheirathe und anſiedle, Fräulein Emma Per⸗ cival durch ihre Reize irgend einen langbeinigen, ſchwarzen Burſchen von noch unbeſchriebener Sorte aufbringen wird, der ſich mit einem Whiskyſchoppen beſchäftigt, ſein Weib als Stallmagd anſtellt, und er⸗ wartet, daß ſie ſeine Gewohnheiten annehme.“ „Emma, ich meine, Du haſt das Schlimmſte von dieſem Schauen in die Zukunſt bekommen,“ ſagte Mary lachend. „Ja, wenn Alfred nicht ein falſcher Prophet wäre, dergleichen immer ſo viele herumwandeln,“ verſetzte Emma.„Indeſſen hoffe ich, daß Deine Prophezeihung wahr werde, Mary, und dann werden wir von ihm befreit werden.“ „Ich ſchmeichle mir ſelbſt, daß Ihr ſehr traurig ſeyn würdet, wenn ich weggehe, Ihr hättet jedenfalls niemand zu plagen,“ verſetzte Alfred,„und das würde beſonders Dir ſelbſt ein großer Verluſt ſeyn.“ „Nun, in dieſer Bemerkung iſt doch einiger Sinn,“ ſagte Emma;„aber die Kühe warten auf das Melken, und ſo, Herr Alfred, wenn Sie bei guter Laune ſind, ſo werden Sie wohl daran thun, uns die Eimer zu bringen.“ „Es iſt wirklich Schade für Alfred,“ ſagte Mary, als er ſo weit weg war, daß er ſie nicht hören konnte. „Sein Opfer war in der That ſehr groß, größer, als er es ſelbſt fühlen mag.“ 3 „Er iſt ein lieber, edler Junge,“ verſetzte Emma, „und ich liebe ihn ſehr; aber ich kann nicht helfen, ich muß ihn plagen.“ „Aber in einigen Punkten ſollteſt Du vorſichtiger * . 232² ſeyn, meine theure Schweſter, Du weißt nicht, welchen Schmerz Du ihm machſt.“ „Ja, das weiß ich, und ich bin immer traurig, wenn ich es gethan habe; allein es iſt immer nachher, daß ich mich daran erinnere, und dann bin ich ſehr unzufrieden mit mir ſelbſt. Zanke nicht mit mir, theure Mary, ich will verſuchen, klüger zu werden. Ich bin begierig, ob das geſchieht, was Du ſagſt, und ob wir Nachbarn bekommen werden; ich wünſche, wir hätten welche, wäre es auch nur der Indianer wegen.“ „Ich halte es für ſehr wahrſcheinlich,“ entgegnete Mary; doch die Zeit wird es lehren.“ Alfred kam nun mit den Eimern zurück, und die Unterhaltung bekam eine andere Wendung. Einige Tage ſpäter kam ein Korporal von dem Fort und brachte Briefe und Zeitungen, die erſten, die ſie ſeit dem Winter erhalten hatten. Die ganze Fa⸗ milie war in Bewegung, als dieſe Nachricht verkündet wurde; Mary und Emma ließen das Geflügel, welches ſie fütterten, ſtehen; Percival warf das Stroh weg, mit welchem er die Ferkel verſehen wollte; Alfred rannte von dem Platze weg, an welchem er und Mar⸗ tin mit dem Spalten der Balken beſchäftigt waren. „Alles drängte ſich um Herrn Campbell, als er das Packet öffnete, in welches die Briefe und Zeitungen auf dem Fort wohl eingewickelt worden waren. Der Briefe waren nur wenige, drei von Miß Paterſon, und zwei von andern Freunden in England, welche die engliſchen Neuigkeiten mittheilten;z einer an Alfred, Don Capitän Lumley, welcher ſich nach der Familie er⸗ undigte und ihm ſagte, daß er ſeine Lage ſeinen Freun⸗ den im Rathe mitgetheilt habe, und daß die ihn für jetzt nicht zum Dienſte einberufen wollten; einer von Herrn Campbells Agenten in England, der ihn be⸗ nachrichtigte, daß er das von Herrn Douglas Campbell für die Pflanzen bezahlte Geld ſeinem Agenten in Quebec übermacht habe; endlich ein anderer von dem 233 Agenten zu Quebee, der den Empfang des Geldes an⸗ zeigte, und einen Rechnungsabſchluß enthielt. Zuerſt wurden die Briefe geleſen, dann wurden die Zeitungen vertheilt; alle waren ſehr beſchäftigt und ſchwiegen während des Durchleſens. Nah einiger Zeit rief Emma aus:„theurer Onkel, hören Sie nur dieſes; wie traurig ich binl“ „Was iſt es, meine Theure?“ ſagte Herr Campbell. „Herr Douglas Campbell zu Wexton⸗Hall erhielt einen Sohn, der ſeine Geburt nur wenige Stunden überlebte.“— „Ich bin in der That ſehr traurig darüber, meine theure Emma,“ verſetzte Herr Campbell.„Die Güte des Herrn Douglas Campbell gegen uns macht uns für jedes Unglück theilnehmend, welches ihm begegnen kann, und Alles Angenehme, was ihm begegnen mag, muß uns freuen.“ „Es muß eine ſchlimme Täuſchung geweſen ſeyn! Doch wenn es Gott gefällt, ſo wird er Erſatz finden, und wir wollen hoffen, daß ihre Erwartungen, für den Augenblick vernichtet, in der Zukunft ſich verwirklichen.“ „Hier iſt ein Brief vom Oberſt Forſter,“ ſagte Herr Campbell;„ich habe ihn überſehen, er war zwi⸗ ſchen dem Umſchlage. Er ſchreibt, daß er Antwort von dem Gouverneur erhalten habe, und daß dieſer mit ſeinen Anſichten, hinſichtlich des mit mir beſpro⸗ chenen Gegenſtandes, vollkommen übereinſtimme, und ihn beauftragt habe, die Wege einzuſchlagen, welche er für rathſam halte. Der Oberſt ſagte, daß er in einigen Tagen herüber kommen wolle, und daß ich ihm in der Zwiſchenzeit wiſſen laſſen ſolle, wie viele Sol⸗ daten ich zu verwenden wünſche. Er will das Ueber⸗ einkommen mit mir ſo bald und ſo billig, als es in ſeiner Macht ſteht, abſchließen. Wir haben dem Him⸗ mel zu danken, daß er uns Freunde geſchickt hat, fuhr Herr Campbell fort;„aber nun wollen wir die Briefe 4. 234 bei Seite legen und zu unſern engliſchen Neuigkeiten zurückkehren.“ 3 „Theures England!“ rief Emma aus. „Ja, theures England, mein gutes Mädchen; wir ſind Engländer und können unſer Land auch jetzt noch ſo lieben, wie wir es liebten, als wir noch darin leb⸗ ten. Wir ſind immer noch Engländer, auch in einer engliſchen Colonie. Wenn es dem Himmel gefallen hat, uns aus unſerm Vaterlande zu entfernen, ſo ſind doch unſere Herzen und unſere Gefühle ſtets bei dem⸗ ſelben, und ſo werden engliſche Herzen in jeder An⸗ ſiedlung gefunden, mögen ſie in unſerer Gegend oder in der weiten Welt ſeyn. Wir Alle rühmen uns, Engländer zu ſeyn, und haben Alle Urſache, auf unſer Land einen Stolz zu ſetzen. Möge dieſes Gefühl nie verloren gehen, denn es übt einen erhebenden Einfluß auf unſer ganzes Benehmen aus.“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Es währte beinahe fünf Wochen, bis Heinrich von ſeiner Reiſe nach Montreal zurückkam, und während dieſer Zeit hatte der Oberſt ſeine Beſuche wiederholt und das Uebereinkommen mit Herrn Campbell getrof⸗ fen. Eine Abtheilung von zwanzig Soldaten war zum Arbeiten abgeſchickt worden, zum Fällen der Bäume, zum Spalten der Stämme, für welche Dienſtleiſtungen Herr Campbell wie früher bezahlte. Das Winterhaus und die Palliſadirung für die Schaafe wurde in Arbeit genommen und machte in kurzer Zeit große Fortſchritte, da jetzt viele Leute damit beſchäftigt waren. Sie hat⸗ ten zu gleicher Zeit den Strom eine ziemliche Strecke lang unterſucht, um die beſte Stelle zur Anlegung 1 — 235 einer Waſſermühle zu ermitteln, und dieſelbe ohngefähr eine halbe Meile vom Ufer des See's ausgewählt, weil da der Fluß einen beträchtlichen Fall hatte und mit großer Schnelligkeit floß. Es wurde indeſſen nicht erwartet, daß die Mühle vor dem nächſten Jahre er⸗ richtet werde, indem es nöthig war, einen Baumeiſter zu haben und die Einrichtung von Montreal oder Quebec kommen zu laſſen. Es wurde beabſichtigt, daß die Schätzung der Koſten gefertigt, der Contract abge⸗ ſchloſſen, und die erforderliche Vorkehrung während des Herbſtes getroffen werde, ſo daß ſie im Frühling näch⸗ ſten Jahres fertig ſeyn ſollte. Es war an einem Mon⸗ tag Morgens, als Heinrich von dem Fort anlangte, wo er den Sonntag zugebracht, nachdem er es am Donnerſtag Nachts erreicht hatte. Die Fahrzeuge mit den Geräthſchaften hatte er in dem Fort gelaſſen; ſie wurden während des Tages herüber gebracht, aber Heinrich in ſeiner Ungeduld, ſeine Familie wieder zu ſehen, wollte nicht auf ſie warten. Er wurde, wie man ſich denken kann, freudig empfangen, und ſo wie der erſte Jubel vorüber war, ſetzte er ſeinen Vater von dem in Kenntniß, was er unternommen hatte. Von einem canadiſchen Farmer hatte er vierzig Mutterſchaafe von ſehr ſchöner Zucht erhalten, obgleich ſie den engli⸗ ſchen nicht im geringſten gleich ſtanden; aber der Agent hatte ſich ſehr viele Mühe für ihn gegeben, um ihm zwanzig engliſche Schaafe und zwei Widder von der beſten Gattung, vollkommen tauglich zur Zucht, zu verſchaffen. Die letzteren hatte er ziemlich theuer zu bezahlen, doch ſie waren für Herrn Campbell viel Geld werth, und dieſer war über den Kauf ſehr erfreut. Um die Schaafe auszuwählen, war Heinrich gezwungen, ſich des Agenten und der Betheiligten zu bedienen, in⸗ dem er nicht ſelbſt darüber urtheilen konnte; aber auf ſein eigenes Urtheil hin hatte er zwei canadiſche Pferde gekauft; denn er war lange genug in Oxrford geweſen, um die Eigenſchaften eines Pferdes kennen zu lernen, * und als er zurückkehrte, hatte er einen ſehr guten Kauf gemacht. Er hatte ferner ein Schwein und Ferkel von einer bewährten Zucht gekauft, und all' die übrigen Aufträge waren ſehr glücklich ausgeführt worden, auch war der Verkauf der Felle zu dem Preiſe, welcher für ſie feſtgeſetzt worden, bewerkſtelligt. Es mag hier bei⸗ gefügt werden, daß er voll von Neuigkeiten war, daß eer von Montreal, von den Parthien, zu welchen er eingeladen worden, und von den Leuten ſprach, mit welchen er in Berührung gekommen. Er hatte den Einkauf einiger der jüngſten engliſchen Schriften für ſeine Couſinen, nebſt einigen wenigen Artikeln von Galanteriewaaren nicht vergeſſen, welche er für ihre gegenwärtige Lage nicht zu glänzend glaubte. Er ſprach immer noch, und würde wahrſcheinlich noch einige Stunden länger geſprochen haben, ſo vielfach waren die Fragen, die er beantworten ſollte; da kam aber Martin und kündigte an, daß die Fahrzeuge mit den Geräthſchaften und dem Vieh angekommen ſeyen. Hie⸗ rauf verfügten ſich alle an den Fluß, um mit anzuſe⸗ hen, wie die Sachen ausgeſchifft und durch die dort arbeitenden Soldaten an's Land gebracht wurden. Die Geräthſchaften wurden auf dem Boden des Lagerhauſes untergebracht, die Pferde und die Schaafe mit den Kü⸗ hen auf die Wieſen getrieben. Eine wöchentliche Ra⸗ tion für die Soldaten kam auch von dem Fort; die Mannſchaft war in der Vertheilung derſelben ſehr em⸗ ſig, und brachte ſie in den Hütten unter, welche ſie zu ihrer Bequemlichkeit während der Dauer ihrer Arbeit für Herrn Campbell errichtet hatten. Ehe der Abend kam, war Alles geordnet, und Heinrich war wieder von der Familie umringt, um deren Fragen zu beant⸗ worten. Er erzählte, daß der Gouverneur von Mont⸗ real ſie einladen laſſe, den Winter im Gouvernements⸗ hauſe zuzubringen, und daß er den jungen Damen verſpreche, kein Wolf ſolle es wagen, in ihre Nähe zu kommenz und daß die Adjutanten ſich die Ehre von 4 2 237 ihnen auf den erſten Ball erbitten, der nach ihrer An⸗ kunft gegeben werden ſolle. Alle lachten darüber, und kurz es ſchien, daß nichts der Gefälligkeit und Gaſt⸗ freundſchaftlichkeit gleich komme, mit der er behandelt wurde; es unterlag keinem Zweifel, daß dieſelbe auch auf die Familie ausgedehnt werden würde, ſo wie ſie ſich entſchließen konnte, dahin zu ziehen.“ Es trat eine Pauſe ein und in derſelben ſprach Malachi zu Herrn Campbell: —„Martin wünſcht, daß ich mit Ihnen ſpreche, ir.“ 3 „Martin?“ ſagte Herr Campbell, indem er im Zimmer umherblickte und gewahr wurde, daß dieſer ſich nicht im Zimmer befand.„Ei, ich begreife, er iſt hin⸗ ausgegangen. Was kann es ſeyn, daß er es mir nicht ſelbſt ſagen kann.“ „Es iſt gerade ſo, wie ich ihm ſagte,“ entgegnete Malachi,„aber er meint, es ſey beſſer, wenn es durch mich an Sie gelange. Die Sache iſt, daß er ſich in die Erdbeere verliebt hat und wünſcht, ſie zu ſeinem Weibe zu machen.“ „In der That?“ „Ja, Sir, ich habe nicht gedacht, daß er irgend etwas davon ſagen würde, aber ſehen Sie, da ſind nun ſo manche Soldaten hier und drei oder vier derſelben ſind auch Martins Anſicht, und das macht ihn ſehr un⸗ ruhig, ſo lange die Sache nicht geordnet iſt. Da er nun in Ihren Dienſten iſt und ohne ihre Zuſtimmung nicht wohl heirathen kann, ſo hat er mich gebeten, mit Ihnen darüber zu ſprechen.“ „»Nun gut, aber die Erdbeere iſt ja Ihr Eigen⸗ thum und nicht das meinige, Malachi.“ „Ja, Sir, nach indianiſcher Weiſe bin ich ihr Va⸗ ter, aber ich habe nichts einzuwenden, und werde mich nicht anen enniger Helchente für ſie di werlangen. „Geſchenke für ſie! Nun wir im Allgemeinen ge⸗ ens ben Geſchenke oder Geld mit einem Weibe;“ ſagte Emma. „Ja, es iſt ein Unterſchied zwiſchen engliſchen Wei⸗ bern und indianiſchen. Ein engliſches Weib verlangt, daß man für ſie arbeite und koſtet Geld; aber ein in⸗ dianiſches Weib arbeitet für ſich ſelbſt und für ihren Mann, und ſo iſt ſie von Werth und wird in der Re⸗ gel von ihrem Vater gekauft; ich glaube daher, daß es wohlfeiler iſt, für ein indianiſches Weib zu zahlen, als mit einem Engliſchen Geld zu bekommenz doch dies mag ſeyn, wie es will.“ „Das iſt nun gerade keine ſehr große Höflichkeit, Malachi,“ ſagte Mrs. Campbell. 4„Vielleicht iſt es keine, Ma'am, aber größtentheils trifft es ſo zu. Nun, ich bin willens, daß Martin die Erdbeere bekommen ſoll, denn ich weiß, daß er ein ſcharfer Jäger iſt und wohl für ſie ſorgen wird, und ich fühle, daß wenn er ſie zu ſeinem Weibe macht, ich viel gemächlicher leben werde. Ich ſoll nämlich mit. ihnen hier in der Nähe wohnen, Martin will Ihnen dienen und wenn er ſein Weib hat, ſo wird er ſeine Geſinnung nicht ändern und in die Wälder gehen.“ „Ich finde den Vorſchlag ganz vortrefflich, und ich bin um ſo mehr über denſelben erfreut, als wir Sie dann ganz und gar haben werden,“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Ma'am, wenn Sie das wollen, und dann will ich immer mit dem Knaben ſeyn und auf ihn ſehen, und Sie werden immer wiſſen, wo er iſt, und nichts mehr fürchten.“ „Sehr wahr, Malachi,“ ſagte Herr Campbell,„ich betrachte es als eine herrliche Einrichtung. Wir müſſen Ihnen eine beſſere Hütte bauen, als dieſe, in der Sie ſich befinden.“ „Nein, Sir, keine beſſere, denn wenn ſie auch alle Mängel hat, ſo können Sie doch nicht abhelfen, ſie iſt hoch genug, aber vielleicht nicht nahe genug. Ich denke, daß wenn das Schaafhaus geendigt iſt, ſo waͤre 1 — 239 es gut, wenn wir unſere Hütte innerhalb der Paliſa⸗ den bauen würden, und dann werden wir eine Art Wache für die Geſchöpfe.“ „Ein ſehr guter Einfall, Malachi; nun wohlan, in ſo fern ih zu beſtimmen habe, ſo hat Martin meine Zuſtimmung, zu heirathen, ſobald es ihm beliebt.“ „Und die meinige auch, wenn ſie nöthig iſt,“ be⸗ merkte Mrs. Campbell.. „Aber wie wird denn die Hochzeit ſeyn?“ ſagte Emma;„ſie haben auf dem Fort keinen Geiſtlichen, der iſt ſeit dem letzten Jahre weg.“ „Ei, Miß, die vermiſſen einen Geiſtlichen nicht; ſie iſt ein indianiſches Mädchen und will nach india⸗ niſcher Manier heirathen.“ „Aber welche Manier iſt dies?“ ſagte Mary. „Ei nun, Miß, er kommt zu der Hütte und holt ſie fort in ſein eigenes Haus.“ Alfred brach in ein Gelächter aus und ſagte:„Das heißt die Sache kurz abgemacht.“ 4 „Ja, zu kurz, nach meiner Meinung,“ ſagte Mrs. Campbell.„Malachi, wenn es wahr iſt, daß die Erd⸗ beere ein indianiſches Mädchen iſt, ſo ſind doch wir keine Indianer, Martin iſt keiner, und auch Sie, der als ihr Vater auftritt, ſind kein Indianer, daher kann ich eine ſolche Heirath nicht gut heißen.“ „Nun, Ma'am, wie es Ihnen gefällig iſt, aber es ſcheint mir doch recht zu ſeyn. Wenn Sie in eine Ge⸗ gend gehen, und ein Mädchen aus derſelben zu heira⸗ then wünſchen, ſo wird ihre Heirath durch die Vorſte⸗ her dieſer Gegend bewilligt. Nun, Martin ſucht ein indianiſches Weib, und warum ſoll er da nicht nach indianiſcher Weiſe heirathen.“ „Sie mögen nach Ihrer Meinung Recht haben, Malachi,“ ſagte Mrs. Campbell,„aber jetzt müſſen Sie unſerem Ausſpruche Folge leiſten. Wir glauben niemals, daß ſie ein verheirathetes Weib ſey, wenn 240 nicht einige Ceremonien vorausgegangen ſind, die ich Ihnen jetzt vorſchlage.“ „Gut, Ma'am, ganz nach Ihrem Belieben, aber nun beſtimmen Sie die Heirath nach Ihrer Weiſe und das Mädchen wird nicht ein Wort von dem verſtehen, was geſagt wird, zu was wird es dann gut ſeyn?“ „Für jetzt freilich zu nichts, Malachi; aber denken Sie daran, daß, wenn ſie auch jetzt noch keine Chriſtin iſt, ſie doch ſpäter eine werden kann. Ich habe oft über dieſen Gegenſtand nachgedacht und ich fühle, daß es von Vortheil iſt, mit ihr jetzt darüber zu ſprechen, und ſobald ſie genug engliſch verſteht, um zu begreifen, was ich ihr ſage, ſo hoffe ich, ſie zu überzeugen. Nun, wenn ſie eine Chriſtin werden ſollte, und ich hoffe zu Gott, daß ſie es will, ſo wird ſie einſehen, daß ſie nicht eigentlich geheirathet hat, und ſie wird ängſtlich ſeyn und verlangen, daß die erforderliche Ceremonie noch vorgenommen werde; habe ich nun nicht Recht?“ „Wohl, Ma'am, wenn es Ihnen ſo beliebt, ſo habe ich keine Einwendung zu machen. Ich bin ſicher, daß Martin auch keine hat.“. „Das glaube ich auch, Malachi,“ entgegnete Mrs. Campbell. „Und wenn auch kein Geiſtlicher im Fort iſt,“ be⸗ merkte Herr Campbell,„ſo kann jetzt der Oberſt in ſei⸗ ner Abweſenheit trauen. Eine Heirath vor einem com⸗ mandirenden Offtziere eingegangen, iſt ganz geſetzlich.“ „Ja,“ bemerkte Alfred,„und ſo iſt es auch eine Hei⸗ rath vor dem Capitän eines Kriegsſchiffes.“ „Wenn dem ſo iſt,“ verſetzte Malachi,„dann je früher, deſto beſſer, denn die Soldaten ſind ſehr unge⸗ ſtüm und ich kann ſie nicht aus meiner Hütte treiben.“ Martin, welcher außerhalb des Thores war und Alles, was vorging, bemerkt hatte, kam nun herein, der Gegenſtand wurde nochmals beſprochen und Mar⸗ tin ſagte ſeinen Dank für die ihm ertheilte Erlaubniß. 4 — 1 241 „Ei!“ ſagte Emma, ndaran habe ich nicht gedacht, daß wir in der Familie ſobald eine Hochzeit haben ſoll⸗ ten. Dies iſt in der That ein Ereisniß. Martin, ich wünſche Ihnen Glück, Sie bekommen ein ſehr ſchönes und ein ſehr gutes Weib.“ 4 „Das glaube ich auch, Miß,“ verſetzte Martin. „Wo iſt ſie?“ fragte Mary. „In dem Garten, Miß,“ bemerkte Malachi,„ſie geht den Soldaten aus dem Wege. Nun, da das Werk vollbracht iſt, beſtürmen ſie dieſelbe nicht wenig und ſie iſt glücklich, wenn ſie ihnen entwiſchen kann. Ich habe ihnen ſchon geſagt, ſie ſollen ihres Weges gehen; aber ſie folgen mir nicht; ſie wiſſen, daß ich meine Flinte nicht gebrauche.“ „Ich will nicht hoffen,“ entgegnete Mrs. Camp⸗ bell. Es würde ſehr ſchlimm ſeyn, einen Mann nie⸗ derzuſchießen, bloß weil er wünſcht, Ihre Tochter zu heirathen.“ „Das wäre es, Ma'am,“ verſetzte Malachi,„da⸗ rum werden wir um ſo eher Frieden haben, je ſchnel⸗ ler ſie Martin gegeben wird.“ Da das Boot beſtändig zwiſchen dem Fort und dem Gute hin⸗ und her ging, ſo ſchrieb Herr Campbell dem Oberſten und ſagte ihm, was er von ihm wün⸗ ſche. Der Oberſt ſetzte den Tag der Woche feſt, an welchem er kommen und die Ceremonie vornehmen wolle. Das gab ein kleines Feſt. Mrs. Campbell und die Fräulein Percival kleideten ſich ſchöner als gewöhnlich, daſſelbe thaten alle Männer der Nieder⸗ laſſung, ein beſſeres Mittageſſen als gewöhnlich wurde zubereitet, der Oberſt und einige Officiere kamen, um mit ihnen zu ſpeiſen und den Tag mit ihnen zu feiern. Martin war außerordentlich fröhlich und voll munte⸗ rer Laune; die Erdbeere trug ein neues Kleid von jun⸗ gen Dam⸗Hirſchfellen und hatte Blumen in ihrem lan⸗ gen, ſchwarzen Haare; ſie ſah, wie ſie es wirklich war, Die Anſi dler in Canada. 16 242 ſehr ſchön und ſehr ſchüchtern aus, war aber nicht all⸗ zuſehr verlegen. Die Trauungsceremonie wurde ihr durch Malachi erklärt und ſie willigte freudig ein. Die Trauung fand Vormittags ſtatt und eine oder zwei Stunden ſpäter ſaßen ſie an der reichlich beſetzten Tafel, die ganze Geſellſchaft war ſehr fröhlich, beſonders da der Oberſt, munterer als gewöhnlich, darauf beſtand, bei Tiſch neben der Erdbeere zu ſitzen, was ſie bisher nicht gethan hatte; ſie fügte ſich ohne Verlegenheit, ſie lä⸗ chelte, wenn die Andern lachten, obwohl ſie nur we⸗ nig verſtand, was ſie ſprachen. Herr Campbell öffnete zwei ſeiner Weinflaſchen, um den Tag zu feiern, und es war eine ſehr fröhliche Geſellſchaft. Die einzigen Mißvergnügten waren drei oder vier Soldaten außen, welche im Sinn gehabt hatten, die Erdbeere zu heira⸗ then; aber da ſie wußten, daß ihr Oberſt da ſey, ſo lief Alles ohne Störung und Unannehmlichkeit ab. Bei Sonnenuntergang begaben ſich der Oberſt und die Of⸗ ficiere nach dem Fort; die Familie blieb im Hauſe, bis zehn Uhr vorüber war, zu welcher Zeit ſich alle Soldaten niedergelegt hatten. Herr Campbell ſprach das Gebet und fügte einen Zuſatz an, in welchem er für das Glück des neu getrauten Paares flehte. Hier⸗ auf grüßten alle die Erdbeere und wünſchten ihr gute Nacht. Sie wurde dann durch Martin, begleitet von Alfred, Heinrich, Malachi, Percival und John nach der Hütte gebracht, indem letztere ſie als Wache ge⸗ gen irgend einen Anfall von Seite der mißgeſtimmten Freier dahin begleiteten. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Wie fröhlich und munter jetzt Alles ausſieht!“ ſagte Emma zu Mary wenige Morgen nach der Hoch⸗ zeitsfeier.„Man hätte ſchwerlich geglaubt, daß nach wenigen Monaten dieſe belebte Landſchaft aus einer großen Maſſe von Schnee und Eis hervorgehe, daß wir nun Zuſammenkünfte halten, ſtatt das Brauſen des Sturms und das Heulen der Wölfe zu hören.“ „In der That, zwei ſehr angenehme Zugaben,“ verſetzte Maryz„aber was Du bemerkteſt, war mir in demſelben Augenblicke auch in den Sinn gekommen.“ Die Scene war in der That belebt und ſchön, die Wieſe auf der einen Seite des Fluſſes prangte mit ihrem hohen Sommergraſe. Auf der andern Seite weideten die Kühe, Pferde und Schafe in jeder Rich⸗ tung. Der ferne See war ruhig und wellenlos; die Vögel ſangen und zwitſ erten fröhl ch in den Wäl⸗ dern; näher am Hauſe war das Grün der Felder mit Soldaten beſetzt, welche weiß gekleidet waren und ſich auf verſchiedene Weiſe beſchäftigten; das Korn wogte ſeine gelben Aehren zwiſchen den Stöcken der Bäume in dem gerodeten Lande, und der Rauch aus dem Ka⸗ mine des Hauſes ſtieg in einer Säule zum Himmel empor; das Grunzen der Ferkel, das Krähen des Ge⸗ flügels und das hie und da ſich erhebende Blöcken der Kälber, welches jenem der Kühe antwortete, gab dem Gemälde Leben und Regſamkeit. In kleiner Entfer⸗ nung von dem Ufer ſchaukelte ſich die Barke in dem ſtillen Waſſer. John und Malachi waren ſehr emſig mit dem Fiſchen beſchäftigt; die Hunde lagen an den Paliſaden, Oscar ausgenommen, der wie gewöhnlich ſeine jungen Gebieterinnen erwartete und unter dem Schatten eines großen Baumes in einer kleinen Ent⸗ fernung von dem Hauſe lag; während Herr Campbell 244 und Percival, bis die andern kamen, die Aufgabe des letzteren durchgingen. „Das ſieht nun ſehr wenig einer Wildniß gleich, Mary? Nicht wahr?“ fragte Emma. „Ja, meine theure Schweſter, es iſt ſehr verſchie⸗ den von dem, was es war, als wir hieher kamen; in⸗ deſſen wäre es mir doch angenehm, wenn wir einige Nachbarn hätten.“ „So iſt es mir auch; irgend eine Geſellſchaft iſt doch beſſer, als gar keine.“ „Darin ſtimme ich mit Dir nicht überein; aber dennoch denke ich, wir können Vergnügen finden, wenn wir auch ungebildete Menſchen neben uns hätten, vor⸗ ausgeſetzt, daß ſie ehrbar und gut ſind.“ „Das iſt es ja, was ich ſagen wollte, Mary; aber wir müſſen hineingehen und die neue Guitarre probi⸗ ren, welche uns Heinrich von Montreal mitgebracht hat. Wir verſprachen ihm dieß. Da kommt Alfred, um uns ſeine Müßigkeit zu zeigen.“ „Seine Müßigkeit, Emma; das meinſt Du ſicher⸗ lich nicht, er iſt ſelten, vielleicht nie unbeſchäftigt.“ „Alle Menſchen ſind thätig, wenn es die Noth ge⸗ bietet,“ erwiederte Emma. „Ja, und viele Menſchen ſagen, was ſie ſelbſt nicht glauben,“ verſetzte Mary. 1 „Nun, Alfred, hier iſt Emma und nennt Dich ei⸗ nen Müßiggänger.“ „Es iſt jedenfalls nicht wahrſcheinlich, daß ich die⸗ ſes bin, verſetzte Alfred, indem er nach ſeinem Hute griff und ſich die Stirn wiſchte.„Mein Vater gibt mir genug zu thun; was glaubt Ihr, daß er dieſen Morgen vor dem Frühſtück zu mir ſagte?“ „Ich vermuthe, daß er zu Dir ſagte, Du würdeſt beſſer thun, zur See zu gehen, als da zu bleiben,“ verſetzte Emma lachend. „Nun, in der That, ich wünſchte, er hätte das ge⸗ ſagt; aber er hat vorgeſchlagen, daß Deine Prophe⸗ 245 zeihung, meine maliciöſe kleine Couſine, erfüllt werden ſollte. Er hat vorgeſchlagen, mich zu einem Müller zu machen.“ Emma klatſchte in die Hände und lachte. „Wie meinſt Du das?“ ſagte Mary.. „Ei nun, er ſetzte mir auseinander, daß die Mühle 275 Pfund koſten würde, und er dachte, daß, da mein halber Sold unverwendet ſey, ich denſelben zur Er⸗ bauung der Mühle verwenden ſolle, und er bot mir die erforderliche Summe an; er wollte mir das Geld vorſtrecken und ich ſollte es ihm wieder erſtatten, wenn ich meine Bezahlung empfangen würde, Das, meinte er, ſey eine Verſorgung für mich und jedenfalls eine Unabhängigkeit.“ „Ich ſagte Dir ja, daß Du ein Müller werden würdeſt!“ entgegnete Emma lachend.„Armer Alfred!“ I„Nun, was haſt Du geantwortet, Alfred?“ ſagte ary. „Ich ſagte ja; ich glaube, weil ich nicht nein ſa⸗ gen mochte.“ „Du haſt ſehr recht gethan, Alfred,“ verſetzte Mary.„Es kann Dir nicht keid ſeyn, wenn Du ein Eigenthum haben ſollteſt, und hätteſt Du es abgelehnt, ſo würdeſt Du Deinen Vater verletzt haben. Wenn Dein Geld auf die Mühle angelegt iſt, ſo wird mein Onkel mehr auf das Gut verwenden können; aber daraus folgt noch nicht, daß Du Dein ganzes Leben lang ein Müller bleiben ſollſt.“ Die Soldaten waren nun ſeit länger als zwei Monaten an der Arbeit; ein großer Theil des Holzes war gefällt, und das Land gerodet worden. Mit dem, was Alfred, Martin und Heinrich im vorigen Jahre gerodet hatten, waren es nun mehr als vierzig Mor⸗ gen Getreideland. Die Balken zu dem Gehege waren nun gefertigt und das Gehege ſelbſt wurde allmählig um das ausgerodete Land und die Wieſen vervollſtän⸗ digt, denn es war jetzt Zeit zum Mähen des Graſes 246 und zum Heu machen. Kaum war dies beendigt, ſo war das Korn für die Sichel reif, und es wurde ge⸗ ſammelt; eine Scheune war neben dem Schaafhauſe und neben der Hütte von Malachi, Martin und ſeinem Weibe errichtet worden. Sechs Wochen gab es un⸗ aausgeſetzte und ſchwere Arbeit, aber das Wetter war ſchön und Alles gelang vortrefflich. Die Dienſte der Soldaten waren nun nicht länger nothwendig und Herr Campbell ſchickte ſie, nachdem er ſie bezahlt hatte, in das Fort zurück. 3 „Wer ſollte es denken,“ ſagte Heinrich zu Alfred, als er ſeine Augen auf die Gebäude, auf die Schober von Korn und Heu und auf die mit Kühen beſetzten Wieſen richtete,„wer ſollte es denken, daß wir erſt ſo kurze Zeit hier ſind?“ 3 „Viele Hände, machen bald ein Ende,“ verſetzte Alfred,„Mit der Hülfe, die wir von dem Forte er⸗ hielten, haben wir gethan, was wir, auf uns ſelbſt beſchränkt, in ſechs Jahren gethan haben würden. Mei⸗ nes Vaters Geld wurde gut angelegt, und wird ſich gut rentiren.“ „Du haſt von dem Vorſchlage des Oberſt hinſicht⸗ lich der Kühe auf dem Fort gehört?“ „Nein, was iſt es damit?“ „Er ſchrieb dem Vater geſtern, daß er der Mei⸗ nung ſey, bloß die für die Offiziere der Garniſon nö⸗ thigen Kühe zu füttern, und daß er jetzt alle Ochſen in Iu Fort um einen ſehr annehmbaren Preis verkaufen wolle.“ „Wenn wir nun auch genug Futter für ſie wäh⸗ rend des Winters hätten, was ſollten wir mit ihnen anfangen?“ 1 „Sie wieder auf das Fort zum Unterhalt der Trup⸗ pen verkaufen,“ entgegnete Heinrich,„und daraus groſ⸗ ſen Vortheil ziehen. Der Commandant ſagt, daß ſo das Gouvernement wohlfeiler dazu käme, als wenn es gezwungen ſey, ſie zu füttern.“ „Daß dem ſo iſt, bezweifle ich nicht; denn ſie ha⸗ ben jetzt nichts, um das Vieh zu füttern; ſie vermiſſen unſere Prairie wegen des Heues ſehr, und wenn ſie nicht einen ſo außerordentlichen Vorrath gehabt hätten, ſo würden ſie es den letzten Winter nicht haben füttern können.“ K „Mein Vater will einwilligen, ich weiß es, und er wäre auch wirklich ſehr thöricht, wenn er es nicht thun würde, denn vieles davon wird geſchlachtet wer⸗ den, wenn der Winter kommt, und es hat uns dann bloß das Gras gekoſtet.“ „Es iſt ein wahres Glück für uns, daß wir ſolche Freunde gefunden haben,“ entgegnete Alfved.„Andern Anſiedlern würde wahrſcheinlich dieſe Unterſtützung nicht geworden ſeyn.“ „Gewiß nicht; aber Du ſiehſt, Alfred, wir ver⸗ danken dieſe Vortheile alle Deiner Bekanntſchaft mit Capitän Lumley, wenigſtens ſagen Vater und Mutter ſo, und ich ſtimme mit ihnen überein. Der Einfluß des Capitäns Lumley auf den Gouverneur hat all' dieſe Theilnahme an uns erregt.“ Ich glaube, daß wir annehmen müſſen, die ei⸗ genthümliche Lage der Familie habe dieß noch mehr ge⸗ than Es kommt nicht oft vor, daß ſie mit Anſiedlern von Bildung und in anſtändiger Kleidung zu thun ha⸗ ben, und natürlich mußte auch ein Mitgefühl für eine ſo geſchilderte Familie in allen edeln Seelen erweckt werden.“ „Wohl wahr, Alfred, verſetzte Heinrich;„aber unſere Mutter wartet auf uns mit dem Mittageſſen.“ „Ja, und die Erdbeere mit ihr. Welch ein nied⸗ li hes, kleines Geſchöpf ſie iſt!“ „Ja, und wie ſie ſich beeilt, nützlich zu ſeynz ſie hat bereits ihre indianiſche Kleidung abgelegt, und ſteckt ganz in engliſchen Kleidern. Martin ſcheint ſehr zärt⸗ lich gegen ſie zu ſeyn.“ Und ſie auch gegen ihn,“ entgegnete Heinrich; 248 ein Weib mit einem fortwährenden Lächeln auf den Lip⸗ pen, iſt ein Schatz. Komm, laß uns hineingehen.“ Als vierzehn Tage vorübergegangen waren, ereig⸗ nete ſich etwas, was große Unruhe erregte. Herr Camp⸗ bell war mit Alfred und Martin beſchäftigt, das Haus mit den Geräthſchaften aufzuräumen und die letzteren zu ordnen. Viele Kiſten und Päcke wurden geöffnet, unterſucht und gelüftet, und ſie waren gerade aufs Emſigſte in ihrem Geſchäfte, als Herr Campbell ſich umwandte und zu ſeiner großen Beſtürzung an ſeiner Seite einen Indianer ſah, welcher aufmerkſam die ver⸗ ſchiedenen Päcke von Zeugen und ſo weiter, die Kiſten mit Pulver, die Kugeln und andere Artikel, die vor ihm offen da lagen, betrachtete. „Nun, was iſt das?“ rief Herr Campbell auf⸗ fahrend. Martin und Alfred, welche in dem Augenblicke, in wwelchem Herr Campbell dieſes ausrief, ihm den Rücken zugewendet hatten, wendeten ſich um und bemerkten den Indianer. Er war ein ältlicher Mann, ſchlank und ſehr muskulös, in eine Hirſchhaut gekleidet, mit einer mit⸗ telſt einer Binde auf dem Kopfe befeſtigten Adlerfeder, und mit einer Menge von Kupfer⸗ und Meſſing⸗Me⸗ daillen und andern Spielereien um ſeinen Hals. Sein Geſicht war nicht bemalt, außer daß zwei ſchwarze Ringe um ſeine Augen waren. Sein Haupt war ge⸗ ſchoren und eine lange Scalplocke hing rückwärts hinab. Er trug einen Tomahawk und ein Meſſer in dem Gür⸗ tel, eine Flinte hing an ſeinem Arme. Martin ging auf den Indianer los und ſah ihn feſt an. „ Ich kenne ſeinen Stamm,“ ſagte Martin,„aber nicht ſeinen Namen. Er iſt indeſſen ein Häuptling und eein Krieger.“ Martin ſprach mit ihm indianiſch. Der Indianer gab bloß ein:„Hum“ zur Antwort. „Er will ſeinen Namen nicht nennen,“ bemerkte Martin,„und er iſt daher wegen etwas Gutem nicht 5 249 hier. Herr Alfred, holen Sie ſchnell Malachi, der wird ihn kennen, ich glaube es.“ Alfred ging in Malachi's Haus. In der Zwiſchen⸗ zeit blieb der Indianer regungslos ſtehen, ſeine Augen auf die Gegenſtände geheftet, welche ſeinen Blicken aus⸗ geſetzt waren. „Es iſt ſeltſam, wie er hieherkommen konnte,“ be⸗ merkte Martin,„denn es iſt gewiß, daß weder Ma⸗ lachi noch ich erſt kürzlich außen waren.“ Gerade als er ſeine Bemerkung geendet hatte, kam Alfred mit Malachi; Letzterer betrachtete den Indianer und redete ihn an... Der Indianer antwortete nun in indianiſcher Sprache. „Ich kannte ihn, Sir,“ ſagte Malachi,„in dem Augenblicke, in welchem ich ſeinen Rücken ſah. Er hat nichts Gutes im Sinne und es iſt jammerſchade, daß er gerade jetzt kam und dieſes Alles ſah; dieß iſt eine ſchwere Verſuchung.“ „Warum? Wer iſt er?“ ſagte Herr Campbell. „Die zornige Schlange, Sir!“ verſetzte Malachi. „Ich hatte nicht geglaubt, daß er in dieſe Gegend vor der Zuſammenkunft der In aner zu ihrer Berathſchla⸗ gung kommen würde, und da dieſe erſt im nächſten Monate ſtatt findet, ſo glaubte ich nicht nöthig zu ha⸗ baben, gegen ihn auf der Hut zu ſeyn.“ „Aber was haben wir von ihm zu fürchten?“ „Nun, das iſt zu erwarten, aber das kann ich ſa⸗ gen, daß er ſein Auge auf etwas gerichtet hat, was ihm mehr werth ſcheint, als alles Gold der Welt, und er iſt Alles, nur nicht brav.“ „Aber von einem einzelnen Mann haben wir nichts zu fürchten,“ bemerkte Alfred. „Seine Anhänger ſind nicht fern von ihm, Sir,“ ſagte Malachi.„Er hat mehrere Burſche, wenn auch nicht viele; aber die, die ihm folgen, ſind eben ſo ſchlimm, als er ſelbſt. Wir müſſen auf der Hut ſeyn.“ 250 Malachi redele nun einige Zeit zu dem Indianer, aber die einzige Antwort deſſelben war:„Hum.“ „Ich habe ihm geſagt, daß all' das Pulver und all' die Kugeln, die er ſehe, für unſere Flinten gehö⸗ ren, deren mehr ſeyen, als ſein ganzer Stamm beſitze. Dieß iſt gut, jedenfalls iſt es geeignet, ihm zu zeigen, daß wir wohl gerüſtet ſind. Es ſetzt ihn nichts mehr in Erſtaunen, als ſolch' eine Bewaffnung und ſolch. ein Vorrath; aber eben darum iſt es zu bedauern, daß er dieſen ſah.“ „Sollen wir ihm etwas davon geben?“ fragte Herr Campbell. „Nein, nein, Sir; wir wollen ihn bloß dazu ge⸗ brauchen, um ihm den Garaus zu machen. Indeſſen glaube ich, daß er der einzige von ſeiner Partei iſt, der eine Flinte hat. Das Beſte iſt, die Thüren zu ſchließen, und dann wird er gehen.“ 3 Sie thaten, wie Malachi geſagt hatte, und der Indianer, nachdem er eine kurze Zeit gewartet hatte, drehte ſich auf dem Abſatze herum und ging fort. Dieſe zornige Schlange iſt ein wirklicher Teufel,“ bemerkte Malachi, als er ihn im Weggehen beobach⸗ tete. Aber kümmern Sie ſich nicht, ich werde ein Zünd⸗ kraut für ihn haben; aber ich wünſchte doch, daß er nicht alle Munition geſehen hätte.“ 3„Jedenfalls werden wir am Beſten thun, wenn wir im Hauſe nichts davon ſagen, daß er ſeinen Beſuch gemacht hat,“ ſagte Herr Campbell.„Es würde unſere ere Fintnner bloß in Schrecken verſetzen und zu ni ts nützen.“ „ Das iſt wahr, Sir; ich will es bloß der Erd⸗ beere ſagen,“ bemerkte Martin,„ſie iſt eine Indiane⸗ rin, und ich will ſie auf die Lauer ſtellen.“ „Das wird das Beſte ſeyn, aber empfehlen ſie ihr, baß ſie meiner Frau und den Mädchen nichts davon agt.“. „Fürchten Sie nichts, Sir,“ ſprach Malachi,„ich - —. 251 will ſeine Bewegungen bewachen. Morgen werde ich in den Wäldern und ihm auf der Fährte ſeyn. J) bin froh, daß er mich hier geſehen hat, denn ich weiß, daß er mich fürchtet.“ Glücklicherweiſe war der Indianer von Mrs. Campbell oder ſonſt jemand im Hauſe nicht geſehen worden, und zwar weder bei ſeiner Ankunft, noch bei ſeinem Weggehen. Als Herr Campbell und die Uebrigen in das Haus zu⸗ rückkehrten, fanden ſie, daß auch nicht eines einen Ge⸗ danken an ſolch' einen Beſuch hatte. Das Geheimniß wurde bewahrt, indeſſen erregte es für mehrere Tage eine große Sorge. Nach und nach verlor ſich die Erin⸗ nerung an den Schrecken in Herrn Campbell. Ma⸗ lachi war mit John ausgezogen und hatte entdeckt, daß alle Indianer näher herangekommen waren, um ihre Berathſchlagung zu halten, und daß noch viele andere Abtheilungen derſelben in den Wäldern ſeyen. Obgleich der Beſuch der zornigen Schlange größtentheils zufäl⸗ lig geweſen ſeyn mochte, ſo war doch Malachi über⸗ zeugt, daß eine Ausſicht auf einen zweiten Beſuch deſ⸗ ſelben vorhanden ſey, wenn er die genügende Anzahl finde, die ſich an ihn anſchließe, damit er ſo mit Ge⸗ walt die Artikel erhalte, die er geſehen hatte, und nach denen ihn ſo ſehr gelüſtete. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Herr Campbell ging auf das Anerbieten des Kom⸗ mandanten ein und kaufte von ihm um einen ſehr mäßigen Preis achtzehn Ochſen, welche alle waren, die auf dem Fort übrig geblieben. Er nahm auch ſechs abgewöhnte Kälber an. Das Rindvieh wurde nun zur Fütterung in das Gebüſch getrieben, damit alles Spät⸗ gras von den Wieſen gewonnen wurde, auf welchen ſie 2⁵² ihr Futter gefunden hatten. Der Sommer ging ſchnell voruber, weil ſie Alle eine Menge von Geſchäften hat⸗ ten. Sie fiſchten jeden Tag in dem See, und was ſie von den Fiſchen nicht aßen, das ſalzten ſie für den Winter ein. Martin war nun einen großen Theil ſei⸗ ner Zeit in den Wäldern, um ſich nach dem Rindvieh umzuſehen. Malachi begleitete ihn gelegentlich, doch war er häufiger mit John auf der Jagd, und kehrte immer mit Wild beladen zurück. Er brachte eine gute Zahl von Bärenfellen, mitunter auch das Fleiſch von Bären, welches jedoch von den Uebrigen nicht gern ge⸗ noſſen wurde, obgleich Malachi und Martin daſſelbe empfahlen. Sobald das Nachgras eingebracht worden, war nicht mehr viel zu thun. Heinrich und Herr Camp⸗ bell mit Percival waren beſchäftigt, nach den Schobern zu ſehen, und als das Laub begann die Farbe zu wech⸗ ſeln, wurde das Rindvieh aus den Wäldern getrieben und auf den Wieſen geweidet. Alles kam in Ordnung, ein Tag war das Gegenbild des andern. Alfred und Heinrich draſchen das Korn unter den Schuppen oder vielmehr in der Scheune, welche von den Soldaten an dem Schaafhauſe aufgerichtet worden war, und ſetzten das Stroh auf, welches als Winterfutter für die Kühe beſtimmt war. Der Haber und der Waizen wurde in dem Lagerhauſe untergebracht. Martins eib verſtand nun engliſch und ſprach auch ein Wenig. Sie war durch ihre Hülfeleiſtung im Hauſe für Mrs. Campbell und ihre Nichten ſehr nützlich, und bewachte die Scho⸗ ber. Sie hatten eine große Zahl von Hühnern aufge⸗ zogen und eine ziemliche Anzahl dem Oberſten und den Offizieren des Forts zur Verfügung geſtellt. Ihre Schweine hatten ſich außerordentlich vermehrt, viele wurden gemäſtet, und waren nun bereit, geſchlachtet und eingeſalzt zu werden. Die Zeit für ſolche Be⸗ ſchäftigungen war gekommen, und ſie waren ſehr eifrig bemüht, für ihren Mundvorrath zu ſorgen. Nun waren ſie mit Ueberfluß und Behaglichkeit umgeben, und ſie 25³ hankten dem Himmel, daß er ſie ſo ſehr begünſtigt habe. Der Herbſt nahte, und die Reihe ihrer täglichen Verrichtungen war ſelten und nur dann anterbrochen, wenn Offiziere aus dem Fort oder der Kommandant auf Beſuch kamen. Die Indianer hatten ihre Bera⸗ thung gehalten, aber der engliſche Agent war gegen⸗ wärtig und der Vorrath von Zeugen und andern Arti⸗ keln, welche ihren Häuptlingen zur Vertheilung geſchickt worden waren, hatten den erwarteten Erfolg und be⸗ ſeitigten allen Haß. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die zornige Schlange und noch einige Andere ſehr hef⸗ tig geſprochen hatten, aber ſie waren überſtimmt wor⸗ den. Die Friedenspfeife war überreicht und geraucht worden, und alle Gefahr ſchien beſeitigt. Malachi war zu der Verſammlung gegangen und gut aufgenommen worden. Es war ihm erlaubt, gleich einem engli⸗ ſchen Agenten zu ſprechen, und ſeine Worte waren nicht ohne Wirkung. So ſchien Alles auf Glück und Frieden hinzudeuten, als ein Ereigniß eintrat, welches wir jetzt erzählen werden. Das, was der indianiſche Sommer genannt wird, hatte angefangen, die Zeit nämlich, während welcher eine Art von Nebel in der Atmosphäre iſt. Eines Morgens waren Mary und Emma, welche gewöhnlich am früheſten auf waren, kurz vor der Dämmerung hinausgegangen, um die Kühe zu melken, und ſie be⸗ merkten, daß der Nebel viel dichter als gewöhnlich war. Sie hatten die Aequinoetial⸗Stürme erwartet, welche dieſes Jahr ziemlich ſpät kamen, und Mary be⸗ merkte, daß ſie vorherſehe, daß ein ſolcher kommen werde, indem ſie alle Anzeigen des Windes am Him⸗ mel wahrnehme. Einen Augenblick ſpäter waren ſie hinausgegangen, hatten nach ihren Eimern gegriffen, die Erdbeerpflanze kam zu ihnen aus ihrer Hütte, und deutete auf den Nebel und das Düſtere des Himmels, ſie wandte ſich um, als wenn ſie den Wind einathmen ·254 wolle, ſchnupperte eine Weile und ſagte endlich:„Gro⸗ ßes Feuer in den Wäldern.“ Alfred und die Andern kamen bald zu ihnen, und nachdem ſie von Emma we⸗ gen ihres ſpäten Kommens geneckt worden waren, be⸗ merkten ſie die ungewöhnliche Erſcheinung am Himmel. Martin pflichtete der Verſicherung der Erdbeere bei, daß ein Feuer in den Wäldern ſey. Malachi und John waren dieſe Nacht von ihrer Jagd nicht zurückgekehrt, aber kurz nach Sonnenaufgang fanden ſie ſich ein. Sie hatten das Feuer aus der Ferne geſehen und ſagten, daß es nordweſtwärts ſey und viele Meilen ſich aus⸗ breite, ſo daß ſie veranlaßt worden ſeyen, die Jagd aufzugeben und nach Hauſe zu eilen. Während der übrigen Theile des Tags war gar kein Wind, aber der Geruch und der Dampf des Feuers vermehrten ſich reißend ſchnell. Nachts ſprang der Wind um, und bald erhob ſich ein Sturm aus Nordweſt, aus der Rich⸗ tung, in welcher das Feuer geſehen worden war. Ma⸗ lachi und Martin waren zu verſchiedener Zeit in der Nacht auf, denn ſie wußten, daß, wenn der Wind in dieſer Richtung ohne Regen fortwähre, Gefahr vorhan⸗* den ſey; noch war das Feuer in großer Enfernung, doch am Morgen verwandelte ſich der Wind in einen Orkan, und bevor es am nächſten Tage zwölf Uhr war, ſchwebte der Rauch über ihnen und zog ſich in Maſſen über den See hin. „Glauben Sie, daß irgend eine Gefahr von die⸗ ſem Feuer zu befürchten iſt?“ ſagte Alfred. „Das hängt von Umſtänden ab, Sir; wenn der Wind in dieſer Richtung, aus welcher er jetzt kommt, ſo ſtark fortbläst wie jetzt, und noch vierundzwanzig Stunden lang, ſo wird das Feuer bei uns ſeyn.“ „Aber wir haben ſo viel ausgerodetes Land zwi⸗ ſchen dem Walde und uns, daß ich glauben ſollte, es unte dem Hauſe nicht ſchaden.“ 3 „Das glaube ich nicht, Sir, Sie haben noch nie W älder meilenweit brennen ſehen, wie ich; wenn 8 „ 255 Sie es geſehen hätten, würden Sie wiſſen, was es iſt. Wir haben zwei Fälle vor uns. Der eine iſt, daß wir Regenſtröme durch den Wind bekommen, und der andere, daß der Wind auf einen oder zwei Grade ſich abwenden möge, und das Letztere wäre das Beſte für uns.“. Aber der Wind änderte ſich nicht und der Regen fiel nicht herab, und ehe der Abend gekommen, war das Feuer zwei Meilen von ihnen entfernt, und ein ſchreckliches Krachen durchtönte die Luft. Die Hitze und der Rauch wurden immer mehr drückend, und die Geſellſchaft war in der größten Aufregung; als die Sonne niederging, wurde der Wind heftiger, die Flam⸗ men konnten unterſchieden werden, und die ganze Luft war mit Myriaden von Funken angefüllt. Das Feuer brach mit unwiderſtehlicher Gewalt hervor, und ſchon war die Atmosphäre ſo drückend, daß ſie kaum mehr athmen konnten. Das Rindvieh ſprang nach dem See, die Schwänze in der Höhe tragend und furchtſam brül⸗ lend. Hier blieben ſie bis ans Kniee im Waſſer und ſtürzten über einander weg. „Nun, Malachi,“ ſagte Herr Campbell,„das iſt wahrhaft ſchrecklich, was ſollen wir thun?“ .„Auf Gott vertrauen, Sir, wir können nicht an⸗ ders, entgegnete Malachi. Die Flammen waren nun nur noch in einer ge⸗ ringen Entfernung von der Ecke des Waldes, ſie rag⸗ ten gleich hohen Säulen in die Luft empor, wurden dann vom Winde gehoben, drangen durch die Krüm⸗ mungen des Waldes, hier und dort auf ihrem Wege die Stämme der großen Bäume ſengend, während ein ſolcher Sturm von Funken und glühender Aſche auf die Prairie geſchleudert wurde, daß es bei einer ſol⸗ chen Maſſe von erſtickendem Rauche unmöglich war, länger hier zu bleiben. „Sie müſſen Alle nach der Barke und an deren Bord gehen!“ ſagte Malachi.„Es iſt auch nicht einen 2⁵56 Augenblick zu zögern, denn Sie würden erſticken, wenn Sie hier bleiben. Sie, Herr Alfred und Martin, ſchieben die Barke ſo weit als es nöthig iſt, in den See, damit Sie vor dem Rauche ſicher und zu athmen im Stande ſind. Vorwärts! Es iſt durchaus keine Zeit zu verlieren, denn der Wind iſt heftiger als je.“ Es war auch in der That kein Augenblick zu ver⸗ ſäumen. Herr Campbell nahm ſeine Gattin am Arme, Heinrich führte die Mädchen, denn der Rauch war ſo dick, daß ſie den Weg nicht mehr ſehen konnten. Per⸗ cival und die Erdbeere folgten; Alfred und Martin waren bereits vorangegangen, um das Boot in Bereit⸗ ſchaft zu ſetzen. In wenigen Minuten waren ſie im Boote und ſtießen vom Ufer ab. Sie fuhren eine halbe Meile in den See hinein, bis ſie ſich in einer weniger drückenden Atmosphäre befanden. Nicht ein Wort wurde geſprochen, ſeit Alfred und Martin fort⸗ ruderten. „Und wo iſt der alte Malachi und John?“ ſagte Mrs. Campbell, welche nun, da der Rauch ſie jetzt nicht mehr umlagerte, bemerkte, daß dieſe nicht in dem Boote ſeyen. „O, fürchten Sie nichts für dieſe, Ma'am,“ ſagte Martin,„Malachi iſt zurückgeblieben, um zu ſehen, ob er nicht etwas nützen könne. Er weiß ſich ſelbſt zu hel⸗ fen und John auch.“ „Das iſt eine ſchreckliche Heimſuchung,“ ſagte Mrs. Campbell nach einer Pauſe.„Seht nur, der ganze Wald iſt jetzt ein Feuer bis hart an die Lichtung hin. Das Haus muß verbrannt ſeyn und wir werden nichts gerettet haben.“ „Es iſt Gottes Wille, mein theures Weib; und wenn wir auch der geringen Habe beraubt würden, welche wir beſitzen, ſo dürfen wir doch nicht murren, ſondern müſſen uns mit Ergebung unterwerfen. Laßt uns dem Himmel danken, daß wir unſer Leben geret⸗ tet haben.“ . 257 Eine weitere Pauſe trat ein. Emma unterbrach endlich das Schweigen, indem ſie ſagte: „Dort iſt das Kuhhaus in Flammen, ich ſehe wie ſie zum Dache herausſchlagen.“ „Mrs. Campbell, deren Hand in der ihres Gatten lag, preßte dieſelbe ſchweigend. Es war die Vernich⸗ tung ihres ganzen Eigenthums; alle ihre Arbeit, alle ihre Anſtrengungen waren dahin. Wenn der Winter kam, und wenn ſie ihn hier ohne Haus zubringen mußten, was ſollte da aus ihnen werden! Alles dieß ging an ihrem Geiſte vorüber, aber ſie ſprach kein Wort. In dieſem Momente ſchlugen die Flammen bis zum Himmel hinauf. Martin gewahrte dieß und ſprang auf. „Das iſt ein Lunen des Windes,“ ſagte Alfred. „Ja,“ entgegnete Martin, indem er fortfuhr ſeine Hand in die Höhe zu halten;„ich fühlte einen Regen⸗ tropfen. Ja, er kömmt; noch eine Viertelſtunde und wir werden gerettet ſeyn.“ Martin hatte mit ſeiner Bemerkung Recht; der Wind war für einen Augenblick beſänftigt, und er hatte Regentropfen gefühlt. Dieſe Pauſe währte ungefähr drei oder vier Minuten, während welcher das Kuhhaus hoch aufloderte; aber die Aſche und die Funken wurden nicht mehr auf die Prairie geweht; denn der Wind ſchlug plötzlich nach Südweſt um, und brachte einen ſolchen Regenſtrom mit ſich, daß ſie faſt nichts mehr ſahen. Der Guß war ſo heftig, daß ſelbſt die Barke ſehr tief ging; aber Alfred wandte ihre Spitze ſchnell herum und richtete ſie nach dem Winde. Der Sturm brauste noch gleich ſtark von der Seite her, von wel⸗ cher er ausgegangen war, der See wurde aufgeregt und mit weißem Schaum bedeckt, und ehe die Barke noch das Ufer erreichte, was in wenigen Minuten ge⸗ ſchah, ſchlug das Waſſer zu den beiden Seiten derfel⸗ ben herein, ſo daß ſie in Gefahr waren, in den See Die Anſiedler in Canada. 1417 258 zu fallen. Alfred befahl Allen, ruhig ſitzen zu bleiben, und indem er die Blätter des Ruders in die Luft hielt, durchſchnitt die Barke wüthend die Wellen, bis ſie an dem Ufer anlangte. Martin und Alfred ſprangen nun in das Waſſer hinaus und ſchoben die Barke vollends ans Ufer, bis ſie ausgeſchifft waren; der Regen ſchoß immer noch in Strömen herab und ſie waren bis auf die Haut durch⸗ näßt; als ſie landeten wurden ſie durch Malachi und John empfangen. „Es iſt Alles vorbei und Alles iſt gerettet,“ rief Malachi,„es war beinahe Alles verloren, das iſt ge⸗ wiß; aber Alles iſt gerettet, bis auf das Kühhaus, und das iſt leicht wieder herzurichten. Sie Alle werden am Beſten thun, ſo ſchnell als möglich nach Hauſe zu ge⸗ hen und ſich zur Ruhe zu begeben.“ „Glauben Sie, Malachi, daß Alles ſicher ſey?“ ſagte Herr Campbell. „Ja, Sir, es iſt nun nichts mehr zu fürchtenz das Feuer hat den Fluß nicht überſchritten, aber wenn es ihn auch überſchritten hätte, ſo würde es dieſer Regen ausgelöſcht haben. Denn dieſem allein haben wir die Rettung zu verdanken. Es war aber ſehr nahe, das iſt gewiß.“ Die Geſellſchaft ging nun in das Haus zurück, und Herr Campbell kniete, ſobald ſie eingetreten waren, nie⸗ der, und dankte Gott für ihre wunderbare Errettung. Alle vereinigten ihre Gebete mit dem ſeinigen, und nach⸗ dem ſie einige Minuten noch gewartet hatten, inner⸗ halb welcher ſie die Gewißheit erlangten, daß das Feuer faſt erloſchen und nichts mehr zu fürchten ſey, zogen ſie ihre durchnäßten Kleider aus und begaben ſich zu Bett. Der nächſte Morgen weckte ſie bald, denn alle waren begierig, die Verwüſtung zu ſehen, welche das Feuer angerichtet hatte. Das Kühhaus, am entgegen⸗ geſetzten Ufer des Fluſſes, war der einzige Theil der Vorwerke, welcher ſehr gelitten hatte; die Wände ſtan⸗ 2 259 den noch, aber das Dach war verbrannt. Auf der Seite des Fluſſes waren am Hauſe die Sparren und manche Theile der Wände verkohlt und wenn nicht der Wechſel des Windes und der Regen eingetreten wäre, ſo wür⸗ den ſie in wenigen Minuten zerſtört worden ſeyn; die Felder waren mit Aſche bedeckt, das Gras war verbrannt oder verſengt; einige von den größten Bäumen waren allein ſtehen geblieben und ſtreckten ihre nackten, von Zwei⸗ gen und Blättern entblößten Arme zum Himmel empor, aber nirgends war mehr eine Spur von Zweigen oder von Laub zu ſehen. Es war ein melancholiſches, ein ver⸗ zweiflungsvolles Gemälde und wurde es noch mehr durch den heftigen Regen, der immer noch ohne Unterbrechung herabzuſtrömen fortfuhr. Als ſie die Scene überblickten, kamen Malachi und Martin zu ihnen. Die Schober ſind noch alle gut, Sir,“ ſagte Mar⸗ tin,„ich zählte ſie und nicht einer wird vermißt. Es iſt alſo nichts verloren, als das Kuhhaus, und das Feuer hat ſich als guter Freund von uns bewährt.“ „Wie ſo, Martin?“ fragte Herr Campbell. „Weil es ſo viele Morgen Landes gelichtet und uns viele Arbeit erſpart hat. Auf der andern Seite des Fluſſes iſt nun Alles gelichtet, und im nächſten Frühjahre werden wir unſer Korn zwiſchen den Stöcken haben; im Herbſt aber, wenn wir die Ernte eingebracht haben, wollen wir die Bäume, welche noch ſtehen ge⸗ blieben ſind, fällen. Es hat auch den Wieſen in ſo ferne genützt, als wir im nächſten Frühling das ſchönſte Gras bekommen werden.“ 3 „Dem Himmel haben wir alſo für ſeine Wohlthat zu danken,“ ſagte Herr Campbell,„geſtern Abends glaubte ich, es würde uns Alles vernichtet werden; aber es hut Gott gefallen, es anders zu lenken.“ „Ja, Sir,“ bemerkte Malachi.„Was uns den Untergang drohte, hat ſich zu unſerem Vortheile ge⸗ wendet. Das nächſte Jahr werden Sie Alles grüner 260 und friſcher als je ſehen, und Sie haben, wie Martin ſagte, dem Feuer zu danken, weil es mehr Land ge⸗ lichtet hat, als ein ganzes Regiment Soldaten in zwei oder drei Jahren vermocht hätte.“ Aber wir müſſen im nächſten Frühling feſt arbei⸗ ten und Korn ſäen, denn ſonſt wird das Buſchholz an⸗ wachſen und wir werden in wenigen Jahren wieder einen Wald bekommen.“ „Ich habe bisher immer die Frage vergeſſen, wie der Wald in Brand gerathen ſey,“ ſagte Mary. „Ei nun, Miß,“ verſetzte Malachi,„im Herbſte, wenn Alles ſo dürr, wie Zunder, iſt nichts leichter. Die Indianer gehen ſehr leichtſinnig mit dem Feuer um, und kümmern ſich nicht, es auszulöſchen, und das iſt dann gewöhnlich die Veranlaſſung dazu, aher dann muß auch der Wind dazu helfen.“ Ddie Gefahr, welcher ſie entronnen waren, machte einen ſehr ernſten Eindruck auf die ganze Geſellſchaft, und am folgenden Tage, welcher ein Sonntag war, vergaß Herr Campbell nicht, ein Dankgebet für ihre Erhaltung zu ſprechen.. Das Dach des Kuhhauſes war bald durch Alfred und Martin wieder hergeſtellt, und der indianiſche Som⸗ mer ging ohne ein weiteres Ereigniß vorüber. Am Tage nach dem Feuer kam eine Botſchaft von dem Fort, um ſich nach ihrem Zuſtande zu erkundigen; der Oberſt und die Offiziere waren hoch erfreut zu er⸗ fahren, daß ſie verhältnißmäßig ſo wenig Schaden er⸗ litten; denn ſie hatten erwartet, daß der Familie Alles verbrannt ſey, und es waren Anordnungen getroffen worden, ſie im Fort aufzunehmen. Das Wetter wurde nach und nach kalt, die Feuer wurden angezündet und einen Monat nach dem Abende, welchen wir beſchrieben haben, hatte ſich der Winter wieder eingeſtellt. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Mit einmal war das Feld drei Schuh tief mit Schnee bedeckt. Das Rindvieh wurde in den Stall in⸗ nerhalb der Paliſaden gebracht, die Schaafe wurden in das Schaafhaus getrieben, die Pferde in einem Theile der Scheune untergebracht, welche von dem Schaafhauſe, geſchieden worden war. Alle möglichen Sicherheitsan⸗ ſtalten wurden getroffen, und alle Vorbereitungen für einen langen Winter gemacht. Obgleich Schnee gefal⸗ len war, hatte ſich doch eine ſtrenge Kälte noch nicht eingeſtellt; doch kam dieſe ohngefähr vierzehn Tage ſpäter, und dann wurden, dem Wunſche des Oberſten gemäß, ſechs Ochſen zum Gebrauche auf dem Fort geſchlachtet, und auf einem Schlitten durch die Pferde dahin gefahren. Dies war das letzte Unternehmen, und dann ſagte Alfred den Offizieren auf dem Forte Lebewohl, indem er nicht erwartete, ſte während des Winters wieder zu ſehen. Da ſie einen Winter bereits durchgemacht hatten, ſo ſahen ſie ſich gegen den zweiten mehr vor, und da nun Malachi, die Erdbeere und John regelmäßig im Hauſe waren und einen eigenen Tiſch nicht führten, ſo war es ein Gefühl erhöhter Sicherheit und das Düſtere und Eintönige war nicht ſo groß als im vorigen Winter. Alles war nun an ſeinem Platze, ſie hatten mehr zu erwarten— zwei Umſtände, welche bedeutend dazu bei⸗ trugen, die Langweile zu verbannen, die aus einer ſolchen ununterbrochenen Abſperrung nothwendig folgte. Die Jäger zogen wie gewöhnlich aus, nur Heinrich und gelegentlich auch Alfred blieben zu Hauſe, die Schober zu bewachen, oder andere Dienſte zu verrich⸗ ten, welche die Vergrößerung ihrer Niederlaſſung er⸗ forderte. Die neuen Bücher, welche Heinrich von Mont⸗ real mitgebracht hatte, und die mit allgemeiner Zu⸗ ſtimmung für die Winterabende aufgeſpart worden waren, wurden nun eine ſehr ergiebige Quelle der Unterhal⸗ 262 tung, indem Herr Campbell jeden Abend etwas daraus vorkas. Die Zeit verging ſchnell, wie es immer der Fall iſt, wenn eine regelmäßige Abwechslung zwiſchen Pflichterfüllung und Unterhaltung ſtattfindet, und Weihnachten kam herbei, ehe ſie daran dachten. Es war für Mrs. Campbell eine große Beruhigung, daß ſie nun John immer, wenn er nicht auf die Jagd gegangen war, um ſich hatte, und ſie war deshalb lkängſt ſchon frei von aller Bangigkeit, indem ſie das vollſte Vertrauen in Malachi ſetzte. Malachi und John gingen auch ſelten allein aus, der alte Mann ſchien Johns Geſellſchaft ſehr zu lieben, und ſein Menſchen⸗ haß war ganz verſchwunden. Er brachte nun regel⸗ mäßig die Abende mit der um das Küchenfeuer verſam⸗ melten Familie zu, und er fand immer mehr Freude daran, ſeine eigene Stimme zu hören. Dieſe Abendge⸗ ſellſchaften liebte John nicht ſo ſehr; er bekümmerte ſich nicht um neue Bücher, oder überhaupt um ein Buch. Er wollte, um ſich zu unterhalten, Moccaſſins machen, oder aus den Stacheln des Stachelſchweins mit der Erdbeere etwas bearbeiten, mit der er an einer Seite des Feuers ſaß; die Andern mochten ſpre⸗ chen oder erzählen, was ſie wollten, das war ihm Al⸗ les gleichgültig, er ſagte nicht ein Wort und ſchien auch nicht die geringſte Aufmerkſamkeit auf das zu verwenden, was ſie ſagten. Sein Vater machte gele⸗ genheitlich den Verſuch, ihm etwas zu lehren; aber es war erfolglos. Er konnte Stunden lang mit ſeinem Buche vor ſich ſitzen; aber ſein Geiſt war wo anders. Herr Campbell gab daher für jetzt den Verſuch auf und hoffte, daß, wenn John älter würde, er auch be⸗ gieriger nach den Vortheilen der Erziehung werden, und mehr Aufmerkſamkeit bekommen würde. Für jetzt war es eine rein vergebliche Mühe, und der Knabe würde, ohne irgend einen Vortheil zu erlangen, geplagt wor⸗ den ſeyn. John ſaß indeſſen nicht immer bei dem Feuer der Küche; die Wölfe waren viel zahlreicher als 263 im vorhergehenden Winter; denn ſie wurden durch die Schaafe herbeigezogen, welche innerhalb der Paliſaden waren, und ſie heulten nun jede Nacht unaufhörlich. Das Heulen eines Wolfes war hinreichend, um John zu beſtimmen, daß er nach ſeiner Flinte griff und hin⸗ ausging; er blieb dann im Schnee ſtundenlang ſtehen, bis einer nahe genug kam, um auf ihn zu feuern, und er hatte ſchon mehrere getödtet, als ein Umſtand ſich ereignete, welcher große Unruhe erregte. John war wie gewöhnlich eines Abends hinaus⸗ gegangen, kroch an den Paliſaden hin und lauerte auf die Wölfe. Es war eine ſternhelle Nacht, aber der Mond leuchtete nicht, und er bemerkte ein Thier, welches beinahe auf dem Bauche um das Thor der Paliſaden herumkroch, welche das Haus umgaben. Dies überraſchte ihn, weil die Thiere gewöhnlich um die Paliſaden, welche den Schaafſall einſchloſſen, oder nahe an den Schweinſtällen herumſchlichen, welche dem Eingangsthore gegenüber lagen. John legte ſeine Flinte an, gab Feuer, und zu ſeinem Erſtaunen ſchien der Wolf auf ſeine Hinterbeine aufzuſpringen, dann niederzufallen und ſich herumzuwälzen. Der Schlüſſel zu dem Paliſaden⸗Thore war immer innen aufbewahrt, John ging daher hinein, um ihn zu holen, damit er fich überzeugen könne, ob er das Thier getödtet habe oder nicht. Als er eintrat, ſagte Malachi: „Haſt Du etwas geſchoſſen, mein Knabe?“ „Ich weiß es nicht; ich komme, um den Schlüſſel zu holen und nachzuſehen,“ antwortete John. „Ich habe es nicht gerne, wenn das Thor bei Nacht geöffnet wird, John,“ ſagte Herr Campbell. „Warum willſt Du nicht, wie gewöhnlich, bis morgen früh warten? Da iſt es noch Zeit genug.“ Joh„Ich weiß nicht, ob es ein Wolf war,“ verſetzte ohn. „Was denn, Knabe? Sag' es mir!“ entgegnete Malachi. 3 264 „Nun, ich denke, es iſt ein Indianer,“ bemerkte John, und erzählte, was ſich ereignet hatte. 3 —„Das ſollte„mich gar nicht wundern,“ entgegnete Malachi.„Jedenfalls darf aber das Thor heute Nacht nicht geöffnet werden; denn war es ein Indianer, was Du angeſchoſſen haſt, dann ſind noch mehrere vorhan⸗ den, als dieſer; wir wollen alſo warten, John, und morgen ſehen, was es iſt.“ Mrs. Campbell und die Mädchen wurden durch dieſes Ereigniß ſehr erſchreckt, und ſie konnten nur mit Mühe uüberredet werden, ſich zur Ruhe zu begeben. „Wir wollen dieſe Nacht hindurch jedenfalls wa⸗ chen,“ ſagte Malacht, ſobald als Mrs. Campbell und ihre Nichten das Zimmer verlaſſen hatten.„Der Knabe hat recht, ich zweifle nicht. Es iſt die zornige Schlange und ihr Anhang, welche außen auf den Raub lauerten; aber wenn der Knabe den Indianer getroffen hat, woran ich nicht zweifle, ſo werden ſie ſich davon machen; indeſſen müſſen wir ſo viel als möglich auf unſerer Hut ſeyn. Martin kann hier wachen, und ich wache im Schafſtalle.. Wir haben bereits bemerkt, daß die Hütte Mala⸗ chi's, Martins und ſeines Weibes, innerhalb der Pali⸗ ſaden, neben dem Schafhauſe errichtet worden war, und daß außer der Paliſadirung des Hauſes, ein Gang in die Paliſaden führte, welche den Schafſtall umga⸗ ben, und dieſer Durchgang hatte gleichfalls auf beiden Seiten Paliſaden. „Ich will hier wachen,“ ſagte Alfred.„Laſſen Sie Martin mit Ihnen und ſeinem Weibe nach Hauſe ge⸗ hen.“ 3 „Ich will mit Dir wachen,“ ſagte John. „Gut, vielleicht um ſo beſſer,“ bemerkte Malachi. „Zwei Flinten ſind immer beſſer als eine, und wenn irgend eine Hülfe erforderlich iſt, ſo kann er nach ihr geſendet werden.“ 3 „Aber, was glauben Sie denn, daß ſie im Schilde 265 führen, Malachi?“ ſagte Herr Campbell;„ſie können doch nicht die Paliſaden erklettern.“ „Nicht wohl, Sir, und ich glaube auch, ſie werden ihren Angriff nicht eher wagen, als bis ſie eine bedeu⸗ tende Macht haben, und dieſe beſitzen ſie nicht, deſſen können Sie verſichert ſeyn. Nein, Sir, ſie können al⸗ lein im Sinne haben, Feuer an das Haus zu legen, wenn ſie können; aber das geht nicht ſo leicht. Eines iſt gewiß, daß die Schlange alles mögliche verſucht, um das zu bekommen, was ſie in ihrem Lagerhauſe ſah.“ „Das bezweifle ich nicht,“ ſagte Alfred;„aber er wird keine ſo leichte Sache darin finden.“ „Sie waren auf Recognoscirung, das iſt ſicher, und wenn John einem von ihnen eine Wunde beige⸗ bracht hat, ſo wird es gut ſeyn, daß wir ihnen bewie⸗ ſen, daß wir auf der Hut ſind und den nicht liebkoſen, der nahe an das Haus kommt.“ Nach wenigen Minuten zogen ſich Herr Campbell, Heinrich und Percival zurück, und überließen es den Andern, zu wachen. Alfred ging mit Malachi nach ſeiner Stelle, um zu ſehen, ob um den S haafſtall Alles in Ordnung ſey, und dann kehrte er zurück. Die Nacht ging ohne weitere Störung vorüber, denn das Heulen der Wölfe war als eine ſolche nicht zu betrachten, weil man bereits daran gewöhnt war. Mit dem Anbruche des nächſten Tages kamen Malachi und Martin in das Haus, öffneten mit Alfred und John das Paliſadenthor und gingen hinaus, um nach der Stelle zu ſehen, wo John gefeuert hatte. „Ja, Sir,“ ſagte Malachi,„es war ein Indianer, darüber iſt gar kein Zweifel; hier ſind die Abdrücke, die er im Schnee mit ſeinen Knieen gemacht hat, als er hier herumkroch, und John hat ihn getroffen, denn hier iſt Blut. Wir wollen der Spur folgen. Sehen Sie, Sir, er wurde ſchwer verwundet, hier auf dieſem Wege iſt mehr Blut. Ha!“ rief Malachi aus, als ſie an einem Schneehügel vorüber gingen,„hier iſt die 266 Wolfshaut, in welche er ſich gehüllt hatte, entweder iſt er todt, oder ſehr nahe daran, und ſie haben ihn auf⸗ gehoben und weggetragen, denn er würde nie dieſe Haut von ſich geworfen haben, wenn er bei vollen Sinnen geweſen wäre.“ „Ja,“ bemerkte Martin,„ſeine Wunde war tödt⸗ lich, das iſt ganz gewiß.“ 4 Sie verfolgten nun die Fußtapfen bis an den Wald, dann aber kehrten ſie nach dem Hauſe zurück, indem die aufgefundenen Zeichen ihnen geſagt hatten, daß der verwundete Mann weggetragen worden ſey. Sie fanden den übrigen Theil der Familie in der Küche; Alfred zeigte ihnen das Wolfsfell und ſetzte ſie von dem, was ſie entdeckt hatten, in Kenntniß. „Es thut mir leid, daß Blut vergoſſen worden iſt,“ bemerkte Mrs. Campbell,„ich wollte, es wäre nicht geſchehen. Ich habe gehört, daß die Indianer ſo etwas nie verzeihen.“ „Sie ſind wohl ſehr rachſüchtig, Ma'am, das iſt gewiß; aber ſie werden jetzt nicht wagen, noch etwas weiteres zu unternehmen. Dieß war ihnen eine Lection. Ich wünſche bloß, daß es die zornige Schlange gewe⸗ ſen ſey, welche verwundet wurde, und dann hätten wir keine Beläſtigung mehr von ihm zu erwarten.“ „Vielleicht war er es,“ ſagte Alfred. „Nein, Sir, das iſt nicht ſo, es iſt einer von den jungen Männern, ich kenne die Gewohnheiten der In⸗ dianer wohl.“ Es dauerte geraume Zeit, bevor die Aufregung, welche dieß Ereigniß in Mrs. Campbell und ihren Nich⸗ ten erzeugt hatte, ſich legte. Herr Campbell dachte viel nhüber nach und hie und da beſiel ihn eine Bangig⸗ keit. Die Jäger gingen wie gewöhnlich auf die Jagd, aber die, welche zu Hauſe blieben, waren jetzt ängſt⸗ lich, bis ſie wieder zurück kamen. Die Zeit, ſo wie der Umſtand, daß ſie nichts mehr von den Indianern hörten, belebte nach und nach ihren Muth wieder, und — —.,— 267 ehe noch der Winter halb herum war, dachten ſie nur wenig mehr daran. In der That hatte auch Malachi von einem andern Trupp von Indianern, welche er bei einem nahen, kleinen See traf, wo ſie auf dem Bi⸗ berfang waren, die Gewißheit erhalten, daß die zornige Schlange nicht in dieſem Theile des Landes ſey, und daß er mit Anfang des neuen Jahrs mit ſeinem Trupp weſtwärts gehen werde. Dieß überzeugte ihn, daß der Feind unmittelbar nach ſeiner Recognoscirung ſich ent⸗ fernt hatte. 3 Daher währten die Jagdparthien, wie ſchon er⸗ zählt wurde, wie früher fort, und ſie waren auch zur Ergänzung des Vorraths auf mehrere Monate ſehr noth⸗ wendig. Percival, welcher ſeit ſeinem Aufenthalte in Canada ſehr ſtark gewachſen war, hegte eine große Sehnſucht, mit den Jägern hinauszuziehen, was er in dem früheren Winter nie gethan hatte. Dieß war ſehr natürlich, er ſah ſeinen jüngern Bruder faſt täglich hinausgehen und ſelten ohne bedeutenden Erfolg zurück⸗ kehren, denn in der That war John nebſt Malachi der beſte Schütze unter Allen. Es mußte daher Percival ſehr langweilig werden, wenn er immer zu Hauſe blei⸗ ben, und alle die Hausknechtsarbeiten verrichten ſollte, zum Beiſpiele: die Ferkel zu füttern, die Meſſer zu ſchleifen, oder andere dergleichen Dinge, während ſein jüngerer Bruder ſchon das that, was einem Manne zukam. Percivals wiederholte Bitten fanden ſtets Wi⸗ derſpruch bei der Mutter; ſie konnte ihn nicht entbeh⸗ ren, er war nicht gewohnt, in Schneeſchuhen zu ge⸗ hen. Herr Campbell bemerkte, daß Percival unzufrie⸗ den und mißvergnügt wurde, Alfred trat auf ſeine Seite und ſprach für ihn. Alfred bemerkte ſehr richtig, daß die Erdbeere gelegenheitlich Percivals Arbeiten ver⸗ richten könne, und daß, wenn es möglich ſey, er in der Weiſe zu Hauſe nicht beſchäftigt ſeyn ſolle, in wel⸗ cher es bisher geſchehen. Herr Campbell ſtimmte mit Alfred überein, und Mrs. Campbell gab endlich mit 268 heftigem Widerſtreben ihre Einwilligung, daß er gele⸗ genheitlich mit ausziehen ſolle. „Warum haben Sie denn ſo viele Einwendungen dagegen, daß Percival mit den Jägern ausziehe, Tante,“ ſagte Mary;„es muß ihm ſehr verdrießlich werden, im⸗ mer zu Hauſe bleiben zu müſſen.“— „Ich fühle die Wahrheit von dem, was Du ſagſt, meine theure Mary,“ ſagte Mrs. Campbell,„und ich verſichere Dich, es geſchicht nicht aus Eigenliebe, oder weil wir mehr zu thun bekommen würden, wenn ich wünſche, daß er bei uns bleibe; aber ich habe ein ban⸗ ges Vorgefühl, daß ihm irgend etwas Schlimmes be⸗ gegne, und über dieſes kann ich nicht Herr werden, und das iſt nicht anders zu begreifen, als wenn man an Mutterfurcht und an Mutterliebe denkt.“ Meine theure Tante, es war Ihnen ebenſo, als John zum erſtenmale hinausging. Sie waren wegen ihm immerfort in Aufregung, nun aber ſind Sie ganz daran gewöhnt,“ bemerkte Emma. „Das iſt wohl wahr,“ entgegnete Mrs. Camp⸗ bell,„es iſt vielleicht eine Schwäche von mir, welche vorübergehen kann, aber wir ſind Alle ſolchen Gefühlen unterworfen. Ich vertraue zu Gott, daß keine gegrün⸗ dete Urſache zur Aufregung vorhanden ſey, daß mein Widerſtreben mehr Schwäche und Thorheit fey; und da ich ſehe, daß der arme Knabe lange zu Hauſe einge⸗ ſperrt war, und daß nichts verdrießlicher für einen mu⸗ thigen und lebhaften Knaben, wie er, iſt, ſo habe ich meine Zuſtimmung gegeben; ich hielt ſie für Pflicht. Da aber meine Gefühle immer noch vorherrſchen, ſo laßt uns nicht mehr davon ſprechen, meine theuren Mädchen, denn der Gegenſtand iſt qualvoll für mich.“ „Liebe Tante, haben Sie nicht davon geſagt, daß Sie mit der Erdbeere hinſichtlich der Religion ſprechen und verſuchen wollten, ob ſie nicht dahin zu bringen ſey, eine Chriſtin zu werden? Wie ich bemerkt habe, iſt ſie ſehr ernſt bei dem Gebete und ſcheint nun, da 4 4 269 ſie engliſch verſteht, ſehr aufmerkſam auf das zu ſeyn, was geſprochen wird.“ „Ja, meine theure Emma, es iſt meine Abſicht, dieſes bald zu thun, doch ich liebe es nicht, hierin ſo eilig vorzuſchreiten. Ein bloßes Angewöhnen an die Gebräuche unſerer Religion wird von geringem Vor⸗ theil für ſie ſeyn, und ich fürchte, daß ſo mancher un⸗ ſerer guten Miſſionäre in ſeinem Eifer, Convertiten zu machen, dieſen Umſtand nicht genügend berückſichtigt. Die Religion muß durch die Ueberzeugung begründet werden und in dem Herzen ſich feſtſetzen, und das Herz muß geändert werden, es darf nicht mehr bloß an For⸗ men hängen.“ „Worin beſteht die Religion der Indianer, meine theure Tante?“ fragte Mary. 1 „Eine, welche die Bekehrung um ſo ſchwieriger macht. Sie iſt in mancher Beziehung dem, was recht iſt, ſo nahe, daß die Indianer die Nothwendigkeit ei⸗ ner Glaubensänderung nicht leicht einſehen. Sie glau⸗ ben an einen Gott, die Quelle alles Guten; ſie glau⸗ ben an eine künftige Fortdauer, an künftige Belohnung und künftige Strafe. Ihr ſeht ein, daß ſie dieſelben Grundlagen wie wir haben, obgleich ſie Chriſtus nicht kennen, und da ſie keine vollſtändigen Begriffe von Pflicht haben, ſo findet ſich auch bei ihnen eine unge⸗ nügende Kenntniß ihrer mannigfaltigen Uebertretungen und Beleidigungen gegen Gott, und folglich haben ſie auch keinen Begriff von der Nothwendigkeit eines Ver⸗ mittlers. Indeſſen iſt es wohl leichter, diejenigen zu überzeugen, welche ganz verkehrte Anſichten haben, als diejenigen, welche ſich der Wahrheit nähern. Ich habe ſo manche Stunde hindurch meine Betrachtung über die⸗ ſen Gegenſtand angeſtellt, und ich habe mit ihr über denſelben in einer ſehr kurzen Zeit manche Unterredung gepflogen. Ich habe es aufgeſchoben, weil ich es für abſolut nothwendig halte, daß ſie das verſtehe, was ich ſage, bevor ich es verſuche, ihren Glauben zu ändern. 27⁰ Die Sprache der Indianer, obwohl ſie hinreichend ge⸗ nug iſt für die Unvollkommenheit ihres Glaubens, iſt arm, und hat den Ueberfluß an Worten nicht, den un⸗ ſere Sprache hat, weil ſie der Worte nicht bedürfen, um das auszudrücken, was wir abſtrakte Begriffe nen⸗ nen. Es iſt daher unmöglich, einem Menſchen, wel⸗ cher unſere Sprache nicht verſteht, die Myſterien unſe⸗ rer heiligen Religion zu erklären. Ich glaube indeſſen, daß die Erdbeere nun anfängt, unſere Sprache ſo hin⸗ reichend zu begreifen, daß ich den erſten Verſuch wagen kann. Ich ſage: den erſten Verſuch, den ich habe noch nie den Gedanken gehegt, eine Bekehrung in einer Woche, oder in einem Monate, oder in ſechs Mona⸗ ten zu vollführen. Alles, was ich thun kann, iſt, meine Fähigkeiten möglichſt anzuwenden, und auf Gott zu vertrauen, welcher ihren Verſtand mit ſeiner Wahrheit erleuchten wird. Am folgenden Tage zogen die Jäger aus, und Percival erhielt zu ſeinem größten Entzücken die Er⸗ laubniß, ſie zu begleiten. Da ſie einen weiten Weg in die Gegend zu machen hatten, welche ſie ſich zur Jagd erkoren, ſo ſtanden ſie morgens ſehr früh, vor Anbruch des Tages, auf, denn Herr Campbell hatte ſie drin⸗ gend gebeten, daß ſie nicht zu ſpät zurückkehren ſollten. * Dreißigſtes Kapitel. Die Jäger hatten ſchon mehrere Meilen zurückge⸗ legt, ehe ſie auf den Platz kamen, welchen Malachi als den bezeichnet hatte, an welchem eine Menge Wild und zwar von der vorzüglichſten Gattung zu treffen ſey. Es war jetzt nahe an zehn Uhr Vormittags, daß ſie in der Gegend ſtanden, welche zur Jagd auserſehen worden war. Es war ein offener Waldgrund und der 271 Schnee lag in hohen Wehen da, aber hie und da an einigen Seiten der Hügel lag das Gras nicht ſehr ver⸗ borgen, und die Hirſche waren im Stande, mit ihren Läufen es aufzuſcharren und einiges Futter zu bekom⸗ men. Sie waren alle eng an einander angeſchloſſen, als ſie ankamen. Percival und Heinrich waren auf eine Viertel⸗Meile zurück, denn Percival war an die Schnee⸗ ſchuhe nicht gewöhnt und konnte nicht ſo gut gehen, wie die Andern. Malachi und die Uebrigen hielten an, damit Heinrich und Percival ihnen nachkommen konn⸗ ten, und dann, nachdem ſie etwas Athem geſchöpft hat⸗ ten, ſagte jener: „Nun, Sie ſehen hier einen ſchönen Theil Hirſche, Meiſter Percival, allein da Sie noch kein geübter Jä⸗ ger ſind und uns ſchaden könnten, ſo werden Sie auf das achten, was ich Ihnen ſagen werde. Die Hirſche haben nicht bloß ein ſehr ſcharfes Geſicht und ein ſehr feines Gehör, ſondern ſie haben auch einen ſehr ſchar⸗ fen Geruch, und ſie wittern mittelſt deſſelben, wenn der Wind ihnen entgegen kommt, einen Mann auf eine Meile. Wenn Sie ſich daher ihnen nicht nutzlos machen wollen, ſo dürfen Sie ihnen nicht unter dem Winde entgegengehen, denn ſonſt iſt es vergebens. Nun geht der Wind von Oſten, und da wir auf der Südſeite ſind, ſo müſſen wir nahe an dem Walde hin auf die Weſtſeite gehen, ehe wir in den offenen Grund eintreten, und dann, Meiſter Percival, müſſen Sie ge⸗ rade ſo thun wie wir, und auf unſere Bewegungen genau achten. Wenn wir im Verfolge der Jagd an einen Hügel kommen, ſo müſſen Sie nicht hinauf ſprin⸗ gen oder auf denſelben hinauf gehen, um ſelbſt etwas zu entdecken. Der Damhirſch kann auf der andern Seite, vielleicht nur zwanzig Schritte von Ihnen ſeyn; und Sie müſſen ſich ſelbſt verſtecken, wie Sie ſehen werden, daß wir es machen. Wenn wir ihn aufgefun⸗ den haben, ſo will ich Sie an einen Platz ſtellen, an 27² welchem Sie ſo gut Ihren Schuß haben werden, wie wir. Verſtehen Sie mih, Meiſter Percival?“ „Ja, ich verſtehe, und ich will zurück bleiben und thun, wie Sie mir geſagt haben.“ „Wohlan denn, nun wollen wir in das Dickicht des Waldes hinein gehen, während wir uns leewärts machen, und dann wollen wir ſehen, ob Sie ein Jä⸗ ger werden wollen oder nicht., 8 Die ganze Jagdgeſellſchaft that, wie Malachi ge⸗ ſagt hatte; länger als eine Stunde gingen ſie durch den Wald, um die dickſten Bäume herum, damit ſie nicht von den Thieren geſehen würden. Endlich kamen ſie an den Platz, welchen Malachi auserſehen hatte, nun änderten ſie ihre Richtung und gingen mehr weſt⸗ wärts gegen den offenen Grund, wo ſie die Hirſche zu finden hofften. Als ſie in den offenen Grund eintraten, rückten ſie in demſelben gebückt vorwärts. Malachi und Mar⸗ tin voran, wenn ein Halloh ertönte, ſo ſammelten ſie ſich alle wieder, doch wenn es einen Hügel hinan ging, waren Malachi oder Martin die erſten, die ihn er⸗ ſtiegen und, von dem Gipfel deſſelben herabſehend, den andern zuriefen, damit ſie vorwärts kamen. Dies wurde gewöhnlich alle drei bis vier Meilen wiederholt, plötzlich aber machte Martin, welcher gerade ſein Haupt auf einem Hügel erhoben hatte, ein Zeichen, wodurch er ankündigte, daß er die Hirſche ſehe. Nachdem er einen oder zwei Augenblicke Beobachtungen angeſtellt hatte, kam er herab und berichtete, daß es zwölf oder dreizehn Stück Damhirſche ſeyen, welche in dem Schner ohngefähr auf hundertundfünfzig Schritte vor ihm herumſcharrten, daß es aber ſcheine, als wenn ſie aufgeſchreckt und ängſtlich ſeyen und eine Ahnung von der nahen Gefahr haben. 4 Malachi kroch nun hinan, um ſeine Beobachtungen anzuſtellen, und von da zurückkehrend ſagte er: 1 1 1 „Es iſt gewiß, daß ſie vor etwas die Flucht er⸗ griffen haben, es ſcheint gerade, als wenn ſie gejagt worden wären, und das iſt nicht gut. Wir müſſen warten und ſie ein wenig zu ſich kommen laſſen. Viel⸗ leicht finden wir auch, ob andere Parthieen auf ſie Jagd gemacht haben.“ Sie warteten noch zehn Minu⸗ ten, die Thiere ſchienen nun mehr beruhigt, und dann, indem ſie ihre Stellung hinter dem Hügel veränderten, rückten ſie auf einen Abſtand von fünfundzwanzig Schritten vorwärts. Malachi zeigte jedem das Thier, nach welchem er zu zielen hatte, und ſie feuerten faſt alle zu gleicher Zeit. Drei von den Thieren fielen, zwei andere waren verwundet, die übrigen entſprangen. Nun eilten alle hinter dem Hügel hervor und rannten auf ihre Beute zu. Alfred hatte auf einen ſchönen Bock geſchoſſen, welcher von den übrigen abgeſondert ſtand, und obgleich dieſer entſprungen war, ſo war es doch gewiß, daß das Thier ſchwer verwundet worden, und Alfred hatte ſich das Dickicht gemerkt, in welches es ſich geflüchtet hatte. Die übrigen angeſchoſſenen Hirſche waren augenſcheinlich nur leicht verwundet, da⸗ her war wenig Hoffnung, ſie zu erreichen, beſonders da ſie mit dem übrigen Rudel entſprungen waren. Alle eilten auf die todt da liegenden Thiere zu und ſo bald ſie ihre Flinten wieder geladen hatten, folgten Alfred und Martin der Spur jenes ſchwer verwundeten Thiers. Sie hatten ſich den Weg durch das Dickicht auf ohn⸗ gefähr fünfzig Gänge erzwungen, und der Schweiß des Thieres hatte ſie geleitet, als ſie plötzlich durch das laute Geheul eines Thieres ſtutzend gemacht wurden. Alfred, welcher voran war, erkannte, daß ein Puma (Bergkatze oder Maler, wie man es gewöhnlich nannte,) von dem Thier Beſitz ergriffen hatte und auf demſel⸗ ben lag. Er legte ſeine Flinte an und ſchoß die Beſtie. Obgleich ſchwer verwundet, ſprang dieſelbe unmittel⸗ bar auf ihn los und packte ihn bei der Schulter. Al⸗ Die Anſiedler in Canada. 18 274 fred ſank unter dem Gewichte des Thieres und in Folge der Schmerzen, die er empfand, zurück; da kam Martin ihm zu Hülfe und jagte die Kugel ſeiner Flinte dem hirie durch den Kopf, daß daſſelbe todt nieder⸗ ürzte. „Sind Sie ſchwer verwundet?“ ſagte Martin. „Nein, nicht ſehr,“ entgegnete Alfred,„wenigſtens glaube ich es nicht; aber meine Schulter iſt übel zer⸗ Thiere. „Ein Panther!“ rief Malachi aus,„das hätte ich nicht gedacht, daß wir einen ſo weit weſtlich ſehen würden. Sind Sie verwundet, Herr Alfred?“ „Ja ein wenig,“ entgegnete Alfred ſchwach. Malachi und Martin zogen Alfreds Jagdrock, ohne ein Wort zu ſagen, herunter, und entdeckten, daß er eine ſehr garſtige Wunde an der Schulter durch die Zähne des Thieres erhalten hatte, und daß ſeine Seite durch die Krallen des Thieres verletzt war. John, ſorge für etwas Waſſer!“ ſagte Malachi. „Du wirſt gewiß eines in den Höhlen finden.“ John und Percival eilten beide fort, um Waſſer zu ſuchen, während Malachi, Martin und Heinrich Al⸗ freds Hemd in Streifen zerſchnitten und dieſe über die Wunde banden, ſo daß der Blutfluß gehemmt wurde. So bald dieß geſchehen war und nachdem er das Waſſer, welches ihm John brachte, getrunken hatte, fühlte er ſich neu belebt. — 8ch will noch ein wenig ſitzen bleiben,“ ſagte er,„und dann wollen wir, ſo ſchnell als wir können, nach Hauſe gehen. Martin, ſehen Sie nach dem Wilde und wenn Sie fertig ſind, will ich aufbrechen. Welch ein furchtbar ſtarkes Thier dieſes war, ich hätte ihm nicht eine Minute länger widerſtehen können, und ich hatte kein Jagdmeſſer.“ „Es iſt ein ſchreckliches Thier, Sir,“ verſetzte Ma⸗ lachi.„Ich kann mich nicht erinnern, je ein größeres geſehen zu haben. Eins iſt zu viel für einen Mann, und es ſollte nie von einem Einzelnen angegriffen werden, weil es ſo ſchwer zu tödten iſt.“ 4 „Wo hat es meine Kugel verwundet?“ ſagte Alfred.. „Hier, unter der Schulter, Sir, und es war ſehrr. ⸗ gut gezielt, der Schuß muß ihm nahe am Herz vor⸗ beigegangen ſeyn; aber wenn Sie auch das Thier durch das Gehirn oder das Herz geſchoſſen hätten, würde es gewiß noch ſterbend ſeine Sätze gemacht ha⸗ ben. Das iſt eine abſcheuliche Wunde an Ihrer Schul⸗ ter, und ſie wird, wie ich vermuthe, auf fünf oder ſechs Wochen Ihnen das Jagdgehen verbieten. Indeß iſt es gut, daß es nicht ſchlimmer iſt.“ „Ich fühle mich nun ganz kräftig,“ ſagte Alfred. „Noch zehn Minuten, Sir. Laſſen Sie John und mich ſeine Haut abſtreifen, denn wir müſſen ſie zur Schau mitnehmen, weil wir all' das Wild verloren haben. Herr Heinrich, ſagen Sie Martin, daß er blos die erſten Stücke nehmen und nicht auch die Felle mitbringen ſoll, denn wir ſind nicht im Stande, ſo viel zu tragen. Auch ſagen Sie ihm, Herr Heinrich, daß er ſo viel als möglich eilen ſolle, denn es will für Herrn Alfred nicht recht angehen, länger zu blei⸗ ben, weil ſein Arm ſteif wird. Wir haben manche Meilen nach Hauſe zu gehen.“ Im Verlaufe von zehn Minuten hatten Malachi und John den Puma abgeſtreift und Martin kam mit den Schenkeln von zwei Hirſchen, welche, wie er ſagte, Alles waren, was durch ſie fortgeſchafft werden konnte, und Alle traten dann den Rückweg an. Alfred war noch nicht weit gekommen, als er ſchon eine große Pein empfand, denn das Gehen auf den 276 Schneeſchuhen erzeugte eine ſo ſtarke Erſchütterung, daß die Wunde ſich wieder öffnete und zu bluten wie⸗ der anfing. Malachi unterſtützte ihn indeſſen und nach⸗ dem er ihm mehr Waſſer verſchafft hatte, ſetzten ſie. ihren Weg fort. Nach Verlauf einiger Zeit wurde die Wunde bren⸗ nender und Alfred ſchien durch den Schmerz mehr nie⸗ dergedrückt; indeſſen ſchritt er, ſo gut er konnte, vor⸗ wärts, und als die Nacht eintrat, waren ſie nicht mehr fern vom Hauſe. Alfred bewegte ſich jedoch nur mit großer Anſtrengung, er hatte eine vollſtändige Ohnmacht bekommen und zwar in dem Grade, daß Martin John bat, daß er das Wildpret wegwerfen und voran nach Hauſe eilen ſolle, um Herrn Campbell zu bitten, daß er etwas Branntwein oder andere Herzſtärkungen ſende, damit man Alfred damit zu Hülfe komme, der vor Schwäche und Blutverluſt kaum mehr im Stande war, ſich zu bewegen. Als ſie etwa noch eine Meile vom Hauſe entfernt waren, war John ſchon dort, ſtürmte durch das Thor und erzählte in Gegonwart der Mrs. Campbelz und ihrer Nichten, welchen Auftrag er habe, ſo daß dieſe in die größte Traurigkeit verſetzt wurden. Herr Campbell ging in ſein Zimmer, um die geiſtigen Getränke zu holen und ſobald als er zurück⸗ kam, ſetzte Emma ihren Hut auf und ſagte, daß ſie John begleiten wolle. 3. Herr und Mrs. Campbell hatten keine Zeit, Ein⸗ wendungen zu erheben, wozu ſie geneigt waren, denn Emma war in einem Momente zur Thüre hinaus und John folgte ihr auf den Ferſen. Aber Emma hatte vergeſſen, daß ſie keine Schneeſchuhe habe, und ehe ſie die Hälfte der Entfernung gegangen war, fand ſie ſich ſo ermüdet, als wenn ſie meilenweit gegangen wäre. Sie ſank, ſchwächer und ſchwächer werdend, mit jeder Minute, die ſie vorwärts rückte, tiefer in den Schnee. Endlich kam ſie bei den Jägern an; Alfred lag bewußt⸗ los auf dem Schnee, und die Andern machten aus 277 Aaſhe eine Tragbahre, um ihn nach Hauſe tragen zu önnen. Etwas Branntwein, in ſeinen Hals geträufelt, brachte Alfred wieder zur Beſinnung; er ſchlug die Augen auf und bemerkte Emma, wie ſie ſich über ihn hingeneigt hatte. „Theure Emma, wie gut Du biſt,“ ſagte er, in⸗ dem er zu lächeln verſuchte. „Rühre Dich nicht, Alfred, ſie haben ſchon die Tragbahre fertig und dann wirſt Du nach Hauſe ge⸗ tragen werden. Es iſt nicht ferne von hier.“ „Ich bin nun wieder ſtark, Emma,“ entgegnete Alfred.„Aber Du darfſt nicht hier in der Kälte blei⸗ ben. Sieh, der Schnee iſt friſch gefallen.“ „Ich muß nun dableiben, bis ſie bereit ſind, Dich fortzutragen, Alfred. Denn ich darf nicht allein zu⸗ rückgehen.“ Während dieſer Zeit wurde die Tragbahre fertig gemacht und Alfred auf dieſelbe gelegt. Malachi, Heinrich, Martin und John trugen ihn weg. „Wo iſt Percival?“ ſagte Emma. „ Er iſt ein wenig zurück,“ entgegnete John. „Seine Schneeſchuhe thun ihm wehe und er kann naht ſo ſchnell gehen. Er wird in einer Minute da eyn.“ Sie trugen Alfred in das Haus, an deſſen Thor Herr und Mrs. Campbell und Mary in der größten Bangigkeit harrten. Die arme Emma war ſehr abge⸗ mattet, als ſie nach Hauſe kam, und ging auf ihr Zim⸗ mer. Alfred wurde in ſein Bett gelegt. Sein Vater unterſuchte die Wunde, und fand ſie wegen der großen Zerreißung des Fleiſches ſehr gefährlich. Herr Camp⸗ bell verband ihn, und dann überließen ſie Alfred der Ruhe, deren er ſo ſehr bedurfte. Der Zuſtand Alfreds beſchäftigte ihren Geiſt und ihre Aufmerkſamkeit ſo ſehr, daß in der erſten Stunde an gar nichts Anderes gedacht wurde. Emma war, ſobald ſie nach Hauſe — 278 kam, ſehr krank geworden, und nahm die Aufmerkſamkeit der Mrs. Campbell und ihrer Schweſter Mary in⸗ Anſpruch. Es war erſt beim Abendeſſen, als Herr Campbell ſagte: „ Nun, wo iſt Percival?“ „Percival! Iſt er nicht hier?“ war die ängſtliche Frage, welche von Allen, die bei der Jagd geweſen waren, erhoben wurde. „Percival nicht hier!“ rief Mrs. Campbell aus, indem ſie von ihrem Platze aufſprang.„Wo iſt mein Kind? Wo iſt mein Kind?“ „Er war gerade hinter uns her,“ ſagte John,„er ſetzte ſich nieder, um ſeine Schneeſchuhe zu wechſeln, die ihm wehe thaten.“ 3 Malachi und Martin rannten in ihrer Beſtürzung hinaus, ſie erkannten die Gefahr, denn der Schnee fiel jetzt in ſo großen Maſſen herab, daß es nicht mög⸗ 109 war, auf zwei Schritte Entfernung Fußtritte zu ehen. „Der Junge wird zuverläßig verloren ſeyn,“ ſagte Malachi zu Martin.„Wenn er zurückgeblieben iſt, während dieſer Schnee fiel, wird er nimmermehr den Weg finden, ſondern fortgehen, bis er verloren iſt.“ „Ja,“ ſagte Martin,„er hat eine armſelige Wahl, ich wollte meine rechte Hand darum geben, wenn ſich dieſes nicht ereignet hätte.“— „Ein Unglück kommt ſelten allein,“ entgegnete Malachi.„Was können wir thun? Mrs. Campbell wird ſelbſt heraus wollen, denn ſie liebt den Jungen über alle Maßen. „Unſer Herumgehen iſt vergebens,“ bemerkte Mar⸗ tin.„Wir werden ihn nimmermehr finden, uns nur ſelbſt zu Grunde richten; allein wir werden beſſer thun, wenn wir zurückgehen und ſagen, daß wir es verſuchen wollen. Jedenfalls können wir bis an die Ecke des Waldes gehen, und einige Minuten unſer 279 Halloh ertönen laſſen, wenn der Junge noch auf ſeinen Beinen iſt, wird ihn das zu uns führen.“ „Ja,“ entgegnete Malachi,„und wir können eine Kienfackel anzünden, was uns von einigem Nutzen ſeyn kann. Wohlan denn, wir wollen gehen und ihnen ſa⸗ gen, daß wir ausziehen, den Jungen zu ſuchen; ver⸗ liert ſie die Hoffnung nicht, und Hoffnung muß ihren Geiſt einige Zeit lang erheben, bis ſie beſſer vorberei⸗ tet ſeyn wird, ihren Verluſt zu hören.“ . In dieſer Bemerkung Malachi's lag viel geſunder Verſtand und viele Kenntniß des menſchlichen Herzens, und obgleich er vorausſah, daß alles Suchen nutzlos ſeyn würde, konnte er ſich doch nicht dazu entſchließen, mit einem Male alle Hoffnungen der liebenden und verzweifelnden Mutter zu vernichten. „Siie kamen herein und fanden Mrs. Campbell bitterlich weinend, ihren Mann und Mary um ſie be⸗ müht. Sie ſagten, daß ſie hinausgehen wollten, um nach dem Knaben zu ſuchen, und ihn, wenn es möglich wäre, nach Hauſe zu bringen. Sie nahmen drei oder vier Kienfackeln, eine davon zündeten ſie an, brachen mit ihr an die Ecke des Forſtes auf, und blieben da, von Zeit zu Zeit rufend, zwei Stunden lang. Aber der Schnee fiel ſo ſtark, und die Kälte war ſo durch⸗ dringend, denn der Wind blies heftig aus Nord, daß ſie es nicht länger aushalten konnten. Sie kehrten aber nicht in das Haus zurück, ſondern gingen in ihre. Hütte, um ſich ſelbſt zu verbergen, und blieben da bis zum Anbruch des Tages. Jetzt gingen ſie wieder hin⸗ aus; der Schneeſturm hatte nachgelaſſen, der Morgen war hell und glänzend; ſte gingen in den Forſt auf demſelben Wege zurück, auf dem ſie nach Hauſe gekom⸗ men waren, ſie gingen drei und vier Meilen weit, aber der friſch gefallene Schnee hatte ihre Fußſtapfen vom geſtrigen Tage bedeckt und war an vielen Stellen mehrere Fuß hoch. Sie gingen dahin, wo Percival durch John das Letztemal geſehen worden war, denn 4 280 dieſer hatte den Platz ganz genau beſchrieben; ſie ſahen ſich überall um, ſie gingen kreuz und quer; ſie hofften, einen Schuß aus einer Flinte zu hören, oder doch die Mündung ſeiner Flinte aus dem Schnee herausblicken zu ſehen, aber da war nichts zu finden, und nachdem ſie vier oder fünf Stunden geſucht hatten, kehrten ſie nach Hauſe zurück. Sie fanden Herrn Campbell und Heinrich in der Küche, denn Mrs. Campbell war in einem ſolchen Zu⸗ ſtande der Bangigkeit und des Schmerzes, daß ſie in ihrem Zimmer ſich befand, beobachtet von Mary. Herr Campbell erkannte an ihrem Geſichte, daß ſie keine be⸗ friedigende Nachrichten bringen. Malachi ſenkte traurig den Kopf und ſetzte ſich nieder. „Malachi, glauben Sie, daß mein armer Junge verloren ſey?“ ſagte Herr Campbell. „Ich fürchte, Sir, er iſt es. Er muß ſich zuletzt niedergeſetzt haben, und ſo muß er endlich in einen Schiaf verfallen ſeyn. Er wurde in dem Schnee begra⸗ ben und er wird nicht eher wieder erwachen, als am Tage der Auferſtehung.“ 3 Herr Campbell bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen, und nach einiger Zeit rief er aus: „Dieſe arme Mutter!“ Nach wenigen Minuten erhob er ſich und ging in das Zimmer der Mrs. Campbell. 4 3„Was iſt es mit meinem Kinde, meinem lieben theuren Percival?“ rief Mrs. Campbell aus. „Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen!“ verſetzte Herr Campbell.„Dein Kind iſt glücklich!“ Mrs. Campbell weinte bitterlich, und nachdem ſie den Gefühlen der Natur ſich ganz hingegeben hatte, er⸗ rang ſie nach und nach mehr wieder Ruhe und mehr Ergebung. Ihr beſtändig demüthiger Geiſt ſuchte un fand Hoffnung und Troſt bei Gott. Einunddreißigſtes Kapitel. An einem kurzen Tage war das Haus des Herrn Campbell aus einem Hauſe der Freude in ein Haus der Trauer verwandelt worden. Die Bemerkung Malachis, daß ſelten ein Unglück allein komme, bewahrheitete ſich, 5 denn es laſtete nun eine zweite Angſt auf ihnen. Emma hatte ſich bei dem unklugen Hinausbegeben in die Nacht⸗ luft, und indem ſie ihre Füße erkältete, ſo krank ge⸗ macht, daß zuerſt ein ſchneidender Froſt ihre Glieder durchſchüttelte und daß darauf ein Fieber folgte, wel⸗ ches mehrere Tage ſehr bedenklich war. Indem dieſes zu dem Verluſte eines ihrer Kinder hinzutrat, war Herr und Mrs. Campbell um ſo mehr niedergedrückt, als ſie ihre Richten wie ein Kind be⸗ trachteten und Alfred in einem wahrhaft bedenklichen Zuſtande war. Die Wunden hatten ein ſo entzündetes 4 Ausſehen bekommen, daß Herr Campbell den Brand befürchtete. Dieſer gehäufte Schmerz hatte indeſſen eine gute Wirkung auf ſie. Die Gefahr, welche Emma und Alfred umſchwebte, nahm ihren Geiſt und ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß ſie keine Zeit hatten, den Verluſt des armen Percivals zu beweinen, und wenn Mrs. Campbell in ihren Gebeten bemüht war, Ihm beliebe, die beiden andern, welche krank darnie⸗ ggegangen, bis das eine oder das andere von ihnen als im Stande der Wiedergeneſung begriffen betrachtet wer⸗ ddeen konnte; aber ihre Gebete wurden erhört und als der Winter zu Ende ging war ihre Wiederherſtellung nicht mehr zweifelhaft. Es war ein melancholiſcher WVinter geweſen, aber die Freude, Emma wieder ihre ſich dem Willen des Allmächtigen, der ihr ihr Kind ge⸗ nommen, zu unterwerfen, ſo bat ſie Ihn, wenn es 8 Pflichten erfüllen und Alfred wieder ſo weit hergeſtellt — derlagen, ihr zu erhalten. Lang und langweilig waren die Stunden des Tages, und Wochen waren vorüber⸗ 282 zu ſehen, daß er in das Geſellſchaftszimmer gebracht werden konnte, übte eine wahrhaft erheiternde Wirkung auf ihren Geiſt aus. Es war zwar nicht mehr die Freude und die Heiterkeit, welche einſt hier geherrſcht hatte, aber es war die demüthige Unterwerfung unter die Fügungen des Himmels, welche, wenn ſie dieſelben auch nicht mit einemmal freudig machte, ſie doch zuletzt ohne Betrübniß und Klage ein gewiſſes Ereigniß be⸗ trachten ließ. Dankbar für die Gnade, die Er ihnen durch Alfreds und Emmas Erhaltung erzeugt hatte, tröſteten ſich Herr und Mrs. Campbell hinſichtlich Per⸗ civals gegenſeitig durch die Betrachtung, daß ſeine Tage ſo früh, und ehe er durch die Welt verleitet worden, ihr Ende erreicht hätten, und daß ihr theurer Knabe durch die himmliſche Gnade eine Wohnung in dem himmliſchen Reiche erhalten habe. Allmälig wurde die Familie wieder heiter und glücklich, Emmas munteres Lachen ließ ſich wieder vernehmen, Alfred erlangte wie⸗ der ſeine frühere Geſundheit und ſeine heitere Laune, und Mrs. Campbell konnte jetzt den Namen„Percivals“ nennen, und des liebenswürdigen Kindes in den Gebe⸗ „ten erwähnen hören. Der Frühling kam nun wieder, der Schnee ver⸗ ſchwand allmälig, das Eis entfernte ſich, und mit einemmal war der blaue, klare See ſichtbar; das Rind⸗ vieh wurde ausgetrieben, um das vom vorigen Jahre übriggebliebene Gras abzuweiden, und alle Maͤnner ſchickten ſich zur Saat an. Sobald der Schnee weg war, gingen Malachi, Martin und Alfred, ohne ein Wort zu Mrs. Campbell zu ſagen, in den Wald und ſtellten alle möglichen Nachforſchungen nach dem Leich⸗ name des armen Percival an; allein es blieb ohne Er⸗ folg, und es wurde angenommen, daß er nach irgend einem Felde, welches ſie nicht entdecken konnten, gegan⸗ gen und dort geſtorben ſey, oder daß die Wölfe ſeine Ueberreſte aus dem Schnee geſcharrt und gefreſſen hät⸗ ten. Auch nicht eine Spur konnten ſie von ihm ent⸗ — 283 4 decken, und ſie ſetzten daher nach einigen Tagen die Nachſuchungen wieder fort. Die Rückkehr des Früh⸗ lings hatte eine andere gute Wirkung auf das Gemüth der ganzen Geſellſchaft, denn mit ihm kamen eine ſolche Menge von Arbeiten, daß ſie auch nicht einen Augen⸗ blick übrig hatten. Sie hatten nun ſo viele Aecker mit Korn, daß ſie kaum Zeit hatten, die gehörigen Vor⸗ bereitungen zu treffen, und es war ein Glück, daß Alfred ſo weit hergeſtellt worden, daß er ihnen in ihren Ar⸗ beiten beiſtehen konnte. Malachi, John und auch Herr Campbell leiſteten Hülfe, und das Geſchäft wurde voll⸗ endet. Hierauf erhielten ſie eine Botſchaft von dem Fort, und Briefe von Quebec, Montreal und aus England. Unter letzteren war nur einer von Bedeutung; aber einer von Montreal benachrichtigte Herrn Campbell, daß, was ihm ſehr angenehm war, der Ingenieur im Laufe des Monats mit den Schiffen kommen wolle, welche die Eiarichtung enthielten, und daß die Waſſer⸗ mühle ſo bald als möglich aufgebaut werden könne. Ein Brief von England alſo war von Bedeutung und machte ihnen viel Vergnügen; er war von Capitän Sinclair an Alfred, und unterrichtete dieſen, daß er alle Geſchäfte mit ſeinem Vormunde beendet habe, daß er ſich mit ſei⸗ nem Regimente wieder vereinigen und im Frühlinge ſehr bald auf dem Fort ſeyn würde, indem er mit dem erſten Schiffe abſegeln wolle, welches von Fugland ab⸗ gehe. Er ſchrieb, wie erfreut er bei ſeiner Rückkunft ſeyn werde, und trug ihm auf, Emma zu ſagen, daß er keine engliſche Frau gefunden habe, wie ſie ihm prophezeit, und daß er bei ſeiner Zurückkunft ſein ganzes Herz mitbringen werde. Sehr bald darauf erhielten ſie einen Beſuch von Oberſt Forſter und einigen Offizieren der Garniſon. Der Oberſt bot Herrn Campbell eine Abtheilung von Soldaten an, welche ihm bei Aufrichtung der Mühle Hülfe leiſten ſoll⸗ ten, und dieſes Anerbieten wurde dankbar angenommen. „Wir waren im letzten Herbſte ſehr in Sorgen um Sie, Herr Campbell, als die Wälder in Brand ge⸗ rathen waren,“ ſagte der Oberſt,„doch nun ſehe ich, daß es von großem Vortheile für Sie war. Sie haben nun eine große Anzahl gelichteten Landes angeſäet, und wenn Sie die genügenden Mittel beſeſſen hätten, ſo hätte noch viel mehr angebaut werden können, denn ich ſehe, daß alles nordweſtliche Land durch das Feuer ge⸗ lichtet wurde.“ „Ja,“ verſetzte Herr Campbell, aber mein Eigenthum breitet ſich, wie Sie wiſſen, längs des Ufers aͤus und wir haben den Samen ferne von dem Ufer geſäet, ſo weit das Eigenthum reicht.“ 4 „Dann will ich Ihnen noch empfehlen, nach Que⸗ bee zu ſchreiben, und um eine weitere Verleihung auf jeder Seite des Fluſſes zu bitten; ſo daß das Uebrige gleich mit dem iſt, was Sie jetzt haben.“ „Aber wenn ich es auch thue, ſo habe ich doch die Mittel nicht, das Land zu bearbeiten.“ „Ja, gegenwärtig nicht, das gebe ich zu; aber da giebt es gar viele Auswanderer, welche gerne Hand ans erk legten und ſich hier unter vortheilhaften Bedin⸗ gungen anſiedeln würden.“ „Die Koſten würden ſehr bedeutend ſeyn,“ entgeg⸗ nete Herr Campbell. „Das wohl; aber der Ertrag würde ſie entſchädigen. Die Truppen auf dem Fort würden all' ihr Mehl aus Ihrer Hand beziehen, wenn Sie ſo viel hätten.“ „Ich bin jetzt nicht geneigt, weiter zu ſpeculiren,“ entgegnete Herr Campbell;„ich will vor allem ſehen, wie dieſes Jahr ausfällt und finde ich, daß es erfolg⸗ reich iſt, dann will ich mich entſchließen.“ „Sie wollen alſo vorſichtig handeln. Sie können an Ihren Agenten in Quebee ſchreiben, und ſich darüber Gewißheit verſchaffen, was die wahrſcheinlichen Bedin⸗ gungen jener Männer ſeyen, wenn Sie derſelben bedür⸗ fen würden. Aber es gibt auch noch einen andern Weg, und der iſt, ihnen Land zur Cultivirung und Samen zu geben, und von ihnen eine gewiſſe Portion Korn als 4 285 Rente zurückzuerhalten. Das iſt in der That ſehr vor⸗ theilhaſt und Ihr Land wird ſo nach und nach cultivirt werden, während Sie nebſt Dem noch den Vortheil erlan⸗ gen, Nachbaren zu haben. Sie ſollten einen Ihrer Söhne nach Montreal ſchicken, um das Alles einzuleiten.“ „Ich werde zuverläßig meinem Agenten ſchreiben und ihn fragen,“ verſetzte Herr Campbell,„und ich ſage Ihnen meinen verbindlichſten Dank für Ihre Güte. Ich habe noch einige Hunderte in der Bank zur Dispoſition!“ Drei Wochen nach dieſer Unterredung langten die Fahrzeuge mit dem Baumeiſter und der Einrichtung der Mahl⸗ und der Säg⸗Mühle an, und nun bot die An⸗ ſiedlung eine ſehr belebte Scene dar, indem ſich die Soldaten drängten, welche von dem Fort geſendet wor⸗ den. Der Ingenieur war ein ſehr verſtändiger, junger Engländer, welcher ſein Geſchäft in Canada angefangen hatte, und als der geſchickteſte in der ganzen Colonie betrachtet wurde. Der Platz für die Mühle war ſchon beſtimmt, und nun ertönten die Arthiebe in den Wäl⸗ dern, indem unter ſeiner Leitung die Bäume gefällt und behauen wurden. Alfred war beſtändig bei dem Ingenieur, überwachte die Arbeit der Mannſchaft und ſchloß mit jenem ein ſehr inniges Verhältniß. Der Gentle⸗⸗.” man war bald auf einem ſolchen Fuße mit der ganzen Fämilie, daß er als ein Mitglied derſelben betrachtet wurde, denn er war ſehr unterhaltend, von ſehr guter Abkunft und hatte offenbar alle Vortheile einer guten Erziehung genoſſen. Herr Campbell fand, daß Herr Emmerſon, dies war ſein Name, ihm die beſte Aus⸗ kunft hinſichtlich der Auswanderer, welche angekommen 2 waren, geben könne, denn er durchreiſte jene Gegend keiindin und war in immerwährender Berührung mit ihnen. „Sie ſind in Ihrem Ankaufe in der That ſehr lücklich,“ ſagte Emmerſon zu Herrn Campbell.„Das Land iſt vortrefflich, Sie haben ein mächtiges Waſſer an dem Fluß und eine ſehr gute Waſſerſtrate an dem See⸗ — 286 Nach fünfzig Jahren wird dieſes Eigenthum eine große Summe Geldes koſten.“ „ Ich wünſchte nur, daß ſich mehr Auswanderer hier anſiedelten,“ bemerkte Herr Campbell;„es würde zu unſerer Sicherheit und zu unſerem Wohlbehagen bei⸗ tragen; ich habe auch nicht genug Hände, um das Land zu bebauen, welches durch das Feuer im letzten Herbſte gelichtet worden iſt. Wenn es nicht in kurzer Zeit an⸗ gebaut wird, wird Alles wieder Wald werden.“ „Gegenwärtig iſt Alles voll von Himbeerſträu⸗ chen, und noch dazu von ſehr guten; finden Sie das nicht, Herr Emmerſon?“ ſagte Emma. „Ja, Miß, ſehr vortrefflich ſind ſie,“ entgegnete er, „aber Sie müſſen wiſſen, daß, wenn hier Jemand Bäume fällt, und ſich nicht beeilt, das Feld zu behacken und zu beſäen, Himbeerſträuche unmittelbar und⸗überall hervorkommen.“ 4 „Das wußte ich in der That nicht.“ „Es iſt nichts deſtoweniger der Fall. Nach den Himbeerſträuchen ſchießen die Pflanzen des harten Hol⸗ zes auf, und dieſe führen, wie Herr Campbell ſagt, bald wieder einen Wald herbei.“ Dann fuhr er, zu Herrn Campbell gewendet, fort: „Ich ſollte nicht denken, daß Sie in irgend einer Verlegenheit ſeyn ſollten, Auswanderer hieher zu be⸗ kommen, Herr Campbell, und die Schwierigkeit könnte nur darin liegen, ſie zu überreden, daß ſie bleiben. Um ſie zu veranlaſſen, daß ſie in dieſe Gegend kom⸗ mmen, iſt das Zweckmäßigſte, ihnen Land als Eigenthum zu überlaſſen und ſie ſo unabhängig zu machen. Viele derſelben haben die Mittel hieher zu gehen nicht, und ſind gezwungen, als Taglöhner zu arbeiten, um den augenblicklichen Unterhalt zu erwerben; aber in dem Momente, in welchem ſie ſo viel geſammelt haben, um 3 für. ſich ſelbſt etwas anzukaufen, werden ſie uns ver⸗ aſſen.“ „Das iſt ſehr natürlich; aber ich habe gedacht 287 daß ich ein größeres Land, als ich ſchon habe, bekom⸗ men werde, und ich wünſche ſehr, daß ich eine Ueber⸗ einkunft mit einigen Auswanderern treffen könnte. Der Oberſt ſagte mir, daß ich es auch ſo machen könne, ihnen mit Samen zu Hülfe zu kommen, und Korn als Rente zurückzunehmen.“ 3 „Das würde aber kein bleibendes Uebereinkommen ſeyn,“ entgegnete Herr Emmerſon.„Wie viele Mor⸗ gen Landes gedenken Sie jetzt noch beizufügen.“ „Sechs hundert Morgen.“ „Nun gut, Sir, ich denke, ich wolle die Anſichten beider Theile vereinigen, wenn Sie Bedingungen, wie die folgenden, vorſchlagen würden, nämlich: das Land in Looſe, jedes zu hundert Morgen, zu vertheilen, und dem, der es cultivirt, aufzuerlegen, daß er fünfzig Morgen für Sie cultivire, welche dann Ihrem eigenen Lande beizufügen ſind, während er das Recht hat, über die andern fünfzig Morgen, wie über ſein Eigenthum zu verfügen. Sie würden auf dieſe Weiſe dreihundert Morgen des werthvollſten Feldes erhalten, die ſich Ih⸗ rem gegenwärtigen Gute anſchließen, Sie hätten ſo Nachbaren an ſich gefeſſelt, und dieſe würden auch ver⸗ mögen, die übrigen fünfzig zu kaufen.“ „Das iſt ein ſehr gutes Auskunftsmittel, Herr Emmerſon, und ich gebe demſelben meine Zuſtimmung vollkommen.“ „Nun, Sir, ich werde dieſen Sommer viel Ge⸗ legenheit haben, um dieſe Vorſchläge den Auswande⸗ rern mitzutheilen, und wenn ich einige finde, welche mir einigermaßen tauglich als Nachbarsleute ſcheinen, ſo will ich es Ihnen wiſſen laſſen.“ „Und mit ſolchen Erwartungen will ich mich um die Vermehrung meines Beſitzthums bewerben,“ ſagte Herr Campbell,„denn Nachbaren in dieſer Einſamkeit zu haben, iſt etwas Angenehmes, und ich wollte ihnen gerne ein Geſchenk an Land machen.“ „Ich vermuthe, daß Sie in wenigen Jahren Nach⸗ 288 baren genug haben werden, ohne daß Sie ein ſolches Auskunftsmittel nothwendig haben,“ verſetzte Herr Emmerſon.„Aber in Uebereinſtimmung mit Ihrem gegenwärtigen Vorſchlage, würde es beſſer ſeyn, ſie auszuwählen, und Sie können die Bedingung ſtellen, mittelſt welcher man jedem Schaden vorbeugen kann.“ Die Arbeiten an der Mühle gingen raſch voran, und ehe noch das Heu geerntet worden, war die Mühle vollſtändig fertig. Alfred war ſehr erfreut und ver⸗ wendete alle Aufmerkſamkeit auf dieſelbe, und ſo that auch Martin; beide, damit ſie die Maſchinerie verſte⸗ hen lernten. Dieſe war höchſt einfach. Herr Emmer⸗ ſon probirte die Mühle und fand ſie ganz entſprechend. Er erklärte Alfred Alles, und ſetzte die Mühle in Gang, damit dieſer vollſtändiger Meiſter werde. Vierzehn Tage nachdem die Mühle in Gang geſetzt worden war, und ehe Herr Emmerſon eine Gelegenheit zur Zurück⸗ fahrt nach Montreal erhalten konnte, beſchäftigten ſich Alfred und Martin, beide dieſe ganze Zeit hindurch mit der Mühle, und ſie waren ſehr zufrieden, als ſie entdeckten, daß ſie keiner weiteren Belehrung bedurften. Die auf die Bitte des Herrn Campbell abgegebenen Soldaten erhielten die Erlaubniß, bis nach der Heu⸗ ernte zu bleiben, und ſo bald als dieſe eingebracht worden war, wurden ſie bezahlt und nach dem Fort zurückgeſchickt. Capitän Sinclair, welcher nach ſeinem Briefe viel früher erwartet wurde, kam gerade, als die Soldaten die Niederlaſſung verließen. Es iſt nicht nöthig zu ſagen, daß derſelbe mit der größten Herzlich⸗ keit aufgenommen wurde. Er hatte ihnen ſehr viel zu erzählen und er brachte auch viele Geſchenke mit; das für den armen kleinen Percival blieb natürlich zurück. Emma und Mary waren entzückt, ihn nun wieder als Begleiter zu haben und mit ihm ihre Gänge wieder beginnen zu können, und wierzehn Tage vergingen ſehr geſchwind, ſo daß ſein Urlaub ſchnell abgelaufen, und er gezwungen war, nach dem Fort zurückzukehren. Ehe — — er jedoch wegging, erbat er ſich eine Privatunterre⸗ dung mit Herrn und Mrs. Campbell, in welcher er ſeine Stellung und ſeine Mittel genau auseinander⸗ ſetzte und um ihre Genehmigung bat, ſein Herz ihrer Nichte Mary weihen zu dürfen. Herr und Mrs. Camp⸗ bell, welche die Aufmerkſamkeit, die er ihr erwies, be⸗ reits bemerkt hatten, zögerten keinen Augenblick, um die Genehmigung ſeiner Bitte auszuſprechen und ihm ihre innigſten Wünſche für ſein Unternehmen darzubrin⸗ gen, und nachdem dieſes geſchehen war, ließen ſie ihn ſeinen eigenen Weg gehen. Capitän Sinelair erman⸗ gelte nicht, das zu thun, was er jeden Abend that. Mary Percival war ein zu liebenswürdiges und zu rechtlich geſinntes Mädchen, um nicht Capitän Sin⸗ clair's Geſtändniß ſogleich anzunehmen, oder zurückzu⸗ weiſen, und da ſie ſchon ſo lange Liebe für ihn em⸗ pfand, ſo ſtellte ſie auch nicht in Abrede, daß dieſes der Fall ſey, und Capitän Sinclair war daher über⸗ glücklich durch ſeinen Erfolg. „ Ich habe ganz frei mit Ihnen geſprochen, Capi⸗ tän Sinclair,“ ſagte Mary,„ich habe nicht in Abrede geſtellt, daß Sie einen Anſpruch auf meine Liebe ha⸗ ben; aber ich muß Sie nun bitten, mir zu ſagen, was Ihre künftigen Abſichten ſind.“ „Gerade das zu thun, was Sie von mir wünſchen.“ „Ich haue weder ein Recht, zu rathen, noch wünſche ich, Sie zu überreden. Ich habe meinen eigenen Weg, um die mir obliegenden Pflichten zu erfüllen, und von dieſem kann ich nicht abweichen.“ „Und welcher iſt dieſes?“ „Er iſt, daß ich unter den gegenwärtigen Verhält⸗ niſſen nicht daran denken darf, meinen Onkel und meine Tante zu verlaſſen, ich bin bei ihnen geboren und von ihnen auferzogen worden. Ich habe als eine Waiſe ihr Glück genoſſen, ich habe eine große Schuld dankbar an ſie abzutragen, und ich kann nicht einwilligen, nach Die Anſiedler in Canada. 19 290 England zurückzukehren, um mich aller der Vortheile zu erfreuen, welche mir Ihre Mittel darbieten würden, während ſie in ihrer gegenwärtigen Lage verblieben. Spätere Ereigniſſe können meine Meinung ändern; dies iſt ſie aber gegenwärtig.“ „Wenn ich aber im Sinne habe, mit Ihnen hier zu bleiben, und mit Ihnen Ihr Gluck zu theilen, wird Ihnen das nicht genügen?“ „Nein, gewiß nicht, denn Sie würden da eine Ungerechtigkeit gegen ſich ſelbſt begehen. Ich ſetze vor⸗ aus, daß Sie nicht im Sinne haben, Ihren gegenwär⸗ tigen Wirkungskreis zu verlaſſen.“ „Ich hatte eine polche Abſicht nicht; aber jetzt, wenn ich zwiſchen Ihnen und dem Dienſte wählen ſoll, werde ich nicht zögern.“ „Ich bin gewiß, daß Sie nicht zögern werden; aber ich bitte Sie, für jetzt ſtandhaft in Ihrem Wir⸗ kungskreiſe zu bleiben. Ich kann es nicht zugeben, daß Sie Ihre Ausſichten und Ihre Hoffnung auf Be⸗ förderung wegen ſolch' einem Mädchen, wie ich bin, aufgeben,“ fuhr Mary lächelnd fort;„nie müſſen Sie daran denken, daß Sie ein Jäger wegen eines Mäd⸗ chens mit einem bleichen Geſichte werden wollen.“ „Nun, wenn ich das thue, was Sie ſagen, wollen Sie Ihren Onkel und Ihre Tante nicht verlaſſen?“ „Warten Sie, Capitän Sinclair; ſeyen Sie zu⸗ frieden, daß Sie meine Liebe haben, und warten Sie geduldig ab, bis Umſtände eintreten mögen, welche mich in den Stand ſetzen werden, Ihre Liebe zu er⸗ wiedern, ohne mich der Undankbarkeit gegen die ſchul⸗ dig zu machen, welchen ich ſo Vieles verdanke. Unter ſolchen Bedingungen willige ich ein, willige ich freudig ein; aber Sie müſſen Ihre Pflicht gegen ſich ſelbſt er⸗ füllen, weil ich mich meiner Pflicht gegen meinen Onkel und meiner Tante zu entledigen habe.“ „Ich glaube, Sie haben Recht, Mary,“ entgegnete Capitän Sinclair,„aber ich erkenne daraus immer noch f 2⁰⁴ keine beſtimmte Hoffnung für unſere Vereinigung, kön⸗ nen Sie mir irgend eine Ausſicht geben, um mich zu beglücken?“ 5 4 „Wir ſind Beide noch ſehr jung, Capitän Sin⸗ clair,“ bemerkte Mary.„In einem Jahre oder in zweien mögen mein Onkel und meine Tante weniger einſam und gemächlicher leben als jetzt. In einem Jahre oder in zweien kann der Krieg endigen und Sie können ſich ehrenvoll auf halben Sold zurückziehen. In der That, ſo manche Ereigniſſe ſind eingetreten, die uns verborgen waren, und ſo unerwartet über uns ka⸗ men, daß es unmöglich iſt, zu ſagen, was ſich ereignen kann. Und wenn wir auch, indem wir noch einige Zeit warten, den Ereigniſſen nicht ausweichen können, ſo haben Sie jetzt noch ein anderes, welches zu Ihrem Vortheile iſt, zu gewärtigen.“ 8 „Und was iſt das, Mary?“ „Daß ich vielleicht des Wartens ſelbſt müde werde,“ erwiederte Mary mit einem Lächeln. „Wenn das der Fall iſt, will ich in der Hoffnung leben,“ entgegnete Capitän Sinclair.„Wenn Sie mich allein dann lohnen wollen, wenn Sie erkennen, daß meine treuen Dienſte es erfordern, ſo will ich ſo lange dienen, als Jakob für die Rahel diente:“ „Thun Sie das, und Sie ſollen ſich am Ende Ih⸗ rer Dienſte nicht ſo getäuſcht ſehen, wie Jener es warz aber nun laſſen Sie uns nach Hauſe gehen.“ Capitän Sinclair reiſte am andern Tage ab, und war ſehr zufrieden mit Mary's Entſchluſſe. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Wie Heinrich vorausgeſagt hatte, war die ganze Familie während des Herbſtes ſehr beſchäftigt; der Viehſtand hatte ſich bedeutend vermehrt, ſie hatten eine 292 Menge von Kälbern und jungen Kühen, und die Schaafe hatten auf eine äußerſt vortheilhafte Weiſe gelammt. Ein großer Theil des Rindviehs wurde nun in das Ge⸗ büſch getrieben, damit ihr Futter von den Wieſen er⸗ ſpart wurde. Bloß die Schaafmütter mit ihren Lämmern, die Kühe, welche in der Milch ſtanden, und die jungen Kälber wurden zurückbehalten. Dieß geſtattete ihnen, mehr Aufmerkſamkeit auf die Kornerndte zu verwenden, welche nun begann, und ihre vereinte Thätigkeit von Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergange erforderte; denn ſie hatten eine ſehr bedeutende Quantität Land aufzu⸗ räumen. Es geſchah aber Alles mit dem größten Erfolge und in beſter Ordnung. Dann kam das Dreſchen des Waizen, was eine ſehr anſtrengende Beſchäftigung war, und ſobald als ausgedroſchen worden, wurde derſelbe auf dem Wagen nach der Mühle gefahren und gemah⸗ len, denn Herr Campbell hatte ſich verpflichtet, eine gewiſſe Quantität Mehl vor Eintritt des Winters auf das Fort zu liefern. Gelegenheitlich ſtatteten Capitän Sinclair, der Oberſt und einige andere Offiziere ihre Beſuche ab; denn nach und nach waren dieſe mit Man⸗ chen von der Familie in intime Verhältniſſe getreten. Capitän Sinclair hatte dem Oberſt ſeine Verbindung mit Mary Percival anvertraut, und in Folge hievon hatte der Oberſt ihm geſtattet, ſie ſo oft zu beſuchen, als er konnte und ſo weit es mit ſeinen Pflichten zu vereinigen war. Die andern Offiziere, welche ſie zu beſuchen kamen, bemerkten, wie ſehr Capitän Sinclair die Geſellſchaft von Mary Percival aufſuchte, und rich⸗ teten daher ihre vorzügliche Aufmerkſamkeit auf Emma, die mit ihnen lachte, und gewöhnlich ihnen während ihres Beſuchs etwas zu thun gab, um ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſo viel als möglich fruchtbar für den Haushalt zu machen. Unter der Bedingung, daß Emma ſie be⸗ gleite, waren ſie es zufrieden, in die Barke zu ſteigen und ſtundenlang zu fiſchen, ſo daß in der That alle Seefiſche, welche dieſes Jahr herbeigeſchafft wurden, von 293 den Offizieren gefangen worden waren. Unter dieſen waren einige beſonders gefällige junge Männer, und ſie waren immer willkommen, wenn ſie kamen, indem ſie ſehr viel zur Geſelligkeit auf dem Gute beitrugen. Ehe der Winter herbeikam, war Alles beendet, auf das Fort geſchickt, unter Anderm auch das Rindvieh, welches der Oberſt verlangt hatte, und es war augenſcheinlich, daß dieſer Recht hatte, wenn er ſagte, daß die Ueber⸗ einkunft für beide Theile vortheilhaft ſeyn würde. Herr Campbell empfing dieſes Jahr, ſtatt baares Geld zu bezahlen, in der erſten Zeit von dem Gouvernement einen Wechſel für eine beträchtliche Mehl⸗ und Rindvieh⸗Lie⸗ ferung für die Truppen, und Mrs Campbell für Geflügel, Schweine und dergleichen, welche der Garniſon geliefert worden waren, was keine verächtlichen Zuflüſſe waren. Dieſes verſprach bei der Genügſamkeit der Andern, bei ihrer eigenen Thätigkeit und bei ihrer umſichtsvollen Verwendung iihres kleinen Kapitals, daß Herr Campbell in wenigen Jahren ein wohlhabender und unabhängiger Mann ſeyn werde. Sobald die Ernte eingebracht wor⸗ den war, fingen Malachi und John, welche zum Dre⸗ ſchen des Korns nicht brauchbar waren, ihre Jagdzüge wieder an, und kehrten ſelten ohne Beute zurück. Die Indianer wurden von Malachi während dieſer Züge nicht geſehen; auch nicht eine Spur von ihnen war in der Nachbarſchaft zu entdecken. Jede Unruhe, die frü⸗ her ſtatt hatte, verſchwand bei dieſer Nachricht, und die Familie ſchickte ſich an, ſich für den kommenden Winter mit all den Vorkehrungen zu ſchützen, auf welche ſie der vorangehende hingeinieſen hatte. Während des in⸗ dianiſchen Sommers ekamen ſie Briefe aus England, welche ihnen, wie gewöhnlich, die auf ihre Freunde Bezug habenden Neuigkeiten meldeten, und auch von Quebec, welche Herrn Campbell unterrichteten, daß die nachgeſuchte beſondere Bewilligung von Land erfolgt ſey, dann einen andern von Montreal, in welchem Herr Emmerſon ſchrieb, daß er die Bedingungen von zwei 291 Familien von Auswanderern mitzutheilen habe, welche von einem ſehr ehrenwerthen Charakter ſeyen, und daß, wenn es Herr Campbell beliebe, darauf einzugehen, dieſe Anſiedler mit dem Anfange des nächſten Frühlings ſich einfinden würden. 1 Das war nun für Herrn Campbell eine große Freude, und da die Bedingungen nur etwas Weniges von den ſeinigen abwichen, ſo ſchrieb er unmittelbar an Herrn Emmerſon, daß dieſe ihm genehm ſeyen, und daß er bitte, der Vertrag möge abgeſchloſſen werden. Zu derſelben Zeit, als der Oberſt dieſe genannten Briefe überſchickte, ſchrieb er Herrn Campbell, daß die innern Räume des Forts zu ihrer Ausbeſſerung einer der hen Quantität von Bohlen bedürfen, und daß er die Befugniß habe, ſie von Herrn Campbell zu einem ge⸗ wiſſen Preiſe liefern zu laſſen, wenn dieſer die feſtge⸗ ſetzten Bedingungen eingehen und die Lieferung bis zum kommenden Frühling bewerkſtelligen könnte. Dieß war ein weiterer Beweis von der Güte des Oberſten, indem er nun der Sägmühle während des Winters Beſchäftigung verſchaffen wollte, denn gerade während deſſelben und wenn der Schnee auf den Feldern lag, konnten ſie die Stämme leichter fällen und nach der Sägmühle ſchaffen. Herr Campbell antwortete, ſagte dem Oberſt ſeinen Dank für das Anerbieten, nahm daſſelbe an, und verſprach, daß die Bohlen bis zu der , 1 Zeit fertig ſeyn ſollen, wo der See wieder offen ſeyn würde. Endlich trat der Winter ein und mit ihm der ge⸗ wöhnliche Schneefall. Capitän Sinclair nahm für län⸗ gere Zeit Abſchied von der Familie, zu großem Leide derſelben, die ihm auf's Innigſte anhing. Es wurde nun die Anordnung getroffen, daß bloß Malachi und John auf die Jagd gehen ſollten, indem Heinrich mehr als hinreichende Beſchäftigung in der Scheune hatte, und Martin und Alfred durch das Fällen der Bäume, durch das Fortſchaffen derſelben nach der Sägmühle, 295 ſowie durch die Aufſicht auf dieſe, welche den größten Theil des Tages im Gange war, in Anſpruch genom⸗ men wup ieß waren die Anordnungen außexhalb der Thitken?„und da ſeit dem Verluſt des aumen Per⸗ cival dienimnerhalb der Thüren zu verri adn Hllte genheiten ſehr bedeutend angewachſen wal ſo muß⸗ ten Mrs. Campbell und die Mädchen Hertn Campbell zur Hülfeleiſtung anrufen, wenn er gerade nicht noth⸗ wendig in dem Garten zu arbeiten hatte, was ſeine gewöhnliche Beſchäftigung war. So ging nun der dritte Winter ruhig und ſicher an ihnen vorüber, aber i iele Beſchäftigung hatten, ſo Vieles thaten, es erwarteten, ſo ging er auch äußerſt ſchnell ar n lat Februar, der Schnee lag ſehr hoch auf dem Feldez und eines Tages kam Malachi auf ie Mi 7, wo er ihn allein fand, auf die Säge aufpyſſend, n vollem Gang war, denn Mar⸗ ſchaͤftigt, die Balken zu behauen, und befand ſich mehrexe hundert Schritte weit entfernt. „Ich bin erfleut, Sie alllein zu ſehen, Sir,“ ſagte Malachi,„denn ich habe Ihnen etwas von großer Be⸗ deutung zu ſagen, und ich wünſche nicht, daß irgend Jemand etwas davon höre.“ „Was iſt es, Malachi?“ fragte Alfred. „Als ich geſtern auf der Jagd war, Sir, kam ich an eine Stelle, an welcher ich in der letzten Woche ein Paar Damhirſchhäute zurückgelaſſen hatte, und wollte ſie jetzt mit nach Hauſe nehmen, da fand ich auf den⸗ ſelben einen Brief mit einigen Stacheln hefeſtigt: „Einen Brief, Malachi?“ „Ja, Sir, einen indianiſchen Brief. Hier iſt er.“ Malachi zeigte ihm nun ein Stück Birkenrinde, auf welcher das folgende Faeſimile eingegraben war. 296 3 6 2 2„ 21 8A4 — 2 „Nun,“ ſagte Alfred,„es mag ein Brief ſeyn; aber ich geſtehe, daß er ſür mich unverſtändlich iſt. Ich kann nicht begreifen, wie Sie daraus ein Geheimniß machen können. Sagen Sie mir das.“ „Nun, Sir, ich kann einen Ihrer Briefe nicht halb ſo gut leſen, als dieſen, und der enthält Neuigkeiten von der höchſten Wichtigkeit. Es iſt die indianiſche Art zu ſchreiben, und ich weiß alſo, von wem er kommt. Eine gute Handlung iſt nie verloren, ſagt das Sprich⸗ wort, und ich bin erfreut, daß ich hier eine Dankbar⸗ it eines Indianers finde.“ 8 Sie machen mich in der That ſehr neugierig, M⸗ lachi, das zu erfahren, was Sie meinen; von wem glauben Sie denn, daß der Brief komme?2“ 297 „Nun, Sir, ſehen Sie dieſes Zeichen hier?“ ſagte Malachi, indem er auf eines der unterſten Zeichen auf der Rinde deutete. „Ja, es iſt ein Fuß; nicht wahr?“ „Ganz richtig, Sir, und nun werden Sie wiſſen, von wem er kommt.“ 4 „Ich weiß es noch nicht.“ „Erinnern Sie ſich zweier vergangener Winter, und daß wir auf ein indianiſches Weib ſtießen, welches wir nach Hauſe trugen, und dem Ihr Vater ihren ver⸗ renkten Knöchel einrichtete.“ „Gewiß; iſt er von ihr 2“ „Ja, Sir, und Sie erinnern ſich, daß ich ſagte, ſ gehöre zu dem Trupp, welcher der zornigen Schlange olge.“ „Ich erinnere mich deſſen wohl; aber nun, Ma⸗ lachi, leſen Sie mir den Brief vor, denn ich bin äuſ⸗ ſerſt ungeduldig, das zu erfahren, was ſie ſchreibt.“ „Ich werde es, Herr Alfred. Nun ſehen Sie, da iſt die Sonne mehr als halb und mit dieſen Punkten iſt es die untergehende und nicht die aufgehende Sonne; die untergehende Sonne zeigt alſo den Weſten an.“ „Nun gut, das iſt, glaube ich, klar.“ „Das ſind zwölf Wigwams, das iſt zwölf Tag⸗ reiſen für einen Kriegsmann, welche die Indianer auf fünfzehn Meilen für einen Tag rechnen. Wie viel macht zwölf mal fünfzehn, Sir?“ „Hundertachtzig, Malachi.“ „Nun gut, Sir, das will alſo ſagen, es iſt hun⸗ dertachtzig Meilen dahin, oder von da. Die erſte Fi⸗ gur iſt nun ein Häuptling, denn ſie hat eine Adlerfeder auf dem Kopf, und die voranſtehende Schlange iſt ſein Totem:„„die zornige Schlange,““ und die andern ſechs bedeuten die Anzahl des Trupps. Sie bemerken, daß der Häuptling und die erſte Figur unter den ſech⸗ ſen eine Flinte in ihrer Hand haben, und dieß zeigt uns, daß ſie alle zuſammen nur zwei Flinten beſitzen.“ 298 „Sehr gut, aber was bedeutet die kleine Figur, welche, die Arme auf dem Rücken, dem Häuptlinge folgt?“ „Das iſt das ganze Geheimniß des Briefes, Sir, ohne welches er gar keinen Werth hätte. Sie ſehen, daß die kleine Figur ein paar Schneeſchuhe über ſich hat.“ „Ja, das ſehe ich.“ 3 „Nun, die kleine Figur iſt Ihr Bruder Percival, welchen wir für todt hielten.“ „Gütiger Himmel! Iſt es möglich?“ rief Alfred aus.„Er wäre alſo am Leben.“ „Daran iſt hiernach nicht zu zweifeln, Sir,“ ver⸗ ſetzte Malachi,„und nun will ich Ihnen den ganzen Brief erklären. Ihr Bruder Percival wurde durch die zornige Schlange und ſeine Bande aufgefangen, und an einen Ort gebracht, welcher hundert und achtzig Meilen weſtwärts liegt. Dieſe Kunde kommt von dem indianiſchen Weibe, welches ſich bei ſeinem Trupp be⸗ findet, und deren Leben durch Ihre Güte erhalten wurde. Ich glaube nicht, Herr Alfred, daß irgend ein weißer Menſch einen Brief hätte ſchreiben können, der klarer und ſeinem Zweck gemäßer wäre.“ „Ich ſtimme mit Ihnen überein, Malachi, aber die Nachricht hat mich ſo überraſcht, und ich bin von Freude und von Angſt ſo aufgeregt, daß ich kaum weiß, was ich ſage. Percival lebt! Wir werden ihn wieder bekommen, wenn wir auch tauſend Meilen zu gehen und zweitauſend Indianer zu beſiegen hätten. O, wie glücklich das meine Mutter machen wird! Aber was ſollen wir thun, Malachi? Sagen Sie es mir, ich beſchwöre Sie!“ 1 di müſſen nichts thun, Sir,“ entgegnete Ma⸗ achi. „Nichts, Malachi!“ erwiederte Alfred überraſcht. „Nein, Sir, wenigſtens für jetzt nicht. Wir ha⸗ ben die Nachricht, daß der Knabe am Leben iſt, wenig⸗ ſtens iſt das zu vermuthen; daraus folgt, daß die In⸗ —— —xxmmům‧ꝑꝑ˖‧ 299 dianer nicht wiſſen, daß wir ſolch' eine Nachricht erhal⸗ ten haben, und ſie würden, weng ſie das wüßten, das Weib auf der Stelle tödten. Die erſte Frage, Sir, die wir an uns ſelbſt ſtellen müſſen, iſt die, warum ſie den Knaben gefangen haben; denn ſie würden ſich uicht die Mühe gegeben haben, einen kleinen Knaben in dieſer Weiſe zu fangen, wenn ſie nicht irgend eine Abſicht dabei gehabt hätten.“ „Es iſt die wahre Frage, die ich aber an Sie ſtel⸗ len muß, Malachi.“ „Wohlan, Sir, ich will ſie nach meinem beſten Wiſſen und Gewiſſen beantworten, und ich beantworte ſie alſo: Die zornige Schlange kam in die Anſiedlung und ſah unſern Vorrath an Pulver und Kugeln, ſo wie von vielen andern Dingen. Sie würde uns im letzten Winter angegriffen haben, wenn ſie eine Gelegenheit gefunden, und eine Ausſicht auf Erfolg gehabt hätte. Einer von der Bande wurde getödtet, dieß zeigte ih⸗ nen, daß wir auf der Hut ſeyen, und daß das Unter⸗ nehmen ſcheitern würde. Er beſchränkte ſich alſo darauf, den Knaben aufzufangen, den wir zu der Zeit hinter uns ließen, als Sie von dem Panther verwundet, und von uns fortgetragen wurden, und er beabſichtigt, einen Handel mit uns durch ſeine Zurückgabe zu ſchließen. Dieß iſt meine Ueberzeugung.“ „Ich zweifle keinen Augenblick, daß Sie recht ha⸗ ben, Malachi,“ ſagte Alfred nach einer Pauſe.„Wir müſſen daher aus der Noth eine Tugend machen, und ihm geben, was er verlangt.“ „Nein, nein, Sir; wenn wir das thun würden, ſo würden wir ihn anfeuern, ihn wieder zu ſtehlen.“ „Was ſollen wir denn aber thun?“ „Ihn beſtrafen, wenn wir können. Jedenfalls müſſen wir jetzt warten, und wir dürfen nichts unter⸗ nehmen. Genug, daß wir wiſſen, daß wir Nachricht davon haben, daß der Knabe in ihrer Gewalt iſt, und daß er unter gewiſſen Bedingungen, wahrſcheinlich in 300 dieſem Frühjahre, zurückgegeben werden wird. Wir haben alſo Zeit, zu bedenken, was wir thun ſollen.“ „Ich glaube, Sie haben Recht, Malachi.“ „Ich hoffe, ihn jetzt zu überliſten, Sir,“ verſetzte Malachi,„aber wir werden ſehen.“ „Nun gut, Malachi; werden wir aber dieſes je⸗ mand wiſſen laſſen, oder es als Geheimniß bewahren?“ „Ich habe darüber nachgedacht, Sir. Wir dürfen bloß Martin und die Erdbeere in das Geheimniß zie⸗ hen, und ich will es dieſen erzählen, weil ſie India⸗ ner waren, wie ich es war. Wenn ſie auch zu jemand kommen mögen, ſo haben wir nicht zu fürchten, daß ſie es erzählen. Martin verſteht das wohl, und was die Erdbeere betrifft, ſo iſt ſie ſo vorſichtig, daß ſie es ge⸗ wiß nicht merken läßt.“ „Sie haben recht; aber welche Freude würde es meinem Vater und meiner Mutter machen!“ „Ja, Sir, und auch der ganzen Familie, daran zweifle ich nicht; aber nur für die erſten Stunden, nach⸗ dem Sie es Ihnen erzählt haben würden. Aber wel⸗ chen Schmerz würde es ihnen mehrere Monate hindurch verurſachen. Banges Hoffen macht das Herz ſiech, pflegte mein Vater aus der Bibel zu leſen, und das iſt auch die Wahrheit, Sir. Sie müſſen nur berück⸗ ſittigen, wie Ihr Vater, und vorzüglich Ihre Mutter, die ganze Zeit hindurch aufgeregt und erſchüttert ſeyn würden, und welchen Zuſtand von Angſt ſie ertragen müßten. Sie würden weder eſſen noch ſchlafen können. Nein, nein, Sir, es würde eine Grauſamkeit ſeyn, ihnen das zu erzählen, und grauſam dürfen wir nicht ſeyn. Vor dem Frühlinge kann jedenfalls nichts geſche⸗ hen, und wir müſſen warten, bis die Boten zu uns komnmen.“ „Sie haben recht, Malachi; machen Sie alſo, wie Sie geſagt haben, Martin und ſeinem Weibe Ihre Mittheilungen, und ich will das Geheimniß ſo treu wie jene bewahren.“ 5 301 „Eine Hauptſache iſt es, daß wir wiſſen, wo der 3 Knabe iſt,“ bemerkte Malachi,„denn wenn es noth⸗ wendig ſeyn ſollte, einen Streifzug nach ihm zu ma⸗ chen, ſo wiſſen wir, welche Richtung wir einzuſchlagen haben. Nebſt dem iſt es eine Hauptſache, die Stärke des Feindes zu kennen, damit wir wiſſen, wie ſtark wir in dem Falle ſeyn müßten, daß es nothwendig wäre, ihn mit Gewalt oder durch Liſt zu befreien. Dieſes Alles erfahren wir durch den Brief, und brau⸗ chen es nicht durch einen Boten zu erforſchen, den wir an die zornige Schlange ſchicken, deren Kopf ich zu ertreten hoffe, ehe ich noch mit ihr zu thun gehabt ha be.“ „Wenn ich ihn treffe, muß einer von uns beiden fallen!“ ſprach Alfred. „Das bezweifle ich nicht, Sir,“ entgegnete Ma⸗ lachi;„aber wenn wir den Knaben durch andere Mit⸗ tel wieder erlangen können, iſt es um ſo beſſer. Ein Mann, er mag gut oder ſchlimm ſeyn, hat nur ein Leben, und Gott hat es ihm gegeben. Es geziemt ſich für die ſchwache Kreatur nicht, ohne Noth es weg⸗ zuwerfen. Ich hoffe, den Knaben ohne Blutvergießen wieder zu bekommen.“ „Und ich bin geſonnen, ihn ohne irgend eine Be⸗ dingung wieder zu erlangen; Malachi; können wir das, wie Sie ſagen, ohne Blutvergießen, um ſo beſ⸗ ſer; aber bekommen will ich ihn, wenn ich auch hun⸗ dert Indianer tödten müßte!“ „Das iſt ganz recht, Sir, das iſt ganz recht; aber das ſoll unſer letztes Hülfsmittel ſeyn. Erinnern Sie ſich daran, daß die Indianer Pulver und Kugeln woll⸗ ten, nicht das Leben des Knaben; erinnern Sie ſich daran, daß, wenn wir nicht ſo ſorglos geweſen wären, ihn durch den Anblick deſſen in Verſuchung zu führen, was ſo großen Werth für ihn hat, er uns dieſes nie zugefügt haben würde.“ Das iſt wahr, Malachi, ich werde in Allem nach JIhrer Meinung handeln.“ Die Unterredung wurde hier abgebrochen, Alfred und alle in das Geheimniß Eingeweihten verriethen nie das Geringſte von dieſem. Der Winter ging ohne irgend eine Störung vorüber, ehe der Schnee ver⸗ ſchwand, waren die Samen zum Säen hergerichtet, und der Weitzen, der nicht zur Saat erforderlich war, wurde gemahlen und in die Mehltonnen gebracht. Die Bohlen waren geſchnitten, und Alles war für die erſte Anforderung vom Fort bereit. So endigte ſich der dritte Winter in Canada. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Es war nun April, und einige Tage waren Ma⸗ lachi und John, welchen die Erdbeere Hülfe leiſtete, ſehr beſchäftigt, denn es war die Zeit gekommen, die Ahornbäume anzuzapfen, um Zucker zu machen, und Mrs. Campbell hatte den Wunſch ausgeſprochen, daß ſie ſo mit einem Artikel verſehen werden möchte, deſ⸗ ſen Verbrauch ſo allgemein war, und den ſie nur durch die nach Montreal gehenden Fahrzeuge erhalten konnte. Am Abende waren Malachi und John wie gewöhnlich beſchäftigt, kleine Tröge aus dem zarten Holze der Balſamtanne zu ſchnitzen, und ſie hatten bereits eine große Menge derſelben gefertigt. Mrs. Campbell fragte nun, wie der Zucker zu Wege gebracht werde. „Sehr leicht, Ma'am, wir zapfen die Bäume an.“ „Ja, ſo ſagten Sie wohl; aber wie machen Sie es? Erklären Sie mir die ganze Sache.. „Nun, Ma'am, wir ſuchen die Ahornbäume aus, deren Stamm bereits einen Fuß ſtark an dem Boden iſt; denn dieſe geben den meiſten Zucker. Wir bohren 505 hohles Rohr, gerade ſo, wie wenn wir einen Hahnen in ein Faß ſtecken. Der Saft rinnt heraus und in ei⸗ nen von den Trögen, welche wir ausgehöhlt haben.“ „Nun, und was thun Sie weiter?“ „Wir ſammeln alle Morgen dieſen Saft, bis wir genug haben, um die Keſſel zu füllen, und in dieſen ſieden wir ihn dann.“ „Welche Keſſel wollen Sie denn gebrauchen?“ „Es ſind zwei in dem Lagerhauſe, die jetzt nicht gebraucht werden, und die unſerm Vorhaben vollkom⸗ men entſprechen, Ma'am. Sie halten jeder ein Ox⸗ hoft. Wir werden ſie in die Wälder mitnehmen, in ſie den Saft ſchütten und dieſen dann ſieden, ſo bald die Keſſel voll ſind. Sie müſſen kommen und uns am Tage des Siedens zuſehen; wir können da einen fröh⸗ lichen Tag in den Wäldern haben.“ „Herzlich gerne,“ erwiederte Mrs. Campbell. „Wie viel Saft bekommen Sie von jedem Bauine?“ „Zwei oder drei Gallonen,“ entgegnete Martin, „manchesmal mehr, manchesmal weniger. Wenn wir die Bäume angezapft und die Rohre hineingeſteckt ha⸗ ben, dann brauchen wir vor vierzehn Tagen nichts mehr zu thun. Die Erdbeere kann das Alles beſor⸗ gen und ſie läßt es uns wiſſen, wenn ſie fertig iſt.“ „Zapfen Sie die Bäume jedes Jahr an?“ „Ja, Ma'am, und ein guter Baum kann fünfzehn oden zwanzig Jahre lang angezapft werden, dann ſteht er aber ab.“. „Das will ich glauben; denn Sie nehmen ja dem 8 Baume zu viel Saft.“ „Das iſt wohl wahr, Ma'am; aber an Zucker⸗ Ahorn iſt kein Mangel in dieſen Wäldern.“ „Sie haben uns Honig verſprochen, Malas ſagte Emma;„aber wir haben noch keinen geſehen. Koönnen Sie uns welchen verſchaffen?“ 4 dann ein Loch in den Stamm des Baumes, zwei Fuß— hoch über der Erde, und in dieſes Loch ſtecken wir ein 594 8 „ Im letzten Herbſte hatten wir keine Zeit dazu; aber wir wollen ſehen, was wir in dieſem Herbſte ausrichten können. Wenn John und ich in den Wäl⸗ dern ſind, werden wir wohl, ohne ſehr weit zu gehen, einen Honigbaum finden. Ich hatte im Sinne, nach einigen mich umzuſehen, wenn Sie mich auch nicht da⸗ ran erinnert hätten.“ „Ich weiß einen,“ ſagte Martin,„ich habe ihn vor ungefähr vierzehn Tagen bezeichnet; aber ich ver⸗ gaß ganz darauf. Seit die Mühle errichtet iſt, habe ich wenig Zeit für etwas anderes gehabt. Wir haben in der That jetzt Alle genug zu thun.“ „Das iſt gewiß wahr,“ entgegnete Heinrich la⸗ chend;„ich wünſchte das Ende meiner Arbeit in der Scheune vorausſehen zu können. Ich zweifle ſehr, daß ich dieſen Winter mit meiner Flinte werde ausgehen können.“ „Nein, Sir, Sie müſſen die Wälder mir und John überlaſſen. Kümmern Sie ſich darum nicht, Sie werden Wildpret genug haben,“ entgegnete Malachi. „Brauchen Sie morgen die Schleife, Herr Alfred?« Malachi ſprach von einer kleinen Schleife, welche er während des Winters gemacht hatte, und die nun ſehr nützlich war, denn man konnte darauf ohne Pferde Gegenſtände von einem Platze zum andern ſchaffen. Sie wurde von Alfred dazu benützt, die Mehlſäcke, ſo bald ſie in der Mühle gefüllt worden waren, in das Lagerhaus zu bringen. Ich kann ſie einige Tage entbehren. Was wol⸗ len Sie damit anfangen?“ 8 „Den Honig nach Hauſe bringen,“ ſagte Emma lachend. „Nein, Miß, die Keſſel in die Wälder führen,“ entgegnete Malachi,„damit ſie bereit ſind, den Saft aufzunehmen. So wie wir die Bäume angezapft ha⸗ ben, wollen wir uns nach dem Honig umſehen.“ 30⁵ „Wollt Ihr Eure Felle mit den Schiffen nach Montreal ſchicken?“ fragte Herr Campbell. „Ja, Vater,“ erwiederte Alfred.„Herr Emmer⸗ ſon verſprach, ſich damit zu belaſten und ſie einem Agenten zu überliefern; aber wir haben in dieſem Jahre nicht ſo viel als im vorigen. John hat unter uns Allen den größten Pack.“ „Ja, er übertrifft mich dieſes Jahr,“ ſagte Ma⸗ lachi;„er verlangt immer den erſten Schuß zu thun. Ich wußte, daß ich einen Jäger aus dem Knaben ma⸗ chen würde. Er kann nun für ſich ſelbſt hinausgehen und es ſo machen, wie ich es machte.“ Am nächſten Morgen ging Malachi in die Wäl⸗ der und führte die Keſſel und alle Tröge auf der Schleife mit ſich; während des Tages war er damit beſchäftigt, die Bäume anzuzapfen und die hohlen Stäbe in die Löcher zu ſtecken. Die Erdbeere und John be⸗ gleiteten ihn, und bei Sonnenuntergang war die Ar⸗ beit vollbracht. Als ſie am folgenden Morgen hinausgingen, nah⸗ men Malachi und John bloß ihre Axt mit ſich, denn John konnte, ſo klein er noch war, mit derſelben vor⸗ trefflich umgehen. Zunächſt gingen ſie zu dem Baume, welchen Martin entdeckt und ihnen ſo genau bezeichnet hatte, daß ſie ihn auffinden konnten. Sie hieben ihn an, allein ſie hatten nicht im Sinne, bei Nacht den Honig zu holen, ſie zündeten daher ein Feuer an, war⸗ fen, um die Bienen zu vertreiben, abgefallene Blätter, welche ſie zuſammentrugen, darauf, und machten ſo ei⸗ nen großen Rauch; dann öffneten ſie den Baum und gewannen faſt zwei Eimer voll Honig, welchen ſie der Familie brachten, als ſie im Begriffe war, zu Bette zu gehen. Als ſie am folgenden Morgen hinauskamen, fanden ſie einen Bären mit dem Ueberbleibſel de Ho⸗ nigſcheiben ſehr beſchäftigt; aber das Thier e ſich 20 Die Anſiedler in Canada. aus dem Staube, bevor ſie auf daſſelbe ſchießen konnten. Jeden Morgen ging die Erdbeere hinaus, und ſam⸗ melte den Saft, der aus den Bäumen gefloſſen war; ſie ſchüttete ihn dann in die Keſſel, welche durch Ma⸗ lachi ſo aufgeſtellt worden waren, daß man zu jeder Zeit ein Feuer unter denſelben anſchüren konnte. Sie ſetzten ihre Nachforſchungen fort und fanden noch mehr Bienenſchwärme; ſie bezeichneten die Bäume und be⸗ hielten ſich vor, ſie ſpäter, nach ihrem Belieben, zu holen. In vierzehn Tagen hatten ſie hinreichend Saft von den Bäumen geſammelt, um beide Keſſel bis an den Rand zu füllen, wobei ihnen noch verſchiedene Tröge voll übrig blieben. Die Feuer wurden nun unter den Keſſeln an⸗ geſchürt, und es wurde der Mrs. Campbell und den Mädchen Nachricht gegeben, daß ſie am folgenden Tage hinausgehen ſollten, um den Geſchäften zuzuſehen; in⸗ dem der Saft gegen Mittag in die Kühlfäſſer gebracht werden würde, welche einige von den Waſchzubern waren, und zu dieſem Zwecke gehörig gereinigt worden. Das war eine Luſt in den Wäldern; ſie bereiteten ein kaltes Mittageſſen, thaten es in einen großen Korb, und übergaben dieſen Heinrich. Herr Campbell ver⸗ einigte ſich mit der Geſellſchaft und ſie ſaßen Alle auf dem Platz umher, welcher zwei Meilen entfernt war. Bei ihrer Ankunft beſichtigten ſie die Bäume und die Tröge, in welche der Saft zuerſt floß, die Keſſel, in welchen der Saft nun über dem Feuer gelinde kochte, und fragten Malachi darüber, damit ſie, wenn es nöthig ſeyn ſollte, im Stande ſeyn würden, den Zucker ſelbſt zu bereiten. Hierauf wurde die erſte Kühltonne mit dem ſiedenden Safte gefüllt, damit ſie ſahen, wie der Zucker kryſtalliſirte, nachdem der Saft kalt geworden war. Dann ſetzten ſie ſich unter einen großen Baum und ſpeiſ'ten zu Mittag. Der Baum war in einiger Entfernung von den Keſſeln und warf keinen Schatten in den offenen Raum, an welchen Malachi die Keſſel gebracht hatte. „ 307 Der Nachmittag wurde ſehr angenehm zugebracht, in⸗ dem Malachi und Martin ihre Geſchichten und Aben⸗ teuer in den Wäldern erzählten. Als ſie noch über dem Eſſen waren, ſtreiften Oscar und die andern Hunde, welche ſie begleitet hatten, auf ohngefähr hundert Schritte Entfernung herum und fingen plötzlich an gegen eine Höhle heftig zu bellen und zu murren. „Was mögen die Hunde haben?“ ſagte Alfred. „Gerade was die Erdbeere vermißt, und mir ſagte, daß ſie es zu erlangen wünſche,“ entgegnete Martin, „wir wollen es morgen ausgraben.“ „Was iſt es, Erdbeere?“ ſagte Mary. Die Erdbeere deutete auf ihre Moccaſins und dann brachte ſie ihren Finger auf die Stacheln von dem Stachel⸗ ſchweine, mit welchen dieſe geziert waren. 1 ie3 kenne das engliſche Wort nicht,“ ſagte ſie anft. „Sie meinen ein Stachelſchwein, das Thier von welchem dieſe Rohre kommen?“ ſagte Mary. „Ja,“ entgegnete die Erdbeere. „Iſt alſo ein Stachelſchwein da, Malachi?“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Ma'am, das iſt gewiß; die Hunde wiſſen das ſehr wohl, ſonſt würden ſie keinen ſolchen Lärmen er⸗ heben. Wenn es Ihnen Freude macht, ſo wollen wir Schaufeln holen und es ausgraben.“ „Thun Sie das, ich bitte,“ ſagte Emma. Es würde mich freuen, wenn ich es ſehen würde; es ſoll unſere Abendunterhaltung ſeyn.“ Martin ging weg und holte die Schaufeln. Wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit wurde das Mittageſſen weg⸗ geräumt, in den Korb gebracht, und es wurde Alles beſeitigt, während die Hunde noch knurrten und bellten. Es wäahrte länger als eine Stunde, bevor ſie das Thier ausgraben konnten, und als es zuletzt aus der Höhle hervorbrach, da konnten ſie ſich des Lachens nicht enthalten, über die außerordentlich ſchnelle Weiſe, mit — 308 der einige Hunde an die Stacheln des Thieres ſich ſtießen, welches keiner andern Waffe bedurfte; die Hunde rann⸗ ten zurück mit zerſtochenen Naſen, und dann griffen ſie wieder an. Oscar kannte die Art des Angriffs, er wagte es, das Thier zu unterlaufen und umzuwerfen, ſo daß er es in der Magengegend erwiſchen konnte, und er würde das Thier auch bald getödtet haben, aber Martin fertigte das arme Thier mit einem Streiche auf die Naſe ab, und die Hunde ſchoſſen dann auf daſſelbe los. Sie ſuchten hierauf die ſchönſten Stacheln für die Erdbeere aus, und kehrten dann zu den Kühltonnen zurück, um zu ſehen, wie ſich der Zucker indeſſen geſtaltet habe. Als ſie ſich dem Platze näherten rief Emma aus: „Dort iſt ein Bär! Schaut! An dem Kühlfaſſe dort.“ Malachi und John hatten ſogleich ihre Flinten bereit; Mrs. Campbell und Mary waren ſehr erſchrocken, denn das Thier war nicht hundert Schritte von ihnen entfernt. „Erſchrecken Sie nicht, Ma'am,“ ſagte Malachi. „Das Thier iſt bloß des Zuckers wegen da; es liebt den Zucker gerade wie den Honig.“ „Ich zweifle nicht, daß es daſſelbe Thier iſt, wel⸗ ches Sie vor einigen Tagen bei der Honigſcheibe ſahen,“ ſagte Martin.„Wir wollen ſtehen bleiben, wo wir ſind, und ihn beobachten; es kann uns ein Paar Pfunde Zucker koſten, aber zuverläßig wird er ihnen Lachen erregen.“ „Ich ſehe in der That nichts Lächerliches an ſolch einem ſchrecklichen Thiere,“ ſagte Mrs. Campbell. „Sie ſind ganz ſicher, Ma'am,“ ſagte Martin; „Malachi und John haben beide ihre Flinten.“ „So will ich denn ihnen vertrauen;“ ſagte Mrs. Campbell;„aber ich würde vorziehen, zu Hauſe zu ſeyn. Welch' ein großes Thier es iſt!“. „Ja, Ma'am, es iſt ein ſehr großes Thierz das iſt gewiß; aber zu der gegenwärtigen Zeit ſind dieſe Thiere nicht fett. Sehen Sie, wie er den Saft beriecht— jetzt hebt er ſich empor, damit er ihn mit der Zunge 309 verſuchen kann. Damit iſt er aber nicht zufrieden, da er ihn nun einmal geſchmeckt hat. Sie werden es ſehen.“ Die Augen der ganzen Geſellſchaft, zum Theil er⸗ ſchrocken und zum Theil nicht, waren nun auf den Bären gerichtet, welcher das, was er verſucht hatte, als eine Probe betrachtete, und nun ſich anſchickte, ſich ſelbſt frei⸗ gebiger zu bedenken. Er legte alſo eine ſeiner Tatzen in den Inhalt der Kühltonne, in welcher bereits die Oberfläche des Saftes kalt war; der untere Theil aber war immer noch heiß und er hatte nicht länger als einen Moment ſeine Tatze hineingehalten, als er ſie ſchon wieder mit einem lauten Brummen herauszog, ſich auf ſeinen Hinterbeinen, auf welchen er ſaß, aufrichtete, und ſeine verbrannte Tatze in der Luft hin und her bewegte. „Ich ſagte es ja,“ bemerkte Malachi kichernd,„er hat es heißer gefunden, als er dachte.“ „John, Alfred und Martin lachten laut auf, als ſie dieſes ſahen, und auch Mrs. Campbell und die bei⸗ den Mädchen konnten ſich des Lachens nicht enthalten. „Er wird es noch einmal verſuchen,“ ſagte Martin. „Ja, das wird er,“ entgegnete Malachi.„John, machen Sie ſich mit Ihrer Flinte fertig, denn das Thier hat uns geſehen.“ 5 „MNun, er wird doch dieſen Weg nicht kommen 2 rief Mrs. Campbell aus. 8 2 „Ja, Ma'am, es iſt das Wahrſcheinlichſte, wenn er erzurnt iſt; Sie brauchen ſich aber nicht zu fürchten.“ „Ich fürchte mich ſehr, Malachi“ ſagte Mary. „Dann werden Sie vielleicht beſſer thun, auf fünfzig Schritte mit Herrn Campbell zurückzugehen, wo Sie Alles ohne Gefahr ſehen werden. Da, er wiederholt es, ich wußte, daß er es thun wird.“ Martin, welcher alle Hunde mit einem Riemen von Hirſchfell zuſammengebunden hatte, ſo wie er den Bären bemerkte, ging nun mit Herrn und Mrs. Camp⸗ bell und den Mädchen zurück. 51⁰ „Sie brauchen ſich nicht zu fürchten, Ma'am,“ ſagte Martin.„Die Flinten werden ihr Ziel nicht verfehlen, und wenn ſie es thun ſollten, ſo laſſe ich die Hunde auf ihn los, und ich denke, Oscar wird mit Hülfe der Andern über ihn Herr werden. Nun, hab' Acht Oscar! habt Acht, Hunde, dort, dort. Sehen Sie die Erdbeere, Ma'am, ſie fürchtet ſich nicht, ihr Lachen tönt gleich einem ſilbernen Glöckchen.“ Inzwiſchen hatte ſich der Bär abermals über die Kühltonne gemacht und brannte ſich wieder wie früher; diesmal wurde er zorniger, und er brummte wieder, und als er ſah, daß mit ihm Scherz getrieben werde, und zwar von denen, die ihn betrachteten, ſo ſtürzte er gegen dieſe ſchnell los. „Nun, John,“ ſagte Malachi,„legen Sie auf ihn an, zielen Sie wohl und zwiſchen ſeine Augen.“ John kniete dann vor Malachi nieder, welcher ſeine Flinte gleichfalls fertig hatte; aber zum Schrecken der Mrs. Campbell ließ er das Thier auf zwanzig Schritte u ſich herkommen. Jetzt erſt feuerte er, und das Thier ſtürzte todt nieder, ohne ſich weiter zu regen. „Ein guter Schuß! Sehr gut getroffen!“ ſagte Malachi, indem er auf den Bären losging.„Laſſen Sie die Hunde los, Martin, damit ſie den Körper der Beſtie herumzerren, das wird ihnen gut thun.“ Martin that ſo, die Hunde ſtürzten auf das Thier los, und es wurde ihnen geſtattet, einige Minuten an dem Thiere zu reißen und zu zerren, dann wurden ſie zurückgezogen. In der Zwiſchenzeit waren Herr Camp⸗ bell und die Damen zu der Stelle hergekommen, wo das Thier lag. 3 „Nun, Ma'am, iſt John nicht ein kaltblütiger Schütze?“ ſagte Malachi.„Hätte es der älteſte Jäger beſſer machen können?“— „Mein lieber John, Du haſt mich ſehr erſchreckt,, ſagte Mrs. Campbell.„Warum ließeſt Du das Thier ſo nahe gegen Dich herankommen?“ 314 „Weil ich vorhatte, es todt zu ſchießen, und es nicht „ bloß zu verwunden,“ entgegnete John. „Es iſt gewiß,“ bemerkte Malachi,„daß es ſchlim⸗ mer iſt, einen Bären zu verwunden, als ihm allein zu begegnen.“ „Nun ganz gewiß haben Sie aus John einen Jäger gemacht, Malachi,“ fagte Herr Campbell,„ich hätte „. nie geglaubt, daß ein ſolcher Junge ſo großen Muth und ſo viele Geiſtesgegenwart haben könne.“ John wurde von Allen außerordentlich gelobt, wie er es verdiente, und Malachi ſagte dann: „Das Fell gehört John, das iſt natürlich.“ „Sind die Bären jetzt gut zu eſſen?“ fragte Mrs. Campbell. 4„Nicht ſehr,“ verſetzte Malachi, denn ſie haben all' ihr Fett während des Winters verzehrt, indeſſen wollen wir doch die Beine zu Schinken abſchneiden, und wenn ſie eingeſalzt und geräuchert ſind, wie anderes Fleiſch, ſo werden Sie finden, daß ein Bärenſchinken eine Speiſe iſt, welche Jedermann gut nennt. Kommen Sie, John, wo iſt Ihr Meſſer? Martin, gehen Sie uns zu Hand, üßeunt Herr Campbell und die Damen nach Hauſe gehen.. Vierunddreißigſtes Kapitel. In der erſten Woche des Juni bemerkte Malacht, welcher in die Wälder hinausgegangen war, einen In⸗ dianer, der auf ihn zukam. Dieſer war ein Jüngling voon zwanzig oder ein und zwanzig Jahren, ſchlank und aaugenſcheinlich albern; er trug ſeinen Bogen, Pfeile und einen Tomahawk, hatte aber keine Flinte. Malachi ſaß in dem Augenblicke auf dem Stamme eines gefäll⸗ ten Baumes; er war nicht mehr als zwei Meilen vom 4 Hauſe entfernt, und mit ſeiner Flinte ohne beſondere 31² Abſicht ausgegangen, obgleich er erwartete, daß er bald eine Nachricht von den Indianern erhalten werde. Er wünſchte daher dieſem eine Gelegenheit zu geben, mit ihm zu ſprechen. Der Indianer kam auf Malachi zu, ſetzte ſich neben ihn nieder, ohne ein Wort zu ſprechen. „Iſt mein Sohn aus dem Weſten,“ ſagte Malachi in indianiſcher Sprache zu ihm, nachdem er einige Mi⸗ nuten geſchwiegen hatte. „Die junge Otter iſt aus dem Weſten,“ verſetzte der Indianer,„die alten Männer haben ihm von dem grauen Dachſe erzählt, der das Leben einer Schlange gehabt, und der mit den Vätern derer geiagt hat, die nun alt ſind. Lebt mein Vater mit dem weißen Manne?“ „Er lebt mit dem weißen Manne,“ verſetzte Ma⸗ lachi;„er hat kein indianiſches Blut in ſeinen Adern.“ „Hat der weiße Mann Vieles in ſeiner Hütte?“ fuhr der Indianer fort. „Ja, viele junge Männer und viele Flinten!“ ver⸗ ſetzte Malachi. Der Indianer ſetzte die Unterredung nicht fort, und daher trat ein Schweigen von einigen Minuten ein. Malachi war überzeugt, daß der junge Indianer abge⸗ ſchickt worden, um Nachricht zu geben, daß Percival noch am Leben und gefangen ſey, und er entſchloß ſich daher, geduldig abzuwarten, bis dieſer den Gegenſtand berühren würde. „Tödtet die Kälte den weißen Mann nicht?“ ſagte endlich der Indianer. „Nein, der weiße Mann kann das Eis des Win⸗ ters ſo gut ertragen, wie ein Indianer. Er jagt ebenſo gut, und bringt ebenſo gut Wild zurück.“ „Sind Alle, welche mit ihm gekommen ſind, nun in der Hütte des weißen Mannes?“ „Nein, ein weißes Kind ſchläft im Schnee, und iſt in dem Lande der Geiſter,“ erwiederte Malachi. Hier trat abermals eine Pauſe von einigen Mi⸗ nuten ein, dann fuhr der Indianer fort: 313 „Ein kleiner Vogel ſang in mein Ohr, und ſagte: Des weißen Mannes Kind iſt nicht todt, es ging in die Wälder, bis es die Indianer fanden und in ein Wig⸗ wam in dem entfernteſten Weſten brachten.“ Hat der kleine Vogel die junge Otter nicht be⸗ „‿ logen?“ entgegnete Malachi. „Nein, der kleine Vogel ſang die Wahrheit,“ ver⸗ ſetzte der Indianer.„Der weiße Knabe iſt am Leben, und in der Hütte des Indianers.“ „Es ſind viele weiße Männer in der Gegend, welche Kinder haben,“ antwortete Malachi,„und Kinder wer⸗ den oft verloren. Der kleine Vogel mag von dem Kinde eines andern weißen Mannes geſungen haben.“ „Der weiße Knabe hatte eine Flinte in der Hand und Schneeſchuhe an den Füßen.“ „Das haben Alle, welche im Winterſchnee auf das Jagen gehen,“ bemerkte Malachi. „Aber der weiße Knabe wurde in der Nähe der Hütte des weißen Mannes gefunden.“ „Warum haben denn die Indianer den Knaben nicht zu dem weißen Manne gebracht, als ſie ihn fanden?“ „Sie waren auf dem Wege nach ihrem eigenen Wigwam und konnten nicht umkehren; ſie fürchteten überdies zu der Hütte des weißen Mannes zu gehen, nachdem die Sonne untergegangen war, denn mein Vater ſagt: er habe viele junge Männer und viele Flinten.“ „Aber der weiße Mann feuert ſeine Flinten nicht auf die Indianer ab, ſie mögen bei Tag oder bei Nacht kommen,“ ſagte Malachi.„Bei Nacht tödtet er die heulenden Wölfe, wenn ſie nahe an ſeine Hütte kommen.“ Der Indianer ſchwieg; bei dieſen Worten Ma⸗ lachis erkannte er, daß die Wolfshaut, mit welcher der Indianer bedeckt war, als er um die Paliſaden kroch und von John geſchoſſen wurde, gefunden worden war. Nach einer Weile ſetzte Malachi die Unterredung fort: „Iſt die junge Otter von einem nahen Stamme?“ 314 „Die Hütten unſeres Stammes ſind zwölf Tag⸗ reiſen weſtwärts,“ entgegnete der Indianer. Der Häuptling von dem Trupp der jungen Otter iſt wohl ein großer Krieger?“— „Er iſt es,“ antwortete der Indianer. „Ja,“ verſetzte Malachi, die zornige Schlange iſt ein großer Krieger. Schickte er die junge Otter zu mir, um mir zu ſagen, daß der weiße Knabe noch lebe und in ſeinem Wigwam ſey.“ 3 Der Indianer verſtummte wieder, denn er erkannte, daß Malachi wiſſe, woher und von wem er komme. Endlich ſagte er: „Es ſind viele Monate ſeit die zornige Schlange den weißen Knaben gefunden hat, und ſie hat ihn mit ihrem Wilde genährt; ſie hat viele Monate gejagt, um ihm ſeine Nahrung zu geben, und der weiße Knabe liebt die zornige Schlange wie einen Vater, und die zornige Schlange liebt den Knaben wie ihren Sohn. Sie will ihn an Kindesſtatt annehmen und der weiße Knabe wird der Häuptling des Stammes werden. Er will die weißen Männer vergeſſen und wie ein India⸗ ner roth werden.“ „Der Knabe iſt von dem weißen Manne vergeſſen, der ihn ſchon lange unter die Todten gezählt hat,“ ent⸗ gegnete Malachi. „Der weiße Mann hätte kein Gedächtniß, um ſo bald zu vergeſſen,“ entgegnete der Indianer;„es iſt nicht ſo. Er würde manche Geſchenke dem geben, der ihm den Knaben zurückbrächte.“ 3 „Und welche Geſchenke könnte er machen?“ bemerkte Malachi.„Der weiße Mann iſt arm und jagt mit ſei⸗ nen jungen Männern, wie die Indianer jagen. Was hätte der weiße Mann zu geben, um die Indianer zu erfreuen, er hat keinen Whysky.“ „Der weiße Mann hat Pulver, Blei und Flinten,“ entgegnete der Indianer,„mehr als er brauchen kann, liegen in ſeinem Lagerhauſe.“ 315 „Und will die zornige Schlange den weißen Kna⸗ ben zurückbringen, wenn ihr der weiße Mann Pulver, lei und Flinten gibt?“ fragte Malachi. „Sie will eine weite Reiſe machen und den wei⸗ ßen Knaben zurückbringen,“ entgegnete der Indianer; „aber zuerſt ſoll der weiße Mann ſagen, welches Ge⸗ ſcenk er geben will.“ „Es ſoll mit ihm geſprochen werden,“ entgegnete Malachi,„und ſeine Antwort ſoll gebracht werden; aber die junge Otter darf nicht zu der Hütte des wei⸗ ßen Mannes gehen. Eine Rothhaut iſt nicht ſicher vor den Flinten der jungen Männer. Wenn der Mond voll iſt, will ich der jungen Otter Antwort ſagen, wenn die Sonne niedergegangen iſt, auf der Weſtſeite der langen Wieſe. Iſt es ſo recht?“ „Gut;“ entgegnete der Indianer, welcher aufſtand, ſich auf dem Abſatze herumdrehte und in den Wald hineinging. Als Malachi nach dem Hauſe zurückkehrte, ſuchte er eine Gelegenheit, um Alfred das mitzutheilen, was ſich ſoeben ereignet hatte. Nach einer kurzen Unterre⸗ dung kamen ſie überein, daß ſie dem Capitän Sinclair, welcher dieſen Morgen von dem Fort angekommen war, das anvertrauen wollten, was ſich ereignet hatte, um mit ihm über das weitere Benehmen ſich zu be⸗ rathen. Capitän Sinclair war ebenſo überraſcht als entzückt, als er vernahm, daß Percival noch lebe, und intereſſirte ſich ſehr für die Sache. „‚Die Hauptfrage iſt, ob es nicht beſſer ſey, auf die Bedingungen dieſes Schurken von einem indiani⸗ ſchen Häuptlinge einzugehen,“ bemerkte Capitän Sin⸗ clair.„Was ſind einige Pfund Pulver und eine oder zwei Flinten im Verhältniß zu dem Glücke, welches durch Percivals Rückkehr ſeinen Aeltern zu Theil wird, die ihn ſo lange als todt beweint haben.“— „Das iſt es nicht, Sir,“ entgegnete Malachi. „Ich weiß, daß Herr Campbell ſein ganzes Lagerhaus hingeben würde, um den Knaben wieder zu erlangen; aber wir müſſen darauf ſehen, was die Folge davon ſeyn würde, wenn wir ſo handelten. Es iſt gewiß, daß die zornige Schlange mit einem unbedeutenden Geſchenke nicht zufrieden geſtellt ſeyn würde. Gewiß, wird er viele Flinten, vielleicht mehr als wir auf dem Gute haben, und in demſelben Verhältniſſe Pulver und Kugeln fordern, denn er hat mit vielen weißen Men⸗ ſchen ſich abgegeben, beſonders als die Franzoſen da waren, und er weiß, wie gering wir dergleichen Dinge achten und wie ſehr wir unſere Kinder lieben. Zu⸗ nächſt, Sir, liefern Sie dadurch ihm und ſeiner Bande Waffen, welche er gegen uns zu irgend einer andern Zeit gebrauchen kann, und die ihn wirklich furchtbar machen, und dann ermuthigen Sie ihn, irgend ein an⸗ deres Wagſtück zu unternehmen, um ein ähnliches Ge⸗ ſchenk zu erhalten, denn er iſt nicht thöricht. Erinnern Sie ſich, Sir, jedenfalls daran, daß wir aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach einen von ſeiner Bande getödtet ha⸗ ben, als derſelbe herkam, um in einer Wolfshaut das Haus zu recognosciren. So etwas wird nie vergeſſen, vielmehr ſobald als möglich gerächt. Nun, Sir, wenn wir ihm Waffen und Munition geben, legen wir die Mittel zur Rache in ſeine Hände, und es ſollte mich durchaus nicht überraſchen, wenn wir uns eines Tages von ihm und ſeiner Bande angegriffen, und uns viel⸗ leicht durch dieſelben Flinten beſiegt ſehen würden, bälche wir nach Ihrem Vorſchlage ihnen gegeben aben.“ „Was Sie da ſagen, iſt nur zu wahr und zu ver⸗ ſtändig, Malachi. In der That, ich denke, daß wir über dieſen Punkt zuerſt entſcheiden müſſen, und daß wir in ſeine Bedingungen nicht willigen ſollen. Aber was ſollen wir dann thun, um den Knaben wieder zu erlangen?“ „Das iſt die Frage, welche auf mir laſtet,“ ent⸗ gegnete Alfred,„denn ich ſtimme vollkommen mit Ma⸗ 317 lachi überein, daß wir ihm Waffen und Munition nicht geben dürfen, und ich zweifle, daß er irgend etwas Anderes annimmt.“— „Nein, Sir, das wird er nicht, dafür ſtehe ich gut,“ entgegnete Malachi;„ich denke daher, daß nur ein Weg iſt, der uns irgend eine Ausſicht eröffnet.“ „Welchen Gedanken haben Sie denn, Malachi?“ „Die zornige Schlange und ſeine Bande hat uns ausgeſpürt, und wären wir nicht ſo ſehr auf unſerer Hut geweſen, ſo würden ſie uns angegriffen und alle gemordet haben, das iſt klar. Sie konnten dies nicht; ſie raubten daher. Percival und behielten ihn zurück, um ihn nur gegen den von ihnen feſtgeſetzten Preis zurückzugeben. Nun, Sir, kam die junge Otter zu uns, und erbot ſich, wieder zu kommen. Wir haben ihm für ſicheres Geleit keine Bürgſchaft geleiſtet, und daher müſſen wir, wenn er wieder kommt, einen Hin⸗ terhalt für ihn bereit haben, um ihn zum Gefangenen zu machen. Dazu bedürfen wir aber, Sir, den Bei⸗ ſtand des Oberſten, denn er muß auf dem Fort einge⸗ ſchloſſen werden, weil wir ihn auf dem Gute nicht ver⸗ wahren können. Zunächſt iſt dieſes darum nicht mög⸗ lich, weil wir ſonſt das Geheimniß vor Herrn und Mrs. Campbell nicht bewahren könnten, und dann würden wir jede Nacht einen Angriff wegen ſeiner Befreiung zu gewärtigen haben. Wenn aber der Oberſt alle Umſtände erfährt und uns beiſtehen will, dann können wir den indianiſchen Burſchen gefangen nehmen und als Geißel für Meiſter Percival ſo lange zurück behalten, bis wir mit der zornigen Schlange ein Ueber⸗ einkommen getroffen haben werden.“ „Ihr Gedanke Malachi, gefällt mir ſehr wohl,“ entgegnete Capitän Sinclair,„und wenn Alfred mit mir übereinſtimmt, will ich den Oberſt von Allem in Kenntniß ſetzen, wenn ich dieſe Nacht nach Hauſe kehre, und ich werde ſehen, ob er damit einverſtanden iſt, daß 319 wenn es darauf ankommt, denn er iſt nicht ſo ſtark, als man glaubt. Er iſt klein, aber geſchmeidig wie ein Aal, und ebenſo ſchwer zu halten, das iſt gewiß. Wenn wir uns unſerer Gewehre bedienten, würde es keine Schwierigkeit haben; aber ihn feſtzunehmen wird uns beiden Mühe koſten, und wenn er los käme, würde er uns beiden in's Geſicht lachen.“ „Nun, Malachi, wie wollen wir es anfangen?“ „Ei nun, Sir, ich muß mit ihm zuſammenkommen, und Sie, Alfred und Martin müſſen in einiger Ent⸗ fernung im Hinterhalte liegen und nach und nach ſich uns leiſe nähern. Martin muß ſeinen Riemen von Hirſchleder bereit halten, und wenn Sie ihn gepackt haben, ihn ſchnell binden. Martin iſt geübt darin und weiß, was Gebrauch iſt.“ „Nun, wenn Sie denken, daß wir drei über ihn nicht Herr werden, ſo wollen wir Martin mitnehmen.“ „Er iſt nicht ſtark, Sir,“ verſetzte Malachi;„aber er würde Ihnen augenblicklich aus den Fingern ſchlü⸗ pfen, wenn er nicht feſtgebunden iſt. Wir wollen nun dahin gehen, wo ich ihn zu ſprechen beabſichtige. Wir wollen den Platz beſichtigen, und dann will ich ſehen, wo Sie ſich in Hinterhalt zu legen haben, denn mor⸗ gen dürfen wir in dieſer Richtung nicht beiſammen geſehen werden, weil er uns ſonſt belauſchen und Ver⸗ dacht ſchöpfen könnte.“ Sie gingen nun zu dem Ende nach der Wieſe nächſt dem Fort, welche ungefähr eine Meile von dem Hauſe entfernt war, und nachdem Malachi die Stelle auserſehen und ihnen gezeigt hatte, an welcher ſie ſich verbergen ſollten, giagen ſie wieder nach Hauſe. Alfred traf nun die Anordnung, wann und wo er und Mar⸗ tin mit dem Capitän Sinclair an dem biſtimmten Tage zuſammentreffen wollten. 3 Der nächſte Tag ging vorüber, und als die Sonne hinter dem See hinabgeſunken war, ging Malachi auf die Wieſe. Er war keine zehn Minuten da, als der 318 wir einen ſolchen Schritt thun. Wann werden Sie mit dem Indianer zuſammen kommen, Malachi?“ „In drei Tagen, das iſt am Donnerſtage; es wird Vollmond, und dann treffe ich mit ihm bei Nacht am Ende der Wieſe nächſt dem Fort zuſammen. Es wird nicht ſchwer halten, alles das auszuführen, was wir vor⸗ haben, ohne daß Herr und Mrs. Campbell etwas von dem erfahren, was ſtattgefunden hat.“ „Ich denke, wir können etwas Beſſeres nicht thun, als was Sie vorgeſchlagen haben,“ ſagte Alfred. „So ſey es denn,“ antwortete Capitän Sinclair. „Ich werde morgen wieder hier ſeyn— nein, nicht mor⸗ gen, übermorgen wird es beſſer ſeyn, und dann will ich Ihnen die Antwort des Oberſten mittheilen, und die An⸗ ordnungen treffen, welche nothwendig ſind.“ „Das iſt alles recht, Sir,“ verſetzte Malachi,„und nun hat jeder ſein eigenes Geheimniß zu bewahren. Sie, Capitän Sinclair, werden vielleicht am beſten thun, wenn Sie zu den jungen Damen zurückkehren, denn Miß Mary möchte ſich einbilden, daß das von einer ſehr großen Bedeutung ſeyn müſſe, was Sie ſo lange von ihr ferne gehalten hat. Malachi lächelte, als er dieſe Bemerkung ſchloß. „In dieſer Bemerkung liegt ein tiefer Sinn, Ma⸗ lachi,“ ſagte Alfred lachend.„Kommen Sie, Sinclair.“ Capitän Sinclair ging an dieſem Abende noch weg und nach dem Fort zurück. Zur beſtimmten Zeit kam er wieder und theilte ihnen mit, daß der Oberſt ihren Plan, den jungen Indianer als Geißel zu behalten, vollkommen genehmige, und daß er ihn im Fort verwahren wolle, ſo⸗ bald er dorthin gebracht worden ſeyn würde. „Nun, werden wir wirklich einen Beiſtand vom Fort bedürfen? Gewiß nicht, um einen armſeligen indianiſchen Knaben zu fangen, wenigſtens ſagte ich dies zu dem Oberſt,“ fuhr Capitän Sinclair fort. 3„Nein, Sir, wir werden, wie Sie ſagen, keinen Beiſtand nöthig haben. Ich bin mir ſelbſt genug, 3²0 junge Indianer vor ihm ſtand, wie früher mit ſeinem Tomahawk, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, wäh⸗ rend Malachi abſichtlich ohne ſeine Flinte gekommen war. Sobald Malachi den jungen Indianer bemerkte, ſetzte er ſich nieder, wie es der herkömmliche Gebrauch bei ihnen iſt, wenn man eine Unterredung hält, und die junge Otter folgte ſeinem Beiſpiele. „Hat mein Vater mit dem weißen Manne geſpro⸗ chen?“ ſagte der Indianer nach kurzem Schweigen. „Der weiße Mann weint über den Verluſt ſeines Knaben, und ſein Weib weint auch,“ verſetzte Malachi. „Die zornige Schlange muß den Knaben wieder in die Pütir des weißen Mannes bringen und Geſchenke er⸗ alten.“. „Wird der weiße Mann freigebig ſeyn?“ fuhr der Indianer fort. 4 „Er hat Pulver, Blei, Flinten und Tabak; wer⸗ den ſolche Geſchenke der zornigen Schlange gefallen?“ „Die zornige Schlange hatte einen Traum,“ ent⸗ gegnete der Indianer,„und erzählte mir dieſen Traum. Sie träumte, daß der weiße Knabe in die Arme ſeiner Mutter, welche vor Freude weinte, gelegt worden ſey, und daß der weiße Mann ſein Lagerhaus geöffnet, und der zornigen Schlange zehn Flinten, zwei Tonnen Pul⸗ ver und ſo viel Blei gegeben habe, als vier Männer wegtragen können.“ „Das war ein guter Traum,“ verſetzte Malachi, „und er wird wahr werden, wenn der weiße Knabe ſeiner Mutter zurückgegeben wird.“ „Die zornige Schlange hatte noch einen andern Traum. Sie träumte, daß der weiße Mann ſein Kind erhalten und die zornige Schlange zur Thüre ſeiner Hütte hinausgeworfen habe.“ 4. „Das war böſe,“ antwortete Malachi.„Schau mich an, mein Sohn, ſag', habt ihr jemals gehört, daß der graue Dachs eine Lüge geſagt hat?“ und 321 Nalacht hielt, als er dieſes ſagte, den Indianer beim rme. Dieſes war das zwiſchen Malachi und den Ver⸗ ſteckten verabredete Zeichen, und letztere ſtürzten nun herbei und ergriffen den Indianer. Die junge Otter ſprang zornig auf, und würde, da er ſeinen Toma⸗ hawk frei hatte und ihn um ſeinen Kopf ſchwang, ſicher entkommen ſeyn, wenn nicht Martin ſeinen Hirſchrie⸗ men bereits um ſeinen Knöchel geſchlungen gehabt und ihn ſo zu Boden geworfen hätte. Es wurden ihm nun die Arme auf den Rücken gebunden, ein anderer Rie⸗ men wurde an ſeinen Knöcheln befeſtigt und Alfred übergeben.. „Sie hatten recht, Malachi,“ ſagte Capitän Sin⸗ clair;„ich bin jetzt überzeugt, daß er uns nicht ent⸗ rinnen kann, aber hätte er ſich losgemacht, ſo würde er wahrſcheinlich Ihnen den Kopf eingeſchlagen haben, bevor er die Flucht ergriff.“ „Ich kenne die Manieren dieſer Indianer, Sir,“ verſetzte Malachi,„wenn ſie nicht gebunden ſind, daß die Riemen in die Beine einſchneiden, hat man ſie nicht ſicher; aber Sie haben ihn feſt genug, Sir, und je früher Sie nach dem Forte kommen, deſto beſſer iſt es. Sie haben Ihre Gewehre in dem Gebüſche?“ „Ja,“ entgegnete Martin,„Sie werden ſie hinter der großen Eiche finden.“ „Ich will ſie holen, denn ich glaube, daß hier keine Püohße Gefahr iſt, daß er entweichen werde.“ „Wir haben ihn nicht weit zu bringen,“ ſagte Ca⸗ pitän Sinclair,„und da ich wünſche, daß Sie und Alfred nicht ſo lange abweſend ſeyn möchten, daß ſie Fragen herbeiführen könnten, wo Sie geweſen ſeyen, habe ich einen Zug Soldaten und einen Korporal un⸗ gefähr eine halbe Meile von hier im Gebüſche verbor⸗ gen. Aber nun, Malachi, möchte es gut ſeyn, den Indianer wiſſen zu laſſen, daß er bloß als Geißel ge⸗ Die Anſiedler in Canada. 3 21 fangen gehalten werde, und daß er ſeine Freiheit ſo bald bekomme, als der Knabe zurückgegeben wird.“ Malachi ſprach nun zu dem Indianer in ſeiner ei⸗ genen Sprache und erzählte ihm, was Capitain Sin⸗ clair verlange. „Sagen Sie ihm, daß in dem Fort verſchiedene indianiſche Weiber ſind, welche eine Botſchaft der zor⸗ nigen Schlange überbringen werden, wenn er ihr eine ſenden will.“— 3 Die junge Otter war ſehr zornig und antwortete Malachi nicht ein Wort, ſondern blickte höchſt unge⸗ duldig umher. 3 „Seyen Sie auf Ihrer Hut, ſo gut Sie können,“ ſagte Malachi,„denn er verläßt ſich auf die zornige Schlange, welche ihn zu dieſer Unterredung mit mir abgeſchickt hat; ich ſehe es an ſeinen herumſchweifenden Augen, und an ſeinem Umherblicken nach irgend einer Hülfe. Ich will, weil ich keine Flinte habe, mit Ih⸗ nen gehen und mit Alfred und Martin zurückkehren.“ „Sie können die meinige nehmen, Malachi, ſo⸗ bald wir zu den Soldaten gekommen ſind.“ „Das war in wenigen Minuten geſchehen; Capi⸗ tän Sinclair übernahm nun den Indianer und verfolgte ſeinen Weg nach dem Fort. Malachi, Alfred und Mar⸗ tin kehrten nach Hauſe zurück und ehe ſie wieder auf die Wieſe kamen, entdeckte Martin in geringer Ent⸗ fernung die lange Geſtalt eines Indianers unter dem Schatten der Baͤume. „ a, ich wußte es gewiß,“ ſagte Malachi.„Es war gut, daß ich nicht ohne Sie zurückkehre. Ja, im Walde iſt ein Mann ohne Gewehr kein Mann.“ ——·¶·¶·Q/Q·Q/·,·—q— —— W Fünfunddreißigſtes Kapitel. Martin hatte recht, wenn er ſagte, daß er die Geſtalt der zornigen Schlange im Schatten der Bäume wahrgenommen habe. Der Häuptling betrachtete Ar⸗ les, was vorging, war ſonach Zeuge von der Gefan⸗ gennehmung ſeines Emiſſärs geweſen, und ſah auch den, welcher ihn gebunden hatte und in das Fort führte. In der Zwiſchenzeit gingen Malachi, Alfred und Mar⸗ tin ohne Argwohn nach Hauſe und waren ſehr ver⸗ . gnügt, als ſie ſich verſichert hatten, daß den übrigen Mitgliedern der Familie nichts zugeſtoßen war. „Nun, Malachi,“ ſagte Alfred am nächſten Mor⸗ gen, als ſie eben eifrig beſchäftigt waren, den Sa⸗ men auf den neu gerodeten Feldern einzubringen,„was denken Sie, werden jetzt ſchon Schritte von der zorni⸗ gen Schlange geſchehen ſeyn?“ „Das iſt ſchwer zu ſagen,“ verſetzte Malachi,„weil er den Namen„„Schlange““ wohl verdient, und dieſe, wie die Schrift ſagt, das verſchmitzteſte Ding auf Er⸗ den iſt; er wird zögern, ſo lange er kann, das dürfen Sie glauben, und wenn er ſich nicht vor uns fürchtete, ſo würde er uns geradezu angreifen; aber es kommt mir gar nicht in den Sinn, daß er dieſes auf ſeine Gefahr hin wagen ſollte.“ 3 „Nein, wie Ihr Brief ſagte, hat er nur zwei Ge⸗ wehre in ſeiner Rotte, und dieſe ſind nicht hinreichend, ihm nur einige Hoffnung auf Erfolg zu gewähren.“ „Sehr wahr, Sir; ich höre, daß die Fahrzeuge vom Fort, um Dielen und Mehl zu holen, kommen ſollen.“ „Ja, morgen, wenn es nicht ſo windig iſt, wie heute. Es weht ziemlich friſch. Wo iſt John?“ „Jch ließ ihn bei der Erdbeerpflanze, Sir, ſie ſind mit dem Zucker beſchäftigt.“— T — 324 „Von den Bienen? Wie viel haben Sie erhal⸗ ten, Malachi?“— „Beiläufig drei bis vierhundert Pfund; ganz ſo viel als Madame verlangen wird.“ „Ja, ich dächte ſoz wir ſollten nur, ſo viel nö⸗ thig, Vorrath an allen Sorten von Früchten haben; die wilden Himbeeren werden nun bald reifen, und auch die Kirſchen; meine Couſinen haben John nöthig, um ſie pflücken zu helfen.“ „Nun, Sir, ich glaube, daß er es thun wird, ob⸗ wohl ich meine, daß er etwas Anderes lieber thun würde. Er ſagte, daß er dieſen Morgen auf's Fiſchen gehe.“ „Das Waſſer iſt zu ungeſtüm und er allein wird nicht im Stande ſeyn, die Barke zu regieren.“ „Das iſt auch die wahre Urſache, wenn er hinaus⸗ gehen will,“ verſetzte Malachi,„er thut lieber ſchwerere Arbeiten, als Himbeerpflücken. Iſt es wahr, Herr Alfred, daß mehrere neue Anſiedler hieher kommen ſollen?“ „Ja, ich glaube ſo; mein Vater iſt wahrhaft ängſt⸗ lich, ſie zu bekommen, er glaubt, daß es große Sicher⸗ heit gewähren würde, und er hat wirllich vortheilhafte Bedingungen angeboten. Sie würden das nicht gerne haben, Malachi?“ „Nun, Sir, ich darf ſagen, daß Sie ſo denken mögen, aber es iſt der Fall nicht. Wenn mir irgend jemand noch vor zwei Jahren geſagt hätte, daß ich hier bleiben könnte, würde ich geſagt haben, daß es unmög⸗ lich ſey; doch wir ſind alle Gewohnheitsmenſchen. Ich war ſeit langer Zeit ſo an meine eigene Geſellſchaft ge⸗ wöhnt, daß ich, als ich Sie das erſtemal ſah, Ihren Anblick nicht ertragen konnte; ebenſo auch nicht den Ihrer ſchönen Couſinen Miß Mary und Emma, obſchon ſie, der Himmel weiß es, einen Wilden zahm machen könnten; aber nun fühle ich mich ganz verändert. Zuerſt habe ich die Geſellſchaft unterſtützt, weil ich den Kna⸗ ben gern hatte, und weil ich fühlte, daß er mir nicht 325 mißfalle, und nun liebe ich ihn. Ich glaube, daß ich in meinen alten Tagen oft zu den Gefühlen meiner Knabenzeit zurückkomme, und ich erinnere mich wahr⸗ haft oft an meines Vaters Gut und an das Dörfchen, welches nahe dabei lag, und dann denke ich, daß auch hier ein Dorf entſtehen möge, und eine Kirche auf dem Berge. Ich boffe, daß ich es noch erleben werde, daß eine Kirche gebaut und in derſelben Gott ſo verehrt werde, wie es ſich gebührt.“ „Dies iſt in der That möglich, Malachi, ich will hoffen, daß Sie bald eine Kirche auf dem Berge ſe⸗ hen, noch viele Jahre leben und in derſelben noch vie⸗ len Hochzeiten und Taufen beiwohnen.“ „Möge es Gott gefallen, Sir. Eines iſt, Herr Affred, was mich mehr als Alles zufrieden macht, und mich mit meinem neuen Lebenswege wieder ausſöhnt, und das iſt, daß die Erdbeere durch den Beiſtand Got⸗ tes und durch die Bemühungen Ihrer Mutter und Jh⸗ rer Couſinen eine gute Chriſtin geworden iſt; Sie kön⸗ nen nicht glauben, wie ſehr mich das freut.“ „Sie iſt ein herrliches kleines Geſchöpf, jedermann liebt ſie, und ich denke, Martin iſt ihr gewaltig ge⸗ wogen.“ 5. ZJa, Sir, ſie iſt ein gutes Ding, ſie gebraucht niemals ihre Zunge, und folgt ihrem Manne in Al⸗ lem. Ich glaube, daß nun Martin ganz ſtandhaft ge⸗ worden iſt, ſo daß Sie ihn nach Montreal oder ſonſt wohin ſchicken können, ohne zu befürchten, daß er we⸗ gen Schwelgerei ins Gefängniß geſteckt werde... Ich ſah, daß ein Bär in der vergangenen Nacht oben in dem Maisfeld war.“ 8 „Wasl klettert er über das Schlangengehege?“ „Ja, Sir, ſie ſteigen über Alles; da ich ſeine Fährte entdeckt habe, ſo denke ich, ihm heute Nacht nachzuſtellen und ihm eine Schlinge zu legen.“ Malachi und Alfred arbeiteten noch zwei oder drei Stunden, bis Emma kam, um ſie zum Mittag⸗ eſſen zu rufen.„Ich kann John nicht finden,“ ſagte Emma, als Beide nach Hauſe kamen;„die Erdbeere ſagt mir, daß er ſie vor einiger Zeit verließ, um dfe Fiſchen zu gehen, haſt Du ihn nicht am Ufer ge⸗ ehen?“ 3 „Nein,“ verſetzte Alfred,„aber Malachi, Sie ſag⸗ ten ja, daß er auf's Fiſchen gehen wollte, ſagten Sie nicht ſo?“. „Ja, Sir.“ „Sahſt Du nicht die Barke am Ufer, Emma?“ „Nein, ich ſahe ſie nicht,“ antwortete Emma, naber ſie konnte wohl hinter der Spitze ſeyn.“ „Ich kann auch nichts ſehen, ich hoffe nicht, daß er vom Wind verſchlagen wurde, er ging wirklich ſtark; ich will hinunterlaufen und ſehen, ob er da iſt.“ Alfred lief an das Ufer, die Barke war weg, und als er gegen den Wind, der von Oſten kam, in der Richtung der Strömungen ſah, glaubte er in einer Entfernung von drei bis vier Meilen etwas wie ein Boot zu gewahren, was er aber, weil der See bei dem ſtarken Winde hoch ging, nicht genau unterſchei⸗ den konnte. Alfred eilte zurück und ſagte zu Emma: „Ich bin wirklich beſorgt, daß John fort iſt, ich glaube ein Boot geſehen zu haben, bin es aber nicht gewiß. Emma geh' in mein Schlafzimmer und bring' mir mein Fernrohr, welches über meinem Bette liegt, her⸗ aus. Laß es aber nicht ſehen, weil man ſonſt fragen, und Deine Tante erſchrecken möchte.“ Emma ging in das Haus und kam ꝛnit dem Fern⸗ rohre zurück. Alfred und Malali gingen an das Ufer und gewahrten deutlich, daß das, was er geſehen hatte, die weggetriebene Barke war, in welcher ſich John befand. „Nun, was iſt da zu thun?“ ſagte Alfred; nich muß ein Pferd nehmen und nach dem Fort reiten, denn wenn ſie ihn nicht ſehen, wenn er vorbei kommt, ſo wird er nicht aufgefangen werden.“ —— „Wenn er einmal in die Strömung gerathen iſt,“ verſetzte Malachi,„wird er in großer Gefahr ſeyn, weil er da unten auf eine der Klippen gerathen und augenblicklich ſcheitern kann.“ „Ja, aber er iſt jetzt noch etwas davon entfernt,“ entgegnete Alfred. „Wohl wahr, Sir, aber bei dieſem ſtarken Winde und durch den Trieb des Stromes wird er bald dort ſeyn. Hier iſt keine Zeit zu verlieren!“ „Nun, ich will zum Eſſen hineingehen, und ſo bald ich einen Mund voll genommen habe, ſo werde ich, um kein Aufſehen zu erregen, mich abſchleichen, und zum Fort reiten, ſo ſchnell ich kann.“ „Recht ſo, Sie werden in kurzer Zeit dort ſeyn, von hier ſind noch drei Meilen bis zum Fort; in der That kann er nicht wohl vorbei kommen, ohne daß ſie ihn bemerken.“ „Ja, er kann, da der See ſo hoch geht,“ verſetzte Alfred,„bedenken Sie, daß nur Soldaten und keine Schiffer, gewohnt auf das Waſſer zu ſehen, im Forte ſind. Ein treibendes Stück Holz oder ein Nachen iſt in ihren Augen einerlei. Kommen Sie, laſſen Sie uns zum Eſſen gehen.“ „Ja, Sir, ich folge Ihnen,“ verſetzte Malachi; „doch bevor ich hineingehe, will ich das Pferd fangen und für Sie ſatteln. Sie können Miß Emma ſagen, daß ſie nichts davon ſpricht.“ Alfred traf Emma, warnte ſie und ging dann zum Eſſen hinein. „Wo iſt John?“ ſagte Mrs. Campbell,„er ver⸗ ſprach mir einige Seefiſche zum Mittageſſen, und hat ſie noch nicht gebracht, Ihr werdet alſo das gute Ge⸗ richt noch nicht erhalten, welches ich erwartete.“ „ Und wo iſt Malachi?“ ſagte Alfred. „Jo glaube, er und John ſind mit einander ir⸗ hend d„„ bemerkte Heinrich, welcher mit Martin vor lfred gekommen war. 3 Herr Campbell. „Ich kann nicht darauf verzichten, Mutter,“ ſagte Alfred, ich bin wirklich hungrig, und habe nur fünf Minuten Zeit, um vor Nacht mit der Saat fertig zu werden.“ „Ich dachte, Malachi war mit Alfred?“-ſagte Herr Campbell. 8 „Ja, Vater, er war bei mir, hat mich aber dann verlaſſen. Nun Mutter, ſeyen Sie ſo gütig, mir mein Eſſen zu geben.“ 3 3 Alfred aß ſchnell, ſtand vom Tiſche auf und ver⸗ ließ das Haus. Das Pferd war ſchon bereit, er ſaß auf, ritt nach dem Fort und ſagte noch Malachi, daß ſein Vater und ſeine Mutter der Meinung ſeyen, John ſey mit ihm geweſen, und daß er deßhalb beſſer thun würde, nicht zum Eſſen zu gehen, ſondern wegzublei en.“ „Ja, Sir, das wird das Beſte ſeyn, ſo können ſie mich nicht anefragen. Seyen Sie ſchnell, Sir, ich bin um den Kneben ſehr beſorgt.“ Ihr Plan, Johns Gefahr zu verbergen, hatte jedoch keinen Erfolg; Mrs. Campbell wurde nach dem Ver⸗ luſte des armen kleinen Percival wegen John immer beſorgter, ſtand nach ein oder zwei Minuten, nachdem Alfred das Haus verlaſſen hatte, vom Tiſche auf und ging vor die Thüre, um zu ſehen, ob nicht Malachi und John kommen. Als ſie heraustrat, ſchlug Alfred einen Galopp ein, und ſie ſah Malachi bei ihm ſtehen und ſeine Abreiſe beobachten. Der wahre Beweggrund der geheimnißvollen Abreiſe Alfreds beunruhigte ſie. Err hatte nichts davon geſagt, daß er in das Fort ging, und daß John nicht bei Malachi war, ſchien hewiſ⸗ Si ging in das Haus, ſank auf einen Stuhl und rief:—* „John iſt gewiß etwas zugeſtoßen!“ „Wer hat Dir das geſagt, meine Theurt Herr Campbell. * „Nun, er wird auf das Eſſen verzichten,“ ſagte 329 „Ach, es iſt gewiß ſo,“ verſetzte Mrs. Campbell, in Thränen ausbrechend.„Alfred iſt fortgeritten, Ma⸗ lachi ſtand außen bei ihm. Was wird es ſeyn?“⸗ Herr Campbell und alle Anderen liefen, bis auf Mary Percival, welche ſich mit Mrs. Campbell be⸗ ſchäftigte, hinaus. Herr Campbell gab Emma einen Wiai, und erfuhr nun von ihr den wahren Stand der ache.— 6 „Es wird beſſer ſeyn, wenn wir ihr Alles ſogleich erzählen,“ ſagte Herr Campbell, ging zu ſeiner Frau und erzählte ihr, was John begegnet war, daß Alfred in das Fort geritten, damit er dort von einem Fahr⸗ zeuge aufgenommen würde, und daß hiebei kei e⸗ fahr zu befürchten ſey. „Man will mir nur die Gefahr verſchweigen,“ antwortete ſeine Frau.„Ja, er iſt gewiß in Gefahr, weil das Waſſer ſo ungeſtüm iſt. Mein Kind! Ach, ich habe es verloren, wie meinen armen Percival!“ fuhr Mrs. Camppoell fort. 1 Jeder Verſuch, ſie zu tröſten, und ihr ihre Furcht zu benehmen war ohne Erfolg, und der Nachmittag 1 wurde von Allen in großer Angſt und von Mes. Camp⸗ bell in der größten Aufregung zugebracht. Gegen Abend erblickte man Alfred in aller Eile zurückkehrend. Die ganze Familie ſah ſeiner Ankunft mit klopfendem Herzen entgegen; die arme Mrs. Campbell in einem faſt ohnmächtigen Zuſtande. Alfred gewahrte ſie ſchon lange, ehe er über die Prairie ritt und gab ein Zei⸗ chen, daß er gute Nachricht bringe. Alles iſt gut, verlaſſe Dich darauf, meine Theure,“ ſagte Herr Campbell.„Alfred würde kein Zeichen ge⸗ hüten haben, wenn ſich irgend ein Unfall ereignet ätte.“.. ' ch muß es aus ſeinem eigenen Mund hören,“ ſagte Mrs. Campbell faſt athemlos. 4 3 „Gerettet?“ rief Martin Alfred zu, als dieſer ſich näherte. 4 550 „Gerettet, glücklich gerettet!“ rief Alfred heran⸗ kommend. „Dem Himmel ſey Dank!“ rief Mrs. Campbell mit ſchwacher Stimme, und faltete betend die Hände. Alfred ſprang aus dem Sattel und beeilte ſich, ihnen die Nachricht mitzutheilen. John, welcher ſich auf ſeine eigene Kraft zu viel verließ, war in die Barke gegangen, gewahrte aber bald, daß er ſie bei dem ſtarken Winde nicht regieren könne. Er bemühte ſich vergeblich, das Ufer wieder zu erreichen; und wurde, wie er ſagte, von dem Winde fort und der Strömung zu getrieben. Nun hatte, bevor Alfred im Fort ankam, Capitän Sinclair den treibenden Nachen bemerkt und ſich mit Hülfe eines Fernrohrs überzeugt, daß John darin ſey, ſelbſt kräftig, aber ohne Erfolg arbeitend. Capitän Sinclair hinterbrachte es dem Com⸗ mandanten, ließ, als er die Erlaubniß erhalten, ein Fahrzeug, bemannt mit Soldaten, abſtoßen und brachte John nebſt der Barke ohngefähr vier Meilen unter dem Fort an das Ufer, ehe er noch in die ſtarke Strö⸗ mung gerathen war, was ſonſt aller Wahrſcheinlichkeit nach unglücklich hätte ausfallen können. Alfred hatte vom Fort aus geſehen, daß Capitän Sinclair mit John, den Nachen am Tau, das Ufer erreichte, und war, ſo bald er ſich von der Rettung ſeines Bruders überzeugt hatte, ſchnell zurückgeritten, um es ihnen mitzutheilen. Dieſe Nachricht erregte bei allen die höchſte Freude, und da ſie ihn nun gerettet wußten, ſo erwarteten ſie die Rückkehr mit Geduld. Capitän Sinclair kam ohn⸗ gefähr nach zwei Stunden mit John, welchen er hin⸗ ter ſich auf dem Pferde hatte, und wurde mit Freuden empfangen. „Fürwahr, Capitän Sinclair, wir ſind Ihnen ſehr verbunden. Wären Sie nicht ſo thätig geweſen, ſo wäre der Junge verloren,“ ſagte Mrs. Campbell. „Empfangen Sie meinen innigſten Dank!“ 331 5 „Und den meinigen!“ ſagte Mary, ihm die Hand reichend.. John, Du haſt mich wahrlich in den größten Schrecken verſetzt,“ ſagte Mrs. Campbell;„wie kannſt Du ſo unbedachtſam ſeyn, Dich bei einem ſolch' ſtar⸗ ken Winde auf den See zu wagen? Siehe, welcher Gefahr Du entronnen biſt.“ „Ich wollte morgen früh in Montreal ſeyn,“ ſagte John lachend. „Nein, niemals, Du würdeſt in der Strömung geſcheitert ſeyn, ohne daß Du Montreal erreicht hätteſt.” „Wenn auch, Mutter, ich kann ſchwimmen,“ ver⸗ ſetzte John. „Du leichtſinniger Junge; nichts kann Dich ab⸗ ſchrecken.“ 1 „Nun, Ma'am, das iſt ein guter Fehler, wenn man Vertrauen auf ſich ſelbſt hat; darum zanken Sie nicht zu ſehr mit ihm,“ verſetzte Malachi.„Es rettet manchen Mann, welcher auf eine andere Weiſe verlo⸗ ren geweſen wäre.“ „Das iſt gewiß wahr, Malachi,“ bemerkte Alfred; „nun, da er gerettet iſt, wollen wir John nicht mehr ſchelten. Er wird jetzt beſſer wiſſen, was es heißt, ſich bei ſtürmiſchem Wetter dem See anzuvertrauen.“ „Sei verſichert,“ ſagte John,„ohne Noth werde ich mich nicht mehr in den Strom wagen.“— „Gut, es freut mich, das von Dir zu hören,“ ver⸗ ſetzte Mrs. Campbell.—— Capitän Sinclair blieb dieſe Nacht bei ihnen. Vor Anbruch des Tages wurde die Familie durch einen Flintenſchuß erſchreckt, und Alle glaubten, daß man die Hütte angegriffen habe, in welcher Malachi mit Mar⸗ tin und ſeiner Frau wohnte. Capitän Sinclair, Al⸗ fred, Heinrich und John ſprangen aus den Betten und waren in einer Minute angekleidet. Sobald ſie ſich bewaffnet hatten, öffneten ſie ſorgſam die Thüre, ſahen ſich behutſam um, und gingen auf den Weg zum Schaaf⸗ 332 ſtalle, wo die Hütte ſtand. Aber Alles ſchien ruhig zu ſeyn. Alfred pochte an die Thüre, Malachi antwortete dem Pochenden:„Was gibt's?“ „Wir hörten eben jetzt bei dem Hauſe einen Flin⸗ tenſchuß und glaubten, daß Ihnen etwas begegnet ſey.“ O!“ rief Malachi lachend,„iſt das Alles? Dann können Sie alle wieder zu Bette gehen. Das war meine Bären⸗Schlinge— nichts Anders.“ „um ſo beſſer; da wir aber auf find und der Tag angebrochen iſt, ſo können wir hingehen und nach⸗ ſehen,“ ſagte Alfred. „Wohl, Sir, ich bin bereit,“ antwortete Malachi, indem er mit ſeiner Hirſchhaut⸗Jacke in der einen, und mit der Flinte in der andern Hand herauskam. Sie gingen nun auf das Maisfeld an der andern Seite des Ufers, und fanden, daß die Schlinge ihre Schul⸗ digkeit gethan hatte; ein großer Bär lag todt am Fuße des Schlangengeheges. „Ja, Sir, den habe ich erwiſcht!“ ſagte Malachi. „Wie war die Schlinge eingerichtet?“ fragte Heinrich. „Sehen Sie, Sir, ich erkannte die Beſtie an den Spuren ihrer Tatzen an den Balken, und da ich wußte, daß ſie auf demſelben Wege wiederkommen würde, be⸗ feſtigte ich einen Draht an den Drücker der Flinte, ſo daß ſie ihn im Hinaufklettern mit der Vordertatze be⸗ rühren, und daß die etwas abwärts gerichtete Mün⸗ dung den Schuß, wenn er los ging, gerade in's Herz ſchmettern mußte. Sie ſehen, Sir, ich habe es gerade ſo getroffen, wie ich es wünſchte, und das gibt eine gute Haut für Montreal.“ „Es iſt eine Bärin,“ ſagte Martin, und fügte hin⸗ zu:„ſie hat Junge; das kann noch nicht lange ſeyn.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Malachi.„Sie können nun nach Hauſe gehen, Martin und ich wollen ihn ab⸗ ziehen, und ich ſtehe gut dafür, daß wir in einer Stunde die Jungen mitbringen. 4. —— —— 35³ 3— Die Andern gingen nun nach Hauſez die Erdbeere hatte bereits Herrn und Mrs. Campbell die Urſache des Schuſſes hinterbracht, und ohngefähr eine Stunde vor dem Frühſtücke kamen Malachi und Martin, jeder mit einem jungen Bären, der nur einige Wochen alt war. Dieſe kleinen Thiere waren der Spur ihrer Mutter nachgegangen, um ſie zu ſuchen, und als ſie den todten Körper derſelben mit ihren Tatzen betaſte⸗ ten, als wenn ſie ihn wieder zum Leben bringen woll⸗ ten, wurden ſie von Malachi und Martin gefangen. „Welch' ein ſchönes Thier!“ ſagte Emma, nich will es aufziehen.“ „Und ich will das andere nehmen,“ ſagte John. Es wurde ihnen kein Einwurf dagegen gemacht, nur bemerkte Herr Campbell, daß ſie, wenn ſie groß würden und beſchwerlich fielen, abgeſchafft werden müß⸗ ten, was ſie auch eingingen. Emma und John nah⸗ men nun Beſitz von ihren Thieren, nährten ſie mit Milch, und in einigen Tagen waren ſie ſchon zahm; man legte einen nahe am Hauſe, und den andern an Malachi's Hütte an. Sie wurden bald luſtige und wahrhaft unterhaltende Thierchen; die Hunde gewohn⸗ ten ſie und fielen ſie nie an; und ſehr oft wälzten ſich Oscar und die Bären als die beſten Freunde der Welt mit einander herum. Aber in einigen Monaten wur⸗ den ſie ſo groß und ſo beſchwerlich, daß man den einen, als ein Fahrzeug nach Montreal abging, dem Herrn Emmerſon ſchickte, und der andere wurde zu Capitän Sinclair auf das Fort gebracht, wo er ein großer Lieb⸗ ling der Soldaten wurde. Sechsunddreißigſtes Kapitel. Capitän Sinclair war, da der Commandant den Officieren zur Sommerzeit mehr Freiheit geſtattete, faſt beſtändig im Hauſe. Obſchon die Gefangenſchaft der jungen Otter und die Urſache ſeiner Verhaftung der zornigen Schlange wohl bekannt war, ſo vergin⸗ gen doch Wochen, ohne daß von Seite des Häuptlings wegen der Auswechslung des jungen Kriegers gegen Percival irgend ein Schritt geſchah. Man ſah jeden Tag vom Morgen bis zum Abend demſelben entgegen, aber niemand kam, und die, welche um das Geheim⸗ niß wußten, waren beſtändig in Zweifel und Angſt. Ge war gewiß: daß nämlich der von John geſchoſ⸗ ſene Indianer geſtorben war, und dieſes ließ Malachi und Martin befürchten, daß die zornige Schlange ſich deshalb durch den Tod des jungen Percival rächen wolle. Sie kannten die Gefühle des Indianers, be⸗ hielten ſie aber für ſich ſelbſt. Gegen Ende des Sommers kamen Briefe und Zeitnngen von Montreal; waren ſie auch, was Eng⸗ land betraf, nicht von beſonderer Bedeutung, ſo wur⸗ den ſie doch, und wie gewöhnlich auch die Zeitungen, mit großer Begierde geleſen. Ein Artikel ſiel Heinrich beſonders in die Augen, und wurde von ihm ſogleich unter der Bemerkung mitgetheilt, daß dieſer Herrn Douglas Campbell betreffe und ziemlich neu ſey. Die⸗ ſer Artikel lautete folgendermaßen:„Die Opley⸗Par⸗ forgehunde hatten letzten Freitag ein glänzendes Ren⸗ nenz“ nach Beſchreibung der Gegend, welche ſie durch⸗ laufen hatten, endigte dieſer Artikel damit:„Wir be⸗ dauern, berichten zu müſſen, daß Herr Douglas Camp⸗ bell einen ſchweren Sturz mit ſeinem Pferde machte, als er über einen Bach ſetzte.“ Die Briefe von Mont⸗ real waren jedoch wichtiger. Sie erfuhren nämlich ——— 3355 durch dieſelben die unmittelbare Abreiſe von vier aus⸗ wandernden Familien, welche die von Herrn Emmer⸗ ſon angebotenen Bedingungen angenommen hatten und nun kommen, ſich auf Herrn Campbells Gütern anzu⸗ ſtedeln. Sie enthielten auch, daß der Ankauf weiterer ſechs hundert Morgen zuſammenhängenden Landes voll⸗ zogen worden, und brachten die Anweiſungen des Gou⸗ vernements über die Bezahlung des Kauſſchillings. Durch dieſen Brief wurde Herr Campbell bewogen, an den Commandanten des Forts einen Boten zu ſenden, um ihn durch Capitän Sinclair von der erwarteten Ankunft der auswandernden Familien zu benachrichtigen, und zu erſuchen, daß er ihm einige Soldaten zur Er⸗ bauung der zu ihrer Aufnahme nöthigen Hütten be⸗ willige, und zwei oder drei Zelte zur Bequemlichkeit der Ankommenden leihe, bis die Hütten errichtet ſeyn würden. Die Antwort des Commandanten war gün⸗ ſtig, und nun war Alles rührig und thätig, um, wenn es möglich, die Gebäude noch vor Anfang des Herbſtes herzuſtellen, und Alle verlangten nun Beſchäftigung. In der That würden ſie ohne Beiſtand von dem Fort, da die Heuernte ſchon eingetreten war, ihr Werk vor Winter nicht haben vollenden können, und es wäre höchſt un⸗ angenehm geweſen, wenn man einige der Emigranten im eigenen Hauſe hätte aufnehmen müſſen. Die Stellen für die Hütten oder Blockhäuſer wa⸗ ren ſogleich ausgemittelt; jede war eine halbe Meile von Herrn Campbells Hauſe entfernt; einige der Ge⸗ ſellſchaft wurden von einem Theile der Soldaten bei dem Heumachen unterſtützt, ein anderer Theil half Väume fällen und die Hütten bauen. Vierzehn Tage, nachdem ſie angefangen hatten, kamen die Auswande⸗ rer und wurden in die für ſie beſtimmten Zelte unter⸗ Pebracht; als dieſe nun auch mit arbeiteten, rückte die ache vorwärts. Die Bedingung, welche Herr Camp⸗ bell gemacht hatte, war, daß jeder der Auswanderer fünfzig Morgen Landes erhalten ſolle, nachdem ſie ebenſoviel für ihn cultivirt haben würden. Es gab noch manche andere Bedingungen, welche mit den ausge⸗ wanderten Familien feſtgeſtellt wurden, die aber zu un⸗ bedeutend find, um ſie hier aufzuführen. Es genugt zu ſagen, daß Herr Campbell nach dieſem Verkaufe ſechs⸗ hundert Morgen zurück behielt, welche er für ſein Gut hinreichend hielt, und die, ganz mit einem Gehege um⸗ ſchloſſen, den Vortheil hatten, daß ſie an den See gränzten. Durch das Feuer war ein großer Theil des neuen Landes gelichtet worden, ſo daß es den Leuten wenig Mühe koſtete, durch die erſte Ernte ihren eige⸗ nen Bedarf zu gewinnen. Indem die Auswanderer und die Soldaten noch fleißig an der Arbeit waren, beſuchte der Oberſt Herrn Campbell, um mit ihm abzurechnen, und händigte ihm die Quittung des Gouvernements über die an das Fort gelieferten Dielen, Mehl ꝛc. ein. „Ich verſichere Sie, Herr Campbell, es macht mir ein großes Vergnügen,“ ſagte der Oberſt,„Ihnen eini⸗ gen Beiſtand leiſten zu können, und ich thue es um ſo viel lieber, als ich auch von dem Gouverneur hiezu ermächtigt bin. Ihre Ankunft und Anſiedlung dahier hat ſich wahrhaft vortheilhaft erwieſen, und durch Ihre Lieferungen für das Fort hat das Gouvernement viel Geld erſpart, und zu gleicher Zeit war es auch Ihnen ſehr nützlich, indem Sie in den Stand geſetzt wurden, Ihre Producte nicht mehr nach Montreal zu verſenden, was für Sie eben ſo koſtſpielig, als die Lieferungen von Montreal für uns waren. Sie können die Sol⸗ daten noch ſo lange behalten, als ſie Ihnen nützlich ſeyn können, vorausgeſetzt, daß ſie bis zum Winter zu⸗ rückkommen.“ „Nun gut, ich will ſie, wenn es Ihnen gefällig iſt, während des Herbſts behalten; wir haben ſo viel zu thun, daß ich Ihnen recht vielen Dank für Ihre Un⸗ terſtützung ſchuldig bin.“ 1 — 337 Ich habe geſagt, daß es vier ausgewanderte Fa⸗ milien waren, und nun will ich auch meine Leſer etwas näher mit denſelben bekannt machen. Die erſte Familie beſtand aus einem Manne mit ſeiner Frau, Namens Harvey; ſie hatten zwei Söhne von vierzehn und fünfzehn und eine Tochter von acht⸗ zehn Jahren. Dieſer Mann war ein geringer Pächter, hatte ſich durch ſeinen Fleiß ehrlich durchgebracht und auch etwas Geld erſpart, als ſein älteſter Sohn, damals zwanzig Jahre alt, in böſe Geſellſchaft gerieth und ſeine Zeit und ſein Geld immer in Bierhäuſern und auf Märkten verſchwendete. Der Vater, deſſen Vorfahren durch viele Generationen hindurch ſtets auf demſelben Gute gelebt, ſich ohne Tadel betragen hatten, und ſo lange er ſich zurückerinnern konnte, geringe Pachters⸗ leute, wie er ſelbſt, und ſtolz darauf waren, ſich immer ehrbar und bieder aufgeführt zu haben, that alles Mög⸗ liche, um ihn von dieſem Leben zurückzubringen, aber es war umſonſt. Endlich wurde er eines Einbruchs beſchuldigt, eingezogen, und hingerichtet. Dieſes Un⸗ glück machte einen ſolchen Eindruck auf den Vater, daß er Niemand mehr anſehen konnte; er ſchämte ſich in ſeiner Gemeinde zu bleiben, und entſchloß ſich zuletzt, in eine andere Gegend auszuwandern, wo er nicht ge⸗ kannt ſeyn würde. 3 Demgemäß verkaufte er all' ſeine Habe und kam nach Canada. Da er zu der Zeit, als er in dieſe Ge⸗ gend kam, alle ſeine Koſten beſtritten und nur wenig Geld mehr hatte, ging er, da er von Herrn Emmerſon die von dem Herrn Campbell gemachten Bedingungen vernahm, mit Freuden darauf ein. Sein Weib, ſeine zwei Söhne und die Tochter, welche mit ihm kamen, waren ſo fleißig und ehrbar, wie er ſelbſt. Die zweite Familie, Namens Graves, beſtand aus einem Mann, ſeiner Frau und einem einzigen Sohn, einem jungen, hochgewachſenen Manne. Auch waren Die Anſiedler in Canada. 3 22 338 8 4 die zwei Schweſtern ſeiner Frau bei ihm. Er kam von Buckinghamſhire und war ein Milchhauspächter geweſen. 3 Die dritte Familie war eine ſehr zahlreiche, ſie beſtand aus einem Manne und ſeiner Frau und führte den Namen Jackſon. Dieſer war Pächter und Markt⸗ gärtner, nahe bei London geweſen und hatte einiges Geld mitgebracht; allein er beſaß, wie ich ſchon ſagte, eine große Familie, die, obgleich ſie noch jung war, ihm doch in wenigen Jahren ſehr nützlich werden mußte. Sie hatten ſieben Kinder: eine Tochter von achtzehn, zwei Knaben von zwölf und vierzehn Jahren, drei kleine Mädchen, und dann einen Knaben in Kindesalter. Jack⸗ ſon hatte Geld genug, ſich ein Gut zu kaufen, da er aber ein überlegter Mann war und bedachte, daß der erſte Verſuch nicht von Erfolg ſeyn könne, ſo entſchloß er ſich lieber, die von Herrn Campbell angebotenen Bedingungen anzunehmen. 4 Die vierte und letzte der Auswanderer⸗Familie war ein junges Paar, Namens Meredith. Der Mann war der Sohn eines Pächters in Shorpfhire, welcher geſtorben war und ſein Vermögen unter ſeine drei Söhne getheilt hatte. Zwei derſelben blieben auf dem Gute und zahlten dem jüngſten Bruder ſeinen Antheil in Geld. Dieſer war ein unternehmender Mann und beſchloß, nach Canada zu gehen, um ſein Glück zu ver⸗ ſuchen. Er hatte ſich, ehe er kam, erſt verheirathet und beſaß noch keine Familie; er war ein hübſcher, junger Mann, wohlerzogen, und ſeine Frau ein wahrhaft ar⸗ tiges, ſchönes und junges Weib. Das war alſo ein Zuwachs von ein und zwanzig Seelen auf Herrn Camp⸗ bells Anſiedlung, die ſich nun mit den Seinigen auf ein und dreißig Köpfe belief; von welchen man dreizehn als waffenfähig, zur Vertheidigung gegen die Indianer betrachten konnte. Vor der Herbſtzeit waren die Blockhäuſer alle ge⸗ baut, und die Auswanderer beeiferten ſich, um ihre Wohnungen herum ihr Winterholz zu fällen und ein — — 3 — 359— Stück Feldes zu einem Garten und zur Kartoffelpflanzung für den künftigen Frühling herzurichten. Der Herbſt gab Allen vollauf zu thun; das Getreide wurde durch die vereinigte Arbeit der Auswanderer und Soldaten eingebracht; als ihre Arbeit vollendet war, kehrten die Soldaten in das Fort zurück und die Campbells waren nun mit dem Zuwachs ihrer Colonie allein. Der Be⸗ ſuch der Auswanderer in ihren eigenen Häuſern und die Bekanntſchaft mit den Kindern machte den Fräulein Percival großes Vergnügen. Es wurden mehrere Pläne wegen Errichtung einer Sonntagsſchule, und noch mancher anderer nützlichen Vorkehrungen gemacht; einer jedoch, welcher ſogleich ausgeführt wurde, war der im Hauſe des Herrn Campbell abgehaltene Gottesdienſt, den Alle jeden Sonntag beſuchten. Herr Campbell hatte alle Ur⸗ ſache, zur Zeit mit ihrer Aufführung zufrieden zu ſeyn; Alle waren willig, niemand widerſprach oder beklagte ſich über die von ihm geforderten Arbeiten, und Alle waren zufrieden mit den Leiſtungen, welche Herr Camp⸗ bell von ihnen forderte. Es wurden nun wieder Jagd⸗ züge unternommen, Meridith und der junge Graves bewährten ſich als gute Jäger und capitale Flinten⸗ ſchützen, ſo daß ſie genug hatten, nur einen Tag über den andern auf die Jagd auszugehen, während einer oder zwei von den andern alle Tage aufs Fiſchen gingen und ſo viel einſalzten, als ſie nur konnten, um ſich Wintervorrath zu verſchaffen. Obgleich Herr und Mrs. Campbell, die Fräulein Percival, ſo wie der größte Theil der Familie voll⸗ kommen zufrieden und glücklich mit den Ausſichten in die Zukunft waren, gab es doch vier, die in beſtändiger Angſt und Sorge waren. Dieſe waren Alfred, Malachi, Martin und die Erdbeerpflanze, welche, von dem Leben des jungen Percival benachrichtigt, einen beſtändigen Kummer in ihrem Geheimniſſe fanden, indem, der Ge⸗ fangennehmung der jungen Otter ohngeachtet, noch kein Schritt oder ſonſt irgend ein Zeichen einer beabſichtigten 1 340 Auswechſelung durch die zornige Schlange wahrgenom⸗ men wurde. Capitän Sinclair, welcher ſich gewöhnlich zweimal in der Woche auf dem Gute befand, war ebenſo unzufrieden, daß Malachi und Alfred ihm nicht mehr Nachricht hierüber geben konnten. Sie wußten nicht, was Küfifangen war; einen zweiten Winter vorüber⸗ gehen zu laſſen, ohne etwas für die Wiedererlangung des Knaben zu thun, ſchien ihnen eine zu große Ver⸗ zögerung der Sache, und jetzt die Nachricht mitzutheilen, die am Ende eine bittere Enttäuſchung herbeiführen konnte, ſchien unrathſam, denn der Indianer⸗Häupt⸗ ling konnte den Knaben aus Rache getödtet haben, und dann mußte die Nachricht den Schmerz ſeines Vaters und ſeiner Mutter vermehren. Sie wollten die kaum geſchloſſene Wunde nicht wieder öffnen. Dieſe Frage wurde ſehr oft von Alfred und Capitän Sinclair er⸗ örtert; da unterbrach ein unerwartetes Ereigniß ihre Berathſchlagungen über dieſen Gegenſtand. Mary Per⸗ cival war eines Morgens auf einen Platz gegangen, welchen man den Cedernſumpf nannte, ohngefähr eine halbe Meile vom Hauſe, oſtwärts, nahe am Seeufer, um Wachholderbeeren zu ſammeln. Eines von den kleinen Mädchen der Auswanderer, Martha Jackſon, war mit ihr; als ein Korb voll war, ſendete Mary das Mäd hen mit demſelben nach Hauſe, mit dem Befehl, ſogleich wie⸗ der zu kommen. Das Mädchen befolgte ihn, als es aber zum Cedernſumpfe zurück kam, war Mary Per⸗ cival nicht mehr zu ſehen. Der Korb, welchen ſie bei ſich hatte, lag mit den ausgeſchütteten Wachholderbeeren an einer Seite des Hügels an dieſem Sumpfe. Das kleine Mädchen blieb faſt eine Viertelſtunde da, rief Miß Percival mit Namen, und da es keine Antwort erhielt, ſich fürchtete und dachte, es möchte ſie ein wil⸗ des Thier angefallen haben, lief es ſo geſchwind, als es konnte nach Hauſe, um Herrn und Mrs. Campbell von dem zu benachrichtigen, was ſich zugetragen hatte. Martin und Alfred waren auf der Mühle; Malachi war 4 — V — * 541 zum Glück zu Hauſe, und die Erdbeerpflanze lief ge⸗ ſchwind zu ihm, theilte ihm die Nachricht mit, welche das Mädchen überbracht, und nachdem ſie geendet hatte, ſah ſie Malachi an, und ſagte:„Die zornige Schlange!“ „Ja, Erdbeerpflanze, es iſt ſo, ich habe keinen Zweifel,“ verſetzte Malachi.„ZJetzt nicht ein Wort mehr; ich dachte wohl, daß er etwas unternehmen würde, aber daß er dieſes wage, glaubte ich nicht; indeſſen wir wer⸗ Dden ſehen. Gehe zurück nach Hauſe und ſage dem Herrn und der Mrs., daß ich nach dem Cedernſumpf gehe und ſobald als möglich zurückkehren werde, und Du folgſt mir, ſobald Du kannſt, denn Deine Augen ſind jünger, als die meinen und ich werde ſie gebrauchen; ſage ihnen, daß ſie niemand weiter nachſenden; wenn wir das Un⸗ glück wieder gut machen wollen, ſo dürfen ſie den Bo⸗ den nicht vertreten, damit wir die Spur nicht verlieren.“ Malachi raffte ſeine Flinte auf, unterſuchte die Zündpfanne und ging auf den Sumpf zu, indeſſen die Erdbeere nach Hauſe zurückging, um dem Herrn und Mrs. Campbell dieſe Botſchaft zu bringen. Nachdem ſie nun beide in Koßer Aufregung verlaſſen und das kleine Mädchen, Martha Jackſon, fortgeſchickt hatte, um Alfred und Martin nach Hauſe zu rufen(denn John und Heinrich waren im Walde bei dem Vieh), ging die Erdbeerpflanze hinab an den Cedernſumpf zu Malachi, welcher auf ſeine Flinte geſtützt bei dem Korbe ſtand, in welchem die Wachholderbeeren geweſen waren. „Nun, Erdbeere, wir müſſen ſie finden, wo ſie auch ſeyen, und wohin ſie gegangen ſeyn mögen;“ ſagte Malachi in der Indianerſprache. „Hier,“ ſagte die Erdbeere, indem ſie auf eine Spur in dem kurzen Graſe deutete, welche nur ein In⸗ dianer entdecken konnte. „Ich ſehe, Kind, ich ſehe dieſe und noch zwei an⸗ dere; aber weil wir jetzt hieraus nicht mehr ſehen kön⸗ nen, wollen wir der Spur folgen, bis wir auf einen Boden kommen, wo ſich die Spur beſſer ausdrückt. Das 342 iſt ihr Fuß!“ verſetzte Malachi, nachdem er zwei oder drei Schritte weiter gegangen war.„Die Sohlen auf den Schuhen drücken ſich ſchärfer aus als die Moccaſ⸗ ſins. Wir haben jetzt nichts weiteres mehr nöthig, und wenn die andern kommen, ſo möchten ſie uns verhin⸗ dern, die Spur weiter aufzufinden.“ „Hier wieder!“ ſagte die Erdbeere, indem ſie auf das dichte, dürre Gras zeigte. „Ja, Du haſt recht, Kind,“ verſetzte Malachi.„Laß' uns nun noch der Spur bis auf den Hügel folgen, wo wir ſie noch beſſer ſehen werden.“ Unter ſorgſamſter und umſtändlichſter Nachforſchung fuhren Malachi und die Erdbeere fort, die kaum merk⸗ liche Spur zu verfolgen, bis ſie ungefähr hundert Schritte von dort, wo ſie geſtanden hatten, auf dem Hügel ankamen. Jetzt bekam es aber mehr Schwierig⸗ keit, weil der Eindruck von Mary's Fuß, der leichter zu bemerken war, als die andern, und ihnen bis jetzt auf einige Schritte als Führer gedient hatte, nun nicht mehr zu unterſcheiden war, und es wahrſcheinlich ſchien, daß man ſie vom Boden in die Höhe gehoben hatte. Daß ſie hiernach getragen worden ſey, beruhigte ſie etwas. Als ſie auf dem Hügel ankamen, konnten ſie ganz deutlich die Eindrücke der Moccaſſins erkennen, und da ſie genau die Breite und Länge dieſer Eindrücke maſ⸗ ſen, ſo gewahrten ſie, daß es zwei verſchiedene Leute waren; ſie verfolgten ſie nun bis an den Wald, wel⸗ cher ungefähr eine Viertelmeile von dem Sumpfe ent⸗ fernt war, und da ſie Alfred und Martin rufen hörten, antwortete Malachi, und Beide fanden ſich bei ihnen alsbald ein. „Wie iſt's, Malachi?“ „Sie iſt weggeſchleppt, Sir, ich zweifle nicht,“ verſetzte Malachi,„von der Schlange. Der Galgen⸗ ſchwengel hat einen ausgemachten Vortheil vor uns. Wir haben einen Gefangenen und er hat nun zwei.“ Malachi erklärte nun, wie es gewiß ſey, daß ſie — —— 343 fortgeſchleppt worden, und Martin pflichtete ihm ganz bei. Alfred ſagte hierauf:„Nun gut, bevor wir han⸗ deln, laßt uns überlegen, was dabei zu thun iſt.“ „Recht, Sir,“ verſetzte Malachi,„das beſte, was wir in dieſem Augenblicke thun können, iſt, daß die Erdbeere und ich der Spur folgen, um ſo viel als möglich nähere Nachricht einzuziehen, und wenn wir ſo viel erlangt haben, als wir können, eine Truppe bil⸗ den, um ſie zu verfolgen. Laſſen Sie uns nur eifrig die Spur verfolgen, und wir werden ſie nicht verlic⸗ ren, vorzüglich, wenn die Erdbeere mit uns iſt, denn ſie hat ein beſſeres Auge, als irgend ein India⸗ le 6 den ich kenne, ſey es ein Mann oder ein eib.“ „Gut, das iſt Alles recht, Malachi; aber was ſoll ich thun, während Sie die Spur verfolgen?“ „Nun, Sir, Sie müſſen die Truppe bilden, und ſich zum Aufbruch bereit halten, daß Sie in drei Stun⸗ den, wenn es möglich iſt, da ſeyn können.“ „Capitän Sinclair thäte am Beſten, mit uns zu ge⸗ hen, es würde ganz unſinnig ſeyn, wenn er dieß nicht thäte,“ ſagte Alfred. 3„Nun gut denn,“ verſetzte Malachi,„vielleicht iſt er ruhiger, ob ich gleich dächte, es wäre beſſer, er bliebe weg. Er wird nicht ſo kalt und ruhig ſeyn, als er ſeyn ſollte.“ „Es iſt nichts zu befürchten, aber nun muß ich ge⸗ hen, meinen Vater und meine Mutter von dem ganzen Umſtande, welcher ſich zugetragen hat, zu unterrichten. d0 dnnf Ihnen auch ſagen, daß Percival noch am Le⸗ en iſt.“ 2. „Warum, Sir?“ verſetzte Malachi.„Wollen Sie ihnen noch mehr Kummer machen? Es iſt genug, das ſie den Raub der Miß Percival zu beklagen haben, um ihnen nicht eine neue Angſt wegen des Knaben ein⸗ zuflößen. Sagen Sie ihnen nur, daß Miß Mary von Einigen weggeſchleppt worden, und daß dieſes wahr⸗ ſcheinlich wegen der Gefangennehmung der jungen Ot⸗ ter geſchehen ſey.“ „Gut, es wird beſſer ſeyn,“ ſagte Alfred,„dann will ich Martin hier laſſen und aufs Fort zu Capitän Sinclair reiten. Soll ich um einige Soldaten bitten?“ „Ja, Sir; es gibt einige gute Jäger unter ihnen, und wir brauchen deren ein Paar zu unſerm Dienſte. Wir müſſen eine größere Macht als die Indianer ha⸗ ben; und dieſe belaufen ſich mit ihrem Häuptlinge auf ſechs. Nun ſind Sie, Martin und ich, das ſind drei; Capitän Sinclair und zwei Soldaten ſind ſechs, der junge Graves und Meridith machen acht. Das iſt hin⸗ reichend, Sir, mehr als hinreichend, um ſie zu über⸗ wältigen. Herr Heinrich und John müſſen zurückblei⸗ ben, denn ſie werden, bevor wir abgehen, nicht nach Hauſe kommen. Dieß thut mir leid, ich hätte lieber geſehen, daß ſie bei uns wären.“ „Wer kann helfen?“ verſetzte Alfred.„Nun gut, Martin und ich wollen mit einander zurückgehen, und wenn es möglich iſt, werde ich mit Capitän Sinclair in zwei Stunden zurückkommen.“ 21 „Sobald als es Ihnen möglich iſt, Sir, und Martin wird Alles vorbereiten, was wir zu unſerer Reiſe nö⸗ thig haben, damit wir nicht ohne Noth Gebrauch von unſern Flinten machen müſſen.“ Alfred eilte nun fort und Martin, welchem Ma⸗ lachi noch einige Aufträge gegeben hatte, folgte nach. Malachi und die Erdbeere verfolgten die Spur weiter, und dieſe führte länger als eine Stunde durch das größte Dickicht des Waldes, bis ſie an einen Platz ka⸗ men, wo ein Feuer gebrannt hatte, und der Boden zuſammengetreten war; es war augenſcheinlich, daß der Trupp hier einige Zeit geraſtet hatte. „Hier war das Lager der ganzen Bande,“ dachte 4 Malachi, als er ſich umſchaute. Die Erdbeere, welche den Boden betrachtete, ſagte: „Hier iſt Ihr Fuß wieder.“ —ſſͤͤͤ 345 „Ja, ja, es iſt ganz klar, daß zwei ſie hieherge⸗ ſchleppt haben, wo die andern auf ſie warteten, und daß der ganze Trupp dann von hier aufgebrochen iſt. Nun müſſen wir trachten, die neue Spur zu finden, benn ich zweifle nicht, daß ſie gedachten, uns irre zu ühren.“ Die Erdbeere zeigte nun auf eine Spur nahe der Stelle, wo das Feuer war, und ſagte: „Der Moccaſſin einer Frau.“ 4 „Recht, ſo iſt ſie mit ihr, um ſo beſſer,“ verſetzte Malachi;„wenn es die iſt, die mir den Brief geſchrie⸗ ben hat, ſo wird ſie uns, wenn es ihr möglich iſt, ſchon niützlich werden,“ — Siebenunddreißigſtes Kapitel. Vor ſeinem Abgange nach dem Fort hatte Alfred eine eilige Unterredung mit ſeinem Vater und ſeiner Mutter, in welcher er ihnen nur eröffnete, daß Mary geraubt worden ſey und daß Malachi und Martin der Meinung ſeyen, die zornige Schlange ſey mit im Spiele. „Was kann die Urſa he ſeyn?“ ſagte Emma wei⸗ nend. „Wahrſcheinlich um Pulver und Blei zu bekommen, wenn er ſie wieder bringt,“ verſetzte Alfred,„aber es iſt keineswegs zu befürchten, daß ſie übel behandelt wird, denn hiezu iſt keine Urſache vorhanden, und es iſt wohlbekannt, daß ein Indianer das weibliche Ge⸗ ſchlecht immer achtet. Doch, da kommt mein Pferd.“ „Wohin willſt Du, Alfred?“ ſagte Mrs. Camp⸗ bell in der größten Aufregung. „Ich reite nach dem Fort, um Beiſtand zu erhal⸗ ten, bringe Capitän Sinclair mit, und dann verfolgen wir ſie ſo ſchnell, als wir können, Mutter. Martin 546 wird bis zu meiner Zurückkunft alles vorbereiten. Ma⸗ lachi und die Erdbeere verfolgen indeſſen die Spur, doch es iſt keine Zeit mehr zu verlieren, ich ſollte ſchon wieder zurück ſeyn.“ Alfred ſchwang ſich auf das Pferd, welches Mar⸗ tin an die Thüre gebracht hatte und ſprengte fort. Mann kann ſich denken, in welcher Traurigkeit Herr und Mrs. Campbell ſich befanden; dieß hinderte ſie indeſſen nicht, den wartenden Martin mit allem zu verſehen, was er forderte, als: geſalztes Schweinefleiſch, andere Lebensmittel für die Reiſe, Pulver und Blei für ihre Gewehre und dergleichen. Nachdem er ihnen alles be⸗ kannt gemacht hatte, was nöthig war, ging er um den jungen Graves und Meredith zu holen; ſie waren ſo⸗ gleich bereit, und als ſie vernahmen, wie dringend es ſey, waren ſie augenblicklich zur Abreiſe fertig. Ihre Flinten, und noch ein paar Moccaſſins für Beide, war alles, was ſie zu ihrem Vorhaben mitnahmen, und in wenigen Minuten begleiteten ſie Martin nach dem Hauſe. Nachdem ſie hierauf die verſchiedenen Sachen in mehrere Theile getheilt, damit jeder das Gleiche trage, ſagte Herr Campbell: „Martin, vorausgeſetzt, daß Sie und Malachi mit Ihrer Vermuthung recht haben, wohin glauben Sie denn, daß ſie meine arme Nichte gebracht haben?“ „Gerade zu ihren Hütten, Sir,“ verſetzte Martin. „Wiſſen Sie, wie weit es ungefähr ſeyn mag?“ ſagte Mrs. Campbell. „Ja, Ma'am, ich habe gehört, daß die Wohnung der zornigen Schlange ungefähr zwölf Tagreiſen von ier ſey.“ 3„Zwölf Tagreiſen! und wie lang iſt eine?“ „So lange als ein kräftiger Mann in einem Tage gehen kann, Ma'am.“ „Und wird meine Nichte ſo weit gehen können?“ „Warum nicht, Ma'am, ich ſehe nicht, wie es an⸗. 347 ders ſeyn könnte; ich kann nicht wiſſen, ob die India⸗ ner Pferde haben, doch vielleicht haben ſie welche.“ „Aber ſie kann nicht ſo weit gehen, wie ein Mann,“ verſetzte Mrs. Campbell.. „Nein, Ma'am, ich denke auch, daß ſie zwanzig Tage, ſtatt zwölfen gebrauchen werden.“ „Wird ſie übel behandelt oder mißbraucht werden?“ ſagte Emma. „Nein, Miß, ich kann mir nicht denken, daß ſie dieſes thun ſollten; obſchon ſie ſolche zum Gehen nöthi⸗ gen und ſie binden werden, wenn ſie ſtille halten.“ „Arme Mary, was wirſt Du ausſtehen!“ rief Emma.„Und wenn Ihr zu ihnen kommt, werden ſie euch ſie herausgeben?“. „Wenn wir ſie nicht gutwillig erhalten, Miß, wer⸗ den wir ſie mit Gewalt nehmen.“ 3 „Doch ohne Blutvergießen, Martin,“ ſagte Mrs. Campbell. „Nein, wahrſcheinlich nicht ohne Blutvergießen; entweder müſſen wir die Indianer, oder ſie uns ver⸗ nichten; wenn wir ſiegen, ſo bleibt auch nicht einer von ihnen am Leben, und wenn ſie Herr werden, ſo geht es ebenſo mit uns, das iſt ſo daſſelbe, denke ich.“ „Ach Himmel, beſchütze uns, das iſt ſchrecklich! Als wir hieher kamen, war ich auf Beſchwerden und Gefahren gefaßt,“ rief Mrs. Campbell,„aber auf eine ſolche Prüſung nicht!“ G „Es hat keine Gefahr, Ma'am, wir bringen ſie zurück,“ ſagte Martin.„Malachi iſt ein beſſerer In⸗ dianer, als ſie alle, und er wird ſie überliſten.“ „Wie verſtehen Sie das?⸗ „Ich denke, Ma'am, wir werden ſie, wenn es möglich iſt, unvermuthet überfallen und dann iſt der Vortheil auf unſerer Seite, denn die Hälſte wird ge⸗ tödtet ſeyn, ehe ſie wiſſen, daß ſie angegriffen werden; wir werden auf indianiſche Manier kämpfen, Ma'am.“ Mrs. Campbell ſtellte noch weitere Fragen, bis 348 ſie am Anfang der Prairie Alfred in aller Eile zurück⸗ kommen ſahen; er war von Capitän Sinclair beglei⸗ tet, und jeder hatte noch einen Mann hinter ſich auf dem Pferde. „Hier kommen ſie!“ ſagte Martin,„ſie haben hohe Zeit, das iſt gewiß.“ „Armer Capitän Sinclair. Was muß er leiden! Ich bedaure ihn;“ ſagte Mrs. Campbell. „Er muß demungeachtet ſuchen, ruhig zu ſeyn,“ bemerkte Martin,„oder er macht ſich mehr Kummer, als gut iſt.“. Alfred und Capitän Sinclair ſtiegen ab, ſie hatten zwei Soldaten mitgebracht, welche im Walde gut zu gebrauchen und treffliche Schützen waren. Es fand eine eilige Unterredung von nur einigen Minuten ſtatt, denn die Zeit war zu koſtbar, und Alfred um⸗ armte Vater und Mutter, welche dem Capitän Sin⸗ elair traurig die Hand drückten, und ihm glücklichen Erfolg wünſchten; ſie gingen nun zu ſieben weg, um ſich an Malachi und die Erdbeere anzuſchließen. Malachi und die Erdbeere waren während der Zeit nicht müßig geweſen. Letztere war nach Hauſe gelaufen und hatte Bogen und Pfeil geholt, und nach⸗ dem ſie länger als eine Stunde den Fußtritten durch den Wald nachgegangen waren, kamen ſie an ein ſchmales Flüßchen, welches den Wald durchſchnitt. Hier war die Spur nicht mehr zu ſehen, denn man ge⸗ wahrte ſie nicht mehr auf der andern Seite des Fluſ⸗ ſes, und ſie vermutheten, daß die Indianer, um ihre Spur zu verbergen, in dem Fluß eine gewiſſe Strecke entweder auf oder abwärts weiter gegangen ſeyen, ehe ſie auf das andere Ufer übergingen; als es nun aber an der Zeit war, daß Alfred und die Andern an⸗ kommen mußten, ging Malachi wieder auf den Platz, wo Alfred und Martin ihn verlaſſen hatten, und ließ die Erdbeere zurück, um an dem Flüßchen auf oder abwärts zu gehen, und ſo die Spur auf der andern —— 349 Seite wieder aufzufinden. Sobald ſich nun die Truppe bei ihm eingefunden hatte, ging er mit derſelben auf der Spur nach dem Ort zurück, wo er die Erdbeere verlaſſen hatte. Sie warteten hier einige Zeit, denn die Erdbeere war noch nicht zu ſehen, und benützten indeſſen dieſe Gelegenheit, um ihre Nahrungsmittel und Schießbe⸗ . darf unter ſich zu vertheilen. Obgleich Capitän Sin⸗ elair, wie man ſich wohl denken kann, ſehr ergriffen war, entwickelte er doch ſehr große Thätigkeit im An⸗ ordnen und bewies, daß er ungeachtet ſeines zerriſſe⸗ nen Herzens den Kopf nicht verloren habe. Ihr Marſch wurde durch ihn und Malachi beſtimmt, und als Alles vorbereitet war, wartete man mit Ungeduld auf die Erdbeere. Endlich kam ſie und brachte die Nachricht, daß ſie ohngefähr drei Meilen ſtromaufwärts die Spur wieder entdeckt habe, worauf ſie unverzüglich aufbra⸗ chen. Man war übereingekommen, tiefes Stillſchwei⸗ . gen zu beobachten, und ſie folgten der neu entdeckten 8 Spur ohngefähr eine Meile, als ſie an einen lichten Platz des Waldes kamen, auf welchem das Gras ganz kurz und dürr war; jetzt waren ſie in Ungewißheit; ſie gingen auf die andere Seite dieſer Haide, um zu ſehen, wohin ſie weiter gegangen ſeyen, nach einer Nachforſchung von einer halben Stunde hatten ſie noch nichts entdecken können, als ſie durch ein leiſes Pfei⸗ fen der Erdbeere, welche zu dem Ort, an welchem ſie die Spur verloren, znrückgegangen war, zurückgerufen wurden. 3 4„Sie ſind wieder zurückgegangen,“ ſagte die Erd⸗ 4 beere, indem ſie auf die vorigen Fußtritte zeigte,„ich ſehr die Spuren der Moccaſſins auf dem Wege dop⸗ pelt.“ „Richtig!“ ſagte Malachi nach einer kurzen Unter⸗ ſuchung.„Nun denn, Erdbeere, ſuche nach, wo ſie die alte Spur wieder verlaſſen haben. Ich habe Ihnen 4 geſagt, Sir,“ fuhr Malachi gegen Alfred fort,„daß . 550 uns die Erdbeere ſehr nützlich ſeyn würde, ſie hat ein Auge wie ein Falke.“ Es war noch nicht ganz eine halbe Stunde ver⸗ laufen, ſeit ſie den Ort entdeckten, auf welchem die Indianer, um ſie irre zu führen, auf ihre alte Spur zurückgegangen waren; ſie brachen daher wieder auf und verfolgten dieſelbe unter Leitung der Erdbeere vorſichtig, bis dieſe ſtehen blieb, Malachi einen abge⸗ brochenen Zweig an einem Buſche zeigte, und in der Indianerſprache zu ihm redete. „Richtig; laß nun ſehen, was ſich weiter ereig⸗ net!“ In wenigen Minuten zeigte die Erdbeere wieder auf einen andern Zweig. „Das iſt Alles recht,“ ſagte Malachi,„ich ſagte a, daß ſie uns helfen würde, wenn es möglich iſt, und ſie kann es. Das indianiſche Weib, welches den Brief ſchrieb,“ fuhr Malachi, zu dem Capitän Sin⸗ clair ſich wendend, fort:„iſt uns immer gewogen, ſehen Sie, Sir, ſie hat überall auf die Gefahr hin, von den Indianern bemerkt zu werden, dünne Zweige abgebrochen, welche uns als Führer dienen ſollen. Nun wenn ſie fortgefahren hat, dieſes zu thun, ſo brauchen wir nicht in Unruhe zu ſeyn.“ Sie verfolgten ihren Weg durch den Wald bis zu Sonnenuntergang, und bis ſie nicht mehr ſehen konnten. Sie hatten für heute ohngefähr neun Mei⸗ len, von der Niederlaſſung an, gemacht, und legten ſich für dieſe Nacht unter einen großen Baum; das Wetter war warm und ſie machten ſich kein Feuer an, um ſich etwas zu kochen. Am nächſten Morgen mit Tagesanbruch aßen ſie ſchnell und verfolgten die Spur weiter. Sie war noch ganz deutlich, und wie früher waren gelegentlich Zweige abgebrochen. An dieſem Tage legten ſie eine Strecke von ſechszehn Meilen zu⸗ rück, und am Abend kamen ſie an das Ufer eines, ohn⸗ gefähr zehn Meilen langen und ein und eine halbe 551 Meile breiten Sees, auf welchen die Spur gerade zu ging, und dann verſchwand.. „Hier müſſen ſie zu Waſſer gegangen ſeyn,“ ſagte Alfred,„aber welche Mittel hatten ſie, um überzu⸗ ſetzen?“ „Das müſſen wir vor Allem zu entdecken ſuchen, Sir,“ verſetzte Malachi;„denn ſonſt werden wir die Spur nie wieder finden, vielleicht gelingt uns das morgen frühe, jetzt iſt es zu dunkel, und wir könnten mehr verderben, als gut machen, wenn wir jetzt am Ufer nachſpüren würden. Wir müſſen die Nacht hier zubringen. Hier iſt ein hohler Felſen, welcher am Ge⸗ ſtade aufwärts zieht, und wir thun wohl, wenn wir uns hinter denſelben begeben, weil wir da ein Feuer machen können, ohne von den Indianern bemerkt zu werden, im Falle ſie ſich auf dem entgegengeſetzten Ufer befinden ſollten; und in dieſer Nacht müſſen wir, wenn es möglich iſt, alle unſere Proviſion in Bereit⸗ ſchaft ſetzen, denn wir können uns darauf verlaſſen, daß wir dieſen Tag weiter gekommen ſind, als ſie mit der jungen Dame, und wenn wir die Spur bald wieder finden, ſo werden wir bald bei ihnen ſeyn.“ „Gott gebe, daß es wahr werde!“ rief Capitäann Sinclair aus,„der Gedanke, was die arme Mary ausſtehen muß, könnte mich zur Raſerei treiben.“ „Ja, Sir, ſie wird fürchterlich leiden, ich zweifle nicht,“ verſetzte Malachi.„Doch die Indianer werden ſie nicht übel behandeln, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Capitän Sinclair ſeufzte, antwortete aber nicht. Sobald als ſie alle an dem Felſen, welchen Ma⸗ lachi gezeigt hatte, angekommen waren, ſuchten ſie Brennholz zu ſammeln, und in wenig Minuten hatte die Erdbeere ein zu ihrem Vorhaben hinreichendes Feuer. Da ſie keine Kochgeſchirre bei ſich hatten, ſo ſchnitten ſie das Schweinefleiſch in dünne Stücke, und ſteckten es auf kleine Staͤbe, bis es hinlänglich geröſtet war. Dann packten ſie es wieder, bis auf jenen Theil, wel⸗ . .„Ich traf den alten Graves, und ſagte es ihm,“ chen ſie für heute eſſen wollten, in verſchiedene Theile zuſammen. Als ſie ihr Mahl geendet hatten, um die Aſche des Feuers herumſaßen und ſich von der Wahr⸗ ſcheinlichkeit unterhielten, die Indianer überfallen zu können, ſprang Martin auf, machte ſich mit ſeiner Flinte fertig und ſchlug an. „Was gibt's?“ ſagte Alfred leiſe; aber Martin legte zum Zeichen, daß er ſchweigen ſolle, ſeinen Fin⸗ ger auf den Mund. „Es kommt jemand auf dieſem Weg— er iſt hin⸗ ter dieſem dicken Baum,“ ſagte Martin,„ich ſehe ſei⸗ nen Kopf noch, aber es iſt zu dunkel, um zu erken⸗ nen, was es ſeyn mag.“ 4. Als Martin dieſes ſagte, wurde ein leiſes, be⸗ ſonderes Pfeifen durch die Zähne gehört, worauf die Erdbeere eilig mit ihrer Hand die Flinte Martin's ab⸗ wendete und ſagte: „Es iſt John!“ 6 „John? Unmöglich;“ ſagte Alfred. „Er iſt's,“ verſetzte die Erdbeere.„Ich kenne die⸗ ſes Pfeifen wohl; ich gehe, ihn zu holen, es hat keine Gefahr.“ Die Erdbeere verließ die Truppe und ging zu dem Baume, indem ſie leiſe John beim Namen rief, und wenige Sekunden hernach kam ſie, denſelben an der Hand führend, zurück. Ohne ein Wort zu ſagen, ſtellte er ſich ruhig an das Feuer.. „Ei, John, woher kommſt Du?“ rief Alfred. „Ich folgte Eurer Spur,“ verſetzte John. „Wenn gingſt Du von Hauſe weg?“ „Geſtern, als ich zurückkam,“ verſetzte John. „Weiß Ihr Vater und Ihre Mutter, daß Sie nachkommen wollten,“ ſagte Capitän Sinelair. 3 antwortete John.„Habt Ihr etwas zu eſſen?? „Der Junge hat nun keine Zeit zu verlieren, ich will für ihn antworten,“ ſagte Martin, indem die Erd⸗ 3⁵5³ beere beſchäftigt war, ihm Fleiſch zu geben. Sind Sie verſehen, John?“ „Noch nicht,“ verſetzte John mit vollem Munde. „Laßt ihn eſſen,“ ſagte Malachi,„es iſt viel für einen Jungen, zwei Tage ohne Nahrung auszuhalten, und ich will für ihn antworten, daß er, ſobald er hörte, daß wir ſortgegangen, das Haus verließ, und daß er ſeit geſtern nichts gegeſſen hat. In der That, ſo muß er es gemacht haben, wenn er geſtern unſerer Spur folgte, und uns in ſo kurzer Zeit, heute Nachts, antreffen wollte, drum laßt ihn in Ruhe.“ 1 „Was mich wundert, Malachi, das iſt, wie er den Weg zu uns finden konnte.“ „Ei nun, Sir, ich muß es geſtehen, ich bin hierü⸗ ber ebenſo verwundert, als erfreut,“ verſetzte Malachi, zes iſt wirklich ein großes Unternehmen für einen jun⸗ gen Menſchen, das für ſich allein zu thun, und ich in ſtolz auf ihn, daß er es gethan hat; nun ſehe ich erſt, welch' einen Zäger er einſt geben wird!“ „Es wird Viele geben, die nicht im Stande ſind, dieß zu thun, das iſt gewiß,“ ſagte Martin,„ich wun⸗ dere mich ſo ſehr, als Sie, Herr Alfred, wie er die⸗ ſes zu thun vermochte— indeſſen er hat die Gabe.“ „Aber ich ſetze den Fall, er hätte uns nicht ge⸗ funden, wovon würde er in dieſen Wäldern gelebt haben? Es iſt ein Glück, daß er uns getroffen hat,“ ſagte Capitän Sinclair. 1 3 John ſchlug auf den Lauf ſeiner Flinte, welche bei ihm lag, und von Capitän Sinclair nicht bemerkt worden war. „Ich konnte mir nicht denken, daß John ohne ſeine Flinte in den Wald gehe, Sir; dachten Sie ſo?“ „Ich bemerkte nicht, daß er ſie bei ſich hatte,“ ſagte Capitän Sinclair,„aber ich hätte wohl John beſſer kennen ſollen.“— Als John mit ſeinem Abendeſſen fertig war, leg⸗ Die Anſiedler in Canada. 23 3 ten ſie ſich zur Ruhe, bis auf einen, der Wache hielt, damit ſie nicht überfallen würden.. Mit Tagesanbruch frühſtückten ſie und gingen dann an das Ufer zu der Stelle hinab, an der ſie die Spur verlaſſen hatten. Nach einer langen Nachforſchung rief Malachi der Erdbeere, zeigte ihr eine Stelle am Ufer, und forderte ſie auf, hinzuſehen. Die Erdbeere that es und bemerkte endlich, daß es die Spur eines Ca-⸗ noe's ſey, welches bei dem Landen deſſelben in dem Boden ſich abgedrückt hatte. „Ich dachte es,“ ſagte Malachi,„ſie hatten ihr Canoe bei der Hand und ſind über den See gefahren. Nun müſſen wir den See umgehen und die Spur von Neuem aufſuchen, was uns einen halben Tag aufhalten wird.“ 4 Sie umgingen nun den See den Ufern entlang, ſorgſam den Boden unterſuchend, bis auf die andere Seite. Gegen Mittag waren ſie auf der andern Seite bis zu der Stelle gekommen, welche dem Felſen, hinter dem ſie in vergangener Nacht ihr Feuer hatten, gegen⸗ über lag, ohne eine Spur entdeckt zu haben. „Sie find nicht in gerader Linie übergefahren,“ ſagte Capitän Sinclair,„das iſt augenſcheinlich, wir müſſen nun mehr nordwärts ſuchen.“ Sie thaten dies und entdeckten endlich, daß das Canoe an der Nordſpitze des Sees angefahren war, nachdem ſie den ganzen Weg dem öſtlichen Ufer entlang gemacht hatten. Der Ort der Landung war ganz deutlich zu bemerken, und eine kurze Strecke darauf konnten ſie wahrnehmen, daß das Canoe fortgeſchleift worden war. Es war nun weit in den Nachmittag hinein, und daher wurde die Frage erhoben, ob ſie die Spur verfolgen, dder erſt ſuchen ſollten zu ermitteln, wo das Canoe verborgen war, weil es ihnen bei ihrer Rückkunft nützlich ſeyn konnte. Es wurde beſchloſſen, nich das Canoe faufzuſuchen, und dies konnte erſt nach Verlauf von zwei Stunden geſchehen, wo ſie es in einem Gebüſche, ohn⸗ * 3⁵5 gefähr eine Meile vom See entfernt, verſteckt fanden. Dann folgten ſie noch zwei Meilen der Spur, die Zweige waren wie zuvor umgebogen oder gebrochen, was ihnen große Hülfe leiſtete, denn die Nacht war eingetreten. Nachdem ſie einen lichten Hügel erreicht hatten, ſchlugen ſie ihr Nachtlager unter den Bäumen auf, und begaben „J ſich zur Ruhe. Mit Anbruch des Tages machten ſie ſich wieder auf, und nach einem Marſche von zwei Stun⸗ den ging die Spur über eine ſchmale Wieſe, was ſie Detwas in Unruhe verſetzte, indeſſen fanden ſie auf der Nentgegengeſetzten Seite die Spur wieder, und da die Zweige noch häufiger gebrochen und gebogen waren, Iſo kamen ſie ſehr ſchnell vorwärts. Während dieſer Tage Jhatte Martin mit dem Bogen, welchen die Erdbeere Agebracht hatte, zwei Truthähne erlegt, was ſehr vor⸗ Vtheilhaft für ſie war, indem ſie nur auf ſieben oder Hacht Tage mit Lebensmitteln verſehen waren, während ddas Ziel ihrer Reiſe unmöglich noch vorauszuſehen war. 3 Nicht lange vor der Abenddämmerung vernahm das leiſe Gehör der Erdbeere ein dumpfes Geräuſch, „wie das eines ſchwerathmenden Menſchen. Sie zeigte — mit dem Finger auf ein Gebüſch, die Andern nahten 8 ſich vorſichtig und fanden auf der andern Seite deſſel⸗ 3 ben ein indianiſches Weib, heftig blutend, auf dem ABoden liegen. Als ſie daſſelbe aufhoben, erkannten ſie das indianiſche Weib wieder, welches ſie gerettet, dem ſie den Fuß eingerichtet hatten, und welches wahr⸗ ſcheinlich entdeckt worden war, als. es, um ihnen die Spur zu verrathen, die Zweige abbrach. Die Unter⸗ ſuchung ergab, daß ſie mit einem Tomahawk eine ſtarke Wunde am Kopfe erhalten hatte, der Schlag war jedoch glücklicherweiſe ſeitwärts abgewichen und nicht in den Schädel eingedrungen. Sie war nicht bei ſich, indem ſie bis zu dieſer Zeit ſehr viel Blut verloren hatte. Sie ſtillten das Blut, legten ihr eine Binde von Linnen um, und goſſen ihr etwas Waſſer in den Mund. Es war nun dunkel und nicht mehr möglich, dieſe Nacht wmachſenen Krieger ſeiner Horde, bei ſich habe, daß nach einigen Tagereiſen Mary Percival wegen heftiger Schmer⸗ 356 weiter zu kommen. Die Erdbeere ging in den Wald, um einige Kräuter zu fuchen, mit welchen ſie die Wunde verband, und als ſie es der armen Indianerin ſo be⸗ quem als möglich gemacht hatten, legten ſie ſich zur Ruhe. Nun erſt ſagte Malachi zu Alfred: „Es iſt kein Zweifel, Sir, daß die Indianer ent⸗ deckt haben, daß dieſe Frau uns die Spur bezeichnete, daß ſie ihr einen Schlag mit dem Tomahawk verſetzten und ſie für todt liegen ließen. Ich denke, daß die Wunde, obwohl ſie ſtark, doch nicht gefährlich iſt; die Erdbeere iſt auch dieſer Meinung. Dies wird ſich in⸗ deſſen morgen entſcheiden, und wenn ſie nicht zu ſchwach iſt, ſo werden wir uns derſelben bedienen, denn wir müſſen nun vorwärts machen, ſo viel wir nur können.“ Als ſie am nächſten Morgen⸗ erwachten, fanden ſie die Erdbeere bei der Indianerin ſitzen, welche nun ganz wieder bei ſich und gefaßt, aber doch ſehr ſchwach und erſchöpft war. Malachi und Martin gingen zu ihr und hatten in Zwiſchenräumen eine lange Unterredung mit 3 ihr. Malachi hatte mit ſeiner Vermuthung Recht ge⸗ habt. Die zornige Schlange hatte geſehen, wie ſie einen Zweig einbog, und ſchlug ſie mit ſeinem Tomahawt nieder. Sie erhielten von ihr die weitere Nachricht, daß die zornige Schlange, über die Gefangennehmung der jungen Otter erbost, beſchloſſen hatte, für ihn ſich eines Andern als Geißel zu bemächtigen, daß er daher Mary Percival geraubt, ſechs Indianer, die ſämmtlichen er⸗ „ zen an den Füßen nicht lange habe gehen können, daß ſie ſonſt geachtet und nicht ſchlimm behandelt werde, daß die Indianer nicht gerade nach Hauſe gehen, ſondern nooch einen Umweg von ſechs oder ſieben Tagereiſen des⸗ wegen machen wollen, damit ſie nicht von einigen an⸗ deren Stämmen, welche auf dem geraden Wege wohn⸗ ten, geſehen würden, und verrathen werden könnten. Sie ſagte, daß ſie-es geweſen, welche den i — 3 3⁵⁷ Brief im vergangenen Herbſte an Malachi geſchrieben, und daß ſie dieſes darum gethan habe, weil ſie von Herrn und Mrs. Campbell ſo gütig gepflegt worden ſey, als man ſie mit verrenktem Fuße im Walde ge⸗ funden habe, daß Percival ganz wohl war, als ſie ihn in den Hütten zurückließen, und daß die zornige Schlange eeſonnen ſey, wenn er nicht eine beträchtliche Menge hutder, Blei und mehrere Flinten dagegen erhalten würde, den Knaben an Kindesſtatt anzunehmen, weil er ihm wirklich geneigt ſei. Auf die Frage, ob der Knabe munter ſey, antwortete ſie, daß er es anfangs nicht geweſen, nun aber beinahe ein ganzer Indianer geworden ſey, daß es ihm ſelten erlaubt werde, die Hütten zu verlaſſen, und nie anders, als in Begleitung der zornigen Schlange. Hinſichtlich der Entfernung und Richtung der Hütten ſagte ſie, daß es auf geradem Wege noch ſieben Tagereiſen ſeyen, daß aber die Horde mit Miß Percival nicht unter fünfzehn Tagen dahin kommen würde, da ſie mit jedem Tage von der langen Reiſe ermüdeter werde. Nachdem ſie nun dieſe Nach⸗ richt erhalten, wurde eine Berathung gepflogen, und mfalähi⸗ nachdem er darum nachgeſucht, ſprach zuerſt alſo: „Meine Meinung iſt dieſe: wir können nichts beſſeres thun, als ſo lange hier zu bleiben, bis die Frau ſo weit ſich wieder erholt hat, daß ſie mit uns gehen, und uns den geraden Weg zu ihrer Wohnung zeigen kann. In zwei oder drei Tagen wird ſie wahr⸗ ſcheinlich wohl genug ſeyn, um mit uns gehen zu kön⸗ d nen, dann werden wir den geraden Weg einſchlagen, und vor ihnen ankommen. Die Kenntniß der Gegend und der Pfade, wird uns in den Stand ſetzen, ihnen einen Hinterhalt zu legen, und ſo das Fräulein ſelbſt 3 ohne viel Gefahr für uns zu befreien. Es wird ihnen nicht einfallen, daß ſie in unſere Hände gerathen, weil ſie ſich einbilden werde Tomahawk fehlt ſelten.“ 358 Nach langer Rückſprache wurde der Vorſchlag Malachis als der beſte gut geheißen, und in einer wei⸗ tern Unterredung mit dieſer Frau wurde derſelben der gefaßte Entſchluß bekannt gemacht. Da ſie nun ohne Furcht waren, daß die Indianer ihre Spur entdecken könnten, gingen Martin und Alfred auf die Jagd aus, um ſich zu verproviantiren, während die Anderen aus Baumzweigen für die ganze Geſellſchaft eine geraume Hütte bauten. Gegen Abend kamen Alfred und Martin mit einem ſchönen Rehbock zurück. Es wurde ein Feuer angeſchürt, und Alles machte ſich nun an's Kochen und Eſſen. Das indianiſche Weib forderte auch was zu eſſen, und ihre Herſtellung war daher nicht mehr zweifelhaft. Achtunddreißigſtes Kapitel. In dieſer Weiſe warten zu müſſen, war ſür Ca⸗ pitän Sinclair ſehr verdrießlich, es war aber nicht zu helfen. Er überzeugte ſich, daß es das Klügſte ſey, und machte daher keine Einwendung dagegen. Alfred war über dieſe Verzögerung unruhig, denn er bedachte, in welcher Angſt ſich ſein Vater und ſeine Mutter befinden würden. Zu ihrer Freude bemerkten ſie indeſſen, daß die Indianerin ſich ſchnell erholte, und am fünften Tag ihres Aufenthalts in dem Walde ſagte ſie, daß ſie nun im Stande ſey, mit ihnen zu gehen, wenn ſie langſam gehen würden. Man kam daher überein, daß man am ſechſten Tage aufbrechen wolle, und ſo geſchah es, nach⸗ dem ſie ihren Vorrath von geſalztem Fleiſche zu ſich genommen hatten, um ſich nicht unterwegs aufhalten, oder von ihren Flinten mehr Gebrauch machen zu müſſen, als ihnen nöthig ſchien. Mit Sonnenaufgang brachen ſie auf und folgten nicht mehr der Spur, ſondern ſchlu⸗ gen, von der Indianerin geleitet, den Weg in gerader Richtung zu den Wohnungen der Horde der zornigen Schlange ein.— Ohngeachtet der Ermüdung der Indianerin, welche den Kopf verbunden hatte, und wegen großen Blut⸗ verluſtes ſehr ſchwach war, machten ſie doch eine ziem⸗ liche Tagreiſe und hielten dann wieder an. So ſetzten ſie ihren Weg bis zum ſechſten Tage fort, als ihnen Nachts, indem ſie ſich wieder lagerten, die Indianerin ſagte, daß ſie jetzt nur noch drei oder vier Meilen von den Wohnungen ſeyen, welche ſie ſuchten. Es wurde nun Rath gehalten, was weiter zu thun ſey, und endlich kam man überein, daß die Indianerin ſie womöglich an einen den Wohnungen ſehr nahen Platz führen ſolle, wo ſie ſich verbergen könnten, und daß, wenn ſie dort angekommen ſeyen, dieſe Frau und Malachi auskund⸗ ſchaften ſollten, ob der Häuptling mit ſeiner Horde und mit Miß Percival ſchon zurück ſey oder nicht. Die Nacht wurde in großer Unruhe und von den Meiſten derſel⸗ ben ſchlaflos zugebracht, ſo ängſtlich ſahen ſie dem Morgen entgegen. Lang vor Tagesanbruch brachen ſie wieder auf, gingen mit Vorſicht weiter, und wurden von der Indianerin in ein dickes, junges Gebüſch ge⸗ führt, welches nur hundert und fünfzig Schritte von den Wohnungen entfernt war, und ſie vor allen Entdeckun⸗ gen ſicherte. Gleich darauf baſzen Malachi und die in⸗ dianiſche Frau auf allen Vieren fort, und waren in dem Gebüſch bald nicht mehr zu ſehen; ſie näherten ſich den Hütten ſo viel wie möglich, um beſſer lauſchen zu kön⸗ nen. Während der Zeit richteten die Uebrigen ihre Augen auf die Hütten, um zu beobachten, wer herauskomme, wenn ſie aufſtehen würden, denn der Tag wollte gerade anbrechen, als ſie in ihrem Verſteck angekommen waren. Nachdem ſie ungefähr eine halbe Stunde gewartet hatten, ſahen ſie einen indianiſchen Knaben aus der Hütte kommen. Er war mit einem indianiſchen Hemde aus Hirſchhaut bekleidet und hatte Bogen und Pfeil in ſeiner Hand. Eine Adlerfeder war als Zeichen, daß er 360 der Sohn eines Häuptlings ſey, im Haare über dem Ohre befeſtigt. „Das iſt mein Bruder Percival,“ ſagte John mit leiſer Stimme. „Percival!“ verſetzte Alfred,„iſt es möglich?“ „Ja,“ liſpelte die Erdbeere,„es iſt Percival; aber ſprecht nicht ſo laut.“ 4 „Nun, den haben ſie zu einem ganzen Indianer gemacht,“ ſagte Alfred,„wir werden jetzt einen ſchlech⸗ ten Eindruck auf ihn machen.“ Percival, er war es, ſah ſich einige Zeit rund um, endlich flog eine Krähe über ſeinen Kopf, er ſpannte ſeinen Bogen und legte mit ſeinem Pfeil den Vogel todt zu ſeinen Füßen. „Ein Hauptſchütze,“ ſagte Capitän Sinelair.„Der Junge hat auf alle Fälle etwas gelernt. Das können Sie nicht, John.“ „Nein,“ entgegnete John,„aber ſie können auch nicht mit der Flinte ſo umgehen.“ Sie warteten noch etwas länger, es kam eine in⸗ dianiſche Frau, und ein alter Mann heraus, und un⸗ Fefähr eine Viertelſtunde ſpäter kamen noch drei Wei⸗ er und ein Indianer von beiläufig zwanzig Jahren. „Ich denke, die haben wir nun ganz in unſerer Gewalt,“ ſagte Martin, „Ja, ich denke auch ſo,“ verſetzte Capitän Sinclair. „Ich wünſchte, Malachi käme nun wieder zurück, denn ich glaube nicht, daß er mehr auskundſchaften wird, als wir ſelbſt ſehen.“ 1 Eine halbe Stunde ſpäter kamen Malachi und die Indianerin zurück; ſie hatten ſich in dem Gebüſche den Wohnungen bis auf fünfzig Schritte genähert; näher ingen ſie nicht, indem ſie befürchteten, daß, wie die Indianerin ſagte, die Hunde, deren ſie zwei zu Hauſe gelaſſen hatten, Lärm machen möchten. Die Frau ſagte nun, daß, nach ihrer Ueberzeugung, die Truppe noch nicht nach Hauſe gekommen ſey, und ſie hielten nun 564¹ eine Berathung über ihr weiteres Benehmen. Die In⸗ dianer waren nicht ſtark, ein alter Mann, ein Jüng⸗ ling von zwanzig Jahren und vier Weiber. Dieſe hät⸗ ten ſie wohl leicht gefangen nehmen, und ſich ihrer ver⸗ ſichern können, doch war die Frage, ob es auch räth⸗ lich ſey, indem hiebei leicht jemand entwiſchen, den abweſenden Trupp hievon in Kenntniß ſetzen, und veranlaſſen könnte, mit Mary Percival nicht nach den Hütten zu gehen. Dieſe Frage wurde zwiſchen Malachi, Capitän Sinclair und Alfred leiſe verhandelt. Endlich unter⸗ brach ſie John und ſagte:„Sie gehen auf die Jagd, der alte und der junge Indianer und Percival, ſie ha⸗ ben alle ihre Bogen und Pfeile.“ „Der Junge hat recht,“ ſagte Malachi.„Nun gut, ich betrachte dieß als die Entſcheidung unſerer Frage; wir können die Männer gefangen nehmen, ohne daß die Weiber etwas davon gewahr werden. Sie wer⸗ den ſie vor Abend nicht zurück erwarten, und wenn ſie nicht zuruck kommen, ſo werden ſie darüber weder er⸗ ſtaunt, noch unruhig ſeyn, wir thun daher beſſer, wenn wir ſie weggehen laſſen und ihnen folgen. Wenn wir uns derſelben verſichert haben, dann können wir ent⸗ ſcheiden, was mit den Frauen geſehehen ſoll.“ Dieß wuͤrde Lenehmidt gäd Malachi eröffnete nun der Indianerin ihr Vorhaben, ſie pflichtete demſelben bei, ſagte aber:„Der alte Rabe(auf den alten In⸗ daner zeigend) iſt ſehr verſchmitzt; Sie müſſen vorſich⸗ ig ſeyn. Sie blieben nun noch eine Viertelſtunde in ihrem Verſtecke, bis die zwei Indianer und Percival den offenen Platz vor den Hütten überſchritten und den Wald er⸗ reicht hatten. Sie folgten ihnen nun in gerader Rich⸗ tung; Malachi und John gingen voraus, Martin und Alfred foigten ihnen, ſie im Geſichte behaltend, und die übrigen der Truppe gingen in einiger Entfernung hinter Martin und Alfred. Auf dieſe Art ſetzten ſie ih⸗ 56² ren Weg länger als eine halbe Stunde im Walde fort, als ein Rudel Hirſche vor Malachi und John vorbei⸗ rannte. Sie hielten ſogleich an und verbargen ſich, Martin und Alfred, welche es bemerkten, thaten daſ⸗ ſetbe, und ſo auch, auf die Bemerkung der Erdbeere, die Uefrigen Kaum hatten ſie dieſes gethan, ſo folgte ein Stück Wild, welches von einem Pfeile getroffen war, dem Rudel nach und nach einigen Sätzen ſiel es nieder. In ein paar Minuten erſchienen die Jäger und blieben bei dem verwundeten und verendenden Thiere ſtehen, und nachdem ſie ctwas mit einander ge⸗ ſprochen hatten, ergriffen ſie ihre Meſſer, um es abzu⸗ ſtreifen und aufzubrechen. Während ſie nun hiemit be⸗ ſchäftigt waren, krochen Malachi und John von einer Seite, Alfred und Martin von einer andern, und die übrigen von einer dritten Seite leiſe auf ſie zu; aber um ſie gänzlich zu umringen, war es nöthig, einen oder zwei mehr öſtlich zu ſenden. Capitän Sinclair beor⸗ derte daher Graves und einen der Soldaten, ſo ſtill als möglich an den angewieſenen Platz zu ſchleichen und zu warten, bis das Zeichen gegeben würde. Als nun ſo die Truppe den Indianern und Perci⸗ val immer näher und näher kam, ſchien der alte Rabe unruhig zu werden, ſah ſich rings um und legte ſich auf einmal mit dem Ohre auf die Erde; als er dieſes that, ſtanden ſie ſtill und wagten kaum zu athmen. „Die Indianerin ſagt, daß der alte Rabe Verdacht ſchöpfe und überzeugt ſey, daß ihm jemand im Walde nahe, ſie glaube daher, daß es beſſer ſey, wenn ſie zu ihm gehe,“ ſagte die Erdbeere zu Capitän Sinclair. „Laß ſie gehen,“ entgegnete Capitän Sinclair. Die Indianerin ſtand auf und ging in gerader Richtung auf die Indianer zu, welche ſich bei ihrer Annäherung ſogleich umwandten. Sie ſprach mit ihnen und es ſchien, daß ſie ihnen ihre Zurückkunft erzählte. Jedenfalls beſchäftigte ſie die Aufmerkſamkeit des alten Raben, bis ihn die Truppe ganz eingeſchloſſen hatte, und dann fielen Martin und alle übrigen, zu gleicher Zeit aufſpringend, über ſie her. Nach einer kurzen und vergeblichen Gegenwehr hatten ſie ſich ihrer bemächtigt, doch nicht, ohne daß der junge Indianer ei⸗ nen Soldaten durch einen Meſſerſtich verwundet hatte. Die Riemen waren bereit, die Indianer wurden ge⸗ bunden und auf Anordnung Malachi's auch Percival, der, ſo lange er nicht gebunden war, zu entfliehen verſuhte. Sobald man ſich der Gefangenen verſichert hatte, brachen Martin, Graves und einige andere Sol⸗ daten das Wild auf, um es zum Eſſen zu bereiten, während die Erdbeere und die indianiſche Frau Brenn⸗ holz ſammelten. Indeſſen ſtand Capitän Sinclair, Alfred und Malachi mit John bei den Gefangenen und richteten ihre Aufmerkſamkeit auf Percival, welchen ſie zu binden genöthigt waren, damit er ihnen nicht ent⸗ wiſche. Er war nun faſt zwei Jahre bei den India⸗ nern in den Wäldern, ohne das Angeſicht eines weißen Mannes geſehen zu haben, und ſchien alle Erinnerun⸗ gen ſeines früheren Lebens verloren zu haben,— ſo ſchnell kann man in den Zuſtand der Verwilderung ge⸗ rathen. Auf die Frage Alfreds antwortete er nicht und ſchien ihn nicht zu verſtehen. „Laſſen Sie mich es verſuchen, Sir,“ ſagte Ma⸗ lachi,„ich will Indianiſch mit ihm ſprechen; er hat vielleicht ſeine Mutterſprache vergeſſen. Es iſt bewun⸗ dernswürdig, wie bald wir in den Stand der Natur zurückkehren, wenn wir einmal in den Wäldern ſind.“ Malachi ſprach nun mit Percival in indianiſcher Sprache. Percival hörte einige Zeit zu, endlich ant⸗ wortete er in derſelben Sprache. „Was ſagt er, Malachi?“ fragte Alfred. „Er will ſeinen Todtengeſang ſingen, denn er ſey der Sohn eines Kriegers und wolle muthvoll ſterben.“ „Wie der Junge verändert iſt, ſagte Capitän Sin⸗ elair,„iſt es möglich, daß eine ſo kurze Zeit dieſes herbeiführen könnte?“ 5 364 „Ja, Sir, verſetzte Malachi,„bei jungen Leuten bedarf es nicht viel Zeit, um ſie ganz zu veründern, aber es wird nicht lange dauern; wenn er wieder bei ſeiner Mutter zu Hauſe iſt, ſo wird er nach und nach ſein Indianerleben vergeſſen, und ſeine frühern Erin⸗ nerungen wieder bekommen; eine Frau macht mehr Ein⸗ druck als ein Mann. Wir wollen die Erdbeere mit ihm ſprechen laſſen. Sie ſehen, Sir, er iſt gebunden und betrachtet ſich ſelbſt als einen Gefangenen, und wir dürfen ihn nicht los laſſen, bis unſer Vorhaben voll⸗ bracht iſt, dann hat es keine Gefahr mehr, und wenn er wieder kurze Zeit bei uns iſt, wird er ſich ſchon zu⸗ recht finden.“ Malachi rief der Erdbeere und ſagte ihr, daß ſie mit Percival von ſeiner Heimath, von ſeiner Mutter, und von andern, ſeine früheren Verhältniſſe betreffen⸗ den Gegenſtänden ſprechen ſolle. Die Erdbeere ſetzte ſich zu Percival und ſprach mit ihm Indianiſch von ſeinem Vater, von ſeiner Mut⸗ ter, von ſeinen Couſinen, und wie er von den India⸗-⸗ nern gefangen wurde, als er auf der Jagd war, wie ſeine Mutter ihn beweinte, und wie alle ſeinen Ver⸗ luſt beklagten, dann ging ſie in einem leiſen, ſingenden Tone von einem auf das andere über, was ſein vori⸗ ges Leben auf der Anſiedlung berührte, und es war augenſcheinlich, daß er ſehr aufmerkſam zuhörte. Die Erdbeere hatte ihm länger als eine Stunde erzählt, als Alfred ſich an ihn wandte und ſagte: „Percival, kennſt Du mich denn nicht?“. 8„Ja,“ verſetzte Percival in engliſcher Sprache; „ich kenne Dich, Du biſt mein Bruder Alfred.“ „Nun iſt's recht, Sir,“ ſagte Malachi, ſo muß 1 man fortfahren, bis dem Jungen ſeine Gedanken wie⸗ Ler kommen. Die Erdbeere wird es ihm ſchon nach und nach beibringen.“ 4 Nun ſetzten ſie ſich zu ihrem Eſſen nieder; die zwei Indianer wurden auf eine Strecke zurückgebracht, — 2* 365⁵ und unter die Aufſicht eines der Soldaten geſtellt; Percival blieb aber bei ihnen. John ſetzte ſich zu Per⸗ cival und hielt ihm verſuchsweiſe ein Stückchen Wild⸗ pret vor den Mund und ſagte:„Percival, wenn wir jetzt heimgehen, ſo werden Deine Hände aufgebunden, und Du wirſt ſtatt Deines Bogens und dieſem Pfeile, eine Flinte bekommen. Da— eſſe das.“ Das war ein langer Satz für John, indeſſen er that ſeine Wirkung, Percival öffnete den Mund, nahm das Wildpret an, und hielt, ſo von John gefüttert, eine ziemlich gute Mahlzeit. Sobald nun das Eſſen vorüber war, wurde darüber berathen, was weiter zu thun ſey, und die Frage erörtert, ob ſie die Weiber gefangen nehmen, oder in den Hütten laſſen und ſich ruhig verhalten ſollten, bis die zornige Schlange mit ihrem Trupp ankommen würde. Malachi's Meinung war folgende:— „Ich denke, wir werden jedenfalls beſſer thun, wenn wir bis morgen warten, Sir; Sie ſehen, die Frauen werden gar nicht in Unruhe gerathen, wenn die Jäger in einem oder zwei Tagen nicht nach Hauſe kommen, denn ſie wiſſen, daß ſie ohne Wildpret nicht zurückkehren, und dieſes findet man nicht immer ſogleich; ihr Wegbleiben wird daher bei ihnen nicht den gering⸗ ſten Argwohn erregen. Ich dächte, wir ſollten in un⸗ ſer voriges Verſteck zurückkehren und beobachten, was ſie vornehmen. Auch wiſſen wir dann, wenn die Truppe mit Miß Percival kommen wird, ob ſie ſchon während unſerer Abweſenheit gekommen ſind, oder ob ſie erſt morgen kommen werden. Es wird daher das Beſte ſeyn, wenn wir uns mit den Gefangenen nicht mehr beſchweren, als es abſolut nöthig iſt.“ Dieſer Meinung wurde endlich beigeſtimmt, und ſie brachen auf, um zu den Wohnungen der Indianer zurückzukehren. Sie kamen ohngefähr eine Stunde vor der Dämmerung in ihren Schlupfwinkeln an, und hat⸗ ten die Vorſicht gebraucht, die zwei Indianer zu knebeln, 366 damit ſie nicht durch einen Ruf ihre Gefangennehmung verrathen könnten. Percival wurde wirklich ruhig und fing an, mit John etwas zu ſprechen. 4 Sie hatten ſich kaum fünf Minuten lang in dem dichten, jungen Tannengebüſche verborgen, als ſie im Holze, auf der andern Seite der Wohnungen, einen entfernten Ruf vernahmen. „Jetzt werden ſie kommen,“ ſagte Martin.„Das iſt ihr Signal.“) Eine der indianiſchen Weiber bei den Hütten er⸗ widerte den Ruf. „Za, Sir, ſie werden kommen,“ ſagte Malachi. „Ich bitte, Capitän Sinclair, ſeyen Sie ruhig und ſetzen Sie ſich nieder, Sie werden ſonſt unſern ganzen Plan verderben.“ „Nieder, Sinclair! Ich bitte ſehr,“ ſagte Alfred. Capitän Sinclair war ſehr aufgeregt, doch that er, was von ihm gefordert wurde. 3 „O, Alfred,“ ſagte er,„ſie iſt ſo nahe!“ „Ja, mein lieber Junge, aber wenn Sie ſie no näher wünſchen, ſo müſſen Sie klug ſeyn.“ 8 „Wahr, ſehr wahr,“Ä verſetzte Capitän Sinclair. In ohngefähr einer halben Stunde ſah man die zornige Schlange mit ihrer Horde aus dem Wald her⸗ auskommen und bemerkte, daß vier Indianer eine Tragbahre von Baumäſten trugen. „Sie konnte nicht mehr gehen, Sir,“ ſagte Ma⸗ lachi zu Capitän Sinclair,„weil ſie ſie tragen. Ich ſagte Ihnen, daß ſie nicht hart behandelt werden würde.“ „Laßt ſie mich nur ſehen, wenn ſie von der Bahre heruntergeht, dann werde ich zufrieden ſeyn,“ ſagte Ca⸗ pitän Sinclair. Die Indianer waren bald über den pffenen Platz und ſtanden an einer Hütte ſtill. Mary Percival wurde herabgehoben, und man ſah ſie mit Anſtrengung 367 in die Hütte gehen, in welche ihr zwei indianiſche Weiber folgten. 3 Nach eine Geſpräche zwiſchen der zorni⸗ gen Schlange und den zwei Weibern begab ſich der Häuptling mit ſeiner Bande in eine andere Hütte. „Alles recht, Sir,“ bemerkte Malachi;„ſie haben ſie unter Aufſicht zweier Frauen in einer Hütte allein gelaſſen, und ſo wird keine Gefahr für ſie zu befürch⸗ ten ſeyn, wenn wir ſie angreifen, was, wie ich meine, bald geſchehen muß und ehe es dunkel wird, damit ſie uns nicht entwiſchen und uns hernach anderwärts be⸗ unruhigen.“. „Wir wollen es ſogleich thun,“ ſagte Capitän Sinclair. „Nein, nicht ſogleich, Sir; wir haben noch ein und eine halbe Stunde Tag. Wir wollen noch eine Stunde warten, ſo lange haben ſie zum Eſſen nöthig, dann werden ſie ſich, erfreut über den Raub der Miß Percival, ſchlafen legen, wie die Indianer gewöhnlich thun. In einer Stunde von jetzt an werden wir ſie am beſten überfallen.“ „Sie haben recht, Malachi,“ verſetzte Alfred;„Sin⸗ clair, Sie müſſen Ihre Geduld zügeln.“ „Ich muß, ich weiß es,“ verſetzte Capitän Sin⸗ clair;„aber es wird eine langweilige Stunde für mich ſeyn. Laſſen Sie uns nun unſere Anſtalten treffen; wir haben es mit ſechſen zu thun. „Und nur mit zwei Flinten,“ ſagte Alfred.„Der Erfolg iſt uns gewiß.“ „Wir müſſen erſt ſehen,“ ſagte Martin,„ob alle in einer Hütte bleiben, oder ob ſie ſich vertheilen, und müſſen demnach verfahren. Welcher wird bei den Ge⸗ fangenen bleiben?“ 2„Ich nicht,“ ſagte John in einem beſtimmten on. „Du mußt, John, wenn es beſchloſſen iſt,“ ſagte Alfred. 368 „Beſſer nicht, Sir,“ verſetzte Malachi,„ſobald der Junge das Krachen unſerer Flinten hört, wird er ſeine Gefangenen verlaſſen, um ſich uns anzuſchließen, das weiß ich gewiß. Nein, Sir, wir können die Erd⸗ beere bei den Gefangenen laſſen, ich will ihr mein Jagdmeſſer geben, es iſt hinreichend.“ Sie beobachteten noch eine halbe Stunde die Hütten, bis Alles ruhig ſchien und niemand mehr herauskam. Nachdem ſie nun das Zündkraut auf ihren Flinten un⸗ terſucht hatten, wurde jedem der Platz angewieſen, ſo daß ſie die Hütten ganz einſchloſſen und ſich gegenſei⸗ tig unterſtützen konnten. John wurde angewieſen, auf ſeine Couſine Mary recht Acht zu haben und zu ver⸗ hüten, daß die Frauen nicht mit derſelben aus der Hütte, in welche ſie geſperrt war, entwiſchten. John vollzog dieſen Auftrag, welcher ihm von Wichtigkeit ſchien, obwohl man ihn hiezu auserſehen hatte, damit er keiner Gefahr ausgeſetzt werde. Als man der Erd⸗ beere die Aufſicht über die Gefangenen übertragen hatte und dieſe mit gezogenem Jagdmeſſer bei ihnen ſtand, bereit, den geringſten Verſuch zur Entweichung zu vereiteln, ſchlich die ganze Truppe auf demſelben Pfade, welchen Malachi und die Indianerin gegangen waren, leiſe vorwärts, den Hütten zu. Sobald ſie an⸗ gekommen waren, warteten ſie einige Minuten, wäh⸗ rend welcher Malachi umherblickte. Als ſie nun ſahen, daß Malachi aufſprang, thaten ſie es Alle, jeder eilte auf ſeinen Platz, und um die Hütte, in welcher die zornige Schlange mit ſeinen Geſellen lag. Die In⸗ dianer ſchienen zu ſchlafen, und Alles blieb ruhig. „Laßt uns erſt Fräulein Percival an einen ſichern Ort bringen,“ ſprach Capitän Sinclair leiſe.. „So thun Sie es,“ ſagte Alfred;„ſie wird Sie lieber ſehen, als uns.“ 3 Capitän Sinclair eilte zu der Hütte, in welche Miß Percival gebracht worden war, und öffnete die Thüre. Mary Percival ſtieß, ſobald ſie den Capitän . 369 Sinclair erkannte, vor Freude einen lauten Schrei aus, ſtand von den Häuten auf, auf welchen ſie nieder⸗ geſunken war, und ſiel ihm um den Hals. Capitän Sinclair ſchloß ſie in ſeine Arme und wollte ſie aus der Hütte tragen, als eine Indianerin ihn beim Rock erfaßte; aber John, welcher eintrat, ſtieß ihr den Ge⸗ wehrkolben in's Geſicht, ſo daß ſie ihn gehen ließ und ſich zurückzog, und Capitän Sinclair trug nun Mary auf ſeinen Armen in das Gebüſche, in welchem die Erdbeere bei den Gefangenen Wache hielt. Mary's Ruf hatte die Indianer, welche wegen ihrer Ermüdung und ihren Entbehrungen in tiefem Schlafe lagen, aufgeweckt; aber bis jetzt wurde in der Hütte noch keine Bewegung vorgenommen, und wäh⸗ rend Malachi und Alfred ſich beſprachen, ob ſie in die Hütte eindringen ſollen oder nicht, fiel ein Schuß aus der Hütte, welcher den nächſt Alfred ſtehenden Solda⸗ ten traf. Ein zweiter Schuß folgte und Martin er⸗ hielt eine Kugel in die Schulter, und hierauf ſtürzte die zornige Schlange mit ſeiner Horde heraus, der Häuptling ſchwang ſein Tomahawk, auf Malachi log⸗ ſpringend, indem die andern Martin und Alfred, welche die nächſten an der Thüre waren, angriffen. Malachi richtete ſeine Flinte auf die Bruſt der zornigen Schlange, und als er auf ihn eindrang, ſchoß er ihm die ganze Ladung durch den Leib. Die andern Indianer wehrten ſich verzweifelt, aber da ſie ganz eingeſchloſſen waren, wurden ſie überwältigt. Nur zwei derſelben blieben am Leben, und dieſe waren ſchwer verwundet Die andern lagen todt auf der Erde. „Das war ein böſer Mann, Sirz“ ſagte Ma⸗ lachi, indem er auf den Körper des Häuptlings trat; „doch jetzt wird er kein Unheil mehr anrichten.“ 1n„Sind Sie ſchwer verwundet, Martin?“ fragte red. „Nein, Sir, nicht ſchwer; die Kugel ging gerade Die Anſiedler in Canada.— 24 1 . 3 macht haben würde, wenn ſie es nicht gethan hätten.“ 370 durch und hat zum Glück keinen Knochen berührt. Ich will zur Erdbeere gehen und mich verbinden laſſen.“— „Er iſt ganz todt, Sir,“ ſagte Graves, welcher bei dem Soldaten kniete, auf welchen der erſte Schuß gefallen warux. „Armer Burſtte!“ rief Alfred aus.„Nun, ich glaube nicht, daß ſie uns noch einmal angreifen; doch ich weiß nicht, ob ich von meiner Flinte Gebrauch ge⸗ „Sie erwarteten keinen Pardon, Sirz“ ſagte Malachi.. ch glaube auch nicht. Nun, was iſt mit den Weibern anzufangen; die werden uns keinen Schaden thun.“ 2 3. „Nicht viel, Sir; aber in jedem Falle müſſen wir ſie unſchaͤdlich machen; wir müſſen alle Waffen weg⸗ naehmen, welche wir in den Hütten finden; wir haben iſhre zwei Flinten, nun müſſen wir alle ihre Bogen, Pfeile, Tomahawks und Meſſer ſammeln, ſie entweder 3 vernichten oder behalten, wollen Sie das thun, Vohn? Nehmen Sie Graves dazu.“ .„Ja,“ verſetzte John und fing ſogleich mit Gra⸗ ves ſeine Nachſuchungen an. Die zwei Weiber, welche mit Mary Percival in einer Hütte geweſen waren, blieben in derſelben, vor John's Flinte ſich fürchtend, zurück; die andern zwei aber waren während des Handgemenges in den⸗Wald entwiſcht. Dieß war von geringer Bedeutung, denn in der That ſagte man auch den andern, daß ſie ge⸗ hen könnten, wenn ſie wollten, und ſobald ſie dieſes von Malachi vernommen hatton, folgten ſie dem Bei⸗ ſpiele ihrer Gefährtinnen. und Graves brachten alle Waffen, welche ſie finden konnten, und Malachi und Alfred gingen in das Gebüſche, wohin Capitän Sinclair Mary Percival zunächſt gebracht hatte. Al⸗ fred umarmte ſeine Couſine, welche bis jetzt ſehr auf⸗ geregt und durch die plötzlichen Uebergänge, durch die * 3 5 371 Ereigniſſe, von ihren Gefühlen ſo zu ſagen überwäl⸗ tigt war; unter allen Ereigniſſen verurſachte ihr das Wiedererſcheinen Percivals, gleich einer Auferſtehung von den Todten, die größte Aufregung. Alfred war in Berathung mit Malachi, als ſie Flammen aus den Hütten empor ſteigen ſahen. Martin war, ſobald ſeine Wunde verbunden war, zurückgekehrt und hatte ſie angezündet. 4 „Das iſt recht, Sir;“ ſagte Malachi,„ich will Ihnen den Beweis unſers Sieges hier laſſen, als Warnung für die andern Indianer.“ „Aber was wird aus den Weibern werden?“ 3„Dieſe werden ſich an einen andern Stamm an⸗ ſchließen und die Geſchichte erzählen; es iſt gut, wenn ſie dieſes thun.“. 7 „Und was beginnen wir mit unſern Gefangenen?⸗ „Die laſſen wir nach und nach frei, Sir; wir haben nichts von ihnen zu fürchten, aber wir laſſen ſie erſt nach einem Marſche von zwei oder drei Tagen im Walde für den Fall los, daß ſie mit einer andern Horde, von welcher ſie Beiſtand erwarten könnten, in Verbindung ſtehen.“ „Und die verwundeten Indianer?“ „Müſſen wir der Vorſehung überlaſſen, Sir; wir können ihnen nicht helfen. Wir werden ihnen Nah⸗ rung und Waſſer hier laſſen. Die Weiber werden zu⸗ rück kommen, ſie finden, wenn ſie noch am Leben ſind, ſie pflegen, und wenn ſie todt ſind, ſie begraben. Doch hier kommt John mit einigen Bärenhäuten, welche er für Miß Mary gerettet hat. Das war vernünftig von dem Jungen. Sobald als das Feuer niedergebrannt iſt, wollen wir unſer Lager auf die offene Stelle ver⸗ legen und eine Wache für dieſe Nacht aufſtellen, und morgen wollen wir mit Gottes Hülfe unſern Rückweg antreten. Wir werden dem Vater und der Mutter Freude bringen, und je eher je beſſer; ſie werden un⸗ tröſtlich ſeyn uͤber unſer langes Ausbleiben.“ 372 „Ja,“ ſagte Mary Percival,„ſie werden faſt in Verzweiflung darüber ſeyn; wahr ſagt die Bibel: lan⸗ ges Hoffen macht das Herz ſiech.”“ Neununddreißigſtes Kapitel. Nicht einer von der Truppe ſchlief dieſe Nacht viel, es gab zu viel zu thun, und zu viel zu betrach⸗ ten. Capitän Sinclair war, wie man ſich denken kann, blos mit Mary Percival beſchäftigt; jetzt mehr als jemals. Sobald ſie nun ihr Lager auf dem lichten Platze eingenommen und Vorrichtungen für die Be⸗ quemlichkeit Mary's getroffen hatten, enthoben ſie die Erdbeere der Aufſicht auf die Gefangenen, welche ſie gleichfalls an den lichten Ort brachten. Percival, wel⸗ cher bisher ſeiner Bande noch nicht entledigt worden, wurde nun losgemacht, und es wurde ihm geſtattet, umher zu gehen, indem ſich immer eines an ihn an⸗ ſchloß und ihn ſorgſam bewachte. Der erſte Gegen⸗ ſtand, auf welchen ſein Blick fiel, war der Körper der zornigen Schlange. Percival betrachtete ihn einige Zeit und ſetzte ſich dann an ſeiner Seite nieder. Hier blieb er, ohne zu ſprechen, länger als zwei Stunden ſitzen, bis einige von der Truppe eine Grube gegra⸗ ben, und den Leichnam begruben. Percival blieb noch einige Minuten an der Seite des Grabes, und ging dann zu den verwundeten Indianern. Er brachte ih⸗ nen Waſſer und ſprach mit ihnen in der Sprache der Indianer. Als er nicht mehr mit ihnen ſprach, ließ ihn Mary zu ſich rufen, um mit ihm zu ſprechen; denn ſie hatte ihn bis jetzt kaum geſehen. Der An⸗ blick Mary's ſchien einen mächtigen Eindruck auf den Knaben zu machen; er lauſchte, als ſie ihm ſchmeichelte und liebkoste, und es ſchien, als wenn verſchiedene Er⸗ — 373 innerungen in ihm erwachten, er ließ ſich nieder, ſeufzte und ſchlief endlich ein. Der Soldat, welchen die zor⸗ nige Schlange erſchoſſen hatte, war vor dem Häupt⸗ linge begraben worden; die Wunde Martin's wurde von der Erdbeere, welche wirklich geſchickt in der in⸗ dianiſchen Chirurgie war, verbunden. Sie hatte Ueber⸗ ſchläge aus geſtoßenen Kräutern, welche ſie und die Indianerin geſucht hatten, für Mary's Füße gemacht, welche entzündet waren, und Mary fühlte ſich durch ihre Anwendung ſehr erleichtert. Bevor der Tag Feauth waren die zwei verwundeten Indianer geſtor⸗ een, und wurden ſogleich neben dem Häuptlinge be⸗ graben. Alfred und Malachi hatten ſich entſchloſſen, am nächſten Morgen ihre Rückreiſe anzutreten, wenn es möglich ſeyn würde, Mary Percival zu transpor⸗ tiren, denn ihre Truppe war nun um zwei weniger, nämlich: dem gebliebenen Soldaten und Martin, wel⸗ cher ſich dienſtuntauglich befand. Die Indianerin war vollkommen mit den übrigen Flinten beladen, mit den beiden den Indianern abgenommenen, und jenen des getödteten Soldaten und Martin's, welcher gegenwär⸗ tig nicht im Stande war, auch nur das Geringſte zu tragen. Es waren alſo nur noch ſechs dienſtfähige Männer, denn John konnte zum Tragen nicht ge⸗ braucht werden, und übrigens war er auch beſtimmt, über Percival zu wachen. Ueberdieß hatten ſie noch die zwei Gefangenen zu beaufſichtigen und waren deß⸗ halb in einiger Verlegenheit. Malachi ſchlug indeſſen vor, eine Traghahre aus Aeſten zu machen, ſie recht ſtark zu flechten, und an einer Stange zu befeſtigen, ſo daß ſie von zwei Männern getragen werden könne. Mary Percival war gerade nicht ſchwer, und wenn ſie ſich wechſelsweiſe ablösten, glaubten ſie im Stande zu ſeyn, jeden Tag einige Meilen zurückzulegen, bis Mary vermögen würde, mit ihnen zu gehen. Alfred willigte ein, und mit Sonnenaufgang ging er mit Malachi in den Wald, um Aeſte abzuhauen. Bei ihrer Zurückkunft 4 374 fanden ſie die Truppe ſchon munter, und Mary fühlte wenig oder gar keine Schmerzen mehr, ſie nahm ihr Frühſtück von den ihr vorgeſetzten Nahrungsmitteln, welche ſpärlich vertheilt wurden, und ſobald ſie gegeſ⸗ ſen hatten, legten ſie Mary auf die Tragbahre, bra⸗ chen auf und nahmen die Gefangenen mit, denn es ſchien ihnen nicht räthlich, ſie jetzt ſchon los zu laſſen. Am erſten Tage machten ſie nur einige Meilen, denn ſie mußten anhalten, um ſich einige Nahrungsmittel zu verſchaffen. Die Truppe wurde unter einem gro⸗ ßen Baum, welcher als gutes Merkzeichen diente, un⸗ ter der Aufſicht des Capitäns zurückgelaſſen, indeſſen Malachi und Alfred auf die Jagd ausgingen. Als ſie mit einbrechender Nacht mit einem Hirſche, welchen ſie erlegt hatten, zurückkamen, benachrichtigte ſie die Erd⸗ beere, die Indianerin habe ihr erzählt, daß ohngefähr zwei Meilen ſüdwärts ein Fluß ſey, welcher in den See münde, und daß zwei Canoe's dort in einem Ge⸗ büſche am Ufer verborgen ſeyen, daß der Fluß breit ſey und ſchnell fließe, und daß ſie auf demſerben in den See gelangen, und dann mit den Canoe's bis an die Nieverlaſſung fahren könnten. Dieß ſchien der Be⸗ achtung werth, weil ſie dadurch wahrſcheinlich viel Zeit erſparten, jedenfalls aber Mary Percival ſich da⸗ dei erholen würde. Sie beſchloſſen daher, zu dem Fluſſe zu gehen, und die Canoe's anzuſehen, welche, wie die Indianerin ſagte, groß genug ſeyen, um alle aufzunehmen. Am nächſten Morgen machten ſie ſich, von der In⸗ dianerin geführt, nach dem Fluſſe auf, und kamen Nach⸗ mittags dort an. Sie fanden die Canoes groß genug unnd in gutem Stande, zogen ſie an das Ufer, und ſetzten ihre Einſchiffung auf den folgenden Tag feſt; dann gin⸗ gen ſie aus, um noch mehr Nahrungsmittel für ihren Unterhalt herbeizuſchaffen. Alfred„Malachi und John gingen, Pereival war nun ſo ruhig und zufrieden ge⸗ worden und ſo gerne in der Nähe von Mary Percival, den Strom hinab. 375 daß es ſchien, als ſey er aus ſeinem indianiſchen Traume erwacht, und alle ſeine vorigen Verhältniſſe ſeyen ihm wieder beigefallen. Sie dachten nicht, daß es länger nothwendig ſey, ihn zu bewachen, denn er wollte in der That Mary nicht von der Seite bleiben, und be⸗ gann nun ſolche Fragen, welche bewieſen, daß er Vie⸗ les, was er während ſeines Aufenthalts bei den In⸗ dianern vergeſſen hatte, wieder in ſein Gedächtniß zu⸗ rückrief. Die Jäger hatten gute Jagd gemacht und kehrten mit ſo viel Wild zurück, daß ſie auf vier bis fünf Tage verſehen waren. Am folgenden Morgen, mit Tagesanbruch, ließen ſie die Gefangenen ohngefähr eine halbe Meile in dem Walde zurück, bezeichneten ihnen die Gegend gegen Norden, als die, wohin ſie gehen ſollten, entfeſſol en ſie und ſetzten ſie in Freiheit. Hierauf ſtiogen ſie in die Canoes und fuhren ſchnell Der Fluß, auf welchem ſie ſich eingeſchifft hatten, war damals den Europäern noch wenig bekannt, und wird nun die Themſe, die daran erbaute Stadt aber wird Landern genannt. Er fällt oben in den Erie⸗Sce und iſt ein ſchöner, ſchnellfließender Strom. Sie ſchiff⸗ ten drei Tage fort, ſtiegen Nachts aus, um zu ſchlafen und ihre Nahrung zuzubereiten, und an dem vierten Tage waren ſie genöthigt, ſich mehr Nahrungsmittel zu verſchaffen. Sie waren glücklich, und am nächſten Tage liefen ſie in den See ein, ohngefähr zweihundert Meilen weſtwärts von der Anſiedlung. Mary Pereival war nun vollkommen wieder hergeſtellt und fand Ver⸗ gnügen an der Reiſe. Die Gegend war in voller Pracht; die Bäume am Ufer wiegten ihre Arſte in dem Waſſer, und ſie begegneten keinen Indianern und ſahen keine Hütten derſelben am Ufer. Zuweilen verſcheuchtene ſie die Hirſche, welche zur Tränke in den Strom herab⸗ kamen; als ſie um eine Landzunge ſuhren, kamen ſie an einem Rudel Hirſche, welcher quer über den Strom ſchwamm vorüber, und erlegten hievon ſo viele, daß 576 ſie hofften, bis zu ihrer Ankunft auf der Niederlaſſung genug zu haben. n „Mein theurer Alfred,“ ſagte Mary,„ich glaube nicht, daß es gut iſt, wenn wir Percival die Tante 377 ſogleich ſehen laſſen, wir müſſen ſie auf ſein Erſcheinen vorbereiten. Sie hat ihn ſchon lange Zeit für todt ge⸗ halten, und die Erſchütterung möchte zu ſtark ſeyn.“ 1„Du haſt Recht, meine theure Mary. Ich will mit Capitän Sinclair, Malachi und John vorausgehen; nehmt Percival in die Mitte der Nachfolgenden und bringt ihn dann in Malachis Wohnung, wo er mit der Erdbeere bleiben kann, bis wir ihn abholen.“ Nachdem dieſe Anordnung, welcher Percival un⸗ gern beiſtimmte, getroffen war, gingen ſie auf dieſe Weiſe auf das Haus zu. Außerhalb der Päliſaden ge⸗ wahrten ſie Herrn und Mrs. Campbell, welche ihnen den Rücken zuwandten und gegen den Wald in jene Richtung hinſahen, in welcher ſie ſie verlaſſen. Als ſie den halben Weg vom Ufer aus zurückgelegt hatten, kam Heinrich mit Oscar aus dem Hauſe. Der Hund ge⸗ wahrte ſie ſogleich und ſprang freudig Hellend auf ſie zu. Heinrich ſchrie auf: 1 4 „Vater, Mutter!... Da ſind ſie... Da kom⸗ men ſie..l4 Herr und Mrs. Campbell wendeten ſich um, eilten ſchnell nahenden Truppe entgegen, und als ſie Mary in ihre Arme ſchloſſen, waren jetzt alle Fragen unnöthig — ſie war gerettet, und das war ihnen genug. „Kommen Sie, Mutter! Laſſen Sie uns in's Haus gehen, damit Sie wieder etwas ruhiger werden,“ ſagte Alfred, damit ſie Percival nicht gewahr wurde, welcher in geringer Entfernung unter den Andern folgte.„Laſſen Sie ſich führen, nehmen Sie meinen Arm.“ Mrs. Campbell, welche ſehr erſchüttert war, that es, und Alle wandten ſich von der Truppe ab, in deren Mitte ſich Percival befand. Emma ſah aber aufmerkſam hin und wollte aufſchreien, als Capitän Sinclair ſeinen Finger auf ſeine Lippen legte. Sobald ſie bei dem Hauſe angekommen und hin⸗ eingegangen waren, unterrichtete ſie Alfred mit wenigen Worten, was ſich ſeitdem zugetragen; wie erfolgreich ihr Unternehmen geweſen und wie wenig ſie von den Indianern in Zukunft zu fürchten hatten. „Wie viel Dank bin iy Euch ſchuldig,“ rief Mrs. Campbell aus.„Gott belohn Euch für Alles, was Ihr thatet! Es war ſchrecklich, theure Mary, daß ich Dich auch ſo verlieren ſollte, wie meinen armen Jungen. Er iſt verloren für immer— aber Gott hat es gethan.“ „Es war uns ſehr befremdend, Mutter,“ ſagte Alfred,„als wir eines Tages hörten, daß die Indianer einen weißen Knaben in dem Walde gefunden haben.“ „Ach! Ach, den meinen nicht.“ „Ich habe Urſache zu glauben, daß es Percival war, meine theure Mutter, und ich habe Hoffnung, daß er am Leben iſt.“ „Mein theurer Alfred, mache mir keine vergebliche Hoffnung, Du kennſt die Gefühle eines Mutterherzens nicht. Der geringſte Anſchein einer ſolchen Hoffnung bringt mich in eine ſolche Aufregung und Spannung, daß ich gar nicht zu Gedanken kommen kann. Ich hatte mich in den Willen Gottes ergeben, bringe mich nicht in einen Zuſtand des Zweifels und des Kummers zurück.“ „Glauben Sie, meine theure Mutter, daß ich eine ſolche Hoffnung in Ihnen erwecken würde, wenn ſie ni t gegründet wäre, wenn ſie ſich nicht realiſiren könnte? Nein, theure Mutter, ſo grauſam bin ich nicht.“ „Weißt Du, daß Percival am Leben iſt?“ ſagte Mrs. Campbell, indem ſie Alfred am Arm faßte. „Beruhigen Sie ſich, theure Mutter, ih weiß es — ich bin gewiß, daß er noch am Leben iſt, und daß er der iſt, welcher von den Indianern gefunden wurde, und ich habe große Hoffnung, daß wir ihn wieder er⸗ halten.“— Barmherzigkeit!“ ſagte Mrs. Campbell;„mein Herz iſt faſt gebrochen vor Freude! Gott ſtehe mir bei! O, — — „Goit gebe es, Gott gebe es in ſeiner großen —, — 379 wo iſt— er? Mein theurer Alfred— wo iſt er?“ fuhr Mrs. Campbell fort. Alfred antwortete nicht, aber eine Thränenfluth entſtrömte ſeinen Augen. „Ich will es Ihnen ſagen, wenn Sie ſich etwas mehr geſammelt haben, meine theure Mutter. Emma, Du haſt noch kein Wort zu mir geſagt.“ „Ich kann vor übergroßer Freude nicht ſprechen, Alfred,“ verſetzte Emma, ihm die Hand reichend,„aber niemand iſt Deine Zurückkunft ſo lieb als mir, und nie⸗ mand iſt Dir ſo dankbar dafür, daß Du Mary zurück⸗ gebracht haſt.“ „Nun, Alfred, ich bin ruhig,“ ſagte Mrs. Camp⸗ bell.„Laß mich jetzt Alles hören, was Du weißt.“ „Ich ſehe Sie nun ruhig, theure Mutter, und deshalb ſage ich Ihnen, daß Percival nicht fern von uns iſt.“ „Alfred, er iſt hier, ich weiß gewiß, er iſt hier!“ „Er iſt bei Malachi und der Erdbeere, und in ei⸗ ner Minute will ich ihn hieher bringen.“ Alfred ver⸗ ließ das Haus; Mrs. Campbell unterlag faſt ihren Ge⸗ fühlen. Mary und Emma eilten zu ihr, um ſie zu un⸗ terſtützen. In einer Minute darauf kam Alfred mit Percival zurück, die Mutter umarmte ihn, weinte über ihr lange verlornes Kind, und führte ihn in die Arme ſeines Vaters. 8 „Wie hat ſich das zugetragen, und durch welch' gnadenvolles Zuſammenwirken Du uns erhalten, und wieder gegeben worden biſt,“ ſagte Herr Campbell, als die erſten Gemüthsbewegungen vorüber waren, das werden wir hören; aber eins wiſſen wir, und ſind deſ⸗ ſen gewiß, das iſt: allein durch die Güte Gottes. Laßt⸗ uns jetzt, da unſere Herzen von Dank und Liebe heiß erfüllt ſind, Ihm unſern Dank bringen und mögen un⸗ ſere Dankgebete gnädig von ihm aufgenommen werden. Herr Campbell fiel auf die Kniee nieder und ſei⸗ nem Beiſpiele folgte die ganze Verſammlung. In ei⸗ 380 nem inbrünſtigen Gebete dankte er für die ſeiner Fa⸗ milie erzeigte neue Gnade und ſprach die Hoffnung aus, niemals die allmächtige Fügung zu vergeſſen, frömmer und vertrauensvoller vor ihm zu leben, der ihm in der Stunde der Gefahr und der Trübſal bei⸗ ſtand— welcher ihnen ſo wunderbar ihre verlorenen Sehute wiedergab, Aller Herzen mit Freude und Wonne erfüllte.— „Und nun, theurer Alfred,“ ſagte Mrs. Campbell, welche bis jetzt Percival umſchlungen hielt,„erzähle uns, was ſich zugetragen, und wie Ihr Mary und den lieben Jungen wieder bekommen habt.“ Alfred erzählte nun Alles gusführlich, zuerſt die Kenntniß, welche Capitän Sinclair, Malachi und er von dem Leben Percivals durch den Brief, welchen die Indianerin geſchrieben, erhalten; die Gefangennehmung der jungen Otter, in deren Folge Mary geraubt wurde. Als er mit ſeiner Erzählung zu Ende war, ſagte Herr Campbell: „ÜUnd der arme Martin, wo iſt er, daß ich ihm danken kann?“ B „Er iſt in ſeiner Hütte mit der Erdbeere, welche ihm ſeine Wunde verbindet; denn ſeit zwei oder drei Tagen konnte dieſes nicht geſchehen, und dieß hat ihm viele Schmerzen verurſacht. „Wir ſind ihm großen Dant ſchuldig,“ ſagte Herr Campbell,„er hat viel für uns ausgeſtanden. Und Ihr armer Mann, Capitän Sinclair, welcher geblie⸗ ben iſt.“. „Ja!“ verſetzte Sinclair,„es war einer unſerer beſten Leute— doch er wird im Himmel ſeyn. Er hat ſein Leben für die Wiedererlangung meiner theuren Mary hingegeben, und Sie können c darauf verlaſ⸗ ſen, ich werde ſein Weib und ſein Kind nie vergeſſen.“ „Nun, Mary, laß hören, wie es Dir bei den In⸗ dianern gegangen iſt, ehe Du befreit wurdeſt!“ „Ich war, wie Sie wiſſen, nach dem Cedernſumpfe — .ð e 2 — .&◻ — 581 gegangen, um Wachholderbeeren zu ſammeln, als ich plötzlich überfallen und mir ſogleich der Mund verſtopft wurde, ſo daß ich nicht rufen konnte. Mein Kopf wurde mir mit einer Decke umwickelt, ſo daß ich faſt erſtickte; ich wurde dann aufgehoben und von zwei oder drei Männern getragen. Einige Zeit war ich ganz be⸗ ſinnungslos, aber die Hitze war ſo ſtark, daß mein Kopf ſchwamm und ich glaubte ohnmächtig zu werden. Ich weiß mich nicht zu erinnern, daß ich niedergelegt wurde. Nach einiger Zeit, als ich wieder zu mir kam, lag ich, von fünf oder ſechs Indianern umgeben, welche rings um mich kauerten, unter einem Baume. Ich er⸗ ſchrack, wie Sie ſich wohl vorſtellen können, nicht we⸗ nig. Eine Zeit lang machten ſie keine Bewegung und ſprachen auch nicht, ich wagte aufzuſtehen, aber eine Hand, auf meine Schulter gelegt, drückte mich wieder nieder, und ich dachte nicht daran, einen nutzloſen Wi⸗ derſtand zu verſuchen. Bald darauf brachte mir eine indianiſche Frau etwas Waſſer, und ich erkannte ſie ſo⸗ gleich als jene, welcher wir Hülfe leiſteten, als ſie in dem Walde gefunden wurde. Dieß gab mir Muth und Hoffnung, obgleich ihre Geberden nichts verriethen, und ich konnte auch an ihren Augen nicht bemerken, daß ſie ſich erkenntlich zeigen wolle. Aber ich war in Ge⸗ danken überzeugt, daß ſie mir helfen würde, und ſie that es. Als ich aufgeſtanden war und etwas Waſſer getrunken hatte, ſprachen die Indianer leiſe mit einan⸗ der. Ich bemerkte, daß ſie einem beſondere Achtung bezeigten, und nach der Beſchreibung, welche mir mein Vater und Alfred von der zornigen Schlange gemacht hatten, zweifelte ich nicht, daß er es ſey. Wir blieben ungefähr eine halbe Stunde an dieſem Orte, dann bra⸗ chen ſie auf und gaben mir ein Zeichen, ihnen zu fol⸗ gen. Ich konnte es nicht ändern und wir gingen fort, bis die Nacht einbrach; ich war, Sie können es ſich leicht denken, nicht wenig ermüdet. Sie ließen mich bei der Indianerin, und zogen ſich einige Schritte zurück. 38² Die Frau machte mir ein Zeichen, daß ich ſchlafen ſolle, und obwohl ich dachte, daß das unmöglich ſey, war ich doch ſo ſehr abgemattet, daß ich, als ich meine Gebete zu dem Allmächtigen empor geſchickt hatte, in einigen Minuten einſchlief. Vor Anbruch des Tages wurde ich durch ihre Stimme aufgeweckt, und die Frau brachte mir eine Handvoll ge⸗ röſteten indianiſchen Korns; es war kein Frühſtück, wie ich es gewohnt war, aber ich war hungrig und daher genöthigt, es zu eſſen; ſobald es Tag war, brachen wir auf und gelangten gegen Abend an einen See. Sie brachten ein Canoe aus dem Gebüſche, in welchem wir zwei oder drei Stunden längs der Ufer hinfuhren, dann ſtiegen wir aus und ſetzten unſere Reiſe fort. Meine Füße waren ganz wund und ſchmerzten mich ſehr, denn ſie waren voller Blaſen, und ich vermochte kaum weiter zu gehen; ſie zwangen mich indeſſen hiezu, ohne jedoch große Gewalt anzuwenden, zogen und ſcho⸗ ben ſie mich, um mich mit fortzubringen. Ich begriff nun, daß ich eine Gefangene ſey, und daß man mir gerade nicht übel begegnen würde, wenn ich mich in ihren Willen füge. Gegen Abend konnte ich kaum ei⸗ nen Fuß vor den andern ſetzen, weil man mich genö⸗ thigt hatte, zwei oder drei Meilen in einem Fluſſe zu waten, in welchem meine Schuhe ganz auseinander ge⸗ gangen waren. Nachts machten ſie Halt, und die In⸗ dianerin bereitete einige Kräuter und legte ſie auf meine Füße; dieß gewährte mir eine große Erleichterung, aber ſie nahm nicht die geringſte Notiz von den Zeichen, die ich ihr machte. Am nächſten Morgen befand ich mich in Folge der aufgelegten Kräuter ſo wohl, daß ich die erſte Hälfte des Tages ſehr gut gehen konnte. Ich war etwas voraus, als ich den Häuptling hinter mir ſprechen hörte, ich drehte mich um, und denken Sie mein Ent⸗ ſetzen, als ich ſah, daß er ſeinen Tomahawk hervor⸗ riß und das arme indianiſche Weib damit niederhieb. Ich konnte mich nitht enthalten, zu ihr zu eilen, aber * ich bemerkte nur, daß ihr Kopf geſpalten, und daß ſie wahrſcheinlich todt war, denn ich wurde weggezogen und gezwungen, den Weg fortzuſetzen. Sir werden leicht begreifen, daß mein Blut bei dieſer Scene erſtarrte, und daß ich nun auch für mich fürchtete. Als ich weg⸗ geſchleppt wurde, wußte ich noch nicht, daß Percival am Leben und daß die junge Otter im Fort gefangen ſey. Mein Gedanke, als der Häuptling die Frau nie⸗ derſchlug, war, der, daß er ſich ihrer entledigen wolle, und daß ich ihre Stelle erſetzen ſolle. Dieſer Gedanke machte mich faſt wahnſinnig, doch ich betete im Gehen zu Gott, welcher die verborgenſte That ſieht, und das leiſeſte Gebet hört, und wurde hiedurch beruhigt. Ich wußte, daß meine Abweſenheit ſogleich entdeckt werden würde, und daß es Einige gebe, welche für meine Be⸗ freiuug ihr Leben wagen würden. Ich hatte daher bis jetzt Hoffnung, und darum ſtrengte ich mich auch an, ſo geſchwind, als möglich, zu gehen, um die Indianer nicht aufzubringen. Aber Nachts hatte ich niemand, um meine Fuße, welche ganz blutig und angeſchwollen wa⸗ ren, zu verbinden, ich war wahrhaft unglücklich, als ich ſo allein war. Ich konnte die arme, in ihrem Blute liegende Indianerin nicht aus den Gedanken bringen, die wegen eines mir unbekannten Vergehens, oder ei⸗ nes Fehlers wegen ſterben mußte. Am nächſten Mor⸗ gen war meine Nahrung wie gewöhnlich etwas gerö⸗ ſtetes indianiſches Korn, von welchem ich zu meinem Unterhalte nur eine einzige Handvoll auf die Dauer von vierundzwanzig Stunden bekam; indeſſen der Hun⸗ ger plagte mich nicht mehr, ich hatte zu große Schmer⸗ zen. Ich war im Stande, noch bis Mittag mich fortzu⸗ ſchleppen, aber nun konnte ich nicht weiter. Ich blieb ſtehen und ſetzte mich dann nieder; der Häuptling be⸗ fayhl mir durch Zeichen aufzuſtehen, ich deutete auf meint Füße, welche bis zu dem Knöchel geſchwollen waren, aber er drang darauf, zog ſeinen Tomahawk hervor, um mich zu erſchrecken. Ich war ſo ermattet, daß ich 534 den Schlag dankbar empfangen haben würde, aber ich erinnerte mich meines theuren Onkels, meiner Tante und entſchloß mich, um Ihrer willen Las Aeußerſte zu thun; ich that es, lief aber nicht länger als eine Stunde; denn zuletzt konnte meine Natur dieſe Anſtrengung nicht mehr ertragen, und ich fiel bewußtlos nieder.“ „Meine arme Mary!“ rief Emma. „Ich dachte oft an Dich, meine theure Schweſter,“ verfetzte Mary, ſie küſſend. „Es muß lang geweſen ſeyn, bevor ich wieder zu mir kam,“ fuhr Mary fort,„denn ich ſah, daß die Indianer geſchäftig waren, eine Art Tragbahre zu flech⸗ ten; ſobald dieſelbe fertig war, wurde ich darauf ge⸗ legt, und an einer Stange, welche zwei auf ihren Schultern trugen, ſchaukelnd fortgebracht. Es that auch ſehr Noth, daß dieſer Tag mir erträglicher gemacht wurde, denn meine Füße waren in einem gefahrdrohen⸗ den Zuſtande und machten mir viele Schmerzen. Nachts blieben wir an einem Flüßchen und ich ſtellte meine Füße zwei bis drei Stunden in das Waſſer, welches die Ent⸗ zündung etwas mäßigte, und dazu beitrug, daß ich etwas ſhlafen konnte. So trugen ſie mich noch einige Tage, als mir befohlen wurde, wieder zu gehen. Ich that es zwei Täge und befand mich wieder in dem vorigen Zuſtande. Es wurde nun wieder eine Trag⸗ bahre gemacht, und ich wurde bis zu den Wohnungen der zornigen Schlange und ſeiner Horde getragen. Was von nun an ſich zugetragen, haben Sie ſchon von Alfred gehört.“ 4 Als Mary ihre Erzählung geendet hatte, ſetzten ſie ſich zum Abendeſſen nieder, und es iſt nuͤr noch zu bemerken, daß Herr Campbell nicht verfehlte, vor dem Schlafengehen dem Allmächtigen ſeinen Dank für ihre Erhaltung darzubringen. Am nächſten Morgen erwach⸗ ten ſie alle geſund und wohlbehalten. Martin kam zei⸗ tig mit der Erdbeere in das Haus, ſeine Wunde war . 8 585 beſſer, und Herr und Mrs. Campbell ſprachen ihm ihren Dank und ihre Theilnahme aus. Bei dem Frühſtück ſagte Herr Campbell: „John, in unſerer Freude, Deinen Bruder und Deine Couſine wieder zu ſehen, habe ich ganz vergeſſen, Dich wegen Deines Fortlaufens auszuſchelten.“ „Das thun Sie nicht, ſagte Malachi;„denn er war uns ſehr nüßlich, ich verſichere Sie.“ „Nun, ich will jetzt nicht mit ihm zanken,“ ver⸗ ſetzte Herr Campbell; aber er ſoll es nicht wieder thun. Wenn er mir ſeinen ſehnlichen Wunſch, mit Euch zu gehen, anvertraut hätte, ſo würde ich ihm wahrſcheinlich die Erlaubniß hiczu gegeben haben.“ Ich muß Sie nun verlaſſen, meine Lieben, und in's Fort zuruckkehren, ſagte Capitän Sinclair; ich denke aber, daß ich Sie in wenigen Tagen wieder ſe⸗ hen werde, doch muß ich den Erfolg unſerer Unterneh⸗ mungen und den Tod des armen Watkins melden. Wollen Sie mir wohl eines Ihrer Pferde leihen, Herr Campbell?⸗ „Recht gerne,“ verſetzte Herr Campbell,„Sie wiſſen, daß das Schiff von Montreal in einigen Ta⸗ gen erwartet wird, vielleicht bringen Sie uns Briefe mit, wenn welche angekommen find.“ Capitän Sinclair verließ, wie man ſich vorſtellen kann, ſeine Lieben ſehr ungerne, und in ein oder zwei Tagen kehrte die Familie wieder zu ihrer gewöhnlichen Beſchäftigung zuruck. Die Auswanderer hatten, wäh⸗ rend ſie auf dieſem Zuge abweſend waren, viel Ge⸗ traide eingebracht, und Alle waren nun emſig mit der Ernte beſ äftigt. „Wie glücklich ſind wir nun, Mary,“ ſagte Emma zu ihrer Schweſter, als ſie zum Fluſſe gingen und John zuſahen, welcher Forellen fing. „Ja, meine theure Emma, wir haben eine Lehre bekommen, welche, wie ich hoffe, uns unſere gegenwär⸗ tige Lage nicht bereuen laſſen wird. Das Ünglück, Die Anſiedler in Canada. 25 386 welches wir erfahren haben, lehrt uns, wie dankbar wir ſeyn müſſen. Wir haben nun nichts mehr von den Indianern zu fürchten, und ich fühle, daß ich mein Leben hier in Frieden und Dank zubringen könnte.“ „Aber nicht ohne Capitän Sinclair!“ „Nicht gerade ohne ihn; ich hoffe, es wird eine Zeit kommen, wo ich ihn für ſeine Geduld und für ſeine Liebe zu mir werde belohnen können, aber jetzt nicht, und mein Onkel und meine Tante ſollen beſtim⸗ men, wenn ich ſoll. Wo iſt Percival?“ „Er iſt mit Malachi in den Wald gegangen, die Flinte auf der Schulter, er iſt deshalb nicht wenig ſtolz. John iſt nicht eiferſüchtig darauf. Er ſagt, Percival möge mit der Flinte umgehen lernen, und den albernen Bogen und Pfeil wegwerfen. Glaubſt Du nicht, daß ſein Aufenthalt bei den Indianern ihn ganz verändert hat?“ „Sehr viel, er iſt männlicher und ſtiller, er ſcheint mehr zu denken, als zu ſprechen. Doch Heinrich kommt u uns, das Eſſen iſt fertig, und wir müſſen hungrige eute nicht warten laſſen.“— „Nein,“ antwortete Emma,„ſonſt müßte ich mich ſelbſt warten laſſen.“ — Vierzigſtes Kapitel. In das Fort zurückgekehrt, erzählte Capitän Sinc⸗ lair dem Oberſt, wie erfolgreich ihr Unternehmen ge⸗ weſen war, und wurde von ihm, der ſeine Verbindung mit Mary Percival erfahren hatte, herzlich beglück⸗ wünſcht. Die junge Otter, welche während der Ab⸗ weſenheit des Capitän Sinclair noch gefangen gehal⸗ ten worden war, wurde nun in Freiheit geſetzt, und der Oberſt, welcher gewahrte, daß der Capitän Sinc⸗ lair nach dieſen Ereigniſſen dringend wünſchte, einige Zeit auf der Anſiedlung zuzubringen, gab ihm ſehr 587 gütig einige Tage Urlaub, da er ihn ohnedies jetzt nicht nothwendig hatte. Zu gleicher Zeit ließ der Oberſt Herrn Campbell wiſſen, daß, ſobald die Fahrzeuge von Montreal angekommen ſeyn würden, er ſelbſt die an⸗ kommenden Briefe und Zeitungen überbringen und auch ſeine Glückwünſche perſönlich abſtatten würde. Capitän Sinclair kam, weil er mehrere Briefe, welche in ſeiner Abweſenheit gekommen waren, zu be⸗ antworten hatte, erſt nach drei Tagen vom Fort zurück. Bei ſeiner Ankunft auf der Anſiedlung fand er Alles wohl. Mary hatte ſich von ihrer Entzündung gänzlich erholt, und Alles ging wieder auf die frühere Art und Weiſe und ſo vor ſich, wie wenn dieſes Ereigniß gar nicht ſtattgehabt hätte. In der That ſchien auch der ganzen Geſellſchaft zu ihrem Glücke und Gedeihen nichts mehr nothwendig. Die Auswanderer, welche ſich Herrn Campbell angeſchloſſen hatten, waren fleißig, emſig, höflich und ſehr dienſtfertig. Sie bezeugten Herrn Campbell die größte Achtung, waren ihm mit Liebe und Güte zugethan, und unterſtützten ihn nach allen ihren Kräften. Obſchon das Gut nun ſich ſehr ver⸗ größert hatte, ſo war die Arbeit leicht für die vielen Hände, über welche man gebieten konnte. Der Stamm hatte ſich ſehr vermehrt. Der alte Graves hatte wäh⸗ rend der Abweſenheit Alfreds und Martins die Mühle beſorgt, und wollte ſich dieſem Geſchäfte auch ferner unterziehen, was Alfred ſehr freute. Kurz, Freud ad Ueberfluß herrſchten in der Anſiedlung, und Alfreds Worte— als er ſeinen Vater zu beſtimmen ſuchte, nach Canada zu gehen,— daß ſein Vater, wenn auch⸗ nicht reich, doch mit ſeinen Kindern unabhängig ſeyn werde, bewährten ſich. Nach drei Tagen kam Capitän Sinclair an; er wurde mit der größten Herzlichkeit empfangen, und als das Mittageſſen vorüber war, wendete ſich Herr Campbell an die Familie und ſagte: „Meine theuren Kinder, eure Mutter und ich ha⸗ ben uns über Einiges mit einander beſprochen, und 388 uns überzeugt, daß wir Gott ſo vielen Dank für ſeine uns bewieſene Güte und Gnade ſchuldig ſind, und daß es ſehr eigennützig wäre, wenn wir nicht auch unſerer Seits etwas thun würden, was zum Glück Anderer beitragen kann. Wir ſind nun unabhängig und haben die Ausſicht, es mit jedem Tage mehr zu werden; wir ſind nicht mehr auf uns allein beſchränkt, da wir von allen denen umgeben ſind, welche uns lieben und uns bei jeder Gelegenheit beſchützen. Kurz, wir leben in Ruhe und Sicherheit, und wir hoffen von der Vorſehung, daß wir es auch künftig ſeyn werden. Du, mein theu⸗ rer Alfred, haſt ſo großmüthig Deinem Stande, wel⸗ cher ſo vortheilhaft für Dich war, entſagt, um uns hier, in der Wildniß, zu unterſtützen, und wir kannten den Werth der Dienſte zu gut, um ſie nicht anzuneh⸗ men, obwohl wir das Opfer, welches Du uns gebracht haſt, vollkommen zu würdigen wußten. Wir wollen aber Deinen hülfreichen Arm und Dein edles Herz nicht länger mehr zurückhalten, da wir jetzt in keiner Wildniß mehr ſind; wir haben daher beſchloſſen, und es iſt unſere Pflicht, Dich nicht länger mehr Deinem Stande zu entziehen, ſondern Dich vielmehr zu bitten, zu demſelben zurückzutreten, Deine Laufbahn zu ver⸗ folgen. Wir hoffen zu Gott, daß ſie eben ſo glücklich als ehrenvoll für Dich ſeyn möge. Nimm unſern in⸗ nigſten Dank, mein lieber Sohn, für Deine Liebe zu uns, und betrachte Dich nun ſelbſt als frei, nach Eng⸗ land zurückzukehren und in den Dienſt wieder einzu⸗ treten, ſobald es Dir gefällt.“ „Und nun wende ich mich an Dich, meine theure Mary; Du und Deine Schweſter, Ihr beide, habt uns hieher begleitet, und ſeitdem geliebt und unermüdet unter vielen Entbehrungen uns beigeſtanden, die wir im Anfange zu ertragen hatten. Du, Mary, haſt einem verehrungswürdigen, verdienſtvollen Manne Liebe u Dir eingeflößt, aber demohngeachtet nie die geringſte Beigung gezeigt, uns zu verlaſſen; ja, wir kennen den . „* 389 Entſchluß, den Du gefaßt haſt. Deine Tante und ich halten es aber für Pflicht, Dir zu ſagen, daß Du Dich, ſo theuer Du uns auch biſt, nicht länger für uns auf⸗ opfern, ſondern ihn, der Dich ſo wohl verdient, glück⸗ lich machen ſollſt. Daß Du nicht mehr hier bleiben kannſt, iſt eine ausgemachte Sache. Deines künftigen Gatten Vermögen und ſeine Stellung erfordern, daß er nab England zurückgeht und ſich nicht länger in den Wäldern von Canada vergräbt. Du haſt daher unſere vollkommene Einwilligung, und ich muß ſagen, es wird uns viele Freude machen, wenn Du Deine Verbindung mit Capitän Sinclair nicht länger auf⸗ ſchiebſt und ihm als Gattin folgſt. Du magſt früher oder ſpäter gehen, ſo wird unſer Segen und unſer Gebet Dich begleiten, und Du wirſt die Ueberzeugung mit Dir nehmen, daß Du ſtets eine ſorgſame Tochter für uns warſt, und daß wir Dich ſo zärtlich liebten, wie Aeltern nur lieben können. Nehmen Sie ſie, Ca⸗ pitän Sinclair, aus meiner Hand mit unſerm Segen und unſern herzlichſten Wünſchen für Ihr Glück, wel⸗ ches, wie ich nicht zweifle, ſo groß ſeyn wird, als es in dieſer verkehrten Welt nur immer ſeyn kann. Eine gehorſame Tochter wird ſtets ein gutes Weib werden.“ 5 Mary, welche zwiſchen Mrs. Campbell und Capi⸗ tän Sinclair ſaß, fiel ihrer Tante weinend um den Hals. Herr Campbell reichte Capitän Sinclair die Hand, und dieſer drückte ſie ihm mit dem heißeſten Dank und innigſter Hingebung. Alfred, welcher bis jetzt noch nichts geſprochen hatte, ging zu ſeiner Mut⸗ ter und küßte ſie. „Ich wünſche, daß Du gehſt,“ ſagte ſeine Mut⸗ ter;„ich wünſche, daß Du wieder in die Dienſte gehſt, zu welchen Du Neigung haſt. Denke nicht anders, oder glaube nicht, daß Deine Abreiſe mir Kummer verurſachen werde.“ „Geh, mein Sohn“ ſagte Herr Campbell, ihm 390 die Hand ſchüttelnd,„und laß mich Dich als Schiffs⸗ capitän ſehen, bevor ich ſterbe.“ Mrs. Campbell nahm nun Mary mit in ein an⸗ ſtoßendes Zimmer, damit ſie ſich ſammeln möge, und Capitän Sinclair wagte es, zu folgen. Jedermann war zufrieden mit dieſer Eröffnung des Herrn Camp⸗ bell und Emma ſah ſehr ernſtlich drein. Alfred ge⸗ wahrte es und ſagte ihr: 1 „Emma, Du biſt ſehr ernſt bei dem Gedanken, Mary zu verlaſſen, und ich wundere mich nicht, daß es ſo iſt. Doch Du wirſt einen Troſt haben, wenn Du mich da laſſen wirſt, damit ich Dich noch länger plage, wie Du beſtändig ſagteſt.“ „Daran dachte ich nicht,“ rief Emma halb er⸗ zürnt.„Ja, Du warſt eine große Plage, und je eher Du gehſt....“ Emma endigte ihre Rede nicht und verließ das Zimmer, um zu ihrer Schweſter zu gehen. Nachdem Herr Campbell ſo ſeine Wünſche ausge⸗ ſprochen hatte, war Mary's Verbindung und Alfreds Rückkehr in den Dienſt während der nächſten Tage der fortwährende Gegenſtand der Unterhaltung. Es wurde beſtimmt, daß die Trauung Mary's in einem Monate. durch den Caplan des Forts, welcher zurückgekommen war, vorgenommen werde, und daß Capitän Sinclair mit ſeiner Gattin und Alfred gegen Ende Septembers die Anſiedlung verlaſſen ſollten, damit ſie in Quebec in der Zeit der guten Ueberfahrt und vor dem Winter ankommen. Es war ſchon in der letzten Woche des Auguſt's und daher bis zu ihrer Abreiſe nicht viel Zeit mehr übrig. Capitän Sinclair ging in das Fort zu⸗ rück, um den Oberſt von dem, was vorgegangen war, in Kenntniß zu ſetzen, und die nöthigen Vorkehrungen zu treffen, um einen Urlaub zu erhalten und nach Eng⸗ land zurückzukehren. Dieſer war durch ſeinen Einfluß auf den Gouverneur überzeugt, daß er den Urlaub er⸗ hyalte, und wenn er in England ſey, würde es ihm 3941 leicht ſein, zu quittiren, oder in ein anderes Regiment einzutreten. Da kein Krieg und keine Störung mehr in Ca⸗ nada zu befürchten war, ſo konn e dieſes Vorhaben, ohne eine Rüge befürchten zu müſſen, ausgeführt werden. Eine Woche ſpäter kamen die Schiffe von Mont⸗ real, und der Oberſt und Capitän Sinclair kamen auf die Anſiedlung und brachten Briefe und Zeitungen aus England mit. Nachdem Herr und Mrs. Campbell die Glück⸗ wünſche des Oberſten empfangen hatten, öffneten ſie mit ſeiner Erlaubniß ihre Briefe in Gegenwart der ganzen Familie, und alle waren begierig, die Neuig⸗ keiten zu vernehmen. Der erſte Brief, welchen Herr Campbell öffnete, machte zum Erſtaunen Aller einen unbeſchreiblichen Eindruck auf ihn. Er las einen Au⸗ genblick, fiel auf die Knie und ſchien im Zuſtande gänzlicher Zerſtörung zu ſeyn. „Keine ſchlimmen Neuigkeiten, wie ich hoffe, Campbell?“ ſagte ſeine Gattin ängſtlich, und alle Ueb⸗ rigen ſahen beſtürzt auf ihn. „Nein, theure Emilie, keine ſchlimme Neuigkeiten, aber ſehr unerwartete; wie ich ſie in meinem Leben nur einmal erhalten habe. Du erinnerſt Dich, obgleich Jahre verſtrichen ſind, noch jenes Brieſes, welcher mir in unſerm kleinen Speiſezimmer übergeben wurde 2 „Welcher Dich in Beſitz von Wexton⸗Hall ſetzte, Campbell?“ „Ja, dieſen meine ich, doch ich will Euch nicht länger in Zweifel laſſen. Dieſer iſt gerade das Sei⸗ tenſtück zu dem vorigen Briefe.“ Herr Campbell las nun folgendes: ... Den 7. Mai 18— „Verehrter Herr! „Es macht uns viel Vergnügen, Sie wieder zu benachrichtigen, daß Sie, ſo bald es Ihnen beliebt, zurückkommen und von Wexton⸗Hall Beſitz nehmen 39²2 können. Sie werden ſich erinnern, daß vor einigen Monaten Herr Douglas Campbell bei einem Rennen ſtürzte; man hielt es anfangs nicht für gefährlich, aber es zeigte ſich, daß das Rückgrat verletzt war, und nach Verfluß einiger Monate ſtarb er am 9. April. „Da Herr Douglas Campbell keine Nachkommen⸗ ſchaft hinterläßt, und Sie der nächſte Erbe ſind, ſo ſind Sie nun in dem unbeſtrittenen Beſitze der Güter, auf welche Sie vor einigen Jahren ſo willig verzi teten. Ich habe als Ihr Agent bei dem Hinſcheiden des Herrn Campbell das Nöthige beſorgt. Mrs. D. Camp⸗ bell hat ein hübſches Gut in dem Eigenthume, welches ihr nach dieſem Tode bleibt. Ihre Befehle erwartend, bin ich, theurer Sir, Ihr ergebenſter J. Harvey.“ „Herr Campbell, ich bringe Ihnen meine herzlich⸗ ſten Glückwünſche,“ ſagte der Oberſt, indem er auf⸗ ſprang und ihm die Hand reichte.„Sie haben ein ſolches Gluck verdient. Mrs. Campbell, ich muß auch Ihnen eiligſt meine Glückwünſche darbringen.“ Mrs. Campbell war anfangs vor Erſtaunen ſprach⸗ los, dann ſagte ſie: „Wir ſind in Gottes Hand und ſein Wille ge⸗ ſchehe. Wegen Dir und meinen Kindern ſoll ich mich freuen. Nun, da ich glücklich hier bin, nun da meine Kinder mir wieder gegeben ſind, ſo zweifle ich, ich eſtehe es, ob ich in Wexton⸗Hall glücklicher ſeyn werde. edenfalls werde ich dieſen Ort mit Bedauern verlaſ⸗ ſen. Wir haben zu viele Umgeſtaltungen des G ückes erlebt, Campbell, ſeit dem wir vereinigt ſind, um nicht die Erfahrung gemacht zu haben, daß Friede, Ruhe und Zufriedenheit glücklicher machen, als Reichthum.“ „ch fühle wie Du, Emilie, verſetzte Herr Camp⸗ bell.„Denn wir ſind alt geworden, und haben ge⸗ lernt, bei allen Zufällen dieſer vergänglichen Welt klug zu ſeyn. Unſere Kinder, glaube ich, denken an⸗ ders, und das wundert mich nicht.“ 4 — 395 „Ich werde nicht gehen,“ ſagte John,„man wird mich in die Schule ſchicken; nein, lein Schulmeiſter ſoll mich aushauen, iy bin ein Mann.“ „Mich auch nicht! rief Percival. Der Oberſt, Herr und Mrs. Campbell, als die Aelteren der Geſellſchaft, konnten ſich nicht enthalten, über die Aeußerung beider Knaben zu lächeln. Sie hatten ſich beide gefallen, den Mann zu ſpielen und es war augenſcheinlich, daß ſie für eine künftige Schul⸗ zucht ſehr ungeeignet ſeyn würden. Keiner von Euch ſoll in die Schule gehen,“ ver⸗ ſetzte Herr Campbell;„aber Ihr mußt Euch ſelbſt für eine Stelle im Leben fahig machen, Ihr müßt Euch ſelbſt prüfen, Euch entſchließen, was Ihr lernen wollt.“ Es iſt ſchwer, die Freude zu beſchreiben, welche Manche der Geſellſchaft bei der Ausſicht empfanden, jetzt nach England zuruckzukehren. Wahr iſt, daß Mary Percival bei dem Gedanken, nicht ſo fern von ihrem Onkel und ihrer Tante zu ſeyn, ſich freute, und daß es Emma in England aus Gründen, die ſie für ſich ſelbſt behielt, beſſer gefiel; aber es war nicht die Aus⸗ ſicht, in den Beſitz eines großen Gutes zu gelangen, was dieſe Freude bei einigen veranlaßte, und es war nicht ſowohl die Freude der Wiedererlangung ihrer Be⸗ ſitzung, was Herrn und Mrs. Campbell beſtimmte, nicht zu zögern, ſondern es war das Erkennen ihrer Pflicht, und darum wurden die Anſtalten zu ihrer Rückreiſe mit Alfred und Capitän Sinclair getroffen.“ John fuhr indeſſen immer noch fort, zu erklären, daß er nicht mitgehe, und Percival war derſelben Mei⸗ nung, obgleich er ſich nicht ſo beſtimmt darüber ausſprach. Als Herr und Mrs. Campbell allein waren, ſagte er zu ſeiner Gattin: „Ich weiß nicht, was mit John anzufangen iſt, er ſcheint ſo entſchloſſen in ſeiner Erklärung, nicht mit uns zu gehen, daß ich fürchte, er wird zur Zeit unſe⸗ rer Abreiſe in den Wald laufen. Er geht nun be⸗ ſtändig mit Malachi und Martin, und ſcheint ſich von ſeiner Familie zu trennen.“ „Da iſt ſchwer zu entſcheiden, Campbell. Ich habe ſchon mehr als einmal daran gedacht, es möchte beſſer ſeyn, ihn hier zu laſſen. Er iſt unſer jüngſter Sohn, Heinrich wird die Beſitzung erben, und wir müſſen für die andern aus unſeren Erſparniſſen ſorgen. Nun, dieſes Gut wird, bis John erwachſen ſeyn wird, nicht von unbeträchtlichem Werthe und, nach meinem Dafürhalten, keine üble Mitgabe für einen jüngeren Sohn ſeyn. Er ſcheint ſo an den Wäldern, und an dem Leben in der freien Natur zu hängen, daß ich fürchte, es möchte Ur⸗ ſache zu ſeiner beſtändigen Unzufriedenheit und zum fortwährenden Mißmuthe geben, wenn wir ihn nach England nehmen würden. Wenn es ſo iſt, welchen Vor⸗ theil und welchen Nutzen könnten wir aus ſeiner Rück⸗ kehr ſchöpfen? Das iſt ſchwer zu errathen.“ „Ich habe ſchon ernſtlich daran gedacht, ihn hier unter Malachis und Martins Aufſicht zu laſſen,“ ver⸗ ſetzte Herr Campbell. Er wird glücklich ſeyn, und nach und nach reich werden. Was kann er in England mehr erlangen? Aber Du mußteſt Dich vorher ausſprechen, meine theure Emilie, denn ich kenne die Muttergefühle und ehre ſie. „Ich kann nicht allein beſtimmen, mein lieber Mann, ich will zuvor mit John ſprechen, und mit Alfred und Heinrich mich berathen.“ Das Reſultat ihrer Unterredung mit ihren Söhnen war, daß John in Canada unter Aufſicht Martins und Matachis, welche die Verwaltung des Gutes und die Auſſicht über ihn ſühren würden, bleiben ſolle. Martin ſollte die Verwaltung des Gutes übernehmen, Malachi ſein Gefährte in den Wäldern ſeyn, und der alte Gra⸗ ves, welcher der Mühle vorſtand, machte ſich verbindlich, die Correſpondenz mit Herrn Campbell zu unterhatten, und ihn von Allem, was vorging, in Kenntniß zu ſetzen. Als dieſes beſtimmt worden war, trug John ſeinen — — 395 Kopf zwei Zoll höher und verſprach, daß er der Mutter ſelbſt ſchreiben wolle. Der Oberſt, nachdem er dieſe Anordnung erfahren hatte, verbürgte ſich ſelbſt, daß er, ſo lange er Commandant im Fort ſeyn werde, nicht nur auf John, ſondern auf das ganze Gut ein wachſames Auge haben wolle, und daß er Herrn Campbell gele⸗ genheitlich von Allem benachritttigen werde. Einen Monat nach Empfang dieſes Briefs ſchiffte ſich die ganze Familie, mit Ausnahme Johns, auf zwei Fahrzeugen ein, kam nach Montreal, wo ſie ſich ein paar Tage aufhielt, und von wo ſie nach Quebee reiſte. In Quebee hatte ihr Agent bereits alle Cajüten eines der ſchönſten Schiffe für ihre Ueberfahrt gemiethet, und nach Verlauf von ſechs Wochen befanden ſie ſich in Liverpool, von wo ſie ſich mit der Poſt nach Wexton⸗ Hall verfügten; Mrs. Douglas Campell hatte ſich auf ihr eigenes Gut in Schottland zurückgezogen. Wir haben nun unſere Erzählung geendigt, und unſern Leſern nur noch zu ſagen, was ſich weiter mit der Familie Campbell zugetragen hat. Heinrich ging nicht auf die Univerſität zurück, ſon⸗ dern blieb bei ſeinem Vater und ſeiner Mutter auf Hall, indem er ſeinen Vater in der Verwaltung der Be⸗ ſitzung, welche ihm einſt zufiel, unterſtützte. Alfred wurde auf einem Schiffe, welches Capitän Lumley commandirte, angeſtellt. Er wurde bald be⸗ fördert und überall als ein ſtattlicher und gewandter Offizier ausgezeichnet. Vier Jahre nach ſeiner Rückkehr nach England heirathete er ſeine Couſine Emma— was den Leſer nicht wundern wird. Mary Percival vermählte ſich mit Capitän Sinclair, welcher ſeine Entlaſſung nahm, und ſich auf halben Sold ſetzen ließ, um auf ſeinen Gütern in Schottland zu leben. Percival beſuchte das Colleg, und kam als ein ſehr tüchtiger Rechtsgelehrter zurück. John blieb in Canada bis er zwanzig Jahre alt 596 war, und dann ging er nach England, um ſeinen Va⸗ ter und ſeine Mutter wieder zu ſehen. Er war ſechs Schuh und vier Zoll hoch aufgeſchoſſen, aber im Ver⸗ hältniß zu ſeiner Größe ſtark. Er galt für einen ſehr unterhaltenden Geſellſchafter, wußte eine Menge zu er⸗ zählen, ſein Lieblingsthema aber war die Jagd. Die Anſiedlung war gut verwaltet; vie Auswanderer hatten zur Verſchönerung und Verbeſſerung derſelben beige⸗ tragen. Die Erdbeere hatte Martin mit drei kleinen Pa⸗ pooſes(wie vie Indianer ihre Kinder nennen) beſchenkt. Malachi war zu aft geworden, um noch häufig in den Wald zu gehen, ſetzte ſich im Winter an das Feuer, und wärmte ſich im Sommer vor der Thüre des Hauſes in der Sonne. Oscar war todt, aber ſie hatten einige ſchöne, junge Hunde von ihm nachgezogen. Herr Camp⸗ bell gab John, als er zurückkehrte, die Verſchreibung des Gutes in Canada mit, und bald hernach ſuchte ſich derſelbe ein Canadiſches Weibchen zu Quebec aus, wel⸗ ches ihn ganz glücklich machte. Herr und Mrs. Campbell erreichten ein hohes Alter, wurden, ſo lange ſie lebten, verehrt, und bei ihrem Tode beweint. Sie hatten Glück und Unglück kennen gelernt, und in allen Ereigniſſen ihres Lebens ſo ehren⸗ werthen Sinn gezeigt, daß ſie ſich weder vor dem einen erhoben, noch vor dem andern ſich ſchmiegten. Sie wußten, daß dieſe Welt nur eine Welt der Prüfung und der Vorbereitung zu einer andern iſt; ſie erfüllten daher in jeder Lage ihres Lebens ihre Pflicht und, ſtets bereit, wenn es Gott gefallen ſollte, ſie abzurufen,— bewieſen ſie in allen ihren Handlungen, daß ſie ſich ſtets ihrer Pflichten gegen Gott und gegen ihren Nächſten erinnerten. Sie lebten und ſtarben(wie hoffentlich auch alle meine Leſer thun wollen) als wahre und gute Chriſten! Zur Nachricht! Im belletriſtiſchen Auslande, von C. Spind⸗ ler herausgegeben, ind neben vielen andern Werken erſchienen: Sämmtliche Werke 4 1 von Frau Emilie Flygare⸗Carlén, welche in Schweden wie in Deutſchland mit derſelben Begeiſterung und Begierde verſchlungen werden, wie die Schriften von Fraͤulein Friederike Bremer. Folgende Romane ſind bis jetzt von dieſer beruͤhmten Dichterin in Schweden erſchienen und werden von uns in vortrefflicher deutſcher Ueberſetzung geliefert: Waldemar Klein. Die Kircheinweihung von Guſtav Lindorm; Hamarby. oder:. Der Profeſſor und ſeine Führe uns nicht in Ver- Schützlinge. ſuchung! Der Kammerer Laßmann Die Roſe von Tiſtelön. als alter Junggeſell u. ſ. w. Das Fideikommiß. Paul Wärning, Abenteuer „Jvar der Stiutsjunge. Der Stellvertreter. Die Milchbrüder. eines Scheerenjungen. Sämmtliche Werke von Frederika Bremer. Von dieſer genialen und liebenswürdigen Dichte⸗ rin find bis jetzt nachſtehende Romane in trefflicher deutſcher Ueberſetzung im belletriſtiſchen Aus⸗ lande erſchienen: Die Töchter des Präſi⸗ Das Haus, oder Fami⸗ denten, 2 Bde. lienſorgen und Familien⸗ Nina, 5 Bde. freuden, 5 Bde. Die Nachbarn, 5 Bde. Die Familie H., 2 Bde. Streit und Friede, oder Ein Tagebuch, 4 Bde. Scenen aus Norwegen, 4 2 Bde. ſſſſſſſſſſſſiſſſſſſſſiiniſnſanſnſnnennnſnaene:aam 8 9 10 11 12 13 14 15 16 1