Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 5 on 4 3 3 v Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Leih- und Leſebedingungen. ensein der Bibliothek. Die Bibliothek eſteht zur Em⸗ me und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens hr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſe den angenomme n. 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe rrlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ird 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und trägt: r wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-enee——— 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. auch dafür zu ſtehen haben. e —2 V 1 — — —— — A7 / 7 Denkwürdigkeiten der Markiſe von Pompadour, enthaltend die Urſachen der Kriege und der Friedensſchlüſſe, die Geſandtſchaften 3 4 und Unterhandlungen an den verſchiedenen Höfen Europa's, die heimlichen Umtriebe und Ränke der Miniſter, den Charakter der 3 Generale und Staatsminiſter, ſo wie den Grund ihrer Erhebung 4 und ihres Sturzes, und überhaupt alles dasjenige, was ſich von der Zeit der Erhebung der Markiſe von Pompadour zur erſten Maitreſſe des Königs an, bis zu ihrem Tode, oder vom Jahre 4 1745 bis 1764 unter der Regierung Ludwigs XV. Merkwürdiges er⸗ eignet hat. 5 4. 4 7 f Aus dem Franzöſiſchen uͤberſetzt von F. A. Menadier. —— Erſter Theil. . —ꝭ—ꝭ—ÿ—ꝭ—ꝭOK—Kꝑꝭ—Q˖e˖⁊——A2:— —— ͦd— Braunschweig, bei G. C. E. Meyer.. 1 8 † 0. * —— 0 0000 Vorrede des franzoͤſiſchen Herausgebers. — Wir liefern hier ein Buch, das fuͤr unſer Zeitalter ſehr anziehend ſeyn wird und es fuͤr die Nachwelt noch mehr zu werden verſpricht. Dieſe Denkwuͤrdigkeiten enthalten nicht die Begebenheiten einer Buhlerin, welche lange Zeit hindurch in der Mitte eines wolluͤſtigen Hofes gelebt hat, ſondern die Geſchichte einer, durch ihre Umwaͤlzungen, ihre Kriege, ihre Raͤnke, ihre Verbindungen und ihre Unter⸗ handlungen merkwuͤrdigen Regierung, deren Fehler ſelbſt ein, der Staatsmaͤnner wuͤrdiges Schauſpiel bilden, weil ſie dazu beigetragen haben, den Angelegenheiten von Europa eine andere Wendung zu geben. Die Frau, welche das Gemaͤlde derſelben liefert, verſtand die Kunſt, es auszuſchmuͤcken. — IV— Diejenigen, denen Mamſell Poiſſon vor und nach ihrer Verheirathung mit Herrn le Normand perſoͤnlich bekannt war, wiſſen, daß ſie viel von dem Geiſte beſaß, der nur einer geringen Ausbildung dedarf, um das zu wer⸗ den, was man Genie nennt. Der Koͤnig rief ſie in jenem Alter des Feuers und des Verlangens an den Hof, wo die Leidenſchaften zugleich das Herz verderben und den Geiſt verfeinern. Die Umgebungen der Faͤrſten ſind faſt alle uͤber die gewoͤhnlichen Menſchen erhaben. Sie beſitzen Faͤhigkeiten und Einſicht, denn nie findet ſich der Ehrgeiz ohne eine Art von Geiſt, und am Hofe iſt, ſeltene Faͤlle ausge⸗ nommen, Jedermann ehrgeizig. Beſitzt ein Fuͤrſt eine Geliebte, ſo verei⸗ nigen ſich die Hofleute mit ihr. Sie bemuͤ⸗ hen ſich ſogleich, ſie zu unterrichten, denn da ſie ſich ihres Einfluſſes bei dem Fuͤrſten be⸗ dienen wollen, ſo muß ſie nothwendig von dem Zuſammenhange vieler Dinge in Kenntniß geſetzt werden. Man kann ſagen, daß ſie ihre Einſicht aus der erſten Hand empfaͤngt, und ihren Unterricht aus der Quelle ſelbſt ſchoͤpft. Ludwig XV. vertrauete der Frau Mar⸗ —— kiſe von Pompadour die wichtigſten Angele⸗ genheiten der Krone an, ſo daß, wenn ſie nicht den Verſtand beſeſſen haͤtte, welchen man in Paris an ihr kannte, ſie ſich denſel⸗ ben in Verſailles erworben haben wuͤrde. Ihre Talente rechtfertigten ſie nicht vor der Welt. Nie war eine fuͤrſtliche Geliebte mehr dem Murren und ſelbſt Vorwuͤrfen aus⸗ geſetzt. Man darf nur in ihren Denkwuͤrdig⸗ keiten leſen: ſie hatte Feinde, welche ſie der groͤßten Laſter beſchuldigten, und ihr nicht den Beſitz der geringſten Tugend zugeſtanden. Die vorzuͤglichſte Klage traf die Unordnung im Finanzweſen, die man ihrer Liebſchaft mit dem Koͤnige zuſchrieb. Die, welche der Frau von Pompadour vorgeworfen haben, daß ſie Ludwig XV. zu großen Ausgaben verleitet haͤtte, haben dieje⸗ nigen vergeſſen, welche von den Geliebten ſei⸗ ner Vorgaͤnger dem Staate verurſacht ſind. Frau von la Valiere veranlaßte Lud⸗ wig XIV., ehe ſie noch ſeine erklaͤrte Geliebte war, Feſte zu geben, die der Monarchie mehr koſteten, als die Frau Markiſe von Pompa⸗ dour je im Vermoͤgen hatte.— Frau von Montespan verleitete dieſen —— ————— —— Fuͤrſten zu ungeheuren Ausgaben; dieſe Beguͤn⸗ ſtigte trat mit dem Prunke einer Koͤnigin auf, und hatte ſogar Garden in ihrem Ge⸗ folge. Die Wittwe des Dichters Scarron trieb den Hochmuth und den Prunk noch weiter: ſie bewirkte, daß der Koͤnig ſie heirathete, und von einer Beiſchlaͤferin wurde ſie Koͤnigin; eine Unanſtaͤndigkeit, die auf immer das An⸗ denken an dieſen Fuͤrſten beflecken wird. Aus dieſen ungeſetzmaͤßigen Haͤndeln er⸗ wuchs dem Hofe eine Unehre, die man keines⸗ weges der Frau von Pompadour zum Vor⸗ wurfe machen kann. Alle jene Beiſchlaͤferin⸗ nen, welche dem Reiche Kinder gaben, beſaßen 4 die Eitelkeit, ſie fuͤr rechtmaͤßig erklaͤren zu aaſſen, und dann die, dieſe Soͤhne und Toͤch⸗ ter der Liebe, an Prinzen vom Gebluͤte zu verheirathen, wodurch die mit der Krone ver⸗ wandten Haͤuſer veraͤchtlich wurden. Denn ein Monarch kann wohl ein uneheliches Kind fuͤr rechtmaͤßig erklaͤren, es ſteht aber nicht in ſei⸗ ner Macht, die Schande aufzuheben, welche mit einer unehelichen Geburt verbunden iſt. Daraus entſtand die Folge, daß die Abkoͤmm⸗ linge dieſer ungeſetzlichen Fruͤchte Anſpruͤche —— mmnnnnn—— .— — — — VII— auf den Thron machten, und daß die aͤrger⸗ lichen Liebſchaften des Koͤnigs dem Laſter ei⸗ nen Glanz verleihen konnten, der nur der Tugend gebuͤhrt. Man hat in Frankreich und in den uͤbri⸗ gen Laͤndern Europa's verbreitet, die Frau von Pompadour habe ungeheure Schaͤtze be⸗ ſeſſen. Bei ihrem Tode iſt dieſer unermeßliche Reichthum verſchwunden, und nichts geblieben, als ein praͤchtiger Hausrath, ein Prunk, der mehr Folge ihres Ranges bei Hofe, als ihrer Eitelkeit war. Der Koͤnig, der ſie taͤglich be⸗ ſuchte, bediente ſich deſſelben, und theilte ihn mit ihr. Der große Haufen iſt faſt immer ein ſchlechter Beurtheiler der Perſonen, welche in einem ausgezeichneten Range bei Hofe ſtehen; er urtheilt gewoͤhnlich nach leeren Reden, die ſich nur auf Vorurtheile gruͤnden. Man hat behauptet, daß Frau von Pompadour eine ungemeſſene Begierde beſeſſen habe, ſich zu bereichern. Haͤtte hierin ihre Leidenſchaft wirk⸗ lich beſtanden, ſo war nichts leichter, als ſie zu befriedigen, denn ſie befand ſich an der Quelle der Reichthuͤmer. Der Koͤnig verſagte ihr nichts, ſie konnte daher ſo viel Schaͤtze — VIII— anhaͤufen als ſie wollte, und doch that ſie dieß gerade nicht. Es giebt jetzt in Frank⸗ reich 50000 ungluͤckliche Steuerpaͤchter, deren Vermoͤgen bei weitem groͤßer iſt, als das ihrige war. Man ſetzte hinzu: das groͤßte Gluͤck, wel⸗ ches Frankreich widerfahren koͤnne, beſtehe darin, von dieſer Guͤnſtlingin befreit zu wer⸗ den. Frau von Pompadour iſt todt: Iſt man deßhalb jetzt beſſer daran? hat man in der Regierung jene ploͤtzliche Veraͤnderung eintreten ſehen, die eine beſſere Art der Verwaltung ankuͤndigt? Haben die, welche die Beguͤnſtigung jener Frau fuͤr ein unuͤberſteig⸗ liches Hinderniß der Groͤße Frankreichs an⸗ ſahen, beſſere Mittel dazu vorgeſchlagen, um das Reich aus der untergeordneten Lage, in der es ſich befand, zu heben? Herrſcht jetzt eine groͤßere Ordnung, eine beſſere Zuſammen⸗ wirkung und mehr Sparſamkeit im Staate? Nein: noch dieſelbe Unordnung iſt in den Geſchaͤften. Die Abgeſpanntheit dauert fort. Das Miniſterium, das vor dem Tode der Frau von Pompadonr ſchlief, iſt noch nicht erwacht. Alles iſt noch beim Alten. Es giebt in Europa Regierungen, die keinen regelmaͤ⸗ — n — IX— ßigen Gang haben: ſie gehen zu geſchwind, oder zu langſam, die Bewegung iſt zu reißend oder zu ſchleppend. 8 Zur Zeit jener Favoritin gab es zu haͤu⸗ fige Veraͤnderungen in der Regierung, jetzt, da ſie nicht mehr lebt, fallen deren gar keine vor. Wir wollen dieſer Frau hier keine Trauer⸗ rede halten. Sie hatte Fehler, welche bei der Nachwelt ihr ſtets zum Vorwurfe gereichen werden. Man hat ſie fuͤr alles Ungluͤck ver⸗ antwortlich gemacht, wovon Frankreich betrof⸗ fen iſt, es waͤre ihre Sache geweſen, ſich zu⸗ ruͤckzuziehen: man iſt einer Nation Ruͤckſich⸗ ten ſchuldig, man muß ſie ſelbſt bei ihren Vorurtheilen achten. Wenn Frau von Pom⸗ padour Weltbuͤrgerin geweſen waͤre, ſo haͤtte ſie den Hof verlaſſen, und durch dieſen Ruͤck⸗ zug ſich der Gunſt wuͤrdig gezeigt, die man ihr vorwarf. Aber ſie hatte eine zu kleinliche Seele, um einen ſo erhabenen Entſchluß zu faſſen. Sie beſaß jene Weisheit nicht, die, indem ſie den Prunk verachten lehrt, an den Thron feſſelt, und uͤber ſelbigen erhebt. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß, als dieſe Frau ſich entſchloß, ihre Denkwuͤrdigkeiten und ihr Teſtament zu ſchreiben, ſie mit dem Vor⸗ ———— ſatz umging, ſelbige gehoͤrig auszuarbeiten, und daß der Tod ſie vor deſſen Ausfuͤhrung uͤberraſcht hat. Sie ſchrieb in der Eile Bruch⸗ ſtuͤkke, ohne Folge und Zuſammenhang. Die Papiere, welche ſie enthalten, waren ſehr zahl⸗ reich, mitunter ſogar weitlaͤufig, wie gewoͤhn⸗ lich die zu einem Buche beſtimmten Materia⸗ lien, wenn es wahr iſt, daß ſie daraus ein ſolches hat zuſammentragen wollen. Wir waren genoͤthigt rechts und links abzuſondern, und uns mitten durch eine Fluth von Schriften, Bahn zu machen, was eine eben ſo lange als beſchwerliche Arbeit erfordert. Man kann annehmen, daß Frau von Pompadour bei dieſem Werke der Huͤlfe eines Staatsmanns, der die Sache verſtand, genoß. Wie dem auch ſey, wir werden es ſo mitthei⸗ len, wie wir es in ihren Original⸗Manuſecrip⸗ ten gefunden haben. 90000 90 9000000 Denkwuͤrdigkeiten der Markiſe Pompadour. Nicht die Geſchichte meines Lebens allein gedenke ich zu ſchreiben; meine Abſicht geht weiter, ich will es ver⸗ ſuchen, das Gemaͤlde des franzoͤſiſchen Hofes unter der Regierung Ludwigs XV. zu entwerfen. Die geheimen Denkwuͤrdigkeiten einer fuͤrſtlichen Geliebten ſind an ſich nicht anziehend, aber es iſt nicht gleichguͤltig, den Charakter des Fuͤrſten, der ſie zu ſeiner Gunſt erhob, die Raͤnke ſeiner Regierung, den Geiſt der Hofleute, die Schliche der Miniſter, die Abſichten der Großen, die Entwuͤrfe der Ehrgeizigen, mit einem Worte, alle die verborgenen Triebfedern kennen zu lernen, welche die Staatsklugheit ſeiner Zeit in Bewegung geſetzt haben. Selten urtheilt das Publikum richtig uͤber die Vorgaͤnge im Cabinete. Es hoͤrt, daß der Koͤnig Armeen marſchiren laͤßt und Schlachten gewinnt oder verliert, und daruͤber ſpricht es nach ſeinen eigenthuͤm⸗ lichen Vorurtheilen ab. I. 4 1 Die Geſchichte iſt nicht viel genauer. Im Allge⸗ meinen ſind die Geſchichtſchreiber nur der Wiederhall der ffentlichen Irrthuͤmer. Es iſt keineswegs meine Abſicht, dieſe Denkwuͤr⸗ digkeiten bei meinem Leben bekannt zu machen, aber wenn ſie nach meinem Tode oͤffentlich erſcheinen wer⸗ den, ſo wird die Nachwelt darin ein getreues Gemaͤlde der, unter meinen Augen ſtattgehabten Verwaltung fin⸗ . den. Ohne meinen Aufenthalt in Verſailles wuͤrden die Begebenheiten unſerer Zeit vielleicht fuͤr die Nachwelt ein Naͤthſel ſeyn. Die Ereigniſſe ſind ſo verwickelt, ſie widerſprechen ſich ſo haͤnſig, daß es unmoͤglich iſt, ſie zu entwickeln, wenn man nicht den Schluͤſſel dazu beſitzt. Die Miniſter und uͤbrigen Staatsbeamten kennen ſelbſt nicht immer die Mittel, die ſie zur Erreichung gewiſſer Zwecke in Bewegung ſetzen. Ein Bevollmaͤch⸗ tigter, zum Beiſpiele, weiß wohl, daß er einen Frie⸗ densvertrag unterzeichnet, aber ihm ſind die Gruͤnde unbekannt, welche den Koͤnig zur Beendigung des Krie: ges bewogen. Jeder Staatsmann bildet ſich ein Syſtem auf ſeine Weiſe. Die Beobachter haben Frankreich oft Plaͤne zugeſchrieben, die es uͤberall nicht hatte. Man hat ihm unendlich viel Anſchlaͤge zugetrauet, die nie in ſeinem Plane lagen. Ein Miniſter eines gewiſſen Hofes ſagte mir vor Kurzem zu Verſailles, daß die beiden letzten Kriege in Deutſchland, welche Frankreich ſo viel Blut und 300 8 Millionen gekoſtet haben, ein Streich der feinſten 2 Staatsklugheit dieſes Jahrhunderts waͤren, indem dieſe Krone auf ſolche Weiſe die Macht der Koͤnigin von Ungarn ganz unvermerkt und ohne daß der Staatskoͤr⸗ per von Europa es gewahr geworden ſey, geſchwaͤcht habe; denn, fuͤgte er hinzu, wenn dieſe Krone nach dem Tode Carls VI. alle ihre Kraͤfte offen gegen Oeſter⸗ reich entwickelt haͤtte, ſo wuͤrden die General⸗Staaten ſich gegen ſie erklaͤrt haben, wogegen ſie ſelbige durch fortwaͤhrende kleine Kaͤmpfe und wiederholte Verluſte geſchwaͤcht hat. Die Aufnahme einer ſolchen Anekdote in die Jahr⸗ buͤcher unſers Jahrhunderts, waͤre hinreichend, den Haupipuakt der Geſchichte zu entſtellen. Die Wahrheit iſt, daß diejenigen, welche Frankreich waͤhrend jener bei⸗ den Kriege regierten keine Klugheit beſaßen. Man wird hier alle geringfuͤgige Umſtaͤnde ver⸗ meiden, die nicht fuͤr den Staat von Bedeutung ſind; ich ſchreibe mehr die Geſchichte der Zeit Ludwigs XV., als die meines Privatlebens. Die Geliebte eines Koͤ⸗ nigs gehoͤrt nur der Zeit an, wo Letzterer lebte, aber die Wahrheit iſt das Eigenthum aller Jahrhunderte. Noch weniger darf man hier ein vollſtaͤndiges Tagebuch von den Liebſchaften Ludwigs XV. erwarten. Der König hatte waͤhrend meines Aufenthaltes in Ver⸗ ſailles, viele voruͤbergehende Liebſchaften gehabt, er verſtand ſich mit mehreren Frauen, aber dieſe haben durchaus keinen Antheil an den oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten beſeſſen. Ihre Herrſchaft fing gewoͤhnlich in den „ und hoͤrte auch Haſelbſt auf. Armen des Koͤnigs an, Derxgleichen, der menſchlichen Natur anklebende Schwa⸗ 1* behalten, den Nuf derjenigen Perſonen, die einen aus⸗ chen gehoͤren eher in die Geſchichte des Privatlebens eines Koͤnigs, als in die ſeines Staatslebens. Ich werde zwar zuweilen davon reden, aber nur beilaͤufig. Von meinen Vorfahren ſchweige ich. Durch die beſon⸗ dere Gnade, mit der Ludwig XV. mich beehrt hat, iſt meine Abkunft an das Tageslicht befoͤrdert; ein Mo⸗ narch, der eine Frau auf den Gipfel der Groͤße erhebt, enthuͤllt dadurch die ſchwachen Stellen ihrer Herkunft. Man hat die Geſchichte der Welt uͤberſehen, um das zu etwas Beſonderm zu machen, was in der Welt faſt beſtändig allgemein geweſen iſt. Die roͤmiſchen Kaiſer erhoben oft Frauen von nie⸗ drigerer Geburt, als die meinige, zu ihrer Gunſt; aber ohne ſo weit zuruͤckzugehen, finden wir in der Geſchichte unſerer Koͤnige eine Menge aͤhnlicher Beiſpiele. Die Wittwe des Dichters Scarron ſtieg noch um einen Grad hoͤher, als ich, auf den Thron von Frankreich, und war keinesweges durch ihre Geburt dazu berech⸗ tigt. Zwar war ſie die Tochter eines Edelmanns, aber der Thron iſt fuͤc alle Frauen, die nicht geborne Prin⸗ zeſſinnen ſind, gleichweit entfernt. Man hat eine Menge kraͤnkender Anekdoten uͤber diejenigen, denen ich mein Leben verdanke, zum Be⸗ ſten gegeben. Ja, ein elender Schreiber, der ſich nicht genannt hat, iſt noch weiter gegangen, und hat ein abſcheuliches Buch, unter dem Titel einer Geſchichte meines Lebens, heraus egeben. Der Herr Graf von Affry ſchrieb mir aus dolland, daß dieſes Machwerk aus England herſtamme. Den Englaͤndern iſt es vor⸗ ——— gezeichneten Rang am franzoͤſiſchen Hofe einnahmen, zu ſchaͤnden. Dies iſt, wie man ſagt, ein Vorrecht der daſigen Regierungsmaͤnner, um den Haß zwiſchen bei⸗ den Nationen zu unterhalten. Obgleich mein Vermoͤgen nur mittelmaͤßig war, ſo wurde doch meine Erziehung nicht vernachlaͤſſigt. Man hielt mir Lehrer, welche mich im Tanzen, in der Muſik und im muͤndlichen Vortrage unterrichteten, und dieſe geringen Fertigkeiten ſind mir in der Folge zu den groͤßten Dingen nuͤtzlich geweſen. Ich legte mich auch auf das Leſen, und las beſonders die Schrif⸗ ten einer Frau von Villedieu. Es gereichte mir zu einem außerordentlichen Vergnuͤgen, ihr Gemaͤlde des roͤmiſchen Reiches zu leſen, und zu erfahren, daß die groͤßten Veraͤnderungen in der Welt ihren Urſprung in der Liebe gehabt haben. Nachdem ich alle Fertigkeiten, die eine junge Per⸗ ſon meines Geſchlechts auszeichnen koͤnnen, erlangt hatte, wurde ich an einen Mann verheirathet, den ich nicht liebte. Dieſem Ungluͤcke folgte ein anderes, groͤße⸗ res, und zwar, daß dieſer Mann mich liebte. Ich nenne dies ein Ungluͤck, denn ich kenne durchaus kein groͤßeres auf der Erde. Eine Frau, die von einem Manne, den ſie ohne Liebe geheirathet hat, nicht ge⸗ liebt wird, erfreut ſich wenigſtens ſeiner Gleichguͤltigkeit. Waͤhrend der erſten Jahre meiner Ehe ſprach man in Paris viel von den Liebeshaͤndeln des Koͤnigs. Seine voruͤbergehenden Liebſchaften gaben allen Frauen, die hinlaͤngliche Reize beſaßen, Anſpruͤche auf ſein Herz. 5e 1 ———— Die Stelle einer Geliebten Ludwigs XV. war oft erledigt. Alle Leidenſchaften in Verſailles hatten das Anſehen von Ausſchweifungen. Die Liebe erkaltete in dieſer Gegend bald, weil ſie ſich auf den Genuß be⸗ ſchraͤnkte. Das Zartgefuͤhl war vom Hofe verbannt, der ganze empfindſame Auftritt fand nur im Schlaf⸗ zimmer des Fuͤrſten Satt. Oft legte ſich der Koͤnig mit einem Herzen voll Liebe nieder, und am andern Morgen ſtand er voll Gleichguͤltigkeit auf. Dieſe Vorſtellung machte mich zittern, denn ich geſtehe, daß ich ſchon den Plan entworfen hatte, mir die Liebe dieſes Fuͤrſten zu erwerben. Ich fuͤrchtete, daß ein an 8 voruͤbergehende Liebſchaften gewoͤhntes Herz nicht mehr fuͤr Beſtaͤndigkeit empfaͤnglich ſeyn möchte. Ich erroͤ⸗ thete im Voraus daruͤber, mich einer Neigung zu uͤberlaſſen, die keine andere Spuren, als die kurze Be⸗ friedigung der Sinnlichkeit zuruͤcklaſſen wuͤrde, aber mein Plan war entworfen.. Ich hatte den Koͤnig oft in Verſailles geſehen, ohne von ihm bemerkt worden zu ſeyn. Seine Blicke waren den meinigen nirgends begegnet. Meine Augen hatten ihm viel zu ſagen, aber ſie konnten nie zu ihm reden. Endlich ſah ich den Monarchen und unterhielt mich mit ihm zum erſten Male. Es iſt mir unmög⸗ lich, das, was bei dieſer erſten Zuſammenkunft in mir vorging, zu beſchreiben; Furcht, Hoffnung, Bewunde⸗ rung erfuͤllten wechſelsweiſe meine Seele. Ich war Anfangs beſtuͤrzt, aber der Koͤnig beruhigte mich. Lud⸗ wig XV. iſt der leutſeligſte Prinz ſeines Hofes. Sein Nang ſetzt bei einer Unterredung unter vier Augen Niemanden in Verlegenheit; er iſt dann 1000 Meilen vom Throne entfernt. Ein guͤtiges und aufrichtiges Weſen ſpricht aus allen ſeinen Bewegungen, und er macht, daß man in ihm den Koͤnig vergißt und nur den redlichen Mann erkennt, Unſere Unterhaltung hatte fuͤr mich tauſend Reize: der Koͤnig gefiel mir und ich ihm. Er hat mir nach⸗ her geſtanden, daß er mich gleich von dieſer erſten Zu⸗ ſammenkunft an geliebt habe. Wir kamen dabei uͤberein, daß wir uns heimlich im Schloſſe von Ver⸗ ſailles ſehen wollten; man wollte gern, daß ich daſelbſt 1 eine Wohnung beziehen ſollte, man beſtand ſelbſt dar auf, aber ich bat um Erlaubniß, noch einige Zeit unerkannt bleiben zu duͤrfen, und da der Koͤnig der hoͤflicſſte Mann in ſeinem Reiche iſt, ſo gab er mei⸗ nen Bitten nach. Bei meiner Ruͤckkehr nach Paris ſtieg eine tauſendfache Unruhe in mir auf. Das menſch⸗ liche Herz iſt ein wunderliches Ding! Wir empfinden die Wirkungen der Begierden, ohne ihre Veranlaſſung zu kennen. Ich bin ſelbſt noch ungewiß, ob ich den Koͤnig ſchon von der erſten Unterredung an liebte. Ich weiß, daß ich in jenem Augenblicke viel Vergnuͤgen empfand, aber das Vergnägen iſt nicht immer eine Folge der Liebe. Es entſtehen in uns eine Menge andere Lei⸗ denſch ften, welche dieſelbe Wirkung hervorbringen koͤnnen. unſer heimlicher Verkehr hatte fuͤr mich tauſend Reize: ich wundere mich nicht daruͤber, daß Frau von la Valiere im Anfange ihrer Liebſchaft mit Ludwig XV. ein ſo großes Vergnuͤgen darin fand, allein die Zunei⸗ gung dieſes Fuͤrſten zu genießen; aber endlich verlangte der Koͤnig, daß ich einen feſten Aufenthalt in Verſail⸗ les nehmen ſollte, und ich ergab mich in ſeinen Willen. Ich erſchien zum erſten Male am Hofe. Die Buͤcher enthalten nur ein ſchwaches Bild von dem, was auf dieſem Schauplatze vorgeht. Ich glaubte Men⸗ ſchen von einer andern Gattung zu ſehen. Die Sitten, das Benehmen, die Gebraͤuche ſind nicht die gewoͤhn⸗ lichen; in Verſailles kleidet man ſich anders, bedient man ſich anderer Ausdruͤcke und ſpricht man anders, als in Paris. Jeder Hofmann beſitzt, außer ſeinem eigenthuͤmlichen Charakter, einen andern, den er ſich ſelbſt bildet, und vermoͤge deſſen er ſeine Rolle ſpielt. In der Stadt haben Tugend und Laſter nur einen ge⸗ ringen Spielraum, hier nehmen beide ein großes Feld ein. Die Leidenſchaften ſind daſelbſt um ſo heftiger, als ſie ſich an der Quelle der Mittel, ſie zu befriedi⸗ gen, befinden. Der Eigennutz, von dem ſie ihre Nah⸗ rung erhalten, iſt da in ſeinem Mittelpunkte. Die Gunſt des Fuͤrſten giebt der Seele des Hoͤflings Leben und Bewegung; er hat keine andere Einſicht, als die er vom Throne erhaͤlt.. 4 Um mir auf dieſem Schauplatze, wo ich gaͤnzlich fremd war, einen feſten Standpunkt zu verſchaffen, erkannte ich, daß es meine erſte Sorge ſeyn muͤſſe, den eigenthuͤmlichen Charakter der Perſonen, welche daſelbſt die erſten Rollen ſpielten, kennen zu lernen. Ich kannte den Koͤnig nur nach der Beſchreibung, die man in der Welt von ihm machte, und die Welt irrt ſich faſt immer, wenn von einem regierenden Fuͤr⸗ ſten die Rede iſt. Die Schmeichelei laͤßt ihn zu viel 4 — 9— Tugenden, und die Unzufriedenheit, zu viel Laſter beſitzen. Ludwig XV. hat viel natuͤrlichen Verſtand. Sein Geiſt iſt lebhaft, thaͤtig und durchdringend. Er be— merkt auf den erſten Blick die Urſachen der verwickelt⸗ ſten Staatsangelegenheiten. Er kennt die ſchwachen Seiten des allgemeinen Syſtems, und die Fehler eines jeden beſondern Verwaltungszweigs. Dieſer Fuͤrſt iſt mit einer edlen, großen und ſchoͤnen Seele geboren. Das Blut des Geſetzgebers, des Helden und des Feld⸗ herrn rollt in ſeinen Adern; aber eine kleinliche Erzie⸗ hung hat in ihm die Wirkung jener großen Eigenſchaf⸗ ten vernichtet. Der Cardinal von Fleuri, mit einer gemeinen Seele begabt, hatte ihn in ſeiner Jugend nur zu kleinlichen Beſchaͤftigungen gewoͤhnt; aber dieſe Er⸗ ziehung unterdruͤckte in ihm nicht die liebenswuͤrdigſten Eigenſchaften, womit nur ein Monarch geſchmuͤckt ſeyn kann. Ludwig XV. hat ein vorzuͤglich gutes Herz; er iſt menſchlich, ſanft, leutſelig, mitleidig, gerecht, billig, wohlthaͤtig, und ein erklaͤrter Feind alles Un⸗ rechtlichen.— Die Koͤnigin iſt im Beſitze großer Tugenden; ſie hat um des Heilandes willen alle haͤuslichen Unannehm⸗ lichkeiten vergeben. Weit entfernt, ſich uͤber ein Schick⸗ ſal zu beklagen, welches das Leben einer andern Fuͤr⸗ ſtin mit Bitterkeit erfuͤllt haben wuͤrde, betrachtet ſie es als eine beſondere Gnade des Himmels, der ihre Standhaftigkeit pruͤfen will, um ſie dafuͤr in einem an⸗ dern Leben zu belohnen. Man hoͤrt aus ihrem Munde nie einen jener Ausdruͤcke voll Bitterkeit, wodurch ſich — 10— eine unzufriedene Seele zu erkennen zu geben pflegt. Sie zuerſt erhob immer die guten Eigenſchaften des Koͤnigs und zog einen Schleier uͤber ſeine Schwaͤchen. Sie ſprach nie ohne Achtung und Verehrung von die⸗ ſem Fuͤrſten; es giebt keine Frau, die ſich eine groͤßere chriſtliche Vollkommenheit erwerben, und in ſich ſo viele gute Eigenſchaften auf einem Standpunkte vereinigen kann, wo die geringſten Fehler die groͤßten Tugenden verwiſchen. Der Kronprinz war noch jung, und nahm keinen Antheil an den oͤffentlichen Angelegenheiten. Der Koͤ⸗ nig hatte ihm angedeutet, ſich in Nichts zu miſchen, und er ſchien ſehr geneigt dieſem Befehl zu gehorchen. Die koͤniglichen Prinzeſſinnen von Frankreich hiel⸗ ten ſich in ihrem Zimmer zuruͤckgezogen, laſen viel Buͤcher, gingen zuweilen auf die Jagd, waren bei den feierlichen Mahlzeiten des Koͤnigs gegenwaͤrtig, zeig⸗ ten ſich auf Baͤllen, und zogen ſich dann in ihre Zim⸗ mer zuruͤck, ohne ſich viel um die Raͤnke am Hofe zu bekuͤmmern. Der Herzog von Orleans, erſter Prinz vom Ge⸗ bluͤte, kam nur ſelten nach Verſailles: er hatte ſich der Frömmelei ergeben, und brachte ſein Leben damit hin, Almoſen zu ſpenden. Der Prinz von Conti befand ſich damals im Kriege, und dachte nur daran, ſich Ruhm zu er⸗ werben. Conde war noch ſehr jung, und ſein Oheim Cha⸗ rolois war in den niedrigſten Ausſchweifungen ver⸗ ſunken. — = 11— Die uͤbrigen, dem Throne verwandten Prinzen waren von den Staatsangelegenheiten weit genug ent⸗ fernt; ſie kamen nur nach Verſailles, um einer großen Rathsverſammlung beizuwohnen, oder ſich bei dem fei⸗ erlichen Lever des Koͤnigs einzufinden. Der Cardinal von Tencin erfreuete ſich eines gro⸗ ßen Einfluſſes bei Hofe. Der Koͤnig bezeigte ihm viel Vertrauen, und arbeitete oft mit ihm. Der Monarch hatte die wichtigſten Angelegenheiten der Krone in die „Haͤnde dieſes Geiſtlichen gelegt. Viele Leute haben ihn als einen großen Mnniſter geſchildert. Ich habe ihn nur ſehr wenig gekannt, und kann daher nichts von ihm ſagen; aber wenn ich daran denke, welche Uebel Richelieu, Mazarin und Fleuri Frankreich zugefuͤgt ha⸗ ben, ſo kann ich nicht ohne Widerwillen ſehen, daß Leute dieſes Standes an der Spitze der Geſchaͤfte ſtehen. Von allen Miniſtern, welche damals Frankreich regierten, beſaß der Graf von Maurepas am meiſten Verſtand, Thaͤtigkeit und Scharfblick. Er war ſeit Ludwigs XV. Thronbeſteigung, Miniſter, und die Monarchie verdankt ihm mehrere große Anſtalten. Von ihm iſt das Seeweſen, das ſich nach dem Tode Lud⸗ wigs XIV. in einer ſchrecklichen Unordnung befand, wie⸗ derhergeſtellt worden. Ich habe gehoͤrt, daß die Abthei⸗ lung fuͤr den morgenlaͤndiſchen Handel ihm allein ihren Urſprung verdanke. Er arbeitete viel, nie iſt ſo viel ausgefertigt worden; ſeine Schriften waren Meiſterſtuͤcke der Genauigkeit. Ich habe einige von ſeinen Ausarbei⸗ tungen geleſen, es iſt mir bei dem beſten Willen nicht moͤglich, mit ſo wenig Worten ſo viel zu ſagen. 4 G Von den d'Argenſons, welche eben Miniſter ge⸗ worden waren, ließ ſich noch nichts Beſtimmtes ſagen. Es hieß: ſie beſaͤßen Verſtand und Redlichkeit, aber dieſe reichen nicht immer hin, dergleichen Poſten gehoͤ⸗ rig auszufaͤllen. Ich habe ſagen gehoͤrt, daß dazu viel⸗ ſeitige Kenntniße und Geſchicklichkeiten erfordert werden, und daß der Mangel der geringſten derſelben einem Miniſter die Gelegenheit entzieht, ſich auf ſeinem Po⸗ ſten auszuzeichnen. Herr von Saint⸗Florentin, der die geiſtlichen An⸗ gelegenheiten leitete, war am Hofe und in der Stadt ohne Bedeutung. Man hielt ihn fuͤr partheilos bei den Raͤnken in Verſailles. Dieſer Miniſter befaßte ſich mit nichts, als den Gegenſtaͤnden ſeines Geſchaͤftskrei⸗ ſes. Da es zur Ausfertigung von Verhaftsbefehlen und zur Verbannung von Prieſtern keines großen Ver⸗ ſtandes bedarf, ſo ſtand er ſeinem Poſten mit der gan⸗ zen Wuͤrde eines Miniſters, der nichts zu thun hat, als ſeinen Namen zu unterſchreiben, vor. Der Generalcontroleur Orry wurde fuͤr einen ge⸗ ſchickten Mann gehalten, weilser viele Steuerverordnun⸗ gen erdenken konnte. Waͤhrend einiger Monate nach meiner Einfuͤhrung zu Verſailles, brachte er deren nicht weniger als fuͤnfundzwanzig ins Leben, die dem Geld⸗ kaſten des Koͤnigs 200 Millionen verſchaffen ſollten. Man nannte ihn einen großen Financier, weil er fuͤr den Koͤnig Huͤlfsquellen fand, indem er die des Reichs verringerte. 4 Der Prinz von Soybiſe beſaß Einſicht und Ueber⸗ legung. Er hatte viele Kenntniſſe, aber die, denen —— — 13— ſein Ruf lieb war, wuͤnſchten, daß er nicht zu Felde gehen moͤchte. Die Truppen hatten kein Vertrauen zu ihm, vielleicht mit Unrecht, aber ein großer Mann, der ſeinem Vaterlande nuͤtzlich ſein will, muß dem all⸗ gemeinen Vorurtheile nachgeben. Der Marſchall von Noailles war noch kenntniß⸗ reicher. Der menſchliche Verſtand kann unmoͤglich tie⸗ fer in die kleinſten Umſtaͤnde eindringen. Die Natur hatte bei ſeiner Bildung ihr Aeußerſtes gethan. Er war im Beſitze aller Wiſſenſchaften, welche die Staats⸗ kunſt, die buͤrgerliche und militairiſche Verwaltung er⸗ fordern; aber dieſer Verein von Kenntniſſen beſchraͤnkte ſich blos auf ſein Cabinet. Seine Furchtſamkeit, Un⸗ entſchloſſenheit und ſein Wankelmuth raubten ihm bei jeder Gelegenheit, wo er haͤtte handeln muͤſſen, die Kraft dazu: mit ſeinen ausgebreiteten und umfaſſenden Kennt⸗ niſſen war er dagegen fuͤr den geheimen Rath des Koͤ⸗ nigs der groͤßte Mann in Europa. Herr von Belleisle ſtand damals noch ſehr im Anſehen; man ſprach am Hofe und in der Stadt von ihm. Er hatte ſich von Allen die groͤßte Muͤhe gegeben, um eine unendliche Menge Sachen oberflaͤchlich kennen zu lernen. Er that, als wenn er von allem unterrich⸗ tet waͤre, und beſaß die Kunſt, Anderen dieſe Ueber⸗ zeugung aufzudringen, ſo meiſterhaft, daß man durch⸗ aus nicht wußte, daß er ein eben ſo ſchlechter Feldherr, als mittelmaͤßiger Unterhaͤndler war. Seine Sitten und ſein Benehmen waren angenehm, und er ſprach mit großer Leichtigkeit. Aber er war ein von ſeinen Kenntniſſen aufgeblaſener Hofmann, und mitten durch — 14— ſeine angenommene Beſcheidenheit blickte beſtaͤndig ſein Stolz hindurch. Ich habe nie einen eitlern Menſchen gekannt. Sein Bruder, der Ritter, der nicht ſo mit ſeinem Verſtande prahlte, beſaß deſto mehr, aber er hatte wie jener, einen ungemeſſenen Ehrgeiz. Er fand ſeinen Tod bei der Erſtuͤrmung einer Schanze, die ihm den franzoͤſiſchen Marſchallsſtab verſchaffen ſollte. Der Herzog von Richelieu wurde noch mehr ge⸗ ſucht, als Herr von Belleisle. Der Koͤnig konnte nicht einen Tag ohne ihn zubringen, er war bei den kleinen Abendmahlzeiten gegenwaͤrtig, und leitete alle Vergnuͤgun⸗ gen in Verſailles. Nie hat ein Mann einen groͤßern Ge⸗ ſchmack zur Anordnung eines Feſtes und zur Verſchoͤne⸗ rung deſſelben mittelſt unbedeutender Kleinigkeiten, beſeſſen. Er trieb ſich beſtaͤndig umher, und ergriff begierig jede Gelegenheit zum Vergnuͤgen, um den Koͤ⸗ nig aufzuheitern; aber nicht um des Monarchen willen gab er ſich alle dieſe Muͤhe, ſondern er handelte blos aus Begierde nach Reichthuͤmern und Erhebung. Kein Menſch ſtrebte mehr nach Rang und Hoheit, als er. Er verſtand nichts von den Kriegswiſſenſchaften, und doch hatte er den Vorſatz gefaßt, Marſchall von Frank⸗ reich und Staatsminiſter zu werden, ohne irgend einige Anlage zur Beſorgung der damit verbundenen Ge⸗ ſchaͤfte. Moritz von Sachſen war der Held Frankreichs, und wurde als der Schutzgeitz des Neichs betrachtet. 3 Ich werde ſpaͤterhin, bei Gelegenheit der Schlacht von Fontenoy, ſeiner erwaͤhnen. Herr von Etrees wurde fuͤr einen großen Feldherrn gehalten. Auch von ihm werde ich am gehoͤrigen Orte reden. Die meiſten uͤbrigen Hofleute waren Offiziere vom zweiten Range. Sie kamen von der Armee nach Verſailles, und gingen von hier dahin zuruͤck. Ihre Raͤnke am Hofe hatten blos ihre Befoͤrderung zum Ge⸗ genſtande. Es waren die Herzoͤge vom Grammont, von Pecquigny, von Biron, von la Valiere, von Bouff⸗ lers, von Luxemburg; die Markis von Putange, von Maubourg, von Bregé, von Langeron, von Armentie⸗ res, von Creil, von Renepont; die Grafen von Coigny, von la Mothe⸗Houndancourt, von Clermont, von Eſtrees, von Berenger; die Herrn von Aumont, von Meuſe, von Ayou, von Cibert, von Cherſey, von Buchley, von Segur, von Fenelon, von St. André, von Varen⸗ nes, von Montal, von Balincourt, von la Fare, von Clermont⸗Tonnere, und eine große Anzahl anderer, die ſich durch die Waffen empor zu helfen ſuchten. Zu der Zeit befand ſich keine, oder doch faſt keine Frau am Hofe, die nach dem Herzen des Koͤnigs ſtrebte. Die von hohem Range wollten ſich nicht dazu erniedrigen, die Gegenſtaͤnde einer voruͤbergehenden Lei⸗ denſchaft des Koͤnigs zu werden, und den uͤbrigen, die nach dieſer Gnade ſtrebten, fehlte es entweder an Schoͤnheit oder an Anmuth, um dahin zu gelangen. Nur die Pariſerinnen bedienten ſich aller Raͤnke dazu. Mehrere von ihnen fanden ſich zu den feierlichen Mahl— zeiten ein, und verfehlten keine Jagdluſtbarkeit; ſie lie⸗ fen dem Koͤnige vom Morgen bis zum Abend nach, aber eben deshalb gewannen ſie ſein Herz nicht. .— 16— Ich bemuͤhte mich, mich auf dem Schauplatze, wohin das Gluͤck mich erhoben hatte, feſtzuſetzen. Der Koͤnig war jeden Augenblick, den ihm die Angelegen⸗ heiten ſeiner Krone vergoͤnnten, bei mir. Seine Er⸗ habenheit ließ er vor der Thuͤr, und trat ohne jenen Prunk, der ihn ſonſt umgab, in mein Zimmer. Ich legte mich darauf, das Gemuͤth dieſes Fuͤrſten kennen zu lernen. Ludwig XV. iſt von Natur ſehr duͤſter; ſeine Seele iſt von einer dicken Finſterniß umhuͤllt. Sein trauriges Temperament macht, daß er mitten unter Vergnuͤgen ein ungluͤckliches Leben fuͤhrt. Oft nimmt ſeine Schwermuth ſo ſehr uͤberhand, daß nichts ihn dieſem Zuſtande von Abſpannung entreißen kann. Dann wird ihm die Laſt des Lebens unertraͤglich. Der Ge⸗ nuß einer ſchoͤnen Frau kann zwar ſeine Niedergeſchla⸗ genheit auf einige Zeit verſcheuchen, aber er wird da⸗ durch nicht ganz von ihr befreit, im Gegentheile iſt dieſer Fuͤrſt nach dem Beſitze noch mehr zur Schwer⸗ muth geneigt. Ein anderes Ungluͤck ſeines Lebens beſteht darin, daß die Religion in ihm beſtaͤndig mit ſeinen Leiden⸗ ſchaften kaͤmpft. Wenn von der einen Seite ihn das Vergnuͤgen fortreißt, ſo halten ihn auf der andern die Vorwuͤrfe ſeines Gewiſſens zuruͤck, und dieſer unaufhoͤr⸗ liche Zwieſpalt macht ihn zum niteinzſt Menſchen in ſeinem Reiche. Ich ſah ein, daß die Liebe alein die Gemuͤths beſchaffenheit des Koͤnigs nicht zu aͤndern vermoͤge. Ich ſuchte ihn durch den Reiz der Gewohnheit an mich — 17— zu feſſeln, da dieſe fuͤr Maͤnner ein ſtaͤrkeres Band als das der Liebe iſt. Die Geſchichte lieferte mir in der Perſon ſeines Urgroßvaters ein Beiſpiel. Ludwig XIV. hatte ſich ſo an die Frau von Maintenon gewoͤhnt, daß keine andere Frau einen Eindruck auf ihn hatte machen koͤnnen, und obgleich der Hof damals voll von beruͤhm⸗ ten Schoͤnheiten geweſen war, ſo hatte die Wittwe des Dichters Scarron, ſchon in dem Alter, wo man den Maͤnnern keine Liebe mehr einfloͤßt, ihn doch durch das Band der Gewohnheit ſo zu feſſeln gewußt, daß der Zauber bis zum Grabe fortdauerte. Ich bildete eine Kette von Vergnuͤgungen, die da⸗ durch, daß ſie auf einander folgten, Ludwig ſeiner duͤ⸗ ſtern Gemuͤthsſtimmung entzogen, und ihn verhinderten, mit ſich allein zu ſeyn. Ich floͤßte ihm Geſchmack fuͤr Muſik, Tanz, Schauſpiel und kleine Opern ein, wo ich ſelbſt ſang und Vorſtellungen gab. Die kleinen Abendmahlzeiten beſchloſſen den luſtigen Auftritt: und der Koͤnig legte ſich befriedigt nieder, und ſtand zufrie⸗ den wieder auf. Am andern Morgen kam er— in— ſofern nicht eine Verſammlung des geheimen Raths oder eine ſonſtige außerordentliche Feierlichkeit Statt fand— in mein Zimmer, um ſich daſelbſt, wenn ich mich ſo aus⸗ druͤcken darf, mit ſeinem Theile guter Laune fuͤr den ganzen Tag zu verſorgen. Er hing ſich mir nach jenem Gefuͤhle an, in Folge deſſen wir die lieben, welche zu unſerm Gluͤcke beitragen. Alle Geliebten des Koͤnigs vor mir, waren nur darauf bedacht geweſen, ſich von ihm lieben zu laſſen, und keine war auf den Gedan⸗ ken gekommen, ihn zu erheitern. I. 2 — 18— Ich wurde dem Monarchen nothwendig: die Ban⸗ den der Gewohnheit wurden taͤglich ſtaͤrker. Zwar haͤtte ich gewuͤnſcht, daß nur die Liebe unſere Vereinigung geknuͤpft haͤtte, aber mit einem an Veraͤnderung ge⸗ woͤhnten Fuͤrſten nimmt man jede Weiſe an, die man fuͤr angemeſſen haͤlt. Nach dem erſten Erſtaunen, das immer einem großen Wechſel folgt, uͤberließ ich mich Betrachtungen, die meine Ruhe truͤbten, denn ohngeachtet der Koͤnig an mir Gefallen fand, ſo fuͤrchtete ich doch ſeine Unbe⸗ ſtaͤndigkeit. Meine Erhebung machte mich nicht ſicher: man betet den Abgott an, ſo lange ihn der Fuͤrſt ver⸗ ehrt; aber wenn dieſer den Altar umſtuͤrzt, tritt ihn Jedermann mit Fuͤßen. Meine Furcht vermehrte ſich noch einige Tage darauf; denn als der Koͤnig zum Abendeſſen zu mir gekommen war, fand ich ihn nach⸗ denkender, als gewoͤhnlich. Statt der Heiterkeit, die ihm natuͤrlich zu werden anfing, war er ſehr duͤſter; er ſprach viel von Politik, von den europaͤiſchen Angele⸗ genheiten, und von einem Courier, den er am folgenden Morgen zur Armee abfertigen muͤſſe; und nach einer kurzen Unterhaltung entfernte er ſich wieder. Dieſe ploͤtzliche Entfernung beunruhigte mich. Ich konnte kein Auge ſchließen, und am folgenden Morgen fruͤh ſchrieb ich an ihn, um ihm den Zuſtand meiner Seele zu ſchildern: „»Sire!«⸗ „Ihre Politik hat mich geſtern Abend untroͤſtlich gemacht. Ich hatte Ihnen tauſend ſchoͤne Dinge zu — 10— ſagen, als Ihre Staatsangelegenheiten unſer Geſpraͤch ſtoͤrten. Ich habe nicht davor ſchlafen koͤnnen. Um Gotteswillen, Sire! laſſen Sie Europa zufrieden, und erlauben Sie mir mit Ihnen von dem Zuſtande mei⸗ nes Herzens mich zu unterhalten, das ſich in einer toͤbtlichen Unruhe befindet, ſobald Sie mir, auch nur eine einzige Gelegenheit entziehen, Ihnen zu betheuern, daß ich eine Liebe fuͤr Sie hege, die nur mit meinem Leben endigen wird.« Nachdem der Koͤnig dieſen Brief geleſen hatte, kam er ſelbſt zu mir, um mich zu beruhigen. Er war heiterer, als gewoͤhnlich, und nie habe ich ihn ſo liebenswuͤrdig geſehen. Da der Monarch mir ſchon den Gang der großen Ereigniſſe, welche damals Eu⸗ ropa in Bewegung ſetzten, gezeigt hatte, ſo wollte ich in die Wahrheit dieſer großen Geheimniſſe eindringen. Ich verſtand nicht ein Wort von der Staatskunſt. Man ſagt, daß die engliſchen Frauen alle Morgen auf ihren Schmucktiſchen ein Papier finden, das ſie von den An⸗ gelegenheiten Europas unterrichtet, wir Franzoͤſinnen finden aber auf ſolchen Tiſchen nur weiße und rothe Schminke. Ich wandte mich an den Marſchall von Belleisle, mit den Worten:»Mein Herr, ich bitte Sie, mir zu erklaͤren, was man unter Ihrer Staatskunſt, von der Jedermann, ſeit meinem Hierſeyn, vom Morgen bis zum Abend redet, eigentlich verſteht.·»Ich fuͤrchte,⸗ antwortete er laͤchelnde, daß ich Ihnen, gnaͤdige Frau! eine Wiſſenſchaft erklaͤren werde, die bald fuͤr Viele unheil⸗ bringend werden wird.⸗« Indeß redete der alte Hof⸗ 2* — 20— mann von Syſtemen und unterhielt mich von den Mitteln, die ein Staat zu ſeiner Vergroͤßerung an⸗ wenden muͤſſe. Nachdem ich ihm lange genug zugehoͤrt hatte, machte ich, obgleich noch ein Neuling am Hofe, den Schluß, daß dieſe Wiſſenſchaft weder Grundſaͤtzen noch allgemeinen Regeln unterworfen werden koͤnne, weil ſie gaͤnzlich von Zeit, Ort und Umſtaͤnden abhaͤngig iſt, und dieſe ſelbſt faſt immer aus irgend einer Lufaͤllig⸗ keit entſpringen. Ich las die Geſchichte unſerer Regierung, die Art und Weiſe der vorigen Verwaltungen daraus kennen zu lernen; ich ſchoͤpfte dieſe Kenntniß nicht aus ge⸗ druckten Buͤchern(denn dieſe habe ich immer als die Quelle der oͤffentlichen Irrthuͤmer betrachtet), ſondern aus Original⸗Handſchriften, die mir der Koͤnig ſelbſt lieferte, und ſo entdeckte ich die vorigen Mißbraͤuche, und ſogar die Quellen derſelben. Es war am Hofe und in der Stadt bekannt, daß die Liebſchaften Ludwigs XV. nur voruͤbergehend waren, und deshalb hatten die Begunſtigten keinen regelmaͤßi⸗ gen Hof. Oft legte ſich eine Frau, die der Koͤnig auszeichnete, mit Gnade uͤberhaͤuft nieder, und ſtand beungnadigt wieder auf. Man bediente ſich der Ge⸗ liebten, um erledigte Stellen und voruͤbergehende Gna⸗ denbezeigungen zu erlangen, aber zur Erreichung gro⸗ ßer ehrgeiziger Abſichten bediente man ſich anderer als der Triebfedern der Maitreſſe. Waͤhrend der erſten Monate meiner Gunſt, lebte ich faſt ganz einſam. Der Herzog von Richelieu war der einzige von den Großen, der mich beſuchte, wenn der Koͤnig nicht bei mir war; aber als ich, auf Befehl des Monarchen, oͤffentlich als Markiſe von Pompa⸗ dour auftrat, und dieſer Fuͤrſt fortfuhr, mir öffentliche Beweiſe ſeiner Achtung zu geben, da veraͤnderte ſich die Sache. Es bildeten ſich am Hofe und in der Stadt zwei große Partheien, wovon die eine vom Neide, die andere vom Ehrgeize unterhalten wurde; die erſtere zerfleiſchte mich durch beißende Spottſchrif⸗ ten, die andere erhob mich durch Schmeicheleien. Dieſe hatte den Zweck vor Augen, ſich zu erhoͤhen, jene han⸗ delte der Ohnmacht wegen, in der ſie ſich zu befinden glaubte, um ſich zu heben; indeß kamen beide doch darin uͤberein, mich um Gnadenbezeigungen zu bitten. Ich verwandte mich bei dem Monarchen ſowohl fuͤr die eine, als fuͤr die andere. Je nachdem ich Je⸗ manden zu einem beteutenden Poſten verhalf, oder ihn mit Geſchenken uͤberhaͤufte, erwarb ich mir einen Un⸗ dankbaren und hundert Feinde. Endlich vereinigte ſich das ganze Reich, mir den Hof zu machen, denn Lud⸗ wig XV. fuhr beſtaͤndig fort, mir ergeben zu ſeyn. Die, welche meine Herkunft am meiſten verſchrieen hatten, erklaͤrten ſich nun fuͤr meine Verwandten. Nie werde ich den Brief vergeſſen, den ich in Verſailles von einem Edelmanne aus einem der aͤlteſten Haͤuſer in der Provinz, erhielt und der folgendermaßen lautete: „»Meine liebe Couſine!« »Es iſt mir unbekannt geblieben, daß ich mit Ihnen verwandt bin, bis der Koͤnig Sie zur Mar⸗ kiſe von Pompadour ernannt hat; da hat ein geſchick⸗ ter Geſchlechtsforſcher mir bewieſen, daß Ihr Urgroß⸗ vater ein Vetter meines Großvaters im vierten Grade geweſen iſt. Sie ſehen daraus, theure Couſine, daß die Verwandtſchaft zwiſchen uns außer allem Zweifel iſt. Wenn Sie es wuͤnſchen, ſo will ich Ihnen den, unſere Verwandtſchaft conſtatirenden Stammbaum uͤber⸗ ſchicken, damit Sie ihn dem Koͤnige vorlegen koͤnnen.“« »Inzwiſchen moͤchte mein Sohn, Ihr Vetter, der ſeit einigen Jahren mit Auszeichnung dient, gern ein Regiment bekommen, und da er es nicht ſeines Ran⸗ ges wegen erhalten kann, ſo erſuche ich Sie, den Koͤ⸗ nig darum als um eine Gnade zu bitten.« Ich antwortete ihm darauf Folgendes: »Ich werde die erſte ſich darbietende Gelegenheit benutzen, den Koͤnig zu bitten, daß er ihrem Sohne das Regiment bewilligen moͤge, welches Sie wuͤnſchen. Dagegen muß ich meinerſeits Sie um eine Gunſt bitten, naͤmlich mir zu erlauben, daß ich nicht die Ehre habe, mit Ihnen verwandt zu ſeyn. Ich habe Fami⸗ lien⸗Urſachen, die es mir unmoͤglich machen, zu glau⸗ ben, daß meine Vorfahren mit den alten Haͤuſern des Koͤnigreichs verwandt geweſen waͤren.« Halb Frankreich wuͤrde durch mich ſchamroth wer⸗ den, wenn ich alle Briefe voll Kriecherei und Unterwuͤr⸗ figkeit, die ich von den erſten Familien des Reichs er⸗ halten habe, hier anfuͤhren wollte. Eine Prinzeſſin ſchrieb mir einmal mit folgenden Worten: — 23— „»Lieb Freundin!⸗ »Ich erſuche Sie, den Koͤnig um den Poſten eines Generalpaͤchters fuͤr den ehemaligen Gehuͤlfen Armand M...., deſſen Gluͤck gern ich befoͤrdern moͤchte, zu bitten. wenn Sie mir dieſe Gunſt bewilligen, ſo werde ich Ihnen zeitlebens dankbar ſeyn. Ich bin mit der groͤßten Hochachtung meine theure Freundin, Ihre ganz gehorſame Dienerin.⸗ Indeß wollte der Neid, der in dem Maße zu⸗ nahm, als der Koͤnig mich vor andern Frauen des Hofes auszeichnete, mich fuͤr die Begebenheiten jener Zeit verantwortlich machen. Man hat ſeitdem oft in der Welt die Sprache gefuͤhrt, ich ſey an dem Ungluͤcke Frankreichs Schuld geweſen. Aber wenn dieſe Be⸗ ſchuldigung wahr ſeyn ſollte, ſo haͤtte die Monarchie damals, als der Koͤnig mich nach Verſailles rief, in einem bluͤhenden Zuſtande ſeyn müſſen, und dar⸗ an fehlte ſehr viel. Das Uebel lag tiefer. Indem Frankreich unter ſeinem Mißgeſchicke erlag, erfuͤllte es nur ſein Verhaͤngniß. Man muß die Verwaltung dieſer Regierung als eine Reihe von Ungluͤcksfaͤllen anſehen, welche die vorangegangene Verwaltung hervorbringen mußte.. Lud vig XIV. hatte bei ſeinem Tode das Koͤnigreich in einer ſchrecklichen Verwirrung hinterlaſſen; die Staats⸗ ſchulden waren ungeheuer, der National⸗Credit gaͤnzlich vernichtet; der Staat litt alſo damals an einem Uebel, das durch fluͤchtige Mittel nicht geheilt werden konnte. Lud⸗ — 24— wig der Große hat dem Throne ein Anſehen von Reich⸗ thum und Pracht gegeben, wodurch die Voͤlker verarmt waren. Die Koͤnige, ſeine Vorgaͤnger, hatten ſich da⸗ mit begnuͤgt, die Verwalter der allgemeinen Neichthuͤ⸗ mer zu ſeyn; er hingegen hatte ſich zu ihrem Eigen⸗ thuͤmer gemacht; der Schatz der Nation gehoͤrte ihm, alle Geldmittel waren in ſeinen Haͤnden; er hatte die Kron Einkuͤnfte uͤber alles Verhaͤltniß hinaus vermehrt. Innerhalb dreier Jahre befand ſich alles baare Geld in ſeiner Caſſe. Durch ſeine Peachtliebe hatten ſeine Unterthanen gelernt, ſich durch unverhaͤltnißmaͤßige Ausgaben in Armuth zu verſetzen. Der Herzog von Orleans, welcher nach Lud⸗ wig XIV. den Staat regierte, vergroͤßerte die Verwir⸗ rung noch, ſtatt die Ordnung wieder herzuſtellen. Er erdachte ein Finanzſyſtem, das ſie vollends ganz zu Grunde richtete. Alle Reichthuͤmer der Monarchie bekamen andere Beſitzer. Man verlor ſelbſt die Spur des baaren Geldes; einen Theil deſſelben riſſen die Auslaͤnder an ſich, und der andere wurde von den Wechslern des Koͤnigreichs verſteckt gehalten. Es war unmoͤglich, eine Verwaltungsweiſe auszumitteln, die im Stande geweſen waͤre, dem Uebel Einhalt zu thun, einem Uebel, wovon man ſeit der Gruͤndung der Mo⸗ narchie kein Beiſpiel hatte. Dieſe Umwaͤlzung verur⸗ ſachte eine andere in allen Zweigen der oͤffentlichen Ge⸗ walt. Der Ackerbau, der Handel, die Kuͤnſte und der Gewerbfleiß litten und leiden noch dadurch. Denn ich habe von mehreren ſehr geſchickten Maͤnnern gehoͤrt, daß jenes Syſtem gleichzeitig verſchiedene Grundzuͤge von Schwaͤche in dem Koͤnigreiche veranlaßt habe. Der Cardinal von Fleuri, ſein Nachfolger vollen⸗ dete das allgemeine Verderben. Er fuͤgte Frankreich groͤßere Uebel zu, als alle die, welche vor ihm darauf bedacht geweſen waren, es zu Grunde zu richten. Seine Eigenſchaften waren Ordnung, Sparſamkeit und Maͤ⸗ ßigkeit, ſchaͤtzenswerthe Tugenden fuͤr einen Privatmann, die aber an einem Staatsmann oft in Fehler ausar⸗ ten. Er haͤufte Thaler auf Thaler, und bildete ſich ein, daß, wenn der Koͤnig reich waͤre, auch der Staat aufhoͤre, arm zu ſeyn. Er vermehrte die Kronguͤter auf Koſten der Subſiſtenz der Voͤlker. Dieſer Mann, der nichts als Erſparung athmete, ſchraͤnkte aus Spar⸗ ſamkeit das Seeweſen ein, das heißt, er raubte Frank⸗ reich das einzige ihm uͤbrig bleibende Mittel, ſich wie⸗ der emporzuhelfen. Bei Fleuri's Tode nahm die Verwaltung keine beſſere Geſtalt an. Frankreich hatte keinen einzigen Miniſter, der faͤhig geweſen waͤre, die Mißbraͤuche ab⸗ zuſchaffen. Die, welche an die Spitze der Geſchaͤfte geſtellt wurden, ſuchten uͤberall eine Verwaltung, und fanden ſie nirgends. Ein ſehr geſchickter Mann, der mich zuweilen in Verſailles beſuchte, ſagte mir, daß, wenn man nach dem Tode des Cardinals ſogar einen Engel in das Miniſterium verſetzt haͤtte, auch dieſer der Krone keine großen Dienſte zu leiſten im Stande geweſen waͤre. Alles was der geſchickteſte Miniſter haͤtte thun koͤnnen, fuͤgte er hinzu, waͤre geweſen, die Beſtandtheile einer beſſeren Verwaltung vorzubereiten. — 26— Er fand ſechs Hauptgebrechen in der Regierung, und ſagte, daß zu deren Abſtellung die Verfaſſung umge⸗ ſchmolzen werden muͤßte. Man hat ſich auch daruͤber beklagt, daß ich die Quelle der Gnadenbezeugungen geweſen waͤre, und uͤber alles im Koͤnigreiche verfuͤgt haͤtte. Man hat hinzugeſetzt, daß die Gewohnheit mich zu ſehen, die ich dem Koͤnige beigebracht hatte, ihm es zum Geſetze gemacht habe, mir nichts abzuſchlagen. Hierauf ant⸗ worte ich, daß dies ein nothwendiges Uebel iſt, worin die unumſchraͤnkten Regierungen beſtaͤndig verfallen. Die unumſchraͤnkten Herrſcher muͤſſen einen Vertrauten oder eine Maitreſſe haben, und faſt immer richtet ein Guͤnſtling mehr Unheil im Staate an, als eine Ge⸗ liebte. Ein Mann hat gewoͤhnlich ehrgeizige Plaͤne, die einer Frau mangeln. Er ſucht die Gunſt des Fuͤr⸗ ſten auf alle Weiſe zu benutzen, wodurch er ſich auf den hoͤchſten Standpunkt erheben kann. Er bemaͤchtigt ſich der oͤffentlichen Gelder, eignet ſich die erſten Stel⸗ len im Staate zu, und verleiht ſeinen Verwandten oder Anhaͤngern ſolche, welche ihm nicht anſtehen, wo⸗ durch denn eine allgemeine Umwaͤlzung der Regie⸗ rung herbei gefuͤhrt wird. Er hat Abſichten auf Groͤße und Hoheit, worauf ſich Perſonen unſers Ge⸗ ſchlechts nicht verſtehen. Ich habe in den Jahrbuͤchern unſerer Monarchie geleſen, daß Richelieu Frankreich durch ſeinen Ehrgeiz zu Grunde gerichtet hat. Dieſer Guͤnſtling Lubwigs XIII. opferte alles ſeiner Begierde, auf dem Schauplatze von Frankreich als einzig da zu ſtehen. Er ſchwaͤchte die politiſche Kraft aller Maͤchte; er vernichtete die Vor⸗ rechte des franzoͤſiſchen Adels, die allein der unumſchraͤnk⸗ ten Gewalt unſerer Koͤnige das Gleichgewicht halten koͤnnen, und fuͤgte dadurch Frankreich mehr Unheil zu, als je die Geliebten bewirken werden. Mazarin, dieſer zweite Guͤnſtling, hatte eine Ar⸗ mee in ſeinem Solde, und bekriegte den Staat perſoͤn⸗ lich. Er ließ die Prinzen vom Gebluͤt verhaften, und erregte Unruhen und Zaͤnkereien, die das ganze Syſtem jener Zeit uͤber den Haufen warfen. Er bemaͤchtigte ſich des oͤffentlichen Schatzes, faſt alles Geld des Koͤ⸗ nigreichs befand ſich in ſeinem Kaſten*). Er verkaufte die erſten Kronaͤmter. Wenn der Koͤnig Geld noͤthig hatte, ſo mußte er ſich an ihn wenden. Wir haben in unſern Tagen den Grafen von Bruͤhl, Guͤnſtling des Koͤnigs von Polen, ſo verſchwenderiſche Ausgaben ma⸗ chen geſehen, daß ſie die des Koͤnigs, ſeines Herrn, uͤbertrafen. Es giebt jetzt mehrere Herzoͤge im Koͤnigreiche—), die Frankreich daran erinnern, daß ſeine Koͤnige Guͤnſt⸗ linge gehabt haben. Mein Bruder Marigni hat we⸗ der einen Rang noch eine ſonſtige Auszeichnung, und beſitzt kein großes Vermoͤgen. Bei ſeinem Tode wird er keine Spur der beſondern Gunſt hinterlaſſen, mit der Ludwig XV. mich beehrt hat.: *) Obgleich er arm nach Frankreich gekommen war, ſo hin⸗ terließ er doch faſt 200 Millionen Livres an baarem 4½ Gelde, und der König hatte ſich oft genöthigt geſehen, mehrere Millionen von ihm zu leihen.. 2) Din Herzöge von Richelieu, von Mazarin, und von euri. 4 — 28— Man hat mir ebenfalls zur Laſt gelegt, Leute in das Miniſterium gebracht zu haben, deren geringe und oberflaͤchliche Kenntniſſe den Geſchaͤften nicht gewachſen geweſen waͤren. Aber woher ſoll man in Frankreich andere nehmen? Man moͤchte ſagen, der menſchliche Geiſt habe bei uns an Schwachheit zugenommen. Der am meiſten bei der oͤffentlichen Verwaltung betheiligte franzoͤſiſche Adel eignet ſich zu nichts. Er bringt ſein Leben in Traͤgheit, Weichlichkeit und Zer⸗ ſtreuung hin. Die Staatskunde iſt ihm ſo fremd als die Finanzwiſſenſchaft und die Staatswirthſchaft. Ein Edelmann jagt ſein ganzes Leben hindurch auf ſeinen Guͤtern, oder er koͤmmt nach Paris, um ſich mit Huͤlfe einer Operntaͤnzerin zu Grunde zu richten. Die, welche ehrgeizig genug ſind, in das Miniſterium ein⸗ 4 treten zu wollen, haben kein anderes Verdienſt, als das der Kniffe und Raͤnke. Wenn man ihnen in den Weg tritt, und Andere an ihre Stellen ſetzt, ſo be⸗ trachten ſie dieſe Verwaltung als die Wirkung der Eigenmaͤchtigkeit des Fuͤrſten. Es ſcheint, als ob die Zeit brauchbarer Miniſter in Frankreich voruͤber waͤre. Ich habe in dem Koͤnig— reiche einen Colbert, einen Louvois vergebens geſucht, und nur Leute wie Chamillard und Dubois gefunden. Man iſt genoͤthigt, alle Zweige der Verwaltung eigent⸗ lichen Finanzmaͤnnern anzuvertrauen, die ohne alle Faͤhigkeiten ſind und nur das Eine verſtehenr den Staat zu pluͤndern. Meins Feinde haben auch verbreitet, ich veran⸗ laßte den Koͤnig, zu oft mit den Miniſtern zu wech⸗ 2 I — 29— ſeln. Aber nicht mir muß man die Schuld davon zu⸗ ſchreiben. Schon ehe ich an Hof kam, waren die Leute auf ihren Poſten nicht feſter. Man ſchuf taͤg⸗ lich neue, und das iſt vielleicht gleichfalls ein noth⸗ wendiges Uebel in Frankreich. Ehe dieſe Herren ange⸗ ſtellt ſind, gleicht nichts der Schoͤnheit ihrer Verwal⸗ tungsplaͤne; ſie haben Mittel in Bereitſchaft, den Mißbraͤuchen abzuhelfen; ſie wiſſen, wo das Uebel liegt, und kennen die Mittel dagegen; aber ſie haben nicht ſo bald die Zuͤgel der Regierung ergriffen, als ſie alles durch ihre Unfaͤhigkeit verderben. Kaum den⸗ ken ſie an das allgemeine Ungluͤck. Das einzige, wo⸗ mit ſie ſich beſchaͤftigen, iſt ihr eignes Beſte. Der Ehrgeiz, erſter Miniſter zu werden, uͤberfaͤllt ſie, und dieſe Begierde, welche ſie Tag und Nacht beſchaͤftigt, laͤßt in ihrem Geiſte keinen Raum, um an die Mo— narchie zu denken. Zehn Jahre der Verwaltung machen in Frankreich einen Miniſter unumſchraͤnkt; er wird der Paſcha des Reichs; ſein leiſeſter Wille iſt unbeding⸗ ter Befehl. Der Großherr herrſcht in Conſtantinopel nicht uneingeſchraͤnkter, als ein Staatsſekretair, der zehn Jahre in Verſailles zugebracht hat. Das Kriegsweſen iſt in demſelben Zuſtande. Der franzoͤſiſche Adel iſt wohl tapfer und muthig, aber ohne Kriegsgeiſt. Die Beſchwerden und Arbeiten, welche damit verknuͤpft ſind, ekeln ihn gleich Anfangs an. Frankreich hat keine Kriegsſchule:*) man wird Obriſt, ehe man Offizier geweſen iſt, und von da bis **) Die Kriegsſchule nahm damals erſt ihren Anfang. zu einer Generals⸗Stelle giebt es kein Hinderniß, als die Zeit. Wenn man zwei Franzoſen auswaͤhlt, um die Armee in Flandern oder in Deutſchland anzufuͤh⸗ ren, ſo draͤngt ſich der Neid zwiſchen ſie, und ſie zerſtoͤnen den Staat durch ihren Groll und ihre per⸗ ſoͤnlichen Zaͤnkereien. Inzwiſchen machen die Feinde ſich ihre Uneinigkeit zu Nutze, und richten ihre Kriegs⸗ plaͤne ins Werk. Der Koͤnig iſt genoͤthigt geweſen, in dem eben uͤberſtandenen Kriege die Sorge fuͤr die Si⸗ cherheit ſeiner Krone zwei Auslaͤndern zu uͤbertragen. Ohne den Grafen von Sachſen und von Loͤwendahl haͤtten die Feinde Frankreichs vielleicht Paris belagert. Man irrt ſich, wenn man glaubt, daß eine Frau, welche die Gnade eines Fuͤrſten genießt, ungeſchickter Miniſter und ſchlechter Generale beduͤrfe, um ſich zu behaupten. Die Unfaͤhigkeit zerſtoͤrt Alles, und iſt zu Nichts nuͤtze. Die Staatsgebrechen, die den Ruhm des Fuͤrſten beflecken, verdunkeln zugleich den Glanz der Geliebten. Ich kann verſichern, daß der meiſte Kum⸗ mer, den ich ſeit meinem Aufenthalte am Hofe erlitten habe, aus jener Quelle gefloſſen iſt. Bei jeder Erobe⸗ rung, die unſere Feinde machten, war der Koͤnig meh⸗ rere Tage hindurch betruͤbt und nachdenkend; und ob⸗ gleich dieſer Fuͤrſt aͤußerſt hoͤflich iſt, auch aus ſeinem Munde nie ein unangenehmes Wort erfolgt, ſo verbitterte mir doch ſeine uͤble Laune das Leben. Ich habe niemals einem Miniſter zu ſeiner Stelle verholfen, oder den Koͤnig bewogen, den Oberbefehl ſei⸗ ner Armeen irgend einem Manne zu uͤbertragen, ohne daß ich nach meiner Anſicht von ſeinen Kenntniſſen “ und ſeinen anerkannten Verdienſten feſt uͤberzeugt ge⸗ weſen waͤre. Die Großen bezeugten mir ihren Beifall daruͤber, und der Koͤnig ſelbſt wuͤnſchte mir dazu Gluͤck; dann gab es nur Eine Stimme uͤber ihre Brauchbarkeit. Es iſt noͤthig, daß ich hier der Unruhen erwaͤhne, die zu der Zeit, als der Koͤnig mir eine Wohnung in Verſailles anwieß, den Hof in Bewegung ſetzten. Den damaligen Ereigniſſen gehoͤrt eine Stelle in dieſen Denk⸗ wuͤrdigkeiten. Ohne jene Menge zufaͤlliger Begeben⸗ heiten, die ſich damals zutrugen, und die mir der Koͤ⸗ nig mittheilte, waͤre ich vielleicht nie zu dem hohen Punkte ſeiner Gunſt geſtiegen, den ich wirklich erreicht habe. Denn faſt immer ſind es Mittelurſachen, wodurch die Weltereigniſſe geleitet werden. Seit dem Jahre 1741 ſtand Frankreich unter den Waffen. Man ſchlug ſich in Italien, Flandern und Deuſchland. Carl VI., der letzte maͤnnliche Erbe des oͤſterreichiſchen Hauſes, beſaß jenen Ehrgeiz, der ſelbſt mit dem Tode nicht erſtirbt. Er wollte ſich uͤberleben und die Dauer ſeiner Macht uͤber das Grab hinaus ausdehnen. Nachdem dieſer Fuͤrſt große Staaten erworben hatte, ließ er ſich von den erſten Maͤchten den Beſitz derſelben verſichern. Die damals in Europa herrſchende geringe Kraft hatte die chriſtlichen Fuͤrſten zu dieſer Schwachheit vermogt. Italien war ermattet, die klei⸗ nen Staaten des deutſchen Reichs lagen in politiſcher Sklaverei, und die großen noͤrdlichen Hoͤfe beſaßen keine groͤßere Freiheit. Bei dem Tode dieſes Fuͤrſten fing ein jeder von Neuem zu athmen an, und forderte ſeine Rechte zuruͤck. Der Kurfuͤrſt von Baiern verlangte einen Theil des Nachlaſſes, Auguſt von Polen bewies ſeine An⸗ ſpruͤche, und der Koͤnig von Spanien ſtellte ſich eben⸗ falls in die Reihe. Es kamen ſogar zwei pragmatiſche Sanctionen zum Vorſcheine, wovon eine die Beſitzun⸗ gen des Hauſes Oeſterreich der Erzherzogin von Polen, die andere aber der aͤlteſten Tochter Carls, Maria Thereſia, zuſicherten. Bei ſo vielen beſondern und entgegengeſetzten Anſpruͤchen konnte es nicht fehlen, daß ſich ein allgemeiner Krieg entzuͤndete; aber er fing an einem Orte an, wo es die Siga betnabti⸗ nie ge⸗ ahnt haͤtte. 4 Der Koͤnig von Preußen, faſt der einzige in Eu⸗ ropa, der gar keine Rechte auf die Verlaſſenſchaft des Hauſes Oeſterreich hatte, trat doch mit dergleichen hervor. Waͤhrend die andern Staatsſchriften verfertig⸗ ten, machte er Eroberungen. Seine Truppen ruͤckten in die ſchoͤnſte Provinz der Koͤnigin von Ungarn ein, und bemaͤchtigten ſich derſelben. Die Krone des Hau⸗ ſes Brandenburg war noch ganz neu. Der Kaiſer Leopold hatte ihm zuerſt den Titel Majeſtaͤt beigelegt, aber durch dieſe Ehre war das Reich nicht viel groͤßer geworden. Der Koͤnig von Preußen kam in Europa faſt gar nicht in Betracht; ſeine Anſpruͤche auf den Nachlaß des Hauſes Oeſterreich waren die eines bloßen Privatmannes. Er forderte einige Herzogthuͤmer zu⸗ ruͤck, die ſein Haus ehemals durch Kauf beſeſſen hatte. In⸗ deß bemaͤchtigte er ſich Schleſiens als unumſchraͤnkter Herr. Ich habe erfahren, daß Maria Thereſia wuͤrde haben unterliegen muͤſſen, wenn nicht ihre eignen F Feinde ihr zu Huͤlfe gekommen waͤren. Jene Ungarn, die ſeit mehreren Jahrhunderten darnach getrachtet hatten, dies Haus zu ſtuͤrzen, boten damals alle ihre Kraͤfte auf, um es zu erhalten. Der Herzog von Belleisle hat mir geſagt, daß einige lateiniſche Woͤrter, die dieſe Fuͤrſtin zu ihnen geredet haͤtte*), dieſe große Veraͤnderung in unſerer politiſchen Welt hervorgebracht haͤtten, denn, ſetzte er hinzu, wenn die Ungarn dieſe Fuͤrſtin ohne Beiſtand gelaſſen haͤtten, ſo waͤre jetzt vielleicht nicht einmal mehr die Rede von dem oͤſterreichiſchen Hauſe. Ludwig XV. vereinigte ſich mit dem Koͤnige von Preußen, um den Kurfuͤrſten von Baiern auf den deut⸗ ſchen Kaiſerthron zu ſetzen. Außerdem, daß dieſe Wahl im Norden eine Ablenkung der Streitkraͤfte hervor⸗ brachte, entledigte ſich der Koͤnig dadurch, wie er ſagte, einer alten Schuld gegen Baiern. Wenn die Dankbarkeit auf das Verfahren der Herrſcher wirklich einigen Einfluß haͤtte, ſo koͤnnte man in der That glauben, daß Frankreich die Waffen er⸗ griffen habe, um der Verbindlichkeit gegen die Kur⸗ fuͤrſten von Baiern zu genuͤgen, welche ſtets Verbuͤndete jener Krone geweſen waren, und zum Vortheile derſel⸗ ben bedeutende Verluſte erlitten hatten. Das Haus Bourbon verband ſich mit dem Bran⸗ denburgſchen, um den Nachlaß Carls VI. zu ſchwaͤchen; und wenn dazu ein Prinz von Baiern auf den kaiſer⸗ lichen Thron kam, ſo erhielt Frankreich das Uebergewicht in Deutſchland. *) Sie hatte dieſelben in lateiniſcher Sprache angeredet. 1. 3 — 34— Man hat oͤffentlich geſagt: der Koͤnig von Preu⸗ ßen habe Anfangs Marien Thereſen Geld und Truppen anbieten laſſen, um ihre Nechte gegen die uͤbrigen Maͤchte aufrecht zu erhalten, wenn ſie ihm Niederſchle⸗ ſien abtreten wollte. Haͤtte ſie darin gewilligt, ſo wuͤr⸗ den die europaͤiſchen Angelegenheiten eine andere Wen⸗ dung genommen haben. Aber ich habe waͤhrend mei⸗ nes Aufenthaltes in Verſailles erfahren, daß die Fuͤrſten oft Anerbietungen machen, die ſie gar nicht geneigt ſind zu erfuͤlen. Der Marſchall von Noailles nennt das: politiſche Hoͤflichkeiten. Friedrich war ſeiner Sache gewiß, und die Fuͤrſten bitten ſelten Andere um das, was ſie durch ſich ſelbſt erlangen koͤnnen. Das Haus Oeſterreich konnte dem Eindringen in Schleſien nichts entgegenſetzen. Nichts war in Bereitſchaft, um ihm zuvorzukommen. Es war daher unmoͤglich, daß Frankreich ſich nicht haͤtte fuͤr den Koͤnig von Preußen erklaͤren ſollen. Das Buͤndniß fand alſo wirklich Statt, und um ihm ein groͤßeres Ge⸗ wicht zu geben, veranlaßte man den König zur Theil⸗ nahme daran, der damals nicht ahnete, daß ſeine Staaten einſt von demſelben Friedrich uͤberfallen werden wuͤrden. Dieſes Buͤndniß wurde die Grundlage einiger an⸗ dern. Die Pfalz, Spanien und Italien nahmen Theil an dem Plane. Es war die Rede davon, Parma, Piacenza und das Mallaͤndiſche an Don Philipp zu geben. Der Marſchall von Belleisle wurde mit allen Un⸗ terhandlungen in Deutſchland beauftragt. Der arme Kurfuͤrſt von Baiern, den man zum Kaiſer machen wollte, konnte nicht ſechs Regimenter aufſtellen. Man — 35— mußte ihn zu dem beabſichtigten Kriege mit allem ver⸗ ſehen, und ihn, ſo zu ſagen, vom Kopfe bis zu den Fuͤßen bewaffnen. Frankreich machte ihn zu ſeinem General⸗Lieutenant in Deutſchland; auf dieſe Art wurde der Nachfolger der Caͤſaren ein, dem Hauſe Bourbon untergeordneter Offizier, und demzufolge ſchickte man ihm eine Armee, um ſelbige zu befehligen. Waͤhrend ſich eine Parthei dazu bildete, das oͤſter⸗ reichiſche Haus zu ſtuͤrzen, gruͤndete ſich eine andere, um ſeinen Sturz zu verhuͤten. Holland und England, deren gemeinſchaftlicher Vortheil es iſt, in Deut ſchland eine Macht zu erhalten, die den Abſichten von Verſailles das Gegengewicht haͤlt, bereiteten ſich zu einem Kriege mit Deutſchland, aber man begnuͤgte ſich vorerſt noch damit, dem Hauſe Oeſterreich Geld zu uͤberſenden. Prag wurde eingenommen, und der Kurfuͤrſt von Baiern zum Koͤnige von Boͤhmen, bald darauf auch zum Kaiſer erklaͤrt: Herr von Belleisle gab ihm zuerſt dieſen letztern Titel, und ſo verfuͤgte ein Unterthan des Koͤnigs von Frankreich uͤber einen Thron, der ehemals ſelbſt uͤber alle Reiche der Welt verfuͤgt hatte, Dieſer Marſchall hat mir in der Folge geſagt, der Verſailler Hof habe ſich zu ſehr beeilt, und der Krieg ſey damit angefangen, wonnt er habe beendigt werden muͤſſen. Die Armeen des Koͤnigs von Frankreich und des Kurfuͤrſten von Baiern waren, in Vereinigung mit den ſaͤchſiſchen Truppen, nicht zahlreich genug, um die Laͤnder, deren man ſich bemaͤchtigen mußte, zu behaupten. Die Eroberer drangen immer vorwaͤrts, ohne ein⸗ mal hinter ſich zu ſehen. Herr von Belleisle, der vor⸗ 3*† — 36— herſah, daß die Siege ſelbſt Niederlagen herbeifuͤhren wuͤrden, befand ſich unwohl und bat, ſich entfernen zu duͤrfen. Man ſandte ihm den Marſchall von Broglie, der, ſobald er den Zuſtand der Dinge unterſucht hatte, ſogleich die Urſache der Krankheit des Herrn von Bel⸗ leisle errieeh. Als ſechs Jahre nachher dieſe beiden Generale ſich bei mir befanden, und von jener Angele⸗ genheit ſprachen, ſagte der Letztere zum Erſtern: Herr Marſchall, Sie ſpielten mir damals einen haͤßlichen Streich. 4 Die Ungarn machten die Niederlagen wieder gut. Leute vom Fache haben mir nachher geſagt, daß man zwar genug Fußvolk geſandt, aber die Reiterei vergeſſen habe, welche die unentbehrlichſte Waffenart in Deutſch⸗ land iſt. Der Koͤnig von Preußen, der von weitem das Mißgeſchick ſeiner Verbuͤndeten ſah, dachte nur darauf, es zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Er hatte Erobe⸗ rungen gemacht, die er mit den Verluſten derer, die ihm dazu behuͤlflich geweſen waren, nicht zuſammen⸗ werfen wollte. Er bedurfte noch eines entſcheidenden Sieges, um ſich bei dem Hauſe Oeſterreich, mit dem er ſich ſchon zu vergleichen ſuchte, in Furcht zu ſetzen. Er lieferte die Schlacht von Czaslau und gewann ſie. Nach dieſem Siege blieb er unthaͤtig, und bald nachher ſchloß er mit Maria Thereſia einen beſondern Frieden. Nun war fuͤr Frankreich alles verloren. Die Poſten, die Munitionstransporte, die Magazine wurden aufge⸗ hoben und Krankheiten richteten vollends alles zu Grunde. Die franzoͤſiſchen Generale entdeckten damals den — 37— großen Geiſt des Koͤnigs von Preußen. Herr von Belleisle hat mir oft geſagt, her abe ſich in ſeiner Den⸗ kungsart nicht taͤuſchen laſſen, aber gehofft, die Fort ſchritte der franzoͤſiſchen Armee in Deutſchland wuͤrden ihn noͤthigen, der Krone treu zu bleiben. Dies iſt ſo wahr, ſetzte er hinzu, daß ich bei dem erſten Geruͤchte von unſern Unfällen, zum Herrn von Broglie ſagte: der Koͤnig von Preußen wird nun umaatteln. Ein Artikel des Vertrages war, daß er dem Buͤndniſſe mit dem Hauſe Bourbon entſagen ſollte: und ſo wurden die franzoͤſiſchen Truppen im Stiche gelaſſen. Es war, ſagte mir vor nicht langer Zeit ein geſchickter Mann, ein Fehler des Cabinets von Ver⸗ ſailles, daß es, ſtatt ein hinlaͤngliches Truppencorps zu ſchicken, das Jedermann haͤtte die Spitze bieten koͤnnen, nur kleine Armeen, die eine nach der andern vor Schwaͤche umkamen, marſchiren ließ. Der Kaiſer, von Frankreich ſchlecht unterſtuͤtzt, floh vor ſeinen Feinden, verließ ſeine Hauptſtadt, und zog ſich zuruͤck, wohin er konnte. Sein Schickſal war um ſo mehr zu beklagen, als er vermoͤge ſeines Ranges von der hoͤchſten Stufe der Hoheit, wohin je das Gluͤck einen Sterblichen erhoben hat, herabgeſtuͤrzt wurde. Von allen Demuͤthigungen, die er erfuhr, war das die groͤßte, daß er genoͤthigt war, dieſelbe Koͤnigin von Ungarn, ſeine Feindin, um Gnade zu bitten. Er ließ ihr vorſchlagen, daß er ſeinen Ehrgeiz auf die kai⸗ ſerliche Krone beſchraͤnken, und alle Anſpruͤche auf die Beſitzungen des Hauſes Oeſterreich fallen laſſen wollte. Aber Marien Thereſens Angelegenheiten befanden 5 ——/Ojyʒ-——— — 38— ſich in einem zu guͤnſtigen Zuſtande, als daß ſie auf dieſe Vorſchlaͤge mit Maͤßigung haͤtte antworten ſollen. Sie behandelte ihn faſt wie einen Aufruͤhrer, und ließ ihm ſagen, daß der einzige Zufluchtsort, wo ſeine Per⸗ ſon ſich in Deutſchland in Sicherheit befinden koͤnnte, die Reichslaͤnder, mit Ausnahme von Baiern, waͤren. England war genoͤthigt geweſen, friedlich zu blei⸗ ben. Maillebois hatte mit einem betraͤchtlichen Trup⸗ pencorps Georg II. zur Unterzeichnung eines Neutra⸗ litaͤtsvertrages gezwungen, und die Hollaͤnder waren nicht geneigt, ſich in die Angelegenheiten Deutſchlands zu miſchen. Robert Walpole, welcher damals England regierte, liebte den Frieden, weil er nicht die noͤthigen Eigen⸗ 4 ſchaften zur Kriegfuͤhrung beſaß. Jeder Miniſter in Europa hat(wie mir ein Mann von vielem Verſtande, den ich in Verſailles oft geſehen habe, bemerklich ge⸗ macht hat) ſeine beſondere Talente, nach deren Maas⸗ gabe er die oͤffentlichen Angelegenheiten leitet. Das Syſtem jenes beſtand darin, daß die Macht Englands im Handel liege, und daß eine ſolche Nation ſorgfaͤltig Belagerungen und Schlachten vermeiden muͤſſe. Der Koͤnig hat mich mehrere Briefe leſen laſſen, welche dieſer Miniſter an den Cardinal von Fleury ge⸗ ſchrieben und in denen er ſich folgendermaßen ausge⸗ druͤckt hatte: Ich nehme es auf mich, ſagte er ihm, das Parlament friedlich zu ſtimmen; verhindern Sie Ihrerſeits, das die Nation kriegeriſch ſey; denn ein engliſcher Miniſter kann nicht alles thun ꝛc. ꝛc. „— — 2 — 39— In einem andern: Es koſtet mich viele Muͤhe, die Leute hier dahin zu bringen, daß ſie ſich nicht ſchlagen; nicht darum, weil ſie fuͤr den Krieg entſchieden waͤren, ſondern weil ich fuͤr den Frieden ſtimme; denn unſere eng⸗ liſchen Staatsmaͤnner muͤſſen beſtaͤndig ſcharmuͤtzeln, es ſey nun auf dem Schlachtfelde, oder auf den Baͤnken von Weſtminſter. In einem dritten ſagt er: Ich bezahle der Haͤlfte des Parlaments Huͤlfsgelder, um ſie in den friedlichen Schranken zu halten, aber da der Koͤnig nicht Geld genug hat, und dieje⸗ nigen, denen ich nichts gebe, ſich offen fuͤr den Krieg erklaͤren, ſo waͤre es gut, wenn Ihre Emi⸗ nenz mir drei Millionen zukommen ließen, um die Stimme derer, die am heftigſten ſchreien, zu unterdruͤcken. Das Gold iſt hier ein Metall, das das zu kriegeriſche Blut beſaͤnftigt. Es giebt kei⸗ nen ſo feurigen Krieger im Parlamente, der nicht durch einen Gnadengehalt von zwei tauſend Pfund friedliebend wuͤrde. Genug, wenn England ſich erklaͤrt, ſo muͤſſen Sie, zur Erhaltung des Gegen⸗ gewichts, den andern Maͤchten Huͤlfsgelder bezah⸗ len, ohne zu rechnen, daß der Erfolg des Krieges ungewiß ſeyn kann; wogegen Sie, wenn Sie mir Geld ſchicken, den Frieden aus der erſten Hand kaufen ꝛc. ꝛc. Nachdem aber Walpole genoͤthigt war, aus dem Miniſterium zu ſcheiden, vereinigte ſich Großbritannien mit Oeſterreich, waͤhrend es ſich ſchon mit Spanien — ½ 4 3* —Q··y·-ↄ——— — 40— im Kriege befand. Die Englaͤnder ſandten eine be⸗ traͤchtliche Armee nach Flandern, bevor der Verſailler Hof daran gedacht hatte, ſeine feſten Plaͤtzen gehoͤrig zu verſorgen. Es ſtand in ihrer Gewalt, in Frankreich einzuruͤcken, und die Nachwelt wird es nie erfahren, weßhalb ſie es unterließen. Ein brittiſcher Miniſter hat mir nachher in Verſailles geſagt, daß es damals zu viel Mißvergnuͤgte in der Armee gegeben habe, und man dieſen Einbruch nur allein deßhalb unternom⸗ men, um diejenigen zu befriedigen, die beſtaͤndig davon geredet haͤtten, daß das einzige Mittel zur Wiederher⸗ ſtellung des Gleichgewichts in Europa in der Ueber⸗ ſchreitung der Graͤnzen von Flandern beſtaͤnde. Auf dieſe Weiſe, ſetzte jener Miniſter nachdenkend hinzu, wird unſere Regierung, die man fuͤr eine der am be⸗ ſten eingerichteten in Europa haͤlt, dem belondein Vor⸗ theile geopfert. Prag, die Stadt, auf welche Frankreich alle ſeine Hoffnungen gegruͤndet hatte, war nahe daran, im Stiche gelaſſen zu werden. Von da aus machte der Marſchall von Belleisle kurz nachher jenen ſchoͤnen Ruͤckzug, von dem er mir bis an das Ende ſeines Lebens taͤglich er⸗ zaͤhlt hat, denn der alte Mann war ſehr eitel. Er be⸗ hauptete, dies waͤre die ſchoͤnſte kriegeriſche Heldenthat dieſes Jahrhunderts. Ganz Europa war in Unruhe; Italien hatte die Waffen ergriffen, um eine Freiheit zu vertheidigen, die es nicht beſaß. Der Papſt ſogar unterzeichnete, wie mir geſagt iſt, Vertraͤge, welche darauf abzweckten, den Krieg zu beguͤnſtigen. —— “ Das Gleichgewicht von Europa diente zum Vor⸗ wande, aber alle Staaten ſuchten ein Mittel, Frank⸗ reich heimliche Schlaͤge beizubringen. Der Cardinal von Fleury, der nun todt iſt, hatte den Krieg geflohen, aber den Frieden nicht ernſtlich ge⸗ nug gewollt. Dieſer alte abgelebte Mann faſelte ſeit einigen Jahren, und ſeine Anhaͤnger hielten ſeine Faſe⸗ leien fuͤr die feinſten Staatsſtreiche. Es giebt Leute in Frankreich, die von ſeiner Ord⸗ nung und Sparſamkeit, die nichts als die Wirkung ſeiner Kinderei waren, viel Ruͤhmens gemacht haben. Er war ſo filzig, daß er es nie uͤber ſich vermocht hat, ſich ein anſtaͤndiges Hausgeraͤth anzuſchaffen. Alle An⸗ gelegenheiten Frankreichs hatten einen Anſtrich von Geiz und Knauſerei. Bei ſeinem Tode wurde der Koͤnig ſein Herr; denn bis dahin war Ludwig nur die zweite Perſon im Staate geweſen; aber dieſer Monarch nahm in der Einrichtung der oͤffentlichen Angelegenheiten keine Ver⸗ aͤnderung vor. Dieſelben Fehler fanden fortwaͤhrend Statt. Ein damals bei Hofe angeſtellter Geſchaͤftsmann aͤußerte gegen mich vor einiger Zeit, daß man haͤtte ſagen koͤnnen, der Cardinal lebte noch nach ſeinem Tode. Man ſchickte aus Sparſamkeit kleine Armeen nach Deutſchland, die wie die fruͤhern zu Grunde gingen. Die Hollaͤnder hatten ſich nach vielen Bitten und Drohungen erklaͤrt. Ich habe von einem geſchickten Manne, dem die Staatskunſt einer jeden Regierung bekannt iſt, gehört: Die Hollaͤnder haͤtten zwei Klugheitsregeln, von denen — 42— 1 ſie ſich nie entfernten. Nach der erſten bleiben ſie in einem Kriege, der zwiſchen den großen Maͤchten entſteht, partheilos, um den ganzen europaͤiſchen Handel an ſich zu ziehen, und die zweite will, daß ſie den Augenblick erhaſchen, wo Frankreich von ſeinen Feinden erdruͤckt wird, um ſich gegen daſſelbe zu erklaͤren. Wahrſchein⸗ lich in Folge dieſer letztern, vereinigten ſie ihre Truppen mit den engliſchen und ruͤckten ins Feld. Nach dieſem letzten Angriffs⸗ und Vertheidigungs⸗Buͤndniſſe befand ſich ganz Europa im Kriege. Deutſchland, Holland, Flandern, Piemont, und der uͤbrige Theil von Italien, alles war voll Soldaten. Der Graf von Argenſon hat die Berechnung gemacht, daß damals in Europa 900,000 Mann unter den Waffen, und bereit geweſen waͤren, ſich zu erwuͤrgen, ohne daß die allgemeine Staatskunſt einen Grund da⸗ von haͤtte angeben koͤnnen. Frankreich insbeſondere ver⸗ minderte ſeine Bevoͤlkerung und vernichtete ſeine Geld⸗ mittel zu ſeinem offenbaren Nachtheile. Denn, ſagte mir einſt ein ſehr geſchickter Staatsmann, was lag uns hr get eigentlich daran, ob ein Kurfuͤrſt von Baiern Kaiſer von Deutſchland, und Don Philipp Herzog von Parma wurde? Nie werde ich vergeſſen, was ich in dieſer Hinſicht in Voltaires Schriften geleſen habe. Es war ein Spiel, ſagt er, das die Fuͤrſten von einem Ende Europas bis zum andern ſpielten, indem ſie mit hin⸗ laͤnglicher Uebereinſtimmung das Blut und die Schaͤtze ihrer Voͤlker in Gefahr ſeßten, und lange Zeit hindurch das Gluͤck durch eine gegenſeitige gleiche Menge ſchoͤner Thaten, Fehler und Verluſte im Gleichgewichte erhielten. — 5 V 8 5 — 43— Bemerkenswerth iſt es, daß, indem man ſich an allen Enden Schlachten lieferte, der Krieg gar nicht er⸗ klaͤrt war; man toͤdtete ſich wechſel ſeitig als Verbuͤndete. Carl VIlI., die Urſache dieſes allgemeinen Brandes, hatte weder Sechatm noch Unterthanen mehr. Man machte ihm ſogar den Kaiſertitel, das einzige ihm uͤbrig gebliebene Gut, ſtreitig, und man erklaͤrte uͤberall in Deutſchland ſeine Wahl fuͤr unguͤltig. Er ſah ſich ge⸗ noͤthigt, in ſeiner eigenen Sache partheilos zu bleiben. Dieſe Handlungsweiſe allein haͤtte dem Krieg in Deutſch⸗ land ein Ende machen ſollen; aber ich habe nachher die Erfahrung gemacht, daß die Fuͤrſten nicht aus einem angenommenen Syſteme, ſondern nach dem Zuſammen⸗ treffen untergeordneter Urſachen Krieg fuͤhren, deren An⸗ triebe ſie folgen. Die großen franzoͤſiſchen Armeen hatten ſich aus Deutſchland zuruͤckgezogen, und der groͤßte Theil der Truppen, welche man daſelbſt gelaſſen hatte, war zu Kriegsgefangenen gemacht. Der Marſchall von Noail⸗ les hat mir oͤfters geſagt, daß der Krieg in Deutſchland zu den groͤßten von allen Staatsfehlern gehoͤre, die ſeit zehn Jahrhunderten in Europa begangen waͤren. Bei Leſung der Geſchichte jener Zeit habe ich be⸗ merkt, daß von allen Fuͤrſten, welche Krieg fuͤhrten, der Koͤnig Emanuel von Sardinien allein Grund da⸗ zu hatte. Man wollte an die Seite ſeiner Staaten einen Prinzen aus dem Hauſe Bourbon ſetzen, der, wenn er einmal feſten Sitz gefaßt haͤtte, ihm oft be⸗ ſchwerlich geweſen ſeyn wuͤrde. Er verbuͤndete ſich mit den Feinden Frankreichs, um ſich von einem gefaͤhr⸗ —— —— — — 42— lichen Nachbar zu befreien. Vom Anfange des Krie⸗ ges an hatte dieſer Fuͤrſt dem Hauſe Oeſterreich Bei⸗ ſtand geleiſtet, und ſchloß einen Vertrag mit demſelben. England lieferte ihm Geld zur Beſtreitung der Kriegs⸗ koſten, aber die Koͤnigin von Ungarn that viel mehr, indem ſie ihm einen kleinen Staat gab, der nicht ihr gehoͤrte*). Frankreich erklaͤrte im Jahre 1744 England und Oeſterreich den Krieg. Dieſer Erklaͤrung folgte ein weit ausgedehnter Plan; man machte naͤmlich dem Prinzen Eduard, Sohn des Praͤtendenten, den Vorſchlag, den Thron ſeiner Vorfahren wieder zu beſteigen. Dies war ein kuͤhner, tapferer und muthiger junger Mann, der in Rom viel Langweile hatte, und vor Kampfbegierde brannte. Das Haus Stuart iſt ſo ungluͤcklich, daß ich nicht weiß, ob es in der Macht von ganz Europa ſtaͤnde, es in die Rechte ſeiner Familie wieder einzuſetzen. Es ſcheint ein, ich weiß nicht welches, ungluͤckliches Ver⸗ haͤngniß an dieſen Namen geknuͤpft. Frankreich machte Vorbereitungen zu ſeinen Gun⸗ ſten, und leiſtete ihm alle Huͤlfe, die die damalige Lage der Dinge ihm erlaubte; aber alles mißgluͤckte. Ich fragte den Koͤnig, lange nach dieſer Begebenheit, ob er wirklich Neigung gehabt habe, den Praͤtendenten auf den Thron von Großbritannien zu ſetzen? Er ant⸗ wortete mir, daß weder er noch ſeine Rathe dies je fuͤr ausfuͤhrbar gehalten hatten; daß dieſer Wiederein⸗ *) Die Markgrafſchaft Finall, die den Genueſern gehörte. — — 45— ſetzung eine Menge Mittelurſachen entgegen waͤren, de⸗ ren Gang die Staatskunſt nicht mehr aufzuhalten im Stande ſey. Der Marſchall von Noailles ſagte eines Tages in meiner Gegenwart zu ihm: Sire, wenn Ihre Mazjeſtaͤt in London haͤtten die Meſſe leſen laſſen, ſo haͤtten Sie eine Armee von 300,000 Mann dahin ſchicken muͤſſen, um dabei zu dienen. Indeß ſchiffte ſich der junge Eduard, voll Begierde, daß von ihm in der Welt geredet wuͤrde, ein. Er ſah von fern ein Koͤnigreich, an deſſen Regierung ihn das Schickſal und die Staatskunſt verhinderten. Ein Sturm widerſetzte ſich der Landung und ſeine Flotte wurde zerſtreut aber demungeachtet und trotz allen Winden, wollte der hitzige Praͤtendent in die Inſel eindringen und ſich allein gegen ganz England ſchlagen. Man verſicherte in Verſailles, er habe in London einen großen Anhang, und hierauf wurde der Plan des ganzen Un⸗ ternehmens gegruͤndet. Vor nicht langer Zeit befand ich mich bei dem Herrn von Belleisle, als er einige Schriften in ſeinem Cabinete ſuchte, und mir ein Papier mit den Worten zuſtellte:»Leſen Sie, gnaͤdige Frau, dies iſt ein Brief, der uns mehrere Millionen gekoſtet hat, die in das Meer gefallen ſind. Er wurde an den franzoͤſiſchen Hof von einer brittiſchen Parthei gerichtet, die man in England Jacobiten nennt.⸗ Er war folgenden Inhalts: Das Tabernakel iſt fertig; das heilige Sakrament darf nur erſcheinen; wir werden ihm mit dem Kreuze entgegen ziehen. Die Prozeſſion wird zahl⸗ 6 1 † — 46— reich ſeyn, aber da die Leute hier ſchwierig im Glau⸗ ben ſind, ſo beduͤrfen wir Soldaten und Waffen. Dann das Syſtem der Verwandlung des Leibes Jeſu kann heut zu Tage in England nur durch grobes Geſchuͤtz ſich feſtſtellen. Verlaſſen Sie ſich auf uns, wir werden alles thun, was noͤthig iſt, und wir koͤnnen Ihnen im voraus verſichern, daß nach der Landung unſerer Parthei nur noch die Worte zu ſagen braucht: ite, missa est. Zweiundzwanzig Perſonen, von denen mehrere heute auf einer bedeutenden Stufe in England ſtehen, waren in dieſem Briefe bezeichnet. Einige Zeit nachher gab er mir einen andern zu leſen, welcher folgendergeſtalt lautete: 4 Was man auch ſagen mag, das Unternehmen iſt nicht ſchwierig, die Landung iſt, leicht. Alles be⸗ guͤnſtigt die Umwaͤlzung; die Religion giebt den geringſten Vortheil; die Staatskunſt muß alles thun. Der Hannoveraner wird nicht geliebt, er plackt den Englaͤnder beſtäͤndig. Auf der einen Seite will er ſich unumſchraͤnkt machen, und auf der andern dieſem ſein Geld abnehmen. Da die Landung in England fehlgeſchle wo ſo machte man in Italien neue Anſtrengungen, Do Philipp zum Ziele zu bringen. Der Koͤnig von Sa 5 dinien, der den Schklluͤſſel zu den Alpen hat, ſetzte ſich dagegen. Der Prinz von Conti hatte es uͤbernommen, hindurch zu dringen. Das hieß, gegen Gott Krieg fuͤhren, der beide Staaten durch anzugaͤngliche Gebirge — — 47— * getrennt hat. Ich habe mir in meinem Cabinete mehr⸗ mals die Feldzuͤge dieſes Prinzen in jenen unzugaͤng⸗ lichen Erdſtrichen, die Einnahme war Chateau⸗Dau⸗ phin, und ſeine weiteren Fortſchritte auf jenen Felſen, vorleſen laſſen, und habe gefunden, daß der Prinz von Conti ſich bei dieſem Unternehmen groͤßer gezeigt hat, als ſo viele Helden, deren Namen verherrlicht werden. Aber man laͤßt den großen Maͤnnern nicht immer Ge⸗ rechtigkeit widerfahren. Ludwig XV., der noch nicht an der Spitze ſeiner Truppen erſchienen war, wollte ſich daſelbſt zeigen. Er beſchloß, ſeinen erſten Feldzug in Flandern zu eroͤffnen. Bei ſeiner Ankunft wurde Courtray uͤbergeben, und kurz darauf hatte Menin daſſelbe Schickſal. Der Koͤnig wohnte den Arbeiten ſelbſt bei, und ermuthigte die Sol⸗ daten durch ſeine Gegenwart. Da man in Frankreich uͤber dieſen Feldzug viel geredet hat, ſo fragte ich den Koͤnig nach dem Frieden, ob er einen entſchiedenen Geſchmack am Kriege gefun⸗ den habe? Er ſuchte Anfangs auszuweichen, und ant⸗ wortete in allgemeinen Ausdruͤcken, aber ein Jahr ſpaͤ⸗ ter, in einem jener Augenblicke voll Vertrauen, wo das Herz ſich in den Armen der Freundſchaft ausſchuͤttet, ſagte er mir, daß dies ſeine herrſchende Leidenſchaft ge⸗ weſen ſey, und er ſich ihr, ohne das noch friſche Bei⸗ ſpiel ſeines Urgroßvaters, und die Rathſchlaͤge des Car⸗ dinals von Fleury, die ihm noch beſtaͤndig gegenwaͤrtig waͤren, ganz hingegeben haben wuͤrde, aber daß die Liebe zu ſeinen Voͤlkern den Sieg uͤber ſeine Leiden⸗ ſchaft davon getragen haͤtte. Gluͤckliche Regierung, wo — 48— der Fuͤrſt ſeine Lieblingsneigung dem Gluͤcke ſeiner Un⸗ terthanen zum Opfer bringt!! Ludwig ſah ſich genoͤthigt, ſeine erſten Eroberungen zu verlaſſen, um dem Elſaß zu Huͤlfe zu eilen. Der rinz Carl hatte den Rhein uͤberſchritten und drohte, 5 in mehrere Provinzen Frankreichs einzudringen. Der Koͤnig marſchirte an der Spitze einer Armee dahin und der Prinz zog ſich uͤber den Rhein zuruͤck. Welche Vortheile auch Frankreich in Flandern erwor⸗ ben hatte, ſo wurde ſeine Sache doch dadurch nicht beſ⸗ ſer. Das von der Koͤnigin von Ungarn mit England, Holland, Sardinien und Sachſen geſchloſſene Buͤndniß bildete ein zu großes Gegengewicht. Der Koͤnig von Preußen, der mit England fuͤr ſich allein ein Buͤndniß geſchloſſen hatte, vermuthete nicht, daß das Haus Oeſter⸗ reich ſo maͤchtig werden wuͤrde. Es verſteht ſich bei Vertraͤgen zwiſchen Fuͤrſten immer von ſelbſt, daß der, zu deſſen Gunſten man ſich fuͤr partheilos erklaͤrt, ſeine Macht nicht uͤber ein gewiſſes angemeſſenes Verhaͤltniß hinaus vergrößert. Das Haus Brandenburg hatte mehr von Oeſterreich, als von jedem andern europaͤiſchen Staate zu fuͤrchten. Es blieb ein bloßer Zuſchauer des Krieges, ſo lange Frankreich und der Kaiſer nur geringe Verluſte erlitten, aber ſobald die Königin große Fort⸗ ſchritte machte, ergriff es die Waffen gegen ſie, um ihnen Einhalt zu thun. Ich habe ſeitdem den Marſchall von Noailles, einen der groͤßten Maͤnner, die Feantreich je in der Staatswiſſenſchaft gehabt hat, gefragt, woher es kaͤme, daß die Fuͤrſten ſolche Verletzungen der Treue zu⸗ gaͤben, welche im buͤrgerlichen Leben fuͤr unſtatthafte Vergehen angeſehen werden? und er hat mir geant⸗ wortet, daß ſolche Verletzungen nothwendig waͤren, daß ſie die Sicherheit Europas erhielten, und ohne ſie die ſammtljchen Staaten bald einem einzigen Fuͤrſten un⸗ terworfen ſeyn wuͤrden, wozu es hinreichte, daß er die uͤbrigen einmal dahin braͤchte, partheilos zu ſein. Nachdem der Koͤnig von Preußen ſich von Neuem mit Frankreich verbuͤndet hatte, marſchirte er ſogleich mit einer maͤchtigen Armee auf Prag los. Aber waͤh⸗ rend ganz Frankreich ſich uͤber Friedrichs Vortheile freuete, erhielt es ſehr betruͤbende Nachricht. Der Koͤnig wurde in Metz krank, und bald war ſein Leben in Gefahr. Die Betruͤbniß war allgemein, und ich erinnere mich, daß Jedermann weinte. Dieſe allenthalben vergoſſenen Thraͤnen ſind eine beſſere Lobrede, als alle Schmeiche⸗ leien, womit einſt die Schriftſteller die Geſchichte erfuͤl⸗ len werden. Ich habe viele Leute geſprochen, die Zeu⸗ gen des Todes Ludwigs XIV. geweſen waren, und ſie verſicherten mir, daß kein Franzoſe Thraͤnen vergoſ⸗. ſen, daß die Nachricht davon Niemand geruͤhrt, und man am Tage ſeiner Beiſetzung ſchon vergeſſen habe, daß er todt waͤre. Dies iſt eine Folge davon, daß die Herzensguͤte mehr werth iſt, als der Heldenmuth, und Ludwig XV. iſt der beſte Fuͤrſt, der je regieret hat. Der Monarch erholte ſich von ſeiner Krankheit, und nun war die Freude allgemein. Dieſer Fuͤrſt be⸗ lagerte Freiburg im Breisgau, ſchleifte deſſen Feſtungs⸗ werke, wie er die anderer Plaͤtze, die in ſeine Gewalt gefallen waren, vernichtet hatte, und durch dieſe Staats⸗ inähiſ verhuͤtete er vielleicht eine Menge kuͤnftiger Kriege. 1 4 — 350— Herr von Maurepas ſagte mir einſt, in Beziehung hierauf, die Tuͤrken und Perſer haͤtten faſt keine befe⸗ ſtigten Plaͤtze und dieſes waͤre der Grund, daß ſie ſich nur ſelten bekriegten. Ich habe nachher gehoͤrt, daß der groͤßte Theil unſerer europaͤiſchen Kriege daher ent⸗ ſtaͤnde, daß die Staaten ſich zu ſehr auf ihre Baſteien und Citadellen verließen, wodurch der Erfolg der Unter⸗ handlungen vereitelt wuͤrde. In dieſem Falle haͤtte der beruͤhmte Vauban, deſſen Klugheit ich oft habe ruͤhmen gehoͤrt, Frankreich ſehr viel Unheil zugezogen. Indeß hob der Koͤnig von Preußen, der dadurch, daß er zu Gunſten Frankreichs die Waffen ergriffen, die ganze Ordnung der Dinge in Deutſchland veraͤndert hatte, die Belagerung von Prag auf. Seine Armee floh vor der des Prinzen Carl, die, nachdem ſie ſich bei dem Anblicke der Franzoſen uͤber den Rhein zuruͤck⸗ gezogen hatte, die Preußen uͤber die Elbe hinuͤber ver⸗ folgte. Ich habe nie die Eigenſchaften des Prinzen Carl, der die meiſten Plaͤne dieſes Krieges leitete, erken⸗ nen können. Einige haben mir ſo viel Gutes und An⸗ dere ſo viel Nachtheiliges davon geſagt, daß es mir un⸗ moͤglich geweſen iſt, ein Urtheil uͤber ihn zu faͤllen. Der Marſchall von Noailles, der die Menſchen kennt, hat mir geſagt, daß es dieſem Prinzen weder an Anlage noch an Kenntniſſen fehlte, daß aber ſeine Herzensguͤte die Eigenſchaften ſeiner Seele vernichtete. Er hat keinen eigenen Willen, ſetzte er hinzu, er laͤßt ſich von Allen, die um ihn ſind, leiten, und dieſe ſind nicht immer die Geſchickteſten. Da iſt er z. B., ſagte er, in Bruͤſſel Statthalter der Niederlande, und hat — 51— einen Deutſchen bei ſich, der ihn alles thun laͤßt, was er will, und was er will iſt nicht das, was er muͤßte. Die Macht Oeſterreichs, die durch das neue Buͤnd⸗ niß des Koͤnigs von Preußen mit Frankreich geſchwaͤcht war, wurde dagegen durch die des Kurfuͤrſten von Sach⸗ ſen und Koͤnigs von Polen verſtaͤrkt. Dieſer Monarch aͤnderte ſeinen Plan aus demſelben Grunde, der den Koͤnig von Preußen ebenfalls zur Veraͤnderung bewo⸗ gen hatte. Man taͤuſchte ſich bei dieſen Vertraͤgen gegenſeitig. Frankreich hoffte große Vortheile von einer Ablenkung, die der Koͤnig von Preußen fuͤr ſich ſelbſt machte, und der Koͤnig von Polen, der ſich verpflichtete, der Koͤnigin dreißigtauſend Mann zu ſtellen, erhaͤlt von ihr einen Theil Schleſiens zum Geſchenke, den ſie nicht mehr beſaß. Nach dieſem Buͤndniſſe ſchmeichelte ſich das Wie⸗ ner Cabinet, welches noch von England unterſtuͤtzt wur⸗ de, nicht allein Schleſien wieder zu nehmen, ſondern auch im franzoͤſiſchen Flandern Eroberungen zu machen. Man bedachte ohne Zweifel nicht, daß Ludwig XV. die Bewachung derſſelben einem Manne anvertrauet hatte, der der Monarchie dieſerhalb gehoͤrige Rechenſchaft ſchul⸗ dig war. Dieſer Mann war der Graf Moritz von Sachſen. Andere Krieger waren Feldherrn durch Alter, Nachdenken und Erfahrung, Moritz dagegen war ein geborner Feldherr. Selbſt ſeine Feinde(und er hatte deren in Verſailles) haben ihm die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß nie ein Mann einen groͤßern Scharf⸗ blick beſeſſen habe. Er bemerkte gleich Anfangs, was 4* andere Befehlshaber nur mit der Zeit und aus den Umſtaͤnden wahrnehmen. Moritz ſah nicht blos die Ereigniſſe vorher, ſondern er fuͤhrte ſie ſelbſt herbei, und auf dieſe Weiſe kann man ſagen, daß er das Ge⸗ ſchick ordnete. Dieſer General fuͤhrte den Krieg als Mathematiker; er lieferte nie eine Schlacht, bevor er nicht ihren Gewinn auf das buͤndigſte erwieſen hatte. Man legte ihm auch noch die Eigenſchaften des großen Turenne bei, naͤmlich die Kunſt, nach ſeinem Gefallen das Lager aufzuſchlagen und wieder aufzuheben, um den Feind zu ermuͤden, wodurch ein kleiner Krieg ge⸗ bildet wird, der faſt immer zu großen Vortheilen fuͤhrt. Uebrigens iſt dies Gemaͤlde nicht von mir, ich wiederhole nur, was Sachverſtaͤndige oft in meiner Gegenwart geaͤußert haben. Waͤhrend der Krieg einen guten Fortgang hatte, ging es mit der innern Verwaltung ſehr ſchlecht. Der Koͤnig wußte nicht, woher er Miniſter nehmen ſollte. Der Graf von Maurepas ließ die Flotte ſo weit ſegeln, als die Englaͤnder und die Lage der Dinge es ihm er⸗ laubten; aber die uͤbrigen Verwaltungszweige waren in einer ſchrecklichen Unordnung. Man trug die Beſorgung der auswaͤrtigen Angelegenheiten einem Greiſe, Namens Villeneuve an, der lange Geſandter bei der Pforte ge⸗ weſen war. Dieſer Mann, deſſen Verdienſte ſo ſehr geruͤhmt wurden, hatte den Handel in Conſtantinopel vernichtet, weil er ſich ſelbſt zum erſten Kaufmann der Nation machte. Er hatte ſich mit unermeßlichen, den Marſeillern widerrechtlich entriſſenen Reichthuͤmern von ſeinem Geſandtſchaftspoſten zuruͤckgezogen. Seine vor⸗ — 53— zuͤglichſten Eigenſchaften waren Sparſamkeit und Ein⸗ ſchraͤnkung. Dieſe Tugenden, die der Cardinal von Fleury ſo ſehr geliebt hatte, waren auch am Hofe ſehr beliebt. Durch Knickerei gelangte man zu allem. Der alte Geſandte ſchlug die Miniſterſtelle, welche man ihm anbot, aus; ohne Zweifel deßhalb, weil ſie mit mehr Beſchwerde, als Gewinn verknuͤpft war. Ueberdem habe ich von Leuten, die ihn perſoͤnlich kannten, gehoͤrt, daß er nicht die gehoͤrige Geſchicklichkeit zu jenem Poſten beſaͤße. Man hatte ſeine Talente ſehr geruͤhmt, weil er den Frieden zwiſchen der Pforte und Oeſterreich be⸗ wirkt hatte. Dieſe Art von Unterhandlungen gehen aber in Conſtantinopel gewoͤhnlich von Statten, ohne das ein Miniſter ſich deßhalb viel Muͤhe giebt. Herr von Maurepas hat mir verſichert, dieſe ganze Angele⸗ genheit haͤtte allein auf dem franzoͤſiſchen Dollmetſcher, Namens de Laria beruht, der den tuͤrkiſchen Geiſt ge⸗ nau kannte, und den Villeneuve bei dieſer Unterhand⸗ lung gebraucht hatte. Indeß ging es mit den Angelegenheiten in Ita⸗ lien nicht gut, Don Philipp hatte Savoyen genommen und wieder genommen, ohne in das Gebiet von Pia⸗ cenza eindringen zu koͤnnen. Der Koͤnig von Neapel, den ein bloßer engliſcher Schiffscapitain zur Partheiloſigkeit gezwungen thatte, weil er nicht im Stande war, zu den Waffen zu grei⸗ fen; hob ſie auf, ſobald er zur Kriegfuͤhrung vorberei⸗ tet war. Er war bis Veletri vorgedrungen, wo er den Fuͤrſten Lobkowitz, der ihn uͤberfallen wollte, ſelbſt uͤber⸗ 54— fiel. Von beiden Seiten blieben viel Leute, und wie ich von ſehr erfahrnen Offizieren gehoͤrt habe, es ging da, wie es faſt immer bei ſolchen Gelegenheiten geht, man ſchwaͤchte ſich von beiden Seiten, und verſchlim⸗ merte dadurch ſeine Lage. Lobkowitz floh vor dem Koͤnige von Neapel, der ihn in den Kirchenſtaat hinein verfolgte, und Rom ſah zwei Armeen vor ſeinen Thoren und erzitterte davor. In Deutſchland trug ſich damals ein kleines Ereig⸗ niß zu, aus welchem man erkennen kann, wie unge⸗ recht der Krieg iſt, da er die kriegfuͤhrenden Maͤchte ſogar das Voͤlkerrecht, das doch bei allen Nationen un⸗ verletzlich ſeyn ſollte, vergeſſen laͤßt. Der Koͤnig hatte den Marſchall von Belleisle an verſchiedene deutſche Hoͤfe als Geſandten geſchickt. Er betrieb die Angelegenheiten der Krone. Bei ſeiner Reiſe durch das Hannoͤverſche wurde dieſer Miniſter an⸗ gehalten, und als Staatsgefangener nach England ge⸗ ſandt. Man that dieſem General viel Ehre an, und gab ihm ſeine Wohnung in einem toͤniglichen Hauſe; aber dieſe glaͤnzende Gaſtfreiheit diente nur dazu, die Unge⸗ rechtigkeit dieſer Nation um ſo mehr ins Licht zu ſtellen. Der Marſchall hat mir nachher geſagt, er ſey gar nicht boͤſe uͤber jenen Vorfall, der ihm Gelegenheit ver— ſchafft habe, die Gewohnheiten und Denkungsart dieſes wunderlichen Volkes mitten auf ſeiner Inſel ken⸗ nen zu lernen. Er hat hundertmal geſagt, ein Britte ſey ein Raͤthſel der Menſchheit. Es ſey leicht, ſetzte er hinzu, die Nation im Großen kennen zu lernen, aber unmoͤglich ſie im Einzelnen zu ergruͤnden. Wie er ſagt, ſo kann man die Englaͤnder im Allgemeinen beſchreiben, aber unmoͤglich iſt es, zu ſagen, was ein Englaͤnder iſt. Man arbeitete in Wien, in Ber lin und in Ver ſailles nach den Plaͤnen, die in den Cabineten ange⸗ nommen waren, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß einen Theil der Entwuͤrfe veraͤnderte. Carl VII. dieſer ungluͤckliche Kaiſer, der nicht einen Augenblick Nuhe auf dem Throne der Caͤſaren gehabt hatte, ſtarb. Wenn die Natur allein die Menſchen gluͤcklich machen kann, ſo war dieſer der ungluͤcklichſte Sterbliche. Ein ſchwaches Gemuͤth ließ ihn ſeine Tage unter Leiden und Schmerzen hinbringen, der Ehrgeiz, der immer die Hauptkrankheit der Herrſcher iſt, plagte ihn eben ſo ſehr, als ſeine andern Uebel, und mitten unter dieſen Gebrechen dachte er nur darauf ſich einen Thron zu ſichern, den er durch ſeine Gemuͤthsſchwaͤche verlieren wollte. Seine Regierung war voll Unbeſtaͤndigkeit: Carl war nahe daran, ohne Wohnſitz ſich zu befinden. Er mußte oft ſeine Hauptſtadt und ſeine Hofhaltung verlaſſen; und ſo hatte der Nachfolger der Herren der Welt zuweilen weder Feuer noch Heerd. Er wurde von Frankreich dafuͤr bezahlt, Kaiſer zu ſeyn. Man gab ihm ſechs Millionen, um einen Rang zu behaupten, der ſchon aus eben dieſer Urſache ihm nicht gebuͤhrte. Leute, die die Urſachen der Groͤße und des Sinkens der Fuͤrſtenhaͤuſer kennen, behaupten, daß das Ungluͤck jenes Fuͤrſten dadurch entſtanden ſey, ſich mit dem Hauſe Bourbon verbuͤndet zu haben. Und ———— dieß wird, ſagt man, ſtets den kleinen Staaten, die ſich mit großen vereinigen, widerfahren. Nach dem Tode Carls VII. ſah Frankreich ſich in Deutſchland nach einem Kaiſer um, denn es war un⸗ moͤglich, daß Carls Sohn ſeinem Vater ruhig folgte. Er war weder in dem dazu erforderlichen Alter, noch beſaß er die Mittel, ſich auf dem kaiſerlichen Throne zu behaupten, wenn man ihn auch haͤtte darauf ſetzen wollen. Indeß dachte man an ihn, was indeß ein Plan war, den man auszufuͤhren ſich nur ſtellte. Ein Mann von Verſtande ſagte mir neulich: es iſt eine Kleinlichkeit in den Fuͤrſten, die ich ihnen nicht verzeihen kann, ſie wuͤnſchen naͤmlich anſcheinend, was ſie ei⸗ gentlich nicht wollen, und handeln doch, als wenn ſie es wollten. Dieſe Falſchheit raubt einer unendlichen Menge guter Staatsbuͤrger das Leben, und richtet den Staat zu Grunde.. Man gab ſich noch verſchiedentlich vergebliche Muͤhe, das kaiſerliche Scepter einem Prinzen zu ver⸗ ſichern, von dem man wußte, daß er es nicht bewahren konnte. Aber der junge Kurfuͤrſt war kluͤger als ſein Vater, und verzichtete auf einen Thron, den ihm ſeine Bundesgenoſſen nicht erhalten konnten; und dadurch er⸗ wies er Frankreich mehr Gutes, als daſſelbe ſich ſelbſt durch den gluͤcklichſten Erfolg ſeiner Staatskunſt haͤtte zufuͤgen koͤnnen. Darauf wandte man ſich an den Koͤnig von Po⸗ len. Dieſe Wahl fuͤhrte fuͤr Frankreich den Vortheil mit ſich, daß dadurch dem Hauſe Oeſterreich ein Fuͤrſt abwendig gemacht wurde. Man hat geſchrieben, der — 5„7— Kurfuͤrſt von Sachſen haͤtte keine Abſicht auf die Kai⸗ ſerwuͤrde gehabt; aber Herr von Belleisle hat mir er⸗ zaͤhlt, daß er eine ſolche Abſicht nicht haben konnte, und daß dieſer Monarch gleich im erſten Augenblick, wo man ihm davon geſagt, die Unmoͤglichkeit eingeſehen haͤtte. Wenn ein Koͤnig von Polen Kaiſer geworden waͤre, ſo waͤren alle nordiſche Hoͤfe in Bewegung ge⸗ ſetzt, und dieſer Monarch haͤtte eben ſo viele Kriege zu fuͤhren gehabt, als es damals in Deutſchland Herrſcher gab. Da er die Unmoͤglichkeit, zu dem Kaiſerthrone zu gelangen, einſah, ſo machte er ſich bei der Koͤnigin von Ungarn eine Ehre aus ſeiner Ohnmacht, und verband ſich noch enger mit ihr, um ihr behuͤlflich zu ſein, den Großherzog von Toskana, ihren Gemahl, auf den Thron der Caͤſaren zu ſetzen. Wende man uͤberzeugt ſeyn koͤnnte, daß die Staatsklugheit bei dieſer Gelegen⸗ heit nicht im Spiele geweſen waͤre, ſo koͤnnte der Koͤnig von Polen fuͤr einen rechtſchaffnen Fuͤrſten gelten. Es beſtand zwiſchen ihm und der Koͤnigin von Ungarn ein Vertheidigungsbuͤndniß; er opferte alſo ſeinen Ehrgeiz dieſem Bunde: ein ſeltenes Beiſpiel in der Geſchichte der Fuͤrſten. Der Prinz von Soubiſe ſagte mir, bei der Erin⸗ nerung an jenen Zeitpunkt, daß Frankreich durch die Unregelmaͤßigkeit der Vertraͤge in Deutſchland nach dem Tode Carls VII. gezwungen geweſen waͤre, im Norden ein deſto regelmaͤßigeres Verfahren zu beobachten. Seit⸗ dem beſchraͤnkte ſich daſſelbe auf den Vertheidigungskrieg, was allein ihm dienlich ſeyn konnte. Nachdem Deutſchland ſich ſelbſt uͤberlaſſen war, ſo — 58— kam Flandern in Betracht. Moritz machte daſelbſt alle Vorbereitungen zu einem jener kuͤhnen Streiche, welche uͤber das Schickſal der Staaten entſcheiden. Er bela⸗ gerte Tournay, wobei der Koͤnig in Perſon gegenwaͤrtig war. Durch dieſe Belagerung gerieth Holland, das ſich bei dieſer Gelegenheit gern ſchlagen wollte, in Gefahr. Ich habe mit Erſtaunen in den Geſchichtsbuͤchern jener Zeit geleſen, daß dieſe Geſellſchaft von Kaufleu⸗ ten, die keinen andern Gedanken, als an Handel und Sparſamkeit kennen, bei jenem Vorfalle zuerſt eine Schlacht verlangt haben, deren Verluſt den des Staa⸗ tes nach ſich ziehen konnte. Die Schlacht von Fontenoi wurde geliefert und von den Verbuͤndeten verloren. Man hat in der Welt viel von dieſem Siege geredet. Ich habe mir von ei⸗ nem Staabsoffiziere, der dabei befehligt hatte, eine ge⸗ naue Beſchreibung davon machen laſſen, und gefunden, daß dieſe Begebenheit nicht zu denen gezaͤhlt werden kann, wodurch eine Nation ein beruͤhmtes Anſehen erhaͤlt. Die franzoͤſiſche Armee war bei weitem ſtaͤrker als die der Verbuͤndeten; der Koͤnig und der Kronprinz wohnten dieſer Schlacht perſoͤnlich bei: dieſe beiden Fuͤrſten waren Augenzeugen der Tapferkeit ihrer Truppen, wodurch ein beſonderer Eifer entſteht, der mehr zur Erringung des Sieges beitraͤgt, als der Muth allein; die Magazine waren mit reichen Vorraͤthen verſehen, den Saldaten fehlte es an nichts, die Haustruppen des Koͤnigs wa⸗ ren gegenwaͤrtig, und alles wurde von einem erfahrnen Feldherrn angefuͤhrt, in den die Truppen ein blindes V — 59— Vertrauen ſetzten; die Prinzen vom Gebluͤte, die Her⸗ zoͤge, die Großen und faſt der ganze Adel des Reichs fochten an der Seite des Soldaten und theilten ſeine Gefahren und ſeinen Ruhm. Mit einem Worte, die ganze franzoͤſiſche Monarchie ſelbſt befand ſich bei Fon⸗ tenoi. Wenn bei ſolchen Vortheilen die Verbuͤndeten den Sieg darruͤber errungen haͤtten, ſo waͤre es um die Monarchie geſchehen geweſen. Die Feinde waͤren vor die Thore von Paris geruͤckt. Ich will indeß den Ruhm des Marſchalls von Sachſen, der an dieſem Tage alles leitete, keinesweges ſchmaͤlern. Er hat mir, lange nach dem Frieden, oft davon erzaͤhlt, und ich habe gefunden, daß dieſer Held, der an jenem Tage zum Sterben krank geweſen war, ſich ſelbſt uͤbertroffen hatte. Er bedachte alles und hatte fuͤr alles Mittel; der militairiſche Geiſt kann keinen ſchaͤrferen Blick haben. Indeß haben Leute vom Fache mir ver⸗ ſichert, daß man an jenem Tage große Fehler begangen haͤtte, und daß man um ſie zu verbeſſern, oft genoͤthigt geweſen waͤre, den Befehlen des Feldherrn nicht zu ge⸗ horchen. Der Herzog von Biron nahm es uͤber ſich, den Poſten von Antoin nicht zu verlaſſen, obgleich man ihm ausdruͤcklich befohlen hatte, ſich von da zuruͤckzu⸗ ziehen. Aber meiner Einſicht nach, war es einer der groͤßten Fehler, den Koͤnig und den Kronprinz waͤhrend der ganzen Schlacht auf dem Flecke zu laſſen, wo ſie ſich aufgeſtellt hatten. Eine allgemeine Unordnung, und zu einer ſolchen waͤre es beinahe zwei oder drei Male gekommen, haͤtte Frankreich dem groͤßten Ungluͤck preis⸗ gegeben. — 60— Man hat in mehreren Schriften erzaͤhlt, der Mar⸗ ſchall waͤre ſo gewiß geweſen, die Schlacht zu gewin⸗ nen, daß er durchaus nicht daran gezweifelt haͤtte; aber er hat mir oft ſelbſt geſagt, daß er ſie zwei bis drei Male fuͤr verloren gehalten, und immer an dem Siege gezweifelt habe, bis die Haustruppen des Koͤnigs einen Beweis ihrer Unzuverlaͤſſigkeit gegeben haͤtten, naͤmlich als er dem Koͤnige zwei oder drei Mal habe ſagen laſ⸗ ſen, er moͤchte ſich zuruͤckziehen. Ich war wegen dieſer großen Begebenheit ſehr in Unruhe, als ein Brief Ludwigs XV. mich beruhigte. Ich oͤffnete ihn mit Zittern, und las folgende Worte: Im Lager von Fontenoi, eine Stunde nach der Schlacht. Madame!. Ich ſah ſchon alles verloren, als der Marſchall von Sachſen alles wieder herſtellte. Er hat ſich an dieſem Tage uͤbertroffen. Meine Truppen ha⸗ ben ſich mit einem unbeſiegbaren Muthe geſchlagen. Meine Haustruppen beſonders haben Wunder ge⸗ than. Ihnen verdanke ich den Gewinn der Schlacht. Der franzoͤſiſche Adel hat daſelbſt unter meinen Augen gefochten, ich bin Zeuge ſeiner heldenmaͤßigen Tapferkeit geweſen.—— Die letzten drei Zeilen waren mit heimlicher Schrift geſchrieben. Dieſer Brief verlieh meiner Seele eine große Ruhe. Seit der Abreiſe des Koͤnigs nach Flandern be⸗ ſuchte mich der Abbe von Bernis oft. Man hatte ihn mir zum Geſellſchafter waͤhrend der Abweſenheit des Koͤnigs gegeben. Dieſer Mann war durch Frauen in die große Welt eingefuͤhrt. Es fehlte ihm keine jener kleinen Eigenſchaften, deren man bedarf, um unſerem Geſchlechte zu gefallen: Gefaͤlligkeit, Hoͤflichkeit, ange⸗ nehmes Benehmen, Leutſeligkeit, ein leichter Sinn, die Gabe angenehm zu erzaͤhlen, gut zu ſprechen, niedliche Verſe zu machen, u. ſ. w. Mit allen dieſen Eigen⸗ ſchaften verband er eine liebenswuͤrdige Geſtalt, die im voraus fuͤr ihn einnahm. Dieſer Abbe war voll von Schmeicheleien, die er den Damen auftiſchte, weshalb er denn auch beſtaͤndig mit Vergnuͤgen geſehen wurde. Da er bei unſern erſten Unterredungen nie von Gluͤck ma⸗ chen ſprach, ſo glaubte ich endlich eine ſchoͤne, uͤber Gluͤcksguͤter und Ehrenſtellen erhabene Seele gefunden zu haben. Ich taͤuſchte mich jedoch, denn dieſer Abbe wurde von einer heftigen Begierde, ſich am Hofe aus⸗ zuzeichnen, verzehrt. Unter einer ſcheinbaren Uneigen⸗ nuͤtzigkeit verbarg er einen unmaͤßigen Ehrgeiz. Sein Zimmer enthielt, wie ich in der Folge erfahren habe, einen großen Vorrath von Denkſchriften. Man fand deren daſelbſt uͤber Verpachtungen, Staatswirthſchaft, Krieg, Seeweſen und uͤber Staatseinkuͤnfte. Er beſaß eine bewunderungswuͤrdige Leichtigkeit, Plaͤne zu machen. Er konnte alles erdenken, was er wollte. Der Tag von Fontenoi bereitete die uͤbrigen Er⸗ oberungen im oͤſterreichiſchen Flandern vor. Die Fla⸗ mender empfingen Ludwig XV. in ihren Staͤdten mit großem Geſchrei. Ich habe in der Geſchichte der mei⸗ — 62— meiſten Staatsumwaͤlzungen geleſen, daß die Voͤlker faſt immer mit Entzuͤcken ihre Herren wechſeln. Dieſer Sieg fuͤhrte eine allgemeine Umwaͤlzung herbei; Deutſche und Englaͤnder faßten den Entſchluß, in das Koͤnigreich einzudringen. Sie ruͤckten durch die Provenee und Bretagne ein, aber nur um ſich zu zei⸗ gen. Die Oeſterreicher gingen uͤber den Var, und wie⸗ der daruͤber zuruͤck, die Englaͤnder landeten und ſchifften ſich wieder ein. Unſere neuere Geſchichte iſt voll ſol⸗ cher kriegeriſchen Thorheiten. Der Nachwelt wird es im⸗ mer unbekannt ſeyn, weshalb der General Sieclair, der an der Spitze dieſes Unternehmens ſtand, nachdem er eine franzoͤſiſche Stadt zur Uebergabe gezwungen hatte, davon lief, ohne die Fruͤchte derſelben zu genießen. Die, welche die Geſchichte unſers Jahrhunderts leſen, werden kaum glauben, daß die europaͤiſchen Ca⸗ binete ſo viel Fehler gemacht, und die Befehlshaber der Armeen ſo große Verſehen begangen haben. Die Genueſen, welche die Spanier nach Italien gefuͤhrt hatten, wurden von ihnen im Stiche gelaſſen; der genueſiſche Staat wurde von den Oeſterreicher uͤberfallen und die Hauptſtadt eingenommen. Anfangs forderte man von den Genueſen alles Geld, was ſie hatten, und in der Folge noch mehr. Indeß zog die deutſche Armee hinter den Franzoſen und Caſtilianern her, die vor ihr flohen. In der Verfolgung derſelben ging ſie uͤber den Var und ſetzte ſich in der Provence feſt. Botta, dem man die Stadt anvertrauet hatte, und der ſich damals in Saint-Pierre des Arènes befand, dachte nicht daran, daß er keine Truppen zu ihrer Behauptung hatte, und daß das, was in dieſer Vorſtadt blieb, nur ein Haufen Kranker, meiſt Sterbender war. Da man nun aber den Krieg nicht mit Todten fuͤhrt, ſo ſah er einen Aufruhr entſtehen, dem er nicht abhelfen konnte. Die Genueſen, welche in Gegenwart einer großen Armee Sklaven geworden waren, errangen nach ihrem Abmarſche ihre Freiheit wieder. Botta machte damals einen großen Fehler. Er lud den Senat ein, ſich mit ihm zur Bekaͤmpfung derer, die er Aufruͤhrer nannte, zu vereinigen, und ſah nicht, daß eben der Senat den Aufſtand unter der Hand beguͤnſtigte. Man verſprach ihm, was er wuͤnſchte, aber nur in der Abſicht, um dem Volke Zeit zu verſchaffen, ſich zu verſammeln und zu vereinigen. Der General bemerkte es endlich, aber zu ſpaͤt, er mußte fliehen, und alle ſeine Vorraͤthe im Stiche laſſen. Der Koͤnig hat mir einen Brief gezeigt, der zu jener Zeit von einem genueſiſchen Senator an den Hof geſandt war, und der eine genaue Erzaͤhlung dieſes Vor⸗ falles enthielt. Man erſieht daraus von einem Ende zum andern den Plan, das Joch der oͤſterreichiſchen Knecht⸗ ſchaft abzuſchuͤtteln. Der große Rath bot laͤngſt die Haͤnde dazu, ohne daß es jedoch ſo ſchien. Nicht durch die Kanonen, welche die Deutſchen in Genua einruͤcken ließen, wurde der Aufruhr herbeigefuͤhrt; der Plan dazu war ſchon angelegt, und dieſer Vorfall beſchleunigte nur den Augenblick der Ausfuͤhrung. Auf dieſe Weiſe wird die Nachwelt durch die Geſchichte irre gefuͤhrt. Die Jahrbuͤcher der Welt ſchreiben oft dem Zufalle zu, was die Wirkung eines vorbedachten Planes iſt. Das befreiete Genua genoß noch eines andern Gluͤckes, naͤmlich, daß ſich damals kein Buͤrger von ſo großem Anſehen fand, daß er der Republik die Freiheit haͤtte rauben koͤnnen. Es war einer der guͤn⸗ ſtigſten Augenblicke: die ganze Macht des Staates be⸗ fand ſich in den Haͤnden des Volks, und bei ſolchen Gelegenheiten iſt es, wie ich von unſern Staatsmaͤn⸗ nern gehoͤrt habe, hinreichend, Geld zu geben und Vorrechte zu bewilligen. Dieſe Umwaͤlzung die eine einfache Sache zu ſein ſchien, aͤnderte die Lage der allgemeinen Angelegenhei⸗ ten. Die Oeſterreicher, welche Toulon belagern, und Marſeille brandſchatzen ſollten, ſahen ſich ohne Unter⸗ ſtuͤzung und Vorraͤthe, und gingen daher uͤber den Var zuruͤck. Der Wiener Hof ſchonte nun nichts, er ließ Ge⸗ nua einſchließen, und drohte den Buͤrgern mit der haͤrteſten Zuͤchtigung, wenn ſie ſich nicht ergaͤben: aber die Genueſen, die aus Frankreich Unterſtuͤtzung erhiel⸗ ten trotzten der Einſchließung und den Drohungen. Man ſandte ihnen den Herzog von Richelieu zu, um ſie anzufuͤhren. Herr von Maurepas hat mir oft ge⸗ agt, daß die Englaͤnder, welche Genua zu Waſſer ein⸗ geſchloſſen, einen großen Fehler gemacht haͤtten, weil ſie nicht eine aus flachen Fahrzeugen errichtete See⸗ macht gehabt haͤtten, um die Huͤlfsleiſtungen der Fran⸗ zoſen zu verhindern.. Eine ſolche Vorkehrung haͤtte die ganze Lage der — — 65— Dinge in Italien veraͤndert. Genua haͤtte ſich nicht halten koͤnnen, und wuͤrde ſich den Deutſchen ergeben haben, und der Infant Don Philipp, zu deſſen Vor⸗ theile man dieſen Krieg fuͤhrte, waͤre nie nach Parma und Piacenza gekommen. Nachdem Ludwig XV. in Flandern ſieben Staͤdte eingenommen hatte, kehrte er nach Paris zuruͤck. Nie hat es eine aͤhnliche Freude, als die der Bewohner die⸗ ſer Hauptſtadt bei dem Anblicke ihres Fuͤrſten, gegeben. Alle Straßen wiederhallten vor Freudejauchzen. Waͤhrend England in Flandern Unfaͤlle erlitt war der Praͤtendent in Schottland angekommen. Man gab ihm weder ein Heer, noch eine Begleitung von Schif⸗ fen, weshalb mehrere Hofleuten ſagten, er ſey hinuͤber⸗ geſchwommen. Der Erfolg war leicht zu errathen. Alles war un⸗ regelmaͤßig bei dieſem Unternehmen. Ein kluger Mann ſagte mir damals, daß das gluͤcklichſte, was dem Praͤ⸗ tendenten widerfahren koͤnnte, darin beſtaͤnde, eben ſo ſchnell aus Schottland zu entfliehen, als er hingezogen ſey; aber er war ein junger Mann, und weniger be⸗ muͤht, einen gluͤcklichen Erfolg ſeiner Plaͤne zu bewir⸗ ken, als ſie auf eine ſonderbare Art auszufuͤhren. Indeß verſchaffte dieſer Vorgang, ſo ſchlecht er auch eingeleitet war, doch dem Verſailler Cabinet den Vortheil, daß er England an mehreren Punkten zu⸗ gleich beſchaͤftigte. Frankreich hat ſich immer des Hau⸗ ſes Stuart zu ſeinen beſondern Abſichten bedient. Ich bedaure, daß Georg II., der Kraft und Entſchloſſenheit beſaß, einige Unruhe daruͤber bezeigt hat. Ein Lord I. 5 — 66— * hat mir geſagt, er habe die Miliz ſchwoͤren laſſen, daß ſie nicht glaube, dem Papſte ſtehe das Recht zu, die Fuͤrſten ermorden zu laſſen. Er ließ in dem Archip zu Rocheſter die Bannformel des heiligen Stuhls, deren die Paͤpſte ſich ſonſt bedienten, aufſuchen, um den Eng⸗ laͤndern einen Abſcheu vor dem roͤmiſchen Stuhle ein⸗ zufloͤßen. Ich wuͤnſchte wohl, daß die Fuͤrſten ſolche kleinliche Dinge, die immer eine ſchwache Seele andeu⸗ ten, nicht anwenden moͤchten, denn ſie zeigen ſich da⸗ durch wie ſie ſind. Ein Fuͤrſt muß auf dem Throne Feſtigkeit beweiſen. Der Praͤtendent erließ eine oͤffentliche Erklaͤrung, um den Augen von ganz England ſeine Rechte darzu⸗ ſtellen, es gab aber in dieſer Schrift nur Worte und Redensarten, Georg dagegen hatte Soldaten und gro⸗ bes Geſchuͤtz. Der Marſchall von Belleisle hat mir mehr als einmal bemerklich gemacht, daß in jener Erklaͤrung etwas Sonderbares enthalten waͤre. Der Prinz Eduard geſteht darin an einer gewiſſen Stelle, daß es ein Feh⸗ ler des Hauſes Stuart ſey, den engliſchen Thron ver⸗ loren zu haben, und er beſteht blos auf der Wiederher⸗ ſtellung. Wenn die ehemals gegen unſere Familie ge⸗ fuͤhrten Beſchwerden, durch Fehler unſerer Regierung veranlaßt ſind, ſagt er, ſo hat ſie genug dafuͤr gebuͤßt. Der junge Eduard nahm, im Namen ſeines Va⸗ ters, von den Koͤnigreichen England, Schottland, Frank⸗ reich und Irland Beſitz, und erklaͤrte ſich zu deren Re⸗ genten. Was England betraf, ſo mochte es hingehen, aber einen Koͤnig von Frankreich zu machen, dazu ging — es zu ſchnell. Dieſe Titel, die nicht beſſer als der Be⸗ ſitz begruͤndet waren, verſchwanden auch bald nachher wieder. Waͤhrend der Zeit bemuͤhte ſich Frankreich, die laͤnder neutral zu machen; beide Hoͤfe erließen Staats⸗ ſchriften und die Miniſter unterhandelten, aber dieſer Plan diente nur dazu, einen neuen Federkrieg herbeizu⸗ fuͤhren. Der Abbe de la Ville uͤbergab Denkſchriften, die in ſchoͤnen Ausdruͤcken und mit Deutlichkeit abge⸗ faßt waren, und man antwortete ihm mit hoͤflichen und beſtimmten Redensarten, aber die Schlachten dauerten fort. Die Angelegenheiten in Deutſchland hatten eine andere Geſtalt angenommen. Nachdem der Koͤnig von Preußen den Großherzog von Toskana als Kaiſer an⸗ erkannt hatte, machte er mit dem Hauſe Oeſterreich Frieden. Man hat mir oft einen Witz wiederholt, den der Marſchall von Belleisle in dieſer Hinſicht gemacht hat. Ich wußte wohl, ſagte er, daß dieſer Mann, der eine ſo große Neigung zum Krieg hat, bei der erſten Gelegenheit, wo er ſeinen Vortheil finden, friedliebend werden wuͤrde. Herr von Soubiſe hat mir oft geſagt, daß dieſer Monarch den Papſt als Kaiſer anerkannt haben wuͤrde, wenn ihm nur ein dfutſcher Fuͤrſt hundert Geviertmor⸗ gen Landes gegeben haͤtte. Frankreich hatte von dieſem Frieden den Vortheil, daß die Macht Oeſterreichs da⸗ durch verringert wurde. Italien allein ſchien dadurch leiden zu ſollen, denn es war vorherzuſehen, daß die Koͤnigin von Ungarn, da ſie nun in Deutſchland keine Schlachten mehr zu liefern hatte, jenſeits der Alpen 5* — 68— Streit ſuchen wuͤrde. Sie ſandte einige Unterſtuͤtzung nach den Niederlanden, die jedoch den Marſchall von Sachſen nicht verhinderte, Bruͤſſel einzunehmen. Um dieſe Zeit reiſete Ludwig XV., um die letzte Hand an die Eroberung des oͤſterreichiſchen Flandern zu legen, zur perſoͤnlichen Anfuͤhrung des Heeres, nach Braband. Die Fortſchritte waren reißend; die Gegenwart des Koͤnigs und das Vertrauen der Soldaten zu den Kennt⸗ niſſen des Marſchalls von Sachſen machte alles leicht. Mit dem Praͤtendenten ſtand es jedoch in Schottland nicht ſo gut, denn er floh vor dem Feinde und raͤumte dem Herzoge von Cumberland faſt immer das Feld. Unter dieſen Umſtaͤnden ſchrieb Herr von Argenſon unmittelbar an die engliſche Regierung, um ihr den jungen Eduard zu empfehlen. Ein geiſtreicher Mann hat mir nachher das Laͤcherliche dieſes Schrittes gezeigt, denn wenn man dieſes Auskunftsmittel eigends dazu erdacht haͤtte, den Prinzen ungluͤcklich zu machen, ſo wuͤrde man ſeinen Zweck auf keine beſſere Art haben erreichen koͤnnen. Dieſer Miniſter ſtellte ihn dem Hofe als einen Verwandten des Koͤnigs dar, deſſen Perſon und Eigen⸗ ſchaften demſelben außerordentlich werth waͤren. Man verſicherte, der Koͤnig Georg waͤre ein zu billig denkender Fuͤrſt, als daß er nicht das Verdienſt des Sohnes des Praͤtendenten erkennen ſollte. In jener Staatsſchrift ſagte man dann den Englaͤndern uͤberhaupt, daß ſie in ihm die Eigenſchaften eines erhabenen Vaterlands⸗ freundes bewundern muͤßten. Man ging ſodann zu den gefaͤhrlichen Folgen uͤber, die fuͤr England daraus ent⸗ — 69— ſtehen muͤßten, wenn man den jungen Eduard mit zu gro⸗ ßer Strenge behandelte u. ſ. w. Man ſah nicht, daß dieſe Erklaͤrung gerade eine, der erwarteten Wirkung ganz entgegengeſetzte hervorbringen mußte. Das Ver⸗ brechen des Praͤtendenten beſtand nicht darin, daß er nach Schottland gekommen, ſondern daß er ein Bun⸗ desgenoſſe Frankreichs war. Die richtig urtheilenden Leute ſagten, entweder iſt der Prinz Eduard ein Auf⸗ ruͤhrer, oder Koͤnig Georg ein widerrechtlicher Beſitzer⸗ Die Fuͤrſten duͤrfen weder Aufruͤhrer ſchuͤtzen noch ſich ſo weit erniedrigen, unrechtmaͤßige Regenten um etwas zu bitten. Man ſagt, die Erfindung jener Schrift komme von einem Cardinal, der als Mitglieb des heiligen Col⸗ legiums dem Praͤtendenten einen Ruͤckhalt ſichern wollte; dies war jedoch gerade das Mittel, ihm ſolchen zu ver⸗ ſperren. Auch bekuͤmmerte ſich England gar nicht um dieſe Schrift, ſondern ließ den Lords, die ſich als An⸗ haͤnger des Praͤtendenten zeigten, die Koͤpfe abhauen, und ſetzte ſelbſt auf den des letztern einen Preis. Waͤhrend alle Fuͤrſten Europas ſich bekriegten, lie⸗ ßen ſie ihre Miniſter in Breda zuſammenkommen, um an dem Frieden zu arbeiten. Dies vermehrte noch die Arbeiten der Cabinete, die zugleich kriegeriſch und fried⸗ lich ſich zeigten. In Frankreich herrſchte beſtaͤndig ein Mangel an Miniſtern, man wußte nicht, woher man faͤhige Maͤnner nehmen ſollte, die im Stande waͤren, dem öffentlichen Elende abzuhelfen. Der Markis von Argenſon, der die auswaͤrtigen Angelegenheiten leitete, brachte nur Unordnung und Verwirrung hinein. Man — 70— uͤbertrug ſie dem Herrn von Puyſieux, der ſich damals in Breda befand, und den Befehl hatte, anſcheinend an einem allgemeinen Frieden zu arbeiten, dies war nur ein Blendwerk, man gebrauchte ihn in Verſailles wirk⸗ lich. Nach ſeiner Ernennung ſagte er zu dem Koͤnige: Sire, ich werde alles thun, was in meinen Kraͤften ſteht, aber ich bitte Ew. Majeſtaͤt, zu glauben, daß ich keine Wunder verrichten kann. Der Marſchall von Sachſen meinte ſcherzend: nur ein Engel oder ein Teufel koͤnnte die Ordnung in der franzoͤſiſchen Staatsverwaltung herſtellen. Ein Hofmann ſagte nachher, wir muͤßten wohl zwiſchen der Hoͤlle und dem Paradieſe neutral ſeyn, weil ſich ein ſolcher noth⸗ wendiger Engel oder Teufel noch nicht gefunden haͤtte. Der Marſchall von Belleisle kam, nachdem er die Oeſterreicher aus der Provence verjagt hatte, nach Paris zuruͤck, um dem Koͤnige Rechenſchaft abzulegen. Dieſer Mann, der eine Wuth beſaß, große Plaͤne zu machen, ſchlug Ludwig XV. mehrere vor, von denen der kleinſte auf nichts weniger abzweckte, als Genua zu befreien, Spanien zum Herrn des groͤßten Theils von Italien zu machen, und den Koͤnig von Sardinien ſeiner Staa⸗ ten zu berauben u. ſ. w. Man ließ ihn nach der Provence zuruͤckreiſen, wo er ſeine Heldenthaten auf die Einnahme des Schloſſes der St. Margarethen⸗Inſel beſchraͤnkte. Ein geſcheiter Mann ſagte mir kuͤrzlich, daß, wenn unausfuͤhrbare Entwuͤrfe und eingebildete Plaͤne einen Mann groß machen koͤnnten, der Herr von Belleisle der groͤßte Mann Europas ſeyn muͤßte. — —,— — — M1— Die Republik Holland, die einen Statthalter er⸗ waͤhlte, beſchloß indeß die Fortſetzung des Krieges. Ich ſah, daß Ludwig XV. von dieſer Nachricht uͤberraſcht wurde, ſey es nun, weil ihn das Schickſal ſeiner Voͤl⸗ ker ruͤhrte, oder daß die neue Erhebung des Prinzen von Oranien ſeinen Plaͤnen entgegen war. Er ſagte in meinem Beiſeyn zu einem Hofmanne: dieſe Hollaͤn⸗ der ſind fuͤrchterliche Menſchen. Ich wollte, daß dieſer Freiſtaat tauſend Meilen von meinen Graͤnzen entfernt waͤre, er macht mir allein mehr Sorgen, als das ganze uͤbrige Europa zuſammen. Da Frankreich nun keine Hoffnung zur Parthei⸗ loſigkeit mehr hatte, ſo bemuͤhte es ſich, die vereinigten Niederlande einzunehmen. Die Staatsmaͤnner behaup⸗ teten, dies waͤre das einzige Mittel zur Herſtellung des Gleichgewichts in Europa, das durch die beſtaͤndigen Vortheile der Englaͤnder zu Waſſer, verloren war. Man arbeitete nachdruͤcklich daran. Der Koͤnig gewann die Schlacht von Lawfeld. Zugleich war die Rede davon, ſich zum Herrn von Bergen⸗op⸗Zoom zu machen. Man trug dieſes Unternehmen dem Grafen von Loͤwendahl auf, der dem Koͤnige damit ein Ge⸗ burtstagsgeſchenk zu machen verſprach. Bergen⸗op⸗Zoom wurde genommen, und Holland zitterte daruͤber. Es hatte die Uebergabe dieſes Platzes zu den Unmoͤglichkei⸗ ten gezaͤhlt. Dieſer Vorfall ließ erkennen, daß im Kriege die Staatskunſt nichts gilt. Der zu Breda gehaltene Congreß wurde nach achen verlegt, aber die Hoͤfe aͤnderten ihre Beſchluͤſſe hinſicht⸗ lich der Belagerungen und Schlachten nicht. Waͤhrend — die Bevollmaͤchtigten die vorlaͤufigen Friedensartikel in Richtigkeit bringen ſollten, wurden friſche Truppen aus⸗ gehoben, und Frankreich ruͤſtete ſich mehr als je zum Kriege; es befand ſich in großer Verlegenheit, um Sol⸗ daten herbei zu ſchaffen. Es iſt mir verſichert, daß es große Ortſchaften in Frankreich gaͤbe, die nicht einen einzigen Rekruten ſtellen koͤnnten. Man ſah ſich genoͤ⸗ thigt, verheirathete Maͤnner zu Soldaten zu machen, wodurch gegen die Nachkommenſchaft gleichſam Krieg gefuͤhrt wurde. Auch erdachte man alle Arten von Ab⸗ gaben, um dem Geldbeduͤrfniſſe abzuhelfen. Der Ge⸗ neral⸗Controleur von Machault, Nachfolger des Herrn Orry, ſchlug Mittel vor, die alle zur Vernichtung des Staates fuͤhren mußten. Das Parlament ſchrie, und erklaͤrte in ſeinen Vorſtellungen laut, daß, wenn alle vorgeſchlagene Steuer⸗Verordnungen genehmigt wuͤrden, alsdann alles verloren waͤre; man antwortete ihm aber, daß große Uebel ſtarke Mittel erforderten, und es ſchwieg. Endlich aber kam es, durch die Einnahme von Bergen⸗op⸗Zoom, wodurch Holland fuͤr Frankreich offen ſtand, und weil der Marſchall von Sachſen dem Frei⸗ ſtaate ein Ende zu machen drohte, auch weil anderer⸗ ſeits die mittaͤgigen Provinzen Frankreichs wegen der ſchlechten Erndte Hungersnoth litten, dahin, daß die vorlaͤufigen Friedensbedingungen unterzeichnet wurden, und bald darauf der endliche Vertrag erfolgte. Dieſe Lage der Dinge ſprach beſſer zu Gunſten der allgemei⸗ nen Ruhe, als alle durchdachten Vertraͤge der in Aachen verſammelten Bevollmaͤchtigten. Ich ließ mir den Friedensvertrag in Verſailles — — — vorleſen. Alle Artikel ſchienen mir dem gegenwaͤrtigen Zuſtande Europas angemeſſen zu ſeyn, ausgenommen jedoch den, der Canada betraf. Ich fand, daß die, mit der Regulirung dieſer wichtigen Angelegenheit beauf⸗ tragten Abgeordneten, ſie nur noch mehr verwirren wuͤr⸗ den. Ich ſprach davon mit dem Marſchall von Bel⸗ leisle, der mir ſagte, dieſer Artikel waͤre ein Staats⸗ geheimniß. Wir haͤtten ihm eine andere Wendung ge⸗ ben koͤnnen, aber dieſe hier iſt uns eben recht; ſie laͤßt die Sachen in Amerika, wie ſie ſind, und wir haben in Canada zwanzig wilde Voͤlkerſchaften, die unſere Rache uͤbernehmen werden. Dieſe Rache kam uns einige Jahre ſpaͤter theuer zu ſtehen. Der Prinz von Soubiſe ſagte einige Zeit nachher zu mir, daß dieſer Frieden ein Kind der Nothwendig⸗ keit geweſen waͤre, und unter allen Fürſten, die ihn unterzeichnet haͤtten, nicht einer geweſen waͤre, der nicht die Fortſetzung des Krieges gewuͤnſcht haͤtte. Ich koͤnnte jedoch darauf antworten, daß der Koͤnig von Frankreich anders daͤchte. Ich ſah ihn heiterer, als gewoͤhnlich; die Freude, die er im Herzen hatte, verbreitete ſich uͤber ſein Geſicht. Es trat doch wenigſtens ein Stillſtand in den oͤffentlichen Ungluͤcksfaͤllen ein. Genua, das ſich unter dem Befehle des Herzogs von Richelieu, fortwaͤhrend gegen die Deutſchen vertheidigte, legte die Waffen nie⸗ der. Die Spanier und Franzoſen, immer in Thaͤtig⸗ keit, um Don Philipp in Italien einen feſten Fuß zu verſchaffen, verſchoben die Kaͤmpfe, und man kam uͤber⸗ ein, daß alles bis zum endlichen Friedensſchluſſe ruhig — — 24— verbleiben ſollte. Ich ſelbſt erwartete dieſen mit mehr Ungeduld, als alle Cabinete Europas. Der Koͤnig befand ſich in einer unbeſtimmten Lage; die Ehre und Vortheile ſeiner Krone, ſo wie ſein perſoͤnlicher Ruhm beſchaͤftigten ihn in Flandern ganz und gar. Nach Verſailles kam er erſt zuruͤck, ſobald der Feldzug voͤllig beendigt war. Ich haͤtte meine beſondere Zufriedenheit gern dem Gluͤcke des Staates zum Opfer gebracht, aber durch die Belagerungen und Schlachten wurde das all⸗ gemeine Elend nur noch vergroͤßert. Um Mittel zu erhalten, den Frieden zu unterzeich⸗ nen, mußte man neue Lotterien errichten, und neue Abgaben ſchaffen; und ſo fing der allgemeine Wohlſtand mit der aͤußerſten Erſchoͤpfung an. Der Sohn des Praͤtendenten, den alle Welt ver⸗ geſſen hatte, erſchien von Neuem auf dem Schauplatze. Da er wohl einſah, daß au fdem Congreſſe in Aachen Niemand an ihn denken wuͤrde, ſo fing er an, gegen alles, was daſelbſt geſchaͤhe, Einſpruch zu thun. Man beachtete indeß die Bekanntmachungen, die er zu dem Ende anſchlagen ließ, nicht, und unterzeichnete von allen Seiten, ohne ſich bei ſeinen Widerſpruͤchen aufzuhalten. Nach dieſem beging er eine groͤßere Widerſetzlichkeit in Paris, indem er den Befehlen des Koͤnigs den Gehor⸗ ſam verſagte. Eine der erſten Verabredungen zwiſchen England und Frankreich beſtand darin, daß der Sohn des Rit⸗ ters vom heiligen Georg das Koͤnigreich verlaſſen ſollte. Ludwig XV. ließ ihm mehrmals die unabaͤnderliche Nothwendigkeit bemerklich machen, in der er ſich befand, — 75— dieſe Uebereinkunft zu befolgen. Der Prinz Eduard erwiederte denen, die ihm zuerſt davon ſagten, in einem beſtimmten Tone, daß er nicht gehorchen wuͤrde. Man hat mir oft die Entſchuldigung erzaͤhlt, die er fuͤr ſeine Weigerung, ſich in den Willen des Monarchen zu ſchicken, vorgebracht hat. Der Koͤnig von Frankreich, hatte er geſagt, hat mir verſprochen, daß ich jederzeit eine Freiſtaͤtte in ſeinen Staaten haben ſollte; ich habe die, von ihm eigenhaͤndig unterzeichnete Verſicherung daruͤber in der Taſche. Ein Fuͤrſt der Ehrgefuͤhl hat, weiß, wozu ein gegebenes Wort verpflichtet, und wel⸗ chen Folgen er ſich ausſetzt, wenn er es nicht haͤlt. Er ging mit dem Koͤnige von Frankreich wie mit einem gewoͤhnlichen Edelmanne um. Er vergaß, daß die Fuͤrſten ihrem Worte untreu werden, ohne ihre Ehre zu verletzen, wenn das Wohl ihres Volkes ein ſolches Verfahren von ihnen fordert. Der Sohn des Praͤten⸗ denten wurde verhaftet, als er ſich in die Oper begab. Das Schickſal dieſes jungen Prinzen ruͤhrte mich. Bei ſeiner Ankunft in Frankreich hatte man ihn ſehr gefeiert. Ich ſprach deßhalb mit dem Koͤnige, der mir, faſt im Zorne, antwortete: was verlangen Sie von mir, Ma⸗ dam? Soll ich um des Prinzen Eduard willen den Krieg mit ganz Europa fortſetzen? England will nicht, daß er ſich in meinen Staaten aufhalte. Nur unter dieſer Bedingung hat es den Frieden unterzeichnet. Sollte ich die Unterhandlungen zu Aachen abbrechen und meine Voͤlker vollends zu Grunde richten, weil dem Sohne des Praͤtendenten der Aufenthalt in Paris gefaͤllt? — 76— Man muß geſtehen, daß man nie eine aͤhnliche Widerſpenſtigkeit geſehen hat, als dieſer Prinz bewies. Der Koͤnig ſchickte ganz Paris zu ihm, um die Lage der Dinge auseinanderzuſetzen, und ihm ſein Bedauern daruͤber zu erkennen zu geben, daß er genoͤthigt ſey, ihn von ſeinem Hofe zu entfernen; er antwortete denen, die im Namen des Koͤnigs zu ihm ſprachen, nur mit Drohungen. Der Vortrag, den ihm der Graf von Maurepas hielt, war folgender: »Der Koͤnig iſt von Schmerz durchdrungen, daß er ſich in die Nothwendigkeit verſetzt ſieht, Ihre Hoheit zu bitten, ſeine Staaten zu verlaſſen. Ich bin von ihm abgeſandt, um Ihnen zu verſichern, daß durchaus keine Ruͤckſicht als die auf das Wohl ſeiner Voͤlker, ihn je haͤtte vermoͤgen koͤnnen, dieſen Schritt zu thun. Sie wuͤrden geſehen haben, wie er Ihre Rechte unverbruͤch⸗ lich unterſtuͤtzt haͤtte, wenn nicht eine gewiſſe ungluͤck⸗ liche Wendung der Kriegsangelegenheiten ihn gezwun⸗ gen haͤtte, ſich in die Zeitumſtaͤnde zu fuͤgen. Die groͤß⸗ ten Monarchen koͤnnen nicht immer was ſie wollen. Es giebt entſcheidende Augenblicke, wo die Staatsklugheit ihnen gebietet, nachzugeben. Ihre Hoheit wiſſen, daß von dem ungluͤcklichen Augenblicke an, wo das Haus Stuart die engliſche Krone verlor, das Bourbonſche Haus ſich mehrmals aus allen Kraͤften bemuͤht hat, ſie ihm wieder zu verſchaffen. Sie muͤſſen ihm fuͤr ſeine gute Abſicht Dank wiſſen, ohne ſeine Ohnmacht zu ſchmaͤ⸗ hen. Ich wuͤnſchte, daß Sie Zeuge des Geſpraͤchs ge⸗ weſen waͤren, welches zwiſchen dem Koͤnige und mir Statt gefunden hat, als er mich in ſein Cabinet rufen ——— —2 — 77— ließ, um mich zu beauftragen, Ihnen den Befehl zur Abreiſe aus dem Koͤnigreiche zu uͤberbringen; Sie wuͤr⸗ den von ſeinem Zuſtande geruͤhrt worden ſeyn. Ihre Lage durchdringt ſein Herz, aber er kann nicht gegen das Schickſal kaͤmpfen, und er wuͤrde in Verzweiflung gerathen, wenn Sie ihn noͤthigten, gewaltſame Maß⸗ regeln zu ergreifen.« „»Ludwig XV. hat mich zu Ihnen geſandt, nicht, als Koͤnig, nicht als Gebieter; ſondern als Bundes⸗ genoße, als Freund. Er geht noch weiter, er hat mir aufgetragen, die Abreiſe aus ſeinen Staaten von Ihnen als eine Gunſt zu fordern.« Die Antwort des Prinzen Eduard war kurz und nachdruͤcklich. Er zog ein Piſtol aus der Taſche und verſicherte dem Miniſter, daß er den erſten, der ihn zu verhaften kaͤme, todtſchießen wuͤrde. Der Erzbiſchof von Paris redete ihm auch im Namen Gottes und des Papſtes zu, allein die Religion machte nicht mehr Ein⸗ druck auf ihn, als die Staatskunſt. Man mußte alſo das Mittel ergreifen, das der Koͤnig ſo gern vermeiden wollte. Der Sohn des Ritters vom heiligen Georg wurde auf ſeinem Wege zur Oper verhaftet. Die Feinde Frankreichs ermangelten nicht, uͤber dieſe Gewaltthat, der ſie den Namen des ſchwaͤrzeſten Verbrechens beilegten, gewaltig zu ſchreien. Man durchſuchte ſein Haus und fand es in ein Zeughaus verwandelt. Er hatte hinreichende Waffen, um eine foͤrmliche Belagerung auszuhalten. Man ſagte damals am Hofe, daß er beſchloſſen haͤtte, ſich allein gegen ein ganzes Regiment zu vertheidigen, und ſodann — 8— Feuer an ein Pulverfaß zu legen das mit andern in Verbindung ſtand, um ſich mit dem Hauſe, das er bewohnte, in die Luft zu ſprengeu. Bei dieſer Erzaͤh⸗ lung ſagte der Koͤnig: das iſt eine Tollkuͤhnheit ganz am unrechten Orte. Demungeachtet frohlockte ganz Frankreich uͤber den Frieden, und es gab nur zwei Maͤnner im Koͤnigreiche, die unzufrieden daruͤber waren. Dieſe beiden waren die Marſchaͤlle von Sachſen und von Loͤwendahl. Der Erſtere bezeigte dem Kriegsminiſter ſeine Unzufriedenheit »Wir waren, ſagte er zu ihm, nach der Schlacht bei Fortenoi nahe daran, uns Hollands zu bemeiſtern und dieſem Freiſtaate, der immer die Quelle der Un⸗ einigkeit in Europa iſt, ein Ende zu machen; denn dieſe Kaufleute mit ihren Schaͤtzen und ihren Handels⸗ ſchiffen, zanken beſtaͤndig. Sie ſind die Bundesgenoſſen unſerer natuͤrlichen Feinde, der Englaͤnder. Das große Werk ihrer Vernichtung war beinah beendigt: warum ſollte es nicht zu Stande gebracht werden? Wenn man dieſen Republikanern noch Zeit laͤßt, ſich zu ruͤ⸗ ſten, ſo werden ſie eben ſo verwegen und unternehmend ſeyn als vorher; und es kommt vielleicht die Zeit, wo Frankreich mit Anwendung aller ſeiner Kraͤfte keine Genugthuung erlangen kann. Holland vernichten, heißt: England den rechten Arm abſchneiden, und das fran⸗ zoͤſiſche Miniſterium weiß, daß die ganze Staatskunſt darauf dahin zielen muß, die Britten zu ſchwaͤchen.« »Wozu nuͤtzt nun der Sieg von Fontenoi? Wel⸗ chen Vortheil zieht Frankreich aus der Einnahme von Bergen⸗op⸗Zoom? Alle dieſe muthigen Anſtrengun⸗ gen, ſo viele in den flandriſchen Feldzuͤgen ums Leben gekommene vornehme Offiziere ſind ein reiner Verluſt fuͤr Frankreich. Wenn man dieſe Plaͤtze zuruͤckgeben, und die Hollaͤnder und das Haus Oeſterreich in den Stand zuruͤckverſetzen ſollte, in dem ſie ſich vor dem Kriege befanden, ſo haͤtte man beſſer daran gethan, ruhig zu bleiben. Dadurch, daß Frankreich ſeine Er⸗ oberungen wieder herausgiebt, hat es ſich ſelbſt bekriegt. Seine eigenen Siege haben es an den Abgrund ge⸗ bracht. Seine Feinde haben denſelben Grad der Staͤrke behalten, es allein hat ſich geſchwaͤcht. Es hat eine Million Unterthanen weniger, und keine Geldmittel mehr.« Dieſe Reden kamen dem Koͤnige zu Ohren, der darauf erwiederte:»Ich erkenne die Sprache der Herren Oberanfuͤhrer. Die Staatskunſt derſelben gruͤndet ſich ſtets auf gluͤhende Kugeln.« Der Graf von Severin d'Arragon, der den Frie⸗ den geſchloſſen hatte, unternahm es, den unrichtigen Grund jener Reden zu zeigen. Der Koͤnig hat mir den Vortrag, den er ihm bei dieſer Gelegenheit gehal⸗ ten hatte, oft wiederholt.»Sire, ſagte er, die Erobe⸗ rung von Holland lag nicht in dem Entwurfe zu die⸗ ſem Kriege. Die ganze Staatskunſt Frankreichs be⸗ ſchraͤnkte ſich darauf, die Hollaͤnder zu verhindern, ſich zu erklaͤren. Nicht um der Republik ein Ende zu ma⸗ chen, ſondern um ſie zu friedlichen Geſinnungen zu⸗ ruͤckzubringen, ſind Belagerungen unternommen und Schlachten geliefert. Man hat alſo die Abſicht des Staatsrathes erfuͤllt, wenn man ſie noͤthigt, die Waf⸗ en niederzulegen.« „Ihre Generale verbreiten das Geruͤcht, daß man nach der Schlacht bei Fontenoi und der Einnahme von Bergen⸗op⸗Zoom, ſich der vereinigten Niederlande bemeiſtern und das Schickſal dieſer Republik haͤtte ver⸗ andern koͤnnnen. Sie irren ſich aber, denn die Ver⸗ zweiflung macht unuͤberwindlich. Man iſt ſicher, ſeine 3 Eroberungen zu verlieren, wenn man ein Volk in die Lage verſetzt, uͤͤbrrwunden zu werden. Die einmal ein⸗ geſetzten Regierungen vernichten ſich nicht wieder; ſie dienen eine der andern zum Gegengewicht. Wenn eine einzige in die Gewalt einer andern kaͤme, ſo waͤre das ganze Gleichgewicht von Europa aufgehoben. In den jetzigen Kriegen giebt es nicht mehr jene großen ent⸗ ſcheidenden Schlaͤge, welche zu den Zeiten der Roͤmer die Geſtalt der politiſchen Welt veraͤnderten. Man be⸗ maͤchtigt ſich einer Provinz, aber man nimmt nicht ein ganzes Koͤnigreich ein.« »Angenommen, Sire, der Eifer Ihrer Truppen haͤtte ſie uͤber das gewoͤhnliche Gleis hinausgefuͤhrt, und ſie haͤtten ſich Hollands bemeiſtert, ſo wuͤrde dieſe neue Eroberung nur dazu gedient haben, Frankreich in neue Verlegenheiten zu verwickeln. Die Geſammtheit Europas wuͤrde Ihnen den Krieg erklaͤrt haben. Schon ſeit langer Zeit ſind die großen Maͤchte eiferſuͤchtig auf das Bourbonſche Haus, und ſuchen eine Gelegenheit, ihm einen empfindlichen Schlag beizubringen.« „Die wahre Staatsklugheit erregt nie Aufſehen, ſie verfolgt ihre Zwecke auf dem entgegengeſetzten Wege. — ꝓr]B— —— — 81— Man muß Holland unvermerkt ſchwaͤchen, aber nie es vernichten. Es bildet eine Vormauer gegen die großen nordiſchen Maͤchte. Es ſtellt uns vor den Einfaällen der Deutſchen ſicher, die ſelbſt die Roͤmer nicht abzu⸗ wehren vermochten, und die endlich das Reich der Caͤſaren zerſtoͤrten.« »Aber man redet nur davon, daß es uns leicht geweſen ſey, zu zerſtoͤren, und von der Leichtigkeit, mit der wir ſelbſt haͤtten vernichtet werden koͤnnen, ſagt man nichts. Was mich bewogen hat, Sire, das große Werk des Friedens zu Stande zu bringen, iſt die Unordnung in den Staatseinkuͤnften, die Entvoͤlke⸗ rung des Staates und der Mangel an Unterhaltsmitteln.« »Der General⸗Controleur hat mir geſagt, daß er kein Geld mehr außzutreiben wiſſe. Die Statthalter der Provinzen haben der Kriegsverwaltung angezeigt, daß es unmoͤglich ſey, neue Rekruten auszuheben, und der von Guienne hat ſogar geſchrieben, ſeine Provinz ſey nahe daran, Hungers zu ſterben. Dieß ſind drei maͤchtige Beweggruͤnde, Sire, die mich beſtimmt haben, den Abſchluß des Friedens zu beſchleunigen.« Dieſe Gruͤnde aͤnderten die Meinung der meiſten hohen Militairperſonen, die ſich immer zu ſchlagen wuͤnſchten, keinesweges. Sie hatten Haffnungen ge⸗ faßt, die ſie durch den Frieden verloren. Ludwig XV. ſagte mir eines Tages, indem er uͤber dieſen Gegenſtand ſprach, es gaͤbe nicht einen General in ſeinem Heere, der nicht gern den Staat fuͤr einen Marſchallsſtab aufopferte. Der Koͤnig, der den Marſchall von Sachſen be⸗ lohnt hatte, vergaß auch den Grafen von St. Severin 1.. 6 ———ÿÿy— nicht. Man machte ihn zum Staatsminiſter. Dieſer Graf war kein großer Geiſt, er hatte aber geſunden Verſtand, und dieſer vertrat die Stelle hoͤherer Einſicht. Er ging in den Geſchaͤften langſam, aber ſicher zu Werke. Sein abgemeſſener und ſchwerfaͤlliger Verſtand war um ſo mehr geeignet, Schwierigkeiten zu beſiegen, wodurch feurige und lebhafte Geiſter immer gehemmt werden. Er hatte keine Gemuͤthsbewegungen, alle ſeine Leidenſchaften waren den Geſetzen der Staatskunſt un⸗ tergeordnet. Zorn, Aerger, Partheilichkeit und alle die kleinlichen Vorurtheile, die die Handlungen der andern Miniſter leiten, waren ihm unbekannt. Er nannte dieß die Ruͤckſeite des Gepraͤges eines Bevollmaͤchtigten. Bei einer Unterhandlung ging er gerades Weges auf ſein Ziel los. Er liebte den Frieden aus Geſchmack, und arbeitete an einem voͤlligen Abſchluſſe aus Neigung. Herr vo Belleisle ſagte zu mir, daß er an ihm einen großen Fehler finde, naͤmlich den, daß er die hohen Krieger nicht genug achtete, denn mit einem Worte, ſetzte er hinzu, nur in Folge großer Siege kann man einen guten Frieden ſchließen. Aber nicht der Bevollmaͤchtigte, ſondern der Feldherr gewinnt die Schlachten. Indeß lag Frankreich in den letzten Zuͤgen; die Mittel, welche man zur Unterhaltung des Krieges an⸗ gewandt hatte, waren ſo heftig, daß ſie alle Triebfe⸗ dern der Macht uͤbermaͤßig angeſtrengt hatten. Die Miniſter beklagten ſich ſehr uͤber Frankreichs Zuſtand, und ſagten beim Frieden oͤffentlich, daß ſie nicht wuͤß⸗ ten, wo ſie mit der Verwaltung anfangen ſollten. — 83— Nicht in Paris zeigt ſich das allgemeine Elend am deutlichſten. Es herrſcht in dieſer Hauptſtadt im⸗ mer ein gewiſſer Aufwand, der die oͤffentliche Duͤrftig⸗ keit verbirgt. Die Armuth ſelbſt zeigt ſich dort in Stickereien und Baͤndern, waͤhrend ſie im uͤbrigen Frank⸗ reich ganz nackt einher geht. Der Hof hatte in die Provinzen geſchrieben, um den Zuſtand der Dinge zu erfahren. Der Marſchall von Belleisle hat mir mehrere Darſtellungen aus jener Zeit mitgetheilt, die von den Statthaltern in den Provinzen nach Verſailles geſchickt waren. Die erſte war folgendermaßen abgefaßt: »Gnaͤdiger Herr!« »Sie verlangen von mir Nachricht uͤber den Zu⸗ ſtand der Geldmittel dieſer Provinz; dieſe Arbeit iſt bald gethan: es giebt deren hier uͤberall nicht. Ich glaube nicht, daß man in dieſer Provinz hunderttauſend Livre baares Geld faͤnde. Alle Staͤnde ſind ineinander verſchmolzen, weil die Armuth allgemein iſt. Die Louisd'or werden in dieſem Landestheile bald ſeltene Stuͤcke werden, die man nur in den Cabineten der Liebhaber finden wird.« Das andere iſt von dem Statthalter einer, von Na⸗ tur ſehr fruchtbaren Provinz, wo aber der Geldmangel den Ackerbau hinderte. Er wandte ſich alſo an den Miniſter: »Gnaͤdiger Herr!« »Ich bin nicht im Stande, Ew. Excellenz das Elend zu ſchildern, das in dieſer Provinz herrſcht. Die Ländereien bringen faſt nichts ein. Der groͤßte 6* ——————————õy—— — 84— Theil der Landwirthe hat ſeine Grundſtuͤcke wuͤſte liegen laſſen, da er von dem Ertrage deſſelben nicht leben kann. Einige ſind Bettler geworden, Andere haben ſich unter die Soldaten anwerben laſſen, und Viele ſind in fremde Laͤnder gezogen. Der Adel befindet ſich in keiner beſſern Lage: nur mit Muͤhe kann er die ihm auferlegten Ab⸗ gaben entrichten.⸗ „Von fuͤnfzehnhunderttauſend Morgen angebaueter Laͤnderei, welche vormals dem Volke ſeinen Unterhalt gewaͤhrten, ſind jetzt ſechshunderttauſend gemeinſchaftlich. Ew. Excellenz koͤnnen daraus entnehmen, welche Luͤcke in den allgemeinen Unterhaltsmitteln Statt findet. Ein Ort, der vor dem Kriege fuͤnfzehnhundert Einwoh⸗ ner ernaͤhrte, gewaͤhrt kaum die Lebensmittel fuͤr ſechs⸗ hundert, und eine gewoͤhnliche Familie, die im Stande war, ſechs Kinder und eben ſoviel Arbeitsleute zu er⸗ naͤhren, kann nur fuͤnf unterhalten. Der Viehſtand i*ſt im gleichen Verhaͤltniſſe, wie die Menſchen verrin⸗ gert. Auf dem Lande fehlt es daran, um die Erde zu bebauen; in den meiſten Doͤrfern muͤſſen Maͤnner die Arbeit der Ochſen verrichten.« 3 »Ich bin zu der Ouelle dieſer Unordnung zuruͤck⸗ gegangen, und habe gefunden, daß das Uebel aus dem allgemeinen Mangel an baarem Gelde entſpringt. Um den Folgen dieſer Verwuͤſtung vorzubeugen, iſt es er⸗ forderlich, daß der Hof ſich entſchloͤße, dieſer Provinz, unter dem Namen eines Dahrlehns, die Summe von fuͤnfzehnhunderttauſend Livres vorzuſchießen, die nach einem richtigen Verhaͤltniſſe unter die armen Bewohner vertheilt werden muͤßten. Dieß iſt, nach meiner Mei⸗ — 93— ſich ein Vergnuͤgen daraus, allem, was am Hofe ge⸗ ſchah, entgegenzuwirken und laͤcherliche Gemaͤlde davon zu entwerfen. Dieſer Miniſter hatte ſeine kleinen Abend⸗ mahlzeiten ſo gut als der Koͤnig, und dabei fielen alle Abende die beluſtigendſten Darſtellungen ruͤckſichtlich der Krone vor. Wir hatten waͤhrend meines Aufenthaltes in Ver⸗ ſailles mehrere Zaͤnkereien mit einander gehabt, in denen er mich mit großem Hochmuthe und Stolze behandelt hatte. In ſeiner Hitze vergaß dieſer Miniſter ſeinen Rang, und bediente ſich Ausdruͤcke, die eines Staats⸗ beamten ganz unwuͤrdig waren. Ich habe mich dar⸗ uͤber bei dem Koͤnige nur leichthin beklagt, denn ich wollte eines, dem Staate nuͤtzlichen Mannes ſchonen. Man hat in der Welt verbreitet, es waͤre mein erſter Plan bei meiner Ankunft in Verſailles geweſen, dieſen Miniſter zu ſtuͤrzen. Unmoͤglich kann ich einen ſolchen Gedanken gehegt haben. Indem mir der Koͤ⸗ nig eine Schilderung der Staatsbeamten machte, redete er vortheilhaft uͤber den Grafen von Maurepas, und dieß allein war hinreichend, mich ihm ergeben zu machen. Aber die beſchwerlichen und ununterbrochenen Geſchaͤfte, denen er ſich ſeit laͤnger als dreißig Jahren unterzogen hatte, hatten ſeine Gemuͤthsart ſtrenge und faſt ſtoͤrrig gemacht. Es gab Zeiten, wo niemand es wagte, ihm nahe zu kommen. Sein erſter Gehuͤlfe le Guai hat mir geſagt, daß er in ſolchen Augenblicken ganz Dorn und Stachel ſey. Seine uͤble Laune ging auch in ſei⸗ nen Briefwechſel uͤber, er ſchalt Leute, die tauſend Stunden von ihm entfernt waren, und behandelte ſie ————————-—— ohne Schonung ihres Ranges und ihres Gemuͤthes. Einſt ſchrieb er an einen franzoͤſiſchen Conſul in den morgenlaͤndiſchen Handelsplaͤtzen:— „Ich befehle Ihnen, mein Herr, mir nicht mehr zu ſchreiben, ſondern ſich auf dem erſten Schiffe nach Frankreich zuruͤckzubegeben, und nach Paris zu kom⸗ men, wo Sie meine Befehle zu erwarten haben, ohne am Hofe zu erſcheinen. Ich bin u. ſ. w.« Sein boshafter Geiſt begleitete ihn ſelbſt zu ſeinen Schwelgereien und that ſich im Schooße des Vergnuͤ⸗ gens kund; bei ſolchen Gelegenheiten entſtroͤmte ſeinem Munde beißender Spott. Ich erfuhr einſt, daß er ſehr ungeziemende Reden uͤber mich gefuͤhrt, und den Koͤnig darin mit verflochten haͤtte. Anfangs war ich entſchloſſen, mich bei dem Monarchen zu beklagen, nach einigem Nachdenken zog ich es aber vor, ihm Folgendes zu ſchreiben. 1»Mein Herr!« „Ich bin von den ſchmaͤhſuͤchtigen Reden, die Sie uͤber mich und den Koͤnig, Ihren Herrn, gefuͤhrt haben, unterrichtet. Ich mache mir nichts aus den Pfeilen, die Sie gegen mich loslaſſen, aber die gegen den Koͤ⸗ nig gerichteten werde ich Ihnen nicht hingehen laſſen. Sein Ruf iſt mir theuer; ich eroͤffne Ihnen daher, daß, wenn Sie Ihr Betragen in Hinſicht ſeiner nicht aͤndern, ich ihm ſolches anzeigen werde, und Sie ha⸗ ben ſodann die Zuͤchtigung zu erwarten, die ein ſolches Verbrechen verdient. Ich bin u. ſ. w.«— Dieſer Brief diente nur dazu, ihn noch mehr ge⸗ 1— —— — 95— gen mich aufzubringen. Am Abende ſagte er mit ſpoͤt⸗ tiſcher Miene zu mehreren Hofleuten, die bei ihm ſpei⸗ ſten: meine Herren, ich bin nahe daran, in Ungnade zu gerathen, die Pompadour droht mir; und dann, ploͤtzlich ſeine ernſthafte Miene wieder annehmend, fuͤgte er, mit einer Art von Nachdenken hinzu: ſehen Sie, welch ſchlechter Aufenthalt das Schloß zu Verſailles geworden iſt, niemand, ſelbſt die Luſtdirnen nicht aus⸗ genommen, iſt da, der nicht das Wort fuͤhrte. Dieſe Reden wurden mir getreu hinterbracht, ich ließ mich indeß noch nichts merken; als dieſer Miniſter aber bald nachher in einer großen Geſellſchaft am Tiſche ſaß, und daſelbſt Schmaͤhlieder auf den Koͤnig ſang, ſo benach⸗ richtigte ich den Monarchen davon, und nun war ſeine Ungnade beſchloſſen. Er erhielt Befehl, den Hof zu verlaſſen. Da ſeine Verweiſung großes Aufſehen erregte, und man ihr einen, ſeiner Ehre und Rechtſchaffenheit nach⸗ theiligen Anſtrich gab, ſo bat ich den Koͤnig, daß er ſeine Zufriedenheit mit ſeiner Geſchaͤftsfuͤhrung erklaͤren moͤchte. Dieß geſchah, und man kann darnach uͤber das Gemuͤth dieſes Fuͤrſten ſchließen, der, obgleich von einem ſeiner Unter hanen beleidigt, dennoch die Guͤte beſaß, Nuͤckſicht auf ihn zu nehmen. Man wußte nicht, wem man das Seeweſen an⸗ vertrauen ſollte: dieſer Verwaltungszweig war ein Staatsgeheimniß geworden. Herr von Maurepas hatte ihm ſeit dreißig Jahren allein vorgeſtanden. Man uͤbertrug ihn Herrn Romillé, der keine beſondere Gei⸗ ſtesfahigkeiten beſaß, aber doch einen Plan entwarf, der zu Hoffnungen berechtigte. Er verſprach dem Koͤ⸗ nige in drei Jahren eine Flotte von achtzig Linienſchif⸗ fen herzuſtellen. Ich wuͤnſche, daß er Wort halte, ſagte der Koͤnig, aber ich fuͤrchte, daß es nicht geſchehen wird. Italien war frei; der Infant Don Philipp hatte ſeinen Einzug in Parma gehalten. Wir erfuhren in Verſailles, daß er ſich dort viel Vergnuͤgen mache; daß er ſich aus dem Conzerte in das Schauſpiel, und von da in den Tanzſaal begaͤbe. Ich fuͤrchte ſehr, ſagte der Koͤnig, daß dieſer junge Fuͤrſt die Baͤlle zu ſehr liebt, und daß meine Tochter zu viel tanzt. Herr von Noailles aͤußerte ſich oft, daß ja der Contretanz Spanien hunderttauſend Livres koſte, und die Mutter dieſes Fuͤrſten die Muſik dazu vorausbe⸗ zahlt habe. Der Herzog von Modena war in ſeine Staaten wieder eingeſetzt; er haͤtte gern gleich Don Philipp Baͤlle gegeben, aber der Krieg hatte ihn zu Grunde gerichtet. Die Herzogin, ſeine Gemahlin, ſagte oͤffentlich im Palaisroyal, Seine Hoheit haͤtten nicht ſo viel, daß Sie einen Menuet tanzen koͤnnten. Dieſe Fuͤrſtin kam ohne Schuhe an den Hof, um dem Koͤnige einen Be⸗ weis von der Duͤrftigkeit zu geben, in die der Krieg die Staaten von Modena verſetzt hatte. Madam, ſagte Ludwig XV. zu ihr, ich befinde mich in nicht viel beſ⸗ ſeren Umſtaͤnden als Sie, aber ich habe einen Schuh⸗ macher, den ich Ihnen ſchicken will, wenn Sie es wuͤnſchen. Genua war befreit: dieſe Stadt erlitt keine andere . Unterwerfung, als unter ihre eigene, auf den alten Fuß hergeſtellte Regierung. Der Geſandte des Wiener Hofes ſagte einſt zu dem Abgeordneten des Senats, dem er in der großen Gallerie von Verſailles begegnete: Mein Herr, das Haus Oeſterreich verzeiht Ihrem Staate die Empoͤrung, aber nur unter der Bedingung, ſich dafuͤr zu raͤchen. Neapel hatte nicht mehr noͤthig, ſich an Menſchen und Geld zu erſchoͤpfen; es war im Begriff ſich zu erholen, wozu es nur des friedlichen Genuſſes der Fruchtbarkeit und des Reichthums ſeines Himmelsſtri⸗ ches bedurfte. Ein fremder Miniſter ſagte einſt, als die Rede von dieſem kleinen Staate war, zu mir: wenn er ehrgeizig genug geweſen waͤre, ſeine Abſicht auf eine unumſchraͤnkte Herrſchaft zu richten, ſo wuͤrde er ſich nicht bemuͤht haben, uͤber Frankreich, Spanien oder Dceeutſchland zu herrſchen, ſondern er haͤtte gewuͤnſcht, Koͤ⸗ nig von Neapel zu ſeyn. Als Grund dazu gab er an, daß in dieſem Lande die Macht unmittelbar vom Himmel komme, und daß es Gott der Vater ſey, der ſie dem poli⸗ tiſchen Staate ertheile.„ Die Großen des Reichs beklagten ſich beſtaͤndig bei Hofe, daß ſie ihr Vermoͤgen im Kriege zugeſetzt haͤtten, und forderten unaufhoͤrlich Belohnungen. Deer Prinz von Conti, der Großprior von Frank⸗ reich geworden war, ſagte laut, ſeine Pferde haͤtten keinen Hafer. Es wundert mich, ſagte der Marſchall von Bel⸗ leisle, daß ſie noch nicht todt ſind, denn ſchon bei Covi fingen Ihre Hoheit an, ſich uͤber Mangel an Futter zu beklagen. I. 7 — 98— Ludwig XV. ſtellte das Vermoͤgen der Großen, ſo viel er konnte, durch Verleihung von Hofaͤmtern, Gna⸗ dengehalten und Statthalterſchaften wieder her; aber es lag ihm ein viel groͤßeres Geſchaͤft ob, naͤmlich die Her⸗ ſtellung der Monarchie. Ich erinnere mich, daß er einſt denen, die ihn draͤng⸗ ten, an ſie zu denken, ſehr hoͤflich antwortete: Gedulden Sie ſich ein wenig, ich werde allem abhelfen, wenn es moͤglich iſt; ehe ich aber an die einzelnen Haͤuſer denke, muß ich die große Familie des Staats verſorgen. Bei einer andern Gelegenheit ſagte er, in Gegenwart des gan⸗ zen Hofes, zu acht bis zehn Offizieren, die ihre Feldzuͤge geltend machten und Belohnungen forderten: Meine Herren, Sie haben mir im Kriege große Dienſte geleiſtet, ich bitte Sie aber, mir im Frieden noch einen groͤßern zu erweiſen, naͤmlich mir zu erlauben, vor Ihnen denen zu Huͤlfe zu kommen, auf welchen das ganze Gewicht des Krieges gelaſtet hat. Sie haben nur Ihre Arme dazu hergegeben, jene aber haben ihre Unterhaltsmittel erſchoͤpft u. ſ. w. Der Marſchall von Belleisle wurde nicht uͤberſe⸗ hen; man uͤberhaͤufte ihn mit Gnadengehalten, Befoͤr⸗ derung und Ehrenbezeigungen. Alle Staatskoͤrper beei⸗ ferten ſich, ihm ihre Huldigungen darzubringen. Bei ſeiner Abreiſe in die ihm anvertraute Provinz, wurde in der franzoͤſiſchen Akademie eine beſondere Rede ge⸗ halten, um zu beweiſen, daß er der Befreier Frankreichs waͤre. Ein geiſtreicher Mann hat die Mitglieder jener Akademie die hoͤflichſten Luͤgner Europa's genannt. Der neue Miniſter des Seeweſens durchreiſete die — —— — 99— Provinzen, um Holz, Seeleute und Gold zu finden; aber er ſuchte etwas, das nicht vorhanden war. Bei ſeiner Ruͤckkehr nach Verſailles erſchien eine Denkſchrift von einer unbekannten Hand, die folgendermaßen lautete: „Denkſchrift uͤber das Seeweſen.“ »Frankreich darf nicht die Abſicht hegen, nach und nach eine Flotte zu bilden; ein ſolcher Plan iſt unaus⸗ fuͤhrbar. Die Englaͤnder, welche auf die Erbauung eines jeden Schiffes, das wir auf den Stapel bringen, genau achten, erbauen in demſelben Verhaͤltniſſe immer neue, ſo, daß ſie ſtets das Uebergewicht ſich erhalten. Großbritannien, das jetzt hundert Linienſchiffe mehr als Frankreich beſitzt, wird immer ſo viel mehr haben, wenn auch letzteres in zehn Jahren eine Flotte von dreihun⸗ dert Kriegsſchiffen herſtellen ſollte.« „Wir haben ſchon oͤfter eine Flotte erſchaffen wol⸗ len, und jedes Mal, wenn mir damit angefangen haben, iſt von den Britten die Fortſetzung verhindert. Sie haben uns unſere Fahrzeuge im vollen Frieden genom⸗ men und haben keinen Krieg abgewartet, um ſich fuͤr unſere Feinde zu Waſſer zu erklaͤren. Dies koͤmmt da⸗ her, daß das Cabinet von St. James lieber fuͤr un⸗ gerecht gelten, als etwas zulaſſen will, wodurch ſeine Ueberlegenheit zur See geſchmaͤlert werden koͤnnte. Ein Koͤnig von England wuͤrde durch ſeine Unterthanen bald entthront werden, wenn er darauf beſtaͤnde, die Friedensvertraͤge mit Frankreich getreulich zu halten. Es verſteht ſich bei der Nation von ſelbſt, daß ein ſol⸗ 78* 8₰ 4 4 * — 100— cher Vertrag nur ſo lange beſtehen kann, als Frankreich keine Schiffe erbauet.« „Die Zeit, die bei allen uͤbrigen Anordnungen in der Verwaltung, alles ins Gleiche bringt, verdirbt bei der Verwaltung des Seeweſens, alles. Der Weg, Schiffe zu erbauen, iſt zu lang, man weiß in London den Tag, wo ſelbige fertig ſind, und an welchem man ſie vom Stapel laufen laͤßt. „Dieſer Zweig der Staatsverwaltung muß augen⸗ blicklich und ohne Wiſſen der engliſchen Admiralitaͤt, gebildet werden. Man muß die Augen auf Holland, Daͤnemark, die genueſiſchen und venetianiſchen Freiſtaa⸗ ten richten, um da auf ein Mal eine ſolche Anzahl von Schiffen zu kaufen ſuchen, als wir beduͤrfen; und wenn die Seeſtaaten davon nicht ſo viel zu verkaufen haben, ſo muß man ſeine Blicke auf Malta, Algier, Tripolis, Conſtantinopel u. ſ. w. richten, denn es iſt einerlei, von welcher Nation und wie die Schiffe erbaut ſeyn moͤgen, wenn ſie nur Menſchen und Kanonen in ſich faſſen koͤnnen.«. „Aber dieſe Ankaͤufe muͤſſen im Geheimen und zur rechten Zeit gemacht werden; denn wenn die Englaͤnder Wind davon erhielten, ſo wuͤrden ſie ihnen, entweder mit Gewalt, oder auf dem Wege der Unterhandlung, vorbeugen.« „Zwar bleibt immer noch die Verlegenheit hinſicht⸗ lich der Matroſen; allein auch in dieſem Punkte muß man ſeine Zuflucht zum Auslande nehmen. Im Frie⸗ den haben die Seemaͤchte deren eine Menge uͤbrig, und man braucht ſolchen muͤßigen Matroſen nur Vortheile 4 — 101— anzubieten. Der Seemann beſtimmt ſich, wie der Sol⸗ dat, fuͤr den Staat, der ihm das Meiſte giebt; ſein natuͤrlicher Fuͤrſt iſt das Geld u. ſ. w.⸗ Herr Rouillé, der dieſen Aufſatz las, ſagte: der Verfaſſer hat die Hauptſache vergeſſen, naͤmlich, uns Geld zu verſchaffen. Er will, daß wir mit Einem Male eine Flotte erkaufen, und er gewaͤhrt uns nicht die Mittel, ſie auf Ein Mal zu bezahlen. Ein Staatsmann hat oft die Bemerkung gemacht, daß es faſt allen Plaͤnen, welche am franzöͤſiſchen Hofe erſchienen, an der Grundlage fehlte. Der Verfaſſer geht mit ſeinen Gedanken ſo weit, bis er an eine Klippe ſtoͤßt, an der alle ſeine Vernunftgruͤnde ſcheitern; dann geht er in ſeinen Anſichten unter, oder ſchwimmt davon. Herr von Belleisle ſagte mir, er haͤtte in ſeinem Cabinete zwei bis dreihundert Denkſchriften uͤber Ver⸗ mehrung der Staatsreichthuͤmer, die ihm von den beſten Koͤpfen des Reichs zugeſandt waͤren, und die er viel⸗ leicht einmal unter dem Titel: Sammlung von ſehr ſchoͤnen, aber fuͤr Frankreich ſehr unnuͤtzen Entwuͤrfen, herausgeben wollte. Indeß gab er zu, daß man dieſe denkenden Koͤpfe nicht muthlos machen muͤßte, indem die muͤßigen Leute oft Einfaͤlle bekaͤmen, zu denen die oͤffentlichen Beamten keine Zeit haͤtten, und er ſetzte hinzu, daß, wenn die Verfaſſer von Denkſchriften auch nicht immer zum Ziele kaͤmen, ſie doch die Mittel lie⸗ ferten, dahin zu gelangen. Nach dem Frieden hatte der Koͤnig den Herrn von Mirepoix nach London geſandt. Der Marſchall von Sachſen ſagte, daß dieſer Herr ſeine Sendung ſehr gut erfuͤllen wuͤrde, denn er haͤtte einen zierlichen Fuß und tanzte allerliebſt; was an einem Hofe, wo ſo oft getanzt wuͤrde, gute Wirkung thun wuͤrde. Es iſt mir immer unbekannt geblieben, durch welche Gruͤnde Lud⸗ wig XV. zu dieſer Wahl bewogen iſt; er ſprach mit mir nur davon, als er ſie ſchon getroffen hatte. Ein kluger Mann, den der Koͤnig oft in Angele⸗ genheiten der Krone gebraucht hatte, ſagte damals zu mir, Herr von Mirepoix ſey fuͤr die Englaͤnder nicht beugſam und geſchmeidig genug, und er kenne die ge⸗ genſeitigen Vortheile beider Nationen nicht hinlaͤnglich. Ueberdem, ſagte er, beſitzt er einen großen Fehler fuͤr einen Geſandten, er iſt naͤmlich zu ehrlich, und die Englaͤnder werden ihn taͤuſchen. Er haͤtte koͤnnen viel⸗ leicht hinzuſetzen, daß er nicht geſchickt genug ſey. Denn Herr von Mirepoix hatte ſeine Jugend in Vergnuͤgun⸗ gen, und ſein uͤbriges Leben im Kriege verlebt; die Faͤhigkeiten, zu unterhandeln, erlangt man aber weder im Schauſpielhauſe, noch in Schlachten. Dieſer Miniſter meldete beſtaͤndig aus London, daß der Hof von St. James vor Freuden uͤber den Frieden außer ſich ſey, und nur daran denke, denſelben zu genießen. Er ſchrieb, was er dachte, weil Georg II. ihn dahin brachte, zu denken, was dieſem gefiel. Die Englaͤnder hatten Mylord Albemarle nach Paris geſandt; dieſer war kein geſchickterer Unterhaͤnd⸗ ler. Man hatte ihn ſeine Aufgabe auswendig lernen laſſen, ehe er London verließ, und in Verſailles that er nichts, als ſie wiederlolen. Wenn man ihm vorſtellte, daß der franzoͤſiſche Hof davon unterrichtet ſey, daß der 1 — 107— Befehl, den Schleier zu nehmen. Ich widerſtand eine Zeit lang, denn obgleich mir, außer dem Hauſe, in dem ich mich aufhielt, alles unbekannt war, ſo vermuthete ich doch, daß es noch eine andere Welt, als das Kloſter, das ich bewohnte, und einen andern Stand, als den der Nonnen, geben muͤßte; aber die Schweſter des Her⸗ zens Jeſu, unſere Vorſteherin, ſagte mir, um mich zur Annahme des Schleiers zu beſtimmen, daß alle Frauenzimmer, die ſich verheiratheten, verdammt waͤren, weil ſie bei Maͤnnern ſchliefen und Kinder zeugten: wes⸗ halb ich um meine arme Mutter viele Thraͤnen ver⸗ goß, da ſie gewiß ewig in der Hoͤlle dafuͤr brennen wird, daß ſie mich in die Welt geſetzt hat.« „Ich wurde Nonne; aber jetzt, da ich zwanzig alt bin, und mein Gemuͤth ſich ausgebildet hat, fuͤhle ich, daß ich nicht fuͤr dieſen Stand geſchaffen bin. Es ſcheint mir, daß mir etwas fehle, und dieſes Etwas iſt, wenn ich mich nicht taͤuſche, ein Mann.« »Ich quaͤle unſere Verſammlung damit, daß ich beſtaͤndig vom Heirathen ſpreche. Die Schweſter des heiligen Geiſtes ſagt, ich waͤre eine Braut Jeſu Chriſti; ich aber fuͤhle mich ſehr geneigt, mit einem Manne zur zweiten Ehe zu ſchreiten.«. „Sobald ein junges Maͤdchen in einem Kloſter iſt, bemaͤchtigen ſich ſeiner ein halbes Dutzend Werberinnen, und verlaſſen daſſelbe nicht, als bis es ſich entſchloſſen hat, den Schleier zu nehmen. Man begraͤbt taͤglich in die Kloͤſter Kinder, die noch im unreifen Alter ohne alle Ueberlegung Geluͤbde thun.« „Ich bitte Sie, gnaͤdige Frau, den Koͤnig zu be⸗ — 108— wegen, daß er dieſem Mißbrauche abhelfe. Die Reli⸗ gion und die Wohlfahrt des Staats foͤrdern eine ſolche Verbeſſerung. So viele, dem Geize der Eltern gebrachte⸗ Opfer geben dem Staate keine Kinder, und das himm⸗ liſche Reich wird dadurch doch nicht volkreicher. Gott verlangt freiwillige Opfer, und der Wille iſt eine Folge der Ueberlegung.« »Es iſt ſonderbar, daß unſere Geſetze, in denen das Alter beſtimmt iſt, wo ein Maͤdchen im Stande ſeyn ſoll, einen buͤrgerlichen Vertrag zu ſchließen, es vergeſ⸗ ſen haben, von dem Zeitpunkte zu reden, wo daſſelbe geiſtliche Geluͤbde ablegen kann. Iſt die Vernunft zu einem Vertrage mit Gott weniger, als zu einem mit Menſchen, erforderlich? Ich ſtelle dies zu Ihrem und des Koͤnigs Ermeſſen, und verharre uͤbrigens gnaͤdige Frau Ihre unterthaͤnige Dienerin die Schweſter Joſephs.« Der Koͤnig fand, daß die Schweſter des Herzens Jeſu und die Schweſter des heiligen Geiſtes Unrecht gethan haͤtten, die Schweſter Joſephs zum eheloſen Stande zu bewegen, da ſie mit ſo gluͤcklichen Anlagen zur Ehe nicht ermangelt haben wuͤrde, dem Staate eine gute Anzahl Kinder zu ſchenken. Um dieſem Uebelſtande abzuhelfen, erließ Sr. Maj. einen Befehl, in welchen den kirchlichen Behoͤrden ver⸗ boten wurde, kuͤnftig keinen Novizen aufzunehmen, wenn er nicht wenigſtens vierundzwanzig Jahre und einen Tag alt waͤre. Außer dem Parlamente ſteliten auch die uͤbrigen —— — 109— Staatsbehoͤrden dem Hofe die Unmoͤglichkeit dar, in der ſich das Volk hinſichtlich der Entrichtung des Zwan⸗ zigſten befand. Die Staͤnde von Languedoc ſtellten demuͤthig aber beſtimmt vor, daß die Provinz ſich außer Stande befaͤnde, dieſe Abgabe zu ertragen. Die Bi⸗ ſchoͤfe, die gewoͤhnlich nichts thun, als Verfuͤgungen zu erlaſſen, verfaßten Denkſchriften uͤber die allgemeine Duͤrftigkeit. Der Koͤnig befahl ihnen, ſich nicht in Geldangelegenheiten zu miſchen, und hob die Verſamm⸗ lung auf. Der Herzog von Richelieu, der damals in Montpellier war, unterſtuͤtzte den Willen des Hofes, und hielt die Federn der Praͤlaten ſo viel als moͤglich im Zaume. Da dieſe nicht mehr ſchreiben und ſich nicht mehr verſammeln konnten, ſo ſchickte ſie eine außerordentliche Geſandtſchaft an den Koͤnig, um ihm die Lage der Dinge auseinanderzuſetzen. Die Abgeordneten wurden vorgelaſſen, ſie redeten, man hoͤrte ſie an, dann kehr⸗ ten ſie in ihre Provinz zuruͤck, und der Zwanzigſte wurde ferner erhoben. Ein Staatsminiſter ſagte oft, dieſe Vorſtellungen haͤtten keinen andern Erfolg, als daß dadurch die oͤffent⸗ lichen Laſten vermehrt wuͤrden. Wenn die Provinzen gleich bezahlten, ſo waͤren ſie von den Ausgaben befreit, welche den Gemeinheiten durch die Ausfertigung und Abſendung der Vorſtellungen, und durch die Abgeord⸗ neten verurſacht wuͤrden, ohne die, bei ſolchen Gelegen⸗ heiten unvermeidlichen Bevorrechtungen in Anſchlag zu bringen. Die Staͤnde von Bretagne machten gleichfalls — 1410— Schwierigkeiten, aber ſowohl die Vorſtellungen dieſer, als jener hatten keinen andern Erfolg, als daß der Hof zwei Oberfinanzverwalter ernannte, welche die Erhebung jener Abgabe in den beiden Nuwbinzen in Ordnung bringen mußten. Dieſe kleinen Streitigkeiten veranlaßten den Staats⸗ rath, die Haltung dieſer Staͤndeverſammlungen in Er⸗ waͤgung zu ziehen. Man berathſchlagte mehrere Tage daruͤber, ob man ſie nicht ganz abſchaffen ſollte. Ein Staatsrath, der fuͤr die Aufhebung ſtimmte, verfaßte daruͤber eine Denkſchrift, die der Koͤnig mir mittheilte. Da dieſe Schrift nie gedruckt iſt, ſo iſt ſie auch nicht oöͤffentlich bekannt geworden. Ihr Inhalt war folgender: »Die Provinzialſtaͤnde ſind fuͤr Frankreich von kei⸗ nem Nutzen. Dergleichen Verſammlungen konnten in der Zeit nothwendig ſeyn, als jede Provinz der Mo⸗ narchie ein eigenes Koͤnigreich bildete, aber heut zu⸗ Tage, da Frankreich unter einer einzigen Regierung vereinigt iſt, kann es ſich ſelbſt vertreten, und hat keine Verſammlungen noͤthig.« »Dieſe Provinzialſtaͤnde dienen nur dazu, die Tren⸗ nung zwiſchen dem Fuͤrſten und dem Volke zu unter⸗ halten; ſie ſind ein Hinderniß fuͤr die Erhebung der Gefaͤlle und Steuern.« »Der Koͤnig ſchreibt nicht ſobald eine, zur Beſtrei⸗ tung der außerordrntlichen Ausgaben erforderliche Ab⸗ gabe aus, als die Staͤnde ſich dagegen ſetzen; ſogleich ſieht ſich der Hof von Vorſtellungen uͤberſchwemmt und das Schloß von Verſailles voll von Abgeordneten; man muß ſich den allgemeinen Angelegenheiten entziehen, — 111— um neue Befehle auszufertigen, und denen zu antwor⸗ ten, die ſtatt ſchriftlicher Vorſtellungen abgeſandt ſind.« »Dieſe Verzoͤgerung der Ausfuͤhrung der Verord⸗ nungen bringt eine uͤble Wirkung hervor; die Untertha⸗ nen gewoͤhnen ſich daran, nicht zu gehorchen; ſie be⸗ trachten die Staatsbeduͤrfniſſe mit Gleichguͤltigkeit und in die oͤffentlichen Angelegenheiten koͤmmt Langſamkeit. »Die Mitglieder jener Verſammlungen ſind eben ſo viele kleine Herrſcher; ihr Einfluß auf die Gemuͤther iſt gränzenlos. Ein Erzbiſchof von Narbonne, der zur Eroͤffnung der Staͤndeverſammlung nach Montpellier kommt, wird mehr gefeiert, als wenn Ludwig XV. ſeinen Einzug daſelbſt hielte.« »In einem monarchiſchen Staate, wo die gaͤnzliche Staatsgewalt nur aus einem einzigen Mittelpunkte aus⸗ gehen muß, iſt es gefaͤhrlich, ſie durch untergeordnete Behoͤrden getheilt zu ſehen.« »Dieſe Provinzialſtaͤnde ſind auch der Sittlichkeit und der Religion nachtheilig. Die von Languedoc be⸗ ſtehen aus vierundzwanzig Biſchoͤfen und Erzbiſchoͤfen, die genoͤthigt ſind, ſich in jedem Jahre drei Monate lang aus ihren Sprengeln zu entfernen. Sie laſſen ſich durch Großvicarien vertreten, die weder denſelben Eifer, noch dieſelbe Aufmerkſamkeit auf ihre Heerde ha⸗ ben, und waͤhrend dieſer Zeit tritt allenthalben Lauheit ein.⸗. 3 »Der Aufwand ſolcher Verſammlungen gereicht nicht weniger zum Aergerniß; jeder Biſchof haͤlt einen Hof und Hofleute; alle hohe Geiſtlichen halten offene 4— 112— Tafel, heute der Biſchof Aloix fuͤr dreißig Gaͤſte, und morgen ladet der von Nimes fuͤnfzig Perſonen ein.« „Die Aufloͤſung dieſer Staͤnde wuͤrde keine Ver⸗ minderung der oͤffentlichen Einkuͤnfte herbeifuͤhren. Das freiwillige Geſchenk, die Hauptveranlaſſung dieſer Ver⸗ ſammlungen, kann in eine allgemeine Abgabe verwan⸗ delt, und jaͤhrlich erhoben werden«— Man hatte nicht ſobald den Provinzialſtaͤnden die Thuͤre verſchloſſen, als die Verſammlung der Geiſtlich⸗ keit eroͤffnet wurde; es gab beſtaͤndig denſelben Gegen⸗ ſtand, aber im Großen behandelt. Es kam, wie in den fruͤhern, die Abgabe des Zwanzigſten, und das freiwillige Geſchenk zur Sprache. Obgleich dieſe Corporation, wenn der Koͤnig Geld von ihr verlangt, ſich das Anſehn der Duͤrftigkeit geben will, ſo weiß ſie doch, daß ſie fuͤr reich gehalten wird, und daß alle wohldurchdachten Reden, die ſie bei ſolchen Gelegenheiten halten koͤnnte, ſie in der Meinung des Publikums nicht arm machen wuͤrden. Sie iſt daher darauf bedacht, ſich mit dem Koͤnige im voraus abzufinden, und trug dieß Mal achtehalb Millionen an, um ſich von der Abgabe zu befreien. Ich habe von einem geſchickten Staatswirthſchaftskun⸗ digen gehoͤrt, daß man nicht mit der Geiſtlichkeit uͤber den Abkauf der Auflagen unterhandeln, ſondern daß ſolches mit dem Volke geſchehen muͤſſe, wenn bei der⸗ gleichen Gelegenheiten ein Abkauf Statt faͤnde. Ihm muß man den Vorzug vor allen Corporationen geben, weil es am meiſten belaſtet iſt. Die Geſchaͤfte des Cabinets thaten den Vergnuͤ⸗ — 113— gungen des Hofes keinen Abbruch. Der Koͤnig ging regelmaͤßig auf die Jagd, wohnte den Schauſpielen bei und aß jeden Abend mit mir in den geheimen Zimmern. Eine zaͤrtliche und liebevolle Freundſchaft verband uns auf das Engſte; die Begierden waren ei⸗ ner ſanften Neigung gewichen, die Freundin war der Geliebten gefolgt. Unſere Herzen empfanden jene Zu⸗ friedenheit, die eine Wirkung der Liebe iſt, ohne je⸗ doch die ſie begleitende Bitterkeit zu ſchmecken. Ludwig XV. hatte mehrere Frauen gefunden, die ihm Liebe eingefloͤßt hatten, aber nicht eine war faͤhig geweſen, ihn die Reize der Freundſchaft empfinden laſſen, die bei zartfuͤhlenden Seelen immer den Vorzug haben werden. Jene iſt ein Verhaͤltniß voll Vergnuͤgen, deren Genuß faſt immer zum Widerwillen fuͤhrt; die andere aber iſt eine ſuͤße Wolluſt der Seele, die um ſo leb⸗ hafter und zarter iſt, je weniger ſie blos zu einer Be⸗ friedigung der Sinnlichkeit dient. Der Koͤnig ſelbſt verſicherte mir damals, daß er ſich nie der Liebe uͤber⸗ laſſen haben wuͤrde, wenn er gleich Anfangs die Reize der Freundſchaft gekannt haͤtte. Er hatte keine Lieb⸗ ſchaft mehr, denn man muß nicht jene voruͤbergehenden Liebeshaͤndel ſo benennen, wo blos Sinnlichkeit ſich dem Vergnuͤgen uͤberlaͤßt, ohne daß das Herz Thait daran nimmt. Dieſer Fuͤrſt ſagte mir oft, daß er ſich gicis fuͤhle, eine wahre Freundin zu haben, die er an ſeinen Freuden Theil nehmen laſſen, und der er ſeinen Kum⸗ mer vertrauen koͤnnte; denn Koͤnige haben deſſen ſo gut, als andere Menſchen. Die groͤßte Betruͤbniß verurſachte I. 8 — 114— Ludwig XV. die Ueberzeugung, daß die Voͤlker der Erleichterung beduͤrften, und die Unmoͤglichkeit in der er ſich befand, ſie gluͤcklich zu machen. Er offenbarte mir den Zuſtand ſeiner Seele und hielt vor mir nichts geheim. Ich las in ſeinem Herzen, wie in dem mei⸗ nigen; wir trennten uns immer ungern und ſahen uns ſtets mit Vergnuͤgen wieder. Wie ich im Anfange dieſer Schrift bemerkt habe, ſo hatte mich der Koͤnig, ſobald ich am Hofe erſchien, zur Markiſe von Pompadour befoͤrdert, und um mich mit Anſtande daſelbſt zuruͤckzuhalten, machte er mich zur Pallaſtdame. Dieſe neue Stelle mußte ganz Europa uͤberzeugen, daß zwiſchen dem Koͤnige und mir kein anderes Verhaͤltniß, als durch Hochachtung und Freund⸗ ſchaft entſtanden waͤre. Aber die menſchliche Bosheit bleibt nicht bei Wahrſcheinlichkeiten ſtehen, ſondern geht immer weiter; die Mißvergnuͤgten benutzten dieſen Punkt in meinem Leben, um meinen Ruf zu vernich⸗ ten ꝛc. Ich komme zu der Staatsverwaltung zuruͤck: man machte in Verſailles viel Ausfertigungen, um deſto eher zu dem, von dem Koͤnige ſich geſteckten Ziele zu ge⸗ langen, naͤmlich die Abgaben zu vermindern und das Volk die Suͤßigkeiten des Friedens empfinden zu laſſen. Das Seeweſen war der Hauptgegenſtand. Herr Rouillé errichtete in der Eile eine kleine Flotte, die, ſobald ſie auf dem Meere erſchien, die Englaͤnder zu beunruhigen anfing. Die brittiſche Nation verliert ſchon bei dem bloßen Namen des franzoͤſiſchen Seeweſens ihre natuͤrliche Ruhe. Eines Tages ſagte Jemand in — 115— dieſer Hinſicht ſcherzend, daß die Britten nicht mehr ſchliefen, ſeit dem Frankreich uͤber ſeine Vortheile zur See wachte, und er verſicherte, daß, wenn dieſe Mo⸗ narchie hundert Linienſchiffe erbauete, dieſes eine allge⸗ meine Schlafloſigkeit in England zur Folge haben wuͤrde. Dieſe Flotte war indeß nur ein Anfang und weit von dem vorgeſteckten Ziele entfernt. Demungeachtet fragte England bei Frankreich an, wozu jene Schiffe gebraucht werden ſollten? Herr von Puyſieux antwortete dem Lord Albemarle, daß der Koͤnig von Frankreich nicht noͤthig habe, irgend einer Macht in Europa Rechenſchaft zu geben, daß man mit Großbritanien im Frieden lebe, und daß alſo dieſe Schiffe nicht dazu beſtimmt ſeyn koͤnnten, gegen daſſelbe Krieg zu fuͤhren. Das Cabinet von St. James ſchien befriedigt, war aber um deſto aufmerkſamer. Indeß wurde die Aufmerkſamkeit der Regierung durch oͤffentliche Schriften in Anſpruch genommen. Die Franzoſen, die vielleicht am eingeſchraͤnkteſten in der Freiheit des Sprechens ſind, wollen dagegen deſto freier im Denken ſeyn. Sie geben ihre Gedanken uͤber alles, was vorfaͤllt, in Druck, und die Regierung iſt immer der erſte Gegenſtand ihrer Schriften. Man behauptet, daß gerade der Zwang ſelbſt dieſe Freiheit erzeuge, und daß, wenn man nicht ſo viel franzoͤſiſche Schriftſteller in die Baſtille ſetzte, es deren deſto weniger in Paris geben wuͤrde. Selten lohnt es der Muͤhe, dergleichen Schriften zu leſen; es befinden ſich ſolche darunter, die nicht ein⸗ mal einen Verhaftsbefehl werth ſind. Man erzeigt den 8* — 116— ſchlechten Werken zu viel Ehre, daß man ihre Verfaſſer zu Koſtgaͤngern des Koͤnigs macht. Obgleich die verſammelte Geiſtlichkeit alles bewil⸗ ligte, was man wollte, ſo gab ſie doch nicht alles, was verlangt wurde. Der Hof ließ ihr Vorſtellungen machen, und ſie machte Gegenvorſtellungen; aber man fand, daß ſie die Schranken der Maͤßigung uͤberſchritt. Der Koͤnig hob alſo die Verſammlung auf, und ver⸗ wies die Biſchoͤfe in ihre Sprengel. Am folgenden Tage ſagte ein Hofmann beim Lever des Koͤnigs: man muͤßte ſie aus dem Koͤnigreiche verweiſen und Pfarrer an ihre Stellen ſchicken. Dieſes Werk der koͤniglichen Gewalt machte die Praͤlaten geſchmeidiger; ſie ſchienen zu allem, was man wollte, geneigt zu ſeyn. Ein Hoffmann ſagte zum Koͤnige: Sire, wenn Ihre Majeſtaͤt der Geiſtlichkeit die Vorſtellungen unter⸗ ſagen wollen, ſo giebt es ein ſicheres Mittel, naͤmlich den Biſchoͤfen den Aufenthalt in Paris zu verbieten. Sie werden das von ihnen verlangte freiwillige Geſchenk, gern bewilligen, wenn man ihnen nur erlaubt, in die⸗ ſer Stadt zu wohnen. Dieſe Angelegenheit mit den Biſchoͤfen beunruhigte indeß den Koͤnig, der eines Tages ein wenig bewegt zu mir ſagte: Dieſe Leute machen beſtaͤndig Schwierigkeiten. Ich habe nicht ſobald einen armen Geiſtlichen durch eine Pfruͤnde von hunderttauſend Livres jaͤhrlicher Einkuͤnfte bereichert, als er auch ſchon bei der Geiſtlichkeit das Wort fuͤhrt, und gegen das freiwillige Geſchenk ſtimmt. Sire, erwiederte ich, es ſcheint mir, daß es ein Mittel gebe, alles in Ordnung zu bringen. Die Krone muͤßte ſich die Haͤlfte * ———B—ꝛ—:—:— —— — 117— von den Einkuͤnften der großen Pfruͤnden, ſo wie deren Beſitzer mit Tode abgehen, zueignen. Dieſe Auflage waͤre fuͤr Niemanden eine Laſt. Ihre Majeſtaͤt haben keinen, der Kirche zugehoͤrigen Unterthan, der Ihnen nicht großen Dank ſchuldig waͤre, wenn Sie ihm eine Abtei oder ein Bisthum mit der Haͤlfte der Einkuͤnfte verleihen, die der jetzige Inhaber davon bezieht. Ich nehme die Sache auf mich, und werde in dem Koͤnigreiche zweihun⸗ dert Geiſtliche finden, die im voraus auf den Handel eingehen. Dieſe Verringerung kann nicht fuͤr ungerecht ange⸗ ſehen werden: Ihro Majeſtaͤt ſteht die Verleihung der großen Pfruͤnden des Reichs zu, nun iſt aber derjenige, der etwas verſchenkt, immer Herr des Geſchenks. Man koͤnnte ſich nicht uͤber einen Fuͤrſten beklagen, der ſtatt hundertzwanzigtauſend Livres Einkuͤnfte, die er einem ſeiner Unterthanen bewilligen koͤnnte, ihm nur ſechzig⸗ tauſend bewilligt ꝛc. Dieſen wenigen Worten, die ich dem Koͤnige gelegent⸗ lich geſagt hatte, folgte einige Tage darauf eine Denk⸗ ſchrift, die ein Pridatmann dem Grafen von St. Florentin uͤberreicht hatte, und die dieſer Ludwig XV. vorlegte. Denkſchrift an den Hof, in Betreff der Ungleichheit der Abgaben, welche von der Geiſtlichkeit erhoben werden. »Es iſt ein anerkannter Grundſatz der Staatswirth⸗ ſchaft, daß die verhaͤltnißmaͤßige Gleichheit in der Er⸗ hebung der Steuern die Laſt derſelben vermindert. — 118— Wenn eine Laſt von allen Mitgliedern einer Geſellſchaft getragen wird, ſo iſt ſie immer als leicht zu betrachten.« »Die Verlegenheit der Geiſtlichkeit hinſichtlich des freiwilligen Geſchenks und der uͤbrigen Abgaben, die ſie zur Beſtreitung der Staatsbeduͤrfniſſe tragen muß, hat ihren Urſprung nicht in der Abſchaͤtzung, ſondern in der Vertheilung. Die Großpfruͤndner, die mehr bezahlen muͤß⸗ ten, ſind immer diejenigen, welche nach Verhaͤltniß ih⸗ rer Einkuͤnfte am wenigſten bezahlen; die ganze Laſt faͤllt auf die armen Dorfpfarrer und die geringern Pfruͤndner, die kaum zu leben haben, und als Glie⸗ der der Geiſtlichkeit mehr gedruͤckt ſind, als in ihrer Eigenſchaft als Staatsbuͤrger.⸗. »Die Verſammlung der Biſchoͤfe, um ſich und die uͤbrigen Geiſtlichen abzuſchaͤtzen, iſt nicht ein Vorrecht der Geiſtlichkeit, ſondern eine Beguͤnſtigung der Koͤnige von Frankreich. Sie wurde ihnen unter der Bedingung bewilligt, daß die Vertheilung gerecht waͤre, und daß die Inhaber geringer Pfruͤnden, die eben ſo gut Untertha⸗ nen des Koͤnigs ſind, als die Großpfruͤndner, nicht ge⸗ druͤckt wuͤrden.⸗ »Man macht die Schaͤtzung nach der wirklichen Einnahme; dies iſt aber nicht richtig, denn ein Pfarrer, der jaͤhrlich hundert Thaler Einkuͤnfte hat, iſt mehr be⸗ laſtet, als ein Biſchof, der, bei hunderttauſend Livres jaͤhrlicher Einkuͤnfte, tauſend davon abgiebt; denn der Ueberfluß befindet ſich ſtets bei einem jaͤhrlichen Einkom⸗ men von neunundneunzigtauſend Livres, dagegen das Nothwendigſte dem zu fehlen anfaͤngt, der nur hundert Thaler hat, und eines davon beraubt wird.« — 119— „Die geringern Geiſtlichen ſind eben ſowohl Unter⸗ thanen des Koͤnigs, als die hohen. Zugegeben, daß die Biſchoͤfe die geringeren Prieſter deßhalb abſchaͤtzen, weil ſie ihnen untergeordnet ſind, waͤre ein Mißbrauch in der buͤrgerlichen Verwaltung.⸗ „Das Geiſtliche hat keine Rechte uͤber das Welt⸗ liche. Der buͤrgerlichen Staatsverwaltung, nicht aber dem geiſtlichen Regimente, koͤmmt es zu, die Schaͤtzung in Richtigkeit zu bringen.“ „Man muß die zur Geiſtlichkeit gehoͤrigen Unter⸗ thanen, gleich wie die uͤbrigen, den Staat ausmachen⸗ den, ein fuͤr alle Mal abſchaͤtzen. Es iſt leicht zu er⸗ mitteln, welchen Betrag die Geiſtlichen entrichten koͤn⸗ nen. Man darf nur zu dem Ende eine Ueberſicht der ganzen Summen, welche die Geiſtlichkeit ſeit zwanzig Jahren bezahlt hat, aufſtellen. Der zwanzigſte Theil des Geſammtbetrages macht ſodann die jaͤhrliche Abgabe aus. Zwanzig Jahre ſind erforderlich, um die wieder⸗ kehrenden Staatsbeduͤrfniſſe genau zu berechnen, und in dieſem Zeitraume koͤnnen alle Veraͤnderungen auf eine Hauptſumme zuruͤckgefuͤhrt werden.⸗ „»Man kann der Geiſtlichkeit die Wahl uͤberlaſſen, die Auflage zu bezahlen, ohne ſich zu verſammeln; es reicht dazu hin, daß ein fuͤr immer güͤltiges Heberegi⸗ ſtee, ſowohl fuͤr die Inhaber der großen als der kleinen Pfruͤnden, eroͤffnet wuͤrde, oder daß der Koͤnig die Ab⸗ gabe durch ſeine Beamten eben ſo von den Geiſtlichen, als von den uͤbrigen Staatsbuͤrgern erheben ließe. »Das Letztere waͤre der Monarchie angemeſſener und wuͤrde ſelbſt vortheilhafter fuͤr dieſelbe ſeyn. Die — 120— Kirche macht alle Tage neue Erwerbungen; die Guͤter, welche Privatperſonen ihr ſchenken, vermehren die Maſſe ihrer allgemeinen Reichthuͤmer beſtaͤndig. Die Geiſt⸗ lichkeit koͤnnte alſo in dem Verhaͤltniſſe, als ſie rei⸗ cher wird, auch mehr entrichten.« »Dieſe Erhoͤhung der Auflagen waͤre auch der, fuͤr die oͤffentlichen Abgaben angenommenen Erhebungsart angemeſſen. Die Kuͤnſtler und die Kaufleute bezahlen mehr, je nachdem ihr Fleiß ihnen neue Reichthuͤmer verſchafft.“⸗— Die Angelegenheiten Amerikas, von denen man ſeit dem Aachener Frieden nicht ſprach, fingen aufs Neue an, den Hof zu beſchaͤftigen. Die Englaͤnder beklagten ſich durch ihren Geſandten, Mylord Albemarle, daruͤber, daß die Franzoſen die Plaͤne der Indianer befoͤrderten, und daß ſie dieſelben unter der Hand veranlaßten, ihre Niederlaſſung in Neuſchottland zu beunruhigen. Herr von Puyſieux antwortete dagegen dem brittiſchen Mini⸗ ſter, daß man ſich in London irre.»Oer franzoͤſiſche Hof, ſagte er, hat keine Kenntniß von jener angeblichen Gaͤhrung, die wahrſcheinlich nur im Geiſte der Englaͤn⸗ der Statt findet.« 4 Indeß fingen die erſten Funken des Feuers, das den Krieg von Neuem entzuͤnden ſollte, ſich zu zeigen an. Man hatte Nachrichten aus Canada, daß die In⸗ dianer Bewegungen machten, und obgleich das Verſail⸗ ler Cabinet den franzoͤſiſchen Truppen nicht geradezu befahl, ſich dagegen zu ſetzen, ſo ſagte es ihnen doch eben ſo wenig, es nicht zu thun. Aus dieſem Still⸗ ſchweigen konnten die Befehlshaber abnehmen, welche — 121— Partei ſie zu ergreifen haͤtten. Sie erklaͤrten ſich nicht offen, aber ſie ließen Nebenurſachen wirken. Ein Miniſter eines, fruͤher mit Frankreich verbuͤn⸗ det geweſenen Hofes, der damals Hrn. von Puyſieux oft beſuchte, ſtellte ihn in dieſer Hinſicht einen Aufſatz zu, den der Koͤnig nie geſehen hat, und ich ſelbſt erſt lange nachher geleſen habe. 4 „Frankreich, wurde darin geſagt, iſt noch nicht im Stande, den Krieg zu erneuern. Man muß die Sachen in ihrer jetzigen Lage laſſen, bis man ſo weit iſt, ſeine Kraͤfte mit denen Englands meſſen zu koͤnnen. Wenn man nicht dieſe Partei ergreift, ſo wird man alles ver⸗ derben. Der Seekrieg wird auf den Landkrieg Einfluß haben: England wird den Augenblick benutzen, den Koͤ⸗ nig von Preußen zu einer Erklaͤrung gegen Frankreich zu bewegen, das ſodann zwei heftige Kriege, um eines geringen Landſtriches willen, zu beſtehen hat, den es am Ende verliert; denn es iſt nicht ſchwer, die Begeben⸗ heiten dieſes Krieges vorherzuſehen. Das engliſche See⸗ weſen iſt dem franzoͤſiſchen weit uͤberlegen: der Koͤnig von Preußen hat zweimalhunderttauſend Mann wohl eingeuͤbter Truppen, die voͤllig mobil ſtehen, auf den er⸗ ſten Befehl zu marſchiren, um in Deutſchland eine ſtarke Diverſion zu machen. Seine Truppen werden mit denen Englands im Norden den Ausſchlag geben. Frankreich ſtehet jetzt gut; es muß ſeine Staatsklugheit darauf beſchraͤnken, ſich ſo zu erhalten, bis eine guͤnſtige Gelegenheit ihm die Mittel verleiht, ſich zu verbeſſern.⸗ „Nichts draͤngt Sie in Amerika, fuͤgte der Aufſatz hinzu; Sie werden immer zur rechten Zeit Ihre Rechte 122— geltend machen. Die Wilden ſind Ihre Freunde; ſie moͤgen die Englaͤnder nicht leiden, beſchraͤnken Sie Ihre jetzigen Kunſtgriffe darauf, dieſe Uneinigkeit zu erhalten, ohne ſie zu vergroͤßern, der Augenblick wird erſcheinen, wo Sie dieſelbe zum Ausbruche kommen laſſen werden. Eilfertigkeit verdirbt die beſten Dinge, ſtatt daß man mit Geduld und Zeit mit allem zu Stande koͤmmt.« »Glauben Sie nicht, daß Ihre Kunſtgriffe mit den Amerikanern Europa taͤuſchen; die geheimſten Schliche der Hoͤfe werden am Ende immer entdeckt. Man macht Sie bereits fuͤr die Schritte der canadiſchen Voͤlker ver⸗ antwortlich, obgleich Sie nichts damit zu thun zu ha⸗ ben ſchienen; man weiß in ganz Europa, daß die nord⸗ amerikaniſchen Wilden immer ohne einen gehoͤtigen Plan handeln, wenn ſie nicht geleitet werden. Niemand iſt es unbekannt, daß dieſe Maſchinen keinen eigenen Willen haben, und daß ſie nur ſagen, was man ſie ſagen, und nur thun, was man ſie thun laͤßt.« »Ihr Seeweſen iſt erſt im Entſtehen, kaum faͤngt es an, ſich zu bilden; ein zweijaͤhriger Krieg reicht hin, es gaͤnzlich zu vernichten. Ehe man einen Krieg an⸗ faͤngt, giebt es ein ſicheres Mittel, zu erfahren, ob man ihn unternehmen darf, und dies beſteht darin, den Vor⸗ theil der Eroberungen gegen den Nachtheil der Nieder⸗ lagen abzuwaͤgen.« »Wenn Sie die Englaͤnder zu Waſſer ſchlagen, was uͤbrigens ohne alle Wahrſcheinlichkeit iſt, ſo behalten Sie Nordamerika, das Sie haben; werden Sie aber geſchlagen, ſo verlieren Sie Amerika und vielleicht alle — 123— Ihre uͤbrigen Colonien, denn eine Eroberung fuͤhrt im⸗ mer eine andere herbei.⸗ „Die Englaͤnder, deren Ruͤſtung im Anfange des Krieges blos Canada zum Ziele haben wird, werden dieſes erſten Sieges ſich bedienen, um andere herbeizu⸗ fuͤhren, und der Hof von St. James wird in der Folge einen Vernichtungsplan entwerfen, an den er vielleicht heute nicht denkt.«— „Frankreich hat den Nachtheil, daß es ohne Bun⸗ desgenoſſen iſt, die ihm ſeine Verluſte gegen die Eng⸗ laͤnder wiederherſtellen helfen koͤnnten.« »Das ſpaniſche Seeweſen iſt in keinem beſſern Zu⸗ ſtande, als das franzoͤſiſche; und die Hollaͤnder wuͤn⸗ ſchen den Krieg zwiſchen den Seemaͤchten nur deshalb, um den Vortheil zu genießen, der ihnen aus ihrer Parteiloſigkeit erwaͤchſt. Es iſt nicht unmoͤglich, daß eine Landmacht, die eine Schlacht verliert, ihre Nieder⸗ lage durch einen Sieg wieder gut macht; ſie bedarf da⸗ zu nur eines erfahrnern Feldherrn, geuͤbterer Truppen, oder guͤnſtigerer Umſtaͤnde. Aber die Lage der Seean⸗ gelegenheiten Frankreichs iſt ſo, daß eine ihm genom⸗ mene Colonie fuͤr immer verloren iſt; denn eine Folge davon iſt die Vernichtung ſeiner Schiffe, die es allein auf den Weg des Sieges zuruͤckfuͤhren koͤnnten.« Ddiieſer Aufſatz, den Staatsmaͤnner, welchen ich ihn nachher mitgetheilt habe, ſehr gut abgefaßt fanden, hatte nicht den Erfolg, den man davon haͤtte erwarten ſollen. Ein anderer, welcher demſelben Miniſter einige Zeit nachher vorgelegt wurde, enthielt ganz abweichende Gedanken, uͤber denſelben Gegenſtand. — 124— Man ſagt, daß die Mitglieder des engliſchen Par⸗ laments, welche in ihren Meinungen faſt immer einer dem andern entgegen ſind, fortwaͤhrend zuſammen ſtrei⸗ ten; und daß aus dieſen Verhandlungen ein Licht her⸗ vorgeht, welches die Geiſter erleuchtet und ſie geſchickter macht, dem Vaterlande Vortheile zu ſtiften. In Frank⸗ reich iſt es nicht ſo, ſondern die verſchiedenen Meinungen verbreiten eine Dunkelheit uͤber die Urtheilskraft, die allenthalben Unordnung und Verwirrung hineinbringt. »Die Angelegenheit Canadas«, ſagte der Verfaſſer des letztern Aufſatzes,»geht die franzoͤſiſche Monarchie zu nahe an, als daß ſie in dem Zuſtand, in dem ſie jetzt iſt, gelaſſen werden koͤnnte. Alle Augenblicke, die wir verlieren, verringern unſere Macht, und vergroͤßern die unſerer Feinde. Der Krieg haͤtte fortgefuͤhrt werden muͤſſen, wenn nicht Nebenurſachen die Regierung ge⸗ noͤthigt haͤtten, Frieden zu ſchließen; aber jetzt, wo jene Urſachen nicht mehr vorhanden ſind, muß man die Waffen wieder ergreifen.« „»Die Englaͤnder werden ſich nie innerhalb der Graͤnzen halten, die ihnen die Bevollmaͤchtigten vor⸗ ſchreiben werden. Sie werden durch kleine Kaͤmpfe und heimliche Schliche die Schranken zu uͤberſchreiten ſuchen; man muß ihnen zuvorkommen, und ihren Plan im Entſtehen vernichten; ſonſt koͤmmt man nicht zur rech⸗ ten Zeit.⸗ »Der Verluſt von Canada geht Frankreich bei weitem mehr an, als die Statsklugheit ſich vorſtellen kann; er macht England zur Beherrſcherin des Meeres, indem er demſelben eine unendliche Menge Handels⸗ — ——˖—ÿ—ÿ—ÿ—;&Y&ę/—- ——.— — 125— zweige eroͤffnet, die es ohne den Beſitz dieſes Feſtlan⸗ des, niemals haben wuͤrde.« „»Wenn uns auch ſchon kein bedeutendes Seeweſen zu Gebote ſteht, ſo beſitzen wir doch Schiffe genug. Es iſt nicht von einer Streitigkeit zu Waſſer, ſondern von einem Landkriege die Rede. Es iſt hinreichend, daß wir auf Canada Truppen landen laſſen; die amerikani⸗ ſchen Angelegenheiten ſtehen mit denen unſers Feſtlan⸗ des in gar keiner Verbindung. Wenn es in Deutſch⸗ land zu Unruhen koͤmmt, ſo werden ſie aus einer ganz andern Urſache entſpringen; und ſollte der Koͤnig von Preußen ſich gegen Frankreich erklaͤren, ſo wird er be⸗ ſondere Abſichten haben, die von unſern Colonien ganz unabhaͤngig ſeyn werden; er wuͤrde ſich eben ſo erklaͤren, wenn wir auch mit den Britten nicht wegen Canada im Streite waͤren.« „»Es iſt nicht das erſte Mal, daß wir mehrere Kriege zu gleicher Zeit zu beſtehen gehabt haben; es iſt ſogar unmoͤglich, daß wir nicht mehr als einen auf ein Mal haben ſollten. Unſere Verhaͤltniſſe ſind mit denen der andern europaͤiſchen Maͤchte ſo genau verknuͤpft, daß, wenn wir zu den Waffen greifen, fuͤnf bis ſechs Fuͤrſten ſich erklaͤren muͤſſen.« »Die Lage der Angelegenheiten von Canada ver⸗ ſetzt uns in die Nothwendigkeit, den Krieg wieder an⸗ zufangen; wir koͤnnen nicht in dem Zuſtande bleiben, in dem wir uns befinden. Unſere Staatskunſt muß jetzt hauptſaͤchlich zum Augenmerke haben, den durch die Englaͤnder verlornen Vortheil wieder zu gewinnen.⸗ „Wie ſehr man auch das Seeweſen Großbritanniens — 126— fuͤr uͤberlegen halten mag, ſo ſind die Wirkungen deſ⸗ ſelben doch nicht ſo gewiß, als man behauptet. Die Vortheile im Kriege haͤngen von einer großen Menge Ereigniſſe ab, die man nicht vorherzuſehen im Stande iſt. Oft erleidet man in eben dem Augenblicke, wo man einen Sieg davon zu tragen glaubt, eine Nie⸗ derlage.« vEngland hat ſeit dem Frieden nicht Zeit gehabt, ſeine Flotte zu vergroͤßern. Seine Kraͤfte ſind jetzt die⸗ ſelben, die ſie bei Beendigung des Krieges waren. Vor dem Aachener Frieden vertheidigten wir uns zu Waſſer; und wir koͤnnen dieß noch jetzt; aber wenn wir laͤnger warten, ſo werden wir es nicht mehr koͤn⸗ nen; denn die Ueberlegenheit jenes Seeweſens, die mit jedem Tage waͤchſt, wird unſern in einen ſo unterge⸗ ordneten Zuſtand verſetzen, daß wir es nicht mehr wa⸗ gen werden, vor ihnen auf dem Meere zu erſcheinen, und daß wir dann genoͤthigt ſeyn werden, ihnen Nord⸗ amerika zu uͤberlaſſen.⸗ »Wenn wir den Krieg ſogleich wieder anfangen, ſo koͤnnen wir die Englaͤnder aus Canada verjagen, ſtatt daß ſie, bei der Fortdauer des Friedens, uns dar⸗ aus vertreiben werden. Es iſt nicht mehr Zeit zum Zoͤgern, man muß ſich entſchließen, dieſen Theil Ame⸗ rikas England zu uͤberlaſſen, oder uns in den Stand ſetzen, ihm denſelben ſtreitig zu machen.« „»Die wilden Voͤlker ſind unſere Verbuͤndeten; ſie können die Englaͤnder nicht leiden, man muß eilen, dieſe uns guͤnſtige Lage der Dinge zu benutzen. Die Voͤlker, welche keine feſten Geſetze haben, ſind natuͤrlich — — 127— veraͤnderlich. Die von Canada lieben den Krieg, und verachten die Nationen, welche in Frieden leben. Zwanzig Jahre Ruhe wird ihnen eine uͤble Meinung uͤber die Franzoſen beibringen. Dagegen aber werden ſie dieſelben achten, und ſich mehr als je mit ihnen vereinigen, wenn ſie dieſelben mit den Waffen in den Haͤnden gegen eine Nation erblicken, die ſie durchaus nicht lieben. ꝛc. ꝛc.« Dieſe Denkſchriften brachten indeß in dem allgemei⸗ nen Syſteme keine Veraͤnderung hervor; man fuhr fort, ſich gegenſeitig zu verſtellen, und zu ſcheinen, als ob man den Frieden wollte. England arbeitete an der Vergroͤßerung ſeines Seeweſens und Frankreich gab nach Breſt und Rochefort hin Befehle, Schiffe zu er⸗ bauen. Jemehr man darauf dachte, Mittel zur Abhuͤlfe der Staatsuͤbel aufzufinden, deſto weniger Huͤlfsquellen fand man, um dahin zu gelangen. Dem Volke konnte nur durch die Aufhebung der Schaͤtzungen Erleich⸗ terung gewaͤhrt werden, und man konnte die gegen⸗ waͤrtigen Staatsbeduͤrfniſſe nur durch Einfuͤhrung neuer Abgaben befriedigen. Die Verwirrung herrſchte in al⸗ len Zweigen der Verwaltung, und der Koͤnig ſagte oft zu mir: ich weiß nicht, wo ich anfangen ſoll. Die Aufmunterung des Ackerbaues, die Vervoll⸗ kommnung der Kuͤnſte, die Erhebung des Handels, die Abtragung der Nationalſchulden boten nur entfernte Vortheile dar, waͤhrend das Volk einer ſchleunigen Huͤlfe bedurfte. Um in den Staatsgeſchaͤften, die gro⸗ ßen Einfluß auf das Gemuͤth des Koͤnigs hatten, eine — 128— 4. Ableitung zu bewirken, ſetzte ich ihnen neue Vergnuͤgun⸗ gen entgegen. Das Lebendigſte, was die Einbildungskraft zur Befriedigung der Sinne hervorbringen kann, wurde zu Verſailles angewandt. Alle Feſte, die ich dem Mo⸗ narchen gab, wurden nicht von mir erdacht. Ich hatte in Paris Leute von Geſchmack, die mir die erforderli⸗ chen Beſtandtheile lieferten, welche ich dann in Zuſam⸗ menhang brachte.. Ungeachtet meiner Bemuͤhung, den Hof aus dem Zuſtande von Verduͤſterung, in dem ihn die Schwierig⸗ keit der Geſchaͤfte verſetzte, zu ziehen, bemerkte ich, daß der Koͤnig nicht heiter genug war. Er hatte eine duͤſterere und nachdenkendere Miene als je. Dieſe neue Schwer⸗ muth erſchreckte mich, ich fragte den Monarchen um die Urſache, er antwortete mir obenhin, er bemerke keine Veraͤnderung in ſeinem Innern, er waͤre beſtaͤn⸗ dig von meiner Geſellſchaft ganz entzuͤckt: aber die Ver⸗ aͤnderung war nur zu gewiß. Da meine Feinde den Koͤnig nicht hatten bewegen koͤnnen, mich vom Hofe zu entfernen, ſo brachten ſie nun die Religion ins Spiel. Der Beichtvater des Monar⸗ chen wurde das Haupt des Anſchlages. Er war ein Jeſuit, der nur die Sittenlehre anwenden konnte, und ſelten thut dieſe den Vergnuͤgungen eines Fuͤrſten Ab⸗ bruch; ader er erdachte ein anderes, den Koͤnig treffen⸗ des Mittel. Dieſer ehrwuͤrdige Mann ließ durch einen der ge⸗ ſchickteſten Maler in Paris ein Gemaͤlde verfertigen, das die Strafen in der Hölle darſtellte. Mehrere gekroͤnte Haͤupter ſchienen daſelbſt ſchmerzhafte Oualen zu erlei⸗ —. — — 129— den; die Verzerrungen und Verrenkungen dieſer ungluͤck⸗ lichen Fuͤrſten waren mit einer Kunſt und Staͤrke ge⸗ malt, die zittern machte. Er ſtellte dieſes hoͤlliſche Meiſterwerk Ludwig XV vor. Der Koͤnig betrachtete es einige Augenblicke, indem er die Stirn runzelte, und verlangte dann eine Erklaͤrung des Gemaͤldes, und das war es, was der Juͤnger Loyolas erwartete.„»Sire, ſagte er, der Fuͤrſt, den Sie da ſehen, und der einige Pein leidet, war ein ehrgeiziger Monarch, der ſein Volk ſeiner eitlen Vergroͤßerungsſucht opferte. Der zu ſeiner Seite, den die Teufel in Feſſeln halten, war ein geiziger Monarch, der in ſeinen Kiſten Schaͤtze auf⸗ haͤufte, welche ihm und ſeinem Volke keinen Nutzen gewaͤhrten. Der Dritte, der in Ketten liegt, war ein untuͤchtiger Herrſcher, der ſich um nichts bekuͤmmerte, und ſtatt ſelbſt zu regieren, ſeine Miniſter regieren ließ, welche durch ihre Untauglichkeit den Staat ungluͤcklich machten. Der vierte, der mehr als die uͤbrigen leidet, weil ſein Verbrechen am groͤßten iſt, war ein wolluͤſti⸗ ger Koͤnig, der am Hofe oͤffentlich eine Veiſchlaͤferin unterhielt, und durch dieſes ſchaͤndliche Veiſpiel ſein Koͤnigreich mit unerlaubten Liebeshaͤndeln erfuͤllt hatte.«ꝛc. Die Anſpielung war derb und eines Moͤnches wuͤrdig, der in Ermangelung anderer Mittel, in dieſer Welt ſeinen Zweck zu erreichen, die Dinge des kuͤnfti⸗ gen Lebens anwendet. Ludwig XV., der den Zweck des Gemaͤldes errieth, befahl dem Sittenprediger, ſich zu entfernen; aber der Eindruck blieb zuruͤck. Ich bemuͤhte mich aufs Neue, dieſen Fuͤrſten aus ſeiner Schwermuth zu ziehen, und es gelang mir; aber I. 9 — 130— eine haͤusliche Angelegenheit verſetzte ihn in eine neue Betruͤbniß. Der Kronprinz hatte ſein zweiundzwanzigſtes Jahr erreicht; in dieſem Alter vertraut man den koͤnigl. Prin⸗ zen in Frankreich die Angelegenheiten der Krone an. Dieſer Prinz hatte ſtets eine blinde Ergebung in den Willen des Koͤnigs ſeines Vaters gezeigt; aber ſeit ei⸗ niger Zeit hatte er ſich eine Parthei geworben. Die meiſten Mitglieder derſelben waren meine Feinde, ſie machten laͤcherliche Gemaͤlde von mir, und miſchten den Koͤnig mit hinein. Ludwig XV. wußte dieß und da⸗ durch entſtand in ihm ein Widerwillen, der ihn traurig machte. Nachdem er mir ſeine Lage mitgetheilt hatte, ſagte er: Was wuͤrden Sie an meiner Stelle thun, Madame?»Sire, antwortete ich, ich wuͤrde den Kron⸗ prinzen zu allen Berathungen ziehen, und ihm alle, ſeinem Range und ſeiner Geburt ſchuldige Ehre erwei⸗ ſen.“ Nun wohl, ſagte der Koͤnig, ich will Ihrem Rathe folgen! und wenige Tage nachher wurde der Kronprinz zu den großen Berathungen zugelaſſen. Heerr von Machault, der damals an der Spitze des Finanzweſens ſtand, gab ſich alle erſinnliche Muͤhe, es wiederherzuſtellen; man draͤngte ihn von allen Sei⸗ ten. Herr von Rouillé forderte große Summen von ihm, um ein Seeweſen zu bilden. Die Zahlmeiſter der Renten verfolgten ihn vom Morgen bis Abend, um Gelder zu erhalten; und die, welche im vorigen Kriege Vorſchuͤſſe geleiſtet hatten, verließen ſein Zimmer⸗nicht. Eines Tages ſagte er in meiner Gegenwart zum Koͤnige: »Sire, ich weiß nicht, wie ich es anfangen ſoll, Ihre — 431— Verbindlichkeiten zu erfuͤllen. Jedermann verlangt von mir, und Niemand will mir leihen.« Der Marſchall von Belleisle, bei dem ſich dieſer Finanzbeamte oft beklagte, ſagte zu ihm:„»Mein Herr, es giebt nur ein Mittel fuͤr ſie, naͤmlich den Staat fuͤr zahlungsunfaͤhig zu erklaͤren. Wenn eine Maſchine in uUnordnung gerathen iſt, ſo iſt kein anderes Mittel, als die Bewegung aufzuhalten, und ſie von Neuem aufzu⸗ ziehen.⸗ 7 Dieſer Rath wurde nicht befolgt, die Finanzma⸗ ſchine wurde nicht in einen neuen Gang gebracht, viel⸗ mehr blieb dieſer Zweig der Verwaltung in ſeiner an⸗ faͤnglichen Unordnung. Ich habe unter meinen Papie⸗ ren den Entwurf einer Berechnung, worin der Verfaſſer, der fuͤr einen ſehr geſchickten Staatswirth galt, behaup⸗ tete, daß, um eine unwandelbare Ordnung in den Fi⸗ nanzen einzufuͤhren, der Staat ſich alle fuͤnfundzwanzig Jahre fuͤr zahlungsunfaͤhig erklaͤren muͤßte, und die Glaͤubiger ſich mit dem Koͤnige, wie mit einem Pri⸗ vatmanne, der nicht bezahlen kann, abfinden muͤßten. „Frankreich⸗, wurde in dieſer Schrift geſagt,»will ſein Unvermoͤgen nicht erklaͤren, aber das Mittel, das es anwendet, um ſich davon zu ſichern, iſt noch laͤſti⸗ ger; denn was thut der Koͤnig, wenn er mit Schulden uͤberhaͤuft iſt? Er legt ſeinen Voͤlkern druͤckende Abga⸗ ben auf, um ſie zu bezahlen; ein Mittel das ſchlimmer als das Uebel ſelbſt iſt, da die Koſten der Erhebung die Abgaben verdoppeln. Auf der einen Seite nimmt er mit Gewalt, um auf der andern freiwillig zu bezah⸗ len. Durch die Nichtzahlung wuͤrde nur eine beſtimmte 9* Anzahl von Unterthanen zu Grunde gerichtet, da hin⸗ gegen durch das Zahlen Jedermann in Armuth geraͤth.⸗« Ich habe von dem Finanzſyſteme nicht Kenntniß genug, um daruͤber urtheilen zu koͤnnen, ob ein wirth⸗ ſchaftlicher Koͤnig, der in ſeinem Staate Wohlhaben⸗ heit verbreiten will, damit anfangen muß, das Ver⸗ trauen ſeiner Unterthanen zu verlieren. An ſolchen Schriften muß immer etwas nachgelaſſen werden. Ein geiſtreicher Mann hat mir oft geſagt, daß, wenn man alle ſchoͤnen Entwuͤrfe, die dahin gerichtet waͤren, Frank⸗ reich zum reichſten Staate in Europa zu machen, aus⸗ fuͤhrte, daſſelbe vielleicht der aͤrmſte Staat in der ganzen Welt werden wuͤrde. Die beſondere Gnade, mit der Ludwig XV. mich fortwaͤhrend beehrte, bewog viel Leute, in meinem Zim⸗ mer zu erſcheinen. Ich hatte daſelbſt jeden Morgen einen zahlreichen Hof; einige Große kamen um ſich bei dem Koͤnige beliebt zu machen, aber die meiſten deß⸗ halb, um Gnadenbezeigungen zu erlangen. Die Letztern hatte ich gewoͤhnt, mir Vorſtellungen zu uͤbergeben, denn wie haͤtte ich mich ſo vieler verſchiedenen Gegen⸗ ſtaͤnde wieder erinnern koͤnnen? Die, welche entfernt vom Hofe leben, koͤnnen ſich unmoͤglich die vielen Ar⸗ ten von Bittſtellern denken, die es in Frankreich giebt, und wie viele Gnaden⸗ und Gunſtbezeigungen zu er⸗ theilen der Hof das Gluͤck haben kann. Ich habe in einer Handſchrift geleſen, daß Lud⸗ wig XIV. denjenigen ſeiner Unterthanen, die etwas von dem Hofe zu erbitten haͤtten, erlaubt hatte, ſich unmit⸗ telbar an ihn zu wenden. Wenn dieſe Einrichtung noch — 133— unter der jetzigen Regierung beſtanden haͤtte, ſo wuͤrde Ludwig XV. ſein ganzes Leben hindurch nichts weiter zu thun gehabt haben, als Bitten anzuhoͤren. Ich ließ mir die Vorſtellungen vorleſen, und ſprach dann mit dem Koͤnige davon.. Außer den Bittſtellern gab es auch Leute, die Beſchwerden vorbrachten, und deren war gewoͤhnlich eine groͤßere Anzahl, als die der Erſtern. In einem ſo ausgedehnten Reiche, als Frankreich, iſt es unmoͤglich, allen Mißbraͤuchen vorzubeugen; es giebt ſogar nothwendige, und die aus der Ordnung ſelbſt entſtehen. Aber eine Klage, die mir vorgetragen wurde, ließ mich einen Uebelſtand wahrnehmen, der mir der Aufmerkſamkeit des Fuͤrſten wuͤrdig ſchien; naͤmlich das Vergeſſen der Kinder von Kriegern, die im Dienſte des Vaterlandes geſtorben waren. Oft hinterließ ein vornehmer Offizier, der kein ge⸗ borner Edelmann war, aber durch ſeine Tapferkeit die Rechte des Thrones und des Adels befeſtigt hatte, buͤr⸗ gerliche Kinder. Dieſe gehoͤrten nach einigen Jahren zum Volke, und auf dieſe Art verlor man die Spur von Familien, die dem Staate die groͤßten Dienſte ge⸗ leiſtet hatten. Die ſchoͤnen Thaten geriethen mit den Helden in Vergeſſenheit; ihre Nachkommen nahmen keinen Theil daran, ihr Ruhm war mit ihnen in daſ⸗ ſelbe Grab verſcharrt. Ich redete mit dem Koͤnige da⸗ von und bald darauf erließen Se. Majeſtaͤt eine Ver⸗ ordnung, wodurch die Offiziere und ihre Nachkommen in den Adelſtand erhoben wurden. Die verſchiedenen. — 134— Grade dieſes Adels waren in der Verordnung nach den verſchiedenen Claſſen der Offiziere beſtimmt. Niemand im Koͤnigreiche vermuthete, daß ich an dieſer Sache Theil haͤtte; wenn man alſo nach meinem Tode nicht in meinen Papieren umherwuͤhlt, ſo wird es der Nachwelt immer unbekannt bleiben, daß ich Ludwig XV. zu dieſer Einrichtung vermogt habe. Die Hofleute von Verſailles ſchmiedeten beſtaͤndig Raͤnke; die, welche nicht durch meine Verwendung ihr Gluͤck machen konnten, ſuchten mir zu ſchaden. Sie bedienten ſich deßhalb zuweilen unſchicklicher Reden, aber beſtaͤndig der Verlaͤumdung. Es hatten ſich mehrere heimliche Geſellſchaften gebildet, aus denen Partheien hervorgingen, die durch die Unzufriedenheit, welche ſie bei den erſten Staatsbeamten erregten, Einfluß auf die Krone hatten. Der Kanzler D'Agueſſeau ſchuͤtzte ſein hohes Alter vor, um ſich zuruͤckzuziehen. Er entledigte ſich der Ge⸗ ſchaͤfte unter dem Vorwande, daß er nicht mehr im Stande ſey, ihre Laſt zu tragen. Ein Hofmann, der anweſend war, als der Koͤnig ſein Abſchiedsgeſuch er⸗ hielt, ſagte: Sire, Herr D'Agueſſeau muß ohne Zwei⸗ fel uͤber ein Jahrhundert alt ſeyn, denn mit hundert Jahren iſt man zu einem Kanzler von Frankreich noch jung genug. Mehrere andere Beamte entfernten ſich gleichfalls von den Geſchaͤften Als Grund gaben ſie an, daß ſie nicht an einem Hofe leben koͤnnten, wo alles nach der Gunſt einer Frau entſchieden wuͤrde, aber mit die⸗ ſem ſchoͤnen Grundſatze kamen ſie zu ſpaͤt. Erſt nach⸗ dem ſie verſucht hatten ſich auf den hoͤchſten Gipfel des Gluͤcks zu ſchwingen, entſchloſſen ſie ſich, ſich zuruͤck⸗ zuziehen; einige gaben ſich ſogar in ihrer freiwilligen Entfernung Muͤhe, wieder auf den Schauplatz zu kom⸗ men, den ſie ſo eben verlaſſen hatten. Herr von Machault erhielt die Siegel. Man hat oft uͤber dieſes Kreißen der Staatsaͤmter geklagt, von denen eins dem andern in ſeinen Verrichtungen geradezu entgegen iſt; aber man muß dieß dem Ehrgeize zuſchrei⸗ ben. In Frankreich ſind die untergeordneten Stellen nur der Weg zu den ehrenvollſten und eintraͤglichſten Aemtern. Bei der Erledigung eines jeden hohen Staats⸗ amtes war mein Zimmer von Leuten angefuͤllt, die darnach ſtrebten. Diejenigen, die ſchon zu leben hatten, ſuchten ein Mittel, um vermoͤge einer hohen Bedienung mit Glanz in der Welt zu erſcheinen. Die Kette von Vergnuͤgungen, die ich in Verſail⸗ les gebildet hatte, um den Koͤnig aus dem Zuſtande von Erſchlaffung zu reißen, in den ihn ſein Gemuͤth verſetzt hatte, that den offentlichen Angelegenheiten keinen Abbruch. Ludwig XV. hatte ſechs Arbeitsſtunden: er beſchaͤftigte ſich jeden Morgen mit der Verwaltung der innern und auswaͤrtigen Angelegenheiten des Reichs. Der Tod des Marſchalls Grafen von Sachſen verurſachte eine Stoͤrung in den Vergnuͤgungen des Hofes. Ich erinnere mich, daß ein einſichtsvoller Mann, der ſich bei der Nachricht von dieſem Tode bei mir be⸗ fand, ſagte: Madam, wir werden bald Krieg haben, denn von allen Genetalen des Koͤnigs von Frankreich — 136— fuͤrchtete der Koͤnig von Preußen nur den Marſchall von Sachſen. Die Zuſammenkuͤnfte, die Ludwig XV. dieſem Helden gehabt hatte, hatten mich in den Stand geſetzt, ſeinen Charakter kennen zu lernen. Es macht uns Vergnuͤgen, große Maͤnner zu kennen; die Seele dieſes hier war von einer eigenen Art. Alle ſeine Privathandlungen bezeichneten einen gewoͤhnlichen Menſchen; nur am Tage einer Schlacht war er groß: dann veraͤnderte ſeine Seele, wenn ich mich ſo aus⸗ druͤcken darf, ihren Charakter, ſie wurde erhaben, edel, großartig, eine neue Klarheit, die ſich ſeinem Geiſte mittheilte, ließ ihn alles auf den erſten Blick uͤberſehen. Seine Einbildungskraft hatte nichts zu thun, der krie⸗ geriſche Geiſt, der ihn dann bewegte, half allem ab; aber nach der Schlacht kehrte dieſe ſchoͤne Seele in das Michts ihrer Gemeinheit zuruͤck; nichts blieb groß an ihm, als der Ruf ſeiner Thaten. In ſeinem Privatleben trieb er die Gemeinheit bis zum Schmutz; ohne Geſchmack fuͤr die zarte. Liebe, die edle Seelen von gemeinen unterſcheidet, kannte er in Geſellſchaft von Frauen kein anderes Vergnuͤgen, als das der Ausſchweifung: nie entdeckte man an ihm eine, eines Helden wuͤrdige Leidenſchaft; er fuͤhrte eine Geſellſchaft von Freudenmaͤdchen mit ſich. Alle ſeine Geliebten waren oͤffentlich entehrte Frauen. Waͤhrend er Europa durch ſeine Siege in Unruhe verſetzte, brachte eine Schauſpielerin, Namens Favart, durch ihre Lieb⸗ ſchaften ſein Herz in Bewegung. Die, welche ihn oft geſehen haben, ſagten, er be⸗ oft mit — 437— ſaͤße gar keine Kenntniſſe. Nur Krieg zu fuͤhren verſtand er, ohne es je gelernt zu haben. Man behauptete einige Zeit darauf, durch ſeinen Tod waͤren alle Syſteme Eu⸗ ropas veraͤndert, und der Koͤnig von Preußen haͤtte ge⸗ wiß nie den Krieg wieder angefangen, wenn Moritz ge⸗ lebt haͤtte. Gewiß iſt es, daß ein einziger Mann die Geſtalt unſerer politiſchen Welt veraͤndern kann. Ich habe in handſchriftlichen Aufſaͤtzen uͤber die Regierung Ludwigs XIV. uͤberraſchende Umwaͤlzungen geleſen, die durch das Uebergewicht eines einzigen Men⸗ ſchen veranlaßt ſind. Der Graf von Sachſen hatte ſein ganzes Leben hindurch mit unermuͤdlichem Eifer daran gearbeitet, um eine Ruhe zu erlangen, die er nie genoß. Kaum war er zu der hoͤchſten Groͤße gelangt, wohin ihn ſeine kriegeriſchen Talente erhoben hatten, als der Tod ihn ins Grab ſtuͤrzte. Der Koͤnig hatte ihm, zur Belohnung fuͤr ſeine dem Staate geleiſtetend Dienſte, ein koͤnigliches Haus geſchenkt. Er beſaß große Einkuͤnfte und genoß alle Wuͤrden, womit ein Sterb⸗ licher nur bekleidet werden kann. Dieſer General ſtarb mit einem unbeſtreitbaren Ruhme. Selbſt ſeine Feinde mußten geſtehen, daß er ein erhabenes Talent zur Kriegsfuͤhrung beſaͤße; aber wenn ſein Geiſt viel fuͤr Frankreich that, ſo that Letzte⸗ res noch mehr fuͤr ihn; man. ließges ihm nie an etwas fehlen. Die Hofbanquiers lieferten ihm immer im Ueberfluſſe, was er bedurfte; er focht mit zahlreichen Armeen in einem Lande, das faſt immer der Schau⸗ platz der franzoͤſiſchen Eroberungen und des Ruhmes des franzoͤſiſchen Namens war. Moritz befehligte die .*¼ — 138— beſten Truppen des Koͤnigs, die vor Begierde gluͤheten, ſich durch Siege auszuzeichnen. Ich habe von einem geſchickten, des Faches kundigen Manne gehoͤrt, daß ein Held alle militairiſchen Stufen, die zum Ruhme fuͤh⸗ ren, durchlaufen muͤßte. Der franzoͤſiſche Hof bahnte Moritz nur einen Weg; man ſetzte ihn nie den Proben aus, die, indem ſie einen Anfuͤhrer zwingen, alle ſeine Huͤlfsmittel zu entfalten, uͤber ihn als Feldherrn ent⸗ ſcheiden. Ich habe in Handſchriften uͤber die Minderjaͤhrig⸗ keit Ludwigs XIV. geleſen, daß die Feinde des großen Conde die Koͤnigin Mutter bewogen, ihn nach Catalonien zu ſchicken, um die Graͤnzen zu vertheidigen, wozu man ihm nur ſchlechte Soldaten und in geringer Anzahl gab, weshalb ſein Unternehmen haͤtte mißlingen muͤſſen. Conde, der die Abſichten ſeiner Feinde kannte, ſchrieb an ſeinen Freund Gourville: Man hat mich hierher geſandt, um die Goͤtter und Menſchen anzugreifen, und man hat mir nur Schatten gegeben, um ſie zu bekaͤmpfen. Ich werde unterliegen, denn man hat mich aller Mittel zum Siege beraubt. Indeß widerſtand dieſer Held, unge⸗ achtet des Nachtheils hinſichtlich der Anzahl und der Witterung, den Anſtrengungen Spaniens. Der Tod des Marſchalls von Sachſen verurſachte in den Koͤpfen der milttairiſchen Hoͤflinge eine Umwaͤl⸗ zung. Die, welche ſich bis dahin hinter ſeinen Ver⸗ dienſten verſteckt gehalten hatten, zeigten ſich nun. Alle machten Anſpruch darauf, die Stelle dieſes Helden einzunehmen, und keiner war faͤhig dazu. Bei der erſten Nachricht, die man in Verſailles — 139— von dem Tode des Grafen Moritz erhielt, ſagte der Koͤnig: Ich habe keinen Feldherrn mehr, nur einige Hauptleute bleiben mir noch uͤbrig. Indeß lebte Loͤwen⸗ dahl noch; aber man behauptet, daß die Geiſter dieſer beiden Maͤnner nur dazu gemacht waͤren, zuſammen zu wirken, und daß die Heldentugenden des Letztern ihren Glanz nur von den uͤberlegenen Eigenſchaften des Andern erhielten. Ein Hofmann ſagte in dieſer Hin⸗ ſicht: Löwendahl wird im Kriege nicht viel mehr aus⸗ richten, denn ſein Rathgeber iſt todt. Waͤhrend man ſich in Verſailles mit dieſem Ereig⸗ niſſe beſchaͤftigte, kuͤndigte der paͤpſtliche Nuntius Lud⸗ wig XV. an, daß der Koͤnig von Preußen die freie Ausuͤbung des roͤmiſch⸗ katholiſchen Gottesdienſtes in Ber⸗ lin geſtattet habe, und daß es den Ordensgeiſtlichen er⸗ laubt ſeyn werde, ſich daſelbſt in ihren Ordenskleidungen niederzulaſſen. Ein Hofmann ſagte zum Koͤnige: Sire, dieſer Fuͤrſt faͤngt an, von Allem ein wenig zu wollen; ſonſt hatte er nur Soldaten, und jetzt hat er Moͤnche. Ein anderer Hofmann der gegenwaͤrtig war, erwiederte: Da dieſer Herrſcher anfaͤngt, Geſchmack an den Moͤnchs⸗ kutten zu nehmen, ſo moͤchte ich Ew. Majeſtaͤt rathen, ihm mit allen Jeſuiten von Frankreich ein Geſchenk zu machen. Ein Dritter fuͤgte hinzu: Man muͤßte dieſe Waare fuͤr den naͤchſten Friedensvertrag aufſparen, und dann ſechs Juͤnger Loyolas gegen einen Soldaten aus⸗ wechſeln. Indeß vermutheten die ſyſtematiſchen Leute, einen ſtaatsklugen Zweck bei dieſer Einrichtung. Wenn man von einem Fuͤrſten glaubt, daß er Abſichten habe, ſo erklaͤrt man alle ſeine Schritte darnach. Man hat — 140.— geſagt, der Koͤnig von Preußen hätte ſich dadurch dem römiſchen Hofe gewogen zeigen wollen, der, wenn gleich ohnmaͤchtig, doch bei den Regierungen ſchwacher und aberglaͤubiger Fuͤrſten durch ſeine Raͤnke Vieles bewirken kann. Einige ſchrieben jenes Verfahren einem neuen Syſteme zu, die Bevoͤlkerung durch die Einwanderung von Katholiken aus Staaten, die der Gemeinſchaft mit Rom anhaͤngen, zu vermehren; aber die Moͤnche und Prieſter dieſes Gottesdienſtes bevoͤlkern einen Staat nicht. ꝛc. ꝛc. Ich fuͤr mein Theil habe es der Sucht neue Ein⸗ richtungen zu machen, die alle jetzige Fuͤrſten beſitzen, zugeſchriben. Wenn man die Verfaſſung Preußens pruͤft, das eine unumſchraͤnkte Monarchie iſt, ſo wird man einſehen, daß eine Mehrfachheit der Religionen ihm nicht angemeſſen ſeyn kann; wenigſtens habe ich von einem ſehr einſichtsvollen Manne gehoͤrt, daß die Freiheit der Religionsmeinungen nur in Freiſtaaten be⸗ willigt werden kann. Seit einiger Zeit war der Koͤnig heiterer, als ge⸗ woͤhnlich; nach ſo viel Wechſelfaͤllen und Anſtrengungen athmete er ein wenig frei: Er hatte Muße, mich oft zu beſuchen, und ſo oft als er wollte, auf die Jagd zu gehen. Nie hat ein Fuͤrſt dieß Vergnuͤgen ſo ſehr geliebt. Daer ſich deſſen mit Leidenſchaft bediente, ſo mattete er ſich dabei uͤber die Maaßen ab. Ich ſtellte ihm einmal vor, daß er dieß Vergnuͤgen in Be⸗ ſchwerlichkeit verwandele, und⸗ es ihm ange⸗ meſſener ſey, es zu maͤßigen; daß alles — 141— Uebermaaß ſchaͤdlich ſey, er antwortete mir aber, daß das der Jagd im Gegentheile ſeine Geſundheit befoͤrdere. Dieß Syſtem iſt von der neuen Arzneiwiſſenſchaft einge⸗ fuͤhrt. Die Hofaͤrzte, die nur von Bewe⸗ gung ſprechen, beſtimmen die Koͤnige, die Haͤlfte ihres Lebens zu Pferde hinzubrin⸗ gen.*) Aber eine große Zufriedenheit, die der Monarch im Jahre 1750 empfand, war, ſeinen Voͤlkern Erleich⸗ terung verſchafft zu haben. Er hatte ihnen drei Mil⸗ lionen an der Vermoͤgensſteuer erlaſſen, und eben den hundertſten Pfennig und die Sous, welche auf jeden Livre dieſer Steuer mehr erhoben waren, abgeſchafft. Dieß war zwar kein großes Gluͤck, aber es kuͤndigte doch das Ende eines großen Uebels an. Zugleich befahl Ludwig XV., die Beſchaffenheit der Steuern zu unterſuchen. Man fand, daß von al⸗ len Abgaben die Vermoͤgensſteuer die laͤſtigſte war, weil ſie nicht nach dem Verhaͤltniſſe des wirklichen Vermoͤ⸗ gens erhoben wurde. Man erhob beſtaͤndig die alten Saͤtze, ohne die Erſchoͤpfung oder den Verfall der Grundſtuͤcke zu beruͤckſichtigen; mancher Flecken oder manches Dorf, das ehemals große Summen zu bezah⸗ *) Sollte ſich dieſe Stelle vielleicht auf das übermäßige Jagen des Königs in dem berüchtigten, von der Pom⸗ padour zu ſeinem Vergnügen angelegten, Hirſch⸗ parke beziehen? 4 len im Stande geweſen war, war es nicht mehr, aber dennoch forderte man immer denſelben Betrag. Ddie Verwaltung ſuchte nach Mitteln, die Ver⸗ moͤgensſteuer abzuſchaffen, um an die Stelle derſelben eine Abgabe zu ſetzen, die auf ein richtiges und fort⸗ ſchreitendes Verhaͤltniß gegruͤndet waͤre. Dieß war ein alter Plan, den man oft vorgeſchlagen, aber immer verworfen hatte. Man pruͤfte ihn von Neuem, und nach vielen Erwaͤgungen fand man, daß es beſſer waͤre, die Sachen zu laſſen, wie ſie waren, aus Furcht, Uebelſtaͤnde herbeizufuͤhren, die noch ſchlimmer waͤren. Es wird behauptet, daß in der Regierung Mißbraͤuche vorhanden ſind, deren Abſchaffung ein groͤßeres Uebel, als die Mißbraͤuche ſelbſt, verurſachen wuͤrde. Dieß war die Meinung der Miniſter und des Koͤnigs, aber nicht die meinige, dann ich habe immer geglaubt, daß das Boͤſe nichts Gutes hervorbringen koͤnne. Wir hatten oft kleine Verhandlungen uͤber die Staatsverwal⸗ tung Ludwig XV. beſitzt, wie ich im Anfange dieſer Schrift bemerkt habe, viel Verſtand und beſonders ei⸗ nen Scharfſinn, der leicht begreift. »Sie betrachten«, ſagte er zu mir,»den Staat wie eine einzelne Familie, ſtatt daß man ihn als eine, aus⸗ verſchiedenen Vereinen beſtehende allgemeine Geſellſchaft anſehen muß, deren Verbindung den Staatskoͤrper bil⸗ det. Bei der Unermeßlichkeit von Gegenſtaͤnden, die von Menſchen geleitet werden, welche widerſprechende Anſichten und Zwecke haben, wird der Staat eben da⸗ durch erhalten, was ihn zu vernichten ſcheint. In ei⸗ ner Familie herrſcht nur ein einziger Verwaltungsplan. — 143— Es reicht hin, eine geringe Anzahl von Mißbraͤuchen anzugreifen, und ihre Abſchaffung ſtellt die Einheit wieder her, woraus die Vollkommenheit einer ſolchen Geſellſchaft beſteht; aber in dem Staate muß dem Gu⸗ ten durch das Boͤſe immer das Gleichgewicht gehalten werden, und in Letzterm beſteht die allgemeine Ordnung des Staates.«⸗ „Wenn dem ſo iſt, Sire,« ſagte ich,»woher koͤmmt es denn aber, daß die Staaten, wo die meiſten Miß⸗ braͤuche abgeſchafft werden, am beſten regiert ſind? Die Moskowiter beſaßen die ſchlechteſte Staatseinrichtungen, und waren alſo das ungluͤcklichſte Volk. Peter der Große erſchien, er half den Maͤngeln ab, und aus die⸗ ſer Umwandlung ſah man eine maͤchtige Nation und ein reiches und gluͤckliches Volk hervorgehen.« zt»Das Brandenburgiſche war ohne Kraft und Macht. Der allgemeine Staatenverein wußte kaum, daß es in der Welt war. Dieß Volk verſtand die Kriegskunſt faſt gar nicht. Eine Menge Mißbraͤuche, die ſeine Herrſcher nicht hatten abſtellen koͤnnen oder wollen, hatten den Staat ſchwach und hinfaͤllig gemacht. Einer dieſer Herrſcher aus unſerer Zeit, hat Ordnung und Kriegs⸗ zucht eingefuͤhrt, den Maͤngeln abgeholfen, und ver⸗ moͤge dieſer Verbeſſerung ſpielt er die erſte Rolle auf dem europaͤiſchen Schauplatze.⸗ „Man ſagt, daß England ohne Bedeutung geweſen ſey, ehe das Parlament es unternommen haͤtte, ſeine Macht zu bilden. Seitdem legte es immer wieder Hand an die Staatsverwaltung, und verbeſſerte eine große Menge Mißbraͤuche, die dieſen Staat mehrere Jahrhun⸗ — 144— derte hindurch in ſeiner Unbedeutenheit zuruͤckhielten. In ſeinen Bills findet man heutzutage das befolgte Syſtem ſeiner Groͤße.« 3 »Frankreich, Sire, bietet uns ein ganz nahes Bei⸗ ſpiel dar. Ludwig XIII., ein ſchwacher Fuͤrſt, der ſein Leben damit hinbrachte, ſich von ſeinen Miniſtern be⸗ herrſchen zu laſſen, beruͤhrte keinen Mißbrauch; er ließ den Staat ſo wie er ihn fand, das heißt voll Unord⸗ nung und Verwirrung. Ihr Urgroßvater veraͤnderte alles, und durch die Verbeſſerung, die er in allen Zwei⸗ gen der Verwaltnng einfuͤhrte, ließ er das Volk in einem neuen Geiſte erſcheinen.« »Frankreich erreichte in den erſten Regierungsjahren Ludwigs XIV. einen Grad von Groͤße, zu welchem die Roͤmer in Italien nie gelangt ſind.⸗ Der Koͤnig laͤchelte hier und ſagte ſehr verbintdſch: »Ich geſtehe, Madam, daß ich Sie nicht fuͤr ſo bewan⸗ dert in dieſen Sachen gehalten habe. Ich bin entzuͤckt daruͤber, daß Sie mit der Anmuth des Geiſtes auch Kenntniſſe verbinden, die dazu dienen, den Verſtand zu bilden. Man verwechſelt dieſe Gegenſtaͤnde oft,« fuhr der Koͤnig mit Hoͤflichkeit fort, vund faſt immer wird die Groͤße der Fuͤrſten mit dem Gluͤcke der Voͤlker ver⸗ miſcht. Ein Herrſcher kann Verbeſſerungen in ſeinem Staate vornehmen, ohne zu dem Gluͤcke ſeiner Voͤlker beizutragen: die Veraͤnderung iſt blos fuͤr ihn von Nutzen.« 4 „»Peter I., der in Moskau große Veraͤnderungen vornahm, machte die Ruſſen nicht gluͤcklicher. Die Umwaͤlzung betraf nur den Staatskoͤrper. Der Monarch — 145— wurde groß, aber das Volk blieb immer klein; denn um es aus dem Zuſtande von Unbedeutenheit zu heben, in dem es ſich befand, haͤtten eine Menge Mißbraͤuche abgeſtellt, und Fehler verbeſſert werden muͤſſen, die nach ihm blieben, und noch jetzt beſtehen. Die Moskowiter ſind jetzt, wie vor der Regierung Peters, niedrige Skla⸗ ven, voll Unwiſſenheit und Aberglauben. Es iſt wahr, daß das Reich, welches vorher ohne Soldaten war, jetzt eine Armee ſtellt; aber dieſe zufaͤllige Macht haͤngt von dem Ausfalle zweier oder dreier Schlachten ab.⸗ „»Preußen, das ſo viel Verbeſſerungen vorgenom⸗ men hat, iſt nicht gluͤcklicher. Mitten unter Siegen ſchmachtet ſein Volk unter der Laſt des Militairs, die es zu Boden druͤckt. Seine Macht iſt von dem Leben eines einzigen Mannes abhaͤngig. Wenn Friedrich todt iſt, dann giebt es keinen politiſchen Staat mehr.⸗ »Es iſt eine große Frage,« fuhr der Koͤnig fort, „ob die Englaͤnder heutiges Tages maͤchtiger und gluͤck⸗ licher ſind, als ſie es vor jenen Baͤnden von Bills waren, die zu ihrer Staatsveraͤnderung erlaſſen ſind. Die Nation ſeibſt iſt daruͤber nicht einig. Es giebt in England eine Parthei, welche behauptet, daß die Regie⸗ rung gaͤnzlich verdorben und der Staat uͤber ſeine Kraͤfte verſchuldet, und nichts uͤbrig ſey, ſeinen eigenen Beduͤrf⸗ niſſen abzuhelfen. Ich glaube indeß, daß England ſeine Kraͤfte vermehrt habe; man muß dies aber mehr der unachtſamkeit der andern Maͤchte, als ſeiner Staatsver⸗ beſſerung zuſchreiben, die wenig erzeugt haben wuͤrde, wenn die Nachbarſtaaten ſeinem Beiſpiele gefolgt waͤren.« J. 10 — 146— „In Hinſicht des haͤuslichen Beiſpiels meiner Krone, ſo habe ich oft gewuͤnſcht, daß Frankreich bei meiner Thronbeſteigung in derſelben Lage geweſen waͤre, in der es Ludwig XIII. zuruͤckgelaſſen hat. Sein Nach⸗ folger richtete es durch Veraͤnderungen und Groͤße zu Grunde; es ſind einige Jahrhunderte noͤthig, um ihm wieder emporzuhelfen.« Uaſere Staatsgeſpraͤche waren immer mit Höoͤflich⸗ keiten verbunden; nie entſchluͤpfte Ludwig XV. ein Wort voll Bitterkeit. England richtete immer ſein Augenmerk auf das franzoͤſiſche Seeweſen; es verlor daſſelbe nicht einen Augenblick aus dem Geſichte. Die Staatseinkuͤnfte und die Sorgfalt des Miniſters waren auf die Vermehrung der Seekraͤfte verwandt. Herr Rouillé verlor keine Zeit, er ließ Schiffe bauen. Frankreich und England lebten in Frieden: aber beide Maͤchte verfuhren mit demſelben Mißtrauen, als wenn ſie ſich gegen einander im Kriege befunden haͤtten. Die Regierung war genoͤthigt, bedeutende Summen aufzuwenden, und das franzoͤſiſche Volk, das ſich uͤber alles beklagt, murrte durchaus nicht, ſo ſehr fuͤhlte man die Nothwendigkeit eines Seeweſens, das im Stande war, dem großbritanniſchen die Spitze zu bieten. Indeß fuhren ſaͤmmtliche Miniſter fort, ſich gegen mich zu erklaͤren. Die, fuͤr welche ich mich bei dem Koͤnige verwandt hatte, um ihnen ihre Stellen zu ver⸗ ſchaffen, waren am meiſten bemuͤht, mich vom Hofe zu entfernen. Ich habe mich ſeit meinem Aufenthalte in Verſailles oft uͤber dieſe Bosheit beklagt, die wie — 147— zuſammengehaͤuft im menſchlichen Herzen iſt. Man hat nicht ſobald einen Sterblichen auf den Gipfel der Groͤße erhoben, als er die Hand, die ihn dahin gefuͤhrt hat, zu verwunden ſucht. Es iſt nicht meine Abſicht, hier alle die Verdruͤßlichkeiten zu erzaͤhlen, die man mir zuzog. Ich wuͤrde nicht enden, wenn ich alle die haͤß⸗ lichen Wortſpiele, Briefe und Lieder umſtaͤndlich an⸗ fuͤhren wollte, die dazu verfertigt ſind, um mich vor der Welt laͤcherlich zu machen. Ich war immer auf das genaueſte von den Reden unterrichtet, die uͤber mich gefuͤhrt wurden; mein Benehmen gegen ihre Ur⸗ heber beſtand darin, mich gegen dieſe zu verſtellen, und jenen damit zu drohen, daß ich mich bei dem Koͤnige beklagen wuͤrde; indeß fuhren ſie ſaͤmmtlich fort, mich zu kraͤnken. Ich haͤtte den Hof tauſendmal verlaſſen, wenn ich nicht die Beſorgniß gehegt haͤtte, daß die Gewohnheit des Koͤnigs, mich zu ſehen, ſeinem Leben nachtheilig ſeyn moͤchte. Der Graf von Argenſon, der das Kriegsminiſterium leitete, war mir nicht gewogen; als Grund gab er an, daß ich uͤber zu viel Militairaͤmter verfuͤgte, ſo daß ihm nicht einmal eine Infanterie⸗Lieutenantsſtelle zu verge⸗ ben bliebe. Dieſe Beſchuldigung war um ſo weniger gegruͤndet, als ich meinen Einfluß bei dem Koͤnige fuͤr Niemand benutzte, ohne vorher dieſen Miniſter zu Rathe gezogen zu haben. Seine Feindſchaft ruͤhrte von der Gnade her, in der ich ſtand; er haͤtte gewuͤnſcht, daß der Koͤnig meiner uͤberdruͤſſig geworden waͤre, um meinen ganzen Einfluß allein zu erhalten. 10 † — 148— Die Zeit des Friedens iſt fuͤr Einrichtungen guͤn⸗ ſtig. Man ſchlug dem Koͤnige im Jahre 1751 vor, eine Kriegsſchule zu errichten, worin der franzoͤſiſche Adel die Kriegskunſt erlernte. Die Monarchie, ſagte man, waͤre voll von Edelleuten, die nicht die Mittel beſaͤßen, ſich Lehrer zu halten, und die deshalb ihr Le⸗ ben unthaͤtig in den Provinzen hinbraͤchten, ſtatt es dem Dienſte des Vaterlandes zu widmen. Der Zweck bei der Gruͤndung dieſer Schule ging dahin, fuͤnfhundert Edelleuten daſelbſt Wohnung und Erziehung zu geben. Als der Koͤnig mir den Plan zeigte, fragte er mich, was ich daruͤber daͤchte? »Sire«, ſagte ich,»ich finde ihn bewundernswerth, nur haͤtte ich gewuͤnſcht, daß er ausgedehnter waͤre. Die franzoͤſiſche Monarchie, die viel Kriege fuͤhrt, wird in dieſer Schule nicht genug Offiziere finden. Der Mar⸗ ſchall von Sachſen hat mir geſagt, daß deren in einer Armee von zweimalhundertfuͤnfzigtauſend Mann ſich gewoͤhnlich zwanzigtauſend befaͤnden; die Kriegsſchule wird nur den vierzigſten Theil des Beduͤrfniſſes liefern. Eine ſo kleinliche Einrichtung verdient nicht, den Rang großer Dinge zu erhalten.« Ein Hofmann, der den Plan dieſer Schule geleſen hatte, ſagte ſcherzend, daß aus dieſem kriegeriſchen Klo⸗ ſter ſehr gute Kriegsmoͤnche hervorgehen wuͤrden. Der große Uebelſtand, den kluge Leute dabei fan⸗ den, war die ungeheure Ausgabe, zu der dieſe Einrich⸗ tung die Monarchie in einem Augenblicke noͤthigte, wo man eben alle Huͤlfsquellen des Staats erſchoͤpft hatte, um den außerordentlichen Beduͤrfniſſen des Krieges ab⸗ — 149— zuhelfen. Nicht eigentlich der koͤnigliche Schatz follte die Koſten tragen; aber man mag bei ſolchen Gelegen⸗ heiten die Gelder nehmen, woher man will, ſo iſt es immer druͤckend, weil dadurch zur Verarmung des Vol⸗ kes beigetragen wird. Man ſagte, Frankreich habe eher eine Seeſchule, als eine Kriegsſchule noͤthig; der Koͤnig finde im Staate hundert Landoffiziere gegen einen Seeoffizier; der fran⸗ zoͤſiſche Adel habe Neigung dazu, Armeen zu befehligen, aber Abneigung gegen die Flotten; indeß die Ausfuͤhrung war beſchloſſen. Unter den Maͤchten Europas herrſchte Friede, als Religionsſtreitigkeiten die innere Ruhe Frankreichs ſtoͤr⸗ ten. Zwei Partheien, die ſeit vierzig Jahren ſich den Rang ſtreitig machten, erneuerten ſich. Ich verſtand nichts von ihren Zaͤnkereien, und ließ mir den Gegenſtand derſelben erklaͤren. Wenn dieſe Denkſchrift je ans Licht kommen ſollte, ſo bitte ich den Leſer, mir die Langweile zu verzeihen, die ich ihm im Folgenden verurſachen werde; dieſe Abſchweifung wuͤrde in dieſer Schrift nie eine Stelle erhalten haben, wenn der Koͤnig nicht dabei im Spiele geweſen waͤre; aber Ludwig XV. nahm großen Antheil daran, und dies iſt hinlaͤnglich fuͤr mich, um dieſe Streitigkeit etwas umſtaͤndlich zu erzaͤhlen. In Spanien wurde ein Mann geboren, Namens Molina, der es ſich mit vollem Bewußtſeyn geluͤſten ließ, zu beſtimmen, wie Gott auf die Menſchen einwirke, und auf welche Art die Sterblichen Gott widerſtaͤnden Die Paͤpſte, welche alles wiſſen, uͤber alles entſcheiden, — 150— hatten bis dahin die Einrichtung dieſer Verbindung zwiſchen dem Schoͤpfer und ſeinen Geſchoͤpfen nicht ge⸗ kannt. Dieſer Molina mußte daher viel barbariſche Woͤrter und ſchulmaͤßige Ausdruͤcke erdenken, ſo wie Unterſcheidungen und Eintheilungen. Um in dieſem Streite mit einiger Ordnung zu Werke zu gehen, und theologiſch zu zanken, unterſchied er die vorwirkende Gnade von der mitwirkenden. Mit einer dieſer Gnaden konnte man alles, mit der andern faſt gar nichts ausrichten; aber da dies zur Verſtaͤnd⸗ lichkeit einer Sache, die er ſelbſt nicht verſtand, nicht hinreichte, ſo erfand er die vermittelnde Kenntniß und die Wiſſenſchaft von der wirkſamen Gnade. Gott hielte, nach ſeinen Anſichten, im Himmel einen Rath, wozu alle Menſchen der Welt berufen waͤ⸗ ren, und wo er einen nach dem andern pruͤfte, um zu erfahren, wie ſie handeln wuͤrden, nachdem ſie ſeine Gnade empfangen haͤtten; und nach dem freien Ge⸗ brauche, den ſie, wie er dann ſaͤhe, davon machen wuͤr⸗ den, entſchloͤße er ſich dann, ihnen im Himmel eine Stelle zu geben, oder ſie in die Hoͤlle zu ſtuͤrzen. Zum Ungluͤcke fuͤr die chriſtliche Welt gehoͤrte dieſer Molina zu den Jeſuiten, einer Geſellſchaft, welche die andern Moͤnche nicht leiden mochten, weshalb denn die Dominikaner beſonders, die ihre Feinde waren, ſich gegen die Wiſſenſchaft von der wirkſamen Gnade er⸗ klaͤrten. Da ſich die Sache in Spanien zutrug, ſo nahm die Inquiſition Kenntniß von dem Streite. Haͤtte ſie Molina und einige Dominikaner verbrennen laſſen, ſo — 151— waͤre die Sache damit zu Ende geweſen; und dieſes Gericht haͤtte der Chriſtenheit zum erſten Male einen großen Dienſt erwieſen. Man trug in Rom die beglei⸗ tende Mitwirkung und die mitwirkende Gnade vor. Je mehr man ſtritt, deſto weniger verſtand man ſich. Ein Moͤnch trug ſeine Vermittelung an, aber der Vermittler war noch dunkler als Molina und die Dominikaner. Die Schwierigkeit beſtand nicht in der Beendigung des Streites, ſondern darin, zu wiſſen, woruͤber man ſtritt. Beide Partheien verſtanden ſich nicht und ſanken immer tiefer und tiefer in Dunkelheit, mittelſt des freien Willens, der Kenntniß von der Vermittelung und der Erfuͤllung der thaͤtigen Tugend ꝛc. In Ermangelung von Zaͤnkern endigte der Streit; denn es giebt Zeiten, wo die Moͤnche ihrer Traͤgheit alles aufopfern. Man wurde bis zu dem Augenblicke ruhig, wo ein gewiſſer Cornelius Janſenius erſchien, der den Zank eneuerte. Dieſer erfand nichts, ſondern ſtritt hinter einem, von einem andern Manne, Namens Prius verfertigten dicken Buche. Die Jeſuiten verlang⸗ ten vom Papſte die Verdammung des Cornelius, und da ſie am roͤmiſchen Hofe gute Sachwalter hatten, ſo erhielten ſie ſelbige auch; aber ſie gewannen ihre Sache nicht in ganz Europa. Die Schulen, die Parlamente, und beſonders die Frauen, die nichts davon verſtanden, traten auf gut Gluͤck auf die Seite des Janſenius. Man ſchrieb von beiden Seiten Buͤcher; die Lehre von der wirkſamen Gnade bekaͤmpfte die Vorherbeſtim⸗ mung mit dicken Baͤnden; aber der Krieg blieb ſtets — 152— unentſchieden, weil die beiden, indeſſen maͤchtig gewor⸗ denen Partheien nur um die Ehre des Sieges ſtritten. Bis dahin waren es nur Privatperſonen geweſen, die ſich mit den Waffen der Vorherbeſtimmung bekriegt hatten, nun aber miſchten ſich die Univerſitaͤten hinein, und dadurch wurde die Sache allgemein. Es war von einer Verſtaͤndigung nicht mehr die Rede, weil es keine Behoͤrde im Staate gab, die maͤchtig genug war, die beiden Partheien zur Annahme ihrer Vermittelung zu zwingen.—. Inzwiſchen machten die moliniſtiſchen Biſchoͤfe ein Formular, worin ſie die fuͤnf Lehrſaͤtze des Janſenius verdammten, die, nach der Meinung ſeiner Anhaͤnger, die Lehre des heiligen Auguſtin enthielten. Die Moͤnche mehrerer Kloͤſter unterſchrieben daſſelbe; die Nonnen aber, die nichts zu thun hatten, und begierig jede Gele⸗ genheit ergreifen, wodurch ſie in die Welt zuruͤckkommen koͤnnen, unterſchrieben nicht. Die von Port⸗Royal zeich⸗ neten ſich durch ihre Widerſpenſtigkeit aus. Ich wundere mich nicht daruͤber, daß ſie nicht ha⸗ ben unterzeichnen wollen, ſondern ich erſtaune, daß man ihnen uͤberhaupt den Antrag dazu gemacht hat. Da⸗ durch erhielten ſie ein Anſehen bei dieſer Angelegenheit, das ſie nicht dabei haͤtten haben muͤſſen. Man ging noch weiter; ſie wurden aufgehoben, und in andere Kloͤ⸗ ſter zerſtreut, ſtatt ſie dadurch zu ſtrafen, daß man ſie in demſelben Kloſter haͤtte laſſen ſollen. 3 Die Paͤpſte erließen ebenfalls von Zeit zu Zeit neue Formulare, wodurch der Streit immer wichtiger wurde. Bei Beobachtung eines klugen Verfahrens haͤt⸗ v⸗ — * — 153— ten ſie denſelben ſich ſelbſt uͤberlaſſen, und Molina und Janſenius waͤren dadurch in Vergeſſenheit gerathen; aber die Paͤpſte wollen durchaus herrſchen. Mitten in dieſem Kriege trat inzwiſchen ein Waf fenſtillſtand ein. Clemens IX., der einen richtigen Verſtand hatte, errichtete Vergleichsartikel, ließ ſie von den Janſeniſten unterzeichnen, und der Friede war ge⸗ ſchloſſen; wenn aber die Religion im Spiele iſt, dann ergreift man die Waffen leicht wieder. Man ſagt, ein gewiſſer Quesnel, Prieſter des Ora⸗ toriums, habe diesmal die Kanone der Uneinigkeit ab⸗ gefeuert. Er ſchrieb ein Buch, das von ganz Europa gelobt, deshalb aber von Frankreich getadelt wurde. Es war ſchwer anzugeben, an welcher Stelle dies Buch ſuͤndigte, aber es war damals Gebrauch, um der Reli⸗ gion willen zu zanken: inzwiſchen triumphirte die mo⸗ liniſtiſche Parthei, denn der Koͤnig war fuͤr ſie geſtimmt. Der Beichtvater Ludwigs XIV. war ein Jeſuit, der am Hofe und in der Stadt Räͤnke machte, und es nicht vergaß, die Janſeniſten zu verfolgen, die ſich ihrerſeits dadurch raͤchten, daß ſie gegen die Loyoliſten ſchrieben. Auf dieſe Weiſe dauerte der Krieg fort, obgleich es eine herrſchende Parthei gab. Bis dahin hatte keine oͤffentliche Erklaͤrung zwiſchen den Moliniſten und Janſeniſten Statt gefunden, und *beide Partheien hatten die Waffen ohne Kriegserklaͤrung ergriffen. Ludwig XIV. ließ eine Bulle aus Rom kom⸗ . men, wodurch ein Feuer entzuͤndet wurde, das nicht wieder erloͤſchte. Der Papſt, die Biſchoͤfe, der Koͤnig, die geiſtlichen Orden, das Volk, die Privatperſonen, mit — 151— einem Worte Jedermann nahm endlich Theil an dem Zanke, und Einer handelte gegen den Andern. Beſonders entruͤſtet war man gegen den Pater le Tellier, der das Gewiſſen des Koͤnigs leitete. Er war ein hitziger und ehrgeiziger Mann, der ſich wegen eini⸗ ger, ihm von den Janſeniſten zugefuͤgten perſoͤnlichen Beleidigungen raͤchen wollte, und um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, ſowohl das Gewiſſen des Koͤnigs, als das Koͤnigreich in Unruhe verſetzte. Ludwig XIV. war gegen das Ende ſeines Lebens ſchwach und unſchluͤſſig geworden. Die Furcht vor den goͤttlichen Strafen erfuͤllte ihn mit toͤdtlichen Schrecken; der unerbittliche Jeſuit hatte ihm eingeredet, die Sache der Moliniſten waͤre Gottes Sache. Er hatte es be⸗ ſonders auf den Cardinal von Noailles abgeſehen, und er wagte es, ſeinem Beichtkinde den Antrag zu machen, denſelben rechtsfoͤrmig ſeiner Stelle zu entſetzen. Der Tod dieſes Fuͤrſten fuͤhrte einen Stillſtand in dieſer Zaͤnkerei herbei, die man die Conſtitution nannte. Der Herzog von Orleans, welcher ſo wenig die Paͤpſte als die Biſchoͤfe liebte, und die Bullen verach⸗ tete, errichtete, um ſich der Moliniſten und Janſeniſten zu entheben, einen Rath, wo ihre Angelegentheiten ab⸗ geſondert von den uͤbrigen des Koͤnigreichs verhandelt werden ſollten. Dadurch wollte er ihnen eine Bedeu⸗ tung entziehen, die ſie vorher wichtig gemacht hatte, aber dieſe weiſe Vorſicht wurde vereitelt, dieſe Menſchen wollten fortwaͤhrend im Staate Auffehen erregen. Sie beriefen ſich auf eine Nationalverſammlung; das hieß das Joch der Regierung abſchuͤtteln, um ein von der⸗ — 155— ſelben unabhaͤngiges zu ſchaffen. Der Regent verbannte und verwies Prieſter und Biſchoͤfe; aber durch dieſes Mittel wurde das Uebel verſchlimmert, weil es die Hartnaͤckigkeit beider Partheien vergroͤßerte. Die Jan⸗ ſeniſten und die Moliniſten bildeten damals zwei Par⸗ theien, die man durch die Benennungen»Annehmende⸗« und»Verweigerndec unterſchied. Jene nannten dieſe Ketzer, und wurden dagegen von Letztern Abtruͤnnige genannt. Die Wuth uͤber die wirkſame Gnade wurde ſtaͤr⸗ ker als je, als der Regent das Syſtem einfuͤhrte. Da bewirkte der Geiz, was der Papſt und der Koͤnig nicht hatten erreichen koͤnnen; man dachte nur daran, Geld zu gewinnen. Die Namen Janſeniſten und Moliniſten wurden beinahe vergeſſen; was am meiſten dazu bei⸗ trug, war die Verachtung und Laͤcherlichkeit, die der Herrzog von Orleans uͤber dieſe Zaͤnkerei verbreitete, wel⸗ che er als eine geringfuͤgige Sache behandelte, wogegen ſie von Ludwig XIV. als eine Staatsangelegenheit be⸗ trachtet war. Die darauf unter der Regierung Ludwigs XV. er⸗ folgten Kriege bewirkten vollends, daß die Janſeniſten und Moliniſten in Vergeſſenheit verſenkt wurden; zwar fand von Zeit zu Zeit ein Scharmuͤtzel uͤber die Vor⸗ herbeſtimmung Statt, aber da es keine allgemeine Ange⸗ legenheit war, ſo achtete man nicht eben darauf. Indeſſen war der Streit noch nicht erloſchen; es war ein unter der Aſche verborgenes Feuer.. Im Jahre 1750 erdͤffneten die Moliniſten die Feindſeligkeiten. Sie verweigerten den Kranken von der entgegengeſetzten Parthei die Sakramente, unter dem Vorwande, daß ſie keine Beichtzettel haͤtten. Das Parlament miſchte ſich darein; man beſtrafte Prieſter und verwies Pfarrer, wodurch den beiden Par⸗ theien eine Bedeutenheit verliehen wurde, die ſie durch den Herzog von Orleans verloren hatten. Dieſer Streit veranlaßte eine neue Eroͤrterung; man fragte, ob das Parlament ſich in dieſe Sache einmiſchen koͤnnte, und ob es ein Recht habe, diejenigen zu verweiſen, die, in⸗ dem ſie die Sakramente verweigerten, nur ihren Bi⸗ ſchoͤfen gehorchten. Die Janſeniſten ſagten, die Staatsverwaltung habe ſelbſt ein Recht uͤber die Kirche, weil ohne ſie in einem Staate weder Ordnung noch Gehorſam ſeyn wuͤrde; und ſie fuͤgten hinzu, die Ausſpendung der Sakramente waͤre der hauptſaͤchlichſte Theil der Staatsverwaltung u. ſ. w. Die Moliniſten erwiederten dagegen, daß ſie in geiſtlichen Dingen kein Anſehen als das des Papſtes und der Biſchoͤfe anerkennten, daß das Parlament ſich nur in die buͤrgerlichen Staatsangelegenheiten einmiſchen duͤrfte; daß das Himmelreich den Geiſtlichen, aber nicht den Raͤthen, anvertrauet waͤre. Inzwiſchen ſtarben die Unterthanen fortwaͤhrend ohne die letzte Oelung zu erhalten; die Pfarrer wurden beſtraft, aber das Uebel blieb. Dieſe Sache verbitterte Ludwig XV. das Leben. Die Bourbons haben ſich die, durch die Religion herbeigefuͤhrten Veraͤnderungen im⸗ mer ſehr zu Herzen genommen. Der Hof kam wegen dieſer Beichtzettel mehr in Bewegung, als er es je we⸗ — 157— gen der wichtigſten europaͤiſchen Angelegenheit geweſen war. Man mußte die Prieſter oft zur Spendung der Sakramente zwingen, und ſie durch Soldaten dazu an⸗ halten. Seit Jeſus Geburt hatte man nie die Bajo⸗ nette gebraucht, um die Sakramente austheilen zu laſſen. Es war wirklich ein Aergerniß, aber das groͤßte war, zu ſehen, daß Unterthanen in den letzten Zuͤgen das Abendmahl verlangten und es ihnen verweigert wurde. Der Koͤnig ſagte eines Tages zu mir:»Dieſe Leute machen mich unruhig. Wenn das ſo fortgeht, ſo werde ich genoͤthigt ſeyn, alle Pfarrer wegjagen zu laſ⸗ ſen, und zu befehlen, daß die Pfarren durch Kapuziner bedient werden, die meinem Willen ganz unterworfen ſind« ꝛc. Eine noch wichtigere Angelegenheit als die der Conſtitution, gab dem Hofe Beſchaͤftigung. Es war die Rede von der Wahl eines roͤmiſchen Koͤnigs. Das Haus Oeſterreich, das immer auf ſeine Groͤße achtſam iſt, richtet ſeine Blicke in die Zukunft. Carl VI. hatte die europaͤiſchen Herrſcher durch eine prunkende Vorſicht dahin vermogt, ſelbſt nach ſeinem Tode die Werkzeuge ſeines Ehrgeizes zu werden. Marie Thereſe wollte noch bei ihrem Leben durch dieſe Wahl den Kaiſerthron ihrem Hauſe ſichern. Einem Prinzen, den man fuͤr einen lothringiſchen halten konnte, wollte ſie den Titel eines muthmaßlichen Erben ertheilen; denn mit Carl VI., der ohne Soͤhne verſtorben war, hatte das oͤſterreichiſche Haus aufgehoͤrt. Die Staͤnde des Reichs ſahen in dieſem Vorgange noch eine groͤßere Zwingherrſchaft, als die, welche der letzte — 158— Kaiſer ausgeuͤbt hatte. Das Reich, das eine Wahl⸗ verfaſſung hat, wurde nicht allein erblich, ſondern kam ſogar an eine auswaͤrtige Familie; man beſchwerte ſich, aber dabei blieb es. Seit etwa einem Jahrhunderte koͤnnen die kleinen deutſchen Fuͤrſten keine andere Rache gegen Oeſterreich ausuͤben, als daß ſie gegen daſſelbe murren. Maria Thereſia, welche die Ueberlegenheit ihrer Kraͤfte hinſichtlich derer, die ſich im Norden ihren Plaͤ⸗ nen widerſetzen konnten, kannte, wandte ſich an die uͤbrigen europaͤiſchen Hoͤfe. Frankreich war unter den erſten, denen ſie ihren Plan mittheilte. Der Koͤnig machte mich mit den Gruͤnden des öſterreichiſchen Ge⸗ ſandten, die dieſer an den Herrn von Puyſieux gerichtet, und Letzterer zu Papiere gebracht hatte, bekannt. Sie verdienen wegen der Wendung, die der Ehrgeiz ihnen giebt, der Nachwelt mitgetheilt zu werden. »Die noch friſchen Ungluͤcksfaͤlle« ſagte jener Ge⸗ ſchaͤftsfuͤhrer,»die Europa nach dem Tode Carls VI., der den Kaiſerthron erledigt ließ, erlitten hat, muͤſſen die chriſtlichen Fuͤrſten veranlaſſen, aͤhnlichen Unfaͤllen vorzubauen. Der jetzt regierende Kaiſer genießt eine volle Geſundheit, und wir wagen die Vermuthung, daß Gott ihm ein langes Leben zugeſtehen werde; wenn er aber durch einen der menſchlichen Natur eigenen Zufall ſterben ſollte, ſo geriethe die Chriſtenheit in daſſelbe Ungluͤck, worin es ſich beim Ableben des vorigen Kai⸗ ſers befand. Der Vortheil aller europaͤiſchen Maͤchte erheiſcht daher, daß dem Kriege vorgebeugt werde. Dieſe Geißel, die alles vernichtet, bringt die Voͤlker in dos aͤußerſte Elend. Die Erledigung des Kaiſerthrones hat Ungluͤcksfäͤlle veranlaßt, die nicht ſobald aufhoͤren wer⸗ den; was wuͤrde alſo daraus entſtehen, wenn neues Elend ſich mit dem alten verbaͤnde?« »Man kann nicht Vorſicht genug anwenden, um im Voraus dem Uebel die Thuͤre zu verſchließen, dem man, wenn es erſt eingetreten waͤre, nicht mehr wuͤrde abhelfen koͤnnen.«⸗ »Die Wahl eines roͤmiſchen Koͤnigs wuͤrde die Abſichten der Fuͤrſten, die ſich Plaͤne gemacht haͤtten, vereiteln. Iſt die Kroͤnung einmal geſchehen, ſo wird es keine Raͤnke und Umtriebe mehr geben, um Ober⸗ haupt des Reichs zu werden. Man ſetzt ſich in Be⸗ wegung um ein Scepter zu erlangen, wenn es erledigt iſt, ſobald es aber vergeben iſt, ſo denkt man nicht mehr daran.⸗ »Freilich iſt der Erzherzog Joſeph, wenn der Kai⸗ ſer ſterben ſollte, nicht in dem Alter, ſeine Staaten zu regieren, aber die Nachtheile der Minderjaͤhrigkeit kommen mit denen nicht in Vergleich, die Europa durch den Mangel eines Reichsoberhauptes erleiden wuͤrde. »Nicht etwa, daß die Königin von Ungarn eine Umwaͤlzung befuͤrchtete, die ihre Erben eines Thrones berauben koͤnnte, der das rechtmaͤßige Erbtheil ihrer Familie geworden iſt. Sie wuͤnſcht, indem ſie dem Kriege vorbeugt, unnuͤtzes Blutvergießen zu verhindern.⸗« »Europa hat nach dem Tode Carls Vl. ſeine Ohn⸗ macht, einen Kaiſer zu waͤhlen, bewieſen. Der Kur⸗ fuͤrſt von Baiern, der durch fremde Armeen auf den — 160— Thron geſetzt wurde, ſaß nie feſt darauf. Er haͤtte nothwendig der Krone entſagen muͤſſen, wenn ſie ihm nicht der Tod genommen haͤtte.« ꝛc. Ich habe bemerkt, daß die Geſandten n immer das Voͤlkerrecht der Fuͤrſten vergeſſen, ſobald von ihren perſoͤnlichen Vortheilen die Rede iſt. Der Wiener Bevollmaͤchtigte ladete Frankreich ein, die Grundlage der Reichsverfaſſung dadurch zu vernichten, daß es die Krone, aus einer waͤhlbaren, die ſie vorher war, zu einer erblichen machte. Er vergaß, daß das Bour⸗ bon'ſche Haus, wie mir geſagt iſt, ſich durch den weſt⸗ phaͤliſchen Frieden zur Aufrechthaltung der Freiheiten und Rechte des Reichs verpflichtet hatte; und man be⸗ dachte nicht, daß die Wahl eines roͤmiſchen Koͤnigs von der Zuſtimmung der Kurfuͤrſten, auf einem, eigends wegen der Wahl zu haltenden, Reichstage, abhinge. Nachdem der Koͤnig den Aufſatz geleſen hatte, fragte er den Herrn von Puyſieux, was er von dieſer Sache hielte. Sire, antwortete der Miniſter, man muß in alles willigen. Die Angelegenheiten Deutſch⸗ lands ſind nicht der Muͤhe werth, daß Frankreich ſich hineinmiſche. Der Koͤnig von Preußen iſt jetzt maͤch⸗ tig genug, um im Norden das Gleichgewicht zu erhal⸗ ten, und zu verhindern, daß das Haus Oeſterreich nicht die Ueberhand uͤber das Ihrige erhalte. Ihre Rolle muß alſo jetzt die eines Zuſchauers ſeyn. Dieß war nicht die Meinung des geheimen Ra⸗ thes, aber auch nicht das erſte Mal, daß ein Einzelner richtiger dachte, als eine Verſammlung. Der Wiener Hof erregte inzwiſchen ſeine Umtriebe 1* — — 161— bei allen uͤbrigen europaͤiſchen Hoͤfen, um ſie fuͤr die Wahl zu ſtimmen. Der engliſche Hof ſtellte dem Markis von Mirepoix vor, daß es der Vortheil Frank⸗ reichs erfordere, ſich zu der Wahl eines roͤmiſchen Koͤ⸗ nigs zu verſtehen, wahrſcheinlich weil es ſein eigener Vortheil war. Dieſer Hof ging noch weiter. Georg II. ließ es ſich einfallen zu ſagen, die Wahl eines roͤmi⸗ ſchen Koͤnigs waͤre von dem Vereine der Kurfuͤrſten unabhaͤngig; das heißt, die Wuͤrde eines muthmaßli⸗ chen Reichserben koͤnnte Jemandem, ohne die Berathung der Kurfuͤrſten, uͤbertragen werden; wodurch die kaiſer⸗ liche Krone voͤllig erblich wuͤrde. Ich erinnere mich, daß alle damalige Schriften darin uͤbereinſtimmten, daß der Erzherzog ſehr jung waͤre; aber alle fuͤgten hinzu, es waͤre beſſer, einen minderjaͤhrigen Kaiſer, als einen erledigten Thron zu haben, das heißt, man fand eine regelmaͤßige Erbfolge angemeſſen.. Ein Staatsmann an unſerm Hofe, mit dem ich von dieſer Wahl ſprach, ſagte mir, es gaͤbe in dem weſtphaͤliſchen Friedensvertrage einen Artikel, welcher uͤber dieſen Gegenſtand Beſtimmung enthalte. Es heißt daſelbſt woͤrtlich, daß man nicht zu der Wahl eines roͤmiſchen Koͤnigs ſchreiten wuͤrde, wenn nicht der regie⸗ rende Kaiſer außerhalb des Reichs ſich befaͤnde, und es nicht ſeine Abſicht waͤre, ſich laͤngere Zeit, oder fuͤr immer auswaͤrts aufzuhalten, oder wenn ihn nicht ho⸗ hes Alter verhindere, uͤber die Regierung zu wachen, oder endlich, wenn es nicht die groͤßte Nothwendigkeit, von der das Wohl des Reichs abhinge, erforderte. I. 11 — 162— Aber die Vertraͤge ſind nie befolgt, und man ſprach von dieſem nicht mehr, als wenn er gar nicht vorhan⸗ den geweſen waͤre. Nur der Koͤnig von Preußen führte die Sache der Kurfuͤrſten, und er hatte ſeine Gruͤnde dazu. Die Wahl eines roͤmiſchen Koͤnigs ſicherte dem oͤſterreich⸗ ſchen Hauſe das deutſche Reich, und viel Leute glaub⸗ ten, er habe Abſichten darauf gehabt. Es giebt keine Art von Ehrgeiz, die ſich nicht in das Herz eines Fuͤrſten ſchleicht, der im Kriege maͤchtig genug iſt, um einige Nationen zu beſiegen. Ich kehre nach Verſailles zuruͤck, wovon mich der Vorſchlag des roͤmiſchen Koͤnigs entfernt hat. Lud⸗ wig XV. war, wie ich ſchon geſagt habe, weniger mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft, als er waͤhrend des Krieges ge⸗ weſen war. Der Friede gewaͤhrte ihm eine Muße, die zum Gluͤck meines Lebens gereichte. Das Geraͤuſch der Belagerungen und Schlachten hatte hinſichtlich ſeines Aufenthalts eine Veraͤnderung bewirkt. Flandern hatte mir ihn mehrmals entzogen, aber der Friedensſchluß gab ihn mir gaͤnzlich wieder. Sein Vertrauen zu mir wurde alle Tage groͤßer, er theilte mir ſeinen Kummer mit; denn Koͤnige haben heiſen a als Menſchen und als Fuͤrſten. Ludwig XV. beklagte ſich oft, daß er keine Freunde haͤtte; er ſagte mir, daß er tauſendmal ge⸗ wuͤnſcht habe, ein bloßer Privatmann zu ſeyn, um die Wirkungen der Freundſchaft zu empfinden, welche die Koͤnige nie genießen.»Ich zeichne nicht ſobald einen —x— — 163— meiner Unterthanen durch Verleihung einer anſehnlichen Bedienung aus⸗, ſetzte er hinzu,»als hundert Andere, aus Eiferſucht uͤber dieſe Beguͤnſtigung, gegen mich uͤbel geſtimmt werden, ohne daß ich die Liebe desjenigen, dem ich ſie gewaͤhrt habe, erlange. Dieſer beklagt ſich, daß ich nicht genug fuͤr ihn, und jene, daß ich fuͤr ſie gar nichts gethan habe. Alle lieben die Gunſt, Nie⸗ mand liebt den Koͤnig. Ich erblicke um mich her nur feile Seelen, dem Prunke und der Prahlerei ergeben. Eigennutz iſt die einzige Triebfeder ihrer Handlungen. Sie waͤren ganz unthaͤtig, wenn eine Menge, vom Throne ausgehender Gnadenbezeigungen ſie nicht in Bewegung ſetzte. Es giebt noch einen andern, mit dem Scepter verknuͤpften Uebelſtand; daß es naͤmlich den Koͤnigen nicht moͤglich iſt, die Guten von den Schlechten zu unterſcheiden. Sie ſind eineinder ſo aͤhnlich, daß man ſie faſt immer mit einander verwechſelt, denn am Hofe tragen Laſter und Tugend daſſelbe Gepraͤge. Ich ſehe um mich her eine Menge Leute, von denen ich vermuthe, daß ſie keine Ehre beſitzen; aber wenn ich ſie ergruͤnden will, ſo verhindert mich mein Rang, den Schleier, der ſie bedeckt, zu durchdringen. Sie bleiben fuͤr mich unergruͤndlich, indeß kann ich ſie fuͤr den Dienſt des Staats nicht entbehren, und daraus entſtehen oͤffentliche Unfaͤlle, fuͤr die ich gegen mein Reich und die Nachwelt verantwortlich bin.« »Wenn ich eine Wahl zu treffen und mich fuͤr einen meiner Unterthanen entſchieden habe, ſo ſcheint es, als wenn ganz Frankreich ſich vereinigt haͤtte, mich zu taͤuſchen; man ruͤhmt mir ſeine Kenntniſſe, ſein Ver⸗ 11*† — 164— dienſt und ſeine Tugend. Ich finde nicht einen einzigen rechtſchaffenen Mann im Koͤnigreiche, der von ſeinen Fehlern mit mir redet: denn man fuͤrchtet ſich dem zu mißfallen, der meine Gnade erhalten hat, und ich ſowohl als der Staat werden ein Opfer dieſer Bedenklichkeit.⸗ »Wenn ich dagegen einem Miniſter oder andern hohen Staatsbeamten mein Vertrauen entziehe, ſo ſchil⸗ dert man ihn mir als einen Mann ohne Faͤhigkeit und Verſtand. Die, welche mir eine Menge Gutes von ihm geſagt haben, machen mir dann eine abſcheuliche Schil⸗ derung. Man zaͤhlt mir ſeine Fehler und die unrecht⸗ lichen Mittel auf, die er waͤhrend ſeiner Verwaltung angewandt hat. Das ſchreckliche Gemaͤlde, das man mir entwirft, macht mich unwillig gegen ihn, ſo daß ich abgeneigt bin, ihn zu gebrauchen, wenn ſelbſt ſein Ruͤckzug und ſein Nachdenken ihm in der Folge Eigen⸗ ſchaften verſchaffen wuͤrden, die dem Staate nuͤtlich waͤren.« »Ein ſein Vaterland liebender Koͤnig iſt der un⸗ gluͤcklicſſte Sterbliche unter dem Himmel. Er moͤchte gern ſein Volk gluͤcklich machen und uͤberall findet er Leute, die ihn daran hindern. Die Miniſter ſind die erſten, welche den Staat zu Grunde richten; ſie muͤßten zu viel Sorgen und Muͤhe anwenden, um die Miß⸗ braͤuche abzuſchaffen; ſie laſſen lieber alles beim Alten; indeß dauern die Unordnungen fort, und wenn der Monarch, der ein Freund ſeiner Unterthanen iſt, ihnen abhelfen will, ſo findet er unbeſiegbare Hinderniſſe; denn die Gewohnheit einer ungluͤcklichen und langen Verwal⸗ tung tritt endlich an die Stelle der Geſetze.« ꝛc. — ⸗B —— — — — — — 165— Ein anderes Mal, als der Koͤnig mit demſelben Vertrauen uͤber eben den Gegenſtand mit mir ſprach, ſagte er:„Die Koͤnige ſind um ſo ungluͤcklicher, als die Miniſter ihnen gewoͤhnlich die wahre Lage der Dinge verhehlen. Der Herrſcher erfaͤhrt das Elend des Staats immer zuletzt. Man fuͤrchtet, daß die Kenntniß deſſel⸗ ben ihn veranlaſſen koͤnnte, die Zuͤgel der Regierung ſelbſt zu ergreifen, und Jedermann iſt darauf bedacht, ihn von den Geſchaͤften zu entfernen. Bei der Uner⸗ meßlichkeit geringer Gegenſtaͤnde in einer großen Mo⸗ narchie iſt er genoͤthigt, ſich auf die Miniſter zu ver⸗ laſſen, und dieſe hintergehen ihn faſt immer. Waͤhrend des letzten Krieges fragte ich diejenigen, die an der Spitze der Regierung ſtanden, um Rath, ob der Vortheil der Siiege dem unvermeidlichen Ungluͤcke der Schlachten das Gleichgewicht halten koͤnnte; ſie verſicherten mir alle, daß der Ruhm meiner Armeen allein die Monarchie wieder herſtellen, und ihr einen um ſo dauerhaftern Glanz verleihen koͤnnte, als ſie ihn nur ihren eigenen Kraͤften verdanken wuͤrde.⸗ „Beim Frieden habe ich gefunden, daß man mich hintergangen hat. Meine Unterthanen ſind ungluͤcklich, der Krieg hat ſie zu Boden gedruͤckt; es ſind viele Jahre noͤthig, um ihnen aufzuhelfen, und wenn neue Unruhen entſtehen, ſo wird es nie dazu kommen.« Ich beklagte mich ebenfalls zuweilen.»Sire«, ſagte ich zum Koͤnige,»wenn gleich mein Kummer von einer andern Art, als der Ihrige, iſt, ſo iſt er doch nicht minder empfindlich. Ich bin mit ganz Frankreich im Kampfe. Die koͤnigliche Familie hat ſich gegen mich — 166— verbunden, der Kronprinz hat mir alle Kraͤnkungen, die von ihm abhingen, angethan; Ihre Miniſter ſehen mich fuͤr einen ungluͤcksvollen Felſen an, an dem alle ihre Entwuͤrfe ſcheitern; ich habe mir die Verachtung der erſten Haͤuſer Frankreichs zugezogen, und zwar blos des⸗ halb, weil Ew. Majeſtaͤt mmich Ihrer Alchiuns werth gehalten haben.« »Dieſe ſchlecht geſinnten Menſchen machen mir die Verwirrung der Finanzen zum Vorwurfe; man koͤnnte ſagen, die Regieruug haͤtte mir die Verwaltung derſel⸗ ben aufgetragen; viele Menſchen beſchuldigen mich, ich beſaͤße alles Geld des Koͤnigreichs; ſie ſetzen die Staats⸗ ſchulden auf meine Rechnung, als wenn ich ſie ſelbſt gemacht haͤtte. Wenn ein Miniſter ſeine Pflicht nicht erfuͤllt, ſo macht man mich gleich verantwortlich dafuͤr. Man erhebt ſeine Stimme gegen mich bei ſeiner Ernen⸗— nung, und klagt uͤber mich, wenn er in Ungnade faͤllt.« „Die Unfaͤlle der oͤffentlichen Angelegenheiten wer⸗ den mir zur Laſt gelegt; es fehlte nicht viel, ſo haͤtte man mich beſchuldigt, Ihren Feinden den Krieg erklaͤrt zu haben. Wenigſtens hat man geſagt, ich haͤtte die Belagerungen und Schlachten verhuͤten koͤnnen, als ob das Schickſal von Europa in meinen Haͤnden laͤge, und die auswaͤrtigen Hoͤfe ſich nach meinen Abſichten be⸗ quemten.⸗ »Man hat mir die Mißgriffe Ihrer Generale zum Vorwurfe gemacht, dieſe haben keine Schlacht verloren, und keine Belagerung aufgehoben, ohne daß die Schuld daran mir beigemeſſen iſt. Ibre perſoͤnliche Uneinigkeit und Zaͤnkereien ſind mir gleichfalls zur Laſt gelegt.« — 167— »Das oͤffentliche Elend, Folge einer ſchlechten Verwaltung und ungluͤcklicher Zeitumſtaͤnde, iſt mir zugeſchrieben, als ob es mein Werk waͤre; die Volks⸗ . maſſe von Paris hat mich ausgeziſcht, ſie hat oft die Abſicht gehabt, meinen Wagen anzuhalten, und es fehlte nicht viel, ſo waͤre ſie gegen mich zu jenen Aus⸗ faͤllen geſchritten, die man gegen diejenigen ausuͤbt, de⸗ ren Unrechtfertigkeit den Sturz des Staates herbeifuͤhrt.« „Aber der empfindlichſte Kummer iſt es fuͤr mich, Sire, lauter Undankbare geſchaffen zu haben. Ich bin Ew. Majeſtaͤt oft um Leute willen laͤſtig geweſen, die, ſobald ſie aus dem Nichts, aus dem ich ſie zog, hervor⸗ gegangen waren, die wohlthaͤtige Hand vergeſſen haben, die ſie emporgehoben hat. Biszjetzt rechne ich etwa drei⸗ 188 tauſend Perſonen, fuͤr deren Gluͤck ich mich verwandt habe. Das Schickſal hat ſie durch meine Fuͤrſorge auf einem andern Schauplatze erſcheinen laſſen, wo ſie mich ſogleich hintenangeſetzt haben, ſobald ſie ihn betraten.“ »Unter dieſer großen Anzahl habe ich nicht Einen gefunden, der, wie er wohl muͤßte, erkenntlich waͤre. Je groͤßer ihre Erhebung geweſen iſt, deſto geringer iſt ihre Dankbarkeit. Einige haben ſogar Raͤnke gegen mich geſchmiedet, und mich zu ſtuͤrzen geſucht. Die, welche ich fuͤr meine beſten Freunde hielt, und die es, wegen der wichtigen Dienſte, die ich ihnen geleiſtet habe, haͤt⸗ ten ſeyn muͤſſen, haben mich am erſten hintergangen. Ich habe Verraͤthereien entdeckt, vor denen ich zitterte. Seit meinem Aufenthalte am Hofe verwuͤnſche ich das menſchliche Geſchlecht. Dieſe Kraͤnkungen haben eine ſolche Bitterkeit uͤber mein Leben verbreitet, die mich —— — 168— tauſendmal getoͤdtet haͤtte, wenn nicht das Wohlwollen, womit Ew. Majeſtaͤt mich beshien, mich noch an das Leben feſſelte.« ꝛc. Der Tod des Prinzen von Wales, aͤlteſten Sohnes Georgs II. und muthmaßlichen Erben des engliſchen Thrones, machte einiges Aufſehen in Verſailles. Man ſagt, dieſer Prinz habe keine von den ausgezeichneten Eigenſchaften beſeſſen, die durch ihren Glanz taͤuſchen, aber die, welche ihn perſoͤnlich gekannt haben, fanden an ihm gruͤndlichere Tugenden; ein gutes, mitleidiges Herz, eine zaͤrtliche und liebevolle Seele; gefaͤlliges und einnehmendes Betragen; voll Wohlthaͤtigkeitsliebe und entfernt, Boͤſes zu thun, das war ſein vorzuͤglichſtes. Gemuͤth; mit einem Worte ein Prinz, dazu geſchaffen, ein Volk gluͤcklich zu machen. Er hatte ſich mit einer deutſchen Prinzeſſin vermaͤhlt, die wuͤrdig war, an ſeiner Seite den Thron zu beſteigen. Ich habe oft das Schickſal dieſer Fuͤrſtin beklagt, ohne ſie zu kennen. Mit einem Male einen geliebten Gemahl und eine maͤchtige Krone zu verlieren, das ſind Wechſelfäͤlle, zu deren ſtandhafter Ertragung eine erhabene Seele gehoͤrt. Dieſer Tod verurſachte eine Veraͤnderung in den Staatsangelegenheiten. Frankreich hatte gluͤckliche Hoff⸗ nungen von der Zeit gehegt, wo jener Prinz zur Re⸗ gierung gelangen wuͤrde. Er lebte mit dem Koͤnige Georg nicht im beſten Vernehmen; der Sohn war oft den Abſichten des Vaters entgegen, ſie ſahen und ſpra⸗ chen ſich nur ſelten. Dieſer Umſtand ließ hoffen, daß ein Prinz, der dem gegenwaͤrtigen Syſteme ſo abhold war, dem Bourbonſchen Hauſe weniger zuwider ſein —, — 169— wuͤrde, als es ſeine Vorfahren geweſen waren. Man glaubte, dann in beſſere Verhaͤltniſſe zu gerathen und vielleicht waͤre es noch ſchlimmer geweſen. Die Koͤnigs⸗ ſoͤhne, die zur Regierung kommen, laſſen an den Stu⸗ fen des Thrones die Vorurtheile der Prinzen zuruͤck, um die der Koͤnige anzunehmen. Man behauptet, Georg Il. habe ſeinen Sohn nicht ſehr betrauert. Er zeigte ſich dem Hofe wie ge⸗ woͤhnlich, und einige Tage nachher gab er den Geſand⸗ ten Audienz. Vielleicht fand ein wenig Zwang bei ihm Statt. Dieſer Fuͤrſt liebte es, mitten unter den traurig⸗ ſten Begebenheiten feſt und ſtandhaft zu ſcheinen. Die ganze Betruͤbniß traf die uͤbrige koͤnigliche Familie. Man beweinte den Prinzen in ſeinem Pallaſte und man hat mir geſagt, daß viele Leute in London ihn noch beweinen. Dieſer Tod erregte bei der Nation, die ihn ver⸗ lor, noch eine andere Beſorgniß: die Kinder des Prin⸗ zen von Wales waren ſehr jung, und der Koͤnig Georg dagegen alt. Man fuͤrchtete ſchon im voraus die faſt unvermeidlichen Unordnungen bei der Minderjaͤhrigkeit des Fuͤrſten. Um ihnen vorzubeugen, wurde die ver⸗ wittwete Prinzeſſin von Wales zur Vormuͤnderin des Nachfolgers des Koͤnigs, und zur Regentin des Reichs bis zur Volljͤhrigkeit ihres Sohnes, beſtimmt; aber es war beſchloſſen, daß dieſe Prinzeſſin, die England betreten hatte, um die Krone zu tragen, weder Koͤnigin noch Regentin ſeyn ſollte. Die Angelegenheit der franzoͤſiſchen Geiſtlichkeit, dauerte waͤhrend man ſie fuͤr beendigt hielt noch immer = 10 fort. Die Biſchoͤfe und Großpfruͤndner beunruhigten den Staat von den Provinzen aus, wo ſie ſich befan⸗ den. Sie hatten Luſt, nach Paris zuruͤckzukommen, aber ſie wollten dieſe Ruͤckkehr nicht durch eine zu große Summe erkaufen; ſie handelten mit dem Koͤnige ſo viel ſie nur konnten, der ſeinerſeits durchaus nichts nachlaſſen wollte. Sie machten ihre Freiheiten geltend, und gaben als Grund dazu an, daß ſie dem Papſte gelobt haͤtten, ihre Rechte zu vertheidigen. Dieſer Streit beunruhigte den Hof: das Gemuͤth des Koͤnigs litt da⸗ bei, und zu derſelben Zeit fand es ein Biſchof gerathen, zu mir zu kommen, um von den Vorrechten der Geiſt⸗ lichkeit zu ſprechen. Das hieß gewiß nicht, die rechte Zeit waͤhlen; denn indem dieſe Angelegenheit den Koͤ⸗ nig mißlaunig machte, konnte es nicht fehlen, daß auch ich davon angeſteckt wurde. Der Praͤlat hielt einen langen Vortrag, um mir zu beweiſen, daß die Kirche ſich ihrer Reichthuͤmer nicht entaͤußern duͤrfte. Er fing von der Zeit des heiligen Petrus an, und kam ſo un⸗ vermerkt, mitten durch Bullen der Paͤpſte, die den Mitgliedern der Kirche die Pflicht auferlegten, das zu erhalten, was ſie haͤtten, bis auf unſere Zeit.»Gnaͤdiger Herr!« ſagte ich, indem ich ihn unterbrach,»ich verſtehe nichts von Ihren Vorrechten; aber das weiß ich, daß Ihre, ſo wie den uͤbrigen Unterthanen erſte Pflicht, Gehorſam gegen den Koͤnig iſt. Machen Sie Ihre Bullen und Freiheiten geltend wie Sie wollen, Jeder Verein, der ſich den Befehlen ſeines Lan⸗ desherrnentzieht, iſt aufruͤhreriſch, und muß wie Majeſtaͤtsverbrecher beſtraft werden.« —— v — — 171— Es erſchienen viele ſchlechte Schriften gegen die Geiſtlichkeit, um zu beweiſen, daß die Sache des Koͤ⸗ nigs gut ſey. Unter ſo viel Schriftſtellern, die bei der⸗ gleichen Gelegenheiten fuͤr oder gegen ſich erklaͤren, fand ſich einer, von dem eine Schrift erſchien, die den Titel: Unpartheiiſche Pruͤfung der kirchlichen Freiheiten, fuͤhrte und deſſen Betrachtungen ſehr richtig waren. Dieß war das einzige Buch uͤber dieſen Gegenſtand, das geleſen zu werden verdiente. Endlich mußte man den Plan annehmen, den man vorgeſchlagen und ich ſelbſt dem Koͤnige angera⸗ then hatte, naͤmlich die Einkuͤnfte der Kirchendiener kennen zu lernen, um ſie nach Verhaͤltniß ihres wirk⸗ lichen Betrages zu beſteuern. Demzufolge befahl der Hof den Oberaufſehern der Provinzen, alle Pfruͤndner zur Angabe der Beſchaffenheit ihrer Einkuͤnfte anzuhal⸗ ten. Fuͤr den Fall der Weigerung hatte man eine ſtrenge Maßregel getroffen, denn es war den Oberauf⸗ ſehern befohlen, die Einkuͤnfte im Namen des Koͤnigs in Beſchlag zu nehmen, und den Beſitzern nur ſo viel davon zu laſſen, als ſie zu ihrem Lebens⸗Unterhalte be⸗ durften. Dadurch war man geſichert, daß ſie gehor⸗ chen wuͤrden, denn an Ueberfluß gewoͤhnte Leute koͤnnen mit dem Nothwendigen nicht auskommen. Die franzoͤſiſche Geiſtlichkeit fing ſchon an, den Ton herabzuſtimmen, als das Parlament ihn erhoͤhete. Ich geſtehe gern, daß es in Frankreich immer etwas gut zu machen giebt. Kaum hat der Monarch eine — 12— ſchwache Stelle ſeines Anſehns ausgebeſſert, als eine andere den Einſturz droht. Das Parlament, ſtatt den Willen des Koͤnigs zu befolgen, ſchickte ſeiner Gewohn⸗ heit nach Abgeordnete, un ihm Vorſtellun⸗ gen zu machen. Selten enthalten dieſe Vortraͤge, die immer die Achtung und Un⸗ terwuͤrfigkeit zur Grundlage haben ſollten, nicht einige Ausdruͤcke, die einen auf Unab⸗ haͤngigkeit zielenden republikaniſchen Sinn verrathen; zuweilen thun ſie ſelbſt den Vorrechten der Krone Eintrag.— Der Koͤnig, von Natur unſchluͤſſig, hatte doch Augenblicke von Feſtigkeit, wo er allem widerſtand. Er bedeutete die Abgeordneten, wie es ſein Wille ſey, daß ſeine Verordnungen noch an demſelben Tage in die Re⸗ giſter eingetragen wuͤrden, bei ohnfehlbarer Strafe des Ungehorſams. Das Parlament war verſammelt, als ſeine Abge⸗ ordneten nach Paris zuruͤckkamen; es hatte nichts zu berathen, und trug, die Verordnungen ein. Nach die⸗ ſer Erfuͤllung ſeiner Pflicht, die man Nachgiebigkeit nannte, erſchien eine zweite Deputation in Verſailles. Die von der hohen Kammer ernannte fing ihre Anrede ſo an: Sire, Ihre Majeſtaͤt haben befohlen, und Ihr Parlament hat gehorcht. Ein Hofmann ſagte, darauf haͤtte die ganze Rede beſchraͤnkt werden ſollen, das Uebrige iſt ohne Nutzen. Der Koͤnig ſprach Abends mit mir von dieſer Sache, und in der Freude ſeines Herzens, uͤber ſein Parlament den Sieg er heiterer, als gewoͤhn! von dieſer frohen Lau ſchien mir gefaͤhrlich. Ende — —— — 4 ſinſnſſiſſſſſſſeſſinſnſſnnſſin 12 13 14 15 16 17 rRäwrx 6 7 8 10 11