Leihbibliothek Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelb uf Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. —.—--.,.-— 2 —-—— —,—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur „ von. 3 Eduard Ottmann in Gießen, — —— pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 In Werthe de en entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von ſheahendi gaine wird. 3 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 6 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: „.„ u.„=„ 7.— 5. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. ——————— —uvuu““ — Denkwürdigkeiten 1. der Markiſe von Pompadour, enthaltend die Urſachen der Kriege und der Friedensſchlüſſe, die Geſandtſchaften und Unterhandlungen an den verſchiedenen Höfen Europa's, die heimlichen Umtriebe und Ränke der Miniſter, den Charakter der Generale und Staatsminiſter, ſo wie den Grund ihrer Erhebung und ihres Sturzes, und überhaupt alles dasjenige, was ſich von der Zeit der Erhebung der Markiſe von Pompadour zur erſten Maitreſſe des Königs an, dis zu ihrem Tode, oder vom Jahre 745 bis 1764 unter der Regierung Ludwigs XV. Merkwürdiges er⸗ eignet hat. Aus dem Franzoͤſiſchen uͤberſetzt von F. A. Menadier. Zweiter Theil. Braunschweig, bei G. C. E. Meyer. 1 8 30. 00000090006096009893900 Denkwuͤrdigkeiten der NMarkiſe Pompadour. Ludwig XV. hatte, wie ich ſchon bemerkt habe, die Gewohnheit angenommen, mich zu beſuchen. Er konnte nicht mehr ohne meine Geſellſchaft zubringen. Ich war ihm unentbehrlich geworden; aber dieſe Neigung hatte in ihm keineswegs den Geſchmack an voruͤbergehenden Liebſchaften ausgeloͤſcht. Er uͤberließ ſich ihnen aus Temperament und bereute ſie aus Ueberlegung. Nach einem Liebesabentheuer war er beſtaͤndiger als je. Seine Gewiſſensbiſſe gaben ihn ſich ſelbſt und mir wieder. Ich darf behaͤupten, daß ich von ſeinen Abſchweifungen Genuß hatte, und ohne dieſen Geſchmack haͤtte er ſich vielleicht einer andern Leidenſchaft uͤberlaſſen, die ihn mir abwendig gemacht haͤtte. Ich fuͤrchtete jedoch eine Zeit lang eine Neigung zum Kriege: aus dieſem Grunde hatte ich den Grafen Moritz von Sachſen, der ihm nach den flandriſchen Feldzuͤgen regelmaͤßig den Hof machte, gebeten, mit ihm nicht ſo oft von Belagerungen 1* und Schlachten zu reden, aber Ludwig gab mir die Verſicherung, wie ich bereits angefuͤhrt habe, daß er jene Neigung dem Gluͤcke Frankreichs geopfert habe. Seit einiger Zeit hatte ſich der Koͤnig der Politik ergeben, ohne daß indeß dadurch ſeinen Vergnuͤgungen Eintrag geſchah. Er befaßte ſich damit aus jener wohl⸗ wollenden Neigung, die ihn von Natur veranlaͤßte, ſei⸗ nen Voͤlkern Erleichterung zu verſchaffen. Er wollte eine Ueberſicht von dem damaligen Zuſtande Europas haben: Herr von Belleisle verfertigte ihm eine ſolche. Der Koͤnig zeigte ſie mir, es war eine vollſtaͤndige po⸗ litiſche Darſtellung. Der Marſchall ging die Macht einer jeden Regierung auf das genaueſte durch. Er unterwarf Europa einer Muſterung, und ſtellte den Beſtand der Kraͤfte der verſchiedenen Voͤlker feſt. Herr von Noallles, der dieſe Darſtellung ſah, ſagte: »Daß dieſelbe viel zu mathematiſch ſey; daß die chriſt⸗ liche Republik mehreren Veraͤnderungen unterworfen ſey, die aus Nebenurſachen entſtaͤnden, an denen die Politik keinen Theil habe; daß man oft den Kabineten das zur Ehre anrechne, was nur eine Wirkung des Schickſals ſey. Frankreich,« ſagte er zu mir,»hatte alle ſeine Kraͤfte angewandt, um Lothringen zu erlangen; dem Cardinal von Richelieu war es nicht gegluͤckt; Mazarin war damit geſcheitert; der Zufall verſchaffte es Frank⸗ reich unter dem Miniſterium des Cardinals von Fleury.⸗ »Man unterhandelte und ſchlug ſich in Europa bereits ſeit faſt zweihundert Jahren, um zu verhindern, daß die ſpaniſche Krone einem Zweige des Burbonſchen Hauſes zufiele. Das Teſtament eines ſchwachen und 8 kraftloſen Fuͤrſten beſtimmte ſie fuͤr Frankreich ganz in dem Augenblicke, wo Ludwig XIV. ſich nicht auf einen Theilungsvertrag einlaſſen zu duͤrfen glaubte.⸗ »Die Englaͤnder konnten nie daran denken, daß ſie Gibraltar, das ihnen das Uebergewicht im Ocean ver⸗ ſchaffte und ſie zu Herren des mittelaͤndiſchen Meeres machte, erobern wuͤrden, als derſelbe Zufall, der Spa⸗ nien dem Hauſe Bourbon verlieh, ihnen die Einnahme jenes wichtigen Platzes verſchaffte, den ſie ſeitdem be⸗ ſtaͤndig behalten haben, ohnerachtet die Gruͤnde, weshalb ſie ſich deſſelben bemaͤchtigt hatten, nicht mehr vorhan⸗ den ſind. ꝛc.« »Wenn man zu dem Urſprunge der große Ver⸗ aͤnderungen zuruͤckginge, ſo wuͤrde man finden, daß das Schickſal die Welt regiert, und daß die Politik, die alle Begebenheiten leiten will, in den Kabineten der Fuͤrſten uͤberfluͤſſig iſt.« Er fuͤgte hinzu, daß die Aufzaͤhlungen der Macht der europaͤiſchen Staaten unnuͤtz ſeyen, weil nicht die Staͤrke, ſondern ein gewiſſes Zuſammentreffen von Umſtaͤnden, gegen welche weder Unterhandlungen noch Armeen etwas vermoͤchten, das Schickſal der Re⸗ gierungen lenke. Ich erinnere mich des Inhaltes jener Darſtellung des Herrn von Belleisle nicht, nur das faͤllt mir ein, daß der Verfaſſer ſich am Schluſſe ſo ausdruͤckte:»Alle großen Staaten Europa's koͤnnen Frankreich durchaus nicht ſchaden: Preußen allein floͤßt Beſorgniß ein, und England iſt zu fuͤrchten.« Obgleich der Koͤnig ſeit einiger Zeit gern von Staatsangelegenheiten ſprach, ſo bewies er mir doch die Hoͤflichkeit, ſich nicht zu lange davon zu unterhalten. Ohnerachtet deſſen, was ich von ſeinem duͤſtern Weſen geſagt habe, iſt Ludwig XV. doch bei einer Unterhaltung unter vier Augen der liebenswuͤrdigſte Mann in Frankreich. Er hat Tage einer Heiterkeit und einer Zufriedenheit, die Freude und Vergnuͤgen einfloͤßen. Ich habe oft von ſeiner Herzensguͤte geſprochen, und will jetzt einen Zug davon erzaͤhlen, der zur Be⸗ ſtaͤtigung deſſen, was ich davon geſagt habe, dienen wird. Eines Abends, nachdem er bis ziemlich ſpaͤt bei mir geblieben war, ſagte er mir, daß er am folgenden Tage nicht bei mir ſpeiſen werde(was er ſehr oft that), weil er ſich nach Marli begeben muͤſſe und daſelbſt einen großen Theil des Tages zubringen werde. An demſelben Tage in der Fruͤhe beſuchte mich Marigny, mein Bru⸗ der, und da ich allein war, behielt ich ihn zum Eſſen. Er unterhielt ſich einige Zeit mit mir und entfernte ſich dann, um in dem Park von Verſailles ſpazieren zu ge⸗ hen, bis man ſich zu Tiſche ſetzen wuͤrde. Indeß hatte der Koͤnig, ehe er zu Pferde ſtieg, ſeinen Plan geaͤndert. Statt nach Marli zu gehen, kam er wieder zu mir und verlangte bei mir zu ſpeiſen. Er bemerkte einen Tiſch mit zwei Gedecken, und da er mich am Abende vorher von ſeiner Abreiſe unterrichtet hatte, ſo war er davon uͤberraſcht. Er fragte mich, fuͤr wen das zweite Gedeck beſtimmt ſey?»Sire,« ſagte ich,»„mein Bruder hat mich heute Morgen beſucht und da ich allein war, ſo habe ich ihn gebeten, bei mir zu eſſen; weil aber Ihre Majeſtaͤt ſelbſt mir dieſe Ehre erweiſen, ſo will ich ihm ſagen laſſen, daß er nicht dar⸗ an Theil haben kann.⸗— Nein, erwiederte der Koͤnig, Ihr Bruder gehoͤrt mit zum Hauſe; ſtatt das fuͤr ihn beſtimmte Gedeck wegzunehmen, darf nur noch eins hinzugefuͤgt werden, wir wollen alle drei zuſammen ſpei⸗ ſen. Mein Bruder erſchien, und der Koͤnig erzeigte ihm alle moͤgliche Hoͤflichkeiten. Dieſer Vorfall iſt an ſich unbedeutend, er dient aber dazu, das Zartgefuͤhl dieſes Fuͤrſten ſelbſt bei den geringfuͤgigſten Umſtaͤnden zu be⸗ weiſen. Herr Rouillé uͤbergab dem Koͤnige taͤglich neue Ueberſichten, welche die Herſtellung des Seeweſens ankuͤndigten. Dieſer Miniſter ſagte im Jahre 1751 oͤffentlich, daß er ſiebenzig Linienſchiffe und dreißig Fregatten habe, aber er gab mehr an als er wirklich hatte. Die Herren Miniſter ſchildern gewoͤhnlich ihre Plaͤne umfaſſender, als ſie ſind; ſie vermengen die be⸗ reits vorhandenen Anſtalten mit den noch zu errichten⸗ den, und oft koͤmmt es hinſichtlich der Letztern nie zur Ausfuͤhrung. Ein geiſtreicher Mann ſagte mir in jener Zeit, daß wenn Frankreich eine Flotte von hundert und zehn ſe⸗ gelfertigen Kriegsſchiffen oder Fregatten haͤtte, alsdann das große Werk des franzoͤſiſchen Seeweſens vollendet waͤre. Ferner behauptete derſelbe, daß wir nicht mehr beduͤrften, um den Englaͤndern, die keine groͤßere Anzahl ſchlagfertiger Schiffe haͤtten, die Spitze zu bieten; dann fuͤgte er hinzu, man darf die zur Bewachung der Kuͤſten und zur Begleitung der Handelsfahrzeuge beſtimmten Schiffe nicht mit in Anſchlag bringen, da dieſe nicht auf die Liſte der Seemacht kommen. — 8— Der engliſche Geſandte hatte Befehl, den Herrn von Rouillé nicht aus den Augen zu verlieren, und alle ſeine Unternehmungen zu verfolgen, um davon ſeinem Hofe Kenntniß zu geben. Er hatte die fruͤhere Gewohnheit, die Regierung um den Zweck ſo vieler Schiffe zu fragen, abgelegt, weil man ihm oft geant⸗ wortet hatte, daß der franzoͤſiſche Hof dem großbritanni⸗ ſchen uͤberall keine Rechenſchaft ſchuldig ſey. Der Koͤnig nahm eine Befoͤrderung der Seeoffi⸗ ziere vor; die Befehlshaber der Geſchwader wurden er⸗ nannt; man befoͤrderte die Capitains und alten Lieute“ nants zu hoͤhern Poſten, und man machte ein ſolches Aufſehen von dem Beſtande des Seeweſens, daß London Verdacht zu ſchoͤpfen anfing. Ein fremder Geſandter ſagte eines Tages in dieſer Hinſicht zu mir, daß er einen großen Fehler an der franzoͤſiſchen Regierung bemerke, naͤmlich:»daß ſie ſich Europa und ihren Feinden zur Schau ſtelle. In Ver⸗ ſailles,« ſetzte er hinzu,»giebt es durchaus kein Staats⸗ geheimniß; die chriſtliche Republik iſt von den Plaͤnen Frankreichs lange vorher unterrichtet, ehe man im Stande iſt, ſie auszufuͤhren, weshan ſie denn auch ſcheitern.« Eine Angelegenheit, die Frankreich gar nicht be⸗ traf, erregte die Aufmerkſamkeit des Koͤnigs auf einige Zeit. Die Genueſen(ein bewegliches Volk, das ſeit der Gruͤndung der Republik nie ruhig geweſen iſt) fuͤhrte ſeit langer Zeit Krieg mit den Korſen, die ſie Aufruͤhrer nannten, waͤhrend dieſe ihnen den Namen von Tyran⸗ nen gaben. Es hatten mehrere Gefechte Statt gefunden, die nur dazu dienten, den Frieden, der nur eine Folge der Vereinigung der Gemuͤther ſeyn kann, noch weiter zu entfernen. Der Haß und Widerwille hatte einer Vermittelung alle Thuͤren verſchloſſen. Man haßte ſich mehr als man ſich fuͤrchtete. Selbſt wenn die Religion den Zwiſt unterhalten haͤtte, ſo haͤtte er nicht hitziger ſeyn koͤnnen. Der Marſchall von Belleisle hatte mir, bei unſern Unterredungen uͤber dieſen Krieg, oft geſagt, daß die Genueſen nie Herren der Korſen werden wuͤrden; und als Grund gab er an, daß, wenn ein Hauptſtaat mit ſeinen Unterthanen ſich im Kampfe befaͤnde, die erſte Schlacht den Streit entſcheiden muͤßte, da er ſonſt lange hin unentſchieden bliebe. Aufruͤhrer, die der oberſten Macht durch Schlachten und Bela⸗ gerungen das Gleichgewicht halten, hoͤren auf, den Namen von Unterthanen zu fuͤhren, und fangen an, den von Feinden anzuneh⸗ men; denn die Gewalt der Waffen, die alle Vorrechte bermichtet, ſtellt die Gleichheit wieder her. Die Voͤlker, welche Koͤnigen unterworfen ſind, wuͤr⸗ den es nicht laͤnger bleiben, wenn ſie Mittel beſaͤßen, um außzuhoͤren es zu ſeyn; denn die Unterwuͤrfigkeit iſt nicht eine Sache der Uebereinkunft, ſondern der uner⸗ laubten oder offenbaren Gewalt geweſen, Daher iſt ein Volk, welches das Joch abſchuͤttelt, nur inſofern auf⸗ ruͤhreriſch, als es ſich bei der Umwaͤlzung ſchlecht be⸗ nimmt, oder nicht die Mittel zu ergreifen weiß, die zum Gelingen erforderlich ſind. . Nachdem die Genueſen ſich vergeblich bemuͤht hat⸗ ten, die Korſen zu unterjochen, hatten ſie den uͤbeln Theil erwaͤhlt, ſich an die auswaͤrtigen Maͤchte zu wen⸗ den. Frankreich, deſſen Huͤlfe ſie anriefen, hatte ihnen einige Truppen und einen Anfuͤhrer geſtellt. Der Ge⸗ ſandte von Venedig, welcher ſich damals in Paris be⸗ fand, fagte deshalb: Die Genueſen, von denen es hieße, daß ſie ein gutes Gedaͤchtniß haͤtten, beſaͤßen ein ſolches in Beziehung auf Frankreich gar nicht, weil ſie vergaͤßen, daß daſſelbe zur Zeit Ludwigs XIV. Genua habe bombardiren laſſen und es ihm unter der Regie⸗ rung Ludwigs XV. nicht gelungen ſey, die Republik zu vernichten.. Die genueſiſchen Offiziere, welche der Senat zur Vertheidigung ſeiner Rechte nach jener Inſel geſandt hatte, waren groͤßere Feinde der Republik, als die Kor⸗ ſen ſelbſt, und ſuchten mit den vermittelnden Franzoſen unter dem Vorwande Streit, daß Letztere in dem Geiſte dieſer Inſulaner eine veraͤchtliche Meinung gegen ſie erregten. Wenn dem wirklich ſo geweſen waͤre, ſo haͤtte man es uͤberſehen und an dem Friedenswerke gemein⸗ ſchaftlich zu arbeiten fortfahren muͤſſen. Aber der Neid, dieſes den Italienern und beſonders den Genueſen an⸗ geborne Laſter, hatte jene Uneinigkeit herbeigefuͤhrt. Sie ſahen es mit eiferſuͤchtigen Augen an, daß Fremde ſich in eine Friedensſtiftung einmiſchten, wovon ſie ſelbſt die ganze Ehre haben wollten. Die Republik, eben ſo eiferſuͤchtig auf ihre Offiziere als dieſe auf die Franzoſen, ergriff noch die unange⸗ meſſene Parthei, ſich nach Verſailles zu wenden, um zu erfahren, wie ſie gegen ſich ſelbſt verfahren ſollte, und welche Genugthuung der Koͤnig verlangte. Eine an⸗ dere Nation wuͤrde lieber die Intereſſen Korſikas, das ſelbſt Frankreich nicht zu ſeiner Pflicht zuruͤckfuͤhren konnte, im Stiche gelaſſen, als ſich ſo erniedrigt haben; aber ſchon ſeit langer Zeit iſt die genueſiſche Republik an Erniedrigungen und Unterwuͤrfigkeit gewoͤhnt. »Die Genueſen«, ſagte der Koͤnig,»verdienten, daß ich ſie beſtrafte, indem ich mich nicht mehr mit ihren Angelegenheiten befaßte; aber ſie haben meinem Sohne Don Philipp den Weg nach Italien geoͤffnet, ich bin ihnen dafuͤr Dank ſchuldig, und dieſer traͤgt in meinem Herzen uͤber den Verdruß, den ihr Betragen mir ent⸗ locken muß, den Sieg davon.⸗« Ludwig XV., der den Hrn. von Chauvelin zum Bevollmaͤchtigen auf der Inſel Korſika ernannt hatte, um die Sache auf eine freundſchaftliche Art zu beendi⸗ gen, ertheilte demſelben, ſo wie dem Befehlshaber der franzoͤſiſchen Truppen, Markis von Curſai, erneuerte Befehle, die Unterhandlungen zu beſchleunigen. Dieſe beiden Vermittler beſtimmten einen Ort zur Verſammlung und der Friede wurde anſcheinend ge⸗ ſchloſſen. Alles ging daſelbſt nach den gewoͤhnlichen Regeln: bei der Eroͤffnung der Verſammlung wurden Reden gehalten, und man ſtreute bei einem groben und wilden Volke Blumen der Beredtſamkeit. Die Korſen ſperrten bei dieſen einſtudirten Vortraͤgen die Ohren weit auf und verſtanden nichts davon. Sie antworteten durch Zujauchzen darauf, und die Redner ſchmeichelten ſich, ſie durch ihren Geiſt beſtochen zu haben. Nach den Reden kam der Vertrag oder die Feſt⸗ ſtellung zwiſchen der Republik und den Korſen. Jeder Theil behielt darin Vorrechte fuͤr ſich, die ihn von dem an⸗ dern unabhaͤngig machten. Das heißt, die Unterthanen dieſer Republik unterhandeten fuͤr ihre Freiheit. Die Korſen beendigten durch Unterhandlung, was ſie durch die Waffen nicht hatten zu Ende bringen koͤnnen. Als man die Artikel des Vertrages nach Verſailles ſandte, ſagte der Marſchall von Belleisle oͤffentlich:»daß die Republik ſich zu ſehr erniedrige, daß man den Wi⸗ derſpenſtigen nur Verzeihung bewilligen, aber nicht mit ihnen unterhandeln muͤſſe; daß Unterthanen, die das Joch abgeſchuͤttelt haͤtten, bei der Ruͤckkehr zu ihrer Pflicht nichts weiter, als Verzeihung erhalten muͤſſen. Er fuͤgte hinzu, daß die Korſen als Hochverraͤther be— ſtraft, oder als Widerſpenſtige im Stiche gelaſſen wer⸗ den muͤßten; denn Unterthanen, die ſtark genug waͤren, ihren Beherrſcher zu einem Vertrage mit ihnen zu zwin⸗ gen, waͤren nicht treu genu, um ſich lange ſeinen Be⸗ fehlen zu unterwerfen.“ Dieſe Betrachtungen wurden fuͤr um ſo richtiger gefunden, als alle jene Unterhand⸗ lungen bald unnuͤtz wurden, und der Krieg von Neuem begann. Wie dem auch ſey, man uͤberließ damals die Ge⸗ nueſen ſich ſelbſt, um ſich mit einer Seenachricht zu beſchaͤftigen, die dem Koͤnige ſehr ſchmeichelte. Man erfuhr aus Indien, daß der Nabob ein ſo großes Ver⸗ trauen in Frankreich ſetzte, um ſeine politiſchen Inter⸗ eſſen in die Haͤnde eines Franzoſen, Namens Dupleix, — 13— zu geben, und das dem Nabob unterwuͤrfige Volk der Maratten ihn zu ſeinem Oberanfuͤhrer ernannt haͤtte. Ludwig XIV., der nach jeder Art von Ruhm duͤr⸗ ſtete, ſoll ſich ſehr daruͤber ergoͤtzt haben, daß ein Koͤ⸗ nig von Siam eine Geſandtſchaft an ihn abordnete, um ihn zu benachrichtigen, daß ſein Name in ſeinen Staaten in großer Verehrung ſtaͤnde. Er bezeugte laut ſeine Freude daruͤber, und war durch dieſe Geſandtſchaft mehr als durch eine Eroberung geſchmeichelt. Der Friede mit dem Nabob und das Vertrauen, welches dieſer Fuͤrſt in Frankreich ſetzte, war von groͤße⸗ rer Wichtigkeit. Sie vermehrten die Reichthuͤmer des Staats, wogegen die Geſandtſchaft von Siam keine andere Wirkung hatte, als der Eitelkeit des Monarchen zu ſchmeicheln.— Duplex wurde zugleich Bevollmaͤchtigter und Ober⸗ anfuͤhrer; er entwarf den Friedensvertrag und erhielt den Oberbefehl. Dieſen beiden Poſten war eine bedeu⸗ tende Unterhandlung vorangegangen, ohne welche er ſie nie haͤtte erhalten koͤnnen: er brachte den unruhigen Charakter der Maratten zur Stetigkeit. Dieſe Nation war bis dahin in verſchiedene Partheien getheilt gewe⸗ ſen, die, indem ſie ſich ſchwaͤchten, Frankreich hinderten, Vortheil daraus zu ziehen. Der Fremdling vereinigte ſie, lehrte ſie, zuſammentreffende Abſichten und eine gemeinſchaftliche Politik zu haben. Indeß war dieſer Duplex kein großer Geiſt; aber es giebt Leute, die ohne viel Verſtand zu beſitzen, den⸗ noch große Dinge verrichten. Wir haben ihn nachher in Paris weit unter ſeinem Rufe, und am Ende mit — 14— dem Namen eines Mannes ſterben geſehen, der, weit davon entfernt, im Stande geweſen zu ſeyn, Indien zu leiten, nicht einmal die Gabe hatte, ſein Husweſen zu regieren. Er hatte mit der Compagnie einen ſchwierigen Prozeß. Dieſer Streit iſt eben ſo merkwurdig durch die Art der Forderung, als der Verweigerung. Der General des Nabob erklaͤrte, daß die Direktoren ihm mehrere Millionen ſchuldig waͤren, und die Direktoren behaupteten, ihm nichts ſchuldig zu ſeyn. In einem Prezeſſe dieſer Art haben faſt immer beide Theile Un⸗ recht. Im Allgemeinen herrſcht Undankbarkeit auf der einen, und wenig Erkenntlichkeit auf der andern Seite. Die Denkſchriften, welche man uͤber dieſen Gegenſtand bekannt machte, gewaͤhrten den Vortheil, daß ſie der Regierung uͤber mancherlei, was Bezug auf Indien hatte, und wovon ſie ohne die Bekanntmachung jener Schriften nie unterrichtet worden waͤre, die Augen oͤffneten. Die Zerſtreuungen, Vergnuͤgungen und Ergoͤtzlich⸗ keiten, die ich in Verſailles auf einander folgen ließ, verhinderten den Koͤrig fortwaͤhrend, ſich mit ſich ſelbſt zu beſchaͤftigen. Ich darf ſagen, daß Ludwig XV. nur durch ein erborgtes Temperament, das ich ihm verlieh, lebte, und daß er durch dieſes gehindert wurde, ſich dem ſeinigen zu uͤberlaſſen. Ich glaube, daß er ohne die Kunſt, die ich zu ſeiner Aufrechthaltung anwandte, am Ende unterlegen ſeyn wuͤrde. Aber ohnerachtet dieſer Maßregeln, gab es doch Augenblicke, wo er ſich ſeiner Traurigkeit uͤberließ. Dann mußten neue Vergnuͤgungen erdacht werden, die neue Eindruͤcke hervorbrachten. Wenn ich wahrnahm, daß ſelbige ohne Erfolg waren, ſo verdoppelte ich meine Bemuͤhungen, um noch andere, eindrucksvollere herbeizufuͤhren. Die Religion, wovon der Koͤnig einen bedeutenden Theil beſaß, war das groͤßte Hinderniß, das ich zu uͤberwinden hatte. Er verrichtete regelmaͤßig ſeine Ge⸗ bete und ging taͤglich in die Meſſe; aber er ging nicht zum heiligen Abendmahle. Dieſes Fernhalten von den Sakramenten entſtand mehr aus einem zu großen Zart⸗ gefuͤhle, als aus einer Verachtung derſelben. Seine voruͤbergehenden Liebſchaften hielten ihn von einer heili⸗ gen Handlung zuruͤck, die er zu entweihen fuͤrchtete. Der Jeſuit, welcher den Titel ſeines Beichtvaters fuͤhrte, hatte es mehrere Male verſucht, ſein Zartgefuͤhl in die⸗ ſem Punkte zu beſiegen; denn ſein Poſten haͤtte dadurch an Bedeutung gewonnen, weil der Koͤnig ihm mehr unter⸗ worfen geweſen waͤre; aber Ludwig XV. hatte immer widerſtanden. Man trug mir auf, dem Monarchen deshalb Vor⸗ ſtellungen zu machen, aber man haͤtte damit anfangen muͤſſen, mich ſelbſt zu uͤberzeugen, um mich dahin zu bringen, daß ich den Koͤnig uͤberredete. Man hielt die Sache fuͤr leicht; Leute vom erſten Range, die eine er⸗ habene Stelle in der Kirche bekleideten, die ich aber, aus Furcht, daß die roͤmiſch⸗katholiſche Religion den Feinden des Staats verdaͤchtig erſcheinen moͤchte, nicht nennen will, unternahmen das große Werk. Ich war in dieſer Art Sachen nicht ſehr bewan⸗ dert; denn die Pariſer Frauen haben gerade nur ſo viel — 16— Religion, als ſie beduͤrfen, um zu verhindern, daß ſie gar keine haben. Dieſe geſchickten Theologen ſtellten den Grundſatz auf:»daß das Aergerniß, welches ein Koͤnig gaͤbe, das groͤßte Uebel ſey, das er begehen koͤnnte; daß er der Spiegel ſey, in dem ein Jeder ſich beſchaue; daß ſein Beiſpiel das des Staats nach ſich ziehe; daß, ſeit der Koͤnig nicht zum heiligen Abendmahl ginge, in Frank⸗ reich mehr als eine Million Unterthanen nicht mehr an den Sakramenten Theil naͤhme, daß die Vernachlaͤſſigung des heiligen Tiſches allgemein ſey.« ꝛc. ꝛc. Und auf die Temperamente uͤbergehend, fuͤgten ſie hin⸗ zu:»daß Gott ſeinen Dienern die Macht gegeben habe, begangene Suͤnden zu vergeben, daß die Reue im Himmel die irdiſchen Laſter ausloͤſche; daß die Gottheit bei rſchaffung der Menſchen genoͤthigt geweſen ſey, auf ſ thwaͤchen Ruͤckſicht zu nehmen; daß man im⸗ mer ſeine Chriſtenpflichten erfuͤllen muͤſſe, ohnerachtet der beſtaͤndigen Verſuchungen, denen das menſchliche Herz unterworfen ſey.« ꝛc. Endlich bemerkte ich aus den Grundſaͤtzen dieſer Vaͤter der Kirche, daß der Koͤnig, um ein guter Katho⸗ lik zu ſeyn, regelmaͤßig jedes Jahr eine gotteslaͤſterliche Handlung(Sacrilége) begehen muͤßte. Ich weigerte mich, mich mit dieſer Sittenpredigt zu befaſſen. Ich bemerkte die Folgen, die daraus fuͤr mich entſtehen koͤnnten, vorher. Der Genuß der Sa⸗ kramente mußte in dieſem Fuͤrſten nothwendig eine Veraͤnderung hervorbringen. Ich fuͤrchtete weniger die Religion des Koͤnigs, als die Naͤnke der Kirchendiener. — 1— . Der Beichtvater war insbeſondere zu fuͤrchten, denn er iſt ſtets maͤchtig, ſobald der Monarch oft zu ſeinen Fuͤßen liegt. Noch weniger wollte ich aber auch dem Koͤnige rathen, ſich von dem heiligen Tiſche entfernt zu halten, vad ich ließ daher die Sachen wie ſie waren. Der Friede, der die politiſche Ruhe zuruͤckgefuͤhrt hatte, verurſachte neue Zwiſtigkeiten im Staate. Die Beamten der Kirche, die geſammte Geiſtlichkeit und das Parlament, die in Kriegszeiten ſich mit der Regierung vereinigen, um das allgemeine Ungluͤck zu theilen, ver⸗ urſachen ihr ſelbſt dergleichen, wenn die Zeit der Bela⸗ gerungen und Schlachten voruͤber iſt; ſo daß Frankreich durch ein ungluͤckliches Verhaͤngniß, das vielleicht in der Verfaſſung ſelbſt ſeinen Grund hat, ſtets die Waffen in Haͤnden haben muͤßte, um den innern Streiti vorzubeugen; oder daß es beſtaͤndig mit ſich ſel eg fuͤhrte, um den ſeiner Feinde abzuhalten, Ich habe ſchon von ſehr geſcheiten Staatsmaͤnnern gehoͤrt, daß dieſes daher entſtehe, weil die franzoͤſiſche Regierung nicht maͤchtig genug ſey, den auswaͤrtigen Streitigkeiten zuvorzukommen, und nicht unumſchraͤnkt genug, um die innern Zwiſtigkeiten zu vertilgen: ein gemiſchter Zuſtand, wodurch ſie einſt die Beute ihrer Feinde, oder die Opfer ihrer Unterthanen werden wird. Ein unbedeutender Gegenſtand gab zu einer großen Uneinigkeit zwiſchen dem Hofe und dem Parlamente Veranlaſſung, naͤmlich die Verwaltung der fuͤr die Ar⸗ men beſtimmten Almoſen. Die Leitung des Hoſpitals zu Paris war bis dahin gewiſſen Perſonen anvertrauet, II. 2 — 18— die von dem Hofe und von der Stadt nie beachtet waren, weil der Krieg die Regierung anderweit beſchaͤf⸗ tigt hatte; der Friede aber, der hinlaͤngliche Muße ge⸗ waͤhrt, ſeine Blicke auch auf die kleinſten Dinge zu richten, hatte es endlich geſtattet, auch dieſem Gegen⸗ ſtande die Aufmerkſamkeit zu zuwenden. Der Erzbiſchof von Paris behauptete, ihm ſtehe dieſe Verwaltung von Rechtswegen zu; der Koͤnig ſtimmte dem bei, das Parlament aber urtheilte anders, und nun fingen die Vorſtellungen und Deputationen an. Ein Prinz von koͤniglichem Gebluͤte ſagte deshalb: das Pariſer Parlament muß ſehr wenig Beſchaͤftigung haben, da es mit dem Koͤnige wegen der Bettler ſtreitet. Ludwig XV. erließ einen Beſchluß zu Gunſten des Erzbiſchofs; er ſollte in die Regiſter des Parlaments eingetragen werden, und nun wurden die Mißhelligkeiten offenbar. Man ging nach Verſailles und kam daher zuruͤck; man verſammelte ſich und hob die Verſammlun⸗ gen wieder auf; aber der Koͤnig zeigte ſich als Gebieter. Er ſchrieb an die verſammelten Kammern folgenderma⸗ ßen: »Wenn Ich Euch habe erlauben wollen, Mir Vorſtellungen uͤber die Verordnungen und Verfuͤgungen zu machen, die Ich Euch zur Eintragung zufertigen laſſe, ſo habe Ich Euch doch nie ermaͤchtigt, ſie fuͤr unguͤltig zu erklaͤren, oder ſie unter dem Vorwande einer Milderung, abzuaͤndern. Ich will, daß Meine Verfuͤgnng in Betreff des Hoſpitals ganz unveraͤndert eintragen werde, und Ich werde darauf halten, daß Mein Parlament Meinen Befehlen nachlebe.« — 19— Das war in dem Tone eines Herrn geſprochen; der Koͤnig hatte gewiſſe Augenblicke von Staͤrke, die ihn in alle ſeine Rechte wieder einſetzte; aber ſeine Herzensguͤte, ſeine Liebe zum Frieden und fuͤr die Ruhe des Staats, und vielleicht mehr als dies alles, ein un⸗ entſchloſſener Charakter, den Schwierigkeiten und Wi⸗ derſtand entmuthigten, brachten ihn zum Nachgeben. Ich beklagte mich oft gegen ihn ſelbſt uͤber dieſe Neigung, die ihn dahin brachte, das zu bewilligen, was er vorher abgeſchlagen hatte.»Was wollen Sie, Ma⸗ dame 2« ſagte er mit jener ihm ſo eigenen Gutmuͤthig⸗ keit und Sanftheit.»Ich weiß„ daß ich gewiſſen Be⸗ hoͤrden, die ihre Macht mit der meines Thrones gern gleichſtellen moͤchten, Widerſtand leiſten muͤßte; aber ich bringez ihn der allgemeinen Ruhe zum Opfer. Ich zuuuf wenn ich an das Ungluͤck denke, das meine Voͤl⸗ ker unter der Regierung meines Urgroßvaters durch die Streitigkeiten erduldet haben, die zwiſchen dem Hofe und dem Parlamente Statt fanden. Dieſe Streitigkei⸗ ten erregten Buͤrgerkriege, die Frankreich in das tiefſte Elend ſtuͤrzten. Ich liebe mehr die Nachgiebigkeit als eine Hartnaͤckigkeit, deren Folgen fuͤr meine Untrrthanen unheilbringend ſeyn koͤnnten.⸗ Die meiſten Mitglieder des Staatsraths waren nicht dieſer Meinung; eines der aufgeklaͤrteſten ſagte, daß unter einer feſten und entſchloſſenen Regierung die Geſetze ihre Kraft wieder erhielten und die Mißbraͤuche abgeſtellt wuͤrden, wogegen Schlaffheit und Zuͤgelloſigkeit die Folgen einer ſchwachen und unentſchloſſenen Ver⸗ waltung waͤren. Ich geſtehe, daß ich nicht fern davon . 2* — 20— war, wie dieſer Letztere zu denken, und daß ich dem Koͤnige ein wenig mehr Feſtigkeit gewuͤnſcht haͤtte. Die Angelegenheit in Betreff des Hoſpitals endigte, wie die meiſten des Parlaments, das heißt durch Ermaͤßi⸗ gungen. Der Koͤnig ernannte aus eigner Bewegung und ohne darum gebeten zu ſeyn, den Grafen von St. Flo⸗ rentin und Herrn Rouillé zu Staatsminiſtern, ſie wa⸗ ren beide Staatsſekretaire. Ein Hofmann ſagte bei die⸗ ſer Gelegenheit, der Koͤnig habe durch ihre Beſtallung zu Staatsſekretairen genug, durch ihre Ernennung zu Miniſtern aber zu viel gethan. Gewiß iſt es, daß dieſe beiden Maͤnner nichts gethan hatten, wodurch ſie ihre Erhebung verdient haͤtten. Herr Rouillé beſonders be⸗ ſaß einen ſchwerfaͤlligen Verſtand, und hatte nichts fuͤr ſich als Fleiß und Arbeitſamkeit, die gewoͤhnlich alles verderben, wenn ſie nicht mit Geiſt verbunden ſind. Man ſagte zu Paris, ich haͤtte den Kaͤnig zu dieſer Ernennung vermogt; die Wahrheit aber iſt, daß ich mich gar nicht darin miſchte. Man ſagte ferner, Herr v. St. Florentin haͤtte ſich mir verkauft, und ich belohnte ihn nun fuͤr die Verhaftsbefehle, deren ich be⸗ duͤrfte, um die mir mißfaͤlligen Perſonen aus Paris zu entfernen. Die, welche ſo ſprachen, wußten nicht, daß die großen Verhaftsbefehle nur im Namen und unter Zuſtimmung des Koͤnigs ausgefertigt wurden. Der Herrſcher befiehlt und der Miniſter gehorcht. Ich kannte dieſen Staatsſekretair ſehr wenig; er machte mir ſeinen Hof, wie die uͤbrigen Miniſter, aber nur ſelten ſprach er mit mir von beſondern Angelegen⸗ — 21— heiten. Ich fand ihn am Hofe, der Koͤnig bediente ſich ſeiner, und das war fuͤr mich genug. Herr Rouillé war mir empfohlen. Ich ſprach mit dem Koͤnige von ihm, ich empfahl ihn dieſem Fuͤrſten nicht als einen großen Miniſter, ſondern als einen ehr⸗ lichen Mann. Herr von Puyſieux, Staatsſekretair der auswaͤrti⸗ gen Angelegenheiten, verlangte, ſich zuruͤckziehen zu duͤr⸗ fen. Dieſes Buͤreau war ſchwer zu leiten, und viele Individuen hatten ſich nicht dazu verſtehen wollen. Die, welche dieſen Poſten vorher verwalteten, hatten in die Adminiſtration deſſelben Unordnung gebracht, und die letztern Unruhen in Europa die Verwirrung vollendet. Frankreich befand ſich nicht in der Lage, eine lange Dauer des letzten Friedensvertrages zu hoffen, und in Kriegszeiten iſt jenes Buͤreau mehr, als alle andere belaſtet. Kaum vermag ein Miniſter die Geſchaͤfte zu beſtreiten, wenn alles in Ordnung iſt; aber unmoͤglich wird es ihm, wenn die Verwirrung ſchon vor dem Kriege Statt findet. Ich ſah Herrn von Puyſieux nur ſelten. Die, welche dieſen Miniſter perſoͤnlich kannten, haben mir geſagt, daß er Kenntniſſe und Wiſſenſchaften beſaͤße, daß es ihm aber an jenem uͤberlegenen Geiſte fehlte, der den Staatsmann bezeichnet. Er hatte die im auf⸗ getragenen Unterhandlungen mit dem mittelmaͤßigen Talente gefuͤhrt, das keinen Ruf nach ſich laͤßt. Man kann ihn in die Reihe der gewoͤhnlichen Miniſter ſtel⸗ len, die nach Beendigung ihrer Laufbahn in dieſer Welt in der Geſchichte unerwaͤhnt bleiben. — 22— Nach dem Abgange des Herrn von Puyſieux ſagte der Koͤnig zu mir: Nun, Madame! wem ſollen wir die auswaͤrtigen Angelegenheiten uͤbertragen? und ohne mir Zeit zu einer Antwort zu laſſen, fuhr er fort: Die⸗ ſes Buͤreau bedarf eines geſchickten Miniſters, der ein fleißiger Arbeiter und rechtſchaffener Mann iſt. Kennen Sie einen ſolchen in meinem Reiche? „»Sire,« erwiederte ich,»was Sie da verlangen, iſt ziemlich ſchwer zu finden; indeß kann man einige von Ihren Unterthanen hervorſuchen, die alle jene Eigenſchaf⸗ ten beſitzen; und unter dieſen darf ich den Markis von Saint⸗Couteſt, Ihren Geſandten bei den General⸗Staa⸗ ten, fuͤr denjenigen halten, der einen ausgezeichneten Poſten verdient.⸗ Ich halte ihn ebenfalls dafuͤr, ſagte der Koͤ⸗ nig ſofort; Saint⸗Couteſt hatte mir ſchon Dienſte geleiſtet, wodurch er dieſe Stelle verdient hat; ich verleihe ſie ihm alſo. Und der Geſandte verließ ſogleich Haag, um nach Verſailles zu kommen, und von ſeinem Buͤreau Beſitz zu nehmen. Beei diefer Gelegenheit will ich einer Einrichtung erwaͤhnen, wozu ich den Plan entwarf, und zu deſſen Ausfuͤhrung der Koͤnig die Haͤnde bot. Denjenigen, die eine Einrichtung nur nach ihren auffallenden Seiten beurtheilen, wird dieſe freilich ſehr geringfuͤgig erſcheinen. Ich vermogte Ludwig XV., den Zweck der zu oͤffent⸗ lichen Vergnuͤgungen beſtimmten Ausgaben dahin zu veraͤndern, daß ſie fuͤr die Bevoͤlkerung, welche durch die Sitten, den Luxus und die Ausſchweifungen in Frankreich taͤglich abnimmt, verwandt wuͤrden. Dem⸗ zufolge befahl Se. Majeſtaͤt, daß die Summe von △ — 23— ſechsmalhunderttauſend Livres, deren Verwendung fuͤr ein Feuerwerk bei Gelegenheit der Geburt des Herzogs von Bourgogne beſtimmt war, zur Verheirathung einer gewiſſen Anzahl von Maͤdchen in der Hauptſtadt be⸗ ſtimmt werden ſollte. Zugleich war man darauf be⸗ dacht, denſelben Befehl in den Provinzen zu geben. Paris enthaͤlt nur den ſechszehnten Theil der Bevoͤlke⸗ rung der Monarchie; wenn alſo die uͤbrigen Theile von Frankreich dem Beiſpiele von Paris gefolgt waͤren, ſo wuͤrde die Bevoͤlkerung Frankreichs dadurch bedeutend gewonnen haben. 8 Herr von Belleisle, der alles berechnete, ſagte, daß dieſe Heirathen der Monarchie jaͤhrlich etwa zwanzig⸗ tauſend Staatsbuͤrger gewaͤhren wuͤrden: auf dieſe Weiſe ſind kleine Dinge die Urſachen von großen Folgen, und ein kluges Unternehmen im Finanzweſen mehr, kann zur Vergroͤßerung eines Staates beitragen. Man ver⸗ muthete keineswes, daß dieſe Anordnung, wie ſo manche andere, die ich zum Wohle Frankreichs ſchuf, und wo⸗ von viele Leute, die keinen Theil daran hatten, ſich die Ehre beilegten, von mir herruͤhrte, waͤhrend man mir andere, der Regierung ſchaͤdliche, zuſchrieb, von denen ich keine Kenntniß hatte. Man fing kaum an, die Suͤßigkeiten des Friedens zu ſchmecken, als man von fern die erſten Funken des Kriegesfeuers bemerkte. Der Herzog von Mirepoix be⸗ ſchwerte ſich in London uͤber einiges Unrecht, das die Franzoſen den Englaͤndern vorwarfen, und der engliſche Geſandte in Paris ſchrie uͤber das Verfahren der Fran⸗ zoſen gegen die Englaͤnder. Man wollte den Friedens⸗ — 24— vertrag brechen, aber man wußte nicht, wo man den Krieg anfangen ſollte. Die Zeit der Schlachten war noch nicht gekommen, man bereitete ſich zu Kaͤmpfen zu Waſſer und zu Lande vor, die eine große Umwaͤl⸗ zung herbeifuͤhren mußten. Die Geburt des Herzogs von Bourgogne kam gerade zur rechten Zeit, um den Beſchaͤftigungen des Hofes eine Ableitung zu verſchaffen. Die Unordnung in der Verwaltung, die Schwierigkeit, geſchickte Miniſter zu finden, die Verwirrung in den Finanzen, das Elend der Voͤlker, die Widerſetzlichkeit der Geiſtlichen, die Hartnaͤckigkeit des Parlaments, und die Englaͤnder, die mitten im Frieden mit Krieg drohten, alles das beein⸗ traͤchtigte die Ruhe des Koͤnigs. Demungeachtet uͤber⸗ ließ er ſich auf einige Augenblicke der Freude, ſeine Krone in ſeinem Hauſe befeſtigt zu ſehen. Die Herr⸗ ſcher ſind fuͤr dieſe Art Freude empfaͤnglicher als man glaubt. Sie ſehen in ihren Abkoͤmmlingen die Fort⸗ dauer ihrer Regierung, es ſcheint ihnen, daß ſie nicht ſterben, wenn ſie bei dem Verſinken in das Grab einen Erben haben, dem ſie ihr Scepter hinterlaſſen. Die Freu⸗ denbezeigungen der Voͤlker, die man dem Koͤnige berichtete, vermehrten ſeine eigene Freude. Beſonders uͤbertrafen ſich die Pariſer, die ſtolz darauf ſind, ihren Herrſcher zu lieben. Bei Hofe fanden große Feſte Statt. Alle fremden Geſandten beeiferten ſich, Ludwig XV., der ſich ſelbſt zu dieſer Geburt Gluͤck wuͤnſchte, ihre Aufwartung zu machen. Nie habe ich ihn ſo gluͤcklich geſehen. Dies iſt der einzige Zeitpunkt in ſeinem Leben waͤhrend mei⸗ nes Aufenthalts in Verſailles, daß ich ihn einer reinen — 25— Freude genießen geſehen habe, und dieß iſt auch in meinem Leben der Augenblick, wo ich durch die Freude⸗ die ich den Koͤnig empfinden ſah, ein gleiches Vergnuͤ⸗ gen genoß. Seine Heiterkeit war groͤßer und anhalten⸗ der, als gewoͤhnlich. Unſere Zuſammenkuͤnfte waren um ſo angenehmer und unſere Unterredungen lebendiger und geiſtvoller. Dieſer Zeitpunkt veranlaßte mich zu Betrachtungen uͤber die eigenen geringen Huͤlfsquellen des menſchlichen Herzens, gluͤcklich zu ſeyn. Es bedarf des Zuſammen⸗ treffens guͤnſtiger Vorfaͤlle der Natur oder des Gluͤcks, um daſſelbe aus dem Zuſtande von Erſchlaffung zu wecken, in die es ſich beſtaͤndig verſenkt; und dies trau⸗ rige Geſetz muß wohl allgemein ſeyn, weil ſelbſt die Herrſcher nicht davon ausgenommen ſind. Aber es giebt noch ein groͤßeres, mit der menſchlichen Natur verbundenes Ungluͤck, das n mlich, daß die Freuden faſt immer duͤrch Leiden aufgewogen werden. Man koͤnnte ſagen, daß in dem menſchlichen Herzen zwei gleiche Maaße von Freude und Unruhe enthalten waͤren, und daß man die eine um ſo viel verringert, als man die andere vergroͤßert. Die Staatsangelegenheiten, die Nachrichten von den auswaͤrtigen Hoͤfen verbreiteten bald das vorherige duͤſtere Weſen am Hofe wieder; der Koͤnig verlor ſeine Heiterkeit von neuem und wurde noch niedergeſchlagener, als je. Jedes Mal, daß ein hoher Poſten zu beſetzen, oder ein bedeutendes Amt zu vergeben war, vermehrten die Hoͤflinge ihre Beſuche bei mir. Ich hatte beſtaͤndig —— — 26— einen Haufen von Bittſtellern um mich. Da dem Markis von Saint⸗Couteſt die auswaͤrtigen Angelegenheiten uͤber⸗ tragen waren, ſo war dadurch der Geſandtſchaftspoſten in Holland erledigt. Man empfahl mir den Herrn von Bonac. Ich kannte ihn ſehr wenig, daher erkundigte ich mich nach ſeinen Talenten fuͤr Unterhandlungen, und in Folge der Darſtellung, die man mir davon machte, verwandte ich mich fuͤr ihn. Ich ſprach ſelbſt mit dem Koͤnige davon, der ihn ſogleich zu ſeinem Ge⸗ ſandten bei den General⸗Staaten ernannte. Weil indeß mehrere Herren vom Hofe nach dieſem Poſten ſtrebten, ſo machte ich mir eben ſo viele Feinde, als mit ihren Geſuchen abgewieſen wurden. Der Dienſt des Koͤnigs und des Staats beſtimmten mich fuͤr Herrn von Bo⸗ nac, der, wie man ſagte, die erforderlichen Eigenſchaften beſaß, um Frankreich Ehre zu machen, Der Prinz von Soubiſe ſagte, daß von allen Ge⸗ ſandtſchaftspoſten in Europa der bei den ſieben Pro⸗ vinzen der ſchwierigſte ſey, weil man an andern Hoͤfen mit großmuͤthigen Fuͤrſten verhandle, die zuweilen ihren Vortheil bei Seite ſetzten, wogegen man in Holland mit Kaufleuten unterhandle, die niemals ihren Vortheil aus den Augen verloͤren. Die Lage Hollands, fuͤgte er hinzu, waͤre ſo, daß es bei einem Kriege zwiſchen Frank⸗ reich und England von beiden Theilen Nutzen ziehen koͤnnte. Es ſey daher dem, der mit den Hollaͤndern unterhandle, eine große Geſchicklichkeit noͤthig, um ſie zu einer Erklaͤrung zu noͤthigen, ſobald man ihrer Huͤlfe beduͤrfe; und er habe eine große Gewandtheit noͤthig, — 27— um ſie in einer vollſtaͤndigen Partheiloſigkeit zu halten, wenn ihre Waffen ſchaden koͤnnten. Es war mir unbekannt, ob Herr von Bonac alle dieſe Eigenſchaften beſaß, denn am Hofe iſt alles ent⸗ ſtellt, und man kennt die Leute erſt dann, wenn man ſich ihrer bedient; dann aber iſt es zu ſpaͤt, ein Urtheil zu faͤllen, das von Nutzen ſeyn koͤnnte. Herr von Bo⸗ nac war Offizier, dies allein hatte mich anfaͤnglich uͤber ſeine Wahl unſchluͤſſig gemacht. Ich habe nie viel Vertrauen in die Unterhandlungen der Militairperſonen geſetzt; dieſe Leute haben ſelten Gewandtheit des Geiſtes und Biegſamkeit genug, um an fremden Hoͤfen Gluͤck zu machen, wir leben aber in dem Jahrhunderte kriege⸗ riſcher Miniſter. Ludwig XV. hat waͤhrend ſeiner Re⸗ gierung keine andere als ſolche angeſtellt; und vielleicht liegt darin die Urſache, weshalb unſere Angelegenheiten bei den auswaͤrtigen Hoͤfen nicht den Erfolg gehabt haben, den man haͤtte erwarten ſollen. Die Geiſtlichen, die das Geluͤbde der Armuth thun, aber begieriger nach Reichthuͤmern ſind, als die Welt⸗ leute, machten mir auch ſehr emſig ihre Aufwartung. Ihre Anzahl vergroͤßerte ſich bei mir in dem Verhaͤlt⸗ niſſe, als die Abteien und Bisthuͤmer erledigt wurden. Es gab eine Menge Bewerber um die Abtei von Anchin, aber der Koͤnig verfuͤgte daruͤber zu Gunſten des Cardinals von York, Bruders des Praͤtendenten, der durch den Genuß dieſer Pfruͤnde, verbunden mit dem Beſitze noch anderer, reicher als der wirkliche Beſitzer des Herzogthums York war. Dieſer Reichthum, deſſen in England die Soͤhne und Bruͤder des Koͤnigs nicht — 28— genießen, veranlaßte bei dieſer Gelegenheit einen Hof⸗ mann zu der Aeußerung: es ſey fuͤr den Cardinal von York ein Gluͤck, daß das Haus Stuart den großbritan⸗ niſchen Thron verloren habe, weil er ohne dies Ungluͤck ein armer engliſcher Buͤrger ſeyn wuͤrde, wogegen er nun ein reicher roͤmiſcher Fuͤrſt waͤre. Man beklagte ſich indeß daruͤber, daß der Koͤnig dieſe Pfruͤnde nicht einem Franzoſen verliehen haͤtte, der die Einkuͤnfte derſelben im Staate verzehren wuͤrde, ſtatt daß ſie in Folge jener Ernennung nach Italien gingen. Aber die, welche ſo ſprachen, wußten nicht, daß die Koͤnige, die die regierenden Familien bekriegen, denen, die nicht regieren, Unterſtuͤtzungen geben. Ueber⸗ dem war man dieſem ungluͤcklichen Hauſe Verbindlich⸗ keiten ſchuldig; denn Frankreich hatte in ſeinen Kriegen den Praͤtendenten erſcheinen und verſchwinden laſſen, wie man etwa einen Schauſpieler auf dem Theater auf⸗ und wieder davon abtreten laͤßt. In der Politik muß man die, welche man eine Rolle ſpielen laͤßt, bezahlen, und ich glaube an einem andern Orte bemerkt zu haben, daß Frankreich nie im Ernſte daran gedacht hat, den Praͤtendenten auf den engliſchen Thron zu ſetzen. Herr von Machault, Siegelbewahrer und General⸗ Controleur, der an der Wiederherſtellung der Finanzen arbeitete, machte nur langſame Fortſchritte. Der Koͤ⸗ nig, welcher ſich monatlich eine Nachweiſung der Schul⸗ den des Koͤnigreichs vorlegen ließ, fand ſie in dem naͤmlichen Zuſtande. Die Paͤchter der koͤniglichen Ein⸗ kuͤnfte beſaßen das geſammte Geld der Monarchie, wes⸗ — 29— 7 halb Herr von Machault zum Koͤnige ſagte: Sire, ich ſehe kein anderes Mittel, dem Schatze Gelder zu verſchaffen, als die Paͤchter der koͤniglichen Einkuͤnfte zu beſteuern. 4 Dieſer Vorſchlag des Miniſters ſtimmte vollkom⸗ men mit einer Darſtellung ohne Unterſchrift uͤberein, die mir zu jener Zeit in Verſailles in die Haͤnde gerieth, und die ich dem Koͤnige zu leſen gab. Sie war fol⸗ genden Inhalts: »Der gegenwaͤrtige Betrag des baaren Geldes im Staate belaͤuft ſich auf etwa eilf Millionen. Damit dieſe Summe dem Staatskoͤrper Leben gebe, iſt es er⸗ forderlich, daß ſie in einem richtigen Verhaͤltniſſe allent⸗ halben umlaufe. Aber es gehoͤrt viel dazu, ein ſolches Verhaͤltniß in Frankreich einzufuͤhren, wo, wie deutlich zu erweiſen iſt, zweihundert Privatperſonen im Beſitze der Haͤlfte des baaren Geldes des Reichs ſich befinden. Dieſe Perſonen ſind die Paͤchter der koͤniglichen Ein⸗ kuͤnfte; ihre Caſſe iſt die Staatscaſſe; ſie enthaͤlt das Vermoͤgen aller Unterthanen. Die Reichthuͤmer ver⸗ ſenken ſich in ihre Kiſten, wie in einen Abgrund.⸗ „»Als die Krone einer Geſellſchaft durch einen Ver⸗ trag die oͤffentlichen Einkuͤnfte abtrat, hat ſie nicht daran gedacht, das Verderben des Staats unterzeichnen zu wollen. Sie hat die Erhebung Beamten uͤberlaſſen, die durch ihre Thaͤtigkeit und Arbeit die Regierung be⸗ reichern, nicht aber arm machen ſollten. Dies war die Abſicht bei der Verpachtung der koͤniglichen Einkuͤnfte; aber aller Nutzen, der aus dieſem Plane entſprungen, iſt allein der Geſellſchaft zu Gute gekommen. Der Koͤ⸗ — 30— nig hat das Recht, Mißbraͤuche abzuſchaffen, und jeder Vertrag, der eine Verletzung enthaͤlt, iſt durch ſich ſelbſt unguͤltig.« »„Es iſt nicht die Rede davon, an die Verbeſſerung Statt gefundener Unordnungen, ſondern an die Abhuͤlfe der gegenwaͤrtigen Uebel zu denken. Ohne Anwendung von Strenge wird man nie das Ziel erreichen. Bei heftigen Krankheiten ſind gewaltſame Mittel nothwendig. Nur ein Mittel giebt es zur Wiederherſtellung des allgemeinen Umlaufs des Geldes, den die Monopolien der Geſellſchaft gehemmt haben. Dieſes Mittel beſteht in der Errichtung eines ſtrengen Gerichtes zur Unter⸗ ſuchung von Unterſchleifen, um von den Paͤchtern der koͤnigl. Einkuͤnfte Rechenſchaft uͤber ihre Pachten zu fordern, und um zu erfahren, mit welchem Rechte ſie die großten Reichthuͤmer beſitzen, deren Inhaber ſie ſind, damit ihnen ſelbige zum Vortheile der Krone entzogen werden koͤnnen, ſobald eine Verletzung oder ein Mono⸗ pol entdeckt wird.« »Um dem Geſchrei, das Geiz und ſchmutzige Hab⸗ ſucht gegen dieſe Einrichtung erheben koͤnnen, vorzubeu⸗ gen, muͤſſen folgende zwei unbeſtreitbare Grundſaͤtze auf⸗ geſtellt werden: 1) Daß die großen Vortheile der Paͤchter der koniglichen Einkuͤnfte, wenn ſie das Maas uͤberſchreiten, dieſen Namen verlieren und den von Mo⸗ nopolen annehmen, weil ſie der Abſicht des Fuͤrſten entgegen ſind, der ſich eines großen Vortheils aus irgend einer Abſicht weder hat berauben koͤnnen noch wollen; 2) daß ein Koͤnig, wenn es ſich um eine Verletzung in Betreff der oͤffentlichen Einkuͤnfte handelt, ſtets einem — 31— Minderjaͤhrigen gleich zu achten iſt; und daß alle Grundgeſetze ihn ermaͤchtigten, von einem fuͤr den Staat und ſeine Voͤlker laͤſtigen Vertrage abzugehen.⸗« »Um gerichtlich gegen die Finanzpaͤchter zu verfah⸗ ren, muß die Kammer Commiſſarien zur Unterſuchung der Buͤcher derſelben ernennen, die ihr nach einem dar⸗ aus gemachten Auszuge, von den Eigenmaͤchtigkeiten Bericht zu erſtatten haben, wodurch die Geſellſchaft die in ihrem Beſitze befindlichen großen Schaͤtze aufgehaͤuft hats. »Sodann muͤſſen jene Commiſſarien die jaͤhrlichen beſondern Vertheilungsrollen pruͤfen, um die Spur des baaren Geldes zu verfolgen, und endlich zu entdecken, wo daſſelbe ſich befindet.« »Wenn dieſes Geſchaͤft beendigt iſt, ſo muͤſſen ſaͤmmtliche Generalpaͤchter, einer nach dem andern, vor beſagtes Gericht gefordert werden, um von der Summe, die ſie ſich nach der erlangten Kenntniß zugeeignet ha⸗ ben, Rechenſchaft zu geben.⸗ »Man muß ihnen ſodann aufgeben, ſelbige nach einem Abzuge von ſechs vom Hundert, die ihnen als Zinſen fuͤr den geleiſteten Vorſchuß zuzubilligen ſind, zu erſtatten.« »Im Falle des Ungehorſams muͤſſen ſie verhaftet werden und es bis zur vollſtaͤndigen Auslieferung der ganzen Summe, ohne Abzug der Zinſen, bleiben.⸗ „Die Oberbeamten, als Direktoren, Buchhalter, Con⸗ troleure, muͤſſen dem Gerichte untergeordnet und, gleich den Generalpaͤchtern, zum Erſatzeangehalten werden.⸗ »Nur diejenigen, welche von der Geſellſchaft ge⸗ woͤhnliche Beſoldungen erhalten haben, ſind davon auszu⸗ nehmen.«ꝛc. „»Man kann im voraus berechnen, daß durch dieſes Mittel dreihundert Millionen in den koͤniglichen Schatz fließen werden, ohne dem Volke irgend ein neue Abgabe aufzuerlegen.« »Die Einſetzung eines ſolchen Gerichtes, um von den Finanzpaͤchtern Rechenſchaft zu fordern«, hieß es in dem Aufſatze,»iſt ſo wenig eine Verletzung des Voͤlker⸗ rechts, als ein Eingriff in die Freiheit der Staatsbuͤr⸗ ger. Fouquet, Generalintendant der Finanzen unter der vorigen Regierung, wurde von einer beſondern Commiſ⸗ ſion der ungeheuern Summen, die er ſich durch ſeine Eigenmaͤchtigkeiten zugeeignet hatte, fuͤr verluſtig er⸗ kannt.« ꝛc..8. Dieſer Vorſchlag blieb, ſo wie die meiſten derje⸗ nigen, welche ſeitdem in Betreff der Herſtellung der Finanzen erſchienen ſind, ohne Ausfuͤhrung. Man redet in Frankreich viel von der Abſchaffung der Finanzpaͤch⸗ ter, aber wenn man damit anfangen wlll, ſo findet ſich Niemand, der Hand anzulegen wagt; denn jene Leute beſitzen viel Geld, und Jedermann bedarf ihrer. Ich fragte eines Tages den Marſchall von Sachſen, der oft La Paupeliniere beſuchte, welche Eigenſchaften dieſer Paͤchter beſaͤße, die den Marſchall veranlaſſen koͤnnten, ihn zu beſuchen. Madame, antwortete dieſer, er hat eine fuͤr mich, die ich ganz vortrefflich finde; denn wenn ich hunderttauſend Livres noͤthig habe, ſo finde ich ſie in ſeinem Koffer, wogegen der General⸗Controleur, wenn ich mich an dieſen wende, mir erwiedert, daß er kein Geld habe. — 33— Ein Prinz von Gebluͤt ſagte, dieſe Leute waͤren eben dadurch, daß ſie dem Staate ſchaͤblich zu ſeyn ſchienen, nuͤtzlich, indem man ſeit ihrer Entſtehung wuͤßte, wo die Reichthuͤmer des Staates ſich befaͤnden, was man vorher durchaus nicht gewußt haͤtte. — Das Amt der Finanzpaͤchter kannte den Aufſatz, der gegen die Geſellſchaft gerichtet war, und verfertigte eine Gegenſchrift. Dieſe enthielt nichts als Worte. Beſonders wurde darin der Nutzen der Geſellſchaft ge⸗ ruͤhmt, welche der Regierung in Nothfäͤllen auf ein Mal bedeutende Summen liefern kann; aber es war dabei vergeſſen, daß dies Geld dem Staate gehoͤrt, und die Finanzpaͤchter nur den Vorſchuß deſſen halten, was von dem Volke erhoben werden ſoll. Herr von Belleisle, der dieſe Erwiederung las, ſagte zu mir:„Dieſe Leute, unter denen es viele kluge Maͤnner giebt, ſind ſo ſehr von ihrem Vortheile einge⸗ nommen, daß ſie, wenn von den Finanzen die Rede iſt, immer uͤbertreiben. Es iſt ein großer Fehler an den Finanz⸗Pachtcontracten, daß dadurch zu viel Geld in die Taſchen einer geringen Anzahl von Privatperſonen fließt.« Ich habe in Verſailles oft Sachwalter angetroffen, welche die Sache der Generalpaͤchter vertheidigten, aber nie habe ich Richter gefunden, die guͤnſtig fuͤr ſie ge⸗ ſtimmt geweſen waͤren. Mitten unter den innern Angelegenheiten, wel⸗ che die Verwaltung beſchaͤffgten, und den Koͤnig betruͤbten, beeiferten ſich tauſend Leute, um mir Denk⸗ ſchriften behuf Vervollkommnung der Kuͤnſte und Ver⸗ II. 3 ——————— mehrung der Manufakturen zuzuſtellen. Ich verſtand nichts davon, und bat einen Miniſter, der zuweilen mit dem Koͤnige arbeitete, mich von dem Vortheile zu un⸗ terrichten, der dem Staate aus jener ungeheuern Anzahl von Fabriken in Frankreich erwuͤchſe? »Dazu iſt eine ſehr weitlaͤuftige Auseinanderſetzung erforderlich, gnaͤdige Frau!« antwortete mir dieſer Staats⸗ mann;»man muß deshalb bis zu dem Jahrhundert Ludwigs XIV. zuruͤckgehen, ein Jahrhundert, in welchem viele Veraͤnderungen in Frankreich vorgingen, und das man das große nannte, weil es ſich gewaltige Stoͤße verſetzte.« „Dieſer Fuͤrſt, der allen Arten von Ehrgeiz hul⸗ digte, beſaß auch den, die Manufakturen zu vermehren. Sein Miniſter Colbert unterſtuͤtzte ſeine Plaͤne vollkom⸗ men; er brachte ſein Leben damit hin, Weberſtuͤhle zu errichten und die Kuͤnſte zu vermehren, und da er zur Ausfuͤhrung ſeines Planes viele Werkleute noͤthig hatte, ſo zog er fuͤnfmalhunderttauſend Arbeiter vom Lande, um den Gewerbfleiß der Staͤdte zu beguͤnſtigen. Nun aber blieben die Laͤndereien, denen es an Armen fehlte, unbebaut. Dieſer Miniſter ſah nicht ein, daß zur Ver⸗ mehrung der Form die Stooffe vervieffaͤltigt werden muͤßten. Der Koͤnig bemerkte es eben ſo wenig. Lud⸗ wig XIV. war nur mit dem Streben nach Herrſchaft beſchaͤftigt, und dieſe Leidenſchaft beguͤnſtigte die aller ſeiner Miniſter, welche dieſen Ehrgeiz mit ihm theilen wollten. c „»Das Reich fand ſich mit Weberſtuͤhlen bedeckt; es entſtand ein großer Luxus, als eine nothwendige — 35— Folge davon, und ſeitdem ſank Frankreich, dem ſein gluͤckliches Clima einen, dem aller andern europaͤiſchen Staaten uͤberlegenen Reichthum verleihen muͤßte, in Armuth.⸗« Colberts treu geblieben iſt, fortgefahren, die Kuͤnſte auf Koſten des Ackerbaues zu vermehren.« »Als Grund dazu giebt man an, daß dieſer Ge— werbsfleiß das Geld aller europaͤiſchen Staaten heran⸗ ziehe; aber Frankreich bemerkt nicht, daß es damit an⸗ faͤngt, ſich ſelbſt zu beſteuern, indem es die Erzeugung ſeiner Urſtoffe vermindert; ein Nachtheil, der mittel⸗ bar auf die Macht des Staats einwirkt, weil er die Fortſchritte der Bevoͤlkerung hemmt.« ꝛc. Herr von Belleisle theilte dieſe Meinung nicht; er behauptete, daß der Gewerbfleiß Allem abhelfen koͤnnte, ſelbſt dem Mangel an Erzeugniſſen; denn ſeiner Anſicht zufolge beſteht der Reichthum eines Staates in dem Umlaufe des Geldes, und er ſagte: die Kuͤnſte bewirk⸗ ten ſelbigen beſſer als der Ackerbau. Dieſe Behauptung war jedoch unrichtig. Große Oekonomen haben mir nachher bewieſen, daß die Erzeugniſſe des Erdbodens einen wirklichen Reichthum herbeifuͤhren, waͤhrend der Gewerbfleiß nur einen eingebildeten ſchafft. Dem mogte ſeyn wie ihm wollte, ich entſchloß mich, die Kuͤnſte zu beſchuͤtzen, und um die Manufakturen zu ermuthigen, verſchaffte ich einigen die zu ihrem Emporkommen noͤthi⸗ gen Gelder. Obgleich die Gewohnheit des Koͤnigs, mich zu be⸗ ſuchen, ganz Frankreich ſeine Neigung zu mir als ent⸗ 3* „Inzwiſchen hat das Miniſterium, das dem Plane ——— — 36— ſchieden erkennen ließ, ſo behielten die Frauen doch ſtets ein heimliches Verlangen darnach, mich bei dieſem Fuͤrſten auszuſtechen. Ludwig XV. fand immer einige derſelben im Hinterhalte. Er konnte die Treppen nicht hinab⸗ oder heraufſteigen, um ſich in ſein Zimmer zu begeben, ohne irgend einer Schoͤnheit zu begegnen. Die Pariſer Frauen, die ſonſt nur in die Oper und das Schauſpiel verliebt ſind, hatten ihre Liebe Verſailles zugewandt. Sie beſuchten dies Schloß ziemlich regel⸗ maͤßig. 4 Der von Ludwig XIV. eingefuͤhrte Gebrauch, wel⸗ cher ſeit ſeinem Tode beinahe abgeſchafft war, naͤmlich ſich an ihn ſelbſt zu wenden, wenn man bei Hofe etwas zu ſuchen hatte, wurde wieder hergeſtellt. Mehrere ſchoͤne Bittſtellerinnen wandten ſich an Ludwig XV. Ihre Augen forderten noch mehr als ihre Vorſtellungen. Ludwig erhoͤrte ihre Bitten, und gewaͤhrte ihnen oft das, was ſie begehrten. Er theilte mir alle dieſe Aben⸗ theuer mit, und dies Vertrauen ließ mich ſie erdulden. Ich haͤtte geglaubt, daß meine Gunſt zu Ende gegan⸗ gen waͤre, wenn er ſie mir verheimlicht haͤtte. Ich habe ſchon geſagt, daß, da ich ſeinem Charakter keine Be⸗ ſtaͤndigkeit hatte geben koͤnnen, ich genoͤthigt war, ihn ſeiner Neigung zu uͤberlaſſen. Seine Untreue vermin⸗ derte meinen Einfluß auf ihn nicht. Ich herrſchte in Verſailles ſelbſt mitten unter den Urſachen, die mein Reich haͤtten zerſtoͤren muͤſſen. Durch einen, dem menſchlichen Herzen eigenen Widerſpruch mit ſich ſelbſt, machte ihn ſeine Unbeſtaͤndigkeit nur deſto beſtaͤndiger gegen mich. Seine eigenen Vorwuͤrfe brachten ihn in — 37— meine Arme zuruͤck, denen er ſich nur entzog, um ſich wieder der Liebe und Reue zu uͤberlaſſen. Was mich beruhigte, war, daß ich unter allen den Frauen, von denen ich wußte, daß er ſie ſah, nicht Eine bemerkte, welche die erforderlichen Eigenſchaften beſaß, ihn mir abwendig zu machen. Die meiſten waren ſchoͤn, aber es fehlte ihnen die Annehmlichkeit des Gei⸗ ſtes, ohne welche ein ſchoͤnes Geſicht nichts iſt. Alle waren begierig, am Hofe zu herrſchen, die erſten Staats⸗ aͤmter zu vergeben, und die Gunſt des Fuͤrſten zu er⸗ langen; und ſie gebrauchten nur ein Mittel dazu, naͤmlich ſeinem wolluͤſtigen Anſinnen Gehoͤr zu geben; ein unfehlbares Mittel, nicht zu ihrem Zwecke zu ge⸗ langen. Eine andere Angelegenheit beſchaͤftigte ploͤtzlich den Hof. Es kam in Frage, die Ruhe Italiens, eines un⸗ ruhigen Landes, in dem immer zuerſt die Kriegswolken aufſteigen, zu ſichern. Alle zwiſchen den Regenten ſeit Carl dem Großen geſchloſſenen Vertraͤge haben ihm keinen feſten Beſtand gewaͤhren koͤnnen, weil es das gluͤcklichſte Gebiet der Erde, aber das ſchwaͤchſte in Eu⸗ ropa iſt. Der Marſchall von Sachſen hatte vor ſeinem Tode geſagt, daß, wenn Frankreich Italien einen dauerhaften Frieden verſchaffen koͤnnte, ſeine Bevoͤlkerung bluͤhender werden wuͤrde. Dieſer Feldherr hatte bewieſen, daß ſeit zwei Jahrhunderten mehr Franzoſen in Italien ge⸗ blieben, als in allen uͤbrigen europaͤiſchen Kriegen um⸗ gekommen waͤren. Spaͤterhin habe ich von einem andern General gehoͤrt, daß nicht das Geſchuͤtz die Soldaten daſelbſt toͤdte. Sie ſterben in dieſem Lande vor Hitze und an den Folgen der Wolluſt, zwei tauſendmal gefaͤhrlichere Feinde als die anſtrengenden Arbeiten des Nordens. Ludwig XV. fand bei dieſer Ruheſtiftung Vortheil. Er heaͤtte ſich dadurch der Herzoͤge von Savoyen, die bei der erſten Streitigkeit in Europa immer bereit ſind, deutſche Truppen nach Italien zu ziehen und ſelbſt in die Dauphine einzufallen, verſichert. Neapel, Parma und Piacenza, von Fuͤrſten aus dem Hauſe Bourbon beherrſcht, haͤtten einer dauerhaften Ruhe genoſſen, aber die Unterhandlung war ohne Erfolg. Als die Zuſammenkuͤnfte wegen dieſer Angelege heiten eroͤffnet wurden, ſagte Herr von Belleisle zum Koͤnige:»Sire, wir koͤnnen wohl einen Plan, Italien einen dauerhaften Frieden zu geben, entwerfen; ich ver⸗ ſichere Ew. Majeſtaͤt jedoch im voraus, daß die Unter⸗ handlung nur mit dem Ende der Welt aufhoͤren wird.« Der Prinz von Conti ſagte in dieſer Hinſicht, „daß, wenn ein Koͤnig von Frankreich den Kriegen in Italien vorbeugen wollte, die Italiener ſich dem wider⸗ ſetzen wuͤrden. Dieſes Land, das an ſich arm an Sil⸗ ber iſt, bedarf fremder Armeen, deren Kriegscaſſen ſei⸗ nem Mangel an haarem Gelde abhelfen koͤnnen.- Eben das hat man auch von Deutſchland geſagt. Man legte dem Koͤnige eine Ueberſicht ſeiner See⸗ macht vor: ſie belief ſich auf fuͤnfzig große Schiffe und zwanzig Fregatten. Ich erinnere mich, daß damals ein geiſtreicher Mann ſagte, wir haͤtten zwar eine Marine, aber keine Seeleute, das heißt, wir haͤtten die Haͤlfte von dem, was zur Bildung einer Flotte erforderlich iſt. Um dieſer einen Haͤlfte willen, die bald darauf fuͤr Frankreich unnuͤtz war, hatte Herr von Rouillé ſich ſo viel Muͤhe gegeben. Der Graf von Maurepas ſagte im Hintergrunde ſeines Exils:»Ich kenne meinen Nachfolger, er wird ſo lange arbeiten bis er das franzoͤſiſche Seeweſen zu Grunde gerichtet hat.« Die, welche am Hofe uͤber das Schickſal der ober⸗ ſten Verwaltungsbehoͤrden abſprechen, behaupten, daß die Verwaltung des Seeweſens nicht von dem damit be⸗ auftragten Miniſter abhaͤnge, ſondern daß es Haupt⸗ urſachen gaͤbe, die ſich ſeinem Fortſchreiten entgegenſetz⸗ ten. Sie behaupten, daß Frankreich die Leitung der Angelegenheiten auf dem Lande zuſtaͤnde, die auf dem Meere aber England betraͤfen. Indeß ſagte mir eines Tages ein Hofmenn; zu Verſailles, es waͤre nicht unmoͤglich, daß Frankreich ein Seeweſen bilde, zu dem Ende muͤßte aber das Staats⸗ ſyſtem geaͤndert und die Monarchie geſtuͤrzt werden. Außer jener Flotte, verſicherte der Miniſter Lud⸗ wig XV., befaͤnde ſich noch eine andere auf den Werf⸗ ten, und ebenfalls bereit, vom Stapel gelaſſen zu werden. Das Volk, das immer durch Zubereitungen ge⸗ taͤuſcht werden muß, war mit denen, die man hinſichlich des Seeweſens machte, zufrieden; aber die Politiker, und die, welche Englands Huͤlfsquellen in Anſchlag brachten, waren es nicht. — 410— Waͤhrend man Mittel zur Schiffahrt herbeizuſchaf⸗ fen bemuͤht war, legte ein Projectenmacher dem Koͤnige einen Plan zur Schiffbarmachung Frankreichs war. Es war davon die Rede, die beiden Meere mittelſt zweier Fluͤſſe mit einander in Verbindung zu ſetzen. Dieſer Mann hatte ſich zuerſt an mich gewandt, ich wies ihn jedoch an den Herrn von Belleisle, der eine ſolche Ver⸗ bindung ſehr nuͤtzlich fuͤr den Staat fand. Aber meh⸗ rere Staatsmaͤnner urtheilten anders daruͤber. Sie ſagten, daß dieſe Verbindung die Schiffahrt abkuͤrzen wuͤrde, die man doch befoͤrdern muͤßte. Man berief ſich auf England, das, obgleich es die Fahrten ſeiner See⸗ transporte abkuͤrzen koͤnnte, ſie im Gegentheile zu ver⸗ laͤngern ſuchte. Vielleicht waͤre ein ſolches Verfahren von Seiten Englands ſehr vortheilhaft fuͤr daſſelbe, wo⸗ gegen es fuͤr Frankreich, wenn es ſeinem Beiſpiele fhl⸗ gen wollte, von Nachtheil ſeyn koͤnnte. Ich erwaͤhne dieſer Umſtaͤnde, weil ſie unter meinen Augen Statt gefunden haben, und der Koͤnig mir die Gnade erzeigte, meine Meinung daruͤber zu fordern. Die Plaͤne, die man der Regierung, waͤhrend meines⸗ Aufenthaltes am Hofe, vorlegte und welche nicht gus⸗ gefuͤhrt wurden, uͤbergehe ich mit Stillſchweigen. Als der Koͤnig mich von dem am 4. Februar 1752 erfolgten Ableben des Herzogs von Orleans, erſten Prin⸗ zen vom Gebluͤte, benachrichtigte, ſchien er davon ſehr ergriffen zu ſeyn. Ludwig XV. wurde von fruͤhzeitigen Todesfaͤllen ſehr erſchuͤttert. Philipp von Orleans en⸗ digte ſeine Laufbahn in dem Alter, wo die meiſten Menſchen die ihrige erſt beginnen. Dieſer Prinz lieferte — 41— ein Beiſpiel von der Verſchiedenheit, die ſo oft zwiſchen dem Charakter eines Vaters und dem ſeines Sohnes Staat findet.. Er beſaß nicht eine von den Neigungen des Re⸗ genten. Er hatte ſeine Tage mit Beten und Almoſenſpen⸗ den hingebracht. Jeder Tag ſeines Lebens war durch eine chriſtliche Handlung bezeichnet. Mitten unter Ver⸗ gnuͤgungen erzogen, hatte er ſie doch ſelbſt in dem Alter geflohen, wo die Leidenſchaften nichts als Befriedigung ſuchen, und es ſo ſchwer iſt, ihnen zu widerſtehen. Der Pfarrer St. Sulpice ſagte:»daß er, falls er Papſt waͤre, den Herzog von Orleans heilig ſprechen wuͤrde, wenn er auch nur die einzige Tugend, dem Beiſpiele des Palaisroyal widerſtanden zu haben, beſeſſen haͤtte.« Es iſt hinlaͤnglich bekannt, daß das Haus des Regenten kein Muſter chriſtlicher Tugenden geweſen iſt. Der Cardinal Dubois, welcher mit den Menſchen, der Po⸗ litik und der Religion ſein Spiel trieb, hatte es zu einem Aufenthalt des Laſters und der Ausſchweifung gemacht.. Aber der Herzog von Orleans, von dem hier die Rede iſt, beſaß nur ſolche Eigenſchaften, die im Him⸗ mel zur Ehre gereichen, und nicht jene, welche dazu dienen, die großen Füͤrſten auf Erden zu bezeichnen. Sein Haus, von dem er allen koͤniglichen Glanz entfernt hatte, glich einem Kloſter, deſſen Vorſteher er war. Er unterhielt eine unendliche Menge Menſchen durch Almoſen, welche, da ſie nichts zu thun hatten, als dieſe zu empfangen, ſich dem Muͤßiggange und der Weichlichkeit uͤberließen. Seine uͤbertriebene Froͤmmig⸗ „ 4 1 — 42— keit hatte ihn bewogen, ſich von allen Regierungsge⸗ ſchaͤften zu entfernen, und den Staat zu einer Zeit, wo er der Huͤlfe am meiſten bedurfte, ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen. Man weiß, daß die Prinzen vom Gebluͤt, welche ein wachſames Ange auf die Regierung haben, die Miniſter im Zaume halten, und ſie an Unrechtfertig⸗ keiten hindern. Aber es iſt das Schickſal der franzoͤſi⸗ ſchen Monarchie, daß die Großen ſich entweder der Ausſchweifung ergeben, oder Einſiedler werden. Der Tod der Prinzeſſin Henriette, der dem des Herzogs von Orleans unvermuthet folgte, verſetzte den Hof in Trauer und das Herz des Koͤnigs in Betruͤb⸗ niß. Dieſe Prinzeſſin beſaß jene Eigenſchaften, welche die Großen beliebt machen; von Natur ſanft und leut⸗ ſelig, erwarb ſie ſich die Liebe aller, die in ihre Naͤhe kamen. Ein gutes Herz, eine zaͤrtliche und mitleidige Seele bildeten hauptſaͤchlich ihren Charakter; das Volk von Paris beweinte ſie nicht genug; die Pariſer bewah⸗ ren ihre ganze Liebe fuͤr ihren Koͤnig, fuͤr die uͤbrige koͤnigliche Familie behalten ſie dann nichts davon zuruͤck. Ein Fremder, der den Geiſt unſerer Nation kannte, ſagte zu mir:»daß, wenn der Kronprinz Frankreich vor ſeiner Thronbeſteigung entriſſen wuͤrde, Niemand ihn bedauerte; wenn er aber ſechs Monate nach Erlan⸗ gung der Krone ſtuͤrbe, Jedermann ihn beweinen wuͤrde. Er fuͤgte hinzu, daß man in Frankreich nicht die Per⸗ ſon, ſondern den Namen des Koͤni gs betrauerte.« Der Tod der Prinzeſſin Henriette ließ mich in Ludwig XV. die Eigenſchaften eines guten Vaters ent⸗ — 43— decken. Er vergoß Thraͤnen und wurde trauriger, als es ihm ſelbſt ſein Temperament geſtattete. Ich wandte alle meine gewoͤhnliche Sorgfalt an, um ſeinen Kum⸗ mer zu zerſtreuen, aber er entging dieſem Zuſtande erſt, nachdem ſein Schmerz ihn der Natur allen Zoll hatte entrichten laſſen. Die Schriftſtellerei fing an, dem Koͤnige und dem Hofe Unruhe zu machen. Der Geheimerath wurde un⸗ terrichtet, daß in Paris ein großes Werk, unter dem Titel der Encyklopaͤdie, gedruckt wuͤrde. Dies war ein, aus allen Woͤrterbuͤchern der ganzen Welt zuſammenge⸗ tragenes Werk, dem die Bearbeiter Betrachtungen hin⸗ zufuͤgten, die ſowohl in Hinſicht der Religion als der Politik verdaͤchtig waren. Dieſe zuſammengehaͤuften Saͤtze gaben keine Anleitung zum Denken, wohl aber zum Zweifeln. Ein Gelehrter ſagte mir damals, die Encyklopaͤdie ſchaffe weiter keinen Nutzen, als den Staat mit Unwiſſenden anzufuͤllen, und den Geiſt der Gelehr⸗ ten zu verderben. Der Hof war hinſichts der Schriften, welche dar⸗ auf abzweckten, den Materialismus einzufuͤhren, ſehr empfindlich, und man beſchuldigte gerade dieſe, daß ſie denſelben beguͤnſtige. Der Koͤnig befahl daher die Un⸗ terdruͤckung der beiden erſten Baͤnde dieſes Werks. Die Verfuͤgung, welche dieſe Maßregel enthielt, verurtheilte die Buchhaͤndler, die ſie verkaufen wuͤrden, zu einer be⸗ deutenden Geldſtrafe. Dieſes Verbot gab zu einem Aufſatze ohne Unter⸗ ſchrift Veranlaſſung, der mir voll richtiger Anſichten zu ſeyn ſchien, und folgendermaßen lautete: 1 ——— »Die Regierung hat eine Behoͤrde errichtet, um die Erzeugniſſe des Geiſtes zu pruͤfen. Dieſelbe beſteht aus einem Miniſter und vierundzwanzig koͤniglichen Cenſo⸗ ren, deren einziges Geſchaͤft die Pruͤfung der zum Drucke beſtimmten Handſchrift iſt.« »Ein Werk, das der Unterſuchung dieſer Behoͤrde unterworfen wird, befindet ſich unter dem Schutze der Regierung. Der Verfaſſer hat alles gethan, was die Geſetze von ihm verlangten. Er iſt fuͤr die Folgen, die aus der Bekanntmachung ſeines Buches entſtehen koͤn⸗ nen, nicht mehr verantwortlich. Jener Miniſter des Buchhandels iſt es, der dafuͤr einſtehen, und die Strafe erleiden muß, welcher den Verfaſſer treffen wuͤrde, wenn er es haͤtte heimlich drucken laſſen. Indeß geſchieht es taͤglich, daß ein Buch von jener Behoͤrde genehmigt und dann von der Regirrung verworfen wird. Man verfolgt den Verfaſſer deſſelben, und beſtraft ihn, als wenn er ſich ſeiner Behoͤrde entzogen haͤtte. Das Par⸗ lament ſtellt eine Unterſuchung deshalb an, das Buch wird verbrannt, und der Verfaſſer in die Baſtille ge⸗ ſchickt. Was koͤnnte man ihm aͤrger thun, wenn er die, in dieſer Hinſicht erlaſſenen Verordnungen uͤbertre⸗ ten haͤtte? „»Bei dem Gerichte uͤber die Schriftſtellerei herrſcht ein Fehler, welcher beſtaͤndig Unruhe und Uneinigkeit in der gelehrten Welt verurſachen wird. Der Miniſter, der jener Behoͤrde vorſteht, hat weder Faͤhigkeit noch Muße, alle die Handſchriften, welche gedruckt werden ſollen, zu leſen und zu beurtheilen; er ſchickt ſie den — 45— Cenſoren zu, die eben ſo wenig Zeit und Einſicht dazu haben, als er.⸗ 1 »Oft ſind es abſtrakte Gegenſtaͤnde, die des Einen und des Andern Beurtheilungskraft uͤberſteigen; dann leſen die Cenſoren ſie, ohne ihren Zuſammenhang zu faſſen, und unterzeichnen ſie, ohne ſie zu verſtehen. Sie ertheilen jedoch ihre Genehmigung, dann wird das Werk gedruckt, das Buch erſcheint, und das Verfahren faͤngt da an, wo es haͤtte aufhoͤren ſollen.⸗ »Das Uebel wuͤrde nicht von Bedeutung ſeyn, wenn mit dem Erkenntniſſe gegen den Verfaſſer der Streit abgemacht waͤre; aber faſt immer nimmt das Publi⸗ kum Theil daran. Diejenigen Grundſaͤtze, die das Buch enthaͤlt, bringen es zu Anſehen, und je mehr ſie ver⸗ dammt werden, deſto groͤßer wird der Ruf des Buches⸗ Man mag es ſo ſtrenge verbieten, die Auflagen ver⸗ mehren ſich in dem Maße, als ſie unterſagt werden; denn es genuͤgt faſt immer, daß ein Buch verboten wird, um es in Aufnahme zu bringen. So manches Werk, das verachtet worden waͤre, wenn man keine Kenntniß davon genommen haͤtte, erlangt blos dadurch eine Bedeutſamkeit, weil es von der Regierung verbo⸗ ten iſt.⸗ »Aus dieſer Quelle iſt eine Menge von Uneinig⸗ keiten entſtanden, welche den Staat in groͤßeres Ungluͤck geſtuͤrzt haben, als ihm je durch die buͤrgerlichen Kriege verurſacht wird.⸗ »Unſtatt denjenigen, der ein verdaͤchtiges Buch ge⸗ ſchrieben hat, zu zuͤchtigen, muͤßte man den Miniſter, der den Druck deſſelben geſtattet hat, beſtrafen. Erſte⸗ — 46— rer hat ſeine Schrift der Polizei vorgelegt, welche dazu eingeſetzt iſt, die Bekanntmachung gefaͤhrlicher Werke zu verhuͤten; der Andere aber hat es zu Tage gefoͤrdert. Jener hat nur gegen ſich ſelbſt, dieſer jedoch Degen den Staat geſuͤndigt ꝛc.« Der Koͤnig ließ dieſen Aufſatz pruͤfen; man fünd die darin enthaltenen Anſichten gegruͤndet, aber man ließ es bei der Billigung derſelben bewenden, wie es mit einer unendlichen Menge anderer uͤber die verſchie⸗ denen Verwaltungszweige geſchieht, deren Nuͤtlichkeit man zwar anerkennt, die man aber nie zur Ausfuͤhrung bringt. 8 Ich habe waͤhrend meines Aufenthaltes zu Ver⸗ ſailles die Erfahrung gemacht, daß nicht die nuͤtzlichſten, ſondern die am meiſten in Schutz denymmenen Plaͤne, Gluͤck machen. Ein Mann von vielem Verſtande ſagte mir ruͤck⸗ ſichtlich des Letzteren:»Die zu große Strenge der Re⸗ gierung gegen die Geiſtesprodukte, fuͤhre einen großen Nachtheil fuͤr Erſtere herbei; die Buchdruckerei in Frank⸗ reich iſt ein weit umfaſſendes Gewerbe geworden, das eine Menge anderer Perſonen beguͤnſtigt, welche die Quelle des Gewerbfleißes ſind; daß dieſes Gewerbe einen wichtigen Theil des Handels bilde, deſſen Unter⸗ druͤckung den Umlauf des Geldes ſehr hemmen wuͤrde; daß, wenn man dieſes Gewerbe verringern, eine Menge anderer, auf den Buchhandel gegruͤndeter, abgeſchafft werden muͤſſe; daß Frankreich dadurch einen großen Verluſt erleiden werde, den ſich die benachbarten Staa⸗ ten zu Nutze machen wuͤrden; daß insbeſondere Holland, — 47— welches auf jede Art des Gewerbfleißes begierig ſey, ſich des in Rede ſtehenden bemaͤchtigen wuͤrde.« Er ſagte ferner:„daß, nachdem der Cardinal von Fleury den Druck von Romanen im Koͤnigreiche verbo⸗ ten gehabt habe; die ſieben vereinigten Provinzen dieſes Verbot dazu benutzt haͤtten, ihr Geſchaͤft zu vergroͤßern. Sie vermehrten die Zahl ihrer Preſſen bedeutend und uͤberſchwemmten die Monarchie mit eben dieſen verbo⸗ tenen Romanen; mithin verlor der Staat durch jenes Verbot dieſe Erwerbsquelle, ohne die Romane abzu⸗ ſchaffen.« Der Koͤnig, welcher unausgeſetzt fortfuhr mich zu beſuchen, hoͤrte auch nicht auf, andere Frauen bei ſich zu ſehen; aber er hielt ſich nur eine kurze Zeit bei ihnen auf, wie wir oben geſehen haben. Dieſe Frauen, ohne Geſchmack und Zartgefuͤhl, richteten ſich nach den Au⸗ genblicken, die er ihnen ſchenken konnte, und ſchaͤtzten ſich gluͤcklich, einige Stunden im Fluge bei dem Fuͤr⸗ ſten hinzubringen. Mit Ausnahme von zwei oder drei, welche den Plan hatten, mich zu verdraͤngen, und ſich der Guuſt Ludwigs XV. zu bemaͤchtigen, hatten die uͤbrigen keine eigentliche Abſicht. Das Vergnuͤgen, den Koͤnig zum Liebhaber zu beſitzen, galt ihnen fuͤr alles. Dieſer Gedanke, der ihre ganze Seele einnahm, ließ ihrem Ehrgeize keinen Raum; mithin waren ſie un⸗ ſchaͤdliche Nebenbuhlerinnen. Ich kannte den Koͤnig, der Genuß erregte immer Widerwillen bei ihm. Auf die Befriedigung der Geluͤſte ſelbſt folgte Verachtung, und dies haben alle Frauen zu erwarten, welche keine 4 —————— — 48— andern Mittel, als den Genuß anwenden, um die Maͤn⸗ ner zu feſſeln. Die Streitigkeiten der Geiſtlichen, welche ſich trotz der Sorgfalt des Hofes, ſie zu unterdruͤcken, erneuert hatten, ſetzten den Staat beſtaͤndig in Bewegung. Alle Praͤlaten, welche dem Hofe Unruhe verurſachten, verdankten ihr Gluͤck dem Koͤnige, und dies be⸗ truͤbte ihn am meiſten. Ludwig XV. hat mir oft ge⸗ ſagt, daß unter allen Laſtern die Undankbarkeit dasjenige ſey, welches ihm am mehrſten Kummer mache. Bei dieſer Zaͤnkerei geſchah dasjenige, was faſt immer geſchieht, wenn man uͤber den eigentlichen Ge⸗ genſtand hinausgeht. Anfaͤnglich war nur die Rede von einer Summe, die man der Geiſtlichkeit zur Be⸗ ſtreitung der gegenwaͤrtigen Beduͤrfniſſe abforderte; das Miniſterium richtete ſein Augenmerk aber weiter, und dachte uͤber die Unordnung nach, welche jene Koͤrper⸗ ſchaft in den Staatsfinanzen verurſachte. Es wurde berechnet, daß alle hundert Jahre eine betraͤchtliche Sum⸗ me fuͤr paͤpſtliche Bullen aus dem Lande ginge, und daß dieſer Schatz der Staatsverwaltung, welcher nach Italien floͤße, nicht nach Frankreich zuruͤckkehre; daß Rom, dem man viel Geld gaͤbe, dafuͤr nichts als Ab⸗ laß bewilligte. Sodann ging man zur Pruͤfung der Mitteln uͤber, die anzuwenden waͤren, um ſich dieſer geiſtlichen Herrſchaft, welche den weltlichen Staat zu Grunde richtet, zu entziehen. Aber nachdem alles wohl gepruͤft, uͤberſchlagen und berechnet war, ließ man die Sache beim Alten. 1 Der Ritter von Belleisle hatte mir ſchon fruͤher — 49— geſagt:»daß der Streit zwiſchen dem roͤmiſchen Hofe und dem von Verſailles ſchon ſeit einigen Jahrhunder⸗ ten beſtehe, und nicht eher endigen werde, bis ein Koͤ⸗ nig von Frankreich geboren wuͤrde, der eben ſo unter⸗ nehmend als Heinrich VIII. von England waͤre. Er ſagte ferner, daß das Miniſterium unter den Befugniſ⸗ ſen, die es habe vernichten wollen, ſchlecht gewaͤhlt haͤt⸗ te; daß man zwar Rom den Bannſtrahl entzogen, ihm jedoch die Macht, den Staat auszuſaugen, gelaſſen haͤtte, und daß es beſſer geweſen waͤre, ſich in den Bann thun, als in Armuth verſenken zu laſſen.« Die geſammte Geiſtlichkeit hatte nur den Hof be⸗ ſchaͤftigt; eines ihrer Mitglieder ſtoͤrte aber die Ruhe des Koͤnigs und des Staats. Der Erzbiſchof von Paris verbot, einem gewiſſen Abbe, welcher krank war, und das heilige Abendmahl verlangte, daſſelbe zu reichen. Man wollte, daß der ſchwache Abbe ſeinen Beichtvater nennte, und da man wußte, daß er ein Janſeniſt war, ſo ſchlug man ihm vor, die Conſtitution anzunehmen. Ich habe ſchon von dieſer Conſtitution, und von den Streitigkeiten, welche ſie in der Verwaltung erregt hatte, geredet. Der Abbe weigerte ſich hartnaͤckig, ſie anzunehmen, und der Erz⸗ biſchof beſtand darauf, daß ihm die letzte Oelung niiht gereicht werden ſollte. Ludwig XV. wurde von dieſem Streite, der in dem Koͤnigreiche ein Schisma herbeifuͤhren konnte, un⸗ terrichtet. Ih war Zeugin ſeines Schmerzes; ſeine Unruhe entſprang aus ſeiner Liebe. Er liebte ſeine Un⸗ terthanen, und ſah mit Kummer, daß ſie durch ſchola⸗ I. 4 5 — 50— ſtiſche Streitigkeiten des einzigen Troſtes beraubt wur⸗ den, der ihnen im Tode blieb. Die Prinzen des Bour⸗ bonſchen Hauſes haben immer mehr Gefuͤhl fuͤr Reli⸗ gions⸗ als fuͤr politiſche Angelegenheiten gehabt. Die Bulle Unigenitus hatte Ludwig XIV. das Leben gekoſtet; wenigſtens haben alte Hofleute mir ver⸗ ſichert, der Pater le Tellier haͤtte ſeine Lebenstage durch das viele Sprechen von der Conſtitution verkuͤrzt. Die Verweigerung der Sakramente war ein Gegenſtand der Staatspolizei, mithin hatte dieſe Spaltung in der kirch⸗ lichen Verwaltung das doppelte Unangenehme, daß ſie auch in der Staatsverwaltung eine ſolche hervorbringen konnte. Das Pariſer Parlament, welches, indem es jede Gelegenheit zur Abſtellung von Mißbräuchen ergreift, keine vorbeigehen laͤßt, ſeine Befugniſſe zu erweitern, ließ den Pfarrer, der kein anderes Verbrechen, als ſei⸗ nem Biſchofe gehorcht zu haben, begangen hatte, vor ſich laden. Es verurtheilte ihn zu einer Geldſtrafe, die man dem Praͤlaten haͤtte auferlegen muͤſſen, und unter⸗ ſagte ihm, ſeine Weigerung, bei Strafe des Verluſtes ſeines weltlichen Einkommens, zu wiederholen. Der Hauptpunkt war, zu wiſſen: ob der Pfarrer dem Par⸗ lamente oder ſeinem Biſchofe Gehorſam ſchuldig waͤre. Die Entſcheidung waͤre nicht ſchwierig geweſen, man moͤchte die kirchliche oder die weltliche Behoͤrde zum KRiicchter genommen haben; die Schwierigkeit beſtand aber darin, zu wiſſen, wer der zuſtaͤndige Richter in dieſer Angelegenheit ſey. Der Kirche die Entſcheidung uͤberlaſſen, hieß die weltliche Obrigkeit beeintraͤchtigen, und wenn man dem Parlamente das Recht zugeſtanden haͤtte, ſo wuͤrde man der kirchlichen Gewalt ihre Rechte entzogen haben. Ein noch groͤßerer Uehelſtand aber war es, daß der Koͤnig ſelbſt, nach der Meinung der Geiſt⸗ lichkeit nicht befugt war, Richter zu ernennen. Gewoͤhnlich beruft man ſich bei dieſer Art von Streitigkeiten auf ein National⸗Concilium, ein ſolches wird nie gehalten, und die Unordnung dauert beſtaͤndig fort. Der Koͤnig befahl, das Parlament ſollte ſich in dieſe Sache nicht einmiſchen, und das Parlament ent⸗ ſchied: es muͤßte dabei einſchreiten. Ludwig XV. hatte zwar bei der letzten Zaͤnkerei, wegen der Verwaltung des Hoſpitals, Feſtigkeit genug bewieſen, aber dieſe Be⸗ hoͤrde vergißt ſtets, daß ſie nachgegeben hat, um nur deſto entſchloſſener zu ſeyn. Der Koͤnig nahm es uͤber ſich, dem Kranken das Abendmahl reichen zu laſſen; dieſer Entſchluß war aber ebenfalls mit einer Schwie⸗ rigkeit verbunden; denn man mußte Prieſtern befehlen, und dieſe gehorchen nur ihren Biſchoͤfen. Das Parlament haͤtte ſeine Rechte zu verlieren ge⸗ glaubt, wenn es ſich nicht bei dieſer Gelegenheit dem Willen ſeines Gebieters widerſetzt haͤtte. Es erließ einen Befehl an die Pfarrer, welche Ludwig XV. nur zur Erfuͤllung ihrer Pflicht veranlaſſen wollte. Ohne dieſen Befehl waͤre die ganze Sache eingeſchlafen, wogegen nun viele andere Prieſter dadurch bewogen wurden, die Ausſpendung der Sakramente zu verweigern. Ich habe zu Verſailles oft ſagen hoͤren:»daß das Parlament dadurch, daß es die Mißbraͤuche abſtellen wolle, die Quelle einer großen Anzahl von Mißbraͤu⸗ 4*† — 52— chen werde.“ Ein Prinz vom Gebluͤt behauptete, das Parlament muͤßte abgeſchafft werden, wenn es nur dar⸗ auf ankaͤme, jenem zaͤnkiſchen und widerſetzlichen Geiſte vorzubeugen, den daſſelbe in dem Koͤnigreiche verbreitete. Aber diejenigen, die im Rufe einer richtigen Beurthei⸗ lung der Dinge ſtander, behaupteten: daß eben dieſer Geiſt der Widerſetzlichken gegen den Willen des Hofes den Staat erhalte. Ein Rath der großen Kammer ſagte eines Tages in meiner zegenwart zu einem Hofmanne, der ſich laut uͤber die dem Koͤnige wiederholt gemachten Vor⸗ ſtellungen bel zte:»Mein Herr, es kann ſeyn, daß wir in der Fo a fehlen, aber in der Sache ſelbſt koͤn⸗ nen mir nicht recht thun, weil wir jederzeit fuͤr die Rechte der Na n und das Gluͤck der Voͤlker ſtreiten. Als der Praͤſident von Meaupou einſt aus einer Audienz bei dem Koͤnige, wo er ſehr hart angelaſſen war, ſich hinwegbegab, ſagte er zu mir:»Geſtehen Sie, gnaͤdige Frau, daß mit unſerm Stande ein unangeneh⸗ mes Geſchick verknuͤpft iſt; man ſchmaͤlt beſtaͤndig mit uns, und laͤßt uns nie Gerechtigkeit widerfahren. Wenn man ſich indeß die Muͤhe geben wollte, die Sachen gruͤndlich zu unterſuchen, ſo wuͤrde man wahrnehmen, daß wir nichts dabei gewinnen koͤnnen, dem Fuͤrſten immer Vorſtellungen zu machen, und ihm unangenehme Dinge ſagen zu muͤſſen. Wenn wir an dem Gluͤcke der Voͤlker nicht ſo ſehr, als es geſchieht, Antheil naͤh⸗ men, ſo wuͤrden wir die Schmeichelei an die Stelle der Wahrheit ſetzen; wir wuͤrden Gnadenbezeigungen vom Hofe erhalten, ſtatt daß wir abſchlaͤgige Antworten — 53— bekommen.« Bei einer andern Reiſe, wo derſelbe Praͤ⸗ ſident nicht gnaͤdiger aufgenommen war, ſagte er, indem er von den Staatsraͤthen ſprach:»Es iſt zu verwun⸗ dern, daß aufgeklaͤrte Maͤnner nicht die Rechtlichkeit un⸗ ſerer Abſichten einſehen, und das Vorurtheil, das nur bei dem Volke Statt finden ſolle* denen anklebt, welche den Thron umgeben.« t Wie dem auch ſeyn mag, jen Leute machten mich verdruͤßlich, weil ſie dem Koͤnige boͤſe Laune verurſach⸗ ten und Ludwig XV. jedes Mal, ſo oft ſie ſich nach Ver⸗ ſailles begaben, um ihm Vorſtellungen zu machen, ern⸗ ſter als gewoͤhnlich war. Die Angelegenheit wegen der Beichtzettel blieb nicht ohne Folgen. Bis dahin hatten die Parlaments⸗ glieder als Redner geſprochen, jetzt naimen ſie den Ton von Predigern an. Ihre Vorſtellung an den Koͤnig glich einer Predigt. Es war darin die Rede von Kirchen⸗ meinungen, Lehrſaͤtzen, Glauben und dem Papſte. Wenn eine Geſellſchaft aus dem ihr angewieſenen Kreiſe heraus⸗ tritt, giebt ſie ſich dem Geſpoͤtte preis. Ein Spaßma⸗ cher am Hofe ſagte zum Koͤnige:»Sire, wir koͤnnen nun bei der hohen Kammer zur Kirche gehen; die Mit⸗ glieder Ihres Parlaments verſtehen es, zu predigen.⸗ Als dieſe Borſtellungen an Ludwig XV. gedruckt waren, wollte ſie Jedermann haben; aber ſie waren nicht fuͤr einen Jeden zu bekommen. Die Reden dieſer neuen Miſſionarien wurden theurer verkauft, als Bourdalou's Predigten, und ſtanden auch in groͤßerm Rufe. Ich theile ſie, aus Beſorgniß, daß dies gelehrte Machwerk fuͤr die Nachwelt verloren gehen koͤnnte, hier mit: — 54— „Sire« »Noch nie hat eine ſo wichtige Angelegenheit Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt Parlament zu den Stufen Allerhoͤchſt⸗ dero Thrones gefuͤhrt. Die Religion, der Staat, die Rechte Allerhoͤchſt Ihrer Krone ſind in gleichem Maaße bedroht. Ein unheilvolles Schisma, weniger furchtbar durch das Feuer der Uneinigkeit, das es unter Ihren Unterthanen anfacht, und durch die Streiche, welche es den Grundgeſetzen des Reichs verſetzt, als durch das Uebel, das es fuͤr die Religion herbeifuͤhrt, offenbart ſicht⸗ »Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt, betroffen uͤber die Unruhe, welche in Allerhoͤchſt Ihrem Reiche durch die Strei⸗ tigkeiten veranlaßt wurden, die taͤglich in Betreff der Bulle Unigenitus von Neuem entſtanden, haben zu allen Zeiten und mehr als je im Jahre 1731 die Noth⸗ wendigkeit gefuͤhlt, einer ſo gefaͤhrlichen, und dem ge⸗ meinſchaftlichen Wohle des Staates und der Religion ſo widerwaͤrtigen Uneinigkeit, ein Ziel zu ſetzen.⸗ »Wir bedienen uns der naͤmlichen Worte, in denen Allerhoͤchſt Sie ſich damals ausdruͤckten, als Sie Ih⸗ ren Allerhoͤchſten Willen verkuͤndigten. Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt unterſagten allen Ihren Unterthanen, wes Standes und Wuͤrden ſie ſeyn moͤchten, auf das Strengſte, irgend etwas zu thun oder zu ſchreiben, was dahin ab⸗ zweckte, die Streitigkeiten, welche hinſichtlich der Con⸗ ſtitution ſich erhoben hatten, zu unterhalten oder neue hervorzubringen. Allerhoͤchſt Sie verboten ihnen, ſich gegenſeitig durch die beleidigenden Ausdruͤcke: Neuerer, Ketzer, Schismatiker, Janſeniſten, Semi⸗Pelagianer, oder andere Partheinamen anzugreifen oder zu reizen, bei Strafe fuͤr die Entgegenhandelnden, daß wider ſie als Aufruͤhrer, Ungehorſame gegen Ihre Befehle, Volks⸗ verfuͤhrer und Stoͤrer der oͤffentlichen Ruhe, ver⸗ fahren werden ſollte. Endlich befahlen Allerhoͤchſt Sie allen Erzbiſchoͤfen und Biſchoͤfen, daß ein jeder in ſei⸗ nem Sprengel daruͤber wachen ſollte, daß Friede und Ruhe daſelbſt unverletzlich gehalten, und jene Streitig⸗ keiten durchaus nicht erneuert wuͤrden.⸗ »Wie ſehr waͤre es zu wuͤnſchen geweſen, Sire! daß ſo weiſen Befehlen die ſtrengſte Ausfuͤhrung gefolgt ſeyn moͤchte, und daß Allerhoͤchſt Sie Ihren raͤchenden Arm gegen diejenigen Geiſtlichen erhoben haͤtten, welche es wagten, Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt Trotz zu bieten, und ſich von dem, Allerhoͤchſt Ihrem ſchuldigen Ge⸗ horſame zu entfernen! Aber ſie haben es gewagt, und dieſes Verbrechen iſt unbeſtraft geblieben; ihr leidenſchaft⸗ licher Eifer hat keine Graͤnzen mehr gekannt, ſie haben diejenigen, welche nicht ihrer Meinung waren, fuͤr Aufruͤhrer gegen die Kirche, und als ſolche unwuͤrdig erklaͤrt, an ihren Wohlthaten Theil zu nehmen; und ſie haben ihnen auf eine unmenſchliche Weiſe die Sterbe⸗ Sakramente verweigert. Dieſe Mißbraͤuche haben taͤg⸗ lich zugenommen, und wie ſehr hat nicht die Religion dadurch gelitten!«. »Die Gottloſigkeit hat die Streitigkeiten, welche unter den Dienern der Religion herrſchten, dazu be⸗ nutzt, die Religion ſelbſt anzutaſten.« »Die Ungewißheit, welche ich daruͤber, worin der wahre Glauben beſteht, einſchlich, iſt das Mittel gewe⸗ ſen, deſſen ſich die Gottloſigkeit bedient hat, um den — 56— Geiſtern ihr toͤdtliches Gift mitzutheilen. Welchen Vor⸗ theil hat ſie nicht aus jenen betruͤbenden Vorfaͤllen ge⸗ zogen, wo man ſah, daß ehrwuͤrdige Prieſter, welche ihr Leben in der muͤhſeligen Ausuͤbung des Amtes, dem ſie ſich geweiht, hingebracht hatten; daß aufge⸗ klaͤrte Gottesgelehrte, noch ſchaͤtzbarer wegen ihrer Froͤm⸗ migkeit, als wegen ihrer Gelehrſamkeit; daß fromme Frauen, welche, in der tiefſten Abgeſchiedenheit, nur einzig mit Gott und ihrem Heile beſchaͤftigt, in den ſtrengſten Bußuͤbungen lebten; daß alle dieſe als wi⸗ derſpenſtig gegen die Kirche behandelt, und aller Wohl⸗ thaten, welche ſie ihren Kindern ſpendet, auf eine ſchmachvolle Weiſe beraubt wurden, ohne daß man erfahren konnte, welche von der Kirche als entſchieden angenommene Wahrheiten jene Kinder zu glauben, oder welche von der Kirche geaͤchtete Suithücher ſie zu ver⸗ dammen ſich weigerten.« „Der ſtolze Philoſoph, welcher aus thoͤrichter Ei⸗ ferſucht auf die Gottheit ſelbſt, die ihr dargebrachten Huldigungen mit Verdruß anſieht, hat geglaubt, daß der Augenblick gekommen ſey, mit ſeinem ſcheußlichen Syſteme des Unglaubens hervortreten zu koͤnnen.,« „»Dies im Publikum verbreitete Syſtem. hat un⸗ gluͤcklicherweiſe nur zu reißende Fortſchritte gemacht. Man hat ſich mit einer Menge Schriften, voll von jenen fluchwuͤrdigen Irrthuͤmern, uͤberſchwemmt geſehen, und um das Maaß des Ungluͤcks zu fuͤllen, haben ſie ſich unvermerkt in die Schulen eingeſchlichen, welche dazu beſtimmt ſind, berufsmaͤßige Vertheidiger des Glaubens und der Religion zu bilden. Seltſames Un⸗ 8 — 57— heil fuͤr einen allerchriſtlichſten Koͤnig! Die Irrthuͤmer dauern fort und ſind keinesweges gehoben: die vornehm⸗ ſten Diener der Religion beſchaͤftigten ſich nur damit, die Annahme einer Verordnung zu fordern, welche, ind em ſie nichts Beſtimmtes darbietet, die furchtſamen Gewiſſen wegen den Folgen, die man daraus gegen die reine Lehre ziehen kann, beunruhigt; und waͤhrend ſie diejenigen, mit der aͤußerſten Strenge verfolgen, welche aus einer Gewiſſenhaftigkeit, die, wenn ſie ſelbſt nicht einmal rechtmaͤßig, doch zu entſchuldigen waͤre, ſich zu unterſchreiben weigern, vernachlaͤſſigen ſie das Weſentliche und laſſen die Religion in ihren Grund⸗ feſten erſchuͤttern.« „Der Religionsſpoͤtter wird dadurch verwegener, die Frechheit erreicht den hoͤchſten Gipfel; und es war. unſerer Zeit vorbehalten, in der erſten Lehranſtalt der chriſtlichen Welt einen oͤffentlichen Satz vertheidigen zu ſehen, in welchem man alle falſchen Grundſaͤtze des Unglaubens als ein Syſtem aufſtellte.*)« »Ihr Parlament, Sire! das, ruͤckſichtlich der ihm von Ew. Koͤniglichen Majeſtaͤt angewieſenen Stellung, vorzuͤglich uͤber alles, was auf die Religion und den Staat Einfluß hat, wachen muß, hat ſich bei dem Anblicke eines ſolchen Aergerniſſes dagegen erhoben. Es hat die Glieder der Univerſitaͤt vor ſich gefordert. Die ⸗ Aufmerkſamkeit der Staatsbehoͤrde hat die Fakultaͤt zu ihrer Pflicht zuruͤckgefuͤhrt, ſie hat den Eifer der Prie⸗ ſter erweckt, und bald darauf ſind die Beurtheilungen *) Den Lehrſatz des Abbe de Pradt. 0 des aufgeſtellten Lehrſatzes, mit zerſchmetternden Bann⸗ fluͤhen gegen alle diejenigen erſchienen, welche die Frechheit gehabt haben, denſelben zu vertheidigen.*)⸗ 3»„Dies ſind die Wunden, welche das ſich erhebende Schisma, ſchon bei ſeinem Entſtehen der Religion ge⸗ ſchlagen hat. Was muß man nicht alles von dem fuͤrchten, was ſie in Zukunft leiden wird; und kann man ſeine Betrachtung darauf richten, ohne von Schmerz durchdrungen zu ſeyn? Sie wird bei Einigen ganz er⸗ loͤſchen, und wenn ſie ſich bei Andern erhaͤlt, ſo wird doch ihr Geiſt nicht mehr in ihnen bleiben.« „»Indem Haß, Feindſchaft und Verfolgungsſucht ſich ihrer Herzen bemaͤchtigen, werden jene goͤttlichen Eigen⸗ ſchaften der Einigkeit und der Liebe, welche die katholi⸗ ſche Kirche auszeichnen, nicht mehr zu erkennen, und die Religion wird faſt allgemein, entweder aus dem Geiſte oder aus dem Herzen vertilgt ſeyn.« »Aber Sire! wenn Ihr Parlament ſeine erſte Sorgfalt auf alles, was die Religion betrifft, zu richten verbunden iſt, ſo iſt daſſelbe, vermoͤge der Treue, welche es Allethoͤchſt Ihnen geſchworen hat, gleichermaßen ſchuldig, uͤber die Erhaltung jener erhabenen Grundſaͤtze zu wachen, welche das Weſen Allerhoͤchſt Ihrer unum⸗ ſchraͤnkten Gewalt begruͤnden.⸗ »Und wie ſollte daſſelbe ſich nicht mit aller Macht dem Fortſchreiten jenes, von einigen Dienern der Kirche *) Es war unbekannt, daß die Staatsbehörde zuerſt die Sorbonne zu ihrer Schuldigkeit zurückgerufen und den Eifer der Prieſter erweckt hatte, welche ruhig an der Seite des Wolfs ſchliefen. — 59— entworfenen Planes widerſetzen, die Conſtitution Uni⸗ genitus als Glaubensregel aufzuſtellen? So ſehr dieſes Unternehmen die Religion beeintraͤchtigt, eben ſo iſt es dem Grundſatze des Staatsrechts zuwider, welcher die Unabhaͤngigkeit Ihrer Macht begruͤndet. Als jene Bulle nach Frankreich kam, machte Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt Par⸗ lament Ludwig XIV. die ganze Gefahr bemerklich, wel⸗ che aus der darin enthaltenen Verdammung des Satzes uͤber den Kirchenbann zu fuͤrchten war.« »Die Folge wuͤrde ſeyn,« ſagten wir,»daß unge⸗ rechte Ausſchließungen aus der kirchlichen Gemeinſchaft, daß ſelbſt Androhungen eines ungerechten Tadels die Erfuͤllung der weſentlichſten und unerlaͤßlichſten Pflichten unterbrechen koͤnnten; und was wuͤrde daraus entſtehen! Die Freiheiten der gallikaniſchen Kirche, die Grundge⸗ ſetze des Reichs uͤber die Macht der Koͤnige, die Unab⸗ haͤngigkeit ihrer Krone, die Treue, welche ihnen ihre Unterthanen ſchuldig ſind, koͤnnten im Geiſte der Voͤl⸗ ker, durch den bloßen Eindruck, welchen eine, wenn gleich ungerechte Bedrohung mit dem Kirchenbanne auf ſie machen moͤchte, vernichtet oder wenigſtens eine Zeit lang unterdruͤckt werden.« „»Ludwig XIV. fuͤhlte die Wichtigkeit dieſer Be⸗ trachtungen. Die Bulle wurde nur mit ſolchen Ein⸗ ſchraͤnkungen angenommen, welche nicht ſowohl Ein⸗ ſchraͤnkungen, als vielmehr die unbedingte Beſtaͤtigkeit des verdammten Satzes ſind.« »Wie koͤnnen jene weiſen Vorſichtsmaßregeln, die Schutzwehr unſerer Freiheiten, welche von dem hochſeli⸗ gen Koͤnige fuͤr noͤthig erachtet, von Ew. Koͤnigl. Maje⸗ — 60— ſtaͤt bei allen Gelegenheiten beſtaͤtigt, mit Sorgfalt in Allerhoͤchſt Ihren Deklarationen behuf Beſtimmung der Kraft dieſer Bulle, wieder aufgenommen, den von den Biſchoͤfen in ihren Erklaͤrungen vom Jahre 1744 aus⸗ geſprochenen Meinungen angemeſſen, und durch die foͤrmliche Entſcheidung der Sorbonne, wie ſie ſolche durch ihren Syndikus feierlich abgegeben hat, bekraͤftigt ſind; wie koͤnnen dieſelben mit der erhabenen Eigenſchaft in Einklang gebracht werden, die man dieſer Bulle jetzt beilegen will, indem man ſie zu einer Glaubensvorſchrift erhebt?⸗ »Die Glaubenslehre iſt keiner Veraͤnderung faͤhig. Der Bulle die Eigenſchaften oder Wirkungen einer Glaubensvorſchrift beilegen, und aus dieſem Grunde ihre unumwundene und einfache Annahme verlangen, heißt alſo, nach einer nothwendigen Folgerung, die Ein⸗ ſchraͤnkungen, welche ihr beigefuͤgt waren, vernichten, die großen Grundſaͤulen Allerhoͤchſt Ihrer Unabhaͤngigkeit umſtuͤrzen, welche von keiner andern Macht, wer ſie auch ſeyn mag, eingeſchraͤnkt werden darf; es heißt eine Macht anerkennen laſſen, welche im Stande iſt, die Rechte Ihrer unumſchraͤnkten Gewalt zu vernichten oder zu ſchmaͤlern.« »Von dieſer Wahrheit durchdrungen haben Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt, ſo ſehr Sie Sich auch zu Gunſten der Bulle erklaͤrt haben, doch niemals geſtattet, daß ihr der Name einer Glaubensregel beigelegt worden. Alle jene Schriften, in denen man ſie Allerhoͤchſt Ihren Voͤlkern in dieſer Eigenſchaft verkuͤndigen wollte, ſind durch Urtheile, welche Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt ſelbſt er⸗ laſſen haben, geaͤchtet worden, als Allerhoͤchſt Ihr Par⸗ lament Ihnen im Jahre 1733 ſeine Unruhe uͤber das Betragen verſchiedener Geiſtlichen in mehreren Sprengeln bezeigte, welche der Bulle jenen Charakter beizulegen ſchienen. Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt machten demſelben Vorwuͤrfe daruͤber, daß es den Fall vorhergeſehen hatte, daß die geiſtliche Gewalt Saͤtze, welche den unverletzlich⸗ ſten Grundgeſetzen Frankreichs entgegen ſind, als Glau⸗ benslehre aufſtellen wollte.« » Ew. Koͤnigl. Majeſtät ſagten uns, daß ein ſol⸗ ches Unternehmen nicht weniger die Kirche Ihres Reichs als die buͤrgerlichen Behoͤrden empoͤren wuͤrde, und daß man durch die von den Biſchoͤfen im Jahre 1714 fuͤr die Erhaltung der Grundſaͤtze im Betreff des verdamm⸗ ten Satzes XCl. getroffenen Vorſichtsmaßregeln haͤtte beruhigt ſeyn ſollen.« „»Aber, Sire! wozu dienen dieſe von einigen Biſchoͤ⸗ fen Ihres Reichs getroffenen Maßregeln, wenn die uͤbrigen ihnen nicht beitreten, wenn ſie die einfache und unumwundene Annahme der Bulle verlangen, wenn ſie alle diejenigen, welche ſich ihr nicht ohne Einſchraͤnkung und Vorbehalt unterwerfen, fuͤr außer der Kirchenge⸗ meinſchaft erklaͤren, und ſie dieſelben, aus dieſem Grunde, von jeglicher Theilnahme an den Sakramenten ausſchlie⸗ ßen wollen?«. »In der That haben ſich nur wenige von ihnen offen erklaͤrt, indem ſie ſagen, daß die Conſtitution eine Glaubensregel ſey: aber ihr die Wirkungen einer Glau⸗ bensregel beilegen, heißt das nicht, ſie fuͤr eine ſolche Regel erklaͤren? In Betreff der Kirchenlehren kann nur der, welcher in einem Glaubenspunkte fehlt, von der Theilnahme an den Sakramenten der Kirche ausge⸗ ſchloſſen werden, dieſelben alſo Jemandem verweigern der ſich der Conſtitution nicht unterworfen hat, heißt, die Letztere fuͤr eine Glaubensregel halten.⸗ »Die in der Conſtitution ausgeſprochene Verdam⸗ mung des Satzes XCl. iſt offenbar den großen Grund⸗ ſaͤtzen des Koͤnigreichs entgegen, und mit deren Aufrecht⸗ haltung durchaus unvertraͤglich. Sehen alſo: daß Die⸗ ner der Kirche, daß Biſchoͤfe die Conſtitution fuͤr eine Glaubensregel halten, heißt, durch einen ungluͤcklichen Zufall, den Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt Herzensguͤte nicht hat vorausſetzen koͤnnen, ſehen, daß ſie Meinungen zu Glaubenslehren erheben wollen, welche den unverletzlich⸗ ſten Grundſaͤtzen Frankreichs entgegen ſind.⸗ „Vergebens betheuern ſie uns ihre Anhaͤnglichkeit an unſere Freiheiten. Ihr Betragen ſtraft die Aufrich⸗ tigkeit ihrer Worte Luͤgen. Oder, wenn ſie wirklich nur aus einem uͤbertriebenen Eifer fuͤr die Bulle han⸗. deln, ſo lehren ſie uns, wie gefaͤhrlich es iſt, daß ſie uͤber die Urſachen, welche von der Theilnahme an den Sakramenten ausſchließen koͤnnen, willkuͤhrlich entſchei⸗ den duͤrfen. Ihr vorgeblicher Eifer wird zu einer blin⸗ den Leidenſchaft, ihr Vorurtheil verſchließt ihnen die Augen gegen die Folgen ihres Betragens. Wir duͤrfen hinzuſetzen, daß, wenn dieſe unerlaubte Herrſchaft erſt„ einmal eingeführt iſt, man ſie bald durch einen noch groͤßern Mißbrauch, wenn es moͤglich waͤre, ſich auch auf Gegenſtaͤnde erſtrecken ſehen wuͤrde, welche den Kirchenlehren durchaus fremd und rein weltlich ſind. Es wuͤrde nicht bloß davon, was das Gewiſſen betrifft, die Rede ſeyn; ſie wuͤrden ſich zu Schiedsrichtern uͤber den Staat uud das Vermoͤgen der Staatsbuͤrger auf⸗ werfen, und die Zulaſſung zu den Sakramenten von jeder ihnen beliebigen Bedingung abhaͤngig machen.« »Es ſind keine eiteln Beſorgniſſe, die uns beunru⸗ higen. Man weiß nur zu wohl, daß ſelbſt in dieſem Falle nichts die Hartnaͤckigkeit einer ungerechten Verwei⸗ gerung uͤberwinden koͤnnte, und daß weder die achtungs⸗ wertheſte Geburt, noch die reinſte, ſtandhafteſte und aus⸗ gezeichnetſte Tugend hinreichende Anſpruͤche darboͤten, um in der Todesſtunde jene heiligen Guͤter zu fordern, deren Verleihung nicht von menſchlichen Ruͤckſichten ab⸗ haͤngen kann, und welche von Rechtswegen allen Glaͤu⸗ bigen gebuͤhren*).« »Ihr Parlament, Sire! uͤber ſo viele Mißbraͤuche, welche taͤglich unter ſeinen Augen vorfallen, hoͤchlichſt erſtaunt, hat das Gefaͤhrliche derſelben noch mehr gefuͤhlt, nachdem daſſelbe wegen der abermaligen Verweigerung der Sakramente von Seiten des Pfarrers von St. Etienne duͤ Mont, zu dem Erzbiſchofe von Paris ge⸗ ſandt hatte, dieſer Praͤlat in ſeiner Antwort gebieteriſch erklaͤrt hat, daß ſolche nur anf ſeinen Befehl geſchehen ſey. Welche Betrachtungen uͤber dieſe Erklaͤrung draͤn⸗ *) Man hat in dieſem Gemälde deutlich den verſtorbenen Herzog von Orleans zu erkennen geglaubt, dem, wie man verſichert, der Erzbiſchof die Sakramente verweigert hatte. Wer würde, ſollte dies wahr ſeyn, ſich für wür⸗ dig halten, nach jener Gnade zu trachten? — 64— ſich dem Geiſte auf! Wir wollen ſie aus Nuͤckſichten zuruͤckhalten.« »Es iſt genug, hier anzufuͤhren, daß Allerhoͤchſt Ihr Parlament es fuͤr ſeine unerlaͤßliche Schuldigkeit gehalten hat, mit Strenge gegen jenen Pfarrer zu ver⸗ fahren, damit die untergeordneten Diener der Kirche er⸗ kennen, daß ſie, welche Befehle ſie auch von ihren Obern erhalten haben moͤgen, fuͤr die Ausfuͤhrung derſelben verantwortlich ſind, wenn ſolche Befehle die oͤffentliche Ruhe ſtoͤren„ und beſonders wenn ſie darauf abzwecken, ein Schisma einzufuͤhren oder zu veranlaſſen, auf deſſen Folgen man nur mit Schauder hinblicken kann.⸗ »Moͤge es uns erlaubt ſeyn, Sire! Sie allerun⸗ thaͤnigſt zu bitten, ſich die Vorſtellungen, welche Aller⸗ hoͤchſt Ihr Parlament im vorigen Jahre zu uͤberreichen die Ehre gehabt hat, vorlegen zu laſſen. Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt werden darin den Beweis finden, daß der Mangel eines Beichtzettels, welchen der Pfarrer von St. Etenne duͤ Mont als Grund ſeiner Weigerung angege⸗ ben hatte, keine gerechte Urſache ſeyn kann, einem Ster⸗ benden die letzte Oelung vorzuenthalten, und daß das Verlangen eines ſolchen Zettels nur ein eitler Vorwand iſt, deſſen man ſich bedient, um denen, welche man im Verdachte hat, daß ſie die Conſtitution nicht annehmen, die Sakramente zu verweigern.« »Erlauben Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt, daß wir Ihnen die Grundſaͤtze in das Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, welche in den, von Allerhoͤchſt Ihrem Parlamente Ihnen in den Jahren 1731 und 1733 uͤber die erſten Verweige⸗ rungen der Sakramente, welche zu ſeiner Kenntniß —— — —— — 65— kamen, gemachten Vorſtellungen enthalten ſind. Die Bulle Unigenitus iſt keine Glaubensregel. Die Kirche allein kann ihr dieſe erhabene Eigenſchaft beilegen, und die Kirche hat es nicht gethan. Dieſe Bulle iſt ſelbſt ſo beſchaffen, daß ſie keine Glaubensregel ſeyn kann. Sie bietet nichts Beſtimmtes dar. Die verſchiedenen Eigenſchaften, welche ſie den, von ihr verdammten Saͤ⸗ tzen beilegt, und dieſe Unbeſtimmtheit ſind durchaus da⸗ gegen, daß ſie je eine Glaubensvorſchrift ſeyn kann; jene Grundſaͤtze Frankreichs, auf denen unſere Freiheiten beruhen, wuͤrden bald vernichtet ſeyn⸗« »Werden Sie es dulden, Sire! daß bei der Gele⸗ genheit, wo man die Annahme dieſer Bulle fordert, die Flamme des Schisma ſich im Schooße Ihrer Staaten entzuͤnde? Nichts iſt ſo gefaͤhrlich fuͤr ein Reich, als Uneinigkeit in Religionsſachen. Sie wird noch unheil⸗ voller, wenn die Urſache ungerecht iſt. Laſſen Aller⸗ hoͤchſt Sie ſolche nicht in Ihr Koͤnigreich einfuͤhren, er⸗ ſticken Sie ſelbige im Entſtehen, und um dahin zu gelangen, laſſen Sie Allerhoͤchſt Ihre Parlamente ein⸗ ſchreiten. Dieſe allein koͤnnen durch eine thaͤtige Aus⸗ uͤbung ihres Berufs die Ruhe herſtellen. Jeden Augen⸗ blick kann der Sterbende ſeine Zuflucht zu der Gerichts⸗ behoͤrde nehmen, um die ihm auf eine unmenſchliche Weiſe vorenthaltenen Wohlthaten zu fordern.⸗ »Wenn Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt ſich vorbehalten, daruͤber zu wachen, ſo moͤgen Allerhoͤchſt Ihre Abſich⸗ ten, noch ſo wohlwollend ſeyn, die Entfernung der Drtſchaften, die Wichtigkeit Ihrer Beſchaͤftigungen, die II. 5 — 66— Schwierigkeit, zu den Stufen Allerhoͤchſt Ihres Thro⸗ nes zu gelangen, werden die Wirkung verhindern.⸗ „Die Unternehmungen, welche das Schisma be⸗ ſchleiern, koͤnnen weniger durch Strenge, als durch Schnelligkeit unterdruͤckt werden. Fuͤrchten Ew. Koͤnigl. Majeſtaͤt die Fortſchritte derſelben. Schon erheben ſich Prediger, welche die Gemuͤther aufzuregen ſuchen, und unſere Kirchen von ihren aufruͤhreriſchen Reden wider⸗ hallen laſſen. Wenn das Feuer um ſich greift ſo iſt zu befuͤrchten, daß der Brand ſich ſo weit ausdehne, daß alle Macht zu ſchwach iſt, ihm Einhalt zu thun.« „»Laſſen Sie uns aus der Geſchichte der vorigen Jahrhunderte, uns jener Geſellſchaftszettel, jener in den Beichtſtuͤhlen geforderten Erklaͤrungen, jener aͤrgerlichen Predigten, wodurch furchtſame Gewiſſen beunruhigt wurden, und jener blutigen Kriege erinnern, welche ſo weit getrieben wurden, daß ſie ſelbſt dieſen Thron er⸗ ſchuͤtterten.« „Bei dem Anblicke ſo großer Uebel von Furcht er⸗ griffen, werden wir nicht aufhoͤren Sire! uns gegen alles, was auf ein Schisma abzweckt, aufzulehnen, und wir werden fortfahren, Allerhoͤchſt Ihnen die ſchreckli⸗ chen Folgen deſſelben vorzuſtellen. Um uns zu verhin⸗ dern zu handeln, um unſere Stimme zu unterdruͤcken, muͤßten wir vernichtet werden. Und wenn es durch ein Ereigniß, das vorauszuſehen wir uns beinahe fuͤr ſtraf⸗ bar halten, es dahin kommen ſollte, daß unſer Behar⸗ ren in der Vertheidigung der Rechte Allerhoͤchſt Ihrer Krone, des Staates und der Religion, aus Ew. Koͤnigl. — 67— Majeſtaͤt Ungnade zuzoͤge, ſo wuͤrden wir nur ſeufzen, ohne unſer Verfahren zu aͤndern.« „Unfaͤhig, unſere Pflicht zu verrathen, wuͤrden wir Allerhoͤchſt Ihnen keine andere Huldigungen als unſere Thraͤnen darzubringen haben und erwarten, daß die Folgezeit Ihnen den Beweis lieferte, wie ſehr es Aller⸗ hoͤchſt Ihrem Vortheile entſpricht, daß Ihr Parlament ſich zu keiner Zeit von der unverbruͤchlichen Treue ent⸗ ferne, welche daſſelbe der Religion, dem Vaterlande und ſeinem Koͤnige ſchuldig iſt, und daß man in ſeinen Ar⸗ chiven eine ununterbrochene Ueberlieferung des Vefah⸗ rens und der Grundſätze finden koͤnne, welche die Ruhe Allerhoͤchſt Ihres Reiches und die Unabhaͤngigkeit Ihrer landesherrlichen Machtvollkommenheit ſichern.« »Dies ſind, Sire! die allerunterthaͤnigſten und ehr⸗ furchtsvollſten Vorſtellungen, welche Ew. Koͤnigl. Maje⸗ ſtaͤt die Mitglieder Allerhoͤchſt Ihres Parlamentes zu uͤberreichen die Ehre haben.« »Geſchehen im Parlamente den 13. April 1752. Unterzeichnet:t De Maupeou.⸗ Dieſer ſchoͤne, kraͤftig abgefaßte Vortrag war keine Friedensverkuͤndigung, ſondern im Gegentheile eine Kriegs⸗ Erklaͤrung. Anſcheinend durch die Forderungen der Staatspolizei und der oͤffentlichen Ruhe begruͤndet, war derſelbe doch einzig aus dem Partheigeiſte hervorgegangen. Das Parlament, faſt ganz aus Janſeniſten beſtehend, wollte die Raͤnke der Moliniſten vernichten. Jeder war nur auf ſeine ſpeciellen Vorurtheile bedacht, und Nie⸗ mand dachte an den Staat. 5*† — 68— Der Koͤnig erklaͤrte, in Erwiederung auf dieſe Vor⸗ ſtellungen, daß er die Beſtrafung der Prieſter, welche durch Verweigerung der Sakramente ein Aergerniß im Staate verurſachten, uͤbernehmen wollte, und unterſagte dem Parlamente, ſich in dieſe Sache einzumiſchen; aber dieſe Behoͤrde huͤtete ſich wohl, zu gehorchen. Im Gegentheil erließ dieſelbe eine ganz ausdruͤckliche Ver⸗ fuͤgung, worin den Prieſtern befohlen wurde, den Kran⸗ ken keine Beichtzettel abzufordern, und ihnen die Sa⸗ kramente zu reichen, ohne ſie deshalb zu befragen. Da man in den Befehlen gewoͤhnlich weiter geht, als man ſollte, ſo benutzte dieſe ploͤtzlich theologiſch gewordene Behoͤrde dieſe Gelegenheit, um den Predigern gewiſſe Ausdruͤcke zu verbieten, und die in ihren Predigten an⸗ zuwendenden Redensarten zu beſtimmen. Die Muͤſſiggaͤnger, welche ſich uͤber alles, auch uͤber die ernſthafteſten Sachen luſtig machen, zogen auch jenen Beſchluß ins Laͤcherliche. Die Spaßmacher zu Paris ſagten, das Parlament habe den Predigern die Naͤgel dermaßen beſchnitten, daß ſie kuͤnftig die Janſe⸗ niſten nicht mehr kratzen koͤnnten. Die Kranken, welche das Abendmahl genießen wollten, kauften eine Verfuͤgung des Parlaments, die ſie ſtatt des Beichtzettels uͤberreichten. Die Witzlinge ſagten deshalb:»das Parlament wuͤrde in Paris eine Schreibſtube wegen des heiligen Abendmahls errichten, wo die Janſeniſten ſich, gegen Erlegung von zwoͤlf Sous fuͤr jede Verfuͤgung, jedes Sakrament verſchaffen koͤnnten. 7 Der Hof erließ abermals eine Verordnung zu Gun⸗ — — 60— ſten der Bulle Unigenitus; aber das Parlament nahm keine Ruͤckſicht darauf, und fuhr fort, den Prieſtern, welche die Ertheilung des heiligen Abendmahls verwei⸗ gerten, ſolche anbefehlen zu laſſen. Beide Partheien er⸗ bitterten ſich durch ihren gegenſeitigen Widerſtand immer mehr. Die Krankheit des Kronprinzen, welche in der Hitze dieſes Streites erfolgte, bewirkte einen Stillſtand deſſelben. Dieſer Prinz fuͤhlte ſich am 1. Mai 1752, als er ſich Abends in ſein Zimmer begab, unwohl. Die Blattern kuͤndigten ſich durch die gewoͤhnlichen Symptome an. Er wurde gluͤcklich davon befreit, und der Koͤnig, welcher anfangs in Beſtuͤrzung daruͤber gerathen war, empfand eine große Freude uͤber ſeine Geneſung. Ludwig XV. liebt ſeine Kinder, und beſonders den Kronprinzen ſehr; nie hat ein Vater einen ſolchen An⸗ theil an den Veraͤnderungen in ſeiner Familie bewieſen. Er beſitzt eine ausgezeichnete Aufmerkſamkeit fuͤr ſeine Angehoͤrigen. Bei der geringſten Unpaͤßlichkeit der Koͤ⸗ nigin eilt er in ihr Zimmer, und verlaͤßt daſſelbe nicht eher, als bis er ſie in der Beſſerung fortſchreiten ſieht. Ganz Frankreich wuͤnſchte ihm zur Herſtellung des muthmaßlichen Kronerben Gluͤck. Jede Behoͤrde bezeigte ihre Freude auf beſondere Art, und das Volk offenbarte die ſeinige durch eine allgemeine Beluſtigung. Ich beſchloß meinerſeits, die Freude, welche ich uͤber dieſes gluͤckliche Ereigniß empfand, durch ein an⸗ gemeſſenes Feſt zu bezeigen, aber ich wollte nichts ohne den Rath des Koͤnigs vornehmen. Ich theilte ihm meine Abſicht und meinen Plan mit, und er billigte jene und lobte dieſen. — 30— Alle diejenigen, welche meinen Namen haben nen⸗ nen gehoͤrt, wiſſen, daß ich Bellevue beſonders liebte, wo ich das Ausgeſuchteſte, was die Kunſt hervorbrin⸗ gen kann, verſchwendet hatte, um daraus einen, dem Koͤnige angenehmen Aufenthaltsort zu verſchaffen. Dieſe Art Feſte muͤſſen Anſpielungen enthalten, ſonſt geben ſie den Gegenſtand der Freude nicht zu erkennen. Die von mir getroffene Einrichtung zeigte mehrere Hoͤhlen, von einem Teiche Umgeben, in deſſen Mitte man emen leuchtenden Delphin erblickte. Verſchiedene Ungeheuer griffen ihn an, indem ſie Flammen gegen ihn ausſpieen, aber Apollo beſchuͤtzte ihn, zerſchmetterte ſie aus der Hoͤhe der Wolken, und eine große Menge Feuerwerke vollendete ihre und ihres Aufenthalts Ver⸗ nichtung. Ploͤtzlich veraͤnderte ſich die Scene, ſie wurde durch eine prachtvolle Erleuchtung, welche die ganze Nacht hindurch waͤhrte, zu einem ſtrahlenden Sonnen⸗ pallaſte, wo der Kronprinz in ſeinem vollen Glanze wieder erſchien.—— Kaum war derſelbe von ſeiner Krankheit geneſen, als das Parlament und die Biſchoͤfe den Hof und die Stadt von Neuem beſchaͤftigten. Der Friede gewaͤhrte Muße genug, auf jene Streitigkeiten zu achten. In Kriegszeiten haͤtte man andere Dinge zu thun gehabt, als ſich mit Beichtzetteln zu beſchaͤftigen. Der Hof haͤtte dieſe Sache mit Verachtung angeſehen, und das Parlament haͤtte verboten, davon zu reden. Die Widerſpenſtigkeit des Parlaments, die Hart⸗ naͤckigkeit der Prieſter in Verweigerung der Sakramente, vergroͤßerten die Schwermuth des Koͤnigs. Ich beſchloß, die Vergnuͤgungen in den kleinen Gemaͤchern zu ver⸗ doppeln, um ihn aus der Niedergeſchlagenheit zu reißen, in welche ihn die Angelegenheiten verſetzten. Ich hielt ihn Abends ſo lange als moͤglich bei mir zuruͤck, und ließ ihn nicht fort, als wenn ich die Duͤſterheit ſeines Geiſtes, durch alles, was dahin fuͤhren konnte, zerſtreut hatte. Die Muſik leiſtete mir dabei die groͤßte Huͤlfe. Rameau war mir zur Erreichung meiner Abſicht aͤußerſt behuͤlflich. Der Koͤnig hatte Geſchmack fuͤr luſtige Arien, und jener Muſikus war in dieſer Art vorzuͤglich. Zel⸗ liot fuͤhrte ſie noch beſſer aus, als Rameau ſie compo⸗ nirte. Er war einzig darin, den Ausdruck ſeelenvoll und die Toͤne angenehm zu machen. Ich darf ſagen, daß dieſer Saͤnger durch die Heiterkeit, welche er uͤber den Geiſt des Koͤnigs verbreitete, oft der Vermittler der wichtigſten Staatsangelegenheiten war. Man weiß, daß von dem jedesmaligen Zuſtande unſerer Seele alle unſere Entſchluͤſſe abhaͤngen. Man⸗ cher Monarch, welcher alles verweigert, wenn eine ge⸗ wiße Traurigkeit ſich ſeines Geiſtes bemaͤchtigt, bewilligt alles, wenn dieſer Nebel zerſtreut iſt. Dieſe Laune, welche eine gewoͤhnliche Folge von Nebenurſachen iſt, und durch einen harmoniſchen Ton, einen Blick, am oͤfterſten aber durch die Witterung herbeigefuͤhrt wird, giebt nicht immer der Billigkeit Ge⸗ hoͤr. Es iſt ein Ungluͤck fuͤr die Voͤlker, von Sterbli⸗ chen regiert zu werden, welche einer, fuͤr alle Arten von Eindruͤcken empfaͤnglichen Maſchine unterthan ſind⸗ Fuͤr das Gluͤck des Menſchengeſchlechts waͤre es noͤthig, daß die Menſchen von Engeln regiert wuͤrden. Ich — 72— habe mehre Male geſagt, daß Ludwig XV. durch die Religionsſtreitigkeiten ſehr angegriffen wurde. Ich habe ihn oft ſagen geho⁵ͤrt, daß er den Krieg zwiſchen Fuͤr⸗ ſten dem der Gottesgelehrten vorziehe, weil bei jenen der Friedensvertrag den Streit beendige; ſtatt daß ſel⸗ biger bei Letztern durch den Geiſt der Verſoͤhnung ſelbſt vergroͤßert werde. Der Marſchall von Sachſen hatte mir einſt ge⸗ ſagt, daß er den Tartaren, wenn der Vortheil im Kriege gegen dieſelben auf ſeiner Seite waͤre, Pardon geben, bei dem Siege uͤber eine Armee von Theologen aber dieſe gaͤnzlich vernichten wuͤrde. Ein geiſtreicher Mann und geſchickter Politiker behauptete, die Univerſitaͤten muͤßten geſchloſſen und alle Streitſaͤtze bei Lebensſtrafe verboten werden. Er zeigte mir ein handſchriftliches Werk, wodurch er be⸗ weiſen wollte, daß alle Kriege und alle Verbrechen, welche in Europa ſeit Einfuͤhrung des Chriſtenthums Statt gefunden haͤtten, aus Religionsſtreitigkeiten ent⸗ ſprungen waͤren. 3 Es koſtet keine Muͤhe, dies zu glauͤben, ſetzte er hinzu, wenn man darauf achtet, daß die Sucht zu ſtreiten, welche aus der Glaubenslehre erwaͤchſt, ſich uͤber alle Klaſſen verbreitet, und daß eben dieſe allge⸗ meine Sucht den Geiſt der Nationen bildet. Da der Krieg uͤber die Conſtitution fortwaͤhrte, ſo wurden Bevollmaͤchtigte ernannt, naͤmlich Commiſſarien,, welche entſcheiden ſollten, ob die Pfarrer das Recht haͤtten, die Unterthanen des Koͤnigs ohne Abendmahl ſterben zu laſſen. Die Biſchoͤfe ſagten, dies waͤre — 13— Sache einer Kirchenverſammlung, das Parlament hin⸗ gegen behauptete, die Bulle Unigenitus waͤre der Staatspolizei unterworfen. Dieſe Commiſſarien ver⸗ ſammelten ſich zwar regelmaͤßig, huͤteten ſich aber wohl, eine Entſcheidung abzugeben. Der Prinz von Conti, welcher jedes Mal, wenn man in ſeiner Gegenwart von dieſer Sache ſprach, in Zorn gerieth, ſagte, man muͤßte ſie durch einen Kriegs⸗ rath entſcheiden laſſen. Mit dieſer Art von Trgnerſpiele waren indeß auch luſtige Auftritte verbunden. Ein Pfarrer, den man gezwungen hatte, einem Kranken das Abendmahl zu reichen, ſagte mit lauter Stimme zu ihm: Ich reiche dir das heilige Abendmahl auf Befehl des Parlaments. Ein Anderer ſagte zu einem Sterbenden: In Folge eines Beſchluſſes der hohen Kammer rinde ich Ihnen den guͤtigen Gott. Die geſammte Geiſtlichkeit, welche bis dahin in dieſer Sache partheilos geſchienen hatte, miſchte ſich nun in den Streit. Die Biſchoͤfe baten den Koͤnig um Gerechtigkeit gegen das Verfahren des Parlaments, wel⸗ ches ſich in eine Sache miſchte, die es nichts anginge, und als Grund gaben ſie an, daß nur Gott, der Papſt, die Biſchoͤfe und die Prieſter das Recht haͤtten, das heilige Abendmahl zu verleihen. Sie behaupteten, die hohe Kammer waͤre dem Erzbiſchofe dafuͤr, daß ſie demſelben die Beguͤnſtigung eines Schisma Schuld ge⸗ geben haͤtte, Genugthuung ſchuldig. „Der Koͤnig war weit davon entfernt, ihrem Ver⸗ langen zu willfahren, weil er von dem Parlamente nicht erlangen konnte, was er von ihm forderte. Es muß⸗ ten noch Verfuͤgungen zur Verhuͤtung zuͤgelloſer Schrif⸗ ten erlaſſen, und einige Buͤcher durch den Henker ver⸗ brannt werden. Das alles waren neue Schlaͤge, welche das Gemuͤth des Koͤnigs trafen, und ſeine ohnehim duͤſtere Laune noch mehr verdunkelten. Der Koͤnig war von dem ganzen koͤniglichen Hauſe der Einzige, der ſich dieſe Sache zu Herzen nahm. Die Koͤnigin hatte die Gewohnheit, alle Widerwaͤrtig⸗ keiten dieſer Welt zu den Fuͤßen des Gekreuzigten nie⸗ derzulegen; die koͤniglichen Prinzeſſinnen wollten von der Bulle Unigenitus nichts hoͤren; der Kronprinz be⸗ gnuͤgte ſich damit, zu ſagen, daß er nicht reden duͤrfe, daß er aber, wenn er Kaͤnig waͤre, wiſſen wuͤrde, was. er zu thun haͤtte; die Prinzen vom Gebluͤte verachteten jene Zaͤnkereien; die Hofleute wollten ſich darein mi⸗ ſchen, verſtanden aber nichts davon. Es war ein Gluͤck fuͤr Frankreich, daß der alte Marſchall von Belleisle kein Theologe war, denn dieſer haͤtte die Dinge noch mehr verwickelt. Er ſtarb faſt vor Begierde, den Zu⸗ ſammenhang dieſer Angelegenheit zu erfahren, aber ſein Alter und ſeine Geſchaͤfte erlaubten ihm nicht, es mit der wirkſamen Gnade Gottes zu verſuchen. Indeß plagte er ſich doch mit der Vorherbeſtimmung, um zu ſcheinen, als wuͤßte er das, was er doch nicht wußte. Beide Partheien wuͤnſchten, daß ich mich offen er⸗ klaͤren moͤchte; aber außerdem„daß ich auf beiden Sei⸗ ten Starſinn entdeckte, ſo hing mein Gluͤck von der Vernichtung der Conſtitution ab, weil die Ruhe des Koͤnigs damit verknuͤpft war. —— —,— — 75— Ich ſchlug dem Koͤnige vor, allen Unterthanen, ſowohl geiſtlichen als weltlichen, bei Leibesſtrafe zu ver⸗ bieten, die Worte: Bulle, Janſeniſten und Moliniſten auszuſprechen, und diejenigen Prieſter, welche uͤberfuͤhrt wuͤrden, die Austheilung des heiligen Abendmahls verweigert zu haben, zu lebenslaͤnglichem Gefaͤngniſſe zu verurtheilen. Seine Herzensguͤte ließ es aber nicht zu, irgend ein Mittel anzuwenden, das einen Anſchein von Gewalt oder Despotismus trug. Er wuͤnſchte, daß man ihm gehorchte, aber im Wege der Maͤßigung und der Sanftmuth. Man war darauf bedacht, ein Mittel zur Been⸗ digung dieſer Zaͤnkereien ausfindig zu machen, als ein Hofmann aͤußerte:»Sire! ich ſehe nur ein Mittel, und dieſes beſteht darin, die Abgabe des Zwanzigſten wieder einzufuͤhren, und die Unterſuchung der geiſtlichen Ein⸗ kuͤnfte von Neuem vorzunehmen; die Biſchoͤfe werden die Bulle Unigenitus vergeſſen, ſobald man ſie daran erinnert, daß ſie dem Staate Geld geben ſollen.« Wirk⸗ lich verurſachte dieſe neue Angelegenheit einen Stillſtand der erſtern. Die Ankunft der Infantin von Parma zerſtreuten vollends jenen duͤſtern Schleier, welchen die Conſtitution uͤber den Hof verbreitet hatte. Man dachte nur daran, dieſe Prinzeſſin zu feiern. Ich bewog den Koͤnig, ihr Baͤlle und Schauſpiele zu geben, wobei ich jedoch mehr dem Koͤnige, als dieſer Fuͤrſtin, ſeiner Tochter, Ver⸗ gnuͤgen zu verſchaffen ſuchte. Die Staatsminiſter, welche ich oft ſah, ſagten mir, daß ſie viel arbeiteten, weil der Krieg ſie auf — 76— zehn Jahre in Ruͤckſtand gebracht haͤtte. Der Koͤnig hatte dem Herrn von Argenſon, welcher das Kriegsde⸗ partement beſaß, einen Gehuͤlfen gegeben. Dies war der Markis von Paulmi, ein faͤhiger und einſichtsvoller Mann, dem aber Kuͤnſte und Wiſſenſchaften einen Theil der Zeit entzogen, welche er dem Staate haͤtte koͤnnen widmen. Er wußte mehr, als einem Gelehrten zu wiſſen noͤthig iſt, und es war ſihm vieles unbekannt, was einem Miniſter nicht unbekannt ſeyn darf. In Folge eines Auftrags des Koͤnigs, die Unterſuchung des militaͤ⸗ riſchen Zuſtandes von Frankreich betreffend, hatte er eben die mittaͤgigen Gegenden beſucht, um die Feſtun⸗ gen und die Quartiere der Truppen in Augenſchein zu nehmen. Als er dem Koͤnige ſeinen Bericht abſtattete, fuͤgte er hinzu, daß er die Proteſtanten im Languedoc geſehen haͤtte, welche in eben dem Augenblicke, wo man ſie im Verdachte gehabt habe, die Waffen ergriffen zu haben, ſich zu Gebeten um die Herſtellung des Kron⸗ prinzen verſammelt haͤtten. Ich ſah, daß der Koͤnig von dieſer Nachricht geruͤhrt wurde. Die Herrſcher wuͤnſchen, daß alle ihre Unterthanen ihnen mit Liebe zugethan ſeyn moͤgen, und dies iſt vielleicht der em⸗ pfindlichſte Punkt der Eigenliebe der Fuͤrſten. Obgleich der Koͤnig, als Wirkung der ihm ange⸗ bornen Herzensguͤte, oft ſeinen Charakter verlaͤugnete, um unſere Geſellſchaft angenehm zu machen, ſo nahm meine Traurigkeit doch zu. Es gab Augenblicke, wo mir alles abgeſchmackt erſchien. Ich empfand es oft, was Frau von Maintenon einmal geſagt hatte, daß es — 2— in allen Verhaͤltniſſen des Lebens eine ſchreckliche Leere giebt. Was meinen Kummer noch vergroͤßerte, war, daß ich in der Zeit, wo eine ungewoͤhnliche Traurigkeit mich verzehrte, heiter ſcheinen mußte. Ich will es zur Schande aller menſchlichen Hoheit geſtehen, daß ich ungeachtet meiner Gunſt und meines glaͤnzenden Gluͤckes, mehrere Male Neigung ſpuͤrte, den Hof zu verlaſſen; ohne Zweifel hielt mich der Ehrgeiz zuruͤck, denn ſtets opfern wir der herrſchenden Leiden⸗ ſchaft. Derſelbe Ehrgeiz war es, der, nachdem er mich auf den Gipfel der Hoheit geſtellt hatte, mich weniger gluͤckliche Tage erleben ließ, als ich haͤtte genießen koͤn⸗ nen, wenn ich in einem niedrigern Range gelebt haͤtte. Alle Welt beneidete mein Geſchick und es gab Niemand, der nicht glaubte, daß ich die gluͤcklichſte Frau ſey; aber es fehlte viel daran, daß mein Gluͤck der Vorſtellung entſprach, die man ſich in der Welt davon machte. Die, welche nach einer hoͤhern Stufe ſtreben, als auf welcher die Natur ſie hat geboren werden laſſen, bilden ſich ein, daß Reichthuͤmer, Rang, Ehrenſtellen und Hoheit zum Gluͤcke beitragen, und daß daſſelbe in dieſen vermeintlichen Vortheilen beſtehet. Dies iſt aber eine truͤgeriſche Vorſtellung, man gewoͤhnt ſich an Alles, und in kurzer Zeit ruͤhrt uns nichts mehr. Die Vor⸗ ſtellung, welche man ſich vor dem Genuſſe davon macht, i*ſt angenehmer, als der Beſitz ſelbſt. Ich habe praͤch⸗ tige Pallaͤſte, koſtbare Moͤbeln und vielleicht die ſchoͤn⸗ ſten Juwelen in Europa beſeſſen, ohne daß alles dies mich gluͤcklicher gemacht haͤtte. Der Graf von Maurepas, welcher mich genoͤthigt hatte, den Koͤnig um ſeine Verweiſung zu bitten, gab einigen von meinen Bekannten zu verſtehen, daß er die Erlaubniß zu erhalten wuͤnſchte, ſeinen gewoͤhnlichen Aufenthalt in Pontchartrain zu nehmen. Dies Schloß liegt ganz nahe bei Verſailles, und es war ihm, als er den Hof verließ, ausdruͤcklich unterſagt, daſſelbe zu bewohnen. Ich nahm es gern uͤber mich, ihm die gewuͤnſchte Gnade auszuwirken. Ich bat den Koͤnig darum, welcher, indem er ſie bewilligte, ſagte: Wirk⸗ lich, Madame! ich bewundere Ihre ſchoͤne Seele; Herr von Maurepas hat ſie hoͤchlich beleidigt, und doch ver⸗ wenden Sie ſich fuͤr ihn. Als die Freunde des Grafen ſahen, daß der Koͤnig ſo leicht den Bitten in dieſer Hinſicht nachgab, ſo ſag⸗ ten ſie mir von ſeiner Zuruͤckberufung an den Hof; ich weigerte mich aber, meinen Einfluß zur Erlangung die⸗ ſer neuen Gnade zu verwenden. Dies war die einzige Sache, in welcher Ludwig XV. eine Feſtigkeit beſaß, die nichts erſchuͤttern konnte. Ich weiß nicht, ob es mir bei aller Gnade, womit dieſer Fuͤrſt mich beehrte, damit gelungen ſeyn wuͤrde. Der Verſuch haͤtte fuͤr mich nachtheilig ſeyn koͤnnen; man muß ſich keiner Verſagung ausſetzen; das iſt die erſte Stufe, welche zur Gleichguͤltigkeit fuͤhrt. Man ſagte in der Welt, daß dieſer Miniſter jene Gnade dem Cardinal von la Rochefaucault und dem Herzoge von Nivernois, ſeinen Verwandten, welche damals viel am Hofe waren, verdankte, die Wahrheit aber iſt, daß weder der Eine noch der Andere Theil daran hatte. — 70— Der Koͤnig wurde beſtaͤndig mit Vorſtellungen von ſeinen Parlamenten gepeinigt. Ich beklagte mich bei den Magiſtratsperſonen uͤber die Unordnungen, die ſie ſelbſt durch ihre Widerſetzlichkeit im Staate verurſach⸗ ten. Sie antworteten mir ſtets, daß ſie fuͤr den Ruhm des Koͤnigs, das Wohl des Staates und das Gluͤck der Voͤlker arbeiteten. Meiner Anſicht nach iſt es ein großer Mißbrauch in der Regierung Frankreichs, daß bloße Privatperſonen, welche in der Dunkelheit geboren ſind, und beinahe kein anderes Verdienſt beſitzen, als ein Amt mit zwei oder dreitauſend Louisd'or bezahlt zu haben, ſich fuͤr die Sachwalter des Staats halten, und unaufhoͤrlich gegen die koͤnigliche Gewalt kaͤmpfen. Der Marſchall von Sachſen fagte vor ſeinem Tode zum Koͤnige:»Sire, ich rathe Ew. Majeſtaͤt, den Par⸗ lamenten ihr Geld wieder zu geben, denn ihre An⸗ maaßlichkeit entſteht aus dem Gelde, was ſie fuͤr ihre Stellen bezahlt haben.« Dieſe Streitigkeiten machten die Religion zum Geſpoͤtte. Ein Schriftſteller, welcher vorausſetzte, daß daß die Bulle Unigenitus voͤllig vernichtet ſey, ſeitdem das Parlament die Pfarrer zwingen wollte, den, des Janſenismus verdaͤchtigen Kranken das heilige Abend⸗ mahl zu reichen, gab eine Schrift heraus unter dem Tittel: Leichenrede der ſehr erhabenen und maͤchtigen Prinzeſſin Bulle Unigenitus. Man hat bemerkt, daß dergleichen Buͤcher mehr als die Ketzerei ſelbſt, die Sitten verderben. Das Par⸗ lament, welches dem Koͤnige Widerſtand leiſtete, ſagte, es ſtellte ſich dem Schisma entgegen. Die Janſeniſten, — 36— denen man die Verleihung der Sakramente verweigerte, ſchrieen aus allen Kraͤften, daß man ihnen die Pforten des Himmels verſchloͤße, indem man ſich dem Willen Gottes widerſetzte, was ein Widerſpruch ihrer eigenen Lehre war, welche durchaus keine Veraͤnderung in der Vorſehung zulaͤßt. Auch ſagte Herr von Moillebois der Vater, die Janſeniſten waͤren Ketzer ihrer eigenen Sekte, weil ſie die Vorherbeſtimmung erzwingen woll⸗ ten, nachdem ſie gelehrt hatten, daß ſie unwandelbar ſey. Dieſer Zuſtand, welcher mehre Jahre hindurch fortwaͤhrte, zog Aller Augen auf Frankreich. Die Pro⸗ teſtanten des Koͤnigreichs, denen man das Sprechen verboten hatte, verhielten ſich ſchweigend, aber die in andern Laͤndern raͤchten das Schweigen ihrer Bruͤder, durch Bekanntmachung beißender Spoͤttereien uͤber dieſe Streitigkeiten, ohne zu bedenken, daß dieſelben Grund⸗ ſaͤtze dieſelbe Uneinigkeit zwiſchen ihnen unterhalten. Sogar die Malerkunſt miſchte ſich darin; man ſandte mir ein Gemaͤlde zu, auf welchem der Saal des Pariſer Parlaments, die Schule der Sorbonne vor⸗ ſtellte. Alle Praͤſidenten und Raͤthe waren als Docto⸗ ren derſelben gekleidet; ſie unterrichteten den Koͤnig und die Biſchoͤfe von Frankreich in der Religion, und dieſe waren als Schuͤler dargeſtellt. Alle dieſe Spoͤttereien, welche den Koͤnig ſehr be⸗ truͤbten, verbitterten meine Tage. Ich ſprach daruͤber mit dem erſten Praͤſidenten, ich beklagte mich bei den Biſchoͤfen und ließ ſelbſt mehre Pfarrer kommen, um mit ihnen daruͤber zu reden; ich erlangte aber nichts, weil dieſer Streit allen jenen Leuten ein Anſehn in der Welt gab, das ſie ſonſt nicht gehabt haͤtten. Waͤhrend man ſich nach einem Mittelwege umſah, dieſe Unruhen zu beſchwichtigen, verlangte die Geiſtlich⸗ keit von dem Koͤnige Gerechtigkeit gegen die Eingriffe des Parlaments. Dieſe Behoͤrde hatte uͤber Gegenſtaͤnde, welche mehr die Theologie, als die Politik betrafen, Verfuͤgungen erlaſſen. Der Koͤnig ernannte eine Commiſſion, um die Sache zu unterſuchen. Die Abgeordneten der Biſchoͤfe verlangten vorlaͤufige Beſtimmungen, ehe ſie ſich in eine Unterhandlung einließen. Sie forderten 1) die Aufhebung einer gewiſſen Verfuͤgung, als das Anſehn der Kirche ſchmaͤlernd; 2) die Anordnung der Beichtzet⸗ tel; 3) eine Ehrenerklaͤrung fuͤr den Erzbiſchof von Pa⸗ ris, von Seiten des Parlaments, wegen der von Letz⸗ term geſchehenen Beſchuldigung deſſelben, daß er das Schisma beguͤnſtige. Der Koͤnig geſtand den Abgeord⸗ neten einen Theil ihrer Forderungen zu, und ſchlug den andern ab. Er vernichtete eine Verfuͤgung, nicht blos weil ſie die Rechte der Kirche verletzte, ſondern weil ſie in ſeine eigene Gewalt eingriff.»In der Ruͤck⸗ ſichte, hieß es in der Erklaͤrung,»daß dem Parlamente nicht das Recht zuſteht, Reglements zu erlaſſen, und daſſelbe in den Faͤllen, wo es dergleichen noͤthig findet, ſich an den Koͤnig wenden, und ihn um Erlaubniß da⸗ zu bitten muß.« In eben der Erklaͤrung hieß es, da der Fall nicht Statt finden koͤnnte, wo irgend ein Prieſter berechtigt waͤre, hinſichtlich der Bulle Unigenitus die Sakramente II. 6 — 82— zu verweigern. Ferner war darin verfuͤgt:»daß in al⸗ lem, was die geiſtliche Verwaltung betraͤfe, den weltlichen Richtern nicht das Recht der Unterſuchung zuſtaͤnde, es muͤßte denn dadurch ein Rechtsſtreit herbeigefuͤhrt werden.⸗ Alle dieſe Beſtimmungen ſtellten den Frieden nicht her. Der Krieg waͤhrte fort. Man ſchlug ſich, wie vorher, mit den Waffen der Vorſtellungen. Das Par⸗ lament, welches in der Sache wegen Austheilung der Sakramente, als Parthei auftreten wollte, begnuͤgte ſich nicht damit, blos Richter zu ſeyn. Neue beißende Schrif⸗ ten erſchienen; ſie zerfleiſchten die Kirche und den Staat, und der Koͤnig wurde ſehr davon angegriffen. Ich hatte ihn oft gebeten, jene elenden Schriften, deren niedrige und unbekannte Verfaſſer mehr Verachtung als Strafe verdienten, unbeachtet zu laſſen. Ich hatte aber von ihm dieſe Rache, die einzige, welche die Herrſcher gegen dergleichen ungluͤckliche Schreiber ausuͤben ſollten, nicht erlangen koͤnnen. Um ihn zu uͤberzeugen, von welcher Art von Sterb⸗ lichen jene Schrifteller waͤren, ließ ich einen derſelben, nachdem ich ihm Verzeihung wegen ſeines Buches und meinen Schutz verſichert hatte, in mein Zimmer zu Verſailles kommen. Der Koͤnig ſah ihn, ſprach ſogar eine Zeit lang mit ihm, und am Schluſſe dieſer Un⸗ terhaltung ſagte er mit Achſelzucken zu mir: Sie haben Recht, Madam, dieſe Leute verdienen mehr Mitleiden als Haß. Obgleich Europa im Jahre 1753 eines allgemei⸗ nen Friedens genoß, ſo war dies doch fuͤr Frankreich eine Zeit der Unruhen und Uneinigkeiten. —— — 83— Der Adel in Bretagne zeigte ſich eben ſo unlenk⸗ ſam, als die Biſchoͤfe, die Geiſtlichkeit und das Par⸗ lament. Er proteſtirte oͤffentlich gegen Alles, was waͤh⸗ rend der Staͤndeverſammlung feſtgeſetzt war. Er hatte dazu gar kein Recht, denn jene volle Verſammlung ſtellt die Koͤnigliche Gewalt vor, mithin ſind ihre Be⸗ rathungen uͤber die Proteſtationen, welche einzelne Mitglieder derſelben einlegen koͤnnen, erhaben. Lud⸗ wig XV. ließ mehrere Verhaftsbefehle ausfertigen, wo⸗ durch die Biſchoͤfe in ihre Sprengel und die Edelleute auf ihre Guͤter verwieſen wurden. Der Marſchall von Belleisle ſagte, die Verhafts⸗ befehle waͤren in Frankreich das einzig wirkſame Heil⸗ mittel gegen die Krankheit des Ungehorſams; man machte aber ſo haͤufig Gebrauch davon, daß zu befuͤrchten ſtaͤnde, es werde am Ende ohne Wirkung bleiben; allein dies Mittel wird nicht vom Koͤnige immer angewandt. Die Miniſter bedienen ſich deſſelben mehr, als der Fuͤrſt, wodurch die franzoͤſiſche Staatsverwaltuug den Auslaͤn⸗ dern ſo gehaͤſſig wird. Ich habe indeß den Gebrauch derſelben von einem ſehr verſtaͤndigen Manne loben gehoͤrt. Er behauptete, daß aus dieſer Unordnung eine Ordnung entſtaͤnde.»Man ſagt, fuͤgte er hinzu, daß der Koͤnig von England nicht das Recht habe, den geringſten ſeiner Unterthanen verhaften zu laſſen. Das iſt recht gut fuͤr England, wo der republikaniſche Geiſt einen Jeden in den, ihm durch die Verfaſſung ange⸗ wieſenen, Schranken zuruͤckhaͤlt; aber in Frankreich, wo Niemand die Geſetze kennt, wo das Clima und die Geſellſchaft die Luſt zum Sprechen, welche ein Jeder 6*† — 384— beſitzt, aufreizen, waͤre alles verloren, wenn die Regie⸗ rung nicht die Macht haͤtte, dieſen den Franzoſen an⸗ gebornen Ungeſtuͤm zu zuͤgeln.« ꝛc. ꝛc. »Dieſe Macht der Landesherrn iſt bei uns vielleicht ein nothwendiges Uebel; ohne dieſelbe wuͤrden die ho⸗ hen Staatsbehoͤrden den Rechten der Krone zu ſehr Eintrag thun. Man hat oft geſehen, daß in Frank⸗ reich die Geiſtlichkeit, der dritte Stand und die Parla⸗ mente, den Sieg uͤber die Rechte des Koͤnigs davon tragen wollen. Wenn der Landesherr dann nicht die Macht gehabt haͤtte, den Umtrieben dieſer Staatskoͤrper Einhalt zu thun, ſo beſtaͤnde kein Staat mehr; denn man muß nicht glauben, daß die, welche die Kirche und das Volk vorſtellen, mit Maͤßigung und Vater⸗ landsliebe zu Werke gehen. In allen Staatsvereinen . beſitzen die Menſchen Ehrgeiz, und am gefaͤhllichſten iſt der, welcher die Ehre Gottes und das Gluͤck der Voͤlker zum Vorwande nimmt.« Ein Beiſpiel davon ſah man in demſelben Jahre hinſichtlich des Parlaments von Paris, gegen welches der Hof eine zu große Nachgiebigkeit gezeigt hatte, und das in einer ſeiner Vorſtellungen ſo zu reden wagte: »Wenn diejenigen, welche das Vertrauen Ew. Koͤniglichen Majeſtaͤt mißbrauchen, uns nur die Wahl laſſen wollen, entweder unſerer Pflicht ungetreu zu wer⸗ den, oder Allerhoͤchſt Ihre Ungnade auf uns zu laden, ſo erklaͤren wir ihnen, daß wir den Muth in uns fuͤhlen, die Opfer unſerer Treue zu werden.⸗ Herr von Belleisle, welcher bei dieſer letzten Vor⸗ ſtellung zugegen war, ſagte zum Koͤnige, daß er nach —— — — 35— dieſer auffallenden Aeußerung das Parlament aufheben, oder ihm die Regierung des Koͤnigreichs uͤberlaſſen muͤßte. Ludwig XV. verwieß daſſelbe nach Pontoiſe, aber es wurde dadurch nicht folgſamer, die Strafe kam zu ſpaͤt; es hatte ſich daran gewoͤhnt, ſich der Regie⸗ rung zu widerſetzen. Aus der Tiefe ſeines Exils bot es der Macht des Koͤnigs Trotz, welcher bei dieſer Ge⸗ legenheit weniger Staͤrke als das Parlament Schwaͤche bewies. Man hatte es zur Strafe, daß es ſich mit Beichtzetteln befaßte, verwieſen, und es war nicht ſo⸗ bald zu Pontoiſe, als es auch die Verhaftung eines Prieſters, welcher die Sakramente verweigert hatte, verfuͤgte. Zwei Vermaͤhlungen trafen ein, um bei dieſen par⸗ lamentariſchen Streitigkeiten eine Ablenkung zu bewir⸗ ken: die des Prinzen von Condé mit der Prinzeſſin von Soubiſe. Anfaͤnglich gab es einige Schwierigkei⸗ ten wegen des Ranges des Hauſes Soubiſe, denn es war damals eine bedenkliche Zeit, wo man allenthalben auf Hinderniſſe ſtieß; der Koͤnig fand aber ein Aus⸗ kunftsmittel, indem er den Haͤuſern Bouillon und Soubiſe den Titel Herzogliche Durchlaucht beilegte. Die Prinzeſſin von Soubiſe brachte dem Prinzen von Condé eine Mitgabe von fuͤnf Millionen in Land⸗ guͤtern zu, ohne die Juwelen und ihre Ausſichten auf den Todesfall ihres Vaters zu rechnen. Die Prinzeſ⸗ ſin, womit ſich Ludwig XIV. und die womit Ludwig XV. ſich vermaͤhlten, waren bei weitem nicht ſo reich geweſen. Die andere Heirath war die des Herzogs von Giſors, Sohnes des Marſchalls von Belleisle, mit der — 86— Prinzeſſin von Nivernois. Der Hof iſt das Land der Umwandlungen; der, wegen Unterſchleife bei den Staats⸗ einkuͤnften, von neun Richtern zum Tode verurtheilte und aus Frankreich verbannte General⸗Procurator Fou⸗ quet haͤtte nie gedacht, daß ſein Enkel einmal der Schwie⸗ gervater der Tochter eines Herzogs von Nivernois wer⸗ den wuͤrde. Dieſer Herzog war damals Geſandter in Rom, nach ſeiner Ruͤckkehr ſah ich ihn oft. Nach meiner Anſicht war er einer der verdienſtvollſten Herren am Hofe. Gewoͤhnlich beſteht der Charakter der Großen aus einem Gemiſch von Neigungen und Maͤngeln, welches ſich weniger nach ihren Tugenden, als nach ihren Fehlern unterſcheiden laͤßt. Dieſer war jedoch frei von jenen Schwaͤchen, welche die ſchoͤnen Eigenſchaften verdunkeln. Ein thaͤtiger, aufmerkſamer, unermuͤdlicher Miniſter, großer Staatsmann, tiefdenkender Politiker, mit den hoͤchſten Eigenſchaften eines Unterhaͤndlers bie, welche in der Geſellſchaft gefallen, verhindend, ein rechtſchaffner Ehemann, guter Vater, treuer Freund und ehrlicher Mann. Der Eigennut, dieſe Leidenſchaft, welche die Großen verdirbt, fand nie in ſeinem Herzen Platz. Ich moͤchte ihn wegen ſeiner tugendhaften Seele mit dem Prinzen Carl von Lothringen, und wegen der Eigenſchaften ſeines Geiſtes, mit einem der ſchoͤnen Geiſter, welcher unſerm Jahrhunderte die meiſte Ehre machen, vergleichen; vielleicht beſitzt er nicht ſo glaͤnzende, aber deſto gruͤndlichere Kenntniſſe. Wir bedurften dieſer Heirathen, um aus dem Zu⸗ ſtande von Niedergeſchlagenheit hervorzugehen, in den 4 4— — 87— traurige Streitigkeiten den Hof verſenkt hatten. Ich mochte noch ſo ſehr darauf denken, den Koͤnig zu er⸗ heitern, dieſe ungluͤcklichen Angelegenheiten fuͤhrten ihn immer in ſich zuruͤck. Ueberdem beſaß ich, wie ich ſchon geſagt habe, ſelbſt jene Heiterkeit und jenen Froh⸗ ſinn nicht mehr, welche vor meinem Aufenthalte in Ver⸗ ſailles meinen hauptſaͤchlichſten Charakter bildeten, und es iſt ſchwer, Andern das mitzutheilen, was man ſelbſt nicht beſitzt. Ludwig XV, der in den Augenblicken ſeiner guten Laune ein Vergnuͤgen daran fand, mir wegen dieſer Veraͤnderung Vorwuͤrfe zu machen, ſagte eines Tages: Es ſcheint mir, Madam, daß Sie ſeit einiger Zeit ſehr viel Ernſt in Ihre Unterhaltung legen. Wenn das ſo fortgeht, ſo werde ich Comoͤdie ſpielen, um Sie zum Lachen zu bringen, und kleine Arien ſingen muͤſſen, um Sie zu beluſtigen. Das war gerade daſſelbe Mit⸗ tel, welches ich angewandt hatte, um ihn aus der Schwermuth zu ziehen, in der ich ihn bei meiner An⸗ kunft in Verſailles fand. Ich fuͤhlte, was er ſagen wollte, und bemuͤhte mich, weniger ernſthaft zu ſeyn. Das Parlament war fortwaͤhrend in Ungnade; der Prinz von Conti unternahm es, daſſelbe wieder in Gunſt zu ſetzen. Er ließ es ſich deßhalb ſehr angele⸗ gen ſeyn. Dieſer von Verſailles entfernt lebende Prinz beunruhigte ſich wenig uͤber die Verlegenheiten des Ho⸗ fes. Als der Koͤnig ſeine Bemuͤhungen erfuhr, ſagte er: Es iſt erſtaunlich, daß der Prinz von Conti, der ſich nie in etwas eingemiſcht hat, ſich die Muͤhe geben will, ſo ſtarrſinnige Leute zu ihrer Pflicht zuruͤckzufuͤhren. — 88— Seine Bemuͤhung war vergeblich; die hohe Kam⸗ mer widerſtand den Gruͤnden dieſes Prinzen, welcher bei ſeiner Ruͤckkehr nach der Adams⸗Inſel, ſagte:»Wenn der Koͤnig mich als ſeinen Bevollmaͤchtigten zu einem, gegen Frankreich feindſeligen Fuͤrſten geſandt haͤtte, ſo wuͤrde ich dem Kriege ein Ende gemacht haben; aber zwiſchen ihm und ſeinem Parlamente habe ich keine Unterhandlung zu Stande bringen koͤnnen. Der Koͤnig reiſete nach Compiegne, und der Hof war daſelbſt ſehr glaͤnzend. Alle Prinzen vom Gebluͤte und die Großen des Reichs befanden ſich da. Der Ge⸗ brauch bringt es mit ſich, daß in Compiegne die Unter⸗ thanen mit dem Koͤnige ſpeiſen. Mehrere Herren bewir⸗ theten demzufolge den Monarchen. Unter denen, welche ihm Feſte gaben, zeichnete ſich ein Markis Regnier de Guerchy, Generallieutenant und Obriſt des Regiments des Koͤnigs, beſonders aus. Ludwig XV. machte mir eine Beſchreibung von dem Feſte, das er ihm gab. Ich fand, daß er Geſchmack und Einſicht hatte; denn mit beiden muß man verſehen ſeyn, um einen Koͤnig von Frankreich mit Glanz und Feinheit zu bewirthen. Die gewoͤhnliche Tafel dieſes Obriſten in Compiegne beſtand aus zweihundert Couverts, und es traf ſich bei dieſer Reiſe mehr als ein Mal, daß ſich uͤber dreihun⸗ dert Gaͤſte bei ihm befanden. Man ſagte von dieſem Generallteutenant, daß er dem Staate wohl gedient haͤtte, was, nach meiner Anſicht, das groͤßte Lob iſt, das man einem Krieger beilegen kann. Waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Compiegne war der Koͤnig weniger mit den Zaͤnkereien uͤber die Reli⸗ . — 89— gion und das Parlament beſchaͤftigt. Die Jagd und die Lager gaben ihm volle Beſchaͤftigung und einen An⸗ ſtrich von Zufriedenheit, welche er bei ſeiner Ankunft in Verſailles wieder verlor.. Das Jahr 1753 war eine Zeit der Vorſtellungen. Die Schauſpieler machten ihr Schauſpiel zu einer Staatsangelegenheit. Als die Pariſer Oper, welche mit neidiſchem Auge das Emporkommen der andern Theater betrachtet, ſah, daß das franzoͤſiſche Theater in Aufnahme kam, fiel es ihr ein, demſelben die Auffuͤh⸗ rung von Balleten zu unterſagen. Die Schauſpieler wandten ſich an die Regierung, um von dem Geheimen⸗ rathe eine Verordnung zu erlangen, worin ihnen das Tanzen erlaubt wuͤrde. Ihre Vorſtellungen an den Koͤnig enthielten, ich weiß nicht was Komiſches, denn es iſt ſchwer, daß Leute von einem Gewerbe, welches dazu beſtimmt iſt, Lachen zu erregen, Ernſthaftigkeit genug behalten, um eine an die hoͤchſte Behoͤrde gerich⸗ tete Schrift mit der erforderlichen Wuͤrde abzufaſſen. Einer der Abgeordneten ſagte zu mir:»Gnaͤdige Frau! die neuern Stuͤcke ſind ſo ſchlecht, daß die meiſten der⸗ ſelben ohne die Ballets fallen wuͤrden. Ein Luftſprung koͤmmt dem Vortrage ſehr zu Huͤlfe. Ich ſage es Ihnen, wenn man uns den Tanz nimmt, ſo ſchneidet man uns die Sprache ab.« Dieſer Scherz, den ich dem Koͤnige erzaͤhlte brachte ihn zum Lachen. Indeß ſchloſſen die franzoͤſiſchen Schauſpieler ihr Theater und erklaͤrten laut, daß ſie nicht mehr ſpielen wuͤrden, wenn man ihnen nicht zu tanzen erlaubte. Dieſe Schließung, welche als unbedeutend erſchien, — 99— konnte indeß wirklich als eine Staatsangelegenheit be⸗ trachtet werden; denn die Theater verhuͤten eine Menge Verbrechen, welche ſonſt durch den Muͤßiggang ent⸗ ſtaͤnden. Da das Parlament, von dem ein Theil immer verwieſen war, ſeine Amtsverrichtungen eingeſtellt hatte, wodurch die oͤffentlichen Angelegenheiten ſehr litten, ſo befahl ihm der Koͤnig, ſie wieder anzufangen; es ge⸗ horchte aber nicht. Die hohe Kammer ſandte wieder Abgeordnete nach Verſailles und machte von Neuem Vorſtellungen, und dabei ließ man es beruhen. Zum Gluͤcke fuͤr Frankreich trat die Niederkunft der Kronprinzeſſin ein, und man vergaß ſogleich alle jene Streitigkeiten, welche den Hof und die Stadt verduͤ⸗ ſtert hatten. Die oͤffentlichen Luſtbarkeiten floͤßten eine Heiterkeit ein, welche die allenthalben verbreitete Stille verſcheuchte. Selten verliert der Franzoſe ſeinen Froh⸗ ſinn auf lange Zeit. Eine Vermählung oder eine Ge⸗ neſung giebt ihm ſeine natuͤrliche Heiterkeit wieder. Ich weiß nicht, ob dieſer beſtaͤndige Uebergang vom Mißver⸗ gnuͤgen zur Freude nicht beſſer iſt, als der abgemeſſene Charakter der Englaͤnder, welcher ihnen eine Traurig⸗ keit verleiht, aus der ſie durch keine unbedeutende Ur⸗ ſache gezogen werden koͤnnen. Ein ſpaniſcher Geſandte ſagte zu mir, die Franzoſen haͤtten doch einige Augen⸗ blicke des Lebens, die Britten dagegen befaͤnden ſich i in einem fortwaͤhrenden Zuſtande des Todes.— Man gab dem neugebornen Prinzen den Namen eines Herzogs von Aquitanien. Der Koͤnig ließ die Geſchaͤfte ruhen, um ſich gaͤnzlich dem Vergnuͤgen zu — 91— uͤberlaſſen, das ihm dieſe Geburt verurſachte. Ich ſelbſt freute mich um ſo mehr daruͤber, als ſie unſere Unterhaltungen die Heiterkeit wieder gab, und uns eine neue Zufriedenheit einfloͤßte. Die Feſtlichkeiten nahmen in Verſailles wieder ihren Anfang; alle Großen des Hofes machten ſich bemerkbar, und die Hoͤflinge bezeig⸗ ten bei dieſer Gelegenheit ihr freudiges Entzuͤcken uͤber ein Ereigniß, das ihnen im Grunde gleichguͤltig ſeyn mußte. Wir bedurften dieſer Mittel, um uns aus dem Zuſtande von Niedergeſchlagenheit zu reißen, in den uns die Einfoͤrmigkeit der Vergnuͤgungen verſetzt hatte. Ich hatte alles, was die Kunſt nur Ausgeſuchtes dar⸗ bietet, angewandt, um die Traurigkeit des Koͤnigs zu zerſtreuen, aber alles nutzt ſich am Ende ab. Die Ge⸗ wohnheit hat die Wirkung, daß ſie die Neuheit ver⸗ nichtet, welche allein Eindruck auf unſere Sinne macht. Der Herzog von Richelieu, welcher oft zu unſerer Ge⸗ ſellſchaft in den kleinen Zimmern gehoͤrte, machte uns viel Vergnuͤgen. Er erzaͤhlte auf eine einnehmende Weiſe, aber ſein Witz enthuͤllte den hofmaͤnniſchen Cha⸗ rakter zu ſehr. Man las ſelbſt in ſeinen Blicken ſeine Begierde, empor zu kommen; nie hat ein Sterblicher dem Glauͤcke groͤßere Opfer gebracht; er haͤtte ſich der Gunſt des Koͤnigs bemaͤchtigen und als unumſchraͤnkter Gebieter den Staat beherrſchen moͤgen. Er verbreitete, daß er alles fuͤr mich, und ich fuͤr ihn nichts gethan haͤtte. Aber daß ich nicht beſſer fuͤr ihn handelte, mußte er ſeinem raͤnkevollen Geiſte und ſeinem ehrgeizigen Streben, das er nicht immer im Zaume zu halten ver⸗ 2 — 92— mogte, zuſchreiben. Es liefen oft Klagen gegen ihn ein, welche ich beſeitigte. Mehrere Hofleute, welche ihn ſtuͤrzen wollten, hatten Ludwig XV. gegen ihn aufge⸗ bracht, ich wandte ihm aber deſſen Gnade wieder zu. Indeß wollte ich nicht, daß er ſich oft bei dem Koͤnige einfand, denn ich wußte, daß es ſeine Abſicht war, das Vertrauen deſſelben zu gewinnen, und ſodann alle die, welche einen zu großen Einfluß auf denſelben hatten, vvom Hoſfe zu entfernen. Die Biſchoͤfe von Frankreich, in der Ungewißheit wie ſie es anfangen ſollten, das Parlament, welches, wie ſie ſagten, die roͤmiſche Kirche regieren wollte, per⸗ ſönlich zu beleidigen, ergriffen die Gelegenheit der Ge⸗ burt des Herzogs von Aquitanien, um es bei der Na⸗ tion verhaßt zu machen, indem ſie es mit dem engli⸗ ſchen Parlamente unter der Regierung Carls I. verglichen. In der Verordnung, mittelſt welcher der Biſchof von Montauban aufforderte, dem Himmel dafuͤr zu danken, daß er Frankreich einen Enkel geſchenkt habe, druͤckte er ſich folgendermaßen aus:»Der Parthei⸗ und Rottirungsgeiſt herrſchte damals in England, nichts blieb in den goͤttlichen und menſchlichen Geſetzen be⸗ ſtimmt; und mitten in der dicken Finſterniß, welche allenthalben heranwuchs, ſchien alles, mit Ausnahme der gotteslaͤſterlichen Lehre von der Oberherrſchaft der weeltlichen Obrigkeit uͤber das Geiſtliche, ungewiß und gleichguͤltig zu werden. Zu jener ungluͤckſeligen Zeit ge⸗ ſchah es, daß, nachdem die Feinde der biſchoͤflichen Ge⸗ walt geſiegt hatten, die wahre Religion vollends ver⸗ nichtet wurde, und die koͤnigliche Gewalt mit Schmach — 93— unterging. Man ſah zum erſten Male aufruͤhreriſche Unterthanen mit bewaffneter Hand einen Koͤnig ergrei⸗ fen und in ein ſchmachvolles Gefaͤngniß fuͤhren, deſſen Verbrechen darin beſtand, thren erſten Aufſtand mit zu großer Langmuth ertragen zu haben; man ſah ein Par⸗ lament, welches das Joch jeglicher Oberherrſchaft ab⸗ ſchuͤttelte, mit der einen Hand die Biſchoͤfe treffen und die andere gegen das Haupt ſeines Gebieters erheben, ihn ungebuͤhrlich anklagen, ſchamlos verleumden, unge⸗ recht verurtheilen, mit Erbitterung auf das Schaffot fuͤhren, mit Wuth hinrichten, und das durch dieſen ruchloſen Koͤnigsmord beſinnungslos gewordene Volk ſich in langen Zuͤgen von Fanatismus und Unabhaͤngig⸗ keit berauſchen, und wie unſinnig nach einem Schatten⸗ bilde von Freiheit laufen, waͤhrend es ſklaviſch einem andern Tyrannen den Gehorſam leiſtete, den es ſeinem rechtmaͤßigen Koͤnige ſchuldig war. Welch eine ſchreck⸗ liche Reihe von Verbrechen! Hier ein, in ſeinem Bette umgebrachter Koͤnig, dort ein Anderer, vom Throne geſtuͤrzt, die ganze koͤnigliche Familie verbannt, die Krone einem fremden Haupte aufgeſetzt, und, trotz des fuͤr ihre Befeſtigung vergoſſenen Blutes, beſtaͤndig wankend.“« ꝛc. Der Prinz von Conti ſagte in dieſer Hinſicht, daß man den Biſchoͤfen die Einſchaltung der engliſchen Ge⸗ ſchichte in die oͤffentlichen Gebete unterſagen muͤßte. Dieß war eine der beißendſten Ausfaͤlle gegen das Par⸗ lament, welche vorher verkuͤndigte, was der Staat von dieſer Behoͤrde zu fuͤrchten hatte, indeß haͤtten wir kei⸗ nen Cromwell und die Gemeinen von London handeln nach andern Grundſaͤtzen, als das Pariſer Parlament⸗ — 94— Deer engliſche Geſandte beklagte ſich laut daruͤber, daß man ſich in Frankreich erkuͤhnte, ſeiner Nation vor⸗ zuwerfen, daß ſie ihren Koͤnig getoͤbtet habe. Er ſprach mit dem Miniſter davon, und die Rede des Biſchofs wurde unterdruͤckt. Immer entſcheidet die Zeit uͤber das Schickſal ſolcher Art Schriften. Wenn Frankreich ſich mit England im Kriege befunden haͤtte, ſo wuͤrde der Hirtenbrief nicht unterdruͤckt ſeyn, aber der Friede, wel⸗ cher damals zwiſchen beiden Kronen beſtand, erlaubte nicht, daß er oͤffentlich bekannt wurde. Inzwiſchen entſtand durch die Entfernung des Par⸗ laments eine Luͤcke in der Rechtspflege, die Angelegen⸗ heiten ruheten. Eine große Anzahl Unterthanen wandte ſich an mich, um den Koͤnig zur Ernennung neuer Richter zu bewegen. Lange widerſtand Ludwig XV. den Bitten, aber endlich entſchloß er ſich dazu. Er errich⸗ tete eine Vacationskammer, welche die Geſchaͤfte des Parlaments beſorgen ſollte; aber kaum war dieſe neue Kamimer eingeſetzt, als die Herren des Chatelet ſich ge⸗ gen ſelbige erklaͤrten, denn es war eine Zeit der Unei⸗ nigkeit unter den Gerichtsbehoͤrden. Es gab damals nicht eine im Koͤnigreiche, die ſich nicht unabhaͤngig von einer andern erklaͤrte: weßhalb ein verſtaͤndiger Mann ſagte, die tuͤrkiſche Verfaſſung waͤre beſſer als die unſrige, weil der Divan allein Ordnung in den Staat braͤchte, ſtatt daß alle Parlamente in Frankreich Verwirrung in dem Koͤnigreiche anrichteten. Einige von dem Parlamente abhaͤngige Amtmann⸗ ſchaften und Landgerichte wollten ebenſowohl an dem allgemeinen Ungehorſame, als an der Ungnade Theil — 95— haben: Sie verweigerten die Anerkennung der Vaca⸗ tionskammer; man mußte alſo auch ſie verweiſen, wes⸗ halb ein Hofmann ſagte:»Daß alle Welt ſich in die Sache miſchte und bald die Gerichtsboten den Befehlen des Hofes den Gehorſam verſagen wuͤrden.« Die fremden Geſandten, welche Zeugen dieſer Unordnungen waren, gaben ihre Meinungen nach Maßgabe des Syſtems ihrer Regierungen zu erkennen. Der Miniſter von Venedig ſagte, man muͤßte einen Senat errichten, wel⸗ chem die oberſte Gewalt beiwohnte, und dem keine Be⸗ ſeoͤrde ſich widerſetzen koͤnnte. Der engliſche Geſandte redete von einer Kammer der Gemeinen. Der ſpaniſche Geſandte rieth zur Einfuͤhrung der Inquiſition. Da das nach Soiſſons verſetzte Parlament ſich hartnaͤckig weigerte, ſeine Verrichtungen wieder zu uͤber⸗ nehmen, und die Vacationskammer eher die Unordnung vergroͤßerte, als die offentliche Ruhe wiederherſtellte, ſo mußte eine koͤnigliche Kammer eingeſetzt werden, welche die Geſchaͤfte des Parlaments beſorgte. Herr von Bel⸗ leisle ſagte, ver wuͤnſchte, daß dieſe Kammer bis an das Ende der Welt dauerte,« Ganz Frankreich hatte ſein Augenmerk auf die Verweiſung des Parlaments gerichtet. Man hatte ſtatt ſeiner einen andern Gerichtshof errichtet, fuͤr welchen man neue Verordnungen, welche eine neue Art des Gerichtsverfahrens enthielten, erlaſſen mußte. Der Hof und die Stadt waren ganz mit dieſen Zaͤnkereien be⸗ ſchaͤftigt. Ein Prinz vom Gebluͤte ſagte deshalb:»man waͤre einfaͤltig genug, ſich wegen dergleichen unbedeuten⸗ der Sachen Unruhe zu machen, waͤhrend wichtige aus⸗ — 96— waͤrtige Angelegenheiten die Aufmerkſamkeit des Cabi⸗ nets auf ſich ziehen ſollten.« Wirklich wurde das Miniſterium waͤhrend aller edieſer Streitigkeiten nachlaͤſſig. Mehrere Mitglieder der hohen Kammer waren Anhaͤnger der erſten Staatsbeamten. Das Parlament war durch ſeine Verwandtſchaften den Finanz⸗ beamten ergeben, und mehrere brave Offiziere waren Ver⸗ wandte oder Freunde der Verwieſenen; die Hofleute, und die, welche ihr Gluͤck vom Hofe erwarteten, waren auf der Seite des Koͤnigs. Von dem Bolke iſt nicht die Rede, weil es in Frankreich fuͤr nichts gilt, da alle Uneinigkeiten der Art in einer ihm gaͤnzlich fremden Region Statt finden. Alle dieſe verſchiedenen Partheien bewieſen eine Hitze in dem Streite, welche oft zu einem heftigen Ausbruche kam. Man ſchlug ſich in Paris mehrere Male fuͤr die hohe Kammer. Ein Generallieutenant, welcher auf einem Spazier⸗ gange in den elyſaͤiſchen Feldern einen Offizier ſich mit dem Bruder eines Parlamentsrathes ſchlagen geſehen hatte, ſagte zu Erſterm:»Mein Herr, ſparen Sie Ihre Tapferkeit fuͤr den Dienſt des Staats; wir werden ihrer bald beduͤrfen, denn die Englaͤnder ſind nahe daran, Frankreich den Krieg zu erklaͤren. Der Marſchall von Belleisle, welcher allenthalben mit einreden wollte, aber an dieſen Verhandlungen nicht hatte Theil nehmen koͤnnen, weil ſie mit theologiſchen Streitigkeiten, wovon er nichts verſtand, angefangen hatten, ſuchts ſie zu Ende zu bringen. Eines Tages ſagte er zu mir:«Um Gotteswillen, gnaͤdige Frau, rathen Sie dem Koͤnige, daß er das Parlament ver⸗ nichte, damit am Hofe nicht mehr die Rede davon ſey.⸗ Herr Marſchall, erwiederte ich ihm, ſagen Sie ihm ſelbſt davon. Ich will Ihnen gern den Vorzug geben. Die Herren vom Chatelet, welche die koͤnigliche Kammer nicht ankennen wollten, hatten ebenfalls ihre Par⸗ thei, die in Paris Murren erregte, weshalb ein Hofmann ſagte, man muͤßte das Chatelet in die Baſtille ſchicken. Der groͤßte Theil der Gerichtshoͤfe in den Provin⸗ zen weigerte ſich, jener Kammer ſich zu unterwerfen. Man gab das Beiſpiel, und dies reichte hin, den Un⸗ gehorſam allgemein zu verbreiten. Ludwig XV. ſah mit Unwillen, daß ſeine Unterthanen, ſelbſt ohne den Vorwand von Treue und Unterwuͤrfigkeit, ſeinen Befeh⸗ len ungehorſam waren. Wenn dieſer Fuͤrſt eben ſo ge⸗ bieteriſch geweſen waͤre als Ludwig XIV., ſo wuͤrde ein Buͤrgerkrieg Frankreich verheert haben; aber ſeine See⸗ lenguͤte und ſein ſanftes Gemuͤth ließen ihn den allge⸗ meinen Frieden ſeiner Privatrache vorziehen. Er durfte nur reden, um ſeine Gengner zu vernichten. Ehemals vermogten die Koͤnige von Frankreich faſt nichts; aber ſeitdem ihnen dreimalhunderttauſend Mann zu Gebote ſtehen, die nur ihren Befehl erwarten, um ihren Willen zu vollziehen, vermoͤgen ſie alles. Ein Befehl Ludwigs XV. an zwei oder drei Regimenter waͤre hinreichend geweſen, das Parlament zu ſeiner Pflicht zuruͤckzufuͤhren. Aber dieſer Fuͤrſt war ein Feind von allem, was nur den Schein einer Gewaltthaͤtigkeit hatte. Er verlangte Gehorſam, aber mit Sanftheit und Maͤßigung. Die Miniſter, welche gewoͤhnlich. ei⸗ ferſuͤchtiger auf das koͤnigliche Anſehn, als die Koͤnige II.. 7 — 93— ſelbſt ſind, behaupteten, daß eben dieſe Maͤßigung die Quelle der Unruhe waͤre, welche den Staat in Bewe⸗ gung ſetzte. Dieſe Miniſter ermahnten mich, den Koͤnig zur Entſchloſſenheit zu bewegen. Sie ſtellten mir die ge⸗ faͤhrlichen Folgen vor, welche fuͤr den Staat daraus entſtaͤnden, wenn der Ungehorſam des Parlaments un⸗ beſtraft bliebe. Die Anhaͤnger dieſer Behoͤrde ſtellten mir dagegen die Gefahr vor, welche dadurch herbei ge⸗ fuͤhrt werde, eine Behoͤrde entfernt zu halten, der die Rechtspflege anvertrauet, und die zu deren Verwaltung allein im Stande, und wegen ihres Widerſtandes ſelbſt lobenswerth ſey, indem ſelbige den uͤberzeugendſten Be⸗ weis ihres Eifers fuͤr den Ruhm des Königt und das Wohl des Volkes darbiete ꝛc. ꝛc. Wenn ich meiner Neigung gefolgt waͤre, ſo haͤtte ich bei der Aufrechthaltung der koͤniglichen Kammer, unter Ausſchließung des Parlaments, beharret; aber ich kannte das Herz des Koͤnigs. Ich wußte, daß ſeine natuͤrliche Gutmuͤthigkeit den Sieg uͤber ſeine Entſchluͤſſe davon tragen wuͤrde. Der Herzog von Nichelieu bediente ſich allerlei Raͤnke bei dem Koͤnige; er hatte ſchon Einfluß bei dem⸗ ſelben gewonnen. Dieſer Hofmann ſuchte alle Gele⸗ genheiten auf, den Koͤnig allein zu unterhalten und ſeine Zuneigung zu gewinnen. Ich hatte mich mehrmahls ſeinen Abſichten widerſetzt, und eben dadurch ſchien er entſchloſſen, einen letzten Verſuch zu machen, um ſeine Gunſt gaͤnzlich zu erlangen. Dies Betragen mißfiel mir, und da er ſtets in der Abſicht wieder kam, ſo 7— 7— ſagte ich einſt in Gegenwart des Koͤnigs zu ihm: Herr Herzog, ich habe Briefe aus Languedoc, aus welchen ich erſehe, daß Ihre Gegenwart daſelbſt nothwendig iſt. Ich rathe Ihnen daher nach Montpellier, das zu Ih⸗ rem Departement gehoͤrt, abzureiſen; denn Se. Koͤnigliche Majeſtaͤt wollen in Paris weder Biſchoͤfe noch Satthal⸗ ter jener Provinz wiſſen. Der Hofmann fuͤhlte, was ich ſagen wollte. Nach einigen Tagen reiſete er nach Bordeaux ab, und bei ſeiner Ruͤckkehr ſah ich ihn ſehr wenig. Als die Herzogin von Tollard, Gouvernante der Kinder des Kconprinzen, geſtorben war, ſagte der Koͤ⸗ nig zu mir: nun, Madam, wem werden wir die junge Familie des Kronprinzen anvertrauen?»Sire, erwiederte 7 ich, Frau von Tollard hatte große Verdienſte, und des⸗ halb iſt ihre Stelle ſehr ſchwer zu erſetzen. Ich habe meine Augen auf ganz Frankreich geworfen, und finde nur die Graͤfin von Marſan, welche im Stande waͤre, ihre Stelle einzunehmen.“ Sie wurde dazu ernannt, und da ſie wußte, welchen Antheil ich daran hatte, ſo kam ſie zu mir, um mir dafuͤr zu danken. Dieſer Vorzug machte mir viel Feinde. Alle Damen, welche davon ausgeſchloſſen waren, gaben mir die Schuld. Auf ſolche Art wird die Guͤnſtlingin eines Koͤnigs mit dem allgemeinen Haſſe beladen. Wenn eine Stelle erledigt iſt, ſo kann ſie ſelbige doch nur fuͤr eine Per⸗ ſon erbitten; und gewoͤhnlich wird die große Anzahl derer, welche darauf Anſpruch machen, Feinde derjeni⸗ gen, welche daruͤber verfuͤgt hat. 7 ½ —— — 100— Die Geburt des Herzogs von Aquitanien hatte am Hofe Freude verbreitet; ſein Tod verſenkte die koͤnig⸗ liche Familie wieder in Trauer; von der Freude ging man zu Thraͤnen uͤber, aber bald dachte man nicht mehr daran. Ohne das Leichengepraͤnge, welches mehrere Tage hindurch waͤhrte, haͤtte man ihn ſchon am erſten Tage vergeſſen. Das Schauſpiel ſeines Begraͤbniſſes machte, daß man Thraͤnen vergoß, ohne dies Gepraͤnge haͤtte man kaum von ſeinem Ableben geredet. Am Hofe wurde beſtaͤndig daran gearbeitet, den wei⸗ tern Schritten des Parlaments und des Chatelet Einhalt zu thun. Dieſe Angelegenheit uͤberfuͤllte den Staat mit Verordnungen. Ein Staatsmann ſagte:»wenn die Regierung den uͤbrigen Verwaltungszweigen dieſelbe Aufmerkſamkeit gewidmet haͤtte, ſo wuͤrde Frankreich der am beſten eingerichtete Staat in Europa ſeyn.⸗ Indeß ſtellte dieſe Aufmerkſamkeit die Ordnung nicht wieder her. Keine Parthei wollte der andern nach⸗ geben. Endlich endigte dieſe wichtige Sache, welche Frank⸗ reich ſo ſehr in Bewegung gebracht und den fremden Nationen ſo oft zu Aeußerungen Veranlaſſung gegeben hatte, ſo, wie ſie endigen mußte; das heißt durch die Hartnaͤckigkeit des Parlaments und der Ermuͤdung des Koͤnigs. Ludwig XV. iſt, ich kann es nicht genug wiederholen, gutmuͤthig; ſeine zaͤrtliche und mitleidige Seele gehoͤrt nicht zu denen, welche durch ni derſtand gereizt werden. — 101— Die Eigenliebe der Koͤnige, welche unumſchraͤnkt ſeyn wollen, fuͤhrt Unordnungen herbei, wodurch ge⸗ woͤhnlich die Staaten ins Ungluͤck geſtuͤrzt werden. Der Fuͤrſt, welcher nur den Frieden ſeines Reichs und das Gluͤck ſeines Volkes beabſichtigt, gab nach, als er den Augenblick nahe ſah, wo ſein Widerſtand gegen ſein Parlament, eine allgemeine Umwaͤlzung verurſachen koͤnnte. Dies Benehmen des Koͤnigs fand viele Tadler, man hielt es fuͤr Schwaͤche. Vielleicht war es nur Nachgiebigkeit. Beißende Stiche kamen hinzu, denn die Koͤnige von Frankreich ſind, ungeachtet ihrer Unum⸗ ſchraͤnktheit, nicht davon ausgenommen. Ein Prinz vom Gehluͤte druͤckte ſich in Gegenwart mehrer Hofleute ſo aus:»Ich hatte es immer geſagt, meine Herren, daß der kreiſende Berg nur eine Maus gebaͤhren wuͤrde.«⸗ Herr von Maupeou hatte eine beſondere Audienz bei dem Koͤnige in Compiegne, wo alle vorlaͤufige Friedensartikel unterzeichnet wurden. Der Koͤnig er⸗ klaͤrte ihm, daß er die Verhaftsbefehle abſchaffen laſſen werde, und daß das Parlament nach Paris zuruͤckkom⸗ men koͤnnte, wo man an einer allgemeinen Ausſbynung arbeiten wuͤrde. Der Triumph war zu ſchoͤn, um nicht damit zu prahlen. Der Praͤſident ließ ſogleich die Siegesglocke toͤnen. Er fertigte einen Eilboten an alle Gerichtshoͤfe im Reiche ab, und gab allen ſeinen Amtsgenoſſen Nach⸗ richt davon, welche ſodann im Triumphe nach Paris kamen. Ohngeachtet dieſer Friede in Verſailles die Ruhe herſtellte, und dieſe einen großen Einfluß auf mein Leben hatte, ſo geſtehe ich doch, daß ich eine Art von Verdruß daruͤber empfand, dieſe Schlepproͤcke uͤber den erſten Entſchluß des Koͤnigs ſiegen zu ſehen. Ich kannte ihren Starrſinn, und dies allein nahm mich gegen ſie ein.. Man hat in der Welt erzaͤhlt, ich haͤtte dieſe Aus⸗ ſoͤhnung geſchmiedet, und der Koͤnig haͤtte nur auf meine Bitten nachgegeben; aber man hat dies, wie eine Menge anderer Dinge erzaͤhlt, die eben ſo we⸗ nig gegruͤndet ſind. Ich geſtehe es, ich wuͤnſchte eifrig, daß dieſe parlamentariſchen Streitigkeiten ſich endigen moͤchten; wenn ich aber an meine Ruhe dachte, ſo ver⸗ gaß ich doch den Ruhm des Koͤnigs nicht. Mehrere Male ſchmaͤhlte ich den Herrn von Maupeou in Gegen⸗ wart der Miniſter wegen ſeiner geringen Achtung fuͤr die Befehle des Koͤnigs, und des foͤrmlichen Ungehor⸗ ſams ſeines Gerichtshofes. Er antwortete mir jederzeit mit jener, den Vorgeſetzten einer Behoͤrde gewoͤhnlichen Ernſthaftigkeit, daß er und ſeine Amtsgenoſſen die un⸗ terwuͤrſigſten Unterthanen im Staate waͤren; und dieſe Antwort brachte mich noch mehr auf. Der Koͤnig verlangte dieſe Gerichtsperſon vor der voͤlligen Ausſoͤhnung noch ein Mal zu ſehen. Er em⸗ pfing ihn mit der Hoͤflichkeit, die ihm ſo eigen iſt, und ihm die Herzen aller, welche ihm nahen, gewinnt. »Es iſt mein Wille, mein Herr«, ſagte er,»daß mein Parlament ſeine Amtsverrichtungen in meiner Hauptſtadt wieder uͤbernehmen ſoll. Ich hoffe, daß ich nicht ferner Urſache haben werde, mich uͤber daſſelbe zu beklagen, und daß es durch die Gnade, mit welcher ich — 103— es behandle, bewogen werden wird, ſeine Pflichten in Zukunft mit dem Eifer, dem es meinem Dienſte ſchul⸗ dig iſt, und mit bereitwilliger Unterwuͤrfigkeit unter meine Befehle, erfuͤllen wird.« Die Königin wollte an dieſem Ereigniſſe ebenfalls Theil nehmen; der Praͤſident machte ihr ſeine Aufwar⸗ tung.»Ich empfinde eine beſondere Freude daruͤber, ſagte dieſe Fuͤrſtin zu ihm, daß der Koͤnig das Pariſer Parlament in ſeinen alten Wirkungskreis wieder einſetzt. Ich habe vielen Antheil an der Statt gefundenen Unter⸗ brechung genommen, und mit Zufriedenheit verſichere ich Sie meiner Achtung fuͤr dieſe Behoͤrde.⸗ Diejenigen, welche uͤber alles am Hofe und in der Stadt urtheilen, fanden, daß der Koͤnig bei dieſer Gelegenheit zu viel Schwaͤche bewieſen haͤtte; daß er die Sache entweder nicht ſo weit, oder noch weiter haͤtte treiben muͤſſen. Aber haͤtten ſelbſt die, welche ſo ur⸗ theilten, der Regierung jenen Blick in die Zukunft mit⸗ theilen koͤnnen, mittelſt welcher man uͤber die Begeben⸗ heiten entſcheiden kann, ehe ſie eintreffen? Die erſten Streitigkeiten, welche ſich zwiſchen dem Hofe und dem Parlamente entſpannen, waren ſo unbedeutend, daß ſie, nach dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge, nicht die ge⸗ ringſte Unruhe im Staate veranlaſſen mußten. Aber unvermerkt erbitterten ſich die Gemuͤther. Als neue Umſtaͤnde den Stand der Frage veraͤn⸗ dert hatten, entfernte man ſich nach und nach von der erſten Veranlaſſung und nun uͤberſchritt jede Parthei ihr Ziel. Der Koͤnig hatte mir in eben der Zeit, als er auf das Parlament mit Edicten losdonnerte, mehr⸗ — 104— mals geſagt, daß, wenn er gewußt häte, daß die Sache ſo weit gehen wuͤrde, er gleich im Anfange nachgegeben haben wuͤrde. Die Zuruͤckberufung des Parlaments war nicht ohne Einfluß auf uns. Der Koͤnig wurde ſogleich hei⸗ terer, als gewoͤhnlich, unſere Unterhaltungen waren lebhafter und froͤhlicher. Sire, ſagte ich zu dem Koͤnige, »wenn Sie einige Urſache haben, ſich uͤber Ihr Par⸗ lament zu beklagen, ſo bitte ich Sie, daſſelbe nicht lange entfernt zu halten; denn ich habe bei dergleichen Zwiſtigkeiten zu viel zu verlieren, und bei der Ausſohe nung viel zu gewinnen.⸗« Durch den, zur Zeit der Zuruͤckberufung des Par⸗ laments erfolgten Tod des Markis von St. Couteſt entſtand eine Luͤcke im Miniſterium. Ich habe bereits von dem Charakter und den Talenten dieſes Miniſters geredet; es hieß von ihm, er liebe den Frieden, weil er keinen Krieg zu fuͤhren verſtehe. Sein Tod erledigte einen Poſten bei der Verwaltung der auswaͤrtigen An⸗ gelegenheiten. Es meldeten ſich viele Bewerber, aber keine Miniſter. Der Krieg hatte faſt alle geſcheite Maͤnner unter die Waffen gerufen. Nur die erſten Canzlei⸗ Offizianten verſtanden ſich auf die Gelchaͤfte. Der Koͤnig ſuchte um ſich herum, und ich richtete meine Augen auf alle meine Umgebungen, ohne daß wir fan⸗ den, was der Staat bedurfte.„Sire, ſagter ich zu dem Monarchen, ich rathe Ew. Majeſtaͤt, in der Erwartung, eine gluͤckliche Entdeckung zu züachen, Herin Rouillé zu dieſem Poſten zu ernennen. — 1⁰5— Ganz Frankreich war uͤber dieſe Wahl erſtaunt, und Herr von Rouillé eben ſo ſehr. Mehrere Ruͤckſichten bewogen mich, die Entſchei⸗ dung zu ſeinen Gunſten zu leiten. Dieſer Miniſter war einer von jenen untergeordneten Koͤpfen, die ſich in alles fuͤgen. MNan ließ ihn ſteigen und ſinken, wie man wollte. Herr von Belleisle ſagte von ihm, man koͤnnte ihn erſt zum Koͤnige, und dann wieder zum Beamten beim See⸗ oder Kriegsweſen machen. Er beſaß jene glaͤnzen⸗ den Eigenſchaften, welche Bewunderung erregen, nicht, aber er war rechtſchaffen, und man bedurfte damals eines Miniſters, der ein ehrlicher Mann war. Mehrere oͤffentliche Beamte hatten Unterſchleife be⸗ gangen; es war Jemand noͤthig, der Rechtlichkeit be⸗ ſaß, um die Unordnungen im Staate abzuſtellen. Ich habe von einem ſehr rechtlichen Manne gehoͤrt, daß das Miniſterum der auswaͤrtigen Angelegenheiten eines Vorgeſetzten beduͤrfe, welcher mehr Billigkeitsliebe als Verſtänd, und mehr Nechtſchaffenheit als Kenntniſſe beſaͤße. Er ſagte, daß die Voͤlker des Nordens, mit denen dieſer Miniſter beſtaͤndig zu verhandeln hat, einen freimuͤthigen Charakter haͤtten, den ſie auch gern von denen, mit welchen ſie unterhandelten, erwarten moͤch⸗ ten. Derſelbe Mann bewies, daß alle, oder doch faſt alle Kriege zwiſchen Frankreich und Deutſchland ihren Urſprung in der Verderbtheit jenes Miniſteriums haͤtten. Das Seeweſen wurde dem Herrn von Machault, welcher bereits Siegelbewahrer und Generalcontroleur war, uͤbertragen. Viele Leute hatten mir von ihm ge⸗ — 106— ſagt, aber blos ſeine Talente beſtimmten mich. Er hatte einen tiefeindringenden Blick und war ganz dazu geeig⸗ net, die ihm anvertrauten Poſten auszufuͤllen. Ich haͤtte ihm wohl etwas weniger Ehrgeiz gewuͤnſcht, denn wenn dieſe Leidenſchaft ohne Graͤnzen iſt, ſo verleitet ſie die hellſten Koͤpfe zu Fehlern. Undankbarkeit iſt faſt immer eine Folge derſelben, ſie bringt die groͤßten Dienſte ins Vergeſſen und ich halte einen Menſchen, dem es an dankbaren Geſinnungen fehlt, fuͤr ein Un⸗ geheuer in der Natur. 1 8 Die Stelle eines Controleurs der Finanzen wurde Herrn Moreau de Seychelles verliehen; alle dieſe Ver⸗ aͤnderungen verwirrten das Publikum und gaben zu vielem Gerede Anlaß. Diejenigen, welche nach jenen Poſten trachteten, fanden, daß die, denen man den Vorzug gegeben hatte, ihn nicht verdienten. Man murrte uͤber ſie, aber bald machte man ihnen den Hof. Es gab Leute, welche behaupteten, daß Hr. von Ma⸗ chault durch den Uebergang von den Finanzen zum Seeweſen, ſich verſchlechtert habe. Man ſagte von die⸗ ſem Miniſter, er habe ein goldenes Amt fuͤr ein hoͤl⸗ zernes umgetauſcht. Ich geſtehe es, ich haͤtte den Koͤnig gern bewogen, an die Spitze dieſer beiden hauptſaͤchlichſten Verwal⸗ tungszweige des Reichs zwei Maͤnner zu ſtellen, deren Geiſt den derjenigen, welche ſie zu leiten angewieſen wurden, uͤbertroffen haͤtte, aber woher ſollte man ſie nehmen? Der Marſchall von Sachſen hatte vor ſeinem Tode geſagt,„man muͤßte eine Miniſterſchule, und nicht eine Militairſchule errichten, denn, behauptete er, — 107— alle Franzoſen waͤren geborne Soldaten, aber nicht Ei⸗ ner kaͤme mit den Eigenſchaften eines Miniſters zur Welt.⸗ Die Seetruppen beklagten ſich ſeit langer Zeit, daß ſie nicht mit den Landtruppen gleiche Ehre genoͤßen. Die Seeoffiziere erduldeten groͤßere Muͤhſeligkeiten und ſetzten ihr Leben eben ſo gut aufs Spiel; es war daher ungerecht, ihnen nicht dieſelben Vorzuͤge zu bewilligen. Ludwig XIV., der viel fuͤr das franzoͤſiſche Seeweſen gethan hatte ſchien doch nicht genug gethan zu haben; ich nahm mich deſſelben an, und unterſtuͤtzte nur die guten Abſichten des Koͤnigs; er errichtete ein Großkreuz und drei Commanderien des heiligen Ludwigs⸗Ordens, welche nach dem Range und dem Verdienſte der See⸗ offiziere vertheilt werden ſollten. Die Freude, welche die Ausſoͤhnung des Parla⸗ ments mit dem Hofe verurſachte, wurde noch von einer groͤßern begleitet. Ihre Koͤnigliche Hoheit die Frau Kronprinzeſſin gebar naͤmlich einen Herzog von Berry. Der Koͤnig empfand eine Zufriedenheit ohne Gleichen uͤber die Vermehrung der koͤniglichen Familie. Jeder Neugeborne erfuͤllte ihn mit Freude. Ich kann wohl ſagen, daß die auf dieſe beiden Ereigniſſe folgenden vier⸗ zehn Tage diejenigen waren, welche ich waͤhrend meines Aufenthalts in Verſailles am zufriedenſten verlebte. Indeß wurde das Parlament in Paris mit einer, gegen den Hof ungebuͤhrlichen Freude empfangen; ſaͤmmt⸗ liche Umgebungen des Pallaſtes waren erleuchtet, man machte Freudenfeuer und laͤutete mit den Glocken. Der Koͤnig wurde daruͤber entruͤſtet, aber Hr. von Maupeou — 108— verſicherte ihm, daß Niemand von ſeiner Behoͤrde ſich dieſen Freudenbezeigungen uͤberlaſſen haͤtte; und hier⸗ durch eben mußten ſie noch verdaͤchtiger erſcheinen. Man hatte Verordnungen geſchaffen, um eine koͤ⸗ nigliche Gerichtskammer zu errichten, und erließ nun dergleichen, um ſie wieder aufzuloͤſen, weshalb eines der Mitglieder ſagte,»daß es nicht der Muͤhe werth ge⸗ weſen ſey, auf ſo kurze Zeit eine Amtskleidung anzu⸗ ſchaffen; daß, wenn er gewußt haͤtte, daß die koͤnigliche Kammer ſobald wieder aufgehoben werden ſollte, er we⸗ der Peruͤcke noch Kragen gekauft, ſondern uͤber die Ver⸗ brecher, mit dem Degen an der Seite, Recht geſpro⸗ chen haben wuͤrde.⸗ Das Patent des Königs k uͤber die Zuruͤckberufung des Parlaments, iſt der Nachwelt wuͤrdig. Er redet darin als Gebieter zu einem Gerichtshofe, der ihm Wi⸗ derſtand geleiſtet hatte, weil er ſich fuͤr unumſchraͤnkt hielt, und deſſen neue Zuſammenberufung ein offen barer Beweis ſeines Ungehorſams war. Jenes Patent war folgendermaßen abgefaßt: »Der von den Beamten Unſers Parlaments un⸗ term 5ten Mai v. J. gefaßte Entſchluß, mit der Un⸗ ſern Unterthanen in Unſerm Namen zu verwaltenden Rechtspflege aufzuhoͤren, und die Weigerung, ihre Amts⸗ verrichtungen, welche eine von ihrem Stande unzer⸗ trennliche Pflicht ausmachen, und denen ſie ſich durch die Heiligkeit des Eides geweihet haben, wieder zu uͤbernehmen, haben Uns in die Nothwendigkeit verſetzt, ihnen das Mißfallen zu erkennen zu geben, welches Wir uͤber ihr Verfahren empfanden. Der von ihnen fuͤr die — — 100— Einſtellung ihres gewoͤhnlichen Dienſtes angegebene Vor⸗ wand war, als ein neues Vergehen von ihrer Seite, um ſo weniger zu entſchuldigen, als ſie an Unſerer damaligen und fortwaͤhrenden Geneigtheit, das anzuhoͤ⸗ ren, was Unſer Parlament Uns zum Beſten Unſers Dienſtes und Unſerer Unterthanen vorzuſtellen haben koͤnnte, nicht zweifeln konnten, und ihnen nicht unbe⸗ kannt war, daß Wir durch ſeine Beſchluͤſſe von dem Gegenſtande ihrer Vorſtellungen unterrichtet waren, ſie mithin ſich nicht verhehlen durften, daß ſie ſich Unſere Weigerung, die von ihnen entworfenen Vorſtellungen anzuhoͤren, ſelbſt zugezogen haͤtten. Nachdem Wir ſie nun eine Zeitlang die Folgen Unſers Mißfallens haben empfinden laſſen, haben Wir jedoch gern Unſerer lan⸗ desherrlichen Milde Gehoͤr gegeben und dennoch die Beamten Unſers Parlaments in Unſere gute Stadt Paris zuruͤckberufen. Zugleich haben Wir aber, ſtets ſorgfaͤltig darauf bedacht, jene Zwiſtigkeiten zu zerſtreuen, welche ſeit einiger Zeit entſtanden ſind und deren Folgen Unſere ganze Aufmerkſamkeit zu verdienen ſcheinen, die geeignetſten Maßregeln zur kuͤnftigen Erhaltung der oͤffentlichen Ruhe getroffen, und in der Hoffnung, daß Unſer Parlament durch puͤnktlichen Gehorſam und ver⸗ doppelte Arbeitſamkeit die Nachtheile, welche Unſere Unterthanen haben erleiden koͤnnen, wieder auszugleichen ſich beeifern, und Uns bei jeder Gelegenheit Beweiſe ſeiner Unterwuͤrfigkeit und Treue dadurch geben werde, daß es der Weisheit Unſerer Abſichten vertraut, beſchloſ⸗ ſen, daſſelbe in Paris zu verſammeln, um ihm Unſere Willensmeinung kund zu thun.⸗ — 110— „Aus dieſen und andern Uns bewegenden Gruͤnden, auf das Gutachten Unſers Staatsraths und aus Unſerer eigenen koͤniglichen Wiſſenſchaft, Machtvollkommenheit und Gewalt haben Wir mittelſt dieſes von Uns eigen⸗ haͤndig vollzogenen Patents, allen und jeden Beamten Unſers Parlaments befohlen und befehlen ihnen, ihre gewohnten Amtsverrichtungen in Unſerer guten Stadt Paris unverzuͤglich wieder zu uͤbernehmen, und Unſere Unterthanen ohne Aufſchub oder Unterbrechung die Ge⸗ rechtigkeit nach den Geſetzen und zufolge ihrer Amts⸗ pflicht zu verwalten. Und wie Wir dafuͤr halten, daß das ſeit mehreren Jahren auferlegte Stillſchweigen uͤber Sachen, welche nicht in Anregung gebracht werden koͤnnen, ohne daß gleicherweiſe dem Wohle der Religion als des Staates geſchadet wird, das angemeſſenſte Mit⸗ tel zur Sicherung des Friedens und der oͤffentlichen Ruhe ſey, ſo gebieten Wir Unſerm Parlamente, daruͤber zu wachen, daß von keiner Seite etwas gethan, verur⸗ ſacht, oder unternommen werde, welches jenem Still⸗ ſchweigen und dem Frieden zuwider ſeyn koͤnnte, wel⸗ cher nach Unſerm Willen in Unſern Staaten herrſchen ſoll. Wir befehlen demſelben ferner, gegen die Ueber⸗ treter nach den beſtehenden Geſetzen und Verordnungen zu verfahren; und um zugleich immer mehr zur Be⸗ ruhigung der Gemuͤther, Unterhaltung der Einigkeit, Aufrechthaltung des Friedens und gaͤnzlichen Vergeſſen⸗ heit des Vorgefallenen beizutragen, ſo iſt es Unſer Wille und Befehl, daß alle, ſeit dem Anfange und bei Ge⸗ legenheit der letzten Unruhen bis zum heutigen Tage Statt gefundene Verfolgungen und Unterſuchungen, ſo * 1 — 111— wie die Endurtheile, welche wegen Nichterſcheinens erfolgt ſeyn koͤnnten, ohne alle Wirkſamkeit bleiben ſollen, mit Ausnahme jedoch derjenigen endlichen Erkenntniſſe, welche nach Anhoͤrung beider Theile und in letzter In⸗ ſtanz abgegeben ſind, eintretenden Falls auf dem geſetz⸗ lichen Wege ſich dagegen zu verwahren. ꝛc.« Man ſagte uns in Verſailles, daß dieſe Erklaͤrung bei der hohen Kammer viel Schwierigkeiten faͤnde. Der Marſchall von Belleisle ſagte bei dieſer Gelegenheit zum Koͤnige:»Wenn Ihr Parlament nach ſeiner Verwei⸗ ſung Ihr Patent nicht in ſeine Regiſter eintraͤgt, ſo muß es aus dem Königreiche verbannt werden. ꝛc.“ Ein Hofmann dagegen ſagte, daß er ſich wundern wuͤrde, wenn es daſſelbe eintruͤge, und er gruͤndete ſeine An⸗ ſicht darauf, daß wenn man gegen eine Behoͤrde zu viel Nachgiebigkeit beweiſe, es natuͤrlich ſey, daß ſie ſelbige mißbrauche. Indeß wurde die Erklaͤrung, aber mit den gewoͤhnlichen Vorbehalten, doch eingetragen. Nach der Zuruͤckberufung des Parlaments gebuͤhrte dem Koͤnige eine Dankſagung, und Herr von Maupeou ſprach ſie aus. Er entledigte ſich dieſes Geſchaͤfts in der Eigenſchaft einer feinen und gewandten Gerichtsper⸗ ſon, die bei aller Schonung der Vorrechte der Krone, doch auch die ihrer Behoͤrde geltend macht. Auch dieſe Schrift verdient der Nachwelt uͤberliefert zu werden, und folgt deshalb hier. — 1412— „Sire le „Fuͤr getreue Unterthanen iſt es ohne Widerrede das groͤßte Ungluͤck, ſich die Ungnade ihres Landesherrn zugezogen zu haben.⸗ »Der Beweis, welchen Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt Parlament ſo eben davon empfunden hat, hatte daſſelbe in ein ſolches Uebermaas von Schmerz verſenkt; daß derſelbe Allerhoͤchſt Ihnen nicht beſſer dargeſtellt werden kann, als durch das glaͤnzende Zeugniß unſerer ehr⸗ furchtsvollſten Dankbarkeit, welches wir Allerhoͤchſt Ih⸗ nen jetzt darbringen.« »Die von Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt allergnaͤdigſt verfuͤgte Wiedervereinigung der ſo lange zerſtreut geweſe⸗ nen Mitglieder, hat daſſelbe in den Stand geſetzt, ſeine Unterwuͤrfigkeit unter Allerhoͤchſt Ihre Befehle und ſeine Liebe fuͤr Allerhoͤchſt Ihre geheiligte Perſon kund zu geben.⸗ »Gab es wohl je etwas, des beſten aller Fuͤrſten Wuͤrdigeres, als den Gerichtsperſonen die Vaterhand zu reichen, welche ſich in der gaͤnzlichen Unmoͤglichkeit be⸗ fanden, ihm neue Beweiſe des Eifers zu geben, wo⸗ von ſie ſich fuͤr ſeinen Dienſt belebt fuͤhlen, und ihm die Gruͤnde auseinanderzuſetzen, welche ſie, ſo zu ſagen gegen ihren Willen, zu Schritteen bewogen haben, die ungluͤcklicherweiſe ihm mißfaͤllig geweſen ſind?⸗ »Welcher Ruhm, Sire! wird je dem Ihrigen gleichen! Nachdem Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt ſo oft per⸗ ſoͤnlich Ihre Feinde beſiegt haben, iſt im Schooße des Friedens das Gluͤck Allerhoͤchſt Ihres Volkes Ihre einzige Beſchaͤftigung. Allerhoͤchſt Sie lieben die Wahr⸗ — 113—. heit, Sie ſuchen ſie zu erkennen, ſie gelangt ohne wei⸗ tere Huͤlfe, als durch Allerhoͤchſt Ihre eigene Einſicht zu Ihnen, und ſobald ſie von Ihnen erkannt iſt, ge⸗ nießt ſie aller ihrer Rechte.⸗ „Sie iſt es, durch welche Ew. Koͤnigliche Maje⸗ ſtaͤt empfunden haben, welch ein gefaͤhrliches Beiſpiel die Zerſtreuung aller Mitglieder eines Parlaments da⸗ durch iſt, daß ſie in die Grundgeſetze des Reichs ein⸗ greift und nothwendig eine große Menge von Uebeln nach ſich zieht.« „Dieſelbe Wahrheit iſt es, wodurch Allerhoͤchſt Sie erkannt haben, von welcher Wirkung auf Allerhoͤchſt Ihr Parlament die Furcht ſeyn mußte, ſich durch Allerhoͤchſt Ihre, auf die bloße Anſicht der Beſchaffenheit der Ge⸗ genſtaͤnde ſeiner wichtigen Vorſtellungen, erfolgte Wei⸗ gerung, dieſelben anzunehmen, auf immer aus Aller⸗ hoͤchſt Ihrer Gegenwart verbannt zu ſehen.« »Sie iſt es endlich, welche Allerhoͤchſt Sie bewo⸗ gen hat, daſſelbe mit einer Guͤte wieder zu beruhigen, welche Allerhoͤchſt Ihre wahrhafte Liebe fuͤr Unterthanen, deren Wohl von dem Ihrigen unzertrennlich iſt, auf die kommenden Jahrhunderte uͤbertragen wird.« »Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt haben noch mehr ge⸗ than, Sie haben Ihr weiſes Augenmerk auf Allerhoͤchſt Ihr ganzes Reich gerichtet, indem Sie den feſten Ent⸗ ſchluß faßten, in ſelbiger Ordnung und Ruhe zu hand⸗ haben, wovon allein ſein Glanz abhaͤngt. Um Zwiſtig⸗ keiten, deren Gefahr Allerhoͤchſt Ihnen bekannt iſt, Einhalt zu thun, haben ſie das tiefſte Stillſchweigen uͤber Gegenſtaͤnde befohlen, welche nicht ohne Nachtheil II. 4 8 — 114— werden koͤnnen.« „Ach Sire! wie ſollte nicht Allerhoͤchſt Ihr Parla⸗ ment ein ſo heilſames Geſetz, trotz des grauſamen Schmerzes, von dem es bei der Leſung des Einganges deſſelben durchdrungen wurde, durch die Eintragung in ſeine Regiſter geheiligt haben? Ja, Sire, wir wagen es zu ſagen, Allerhoͤchſt Ihr Parlament hat bei den ungluͤcklichen Umſtaͤnden, in welchen es ſich befand, dadurch, daß es eine Zeitlang den oͤffentlichen Angele⸗ genheiten den Vorzug vor den beſondern einraͤumte, nichts gethan, als was ſeine Amtspflichten und die Heiligkeit ſeines Eides verlangten.⸗ »Moͤge es uns erlaubt ſeyn, Sire, Ihnen zu ſa⸗ gen: Allerhoͤchſt Ihr Parlament wuͤnſcht nichts ſo eifrig, als Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt auf das vollſtaͤndigſte von der Macht und dem Umfange ſeiner Pflichten uͤberzeugt zu wiſſen. Durch ſich ſelbſt vermag daſſelbe nichts, es uͤbt nur denjenigen Theil der oͤffentlichen Gewalt aus, welcher ihm von Allerhoͤchſt Ihnen anvertraut iſt. Auch wird das einzige Ziel aller ſeiner Anſtrengungen ſtets nur dahin gerichtet ſeyn, ſich Ew. Koͤniglichen Majeſtaͤt angenehm zu bezeigen und ſeine Pflicht zu erfuͤllen, eine Pflicht, Sire, welche daſſelbe noͤthigt, unaufhoͤrlich uͤber die Erhaltung der koſtbaren Macht zu wachen, welche Allerhoͤchſt Ihnen von dem Allmaͤchtigen anver⸗ trauet iſt, und in ihrem ganzen Umfange auf Aller⸗ hoͤchſt Ihre entfernteſte Nachkommen uͤbergehen muß.« „»Welch ein Gluͤck fuͤr uns, dieſe hoͤchſte Macht in den Haͤnden eines Fuͤrſten zu ſehen, welcher mit einer fuͤr die Religion und den Staat in Anregung gebracht — 115— Weisheit und einer Maͤßigung regiert, die im Stande iſt, ihm alle Herzen zu gewinnen, und der es weiß, daß die wahren Bande, welche die Franzoſen an ihren Beherrſcher knuͤpfen, die der Liebe ſind.« »Sie iſt ſo tief in unſere Seelen eingegraben, Sire! daß wir Allerhoͤchſt Ihnen im Namen aller Beam⸗ ten, welche Ihr Parlament bilden, betheuern, daß ſie jederzeit bereit ſeyn werden, ihr Theuerſtes und Koſt⸗ barſtes zu opfern, wenn es ſich um den Vortheil Aller⸗ hoͤchſt Ihres Ruhmes handelt, und allen Ihren Unter⸗ thanen ein Beiſpiel der Treue und des allerhoͤchſt Ih⸗ rem Landesherrlichen Willen ſchuldigen Gehorſams zu geben.⸗ Die Biſchoͤfe von Frankreich behaupteten, dieſe Schrift enthalte einen Zug der anmaßendſten Beſchei⸗ denheit, wie keiner in dieſem Jahrhunderte erſchienen ſey. Die Hofleute fanden mehrere Widerſpruͤche darin. Der erſte Praͤſident erklaͤrte, daß die von dem Parla⸗ ment ausgeuͤbte Gewalt, ein ihm von dem Koͤnige an⸗ vertrautes Gut waͤre; wie kann nun aber, ſagte man, dieſes Darlehn jener Behoͤrde eine Unabhaͤngigkeit ver⸗ leihen, die ſelbſt bis zur Widerſetzlichkeit gegen den Wil⸗ len des Landesherrn ſich erſtreckt? Am Schluſſe jener Rede findet man einen, die Krone beleidigenden Spott. Dieſe Behoͤrde, welche df⸗ fentlich den Befehlen des Koͤnigs ſich widerſetzt und die Verweiſung, der Unterwuͤrfigkeit vorgezogen hatte, ſagte, daß man ſie ſtets bereit ſehen werde, das Bei⸗ ſpiel des Gehorſams zu geben. Nie hat man geſehen, 8* — 116— hieß es, daß man ein Beiſpiel des Gehorſams durch Ungehorſam giebt. Ohngeachtet der Ausſoͤhnung waͤhrte die feindſelige Stimmung fort. Ich meines Theils war daruͤber ent⸗ zuͤckt, daß die Sache ihr Ende erreicht hatte. Ich habe mehrmals angefuͤhrt, daß ſie dem Koͤnige uͤble Laune machte, und das war fuͤr mich hinreichend, eine Aus⸗ gleichung zu wuͤnſchen. Auf die Zaͤnkereien mit dem Parlamente folgten politiſche Angelegenheiten. Die Englaͤnder machten große Vorbereitungen zum Kriege; der letzte Friede hatte nicht alle Schwierigkeiten gehoben. Die Bevoll⸗ maͤchtigten beeiferten ſich mehr, den Schlachten ein Ende zu machen, als neuen Kaͤmpfen vorzubeugen. Der Marſchall von Noailles hatte mir oft geſagt, daß die Unterhaͤndler bei einer Zuſammenkunft nur an eine Sache, naͤmlich an die Unterzeichnung des Ver⸗ trages denken. Sie verwenden darauf alle ihre Klug⸗ heit, ſo daß ihnen nicht einmal der Geiſt der Voraus⸗ ſicht bleibt. Der Herzog von Mirepoix kam aus London, um die Befehle des Koͤnigs zu empfangen. Als dieſer Miniſter mit Sr. Majeeſtaͤt von den Anſtalten ſprach, welche die Englaͤnder machten, verſicherte er:»Großbri⸗ tannien daͤchte durchaus nicht an einen Friedensbruch.« Woher kommt es denn aber, ſagte der Koͤnig zu ihm, daß daſſelbe Ruͤſtungen macht, als wenn es Krieg fuͤh⸗ ren wollte? —— ——yy — 117— „Sire, erwiederte der Herzog, es iſt Grundſatz der Britten, die Ruhe Europas zur Vermehrung ihrer Streit⸗ kraͤfte zu benutzen.« Dieſer Miniſter der uͤbrigens ein rechtlicher Mann war, glaubte was er ſagte. Franzoͤſiſche Kundſchafter in London hatten dem Hofe berichtet, daß die Englaͤn⸗ der ihn taͤuſchten, daß er ſich von dem aͤußern Anſcheine verblenden laſſe, und daß das Cabinet von St. James ſeine Abſichten und Plaͤne zu verbergen wiſſe. Ich hatte dem Koͤnige oft geſagt, er moͤchte einen andern Geſandten nach London ernennen, aber er fuͤrch⸗ tete, jenem Herrn dadurch eine Kraͤnkung zuzufuͤgen, der uͤbrigens ſeinem Poſten durch ein Anſehn von Ho⸗ heit und Pracht Ehre machte. Ludwig XV. hat eine ſo wohlwollende Seele, daß er ſich nicht entſchließen kann, denen, welche er einmal mit ſeinem Vertrauen beehrt hat, ſeine Freundſchaft zu entziehen, wenn er nicht durch die Ueberzeugung von einem beſondern Vergehen dazu genoͤthigt wird. Verſailles bekam von Tage zu Tage ein traurigeres Anſehn; jene ungluͤcklichen Angelegenheiten mit der Geiſtlichkeit, den Biſchoͤen und dem Parlamente ver⸗ breitete uͤber alles, was den Hof beſuchte, einen duͤ⸗ ſtern Schatten.— Um den Koͤnig aus der Niedergeſchlagenheit, worin ihn jene Streitigkeiten verſetzten, zu reißen, ließ ich Bellevue bauen. Es war dies ein vierecktes Luſthaus, wo das Auge mehr Geſchmack als Pracht erblickte. Der Koͤnig ſagte mir eine Artigkeit daruͤber und begab ſich oft dahin. Ich hatte dieſen Ort durch einfache Arbeiten — 118— verſchoͤnert und die Kunſt war hinter der Natur verbor⸗ gen, welche es verhinderte, ſie zu bemerken. Die Gaͤrten und Anlagen von Buſchwerk waren reizend. Ludwig XV. ſagte oft zu mir, daß er in Com⸗ piegne, in Fontainebleau und in Marli erſticke, in Bellevue aber frei athme. Wir theilten unſere Zeit zwiſchen Spazierengehen, Gartenarbeiten und anderen laͤndlichen Vergnuͤgungen. Blumen gehoͤrten ebenfalls zu unſerer Erholung und ich hatte deren aus allen Welttheilen kommen laſſen. Wenn der Koͤnig in dieſes Haus trat, ſo legte er das majeſtaͤtiſche Anſehn ab, welches er ſonſt der koͤnig⸗ lichen Wuͤrde halber beobachten mußte. Ich gewann ſtets bei dieſer Verwandlung, denn er war immer hei⸗ terer, als gewoͤhnlich, und ſeine Zufriedenheit, welche die meinige erhoͤhte, verbreitete immer einen gewiſſen frohen Geiſt uͤber unſere Unterhaltungen. Auch fand der Unterſchied Statt, daß der Koͤnig in Bellevue mit mir von ſeinem Geſchmacke, ſeinen Geluͤſten und an⸗ dern Dingen, welche ihm Gefallen verurſachen konnten, ſprach, wogegen er mich in Verſailles nur von Reli⸗ gionsſtreitigkeiten, Verweigerung der Sakramente, und andern ihm unangenehmen Gegenſtaͤnden unterhielt. Dieſer Aufenthalt gab ihm oft Gelegenheit, von den Annehmlichkeiten des Privatlebens zu reden. Er fand darin Reize, welche die Verwickelung der oͤffentli⸗ chen Angelegenheiten und das Getuͤmmel des Hoflebens noch fuͤhlbarer machten. Da der Koͤnig mir fortwaͤhrend Beweiſe ſeines be⸗ ſondern Wohlwollens geben wollte, ſo erhob er das, ———˖˖˖Q—QO—·⸗O⸗CC— ———᷑—Z—O—OCQOůO/9aAq—— — 119— meinem Bruder gehoͤrige Gut Martigny zu einem Mar⸗ kiſate. Ich dankte ihm fuͤr dieſe Gnade, welche mir um ſo groͤßer erſchien, als Vaudiere noch nichts gethan hatte, ſie zu verdienen. Doch wieder zu den oͤffentlichen Angelegenheiten. Amerika, das ſich am Vorabende eines allgemeinen Krie⸗ ges befand, ließ ſchon Funken jenes Feuers erblicken, welches ganz Europa entzuͤnden ſollte. Die Englaͤnder beklagten ſich zuerſt. Mylord Albemarle ſtellte dem franzoͤſiſchen Hofe vor, daß die Franzoſen in Canada Feindſeligkeiten anfingen, welche dem Aachener Friedens⸗ vertrage zuwider liefen. 3 Frankreich antwortete, daß es davon keine Kennt⸗ niß haͤtte, um jedoch allem Mißverſtaͤndniſſe vorzubeu⸗ gen, Befehle zur Beilegung dieſer erſten Zwiſtigkeiten, unter der Bedingung, daß von England ein Gleiches geſchehe, abſchicken wollte. Beide Nationen verſprachen es, und beide hielten nicht Wort. Man hinterging ſich gegenſeitig, wie bei ſolchen Gelegenheiten faſt im— mer geſchieht. Ich erinnere mich, daß, gleich bei den erſten Kla⸗ gen, welche England gegen Frankreich erhob, ein aus⸗ waͤrtiger Miniſter mir ſagte, die Cabinete von Ver⸗ ſailles und St. James wuͤßten, daß ſie ſich bald bekriegen wuͤrden, ſie wollten es ſich aber ſelbſt nicht geſtehen, um der Sache ein deſto geheimnißvolleres Anſehen zu geben. „In dieſem Falle, mein Herr,« ſagte ich zu ihm, viſt der Koͤnig in das Geheimniß nicht eingeweiht, denn er weiß kein Wort von dem Kriege, den Sie uns an⸗ — 120— kuͤndigen.“ Wirklich wußte Ludwig XV. nicht, daß er im Begriffe ſtand, ſich in eine lange Reihe von Be⸗ lagerung und Schlachten einzulaſſen. Man hatte ihn wohl von den Gruͤnden der Englaͤnder zu ihren Be⸗ ſchwerden, aber nicht von ihrem Entſchluſſe, die Waffm zu ergreifen, unterrichtet. Waͤhrend man von Zwiſtigkeiten in der neuen Welt redete, hatte der Religionskrieg im Reiche beſtaͤn⸗ dig ſeinen Fortgang. Der Koͤnig, welcher, um dem Staate die Ruhe wieder zu ſchenken, alles gethan hatte, was man verlangte, mußte mit Kummer bemerken, daß man von dem, was er wollte, nichts that. Er war genoͤthigt, den Erzbiſchof von Paris zu verweiſen. Ich war Zeugin der Betruͤbniß, welche ihm die Noth⸗ wendigkeit, den Befehl dazu zu ertheilen, verurſachte⸗ Er hatte ſich bemuͤht, dieſen Praͤlaten durch alle Mit⸗ tel, welche ſeine Guͤte und ſein Wohlwollen ihm nur an die Hand gaben, zu ſeiner Pflicht zuruͤckzufuͤhren⸗ und erſt nachdem er alles vergebens verſucht hatte, ent⸗ ſchloß er ſich, ihn nach Conflans zu ſchicken. Das Betragen dieſes Erzbiſchofs, welcher den Be⸗ fehlen ſeines Landesherrn offenen Widerſtand entgegen geſetzt hatte, brachte die Hofbeamten ſo auf, daß meh⸗ rere dem Monarchen riethen, ihn durch Kriegsleute verhaften und enge verwahren zu laſſen; aber Ludwig XV. beſaß zu viel Sanftmuth, als daß er einem ſo heftigen Rathe gefolgt waͤre. Ich habe ihn oft ſagen gehoͤrt, die Koͤnige muͤßten ſtrafen, ohne daran zu denken, ſich zu raͤchen; er beauftragte einen ſeiner Miniſter mit der 4 — — 121— Ausfertigung des Verweiſungsbefehls, und gab ihm auf, ſelbigen dem Erzbiſchofe ohne Aufſehen einzuhaͤndigen. Der Koͤnig ſah ſich ferner genoͤthigt, die Biſchoͤfe von Orleans und Troies, zwei Praͤlaten, welche gleiche Geſinnungen, als der Erzbiſchof von Paris hegten, auf⸗ heben zu laſſen. Man konnte dieſe Beiden als die Beandſtifter des Koͤnigreichs anſehen. Sie bereiteten die Geiſter zum Ungehorſame vor, indem ſie ſich ſelbſt als Widerſpenſtige gegen die Befehle des Fuͤrſten zeig⸗ ten. Einer von ihnen beleidigte den Hof und den Staat aus der Tiefe ſeiner Verweiſung, durch einen Hirtenbrief, in welchem er den Eingeſeſſenen ſeines Sprengels verbot, ſich hinſichtlich des heiligen Abend⸗ mahls an andere Prieſter, als an die, welche er ihnen bezeichnete, und welche entweder Vicare oder Pfarrer ſeyn mußten, zu wenden. Das hieß das Prieſteramt einſchraͤnken, aber wenn man die biſchoͤfliche Gewalt angreift, ſo ſind die Kirchenfuͤrſten bereit, alles zu un⸗ ternehmen. Der Marſchall von Sachſen ſagte:»wenn Gott die Macht der Biſchoͤfe von Frankreich beſchraͤnkte, ſo wuͤrden dieſe Biſchoͤfe ihrer Seits der Macht Gottes Schranken ſetzen.⸗ Die Verweiſung des Erzbiſchofs von Paris brachte ſeine bedeutendſten Anhaͤnger zum Stillſchweigen, aber der Streit war dadurch nicht beendigt. Der Miniſter des Seeweſens uͤberreichte dem Koͤ⸗ nige eine Ueberſicht ſeiner Streitkraͤfte zu Waſſer, welche ſich auf ſechsundſechzig Linienſchiffe und dreißig Fregat⸗ ten beliefen. Ein Staatsmann aus dem Norden ſagte, dieſe waͤren nicht hinlaͤnglich, um mit den Englaͤndern * — 122— Krieg zu fuͤhren; und er prophezeihte, daß, wenn man den Krieg nicht vermiede, das franzoͤſiſche Seeweſen beim Frieden gaͤnzlich vernichtet ſeyn werde. Ich er⸗ zaͤhlte dieß mehreren unſerer Miniſter, welche mir ant, worteten, jener Staatsmann verſtaͤnde ſich nicht auf Prophezeihungen uͤber das Seeweſen. Schon lange iſt Frankreich jener Staatsmaͤnner beraubt, deren durch⸗ dringender Geiſt die entfernteſten Begebenheiten zu ent⸗ wirren verſteht. Heutzutage geht man maſchinenmaͤßig und aus Gewohnheit dahin, wohin man zu gehen ge⸗ zwungen iſt. Der Marſchall von Sachſen bediente ſich des eigenen Ausdrucks: unſere Aenitruna ſieht den Tag beim Sonnenſcheine. Man hielt die Seetruppen hereit, man warb Ma⸗ troſen, aber es fehlte an erfahrnen Seeoffizieren, deren Frankreich ſelten gute gehabt hat. Ludwig XIV. bildete dergleichen, aber mit ſeiner Regierung hoͤrte dieſe Ein⸗ richtung auf. Der Partheigeiſt und die Erbitterung bei Hofe waͤhr⸗ ten immer fort. Die Raͤnke, durch welche man mich zu ſtuͤrzen ſuchte, nahmen in dem Maaße zu, als ich in der Gunſt ſtieg. Der Neid enthuͤllte alle verborge⸗ nen Triebfedern, welche die menſchliche Bosheit in Be⸗ wegung zu ſetzen vermag. Alle, welche den Fuͤrſten umgaben, ſuchten mir ſein Vertrauen zu entziehen. Unter denen, welche ſich gegen mich verſchworen, gab es mehrere, die mir ihr Gluͤck verdankten und fuͤr die ich mich taͤglich verwandte. Ich machte ſie dem Koͤnige bemerklich. Ludwig XV. verwuͤnſcht die Undank⸗ baren, und dieſe Ruchloſigkeit brachte eine, der von — 123— meinen Feinden bezweckten, ganz entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervor. Der Koͤnig war beſtaͤndiger gegen mich, als vorher, und verachtete diejenigen, welche ihn hatten hintergehen wollen, nur deſto mehr. Ich will nicht er⸗ zaͤhlen, welche niedrigen und ſchimpflichen Mittel die Hofleute und einige ehrgeizige Frauen damals anwand⸗ ten, um das Herz des Monarchen an ſich zu ziehen. Die naͤhern Umſtaͤnde dieſer Umtriebe ſind der Geſchichte unwuͤrdig, und es iſt meine Abſicht nicht, Raͤnke und Kabalen, welche nur meine Perſon betreffen, auf die Nachwelt zu bringen. Der General⸗Controleur der Finanzen, Moreau de Seychelles, leiſtete dem Staate gute Dienſte. Er bemuͤhte ſich, Ordnung in den Finanzen herzuſtellen, und als ich den Koͤnig darauf aufmerkſam machte, er⸗ nannte ihn dieſer ſogleich zum Miniſter. Er hatte am Hofe Feinde, man ſagte, er habe noch nichts gethan, dieſe Stelle zu verdienen, und da das Gluͤck ſeine Er⸗ hebung uͤbereilt habe, ſo werde er auf halbem Wege ſtehen bleiben. Als er an den Hof kam, dem Koͤnige zu danken, ſagte ich zu ihm: Mein Herr, viele Leute werfen ſich zu Wahrſagern uͤber ihre Amtsverwaltung auf; bewei⸗ ſen Sie ganz Frankreich, daß es falſche Propheten ſind.« Der Herzog von Mirepoix, der dem Hofe beſtaͤn⸗ dig verſichert hatte, die Englaͤnder daͤchten nicht daran, den Frieden zu brechen, war genoͤthigt, endlich zu mel⸗ den, daß ſie Anſtalten zum Kriege traͤfen. Frankreich ſetzte ſich eiligſt in Vertheidigungsſtand, ohne beſtimmt — 124— zu wiſſen, ob es zum Kriege kaͤme. Das Seeminiſte⸗ rium fertigte Befehle nach allen Haͤfen und Landungs⸗ plaͤtzen ab. Die fertigen Schiffe wurden in See gelaſ⸗ ſen, und die uͤbrigen hielten ſich auf den erſten Befehl ſegelfertig. Indeß unterhandelte man in Paris fortwaͤhrend fuͤr die Erhaltung des Aachener Vertrages, aber nicht mehr mit Mylord Holderneß, denn der war geſtorben. Die Angelegenheiten Großbritanniens ruhten in den Haͤnden eines Geſandtſchafts⸗Sekretairs, welcher auf die Fragen, die man hinſichtlich der Anſtalten ſeines Hofes an ihn richtete, nur ganz obenhin antwortete. Mehrere Staatsmaͤnner meinten, daß, wenn der Graf von Albemarle noch gelebt haͤtte, der Krieg, wel⸗ cher kurz darauf beide Nationen zerfleiſchte, nie Statt ge⸗ funden haben wuͤrde. Es hieß, dieſer Miniſter, welcher großen Einfluß auf Georg II. hatte, waͤre damals in Paris mit einem Freudenmaͤdchen, von dem er ſich nicht haͤtte trennen koͤnnen, in ſehr naher Verbindung geweſen. Dieß iſt ein, vielleicht ganz ungegruͤndeter Verdacht, indeß waͤre es nicht das erſte Mal geweſen, daß die Liebſchaft einer vornehmen Buhlerin auf die europaͤiſchen Angelegenheiten Einfluß gehabt hat. In Folge der von London eingegangenen Berichte wurde in Verſailles ein großer Cabinetsrath gehalten, in welchem ſich der Koͤnig folgendermaßen gegen ſeine Miniſter erklaͤrte:»Ich habe meinen Theil erwaͤhlt, ich werde den Krieg durchaus nicht anfangen; und wenn die Englaͤnder den Aachener Frieden brechen, ſo wird — 125— Europa, Zeuge meiner Maͤßigung, ſehen, wer der an⸗ greifende Theil iſt.« Herr von Maillebois der Vater ſagte in voller Sitzung, daß es beſſer waͤre, ihnen zuvorzukommen, als ihnen Gelegenheit zu geben, es zu thun. Die Maͤßigung des Koͤnigs fand nur bei denen Beifall, deren Vortheil es war, die Belagerungen und Schlachten zu vermeiden; denn ein Jeder nahm nach Maßgabe ſeiner beſondern Nuͤckſichten auf ſeinen eigenen Nutzen, Antheil an dieſem Ereigniſſe. Die Krieger wollten Krieg, die Kaufleute und Finanzmaͤnner wuͤnſch⸗ ten Frieden. Der Londoner Hof ſandte an die Stelle des Lord Albemarle, den Grafen von Herford nach Paris. Man verglich dieſen Geſandten mit einem Kriegsherolde, man ſagte, er waͤre gekommen, um Frankreich den Krieg zu erklaͤren. Er redete auch wirklich in einem Tone, woran man erkennen konnte, daß in England alles zu einem Einfalle in Amerika bereit ſey. Herr von Rouillé wurde dadurch dermaßen eingeſchuͤchtert, daß er zum Koͤnig ſagte: Sire, England muß ſich zum Kriege entſchloſſen haben, denn ſein Geſandter redet, als wenn es im Be⸗ griffe waͤre, den Feldzug zu eroͤffnen. Bei dem erſten Geruͤchte von einer Ruͤſtung kamen die Militairperſonen, welche ſeit den letzten Feldzuͤgen in Flandern Verſailles verlaſſen hatten, in Maſſe zu mir, um mir ihre Aufwartung zu machen. Alle meine Zimmer waren voll von Offizieren, welche, indem ſie mich baten, mich fuͤr ſie bei dem Fuͤrſten zu verwenden, ihre kriegeriſchen Talente ruͤhmten. Indeſſen waͤhrte der Krieg mit den Biſchoͤfen im⸗ mer fort. Der Erzbiſchof von Paris, obgleich nach Couflans verwieſen, war dennoch nicht unterwuͤrfiger. Aus der Tiefe ſeiner Verbannung bot er dem Hofe und der Stadt Trotz. Man ſchaffte ihn nach Lagny an der Marne, einer kleinen Stadt, welche weder ſo groß, noch ſo prachtvoll als Couflans war. Ohngeachtet dieſer Aufenthalt ſein biſchoͤfliches Gepraͤnge herabſetzte, ſo blieb doch ſein Charakter unveraͤndert und behielt dieſelbe Feſtig⸗ keit. Gegen die uͤbrigen aufruͤhreriſchen Biſchoͤfe verfuhr man mit groͤßerer Strenge, aber die Verweiſungsbefehle hatten einen, dem erwarteten ganz entgegengeſetzten Er⸗ folg. Sie dienten nur dazu, ihnen bei ihren Anhaͤngern ein Anſehn zu geben, daß ihre Anmaßlichkeit noch ſteigerte. Ein Hofmann ſagte zum Koͤnige, man muͤßte in Rom ein Seminar fuͤr die, ſeinen Befehlen ungehor⸗ ſamen franzoͤſiſchen Biſchoͤfe bauen laſſen, und fuͤr den Kopf einhundert roͤmiſche Thaler zur Unterhaltung ihrer Hoheit ausſetzen. Gewiß iſt es, daß man gegen jene Leute zu nach⸗ giebig war, und in den Zuͤchtigungen ſelbſt, welche man ihnen wegen ihrer Pflichtvergeſſenheit zufuͤgte, eine Ruͤckſicht beobachtet wurde, welche verhinderte, daß ſie zu ihrer Pllicht zuruͤckkehrten. Da die Biſchoͤfe in ihrer Verbannung nichts zu thun hatten, als zu ſchreiben, und keine andern Waffen als die Feder anwenden konnten, ſo uͤberſchwemmten ſie Frankreich mit Schriften und Hirtenbriefen, welche eben ſo viele Erklaͤrungen gegen die koͤnigliche Macht waren. Man rieth dem Koͤnige mehrere Male, die — 127— Buchdrucker, als Werkzeuge dieſer aufruͤheriſchen Schrif⸗ ten, aufhaͤngen zu laſſen, aber Ludwig XV. wollte nie zu dergleichen gewaltſamen Maßregeln ſchreiten. Die Englaͤnder eroͤrterten endlich die Kriegsruͤſtungen, wovon Europa durch das Geruͤcht unterrichtet war. Sie erklaͤrten der Regierung, daß in Canada die Franzoſen Einfaͤlle in Gebietstheile, welche unter der Herrſchaft Großbritanniens ſtaͤnden, unternommen haͤtten, und daß England keine Neigung beſaͤße, dergleichen An⸗ maßungen zu dulden. Wir haben geſehen, daß beide Kronen beim Friedensſchluſſe die Ausgleichung dieſer Angelegenheit Commiſſarien uͤberlaſſen hatten. Der Graf von Argenſon hatte es ſogleich vorhergeſehen, daß dieſe Commiſſarien die Vortheile beider Kronen vollends vernichten wuͤrden,»denn, ſagte er, wenn zwei Maͤchte, mit den Waffen in der Hand, ſich nicht uͤber gewiſſe Streitigkeiten vergleichen koͤnnen, ſo iſt es unmoͤglich, daß ſie durch Privatperſonen verſoͤhnt werden.« Indeß ſagte das Londoner Cabinet nicht, daß es den Krieg erklaͤrte, ſondern blos, daß es mit den Fran⸗ zoſen in Amerika unzufrieden waͤre. Dieſe Erklaͤrung betruͤbte den Koͤnig, welcher durch⸗ aus keinen Krieg wollte. Die Staatsſchulden waren noch nicht bezahlt, die fruͤhern Auflagen beſtanden noch, das Volk war beſtaͤndig belaſtet, ein neuer Krieg konnte daſſelbe alſo nur voͤllig zu Boden druͤcken. Ludwig XV. ſprach mit mir von dem Ungluͤcke, das Frankreich be⸗ drohte, auf eine Art, wodurch ich uͤberzeugt wurde, daß er darunter litt. Ich war Zeugin ſeiner desfalſi⸗ gen Unruhe, und ich bin hier der Herzensguͤte dieſes — 128— Fuͤrſten die Gerechtigkeit ſchuldig, daß er ganz davon durchdrungen war: Mit den Miniſtern und den mili⸗ taͤriſchen Hofbeamten, welche durch dieſe neue Veraͤnde⸗ rung ihr Gluͤck zu machen hofften, war es nicht ſo. Die Schwierigkeit beſtand nicht darin, den Krieg zu unternehmen, ſondern Generale dazu zu haben. Der Marſchall von Sachſen, der Schrecken der Feinde Frankreichs, dem die Soldaten ein blindes Vertrauen ſchenkten, war todt. Von allen franzoͤſiſchen Offizieren, welche unter ihm gedient hatten, berechtigte nicht Einer zu denſelben Hoffnungen in der Fuͤhrung des Oberbefehls. Sie beſaſſen Muth und Erfahrung, aber das war nicht genug, denn ich habe ſagen gehoͤrt, daß zu einem Helden eine Menge Eigenſchaften erforderlich ſind, die ſich ſelten bei einem Menſchen zuſammen finden. Unter den Generalen; welche in den letzten Kriegen gedient hatten, bezeigte der Marſchall von Belleisle die meiſte Luſt den Oberbefehl zu fuͤhren; aber, außer⸗ dem, daß er nie ein guter General geweſen war, hatte ſein Geiſt ſehr gealtert. Er war ſehr weitſchweifig und umſtaͤndlich im Sprechen, und man ſagte von ihm bei Hofe, daß ihm von allem, was ihm auf den Gipfel der Groͤße gebracht habe, nur die Sprache geblieben ſey. Der Staat fand ſich damals von drei Kriegen, wovon zwei erklaͤrt waren, auf ein Mal bedroht. Der, uͤber die Bulle, wie man ihn nannte, welcher nahe daran war, eine Umwaͤlzung der Regierung zu bewir⸗ wirken; jener mit den Barbaresken, welche, trotz der Heiligkeit der Vertraͤge, den Handel der Nation beun⸗ — 120— ruhigten, und der mit den Englaͤndern, welche bereit waren, Schlachten zu liefern.. Ein einſichtsvoller Mann, dem man erzaͤhlte, daß die Britten in Kurzem unſere Feinden ſeyn wuͤrden, ſagte: Gottlob! dann iſt der Streit mit den Biſchoͤfen zu Ende, denn dieſe Leute fuͤhren nur im Frieden Krieg. Der Erzbiſchof von Paris, fortwaͤhrend verwieſen und widerſpenſtig, ſchrieb an den Koͤnig in einem Tone, der ſeit Errichtung der Monarchie ohne Beiſpiel war. Er ſagte dem Monarchen mit deutlichen Worten:»ſeine Macht waͤre uͤber die des Landesherrn erhaben, ſobald von dem Amte, das Gott ihm anvertrauet haͤtte, die Rede waͤre; ſeine Pflicht beſtaͤnde in der Leitung ſeiner Heerde, und er erkennte keine andere Oberherren auf Erden an; uͤbrigens duͤrfte und koͤnnte er von ſeinen Schritten nicht zuruͤcktreten, und dieſes waͤre ſeine end⸗ liche Meinung, welche bis zum Grabe unwandelbar bleiben werde. ꝛc. ꝛc.⸗ Es war damals eine durch Ungehorſam ausgezeich⸗ nete Zeit. Die Geiſtlichkeit machte es ſich zum Ruhme, den Befehlen des Koͤnigs nicht zu gehorchen. Dieſer Geiſt der Widerſpenſtigkeit war auch in die Provinzen uͤbergegangen. Der Abgeordnete des Languedoc berich⸗ tete dem Koͤnige einen zu Montpellier vorgefallenen uUmſtand, welcher den Fuͤrſten die Nothwendigkeit, der gleichen Mißbraͤuchen ein Ziel zu ſetzen, einſehen ließ. Dieſer Mann erzaͤhlte, daß die Frau eines Rathes jener Stadt, welche die Annahme der Bolle verweigert haͤtte, als ſie ſich dem Tode nahe gefuͤhlt, von dem Pfarrer ihres Kirchſpiels das Abendmahl verlangt habe. Auf I. 9 — 130— ihre erſte Aufforderung nahmen der Pfarrer und die vier Vikarien die Flucht. Man wandte ſich an andere Pfarrer, fand aber, daß alle Geiſtlichen, welche ſie bedienten, ſich entfernt hatten. Der oberſte Landrichter befahl alſo einem unabhaͤngigen Prieſter, welcher zu keiner Kirche gehoͤrte, jener Frau das Abendmahl zu reichen. Der Prieſter ſchickte ſich an, zu gehorchen, wurde aber gewahr, daß der liebe Gott die Prieſter auf ihrer Flucht begleitet hatte. Er fand nicht eine einzige Hoſtie in den Tabernakeln der verſchiedenen Kir⸗ chen der Stadt. Die Pfarrer und ihre Gehuͤlfen hatten ſie vor ihrem Abzuge ſaͤmmtlich verzehrt. Er weihete eine, das war aber nicht hinlaͤnglich, er mußte ſie den Kranken reichen. Man befuͤrchtete einen allgemeinen Auf⸗ ſtand, und der Befehlshaber des Platzes war genoͤthigt, die Beſatzung unter die Waffen treten, und dem lieben Gotte eine Wache geben zu laſſen, um ſich in voller Sicherheit in das Haus der Kranken begeben zu koͤnnen. Dergleichen Auftritte in einer Stadt voller Prote⸗ ſtanten machten die roͤmiſche Kirche zum oͤffentlichen Geſpoͤtte. Der Koͤnig war tief betruͤbt daruͤber, konnte ſich aber doch noch immer nicht zur Anwendung ſtrenger Miiteel entſchließen. Ich habe geſagt, daß der Koͤnig durchaus keinen Krieg wuͤnſchte. Um ihn, wenn es noch moͤglich waͤre, abzuwenden, ſandte er Buſſy nach Hannover, wohin Koͤnig Georg II. ſich begeben wollte. Ich wuͤnſchte, daß man ſich dieſes Mannes nicht bedienen moͤchte, weil ich ihm nicht die Faͤhigkeit zutrauete, eine Verhandlung — 131— von dieſer Wichtigkeit zu einem gluͤcklichen Ende zu fuͤhren; aber man hatte Ludwig XV. fuͤr ihn ein⸗ genommen. Die Anhaͤnger Buſſy's ſagten, daß er mit Feſtig⸗ keit redete und einen entſchiedenen Ton fuͤhrte, Eigen⸗ ſchaften, welche man an einem freien Hofe, wo Maͤ⸗ ßigung und Gefuͤgigkeit faſt immer ſcheitern, fuͤr we⸗ ſentlich noͤthig hielt. Es fand aber gerade das Gegen⸗ theil Statt. Buſſy unterhandelte eben ſo ſchlecht wegen der Kriegsangelegenheit, als er einige Jahre ſpaͤter hin⸗ ſichtlich des Friedens den Kuͤrzern zog; es war jedoch mein Grundſatz, der Meinung des Koͤnigs nicht zu wi⸗ derſprechen. Man ertheilte allen Stadthaltern der Colonien in Amerika den Befehl, ſo viel Schiffe als ſie koͤnnten, zu bewaffnen, um ſich den Abſichten der Englaͤnder zu widerſetzen. Ich hoͤrte damals den Marſchall von Noailles ſagen, daß man Truppen, aber keine Anweiſungen da⸗ hin ſenden muͤßte. Der Tod des Marſchalls von Loͤwendahl, eines Zoͤglings und Gefaͤhrten des Grafen von Sachſen, wel⸗ cher zu jener Zeit erfolgte, verurſachte ein Bedauern, das durch die Zeitumſtaͤnde noch vergroͤßert wurde. Seine militairiſchen Talente hatten zu Hoffnungen berechtigt, welche ſein Tod vernichtete. Die Einnahme von Ber⸗ gen⸗op⸗Zoom hatte ihm einen Ruf erworben, von wel⸗ chem Frankreich in dem herannahenden Kriege haͤtte Vortheil ziehen koͤnnen. Ich bezeigte dem Koͤnige mein Bedauern daruͤber.»Sie haben Recht, mich wegen des Weluſtas dieſes Kriegers zu bedauern, erwiederte 9* 8 132 er, er gehoͤrte zu denen, welche mein Vertrauen am meiſten verdienten. Ich kann wohl unter meinen Un⸗ terthanen nach Einem ſuchen, der ihn zu erſetzen faͤhig waͤre, ich werde aber Niemand finden.⸗ Ludwig XV., der ihn waͤhrend ſeines Lebens geehrt hatte, wollte ihm auch noch nach ſeinem Tode Beweiſe von Auszeichnung geben. Er beſtritt die Koſten ſeines Leichenbegaͤngniſſes, und gab ſeinen Kindern beiderlei Geſchlechts Gnadengehalte; Belohnungen, welche er ſeinen Verdienſten ſchuldig war, und deren ſich der Koͤnig perſoͤnlich gegen ſeine Erben entledigte. Alle, welche durch das Verdienſt dieſes Generals in Schatten geſtellt wurden, freuten ſich uͤber ſeinen Tod, und nur die wahren Vaterlandsfreunde betrauerten ihn. Waͤhrend Frankreich Mittel zur Beſtreitung der Kriegskoſten aufſuchte, erfuhren wir in Verſailles, daß England in ſeinen Unterthanen freiwillige Huͤlfe faͤnde. Privatperſonen boten den Matroſen, welche ſich fuͤr die koͤnigliche Flotte anwerben laſſen wollten, Geld an, und andere verpflichteten ſich, die Familien derſelben auf ihre Koſten bis zum Frieden, ſelbſt wenn dieſer erſt in dreißig Jahren geſchloſſen wuͤrde, zu unterhalten. Ganze Gemeinden boten denen, welche gegen Frank⸗ reich die Waffen ergreifen wollten, Geſchenke an. Ich ſagte zu dem Marſchall von Belleisle, welcher mir al⸗ les dieß erzaͤhlte:»Es ſcheint mein Herr, als ob eine Nation, welche ſo verfaͤhrt, uͤber die, welche nur ge⸗ zwungenerweiſe das Geld zur Beſtreitung von Kriegs⸗ koſten hergiebt, ein Uebergewicht habe.“ Das iſt wahr, antwortete mir der alte Hofmann, aber eben dieſe eng⸗ — 133— liſche Nation, welche ſich um eines Krieges willen, den ſie als nuͤtzlich fuͤr den Staat anſieht, freiwillig ihrer Reichthuͤmer entaͤußert, verliert beim Frieden oft alle ihre Vortheile. Ein Lord, der ſich durch ein Friedens⸗ ſyſtem einen Weg in das Miniſterium bahnen will, be⸗ dient ſich bei dem Koͤnige allerlei raͤnkevoller Mittel, ge⸗ winnt ſein Vertrauen, und verſchafft ſich dienſtbare Ge⸗ ſchoͤpfe. Dieſe beweiſen durch Gruͤnde, daß Belagerun⸗ gen und Schlachten den Staat zu Grunde richten, der Handel dadurch leidet, und der Gewerbfleiß erſtirbt. Dieſe Anſicht befeſtigt ſich, der Anhang des nach dem Miniſterio Strebenden vergroͤßert ſich, er gewinnt das Uebergewicht, und der Friede wird auf Koſten des Bluts und der Reichthuͤmer der Nation unterzeichnet. Herr von Mirepoix ſetzte ſeine Unterhandlungen in London immer fort. Er verhandelte mit dem Ritter Robinſon, der ihm Hoffnungen machte, aber blos um Zeit zu gewinnen. Der Krieg war beſchloſſen. Der Graf von Argenſon ſagte dem Koͤnige oft, er muͤßte dieſen Geſandten, deſſen Aufenthalt in London nur dazu diente, den Staat zu beluſtigen, und Frank⸗ reich zum Geſpoͤtte zu machen, zuruͤckberufen. Der Koͤnig und der Geheimerath waren in großer Verlegen⸗ heit, Ludwig XV. wollte nicht, daß Europa ihm die erſten Feindſeligkeiten vorzuwerfen habe. Der Marſchall von Loͤwendahl, welcher vor ſeinem Ende Zeuge dieſer Verlegenheit geweſen war, hatte in voller Verſammlung geſagt, daß es beſſer waͤre, zuerſt anzugreifen, als ſich nachher ſchlagen zu laſſen. Die⸗ — 134— ſer Rath wurde jedoch nicn befolgt, und die Reue kam hintenher. Ich fuͤr mein Theil verhielt mich bei dieſer wich⸗ tigen Sache ruhig. Man hat in der Welt verbreitet, ich haͤtte dieſen Krieg gewuͤnſcht, um mich am Hofe noch wichtiger zu machen. Ich bedurfte jedoch weder Belagerungen noch Schlachten, welche dem Staate im⸗ mer Nachtheil bringen, um meinen Einfluß bei dem Koͤnige zu behaupten. Ludwig XV. beehrte mich mit ſeinem Vertrauen; allen, welche mir hatten ſchaden wollen, war es nicht gelungen; ich war nicht mehr nach Hoheit und Groͤße begierig, der einzige Wunſch der mir noch uͤbrig war, betraf die Verſorgung meiner Tochter, ſie befand ſich aber noch nicht in dem Alter, um heirathen zu koͤnnen, und ich zweifelte nicht, daß der Koͤnig ſie mit ſeinem Schutze beehren wuͤrde. Inzwiſchen ſprach man in Londen und in Paris beſtaͤndig vom Frieden; aber endlich erfuhr man, daß England Frankreich in der neuen Welt den Krieg er⸗ klaͤrt hatte. Der Verſailler Hof erhielt Nachricht, daß der Admiral Boscawen an der Spitze ſeiner Flotte das Schiff Alcide auf den Sandbaͤnken von Terrannea ge⸗ nommen. Die Art, mit welcher er ſich dieſes Schiffs bemaͤchtigt hatte, erſchwerte noch die Beleidigung. Der Aleide durfte durchaus nicht angegriffen werden, als es geſchah, denn er hatte keinen Befehl, ſich zu ſchlagen. Es iſt bei allen gebildeten Nationen gebraͤuchlich, daß ſie ſich gegenſeitig den Krieg durch eine oͤffentliche Be⸗ kanntmachung erklaͤren, in welcher die Beſchwerden, welche zur Ergreifung der Waffen noͤthigen, dargeſtellt . — 135—— werden; und England hatte dergleichen nicht drucken. laſſen. Die Handlung folglich war als eine wirkliche Seeraͤuberei anzuſehen. Man machte dies dem Koͤnige bemerklich, welcher ſofort dem Herzoge von Mirepoix und Buſſy den Befehl ertheilte, ohne Abſchied von dem Londoner Hofe, nach Frankreich zuruͤckzukehren. Von da an waren alle Wege zur Ausgleichung geſperrt. Der Koͤnig, welcher den Krieg, ehe er anfing, D hatte vermeiden wollen, faßte nun, ſobald er die erſte feindſelige Handlung erfuhr, ſeinen Entſchluß. Die Ehre erlaubte ihm nicht, eine ſeiner Flagge zugefuͤgte Beſchimpfung zu uͤberſehen. Als er aus dem Geheime⸗. rathe kam, ſagte er zu mir,»Madam, der Krieg iſt erklaͤrt, die Englaͤnder ſind meine Feinde.⸗« Das Kriegsminiſterium begann ſeine Operationen; es wurden daſelbſt uͤber die Ruͤſtungen zu Waſſer und zu Lande, uͤber die Vermehrung der Truppen, und uͤber de Mittel zur Unterhaltung der Armeen Berathungen gehalten. Von der Zeit an lebte der Koͤnig eingezogener, er ging weniger auf die Jagd und unterſagte mehrere Ver⸗ gnuͤgungen, die er vorher genoß. Er arbeitete regel⸗ maͤßig mit ſeinen Miniſtern. Der Graf von Argenſon, mit dem er ſich ſehr oft einſchloß, gab ihm eine aus⸗— fuͤhrliche und genaue Ueberſicht ſeiner Landtruppen, und der Seeminiſter gab ihm eine ſolche von den Flotten. Ludwig XV. machte ihnen uͤber die hauptſaͤchlichſten Gegenſtaͤnde ihrer Verwaltung Einwuͤrfe, auf welche dieſe Miniſter antworten mußten. Der Graf von Argenſon, deſſen Miniſterium damals das wichtigſte war, weil er an der Spitze der — — 136— 2 Militairangelegenheiten ſtand, ſagte dem Koͤnige, ſeine Truppen befaͤnden ſich in einem guten Zuſtande, die Mannszucht waͤre vortrefflich, die Franzoſen waͤren ruhm⸗ begierig, und man koͤnnte einen guten Erfolg der Vt⸗ zuͤge hoffen, wenn nur die Anfuͤhrer den Eifer der Sol⸗ daten unterſtuͤtzten und nicht ſelbſt der Groͤße Frantkreichs ein Hinderniß waͤren. Die Verhandlungen mit dem Finanzminiſter wa⸗ ren ſchwieriger. Es gab noch eine Menge alter Schul⸗ den zu bezahlen, die Kroneinkuͤnfte waren verpfaͤndet, Han⸗ del und Gewerbfleiß,, die ſeit dem Frieden wieder„aufe zuleben angefangen hatten, waren im Begriff wieder in Unthaͤtigkeit zu verſinken. 2. Der General⸗Controleur ſagte zum Koͤnige:„»Sire, ich darf Ew. Koͤnigliche Majeſtaͤt den Stand der Dinge nicht verhehlen. Man wird große Huͤlfsquellen in Be⸗ wegung ſetzen muͤſſen, um die Kriegsluſt zu ertragen. Ich habe den Zuſtand Ihrer Finanzen in Ueberlegung gezogen, ſie werden mir auf vier Jahre die noͤthigen* Mittel gewaͤhren. Wenn aber beim Ablaufe dieſer Zeit der Friede nicht hergeſtellt iſt, ſo werden die Feldzuͤge nur mit Huͤlfe druͤckender Auflagen fortgeſetzt werden koͤnnen.« Der Koͤnig, welcher aus dieſer letzten Berathung zu mir kam, ſagte, er habe ſich ſo eben mit einem Miiniſter, welcher der ehrlichſte Mann in ganz Frank⸗ reich waͤre, unterhalten; denn ſo muß ich, ſetzte er hin⸗ zu, den nennen, der rechtſchaffen genug iſt, mit ſeinem Koͤnige freimuͤthig zu reden. : Der Kriegsminniſter verlangte ei eine Vermehrung von viertauſend Mann, welche bewilligt, und zu deren Aus⸗ — 20 hebung demnach die noͤthigen Befehle ertheilt wurden. Herr von Belleisle ſagte zu mir, man beduͤrfe aller dieſer Menſchen nicht, um ſich gegen eine Handvoll Ilioten zu vertheidigen; dadurch wuͤrden nur die Staats⸗ laſten vermehrt, und es diente zu nichts, als den Staat zu ſchwaͤchen. Er ſah nicht vorher, daß dieſe Aushebun⸗ gen im Vergleiche mit denen, welche in der Folge ge⸗ ſcchehen mußten, nichts waren. Der Aachener Friede hat Frankreich eine vollkomme⸗ ne Sicherheit eingefloͤßt. Seine Haͤfen waren offen und ohne Vertheidigungsanſtalten. Bei den erſten, in Amerika vorgefallenen Feindſeligkeiten wurde beſchloſſen, die Werke von Duͤnkirchen herzuſtellen. Der Koͤnig trug dieſe Operation dem Prinzen von Soubiſe auf, und gab ihm zu deren Deckung ein Truppen⸗ Loths von acht bis zehntauſend Mann. Auf das erſte Geruͤcht von den Veraͤnderungen in Canada hatte man nacheinander zwei Geſchwader dahin geſandt, von welchen man keine Nachricht erhielt. Die Un⸗ gewißheit, in der man ſich uͤber die Fortſchritte dieſer kleinen Seemacht befand, hielt die großen Dyeralionen zu Lande auf. Der Staatsrath hatte keinen feſten Plan; die Mit⸗ glieder deſſelben waren uneinig. Ich war groͤßtentheils Zeugin der verſchiedenen Meinungen, welche uͤber dieſe wichtige Angelegenheit damals am Hofe herrſchten. Ein Mann von ſehr richtigem Verſtande ſagte, gleich dem Marſchalle von Belleisle:»daß die großen Armeen unnuͤtz waͤren, indem nicht von einem Lande ondern von einem Seekriege die Rede ſey; daß man — 138— die Colonien, welche allein erobert werden koͤnnten, de⸗ cken muͤßte; daß der Plan der Englaͤnder nicht dahin ginge, ihre Macht in Europa zu vergroͤßern, ſondern ihre Graͤnzen in Amerika zu erweitern; daß alle ihre Abſichten darauf gerichtet waͤren, und wir unſer Augen⸗ merk ebenfalls darauf lenken muͤßten; daß das allgemeine Gleichgewicht Frankgeich in Europa Gewaͤhr leiſtete, daß ihm aber ſeine Beſitzungen in der neuen Welt durch kein Syſtem geſichert wuͤrden; daß die Krone ihren Einfluß verlieren wuͤrde, wenn der ganze Handel⸗ in der Gewalt der Englaͤnder waͤre; daß die brittiſche Marine bereits der von ganz Europa uͤberlegen ſey, ſie nach dem Verluſte von Canada und den uͤbrigen Thei⸗ len des Feſtlandes, aber die einzige in Europa ſeyn wuͤrde; daß der Augenblick fuͤr Frankreich entſcheidend waͤre, und daß, wenn man die Gelegenheit, ſich gegen dieſen letzten Verſuch zu ſichern, unbenutzt ließe, man ſolche nie wieder finden wuͤrde; daß man alle andere Kriegsplaͤne fallen laſſen und ſich nur mit der Angele⸗ genheit der Colonien beſchaͤftigen muͤßte; daß alle uͤbri⸗ gen die ganze Staaten⸗Gemeinſchaft, dieſe aber einzig und allein Frankreich anginge; daß, wenn Amerika einmal erobert waͤre, ganz Europa das Gleichgewicht nicht wieder wuͤrde herſtellen koͤnnen, weil die Macht der erſten Land⸗Staaten ſich nicht mehr uͤber das Meer erſtrecken wuͤrde, daß die Englaͤnder, in der Mitte der chriſtlichen Welt, von der Chriſtenheit getrennt waͤren; daß man ſie nicht auf ihren Inſeln angreifen koͤnnte; daß die Natur ſie gegen alle Einfaͤlle in Creopi ge⸗ ſichert hatte« ꝛc. ꝛc. — 139— Die entgegengeſetzte Parthei ſagte:»daß man große Armeen ausheben muͤßte, um ſich den Alliirten Englands, welche nicht ermangeln wuͤrden, Plaͤne in Deutſchland zu machen, entgegenzuſtellen; daß dieſes das Land waͤre, wo die Hauptſchlaͤge erfolgen wuͤrden; daß der Krieg in Amerika nur der Deckmantel desjenigen waͤre; der in Europa Statt haben ſollte; daß man nach Canada ei⸗ nige Truppen ſchicken, fuͤr Deutſchland aber große Corps ausheben muͤßte; daß man ſich irrte, wenn man glaubte, die Englaͤnder wuͤrden ihre Unternehmungen auf Ame⸗ rika beſchraͤnken, weil es ſichtbar waͤre, daß ihre Ab⸗ ſichten dahin gingen„im Norden Europas eine Veraͤn⸗ derung zu bewirken; daß das allgemeine Gleichgewicht Frankreich nur inſofern Gewaͤhr leiſtete, als Letzteres ſelbſt zu deſſen Erhaltung beitruͤge; daß, hinſichtlich des allgemeinen Handels, nicht zu befuͤrchten ſtuͤnde, daß England ſelbigen an ſich riſſe, weil dieſes Land, dazu nicht hinreichende Materialien beſitze; daß die Britten genoͤthigt waͤren, ſich an gewerbsfleißige Natio⸗ nen, deren Arbeiten wohlfeiler waͤren, zu wenden; daß der allgemeine Handel in Tauſchen beſtaͤnde, und ein Volk, welches den anderer Staaten betraͤchtlich ver⸗ minderte, den ſeinigen ſelbſt ſehr einſchraͤnkte; daß, hinſichtlich des Seeweſens, man ein ſolches, welches dem der Englaͤnder das Gegengewicht hielte, nicht ſo⸗ fort herſtellen koͤnnte; daß die Koſten, welche man dar⸗ auf verwenden wollte, vergeblich ſeyn wuͤrden, weil die Zeit zu kurz und die Mittel zu gering waͤren, daß der Verluſt Canadas nicht beſtimmt waͤre, weil die Kriegs⸗ ereigniſſe ungewiß waͤren; daß die wilden Voͤlker Liebe fuͤr die Franzoſen haͤtten und die Englaͤnder haßten; daß ſie lieber untergehen, als unter das brittiſche Joch ſich beugen wuͤrden, daß uͤbrigens, wenn Canada in dieſem Kriege erobert werden ſollte, man es in einem folgenden wieder nehmen koͤnnte; daß aber, wenn die Britten, mit ihren Verbuͤndeten vereinigt, die Umſtaͤnde benutzen wuͤrden, in Europa Vortheile zu erringen, man nicht mehr im Stande ſeyn wuͤrde, dieß wieder gut zu machen, weil die letzten Siege durch neue Frie⸗ densvertraͤge geſichert wuͤrden, wogegen es fuͤr die wil⸗ den Voͤlker in Amerika, welche mit den Franzoſen ver⸗ buͤndet waͤren und kein Voͤlkerrecht kennten, beſtaͤndig an der Zeit waͤre, Umwaͤlzungen zu veranlaſſen; mit einem Worte, daß es der Vortheil Frankreichs erfor⸗ derte, zahlreiche Armeen mobil zu machen, um ſeine Anſpruͤche zu Lande zu behaupten, und eine Zeitlang die Angelegenheiten zur See hintenanzuſetzen ꝛc. ꝛc.⸗ Eine dritte Parthei behauptete, man muͤßte ſowohl fuͤr dieſe als jene ſorgen.»Man muß, ſagte ſie, die Eroberungen in Amerika verhindern, und denen, welche in Europa Statt finden koͤnnten, vorbeugen. Frankreich iſt maͤchtig genug dazu, und darf nur ſeine Kraͤfte ſcho⸗ nen; es wird alles erreichen, wenn die, welche den Staat regieren, nur ein gemeinſchaftliches Intereſſe ha⸗ ben, naͤmlich den Ruhm der Nation, und das Gluͤck der Voͤlker. In dem Falle, daß der Norden Europas ſich die Uneinigkeiten in Amerika zu Nutze machen wollte, muͤſſen wir unſern Verpflichtungen getreu bleiben, und vierundzwanzigtauſend Mann nach Deutſchland ſchicken. Eine ſtaͤrkere Armee kann uns nur einen groͤßern Ver⸗ 4 —— — 141— à luſt, ohne irgend einen Vortheil bewirken. Dieſe maͤ⸗ ßige Huͤlfe wird uns geſtatten, deſto betraͤchtlichere in die neue Welt zu ſchicken, um daſelbſt unſere Colonien zu decken. Die Revolution in Canada iſt keine Strei⸗ tigkeit zu Waſſer, ſondern ein Landkrieg. Es handelt ſich um die Vertheidigung des Feſtlandes, und es koͤmmt nur darauf an, Truppen daſelbſt auszuſchiffen, was die Englaͤnder nicht werden verhindern koͤnnen. Ihre Einrichtungen zur Sperrung der Straßen ſind noch nicht getroffen; wenn man aber nicht eilt, ſo wird man demnaͤchſt zu ſpaͤt kommen; denn die Britten, welche unſere Operationen nicht aus den Augen verlieren wer⸗ den, ſobald ſie ſehen, daß wir keine großen Zuruͤſtun⸗ gen zu Lande machen, ſich in den Stand ſetzen, der⸗ gleichen von Bedeutung zur See zu unternehmen.⸗ Es gab auch eine Parthei fuͤr den Frieden, deren Gruͤnde darauf beruhten, daß man keine Mittel zur Kriegfuͤhrung haͤtte; aber die Gemuͤther waren zu ſehr aufgeregt, als daß ſie zu friedlichen Abſichten geneigt geweſen waͤren. Jeder hatte ſeine Gluͤcksplaͤne, und der eigene Vortheil traͤgt immer uͤber das allgemeine Wohl den Sieg davon. Die Offiziere niedern Ranges, welche fortruͤcken wollten, verlangten Belagerungen und Schlachten; die Neigung derer, welche die Armeen be⸗ fehligen wollten, war fuͤr den Krieg; und die Leute, welche die Lieferungen beſorgen ſollten, fanden ihn un⸗ abwendbar: es iſt alſo offenbar, daß Niemand an den Staat dachte. In dieſem entſcheidenden Zeitpunkte war die hohe Geiſtlichkeit von Frankreich verſammelt. Sie berath⸗ — 12— ſchlagte ſehr ernſthaft daruͤber, ob ſie den Kranken das Abendmahl reichen, oder ſie ohne den Genuß deſſelben ſterben laſſen ſollte. Die Biſchoͤfe, welche durch den Hof und das Parlament gewonnen waren, behaupteten, daß man ihnen dieſen Beiſtand nicht verſagen duͤrfte. Die aber, welche nichts vom Koͤnige verlangten und das Parlament haßten, beſtanden im Gegentheile dar⸗ auf, daß man ihnen, als Ketzern, ſelbigen verweigern muͤßte. Endlich ſchien man, nach vielem Hin⸗ und Herreden, ſich dahin zu beſtimmen, dieſe wichtige An⸗ gelegenheit der Entſcheidung des Papſtes zu unterwerfen. Ich empfing dieſe Nachricht mit Vergnuͤgen. Be⸗ nedikt XIV. ſaß damals auf dem heiligen Stuhle, und mehrere von Rom gekommene Perſonen hatten mir die⸗ ſen Oberprieſter geruͤhmt. Er verachtete jene von ſeinen Vorgaͤngern verfeinerte Politik, alles ſeinen Zwecken anzupaſſen. Die erſte Handlung ſeiner paͤpſtlichen Macht hatte in mir eine wahre Achtung fuͤr ihn erregt. Er hatte jene elenden Doppelſinnigkeiten, die, indem ſie dem Aberglauben zur Nahrung dienen, die chriſtliche Religion entehren, aus Rom verbannt. Er wußte, daß Gott zu weilen Wunder thut, aber nicht alle Tage den Lauf der Natur veraͤndert. Dieſer Kirchenfuͤrſt zog den Titel eines rechtſchaffenen Mannes dem eines Heiligen vor, und dieſe Eigenſchaft erhob ihn uͤber alle Paͤpſte, die je auf der Erde gelebt haben. Benedikt XIV. beſaß ſolche Einſichten und ſo wenig Vorurtheile, daß ſeine Entſcheidung nur der franzoͤſiſchen Kirche die Ruhe wie⸗ dergeben konnte. — 143— Die Verwaltung der Sakramente war es nicht allein, was die Geiſtlichkeit beſchaͤftigte. Der große Gegenſtand, um deswillen man ſich verſammelt hatte, und worin die ganze Verſammlung uͤbereinſtimmte, war, die Macht der Parlamente oder jeder außer⸗kirch⸗ lichen Behoͤrde, welche es auch ſeyn moͤchte, nicht anzu⸗ erkennen. Ludwig XV., welcher den Krieg nicht ohne Be⸗ druͤckung ſeiner Voͤlker anfangen konnte, wollte ihnen das erſte Beiſpiel geben, indem er ſeinen Hofſtaat zum Theil verminderte. Er ſchaffte mehrere zu ſeinen Jagd⸗ zuͤgen erforderlichen Pferde und Hunde, ſo wie eine große Anzahl von Reitpferden aus beiden Marſtaͤllen ab. Auch wurden Vorſchriften wegen den kleinen Reiſen erlaſſen, um ſie weniger koſtſpielig zu machen. Es wurde beſtimmt, daß in dieſem Jahre bei Hofe keine Schauſpiele ſeyn ſollten, man verſchob die Arbeiten am Louvre ꝛc. Der Graf von Argenſon ſagte,»dieſe Erſparungen waͤ⸗ ren nur ein unbedeutender Gegenſtand, und reichten kaum hin, einen Oberaufſeher uͤber die Lebensmittel, waͤhrend des Krieges zu bereichern.« Oft hatte ich ſelbſt mein Augenwerk auf dieſe Ein⸗ ſchraͤnkungen richten wollen, allein Herr von Belleisle hatte mir geſagt, daß es gar nicht moͤglich waͤre, den Staat durch dieſe Sparſamkeit zu bereichern. Er ſetzte hinzu,»daß, wenn dies ein Uebel waͤre, es unmoͤglich falle, demſelben abzuhelfen; daß alle, welche dem Koͤnige dienten, ſich bereichern wollten, und daß es beſſer waͤre, die alten ſchon reich gewordenen Offizianten zu behalten, — 144— als neue anzunehmen, welche erſt Reichthuͤmer ſammeln wuͤrden.⸗ Die Verſammlungen des Staatsrathes und die Kriegsruͤſtungen beraubten mich der Gegenwart des Koͤnigs nicht, welcher mich regelmaͤßig beſuchte, und mir ſeine Abſichten und Plaͤne mittheilte. Der Entſchluß, . ſich an ſeinen Feinden zu raͤchen, welchen er gefaßt X△ hatte, gab ihm einen Anſtrich von Zufriedenheit, der ihm vor jenem Entſchluſſe fehlte; die einzige Unruhe, die er empfand, war um ſeine Voͤlker. Er befuͤrchtete, daß ddie lange Dauer des Krieges ſie zu ſehr erſchoͤpfen wuͤrde. 3 Man dachte daran, die Truppen zu uͤben, und errichtete drei Lager. Der Prinz von Soubiſe wuͤnſchte den Befehl uͤber das im Hennegau zu erhalten, ich ſprach mit dem Koͤnige davon, und er bewilligte ihm 1 denſelben. Herr von Chévert und der Markis von Voyer, fuͤr welche ich mich ebenfalls verwendete, wurden an die Spitze der beiden andern geſtellt. 3 Obgleich die Feindſeligkeiten in Amerika begonnen hatten, ſo wollte ſie Ludwig der XV. doch in Europa nicht fortſetzen. Als eine Fregatte von dem Geſchwader zu Breſt eine Engliſche Fregatte genommen hatte, gab der Koͤnig ſofort Befehl, ſie wieder frei zu laſſen, wie er ſagte, in Friedenszeiten keinen Krieg zu fuͤhren, und in Europa nicht zuerſt den Aachener Friedensvertrag ver⸗ letzen zu wollen.. 3 Ein General, welcher ſich eben bei mir befand, als der Koͤnig mir ſagte, daß er jenen Befehl ertheilt habe, konnte ſich nicht enthalten, ihm in meiner Gegen⸗ wart zu ſagen:»Erlauben Sie, Sire, Ew. Koͤniglichen 3 .. . — 145— Majeſtaͤt verſtellen zu duͤrfen, daß dieſe Maͤßigung in dem Syſteme des Londoner Hofes keine Veraͤnderung her⸗ vorbringen wird. Die Englaͤnder haben beſchloſſen, uns zu verfolgen, und uns alle Schiffe, denen ſie uͤber⸗ legen zu ſeyn glauben, wegzunehmen; man muß Gleiches mit Gleichem vergelten, und ihnen unſerer Seits alle Fahrzeuge wegnehmen, welche ſchwaͤcher ſind, als die, auf welche ſie ſtoßen.⸗ Der Graf von Argenſon ſagte,»daß es nur ein Mittel gegen den Krieg gaͤbe, welches darin beſtaͤnde, den Feind zu ſchlagen, und ihm viel abzunehmen.⸗ Die Secooffiziere machten mir regelmaͤßig ihre Auf⸗ wartung, denn die Geſchwader ſollten in dieſem Kriege die Hauptrolle ſpielen. Es fand eine große Befoͤrderung von Offizieren Statt, und ich verwendete mich fuͤr einige auf den Bericht, welchen man mir uͤber ihre Faͤhigkeit und Tapferkeit erſtattete. Ich weiß, daß man ſich in Frankreich oft uͤber die von mir getroffene Wahl gewiſſer Perſonen, ſowohl fuͤr die Armee, als fuͤr die Verwaltung, beklagt hat; aber die, welche mich verdammt haben, kennen Verſail⸗ les nicht. Jeder Hofmann hat daſelbſt ſeinen Anhang, welcher ſeine Talente und ſeinen Verſtand ruͤhmt. Es iſt unmoͤglich aus der Mitte dieſer uͤbertriebenen Lobeser⸗ hebungen das wahre Verdienſt herauszufinden. Alle, welche ihre Rechnung dabei finden, daß ein Hofmann im Kriege, oder in der Verwaltung emporſteige, ver⸗ bergen ſeine Fehler und zeigen nur ſeine guten Eigen⸗ ſchaften, denn alle Menſchen haben eine vortheilhafte Seite.. II. 10 — 146— Der Tod von Madame, Tochter des Kronprinzen, vermehrte noch die Betruͤbniß Ludwigs XV. Ich habe oft das Gluͤck der Koͤnige ruͤhmen gehoͤrt, in der That ſind ſie aber mehr zu beklagen, als andere Menſchen. Ein Privatmann hat nur haͤuslichen Kummer, ein Monarch aber vereinigt mit der Unruhe ſeiner Familie die des Staats. Kaum hatte Ludwig ſeine Thraͤnen getrocknet, als er Nachricht von einem Gefechte erhielt, welches in Amerika am Ohio, zwiſchen ſeinen und den engliſchen Truppen Statt gefunden hatte, in dem der General Braddock getoͤdtet war, und die Franzoſen einen voll⸗ ſtaͤndigen Sieg davon getragen hatten. Die Erbitterung bei dieſem erſten Kampfe, wovon man das Naͤhere in den europaͤiſchen Geſchichtsbuͤchern findet, ſperrte vollends alle Wege zu einer Ausgleichung. Das einzige Mittel, was in Europa uͤbrig blieb, war, ſich zu vertheidigen, und dazu wurde nicht geſchritten. Die Englaͤnder nahmen ſo viele Handelsſchiffe weg, als ſie in beiden Meeren antrafen. Die Befehlshaber dieſer Fahrzeuge waren angewieſen, ſich ohne Widerſtand zu ergeben. Ich bat den Koͤnig, mir den Grund zu dieſem Ver⸗ fahren anzugeben, und er antwortete mir, wie vorhin, daß er nicht die Vertraͤge brechen und in Friedenszeiten Krieg fuͤhren wollte. Die Englaͤnder benutzten dieſe Maͤßigung; ſfe t wur⸗ den unumſchraͤnkte Herren des Meeres, und fuͤllten ihre Inſel mit franzoͤſiſchen Gefangenen an. Zu derſelben Zeit, wo der Verſailler Hof etwas darin ſuchte, ſeine Verpflichtungen zu halten, wurde ihm — 147— von dem Londoner Hofe vorgeworfen, daß er ſelbigen nicht nachkomme. Die Wiederherſtellung der Werke von Duͤnkirchen galt fuͤr eine Verletzung eben dieſer Vertraͤge, fuͤr welche Frankreich den letzten Reſt ſeiner Seemacht aufopferte. Auf ſolche Art moͤchte jede Macht ihre Entwuͤrfe rechtfertigen, und auf ſolche Art verſteckt der Ehrgeiz ſich hinter Formen, um zu ſeinem Ziele zu gelangen. Der Marſchall von Noailles, welcher nicht der Meinung war, daß Frankreich den Reſt ſeiner Schiff⸗ fahrt und ſeines Handels muͤßte vernichten laſſen, um Europa zu zeigen, daß die Englaͤnder Seeraͤuberei trie⸗ ben, ſagte, daß dieſer Schein von Maͤßigung Nieman⸗ den taͤuſchte, und nur der Hof von Verſailles hinter das Licht gefuͤhrt wuͤrde. Diejenigen, welche die Anſicht des Koͤnigs theilten, behaupteten, daß alle jene, ohne Kriegserklaͤrung genom⸗ menen Schiffe zuruͤckgegeben werden wuͤrden, aber die 4 echten Politiker waren nicht dieſer Meinung, und der Erfolg hat gelehrt, daß ſie nicht irrten. Man wiederholte die Befehle in allen Seehaͤfen und bereitete ſich zu einem Landkriege; es fehlte jedoch dem eoͤniglichen Schatze an hinreichenden Mitteln zur Beſtreitung der außerordentlichen Koſten. Der General⸗ Controleur ſagte zum Koͤnige:»Sire, die Generalpaͤch⸗ ter bieten Ew. Koͤniglichen Majeſtaͤt Geld an, und man muß es annehmen. Sie leihen der Krone ſechszig Mil⸗ lionen zu vier vom Hundert Zinſen; der Staat wuͤrde in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage auf keinem wohlfeilern Wege Geld anſchaffen koͤnnen.« 10* — 148— Man moͤchte vielleicht glauben, daß die Finanzmaͤn⸗ mer, von der Lage des Staates geruͤhrt, dieſes Dar⸗ lehn aus Vaterlandsliebe gemacht haͤtten; die Nachwelt ſoll es aber erfahren, daß ſie ſich nur aus eben dem niedrigen Eigennutze, der ſie ſtets leitet, ſo edelmuͤthig bewieſen. Eine der vorzuͤglichſten Bedingungen war die Verlaͤngerung des Finanz⸗Pachtcontracts. Dann verlangten ſie, daß keine Unterpaͤchter mehr Statt finden ſollten, das heißt, daß der Nutzen von den Pachten nicht ferner getheilt werden, und ſie allein Herren uͤber die Finanzen bleiben ſollten. Auch wollten ſie uͤber alle Dienſte bei dieſen Pachten verfuͤgen. Man ſagte laut in Paris, ich haͤtte dieſen Anlei⸗ heplan entworfen. Es iſt wahr, daß vier Generalpaͤch⸗ ter zu mir kamen, und mir im Namen ihrer aller den Vorſchlag machten, und ich darauf mit dem Koͤnige davon ſprach. Ludwig XV. ließ ſelbigen im Geheimen⸗ rathe pruͤfen, und die Mitglieder deſſelben fanden ihn annehmbar; weiter hatte ich keinen Theil an dieſer An⸗ gelegenheit. Diejenigen, welche glauben, daß ein Koͤ⸗ nig von Frankreich blos nach eigenem Willen Geld auf⸗ nehmen koͤnne, kennen die Regierungsverfaſſung nicht. Jene Summe reichte aber bei weitem nicht hin, um alles, was man zum Kriege fuͤr noͤthig hielt, in Be⸗ wegung zu ſetzen. Man mußte noch andere Mittel er⸗ greifen. Der Koͤnig eroͤffnete eine Anleihe von dreißig Millionen zu drei vom Hundert, auf die Poſten, aber auch dies war nicht hinreichend. Die Sekretaire des Koͤnigs, ſowohl bei den hoͤhern, als niedern Collegien wurden beſteuert und dieſe Abgabe, vielleicht die am wenigſten laͤſtige von allen, weil ſie Leute betraf, welche ihre Dienſte aus Prahlerei gekauft hatten, brachte eine Summe von fuͤnfundvierzig Millionen ein. Mit dieſen Summen bereitete man ſich vor, ſich den Abſichten der Englaͤnder zu Waſſer, und der uͤbri⸗ gen Feinde Frankreichs zu Lande zu widerſetzen. Ich ſah den Koͤnig wie gewoͤhnlich. Er ſpeiſete faſt alle Abende bei mir, und theilte mir dann alle ſeine Entwuͤrfe und Plaͤne mit. Die Schwierigkeiten ſetzten ihn nicht in Verwunderung. Ludwig XV. faßt nur langſam einen Entſchluß, wenn er ihn aber gefaßt hat, ſo iſt er auch feſt darin. Er ſchien ſogar heiterer als gewoͤhnlich zu ſeyn, wozu vielleicht die innere Ruhe, deren der Staat damals genoß, viel beitrug; denn die Zwiſtigkeiten mit dem engliſchen Hofe hatten eine ſo gute Wirkung auf das Innere, daß man nicht mehr von Schisma reden hoͤrte. Die Pfarrer ſpendeten den Kranken die Sakramente, und ſo waren die Geiſili lichkeit und das Parlament ruhig⸗ Man erfuhr zu Verſailles, daß Georg II., welcher eine Reiſe in ſeine Hannoverſchen Staaten gemacht hatte, nach London zuruͤckgekehrt waͤre. Seine Anwe⸗ ſenheit daſelbſt war nothwendig, um die militairiſchen Vorkehrungen zu beſchleunigen. Zugleich wußte man, daß in Kenſington mehrere Geheimerathsverſammlungen gehalten waren, worin man den Krieg beſchloſſen hatte. Er war ſchon laͤngſt beſchloſſen, und der Geheimerath wurde nur verſammelt, um uͤber die Mittel dazu zu berathſchlagen. Die Britten hatten Frankreich bereits — 150— zweihundert funfzig Handelsfahrzeuge genommen und uͤber viertauſend Matroſen zu Kriegsgefangenen gemacht. Beide Nationen warfen ſich die Ungerechtigkeit ih⸗ res Verfahrens vor. Die Englaͤnder gaben den Fran⸗ zoſen Schuld, den Friedensvertrag verletzt zu haben, und die Franzoſen erklaͤrten laut, daß die Englaͤnder Seeraͤuberei trieben; und ſetzten hinzu, man koͤnnte das engliſche Parlament mit dem Divan von Conſtantino⸗ pel und den Koͤnig Georg II. mit dem Dey von Algier vergleichen.. Der Herzog von Belleisle ſagte, die Vorwuͤrfe waͤren uͤberfluͤſſig; beide Nationen haͤtten Urſache, ſich ohne Kriegserklaͤrung fuͤnfhundert Jahre hindurch zu ſchlagen. Der Graf von Argenſon fragte in meiner Gegen⸗ wart einen fremden Miniſter, welcher von beiden Thei⸗ len die meiſte Billigkeit beobachtete?»Sie handeln bei⸗ de ungerecht, antwortete jener. Frankreich hat darin unrecht, daß es auf das engliſche Gebiet in Amerika vorgedrungen iſt und Duͤnkirchen wiederhergeſtellt hat; und England hat Unrecht gehandelt, daß es ſich der Schiffe dieſer Nation bemaͤchtigt, und in Friedenszeiten Kriegsgefangene gemacht hat.⸗ Ich erzaͤhlte dieſes Geſpraͤch dem Koͤnige, welcher mir ſagte, daß die meiſten der auswaͤrtigen Miniſter die erſten Urſachen dieſer Uneinigkeit nicht kennten, und die Sachen nur nach dem aͤußern Scheine, und nach den Vorſtellungen, die ſie von ihren Laͤndern haͤtten, beurtheilten. Die Privatunterredungen aͤnderten nichts in den — 151— oͤffentlichen Vorkehrungen. Man fuhr mit den Ruͤſtun⸗ gen zu Lande und zu Waſſer fort, und bereitete ſich zum Kriege. Der Papſt bot ſeine Vermittelung an. Es war Benedict XIV. und man haͤtte ſich auf ihn verlaſſen koͤnnen, wenn es moͤglich geweſen waͤre, daß er dieſe Unterhandlung perſoͤnlich betrieben haͤtte, aber er mußte ſie Geſandten anvertrauen, welche gewoͤhnlich eben ſo ehrgeizig als unwiſſend ſind, und nur die Po⸗ litik des Vatikans kennen. Der Koͤnig von Portugal bot gleichfalls ſeine Dienſte an, da er aber nicht im Stande war, etwas in die Wagſchale zu legen, ſo bewirkte er keine Veraͤnde⸗ rung in der Abſicht, Krieg zu fuͤhren. Der Herzog von Noailles ſagte, es waͤre erſtaun⸗ lich, daß kleine Fuͤrſten ohne Macht ſich zu Schiedsrich⸗ ter zwiſchen den erſten Staaten Europas erheben wollten. ISch will es der Nachwelt nicht verhehlen, daß zwi⸗ ſchen den beiden Hoͤfen Friedensvorſchlaͤge Statt fanden, ſie waren aber ſo weit von ihren gegenſeitigen Anſichten entfernt, daß man vermuthen konnte, ſie wuͤrden nur deßhalb gemacht, um das Kriegsfeuer, das man aus⸗ loͤſchen zu wollen ſich ſtellte, deſto heftiger anzufachen. Frankreich verlangte viel, und England forderte zu viel; dies war ein Mittel zur Erreichung der Abſicht, ſich nicht zu vergleichen. Um die Truppen zu vermehren und die Armeen zahlreicher zu machen, wurde ein ſehr geringfuͤgiges Auskunftsmittel ergriffen. Die Invaliden, welche durch ihre Dienſte und ihre Wunden eine Stelle im Invaliden⸗ hauſe erlangt hatten, erhielten naͤmlich Befehl, die Waffen zur Bekaͤmpfung der Feinde des Staats zu ergreifen. Ein verſtaͤndiger Mann ſagte in dieſer Ruͤckſicht: das hieße ſeine Zuflucht zu den Todten nehmen, um die Lebenden zu bekriegen.⸗ In dem Maaße, wie der Zwiſt zwiſchen Frank⸗ reich und England heftiger wurde, geſtand mir Lud⸗ wig XV. mehr Einfluß zu. Man hat in der Welt geglaubt, ich haͤtte uͤber dieſe neue Umwaͤlzung unum⸗ ſchraͤnkt entſchieden. Es iſt waͤhe, der Koͤnig verlangte meine Meinung uͤber viele Dinge, aber ich huͤtete mich wohl, Begebenheiten, welche den oͤffentlichen Angelegen⸗ heiten eine andere Wendung haͤtten geben koͤnnen, auf meine Rechnung zu nehmen. Ich verwies ſie an den Staatsrath, indem ich demſelben alle Schmach, wenn ſolche zu befuͤrchten war, uͤberließ. Die Miniſter beſuchten mich regelmaͤßiger, und di Generale, welche die Armeen anfuͤhren wollten, machten mir ihre Aufwartung mit einer merklichern Emſigkeit. Waͤhrend man aus der neuen Welt guͤnſtige Be⸗ richte erhielt, war der Hof wegen zweier Geſchwader, welche derſelbe dahin abgeſandt hatte, in großer Beſorg⸗ niß, doch erhielt man Nachricht, daß ſie in Breſt wie⸗ der angekommen waͤren. Der Koͤnig kam ſelbſt, mir dieſe Nachricht, woruͤber er eine große Freude bezeigte, mitzutheilen. Es war ſehr natuͤrlich, daß man vermu⸗ thete, jene Fahrzeuge wuͤrden den Englaͤndern, welche bedeutende Flotten nach Amerika hatten abgehen laſſen, in die Haͤnde fallen. Der erſte Vortheil, welchen die Franzoſen in Ca⸗ — 153— nada davon getragen, hatte einen zweiten zur Folge. Die Nation der Irokeſen erbot ſi ich, mit Frankreich ein Buͤndniß einzugehen. Der Graf von Argenſon zeigte mir die Rede, welche die Abgeſandten dieſer wilden Voͤlker an den Befehlshaber der Truppen des Koͤnigs, Herrn Vau⸗ dreuil, gehalten hatten⸗ Sie lautete alſo: »Moͤge der große Geiſt den Anfuͤhrer der Franzo⸗ ſen und ſeine tapfern Krieger erhalten! Moͤge der Umfang ihres Muthes ſich mit der Zahl ihrer Wunden meſſen koͤnnen! Wir, Voͤlker, welche eben ſo alt als die Sterne, und die tapferſten auf Erden ſind, kommen, Dir den rechten Arm unſerer Krieger anzubieten. Die Schwarzroͤcke, welche ſich unter uns befinden, haben Sorge dafuͤr getragen, daß wir Deine Nation als die tapferſte nach der unſrigen, kennen lernten, weil ſie ein⸗ geſehen haben, daß dieſe Krieger das, was ſie noch nicht wußten, von den unſrigen lernen koͤnnten. Unſere Na⸗ tion, welche uͤber zehntauſend Monde zaͤhlt, iſt bereit, ſich mit Deinen Streitkraͤften zu Deinem Beiſtande zu vereinigen, damit unſere Frauen und Kindern mit den Leichnamen der Feinde des Anfuͤhrers der Franzoſen bewirthet werden koͤnnen. Empfange die Friedenspfeife und zum Zeichen der Freude erhebe ein dreimaliges Geſchrei gegen die Sonne, welche zur Erleuchtung un⸗ ſerer Nationen aufgegangen iſt.« 4 Da dieſe Rede in Verſailles bekannt gemacht war, ſo ſagte ein Hofbeamter, der ſie geleſen hatte, zum Koͤnige:»Sire, man muß mit den Irokeſen ein Buͤnd⸗ is machen, denn fie werden ſo viel Englaͤnder eſſen, — 154— als ſie nur finden. Dieſe Leute ſind ſo gierig nach Ruhm, daß ſie ihre Beute verſchlingen.« Einige Tage nach der Ruͤckkehr der Breſter Ge⸗ ſchwader ſagte der Koͤnig zu mir: Das engliſche Par⸗ lament wuͤnſcht den Frieden, aber das Volk verlangt Krieg. Ich werde keinen Schritt zur Erlangung des Erſtern thun, wenn man ihn mir aber unter ehrenvol⸗ len Bedingungen antraͤgt, ſo werde ich ihn annehmen.« Herr von Belleisle ſagte mir, daß man keine Frie⸗ densantraͤge machen werde, und alle Geruͤchte, welche man deßhalb in England verbreitete, nur dazu dienen ſollten, ſich Frankreich anſcheinend gefaͤllig zu bezeigen, und die Regierung zu uͤberrumpeln. »Herr Marſchall, erwiederte ich, unmoͤglich koͤnnen wir uͤberliſtet werden, denn ſeit laͤnger als einem Jahre haben wir Nachricht davon.« Waͤhrend man ſich von beiden Seiten zum Krirge bereitete, erhielten die Miniſter oft von Privatperſonen Aufſaͤtze, welche die Gegenden anzeigten, wo man ihn anfangen muͤßte. Seit einiger Zeit haben ſich die Franzoſen ſehr der Politik ergeben. Man behauptet, dieſe Krankheit waͤre aus England zu uns gekommen, und durch die Meerenge von Calais in Frankreich eingedrungen. Ein ſehr verſtaͤndiger Mann ſagte mir einſt, daß ſeit jener Anſteckung eine große Anzahl Menſchen, deren Arbeit und Gewerbsfleiß dem Staate haͤtten ſehr nuͤtzlich ſeyn koͤnnen, muͤßige Zuſchauer wuͤrden. In England iſt dieſe Sucht nicht ſo gefaͤhrlich. In jenem Lande be⸗ ſchaͤftigen ſich die Staatsbuͤrger mit ihren eigenen An⸗ — — 155— gelegenheiten, und zugleich mit der oͤffentlichen Verwal⸗ tung. Aber in Frankreich bringt ein Mann, der ſich der Politik widmet, ſein Leben damit hin, von Syſte⸗ men zu ſprechen. Der Graf von Argenſon zeigte mir einen, ihm von unbekannter Hand zugekommenen Aufſatz unter dem Titel: Wichtiger Rath fuͤr die Regierung. »Man muß,« ſagte der ungenannte Verfaſſer,„we⸗ der in Deutſchland noch in Amerika Krieg fuͤhren. Die engliſche Seemacht iſt der unſrigen uͤberlegen, und am Ende werden die Britten den Sieg uͤber uns davon⸗ tragen. Indem wir uns ihrer Macht widerſetzen, wer⸗ den wir nur das Verderben der unſrigen vollenden.«⸗ »Man muß den Feldzug durch einen kuͤhnen Streich eroͤffnen.“ »Seit einiger Zeit ſcheint es, als ob unſere Mini⸗ ſter von der engliſchen Regierung dafuͤr bezahlt wuͤrden, in alle Schlingen zu fallen, welche ſie ihnen legt. Der Londoner Hof darf nur einen Plan entwerfen, und ſo⸗ gleich wird er von dem Verſailler angenommen. Jener kuͤhne Streich beſteht darin, mit Spanien ein Buͤndniß zu ſchließen und ſich Portugals vorlaͤufig zu bemaͤchti⸗ gen. Die Portugieſen ſind Verbuͤndete der Englaͤnder und dies iſt ein hinreichender Grund zu ihrer Unterjo⸗ chung. Ich ſage, dies iſt ein hinreichender Grund, denn ſchon ſeit laͤngerer Zeit beduͤrfen die Fuͤrſten ſogar nicht einmal eines Vorwandes zum Kriege; es iſt ge⸗ nug, daß ein Ueberfall ihren Abſichten entſpreche.«⸗ »Jenes Reich iſt leicht in Beſitz zu nehmen. Por⸗ tugal hat weder Armeen noch Offiziere, denn man kann — 156— einige ſchlecht eingerichtete Nationalgarden, welche nie im Feuer geweſen ſind, und Befehlshaber, welche nie gedient haben, nicht fuͤr eine Armee halten. Es ſind mehrere Monate dazu erforderlich, daß die Britten ihnen Truppen und Generale zukommen laſſen. Liſſabon wird eingenommen ſeyn, ehe die engliſche Flotte ſich zu ſeiner Vertheidigung auf den Weg macht.« »Iſt Portugal einmal in den Haͤnden der Fran⸗ zoſen, ſo werden die Englaͤnder nichts beginnen, oder beim Frieden alles wieder herausgeben.⸗ »Um die Wichtigkeit dieſer Beſitznahme recht zu begreifen, iſt ein Blick auf die Vortheile, welche Groß⸗ britannien aus Portugal bezieht, hinreichend.« »Ganz Europa weiß es, daß dieſe Monarchie keine Manufacturen hat, und daß die Etggländer. ihr nicht allein alle Luxusartikel, ſondern auch ſeine phyſiſchen Beduͤrfniſſe liefert. Vierzigtauſend Koimſtler und Hand⸗ werker aller Art ſind beſtaͤndig fuͤr disſelbe beſchaͤftigt; Portugal gewaͤhrt alſo vierzigtauſend Unterthanen des Köͤnias Georg ihren Unterhalt. Dieſe tragen zur Er⸗ haltung einer eben ſo großen A. ahl anderer Staats⸗ buͤrger bei⸗ und da dieſe Gewelbthätigkeit die Quelle einer Menge ering⸗ 8 Gewerbe iſt, ſo wuͤrde das Aufhoͤren aller K. 8. Ma. facturen eine Verminderung des allgemeinen Gel⸗ mataufs herbeifuͤhren.« „Achthundert Kauffartheiſchiffe ſegeln jaͤhrlich aus der Themſe in den Tajo, mithin werden zwanzigtauſend engliſche Matroſen durch dieſen Handelszweig allein er⸗ halten.« ——————;— — 167— „»Die Bergwerke in Braſilien liefern England jaͤhr⸗ lich einen neuen, um ſo vortheilhaftern Reichthum, als daſſelbe dadurch die Mittel zur Erkaufung von Buͤnd⸗ niſſen und Bezahlung von Huͤlfsgeldern erhaͤlt. Eng⸗ land unterhaͤlt ſeine Flotten und Armeen zum Theile nur mit portugieſiſchem Golde.« „Zwar befinden ſich die Schaͤtze Portugals in Amerika und die engliſchen Flotten wuͤrden ſich zu Herren der Bergwerke machen, indeß wuͤrden die Eng⸗ laͤnder von dieſer Beute keinen großen Nutzen ziehen.⸗ »Die Gewinnung des Goldes iſt eine Arbeit, die gehoͤrig bezahlt gemacht werden muß, um davon Vor⸗ theil zu ziehen; und dieß iſt nicht einem Jeden gegeben. Die Portugieſen, welche von Natur maͤßig ſind und nur wenig Beduͤrfniſſe haben, koͤnnen allein Gewinn davon zi⸗ nglaͤnder hingegen, deren Arbeiten koſtſpieligen uͤrden dabei verlieren. Großbritan⸗ nien wuͤrde durhh die Bergwerke verarmen, ſtatt ſich zu bereichern.« „Fs iſt eine allgemeine Regel, daß Bergwerke ge⸗ woͤhnlich ihre Beſiser zu Grunde richten, und N beiſe davon liefern Span ind Portagal, welche beſtaͤndig in dem Verhaͤltniſſe, als ihre Minen ergiel iger wur⸗ den, aͤrmer geworden ſind. e die ouen, welche ihre Kunſtprodukte gegen ih— aeugniſſe vertau⸗ ſchen, werden reich.« »Die Beſitznahme von Portugal wuͤrde alle Sy⸗ ſteme in Europa veraͤndern, und eine allgemeine Um⸗ waͤlzung in den Cabineten herbeifuͤhren. Die Angele⸗ genheiten Deutſchlands wuͤrden eine andere Geſtalt be⸗ — 168— kommen. Der Koͤnig von Preußen wuͤrde ſeine Plaͤne aͤndern, und die kriegeriſchen Maͤchte, welche ſich zu einem gewiſſen Kriege ruͤſten, wuͤrden einen andern fuͤhren muͤſſen, und dadurch viel Maͤchte in Verlegen⸗ heit gerathen.« „Frankreich wuͤrde durch dieſen erſten Auftritt große Armeen und noch groͤßere Summen erſparen. Portu⸗ tugal wuͤrde nicht ſobald beſetzt ſeyn, als die Englaͤn⸗ der auf Wiedereroberung deſſelben denken wuͤrden, und durch dieſen Krieg, welcher ſie bald ganz beſchaͤftigen muͤßte, wuͤrden ſie von allen andern abgehalten werden.« „Das brittiſche Miniſterium iſt auf alles, nur nicht auf eine Einnahme Portugals, vorbereitet. Alle ſeine Operationen ſind auf einen Krieg in Deutſchland und in Amerika berechnet; fuͤr die Vertheidigung Portugals iſt nichts in Bereitſchaft. »Es iſt aber erforderlich, daß dies unremehmen geheim gehalten und ſchnell ausgefuͤhrt werde, denn 2 von haͤngt hauptſaͤchlich ein gluͤcklicher Erfolg ab. Die meiſten unſerer Unternehmungen ſcheitern, weil ſie. ang⸗ ſam und oͤffentlich von Statten gehen. Der Feind iſt von unſern Plaͤnen ſtets faſt in demſelben Augenblicke unterrichtet, in dem ſie entworfen werden, und das iſt ein ſicheres Mittel zu ihrem Fehlſchlagen. England iſt wirklich nicht dazu vorbereitet, ſich dieſer Beſitznahme zu widerſetzen, wenn es aber zeitig genug davon unter⸗ richtet wird, ſo wird es auf ſeine uͤbrigen Plaͤne ver⸗ zichten, um ſich dieſem entgegen zu ſtellen. Man weiß, daß Schnelligkeit und ein durchgreifendes Verfahren dieſe Regierung vorzuͤglich auszeichnen. — 169— »Man muß den Madrider Hof vor dieſem Vorha⸗ ben durch einen außerordentlichen Eilboten in Kenntniß ſetzen, und ihn um ſeine Unterſtuͤtzung bitten, oder noch beſſer, ihm den Vorſchlag machen, daß ihm Portugal nach der Beſitznahme uͤberlaſſen werden ſolle.« »Wenn der Madrider Hof ſich bisher geweigert hat, ein Buͤndniß mit Frankreich einzugehen, ſo iſt dies eine Folge davon„ daß man ihm einen koſtſpieligen Krieg vorſchlug, wobei er nur Opfer, aber keine Erobe⸗ rungen vorherſah; wenn man ihm aber, als Preis ſei⸗ nes Beiſtandes, ein ihm gelegenes Koͤnigreich, auf das er ohnehin Rechte zu haben behauptet, anbietet, ſo wird er keinen Augenblick ſchwanken.⸗ »Man muß die Truppen, welche in Rouſſiillon, Languedoc und in der Provence ſtehen und ſo aus einer der naͤchſten Provinzen nach der andern, vorruͤcken laſſen, da der Marſch der weiter entfernt ſtehenden den Plan nur kundbar machen wuͤrbe. ———— A ſſnſnſnſinnſnſnſſſnſinſiſſſſſf ſſſſ 14 15 1 1 d 8 9 11 12 13 6 17 8 19 —“ ☛——— 4 4 —*. 4. ——