ek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 3 von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 4* 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſetzt und wird auf 1 Monat: 4 M= Pf. 1 Nr. 55 Ff 2 Nk. Pf. eiterverleihen , welche die⸗ Jugend⸗Bibliolhek. Herausgegeben von Guſtav Nieritz. UNeunzehnter Jahrgang. Fünftes Bändchen. Guter Rath iſt Geldes werth. Leipzig. Voigt& Günther. Zuter Rath iſt geldes werth. Eine Erzühlung für die Ingend Friederike v. Marées. Erſtes Kapitel. Vor vielen, vielen Jahren lebte ein König, der herrſchte über ein großes Reich und war ſehr mächtig. Seine Gemahlin, die er früh durch den Tod verloren, hatte ihm nur ein einziges Töchterlein hinterlaſſen. Die junge Prinzeſſin war ein Wun⸗ der von Schönheit und Liebreiz; der Stolz und die Freude ihres Vaters. Sie ward, je älter ſie wurde, immer ſchöner, und der alte König war ganz glückſelig im Beſitz dieſes Schatzes. Das Glück aber iſt ein launiſches und unbeſtän⸗ diges Weſen, welches die Alten auf einer Kugel ſchwebend dargeſtellt haben. Das iſt ein gar treffendes Bild, denn eine Kugel liegt ſelten lange auf derſelben Stelle feſt, ſie rollt bei dem leichteſten Anſtoß weiter. So niſtet ſich das Glück gewöhnlich nur auf eine kurze Zeit in einem Hauſe ein; es liebt das Wandern und wenn man es heute in den Palaſt eines Fürſten gebannt glaubt, ſo hat das launiſche, verän⸗ derliche Weib ſich morgen ſchon in die Hütte des Taglöhners zu Gaſte gebeten. Dieſe Erfahrung ward auch dem guten, alten König nicht erſpart. Sein blühendes, von Geſund⸗ heit ſtrahlendes Kind fing plötzlich zu kränkeln an, wurde bleich und hinfällig. Der arme Vater war troſtlos und bot alle Aerzte ſeines großen Reiches auf, an ſeinen Hof zu kommen, um unterein⸗ ander zu berathſchlagen, wie ſeiner kranken Tochter zu helfen 1* 4 1 ſei. Die Aerzte gehorchten ihrem Herrn und Gebieter, wie es die Pflicht des getreuen Unterthanen iſt, ſie beriethen ſich lange hin und her, aber ſie ſtimmten niemals überein, und jeder hoffte das arme Königskind auf ſeine eigne Weiſe, nach ſeiner eignen Ueberzeugung wieder herzuſtellen. Der Eine verordnete Pillen ſnd Pulver, der Andere Mixturen und Latwergen, Zugpcoflaſter und Umſchläge, und wenn es derzeit ſchon zum guten Tone gehört hätte, in Bädern ſeine verlorene Geſundheit wieder zu holen, oder ſich gelegent⸗ lich erſt recht krank zu machen, man hätte die Königstochter, von den Pyrenäen, an die Oſtſeeküſte, von da vielleicht in ein Gas⸗ oder Fichtennadelbad getrieben. Ob das mit Erfolg geſchehen wäre, wir haben nicht Zeit, es zu ermitteln. Aber das iſt leider gewiß, daß, wie geduldig ſich die Kranke in alle Verordnungen fügte, mit welcher Gewiſſenhaftigkeit ſie befolgt wurden, wenn ſie ſich auch durchaus widerſprachen, ein günſtiger Erfolg wurde nicht erzielt. Man merkte nichts von Beſſerung und das roſige Kind welkte dahin, wie eine Blume, welche vom Nachtthau vergiftet worden. Der alte König wurde immer trauriger und tieffinniger, und in ſeiner Noth und Troſtloſigkeit ſchrieb er an alle ſeine Vettern in der ganzen Welt und klagte ſeine Noth und bat um Hülfe und fragte hie und da an, ob nicht irgend wo ein geſchickter Arzt lebe. Und ſiehe, aus fernem Lande, weit über's Meer, kam ein weiſer Mann, ein Wunderdoktor. Der König ver⸗ ſprach ihm Gold und Edelſteine, ja die Hälfte ſeines Reiches, wenn ihm die Heilung ſeines kranken Kindes gelangen würde. Der Weiſe, deſſen Anblick ſchon Vertrauen erweckend und Ehrfurcht gebietend war, ließ ſich zu der Kranken hinführen, — die wie ein Marmorbild auf dem weichen und reichen Pol⸗ ſtern ihres Ruhebettes lag, und ſo matt und ſchwach war, daß ſie kein Glied zu regen vermochte. Er fragte ſie kreuz und gauer, er fühlte ihren Puls, er betaſtete ihre Schläfe und ließ ſich die Zunge zeigen. Er beſchaute und unter⸗ ſuchte genau die zarten, feinen Ohren, die Nägel der ſchön geformten Finger; er ſtudirte die Linien, welche ſich durch die ſchneeweiße, ſammetweiche Hand hin und her zogen und kreuzten, und ſchüttelte bedenklich das weiße Haupt. Dann aber bat er, daß man ihm ein Zimmer anweiſe, fern von den Wohnungen der Hofleute, um ungeſtört ſeine Forſchungen betreiben zu können. Man brachte ihn hoch hinauf in ein Thurmzimmer, das in keiner Berührung mit den Sälen und prächtigen Gemächern des Palaſtes ſtand. Vier und zwan⸗ zig Stunden nahm der Weiſe weder Speiſe noch Trank, ſon⸗ dern blätterte in einem großen Buche voll geheimer Zeichen und wunderlicher Abbildungen. Als Tag und Nacht ver⸗ gangen waren und der Morgenſtern leuchtete, da trat er aus dem entlegenen Thurmzimmer wieder heraus. Dem alten König hatten Angſt und Sorgen den Schlaf von den Augen geſcheucht; er kam ihm entgegen, Spannung in allen Zügen. Der tiefe, feierliche Ernſt in dem Antlitz des Weiſen erſchreck⸗ ten die Majeſtät, aber die Worte:„Es giebt ein Mittel, von welchem ich Geneſung verſprechen kann!“ erfüllte die Seele des Vaters mit Seligkeit. Er jauchzte laut auf. „Mäßige Deine Freude, großer König. Ein Mittel zur Heilung iſt allerdings gefunden, aber die Erlangung deſſel⸗ ben dürfte noch viele Schwierigkeit machen, ja es iſt ſogar zweifelhaft, ob wir es erhalten.“ 6— „Wenn es Millionen koſtet, wenn ich mein ganzes Königreich dafür hingeben müßte! Was iſt Alles gegen die Geſundheit meines Kindes, meines einzigen, geliebten Kindes!“ 4 „Nicht für Millionen, nicht für Dein ganzes Königreich iſt es feil. Wenn Du es erhältſt, ſo iſt es eine Gabe un⸗ eigennütziger Liebe. Deine Tochter wird geneſen, ſobald das Hemd eines vollkommen glücklichen Menſchen ihre zarten königlichen Glieder umhüllt.“ „Iſt das Alles? O du weiſer Mann, warum zweifelſt Du? Tauſend Hemden, ſtatt eines, werden morgen ſchon zu meiner Verfügung ſein. Ich glücklicher Vater, mein Kind, mein geliebtes Kind, iſt gerettet. Habe ich umſonſt ſo viele Jahre das Szepter mit Weisheit und Milde geführt? Habe ich meine Unterthanen mit Steuern bedrückt? Habe ich ſie beſchränkt in der Ausübung ihrer religiöſen Pflichten, wie verſchieden ihr Glaube auch ſein mag? Hat der Krieg ihnen Haus und Hof zerſtört? Habe ich die Söhne aus dem Schooße glücklicher Familien geriſſen? Blühen nicht Han⸗ del und Gewerbe, Kunſt und Wiſſenſchaften, habe ich dieſe nicht gepflegt, habe ich das Gute nicht befördert und das Böſe zu hemmen geſucht? Sind meine Unterthanen nicht glücklich? Werden ſie nicht dankbar ſein? Es wird uns nicht ſchwer werden, dieſes Hilfsmittel zu finden. Tauſend Hem⸗ den, weiſer Mann, werden bis morgen zu unſerer Verfügung da ſein. Meine glücklichen, dankbaren Unterthanen werden mich überſchütten mit Beweiſen ihrer Liebe.“ „Großer König, hoffe nicht zu viel. Biſt Du ganz, biſt Du vollkommen glücklich?“ — — 4 „Ich könnte es ſein,“ ſagte der alte König, und dachte an ſein krankes Kind, und ein tiefer Seufzer war die Ant⸗ wort auf die Frage des Weiſen. Boten wurden ausgerüſtet und ausgeſendet nach Oſt und Weſt, nach Süd und Nord. Sie fanden viele dankbare Herzen, die gerne mehr für das Heil der holden Königstoch⸗ ter geopfert hätten. Sie fanden viele Menſchen mit frohen, lachenden Geſichtern, in elenden Hütten, mit Lumpen umhüllt, in reichen Kleidern, in prächtigen Paläſten und an üppig beſetzten Tafeln. Greiſe und Matronen, junge Ehepaare, Brautleute und Kinder, aber überall, wo ſie glaubten, ein vollkommenes Glück gefunden zu haben, entdeckten ſie auch eine wunde Stelle, und ſie mußten umkehren unverrichteter Sache. Troſtlos kamen ſie heim, troſtloſer wurde der alte König, und immer hinfälliger das kranke Königskind. „Du haſt mich betrogen, eiferte die Majeſtät zornig gegen den Weiſen. Deine Weisheit iſt keine göttliche Kunſt, es iſt eine Kunſt, welche Du Dir im Reiche der Finſterniß, im Dienſt des Fürſten der Lüge erworben haſt. Rathe mir anders, oder Du ſollſt eines ſchmählichen Todes ſterben.“ „Und wenn ich zehn Tode ſterben müßte! Vermag ich die Geſetze der Natur umzuſtoßen? Kann ich die Gebrechlichkeit und die Unvollkommenheit irdiſcher Zuſtände umwandeln? Iſt mir die Allmacht Gottes verliehen? Bin ich nicht ſelbſt ein armſeliges, ſterbliches Weſen, deſſen Wiſſen Stückwerk iſt? Mit Mühe, durch unabläſſiges Forſchen, iſt es mir ge⸗ lungen, die Natur in ihrem Gange zu belauſchen, hie und da ihr geheimnißvolles Walten verſtehen, manche ihrer Kräfte kennen und verwenden zu lernen. Das iſt, was ich vor 8 Anderen voraus, durch eigenes Streben errungen habe. Die Menſchen nennen mich deshalb einen Weiſen. Weil ich etwas mehr verſtehe und vermag, als die Menge, fordert dieſe ſo viel von mir, wie kein Sterblicher zu geben im Stande iſt. Nur durch große Anſtrengungen habe ich ein Mittel finden können, was auf den Zuſtand Deiner Tochter heil⸗ kräftig wirken wird; es herbeizuſchaffen, überſteigt das Maaß meiner Kräfte. Eines kann und will ich noch für Dich thun. Nimm dieſes Glas. Sein Gebrauch ſchützt Dich vor Täuſchung und Betrug. Es enthüllt Dir die Herzen der Menſchen, Du wirſt, wie durch einen hellen Waſſerſpiegel, jedes Fäſer⸗ chen auf den Grund derſelben ſehen. Seine Wunderkraft hört auf in dem Augenblick, wo Du das Geſuchte gefunden. Möge Gott Dich geleiten und Dich einen vollkommen glücklichen Sterblichen finden laſſen.“ ſchenk.„Ich will ſelbſt fort, und müßte ich bis an die äußer⸗ ſten Grenzen der Erde, ich will das Glück aufſuchen, und hrütte es ſich in die tiefſten Felſenſpalten, in das zerklüftetſte Gemäuer und in die dunkelſten Höhlen oder, gleich einer Philade, in einen Korallenzweig verborgen, ich will, ich werde es finden.“ Und der König zog aus. Ihm folgten viele ſeiner Ge⸗ treuen. Sie zogen hin und her, durch Städte und Dörfer, ſie kehrten in Paläſten und Hütten ein, ſie durchkreuzten bevölkerte und einſame Gegenden; aber wo ſie einen hellen Lichtſchimmer erblickten, da war auch der Schatten nicht Dankbar empfing der greiſe König dieſes koſtbare Ge⸗ 9 weniger dunkel; wo eine Blume blühte, da war auch ein Käferlein oder eine Raupe, die ſie benagte, nicht fern. Immer kleiner ward die Hoffnung des Königs, immer düſterer ſein Sinn. Da hörte er von der Anſiedlung einer fremden Hirtenfamilie, die tief verſteckt in einem anmuthigen Thale ſich befinden ſollte. Dorthin nahm er ſeinen Weg und eilte ſeinem Gefolge voraus, denn er hatte weder Ruhe noch Raſt, und als er in einem Walde, der ihn hinführen ſollte, allein ohne Begleitung war, geſchah es, daß der koſtbare, ſchwerfällige Wagen, der nur zum Gebrauche auf ebenen, gebahnten Wegen eingerichtet war, an einen umgefallenen Baumſtamm ſtieß und mit einem zerbrochenen Rade auf dem Boden lag. Hülfe war nicht in der Nähe und er mußte die Ankunft ſeines Gefolges abwarten. Das währte aber dem alten Herrn zu lange, die Ungeduld trieb ihn vor⸗ wärts. Wie er nun durch den grünen, luſtigen Wald dahin wandelte, ward es ihm wunderbar wohl zu Muth. Die Libellen umſchwärmten ihn wie fliegende Edelſteine, die Eich⸗ hörnchen thaten gar nicht, als ob eine Majeſtät, der man Ehr⸗ furcht bezeigen müſſe, in ihrer Nähe ſei. Sie ließen ſich nicht ſtören in ihren unbefangenen Spielen. Die Vögel ſangen und jubilirten, ſie hatten keine Proben zu machen nöthig, ſie ſtimmten keine Inſtrumente, und dennoch hatte er noch nie ein ſo harmoniſches Concert vernommen. Die Eidechſen guckten ihn ſo dreiſt und klug mit ihren hellen Augen an, als ſei er ein ſo gewöhnlicher Mann, wie ſie ihn täglich ſahen. Dergleichen hatte er in ſeinen Gärten und Paläſten noch nimmer geſehen und erlebt. Ach, wäre mein Kind hier, ſeufzte er. Plötzlich ward der Wald lichter und er ſah gerade auf 10 ein kleines Thal. Eine Hütte bildete den Hintergrund. Schnee⸗ weiße Ziegen und Schafe weideten auf dem ſmaragdgrünen Raſen. Sein Kommen erſchreckte ſie nicht, ihr Blöcken und Meckern klang wie Willkommen. Auf der Schwelle der mit Moos bekleideten Hütte ſpielten ein paar rothwangige, halb⸗ nackte Kinder. Sie nahmen ſeine Hände und führten ihn hinein zu ihren Aeltern und Großältern. Beide Paare, ein Bild ungeſchwächter Kraft und Geſundheit, ſaßen auf einer langen hölzernen Bank vor einem Tiſch, der nicht mit Damaſt, nicht mit Silber oder Kriſtall gedeckt war. Friede und Freude leuchteten aus ihren Augen. Die ſchneeweiße Milch, die pur⸗ purrothen Erdbeeren, dabei das derbe Schwarzbrod, welches ihnen zum Mahl diente, ſchienen dem alten König lockender als alle Leckereien, die jemals aus der geſchickten Hand ſei⸗ ner Köche hervorgegangen, ſeine Tafel geziert hatten. Mit Herzlichkeit ward er als Gaſt begrüßt, mit Freudigkeit nahm er die Einladung an, und als er aus der irdenen Schüſſel mit hölzernem Löffel aß, da dünkte es ihm, er ſei im Olymp und ſpeiſe mit den Göttern an einer Tafel und genöſſe die Himmelskoſt, Nektar und Ambroſia. „Ich habe den ſeltenen Schatz gefunden,“ jubelte und jauchzte es im Innern der Majeſtät.„Ich darf den günſtigen Augenblick nicht vorüber gehen laſſen. Wie gern werden mir die guten Menſchen zur Geneſung meiner Tochter verhelfen, wie will ich ſie mit Gnadengeſchenken überſchütten!“ Armer König, wozu bedurften dieſe Reichen, in deren Nähe dein Glas ſeine Wunderkraft verlor, noch deiner Gna⸗ dengeſchenke! Huldvoll und herablaſſend brachte der König ſeine Bitte 11 vor. Die Bewohner der Hütte ſtarrten ihn alle ſechs an mit verwunderten Geſichtern, denn ſie verſtanden ihn nicht. „Ein Hemd? Ein Hemd?“ fragten ſie alle,„was iſt das? Wir geben Dir alles gern, was wir beſitzen, aber ein Hemd kennen wir nicht.“ Nachdem der alte König eine umſtändliche Beſchreibung gegeben hatte, was ein Hemd ſei und wozu es diene, da brachten die Hirten einige graue, grobe Kleidungsſtücke zum Vorſchein von wunderlicher Form und wunderlichem Stoff. Der alte König aber ſchüttelte traurig ſein Haupt. Das waren keine Hemden, wie ſein Kind ſie gewohnt war zu tra⸗ gen, die rauhen Hüllen waren nicht gemeint; wie hätten dieſe ſich um die königlichen Glieder ſchmiegen können, ihre Be⸗ rührung hätte die Kranke ſchon getödtet. Er weinte ſo bitterlich, der alte König, daß es einen Stein hätte rühren mögen. Die Hirten ſahen ihn mitleidig an. Seine Getreuen, die ihn nach langem, vergeblichem Suchen hier fanden, konn⸗ ten nicht begreifen, wie er ſchon Kunde davon hatte, daß ſein holdſeliges Kind verſchieden ſei, war ihnen doch eben erſt dieſe Trauerbotſchaft zugekommen. Es iſt eine uralte, oft erzählte Mär, die ich hier aufgetiſcht habe. Sie hängt ſogar in keiner Weiſe mit dem, was ich erzählen will, zu⸗ ſammen; dennoch ſchien es mir zweckmäßig, ſie gewiſſermaßen als Einleitung voraus zu ſchicken. Ihr möchtet, meine jungen Leſer und Leſerinnen, vielleicht gemurrt haben, wenn ich Euch ſo mir nichts dir nichts in die ärmliche Hütte zu dem Hel⸗ den meiner Geſchichte geführt hätte. Ich weiß, die Jugend hört gern von großem Glanz und fabelhaftem Reichthum, ſie läßt ſich lieber in Schlöſſer und Paläſte führen, in denen allerlei Merkwürdigkeiten zu ſehen ſind, als in die Hütten der Armuth. Weiſe Lehren und weitläufige Auseinander⸗ ſetzungen langweilen Euch, Ihr zieht es gewiß vor, durch ein Beiſpiel das Gute zu erfahren. Darum verzeiht mir den Kunſtgriff und folgt mir ohne Vorurtheil auf den Schau⸗ platz, auf welchem ſich das junge Ehepaar Bill und Betſy bewegen. Die Namen Bill und Betſy deuten es Euch ge⸗ nugſam an, daß wir nicht in unſerm lieben Vaterlande ge⸗ blieben ſind. Wir haben uns mit fortreißen laſſen von dem herrſchenden Zeitgeiſte. Angeſteckt von unſeren Zeitgenoſſen, verlaſſen wir unſer theures Vaterland, das ſo viel Schönes und Gutes bietet. Geſegnet durch ein geſundes Klima, be⸗ herrſcht von edlen Fürſten, regiert durch weiſe Geſetze, blühen Handel und Gewerbe, Künſte und VWiſſenſchaften, entwickelt ſich Edles und Großes. Dennoch wollen wir hinaus in die Fremde. Indeß, wir folgen nicht jenen unruhigen Touriſten, die raſtlos von einer großen Stadt zur andern jagen, von einer berühmten Gegend zur andern ziehen. Wir gehen nicht in jene viel beſuchte Länder, die alleſammt einander immer ähnlicher werden, alle Nationalität verlieren. Wir ſuchen eine Inſel auf, die meiſtens nur forſchende Reiſende an⸗ lockt; ſolche, die nicht aus Vergnügungsſucht, die durch Wiſſensdurſt aus der Heimath getrieben werden. Ohne die Bequemlichkeiten, welche größere Städte bieten, zu vermiſſen, durchwandeln wir zunächſt die Fluren eines Landes, bei deſſen erſten Anblick Wilhelm III. ausrief:„Dieſes Land iſt werth, daß man es ſich erkämpfe.“ Wir verweilen gern bei den romantiſchen Buchten, welche die Natur größtentheils ohne Menſchenhülfe geſchaffen. Wir 13 ſehen mit Erſtaunen die Netze der Fiſcher ſich mit den köſt⸗ lichen Bewohnern der blauen Fluthen füllen. Es ergreift uns indeß eine tiefe Wehmuth, wenn wir bedenken, wie wenig das Volk geeignet iſt, die Schätze zu verwerthen, welche der Herr in ſeiner Gnade über dieſes Land ausgeſchüttet hat. Wo die Natur ſo freigiebig iſt, wo der Boden ungepflegt ſo viel hervorbringt, als wir zum Leben bedürfen, was haben wir da noch nöthig, unſere Kräfte zu vergeuden? ſo denkt der leichtſinnige, träge und doch poetiſche Irländer. Mit Stolz nennt er ſein Vaterland das grüne Erin. Es iſt indeß dies Bewußtſein, dieſe Anerkennung des Schönen und Guten kein ächtes Vaterlandsgefühl, keine treue und innige An⸗ hänglichkeit an die Scholle, auf welchen Großältern und Aeltern, auf welcher ſie ſelbſt geboren ſind, auf welcher ſie Freud' und Leid erlebt haben. Haben ſie dieſe ausgebeutet, dann ziehen ſie weiter, ſie verlaſſen Wiege und Gräber mit Gleichgültigkeit. Wie ſie nichts thun, das Land zu veredeln, ſich ſelbſt zu bilden, ſich treiben zu laſſen von den Bewegun⸗ gen der Zeit, wie ſie leicht und gedankenlos von einem Tage zum andern hinſchlendern, ſo wird ihnen das Entſagen und Entbehren nicht ſchwer. Sie machen keine Anſprüche, jede Bequemlichkeit iſt ihnen fremd; und wie dem Engländer die Bequemlichkeit der Com⸗ fort,(ein unüberſetzbares Wort) Alles iſt, ſo begnügt ſich der Irländer mit dem Geringſten. Sucht er ſich doch kaum gegen die Elemente zu ſchützen. Er ißt und trinkt, um das Leben zu friſten; will er ſich erheben, dann iſt der Whiskey, (Branntwein) ſein beſter, aber auch gefährlichſter Freund. Heiter von Natur, macht der übermäßige Genuß deſſelben, 14 wozu er ſich gern hinreißen läßt, ihn oft ausgelaſſen und zu Zänkereien und Prügeleien aufgelegt. Der Irländer trägt, ſo lange es angeht, mit knechtiſcher Unterwürfigkeit die rohe Behandlung ſeines Brodherrn. Daheim übernimmt er ſei⸗ nem Weibe gegenüber in der Regel ſelbſt die Rollen des Tyrannen. Da man ſelten in Frieden und Uebereinſtim⸗ mung lebt und handelt, ſo verbeſſern ſich die häuslichen Zu⸗ ſtände auch nicht. Alles verkommt bei der angeborenen Trägheit, zumal da der Sinn für Reinlichkeit und Ordnung in den niederen Claſſen, von denen ich hier hauptſächlich. ſpreche, ganz fehlt. Das Ende vom Liede iſt dann, daß die verkommenen Familien auswandern nach Amerika, wo ſie keineswegs vor⸗ theilhaft von den anderen Eingewanderten abſtehen. Die Anſiedlungen der Irländer in Amerika ſind dort leicht her⸗ auszukennen, ihnen fehlt alles Gedeihen. Der Mangel an Arbeitsluſt, der Hang zum Trunk fördern in ihrer neuen Heimath ihren Untergang eben ſo ſehr, zumal da in ihrem eigentlichen Vaterlande keine nachbarliche Verbindung ſtatt⸗ findet und ſie nicht gewohnt ſind, auf dem Lande in einer engeren Gemeinſchaft mit einander zu leben. Wir ſuchten in Irland vergebens nach Dörfern und wohl eingerichteten und verwalteten Landgemeinden. Zerſtreut liegen die Woh⸗ nungen umher, und ſo romantiſch dieſe von außen oft aus⸗ ſehen, ſie gewähren, der Aufenthalt für Menſchen und Vieh, innen den ekelhafteſten Anblick. — Zweites Kapitel. Exceptio probat regulam(die Ausnahme beweiſt die Regel) ſagt der an Kernſprüchen reiche Lateiner, und eine ſolche geſegnete Ausnahme iſt die kleine Hütte, in welche wir nach langem Umherſchweifen einkehren. Bill und Bethy ſind beide geboren in dieſer Hütte, aber es fließt dennoch engli⸗ ſches Blut in ihren Adern. Ihre Vorältern hatten ſogar einen gemeinſchaftlichen Stammvater. Die Zweige, welche aus dem Herzen der Alten getrieben, hatten ſich weit ver⸗ breitet und waren auseinander gegangen, ſie hatten lange geblüht und Früchte getragen, aber einer nach dem andern war abgeſtorben, bis die beiden letzten Sproſſen auf fremdem Boden ſich wieder fanden, die Stammverwandtſchaft erkann⸗ ten, ſich in einander verſchlangen und neues, kräftiges Kern⸗ holz trieben. Wie Bethy's Verwandten nach Irland gekommen, das wußte Niemand genau anzugeben, ein Familienarchiv gab keine Nachrichten darüber. Billis Großvater aber hatte unter König Wilhelm den Feldzug in Irland mitgemacht, war verwundet worden und nach ſeiner Geneſung dort geblieben. Wahrſcheinlich hatte er dort eine Lebensgefährtin gefunden. So waren denn nun Bill und Bethy ſehr verſchieden von ihren Landsleuten; die beſſeren nationellen Elemente Englands hatten ſich bei ihnen erhalten, die beſſeren Elemente ihres Baterlandes waren ihnen in Fleiſch und Blut übergegangen. Auf einer jener grünen, moorigen aber prachtvollen Wieſen, wie Irland ſo viele aufzuweiſen hat, blickt nun unter mehreren zerſtreut 16 umherliegenden Hütten eine derſelben ganz beſonders einla⸗ dend hervor. Wie wir ſie in der Nähe betrachten, da wer⸗ den wir allerdings gewahr, daß ſie ſicher ſchon in ihre urſprüngliche Beſtandtheile zuſammen geſunken ſein würde, wenn ihr nicht die uralte, gewaltige Wurzel eines Epheus als Grundſtein diente. Der armdicke Stamm dieſes Epheus, ſeine tauſend und abertauſend Luftwurzeln waren ſo innig mit ihr verwachſen, ſeine langen, zähen Zweige umſchlangen ſie ſo liebevoll und feſt, daß ſie keine andere Stützen bedurfte. Sie waren gegen Regen und Sturm geſchützt, aber ebenſo wurden die brennenden Sonnenſtrahlen aufgenommen von dem dichten, immer grünen Blätterdach. Dieſe Blätter wehr⸗ ten nicht allein die Näſſe und Hitze, ſondern ſie ſchmückten ſie zu gleicher Zeit ſo wundervoll, daß weder Baumeiſter noch Bildhauer mit aller ihrer Kunſt jemals ſolche Dauerhaftig⸗ keit, noch ſolchen architektoniſchen Zierrath zu ſchaffen ver⸗ mögen. Nach Fenſtern ſuchen wir freilich vergebens an dieſem eigenthümlichen Bauwerk, keine Eſſe ſtört die Harmonie des grünbedachten Gebäudes. Der Rauch findet den Ausgang durch die Thür. Der freie Abzug iſt nie gehemmt; ſelbſt wenn dieſe gebrechliche Thür geſchloſſen, finden ſich klaffende Spalten und weite Oeffnungen genug darin, um ihn hinaus⸗ ziehen zu laſſen. Drinnen herrſcht, in Uebereinſtimmung mit dem Aeußern, auch jene paradieſiſche Einfachheit, die dem alten König aus dem vorerwähnten Märchen reizender erſchien, als aller Glanz und Pracht, die ihn umgab. Ein Hemd nach dem Muſter, wie er es kannte, würde er wohl auch hier ſchwerlich gefunden haben. Das einzige Exemplar, welches nach unſeren Begriffen ſo genannt zu werden verdiente, war — — als letzte Hülle Bethy's guter Mutter mit in das Grab gege⸗ ben worden. Die innere Einrichtung überſteigt unſere Vorſtellung ſelbſt von äußerſter Dürftigkeit. Eine alte Decke, eine hölzerne Bank, ein paar Böcke, die mit einem darüberliegenden Brett als Tiſch dienten, und noch ſonſt zu anderen Zwecken benutzt wurden, dies war der ganze Hausrath, ja, ſammt einem Keſſel, einem Topf, ein paar irdenen Schüſſeln und hölzernen Löffeln, und einer Whiskeyflaſche, die, zu Bill's Ehre ſei's geſagt, wenig benutzt wird, iſt die ganze bewegliche Habe des jungen Paares. Ihr Grundbeſitz iſt die von Epheu getragene und erhaltene Hütte, bei deren Bau man weder für Vorhalle noch für Wirthſchaftsgebäude oder Geſellſchaftszimmer geſorgt hatte. Weder an Beguenlichkeit noch an Luxus iſt gedacht wor⸗ den. Sie iſt nichts, als ein Obdach gegen Wind und Wetter, und der Feuerherd in der Ecke mit dem darüber hängenden Waſſerkeſſel iſt der einzige Gegenſtand, den wir als Unterbrechung an den kahlen Wänden bemerken. Und dennoch iſt es wenigſtens ſchon das dritte Geſchlecht, welches hier, fern von dem Geräuſche der Welt, in ſtiller, hingebender Genügſamkeit, dankbar die Güte Gottes preiſend, ein glück⸗ liches, von keinem Sturm getrübtes Leben führt. Bill und Bethy ſind als Nachbarskinder neben einander aufgewachſen, ihre Aeltern hatten bei dem Vater des Farmers, bei welchem ſie jetzt im Dienſt ſtehen, gearbeitet. Die Kinder halfen den Aeltern früh bei der Arbeit, und an eine Trauung war nicht zu denken. Die Ehe der beiden herangewachſenen Kinder wurde noch bei Lebzeiten der Aeltern geſchloſſen und von die⸗ ſen geſegnet. Da Bethy's wohlerhaltene Hütte noch ein Men⸗ Guter Rath iſt Geldes werth. 2 8 „ 18 ſchenleben hindurch den Elementen zu trotzen ſchien, ſo ver⸗ ließ Bill nach dem Tode ſeiner Aeltern mit Bethy ſein väter⸗ liches Erbe und zog hinüber zu Bethy's Mutter. Wir mit unſeren Anſprüchen, unſeren immer wach⸗ ſenden Bedürfniſſen, vermögen es nicht zu faſſen, wie man in ſolchen Verhältniſſen zufrieden, ja glücklich ſein kann. Aber wenn Ihr, meine lieben Leſer, mit Euern leiblichen Augen einen Blick hineinthun könntet in dieſes Stillleben, Ihr würdet ſie, von ſo viel Demuth, von ſo viel Beſcheiden⸗ heit gerührt und beſchämt, abwenden und ein paar Thränen abwiſchen. Werden wir nicht Alle mit gleichen Rechten ge⸗ boren, haben wir mehr Anſprüche Einer vor dem Andern zu machen? Wenn das irdiſche Glück nach den inneren Vorzügen abgewogen würde, wie tief dürften wir unter vielen dieſer Armen ſtehen, die wir beklagen und die doch in ihrer Einfalt und Einfachheit ein beneidenswertheres Loos haben, als wir. Seht hier Bill und Bethy. Sie haben rüſtig und rührig vom frühen Morgen an ihr Tage⸗ werk verrichtet, ſie ſetzen ſich an den ungedeckten tannenen Tiſch. Mit geſegnetem Appetit verzehren ſie die einfache Koſt, und nach genoſſenem Mahle danken ſie Gott mit In⸗ brunſt. Ihr werdet Euch überzeugen, nicht Schildkröten⸗ ſuppe, edle Gemüſe, ſaftige Braten mit einem Gefolge von Compots, leckere Puddings, gewürzige Paſteten, Erémes und ſprudelnder Champagner ſind die wahren Sorgen⸗ brecher. Zufriedenheit, Geſundheit, ein reines Herz ſind die beſten Würzen, überhaupt die köſtlichſten Güter. Wenn unſere Aerzte, ſtatt all' ihrer künſtlichen Mittel, mit denen ſie die Leidenden quälen, wenn ſie den Kranken, ſtatt ſie von einem Heilquell, von einem Bade zum andern zu ſchicken, eine recht tüchtige Einfachheit und eine gehörige Portion Genügſamkeit und Glauben verordnen könnten, dann wür⸗ den ſie jedenfalls glänzendere Erfolge aufzuweiſen haben. Mit all' der Gelehrſamkeit, die ſie auf Schulen und Uni⸗ verſitäten erworben, die ſie aus großen Folianten heraus⸗ klauben, können ſie das Herz nicht vor den Fallſtricken weltlicher Verſuchungen wahren, nicht ſchützen vor Un⸗ zufriedenheit; ſie vermögen nicht auf einen Augenblick nur jenen Frieden und jene himmliſche Ruhe zu geben, die vom Glauben erzeugt werden. Bei Bill und Bethy mögen ſie in die Schule gehen. Dieſe arbeiten mit Luſt und Liebe und freuen ſich, wenn ſie am Abend ein Stündchen mit ein⸗ ander verplaudern, wenn ſtatt der hellen Kerzen oder Gas⸗ beleuchtung die funkelnden Sterne und der Mond mit ſeinem Silberlicht in der traulichen Hütte ein zauberiſches Licht verbreitete. Der Mond aber hat ſelbſt ſeine Freude an ſolchem Anblick, und ſein volles, rundes Antilitz ſcheint, wenn es gerade hineinblickt, noch einmal ſo hell und freund⸗ lich. Bill war weder ſehr gewandt noch klug, aber er hatte ein redliches und treues Gemüth und ſeine Bethy herzlich lieb. Bethy dagegen war geſcheidt, lebhaft, ſcharfſinnig und energiſch, aber keineswegs zur Empfindſamkeit geneigt. Sie erwiederte Bill's Liebe mit vollem Herzen und erkannte die guten Eigenſchaften an, welche ihn von allen ſeinen Landsleuten vortheilhaft auszeichneten. Weil nun Beide, nicht verblendet durch ihre gegenſeitige Neigung, ihre Vor⸗ züge und Schwächen erkannten, jene ehrten und dieſe trugen, ſo herrſchte das beſte Einverſtändniß. Das ging ſo eine 2* 20 Weile ſehr gut, ſelbſt die Geburt Patriks und der zwei Jahre jüngern Elli brachte keine großen Veränderungen hervor. Als aber noch zwei kleine Weſen das Licht der Welt erblickten und ſtatt eines Paares drei Paare um den Topf ſaßen, da ward es ihnen zuweilen etwas bedenklich zu Sinne, wo ſie mit ihren vier Händen Nahrung und Kleidung her⸗ beiſchaffen ſollten. Bill und Bethy dachten freilich daran, wie geſchrieben ſteht Matth. 6, V. 26:„Sehet die Vögel unter dem Himmel, ſie ſäen nicht, ſie ärnten nicht ꝛc., und ihr himmliſcher Vater ernährt ſie doch!“, oder Vers 28 und 29 deſſelben Kapitels, wo es heißt:„Schauet die Lilien auf dem Felde, wie ſie wachſen, ſie arbeiten nicht, auch ſpinnen ſie nicht. Ich ſage euch, daß Salomo in aller ſeiner Herrlichkeit nicht ſo gekleidet iſt als derſelben Eine.“ Sie verbitterten ſich das Leben nicht mit Gedanken und Sorgen, aber ſie meinten, es ſei doch unverſchämt, einem ſo gütigen Gott alle Laſt allein aufzubürden. „Er hat ja für ſo Viele zu ſorgen, es iſt ſo Mancher, der ſeiner Hülfe mehr bedarf, als wir. Er hat uns mit Kraft und Geſundheit ausgerüſtet, wir haben Geſchick zur Arbeit, darum müſſen wir verſuchen, uns ſelbſt zu helfen. Er wird uns beiſtehen und zur rechten Zeit das Rechte thun, damit es uns gelinge, die Kinder zu ſpeiſen und zu kleiden und zu ſeiner Ehre zu erziehen.“ So ſprachen ſie unter einander und baten Gott um ſeinen Segen bei ihrem Thun. Die Erfindung der Maſchinen drohte ſchon damals, die Handarbeiten nach verſchiedenen Seiten hin werthloſer zu machen; deshalb fing der Taglohn an geringerzu werden, 21 und auch die beiden Gatten fanden ſich veranlaßt, auf ein Mittel zu ſinnen, welches ihren Verdienſt vermehrte. Daß ſie dabei ihre eigenen Kräfte nicht zu ſchonen gedachten, habe ich Euch bereits geſagt. So wurde denn der Beſchluß gefaßt, Bill ſolle auswandern in eine andere Gegend, wo die Arbeiter vielleicht mehr geſucht waren. Bethy wolle ſich und die Kinder indeß daheim durchbringen. Die Berathung währte nicht lange. Keine geſchwätzigen Nachbarn und Hausfreunde, die für oder wider riethen, die ungefragt durch weiſe Vorſchläge die Betheiligten irre machen und nicht ſelten den Samen der Zwietracht ausſtreuen, der wie Unkraut zwiſchen einem blühenden Weizenfelde aufgeht, kamen, um ihre Vorſätze wankend zu machen. Die Reiſe⸗ ausſtattung Bill's verurſachte den guten Leuten auch wenig Kopfbrechens. Großer, mit Seehundsfell bezogener Koffer bedurfte er nicht; auch jene leichten engliſchen, praktiſch ein⸗ gerichteten Käſten waren nicht nöthig, um die Habſeligkeiten unſers Reiſenden unterzubringen; Hutſchachtel, Regenſchirm⸗ etui, Feldſtuhl, Regenmantel, Galoſchen gehörten ebenſo wenig zu ſeinen Bedürfniſſen. Als er ſeinem Brodherrn kurz und bündig erklärte, daß er bei weniger Arbeit und geringem Lohn nicht mehr auf eine ehrliche Weiſe beſtehen und Frau und Kinder ernähren könne, daß er hinauswan⸗ dern müſſe, um ſein Glück draußen zu ſuchen, und Etwas mit heim zu bringen hoffe, da erwiederte dieſer, ihm die Hand ſchüttelnd:„Zieh mit Gott!“ Ungeſäumt ging's jetzt an's Werk. Er ſchnitt ſich einen handfeſten Stock von Stechpalme, ken in die eine Taſche die gefüllte Whiskey⸗ flaſche und in die andere ſein prayerbook(Gebetbuch). Bill 22 und Bethy gehörten ihrer Abſtammung nach zur anglikani⸗ ſchen Kirche. Prayerbook und Churchservice(Andachtsbuch für den Sonntagsgottesdienſt) waren von den Großältern herab auf ſie gekommen. Dieſe Erbſchaft hätte ihnen freilich nicht gefrommt, wenn ihnen nicht auch zu gleicher Zeit das Verſtändniß dieſer Bücher frühzeitig eröffnet worden wäre. Von ihren Vätern wurden ſie indeß ſchon in der Kindheit im Leſen gedruckter Bücher unterwieſen und ſie hatten einen Grad von Bildung, der in Irland keineswegs häufig unter dem Landvolk angetroffen wird. Durch dieſes Vermächtniß aber blieb der Geiſt des Herrn heimiſch in ihrem Hauſe und in ihren Herzen, und ergoß ſich über ihr ganzes Weſen und Thun und heiligte dieſes. Hoffend und vertrauend auf Den, der auf allen Wegen unſer Führer und Hort ſein muß, wenn unſere Werke gedeihen ſollen, ſchieden die beiden Gatten ohne tiefe Bekümmerniß. „Ich komme früheſtens in Jahresfriſt, ſpäteſtens nach Ablauf von drei Jahren wieder heim. Bis dahin ſei ohne Angſt und Sorge um mich. Stelle Deine Sache auf Gott, denn das werde auch ich thun. Er wird's wohl machen zu unſerm Beſten, und wie er's macht, wir wollen es allezeit ſo aufnehmen, wenn es auch manchmal anders geht, als es uns gut dünkt,“ ſo ſprach Bill ſcheidend. Mit dieſen Grund- ſätzen war Bethy recht von Herzen einverſtanden, und ſo gingen ſie auseinander wie Lot und Abraham. Da Jedes im Namen Gottes ein neues Leben begann, ſo blieb auch Sein Segen nicht aus, und in allen Dingen ſahen ſte Seine Weisheit walten. Bethy arbeitete mit verdoppeltem Eifer, und aufmerkſam auf Alles achtend, gewanae immermehr * an Um⸗ und Einſicht. Wie einfach und natürlich die Me⸗ thode, nach welcher man ſie erzogen, ſie war dennoch die rechte geweſen, denn wie wir den Baum an ſeinen Früchten erkennen, ſo erkennen wir auch den Werth des Menſchen an ſeinem Thun und Treiben. Ihr dürft mich nicht mißver⸗ ſtehen. Wir ſehen gar viele Menſchen herrliche Thaten ver⸗ richten, ohne daß dieſe einem edeln Boden entkeimen. Wohl haben auch dergleichen ſchöne, menſchenfreundliche Handlun⸗ gen ihr Gutes, denn der Herr läßt ſie zu. Hier erwecken ſie Nachahmung, dort lindern ſie die Noth Verkümmerter und bringen Anderen den Troſt, die Freude, deren ſie ſelbſt er⸗ mangeln; ihnen, die ſie vollbringen, ſind ſie minder ſegens⸗ reich. Sie gleichen jenen Pflanzen, die nur einen Sommer dauern, deren kurzes Blüthenleben das Auge erfreut, die aber verwelken und vergehen, ohne Früchte getragen zu haben. Das Gute, was aus einem reinen, glaubensvollen Herzen wie dringendes Bedürfniß herausquillt, von ſeinem Reichthum mitzutheilen, das wirkt ſegenbringend von Ge⸗ ſchlecht auf Geſchlecht. Unter Bethy's Pflege konnte nur Gutes gedeihen, wenn ſchon die Form, in welcher ſie ſolches förderte, nicht immer die glatteſte war. Mit dem kleinen Toby auf dem Rücken gebunden, ging ſie Morgens fröhlich an's Tagewerk. Der älteſte Knabe, Patrik, blieb zur Aufſicht ſeiner beiden Schweſtern Elly und Fanny daheim. Er beſorgte den Herd, er ſäuberte die Hütte, und wenn die Kleinen ſchlafend in der Sonne lagen, ſaß er unter dem Schatten einer Eiche und ſtrickte an einem groben Strumpf oder an einem Netz, welches die Fiſcher ihm ab⸗ kauften. Er konnte unbeſorgt um die ſchlafenden Kinder 4 ſein, denn obgleich man in Irland neben vielem Schönen auch manches Widerwärtige findet, ſo erſchrecken und ängſti⸗ gen doch weder giftige Schlangen noch Kröten die Bewohner des grünen Erins. Sie machen den Aufenthalt nie und nirgend unſicher und gefährlich. Weder Schlangen noch Kröten gedeihen in Irland. Mehrfach ſind, um die Wiſſen⸗ ſchaft mit ihren Erfahrungen zu bereichern, von Naturfor⸗ ſchern Verſuche angeſtellt worden, dieſe keineswegs lieblichen Geſchöpfe in Irland einzuſchwärzen. Ihre Verſuche ſind durchweg mißglückt. Es iſt noch nie gelungen, die Schlan⸗ gen und Kröten im grünen Erin zu akklimatiſiren und noch weniger ſie zu nationaliſiren. Dieſe gezwungenen Einwan⸗ derer ſind ein Opfer für das allgemeine Beſte geworden. Ebenſo ſucht man dort vergeblich nach Spinnen. Im Parlamentsgebäude in London, bei deſſen Aufbau nur iriſche Eichen den Holzbedarf geliefert haben, hat noch nie⸗ mals eine Spinne ihre Herberge gehabt, wie viel darin er⸗ ſonnen und geſponnen, keine Spinne hat dort ihr künſt⸗ liches Netz gewebt. Ich komme nach dieſer Abſchweifung wieder auf unſere kleine Familie zurück, und ehe ich mit Euch Bill, das Haupt derſelben, begleite, müſſen wir erſt Bethy und ihr Walten beobachten, und ich kann mich nicht trennen von dem grün bedachten Häuschen und ſeinen Bewohnern, ohne dem kleinen Paddy, abhängig von Patrik, dem ge⸗ . wöhnlichſten Namen in Irland nach dem Schutzheiligen des Landes, ein Loblied zu ſingen. Laßt ſehen, wenn ich ihn Euch ſelbſt vorführe und zeige, wie getreu er ſich in ſeiner Pflichterfüllung bewahrt, ob Ihr nicht alleſammt mit ein⸗ ſtimmen werdet. Vielleicht nimmt ſich ſogar Einer oder der 2⁵ Andere von Euch ein Beiſpiel an dem treuen Sohn, an dem verſtändigen und liebevollen Bruder. Paddy hat nicht nöthig, die ſeiner Obhut anvertrauten Geſchwiſter mit ängſtlicher Sorgfalt zu überwachen, dennoch läßt er ſie nicht aus den Augen. Eine Stutzuhr gehört, wie Ihr bereits wißt, nicht zu den Schätzen, welche Bethy beſitzt; auch verkündet keine Turmuhr oder Glocke mit ihren hellen Schlägen die raſchen Schritte der Zeit. Die Sonne, die Gewohnheit oder die Regelmäßigkeit der Lebensweiſe, die, nie von außen geſtört, ſich in gleicher Form von Tag zu Tag wiederholt, läßt dieſen Mangel nicht fühlen. Gewiß ſieht man Paddy ungefähr eine halbe Stunde, bevor er ſeine Mutter zur Mittagsmahlzeit erwartet, mit einer Schüſſel Kartoffeln an den nahen Bach gehen, ſie waſchen, dann in den Keſſel thun und das Feuer auf dem Herde ſchüren. Iſt dieſes Geſchäft vollbracht, ſo wird der Tiſch ſo weit beſtellt, als es nöthig und möglich iſt; dann aber wandelt er, an jeder Hand eine der kleinen Schweſtern, nochmals an den klaren Bach, wäſcht ſich und ihnen Geſicht und Hände und ſpült die ſchneeweißen nackten Füßchen bis zu den rundlichen Knieen hinauf in den Wellen ab. Ein Büſchel ausgerauften Graſes oder ein Blatt der mächtigen Waſſerpflanzen genügt, ſie abzutrocknen und erweiſt ſich grade ſo zweckmäßig als das feinſte Damaſthandtuch. Fünfzig Schritte von ihrer Hütte kommen regelmäßig drei rothwangige Kinder der heimeilenden Mutter entgegen. Aller Augen glänzen denen der Mutter begegnend voll Freude, und das Erſte, was Paddy thut, iſt, daß er der Mutter den kleinen Toby ab⸗ nimmt, der m auch lachend ſeine Aermchen entgegenſtreckt. 4 26 Nicht wahr, das Bild gefällt Euch? Seht, jedem von Euch iſt es wohl ſchon vorgekommen, daß er der Heimkehr lieben⸗ der Aeltern geharrt und ſich darauf gefreut hat. Im erſten Augenblick waret Ihr gewiß nur von den freudigen Gefüh⸗ len des Wiederfehens erfüllt; aber legt einmal die Hand auf das Herz, dann werdet Ihr mir geſtehen, daß Ihr nach dieſem erſten Freudenrauſch ebenſo von der Erwartung hin⸗ genommen, voll Spannung waret, welche Schätze aus den verſchloſſenen Koffern für Euch aws Licht kommen würden. Selten, das wißt Ihr zu gut, kommen die Aeltern von einer Reiſe, ohne den zurückgebliebenen Kindern durch freundliche Gaben zu beweiſen, wie ſie in der Ferne ihrer gedacht haben, wie ihre Gedanken überhaupt nur darauf gerichtet ſind, ihnen Freuden zu bereiten. Die arme Bethy theilte gewiß dieſe Empfindung mit den reichſten Müttern; aber ſie konnte nicht durch reiche Liebesgaben zu den Herzen der Kinder ſprechen. Und dennoch war die Freude des Wiederſehens jedesmal ſo rein und innig. Ein freundlicher Blick, ein Kuß auf die friſchen Lippen, ein anerkennendes Wort war für dieſe einfachen Kinder genug, machte ihnen ebenſo viel Freude, als die glänzendſten Spielſachen der Leipziger oder Frankfurter Meſſe. Dieſer Tand verliert nach kurzem Ge⸗ brauch ſeinen äußern Glanz und den Reiz der Neuheit und wird auf die Seite geworfen. Bethy's Gaben blieben immer neu, immer willkommen, wurden immer mit gleicher Liebe gegeben und empfangen. Woche um Woche verging, der Mond wuchs und nahm wieder ab und hatte ſchon zwölfmal in voller Pracht vom Himmel herabgeſchaut und manches thränende Auge, man⸗ ⁸ 27 ches von Luſt bewegte Herz geſehen. Bill war nicht heim-⸗ gekehrt. Weder Briefe noch mündliche Nachrichten hatten Kunde von ihm überbracht. Bethy hatte auch nichts der⸗ gleichen erwartet. Sie quälte ſich nicht mit Sorgen um ihn, ann wenn die Kinder fragten:„Kommt der Vater bald wieder?“, dann antwortete ſie:„Das weiß Einer, der Alles weiß, was geſchehen iſt und geſchehen wird nah und fern. Wir aber wollen beten für das Heil des guten Vaters, wir wollen beten, daß er uns Kraft gebe, auszuharren, dankbar und demüthig und mit geduldigem Herzen Das anzuneh⸗ men und zu ertragen, was er uns zuſchickt; denn das merkt Euch:„wer Gott lieb hat, dem müſſen alle Dinge zum Beſten gereichen.“ Patrik wurde indeſſen immer verſtändiger und kräftiger, und als das zweite Jahr herum war, konnte er mit ſeiner Mutter hinausgehen auf den Taglohn. Elly, die einen ſo trefflichen Lehrmeiſter an dem Bruder gehabt, trat in ſeine Fußtapfen, und da der kleine Toby nicht mehr auf die Schulter gebunden ward, ſondern auf ſeinen eigenen kugel⸗ runden Beinchen hinter den Geſchwiſtern herwatſchelte, ſo blieb er ebenfalls daheim unter Elly's Aufſicht. Er konnte nicht beſſer aufgehoben ſein, denn dieſe ſorgte gleich einem Mütterchen für die ihrer Pflege übergebenen Geſchwiſter. Gottes Segen ruhte ſichtlich auf Bethy und ihren Kindern, und wie dieſe gediehen, wuchs auch ihr Wohlſtand. Es ge⸗ lang ihr, manche Kleinigkeiten zu erübrigen, und zu den Kartoffeln kam jetzt das Salz nicht immer allein, auch wöchentlich einige Male für alle Tiſchgenoſſen ein Paar Schnitte kräftigen Brodes; denn Bethy buk faſt jeden 28 Samstag einige Laib. Als das dritte Jahr ſich zu Ende neigte, ſahen Bethy und ihre Kinder ganz blühend und ſtattlich aus. Die Erwartung, die Ausſicht auf Bill's bal⸗ dige Wiederkehr erfüllte ſie mit Freude, und dieſe ächte Herzensfreude, die kein unreiner Gedanke trübt, verklärte namentlich Bethy und die älteren Kinder ſo ſehr, daß ſie geſund und ſchön unter ihren meiſtentheils bleichen oder gar ſiechen Landsleuten hervorragten, wie fruchttragende Obſt⸗ bäume unter krankem, verkümmertem und verkrüppeltem Geſtrüpp. Drittes Kapitel. 1 Es iſt Zeit, uns wieder nach Bill umzuſehen. Er war an jenem Morgen, als er die Seinen verlaſſen, rüſtig aus⸗ geſchritten. Gewichtiges Gepäck machte ihm das Fortkom⸗ men nicht beſchwerlich. Klingende Baarſchaft führte er nicht mit ſich, aber er trug Gottes Wort in der Taſche und, was noch beſſer iſt, Gottes Wort im Herzen. Wer aber Gottes Wort im Herzen trägt, der hat den köſtlichſten Schatz bei ſich, einen Schatz, der weder die Habgier reizt, noch eine Beute der Motten und des Roſtes wird. Wer dieſes un⸗ ſchätzbare Kapital beſitzt und pflegt, wer es in rechter Weiſe zu verzinſen weiß, der iſt wahrhaft reich. Nutzbar iſt dieſer Schatz in Leid und Freud, zugleich ein Talisman, der hier aufrecht erhält und dort den Uebermuth wehrt: Er hilft uns über die ſchwerſten Stunden im Leben hinweg, er ver⸗ 29 läßt uns nicht, wenn wir die liebe Gewohnheit, auf Erden zu leben, aufgeben und in das dunkle, unbekannte Land des Jenſeits hinüber wandeln müſſen. Mit dieſem Schatz alſo wohl ausgerüſtet, zog Bill durch Flur und Feld, hoffend und vextrauend, daß er zur rechten Stunde auch das Rechte finden werde. Er hatte bei Tage die Gaſtfreundſchaft ſeiner Landsleute nicht in Anſpruch genommen. Er war an man⸗ cher Hütte vorüber gegangen, die ihn an ſein Eigenthum erinnerte. Ein Schluck aus ſeiner Flaſche und ein Paar Kartoffeln, womit ihn Bethy reichlich verſehen hatte, reich⸗ ten hin, Hunger und Durſt zu ſtillen. Als die Schatten der Nacht ſich immer dunkler über die Erde ausbreiteten, trat er, ohne lange zu überlegen, ob er ein willkommener Gaſt ſei, in die nächſte Hütte, die er ſah. Wie hätte er auch zweifeln mögen, daß ein Irländer einem Wanderer und gar einem Landsmann Herberge und Imbiß verſagen werde? Gaſtfreundſchaft, dieſe liebliche Tugend einfacher Nationen, iſt ein beſonderer allgemeiner Charakterzug der Bewohner des grünen Erins, und wie Bill vorausgeſetzt, ſo ward erg mit herzlichem Gruße willkommen geheißen, gleich einem alten Bekannten. Freundlich theilte man Mahlzeit und Schlafſtelle und dankbar nahm er es an. Er würde ja in gleichem Falle daſſelbe gethan haben, es war ja ſchon oft vorgekommen. Wohl erinnerte ihn die Hütte in ihrer Ein⸗ richtung und Einfachheit an ſeine Heimath, aber dennoch vermißte er ſo Manches, was ihm daheim nicht als eine beſondere Annehnlichkeit erſchienen war; er ſchätzte ſie erſt, als ihm der Mangel hier aufftel. Er wußte nicht, was ihm hier fehlte, er entbehrte keinen der Gegenſtände, die er da⸗ 30 heim beſaß. Bank und Tiſch, Feuerherd und Keſſel, Schüſſel und Löffel und eine Decke waren, da und dennoch fehlte Etwas. Ja, es fehlte Das, was Bill's ärmliche Hütte ſo wunderbar zu einem anmuthigen Aufenthalte umwandelte, es war Bethy's finniges Walten, ihre Rührigkeit, ihre Ordnungsliebe, ihre Umſicht. Tiſch, Bank und Löffel waren hier nicht wie die, welche Bethy jeden Abend, ehe ſie unter die Decke kroch, ſcheuerte. Ach und die Decke! Die Decke daheim war allerdings auch eine Muſterkarte von den ver⸗ ſchiedenſten Farben und Stoffen, aber Bethy's thätige Hand hatte ſie ſo erhalten, daß ihr Anblick nicht einmal dem Schönheits⸗, viel weniger dem Ordnungsſinne wehe that. Aber es waren nicht allein dieſe Aeußerlichkeiten, die auch ein Spiegel Deſſen, was innen vorgeht, ſind, welche den Unterſchied ſo auffallend machten. Niemals waren in Bill's friedlicher Hütte ſo rohe Worte laut geworden, niemals noch hatte Bethy ſo harte Redensarten gehört, wie ſie ſeine Wirthin in dieſer kurzen Zeit ihres Zuſammenſeins hatte hinnehmen müſſen. Bill und Bethy waren aber auch ge⸗ ſund und ihre Laune wurde nicht durch körperliche Leiden und Schmerzen verdorben. Hier klagte der Mann über Reißen in den Beinen und die Frau über Zahnweh, und die natürliche Farbe der Kinder ließ ſich durch die Kruſte von Schmutz, welche die Geſichter derſelben überzog, nicht erkennen. Er hatte kein Tiſchgebet vor oder nach der Mahl⸗ zeit vernommen, Alle hatten ſich niedergelegt, ohne dem Herrn zu danken, hatten den Tag nicht mit dem Lobe Gottes begonnen. Bill aber empfahl, dankbar die Hand ſeiner Wirthin ſchüttelnd, dieſe der beſondern Gnade des Himmels. Dankbarer aber noch blickte er zu dieſem auf, daß er geſund war und ein treues, wackeres Weib ſein nannte. Mit from⸗ mer Rührung gedachte er dieſer und ſeiner Kinder in der traulichen epheuumrankten Hütte, die ihm ein Palaſt ſchien gegen jene, welche er eben verlaſſen hatte. Er fühlte ſich gedrängt, im Gebet ſeine Empfindungen auszuſprechen, zog ſein Büchlein aus der Taſche und ſetzte ſich unter eine Eiche, deren breite, belaubte Aeſte wie ein grünes Dach ſich über ihm wölbten. Ein inbrünſtigeres Gebet ſtieg wohl nicht oft zum Allmächtigen auf und gnädiger wurde auch wohl nicht leicht eine Weihrauchwolke aufgenommen.— Schon zum dritten Male begann die Sonne hinabzuſinken; Bill, der ohne beſondere Abenteuer erlebt zu haben, weiter gewandert war, hatte auch keine Ausſicht, ein Unterkommen zu finden. Sein Muth indeß war noch derſelbe, ſein Gottvertrauen war nicht ſchwächer geworden. Kommtz's nicht heute, wie man will, Halt' man nur ein wenig ſtill; Morgen iſt ja auch ein Tag, Wo die Wohlfahrt kommen mag; Gottes Zeit hält ihren Schritt, Wenn die kommt, kommt unſre Bitt' Und die Freude reichlich mit! So würden wir in ſeiner Lage mit unſerm frommen Sän⸗ ger Paul Gerhard geſungen haben. Bill kannte den deutſchen Liederdichter nicht, er vermochte nicht, ſich an ſeinen Worten zu tröſten und aufzurichten; aber er dachte in dem Sinne des Frommen:„wie's Gott macht, ſo iſt's am beſten!“, und dies war ebenſo gut, und Gott, bei dem es auf Worte nicht ankommt, der die Herzen und alle kleine Falten in denſelben 32 7 kennt, der verſtand ihn ſchon und ließ ihn nicht einmal warten bis zum andern Tag. Er war ihm allezeit nahe mit ſeiner Gnade und fügte alles ſogar wunderlich und herrlich, daß es zu Bill's beſonderm Heil ausging. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergol⸗ deten eben eine duftige Wieſe, als unſer Reiſender daran vorüberſchreitend neben einem Karren mit Heu einen Mann damit beſchäftigt ſah, dieſen voll zu laden. Die Bewegungen des Arbeiters waren ſäumig, aber dennoch ſchien weniger Trägheit als körperliche Schwäche und Mattigkeit die Ur⸗ ſache, weshalb die Arbeit ſo langſam gethan wurde. Nach⸗ dem Bill einige Augenblicke ſeine Beobachtungen im Stillen gemacht hatte, wandte er unwillkürlich ſeine Schritte dahin, wo der Gegenſtand ſeiner Beobachtungen ſeine Arbeit mit großer Anſtrengung fortſetzte. Er überzeugte ſich, daß er richtig geſchloſſen habe und der Mann von einer Schwäche befallen ſei, die ihn unfähig zur Arbeit machte. Hurtig warf er Stock und Hut bei Seite, machte von ein Paar Bündeln Heu ein leidlich bequemes Lager, breitete ſeinen Rock darüber und legte den Ohnmächtigen darauf und ſtärkte ihn mit einem Schluck Whiskey aus ſeiner Flaſche, dann gab er ſich ungeſäumt daran, den Karren voll zu laden. Mit Wohlgefallen ſieht Gott auf ſolches Beginnen herab, aber diesmal hatten noch ein Paar Menſchenaugen dem Treiben mit Wohlgefallen zugeſehen. Es war dies der Brodherr des kranken Knechtes, dem es auffallend geweſen, daß dieſer nicht zur rechten Zeit zurückgekehrt war. Er fürchtete, er vermuthete, daß irgend etwas Ungewöhnliches dem immerdar fleißigen, treuen Diener zugeſtoßen ſein 33 könnte; er hatte ſich deshalb ſelbſt überzeugen wollen und kam eben zur rechten Zeit, um den Vorgang, von dem ich erzählt habe, ſich unter ſeinen Augen zutragen zu ſehen. „Was habt Ihr hier zu thun bei fremdem Eigenthum?“ fuhr der Angekommene barſch auf Bill los. „Nichts weiter, als daß ich dem Knecht, der über dem Arbeiten ohnmächtig geworden, zu helfen beigeſprungen bin. Ich wollte, bis er ſich erholt hat, ſtatt ſeiner hier ſchaffen:“ „Wer hat Euch das geheißen?“ „Mein Herz, Mitleid, Barmherzigkeit und Chriſten⸗ pflicht.“ „Ha, hal die Redensarten kenne ich; jeder Müßiggänger, der ſich auf der Landſtraße herumtreibt, führt ſie heutzutage im Munde. Ihr glaubt auch wohl, man wird Euer Bischen Hülfeleiſtung für was Beſonderes anſehen und Euch reich dafür belohnen, ſeid aber im Irrthum. Thut Eure eigene Sache ordentlich und miſcht Euch nicht in fremden Kram. Meint gewiß wunders, was Ihr thut.“ „Was ich thue, Herr, das hätte ich einem kranken Hund gethan. Ich thue dergleichen nicht um des Lohnes willen; denn ich kenne die heilige Schrift und weiß, daß der Hei⸗ land ſagt: Was ihr einem der Geringſten thut, das thut ihr mir.“ „Redensarten, nichts als auswendig gelernte Redens⸗ arten, um Leichtgläubige zu blenden. Ihr ſeid jung und geſund, ſcheint anſtellig zur Arbeit, warum lauft Ihr her⸗ ren⸗ und brodlos im Lande herum? Weiß wohl, ſolchen Burſchen gefällt's nicht, hinter einander ordentlich und Guter Rath iſt Geldes werth. 3 regelmäßig zu arbeiten, ſind gerne heute hier und morgen dort und wollen nur zugreifen, wenn ſie eben die Laune dazu haben. Ein geregelt Leben ſcheuen ſie. Hab' ich nicht den Nagel auf den Kopf getroffen?“ 1 „Diesmal doch nicht, Herr,“ erwiderte Bill, ohne ſich bei ſeiner Arbeit ſtören zu laſſen;„diesmal nicht. Seht, ich habe Frau und Kinder daheim,“ fuhr er, immer rüſtig auf⸗ ladend, fort.„Die Arbeit iſt gering, der Lohn noch geringer; da haben die Bethy und ich es uns überlegt, daß es beſſer ſei, wenn ich auf ein oder ein Paar Jahre hinausgänge, um zu ſehen, ob da nicht ein wenig mehr zu erwerben ſei, Ich wollte gern etwas erſparen, um die Kinder ordentlich er⸗ ziehen zu können, und die Bethy will daheim ſchaffen und ſorgen. Wie wir uns immer plagen und mühen, wir kom⸗ men anders nicht auf einen grünen Zweig. Drei Tage bin ich fort von Hauſe, habe aber noch nichts gefunden. Will's Gott, kommt vielleicht am vierten Tage Das, was ich drei Tage umſonſt gehofft habe. Das iſt Alles, was ich Euch über mich und Bethy ſagen kann.— Wie ich jetzt von ferne den Mann immer unbeholfener ſein Werk verrichten ſah, da dachte ich:„Dem iſt gewiß eine Schwäche angekommen,“ und darum ging ich geradezu auf ihn los. Ich begehre kei⸗ nen Lohn; aber wenn Ihr mir dieſe Nacht eine Herberge in einem Winkel des Stalles und ein Paar warme Kar⸗ toffeln geben wollt, dann ſollt Ihr herzlich bedankt ſein,“ ſprach er treuherzig. Der Ausdruck in dem Geſichte des Herrn hatte ſich all⸗ mälig ganz umgewandelt. Die angenommene Härte war der natürlichen Milde und Güte gewichen.„Du biſt ein „ —— 35 braver Menſch,“ antwortete er ihm mit einem Anflug von Rührung in der Stimme, aber wohl kein Irländer? „Meine und Bethy's Großältern waren geborene Eng⸗ länder.“ „Und in welcher Gegend wohnt Ihr eigentlich?“ „Nicht allzufern von Antrim.“ „Da hat vielleicht Dein Großvater unter den Fahnen Wilhelm's von Oranien gedient?“ „Das hat er. Weiter weiß ich Euch aber nichts von meinen und Bethy's Vorfahren zu ſagen, als daß ſie vor langer Zeit miteinander verwandt und allezeit gute, fromme Chriſten geweſen ſind, die auch uns ſo erzogen haben.“ „Du magſt die Arbeit hier vollenden, mein wackrer Junge. Dann packe Bobauf den Karren; er wird wohl nicht zu ſchwach ſein, um dir den Weg nach unſerer Farm zu zeigen; ſie iſt auch nicht ſehr weit von hier und der Weg geht gerade darauf los.“ So wie es der Herr angeordnet, vollendete Bill ſeine Arbeit, legte den Kranken vorſichtig und ſanft auf das Heu und zog langſam, von dieſem durch Worte und Zeichen ge⸗ leitet, der nicht fernen Farm zu. Hier hatte man ſchon Sorge getragen, daß der Kranke gut gebettet wurde und eine warme Suppe erhielt. Auch für Bill war ein ſtärken⸗ der Imbiß bereit. Alles im Hauſe trug das Gepräge der Ordnung und des Friedens. Die ganze Familie ſchien ſich durch Biederkeit und Wohlwollen in allen Handlungen lei⸗ ten zu laſſen, und wie jeder Einzelne ſeine thätige Theil⸗ nahme dem Kranken bewies, ſo ſorgte man auch mit men⸗ ſchenfreundlicher Umſicht für den fremden Bill. Seinem Vorſatz, mit Sonnenaufgang ſeinen Stab weiter zu ſetzen, 3* 36 wußte man ihm durch die haltbarſten Gründe auszureden, wie ſchwer das auch hielt; denn er glaubte eine Sünde an Bethy und den Kindern zu begehen, wenn er ſich Ruhe gönnte, ohne daß es durchaus nothwendig war. Ihm war es ſehr wohl unter den anderen Leuten, und wie er den Hausvater in Gegenwart aller Hausgenoſſen vor dem Schlafengehen das Abendgebet ſprechen hörte und den Segen austheilen ſah, da war es ihm, als habe dieſer Segen eine beſondere Kraft, als müſſe er ſich auf Bethy und die Kinder ausdehnen, als müſſe ſein und ſeines Weibes und ſeiner Kinder Heil aus dieſem Hauſe herauswachſen. Als am andern Morgen die Krankheit des Knechtes ſich zum Schlimmen gewandt hatte, als man vorausſah, daß dieſer im günſtigen Falle in den erſten vier Wochen nicht fähig zur Arbeit ſein werde, da machte der wackere Farmer (Pächter) Bill, den Gott ihm ſo wunderbar zugeführt hatte, den Vorſchlag, bei ihm auf einige Zeit als Erſatz für den Kranken in Dienſt zu treten. So war es erfüllt, wie Bill vertrauensvoll geſagt, es geſchehe am vierten Tage, worauf er drei Tage vergeblich gehofft hatte. Gottes Zeit hält ihren Schritt, Wenn die kommt, kommt unſre Bitt' Und die Freude reichlich mit. Beſſer und herrlicher hätte es ſich ja nimmer fügen kön⸗ nen; denn da dem Kranken einmal ſein Ziel geſteckt war, wie wären da Dienſtherr und Knecht beſſer verſorgt geweſen? Als Jener ſich nach einigen Tagen überzeugt hatte, daß Bill's Aeußerungen nicht hohle Redensarten, ſondern die — — 2Qß ſ- ——— Früchte des Glaubens waren, der ihm in Fleiſch und Blut hineinverwachſen, da ſchloß er mit ihm einen Vertrag auf ein ganzes Jahr ab und verſprach ihm zwölf güldene Gui⸗ neen und einen vollſtändigen funkelnagelneuen Anzug. Solches Anerbieten überſtieg allerdings Bill's kühnſte Hoff⸗ nungen, und er bat Gott, daß er ihn demüthig erhalte, daß er eines ſo großen Glückes würdig und nicht wankend werde in dem Vorſatz, ein frommer und getreuer Knecht zu ſein. So wenig Phantaſie, Bill auch hatte, er malte ſich doch mit hellen und grellen Farben die Ueberraſchung Bethy's aus, wenn er nach Jahresfriſt hereintrete zu ihr durch die dunkle Thür, in neuem Anzug und aus der Taſche den großen Reichthum auf den Tiſch ſchütte. Er mußte die rauhen Hände auf das klopfende Herz legen, das ſchon bei dem Gedanken an ſolche Freude zu zerſpringen drohte. Viertes Kapitel. Gleichgeſinnte Menſchen, gute und böſe, finden ſich in der Regel bald und verſtehen ſich leicht. Die Werke des Teufels, welche dieſe im Bunde mit ihm verüben, ſcheinen ſich allerdings nicht ſelten des Gelingens zu erfreuen, aber es iſt dies kein fröhliches Gedeihen für die Dauer. Ein leiſer Hauch ſtürzt oft das ganze Gebäude, welches für die Ewigkeit gegründet ſein ſollte, über den Haufen, es zerfällt in Staub, der ſpurlos verweht. Was aber Gleichgeſinnte im Namen Gottes beginnen und ausführen, dem giebt er ſeinen Segen, und wenn ihr Werk auch nicht bald in die Höhe wächſt, ſeine Wurzeln haben feſten Grund, und unter Regen und Sonnenſchein wächſt das Gute heran, kräftig und ſtark, voll herrlichen Wirkens für Kind und Kindeskin⸗ der und viele Geſchlechter hindurch. Gleichgeſinnte ſolcher Art nun hatten ſich auch hier gefunden, oder vielmehr, ſie waren zuſammengeführt durch Gottes Weisheit, und wie Bill das gute Beiſpiel, welches ihm jedes einzelne Mitglied der Familie jedweden Tag gab, vor ſich ſah, da wurden alle die guten Keime, die in ſeinem Herzen ſchlummerten, zum fröhlichen Wachsthum geweckt. Sein beſter Lehrer aber war der arme Dulder Dick, der nicht wieder erſtand von ſeinem Schmerzenslager. Drei Monate lang ſah er den Tod unter unſäglichen körperlichen Leiden nahen. Er fand ihn vorbereitet und gerüſtet. Tief ergriffen von einem ſo gottſeligen Ende betete Bill, der in ſeinen Freiſtunden regel⸗ mäßig von dem Kranken weiſe Lehren empfangen, oder ihm aus ſeinem Gebetbuch vorgeleſen hatte, in Gemeinſchaft der ganzen Familie an dem Sterbebette des Scheidenden. Seine letzten, freudig geſprochenen Worte waren:„Tod, wo iſt dein Stachel? Hölle, wo iſt dein Sieg?“ Nicht an Bill allein offenbarte ſich der Segen, die Folgen eines ſo gottgefälligen Lebenswandels, auch der Farmer und ſeine Familie wurden dieſe gewahr. Unter dem emſigen und umſichtigen Schaffen des getreuen und rüſtigen Knechtes ſchien Alles mit beſon⸗ derer Luſt zu wachſen und zu gedeihen, und wie der Verſucher ſeiner reinen Seele nicht mit gottloſen Gedanken zu nahen wagte, ſo hielten wucherndes und zerſtörendes Unkraut ſich fern von der Flur, auf welcher Bill in frommer Einfalt ſchaltete und waltete. Voll Dankbarkeit gegen Gott be⸗ trachtete aber auch der Brodherr ſeinen Knecht als deſſen Werkzeug, und als das Jahr herum und der Vertrag abge⸗ laufen war, trat er zu ihm und ſprach:„Höre, Bill, Deine Zeit iſt um. Wir haben Dich liebgewonnen, denn Du haſt als ein getreuer Knecht im Weinberge Deines Herrn ge⸗ arbeitet und den bedungenen Lohn redlich verdient. Hier iſt er.“ Mit dieſen Worten zählte er die funkelnden Goldſtücke auf den Tiſch. Ein neuer Anzug lag daneben, ein Anzug, wie Bill ihn zeitlebens nicht geſehen, vielweniger noch be⸗ ſeſſen hatte. Das Herz hüpfte ihm vor Freude, wenn er an Bethy dachte. „Lieb,“ ſprach der Herr weiter,„lieb wäre es mir, mein Sohn, wenn Du Dich entſchließen könnteſt, noch ein Jahr bei mir zu bleiben. Wir kennen uns jetzt. Wie wir von Dir wiſſen, daß Du zuverläſſig und pflichtgetreu biſt, ſo weißt Du, daß Du an uns eine vernünftige und menſchliche Brodherr⸗ ſchaft haſt, die nicht fordert, daß Einer über ſeine Kräfte thue, und die auch in dem Knechte den Menſchen ehrt.“ „Das weiß Gott,“ erwiederte Bill gerührt,„und der wird's Euch lohnen; habe ich doch nimmer vergeſſen, Eurer im Gebet zu gedenken und ihm zu danken, daß er mich Euch hat finden laſſen. Viel Worte verſtehe ich nicht zu machen; was ich ſage, kommt aus dem Herzen.“ „Davon ſind wir überzeugt, mein Junge; aber ſprich, wie wär's, wenn Du Deine Dienſtzeit um ein Jahr ver⸗ längerteſt?“? „Ich habe mich aber gar zu ſehr gefreut, der Bethy all' das ſchöne funkelnde Geld zu bringen.“ 40 „Und wenn Du ihr nun im nächſten Jahre anſtatt zwölf Goldſtücke ſechsunddreißig bringen könnteſt?“ „Sechsunddreißig Goldſtücke!“ Die Worte wollten nicht über Bill's Zunge; vielweniger noch konnte er ſolches Wunder als eine Möglichkeit denken.„Sechsunddreißig Goldſtücke?“ wiederholte er und ſah ſeinem Herrn ſo zwei⸗ felhaft in die klugen Augen, als glaube er, von dieſem ge⸗ hänſelt zu werden.. „Sechsunddreißig Goldſtücke; ja, ja, Bill, ich verdoppele Deinen Lohn; vierundzwanzig zu zwölf macht genau ſechs⸗ unddreißig. Außerdem erhältſt Du einen ebenſolchen Anzug als der, den Du heute bekommen haſt. Der wird bis über ein Jahr abgetragen ſein; wenn das nicht der Fall iſt, ſo bekommſt Du das Geld dafür.“ „Gönnt mir Bedenkzeit! Vierundzwanzig Goldſtücke lachen mich ſo verführeriſch an, daß ſie meine Seele ver⸗ blenden möchten, ehe ich mich mit dem Herrn berathen habe.“ „Geh, mein wackerer Bill,“ ſagte der Brodherr gerührt, und ging zu den Seinen; Bill aber ging, das Herz voll Sorgen und Zweifel, in den Stall. Wie ihn dort nun die Kühe und die beiden Pferde, die er zu verſorgen hatte, mit ihren treuen und klugen Augen anſchauten, da ward's ihm ganz wehmüthig zu Sinne, daß er ſie verlaſſen ſollte, und wie er über's Feld ging und ein leiſes Lüftchen darüberhin wehte, da ſchien es zu ihm herauf zu flüſtern: Bill, Du willſt ziehen? Du willſt uns verlaſſen? Du haſt uns be⸗ ſtellt; Dir wollen wir unſere Aehren bringen; laß ſie nicht Anderen ſchneiden; in Deiner Hand ruht der Segen. Bleib hier, bleib hier! ſäuſelte es über Feld und Wieſe, und es war ihm faſt, als bringe der Wind Grüße aus der fernen Heimath und von Bethy und ſeinen Kindern. Er hörte ihre Stimme in dem Rauſchen der Bäume; ſie rief ihm zu: Bill, bleibe; wirf Dein Glück nicht von Dir; Du biſt ihm nicht nachgejagt; der Herr hat es Dir in den Schooß geworfen. Am andern Morgen erneuerten Brodherr und Knecht den Vertrag und ſchloſſen auf ein Jahr ab. Beide bereuten im Laufe deſſelben nicht, daß es geſchehen war. Der Segen verbreitete ſich nach innen und außen immer mehr, und als die zwölf Monate abgelaufen waren, da wieder⸗ holte ſich der Auftritt noch einmal; noch einmal ſchloß man einen Vertrag auf zwölf Monate. Die Bedingungen des⸗ ſelben wurden noch vortheilhafter für den Knecht geſtellt; denn der Brodherr verſprach, die Summe von ſechsund⸗ dreißig Goldſtücken zu verdoppeln, und da der erſte Anzug wohl noch ein Jahr aushalten konnte und er ſtatt deſſen noch keinen neuen bedurfte, ſo wurde ihm dafür Geldeswerth gegeben. In Liebe und Eintracht zwiſchen Herrſchaft und Die⸗ ner war auch das dritte und letzte Dienſtjahr gleich den erſten beiden verſtrichen. Der brave Pächter, wie gern er auch Bill behalten hätte, machte dennoch diesmal keine Anſtrengungen, ihn zu überreden, von Frau und Kindern länger fern und bei ihm zu bleiben. Er verſetzte ſich ſelbſt in die Lage des Knechtes und ſcheute die Sünde, von einem Andern Etwas zu fordern, was er ſelbſt zu thun nicht im Stande wäre. Sonſt, wenn Dienſtboten eine lange Zeit in demſelben Hauſe dienen, verändert ſich das gute Verhältniß leicht, in welchem Herrſchaft und Diener anfangs zu einander ſtehen. 42 Es taugt nicht, daß beide allzubekannt mit einander werden; darum heißt's bei den Seeleuten auch:„Lange Reiſe macht böſes Volk.“ Das Sprüchwort iſt auf Erfahrung gegrün⸗ det. Hier traf es indeß nicht zu. Mit ſchwerem Herzen ſah man von beiden Seiten der Scheideſtunde entgegen. Selbſt die Kinder waren traurig, als ſie davon hörten, daß der gute Bill, der ihnen ſo oft von ſeinem Patrik und Elli und Jenny und dem kleinen poſſirlichen Toby erzählt hatte, ſie verlaſſen wollte. Am Tage vor ſeiner Abreiſe rief der Herr ſeinen Knecht in's Zimmer, um ihn abzulohnen. Neben dem neuen Anzuge lagen achtzig funkelnde Goldſtücke in acht Reihen neben einander vor ihm aufgezählt. Bill's Augen funkelten noch heller als das Gold; denn er dachte an Bethy und an ihre freudige Ueberraſchung, wenn er den erworbe⸗ nen Schatz vor ihr ausbreiten würde. Ob ſie mich wieder⸗ erkennt in dem neuen Anzug? Was wird ſie ſagen, wenn ſie all' das viele Geld ſieht? Was werden wir damit an⸗ fangen? Hunderterlei durchkreuzte in dieſem Augenblicke ſeinen Kopf. Sein Herr dankte ihm für ſeine treuen Dienſte und fügte dem Danke manche weiſe Lehre, manche Ermah⸗ nung bei. Bill aber, der treue Knecht, war ſo hingenom⸗ men von dem Anblick des Geldes, daß ſein Herr zum erſten⸗ mal in den drei Jahren tauben Ohren predigte. Klug und erfahren, errieth er leicht, was in Bill's Herzen vorging. Er überblickte es, wie der Beſitz des Goldes ihn verblendete, wie ſeine Zufriedenheit, ſein Seelenheil, ſelbſt ſeine welt⸗ lichen Angelegenheiten dadurch gefährdet waren. „Höre, Bill!“ ſprach er, nachdem er ihn eine Weile be⸗ obachtet hatte,„die drei Jahre in der Fremde haben Dir ————— 43 recht wohlgethan. Deine Bethy wird ſich freuen, Dich wie⸗ derzuſehen; denn Du ſiehſt ſtattlich, geſund und viel männ⸗ licher aus. Du biſt auch klüger geworden und haſt Erfah⸗ rungen geſammelt. Du wirſt Dich auch beſſer zu ſchicken und mit den Menſchen umzugehen wiſſen, als vor drei Jah⸗ ren, wo Du, ein Fremdling in der Welt, aus der Heimath kameſt. Glaube aber ja nicht, mein Sohn, daß Du vor⸗ bereitet genug biſt, um die Vögel, die Dir begegnen werden, gleich an den Federn zu erkennen. Es treiben ſich zu viel gewitzigte und durchtriebene Burſchen in der Welt umher; es kommt auf Reiſen ſo vielerlei vor, daß es nicht übel wäre, wenn Du Dich mit ein paar guten Rathſchlägen, die ich Dir geben kann, verſehen möchteſt!“ „Ihr wißt, Herr, daß ich Eueren Rath immer gern an⸗ genommen habe.“ „Das iſt allerdings wahr, und ich denke, Du haſt Dich nicht ſchlecht dabei geſtanden. Die Rathſchläge, die ich Dir aber mit auf die Reiſe zu geben gedenke, haben mich ſchwe⸗ res Geld gekoſtet, ſind mir ſehr theuer zu ſtehen gekommen. Ich kann ſie Dir leider nicht umſonſt überlaſſen; indeß will ich keinen beſondern Vortheil bei dieſer Gelegenheit haben. Du bekommſt ſie zum Einkaufspreis. Ich fordere nicht mehr als achtzig Pfund.“ „Die in drei Jahren verdienten achtzig Pfund?“ er⸗ wiederte Bill, deſſen Geſicht ſich vor Schreck entfärbt hatte. Er ſtarrte ſeinen Herrn an, zweifelnd, ob das Ernſt oder Spaß ſei, ob er überhaupt recht gehört habe.“ „Nicht mehr, mein Sohn, als die verdienten achtzig Pfund. Ich will Dir meinen Rath nicht aufdringen und überlaſſe es Dir, ihn anzunehmen oder nicht. Willſt Du ihn haben, ſo giebſt Du mir achtzig Pfund und ich gebe Dir den guten Rath. Willſt Du ihn nicht, auch gut, ſo behältſt Du Dein Geld und ich meinen Rath. Die Folge wird es leh⸗ ren, wer am meiſten gewonnen oder verloren hat. Billiger als achtzig Pfund iſt er mir indeß nicht feil.“— „Achtzig Pfund!“ ſeufzte Bill,„und Bethy,“ ſeufzte er weiter.„Achtzig Pfund? Die Rathſchläge müſſen ſehr wichtig ſein und meinem Herrn viel gekoſtet haben. Er iſt ſonſt ſo freigebig und gut; wie wird er mich im letzten Augenblick betrügen wollen?— Achtzig Pfund!“ ſeufzte er noch einmal laut auf, und mit dieſem Seufzer und der Thräne, die in ſeinem Auge perlte, war der Kampf in ſeiner Seele beendigt. 4 „In Gottes Namen,“ ſagte er und ſchob mit abge⸗ wandtem Geſicht das ſchwer verdiente Geld ſeinem Dienſt⸗ herrn hin. Wer die Haft geſehen, mit welcher dieſer das Geld einſtrich, der mußte allerdings einen ſchweren Verdacht gegen ihn hegen, aber die Bewegung in ſeinen Zügen und der feuchte Glanz, der das milde Auge verſchleierte, ließen kein Mißtrauen gegen einen Mann aufkommen, der ſich immerfort als ein Muſter von Redlichkeit und chriſtlicher Liebe gezeigt hatte. „Ich danke Dir, guter Bill, für Dein Vertrauen und hoffe, daß ſich ſolches belohnen wird. Jetzt aber ſei auf⸗ merkſam und verliere kein Wort von Dem, was ich Dir ſage. Es iſt nicht viel. Du weißt, Bill, bei allem Thun iſt der gerade Weg der beſte. Er führt nicht immer auf die bequemſte und ſchnellſte Weiſe an's Ziel, aber am ſicherſten.. 45 Vergiß das nicht; es gilt auch auf Reiſen. Laß Dich nicht überreden, um ein paar Schritte zu erſparen, auf Seiten⸗ wege zu gehen. Immer gerade und auf's Ziel los; das ſei Dein Loſungswort. Das iſt Ein Rath. Zum Zweiten ſage ich Dir: Wenn Du in eine Herberge kommſt, wo Alles ſauber und blank und angenehm iſt und die Leute freundlich und herzlich Dir entgegenkommen, und nur Einer unter ihnen umherſchleicht, der den Kopf nicht aufrecht trägt, der Dir nicht gerade in's Auge ſehen kann, da übernachte nicht; denn es iſt unheimlich drinnen. Gehe fort und nimm mit einem Felsblock ſtatt eines Kopfkiſſens für lieb; denn in ſolchem Hauſe wohnen Bosheit und Verrath, die umlauern die Gäſte und vergiften Speiſe und Trank.“ Bill hatte aufmerkſam hingehört; er hielt die Worte ſeines Herrn ſehr hoch, er hatte ja jedes derſelben theuer be⸗ zahlt. Als er am andern Morgen um achtzig Pfund ärmer und um einen kleinen Theil Weisheit reicher ſeiner Brod⸗ herrſchaft Lebewohl ſagte, bewegte die aufrichtigſte Trauer die Herzen der Bleibenden wie des Scheidenden. „Du biſt jetzt ohne Geld; nimm dies als Zehrpfennig,“ ſagte der Pächter, und drückte ihm eine kleine Summe in die Hand.„Und auch das,“ fuhr die Hausfrau fort und gab ihm zwei Brode. Das kleinere, Bill, iſt für Dich beſtimmt; es wird ausreichen, bis Du heimkommſt; das größere, ſchwe⸗ rere bringe Deiner Frau und Deinen Kindern und grüße ſie von mir. Der Herr ſegne Dich und ſei Dein Begleiter auf dieſem Wege und immerdar.“ „Und wenn Du in Noth biſt, mein Junge, wovor Dich Gott bewahren wolle, dann weißt Du, wo Du einen treuen * 3 Freund findeſt, der Dir mit Rath und That nach Kräften bei⸗ ſteht. Auch wenn eines Deiner Kinder einmal Luſt verſpürt, hinaus zu wandern, ſie ſollen uns immer willkommen ſein,“ ſchloß der Herr, ihm die Hand ſchüttelnd. Alle Kinder thaten es dem Vater nach, und die kleine Mary ſtreckte die Aermchen dem Scheidenden wehmüthig entgegen. Fünftes Kapitel. Mit herzlichem Dank hatte Bill die letzte Liebesgabe, die letzten Liebesworte ſeiner Herrſchaft empfangen. Er be⸗ fahl Gott ſeine Wege und trat getroſt die Reiſe in die Heimath an. Sein ſchlichtes, harmloſes Gemüth,— ſonſt ein ruhi⸗ ger Waſſerſpiegel, glich, wie er ſo einſam dahin wanderte und alle ſeine Erlebniſſe und die letzten Vorgänge überdachte, der ſturmbewegten See. Nie gekannte Empfindungen wogten in ſeinem Herzen auf und nieder. Bald war es die frohe Erwartung, Weib und Kind wiederzuſehen, bald war es die Trauer um eine verlorene Hoffnung, deren Erfüllung er in der Hand gehalten, und die ihm nun wieder entſchlüpft war, vielmehr hinausgezogen worden. Er hatte es ſich gar zu ſchön gedacht, wenn er die vollen Taſchen des neuen Anzugs vor Bethy's erſtauntem Angeſicht ausleeren würde. „Ich Narr, der ich war; warum ließ ich mich erſt blen⸗ den und verleiten und dann verblüffen? Warum war ich nicht feſt und nahm meine zwölf Goldſtücke und ging nach einem Jahre wieder heim? Damals hätte mein Herr nicht achtzig Goldſtücke für ſeinen Rath fordern können und würde ihm * * 8 dann ſicher für ſich behalten haben. Ich wäre wohl auch ohne dieſen glücklich heimgekehrt; iſt mir doch das erſte Mal kein Unheil begegnet, warum jetzt? Und doch, waren ſie nicht allezeit und alleſammt gut gegen mich und barmherzig gegen die Armen? Haben ſie mich nicht gehegt und gepflegt wie ein Kind; ſind ſie nicht mit mir wie mit ihres Gleichen umge⸗ gangen? Nein, der Rath kann nicht zu theuer bezahlt ſein, beſchwichtigte er ſich; ich habe ja niemals bemerkt, daß mein Herr Wuchergeſchäfte gemacht hat. Aber, was wird Bethy ſagen, wenn ich wieder komme, arm wie ich ausgegangen bin? Sie wird gewiß nicht freundlich, vielleicht gar böſe über mich ſein. Was ſollte ich denn aber machen? Wüßte ich nur eine Chriſtenſeele, von der mir jetzt noch ein Rath zukäme, was ich anfangen ſoll!“ So beſtürmten Freude und Angſt ihn abwechſelnd, daß er, ohne um ſich zu ſehen, ganz vertieft in ſeine Gedanken, ſchon eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatte. Plötzlich er⸗ innerte ihn ein Stoß an einen Baum, gerade auf der Seite, an welcher er ſein Gebetbuch trug, daß er dieſes bei ſich habe. „Darin finde ich gewiß Hülfe, um Bethy zu beruhigen, wenigſtens Troſt für mich.“ Mit dieſen Worten zog er es aus der Taſche zwiſchen den Broden hervor, ſetzte ſich mitten auf dem Wege nieder und las. Und das Mittel verfehlte ſeine Wirkung nicht; denn jemehr er las, jemehr ſchlug er ſich alle unnützen Gedanken aus dem Sinn und dachte nur allein an Gottes Wort. Er las und las, daß er Alles um ſich her vergaß und nicht einmal bemerkte, daß ein junger Burſche vor ihm ſtand, bis dieſer mit einem Schlag uuf die Schul⸗ ter ſich antindigte „Ihr ſeid mir ein ſchöner Wandersmann, denkt mir ſchön an's Weiterkommen. Der Abend naht; in kurzer Zeit iſt es pechfinſter, und Ihr findet nirgende in der Nähe ein Unterkommen.“ „Es wird doch wohl auf dem langen Wege irgend eine Herberge oder Hütte ſein, die einen müden Reiſenden auf⸗ nimmt.“ „Da ſeid Ihr aber auf dem Holzwege. Ihr wollt doch ſicher auch nach Antrim, da kommt Ihr vor Nacht nicht mehr hin, und da ihr doch auch ſchwerlich im Schloß, wo der große Wilhelm III. einſt eingekehrt war, euer Nachtquartier beſtellt habt, ſo werdet Ihr auch wohl dort in keinem Wirths⸗ hauſe aufgenommen werden.“ „Ich verſtehe nicht recht, was Ihr wollt, ich weiß nichts weiter vom König Wilhelm, als daß mein Großvater unter ihm gefochten hat. Ich will auch nicht in Antrim ſelbſt ein⸗ kehren; ich habe eine Hütte auf dem Lande und komme mit der Bethy nur dann nach Antrim, wenn ich mit ihr zum heiligen Abendmahle gehe, oder wenn wir die Kinder zur Taufe dort hinbringen.“ „Nun meinetwegen geht ſo oft oder ſo ſelten nach An⸗ trim, als es Euch beliebt; aber ich ſage Euch nur: wenn ihr vor Mitternacht noch unter Dach und Fach wollt, dann macht Euch auf die Beine. Auf der geraden Landſtraße wird's auch jetzt kaum möglich ſein, wenn Ihr noch ſo gut aus⸗ ſchreitet. Ich will Euch einen Vorſchlag machen. Hundert Schritt weg von hier geht ein Weg ab, der iſt viel näher.“ „Wie viel Zeit erſparen wir wohl dadurch? 2 8 „Mindeſtens zwei bis drei Stunden, wie mir der Wirth, bei welchem ich Mittag gemacht habe, ſagte, und der kennt die Wege hier herum gründlich.“ „Zwei bis drei Stunden ſind eine ſchöne Strecke, wenn man müde iſt. Ich wäre vielleicht ſchon morgen Abend in guter Zeit daheim bei Bethy.“ „Verbringt die Zeit nicht mit Ueberlegen, guter Freund, entſchließt Euch kurz; es geht ſich noch einmal ſo raſch und leicht in Geſellſchaft.“ „Wohl wahr,“ meinte Bill, entſchloſſen mit dem Frem⸗ den zu gehen. Im Begriffe aufzuſtehen, entfiel ihm ſein Gebetbuch, an das er während dieſer Berathung gar nicht mehr gedacht hatte. Zuſammenſchreckend, erinnerte er ſich plötz⸗ lich, als er es in die Taſche zu den Broden ſteckte, was er ſeinem Herrn verſprochen, und daß ihm der gute Rath ſeines Herrn achtzig Goldſtücke gekoſtet habe. „Nein,“ ſagte er, andern Sinnes geworden,„nein, ich gehe nicht mit Euch. Ich habe meinem Herrn verſprochen, daß ich immer auf der geraden Straße bleiben will.“ „Ihr ſeid ein Narr durch und durch. Habt Ihr denn nöthig, Euerm Herrn Rechenſchaft abzulegen, wenn Ihr ein Stück Wegs erſparen wollt? Und was Euer Herr ſagt, iſt auch nicht allemal ein Evangelium. Der mag mir ein ſchöner Kamerad ſein!“ „Mein Herr iſt ein braver und frommer Mann, der mir immer zum Beſten rieth; er hätte ſich nicht von mir achtzig Pfund bezahlen laſſen, wenn ſein Rath nicht ſehr weiſe wäre. Ich bleibe denn dabei, ihm zu folgen,“ ſprach Bill und erzählte Alles, was ſich mit ihm zugetragen. Der Reiſende war pfiffiger als er, und hatte mit guter Manier Guter Rath iſt Geldes werth. 4 50 bald alle ſeine Erlebniſſe herausgelockt.„Achtzig Pfund habt Ihr für ein paar ſo einfältige Worte bezahlt? Das muß ich ſagen; Euer Herr hat einen guten Handel gemacht. Der hat's fauſtdick hinter den Ohren, kirrt Euch mit dem hohen Lohn, Ihr müßt Euch drei Jahre für ihn plagen, und am letzten Ende weiß er's Euch mit der beſten Manier wieder abzuſchwatzen. Man lernt doch jeden Tag etwas Neues. Aber nun ſeid kein Narr und geht mit mir, Ihr würdet mich gut unterhalten; Euer klug Geſchwätz würde mir den Weg verkürzen. Ich werde von Euch lernen können, wie man's nicht machen ſoll.“ „Wenn Euch daran gelegen iſt, in meiner Geſellſchaft zu bleiben, dann kommt mit mir. Ich bleibe bei meinem Vorſatz. Lebt wohl!“. „Nun denn, wer nicht hören will, muß fühlen, und fühlen werden's Eure Beine ſchon. Ich werde mitleidig an Euch denken, wenn ich wohlbehalten in der warmen Schenk⸗ ſtube ſitze und mich ausruhe. Lebt wohl!“ Mit dieſen Worten trennten ſich die Reiſenden. Dieſer die Beſchränktheit des Einen belächelnd, Jener frohen Muthes mit dem Gefühl erfüllter Pflicht. Wir aber denken, wer zuletzt lacht, lacht am beſten, und werden im Laufe der Ge⸗ ſchichte die Folgen erſehen, welche die Leichtgläubigkeit beider nach ſich gezogen. Die Sonne war zur Rüſte gegangen, der Mond ſchien hell und freundlich vom Himmel herab; aber Wolken zogen herauf und verſchleierten ihn. Das Gewölk ward dichter und dicker und ein Sturm erhob ſich und jagte es wild vor ſich her. 51 „Ach, wäreſt Du doch mit dem Fremden gegangen und hätteſt den theuer erkauften Rath nicht befolgt, ſeufzte Bill, zitternd vor Kälte und Näſſe. Jetzt kommſt Du vielleicht krank nach Hauſe.“ Mitternacht war ſchon vorüber und nir⸗ gends hatte der arme Wandersmann ein Obdach gefunden; endlich ſah er ein Lichtchen ſchimmern; er hatte die erſehnte Herberge erreicht. Bill riß ziemlich hart an der Schelle. Eine Magd öffnete und bedeutete ihm mit verſtörtem Geſicht, leiſe aufzutreten; denn drinnen im Zimmer liege ein kranker Mann, der vor einer Stunde ungefähr blutig und zerprü⸗ gelt angekommen und eben ein Bischen in Schlaf gefallen war. Der menſchenfreundliche Bill trat ſo vorſichtig als möglich ein und geräuſchlos legte er ſich auf die Ofenbank. Er hatte ſich behaglich geſtreckt und war ein wenig eingeſchlum⸗ mert, als das laute, ſchmerzliche Stöhnen des Kranken ihn erweckte. „Iſt denn keine mitleidige Seele hier? Kann mir denn Niemand helfen, daß ich mich auf die Seite lege?“ Mit einem Sprunge war Bill bei der Hand. Er legte den Kranken, deſſen Geſicht blutrünſtig und blau unterlaufen war, ſanft auf die Seite, rückte ihm das Lager zurecht und fragte, ob er nichts weiter begehre. „Ach,“ ſtöhnte der Verwundete,„wer biſt Du, woher kommſt Du? Ich habe Deine Stimme ſchon einmal gehört, ſie kommt mir bekannt vor. Sag mir, wer Du biſt?“ „Niemand anders, als Bill, ein Knecht, der von der Farm ſeines bisherigen Dienſtherrn geradezu nach der Heimath wandert.“ „Ja, ja, nun kenne ich Dich. Du biſt aber nicht der 3 4 x Narr, für den ich Dich hielt, Du haſt Deinem Brodherrn ſeinen Rath nicht zu theuer bezahlt. Er muß ein weiſer Mann ſein. Wäre ich doch mit Dir gegangen! Ich habe etwas gelernt jetzt, muß aber theurer bezahlen, als Du. O weh! o weh, mein Rücken, meine Seite!“ ſchrie er ſchmerz⸗ lich auf. Der munt're, übermüthige Burſch, der den treuherzigen Bill verhöhnt, beneidete ihn jetzt eben ſo ſehr, als er ihn vor wenigen Stunden ſeiner Unerfahrenheit halber verſpottet hatte. Jetzt wäre das Lachen an Bill geweſen; aber der war eine zu gute Seele, als daß wir ſo etwas von ihm er⸗ warten durften. Nach und nach erfuhr er, wie es dem Miß⸗ handelten ergangen war. Als er die Mitte des Richtweges erreicht hatte, eine Stelle, die von beiden Seiten von dichtem Gebüſch eingeſchloſſen war, ſprangen aus dieſem Verſteck zwei Männer auf ihn zu, warfen ihn zur Erde und nahmen ihm, nach tapf'rer Gegenwehr von ſeiner Seite, nicht nur ſeine ganze Baarſchaft ab, ſondern zerprügelten ihn noch aus Leibeskräften. Bewußtlos blieb der Beraubte eine Weile liegen; mühſam raffte er ſich auf, als ſeine Beſinnung all⸗ mälig wieder gekommen, und ſchleppte ſich unter den heftig⸗ ſten Schmerzen bis zur Herberge. Er glaubte, trotz der Dunkelheit, ſeinen Wirth, denſelben, welcher ihm gerathen, dieſen Weg einzuſchlagen, erkannt zu haben. So ſchweig⸗ ſam die Räuber auch waren, ſo verriethen doch die wenigen Worte, die ſie unter einander gewechſelt, den einen der Thäter. „Dank Dir, Du guter Herr,“ ſagte Bill händefaltend. „Du biſt wahrlich weiſer, als der weiſe Salomon ſelbſt. Wie ſchlimm hätte ich wegkommen können, wenn ich mich nicht an Deine Worte gehalten hätte. Siehſt Du, Bethy, die achtzig Pfund hätteſt Du ſicher, vielleicht auch mich noch obendrein eingebüßt. Wenn ich ihr dies erzähle, wird ſie beruhigt ſein. Wie dankbar bin ich Dir, Du gnädiger Gott, der Du über mich ſo väterlich gewacht haſt! Ich lebe und habe meine geſunden Glieder; mit meinen ſtarken und rüſtigen Armen und meinen guten Willen kann ich mit Deiner Hülfe Alles leicht wieder verdienen!“ Seinem Vorſatz, die Schenke nach kurzer Raſt und dem Morgenimbiß gleich wieder zu verlaſſen, ward er indeß un⸗ getreu; denn ſein Herz ließ es nicht zu, den Kranken hülflos und unverpflegt liegen zu laſſen. Er ſelbſt machte ihm ſein Lager weich und bequem, trug Sorge, daß man auf ſeine geſchwollenen Glieder kühlende Umſchläge legte, ließ ihm einen ſtärkenden Trank bereiten, und nachdem er ſich darüber beruhigt, daß Alles für den Kranken gethan ſei, und er die Zeche für ſich und dieſen berichtigt hatte, drückte er ihm die größere Hälfte ſeines kleinen Zehrpfennigs in die Hand, zur Ehre Gottes, der eine ſo drohende Gefahr von ihm abge⸗ wandt. Wohlgemuth mit dem Bewußtſein, ſeinem Bruder eine Erleichterung verſchafft zu haben, vergnügt, daß er ſich gegen Bethy's muthmaßliche Vorwürfe doch einigermaßen rechtfertigen könne, ſetzte Bill gegen Mittag ſeinen Weg fort. Die Hoffnung, noch am Abend Weib und Kinder wieder zu ſehen und in ſeiner lieben Hütte von den Müh⸗ 3 ſeligkeiten des Weges auszuruhen, ſpornte ſeine Schritte. Beſchleunigt ja auch das Roß ſeinen Lauf, wenn es auf dem Heimwege iſt und der Stall ihm winkt; wie ſollte Bill nicht 54 mit verdoppeltem Eifer dem Ziele entgegen eilen, wo das Liebſte ſeiner harrte? Indeß der Menſch denkt und Gott lenkt. Er ſchürzt und löſt die Knoten, in welchem unſer Geſchick ſo wunderbar verſchlungen ſcheint, nach ſeinem Rathe und Willen. Er führt bei Denen, die ihre Neben⸗ menſchen recht aus Herzensgrund, gleich ſich ſelbſt und ihn über Alles lieben, alle Dinge zum Beſten hinaus, und darum ſollen wir nicht grübeln, nicht murren und zagen, wenn uns hie und da Ungewöhnliches widerfährt. Wir ſollen unſere Sorge auf den Herrn der Herren werfen, der, wenn er uns getreu befunden, Alles zu ſeiner Ehre und unſerm Heile aus⸗ gehen läßt. Sechstes Kapitel. Die Sonne, welche, als Bill ausrückte, hell und heiter von dem wolkenloſen Himmel herunterleuchtete, verbarg bald ihr Strahlenangeſicht hinter ſchweren Wolken, die ſich langſam zuſammengezogen hatten. Zuſehends breiteten ſie ſich über den ganzen Horizont aus und wuchſen raſch wie das Böſe. Schon gegen Mittag hatte er ſich gänzlich ver⸗ finſtert. Die Sonne war verſchwunden und zeigte, das Ge⸗ wölk blutig roth färbend, nur noch den Weg, den ſie zürnend gegangen waren. Ein furchtbares Wetter ſchien losbrechen zu wollen, aber die ſchweren Wolken entluden ſich nicht auf einmal; ſie löſten ſich in einen feinen, dichten, anhaltenden, durchdringenden Sprühregen, der die moorigen Wege noch 55 ſchlüpfriger und ungangbarer machte. Die Hoffnung, am ſelbigen Tage ſeine Hütte zu erreichen, trat mit jedem Schritt mehr in den Hintergrund, die Unmöglichkeit wuchs von Mi⸗ nute zu Minute. Die Finſterniß, der ſumpfige Boden lie⸗ ßen das Nachtwandern nicht zu, und unſer guter Bill mußte Gott danken, eine Herberge auf dem Wege zu finden, die ihn aufnahm. Das freundliche Mütterchen, welches den Reiſen⸗ den willkommen hieß, die wohl durchwärmte Stube, das Warmbier, was ihm gereicht ward, thaten ihm ſo wohl, daß er die Nacht hier zu raſten und mit dem früheſten Mor⸗ genlicht aufzubrechen beſchloß. „Das wird mir die Bethy nicht übel nehmen können, daß ich hier ausruhe. In ſolcher Nacht, wo man keinen Hund hinausjagt, iſt's nicht geheuer draußen, da treibt der Böſe ſein Weſen;“ ſo beſchwichtigte er ſein Gewiſſen, welches ihm Vorwürfe machte, daß er ſich zu Ausgaben verleiten ließ, die ihm halb und halb unnöthig ſchienen. Der Gaſt, der nach ihm vom Regen in das Haus ge⸗ trieben ward, wurde als ein alter Bekannter von der freund⸗ lichen Wirthin begrüßt. „Lange nicht geſehen, Mutter Ellen, wie ſteht's bei Euch? Geht die Nahrung noch immer gut?“ „Danke, lieber Herr, darüber wißt Ihr, habe ich nim⸗ mer zu klagen gehabt.“ „Wäre auch eine Sünde und Schande, wenn die Leute an dem Eichbaum vorbeigingen, wo ſie allezeit gut aufgehoben und verpflegt ſind. Ihr behandelt die Gäſte menſchlich und rechtlich, das muß Euch der Neid laſſen. Aber Ihr ſeht 56 kummervoll aus? Iſt's mit dem Chriſtin noch immer beim Alten? Wird er nimmer vernünftig?“ „Glaube nicht, daß er jemals anders wird, lieber Herr. Ich habe Alles Mögliche gethan, ſein Herz zu gewinnen; aber das iſt hart und verſtockt. Um ihn zu überzeugen, wie gut ich's mit ihm meine und wie ſein Verdacht ganz falſch ſei, daß ich meine Verwandte zu Erben einſetzen will, habe ich vor einigen Wochen ein rechtskräftiges Teſtament und ihn zum Herrn über all' mein Hab und Gut, mein Ein⸗ gebrachtes mit eingerechnet, gemacht. Ein paar Tage war er freundlicher als ſonſt; aber dies waren Sonnenblicke, die ſchnell vorüberflogen; jetzt iſt er nach wie vor der finſtere, rohe und harte Menſch. Das hätte ich nun und nimmer⸗ mehr geglaubt, als mein ſeliger Paddy um mich freite und mir von der Gutherzigkeit ſeines Jungen erzählte; ich hoffte, mir in ihm eine Stitze, nicht aber eine Plage und den Fluch meines Lebens zu erziehen. Es iſt Niemand anders, als ſeiner Mutter Bruder, der dahinter ſteckt und mir all' das Kreuz und Leid in's Haus gebracht und den Jungen gegen mich eingenommen hat. Gott woll's ihm nimmer vergelten!“ Die alte Frau hatte ihre Rede noch nicht vollendet, da öffnete ſich die Thüre und ein junger Mann, zwiſchen ſechs und zwanzig und dreißig Jahren, trat ein. An ſeinen fin⸗ ſtern und ſcheuen Blicken erkannte Bill ihn ſofort als den eben beſprochenen Chriſtin Er ſelbſt mochte auch wohl die letzten Worte gehört haben. Sein Mund verzog ſich hämiſch, und kaum hatte ſich die alte Frau entfernt, ſo ſprach er: „Ha, die alte Eule hat Euch gewiß wieder ein Stücklein vorgekrächzt!“ „Schämt Euch, Eure Mutter iſt allezeit treu und gut gegen Euch geweſen.“ „Ich will aber nichts von ihrer Güte wiſſen; ich will nicht von einer alten, unverſtändigen, kindiſchen Frau wie ein Schulbub behandelt ſein. Sollte mich allein hier handiren laſſen, wie mir von Gottes und Rechtswegen zukommt. Sollte ſich in's Hinterſtübchen ſetzen und mich dem Weſen allein vorſtehen laſſen.“ „Ihr ſolltet Gott und der alten Frau dankbar ſein. Sie hält hier Alles wacker in Ordnung, und mit ihrer Freund⸗ lichkeit bringt ſie Gäſte und Nahrung ins Haus. Euer mürriſch Geſicht wird ſie verſcheuchen, die an die menſchen⸗ freundliche Behandlung Eurer Mutter gewöhnt ſind.“ „Die Alte iſt nicht meine Mutter, wenn ſie ſchon meines Vaters Weib war. Mit ihrer Katzenfreundlichkeit hat ſie's dem angethan, der zehn Jahre jünger war, als ſie. Wollte der...“ „Sprecht nicht aus,“ fiel ihm der Fremde ins Wort, denn die alte Frau trat eben wieder ins Zimmer. Bill hatte in ſeinem Winkel das Geſpräch genau mit angehört und der zweite theuer erkaufte Rath ſtand mit einem⸗ mal wie mit Flammenſchrift vor ſeiner Seele.„Hier iſt meines Bleibens nicht länger“, ſagte er für ſich;„hier ſchleicht der Böſe umher und brütet Unheil.“ „Wie? Ihr wollt bei dem Regenwetter fort?“ fragte die alte Frau ihn, als er, ſeine Zeche bezahlend, ſich zum Gehen rüſtete.„Laßt's Euch doch gefallen hier! Seid ver⸗ ſichert, ich übertheure einen armen Wandersmann nicht; fragt nur den Herrn dort, der kehrt ſchon viele Jahre im Eich⸗ baum ein.“ „ 58 „Glaub's Euch gerne; aber gegen Mitternacht wird's vielleicht hell, und dann thät es mir leid, wenn ich die ſchöne Zeit verſchliefe. Unſer Eins ſcheut Sturm und Regen nicht allzuſehr, und wenn man drei Jahre von Frau und Kindern fern war, da verlangt man heimzukommen.“ 1 „Drei Jahre, das iſt eine lange Zeit. Seid wohl viel in der Welt herumgekommen?“ „Das nicht, habe nur meinem Herrn gedient in all' der Zeit.“ „Und wer war das, wenn ich ſo unbeſcheiden ſein darf zu fragen?“ „Es iſt ein braver Mann, Maſter William Roche (Rodſche).“ „Das ſoll wohl wahr ſein, daß Maſter Roche ein bra⸗ ver Mann iſt. Ihr kennt Ihn ja auch; es iſt der Farmer (Pächter) in H... „Ob ich ihn kenne! Kaufe ja jedes Jahr einen Theil meines Flachsbedarfes von ihm. Er iſt ein kluger und wack'rer Mann. Wollte Gott, ich hätte mit lauter ſolchen Leuten zu thun. Wir werden, wenn ſonſt nichts dazwiſchen kommt, in Zukunft noch beſſ're Freunde werden; denn er will ſeinen älteſten Sohn, wenn der ſo weit iſt, zu mir in's Ge⸗ ſchäft geben.“ Bills Augen ſtrahlten vor Luſt, als er das Lob ſeines Herrn ſo fern von deſſen Heimath erſchallen hörte. Ihm dünkte eine Entfernung von 20 bis 30 engliſchen Meilen ſchon eine ganz anſehnliche Weite. Er ward immer ſicherer in ſeiner Rechtfertigung gegen ſich ſelbſt, wie auch gegen Bethy, beſtand aber um ſo mehr darauf, ſeinen Weg fortzuſetzen. 59 „Nun, wenn Ihr durchaus nicht bleiben wollt, ſo will ich Euch nicht aufhalten. Behüt' Euch Gott, und möget Ihr die Eueren daheim alleſammt am Leben und geſund antreffen; in ſo langer Zeit kann gar viel paſſiren. Aber hört, wenn Ihr nun einmal nicht hier bleiben wollt, ungefähr fünfzig Schritte vom Hauſe iſt ein Stall, in welchem wir uns ſonſt Schweine hielten. Jetzt ſteht er leer; für die Schweine iſt ein anderes Unterkommen bereitet; es iſt doch jedenfalls beſ⸗ ſer, als draußen auf der Landſtraße, und der Regen trifft Euch dort nicht unmittelbar. Da legt Euch hinein; klärt ſich's auf, ſo könnt Ihr ohne Aufenthalt weiterziehen.“ „Dank Euch herzlich für ſo viel Güte,“ erwiederte Bill, der alten Frau die Hand zum Abſchied reichend;„das Aner⸗ bieten nehme ich an.“ Mancher Leſer dürfte vielleicht dem einfältig ſchlichten Knecht es verdenken, daß er ſeines Herrn guten Rath zu buchſtäblich befolgte. Da aber Bill eine Sache ſo theuer bezahlt hatte, ſo wollte er ſolche auch benutzen. Ueberdieß erſparte er ja auch die Ausgabe für das Nachtlager. Bill ging, ohne daß es der böſe Stiefſohn der Wirthin bemerkte. Der Stall war bald gefunden. Er trug den Reſt halb⸗ verfaulten, naſſen Stroh's zuſammen zu einem Haufen und ſtreckte die müden Glieder mit großer Behaglichkeit aus. Er war ſanfter gebettet, als mancher Reiche, der umſonſt den Schlaf ſucht und ſich ruhelos auf Eiderdaunen herumwirft. Die freundlichſten Träume umgaukelten ihn, als das Getrap⸗ pel eines Pferdes hart an ſeinem Lager ihn aus ſeinem ſüßen Schlummer aufſchreckte. Das Gewölk hatte ſich verzogen; 60 die Sterne funkelten wie Milliarden von Edelſteinen am dunkelblauen, klaren Himmel. An einem der zerbrochenen Pfoſten des Stalles war ein Pferd angebunden, und am letzten Fenſter der Schenke land ein Mann und pochte leiſe an. „Ha, ha, dachte Bill, mein guter Herr hat am Ende wieder einmal Recht. Hier geſchieht im Dunkel der Nacht gewiß Etwas, was ſich bei Tage nicht darf ſehen laſſen. Der Böſe iſt da. Ich muß aber hören, was es giebt.“ Raſch erhob er ſich, trat vorſichtig näher und ſpitzte die Ohren. Bald darauf öffnete ſich das Fenſter, und die außenſtehende Geſtalt, in welcher er bald einen Mann von ſtattl ichehn An⸗ ſehen unterſchied, fragte: „Nun, wie iſt's heute? Ich meine, es wäre gelegene Zeit. Ich habe noch außen Geſchäfte, weiß nicht, wann ich wieder zurückkomme. So etwas muß nicht lange aufgeſcho⸗ ben werden.“ „Mir iſt's recht. Je eher, je lieber. Wäre die Alte gar zu gern los, daß ich doch auch die Flügel einmal frei bewegen könnte. Wie iſt's mit dem Preis, habt Ihr's überlegt?“ „Iſt was zu überlegen! Nicht um einen Penny(die kleinſte engliſche Münze) anders, als ich Euch geſagt habe. Geſchieht's heute nicht, nun dann bleibt die Sache noch eine lange Weile aufgeſchoben. Muß ich meine Reiſe auch nur um einige Stunden aufſchieben, ſo zahlt Ihr das Doppelte. Darum friſch d'ran, ja oder nein?“ „Ihr habt's ſehr eilig und müßt viel Vergnügen an Euerm Handwerk haben. Meinetwegen, aber wißt, es über⸗ 61 nachtet ein Gaſt von Belfaſt hier, wird uns der keinen Quer⸗ ſtrich machen?“ „Ihr ſeid ein unerfahrener Tropf. Gelegener kann uns nichts kommen. Laßt mich nur ſorgen, die Sache anzulegen, und ſeid mein Handlanger, aber hübſch geſchickt. Der Bel⸗ faſter muß der Sündenbock ſein; aller Verdacht muß auf ihn fallen.“ Das Geſpräch wurde jetzt ganz leiſe fortgeſetzt, ſo leiſe, daß Bill nur ein ganz unverſtändliches Geflüſter vernahm. Daß die beiden Verſchworenen etwas Böſes im Schilde führten, ſchien ihm klar aus der ganzen Art und Weiſe, wie ſie mit einander verkehrten. In dem Einen der Beiden hatte er den Sohn erkannt; was aber ausgeführt werden ſollte, darüber grübelte er umſonſt; denn ſein milder und frommer Sinn konnte ſich ein Verbrechen der Art, wie es hier ausgeſonnen, nicht denken. Dennoch dachte er hin und her, um das Unternehmen zu hindern, und ſpähte nach einem Wege, auf welchem er ungeſehen in's Haus gelangen könne, um den Knecht oder die Magd noch zeitig genug zu warnen. Indeß, es war unmöglich, unbemerkt von den Beiden, in's Haus zu kommen. Ohne ſich eines beſtimmten Zweckes bewußt zu ſein, trieb ihn doch ein dunkles Vorgefühl, ſich mit einem Zeichen zu verſehen, welches dereinſt als ein Be⸗ weis dienen könnte, daß er Zeuge bei dieſer nächtlichen Zuſammenkunft geweſen ſei. Der Reiter hatte ſeinen Man⸗ tel an den Pfoſten des Stalles aufgehängt; raſch nahm Bill ſein Taſchenmeſſer, ſchnitt unter dem Kragen deſ⸗ ſelben ein Läppchen heraus und ſteckte es zu ſich, in den Schwanzriemen des Pferdes aber machte er, gerade wo 62 dieſer bedeckt war, mit der Meſſerſpitze einen Kreuzſchnitt. Voll Entſetzen und Angſt rüſtete er ſich zum Aufbruch und floh eine Stätte, wo wahrſcheinlich ein Verbrechen ausge⸗ ſonnen, vielleicht gar ausgeführt ward. Es bekümmerte ihn, daß er es nicht hatte verhindern können; aber jemehr der Tag heraufdämmerte, jemehr die Gewalt der Sonne die Nebel herabdrückte, je ruhiger und heller ward es auch in Bills Gemüth. Er lachte über ſich ſelbſt, daß er ſolche ſchwarze Gedanken hatte hegen können, daß er ſich ſogar mit Dingen verſehen, die eine Schuld beweiſen ſollten gegen Menſchen, die vielleicht eben ſo harmlos waren, wie er ſelbſt, die vielleicht, wie er, nur an Freud' und Luſt dachten. Je näher er der Heimath kam, jemehr traten die düſtern Bilder, die vor ſeiner Seele geſchwebt hatten, in den Hintergrund. Seine Schritte wurden immer haſtiger, und es war gegen Mittag, als er die epheuumrankte Hütte, die ſein ganzes Lebensglück barg, erblickte. Sein Herz pochte ſo laut, daß er ſtill ſtehen mußte; ſein Blick umflorte ſich; er mußte mit dem Aermel eine Thräne aus den treuen Augen wiſchen, um recht genau zu ſehen. Der Rauch zog luſtig zur Thür hin⸗ aus, aber er ſah weder Bethy noch die Kinder, er hörte keines von ihnen. Ein angefangenes Netz überzeugte ihn, daß kurz vor ihm Jemand hier geweſen. Er ging hinein. Der Keſſel dampfte. In einem Winkel der Hütte war ein Bretterverſchlag. Das war etwas Neues. Wunderliche Töne klangen aus der Ecke. Was war das? War es wirk⸗ lich in Erfüllung gegangen, wovon er damals geträumt hatte, als er für einen Augenblick der Beſitzer von achtzig Goldſtücken war? Hatte Bethy ohne ſeinen Beiſtand ſo viel erworben? Freude und Beſchämung kämpften in ihm. Es war keine Täuſchung, kein Traumgebild ſeiner erregten Phan⸗ taſie, das plötzlich wieder zerrann; nein, es war in Wirk⸗ lichkeit ſo; ein Schwein trieb mit dem Jungen dort ſein Weſen. Thränen rannen über ſeine Wangen, und er hatte tiefgerührt und verſunken in ſeine Betrachtungen es nicht gehört, daß Bethy mit den Kindern indeß der Hütte genaht war und mit Erſtaunen einen wohlgekleideten Mann, den Rücken nach der Thüre gekehrt, dort ſtehen ſah. Bill und Bethy ſchrieen beide laut auf, als er ſich umdrehte, und während die Aeltern einander in den Armen lagen, hingen vier rothwangige Kinder ſich an den glücklichen Vater. Siebentes Kapitel. „Du haſt ein Schwein mit ein Paar Jungen, Bethy, wie haſt Du ſo viel verdienen können?“ Das waren die erſten Worte, die der Umarmung folgten. „Ich habe mit Fleiß geſchafft, mit Ordnung erhalten, und der Segen Gottes hat das Beſte gethan.“ „Wie groß ſind der Paddy und Toby und Elly und Jenny geworden; ich hätte ſie ja nimmer für mein Fleiſch und Blut erkannt.“ „Biſt aber gewiß hungrig, armer Schelm, und die Kin⸗ der ſind's auch; hurtig, Patrik und Elly.“ Im Nu hatten die beiden Kinder die Kartoffeln aus dem Keſſel in eine Schüſſel geſchöpft und das Salz herbeigeholt. Elly warf 64 indeß der Mutter einen fragenden Blick zu, und nachdem dieſe mit dem Kopfe genickt hatte, wickelte die Kleine aus derſelben Decke, die ihnen Nachts als Lager diente, ein halbes Brod und legte es auf den Tiſch. Triumphirend blickte Bethy auf Bill, aber ſie ward ſelbſt bleich, als ſie von ſeinen Wangen alle Farbe weichen ſah. „Um Gotteswillen, was iſt Dir? Du freueſt Dich nicht? Jede Woche backe ich ein ſolches Brod. Das hätteſt Du wohl nicht gedacht?“ Bill ſtand mit niedergeſchlagenen Augen und wußte nicht, wie er's vorbringen ſolle, daß er nichts erübrigt habe, als ſeinen Anzug und das Brod, welches ihm die gute Hausfrau für Frau und Kinder, eine Liebesgabe, einge⸗ packt hatte. Selbſt von ſeinem Zehrpfennig war nur noch ein ganz unbedeutender Reſt übrig geblieben. „Ich glaube, armer Bill, Dir iſt nicht wohl zu Muth. Das⸗thut der weite Gang und die Freude. Du wirſt Dich erholen, ſobald Du ein Bischen warme Nahrung zu Dir genommen haſt. Dann erſt darfſt Du auspacken und er⸗ zählen.“ 3 „Erzählen, ja erzählen kann ich genug, aber auspacken, ach auspacken.— Bethy, herunter vom Herzen muß es, auszupacken habe ich Nichts als das,“ und mit dieſen Wor⸗ ten holte er mit einem verzweifelten Griff das ſchwere Brod aus der Taſche und legte es auf den Tiſch. „Das hat mir meine Herrſchaft für Dich und die Kin⸗ der mitgegeben.“ Bethy's freundlich lachende Augen waren plötzlich über⸗ 65 ſchattet. Stirn und Wangen rötheten ſich bis zum Hals hinab; aber es war nicht das Roth der Freude, die das ſonſt ſo anmuthige Geſicht überflog. Ihre Züge ſchienen verzerrt, und erſt nach einigen Augenblicken des Schweigens fand ſie die Rede wieder.„Und darum,“ fuhr ſie auf Bill los, der mit einem armen Sündergeſicht ihr gegenüber ſtand, „darum biſt Du drei Jahre draußen geweſen?“ und dabei ſchlug ſie ein lautes, höhniſches Gelächter auf. Zorn und Wehmuth hatten ihrer Stimme und ihren Zügen etwas ſo ganz Fremdes gegeben, daß die Kinder, die von allem Dem nichts verſtanden, ſich liebevoll an den Vater klammerten, gleich als wollten ſie ſich und ihn ſchützen vor den Aus⸗ brüchen der Leidenſchaft. „Du haſt ein Recht, mich zu ſchmälen,“ hub Bill ge⸗ laſſen an;„ich verdiene das; ich war ein leichtgläubiger, unvorſichtiger Tropf. Ehe Du mich ganz verdammſt, thue mir die Liebe und höre mich an.“ Ungeſchmückt erzählte er in ſeiner treuherzigen Weiſe Alles, was er erlebt hatte. Die lebhafte Bethy begleitete ihn mit ihrem Mienenſpiel, welches jeden Eindruck, den die Er⸗ zählung auf ſie machte, im beſtändigen Wechſel wiedergab. Plötzlich aber ward des Zornes Feuer, das in ihren hellen Augen durch Bill's Erzählung des guten Rathes angefacht war, ausgelöſcht. Die Thränen tiefer Rührung überwältigten es, als ſie erfuhr, welcher Gefahr er durch die Befolgung deſſelben entgangen war, wie der Herr ihn ſo wunderbar behütet hatte. Ihr Verſtummen löſte ſich diesmal in ein ſtilles Dankgebet auf; wie ſie ſchweigend die Hände gefaltet hatte, ſahen die Kinder mit leuchtenden Blicken ſie an und Guter Rath iſt Geldes werth. 66 thaten es ihr nach. Selbſt der kleine Toby legte die kurzen, dicken Händchen in kindlicher Einfalt in einander. „Mag Dein Geld fort ſein, habe ich Dich doch wieder,“ ſprach ſie, ihm liebevoll die Hand drückend.„Deinen Herrn kann ich zwar noch immer nicht begreifen, ebenſo wenig die Frau; die hätte wohl Erbarmen haben ſollen. Nein, Bill, ſage, was Du willſt, ein abgekartet Spiel war das; man hat lange ſo etwas gegen Dich im Schilde geführt.“ „Sei es, wie es wolle, Bethy, mein Herr war ein wack'rer Mann, und Frau und Kinder ſind gut und haben's treu mit mir gemeint.“ „Ich will ihnen ja auch vergeben, was ſie Dir gethan haben um des Ausgangs willen; aber das ſchwere, klotzige Brod hätten ſie für ſich behalten können. Das iſt höchſtens für die Ferken gut.“ „Nein, Bethy, das leid ich nicht, ſei's auch eine noch ſo geringe Gabe; ich will ſie beſſer geehrt wiſſen.“ „Nun ja, beruhige Dich; wir wollen ſchon ſehen, wie wir es bei Gelegenheit vernutzen und zu Ehren bringen. Ich zweifle indeß, daß das uns gelingt; Du wirſt Dich überzeugen, wenn wir's aufſchneiden, daß es nicht zu ge⸗ nießen iſt; traue meiner Erfahrung!“ „Meinetwegen mach' damit, was Du willſt,“ erwiederte Bill, dem jetzt erſt die ungewöhnliche Schwere des Brodes auffiel. Bethy aber nahm das Brod, welches ein Zankapfel zu werden drohte und legte es bei Seite. Sie war feſt entſchloſſen, es bei erſter Gelegenheit den Schweinen unter das Futter zu mengen. Mit dem Verſchwinden deſſelben war Nichts mehr vorhanden, was den Frieden des Hauſes ſtörte. Am nächſten Tage verrichtete Bill die Arbeit wieder bei ſeinem alten Herrn, der ihn gern wieder in ſeine Dienſte nahm, wie er ihm Solches verſprochen hatte. Es war kaum, als ob ein Zeitraum von drei Jahren zwiſchen jetzt und damals läge. Alles ging den gewohnten Gang, als ob nie eine Unterbrechung ſtattgefunden, vom Morgen bis zum Abend, heute wie geſtern und morgen wie heute. Niemand wunderte ſich, Niemand verhöhnte Bill, daß er arm wie er gegangen, wiedergekommen war, denn man erlebte Aehn⸗ liches tagtäglich in Irland. Höchſtens bewunderte man den ſtattlichen Anzug, den er nur Sonntags benutzte, und von dem er hoffte, daß er für ſein ganzes Leben ausdauern werde. Vier Wochen waren in dieſer Weiſe herumgegangen. An das Brod hatte man nicht mehr gedacht. Eines Tages fiel dieſes der kleinen, verſtändigen Elly in die Hände und ſie zeigte es der Mutter mit der Bemerkung, daß man es bald gebrauchen müſſe, weil es ſonſt wahrſcheinlich ſelbſt für die Schweine ungenießbar werden möchte, da Schimmel und Fäulniß ſich an allen Ecken und Enden zeigten. Bethy ließ ſich den ſchweren, jetzt ekelhaft ausſehenden Klumpen reichen. Bill ſchien ihn mit Wehmuth zu betrachten; ſeine ſonſt ſel⸗ ten bewegten Züge ließen die Empfindungen ahnen, die durch ſeine Seele zogen. „Ich krieg's nicht auseinander,“ ſprach Bethy nach manchen vergeblichen Verſuchen.„Vielleicht gelingt es Dir;“ mit dieſen Worten ſchob ſie Bill das beſprochene Brod hin. Verdrießlich legte auch Bill das Geſchenk ſeiner Brod⸗ herrſchaft bei Seite, nachdem er ſich vergeblich bemüht hatte, G 2* 68 es durchzutheilen oder zu zerbröckeln. Selbſt es in Waſſer auf⸗ zulöſen, ſchien unmöglich; denn es blieb in der Mitte ein harter, feſter Klumpen.„Mit dem Beil werde ich's durchſetzen,“ meinte Bill und beſchloß, nächſten Tages ein ſolches Werkzeug, das augenblicklich nicht in ſeinem Hauſe war, mitzubringen. Neugierig, wie beim Auspacken einer Kiſte, in welcher ein Naturforſcher allerlei Seltenheiten aus fernen Landen geborgen hat, ſtand die ganze Familie im Kreiſe um den Vater, als dieſer den verhängnißvollen Schlag auf das Brod führte. Der Hieb glitt abz ein zweiter, gewaltſamer, fand einen harten Widerſtand; ein dritter, mit aller Kraft von Bill's nervigen Armen geführt, ſprengte die widerſpenſtige Kruſte auseinander, und ſtumm und ſtarr ſtoben ſie alleſammt, Bill und Bethy nicht ausgenommen, hierhin und dorthin, als eine Maſſe hellblinkender Goldſtücke über den Fußboden nach allen Richtungen hinrollte. Achtzig Stück hatte man nach und nach zuſammengeſucht, achtzig Goldſtücke, genau ſo viel als Bills Lohn, als die für den gegebenen Rath bezahlte Summe betrug. Achtzig Goldſtücke, nicht eines mehr noch weniger. Was hatte das zu bedeuten? Daß das nicht ohne Zweck geſchehen war, konnten ſelbſt dieſe harmloſen Menſchen begreifen, die völlig unbekannt mit der Welt und deren Liſt und Klugheit waren. Warum hatte man ſie ihnen auf die⸗ ſem Umweg zukommen laſſen? Der Herr konnte ja doch nicht vorher wiſſen, ob Bill verſucht worden wäre, auf Richt⸗ vegen zu gehen, oder gar denn angefallen und beraubt wer⸗ den würde. Der großgefaltete Brief, der im erſten Augen⸗ blick der Ueberraſchung von Allen überſehen worden, hätte ihnen am leichteſten und ſchnellſten Aufklärung geben können, 69 aber leider verſtanden weder Mann noch Frau Geſchriebenes zu leſen, ebenſowenig hätte ein Nachbar, wahrſcheinlich nicht einmal ihr Brodherr, ihnen in dieſer Verlegenheit mit ihrer Geſchicklichkeit aushelfen können. Nachdem ſie ſich von ihrem erſten Erſtaunen etwas erholt und ſich in Fragen und Zweifeln erſchöpft, nachdem ſie Got⸗ tes Güte geprieſen und dem wackern Maſter Roche in Ge⸗ danken und Worten Abbitte gethan hatten, fragten ſie ſich Beide:„Und was nun beginnen mit all' dem großen Reich⸗ thum?“ Beide waren nie im. Beſitz ſo vielen Goldes geweſen. Bill hatte beim Erwerb und beim Anblick des Goldes nicht an die Verwerthung, nicht an eine nützliche Verwendung deſſelben zur Verbeſſerung ſeiner Verhältniſſe, nicht an deſſen Einfluß auf die Zukunft ſeiner Kinder gedacht. Ihm war es ein glänzendes Spielwerk, eine Ueberraſchung für ſeine Bethy, höchſtens ſchwebte ein Schweinekoben mit ein paar fetten Bewohnern vor ſeiner erregten Phantaſie. Das war zu Waſſer geworden, das betrübte ihn, der Schweinekoben war da ohne ſeine Hülfe, das beſchämte ihn anfangs; nach⸗ her tröſtete es ihn. Jetzt waren beide Gatten ganz uner⸗ wartet in den Beſitz eines Schatzes gekommen, deſſen Werth ſie ahnten, aber den ſie nicht nutzbar zu machen im Stande waren. Ihre Bedürfniſſe für die Gegenwart, für die nächſte Zukunft, waren befriedigt; ſie kannten das Leben nicht mit ſeinen Anforderungen; ſie hatten keine Ahnung von dem, was ſich draußen in der Welt begab, und daß mit der Strö⸗ mung der Zeit auch dieſe Einfachheit weggeſchwemmt werden könnte, daß ein jüngeres Geſchlecht, zu dem auch ihre Kin⸗ der gehörten, andere Anforderungen machen, andere Berech⸗ 70 tigungen haben würden. Der Beſitz des Goldes ängſtigte ſie, und obgleich es ihnen Freude machte, ſo waren doch mit dieſer zugleich die unzertrennlichen Begleiter irdiſcher Güter in die friedliche Hütte, in die harmloſen Gemüther einge⸗ zogen. Unruhig warfen ſich beide auf ihrem dürftigen Lager hin und her; hatten ſie ja doch, was noch nie vorgekommen war, den Tag ohne Gebet beſchloſſen. „Soll das Geld wirklich ſolche Macht über uns haben, daß es dem Böſen Thor und Thür zu unſern Herzen öffnet? Nein, Bill,“ rief Bethy,„nein; laß uns ſtandhaft bleiben. Wir wollen uns an Den wenden, der uns bis hierher als ein treuer Vater geführt hat; wir wollen ihn bitten, daß er die Verſuchung von uns fern halte, daß er bei uns bleibe und die rechten Gedanken, die uns und unſere Kinder zum Heil führen, eingebe.“ Vater unſer, beteten ſie inbrünſtig und holten das Vergeſſene reumüthig nach, und im Himmel war Freude, daß zwei treue, gläubige Seelen der Gewalt des Teufels muthig entgegentraten und ſich den rechten Schild, die rechten Waffen dazu auserſehen hatten. Als ſie am an⸗ dern Morgen erwachten, war in Bethy der Plan klar und feſt, nach dem ſie zu handeln gedachte. Sie hatte Gottes Bei⸗ ſtand nicht umſonſt angerufen, nicht umſonſt auf ihn gehofft und gebaut, ſie hatte nicht vergeblich an die rechte Thüre ge⸗ klopft. „Bill, es iſt Sonntag; wir gehen hinüber nach Antrien zur Kirche, wo wir, Gott ſei's geklagt, ſchon zu lange Zeit nicht geweſen ſind. Wir gehen mitſammt den Kindern, und wenn wir dem Herrn die Ehre angethan, ihn um ſeine gnä⸗ dige Vergebung und väterliche Hülfe angefleht haben, dann — 71 bitten wir den Herrn Vicar, daß er leſe, was auf dem Zettel geſchrieben ſteht und uns rathe, das rechte zu thun. Solch ein Herr iſt klug, und Gott erleuchtet ſeine Diener, daß ſie Denen beiſtehen, die in ſeinem Namen Rath von ihnen be⸗ gehren.“ Solchem Vorſchlag widerſprach Bill nicht, und nachdem Elly die kleinen Geſchwiſter an dem nahen Bach, wie ſie von Patrik gelernt, gewaſchen und vom Altagsſchmutz geſäubert, nachdem man Joe, den nächſten Nachbar, mit der Sorge für die Schweine beauftragt hatte, zog die ganze Familie wohl⸗ gemuth nach Antrien. Bill's Herz war voll Glückſeligkeit, daß er ſeine Herrſchaft gerechtfertigt wußte; hatte es ihm doch zu wehe gethan, ſie von Bethy verachtet zu ſehen. Bethy ſelbſt aber war zerknirſcht, daß ſie dieſe frommen und braven Leute hatte fähig halten können, eine Ungerechtigkeit zu begehen, die einem Betruge ſo ganz verwandt war. Je näher ſie indeß Antrien kamen, je mehr traten alle irdiſchen Gedanken und Sorgen in den Hintergrund. Ihre Seele war durch und durch von Andacht erfüllt. Achtes Kapitel. „Fin vernünftiger Mann verachtet nicht guten Rath des Weiſen,“ Jeſus Sirach, Kap. 33, V. 22, war der einfache Text zur Predigt, welche Bill und Bethy zu hören nach Antrien gekommen waren. Der treue Seelſorger ahnte nicht, als er mit Wärme und Klarheit die klugen Worte des from⸗ 72 men Weiſen auslegte und deren Beherzigung ſeinen Pfarr⸗ kindern anempfahl, wie bedeutſam dieſe eben jetzt in das Le⸗ ben einiger ſeiner Zuhörer eingegriffen hatten. Begleitet von ihrer ganzen Nachkommenſchaft, gingen Bill und Bethy nach dem Gottesdienſt tiefbewegt in das Pfarr⸗ haus. Der freundliche Empfang der Frau Pfarrerin und die wahrhaftige Theilnahme des würdigen Geiſtlichen verſcheuch⸗ ten den letzten Reſt von Befangenheit und Zaghaftigkeit, die ſich insbeſondere Bill's bemächtigt hatte. „Das ſind ja herzige Kinder,“ verſicherte die Frau Pfarrerin und klopfte die runden, rothen Wangen der blond⸗ lockigen Jenny, die ſie aus ihren hellen Augen ſo klug und freundlich anguckte, als ſei ſie eine alte liebe Bekannte.„Und die beiden größeren,“ fuhr ſie fort,„ſchau'n ſo verſtändig drein, als ob ſie ſchon bei aller Arbeit rüſtig und geſchickt mitan⸗ zugreifen verſtänden.“ „Das thun ſie auch,“ antwortete Bethy mit freudig ſtrahlenden Blicken. Die Bemerkung der Pfarrersfrau hatte die Saiten angeſchlagen, die das Mutterherz ſchneller pochen machten. Der Vikar durchſchaute das, und obwohl er ſich der Bewegungen deſſelben freute, wußte er, daß Stoff genug darin lag, um für die Mutter eine unerſchöpfliche Quelle von Ergüſſen zu werden. Er dachte auch wohl, daß ein beſonderer Zweck ihm die Familie zugeführt habe. Jede weitere Aus⸗ einanderſetzung ſchnitt er mit der Frage ab:„Und was bringt Euch heute alleſammt zu mir?“ Die beiden Gatten erzählten nun mit aller Umſtändlichkeit und Breite, was ſie erlebt hatten, und brachten dann endlich den Brief des Maſter Roche zum Vorſchein. Der Vikar und 73 ſeine Frau waren aber ſelbſt begierig, Aufſchluß zu erhalten, aus welchem Grunde Bills Brodherr jenem ſein Geld auf dieſem eigenthümlichen Umwege hatte zukommen laſſen. Der Brief löſte alle Zweifel. Mit gefalteten Händen hörten Bill und Bethy zu, als der Vikar las: Mein lieber Bill! Du haſt mir während drei Jahren fromm und treu ge⸗ dient. Du haſt mir keinen Anlaß zur Klage gegeben und mir nur Kummer gemacht, wenn Du uns verlaſſen wollteſt. Drei Jahre habe ich Dich feſt gehalten, ich habe ſogar zuweilen deshalb Gewiſſensbiſſe gehabt; denn ich hatte wohl nicht ganz Recht gegen Dich und dachte dabei an meinen Vortheil. Um einigermaßen mein Unrecht gegen Dich gut zu machen, erhöhte ich Deinen Lohn auf ungewöhnliche Weiſe, war auch außerdem überzeugt, daß es zu Deiner Ausbildung nützlich ſei, wenn Du noch einige Zeit unter uns lebteſt. Indeß, ein⸗ mal muß geſchieden ſein. Ich hätte ja eine ſchwere Sünde begangen, Mann und Weib, die eine gottſelige Ehe führen und ihre Kinder in dem Glauben an Jeſu Criſtum erziehen, noch länger von einander fern zu halten; wie lieb es mir auch geweſen wäre, wenn Du bei mir geblieben wäreſt oder Dich mit den Deinen zu mir übergeſiedelt hätteſt. Auf das letzte wäreſt Du nicht eingegangen; es muß, nach dem wie ich Dich kenne, gewiß wunderſam kommen, ehe Du Deine Hütte verläſſeſt; zum Andern wollte ich unter keiner Bedingung Dich bereden. Als ich Dir Dein en Lohn auszahlte, ſah ich, denn Du biſt nicht ſchlau und falſch genug, um mit Deinen Empfin⸗ 74 dungen und Geſinnungen hinter dem Berge zu halten, wie der Anblick des Goldes Dich ganz und gar verblüffte, ohne daß Du den eigentlichen Werth deſſelben kannteſt, ohne daß Du wußteſt, was damit zu beginnen ſei. Mancherlei Erfah⸗ rungen, die ich im Verkehr mit der Welt gemacht habe, ließen mich ſchließen, daß der plötzliche Beſitz des Goldes Dich nicht glücklich machen, Dich jedenfalls verwirren möchte, Dich vom rechten Wege abbringen und zu Thorheiten verleiten könne. Ich überſah die Gefahren, welchen Du, ohne Welt⸗ klugheit, ohne Menſchenkenntniß, in einem Taumel von Glück befangen, ausgeſetzt wareſt. Dem mußte vorgebeugt und Du nüchtern gemacht werden. Ich erſann in der Eile eine Liſt, um Dir Dein erworbenes Gut zu ſichern. Sie iſt allerdings plump genug, um mich in Deinen Augen als einen habſich⸗ tigen Wucherer erſcheinen zu laſſen. „Da irrſt Du Dich dennoch, mein lieber, mein wackerer Herr,“ unterbrach Bill den Leſenden. Meinen guten Rath hätte ich Dir jedenfalls mit auf den Weg gegeben, fuhr der Vikar fort zu leſen. Würdeſt Du, mein guter Bill, auch darauf gehört haben? Sicherlich nicht. Das Klimpern des Goldes war eine ſo verlockende Muſik, daß meine Worte nicht durchgeklungen hätten. Ich wollte Dir aber ihren Werth recht begreiflich machen. Deshalb bot ich ſie Dir zum Verkauf an, und zwar zu einem ſo hohen Preiſe, daß Du Dein Hab und Gut mit ein's los wurdeſt. Der Verluſt des Goldes war Dir ſo ſchmerzlich, wie einem Kinde der Verluſt eines Spielwerkes, einer Puppe; aber wenn Du an dieſen Verluſt dachteſt, kam Dir auch die Urſache, um welche Du ihn erlitten, in den Sinn. Sie mußte Dir ſehr wichtig erſcheinen; meine Rathſchläge kamen Dir ſehr theuer zu ſtehen, und was man auf dieſe Weiſe errungen hat, hält man hoch. Mögen ſie ſich verwerthen! In dem ſchweren Brode, welches meine liebe Hausfrau für Dich gebacken hat, ahnſt Du ſchwerlich Deinen Schatz, aber es ahnt ihn auch kein Dritter, und das wollte ich. Die Landſtraßen ſind voll Müßiggänger und Strauchdiebe, die darauf ausgehen, die Unerfahrenen auszubeuten; ſie nahen ſich ihnen unter der Maske der Freundlichkeit und Gefällig⸗ keit, und Du kannſt Schein von Wahrheit nicht unterſcheiden. Möge Gott Dich glücklich heimführen. Möge Sein Segen mit Dir und Deinem Gelde in Dein Haus einziehen! Möge Sein Segen mit Dir und den Deinen allezeit ſein! Du warſt ein getreuer Knecht über Weniges. Es iſt mir, als ob Er Dich dereinſt über mehr, über viel ſetzen werde; dann bleibe Du derſelbe und es wird Dir wohl gehen auf Erden. Du wirſt die himmliſche Seligkeit erlangen. Gott wolle Dich vor Verſuchung bewahren und Dich einen treuen Freund finden laſſen, der Dir rathend zur Seite ſteht. Vielleicht gelingt es mir, Dir die Bekanntſchaft eines trefflichen Mannes in Belfaſt zu verſchaffen und ſeine Theilnahme für Dich zu erwecken. Ich weiß, dann wäreſt Du geborgen und ich außer Sorge um Deine Zukunft; denn das Wohl Deiner Kinder liegt mir am Herzen. Wenn es Gottes Wille iſt, werden wir uns wieder ſehen; jedenfalls findeſt Du und die Deinen in mir und den Meinen treue Freunde, welche gern mit Rath und That bei der Hand ſein werden. Grüße Dein braves Weid und Deine Kinder. Dein treuer Freund William Roche. 76 Thränen der Rührung rannen über Aller Wangen; ſelbſt die Kinder weinten mit, als ſie die Augen der Er⸗ wachſenen naß ſahen. Es währte eine Weile, ehe der Vikar die Stimmung wiederfand, weltliche Angelegenheiten in die Hand zu nehmen. 3 „Habt Ihr über die Verwendung des Geldes ſchon nach⸗ gedacht? Habt Ihr es zu irgend etwas beſtimmt?“ „Nein, Herr Vikar, wir ſind eben zu Ihnen gekommen, um uns guten Rath zu holen; wir wiſſen ja nicht, was wir mit dem ſchrecklich vielen Gelde anfangen ſollen.“ „Hört, Kinder, gut Ding will berathen und bedacht ſein und Weile haben. Im Augenblick kann ich Euch keinen Vor⸗ ſchlag, noch weniger einen Plan für die Zukunft machen. Laßt mir Zeit zur Ueberlegung. Auch ich habe einen Freund in Belfaſt, der, brav und klug, gewiß den Nagel gleich auf den Kopf treffen und das Rechte für Euch herausfinden wird. Laßt mir Geld und Brief indeß hier; es iſt bei mir jedenfalls beſſer verwahrt, als draußen bei Euch. Ihr werdet nicht an das Geld denken, wenn Ihr es nicht ſeht; aber an Eines ſollt und müßt Ihr denken, Euern Kindern etwas lernen zu laſſen. Dazu hat Euch der Herr das Kapital in die Hand gegeben, ſo will er es verzinſt wiſſen; die Jungen müſſen, wenn ſie ſo weit ſind, ein ordentlich Handwerk lernen; Handwerk hat einen goldenen Boden, und Alle könnt Ihr doch nicht dereinſt mit Kind und Kindeskindern in der kleinen Hütte leben und ſterben. Doch davon zur Zeit. In vierzehn Tagen kommt wieder zu mir; ich hoffe bis dahin Maſter Morriſon geſprochen und mich mit ihm berathen zu haben.“ Für jene einfachen Menſchen, denen das Leben ſo ganz 77 ohne Aufregung und Wechſel dahinfloß, war das, was ſie in dem kurzen Zeitraume von vier und zwanzig Stunden erlebt und gehört hatten, zu viel. Sie konnten ſich nicht zu⸗ recht finden, namentlich, was der Vikar ihnen über Kinder⸗ erziehung geſagt, war ihnen nicht recht klar. Wer hatte ſie erzogen? Was wußten ſie außer Gottes Wort? Hatten ſie mehr als beten und arbeiten gelernt? Waren ſie nicht glück⸗ lich dabei? War nicht Bill ſogar draußen in der Welt ge⸗ weſen, hatte er nicht dort große Schätze erworben? Warum ſollten ihre Kinder auf eine andere Weiſe glücklich werden? Konnten ſie wohl je ein zufriedeneres und glückſeligeres Loos haben? Alle dieſe Fragen gingen ihnen beide durch den Kopf, namentlich ging Bethy in tiefes Sinnen verloren neben Bill her. Sie erwachte erſt daraus, als ſie vor ihrer Hütte ſtanden, und zum erſten Male erhoben ſich Zweifel, ob dieſes kleine Stückchen Erde ihnen dereinſt Allen als Wohnſitz werde dienen können. Sie war beunruhigt, ſie wünſchte faſt, Maſter Roche hätte ſeine achtzig Goldſtücke behalten. Aber Bethy wußte, daß ſie Troſt und Ruhe finden werde im Gebet, bei Ihm, der noch Keinen von ſich gewieſen, der mit aufrichtigem Herzen ſich ihm genaht. Als am andern Morgen die erſten Sonnenſtrahlen durch die Thüre guckten, erhob ſie ſich heiter von ihrem Lager, und es war ſo viel des Troſtes über ſie gekommen, daß ſie noch davon mittheilen konnte an ihren lieben Bill. Zufrieden und hingebend, begannen ſie aufs Neue ihr Tagewerk, und wann ſie neben einander ausgingen zur Arbeit, oder Abends heim⸗ kehrten, da gedachten ſie des wackern Seelſorgers; ſie wußten, daß er ihr und ihrer Kinder Freund ſei. Sie hatten feſt 78 beſchloſſen, ihm in allen Dingen Folge zu leiſten, wenn ihnen ſein Rath auch anfangs nicht verſtändlich war. Wir wiſſen nicht, was unſer Beſtes iſt, und darum hat uns der Herr an ſeinen Diener gewieſen, von ihm zu erfahren, was wir thun ſollen. Erfüllt von dieſem Vorſatz und voll freu⸗ diger Hoffnung und Zuverſicht, beſaßen ſie doch inſtinetmäßig Klugheit genug, gegen Kinder und Nachbarn zu ſchweigen über Alles, was ſich im Stillen vorbereitete. Vierzehn Tage mochten in dieſer Weiſe verfloſſen ſein, als ſie abermals ihre Wanderung nach Antrien antraten. Sie ließen dieſes Mal die verſtändigen Kinder daheim, ihr kleines Hab und Gut ihrem Schutz, die Vierfüßler ihrer Pflege empfehlend. Voll Erwartung langten ſie diesmal, faſt noch bewegter, in Antrien an, als an jenem Tage, an welchem ſie nur an das Geld gedacht hatten; heute wollten ſie ſich über einen koſtbareren Schatz berathen, über das Nutzbarmachen eines Schatzes, von deſſen Verwaltung ſie einſt gewiſſenhafte Rechenſchaft abzulegen hatten. Es kommt nicht ſelten vor, daß der Herr in ſolchen Zeiten durch das Verzögern der Erfüllung unſerer Wünſche unſere Geduld auf die Probe ſtellt. Wohl ihm, der in Demuth ausharret und mit unſerm frommen deutſchen Dichter ſingt, wie ich es ſchon einmal angeführt habe. Schon einmal hatte Bill, ohne den Sänger zu kennen, in ſeinem Sinn gehandelt. Schon einmal hatte ſich ſein Wort ſegensreich an ihm bewährt. Ihr, die Ihr nicht unbekannt ſeid mit der Geſchichte und Literatur des deutſchen Vaterlandes, werdet ihn kennen, den Mann, der in Wort und Werk derſelbe war; Euch aber, die Ihr nicht wiſſet, wen ich meine, rathe ich, die Lebensge⸗ 79 ſchichte und die herrlichen Lieder Paul Gerhard's zu leſen. Er wird Euch erheben, er wird Euch tröſten. Ein Führer zu Gott, Ein Troſt in der Noth, iſt er ein Schatz, der in keinem chriſtlichen Hauſe fehlen ſollte. Verzeihet mir dieſe Abſchweifung; ich ſpreche nicht wie der Blinde von der Farbe zu Euch; ich ſpreche aus Erfah⸗ rung, ich habe den Segen ſeiner Worte, ſeiner Lehren, ſeiner Liebe in den verſchiedenſten Tagen des Lebens in tiefſter Seele empfunden! Reuntes Kapitel. Nicht unmittelbar ſollten die Sorgen und Laſten dem Ehe⸗ paar genommen werden; ſie ſollten in der Geduld geprüft, nicht oberflächlich und jählings, ſondern recht gründlich ge⸗ läutert und durch und durch gereift an das Ziel gelangen, würdig das Glück zu tragen. Bill ſollte ein Werkzeug der Gerechtigkeit in der Hand des Herrn werden, und, befruchtet von der Gnade Gottes, ſollte das ſchwache Reis aufwachſen zu einem herrlichen Baume und ſeine Zweige Segen verbrei⸗ tend ausſtrecken. Der Vikar, nachdem ſie ſo ſehnlich verlangten, war nicht daheim. Seine ſonſt ſo heitere Ehehälfte war verſtimmt und beſtellte Bill und Bethy auf einige Wochen ſpäter. Ohne ungeduldig die Zeit zu verwünſchen, oder ſich über ihren langſamen Gang zu beklagen, arbeiteten beide mit gleichem 80 Eifer, mit gleicher Treue, ſchwiegen beide mit gleicher Be⸗ harrlichkeit gegen Kinder und Nachbarn. Sie trafen, als ſie zur beſtimmten Zeit wieder nach Antrien kamen, den Vikar in ſeinem gaſtfreundlichen, gemüthlichen Hauſe, aber über ſeine wohlwollenden Züge und in den heitern, treuen Augen ſeiner Gattin lag ein Schatten tiefer Bekümmerniß, die ſelbſt unſerm harmloſen Pärchen nicht entging. „Wir kommen gewiß zur Unzeit,“ nahm Bethy, höflich entſchuldigend, das Wort, denn Ihr, Herr Vikar, und auch Eure Hausfrau, ſeht ſo traurig aus, als ob Euch ein großes Unheil widerfahren ſei.“ „Das iſt es leider auch. Wenn's gleich nicht uns ſelbſt oder die Unſrigen betrifft, ſo zerreißt es doch das Herz, lie⸗ ben Freunde, wackere, gottesfürchtige Leute von einem ſchwe⸗ ren und ganz ungewöhnlichen Unglück heimgeſucht zu ſehen und gar keine Ausſicht zur Rettung zu haben. Derſelbe Freund, auf deſſen klugen Rath und Beiſtand ich bei Euren Angelegenheiten rechnete und rechnen konnte, iſt des Mordes angeklagt!“ „Des Mordes angeklagt?“ „Ja, ja, des Mordes angeklagt,“ ſprach der Vikar weiter. Sein Herz war ſo voll von dem großen, ſo abſon⸗ derlichen Unglück ſeines Freundes, daß ſein Mund überfloß, ohne zu beachten, gegen wen er ſich ausſprach. Er ahnte nicht, wie der Herr gerade zu rechter Zeit ſeine Zunge in Bewegung geſetzt; keiner von den Vieren ahnte noch, daß Bill nicht zur Unzeit, ſondern gerade in dem Augenblicke gekommen war, wo es galt, der Gerechtigkeit einen herrlichen Sieg zu bereiten. Die Wege des Herrn ſind wunderbar, 841 wir kurzſichtigen Menſchen können ſie nicht verfolgen; wo wir Tod und Untergang ſehen, da gerade ſprudelt der Quell des Lebens und der Gnade am hellſten.“ 1 „Des Mordes angeklagt,“ wiederholte der Vikar noch einmal.„Vor ungefähr zwei Monaten übernachtete mein Freund, vom Regen überfallen, in einer Schenke. Die Wirthin zum Eichbaum, eine alte freundliche Frau, verſtand ihre Sache gut, hielt die Wirthſchaft in Ordnung, und be⸗ diente die Gäſte prompt und redlich. Man war darum gern in ihrem Hauſe, und ſie hatte neben ihrem Eingebrachten noch ein hübſches Kapitälchen ſich erſpart, welches ſie ihrem Stiefſohn verſchrieb. Dem Stiefſohn indeß, welcher der Mutter niemals hold geweſen, ward die Zeit, bis er in den unbeſchränkten Beſitz ſeines dereinſtigen Eigenthums kam, zu lang, und ſein Dichten und Trachten ging einzig und allein darauf hinaus, ſeinen Zweck bald zu erreichen.“ Bill horchte geſpannt auf,„und was geſchah?“ unter⸗ brach er ungewöhnlich haſtig den Vikar.„Ja, was geſchah? Das Schrecklichſte, was nur geſchehen konnte. Nachdem der Belfaſter Abends todsmüde ſchlafen gegangen, erwachte er am andern Morgen, nach einer beſonders guten Nacht, ziemlich ſpät. Die Stille im Hauſe fiel ihm auf. Er ſtand auf, ging in's Wirthzimmer. Das Wirthzimmer war leer, die Küche war leer, nirgends ein menſchliches Weſen zu ſehen noch zu hören. Er ging durch die unverſchloſſenen Thüren, und— der grauſenhafteſte Anblick machte ihn ſchaudern. Die alte Frau war erdroſſelt; Sohn, Knecht und Magd lagen gebunden, einen Knebel im Munde, dem Verſcheiden nahe, in ihren Betten; nirgend eine Spur, die zu einer Ent⸗ Guter Rath iſt Geldes werth. 6 7 deckung hätte führen können. Selbſt zum Tode erſchrocken, rief der Fremde Hülfe aus der Nachbarſchaft herbei. Er hatte in ſeinem Schrecken bei dieſer gräßlichen Ueberraſchung nicht an ſich gedacht; die Herbeigerufenen hatten indeß in ſeinem Geſichte eine leichte Spur von Kohlen geſehen. Nur ein Fremder, der dennoch nicht ganz unkundig mit der Orts⸗ gelegenheit war konnte das Verbrechen begangen haben. Auch fehlte bei genauer Unterſuchung eine Rolle mit Gold⸗ ſtücken von ungewöhnlicherem Gepräge, von denen ſich eins, nach der Ausſage des Sohnes, unter der Baarſchaft des Fremden, der ſelbſt über dieſen Fund nicht wenig erſtaunt war und ſich nicht erinnerte, ein ſolches beſeſſen zu haben, nach dem Morde vorgefunden hatte. Von den Hausbewoh⸗ nern konnte Niemand Theil genommen haben, ſie waren unfähig zum Handeln gemacht worden. Alleſammt im Schlafe überwältigt, war keiner recht zur Beſinnung gekom⸗ men, wie und was mit ihm geſchehen war, nur der nunmeh⸗ rige Hausherr erinnerte ſich, einen Mann mit geſchwärztem Geſicht geſehen zu haben. Obwohl ſich kein Grund ſinden ließ, warum ein Mann, deſſen Verhältniſſe gut geordnet waren, der ein blühendes Geſchäft hatte, zum Raubmörder geworden ſey, obgleich man Maſter Marriſon als einen frommen Chriſten, einen Bürger und Unterthan von tadel⸗ loſer Geſinnung, einen muſterhaften Gatten und Vater und durchaus rechtlichen Geſchäftsmann kannte, vereinigte ſich dennoch hier Alles, um gegen ihn zu zeugen und ihn als den Thäter darzuſtellen. Wie ſchmerzlich jeder Wohlgeſinnte, ja ſelbſt die Juſtizbehörde von dieſem Vorfalle berührt iſt, der Schein iſt gegen den Angeklagten, kein Entlaſtungszeuge hat 8³ ſich gemeldet, alles ſpricht gegen ihn. Das Geſetz darf nicht umgangen werden, ihm iſt ſelbſt der König unterthan. Ueber⸗ morgen wird der unglückliche Mann, als Mörder angeklagt, vor den Geſchworenen ſtehen.“ Mit immer größerer Spannung hatte Bill die Erzäh⸗ lung angehört; immer bewegter wurden ſeine ſonſt eigentlich ſtumpfen Züge, bis er endlich in die Worte ausbrach: „Um Gottes willen, Aufſchub! Vielleicht kann ich auf die Spur des Verbrechens leiten. Um Gottes, Jeſus willen, Aufſchub! Mein guter, kluger Herr, mein lieber Maſter Roche, warum biſt Du nicht hier, Du würdeſt Rath wiſſen.“ „Den weiß vielleicht auch ein anderer,“ ſprach der Vikar, der trotz ſeiner trüben, ernſten Stimmung doch ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken konnte. 3 Bill erzählte nun mit den kleinſten Nebenumſtänden, was ihm in der zweiten Nacht auf ſeiner Heimreiſe begegnet war. Es ging aus Allem hervor, daß der Stiefſohn jedenfalls hier die Hand im Spiele gehabt, der Mord aber in Verbin⸗ dung mit einem Dritten verübt worden. Nach einer kurzen Berathung zwiſchen dem Vikar und ſeiner Frau ward Bethy, auf deren Verſchwiegenheit man rechnen konnte, zurück ge⸗ geſchickt, um das wohlverwahrte Tuchläppchen, als ſtummen und doch vielleicht unabweislichen Zeugen für die Unſchuld des Angeklagten, herbeizuſchaffen. Der Vikar und Bill be⸗ gaben ſich ohne Zögern nach Belfaſt. Eine Erfindung, welche, wie der Telegraph, Zeit und Raum bewältigt und mit Ge⸗ dankenſchnelle unſere Worte und Wünſche und Befehle in die weiteſte Ferne trägt, war in jener Zeit, in welcher ſich dieſe — 6* *△ 84 Geſchichte zugetragen, weder erdacht, noch weniger gemacht worden. Sie hatten große Eile nöthig, um noch frühzeitig, am Vorabend der Aſſiſenſitzung, in Belfaſt zu ſein. Mit warmer Theilnahme, die ſich, je länger er zuhörte, je mehr ſteigerte, horchte der menſchenfreundliche Friedensrichter auf die Erzählung und vor ſeinem klaren Geiſte legte das Ver⸗ brechen ſich auseinander. Aber er bedurfte ganz unwider⸗ leglicher Beweiſe, um es vor den Augen der Welt überzeugend zu enthüllen. Es gelang ihm, einen Aufſchub zu erwirken. Als am andern Morgen in dem gefüllten Sitzungsſaale der Lord Oberrichter von der Tribüne herab verkündete, daß der Prozeß gegen den, des Mordes angeklagten Fabrikanten Marrison, dringender Urſache halber, einſtweilen bis zu den nächſten Aſſiſenſitzungen ausgeſetzt ſei, da ging ein freudiges Gemurmel durch die Menge der Anweſenden; denn es war ein großer Theil der Bevölkerung der Provinz durch dieſen Fall auf die Beine gebracht worden und hier verſammelt. Bill wandelte indeß, in allen Stücken genau unterwieſen, von dem Oberrichter und dem Vikar, getroſt nach dem Eich⸗ baume. Seine Ankunft in der Herberge, wo er einſt in dem zerfallenen Schweinekoben ſein Nachtquartier aufgeſchla⸗ gen, war nicht auffallend. Auf ſolche Gäſte, die ſo wenig Bedürfniſſe haben, nimmt man nicht viel Rückſicht, und da man vorausſetzt, daß ſie auch mit ebenſowenig Mitteln ver⸗ ſehen ſind, ſchenkt man ihnen keine Aufmerkſamkeit. Bill ſetzte ſich wie damals, als er zum erſtenmale in den Eichbaum eingekehrt war, auch ganz beſcheiden auf die Ofenbank, und weil ſich eben Niemand um den armen Schelm bekümmerte, konnte er ſeine Beobachtungen ungehindert machen. Er hatte ſeine Zeche, ein Glas Grog, gleich berichtigt, und konnte nun bleiben ſo lang, gehen, ſobald er wollte. Die Gaſtſtube zum Eichbaum war unverändert dieſelbe geblieben, alles ſtand noch an demſelben Platz, wie bei Leb⸗ zeiten der alten Frau, aber ihr Geiſt, ihr milder freundlicher Sinn waltete nicht mehr hier. Aus allen Winkeln guckte es unſern Bill unheimlich an. Die anweſenden Gäſte waren meiſt rohe, unwiriſche Geſellen. Der Aufſchub der Ver⸗ handlungen in der Angelegenheit des Leinwandfabrikanten Marrison hatte viel Aufſehen gemacht, und daß gerade hier am Orte der That viel darüber geſprochen wurde, war natür⸗ lich. Man rieth hierhin und dorthin, ein oder der andere Gaſt fragte auch, wohl nicht ſehr feinfühlend, wie dem Wirthe dabei zu Muthe ſey; denn ob auch keine noch ſo geringe Spur den Verdacht der Theilnahme an dem Verbrechen auf dieſen lenken konnte, ſeine Erſcheinung, ſein unheimliches ſcheues Weſen, ſein früheres Verhältniß zur Mutter, mochten manchem die Mitwiſſenſchaft ahnen laſſen, ohne dies aus⸗ ſprechen zu dürfen. Man ſtritt auf die ungeſtümneſte, unver⸗ ſtändigſte Weiſe über das Für und Wider dieſes Aufſchubs. Am heftigſten war immer der junge Wirth. Bill ward es angſt und bange, er drückte ſich feſter in ſeinen Winkel, als plötzlich der Hufſchlag eines Pferdes ſeine Aufmerkſamkeit erregte. Das leichte Zuſammenſchrecken des Wirths, beim Eintritt eines finſtern Mannes, war ihm nicht entgangen. Die Stimme ſchien ihm bekannt, er hatte ſie irgendwo ge⸗ hört. Der Kreis ſeiner Bekannten war nicht ausgedehnt und ſchnell durchlaufen. Der Vorgang jener Nacht, die er hier verlebt hatte, ſtand mit einemmale vor ſeiner Seele. 86 Wirth und Gaft ſchienen ſich abſichtlich zu vermeiden. Jener that ganz fremd, dieſer erzählte, nachdem er erſtaunt die alte Frau vermißt und deren Tod beklagt hatte, viel von ſeinen Reiſeabenteuern, und unterhielt durch ſeine Erzäh⸗ lungen die Anweſenden ſo angenehm, daß alles Andere dar⸗ über vergeſſen ward. Trotz der Gleichgültigkeit, mit welcher der Wirth und der zuletzt angekommene Gaſt ſich zu behan⸗ deln ſchienen, war es dennoch von Bill, deſſen Seelenkräfte ganz ungewöhnlich angeſpannt, alle auf einen Punkt hin⸗ gerichtet waren, bemerkt worden, daß beide in näherer Beziehung zu einan der ſtanden. Die verſtohlenen Winke, die ſie ſich unbeobachtet einander gaben, waren ihm nicht entgangen. Das unruhige Stampfen des Pferdes veran⸗ laßte ihn endlich das Zimmer zu verlaſſen, um vielleicht auch an dem Sattelzeug den ſichern Beweis zu finden, daß der Gaſt und jener nächtliche Reiter von damals eine und dieſelbe Perſon ſeien. Das Kreuz in dem Schwanzriemen war richtig da, und unter dem Kragen des Mantels, der über den Sattel gebreitet lag, fehlte das viereckige Stück⸗ chen Tuch. Es hat ſich ſchon öfters zugetragen, daß man bei dem Ausbeſſern eines alten Hauſes, bei dem Uebertünchen einer ſchadhaften Wand, einen loſe eingelegten Stein und hinter dieſem einen reichen Schatz gefunden. Nicht ſelten kam ein ſolcher Schatz in einem Augenblick harter Bedrängniß zum Vorſchein, rettete, den Zweck deſſen, der ihn verborgen, er⸗ füllend, ein ganzes Geſchlecht vom Untergang und verbreitete Glück und Segen nach Innen und Außen. Etwas Aehn⸗ liches trug ſich mit unſern Bill zu. Das war ein Zufall, ſo würden es viele Leſer nennen, wir aber, die wir den Ver⸗ lauf der Geſchichte kennen, ſagen mit feſter Ueberzeugung, es war die göttliche Fügung. Ihr werdet mit mir überein⸗ ſtimmen und das wunderbare Zuſammentreffen der Umſtände nicht verkennen, durch welche die Hülle von Bills Innerm weggehoben ward. In dem Augenblick, als er aus dem beſchränkten Kreiſe ſeines Wirkens heraus, in Zuſammen⸗ hang mit der Welt trat, kamen nie geahnte Seelenkräfte an's Licht, die den einfachen, einfältig erſcheinenden Mann plötzlich umſchufen. Er hatte das Vermögen, Schlüſſe zu ziehen; er handelte mit Beſonnenheit, er berechnete die Fol⸗ gen und alle möglichen Erfolge ſeines Thuns und Laſſens. Er war, ſtill in ſeinem Winkel ſitzend, unbeachtet geblieben, ſeine Unbefangenheit ließ den Lauſcher am wenigſten an einem Platze ahnen, der am beſten geeignet zum Beobachten war. Bei ſeiner Entfernung hatte er kaum Vorſicht nöthig, ſeine Abweſenheit war eben ſo unbeachtet geblieben, als es ſeine Gegenwart geweſen. Er hatte aber richtig geſchloſſen, daß ein Reiter, welcher das Pferd nicht in den Stall bringen ließ, nicht zu übernachten gedenke. Mit dem Wirth war er näher bekannt, als es beide für gut hielten, der Welt ſehen zu laſſen. Warum vermieden ſie es, ſich öffentlich als Be⸗ kannte zu zeigen? Ihre Verbindung war keinesfalls eine herzliche, freundſchaftliche, jedenfalls waltete hier ein gehei⸗ mes Verſtändniß, welches lichtſcheu keinen rechtlichen Grund hatte. Der Reiter war gewiß nicht ohne Zweck hier, und ein Zwiegeſpräch zwiſchen Wirth und Gaſt wurde ſicher irgendwo noch gehalten. Vom Schweinekoben aus konnte man unbemerkt am beſten eine ziemlich weite Strecke hinaus 88 und manchen Verſteck überſehen. Die natürlichſte, am wenig⸗ ſten auffallende Gelegenheit für Wirth und Gaſt, vertraulich mit einander zu reden, war, wenn jener dieſem das Geleit gab, um ihm auf's Pferd zu helfen. So verſtändige Vor⸗ ausſetzungen hatte Bill gemacht, bevor er ſich aus dem Gaſtzimmer entfernte. Seine Zweifel über die Richtigkeit der Perſonen waren durch das Kreuz im Schwanzriemen und das fehlende Stückchen Tuch gänzlich gehoben. Was er außerdem vorausgeſetzt, gehofft und gewünſcht hatte, geſchah wirklich. Er hatte eine lange Weile geharrt, aber er ward nicht ungeduldig, das Pferd war ja nicht in den Stall ge⸗ führt, der Erwartete mußte endlich kommen. Einen nach dem andern Gaſt ſah er gehen, allmählig erloſchen auch die Lichter. Leiſe öffnete ſich die Hausthüre und zwei Männer, in halblautem, eifrigem Geſpräch begriffen, traten heraus. Wie ſehr Bill auch ſeine Ohren ſpitzte, er verſtand nur ein⸗ zelne Worte, die aber, ganz ohne Zuſammenhang, keinen nähern Aufſchluß geben konnten. Plötzlich wurde es lauter und mit halb vor Zorn erſtickter Stimme hörte Bill ſagen: „Ho, ho, das iſt gegen unſere Uebereinkunft; habt Ihr nicht die Rolle mit Sovereigns(ein engliſches Goldſtück im Werthe von ſieben Thalern) ſchon vorausgenommen, und ſind wir nicht eins geworden, daß ich Euch nach der Hinrichtung den andern Theil Eures Blutgeldes übermache? Meint Ihr, mich ganz und gar in Euren Krallen zu haben? Ihr täuſchet Euch. Ich laſſe mich nicht ins Bockshorn jagen. Machts nicht zu toll oder ich ändere meine Aüöſage und lührribe Euch die That zu.“ „Feige, ſchmutzige Beſtie! Muttermörder! Ich ſage Dir, bis in acht Tagen bringſt Du die Summe, die ich gebrauche, nach Antrien. Du weißt den Eingang zu meiner Vor⸗ rathskammer, links unter dem Ginſterſtrauch neben dem großen Kellergewölbe des Schloſſes. Bis in acht Tagen ſpäteſtens, ſage ich Dir. Laß mich nicht warten, es möchte Dir ſchlecht bekommen. Ich denke, der ſchwarze Bob wird es verſtehen, ſich vom Galgen zu lügen und Dich dran zu bringen.“ Mit dieſer Drohung ſchwang ſich der Reiter in den Sattel und ritt davon, indeß der andere murrend in das Haus zu⸗ rückkehrte.— Von einem tiefen Grauen erfüllt über das Gehörte, und dennoch hoch erfreut, die ſichere Fährte gefunden zu haben, machte Bill ſich auf den Weg. Er folgte dem Reiter, der, ſobald er das Wirthshaus zum Eichbaum im Rücken hatte, langſamer ritt, bis dieſer endlich da, wo die Wege ſich theilten, im Dickicht verſchwand. Das Gefühl, den Zweck ſeiner Sendung vollſtändig erreicht zu haben, hatte Bills Schritte beflügelt. Erſtaunt ſah der Vikar den ver⸗ hängnißvollen Boten unerwartet früh wieder bei ſich eintreten. Mit noch größerm Erſtaunen indeß hörte er deſſen Erzäh⸗ lung an. Kurz, bündig, mit Klarheit und Anſchaulichkeit gegeben, war der Friedensrichter nicht nur befriedigt, ſondern er, wie auch der Vikar, konnten nicht faſſen, wie ein Mann aus den unterſten Schichten der Geſellſchaft die Kunſt, zu beobachten und darzuſtellen, in ſolchem Grade ausgebildet haben konnte. „Und haſt Du,“ fragte der Friedensrichter, nicht viel⸗ leicht ein beſonderes Kennzeichen an dem muthmaßlichen Mörder wahrgenommen? Wie ſieht er ungefähr aus?“ „Er hat ſich ſelbſt den ſchwarzen Bob genannt, übrigens iſt es ein ächtes Galgengeſicht.“ „Haſt Du deren ſchon ſo viele geſehen?““ „Noch keines, aber ich denke, ſo wild und wüſt und ſcheu müſſen die Menſchen ausſehen, die ein ſchweres Verbrechen auf dem Herzen haben.“ „Iſt Dir in ſeiner Sprache nichts aufgefallen?“ „Ich glaube, Herr, er iſt ein Schottländer.“ „Kennſt Du die ſchottiſche Sprache ſo genau, daß Du ſolches ausſagen kannſt?“ „Ich kenne keinen Schotten; der ſchwarze Bob aber ſprach nicht engliſch, nicht iriſch, was ſoll er denn ſprechen? Seine Worte kamen hart und ſchwer über die Zunge.“ „Brav beobachtet, Bill, ganz brav,“ entgegnete Bills Gönner, der Vikar, und über das Antlitz beider Männer flog ein leichtes Lächeln. Es war kein Lächeln des Spottes, welches den Berichterſtatter hätte entmuthigen können, es war ein Lächeln menſchenfreundlichen Wohlwollens. Beiden Männern war bei einer langen und gewiſſenhaften Amts⸗ führung nicht ſelten die Gelegenheit geworden, tiefe Blicke in des Menſchen Herz zu thun. Ihnen legte es ſich oft in nicht bewachten Augenblicken auseinander, und ſie verſtanden ſeine Bewegungen dann wohl gar beſſer, als der Beſitzer ſelbſt. Ihr ſcharfes, geübtes Auge entdeckte hier eine Gold⸗ grube nicht allein von redlicher treuer Geſinnung, ſondern noch von manchen trefflichen, praktiſchen Anlagen, die aus⸗ zubilden es noch nicht zu ſpät war, obgleich Bill ſchon mit ſtarken Schritten dem dreißigſten Jahre entgegenging, es vielleicht gar ſchon überſchritten hatte. Sie ſchickten ihn einſt⸗ 94 weilen zurück zur Heimath, zur Familie und zur gewohnten Arbeit, gaben ihm jedoch die Weiſung, ſich bereit zu halten, ſeine Ausſagen vor dem Aſſiſenhofe, Angeſichts des Pu⸗ blikums und der Thäter zu wiederholen. Beide Freunde waren gegenwärtig ſo hingenommen von der Angelegenheit des unglücklichen Biedermannes, daß ſie erſt nach Beendigung des Prozeſſes mit Ernſt und Wärme eine andere, ihnen als Menſchenfreunde nicht gleichgültige Aufgabe zu löſen im Stande waren. Mit ſich ſelbſt zufrieden, mit Zuverſicht auf die Freund⸗ ſchaft des Oberrichters und des Vikars trauend, ging Bill unbeirrt um das, was geſchehen war, unbekümmert um das, was geſchehen werde, aufs neue freudig an ſein Tagewerk, wie er es zu thun gewohnt war von früher Kindheit än. Eltern und Kinder machten einander das Leben leicht und erheiterten einander. Sie kannten keinen Wunſch, als die Fortdauer des gegenwärtigen Zuſtandes. Sie beſaßen die ächte Lebens⸗ weisheit, nach welcher die Menſchen rennen und jagen und kämpfen. Hier hätten ſie es lernen können, daß dieſe Weisheit nicht durch Grübeln errungen, nicht aus Büchern herausge⸗ klaubt wird, daß ſie nur einem gläubigen Gemüth und einem einfältigen Herzen in vollen Strömen entguillt, ſich wohl⸗ thuend über unſer Sein ergießt, und daß, von ihrem Hauch angeweht, von ihrer Wärme durchglüht, die herrlichſten Blüthen erſprießen, die erquickendſten Früchte reifen. Der Vikar und der Oberrichter, beide im Wirken gereifte und bewährte Männer, welche dieſen ſeltenen Seelenfrieden über Alles ſchätzten, ſahen doch weiter hinaus und wünſchten den Eltern, hauptſächlich der Kinder wegen, einen ausgedehn⸗ teren Wirkungskreis. Sie gelobten ſich, vereint für das Wohl dieſer Familie zu ſorgen, ſobald jener wichtige Prozeß beendigt ſei, der die Theilnahme der ganzen Provinz ange⸗ regt hatte, von dem ſie ſelbſt tiefinnerlich ergriffen waren. Der unglückliche Prozeß nahm ſeinen geſetzmäßigen Ver⸗ lauf. Es iſt weder meine Aufgabe, noch meine Abſicht, meine jungen Leſer, dieſen vor Euren Augen ſich abwickeln zu laſſen, und die einzelnen Fäden eines Gewebes teufliſcher Bosheit bloszulegen. Ich möchte Eure jugendlich heitere Phantaſie nicht mit Schreckbildern des Verbrechens erfüllen, Euch nicht in das Menſchenherz, das ich Euch in ſeiner Lieb⸗ lichkeit, in ſeiner Gottähnlichkeit gezeigt habe, als in den Heerd der Sünde blicken laſſen. Das Leben wird Euch leider nicht ſchonen, bittere Erfahrungen werden Euch nicht erſpart werden; deßhalb laßt mich Euch den Ausgang in aller Kürze erzählen. Die Entdeckungen, die man durch Bill gemacht, hatten auf die rechte Spur geleitet. Das Geld ward gefunden in dem von dem ſchwarzen Bob ſelbſt bezeichneten Orte. Der Sovereign, welcher ſich unter der Baarſchaft des Fabrikanten Edward Marriſon gefunden, erwies ſich als derſelbe, welcher noch an der von dem Stiefſohne angegebenen Summe fehlte. Die Rolle war unberührt und das Gepräge von ein und demſelben Jahre. Ein vor längerer Zeit in Glasgow erlaſſener Steckbrief gegen den ſchwarzen Bob gab vollſtändige Aufklärung über dieſen, löſte jeden nur mög⸗ lichen Zweifel und redete Bill's Scharfſinn das Wort. Der Mörder, deſſen Schickſal einmal entſchieden war, hatte keinen Grund, ſeinen blutigen Geſellen, den eigentlichen Urheber der Greuelthat, zu ſchonen. Für dieſe verſtockten Böſewichter — gab es keine chriſtliche Liebe, keine göttliche Gnade; ſie waren der Hölle verfallen. Mit Luſt, mit höhniſcher Genug⸗ thuung klagte Einer den Andern an, ſonſt Jeder ſtolz auf ſeine liſtigen Erfindungen, ſchob jetzt Einer dem Andern dieſe zu. Jeder von ihnen wollte, gegen den Andern zeu⸗ gend, ſich ſelbſt retten, und ſo fielen beide in die Hand des Henkers. Wie ein Triumphator nach einem erfochtenen Siege, vom Volke begleitet, durch die Straßen Roms zog, ſo fuhr der Wagen des Edward Marriſon, von einer jubelnden Menge gefolgt, ſeinen Hauſe zu, als das„Nichtſchuldig“ von der Tribune herab erſcholl und dem Märtyrer Leben, Ehre und Freiheit wiedergab. Eben ſo ſchaarte man ſich um Bill, um zu ſehen, zu hören, ihm die Hand zu drücken, ihm, der vom Herrn berufen war, die Wahrheit an's Licht zu bringen. Ein nicht geringeres Jauchzen der Volksmenge begleitete zwei Tage ſpäter einen Karren, auf welchem zwei bleiche, finſter blickende Männer ſaßen. Die Blicke, die ſie von Zeit zu Zeit einander zuwarfen, waren voll Haß und Grimm. Sie hatten jeden geiſtlichen Beiſtand verſchmäht, jeden Troſt der Religion hartnäckig von ſich gewieſen, aber beide ſchrieen wild auf, beide erbleichten noch mehr, als ſie das dreiarmige Inſtrument, den Galgen, zu Geſicht be⸗ kamen. Zehntes Kapitel. So gewaltſame Erſchütterungen waren nicht ſpurlos an Edward Marriſon vorüber gegangen. Ein ſchweres Ner⸗ venfieber war die nächſte Folge. Lange Zeit ſchwebte er in Todesgefahr, lange Tage und Nächte wachten Weib und Kinder an dem Krankenbette des Geliebten. Er war ihnen kaum auf eine ſo wunderbare Weiſe wiedergegeben, und abermals waren ſie von ſeinem Verluſt bedroht. Der treue Freund aus Antrien bewährte ſich auch hier. Nicht ſo oft ſeine Liebe ihn hinzog, aber ſo oft ſeine Amtsgeſchäfte es zuließen, machte er den Weg nach Antrien. Seine Anwe⸗ ſenheit war dort immer von geſegneter Wirkung, wenn auch nicht für den Kranken, der entweder in wilden Fieberphan⸗ taſieen oder todtenähnlicher Abſpannung da lag. Die Umgebungen trugen jedesmal geſtärkter durch den Glauben an die himmliſche Gnade die ſchwere Prüfung. Jedesmal ſahen ſie gefaßter und ergebener in Gottes Willen dem zweifelhaften Ausgange entgegen, wenn ſie mit dem Vikar vereint ein inbrünſtiges Gebet zum Himmel geſchickt hatten. „Wie der Herr es in ſeiner Weisheit beſchloſſen, mag es kommen; der Name des Herrn ſei geprieſen von Ewigkeit zu Ewigkeit;“ war die demüthige Antwort der frommen Frau Marriſon, als der Arzt ihr jede Hoffnung auf die Geneſung ihres Gatten abſchnitt.„Der Name des Herrn ſei geprie⸗ ſen von Ewigkeit zu Ewigkeit,“ betete ſie voll Dankbarkeit, als zum Zweitenmale in einem Wunder ſich Gottes Allmacht offenbarte und durch ſeine Gnade mittelbar Unglaubliches 7 95 geſchah. Der Todesengel, deſſen kalte bleiche Hand den Kranken ſchon berührt hatte, ließ ihn los und entſchwebte mit leiſem Rauſchen von dem Krankenbette, ohne ein Opfer zu fordern. Edward Marriſon genas. Die Roſen der Geſundheit begannen wieder zu erblühen auf den hohlen Wangen; Kraft und Lebensfriſche ſtrahlten wieder aus den Augen, die man ſchon für ewig geſchloſſen geglaubt. Alle dieſe erlebten Sorgen, all' das eigene Leid, das eigene Glück hatten Frau Marriſon den nicht vergeſſen laſſen, dem ſie nächſt Gott das Leben, die Erhaltung ihres Mannes zu verdanken hatte. Er war allerdings nur ein Werkzeug in der Hand deſſen geweſen, ohne deſſen die Vermittelung aller Menſchen⸗ witz, alle Menſchenklugheit ohnmächtig ſind. Er offenbart ſich oft in dem Schwächſten; er wählt die Vollſtrecker ſeines Willens nicht aus denen, die unter ihres Gleichen als die Höchſten gelten. Er läßt die Wespe die Retterin der Taube, die Maus die Befreierin des Löwen werden, und knüpft ſo ein unzerreißbares Band zwiſchen dem Schwachen und Star⸗ ken. Er zeigt, wie ſie alle Glieder einer großen Kette ſind, wie Einer dem Andern die Hand reichen, Einer dem Andern als Stütze dienen müſſe. Auch Euch wird das eine Lehre ſein, ſelbſt in dem geringſten Geſchöpf die Hoheit Gottes zu ehren, vor Allem aber in dem ärmſten und niedrigſt gebo⸗ renen Menſchen. Ich verweiſe Euch auf den frommen Knecht, den wir im Sinne des Herrn reden hörten und han⸗ deln ſahen. „Was Ihr einem der Geringſten Eurer Brüder thut, das thut Ihr mir,“ antwortete er ernſt, und das Wort ſollte auch an ihm ſich bewähren. Frau Marriſon war fromm, aber keineswegs weichlich. Sie war eine feſte, unverzagte und praktiſche Natur. In den ſorgenvollen Nächten überdachte ſie alle Fälle, die beſten und ſchlimmſten, die da kommen konnten. Sie machte Pläne, wie ſie an Bill und deſſen Familie ſich dankbar beweiſen wollte. Dieſe Dankbarkeit ſollte nicht durch ein Geſchenk ab⸗ gemacht werden; ſie ſollte ſich in liebevoller, verſtändiger Fürſorge für Eltern und Kinder äußern. Solche Gedan⸗ ken erheiterten ihr Gemüth. Mit der wiederkehrenden Ge⸗ ſundheit ihres Mannes nahmen ihre Pläne immer mehr Geſtalt an. Auch in der Phantaſie des Geneſenden tauchten ſolche Gedanken auf, und als das Bewußtſein zurückkehrte, als das Licht des Verſtandes die Zerrbilder, die das Fieber erzeugt, verſcheucht hatte, begann er über ſeine Vorſätze mit ſeiner Frau zu reden. „Ueberlaß das mir,“ brach dieſe jede nähere Beſprech⸗ ung ab;„überlaß mir die Sorge dafür; Du weißt, eine Frau verſteht die Bedürfniſſe beſſer zu erkennen und zu be⸗ friedigen. Ihr Männer gebt mit vollen Händen, aber Euer Sinn, immer auf das Große gerichtet, überſieht gern das Nöthigſte, ihr ſeid nicht immer fein genug, das Richtige zu treffen. Laß Dir meine Antwort genügen, daß Alles in beſtem Gange, und daß es mir Bedürfniß iſt, die Pflicht der Dankbarkeit gegen die zu erfüllen, durch welche Gott unſer Leid in Freude verkehrt hat.“ „Meine gute Jane, ich empfinde es jeden Augenblick mehr. Wer ein gutes Weib gefunden, hat mehr denn köſtliche Perlen und Edelſteine. Die Löſung einer ſo ſüßen Schuld ſei Dir über⸗ laſſen, mögeſt Du das Glück der wackern Leute fördern.“ 97 „Ihr Glück fördern? Ach Edward, wie tief beſchämt habe ich dieſem Menſchen gegenüber geſtanden, ihnen, die in ihrer Armuth ſo überſchwenglich glücklich, ſo glaubensvoll, ſo demüthig ſind, daß ſie den Beſitz ihres erworbenen Gel⸗ des gern aufgeben würden, wenn ſie es nicht als Gnaden⸗ geſchenk Gottes in Ehren hielten. Ich fürchte mich faſt, dieſen Frieden zu ſtören, aber dennoch erfordert die Erzie⸗ hung der Kinder, daß man einſchreite. Mit Gottes Beiſtand, mit dem Beiſtand des würdigen Vikars glaube ich den Weg gefunden zu haben, der am förderlichſten ſein dürfte.“ Es verging noch eine lange Zeit, ehe Edward Marriſon vollſtändig geneſen war; noch länger währte es, ehe er die verlorenen Kräfte wieder erlangte. Er bewährte ſich auch hier als ein ächter Chriſt; er ward nicht ungeduldig, wenn man ihn fern vom Geſchäftsleben hielt. Thätigkeit iſt das Lebenselement des Mannes; beſonders eines Mannes, der wie Edward Marriſon von Jugend auf daran gewöhnt war. Aus dem Buche der Bücher, der Bibel, lernte er in Geduld ſich fügen, und je mehr er ſich vertiefte, je mehr veredelte ſich ſein ganzes Weſen; er pries ſich als einen Wiedergeborenen, und die Prüfungszeit, die ſo grauenvoll begonnen, und dann ſo ſichtlich zum Heil geführt, als den ſegensreichſten Lebensabſchnitt. Wie der Vater in Geduld, ſo bewährten ſich Frau und Kinder in treuer Hingebung und Selbſtauf⸗ opferung. Ihr Sinnen und Trachten war nur darauf gerichtet, jedes auch noch ſo kleine Steinchen ihm aus dem Wege zu räumen, jede Blume für ihn zu brechen. Frau Jane und ihr früh gereifter Sohn beſonders erſetzten den Vater in der Häuslichkeit und dem Geſchäftsleben. Da der Winter mit Guter Rath iſt Geldes werth. 7 ———Thſ —4—— —— ———— 98 ungewöhnlicher Strenge ſeine Herrſchaft geltend gemacht, hatte man den Geneſenden ſehr langſam an den Genuß der friſchen Luft gewöhnen können. Nur an den hellſten Som⸗ mertagen führte die liebliche Fanni, ſeine Tochter, ihn durch die zugfreieſten Anlagen des Gartens. Man war überein⸗ gekommen, in den erſten Tagen nach dem heiligen Oſterfeſte, am zehnten April, die Geneſung des geliebten Gatten, Vaters und Freundes förmlich zu feiern. „Und willſt Du mich gar nicht über den großen Raſen⸗ platz nach dem Wäldchen, meinem Lieblingsplatze, führen, mein Kind?“ „Ich darf es nicht, Herzensväterchen; es weht dort immer ein ſcharfer Wind, und der Einſturz des Nebenhauſes macht den Anblick recht unfreundlich. Nicht wahr, Du folgſt mir lieber in die große Allee, wo wir geſchützt von keinen Lüftchen berührt wandeln können?“ „Nun, führe mich, wie Du willſt, Du kleine herrſch⸗ ſüchtige Perſon. Kraft⸗ und willenlos muß ich mich ſchon von meinen Kindern leiten laſſen. Aber warte nur; ich will's Euch vergelten und Euch mit demſelben Maaße meſ⸗ ſen, mit dem Ihr mich gemeſſen habt,“ ſprach der freund⸗ liche Mann, die roſigen Wangen ſeiner Führerin mit den hagern, bleichen Händen ſanft klopfend. Elftes Kapitel. In Bills und Bethy's ärmlicher Hütte hatte ſich ebenſo wenig verändert, als in ihrer Lebens⸗ und Denkungsweiſe. Der wachſende Wohlſtand hatte ſie weder läſſiger in ihrer Pflichterfüllung gemacht, noch ihre Bedürfniſſe geſteigert. Mit inniger Dankbarkeit gegen den Geber Alles Guten ge⸗ noſſen ſie jetzt Sonntags ihr Stück geräuchertes Schweine⸗ fleiſch zu den Kartoffeln und ein Schnittchen geſundes Brodes fehlte bei keiner Mahlzeit mehr. Die herangewach⸗ ſenen Ferken berechtigten zu neuen Hoffnungen; aber die Pläne, die ſie darauf gründeten, ſtiegen keineswegs ſo hoch in die Luft, als die jenes Milchmädchens, welches, beſchäf⸗ tigt mit dem vorzeitigen Bau ihres Schloſſes, nicht daran dachte, daß ſie den Milchkrug auf dem Kopfe trug, gegen einen Baum rannte, ihn, der alle ihre Hoffnungen barg, zerbrach, und ſo das Kind mit dem Bade verſchüttete. Eine neue Decke vertrat jetzt die Stelle der alten; dieſe war den Kindern als Erbtheil zugefallen. Reinlichkeit und Ordnung gaben dem Raume, in welchem Genügſamkeit und Zufrieden⸗ heit walteten, ein behaglicheres Anſehen, als mancher mit eleganten Möbels ausſtaffirte Salon, in welchem jene fehlen. Der Vikar, der mit ſeiner wackern Hausfrau zuweilen in Bills Hütte einkehrte, um das Thun und Treiben der Familie zu beobachten, hatte mit Freuden dies wahrgenom⸗ men. Voll aufrichtiger Theilnahme hatten Bill und Bethy das Geſchick Edward Marriſons verfolgt; ſie hatten mit 7* 100 deſſen Verwandten geſorgt und getrauert; ſie vergaßen nie⸗ mals, den ſchwergeprüften Mann in ihr frommes Gebet mit einzuſchließen; ſie jauchzten jetzt freudig auf, als ſie deſſen Geneſung erfahren hatten. Keinem von Beiden kam es in den Sinn, daß Edward Marriſon und die Seinen ſich ihre Schuldner wähnten. Sie hatten es nicht bemerkt, wenn der Vikar darauf hindeutete, daß ſie einſt ihre Hütte mit einem andern Wohnſitz vertauſchen würden, und es war ihnen nicht aufgefallen, daß der Farmer, in deſſen Dienſt ſie ſtanden, ihnen den Sonntag vor dem heiligen Oſterfeſte die Arbeit erließ. Sie erkannten dankbar dieſe rückſichts⸗ volle Güte und benutzten den freien Tag zur Säuberung der Hütte, zur feſttäglichen Ausſchmückung derſelben, zur Vorbereitung einer innern und äußern Oſterfeier. Es war ein herrlicher Apriltag. Der Frühling hatte mit ſeinem warmen Odem die Graſerſpitzen herausgelockt. Sie lagen wie ein zartes, durchſichtiges Gewebe ausgebrei⸗ tet über der Erde. Die Lenzesſonne liebäugelte und koſete mit den ſchwellenden Blätterknospen, die ſich ihr entgegen⸗ drängten; die Bächlein und Quellen ſchwatzten und die Luft war mit Duft und Klängen erfüllt; hie und da guckten zwiſchen dem dunkelgrünen Epheu, welcher Bills Hütte umſchlang, deſſen Blätter durch das Alter ſchon ihre zackige Form eingebüßt hatten, ein zarter, hellgrüner Trieb hervor und gab ihm das Anſehen friſchen Lebens. Drinnen aber in der Hütte fanden die Frühlingsſonnen, ſtrahlend, durch⸗ dringend wie die Blicke einer tüchtigen Hausſrau, keine Erinnerung mehr an den Winterſtaub und an die Schmutzes⸗ hülle, die der Rauch über die ärmlichen Möbels geworfen. 101 Sie war verſchwunden, und, erlöſt davon, glänzten ſie wie neu dem Feiertag entgegen. Als die freundlichen Geſichter des Vikars und ſeiner lieblichen Gattin wie ein Lenzesgruß durch die offene Thüre guckten, ſaß die Familie einmüthig um den Topf mit dampfenden Kartoffeln. Alleſammt hatten ſie die Hände zum Gebet gefalten, welches der Hausvater mit frommer Andacht ſprach. „Amen,“ rief es herein.„Aber nun ruhig geſpeiſt,“ ſprach der Angekommene,„und wenn Ihr genug habt, er⸗ laubt einen paar Wandersleuten, Eure Gäſte zu ſein. Sie ſind hungrig geworden von dem Marſch in der warmen Frühlingsluft.“ „Wenn Ihr guten Appetit und keine Anſprüche mitbringt, dann theilt unſere geringe Koſt,“ erwiederte Bethy, wäh⸗ rend Bill und die älteren Kinder verlegene Geſichter machten. „Wir werden Euerm Mahle alle Ehre anthun!“ Und ſo geſchah es. Das ſelbſt gebackene, lockere Brod, die dampfenden Kartoffeln dazu, das friſche Quellwaſſer, welches Petrik herbeiholte, mundeten den Städtern trefflich. Selbſt der kleine Reſt Whisky dünkte dem Vikar, der ein mäßiger Mann, aber kein Mitglied eines Mäßigkeitsvereins war, nach dem Spaziergange ein köſtlicher Labetrunk. „Soll man, darf man dieſen paradieſiſchen Frieden ſtören?“ fragte der Vikar ſeine Ehehälfte, die er nach dem Tiſchgebet auf die Seite genommen.„Vermögen wir Ihnen Beſſeres und Erſatz für Das, was ſie aufgeben, zu bieten?“ „Wohl ſollte man ſich nicht eigenmächtig in das Geſchick der Nebenmenſchen eindrängen. Es iſt nicht immer gut und 102 klug gethan, dem laufenden Rade eine andere Richtung geben zu wollen. Hier aber meine ich,“ ſprach die kluge Frau, „liegt die Sache anders. Hier hat die Hand Gottes deut⸗ lich den Weg gezeigt, daß wir den Wink verſtehen und die Vormundſchaft über dieſe harmloſen Naturkinder überneh⸗ men müſſen. Wir ſtehen an der Schwelle wichtiger Verän⸗ derungen,“ fuhr ſie mit faſt prophetiſch erhobener Stimme fort.„Es bahnen ſich andere Ereigniſſe den Weg. Der Men⸗ ſchengeiſt wird immer mehr geſpornt und durch das Bedürf⸗ niß zu Erfindungen gedrängt werden. Ob die Herzen beſſer werden durch das geiſtige Forſchen und Streben, ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, ob wir dieſe Zeit herbeiwünſchen, ob wir uns ihrer freuen, ob wir ſie fürchten ſollen. Fern iſt ſie nicht mehr. Unſere Freunde werden, wie ſie jetzt ſind, nicht hineinpaſſen; ſie würden, von den Bewegungen überfluthet, weggewiſcht werden. Sind ſie nicht mehr werth? Würden wir dies gleichgültig anſehen können, wir, die ſie vorzubereiten, zu erziehen vermögen, die berufen ſind, das zu thun? Sie würden freilich unbewußt, wie ſie ihr Glück genießen, das Unvermeidliche mit Ergebung tragen; ſie würden dieſe Leiden weniger empfinden. Aber ihre Kinder? Und iſt es nicht ſchöner, mit Bewußtſein zu wirken? das Glück, das uns vom Herrn gegeben, mit Bewußtſein zu ge⸗ nießen und das Unglück mit Würde zu tragen, als gedanken⸗ los hintaumeln in Freud und Leid?“ „Du haſt Recht, meine Traute, die Perle erhält ja ihren Werth erſt, wenn ſie geſund aus der Muſchel genom⸗ men; der Demant ſtrahlt erſt dann, wenn die rauhe Kruſte abgeſchliffen iſt. Ein Demant liegt in dieſer Hülle einge⸗ 103 ſchloſſen, möge er durch das Schleifen nichts von ſeinem Werthe verlieren! Gelingt es dann, wird er freilich ſein Licht weithin werfen. Wolle Gott unſer Vorhaben ſegnen!“ „Wie habt Ihr den morgenden Tag zu verbringen be⸗ ſchloſſen?“ richtete endlich nach dieſem Zwiegeſpräch mit ſeiner Frau der Vikar das Wort an Bill.“ „Wir werden morgen, ſo iſt es unſer Vorſatz, mit den Kindern hinüber nach Antrien gehen, um mit der Gemeinde die Auferſtehung des Herrn zu feiern und uns durch Euer Wort erbauen laſſen.“ „Da kommt Ihr meinen Wünſchen entgegen. Ich bin hier, Euch einzuladen. Ihr ſollt beide Feiertage in meinem Hauſe zubringen mit all Euern Kindern.“ „Ihr ſeid zu gut, lieber Herr.“ „Mit allen Kindern,“ fiel Bethy ein,„das iſt wohl dem Herrn Vikar nicht Ernſt, das würde eine ſchöne Unruhe am heiligen Oſterfeſte in Euerm Hauſe ſein.“ „Doch, doch, Bethy, mein Mann ſagt dies in Ueberein⸗ ſtimmung mit mir, aber er hat Euch noch nicht geſagt, daß Ihr nicht wieder heimkehren ſollt!“ „Nicht wieder heimkehren? Wo ſollen wir denn bleiben? Unſere Hütte, unſere Ferken, unſern Herrn verlaſſen? O ſagt uns, was iſt geſchehen? Was ſoll geſchehen?“ riefen beide Gatten erbleichend aus, während die Kinder, dies ſehend, verwundert die Augen aufriſſen. „Ihr habt,“ ſprach der Vikar,„Euer Schickſal in meine Hand gelegt, darum fügt Euch, lieben Leute. Ich hoffe, mit Gottes Hülfe, das Rechte gethan zu haben.“ War es Wehmuth, war es Freude, war es Beſorgniß, 104 was Bill und Bethy ſtumm machte? Wer kann es aufklären, wer vermag ſich ſelbſt Rechenſchaft zu geben über das, was in der Seele vorgeht, wenn dieſe ſo plötzlich und gewaltſam beſtürmt wird? „Unſere Hütte, unſere Schweine, unſer Herr!“ riefen Beide noch einmalz ſie ſchienen es nicht gehört zu haben, was der Vikar zu ihnen geſprochen hatte. „Quält Euch nicht nutzlos. Euer Herr weiß ſchon Alles. Ihr werdet, nachdem Ihr Euch während der Oſter⸗ tage durch Gebet und Andacht vorbereitet habt, mit uns nach Belfort gehen. In Antrien ſollt Ihr es erfahren, was dort geſchehen wird. Euern Herrn werdet Ihr dort finden. Eure Ferken und was Euch ſonſt lieb iſt, werden Euch nach Belfort folgen. Eure Hütte bleibt Euer Eigenthum, kein Anderer wird ſie bewohnen dürfen; vor dem Verfall wird ſie ebenfalls bewahrt werden. Wenn Euch das Heimweh übermannt in Eurer neuen Heimath, wenn Ihr Euch ſehnt nach den Erinnerungen einer vergangenen Zeit, dann könnt Ihr hinausgehen und Euer Herz laben an dem Anblick jener Stätte, wo Ihr ſo glücklich waret bis jetzt. Es liegt in Eurer Hand, noch glücklicher zu werden; Gott wird mit ſeiner Gnade bei Euch bleiben und Ihr Euch derſelben würdig machen.“ In einem heißen Thränenſtrom machten ſich endlich die Gefühle Bill's und Bethy's Luft; dann aber falteten ſie andächtig die Hände zum Gebet und ſprachen:„Wie Gott will.“ Unweit ihrer Hütte harrte ein Wagen, um ſie Alle auf⸗ zunehmen. Der Vikar hatte ihn nachkommen laſſen, denn er wollte das Aufſehen vermeiden, das es machen würde, 105 wenn er mit einer ſo großen Familie im Schlepptau durch Antrien zöge. Jubelnd beſtiegen die Kinder den Wagen; ſie hatten dergleichen ja noch nimmer erlebt, in tiefem Sin⸗ nen legten Bill und Bethy den Weg zurück; ſie wußten nicht, wie ihnen geſchah. Erſt allmälig wurden ſie klarer über Das, was mit ihnen vorging und noch vorgehen ſollte. Zwei Tage nach dem heiligen Oſterfeſte, am ſieben und vierzigſten Geburtstage Edward Marriſons, führte ſeine Gattin ihn zum erſten Male nach ſeinem Lieblingsplätzchen, dicht an jenem Hauſe vorüber, deſſen wir als ein verfalle⸗ nes ſchon erwähnt haben. Nach einem verfallenen Hauſe aber ſuchte Edward Marriſon vergebens, als er die Gegend ſeines Gartens nach langer Zeit wieder betrat. Ein neues, freundliches Häuschen blickte ihm mit ſeinen hellen Fenſtern einladend entgegen. „Habe ich das recht gemacht?“ fragte ihn ſeine Gattin, „habe ich nicht gegen Deinen Wunſch gehandelt, daß ich es für Bill und ſeine Familie beſtimmt habe?“ „O, ich unendlich geſegneter Mann!“ Mehr vermochte Edward Marriſon nicht zu ſagen. „Rege Dich nicht auf und laß mich wiſſen, ob unſere Pläne weiter hinaus in Eins zuſammenfließen. Soll Bill die Aufſicht in den Magazinen, Bethy die Leitung der Spinnſtuben übernehmen?“ „Woher kennſt Du meine Abſichten, woher, Jane, weißt Du, was ich beſchloſſen, ohne daß ich ein Wörtchen darüber verloren habe?“ „Bin ich denn nicht ſeit achtzehn Jahren Dein treues, von Dir geliebtes Weib? Sind wir denn nicht Eines im 106 Glauben, Lieben, Denken und Empfinden, ein Herz und eine Seele; wie ſollten wir nicht Eins ſein, wenn es gilt zu ſchaffen? Iſt das nicht eben die chriſtliche Ehe, daß beide Gatten aufgehen in einander, daß Alles, ohne Verabredung, dennoch in Uebereinſtimmung geſchieht? Jetzt ſchone Dich und ſiehe, ob ich auch in der Ausführung Deinem Bauplane getreu geblieben!“ „Ich habe ihn geſtern gezeichnet, er liegt in der Brief⸗ taſche, die ich bei mir trage; ich werde gleich beim Eintritt ſehen, ob Du davon abgewichen biſt.“ Edward und Jane betraten das kleine Haus; Anlage, Ausführung und Einrichtung überraſchten jenen ſo ſehr, daß der ſelbſtgefertigte Bauplan bald auf die Seite gelegt ward. Eine tiefe Stille herrſchte im ganzen Hauſe. Das Ehepaar hatte Küche und Keller, Vorrathskammer und Speicher, Wohn- und Schlafzimmer in Augenſchein ge⸗ nommen, die alle zur Aufnahme der zukünftigen Bewohner bereit ſtanden und keiner Bequemlichkeiten entbehrten. End⸗ lich waren ſie wieder hinunter, um in den Speiſeſaal zu gehen, welcher nach engliſcher Sitte immer im Parterre ſich befindet. Frau Marriſon öffnete die Thür mit einem verab⸗ redeten Zeichen, und laut und voll erklang es bei ihrem Eintritt:„Herr Gott, Dich loben wir!“ Der Vikar von Antrien, an der Spitze einer Verſammlung befreundeter, geliebter Menſchen, richtete einen erbaulichen Gruß an den zweifach Wiedergeborenen und ſchloß mit einem warmen, herzinnigen Gebet. Kein Herz war ungerührt, kein Auge trocken geblieben. Erſt nach und nach erkannte Der, welchem die Feier des Tages galt, die alten, treuen Freunde heraus, 107 den Friedensrichter, Bill und Bethy, und die beiden Far⸗ mers, die beiden dereinſtigen Brodherren Bills. Eine herz⸗ liche Umarmung ihres Gatten war für Jane Marriſon die ſchönſte Anerkennung. Siebentes Kapitel. „Mein Vater,“ erzählte der würdige Handelsherr, deſſen Mittheilungen ich die naturgetreuen Umriſſe dieſer Geſchichte verdanke, mein Vater trug große Sorgfalt, mich recht tüch⸗ tig für meinen Beruf auszubilden, um nicht einen Mann zu erziehen, dem nur über Soll und Haben ein Urtheil zu⸗ ſtehe. Nachdem ich von unten auf bei einem Spediteur, ſpäter in einem ehrenwerthen, aber nicht durch Speculation in die Höhe geſchwindelten Hauſe gedient hatte, ſagte er liebevoll, aber beſtimmt:„Jetzt, mein Sohn, wirſt Du Dich einige Jahre auf Reiſen begeben. Du ſollſt das Ge⸗ ſchäftsleben und die Kaufmannswelt des Auslandes in der Nähe ſehen und ganz beſonders die Fabriken kennen lernen; denn die Fabrikanten werden uns Banquiers bald über⸗ flügelt haben.“ Mir war ein ſolcher Befehl ganz angenehm; ich war mit Leib und Seele Kaufmann. Ebenſo einverſtanden war ich mit der Reiſeroute, die mir vorgelegt wurde, nur der Beſuch Irlands war nicht nach meinem Sinn, obgleich man mir viel von der poetiſchen Schönheit der Smaragdinſel vorgefabelt hatte. Mir fehlte in meiner Jugend jeder Hang 108 zur Romantik; ich verhöhnte einige meiner poetiſchen Kame⸗ raden, die gegenwärtig als Größen auf dem Parnaß her⸗ voorragen. Das grüne Erin mit ſeinem Schmuz und ſeiner Bettelhaftigkeit lockte mich nicht. Ich verſchob denn auch den Beſuch Irlands bis zu guter letzt und machte es um⸗ gekehrt wie die Kinder, die den Genuß des Liebſten ſich bis zum Schluß verſparen und allerdings dabei gewinnen. Die Erinnerung des Schönen wird nicht verdrängt von anderen neuen Eindrücken; bleibt daher länger haften. Umgehen durfte ich Irland nicht, denn mein Vater führte ein eiſernes Scepter. Ich danke ihm das noch jeden Tag, und mein Gehorſam hat mir in allen Dingen, wie auch bei dieſer Reiſe, treffliche Früchte getragen. Ich kam während der Oſtertage in Belfaſt an. Es war die erſte große Stadt, die ich in Irland ſah. Die Jahreszeit war nicht geeignet, die Gegend in ihrer wirklich reizenden Eigenthümlichkeit kennen zu lernen; dennoch beſiegte dieſe, obgleich nicht voll⸗ ſtändig entfaltet, mein Vorurtheil. Die poetiſche Saite in meinem tiefſten Innern ward wunderbar berührt.“ „In Belfaſt waren Briefe für mich angekommen bei einem mir durch einen Geſchäftsfreund empfohlenen Hauſe. Ich ließ, ermüdet von der Reiſe, mir dieſe holen. Sie wur⸗ den mir nicht durch den Gaſthofsdiener, ſondern von einem alten Comtoirbedienten überbracht, der zu gleicher Zeit eine Einladung für mich hatte. Eine ſolche Einladung war mir keineswegs etwas Unerwartetes, Neues. Die weitverzweig⸗ ten Handelsverbindungen meines Vaters öffneten mir Thür und Thor ſeiner ihm oft ganz fernſtehenden Geſchäftsfreunde. Die Aufnahme überall, möglichſt höflich, war faſt immer — 109 dieſelbe, denn auch für dieſe Fälle giebt es feſtſtehende For⸗ men. Hier fand ſich eine Ausnahme; es war eine Einladung zur Feier eines Familienfeſtes auf dem Lande und nahm mich einige Tage in Anſpruch. Das war mir im Ganzen noch weniger angenehm, als eine gewöhnliche Geſellſchaft, die in einigen Stunden abgemacht iſt. Ein Familienfeſt zu be⸗ gehen in einem mir ganz fremden Kreiſe, unter Menſchen, zu denen ich nur in fernſter Beziehung ſtand, die ſo gut wie gar keine iſt, war mir peinlich. Dennoch konnte ich die Einladung nicht ablehnen, und fand ich nicht einmal ſo viel Zeit, einen Höflichkeitsbeſuch zu machen und mich perſönlich vorzuſtellen, denn ich mußte meine Briefe unvorzüglich be⸗ antworten. Am andern Morgen hielt ziemlich früh, gegen die engliſchen Sitten(denn die Engländer fangen den Tag ſpäter an, als wir Deutſchen) ein mehr bequemer als ele⸗ ganter Wagen vor der Thüre des Hotels. Pferde und Livré entſprachen der Karroſſe. Die erſteren waren mehr kräftig als ſchön, die andere einfach und fein, aber nicht glänzend, vor Allem nicht mit Silber oder Gold überladen. Die jüngeren Chefs des Hauſes, Herr Edward Marriſon junior und Herr Patrik Stone, waren ſchöne Männer, ernſt und zuvorkommend, ſchlicht im Anzug und Benehmen. Ich wollte das Unterlaſſen meines Beſuches entſchuldigen, beide aber ſchnitten jede Entſchuldigung in offener und angeneh⸗ mer Weiſe ab und machten mich auf den ziemlich langen Weg mit der Veranlaſſung und Bedeutung dieſes Feſtes bekannt. Die Feier war allerdings eine ſeltene. Der zwei und ſieben⸗ zigſte Geburtstag des alten Herrn Edward Marriſon fiel, nach fünf und zwanzig Jahren, gerade wieder auf denſelben 110 Tag wie damals, als er, nachdem er ſchwere Prüfungen überwunden und Drangſale durchlebt hatte, zum erſten Male wieder ein neues Leben begann.“ 3 „Es iſt gewiß eine hohe und ſeltene Gnade des Herrn,“ ſchloß Patrik Stone die Erzählung ſeines Schwagers,„daß aus dieſem Kreiſe kein einziges Glied fehlt, daß Alle geſund und geiſtesfriſch ſind. Keiner der dort verſammelten Freunde hat in dem langen Zeitraume von fünf und zwanzig Jah⸗ ren ein Leid erfahren, nicht einmal eine vereitelte Hoffnung zu beklagen. William Roche, mein Schwiegervater,“ ſprach Herr Patrik Stone,„der Gatte derſelben kleinen Mary, die einſt ſeinem Vater beim Scheiden die Händchen entgegen⸗ ſtreckte, iſt der Neſtor des ganzen Kreiſes Er verdient die⸗ ſen Beinamen nicht nur ſeines Alters wegen; ſeine Weisheit, die das Glück unſerer Familie begründet, hat ſich in den verſchiedenſten Lebensverhältniſſen und Lagen bewährt. Er iſt klug wie die Schlangen und ohne Falſch wie die Tauben.“ „Wir waren unter den angenehmſten Geſprächen nach Billhouſe gekommen. Die Stunden waren verflogen ich wußte nicht wie; es war mir ſehr wohl in Geſellſchaft dieſer gediegenen Männer. Billhouſe war damals, ich hoffe es iſt noch ſo, kein Schloß in großartigem Style erbaut, eine ziemlich große Cottage mitten in einem herrlichen Park. Leider waren die prächtigen Bäume noch nicht in ihrem vol⸗ len Schmuck, nur ein leichter grüner Schleier der Birken⸗ zweige wallte über den ſchneeweißen Stämmen herab, wo⸗ gegen das glänzende Laub der Maochoniegebüſche, die dunkle ernſte Thuya und die Ceder eigenthümlich abſtachen.“ „Es iſt eine weiſe und practiſche Einrichtung in den eng⸗ liſchen Gärten, mehrere Gruppen immergrüner Bäume in der Nähe des Hauſes anzupflanzen. Ein klarer Bach durch⸗ ſchneidet belebend den Park von Billhouſe. Ich erkannte die Anweſenden nach der Beſchreibung der beiden Schwäger, 111 bevor ſie mir einzeln vorgeſtellt waren, vermißte aber in dem fröhlichen, lebensfriſchen Kreiſe ein Paar, auf deſſen Bekanntſchaft ich beſonders geſpannt war.“ „Meine Aeltern ſind im Garten,“ ſagte Elly Marriſon, des jüngern Edward Gattin,„wollen wir ſie aufſuchen, ſo⸗ erbiete ich mich, ihre Führerin zu ſein.“ „Mit Vergnügen durchwandelte ich in Geſellſchaft der verſtändigen und liebenswürdigen Frau den Park, ich freute mich der ſinnigen Anlagen und des herrlichen Raſens, der, glatt und dicht, ſchon jetzt einem grünen Teppich glich.“ „Die Epheuhütte,“ rief ich plötzlich und ſchritt ohne Umſtände durch die geöffnete Thür. Drinnen war Alles, wie Bill und Bethy es verlaſſen hatten, und ſie ſelbſt ſaßen Hand in Hand vor dem blankgeſcheuerten Tiſch. Die Zeit ſchien mir bei dieſem Anblick fünfundzwanzig Jahre ſtill geſtanden zu haben, erſchrocken fuhr ich zurück.“ „Treten Sie herein,“ ſprach ein hübſcher Mann mit treuen, blauen Augen und angenehmen Geſichtszügen.„Sie find uns willkommen!“ „Wir begrüßen in Ihnen gewiß den Herrn aus Deutſch⸗ land,“ fuhr eine anmuthige Matrone, mir die Hand reichend, fort.„Wir haben uns auf Ihre Bekanntſchaft gefreut und viel Gutes von Deutſchland und den Deutſchen gehört. Sie wundern ſich wohl, die beiden Alten fern von den Freunden, allein hier anzutreffen, aber es zieht uns immer mächtig hierher.“ „Liebe Bethy, Du vergiſſeſt, daß Du zu einem ganz Freunden ſprichſt.“ „Der aber mit Theilnahme die wunderbaren Ereigniſſe, die Sie erlebt haben, von Ihren Kindern erfahren hat; ich wundere mich nicht, Sie hier zu treffen. Hier weilen gewiß Ihre ſüßeſten Erinnerungen.“ „Dieſe Hütte iſt unſere Hauskapelle,“ nahm Bethy wieder das Wort,„wir glauben nirgend als gerade hier 112 dem Herrn ſo nahe im Gebet zu ſein. Hier haben meine wackeren Aeltern gelebt und gewaltet bis an ihr Lebensende; hier iſt der erſte Grund zu unſerm Glück gelegt worden. Hier haben wir die erſten Jahre unſerer Ehe durchlebt, hier ſind unſere Kinder geboren, hier waren wir glücklich, bis es dem Herrn gefallen hatte, uns hinauszuführen in ein be⸗ wegtes Leben. Hier haben wir immer neue Kräfte gefunden, wenn wir zagten und zweifelten. Wir ſind jedesmal demüthi⸗ ger und ſtärker hinausgetreten in die Welt. Wenn unſere Wünſche Gott gefallen, ſo wird in der Nähe dieſer Hütte dereinſt unſere letzte Ruheſtätte ſein.“ „Ich habe einige ſehr genußreiche Tage unter dieſen trefflichen Menſchen verlebt. Die Demanten in dieſem Kranze von Edelſteinen aber waren Bill und Bethy. Sie ſind ſich ihres Glückes bewußt; ſie ſchaffen und wirken mit Bewußtſein. Der Adel und die Reinheit ihres Weſens und ihrer Geſinnungen, die Demuth und Frömmigkeit ihres Herzens, die Würde ihres Benehmens, übten einen wunder⸗ baren Zauber auf ihre Umgebungen aus, denen ſie von ihrem innern Reichthum mittheilten. Meine Anſichten von Irland waren andere geworden. Nicht Literatur, nicht Lectüre, nur das Leben und die Wahrheit haben als ächte Poeſie, auch in mir den Sinn für jene Poeſie erweckt, die mit ihrem göttlichen Hauche das irdiſche Daſein verſchönt und veredelt. Mein Aufenthalt in Irland,“ ſo ſchloß der liebenswürdige Erzähler,„war für mich der lehrreichſte und von der nachhaltigſten Wirkung für meine Zukunft. Er gehört zu meinen liebſten Erinnerungen!“ Möchte auch in Euch, meine lieben Leſer und Leſerinnen, dieſe einfache Erzählung eine freundliche Erinnerung zurück⸗ laſſen. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 6 7 8 ſniſiſifnſtnſſ ennna 9 10 1