☛ ☛ᷣ Leih iothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr. offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. .3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet J wird. 5 d 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt: fü wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 7 3„=„ haben für Hin⸗ und Zur der Leſer z 7. Auslei beſonders darauf aufm er der Bücher nicht ſtattfind ſelben von mir geliehen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Die weiße nofe. ³ Noman aus der engliſchen Geſchichte von Auguſt Maqguet. Dus dem Franzöſiſchen Erſtes Kapitel. In einem der letzten Sommer des fünfzehnten Jahrhunderts, es war an einem Juniabend, kam eine Karawane von Reiſenden, Pferden, Maulthieren und Wagen, einen jener ſchwerzugänglichen Alpenpäſſe herab, welche gegen das Rhonethal ſich öffnen. Die Straße, tief eingeſchnitten zwiſchen hohen Granitwänden, zog ſich in leichten Windungen vor den Pilgern hin, als mit einemmal, etwa dreihundert Schritte vorwärts, der Sturz einer Lawine ihnen den Paß verlegte.. Einer rieſenhaften, mit einem Schlag niederge⸗ laſſenen Fallthür vergleichbar, hemmte die weiße Schneemaſſe den kleinen Zug erſt durch ihr Getöſe, hernach durch ihre Trümmer. 8 Es waren etwa zwanzig Menſchen aus verſchiede⸗ nen Ländern, welche, zuvor aus drei Gruppen beſte⸗ hend, ſich am jenſeitigen Fuß des Gebirgs vereinigt hatien⸗ um in jener gefahrvollen Zeit gegen Wölfe, lbgründe, Räuber und anderes Ungemach um ſo träftiger anzukämpfen. Durch die ganze Karawane ging beim Anblick des unüberſteiglichen Hinderniſſes ein lautes Wehkla⸗ gen. So nahe dem Ziele, da man ſchon wieder 1 4 plauen Himmel vor und über ſich ſah und unter ſich die goldglänzenden Auen des Rhonethals, da man in dem erſten Abendnebel ſchon den Nauch des Nacht⸗ lagers zu erkennen glaubte!— Wer leidenſchaftlichen Sinnes war, erſchöpfte ſich in Verwünſchungen, die Verſtändigen hielten Rath; eine Stimme ſchlug vor, nach dem letzten Nachtquartier umzukehren. Aber ſollte man einen gefährlichen Weg von acht Stunden in der Dunkelheit noch einmal machen, um den an⸗ dern Tag denſelben Marſch zum drittenmal anzutre⸗ ten?! Einſtimmig wurde die Umkehr verworfen. Darauf ſchlugen die jüngeren Leute vor, an Ort und Stelle im Freien zu uͤbernachten. So benützte man denn die letzte Tageshelle, um an den Felſenſpalten herumkletternd, harzige Tannenzweige abzuſchneiden oder die Stauden der Alpenroſe in Büſchel zu ſam⸗ meln. Bald war auf dieſe Weiſe das nöthige Brenn⸗ material beigeſchafft, und nachdem einige der Verwe⸗ genſten ſich von der vollſtändigen Unmöglichkeit überzeugt hatten, mit Umgehung der Lawine ins Freie zu kommen, machte Jeder ſich ein Lager von Flechten und Moos zurecht, und wählte ſich einen Winkel unter einem überhängenden Felſen, oder einen Platz am Feuer. Einige Schläuche machten die Runde, deren Inhalt lebhaften Zuſpruch fand, wäh⸗ rend die Führer der einzelnen Züge die Saumthiere abzäumen und ausſpannen oder abpacken ließen, unter der Obhut zweier mit Armbrüſten und langen Meſſern bewaffneten Schildwachen, welche den Zu⸗ gang von der Straße her beſetzten, um die Karawane vor nächtlichem Ueberfall zu ſchützen. Leute, die ſich zu einem Halt wider Willen verur⸗ theilt ſehen, haben eigentlich nur die Wahl zwiſchen Schlaf oder Unterhaltung. Einige Schläfer zogen ſich weg; die Mehrzahl, gelagert um das Licht und Wärme verbreitende Feuer, von dem ſchon rothe Flammen und dampfender Rauch aufſtieg, fing an zu plaudern, anfangs nicht ohne einiges Mißtrauen und über alltägliche Dinge, bald aber, vom Drang der Neugierde fortgezogen, kam man auf die Zeitereig⸗ niſſe zu ſprechen.— Welche Zeit und welche Ereig⸗ niſſe! Wenn je ein Zeitalter verlohnte darüber zu ſprechen, ſo war es jenes ſchreckenvolle fuͤnfzehnte Jahrhundert, welches gleich einer purpurroth aufge⸗ henden Sonne, ſich eröffnet batte mit den Schlächte⸗ reien Tamerlans und der Huſſiten; welches in Paris die Metzeleien der Armagnaes geſehen; in Frankreich Johanna von Are; in Deutſchland die erſten Verſuche Guttenbergs; im Morgenlande den Fall Conſtan⸗ tinopels; überall Ströme von Blut und Ströme neuer Gedanken: die Kunſt der Feuergeſchoſſe und jene des Bücherdrucks, beides eine neue Waffe für die Völker; ſodann den Kampf Ludwigs Xl. und Karls des Kühnen, Blutgerüſte, Galgen, Schlacht⸗ felder; dann die mörderiſchen Kämpfe von Granſon, Murten und Nancy, den Leichnam des Herzogs von Burgund, der in einer gefrorenen Lache von einer Wäſcherin gefunden ward; dann in Italien die Bor⸗ gia's; Alexander VI., der ſeine Tiara beim König von Frankreich einlöste und dafür den unglücklichen Prinzen Dſchem preisgab; Karl VIII., der die Bre⸗ tagne und das Herzogthum Mailand eroberte, um beides wieder zu verlieren; endlich in England die Glückswechſel der Häuſer York und Lancaſter; der 6 2 4 ſcheußliche Richard III., das Hinwürgen einer ganzen königlichen Familie, die Thronanmaßung des ſtebenten Heinrich, des Jahrelang Flüchtigen und Verbannten — das waren die Gegenſtände der Unterhaltung, 1 welche das zur Neige gehende fünfzehnte Jahrhundert den Reiſenden bot; wohl könnte man ſich wundern, wie zu jener Zeit, welche ſo viele Thaten geſehen, den deuten auch nur eine Minute zum Sprechen übrig lieb! Während die Unterhaltung ſich mehr und mehr be⸗ lebte, je nach Sinnes⸗ oder Stammesart der Theilneh⸗ mer, hatte ſich eine kleine Gruppe von Pilgern in den Schutz der Felſen zurückgezogen, unter ein natürliches Gewölbe, über das Rhododendren und Baumklee in voller Blüthe herabhingen. Es waren ihrer drei: 4 der eine ſchon grau vor Alter und ſchmutzig geklei⸗ det, wie damals die ärmeren Juden in Deutſchland, denen zu jener Zeit noch Alles aufſäßig war; der zweite, eine kräftige, breitſchulterige Geſtalt, ſonſt aber gering anzuſehen, wie etwa ein herrenloſer Kriegsknecht in jenen Tagen, er ſchien als Wachthund die beiden andern zu hüten; der dritte endlich, von dem man nichts unterſcheiden konnte als die weichen Um⸗ riſſe der in einen Mantel gehüllten Geſtalt, hatte ſich auf die Blätterſchütte niedergelegt, welche ſeine bei⸗ den Gefährten für ihn zugerichtet. Dieſe glaubten ihn eingeſchlafen, und ſtreckten ſich links und rechts neben ihm aus, um ebenfalls zu ſchlafen. Ddie Unterhaltung am Feuer hatte während dem unſtät hin⸗ und hergeſchwankt, die Schweizer aber (es waren ihrer zwei in der Geſellſchaft) verweilten mit Vorliebe bei den Kriegsthaten ihrer Landsleute; ſte hatten beide bei Murten mitgefochten, und be⸗ ſchrieben die berühmteſten Kämpfe. Ein Franzoſe erzählte von Karl's VIII. Einzug in Rom, von der ſtolzen Haltung des ſiegreichen Königs, wie er daher⸗ ritt, mit geſchloſſenem Viſter, die Lanze wider den Schenkel geſtemmt. Mehr Gehör als alle andern Erzähler fand ein Wollhändler, der aus dem Lande Wales zurückgekommen. Auch er wußte nur von Schlachten zu berichten und gab eine Schilderung des Blutbades von Bosworth, wo König Richard III. Krone und Leben verlor. Mit Schauder hatte er, da er des Weges kam, das vom friſch vergoſſenen Blut rauchende Schlachtfeld geſehen, er ſchilderte in anſchaulicher, aus franzöſtſch und vlämiſch gemiſchter Sprache, das finſtere Antlitz des Tyrannen, ſeine ver⸗ wachſene Schulter, ſeinen gerippartigen Arm, der eben ſo mörderiſch war im Kampf als der Gedanke ſeines Hirns im Rath; und bei jedem Zug, den er von dem königlichen Mörder zeichnete, überlief es die Zuhörer kalt, eine Frage überſtürzte die andere, und mehr als einer der Anweſenden ſchob in abergläubi⸗ ſcher Furcht ein Stück Holz mit dem Fuß in die Flamme, um die Finſterniß zu verſcheuchen, in der jener ſelbſt von den Verdammten der Hölle verſtoßene Schatten ſie beſchleichen könnte. Während der Kaufmann von dem Regiment Richards III. erzählte, das noch Allen im Gedächtniß nachzitterte, und jeder eine Bemerkung, mit andern Worten ein Verbrechen hinzufügte, fiel der Wider⸗ ſchein des Feuers bis hinüber an den Felſen, unter welchem jene drei Reiſenden ſchliefen und wäre die allgemeine Aufmerkſamkeit nicht anderswo beſchäftigt geweſen, ſo hätte man ſehen können, wie der Mantel des jüngſten Schläfers langſam ſich auseinander⸗ wickelte, wie allmählig ein blonder Kopf mit bleichem Geſicht aus dem Schatten ſich hob, gleichſam von dem Lichtſchimmer angezogen, welcher ihn wie ein Heiligenſchein einrahmte. Ein liebliches und doch verſtändiges Geſicht, mit blauen, in ſanftem Ausdruck ſchwimmenden Augen, die reinen Züge germaniſcher Abſtammung, bei der jugendliche Anmuth ſchon die künftige Kraft ahnen läßt; ein Mund, mehr angelernte als natürliche Zu⸗ rückhaltung verrathend, denn ſeine Lippen waren voll und friſch; Nachdenken, ja Leiden auf einer Stirn von ſtebzehn Jahren, dieß Alles enthüllte der fahle Schimmer, der von der Feuerſtelle bis zu dem Felſen hinüber ſich verlor. Der Jüngling überzeugte ſich, daß ſeine beiden Gefährten ſchliefen, dann richtete er ſich vollends in den Ellbogen auf, hielt das Auge auf die Gruppe der Sprechenden geheftet und horchte. Wie er lauſchte! nicht mit den Ohren, nicht mit dem Blick, nicht mit dem ganzen Körper, ſondern mit ganzer Seele. Was in ihm war von Geiſt, Kraft und Leben, ſchien ihm in die Augen getreten, welche immer heller leuchteten, wie die Fenſter an einem zuvor einſamen Haus. Man hätte glauben mögen, er athme jedes Wort ein mit den halbgeöffneten Lippen, und jedes von ihm aufgenommene Wort bringe in ſeinen Adern einen Tropfen Blut in Wallung, rufe eine Vorſtellung in ihm wach; er war wie einer jener ſchon erbleichten und erkalteten Todten, welche der elektriſche Strom Irnit einer Energie des Ausdrucks wiederbelebt, der Freundſchaſt, ihre Spiele; er beſchrieb die Schrecken 9 D die gewöhnliche Lebenskraft weit nachſteht. So kniend war er allmählig immer näher gekommen, ohne zu wiſſen wie, ohne den feuchten Boden, die ſchneidenden Kieſel zu fühlen. Man erzählte gerade die ſcheußlichſte von allen Greuelthaten Richards III., diejenige, welche ohne Zweifel das Wetter über ihm zuſammengezogen hatte: den Meuchelmord der beiden Prinzen, ſeiner Neffen, im Tower von London. Der Erzähler beſchrieb einfach und wahr die Schönheit dieſer beiden Kinder, ihre Unſchuld, ihre jenes verriegelten Gemachs, das plötzlich erfüllt war vom röthlichen Schimmer des Mondes; die ſchweren, gedämpften Tritte der Mörder, die ſchrecklichen Streiche der Meſſer auf die zarten Leiber der Kleinen, das zerreiſſende, von den Henkersknechten erſtickte Schreien der Schlachtopfer. Der junge Mann war vollends ganz aufgeſtanden; in dieſem Augenblick erhob er, verſtört und verſtellt, wie gewaltſam die Arme, ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, den die Bergſchluchten in langen Klage⸗ tönen wiederhallten, und ſiel ohne Bewußtſein in⸗ mitten der Gruppe nieder. Einige Worte, die er noch murmelte, konnten die Umſtehenden, welche ihn er⸗ ſchrocken aufhoben, nicht mehr verſtehen. Zweites Kapitel. Der Schrei des Jünglings und die darauf fol⸗ gende Unruhe, hatte die Schläfer, welche irgend eis, 34 10 drohende Gefahr fürchteten, bald auf die Beine ge⸗ bracht.— Seine beiden Gefährten zumal eilten mit dem lebhafteſten Ausdruck des Schmerzes in Miene und Geberde herbei. Der ältere, der Mann im abge⸗ tragenen Wamms und ärmlichen Mantel, nahm den Ohnmächtigen in die Arme, hob ihn auf und wieder⸗ holte mehrmals den verzweifelten Ausruf: „Armer junger Herr— was haben ſie ihm ge⸗ ſagt?“. Darauf, unter Vortritt des andern, der den Weg durch die Neugierigen bahnte, trug er den Leidenden zurück nach ſeinem Lager von Blättern, kühlte ſeine Stirne mit geſchmolzenem Schnee und behandelte ihn mit der pflegenden Sorgfalt eines Vaters. Dieſer Zwiſchenfall hatte das Plaudern am Feuer unterbrochen. Die Worte:„Was haben ſie ihm geſagt!“ verſetzten mehrere der Anweſenden in Er⸗ ſtaunen und Unruhe. Der Wollhändler zumal wollte eine ſo ſonderbare Beſchuldigung nicht auf ſich be⸗ ruhen laſſen, trat näher zu der Gruppe und fragte mit theilnehmendem, aber doch empfindlichem Aus⸗ druck:„Was fehlt dieſem jungen Manne?“ „Mein Herr,“ erwiderte der Alte,„ein gelehrter Kopf wäre es, der das ſagen könnte!“ „Es iſt euer Herr?“ „Ja, mein Herr... Seid Ihr vielleicht Arzt?“ „Ich bin ein Wollhändler, aber ich habe in mei⸗ nem Leben ſchon viele Kranke und Verwundete geſe⸗ hen, ich reiſe niemals ohne einen gewiſſen arabiſchen Balſam, deſſen Wirkung ich verbürgen kann...“ „s gibt keinen Balſam, der dieſen jungen Mann veilte,“ erwiderte der alte Diener mit einer Ungeduld, die er zu verbergen ſuchte, um der Achtung willen, welche die ganze Karawane den großen Wollſäcken des Fremden, ſeinen acht Dienern und ſeinen zwanzig Maulthieren erwies. „Ich habe auch ein Elixier von Aleppo,“ fuhr dienſtfertig der Kaufmann fort,„verſucht es damit, der junge Mann ſieht ſehr blaß aus.“ „Ja, ſehr blaß, in der That,“ murmelten, noch näher herantretend, mehrere Reiſende. Der alte Diener fühlte wohl, daß er etwas ant⸗ mhehn müſſe, um der allgemeinen Neugierde genug zu thun.⸗ „Mein Gott, ihr Herren,“ ſagte er,„wenn die Krankheit von geſtern wäre, würden wir eure theil⸗ nehmenden Dienſtanerbieten gewiß annehmen, aber wir kennen ſchon dieſes Leiden unſers Herrn. Er wird nicht lange leben. Als Kind hat der junge Herr einen Fall gethan und die Hirnſchale hat einen Sprung bekommen, ſeht hier die Narbe, ſo daß er zwei Jahre lang zwiſchen Tod und Leben ſchwebte, und als Wahnſinniger vom Krankenlager erſtanden iſt. Hernach iſt er wieder ſo ziemlich recht geworden, aber nie ſo ganz, denn was er thut und ſpricht, hat immer noch etwas ſeltſames an ſich, manchmal etwas dem Wahnſinn Aehnliches. Der arme Junge! Und doch möchte ich ihn noch lebend ſeiner Mutter zurück⸗ bringen, die mit Schmerzen ihn erwartet, und ſeit ſo vielen Jahren ihn beweint. „Wie ſo das?“ fragte der Kaufmann mit lebhaf⸗ ter Theilnahme, und gar nicht daran denkend, mit ſeiner Neugierde zurückzuhalten. „Ei was!“ fuhr der andere Diener des jungen * 12 Mannes auf,„das ſind unſere Familien⸗Angelegen⸗ heiten, mein Herr!“ „Ol ich bitte zu entſchuldigen,“ unterbrach ihn der Kaufmann, indem er ihn mit einem Seitenblick traf. „Jan,“ nahm der Alte wieder das Wort, zu ſei⸗ nem Gefährten ſich wendend,„da iſt kein Geheimniß, und dieſe unſere achtungswerthen Reiſegefährten dürfen Alles was uns begegnet, ſo gut wiſſen wie wir ſelber. Die Wahrheit iſt, der Vater dieſes jun⸗ gen Mannes, ein ſehr angeſehener Handlungsherr in Flandern, nahm ihn mit ſich auf die Reiſe, es ſind jetzt bald vier Jahre. Wie viel Länder ſie durchwan⸗ dert, weiß Gott; das aber iſt gewiß, in dem Lande, wo ſeine Mutter wohnt, hat man niemals Nachrichten von ihnen erhalten. Ich, meine Herren, bin einer der reiſenden Diener dieſes Handlungsherrn, und vor einem Vierteljahre erhielt ich von ihm einen Brief, der mich nach Conſtantinopel berief, wo ein bösartiges Fieber ihn befallen hatte. Ich eilte dort⸗ hin, der arme Mann mußte ſterben; er empfahl mir noch ſeinen Sohn, erzählte mir die Beſonderheiten ſeines Leidens, übergab mir ein Teſtament, und be⸗ fahl mir den Knaben zu ſeiner Mutter zu führen. Auf dem Wege dahin ſind wir jetzt, und nun wißt ihr ebenſoviel davon, als Zebäus, euer Diener.“ Als der Alte dieß geſagt, glaubte er ſich quitt mit der Verſammlung, allein der Kaufmann war zähe und begann nochmals: „Aber dann müßt Ihr uns auch keine Schuld geben, wie Ihr ſo eben gethan.“ „Ich euch Schuld geben, ihr Herren!“ rief Ze⸗ bäus mit einer Unterwürfigkeit, die mehr und mehr den Juden verrieth,„hab' ich denn wider jemanden Anklagen erhoben? hab ich hier jemanden Schuld gegeben?“ „Ihr habt gerufen: Was haben ſie ihm geſagt? Nun hatten aber wir dieſem jungen Manne gar Nichts geſagt; wir mußten nicht einmal, daß er uns hören konnte. Und was wir unter uns beſprachen, das waren lauter ehrbare und erlaubte Dinge, glaubt es mir.“ „Ach, meine Herren, wer zweifelt daran? Aber nehmt unſern erſten Schreck doch auch in Rechnung: beim geringſten Wort geberdet ſich der Knabe wie ein tollgewordenes Füllen. Wovon habt ihr geſpro⸗ chen, wenn ich fragen darf?“ „Von tauſenderlei gleichgültigen Dingen.... von den Grauſamkeiten Richard's III., glaub' ich... ja... von ſeinen ermordeten Neffen.“ „Da haben wir's! rief Zebäus, Knaben, die ver⸗ wundet worden, das bringt ihn allemal ganz außer ſich, ſeit ſeiner eigenen Verletzung, verſteht ihr; be⸗ denket nur, daß der Unglückliche faſt gar keine eige⸗ nen Gedanken hat; er haſcht ihm Fluge jeden der von außen her ihm zugeworfen wird; ſein Gedächt⸗ niß iſt null oder doch ſo verſtört, daß er nicht im Stand iſt Euch zu ſagen, wo er zu Hauſe iſt, wohin er geht. Er ſpricht von ſeinem armen todten Vater ſo gleichgültig wie von einem Fremden, in vollem Ernſt behauptet er, er kenne ſeine Mutter nicht. Mit einem Wort, es ſcheint er hat einen böſen Geiſt in ſich, der eine doppelte Rolle ſpielt, und ſo oft er den Mund öffnet, müſſen wir ihn überwachen, wie ein 14 kleines Kind, und ihn zum Schweigen bringen, wenn ſein böſer Geiſt zu viel Tollheiten ſpricht.“ „Es ſcheint aber doch nicht,“ erwiderte einer der Zuhörer,„daß ſein Seelenleiden tobſüchtiger Art iſt; denn ſeit wir geſtern am jenſeitigen Fuß des Ge⸗ birges mit Euch zuſammentrafen, hat er kein Zeichen von irgend welcher Aufregung blicken laſſen. Wie wir ihn zu Pferde ſahen, immer aufmerkſam, ruhig, ſchweigſam und ſchön, wie er unläugbar iſt: da hielten wir ihn anfangs für irgend einen vornehmen Herrn.“ „Warum nicht?“ ſagte der Kaufmann,„gleicht irgend etwas einem vornehmen Herrn mehr, als ein reicher Kaufherr?— Wie heißt Euer Herr, Zebäus? Ich kenne alle Handelsherrn von ganz Europa.“ Zebäus wollte eben eine Antwort geben, die wahrſcheinlich das Ende der Unterhaltung geworden wäre, als ein kräͤftiges Hollah der Wachpoſten die ganze Karawane in Bewegung brachte. Jeder griff nach dem Feuerrohr oder der Pike: Die Schildwa⸗ chen meldeten die Annäherung einer ziemlich zahl⸗ reichen Schaar, welche man um der eigenen Sicher⸗ heit willen nicht ohne Weiteres näher kommen laſſen konnte. Zebäus blieb um den jungen Mann. Er ſchien nicht eben ein großer Waffenheld zu ſein, aber Jan, der ſtaͤmmige Geſelle, zog alsbald ein kurzes aber mächtig breites Schwert, und reihte ſich der Vorhut an, welche die neuen Ankömmlinge auskund⸗ ſchaften ſollte. Dieſe hatten auch ihre Vorplänkler, aber ſo gut beritten und von ſo kriegeriſcher Haltung, mit einem ſolchen Reichthum in Waffen und Rüſtungen, daß 15 die Reiſenden alle mit einander genug zu thun ge⸗ habt hätten, nur den erſten Stoh dieſer feindlichen Vorhut auszuhalten. Ein mehr zur Schlacht gerüſteter als für die Reiſe angethaner Reiter, wie es ſchien, der Befehls⸗ haber des Trupps, ritt vor ſeine Vorhut, und redete ſchroff, mit herausfordernder Geringſchätzung, die * dieſſeitigen Schildwachen an. „Was ſoll das,“ ſragte er auf franzöſtſch,„wa⸗ rum kann man hier nicht durch?“ Die Schildwachen, es waren ſtarrköpfige Schwei⸗ zer, antworteten nur mit Fällen der Pike und einigen unverſtändlichen deutſchen Worten. „Aha!... Schweizerhunde!“ murmelte der Rei⸗ ter„wohl gar ein Hinterhalt.... Beim Gott des Himmels! Ich will euch zeigen, daß wir hier nicht bei Murten ſind!“ Und ſchon wandte er ſich, um ſeinen Leuten die Erzwingung des Durchgangs zu befehlen, als der Vollhändler, welcher ſich genähert und Alles mit an⸗ gehört hatte, wenn auch keinen Oelzweig, doch ein annenreis in der Hand, hervortrat. „Ei! Herr Ritter,“ rief er, ebenfalls auf franzöſtſch und im kläglichſten Ton,„haltet doch nur ein!... Seht Ihr nicht, daß dieſe wackern Schweizer Eure Sprache nicht verſtehen?“ der Gewappnete machte wirklich halt. „Schweizer oder Teufel,“ erwiderte er,„wer die eingelegte Lanze zum Sprechen braucht, der macht ſich verſtändlich genug, und wir werden ihnen zeigen, daß uns dieſe Sprechweiſe geläufig iſt. Alſo geht aus — 16 dem Wege guter Freund und laſſet uns ſie über e Haufen rennen.“ „Aber, mein Herr, es geſchieht um Euretwillen, daß ſte Euch anhalten!“ „Wie ſo?“ „Die Straße iſt durch eine Lawine verſchüttet, das hat auch uns aufgehalten. Ich, mein Herr, bin Engländer, und nichts weniger als Schweizer; ich ſpreche franzöſiſch, einmal aus Vorliebe für dieſe ſchöne Sprache, und auch theilweiſe von Geſchäfts⸗ wegen. Aber ich kann auch beutſch, und wenn Ihr erlaubt, werde ich dieſen Verner Bären Alles ver⸗ deutſchen was Euch zu wünſchen beliebt.“ „Freier Paß, das iſt Alles,“ ſagte der Ritter, „freien Paß, wär' es auch nur, um zu ſehen ob wir es mit irgend einem ſchlechten Streich, mit irgend einem Hinterhalt zu thun haben oder nicht.“ „Mißtraut man mir?“ unterbrach ihn der Woll⸗ händler unwillig,„mir, der Frieden zu ſtiften ſucht .... Uebrigens, thut nach Eurem Gutdünken; was ſoll ich mich dazwiſchen legen?... Ich reiſe als brit⸗ tiſcher Unterthan: Was mir auch Schlimmes wider⸗ fahren ſollte, mein Land iſt reich genug es zu bezah⸗ len, mächtig genug, um es zu rächen. Nur zu!“ So ſprechend hatte der Kaufmann die Arme ge⸗ kreuzt mit einer großartigen Haltung, die majeſtä⸗ tiſch ausſehen ſollte. Nicht ohne lebhafte Befriedi⸗ gung ſah er nach der Seite blinzelnd, wie der furcht⸗ bare Krieger zögerte. Die Schweizer ihrerſeits, an der Stelle feſtge wurzelt wie eingerammte Pfaͤhle mit daran gelehnten Piken, verharrten unbeweglich in ihrer feindlichen 17 altung, während hinter ihnen die Uebrigen ver⸗ ſuchten ſie zu beruhigen und ihnen fortwährend in die Ohren riefen, daß mit ihrem übergroßen Eifer das Ende der Sache nur ein allgemeines Blutbad ſein würde; einige riefen ſogar, ſo laut ſie konnten, ſte ſeien ehrliche unbeſcholtene Leute, die mit Nie⸗ mand anbinden wollten. „Und dann,“ ſagte der Reiter,„was bedeutet dieſes verdächtige Feuer, deſſen rothen Widerſchein dort am Felſen wir ſchon lange bemerken?“ Der Wollhändler antwortete: „Dieß iſt das Wachtfeuer, an dem wir, ſo gut es geht, die Nacht hinbringen: es iſt friſch heute Nacht; merkt Ihr es nicht auch unter Eurer Eiſen⸗ ſchale?“ „Kommt näher, Herr Ritter, kommt näher und überzeugt Euch, riefen mehrere Stimmen.“ „Mag ſein, mit dem Feuer hat es ſeine Rich⸗ tigkeit,“ erwiderte der Ritter,„aber wird man mir wohl ſagen, woher kam jener klägliche Schrei, welcher kaum vorhin uns zu Häupten wiederhallte, als wir die Schlucht herunterkamen? War es nicht ein Reiſender, den ihr überfallen, geplündert und niedergemacht habt?... O! keine Geſichter, meine Herrn! ich weiß wohl, es will Niemand ſo ehrlich ſein als die Spitzbuben, und, Schweizer oder nicht, ich ſehe hier Geſtalten,...“ fügte der Ritter hinzu mit einem Uebermuth, welcher den ganzen burgundiſchen Groll, ſowie das Bewußtſein der Ueberlegenheit deutlich merken ließ. Der Wollhändler hütete ſich wohl, dieſes gute Franzöſiſch den Berner Söhnen zu verdeutſchen. Maquet, Weiße Roſe⸗ 2 18 Ob dieſe die Rede dennoch verſtanden, oder ob ſie aus dem Ton der Rede und aus der grimmigen Art, wie er ſeine Waffen und Rüſtung aneinander⸗ klirren ließ, ein gutes Theil davon erriethen— ſoviel iſt gewiß, ſie brummten wie der Bär, den ihre Heimath im Wappen führt, aber ebenſo klu⸗ gerweiſe, im Hinblick auf die zehn Piken und die zwanzig Feuerröhren, welche die feindlichen Reihen zeigten, ſchwiegen ſie ſtill und ſtellten ſich rechts und links auf, der Aufforderung folgend, welche ihre Reiſegefährten beſorglich ihnen wiederholten. „Ich habe noch immer keine Auskunft erhalten über jenes Wehgeſchrei,“ hob der gewappnete Rei⸗ ter wieder an, hinter welchem langſam mehrere andere Ritter von vornehmem Ausſehen ſich auf⸗ geſtellt hatten, ihnen voraus eine reich in Sam⸗ met und Marderpelz gekleidete Dame auf einem herrlichen andaluſtſchen Zelter von ſchneeweißer Farbe, deſſen Mähne mit feuerfarbigen Bändern durchflochten war. „Mein Gott, dieſer Schrei,“ ſagte der Kauf⸗ mann, indem er das ganze Verhör über ſich er⸗ gehen ließ,„laßt uns doch Zeit Euch zu antwor⸗ ten; dieſer Schrei bedeutet nicht, daß man Jeman⸗ den umgebracht... Er kam von dem unſchuldig⸗ ſten Geſchöpf, das unter dem Himmel ſchläft, das hier umgeben iſt von einer achtbaren Geſellſchaft ehrſamer Geſchäftsleute.... und.... „Da ſind allerdings ehrbare Leute genug, um ein unſchuldiges Weſen zum Schreien zu bringen; erklart Euch beſſer und ſchneller,“ unterbrach ihn der Ritter, dem eine Bewegung der Ungeduld hin⸗ 19 ter ihm nicht entging: der weiße Zelter hatte die Mähne geſchüttelt. „Mein Herr,“ ſagte jetzt Zebäus, der ſich wie die andern genähert hatte bei dem Lärmen, den die ſich kreuzenden Fragen und Antworten, von Waffengeklirr begleitet, verurſachten,„Herr Ritter,“ verbeſſerte er ſich demüthig,„Alles was dieſer Herr Kaufmann ausſagt, iſt ſo wahr als käm' es von Gott ſelber; unſer junger Herr wurde beſtürzt und ſchrie auf aus ganz unbedeutender Urſache; er be⸗ kam einen Schreck an der Erzählung eines ſchauer⸗ lichen Märchens, das iſt Alles.“ „Was, an einem Märchen? das iſt, beim hei⸗ ligen Georg, eine ganz wahre Geſchichte!“ rief der Kaufmann, ärgerlich uͤber den Alten,„und noch da⸗ zu eine Königsgeſchichte.... Ein Märchen! die Ermordung der Söhne des Königs Eduard IV.... die Schurkerei des Tigers York, ihres Oheims ein Märchen!... Ihr ſeid nicht klug, lieber Freund, und ich meines Theils begreife gar wohl, daß ein Kind bei Erzählung ſolcher Schaudergeſchichten ohn⸗ mächtig werden kann!“ 2 Er lachte, der würdige Kaufmann, in der Mei⸗ nung, er habe eine gute Wirkung bei ſeinen Zuhö⸗ rern hervorgebracht. Der Aermſte wußte nicht, wie tief die Wirkung ſeiner Worte ging. Die Dame zu Pferd fuhr unwillkührlich im Sattel empor und ihr von der rußigen Fackelgluth grell beleuchtetes Geſicht überzog eine entſetzliche Bläſſe. Des Ritters Augen ſprühten auf wie zwei Raketen, und mit allen Zeichen der Ehrerbietung wandte er ſich raſch um gegen ſeine Herrin, welche noch zitterte von der Aufregung über jene letzten Worte. „Entſchuldigt ihn... Madame,“ flüſterte er ihr zu;„er weiß nicht, vor wem ſein Mund ſo kühn ge⸗ ſprochen.“ Die Dame heftete auf den Kaufmann einen tiefen Blick:„Von Euch,“ ſagte ſte,„kam dieſe Erzäh⸗ lung?“ „Ja wohl.... Madame,“ erwiderte der Kauf⸗ mann in ziemlich unſicherem Ton. 3„Wer ſeid Ihr?“ fuhr ſte mit vornehmer Kälte ort.. „Thomas Brook, Wollhändler, Madame.“ „Gut, Maſter Brook,“ ſagte die Dame in reinem Engliſch,„Ihr habt von Dingen geſprochen, welche ſür Wollhändler gleichgültig ſind. Laßt das nicht wieder geſchehen.“ So ſprach ſie und ritt vorwärts, indem ihr vom langen Reitkleid bedeckter Fuß den armen Teufel ſtreifte, der in ſeinem Erſtaunen nicht daran dachte, Platz zu machen, und ſtarren Blicks dieſes von Gram und Alter angegriffene Antlitz betrachtete, die ſtrenge Majeſtät der Stirne und Haltung, dieſes ſtolze durch einen goldnen Reif um das Haupt wohl bezeichnete Machtbewußtſein, das auch aus ihren flammenden Augen deutlich widerſtrahlte. Sie ritt vorüber und hielt vor Zebäus, welchen dieſe Auszeichnung nicht wenig beſtürzte, denn an allen Gliedern fing er an zu zittern. „Und Ihr,“ ſagte ſie,„Ihr ſeid der Diener des⸗ jenigen, der ohnmächtig geworden iſt?...“ „Ja, edle Dame.“ 21 „Wie er die Erzählung vom Unglück des Hauſes York hörte?“ „Ja.“ 4 „Führt mich zu dieſem Jüngling, ich will ihn ſehen.“ Zebäus wußte vor Angſt nicht mehr, nach welcher Seite ſich wenden, fand aber doch endlich mit ſeinen verſtörten Augen den Leitſtern, das Wachfeuer. Er ſchritt voran, der weiße Zelter ihm nach und wie der Huf des apokalyptiſchen Roſſes erklang auf dem Fel⸗ ſen der ſpröde, nervige Hufſchlag. Natürlich war die ganze Karawane furchtſam und ehrerbietig der Dame aus dem Weg gegangen, die unterdeſſen von ihrem kriegeriſchen Gefolge, die Büchſe in der Seite und die Lanze in der Fauſt er⸗ wartet wurde.. Nur jener Ritter, der erſte Führer des Gefolges, ſtieg ab und begleitete ſte zu Fuß nach der Stelle, welche Zebäus denn auch bald erreichte. Da lag auf ſeiner Streu von Blättern und duf⸗ tendem Gezweig der junge Mann, noch überwältigt von der ſchrecklichen Kriſis, und hatte, von Leiden erſchöpft, die Augen zu, die Zähne geſchloſſen, wie ein Todter. Zebäus nahm ſofort einen harzigen Brand aus dem Feuer, und, über ſeinen Herrn ſich beu⸗ gend, beleuchtete er deſſen bleiches Geſicht, ſo daß die Dame dieſes Schauſpiel betrachten konnte, was ſie nicht ohne Mitgefühl zu thun ſchien. Nichts ſchöneres, in ſeiner düſtern Poeſte, als dieſe in Schatten getauchte Stirn, als dieſe ſtolzen, wie aus weißem Marmor gehauenen, feinmodellirten Züge, als dieſe ſchon von der Bläſſe des ewigen Schlafes überhauchten Lippen. b Als die unbekannte Dame ſich haſtig herab beugte gegen den Körper des armen jungen Mannes, konnte ſte einen Schrei der Ueberraſchung nicht zurückhalten, Sie ſah noch einmal hin, und die Hand ergreifend, „O welche erſchreckende Aehnlichkeit!“ „Ich weiß nicht, ob ich denſelben Gedanken habe, wie Eure Hoheit, ſagte der Cavalier, aber mir iſt als ſehe ich...“ „Sprecht es aus!....“ „Euren Bruder, den König Eduard, im zwanzig⸗ ſten Jahr, wolltet Ihr das nicht ſagen, Madame?“ „Mein Bruder, ja! mein unglücklicher Bruder! „Nehmt Euch zuſammen, Madame, es ſind hier Ohren genug zum Aufpaſſen.“ „Das iſt wahr.“ Plötzlich wurde zwei Schritt hinter ihnen eine mächtige Stimme laut, es war Thomas Brook, wel⸗ cher, nachdem er ſich wieder gefaßt, in die Worte aus⸗ rach: „Ihr ſeht, edle Dame, daß wir Niemanden um⸗ gebracht haben und daß das Kind noch am Le⸗ ben iſt!! Bei dieſen Worten durchzuckte die Dame ein Schauder. Und doch enthielten ſie nichts Ungewöhn⸗ liches oder außer den Umſtänden Liegendes; aber in dieſem Augenblick, und unter dem Einfluß der Er⸗ innerungen, der Beziehungen, welche in ihrer Seele 23 ſich drängten, klangen ſte ihr, wie die vernehmliche ffenbarung einer übernatürlichen Stimme. „Das Kind iſt noch am Leben,“ wiederholte ſie leiſe, verſunken in jene Traumgedanken, welche ein kalter Alpenhauch, wie die andern Klänge und Düfte, ſchnell verwehte. „Dieſer Jüngling iſt wunderbar ſchön,“ ſagte hierauf die Dame mit lauter Stimme.„Was iſt ſein Name? Sein Stand? Seine Familie?“ „Das gerade ſollte ich erfahren, wie dieſe Stören⸗ friede kamen,“ murmelte der Wollhändler zwiſchen den Zähnen.. Zebäus nahm ſein ſanfteſtes Lächeln vor: „Gnädige Frau,“ ſagte er,„ſeine Familie gehört dem großen Handel an, dem Geld⸗ und Waaren⸗ geſchäft.“ Eine verächtliche Falte zog ſich zwiſchen den chwarzen Augbraunen der Hoheit zuſammen. „Sein Name ſteht mit allem Recht in hoher Achtung... Madame hat vielleicht von dem be⸗ rühmten Warbeck ſprechen hören?“. „Von Warbeck!— dem Juden?“ rief die Dame. „Getauft, bekehrt!“ kreiſchte Zebäus mit katzen⸗ hafter Schmiegſamkeit, die aber doch den ſeinem Geſicht unzerſtörbar aufgeprägten Ausdruck nicht verwiſchen konnte. Warum laſſen aber auch die krumme Naſe und die Fuchsſchnauze ſich nicht be⸗ kehren?! „Warbeck, von Tournai?“ fragte die fremde ame weiter. „Ganz richtig, Madame.“ „ Und dieſer Jüngling iſt ſein Sohn? 24 „Ja wohl,“ antwortete Zebäus. „Aber er ſelbſt, Warbeck, wo iſt er?“ „Nicht mehr auf dieſer Erde,“ ſeufzte Zebäus. „Todt!..., mein Gevatter Warbeck!...“ ſagte die Unbekannte. Und ihre ſchöne Hand, aus einem Handſchuh von dichtem Pelzwerk hervorſchlüpfend, machte das Zeichen des heiligen Kreuzes auf der Bruſt. Ihr Stallmeiſter that desgleichen. In ſeiner Eigenſchaft als Getaufter hatte Zebäus volle Freiheit, desgleichen zu thun. Warum unter⸗ ließ er es?— „Ach leider, ja! edle Dame,“ erwiderte er mit einer Lebendigkeit, welche, wie es ſchien, das nicht geſchlagene Kreuz erſetzen ſollte;„in Conſtantinopel iſt er verſchieden, und ich führe nun mit unſerem Freund, Jan, den jungen Herrn Perkin zurück ins väterliche Haus, wo eine troſtloſe Mutter ihn er⸗ wartet. „Ich ſehe, er iſt in einem traurigen Zuſtand, 4 ſagte die Fremde. Zebäus ſchüttelte den Kopf. „Der Arme iſt nicht fähig, zu Pferde weiter zu reiſen,“ fuhr die Dame fort,„er würde nicht leben⸗ dig nach Hauſe kommen.“ „Dann hätten wir nichts mehr zu thun, als auch unſere Herrin zu begraben,“ rief Zebäus mit einer Lebhaftigkeit des Geberdenſpiels, die ſeine Häßlichkeit noch abſchreckender machte. „Sie liebt alſo dieſen Sohn recht ſehr?“ „Ohl Madame!... ſie lebt nur durch die Hoff⸗ nung, ihn wieder in ihre Arme zu ſchließen.“ „Nun gut,“ erwiderte die vornehme Dame, 4 8 3 3* 25 „man ſoll nicht ſagen, ich habe der Familie War⸗ beck's, meines Gevatters, der mir und den Meinigen ſo lange er lebte, ſo viele Dienſte geleiſtet, meine Hülfe im Unglück verſagt.“ „Aber, Wadame,“ ſtammelte Zebäus ganz außer Faſſung,„unſere Reiſe ſollte zur Wittwe War⸗ 8... „Das ſoll ſie, Alter; ich werde mitgehen.“ „Aber wir ſollten ihn geleiten, hohe Frau.“ „Das werdet ihr auch ferner... nur geleitet ihr ſtatt eines Pferdes eine Sänfte, und wir wer⸗ den euch geleiten.“ Zebäus blickte auf Jan; Jan verneigte ſich bis „auf die Kniee; Zebäus verneigte ſich bis auf die Erde.. „Das iſt kein Unglück,“ dachte er,„für die Werthſachen, die ich bei mir trage. Dieſer Schelm von Jan hätte ſie mir unterwegs geſtohlen, wer weiß, er iſt ein Kerl darnach.“ Kaum war er mit dieſem Selbſtgeſpräch fertig, als zwei Diener der Dame den jungen Warbeck nach dem Befehl ihrer Herrin wegtrugen, und an⸗ dere, welche ſeit dem Beginn dieſes Auftritts einen Weg, um das Hinderniß zu umgehen, ſuchen muß⸗ ten, zurück kamen, um zu melden, ein ſolcher Weg ſei herzuſtellen mittelſt einſtündiger Arbeit an der Bergwandung und Fällung von einem Duzend Bäͤu⸗ men zum Weiterkommen der Pferde. Schon höoͤrte man die Schläͤge der Art und das Aechzen der ſtürzenden Baumſtämme. „Die Straße wird bald frei ſein,“ ſagte die Dame, gegen den Wollhändler ſich wendend,„und Allen, die hier ſind, wird es zu gut kommen.“ „Wer iſt doch dieſe Frau, die für ſich allein Straßen anlegen läßt durch den Granit der Alpen?“ fragte Thomas Brook einen der Kriegsleute. „Ihre Hoheit die verwittwete Frau Herzogin von Burgund,“ war die Antwort des Geharniſchten. „Die Wittwe Karl's des Kühnen!“ rief der Kaufmann aus und verbreitete dieſe Kunde ſofort in der ganzen Schaar. Die Schweizer zuckten die Achſeln. „Es ſcheint,“ ſagte einer von ihnen auf deutſch, „daß dieſes Haus nur dazu da iſt, um Alles auf der Welt in Unordnung zu verkehren. Der ver⸗ ſtorbene Herzog Karl machte ſich an die Menſchen, die Herzogin wagt ſich an die Berge.“— „ Still doch,“ murrte Thomas Brook.„Es iſt noch gut, daß Du deutſch ſprichſt.“ „Ein Schweizerkind iſt frei und ſpricht frei,“ ſagte der andere Berner. 2 „Dieſes Recht zu ſprechen, haben wir bei Gran⸗ ſon, Murten, Nancy erkauft und baar bezahlt. Fragt die Herzogin.“ Die Schweizer fingen an zu lachen. Plötzlich wandte ſich die Fürſtin mit Wuͤrde zu dieſen Leuten: „Was ihr nicht gekauft habt,“ ſagte ſie auf 27 deutſch,„das iſt das Recht, eine Frau zu beleidigen, die euch bereitwillig einen Dienſt erweiſen will. Ihr ſeid mir allzu ſtolz, ihr Bürger von Bern! Nicht Ihr habt den Herzog, meinen Herrn, beſtegt: es war der Zorn Gottes. Wenn ihr den nicht fürchtet, ſo fürchtet den meinigen;— es kam mir vor⸗ hin der Gedanke, euch hängen zu laſſen.“ „Ihr aber, Herr Kaufmann,“ fügte die Fürſtin hinzu und wandte ſich gegen den beſtürzten Brook, „verlaßt dieſe Geſellſchaft, ich rath' es Euch. Sie verachten Burgund, Ihr verläumdet York; Ihr ſeid nicht auf gutem Weg; und wenn Ihr ſo fortfahret, ſo könnt' es Euch ſchlimm bekommen!“ Brook ließ ſich das nicht zweimal ſagen; er verließ die Berner mit einem Satz, der dem ſchwer⸗ müthigen Ernſt der Herzogin beinah ein Lächeln abgenöthigt hätte. Die Schweizer drehten zitternd ihre Mützen in den Händen, ohne für dieſen Tag um patriotiſches Märtyrerthum ſich mehr zu kümmern. 3 Wir möchten nicht dafür ſtehen, daß jetzt, beim Vorüberziehen an der Stelle, wo die Schweizer ſtanden, burgundiſche Büchſenkolben und Lanzen⸗ ſchäfte nicht manche verſteckte Rache geübt für die blutigen Heldenthaten, von denen das Beinhaus bei Murten der Nachwelt erzählt.*) *) Dieſes Beinhaus ſtand auf Freiburger Gebiet, am Mur⸗ tener See, auf dem Schlachtfeld, eine Biertelſtunde von der Stadt; es wurde gebaut im Jahre 1485, alſo neun Jahre nach der Schlacht, in der 60,000 Burgunder von 34,000 Eidgenoſſen beſtegt wurden, und enthielt Knochen und Schädel der 15,000 in der Schlacht gefallenen Burgunder.— Seit 1798 ſteht das Bein⸗ haus nicht mehr; damals, es war zu Anfang März, wurde jahr 1850) noch ſteht. 28 Bald ſetzte ſich das Gefolge der Herzogin, ver⸗ ſtärkt durch die ganze folgſam gewordene Karawane, auf der neuen Straße in Marſch, und der Mond, hinter den zackigen Felsmaſſen aufgehend, ſchien hell auf die zuckende Wellenbewegung des langen Zugs, der wie eine Schlange durch die Bergſchluchten ſich herunterwand. Drittes Kapitel. Margaretha von York, verwittwete Herzogin von Burgund, war die Schweſter Eduards IV., des Va⸗ ters jener unglücklichen ermordeten Kinder, die Schweſter Richards von York, früheren Herzogs von Gloſter, des Mörders derſelben, die Schweſter des von ſeinen Brüdern getödteten Clarence. Man hatte ſie vermählt mit Karl dem Kühnen, einem der mächtigſten Fürſten ſeiner Zeit, und ſo kam Mar⸗ garetha von einem Hauſe, welches von jeher in Ver⸗ brechen und Gewaltthat ſchwamm, an einen blut⸗ und kriegsgewohnten Hof. Erzogen im Haß des franzöſiſchen Namens, hatte ſie dieſem Haſſe freien die Gegend von den Franzoſen beſetzt. Die Muſikanten der 75. Halb⸗Brigade, unter welchen einige Burgunder ſich befanden, wollten zuerſt das Beinhaus verbrennen, dann in die Luft ſpren⸗ gen, und als Beides nicht gelang, erhielt ein fanatiſcher Waadt⸗ länder die Erlaubniß, das Denkmal ſchleifen zu laſſen. Man legte Hand ans Werk, begrub die Knochen und pflanzte einen Frei⸗ heitsbaum, aber bald darauf an deſſen Stelle eine Linde. Erſt im Jahr 1822 errichtete Freiburg zum Andenken an die Schlacht einen 63 Fuß hohen Obelisk von Marmor, der gegenwirlig ſFruh A. d. U. 29 Lauf gelaſſen im Rath ihres Gatten, des unverſöhn⸗ lichſten Feindes der Könige von Frankreich, über die er vielleicht triumphirt hätte, wäre nicht Ludwig XI. geweſen, der Meiſter in der Argliſt, welcher den Krieg mit einem ſolchen Nebenbuhler mehr als ein⸗ mal zu vermeiden wußte, indem er zu rechter Zeit ihm jedesmal die gefährlichſten Feinde erweckte. So lange Karl der Kühne lebte, und ſelbſt nach ſeinem Tod, genoß Margaretha, die Schweſter des Königs von England,— Eduard IV. regierte da⸗ mals noch— in ganz Europa diejenige Achtung, welche ihr als ſouveräner Fürſtin gebührte. Nachdem ſte gezwungen worden, an Maria von Burgund,(die „Tochter Karls) die Staaten des verſtorbenen Herzogs abzutreten, hatte ſie in Flandern ein prachtvolles Witthum ſich erhalten. Zmmer noch war ſie Fürſtin und behielt an ihrer Familie in England eine Stütze. Als Eduard IV. geſtorben war, folgte ihm ſein Sohn Eduard V., noch ein Kind. Es war wieder ein König, deſſen Tante Margaretha war. Ihr Anſehen blieb ſich gleich: der ſchaudervolle Mordanſchlag Richard's auf ſeine und ihre Neffen raubte zwar Eduard V. Krone und Leben; aber Richard III. war ſein Nachfolger; und dieſes Ungeheuer war gleich⸗ wohl Margarethen's Bruder; er war König: die Trauer der Familie hatte der Herzogin von Burgund Nichts von ihrer Macht genommen. York und die weiße Roſe glänzten auf Englands Thron. Aber plötzlich änderte ſich die Scene. Ein Verbann⸗ ter, der Graf Richmond, erſcheint. Er landet mit einem Heer; er bedroht Richard III. auf ſeinem Thron. Der Kampf entbrennt. Der Tyrann unterliegt und fällt 5, auf der Ebene von Bosworth. Richmond läßt ſich als Heinrich VII. krönen. York iſt gefallen, Lanca⸗ ſter iſt auf dem Thron. Margarethen bleibt nichts als die Erinnerungen einer ſtolzen Vergangenheit; umſonſt waren Uſurpation, Meuchelmord, Gräuel aller Art, mit deren Hülfe York ſo hoch geſtiegen war! Um allein zu regieren hatte Richard III. die weiße Roſe völlig entblättert; ſtolz entfaltet ſich die rothe Roſe auf Englands Wappenſchild. Von ſo ſchwerem Mißgeſchickbetroffen, ſchaut Mar⸗ garetha ſich um nach allen Seiten. Ueberall nichts als Trümmer und Zerſtörung: Ludwig XI. hat in aller Ruhe den Enkeln Karls des Kühnen Burgund wieder abgenommen. Karl VIII., der König von Frankreich weiß nicht einmal mehr, ob der Name Burgund je vorhanden war. In England ſcharrt Heinrich VII. im Frieden ſeine Goldhaufen zuſammen, die er ab⸗ göttiſch verehrt. Er iſt König ungeſtört; ſeine Nebenbuhler vom Hauſe York ſind verſchwunden. Eine einzige Blüthe von dieſem glorreichen Na⸗ men lebt noch erſtorbenerweiſe in den Finſterniſſen des Towers von London: es iſt ein Sohn von Cla⸗ rence, ein Warwick, den das Volk einſt liebte, den es aber kaum noch am Leben glaubt. Wohl lebt noch eine Tochter Eduards IV.; Heinrich VII., der Schlaue, hat ſie geheirathet. Eliſabeth von York iſt Königin von England. Freudig ſah die Nation die Verbindung der beiden Roſen; endlich, nach ſo viel Blutvergießen in den Bürgerkriegen, winkte die Hoff⸗ nung auf Eintracht, auf Frieden. Und Margaretha, die Herzogin von Burgund, ſte iſt die Tante der Königin; eine letzte Hoffnung: wenn die Königin ſich erinnert, daß ſte dem Hauſe York entſproſſen iſt. Auch fängt ſie an, mit der angeſtammten Feinheit burgundiſcher Politik, ihre Nichte Eliſabeth zu um⸗ ſchleichen, um ihre Geſinnung kennen zu lernen. Sie knüpft einen Briefwechſel an mit ihrer Schwägerin, der Königin⸗Wittwe von England, die an der Seite Eduards IV. auf dem Thron geſeſſen. Vielleicht, daß dieſe Fürſtin, welche Alles verlor, Gemahl, Kin⸗ der, Krone, vielleicht, daß ſie Margarethens heiße Sehnſucht verſtehen wird, einen Schatten von Macht wieder zu erlangen. Drei Frauen von Geiſt und Geſchick, wenn ſie ein enges Bündniß ſchließen, ſoll⸗ ten doch wohl Großes erreichen; und noch wäre, un⸗ geachtet grauſamer Verluſte, für Yorks Zukunft nicht Alles verloren. Margaretha, auf ihre Beſitzungen in Flandern zurückgezogen, ſpinnt mit Muße an dieſer kleinen In⸗ trigue, dem blaſſen Abglanz der großen Unterneh⸗ mungen ihrer ſchönern Zeit. Ihre Sendboten, ihre Kundſchafter kriechen bald am Boden, bald kommen ſte im Flug.— Was die Herzogin verlangt? Das KRecht nach England zurückzukehren, wenn ihr das Leben unter den Vlamingen entleidet iſt. Sie möchte auch ihren Antheil an den Krongütern des Hauſes York, die alle Heinrich VII. eingezogen hat. Ein⸗ mal umgeben von Engländern, einmal im Beſitze der Lehen, welche ihre Hülfsquellen aufs Doppelte brächten, würde Margaretha ſich ſtark genug fühlen, die ganze Welt zu bewegen. An der Neige ihrer Tage iſt der Geiſt des Mannes, der„der Kühne“ hieß, über ſte gekommen. Der Schatten des wilden Bur⸗ 32 gunden⸗Herzogs ruft ſie wach in den flandriſchen Nebelnächten; Ehre, Rache, flüſtert er ihr zu. Was kann Margaretha verlieren auf dieſer Welt: ſie hat kein Vaterland, keine Liebe, keine Kinder. Mit jedem Jahr wird die Machtloſigkeit für die⸗ ſen heißen Kopf eine unerträglichere Qual. Sie macht Reiſen, um ſich mit einer Art von Thätigkeit zu täuſchen. In Savoyen, in Deutſchland knüpft ſie Einverſtändniſſe an. Sogar nach Schottland hat ſie ſich gewandt, wo der junge König Jakob IV. ſeine Grenzen dem ländergierigen Heinrich VII. ſtreitig macht, und nur auf eine gute Gelegenheit wartet um ſein Gebiet abzurunden. Wenn Margaretha, die ſich Reichthümer geſammelt, weil ſte zu wirthſchaften verſtand, einen paſſenden Verbündeten fände, um auf Heinrich VII. einen Druck auszuüben, ſo würde die⸗ ſer Monarch gewiß bald ihren Forderungen gerecht werden. Die Zeit vergeht. Schon mehrmals hat Marga⸗ retha, des Wartens müde, verſteckte Verſuche gemacht. Bei Gelegenheit des Betrügers Lambert Simnel, welcher ſich für den aus dem Tower entkommenen Warwick ausgab, hat die Herzogin ſich von der Liebe der Engländer für das Haus York überzeugt. Simnel iſt beſtegt und durch die Begnadigung des Königs unſchädlich gemacht worden. Alle von Eliſa⸗ beth angeknüpften Fäden ſind in der Stille abge⸗ ſchnitten—, aber Heinrich VlII. iſt zum Kampf genöthigt worden. Er mußte kämpfen, dem Willen der engliſchen Nation zuwider, und wenn das Glück dießmal ihm noch gelächelt hat, warum ſollte es nicht bei einer andern Gelegenheit, ihm untreu —:——— 33 werden? Laßt ihn im Kampf getödtet werden, wie Richard III., und ſeine Gemahlin Eliſabeth, eine York iſt alleinige Königin! Darum in aller Stille wühlen, zum Wanken bringen mit nie aufhörenden Stößen den von einem Lancaſter beſetzten Thron, das iſt die Politik der Herzogin von Burgund. Der mögliche Erfolg wird ſein: entweder Heinrich des VII. Sturz, oder irgend ein reiches Kleinod, das von dieſer Krone Mar⸗ garethen zufallen kann.. Keine Ruhe, keinen Stillſtand mehr! Schott⸗ land leiht den Einflüſterungen Burgunds ein ge⸗ neigtes Ohr. In der Stille ihres Palaſtes muß die Wittwe Eduards IV. thätig ſein. Eliſabeth, Hein⸗ rich VII. Gemahlin, wartet nur auf ihre Krönung, um zu Gunſten Yorks einen Trumpf auszuſpielen. Noch jetzt nach zwölf Jahren, vergießt das Volk hränen, wenn man von dem Morde der Kinder Eduards erzählt. Dieſe Familie war ihm ſo theuer, daß alle Verbrechen Richards III. nicht im Stande wa⸗ ren, den Namen York verhaßt zu machen. Heinrich VII. ſelbſt— er ſteht allein, allmächtig zwar, aber nicht beliebt. Man duldet ihn, weil er der Gemahl Eliſabeth's iſt und weil die weiße Roſe keine männlichen Sprößlinge mehr hat. Laßt eine Gelegenheit kommen, einen Funken ſpringen, ſo wer⸗ den Losbruch und Brand nicht auf ſich warten laſſen. Margaretha hat ihre Schlingen bereitet. In die eine oder die andere wird unfehlbar Heinrich VII. fallen. Mag er ſich ganz der York'ſchen Partei hin⸗ geben, ſo iſt Margarethens Rückkehr nach England zu ihrer Nichte ſo ſicher, als ihr Glück. Widerſteht Magquet, Weiße Roſe, 3 34 er und neigt ſich beharrlich den Freunden vom Hauſe Lancaſter zu, ſo wird man ihm ſolchen gewaltigen Haß erregen, daß er auf ſeinem Wege mehr als ein⸗ mal ſtraucheln muß. Jene Fallſchlingen der Herzogin waren: ein gehei⸗ mes Bündniß mit der Königin⸗Wittwe, welche vom Volk in der Erinnerung an ihre zwei ermordeten Söhne angebetet wurde, der wahrſcheinliche Triumph Eliſabethens von York, des Königs Gemahlin, Mar⸗ garethens Nichte; endlich das immer unruhige Schott⸗ land, bei dem nicht nur jedes Kriegsgerücht, ſondern ſogar eine gegen England geſammelte Kriegsmacht jederzeit bereitwillige Aufnahme fand. Ihrer Abge⸗ ſandten bei dieſen drei verſteckten Verbündeten völlig ſicher, von Tag zu Tag unterrichtet über die gering⸗ fügigſten Handlungen Heinrichs VII., wie über die Stimmung des engliſchen Volkes, hatte die Herzogin jetzt einen Vertrag mit Savoyen unterzeichnet, trat in Unterhandlung mit Frankreich, überwachte die Gelegenheit, belauerte den Funken. So ſehr es Margaretha drängte, ſo erwartete ſie doch einen Ausbruch nicht ſo bald. 3 Viertes Kapitel. Mehr als ein Reiſetag hatte die Herzogin ihr abenteuerliches Zuſammentreffen mit dem Kaufmanns⸗ ſohn im Gebirge vergeſſen laſſen. Während des Reitens las oder ließ die unermüd⸗ liche Margaretha ſich vorleſen. Sie entſandte oder empfing Eilboten, befragte ſich unterwegs mit den 35 Leuten und hielt öfter an, um zu ſchreiben. Warbeck todt, ſein Sohn halb todt, halb wahnſinnig, ſie fanden in den Gedanken der Füxſtin keinen Platz mehr. Sie kehrte nach Flandern zurück, hatte Rech⸗ nungen zu ordnen mit der Wittwe des Er⸗Juden, des Schatzmeiſters der meiſten europäiſchen Fürſten, und war nicht unwillig darüber, daß ihr die Zurückfüh⸗ rung des Sohnes einen guten Empfang bei der Mut⸗ ter bereiten würde, denn die Warbecks waren reich und ſtreckten gerne vor. Nachdem alle dieſe Um⸗ ſtände ihre beſondere Stelle im allgemeinen Plan gefunden, kümmerte Margaretha ſich nicht mehr darum: ſie ging ihren Weg weiter. Man hatte die Gebirge ſchon weit hinter ſich, das Thal der Moſel war überſchritten, als kurz vor Nancy, welches die Herzogin ſorgfältig vermied, theils um bei einem Durchzug der lothringiſchen Län⸗ der nicht verdächtig zu werden, theils um die Mauer nicht unter die Augen zu bekommen, vor denen Karl der Kühne gefallen war— eine Botſchaft ihr zukam, in Folge deren, ſo ſchien es, ihre Pferde Flügel ge⸗ wannen und bei ihrem Gefolge ein dämonenartiger Eiffer ſich zeigte. „Ein Freund,“ ſo ſagte die Botſchaft,„erwartet Euch in Soiſſons mit wichtigen Nachrichten von London und Schottland.“ Die Herzogin ließ die Fuhrwerke und die ſchwer gerüſteten Leute in der Nachhut und empfahl ihnen die Sänfte und den Kranken, dem ſie verſprechen ließ, ſte werde zugleich mit ihm in Tournay, bei ſei⸗ ner Mutter eintreffen. Dann durchzog ſte das Land mit zehn auserwählten Edelleuten, und reiste Tag 3 36 und Nacht, bis ſie am Ziel ihres wilden Laufes an⸗ gekommen war, das heißt bis zu jenem Stelldichein, das der Bote ihr bezeichnet hatte. An der Grenze von Frankreich verſchwanden die zehn Edelleute. Ein einziger blieb bei ihr: es war ihr Liebling unter den Hauptleuten, ein alter engli⸗ ſcher Kriegsmann, der alle Schlachten des verſtorbe⸗ nen Herzogs mitgefochten. Margaretha erſchien von jetzt an als einfache Bürgersfrau, wie eine ſolche da⸗ mals auf der Reiſe gekleidet ſein konnte, und kam ungefährdet nach Soiſſons. Zu jener Zeit war ganz Frankreich nur mit dem Heerzug ſeines Königs Karl VIII. in das König⸗ reich Neapel beſchäftigt. Von allen Seiten ſtrömten Soldaten, Lebensmittel und Waffen nach der Dau⸗ phins, dem allgemeinen Sammelplatz für das franzöſiſche Kriegsheer. So ſtörte nichts die Her⸗ zogin auf ihrer Fahrt.— Wer konnte jener Freund ſein? war es einer ihrer Sendboten? ein ſolcher hätte nicht gewagt, einer ſo ſtolzen Fürſtin gegenüber ſich„Freund“ zu nennen. Und doch, es war kein Irrthum denkbar: der Brief trug eines jener geheimen, zwiſchen der Herzogin und dem König von Schottland verabredeten Zeichen. Mar⸗ garetha hatte den Raum ſo zu ſagen aufgehoben, mit der Zeit hätte ſte wo möglich desgleichen gethan. Als ſie mit ihrem Stallmeiſter durch die Thore von Soiſſons einritt, war es gerade Feſttag, und ſchon Abend; die ganze Bevölkerung ſchwärmte um die maſſigen Thürme hin und her, wie ein Bienen⸗ ſchwarm um ſeine Körbe. Schon ward es hell an den gothiſchen Fenſtern der Kirche, und der Weih⸗ 37 rauch ſandte ſeine Düfte durch das Portal, vermiſcht mit denen der Roſen, welche die Kinder davor ge⸗ ſtreut hatten. Margaretha, ſcheinbar gleichgültig, bemerkte doch, daß ihr vom Thor an Jemand folgte; ſie lenkte ihr Pferd nach der Hauptſtraße. Plötzlich flüſterte eine Stimme leiſe:„links.“ Sie wandte ſich folgeleiſtend nach der bezeichneten Richtung. Eine Seitengaſſe, ebenſo einſam als düſter, mündete auf einen kleinen Platz; an einer Ecke deſſelben hörte Margaretha ihren unſichtbaren Führer leiſe rufen:„Hier!“ Alſobald ſah die Herzogin eine menſchliche Geſtalt, welche ſie bis jetzt nicht hatte unterſcheiden können, aus dem Dunkel hervortreten, und ein ge⸗ wölbtes Thor öffnen, das in ſeinen ſchweren Angeln knarrte. Die Roſſe, angezogen vom gaſtlichen Futter⸗ geruch, ſchritten lebhaft hinein, und Margaretha ſtieg ab in einem von Weinranken und Roſenſtöcken eingefaßten Hof. Es war hier völlig Nacht; der Führer gab ſein Zeichen durch einen Pfiff. Es er⸗ ſchien ein Diener, um der Herzogin die Stufen einer kleinen ſteinernen Freitreppe hinanzuleuchten, auf deren Höhe eine weibliche Geſtalt im Halbdunkel eines mit flandriſchen Ledertapeten ausgeſchlagenen Saales wartete. Kaum hatte Margaretha dieſen Saal betreten, als der Diener verſchwand und die Thüre hinter ihr ſich ſchloß. Die unbekannte Dame erhob die Stimme zu einem ſchnellen, halblauten Schrei und ſank in die Arme der Herzogin, welche nun dieſes friſche Geſicht, dieſe ſtrahlende Schönheit, den Hauch reiner Jugend, und jene ihrem Ohr und Herzen gleich theuren ſchottiſchen Laute wiedeverkannte. Euch ſagen will.“ „Katharina Gordon!“ rief ſie außer ſich vor Freude;„Du biſt es! Du mein Kind! Du? Du?.. Ol ſieh, jetzt, ſeit ſoviel Jahren zum erſtenmal ſchlägt mein Herz vor Freude; Katharina!... meine Roſe von Schottland, mein geliebtes Pathenkind!... OlHöre nicht auf!... umarme mich immer zu!“ Und die ſtrenge Fürſtin hielt das Mädchen in ihren Armen und bedeckte ſie mit Küſſen. Sie zit⸗ terte und bebte, und ſchluchzend hob ſich ihre Bruſt; ſie häͤtte eine ihrer Städte darum gegeben, hätte ſie auch nur durch eine Thräne dieſes Herz erleichtern können, das bei der Erinnerung an Haus und Hei⸗ math ſo tief und ſchmerzlich bewegt wurde.— Katharina war glücklicher: ſechzehn Jahre alt, zart und rein wie die Engel, lachte und weinte ſie zu gleicher Zeit. „Wie?“ nahm die Herzogin wieder das Wort, nachdem ſie jene neben ſich beinahe auf ihren Knien hatte niederſitzen laſſen,„wie? von Schottland hie⸗ her?... Du haſt dieſe ungeheure Reiſe gemacht! „Ein Kind!.Du biſt doch gerade wie alle von un⸗ ſerm Geſchlecht, eine Löwin unter der Schönheit einer Nymphe verborgen. Und König Jakob hat Dich ziehen laſſen!... Wie unvorſichtig!... wie uwtingt.. Nan ſieht wohl, daß er jung iſt wie Du.“ „Er iſt es, der mich geſandt hat, gute Pathe.“ „Ol Dich ſolchen Gefahren auszuſetzen.“ „Unſer vielgeliebter König weiß wohl, daß ich muthig bin, und nur einem verſchwiegenen Ohr, einer ſtarken Seele konnte er anvertrauen, was ich 39 „Wichtige Botſchaften, mein theures Kind?“ ſagte zärtlich die Herzogin, indem ſte Katharxina's kalte Hände preßte und ihre Blicke bis in den Grund der reinen Seele tauchte, die offen vor ihr lag. „Ihr ſollt gleich hören.... Aber zuerſt müſſen wir ſehen, ob Euch die Reiſe nicht zu ſehr ermüdet hat. Euer Gemach iſt bereit; ſeit zwei Tagen ſchon hab' ich Euch erwartet; befehlet hier wie überall.“ „Ich bin weder ermüdet, noch beſchäftigt mit irgend Etwas, was dieſe jämmerliche Welt angeht. Ich denke nur an die Worte, welche deine Lippen ausſprechen werden. Sieh, mein Kind, ich bin bleich, meine Seele weilt in England: Katharina... ſage mir, daß ich mein Vaterland wiederſehen werde; ſage mir, daß wir York noch triumphiren ſehen, und Du haſt mir in Einer Minute Alles gegeben, was zehn Königsleben an Glück und Wonne umfaſſen!“ Katharine ſchüttelte ſanft ihr Köpfchen; über ihre ſchönen azurblauen Augen ging eine jener Wolken, wie ſte Erins große blauen Seen im Darüberziehen verdunkeln. „Liebe Pathe,“ flüſterte ſie traurig,„noch nicht, noch nicht; ich habe nicht geſagt, ſte ſeien gut, die Nachrichten, die ich bringe: gewichtig, verheißungs⸗ voll, ſo dürfen wir ſie nennen.“⸗ „Dann Weh über uns!“ ſeufzte die Herzogin. „Aber aus einem Unglück, das ein Kind mit Schau⸗ dern verkündet, erſchaffen auserwählte Geiſter, könig⸗ liche Seelen Kraft angeſtrengter Beharrlichkeit und Mühe ſich das, was wir Glück nennen, ein Glück? einen Erfolg ſollte ich ſagen. Sprich, meine geliebte 40 Tochter, ſprich! Du ſiehſt mich vorbereitet auf die grauſamſten Schmerzen; es braucht nicht mehr, als eine Minute, nicht wahr, daß eine Menſchenſeele von der Freude zur Verzweiflung übergehe?“ „Noch iſt nichts verzweifelt, Madame,“ ſagte Katharina;„doch große Trauer ſah ich bei König Jakob. Aber, Ihr fragt mich nicht, ob ich allein von Schottland nach Frankreich gekommen?“ „Ich habe Dich nicht gefragt, Katharina, weil ich wohl weiß, daß das unmöglich iſt, und ich kenne des Königs Freundſchaft für ſeine treue Gordon. Er wird Dir eine Begleitung ausgeſucht haben, welche im Stande iſt, überall Reſpect einzuflößen.“ „Nur zwei Perſonen haben mich begleitet,“ ſagte das junge Mädchen mit einem ſo unſchuldigen Lä⸗ cheln, daß Margaretha unwillkürlich zuſammenfuhr. „Zwei“... murmelte ſte...„zwei Paladine von der Tafelrunde wohl?“. „Meine Amme und ein Schreiber, der vielleicht noch nie einen Degen berührt hat. „Du erſchreckſt mich; wer denn?“ „O! Ihr werdet es nimmermehr errathen.“ „Reiße mich aus dieſer peinlichen Ungewißheit— Wer iſt der Unüberwindliche, welchem der König un⸗ ſern theuerſten Schatz anvertraut!“ „Ein völlig ergebener Menſch, denn bei dieſer Reiſe wagt er ſein Leben, und noch jetzt, auf freier Erde, iſt er des Todes, wenn Ihr ihn nicht in Euren Schutz nehmet.“ „Nenne mir ihn.“ „Fryon.“ „Der Franzoſe? Der Geheimſchreiber des Königs 41 von England?“ rief die Herzogin und ihre Augen funkelten vor Ueberraſchung und Freude. „Er iſt es,“ ſagte Katharina. .„Ein Ueberläufer von ſolcher Bedeutung... Er ſollte ſich entſchließen, uns die Geheimniſſe ſeines Herrn zu verrathen?“ „Alle.“ Die Herzogin ſchlug die Haͤnde zuſammen im Ue⸗ bermaß der Freude; aber gleich darauf ſagte ſte mit innerlicher Aufregung: „Halt— das könnte doch eine Schlinge ſein. Iſt dieſer Menſch nicht vom Lancaſter geſchickt?“ „Ihr werdet es nicht mehr glauben, wenn Ihr Fryon gehört habt; König Jakob wenigſtens glaubte nicht ſo. Und dann gibt es auch ſolche Schlingen, die man nicht wohl legen kann ohne Gefahr, zuerſt in ſie zu fallen.“ „Erkläre Dich, meine Tochter.“ „König Jakob trug mir auf, Euch zu ſagen: der König von England weigert ſich, ſeine Gemahlin Eliſabeth zu krönen, er fürchtet ihre Beliebtheit beim Volk. Es iſt große Unzufriedenheit im Lande. Schott⸗ land nimmt Partei gegen Lancaſter und rüſtet.“ „Der Vorwand, theure Katharina,“ ſagte die Herzogin in ernſtem Ton,„der Vorwand fehlt. Hein⸗ rich VII. iſt ein großer Politiker, der mit Gewährung der Wünſche des Volkes nur deßhalb ſo lange zögert, um den Preis der Gewährung, wenn er ſie einmal geben wird, zu verdoppeln. Laß ihn ein wenig ge⸗ drängt werden, und er wird Eliſabeth krönen; dann wird das Volk von London ihm Triumphbögen er⸗ richten. Er ſpielt mit dem Namen York wie die Katze 42 mit einer todten Maus. Zu gut weiß er, daß von dieſem Namen nichts mehr zu fürchten iſt!“ Bei dieſen Worten entrang ſich Margarethens Bruſt ein qualvoller Seufzer. „Und wenn es nun doch eine Täuſchung wäre,“ flüſterte Katharina mit freudeſtrahlenden Augen; „wenn im Gegentheil Heinrichs VII. böſer Wille gegen dieſe armen Frauen unſeres Hauſes ſeinen Urſprung nur in einer neuen Befürchtung hätte.“ „Wie vorhin, ſo muß ich wieder ſagen, den Vor⸗ wand, Katharina, den Vorwand?“ „Wenn der Vorwand wirklich beſtünde, wenn er ſolcher Art wäre, um ganz England, ganz Schottland in Flammen zu ſetzen?“ „O Kind!.... ſo ſchnelle Feuerbrände löſchen ſc gar ſchnell, und jedes Mal mit unſerem reinſten ut!“ „Wohlan! ſo höret, theure Pathe,“ fuhr Katha⸗ rina mit gedämpfter Stimme fort,„es geht ein Ge⸗ rücht unter den Vertrauten des Königs— ein Gerücht, das dem König Heinrich VII. jede ſchlafloſe Minute in Jahrhunderte der Qual verwandelt. Man ſpricht von einem Prinzen des Hauſes York, von einem meiner jungen Vettern, welcher dem Tod im Tower von London entronnen ſein ſoll.“ Die Herzogin ſchüttelte traurig den Kopf. „Schon zu oft hat man ſo geſagt, meine Tochter; es iſt für Heinrich VII. ein abgenütztes Schreckbild, eine abgenützte Freude für uns und für das Volk.“ „Gleichwohl, über jenes Gerede ſoll der König in Wuth gerathen ſein, es ſoll zwiſchen ihm und der Königin, ſeiner Gemahlin, zu einer Auseinander⸗ 43 ſetzung gekommen ſein, welche mit einem gewaltſamen Auftritt endigte. Man ſagt weiter, die Königin⸗ Wittwe ſei nach dem Palaſt beſchieden worden. Von Zeugen wird es beſtätigt, daß man die Drohworte Heinrichs, das Schluchzen und die Verwünſchungen der unglücklichen Mutter deutlich gehört habe,“ Margaretha ſtützte die Stirn auf die glühend⸗ heißen Hände. Sie hatte aufmerkſam zugehört; aber noch hatten Katharina's Worte ſie nicht überzeugt. .„Man ſagt weiter,“ ſagte ſie mit bitterem Ton, „von Zeugen wird es beſtätigt,“— und das genügt dem König Jakob? Dir mag es genug ſein, Du glaubſt, was Du wünſcheſt; wer iſt der Urheber dieſer Erzählung? Fryon? Das iſt es alſo, was er dem Könige von Schottland hinterbracht hat?... Wenn er ſonſt Nichts mitbringt, ſo ſteh' ich ihm für keinen guten Empfang.“ Kaum vollendete die Herzogin, als ein leichtes Geräuſch ihre Aufmerkſamkeit nach der Vorhangthüre von ſchwerem Tapetenſtoff lenkte, welche in ein an⸗ ſtoßendes Zimmer führte. „Der Vorhang dort hat ſich bewegt,“ ſagte Mar⸗ garetha.„Man behorcht uns.“ „Fryon iſt da,“ antwortete das Mädchen, ein wenig aus der Faſſung gebracht durch den gebieteriſch ausgeſprochenen Zweifel der Fürſtin. „Ol.. Du hätteſt beſſer gethan, mir das vor⸗ her zu ſagen,“ rief Margaretha;„Du haſt mich un⸗ gezwungen ſprechen laſſen vor einem verdächtigen Menſchen, einem Franzoſen, der, mag er gegen uns wahr ſein oder nicht, doch jedenfalls ſeinen Herrn verrathen hat.“ 44 Die Tapete hob ſich vollends ganz; die Herzogin gewahrte im Halbdunkel die Geſtalt eines Knieenden, deſſen Haupt unter der ihm ſo eben widerfahrenen Beſchimpfung ſich beugte. „Wenn ich Sie verrathe, Madame,“ ſagte dieſer Mann mit bewegter Stimme,„ſo werden Sie mich nicht weit ſuchen dürfen, um mich zu beſtrafen: ich bin in Ihrer Gewalt. Uebrigens, meiner Ehre mö⸗ gen Sie mißtrauen, aber es will mir ſcheinen, Sie weifeln allzuwillig an dem Scharfblick des Königs von Schottland. Dieſer Herr, ebenſo klug als edel⸗ müthig und tapfer, würde mich gewiß nicht hierher ſchicken, wenn er die Wichtigkeit meiner Mittheilungen nicht erkannt hätte.“ Während Fryon ſprach, betrachtete ihn die Her⸗ zogin, wie Jemand, der gewohnt iſt, tief in den Ge⸗ heimniſſen des menſchlichen Angeſichts zu leſen. Der Mann, der vor ihr kniete, war im blühenden Mannes⸗ alter und hatte ein feines und geiſtreiches Geſicht. Seine Züge, in denen eine Beimiſchung von Keckheit, ja Dreiſtigkeit ſich ausſprach, geſielen eben durch den Contraſt dieſes unverhehlten Ausdrucks mit der charakteriſtiſchen Verſchloſſenheit des Mundes und des mißtrauiſchen Blicks. Solche Naturen, zugleich be⸗ rechnend und leidenſchaſtlich, ſind der gewaltigſten Anſtrengungen fähig. Das wußte die Herzogin. Sie kannte ſich aus in der Wahl von Werkzeugen. Dieſes erkannte ſie ſogleich als tüchtig und ihrer ganzen Be⸗ achtung werth.. „Mag ſein,“ ſagte ſte beſänftigt;„Ihr habt dem Könige von Schottland wichtige Enthüllungen ge⸗ macht, aber die Beweiſe?“. 45 „Ew. Hoheit kann nicht wohl glauben,“ erwiderte Fryon ruhig,„daß ich gewagt hieher zu kommen und mich einer weiſen Fürſtin, dem begabteſten Geiſte in dieſer Zeit der Intriguen und großen Entwürfe, vorzu⸗ ſtellen ohne Urkunden, welche meine Fähigkeit und meine Ergebenheit unwiderlegbar beweiſen.“ die Herzogin trat näher. Fryon fühlte, daß er ſei jache halbgewonnen hatte. n Ahr habt gehört, was ſo eben die Gräfin Katha⸗ rina mir ſagte?“ ſetzte ſte hinzu. „Gräfin Gordon beehrt mich mit ihrem Vertrauen, ſeitdem der König von Schottland mir erlaubt, ſie zu begleiten. Darum hat ſie mir geſtattet, hier zu ver⸗ weilen. Ich habe Alles gehört: aber ich muß ſagen, ich hörte nichts Anderes, als was dem König Jakob von mir ſelbſt mitgetheilt worden. So iſt die Zu⸗ dringlichkeit von meiner Seite nicht eben groß. Die Worte, welche Ew. Hoheit geſprochen, zu hören, mußte ich vollſtändig gefaßt ſein, da ich hieher gekommen bin. Ja, ich bin nur hieher gekommen, um dieſelben zu hören, Madame, und was Ihr Gemüth empfindet, iſt mir ſo gut bekannt, als dem ganzen Europa. Sie haben keinen Plan, keinen Gedanken, keine Hoffnung, die ich nicht kenne, wie Sie ſelbſt.“ 4„Das heißt keck geſprochen,“ erwiderte Marga⸗ retha, wider Willen befangen durch die Ruhe dieſer Erklärung.„Meine Plane ſind gewöhnlich nur Den⸗ jenigen bekannt, welche ſte durchführen helfen. Für Andere kann es gefährlich werden, in ſie einzu⸗ dringen.“ 4 3 „Niemand könnte Ihnen beſſer Befriedigung ge⸗ — 46 ben, Madame, als ich,“ gab Fryon zurüͤck;„der Erfolg iſt in mir, mit mir; ich bring' ihn.“ „Ich werde zwei Fragen an Euch richten,“ unter⸗ brach ihn die Herzogin.„Welchen Beweggrund habt Ihr, Euern Herrn zu verrathen?“ Ich antworte rundweg:„Seinen Geiz.“ „Ein geſcheiter Mann wie Ihr muß es verſt aus einem Geizhals einen Verſchwender zu „Die Verſchwendung König Heinrichs VII. wi erde ſich niemals zu der Höhe meines Ehrgeizes he u,“ ſagte Fryon ohne Verlegenheit und ohne Pathbs. „Ich habe dieſem Fürſten in den drei Jahren, da ich ſein Geheimſchreiber bin, große Dienſte geleiſtet. Er hat mich nur mit Verachtung oder Verſprechungen bezahlt. So will ich mir denn entweder ein ſehr großes Vermögen erwerben oder ſehr jung ſterben. Das Schickſal des Menſchen iſt in ſeiner Hand.“ „So ſeid Ihr ein Freund vom Geld? „Sehr.* „Von CEhre, von Stellung?“ „Leidenſchaftlich. „Was rechnet Ihr von mir zu erhalten? „Alles, was ich wünſche, denn Sie haben Alles mit mir zu gewinnen, wie ich mit Ihnen. Wer zu erwerben trachten muß, ſetzt ſeiner Dankbarkeit keine Schranken; wer nur an's Erhalten zu denken braucht, der rechnet filzig.“. „Und Ihr bringt mir?...“ „Den unumſtößlichen Beweis von der Fehde, welche zwiſchen dem König Heinrich VII. und den beiden Königinnen, ſeiner Gemahlin und ſeiner Schwiegermutter, zum Ausbruch kommen wird, we⸗ 47 gen dem Vorhandenſein eines der beiden Söhne des verſtorbenen Königs Eduard.“ „Gebt her... Wenn Ihr nicht etwa vorher den Preis Eurer Dienſte beſtimmen wollt.“ Fryon lächelte fein. „Keineswegs,“ ſagte er,„denn ich kann Ihnen heute noch nicht Alles geben, was Sie von mir er⸗ halten können, und nur fernere Umſtände können mir geben, was ich von Ew. Hoheit erwarte.“ Während er ſo ſprach, zog er von ſeinem Gürtel eine ſinnreich gearbeitete Schnalle, an der eine feine Feder aufſprang, und ließ ein im Innern des Metalls verborgenes Billet ſichtbar werden, das er der Her⸗ zogin uͤberreichte. „Ew. Hoheit kennt wohl dieſe Handſchrift?“ „Von meiner Schwägerin Eliſabeth!... Der Königin⸗Mutter!... O ja!...“ „Nun wohl, nehmen Sie die Mühe zu leſen, Ma⸗ dane. ſagte der Geheimſchreiber mit ehrerbietigem tolz. „Theure Freundin, theure Mitſchuldige,“ las Margaretha mit Bewegung.„Es iſt in meinem Leben eine völlige Umwandlung eingetreten. Geſtern hat mir der Zufall einen Menſchen zugeführt, deſſen Ge⸗ ſicht ich bisher, ſo glaubte ich, nicht hätte ſehen kön⸗ nen, ohne zu vergehen vor Zorn und Schmerz.... dieſer Menſch, dieſer Mörder, der Urheber all meines Jammers, konnte die Gewalt meiner Blicke nicht er⸗ tragen. Er ſtürzte mir zu Füßen... Er ſprach zu mir die Worte:„Hoffen Sie, arme Mutter!..“ Hier mußte Margarethe inne halten; krampfhaft drückte ſte eine Hand an ihr Herz, das bis zum Er⸗ ſticken heftig ſchlug. „Von welchem Menſchen ſpricht meine Schwe⸗ ſter?“ murmelte ſte, Fryon mit einem Blick befragend. Dieſer bedeutete ihr ehrerbietig, weiter zu leſen; Margarethe gehorchte. „Ol... wenn nach Gottes Rathſchluß auf das Verbrechen die Reue, auf den Schmerz die Heilung folgen ſoll, wenn Gott Erbarmen hat mit der trauernden York, ſo wird er nicht geſchehen laſſen, daß Irrthum oder Verrätherei hier im Spiele ſei, ein neues Verbrechen begangen wird in den Wor⸗ ten Brakenbury's... „Brakenbury's!“ rief Margaretha;„Brakenbury war Befehlshaber des Tower's, Vollſtrecker von Richard's III. blutigem Willen! Der Mörder der armen Kinder!...“ „Es ſcheint doch Madame,“ nahm Fryon wie⸗ der das Wort,„daß Gott die unglückliche Königin erhört hat; denn Gewiſſensbiſſe, ſagt man, zer⸗ fleiſchen dieſen Brakenbury der Art, daß man ihn zu London in den Umgebungen des Towers wie wahnſinnig hat herumirren ſehen.... dort wird die Königin⸗Mutter ihm begegnet ſein, dort wird er ſich flehend ihr zu Füßen geworfen haben, ihr, deren ewiges Ungluͤck er verſchuldet, deren Gegen⸗ wart für ihn die ſchrecklichſte Strafe ſein muß.“ Auf's höchſte geſpannt las Margarethe weiter. Bei dem Schrei, den ich ausſtieß, bei dem Auf⸗ wallen meines Entzückens, meiner wahnſinnigen Freude, lief man herbei. Der König wollte wiſ ſen... Man hat mich beinahe auf die Folte 49 geſpannt,— ich habe Nichts geſagt. O meine Freundin! Ihr, die Ihr Macht und Freiheit Euer nennt, durchſuchet, durchwühlet die Welt... ent⸗ reißet dieſem Menſchen das Geheimniß, das ich in ſeinen Augen leuchten ſah. Es war ein Lichtſtrahl von Glück, von Hoffnung,... Ich bin von Sin⸗ nen, meine Schweſter...“ „Der König war im Begriff ihn außzufangen, wie alle Briefe ſeiner Gemahlin und ſeiner Schwie⸗ germutter. Ich war mit dieſer Beſorgung beauf⸗ tragt: gewöhnlich that ich es pflichtgetreu, dießmal aber, wie ich Ihnen vorhin auseinandergeſetzt, dieß⸗ mal war meine Geduld zu Ende. Ich behielt den Brief ſtatt ihn dem Könige zu zeigen, und mit dieſer koſtbaren Beglaubigung verſehen, floh ich nach Schottland. König Heinrich, der den Brief und mich zugleich damit erwartete, gerieth in dop⸗ pelte Wuth; aber ſchon war ich außer dem Bereich ſeiner Macht. Der König Jakob, nachdem ich meine Geheimniſſe ihm anvertraut, frug mich, was ich zu thun geſonnen ſei? Ich erklärte ihm: Sie, Madame, ſeien allein im Stande, mich zu verſtehen und der Sache Yorks nützliche Dienſte zu leiſten. Sie werden, im Vorbeigehen geſagt, bemerken, Madame, daß ich ebenſogut mich an meinen Herrn, den König Karl VIII. wenden konnte, er würde eine Maquet, Weiße Roſe. 4 Gelegenheit, England in Unruhe zu ſtuͤrzen, mir theuer bezahlt haben. Meine Wahl jedoch war Mar⸗ garetha von Burgund, die Tochter des Hauſes York. Darauf ließ der König Jakob mich an Bord eines eben ſegelfertigen Schiffes gehen. Ich wußte nicht, daß Lady Katharina Gordon mitreiste. Als wir in Calais gelandet, übergab dieſe Dame mir einen Befehl, ſte nach Soiſſons zu geleiten. Ich that es. An Ew. Hoheit iſt es nun, einen Ent⸗ ſchluß zu faſſen. Ich muß bemerken, daß von dieſem wunderſamen Brief, von dem Niemand weiß außer derjenigen, die ihn geſchrieben, dem Könige von Schottland und mir, noch bevor ich ihn Ihren Händen, Madame, übergeben, ein wieder⸗ belebender Hauch der Hoffnung ausgegangen war, der ſich über ganz England ausgebreitet hat. Man ſagt, der König Heinrich VII. ſei wüthend bis zum Wahnſinn. Ueberall Verhaftungen, Verhöre, und je mehr der Tyrann dieſe Geruͤchte erſticken will, um ſo mehr wachſen ſie an, einem Gewitter gleich das ſchon zwei Drittel des Horizonts umzogen hat.“ Er ſchwieg. Die Herzogin, in ſtummes Nach⸗ denken vertieft, ſchien noch ſeinen Worten zu— lauſchen, hörte ihn aber nicht mehr. „Was iſt aus dieſem Brakenbury geworden?“ fragte ſte kaum hörbar. „Ew. Hoheit wird ihn mit dem Beiſtand ihrer Freunde wiederfinden,“ ſagte Katharina.“ O ge⸗ wiß! wir müſſen ihn wiederfinden!“ „Ja,“ ſtammelte Margaretha,„ja.... Aber noch vor uns wird Heinrich VII. ihn feſtnehmen; er braucht nur die Hand auszuſtrecken. Wenn er — 51 43 dieſes Mannes nicht bemächtigte, ſo wollte ich agen.... 1„Ew. Hoheit,“ unterbrach ſie Fryon, welcher Margarethens mißtrauiſchen Blick wohl verſtanden hatte,„Ew. Hoheit würde zuerſt ſagen, daß, um Brakenbury zu ſuchen, der König Heinrich wiſſen muß, was jener geſprochen und gethan hat. Dieß aber kann nur dieſer Brief ihm verrathen, und ich hatte die Ehre Ihnen zu ſagen, Madame, daß ich ihn ſeiner Beſtimmung entzogen habe, bevor er dem Könige zu Geſicht kam.“ 3 „Das iſt wahr,“ ſagte die Herzogin;„wenn nicht die Königin, meine Schweſter ſchwach genug war, ihrem Schwiegerſohn all ihre Hoffnungen zu ge⸗ ſtehen. Brakenbury!“ fuhr ſie fort,„warum dieſe Erſcheinung, warum dieſer der Königin⸗Mutter ge⸗ gebene Troſt? Halt, Katharina, Alles dieß iſt Wahnſinn oder Hinterliſt. Wenn ein Sprößling vom Hauſe York noch lebte, müßt' ich es nicht ſeit zwölf Jahren wiſſen? Sollte das erſte Gerücht davon durch bloßen Zufall einer Mutter zukommen, auf keinem näherliegenden Wege, nachdem die Umſtände zehnmal ſchon viel günſtiger lagen? Nein, ſag' ich Euch, da⸗ runter ſteckt ein neuer Verrath und mich hat das Un⸗ glück gelehrt, Verräther zu errathen.“ Fryon zuckte leiſe die⸗Achſeln, mehr mitleidig, als verächtlicherweiſe. Margaretha bemerkte es wohl, aber bereits fing die Perſönlichkeit dieſes ungewöhn⸗ lichen Mannes an auf ſie zu wirken. Sie blieb ruhig. „Ew. Hoheit,“ ſagte Fryon,„ſpricht immer von Verrath und von Verräthern. Wie groß auch meine Geduld ſei, ich muß wohl mich umſehen, um zu er⸗ 4 54 52 fahren, auf wen Sie anſpielen. Ich finde hier nur mich, und an meinem letzten Herrn allerdings bin ich zum Verräther geworden. Aber das iſt ein miß⸗ licher Standpunkt, den zu verlaſſen ich Ew. Herrlich⸗ keit ſchon veranlaſſen werde, ſonſt würden wir Beide in unſern Angelegenheiten nicht weiter kommen. Entweder man traut oder man mißtraut mir; hat man Vertrauen, ſo muß man ohne Zögern mir ir⸗ gend einen gewichtigen Beweis dafür geben, würdig der Sache, und würdig meiner ſelbſt. Mißtraut man mir, dann nur keine Umſtände, ich habe drunten im Hofe eiſerne Haken und einen Brunnen bemerkt, auch handfeſte Knechte und einen an ſchnelle Beför⸗ derungen gewöhnten Stallmeiſter. In fünf Minuten von jetzt an, muß ich erſäuft oder gehenkt ſein; aber Zeit haben wir keine zu verlieren.“ Katharina ſchauderte, da ſte auf einer Seite die herausfordernde Kühnheit dieſes unerhörten Vor⸗ ſchlags, auf der andern die ſtarre und finſtere Hal⸗ tung der ſtolzen Fürſtin ſah. „Es hat ſchon Leute gegeben von nicht geringerer Tollkühnheit, welche doch Betrüger waren,“ antwor⸗ tete dieſe;„ihre Schlingen waren nur um ſo gefähr⸗ licher.“ „Ganz richtig, erwiderte Fryon; man weiß von Zopyrus, dem Freunde des Darius, der ſeine Naſe und Ohren zum Opfer brachte; aber er wollte zuviel beweiſen. Ich bitte Ew. Hoheit, mich nicht mit die⸗ ſem Stümper zuſammenzuwerfen, der übrigens ſei⸗ nen Zweck vollkommen erreicht hat. Es war ein gan und gar ſeinem Herrn ergebener Menſch, dieſer Zo pyrus; ich aber betreibe einzig und allein Fryo 53 Sache. Nichts iſt ſo gute Gewähr für die Treue ei⸗ nes Menſchen, als ſein eigener Vortheil. Können Sie, wollen Sie meine Dienſte belohnen? Sein Sie ohne Sorgen, ſie werden Ihnen nicht fehlen. Wol⸗ len Sie nicht? nehmen Sie Sich ein bischen Freiheit und ich bin verſchwunden. Aber, Madame, vergeblich würden Sie es verhehlen wollen, Sie bedürfen mei⸗ ner. Ich fühle es, Ihr Mißtrauen kämpft einen letz⸗ ten verzweifelten Kampf. Sie fragen Sich in dieſem Augenblick, welchen Vortheil Heinrich VII. haben würde, daß ich bei Ihnen bin. Sie ſuchen ihm Scha⸗ den zu thun, er weiß es; ich brauchte ihn darüber nicht zu belehren. Ihre Schritte wird er durch einen Unbekannten mit weit mehr Erfolg ausſpioniren laſſen, als durch mich, gegen den Sie Argwohn he⸗ gen, wenn er nur den Mund verzieht. Ja, Frau Herzogin, in dieſem Augenblick ſagen Sie Sich ſelbſt, daß mein Bericht offen und wahr, wenn auch aben⸗ teuerlich iſt. Sie begreifen nicht, was in London vorgeht, aher Sie fühlen, daß Etwas dort vorgeht. Es iſt zum Lachen unglaublich, daß Brakenbury die Königin begegnet, daß er ſie mit neuerweckter Hoff⸗ nung erfüllt habe. Gleichwohl iſt die Thatſache ge⸗ wiß. Daß einer der beiden Söhne Eduard's noch am Leben ſei, iſt unmöglich; und doch fragen Sie Sich, warum die Mutter ſelbſt mit einer ſolchen Selbſt⸗ täuſchung ſich ſchmeichelt, warum der König bei dem Gedanken daran zittert. Dieß Alles kommt Ihnen zu von mir; ich hab' es nicht erfunden, ich erzähle, ich beweiſe es. Alſo, nur beſtimmt, Madame, offene Hand und Vertrauen für den Narren, den man be⸗ nützen kann. Wenn nicht, in den Brunnen oder ei⸗ 54 nen Strick um den Hals dem Verräther, der auf der Welt zu Nichts gut iſt.“ Margaretha heftete einen durchdringenden Blick auf das ruhige und beinahe heitere Geſicht des Ge⸗ heimſchreibers. Auf einmal reichte ſte ihm die Hand. „Ihr ſollt nicht wieder fort,“ ſagte ſte;„Ihr ge⸗ hört zu meinem Hauſe.“ Dhne mehr Freude zu zeigen als er vorhin Furcht blicken ließ, verneigte Fryon ſich tief gegen die Her⸗ zogin und Katharina, durchſchritt das Zimmer und — ging zu der auf die Freitbapde führenden Thüre hinaus. Dieſes geſcheite Betragen ſteigerte Mar⸗ garetha's Bewunderung bis zur Begeiſterung. „Ich muß geſtehen, Katharina,“ ſagte ſie ihm nachſchauend,„Du bringſt uns da einen Menſchen ohne Gleichen. Das iſt kein gewöhnlicher Weiſer, das iſt ein Zauberer, der in den Herzen liest. Jeder andre, nachdem ich ihn beurlaubt, wäre wieder dahin gegangen, von wo er in dieſes Zimmer gekommen; er aber zeigt mir, daß er nicht mehr nöthig hat, uns zu behorchen, weil er mein Diener iſt und mein Wort hat. Ohne Verzug ſtellt er ſich auf die Höhe ſeines Amtes. In ihm wohnt ein Geiſt, dergleichen ich bei meinen Flamändern nicht gewohnt bin zu finden. Siehſt Du, wüßte ich ihn ſo treulos wie Judas, ich könnte mich nimmermehr entſchließen ihn aufknüpfen zu laſſen. Ich würde mich fürchten ein Meiſterwerk des Schöpfers zu zerſtören. Man hört nicht von hier bis auf die Treppe, nicht wahr?“ fügte ſte hin „der Vogel könnte ſonſt glauben ſh ſei alles M liche erlaubt.“ 5⁵ „Nein, Madame,“ ſagte Katharina;„aber wäh⸗ rend Ihrer ganzen Unterredung mußt' ich mich da⸗ rüber wundern, wie überlegene Geiſter mit übertrie⸗ bener Vorſicht ſich täuſchen. Sie beſtanden darauf, bei dieſem Manne die bewundernswerthen Eigen⸗ ſchaften nicht hervortreten zu laſſen, die unter ſeinem berechnenden Geiſt verſteckt liegen und dieſe ſſsdrae manchmal durchbrechen, wie die Blüthen mancher Vaſſerpflanzen unter dem Winterſchnee unſrer Berge. Er iſt gut, dieſer ſo eigennützige Menſch; er iſt offen und natürlich, dieſer ſchlaue Fuchs. Da Sie ihm den ganzen weiten Geſichtskreis Ihres geiſtigen Auges zeigten, da ſchien es als forderten Sie ſeine Eigen⸗ liebe heraus, Sie zu täuſchen; mich, offen und wehr⸗ los wie ich bin, mich würde er nicht täuſchen. Es gibt keinen Beweis von Achtung, keine zarte Auf⸗ merkſamkeit, die er nicht von unſerer Landung bis hieher für mich gehabt hätte; und ſchon ſah ich ihn im Geiſt einen hohen Poſten an Ihrem Hofe beklei⸗ den und für Ihre Sache den ganzen Reichthum ſei⸗ ner Hülfsmittel in Bewegung ſetzen.“ „Dieſe Hülfsmittel, meine liebe Katharina, wer⸗ den Jene nicht wieder erwecken, welche der Stamm Yorks verloren hat.“ „Sie werden uns helfen zur Rache.“ „Mag ſein!... aber die Rache, Kind, iſt keine Frucht, die man in Deinem Alter würdigen kann. Was für Dich gehört, für Dich, das iſt Glück, Ruhm und Glanz, wie ſie Deine Schönheit verdient. Was für Dich gehörte, das war eine Krone, wie jene, welche Dir in der Wiege beſtimmt war.“ 56 Katharina richtete ſich empor, wie begeiſtert vom Hauch der Poeſte und der Liebe. „Nun wohl!“ ſagte ſie,„liebe Pathe, werden Sie es glauben? während meiner ganzen Ueberfahrt ha⸗ ben mich jene Träume nicht verlaſſen. Sie ſchwam⸗ men im Nebel vor mir, ſie ſchwebten um die Segel des Schiffes, auf dem Saume der Wo⸗ gen, im flockigen Schaume des Meeres. Dieſes mär⸗ chenhafte Gerücht von der Rettung eines der Söhne Eduards ließ mir keine Ruhe mehr; mein Geiſt flog, wie vom Körper befreit, zurück zu den Er⸗ innerungen meiner Kindheit. Sie wiſſen, daß ich dieſe glückliche Kindheit bei meinen Vettern ver⸗ lebte. Der eine, Eduard, er war ſchon groß, als ich kaum anfing zu ſtammeln, ich ſeh' ihn noch, ernſt und ſchwermüthig, in ſeinem Wamms von gold⸗ geſticktem Sammt, und dann auf dieſem hellen Grund ſeine ſchönen ſchwarzen Haare. Der andere, mein Geſpiele, von meinem Alter, Richard, mit ſei⸗ nem grünſeidnen Kleidchen und den ſilbernen Ster⸗ nen darin, mit ſeinem blonden Haar und blauen Au⸗ gen, Richard, den man meinen Gemahl, der mich da⸗ gegen„Milady“ nannte, Richard von York, der im⸗ mer lachte und lärmte und ſeinen ältern Bruder auf die Wange küßte, ihn um Verzeihung zu bitten für irgend eine Thorheit oder Unachtſamkeit. O!“ rief Katharina aus, mit einem Mal in Schluchzen und Thränen ausbrechend,„ſagt mir nicht, ſie ſeien todt: er, der König, voll ſanfter Majeſtät, gleich der eines Erzengels; der andere, mein zärtlicher Freund, gleich den Cherubim ſtrahlend von Leben und Fröhlichkeit. Niemals, liebe Pathe, werde ich mich an den Gedan⸗ 57 ken gewöhnen, ſte nicht wiederzuſehen; niemals wird man mir einreden, daß Richard und ich auf dieſer Welt einander nicht wiederfinden werden. Man ſpricht heute immer nur von der Wiederauferſtehung blos eines einzigen; ich aber, ich glaube ſie leben noch alle beide. Ihr Tod wäre ein ſo entſetzliches Ver⸗ Brechen, daß Gott es nicht geſchehen laſſen konnte. id dann, wären ſie auch todt, erweckt er nicht vom Tode, wen er will, dieſer Gott der Milde und Barmherzigkeit? Auf den Knieen bitte ich ihn darum alle Tage, und England mit mir.“ Margarethe ſchloß Katharinen in die Arme, be⸗ deckte mit Küſſen die reine Stirn, und erfriſchte ſich an der Berührung mit dieſer liebewarmen Jugend. „Meine geliebte Tochter,“ ſagte fie endlich,„wie ſollte ich Dich nicht lieben, ſelbſt in Deinem ſchwär⸗ meriſchen Wahn! Aber Dir ſoweit folgen kann ich nicht: mein Alter iſt drückeud und ſchwer, von den Federn ſeiner Schwingen hat es eine nach der andern verloren.“ „Iſt das ſo gewiß?“ flüſterte das Mädchen mit reizendem Lächeln. „Du zweifelſt?“ „Haben Sie nicht auch noch Ihre Träume, theure Pathe? Ich kann es kaum glauben, und Ihr Betragen gibt keinen Beweis dafür. Sie werden nicht böſe ſein, ich bitte Sie darum, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Herz ſo jung iſt als das meine. Einen Beweis, Sie verlangen einen Beweis? nun wohl, in dem Kriege, welcher im Namen jenes Lambert Sim⸗ nel, jenes falſchen Herzogs von Warwik geführt 58 wurde, wer weiß nicht, daß Sie damals Ihre Schätze. Ihre Soldaten verſchwendeten für den Triumph ei⸗ nes Schattenbildes, das Ihnen theuer war, nur weil es an Yorks Größe erinnerte?“ 1 Margaretha war erröthet, geſchlagen von der ſinn⸗ reichen Schlußweiſe dieſes Kindes blieb ſie ſtumm. „Nun alſo,“ fuhr Katharina, ſie umarmend fort, „waren Sie wirklich die von jenem Betrüger Bethör⸗ te? Nein, nicht wahr? Sie ſehen wohl, daß auch Sie ſolchen Wahnbildern ſich gern hingeben.“ „Katharina,“ erwiderte die Herzogin mit Ernſt, „ich werde immer die leicht zu Bethörende ſein, wenn man mir den Namen eines Sohnes unſerer Familie nennt; und ich glaube, ſo wie ich, denkt jede gute Engländerin. Jenen Prinzen, ſein ſte wirkliche oder erträumte Weſen, gehört Englands Gut und Blut.“ Das Maͤdchen ſchlug demüthig die Augen nieder, ſte fühlte, daß ihr Freimuth doch wohl irgend ein verborgenes Gefühl der Fürſtin verletzt haben mochte, das dem Blick eines Kindes in einer ſo ſchwer zu er⸗ gründenden Seele nur zu leicht entgangen war. Die Unterhaltung ging weiter über Fryon, über JakoblV., über die Stimmung in Schottland. Es war wohl zu errathen, daß Margaretha dem jungen Mädchen nur die Hälfte ihrer Eindrücke und Gedanken mit⸗ theilte. Ein großer, weittragender Plan keimte in dem geſchäftigen Geiſte der Fürſtin. Den folgenden Tag, als ein wenig Ruhe nach einer allzuheftigen Aufregung und übermäßigen Er⸗ ſchöpfung das Gleichgewicht wieder hergeſtellt hatte, ließ Margaretha, wieder ganz ihrer ſelbſt mächtig geworden, Fryon rufen, und hatte mit ihm eine ernſte 59 Unterredung über die Zukunft, welche für Schottland und für die Anhänger Yorks ſich entwickeln möchte aus der feindſeligen Haltung Heinrich's VII. und dem Wi⸗ derſtande der Königin⸗Wittwe. Es wurde beſchloſſen, daß man, ohne der Erſcheinung Brakenbury’s und ſeinen betrüglichen Worten zuviel Glauben zu ſchen⸗ ken, gleichwohl nicht verſaͤumen wolle, dieſen Men⸗ ſchen aufzuſpüren, ihn zu einer vollſtändigen Er⸗ klärung zu bringen, und ſich auf alle Fälle einen Helfer, einen Zeugen an ihm zu verſchaffen. Nur beſtand Fryon darauf, daß das Ausholen Bra⸗ kenbury's ſo geſchickt und heimlich geſchehe, daß der König von England vor dem Ausbruch nichts erfah⸗ ren könnte. Margaretha, in der Abſicht die Talente ihres neuen Rathgebers noch beſſer zu erproben, verlangte von ihm einen Angriffsplan. Ohne Zögern zeigte dieſen Fryon wie folgt: „Der einzige Sprößling des Hauſes York iſt der junge Warwik, der arme im Tower eingeſchloſſene Schwachſinnige, deſſen Namen und Schattengeſtalt doch ſchon eine Revolution in England veranlaßt hatte. Wenn man ſeiner ſich bemächtigte, ihn von allen Heinrich VII. feindlichen Souveränen anerken⸗ nen ließe; ihn mit ſeiner Familie, nemlich mit der Königin⸗Wittwe und Margaretha, umgeben würde, wenn man an irgend einem europäiſchen Hof eine vortheilhafte Verbindung für ihn fände, ſo würde man Heinrich VII. einen Bürgerkrieg und ſo end⸗ loſe Verwicklungen bereiten, daß vor deren Löſung entweder die Geduld, oder die Kräfte, oder das Leben bei ihm zu Ende wäre. Es handelte ſich nur 60 darum, den jungen Clarence aus dem Tower zu befreien und die Flucht der Königin⸗Wittwe zu be⸗ günſtigen, ſo ſtände für alle Beide eine Zuflucht offen in den Staaten der Herzogin, in Flandern. Mittlerweile müßte Schottland aus allen Kräften rüſten und Heinrich VII. durch einen Vertheidigungs⸗ und Angriffskrieg beſchäftigen. Fryon, mit den mächtigſten Rathgebern Karls VIII. insgeheim ver⸗ bunden, würde dieſen Fürſten zum Eintritt in das Bündniß bewegen; mit Geld wäre man der Schwei⸗ zer ſicher, ſo eiferfüchtig auf die Burgunder ſtie ſein mochten; Maximilian von Oeſterreich, zwiſchen Eng⸗ land und Frankreich ſchwankend, könnte durch das Verſprechen einer Vergrößerung ſeiner Beſitzungen in den Niederlanden gewonnen werden. Wäre man je genöthigt, dieſes Verſprechen zu halten, ſo könnte die Herzogin wohl ihre burgundiſchen Länder ab⸗ treten, nachdem ihr dafür England wiedergegeben ſein würde.“ Dieſer Plan ſättigte den ganzen Stolz, den gan⸗ zen Groll Margarethens; aber wie groß war ihr Erſtaunen, als Fryon, die breitgetretenen Pfade knauſeriger Politik und höſiſcher Intrigue verlaſſend, mit einem mal vor ihren Blicken die glänzende Aus⸗ ſicht auf eine Krone leuchten ließ. „Madame,“ ſprach er,„ich will Ihnen nicht verſchweigen, daß es, als ich Ihnen mich vorſtellte, nicht meine Meinung war, Ihnen bei einer jämmer⸗ lichen Quälerei des Königs von England zu helfen. Die Rolle der Fliege, welche an des Löwen Naſe herumſchwärmt, iſt nicht nach meinem Geſchmack. Sie würde am Ende Ew. Hoheit nur erniedrigen. 61 Vergeſſen Sie nicht, Madame, daß Sie eine Fürſten⸗ tochter aus königlichem Geblüte ſind; daß in Eng⸗ land, wenn keine männliche Erben vorhanden, die Frauen den Thron beſteigen. Erwägen Sie, daß der junge Herzog von Clarence, auch wenn er durch Sie wieder eingeſetzt worden, unfähig iſt zu regie⸗ ren, davon abgeſehen, daß er nicht lange mehr leben kann, aufgerieben, gebrochen, wie er iſt, durch die Leiden des Kerkers, durch die Moderluft einer fünf⸗ zehnjährigen Gefangenſchaft, während welcher er nur einmal die Sonne geſehen, an dem Tage, da Heinrich VII., um dem Volke Simnels Betrug zu beweiſen, Clarence durch die Straßen Londons ſüh⸗ ren ließ,— ein abgezehrtes, bleiches Geſpenſt. Erwä⸗ gen Sie, Hoheit, daß man für die Königin⸗Wittwe nur Theilnahme hat ſofern ſie die Mutter der bei⸗ den ermordeten Kinder iſt. Ihre Schwachheit ge⸗ genüber von Richard, von Heinrich VII. ſelbſt, hat ihr die beſten Freunde entfremdet. Was bleibt al⸗ ſo? Eliſabeth, die Gemahlin des Tyrannen, aber ſie mußte ſich vor ihrem Gatten beugen, ſie iſt eine Lancaſter geworden!... Werfen Sie jetzt einen Blick auf die Umgebung des Throns, was ſehen Sie da ſonſt, als eine große Fürſtin, die Wittwe eines berühmten Monarchen, des größten Kriegers ſeiner Zeit; eine Frau, berühmt ob ihres Geiſtes, ihrer Seelenſtärke, ihres Unglücks: eine Selbſtherr⸗ ſcherin, welche durch ihre Handlungsweiſe wie durch ihre Reichthümer ihre Macht zu wahren wußte? Von Verbindungen will ich nicht ſprechen. Dieſe Fürſtin, Madame, ſind Sie, Margaretha von York. Sei es als Regentin für den ungluͤcklichen Clarence, ſei es als Königin, welche Eduard IV. in der Re⸗ gierung nachfolgt: Sie haben den Thron vor ſich. Da ſteht er; vor meinen Augen ſeh' ich ihn, ſtrah⸗ lend wie ein Leuchtthurm in ſtürmiſcher Nacht. Ich ſehe nur dieſes Feuer, das mein Leitſtern iſt; und um Alles in Einem zu ſagen, Madame, jener Ehr⸗ geiz, von dem ich geſtern Ihnen zu ſprechen gewagt, iſt der: der Miniſter einer großen Königin zu ſein.“ Margaretha, geblendet, begeiſtert, ſtarrte Fryon an. Dieſer trunkene Blick leuchtete wie ein auf⸗ flammender Blitz. „Ans Werk denn!“ rief ſie;„dieß iſt das erſte Mal, daß mein Gedanke Geſtalt gewann und leben⸗ dig vor mir herſchreitet!“ Es wurde beſtimmt, die Gräfin Katharina ſollte zurückkehren, dem König von Schottland eine be⸗ deutende Unterſtützung an Geld anzukündigen, wel⸗ ches die Herzogin in Tournay bei ihren Zahlmeiſtern flüßig machen würde. Fryon würde das junge Mädchen zurückgeleiten bis Oſtende, wo das von Jakob IV. ihr zur Verfügung geſtellte Schiff ſie erwartete. Man würde demnach über Tournay reiſen, was der kürzeſte Weg war; dort wohnte die Wittwe Warbecks. Margaretha beſchloß zu eilen, um vor dem jungen Kranken bei ihr zu ſein und ſo die gute Nachricht zu überbringen, welche die Mutter für den Dienſt der wider Heinrich VII. Verbündeten günſtig ſtimmen ſollte. 63 Fünftes Kapitel. Tournay, die alte Scheldeſtadt,(ihr vlämiſcher Name iſt Doornik,) beſteht aus zwei durch den Fluß getrennten Quartieren. Karl Vll. hatte die Stadt ſammt dem nach ihr benannten Gebiet mit ſeiner Krone vereinigt, ſpäter aber beides an den Herzog von Burgund abtreten müſſen. Endlich war es dem Grafen von Meulan, jenem unter dem Namen „Olivier le Daim“(der Damhirſch) bekannten Banditen, gelungen, Tournay durch einen Hand⸗ ſtreich wegzukapern, und ſeinem früheren Herrn, König Ludwig XI., zurückzugeben. Dieſer letztere pflegte, was ihm zugefalleu, in gute Verwahrung zu nehmen, und ſo war die Stadt auch unter ſei⸗ nem Sohn Karl VIII. franzöſtſch geblieben. Demnach fanden ſich in der guten Stadt Fla⸗ mingen, Burgunder und Franzoſen, durcheinander; Juden gab es im Ueberfluß. Von hier hatte War⸗ becks, des niedrig geborenen, unermeßlicher Reich⸗ thum ſeinen glänzenden Ausgang genommen, und mit dem Fluge der Fama ſich über die ganze Welt verbreitet. Nichts maleriſcher, als die alterthümliche ſtei⸗ nerne, mit 55 Thürmen beſetzte Ringmauer. Das Ganze gewährte einen Anblick wie etwa Toledo oder irgend eine andere Sarazenen⸗Stadt. Wenn man jenſeits der vor 200 Jahren erbauten Brücke hin⸗ überkam in die Altſtadt mit den düſtern winkligen Gaſſen, welche mit Häuſern weniger beſetzt als viel⸗ mehr verrammelt ſchienen, ſo begegnete das Auge 64 zuerſt einem der merkwürdigſten Bauwerke von Tour⸗ nay, der Stadt ſelbſt an Alter gleich, ein unge⸗ heurer Bienenſtock aus Holz, Backſtein und Qua⸗ dern zuſammengearbeitet, an deſſen Seiten Be⸗ dürfniß oder Geſchmack der Beſitzer,— dem Geiſte jedes Jahrhunderts ſich anpaſſend,— eine Ver⸗ zierung oder ſonſt ein Anhängſel hinzugeflickt hatte, ähnlich jenen ſeltſamen Gewächsformen, wie ſie auf hundertjährigen Bäumen wuchern. So fanden ſich alle Bauſtyle daran vertreten durch Einzelſtücke oder durch einen in ſeiner Art vollſtändigen Auszug. Schon am Aeußeren bemerkte man das Auftreten und Verſchwinden der verſchiedenen Herrſchaften, welche von Conſtantius, dem Sohne des Conſtantin, von Clodwig, Childerich, Hugo Kapet und Philipp Auguſt bis auf Karl VIIl. einander gefolgt waren. Die eine zeigte ſich in dem Spitzbogen eines Fenſters, wieder eine andere in der Freitreppe, welche an den Backſteinmauern ſich emporwand, wie die knotigen Ranken des Epheu. Zwei Thürme ſchließlich, von verſchiedener Größe und Bauweiſe, ſchwerfällige Anhängſel, ganz geeignet, um der Mauer, welche ſie tragen ſollte, mehr Halt zu geben, lehnten ſich, der eine an die Mittags⸗, der andere an die Morgenſeite des Hauſes, ohne Rück⸗ ſicht auf das Ebenmaß der Stockwerke. Dieſen Beitrag hatte das dreizehnte Jahrhundert geliefert. Sie waren wohl eine Erinnerung an Damiette, von deſſen Wundern Ludwig der Heilige ſeinem Bau⸗ meiſter erzählte, und ohne Zweifel hat jener Fla⸗ mänder, welcher das von Karl V. bewohnte Hotel in Sens baute, eben dieſelben im Auge gehabt. 65 . Dieſes wunderliche Haus, oder vielmehr dieſes namenloſe Baſtardgebäu erſtreckte ſich, ſo ſagte man, unter der Erde noch weiter und mit noch mehr und künſtlicheren Verzweigungen, als im Freien. Der klaſſiſche Tartarus der Alten war Nichts im Ver⸗ gleich mit dieſem wunderbaren Höhlenbau. Ein Gitter von ſtarken Eiſenſtangen, deren dreihundert⸗ jähriger Roſt indeſſen kaum auf der Oberfläche des Metalls ſich angeſetzt hatte, war an der Waſſerſeite ſichtbar, manchmal in gleicher Höhe mit dem Spie⸗ gel der Schelde, meiſtens aber von dem Fluß über⸗ ſtrömt. Durch dieſes Gitter, das noch Niemand je ſich öffnen ſah, nahmen, ſo wollte man wiſſen, die dem Haus Warbeck zugeſchriebenen Schätze ihren ver⸗ borgenen Weg, von dem ſtillen Gewäſſer der Schelde geräuſchlos hin⸗ und wiedergetragen. In dieſem Hauſe lebte und harrte Dame Warbeck, eine Frau von frieſiſcher Abſtammung, ein Helden⸗ weib an Geſtalt und Wuchs, obwohl in tiefer Trauer, Teraſſe — doch als eine Schönheit von ſechsunddreißig Jahren noch immer glänzend. Hätte das Innere des Gebäu⸗ des der Außenſeite ähnlich geſehen, kein Zweifel, daß dieſe Trauer für die arme Verlaſſene der Tod geweſen wäre. Aber das, wie wir oben erzaͤhlt, nach Rö⸗ merart angelegte Haus ließ Licht und Luft bis in ſeine Mitte dringen, das heißt bis in einen großen derenigen Hof, der auf allen vier Seiten von einer eherrſcht wurde: alle Zimmer gingen auf dieſen Freigang und von hier aus empfingen ſie ihr Licht ſo wie auch der mit herrlichen Blumen ange⸗ pflanzte Hof, in deſſen Mitte ein Springbrunnen plätſcherte. Hier erging ſich ungeſehen, ungeſtört, Maquet, Weiße Roſe 5 66 die Mutter, die ihr Kind beweinte. Dieſer Hof war das Allerheiligſte; Fremde drangen nie bis dorthin. Dagegen waren zwei große aber niedrige Saalräume für die Schreiber und Schreibſtuben da, ſowie eine überaus große Vorhalle für die Geſchäftsfreunde des Hauſes. Die Dame zeigte ſich ſelten, zufolge der Ge⸗ wohnheit, welche ſie längſt hatte annehmen müſ⸗ ſen, denn der Anblick ihrer beinahe übernatürlichen Schönheit war von jeher eine beſtändige Lockung für den ganzen jungen Adel und die Verzweiflung ihres Gemahls geweſen. Gleichwohl geſchah es in dieſem abgeſchloſſenen Hof, daß an einem ſchönen Junimorgen die Frauen der frieſtſchen Dame ihr den Beſuch der Herzogin Margaretha meldeten. Dame Warbeck war ſchwarz gekleidet, ſie trug den ſtrengen Kopfputz der Wittwen des Hennegau. Ihre ſchönen Goldhaare waren unter. dem kalten Stirnband von polirtem Zinnblech ver⸗ ſchwunden. Bei den erſten Worten erhob ſie ſich, verließ die Blumen, welche ſie eben beſorgt, und näherte ſich in ehrerbietiger Eile dem mit Brügger Tapeten ausge⸗ ſchlagenen Gelaß, welches Hof und Vorhalle trennte. Aber ſchon hob Margaretha die ſchwere Tapete bei⸗ ſeit, und trat, von Katharina gefolgt, ein in den Frauenbereich. Dame Warbeck verneigte ſich ſtumm, während ein Page Stühle kurechtſetzte. Betroffen, ſie lin dieſem traurigen Putz ſo ernſt und düſter zu finden, begann die Herzogin: 8 „Was ſoll das, Dame Warbeck! traurig verließ ich Euch, traurig find ich Euch wieder!... Ei nun, War 67 beck verdient ſo viele Thränen nicht. Jetzt können wir es wohl ſagen. Er hat Euch nicht immer glücklich gemacht, denkt darauf, Euch ſchön zu erhaltenfür junge Augen, die bald Euch ſehen werden... 7 Unbeweglich und kalt wie eine Bildſäule, nahm die Frieſin, ſcheinbar ohne ſie zu verſtehen, Troſt⸗ und Schmeichelworte entgegen, beide von ſeltſamer Art, wäre es damals nicht im Brauch geweſen, daß aus Fürſtenmund nur goldne Worte kommen konnten. „Ei wie,“ fuhr Margarethe fort, auf welche die erſtaunte Katharina einen fragenden Blick richtete, „werdet Ihr nicht lebendig, meine Gute? Wir lie⸗ ben, wir beklagen Euch; aber es will uns dünken, Ihr könntet wohl ein wenig freundlich ſein, wenn es ſich von dem Gegenſtande handelt, an dem, ſo ſagt man, auf dieſer Welt Euer Herz allein noch hängt.“ „Perkin! mein Sohn,“ murmelte die Frieſin. „Ja wohl! glücklich das Weib, das einen Sohn umarmen kann, wenn ſie den Gatten verloren.“ „Aber ich, Madame,“ antwortete Dame Warbeck, „ich kann meinen Sohn nicht umarmen.“ „Früher oder ſpäter werdet Ihr ihn umarmen.“ „Ich hab' es gehofft, ich hoff es nicht mehr,“ ſagte die frieſiſche Dame mit ſo leiſer und kurz abge⸗ ſtoßener Stimme, mit einem ſolchen Ton der Entſa⸗ gung und Hoffnungsloſigkeit, daß die Herzogin inne hielt aus Furcht, dieß kranke Herz möchte zerſpringen, wenn das Atom von Freude, welche die Herzen weiter macht, zu plötzlich hineindränge. „Und wie kommt es, daß Ihr nichts mehr hofft; der Knabe muß ja doch wohl wiederkommen?“ „Drei Monde ſind es nun, daß man unir ſeine 68 Wiederkehr ankündigt, Madame. Aus ſolcher Nähe braucht man keine drei Monate, um in die Arme der Mutter zurückzukehren.“ „Er liebt Euch aber doch, Euer Sohn?“ „Er betet mich an, wenigſtens that er dieß, als er mich verließ.“ „Ich ſehe keinen Grund, warum dieß anders ge⸗ worden ſein ſollte, liebe Warbeck.“ Die Frieſtn hob die Augen zum Himmel, eine Wolke zog über ihre Stirn; dieſe Geberde, dieſer Seufzer ſagten ſo klar und deutlich:„Ich weiß wohl, warum,“ daß die Herzogin ſogleich in unge⸗ zwungenem Ton fortfuhr: „Es iſt doch nicht der Vater, denk' ich, der im Herzen Eures Kindes dieſe Liebe verwiſcht hat?“ Die Dame richtete ſich mit einem Mal auf, als hätte ſte nach dieſer ſo einfachen und unbedeutenden Frage, nicht mehr die Kraft Weiteres zu hören. „Was iſt Euch?“ fragte die Herzogin.„Was iſt ihr doch?“ ſagte ſie noch leiſer zu Katharina ge⸗ wendet, für welche dieſe Schönheit, dieſer Schmerz, dieſer ſtumme Gewiſſensqualen ähnliche Kampf ein ebenſo feſſelnder als ſchrecklicher Anblick war. Die Dame hatte ſich dem Springbrunnen zu ge⸗ kehrt, unfähig ihre Gemüthsbewegung zu beherr⸗ ſchen, wie die einer ſo hochgeſtellten Frau gebührende Achtung erfordert hätte. Jetzt ging Margaretha auf ſie zu, machte Katha⸗ rina ein Zeichen, damit dieſe von dem nun folgenden Auftritte abſichtlich nichts bemerken ſollte, nahm die Wittwe Warbeck am Arm und führte ſte ſo etwas 69* mehr beiſeite mit dem liebenswürdigen Zwang einer zärtlichen Frau, welche der Freundin ein Geheimniß, ein Leiden abnehmen will.. „Seht doch,“ ſagte ſie ſanft,„iſt all das denn auch natürlich? oder iſt es nicht vielmehr das Gegen⸗ theil? Laßt Euch von mir ſagen, daß Ihr für eine ſo vortreffliche Frau unbegreifliche Schwächen habt. Uebrigens, da Ihr wußtet, wie kleinmüthig Ihr ſeid, warum habt Ihr erlaubt, daß Warbeck Euren Sohn von Euch nahm?“* „Hab' ich es denn erlaubt?“ erhob die Frieſin ihre Stimme und ſchoß einen erſtorbenen Blick nach der Herzogin.„Hat man mich etwa um die Erlaub⸗ niß gefragt, meinen Sohn mir entreißen zu dürfen?“ Margaretha, dieſes Herz von Erz, wurde nun doch gerührt durch dieſes von Zorn und Schmerz ausgepreßte Geſtändniß. Dame Warbeck ihrerſeits wurde erſt roth, dann bleich und ſchien ſich in die Lippen zu beißen aus Aerger über ihre unvorſichtige ede. Die Großen der Erde vermögen viel, wenn ſie außer ihren ſonſtigen Verführungskünſten noch das Verführeriſche, was in der Theilnahme liegt, wirken laſſen. Margaretha drückte der Wittwe die Hand, als hätte ſie die ganze Tragweite der Worte, welche ſo eben ihr entſchlüpft, verſtanden oder wenigſtens empfunden. „Arme Fraul“ ſagte ſie,„arme Mutter! Aber warum bereitete man Euch ſolchen Kummer?“ . Der Ton dieſer Worte war einſchmeichelnd, das Lächeln herzgewinnend, die Geberde bezaubernd; aber es war zu ſpaͤt für Margaretha's Neugierde, das tiefe 3 7 70 Herz der Frieſin hatte ſich unter der Maske ihres Ge⸗ ſichts wieder geſchloſſen. „Mein Gott! Madame,“ ſagte ſie,„Eure Hoheit iſt allzu edelmüthig, daß ſte fuͤr eine Frau meines Standes Theilnahme hat; es iſt in Wahrheit um mich der Mühe nicht werth!“ „Ihr ſeid mir ſo viel werth, als eine Königin, meine Liebe. Darum bitte ich Euch, habt Vertrauen zu mir und laßt mich den Grund wiſſen, der Warbeck beſtimmen konnte, eine Mutter wie Ihr von ihrem einzigen Sohne zu trennen.“ Dieſe Art zu bitten duldete keinen Widerſtand mehr. Es blieb keine Wahl als: Lüge oder vollſtän⸗ diges Geſtändniß. Die Wittwe Warbecks nahm eine ruhige Haltung an und der Uebergang von wahrer, aufrichtiger Trauer zu dieſer gewaltſamen Aufraffung entging der Herzogin nicht. Die Frieſin nahm das Wort: „Es verhält ſich ſo, Madame, da Sie es doch zu erfahren wünſchen: Ich weigerte mich, Perkin, mei⸗ nen Sohn, reiſen zu laſſen; ſo ſind ja alle Mütter. Es war zum Beſten des Knaben. Mein geſtrenger Herr wurde aufgebracht über dieſe meine Weigerung, und ohne mir davon zu ſagen, um jedem Widerſtand auszuweichen, nahm er unſern Sohn mit ſich fort.“ „Ohne ein Wort zu ſagen?“ ſagte die Herzogin kalt,„wie ſo?“ „Ja, Madame.“. 3 „Am hellen Tag, oder verſtohlenerweiſe? Am hellen Tag hättet Ihr es geſehen?“ „Bei Nacht durch die Gitterthür, welche nach der Schelde hinausgeht.“ —= 71 Die Herzogin erwog in Gedanken, daß dieſe Ab⸗ reiſe doch höchſt ſonderbar ſei. Sie hätte das Verhör noch länger fortgeſetzt, fürchtete aber, ihre Wirthin zu verletzen, welche in Verlegenheit war, wie ſie die noch übrigen Bruchſtucke ihres Geheimniſſes verber⸗ gen ſollte. Margarethens Rolle war nicht die einer Herrin, welche befiehlt. Sie hatte im Gegentheil die Dame Warbeck nöthig, und ſie zu verſtimmen, wäre nicht politiſch geweſen. Sofort einen gleichgültigen Ton und eine beruhi⸗ gende Miene annehmend: „Wohlan!“ ſagte ſte,„Eure Wunde iſt nicht ſo ſchwer zu heilen, und ich werde Euer Arzt ſein. Die Abweſenheit des jungen Perkin betrübt Euch. So lacht nur gleich, er kommt ſchon zurück.“ „Er kommt zurück!“ rief die Frieſin mit einem Ausbruch mütterlichen Gefühls, den ſie aber gleich wieder zurückdrängte. Sie ſetzte hinzu: „Wie oft hat man mir dieſe Worte ſchon geſagt!“ „Ja, aber nicht ich war es, die ſte Euch ſagte,“ erwiderte Margaretha mit einem leiſen Anflug von Stolz, der die Mutter mehr überzeugte, als tauſend Liebkoſungen. Sie fühlte die innere Wahrheit, welche in dieſen ſelbſtbewußten Worten verborgen war. „Ihr wißt?“... flüſterte ſie, und faltete die Hände. „Mehr als das,“ erwiderte Margaretha mit einem Lächeln.„Ich habe geſehen.“ 4 „Ihr habt meinen Sohn geſehen?“ „Jd. 72 „Er kommt zuruͤck?“.. „Ich ließ ihn in meiner Sänfte tragen.“ »Er war verwundet... krank?... O! ja, man ſagt er ſei krank, für eine Mutter heißt das ſo viel als: er iſt todt!“ „Und ich verkünde Euch ſeine Rückkehr, ja ich kann euch den Augenblick ſeiner Ankunft für die nächſten zwei Stunden beſtimmen.“ „Madame! Hoheit!....“ „Heute noch kann er kommen, ſpäteſtens morgen frühe.“ „O!“ rief die Frieſin und. ergriff haſtig die Hände der Herzogin, um ſie mit Küſſen zu erdrücken. Margaretha hatte ihre Freude an dieſem Ueber⸗ maß von Entzücken und verſprach ſich den glücklichſten Erfolg davon, als plötzlich in der Vorhalle ein Ge⸗ töſe von Stimmen und angeſchlagenen Thüren laut wurde. Ein Reitender hatte ſo eben den Einzug einer Karawane in die Stadt gemeldet, unter welcher Dame Warbeck, ſo hieß es, Bekannte finden würde. Dieſe hinter der Tapetenthür geſprochenen Worte wurden gleichwohl von der Mutter des jungen War⸗ beck vernommen. Sie heftete auf die lächelnde Her⸗ zogin einen zugleich von Angſt und von Hoffnung ſprechenden Blick. „Sicherlich, ja,“ erwiderte Margaretha auf dieſe ſtumme Frage.. Die Mutter, beinahe erſchrocken über ihr Glück, verlangte mit verſtörter Miene von ihren Frauen ih⸗ ——P—— 73 ren Trauer⸗Schleier und hieß ein Maulthier ſatteln, um dem heißgeliebten Sohn entgegenzueilen. Während ſte Alles in Thätigkeit ſetzte, trat Fryon in den Hof, kam geheimnißvoll auf die Herzogin zu, und übergab ihr eine Briefſchaft mit dem einzigen Wort: „Von Schottland an Eure Hoheit.“ Um ungeſtörter zu ſein beim Leſen, ſowie bei der Beſprechung, welche darauf folgen mußte, ſtieg Mar⸗ garetha die kleine Treppe hinan, welche vom Hof auf die ringsherumſichziehende Plattform des erſten Stock⸗ werks führte. Sie ſetzte ſich, geſtützt auf das von Schlingblumen umrankte ſteinerne Geländer, und er⸗ brach nicht ohne innere Erregung den Brief, der ge⸗ wiß nicht ſo ganz plötzlich kam, ohne von großer Wichtigkeit zu ſein. In der That war der erſte Eindruck, den die Her⸗ zogin empfing, eine tiefe Entmuthigung. Nachdem ſte geleſen, legte ſich ihre Stirn in Falten und ſie reichte den Brief Fryon, auf deſſen Geſtcht dieſelben Empfindungen ſich malten. Jakob IV. meldete ſeiner Verbündeten, daß die ganze Hofintrigue, auf welche die Feinde Heinrichs VII. ihre Kriegsplane gebaut, ſo eben in Nichts zergangen ſei wie Rauch. In einem Schreiben an ſeinen Ge⸗ ſandten in Schottland gab Heinrich VII. ſelbſt eine Darlegung ſeines ganzen liſtigen Planes und zwar mit einem gewiſſen höhniſchen Cynismus. Er war es geweſen,— ſo ſagte er— der Brakenbury ange⸗ ſtellt,— er habe, von den Verſuchen ſeiner Gemah⸗ lin und ſeiner Schwiegermutter, die Anhänglichkeit an das Haus York neu zu beleben, endlich ermüdet, 74 das Volk in Betreff der noch lebenden York's ein für allemal abſpeiſen wollen, indem er deſſen Liebe und Mitgefühl auf ein Phantom lenkte; er war es gewe⸗ ſen, der bei dieſer Gelegenheit die Haltung, welche ſeine Feinde in einem ſolchen Fall annehmen würden, hatte kennen lernen wollen, er endlich, der, um zu be⸗ weiſen, wie ſtark er ſich fühle, ganz aus eigenem An⸗ triebe die Gerüchte vom Vorhandenſein eines Nach⸗ kommens Königs Eduards ausſtreute, und damit ſeinen Gegnern die Herausforderung ſo recht ins Geſicht ſchleuderte. Jakob IV. ſchloß ſein Schreiben mit der Mitthei⸗ lung, daß Heinrich VII., kühner und ländergieriger als je, ſo eben durch einen feierlichen Act alle Güter und Lehen der Familie York an ſich gezogen habe, ſich berufend auf den Anſpruch ſeiner Gemahlin und ſeines Sohns auf den Beſitz dieſer unermeßlichen Einkünfte. So entriß der ſchlaue Thronräuber dem Hauſe, welches ihm die Krone ſtreitig machen konnte, die Hülfsmittel, mittels deren man den Krieg gegen ihn hätte führen können. Dieſer letzte Schlag traf die Burgunderin ins Herz; er vernichtete vollends ihre ganze Hoffnung. Fryon, beſtürzt, aber gleichſam inſtinktmäßig dieſem Unglück ſich entgegenſtemmend, bewunderte das Ge⸗ nie Heinrichs VII., des unermüdlichen Ringers, für den jeder Sturz eine Gelelegenheit wurde, ſich wieder emporzuſchnellen. 3 „Nun denn,“ ſagte die Herzogin mit einem er⸗ ſtickten Seufzer,„das Glück weigert ſich uns zu die⸗ nen; hören wir auf, gegen den Sturm zu ſteuern.“ „Ew. Hoheit ſagt nicht, was ſte denkt,“ flüſterte 75 Katharina beſtürzt, denn auch ſte hatte von dem Schreiben Kenntniß genommen, und der Schlag hatte ihr nicht zu groß geſchienen für die Kraft eines ſo beharrlichen und ſtarken Geiſtes wie Margaretha. „Weil er dem Schickſal Trotz geboten, unterlag der Herzog von Burgund,“ erwiderte die Herzogin. „Manchmal,“ ſagte Fryon in unterwürfigem Ton, „iſt der Augenblick, der uns zu vernichten droht, der⸗ jenige, der uns Rettung ſchafft.“ „Ihr ſprecht von Wundern, Meiſter Fryon,“ ent⸗ gegnete die Herzogin bitter.„Ich läugne die Wun⸗ der nicht, aber ich gehöre nicht zu denen, für welche es Gott gefällt, dergleichen zu thun. Auf denn, ent⸗ ſcheiden wir uns, Katharina, mein Kind; es wird dringend nothwendig, daß Du nach Oſtende gehſt, wo Dein Schiff Dich erwartet. Wer weiß, ob dem überglücklichen Heinrich nicht der Gedanke kommen wird, das ihm holde Glück benützend, den Krieg mit der Beſchlagnahme dieſes Schiffs zu eröffnen; der Schlag fehlt uns noch! Verlaßt mich jetzt, ich werde verſuchen, meine Gedanken zu ſammeln und alsdann Dir in Kürze ſagen, was Du Jakob lV. von mir antworten ſollſt.“ „Phlötzlich ſtand ſie ſtill; unten im Hauſe war eine wirre Bewegung, welche die Herzogin in die Wirk⸗ lichkeit zurückrief. „Ich vergaß,“ ſagte ſte,„wir ſind hier an einem Orte, den glückliche Menſchen bewohnen: eine jauch⸗ zende Mutter, ein vor Freude zitternder Sohn; ſie werden ſich umarmen, Thränen vergießen. Ja, ja, das Glück! Das iſt ein ſeltener Anblick für Leute wie wir, ein ſolches Schauſpiel muß man ſich wohl » 76 betrachten! Komm, Katharina, lehne Dich mit mir auf dieſen Balkon; Ihr auch, Fryon, ſeht auch zu, ich erlaube es Euch; wo das Wetter eingeſchlagen, werden Alle gleich.“ Theils um der mächtigen Fürſtin zu Willen zu ſein, theils um ſeine eigene Faſſung wieder zu ge⸗ winnen, gehorchte Fryon; ſo blieben die drei Zu⸗ ſchauer auf die Brüſtung geſtützt, Katharina und Margaretha die Hände ineinandergeſchlungen; der Geheimſchreiber ſtand wenige Schritte davon, allein, in Gedanken verloren. Sechstes Kapitel. Jener ſchöne, ſeltſame Jüngling, welchen die Dienſtleute der Herzogin in der Sänfte mit ſich führ⸗ ten, machte einen Theil der Reiſe, ohne ein Lebens⸗ zeichen von ſich zu geben. Anfangs hatte er einige Aufmerkſamkeit gezeigt für die Männer in Waffen, für die ſchönen Roſſe, für den kriegeriſchen Aufzug, der ihn umgab, als ob er zu den Großen dieſer Welt gehörte; ſpäter, als er Zebäus und Jan wiederfand, die beiden jüdiſchen Diener, mit ihren gewohnten Redensarten, Vorſchriften und Handleiſtungen, hatte er ſich in eine Ecke der Sänfte zurückgelehnt, düſter und verächtlich wie ein Löwe, den man in ſeinem dämmrigen Käfig herumführt. Ein paar Mal hatte Zebäus zu ihm geſagt:„Bald werden wir die Heimath wiederſehen.“ Perkin ant⸗ wortete ihm nicht einmal. ſſ1n 77 — Ein andermal ſagte Zebäus:„Wir werden Eure Mutter, die liebe Frau, wiederſehen.“ Da ſchoß aus den Augen des jungen Reiſenden ein durchdringender Strahl und Zebäus tröſtete ſich einigermaßen mit dem Gedanken, daß bei dem jungen Menſchen doch nicht Alles verloren ſei, da er eine ſo große Liebe zu ſeiner Mutter habe, daß die bloße Nennung ihres Namens die Kraft hatte, ihn aus ſeiner Stumpfheit zu reißen. Als die Karawane unter dem erſten niedrigen Thor der Vorſtadt durchzog, trat Zebäus an die Sänfte.„Herr,“ ſprach er,„ich glaube, einer von unſeren Herrn iſt vorausgeritten, um von unſerer Ankunft Nachricht zu geben; gleichwohl mein' ich, könnte die Ueberraſchung für das Herz der Dame Warbeck zu ſtark ſein. Wollt Ihr, daß wir, um dieſer Rückſtcht willen, am Scheldethor Halt machen, oder iſt es Euch lieber, wenn wir ohne Weiteres die Straße hinaufziehen?“ „Ich verſtehe nicht,“ war die Antwort. „Das Scheldethor, Herr, oder die Straße hier?“ „Was iſt Scheldethor?“ fragte Perkin. Zebäus wandte ſich achſelzuckend gegen ſeinen Gefährten; Jan meinte: „Er iſt ganz und gar blödſtnnig.“ „Wenn er hörte, was Du da ſagſt, Unglücklicher!“ murmelte Zebaͤus. „Wenn er's auch hörte, verſtehen würd' er's doch nicht, erwiderte Jan.„Aber richte Dich ein Mal etwas nach ſeiner Faſſungskraft; ſag' ihm, daß wir nun angekommen ſind.“ 78 Zebäus gehorchte. „Wir ſind in Tournay, Herr,“ ſagte er mit ſo ſüßer Stimme, als ihm möglich war, wie zu einem Kind, dem man eine bittere Arznei eintränken will. Perkin ſchlug die Augen auf, aber das war Alles. „Tournay! Ihr wißt ja, Tournay!“ „So?“ ſagte Perkin. „Ja freilich, Ihr ſeid in Tournay, Herr; kennt Ihr ſie nicht mehr, die Stadt?“ Perkin richtete ſich mit dem Ellbogen auf, ſchaute um ſich, ſah das Thorgewölbe, die düſtere Straße mit den gothiſchen Giebeln; und weiterhin ein großes viereckiges Stück Himmel, das von der Sonne golden gefärbt war.. „Ich kenne das nicht,“ ſagte er ruhig und lehnte ſich wieder zurück. „Wir wollen ihn geradezu ins Haus bringen; man kriegt ja doch Nichts aus ihm heraus, und wir müſſen froh ſein, daß wir ihn lebend zurückbringen. Wenn wir noch lang verweilen, es könnte ſein, er ſtirbt uns unter den Händen.“. So meinte Meiſter Jan; die Sänfte ſetzte ihren Weg fort, ſchnellen Schrittes ging man über die Bruͤcke, und kam vor das Haus der Wittwe Warbeck, in demſelben Augenblick, als dieſe ſich anſchickte, ein Maulthier zu beſteigen und ihrem Sohn entgegen zu reiten. Die Thüren der Sänfte wurden geöffnet, der Tritt niedergeſchlagen, Zebäus bot Perkin zum Aus⸗ ſteigen Hand und Schultern; dieſer aber, die Hülfe des alten Juden zurückweiſend, ſprang mit Leichtigkeit „ — 79 heraus, und betrachtete das väterliche Haus aufmerk⸗ ſamer und mehr verwundert als je. Unter allgemeinen, theilnehmenden Freudenrufen ſchritt er auf das Haus zu, unter deſſen Vorhalle eine Frau durch die Menge ſich hervordrängte, und wie von Sinnen, die Augen von heißen Thränen geblen⸗ det, mit offenen Armen auf den Fremdling zuſtürzte. Alle traten ehrerbietig zurück, um der glücklichen Mutter Platz zu machen, welche ihre Beute erfaßte und ſie mit ſich fortzog nach dem inneren Hof hinter die dichten Vorhänge. Perkin wehrte ihr ſanft ab und fragte Zebäus:„Wer iſt dieſe Dame?“ „Er kennt ſeine Mutter nicht mehr!“ rief der Alte, welcher bei den Dienern in der Vorhalle zuruck⸗ geblieben war und ihnen von dem Irrſinn des Jüng⸗ lings zu erzählen begann. Wie vom Blitz getroffen war die Wittwe War⸗ becks einen Schritt zurückgewankt. Sie fing an zu zittern, und ihre ſtieren Augen bekamen allmählich einen verwirrten, kraſſen Ausdruck. „Das iſt Perkin?....“ murmelte ſie..,„Du biſt mein Sohn?...“ Perkin gab keine Antwort; er betrachtete die Frau, die vor ihm ſtand, ohne Erſtaunen, ohne Erregung, mit einer Art von Mitleid, welche von vollkommener Ruhe und Klarheit des Verſtandes zeugte. „Mein Kind hatte ſchwarzes Haar,“ ſagte die Mutter, in deren Geiſt nach und nach der Wahn⸗ ſinn überging, den man bei ihrem Sohn vorhanden glaubte, dieſer hat blonde Haare... Freilich, die Haare werden anders, aber das Geſicht... das ſind meines Sohnes Züge nicht.. Sprecht doch, 80 mein Herr... ſagt mir.... Erkennt Ihr in mir Eure Mutter?“ „Nein, Madame,“ ſagte Perkin langſam und mit wohlklingender Stimme. „Warum ſucht Ihr mich zu täuſchen!“ rief die Frieſin, das Herz von unausſprechlichem Weh be⸗ klemmt; warum gebt Ihr Euch her zu ihrer Be⸗ trügerei?.. Das iſt nicht recht von Euch. „Ich habe mit dieſen Leuten Nichts zu thun.“ fuhr Perkin fort;„ich kenne ſie gar nicht.“ Von der Vorhalle aus ſahen Aller Augen dieſen ſonderbaren Auftritt; aber Keiner hörte die gedämpften Worte, welche dieſe Beiden, jedes dem andern fremd, jedes am Andern erſchrocken, mit einander wechſelten. „Gnädige Frau,“ ſagte Zebäus, der unglück⸗ lichen Mutter ſich nähernd,„hütet Euch, den Irr⸗ ſinn unſers jungen Herrn mit zu vielem Fragen noch zu ſteigern.“ Jene hörte nicht mehr darauf; Faſſung und Be⸗ wußtſein waren am Ende. Mit nerviger Hand faßte ſte den Alten beim Leibrock, und ſtieß mit wildem Blick die Worte heraus: „Erſt Du, wer biſt Du?“ „Zebäus, gnädige Frau... Ihr wißt ja doch?“ antwortete der Jude beſtürzt. „Was für ein Zebäus?“ „Der Lagermeiſter von Conſtantinopel, gnädige Frau. 71 Er mußte ſich leiſe fragen, ob denn in dieſer Fa⸗ milie Alles närriſch geworden? „Wer iſt dieſer junge Menſch?“ 81 Zebäus Augen ſtanden weit offen und ſtarr vor Erſtaunen. „Sie auch!...“ dachte er. „Wo bringſt Du ihn her?“ fuhr die Wittwe Warbecks fort, mit Fragen ſich überſtürzend. „Von Conſtantinopel, wohin ſein Vater mich ge⸗ rufen; ich hab⸗ es Euch ja geſchrieben.“ „Ich weiß wohl, daß Du mir geſ ſorjeben Paſt; aber Du haſt mir Feſchrieben, W Warbeck, Dein Herr, habe ſeinen Sohn Dir übergeben; Du haſt mirx ge⸗ ſchrieben, Du wolleſt mir meinen Sohn wiederbrin⸗ gen. Wohlan Elender, dieſer hier iſt aber nicht mein Sohn!“ „Barmherzigkeit!“ rief Zebäus die Hände fal⸗ tend;„Ihr treibt Euren Spott mit einem alten Mann, gnädige Frau!“ „Ich habe Dich Schurken, den ich mit eigener Hand umbringe, wenn er ſeine Schurkerei nicht ge⸗ ſteht und mir das Kind nicht wiedergibt, das ich un⸗ term Herzen trug.“ „Ich ſchwöre, Herrin. „Läſtere nicht, Elender. Dieſer Jüngling ſagt aus, er kenne mich nicht.“— „Das iſt ſein Wahnſinn.... das hat er zu ſei⸗ nem Vater auch geſagt.“ „Hat er das?“ „Wie ſollt' ich es wiſſen, wenn Meiſter Warbeck es mir nicht ſagte? Das kommt Alles von den Fol⸗ den kinen Verletzung am Kopf, die er als Kind erhielt. „Mein Sohn hat ſich niemals am Kopf herlagt 4 Maquet, Weiße Roſe. 8² „Ach! gnädige Frau, ſeht doch die Narbe!“ „Mein Sohn hatte niemals eine Narbe am Kopf,“ rief die Mutter, indem ſie mit einer Art von Abſcheu Perkin von ſich ſtieß,„hört Ihr'’s? Hier iſt ein Complott, hier iſt ein Verbrechen!... man hat mir meinen Sohn entführt und will mir einen fal⸗ ſchen unterſchieben... Aber ich habe Freunde, Be⸗ ſchützer: man wird mich vertheidigen, man wird mich rächen. Uebrigens, Du alter Sünder, beweiſe Du, beweiſe, daß mein Gemahl dieſen Knaben Dir anver⸗ traut. Hal Kannſt Du das nicht, ſo geht es vor Ge⸗ richt!“ Zebäus, beſtürzt und betäubt unter dem Hagel von Scheltworten und Beſchuldigungen, deren ge⸗ fährliche Bedeutung er in dieſem Augenblick nicht ein mal begriff, hatte bis jetzt gar nicht gedacht an War⸗ beck's Teſtament und an die während der Reiſe mit höchſter Sorgfalt verwahrten, werthvollen Papiere. Er rieb ſich voller Freude die Stirn, zog aus ſeiner Bruſttaſche einen ſogar für einen Juden des 15. Jahr⸗ hunderts ziemlich unſaubern Beutel und übergab der ungeduldigen Herrin die von dem ſterbenden War⸗ beck für ſte beſtimmte Botſchaft. Jene zerbrach das Siegel des ſchweren Umſchlags und öffnete haſtig; eine ganze Maſſe Bankpapiere und Wechſelbriefe ſiel heraus, ſo daß die Millionen auf den Steinplatten umherlagen oder in das Baſſin flogen. Endlich hatte ſie den von ihrem Mann geſchrie⸗ benen Brief gefunden. Sie verſchlang ihn mit einem einzigen Blick und entſetzt, mit leichenblaſſem Geſicht, die Augen mit Blut unterlaufen: 3 „Gnädige Frau!....“ rief ſie, die Hände 83 4 gegen die Herzogin ausſtreckend,„zu Hülfe!... zu Huͤlfe!... Schon bei den erſten Anzeichen von Wahnſinn zu — Anfang dieſes ganzen ſchrecklichen Auftritts war Margaretha in den Hof herabgekommen. Sie ſchloß die Warbeck in ihre Arme; die Unglückliche konnte kaum eine Sylbe herausbringen, und wand ſich in den Armen der Herzogin, die Zähne knirſchend, die Lippen mit Schaum bedeckt. „Faßt Muth,“ ſprach die Herzogin,„Ich bin bei Euch! Was iſt geſchehen?“ „Ja, es iſt geſchehen,“ murmelte das Weib,„War⸗ beck hat ſich gerächt, er hat meinen Sohn ermordet!“ Alſo ſprechend erhob ſie die Arme gen Himmel, wie um denjenigen zu verwünſchen, der nicht mehr auf Erden wandelte; in ſchmerzlich irrendem Verlan⸗ gen ſchien ſie ringsum den geliebten Sohn zu ſuchen, ſchon glaubte der verdunkelte Blick im Reich der Schatten ihn zu gewahren, da quoll aus dem gebro⸗ chenen Herzen das Blut über ihre Lippen; ſie konnte nicht ausreden. Sie wollte die Stimme erheben— der begonnene Schrei war ihr letzter Seufzer.— Ein Schauder durchlief die Verſammlung, Katha⸗ rina eilte davon und in die Hauskapelle, wo ſte auf die Kniee ſank und betete. Mittlerweile nahm Margaretha den Brief War⸗ beck's aus den krampfhaft verdrehten Fingern der Todten. 3 Ihr habt mir ein Kind in mein Haus gebracht, ich ſchicke dafür eines in das eure, es iſt auch ein Sohn. 4 „Arme Frau!“ murmelte die Herzogin, während 6 † 84 ſtumm die Diener des Hauſes die Leiche ihrer Herrin wegtrugen. 7 3 Zwei Schritte davon ſah der junge Perkin, zitternd und bleich, ohne etwas davon zu begrei⸗ fen, die gräßliche Kataſtrophe mit an, deren Urſache und Augenzeuge er ſoeben geweſen. 3 Margaretha hob ihre Augen auf und betrachtete dieſes zarte Geſicht, dieſe edle Stirne. Aus Pertins Auge, das in ſchmerzlicher Beſtürzung ſich weit ge⸗ öffnet hatte, trat eine Thräne und rollte ihm über die Wange hinab. „Iſt dieſer Jüngling wirklich wahnſtnnig?“ ſagte die Fürſtin.„Es iſt nicht wahrſcheinlich, ſeht doch einmal, Fryon, er hat begriffen, er weint. Wem ge⸗ hörr er? Woher kommt er?...“ Fryon antwortete Nichts; er ſprach nur mit dem Auge, das weit weg in tiefe Gedanken ſich zu ver⸗ ſenken ſchien. Siebentes Kapitel. Das Gerücht von der Ankunft der Herzogin hatte ſich bald in Tournay verbreitet. Als frühere Beherr⸗ ſcherin dieſes Landes, die ſeiner Zeit ebenſo ſehr ge⸗ achtet als gefürchtet war, konnte Margaretha trotz dem Wechſel der Herrſchaft auf Huldigungen dieſes Volkes rechnen, welches fürchtete, es könnte doch von vergangenen Zeiten her eine Ausſicht für die Zukunft noch geblieben ſein. Der Bürgermeiſter und die Schöffen der Stadt ließen ſich zeitig bei Nargarethen anmelden. Sie betraten das Warbeck'ſche Haus, nicht 85⁵ ohne von dem ſonderbaren Ereigniß, welches dieſes Haus in unerwartete Trauer verſetzte, gehört zu haben. Sofort nach der erſten Begrüßung bemerkte die Herzogin das verlegene, verwirrte Ausſehen der Rathsherren. Dieſe Beſtürzung hatte zweierlei Ur⸗ ſachen, die Margaretha wohl durchſchaute und von denen ſie Vortheil zu ziehen beſchloß, wie ein kluger Staatsmann thut bei jedem ſcheinbar noch ſo gleich⸗ gültigen Ereigniß. Vor Allem betheuerte die Herzogin ihren Wunſch den Frieden zu erhalten und in den europäiſchen Hän⸗ deln durchaus keine Partei zu ergreifen. Sie wolle ausruhen, äußerte ſte, und auch ihren Unterthanen Ruhe gönnen. Frankreich werde ihr Verbündeter, deſſen Eroberungen, deſſen angemaßte Herrſchaft ſo⸗ gar ſie reſpektire. An den Einwohnern von Tournay ſei es, die Gewogenheit ihres neuen Herrn zu ver⸗ dienen, dabei könnten ſie aber verſichert ſein, daß die Liebe und die guten Dienſte ihrer geweſenen Herrin zu keiner Zeit ihnen fehlen würden. Uebergehend auf das Ereigniß von heute morgen, auf den ſo plötzlichen und ſchmerzvollen Tod der Herrin dieſes Hauſes, worüber die ganze Stadt in Erſtaunen und Unruhe ſich befinde, erzählte Marga⸗ retha das Nähere davon, ſowie die augenſcheinlichen Urſachen— ihnen als der verordneten Obrigkeit, welche eingeſetzt ſei, um über Alles, was wider Recht und Gewiſſen gehe, ihre Stimme abzugeben. Sie erzählte ihnen von der Beſtürzung der Wittwe War⸗ beck's bei der Ankunft eines ihr unbekannten jungen Mannes, in dem Augenblick wo ſie ihren Sohn er⸗ wartete. Sie zeigte ihnen Warbeck's Brief: das ehren⸗ 86 hafte Gedächtniß einer bis dahin geachteten Frau preisgebend aus fürſtlichem Egoismus, der nur ſeine Staatsgründe kennt. Der Bürgermeiſter ſchüt⸗ telte den Kopf und ſagte: „Wenn dieſer junge Mann nicht ihr Sohn iſt, was iſt er denn?“ 3„Irgend ein Landſtreicher,“ meinte einer der Schöffen. „Ein Mitſchuldiger an der von Warbeck ausge⸗ führten Unterſchiebung,“ ſagte ein anderer. Margaretha erwiderte Nichts. Sie wußte wohl, daß dieſe Vermuthungen widerſinnig ſeien, da der bewußte Abenteurer gleich von Anfang an der Dame Warbeck erklärt hatte, er anerkenne ſie nicht als ſeine Mutter. „Gleichwohl,“ fuhr der Schöffe fort,„iſt von Warbeck ein Teſtament vorhanden, kraft deſſen er ſein ganzes Vermögen dieſem jungen Menſchen vermacht. Könnt' es nicht ſein, daß der falſche Warbeck hieher⸗ gekommen wäre um dieſer Erbſchaft habhaft zu wer⸗ den? Wer ſteht uns dafür daß des Vaters Brief ächt iſt? Sollte man nicht von Rechtswegen ein Verhör anſtellen mit den Dienern, die den jungen Menſchen gebracht haben, und mit dieſem ſebſt?“ „Ihr ſeid hier die Herrn,“ erwiderte Margaretha; Ihr könnt befehlen und vollziehen.“ Sofort wurden Zebäus, Jan und Perkin vor das Schöffengericht geführt. Die beiden Diener blieben bei ihren Ausſagen. Sie ſchienen wahr zu ſein, ver⸗ langten übrigens unter Thränen und Verwünſchun⸗ gen die Beſtrafung des Unbekannten, der überall um ſich her Unheil anrichte.B 87 „In Wahrheit,“ ſagte Zebäus,„haben wir ihn das erſtemal geſehen zu Häupten von Warbeck's Bette, und Warbeck iſt todt. Er kommt bei unſrer Herrin an, und von ſeinem bloßen Anblick iſt ſte des Todes. Laſſe man Recht über ihn ergehen, er ſagt ja ſelbſt, er ſei nicht Perkin Warbeck.“ „Aber ſagt doch,“ begann der Bürgermeiſter wie⸗ der,„wie ſo hat Euch Warbeck, in ſeiner Eigenſchaft als Vater, dieſen jungen Menſchen übergeben, der doch ſein Sohn nicht war.“ Die beiden Diener zuckten die Achſeln mit einer Art Schauder. Damals war der Teufel noch ein Glaubensartikel. Zebäus und Jan aber waren keine Freigeiſter. Aus ihrem ſcheuen Seitwärtsblicken, an der Art, wie ſie die Nähe des jungen Perkin zu fürch⸗ ten ſchienen, ſah man wohl, daß ſie ihn im Verdacht irgend einer infernaliſchen Verwandtſchaft hatten. „Da dieſe hier keine Antwort geben,“ ſagte nun der Bürgermeiſter zu Perkin,„ſo antwortet Ihr; es iſt an der Zeit dieſes Stillſchweigen zu brechen: es iſt Zeit einen Stumpfſinn aufzugeben, der zu ſtark iſt, als daß er unter gegenwärtigen Umſtänden natürlich ſein könnte.“ Perkin ſchwieg. Margaretha's Blicke ſchienen ihn zu verſchlingen. Dieſe perlmutterähnliche Bläſſe, dieſes Auge, deſſen Feuer ein übernatürlicher Wille beherrſchte, dieſe bei einem vernünftigen Weſen unerklärliche Regungs⸗ loſigkeit, feſſelten ihre Theilnahme gleich einem Zau⸗ berwerk. „„ECuer eigenſinniges Stillſchweigen,“ fuhr der Bürgermeiſter fort,„dient Eurer Sache gar nicht, 88 iſt Euch im Gegentheil höchſt nachtheilig. Ihr ſteht im Verdacht Euch einen Namen beizulegen, der Euch nicht gebührt. Den Argwohn meiner Amtsgenoſſen, der auch der meinige iſt, könnt Ihr errathen, warum ſprecht Ihr nichts dawider?“— Perkin bewegte nicht einmal die Lippen; er beugte nicht einen Augenhlick das edle Haupt. Seine Augen waren offen, ſte ſahen und doch ſtrahlten ſie keinen einzigen von all den Gedanken wieder, welche— die Herzogin fühlte das— unter der durchſtchtigen Mar⸗ morſtirne dahinſtrömten und durcheinander wogten. „Zum letztenmal— wollt Ihr antworten?“ ſagte der Bürgermeiſter, nachdem er die über Perkins Ver⸗ wegenheit mißmuthigen Rathsherren mit einem Blick befragt;„bedenkt es wohl, Ihr werdet ohne Verzug ins Gefängniß geführt und verurtheilt. Das Urtheil könnte gar wohl ſtrenge lauten.“ „Das iſt eine unerhörte Dummheit oder Verrückt⸗ heit!“ rief der erſte Schöffe. „Schon recht,“ ſagte Zebäus vor ſich hin,„jetzt ſchweigt er erſt ſeit zehn Minuten; bei uns hat er mit⸗ unter zehn Tage zugebracht, ohne ein Glied zu rüh⸗ ren: man hörte ihn nicht einmal Athem holen. Bei allen andern Geſchöpfen ſchlägt doch wenigſtens ein Herz, ein Puls: ſeht ihn an, fühlt ihm darnach, er hat ſicher weder das eine noch das andere. Das iſt kein Geſchöpf dieſer Welt.“ Dieſe letzten Worte machten auf die Verſammlung einen unheimlichen Eindruck; der bloße Anblick Per⸗ kins erregte Schauer. Ruhig, voll Verachtung, als hätte er allen Gefahren der Welt ſchon getrotzt, ſchien er dieſe herauszufordern und zu erwarten, um ſich in 89 ſeiner wahren Geſtalt zu zeigen. Mehr als einer un⸗ ter dieſen hochwohlweiſen Schöffen erwartete jeden Augenblick am Fuß des Jünglings den ſataniſchen Huf, an ſeinen Schultern die Fledermausflügel her⸗ vorwachſen zu ſehen. Jetzt wandte ſtch Margaretha zu dem Bürgermei⸗ ſter und ſagte mit leiſer Stimme: „Uebereilt Euch nicht in Verurtheilung dieſes Unglücklichen; man hält ihn für krank, ich glaube faſt eher, er iſt blödſinnig. Wollt Ihr, daß ich durch einen gelehrten Arzt, den ich bei mir habe, ihn unterſuchen laſſe? Dieſer wird Euch, hochwohlweiſe Herren, da⸗ rüber Bericht erſtatten. Bis dahin werden ihn meine Leute in dieſem Saal bewachen.“ „Wir Alle werden Ew. Hoheit zu aufrichtigem Dank verpflichtet ſein,“ erwiederte der Bürgermeiſter. Und mit einer tiefen Verbeugung verließ er und ſeine Amtsgenoſſen, einer hinter dem andern, den Saal, und alle athmeten lang und tief, nachdem ſie dieſe Laſt nicht mehr auf dem Gewiſſen hatten. 1 Margaretha nahm Fryon beiſeite und ſagte zu ihm: „Macht Ihr, Fryon, daß der ſeltſame Junge ſpre⸗ chen lernt: er ſoll ſagen was er will, aber ſprechen ſoll er. Daß er die Herren vom Rath anführte, konnt' ich ertragen, aber meine eigene Wißbegierde iſt nicht ſo langmüthig. Entweder er ſoll ſprechen vder ich laß' ihn hängen, bevor dieſe Uhr auf Mittag eh.“. Sofort entfernte ſie ſich ebenfalls und ließ Fryon in größerer Verlegenheit über dieſen ſeinen Auftrag, als Perkin war über die gelaſſene Wahl. 90 Und in der That, bei den erſten Worten, mit denen er verſuchte den jungen Mann zu dem Gewünſchten zu bringen— und dieſe Worte waren ebenſo dringend als beredt,— ſie hätten dem härteſten Stein einen Widerhall entlockt, machte Perkin ſeinem Dränger ein Zeichen, ſo ſchöne Redensarten nicht ganz und gar unnützerweiſe zu verſchwenden. Die Geberde war überzeugend; Fryon fühlte, daß ſie einen unwider⸗ ruflichen Entſchluß zu erkennen gebe. „Bedenket, daß es ſich um den Tod handelt,“ be⸗ merkte er darauf lakoniſch,„um einem Tod, der nahe genug iſt, um Eure Bedenken abzukürzen.“ Perkin ſah nach der Uhr hinauf, welche ein Vier⸗ tel vor zwölf zeigte, und ſein Lächeln richtete an Fryon die wohl verſtändliche Bitte, ihn dieſer Vier⸗ telſtunde unnützer Quälerei lieber ganz zu überheben. „Meiner Treu, um ſo ſchimmer,“ ſagte Fryon, nachdem er in dieſen noch zarten Zügen einen eiſer⸗ nen Entſchluß geleſen;„das iſt ein unheilbares Lei⸗ ven und die Frau Herzogin wird thun was ihr ge⸗ fällt.“ Perkin drehte ihm den Rücken ohne die Geringſte Erregung oder Ueberraſchung zu zeigen über dieſes raſche Abkommen, das man mit ſeinem Leben traf. Fryon ſeinerſeits ſchickte ſich an ſeine Herrin aufzu⸗ ſuchen, als am Eingang des Saales eine unerwartete Erſcheinung ihm Halt gebot. Es war Katharina, noch bleich von Alle dem, was ſie geſehen, noch zit⸗ ternd im Gedanken an das, was ſie ſo eben erfahren, ließ ſte Fryon mit ihren ausgebreiteten Armen die Schwelle nicht überſchreiten. „Wie? Was?“ flüſterte ſie in engliſcher Sprache, 91 während bisher Perkin nur vlämiſch gehört hatte, „ſollte es wahr ſein?... dieſem jungen Mann ſollte der Tod beſtimmt ſein?“ „Und warum nicht, wenn die Frau Herzogin will?“ ſagte Fryon in derſelben Sprache;„entweder er iſt ganz und gar blödſtnnig, oder ein Schurke, mö⸗ gen Ihre Augen, die ſich von ſeinem trügeriſchen Geſicht berücken laſſen, es nicht übelnehmen; iſt er blöd⸗ ſinnig, warum ihn leben laſſen? iſt er ein Schurke, warum nicht ihn beſtrafen?“ „Er ſchweigt...“ „Weil Reden ihm gefährlicher iſt, als Schweigen; glauben Sie mir, gnädige Gräfin; ſolche undurch⸗ dringliche Larven bedecken immer unheilvolle Gedan⸗ ken oder eine düſtere Vergangenheit.“ „Ich glaub' es nicht,“ antwortete er mit ſanfter Stimme Katharina, deren mitleidiger, von Thränen verſchleierter Blick wie ein Strahl des Himmels die⸗ ſen Unglücklichen beſchützte. „Er verſteht mich, obwohl ich eine Sprache rede, die er nicht kennt, er lächelt mich an: dieſes Lächeln weiß nichts von Verbrechen oder Gewiſſensqualen.“ In der That hatte Perkin beim Klang der erſten Worte, die das Mädchen in engliſcher Sprache hören ließ, ſich ſchnell umgewendet. In dieſer einen Se⸗ eunde zeigte er mehr Empfänglichkeit, als im gan⸗ zen Verlauf des Verhörs, ſelbſt als der Tod ihm an⸗ gedroht wurde. Mit verklärtem Geſicht, ebenſo unbefangen ſein Entzücken offenbarend, als er zuvor mit ſtandhaftem Muth ſeine Gedanken bei ſich verſchloſſen, folgte Perkin mit den Augen jeder Bewegung der jungen Gräfin; er athmete das Leben, das von ihr aus⸗ ſtrömte, mit Wolluſt ſchien er die Luft einzuſaugen, die von ihren Worten zitterte. Unempfindlich gegen alle andere Geſchöpfe, weil ſie nicht von der Welt waren, welcher er angehörte, ſo ſchien es, finde und be⸗ grüße der Fremdling in Katharina Gordon endlich die Bewohnerin einer ihm verwandten Sphäre. Und in der That, wie er die Beiden ſo anſah, in lä⸗ chelnder Jugend, rein und ſchön, ſtrahlend in über⸗ irdiſcher Anmuth, da mochte Fryon einen Augenblick glauben, er ſehe der Begegnung zweier Engel zu. Und nicht ohne unfreiwillige Freude bemerkte er die Umwandlung, welche plötzlich mit ſeinem Gefangenen vor ſich gegangen war. „Meiner Treu,“ ſagte er zu Katharina,„Eure Gegenwart, Gräfin, thut Wunder; ich wollte nicht dafür ſtehen, daß der Stumme auch die Sprache wie⸗ der findet.“ „Und daß alsdann,“ fuhr Katharina mit klopfen⸗ dem Herzen fort,„der Todte wieder zum Leben er⸗ wachte, denn für Euch, Fryon, war er ſchon todt, der Unglückliche.“ Katharina unterdrückte einen inneren Schauder und näherte ſich Perkin, welchen innere Bewegung und ehrerbietige Scheu am andern Ende des Saales feſthielt. Um den Erfolg dieſes Verſuchs zu begün⸗ ſtigen, blieb Fryon am Fenſter, den Arm auf die Brüſtung geſtützt, den Kopf mit Barett und Mantel verhüllt. Vom Hintergrunde dieſes ſchnell hergeſtell⸗ Verſtecks aus folgte er dem Auftritt, deſſen handelnde 93³ Perſonen, ganz in ihre Rolle vertieft, beide keine Ah⸗ nung davon zu haben ſchienen, daß ein Dritter gegen⸗ wärtig ſei. Achtes Kapitel. Katharina ſprach zuerſt und zwar vlämiſch, in der Meinung, Perkin werde ſie ſonſt nicht verſtehen. „Kennt Ihr nicht,“ ſagte ſte,„die Gefahr, die uu bedroht, wenn Ihr auf Eurem Eigenſinn be⸗ arrt.“ „Madame,“ antwortete Perkin in reinem Eng⸗ liſch, und ließ jetzt endlich ſeine wohlklingende Stim⸗ me mit einer Art Wolluſt ertönen,„ich kenne wohl 4 dieſe Gefahr; was vorhin die Frau Herzogin zu die⸗ ſem Herrn ſagte, als ſte hinausging, verſtand ich wohl: ſie wird mich hängen laſſen... das iſt ein garſtiger Tod, aber es iſt doch ein Tod, ein Weg, der aus der Welt führt. Seit langen Jahren wünſch' ich mir nichts anderes mehr.“ „So ſeid Ihr wohl ſehr unglücklich?“ fragte Katharina, im höchſten Grad erſtaunt über den ein⸗ fachen und wahren Ausdruck dieſer Worte, ſowie über den Klang ihrer Mutterſprache, deren Kenntniß bei Perkin ſte nicht erwartet hatte. „Ich würde mit Ja antworten, wenn ich wüßte, was es heißt: glücklich zu ſein.“ „„Warum ſprecht Ihr mit mir— mit mir, die nichts für Euch thun kann, während Ihr Euch doch geweigert habt, Euren Richtern Antwort zu geben, „ 94 ihnen, die über Euer Schickſal entſcheiden werden?“ ſprach Katharina weiter, mit einer Unſchuld und Na⸗ türlichkeit, welche Fryon zittern machte; aber der von Katharina Gefragte war einer ſolchen engelsgleichen Oſſenherzigkeit vollkommen würdig, denn er antwor⸗ tete mit vollkommener Ruhe:. „Ich weiß nicht; es wäre denn darum, weil Ihr eine mir liebe Sprache redet; ſprecht wieder ſo, ich bitte darum.“ „Aber ſagt doch, ſeid Ihr nicht der Sohn War⸗ becks?“ begann das Mädchen wieder in engliſcher Sprache. „Nein,“ ſagte Perkin wie verklärt. „Wer ſeid Ihr dann?“ „Ein armer— Wahnſinniger.“ „Nein, nein, nein!“ rief Katharina ungeduldig; „Ihr ſagt die Wahrheit nicht, Ihr fallt zurück in Euren Fehler; Ihr ſeid nicht wahnſinnig und das wißt Ihr ſelbſt recht gnt.“ 3 Bei dieſen unwilligen Worten des ſanften Mäd⸗ chens ſtieg Perkin die Schamröthe auf die Stirn; er ſah zur Erde und murmelte: „Sie ſagen es Alle.“ „Wer denn Alle?“ „Zebaͤus, Jan, Meiſter Warbeck ſelbſt.“ „Warbeck nannte Euch doch ſeinen Sohn, und Ihr ſagt, Ihr ſeid es nicht; erklärt mir dieſes ſelt⸗ ſame Verhältniß.“ „O!“ ſagte Perkin mit einem Seufzer,„das iſt eben das Geheimniß: Meiſter Warbeck nannte mich ſeinen Sohn und als ich läugnete, daß er mein Vater ſei, erklärte er mich für wahnſinnig. Heute hat 95 Dame Warbeck ſelbſt erklärt, daß ich nicht ihr Sohn ſei; aber eine Mutter, denk' ich, weiß das doch am beſten, ſie hat es geſagt, nun denn, bin ich noch wahnſinnig? Was wird mir ge⸗ ſchehen, wenn ich ja ſage?— Werde ich nicht Gott beleidigen, wenn ich nein ſage? Freilich,“ rief er plötz⸗ lich mit einem Ausbruch von krampfhaftem Schluch⸗ zen, ohne jedoch eine Thräne vergießen zu können, „weiß ich denn ſelbſt, was in meinem Herzen vor⸗ geht? bin ich der Gedanken ſicher, die ſich in meinem Kopf durcheinander bewegen? ich ſpreche— weiß ich, was ich ſage? ich ſehe Euch an— ich glaube Euch zu ſehen; iſt es nicht eines meiner Traumgeſichte, das jetzt wiederkommt?“ „Was für Traumgeſichte?“ fragte Katharina. „Fraget mich nicht weiter,“ ſagte Perkin mit leiſer Stimme,„ich habe ſchon zu viel geſagt; und dann, was könnt' ich Euch mittheilen, das von Be⸗ deutung wäre für eine Dame von Eurem Stand?“ „Wenn nicht mehr, ſo ſagt mir den Grund Eurer Hieherkunft?“ „Den kenne ich nicht.“ „Euer Vater hat Euch aber doch hieher zu Eurer Mutter geſchickt.“ „Man ſagt ja doch, er ſei nicht mein Vater, und Dame Warbeck hat mich als ihr Kind verläugnet.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Katharina, durch dieſe vernichtende Beweisführung in ihrer Schlußfolgerung geſchlagen,„aber, Ihr wißt doch, was Ihr bei War⸗ beck gethan, wie Ihr mit ihm zuſammengekommen?“ Perkin hob die Augen gen Himmel, dieſer troſt⸗ loſe, aber aufrichtige, fleckenlos klare Blick ſchien von Gott Rechenſchaft zu fordern für eine lange Reihe unverdienter Martern. „Das iſt Alles, was ich ſagen werde,“ flüſterte er endlich;„ich werde kein Wort weiter ſagen.“ Katharina wollte Fryon mit einem Blick um Rath fragen; dieſer, ganz nach der Weiſe eines Men⸗ ſchen, dem das Anhören von leexem Geſchwätz entlei⸗ det iſt, ſtieß gerade im ſelben Augenblick die Saal⸗ thür auf und ging hinaus. Er verſchwand; die junge Gräfin war mit dem Gefangenen allein. Zuerſt überraſchte ſte dieſes Hinweggehen; im nächſten Augenblick erſchrack ſie darüber. War der ungeduldige Fryon nicht etwa darum ſo haſtig hin⸗ ausgegangen, um jetzt den Henker zu holen?„ „Ihr ſeht wohl,“ ſagte ſie mit fieberhafter Leb⸗ haftigkeit:„Eure Halsſtarrigkeit ermüdet Jeder⸗ mann, Eure Gründe taugen Nichts; Ihr überzeuget nicht einmal diejenigen, welche Euch das Leben retten wollten, nicht einmal mich, die Mitleid hatte mit Eurer Jugend, die lieber an Euer Unglück als an Eure Verbrechen glauben wollte.“ „Meine Verbrechen!“ rief der Jüngling, und faltete die Hände;„wie hätt' ich Verbrechen began⸗ gen? welche? weſſen könnte man mich anklagen?“ „Jenes Teſtament von Warbeck, das Euch ſein Vermögen verſpricht.“ „Verlang' ich es denn? ich, der ich erkläre, daß ich nicht ſein Sohn bin.“ „So nennet Euren Namen, Eure Eltern, Eure Herkunft, erkläret Euer Verhältniß zu Warbeck; und bedenket wohl, daß ein längerer Widerſtand mich davon überzeugen müßte, woran zu glauben ich al⸗ — 97 lein mich geweigert habe: nämlich, daß Euer angeb⸗ licher Wahnſtnn nur die Maske iſt, unter der Ihr eine gottloſe Seele verbergen möchtet.“ „Perkin ſchien beſtegt; er ließ den Kopf in beide Hände ſinken. Dieſe Hände waren ſo fein und doch markig gebaut, daß ihre vollkommene Bildung jedem andern heller ſehenden Auge als dem eines aufge⸗ regten jungen Mädchens, eine edle Abkunft verrathen mußte. „Niemals,“ ſagte er endlich,„niemals hatte eines Menſchen Stimme mich ſo viel Glück und ſo viel Qual empfinden laſſen, als die Eure. Wenn ich mein Herz Euch öffne, ſo bin ich des Todes vor Schmerz und Schaam; wollt' ich ſchweigen, ſo würde man mich verachten.“ Wieder hob er ſeine von düſterem Feuer leuchten⸗ den Augen auf, und hielt ſte traurig, unverwandt auf die ſanfte Katharina geheftet. Dieſe ſchlug die ihrigen nieder, ſte war nicht im Stande einen ſo blendenden Glanz zu ertragen. „Ich will nicht, daß Ihr ſchlecht von mir denket,“ begann er wieder nach dieſem kurzen Stillſchweigen; „und doch muß jedes Wort, das aus meinem Munde kommt, Euch beweiſen, daß ich ein Narr, wenn nicht ein Betrüger bin.“ 4 „Und warum? Iſt es denn ſo ſchwer zu ſagen, oder zu glauben? Was ſeid Ihr Warbeck? wie habt Ihr ihn kennen gelernt?“ „Ihr wollt es;“ ſagte Perkin wieder mit ſeinem ſeltſamen Blick,„ſo ſei's denn.“ „Es war ja die Rede von Conſtantinopel,“ un⸗ Maquet, Weiße Roſe. 7 98 terbrach ihn Katharina, in Verlegenheit über dieſe beinahe leidenſchaftliche Unterwerfung. „Nicht in Conſtantinopel lernte ich Meiſter War⸗ beck kennen, ſchon vordem haben ſich mancherlei glaubliche und unglaubliche Dinge zugetragen. Wenn ich ſage, ſie ſeien geſchehen, habt Nachſicht mit mir, ich erzähle ſte eben, ich behaupte nicht, daß ſie wirklich geweſen ſeien... bedenket, daß ein kranker Geiſt hier mit Euch redet. Wie jene koſtba⸗ ren Gefäße, deren Inneres von zerſtörendem Gift angefreſſen worden, deren Schmelz die Spuren dieſes nagenden Feuers zeigt, hat auch mein Gedächtniß Flecken und Lücken; ich glaube zu erzählen, während Alles vielleicht von mir erfunden iſt; aber von die⸗ ſem Augenblick an, ich rufe Gott im Himmel zum Zeugen an, daß ich den Glauben habe, Cuch die Wahrheit zu ſagen.“ Katharina, erſchrocken über dieſe zuſammenhangs⸗ loſen Empfindungen und Gedanken, aus denen die offenbare Wahrheit hervorleuchtete, wollte Anfangs in ihrem Erſtaunen vor weitern Eröffnungen zurück⸗ treten. Neugierde und Theilnahme waren aber zu mächtig, ſte ſetzte ſich, und hörte. „Das erſtemal, da ich Meiſter Warbeck ſah,“ be⸗ gann der Jüngling im geheimnißvollen Ton eines Improviſators, der vom Klang der eigenen Worte immer höher getragen wird,„war ich in einem vier⸗ eckigen aus großen ſchwarzen Steinen erbauten Thurm; da lebte ich ſeit langer Zeit; ich ſah nichts als den Himmel, eine Waſſerflaͤche ſo unermeßlich wie der Himmel ſelbſt; zu meiner Linken Berge mit glänzen⸗ dem Schnee bedeckt; zu meiner Rechten grüne Huͤgel 99 mit Wäldern bekleidet; mit Blumen und weißen Häuschen beſäte Fluren; lange, lange Zeit ſah ich dieſes prachtvolle Gemälde.“ „Wie lange?“ fragte Katharina. „Ich weiß es nicht; ein Kind zählt ſeine Tage nicht, und wenn es auch daran dächte, ſo verwiſchen Schlaf und Langeweile gar viele Stunden, die es nicht mehr nachzurechnen vermag.“ „Ihr wißt aber doch den Namen des Ortes, wo Ihr ſo gelebt?“ „Nein, Madame; das Haus war und iſt mir noch heute unbekannt.“ „Ihr ſeid aber doch dort geboren?“ „Ich weiß es nicht; ich glaube nicht ſo.“ Katharina machte von Neuem eine ungläubige Geberde. „Es iſt doch ſeltſam,“ ſagte ſte,„daß man nicht wiſſen ſoll, wo man geboren iſt; das iſt unwahr⸗ ſcheinlich, „Erinnert Euch, Madame, daß ich Euch auf dunkle Schatten in meiner Vergangenheit vorbereitet habe; die Unwiſſenheit hierüber iſt ein ſolcher, wenn ich zurückgehe über einen gewiſſen Zeitraum hinaus, den meines Aufenthaltes in dem von Waſſer umge⸗ benen Schloſſe, ſo verdunkelt ſich dieſer Schatten ſo ſehr, daß ich vergeblich einen lichten Punkt ſuchen würde, wo mein Gedächtniß anknüpfen könnte. Ja, ich wiederhole es, mit meinem Aufenthalt in jenen ſchwarzen Mauern beginnen meine Vorſtellungen; Alles was ich durch das kleine Fenſter ſehen konnte, welches Himmel, Waſſer, Felder, Berge mich betrach⸗ ten ließ, Alles was dort von Gegenſtänden ader von N8 100 menſchlichen Geſtalten mir vorkam, für All das kann ich ſtehen, ich kann davon ſprechen, ich werde mich nicht taͤuſchen, ich werde diejenige nicht täuſchen, die mich anhört, von dieſem Augenblick an gehöre ich mir. Das Andere, ol das Andere— Nebel—Ab⸗ grund— Irrlichter, das Andere, gnädige Frau iſt— Wahnſinn. Es ſchwindelt mir, wenn mein Gedanke dabei verweilt; erſparet mir die Marter, davon zu ſprechen.“ Katharina betrachtete mit offenem feſtem Blick das Antlitz des unglücklichen Perkin. „So begnüget Euch,“ ſagte ſie,„Euer erſtes Zu⸗ ſammentreffen mit Warbeck zu erzählen. Aber in jenem ſo wohl verwahrten Schloſſe, in jenem von Waſſer umgebenen Gefängniß, wohin Ihr gekommen, Ihr wißt nicht wie, waren doch lebende vernünftige Weſen?“ „Ein einziges; ein alter Mann, deſſen hohe Ge⸗ ſtalt und durchdringenden Blick ich noch zu ſehen glaube. Er iſt das erſte menſchliche Weſen, deſſen Erinnerung mir vor die Seele tritt beim Erwachen aus jenem tiefen Schlaf, von dem ich eben ſprach. Er lehrte mich die vlaͤmiſche Sprache anſtatt der an⸗ dern— jener, welche Ihr vorhin geſprochen, welche zu verlernen man mich gezwungen, die mich vor Freude zittern machte, da ich Euch hörte.“ „Man hatte Euch gezwungen, das Engliſche zu vergeſſen?“ „Ah!. Iſt es engliſch, dieſe Sprache?... Ich wußte das nicht. Ja, gnädige Frau, man zwang mich dazu auf eine ſehr einfache Weiſe. Der große alte Mann verſtand mich nicht oder ſtellte ſich 101. doch ſo, wenn ich in dieſer Sprache mich aus⸗ drückte. Er ſprach nur vlämiſch mit mir; es kam mich hart an, vlämiſch zu ſprechen, ſo wie er, und dann nach vielen, vielen Tagen vergaß ich das Eng⸗ liſche über dieſer neuen Sprache. Ich glaubte wenig⸗ ſtens, es vergeſſen zu haben, aber ich ſehe wohl, es iſt nicht ſo, ich verſtand Euch ja und kann mich auch da⸗ rin ausdrücken, wenn ſchon mühſam.“ „Eure Ausſprache iſt untadelhaft wie die eines ächten Engländers.“ „Ihr glaubt, ich könnte vielleicht ein Engländer ſein?“ rief Perkin mit einer Neugierde, die faſt an Verrücktheit grenzte,„O!— vielleicht!— Oh! wenn ich das wüßte!... wenn Ihr mir helfen woll⸗ tet, wenn es mir gelänge, eine Brücke zu ſchlagen über den ſchwarzen Abgrund, der mein zweites Leben von dem erſten trennt, den Abgrund, der ſo breit iſt, daß ich jenſeits nichts mehr unterſcheiden kann! Und doch, wenn Ihr wüßtet, wenn Ihr Alles ahnen könntet, was ich dort zu ſehen glaube! Es iſt ein Traum; ein trügeriſches Bild. Tauſendmal hab' ich verſucht, es Stück um Stück zuſammen zu ſetzen; tau⸗ ſendmal hab' ich dieſe zitternden Atome feſtzuhalten geſucht, in der Hoffnung, aus dieſen eitlen Wolken mir den Himmel von Vormals wieder aufzubauen. Den Himmel, ſagt' ich? O!— das Paradies ſollt' ich ſagen. Dieſer arme, von aller Welt Verlaſſene, dieſer Wahnſinnige, den die Einen belachen, die An⸗ dern verabſcheuen; dieſer Unbekannte, den überall die Arme zurückſtoßen, dieſer Sohn ohne Vater, ohne Mutter, den man jetzt aufhängen will, wie einen Hund, wie einen Juden— o!— ich bin kein Jude! 10² — Dieſer Unglückliche hatte, wie ſo viele Kinder, eine Mutter, Brüder, er hatte kleine Freunde, die mit ihm ſpielten. Darum hab' ich die Dame War⸗ beck nicht wieder erkannt; ich trage ein anderes Bild in mir. Dieſe andere Mutter, ich ſehe ſie, ich könnte ſie malen; dieſe iſt es, ſie iſt meine Mutter, mögen die Leute ſagen, was ſte wollen. Man kann mich verhindern, meine Gedanken zu äußern unter dem Vorwand, ich ſei verrückt. Dieſes Bild iſt darum nicht weniger lebendig in mir. Alles, was nicht dieſes Bild iſt, werde ich nie meine Mutter nennen. Aber verzeiht mir! verzeiht! ich verirre mich, ich verliere mich, und Ihr habt nicht die Barmherzigkeit, mich wieder zurück zu rufen. Warnet mich doch, gnädige Frau, Ihr die mir ſo gütig erſchienet; denn nach und nach, auf dieſem verhängnißvollen Abhang gleit' ich aus und werde wieder wahnſinnig!“ Erſchöpft hielt Perkin inne. Seine Stimme hätte nicht ein Wort mehr beifügen können zu dieſer Schmerzenshymne, die er mit wahrer Dichtergabe geſungen. Dieſe unwiderſtehliche Sprache hatte Ka⸗ tharinen ganz und gar für ihn gewonnen. Stumm, geblendet, ſaß ſte da. Sie ſah ihn an, ſie ſpann das begonnene Gedicht weiter; ſchon öffneten ſich ihre Iipber, ihn um Wiederaufnahme ſeiner Erzählung u bitten. 3 Aber durch ein ſeltſames Spiel des Zufalls traf es ſich, daß an den beiden entgegengeſetzten Enden des Saales, zu gleicher Zeit zwei neue Zuhörer, welche ſchon geraume Zeit jedes auf ſeiner Seite lauſchten,— Fryon und die Herzogin,— einen Aus⸗ ruf hören ließen, ſei es daß Erſtaunen oder ein Ge⸗ 103 fühl tieferer Theilnahme ihn hervorgelockt. Marga⸗ retha zumal, die Tapete aufhebend, blieb nachdenklich ſtehen, einer Bildſäͤule ähnlich. Fryon, von Wei⸗ tem ſie gewahrend, wechſelte einen ſeltſamen Blick mit ihr. Bei dem Geräuſch ihres Erſcheinens fuhr Katha⸗ rina zuſammen. Perkin, in die Wirklichkeit zurück⸗ gerufen, hüllte ſich in eine düſtere, Alles verachtende Hoheit. Das Mädchen eilte auf die Herzogin zu, halb den ſo ploͤtzlich zerriſſenen Zauber beweinend, halb die ſtrenge Fürſtin bittend, dem unglücklichen Gefangenen zu vergeben. 3 Margaretha zeigte ihrer ſchottiſchen Pathe ein beruhigendes Lächeln und verabſchiedete ſie, nach dem großen Hofe weiſend, wo Pagen, Stallmeiſter und ſonſtiges Geleite ſie erwarteten. Die Stunde der Abieſſe war gekommen, alle Vorbereitungen voll⸗ endet. Katharina erröthete vor geheimer Unruhe. Un⸗ befangen ſuchte ihr Auge Perkin; dieſer ſandte, auch nur mit einem Blick, ihr ein letztes, troſtloſes Lebe⸗ wohl zu, einen jener Segenswünſche, nach welchen die beruhigte Seele auf dieſer Erde nichts mehr zu thun hat.. Er dachte ohne Zweifel, der Unglückliche, daß der Menſch ſich nicht beklagen darf, wenn nach dem höch⸗ ſten Glücke ſein Gott ihm auch große Leiden aufer⸗ legt, und nachdem er Katharinen ſo gerührt geſehen, fühlte er ſich glücklich genug, um Alles ohne Bitter⸗ keit hinzunehmen, wär es auch der Tod. So empfand er nicht die geringſte Unruhe, nicht ein Seufzer kam über ſeine Lippen, als Margaretha ihrem erſten Ca⸗ 104 valier ein Zeichen gab, den ſogenannten Perkin durch eine Thüre abzuführen, welche jener, durch die Katha⸗ rina ſich entfernte, gerade gegenüber lag. Die Herzogin und ihr Geheimſchreiber ſchienen in dieſem Augenblick von demſelben Leben beſeelt. Beide betrachteten den jungen Mannz beide vergaßen ſich in dieſer Betrachtung; beide verfolgten in jeder ſeiner Bewegungen einen Gedanken, den ſie einander zu verbergen glaubten. Aber, beim erſten Aufein⸗ andertreffen ihrer Blicke fühlten ſte, daß Jedes das andere verſtanden hatte. „Da haben wir ein Kind ohne Familie, der Welt, ſich ſelber unbekannt,“ ſagte die Herzogin zuerſt. „Und deſſen Aehnlichkeit mit dem hochſeligen König Eduard wunderbar groß iſt,“ erwiderte Fryon leiſe.„Ol hätte Lambert dem jungen Grafen von Warwik ſo ähnlich geſehen, wie dieſer Perkin dem letzten König von England, nimmermehr hätte Lon⸗ don an ſeinen Betrug geglaubt, und vielleicht würde Simnel an Heinrich VII. Stelle König ſein.“ „Das ſind eitle, überflüßige Worte, Meſſtre Fryon“ murmelte die Herzogin;„und ich bin erſtaunt, ſo⸗ leis Ihr auch geſprvochen, einen verſtändigen Mann wie Ihr, ſte ſo laut ſprechen zu hören.“ „Ich hoffte,“ ſagte unterwürfig der Geheimſchrei⸗ ber,„das Mitleid Euer Hoheit zu Gunſten dieſes Un⸗ glücklichen rege zu machen, und deßhalb nur erwähnte ich dieſe ſeltſame Aehnlichkeit.“. „Ihr habt Recht,“ unterbrach die Herzogin.„Es iſt ein Grund, der mir das Leben dieſes jungen Mannes heilig machen muß. Ich übergeb' ihn Eurer 105 Fürſorge, Fryon,— ich will, daß er lebe, daß er glücklich werde.“ Fryon verbeugte ſich, ohne daß ſein durchdringen⸗ des Auge aufgehört hätte, an der Herzogin die Spur ihrer Gedanken zu verfolgen. „Würde Eure Hoheit,“ ſagte er,„mir erlauben, von dieſem jungen Mann die Folge der Erzählung zu erlangen, die wir unterbrochen haben?“ „Und ihm das Gedächtniß aufzufriſchen? Ja, gewiß, denn ich bin überzeugt, wollte man die Thore dieſes ſtörriſchen Gedächtniſſes wieder öffnen, man fände darin—“. „Alles, was man wollte, nicht wahr, Madame?“ „Vieles, Manches, Fryon.— Er ſelbſt hat es geſagt: es iſt ein leeres Gefäß, welches erwartet, was eine geſchickte Hand hineinzugießen verſteht.“ 7 „Warbeck hatte ihn ebenſo zu dem Glauben und zu der Ausſage gebracht, daß er ſein Vater ſei—“ „Bei gehörigem Nachſuchen, Fryon, werdet Ihr einen Vater für ihn finden, der dieſer königlichen Aehnlichkeit würdiger iſt, als jener Warbeck...“ „Dieſer Gedanke kam auch mir, Madame, als ich an die Unklugheit des Königs Heinrichs VII. dachte.“ „Welche Unklugheit meint Ihr?“ „Verbreitet er nicht das Gerücht, es lebe noch ein Sohn König Eduards?“ „Die Botſchaft des Königs von Schottland ſagt es ausdrücklich. Nun und was dann?“ „Nun ja, Madame,“ fuhr Fryon in demſelben geheimnißvollen begeiſterten Ton fort„„glauben Eure Hoheit, Heinrich VII. würde gewagt haben, 106 dieſes Gerücht zu verbreiten, wenn er unſern Perkin von Angeſicht geſehen, und die Wirkung berechnet hätte, welche dieſes Antlitz auf das Volk von Eng⸗ land ausüben würde?“ 3 Margaretha dämpfte mit einem einzigen Blick die Begeiſterung ihres Vertrauten. „Ich beſitze im Gebiet von Tournay,“ ſagte ſie, „ein kleines Jagdſchloß. Dahin werdet Ihr dieſen jungen Mann hringen; unnöthig, daß Jemand ihn ſteht, nicht wahr?“ „Zebäus, Jan, und die Herren vom Rath haben ihn geſehen, Hoheit.“ „Um ſo beſſer! ſite wiſſen, daß er nicht Warbecks Sohn iſt und könnten das nöthigenfalls bezeugen.“ „Ich verſtehe. Wie viel Zeit bewilligt mir Eure Hoheit, um Perkin's Gedächtniß wieder völlig aufzu⸗ wecken?“ „Ihr ſeid ein geſchickter Lehrmeiſter; nehmt Euch ſo viel Zeit als nöthig ſein wird. Ich aber ſei die Erſte, die Einzige, welche die Fortſchritte Eures Schülers beurtheilt.“ „Ich werde ihn Eurer Hoheit vorführen, ſobald ich mit ſeiner Ausbildung fertig bin.“ „Nun wohl, ich gebe meinem Schatzmeiſter die nöthigen Befehle. Erwartet die Nacht zur Abreiſe und verlaßt Euch mit dem Weg nur auf Euch ſelbſt.“ „Wie beim Uebrigen,“ ſagte Fryon und verab⸗ ſchiedete ſich von der Herzogin. Margaretha blieb allein und mit einem Zug, mit einem Wort, wie große Geiſter pflegen, ſtand ihr Plan fertig da. 4 „Ich glaube jetzt mit Fryon,“ ſagte ſie leiſe vor 107 ſich hin,„der weiſe Heinrich VII. der Salomo Eng⸗ lands, wird nicht ſehr erbaut ſein, wenn auch mir einmal der Einfall kommt, zu ſagen: Noch iſt eine deoſerſlehen geblieben am weißen Roſenſtocke von or 14⸗ vpeiter Theil. Erſtes Kapitel. Die Zeit verging. Die Herzogin war in ihre flandriſchen Staaten zurückgekehrt und ſammelte in der Stille Material. 3 4 Eines Tages erhielt ſie durch einen zuverläßigen Boten von Fryon folgende Nachricht: Ein wahrer Schatz hat ſich enthüllt, machen Sie ſich gefaßt auf ein über alle Maßen freudiges Ereig⸗ niß; doch bin ich nicht ganz ohne Beſorgniß. Man hat verdächtige Perſonen bemerkt, welche in der Nähe unſeres Hauſes ſich herumtrieben. Wenn wir wieder verlieren müßten, was die gütige Vorſehung in meine Hände fallen ließ, ſo wollt' ich lieber tauſendmal ſterben, und Sie, Madame, die ſchon ſo viel Ge⸗ prüfte, Sie würden dann zum erſtenmal zu erfahren glauben, was Unglück heißt. Ich erwarte von Eurer Hoheit eine gehörige Verſtärkung an Menſchen und Pferden, denn ich will den erlauchten Zögling Ihnen ſelber bringen. Noch einmal, danken Sie Gott, und bereiten Sie Ihr Herz vor für das höchſte Glück. Sie ſollen einen Herzog von York bekommen, der vor Freund und Feind ſich ſehen laſſen darf! „Was will er damit ſagen?“ fragte ſich Marga⸗ 109 retha;„aber vor Allem muß man ihm Sicherheit ſchaffen.“ Sie ließ ihre beſten Kriegsleute zu Pferde ſitzen und gab ihnen zum Anführer den erprobten Kapitän, deſſen ſte bei allen beſonderen Gelegenheiten ſich be⸗ diente, und dem ſie den Auftrag extheilte, Fryon und jenes Wunderkind, das ſein Schüler geweſen, auf dem Jagdſchloſſe abzuholen. 3 Je mehr ſie nachdachte, um ſo mehr war ſie er⸗ ſtaunt über des Geheimſchreibers Entzüͤcken. Hatte denn Perkin alle Erwartungen ſeines Pflegers über⸗ troffen? Dieſer Jüngling, wohl unterrichtet von einem der feinſten Politiker jenes Jahrhunderts der Intriguen, war er das unfehlbare Werkzeug zur künftigen Rache der Tochter Yorks geworden? Was thun ohne weitere, genauere Nachrichten und Beweiſe? Warten, warten und vor Ungeduld ſich aufzehren, wie es geſchieht, wenn das Fieber der Leidenſchaften vom Herzblute ſich nährt, wie das Oel am Lampendocht verbrennt. Margaretha fing an, Tage, Stunden, Minuten zu zählen, die noch ver⸗ fließen müßten bis zur Ankunft des merkwürdigen Zöglings, deſſen Rolle demnächſt beginnen ſollte. Die von Margarethen abgeſandte Begleitwache ſäumte nicht und langte vier Tage nach ihrem Abzug vor dem herzoglichen Schloſſe zu Gent wieder an. Das Getöſe der Roſſe, Waffen und Stimmen der Männer brachte die Fürſtin in Aufregung. Mit Erſtaunen fuͤhlte ſte ein Herz wieder ſchlagen, das von der Schwere des Mißgeſchicks ſo lange gleichſam er⸗ ſtickt geweſen war. Dieß ungewohnte Beben, es war ja ſelbſt ſchon Glück, und ſie hoffte, Fryon danken zu 110 können, als der alte Kapitän in ihr Betzimmer trat, um von ſeinem Zuge Bericht abzulegen. Der würdige Ritter ſchien unentſchloſſen, ver⸗ legen. Er brachte nicht das offene Angeſicht mit, auf welchem die Großen eine glückliche Vorbedeutung zu leſen lieben. „Wo iſt Fryon?.... fragte ſie. Der Kapitän ſchüttelte ſein weißes Haupt. „Gott allein weiß es,“ ſagte er.„In der Nacht vor meiner Ankunft, da er in den Umgebungen ſeiner kleinen Feſte einen Gang machte, iſt er mit den bei⸗ den Wachen, die ihn begleiteten, entführt worden. Man höͤrte ſein ſchnell erſticktes Geſchrei und ſogleich verſchwand Alles im Dunkel der Nacht.“ „Entführt!“— rief Margaretha—„iſt es möglich?“— „Am Morgen darauf ſah ich mit eigenen Augen die Anzeichen des Hinterhalts, die Huftritte der Roſſe, die Spuren von Handgemeng.“ „Derart,“ fuhr Margaretha fort,„daß Ihr nach dieſer Fährte als geſchickter Jäger wißt, was von dieſem Raube zu halten?“ „Vollkommen, Hoheit.“ „Und ihr kennt die Räuber?“ 3 „Mit Sicherheit. Eure Hoheit, vermuthlich, kennt ſte auch, und wohl noch beſſer als ich.“ „Keine Kanzlei⸗Figuren, Meſſtre; macht Euren⸗ Bericht nach Kriegsbrauch.“ „Wohlan, Hoheit, die Rotte, welche Fryon feſt⸗ nahm und entführte, beſtand aus kriegsgewohnten Leuten. Roſſe und Reiter ſind engliſch. Es ſind Ausſendlinge des Königs Heinrich VII., der an ſei⸗ 111 nem ehemaligen Geheimſchreiber Rache nimmt. Uebrigens,“ fügte der alte Kriegsmann hinzu,„ich hatte es wohl vorausgeſehen, Verrath gebiert früher oder ſpäter neuen Verrath.“ 3 „Aber der junge Mann?“ fragte die Herzogin angſtvoll. „Ol der junge Mann,“ antwortete gleichgültig der alte Kapitän,„den hat man nicht entführt; es iſt ja immer ſo; das fette, fruchtbare Schaf wird die Beute des Wolfes, das räudige Lamm bleibt dem Schäͤfer.“ Er war weit entfernt, zu ahnen, der ehrliche Soldat, wie ſehr ſeiner mächtigen Herrin dieſes verachtete Schäfchen am Herzen lag. „Ihr habt ihn mitgebracht?“ ſagte ſie. „Ja wohl, er muß auch da ſein, aber freilich immer noch ebenſo dumm, als da Eure Hoheit ihn zu Tournay mitnahm.“ „Man führe ihn in mein Kabinet. Er hat mir, wie Fryon ſchreibt, eine wichtige Enthüllung zu machen, und ich will ihn ſo bald wie möglich anhören. Erwartet mich hier in der Nähe.“ Der Kapitän verbeugte ſich und murmelte wäh⸗ rend er den Saal verließ: „Armer Fryon! Seine Reiſe nach Flandern wird ihn weiter bringen, als er ſich träumen ließ.“ Und in der That, der Urheber dieſer Entfüh⸗ rung konnte Niemand anders ſein als der König von England. Heinrich VIl. hatte ein zu mächtiges Intereſſe, Fryon und ſeine Geheimniſſe der Her⸗ zogin von Burgund wieder zu entreißen. 112² Zweites Kapitel. Nachdem Margaretha ihrem unglücklichen Die⸗ ner einige Minuten des Nachdenkens in Form des Mitleids gewidmet, glaubte ſie die Schuld der Dank⸗ barkeit reichlich abgetragen. Sie ſuchte wohl zu er⸗ rathen, warum die Bande der engliſchen Räuber ſich nicht des Schloſſes und Perkins bemächtigt, aber die Thatſache bewies klar: Dank Fryon's Umſicht, war Perkin den Sendlingen des Königs von England unbekannt geblieben. York hat Fryon verloren, Per⸗ kin aber blieb ihm noch, und Margaretha wünſchte ſich im Stillen Glück, daß ihr guter Stern es nicht ſchlimmer gelenkt. Fryon entführt, bevor er Perkin unterrichtet, das wäre ein unerſetzlicher Verluſt ge⸗ weſen. Nach der Erziehung dieſes wunderſamen Schülers war der Schaden ganz auf Seiten Fryon's. Margaretha fühlte das und war getröſtet. Es war nichts weiter zu thun, als die Ausführung des gro⸗ ßen in der Stille dreißigtägiger Zurückgezogenheit gereiften Planes in Angriff zu nehmen. Margaretha nahm eine feſtere Haltung an, legte ihre ſtürmenden Gedanken glatt, und ging in das Kabinet, wohin die Thürſteher Perkin geführt hatten. Es war die Stunde zu einer Audienz. Säle und Vorhallen des Palaſtes füllten ſich mit Hof⸗ und an⸗ dern Dienſtleuten; eine Anzahl vornehmer Reiſender, meiſtens Engländer und Schotten, harrten hier des Augenblicks, um der Schweſter Eduards IV., der edlen Tochter des Hauſes York, vorgeſtellt zu wer⸗ den. Andere Fremde, auch Deutſche, Italiener, Fran⸗ * 113 zoſen, ſuchten begierig die Ehre, die Wittwe des be⸗ rühmten Herzogs von Burgund zu ſehen. War es Zufall, war es Abſicht von Seiten der Herzogin, wir wüßten nicht zu ſagen, wie es kam,— an dieſem Tage war der Hof ſo glänzend und geräuſchvoll, wie er ſeit lange nicht geweſen. Kaum war dieſe goldſchimmernde Fluth einige Minuten von der Treppe nach den Galerien gewogt, kaum war vor einer halben Viertelſtunde Margaretha in ihrem Kabinet verſchwunden, als plötzlich die Thüren ſich öffneten und die Herzogin heraustrat, bleich und zitternd vor wirklicher oder erheu⸗ chelter Entrüſtung; aber ſo zitternd, ſo bleich, daß einige von den Cavalieren und mehrere Damen ihr entgegeneilten, um ehrerbietig ihre Hilfleiſtung ihr anzubieten und die Urſache der Aufregung zu erfah⸗ ren, die aus ihren Zügen ſprach. „Laßt mich zu Athem kommen,“ ſagte Marga⸗ retha mit erregter Stimme,„laſſet mir Zeit, meinen Zorn zu zügeln, der einer Fürſtin wenig anſteht.“ Man kann ſich denken, daß die Neugierde durch ein ſolches Vorſpiel nur um ſo lebhafter gereizt wurde. Jeder wollte wiſſen und Jeder bot ſeine Ver⸗ mittlung an. „Es handelt ſich,“ ſprach die Herzogin,„um ein ungeheures Verbrechen, um ein Verbrechen, das mich in's Herz trifft. Aber der Schuldige ſoll geſtraft werden, ſo geſtraft werden, daß dieß Beiſpiel fortan die Verräther und Betrüger zum Nachdenken bringen wird. Wie? weil man meine Schwachheit, meine thörichte Liebe zu unſerm Hauſe kennt, weil man weiß, daß ich ſtolz bin auf den Namen York, Magauet, Weiße Roſe. 8 3 weil es keinem Menſchen unbekannt iſt, wie viel Thränen ich vergoſſen, wie viel ich noch jeden Tag weine um meine Brüder, um meine Neffen, Eduard V. und Richard von York— darum ſpekulirt man auf mein zärtlichliebendes Herz, auf Gefühle, die heilig ſein ſollten, darum treibt man ſein Spiel mit meinen Qualen, darum will man mich betrügen mit Blend⸗ werk, mit Wiederbelebung jener theuren Schatten. Jetzt hab' ich einen ſolchen Schelm, einen ſolchen falſchen Prinzen und beim lebendigen Gott!— er ſoll mir büßen für alle andern!“ Mit dumpfem Schweigen, verſtohlenem Austauſch beſtürzter Blicke nahm die Menge der Hofleute dieſen ſtürmiſchen Zornesausbruch der Fürſtin auf. Lord Kildare, einer der großen Namen Englands, einer der eifrigſten Anhaͤnger Yorks, bei Heinrich VII. wegen ſeiner entſchiedenen Geſtnnung gegen das Haus Lancaſter in Ungnade gefallen, näherte ſich Margarethen, im Bewußtſein des ganzen Vertrauens, welches alte Freundſchaft, unermeßlicher Reichthum und eine jederzeit erprobte Treue ihm bei der Fürſtin ſicherten. Er war ein Greis von hohem Wuchs, mit kahler, glänzender Stirne, und einem halbgutmüthi⸗ gen, halbſpöttiſchen Laͤcheln. „Von welchem Betrug und von was für Schat⸗ tenbildern geruhten Eure Hoheit zu ſprechen?“ ſagte er. „Ah!“ rief die Herzogin und wandte ſich gegen ihn, als hätte ſie, plötzlich vom Schlaf auffahrend, ihn jetzt erſt bemerkt,„ſeid Ihr es, lieber Herzog, Ihr, der die Unſrigen liebt und der ſie Alle kennt wie ich. Denkt Euch, könnt Ihrs glauben, ſo eben, in meinem Kabinet, war ich zuſammen mit einem Menſchen, 115 einem frechen Schänder des Heiligen, der ſeine Le⸗ bensgeſchichte der Art erzählt, daß er, wollte man ihm glauben, niemand anders wäre, als Richard von York, der zweite Sohn König Eduards IV., der Bruder des Schlachtopfers im Tower zu London, mem eigener Neffe, der rechtmäßige König von Eng⸗ and!“ Ein langes Murmeln ging durch die ganze Zu⸗ hörerſchaft. Es war wie das vielfältige Zuſammen⸗ toſen der Elemente beim Sturm, wie ſie ſchüttern und grollen in Mißtönen, die nur das große Geſetz der Natur in unendlicher Harmonie auflöst. Bei Hofent⸗ ſteht die Harmonie der verſchiedenen Elemente aus der Ehrerbietung und der Furcht des Einzelnen vor dem gemeinſamen Meiſter, beſſer noch aus dem ge⸗ meinſamen Vortheil. Margarethens Worten hatte dieſe Verſammlung nicht allerſeits denſelben Sinn untergelegt. Die Jüngern hielten ihre Fürſtin für aufrichtig und wa⸗ ren entrüſtet wie ſte; die Einfältigen, für welche die Hoffnung ein politiſcher Glaubensartikel iſt, hofften und wollten darum den Betrüger ſehen; die feinen Höflinge ahnten irgend eine Idee unter ſo viel Wor⸗ ten und ſie ſummten durcheinander, um ſich die Ver⸗ antwortlichkeit für eine Antwort zu erſparen. Kildare dagegen, ein gerader, entſchloſſener Mann, hielt nicht zurück. „Das iſt ein abſcheulicher Betrug,“ ſagte er,„die Söhne des Königs Eduard ſind ja doch todt; wäre der eine oder der andere noch am Leben, die Welt wüßte davon und es wäre eines York nicht würdig geweſen, ſein Land ſo lange unter dem Uſurpator 4 8* 8 116 Heinrich VII. ſchmachten zu laſſen, während er ſich nur zu zeigen brauchte, um uns Alle zu retten. Dieß allein verdammt in meinen Augen ſeine Behaup⸗ tung.“ 5 „O! Er bringt ſeltſame Gründe vor, Mylord,“ rief die Herzogin;„er behauptet, er habe ſelber nicht gewußt, wer er ſei. Er ſei, ſo ſagt er, wahnſinnig geworden in Folge pon zwei furchtbaren Wunden am Kopf, die er im Tower erhalten. Ich habe ſte geſehen und richtig befunden, aber was beweiſen ſie? Kann nicht jedes Kind ebenſogut am Kopf verwundet wor⸗ den ſein?“ „Ich meine,“ erwiderte Lord Kildare,„er habe andere Beweiſe beizubringen.“ „Die hat er auch! Ich floh davon, ohne weiter zu hören,“ ſprach die Herzogin weiter;„dieſe Stimme betäubte, ſein Geſicht blendete mich: die Stimme meines Bruders, das Geſicht leibhaftig wie mein Bruder! Aber was beweiſen Stimmen und Aehn⸗ lichkeit? Bin ich nicht hintergangen worden von je⸗ nem feilen Betrüger, von jenem ſchamloſen Simnel, dem Paſtetenbäcker, der ſich für Warwik ausgab, und den der ſtegreiche Uſurpator nicht der Mühe werth hielt anders zu ſtrafen, als daß er ihn in die Küche verwies? Einmal betrogen iſt genug; zuviele Thrä⸗ nen, zuviel Freundesblut, zuviel blankes Gold hab' ich dabei verſchwendet. Schlimm genug für dieſen da, der es noch einmal Simnel nachthun will. Nach London ſoll er nicht kommen, hier in Gent auf offe⸗ nem Marktplatz ſoll er morgen geviertheilt werden!“ „Aber wo kommt er her?“ fragte Kildare, der 117 entweder wirklich von all dem getäuſcht war, oder gern bewieſen hätte, daß er ſich nicht taͤuſchen laſſe. „Er iſt gefunden worden von einem Manne, dem man ſchon einiges Vertrauen ſchenken könnte, von Fryon.“ „Von Fryon, dem Geheimſchreiber König Hein⸗ rich VII., der dieſem ſeinem Herrn davongegangen iſt?“ fragte Kildare. „Demſelben, der von Rachedurſt entflammt iſt.“ Der alte Lord beſann ſich einige Augenblicke, dann ſprach er langſam:„ „Da ich London verließ, ſprach man viel von einem Geſtändniß, das der Mörder Brakenbury in Bezug auf die Wiederauferſtehung des einen von Eduards 1V. Söhnen abgelegt habe, es iſt doch ein ſeltſames Zuſammentreffen.“ „Welches dieſer Betrüger gewiß benützt haben wird, glaubt mir, Mylord.“ „Aber Fryon, wo iſt er?“ „Ich hatte ihm auf einem meiner Schlöſſer eine Zuflucht bewilligt; von dort hat ihn, wie ich höre, der König von England wegbringen laſſen. So habt Ihr mir gemeldet, Capitän?“ „Ja wohl, Hoheit,“ antwortete der Angeredete, „ich bin Bürge dafür und kann es nöthigenfalls be⸗ ſchwören.“. „Darum,“ unterbrach ihn Margaretha, welche bemerkte, wie die Zuhörer wärmer wurden,„darum wollte ich ſo eben, da dieſer junge Betrüger bei mir war, ihn nicht anhören, ja nicht einmal anſehen. Er kann lügen nach Gefallen; Fryon iſt nicht mehr d um ihm zu widerſprechen oder ihn zu unterſtützen. 1 Aber auch wir ſind frei, und ich erkläre mich hiemit ſchon jetzt gegen dieſen Betrug mit mehr Nachdruck, als wenn er mir ſchon bewieſen wäre. Der bloße Gedanke einer Uſurpation dieſes glorreichen, theuren 1 Namens York könnte mich zum grauſamen Tyrannen verwandeln. Bis an die Grenzen der Gerechtigkeit will ich gehen. Der Schuldige ſoll ſterben. Was iſt Euch, theurer Herzog? Ihr ſenket das Haupt? Es könnte faſt ſcheinen, Ihr habt noch Bedenken, Ihr, unſer treueſter Freund; könntet Ihr ſolchen Frevel dulden?“. „Gerade wegen meiner Ergebenheit für Ihre Fa⸗ milie, Hoheit,“ erwiderte Kildare,„möcht' ich Sie bitten, nicht blos auf Ihren Zorn zu hören, und Ihre Entſchlüſſe ja nicht zu übereilen. Welchen Vortheil würde der Tod eines Unglücklichen Ihrer Sache bringen? Sie ſagen, er ſteht Ihrem Bruder Eduard ähnlich; ich bin erſtaunt ob Ihrem Muth; in meinem Leben würde ich mich dazu nicht verſtehen, das Blut eines Geſchöpfes zu vergießen, deſſen Züge mich an meinen ehemaligen Herrn erinnern.“ „Aber wenn er lügt, wenn er mich hintergeht, b wenn er nur Stoff zu Spott und Hader gibt?“ „Dann iſt nichts leichter, als ihn überführen und mit Schimpf und Schanden davonjagen,“ erwiderte der Lord;„das ſei meine Sache. Ich brauche nur drei Fragen an ihn zu richten, ſo weiß ich, was von ſeiner Wahrhaftigkeit zu halten. Was ſag' ich, drei Fragen! nicht einmal das. 1 Die beiden Prinzen, Ihre Neffen, Richard von York,* gerade der, für welchen jener ſich ausgibt, ſie haben undert Mal auf meinen Knien geſpielt. Von damals 1 119 ſind mir mehrere ſchlagende Einzelnheiten noch voll⸗ kommen gegenwärtig, beſonders eine, die außer ihm und mir kein Menſch wiſſen kann; weiß er die nicht, ſagt er nichts davon, ſo iſt er auch nicht der Herzog Richard, und zwei Minuten werden genügen, ihn deſſen zu überführen. Sie ſelbſt, Frau Herzogin, ſind beſſer als ſonſt Jemand im Stande, ihm ſeinen Be⸗ trug zu beweiſen. Wer kennt ſo genau, und ſo bis ins Einzelne Leben und Tod der Söhne Eduards, als Sie? Wer könnte beſſer als Eure Hoheit, Auf⸗ klärungen über nähere Umſtände herauslocken, Worte, Thatſachen in die Erinnerung zurückrufen, Schlingen lehen⸗ in die er fallen muß, wenn er ein Betrüger iſt?“ „Wie?“ entgegnete Margaretha mit verſteckter Freude,„Ihr rathet mir eine ſolche Probe? Heißt das in der That nicht, einem elenden Lügner die Wich⸗ tichkeit eines Helden beimeſſen?“ „Nein Madame,“ antwortete Lord Kildare kalt; „ein Richter kann nicht anders. Er verhört, beob⸗ achtet; und dann verurtheilt er oder ſpricht frei.“ „Aber Alles in mir empört ſich; es iſt unwahr⸗ ſcheinlich, nein, unmöglich: man wird uns auslachen, Kildare.“— „Niemals hat jemand gewagt, über eine hochacht⸗ bare, erlauchte Fuͤrſtin zu lachen, welche Recht und Wahrheit ſucht.“ 2 Die ſchauluſtigen, erregungsſüchtigen Hofleute ſprachen für den Vorſchlag des alten Lords durch ein⸗ ſtimmiges Beifallgemurmel. „Sei's denn!“ rief Margaretha;„man ſoll nicht ſagen, daß ich vor dem Bekenntniß dieſes Betrüger 5 120 zurückweiche. Die Prüfung ſoll ſtattfinden, aber öffentlich, hier, am hellen Tage vor den Augen Aller, gleichviel ob Freund oder Feind. Jeder, der hier ge⸗ genwärtig iſt, ſoll das Recht haben, an dieſen Men⸗ ſchen eine Frage zu richten, und möge Jeder ſich nur von ſeinem Gewiſſen leiten laſſen. Aber, ich wieder⸗ hole, Kildare, und Euer Rath hat in Nichts meine Geſinnungen geändert— wenn ich ihn, woran kein Zweifel, des Betrugs überführe, ſo wird er die Strafe ſeines Betrugs erleiden, und dieß Haus nur verlaſſen, um das Schaffot zu beſteigen. So wird die Welt erfahren, daß mir die Rechte Yorks über Alles werth und theuer ſind, aber nur der Yorks von ächtem Blut, und daß ich gegen den Feind meines Hauſes nur mit erlaubten Waffen kämpfe. Man führe den angeblichen Richard hieher. Ihr Mylords und edle Herren— Stillſchweigen, Unparteilich⸗ keit, klaren Blick. Keine Schwäche, Kildare, Nichts wird der weißen Roſe mehr Glanz und Würde verleihn, als die ſchnelle Züchtigung des Gewürmes, das unter ihren geheiligten Zweigen ſich verkriechen möchte.“— Alle nahmen Platz in der Gallerie, die Herzogin auf dem Thron. Kildare blieb unruhig und von Sorgen bewegt ſtehen, auf ſeinen Lehnſtuhl geſtützt. Das Ueberraſchende dieſer Vorſtellung, die ſeltſame Aufregung der Herzogin, die unabſehbare Tragweite dieſer Thronfrage, aus der mit einem Schlage der Krieg mit allen ſeinen Plagen ſich entwickeln und über England ſich ergießen konnte, dieſe ganze, ſchwer⸗ Mhäuende Ausſicht in die Zukunft legte mit mehr * achdruck als ein Befehl von Margareth ſämmtlichen 1 121 Anweſenden Stillſchweigen und eine geſammelte Stimmung auf. Nach kurzem Harren ſah man auf einer Seite die ſammtne Tapete ſich lüften; zuerſt erſchien der Haupt⸗ mann von der Leibwache der Herzogin, trat auf die Seite und ließ durch die weitoffne Thür einen Jüng⸗ ling in ſchwarzer, mit Silber und Seide geſtickter Kleidung eintreten. Er hielt in der Hand ſein Ba⸗ rett, das bleiche Haupt aber verrieth weder Hoch⸗ muth noch Unterwürfigkeit. Ein Strahl der Som⸗ merſonne ſpielte auf ſeiner glatten Stirn und er⸗ leuchtete zwei ruhige, klare Augen, welche mit harmloſer Neugier uͤber die glänzende Verſammlung hinſchweiften. Sein von Natur leichter und anmuthiger Gang, ſein offenes und doch feſtes Weſen, machten auf die Verſammlung einen günſtigen Eindruck; aber als man ihn mehr aus der Nähe betrachten konnte, als ſeine wunderbare Aehnlichkeit mit Eduard IV., einem der ſchönſten Männer ſeiner Zeit, ſich Allen zu erken⸗ nen gab, da ging durch die Reihen ein Schauer der Bewunderung, den Margaretha mit geheimem Wohl⸗ diſulen wahrnahm, aber zu unterdrücken ſich wohl ütete. 4 wahrer Neugier, vorwärts gebeugt; er ſchaute mit ganzer Seele. Margaretha konnte den tiefen Seufzer hören, der aus dem Herzen des greiſen Mannes ſich losrang. 4 Perkin— langſam gleich einem aus dem Grab erſtandenen Todten ſchritt er vorwärts und mit dem Gefühl des Lebens ſchien auch die Erinnerung an Kildare hatte ſich erwartungsvoll, dann aber mit. 122 eine durch jenen ſchweren Schlummer unterbrochene Vergangenheit bei ihm wieder zurückzukehren. Dieſe prächtigen Gewänder, dieſer Palaſt, die eigenthümliche Hofluft, die Schönheit der Frauen und das Gemurmel, das ſein Auftreten hervorrief, ſetzten Perkin nicht im Geringſten in Erſtaunen. Er meinte, All das ſchon früher geſehen zu haben. Man konnte bemerken, wie er im erſten Abſchnitt ſeines Daſeins nach einer Erklärung für das Gemälde ſpürte, das jetzt vor ſeinem Blicke ſich entrollte. Was war in dem Kabinet der Herzogin zwiſchen ihr und dieſem jungen Mann vorgegangen? Woher kam bei Margarethen dieſe Sicherheit, bei dem Jüng⸗ ling dieſe Ruhe? „Mein Herr,“ ſagte ſte raſch zu ihm, während er ſich gegen den Thron verneigte,„ich wollte und konnte mit Euch unter vier Augen kein Wort ſpre⸗ chen. Angelegenheiten von ſolcher Wichtigkeit müſ⸗ ſen öffentlich verhandelt werden. Seht hier unſern Hof, unſern Rath. Betet zu Gott, daß er Euch wahrhaft weiſe Antworten eingebe, denn im Fall der Lüge oder des Irrthums wagt Ihr den Kopf.“ Perkin antwortete nicht, ſondern bewahrte den⸗ ſelben unbefangenen Ausdruck im Geſicht, dieſelbe ruhige Haltung. 8 „Merkt wohl auf, edle Herren und ihr Mylords; richtet ihn nach eurer Weisheit. Ihr junger Mann, behauptet, Ihr ſeiet in einem Palaſte geboren. Perkin antwortete mit klarer feſter Stimme: „Ich glaube ſo.“ 4„Ihr behauptet: Ihr hattet einen Bruder, der König war?“ 123 4 „Ich weiß, daß ich einen Bruder hatte, auf deſſen Haupt ich eine Krone ſah.“ „Eure Mutter,“ ſagt Ihr,„ſei die verwittwete Königin von England?“ „Das weiß ich nicht; aber meine Mutter trug eine Krone. Wenn man mir ihr Bild zeigen könnte, ſo würde ich es wiedererkennen; wenn ſte ſelbſt mir erſchiene, ich würde ſie ſogleich umarmen, un⸗ ter tauſend andern Frauen wollte ich ſie heraus⸗ finden.“ „Ihr ſagt alſo, Ihr ſeid Richard, Herzog von York?“. „Ich habe das nicht geſagt. Man hat mich gefragt: Seid Ihr nicht Richard? Ich gab zur Antwort: Dieſer Name iſt mir in meiner Kind⸗ heit gegeben worden.“ „Herzog von York?“ „Ich erinnere mich, daß ich ſehr oft ſo genannt wurde.“ 4 „Wäre das wirklich der Fall, ſo müßtet Ihr im Tower von London ermordet worden ſein?“ „Ich bin das Opfer eines Mordanſchlags ge⸗ weſen, ja.“ „Erzählet uns.“ 8 „„Ich ſchlief zuſammen mit meinem Bruder; da hörte ich plötzlich ein Geräuſch; ein bleicher Schim⸗ mer zitterte hinter den Vorhängen unſres Bettes. Ich fing an zu ſchreien, wie kalte rauhe Hände auf meinem Geſicht herumkappten. Zwei ſcheuß⸗ liche Geſichter beugten ſich über uns her. Auf ein⸗ mal fing mein Bruder auch an zu ſchreien und wehrte ſich und ich fühlte wie ſein warmes Blut 124 mich überſtrömte. Ich wollte ihn umarmen; da kam ein furchtbarer Stoß, ich mußte den Kopf ſinken laſſen, dann noch ein zweiter— von da an fühlte ich nichts mehr.“ Die lautloſe Stille, die regungsloſe Haltung der ganzen Verſammlung zu malen kann nicht das Werk der Feder ſein; dem Pinſel des Malers möchte das beſſer gelingen. „Ihr waret alſo nicht todt; Ihr ſeid ſpäter wieder erwacht?“ fragte die Fürſtin jetzt wieder. „Ja, lange Zeit nachher.... Als ich von jenem Stoß getroffen ward, als ich meinen Bru⸗ der verlor, war ich ein Kind; ich erwachte wieder und war groß und ſtark geworden.“ „Habt Ihr dieſe ſchreckliche Erinnerung Nie⸗ mand mitgetheilt?“ „Derjenige, dem ich ſie erzählte, das einzige menſchliche Weſen, welches ich ſehen durfte, ſtellte ſich als verſtünde er die Sprache nicht, deren ich damals mich bediente; er lehrte mich eine andere.“ „Aber, als Ihr dieſe neue Sprache gekonnt, ſpracht Ihr noch von der Vergangenheit?“ „Ja wohl, denn ich dachte immer daran!“ „Nun wohl, und was antwortete Euer Hüter?“ „Ich ſei wahnſinnig— ich habe beim Spielen einen Fall gethan; mein Kopf habe bei dieſem Fall Schaden gelitten und ſei krank geblieben; das Fie⸗ ber habe ſich auf mein Gehirn geworfen und falſche Wahnbilder halten es im Nebel ſinnloſer Träume befangen.“ „, Man wollte demnach Nichts wiſſen von Eurer Kindheit im Palaſte des Königs Eduard?“ „* 125 „So iſt es.“. Von Eurer Familie, Eurer Vergangenheit, von jener Kataſtrophe?“ „Wahnſinn,“ hieß es,„Fieberträume.“ „Und jene engliſche Sprache, die Ihr damals gekonnt, die Ihr noch kennt?“ „Wenn ich ein engliſches Wort hören ließ, zuckte mein Hüter die Achſeln, ſo daß ich endlich glaubte, dieſe Art zu ſprechen exiſtire nur in meiner kran⸗. haften Vorſtellung.“ „Aber jetzt beſinnt Ihr Euch wieder darauf, und es ſcheint mir, Ihr holt das Verſäumte mit Wucher nach.“ „Man ſprach engliſch mit mir, da beſann ich mich darauf; man hat mir geſagt, ich ſei nicht ein Kind ohne Familie, und ich beſann mich wieder darauf; man nannte mir als Thatſachen tauſend Dinge, welche ich für Hirngeſpinſte hielt, für Traumbilder, für Thorheiten, die von der Be⸗ ſchädigung meines kranken Kopfs herkommen. Alles deſſen entſann ich mich wieder und ich behaupte, daß ich dieſe Thatſachen geſehen habe. In welcher Abſicht man auf dieſe Weiſe mein Ge⸗ dächtniß wieder erweckt, warum man will, daß ich reden ſoll, nachdem Andere ſo lange Zeit immer mir befohlen ſtillzuſchweigen? Ich kann es nicht wiſſen. Allein, da ich nur die Wahrheit ſpreche, da ich nur behaupte, was ich geſehen, gehört, gelitten habe; da man mir Hoffnung gab, mein langes Unglück gut zu machen, Hoffnung auf die Liebkoſungen einer Mut⸗ ter, auf die Liebe einer Familie, über deren Entbeh⸗ rung ich ſo oft und viel geweint, und die, ſo ſagt 126 man, auch mich beweint— jetzt lebe ich wieder auf, ich will ſprechen, unter dem Henkerbeil würde ich ſprechen, mein Blut vergießen bis auf den letzten Tropfen. Ich würde ſprechen ſogar im Feuer, das„ meinen Leib zu verzehren bereit wäre, denn in mir lebt eine Hoffnung und ich will, ſie ſoll, ſie muß noch Wahrheit werden!“ 1 Perkin hatte geendet. Alle Herzen ſchlugen höher — nicht als glaubte man ihm ſchon, im Gegentheil, kein Betrug ſchien je ſo plump angelegt zu ſein, aber nie war ein Betrüger mit ſo verfuͤhrendem Aeußern aufgetreten. Jeder in der Verſammlung hätte ihn für einen Lügner und Fälſcher erklärt, Keiner hätte ſich getraut, um dieſer Lügen willen ihn zu verdam⸗ men. Auch die Herzogin ſchwieg noch einige Augen⸗ blicke, ſammelte ihre Gedanken und ſpürte den Ein⸗ drücken welche ihre Umgebung zeigte, nach; ſie be⸗ wunderte die Kunſt, mit welcher dieſer junge Mann ſeine ungeheuerliche Geſchichte vorgetragen mit der Ruhe und Unbefangenheit eines Apoſtels, der ſein Glaubensbekenntniß ablegt. Fryon hatte Recht, dachte ſie; er hat es gut ge⸗ macht, es wäre ſchade, wenn dieſes kunſtreiche Werk über den Haufen geworfen würde; wenn ich nicht da⸗ rauf beſtehe, ſo wird ein Andrer ſtcher darauf beſtehn. Laſſen wir Niemand zuvorkommen. „Dieſe ganze Erzählung,“ ſprach ſie feierlich, „hätte der erſte Beſte geben können. Das Unglück des Hauſes York iſt bekannt. Gibt es ja doch kein Kind, das nicht in ſeinen Spielen dieſen oder jenen* Auftritt aus der Geſchichte dieſes jungen Mannes ſelber dargeſtellt hätte. Aber mit ſolchen allbekann⸗ — 127 ten, alltäglichen Dingen begnügen wir uns nicht. Es ſind noch etwas ſchwierigere Fragen, die Ihr be⸗ antworten ſollt.“ „Solange ſie wirklich eine Erinnerung in mir wecken, werde ich ebenſo leicht darauf antworten,“ ſagte Perkin.„Sein Sie nicht ſparſam damit, Ma⸗ dame. Es liegt mir nicht viel daran, Andern zu be⸗ weiſen, daß ich Richard von York bin; aber für mich ſelber will ich es beweiſen. Bin ich deſſen ſicher, ſo wird die Welt, ſo wird das Leben einen Sinn für mich haben, bin ich der Spielball eines Irrthums, wohlan! ſo beſtrafen Sie mich. Die Strafe wird das Ende meiner Qualen ſein, der Tod eine Gunſt, um die ich ſelber bitte!“ „Er geht ſehr weit,“ ſagte die Herzogin bei ſich ſelbſt;„iſt er wohl bis auf dieſen Grad ſeiner Ab⸗ richtung ſicher?“ 4 1 Dieſe Kühnheit hatte bereits ihre Früchte getra⸗ gen: Die Verſammlung gab offen, zwar nicht ihre Sympathie, wohl aber die Furcht zu erkennen, der Irrthum möchte allzufrüh erwieſen werden. Jetzt nahm ſich die Herzogin beim Wort und ſetzte das Verhör ſo gewiſſenhaft fort, daß ſie bei jeder Frage zitterte, ob nicht die Antwort auf einen falſchen Weg führen werde. Aber als hätte ein Genius in ihm die geheimniß⸗ volle Flamme an Perkins Stirne vorüberbewegt und ihn die Bilderſchrift jener düſtern blutigen Vergan⸗ genheit entziffern laſſen, als wäre der Schutzengel des Hauſes York herniedergeſchwebt und hätte, unſichtbar dieſem Jünglinge zur Seite ſtehend, ihm jede Ant⸗ wort in's Ohr geflüſtert— der angebliche Richard 128 irrte ſich niemals, über die feinſten Schlingen ging er ſicher weg oder bezeichnete er ſte ohne Unwillen, ohne Furcht. Ein oder das anderemal zögerte er, aber nur, um einen treffendern Ausdruck, eine ge⸗ nauere Antwort zu geben. Dieſes Zögern war für ihn die nothwendige Zeit, um in den Tiefen ſeines Gedächtniſſes nachzugraben. So verſchwindet der Taucher und arbeitet einige Sekunden geheimnißvoll unter dem Waſſer; wenn er wieder aufgetaucht, ſo ſpielt ein Lächeln um ſeine Lippen und die Perle in ſeiner Hand. Alſo erhielt die Herzogin die genaueſten Nachweiſe von Perkin über ſeine Kindheit, über ſeine Brüder und Schweſtern, über ſeine Mutter und ſei⸗ nen Vater Eduard IV. Er beſchrieb die geheimſten Winkel des Palaſtes und der Luſtſchlöſſer, welche ſeine Familie vordem bewohnt, erinnerte ſich wieder an ſeine liebſten Spielſachen, benannte ſeine Hunde, ſeine Vögel; zeichnete alle diejenigen, Freunde, Die⸗ ner, Hofleute, welche zum Hauſe gehört hatten. Ein⸗ mal auf der Fährte der Erinnerungen kam er denſel⸗ ben immer näher; er faßte ſie mit einer Art enthu⸗ ſtaſtiſcher Wuth, und ward um ſo eifriger, je mehr er fühlte wie Bewunderung und Theilnahme um ihn her immer größer ward. Er erzählte Margarethen bis ins Einzelne eine geheime Reiſe nach London, welche die Herzogin un⸗ ternommen, um bei Eduard IV. Hülfe zu ſuchen; er beſchrieb ihre Kleidung, beſann ſich auf eine Waſſer⸗ fahrt, während welcher ihre beiden Neffen ihr gerade gegenüber ſaßen, während ſie unter dem faltenreichen Baldachin der Barke in vertraulicher Unterhaltung mit ihrem königlichen Bruder und ihrer Schwägerin 129 ſich beſprach. Dieſe letzte Erinnerung traf Marga⸗ retha wie ein Schlag; ſie zitterte und ſchien dießmal wirklich beſtürzt; mit einem beinahe furchtſamen Aus⸗ druck ſah ſie Perkin an und ſagte bei ſich: woher weiß er dieſen Umſtand, den ich ſelbſt Fryon nicht geſagt? Die Zuhörer begriffen wohl, was die Herzogin für Gedanken haben mochte und ihre Anſicht war durch die gehäuften, und anſpruchslos gegebenen Be⸗ weiſe, die zudem noch lange nicht erſchöpft ſchienen, ſehr wankend geworden. Bereits fingen ſte an, die günſtige Meinung, die Jeder aus dieſem Verhör bekommen mußte, durch lautes Beifallmurmeln zu erkennen zu geben. In Perkin erweckte dieſer Erfolg weder Stolz noch Freude. So wie er zuvor ſelber geſagt, wollte er ja nur zu ſeiner eigenen Genugthuung ſeine Her⸗ kunft feſtſtellen, und hätte man in ſeinen Zügen die Spur irgend eines Gedankens erhaſchen können, ſo war es höchſtens das unbefangene Erſtaunen, daß er ſich nun überzeugt habe. „In Wahrheit,“ ſagte Margaretha, welche, ob⸗ wohl feſt überzeugt von dem Betruge, doch einer ſol⸗ chen Ueberlegenheit an Muth und Geiſtesgegenwart ihre Bewunderung nicht verſagen konnte—„in Wahr⸗ heit, dieſer junge Mann hat mir Enthüllungen ge⸗ geben über Dinge, die ich allein zu wiſſen glaubte.“ „Darauf trat der Herzog von Kildare, der bisher laut⸗ und regungslos zugeſchaut, vor, entſchloſſen, auf dieſe Truggeſtalt einen kräftigen, entſcheidenden Schlag zu führen. Er ſtieg die Stufen der Eſtrade herab und trat vor Perkin, wie ein Fechter in der Maquet, Weiße Roſe⸗ 9 130 Arena; der Entſchluß, dem Betrug ein Ende zu ma⸗ chen, ſtand ihm auf der Stirn geſchrieben; in ſeinen Augen lag etwas boshaft Feindliches. Der alte Mann war, wie alle Anweſenden, tief bewegt wor⸗ den; mehr als einmal hatte ihm bei Perkins edler offener Rede das Herz geklopft; dieſen Erfolg konnte er ihm nicht verzeihen, und voll innerer Scham machte er ſich bereit ihn dafür büßen zu laſſen. „Kennt Ihr mich?“— ſagte er.„Ich weiß wohl, Ihr könnt recht gut Ja ſagen, denn mich kennen viele Leute. Aber nehmt Euch in Acht, meine Frage hat mehr Tragweite, als auf den erſten Anblick ſcheint.“ „Ich kenne Euch nicht,“ antwortete Perkin. „Ich bin der Herzog von Kildare, da ich in Weſt⸗ minſter bei den Kindern des Königs Eduard war, nannte man mich Patrick— Ihr ſeht, ich helf Euch.“ „Patrick?“ ſagte Perkin ſinnend, und ſuchte in ſeinen Erinnerungen. „Beſinnt euch nur,“ ſetzte Kildare hinzu;„denn wenn Ihr Euch deſſen entſtnnen könnt, was ich in Gedanken habe, ſo werdet Ihr ſehen, wie von mei⸗ nen Lippen das ungläubige Lächeln verſchwindet, das Eure erſten Worte darauf zurückgelaſſen. Beſinnt Euch, wenn es auch eine Viertelſtunde dauert: und wenn's Euch einfällt, dann Meſſtre, wird Euch das eine koſtbare, unſchätzbare Viertelſtunde ſein!“ Perkin heftete einen aufmerkſamen Blick auf den alten Lord. Die Hände ineinandergelegt, mit ge⸗ bogenem Knie an eine Säule gelehnt, betrachtete er das ſpöttiſche Geſicht dieſes rauhen Gegners, und ſann nach. 3 Die Verſammlung um ſich her beobachtend zählte 1³1 Margaretha die Sekunden und drückte krampfhaft ihre Nägel in die fieberhaft zitternden Hände. Lord Kildare und Perkin ſtanden unbeweglich einander gegenüber, keiner wandte den Blick vom Andern— wie zwei Fechter, die ſich zu faſſen lauern. Allen die zugegen waren, wurde es ſchwer um's Herz, Jeder fühlte den Zwieſpalt der Theilnahme, die Perkin in den Gemüthern erweckt, und der Ach⸗ tung, welche Keiner den Worten des alten Lords und ſeinem weißen Haar verſagen konnte.. „Patrik?“ wiederholte Perkin nochmals.„Ich erinnere mich wohl meines guten Freundes Patrick, aber er hatte keinen kahlen Kopf; ich kannte ihn mit ſchwarzem Haar, das dicht auf die Schultern herabfiell. „Das iſt wahr,“ ſagte Kildare,„aber ich bin ſchnell gealtert, und mein Haar war ſchwarz, bevor es weiß und bevor es ganz weg war.“ Und ſeine Stimme zitterte, als wenn das Wort „gealtert“ eine düſtere Erinnerung in ihm wachge⸗ ruſen hätte. „Patrick!“ wiederholte Perkin, mit ſich ſelbſt re⸗ dend,„ich entſinne mich ſeiner wohl, mein guter Freund Patrick, aber ich kann nicht behaupten, daß Ihr es ſeid. Dießmal dünkt mir, iſt die Schlinge nicht ganz ehrlich, denn ich ſehe nicht über den Hori⸗ zont meiner Kindheit hinüber; es ſind zehn Jahre, daß ich von dem, was in der Welt vorgeht, nichts mehr weiß, und es wäre Unrecht, Kenntniß der Ge⸗ genwart von mir zu verlangen. Bleiben wir in der Vergangenheit!“ „Das ſoll geſchehen,“ ſagte der aüts Lard⸗ ge⸗ 13²2 troffen von dieſem Vorwurf.„Es iſt mir ganz recht, wenn wir in den Grenzen der Vergangenheit bleiben. So ſag' ich Euch nur, daß ich jener Patrick bin, wel⸗ chen Milord Richard, Herzog von York ſeinen guten Freund nannte; aber wenn Ihr dieſer Prinz wirklich ſeid, ſo werdet Ihr uns einen geheimen Vorgang er⸗ zählen, von dem nur Richard und ich weiß. Ol Wenn Ihr dieſen Vorgang wißt, wenn Ihr ihn enthüllen könnt, ſo habt Ihr mich gewonnen, wie Ihr ſchon Viele hier gewonnen habt.“ Immer noch ſah ihn Perkin an; plötzlich leuch⸗ tete eine zuckende Flamme aus ſeinem ſpürenden Auge, und dann wurde das bleiche Antlitz wieder ernſt und undurchdringlich wie zuvor. „Man muß ihm Zeit laſſen zum Beſinnen,“ ſagte der Lord zu den Umſtehenden;„nicht als ob der Um⸗ ſtand, auf den ich angeſpielt, ſo leicht zu vergeſſen wäre; der ächte Herzog von York hätte mir ihn längſt an den Kopf geworfen; aber der junge Mann bat um Bedenkzeit; ehrlich Spiel! er ſoll in ſeinem Nach⸗ ſinnen ungeſtört ſein.“ „Glaubet nicht, daß ich mich erſt beſinne,“ ſagte Perkin kalt, unter dem beleidigenden Zweifel ſich hoch aufrichtend;„nein. ich weiß wohl, wovon Ihr ſprechen wollt, Mylord. Allein, bevor ich es laut ſage,— wer wird mich von dem Schwur entbinden, den Patrick damals mich thun ließ, niemals davon zu ſprechen?“ Dieſe Worte hielt die Herzogin für eine geſchickte Ausflucht, die aber doch nicht im Stande ſein würde, Perkin aus den Klauen ſeines furchtbaren Gegners 133 zu retten. Wie ſie ſich aber gegen Kildare hinüber⸗ wandte, ſah ſte ihn auf einmal wanken und zittern. „In der That,“ murmelte der alte Lord nach ei⸗ nem Ausruf des Erſtaunens in ſeiner Erregung,„ich habe dem jungen Herzog Stillſchweigen auferlegt.“ „Ihr ließet ihn auf das Kreuz ſchwören, Mylord,“ unterbrach ihn Perkin mit derſelben ruhigen Hoheit. „Ja,“ ſagte Kildare,„ich geſtehe, ſo iſt es.“ In langdauernder Bewegung wogten die Köpfe der Zuhörer hin und her; es war wie der erſte Tri⸗ umph eines Lieblingshelden der Bühne. „Und Richard,“ fuhr Perkin fort,„hat ſeinen Schwur treulich gehalten. Wenn ich Euch nun den Vorgang erzähle, und doch nicht Richard bin, ſo habt Ihr ſelber Euch verrathen, dann habt Ihr es Jemand erzählt.“ „Niemals,“ rief Kildare,„niemals, noch heute ſchaudert es mich beim bloßen Gedanken.“ „Wohlan denn,“ gab Perkin zurück,„gelobt ſei Gott, der mir Gelegenheit gibt, Euch ſo leicht zu überzeugen, Mylord; die Thatſache, auf welche Ihr angeſpielt, iſt dieſe: der Herzog Richard war in Windſor, in dem kleinen Garten, links vom Park, in der Nähe des großen Waſſergrabens... Unterbrecht mich nicht, ich bedarf meiner ganzen Aufmerkſamkeit, um die einzelnen Umſtände richtig und genau wieder⸗ zugeben, denn mein Kopf iſt ſchwach, und Euer böſer Wille iſt ſehr hartnäckig. Alſo— Richard war in Windſor, und ſpielte mit einem kleinen Hunde, den er zum Geſchenk erhalten; ich glaube, Patrick war es, der dieſes ſchottiſche Hündchen dem jungen Herzog geſchenkt... nicht wahr?“ 3 134 „Das iſt ſo,“ ſtammelte Kildare,„aber es wiſſen viele Leute, daß ich mit meiner edlen ſchottiſchen Raſſe meine Freunde und auch meinen König verſorgte.“ „Was man aber nicht ſo weiß,“ fuhr Perkin fort, „iſt der Umſtand, daß der kleine Herzog, grauſam wie alle Kinder ſind, dem jungen Hund eine lange Schnur an die Pfote knüpfte, und böslicherweiſe ſich ein Vergnügnn daraus machte, ihn in den Graben zu tauchen; die Schnur zerriß, das arme Thier er⸗ trank; darüber kam Patrick und gerieth bei dieſem Anblick in gerechten Unwillen über den jungen Prin⸗ zen... Ich glaube nicht, daß ich mich irre!“ ſagte Perkin und ſah dem alten Kildare feſt ins Geſicht. Dieſer erblaßte und antwortete nichts. „Ich fahre fort,“ ſagte Perkin:„Richard, be⸗ ſchämt durch Patricks Vorwürfe, wurde heftig. Er war von Natur reizbar, und drohte ſeinem Freund und Diener, ihn durch ſeine Wachen in den Graben werfen zu laſſen. Patrick ſah ſich⸗ ſchnell um; die Gelegenheit war günſtig, einen böſen kleinen Prinzen abzuſtrafen, der einmal ein Tyrann werden konnte. Da faßte Patrickihn beim Gürtel, hob ihn mit ſtar⸗ kem Arm in die Höhe, und hielt ihn gerade über den Graben. Aber von der Raſchheit dieſer Bewegung und von Richards Widerſtand wurde der Dolch, der Patrick am Gürtel hing, umgedreht, aus der Scheide geriſſen und drang zwiſchen Hals und Schulter dem jungen Prinzen ins Fleiſch; im Augenblick war Pat⸗ rick von Blut überſtrömt. Gebt Acht, Lord Kildare,“ fuhr Perkin fort und machte ſein Wams auf, deſſen geſtickten Kragen er mit einer wahrhaft königlichen Geberde zerriß,„dieſe Wunde hier ſolltet Ihr doch » — — R 135 wohl kennen? Und wenn Ihr den Dolch noch habt, der mich damals verwundet, ſo könnt Ihr ja ſeine Spitze mit der Breite dieſer Narbe vergleichen! Ge⸗ ſteht nur, geſteht: heut iſt keine Gefahr mehr wie an jenem Tag, da Ihr mich ſchwören ließet, dem König, meinem Vater, nichts davon zu ſagen.“ Kildare, wie vom Blitz getroffen, mit wirrem Auge und keuchender Bruſt, brach in Schluchzen aus, kreuzte die Arme auf die Bruſt, beugte das Knie vor dem Jüngling und nannte ihn Herr, Gebieter,—König! Das Erſtaunen, der trunkene Jubel der Verſämm⸗ lung über dieſes Wunderſchauſpiel brachen jetzt don⸗ nernd los.— Margaretha glaubte, ſie ſei der Spiel⸗ all eines Complotts, das von Dichtergeiſtern ange⸗ keJt ſeiz deron Geſchicklichkeit in ihrer Kunſt, ihr, der großen Staatskünſtlerin, überlegen ſein müſſe. Kildare, der immer noch vor Perkin auf den Knieen lag, brachte ſte vollends ins Unklare, und⸗ſie mur⸗ melte vor ſich hin: „Was! Kildare auch! Ihn hatte Fryon nuch ge⸗ wonnen? Kildaͤre iſt miteingeweiht, er, den ich am meiſten fürchtete?“ Und indem ſie ſich ihm näherte, um ihn durch eine feierliche Frageſtellung aufs Aeußerſte bloszu⸗ ſtellon, ſprach ſie zu ihm: „Ihr alſo, Ihr erkennet ihn an? Ihr, Kildare, der Preis der ſchottiſchen Ritterſchaft; Ihr, die Loya⸗ lität, die Ehre, die Wahrheit ſelbſt! Ihr erkennt dieſen Menſchen an?“ „ Ich erkenne ihn an, ich proklamire ihn!“ ſagte Kildare ebenſo begeiſtert, als er zuvor zweifleriſch ge⸗ weſen.„Dieſer iſt Richard, Herzog von York, deſſen 136. Blut ich vergoſſen, davon mein Haar in einer Nacht weiß geworden. Wißt Ihr's wohl, Milord?“ „Ja wohl,“ ſagte Perkin,„den Tag darauf lag ich am Fieber zu Bette, ich hatte vorgegeben, ich hätte mich am Rande des Brunnens mit einem Nagel ver⸗ wundet, da beſuchteſt Du mich und dankteſt mir, daß ich Dich nicht verrathen; und zeigteſt mir dieſe weißen Haare, ich küßte ſte und umarmte Dich, wie ich Dich heute wieder umarme.“ „Es lebe König Richard IV.!“ rief Kildare und brach in Thränen aus. Da wurde ſeine Stimme übertönt von dem endloſen Jubel, der ſich jetzt erhob und in der Gallerie von allen Seiten wiederhallte: „Es lebe König Richard V.!“ „Mein Neffe, Sohn Yorks, Du fleckenloſe weiße Roſe, komm und umarme mich,“ rief Margaretha; „ich begrüße Dich, König von England!“ Berauſcht, geblendet, ſtrahlend von Freude und Schönheit, ſtürzte Perkin auf die Herzogin zu, und ſein zärtlichglühendes Herz ſchlug an dem der Herzogin, deſſen ſtolzes Schlagen ihn zurückſtieß, ob⸗ wohl die Arme der Falſchen ihn feſt umſchloſſen.— Drittes Kapitel. Schottland hatte damals Jakob IV. zum König, der noch ſehr jung durch einen Volksaufſtand, über die Leiche ſeines eigenen Vaters Jakob III., auf den Thron erhoben worden. Schottland, welches fort⸗ 137 während auf engliſche Eroberungsverſuche gefaßt ſein mußte, war der natürliche Beſchützer für jeden Feind der Beherrſcher Englands. Nach dieſem Herd kriegeriſchen Grolles ſandte mit einem Heer, Geld und ſonſtigen mächtigen Empfehlungen die Herzogin ihren Thronwerber. Nach Schottland begab ſich Perkin, nachdem er Irland aufgewiegelt, wo er, kaum erblickt, anerkannt und als Eduards Sohn von allem Volk begrüßt wurde. Wollten wir hier nicht blos die Thatſachen, ſondern auch die Entwürfe dieſes Jünglings ſchil⸗ dern, den eine Laune des Glücks aus dem Nichts gezogen, um ihn im Flug auf den Gipfel menſch⸗ licher Größe zu werfen, ſo wurden wir eine mora⸗ liſche Abhandlung ſchreiben, während es ſich nur darum handelt, eine Geſchichte voll Leidenſchaft und Leiden zu erzählen. Warum ſollten wir den Ge⸗ ſchmack der Frucht analyſtren? warum über ihren Duft erſt Commentare ſchreiben? Hier iſt Erzäh⸗ len und Theilnahme finden eins. Die Feder findet nur allzu leichte Arbeit; denn wahrlich, ſelten hat wohl ein ſo einfaches und doch ſo ſchneidendes Drama vor den Augen eines Leſers ſich entrollt. Nach Allem, was Perkin geſehen, erfahren, mit ſeinem Gedächtniß wieder erobert und dem Gebiete des eigenen Lebens eingefügt hatte, war er ſicher⸗ lich nicht mehr Perkin, er war es nie geweſen; er glaubte nicht, es ſein zu können: er war Richard von York, und wir werden fortan ihm dieſen Namen geben. Mit welchem Rechte konnte man ihn daran zweifeln laſſen, ihn, dem jetzt das ſo lange verlorne Licht wie gerufen wiederkehrte, er, der Alles und Jedes in Uebereinſtimmung mit ſeinen plötzlich wie⸗ derangeknüpften Erinnerungen fand, er, deſſen kö⸗ nigliche Anſprüche mit einem Mal rechtmäßig ge⸗ worden waren? Eine erlauchte Fürſtin nannte ihn ihren Neffen; der wackerſte Ritter Englands nannte ihn ſeinen Herrn; Schaaren treuer Krieger trugen ihn der Eroberung einer Krone zu; fremde Mo⸗ narchen, Karl VIII. und Maximilian, nannten ihn Bruder und begleiteten mit Segenswünſchen und Gebeten das Glück ſeiner Fahnen. Richard ge⸗ horchte ſeinem Schickſal; entſchloſſen ſchritt er vor⸗ wärts.. Seine erſten Schritte auf dieſer Bahn, wie oben geſagt, glichen einem Triumphzug; überall in Ir⸗ land und Schottland beugte ſich die halbwilde Be⸗ völkerung vor dem angebeteten Namen Yorks; aber nicht blos das Volk wußte er für ſich zu begeiſtern, auch die Großen und die Reichen; übrigens war wohl bei letzteren der entſcheidende Grund weniger die Sympathie für Richard, als der Haß und die Furcht, welche Heinrich VIl. und ſeine Habſucht bei ihnen erweckte. Einen— achten oder falſchen— Abkömmling des Hauſes York vertheidigen, war das nicht Demüthi⸗ gung und Schwächung des Thronräubers Lancaſter? In wenigen Monaten vergrößerte ſich Hof und Heer des Prätendenten. Und da Margarethens Freigebig⸗ keit es ihm möglich machte, von ſeinen neuen Unter⸗ thanen nichts zu verlangen, als ihren Arm und ihre Treue, während Heinrich VII. in ſeinen Forderungen 139 weit poſttiver war, ſo ſchrieb das öffentliche Hören und Sagen, der Vorläufer allgemeiner Beliebtheit, dem jungen Prinzen, der die Unterſtützung Irlands und Schottlands zu ſuchen kam, alle Tugenden und folglich auch alle Rechte zu. Jakob IV. hatte die erſte Nachricht von der Ent⸗ hüllung des großen Geheimniſſes erhalten. Der in Margarethens Geiſt gereifte Rieſenplan ward ihm durch Geſandte vorgelegt. Schon hatte Katharina Gordon, nach ihrer Rückkehr aus Frankreich, wo wir ſie bei der Herzogin von Burgund geſehen ha⸗ ben, ihn von den geheimen Umtrieben und Hoffnun⸗ gen der Fürſtin unterrichten können. Allerdings hatte König Jakob anfangs nichts davon wiſſen wol⸗ len, und der Herzogin geſchrieben, daß Heinrich VII. ſelbſt der Urheber jenes Gerüchts von der Aufer⸗ ſtehung eines der Söhne Eduards ſei; allerdings hatte die Rückkehr Katharina's, welche Margarethens Verzweiflung mitangeſehen, die Plane des Königs von Schottland vollends über den Haufen geworfen — aber in der Folge war dieſes ganze Gerüſte wieder aufgebaut worden. Margaretha hatte ihre Entdeckung ſo laut verkündet, Frankreich hatte in der Perſon Karls VIII. Richard eine ſo glänzende Aufnahme be⸗ reitet, die überallhin geſandten Bildniſſe des Präten⸗ denten hatten die Begeiſterung Aller, die Eduard IV. gekannt, ſo geſteigert, daß Jakob IV., bezaubert wie die ganze Welt, feſt an die Wiederkunft eines ächten Sprößlings vom Hauſe York glaubte, an ſeinem Hof ihn erwartete, und ihm einen ebenſo glänzenden als freundſchaftlichen Empfang, ja ſogar ein Bündniß 140 von Bruder und Bruder, von König und König dar⸗ brachte. Katharina hatte ſeit ihrer Reiſe nach Frankreich einen ſanften aber traurigen Eindruck behalten, der ihr kindliches Weſen mit einem Male zu höherer Reife gebracht und ihrer heiteren, lächelnden Schön⸗ heit etwas Feierliches verliehen hatte, was ebenſoviel Achtung als Liebe einflößte. Die Herzogin hatte ihr nämlich wenige Monate nach ihrer Trennung mitgetheilt, daß dieſer wunder⸗ bar erhaltene Richard von York Niemand anders ſei als jene Wahngeſtalt, welche ſie bleich und todergeben im Hauſe der Warbeck in Tournay geſehen. Alle Theilnahme, welche aus der jenem Jüngling drohen⸗ den Gefahr entſprang, dieſe unbeſtimmte und mäch⸗ tige Theilnahme, worüber Katharina damals ſich ſelbſt wunderte, wußte ſie jetzt nicht anders zu erklä⸗ ren als durch ein Vorgeſicht, durch eine ahnungsvolle Regung der Geſchwiſterherzen. Richard, ihr kleiner Freund und Geſpiele, ihr Gemahl(wie ſte dereinſt ihn ſo oft genannt), den ſie ſo ſchmerzlich beweinte, ſie allein hatte ihn damals auf den erſten Blick erkannt. Sie allein hatte das Pochen ihres Herzens gefühlt, bei der Erzählung der Leiden dieſes Fremdlings, dieſes überall zuruͤckge⸗ ſtoßenen, von Allen bedrohten Landſtreichers, den die Herzogin, ihre Tante, einem ſchimpflichen Tode überliefern wollte. Katharina ſchauderte bei der Erinnerung an die bleiche Geſtalt deſſen, den man Perkin nannte, an die Stunde der Hinrichtung, und die ſchreckliche Wahl, —— — 141 2 welche Margaretha in ihrer Verblendung dem letzten Sprößling des Hauſes York damals offen ließ! Manchmal beſchwor ſie ſtillentzückt alle ſchlum⸗ mernden Erinnerungen aus jener Zeit zurück, da ſie miteinander in den einſamen Gehägen oder in den knoſpenden Wäldern am Abhang der Hügel ſich um⸗ hergetrieben. Sie gedachte des unbeugſamen Jüng⸗ lings, der zum Tod entſchloſſen war, da man Ge⸗ ſtändniſſe von ihm verlangte; ſte ſagte ſich Wort für Wort aus dem Gedächtniß wieder vor, was er geſpro⸗ chen, und ſeine Freude bei den erſten engliſchen Lau⸗ ten, die er von ihr hörte, ſein ſeliges Lächeln, da er ſte erblickte, ſeine beinahe zärtliche Gelehrigkeit, da ſie ihm zu ſprechen gebot! „Mit mir allein hat er geſprochen,“ ſagte ſte bei ſich,„mir allein gab er nach. So mußte auch ſein Herz von mir eine Ahnung gehabt und mich wieder erkannt haben; auch er ſtand wie ich ſelbſt unter dem Einfluß unſerer erſten Freundſchaft, des Bun⸗ des unſerer Kindheit; hat er nicht auch ſeine geliebte Katharina verſtanden?“ 4 Und der jungen Gräfin Herz ſchlug höher in über⸗ irdiſcher Wonne, in der Seligkeit unſchuldiger Liebe. Von dieſem Augenblick an hatte auch ſie nun ihr Geheimniß, ein ſo erhabenes, ſo mächtiges Geheim⸗ niß, daß es alle andern beherrſchte. Wozu das große politiſche Triebwerk Margare⸗ thens, Jakob's IV., des Königs von Frankreich und des Kaiſers? Wozu ſo viele Kriegsheere, um Richards Anſprüche zu unterſtützen? Wozu ſo viel Staats⸗ weisheit verbrauchen in dem Rathe vier großer Na⸗ tionen? Katharina fühlte ſich ſtark genug, um für 14² ſich allein Richard krönen zu laſſen, ſte würde die Strah⸗ len der Ueberzeugung überall um ſich her leuchten laſſen; ihre Liebe, ihr Glaube würden Schottland, Irland, die ganze Welt entzünden; ſie würde dem jungen Königsſohn ſich ſo ganz hingeben, daß der Bauer auf dem Felde, der Hirt in den Bergen ſich in Soldaten verwandeln müßten; ihr Blut wollte ſte für ihn geben, damit Keiner das Recht haben ſollte, ihm ſein Leben zu verweigern und hätte ſie den Sieg ſeiner Waffen eingegeben, vorbereitet, er⸗ zwungen, wäre Richard in Weſtminſter als König eingezogen,— würde er ſie dann auch vergeſſen, nicht ſehen, wie ſte, fernſtehend im Dunkel, ihm zu⸗ lächelte, wenn er ſie auch nicht liebte, ſte die ihn anbetete,— doch würde Katharina ſich glücklich fühlen, denn Richard war ja Sieger, war allmäch⸗ tig, war glücklich!— So war die Stimmung an ſchottiſchen Hof, da man den Neffen der Herzogin von Burgund er⸗ wartete. Jakob und Richard waren beinahe vom gleichen Alter; dieſe Zuſammenkunft ſollte ein Feſt werden. 83 Prinz Richard, der Gegenſtand ſo vieler Hoff⸗ nungen, kam in einer nicht weniger feurigen Stim⸗ mung. Während jener nur zu kurzen Augenblicke, da er Katharinen in Tournay ſah, hatte er ſich zum erſtenmal in ſeinem Leben durch eine andere Empfindung, als die bloßer Neugier, zu einem menſchlichen Weſen hingezogen gefühlt; dieſe ſanfte Schönheit hatte all ſeine Sinne, dieſe reine Güte ſein Herz gefangen: niemals vor dieſer entſcheiden⸗ den Minute, hatte ſeine ſeit ſo vielen Jahren ver⸗ „ 8 * 143 dunkelte Seele ſich frei machen können; der bloße Anblick Katharina's, die Bewegung ihrer Lippen, ein einziger Blick aus ihren Augen, hatte dieſe Seele voͤllig neugeboren. Von hier an hatte für ihn ein neues Leben begonnen. Sein Gedächtniß war, wie von einem Zauberſchlage, bei der erſten Frage, die Katharina an ihn richtete, wieder er⸗ wacht. Eine göttliche Flamme durchglühte ſein Blut. In Katharina's Gegenwart hatte der mit Schmach und Schande bedeckte Unbekannte aufge⸗ hört zu ſein: ein anderer Jüngling, von Schönheit ſtrahlend, von Muth erfüllt, war aus der ſchmutzigen Hülle hervorgegangen, welche vordem Perkin hieß, und wenn in all dem Glanze der von der Herzogin veranſtalteten feierlichen Anerkennung irgend etwas ihn ſtolz gemacht, ſo war es der Gedanke, daß er jetzt nicht mehr tief unter Katharina ſtehe, es war die Gewißheit, daß er ſie ohne zu erröthen wieder⸗ ſehen und ſeine Augen auf ihr ruhen laſſen dürfe. Es war mehr noch,— ſein edles Herz erglühte von dem Wunſche, eine heilige Schuld zu bezahlen, es war die Hoffnung, ihr zu danken, die mit der Degenſpibe gewonnene Krone zu ihren Füßen zu egen. Liebe und Dankbarkeit, wie jede große Tugend, gebären Wunder und erzeugen Helden. Noch fehlte Richards Heldenmuth jenes Atom von Unruhe, das die Anſtrengungen eines Menſchen verzehnfacht, wenn es ſich darum handelt, ſeinen ſüßeſten Traum mag zu machen. Es dauerte nicht lange, ſo begann dieſes Etwas von Unruhe, das mit Katharina'’s Namen in Beziehung ſtand, in ſeinem Herzen zu keimen. 144 Oftmals, bei den Feſten, welche die Herzogin in Flandern geben ließ, um Richard ihrem ganzen Adel zu zeigen und ihn bei dem Heer beliebt zu machen, hatte der junge Prinz Gelegenheit gefunden, von Katharina mit engliſchen oder ſchottiſchen Herren zu ſprechen, welche ſte eine der reichſten, ſchönſten und vorzüglichſten Prinzeſſinnen der Chriſtenheit nannten. Er wußte, daß ſie mit dem ſchottiſchen Königshauſe verwandt war, unter deſſen Vaſallen der Graf Hunt⸗ ley, ihr Vater, für den mächtigſten galt. Manches⸗ mal hatte Richard, erblaſſend vor innerer Angſt, ſagen hören, daß Jakob 1V. Katharinen,— bis jetzt freilich nur als ſeine Verwandte,— ſo zärtlich liebe, daß er am Ende den Willen haben werde, ſte als ſein Weib zu lieben, und daß dieſe Heirath ohne Zweifel zu Stande kommen werde, wenn nicht etwa Staats⸗ intereſſe den König zwinge zur Verbindung mit einer ausländiſchen Prinzeſſin. Dann zitterte Richard, er befragte die Haltung, den Blick der Herzogin, und war erſtaunt, dieſen Blick manchmal ſtreng zu finden bis zur Grauſamkeit. Jedesmal, wenn er unter vier Augen verſucht hatte, die Rede auf dieſen Punkt zu bringen, hatte ſie auf eine Weiſe geantwortet, welche bewies, daß ſie nicht verſtand, was er ſagte oder es nicht verſtehen wollte, und Richard, der ihr gegenüber ſtets furchtſam und verlegen war, hatte niemals ge⸗ wagt, weiter zu gehen; und ſo hielt er ſein Geheim⸗ niß tief im Innerſten ſeines Herzens verſchloſſen. Wie ſollte er bei Margaretha dieſe ſeltſame Kälte ſich erklären, welche er argwöhnen mußte, ohne daran glauben zu können, denn in ihrer Freigebigkeit und in den öffentlichen Betheuerungen ihrer Zärtlichkeit * 145 offenbarten ſich ja Beweiſe des Gegentheils; Richard ſagte ſich nur, die ſtrenge Wittwe Karls des Kühnen werde nicht zugeben wollen, daß ein entthronter Prinz an ein leichtes Glück, an Befriedigung ſeiner Liebes⸗ wünſche denke, bevor er ſeinen Namen, ſeine Krone zurückerobert; darum ohne Zweifel der eiſige Wider⸗ ſtand ſeiner Tante gegen jede Ergießung verfrühter Zuneigung; darum dieſe ſtrenge Miene, ſo oft Ri⸗ chard, wenn auch mit Zittern, Katharina's Namen nannte. „Wer weiß,“ ſagte er wohl auch bei ſich ſelbſt, „wer weiß, ob dieſes edle Mädchen in den Augen der Margaretha von York nicht der Liebe eines für den Thron beſtimmten Sohnes von König Eduard un⸗ würdig iſt? Wer weiß, ob die ehrgeizige Herzogin nicht auf irgend einem Thron mir bereits eine Ge⸗ mahlin ausgeſucht hat?“ Und in der Verzweiflung gab Richard ſich das Wort, durch Siege und Anſtrengungen ſich frei zu kämpfen; er ſtellte ſich die Aufgabe, jedem ehrgeizigen Wunſch Margarethens Genüge zu thun,— außer dem: ſich eine Nichte zu wählen ohne des Neffen Willen. „Wenn ich König ſein werde,“ dachte er,„wenn ich meiner Tante ihren Rang und ihre Beſitzungen in England zurückgegeben habe, wenn ſie mich nicht mehr des Undanks beſchuldigen kann,— denn meine Wohlthaten, meine Freigebigkeit ſollen ihre Erwar⸗ tung weit übertreffen,— alsdann ſoll die einzige Gunſt, der einzige Dank, den ich von ihr erwarte, die Freiheit ſein, Katharinen zu lieben und ihre Liebe zu verdienen.“ Magquet, Weiße Roſe. 10 146 Dieſe Liebe und das verzehrende Verlangen, ſeine Mutter, ſeine wirkliche Mutter, wiederzuſehen, die ſeit Brakenbury's Geſtändniß nach ihm rief und ſuchte, drückten Richard bei jedem Schritte ihre Stacheln in das liebefordernde Herz. Er wußte wohl, daß ſeine Tante ihn ſchützte und ſtützte, aber er fühlte auch, daß er von ihr nicht geliebt war. Eliſabeth, ſeine Mutter, wiederzufinden, ihr zu Füßen ſinken, ſich zu erkennen geben, und dann, getragen von der Liebe des Volkes und der Soldaten, zum König aus⸗ gerufen werden,— dieß war Richards einziger, un⸗ aufhörlicher Gedanke. Und ohne den ausdrücklich erklärten Willen Margarethens, welche ihm ſeine Pflicht und ſeine Bahn vorgezeichnet, hätte der junge Prinz, bevor er nach Schottland ging, ſich heimlich nach London begeben. Verkleidet, unbekümmert ob aller Gefahren, wäre er in den Palaſt König Hein⸗ rich's gedrungen, und hätte von ſeiner Schweſter, der Königin, eine Unterredung mit der Königin⸗ Wittwe, ihrer beider Mutter, verlangt. „Wie,“ ſagte er in ſeiner jugendlichen Begeiſte⸗ rung,„wie ſollte das Volk mich verläugnen, wenn meine eigene Mutter, wenn meine Schweſter mich anerkennten?“ Dieſen Plan hatte die Herzogin— mit Bitterkeit erinnerte Richard ſich daran— mit verächtlichem Lächeln aufgenommen. Durch ein einfaches Achſel⸗ zucken hatte ſte all das Feuer des liebenden Sohnes, das Zartgefühl dieſes edlen Herzens erkältet. Und der arme Prinz fragte ſich leiſe, wie eine Seele ſo gar unergründlich ſein könne, daß in ihr die unbedingte⸗ ſte Hingebung an das Wohl der Familie neben der 147 Mißachtung jedes Gefühls von Liebe für dieſe Fa⸗ milie ſelbſt beſtehen könne? Indeß, er gehorchte, ſchiffte ſich nach Schottland ein, und war ſchon glück⸗ lich, daß er doch einer der beiden Neigungen ſeiner Seele folgen durfte, nach denen jeder Schlag ſeines Herzens verlangte. So gab es nun für Richard in dieſem Leben keine Ungewißheit, kein Zögern mehr. Seine neue Lebens⸗ bahn enthüllte ſich vor ihm. Weit hinter ſich, in den düſtern Tiefen der Vergangenheit, findet er das erſte Bruchſtück dieſer Linie, welche der Dolch Richards, ſeines Oheims, durchſchnitten. Er ſucht zu errathen, zuſammen zu fügen. Anſtatt den letzten tödtlichen Streich zu führen, hat der Mörder ihn verſchont. Anſtatt den Tod zu ſinden, iſt das Schlachtopfer wie⸗ dergeneſen. In ſeiner Verbannung, am Ufer jenes Sees, war er kein Wahnſinniger, ſondern ein Wie⸗ dergeneſender. Was ſeine Wärter Träume nannten, das waren ſeine Erinnerungen, die Gewalt, die man ihm anthat, damit er die engliſche Sprache und mit ihr ſein ganzes erſtes Leben vergeſſen ſollte, war ein frommer Betrug treuer Freunde. Der Alte, der ihn gefangen hielt, ſuchte ihn blos vor den Nachforſchun⸗ gen Richards Ill. zu ſichern. An Warbeck hatte man ihn übergeben, nur um das Werk ſeiner Rettung fort⸗ zuführen. Dieſer hatte ihn Sohn genannt, nur um den Argwohn Heinrichs VII., der für einen Spröß⸗ ling des Hauſes York nicht minder gefährlich war, als das Meſſer der Mörder im Tower, irre zu führen. So erklärte ſich Richard ſeine ganze Vergangen⸗ heit, ſegnete ſeine Retter, harrend auf dis Stunde, 148 da er ihnen lohnen könnte, und fand an ſeinem Gluͤck, an ſeiner nahen Größe nur einen Schatten: den ſo ſchmerzlichen und ſchnellen Tod jener unglücklichen Mutter, welche die Arme gegen ihn ausbreitend, ihn für ihren Sohn hielt und die ohne Zweifel ihm ge⸗ flucht, als ſie den letzten Seufzer aushauchte. Er dachte auch an Fryon, jenen zweiten Wohlthä⸗ ter, der, anfangs in der Meinung, ihn blos zum Thron⸗ bewerber in England zu erziehen, ihn gelehrt und überzeugt hatte, daß er wirklich Richard von York ſei. Für ihn hatte er ein dankbares Andenken, denn nicht ſobald hatte der ehemalige Geheimſchreiber Heinrich's VII. das Geheimniß entdeckt, ſo hatte er ſich in aufrichtiger Bewunderung mit Leib und Seele dem Dienſte des Prinzen hingegeben, aus dem er an⸗ fangs nur eine Puppe zurichten ſollte. Die geheim⸗ nißvolle Entführung, das Verſchwinden Fryon's, ein wirkliches Unglück für ſeinen jungen Schüler, war noch ein Schmerz in ſeiner Vergangenheit, eine Leere in ſeiner Zukunft. Oft vermißte er dieſen ſcharfſin⸗ nigen, unerſchrockenen Rathgeber; er hoffte und hoffte, er wollte, er mußte ihn wieder finden, er ſollte ſein Unglück vergeſſen, wenn nicht etwa, in ſeiner nur zu wohl bekannten Vorſicht, Heinrich VII. die Aufgabe, dieſe neue Verſchwörung gegen ſeine Krone zu unter⸗ drücken— bereits dem Tode überlaſſen hatte. So weit ſtehen wir. Richard hat Perkin ver⸗ geſſen; er ſucht ſeine Mutter; er gedenkt Fryon's; Katharina ſoll er wiederſehen; ſein Weg führt ihn dem Thron entgegen. —+2——— 149 Viertes Kapitel. Irland war ſchon zu jener Zeit ein Land des Elends. Dieß iſt ſein Loos, ohne Erbarmen ihm von der Vorſehung zugetheilt, welche Schottland einen Reichthum an Poeſie, England einen Schatz von Gewerbfleiß geſchenkt hat, und doch hatte niemals ein Volk mehr Anſpruch auf Glück und Ruhe. Kein Charakter unter allen, die der Schöpfer auf der weiten Erde vertheilte, läßt jenen Traum der Phantaſie, den die Menſchen das Glück nennen, ſo leicht ins Leben treten. Der Irländer iſt fröhlichen Sinns, ſein lebhafter Geiſt, ſein allezeit gutgelauntes Gemüth wählen über⸗ all raſch und leicht: vom Entſchluß zur That iſt nur ein Schritt. Sein Körper iſt überaus kräftig, auch an Muth fehlt es ihm nicht, wenn es ſein muß. Theils aus Gewöhnung an ärmliches Leben, theils von Geburt iſt er ebenſo ausdauernd als genügſam, und ſein Ehr⸗ geiz geht nicht über das vernünftige Maß. Im 15. Jahrhundert hatte dieſes Volk allerdings noch nicht die Reife des Urtheils, welche Revolutionen, Inva⸗ ſionen und der Druck Englands ſpäter bei ihm ent⸗ wickelt haben; aber es hatte mehr: es hatte ſeine Natur; es hatte eine Art von Freiheit, welche von ſeinem Elend, von ſeinem wilden Zuſtand unzertrenn⸗ lich war. Die Begeiſterung eines ſolchen Volkes war eine fruchtbare Hülfsquelle für einen jungen hochher⸗ zigen Prinzen, der ſein Ziel im Fluge erjagen wollte. Noch hatte Glück und Größe Richards Herz nicht verhärten können, und er wurde gerührt durch den 150 begeiſterten Empfang dieſes Volkes. Er antwortete ihren Zurufen mit einer von Hoffnung erfüllten Leut⸗ ſeligkeit; Alles an ihm zeigte den Herrn, den Vater ſeines Volks. Eine dreitägige Reiſe, oder vielmehr Triumph⸗ zug durch Irland eroberte ihm die ganze Nation, und als er in Schottland gelandet, und an König Jakobs Hofhaltung angelangt war, da ging ein Ge⸗ rücht von Liebe und von Glück vor ihm her, und hät⸗ ten auch nicht die Herzogin von Burgund durch ihre Mitwirkung, Katharina durch ihre überzeugende Be⸗ redtſamkeit den jungen König von Schottland zu Gunſten des Prätendenten geſtimmt, die laute Stimme des ſchottiſchen Volkes hätte hingereicht, ihm König Jakobs Herz zu gewinnen. Das allgemeine Vertrauen zog das Vertrauen des Königs nach ſich, und Jakob IV., der, wenn auch mnur aus Politik, ſich vorgenommen hatte, den neuen König von England mit anſcheinender Zurückhaltung zu empfangen, ſah ſich durch den begeiſterten Eifer ſeines ganzen Volkes überflügelt. Richard war in Edinburg angekommen, und erſuchte als Herzog von York um eine Audienz. Sofort gewährte Jakob dieſe Zuſammenkunft. Eine unermeßliche Menge Volkes durchwogte die Straßen, ebenſo ungeduldig hatte eine Menge ſchot⸗ tiſcher Edelleute, vom Könige gerufen, ſich in den Palaſt begeben. Unterwegs wollte Alles den Sohn Eduards ſehen, und drängte ſich in ſeine Nähe, wäh⸗ rend er, hoch zu Roß, das Haupt entblößend und die ſchönen blonden Haare dem Wind laſſend, beſcheiden 151 — Volk grüßte, deſſen toſende Wogen er durch⸗ chnitt. Seine jugendlich warme Friſche, ſein freundliches Lächeln, die ſanfte Hoheit ſeiner reinen Stirn erfüll⸗ ten Jedermann mit Freude und Bewunderung. Ihm zur Seite ſchritt Lord Kildare, der Abgott der Hoch⸗ länder; hinter ihm kam ein glänzendes Ehrengeleit engliſcher Barone, deren Reihen mit jedem Schritte durch das edelſte Blut Irlands verſtärkt wurden. Alle dieſe von Hoffnung ſtrahlenden Geſichter, dieſe zu Gruß und Segenswunſch erhobenen Arme, dieſe Frauen, welche in ihrem Freudentaumel fich zwiſchen den Harniſchen durchdrängten, Partiſanen und Helle⸗ barden beiſeite ſchoben, um den jungen Herzog beſſer ſehen zu können, dieſer unermeßliche Jubel eines Volkes, welches ſich ſo ganz ohne Bedingung hingab, mit einem Worte, dieſer Pomp, dieſer Sieg, machten einen tiefen Eindruck auf Richards Seele: die Augen zum Himmel erhebend, mochte er wohl das Gelübde thun, der Vertheidigung und dem Glücke ſeiner Un⸗ terthanen ſein ganzes Leben zu weihen. Jetzt hielt der Zug vor dem Palaſte. Balkone, Fenſter, Thüren und Teraſſen waren gedrängt voll von Zuſchauern. Richard ſtieg vom Pferde; ohne daß er ihnen einen Wink gegeben, trugen ihn die Wachen und Diener, einer dienſtbaren Woge zu ver⸗ gleichen, auf ihren Armen bis in den Thronſaal, wo Jakob, ebenfalls im Glanze der Jugend und könig⸗ lichen Schmucks, ſeinen erlauchten Gaſt erwartete. Doch war es nicht der König, noch der um die Stufen des Throns aufgeſtellte Adel, noch war es der prachtvolle von Fahnen und Standarten durch⸗ 152 wogte, wie von bläulichem Weihrauchduft erfüllte, gothiſche Saal, worauf der erſte Blick Richards ſtel. Er ſuchte Katharina, er forſchte unter den Grup⸗ pen der Frauen, welche zwiſchen den Gruppen der Barone und ſchottiſchen Lairds ſtanden. Das erſte Wort Jakobs IV. entriß ihn ſeiner Betrachtung. „Gnädiger Herr,“ ſagte der junge König,„ſeid Ihr es, der ſich als Richard, Herzog von York uns vorſtellt?“— „Ich bin es, gnädiger Herr,“ erwiderte Richard, nein grauſamer Feind wollte mir das Leben nehmen, hat aber nur die Krone mir geraubt. Gott hat ihn beſtraft, indem er beides von ihm nahm. Jetzt aber hat ein neuer Feind, ſchrecklicher und mächtiger als jener, der Uſurpator meines Königreichs, Heinrich Tudor meine Schweſter geehlicht; er hält meine Mut⸗ ter in Gefangenſchaft, er läugnet meine Rechte, er läugnet mich ſelbſt. Ich habe beſchloſſen, das Urtheil der Könige anzurufen. Ihr, gnädiger Herr, mein nächſter Nachbar, mein natürlicher Bundesgenoſſe, werdet Ihr nicht geruhen mich anzuerkennen? Der König Karl VIII. von Frankreich, der deutſche Kaiſer Maximilian I., die Herzogin Margaretha von Burgund ſenden mich, meine Rechtsanſprüche in der Hand, an Euch. Ich komme zu Euch und übergebe mich Euch. Wenn ich ein Betrüger bin, ſo ſtrafet mein Verbrechen; bin ich Richard von York, ſteht meine Geburt in meinen Zügen geſchrieben, erkennt Ihr in mir, wie dieſes Volk es gethan, das Blut mei⸗ nes Geſchlechtes und das gute Recht meiner Sache, — dann, gnädiger Herr, heiſcht Euren Beiſtand, Eure Freundſchaft, Euren Arm der redlichſte, der un⸗ 153 glücklichſte aller Fürſten, der Euch dieſen Dienſt durch ein unauflösliches Bündniß unſrer beiden Staaten dereinſt vergelten wird.“. König Jakob fühlte, wie um ihn her vaterländi⸗ ſcher Stolz und Begeiſterung wogte und zitterte; man hörte Waffen klirren, Herzen ſchlagen; es war ein ergreifender Auftritt. Noch einige Augenblicke und die Verſammlung, die ſich bisher nur mit Mühe ruhig verhalten, hätte ſelbſt geantwortet. Der König näherte ſich Richard und Alles war ſtill wie im Gotteshaus. „Ja,“ ſprach er,„ich kenne Euer Unglück; ich nehme Theil daran. Bei dem erſten Gerücht von Eurem Erſcheinen, bei den erſten Muthmaßungen meines Volkes, zog ich Nachrichten ein, befrug die Vergangenheit, ſchöpfte die Wahrheit aus ſichern Quellen:— Ihr ſeid Richard von York, mein Bundesgenoſſe, mein Freund! Lebt im Frieden, lebet frei an meinem Hofe, ſeid hier Gebieter und Herr, wie ich ſelbſt: Das Bündniß, das Ihr in Eng⸗ lands Namen Schottland verſprechet, ich nehm' es an, und was auch die Hinderniſſe ſein mögen, die vor Euch erſtehen werden, ſo rechnet doch auf meine Unterſtützung, und niemals ſoll es Euch gereuen, daß Ihr zu mir gekommen.“— Während er noch ſprach, breitete er beide Arme gegen Richard aus, der ſich mit überſtrömendem Herzen dieſer Umarmung hingab. Donnernder Ju⸗ belruf erſchütterte die alten ehrwürdigen Gewölbe der ſchottiſchen Königswohnung. Aber doch hatte mit⸗ ten in dieſem Sturme Richard eine geliebte Stimme, eine göttliche Harmonie herausgehört: er hatte den 154 Freudenruf erkannt, der aus Katharina's Herzen kam. Er ſah ſie ſelbſt, außer ſich, bleich, voller Seligkeit, der Ohnmacht nahe, ſie eilte auf Jakob zu, deſſen Hände ſie zärtlich drückte. Aller Glanz dieſes ſchönen Tages, alles Gold und aller Schmuck der Waffen und Gewänder, alle Zau⸗ ber und Wunder ſeines Triumphs, Alles war für den unglücklichen Richard in einem Augenblick entſchwun⸗ den. Es war ihm, als wäre das Leben ihm aus dem Herzen zurückgetreten. Ohne Zweifel beglückwünſchte Katharina ihren König im Namen eines ganzen Volkes; ohne Zweifel hatte ſte von Kindheit an dieſes Recht ſchweſterlicher Vertraulichkeit beſeſſen, und ge⸗ rade das Uebermaß ihrer Freude zeugte von einer ge⸗ wiſſen Sympathie für den Fürſten, welchem Jakob ſeine Freundſchaft ſchenkte. Aber doch hätte Richard ſte lieber ſtill und geſammelt, unter der Menge, fern vom Throne geſehen; ein bloßes Lächeln von ihr wäre ihm lieber geweſen, als dieſe Kundgebung vor Aller Augen. Sie dankt ihm, ſagte er bei ſich, daß er den Wunſch ſeiner Unterthanen erhört hat; ſie wünſcht ihm Glück, daß er einen neuen Anſpruch auf die Liebe ſeines Volkes erworben; dient ſie denn ſo abgöt⸗ tiſch der Beliebtheit ihres Königs bei ſeinem Volke, und was man von der Zärtlichkeit beider für einan⸗ der mir ſo oft erzählt,— iſt das wahr? So träumte er wider Willen, trotz dem Getöſe und Getümmel der Menge. Bald genug erweckten Kil⸗ dare und ſeine andern Freunde wieder ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit. Ein König gehört ja niemals ſich ſelbſt, und wär' er auch ganz allein! und in dieſem Augen⸗ blick war er die Beute der gierigen Blicke von 155 Tauſenden von Zuſchauern. Es handelte ſich darum, durch dieſe tobende Menſchenmaſſe hindurch, den Theil des alten Palaſtes zu erreichen, welchen Ja⸗ kob IV. zur Wohnung des neuen Königs von Eng⸗ land beſtimmt hatte. Der König und die vornehm⸗ ſten Cavaliere wollten ihn dorthin geleiten.— Wei⸗ ter und weiter entfernte man ſich von dem Thronſaal, wo mit dem Hof auch Katharina zurückgeblieben war; Richard war es, als führte man ihn wieder in's Ge⸗ fängniß. Ein Jahr ſeines Lebens, das Jahr ſeiner Kroͤnung in London hätte er darum gegeben, wenn er es wagen gedurft, nur einmal nach Katharina zu⸗ rückzuſehen— aber nein! ein König darf ſich nicht umſehen, wenn er mit ſeinesgleichen, mit einem König ſpricht. „O!“ dachte er,„ich durfte frei umherſchauen, da ich Perkin Warbeck war!“ Fünftes Kapitel. Eine Woche verging unter lauter Feſtlichkeiten, und Jakob IV. wurde mit jedem Tage freundſchaft⸗ licher. Auch auf ihn wirkte ohne Zweifel das hohe, die Herzen der Menſchen bezaubernde Weſen Ri⸗ chards, welches ſeine Feinde in Freunde, ſeine Freunde in blinde Verehrer umwandeln mußte. Man hätte können erwarten, die Irländer wer⸗ den mit ihren Schiffen, die ſchottiſchen Häuptlinge mit ihren Clans herbeieilen, um dem Könige Men⸗ ſchen und Pferde anzubieten für den Krieg, den Alle 156 wünſchten, da er eine ſo ſchöne Sache verfocht. Jacob wunderte ſich über die Ruhe der hohen Würdenträ⸗ ger der Nation, während im Volk eine ſolche Be⸗ geiſterung lebte, und da er ſich mit Richard nach und nach auf den Fuß freundſchaftlicher Vertraulichkeit geſtellt hatte, da er bei ihm ebenſo viel Feſtigkeit als Zartgefühl gefunden, ſo machte er aus dieſen beun⸗ ruhigenden Anzeichen kein Geheimniß vor ihm. Eines Abends, als beide auf der Teraſſe des Schloſſes waren, um die friſche, vom Duft der Haide⸗ kräuter erfüllte Bergluft zu athmen, begann er: „Unſere Großen ſind weniger raſch bei der Hand, als ihr erſter Empfang vermuthen ließ. Indeſſen iſt es nicht der Geiz, an dem die edlen Geſinnungen mei⸗ nes ſchottiſchen Adels erlahmen; vergebens habe ich ſte darauf hingewieſen, daß von England herüber ein ſchweres Wetter droht, vergebens ahnen ſie wie ich, was das Stillſchweigen worein Heinrich VII. ſich hüllt, für eine Bedeutung habe, ſte warten, daß ich meinen Ruf an ſie ergehen laſſe; ich hoffte aber, ſte würden mir zuvorkommen.“ Richard hob ſein klares, verſtändiges Auge auf zu Jakob: Verbannte, Waiſen, Arme ſind immer voll Furcht, wie Verbrecher. Freilich in dieſer Welt ſind Verbannung, Verlaſſenheit, Mittelloſig⸗ keit drei große Verbrechen!„Bin ich etwa hier ſchon überläſtig!“ dachte der Sohn Eduards, und eerſtickte einen Seufzer. Mit einer Dringlichkeit, die wenig geeignet war ſeinen Gaſt zu beruhigen, fuhr Jakob fort: „Die Aushebungen geben ein dürftiges Ergeb⸗ niß; ich möchte die Häuptlinge der Clans nicht 157 gern zwingen, jetzt aber iſt es an dem, daß ich doch am Ende zum Zwang ſchreiten muß.“ „Jedermann in dieſem Lande ſchien meine Sache mit Feuer und Ueberzeugung ergriffen zu haben“, er⸗ widerte Richard,„iſt das ſchottiſche Volk ſo ſehr wetterwendiſch? Ich hätte das nicht geglaubt.“ „Das Volk iſt wacker und gut geſinnt,“ ſagte der König,„aber es wird von CEuren Feinden ſtark bearbeitet.“ „Ach ſo!“ ſeufzte Richard, der vor dieſen küh⸗ len Bemerkungen ſeines Beſchützers immer zuruck⸗ haltender wurde. „Vor Feinden, die nicht zu verachten ſind,“ fuhr Jakob IV. fort. Richard ſchwieg. „Und geſcheit, geſchickt,“ ergänzte Jakob.„Ihr kennt ſie?“ 3„3ch kenne Heinrich VII. wohl. Meint Ihr en?“ „Allerdings. Er folgt Euch auf jedem Schritt; er hat Spione hier; er macht ſich an meine Räthe.“ „Wirklich?“ ſagte Richard mit mehr Unruhe, als er zeigen wollte.. „Und jetzt,“ ſchloß Jakob,„hat er unter all Eure Anhänger Schmähſchriften vertheilen laſſen, die gar ſchlimm über Euch herfallen.“ „Was mögen ſie ſagen?“ „Verläumdungen, freilich, aber Verläumdung iſt eine gefährliche Waffe.“. „Stark genug um in einer ſchottiſchen Bruſt Ehre, Treue, Aufopferung zu ertödten?“ 158 „Vielleicht— wenn ſie Einer mit Gewandtheit handhabt.“ „Thut mir vollends den Gefallen,“ ſagte der junge Prinz und ſtand auf,„gebt mir vollſtändige Aufklärung.“ „Eben darum hab' ich Euch aufgeſucht,“ er⸗ widerte der König mit einem aufrichtigen, lieb⸗ reichen Blick.„Heinrich VII. behauptet, Ihr ſeiet ein falſcher Prinz von York. O! ich weiß wohl, ſonſt weiß er nichts zu ſagen; aber er ſagt es nun einmal. Viele werden es nicht glauben, einer oder der Andere wird es aber möglicherweiſe doch glau⸗ ben. Er führt das Beiſpiel von Lambert Simnel an, den er zum Küchenjungen gemacht hat; er wirft meinem Adel vor, ſie laſſen ſich in der plumpſten Schlinge fangen; er wiſſe wohl, ſagt er, von welcher Hand der Streich auf ſeine Krone ge⸗ führt werde, er aber lache bloß darüber.“ „Heerſchaaren, Krieg, mögliche Niederlage,— iſt das ſo ſehr zum Lachen?“ „Er erklärt, er werde keinen einzigen Soldaten ausheben; er werde den Degen nicht aus der Scheide ziehen; er werde— ſo ſagt die Schmähſchrift — dieſen neuen Nebenbuhler mit Verachtung und mit dem geſunden Menſchenverſtand des Volkes bekämpfen.“ Richard zuckte die Achſeln: „Wenn man ihn für dergleichen Ausſprüche den engliſchen Salomo genannt hat, ſo paßt der Name ſchlecht.“ Jakob blieb ernſt und nachdenklich. „Ich finde, das Mittel iſt geſcheiter als Ihr 159 glaubt,“ ſagte er endlich;„der Beweis daß es nicht übel iſt— es hat gewirkt.“ „Ah!“ ſagte Richard wieder, dießmal nicht ohne Beklemmung. „Ja, Ew. Liebden. Ich habe die Meinung der Lairds und Häuptlinge über dieſes Manifeſt Hein⸗ rich's VII. befragt, und ich war erſtaunt, daß dort⸗ her gewiſſe Beweisgründe von mehreren wiederholt wurden.„Wir fangen da, ſagen ſie, einen Krieg an für einen Prinzen, dem wir heute lieb und werth ſind, weil er uns brauchen kann; ſobald er ſeinen Zweck erreicht hat, wird er uns ganz und gar vergeſſen, dann können wir drüͤben in unſrem armen Irland in Stücke faulen.“ „Die Herren beurtheilen mich falſch. Kann man ihnen nicht antworten?“ „Und was? Welche Bürgſchaft ſoll man ihnen ge⸗ ben? Ihr wißt es, gnädiger Herr, ein geſcheiter Mann, der ſein Haus ſtützen will, darf die Tragkraft der Stütz⸗ balken um nichts vermindern. Im Gegentheil, er muß ſie vermehren, durch alle Mittel, ſo in ſeiner Macht ſtehen. Dieſer würdige Prinz, ſagt unſer Adel immer wieder, er wird von den Franzoſen, Deut⸗ ſchen, Flämingen unterſtützt; in einem von dieſen Ländern wird er mit der Zeit einmal eine reiche, und für beide Theile vortheilhafte Heirath ſchließen. Aber wir arme Leute des Nordens, wir können unſern Töchtern nicht viel mitgeben, von unſrer Verwandtſchaft wird er nichts wiſſen wollen.— Entſchuldigt mich, Prinz, aber ſo ſagen ſte, und wenn ich es Euch erzähle,— es geſchah auf Eu⸗ ren Wunſch.“ 160 Richard hatte aufmerkſam, geduldig zugehört, wie Jemand, über deſſen Schickſal entſchieden wird. Er antwortete: „Ihr ſagtet mir, gnädigſter Herr, was die An⸗ dern denken. Aber insbeſondere möchte ich erfah⸗ ren, was Ihr darüber denket?“ „Worüber?“ „Ueber mich, und über das Verhältniß zwiſchen uns beiden.“ Der zugleich höfliche und feſte Ton dieſer Frage bewies dem König von Schottland, daß Richard ſich durch das Mißtrauen ſeiner Freunde beleidigt fühlte. Jakob war jung, edelmüthig und recht⸗ ſchaffen; er beeilte ſich zu antworten, daß er ſeit dem Tage, da er dem Verbannten ſeine Freund⸗ ſchaft geſchenkt, nie weder ſeinen Schritt bereut habe, noch je ſein Wort zurücknehmen werde. Sein Herz ſei noch immer daſſelbe, bereit zu jeder ern⸗ ſten Bewährung; aber ſeinem Freunde dürfe er die Wahrheit nicht verſchweigen. Und wahr ſei es, daß die Völker Schottlands und Irlands ſich zu der Sache des Prätendenten nicht beſonders hinge⸗ zogen fühlen, wenn nicht dieſer letztere ihnen eine gute Bürgſchaft böte. „Welche?“ fragte Richard. „Ein Bündniß mit uns, befeſtigt durch irgend ein unauflösliches Band, z. B. durch eine Heirath.“ Bei dem Worte: Heirath, kam Richard, der ſo lange ganz ruhig und gelaſſen geblieben war, außer ſich. Er fuhr auf.„So!“ rief er,„es geht mir ſchon an Freiheit, an Herz und Leben?“ Jakob ſah ihn verwundert an; dieſe ungewohnte 464— Aufregung bei dem ruhigſten, ſanfteſten Menſchen ſchien ihm eine endgültige Antwort, eine Weige⸗ rung in möglichſt höflicher Form. Richards verdüſtertes Antlitz ſprach beredt ge⸗ nug. Sein Auge ſchweifte über den Horizont, als ſuche er dort ſeine zu früh bedrohte Freiheit wie⸗ der zu gewinnen. Mit zwanzig Jahren verſtehen ſich zwei Herzen leicht. Auch Jakob ſeufzte; er dachte ſich, daß ſein junger Verbündeter die Zukunft ſei's für den Ehr⸗ geiz oder für die Liebe ſich vorbehalte, und um ihn ſelbſt in ſeinen Fehlern zu ſchonen, brach er die Unterhaltung ab, ging ſchnell auf weniger ernſte Gegenſtände über, behandelte mit wenig Worten die dringendſten Angelegenheiten und verabſchiedete ch. Aber der Schlag war geführt; Richard hatte nun erfahren, daß eine ſeiner Sache verderbliche Abkühlung bei den Irländern und den ſchottiſchen Heerren eingetreten ſei. Erkaltet, bevor ſie noch für ihn ſich geſchlagen! O trübe Ausſicht! Eine Ver⸗ bindung, welche man als Bürgſchaft von ihm zu verlangen ſchien, zerſtörte für ihn die Hoffnungen der Jugend und Liebe. Wir ſagten bereits, ſeit er Katharinen wiedergeſehen, ſeit er dieſelbe Luft mit ihr athmete, lebte Richard nur durch die Poeſte, mit deren ganzem Reiz er jene Zauberin umkleidete, die er ſeine Schutzgöttin nannte. Katharina war die Fee jener großen von grünen Bergen umſchloſ⸗ ſenen Seen, jener alten Ritterburgen, wo man ihn König nannte, die ſtets erſehnte, ſtets ihm gegen⸗ wärtige Fee, welche über ſeine feierlichſten Hand⸗ Maquet, Weiße Roſe, 11 162 lungen, wie über ſeine flüchtigſten Gedanken wachte. Wenn Katharina von ihrem Fenſter aus, das ſeiner Wohnung gegenüber lag, erröthend nach ihm her⸗ übergeſehen, wenn ſie am Morgen ihm zugelächelt, ſo war für den armen Prinzen, deſſen Königreich im Lande der Träume lag, das Tagewerk gethan, und nach dieſem täglichen Morgengruß und Segens⸗ wunſch, den ſie als ehrerbietige Unterthanin ſandte und den er als unterwürfiger Vaſall zurückgab, fühlte Richard ſich geweiht für den ganzen Tag; ſtolzer ſaß er zu Roß, ſcharfſinniger ſchien er ſeinen Räthen, unwiderſtehlicher ſeinen Soldaten. Aber Tage um Tage verfloſſen,— Jakob IV. ſagte zu ſeinem Gaſte nichts mehr, unternahm aber auch Nichts für das Gelingen des gemeinſchaftlichen Planes. Richard kam auf den Gedanken, ſich ſeinem treuen Anhänger, dem Herzog von Kildare, zu ent⸗ decken. Der alte Lord war bei ihm der anerkannte Vertreter der Herzogin von Burgund. Auch war er ſo zu ſagen der Verbindungsſtrich zwiſchen dem noch verſchloſſenen England und den beiden andern Königreichen, welche ſich für den Sohn Eduards erklärt hatten. Dieſer letztere, fürchtend, jene von Jakob angezeigte Lähmung könnte mit einem eben ſo ſchnellen als ſchmählichen politiſchen Tod endi⸗ gen, gewann es endlich über ſich, Kildare über jene Verbindung, welche die Irländer von ihrem jungen Herzog verlangten, um Rath zu fragen. Der Greis runzelte die Stirn. Dieſe Frage, ſagte er, entſpreche ſeinen heißeſten Wünſchen und nur ehrerbietige Zurückhaltung habe ihn bisher 163 ſchweigen laſſen, eine Zurückhaltung, die um ſo löblicher geweſen, da ſeine, Kildare's Meinung, auch die des Königs Jakob ſei. Richards Verderben ſei es, wenn er ſich weigere, mit irgend einem mächtigen Hauſe ſich zu vereinigen; er mache ſich verdächtig, wenn er nicht wage, um eine derartige Verbindung zu werben, und mehr als einmal wa⸗ ren dem alten Patrick beleidigende Zweifel zu Oh⸗ ren gekommen uͤber die Echtheit eines Prinzen, den Niemand mit etwas anderem unterſtütze als mit Geld und Kabale. Richard fragte den alten Lord, was die Herzo⸗ gin denke von dieſer Stimmung in Schottland und Irland und von dieſen Forderungen. Patrick geſtand, auf ſeine letzten Mittheilungen, deren Gegenſtand eben dieſes Mißtrauen und dieſe Verbindungsplane geweſen, habe die Herzogin blos mit den Worten geantwortet:„Er ſoll nur vor⸗ wärts gehen!“ Durch dieſen Freimuth brach Lord Kildare ſei⸗ nem jungen Fürſten vollends das Herz. O glän⸗ zendes Elend! Vergoldete Sklaverei! Vorwärts geſchoben durch unerbittliche Hände, ſollte Richard nie etwas Anderes denken, als König zu werden? Sollte er im Weiterſchreiten alle Keime ſeiner Zukunft zertreten, welche der gütige Gott ſo frei⸗ gebig auf ſeinen Pfad geſtreut?⸗ War er nicht in ſeinem Recht, wenn er widerſtand? Kildare ſchüttelte den Kopf und antwortete: „Einen ſolchen Widerſtand würde die Frau Her⸗ zogin Undankbarkeit nennen.“ KRiichard überlief es kalt. 164 „Unſere große Fürſtin,“ fuhr der alte Patrick fort,„hat mit Rath und That verſchwenderiſch Euch beigeſtanden; ſie hat an Euch gehandelt wahrhaft mütterlich!“ Richard unterbrach ihn entſchloſſen; bei dieſen letzten Worten wurde ſein Auge von ungewohntem Feuer durchglüht. „Mütterlich?— Ihr übertreibt, Patrick,“ erwi⸗ derte er.„Nie hab' ich das Herz dieſer Frau ſchlagen gefühlt, die zu lieben ich glühte, wenn ſie mir die geringſte Liebe bewieſen hätte. Eine Mutter?— die Herzogin!— Nein. Sie hat an mir gehandelt wie eine Verbündete, eine Beſchützerin, wie eine Schwe⸗ ſter nach göttlichem Recht; aber das iſt Alles! Sie wagt ihre Reichthümer, ſie leiht mir ihre Heere, die Schuld will ich bezahlen, wenn ich Sieger, wenn ich König bin; aber beſiegt, mit Entſetzen muß ich es mir geſtehen, und— wenn ich es denn auch ſagen ſoll,— beſtegt, ich fühl' es, würd' ich ihr nichts zu verdanken haben! Eine Mutter würde mir das Herz erwärmt, würde mich geraden Wegs dorthin geſchickt haben, wohin vor jedem andern Plan und Gedanken mein erſter Schritt ſich lenken mußte. Ja, Patrick, es gibt einen Ort in England, wohin Richard zuerſt eilen, wohin Fittiche ihn tragen ſollten, wie der einen Augenblick verirrte Vogel dem Neſte zufliegt, das ſeine Wiege war! Denn ich habe eine Mutter, eine wirkliche Mutter, Patrick, der das Herz blutet, wenn ſie an mich denkt, in ihren Armen ſollte ich ſein, und in ihre Arme zu fliegen, hat man mir verboten!“ Während er ſo ſprach, war der Jüngling in hef⸗ tige Aufregung gekommen. Zum erſtenmal ſeit ſei⸗ 165 ner Abreiſe aus Flandern ſprach ein Schmerz, eine Bitterkeit aus ihm, die er zu lange ſchon verhalten. Patrick verſuchte ihn zu beruhigen, und wieder mehr Ehrfurcht vor ſeiner Beſchützerin in ihm zu erwecken. „Kein Wort mehr!“ unterbrach ihn Richard mit der heftigen Entrüſtung unverfälſchter Jugend.„Die Schweſter Eduards IV. war vor allem Andern dieſe Genugthuung der Wittwe Eduards, dieſe ſpäte Ent⸗ ſchädigung dem armen Verwaisten ſchuldig.“ „Da ſchließt Ihr nicht ganz richtig, mein Prinz,“ ſagte Lord Kildare.„Es wäre übler Schutz für ihren Neffen und eine ſchlimme Liebe zu ihrer Schwägerin geweſen, hätte die Frau Herzogin Euch in die Höhle geſchickt, wo der König Heinrich VII. Eure Mutter eingeſchloſſen hält, in die Schlinge, wo er ohne Zweifel auf Euch lauert. In dem Alter der Herzogin, nach ſo vielen Ungluͤcksfällen, ſchlägt wohl das Herz etwas weniger ſchnell, aber der Kopf arbeitet um ſo mehr; Nichts zerſtreut ihn bei ſeinen Geſchäften, Nichts kann ihn von Siegesentwürfen ableiten; Euer Sieg, der Triumph Eurer Sache, gnädiger Herr, hängt ab von der Geſchicklichkeit, mit der Ihr vor den Klauen des Geiers Lancaſter Euch ſicher zu ſtellen wißt.“ 4 „Darin alſo, Patrick, ſoll meine Geſchicklichkeit beſtehen, mich hier verdächtigen zu laſſen, die beleidi⸗ genden Zweifel, von welchen Du ſprichſt, nach und nach den erſten Glanz, den mein Nane hier verbrei⸗ tete, überroſten zu laſſen?“ „In Allem ward Ihr glücklich, dank Eurer Em⸗ pfänglichkeit für die ſchönen Entwürfe unſerer großen Fürſtin.“ 3 166 „Und alle Tage beleidigt man mich, auch meine Mutter zweifelt an mir, weil ich nicht zu ihr komme! und um das hier erſterbende Vertrauen wieder zu be⸗ leben, bin ich genöthigt, die Verbindung mit irgend einer Fürſtentochter zu erbetteln, während mein Herz davor zurückſcheut, mein Stolz dagegen ſahnde 1 So weit bin ich! So ſteht es mit mir, und das nennſt Du in Allem glücklich ſein! Ol ich ſage Dir noch einmal: Hätte die Herzogin mit mehr Groß⸗ muth gegen mich, ohne Hülfe, aber auch ohne Ein⸗ ſchränkung mir erlaubt, meine Schwingen auszu⸗ breiten, wir würden lange ſchon die Königin Eliſa⸗ beth, meine edle, meine unglückliche Mutter wieder⸗ geſehen haben, todt oder ſtegreich würd' ich jetzt in ihren Armen liegen. England hat gezweifelt an Margarethen, da ſie Simnel Unterſtützung gewährte; aber niemals würde es zweifeln, wenn Eliſabeth riefe: „Das iſt mein Sohn!“ und wäre dieſer Ruf der letzte Hauch der Königin, der mit meinem letzten Athemzuge in Einem Seufzer verhallte. Und Glück, Erfolg, Triumph, wo ſollen wir ſie ſuchen, Patrick? Glaube mir, mein Herz täuſcht mich nicht; hier, in einem ſolchen Tod, und in Nichts Anderem hat es Gott mir beſtimmt!“ Der alte Lord ſenkte das Haupt; vielleicht wun⸗ derte er ſich, daß auch er, der Weiſe, der Tapfere, eben⸗ ſo dachte, wie dieſer Jüngling. „Ich meinerſeits,“ hob er indeß nach langem Schweigen an,„kann nicht damit einverſtanden ſein, daß Ihr der Frau Herzogin ungehorſam werdet. Nein.. 4 Und er befeſtigte ſich allmählig in dieſer Umkehr zum Eigenſinn alter Erfahrung. „Eure Mutter, die verwittwete Koͤnigin Eliſabeth, bejammert Euer Schickſal, ſagt Ihr? Wer beweist Euch das? Sicherlich weiß ſte davon gar nichts... — Der König Heinrich VII. hat ſie derart von aller Welt abzuſperren gewußt, daß von Eurem wunder⸗ baren Erſcheinen auch nicht ein Wort zu ihr gelangen kann. Ich kenne das Kloſter Bermondsey, wo er ſie eingeſchloſſen hält. Es iſt eine wohlverwahrte Feſte, glaubt es mir, und wenn nicht einmal Gerüchte dort Eingang finden, ſo wäret Ihr, mein Prinz, noch we⸗ niger hineingekommen, es wäre denn, die Thüre hätte ſich Euch ſo leicht geöffnet, wie die Klappe an einer Marderfalle. Was den ſchönen Glauben betrifft an die Macht, den Ihr einem Ruf Eurer Mutter zu⸗ ſchreibt, der ganz England Euch zu Füßen legen werde, ſo müßt Ihr's einem erfahrenen alten Manne nicht übel nehmen, wenn er mitleidig die Achſel zuckt. Ihr, mein Prinz, ſeid noch zu ſehr Neuling in der Kunſt, die Menſchen zu beurtheilen. Ihr ver⸗ geßt, daß Heinrich VII. bereits ſelber das Gerücht von Eurem Betrug verbreitet hat. Er kommt allen Cu⸗ ren Verſuchen zuvor; indem er ſie bekannt macht, richtet und verurtheilt er ſie. In Bermondsey oder auch nur in der Nähe davon gefangen, ſeid Ihr für immer verſchwunden, ſeid Ihr ſo gut wie todt. War⸗ tet vielmehr, bis er Euch früher oder ſpäter greifen will, nicht in England, ſondern hier, in Eurem Zim⸗ mer, in Eurem Bette, durch den am wenigſten ver⸗ dächtigen von Euren Dienern, durch mich vor Allen, um deſſen Ergebenheit und Treue er ſchon mehr wie — 168 zwanzigmal durch geſchickte Verführer gefeilſcht hat. Alſo bleibt hier, Prinz, beruhigt Euch, unterdrücket das Klopfen dieſes Herzens, das von Pflichten und Gefahren des Königthums noch ſo wenig erfahren hat. Antwortet Heinrich VlIl. durch einen Fechter⸗ ſtreich, der dem ſeinigen Nichts nachgibt. gibt Euch als Betrüger an: beweist ihm die Wahrheit des Gegentheils; er ſagt, Ihr ſeiet verachtet, ohne Stütze, ohne Ziel und Zukunft: zeiget Eure Soldaten, Eure Bundesgenoſſen, vermehret, verſtärket Eure Bünd⸗ niſſe, breitet ſte aus, breitet ſte um Euch wie einen undurchdringlichen Panzer; aber bedenket wohl, mein Sohn, ſchon mancher Kriegsmann hat es mit dem Leben gebüßt, daß er dieſen koſtbaren Panzer nicht gut gewählt hatte. Ich erinnere mich noch wohl, wie der König, Euer Vater, einmal einen ſolchen kaufte; dieſer Panzer war im Morgenlande gehärtet worden, er hatte alle Proben ausgehalten, man ver⸗ langte einen ungeheuren Preis dafür, und außerdem forderte der Verkäufer von Eurem Vater ſeinen beſten Hund und ſein ſchönſtes Schlachtroß. Eurem Vater war der Hund lieb, das Roß theuer über Al⸗ les, auch das Geld war ihm nicht gleichgültig. Aber trotzdem, um den Panzer zu bekommen, gab er die Summe, gab mit Seufzen das Roß, gab unter Thrä⸗ nen ſeinen Hund, aber er hatte den Panzer. Dreimal, bei Tawnton, bei Bariet, bei Tewksbury, rettete dieſer ihm das Leben. Thut auch Ihr alſo, mein Prinz, ſchließet die Verbindung, darum Jakob IV. und all Eure Freunde Euch anliegen. Vermuthlich habt Ihr ein Opfer zu bringen, eine geheime Erinnerung— wer weiß! eine Liebe vielleicht— entſchuldigt mich, G ich rede frei ſo wie ich denke; und ja, Richard, ſeufzet wie der König Eduard, weinet, wenn es ſein muß, wie er gethan, wenn allenfalls an einer geopferten Liebe ſo viel verloren iſt als an einem guten Hund; ſeufzet und weinet, ſag' ich; aber um gegen Hein⸗ rich VII. zu marſchiren, braucht Ihr den undurch⸗ dringlichen Panzer, marktet nicht darum, greift zu! Richard ſah zur Erde, träumeriſch und verlegen. „Irgend eine Prinzeſſin, die man wohl ſchon in Bereitſchaft hat,“ murmelte er,„welche die ganze Welt kennt,— außer mir. Wenn ich wenigſtens wüßte...“ Er ſah wieder auf. Kildare lächelte voll treu⸗ herziger Freude, ihn nach ſo viel Entſchiedenheit ſchwanken zu ſehen. Dieſe alsbaldige Siegesgewiß⸗ heit machte Richard furchtſam. „Ich werde mir die Sache noch überlegen,“ ſagte er,„jedenfalls werde ich keine Wahl treffen ohne den Rath meiner Mutter.“ „Der Frau Herzogin—,“ unterbrach ihn Kildare. „Ich ſagte: meiner Mutter!“ rief Richard in ſtolzem Ton, der das Geſpräch plötzlich wie mit einem Meſſer durchſchnitt. Der alte Patrick ſah den Prinzen traurig an, ver⸗ neigte ſich in größter Ehrerbietung und verließ ihn langſam. 170 Sechstes Kapitel. Mitten in Luſtbarkeiten, überhäuft mit allen Zeichen der Ehrfurcht von ſeinem neuen Hofſtaat und mit Beweiſen der Freundſchaft von Jakob IV. war Richard doch nicht glücklich. Seine peinliche Lage drohte lange zu dauern. Die Gewohnheit der Verfolgung und des Zweifels, die Nothwendigkeit fortwährender Verſtellung hatten bei ihm jeden Aus⸗ bruch, jede Aufwallung, die einer leidenden Seele Erleichterung verſchafft, unterdrückt. Richard ver⸗ traute ſich Niemand an. Er bekämpfte hartnäckig den Drang ſeines liebevollen, mittheilſamen Ge⸗ müths. Jene vergötternde Liebe, ſein Geheimniß, hatte noch Niemand zu durchdringen vermocht. Wem er am meiſten mißtraute, das war Katharina, denn er fürchtete die Macht ihres Blicks, deſſen Klarheit dem ſeinigen allein gewachſen war. Dieſes zurückhaltende Benehmen hatte eine immer größere Kälte ſeiner Freunde zu Folge. Sie ſahen ihn argwöhniſch und zogen ſich ebenfalls zurück. Nichts ging vor ſich am Hofe des Königs von Schott⸗ land, als Feſtlichkeiten, Jagdparthien ins Gebirge, und Entwürfe für die Zukunft, die auf dem Papier ſehr freigebig ausgeheckt wurden.. Einige der vornehmſten Häuptlinge, die bei Ri⸗ chard's Ankunft am meiſten begeiſtert waren, trafen ihre Anſtalten zur Abreiſe; was ſie gewünſcht hätten, war nicht Hilfevon Burgund oder Frankreich, ſondern eine Vereinigung aller Länder von England, Schottland und Irland in der Hand des Prätendenten. Es war nicht ſchwer wahrzunehmen, daß Heinrich's VII. In⸗ triguen die Treue der Clans zu erſchüttern begannen. Seine Anſchuldigungen auf Betrug drangen ins Volk, und wenn der Herzog von York ſich in den Straßen von Edinburg ſehen ließ, ſo wurden ſeine Züge genauer gemuſtert als ſonſt. Wenn man mit einem völlig reifen politiſchen Plan nicht entſchieden vorſchreitet, ſo geht das Ganze mit reißender Schnelligkeit rückwärts.„Der Starke weicht muthig zurück,“ iſt ein Grundſatz, der nicht für Jeden paßt. Selbſt die Herzogin von Burgund, dieſe kühne Frau, ſchien zu zögern vor der kalten Verachtung Heinrichs VII., der nicht einen Soldaten anwarb, um ſeinen Gegner zu bekämpfen. Der Au⸗ genblick war für Sieg oder Niederlage entſcheidend geworden, Richard benützte ihn nicht, und Niemand von ſeiner Umgebung wagte ſich daran, ihn zu beleh⸗ ren; Niemand, nicht einmal der König Jakob, der wohl ſah, daß dieſe großen Hoffnungen zuſammen⸗ ſchmolzen wie eine Handvoll Schnee an der Sonne. Bei Richard war die ſtumpfe Unthätigkeit nicht Folge von Unerfahrenheit oder Verblendung; er ſah nur zu klar. Aber, zu ſtolz, um ſich zu beklagen, oder den thätigen Beiſtand zu erflehen, den man ihm verweigerte, huͤllte er ſich in ſeine Würde und in ſei⸗ nen Schmerz. Seine Tage waren ohne Freude, ſeine Nächte ohne Schlaf. Allmählig wurde aus dem edlen Herzog von York wieder jener einſame Schatten, jener ſcheue Perkin, welchem Niemand ein Wort zu ent⸗ locken vermochte. Er ſchützte Leiden vor, die aller⸗ dings durch die Bläſſe, die bittere Verzerrung ſei⸗ 172 ner Züge erklärlich wurden, und ſo ſah man ihn wie einen Schatten in der Gallerie auf⸗ und abwandeln, welche mit ihren ſchwärzlichen gothiſchen Säulen den Königspalaſt gegen Norden begrenzte und die Mün⸗ dung des Forth beherrſchte, An dieſem einſamen Ort, vom Winde des Meeres gepeitſcht, das die ſalzigen Schaumflocken bis zu ihm hinaufſchleuderte, verſunken in die Betrachtung der ſeinem eigenen Schickſal ähnlich, bald glänzenden, bald wieder verdunkelten Meereswogen, fragte Ri⸗ chard ſich ſelbſt, ob er nicht die Vergangenheit zurück⸗ wünſchen ſollte, ob nicht das Haus des Kaufmanns Warbeck in Tournay ihm eine Zuflucht des Friedens und der Vergeſſenheit geweſen wäre;— er fragte Gott, deſſen allmächtiger Wille ihn mitten in den ſtolzen Glanz von Kampf und Umſturz hineingewor⸗ fen, ohne ihm die Entſchädigung zu reichen, welche jeder Ehrgeizige an ſeinem Heerde oder doch in ſeiner Liebe findet. Die Könige, ſagte er ſich, ſind unglücklicher als alle andern Menſchen; aber manchmal werden ſie doch geliebt. Mein Vater hat Herzen gefunden, de⸗ ren Liebe weit mehr Eduard als dem Könige von England gehörte; Heinrich Vll., dieſer Räuber mei⸗ ner Krone und meiner Schweſter, machte dieſe zu einer unterwürfigen, vielleicht liebenden Gattin! Jakob IV., mein Gaſtfreund, lebt wenige Schritte von mir, glücklich in der Liebe, die jede Minute ſeines Daſeins ihn begleitet. Katharina Gordon liebt ihn. Wie ſollte er nicht glücklich ſein? Wozu bedarf er da noch Macht, Reichthum, Thron und Krone? Gewiß, fuhr er fort in verzweifelnden Gedanken, 173 ein böſes Verhängniß begleitet mich. Manche Men⸗ ſchen ſind vor Anderen zu ſchwerem Unglück erkoren. Es iſt nicht genug, daß des Mörders Dolch mich traf, daß Gott mich errettete, daß ein Unbekannter mich nach Flandern brachte, daß Gott mich dort mit der Herzogin, meiner Tante, zuſammenführte; neben dieſe Rettung, neben dieſe Auferſtehung, dieſe Rück⸗ kehr zum Gluͤck mußte mein Verhängniß dieſes Mäd⸗ chen ſtellen, das ich beim erſten Anblick liebte, die aber ſchon nicht mehr frei war, und es niemals ſein wird, die wie ein bitterer Tropfen in den wieder vollen Becher meines Glückes fällt! O! Katharina! um Deinetwillen geh' ich zu Grunde, um Deinet⸗ willen ſterb' ich, um Deinetwillen veracht' ich den Thron und meinen Ruhm, dazu die Ehre meiner ganzen Familie, und die Thränen einer Mutter, die nach mir ruft; Alles das um Deinetwillen, die dazu lächelt und es nicht verſteht, und nicht einmal die traurige Freude wird mir, es Dir zu ſagen! Während er ſich ſo mit bitterer Wolluſt in dieſen Schmerz verſenkte, den ſchneidendſten, den er je em⸗ pfunden, gewahrte ſein Auge ein eben ſo ſchönes als ſeltſames Schauſpiel, das den unglücklichſten Men⸗ ſchen erfreut haben würde. Die zum Zenith aufſtei⸗ gende Sonne hatte die ſchweren Wolken, welche bis⸗ her von dem feuchten Winde des Ozeans um ihre Scheibe ſich geballt und gelagert hatten, wie leichten Dunſt aufgezehrt. Licht und Wärme ſtreiften in zit⸗ terndem Gold über den Kamm der leichten ſchlagen⸗ den Wellen; in der Ferne glänzten wie Azur weite Flächen und Hügel; der ruhige Forth wälzte ſeine bläulichen Fluthen in den Golf, und lange Barken 8 174 mit weißen ausgeſpannten Segeln kamen langſam den Fluß herauf, den geöffneten Armen des alten Hafens zuſteuernd. Es war als ſende Gott, von Richard's Klagen bewegt, ihm die Sonne, die glückverheißende, und zerreiße um ihn die Schleier der Traurigkeit, um ihn nicht verzweifeln zu laſſen. Und in der That richtete er ſich höher auf und begann, wie vom Traum er⸗ wachend, die purpurgluͤhenden Bogenfenſter des Palaſtes, und den reinen heitern Himmel und den durchſichtigrothen Horizont zu betrachten, als man ihm meldete, die Gräfin Katharina Gordon ſei da und bitte um eine Audienz. Richard, ins Herz getroffen durch dieſes Zuſam⸗ mentreffen von Gebet und Erhörung, hatte kaum die Kraft, ja zu antworten. Während der Cavalier mit der Antwort zurückeilte, drückte Richard die Hand in die Seite, wie um das ungeſtüme Schlagen ſeines Herzens zu dämpfen. Er ſuchte vergeblich nach dem Zweck, den dieſer Beſuch haben möchte, und die un⸗ gewohnte Form ihres Schrittes verwirrte vollends, was ihm von Gedanken noch übrig blieb. Bald darauf trat Katharina Gordon ein, von Schönheit ſtrahlend wie immer, aber noch ſchöner als gewöhnlich in Richard's Augen, weil die zarte Bläſſe in ihrem Antlitz einen Schatten jener Schwermuth widerſpiegelte, welche das Herz des jungen Prinzen verzehrte.. Die edle Tochter Huntley's war begleitet von ihrer Amme, einer Schottin mit ſchwarzen Augen, ſilberweißem Haar und vorſpringendem Kinn, ein wahrhaftiges Bild der ſchwarzen Feen vom Gebirge. 175 Sie ſchlich hinter Katharina her in die Gallerie, nicht ohne zuvor mit einem durchbohrenden Blick Richards unruhig geſpannte Züge zu befragen. Dieſe Unterſuchung, die länger dauerte, als einer ehr⸗ erbietigen Dienerin gegenüber einem Könige ziemte, wurde doch weder von Katharina noch von Richard geſtört. Dieſe beiden ſahen einander an, ohne Zwei⸗ fel verlegen um den Anfang der Unterredung. Während dieſes ſtummen Vorſpiels fuhr die Alte fort den Prinzen zu beobachten, bald runzelte ſie die Stirn, dann wieder verzog ſie den Mund zu einem ſeltſamen Lächeln, hielt ſich aber fortwährend hinter einer der ſchlanken Säulen des gegen den Fluß zu offenen Balkons. Endlich faßte ſich Richard zuerſt und fragte Ka⸗ tharina nach dem Grunde dieſes Beſuches, für den er ihr zuvor höflich dankte. Schüchtern antwortete das Mädchen:„Ich komme mit einem Dienſtanerbieten, Mylord.“ 3 „Seid willkommen, Gräfin,“ ſagte Richard mit zitternder Stimme. „Aber,“ begann Katharina wieder,„Ew. Hoheit betrachtete eben, wenn ich nicht irre, was auf dem Forth unten vor ſich geht.“ „Ja,— warum?“ „So wißt Ihr vielleicht ſchon, was mir ſehr ſchmerzlich wäre, Euch zu ſagen, und ich danke Gott, daß ich es Euch nicht erſt ſagen muß.“ Dießmal irrte ſich Richard nicht in Katharinens Bläſſe, in ihrer Zurückhaltung: ſie kam irgend ein neues Unglück ihm zu verkündigen. Er machte ſich gefaßt auf den Schlag. „Mylady,“ antwortete er mit einer rührenden Feſtigkeit,„ich begreife nicht, warum Ihr mich ſo ſchonen wollt. Ich habe Muth und bin an Unglücks⸗ fälle gewöhnt; wenn Ihr mich für einen Mann von Herz haltet, ſo redet. Ja, ich ſah hinaus auf den Forth, und auf ſeine treibenden Wogen, und auf die großen leeren Barken, welche der Wind nach dem Hafendamm treibt.— Was nun?“ „Mylord, dieſe Fahrzeuge werden morgen nicht mehr leer ſein.“ 1 „Erklärt Euch deutlicher, Gräfin.“ „Morgen bringen dieſe Schiffe alle Kriegsmann⸗ ſchaft, welche die ſchottiſchen Häuptlinge Euren Fah⸗ nen zugeführt, nach Schottland, in ihre Clans zuruck.“ „So, morgen? keine Soldaten— keine Freunde mehr!“ murmelte der unglückliche Prinz,„aber wa⸗ rum? Was habe ich denn Schottland, Irland ge⸗ than? Bin ich in den Augen dieſer Völker heute weniger, als ich vor einem Monat war, da ſie mich mit trunkenem Jubel bei ſich aufnahmen?“ Katharina antwortete Nichts. „Mich verlaſſen?“ begann Richard wieder.„Das ſind alſo die wackern, die treuen Schotten? Ein we⸗ nig Gold, ſchöne Worte von König Heinrich VII., nun fahre wohl Ergebenheit, nun Treue gute Nacht! Ol keine Freunde um mich, keine einzige redliche Seele, die mich warnte, daß ich keine linterſtützung finden würde, ich gäbe denn Bezahlung im Voraus!“ „Mylord,“ rief Katharina bewegt,„Ihr verläum⸗ det wackre Leute.“ „ Ich verläumde ſie nicht, nein, ich klage ſie an,“ erwiderte Richard mit derſelben Heftigkeit.„Ich bin 177 gekommen, und habe mein Panier entfaltet, hab' ich irgend Jemand gezwungen, mir zu folgen? Man kam zu einem König, nicht wahr? und nun ich nach einem Monat noch keinen Thron aufgerichtet, ſo will man gehen, ohne Zweifel ſich demjenigen zu Füßen zu legen, der, glücklicher als ich, von ſeinem Thron herab dieſe Rotte von Feiglingen beherrſcht.“ „Hoheit! Hoheit!“ rief Katharina, die Augen voll Thränen, während hinter ihrer Granitſäule die alte Schottin ein tiefes Murren hören ließ und die Fäuſte ballte. 3. Richard, außer ſich vor Zorn und Scham, ging mit großen Schritten auf und ab und murmelte vor ich hin: „Man gibt mir Nachricht, nachdem das Unglück ſchon geſchehen! Und der König Jakob, der ſich mei⸗ nen Bruder nannte, warnt mich nicht einmal und läßt dieſen Streich auf mich fallen durch die einzige Hand, die ich gefurchtet hätte!“ „König Jakob hat Euch gewarnt,“ antwortete Katharina.„Eure Freunde alle haben Euch ge⸗ warnt. Ihr bliebet taub, Ihr wolltet das Zartgefühl dieſer Leute, die Ihr nun verwünſchet, nicht ver⸗ ſtehen.“. „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Richard, deſſen raſende Aufregung ſich vor der ſanften Macht dieſer ruhigen klaren Stimme mit einem Male legte. Aber wahrſcheinlich hatte Katharina ſchon genug geſagt, denn ſie ſetzte ſich neben die ſteinerne Brüſtung des Balkons, ſtützte die Arme auf das verwitterte Ge⸗ ſims, wie von heftiger Anſtrengung erſchöpft, be⸗ Maquet, Weiße Roſe. 12 178 deckte ſie das Geſicht mit beiden Händen und ſchluchzte laut und ſchmerzlich. Richard wollte, beſtuͤrzt über das, was ihm mehr als je unbegreiflich ſchien, auf ſie zugehen und wei⸗ ter fragen; da ſtand plötzlich ein dunkler Schatten vor ihm: es war die ſchottiſche Amme, welche, den großgewürfelten purpurrothen Plaid majeſtätiſch um⸗ geworfen, zwiſchen Beide ſich geſtellt hatte. „Das Kind hat Recht,“ ſagte ſie,„Du Prinz, wirſt mit Recht geſtraft. Die Schotten, die Du an⸗ klagſt, liebten Dich, ſie hätten ihr Blut für Dich ge⸗ geben! aber warum, da ſie Dir entgegenjubelten, da ſie herbeikamen, Dich zu vertheidigen, warum haſt Du ſie zurückgeſtoßen, beſchimpft in dem, was ihnen das Theuerſte iſt?“ „Ich!“ rief Richard. „Dul ja, Du!“ kreiſchte die grinſende Alte;„Du Engelländer voll Hochmuth und Habſucht! Ja frei⸗ lich, unſer Leben, unſer Gut, ſie ſind Dein Eigenthum, nicht wahr? So ſei's! und nun bringt man ſie Dir — da willſt Du nichts davon! Fahre hin denn und ſei verflucht!—“ „Aber, was ſpricht dieſes Weib?“ unterbrach ſie Richard und ſchlug die Hände zuſammen, mit der Verzeiflung eines Menſchen, dem es vor den Sinnen dunkel wird. „Sei ſtill, Suſannal ſei ſtill!“ rief Katharina der Alten zu, mehr bittend, als befehlend. „Nein, nein, laſſet ſie ſprechen!“ rief Richard; „laßt ſte drohen und ſchelten. Wer ſeinen Haß offen erklärt, iſt beſſer als ein Verräther, deſſen Arm im Finſtern ſeine Streiche führt. Und dann bin ich be⸗ 179 gierig zu erfahren, welchem unter Euch Schottten ich das Leben, wem ich ſein Gut geraubt habe? Nenne man mir doch dieſe Wohlthäter, denn ich ſchwöre bei Gott, ich kenne ſie nicht.“ „Das iſt Läſterung von Dir, Herzog Richard!“ antwortete Suſanna. „Nennet mir doch die edlen Freunde, deren Schätze ich zurückwies?“ wiederholte der junge Prinz mit Ironie.„Und die Schätze ſelber, laßt ſehen, kennt Ihr ſie?“ „O!“ murmelte Suſanna mit vor Zorn bebender Stimme,„dieſer Prinz wäre ein ſchlechter König⸗ ge⸗ worden! Gott will nicht, daß er regieren ſoll. Er gibt mehr auf Reichthum als auf Ehre; er tritt Eid⸗ ſchwüre mit Füßen. Schande über Richard von York! Schottland wird ſein Angeſicht von ihm wenden!“. „Still! ich befehl' es Dir!“ rief Katharina, die geſehen hatte, wie Richard unter dieſer Verwün⸗ ſchung ſich krümmte vor Wuth.. „Und ich— ich befehle Dir zu ſprechen!“ brüllte der Löwe von York;„Du haſt mich beſchimpft, recht⸗ fertige Dich, oder ich ſchleudere Dich wie einen ge⸗ meinen Erdenkloß über dieſes Geländer hinab ins Meer.“ „Komm, Suſanna, komm fort!“ ſagte das junge Mdchen und faßte ihre Amme krampfhaft beim rm. „O— ſie auch,“ rief Richard dazwiſchen;„auch ſie geht über zu meinen Feinden, ſie will gehen, ſtatt dieſe Wahnſinnige zu züchtigen, die mich einen mein⸗ eidigen, ehrloſen Fürſten genannt!“ 12: 180 Katharina zog die am ganzen Körper bebende Suſanna nach der Gallerie⸗Thüre zu. Aber die Alte wehrte ſich kräftig; ſie rutſchte fort, ſtatt zu gehen, ſie ſann auf einen letzten Fluch, unter dem Richard vernichtet zuſammenbrechen ſollte. Schon waren Beide beinahe verſchwunden, da rief Richard: „War das der Dienſt, welchen Katharina Gordon dem Freund ihrer Jugend erweiſen wollte? Iſt das die treue Geſpielin, die mir dereinſt ewige Freund⸗ ſchaft geſchworen?“ „Was haſt Du ihr vorzuwerfen?“ ſchrie Su⸗ ſanna, mit einem Tigerſprung auf ihn losſtürzend; „was ſie Dir geſchworen, hat ſie das nicht gehalten? Und Du, haſt Du denn gehalten, was Deine Familie der unſern feierlich beſchwor?“ „Suſanna, um Gotteswillen!“ rief Katharina indem ſte ihrer Amme den Mund zuhielt. Aber jetzt wäre Nichts im Stande geweſen, Richard zuruͤckzuhalten. Der Schleier begann ſich zu lüften. Er hatte nach dieſer Finſterniß des Todes aus der Ferne ein Licht ſchimmern ſehen; er hielt das Mädchen zurück und Suſanna fuhr heftig in ihrer wilden Beredtſamkeit fort: „Ja geh' nur, geh'! Hole Dir eine recht reiche Frau aus Deutſchland oder Frankreich; verachte das arme Schottland, das Mutterſtelle an Dir vertrat; verachte unſer geliebtes Kind, unſer Kleinod; ver⸗ achte Katharinen, mit der Dein Vater Dich ſchon in der Wiege verlobt— aber zähle nun auf Niemand mehr als auf Deutſche oder Franzoſen. Der Schot⸗ ten biſt Du los; wir bewahren unſre Schwerter für — 181 den, der unſre Herzen gewinnt. Lebewohl, York! unſre Katharina wird ſich tröſten!“ Mit dieſen Worten zog ſie das Mädchen mit ſich fort, aber in Richard war es hell geworden. Die Wetterwolke, die über ſeinem Haupte zum Ausbruch kam, hatte ihn mit Licht überſtrömt. Er ſtellte ſich zwiſchen die beiden Frauen und die Thüre, durch welche ſie hinausgehen wollten, er faßte Katharinen's Hand, er preßte ſie in die ſeinige. „Iſt es wahr, was ſie ſagt?“ fragte er mit fieberi⸗ ſcher Haſt. 3 „Aber— Moylord,“ flüſterte die junge Gräfin. „Ich bitte Euch, gebt mir Antwort! Iſt es wahr, daß Schottland darauf rechnete, Katharina Gordon würde die Meinige werden?“ 4 „Wißt Ihr das nicht?“ ſtammelte das Mädchen, unter Richards glühendem Hauch erröthend. „Das weiß er ja ſchon, ſo gut hat er es gewußt, daß er von Dir nichts wiſſen wollte,“ unterbrach ſie Suſanna. „Nichts wiſſen wollen? Zu wem ſagt'ich das, Suſanna?“ fragte Richard. „Man ſagte Dir doch, ließ Dir ſagen durch Dei⸗ nen Freund, ja durch unſern König Jakob ſelber, Du ſollteſt ſie zur Frau nehmen!“ „Niemals! davon hab' ich nie gehört!“ rief Richard. Und in ſchmerzlicher Nachempfindung jener Zwei⸗ fel über das Band, welches Katharina und den Kö⸗ nig von Schottland vereinigte, fuhr er fort und ſeine Augenbrauen zogen ſich finſter zuſammen: „Warum ſollte auch Jakob mir dieſen Vorſchlag gemacht haben, da er ſelbſt Katharinen liebt und von ihr geliebt wird; das iſt ja doch eine bekannte Sache!“ „Er geliebt!“ rief Katharina mit ſolcher Leiden⸗ ſchaft aus, daß es Richard durch die Seele ging, wie eine Offenbarung des Himmels. Er hatte nicht Zeit zu antworten. Eine Stimme, die von der Schwelle herkam, entriß ihn plötzlich ſeinem Entzücken. Der junge König von Schottland hatte das Ende dieſes ſeltſamen Geſprächs mit angehört; er hatte ſich verletzt gefühlt und legte ſich nun mit einer gewiſſen Bitterkeit dazwiſchen. „Mylord,“ ſagte er,„habt Ihr auch wohl über⸗ legt, bevor Ihr dieſe Worte geſprochen, welche der Ehre dieſer Dame und der meinigen tödtlich werden könnten?“ Richard wandte ſich raſch um und murmelte: „Ja, Hoheit! denn ich habe nur etwas geſagt, wovon man nicht blos hier, ſondern in ganz Europa ſpricht.“ Katharina glühte vor Schmerz und Scham. „In Europa? nicht daß ich wüßte,“ fuhr Jakob fort,„aber hier, das kann ich nicht glauben, hier, wo Katharina und ich gekannt, das heißt geachtet ſind. Aber, wie dem auch ſei, erlaubet mir eine Bemerkung, verzeiht ſie mir.“. Er hielt einen Augenblick inne, die großen offe⸗ nen Augen ſtolz auf Richard gerichtet; dann, als ſuchte er ſeinen Worten die Schneide dieſes Blickes zu nehmen, ſagte er, die Stimme ſinken laſſend: „Es ſcheint mir, um bei dieſer Dame Euch zu entſchuldigen, hättet Ihr nicht nöthig gehabt, Euch 183„. mit einer ſolchen Ausrede zu behelfen; Eures Hauſes würdiger war es, offen die Wahrheit zu erklären. Und ſo, ohne mich anzuklagen, ohne Katharina zu beleidigen, hättet Ihr immer noch keine ſchlechte Rolle behalten, die ich zu meinem großen Bedauern unter⸗ brechen muß. Allerdings, meine Völker wünſchten die Verbindung Richards von York mit Lady Katha⸗ rina Gordon. Ja, und Katharina wäre darauf ſtolz und glücklich geweſen; aber Ihr habt Euch geweigert, es denkt Niemand daran, Euch ein Verbrechen dar⸗ aus zu machen.“ „Ich mich geweigert!—“ rief Richard heftig; „wann denn hab' ich mich geweigert? ich höre heute zum erſten Mal von dieſer Verbindung ſprechen!“ „Geht nicht gar zu weit in Eurer zarten Rückſicht, Mylord,“ ſagte der junge Fürſt;„ſuchet Katharina nicht mehr zu ſchonen. Sie iſt ein Mädchen voll Muth und kennt Eure Gedanken ſo gut wie ich. Den Brief der Herzogin von Burgund hab' ich ihr ge⸗ zeigt.“ „Den Brief der Herzogin?“ wiederholte Richard in höchſtem Erſtaunen.„Welchen Brief? Was wollt Ihr ſagen?“. „Ach, ich weiß,“ entgegnete Jakob,„wie gut Euer Zartgefühl ſich darauf verſtand, ſinnreiche Um⸗ wege zu finden, welche der Weigerung alles Ver⸗ letzende nehmen ſollen. Aber in der Politik gehört auf jede klare beſtimmte Frage eine entſchiedene Ant⸗ wort. Und, glaubet mir, die Frau Herzogin von Burgund wollte nicht, daß nach ihrer Antwort eine Spur von Zweifel über Eure Entſchließungen ſich bei uns erhalten ſolle.“ 184 Schwankend unter der Laſt dieſes neuen Ge⸗ heimniſſes, das er wie ein Ungewitter über ſeinem Haupte ſich entladen ſah, ſtürzte Richard auf den König zu, ergriff ihn bei den Händen und ſagte zit⸗ ternd vor Liebe und Zorn zugleich: „Hört mich, Bruder! Vergeblich iſt alles Kopf⸗ zerbrechen, ich kann den Sinn Eurer Worte nicht finden. In den Augen der Welt bin ich lange wahn⸗ ſinnig geweſen; vielleicht war ich es auch; entſchul⸗ digt mich, Bruder, es kommt jetzt vielleicht wieder bei mir; ich— ich verſtehe Euch nicht. Und Ihr, Lady Katharina, fürchtet nicht, mich anzuſehen, flie⸗ het nicht, ich verſtehe Euch ebenſowenig. Ein Un⸗ glück ſteht über mir, das iſt Alles, was ich fühle. Begegnet mir Beide mit Wohlwollen; ſaget nicht: „Er verſtellt ſich, er will lügen.“ Saget lieber, zer leidet, er braucht Hülfe. Helft mir. Ihr ſagtet von Entſchlüſſen, die ich faßte— was für Entſchlüſſe? ſagt mir? Ein Brief von der Herzogin— was iſt das für ein Brief? Ich weiß es nicht, errath' es nicht, es iſt mein Tod, Euch ſo eiſtgkalt und mißtrauiſch zu ſehen.“ Nachdem ſtie beide in Richards bleichem Geſicht den Beweis offenbaren Leidens erkannt, ſahen Jakob und Katharina gerührt einander an. „Was ſoll ich Euch antworten, das Ihr nicht wüßtet,“ antwortete der König von Schottland nach kurzem Schweigen.„Der Adel dieſes Landes drang in mich, Euch aufzumuntern zu der zwiſchen meiner und Eurer Familie längſt vorgeſchlagenen Verbin⸗ dung; ich habe Euch mehrmals Winke gegeben und geben laſſen. Endlich, durch des ganzen Volkes Un⸗ — 7 — 185 geduld mehr und mehr gedrängt, ſchrieb ich an die Herzogin von Burgund, welche natürlich am meiſten über Euch vermochte. Ich beſchwor ſie, mir ihren Beiſtand zu leihen, mit Euch zu berathen, und mir dann Nachricht zu geben.“ „Und ſie hat Euch geantwortet?“ fragte Richard zitternd. „Ja wohl.“ „Daß ich mich weigere?“ „Gewiß.“ „Ich mich weigern um Katharina Gordon zu werben!“ rief Richard mit wüthender, faſt wahnſin⸗ niger Verzeiflung;„Katharina, die ich liebe, Katha⸗ rina, die all meine Gedanken beſeelt, ohne die ich nicht leben kann, ſo wenig als ohne Athem, Katha⸗ ring, der Engel meiner Träume, die Leuchte meiner Tage, der Stern, dem ich folge, nach deſſen mildem Glanz meine Augen unabläſſig ſchauen, die Herzogin hat Cuch geſchrieben, ich wolle nicht?—“ „Hier iſt ihr Brief,“ ſagte Jakob, der nun ſeiner⸗ ſeits betroffen, dieſes phantaſtiſche Schauſpiel be⸗ trachtete: den von wilder Leidenſchaft beinahe wahn⸗ ſinnigen Jüngling, das zitternde Mädchen, die lächelnd, bewußtlos vor Freude, ihrer Amme in die Arme ge⸗ ſunken war, und dieſe letztere, welche von dem flam⸗ menden Blick und der unwiderſtehlichen Schönheit Richards entwaffnet war. Gierig faßte dieſer das Pergament, das der Fürſt ihm hinreichte. Erſt verſchlang er den Inhalt in bebender Haſt, ſodann las er mit düſterer, geſammel⸗ ter Aufmerkſamkeit jeden Satz, jedes Wort, jeden Buchſtaben dieſes Schreibens, in welchem die Her⸗ 186 zogin verſicherte, der Herzog von York habe erklärt, von dieſer Heirath nichts hören zu wollen, vielmehr ſeine ganze Zukunft ſich vorzubehalten.— Sein Haar ſträubte ſich vor Entſetzen. Sie war alſo Herrin über ſein Schickſal, dieſes kühne Weib, welche ſo über ihn verfuͤgte, ohne ihm die Antwort, die ſte ſchreiben wollte, auch nur mitgetheilt zu haben. „Sire, ſchrieb Margaretha an Jakob, ‚es möge Alles unter uns Beiden bleiben, mein Neffe wünſcht es; ſprecht ihm alſo nicht mehr von dieſer Heirath, für die er nicht eingenommen iſt, und die überdieß für meine geliebte Katharina nicht paſſen würde. Demnächſt wird ſich Gelegenheit bieten, gegen Euch Beide mich näher zu erklären; ſie ſoll mir willkom⸗ men ſein. Bis dahin laſſet Eure Schotten ſich ge⸗ dulden; ich werde, wenn es Noth thut, die für mei⸗ nen Neffen beſtimmte Hülfe an Truppen und Geld verdoppeln, die Wiedererhebung der weißen Roſe auf den Thron iſt unabhängig von irgend welcher Ver⸗ bindung oder Heirath, und wir werden Schottland für die getäuſchte Erwartung in reichem Maß ent⸗ ſchädigen.⸗ Richards finſteres Erſtaunen während des Leſens deutete Jakob als den Gegenſchlag einer Entdeckung, auf die er nicht gefaßt war. Der unglückliche York würde weniger gelitten haben, hätte man ihn lebendig vom Paradies hinab⸗ geſtoßen in den Abgrund der Hölle. „Alſo,“ ſagte er immer wieder und wieder zu ſich in ſchmerzlicher Beklemmung,„alſo die Herzogin, meine Tante, will nicht, daß Katharina die Meinige werde. Alſo durch ſie hätte ich um ein Kleines dieſen 187 Engel auf ewig verloren! So bin ich nichts als eine ſinnloſe Puppe, das lächerliche Spielzeug, ich weiß nicht, welcher die Finſterniß liebenden Politik, man gibt mir, man nimmt mir wieder, und thut mir nicht einmal die Ehre an, meinen Widerſtand zu fürchten. Aber was bin ich denn?“ rief er plötzlich, von Stolz und Wuth geſchüttelt,„daß Gluck und Ehre mir auf dieſe Weiſe zu Schanden gehen ſollen? Bin ich ein ſchwachſinniger Narr oder der wiederauf⸗ gelebte Königsſohn?“ Sein raſender Schmerz hatte Jakob tiefbewegt, Katharinen bis zu Thränen gerührt, und die aber⸗ gläubiſche Suſanna betete für ihn zu den unheim⸗ lichen Göttern ihrer wilden Heimath. „Richard,“ nahm endlich der König von Schott⸗ land wieder das Wort,„was Katharina Euch vor allen Dingen ſagen wollte, das iſt, daß ſie weder den Unwillen ihrer Landsleute, noch deren Abſicht ſich von Euch zu trennen, theilt. Sie wollte Euch ſagen, daß Ihr von Allem, was Euer Vater ihrer Familie verſprach, ihr gegenüber völlig frei ſeid, und ihr Entſchluß, ſich in die Einſamkeit zurückzuziehen, wird Euch wohl ein Beweis ſein, wie edel und aufopfernd ihre Freundſchaft war.“ „Sie will gehen?“ rief Richard, aus düſterem Hinſtarren erwachend,„Sie will mich verlaſſen 29 „Ihr Schiff liegt hier unter dem Balkon, Ihr könnt ſehen, wie der Wind ſchon die Segel zu füllen beginnt.“ „Nimmer ſoll das geſchehen!“ rief Richard, „Nichts auf der Welt ſoll Katharinen trennen von dem Freund ihrer Kindheit, keine Macht der Erde 188 ſoll Richard zwingen, an ſeines Vaters Wort zum Verräther zu werden.“ 1 Dann ging er ſchnell auf den König zu und ergriff deſſen Hände mit zärtlicher Heftigkeit: „Gebt Ihr ſte mir?“ ſagte er.„Um ihre Hand zu werben, ſteh' ich hier vor Euch, vor Schottland, vor Gott und aller Welt! Rufet alles Volk zuſam⸗ men, auf daß es meine Erklärung höre, daß ich ſte liebe, und daß ſte mir zur Seite den Thron Englands beſteigen wird. Laſſet die Kirche ſich aufthun; in dieſer Stunde noch will ich ſte zum Altare führen!“ Freudetrunken verſuchte Katharina einige Schritte vorwärts und ſank zu den Füßen ihres Geliebten nieder, der ſte heftig in die Arme ſchloß. Wenige Augenblicke darauf flog dieſg peue Bot⸗ ſchaft in ganz Edinburg von Mund zu Mund und wurde vom Volke mit Freudengeſchrei, von den Sol⸗ daten mit kriegeriſchem Jubel aufgenommen. Das Geläute der Glocken, der Donner der Geſchütze rollte in mächtigem Widerhall von den Bergen hinab zum Fluß; die alten Schlachtgeſänge ertönten überall in den Straßen und ihre ſtuͤrmiſchen Weiſen riefen wie ſchon ſo manchesmal die Söhne des Hochlands auf zum Kampf. Als ob ein erſtickender Druck von ihm genommen wäre, athmete Richard in tiefen Zügen und mit dem Lächeln eines Helden rief er: „Wie leicht iſt es doch, glücklich zu werden!“ Der Graf Kildare wollte aus Achtung vor der Herzogin von Burgund, die Verkündung und Feier der Vermählung verſchoben wiſſen bis zur Rückkehr einer Geſandtſchaft, welche Jakob und Richard an die —— 189 ſtolze Herrſcherin abgeordnet, um ſte von einem ihren Entwürfen ſo ganz widerſtreitenden Ereigniß in Kenntniß zu ſetzen; der Herzog von York aber war dagegen und um ſo entſchiedener, als er ihr bis da⸗ hin mit nur zu viel Geduld gehorcht hatte. Ueber⸗ dieß ſtand hinter ihm ein ganzes Volk, das in ſeinem Freudentaumel zu Beſchleunigung der ſo ⸗lange hin⸗ gehaltenen Entwickelung drängte. Die Klugheit rathe, dieß war ſeine Meinung, die Dankbarkeit der Clans, ſo lange ſie noch ſo warm ſei, zu nützen. Und rieth nicht daſſelbe die Liebe noch lauter als die Klugheit? Alle dieſe jungen Köpfe fingen Feuer und warfen ſich leidenſchaftlich in die neue Bahn, an deren Ziel Ruhm und Glück zu winken ſchien. So wurde denn beſchloſſen, daß unmittelbar nach der Vermählung, deren feſtliche Begehung bis zum erſten Sieg verſchoben wurde, der junge Fürſt Schott⸗ land verlaſſen und an der Spitze ſeines Heeres, deſſen Begeiſterung den glänzenden Erfolg eines Feldzugs gewiß machte, auf London marſchiren ſollte. Siebentes Kapitel. Mittlerweile war die Geſandſchaft an die Her⸗ zogin von Burgund am Hoflager in Gent angekom⸗ men, und hatte ſie von dem Plan einer Vermählung des Herzogs von York, womit der König von Schott⸗ ln ſich bereits einverſtanden erklärt, in Kenntniß geſetzt. — 190 Bei dieſer Nachricht ſah man Margarethen er⸗ bleichen. Sie fragte zitternd, ob der Herzog, ob Katharina dieſer öffentlichen Botſchaft nicht für ſte irgend eine vertrauliche Mittheilung beigegeben hät⸗ ten; und als man ihr mit Nein antwortete, da kam über ſie ein Ingrimm, der ſchrecklicher werden konnte, als in früheren Jahren die Wuthausbrüche Karls des Kühnen, ihres Gemahls. Es hätte nicht viel gefehlt, ſo wäre die Wahrheit, die rückſichtslofe Enthüllung des ganzen Betrugs über ihre Lippen gekommen. Mit einer fieberhaft ſchüt⸗ telnden Empfindung ſchien das Geheimniß ihr aus dem Herzen auf die Zunge zu treten. Aber die eifer⸗ ſüchtige Feindin Heinrichs VII. hielt feſter am Haß als an Freundſchaft. Ein Geſtändniß aus ihrem Munde konnte Jakok IV. hindern, ſich bloszuſtellen für die Sache eines Betrügers, konnte vermeiden, daß Katharina ihr Schickſal verknüpfte mit dem eines falſchen Prinzen, dem zweideutigen Sohne eines Juden,— aber dieſes Geſtändniß wäre der Tod ge⸗ weſen für die Sache Yorks, hätte England für alle Zeiten die weiſe Roſe verleidet, das Haus Lancaſter auf dem Thron unerſchütterlich feſt gemacht; Mar⸗ garetha verſchluckte Schmerz und Scham, erſtickte ihr Gewiſſen und ſchwieg. Sie wollte herrſchen.— Sie empfing die ſchottiſchen Abgeſandten wie eine Königin, wünſchte ihnen Glück zu dem Erfolg, welchen der Eifer ihrer Nation der guten Sache ver⸗ ſpreche, und beurlaubte ſie der Sitte gemäß reich be⸗ ſchenkt. Aber kaum waren ſie abgereist, kaum war ſie wie⸗ der allein, in der Stille, mit ihrem Gewiſſen allein, 191 ſo fühlte ſie die ganze Größe des Fehlers und ſeine unberechenbaren Folgen für die Zukunft. Durch die Macht ihrer Beiſtimmung dieſer Ver⸗ bindung die Weihe ertheilen, ohne vorangegangene Anzeige, ohne Sicherſtellung ihrerſeits, das hieß die Früchte derſelben für rechtmäßig erklären, das hieß den falſchen Sohn Eduards als ächt anerkennen, das hieß ihr Haus und ſie ſelbſt für immer in den Staub beugen vor einem jämmerlichen Phantom, welches ihre Hand gebildet hatte, welches ſie mehr als je für ein ſolches hielt, deſſen Talente, deſſen Erfolge aber ihr Schrecken einjagten. „Was?“ murmelte ſie,„dieſer knabenhafte Schurke hat Fryon, den geſcheiteſten Menſchen, Kildare, den Treuſten der Treuen, verführt; er hat Jakob verblen⸗ det, Katharinen an ſich gefeſſelt, die Völker jubeln ihm entgegen, er ſpielt ſeine Königsrolle beſſer als ein König von Geburt! Aber, wahrhaftig, er geht weiter als ich will, und wenn ich ihm auch wie mei⸗ nem Schweißhund erlaube, die Beute aufzuſpüren, ſo will ich doch dafür ſorgen, daß er ſie mir nicht hinunterſchnappe. Ich leihe ihm den Namen eines Königs, ich leihe ihm das Wappenſchild, auf dem die weiße Roſe ſchimmert, ich leihe ihm ein Schwert, ein Kriegsheer und Geld; aber einen Ehebund, eine Frau von königlichem Geblüt, einen Engel wie Katharina, das kann ich dem Sohne des Perkin Warbeck weder leihen noch ſchenken. Ewige Schmach über mich und mein Haus, wenn ich in die Schlinge falle, welche dieſer Elende mir legt! Er weiß, daß ein öffentlicher Widerruf der Untergang meiner Entwürfe wäre; er weiß, daß ich durch ihn das Haus Lancaſter verderben will, daß mein Einſatz in dieſem Spiel ins Große geht, und rechnet nun darauf, daß die Furcht zu ver⸗ lieren mir Stillſchweigen auferlegen werde. Aber ol ich werde ohne viel Lärm und Aufſehen ihn zu zwin⸗ gen wiſſen, daß er in ſeiner Rolle ſich einſchränke. Was ich andern nicht ſagen kann, das will ich ihm ſelber ſagen! Er ſchickt mir Geſandte, der Verräther! ich aber, ich werde ihn aufſuchen, werde, Aug' in Aug' ihm gegenüber, mit einem Wort ihm beweiſen, daß ich ihn auch wieder zurückſchleudern kann in den Schlamm, daraus ich ihn gezogen. Ja, ja, ich glaube wohl,“ ſetzte ſie hinzu und ballte vor Wuth die Fäuſte, „daß der junge Herr Warbeck die Tochter Huntley's, die Verwandte von York, nach ſeinem Geſchmack fin⸗ det; ich glaube wohl, daß ihn nach dieſer Perle ver⸗ langt, um ſie an die Flitter zu nähen, mit denen ich ihn ſich putzen laſſe; aber er ſoll es wagen ſie anzu⸗ rühren, meine ſchottiſche Perle, ſo laſſe ich ihm den Kopf vor die Füße legen!“ Dieſem Entſchluß folgte nach kurzer Ruhe ein zweiter: die Herzogin kündigte an, ſte werde während der heißen Jahreszeit, wie gewöhnlich, eine Reiſe nach den Küſten Flanderns und der Pikardie machen, um die friſche Seeluft zu genießen. Sie wählte ein nicht zahlreiches, aber zuverläſſi⸗ ges Gefolge, reiste zu Land bis St. Valery, wo ſie eine große Fiſcherbarke miethete, und ſegelte mit einem günſtigen Wind über den Kanal, feſt entſchloſſen, mit dem Herzog von York zuſammen zu treffen, der, wie ihre Kundſchafter anzeigten, im Herzogthum Cornwallis erwartet wurde. Bei dieſen Bergvölkern war es wirklich ſo eben zu 193 einem allgemeinen Aufſtand gekommen. Sie hatten den Prätendenten gegen Heinrich VII. zu Hülfe ge⸗ rufen. Die Herzogin kannte Richards Gewandtheit genau genug, um zu wiſſen, daß er dieſe unvergleich⸗ liche Gelegenheit nicht verſäumen werde, um den Krieg auf engliſchem Boden zu eröffnen. Uebrigens hatte ſte ſelbſt mit ihren Leuten in Irland und Schott⸗ land alles vorbereitet, daß dieſer Aufſtand nicht aus⸗ bleiben konnte. Sobald die Küſte von Frankreich außer Sicht war, ließ ſie den Fiſcher in den Schiffsraum hinunter⸗ bringen und ſetzte an ſeine Stelle einen von ihr mit⸗ gebrachten Lootſen. Dieſer erhielt Befehl, an der engliſchen Küſte hinabzuſteuern, ſich in vorſichtiger Entfernung vom Lande zu halten und auf jedes von England kommende Segel ein ſcharfes Auge zu ha⸗ ben. Dieß war ein Mittel, um die nöthigen Nachrich⸗ ten erhalten, und eine beſtimmte Richtung nehmen zu können. Auf dieſe Weiſe vermeinte die Herzogin Richard's Aufenthalt ſicher zu erfahren und ihn mit ihrer Ge⸗ genwart und mit ihren Schreckensworten zu über⸗ raſchen. Indeſſen ging es mit dieſem Plane nicht wie mit den andern: ſte ſelbſt fiel zuerſt in die Schlinge, welche ſie gelegt.. Seit vierundzwanzig Stunden ſegelte ſie beim Wind an der engliſchen Küſte hin und wartete auf die günſti ge Gelegenheit, als ſie am Lande eine un⸗ gewohnte Bewegung zu entdecken glaubte; ihre ganze Aufmerkſamkeit richtete ſich nach dieſer Seite. Mitt⸗ lerweile wurde ſie ſelbſt von zwei Kriegskuttern beob⸗ Maquet, Weiße Roſe. 13 194 achtet, welche von der Seeſeite her ihr in den Rücken kamen. Als man auf der herzoglichen Barke die bei⸗ den Fahrzeuge bemerkte, war es zu ſpät und an Ent⸗ kommen nicht mehr zu denken. Sie kamen näher und riefen die Barke an; es folgte ein förmliches Verhör und als die Leute der Herzogin über Zweck und Ziel der Fahrt nicht gehörig Rede ſtehen konnten, führte man ſie mit in die Bai von Mounts, ohne indeſſen ſu wiſſen, welch' wichtigen Fang man aufgebracht hatte. In der Eile hatte ſich die Herzogin mittelſt einer groben leinenen Haube und eines alten plaidartigen, Ueberwurfs in ein iriſches Fiſcherweib verwandelt, und verſteckte ſich ſo gut als möglich hinter ihre Leute, die alle in der größten Angſt waren, ſte möchten einem Kreuzer Heinrich's VII. in die Hände gefallen ſein. Aber wie groß war ihr Erſtaunen, als im Angeſicht des kleinen Hafens von Helſton ihre bis jetzt räthſel⸗ haften Begleiter die York'ſche Flagge mit der weißen Roſe aufhißten, welche vom Ufer her taufendſtimmi⸗ ger Jubel begruͤßte.. Die beiden Schiffe kamen nämlich von Irland herüber, mit Kriegs⸗ und Mundbedarf für den Auf⸗ ſtand in Cornwallis; ſchon hatten die Aufſtändiſchen auch Richard von York in ihre Mitte aufgenommen; und die anfangs erſchrockene Herzogin gab ſich bald einem Uebermaß von Freude hin, als ſie erfuhr, daß ihr Glück, dem ſie eben ſchon mißtrauen wollte, ſie gerade nach dem Punkte geführt habe, den ſie nicht gehofft hatte, ſo ſchnell und ſicher zu erreichen. Sie verbarg ihre innere Bewegung, befahl dem Lootſen, ſobald man ans Land geſtiegen wäre, beim 195 Herzog von York um Gehör nachzuſuchen, um ihm höchſt wichtige Dinge mitzutheilen, und nicht ohne lebhafte Ungeduld ließ ſie ſich mit der ganzen Schiffs⸗ mannſchaft als Gefangene nach dem Hauſe führen, das der Prinz in einiger Entfernung vom Hafen bewohnte. Achtes Kapitel. Richard begann die Früchte des Königthums zu genießen. Ueberall, wo er durchkam, jubelte die Gunſt und Liebe des Volkes ihm entgegen; ſein Marſch war ein Triumphzug von dem Augenblick an, da er den Fuß ans Land geſetzt hatte. Da er vor Begierde brannte, ſeinerſeits den erſten Schlag zu führen, ſo bereitete er einen Angriff auf die Stadt Exeter vor. Sein Heer drängte dazu, ſeine Räthe erklärten den Erfolg für geſichert. Ri⸗ chard kam eben aus dem Kriegsrath, welcher dieſen Zug nunmehr feſt beſchloſſen hatte, als man ihm meldete, daß eine höchſt verdächtige franzöſiſche Barke unweit der Küſte aufgebracht worden ſei und daß der muthmaßliche Befehlshaber der Bemannung ihm wie er angebe, wichtige Aufſchlüſſe zu geben habe. Richard, in dieſem Augenblick um Anderes be⸗ ſorgt, beſtimmte für die Audienz den folgenden Tag; aber kaum war der dienſtthuende Kapitän hinaus, um dieſe Antwort an die fremden Fiſcher zu beſtellen, als er auch ſchon wieder zurückkam, und'bi einen 196 Ring übergab, welchen Richard nicht ſo bald erblickt hatte, als er einen Ruf der Ueberraſchung ausſtieß, im Augenblick alles Gefolge wegſchickte, und den Befehl gab, den Abſender dieſes Ringes ohne Verzug vorzuführen. 3 Eine weibliche Geſtalt, beinahe ganz verhüllt in einem weiten groben Mantel von dunkelfarbiger Wolle, trat mit ruhigen langſamen Schritten herein, machte die Stirne von der übergezogenen Hüͤlle frei, ſobald ſie Richard ſich genähert, und ſah ihm ſtarr wie eine Bildſäule ins Geſicht. „Seid Ihr es!“— rief Richard—„Ihr, meine Tante! O welche Freude—“ Mit freudeglänzenden Blicken, mit offenen Armen ging er auf ſie zu. Die Herzogin erhob den Arm, verächtlich, kalt. Ihre ausgeſtreckte Hand hielt den jungen Herzog von York beſſer in Entfernung als eine ihm auf die Bruſt geſetzte Degenſpitze. „Sind wir denn nicht allein?“ ſagte ſie mit her⸗ bem, herriſchem Ton. 6 Waunhen fragte Richard, erſtaunt ob ſolchem ruß. „Darum, weil Ihr Euch nicht die Mühe zu neh⸗ men braucht, Euch ſelber zu belügen, wenn Ihr wißt, daß Niemand Euch hören kann.“ „Ich verſtehe Euch nicht,“ murmelte Jener. „Ihr verſteht mich ſehr wohl. Ihr wißt, wenn wir allein ſind, ſo dürft Ihr nicht ſagen: Meine Tante, ſondern: Madame. Nun? Was ſeht Ihr mich ſo groß an? Sparet Eure Schauſpielerkünſte für die Zeit, wo Ihr auf den Brettern ſeid. Ich bin 197 nicht hiehergekommen und habe dieſe mühſame und gefährliche Reiſe gemacht, um Euch in Eurer Rolle zu bewundern. Ich weiß wohl, Ihr ſpielt vortreff⸗ lich vor all den Schwachköpfen, die Euch folgen und die von mir bezahlt ſind. Aber, da ich Euch eben⸗ falls bezahls, ſo thut Ihr nur Eure Pflicht, wenn Ihr gut ſpielt. Dieſe Pflicht, beachtet ſie wohl, Warbeck, vergeſſet ſte niemals! ſie Euch ins Gedächt⸗ niß zu rufen, bin ich gekommen!“ Dieſe Worte hatte ſie mit ſo raſender Schnellig⸗ keit, mit ſo überwältigender Ironie geſprochen; betrachtete den vor ihr Stehenden mit ſo drohenden Blicken, mit ſolcher Verachtung, daß Richard einen Augenblick zurücktrat, wie vor einer Wahnſinnigen oder Beſeſſenen. „Seid Ihr es?“ ſtammelte er endlich.„Ihr Frau Herzogin?“ „Ja, wohl bin ich es, ich, die Herzogin, ja,“ ant: wortete Margaretha ſchnell, und verdoppelte die Flamme ihres Blicks.„Ich ſehe, Ihr geht allgemach in Euch und ſtellt mich und Euch, wohin es ſich ge⸗ bührt. Ja, ich bin es, die da kommt um Euch zu ſagen: Es ſcheint, Ihr vergeßt Euch, junger Herr! Ihr thut ja wahrhaftig, als wolltet Ihr Ernſt ma⸗ chen! Das Inſekt das ich aus dem Schlamm gezo⸗ gen, will auf und davonfliegen mit den Flügeln, die ich ihm wachſen ließ.“ Richard war mit jedem Augenblick finſterer ge⸗ worden. Es war eine Wolke von Zorn, die nach dem erſten Erſtaunen den Ausbruch drohte. Jetzt näherte er ſich der Herzogin und ſagte mit aller Mä⸗ — higung welche ihm noch zu Gebot ſtand: 198 „Ihr werfet mir Eure Wohlthaten vor— Ma⸗ dame— Ihr thut ſehr Unrecht daran— Mein Ent⸗ ſchluß ſtand feſt, Euch dafür zu bezahlen welchen Preis Ihr verlangen würdet.“ „Elender!“ rief die Herzogin.„Du handelſt ja mit mir, daß Gott mir verzeihe, als wär ich Deines Gleichen! Stellſt Du Dir vor vielleicht, um Köni⸗ gen ſich gleichzuſtellen, ſei es ſchon genug, wenn man aus ihren Familien ſich eine Frau ſuche und ihnen Geſandte ſchicke? Die Deinigen habe ich empfangen, Warbeck; ſie haben mich von Deinen Abſichten auf Lady Katharina, meine Pathe, von Deinen lächerlich frechen Abſichten unterrichtet, und jetzt bin ich gekom⸗ men, um Dir zu ſagen: Rühre die Hand dieſer ed⸗ len Fürſtentochter nicht an mit der Deinigen, tauſche keinen Blick mit einem Blick von ihr, oder, beim Gott des Himmels! und ſollt' ich all meinen Ruhm und Reichthum darüber zu Grunde richten, ich, die Dich zum Fürſtenſohn verkleidet, laſſe Dich aufhän⸗ gen in Deinen Bettlerlumpen!“ Bei dem wilden Aufſchrei, den Richard hervor⸗ ſtieß, und der von einer ſchmerzlichen, verzweifelten Geberde begleitet war, öffnete ſich rauſchend die ſchwere Sammttapetenthüre, welche in ein Neben⸗ zimmer führte, bleich und zitternd ſtürzte ſich Ka⸗ tharina zwiſchen die Herzogin und den Prätendenten. Von dieſer Anſtrengung völlig erſchöpft, lehnte ſie ſich an die Wand, ohne einen Laut von ſich geben zu können. „Katharina!“ rief die Herzogin, beſtürzt über dieſe Erſcheinung,„Katharina, Du hier, mein geliebtes 199 Kind! Was machſt Du hier? Weißt Du wo Du biſt? Komm, komm, Du kannſt hier nicht bleiben!“ „Ich kann nicht hier bleiben bei meinem Ge⸗ mahl?“ flüſterte das arme Kind und ihr ſchönes Antiis ward weißer als die Perlenſchnur an ihrem als. „Du biſt— ſein Weib!— das Weib dieſes Elenden? Iſt es ſchon geſchehen, das Verbrechen?“ Mit Anſtrengung faltete die Herzogin ihre zit⸗ ternden Hände. „Ihr beſchimpft den Namen York! Euer Blut! den Sohn Eures Bruders!“ rief Katharina und hing mit den Armen, deren Kräfte ſie zu verlaſſen droh⸗ ten, an Richards Schultern, während dieſer, ebenſo bleich als ſeine Geliebte, eine geheime Furcht wie eine Schlange ſich an's Herz heranſchleichen fühlte. „York!“ vief die alte Fürſtin, und deutete mit hölliſchem Gelächter auf den Herzog.„York! Du biſt der Meinung dieſer ſei von unſerem Stamme? Ach, Du armes, entwürdigtes Kind! O! daß ich ſo ſpät erſt kommen muß! Aber doch, mein Kind, ich werde Dich retten. Du darfſt in dieſer Schande nicht länger leben— und ſollt' ich darüber zu Grunde gehen—“ „Halt!“ unterbrach ſie Richard, und kreuzte die bebenden Arme über die Bruſt,„ich weiß nicht, ob ich in einem entſetzlichen Traume liege, iſt es aber ein Traum, ſo will ich ihn zu Ende traͤumen. Dieſe Fluth von Schmähungen hatte mir zu Anfang das Herz erſäuft; ich konnte nicht verſtehen, aber ich will verſtehen. Was ſagt Ihr da von York, von Elen⸗ der und von Schande? warum beklagt Ihr dieſe 200 Frau? Vor was, ſagtet Ihr, daß Ihr ſie retten wollt?“ „Vor Dir, elender Betrüger!“ ſagte die Herzogin mit vor Wuth erſtickter Stimme;„vor Dir! Ja wohl! Du haſt ſie zu verführen gewußt, das liegt am Tag. Sie hielt Dich für einen Prinz von York! aber Geduld, bald werden ihre Hände, die Du geſtohlen, die Du noch in den Deinigen hältſt, mit Entſetzen, mit Eckel, werden ſie die Deinen fliehen. O! Du meinſt wohl ich werde nicht wagen mein Bekenntniß zu vollenden. Du haſt darauf gerechnet, daß mein Ehrgeiz, mein Haß gegen Lancaſter ein blindes und ſtummes Ungeheuer aus mir machen würden; Du haſt Dir eingebildet, weil ich Dir ein Königreich opfere, werde ich Dir auch dieſes Mädchen hier opfern? Nicht alſo! Werde nur König, wir wollen ſchon ſehen, wir wollen ſchon abrechnen; ich werde Dir die Krone feil machen, und Du wirſt ſte mir herausgeben, Judenſohn. Aber Katharina ſoll Dir nicht verbleiben, Du ſollſt nicht mit eines Baſtards Blut die Familie beſudeln, die England auf den Knieen verehrt. Nein Katharina, Du darfſt nicht bei dieſem Menſchen bleiben. Er iſt nichts als ein Phantom von meiner Erfindung, ein gemeines Werk⸗ zeug, das ich hergeſtellt habe; er iſt ſo wenig ein York, als Simnel der Paſtetenbäcker, er iſt nicht ein⸗ mal Warbecks ächter Sohn; ich weiß nicht, was er iſt, er ſelber weiß es nicht.— Verzeih mir, armes Kind; ich würde die Hälfte meines Blutes opfern, könnt' ich Dein Unglück ungeſchehen machen; aber ich konnte die Verwegenheit dieſes Dämons nicht vorausſehen.“ ⸗ „ 201 „Ha!“ knirſchte Richard,„ich ſehe wieder jene hölliſchen Flammen die mir vordem das Gehirn durch⸗ wütheten!“ „Ja, ja,“ ſagte die Herzogin, ohne eine Spur von Mitgefühl, und ergriff die Hände der zitternden Katharina,„das iſt ſein Wahnſinn, eine unſerer glücklichſten Erfindungen. Dieſer Wahnſinn, der ſein Stillſchweigen und die jahrelange Vergeſſenheit ſo leicht erklären konnte. O! Perkin Warbeck iſt ein Genie von Betrüger; bewundern würd' ich ihn, wenn er Dir fern geblieben wäre!“ „Katharina! Katharina! Du glaubſt ihr nicht!“ ſchrie Richard wüthend, als er ſah wie ſein junges Weib einer Sterbenden gleich gegen die Herzogin neigte. Aber Katharina hörte nicht mehr. Ihre Augen wurden ſchwer, die Knie verſagten ihr, ſte ſank ohn⸗ mächtig, auf den Fußteppich nieder, ohne daß die Herzogin verſucht hätte, ihr beizuſtehen. „Höre,“ ſagte ſte zu Richard,„noch kann ich Dir verzeihen. Laß dieſes Kind in Frieden; vergiß und ſchaffe, daß auch ſie vergißt; Deine Bahn laſſ' ich Dich verfolgen; Du ſollſt ſteigen ſo hoch Du willſt; aber morgen— heute Abend noch wird Katharina zu König Jakob zurückkehren, und Du wirſt keinen Finger rühren, um ſie zuruͤckzuhalten. Gehorchſt Du mir, ſo werde ich Dir helfen, wie bisher; wei⸗ gerſt Du Dich deſſen— ſo nimm Dich in Acht!“ . Richard ſtand wie vernichtet, ſeine Augen rollten wie unter einem glühendrothen Nebel. Er kämpfte mit übermenſchlicher Kraft gegen den Sturm der in ihm kochte. 202 „Doch nein,“ begann die Herzogin wieder, wie von einer plötzlichen linruhe durchdrungen.„Nein; ich will nicht wieder verlieren, was ich habe. Es iſt Nacht, ich gehe wieder und Katharina wird mir fol⸗ gen. Du wirſt ſagen, Du habeſt für ſite die Gefah⸗ ren des Krieges gefürchtet; wirſt ſagen, Du habeſt ſte meinen Händen anvertraut, Du kannſt Alles ſagen was Du willſt, und ich werde was Du ſagſt auch ſa⸗ gen. Aber hier laſſen kann ich dieſes koſtbare Pfand nicht; ich nehme ſie mit.“ So ſprechend bückte ſie ſich nieder, um Katharinen aufzuheben, ſchon hatte ſie die Ohnmäͤchtige in einem Lehnſtuhl aufgerichtet und bemühte ſich, ſie wieder zum Bewußtſein zu bringen. Sie zog ſie an ſich, drückte ſte an ihre Bruſt, als könnte ſte nicht von ihr laſſen, als wollte ſie die Lebloſe mit ſich fort tragen: ſo kam es Richard vor. Da fuhr es wie ein Blitz über ſeine Stirne, der zu lange verhaltene Orkan brach endlich los mit ſei⸗ ner ganzen Gewalt. Er ſtürzte ſich über Katharinen, entriß ſte den Händen der Herzogin, und ſtieß dieſe weg wie der Wind ein dürres Blatt verjagt. „Fort von hier,“ ſagte er,„fort von dieſer Stelle, Ungeheuer das aus der Hölle ſtammt! Berühre nicht meine Geliebte, mein Weib! Mir gehört ſte, ſie iſt mein! Thue was Du willſt, ſprich was Du willſt, aber Katharina rühre mir nicht an!“ „Willſt Du, daß ich rufe?“ ſagte die Herzogin, zitternd vor Zorn und ihre Kräfte zuſammenraffend, um mit Majeſtät den Kampf zu beſtehen. „ Thu einen Schritt, erhebe einen Finger, öffne Deine Lippen,“ entgegnete Richard, deſſen zitternder 203 Athem Feuer zu hauchen ſchien;„wage nur mir ins Geſicht zu ſehen, und ich werde rufen, aher zuvor liegſt Du niedergeſtreckt mir zu Füßen.“ Mit Blitzesſchnelle hatte er ſeinen Degen aus der Scheide geriſſen; die breite Klinge flammte und zit⸗ terte unter der krampfhaften Preſſung ſeiner Hand. „Ha!“ murmelte er, als er die Herzogin erblei⸗ chen ſah,„ha! Du weichſt zurück, Fürſtin; ich ſage Dir, Du thuſt wohl daran!“ Sie wich in der That, von Schreck und Schau⸗ der ergriffen, zurück; es war ihr, als ſähe ſte Eduard ſelbſt, ihren laͤngſtentſchlafenen Bruder in der ganzen ſchrecklichen Schöne ſeines königlichen Zornes wieder vor ſich ſtehen. So trieb er ſie bis zur Schwelle. Sie floh hin⸗ aus, ſte erreichte den Hafen. Stumm ließ die Menge ſie durch. Es war als ob ſie, ein folgſames Atom, dahin⸗ gleite, der flammenden Furche nach, welche aus Ri⸗ chard's Auge zuckend, ihr die Bahn vorzeichnete. An Bord trafen die Begleiter der Herzogin wie⸗ der bei ihr ein. Die Wellen trugen das kleine Fahr⸗ zeug hinaus in die offene See; die Mannſchaft war ernſt und ſchweigſam; in der Herzogin kämpften Furcht und Durſt nach ſchneller Rache einen ſtillen aber heißen Kampf.— Neuntes Kapitel. Ein ſchmerzlicher Auftritt folgte nach dem Sturme dieſer Unterredung. Diejenigen, welche den Herzog von York ſehen durften, fanden ihn weinend neben Katharina knien, die noch immer bleich und unbeweg⸗ lich in dem Lehnſtuhl ausgeſtreckt da lag. Bergebens hatte er verſucht ſie wieder zum Leben zu bringen. Ihre Augen blieben geſchloſſen, man hätte ſie für eine Todte halten können, wenn nicht ein beinahe unbemerklicher Hauch von ihren Lippen aus⸗ gegangen wäre, welcher auf dem Stahlſpiegel, den Richard vor ihren Mund hielt, eine leichte Trübung wahrnehmen ließ. Es dauerte nicht lange, ſo füllte ſich das Gemach mit Menſchen. Suſanna kam zuerſt hereingeſtürzt, ihr ging der Schmerz des Prinzen ſo nahe als der Zuſtand Katharinens. Aerzte wurden gerufen, konn⸗ ten aber das Uebel, da ſte deſſen Urſache nicht erra⸗ then konnten, auch nicht beurtheilen, und Richard verzehrte die zwiefache Qual, ſeine Geliebte leiden zu ſehen und ihr keine Hülfe ſchaffen zu können. Sie erlangte auch während der Nacht und im Laufe des ganzen nächſten Tags weder Geſicht noch Sprache wieder. Vergeblich frug Suſanna miß⸗ trauiſch und eiferſüchtig nach dem Urſprung einer ſo ſeltſamen Krankheit, vergebens forſchte ſte nach dem Geheimniß in Richards verweinten Augen, er gab weder ihr noch den Höflingen irgend welchen Auf⸗ ſchluß. Er erwartete Lord Kildare, der damals bei der 205 Vorhut ſtand. Seine Hoffnung war nur auf Gott und mit ihm allein unterhielt er ſich. 1 4 Endlich hatten die Aerzte ihren Ariſtoteles zu Rathe gezogen und nannten dieſen Zuſtand eine Ka⸗ talepſte. Richard in ſeiner troſtloſen Verzweiflung klagte ſte der Lüge an. Sie ſei todt, ſagte er, wuͤrde ſte ſonſt ſeinem Schluchzen widerſtehen? würde ſie das Flehen ſeiner Stimme nicht hören? müßte ſie nicht erwachen von den heißen Küſſen und Thränen, mit welchen er die entfärbte Stirne benetzte? Schon ſchien die alte Schottin, die ſtummen Blicke unverwandt auf ihre leidende Herrin gerichtet, den Gatten anzuklagen, daß er hier kein Wunder thue. Er ſchien ihr für einen Menſchen, den keinerlei Vor⸗ wurf trifft, allzu betrübt. Das Uebermaß ſeiner Verzweiflung gab ihr den Verdacht ein, daß ſein Gewiſſen wohl nicht frei ſein müſſe. Mittlerweile unterbrach ein von den im Feld ſte⸗ henden Truppen eingetroffener Eilbote dieſe peinliche Lage der Dinge. Lord Kildare gab dem Prinzen Nachricht von der guten Stimmung in der Stadt Exeter. Eine ſchönere Gelegenheit, dieſen Schlüſſel des Landes zu erobern, konnte ſich nicht bieten. Kil⸗ dare war der Anſicht, vor dem bloßen Erſcheinen von König Eduards Sohn werden Thore und Fallbrücke ſich öffnen. Würden gute Worte wider Erwarten nicht helfen, ſo müßte man Gewalt brauchen, jeden⸗ falls aber ohne Verzug ſich auf die Stadt werfen. Richard ſah ſich um— alle Augen waren trocken, aber in allen glänzte Habſucht und Ehrgeiz. Was iſt auch eine Geliebte, eine Frau in den Augen wilder Empörung? Zögerte der Herzog, ſo lief er Gefahr, 206 für feige gehalten zu werden. So gab er denn Befehl zum Aufbruch und da Katharina, wenn er ſie zurück⸗ ließ, ihm entriſſen werden konnte, ſo ließ er ſie in eine große Sänfte legen, die, einem auf Rädern ru⸗ henden Hauſe ähnlich, von zwölf Pferden gezogen wurde; er gab ihr eine Leibwache von treuen Schotten, verbarg unter Helm und Panzer ſeine Verzweiflung, und führte ſeine von Siegeshoffnung berauſchten Soldaten gegen Exeter. Wie konnte er auch anders? Seinem zerriſſenen Herzen erſchien als die höchſte Seligkeit nicht mehr die Eroberung eines Königreichs, ſondern der Hel⸗ dentod auf Katharinens Grabe. Dazu hatte die Anklage der Herzogin eine faſt bis zum Wahnſinn geſteigerte Wuth in ihm erregt. Wer nicht mehr war als ein gewöhnlicher Menſch, hätte müſſen unter der Wucht eines ſolchen Haſſes erliegen. Hatte die Herzogin die Wahrheit ge⸗ ſprochen? War Richard nichts als ein elender Betrüger? Hatte er wirklich die Hand einer Fürſten⸗ tochter diebiſcherweis erhalten? War er nur beru⸗ fen, in den Verwünſchungen des Volkes jenen Sim⸗ nel zu erſetzen? Und wenn auch nicht,— ſeine Hoffnung war der Tod, nur noch der Tod! Von ſolchen Schlangen gepeitſcht, eilte er den Lord Kildare zu erreichen. Er traf mit ihm zuſam⸗ men, da er eben ſeinem Souverän entgegenkam. Von Weitem ſchon erkannte Richards Adlerblick Banner und Helmbuſch ſeines alten Freundes, eilte ihm entgegen und ergriff ſeine Hand. Nachdem er ihn ſo bei Seite geführt, wo ihr Geſpräch ohne Zeu⸗ 207 gen war, erzählte er ihm, anfangs ſchaudernd, dann mit ſteigender Heftigkeit, endlich mit knirſchender Wuth, das Erſcheinen der Herzogin, ihre Schmähun⸗ gen, ihre Enthüllungen. Den gierigen Blick in die verdüſterten Augen des alten Ritters getaucht, ſpähte er nach dem Schatten ſeiner Gedanken, ſpannte er auf einen Blick der Un⸗ gewißheit, keuchte nach einem Ausſpruch. „O Patrick,“ rief er,„edler Patrick, ſage mir die Wahrheit, ſte muß mir werden und müßt ich ſie Dir aus dem Herzen reißen.“ Lord Kildare, niedergebeugt von dieſem unermeß⸗ lichen Unglück, antwortete nicht. Er ließ alle die herzzerreißenden Prüfungen, welche der unglückliche Richard beſtanden, an ſeinem Geiſt vorübergehen. Er fragte ſeine Klugheit, ſeinen Scharfſinn nach der Lböſung dieſes Räthſels; er fand ſie nicht und mit Entſetzen dachte er an die Möglichkeit, ſelbſt in ſolche Zweifel zu gerathen. Aber er war ein Mann von ſtarker Seele, von großem Herzen. Er glaubte nicht an jene Ungeheuer, deren frühreife Verworfen⸗ heit die gewöhnliche Ordnung des Lebens umkehrt und die Jugend dem Alter überlegen macht. Er ver⸗ ſtand im menſchlichen Antlitz zu leſen und die Thrä⸗ nen zu wägen.— Sie waren ſchwer und bitter genug, jene die über Richards Wangen rollten! „Die Wahrheit, ſagt Ihr!“ antwortete er end⸗ lich;„aber ich wundere mich, daß Ihr darum fragt. Wißt Ihr ſie denn nicht? Wer kann ſie beſſer wiſſen als Ihr? Wer beſſer als Ihr, ob Ihr der Herzog von York ſeid oder ein Betrüger? Wer in aller 8 208 Welt ſoll an Euch glauben, wenn nicht Ihr ſelber? Die Herzogin von Burgund hat Euch anerkannt, hintendrein verläugnet ſie Euch. Was kann Eurem Gewiſſen daran liegen? Die Herzogin iſt unergründlich und unmöglich zu durchſchauen; geſtern war es noth⸗ wendig für ſte, daß ſte Euch zum Neffen hatte; heute kann es ihr nothwendig ſcheinen, daß Ihr es nicht mehr ſeid. Es iſt kein Spiel, wenn man die Folgen erwägt; iſt 1 kein Spiel, weil ihre Sinnesänderung eine Umſtim⸗ mung in ganz England nach ſich ziehen kann; aber ich ſage noch einmal, was liegt Richard von York daran, wenn es der Herzogin von Burgund heute einfällt, ihn Perkin Warbeck zu nennen? Richard weiß beſſer als ſte, daß er Richard iſt. „Ob ich es weiß!“ rief der Arme. „Wohlan,“ fuhr Kildare ruhig fort,„auch ich weiß es. Ich habe die Narbe geſehen, die mein Dolch Auruͤckließ; ich habe meinen Fürſten wieder erkannt, mein Glaube ſteht feſt. Patrick wechſelt nicht mit ſeiner Ueberzeugung wie ein Kind oder wie ein Weib. Auch ſeine Neigung wechſelt nicht. Er iſt mit Euch, Mylord, und wird immerdar mit Euch ſein und bleiben. Iſt es das, was Ihr mich fragen wolltet? Ich denke, meine Antwort iſt klar.“ „Theurer, edler Patrick!...“ ſagte Richard mit ſchluchzender Stimme. „Warum dieſe Verzweiflung! Ich begreife ſie nicht. Man verliert einen Verbündeten und gewinnt dafür einen andern. König Jakob wird Euch nie⸗ mals verrathen. Die Schotten trauen Euch und laſ⸗ ſen nicht von Cuch; Eure Familienverbindung mit ihrem Land iſt eine ſichere Bürgſchaft für ihre Treue. —j 209 Ahr habt Alles, Alles behalten, und nichts ver⸗ oren.“ Der Jüngling faßte Kildare's Hand:„Was ich verloren, Patrick, das iſt das einzige Gut, was ich auf dieſer Welt beſaß; mit ihm hab' ich Alles ver⸗ loren, all meine Kraft, all meinen Muth; von allem Streben und Ringen iſt mir nichts geblieben, als die Verzweiflung, die Du mir vorwirfſt und ohne welche ich ſchon jetzt nicht mehr unter den Lebenden wäre!“ Mit dieſen Worten zog er ihn nach der Sänfte zu, welche während dieſer Unterredung allmählig näher gekommen war. Der düſtere, langſame Zug, der einem Trauerzuge nur zu äͤhnlich ſah, machte halt. Richard öffnete die ſchweren Vorhänge, und zeigte dem treuen Kriegsgefährten Katharinen, die unter ihrem weißen Schleier dalag, ſtarr und bleich. „Siehſt Du,“ ſagte er,„ſte hat nicht Deine Kraft gehabt; ſie hat gezweifelt: daran ſtirbt ſte. Sie ver⸗ läßt mich, Patrick, ſie verläßt mich, und hat mir weder geflucht noch verziehen!“ Der Greis war einen Augenblick wie vernichtet. Es gibt Schmerzen, welche den unterſeeiſchen Ab⸗ gründen gleichen: der Menſch der ihre Tiefe ermeſ⸗ ſen will, iſt verloren. Doch faßte ſich Lord Kildare ſchnell, und ſprach mit feſter Stimme: „Was iſt Liebe gegen Ehre? Schwachheit in dieſem Augenblick iſt Euch Schande. Wird Lady Katharina wieder geneſen, ſo ſeid Ihr Eurem Che⸗ gemahl eine Krone ſchuldig. Wenn ſie ſtirbt, gebt ihr das Leichenbegängniß einer Herzogin von York. Ein Perkin Warbeck könnte ſich den Tod geben auf Maquet, Weiße Roſe. 14 210 dieſem Grabe; Richard von York hat dazu kein Recht. Vorwärts! den Degen in die Hand! Vorwärtsenach Exeter. Ein Sieg wird Eure Abkunft aller Welt verkünden, am Siegesjubel wird Lady Katharina zum Leben erwachen! Alſo vorwärts mein Prinz! vorwärts!“ Dritter Theil. Erſtes Kapitel. Das Schickſal dieſes Königskindes iſt ſo ſchmerz⸗ lich und dabei ſo ſeltſam, wie die Geſchichte kaum jemals eines aufgezeichnet hat. Es gleicht jenen Herbſttagen, deren bleicher, farbloſer Morgen ſich in Nebel verwiſcht, deren Mittag durch einen Wolkenriß plötzlich in heller Sonne ſtrahlt, aber gleich darauf in noch dichterem Nebel oder gar in finſterem Sturm erliſcht. 3 Für Richard hatte die Mittagsſonne bereits angefangen ſich zu verhüllen. Er rückte auf Exeter und das Unternehmen ſchlug fehl. Durch Verſpre⸗ chungen ſowohl als Drohungen war ihm Hein⸗ rich VII. zuvorgelommen, die Thore fand er ver⸗ ſchloſſen und aus Mangel an Geſchütz mußte die Belagerung aufgegeben werden. Schon rückte das Heer des Königs von England heran; jenes Heer, deſſen Aufgebot gegen einen ſo verächtlichen Feind, anfangs, wie man ſagte, Hein⸗ rich VII. nicht der Mühe werth gehalten. Indeſſen mißachtete der Salomo Englands dieſen Herzog von York ſo wenig, daß er mit ſeinen beſten Brudhen in Eilmärſchen ihm entgegenzog, um dem Wald⸗ ſtrome Einhalt zu thun, der ſeine wilden Waſſer be⸗ reits gegen London wälzte. Richard zögerte nicht, die Schlacht anzunehmen. Bei Taunton ſtießen die beiden Heere auf einander; aber ohne die erſte ernſtliche Waffenprobe abzuwar⸗ ten, liefen die York'ſchen Haufen beim erſten Trom⸗ petenſtoß auseinander. Vergeblich warf der unglück⸗ liche Prinz ſich ihnen entgegen, erinnerte ſte an ihren Fahneneid, an ihre Ehre; verſprach ihnen Gut und Blut für ſte zu opfern. Schon im Voraus hatte ſchändlicher Verrath dieſes Tages Preis und Schickſal beſtimmt. Richard blieb endlich allein mit einer Handvoll Getreuer; auch er mußte fliehen, fortgeriſſen durch den Strom der Verräther und war noch überglück⸗ lich, daß er in dieſer ſchrecklichen Verwirrung dem Feinde die Sänfte entreißen konnte, welche noch im⸗ mer die Herzogin trug und auf deren Verfolgung die eifrigſten Käͤmpen des ſiegreichen Lancaſter ſich ge⸗ worfen hatten. Nachdem er, der Erſte, bis zu ihr ſich durchgeſchlagen, die noch vor wenigen Tagen die glückliche und ſchöne Katharina hieß, nahm Richard den lebloſen Körper ſeiner Angebeteten in die Arme, ſetzte ſie vor ſich auf ſein Roß, und führte ſie ſo wäh⸗ rend den erſten Stunden der Nacht mit ſich davon, wie ein erbeutetes Kleinod, wie eine heilige Reliquie. In finſtrer Wuth, vom Winde gepeitſcht, aufſchreiend vor Schmerz, ſo oft ihm Erinnerung einen Stich in die Seele gab, riß er einige treugebliebene Schot⸗ ten im Strudel mit fort; die wilde Suſanna, nicht im Stande auf ihrem ſchwächeren Thiere dieſem 213 verzweifelten Ritt zu folgen, heulte im Dunkeln nach Katharinen und ſtieß gegen Richard tauſend Ver⸗ wünſchungen aus, die gellend im Orkan verhallten. Dieſe Nacht war ſchrecklich. Als die Gefahr vor⸗ über war, kam die Scham, und Richard fühlte die ganze Größe ſeines Unglücks nicht eher mit vollem Bewußtſein, als bis er ſich in Sicherheit ſah, außer dem Bereich des drohenden Todes, an einer alten in Trümmern liegenden Abtei, von wo aus man das öde Haideland weithin überſah. Hier hielt er ſein dampfendes, abgejagtes Thier an; dann legte er ſeine koſtbare Bürde nieder unter dem zerbrochenen Fenſter der Kapelle, ſah ſich einen Augenblick um, ließ einen unſteten Blick über den kalten Himmel ſtreifen, der ihm keine Antwort gab, und kniete neben Katharina nieder; er wollte mit dem Hauch ſeines Mundes ihre Hände erwärmen und einen Blick aus dem Auge locken, das nun ſo lange ſchon unter den bläulichen Lidern entſchlafen war. Er ſchluchzte, er ſeufzte; ſeine Thränen hätten die Granitplatten, die ſie benetzten, erweichen können. Seit ſo vielen Tagen harrte er auf Katharinens Verzeihung, auf ihre Rückkehr zum Leben,— jetzt fand er mit Entſetzen, daß er ihr nichts bieten konnte, als Verderben und Schande, jetzt flehte er den Himmel an, die Starrheit, den To⸗ desſchlummer ſeiner Geliebten zu verlängern— bis in die Ewigkeit. „Sie leidet ja nicht,“ murmelte er,„ſie ſchläft, ſie weiß von Nichts, vielleicht, ſie träumt von himm⸗ liſcher Seligkeit, wie die kleinen Kinder, die von Gott geſegneten Engel, vor deren Augen er, der All⸗ gütige allen irdiſchen Jammer gnädig verhüllt. O Katharina, mein Kleinod, meine Seele, verlaſſe dieſes Leben und laß die Erinnerung ſchlafen gehen. Ka⸗ tharina! das letzte Mal, da wir uns ſahen, da liebteſt Du mich; das letzte Wort aus Deinem Munde war ein Schwur der Liebe! Stirb Katharina! ſtirb und gehe lieber heim, zu Gott, ſtatt mich anzuklagen und hier auf Erden Dich wieder von mir zu trennen.“ Er glaubte zu dem kalten ſtarren Weſen zu re⸗ den, welches ſeit jenen verhängnißvollen Reden der Herzogin von Burgund weder Augen noch Lippen bewegt hatte. Aber plötzlich richtete die Bildſäule ſich empor und ſprach mit einer Stimme, davon Richard ein Schauer über Nacken und Schulter lief: „Wohlan! Warum läſſeſt Du mich auf den Tod warten? Warum verlängerſt Du meine Pein?“ „Katharina,“ rief Richard, faſt bewußtlos. Langſam wich er vor dieſer geiſterhaften Geſtalt zurück, deren ſeltſame Töne ihm abergläubiſche Furcht einjagten. „Ich hoffte,“ begann ſte wieder,„Du würdeſt mich nicht dazu verdammen, noch länger zu leben. Mein einziges Heil iſt der Tod; aber ohne Verbrechen kann ich ihn mir nicht geben. Du aber, Du der mich zu beklagen ſcheint, wie kannſt Du ihn mir verwei⸗ gern?“ Richard ſtöhnte dumpf. „Ich!“ ſagte er,„ich ſoll den Tod geben dem einzigen Weſen, das ich liebe, der einzigen Hoffnung, die mir auf dieſer Welt geblieben!“ Noch einmal richtete Katharina ſich empor. Sie 215 ſtand beinahe ganz aufrecht, die Hand auf den Schaft einer zertrümmerten Säule geſtützt; ihr fliegendes Haar— ihr bleiches Antlitz, vom blutrothen Monde beleuchtet, deſſen Dämmer⸗Schein durch die Bogen⸗ fenſter der alten Abtei fiel— die Strenge, die jetzt auf ihren ſanften Zügen lag— der bittere Vorwurf, der auf dieſer ſonſt ſo heitern, von Frieden, Glück und Liebe ſtrahlenden Stirn geſchrieben ſtand, mach⸗ ten in Richards Adern das wenige Blut, das Erſchö⸗ pfung und Verzweiflung ihm gelaſſen, vollends zu Eis erſtarren. „Ihr liebt mich,“ fuhr Katharina fort mit gei⸗ ſterhafter Stimme,„Ihr liebt das traurige Opfer Eures Betrugs, die beweinenswerthe Gefährtin Eures nur zu wohl verdienten Unglücks. Wie? Iſt es Euch nicht genug, daß Ihr mich rein und tadellos meinem Volke, meinem Hauſe geraubt; nicht genug, daß Ihr eine Liebe mir eingehaucht, die nicht anders enden konnte als in tiefſter Schmach: Ihr nähret noch⸗die Hoffnung, in dieſer Schande mich feſtzuhal⸗ ten? O! das iſt das Entſetzlichſte von all Euren Verbrechen, das einzige vielleicht, das Gott Euch nie⸗ mals verzeihen wird,— Er weiß, was ich für einen meiner würdigen Gatten gethan haben würde.“ Zitternd, als ob der furchtbare Schlag jetzt zum erſten Mal ſein Herz getroffen, faltete Richard die Hände und ſagte mit flehender Stimme:„Es iſt unmöglich, daß Katharina mich für einen Betrüger hält; Katharina, mit der ich die erſten Tage meines Daſeins verlebte; Katharina, die in mir alle unſre kindiſchen Freuden, alle Leiden und Geheimniſſe der Jugend wiederfand, ſowie ich ſte wiederfand in ihr; 216 Katharina, die Geliebte, ſte kann nicht glauben, daß ich, der ich ſte mit heißer Leidenſchaft liebe, daß ich in meinem Herzen einen einzigen Gedanken bewahre, der nicht dieſe göttliche Liebe wäre.“ „Ihr habt mich getäuſcht von jeher,“ ſagte ſie, „noch jetzt in dieſem Augenblicke täuſcht Ihr mich.“ „O Katharina!“ rief Richard ganz außer ſich. „Würde die Herzogin Euch wohl verläugnen, wenn Ihr, Richard, ihr Neffe, ihr Blut, der einzige Ge⸗ danke ihres Lebens wäret?“ „Die Herzogin iſt von Sinnen.“ „Sie iſt wachſam, und wollte mein Leben und meine Ehre retten; das hat ſie geſchworen, da ſie mich über die Taufe hielt. Sie ſpricht zu mir im Namen meiner Religion, in Namen Gottes unſers Herrn. Wie könnt Ihr wagen das Gegentheil zu behaupten? Was beweist Ihr? Und was beweist ſie nicht, Meſſire?“ Dieſes letzte Wort hatte Richard noch nie aus Katharina's Munde gehört; ſonſt hatte ſie den Prin⸗ zen, ihren Gemahl halb liebkoſend, halb ehrfurchts⸗ voll immer:„Mylord“ genannt. Nun aber war dieſe bürgerliche Anrede, welche Rang und Stellung, ja die Liebe ſelbſt ſo ganz verläugnete, für Richard grauſamer, als öffentliche Beſchimpfung von Henkers⸗ hand. Er ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus und rang in Verzweiflung die Hände. Wider Willen fühlte Katharina, wie dieſer Ton bis in die geheimſten Falten ihres Herzens drang. „Ich will glauben,“ fuhr ſie fort,„daß Ihr ſelbſt von Jenen, die Euch aufgeſtiftet, hintergangen waret; ich ſehe, daß Ihr eine Zeitlang gegen den Betrug 217 Euch gewehrt habt mit dem Muth einer Seele, welche Gott nicht unrein erſchaffen, aber Stolz, Chrgeiz waren zu mächtig in Euch, und Ihr habt nachge⸗ geben.“ Richard ſchlug krampfhaft an die Bruſt, die unter dem erſtickenden Schluchzen zum Zerſpringen gepreßt war. „Konntet Ihr nicht,“ fuhr Katharina fort und ihre Stimme ward immer bewegter—„konntet Ihr nicht Eurem Ziel nachjagen, ohne an Eurer Hand, an Eurer Seite auch mich mit fortzureißen? Und dieſe Hand, welche Ihr anfangs hochherzig ausge⸗ geſchlagen, da Ihr wohl fühltet, ihre Annahme ſei ein Verbrechen, dieſe Hand, welche die Herzogin von Burgund Cuch verbot zu nehmen, mußten nicht Chre, Mitleid Euch gebieten, ſie auch vom Könige, auch von Schottland nicht anzunehmen, auch nicht von mir, der Unglücklichen, die in Euren Augen um ſo mehr Achtung und Schonung verdiente, da ich ſie Euch an⸗ bot, da ich Euch bat, ſie anzunehmen?“ Als ſie dieſe Worte geſprochen, konnte die junge Frau ſich nicht länger Gewalt anthun, ein Strom von Thränen ſtürzte aus ihren Augen, die zuvor ſo trocken geſchienen, als wären ſie von Stein. „Ol das iſt zu viel,“ ſtammelte Richard, von un⸗ erträglichen Qualen gefoltert.„Mein Gott, Du haſt es gehört, Du ſtehſt, o Gott, es wird zu viel! Ja, Ihr habt Recht, edle Dame, der Tod allein kann ſolche Qualen enden. Von Eurem Argwohn betrof⸗ fen, von Euch gehaßt, verachtet, was kann ich weiter wünſchen als den Tod? Ja, auf dieſem Schlachtfeld wollt' ich ſterben, wo mich das Glück verließ, ich 218 wollte fallen als ein Mann; nur der Gedanke an Euch gab mir den Muth zu fliehen und zu dem Un⸗ glück noch die Schmach zu ernten. Um Euretwillen nur wollt' ich das Leben retten. Mich däuchte, ich hätte eine Schuld Euch zu bezahlen; ich glaubte, zum Dank für Eure Freundſchaft, Eure Treue ſchulde ich an Euch eine große, glückliche Zukunft. Ich bin Euch nichts mehr ſchuldig. Mein Gewiſſen ſagt mir, ich habe mehr als genug bezahlt. Lebt wohl, Katharina, lebt frei und lebt beglückt; ich verzeihe Euch; mit meiner Unſchuld, meiner Wahrheit habe ich darauf ein Recht. Eines Tages vielleicht werdet Ihr kom⸗ men, von Eurem Gewiſſen getrieben, um wieder gut zu machen, was Ihr an mir gefehlt. An jenem Tage kommt hieher; denn hier an dieſer Stelle wird Yorks ächter Sohn ſein Leiden enden. Lebt wohl! Mit dieſen Worten faßte er nach dem kurzen Schwerte, das am Sattel ſeines Pferdes, neben einer Streitart hing. Da trat ihm plötzlich ein Schatten ins Licht; ein nerviger Arm faßte ihn, eine ernſte aber doch zutrauliche Stimme hallte durch das öde Gemäuer. Es war ein Gewappneter in blutbe⸗ fleckter Rüſtung, von dem Richard feſtgehalten wurde. 1 „Patrick!“— rief Richard. „Wer ſpricht da von Sterben?“ ſagte der edle Kildare.„Wer ſpricht davon, ſeine gute Sache, ſeine Freunde zu verlaſſen?“ 3 „Hab, ich jemals an Dir gezweifelt, Richard? Hab' ich Dir mein Blut verweigert?— Sieh hier — wie es noch fließt. Noch hab' ich genug davon, das ich Dir laſſen kann. Dein Kriegsheer iſt verlo⸗ 219 ren, wir werden neue Heere ſchaffen. Ein Weib ver⸗ läugnet Dich, beſchimpft Dich, ſei ohne Groll, ver⸗ zeih' ihr; der Schein iſt gegen Dich; daß ſie ein männ⸗ lich ſtarkes Vertrauen habe, kannſt Du von dieſem Kinde nicht verlangen.“ „Kildare,“ erwiderte der junge Prinz,„nicht Ka⸗ tharina iſt es, die da zweifelt, ganz England iſt es, ja die ganze Welt, und ich kann ihnen nichts beweiſen.“ „Du irrſt Dich, Richard, Du haſt einen Beweis, den ich Dir bringe.“ Traurig ſchüttelte der Unglückliche das Haupt. Die gebeugte, zitternde Katharina richtete ſich auf um zu hören. „Ja,“ fuhr Kildare fort,„einen unwiderlegbaren, unüberwindlichen Beweis. Ein Freund kann zwei⸗ feln am Freunde, eine Frau am Gatten, ein Sohn könnte zweifeln an ſeiner Mutter, aber niemals wird eine Mutter in ihrem Sohn ſich irren; niemals an⸗ ſtatt des vielbeweinten Kindes einen Betrüger als ihren Sohn begrüßen. Du haſt ja eine Mutter, Ri⸗ chard, warum vergiſſeſt Du ſte? Nicht Deine Unter⸗ thanen, nicht Deine Freunde, nicht Dein Weib mußt Du fragen, ob Du ſeiſt Richard, König von Eng⸗ land. Zu Eliſabeth Woodwille ſollſt Du gehen, der Wittwe Eduards IV., zu Deiner Mutter!“ „Ah!“ rief Richard, durch dieſen männlichen Rath wie neuerweckt,„durch Deinen Mund hat Gott geſprochen!— Er hat mich doch nicht ganz ver⸗ laſſen!“ ſetzte er leiſer hinzu. Für einen gewöhnlichen Menſchen,“ fuhr der itter fort,„iſt es freilich kein Unternehmen. Die Königin⸗Wittwe in dem unzugänglichen Zu⸗ d 220 fluchtsorte aufſuchen, wo Heinrich VII. ſte verborgen hält, ſeit er von einem Thronräuber hörte— den Eingang in das Kloſter Bermondſey erzwingen, wel⸗ ches Tag und Nacht von ſeinen getreuen Söldner⸗ ſchaaren bewacht wird, das iſt ein ſchwieriges Werk, das iſt ein Unternehmen, zu dem nur eine wahr⸗ haft königliche Seele ſich entſchließen kann. Wenn ich aber hinzuſetze, daß Bermondsey nicht früher als nach einem gefährlichen Marſch von etwa vier Wochen zu erreichen wäre, einem Marſch in Feindesland, der mitten durch die Heere führt, welche auf dich fahnden; wenn ich bedenke, daß eine einzige Unklugheit, ein Verſehen, eine Schwäche Dich ver⸗ derben kann, und daß Dein Tod der eines Straßen⸗ räubers oder gemeinen Verbrechers ſein würde— bei dieſem Gedanken, Richard, fühle ich,— der mit Dir ſpricht, der Dir alſo räth,— einen Schauer über mich kommen und ich wage nicht, Dich vorwärts zu drängen. Bedenke, daß wir keine Soldaten, kein Geld, beinahe keine Waffen mehr haben. Die Klug⸗ heit befiehlt Allen, für welche Du ſtets der ächte Sohn Yorks geweſen und noch heute biſt, ihre heilige Sache nicht eitlen Hirngeſpinnſten von Stolz und hohlen Täuſchungen der Liebe zu opfern. Dort ſteh' einmal hinüber nach jener Seite, jenſeits der Haide ſind die Berge, jenſeits der Berge das Meer. Dort iſt unſer Heil. Wir ſetzen wieder hinüber nach Ir⸗ land. Wir friſchen wieder auf den Muth und die Treue unſerer Freunde; ich aber, wenn ich zuvor Dich an einen ſichern Ort gebracht, ich gehe nach Ber⸗ mondsey——“ 4 „ Guter Patrick,“ unterbrach ihn jetzt Richar 221 einer Geberde der Verwunderung und einem weh⸗ müthigen Lächeln,„verdirb nicht durch das, was Du Klugheit nennſt, die erhabene Lehre, die Du mir gabſt. Es iſt Gefahr dabei, ſagſt Du, Tollkühnheit ſogar, zwei Grafſchaften zu durchziehen, die Linien von drei Heerſäulen zu kreuzen, um mich zu der Königin zu begeben,— um ſo beſſer; ich habe Viel zu beweiſen, Patrick, ich, über den ſo viele Zweifel laut werden. Du haſt mir eine Wohlthat erwieſen mit Aufzählung der Gefahren, die mir drohen; denn ich füͤhle, ſte werden den Schlag dieſes Herzens um keine Sekunde ſchneller treiben. Die Königin Eliſabeth iſt in Ber⸗ mondsey, das iſt Alles, was ich bedarf: zu ihren Füßen iſt meine Beſchämung oder mein Ruhm; zu ihren Füßen der Beweis meiner Wahrheit. Siehſt Du, Patrick, wenn ich nach Bermondsey laufen müßte über einen von Degenſpitzen ſtarrenden Boden, in einer Luft von Feuer und Flammen, unter den kra⸗ chenden Donnerſchlägen des zuſammenſtürzenden Himmels; wenn ich bei jedem Schritt einen Galgen ſtreifen müßte, ich würde doch nach Bermondsty ge⸗ hen ſchneller als ein Pfeil, freudiger als der Vogel, der wieder ſeinem Neſte zueilt: ich würde hinfliegen, ja, ich würde hinkommen, Patrick, denn ich vertraue auf Gott, auf den Gott der Gerechtigkeit und Barm⸗ herzigkeit, der von der Wiege an mich an Leib und Seele geprüft hat, der jetzt noch über mir wacht, und meine Augen den höchſten Lohn ſchauen läßt!“ Richard hielt ein, aber noch glühte ſein Auge voll Begeiſterung. Katharina hatte ſich an die Mauer gelehnt, die Stirn geſenkt, die Augenlider halbgeſchloſſen, als 222 ginge es jetzt über ihre Kräfte, dem hohen Fluge dieſer weit von der Erde weggetragenen Seele zu folgen. 4 3 „Alſo,“ begann der junge Herzog wieder,„wirſt nicht Du, Patrick, ſondern ich werde nach dem Kloſter der Königin Eliſabeth gehen. Für Dich bleiben an⸗ dere, ebenſo wichtige, ebenſo heilige Pflichten. In jener Zeit, da man mich Herzog von York nannte, hat ſich ein edles Weib von fürſtlichem Geſchlecht mir hingegeben; ich habe ihr Schutz und Treue geſchwo⸗ ren bis zum Tode. Ich hätte nie an ihr gezweifelt; aber wenn auch ſie weder Achtung noch Liebe mir be⸗ wahrte, ſo iſt das kein Grund, ſie mit hineinzureißen in Gefahren, die nur eine treuergebene Gattin auf ſich nehmen könnte. Nimm alſo zu Dir die we⸗ nigen Schotten, die uns noch bleiben, unter dieſem Geleite wirſt Du Lady Katharina Gordon führen, wohin ſte wünſcht. Ich bin überzeugt, wenn auch Lady Katharina ſich in die Hände meines Feindes Heinrich VII. zu ergeben wünſcht, wird ſie doch nicht unterlaſſen, Deine eigene und unſerer Leute Freiheit zu bedingen. Bereite Dich zur Abreiſe. An Euch, edle Frau, iſt es, ihm Befehle zu ertheilen. Mit dieſen Worten aus überwallendem Herzen hatte Richard ſich von der Erhöhung entfernt, auf welcher Katharina ſtand, und ging entſchloſſen auf die ungeduldigſten ſeiner Leute zu, die, nach ſo viel Mühen und Gefahren endlich wieder vereinigt, ehrer⸗ bietig den Ausgang dieſer Unterredung erwarteten, welche ihnen unverſtändlich war. „Mylord,“ ſagte Katharina, zu dem Greis gewen⸗ — 7223 8* det, mit zitternder Stimme,„werfet nicht voreilig alle Schuld auf mich. Ihr habt Eurem Herzen geglaubt; ich aber mußte den Anklagen der Herzogin, meiner zweiten Mutter, glauben. Niemals, auch auf dem Throne nicht, werde ich in Schande willigen; niemals werde ich der von Gott eingeſetzten Ordnung untreu werden, auch nicht auf dem Blutgerüſt. Ich nehme den Ausſpruch der Königin Eliſabeth an als ein Ur⸗ theil ohne Berufung; und mit Euch werd' ich in Ber⸗ mondsey vor ihr erſcheinen.“ Als er dieſe hochherzigen Worte hörte, wandte Richard ſich ſchnell um. Er wollte danken dem Mun⸗ de, der ſie ausgeſprochen; aber wie die ſabiniſche Se⸗ herin, hatte Katharina, nachdem ſie ihre ganze Seele darin enthüllt, über die von innerer Bewegung ſchwimmenden Augen wieder den Schleier herab⸗ gelaſſen. Inn dieſem Augenblicke traf die verloren geglaubte Suſanna bei den treugebliebenen Schotten ein. Mit einer gemiſchten Empfindung von Zorn und Freude preßte ſie ihre wiedergefundene Herrin in die Arme. So lagerte nun die kleine Schaar die ganze Nacht über, welche, Dank dem freundlichen Himmel, lau und milde war, unter den Ruinen. Richard ging zwiſchen den Reihen der Schläfer hin und her und bewachte ihren Schlummer. Manchmal ruhte ſein ſchüchterner, liebevoller Blick auf jener Stelle, wo mitten in den ſchwarzen Trümmern, unter einem ſchnell hergerich⸗ teten Nothdach, Katharina ruhte; und von eben dort her flammte durch das Dunkel ein Blitz tödtlichen Haſſes aus Suſanna's Augen, als wollte ſie dieſen falſchen Richard vernichten, dem ſie alles Uuglück ih⸗ 224 res theuren Kindes ſchuld gab, über denſ die Rache der nächtlichen Geiſter ihres Heimathlandes herauf⸗ beſchwor. Zweites Kapitel. Die Siege von Exeter und Taunton, ſo verhäng⸗ voll für die York'ſche Partei, hatten gleichwohl Hein⸗ richs VII. Groll nicht geſättigt. Dieſer Fürſt, von einigen Geſchichtſchreibern ſo reichlich ausgeſtattet mit einer Fülle von Tugend und Weisheit, dergleichen er niemals beſeſſen, verfolgte mit wüthendem Haß dieſen neuen Prätendenten, auf deſſen Seite Schottland, Irland und einige Provin⸗ zen von England ſich geſtellt hatten. Für ihn hatte der Kampf zuerſt im Innern des eigenen Hauſes be⸗ gonnen. Ein Lancaſter ſeinem Blut und ſeiner Po⸗ litik nach, ein York all ſeinen Verbindungen nach, lebte er in fortwährendem Streit mit ſeiner Gemah⸗ lin Eliſabeth, der Tochter Eduards IV. und mit ſeiner Schwiegermutter Eliſabeth Woodville, deſſen Wittwe, und jeder Seufzer dieſer beiden Frauen, wenn der Name York vor ihnen genannt wurde, erregte bei Heinrich VII. knirſchenden Zorn und Schauer der Furcht. Gleichwohl war es für ihn gebieteriſche Noth⸗ wendigkeit, von ſolchem Zorn und ſolcher Furcht nichts merken zu laſſen. England hätte nicht ohne Unwillen ſeine Königin mit rothgeweinten Augen 225 geſehen, es hätte dem Lancaſter nicht erkanbt, ſeine theure York zu mißhandeln: Heinrich VII. verſtellte ch. Gleich zu Anfang hatte dieſer ſogenannte Salo⸗ mo einen ungeheuren Fehler gemacht, indem er bei den Engländern den alten Schmerz um die weiße Roſe wieder aufrührte. Das unklugerweiſe von ihm ausgeſtreute Gerücht von einem wiederaufgefundenen Sohne König Eduards war zu einem Sturm von Hoffnungen angeſchwollen, der ſeinen Thron zum Wanken brachte. Aus dieſer Chimäre, welche Hein⸗ rich VII. verſuchsweiſe gewagt, hatten ſeine Feinde ſofort eine Wirklichkeit zu machen geſucht. Daher die Anſtrengungen der Herzogin von Burgund, einen neuen Nebenbuhler des Throns zu ſchaffen; daher die einmüthige Unterſtützung, welche deſſen Unter⸗ nehmen bei den Fürſten Europa's fand; daher in England der Ausbruch des Willens der Nation bei den erſten Nachrichten von Richard's Erſcheinen. Für einen klugen Mann war Heinrich VII., das wird man zugeben, eigentlich tollkühn geweſen. Da er nichts auf der Welt fürchtete, als dieſes Schreckbild, da er ſelbſt es hervorgerufen, um ein⸗ für allemal deſſen Nichtigkeit zu erweiſen, ſo bemäch⸗ tigte ſich ſeiner die größte Beſtürzung, als er es jetzt mit der Zauberkraft einer rieſenhaften Wirklichkeit vor ſich ſtehen und gehen, und immer groͤßer und größer werden ſah. Um jene Zeit war es, wie man ſich erinnern wird, daß Brakenbury, der Mörder der Kinder Eduard's, ſich ihrer Mutter zu Füßen warf, um ihr Hoffnung zuzurufen; um dieſelbe Zeit hatte Fryon, der Geheimſchreiber und Helfer Heinrichs VII. Maquet, Weiße Roſe. 15 .226 dieſen verlaſſen, um nach Schottland und dann nach Flandern zu gehen, wo er der Herzogin von Burgund einen jener aufgefangenen Briefe einhändigte, den er hätte ausliefern ſollen. Der Leſer wird uns Dank wiſſen, wenn wir ihn für einige Augenblicke rück⸗ wärts ſchauen laſſen. Ueber Fryon's Flucht war Heinrich VII. höchlich erſtaunt. Anfangs konnte er die Sache gar nicht bkgreifen. Aber als er die freudiggehobene Stim⸗ mung der Königin⸗Wittwe bemerkte, die von wieder⸗ erweckten Hoffnungen zeugte, als ſeine Spione ihm von einem unbekannten Menſchen, einem ſonderbaren alten Mann erzählten, der, als die Königin ſich außer⸗ halb des Palaſtes erging, ihr zu Füßen geſtürzt ſei mit Bitten und Thränen und mit faſt erſtickten Wor⸗ ten, die nur die Königin ſelbſt verſtanden, da witterte Heinrich, alle dieſe Umſtände zuſammenhaltend, ein Geheimniß— eine Gefahr. Er eilte zu der Königin Eliſabeth, ſeiner Schwie⸗ germutter, er verſuchte Alles, ſie zum Sprechen zu bringen, verſprach, drohte, brauchte Gewalt. Die unerſchrockene Mutter ſchwieg. Sie wußte, daß ihre Schweſter von Burgund ihr Beiſtand leiſten würde, ſte hoffte auf Gott, ſte fürchtete für das Leben ihres Sohnes, wenn ſie ein Wort offenbaren würde. So wurden alle Sturme des Königs abgeſchlagen. Jetzt kam die Reihe an die junge Königin, ſeine Gemahlin, dieſe aber wußte von Nichts. Eliſabeth Woodville, im Unglück vorſichtig geworden, hatte den Launen und Schwächen eines Ehebetts kein Ge⸗ heimniß anvertraut.. Wo nun ſich unterrichten? Was thun? da er die 227 Frauen nicht zum Sprechen bringen konnte, außer vielleicht auf der Folter, wenn er das hätte wagen wollen— ſo dachte Heinrich VII. darauf, mit Fryon zum Ziel zu kommen. Nun wurde Gold mit unge⸗ wohnter Verſchwendung daran gerückt, Dutzende von Kundſchaftern über halb Europa ausgeſandt und, wie wir geſehen, der unglückliche Fryon aus Flandern entführt in dem Augenblick, wo ſein Scharfſinn in dem angeblichen Betrüger Perkin den wahren Richard von York entdeckt hatte, den er jetzt eben im Triumph der Herzogin zuzuführen ſich anſchickte, freilich ohne daß er Zeit gehabt hätte, ihr ſtatt einer künſtlich abgerichteten Puppe den lang beweinten Neffen wie⸗ derzugeben. Fryon, jetzt in der Gewalt des Königs von Eng⸗ land, überlegte. Eigentlich war ſein Entſchluß für jeden denkbaren Fall ſchon längſt fertig. Er hatte alle möglichen Ausgänge dieſes Handels— gute oder ſchlimme— im Voraus durchdacht, und ſo konnte keiner ihn überraſchen. Aus eigener baigen kannte er Heinrich VII. genau genug, um zu wiſſen, daß der⸗ ſelbe niemals Verzeihung übte, zumal wenn ſein Feind ihm zu nichts mehr dienen konnte. .„Wenn ich geſtehe,“ dachte Fryon,„ſo liegt mein Verrath am Tag. Man preßt alles aus mir heraus, was man braucht, und dann bin ich immer noch gut genug, um zwiſchen vier Wänden aus der Welt beför⸗ dert zu werden; ſollte aber, nachdem ich geſprochen, Heinrich VII. mich gleichwohl verſchonen, ſo bekom⸗ men mich früher oder ſpäter die Herzogin oder der junge Prinz noch unter die Hände, und werden nicht vergeſſen haben, daß ich ſie beide verrathen. Ster⸗ — 228 ben um Sterben, ſo oder ſo, alſo lieber ſtillgeſchwie⸗ gen; ſo bewahre ich mir Freunde und habe übrigens in dieſem Fall immer noch die eine Ausſicht: Beweiſe gegen mich hat der König keine, ſehr wohl möglich, daß er, in der Hoffnung, ich werde am Ende doch noch ſprechen, mich leben läßt. Man tödtet einen Menſchen, um ein Geheimniß mit ihm zu begraben, nicht aber einen ſolchen, der Einem ein Geheimniß noch offenbaren kann: alſo müſſen wir ſtillſchweigen.“ Von ſeinen Entführern vor Heinrich VII. ge⸗ bracht, beharrte Fryon wirklich auf ſeinem Still⸗ ſchweigen. Seine Flucht begründete er durch die ärmliche Lage, welcher die eifrigſten Diener des Kö⸗ nigs durch deſſen Geiz überlaſſen ſeien. „Ich wollte einmal,“ ſagte Fryon,„bei einem freigebigeren Herrn Dienſte nehmen.“ Man verſuchte Schmeicheleien, er ließ ſich aber nicht fangen, man verſuchte einigemal gelinde Daum⸗ ſchrauben; er war auch dafür unempfindlich. Nun kam Heinri I. genau zu demſelben Schluß, wie Fryon: daß ſein Tod ihm nichts nützen würde. Man verwahrte ihn gut in einer ſtarken Feſte, um die Früchte ſeiner Zunge reifen zu laſſen. Fryon's Rechnung war richtig: man ließ ihn leben. Nun blieb noch jener geheimnißvolle Mann zu entdecken, der mit der Königin⸗Wittwe geſprochen. Aber dieſer Mann war verſchwunden, Niemand ent⸗ deckte eine Spur von ihm. Brakenbury war uner⸗ wartet, halb wahnſinnig, aus dem Dunkel hervorge⸗ treten, und kehrte eben ſo ſchnell wieder dahin zurück. Heinrich VlI. entdeckte ihn nicht. Dieſer Anſchlag, deſſen Fäden alle weder ſtchtbar 229 noch greifbar waren und die Mittel ihn zu vereiteln, waren Tag für Tag das Ziel, nach dem König Hein⸗ rich's forſchendes Auge ſuchte, der Gedanke, der ihn bei Nacht verfolgte. Endlich löste ſich das große Räthſel: die Herzogin von Burgund erkannte Perkin als König an; Richard erſchien in Schottland, die Völker ſtanden auf. Kein Zweifel mehr: ein neuer Thronbewerber, neue Bürgerkriege, Zwietracht im eigenen Hauſe, Europa feindlich oder doch verdächtig — das war der Streich der lange ſchon über der Krone des Lancaſter ſchwebte. Allerdings hatte Richmond große Dinge gethan, bevor er Heinrich VII. wurde. Erſt vor König Eduard IV., dann vor Richard III. ſich retten, die Schlacht bei Bosworth gewinnen, die Krone aigfraf⸗ fen im Blute des Beſtegten, die Tochter York's hei⸗ rathen, nachdem er den Thron ihr geraubt, zwiſchen Gattin und Schwiegermutter leben, hald ihnen flu⸗ chen, bald ſchmeicheln, um nicht vom ke in Stücke geriſſen zu werden— das waren wierigkeiten! Aber wenn man nun endlich zum Sitzen kam— dann noch den Thron zittern, die Krone auf dem Haupte wanken zu fühlen, dann ſo viel Arbeit und Intrigue noch einmal anzufangen, im Kampfe gegen einen Schatten noch einmal ſo viele Schätze zu wagen, das iſt doch mehr als Unglück, das iſt ein furchtbares erhängniß. Crſt glaubte Heinrich VII., und behauptete auch, dieſer Richard ſei ein Schatten, wie Simnel einer geweſen. Um dieſen Wahn von einem noch lebenden Sprößling der weißen Roſe in den Köpfen der Eng⸗ länder für immer auszürotten, gab es nur ein Mit⸗ gißt, eigenn 230 tel: den Tod der beiden Söhne Eduard's zu bewei⸗ ſen. Heinrich VII. ließ die Stelle, wo die Leichname der beiden Schlachtopfer verſcharrt ſein ſollten, auf⸗ ſuchen. Man grub unter einer dunklen Treppe nach, wo die Stelle von mehreren Zeugen richtig angezeigt wurde: man entdeckte wirklich Gebeine, man grub weiter nach, aber ſtatt zweier Gerippe fand ſich eines. Von größerem Schreck erfaßt, als wenn das an⸗ dere, den knöchernen Arm nach ſeiner Krone ausge⸗ ſtreckt, vor ihn getreten wäre, ließ Heinrich die leiſeſte Kunde von dieſer Nachſuchung unterdrücken. Ver⸗ worrene Gerüchte, auf geſchickte Weiſe unter der Menge ausgeſtreut, leiteten die öffentliche Meinung und Aufmerkſamkeit irre; aber von dem Ziel, wel⸗ ches die wetterwendiſche Menge nach und nach ver⸗ ützige Höflinge vernachläſſigen, läßt eine cht ſo leicht abbringen. Elifabeth Woodville, 9 Brakenbury's Enthüllung mehr als hinreichend aufgeregt, um die Gerüchte über Richard gierig aufzunehmen, dieſe unglückliche Mutter, fort⸗ während zwiſchen Hoffnung und Verzweiflung athem⸗ los umhergetrieben, erfuhr das Ergebniß der Aus⸗ Mutter ſich grabung ſo gut als den Einzug des Prätendenten in Schottland.. Sofort dringt ſite beim König ein, zwingt ihn zu einer Unterredung, deren Folgen er fürchtete ohne zu ahnen, wie ernſt ſie werden ſollten. Es war ein feierlicher Auftritt, ein ſchrecklicher Kampf zwiſchen der Liebe einer Mutter und dem Ehrgeiz eines Tigers. Dießmal hatte Eliſabeth ver⸗ 231 langt, daß die junge Königin, ihre Tochter, bei der „Beſprechung zugegen ſein ſollte. Aber beim erſten Wort entfernte Heinrich VII. ſeine Gemahlin, und dieſe, Mutter eines künftigen Königs, ſenkte das Haupt vor dem Blick ihrer Mut⸗ ter und gehorchte dem Gemahl. Die beiden Gegner blieben allein. „Mylord,“ ſagte Eliſabeth,„es iſt mir zu Ohren gekommen, einer meiner Söhne ſei nicht im Tower ermordet worden. Ihr müßt die Wahrheit wiſſen, denn Ihr habt Ihre Grabſtätte befragt. Ich begreife, daß Ihr Euch fürchtet England zu belehren; aber mir, der Mutter, mir, deren Tochter neben Euch auf dem Throne ſitzt, mir, die ihre Tochter nicht vom Throne ſtoßen will, mir, Mylord, ſagt die Wahrheit!“ Heinrich VII. antwortete nicht. Eliſabeth fuhr fort: „In dem Grabe, das Ihr öffnen ließet, fand ſich nur eines der Opfer; wo iſt das andere? In die⸗ ſem Augenblick rufen Stimmen mir zu, daß mein geliebtes Kind in Schottland ſei und an der Spitze eines Heeres auf London rücke. Was denkt Ihr davon?“ „Simnel, der Paſtetenbäcker, war das auch Euer Sohn? Auch er rückte mit einem Heer auf London.“ „Ich habe Simnel geſehen, ich wurde ſchamroth, als er vor mir ſtand; Ihr habt ihm ſeinen thörichten Betrug verziehen; ich aber bat Euch ihn zu beſtrafen. Wohlan, zeiget mir auch dieſen falſchen Richard; laßt mich ihn ſehen, mit ihm ſprechen, ihn überfüh⸗ ren. Eure Sache iſt für immer gewonnen, wenn mein Zeugniß für Euch iſt.“ 232 „Ihr ſollt den Prätendenten ſehen,“ erwiderte Heinrich VII.,„an demſelben Tage, da er als Gefan⸗ gener vor mir ſtehen wird.“ „O,“ rief Eliſabeth,„ich weiß, ich weiß, dieſen werdet Ihr nicht in die Küche ſchicken! Ihn, der mit Katharina Gordon ſich vermählte, ihn, den Ja⸗ kob IV. ſeinen Bruder, den meine Schweſter von Burgund ihren Neffen nennt, den, den wollt Ihr nicht gefangen, den wollt Ihr todt!“ Heinrich fuhr zuſammen. „Und Ihr, Madame,“ ſagte er,„was wollt Ihr, daß er werde? König etwa?“ „Ja, wenn er der König iſt! Wenn er das Kind iſt, das Ihr nicht gefunden habt in jenem Grabe, wel die Mörder im Tower gruben, wenn er mein Sohn iſt, Mylord, glaubt Ihr, ich werde ihn zum zweitenmal dem Beil oder dem Dolch verfallen laſ⸗ ſen? Hofft Ihr, ich werde meine Tochter einen ruch⸗ loſen Krieg führen laſſen wider den eigenen Bruder?“ „Madame,“ antwortete Heinrich VII. mit finſte⸗ rer Entſchloſſenheit,„die weiße Roſeregiert in Eng⸗ land nicht mehr; ſuchet Euch daran zu gewöhnen. Ihr habt auf den Stufen des Thrones einen Enkel, meinen Sohn; er wird dem Eurigen nicht geopfert werden.“ „Laßt mich nur das Eine wiſſen, ob der Präten⸗ dent mein Sohn Richard iſt! laſſet mich ſprechen mit ihm, mich davon überzeugen, ob er es iſt. Wenn er es iſt, ſo werde ich ſchweigen, ich ſchwöre es Euch; auf meinen Armen werd' ich ihn in die Verbannung tragen; er wird niemals König werden, aber leben 233 8 wird er doch. Iſt er ein Betrüger, o, ſo werde ich ſelbſt ihn Euch in die Hände liefern!“ Ein böſes Lächeln ſpielte um die dünnen Lip⸗ pen des Königs. Eliſabeth fuhr fort: 4 „Sein Tod wäre noch ein ſcheußlicheres Verbre⸗ chen, als jener erſte Mordanſchlag im Tower. Wie? Dieſer Jüngling wäre durch ein Wunder des Him⸗ mels dem Tod entgangen, er nennte Euch ſeinen Bruder, er ſtreckte die Arme aus nach ſeiner Schwe⸗ ſter, Eurer Frau— und Ihr wolltet ihn umbringen laſſen!“ „Er ſtreckt die Hand aus nach meinem Seepter, und ſein Schwert bedroht das Haupt meines Soh⸗ nes!“ 1 „Mylord, ich werde England, ja die ganze Welt aufrufen; ich werde ſagen, welche ehrliche Probe ich Euch angeboten, die Welt ſoll richten zwiſchen mir und Euch; überall werd' ich verkünden, daß Ihr mich hindern wollt, den Sohn Eduard's zu retten!“ „Um Eurer Ehre willen, Madame,“ entgegnete Heinrich VII. kalt,„und der Ehre Eurer Tochter willen, um der Sicherheit Eurer Perſon, Eures Hau⸗ ſes willen, werdet Ihr ſchweigen. Der Menſch, von dem Ihr ſprecht, iſt ein Betrüger, weil er Eure Tochter und Euren Schwiegerſohn des Throns ent⸗ ſetzen will. Ihr habt volle Freiheit, zwiſchen Euren Söhnen und Euren Töchtern zu wählen; aber eine gute Mutter muß ohne Vorliebe für eines ihrer Kin⸗ der ſein. Uebrigens war ich der Meinung, das Haus York ſei eng verbunden mit dem Hauſe Lancaſter; Ihr ſolltet die erſte ſein, dieß zu beweiſen; aber, da 234 4 Ihr Euch von dieſer Pflicht entfernt, ſo werde ich Sorge tragen, Euch dabei zu erhalten!“ Eine Stunde ſpäter führte Heinrich VII. ſelbſt ſeine Schwiegermutter nach dem Kloſter Bermondsey in ein Gefängniß, das mit dem Namen einer Zu⸗ fluchtsſtätte geziert war, und das die eiferſüchtige Vorſicht des Schwiegerſohns ebenſo ſtumm, ebenſo undurchdringlich zu machen wußte, als das unterſte Verließ ſeiner Staatsgefängniſſe. Für die Mutter des unglücklichen Richard war es die Schwelle zum Grabe. So machte Heinrich VII. dem Hader ein Ende. Befreit von allen Familienrückſichten warf er ſich jetzt ganz auf den Kampf mit dem immer drohender werdenden Prätendenten. Verläumdung und Spötte⸗ reien eröffneten den Angriff. Als Wahnſinniger lächerlich gemacht, als abtrünniger Jude gebrand⸗ markt, bald auch im Herzen ſeines Rathes und ſeiner Heere angegriffen durch das unter die Verräther ge⸗ worfene Gold, wurde Richard endlich, die Waffen in der Hand, bei Exeter beſtegt. Um die Treue der Be⸗ wohner dieſer Stadt anzuerkennen, machte Heinrich VII. dem Bürgermeiſter, der ſte gegen Richard ver⸗ theidigt, ein Geſchenk mit ſeinem eigenen Degen, und verlieh ihm, ſowie ſeinen Nachfolgern für ewige Zei⸗ ten das Recht, bei feierlichen Gelegenheiten in Gegen⸗ wart des Königs dieſen Degen zu tragen. Die Niederlage von Taunton vernichtete endlich Richard's letzte Hilfsquellen; auf ſeinen Kopf ſetzte der Sieger einen unermeßlichen Preis. Das Uebrige wiſſen wir. Aber was war erreicht nach dieſen Siegen? Um 9 235 Richard ſelbſt war es Heinrich VII. zu thun; dieſe königliche Stirn mußte entehrt, dieſer verrätheriſche Mund für immer geſchloſſen werden, dieſen Leib, obwohl er Gloſter's Mördern entronnen, obwohl er im Lauf der Jahre größer geworden war, ſollte doch ſein Platz noch werden in der Grube unter jener Treppe im Tower! Orittes Kapitel. Bermondsey, die alte, düſtere Abtei war eine der Zierden der ſchönen Grafſchaft Surrey. Unter den Gewölben dieſer Kreuzgänge, unter den reichverzierten Bogenfenſtern, hat mehr als ein könig⸗ licher Schmerz in der Stille ausgehaucht, und die unverwüſtlichen Granitplatten bedecken noch heute die Gebeine jener traurigen Waller, unter deren Tritten dieſe Steine dereinſt widerhallten. In Friedenszeiten iſt Bermondsey die ſtille Abtei mit ihren Gärten, grünen Raſen und vollen Gebü⸗ ſchen von kleinen rothen Roſen. Gewinde von Epheu und wilden Reben klettern an den hohen Mauern empor und Schwäne wiegen ſich da und dort auf brei⸗ ten Waſſerflächen, und ziehen ineinanderſchillernde Kreiſe. Es iſt ein Haus der Ruhe, der Vergeſſen⸗ heit. Die es bewohnen, ſcheinen nicht zu gehen wie Menſchen, geräuſchlos gleiten ſie durch die dichten Schatten der Baumgänge dahin. In Kriegszeiten wird die Abtei zur Feſtung. Die 4 236 Wälle geſtatten keinen Durchblick mehr; und Wagen könnten darüber rollen wie auf den Mauern der Se⸗ miramis. Bei Nacht wird das Gatterthor herabge⸗ laſſen. Tiefes ſchwärzliches Gewäſſer liegt unbeweg⸗ lich in den Gräben. Hinter den Zinnen ſieht man im Mondſchein Helme und darüber breite Hellebax⸗ den blitzen. Mit nur einfacher Beſatzung könnte Bermondsey ganze Kriegsheere aufhalten, Heinrich VII. aber hat einen ganzen Heerhaufen hineingelegt, um die Königin zu bewachen, ſeitdem in England ein Sprößling von York wieder aufgetaucht iſt. Es ſind ihrer viele, welche die Feſte vertheidigen ſollen, und doch ſind ſte ſchwach, wenn man bedenkt, welche Art von Feind es gilt von den Mauern abzu⸗ halten. Dieſer unſichtbare, ungreifbare Feind, das iſt ein Hauch, der von außen hereinkam; das ſind Laute nur dem Ohr einer Mutter verſtändlich; das iſt die Nachricht, daß Richard lebt, daß er vorrückt, daß er herannaht, daß er das Volk um ſeine Banner ſchaart. Werden wohl Soldaten im Stande ſein zu verhindern, daß es die Mauern überfliegt, dieſes luf⸗ tige Wehen, das mit dem Winde daherzieht? werden die Klagen und Seufzer Eliſabeth's ſich auch ein⸗ ſchließen laſſen in den Mauern von Bermondsey, die Wünſche und Gebete, die aus dieſem Kerker aufſtei⸗ gen und hinabfliegen in die Ebenen, wo Richard lebt und ſtreitet? Mittlerweile läßt der unglückliche, heißerſehnte Sohn Berge und Thäler hinter ſich. Seine kleine Schaar, die Städte vermeidend und den zahlreichen von Heinrich VII. auf ſeine Verfolgung ausgeſand⸗ ten Streifern geſchickt ausweichend, gewinnt jede 237 Nacht neuen Boden. Bei Tage ſchlafen ſie oder halten vorſtchtige Wacht. Lord Kildare hat ſeine Jahre vergeſſen. Er rei⸗ tet in der Vorhut, er bahnt ſeinem Herrn und König den Weg. Die von ihm ausgeſandten Hochländer, in tauſend Fehden erprobte Leute, ebnen die erſten Schwierigkeiten, ziehen Kundſchaft ein und melden Richard, was ſte Neues erfahren und welcher Weg zu nehmen. Katharina mit zwanzig Auserwählten wird der Nachhut anvertraut. Seit jenem Schreckensauftritt in den Trümmern der Haidekapelle haben die beiden Gatten ſich nicht geſprochen. Bei Katharinen iſt jeder Groll erloſchen; die Geſundheit lebt wieder auf, Hoffnung würde die Liebe und mit ihr alle Kräfte neu beſeelen; aber ein unverſöhnlicher Feind, ein unbarmherziger Wurm zernagt immer wieder die zarten koſtbaren Keime des nahen Glücks. Suſanna wacht, unabläſſig träufelt ſie Gift auf die kaum vernarbte Wunde; ohne Aufhören klagt ſie Richard eines frevelhaften Betrugs an. Sei es, daß ihr Haß entſpringt aus wirklicher Ueberzeugung, ſei es, daß ein geheimer Einfluß ihn brütet und nährt, in jedem Ge⸗ danken, in jedem Wort des abergläubiſch wilden Weibes droht Richard Verderben. Sie iſt es, welche in Katharina's Blicken Nachſicht und Verzeihung auslöſcht, ſte räth ihr, mit einer gemeinen Liebe zu brechen. Sie thut noch mehr: ſie macht ihr den Vor⸗ ſchlag zu fliehen, die Begleitung heimlich zu ver⸗ laſſen oder zu beſtechen. Sie will Alles über ſich nehmen. Sie wird geheime Pfade zu finden wiſſen, welche dem Meere zuführen. Sie wird ihre Katha⸗ 238 rina entweder nach Schottland führen zu König Ja⸗ kob, oder nach Flandern zu der guten Herzogin, welche ihr Pathenkind erwartet und es in ihren mächtigen Schutz nehmen wird. Wenn ſie dann dieſe verwegenen Rathſchläge mit leiſer Stimme auszuſprechen gewagt, ſo ſpäht ſie nach deren Wirkung auf dem ſanften offenen Antlitz der jungen Frau. Iſt die Antwort ungewiß, ſo zeigt ſie ſich entrüſtet; dann wird ſie kühner, ſie zählt die Ge⸗ fahren auf, ſpricht von Treubruch und Verrath, welche ſte bedrohen.. „Man betrügt Dich, meine Tochter,“ murmelte ſte;„man führt Dich nicht nach Bermondsey. Der Handvoll Schotten, welche Kildare führt, wird Ber⸗ mondsey ſich nicht ſo leicht öffnen. Und dann würde der Falſche in Bermondsey gar zu bald Ueberführung und Strafe für ſeinen Betrug finden. Nein, du biſt beſtimmt, die Verbannung wie die Verbrechen des falſchen York zu theilen. Man ſpart für Dich die Ehre auf, ſeine Niederlagen wieder gut zu machen. Er führt Dich mit ſich fort, Du biſt ſeine einzige Kriegsbeute. Man muß wohl glauben, wird er ſagen, daß ich doch etwas bin, denn hier iſt ja eine Tochter Huntley's, eine Gordon, eine Verwandte der Könige von Schottland, die mich ihren Herrn und Meiſter nennt. O mein Kind! fliehe vor dieſem Unglück! fliehe vor dieſer Schmach! höre meinen Rath! Unter⸗ ſcheide wohl Deine wahre Freundin, Deine Amme, Deine Mutter, von dieſen elenden Ehrgeizigen, welche Dich zu einem Spielzeug machen und zu einem Schild für ſich ſelbſt.“ Aber all dieſen bitteren Worten, dieſen leiden⸗ 239 ſchaftlichen Ermahnungen ſetzte Katharina immer nur dieſelbe Weigerung und Thränen entgegen. Su⸗ ſanna wurde dadurch nicht abgeſchreckt, ſie beſchloß, auf eigene Fauſt ihren Zweck zu erreichen und ſuchte nach Helfern. Während eines Eilmarſches in einer finſtern Nacht, bei trübem regneriſchem Wetter, glaubte Ka⸗ tharina zu bemerken, daß ihre ſchottiſchen Wächter dem Zuge langſamer folgten als bisher, und daß ſie, ſtatt ſich in der Nähe der von Richard geführten Schaar zu halten, nach der linken Seite zu ſchräg über die Haide zogen. Hinter ihr war Suſanna, tief in ihren Plaid gehüllt, häufig mit den Hochländern im Geſpräch, das aber ſtillſtand, ſobald Katharina ſich umſah. Dieſer ſonderbare Ritt währte faſt eine Stunde. Erſchöpft und beunruhigt rief endlich die junge Her⸗ zogin ihre Amme herbei, und theilte ihr ihre Beob⸗ achtungen mit. Suſanna antwortete ganz unbefangen, die einge⸗ ſchlagene Richtung ſei von dem Führer ſo angeordnet. Anfangs gab ſich Katharina zufrieden bei dieſer ſcheinbaren Folgſamkeit, aber nach einiger Zeit, als ſie vor ſich den tönenden Hufſchlag von Richards Pferden nicht mehr vernahm, als man zu einem klei⸗ nen wildſtrömenden Fluſſe kam, den man ſchon am Morgen überſchritten hatte, wie ſie ſich erinnerte— da machte ſie Halt und rief nach Suſanna, die weiter geritten war, ohne wie es ſchien die Unruhe ihrer Herrin zu bemerken. „Wir haben uns verirrt,“ ſagte ſte,„dieß iſt der Leigh, der zwei Stunden hinter uns ſein ſollte, wenn 240 wir den richtigen Weg verfolgt hätten. Wo ſind wir?“ „Du biſt auf dem rechten Wege, Milady,“ erwi⸗ derte Suſanna mit vielſagendem Ton. Mit dieſem zweideutigen Wort war Katharina's Begehren nicht erfüllt.„Keinen Doppelſinn,“ rief ſte;„Wo ſind wir? gib Antwort!— Wie? Du ſchweigſt! Antwortet Ihr mir, Georges Dunallan, Ihr Mac Fergus, gebt mir Antwort!“ Die ſo angeredeten Hochländer ſchlugen die Au⸗ gen nieder, nachdem ſte mit einem Blick die noch im⸗ mer ſchweigende Suſanna fragend angeſehen. „Ich habe gefragt,“ ſagte Katharina mit Würde; „ich habe befohlen. Gehorcht man mir hier, oder bin ich verrathen?“ „Du biſt unſre Herzogin, die wir verehren und anbeten,“ rief leidenſchaftlich die Schottin,„und wir wollen Dich retten, ſogar wider Deinen eigenen Wil⸗ len. Komm nur mit uns, komm mit Deinen treuen Schotten; wir führen Dich nach dem rettenden Hafen.“ Aber dieſe beruhigenden Worte hatten Katharinens Schrecken aufs Höchſte geſteigert. Sie merkte die Schlinge, ſie errieth den Zweck dieſer Umkehr, und Suſanna mit kräftiger Hand faſſend:„Wo iſt der Herzog?“ fragte ſte. Mit ſpöttiſchem Lächeln gab jene zurück:„Welcher Herzog? der Fälſcher? der Betrüger?“ „Mein Gemahl, mein Herr!“ rief Katharina. „Wo iſt er? Hoffet nicht, Ihr könntet mich dazu bringen, ihn zu verlaſſen. Selbſt wenn er ſchuldig, ein Verbrecher, mit Schande bedeckt wäre, ich ver⸗ theidige, ich liebe ihn immer noch.“ 241 Suſanna ſtieß ein halberſticktes Wuthgebrüll aus. „Vorwärts,“ ſagte ſte mit gebieteriſcher Stimme zu den Reitern von der Bedeckung,„faſſet ihr Pferd beim Zügel, und reitet zu! Vorwärts!“ „Gewalt! Verrath!“ rief Katharina.„O nie⸗ derträchtiger Verrath! Ich ſage Euch, rührt mein Pferd nicht an! Zu Hülfe!“ Ihr herzzerreißender Hülferuf verhallte in dieſer öden Einſamkeit, aber er erweckte Furcht und Scham bei einigen ihrer Begleiter. „Betrübt Euch nicht ſo,“ ſagte einer mit bitten⸗ der Stimme.„Wir wollen ja nur Euch, Herrin, in Sicherheit bringen,“ ſagte ein Anderer. „Ihr wißt nicht was Ihr thut, Unglückliche!“ ſagte Katharina,„ich hielt Euch für treu und wacker, ich hielt Euch für meine Freunde, und Ihr bringt mich um meine Ehre. Wie? Könnt Ihr wol⸗ len, daß man mich des Abfalls, des feigen Verrathes zeihe? Weh! Ich habe meinem Gemahl, ich habe Lord Kildare verſprochen, ihm zu folgen und Ihr woflt mich zwingen, meinem Worte untreu zu wer⸗ en?“ „Wir wollen Dich nur zwingen, die Sache des Aufruhrs, der Lüge zu verlaſſen,“ ſagte die in ihrem Wahnglauben unerbittliche Suſanna. Sie näherte ſich, um ſchnell die Zügel des Pfer⸗ des zu ergreifen, welches Katharina auf der Stelle zu wenden verſuchte, aber einer der Reiter hielt noch ſchneller ihre Hand zurück.„Nein, Suſanna,“ ſagte er;„die Herrin weiß, was ſie will. Sie befiehlt und wir gehorchen. Du, Suſanna, haſt uns überredet die Maquet, Weiße Roſe. 16 A 242 Herrin irre zu führen, aber Du haſt uns hintergan⸗ gen. Seid ohne Sorgen, Milady, Ihr ſollt nirgend anders hin gelangen, als wohin Ihr ſelber wollt. Man hatte uns glauben gemacht, Ihr ſuchet nach dem Meere zu entfliehen; dazu wollten wir Euch helfen. Ihr wollt aber dem Herrn Herzog folgen, thut es nur, wir gehören Euch mit Leib und Seele. Dorthin geht unſer Weg.“.. Mit dieſen Worten zeigte der Schotte nach der⸗ ſelben Seite, woher man ſoeben gekommen. Katha⸗ rina wandte raſch um und ließ ihrem Renner die Zügel, taub gegen Suſanna's Bitten und Dro⸗ hungen. Hinter der Herzogin her ſausten die treuen ſchot⸗ tiſchen Reiter. Der eigenen Spur wieder folgend, jagte der Zug über die Haide hin. Erſt ſehr ſpät, beim erſten Schimmer der Morgendämmerung, be⸗ merkte man die Abmeſenheit Suſanna's. Vielleicht war ſie aus Scham weiter zurückgeblieben, vielleicht war ihr Pferd matt geworden. Außer ihr fehlten vier von den Schotten. Katharina, welche über ihre Amme nach Gebühr erzürnt war, hatte ſich gar nicht um ſie bekümmert, bis zu dem Augenblick, wo man ſie von ihrem Verſchwin⸗ den in Kenntniß ſetzte. Doch kam ihr entfernt nicht der Gedanke, dieſe Abweſenheit könnte eine längere werden, und aus Beſorgniß, ſie bei Richard und Kildare ver⸗ dächtig zu machen, verſchwieg ſie beiden das Ereigniß dieſer Nacht. Auf die darüber an ſie gerichteten Fra⸗ b ſie zur Antwort:„ihre Leute hätten, da ſie emüdung geſehen, Halt gemacht, um ſie einige zusruhen zu laſſen.“ Dieſe ihrerſeits hüte⸗ 243 ten ſich wohl ihre Herrin zu berichtigen, da ſie ſo ihnen zu Gunſten jedem Verdacht zuvorkam, und die Reiſe nach Bermondsey ging weiter, ohne daß Ri⸗ chard ein Wort erfuhr von dem ſchrecklichen Unglück, mit welchem Suſanna's Haß ihn bedroht, vor dem Katharina's Liebe ihn bewahrte. Die Schottin aber, welche ihre Herrin jeden Tag wieder zu ſehen dachte, erſchien nicht wieder. Wenn ſie Rache ſuchte, war ſie ſicherlich zu fürchten und die Vorſicht gebot der Her⸗ zogin, Richard von ihrer Flucht in Kenntniß zu ſetzen; doch kam in Katharinens edles Herz kein Ver⸗ dacht gegen die bewährte mütterliche Freundin. Suſanna, dachte ſte, hält ſich Tag und Nacht in unſrer Nähe auf, wie ein erboster Hund, der den Kopf hängen läßt und ſchmollt, wenn man ihn ge⸗ ſchlagen, aber doch, obwohl unbemerkt, von Weitem ſeinem Herrn auf Schritt und Tritt folgt. Ueber⸗ dieß weiß ſie, daß, was ſie Richard anthun würde, ebenſogut mir angethan iſt, und für mich würde ſte das Leben laſſen. Vor Suſanna keine Furcht, ver⸗ zeihen muß man ihr. Nach dieſen Gedanken, die dem goldenen Zeital⸗ ter anzugehören ſchienen, bewahrte die junge Herzo⸗ gin fortwährend Stillſchweigen. Es war nun einmal das Schickſal Richards von York, daß Alles, was ſonſt einen Schuldigen rettet: Liebe, Treue, Muth, Aufopferung— ihn unſchuldig verderben mußte. Prinz Richard kam weiter und weiter. Geſenkten Hauptes ging er vorwärts auf ſeiner nüächtlichen Bahn. Kildare und ſeine Vorhut hatten ihm die Bahn frei gemacht bis Bermondsey. War ey hittall dort, ſo ſollten Gold und Liſt ihm ein Thor 5 Bar B 8 leicht war im Innern des Kloſters ein Kampf zu be⸗ ſtehen; aber der Ausgang dieſes Kampfes konntenicht zweifelhaft ſein. „Wenn Ihr nur,“ ſagte Kildare zu ihm,„die Königin⸗Wittwe gefunden, wenn ſie Euch wieder⸗ erkannt und erſt Bermondsey mit Euch verlaſſen — was liegt daran, ob wir Andern zu Grunde ge⸗ hen; ſind Eure Mutter, Eure Gemahlin einmal bei Euch, ſo braucht Ihr keine Soldaten mehr, von die⸗ ſem Tag an wird ganz England Euer Kriegsheer ſein.“ Es wurde nun beſtimmt, daß Richard, in einem unfern der Abtei gelegenen Schloſſe geborgen, das Zeichen, nach Bermondsey zu kommen, erwarten ſollte. Katharina hatte die Gaſtfreundſchaft einer Nichte des Lord Kildare angenommen. An dem zum Angriff auf Bermondsey beſtimmten Tage ſollte Richard ihr Nachricht geben, und ſie zu der Königin⸗Wittwe füͤh⸗ ren. Endlich ſollte ihr der Beweis geliefert werden, von deſſen Herſtellung die Zukunft und Rechtmäßig⸗ keit ihrer Liebe abhing. Die Unterredung, in welcher dieſe Pläne verab⸗ redet wurden, führte die beiden Gatten zum erſten Mal ſeit der Niederlage von Taunton wieder zuſam⸗ men. Katharina erſchien mit gerührtem, beinahe reuigem Herzen; ſte nannte Richard„Mein gnädiger Herr“ wie früher, und öfter ſuchten ihre Blicke voll Unruhe das kalte, niedergeſchlagene Auge des unglück⸗ lichen Herzogs.. Noch immer aus einer Wunde blutend, welche nur die mit wildem Feuer verfolgte Wiederherſtel⸗ lung ſeiner Ehre heilen konnte, blieb er feſt auch in 245 dieſem langerſehnten Augenblick. Seine kalte Würde verließ ihn nicht; er nannte Katharina„Lady Katha⸗ rina“ und dankte ihr in feſtem, ruhigem Ton, daß ſie du der Reiſe ſo viel Muth und Ausdauer gezeigt habe.— „Wir ſind am Ziel, Milady,“ ſagte er zu ihr, „und in wenigen Tagen hoffe ich, iſt Euch Euer Ge⸗ mahl, England ein König wiedergegeben. Dann, Madame, wenn mir das Glück zu Theil wird, meine Krone wieder zu gewinnen, werde ich ſie in Eure Hände legen, daß ich Euch ſchadlos halten möge für den Kummer, den unſere Verbindung Euch gebracht.“ Nachdem er ſo geſprochen und bevor ſie die Ant⸗ wort geben konnte, welche ſichtbar aus ihrem Her⸗ zen ſich drängte und jetzt ihr auf die Lippen tre⸗ ten wollte, fuhr er fort im Ton eines Befehlshabers, der ſeinen Hauptleuten die Rollen zuweist: „Ich werde Sorge tragen, daß Ihr zuerſt nach Bermondsey gerufen werdet, ſobald ich ſelbſt dort eingedrungen, dann wird des Kampfes ein Ende, die Zeit der Erklärungen gekommen ſein. Ich werde thun, was ich zu thun vermag, damit dieſelben Euch Ge⸗ nüge leiſten mögen.“ Schon wollte die gedemüthigte, ſchmerzlich be⸗ wegte Katharina mit einem einzigen Lichtblick, mit einem einzigen Lächeln dieſe Wolke zertheilen, ſchon breitete ſie die Arme aus gegen ihren Gemahl, glück⸗ lich, ſelig, dieſer noch ungekrönten Stirn ewige Liebe zu ſchwören; aber Richard grüßte ſie mit der Haltung eines beleidigten Königs und nahm Abſchied; er khatte den traurigen Muth, ihren letzten Blick, ihren 7 246 letzten Seufzer zu verlieren. Eine Thüre ſchloß ſich zwiſchen ihnen und das war Alles.— Schwere Schuld ladet der Menſch auf ſich, wenn er ſeinen Schöpfer der Kargheit, wenn er das Leben der Unfruchtbarkeit anklagt. Hat ja doch Gott dem Menſchen erlaubt zu lieben, geliebt zu werden auf dieſer Erde. Wehe uns, wenn hochmüthiger Groll, Habſucht, Mißgunſt, an dieſen göttlichen Blüthen und Früchten den Lebensſaft vertrocknen ließ. Es hatte Richard einen harten Kampf gekoſtet, ſeine Gemahlin ſo grauſam zu behandeln. Die See⸗ lenſtärke, die er gezeigt, war weg, als er Katharina nicht mehr vor ſich ſah. Er bedauerte ſchmerzlich, daß er nicht ein gemeiner Soldat, eines jener verlo⸗ renen Kinder geworden, welche jeden Tag ihr Leben einſetzen im Spiel der Schlachten, ſich nie die Mühe nehmen den Empfindlichkeiten des Herzens zu lau⸗ ſchen und in vollen Zügen das Gute genießen, was ihnen über den Weg läuft. Ein Fürſt zu ſein, ein Fürſt, dem ſein Recht vorenthalten wird, iſt ein Un⸗ glück, das eine ſtarke Seele tragen kann; aber der Gemahl der anbetungswürdigſten unter den Frauen zu ſein, und vor dem Blick dieſer Frau erröthen zu muͤſſen, das war das größte Unglück, das Richard treffen konnte. Das war es, was ſeinen Verſtand unbegreiflich ſchnell gereift hatte. Fortan gab es für ihn keine Jugend mehr. An Mißtrauen und Späher⸗ blick konnte er wetteifern mit ſeinen gefährlichſten Feinden. Wie viel Liebe wußte dieſes zärtliche Herz zu ver⸗ bergen, welch edlen Ehrgeiz in ſich zu verſchließen! „Ein Weib,“ ſagte er ſich,„macht uns erſt glücklich, 247 aber am Ende ſind wir doch betrogen; ja, Kildare hatte wohl Recht, auch meine Mutter liebt mich, und ſie wird mich nicht täuſchen. Zu viele Leiden ſind aus meiner Liebe zu Katharina entſprungen; wenn ich, der Klugheit folgend und den Geſetzen der Natur gehorſam, vor allem Andern zu meiner Mut⸗ ter geeilt, ihr zu Fuͤßen geſtürzt wäre, wenn ſie vom Tage meiner Ankunft in England, mein erſtes, mein einziges Ziel geweſen wäre— dann würde der Schutz⸗ engel meines Hauſes mich nicht alſo verlaſſen haben; Keiner würde dem auf ſeine Mutter geſtützten Sohne Yorks mißtraut haben; und niemals hätte Katharina an mir, noch ich an ihr gezweifelt. Heute, nach ſo viel verlorenen Tagen, lebt mein Geſtirn wieder auf; hell ſteht es über mir, ſeit ich den rechten Weg ein⸗ ſchlug. Dieſen Leitſtern will ich nimmer aus dem Auge verlieren. Er ſoll jeden meiner Schritte er⸗ leuchten, jeden Gedanken befruchten. Auch Katha⸗ rina's Liebe zu mir ſoll von ſeinen Strahlen wieder erwärmt werden. O! jetzt verſtehe ich Alles! Gott wollte mich ſtrafen dafür, daß ich die Hand nach mei⸗ ner Krone ausſtreckte, bevor meine Mutter den Se⸗ gen dazu gab!“ In ſolcher Trauer und Selbſtanklage erwartete Richard den Erfolg von Lord Kildare's Unterneh⸗ mungen gegen Bermondsey. Aehnlich jenen Fana⸗ tikern der Liebe, welche, vom Glück verlaſſen, vor ihrer Leidenſchaft in die grauſamſte Selbſtpeinigung ſich flüchten, warf der junge Herzog ſich jeden Gedanken an Katharina vor; ſeine Leidenſchaft zehrte ihn auf und im Kampfe dagegen erſchöpfte er ſich vollends. Eingeſchloſſen in ſeinen Zufluchtsort und ins Dunkel 248 ſich verſenkend, kämpfte der Unglückliche einen ver⸗ zweifelten Kampf gegen dieſes lachende Traumbild, dem er ohne Zögern die Arme hätte öffnen mögen. Er that ſich fortwährend Gewalt an, in ſeinen Ge⸗ danken die ſtrenge Schönheit ſeiner gefangenen Mut⸗ ter, die unbeugſamen Pflichten der im Sturm heller ſtrahlenden Königswürde an die Stelle der bezau⸗ bernden Züge des Bildes der Geliebten und ihrer zärtlich luͤſternen Liebkoſungen zu ſetzen; dieſer Mit⸗ telzuſtand von Nichts und von Leben, dieſe koſtbare Ruhe, welche am Tage des Handelns ſeine Kräfte verdreifachen konnte, benutzte er nur, um in qualvol⸗ len Zweifeln ſich aufzureiben. Er vergaß, oder wußte vielleicht gar nicht, daß den Gipfel des Ruhmes und der Größe nur diejenigen erreichen, welche vom Schwindel ſich frei halten und niemals rückwärts ſchauen; der Menſch, der immer an ſeinem Leben herummuſtert, iſt nicht berufen zu hohem Geſchick, und in dem wilden Kampfgetümmel, wo es um Zep⸗ ter und Kronen geht, darf, wer den Preis erringen will, ſich unterwegs nicht bücken, um einem Verräther zu fluchen, einen Verwundeten aufzuheben oder einen Todten zu begraben. Es wäre Richard beſſer geweſen, an Katharina's Küſſen Leib und Seele wieder zu erfriſchen; beſſer in der That, ſich blindlings auf die Steinmaſſen von Bermondsey zu ſtürzen, bei einem tollkühnen Sturm den letzten Blutstropfen zu wagen, als in ſolchen un⸗ natürlichen Kämpfen mit ſich ſelbſt die vierzehn koſt⸗ baren Tage zu verlieren, die er in ſeinem ſonſt ganz günſtig gewählten Aſyl zubrachte. Andere, denen 1 ——;——ʒ—ꝛ·ꝛ˖ ˖— 249 Liebe und Zartgefühl weniger zu ſchaffen machten, hüteteten ſich wohl, dieſe unſchätzbare Zeit alſo zu verſchwenden. Viertes Kapitel. Endlich war Alles bereit. Kildare und ſeine Schotten hatten ihre Stellung genommen in der Nähe der Abtei, deren Ausfallthor durch einen Bogenſchützen von ihrer Partei geöffnet werden ſollte. Nach der Gewohnheit ihres Landes leicht bewaffnet, erwarten die Schotten das Zeichen zum Losbrechen. Die verabredete Meldung des alten Lord an Richard geht ab. Dieſer ſeinerſeits gibt Katharinen Nachricht, daß ſie nun bald vor die Königin werde gerufen werden. Noch wenige Augenblicke und das Schickſal des letzten Sohnes von York wird entſchieden ſein: die weiße Roſe wird geſtegt oder verloren haben. Richard verläßt ſein Verſteck. Er tritt hervor, wie der Löwe aus ſeiner Höhle, die Glieder geſpannt, die Klaue gewetzt, die ſtolze Mähne geſträubt. Ge⸗ wiß, wer ſo ihn ſah, das blonde Haupt vom ſchotti⸗ ſchen Plaid umwallt, das Schwert hoch in ſeiner Rechten ſchwingend und aus dem blauen Auge kühne Blitze ſchießend, der konnte nicht wagen, des ſtolzen Eduard's Blut ihm abzuläugnen. Katharina hätte ſich weinend ihm in die Arme geworfen. So war denn der Augenblick gekommen, den ſo viele Wünſche, ſo viele Seufzer erſehnt, ſo viel Nacht⸗ wachen vorbereitet, ſo viel Blut und ſo viel Gold er⸗ 250 kauft hatten! Richard wird kämpfen, ſeine Mutter umarmen, wird hören, wie er von ihr zum König ausgerufen wird. Bei dieſem Gedanken ſchlägt ſein Herz höher und ſchwellender, als fände es nicht Raum genug in eines Menſchen Bruſt. Es iſt verabredet, daß Kildare zuerſt eindringen foll. Er hat ſich um die Ehre der erſten Gefahr be⸗ worben. Sobald er des Platzes Herr, ſoll er Richard, der im Graben mit ſeinen Getreuen hält, die Leiter zuwerfen, auf welcher ſie dann die Mauer erſteigen. Im Innern von Bermondsey hat jener für Richard's Sache gewonnene Bogenſchütze Alles angeordnet. Er hat der Königin Eliſabeth Nachricht gegeben, er hat Kildare den begeiſterten Dank der Mutter überbracht; er endlich will Richard in die Gemächer der Fürſtin führen. Der Mann hat noch mehr gethan: er bürgt für den Uebertritt eines großen Theils der Beſatzung. Die Soldaten Heinrich's VII. ſind, ſo ſagt er, der Knauſerei und Scheererei bei dem Thronräuber über⸗ drüſſig; ſte harren mit Ungeduld des Tages, wo auf Englands Bannern ſtatt der rothen die weiße Roſe wieder ſtehen wird. Der Eintritt Richard's in Ber⸗ mondsey wird nicht ein Kampf, ſondern ein Triumph ſein. Und in der That— dieſer Eintritt glich einem Triumph: die Soldaten im Schloſſe ſenken die Waf⸗ fen; die Schotten ſehen ſich gegenuͤber nur friedliche Reihen. Kildare gibt Richard das verabredete Zei⸗ chen; heiliger Ehrfurcht voll betritt dieſer das Kloſter. Im ſelben Augenblick werden Katharina und ihr Gefolge durch das offene Thor eingelaſſen, und nicht als Feinde, ſondern als Herren empfangen. Das 251 Herz klopft ihr in Hoffnung und Liebe. Katharinens Blick ſcheint am Himmel den Stern ihres Glückes zu ſuchen um ihn zu ſegnen. Aber der Himmel iſt ſchwarz und umwölkt. Auch was Irdiſches ihr Auge ſieht, iſt ſchreckbar. Die Plattform des Schloſſes iſt in tiefe Schatten gehüllt, ringsum eingefaßt von unbeweglich daſtehenden Soldaten, welche zu ernſter Feier verſammelt ſcheinen. Was möchte auch feier⸗ licher ſein, als das Wiederfinden von Mutter und Sohn, als die Weihe rechtmäßigen Königthums! Wohl ſollten Himmel und Erde ihr Feierkleid anzie⸗ hen, die Krieger ihren ſchönſten Schmuck anlegen, um ein ſo herrliches Schauſpiel würdig zu begehen! Schüchtern tritt Katharina näher; könnte ſie doch unſichtbar wie eine Fee dahingleiten im Schatten der Nacht, und Richard ſich zu erkennen geben mit einem ſtummen Kuß! Auch der junge Herzog ſcheint be⸗ troffen von der Größe des Schauſpiels, erſtaunt läßt er die Blicke an den langen Reihen der Soldaten hinabgleiten, bis wo ſeine wenig zahlreichen Schotten beiſammenſtehen. Er ſucht Kildare, ihn zu befragen; dieſer aber iſt nicht auf der Plattform. Vergebens läßt er ihn ru⸗ fen; Kildare antwortet nicht, er zeigt ſich nicht. Jetzt verlangt der Prinz zu der Königin⸗Wittwe geführt zu werden, verlangt Auskunft von dem ſo er⸗ gebenen Bogenſchützen, der den Anſchlag vermittelt und Bermondsey überliefert hat. Der Mann ſchlägt die Augen nieder; ein Gefühl wie Scham läßt ihn von Richard mit unſicherem Schritt ſich abwenden. Zum erſten Male ſchaudert Richard zuſammen; er faßt den Mann bei der Hand. — 252 7 eh„Die Königin,“ ſagte er;„ich will die Königin ehen!“ „Da kommt ſie!“ antwortete der Bogenſchütze mit zitternder Stimme. Begierig ſchaut Richard hin. Er ſieht im Hinter⸗ grunde der Freiung den Kreuzgang, der nach der Kapelle führt, erleuchtet. Bei dem rothen Schein der Fackeln gewahrt er neue Soldaten, welche langſam, mit umgekfehrter Pike, vorüberziehen; hinter ihnen Kloſtergeiſtliche, er hört durch die Stille der Nacht den ſummenden Geſang einer Trauerlitanei. Bald unterſcheidet er den Umriß einer Art von Sarkophag, auf goldenem Zierrath erhöht, darüber ein großes weißes Leichentuch von ſchwarzen Streifen durchzogen, und oben auf dieſem Katafalk liegt eine weibliche Geſtalt, die Augen geſchloſſen, die Hände gefaltet, die Stirne bleich, in düſterer Majeſtät. Dieſe Frau trägt eine Krone; in ihren Händen hält ſie zwei Roſen, eine weiße und eine rothe, ein Zeichen der Verbindung, welche ſie auf dieſer Erde geſtiftet, und welche ſie noch im Tode, im Grabe heilig hält. Dieſes Grab wartet ihrer in Windſor, dorthin ſoll ſte geführt werden. Der Leichenzug ſetzt ſich in Be⸗ wegung, er kommt näher. Beim Vorüberziehen ge⸗ dämpfter Trommelklang, Senken der Waffen, Offi⸗ ziere und Soldaten knien nieder. Jetzt kommt die Leiche an Richard vorüber— erſtarrten Herzens, die Haare von Entſetzen geſträubt, wankt er zurück und hat nicht die Kraft zu rufen: „Meine Mutter!“ Er hat ſie wohl erkannt; die Züge der Todten haben, nachdem das Leben entflohen, ihre ganze Hei⸗ 253 terkeit und Friſche wiedergewonnen; ferne dem irdiſchen Jammer, in ihrem Gott, hat die unglückliche Gattin, die unglückliche Mutter, jene unvergängliche Jugend der ewigenGlückſeligkeit gefunden, und Richard ſieht wieder vor ſeinen Augen jene ſchöne ſanfte Frau, die an ſeiner Wiege ſtand und„Mein Sohn“ zu ihm ſagte. Er breitet die Arme aus, er will weinen, er will den theuren Namen rufen. Sein Leben, zehn Mal ſein Leben würde er geben, um das ſeiner königlichen Mutter wieder zu erkaufen, um einen Blick aus dieſen erloſchenen Augen zu erhalten, ein Lächeln, ein Wort von dieſen für immer geſchloſſenen Lippen. Für ihn iſt es nicht bloß das furchtbare Unglück, ſeine Mutter verloren zu haben, an ſich ſchon ein un⸗ erſetzlicher Verluſt. Richard's Geſchick will kein ge⸗ wöhnliches Unglück; daß er Eliſabeth in dieſem Au⸗ genblick verliert, das macht ihn nicht bloß zur Waiſe; es macht ihn zum Betrüger, zum Schelmen, zum ewig in Schande begrabenen Baſtary; das bedeutet Schmach ohne Rechtfertigung, Verderben ohne Ret⸗ tung und Hülfe, das bedeutet Katharinens Liebe auf ewig verloren; das iſt ein Sturzvon dem Hunmelherab, zu dem ſein eigenes Bewußtſein, ſein männlicher Muth ihn erhoben hatten. Noch mehr. Dieſer unvorher⸗ geſehene, ſo gut verheimlichte Tod, kund gemacht in⸗ mitten einer feindlichen Heeresmacht, das iſt vielleicht Gefangenſchaft mit allen ihren Qualen. Als Ver⸗ räther erkannt, muß er verloren ſein. Unter dieſer für einen Menſchen zu ſchweren Burde ſchwindet dem unglücklichen Richard die Kraft: er wäre bewußtlos niedergeſunken, wenn nicht eine in 254 gebrochenen Lauten durch die Finſterniß hallende Stimme ihn wieder zu ſich gebracht hätte. „Verrath!“ rief dieſe wohlbekannte Stimme; „Verrath, mein Prinz! Ihr ſeid verloren!“ Bei dieſen donnergleich gerufenen Worten wird die ohnmächtig niederſinkende Katharina von Su⸗ ſannen erfaßt und mit Freudengeheul davon getragen. Richard richtet ſich auf, der Leichenzug hat das Thor des Kloſters durchzogen. Das Fallgitter ſchließt ſich plötzlich, die Soldaten, noch in Reih und Glied ſtehend, laſſen ihre Waffen klirren; bleich, verſtört, Haar und Bart von Blut geröthet, ſtürzt ein Greis über die Freiung und ruft Richard, der Kildare in ihm erkennt und ſich ihm in die Arme wirft. „Flieht!“ ſagte der edle Ritter;„wir ſind von dieſem elenden Weib verrathen; ich habe Euch in die Schlinge geführt, ich werde Euch wieder heraushel⸗ fen, bevor ich ſterbe!“ Und auf einen Wink von ihm ſchließen die treuen Schotten um den Prinzen einen engen Kreis, bereit für ſeine Rettung ihr Leben zu laſſen. Mit Löwen⸗ muth halten ſie einen erſten heftigen Anprall aus; fechtend weichen ſte zurück, einer nach dem andern fällt, ihre Leiber legen ſich wie eine Mauer um Ri⸗ chard. Kildare ſetzt Alles daran, den Sohn Yorks aus dem Kampfgetümmel wegzuführen; er haut ſich mit ihm durch bis zu der Leiter, die noch am Graben angelegt iſt; er läßt die drei Letzten, die noch am Le⸗ ben ſind, mit ihm hinabſteigen, und als er ſie unten ſteht, ſtößt er die Leiter um. Es war ſeine letzte Anſtrengung; noch einmal grüßt er mit hellem Schlachtruf den weißen Helm⸗ 2⁵⁵ buſch Yorks, der frei, gerettet, entflieht. Nun gibt er ſich freudigen Muthes den tödtlichen Streichen preis und fällt, in Stücke zerhauen, auf der Höhe des Walls. Pfeile und Kugeln ſauſen hinter den Fliehenden her; vergeblich, die Nacht iſt finſter, die Entfernung nicht zu bemeſſen, und Heinrich's VII. Bogenſchützen haben ihre beſte Beute ſich entwiſchen laſſen. * 4 7 Fünftes Kapitel. Hätte auch die Herzogin von Burgund nicht ihre beſondern Gründe gehabt, Perkin zu haſſen und zu verderben, ſo würden doch die Erfotge Heinrichs VII. und die zunehmende Schwäche der York'ſchen Partei hingereicht haben, Margarethens Politik umzuge⸗ ſtalten und ſie zum Aufgeben ihres angeblichen Nef⸗ fen zu vermögen.. Allerdings war ſte mit ihm unzufrieden, daß er ſich hatte beſiegen laſſen, aber ſeit ſeiner Vermählung mit Katharina war ſie dermaßen über ihn entrüſtet, der Auftritt in White⸗Sand hatte in ihrer Erinne⸗ rung eine ſolche Bitterkeit hinterlaſſen, daß ſie, ganz gegen alle bisherigen Rückſichten, nur noch einen an⸗ ſtändigen Weg und Vorwand ſuchte, Alles zu wider⸗ rufen, um mit Heinrich VII. einen für ihre Eigenliebe wie für ihren Vortheil ehrenvollen Frieden zu ſchließen. Den Ueberlieferungen ihres Hauſes getreu, und feſthaltend an den Familienneigungen, hatte ſie be⸗ gonnen mit dem Verſuch, Richard und Katharina zu trennen und dann ihre Pathe, welche ſie zärtlich liebte, wieder zu ſich zu nehmen. Wir brauchen dem Leſer wohl nicht zu erklären, daß Suſanna's Verrath ihr Werk war. In der That, ſie ſagte ſich, daß, wenn Katharina einmal dem Könige von Schottland zurückgegeben oder an den burgundiſchen Hof zurückgeführt wäre, das Schickſal Richards eine gleichgültige Sache werden müßte. Die Siege eines Monarchen werden ſein Ruhm, ſeine Niederlagen rechnet er dem widrigen Schickſal auf: Margaretha, wäre ſie auch beſiegt, brauchte ſich deſſen nicht zu ſchämen. Richard ſollte fallen, aber ehren⸗ voll; er ſollte ſterben, aber ſein Sturz und ſein Tod ſollten der Sache Yorks ein neues Intereſſe verleihen. Perkin, dieſe Seele voll ſtolzer Beharrlichkeit, würde ſicherlich bis zu ſeinem letzten Athemzuge den Prin⸗ zen ſpielen, er wuͤrde ſeine Lüge niemals bekennen, und der Lancaſter, indem er ihn aus dem Wege ſchaffte, würde neuerdings auf ſich den Vorwurf la⸗ den, daß er königliches Blut vergoſſen. Dieſes Blut eines Betrügers würde die Erde befruchten für das Wiederaufblühen der weißen Roſe und zugleich den Haß und die Rache der ſtolzen Fürſtin ſättigen, wel⸗ che durch das elende Werkzeug ihres Ehrgeizes ſo grauſam hintergangen worden. Solcher Art waren die neuen Abſichten der Her⸗ zogin und nichts konnte, ſo ſchien es, dieſelben durch⸗ kreuzen. Schon nahm ſie bei Hofe die düſtere Miene einer Verwandten an, die von Angſt und Unruhe verzehrt wird. Schon ſagte ſie zum öftern und wie⸗ derholte laut, Richard werde ohne Hülfsmittel verlo⸗ 257 ren ſein, früher oder ſpäter müſſe er Heinrich VII. in die Hände fallen und dann werde die Welt das ver⸗ haßte Schauſpiel eines politiſchen Mordes zu ſehen bekommen. Aber zu ſich ſelbſt ſagte ſie, bald werde Katharina zu ihr zurückgeführt ſein; Nichts werde rührender anzuſehen ſein als dies junge Wittwe des letzten York, in tiefe Trauer gehüllt; und jene bisher ſo gewagte Rolle einer Beſchützerin der Kinder Eduards— jetzt konnte man ſie ſpielen unter dem Beifall von ganz Europa, ohne jedwede Gefahr, viel⸗ leicht ſogar mit Ausſicht auf Gewinn. Es war mit Suſanna verabredet, daß Perkins Abſichten auf Bermondsey dem Befehlshaber des Platzes entdeckt, der Prätendent feſtgenommen und, bevor er ſich mit der Königin⸗Wittwe beſprechen könnte, zum Tode gebracht werde, damit nicht jene den Betrug erkennen und offenbar machen möchte; die wiedergewonnene Katharina ſollte nach der Küſte geführt werden, dort ſich einſchiffen und nach der Mündung der Schelde auslaufen, von wo man ſie dann zu der Herzogin gebracht hätte. Mit einem Worte, der Plan war vollſtändig, unfehlbar. Su⸗ ſanna's eifrigem Haſſe anvertraut mußte er gelingen. Die Herzogin hatte Katharinens Eintreffen der Zeit nach genau voraus berechnet. An dem Tage, da ſie kommen mußte, meldeten ihr ihre Kundſchafter die Einfahrt des kleinen Schiffes in die Schelde. Begierig, ihre theure Katharina ſogleich zu begrüßen, begibt Margaretha ſich in ein am Strande gelegenes Landhaus. Sobald das Schiff in Sicht, wird ihm ein Zeichen gegeben, hier anzulegen. Schon breitet Maquet, Weiße Roſe. 17 258 Margaretha die Arme aus den Flüchtling zu empfan⸗ gen, da erſcheint vor ihr Suſanna, aber— allein; allein, die Augen hohl von Thränen der Reue. Bei dieſem unglückverheißenden Anblick bleibt die Fürſtin von Schreck betroffen ſtehen. „Wo iſt Katharina?“ fragte ſie, mit unſichern Blicken hin⸗ und herſuchend. „Katharina blieb in der Gewalt Heinrichs VIl.,“ antwortete lakoniſch die Schottin. „Mit Richard?“ „Richard iſt frei.“ „Frei?“ „Er iſt aus der Schlinge entwiſcht. Es iſt ihm gelungen, das Aſyl von Bauley zu erreichen, dort iſt er unyerletzlich, iſt gerettet!— die Königin Eliſabeth iſt geſtorben.“ Wie ein Hagel mörderiſcher Kugeln fallen dieſe raſchen, furchtbaren Schläge auf die Herzogin. Bleich, wankend, mit krampfhaften Fingern ſich an die Lehne des Armſeſſels klammernd, auf den ſte zurückgeſunken iſt, verſucht die ſtolze Schweſter König Eduards ſich aufrecht zu halten, wie es einer Koͤnigin ziemt; aber die Kräfte ſchwinden— ſie bricht zuſammen; mit halberloſchener Stimme kommt aus ihrem Munde die Frage: „Was will der dreimal verfluchte Lancaſter mit Katharina??“?“ 3 Immer gleich gefaßt erwiderte Suſanna:„Er hat geſagt, er werde ſie als Mitſchuldige des falſchen York zurückbehalten.“ „Mitſchuldig! ſie!— dieſer Engel! er könnte wagen—“ 259 „Er wird es wagen, ſie verurtheilen und enthaup⸗ ten laſſen,“ ſetzte die Schottin hinzu. Von Schrecken durchzuckt fuhr Margaretha em⸗ por. Suſanna trat ganz nahe zu ihr und ſagte leiſer: „Heinrich war ſelbſt nach Bermondsey gekommen; er wollte ſeine Angelegenheiten in eigener Perſon ab⸗ machen; er hat Alles geleitet— Alles vorgeſehen— Katharina dient ihm als Geißel gegen uns, gegen Richard ſelbſt. Jetzt ſind wir in der Schlinge gefan⸗ gen, uns ſelber haben wir verrathen. Katharina's Haupt wird fallen, und ich habe ſie getödtet!“ „Aber auf was würde der Lancaſter dieſe Mit⸗ ſchuld Katharina's zu gründen wagen? Hätte ſte nicht Perkin für einen ächten York gehalten, würde ſte ihm wohl Herz und Hand geſchenkt haben? So hat ſie nun in gutem Glauben gehandelt und iſt alſo nicht ſchuldig!“ „Für's Erſte,“ erwiderte Suſanna,„iſt Katharina nicht feige, und wird ſich weder vertheidigen noch ausreden; ſie erklärt ihren Gemahl für den ächten York!“ 1 „So iſt ſie verloren!“ „Meint Ihr?— Ich werde ſie retten, wider ihren Willen.“ „Nein,“ ſagte die Schottin ruhig. „Und warum nicht?“ rief Margaretha, die ſich eri die geringſchätzige Ruhe dieſes Weibes verletzt ühlte. 3 „Weil,“ antwortete Suſanna,„um ſie zu retten, Ihr etwas thun müßtet, was Ihr nie thun werdet.“ „Nämlich?“— „Nämlich Euren Stolz unterdrücken, Euren Feh⸗ 17 260 ler bekennen, mit Einem Worte, Euch demüthigen; Königinnen bringen ſolche Opfer nicht.“ „Es ſcheint,“ ſagte Margaretha nach langem Schweigen, während deſſen ihre ſtolze Seele ſich in der Geduld übte,„es ſcheint der Lancaſter hat ſeine Bedingungen ſchon gemacht.“ „Ja wohl.“ „Du haſt ſie wohl gar ſchon angenommen?“ „Ich, ja wohl; aber das iſt nicht genug.“ „Du biſt ſehr großmüthig, daß Du das doch zu⸗ gibſt. Ich danke Dir,“ ſagte die Herzogin ironiſch, während Suſanna die Stirn runzelte und vor ſich hin brummte. „Und was wären die Bedingungen, denen Miſtreß Suſanna zuzuſtimmen beliebt hat?“ fragte Marga⸗ retha in ſpoͤttiſch kicherndem Ton, womit ſte ihre Angſt und Aufregung zu verbergen ſuchte. „Wißt Ihr,“ ſagte die Schottin kalt,„ich, die ich nichts von einer Königin bin, ich habe ein Herz, ich flehte den König an, mir Katharina Gordon herauszuge⸗ ben, Ihr könnt Euch denken, daß ich ihm den Irrthum dieſes Kindes, den Edelmuth ihrer Seele begreiflich machte, daß ich ſchmerzlich, unterwürfig, blutige Thränen in den Augen, zu ſeinen Füßen im Staube mich wälzend ihn um Gnade anflehte! Ich bin ja keine Königin, verſteht Ihr.“ „Und dann?“ murmelte Margaretha. „Er hörte mich an, hieß mich aufſtehen und ſagte: Wenn ich dieſen falſchen Richard hätte, wäre Katha⸗ rina bereits in Freiheit. Aber er iſt in Sicherheit, er bedroht mich noch immer. Ihn ſchützt das Aſyl von Bauley; es iſt heilig; keine Macht Englands 261 wird wagen dort Gewalt zu brauchen. Was thun? Ich will, daß der Krieg ein Ende nehme; ich weiß, daß dieſer Menſch ein Betrüger iſt; aber nicht Jeder⸗ mann weiß es ſo wie ich, Katharina, die Wahnſin⸗ nige, erklärt ihn für den Sohn Eduards; er, der Elende ſchreit lauter als je von ſeiner Rechkmäßig⸗ keit; die Frau Herzogin von Burgund verſichert hoch und theuer, er ſei ihr Neffe, er ſei ein York. Was ſoll nun ich? Dieſe drei Zeugniſſe drängen mich wi⸗ der Willen zu Zorn und Strafe; ohne dieſe Zeugniſſſe würde ich dazu lachen und verzeihen. Aber das Wohl Englands, die Ehre meiner Krone, die Zukunft mei⸗ nes Hauſes gebieten, daß ich meine Feinde vernichte. Ich werde ſie vernichten. Ich habe des Betrügers Weib in meiner Gewalt, ſte wird entweder den Be⸗ trug bekennen, oder die Erſte ſein, die ſterben muß.“ Margaretha ſchauderte. „Und ich ſage, er hat Recht,“ ſchloß Suſanna, ſo unempfindlich wie bisher. „Du haſt ihm aber doch geantwortet,“ ſagte die Herzogin,„daß Katharina den Mann, dem ſie vor Gott angetraut worden, unmöglich verläugnen und verrathen kann; daß der Schuldige ſelbſt ſich nicht für ſchuldig erklären kann, ſo lange ihm noch ein Schim⸗ mer von Hoffnung bleibt; das mußteſt Du ihm antworten.“ „Nein, ich habe Nichts geantwortet,“ erwiderte die Schottin in gedehntem Ton.„Das wäre zwecklos geweſen; ich wußte wohl, was er will, und weil keine Antwort von mir ihm das hätte geben können, ſo ſchwieg ich lieber ſtill. „Aber, was will er denn?“ 262 „Von dieſen drei Zeugniſſen, welche, in ein Bün⸗ del vereinigt, ihn ſchrecken und bedrohen, iſt nur ei⸗ nes wahrhaft entſcheidend: das Eure.“ Margaretha ſchüttelte den Kopf. „Es iſt nicht anders,“ fuhr die Schottin fort: „Trotz aller Siege Heinrichs VII., trotz aller Hinrich⸗ tungen und Strafgerichte, die er verordnen mag, wird in den Augen gar vieler Engländer Perkin der wahre Erbe des York'ſchen Namens bleiben, ſo lange Ihr verſichert, daß er Euer Neffe ſei.“ „Gewiß,“ ſagte die Herzogin. „Ja, aber er iſt es nicht,“ nahm ruhig Suſanna wieder das Wort;„hättet Ihr ſonſt ihn verrathen u ins Verderben geſtürzt, wie Ihr mir zu thun be⸗ ahlt?“ Margaretha machte eine Bewegung, welche die unerſchütterliche Ruhe ihrer wilden Vertrauten nicht im geringſten ſtörte. „Nun wäre ja doch,“ fuhr dieſe fort, Nichts na⸗ türlicher geweſen, als in dieſer Manier fortzufahren, wenn Richard vom König gefangen genommen und Katharina uns wiedergegeben, wenn ſie vor der Rache des Thronräubers in Sicherheit war; dann war es bequem, und bis zu einem gewiſſen Grade vergnüg⸗ lich, Heinrich VII. zu quälen, indem man die Welt glauben ließ, daß dieſer Tyrann einen Sohn Yorks, ſeinen rechtmäßigen König ermordet habe.“ Margaretha erhob ſich, im höchſten Grade be⸗ troffen, von einer Creatur, die eigentlich kaum unter die Menſchen zu rechnen war, ſo durchſchaut zu ſein. „Unglücklicher Weiſe,“ fuhr Suſanna fort,“ ſind die Sachen ſchlimm gegangen. Wir haben das Spiel 263 verloren, und müſſen zahlen. Ich habe, meinen Mit⸗ teln nach, das Meinige gethan; jetzt kommt es an Euch!“ „Wie ſo?“ ſagte Margaretha mit Mißtrauen, die auffallende Heiterkeit der Alten wahrnehmend. „Ja, gnädige Frau, ich habe meinen Bruder auf⸗ geſucht, einen alten Soldaten, der nicht weniger un⸗ ſerer Herrin ergeben iſt als ich. Wir haben beſchloſ⸗ ſen, um das Kind wieder zu bekommen, wollten wir unſer Leben zum Opfer bringen. Unſer Leben,— das iſt Alles, was wir haben; aber das geben wir.“ „Euer Leben opfern, was wollt Ihr damit ſagen?“ „Es kann ſein, daß wir bei Ausführung meines Planes auf Hinderniſſe ſtoßen, nun ja, in dieſem Fall iſt, wer ſein Leben laſſen will, doch wohl der ſtärkſte?“ „Ihr wollt König Heinrich zwingen?“... rief Margaretha lebhaft. „Nein, nein,“ ſagte die Schottin mit einem Lä⸗ cheln,„nicht ihn, warum denn ihn? Er weigert ſich nicht, Katharina herzugeben; nicht Heinrich VII. ſteht uns im Wege; man darf ja nur thun, was er verlangt und Katharina iſt frei, was kann man mehr verlangen?“ „Nun, wer iſt Euch ſonſt im Weg?“ unterbrach die Herzogin, die Schottin mit einem mächtigen, flammenden Blicke treffend. 6 Aber Schottlands Adler wenden das Auge nicht ab vor dem Glanze der Sonne: Suſanna zuckte mit keiner Wimper. „Guter Gott,“ ſagte ſie unbefangen,„Ihr allein ſeid es, die mir Unruhe macht, gnädige Frau; denn 264 es iſt möglich, daß Ihr zögert zu thun, was der Kö⸗ nig von England verlangt und dann—“ „Und dann?“ fragte Margaretha erbleichend vor dieſer fanatiſchen Monomanie. „Dann wäret Ihr Schuld an allem Unglück, das Katharina zuſtieße, Ihr wäret die Urſache davon, Ihr müßtet es verantworten, das würde ſicher geſche⸗ hen,“ ſetzte ſte mit ſeltſamer Betonung hinzu, welche durch ein unheimliches Grinſen noch verſtändlicher wurde. „Und das iſt es alſo, was Ihr, Du und Dein Bruder miteinander ausgemacht haben?“ ſagte die Herzogin raſch mit jener Gewandtheit gekrönter Häupter, deren Leben gar manchesmal von einer Gei⸗ ſtes⸗Gegenwart oder⸗Abweſenheit abgehangen hat. „Ja, Frau Herzogin.“ „Wo iſt er, Dein Bruder, bei Dir?“ „Nein,“ erwiderte Suſanna, noch boshafter lä⸗ chelnd,„er iſt nicht bei mir. Ferne von hier erwartet er, was ich ihm zu melden haben werde. Er erwartet mich.“ „Schon gut.“ Sie betrachtete lange dieſes Geſicht, dieſes eherne Zifferblatt, hinter welchem das Urtheil über ihr Le⸗ ben oder ihren Tod einem Pendel gleich hin und her ſchwankte. „Du kannſt wohl bis morgen auf meine Antwort warten, gute Suſanna?“ ſagte die Herzogin. „O, ja! auch länger noch, wenn Ihr wollt. Es iſt ſchwer einen Entſchluß zu faſſen. Beſinnt Euch nur! Beſinnt Euch!“ So ſprechend beurlaubte ſich die Schottin von 265 der Herzogin, bis auf den letzten Blick ruhig und freundlich lächelnd. Sie richtete ſich in aller Stille im Hauſe ein, ohne ſichtbares Zeichen irgend welcher Gemüthsbewegung. Margaretha benützte die Augenblicke. Wohl war die Frage der Ueberlegung werth. Die ganze Nacht ging darüber hin, daß ſte mit ſich zu Rath ging. Doch mußte ſte anfangs lachen über die kindliche Einfalt dieſer armen Frau, welche auf eines Schotten ſchlechtes Meſſer zählte, um der Wittwe Karls des Kühnen Entſchlüſſe einzugeben. Dann aber gewann dieſe Frage in ihrem königlichen Haupte größeren Umfang. „Wozu einen ſolchen Krieg, mit andern Worten eine ſolche Reihe von Niederlagen verewigen?— Zu weſſen Vortheil dieſen gefährlichen Richard noch länger halten, deſſen man nicht mehr Herr wäre, ſo⸗ bald er triumphirte? Wie ſollte man die Fortdauer dieſer Verbindung, das heißt die Beſudelung durch eine ſchändliche Mißverbindung dieſes Juden mit der edelſten Tochter Schottlands dulden?“ „Würde der Schutz des Allmächtigen mit einem Herrſcherhauſe ſein, das auf ſolche Schmach, auf ſolch verbrecheriſche Gemeinſchaft gegründet wäre? Offenbarte er ſeinen göttlichen Zorn nicht ſchon durch die Unterſtützung, welche er der Partei Lanca⸗ ſter gewährte; und würde er diejenige in Frieden fortleben und fortherrſchen laſſen, welche aus Ehrgeiz oder Stolz Katharinen, dieſen Engel, ſterben ließe, da doch ein gefahrloſes, und zugleich viel weniger ſchimpfliches Geſtändniß ihr das Leben retten könnte?“ „Und nach alle dem, war es nicht bloße Gerechtig⸗ 266 keit, um den Preis von Katharina's Rettung, den Urheber ſo vielen Mißgeſchicks, dieſen verhaßten Per⸗ kin zu verderben, zu vernichten, dieſen aller ihm ge⸗ ſchenkten Theilnahme Unwürdigen, dieſen von Fryon zum Fürſten abgerichteten Landſtreicher, dieſen zur Schlange gewordenen Wurm, dieſen Räuber, für deſſen Triumph man ſo viel Gold, Blut und Ehre geopfert, und der nichts als Schande, Elend und Ge⸗ fahren aller Art eingebracht hatte! Ja, der mußte fallen, der mußte ſchmachvoll zu Grunde gehen; der mußte das Suͤhnopfer werden für Alle, der mußte bezahlen.“ „Aber freilich— wie nun nachgeben? In wel⸗ cher Weiſe die Unterhandlungen eröffnen? Unter welcher Form dieſen Widerruf bekennen? Mit einem Wort, vor welchem ſo mächtigen Intereſſe zu Füßen des Lancaſter den ganzen Stolz des York'ſchen Hau⸗ ſes demüthigen? Das Intereſſe! Dieſer letzte Grund, dieſe ſtärkſte Entſchuldigung, wo war es? Kathari⸗ na’s Leben retten, das war Gefühlsſache; zählt ſo etwas in der Politik? Was würde Margaretha ge⸗ winnen durch Unterhandlung mit Heinrich VII?“ Wie ſie noch zögernd auf dieſem jähen Gipfel ſtand, wie ſie vielleicht gerade dem Stolz ein geneig⸗ teres Ohr zu leihen und die Sache des Gefühls aus Gründen der höheren Politik aufzugeben bereit ſchien, in dieſer letzten Stunde des Zweifels, in der kritiſchen Minute der Entſcheidung, wurde der Herzogin ein Abgeſandter des Königs von England angemeldet— gerade als ob, vom Innern ſeines Palaſtes aus, jede Bewegung ſeiner politiſchen Maſchinerie mit den Au⸗ gen verfolgend und das ganze Triebwerk ſeiner Glie⸗ 267 derpuppen berechnend, Heinrich VII. jetzt den rechten Augenblick für gekommen erachte, hier oder dort das Räderwerk aufzuziehen, dieſen oder jenen Faden aus⸗ zuſpinnen. Sein Geſandter trat im richtigen Moment auf die Bühne, fand die Herzogin in der vorausgeſehenen Stimmung, bekämpfte ſtegreich ihre Bedenken, beinahe bevor ſie aufſtiegen, machte ihr Anerbietungen, bevor ſte Zeit gehabt hatte, ihrerſeits Bedingungen zu ſtel⸗ len. Er verſprach ihr Katharina's Freiheit, die Ver⸗ ſöhnung der beiden Roſen, die Herausgabe der Witt⸗ thümer und der übrigen Yorkiſchen Beſitzthümer, er ſagte Alles zu und verlangte nur Eines, gerade das was Margaretha im Begriff ſtand, umſonſt hinzuge⸗ ben: Preisgebung Perkin Warbecks. Stolz und Intereſſe, Nutzen und Gefühl gegen⸗ einander abwägend, zöͤgerte dießmal die Fürſtin nicht lange. Sie ſchrieb an Heinrich VII. einen ebenſo ge⸗ wandten als würdevollen Brief, in welchem ſie, das Loos der Fürſten beklagend, welche ſtets eine Beute von Verrath und Betrug ſeien, ihren Irrthum in Bezug auf den falſchen Herzog von York eingeſtand. Sie erklärte, die von Heinrich beigebrachten Beweiſe des Betrugs haben ihr völlig die Augen geöffnet. Nach einigen in warmem Ton gehaltenen Verwah⸗ rungen der Rechte Yorks, anerkannte ſie das Recht der Vertheidigung, auf welches Heinrich VIlI. ſich be⸗ rief. Kurz, dieſe Erklärung, ein Meiſterwerk von Gewandtheit, war ſo ſinnreich gedreht, daß die Fä⸗ den ganz von ſelbſt in einen Strang zuſammenlaufen mußten, an deſſen Ende Heinrich VII. den Gemahl der ſchönen Katharina aufknüpfen konnte. Dieſes v 268 ganze Gedräth wurde auch gleich ſo weit als möglich fertig gemacht; am andern Tage nahm der Abgeſandte, mit dieſem koſtbaren Schriftſtück verſehen, Abſchied von der Herzogin und kehrte, von Suſanna begleitet, nach London zurück. Von der nun eingetretenen Wendung der Dinge unterrichtet, hatte die Amme in wahnwitziger Freude Margaretha's Hände geküßt, und eilte davon im Flug, ihr angebetetes Kind wieder zu bekommen, es von London fort, und ſo weit wegzuführen, daß von dem Toſen und Dröhnen der in den Abgrund fuldieiden Vergangenheit ſte keinen Laut vernehmen ollte. Sechstes Kapitel. Um dieſelbe Stunde, da dieſes ſchöne Geſchäft abgemacht wurde, während der Vertraute Heinrich's VII. Meile um Meile durchflog, um die errungene Beute ſeinem Herrn zu bringen, während Margare⸗ tha ruhig in ihrem Palaſt die ſüße Rache genoß, Perkin Warbeck, dieſen abtrünnigen Juden, dem Henker überliefert zu haben, in derſelben Abendſtunde ritten zwei fremde Kavaliere in das dem herzoglichen Luſtſchloß benachbarte Dorf herein. Von einem fri⸗ ſchen Nordweſt gepackt, betrachteten ſie nicht das glänzende Schauſpiel, wie am fernen Horizont die letzte Tagesgluth in den Waſſern der Schelde ver⸗ ſank. Sie hatten kein Auge für die Häuſer mit den 269 Zinnendächern und breiten Backſteingeſimſen, welche bald von zierlichen Hopfenranken, bald von blaſſen Herbſtroſen überwuchert waren. Nur mit ihren Roſſen beſchäftigt, deren Füße bei jedem Aufſetzen des Hufs zitterten, deren Flanken von Blut, deren Vordertheil von Schaum triefte, ſchienen ſie mit gie⸗ rigem Auge, mit ungeduldiger Spannung nach der am Ende der langen Häuſerreihe gelegenen Herberge zu verlangen, die ſich ſchon von weitem durch das luſtige Aneinanderklirren der loſen Eiſenringe ver⸗ kündigte, welche an einer Stange aufgehängt, das Schild vorſtellten. Endlich waren ſte da. Die Nacht hatte ſie über⸗ holt. Der eine von den Beiden ſchwang ſich leicht aus dem Sattel. Unter ſeiner dicken Kapuze, unter den breiten Falten ſeines Reitermantels erkannte man doch eine mannhafte Geſtalt voll Kraft und Feuer. Der andere konnte nicht ohne die Hülfe ſeines Ge⸗ fährten abſteigen. Seine ſteifen Beine, ſein vorge⸗ beugter Rücken, die Langſamkeit ſeiner Bewegungen verriethen Alter und Leiden. Von dem jungen mehr getragen als geſtützt, ward er ohnmächtig, ſobald man ihn an das Feuer des mächtigen Kamins geſetzt hatte, und mit ſcheuer Ehrerbietung betrachteten die Herbergsleute das hagere, narbenbedeckte bläuliche Antlitz, das eher einem dem Grabe Entſtiegenen an⸗ zugehören ſchien. er jüngere der beiden Reiſenden— jung war er ohne Zweifel, nur ſtach ſein rother Bart ſeltſam ab von dem kahlen Scheitel— dieſer andere Kava⸗ lier riß die Leute aus ihrer Betrachtung durch einen Lärmruf an Alle, Herrn und Diener, in der Herberge; 270 den Roßknechten empfahl er die Pferde, den Dienſt⸗ mägden die Betten; der Wirthin das Nachteſſen; vom Wirth verlangte er Feder, Tinte und Papier. Indeß verſäumte er nichts, um ſeinen greiſen Ge⸗ fährten wieder zum Leben zu bringen. Er rieb ihm die Schläfe mit Eſſig, wärmte ſeine Fuße, hielt ihm ein ſtärkendes Mittel an die Lippen, nachdem er zu⸗ vor, um den Leuten ſein engliſch⸗franzöſiſches Ge⸗ wälſch verſtändlich zu machen, einen blanken Gulden auf den Tiſch geworfen. Dieſe Rührigkeit trug ihre Früchte: der alte Mann wurde ſofort in das beſte Zimmer der Her⸗ berge gebracht; ein weiter Becher füllte ſich dem jün⸗ gern mit Wein von der Maas, und mit feſter Hand faßte er die noch jungfräuliche Feder, welche der Her⸗ bergsvater ihm darreichte mit demjenigen Reſpekt, welcher jedem der Führung dieſer gefährlichen Waffe Kundigen in ſeinen Augen gebührte. Man ſah ihn raſch einige Zeilen ſchreiben, das Papier zuſammenrollen, es mit einem auf ſeinen Ring gegrabenen Petſchaft verſtegeln, und den Wirth überkam noch größeres Erſtaunen wie bisher, als er den Befehl erhielt, dieſe Rolle im Palaſt der Frau Herzogin abzugeben. Eine Stunde ſpäter kam er zurück, begleitet von einem Stallmeiſter der Herzogin, und dieſer letztere kündigte in höflichſter Weiſe dem Reiſenden an, daß die Fürſtin die erbetene Audienz ihm zur Stunde be⸗ willige. Der Reiſende warf noch einen letzten Blick auf ſeinen bejahrten Gefährten, deſſen Blut alle Sorg⸗ falt und Pflege noch nicht wieder erwärmt hatte, 271 deſſen Ohnmacht in einen ſchweren und tiefen, tod⸗ tenähnlichen Schlaf übergegangen war. „Glücklicherweiſe,“ ſagte er,„hat die Frau Her⸗ zogin gute Heilkünſtler, welche dieſen ehrlichen Schel⸗ men, auch wider ſeinen Willen, ſchon wieder zum Leben bringen werden.“ Sofort ging er weg, ohne die bei jedem Schritt ihm erwieſenen Höflichkeiten— die Wirkung ſeiner Audienz— weiter zu beachten. Als er die Stufen des Palaſtes hinanſtieg und durch die Vorhallen ſchritt:„Wer hätte mir,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„in meinem Kerker geſagt, daß ich dieſes Marmorgetäfer und dieſe ſchönen flandriſchen Tapeten jemals wiederſehen würde? Sicher ja, ich kann wohl ſingen wie Ajax: „Ich nun fliehe davon, ſelbſt wider des Königs Willen.“ Kaum ſetzte er den Fuß auf die Schwelle des Ka⸗ binets der Herzogin, deſſen Thüren ſich ſogleich wie⸗ der ſchloſſen, ſo ſah er die Herzogin zwei Schritte ihm entgegengehen; zwei Schritte: dieß geſchah nach Hofſttte nur beim Empfang von Königen. „Fryon!“ ſagte ſte,„Fryon, iſt er es wirklich!“ Und neugierig, beinahe theilnehmend betrachtete ſie dieſes mit ſeiner feinen, ſpöttiſchen Miene lächelnde Weſen, das vor ihr ſtand wie ein Traum aus längſt⸗ vergangener Zeit. Fryon verneigte ſich, ließ ſich auf ein Knie nieder, küßte den Sammt des langen Gewandes, das über den Fußteppich hin ihm entgegenwallte, und ſagte ohne aufzuſtehen: „Ja, gnädige Frau, Fryon, der Arme, den Ew. Hoheit tauſendmal todt glauben mußte.“* 7 272 „Leider ja, ich geſteh's! Wo kommſt du her, Fryon?“ „Aus dem vortrefflichen Gefängniß, Madame, worin der huldreiche König Heinrich VII. mich un⸗ ter Schloß und Riegel gar wohl verwahrt hielt.“ „Er hat Dich wieder freigelaſſen!“ rief die Her⸗ zogin mit einem Gedankenblitz von Mißtrauen, den Fryon im Flug auffing. „Das nicht, gnädige Herrin, ich habe mir ſelbſt die Freiheit genommen, theils indem ich die Quader⸗ ſteine des großmüthigen Monarchen durchbohrte, theils indem ich der Frau meines Gefängnißwär⸗ ters, einem jungen, gutmüthigen Geſchöpf, begreiflich machte, daß es ganz natürlich ſei, wenn ein unſchul⸗ diger Gefangener ein wenig an den Mauern herum⸗ kratze, um ſich zu zerſtreuen. All dieß hat mich mein Haar gekoſtet, es iſt mir nicht leid dafür. Indeß ich glaube nicht, daß Eure Hoheit viel Gefallen finden werde an einer alltäglichen Gefängnißgeſchichte, Be⸗ ſchreibung von hartem Brod, ſchlechtem Waſſer und faulem Stroh, und ſchließlich von der Flucht eines armen Teufels wie ich. Drei Worte werden Euch ſagen, daß man mich zweimal aufgeſpannt, drei wei⸗ tere, daß ich nichts geſtanden, drei letzte, daß ich die erſte gute Gelegenheit zur Flucht benützte. Kurz, Ma⸗ dame, ich bin da, und füge nur noch das hinzu, was Ew. Hoyheit vielleicht nicht ganz gleichgültig iſt, daß ich weder mit leerem Kopfe, noch mit leeren Händen komme. Es wäre auch eine gar zu ſchlechte Erkennt⸗ lichkeit geweſen fuͤr die Güte, womit Ihr mich be⸗ ehrt habt, und ein geringer Anſpruch auf die fernere, welche Ihr, ſo hoffe ich, mir beweiſen werdet.“ 273 „Fryon!“ wiederholte die Herzogin, welche ſo wenig als früher dem Zauber dieſer unverwüſtlichen Heiterkeit und dieſer Art von Lebensanſchauung wi⸗ derſtehen konnte.„Ei nun! was kannſt Du mir bringen, armer Ausgeplünderter? von der Welt ver⸗ geſſen wie ein Todter, kommſt Du nicht nackt und mit hohlem, hirnleerem Schädel wie ein Geſpenſt?“ „O!“ ſagte Fryon,„wenn jemals eines Menſchen Gehirn harte Arbeit verrichtet hat, ſo iſt es das meine; ſeht dieſen glatten, von ſtarker Kopfarbeit kahl gewordenen Schädel; Ew. Hoheit werden finden, daß die Springfedern immer noch ſo blank ſind wie zuvor, daß die alte Schnellkraft ihnen geblieben iſt. Doch vor Euch, gnädige Fürſtin, des Scherzes genug. Ich komme, ſagte ich, Kopf und Hände voll; auch will ich es beweiſen. Ja, gnädige Herrin, ich habe England im Fluge durcheilt, und gleichwohl, ich be⸗ ſchwör es, habe ich Zeit gefunden, alles mitzunehmen, was Gutes für uns da war.“ Margaretha richtete ſich hoch auf. „Seid überzeugt, gnädige Frau, daß ich trotz meiner Gefangenſchaft mit dem Stand der Dinge ſo vollſtändig auf dem Laufenden bin, als wenn ich das Kabinet Ew. Hoheit, oder vielmehr das König Hein⸗ rich's VII. nie verlaſſen hätte; denn dieſer kennt Eure Geheimniſſe beſſer als Ihr ſelbſt, und davon eben wollte ich die Ehre haben, mit Ew. Hoheit zu ſpre⸗ chen. Einmal erzählte meine junge Gefängnißhüte⸗ rin mir gern, was in Schottland und England vor⸗ fiel. Ich weiß von Taunton, Erxeter, ich habe von Bermondsey gehört, ich weiß von Allem. Ja, dieſe Unglücksfälle mußten Ew. Hoheit ſchlafloſe Nächte Magquet, Weiße Roſe, 148 274 verurſachen, aber noch iſt nichts verloren. Der Prinz iſt in dem Aſyl von Bauley; Heinrich VII. wird nicht wagen ihn von dort wegzubringen, ſo werden wir ihn dort holen. Der Prior iſt ein Freund von mir, wir haben zuſammen ſtudirt; ich habe ihm dieſe Pfründe verſchafft, während ich Geheimſchreiber war bei Seiner brittiſchen Majeſtät. Ich kenne Bauley ſo gut wie mein Gefängniß; da iſt kein Keller, kein un⸗ terirdiſches Gemach, kein Gewölbe, kein Ausgang, den ich nicht zu gebrauchen wüßte. In acht Tagen, wenn es Euch genehm iſt, kann einer Eurer Hauptleute, mit meinen Plänen und Anweiſungen verſehen, bei unſrem Flüchtling eingedrungen ſein und ihn ſo frei machen als ich es bin. Das wäre auch bereits wirk⸗ lich geſchehen, ich hätte Euch dieſe Freude mitgebracht, wenn meine Kerkerhüterin ebenſoviel Pfund goldene Livres beſeſſen hätte, als ihr Herz von Liebe beſchwert war. Aber ich kenne meinen Freund, den Prior, gnädige Frau, er iſt kein Koſtverächter im Zeitlichen, und es wird Euch nicht mehr als zwölf gute Pfunde feinſten Goldes koſten, Euren Neffen, den Sohn des großen Eduard, in Eure Arme zu ſchließen!“— Anſtatt der Freude, welche Fryon auf der Herzo⸗ gin Antlitz zu bemerken hoffte, ſah er, wie ihre Brauen ſich zuſammenzogen; wie eine düſtere Wolke lag es auf dieſer ſtolzen Stirn; ſtrenge Majeſtät, verletzte Würde traten mit kaltem Blick an die Stelle wohl⸗ wollender Theilnahme und Vertraulichkeit zu Anfang der Unterredung. „Man ſieht wohl, trotz Eurer Sicherheit,“ ſagte die Herzogin endlich,„daß Euch von dem, was in der Welt geſchehen, im Gefängniß Vieles entgangen iſt. 275 Ihr gebt den Leuten veraltete Namen, ſo ihnen nicht mehr zukommen. Ihr haltet Angelegenheiten noch für ſehr wichtig, die uns nicht mehr berühren und von denen wir uns vollſtändig losgemacht haben.“ Fryon ſah ſich mit unruhigen Blicken im Zimmer um, wie um zu fragen, ob dieſe Unterredung einen heimlichen Zeugen habe. Aber die Herzogin ſprach weiter: 4 f„Nein, es hört uns Niemand, ich ſpreche ganz rei.“ „Wie?“ entgegnete jetzt Fryon nicht ohne ſicht⸗ bare Verlegenheit,„Ew. Hoheit ſagte ſich los von der Sache Englands; Sie wollen gegen die Sache Yorks gleichgültig ſcheinen; Sie gehen ſo weit zu er⸗ klären“— „Daß Ihr den Namen York anbringet, wo er nicht hin gehört. Das iſt eine heutzutage veraltete Gewohnheit, die Ihr an meinem Hof ablegen müßt. Seht mich nicht ſo verſtört an, Fryon. Wir ſind, ich wiederhole, wir ſind ganz allein, und ich werde mit Euch ſo aufrichtig und offen reden als möglich. Die⸗ ſes von Euch ſo geſchickt angezettelte Komplott iſt mir ſehr theuer zu ſtehen gekommen und hat nicht ein⸗ geſchlagen. Es hat meine Ehre und Alles, was ich Koſtbares auf dieſer Welt beſitze, in Gefahr gebracht. Euch hat es die Freiheit und nahezu das Leben ge⸗ koſtet. Ich für meine Perſon habe nun darauf ver⸗ zichtet; folget meinem Beiſpiel; Ihr werdet immer noch mehr dabei gewinnen, als ich verloren habe.“ Wie eine ſchwarze Wolke, wie eine feurige Flamme fuhr es über Fryon's Augenlider. Er glaubte ſich vom Blitz getroffen; in dieſem Zuſtand hlied er 276 ſtumm, ſtarr, mit offenem Munde, das Bild eines Blödſinnigen. 3 „Bei dem Spiele, das Ihr ausgedacht,“ fuhr die Herzogin fort,„hätte ich, bevor ein Jahr verging, meine Güter, meine Einkünfte, mein Anſehen, und wer weiß, auch meine herzogliche Krone verloren. Möge Jeder ſeinen Einſatz wieder an ſich ziehen— und Gott ſei mit uns Allen!“ „Wie? was?“ murmelte Fryon beſtürzt,„Ew. Hoheit ſpricht alſo das Verdammungsurtheil über dieſen edlen, unglücklichen Prinzen?...“ „Ei, ſo laßt das doch endlich!“ rief Margaretha zornig.„Was Prinz, Prinz! der Scherz iſt abge⸗ ſtanden, ſag' ich Euch. Glaubt Ihr denn, ich werde im Ernſt ſo einfältig bleiben, als ich eine Zeitlang ſcheinen wollte? Ihr habt ihn ja doch ſelbſt fabri⸗ zirt, dieſen Prinzen, aus meinem Metall ihn gemodelt, mit meinen Flittern ausſtaffirt, aus meiner Küche gemäſtet! Seine Rolle, die er uͤbrigens ziemlich gut ſpielte, abgeſehen vom Schlachtfeld,— Vyr habt ja dem Vogel das Lied vorgepfiffen, zu Tournay, in meinem Jagdſchloß? Seid Ihr denn ſo vernarrt in dieſen trefflichen Schüler, hat er uns Beiden ſo gar viel Ehre gemacht, daß Ihr die Zeit noch nicht ge⸗ kommen glaubt, ihm den Namen Warbeck wiederzu⸗ geben zuſammt dem jüdiſchen Schmutz und dem Gal⸗ gen, um den er, ſeit er in meine Gewalt kam, ſich allzu wenig kümmert?? „Alle Heiligen des Himmels!“ ſagte Fryon er⸗ bleichend, mit faſt erſtickter Stimme,„Eines von uns Beiden, gnädige Herrin, hat den Verſtand verloren!“ „Meiſter Fryon!“ 277 „Das alſo ſagt von Prinz Richard die Herzogin von Burgund, die Schweſter Eduard's IV!“ fuhr er fort, von krampfhaftem Zittern befallen. „Das ſagt die Herzogin von Burgund von einem elenden Betrüger, deſſen Namen vor mir zu nennen ich Euch verbiete, Fryon, denn ſonſt würdet Ihr in meinen Augen ſein Mitſchuldiger werden und ſeine Strafe theilen.“ „O!“ rief Fryon, und ſchlug ſich entſetzt vor die Stirn,„habt Ihr jenen Brief nicht erhalten, den ich Euch von unſrem Jagdſchloſſe aus ſchrieb?⸗ „Den Brief, welcher mir ſagte: ‚Ich habe einen Schatz gefunden; macht Euch auf eine unendliche Freude gefaßt!’ Eine ſchöne Freude, ein herrlicher Schatz! Ihr ſeht wohl, ich habe dieſen Brief erhal⸗ ten; Ihr habt ihn geſchrieben am Vorabend Eurer Entführung, nicht wahr?“ „Ich ſchrieb ihn,“ ſagte Fryon mit hinreißender Heftigkeit,„an demſelben Tag, wo ich, unſern Schü⸗ ler ausfragend, um ihm ſeinen erſten Unterricht zu geben, gewahr wurde, daß er mehr wußte als ſein Lehrer, an dem Tage, da ich, im Begriff, ihm die Vergangenheit und das Unglück des Hauſes York vorzuerzählen, damit er es nachſpreche wie ein ge⸗ ſchwätziger Staar,— auf einmal dieſes Antlitz auf⸗ leuchten ſah, ſah, wie es in dieſem Verſtand licht, in dieſem Gedächtniß lebendig wurde, aufblitzte wie ein Meteor; an dem Tage, da ich auf Euren Befehl ihm die Rolle eines Prinzen lehren wollte und unter den Lumpen des Bettlers einen König fand; an dem Tage, da ich, mit meiner Wiſſenſchaft zu Schanden geworden, hörte, ſtatt zu ſprechen, bewunderte, anſtatt 278 zu meiſtern, und mich anbetend auf die Kniee warf, um die Wege der Vorſehung zu preiſen, welche mir, dem armſeligen Atom, den wahren, von Brakenbury geretteten, dem Juden Warbeck anvertrauten Sohn Eduard's IV. zuführte, der wie durch ein Wunder eines Abends Euch auf den Weg geworfen wurde, wie eine Blume jener Alpen, die damals von unge⸗ fähr Euer Zelter betrat!“ „Du ſagſt,“ rief die Herzogin zitternd und mit keuchender Bruſt gegen den begeiſterten Redner ſich vorbeugend,„Du wagſt zu ſagen, daß dieſer Menſch und Du, Ihr beide, dieſe Intrigue nicht miteinander ausgemacht habt?“ „Ich behaupte, ich hatte Recht, Euch dieſen Schatz, dieſe Freude anzukündigen; ich ſage, daß ich an Ri⸗ chard's Aechtheit glaube, wie ich an Gott glaube; ich ſage, unmöglich wäre es, ſich zu irren im Ton der Rede, in dieſer Aehnlichkeit, in dieſem Hauch von Unſchuld und Größe, in dieſer Majeſtät der Seele und des Blicks, ich behaupte, gnädige Herrin, ich ſandte Euch den Herzog von York!“ „Du haſt mir gelogen und lügſt noch heute!“ murmelte die Herzogin und ließ das bleiche Haupt ſinken. „Saget doch daſſelbe, wenn Ihr ſo kühn ſein wollt, Brakenbury ſelbſt,“ entgegnete Fryon außer ſich;„Ihr werdet ſehen, was er Euch antworten wird.“ „Brakenbury! Eitel Trug und Wahn, wie alles Andere! Lauter Lug und Trug!“ „Ja, wenn ich ihn nicht gefunden hätte, von Ver⸗ zweiflung und Wahnſinn gefoltert, in einem Kerker 279 neben meinem eigenen, in den man ihn geworfen, weil er weder ſeinen Namen, noch ſeine Schuld of⸗ fenbaren wollte. Ja, wenn es mir nicht gelun⸗ gen wäre, dieſe koſtbare neue Spur zu entdecken! und wenn nicht Gott, um im letzten äußerſten Au⸗ genblick noch das vollkommenſte und unglücklichſte ſeiner Geſchöpfe zu retten, mich zu Euch geſandt hätte mit dieſen Beweiſen, vor denen Alles ſich beugen muß.“ „Du haſt Brakenbury geſehen? er lebt?...“ ſtammelte Margaretha. „Hier in Waper's Herberge, von mir gebracht; laſſen Sie ihn kommen, Madame; laſſen Sie ihn er⸗ zählen, wie er den kleinen Richard in ſeinem blutigen Mantel forttrug, wie er ihn an den Geſtaden des Genfer See's verſteckt hielt, wie es ihm glückte, um ſein Leben vor Richard III. und vor dem noch gefähr⸗ lichern Heinrich VII. ſicher zu ſtellen, ihn dem Juden Warbeck zu übergeben, der ihn für den umgebrachten Sohn ſeines ehebrecheriſchen Weibes hinnahm. Hö⸗ ren Sie dieſe ganze Geſchichte, gnädige Herrin, aus Brakenbury's Munde, ſehen Sie ihm ins Geſicht, wenn Sie ihm ſagen wollen: Richard von York, Ihr Neffe, Ihr König, der Flüchtling in Bauley ſei nichts als ein Betrüger, der Warbeck heiße, und den Sie dem Thronräuber Heinrich VII. an den Galgen lie⸗ fern wollen!“ Fryon hielt ein, die Stimme erſtarb ihm in der Kehle,— Margaretha hätte kein Wort mehr ertra⸗ gen können, ſte war in einem Seelenzuſtand, für den die Sprache keine Worte hat, rang die Hände, und ſchüttelte den Kopf, als wollte ſie die Wahrheit läug⸗ nen, an der kein Zweifel war. 280 Dieſer Anblick rührte Fryon zum Mitleid, denn noch wußte er nicht, was geſchehen war. Er erklärte ſich die Beſtürzung der Herzogin als den Rückſchlag einer glücklich überſtandenen Gefahr. „Nicht doch,“ begann er mit ſanfter Stimme; „die nach ſo vielen Prüfungen ſehr natürliche Ent⸗ muthigung iſt in Ihrer Seele ſchon wieder vorüber. Ew. Hoheit wußte nicht, daß Ihr Edelmuth, Ihre Opfer den ächten Erben York's zum Gegenſtand hat⸗ ten; nur einem Betrüger, einem Abenteurer nur glaubten Sie zu dienen. Wahrlich, edle Fürſtin, es gehörte viel Heldenmuth dazu, die Rolle der Be⸗ ſchützerin eines Menſchen, den Sie für einen Juden, für einen Spitzbuben hielten, ſo lange fortzuführen. Jetzt aber iſt alles Freude und Triumph. Ihr Blut iſt es, das Sie vertheidigen, und wir treten in einen Kampf, der Gottes Wille iſt, deſſen Erfolg von Ihrer Seite in keiner Weiſe gefährdet wurde. Ver⸗ laſſen Sie ſich darauf, Hoheit, ich habe es Ihnen verſprochen: bevor acht Tage vergehen, wird König Richard in Ihren Armen ſein!“ Die unglückliche Fürſtin ſtieß einen dumpfen Schrei aus, ſank vor ihrem Betſtuhl auf die Knie und zerraufte mit wüthender Hand das lange, von Alter und Kummer noch nicht völlig gebleichte Haar. „Richard, Richard!— mein Sohn— mein Sohn“ — rief ſie unter herzbrechendem Schluchzen. „Nun ja,“ begann Fryon wieder und kniete neben ihr,„beſchwor ich es denn nicht, daß er in Sicherheit, daß er zu retten iſt?“. „Todt iſt er! ich ſag' Dir, todt!“ war die Ant⸗ wort.. „Ah!— ich verſtehe, Sie wollen ſagen, König Heinrich werde das Aſyl von Bauley nicht achten, er werde den Gefangenen von dort wegführen laſſen. Das wird er aber nur thun, um ihn anderswohin zu bringen. Man legt keine Hand an das Haupt eines Prinzen von ſeinem Geblüt, gnädige Frau, wenn England wacht, wenn Sie, die ſouveräne Herzogin, die Tochter des Hauſes York, erklären, daß er Ihr Neffe ſeil Ol ſo lange Sie Richard anerkennen, dürfen Sie nicht zittern für ihn!“. Die Herzogin richtete ſich auf, kalter Schweiß ſtand ihr auf der Stirn, ſte faßte mit einer Hand wie Marmor Fryon beim Arm: „Höre,“ flüſterte ſie mit kaum vernehmlicher Stimme,„heute... ſchrieb es dieſe Hand: Richard von York iſt ein... Betrüger, ſein wahrer Name iſt Warbeck; dieſe Erklärung, dieſe Läſterung hat Hein⸗ rich's VII. Abgeſandter vielleicht in dieſem Augenblick ſchon ſeinem Herrn übergeben.“ Fryon richtete einen Blick, der ſich nicht beſchrei⸗ ben läßt, gen Himmel. Dann wieder fiel ſein Auge auf das jammervolle, allmächtige Weib, das wie ver⸗ nichtet vor ſeinen Füßen lag. Noch ſchien er in ſei⸗ nem Innern kämpfen zu wollen gegen das unheilbare Unglück dieſes fluchbeladenen Hauſes, dann aber er⸗ ſchien ihm, gegenüber von ſo rieſenhafter Unthat, ſeine eigene Pygmäenkraft ſo winzig— er ſchlug den Mantel über die Schulter und ſtürzte fort aus dem Palaſt, um draußen reinere Luft zu athmen. „O mein Eduard!“ ſtöhnte die Herzogin,„o York, o York, ich habe Deinem einzigen Kinde den Tod gegeben!“. 282 Und man hörte dumpfes Anſchlagen dieſer ge⸗ kunten Stirn auf den glatten Eichentafeln des Fuß⸗ odens. Siebentes Kapitel. Nach dem Sturm von Bermondsey war Katha⸗ rina Gordon als Gefangene Heinrich's VII. in ein Zimmer der Abtei geführt, und mit äußerſter Strenge, obwohl nicht ohne gebührende Ehrerbietung, bewacht worden; außer ſeinem Kaplan, der ihre Trennung von Richard betreiben ſollte, hatte der König Nie⸗ manden bei ihr vorgelaſſen. Die Aufgabe war ſchwierig geworden, ſelbſt für einen Vertrauten des engliſchen Salomo. Die Schwa⸗ chen ſind nicht zu verwunden, wenn ſie einmal miß⸗ trauiſch werden. Und wie viel Gründe hatte nicht Katharina, in Vermondsey mißtrauiſch zu ſein! Der Verrath Suſanna's, der in der Abtei gelegte Hinterhalt, die Feſthaltung einer wehrloſen Frau, und dann wieder die peinliche Ungewißheit darüber, was aus Richard geworden ſein möchte— war das nicht genug, um einen von Natur ſcharfblickenden und durch das Hofleben in die Berechnungen der Staatskunſt eingeweihten Geiſt zu Vorſicht und Klug⸗ heit zu ermahnen? Schon darum wäre Katharina unüberwindlich geweſen; aber eine zweite Kraft, unberechenbar, un⸗ widerſtehlich, verband ſich mit dem Trieb der Selbſt⸗ erhaltung. Katharina liebte Richard; ſeit er unterle⸗ gen, liebte ſie ihn ſo tief und innig als ein Weib nur 283 lieben kann. Alles, was in einem andern Herzen die Liebe erſtickt haben würde: Zweifel, Täuſchung, Trennung, all das hatte in Katharinens Augen den Zauber, der um Richard ſchwebte, nur verdoppelt. Sie fühlte ſeine Unſchuld, ſte verſtand ſeine hochher⸗ zige Aufopferung, ſie war ſtolz darauf, daß ſie ihn dazu begeiſtert hatte. Einen ſolchen Beweis, wie der edle Sohn Eduard's mit Todesverachtung ſuchte, trotz Kampf und Hinterhalt ſuchte, um ihn der Gefährtin ſeines Lebens darzubieten, deſſen bedurfte Katharina nicht, um in ihm den Fürſten zu erkennen, um ihn als ihren König und Gemahl anzubeten. Wohl hatte die Königin⸗Mutter alle Hoffnung auf Richard's rechtskräftige Anerkennung mit ins Grab genommen, Katharina war doch überzeugt, ſie hatte den Glau⸗ ben, jenen Glauben, der Apoſtel erweckt und ſeine Bekenner als Märtyrer enden läßt. In der Meinung, die Abgeſchloſſenheit, die ſchein⸗ bare Unempfindlichkeit der Gefangenen ausbeuten zu können, begann der Kaplan alsbald ſeine Angriffe. Er ſetzte ihr auseinander, der König könne unmöglich die Freilaſſung einer Wahnſinnigen verfügen, welche fortwährend ſich Herzogin von York nennen laſſe, eine Anmaßung, die mit jedem Gnadenſpruch unver⸗ träglich ſei. Darauf antwortete Katharina, ſie verlange keine Gnade, ſie habe ſich mit einem Prinzen vom Hauſe York vermählt; am Altar habe ſie mit dem Ringe dieſes Prinzen auch ſeinen Namen erhalten, und dieſe Ehre würde ſie bis zu ihrem letzten Athemzuge be⸗ wahren. Als man ihr den Betrug dieſes Gemahls und 284 die Unächtheit ſeines Titels entgegenhielt, antwortete ſte: die Pflicht eines Dieners der chriſtlichen Kirche beſtünde doch eigentlich darin, das Sakrament der Ehe in Ehren zu halten, nicht aber den Mann vor ſeiner Frau zu verläumden; übrigens ſei dieſer Be⸗ trug durch Nichts erwieſen; ein Sieg des Königs und ſein gutes Glück beweiſen höchſtens, daß er der Stär⸗ kere ſei. Endlich verlangte ſie Richter für ihre Sache und erklärte, ſte ſei entſchloſſen, ihre Gründe nur vor einem ihres Standes würdigen Tribunale zu er⸗ klären. Nicht wenig aus der Faſſung gebracht durch dieſe löwenkühne Vertheidigung, entfernte ſich der Kaplan. Sein Herr aber ſchickte ihn wieder zurückan Katharina mit der Weiſung, ihr anzukündigen, daß ihr Helden⸗ muth vergeblich ſei; daß der Betrüger, gefangen wie ſte, ihr weder fuͤr ihren Muth noch für ihre Treue Dank wiſſen werde; daß er wohl ſchon todt oder doch vergeſſen ſei. Der Kaplan ſpannte darauf, ſie beſtürzt und ſchwankend zu ſehen, ſte aber zuckte blos die Ach⸗ ſeln und gab mit verächtlichem Lächeln die Antwort: wenn Richard todt wäre, ſo würde ſich der König ſchwerlich die Mühe nehmen, eine arme Wittwe ein⸗ geſperrt zu halten, und ihr uͤberflüſſige Erklärungen auszupreſſen; nichts beruhige ſie ſo ſehr über das Schickſal ihres Gatten, als dieſe Verfolgung, und ſie ſchließe daraus nicht nur auf das Heil und die Frei⸗ heit des Herzogs von York, ſondern ſte nehme das auch als eine gute Vorbedeutung für die Wiederkehr ſeines Glückes. Mit dieſem kurzen Beſcheid fertigte ſie den Kaplan ab. Heinrich VII. ſah ein, daß er an 285 ein ehernes Thor pochte. Auf dieſer Seite hielt er ſich für geſchlagen. Nun fing er an auf Suſanna zu wirken, drohte ihr, Katharinen verurtheilen, enthaupten zu laſſen, wenn die Eigenſinnige im Vertrauen auf Schottland und die Herzogin von Burgund darauf be⸗ harre, ſich die Gemahlin des wahren Herzogs von York zu nennen. Suſanna, ganz außer ſich gebracht, erzählte dar⸗ auf dem König Alles was ſie wußte: ihr Einver⸗ ſtändniß mit der Herzogin, die Ungewißheit der letz⸗ teren, ihren Streit mit Richard, ihre erklärte Feind⸗ ſchaft;— auf einmal reiste ſte nach Flandern, feſt entſchloſſen, Katharina zu retten, der Herzogin, der ganzen Welt zum Trotz. Heinrich war voller Freude. Sobald ihm die Kunde ward, daß im feindlichen Lager Zwietracht ſei, hatte er die Stelle gefunden, um einen Keil zu treiben, dergleichen die Staatskunſt mit ebenſo gutem Erfolg anwendet als die Nothwendigkeit. Er war ein Mann voll Bedenken und Vorſicht, dieſer würdige Monarch. Er liebte nicht das Ver⸗ fahren des macedoniſchen Alexander; auflöſen, wenn auch langſam, das war nach ſeiner Anſicht beſſer als ſchnelles Durchhauen. Die widerſpenſtigen Knoten hin und wider zerren, ſie losmachen einen nach dem andern, einen durch den andern, was könnte für Fin⸗ Pr und Verſtand vergnüglicher ſein? Gloſter, ſein orgänger, wäre mit York ſchneller fertig geworden. Er hätte einen blanken Dolch nach Bauley geſchickt, und dann etwa ein großes Feuer angezündet, um die Spur deſſelben auszulöſchen; aber dieſe raſchwirken⸗ den Mitttel waren nicht unfehlbar; die Ermordung 286 der königlichen Kinder im Tower von London war ein ſprechender Beweis dafür; und hatte nicht Gloſter alle Verlegenheiten aus jenem Dolchſtoß, der Richard von York nicht getroffen, auf ſeinen Nach⸗ folger vererbt? Alle dergleichen Betrachtungen leiteten Heinrich VII. auf vorſichtigkluge Zögerung. Er ſtudirte Kathari⸗ nens Charakter, um daraus Vortheil zu ziehen. Er bearbeitete den Prior von Bauley, um wo möglich die Auslieferung des Gefangenen von ihm zu erlan⸗ gen. Eine gehörig ſtarke, unbeſtechliche Truppenmacht hielt das Aſyl umzingelt; an Entkommen zu denken, war für Richard unmöglich. Gleichwohl, in einer ſo gefährlichen Situation längere Zeit zu verharren, wäre nicht weiſe geweſen, und das fruchtbare Gehirn des Monarchen wurde nicht müde, tauſend ſinnreiche und auch wohl kühne Entwürfe in ſich zu bewegen, ohne die Löſung des Problems zu finden. Auf einmal erklärte ſich das Glück für ihn. Sein Geſandter kam aus Flandern zurück mit einem Briefe der Herzogin von Burgund; das war ein ent⸗ ſcheidender Sieg, das war die Löſung der großen Frage. Kein Zweifel mehr über den Ausgang; keine Schonung mehr für den Fall, daß das Bedürfniß, ein ſchnelles Ende zu machen, ſich geltend machen würde. Von nun an handelte es ſich nicht mehr um einen York gegen einen Lancaſter, um einen rechtmä⸗ ßigen König, der von einem Thronräuber ſeine Krone zurückverlangte, um ein intereſſantes Opfer, das öf⸗ fentlich ſeine Narbe zeigte, ſeine Mutter anrief und England durch ſein Ungluck wie durch ſeine Schön⸗ heit in Begeiſterung ſetzte. Nein, der Brief der 3 5 X 287 Herzogin verwechſelte die Rollen: nun war Heinrich das Opfer, das intereſſante, er vertheidigte ſich gegen einen elenden Schurken, einen diebiſchen Lumpen, einen jüdiſchen Baſtard. Der Krieg, den derſelbe erregte, war weiter Nichts als ein Raubzug; Hein⸗ rich wurde Kläger und Richter; ganz England kam, ſegnete ihn, daß er dieſen Empörer zu beſtegen gewußt und überließ ihm die Sorge ihn zu beſtrafen. Nun war er mehr als ſtark genug, ſeines Triumphes ſicher genug: er durfte mit ſeinen Feinden nur noch ſpielen, wie der Tiger mit zwei jungen Gazellen, die unter ſeinen Tatzen zittern. Achtes Kapitel. Indeſſen ſchloß Katharina, nachdem der Prior ſie verlaſſen, in ihrer Selbſttäuſchung aus dieſem Drän⸗ gen, daß Richard's Lage keineswegs ohne Hoffnung ſein müſſe. Gewiß— ſo dachte ſte— iſt er enflohen; Dank ſeinen treuen Schotten iſt er an Bord eines Irländers gekommen; bald wird er den Krieg von Neuem be⸗ ginnen und nur aus Furcht vor dem ſtarken Bande, das uns beide vereint, wollte der König von England mich um jeden Preis von ihm losreißen. Und dann der Haß der Herzogin gegen Richard, dieſer nach ſolcher Beſchützung ganz unbegreifliche Haß— Katharina gab die Hoffnung noch nicht auf, daß dieſe Stimmung mit der Zeit aufhören werde. Sie ſchrieb die von Margarethen mit ſo unglücklicher A 288 Gläubigkeit aufgenommene Anſchuldigung des Be⸗ trugs dem engliſchen Einfluſſe zu; dieſen Einfluß ſchmeichelte ſich Katharina beſiegen zu können; und in keinem Fall fürchtete ſie, daß die Herzogin von Burgund, die Tochter des Hauſes York, nachdem ſte für deſſen Sache es unternommen, ein von ihr aus⸗ gerüſtetes Schreckbild gegen den thronräuberiſchen Lancaſter zu führen, ſich erniedrigen werde bis zum Geſtändniß des Betrugs und öffentlicher Abbitte. Dieſe Hartnäckigkeit war die Grundlage der York'⸗ ſchen Hauspolitik, und Katharina gelobte ſich, ihr treu zu bleiben mit einer Beharrlichkeit, welche durch die Liebe zu Richard und die Bewunderung für ihn noch erhöͤßt wurde.— 3 So war die Stimmung der Gemüther, als eines Tages— die düſtern Hügel und die langen ſchwermü⸗ thigen Baumgänge um Bermondsey ſtrahlten noch im röthlichen Glanze der Morgenſonne— Katharina ein lautes Summen hörte, das ihren Bienenſtock um⸗ ſchwirrte: das Thor öffnete ſich, eilende Schritte hall⸗ ten wider, Suſanna's Arme hielten die junge Herzo⸗ gin umſchlungen. 4 Tauſendmal hatte Katharina den Verrath dieſes Weibes verwünſcht; ſie hatte ſich geſchworen, die Alte ſttrreng zu züchtigen, darum ſtieß ſie dieſelbe zurück, durchbohrte ſie mit einem einzigen königlichen Blick und fragte ſte, woher ihr die Frechheit komme, vor dem Opfer ihrer ſchändlichen Treuloſigkeit ſich wieder blicken zu laſſen. Suſanna warf ſich wie vor einer Heiligen auf die Kniee nieder, küßte den Saum ihres Gewandes und betheuerte ihre Liebe und Treue unter einem Strom 4* 289 von Thränen. Sie wollte wohl ihren Verrath durch das Uebermaß ihrer Hingebung wieder gut machen. Katharina gebot ihr zu ſchweigen und wiederholte die ſtrenge Frage: was Suſanna in den Mauern von Bermondsey zu ſuchen komme? Suſanne antwortete: ſie bringe die Freiheit; der König von England habe den Befehl unterzeichnet, Katharina Gordon nach Flandern zu führen und die Herzogin von Burgund erwarte ungeduldig ihr ge⸗ liebtes Pathenkind an ihrem Hofe zu Brügge. Katharina ward es unheimlich. Das tückiſche Auge und die ſchlechtverhehlte Freude der Schottin, welche, ſo ſchien es, ſich den Verweis ſehr wenig an⸗ fechten ließ, wenn ſie nur den Zweck ihrer Reiſe er⸗ reichte, dieſes ohne Wiſſen und Willen Katharina's durch das ſeltſame Zuſammenwirken Heinrichs VII., der Herzogin und Suſanna's gebildete Komplott, die Leichtigkeit, mit der man eine Fürſtin, die ſich frei geglaubt, ein⸗ und auskerkerte, erſchienen ihr als ebenſoviele unerträgliche Beleidigungen. Sie ant⸗ wortete darauf mit dem einzigen Wort: „Und der Herzog?“ „Welcher Herzog?“ entgegnete die Schottin, dieß⸗ mal ſich waffnend mit einem wilden Blicke aus den ſchwarzen Augen. „Dein Herr und Gebieter, Dein König und der meine!“ rief Katharina, und gab ihr zu dieſer Ant⸗ wort einen flammenden Blick.„Der, welchen Du niederträchtigerweiſe, wie Judas, an ſeine Feinde ver⸗ rathen und verkauft, den Du Elende vergeſſen haſt. Ich aber, ich vergeſſe ihn nicht. Ich werde meinen Eidſchwur halten. Geh' und melde Deinen neuen Magquet, Weiße Roſe. 19 290 Gebietern dieſe Nachricht, und ſage ihnen, daß, wenn in Schottland auch Diener ihre Herren verrathen, doch dieſes Landes edle Töchter treu zu leben und zu ſterben wiſſen! Geh' mir aus den Augen, fort!“ Suſanna wurde bleich. Sie kannte die Härtnäckig⸗ keit dieſes über die Ungerechtigkeit empörten Lammes. Hundertmal hatte ſte geſehen, wie ſte als Kind lieber jeder Züchtigung Trotz bot, ja lieber den Tod erlit⸗ ten hätte, als daß ſte von dem abließ, was ſie für gut und recht erkannte; daher gab die Schottin den Kampf jetzt auf. Mit gerunzelter Stirn, mit trotziger Hal⸗ tung ſtand ſte vor ihr und ſagte nach einigen Augen⸗ blicken ſcharfer Beobachtung: „Alſo Du weigerſt Dich, mir zu folgen und zu Deiner Pathe zurüuckzukehren?“ Statt aller Antwort wies Katharina mit dem Finger nach der Thür. Suſanna gehorchte, aber ſte that es, um die Wachen zu rufen, welche während dieſer Unterhaltung in der anſtoßenden Galerie auf⸗ und abgingen, und deren Partiſanen auf den Granit⸗ platten dröhnten. Fünfe von dieſen Männernerſchie⸗ nen auf der Schwelle von Katharinens Zimmer. Wuͤthend richtete ſich die junge Herzogin empor und ſchleuderte der Schottin furchtbare Verwünſchun⸗ gen zu. „Die gnädige Frau,“ ſagte Suſanna,„weigert ſich, dem Befehl des Königs nachzukommen. An Euch iſt es, ſte dazu zu zwingen.“ Und ſchon näherte ſich der Anführer der Bewaff⸗ neten, um die Prinzeſſin zum Gehorſam aufzufor⸗ dern, ſchon hatte Katharina im Hof eine angeſpannte, von einer Reiterwache umringte Sänfte bemerkt. 291 „Noch einen Augenblick,“ rief ſie;„auch ich habe dem König Erklärungen zu geben, ich will mit ihm ſprechen.“ Der Führer der Hellebardiere wollte einwenden, er habe keine darauf bezüglichen Befehle, zudem ſei in dieſem Augenblick Heinrich VII. gar nicht in Ber⸗ mondsey. Suſanna wies ein mit dem königlichen Siegel verſehenes Pergament, in welchem geſchrieben ſtand, Lady Katharina Gordon ſolle in einer Sänfte wohlverwahrt und ohne Verzug an die Küſte geführt werden. Auf einmal zeigte ſich auf der Teraſſe der Kaplan, drängte ſich durch bis zu der Gefangenen und ſprach die Worte: „Niemand hat das Recht, Lady Katharina Gor⸗ don von einer Unterredung mit dem König abzuhal⸗ ten, wenn ſie eine ſolche wünſcht; ich nehme es auf mich, ſie vor unſern gnädigen Herrn zu führen; ſo eben iſt er hier im Schloſſe angelangt.“ Triumphirend eilte Katharina auf dieſen uner⸗ warteten Beſchützer zu. Suſanna wich zurück und zerknitterte in ihren Händen den unnützen Befehl. Der Kaplan ging mit ruhiger Miene voran und ei⸗ nige Augenblicke ſpäter führte er die junge Frau in die Höhle, wo der königliche Jäger ſeine Beute er⸗ wartete und ſich ſchon bereit gemacht hatte, ſte zu em⸗ pfangen. Wie Tiger und Gazelle ſtanden ſie lange einander gegenüber und ſahen regungslos einander in die Au⸗ gen, ohne daß eines von beiden die Rede begann. Heinrich bewunderte dieſe ſanfte, reine Schönheit, dieſe zarte Bläſſe, dem duftigen Azur verglichbar, in 292 deſſen Schimmer das durchſcheinende Weiß der Lilie ſeine weichen Schatten kleidet. Mit Schreck und Miß⸗ trauen betrachtete Katharina das ebenfalls bleiche Antlitz des Königs, aber bleich von ſo vielen ſchlaf⸗ loſen Nächten; dieſe trocknen, tiefliegenden Augen, dieſe von frühzeitigen Runzeln gefurchten Wangen, die ſpärlichen, weißen Haare, dieſe Lippen, ſo dünn wie ein karminrother Faden, die dem geſchloſſenen Mund beinahe das Anſehen einer ſchmalen Schnitt⸗ wunde gaben. Der Anblick der ſanften Katharina blieb nicht ohne Wirkung auf den Tiger; der Kampf mit einem Panther wie Suſanna oder einer Löwin wie Marga⸗ retha wäre ihm wohl lieber geweſen. Nach und nach löste ſich der ſcharfgeſpannte Blick, der aus ſeinen Augenhöhlen drang: er hatte des Gegners Kräfte ge⸗ meſſen, es war als wenn die Spannkraft dieſes ge⸗ waltigen Hirns auf ein Mal in Ruhe geſtellt würde. Er erhob ſich von dem vergoldeten Seſſel, auf den ſein Kaplan ſich einen Augenblick mit dem Ellbogen geſtützt hatte, dann verabſchiedete er dieſen Zeugen mit einem Zwinken des matten Auges, wie es dem Katzengeſchlecht eigenthümlich iſt, erſuchte Katharina mit einer leichten Handbewegung, näher zu treten, be⸗ deutete ihr einen Seſſel, der von dem ſeinigen nur ein paar Schritte entfernt ſtand, und ſetzte ſich nieder. Sie blieb ſtehen. „Setzt Euch, Madame,“ ſagte er mit einer ſo ſanften Stimme, daß ſite Katharina, welche ohne Zweifel Töne anderer Art erwartet hatte, beinahe wohl zu klingen ſchien,„ſetzt Euch, Frauen von ſo ed⸗ ler Abkunft iſt es nicht verwehrt, vor Königen zu ſitzen.“ * 293 Sie ſchlug die Augen nieder und gehorchte. Nach einem kurzen Stillſchweigen nahm der Kö⸗ nig wieder das Wort. „Was wünſcht Ihr von mir?“ „Gnädiger Herr, man will mich von hier weg⸗ führen nach Flandern,“ ſagte ſie;„dieß aber kann ich mir nicht gefallen laſſen.“ „Warum?“ ſagte Heinrich und ſah ſte ſcharf an. „Ich bin vermählt, gnädiggg Herr. In Glück und Unglück gehöre ich nur meillem Gemahl.“ Heinrich ſchüttelte leicht den Kopf. „Eitle Großmuth!“ murmelte er;„derjenige, den Ihr Euren Gemahl nennt, hat dieſen Titel geſtohlen. Der heilige Vater in Rom, im Nothfall auch ein Concilium, wird dieſen Ehebund auflöſen, welcher auf einer abſichtlichen Täuſchung beruht, deren Opfer Ihr keineswegs bleiben ſollt.“ „Niemals!“ rief Katharina feurig,„niemals ſoll durch mich unſer Bund gelöst werden!“ „Solltet Ihr um Eure Ehre und die Achtung, welche Ihr Eurer Familie ſchuldig ſeid, nicht m ehr Sorge tragen?“ ſagte der König mit Ruhe.„Das iſt unmöglich.“ „Ich glaube mich durch dieſe Heirath nicht ent⸗ ehrt,“ entgegnete Katharina, welche gern mehr geſagt hätte, aber doch nicht wagte, Richard in Gegenwart ſeines Nebenbuhlers geradezu den Herzog von York und rechtmäßigen König pon England zu nennen. Heinrich fuͤhlte wohl, daß man ihn ſchonte. Er ließ nicht nach. „Ihr habt Unrecht, fuhr er fort.„Eine Miß⸗ heirath aus Unwiſſenheit, das iſt eben nur ein Miß⸗ 294 geſchick, ein Unglück; aber in einem ſolchen Irrthum beharren, das wäre ein Verbrechen.“ Jetzt mußte Katharina ſich erklären. Sie ſenkte die Stirn, ſie faltete die Hände, und eine Thräne, ſo heiß, daß ſie den Marmor hätte ſchmelzen mögen, trat aus ihren Augen.. „Mylord,“ ſagte ſie,„Eure Weisheit iſt groß; Ihr lest in meinem Herzen als in einem offenen Buch. Ihr ſeht, wer ich zu ſein glaube. Wenn das ein Irrthum iſt, ſo beklaget mich; iſt es ein Verbre⸗ chen in Euren Augen, ſeine Quelle iſt heilig, ſtrafet mich nicht.“ „Euch?... O nein,“ ſagte der König,„nicht Euch!“" „Mich müßtet Ihr ſtrafen,“ flüſterte ſie leiſe. „Iſt es möglich!“ rief Heinrich mit ſo gut erheu⸗ chelter Verwunderung, daß Katharina ſich in der Schlinge fangen ließ,„Ihr liebt dieſen...2“ Er hielt ein; ſte erröthete vor Stolz. „Dieſen Perkin Warbeck?“ vollendete Heinrich. „Nicht Warbeck iſt es, den ich liebe, Sire,“ ſagte die hochherzige Frau.„Und da Ihr mich gezwungen habt, alſo mich auszuſprechen, ſo werde ich mein Wort nicht zurücknehmen, denn ich weiß, wenn ich es thun würde, ſo müßte mein edler Gemahl mich ver⸗ läugnen.“ Heinrich ſtand auf und ging mehrmals mit gro⸗ ßen Schritten durch das Zimmer, die Hände auf dem Ruücken, die Stirne geſenkt, als bekäͤmpfte er ſeinen Zorn oder verfolgte eine tiefe Betrachtung. „Ich muß ſie doch enttäuſchen,“ murmelte er, eben 295 laut genug, daß ſte es hören konnte;„denn, wenn ich es nicht thue, wer ſonſt wird es wagen?“ Sofort wandte er ſich gegen die erſtaunte Ka⸗ tharina: „Wollt Ihr einem Graubart glauben, der zu Euch, die er ſo jung und ſchön vor ſich ſtehen ſteht, ſich hingezogen fühlt, wie zu einer geliebten Tochter? Glaubt mir, es iſt beſſer, Ihr reiſet nach Flandern; ich habe ja keinen Vortheil dabei, es Euch zu rathen. Glaubet mir, Lady Katharina, reist hin!“ „Und... der Prinz.. was ſoll aus ihm werden?“ Heinrich wurde über die Benennung in dieſer Frage nicht entrüſtet; das bleiche Lächeln, das um ſeine Lippen ſpielte, verſchwand gleich wieder. „Vergeſſet dieſen Menſchen,“ ſagte er,„wenn Ihr wollt, daß man ihn bei uns vergeſſe, wenn Ihr wollt, daß mein Adel ihn vergeſſe, daß meine Soldaten ihn vergeſſen, daß mein Henker ihn vergißt, Lady Katharina Gordon.“ Sie erſtickte einen Schrei. Er näherte ſich ihr theilnehmend. „Denn dieſer Menſch,“ fuhr er fort,„iſt ein Schurke und ein Betrüger; ſeine Verbrechen ſind er⸗ wieſen; ſeine Mitſchuldigen haben ihn verlaſſen, ver⸗ läugnet, ihn meiner nur zu langmüthigen Gerechtig⸗ keit überantwortet, und Europa, deſſen Urtheil ich demnächſt den ganzen Gang der Sache vorlegen muß, wird mich fragen, warum es nicht zu gleicher Zeit mit dem Verbrechen auch deſſen Beſtrafung erfährt.“ „Wer ihn verräth,“ rief Katharina,„das ſind niederträchtige Feiglinge, die ihn nicht kennen!...“ 296 Ohne darauf zu antworten, öffnete Heinrich eine Schublade an dem mit Elfenbein eingelegken Schrank von Ebenholz, vor welchem ſein Arbeitstiſch ſtand. Er nahm die Erklärung der Herzogin von Burgund heraus und reichte ſie Katharina. Sie las; ihre Blicke umſchleierten ſich; ihre Stirn wurde vom En⸗ gel des Todes berührt. Ihre Finger konnten das zit⸗ ternde Papier nicht mehr halten. Heinrich fing es im Fallen auf und faßte zugleich Katharina's eiskalte Hand. „Jetzt,“ ſagte er,„ſeht Ihr wohl ein, warum Ihr das Recht habt, mit dieſem Menſchen zu brechen. Wohin ſein Schickſal ihn führen wird, dahin kann des edlen Huntley Tochter ihm nicht folgen!“ „Mylord! Mylord!“ ſtöhnte die unglückliche junge Frau und ſank im Uebermaß ihres Schmerzes auf die Knie.„Sein Leben!... rettet ſein Leben!... My⸗ lord, im Namen Eurer Mutter! vergießet nicht das Blut deſſen, den ich meinen Gatten nannte!“ Katharina hatte wohl gefühlt, daß dieſer Wider⸗ ruf der Herzogin Richard's Todesuxtheil war: Sie begriff, daß jetzt die Stunde gekommen ſer, vor dem Sieger ſich zu demüthigen. „Es iſt mir leid,“ erwiderte Heinrich,„daß ich den Menſchen, den Verbrecher, welcher die Ehre hatte, Euer Gatte zu heißen, auf's Blutgerüſt ſchicken muß; aber wie ſoll ich dieſer Nothwendigkeit entgehen? Was würde England dazu ſagen? Seid offen und wahr, Lady Katharina, ſprecht wie eine Königin, denkt Euch, Ihr wäret meine Frau oder meine Toch⸗ ter, würdet Ihr wohl von mir verlangen, ich ſolle dieſes Haupt verſchonen? So eben noch, auf dieſer 297 Stelle, nanntet Ihr Euch Herzogin von York. So⸗ mit nanntet Ihr ihn: Richard, Sohn Eduard's, Kö⸗ nig von England! Wenn ich heute ſein Leben ſchone, ſo wird alle Welt morgen ſagen:„Es iſt doch der König!“ „Mylord, ich bin ja nicht die Herzogin von York, ich bin eine arme Frau, die Euch bittet, Euch, den Chriſten, Euch, den großmüthigen Fürſten, Euch, den einzigen König und Herrn bittet, Euren Feinden zu verzeihen, womit ſie Euch beleidigt. Seht, ich beuge das Haupt und geſtehe meine Fehler. Wollt Ihr, daß ich ſie öffentlich bekennen ſoll? Mylord, barfuß, den Strick um den Hals, will ich an den Stufen von Weſtminſter um dieſe Gnade flehen!“ „Aber nicht Ihr,“ ſagte Heinrich vor Freude zit⸗ ternd,„nicht meine edleé Katharina iſt es, die ich fürchte, ſie, die lautere Treue, Tugend und Ehre!“ „O!“ rief ſie, per wird thun, wie⸗ ich, mehr als icc⸗ ich ſteh' Euch dafür h“ „„Das bildeſt Du Dir ein, Kind„ſo iſt es aber zcin Er iſt ein v ihiene Sünderder jeden guten Rath von ſich ſtößt us Hochmuth zebdren win er im Hochmuth zu Gunde gehen.“ „Wenn er Cure Milde, Eure Großmuth kennte.. „Warum ſprichter die nicht an, meine hess und mein Mitleid dazu.?“. N „Mylord, zwei Worte aus meinem Mund und er wird es thun wollen; man wird ihn gereizt ihm ge⸗ droht haben; er iſt ſtölz!. Laſſet mich reden mit ihm, vor ſeinen Augen das Licht der Wahrheit leuchten, und alle dieſe trügeriſchen Nebel werden ſich zerſtreuen.“ 298 „Glaubt Ihr?“ ſagte der König mit väterlicher Sanftmuth. „Ich ſtehe dafür! ich beſchwör' es Euch! Aber ich, ich darf ihm Gnade verſprechen, nicht wahr?“ „Ihr wollt es— Gnade für ſein Leben...“ „Volle Gnade! Gnade, wie ſte Gott üben würde! Ihm ahmet nach, Ihr, ſein Stellvertreter auf vieſer Erde! O König, Ihr ſeid ſo groß, ſo gut...“ „Dieſes Kind iſt eine wahre Zauberin und bringt mich ganz in ihre Gewalt,“ ſagte Heinrich und fuhr mit einer Hand über ſeine fahlen Augen, als ob ſie noch von einer Thräne hätten feucht werden können. 6 35 iſt er?“ fragte Katharina mit fieberiſcher aſt. „Im Kloſter Bauley, drei Meilen von hier.“ „Ein Aſyl, das unverletzlich iſt!“ rief ſie unvor⸗ ſichtig. „Glaubt Ihr?“ erwiderte der König.„Dann werdet Ihr wohl ſchwerlich hineinkommen.“ Die Arme ſchauderte zuſammen. Nach der Er⸗ klärung der Herzogin gab es kein unverletzliches Aſyl mehr. „Ich werde hingehen, Mylord,“ begann ſie wie⸗ der und küßte heftig die weißen, trockenen Hände des Königs, der ſich ſtellte, als laſſe er ſich hinreißen. Er rief ſeinen Kaplan, ſchrieb einen Brief an den Prior von Bauley und bald darauf ſtand die unglück⸗ liche Katharina vor dem eiſernen Gitterthor des geweihten Aſyls.— „Ei nun,“ dachte der König,„von dieſen beiden Frauen, die ich zu Gegnerinnen hatte, hat mir die 299 eine einen vortrefflichen Dienſt geleiſtet, indem ſie Richard verderben wollte; laßt ſehen, ob die andere, die ihn retten will, mir nicht noch beſſer dienen wird.“ Neuntes Kapitel. Seit dem Tage, da ſeine Schotten ihn in das Aſyl gebracht, war es Richard klar geworden, daß nun das Märterthum allgemach beginne. Von dieſen heldenmüthigen Getreuen waren zwei noch übrig, zwei von hundert! Der Prior von Bau⸗ ley konnte ihnen den Eintritt in das Kloſter nicht verweigern. Aber ſeit ihrer Ankunft war es ihm ängſtlich, eine ſo große Verantwortlichkeit über ſich zu nehmen und er fürchtete, durch Aufnahme der Feinde des Königs deſſen Haß auf ſich zu laden. Gleichwohl, aus Achtung vor der Heiligkeit ſei⸗ ner Freiſtatt und vor dem Glauben des Volks, wi⸗ derſtand er muthvoll allen Verführungsverſuchen, welche der ſtegreiche Tyrann nicht ermangelte bei ihm geliefert. Aber freilich, was bürgte dafür, daß dieſer edle Muth ausdauern werde? Der Prior ſah wohl, wie die Kette von Lanzen und Musketen, welche das Klo⸗ ſter umzog, jeden Tag dichter wurde. Er gab dem Gefangenen Nachricht von dieſen drohenden Vorkeh⸗ rungen; er ſeufzte, er ermahnte den Dulder, nur noch auf Gott zu hoffen. Dazu entſchloß ſich Richard eben zu machen. Richard wurde ſeinem Feinde nicht aus⸗ nicht ſchwer, denn er erinnerte ſich, daß die Nenſchen 300 alle ſchwach ſind, und daß ein Prior— auch nur ein Menſch iſt. Einer der beiden Schotten ſtarb an ſeinen Wun⸗ den; Richard beweinte ihn wie einen Bruder. Der andere bewachte, nachdem er ſeinen Waffengefährten begraben, den Herzog Tag und Nacht, wie einen fortan ihm allein anvertrauten Schatz. Darüber verlor der wackere Hochländer den Schlaf; er aß nicht mehr, Faſten und Fieber ſetzten ihm zu, er wurde krank und ſtarb, ohne von ſeinem Herzog laſſen zu wollen, deſ⸗ ſen Gewand er im Todeskampfe mit krampfhafter Hand ergriff; nach dem Tode waren die Finger des Schotten ſo feſt geſchloſſen, daß Richard ein Stück von ſeinem ſammtnen Wamms ringsum abſchneiden und in der Hand des Braven laſſen mußte, die es als ein rühmliches Zeugniß ihrer Treue mit ins Grab nahm.— 3 Er war allein! allein mit ſeinen Sorgen, Käm⸗ pfen und Gedanken. Die Nächte däuchten ihm gar lange, wenn er um ſein Aſyl her das Waffengeklirr der wilden Krieger hörte, wenn er ihre ſchwarzen Geſtalten vor den Wachtfeuern ſich hin⸗ und herbe⸗ wegen ſah, und wenn er mit Widerwillen auf ihre rohen Lieder horchte, in denen dem falſchen York der Galgen verſprochen wurde. Auch bewachte er fort⸗ während die Thüre ſeiner Zelle, welche leicht einem weuiger lauten aber ſchnelleren Mörder ſich öffnen onnte. Nun rief er ſeiner Seele die ſchönen Tage ſeines vergangenen Lebens zurück, das ihm ſchon in weiter Ferne zu liegen ſchien; ſeine Siegeszüge vor einem ganzen Volk, Irlands blaue Seen und grüne Hügel, 301 die bergigen Haiden des Hochlands, ſeine wilden, in tiefe Schatten getauchten Jagdgründe, jene felſigen, im hellen Sonnenſchein weithin glänzenden Küſten. Dann dachte er an Katharina, die Zauberin, welche ihn in den Abgrund gelockt, an Katharina mit ihren blauen Augen, mit ihrem herzerfriſchenden Lächeln — an Katharina, ſeine Geliebte, ſein Weib, um die ſeine Seele weinte, nach der ſein Herz mit lauten Ru⸗ fen verlangte, an ſie, die für ihn ſo viele geheime Reize, ſo unausſprechliches Entzücken bewahrte. O! wenn dieſem Unglücklichen das Leben ſchon ſo ferne lag, wie viel ferner noch erſchien ihm Katharina, der Engel dieſer düſtern Reiſe, der dem bleichen Pilger für einen Augenblick zur Seite gegeben und plötzlich wie⸗ der entriſſen war? Richard gab ſich keiner Selbſttäuſchung hin. Er war verloren. Von einem eiferſüchtigen Fürſten wird ein Aſyl nur ſo lange geachtet, bis er ein Mittel gefunden hat, ohne Aufſehen und Aergerniß hineinzukommen. Ein Zweifel war nicht mehr möglich. Hier, in dieſer Zelle, ſollte der Stoß eines Meſſers, vielleicht auch die Schlinge einer ſeidenen Schnur ein Leben enden, das ſchmerzenreichſte, das es geben konnte, und doch ſo heiß geliebt, ſo feſt umklammert, wie je nur eines war: denn Richard,— ſollen wir es noch ſagen— Richard hätte gerne noch gelebt: er liebte jal Die grauſamſte Qual in dieſen angſtvollen Stunden der Einſamkeit war der Zweifel. Wie dachte Katha⸗ rina? War ſie zurückgekehrt in dieſe glänzende Welt, wo Tröſtungen aller Art ein Weib gar ſchnell den Kum⸗ mer vergeſſen laſſen, den ſie nur mit Beſchämung vor 302 der Welt zeigen darf? Hatte König Jakob ſie wieder an ſeinen Hof genommen?, War ſie wieder nach Flandern gegangen, zu der Herzogin? Ol wie mußte bei dieſer unerklärlichen Feindin Katharina ſo ſchnell ihren Gemahl verachten lernen! Dieſe Wuth der Herzogin, nach ſo vielen Betheuerungen und Wohlthaten, war das Räthſel, welches in Richard's mattem Haupt unaufhörlich hin und her ging, ein Räthſel, das ihm unlöslich war und ihn dem Wahn⸗ ſinn nahe brachte. Es kamen bei dieſem jungen Feuergeiſt Augen⸗ blicke der Auflehnung wider das Schickſal. Er ſagte ſich, daß Glück und Erfolg im Leben nichts weiter verlangten als Willenskraft; daß es bei Verbrechen, wie bei Heldenthaten, ſich nur um das Wollen handle: daß in verzweifelter Lage Alles zu machen iſt, Alles gelingen kann. Dann träumte er von Schlachten, Blutſtrömen, Feuer und Brand; ein würgender Dä⸗ mon, ſchwang er über Bauley's Mauern ſich empor auf blutigen Schwingen; er gewann neue Freunde, er kämpfte bis in den Tod, erkämpfte einen Soldaten⸗ tod, gleich dem des alten Kildare, des für York ge⸗ fallenen, ein ſelbſt in Feindesaugen ehrenvolles Ende. Dann verfiel er auf einmal, wie von wirklichen Schlachten erſchöpft, in eine tiefe Entſagung, er ließ die Stirn ſinken und betete. Vielleicht, dachte er, bin ich von Gott auserwählt, um alle Verbrechen meiner Familie zu ſühnen. Dieſe ſchreckenvolle Geſchichte der beiden Roſen hat noch ihre Löſung nicht gefunden, ich bin es, der ſte bringen wird, es iſt meine eigene Geſchichte, mein eigenes Ich, eine geheimnißvolle Sage, voll Schauder und Schre⸗ 303 cken; ſte wird die lange Reihe von Meuchelmorden, von Thronraub und Gewalt, die auf York wie auf Lancaſter liegen, beſchließen. Man wird weinen über mein Schickſal, und weinen über meine Jugend und meinen zweifachen Tod; dieſe frommen Thränen wer⸗ den die Flecken wegwaſchen von unſrem Hauſe. Aber freilich, dießmal noch muß ich fallen, ebenſo rein und makellos vor Englands Augen, als da die Henkers⸗ knechte meines Oheims Gloſter ihre Dolche mir in die Locken ſtießen, da meine ſinkenden Arme den Kö⸗ nig, meinen Bruder ſuchten, um ihn zu ſchützen, der an meiner Bruſt ermordet ward! Dann rief der unglückliche Prinz ſeine Mutter an, die, nachdem ſie auf Erden für ihn Nichts thun konnte, doch im Himmel ihn erwartete, und wenn er dann noch um ihre Fürbitte bei dem erzürnten Gott debriet. ſo fühlte er ſich getröſtet, vertrauensvoll und ark. Seine Zelle, am Ende eines langen Corridors, war das einzige bewohnte Gelaß auf dieſer Seite des Kloſters. Der Prior, welcher einerſeits mit dem Staat, andererſeits mit der Kirche zu gehen wünſchte, gegen York wie gegen Lancaſter in gleich unpar⸗ teiiſcher Weiſe Rückſicht üben wollte, hatte Richard zwar nicht als Prinzen, aber doch als einen vorneh⸗ men Flüchtling behandelt. Sein Tiſch war mit Al⸗ lem, was das Land Ausgeſuchtes bot, reich beſetzt. Aber der Gefangene hatte ſich von Anfang an mit Brod und Waſſer begnügt, und alles Andere als über⸗ flüſſig zurückgewieſen mit einer Beharrlichkeit, die jedoch von unzeitigem Hochmuth ſo weit entfernt war, daß ihm dieſelbe vielmehr die Achtung der Mönche 304 und die Bewunderung des Priors ſelbſt erwarb. Denn dieſer Letztere, anfangs feindſelig geſinnt, dann unentſchieden, faßte zuletzt eine geheime Zuneigung zu ſeinem Gefangenen, deſſen Schönheit und ſanfte Ergebenheit ihn rührten; ja, er faßte den Entſchluß, im Fall einer Ueberrumpelung oder ſonſtigen Gewalt⸗ that dem Schlachtopfer Nachricht zu geben, damit es ihm möglich wäre, bei Zeiten ſeine Rechnung mit dem Himmel abzuſchließen. Eines Tages hörte Richard draußen auf dem Gang ein Rennen und Rufen. Es war der Prior, der ganz außer ſich hereinſtürzte, um dem Eingeſchloſ⸗ ſenen zu ſagen: er möge Nichts befürchten; er ſprach ſogar von Freude, von Ueberraſchung, ſein Angeſicht ſtrahlte, und Richard würde von dieſem Entzücken, von dieſen wiederholten Umarmungen Nichts ver⸗ ſtanden haben, wenn ihm nicht plötzlich, einge⸗ rahmt von der offen gebliebenen Thür, eine himm⸗ liſche, ſeraphgleiche Geſtalt erſchienen wäre,— Katha⸗ rina ſelbſt, die zitternd, ein Bild des tiefſten Leidens, auf der Schwelle ſtand. Mit einem lauten Schrei ſtürzte er auf ſie zu, blieb aber auf einmal ſtehen. Sie verſtand dieſen Zweifel, und warf ſich Richard, der unter der Laſt ſeines Glückes wankte, mit weit offenen Armen an die Bruſt. In dieſer ſtummen, innigen Umarmung floſſen ihre Thränen und ihre Herzen zuſammen, und jedes nahm, des Andern Thränen trinkend, ſeinen Antheil von Hoffnung und Verzweiflung. „Ja,“ ſagte zuerſt Katharina, denn ſie wußte wie koſt⸗ bar die Augenblicke waren;„ich komme, mein Gemahl, Euch zu holen, Euch von hier mit fortzunehmen.“ 305 Er fuhr zurück. „Woher kommt Euch dazu die Macht?“ fragte er. „Vom König. Ich war bei ihm, er iſt barmher⸗ zig; er will nicht Euren Tod.“ „Ihr habt ihn um Gnade für mich angefleht?“ rief Richard und zog die Stirn in düſtre Falten. „Keinen Stolz, mein Freund,“ entgegnete ſie mit ſanftem, doch feſtem Ton.„Ihr habt weder die Zeit noch das Recht dazu. Seid nicht unfügſam, ich rede ſo, weil ich weiß, wie die Dinge ſtehen. Ihr ſeid von Allen verlaſſen. Ihr ſtündet allein auf der Welt ohne die Liebe Eures Weibes, die es treu mit Euch meint und die vor Nichts zurückſchrecken wird, um Euch zu retten, auch nicht vor der Gefahr, Euch zu mißfallen.“ „Verzeiht, Katharina,“ ſagte Richard.„Ich be⸗ wundere Euren Muth und Eure Aufopferung für mich; weniger begreiflich iſt mir König Heinrichs wohlwollende Geſinnung. Dieſe vor Allem erklärt mir.“ „Mit zwei Worten: Ich war ſeine Gefangene wie Ihr; man wollte mich nach Flandern ſchicken zu der Herzogin, die mich zurückverlangt; ich aber wollte nicht gehen, bevor ich Euch in Sicherheit wüßte. Dieſen Entſchluß habe ich dem König offen erklärt und er hat mir erlaubt, hieher zu kommen.“ „Unter welcher Bedingung, Kat harina?“ „Unter der Bedingung, daß Ihr Euch beuget vor ven Wahrheit und noch mehr vor der Nothwendig⸗ eei.5 4 „Das heißt, daß ich um Gnade bitte.“ „Nein.“ Maquet, Weiße Roſe.. 20 306 „Es muß aber doch eine Bedingung da ſein, und eine ſehr harte, da Ihr alſo zögert ſie mir zu nennen.“ Katharina ſuchte mit den Augen um ſich her, ſie gewahrte einen Schemel von Eichenholz und ſtellte dieſen neben den Armſeſſel, welcher Richard als Sitz und als Bett diente. Sie ſetzte ſich nieder, und hieß auch ihn ſich ſetzen; dann faßte ſie ſeine Hände in die ihrigen, ſah ihm tief in die Augen und ſagte zu ihm: „Ich habe Euch an den Stufen des Altars Liebe und Treue geſchworen; Ihr ſeid mein Gemahl, ich liebe Euch. Nichts könnte meine Zärtlichkeit erkälten oder mein Vertrauen erſchüttern. Wenn ich, in einem Augen⸗ blicke ſtrafbaren Stolzes, den ich verabſcheue, Euch belei⸗ digt, ſo verzeiht mir; es war der Irrthum einer Seele, welche die Vorurtheile der Welt irre führten. Ich habe ſpäter darüber nachgedacht, und ich fühle, daß meine Zweifel ein Verbrechen waren. Ich habe nicht das Recht an Euch zu zweifeln. Ihr ſeid es, Euer eigenes Weſen, das ich geliebt, ſeitdem ich Euch geſehen; Euer Bild iſt es, das für immer in mein Herz gegra⸗ ben iſt. Dieſe zärtliche und tiefe Liebe hatte nicht einen Prinzen zum Gegenſtand von dieſem oder jenem Rang, von dieſem oder jenem Namen. Was iſt ein Name? Hättet Ihr Lancaſter geheißen, auch ſo hätte ich Euch, den Lancaſter, geliebt. Wäret Ihr ein Handwerker, ein Leibeigener, oder was weiß ich ſonſt Gemeines geweſen, meine Liebe würde auch dort un⸗ ter der Menge des Volkes Euch geſucht haben. Heute, da ich Euer Weib bin, iſt es nicht mehr blinde Zärt⸗ lichkeit, die mich zu Euch führen muß, ſondern die Pflicht, ol die ſüßeſte, wie die heiligſte aller Pflichten. 307 Darum, was auch geſchehen, was man auch ſagen mag, was man uns auch, dem Einen oder dem An⸗ dern, vorwerfen möge, wir bleiben vereint und Nichts auf der Welt kann uns ſcheiden. Verſteht Ihr mich, mein Gemahl, mein Leben?“ „O ja, ich verſtehe Euch,“ erwiderte Richard bleich und mit matter, zitternder Stimme.„Ihr wollt ſagen, daß Ihr gütig, großmüthig genug ſeid, um mich zu lieben, ſo elend ich bin, ſo lügenhaft ich ſein könnte. Mit einem Wort, Ihr ſaget mir: ‚Du biſt nicht Richard, Herzog von York, Du heißeſt Perkin Warbeck; damit ſoll aber nicht geſagt werden, daß ich das Fleiſch von meinem Fleiſch verlaſſen werde, und ich werde Warbeck retten wider ſeinen eigenen Willen.““ 8 Katharina erhob ſich tieferregt, aber mit uner⸗ ſchütterter Seelenſtärke. „Und wenn ich dieß nun ſagte,“ rief ſte,„welchem von uns würde Gott, der vom Himmel herab uns Beide hört, ſein Angeſtcht zuneigen? Dem Her⸗ zen voll treuergebener Liebe oder dem hartnäckigen Stolze? Der Frau, die hier, der ganzen Welt zum Trotz, den Schwur ihrer Liebe erneuert, oder dem Manne, der, trotz unwiderlegbarer Beweiſe, dabei beharrt, die Arme, die ſich ihm öffnen, zurückzuſtoßen und ſein Weib, das ſich vor ihm niederwirft, mit Füßen tritt?“ „Welche unwiderlegbaren Beweiſe habt Ihr denn, daß ich der Menſch ſei, der Ihr ſagt?“ fragte Richard. „ So eben habe ich bei dem Könige den Brief, die Urkunde, geſehen, in Händen gehabt, kraßt deren . 0* 308 die Herzogin von Burgund bekennt, ſte ſei in Irr⸗ thum gefuͤhrt geweſen, und erklärt, Ihr ſeid nicht Richard von York, und dem König Heinrich VII. erlaubt, dieſe Erklärung in ganz Europa zu verkün⸗ den.“ „O!“ murmelte der Unglückliche dumpf, wie zu Tode getroffen, und eiſigkalt ſtrömte das Blut ihm zum Herzen zurück. „Aber was liegt denn daran?“ rief Katharina, ihn in die Arme ſchließend und mit ihren Liebkoſun⸗ gen, ihren Küſſen ihn erwärmend,„nochmals, was liegt daran! York oder nicht, was ich liebe, das iſt hier, das iſt meines Gatten, meines Herrn geliebtes Haupt. Nur aus Großmuth, nur um der Liebe wil⸗ len wollteſt Du noch kämpfen. Du liebſt mich ſo ſehr, daß Du mir eine Krone geben wollteſt. O! Du biſt ihrer würdig, mein Geliebter, mein Held! Aber Du haſt genug gethan. Das Schickſal hat ſich gegen Dich— gegen uns erklärt. Jetzt gilt es, Dein Leben zu retten, in dem das meinige eingeſchloſſen iſt. Sieh, das iſt es, was ich will, das iſt es, was ich Dir biete, und was ich Dich nicht bitte, nein, was ich Dir be⸗ fehle anzunehmen, wenn Du noch etwas von Achtung und Liebe für mich haſt.“ Ohne eine Spur von Bewegung zu verrathen, ſuchte Richard ſeine gebrochene Kraft zu ſammeln. Durch dieſes ſcheinbar unſchlüſſige Schweigen wurde Katharina ermuthigt. „Wohlan,“ ſagte ſie,„Alles iſt im Voraus be⸗ reitet und geordnet. Nach dieſem Briefe der Herzo⸗ gin iſt nichts weiter zu thun, der Kampf wäre un⸗ ſinnig, lächerlich. Der König verlangt Nichts als 309 daß Du bei dieſem Briefe Dich beruhigeſt, und Du biſt frei, biſt gerettet, und zur Vergeltung für alle Opfer, die mein Gemahl mir gebracht, werde ich we⸗ nigſtens ſein koſtbares Leben erhalten haben...“ Richard raffte ſich zuſammen, er faßte Kathari⸗ na's Hand und drückte ſie zärtlich. „Ja wohl,“ ſagte er,„das iſt ächter, hochherziger Muth. Du haſt als treues, edles Weib Deine Pflicht gethan. Ich aber, ich ſegne Dich und Gott möge Dir lohnen.“ „Du willigſt ein?“ rief ſte trunken vor Freude. „In was?“ ſagte er;„erklären, daß ich Perkin Warbeck, ein Jude ſei? Das bin ich ja nicht, meine geliebte Katharina!“ Sie machte eine Beweguug, welche ſie von dem Gefangenen entfernte. 4 „Erklären ſoll ich,“ fuhr Richard fort,„ich ſei nicht Richard, der Sohn Eduard's? Das iſt unmög⸗ lich, denn ich bines.“ „O!... ol...“ murmelte Katharina, in halb unwilligem, halb zärtlichem Ton, indem ſie den Kopf ſchüttelte und ungeduldig mit dem Fuß auf die Stein⸗ platten der Zelle ſtampfte. „Die Frau Herzogin von Burgund,“ fuhr Ri⸗ chard fort,„hat ihre Gründe, mich heute zu verläug⸗ nen, ſo wie ſie früher deren gehabt hat, mich anzuer⸗ kennen. Daraus kann, wie Ihr ſagt, Milady, in den Augen von ganz Europa, ſelbſt in den Eurigen, ein unwiderleglicher Beweis abgeleitet werden. Und doch, man hat ihr nicht geglaubt, da ſie Ja ſagte, jetzt aber, da ſie verneint, jetzt glaubt man ihr. Doch gleichviel. Allein in mir ſelbſt, in meinem Gewiſſen, 310 im Grund meiner Seele, die ich hefrage, und die mir mit Beweiſen antwortet, leſe ich, daß ich Richard heiße, daß der Thron Englands mir gehört, und Ihr, Milady, könnt nicht von mir zu fordern wagen, ich ſolle mich ſelber verläugnen. Nein, würdet Ihr feſt glauben, daß ich der Herzog von York bin, ſo würdet Ihr nicht den Muth haben, mir zuzumuthen, ich ſolle meinen Namen Perkin Warbeck ſchreiben und erklä⸗ ren, daß ich ein Jude ſei. Antwortet, Lady Katha⸗ rina, würdet Ihr das wagen?“— Aber die Arme ſtand da wie vernichtet und ant⸗ wortete nichts. Es ſchien beinahe, ſte hätte gar nicht gehört. „Das Leben,“ begann er wieder,„iſt nicht ſo viel werth als die Ehre, nicht wahr, meine Katharina?“ „Ol' ſagte ſte mit weicher Stimme,„ich glaubte, ein Leben an meiner Seite, ein glückliches, geſegnetes Leben hätte für Euch den ganzen Werth, den ich ſelbſt darin finde. Ich ſagte mir: Glanz und Größe, der Krone täuſchender Schimmer, haben uns verführt und verrathen; jetzt wird ein andrer Himmelskreis ſich öffnen; Euch hatte Gott nicht beſtimmt, ein König oder eines Königs Sohn zu werden, ſondern unbekannt, im Dunkel zu bleiben. Cuer Unglück iſt deſſen Zeuge. Der gute Gott bietet Euch ein neues Leben, ein Leben, ganz Friede, Glück und Liebe! Mein Plan iſt gemacht: Ich verlaſſe mit Euch Europa; wir ſuchen uns eine Zuflucht in einem fernen Lande, wohin die Gerüchte von unſrer Vergangenheit nie gedrungen ſind. Dort werden wir vergeſſen ſein, werden uns ſelbſt vergeſſen; ohne Namen ſein für uns und andere, ich heiße ‚Du für Euch und Ihr 311 heißt für mich: meine Seele, mein einziges Gut— und ſo werden wir durch Schweigen und Demuth jene finſtern Mächte beſchwören, welche uns beinahe den Untergang gebracht hätten. Iſt das nicht ein ſchöner Traum? Iſt das nicht Wirklichkeit? Muß man denn York oder Huntley heißen, um dieſe Bahn zu betreten, und werden wir ſpäter, nach dieſem Le⸗ ben auch noch Huntley oder York ſein, im Lande der Seligen?“— Dieſes, in den Farben der Hoffnung und Liebe ſtrahlende Gemälde erregte in dem jungen, leiden⸗ ſchaftlich liebenden Richard einen Sturm von Gefüh⸗ len; das Herz ſchwoll ihm und ſeine Augen verdun⸗ kelten ſich. Sie beobachtete jede leiſeſte Regung an ihm, ſte ſchöpfte neuen Muth und drückte ihn zärt⸗ licher an ſich. „Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte er,„daß ich, um an Deiner Seite zu leben, auf alle Throne der Welt ver⸗ zichten würde. Will Heinrich VII., daß ich dieſen Verzicht ſchreibe? Ich werde Dir, geliebte Katha⸗ rina, dieß Opfer bringen, daß ich ihm die Krone mei⸗ nes Vaters überlaſſe; Zepter und Krone, das iſt aber auch Alles.“ „Nach dem, was die Herzogin geſchrieben,“ unter⸗ brach ihn Katharina nicht ohne Bitterkeit,„würde dieſes Opfer nicht eben ſehr groß erſcheinen.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Richard mit ſtoiſcher Ruhe, „und man würde es mit Hohn zurückweiſen. Darum iſt es beſſer, nicht das geringſte Zugeſtändniß zu machen, ſondern ganz zu ſterben, ganz York, ganz König, auf dem Haupte die Krone.“ „Die Krone eines Märtyrers, mein Geliebter!“ 312 „Fehlt mir die andere, ſo ſei dieſe mir geſegnet,“ antwortete er ſtolz.„Katharina wird nicht mehr ſo ſicher wiſſen als jetzt, daß ſie mit Perkin Warbeck ſich vermählte; und wenn ſie ſehen wird, wie ich ſterbe, wird ſie ſich ſagen: ‚War er ein Prinz oder nicht, ich war einem edlen Manne vermählt, es war keine Mißheirath.“ „Aber Du kannſt nicht ſterben, Unglücklicher!“ rief Katharina und zog ihn mit Gewalt in eine Ecke der Zelle, ſo weit als möglich entfernt von der offen gebliebenen Thüre, hinter welcher man die Tritte des Priors durch den langen Gang hörte. Sie ließ die Stimme ſtnken, indem ſte ihren Mund an Richard's Ohr, ihr Herz an dieſes widerſpenſtige Herz drückte, und mit zärtlicher Haſt ihm zuflüſterte: „Das Leben, das Du verachteſt, das Du von Dir ſtößeſt, ich verlange es; ich bedarf es, ich muß es haben, um Dein Kindzu ernähren, das unter meinem Herzen lebt!“ Richard faltete ſtumm die Hände. Sie umſchloß ihn mit den Armen und drückte ihn feſt an ihre Bruſt. Da fühlte er deutlich am Schlagen ihres Herzens das Geheimniß des Doppellebens, welches Katharina ihm ſo eben anvertraut. Er hob ſeine Augen auf gen Himmel; war ſein Blick ein Gebet des Dankes, oder der Trotz der Verzweiflung? „Siehſt Du,“ ſagte ſie mit erſtickter Stimme, „was ſollte aus mir werden, wenn Du ſtürbeſt? Und Dein Kind, was würden ſie mit ihm thun, wenn Du darauf beharrteſt, Dich York zu nennen?“— Richard krallte ſich mit den Fingern in die Bruſt, 313 als wollte er dieſen unausſprechlichen Schmerz her⸗ ausreißen. Er antwortete nicht. „Du willſt, nicht wahr?“ fuhr ſte fort;„Du willſt, daß es lebe?“ „Ich will nicht, daß mein Sohn Perkin Warbeck heiße!“ rief er mit einem ſchrecklichen Ausbruch. „Aber ſte werden ihn tödten, ſag' ich Dir.“ „Er wird ſterben als Herzog von York, wie ſein Vater.“ „Er gehört mir, und ich werde ihn retten, Dir zum Trotz!“ rief ſie in wahnſinniger Verzweiflung. „O!“ hob Richard mit tiefer, von majeſtätiſchem Zorn ſchütternder Stimme wieder an,„wenn Du Dich erniedrigen könnteſt, Katharina, um den Preis von Deiner und Deines Kindes, um den Preis meiner eigenen Ehre, für Euch beide das Leben zu er⸗ betteln, ſo waͤreſt Du das elendeſte, das verworfenſte aller Geſchöpfe; du hätteſt an Feigheit und Schmach dieſen Warbeck, den man aller möglichen Verbrechen anklagt, noch übertroffen. Meine Chre iſt koſtbar, Katharina; ich ſterbe, auf daß mein Sohn als Prinz, als König geboren werde. Du biſt Prinzeſſin und Königin kraft meines Lebens, Du wirſt es bleiben kraft meines Todes. O! vergiß es nicht, Katharina, ich bin ein York. Mit meinem letzten Seufzer noch werde ich dieſen Namen nennen. Kann ein Menſch unglücklicher ſein als ich? Ich hatte drei Beweiſe, drei Zeugen für mich: Kildare— er iſt todt; Fryon, der zuerſt mich erkannte— Heinrich VII. hat ihn ge⸗ tödtet; meine Mutter— ich fand in Bermondsey nur ihren Sarg. Habe Mitleid mit meinem Unglück; der Himmel hat mir bisher unerhörte Qualen auferlegt. 314 Wenn ich ein ſolches Glück verliere, wenn ich Alles opfere, was Du mir geboten, wenn ich dieſes arme Kind vor ſeiner Geburt dem Tode weihe, dann bin ich wohl zu beklagen, Milady, und muß Unſägliches leiden; habt Mitleid mit mir, entehret mich nicht, ſchändet nicht meines Namens Gedächtniß, auf den Knieen bitt' ich Euch!“ „So biſt Du ja Richard!“ rief ſte wie erleuchtet durch den Anblick dieſer Qualen, durch die Berüh⸗ rung mit dieſem Heldenmuth, von der Erinnerung an jene tödtlichen Schickſalsſchläge überwältigt. „Gott ſegne Dich!“ rief mit ſtrahlendem Antlitz der junge Herzog;„Du haſt wohl erkannt, daß War⸗ beck in die Niederträchtigkeit, welche Du von ihm ver⸗ langen wollteſt, gewilligt hätte.“ „Und er umarmte ſie ſo leidenſchaftlich, daß ſie zuſammenbrach und niederſank. „ Ich ſehe, daß Du verloren biſt!“ rief ſie mit matter Stimme;„Du mußt ſterben!“ Sie lag da, todtenbleich und kalt; bei ihrem letz⸗ ten Schrei eilte der Prior herbei und ſah, wie Ri⸗ chard ſchluchzend ihre weißen Hände mit Küſſen be⸗ deckte. „Mein Sohn,“ ſagte der Prior gerührt,„wollt Ihr nicht dieſem Engel gehorſam ſein, der im Na⸗ men Gottes zu Euch redet? Brechet mit der Lüge, brechet mit dieſem Leben voll Qualen und Elend, an das Ihr ſo hartnäckig Euch anklammert. Seht her, denket an ſie, wenn Ihr an Euch nicht denken wollet; ſeht, wie ſte leidet! wollt Ihr ſie ohne Hülfe laſſen, gleichwie Ihr ſie ohne Hoffnung laſſet?“ Richard richtete ſich auf; ſeine tiefergriffenen Züge, 315 ſeine bläulichen, bebenden Lippen verriethen den ſchreck⸗ lichen Kampf, welchen er beſtanden. Er ſah den Prior mit einem ſanften, klaren Blick an, wie um ihm zu danken für ſeine Ermahnungen; dann hob er die bleiche, ſtarre Hülle der Geliebten, die ſeine Thränen nicht mehr ſah, ſeine Berührung nicht mehr fühlte, in beide Arme, und trug ſie, mit feſtem Schritt den Corridor entlang ſchreitend, hinaus. An der innern Treppe angekommen, die er mit ſeiner theuren Bürde hinabſtieg, wandte er ſich plötzlich links, nach der durch ein eiſernes Gitter abgeſchloſſenen, geräumigen Vorhalle, jenſeits welcher man den freien Himmel und das offene Feld ſehen konnte, ſo wie die Leute von Katharina's Gefolge und die Soldaten Heinrich's VII., welche, auf ihre Waffen geſtützt, Wache hielten. Richard ſchritt immer weiter, jenen Schlafwa⸗ chenden ähnlich, welche während ihres Fieberſchlafes ſo ſicher gehen und ſich bewegen, wie gewöhnliche Menſchen pflegen. Schon näherte er ſich dem Gitter; ſchon ließen Wachen und Volk, da ſie ihn auf der Plattform, oben an der Treppe gewahrten, ein wildes Geſchrei hören. 3. „Wo wollt Ihr hin, Unglücklicher?“ rief der Prior, ſich ihm in den Weg werfend;„wißt Ihrnicht, daß jenſeits dieſes Gitters der Boden nicht mehr ge⸗ heiligt iſt? Ein Schritt noch und Ihr gehört dem Könige von England!“. „Ich muß doch,“ antwortete er,„Katharina ihren Dienern wieder übergeben. Arme Katharina!— Niemand als ich ſoll die Herzogin von York berüh⸗ ren!“ 1 Suſanna folgte dieſem Auftritt mit gierigen — 316 Blicken und ihr Geierauge erweiterte ſich beim Anblick der doppelten Beute. Richard wich ihrem Blick nicht aus; er forderte ihn heraus durch einen Blitz aus ſeinem Auge. Mit offenen Armen eilte ſte herzu und flog die ſteinernen Stufen hinan. Zwiſchen ſte und Richard ſtürzte ſich der Prior, um einen Strom von Soldaten aufzuhalten, welche gleichfalls nach dem ſo lange erwarteten Opfer lechzten. Richard drückte noch einmal ſeine Lippen auf die Stirne des geliebten Weibes, dann noch einmal, dann betrachtete er ſte mit einem ſo zärtlichen Blick, daß ſogar dieſe wilde Horde eine menſchliche Rührung fühlte; ſodann legte er ſie in die Arme der Schottin, ohne dieſer ein Wort zu ſagen, ohne ihr einen Vor⸗ wurf über das Vergangene zu machen. Sie ſchlug die Augen nieder, nahm Katharina in den Arm, und trug ſie eiligen Laufs die Stufen hinab, zu dem Git⸗ terthor hinaus, nach der Sänfte, in der ſie ihren Schatz verſchloß. Die raſch angetriebenen Pferde wandten um und flogen mit Sturmeseile von dannen; mit ihnen entfloh Richard's Liebe, ſeine Zukunft, ſein Leben, und ſein großes, ſchwermüthig blickendes Auge ſolgte ihnen bis zu dem Augenblick, wo auch die letzte Spur einer fernen Staubwolke verſchwand. „Schnell, mein Sohn, ſchnell,“ ſagte jetzt der Prior,„verweilet hier nicht länger, kommt herein! So nahe an der Schwelle, wo Bauley aufhört, ein Aſyl zu ſein, erbittert Eure Gegenwart die Feinde; ſte glauben, Ihr wollt ihnen Trotz bieten. Nehmt Euch in Acht; ſie brauchen nur einen Schritt zu thun. Hört, wie ſte brüllen und toben!... Ein einziger Sprung, und ſie faſſen Euch, ſogar auf dieſem heiligen 317 Boden!... Kommt herein, mein Sohn, kommt herein!“ In der That rüttelten die vom Geruch des Blutes angelockten Soldaten mit Gewalt an dem Eiſengitter und ſchienen, indem ſie einander aufreizten, nur zu warten, bis der Verwegenſte den Anfang machen, die Stufen hinaufſteigen und den Gefangenen greifen würde. Ruhig lächelnd faßte Richard die Hände des Grei⸗ ſen und drückte ſie; er dankte ihm für ſeine treue Pflege, für ſeine wohlgemeinten Rathſchläge; dann wandte er ſich gegen die verhängnißvolle Steintreppe, und als der Prior, ſeine Abſicht errathend, ihn mit den Armen umfaßte und an ſeinen Kleidern ſich feſt⸗ klammerte, ſagte er: „Wozu das? Habt Ihr, mein Vater, nicht ſo eben ſelber mich ermahnt, mit all dieſem Elend, dieſen Qualen zu brechen? Ich gehorche. Dieſes jämmer⸗ liche Leben, ich will es verlaſſen, in dieſem Augenblick wende ich meine Schritte der Ewigkeit zu!“ Nach dieſen Worten machte er ſich mit edlem An⸗ ſtand los und ſtieg langſam, ruhigen, ſtolzen Blickes die Stufen hinab. Er öffnete ſelbſt das Gitter, und ſagte, zu den erſtaunten Soldaten gewendet: „Geht einen Schritt zurück; verletzet nicht ohne Noth dieſe Stätte! Richard von YNork liefert ſich aus an den König Heinrich VII.“ Er überſchritt die geheiligte Schwelle. Folgſam, zitternd vor der Größe des hier gebrachten Opfers, wich die ſtürmiſche Woge zurück, welche den Augen⸗ blick zuvor noch Alles zu zertrümmern drohte, um an ihn zu kommen und ihn in Stücke zu reißen. Richard 318 ging noch weiter vorwärts; mit ehrerbietigem Schwei⸗ gen umringten ihn die Offiziere; hinter ihnen ſchloſ⸗ ſen die Soldaten ihre Glieder, und mehr als einer, der verſtohlenen Blicks dieſes blaue, wie Stahl ſo feſte und glänzende Auge, dieſes goldene Haar vom reinſten ſächſtſchen Stamm und die ungezähmte Kraft dieſer edlen Seele in einem ſo vollkommen gebauten Körper betrachtete, mehr als ein alter Soldat aus den Bürgerkriegen erinnerte ſich an den König Eduard IV. auf den Schlachtfeldern von Tawton oder Tewks⸗ bury, fühlte ſich gepackt vom Schauer des Glaubens, der im Volke lebte, und dachte bei ſich: „Wenn es aber doch der Herzog Richard wäre?“ 1 Zehntes Kapitel. Da er ſich auslieferte, glaubte Richard einen ſchnellen Tod zu finden. Heinrich VII. aber ſparte ihn auf für ein Strafgericht, welches grauſamer war, als der Tod. Er veröffentlichte das Manifeſt der Herzogin von Burgund, und mit der Nachricht, daß der Thronbewerber nichts als ein Betrüger ſei, er⸗ fuhr ganz England zugleich, daß man ihm dieſen Elenden zeigen würde, in London am hellen Tage, gleich einem eingefangenen wilden Thier, das man von einer Straßenecke zur andern führt. Mit grober Kleidung bedeckt, reitend auf einem Maulthier ohne Sattel und Zaum, das nur an ei⸗ nem Halfterſtrick geführt wurde, hielt Richard ſeinen 319 Einzug in die Hauptſtadt ſeines Königreichs, in Ge⸗ genwart von Hunderttauſenden neugieriger Zuſchauer. Vor ihm her ritten prächtig gerüſtete Herolde, deren etliche von Zeit zu Zeit eine Fanfare blieſen, worauf andere riefen: „Dieſes iſt der Jude Perkin Warbeck, der ſoge⸗ nannte Herzog von York, der Sohn des großen Kö⸗ nigs Eduards 1V!“ Zu dieſem Ausruf bildete tauſendſtimmiges Hohn⸗ geſchrei einen abſchreckenden Chor. Ein betrunkener, bezahlter Pöbel wälzte ſich rings um den Zug der Reiter her, mit Drohen und Schimpfen; oft konnten die Wachen nicht einmal verhindern, daß die Aergſten unter dieſer aufgehetzten, tollen Bande Richard mit Steinen und Koth bewarfen. Stummergeben, bleich, war der Unglückliche dar⸗ auf gefaßt, am Ende jeder Straße das Blutgerüſt zu ſehen, und die Hoffnung auf den Tod ſtärkte ſeinen Muth. Er ſah über dieſen ſchmutzigen Pöbelhaufen weg mit einem ſtolzen, wohlwollenden, ruhigen Blick. Es war wirklich der Prinz, der König Richard, der ſeinen Einzug hielt im Land ſeiner Väter! Die Ge⸗ ſchichtſchreiber ſagen einſtimmig: wenn er jemals würdig war des großen Namens, den er angenom⸗ men, ſo war es an dieſem Tage der Schmach und Qual, wo der Adel und die Größe ſeiner Seele ſich nicht einen Augenblick verläugneten. An der Ecke von Haymarket, wo das Geſchrei und Schimpfen ſich verdoppelte, bemerkte Richard, während er das Antlitz abwandte, über alle andern wegſehend ein ruhiges Geſicht und Augen ohne einen Ausdruck von Zorn, die einzigen in dieſem Meer von —— ——ö— 320 wuthſprühenden Blicken, welche nicht von roher Lei⸗ denſchaft entflammt ſchienen. Er ließ ſeine Augen darauf ruhen und glaubte dieſes Geſicht für das eines Menſchen zu erkennen, welchen er für immer verloren gehalten. Kein Zweifel— es war Fryon. — Der Prinz machte eine Geberde der Ueberraſchung. Der geheimnißvolle Mann blickte gen Himmel, legte einen Finger an ſeine Lippen und, von dem Eckſtein, auf den er ſich geſtellt, um von dem Prinzen geſehen zu werden, herabſteigend, verſchwand er plötzlich in dem Schwall der Volksmaſſen. Richard verſtand, daß man ihm empfahl zu ſchweigen und auf Gott zu hoffen. Und wie in ſeinem vergangenen Leben an Fryon's Namen die Erinne⸗ rung an ſein erſtes Zuſammentreffen mit Katharina ſich knüpfte, ſo fühlte auch in dieſem Augenblick des Wiederſehens der unglückliche Prinz das, wie er glaubte, erſtorbene Herz wieder durchſtrömt von neuem Leben, von friſcher Jugend. Ein tiefer Seufzer gab ſeinem Herzen Linderung, ja beinahe freudige Stärke, als nun der Tower ſeinen Blicken ſichtbar ward, als ſeine Begleitung über die Brücke zog, unter dem Fall⸗ gitter durchritt, zuerſt in dem ſchwarzen Thorgewölbe, dann in den Höfen des düſtern, für das Geheul drau⸗ ßen undurchdringlichen Gebäudes verſchwand, und als er von dem erſten Herold erfuhr: daß der König Heinrich VII. ihm das Leben ſchenke, und ihn blos zu immerwährender Kerkerhaft verurtheile. —— 321 Eilftes Kapitel. Einen Monat nach ſeinem Einzug im Tower, ei⸗ nen Monat, ſo lang wie ein Jahrhundert, ſeitdem bei dem Gefangenen die Hoffnung wieder erwacht war, ſah Richard anſtatt des Schließers, der ihn bediente, zwei Männer in ſein Gemach treten. Der Schließer entfernte ſich wieder und ließ ihn allein mit dieſem neuen Gefährten, welcher, nachdem er eine große, Stirn und Augen verhüllende Pelz⸗ mütze abgenommen, ihm die lebendigen Züge, das feine Lächeln und den ſcharfen Blick Fryon's zeigte, dieſes unermüdlichen, beinahe ſchon aufgegebenen Be⸗ ſchützers. „Mylord,“ ſagte Fryon mit bewegter Stimme, aber in zuverſichtlicher Haltung,„ich muß mit dem wuthinſien beginnen; ich bringe Euch von Lady Ka⸗ tharina...“ „Einen Brief?“ rief Richard. „O nein, nein, mein Prinz! ich bringe keine Briefe mit,“ antwortete der Franzoſe; nes iſt ſchon zu viel, daß ich mich ſelber mitbringe, hieher, wo mein Kopf ein leckerer Biſſen wäre für Se. Majeſtät Heinrich VII.; das wäre gar zu wenig Vorſticht! Einſtweilen bringe ich Euch aber die zärtlichſten Grüße der Frau Herzogin von York, die heißeſten Wünſche von Ihrer Hoheit, der Frau Herzogin von Burgund.“ „O!— die Hälfte wenigſtens Deiner Botſchaft iſt ein Traum!“ ſagte Richard melancholiſch.„Die Wünſche der Herzogin! mir— den ſte geopfert!...“ Maquet, Weiße Roſe.. 21 322 „Hört mich an, Mylord, und Ihr werdet jetzt Alles verſtehen,“ gab Fryon zurück. Nun erzählte er ſein Verſchwinden aus dem Jagd⸗ ſchloſſe bei Tournay, die Unkenntniß, in welcher dieſe Entführung die Herzogin ließ, und die Gewißheit, welche ſie zu haben glaubte, daß ſte nun Perkin Warbeck in Handlung ſetze, d. h. einen gewandten, nach ihrer Schule abgerichteten Betrüger. Sodann erklärte er die Wuth der Herzogin bei der Nachricht von der Hei⸗ rath dieſes Betrügers mit Katharina— und ſofort fiel von Richard's Augen der Schleier, und Alles war ihm klar: der Haß Margarethen's, ihre Losſa⸗ gung, ihr Verrath ſogar, und die Zweifel, die Kämpfe und Opfer der edlen Katharina. Fryon erzählte ſeine Flucht aus den Gefängniſſen Heinrich's VII., ſeine Rückkehr zu der Herzogin und den erſchütternden Auftritt, da er Margarethen offen⸗ barte, daß ſie dem Lancaſter das ächte Blut York's ans Meſſer geliefert habe. „Ich war aus dem herzoglichen Palaſte geflohen,“ fuhr er fort,„wo ich die Herzogin ließ, zu Boden geſchmettert durch meine Enthüllungen. Ich ver⸗ ſchwor es bei mir, dem ſo gefährlichen Furſtendienſt je wieder mich zu widmen. Zurückgekehrt in die Her⸗ berge, wo ich meinen alten Freund Brakenbury ab⸗ holen wollte, fand ich den Armen in den letzten Zü⸗ gen, und in Betracht, daß bei der Herzogin der erſte Ausbruch furchtbar ſein werde, nahm ich ein friſches Pferd und ritt, ſo ſchnell ich konnte, der Grenze zu.“ „Als Ihre Hoheit aus der erſten Betäubung er⸗ wacht war, ließ ſie mich verfolgen, trotz meinem Wi⸗ derſtand ergreifen und nach dem Palaſte zurückbrin⸗ — —— — 323 gen. Ich hielt mich für verloren. Ohne Zweifel, dachte ich, nimmt ſie keinen Anſtand, mich dem Staatsgeheimniß zu opfern und den verfluchten Mund, den Heinrich VII. verſchont hatte, für immer zu ſchließen. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich die erlauchte Fürſtin ebenſo zärtlich, ebenſo von Liebe zu Euch bewegt, von Reue ergriffen fand, als ſte zu⸗ vor ſchrecklich, unverſöhnlich in ihrer Abneigung und in ihrer Rache geweſen war. Sie bat mich ſo ſehr, flehte mich an ſo warm, ihr Verbrechen wieder gut machen, ihre Ehre und Euer Leben retten zu helfen, daß ſie auch mein Herz rührte, und wir fingen an dar⸗ über zu berathen, was nunmehr zu thun möglich ſei.“ „Nur mit Mühe konnte ich ſie abhalten, ſelbſt nach London zu reiſen; ſie wollte mit dem Könige ſprechen, ihm Alles bekennen, von ihm Eure Begna⸗ digung auswirken, und ihm damit drohen, daß ſie die ganze Wahrheit, die Geſchichte ihres Schmerzes vor den Richterſtuhl der Fürſten und Völker Europa's bringen werde. Erſchrocken gab ich ihr zur Antwort, ſie würde durch dieſes Uebermaß leidenſchaftlicher Liebe Euch noch ſicherer in's Verderben ſtürzen, als ſte zuvor durch ihren Haß gethan, und da in dieſem Augenblick Lady Katharina, von Suſanna geführt, aus England bei uns ankam, mehr todt als lebend und über Eure Gefahr faſt wahnſinnig; da man jetzt Eure Feſtigkeit, Euren Heldenmuth, aber auch Euren Austritt aus dem Aſyl erfuhr, ſo war keine Zeit mehr zu verlieren, und ich reiste nach London, verſteckt in dem Schiffe eines von Ihrer Hoheit an Heinrich VII. abgeſchickten öffentlichen Geſandten.“ „Endlich!“ rief Richard, vor Freude zittennd,„end⸗ 2 ———— 324 lich weiß Katharina, daß ich nicht Perkin Warbeck bin!“ „Olob ſte es weiß!...“ ſagte Fryon,„o My⸗ lord, welch ein herzzerreißender Auftritt! O, daß Ihr nicht die ſtolze Herzogin zu den Füßen dieſes Engels ſehen konntet, wie ſie ſchluchzend um Verzeihung flehte, mehr gealtert in dieſen vierzehn Tagen qualvoller Angſt, als von den ſechzig Jahren ihres vielgeprüften Lebens; und Lady Katharina dankte Gott, daß er Euch ihrer würdig gemacht, und war im nächſten Augenblick außer ſich vor Verzweiflung und jammerte, daß Ihr verloren ſeied; und die beiden untröſtlichen Frauen umarmten ſich und ſahen ſich an und umarmten ſich wieder und wieder— mit Blicken, Mylord, von denen ein einziger Euch für alle Leiden Eures Märterthums belohnt hätte!“ „Jetzt iſt Alles wieder gut,“ murmelte Richard, indem er niederkniete und mit krampfhafter Freude die Hände faltete;„Alles, Alles; ich habe nie ein Lei⸗ den empfunden!“ „O, nein! noch iſt nicht Alles gut,“ ſagte Fryon und küßte ſeine Hände;„wir vergeſſen den Geſand⸗ ten; jetzt kommt ſeine Rolle.“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Dieſem Geſandten iſt aufgetragen, dem Könige von England mitzutheilen, daß Ihre Hoheit die Frau Herzogin von Burgund eine Gnade von ihm erwarte. Jetzt, wo die politiſche Frage entſchieden iſt, da es ſich nicht mehr darum handelt, dem Lancaſter die Krone ſtreitig zu machen— ich bitte, Mylord, ein wenig Geduld,— jetzt, ſage ich, wo dieſer König von England ſeine Sache gegen Perkin Warbeck gewon⸗ — ——+· 325 nen hat, jetzt hat es für den Lancaſter nur noch einen ſehr untergeordneten Werth, dieſen Warbeck unter Schloß und Riegel zu behalten. Wir thun ihm zu wiſſen, daß für uns im Gegentheil der Mann, mag er ſonſt ſein was er will, welcher die Ehre gehabt, mit Lady Katharina ſich zu verbinden, heilig und theuer iſt; wir werden dieſen Menſchen in ewige Ver⸗ bannung ſchicken; wir verpflichten uns, ihn in irgend einem Winkel der Welt in aller Stille abſterben zu laſſen; mit einem Wort, wir verlangen ihn von un⸗ ſrem neuen Freunde zurück.“ „Aber—“ unterbrach ihn Richard. „Aber, Mylord, hier iſt kein Aber zuläſſig. Ich bin hieher gekommen und habe meinen Kopf gewagt, um von Euch zu verlangen nicht Eure Unterſchrift für einen Verzicht, nicht eine öffentliche oder geheime Erklärung, ſondern: Stillſchweigen; nur Euer un⸗ verbrüchliches Stillſchweigen, die Regungsloſigkeit eines Taubſtummen, eines Todten, eines Wahnſinni⸗ gen, wenn Ihr wollt. Seht Euren Vetter Warwick, Herzog von Clarence, Nebenbuhler Heinrich's VII. wie Ihr, Gefangener wie Ihr, und ſeit Lambert Sim⸗ nel i Toxer vergeſſen, er iſt blödſinnig; er ſchweigt, — er lebt!“ „Warwick!“ murmelte der Prinz. „Iſt hier, vielleicht keine ſechs Fuß von Euch ent⸗ fernt; hinter dieſer Mauer, daran Ihr Euch lehnt; ahmet ihm nach; ſchweigt und lebt auch Ihr! O lebt, Mylord, wenn Ihr nicht Lady Katharina töd⸗ ten wollt; lebt, wenn Ihr nicht Gott beleidigen wollt, der Euch endlich eine glänzende Genugthuung bereitet in dieſem verhängnißvollen Spiel, das ich ganz und gar verloren gab; o lebt! denn, ſo lange man am Leben iſt, kann man noch König werden; einmal todt, hat auch ein York nicht viel zu bedeuten!“ „Das iſt wahr, Fryon, das iſt wahr, leben, um König zu werden!“ „Und um— bis dahin— glücklich zu ſein, das iſt noch beſſer! Nun wohl, Mylord, ich habe meine Sendung erfüllt; Ihr ſeid vorbereitet; macht Euch darauf gefaßt, von hier heimlich weggeſchafft, an's Meer geführt und an Bord gebracht zu werden. All das wäre einem armen Gefangenen etwas ſonderbar vorge⸗ kommen, ohne die kurze Nachricht, welche ich ſo gluͤck⸗ lich war, Euch, mein Prinz, hiemit geben zu dürfen.“ „Freund Fryon,“ ſagte Richard,„wir haben in dieſem Traum nur eine Möglichkeit vergeſſen: wenn König Heinrich ſich weigerte, mich Eurem Geſandten auszuliefern?“ Fryon trat dem Prinzen näher und ſagte mit leiſer Stimme: „Dieſe Möglichkeit, Mylord, haben wir zu aller⸗ erſt vorgeſehen, ſo gut vorgeſehen, daß ſie für uns nur ein verſtellter Hieb iſt, um unſer eigentliches Spiel zu verdecken.“ Richard horchte begierig. „Es iſt wahrſcheinlich,“ fuhr Fryon fort,„daß der König nicht darauf eingehen wird. Aber der Geſandte hat Befehl, die Unterhandlung ſo in die Länge zu ziehen, daß bei dem Lancaſter jeder Arg⸗ wohn eingeſchläfert wird; und während er ſchläft, werden wir handeln.“ „Und wie?“ „Dieß iſt unſer Plan: wir entführen Euch, mein 327 Prinz, aus dem Tower und von heute in vier Tagen wird Alles zu Ende ſein.“ Richard zuckte zuſammen und trat ſo nahe an Fryon, wie dieſer vorhin an ihn. „Wir haben,“ fuhr der Franzoſe fort,„bei dem Altmarkt ein Haus gemiethet, deſſen Rückſeite nach der Themſe ſteht. Dort werden wir mit einer wohl⸗ bewaffneten Barke Euch erwarten—“ „Aber, um dorthin zu gelangen, müßte man doch erſt hier hinauskommen?“ „Bin nicht ich hereingekommen?“ entgegnete Fryon.„Es iſt ſo gut wie abgemacht, ſag' ich Euch! Von Eurem Gefängniß bis zur äußern Schwelle des Tower haben wir vier Thore zu öffnen: das am Haupteingang, das im Hof, das an der innern Treppe, und Euer Gefängniß ſelbſt. Die Wächter an den beiden erſten ſind mein, mit ihnen iſt Alles im Rei⸗ nen; die Frau Herzogin hat es, ich verſichere Euch, gut gemacht, und dieſe beiden Ehrenmänner können den Reſt ihrer Tage in Ruhe verleben.“ „Das ſind zwei Thore, Fryon; aber die beiden andern?“ „Ja— hier will der Plan noch nicht recht klap⸗ pen: der Wächter der beiden andern Thüren iſt Euer Schließer, ein alter, durchtriebener Duckmäuſer, der ſich zu Nichts weiter verſtehen wollte, als mich ein einzigesmal bei Euch einzulaſſen, und auch das nur am hellen Tage! Es iſt möglich, daß er Euch Schwie⸗ rigkeiten macht, Euch ſeine Thüren zu öffnen, es kann ſogar ſein, daß er es geradezu verweigert.“ „In dieſem Fall ſchlägt Alles fehl und ich bin verloren.“ „Noch nicht, noch nicht, Mylord; weigert er ſich, ſo bringt Ihr zwei wirkſame Mittel in Anwendung: Ueberredung und Gewalt; hier ſind ſie.“ „Eine Börſe? und hier— einen Dolch?“ „Ganz recht. Wenn Ihr mir glauben wollt, ſo bietet ihm nicht erſt lange die Börſe an, ſondern zeigt ihm lieber gleich das andere.“ „Er wird ſchreien!“ „Das thut er nur, wenn Ihr es nicht hindern wollt.— Iſt der Mann unſchädlich, ſo nehmt Ihr ſeine Schlüſſel, Ihr kommt an die Treppe, wo unſer erſter Wächter Euch erwartet, um Euch dem zwei⸗ ten zu übergeben, der Euch zu mir führen wird, den Ihr auf ſeinem Poſten, an der äußern Ecke der Umfaſſungsmauer des Tower finden werdet.“ „Einen Menſchen umbringen, Fryon!“ murmelte Richard vor ſich hin,„meine Hände beflecken mit un⸗ ſchuldigem Blut!“ „Nicht ſo unſchuldig als Ihr glaubt, Mylord. Ich hätte Euch das gern erſpart, ſehr gern, wahrhaf⸗ tig; aber Ihr begreift wohl, daß ich mich nicht wie⸗ der hier herein wagen darf; zweimal nach einander in die Mauſefalle! Fryon!... das wäre unverzeihlich, und der König Heinrich VII. würde über ſeinen ehe⸗ maligen Geheimſchreiber gar zu herzlich lachen. Be⸗ denket, ich bilde mir nicht wenig auf die Heldenthat ein, daß ich dieß eine Mal hereingekommen bin.“ „O, Fryon!— die Freiheit ſo zu erkaufen!“ „Mylord, Ihr ſeid wirklich zartfühlender als der fragliche Schließer. Er würde nicht ſo viel Umſtände machen, wenn ſein gnädiger Souverän ihm den Auf⸗ trag ertheilte, Euch hier zu ſtranguliren. Indeſſen— — wollt Ihr Lady Katharina wieder ſehen, oder wollt Ihr nicht? Lady Katharina, welche, muthvoller als Ihr, Mylord, die Gefahr des Unternehmens theilen, mit Euch, Hoheit, leben und ſterben will, und Euch in dieſem Entſchluß nächſten Dienstag, in dem Hauſe am Ufer der Themſe erwartet?“ „Katharina!“ rief Richard wie von Licht über⸗ goſſen.„O! ich werde kommen!“ „Das war geſprochen!— Kommt Euer Schließer nicht jeden Morgen, zwiſchen Sechs und Sieben, nach Euch zu ſehen?“ „Ja. „Die Nächte ſind lang in gegenwärtiger Jahres⸗ zeit; um ſieben Uhr iſt noch finſtere Nacht und dichter Nebel. Wir haben Alles in Rechnung genommen. Am Dienstag alſo, um ſieben Uhr— die Börſe oder den Dolch. Läßt er durch das erſte Mittel ſich über⸗ zeugen, ſo nehmt ihn doch immerhin mit und laßt ihn das andere ſehen. Er wird es übrigens ſelber für paſſend halten, nicht hier zu bleiben, nachdem er Euch entfliehen ließ. Er wird uns folgen, wie ſeine beiden andern Amtsgenoſſen, ſowie drei handfeſte Kerle, auf deren Ruderfertigkeit ich mich verlaſſen kann; ſie wiſſen, warum. Uebrigens iſt es auch möglich, daß es dieſer verzweifelten Mittel gar nicht bedarf. Der König kann Euch immer noch dem Geſandten aus⸗ liefern.“. „Ich rechne nicht darauf,“ ſagte der Prinz. „Ich auch nicht, wenn ich es geſtehen ſoll, My⸗ lord. Alſo, am Dienstag; der Erſte, der Euch beim Austritt aus dem Tower die Hand küſſen wird, bin ich; verſeht Euch nicht an mir!“ Richard warf ſich Fryon in die Arme und drückte ihn mit ängſtlicher Freude an ſich. „Sage Katharinen,“ flüſterte er ihm zu,„daß ich jetzt wieder am Leben Freude gewann; daß ich aber, wenn ich ſterben müßte, mit Freuden ſterben würde, denn ich habe ihre Liebe und meine Ehre wiederge⸗ funden.“ Der Schließer kam, um die Thüre wieder zu öff⸗ nen. Die bewilligte Friſt war verſtrichen. „Seht mir den alten Schelm, welche Pünktlich⸗ keit!“ ſagte Fryon. Dann ließ er die Stimme ſinken und flüſterte dem Prinzen in's Ohr: „Ein Stoß, feſt, g'rad' in's Herz.“ Die zwei Männer verſchwanden hinter der mehr verrammelten als verriegelten Thür. Richard blieb allein, nachdenklich ſaß er da und drückte Eiſen und Gold, die Sinnbilder der zwei Beſchützerinnen, von denen beides geſendet war, an ſein Herz. Zwölftes Kapitel. An dem bewußten Tage erwartete Katharina ih⸗ ren Gefangenen in einem hohen Saalzimmer jenes Hauſes zwiſchen Themſe und Altmarkt. Der Tag war noch nicht angebrochen, Stadt und Fluß in dichten Nebel gehüllt; die zur Flucht be⸗ ſtimmte Stunde nahte heran. Katharina ſchien nicht mehr zu leben, ſie athmete kaum. 331 Jede Sekunde horchte ſte, bald auf ein Geräuſch von der Straße, bald nach dem Fluß; jeder Schritt in der Ferne ſchreckte ſie auf, bei jedem Laut fuhr ſie zu⸗ ſammen. Daurch die dicken, in Blei gefaßten, rautenförmi⸗ gen Fenſterſcheiben verſuchte die junge Herzogin die Bewegungen und Rufe der verſchiedenen Gruppen zu enträthſeln, welche auf dem Marktplatz unten in ver⸗ wiſchten Umriſſen aus dem Nebel auftauchten; hin und wieder drang ein bleiches, zitterndes Licht durch den dicken Dunſtkreis; auch fernes Klopfen und Häm⸗ mern konnte ſie vernehmen. Dieſe Schatten und Irrlichter, dieſes ſeltſame Getöſe wirkten auf Ka⸗ tharina wie der Druck eines ſchweren, ſchreckhaften Traums. Gerade unter ihrem Gemach erwarteten zwei der Herzogin ergebene Männer die Ankunft Fryon's und des Gefangenen, und lauerten, um ihnen zu öffnen, noch ehe ſie anklopfen würden. Zwei andere Diener ſtanden in der Barke, die ſte nur noch am Tau feſt⸗ hielten, ſo daß ſte unmittelbar nach dem Einſteigen der Fluchtlinge vom Land ſtoßen konnten. Es war auf dem Punkt, Sieben zu ſchlagen. Ein ſchneller Tritt hallte die Straße herauf, kam näher — hielt ſtill. Katharina ſtürzte nach der Treppe. Bleich, mit Blut bedeckt, lag Fryon zu den Füßen der Herzogin. Keuchend, mit trockner Kehle, ver⸗ ſuchir er zu ſprechen; er konnte nur die Worte ſtam⸗ meln: „Alles iſt verloren! Wir ſind verrathen! flieht!“ „Und Richard, wo iſt er?“ rief Katharina, die Hände ringend. 33² Fryon richtete ſich gewaltſam, mit entſtelltem An⸗ geſicht auf. 4 „Hört Ihr,“ ſagte er,„die Kriegsknechte König Heinrichs? O! geht nicht zu nahe ans Fenſter; flieht, ſag' ich Euch, flieht, wenn es noch Zeit iſt!“ „Aber, was gibt es, Fryon? Was gibt es?“ „Ach, Prinzeſſin, der König wußte um Alles, be⸗ lauerte Alles, er ſucht uns, er hat uns,— hört Ihr?“ Man hörte wirklich im untern Stock lautes Waf⸗ fengetös; Soldaten waren ins Haus gedrungen, und waren eben daran, die Diener der Herzogin feſtzuneh⸗ n der niederzuſtoßen; ſchon kamen ſte die Treppe erauf. „Und Richard?“ jammerte die arme Frau,„wo iſt Richard?“ Fryon ging auf das Fenſter zu, das nach der Themſe ſah; er öffnete und ſagte haſtig, zu Katha⸗ rina gewendet: „Euch, gnädige Frau, werden ſte ſchonen; mich würde man aufknüpfen! Der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich mehr als meine Pflicht gethan! Lebt wohl, Gott ſei mit Euch!“ Er ſchwang ſich hinaus und, an der weit vor⸗ ſpringenden Dachrinne mit beiden Händen ſich feſt⸗ haltend, hing er über dem Abgrund und harrte, von außen durch den Nebel unſtchtbar, des Augenblicks, wo er ohne Gefahr ſich hinabſtürzen könnte. Die Soldaten drangen herein. Ein Offizier von der Palaſtwache erklärte der Herzogin, daß ſie ſeine Gefangene ſei. Die Andern ſuchten den Mitſchul⸗ digen. Aber Fryon ließ, ſobald er unten nichts mehr hörte, los und fiel in den Fluß, deſſen Gewäſſer auf⸗ rauſchend über ihm zuſammenſchlugen. Die Soldaten ſuchten nach ihm, fanden aber keine Spur; er ſchwamm eine kurze Strecke unter dem Waſſer fort, und entkam. Katharina klammerte ſich an das Fenſter an und fragte mit verſtörten Sinnen, was man mit Richard, ihrem Gemahl, dem Herzog von York gemacht habe. „Dieſer Verräther,“ antwortete der Offizier,„die⸗ ſer Rebell hat ein neues Verbrechen begangen; er hat einen Fluchtverſuch gemacht; er war im Begriff, ſeinen Hüter zu ermorden, als man ihn feſtnahm und entwaffnete. Seht ja nicht zu dem Fenſter dort hin⸗ aus, Milady, das auf den Marktplatz geht, dort richtet man einen Galgen auf, Ihr könntet ihn mög⸗ licherweiſe gerade hängen ſehen.“ Katharina ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus. 3 Sie rief zu Gott um Hülfe in dieſer Noth; dieß war ihre letzte Willensäußerung,— der letzte lichte Au⸗ genblick. Die Soldaten, menſchlicher als ihr Anführkr, 5 brachten die Unglückliche mit ſanfter Gewalt weg und übergaben ſte den Leuten des Königs, welche ſie bereits auf deſſen Befehl ſuchten, um ſie nach dem Palaſt zu führen. Der Offizier hatte übrigens die Wahrheit geſpro⸗ chen. Richard, angeklagt eines Mord⸗ und Flucht⸗ verſuches, ferner eines Anſchlags auf des Königs Leben in Gemeinſchaft mit dem Herzog von Clarenee, dem armen Irrſinnigen, ſeinem Kerker⸗Nachbar, war ſo eben zugleich mit ſeinem angeblichen Mitſchuldi⸗ gen zum Tod verurtheilt worden. 334 . So entledigte ſich Heinrich VII., der ſinnreiche Staatskünſtler, alles deſſen, was ihm im Wege lag; der eine, der Irrſinnige, König Eduard's Neffe, ſollte enthauptet, der andere, Eduard's Sohn, dieſer jüdi⸗ ſche Gauner, ſollte gehängt werden. Um die Mit⸗ tagsſtunde desſelbigen Tages ſollte kein York mehr den Schlaf des Lancaſter ſtören. „Richard wurde zum Galgen geführt, wie ein ge⸗ meiner Verbrecher, wie der elendeſte Dieb. Er hatte den Herzog von Clarence niemals geſehen bis zu dem Augenblick, da er das Haupt dieſes Prinzen über das gegenüber von ſeinem Galgen aufgeſchlagene Blutgerüſt rollen ſah. Da er die Sproſſen der Leiter hinanſtieg, erblickte er das Haus gegenüber, wo wenige Augenblicke zuvor ſeine geliebte Katharina ihn erwartete. Das Fenſter ſtand noch offen— das einzige leere unter all den Fenſtern ringsum, die von unzähligen Zuſchauern wimmelten. Richard ſandte noch einen Blick, einen letzten Segenswunſch hinüber; dann, ohne Klage, ohne Bitterkeit, ohne Widerſtreben gab er ſich dem Henker hin, ſah lächelnd auf zum Himmel, wo ſeine Mutter ihn zu rufen ſchien, um ihm für ſein irdiſches Märterthum zu lohnen. Und als der öffentliche Ausrufer dem Volke das Urtheil über den Mörder Perkin Warbeck verkündete, da ſchüttelte Richard ſanft das noch freie Haupt und ſprach: 5 „Mein Name iſt York, und meine Hände ſind rein von Blut!“ —— 8 —— — 335 Der Henker machte ſeine Arbeit ſchnell. Er be⸗ freite York und Lancaſter auf einen Zug: den einen vom Leben, den andern von ſeiner Furcht. Lady Katharina wurde nach dem Palaſte geführt und von der Königin, Heinrich's VII. Gemahlin, der Tochter Eduard's IV., weinend und liebevoll em⸗ pfangen. Sie hatte den Verſtand verloren. Sanft und ohne Groll, hörte man niemals einen Seufzer von ihr, auch ſah man ſie niemals lächeln. Der zarte 8 Keim in ihrem Schooß erſtarb noch vor ſeinem Auf⸗ blühen, wie eine Knospe, die, noch verſchloſſen, am Stamme verkümmert,— Katharina hatte das Glück nicht Mutter zu werden. Gerührt von ihrer Schönheit nannte das Volk ſite immer nur: die weiße Roſe. Auch König Heinrich VII. und ſein ganzer Hof gaben ihr dieſen Namen. Die Geſchichte hat ihn ihr bewahrt bis auf unſere Zeiten. Sie ſtarb jung; der gütige Gott, deſſen Hand lange und ſchwer genug auf ihr gelegen, erlöste ſte bald. Die Herzogin von Burgund fuhr fort zu herr⸗ ſchen und tröſtete ſich. Ende. Wie das Schickſal des letzten Hohenſtaufen, ſo hat auch, obwohl weniger häufig, das Ende des Hauſes York mehr als einem Dichter zum Vorwurf gedient — ſo Shakeſpeare in ſeinem Richard III., Dela⸗ vigne in den Söhnen Eduard's: doch iſt, ſo viel uns bekannt, noch von keinem die kühne Wendung ver⸗ ſucht worden, wie von Maquet in dem vorliegenden Roman. Wenn unſre Leſer ſehen wollen, was ein deutſcher Dichtergenius aus der Geſchichte des letzten York zu machen verſtand, ſo mögen ſie, ſofern es nicht ſchon geſchehen, ihren Schiller nachſchlagen: dort werden ſie, bei dem übrigen Nachlaß, den vollſtändigen Ent⸗ wurf und die Anfänge der Ausarbeitung eines hiſto⸗ riſchen Drama's finden, das den Namen Warbeck's tragen ſollte. Wir möchten faſt glauben, daß unſer Maquet die⸗ ſen Entwurf kannte; es ſpricht dafür u. A. der bei Maquet wie bei Schiller völlig übereinſtimmende Charakter der Herzogin von Burgund. Weitere Vergleichungen anzuſtellen, bleibe dem geneigten Leſer überlaſſen. D. U. ſiſnnſnnſnn 13 14 15 16 Mnmmnſſanſſnſſ ſfiſſſſſſſſſiſin 8 9 1 12 0 11