— 8 — N „ ——— K=i K=ei Me Te= M=e=ce=e erd Leibbibliothek deutſcher, engliſcher umd franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe fer Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgab e eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 8 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher:? 6 Bücher: 1) l e 1ui Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8. Auswärtige Ahonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Vor vier Jahren, im Winter, ſtieg ein hochge⸗ wachſener, hagerer, aber noch friſcher alter Herr, eine jener ernſten und zugleich heiteren Figuren, die man ſo treffend mit dem Wort reſpectabel bezeichnet, Herr von Bierges, Rath am Rechnungshof, langſam eine breite Treppe in der Rue de lUniverſité, Fau⸗ bourg Saint⸗Germain, hinan. Es ſchlug halb ſieben Uhr, die Stunde des Mittageſſens. Sorgfältig in ſeinen wattirten Ueberrock gehüllt, ſchritt er ſehr be⸗ dächtig eine Stufe um die andere hinan, wie ein Gaſt, der nicht gerne zuerſt kommen möchte. Den⸗ noch konnte er dies nicht wohl fürchten, denn unter ſeiner Einladungskarte hatten die Worte geſtanden: „Wir werden allein ſein, um ungeſtört plaudern zu können.“ Was mochte wohl die Baronin Chaudray, ſeine Wirthin, ihm zu ſagen haben, und warum dieſes Diner außer dem Mittwoch, der ſich alle vierzehn Tage wiederholte? Dies war die Frage, welche Herrn von Bierges in Anſpruch nahm, und er war noch nicht darüber ins Reine gekommen, als er mit ſeinen Muthmaßungen und den Treppenſtufen zu Ende kam. Er hielt im zweiten Stock an und griff nach dem meſſingenen Drücker. Die Frau Baronin Chaudray, Gattin des be⸗ rühmten Gelehrten gleichen Namens, welchem das Inſtitut und alle europäiſchen Academien ihre Diplome zugeſchickt hatten, war mit fünfundvierzig Jahren nicht eine angenehme Frau, ſondern die an⸗ genehmſte aller Frauen. Groß, dick und häßlich, mit einer äußerſt lieblichen Stimme und der ganzen Grazie einer vollendeten Pariſer Hausbeſitzerin aus⸗ geſtattet, hatte ſie die beſte kosmopolitiſche Geſellſchaft, welche ſonſt das Cabinet des großen Naturforſchers beſuchte, an ſich zu locken, bei und für ſich zu be⸗ halten verſtanden. Herr Chaudray hatte ihr zwei⸗ oder dreihundert berühmte Freunde, die er in Schwe⸗ den, Rußland, Polen, Italien, England und Deutſch⸗ land geſammelt, als Mitgift zugebracht. Jeden dieſer großen Namen hatte er mit einer unbekannten Pflanze gepflückt, mit einer ſeltenen Muſchel gefiſcht! mit einem koſtbaren Inſect angeſpießt. Nie war „Chaudray von einem fernen Ausflug zurückgekommen, ohne ein paar Dutzend neue Freunde mitzubringen, die ewige Freunde wurden, wenn ſie ihn als Menſch kennen lernten, nachdem ſie ihn als Gelehrten be⸗ wundert hatten. Zehn große Reiſen, die ſeine Feld⸗ züge ausmachten, hatten die Sammlung ergänzt, und ſein Herz hätte, ſo groß und gut es war, keine neuen mehr faſſen können, wie auch ſeine allerdings etwas magere Bruſt unmöglich ein weiteres Kreuz neben den von aller Welt her geſchickten Orden, womit ſie beſternt war, zu placiren gewußt hätte. Madame Chaudray, die nicht ſo viel gereist war, 4 — 5 brachte weniger Freunde, aber mehr Geld in die Ge⸗ meinſchaft mit. Sie war die Wittwe eines reichen Fabrikanten chemiſcher Producte, eines Halbgelehrten, welcher beſtändig zu ſeinem berühmten Collegen vom Inſtitut kam, dem er Arſenik und Alkohole lieferte. All die Decorationen und ſchönen Bekanntſchaften Chaudrays hatten in der ehrgeizigen Kaufmannsfrau allerlei Gedanken hervorgerufen, ſo daß ſie den Ver⸗ ſtorbenen nicht zu beleidigen glaubte, wenn ſie ihre Million zu den Füßen eines ſolchen Nachfolgers nie⸗ derlegte. Was ihre eigene Perſon betraf, ſo ahnte die neue Baronin recht wohl, wie viel ſie bei dem Handel gewinnen mußte. Der Gelehrte und jeine Baronin waren jetzt zehn Jahre verheirathet, ohne ſich auch nur eine einzige Minute nach ihrer Freiheit zurückgeſehnt zu haben. Chaudray, welcher den Tag über ausſchließlich den drei Reichen angehörte, war Abends hochvergnügt einen Salon anzutreffen, wo die drei Reiche durch die charmanteſten Damen, durch die größten Dia⸗ manten und die lieblichſten Blumen vertreten waren. Die Baronin, die ſich den Tag über mit der Glorie ihres Gatten ſchmückte, thronte ihrerſeits einmal in der Woche in dieſem glänzenden Salon, der ihre eigene Sammlung enthielt; geiſtreich, verbindlich, be⸗ harrlich in ihren Plänen, war ſie in Wahrheit die Königin einer Welt von Inſecten mit weißer Hals⸗ binde und Atlaßcorſetten, welche Species nach der Behauptung der Naturforſcher die koſtbarſte und vollendetſte der ganzen Schöpfung iſt. So wiel von der Wirthin, die Herrn von. Bier⸗ ges zum Diner erwartete und ihn um ein Plauder⸗ ſtündchen erſucht hatte. Der Rath ging ſtark in ſein ſechzigſtes Jahr. Ein intelligenter, makelloſer Mann von altem ächt ariſtokratiſchem Stamm, hatte er ſich die Freundſchaft der Baronin dadurch erworben, daß er ſie durch kluge Rathſchläge und eine freundliche Vermittlung bei ihrer Verheirathung mit Chaudray unterſtützte. Allerdings hätte man ihn etwas be⸗ rühmter, etwas ehrgeiziger gewünſcht. Ein Referen⸗ där war in der That ganz und gar nichts Außer⸗ ordentliches unter ſo vielen lebendigen Curioſitäten; allein, wir haben es bereits geſagt, die Baronin war uug und verſtindig⸗ Sie wußte, daß Herr von ie inen Sohn hatte, der ein wahrer Schatz wahrer Held war. Dieſer Sohn zählte 27 Jahre und war ſo ſchön, ſo allerliebſt, ſo edel und ſo geſetzt; man ſlaen er beſitze ſo ausge⸗ zeichnete Gaben, daß er mit einiger Unterſtützung den Gipfel des menſchlichen Glanzes erreichen müſſe in einer Geſellſchaft, die, ſagen wirs offen, wenn ſie auch den Mann von Genie allzu häufig zwingt ſeine Flügel einzuziehen, ihm dennoch im Anfang immer Muth macht ſie zu entfalten. „Ja,“ ſagte die Baronin zwiſchen zwei ſehr freundlichen Händedrücken zu dem Rath,„ich habe Sie heute ſchon etwas früher als gewöhnlich zu ſehen gewünſcht. Eine große Nachricht!... Aber vor Allem ſind Sie gewiß, daß Ihr Sohn Armand heute Abend hierher kommen wird?? „Er hat es mir ohne alle Nöthigung verſprochen, Madame; er liebt Ihr Haus und Sie ſelbſt mit einer Art von Leidenſchaft. 4 Nun dann iſts gut! Wenn er mich heute Abend — im Stich ließe, ſo würde er das ſchönſte Gebäude über den Haufen ſtürzen... Ich werde heute Abend große Geſellſchaft haben.“ „Ah,“ ſagte der Rath, welchem dieſe Einleitung die ganze Wichtigkeit der Sache enthüllte. „Ja... ja eine möglichſt große Geſellſchaft: denn Sie wiſſen, daß es ſeit dieſer Republik noch immer ſchwer hält einige unſerer Freunde aus ihren Häuſern herauszubringen.“ Die Baronin ſeufzte. Sie war keine Republika⸗ nerin. Herr von Bierges lächelte... Er war noch“ weniger Republikaner als ſie. „Bah,“ ſagte er,„iſt denn das eine Republik? Sehen Sie nicht, daß die Pflaſter wieder an ihrem Platze ſind?“ Jetzt lächelte die Baronin. „Ich muß Sie ſchnell ins Klare ſetzen,“ ſagte ſie,„ehe Herr Chaudray kommt. Sehen Sie, er hat nicht die mindeſte Ahnung von meinem kleinen Complott, und er ſoll auch Nichts ahnen; er iſt der⸗ maßen in ſeine Gedanken vertieft und zerſtreut, daß er uns bei der erſten Gelegenheit verrathen würde.“ „Sie conſpiriren alſo, Madame?“ ſagte der Rath. „Ja, für Sie oder vielmehr für Ihren Sohn. Hören Sie mich an.“ Herr von Bierges that ſeit einer Viertelſtunde nichts Anderes. „Wiſſen Sie zuvörderſt,“ fuhr die Baronin fort, indem ſie an der Stuhllehne die friſche und blaſſe Hand des Rathes ſuchte,„wiſſen Sie, daß Sie mein beſter Freund ſind und daß ich Sie wie einen Bru⸗ der betrachte?“ Dieſe Brüderſchaft brauchte die Baronin als For⸗ mel bei jungen und bei alten Leuten: letztere fühlten ſich ſehr geſchmeichelt, daß ſie auf dieſe Art wieder jung wurden; die erſteren ſchätzten ſichs zur großen Ehre durch die fünfundvierzigjährige Schweſter zu reifen Männern geworden zu ſein. Aber da Ma⸗ dame Chaudray die Hochachtung und Liebe Aller beſaß, ſo erntete ſie ſtets ein Compliment für ihre freundſchaftliche Zuſicherung. Der Rath küßte ihr die Hand. „Alſo ich liebe Euch, Ihren Sohn und Sie,“ ſagte ſie.—„Sie, ein Mann ohne Wünſche, ohne Fieber, etwas indolent, um es gerade herauszuſagen, würden vielleicht Nichts von mir annehmen; aber Ihr Sohn hat nicht das Recht den Wirkungskreis abzulehnen, den ich ihm anbieten will. Er iſt vor 1848 Unterpräfect geweſen; ohne dieſe abgeſchmackte Revolution wäre er jetzt Präfect. Man glaubt und gewiß nicht ohne Grund, daß dieſe ganze Geſchichte nicht lange dauern werde; bereiten wir uns vor, den Sturm gut auszuhalten, ſobald er uns in den Rücken bläst. Wie viel werden Sie Ihrem Armand geben, wenn er heirathen wollte?“ „Heirathen!“ rief Herr von Bierges. „Ja.“ „Je nachdem, Madame!“ „Die Frau, die ich für ihn im Auge habe, be⸗ ſitzt gegenwärtig 1,800,000 Franken als Eigenthum.“ „Und die gleiche Summe bekommt ſie, wie ich feſt überzeugt bin, nach dem Tod... ihrer... Ver⸗ wandten,“ fügte die Baronin hinzu. Der Rath fuhr auf ſeinem ſeidenen Polſter auf. „Aber, Madame,“ murmelte der Rath,„Sie glauben mich vielleicht reicher, als ich bin. Armands Sparſamkeit, ſeine einfachen Neigungen und ſeine gute Aufführung erlauben mir mit lumpigen 30,000 Freanken Rente als Millionär zu erſcheinen. Was 5 bedeutet dieſer Tropfen Waſſer in dem Goldocean Ihrer Nabobin?“ „Das Geld thut Nichts zur Sache,“ antwortete die Baronin ernſt.„Die Frau, die ich Ihrem Sohne 3 gern geben möchte, iſt vernünftig, uneigennützig, voll⸗ 6 kommen reif.“ Der Rath fuhr von Neuem ein wenig auf; 8 er glaubte ſich auf einem Folterſtuhl. Reif,“ ſagte er ſeufzend, denn er konnte nicht umhin zu fürchten, die Künftige möchte vierzig Jahre haben. Wie ſollte er aber nun dieſe Befürchtung gegen eine Frau von fünfundvierzig ausſprechen? 0 5 „So reif, als man mit neunzehn Jahren ſein 11 kann„ fiel die Baronin mit nachſichtigem Lächeln A ein;„denn meine Braut iſt erſt neunzehn Jahre alt, beruhigen Sie ſich, ich glaube ſogar, ſie iſt es noch nicht einmal ganz.“ Der Rath legte die Hände zuſammen, wie ein 8 „Schiffbrüchiger auf ſeinem Rettungsbrett. 8N 4„Sie iſt überdies ſehr hübſch, ſehr brav ſehr gebildet!““ „Alſo eine wahre Perle!“ rief Herr von Bierges. „Glauben Sie denn, daß man ſich hier mit Car⸗ neol oder falſchen Diamanten befaſſe? Pfui doch; voeenn ich Ihren Sohn verheirathen will, ſo geſchieht es, damit er mich jeden Morgen ſeines Lebens ſegne. Die Jugend, die Schönheit, die Sanftmuth und der Geiſt ſeiner Frau ſind für ihn; die drei oder vier Millionen, die ſie ihm zubringt, ſind für ſeinen Chr⸗ geiz. Suchen Sie ihm welchen beizubringen. Ich habe ihn veranlaßt im Jahr 1848 ſeine Entlaſſung einzureichen.“ BW „Laſſen Sie ihm Gerechtigkeit widerfahren; ſeine 8 Entlaſſung wurde ihm eben zugeſchickt, als Sie ihm dazu riethen.“ „Das iſt wahr. Und dann hat er ſich im Juni wacker geſchlagen. Ich ſah ihn von meinen Fen⸗ ſtern aus hinter der Matratze, die mir als Schanz⸗ korb diente; ſein großer Körper beſchützte beſtändig meinen armen kleinen Chaudray, der ſichs gleichfalls nicht hatte nehmen laſſen am Straßenkampf theilzu⸗ nehmen. Ich habe mir geſchworen, daß Alles das Ihrem Sohn bezahlt werden ſolle. Sie werden ſehen, ob ich Wort halte.“ „Unvergleichliche Freundin!“ rief der Rath mit Innigkeit...„Ei wie, Sie hoffen alſo, daß eine ſolche Heirath zu Stande kommen könnte?“ „Wenn Ihr Sohn der jungen Dame nur ein wenig gefällt. Ahl Sie lächeln; Sie ſind ein ſtol⸗ V zer Vater; Sie zweifeln bei dieſer Bedingung nicht am Erfolg. Ei, ei, nehmen Sie ſich in Acht; wir haben es mit einem ſchwierigen Perſönchen zu thun! Aus den erſten Worten, die ich geſagt, und aus den erſten, die ich zur Antwort erhalten habe, konnte ich ſehen, daß die Sache nicht ſo federleicht iſt, wie Ihr Dünkel ſich einbildet.“ 8 Der etwas trockene Ton, womit die Baronin dieſe letzte Phraſe ſagte, dämpfte das Feuer des Raths ein wenig. 1 —— — ———— 4 11 „Armand iſt keineswegs vollkommen,“ murmelte er,„aber ich hafte dafür, daß er der Vollkommen⸗ heit ſo nahe ſteht, wie irgend ein anderes Menſchen⸗ kind. Das ſage übrigens nicht ich. Sie kennen in dieſer Beziehung die Anſicht einiger Damen, die ſchwierig ſind und ſich auf die Sache verſtehen.“ „Nun ja, nun ja,“ rief die Baronin lachend; „aber es handelt ſich nicht um dieſe Damen da. Diejenige, die allein in Betracht kommt, iſt ganz und gar keine Kennerin, und dennoch macht ſie ihre An⸗ ſprüche, dafür ſtehe ich Ihnen, und dennoch muß man ihr gefallen, ja oder nein.“ „Dann werden Sie wenigſtens die Güte haben,“ ſagte der alte Herr,„uns mit Ihrem Rathe beizu⸗ ſtehen und zu leiten.“ „Nein, nein, zählen Sie nicht darauf,“ erwiderte die Baronin mit ungeſtümer Freimüthigkeit.„Ich habe verſprochen Nichts zu ſagen, auf Niemand Ein⸗ fluß zu üben. Ich habe mich verpflichtet Herrn Ar⸗ mand von Bierges, ſo wie er iſt, nicht mehr und nicht weniger ſehen zu laſſen, ſo natürlich als man ihn bei den Kerzen eines Salons und im ſchwarzen Frack wünſchen kann. Ich werde keine Geberde ma⸗ chen und kein Wort ſagen, das dieſem Programm widerſpräche. Noch mehr, Sie ſelbſt müſſen mir verſprechen, Sie müſſen mir ſchwören, verſtehen Sie wohl, daß Sie heute Abend gegen Ihren Sohn Nichts von dieſer Ehe oder von diesfallſigen Plänen verlauten laſſen wollen. Schwören Sie alſo oder es iſt gar Nichts geſagt!“ „Madame,“ ſtammelte der Rath,„Sie drängen ehr...ℳ 8 „Weil die Zeit drängt, denn ich wiederhole Ih⸗ nen, wenn Herr Chaudray kommt, ſo ſetzen wir uns zu Tiſche und unſer Geſpräch hat ein Ende. Nein, ich will nicht, daß dieſes junge Mädchen überrum⸗ pelt werde; ſie iſt zum Mindeſten ſo viel werth wie Ihr Sohn, und wenn ich mich mit einem Heiraths⸗ pertrag befaſſe, ſo geſchieht es, um ihn vollſtändig zweiſeitig zu machen, wie ihr Juriſten ſagt. Alſo faſſen wir das Ganze noch einmal zuſammen: Ihr lieber Armand erſcheint ſchön und anmuthsvoll, wie er iſt. Sie laſſen ſich ernſthaft an irgend einem Whiſttiſche, wo ich Sie feſtnageln werde, die Hand von ihm drücken; dann den ganzen Abend kein Wort mehr an dieſen vollkommenen Sohn. Noch eine Sache... doch dieſe brauche ich Ihnen eigentlich nicht vorzuſchreiben, da ich Ihr Zartgefühl und Ihre Feinheit kenne; betrachten Sie nicht gar zu ſehr all dieſe hübſchen blonden oder ſchwarzen Köpfchen, die heute Abend um Sie herumſchwirren werden. Das wundert Sie?... Ich habe alſo wohlgethan zu ſprechen, da Sie mich trotz Ihrer Delicateſſe nicht be⸗ griffen haben... Ein heirathsfähiges und heirathsluſti⸗ ges Mädchen betrachtet nicht bloß ihren Zukünftigen, ſondern ſie betrachtet auch ihren Schwiegerpapa; Sie werden alſo ſtark auf's Korn genommen werden. Kreuzen Sie Ihre Augen nicht mit dieſen ſchönen Augen, die mich vielleicht beſchuldigen würden Ihnen ihr Geheimniß anvertraut zu haben.“ „Alle Ihre Wünſche werden auf's Genaueſte er⸗ füllt werden,“ ſagte der Rath. „Ich werde meinem Verſprechen gemäß unſern jungen Pfauen ſein Rädchen ſchlagen laſſen; ich werde ihn dazu anſpornen; verlaſſen Sie ſich auf mich. Ich will nicht daß man mißfalle.“ Herr von Bierges erhob ſich, um ſeiner Freun⸗ din innig zu danken. „Sie haben nicht geſchworen,“ ſagte ſie mit einem gemüthlichen Lächeln. Er ſtreckte ernſthaft wie ein Tragiker die Hand aus, als der Baron Chaudray lärmend eintrat, nicht ohne ſich ein wenig in der dichten Tapetenthüre mit ſammtnen Streifen, womit das Boudoir von Madame verſchloſſen war, zu verwickeln. Nach gegenſeitigen Aeußerungen der Verwunderung und freundlichen Händedrücken begab man ſich in den Speiſeſaal, und das Diner ging vorüber ohne einen andern beſon⸗ ders merkwürdigen Umſtand, als daß Herr von Bierges ſeine väterlichen Beſorgniſſe durch einen doppelten Appetit zu verbergen ſuchte. II. Die Geſellſchaft iſt für die vornehme Welt aller⸗ dings ein genügender Reiz, allein die Baronin Chaudray verſtand die Kunſt denſelben durch neue Reizmittel zu erhöhen. Lectüre, Muſik, glänzende Erſcheinungen aller Art, immer irgend ein neues geiſtiges Naſchwerk dienten ihr als Lockſpeiſe und ſſiccherten ihr zum Voraus einen vollen Salon. Ich erinnere mich nicht, welche Lockſpeiſe ſie an 3 dieſem Abend gebrauchte, aber nie war die Verſamm⸗ lung glänzender geweſen. Bei einer norwegiſchen Kälte, welche die Fenſter mit weißen Glimmerblumen * ——— 14 ſchmückte, hatte ſich die ganze nordiſche Geſellſchaft bei der Baronin ein Rendezvous gegeben. Ohne Zweifel gleich Hermelinen durch dieſe ſchöne ächt nationale Kälte angelockt, kamen die Schwedinnen mit ihren feinen Schultern, die Ruſſinnen in ihren Zobelpelz gehüllt, die Polinnen, blendend von der Friſche eines edlen Blutes, maſſenhaft in Begleitung einer Welt von Herzogen, Fürſten und Helden der ſarmatiſchen und ſcandinaviſchen Volksſagen. Da und dort wagten ſich einige franzöſiſche Namen, kalte und ſchüchterne Silben, in den feierlichen Klingklang der ausländiſchen Endungen, und ſchüch⸗ tern wie ihre Namen, ſuchten die von fremden Trup⸗ pen umringten Pariſerinnen ſich zu gruppiren, um den Anprall dieſer moirirten Wogen, dieſer Wogen von Sammt, Diamanten und Schönheit, die mit jeder Minute ihren blendenden Einzug hielten, beſſer auszuhalten. Ruhig und lächelnd wie eine zweite Amphitrite, gab die Baronin jedem Gaſt irgend einen ausge⸗ wählten Willkomm, der ſich ſogleich auf den Geſich⸗ tern der neuen Ankömmlinge abſpiegelte. Sodann ging Amphitrite zu einer neuen Woge über. Der Rath Bierges, der verabredetermaßen an einem Spieltiſch verloren ſaß, hörte jeden Namen erſchallen, und da ſeine Freundin ihn boshafter Weiſe ſo geſetzt hatte, daß er kein Geſicht hereinkom⸗ men ſah, ſo fuhr er in ſeinen Muthmaßungen fort und verſuchte die Aufmerkſamkeit, welche ein Spieler jeder einzelnen Karte ſchuldet, mit der Aufmerkſam⸗ keit in Einklang zu bringen, die ein Vater jeder ein⸗ tretenden Erbin zu ſchenken verpflichtet iſt. Aber er —— konnte Nichts ſehen. Das war ſein Unglück; er ſah nicht, wie die Baronin leicht zuſammenfuhr, als der Thürſteher Mesdames und Herrn Dampmesnil mel⸗ dete; er ſah ſie nicht die Finger eines ſchönen jun⸗ gen Mädchens mit aſchblonden Haaren drücken, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder hereinkam, und welcher Madame Chaudray, während der junge Mann nach dem Platze ſuchte, wohin er ſeine beiden Damen führen ſollte, ins Ohr zu flüſtern wußte: „Er iſt noch nicht da, meine liebe Lucienne. Der Vater iſt der Graukopf, der im blauen Salon Whiſt ſpielt und der Thüre den Rücken zukehrt.“ Das glänzende edle Auge des jungen Mädchens nahm alsbald die bezeichnete Richtung. Sodann be⸗ gaben ſich, da der Weg durch den blauen Salon be⸗ quemer und ſicherer war, die drei Perſonen dahin. Das junge Mädchen, das man Lucienne nannte, wußte eine ſchattige Ecke zu finden, von wo aus ſie, verdeckt durch ihre Mutter und ihren Bruder, die Nichts davon ahnten, lange Zeit mit ſcharfer Beob⸗ achtung das Geſicht des Rathes fixirte, welches der unter dem Lichtſchirm hervorkommende Feuerſchein vollſtändig beleuchtete. Herr von Bierges verlor in dieſem Augenblick, und da er wohl wußte, daß er in Folge ſeiner Zer⸗ ſtreutheit verlor, die ſeinen Mitſpieler zur Verzweif⸗ lung brachte, ſo lächelte er. Dieſes Lächeln des alten Herrn war ſanft und fein; es kamen dabei noch friſche Zähne zum Vorſchein. Das junge Mädchen wußte, daß der Augenblick, wo das Alter lacht, derjenige iſt, wo die Tabaksdoſe ſich öffnet, und ſchaute ihm zu. Keine Tabaksdoſe. Der edel⸗ muthige Mitſpieler bot die ſeinige, aber Herr von Bierges lehnte ſie höflich ab. Dies alles zuſammen und jedes dieſer Details gefiel ohne Zweifel Fräu⸗ lein Lucienne Dampmesnil, denn auf ihrem Geſicht lag ein Schein von Vergnügen, der ſie bezaubernd machte. Sie betrachtete zum letzten Mal den alten Herrn, der von dieſer furchtbaren Prüfung keine Ahnung hatte und beſtändig lächelte. Sie lächelte ebenfalls, ſtieß einen kleinen Freudenſeufzer aus und ging in den großen Salon. Verloren unter der Menge, umgeben von zwan⸗ zig andern Damen, die ebenſo jung und ſchön waren wie ſie, ſchien Fräulein Dampmesnil, die ſich beſſer als Herr von Bierges zu placiren und ſo zu ſetzen gewußt hatte, daß ſie jeden Ankommenden ins Ge⸗ ſicht faſſen konnte, ihre ganze Aufmerkſamkeit den Geſprächen um ſie her oder der vortrefflichen Muſik zu widmen, hörte und ſah aber in Wirklichkeit Nichts, da ſie von dem einzigen Gedanken beherrſcht wurde, daß von Minute zu Minute ein Name an dieſer Thüre erſchallen, ein Kopf, eine Geſtalt an derſelben zum Vorſchein kommen, und daß auf den erſten An⸗ blick einer gewiſſen jetzt noch unbekannten menſch⸗ lichen Erſcheinung ihr Schickſal unwiderruflich ent⸗ ſchieden werden könne. So träumen die jungen Mädchen. Dieſe Qual des Harrens ſollte noch länger wäh⸗ ren. Es ſchlug zehn, es ſchlug eilf Uhr, ohne daß der erwartete Name ſich hören ließ. Schon runzelte Madame Chaudray ihre Brauen, ſchon mußte Lu⸗ cienne, die mehr als einen Blick mit ihr ausgetauſcht hatte, ſich Mühe geben eine an Aerger ſtreifende 19 ihr Geſicht, öffnete aber ihr Herz und ihre Ohren. Die Schlinge war gelegt; das Scharmützel begann. III. „Ich werde ihn anſpornen zu glänzen,“ hatte die Baronin zu dem Vater geſagt.. I Dieſer harrte ohne Gemüthsbewegung dem Augen⸗ blick entgegen, wo ſein Sohn glänzen würde. Ein Whiſt währt nicht ewig. Herr von Bierges, der ſich einige Minuten, nachdem Armand zu der Gebieterin des Hauſes getreten war, frei ſah, trat jetzt eben⸗ falls näher. Er blieb abſichtlich in der vierten Reihe der Her⸗ ren, die dieſe Gruppe umgaben, ſtehen, und ſein Ge⸗ ſicht, das mit Spannung ein Zeichen von Madame Chaudray zu erhaſchen ſuchte, ſchien zu der Gönnerin zu ſagen:„Sie ſehen, daß ich mein Wort halte und daß ich Armand nicht einmal einen Blick zu⸗ werfen kann.“ 1 Da die Baronin Alles zum Gelingen ihrer Probe in Bereitſchaft geſetzt ſah, ſo ging ſie ohne Weiteres auf ihr Ziel los. Fräulein Dampmesnil, die auf einer Cauſeuſe ſaß, welche an den Stuhl der Baro⸗ nin angelehnt war, konnte von Armand nicht bemerkt weerden, wohl aber ihn vortrefflich hören; Armand, der ſeinen Ellbogen auf den Winkel des Kamins geſtemmt hatte, blieb ſtehend den Blicken ausgeſetzt, ohne daß eine einzige ſeiner Geberden, eine einzige Schattirung ſeiner Phyſiognomie dem jungen Mäd⸗ 4 cen entgehen konnte, deren indiſcher Fächer, aus Federn beſtehend, die mit Spiegelchen überſtreut wa⸗ ren, den jungen Mann ſechzigmal ſtatt einmal zu⸗ rückſtrahlte. 5 „Wie ſpät Sie gekommen ſind,“ ſagte die Ba⸗ ronin, an deren Seite die Gräfin Gorthiany ſaß, eine prächtige Polin mit grünen Augen, flammenden Haaren und antiken, keck gemeißelten Formen, welche in die Falten eines hellrothen Sammtkleides gehüllt waren. „Es war ſo ſchön, Madame,“ antwortete Ar⸗ mand;„die Straßen ſind trocken und der Himmel voll von Sternen; ich bin zu Fuß von meinem Boulevard de la Madeleine gekommen und gedenke ebenſo zurück zu gehen.“ Armands Stimme war lieblich und etwas ge⸗ dämpft; der Zauber der Stimme iſt ebenſo gewaltig wie der Zauber der Schönheit. Die Liebe kann ebenſo gut durch das Ohr als durch die Augen. in ein Herz hinabſteigen. „Ihr Salon iſt heute Abend glänzend,“ fügte der junge Mann hinzu. „Blendend,“ ſagte die Baronin,„und die ſchwar⸗ zen Fräcke müſſen ſich ſehr armſelig vorkommen... Wenn ſie wenigſtens von Sammt wären!“ „Nun ja, Madame,“ antwortete Armand,„die Männer würden dann vielleicht weniger häßlich ſein; aber Tags darauf würden die Frauen für ſich einen neuen Stoff ausgedacht haben, neben welchem unſer Sammt ebenſo armſelig wäre, wie jetzt unſer Tuch!“ „Sie beſitzen alſo ſehr wenig Einbildungskraft, meine Herren,“ ſagte die Gräfin Gorthian).„In⸗ zwiſchen iſt es ſchon Etwas ſchön zu erſcheinen.. 21 „Wir werden niemals ſchön ſein wie Sie, meine Damen,“ ſagte ein galanter alter General. „Sie haben vollkommen Recht, Herr General,“ verſetzte Armand.„Sehen Sie einmal dort die Frau Fürſtin Nowratzin mit ihrem weißen Kleid und ihren rothen Roſen. Kleiden Sie einen Mann in Seide wie die Kolibri, in Gold wie die chineſiſchen Faſanen, in Laſurſtein, Smaragden und Diamanten, wie der kleine Paradiesvogel, und ſtellen Sie mir dann den Kerl neben dieſe Dame, die einfach wie eine Lilie iſt, ſo werden Sie ſehen, welche Figur er macht.“ 4 „Sie finden ſie alſo ſehr ſchön?“ fragte die Baronin unvorſichtig, während die Gräfin Gorthiany bebend vor Spannung auf die Antwort harrte. „Sie iſt die Schönheit ſelbſt,“ ſagte Armand. „Sie iſt mehr als die Schönheit, ſie iſt eine Frau. Es iſt jetzt, glaube ich, bald ſechs Monate, daß ſie in Paris iſt, und ich habe ſie einige Tage nach ihrer Ankunft auf dem Geſandtſchaftsball geſehen. Ach, mein Gott, rief ich, als ich ſie bemerkte, das nenne ich einmal eine Frau! Und ich ſagte dies, wie wenn ich noch niemals eine bemerkt hätte. Ge⸗ ſtehen Sie, meine Damen, daß Sie noch nie eine ſolche Impertinenz gehört haben; denn Sie ſind alle ſehr ſchön und vielleicht noch ſchöner als die Fürſtin. Was kann ich machen? Es iſt ein Wahnſinn, eine Krankheit meiner Augen.“ Bei dieſer ſeltſamen Erklärung, welche halblaut mitten in dem kleinen Zirkel abgegeben wurde, über⸗ kam die Baronin ein Zittern. Sie warf dem Rath einen verblüfften Blick zu, welchen dieſer mit einer 22 verzweiflungsvollen Geberde erwiederte. War dies die Art, wie Armand glänzen ſollte? Luciennes Kopf ſenkte ſich auf ihren Fächer. Die Gräfin ſchlug mit einem unüberſetzbaren Ausdruck ihre großen Augen gegen Armand auf. Was den Urheber dieſes ſtillen Scandals betraf, ſo ſtand er noch immer da, wie eine Caryatide unter dem Lilienbüſchel, der aus einem japaniſchen Potiche herausragt. Nichts erinnerte ihn an den ungeheu⸗ ren Fehler, den er ſo eben begangen hatte. Ver⸗ gebens zermalmte ihn ſein Vater mit blitzenden Blicken, vergebens huſtete die Baronin ganz leiſe. Armand war wie der rechtſchaffene Mann des Horaz: er hätte es nicht geſpürt, wenn die Decke über ſei⸗ nem Haupte eingeſtürzt wäre. 3 Madame Chaudray wollte als gewandte Dame und aufrichtige Freundin dem Geſpräch eine andere Wendung geben, und vielleicht wäre dem Uebel noch abzuhelfen geweſen. Aber unglücklicher Weiſe trat jetzt Herr Chaudray ſelbſt zu der Gruppe; er kam vom andern Ende des Salons, vom Quartier der ſchönen Ruſſinnen zurück und war noch gänzlich ver⸗ zaubert. „Ich wette,“ ſagte er,„daß Sie von der Fürſtin Nowratzin, dieſem Weltwunder, ſprechen.“ „Sie haben gewonnen, mein Herr,“ erwiederte Armand in luſtigem Tone. „Hat man je eine ſolche Zauberin geſehen?“ fügte der gelehrte Mytholog hinzu. „Eben das habe ich zu dieſen Damen geſagt,“ ſiel der unglückliche junge Eheſtandscandidat ein. 23 „Sein Untergang ſteht in den Sternen geſchrie⸗ ben,“ dachte Madame Chaudray. Und ſie gab einen nunmehr unmöglich geworde⸗ nen Rettungsverſuch auf, nachdem ſie vergebens dem Baron auf die Füße getreten, welcher ihr verbind⸗ lichſt die Hand drückte, ſtatt ſie zu begreifen. „Ich habe,“ verſetzte er,„den Fürſten Nowratzin in Tobolsk gekannt, als eer noch nicht verheirathet war. Als Mann iſt er beinahe ebenſo ſchön wie ſeine Frau.“ „Oh,“ rief Jemand. „Mit einem Unterſchied von zwanzig g Jahren,“ fiel eine andere Perſon ein, und dieſe Perſon war Armand. Die Baronin erhob ſich aus einem letzten Reſt von Mitleid und unterbrach den unglücklichen Lob⸗ redner der Fürſtin. Man ſah unter den goldenen Locken von Fräulein Lucienne zwei feuerrothe Oehr⸗ chen glühen. Die Gruppe zerſtreute ſich, um anderswo ihr Glück zu ſuchen. Einige flüſternde Stimmen ließen ſich über den Enthuſiasmus Armands aus. Die Gräfin Gorthiany, die lange Zeit nachdenklich da⸗ geſeſſen, ging zuletzt zu ihrer Freundin, der ſchönen Fürſtin, zurück, um bei langer und recht genauer Betrachtung irgend eine Unvollkommenheit an ihr ausfindig zu machen. Armand war in den blauen Salon, ein vortreff⸗ liches Obſervatorium für einen propagandiſtiſchen Beobachter, zurückgekehrt. Ihm folgten einige junge . Leute, die über ſein Glaubensbekenntniß ertzüct waren. 4½ Was den Rath betraf, ſo trieb er ſich Waß r vor 3 Zorn und ganz troſtlos im Salon herum, um mittelſt einer geſchickten Schnittlinie mit der dicken Baronin zuſammen zu treffen, die ſich wieder ausſchließlich ihren Pflichten als Dame des Hauſes widmete. Die Schnittlinie führte zum Ziel; die beiden Verſchwore⸗ nen trafen ſich an einem günſtigen leeren Platz. „Nun, Madame?“ ſtammelte der Rath. „Nun, was ſagen Sie dazu?“ „Ich zittere noch.“ „Kein Wunder, er hätte es nicht ärger machen können, wenn er darauf gewettet hätte.“ 8 „O, Sie haben ſo viel Feinheit, ſo viel Geiſt entwickelt,“ verſetzte der Rath. „Mein Geiſt und meine Feinheit haben ihn ganz und gar nicht herausgezogen,“ ſagte die Baronin, „es iſt Alles verloren. Die betreffende junge Per⸗ ſon ſaß hinter mir, um gut zu hören, und ich ſtehe Ihnen dafür, daß ſie gut gehört hat.“ 8 Dem Rath entfuhr ein Seufzer. „Ich kenne ihren Eindruck nicht, denn ich habe ſie nicht gefragt,“ fuhr die Baronin fort,„aber wenn ich ſie nach mir ſelbſt beurtheile, ſo iſt die Sache vergeckt, mein lieber Freund.“ Madame Chaudray war ſchon fern, als der un⸗ glückliche Vater noch auf demſelben Platz wehklagte. Endlich faßte er ſeinen Entſchluß und ging gerade⸗ wegs auf Armand zu, der diesmal von uneigennützi⸗ gen Leuten umgeben war und ein wahres Feuerwerk geegen die Republik losließ, die doch gewiß nicht daran Schuld war. „Ja,“ brummte der wüthende Rath ganz leiſe, 2„ 25 „habe Geiſt! Glänze, glänze! das iſt der rechte Augen⸗ blick!“ Armand bemerkte endlich ſein langes, ſchmollen⸗ des Geſicht. „Ei, mein lieber Vater,“ ſagte er beſorgt,„warum ſo traurig? Leideſt Du?“ Der Vater zog ihn ſtatt, aller Antwort aus der Gruppe weg. „Ah, ich errathe,“ fuhr Armand fort,„Du haſt im Whiſt verloren. Man hat mir von Deinen Zer⸗ ſtreutheiten und Verluſten erzählt. Dreißig Fran⸗ ken! Leichtſinniger Vater! Du haſt mich heute Abend dreißig Franken gekoſtet! Darum ſprichſt Du jetzt Nichts mehr!“ „Ich bin ſparſam in Worten,“ antwortete der Rath trocken und ärgerlich.„Ich möchte alle die⸗ jenigen ungeſagt machen können, die heute Abend geſprochen worden ſind.“ „Was iſt das?“ murmelte der junge Mann, über⸗ raſcht durch dieſen Ton und die ungewohnte Miene. „Ich habe,“ fuhr der unbarmherzige alte Herr fort,„in Folge von fünf Zerſtreutheiten dreißig Fran⸗ ken verloren; aber ich kenne einen geiſtreichen jungen Mann, der heute Abend keine Silbe geſprochen hat, die ihn nicht zwanzigtauſend Franken koſtete. Dieſer junge Mann war heute ſehr wortreich, und ich ſchlage ſeinen Verluſt auf vier Millionen an.“ „Was willſt Du damit ſagen, lieber Vater?“ „Nichts als was ich geſagt habe. Kommſt Du mit ir nach dem Boulevard de la Madeleine zu⸗ rück?“* 9 Armand warf einen Blick um ſich. Dieſe Atmo⸗ ſphäre von Wohlgerüchen, von Geiſt und von Schön⸗ heit, warum ſollte er ſie ſo früh verlaſſen? Er zögerte. „Ah,“ rief der Rath, der einen unbeſtimmten, auf das Quartier der ruſſiſchen Damen abgeſchoſſe⸗ nen Blick überraſcht hatte,„ich vergaß... Du willſt noch ein wenig dableiben, um die Fürſtin Noywratzin anzuſehen? Ganz nach Belieben, mein Junge, ganz nach Belieben. Bleib, Du haſt alles Recht dazu für Deine vier Millionen.“ Damit verließ er ſeinen Sohn, und ang der über dieſer unbegreiflichen Sprache alle Faſſung verloren hatte, dachte nicht einmal daran ihn zurück⸗ zuhalten. Herr von Bierges ſtieß noch einen Seuf⸗ zer aus, dann aber entfloh er vor dem wachſamen Auge der Baronin Chaudray, eilte auf die Flur hin⸗ aus, begrub ſein ſchweres Herz in ſeinen warmen Ueberrock und verſchwand. Es war ein wenig über Mitternacht. Schon mehrere Male hatte die Fürſtin Nowratzin nach der Pendeluhr geblinzelt. Endlich erhob ſie ſich und machte am Arm von Madame Chaudray einige Gänge durch die Salons. Die Baronin be⸗ mühte ſich vergebens ihren ſchönſten Stern aufzu⸗ halten. Zwanzig Minuten nach zwölf Uhr war die Fürſtin weggefahren. Jetzt begann die allgemeine Auflöſung. In ei⸗ nem Salof iſt unter ſo vielen verſchiedenen Weſen⸗ heiten beinahe immer ein Hauptintereſſe vorhanden, um welches den ganzen Abend hindurch die rebellie ſchen Elemente ſtreben, die das oberſte Prinzip in ſeine Bewegung mit hineinreißt. Niemand geſteht „ 1 27 und Niemand fühlt dieſe Oberherrlichkeit und dieſes Intereſſe. So geſchah es, daß eine Viertelſtunde nach der Abfahrt der Fürſtin Nowratzin der Salon der Baronin Chaudray ſich bedeutend geleert hatte. Einige Damen proteſtirten durch ihr Dableiben gegen dieſe bedeutungsvollen Fluchten und hielten bis ein Uhr etliche junge Leutchen, ſowie fünfzig⸗ jährige Hofmacher zurück; aber bald verſchwand Alles und es blieb Niemand im Salon, als Herr Frederic Dampmesnil, Luciennes Bruder, deſſen ſich der Ba⸗ ron Chaudray bemächtigt hatte, Madame Dampmes⸗ nil Mutter, die in ihrem großen Lehnſtuhl einge⸗ ſchlafen war, und Lucienne, die ſich neben die Ba⸗ ronin ſetzte, nachdem ſie verſtohlen zugeſehen, wie Herr Armand von Bierges die Schwelle des Vor⸗ zimmers überſchritten hatte. Die Baronin ergriff Luciennes Hand, eine kalte und feine Hand mit Nägeln ſo feſt wie die Krallen eines Raubvogels. 3 „Verzeihen Sie,“ ſagte das junge Mädchen, „daß ich Sie zu einer ſolchen Stunde noch aufhalte. Aber ich möchte gern der Sache auf einmal ein Ende machen und Ihnen für Ihre Güte gegen mich danken!“ „Der Sache ein Ende machen?“ verſetzte die Ba⸗ ronin munter.„Ich begreife das vollkommen.“ Lucienne blieb mit geſenkten Augen in einer mehr nachdenklichen als beſcheidenen Haltung ſtehen. „Der arme Junge,“ fuhr die Baronin fort.„Er hat Unglück gehabt. Sie wollten ihn nun einmal ganz natürlich ſehen und Sie haben ihn ſo geſehen. Ich glaube ihn nicht für Sie geſchminkt zu haben, 28 Aber geſtehen Sie ſelbſt, daß er kein Glück gehabt hat.“ 3 3 „Warum?“ fragte Lucienne,„etwa um ſeiner Aeußerungen über die Frau Fürſtin Nowratzin willen?“. „Ich glaube ja, mein liebes Kind; ſeine Lobrede auf dieſe Ruſſin hat mich wenigſtens ſchrecklich ge⸗ ärgert.“ „Sie iſt in Wahrheit ſehr ſchön,“ ſagte Lucienne ruhig.„Sie müſſen mich gütigſt entſchuldigen, Ma⸗ dame, wenn ich Sie durch meine Fragen beläſtige; aber wahrhaftig, ich verdiene Entſchuldigung. Ich ſtehe ganz allein in der Welt mit dieſer armen Mut⸗ ter, deren Geiſt von Tag zu Tag abnimmt. Da ſehen Sie!“ 3 Sie zeigte auf die alte Dame, die in ihrem tiefen Schlaf lächelte. „Ferner mit meinem Bruder, der es trotz ſeiner zweiundzwanzig Jahre toller treibt als je und zuletzt noch alle Gönner, welche dem Gedächtniß meines Vaters treu geblieben waren, ermüden wird.“ „Oh,“ fiel die Baronin ein,„fürchten Sie in dieſer Beziehung Nichts. Der Sohn des Admirals Dampmesnil wird die öffentliche Theilnahme niemals ermüden. Iſt er auch ein wenig leichtſinnig, ſo iſt er doch ein junger Mann von Ehre, und wenn ſich eine Gelegenheit zeigt, wird er ſtets würdig ſeinen Platz auf einem der Schiffe einnehmen, die Ihr be⸗ rühmter Vater befehligt hat.“ „Ich danke für ihn,“ ſagte Lucienne bewegt, „möge Gott Sie erhören! Sprechen wir alſo nur noch von mir.“ 29 „Wohlan denn, meine ſchöne Lucienne, Sie woll⸗ ten mich ausfragen?“ „Ueber dieſe Fürſtin Nowratzin... Erlauben Sie's?“ „Ich werde Ihnen Alles ſagen was ich weiß, und auch ein wenig von dem was ich nicht weiß. Die Fürſtin Caliſte Nowratzin— ſie heißt Caliſte.“ „Ein hübſcher Name,“ ſagte das junge Mädchen. „Ein Name aus dem ſiebenzehnten Jahrhundert. Gleichviel— Caliſte war eine der Mündel des Kai⸗ ſers Nicolaus. Sie wiſſen, daß der Kaiſer von Rußland ſich der jungen Waiſen von hohem Adel oder ſolcher Mädchen, deren Angehörige ausgezeich⸗ nete Dienſte geleiſtet haben, väterlich annimmt. Er nahm Caliſte unter die Zahl ſeiner Mündel auf und verheirathete ſie vor zwei Jahren mit dem Fürſten Nowratzin, einem vornehmen Herrn, einem großen General und gewandten Diplomaten, einem der Rei⸗ chen unter den Reichen der altruſſiſchen Partei. So ſchön ſie iſt, ſo vollkommen man ſie findet, ſo ſcheint es doch— ich ſage dies indeß mit dem größten Rück⸗ halt— daß der Fürſt über dieſe Allianz nicht bloß nicht entzückt war, ſondern ſogar einen heroiſchen Widerſtand leiſtete. Der Kaiſer beharrte jedoch auf ſeinem Verlangen. Seine Mündel heirathete den Fürſten.“ „Der es vermuthlich niemals bereut hat?“ fragte Lucienne. „Ah, wenn Sie mich um die Anſicht des Fürſten fragen, ſo kann ich Ihnen nicht antworten. Es ſteckt ein ganzes Geheimniß hinter der Sache. Der Ge⸗ neral Nowratzin reist beſtändig; man hat ihn noch 1 30 nie zwei Monate hinter einander bei ſeiner Frau geſehen. Dieſe iſt ruhig, ſtolz, verſchloſſen und läßt Nichts durchblicken, was eine Mißhelligkeit zwiſchen ihr und ihrem Gemahl verrathen könnte. Er iſt ein ruſſiſcher Höfling, damit iſt Alles geſagt; er hat nie⸗ mals durch eine Silbe den Groll verrathen, den er, wie man behauptet, gegen die Schützlingin des Kai⸗ ſers ſtets bewahrt haben ſoll. Sie haben hier Un⸗ beſtimmtes und Beſtimmtes genug. Wählen Sie. Dem äußern Anſchein nach iſt die Fürſtin vollkom⸗ men glücklich und unabhängig; ſie hat ſchöne Pferde, ein ſchönes Hotel, große Livree und führt ein großes Haus... 4 „Dabei genießt ſie einen ausgezeichneten Ruf?“ „Ihr Ruf iſt makellos. Sie wird allgemein an⸗ gebetet. Man ſtreitet ſich um ihre Blicke, wie Bett⸗ ler ſich um Perlen reißen würden. Der Kaiſer hat ſie dem Fürſten Nowratzin geſchenkt; aber zehn An⸗ dere bettelten um ſie. Man ſpricht von einem Her⸗ zog von... Der Name fällt mir nicht mehr ein. Es iſt ein Bojar, eine Hoheit, die vor Liebe ſtirbt; jung, ſchön, unwiderſtehlich, hat er niemals vier Worte von der Fürſtin erlangen können. Sie iſt eine vollkommen reine Frau, welcher die etwas feind⸗ ſelige Kälte ihres Gemahls eine an Sprödigkeit gren⸗ zende Behutſamkeit auferlegt. Dies meine Auf⸗ ſchlüſſe; genügen ſie Ihnen?“ „ Vollkommen, und ich ſehe, daß ich ganz richtig raiſonnirt habe,“ ſagte das junge Mädchen mit ihrer gewöhnlichen Kaltblütigkeit. „Laſſen Sie Ihr Raiſonnement hören!“ „Sie glaubten mich beleidigt durch die enthuſia⸗ * 4 8 31 ſtiſchen Worte, die heute Abend Herrn von Bierges entfahren ſind?“ Lucienne ſprach dieſen Namen ohne das mindeſte Bedenken, ohne die leichteſte Unruhe in ihren großen unempfindſamen Augen aus. „Ja allerdings, ich glaubte das,“ ſagte die Baronin. „Warum ſollte Frau oon Nowratzin dieſen Ein⸗ druck, den ſie auf alle Welt macht, nicht auch auf dieſen jungen Mann gemacht haben?“ „Ah, Sie ſind gar zu nachſichtig, denn er ſpricht ſich in der That allzu laut aus.“ „Dies wäre für mich ein Grund ruhig zu ſein,“ verſetzte Lucienne.„Ich bin nicht ſehr auf dem Laufenden über die Gewohnheiten einer lebhaften Leidenſchaft. Aber es ſcheint mir, die Leidenſchaften ſind Geheimniſſe und laſſen ſich nicht ſo behaglich mitten in einem Salon ausſprechen. Alles was Herr von Bierges von der Fürſtin ſagte, war natürlich, aufrichtig und folglich harmlos. Wenn ich Fürſt Nowratzin hieße, ſo hätte ich mich an keinem Wort in der Lobrede auf meine Frau geſtoßen.“ 3 „Sehr gut,“ ſagte die Baronin, ganz verwun⸗ dert über dieſes deutſche Phlegma. „Man kann eine Frau bewundern, ohne ſie zu lieben. Wenn man ganz laut ſagt, daß man ſie liebe, ſo iſt das noch kein Beweis von Liebe. Er erklärt ſie für die ſchönſte der Frauen... für die einzige Frau, die es in der Welt gebe. Das iſt viel⸗ icht wahr, ich kann mich nicht dadurch beleidigt finden. Ich will durchaus nicht für die Schönſte gelten, und wenn ich auch dieſe Anmaßung hätte, 32 warum ſollte ich mich ärgern? Er hat mich nicht geſehen, vielleicht würde er ſeine Anſicht ändern, wenn er mich ſähe,“ fügte ſie mit einer Heiterkeit hinzu, die ſo voll Adel war, daß die Baronin Chau⸗ dray von der Ueberraſchung zur Bewunderung über⸗ ging.. „Ich bin weit entfernt Ihnen das beſtreiten zu wollen,“ verſetzte die Baronin, indem ſie alle Kraft aufbot, um dieſe Worte ohne Spott zu ſagen. Aber Lucienne, ein gediegener und beharrlicher Geiſt, hielt ſich nicht lange mit Schattirungen auf. Ob das Compliment von Madame Chaudray Spott oder aufrichtige Höflichkeit war, ſie ließ ſich nicht darauf ein, ſondern verfolgte ihren Syllogismus weiter. „Alſo,“ ſagte ſie,„beweist mir Nichts, daß Herr von Bierges dieſe Dame liebe. Wiſſen Sie, ob er in ſie verliebt iſt?“ fragte ſie dann plötzlich die Baronin, die durch dieſen kecken Angriff vollends aus dem Concept gebracht wurde.„Nein, nicht wahr? Sie würden mirs ſagen, wenn Sie es wüß⸗ ten, denn Sie haben die Güte ſich für mich zu in⸗ tereſſiren, und ich bin überzeugt davon. Auf der andern Seite könnte die Fürſtin bei den Grundſätzen und Geſinnungen, die Sie an ihr kennen, keine ge⸗ fährliche Nebenbuhlerin ſein. Gleichwohl geſtehe ich, daß ein Mann, der in eine andere Frau, wenn auch hoffnungslos, verliebt iſt, mir nicht zuſagen würde. Führen wir alſo die Frage auf ihren eigentlichen Kern zurück. Hier bedarf ich noch Ihrer Beihilfe und ich bitte inſtändig, unterſtützen Sie mich. Suchen Sie zu entdecken, ob Herr von Bierges die Fürſtin 4 3 2 33 liebt; mit all Ihrem Geiſt und all Ihrem Tact wird es Ihnen leicht ſein dies zu ermitteln. Wenn er ſie liebt, ſo wollen wir nicht mehr davon ſprechen, und die Antwort, die ich Ihnen in Betreff ſeiner ſchulde, iſt ganz gegeben; wenn er dagegen Frau Nowratzin nicht liebt, nun dann...“ „Nun dann?“ ſagte die Baronin im höchſten Grad geſpannt. „Nun dann, der junge Mann ſagt mir zu,“ ſprach Lucienne mit ihrem ruhigen Blick und ihrem perlmutternen Geſicht.„Was den Vater betrifft, ſo gefällt er mir ſehr, und ich fühle, daß ich ihn lieben würde.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich, in ihren bei⸗ den Händen die zwei rundlichen Hände der Baronin haltend, welche ſtumm und halb betäubt weder ein banales Lächeln noch einen Ausruf fand, um ihr zu antworten. Das junge Mädchen erweckte ihre Mutter fanft mit einem Kuß auf die Stirne. Die Alte ſchickte ſich ohne Verwunderung und ohne Verlegenheit zum Weg⸗ gehen an. Lucienne entriß ihren Bruder Frederic den hinreißenden, wundervollen Beſchreibungen des Barons Chaudray: es handelte ſich um die Otahei⸗ tierinnen. „Man unterhält ſich ſo gut bei Ihnen,“ ſagte Lucienne zu dem Gelehrten,„daß man darüber die Zeit und die Höflichkeit vergißt.“ „Das iſt wahr,“ murmelte die Mutter, die ſich bereits an den Arm ihres Sohnes gehängt hatte. Mutter und Sohn gingen voxan. Lucienne ent⸗ fernte ſich zuletzt, nachdem ſie die Hand der Baronin Magquet, Herzensſchulden. 3 8 3³4 gedrückt, welche ſie mit ihren Blicken verſchlang, wie der Baron bei irgend einem Phänomen gethan haben würde. 1 „Was gibt es, Frau?“ fragte der Gelehrte, dem trotz ſeiner gewöhnlichen Zerſtreutheit die ſeltſame Verblüfftheit ſeiner Gemahlin auffiel. Und da ſie ihm keine Antwort gab, ſo flatterte er nach ſeinem Zimmer. „Nun wahrhaftig,“ murmelte die Baronin, die zum Kamin zurückgekehrt war, während die Bedien⸗ ten Feuer und Lichter zu löſchen anfingen.„Ich habe die Männer oft ſagen hören, es ſei unmöglich die Frauen zu begreifen. Dies wunderte mich nicht, weil die Frauen alles Mögliche thun, um von den Männern nicht begriffen zu werden. Ja, es iſt wirklich unmöglich, das erkläre ich auch von heute an.“ 1 Sie that einige Schritte in dem finſtern Salon und ſagte dann auf einmal: „Dieſer arme Rath, ich hatte ihn gleich mit dem erſten Stoß ins Waſſer geworfen! Aber er ſchwimmt, er ſchwimmt! Er wird ganz ſicher ans Ufer gelan⸗ gen. Zünden wir ihm einen Leuchtthurm an!“ Und die unerſchrockene Gebieterin des Hauſes trat in ihr Boudoir, ſchrieb ein Billet, legte es zu⸗ ſammen, verſiegelte es, als ob es nicht zwei Uhr Morgens wäre, und zeigte ihrem Kammerdiener den ſatinirten Umſchlag mit den Worten: — „Morgen in aller Frühe muß dieſer Brief dem Herrn von Bierges gebracht werden!“ 8 „Morgen!“ brummte der Lakai übellauniſch,„es iſt heute!! —- IV. Die Nacht war ſehr hell und kalt. Die Tritte der wenigen verſpäteten Spaziergänger im Faubourg Saint⸗Germain widerhallten laut und trocken auf den Trottoirs. Als Armand von Bierges, beide Hände in ſeinen Paletot geſteckt, deſſen hinaufgeſchlagener Sammtkragen ſeinen Nacken und ſein Kinn verhüllte, das Hotel Chaudray verließ, ging er ruhig die Rue de Univerſité entlang, um den Pont de la Con⸗ corde zu erreichen. Er trat im Gehen ſtark auf und athmete mit Hochgenuß die klare Luft ein, welche ſo viele Leute nur gar zu ſchnell mit dem Rauch einer Cigarre ver⸗ tauſchen. Aber Frau von Bierges hatte, ſo lange ſie lebte, ihren Sohn ſo inſtändig gebeten es nicht wie die Andern zu machen, daß Armand, zuerſt aus kindlicher Chrerbietung und dann aus Ueberzeugung, für immer dem unnennbaren Vergnügen entſagt hatte ſeine Zähne, ſeinen Bart und ſeine Halsbinden mit einem Parfüm zu vergiften, welches die größten Fa⸗ natiker mit Liebe in ihrem Mund empfangen und mit Abſcheu aus ihrem Vorzimmer verjagen. Armand beſaß Gedanken genug, und ſeine reiche Jugend lieferte ihm Poeſie genug, daß er von der franzöſiſchen Regie keine ſolche zu verlangen brauchte. Nach dem Abend, den wir ſo eben ſkizzirt haben, war der junge Mann ſo aufgeregt durch die wahren Parfüme des Saftes und Lebens, daß er mehr ſprang als ging: ſein Geiſt, ſein Herz und ſeine Seele hat⸗ ten einen koſtbaren Vorrath eingeſammelt. Nichts iſt fruchtbringender und anregender ür edle Gefühle, 36 als dieſer Herd von Nacheiferung im Fortſchritt, welchen man die höhere Geſellſchaft nennt. Ver⸗ langet von ihr kein Glück, aber Sie gibt euch alles Uebrige. Ohne ein Mann von Welt zu ſein, liebte Armand von Bierges die Salons, die Schmuckſachen, die Frauen in ihrem Element, die Männer auf ihrem Schauplatz. Er gehörte zu denen, welche die Natur gekleidet vorziehen, wenn ſie mit Kunſt gekleidet iſt. Dieſe ſagen ſich, daß ſie zwei Wunder zu bewundern haben, ſtatt eines einzigen. Vielleicht hätte dieſer müſſige junge Mann, dieſer ehemalige Unterpräfect, dieſer Flaneur in Balluniform einen großen Maler, einen gewaltigen Schriftſteller oder einen derben Krie⸗ ger abgegeben; im Grund war er dies Alles. Seine Aquarellen, die er zwiſchen zwei Beſuchen tuſchte, ſtanden keinem Meiſterwerk unſerer großen Künſtler nach; nur behielt er ſie in ſeiner Mappe. Seine Verſe, ach, wer macht keine Verſe? waren bewun⸗ dernswürdig, aber ſie waren verſchimmelt, ohne ab⸗ geſchrieben worden zu ſein. Dichter und Denker, hatte er ſich niemals von dem Wunſche hinreißen laſſen einen Band zu drucken; ebenſo hatte er ſich trotz ſeiner eiſernen Kniekehle, ſeiner herculiſchen Fauſtgelenke, ſeines Adlerblicks und ſeines Reichthums an Finten niemals bei einem öffentlichen Aſſaut mit dem Floret in der Hand gezeigt. Von Jugend an gewöhnt jeden körperlichen Widerſtand mit dem leich⸗ teſten Druck des Geiſtes zu brechen, hatte er die Haltung eines Titanen und lächelte wie Antinous Er war ein Mann zu Allem bereit, zu Allem brauch ihrer Tauſende gibt in dieſer allzu verachteten Pflanz⸗ ſchule der Welt, welche ebenſo viele Früchte geben würde, wie eine andere, wenn ein Baum, deſſen Blüthen man gepflückt hat, nachher auch noch die Früchte liefern könnte. Im Uebrigen war dieſer junge Mann aller Auf⸗ merkſamkeit würdig. Er wußte es nicht genug, um geckenhaft zu werden. Ich täuſche mich, er wußte es, aber bei ſeiner natürlichen Zartſinnigkeit und Di⸗ ſtinction hatte er niemals anmaßend werden können. Dieſe Eigenſchaften beherrſchten ihn ſelbſt bei den geheimſten Genüſſen. Verliebt, war er ſchüchtern, aber es war nicht der einfältige Schrecken, der einen Jüngling in Gegenwart einer ausgezeichneten Frau erfaßt, ſondern vielmehr die Furcht alltäglich zu er⸗ ſcheinen, wenn er mit Hilfe der bekannten Verfah⸗ rungsweiſen aufträte. Was man in den Romanen oder Luſtſpielen ausführt, was die Zeitungen erzäh⸗ len, was in den Liedern traditionell iſt, das würde er niemals gethan haben, denn er hätte gefürchtet ein Lächeln auf den Lippen der geliebten Frau her⸗ vorzurufen, die möglicher Weiſe dieſen Roman oder dieſes Journal geleſen, dieſes Vaudeville geſehen und dieſen Pontneuf⸗Refrain ſingen gehört hatte. Ohne eine Mutter, die ein Muſter von Eleganz und holder Vertraulichkeit war und ihn verſichert hatte, daß alle neuen Dinge den alten nachgemacht ſeien, und daß jedes junge Mädchen die Fortſetzung und der Anfang einer Großmutter ſei, hätte Armand zu⸗ letzt wie Werther das Leben als einen Schlendrian, den Geiſt als ein Plagiat, die Leidenſchaft als ein abgenütztes dramatiſches Mittel angeſehen; er hätte . 1* 38 am Ende nicht mehr geathmet, nicht mehr geſprochen, nicht mehr gelacht; er wäre dumm und unerträglich geworden wie die Vollkommenheit. Einige etwas brutale Stöße weckten ihn inmitten dieſer Quinteſſenzen auf; er wurde gegen ſein zwan⸗ zigſtes Jahr etwas menſchlicher, er wurde unvoll⸗ kommen und er war gerettet. Holen wir ihn in der Rue de'Univerſité wieder ein, denn ſie iſt lang und er hat ſie noch nicht ver⸗ laſſen. Sein Kopf iſt durch die Menge und Ver⸗ ſchiedenheit der Gedanken, die ihn beſchäftigen, etwas ſchwer geworden und theilt ſeine Schwere und Ver⸗ legenheit allmälig auch den Beinen mit. „Was wollte doch mein Vater ſagen, als er mich ſo groß und ſo verdrießlich anſah?“ fragte ſich Ar⸗ mand.„Er war in allem Ernſt böſe. Was habe ich ihm denn gethan? Welchen Sinn haben die drohenden Worte: Vier Millionen verloren! Wie kann ich wohl heute Abend vier Millionen ver⸗ loren haben? Und dann welche Beziehung kann zwi⸗ ſchen der zügelloſen Sprache, die mein Vater mir vorwirft, und der Frau Fürſtin Nowratzin ſtattfinden, deren Namen er mir wie einen Stein an den Kopf geſchleudert, während ich doch noch nie und auch heute Abend nicht ein Wort zu ihr geſagt habe?“ Der junge Mann hatte wirklich noch niemals mit der Fürſtin geſprochen. In Folge ſeiner poetiſchen Inſtincte wählte er gut, wenn er ſich ein Thema wählte. Dieſes da war das poetiſchſte von allen, und Armand wußte es ſo gut, daß es ihm nie ein⸗ gefallen war, es in Proſa zu behandeln. Er war überall gern geſehen, und hätte allgemein beliebt, — — 39 zehnmal Gelegenheit gehabt ſich der Fürſtin vorſtellen zu laſſen, welche er in mehreren Salons wieder traf und auch wirklich aufſuchte, denn bei all ſeiner Deli⸗ cateſſe war er nicht unempfindlich; aber er hatte ſich begnügt ſie zu ſehen und zu bewundern; er hatte nicht ein einziges Mal ſo gegrüßt, daß er ihren Blick auf ſich ziehen konnte, nicht ein einziges Mal ſeine Stimme ſo geſteigert, daß ſie ihr Ohr treffen ſollte. Und gleichwohl fügte es ſich ſo wunderlich, daß die Gräfin Gorthiany, die wirkliche oder angebliche Freundin der Fürſtin, ſich wenigſtens zehnmal an Armands Seite befunden, ihn geſehen, gehört und im Vorübergehen geſtreift hatte bei einem jener küh⸗ nen Durchzüge durch Gruppen von jungen Leuten, dergleichen ſich übermüthige Dämchen, die ihre Ab⸗ ſichten haben, gerne erlauben, wenn die Natur und fünfunddreißig Jahre ihnen dicke Arme und unver⸗ * ſchämte Schultern gegeben haben. 2 Nichts wäre alſo leichter geweſen, als einen Ver⸗ kehr anzuknüpfen, wenn Armand gewollt hätte. Verweilten die Augen der Gräfin einmal vorüber⸗ gehend auf ihm— und ſie ſchienen wirklich große Luſt dazu zu haben war das Geſpräch einmal eingeleitet, das Recht zu grüßen einmal erworben, ſo konnte Armand die polniſche Freundin nach Be⸗ lieben anreden, zuerſt allein, dann am Arm der ruſ⸗ ſiſchen Freundin. Er hätte zuletzt ein paar Worte von einigem Belang angebracht und dann Alles er⸗ langt was man erlangt, wenn man es nur fordert: Höflichkeiten, Geplauder, vielleicht die Erlaubniß zu beſuchen. Iſt das nicht Alles was einen Mann voll⸗ kommen glücklich machen kann? Auf dieſe Art be⸗ * 10 4 ginnen, ſagt man, die ernſthafteſten Liebesverhält⸗ 8 niſſe. Aber dieſes Verfahren eines verliebten Com⸗ mis⸗Voyageur, der ſeine Müſtexchen zur Schau ſtellt, um die Kundſchaft anzulocken, widerſtrebte dem jun⸗ gen Manne. Er wollte lieber den großen grünen Augen der Gräfin Gorthiany ausweichen, als die ſchönen ſchwarzen Augen der Fürſtin Nowratzin auf ſich ziehen, obſchon dies in Wahrheit ſehr ſchöne Augen waren, deren warmer Stern das Licht aus⸗ ſtrahlte, ſtatt es zurückzuſtrahlen. „Warum ſollte ſich wohl,“ fuhr Armand in ſei⸗ nem Monolog fort,„mein Vater über die Erklärung ärgern, die ich in Betreff der Fürſtin Nowratzin ge⸗ macht habe? Wen habe ich beleidigen können außer etwa Madame Gorthiany? In ihrer Eigenſchaft als Freundin muß ſie eiferſüchtig ſein, und meine Lob⸗ ſprüche werden ihr das Herz durchbohrt haben. Um ſo beſſer, ich liebe die grünen Augen nicht.“ So concludirte Armand, und ich meinerſeits concludire, daß der Monolog vollkommen in der Natur liegt. Mögen alle diejenigen, welche ſich er⸗ lauben auf dem Theater welche einzuführen, ſich be⸗ ruhigen; man wird ihnen ihre Monologe verzeihen, wenn ſie für die Handlung nützlich und kurz ſind. Während der junge Mann über die üble Laune und die herben Worte ſeines Vaters Gloſſen machte, während er ſich über das Räthſel von den vier ver⸗ lorenen Millionen den Kopf zerbrach, ſchritt er lang⸗ ſam und mit geneigter Stirne wie Hippolyt dahin. Bald aber beſchloß er nicht länger über eine Sache nachzugrübeln, deren Erklärung ihn in einigen Minu⸗ ten im väterlichen Hauſe auf dem Boulevard de la 41 Madeleine erwartete. Er richtete alſo ſein Haupt wieder auf und athmete kräftig, um ſich ſelbſt zu überzeugen, daß er nicht ſeufze, und daß dieſer Seuf⸗ zer nicht der letzte magnetiſche Druck der Erinnerung an Madame Nowratzin ſei. Mehrere Tritte hallten hinter ihm in dem Augen⸗ blick, wo er die Rue de l'Univerſité verlaſſen wollte, um auf die Place Bourbon einzulenken. Einige dicke Wolken kamen von Süden her, der Wind blies; eine Art von Stoßwind überſiel den Mann und kehrte den Paletot um. Es war keine Seele mehr unten und kein Stern mehr oben. In demſelben Augenblick fühlte ſich Armand von drei Männern umgeben, wovon der eine ihm vorn den Weg vertrat, während die zwei andern ſich dicht zu ſeinen Seiten hielten. Der erſtere fragte in kur⸗ zem und dennoch höflichem Ton: 4 „Sind Sie Herr Armand von Bierges?“ „Allerdings,“ verſetzte er überraſcht und nicht ſonderlich erbaut darüber, daß er ſich von ſolchen Leuten uud zu einer ſolchen Stunde gekannt ſah. „In dieſem Fall,“ fuhr der Mann fort,„ver⸗ hafte ich Sie im Namen des Geſetzes!“ Armand hatte wohl bemerkt, daß man ihn an⸗ halten wollte, aber es war ihm nicht eingefallen, daß dies im Namen des Geſetzes geſchehen könnte. „Ich glaube nicht, daß Sie Widerſtand verſuchen wollen,“ ſagte der Redner, welchen die Unbeweglich⸗ keit Armands zu beläſtigen ſchien. „Nein gewiß nicht,“ antwortete der junge Mann; „gleichwohl glaube ich gehört zu haben, daß ſelbſt in 8— 42² der Republik gewiſſe Förmlichkeiten unumgänglich nöthig ſeien, um Jemand zu verhaften.“ „Mein Herr, wir haben nicht die Gewohnheit auf der Straße zu parlamentiren,“ wandte der Vorder⸗ mann ein.„Sie haben allerdings Gründe und zwar gute Gründe geltend zu machen. Wir unſerer⸗ ſeits haben einen in guter Form ausgeſtellten Befehl. Folgen Sie uns!“ „Wohin führt man mich?“ fragte der junge Mann.„Ich möchte es gerne wiſſen, um meinen Vater in Kenntniß ſetzen zu laſſen, der ſich ſehr be⸗ trüben und beunruhigen wird, wenn ich nicht nach Hauſe komme.“ Und weniger ſtoiſch als er ſelbſt geglaubt hätte, ängſtigte ſich Armand einigermaßen bei dem Gedan⸗ ken an den Verdruß, welchen dieſer unvergleichliche Freund empfinden würde. Während dieſes Geſprächs, das kürzer währte als der kürzeſte Monolog, war ein Wagen aus dem Schatten hervorgekommen, wo Armand keinen ver⸗ borgen geglaubt hätte. Einer der Alguazils öffnete den Schlag, ein anderer ſchob den Gefangenen ſachte ins Innere. Der Anführer, ein erfahrener und an dergleichen Dinge gewöhnter Mann, war bereits zum andern Schlag hineingeſtiegen. Ein einziger Agent begleitete dieſen Führer, der letzte blieb auf der Straße. Der Wagen fuhr raſch von dannen. Da alle dieſe Ereigniſſe in ein paar Minuten vorüber waren, ſo hatte der Gefangene in der erſten Betäubung nicht einmal bemerkt, nach welcher Rich⸗ tung man fuhr. Er machte eine Bewegung, um ſich darüber zu belehren. 43 „Wollen Sie ſich gefälligſt ganz ruhig halten, mein Herr!“ ſagte der zu ſeiner Rechten ſitzende Hauptagent. „Wohin führt man mich denn und warum ver⸗ haftet man mich? Ich bin kein Verbrecher,“ rief der junge Mann. „Ah, ſchreien Sie nicht,“ unterbrach der Nachbar. „Mein Vater erwartet mich!“ „Man wird Ihren Vater in Kenntniß ſetzen, im Fall Sie behalten werden; aber es iſt möglich, daß dies nicht geſchieht, es iſt ſogar wahrſcheinlich!“ „Ich werde jedenfalls wenigſtens heute Nacht zurückgehalten werden,“ ſagte Armand. „Etwas ſtille, mein Herr,“ mahnte der lakoniſche Wächter. Armand ſchwieg, er bemühte ſich verſtohlen das Geſicht und die Haltung ſeiner Begleiter zu beob⸗ achten. Nie wurde eine Prüfung durch eine dichtere Finſterniß verhindert. Die Fenſter waren hinauf⸗ gezogen und der Athem der Fahrenden hatte ſie trübe gemacht. Armand ergab ſich in ſein Schickſal. Am Ende war die Republik doch nicht die von Ve⸗ nedig. Ein beliebiger Commiſſär war kein Inquiſitor oder Mitglied der Zehnerrathes, die Polizeipräfectur ſah nicht auf den Kanal Orfano. Nachdem der Wagen ungefähr zwanzig Minuten fortgerollt, hielt er plötzlich an, und Armand fiel, durch den Stoß erſchüttert, auf die Schulter ſeines Ge⸗ fährten zur Rechten. 3 4 Jgetzt wiederholte ſich daſſelbe Manöver wie beim Einſitzen. Beide Schläge öffneten ſich zugleich; der Gefangene wurde an den einen herangezogen, her⸗ ausgenommen und ſodann von ſeinem Wächter einen Gang entlang geführt, deſſen Thüre ſich geöffnet hatte, ohne daß Armand es ſich erklären konnte. Er gab ſich alle Mühe die Localität zu erforſchen, aber Alles was er herausbringen konnte war, daß er in eine ſchwarze Hausflur kam, deren polirte Platten er unter ſeinen Füßen verſpürte. Man führte ihn an einem Arm, man nahm ſeine Hand um ſie auf ein Geländer zu legen, man half ihm gefällig eine Treppe hinanſteigen. „Wo zum Teufel bin ich?“ murmelte er halblaut. „Bſt,“ mahnte der Begleiter ſtrenge. Endlich kam man an einen Abſatz. Der junge Mann verſpürte jetzt keine Platten mehr, ſondern einen Zimmerboden unter ſeinen Tritten. Eine laue Atmoſphäre folgte auf die ſcharfe Luft des Ganges und die ebenfalls friſche Luft der kleinen Treppe. Jetzt machte Armands Wächter, indem er ihn voranſtieß, wie wenn er ihn in einen Gang führen wollte, ſeinen Gefangenen auf ein ſchwaches Licht in der Ferne aufmerkſam. 4 „Gehen Sie immer gerade vor ſich hin,“ ſagte er ſo leiſe, daß Armand heinahe erſchrack, obſchon er ſich auf Alles gefaßt hielt.„Gehen Sie bis zu dem Licht, das Sie ſehen.“ „Und Sie?“ fragte Armand,„kommen Sie nicht mit mir?“ 4 „O ich,“ verſetzte der Mann noch leiſer,„ich habe da Nichts zu ſchaffen. Ich bleibe hier, um nicht zu hören, was die Perſon, die mit Ihnen zu ſprechen hat, Ihnen ſagen wird.“ Dieſe Antwort befriedigte den Gefangenen. Augen⸗ 45 ſcheinlich hatte man ihn zu irgend einem Oberpolizei⸗ beamten oder zu einem Gefängnißdirector geführt, neben welchem der Alguazil nur ein Atom war. Armand zögerte nicht, ſondern ſchritt auf das Licht zu, das in der Ferne ſchimmerte. Die Art des Terrains wechſelte noch einmal: auf den getäfelten Fußboden folgte ein guter Teppich. Armand ſchritt, fortwährend durch den Lichtfaden geleitet, voran. Er hörte eine Thüre hinter ſich ſchließen und beunruhigte ſich nach der ſo eben er⸗ haltenen Erklärung nicht darüber. Endlich gelangte er zu dieſem Licht, nachdem er zwei Zimmer durchſchritten, welche dieſer glänzende Strahl in zwei düſtere Theile theilte. Aber dieſer Schein kam von einem Spiegelſchrank, der ihn bloß zurückſtrahlte. Das wahre Licht mußte er noch in weiterer Ferne ſuchen: Armand ſah es in einem Zimmer zur Linken. Dies Mal war es wirk⸗ lich ein Licht, mild und blaß, geſiebt durch den trü⸗ ben Kryſtall einer Kugel, welche mit einem jener Lichtſchirme von blauem Spitzenpapier überzogen war, die in vier gefalteten und weichen Feldern herab⸗ fallen. Armand fand nicht ohne Verwunderung, daß das Zimmer ſchön und mit ausgezeichnetem Geſchmack möblirt war. Er ſah ein Feuer, ſo mild wie die Lampe, das Meſſinggitter eines weißen Marmorkamins röthen; der Teppich war von einer koſtbaren Mokette mit breiten veilchenblauen Palmen, die Tapete von durchwirktem gelbem Seidedamaſt. Mehrere Lehn⸗ ſtühle, capriziöſe Neuigkeiten von verſchiedenen For⸗ men und Stoffen; allerlei auf einem Tiſche von Boule 46 zerſtreut liegende Phantaſieſtücke verkündeten bei dem Mann der Verwaltung, bei dem hohen Beamten allzu zarte Liebhabereien, als daß ein Gefangener, der zugleich Weltmann war und ſich unſchuldig fühlte, ſich nicht hätte beruhigen ſollen. Armand, der nicht allzu indiscret um ſich ſchauen wollte und ſich im Stillen darüber freute, daß man 3 ihn gut genug kannte und zu ſchätzen wußte, um ihn ohne Wächter in dem Salon des Beamten ſelbſt zu laſſen, der über ſein Schickſal entſcheiden ſollte, hielt ſich in einer ehrerbietigen Unbeweglichkeit. Er wählte in der dunkelſten Ecke des Kamins, in der größten Entfernung von jedem Tiſch und jedem Gegenſtand einen Stuhl. Nachdem er ſich beſonnen, ob es ſchick⸗ licher ſei zu ſitzen oder ſtehen zu bleiben, entſchied er ſich dafür, daß das Sitzen eine bedeutungsvollere und höflichere Art ſei ſeine Sicherheit und Gewiſſens⸗ ruhe zu erkennen zu geben. Er ſetzte ſich alſo und nicht ohne Vergnügen. Der Lehnſtuhl war vortne lich und wurde durch einen langen Abend, welchen Armand ſtehend bei der Baronin Chaudray verbracht hatte, ſowie durch ſeine Aufregung in Folge dieſer unvorhergeſehenen Verhaftung noch weit beſſer gemacht. Nachdem der Körper einmal befriedigt war, funec⸗ tionirte der Geiſt viel leichter. Armand hielt im Stillen eine Muſterung über ſeine kleinen Sünden. Hatte er conſpirirt? Nein. Hatte er eine jener ehe: herrlichen oder väterlichen Klagen veranlaßt, die einen jungen Mann zum Polizeilieutenant wie zumm Beichtvater führen? Nein. Er erinnerte ſich zwar einiger Bagatellen, aber ſie lagen ſchon in ſo weiter 8 47 Ferne, daß die Republik nichts Arges daran ſehen konnte, wenn ſie ſich nicht in fremde Angelegenheiten miſchen wollte. Die Republik... Ach, ja wahr⸗ haftig, Armand machte ſich den Vorwurf oft unehr⸗ erbietig von ihr geſprochen zu haben; erſt heute Abend noch hatte er ſie ziemlich ſcharf durch die Hechel laufen laſſen; aber wie konnte ſie es wagen ſich Republik zu nennen, wenn ſie nicht Jedermann die vollſtändigſten Freiheiten geſtattete? Dieſes Raiſonnement erſchien dem jungen Mann ziemlich gut, jedoch unter der Bedingung, daß der Beamte, der ihn jetzt verhören ſollte, nicht zu Gun⸗ ſten der beſagten Republik Gegenſeitigkeit verlangen würde. Als er ſich, beunruhigt durch die mögliche Aus⸗ ſicht auf dieſe unangenehme Gegenſeitigkeit, auf ſei⸗ nem Stuhl umkehrte, fühlte er unter ſeiner Hand einen Stoff, den ſeine etwas raſche Bewegung ver⸗ muthlich von irgend einem naheſtehenden Möbel abge⸗ riſſen hatte. Es war ein prächtiger geſtickter Unter⸗ rock, ein Meiſterwerk mit drei durchbrochenen Reihen. Armand ergriff ſehr ſachte dieſen Gegenſtand, welchen wir, Gott ſei Dank! bei ſeinem rechten Namen nennen dürfen, den ein Poet vor vierzig Jahren nicht anders als Gewebe zu nennen gewagt hätte, und den ein Engländer heutzutage noch überhaupt nicht zu nennen wagen würde. Er ergriff, ſage ich, mit äußerſter Sorgfalt dieſen bewundernswürdigen Unterrock und wollte ihn eben auf ein Kanapee 4 48 legen, als die Boudoirthüre ſich öffnete. Eine Frau erſchien, in ihrer alabaſterweißen, durchſichtigen Hand ein Licht haltend— eine Frau mit braunen Haaren, die halb über ihre Schultern herabwallten, eine Frau im langen weißen batiſtenen Nachtkleid und mit her⸗ abhängendem Gürtel,— eine Frau, die eine melan-⸗ choliſche Phraſe aus der Königin von Cypern murmelte,— eine Frau, die, als ſie den jungen Mann drei Schritte von ſich entdeckte, einen Schrei ausſtieß, welchen Armand mit einem andern erwie⸗ derte,— eine Frau, welche der Letztere kaum erſt die einzige Frau in der Welt genannt hatte, die Fürſtin Caliſte Nowratzin. Und während ſie verſteinert, entſetzt beim Anblick des jungen Mannes, zitternd ihre Kerze auf das Piano ſtellte und ihre kleinen Hände in einander ſchlug; während Armand, dem es wie eine Wolke vor den Augen dunkelte, ſeine Hand auf den mor preßte, um ſich zu überzeugen, daß er wirt lebe und nicht träume, da erſchien auf einmal an der Thüre, zu welcher Armand hereingekommen war und die weder er noch die Fürſtin anſah, ein hoch⸗ gewachſener Mann von ſchönem, kaltem und weißem Geſicht, in einen langen Reiſeüberrock gehüllt; er blieb ſtehen, kreuzte die Arme, betrachtete dieſe Scene und ſagte ruhig in reinem Franzöſiſch: „Meine Complimente, Madame.“ „Mein Gemahl,“ ſtammelte die Fürſtin, die ſchrecklich blaß wurde. „Der Fürſt Nowratzin!“ ſagte Armand, dem un⸗ willkürlich ein Schauder über die Schultern lief. „Wo bin ich denn und was bedeutet Alles das?“ 49 „Ich bedaure ſehr,“ ſagte der Fürſt ganz un⸗ empfindlich,„daß ich Jedermann ſo viele Verlegen⸗ heit bereite. Aber ich wollte einmal ſehen und ich habe geſehen!“ „Und was denn?“ rief die Füͤrſtin.„Begreifen Sie auch wirklich, was Sie ſehen, mein Herr? Was mich betrifft, ſo zweifle ich noch immer, ob ich mich nicht in einem ſchrecklichen Traum befinde.“ „CEi wie, Madame, Sie zweifeln? Ei wie, befin⸗ den Sie ſich etwa nicht hier in Ihrem Boudoir, in Ihrem Zimmer ſo zu ſagen, denn die Thüre deſſelben iſt zwei Schritte von da und ſteht ganz offen. Ei wie, befinden Sie ſich nicht in einem Nachtkleid, nebenbei geſagt, ein eigenthümlicher Aufzug, um einen Höflichkeitsbeſuch zu empfangen. Ich ſage Höflich⸗ keitsbeſuch, weil dieſer Herr in Toilette iſt. Aber es iſt nun einmal drei Uhr Morgens. Dies iſt ein ſeltſamer Augenblick einen Beſuch abzuſtatten.“ Die junge Frau betrachtete ihren Gemahl und Armand mit einem Ausdruck geſpannter Neugierde, der an Irrſinn grenzte. Der junge Mann begann aus dem Chaos herauszukommen und fühlte, daß es jetzt an ihm war zu ſprechen: „Vor allen Dingen, mein Herr, mache ich Ma⸗ dame keinen Beſuch, da ich nicht die Ehre habe ſie zu kennen.“ „ Ah,“ verſetzte der Gemahl, diesmal mit bitterem Spott,„ah, Sie kennen Madame nicht? Dies iſt weder ingeniös noch höflich; aber in der Stellung, die Sie in dieſem Augenblick einnehmen, iſt man nicht verpflichtet Phantaſie zu haben. Wenn Sie Maquet, Herzensſchulden 84 * 50 übrigens Madame nicht kennen, warum treffe ich ie bei ihr?“ „Das wollte ich eben Sie ſelbſt fragen,“ ant wortete Armand. „Allerdings,“ rief Madame Nowratzin,„warum?“ „Nun ja, mein Herr, nun ja Madame, ich bin hier, weil man mich hieher geführt hat. Sie ver⸗ ſichern mich, daß ich bei Madame ſei und ich will es Ihnen glauben; aber ich glaubte anderswo zu ſein.“ „Wirklich? Und wo denn?“ ſagte der Fürſt noch immer ironiſch. „Bei dem Beamten, der mich hat verhaften laſſen.“ Dieſe ſo einfache und, wir wiſſen es, ſo aufrich⸗ tige Antwort entriß der eiſigen Maske des Fürſten ein boshaftes Lachen. „Was iſt das wieder?“ murmelte er. 4 „Das iſt die Wahrheit,“ ſagte Armand mit ge⸗ runzelter Stirne.„Ich kam von einer Soiree. Ich ging ganz ruhig nach Hauſe. Man hat mich im Namen des Geſetzes verhaftet, in einen Wagen ge⸗ worfen und hieher geführt.“ „Ohne Weiteres hieher, ins Boudoir von Ma⸗ vame?“ „Ohne Weiteres hieher, ins Boudoir von Ma⸗ dame,“ antwortete der junge Mann, der es müde wourde eine lächerliche Rolle zu ſpielen. 6 „Im Namen des Geſetzes?“ fuhr der Fürſt fort. „Ich habe es geſagt.“ Man begreift, ob Madame Nowratzin während dieſer Scene Augen und Ohren öffnete. „Nun wohl, mein Herr,“ verſetzte der Gemahh, ich habe Unrecht gehabt Ihnen ſoeben die Mnjrus . 51 barkeit Ihrer Phantaſie vorzuwerfen, denn jetzt iſt ſie ja in Thätigkeit und arbeitet wacker. Aber ſelbſt die Poeſie muß eine wahrſcheinliche Seite haben. Sprechen wir vernünftig: man hat Sie verhaftet und hieher gebracht?“ „a.“ „Wer ſo?“ „Männer!“ „Wo ſind dieſe Männer?“ „Hier in Ihrem Vorzimmer.“ „Ich bin ſo eben durch das Vorzimmer gegangen und habe Niemand geſehen!“ „Gleichwohl bin ich nicht allein hieher gekommen.“ „Warum nicht?“ „Weil es unmöglich geweſen wäre,“ ſagte Armand. „Unmöglich, mein Herr? Sie beſaßen das Mittel dazu, und da fällt es eben aus der Taſche Ihres Paletot. Sehen Sie!“ Armand hatte wirklich aus Höflichkeit ſeinen Pa⸗ letot abgelegt, als er in das Boudoir trat. Er hielt dieſes Kleidungsſtück zuſammengelegt auf ſeinem Arm, und es war ſo eben etwas aus ſeiner Taſche geglei⸗ tet, wie Nowratzin ſagte. „Ein Schlüſſel!“ murmelte der junge Mann. „Ja, mein Herr, der Schlüſſel zu der kleinen Gitterthüre.“ „Zu welcher kleinen Gitterthüre?“ ſagte Armand, der unruhig und ganz verblüfft zu werden anfing. „Schon gut, ſchon gut,“ fiel der Fürſt in hoch⸗ müthigem Tone ein,„es iſt genug. Madame, Sie kennen dieſen geheimen Eingang, wozu ich allein 52 n beſondern Schlüſſel zu haben glaubte, Lhn nun. as Sie betrifft, mein Herr, ſo kennen Sie ihn auch, da Sie da herein gekommen ſind. Mir däucht, wir wollen nach einer ſo vollſtändigen Aufklärung keine Comödie mehr ſpielen. Der Augenblick der großen und offenen Geſtändniſſe iſt gekommen. Ich beginne.“ Armand ſtand mit geballten Fäuſten da, und ſein Geſicht war von einem Schrecken verzerrt, der einen heftigen Zorn nicht ausſchloß. Gleichwohl be⸗ ſchloß er kein Wort mehr zu ſagen, bevor er die ganze Sache begriffen hätte. Die Fürſtin hatte ihm einige erbitterte, verachtungsvolle Blicke zugeworfen. Sie ſchien aus der Gleichgültigkeit ihrer urſprüng⸗ lichen Neutralität zu einer drohenden Offenſive über⸗ gegangen zu ſein. „Wenn dieſe Leute da,“ dachte Armand,„nicht Fürſten und Millionäre wären, ſo würde ich ſagen, ſie hätten mir eine Falle gelegt, wie man dergleichen in der Gazette des Tribunaux manchmal liest, und der Gemahl wolle mich einige Wechſel auf Sicht un⸗ terzeichnen laſſen.“ „Madame,“ verſetzte Nowratzin,„ich habe es jetzt nur noch mit Ihnen zu thun. Wenn dieſer Herr ſich hier befindet, ſo iſt er ſicherlich auch geru⸗ fen worden. Laſſen wir ihn vor der Hand aus dem Spiel und machen wir die Sache mit einander ab.“ Bei dieſer brutalen und beſtimmten Apoſtrophe, welche die ganze Situation aufs Neue in Frage ſtellte, ſtieß die Fürſtin einen lauten Schrei aus, und ihre ſchwarzen Augen ſchleuderten einen furchtbaren Blitz 53 Aber ganz unbewegt, gebot der Gemahl mit einer Geberde Stillſchweigen. „Ja,“ ſagte er,„der Herr hier hat Madame vertheidigt, und Madame möchte gerne den Herrn vertheidigen. Aber ſie vertheidige vor Allem ſich ſelbſt, oder vielmehr ſie thue es nicht. Ich hatte begreiflichermaßen einer Entrüſtung Lauf gelaſſen, die, wie ich jetzt ſelbſt fühle, zu weitſchweifig ausge⸗ fallen iſt. Ich habe mich zu lächerlichen Details und Verhören herabgelaſſen. Nehmen wir die Frage wieder auf. Was gedenken Sie zu Ihrer Rechtfer⸗ tigung zu ſagen?“ „Zu meiner Rechtfertigung?“ rief die Fürſtin in Wuth. „Kein Geſchrei! Sie haben ſo eben mit dieſem Herrn nicht geſchrien!“ „O, wie abſcheulich,“ rief Caliſte, indem ſie ihr Geſicht verbarg. „Ihr verborgenes Geſicht iſt keine Antwort.“ „Ich werde gar nicht antworten,“ erklärte die junge Frau mit Heftigkeit, indem ſie ihrem Gemahl ins Geſicht ſchaute. „Sie werden Unrecht thun, Madame, denn ich klage Sie an, und ohne Spitzfindigkeit. Ich komme fünfhundert Meilen weit her, um Sie auf einem Fehler zu ertappen, und ich ertappe Sie... Unter⸗ brechen Sie mich nicht, da Sie nicht antworten wol⸗ len. Ich komme, weil ich weiß, daß Sie alle Ihre Pflichten vergeſſen, weil ich weiß, daß Sie öffent⸗ liches Aergerniß geben, ſtatt meinem Namen den ge⸗ bührenden Reſpect zu verſchaffen. Ich komme voll⸗ ſtändig unterrichtet, ſowohl von Ihrem Benehmen als von dem Benehmen Ihres Liebhabers.“ „Meines...“ murmelte ſie, erſtickt durch eine Wallung edlen Blutes, das ihr majeſtätiſches Ge⸗ ſicht bepurpurte. „Erröthen Sie doch nicht über dieſes Wort... in dem Worte liegt das Verbrechen nicht. Ja, ich weiß Alles was Sie thun... Ich weiß alle Ihre Ideen, alle Ihre Gedanken, und Sie ſehen, ob ich ſie recht auslege, da ich mitten zum Rendezvous hier ankomme.“ „Zum Rendezvous!“ rief Armand, der ſeinerſeits außer ſich gerieth; denn die gänzliche Beſtürzung und das Leiden der Fürſtin hatten ſein Herz aufs Tiefſte aufgeregt. „Wir ſprechen nicht mehr mit einander,“ unter⸗ brach ihn der Fürſt, indem er ihn anmaßend über die Schulter anſah. 4 Armand erblaßte und fuhr zuſammen. „Und ich befehle dem Herrn mich nicht; zu ver⸗ theidigen,“ ſagte Caliſte mit zitternden Lippen.„Ich kenne ihn nicht, ich habe ihn nie geſehen, ich habe nie mit ihm geſprochen!“ 4 „Ah!“ ſagte Nowratzin mit ſeinem bleichen. Lächeln. „Nie,“ fuhr die Fürſtin mit Kraft fort;„dieſe Verhaftung, dieſe Vorwände, dieſe unerklärliche Ge⸗ genwart, dieſer Schlüſſel, ich weiſe das Alles zurück und leugne es aufs Entſchiedenſte; ich leugne Alles und möge Gottes Blitz mich zerſchmettern, wenn ich Etwas begreife!“ 3„Doch 8„Warum nicht gar?“ ſagte Nowratzin. 5⁵ ich habe es erwartet. Sie leugnen, das iſt verwe⸗ gen, das iſt unklug, Madame. Sie leugnen, daß Sie ſeit Ihrer Ankunft in Paris auf alle Bälle, in alle Geſellſchaften gegangen ſind, wo Sie dieſen Herrn zu treffen gewiß waren. Sie leugnen dieſe un⸗ ſchuldigen Rendezvous, wie Sie das minder unſchul⸗ dige des jetzigen Augenblicks leugnen. Ei wahrhaf⸗ tig, Madame, geſtehen Sie doch irgend eine Kleinig⸗ keit, damit man Ihnen ein klein wenig glauben kann, geſtehen Sie doch wenigſtens den ätheriſchen, geiſtigen Verkehr zweier Seelen. Geſtehen Sie doch die Freund⸗ ſchaft, da Sie trotz dieſer ungeſchickten Zuſammen⸗ kunft, die Sie Morgens drei Uhr im Nachtkleide haben, entſchloſſen ſind die Liebe zu leugnen!“ „Mein Herr, ich ſchwöre Ihnen,“ rief Armand, verzweiflungsvoll über den Zuſtand, in welchen dieſe unverdienten Beſchimpfungen die unglückliche Frau verſetzten. „Mein Herr, merken Sie ſichs wohl, daß ich Sie vergeſſe,“ erwiederte der Fürſt, diesmal ſo un⸗ verſchämt und in einem ſo verachtungsvollen Ton, daß der junge Mann alle Faſſung verlor und mit gekreuzten Armen auf ihn zuſchritt. „Fürſt,“ ſagte er,„ich weiß nicht, ob Sie mich vergeſſen oder nicht, aber ich weiß, daß meine Ge⸗ duld zu Ende iſt. Ich habe, um ruhig zu bleiben, Anſtrengungen gemacht, die mich zu einem unerſchüt⸗ terlichen Entſchluß geführt haben. Sie ſprechen zu viel, um nicht zu lügen, aber nicht genug, um mich aufzuklären. Die Sache muß ein Ende nehmen. Sie werden doch nicht glauben, daß ich alle Beſchwerde⸗ gründe, die Sie gegen Madame haben oder nicht haben, anhören werde. Ich bin des Wartens müde, was wollen Sie mit mir machen?“ Der Fürſt wollte ſprechen. „Ich werde nur noch eine kategoriſche Antwort anhören,“ ſagte Armand.„Wollen Sie, daß ich Sie morgen an einem ganz neutralen Orte erwarte, wo wir Gelegenheit finden werden uns zu erklären? Nein? Das ſagt Ihnen nicht zu? Sie ziehen das Terrain vor, auf dem Sie ſich befinden, das Terrain Ihrer Wohnung, der ehelichen Wohnung, worin Sie einen Liebhaber finden; denn Sie beharren da⸗ bei. mich den Liebhaber von Madame zu nennen. Sehr gut, in dieſem Fall kenne ich nur zwei Aus⸗ wege. Laſſen Sie einen Polizeicommiſſär holen oder werfen Sie mich zum Fenſter hinaus. Ich werde, ohne Ihnen dieſe Mühe zu machen, ſelbſt hinaus⸗ ſpringen. Ich habe vor Madame, die ich gleichwohl nicht kenne, eine ſolche Hochachtung, daß ich, wenn unter Ihrem Fenſter die Hölle mit all ihren Oefen ſtände, gleichwohl hineinſpringen würde, um ſie nicht zu compromittiren. Ah, damit ſind Sie noch nicht zufrieden?“ fuhr der junge Mann fort, als er auf Nowratzins Geſicht einen düſtern und wilden Aus⸗ druck las...„So ſehr Sie Ruſſe ſind, ſo haben Sie doch vielleicht Luſt von der Wohlthat des fran⸗ zöſiſchen Geſetzes zu profitiren. Es erlaubt dem Ge⸗ mahl den Liebhaber zu tödten. Es iſt ein ſehr an⸗ genehmes Geſetz. Nun wohl, mein Herr, ſeien Sie ruhig und geniren Sie ſich nicht; ich verde keinen Seufzer ausſtoßen; wenn Sie den Tod eines Man⸗ nes brauchen, um Madame ins Verderben zu ſtür⸗ zen— denn das wollen Sie thun, ich fühle es- ——— 57 ſo ziehen Sie ſchnell das Meſſer des Muſchiks oder die Piſtole des Bojaren heraus. Beeilen wir uns, ich bin bereit, ich erwarte Sie.“ Armand, der ausgezeichnete Mann, der in den Angelegenheiten des Lebens ſo ſorgfältig alles Schau⸗ tragen vermied, dachte wohl nicht daran, daß er in dieſem Augenblick den glänzendſten dramatiſchen Hel⸗ den, den man je auf der Bühne beklatſcht hatte, in ſeiner erhabenen Schönheit darſtellte. Die Fürſtin ſtürzte, electriſirt durch dieſe aufopfernde Hingebung, deren Aufrichtigkeit ſie fühlte, auf ihren Gemahl zu, wie wenn ſie ihm die Waffe, deren Gefunkel ſie zu ſehen fürchtete, aus den Händen reißen wollte. Aber Nowratzin ſtieß ſie knirſchend und unverſöhnlich zu⸗ rück; er betrachtete Armand mit einer Art von Be⸗ wunderung und ſagte zu ihm: „Mein Herr, ich bin bloß gekommen, um Ma⸗ dame zu überführen. Sie iſt überführt!“ „Keineswegs,“ rief Armand. „Ich wende mich an Madame,“ fuhr der Ehe⸗ herr ruhig fort.„Madame, Sie lieben Herrn Ar⸗ mand von Bierges; immerhin. Ich ſage Ihnen das nicht bloß, weil ich ihn hier getroffen habe, ſondern weil der Gedanke an ihn in Ihrem Herzen wohnt, weil dieſer Gedanke ſich durch Ihr ganzes Leben hindurch zieht. Kämpfen Sie alſo nicht mehr; Sie ſehen, daß ich keine Leidenſchaft in die Debatte brin⸗ gen will. Die Beweisführung iſt Alles was ich beabſichtige. Es iſt Euch beiden mit der Verſiche⸗ rung Eurer Unſchuld nicht gelungen, ich aber führe— den Beweis. Ich halte dem Herrn von Bierges ſeine Bewunderung für Sie, woraus er gegen Nie⸗ mand einen Hehl macht, ſeinen Schlüſſel zu der Git⸗ terthüre und ſeine Anweſenheit in Ihrem Zimmer entgegen. Ihnen, Madame, halte ich das hier ent⸗ gegen.“ Und er zog aus ſeiner Brieſtaſche ein Täfelchen Elfenbein, das in ein Seidenpapier gewickelt war. „FErkennen Sie dieſes Bild?“ fragte er, indem er die Zeichnung außdeckte und zeigte. Caliſte erblaßte; ſie rang entſetzt die Hände und ſtreckte ſie dann aus, als wollte ſie das Täfel⸗ chen an ſich reißen; aber der Fürſt trat zurück und behielt es. „Was iſt denn das für ein Beweis?“ fragte Armand. Der arme Junge glaubte mit ſich ſelbſt zu ſpre⸗ chen, aber in der Ueberraſchung, worin die Beſtür⸗ zung der Fürſtin ihn verſetzte, hatte er ganz laut geſprochen. „Ei, mein Gott,“ antwortete der Fürſt,„das iſt kein Geheimniß. Es iſt ganz einfach Ihr Porträt, gezeichnet von Madame, und viel zu ähnlich, als daß es nicht nach der Natur gemacht ſein ſollte, wie auch viel zu vollkommen, als daß nicht ſowohl Modell als Künſtlerin eine große Anzahl von Sitzungen darauf hätten verwenden müſſen.“ „Oh!“ rief Caliſte, indem ſie verzweiflungsvoll ihre Arme verdrehte; dann ſank ſie zermalmt auf einen Sopha und verbarg ihr Geſicht in den Falten des ſeidenen Kiſſens. 1 Armand war nicht minder entſetzt und wurde diesmal ſogar von einer gewiſſen abergläubiſchen Furcht ergriffen; ganz verſtört betrachtete er bald die Für⸗ ſtin, die ſich nicht mehr zu helfen wußte, bald den Gemahl, der ganz ruhig das Beweisſtück einwickelte und wieder in ſeine Brieftaſche legte. „Es muß Zauberei dahinter ſtecken,“ murmelte er. „Die Zauberei der Liebe,“ fiel Nowratzin mit einer lächelnden Grimaſſe ein.„Das mußte bewie⸗ ſen werden, wie man in der Mathematik ſagt. Ich bin zu Ende. Mein Herr, weder Duell, noch Com⸗ miſſär, noch Mord: Sie ſind frei, und da Sie den Schlüſſel zur Gitterthüre beſitzen, ſo können Sie un⸗ gehindert gehen, ſobald es Ihnen beliebt. Was Sie betrifft, Madame, ſo werde ich weder Prozeß anfan⸗ gen, noch Scandal machen. Sie ſind ebenfalls frei. Niemand hat mich hereinkommen geſehen. Niemand wird mich hinausgehen ſehen. Sie brauchen mit Niemand von meinem Beſuch zu ſprechen. Ich gehe zu zwei Freunden zurück, die ich für jeden Fall mit⸗ gebracht habe, und die, wenn es nöthig ſein ſollte, meine Mäßigung ſowie mein anſtändiges Benehmen in dieſer ganzen Sache bezeugen werden. Ach, Ma⸗ dame, ich hatte alſo eine Ahnung, als ich mit ſolcher Beharrlichkeit Ihre Hand ablehnte, zu deren Annahme unſer erhabener Kaiſer mich gezwungen hat? Was würde der Kaiſer ſagen, wenn er das Benehmen ſeiner Mündel erführe? Aber beruhigen Sie ſich, ich werde es ihm verſchweigen. Ich werde es gegen alle Welt verſchweigen, wenn Sie mich nicht durch irgend eine neue Verſchuldung zwingen dieſes Schwei⸗ gen zu brechen.“ Die Fürſtin hatte ſich allmälig wieder aufge⸗ richtet; ſie hörte mit offenem Munde zu; ſie ver⸗ ſchlang jedes Wort.— 60 „Ich würde es für eine ſchwere Verſchuldung halten,“ fuhr Nowratzin in bedeutſamem Tone fort, „wenn Sie etwa Verſuche machen wollten mir zu folgen oder wieder zu mir zu kommen. Und da ich Ihnen verſpreche dem Kaiſer nichts zu ſagen, ſo würde ich auch jeden Schritt, den Sie etwa wagen ſollten, um ſich bei ihm zu rechtfertigen, ohne daß ich Sie angeklagt hätte, eine Verſchuldung nennen. Sie haben mich verſtanden; ich wiederhole indeß: Sie ſind frei; wir ſind es alle Beide; leben Sie wohl, Madame, leben Sie wohl für immer!“ So ſprechend verbeugte ſich der Fürſt gegen ſeine Gemahlin und durchlief dann ſchnell den ganzen Weg, welchen Armand gemacht hatte, um in dieſes un⸗ glückliche Boudoir zu kommen. In einem Augen⸗ blick war er verſchwunden. VI. Die Fürſtin war in derſelben flehenden und fra⸗ genden Haltung ſtehen geblieben. Sie blickte me⸗ chaniſch dem Manne nach, der allmälig in der Dun⸗ kelheit verſchwand.. Sobald ſie Nichts mehr hörte und ſah, ſchien ſie wieder zum Bewußtſein zu kommen und zum erſten Male ihre Lage zu begreifen. Sie zerſchmolz in Thränen, und als ſie Armand bemerkte, der ſich in ſeinem Winkel klein machte, rief ſie voll Wuth: „Iſts möglich, Sie ſind noch hier, mein Herr?“ Armand hätte ſein Leben dafür gegeben, wenn — „ —— ,.— 61 er durch irgend eine Fallthüre hätte verſchwinden können. „Ich gehe, Madame,“ ſagte er,„ich gehe!“ „Es iſt hohe Zeit, nachdem ich zu Grunde ge⸗ 1 richtet bin,“ ſchluchzte die unglückliche Frau. „Ach, Madame, beſchuldigen Sie mich wenigſtens nicht,“ ſagte der junge Mann in Verzweiflung;„Sie wiſſen wohl, daß ich keine Schuld habe.“ „CEi wie,“ rief ſie,„ſind Sie etwa nicht hier?“ „Es iſt Ihnen nicht unbekannt, wie ich hierher gekommen bin!“ „Ja, dieſes lächerliche Mährchen!“ „Madameo, ich erkläre Ihnen, daß es kein Mähr⸗ chen, ſondern die lautere Wahrheit iſt.“ „Mein Herr,“ ſagte ſie mit Würde,„Sie haben eine abſcheuliche Handlung, einen ruchloſen Verrath begangen, indem Sie ſich bei mir einſchlichen. Es iſt dies eine höchſt ſtrafwürdige Frechheit, die mich, wie Sie ſehen, zu Grunde richtet, aber entehren Sie Ihr Verbrechen nicht durch eine platte Lüge. Ich haſſe Sie als Verbrecher, ich müßte Sie als dumm verachten.“. „Wiel Sie glauben mir nicht, Madame!“ Sie zuckte die Achſeln. „Wie! Sie können annehmen, daß ich mich bei Ihnen eingeſchlichen habe?“ 4 Sie zermalmte ihn mit einem wahrhaft fürſtli⸗ chen Blick.“ „Ich wußte ſogar nicht einmal, daß Ihr Hotel zwei Thüren hatte,“ ſagte Armand. 5 „ und dieſer Schlüſſel?“ „Man hat ihn in meine Taſche geſteckt?“ 1 „Ohne Zweifel die Männer, die mich hierher ge⸗ führt haben. Bitte, Madame, geben Sie ſich nicht die Mühe mich auf ſolche Art anzuſehen; ich ver⸗ diene allerdings Ihre Verzeihung nicht, aber ich ver⸗ diene ebenſo wenig Ihren Zorn. Madame, ich ſchwöre Ihnen beim Leben meines Vaters— be⸗ greifen Sie wohl, es iſt mein vollſter Ernſt— daß ich feſtgenommen, in einem Wagen vor Ihre Thüre gebracht und bei Ihnen eingeführt worden bin, ohne auch nur eine andere Ahnung zu haben, als daß man mich ins Gefängniß führe. Madame, ich habe Sie ſehr bewundern können, aber von der Bewun⸗ derung bis zum Einſteigen iſt es ſehr weit. Was Ihnen da widerfährt, iſt ſchrecklich; Sie ſind das Opfer eines Mißverſtändniſſes, einer tückiſchen Hin⸗ terliſt, wenn Sie wollen, aber klagen Sie mich nicht an, ich bin vollkommen unſchuldig in der Sache, und ich verſichere Sie, daß ich mir gerne eine tüchtige Wunde, ja noch weit Schlimmeres dafür gefallen ließe, bei dem Skandal, der ſo eben ſtattfand, nicht aals Vorwand gedient zu haben.“ „Aber,“ fagte ſie,„wenn ich Ihnen glauben wollte, welchen Vermuthungen müßte ich mich nicht dann überlaſſen? Wenn wirklich die Leute, die Sie verhafteten, wie Sie ſagen, die Sie hierher brachten, wie Sie behaupten, die Ihnen heimlich einen Schlüſſel zu meiner Wohnung zuſteckten, keine Polizeiagenten ſind, wer ſind ſie denn und was wollten ſie? Spre⸗ chen wir vernünftig mit einander, um Licht in der Sache zu bekommen.“ „Ei wie,“ ſagte Armand,„Sie hegen noch immer 63 Zweifel? Sie ſehen nicht ein, daß dieſer ganze Hin⸗ terhalt Ihnen gelegt worden iſt, um Sie zu Grunde „zu richten?“ *„Von wem denn?“ „Wenn Sie das nicht wiſſen, Madame, woher ſoll dann ich es wiſſen?“. „Aber, mein Herr, wenn man ſich Ihrer bedient hat, um mich zu Grunde zu richten, ſo mußte man doch einige Gründe dazu haben. Warum gerade Sie und keinen Andern... Ha!... Sie ſchwei⸗ gen... Sie wiſſen gar zu gut, wie ſehr Ihre un⸗ klugen, lauten und undelicaten Lobreden... Sie wiſſen gar zu gut, wie ſehr Ihre auffallende Art überall hinzukommen wo ich war, mich compromitti⸗ ren mußte. Glauben Sie, daß man ſonſt Sie ge⸗ wählt haben würde⸗ und nicht vielmehr den nächſten Beſten?“ „Aber, Madame,“ verſetzte Armand, pikirt durch den Vorwurf und gleichwohl ſehr bewegt durch die Worte, die er wagen wollte,„ſo auffallend und compromittirend auch meine Lobſprüche und mein beſtändiger Aufenthalt in Ihrer Nähe ſein mußten, ſo wurden Sie doch dadurch bei Weitem nicht ſo ſehr compromittirt, wie durch dieſes Porträt, welches den Hauptbeweis Ihres Gemahls bildet. Und dieſes Porträt, denke ich, werden Sie mir nicht zur Laſt legen.. Jetzt war es an Caliſte zu beben und zu ſchweigen. „Denn am Ende,“ fuhr er fort,„wenn Sie bei der Behauptung beharren, daß meine Feſtnehmung und der famöſe Schlüſſel eine Erfindung von mir ſeien, ſo iſt doch das Porträt keine Erfindung von mir, und es hat nicht in die Hände des Fürſten fallen können, ohne daß Sie wiſſen ſollten, warum und wie.“ Caliſte ſann einige Augenblicke nach— wenig⸗ ſtens glaubte es Armand— ſo ſehr neigte ſich ihre Stirne in der Dunkelheit, ſoviel Zeit brauchte ihre Antwort, um über ihre Lippen zu kommen. „Sie ſollten,“ murmelte ſie mit bebender Stimme, „dieſem angeblichen Porträt nicht mehr Wichtigkeit beilegen, als es verdient. Ebenſo gut könnten Sie die ſonderbaren Anſchuldigungen meines Gemahls für baare Münze nehmen... Niemand kennt die Nichtigkeit derſelben beſſer als Sie.“ Armand verneigte ſich.„Dieſes Porträt,“ ſagte er,„wird ausdrücklich für die Bedürfniſſe der Sache, wie man zu ſagen pflegt, gemacht und Ihnen, Ma⸗ dame, zugeſchmuggelt worden ſein, ſowie der Schlüſſel in meinen Paletot geſteckt worden iſt.“ Sie ſchaute ihn mit einer edlen Aufrichtigkeit feſt an. „Nein,“ ſagte ſie,„nein, ich kann und will nicht lügen: die Zeichnung iſt von mir!“ — Armand bebte und wagte es jetzt ſie gleichfalls aanzuſchauen. „Aber,“ fiel Caliſte lebhaft ein,„kann man denn das eine Zeichnung, ein Porträt nennen? Höchſtens einige Schraffirungen, die einen kaum ſkizzirten Zug ein wenig ausführen, eine ganz bedeutungsloſe flüch⸗ tige Skizze.“ „KLine Caricatur,“ ſagte Armand naiv;„eine Caricatur, wie Jedermann macht, ich begreife, Ma⸗ dame, eine Caricatur iſt kein Porträt.“ . 65 Dieſer dritte Beweis von Seelengröße machte ſichtlichen Eindruck auf die Fürſtin; ſie konnte einen gerührten Blick nicht zurückhalten, der Armand für viele Leiden entſchädigt haben würde, wenn er ihn im Flug erhaſcht hätte. „Mein Herr,“ ſagte Caliſte, die ſich nicht an Großmuth überwinden laſſen wollte,„Caricatur oder Porträt, dieſe Zeichnung von mir iſt, wie Sie ſagen, die Haupturſache deſſen, was mir widerfährt: Sie haben Recht; aber das Unglück iſt nun einmal ge⸗ ſchehen. Ich frage mich, wie ich Sie aus dieſer Verlegenheit ziehen könnte, und in meiner ziemlich natürlichen Verwirrung ſehe ich es nicht und ſehe überhaupt Nichts als eine erſchreckliche Ausſicht, vor welcher meine Blicke zurückbeben.“ „Und ich, Madame,“ antwortete Armand, ge⸗ rührt durch die Bläſſe und Angſt dieſer unvergleich⸗ lichen Frau,„ich, der ich ebenſo verwirrt und außer Stands bin Ihnen die mindeſte Belehrung, den mindeſten Rath zu ertheilen, ich ſchwöre Ihnen gleich⸗ wohl, daß Sie mich, wenn ich einmal wieder Herr meiner ſelbſt und meiner Ideen ſein werde, nicht vergeblich um Hilfe anrufen ſollen. Verfügen Sie über mich und...“ 4 Caliſte erhob ſich raſch. Dieſe Worte der Freund⸗ ſchaft erweckten in ihr das Weib wieder, das ſeit der Kataſtrophe verſchwunden war. e „Mein Herr,“ ſagte ſie mit zitternder aber würdevoller Stimme,„ich bitte um Verzeihung, daß ich ſo große Schwäche vor Ihnen gezeigt habe. Wir kennen uns nicht; wir dürfen uns niemals wieder ſehen und dennoch plaudern wir noch hier auf mei⸗ Maquet, Herzensſchulden.— 8 5 nem Zimmer, in dieſer Räuberhöhle, wo Sie mir jetzt wie eine monſtröſe Viſion erſcheinen.“ „Aber, Madame, es war doch ſehr natürlich, daß wir uns gegenſeitig über das Ereigniß aufzu⸗ klären ſuchten, das uns zuſammengeführt hat.“ „Wir ſind nicht an unſerem Platz,“ ſagte ſie,* allmälig kälter werdend.„Ich bin kaum angekleidet und muß erröthen; Sie geniren mich, ſage ich Ihnen. Wollen Sie ſich gefälligſt entfernen. Wenn Sie noch einen Augenblick länger verweilen, ſo wird dieſe Beläſtigung zu einer Folter.“. Armand gehorchte. Er trat ſogleich zurück, ver⸗ neigte ſich ehrfurchtsvoll und wollte gehen. Aber die Verwirrung der Fürſtin hatte ihn angeſteckt; er fand ſich in der Tapete und Thüre dieſes Boudoirs nicht mehr zurecht: gleich Mathan, dem Verräther Athaliens, täuſchte er ſich im Ausgang und ſchritt ganz einfach auf die Thüre des Schlafzimmers zu; er war bereits über der Schwelle deſſelben. „Mein Herr,“ rief Caliſte mit einem Sprung, der den jungen Mann vollends um ſein Bischen Beſinnung brachte. „Bitte tauſendmal um Verzeihung,“ ſagte er, „ich weiß nicht mehr, wo ich bin und welchen Weg ich nehmen muß. Zeigen Sie mir's, Madame!“ Sie ergriff die Lampe, ging ſchnell durch das Boudoir und ſchritt ihm leuchtend voran. Der Wind in dieſem Corridor, deſſen erſte Thüre offen gelaſſen war, trieb die breiten Aermel des feinen Nachtgewandes der Fürſtin zurück. Genöthigt die für fünf von ihren ſchwachen Fingern zu ſchwere Lampe mit beiden Händen zu tragen, konnte ſie den 67 leichten Batiſt, welcher wogte und zuweilen ihre Arme, ihre Schultern, ſowie den weißen, von raben⸗ ſchwarzen Locken umflatterten Hals entblößte, nicht mehr feſt über ihrem Buſen zuſammenhalten. Am Ende ſpielte dieſe Lampe ihre Rolle, wie dies beinahe immer in den ſchlimmen Augenblicken des Lebens geſchieht, wo das neutrale Geſchlecht boshaft gegen das männliche und weibliche Partei nimmt. Sie erloſch am Ausgang des Corridors. Caliſte konnte einen Schrei des Unmuths und des Zorns nicht unterdrücken. Sie hatte ſo eben die Hand Armands verſpürt, der ſich in dieſer Finſterniß nicht zurechtzufinden wußte.. „Ach, Madame,“ ſagte er,„wir haben Unglück, ich weiß nicht mehr, wo ich bin.“ „Die Treppe iſt vor Ihnen,“ murmelte ſie leiſe. Er rannte darauf los, auf die Gefahr hin ſeinen Kopf an der Wand zu zerſtoßen oder über das Ge⸗ länder hinabzuſtürzen. „Wenn Sie unten ſind,“ ſagte die Fürſtin ge⸗ rührt, als ſie ihn ſo ſtolpern und ſtraucheln hörte, „ſo wenden Sie ſich links, bis Sie zur Gitterthüre kommen.“„ Er ſchritt muthig in der verwünſchten Spiral⸗ linie fort, welche gewiſſe Architekten eine Nothtreppe nennen. Auf einmal kam ihm der Gedanke, daß er noch dieſe Gitterthüre zu öffnen habe. Er blieb ſtehen und ſagte es ſich. 8 „Ach,“ rief die Fürſtin oben von der Treppe herab,„haben Sie denn den Schlüſſel nicht? Sie haben ihn doch auf dem Teppich aufgehoben.. „Es iſt wahr, Madame, aber ich kann ihn nicht behalten, ich muß ihn Ihnen zurückgeben.“ „Werfen Sie ihn herein, wenn Sie draußen ſind,“ verſetzte die Fürſtin ungeduldig. Durch dieſen Ton pikirt wie durch einen Nadel⸗ ſtich, ſtürzte Armand in die Finſterniß, ſchritt durch den Gang, fand die kleine Gitterthüre, öffnete oder riß ſie vielmehr auf, warf den Schlüſſel wüthend durch die Gitter und ſtürmte wie ein Narr fort, ohne ſich umzuſchauen. VII. So lief er ins Faubourg du Roule, das er ver⸗ möge ſeines Inſtinctes als Pariſer ſogleich erkannt hatte. Bald fand er, nicht ohne inniges Vergnü⸗ gen, ſein Haus auf dem Boulevard, den Portier, ſeine breite Treppe und die Wohnung im Entreſol, wo der getreue Joſeph, ſein alter Kammerdiener, ihn erwartete. Mit einem Protectorslächeln verſprach dieſer Armand, daß Herr von Bierges Vater die Stunde ſeiner Rückkehr nicht erfahren ſolle. Er be⸗ gleitete ihn auf ſein Zimmer, das er mit einem gu⸗ ten Kohlenfeuer gewärmt hatte; Armand verabſchie⸗ dete Joſeph bald unter dem Vorwand, daß er einige dringende Briefe zu ſchreiben habe; dann ſchloß er ſich ein und legte ſich ins Bett. O wie gerne hätte er ſchlafen mögen! Aber die Wärme des Blutes entwickelte in ſeinem Hirn die Erinnerungen und Ideen. Die ganze Geſchichte des Abends, all dieſe Figuren und Ereigniſſe defilirten — 69 hartnäckig in die Kreuz und Quer hinter ſeinen Augen⸗ wimpern, die er verſchloſſen zu halten ſuchte. Von den Erinnerungen ging Armand zu Plänen über. Er beſchloß ſich Licht über dieſe verhängnißvolle Af⸗ faire zu verſchaffen.„Man verhaftet einen Menſchen nicht ungeſtraft mitten in Paris,“ ſagte er zu ſich. „Ein Wagen läßt ſich wieder auffinden; ich habe Freunde auf der Polizeipräfectur und dem Juſtiz⸗ miniſterium. Ich werde das Abenteuer erzählen; man wird eine Unterſuchung anſtellen; der eine oder der andere von den Räubern wird bald verhaftet ſein. Sie müſſen die Anſtifter des Complotts an⸗ geben. „Was die Fürſtin betrifft, ſo hegt ſie keinen Zweifel mehr über meine Unſchuld,“ dachte der junge Mann.„Welch ein Abenteuer! Welche ſtrahlende Schönheit! Was wird aus dieſer armen Frau wer⸗ den? O ſie hat ganz gewiß Hilfsmittel und mächtige Freunde. Sie wird ſich nicht auf dieſe Weiſe wider⸗ ſtandslos zermalmen laſſen. „Was für eine wilde Beſtie dieſer Gemahl iſt,“ fügte er hinzu.„Welches Auge! Wie man unter dieſen erborgten, mit ziemlicher Geſchicklichkeit dem Occident nachgeäfften Formen die wilde Brutalität des Barbaren herausfühlt! Und wie eben dieſe Wild⸗ heit mit Heuchelei und Verſchmitztheit vermiſcht iſt!“ Armand erinnerte ſich mit Zorn an die verſchie⸗ denen Phaſen der Scene, worin dieſer Mann die erſte Rolle geſpielt hatte, und ſein Blut wurde kei⸗ neswegs ruhiger, ſondern entzündete ſich vielmehr allmälig in ſeinem Herzen. 3 „Bah,“ fuhr der junge Mann fort,„Rechte ſind 70 Rechte und dieſer ruſſiſche Fürſt iſt nicht daran Schuld, wenn ich Morgens um drei Uhr zwiſchen einem Un⸗ terrock und einem Nachtkleid bei ihm überraſcht werde. Die Lage war zweideutig; dieſer Fürſt hätte mich über den Haufen ſchießen können... Wahrhaftig dieſe Nordbewohner haben noch mehr Civiliſation als man glaubt. „Aber woher kommt das Complott? Welchen Feind habe ich? Iſt es ein Feind von mir oder von der Fürſtin? Dies iſt der weſentlichſte Punkt, der ermittelt werden muß. Ich werde mir durch alle in meiner Gewalt ſtehenden Mittel Aufflärung dar⸗ über zu verſchaffen ſuchen; das Intereſſe dieſer gott⸗ vollen Frau und mein eigenes ſind dabei im Spiel. Sie iſt ja zu Grunde gerichtet, wenn ich ihr nicht zu Hilfe komme. Wer weiß, ob ſie durch dieſen Bruch mit einem ſolchen Gemahl nicht ihre ganze Stellung, ihr ganzes Vermögen verliert? Wie viel garſtiges Geziefer, wovon ein Bewohner des Boule⸗ vard de la Madeleine Nichts weiß, kann ſich in der Tiefe dieſes hyperboräiſchen Sumpfes herumtreiben? „Da ſei einer verliebt,“ dachte er dann,„ſo fallen ihm ſolche Ziegel auf den Kopf. Wäre ich vollends wirklich in dieſe Frau verliebt geweſen, welche Kata⸗ ſtrophe! Mich ſchaudert, wenn ich daran denke. „Sie hat geſagt: wir dürfen uns nie wieder ſehen. Bei Gott, ich glaube es wohl. Es wäre etwas Schönes ſich nach einem ſolchen Ereigniß wie⸗ derzuſehen. Das iſt ganz unmöglich. Was ſollte man zu einander ſa in ihrem batiſtenen Nachtkleid geſehen habe. Sie hat gen, was thun? Da iſt eine Frau, die mir niemals verzeihen wird, daß ich ſie t — 1 * 11 71 herrliche Arme und welche feine und jugendfriſche Schultern! Sie iſt eine ſehr hübſche Frau.“* Armand erinnerte ſich an die Wuthausbrüche der Fürſtin, an die ausgelöſchte Lampe, an das unver⸗ meidliche Zuſammentreffen in der Dunkelheit. Er ſchauderte und ging ſchnell zu einem andern Ideenkreis über. Er geſtand ſich naiv, daß ein un⸗ überſchreitbarer Abgrund ſich zwiſchen ihm und dieſer Frau geöffnet habe. Er gelobte ſich feierlich keinen Schritt zu thun, um ſich ihr wieder zu nähern. Man ſieht, ob dieſer junge Mann loyal und ehr⸗ lich war. Er hatte ſo ziemlich an Alles gedacht, ausgenommen an den Hauptpunkt, und in dieſem Gewimmel von ſchwarzen Nachtſchmetterlingen, die ihn umgaukelten, und die er mit der Ergebung der Ver⸗ zweiflung abwehrte, bemerkte er den einzigen weißen Schmetterling nicht, das Symbol der Hoffnung, das ein Optimiſt, ein mit ſich ſelbſt zufriedener Menſch, ein Geck vor allen andern, ja ſogar einzig und al⸗ lein bemerkt haben würde. Armand dachte nicht an dieſes Porträt, das fern von ihm, ohne ihn, im Schatten eines ſo reich mit Gedächtniß begabten Herzens gezeichnet worden war, eines Herzens, worin jeder einzelne Zug ſeines Geſichtes lebte und tief genug eingegraben war, um ſich auf den erſten Befehl des Gedankens unter der Kreide wieder dar⸗ zuſtellen. Erſchöpft von widerſtreitenden Ideen, von hefti⸗ gen Aufregungen, Plänen und Beängſtigungen, ſchlief Armand endlich beim erſten Schein des Mor⸗ genrothes ein. Dieſer Schlaf wan kurz und unruhig; aber gleich dem guten, ſchweigſamen nächtlichen Die⸗ ner, der während der Ruhe des Herrn ganz ſachte das durch eine Orgie in Verwirrung gebrachte Haus wieder ordnet und Alles von Neuem an den rechten Platz ſtellt, erfriſchte dieſer wohlthätige Schlaf einen wüſten Kopf, gab dem Urtheil ſeine gewöhnliche Klarheit wieder, und als Armand erwachte, war die geiſtige Wohnung ſo gut in Ordnung, daß der Herr auf den erſten Blick die ganze Lage klar und deutlich überſchaute. Kein Dunkel, keine Zweideutigkeit mehr. Die Ereigniſſe der Nacht ſtiegen, gleich als wären ſie in ein helles Licht getaucht worden, eines ums andere deutlich gezeichnet auf, mit ihren natürlichen Farben angethan und ſchimmernd in ihrer wahren Bedeu⸗ tung. Die fieberiſchen Pläne der Schlafloſigkeit zerfielen vor dieſer blanken, kalten Vernunft. Die Anſtifter des Complottes aufſuchen, die Polizei, die Gerichte in Anſpruch nehmen, wozu das? Ein kaum glaub⸗ liches Abenteuer erzählen und Details zum Beſten geben, die für ſämmtliche handelnde Perſonen demü⸗ thigend wären, wozu das? Eine ſchon halb zu Grunde gerichtete Frau vollends ganz bloßſtellen, den Pflaſter⸗ ſtein des Märchens auf ſie werfen, um eine Fliege zu tödten, die vielleicht bereits weggeflogen war, wozu das? Dieſes Fragezeichen, der furchtbare Schluß jeder Phraſe, ermangelte nicht ſich vor jede der Ideen zu ſetzen, die dem armen jungen Mann während ſeines ſchwarzen Alps ſo lichtvoll geſchienen hatten. Es gab alſo keine Nachforſchungen anzuſtellen, keine Schritte zu thun; Vergeſſenheit, Verſchwiegen⸗ heit war die Hauptſache. Die Verſchwörung war 73 gänzlich und ausſchließlich gegen die Frau gerichtet; ſie konnte den angeblichen Liebhaber in keiner Weiſe berühren. 1 Angeblich? Eine ſeltſame Erſcheinung: auf ein⸗ mal war Armands Geſichtspunkt gänzlich verändert. Was er geſtern bemerkte, ſah er heute früh nicht mehr; aber was ihm geſtern entgangen war, ſtrahlte jetzt und trat glänzend vor ſeine Blicke. Liebhaber der Fürſtin, hatte der Gemahl geſagt; nun wohl ja, der Gemahl hatte Recht. Eine Frau, welche das Porträt eines jungen Mannes, eines ſchönen, ver⸗ führeriſchen, diſtinguirten jungen Mannes aus dem Gedächtniß zeichnet, eine Frau, welche dieſes Porträt auf ſolche Art verbirgt, die auf ſolche Art erröthet und erblaßt, iſt eine Frau, die liebt. Eine Frau, die liebt, hat einen Liebhaber. Der geliebte Mann iſt der Liebhaber dieſer Frau.„Ich bin der Lieb⸗ haber der Fürſtin,“ ſagte Armand voll Verwunde⸗ rung, aber auch mit Stolz und Wonne zu ſich ſelbſt; auf einmal fühlte er ein Herz ſchlagen, deſſen Da⸗ ſein er vor einigen Stunden ganz und gar nicht geahnt hatte. 4 Alsbald fällt der Schleier, die Vergangenheit klärt ſich auf. Dieſe Soireen, zu welchen ſie ſtrah⸗ lend und zauberiſch kam; dieſe zufälligen Begeg⸗ nungen, die ihr Gemahl ihr vorgeworfen hat; dieſe auffallende Art Armand gar nicht anzuſehen, ihn niemals anzureden, während ſie doch ſein Porträt aus dem Gedächtniß zeichnete, und noch weit mehr dieſe Zudringlichkeit der Gräfin Gorthiany, der Bu⸗ ſenfreundin, die ohne Zweifel in Alles eingeweiht war und ſo bedeutſame Avancen machte; denn dieſer 74 letzte Beweis, die ſo unnöthige Vorſtellung der Für⸗ ſtin bei der Baronin Chaudray und das ganze Be⸗ nehmen der Freundin, die Gierde, womit ſie die lei⸗ denſchaftlichen Lobſprüche anhörte, welche der Schön⸗ heit der Fürſtin geſpendet wurden, Lobſprüche, welche ſie ſicherlich ihrer Adreſſe zutrug... Es unterliegt keinem Zweifel mehr, er wird geliebt, er iſt blind. geweſen, er wäre undankbar. Ja, er wäre undankbar, wenn er dieſe Frau, die ihn liebt und ſich deßhalb ins Verderben geſtürzt hat, ohne Hilfe und ohne Vertheidigung ließe. Oft fühlt ſich ein keuſches Herz durch unbeſcheidenes Zu⸗ dringen verletzt, aber ein zärtliches Herz verzeiht niemals, wenn man es im Stiche läßt; die Haupt⸗ ſache iſt, daß man die Aufmerkſamkeiten, die man ihm darbringt, mit dem erforderlichen Zartgefühl leiſtet. Armand ſah ſich mit Dampfkraft in dieſen ſchrankenloſen Weg geworfen und legte in wenigen Sekunden eine unermeßliche Strecke zurück. Befand er ſich noch immer in der Wahrheit? Er dachte einen Augenblick nicht daran. Er wurde jetzt nicht mehr von ſeinem erfriſchten Kopfe geleitet, ſondern ein hochklopfendes und entzündetes Herz zog das ganze Syſtem nach ſich. Es iſt ſelten, daß die Liebe nicht unmittelbar ihr Gleichgewicht ſucht; dies iſt das Geſetz jeder über⸗ mächtigen Kraft. Das Gleichgewicht der Liebe iſt der Haß. Armand fühlte alsbald, daß der ſeinige ſich zu einem bedeutenden Gegengewicht geſtaltete. Die Rolle des Gemahls, die Anfangs verdächtig geweſen, wurde jetzt haſſenswürdig, ſchändlich. Er allein hatte ein Intereſſe dabei ſeine Frau ſo zu — 75 foltern. Vor allen Dingen hatte er ſich der Spio⸗ nage ſchuldig gemacht, was in den Augen der Lieb⸗ haber ein ſehr großes Verbrechen iſt. Herr Now⸗ ratzin hatte die Aufmerkſamkeiten Armands entdeckt, er hatte Caliſtens Herz ſondirt, er hatte irgend eine Kammerfrau bezahlt, um Briefe zu unterſchlagen, und dieſes Geſchöpf hatte nur das Porträtz unter⸗ ſchlagen können, hatte es geſtohlen und dem Gemahl geſchickt. Armand erinnerte ſich an Nowratzins gan⸗ zen Haß gegen die Frau, welche der Kaiſer ihm ge⸗ geben. Er erinnerte ſich ſeiner um ſo beſſer, als er ihn erſt vor etlichen Stunden in ſeinen Augen ge⸗ leſen hatte, und der Ausdruck dieſes Gefühls, das ſehr deutlich von Zorn unterſchied, war ihm während der Boudoirſcene gewaltig aufgefallen. Dieſer Widerwille gegen eine anbetungswür⸗ dige Frau mußte den Fürſten dahin führen, ihr Ver⸗ gehungen unterzuſchieben, ſelbſt wenn ſie ſich nicht das Mindeſte hatte zu Schulden kommen laſſen. Aber ſie verging ſich wirklich. Armand geſtand es gerne ein; wie ſöllte jedoch dieſe unbedeutende Verſchul⸗ dung bewieſen werden? Genügte das Porträt? Augenſcheinlich führte Herr. Nowratzin irgend einen entſcheidenden Schlag gegen die Fürſtin im Schilde; vielleicht ſogar gegen den Urheber einer verflüchten Ehe ſelbſt. Wie konnte man ſich darüber täuſchen, nachdem er ſo bittere und ſo drohende Worte ge⸗ ſprochen, die jedoch freilich in eine Hülle von Nach⸗ ſicht und Verachtung eingekleidet waren? Wer hätte nicht errathen ſollen, daß Nowratzin, da er die Ein⸗ ſchreitung ſeines kaiſerlichen Gebieters zu Gunſten der Fürſtin, einer Mündel des Czars, fürchtete, ſich 76 zum Voraus eine Waffe ſchmiedete, um die Recla⸗ mationen und Klagen zu bekämpfen, welche dieſe Mündel bei ihrem ſouveränen Gönner erheben könnte? lalb dieſe Falle, deßhalb dieſe falſche Verhaf⸗ ung, dieſe Einführung in das Haus der Fürſtin. Kein Zweifel mehr: warum hatten ſich dieſe Thore gefällig vor ihm geöffnet, warum waren die Bedien⸗ ten beßitigt, warum alle Hinderniſſe wie durch ein Wunder gehoben? Warum dieſe Erſcheinung des Fürſten im betreffenden Augenblick? Warum end⸗ lich, als Gipfel machiavelliſcher Heimtücke, dieſer an⸗ klagende Schlüſſel, welchen die Agenten des Verrä⸗ thers in Armands Taſche geſteckt hatten, während ſie ihn den Gang entlang vor ſich hinſchoben.— 5 Oh! Aber wenn es ſich ſo verhielt— ohne allen Zweifel verhielt es ſich ſo,— dann durfte die Sache nicht auf ſich beruhen bleiben. Wie! Armand, ein Ehrenmann, ein Mann in der beſten Bedeutung des Worts, ſollte ganz ruhig eine ſolche Schändlichkeit geſchehen laſſen! Er ſollte ſich wie ein feiger und einfältiger Strohmann unaufhörlich von dieſem Tartaren vor den entſetzten Augen einer zitternden Frau vorüberführen laſſen?—. Und dieſe Frau ſollte, nachdem ſie ihn geliebt, ihn zürchten, und nachdem ſie ihn gefürchtet, ihn zu⸗ letzt verachten! Nein! bei Gott! das durfte nicht geſchehen. 1 Der Dämon, der lachend die ziſchende Glutpfanne ſchürte, die man einen verliebten Kopf nennt, eilte ein Körnchen Hochmuth hineinzuwerfen. Die Liebe wäre vielleicht nicht allein im Stande geweſen die Vernunft vergeſſen zu machen. Aber die Liebe ſchont 7 7 wenigſtens den geliebten Gegenſtand, der Hochmuth dagegen liebt Nichts und ſchont Nichts. „Ah,“ ſagte Armand unter dieſem hölliſchen Ein⸗ fluß zu ſich,„deßwegen alſo ſchaute mich dieſer Koloß ſo über die Achſel an: er verſpottete mich, ich war für ihn ein Hampelmännchen, das er mit ſeinem Draht in beliebige Bewegung ſetzte. Dieſer Eifer⸗ ſüchtige von neuem Schlag wußte, daß ich zu ein⸗ fältig war, um ſeiner Frau den Hof zu machen, und er führte mich zu ſeiner Frau. Er ließ ſeine großen Augen offenbar nur darum ſo rollen, weil er mir Angſt machen wollte, weil er wußte, daß ich von jeder Abſicht ganz rein war, wie Caliſte es von jedem Fehler war.“ Armand nannte die Fürſtin bereits Caliſte. „Nun wohl,“ fuhr der junge Mann fort, indem er aus ſeinem Bette ſprang,„die Sache ſoll nicht ganz auf dieſe Art ablaufen. Ja, Mann der Ukraine, ich bin in Deine Frau verlieht; ja, Du biſt ein un⸗ kluger Gimpel, daß, Du mix de Weg in Dein Haus gezeigt. Du biſt ein Vieh daß Du mir das Ge⸗ heimniß ihres Herzeis enthüllt haſt. Du haſt Dich heute Nacht u dei mich luſtig gemacht, und ich weidete mich in meiner Naivetät mit Schaffutter, ich graste die immaterielle Liebe ab; wart, wart, das Lachen wird ſchon an mich kommen.“ Er war in ſeiner Exaltation bei dieſem Punkte angelangt und kleidete ſich zitternd vor Fieber und Zorn an, als Herr von Bierges Vater freudeſtrah⸗ kend in ſein Zimmer trat, in der einen Hand einen himmelblauen Brief, in der andern den parfümirten Umſchlag haltend. 8*.— ——õ—— ———¾¾ Der Rath ſah unter der Herrſchaft dieſes Par⸗ füms und durch dieſes Blau hindurch Alles ganz hell, was ſein Sohn trübe ſah. Er ging lächelnd auf den jungen Mann zu, reichte ihm die Hand und ſagte: „Du biſt dieſen Morgen friſch wie eine Roſe!“ Armand ſah keineswegs roſig, ſondern roth aus. „Man ſieht, daß Du tüchtig geſchlafen haſt,“ fügte der Vater mit demſelben Scharfblick hinzu. „Du biſt ſehr glücklich; ich meinerſeits habe kein Auge zugethan.“ „Das bedaure ich ſehr, lieber Vater,“ verſetzte Armand halb zärtlich und halb zerſtreut.. „Ja Du biſt glücklich,“ fuhr der Rath fort, „ glücdlich in Allem.“ „Bah,“ ſagte Armand überraſcht durch dieſe mit eigenthümlicher Abſichtlichkeit betonten Worte.„In was bin ich denn ſo glücklich?“ „Alles was Dich hätte zu Grunde richten müſſen, ſchlägt zu Deinem Vortheil aus!“ „Glaubſt Du?“ „Weißt Du auch, daß Du geſtern um Mitter⸗ nacht vier Millionen verloren hatteſt?? „Ah, richtig, ich hatte es vergeſſen,“ rief der junge Mann mit einem Lächeln,„Du hatteſt es mir jedoch geſagt.“ „Und Du wollteſt es mir nicht glauben, mein Junge, Du hatteſt Vertrauen zu Deinem Stern! — 79 Bei Gott, Du hatteſt vollkommen Recht, Deine Mil⸗ lionen ſind wieder gefunden.“ „Ah, bah, wer hat ſie denn wieder gefunden?“ „Eine allerliebſte, mit allen phyſiſchen und mo⸗ raliſchen Vorzügen ausgeſtattete Dame, die aber natürlich hinter der Fürſtin Nowratzin, deren Lob Du geſtern auf ſo unkluge Weiſe geſungen haſt, weit zurückſteht.“ Armand fuhr zuſammen, wie wenn man ihn mit einem glühenden Eiſen berührt hätte. „Mein Gott,“ fuhr der Rath ganz ruhig fort, „eine Freundin hat dieſe Sache für Dich eingeleitet, und Alles ging nach Herzensluſt, als Du mit dieſem Glaubensbekenntniß zu Gunſten der Fürſtin das ganze Gebäude umſtürzteſt. Unglücklicher, es ſcheint,“ fügte Herr von Bierges hinzu,„es ſcheint, daß die Zukünftige Dich gehört hat.“ Und die Augen des Raths drückten einen Ab⸗ ſcheu aus, der wirklich etwas Komiſches hatte; Ar⸗ mand hielt ſich jedoch nur an die Worte. „Die Zukünftige?“ wiederholte er überraſcht. „Deine Zukünftige, mein Junge, diejenige, die unſere allerliebſte Freundin die Baronin für Dich beſtimmt.“ „Man beſtimmt für mich?“ ſtammelte Armand beinahe athemlos. „Ja, Deine Unvorſichtigkeit, die mich zittern machte, hat Nichts an der Lage verändert. Die junge Dame hat glücklicher Weiſe Nichts gehört. adame Chaudray ſchreibt es mir ſo eben. Die vortreffliche Frau! Laß uns bald frühſtücken, willſt 77 80 Du? Denn ich muß hingehen um ihr in Deinem und meinem Namen zu danken.“ „Für was danken?“ fragte Armand mit einem ſcheelen Blick.„ „Nun ja denn, für dieſe Heirath, die ſich Dir darbietet.“— „Ei... „Was?“ „Ich bin ganz und gar nicht gewillt mich zu verheirathen,“ erklärte Armand entſchloſſen. Der Rath war einen Augenblick verdutzt, und dann ſah er in das erblaſſende Geſicht ſeines Soh⸗ nes, der ſeine Brauen runzelte. „Ah?“ murmelte er kalt und mit einem Wechſel von Betonung, der dieſe Interjection zu einem Ge⸗ dicht in Einem Silbenmaß machte. Armand liebte ſeinen Vater zärtlich; er ſetzte das vollkommenſte Vertrauen in ſein Urtheil und ſeine Geſchäftstüchtigkeit; er würde ihm die Ver⸗ waltung einer Nabobseivilliſte überlaſſen haben. Aber nach der Gewohnheit der jungen Leute, die vielleicht nicht ganz Unrecht haben, hielt er die Er⸗ fahrung zum Gelingen für Herzensangelegenheiten Leidenſchaft ihre Rolle in der elt wie der Blitz. Nun wollte Armand im vorliegenden Fall Herrn von Bierges Nichts von dem nächtlichen Abenteuer anvertrauen; erſtens weil der Rath ihm eine Renge für weniger nothwendig, als man gewöhnlich glaubt. Die Erfahrung ertheilt Rathſchläge und dämpft die Leidenſchaft. Die Leidenſchaft, eine blinde Gewalt, würde niemals zum Ziel gelangen, wenn ſie nicht obendrein auch taub wäre. And endlich hat die e 4 von Ermahnungen ertheilt und dann weil er ſich über die Folgen zu Tode geängſtigt haben würde. Ermahnungen und Rathſchläge wollte Armand nicht; Beängſtigungen würde er ſeinem Vater erſpart ha⸗ ben, und wenn es ihn die ſchmerzlichſten Opfer ge⸗ koſtet hätte. Dies kam alſo ganz ſchnurgerade auf das famöſe Raiſonnement eines Zeitgenoſſen hinaus: Ich liebe Rathſchläge nicht und das freut mich; denn wenn ich ſie liebte, ſo würde ich ſie befolgen, und doch will ich ſie nicht befolgen. Da Armand alſo aus den geſpannten Brauen und den erſtickten Seufzern ſeines Vaters erſah, daß eine Ablehnung dieſer Ehe ihn unendli und auf tauſend Vermuthungen ui de d er ferner wußte, daß der Name der Fürſtin den Muthmaßungen liefern Schlag, wel⸗ thes verſetzt und ein ſcheinba⸗ d .„warum mich ſo mir Nichts zen? Sollteſt Du etwa meiner nicht mehr freßß ſehen wünſchen?“ „Hört ma—f frei zu ſein, wenn man verſetzte der Vater noch ganz lkommen frei zu Zweien, und ich weit ſittlicher iſt, als zu drei, vier oder fünf Perſonen Sclave zu ſein. Wenn man übrigens auch aufhören müßte frei zu ſein, ſo würde ich darin gar nichts ſo Arges erblicken, nach⸗ dem man ſeine Freiheit gar zu ſehr genoſſen hat.“ Maquet, Herzensſchulden. 6 mun 4 — 82 „Gar zu ſehr?“ erwiederte Armand in einem einſchmeichelnden und heiteren Tone, der ihm in der Regel vollkommen gelang,„habe ich ſie denn miß⸗ braucht? Machſt Du mir heute Vorwürfe, nachdem Du mir ſo oft Deine Zufriedenheit zu erkennen ge⸗ geben haſt? Wenn man Dich hört und anſieht, ſo könnte man mich für den Don Juan halten, wie er Don Pedro zu dem Bankett einlädt. Nein, nein, lieber Vater, Du biſt Rath und kein Commandeur.“ Herr von Bierges entrunzelte ſich nicht. „Ich möchte gerne wiſſen,“ murmelte er,„was ſo koſtbares in der Tiefe eines Kopfes, ich ſage nicht Herzens, ruhen kann, der vier Millionen aus⸗ ſchlägt?“ „Ah,“ rief Armand, erfreut über dieſen väter⸗ lichen Fehler,„ſiehe da, Herr von Bierges, der Stoiker, der Curius des Rechnungshofes, der uner⸗ bittliche Cenſor der Geldmenſchen, glaubt mit ſeinem Sohne von Heirath zu ſprechen und ſpricht von Nichts als Millionen.“. Der Schlaukopf wußte, wie ſchnell ſein Vater capituliren würde, wenn er ihn mit ſeinen eigenen Kanonen beſchöße. Der Rath erröthete leicht. „Es handelt ſich nicht um Geld,“ ſagte er ver⸗ legen.„Wenn ich eine Ziffer ausſpreche, ſo ge⸗ ſcheht es, weil ich keinen Namen ſagen darf. Es ſſt mir verboten dieſen Namen zu nennen; deßhalb ſtelle ich ihn durch eine Mitgift dar. Im Grund liegt mir Nichts an der Mitgift, das weißt Du wohl.“ Wenn Dir alſo Nichts daran liegt,“ folgerte — Armand, der wohlfeil zu ſeinem Sieg gekommen war,„ſo laß uns nicht mehr davon ſprechen.“ „Aber mir liegt viel an den Vorzügen und Ver⸗ dienſten einer ſo vollendeten Dame, wie diejenige iſt, um die es ſich handelte.“„ Das Imperfectum beruhigte Armand ein wenig; er umarmte ſeinen Vater. „Welche Frau,“ ſagte Armand,„wird die Vor⸗ züge und Verdienſte meines einzigen Freundes und Genoſſen haben, den ich zu beſitzen wünſche? Welche Frau würde Dich erſetzen?“ vollendete er, mitten in ſeiner Komödie ernſtlich gerührt, weil er wohl wußte, daß er die Wahrheit ſprach. „Alſo,“ ſagte Herr von Bierges,„alſo willſt duu Dich nicht verheirathen; Du willſt Dich niemals ver⸗ heirathen?“ „Ich ſage nicht: niemals.“ „Aber ich ſage es, Du wirſt niemals eine ſolche Gelegenheit finden und überdies,“ fügte er ſtolz hinzu,„werde ich nicht mehr wollen, wenn Du ein⸗ mal willſt.“ 4 Armand hütete ſich wohl dieſe Großſprecherei anzufechten. „Lieber Vater,“ ſagte er,„was Du willſt, wird immer auch mein Wille ſein. Vorderhand bin ich, ſiehſt Du, zum Heirathen ſchlecht aufgelegt. Es liegen eine Menge kleiner Phantaſien, wie ſie die jungen Männer haben, in der Luft... O, reine Phantaſien, Du kannſt ganz ruhig ſein. Ich rechne darunter beſonders auch einen unauslöſchlichen Frei⸗ heitsdurſt für den Augenblick. Laß mich trinken.“ 84 „Das iſt recht hübſch,“ verſetzte der Rath,„aber die Baronin Chaudray wird uns für Wetterfahnen halten. Ich nehme es einmal nicht auf mich ihr einen Korb zu geben; das mußt Du beſorgen. Du willſt die Vortheile, übernimm alſo auch die Laſten.“ Armand glaubte ſeinen Prozeß gewonnen. Er wünſchte ſich Glück zu dem leichten Siege. Aber bei alten Kampfhähnen gibt es immer einen gehei⸗ men Stoß, eine künſtliche Finte zu fürchten. Dares erfuhr dies von dem alten Entelle. „Ich laſſe Dir Deine ganze Freiheit,“ ſagte der Vater, indem er ihn verließ,„ein Mann von Dei⸗ nem Alter muß ſich zu benehmen wiſſen. Aber be⸗ nke wohl, daß ich von keinen Skandalen hören ill, bedenke wohl, daß ich unerlaubte Verbindungen nicht dulde, bedenke endlich, daß ich jede Frau, die nicht frei iſt, ich will damit ſagen, jede verheirathete Frau“— und er unterſtrich dieſe Worte—„als Todfeindin behandeln werde, wenn ich ſie auf dem Wege finde, den ſich meine Phantaſie für Dein Glück vorgezeichnet hat.“) Armand zitterte, als er dieſe Worte hörte. Der Rath ſollte es nicht dabei bewenden laſſen. „Geh alſo zu Madame Chaudray,“ fuhr er fort, 6 „ſag Dich los und erkläre Deine Gründe. Findeſt Du leidliche Vorwände, ſo daß Du bei einer ebenſo⸗ guten als geiſtreichen Dame damit nicht anſtößeſt, ſo ſuche ganz beſonders nicht laſterhaft oder einfältig zu erſcheinen.“ mich!“ „Ja, lieber Vater,“ ſagte Armand,„rechne auf „Und Du rechne nicht auf die Fürſtin,“ erwie⸗ 6 — 85 derte der alte Parther, indem er den Rücken kehrte, um die Schwelle zu überſchreiten. IX. Es iſt ſelten, daß die erſte Bewegung, die ſo furchtbar iſt, wenn man ihr entgegen tritt, nicht durch eine kluge Trägheit abgewendet wird. Armand war über dieſen Weggang ſeines Vaters ſehr ver⸗ legen. Er fürchtete, der angeblich ſo kurzſichtige Mann möchte ſein im Entſtehen begriffenes Geheim⸗ niß bereits durchſchaut haben. Aber da die Jugend ſich im Vertrauen auf ihre Mittel ebenſo ſchnell wie⸗ der beruhigt als ängſtigt; da ſie energiſch ihre wenn auch noch ſo tollen Abſichten verfolgt, da ſie die Kraft in ſich ſpürt dieſelben zur Ausführung zu brin⸗ gen, ſo vergaß auch der Sohn in zehn Secunden ernſten Nachdenkens die Ermahnungen und verhüllten Drohungen ſeines Mentors und erinnerte ſich nur noch an eine Liebe, die bereits lauter als alle Klug⸗ heit ſprach, und an eine Eigenliebe, die noch ſtärkere Forderungen machte als die Liebe. Der Fürſtin gehorchen, das heißt ganz unbeweg⸗ lich, ganz ſtill bleiben und nicht mehr auf die Ver⸗ gangenheit zurückkommen, das war unmöglich. War dieſe erſte Schranke überſchritten, wie ſollte er dann die Operationen einer Belagerung bis zum vollen Erfolg führen? Es fehlte Armand nicht an Einbildungskraft und ebenſo wenig an Feldherrnkunſt; er war nicht der Mann nutzloſe Fehler zu begehen. Er ſuchte. 86 In der erſten Linie der Bundesgenoſſen fand er die Gräfin Gorthiany, die grünäugige Polin, die er noch geſtern ſo ſehr verſchmäht hatte. Madame Gor⸗ thiany, die Freundin der Fürſtin und die muthmaß⸗ liche Mitſchuldige ihrer kleinen Geheimniſſe, mußte das Räthſel zu löſen wiſſen. Eine Beſprechung mit dieſer Dame war keine Verletzung der ſtillſchweigen⸗ den Ehrenverpflichtung, die Armand gegen Madame Nowratzin übernommen hatte. Dieſe hatte geſagt: wir werden uns nie wieder ſehen. Sie hatte nicht geſagt: Sie werden Madame Gorthiany nie wieder ſehen. Auf dieſer Seite lagen tauſend Vortheile, wenn man ſich Gehör zu verſchaffen wußte, Nichts wwar verloren, wenn man ſcheiterte; der Zutritt war leicht. Er unterhielt nur geſellſchaftliche Beziehungen, er machte nur eine vertrauliche Mittheilung, die von Seiten eines gewandten jungen Mannes, dem man auf ſo verbindliche Art entgegen gekommen war, nur ſchmeichelhaft ſein konnte. Armand hatte alſo gar Nichts zu fürchten, als den Vorwurf der Indiscre⸗ tion. Er gab das Geheimniß Caliſtens preis. Aber ob die Gräfin dieſes Geheimniß nicht bereits wußte? Wenn man ſie noch nicht unterrichtet hatte, ſo brauchte er Nichts zu ſagen. Die ganze Kunſt beſchränkte ſich alſo darauf, daß er ſeine vertrauliche Mittheilung ins richtige Verhältniß zu den Enthüllungen zu ſetzen wußte, welche die Fürſtin ihrer Freundin bereits ge: macht haben konnte. Armand glaubte ſich ſtark ge⸗ nug, um einen Angriff nach dieſem Plan wagen zu Kdürfen. Der Unglückliche! Mancher gepanzerte Mann iſt nur an einer einzigen Stelle verwundbar, und der 87 Stoß trifft ihn juſt an dieſer Stelle; mancher andere hat hundert Auswege, um aus einer ſchlimmen Lage hinaus zu kommen, und er ſchlägt juſt den Pfad ein, wo ſein Feind ihn erwartet. Armand beeilte ſich zu der einzigen Perſon zu kommen, die ihn mit der größten Sicherheit zu Grunde richten konnte. Er hatte ein Arſenal in Bereitſchaft geſetzt und das Genie eines Vauban entfaltet, um in dieſe Feſtung zu dringen. Er drang frohlockend ein, ohne zu ſehen, daß man ihm die Thüre wagenweit geöffnet hatte, wie man den Füchſen ihre Fallen öffnet. Die Gräfin wohnte in den Champs⸗Elyſees; Ar⸗ mand wußte es, weil er es die Dame ſehr oft hatte ſagen hören, in den glücklichen Tagen, wo ſie einen Beſuch ſehnlich zu wünſchen ſchien, deſſen Initiative jetzt dieſer Herzenbeſieger ſeinerſeits ohne Erlaubniß ergreifen ſollte. Er ließ ſich anmelden und wurde eingeführt. Wir haben weiter oben geſagt, daß die Gräfin mit den grünen Augen ſchön war, und ohne Zweifel bewunderten viele Leute ihre Schönheit. In unſerer Geſchichte verliert dieſe Schönheit, da ſie ſich in einem ſchiefen Licht darſtellt, den größten Theil ihres Zaubers. Ein gewiſſer verrätheriſcher Anflug wird ihr bei den Sammlern von Frauenporträts ſtets im Wege ſtehen. Und dieſes erſte Anſehen, die krons prima war juſt dasjenige, was Armand in die Au⸗ geem gefallen war, wenn auch bloß als Gegenſatz zu der edlen, zartſinnigen Natur der Fürſtin Nowratzin. Erbärmliche Knechtſchaft, ſchmachvolle Bezaube⸗ rung der Liebe! Armand hatte, als er den Teppich der Gräfin betrat, beſchloſſen ſie entzückend zu finden. 88 Er hatte ſich geſagt, daß grüne Augen doch zuletzt am Abend blau ſeien, daß Juno in Homer graugrüne Augen habe, und daß dieſe Farbe weit diſtinguirter ſei, als ſchwarz, blau und kaſtanienbraun, weil weit ſeltener. Er hatte ſich ſattſam wiederholt, daß, wenn die Augen von Madame Gorthiany ihm etwas hart ge⸗ ſchienen, dies darum geſchehen ſei, weil er dieſelben niemals gezwungen habe ſich zu ſänftigen; der Un⸗ glückliche vergaß, daß eine Frau, ſelbſt wenn ſie ihre Avancen nur auf Rechnung einer Freundin macht, ſich niemals eine Abweiſung gefallen läßt; er vergaß, daß aller weibliche Zorn ſich früh oder ſpät befrie⸗ digt, und er kam, was ſage ich? er eilte herbei, ſich in den Schlund der Hyder zu ſtürzen, die ſchon ſo lange beſchäftigt war ihren furchtbaren Groll wieder⸗ zukäuen. Er war zu bewegt, zu ſehr in ſeine Idee ver⸗ ſunken, um den Empfang zu bemerken, der ihm be⸗ reitet wurde, einen Empfang, worüber ein kaltblüti⸗ ger Mann dermaßen hätte erſchrecken müſſen, daß er augenblicklich wieder hinausgeeilt wäre. Sie begrüßte ihn mit dem Lächeln eines Währwolfs, mit einem Augenzwinkern und einer falſchen Treuherzig⸗ keit, welche zu ſagen ſchien: Komm, komm, wie der Koch ein Hähnchen herlockt, das er zu ſchlacht beabſichtigt. Armand gerieth mit dem ganzen Leib in die Fall er vergaß ſogar einen Vorwand für ſeinen Beſuch aufzufinden und ſeine jrübere Kälte zu entſchuldigen. „Madame,“ ſagte er nach den erſten Höflichkeiten, „Sie werden ſich über mein heutiges Erſcheinen nicht 89 wundern, wenn Sie, wie ich überzeugt bin, eine wahre Freundin der Frau Fürſtin Nowratzin ſind; ein gewiſſes Ereigniß, das Sie vielleicht bereits wiſſen, rechtfertigt den Schritt, den ich mir erlaube.“ Armands ganze Diplomatie beſchränkte ſich dar⸗ auf, daß er eine Antwort abwartete. Die Gräfin, die jedes Manöver dieſes armen Gegners ſah, nahm ſich nicht einmal die Mühe Liſt gegen ihn zu ge⸗ brauchen. „Ich glaube das Ereigniß zu wiſſen, auf das Sie anſpielen. Ich habe die Fürſtin heute früh ge⸗ ſehen.“ Jetzt geräth Armand ſogleich ins Netz. Sie weiß Alles, folglich iſt ſie eine ergebene Freundin der Fürſtin. Es iſt Nichts zu fürchten, man kann ein vollkommenes Geſtändniß wagen. Die Sache iſt be⸗ reits gewonnen. „Nun wohl, Madame,“ fuhr er fort, indem er der Gräfin näher trat und ihre graugrünen Augen zu verzaubern ſuchte,„was halten Sie von dieſem ſeltſamen Abenteuer?“ Madame Gorthiany, die ſchon zum Voraus nicht übermäßig freundlich war, ſchien von der Lauheit zum Gefrierpunkt überzugehen. Sie verzog das Ge⸗ ſicht, zuckte die Achſeln und ſchwieg. „Eine Perfidie, nicht wahr?“ fuhr der junge Mann fort. „ Je nachdem,“ ſagte die Gräfin mit der Behut⸗ ſamkeit einer Sibylle. Armand ahnte immer noch Nichts. „Glauben Sie nicht a Madame,“ fuhr er 8 fort,„daß das Ganze weiter Nichts iſt als eine hinterliſtige Erfindung von...“ Ein harter und ſchneidender Blick der Gräfin be⸗ ſtimmte ihn innezuhalten. „Von wem?“ fragte Madame Gorthiany. „Ich denke, wir verſtehen uns,“ murmelte Ar⸗ mand, indem er noch näher trat. Die Gräfin warf ſich zurück. „Ich weiß in der That nicht,“ ſagte ſie,„ich glaube nicht.“ Armand war im höchſten Grad überraſcht und begann etwas ſpät das Spiel dieſer Drahtmaske zu beobachten; er hätte gerne mitten auf dem Weg inne⸗ halten mögen, allein die Falle war wieder zuge⸗ ſchnappt.— „Ich verſtehe Sie nicht recht, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte die Polin, die jetzt zum Angriff überging;„Sie nennen das eine hinterliſtige Erfindung, die Sie einer Perſon zuſchreiben...“ „Einer Perſon, die vermuthlich dabei intereſſirt iſt, daß ſie Schlingen legt,“ ſagte Armand muthig, „einer Perſon, welche Sie nicht zu kennen ſich die Miene geben, ohne Zweifel aus Discretion, Madame, denn Sie kennen dieſe Perſon recht gut, beſonders wenn Sie dieſen Morgen ſchon mit Ihrer Freundin geſprochen haben.“ Die Gräfin lächelte mit einem einzigen Winkel ihrer Lippen und verſetzte:. „Es wäre möglich.“ Armand dachte, Eis müſſe jetzt brechen; ein letzter Tritt und Alles müſſe nachgeben. 91 „Der Herr Fürſt Nowratzin, nicht wahr?“ ſagte er. Die Gräfin wechſelte ſogleich die Farbe. Ihre Augen nahmen einen hochmüthigen und drohenden Ausdruck an. Man wurde an eine jener Batterien erinnert, welche ein Pirat demaskirt, wenn er ſich ſeines Fanges ſicher glaubt. „Mein Herr,“ ſprach ſie in gemeſſenem, trockenem Ton, worin ihre ganze Freude darüber durchbrach, daß ſie jetzt einen alten Haß befriedigen konnte,„Sie ver⸗ geſſen, daß Herr Nowratzin mein Freund iſt, und Sie ſchieben ihm ohne allen Grund eine ſehr garſtige Handlung unter.“ Armand ſprang unter der Erſchütterung dieſer furchtbaren Salve auf. „Ci wie! Sie ſprechen im Ernſte, Madame?“ „Wer gibt Ihnen ein Recht das Gegentheil an⸗ zunehmen, mein Herr?“ „Aber Sie ſagten doch, daß Sie heute früh die Fürſtin geſehen haben?“ „Allerdings... und dann?“ Bei dieſem: Und dann? runzelten ſich die Brauen des jungen Mannes. „Eine wahre Freundin,“ ſagte er,„theilt ge⸗ wöhnlich die Anſicht ihrer Freundin. Nun glaube ich annehmen zu können, daß die Fürſtin weiß, wem ſie dieſen nächtlichen Hinterhalt zuzuſchreiben hat.“ Die Fürſtin,“ verſetzte Madame Gorthiany, in⸗ dem ſie eine immer feindſeligere Haltung annahm, „läßt ſich über das, was 8 ee iſt, nicht täuſchen. Sie findet, wie ich, Eie Geſchichte mit dem Fiaker und dem Schlüſſel allzu unwahrſcheinlich. 92 Dieß ſind Hirngeſpinſte, an die man in der Nacht ein wenig glauben kann, die aber mit dem Tag ver⸗ ſchwinden.“ „Alſo,“ murmelte der junge Mann gänzlich ver⸗ blüfft,„alſo haben ſich die Anſichten Ihrer Freundin gänzlich verändert?“ „Hat ſie wirklich andere Anſichten gehegt?“ „Heute Nacht ſchien ſie den Anſtifter des Com⸗ plottes zu errathen.“ „Sie erräth ihn noch jetzt.“ „Und er iſt?...“ „Ihr Gemahl iſt es einmal nicht, ſo viel iſt ge⸗ wiß,“ ſagte die Gräfin in einem ſo harten, ſo heraus⸗ fordernden Tone, daß der junge Mann vor Zorn roth wurde.„Ihr Gemahl lieht ſie; wenn er eifer⸗ ſüchtig iſt, ſo geſchieht dies aus übermäßiger Liebe; ſie liebt ihn ebenfalls und wird Alles thun, um die Harmonie in ihrer Ehe wieder herzuſtellen. Es wäre alſo um ſo unverantwortlicher von Ihnen, mein Herr, wenn Sie auf Ihren Anſchuldigungen gegen den Fürſten beharren wollten, als Sie ſich ſeiner beſten Freundin, wie ich Ihnen zu ſagen die Ehre hatte, gegenüber befinden und ſich in Bezug auf Herrn und Frau Nowratzin unmöglich ganz vor⸗ wurfsfrei fühlen können.“ „Das heißt,“ rief Armand,„man hat die 216 noch einmal gänzlich umgekehrt und klagt jetzt mi dieſer Schändlichkeit an.“ „Schonen Sie ſich,“ ſagte die Gräfin, indem ſi mit dem ganzen e lächelte. Armand erho. Seine Lippen zitterten, Viina Handſchuhe krachten über ſeinen geballten 93 Fäuſten. Sein ganzer Widerwille gegen dieſes Weib erwachte mit Wuth auf's Neue; er fand ſie abſcheulich, es drängte ihn ihr dieß zu ſagen, er war im Begriff loszubrechen. Glücklicher Weiſe hielt er inne, denn die Ge⸗ wohnheit einer guten Erziehung und die angenom⸗ menen Begriffe von Ehre, welche Schonung für jede Frau gebieten, die erbärmlich genug iſt, um einen Mann zu beſchimpfen, behielten die Oberhand. „Ah, ich begreife,“ ſagte er,„und ich ſehe wel⸗ chen Antheil ich Ihnen bei der ganzen Sache zuzu⸗ ſchreiben habe. Ihr Beſuch bei der Frau Fürſtin hat ſeine Früchte getragen. Sehr gut, Madame; Sie haben als wahre Freundin des Herrn Fürſten Nowratzin gehandelt, und Sie nennen ſich die Freundin ſeiner Frau. Immerhin. Ich habe an⸗ dere Anſichten, für mich ſind dieſe zwei Freundſchaf⸗ ten unverträglich. Nun wohl, Madame, da man mich für den Urheber dieſer Schändlichkeit, dieſer koſakiſchen Brutalität hält, ſo liegt mir der Beweis ob, daß man gelogen hat. Ich wünſchte die Sache zu unterdrücken. Ich that meinem Temperament, meinem Gewiſſen Gewalt an, um der Frau Fürſtin gefällig zu ſein; ich habe mich in Gegenwart dieſes platten Heuchlers, den Sie Ihren Freund nennen, zuſammengehalten. Die Dinge verändern ſich, da man die verbindlichen Worte, die mir geſagt worden ſind, zurücknimmt. Jetzt erkläre ich dieſe Handlung für ſchimpflich, für entehrend. Man beargwöhnt, man beleidigt mich; nehmen Sie ſich in Acht!“ „Ci, mein Herr,“ antwortete die Gräfin mit einem rzwungenen Lachen,„was liegt denn mir an „ der ganzen Geſchichte! Sie müſſen Ihr Leid der Fürſtin vorklagen. Sie machen mir einen Beſuch und fragen mich um meine Meinung; ich ſage ſie Ihnen. Dann ſchreien Sie, als ob ich am ganzen Vorfall Schuld wäre.“ „Ich werde mein Leid, wie Sie es nennen, nicht der Frau Fürſtin vorklagen,“ ſagte Armand, den ſeine lange Mäßigung ganz blaß machte.„Eine Frau würde dieſe Schmerzen nicht heilen. Ueber⸗ dies ſehe ich an Ihrem ſtrahlenden Geſicht, daß Ihre Freundin mir ihre Thüre verſchließen würde; das iſt bereits ausgemacht, nicht wahr? Nein, ich werde mich an den wahren Anſtifter, an den wahren Verräther, an den wahren Hundsfott halten; meine Ehre fordert von mir die Beweisführung, daß ich dieſes Verbrechen nicht begangen habe; ich werde den Beweis führen.“ „Sie werden ganz und gar nichts beweiſen,“ verſetzte die Grünäugige unter beſtändigem Hohn⸗ lachen. „ rief Armand erbittert. „Sie würden wegen einer Kleinigkeit gar zu weit gehen.“ „Ich werde ihn finden, ſage ich Ihnen,“ fuhr der junge Mann fort,„und müßte ich ihn an einem Abgrund ſuchen, der ſo tief und ſo ſchwarz wäre wie Ihre Seele... Madame, entſchuldigen Sie mich, wenn ich ſo zu Ihnen ſpreche, ohne daß ein Mann da iſt, um mir zu antworten; aber Sie werden die Scene Ihrem Freund erzählen, und er wird für das Ganze auf einmal Rache nehmen.“ O ich werde Ihren Fürſten Nowratzin finden,“ † 4 95⁵ „Herr!“ murmelte die Gräfin, der die Galle endlich überlief.„Sie beſchimpfen mich! Und Sie ſprechen von Ihrer Ehre!“. „Sie haben Recht, Madame,“ ſagte Armand mit zuſammengebiſſenen Zähnen und keuchender Bruſt. „Ich habe kein Recht mehr von meiner Ehre zu ſprechen, ſo lange ich ſie nicht wieder hergeſtellt habe. Aber Sie können Ihrer Freundin, dieſer Frau, die mich verläumdet, ſagen, daß dies geſchehen ehe acht Tage vergehen. Ja, Madame, ich breche auf, um den Fürſten zu erwiſchen. In ſpäteſtens acht Tagen, morgen, heute Abend, wenn ich kann, wird Herr Nowratzin mir die vollſtändigſte Genug⸗ thuung unterzeichnet oder mich getödtet haben, wenn ich ihn nicht ſelbſt tödte. Dies iſt eine Endentwicklung, die man nicht vorhergeſehen hat. Leben Sie wohl, Madame, und wenn Sie ſich für dieſen theuren Fürſten intereſſiren, wenn Ihre Freundin ſich für ihren theuren Gatten intereſſirt, ſo täuſchen Sie ſich beide nicht in Ihren Gebeten, beten Sie nicht für die gute Sache. Leben Sie wohl!“ So ſprechend entfernte er ſich, während die Grä⸗ fin ganz erſchüttert daſtand und auf einmal in den höchſten Schrecken gerieth. Sie hatte gegen dieſen kleinen Gegner ihre Klaue ſtark genug geglaubt; aber die Hyäne kommt mit all ihrer Kraft dennoch dem jungen Löwen nicht gleich. 96 Ddie Gräfin konnte wirklich eine ſolche Endent⸗ wicklung der Scene nicht erwarten. Den Mann zu demüthigen, der ſie verſchmäht hatte, ihn auf immer von der Höhe ſeiner Hoffnungen herabzuſtürzen, an denen ſie nicht den mindeſten Antheil hatte, das war der ganze Zweck ihres Anſchlags geweſen. Wie konnte ſie ahnen, daß dieſer unbedeutende pariſer Bourgeois, dieſer Beamter geweſene Advokat, ſich ohne alles Weitere auf den großen Degen eines Offiziers losſtürzen würde? Ein Duell! Ein Skandal! Lag dies wirklich im Programm der Verſchwörung? Was würde der Fürſt ſagen? Würde er es billigen, daß man die Sache ſo weit getrieben hatte? Das Duell konnte natürlich für ihn bloß ein glückliches Reſultat haben; denn er war ein unüberwindlicher Sieger. Aber Caliſte? Mußte nicht das Reſultat, ob es nun glück⸗ lich oder unglücklich ausfiel, ſie zu Boden drücken? Bei dieſen Gedanken zündete der Dämon, der in dem grünäugigen Weib wohnte, ſein Freudenfeuer an, das die Wangen der Gräfin bepurpurte. Caliſte zu Boden gedrückt, entehrt; Caliſte, dieſe ſo theure Freundin, dieſe Schönheit ohne Neben⸗ buhlerin, dieſe Schützlingin des Kaiſers, dieſe Köni⸗ gin von Vollkommenheit, die durch ihre Verheirathung mit Nowratzin ſie ſelbſt verhindert hatte Fürſtin zu werden, und ihr nun auch die Liebe Armands git⸗ zogen, dieſe Caliſte auf immer zu Grunde gerichtet: welch ein Erfolg! Welch eine Freude! 97 Und dieſen ſo ſüßen Triumph konnte man ohne alle Mühe erringen. Man brauchte nicht einmal einen Finger zu bewegen, was doch nöthig iſt, um den Mandarin von China zu beerben. Armand mußte in ſeinem leidenſchaftlichen Ungeſtüm die Entwicklung ganz allein herbeiführen. Schweigen, bei Caliſte keinen Argwohn erregen, Armand herum⸗ rennen und die Zeit verſtreichen laſſen, das war Alles was der Dämon von ſeiner willfährigen Wirthin forderte. 3 4 Aber das vom Schickſal aufgeſetzte Programm lautete anders. Im Augenblick, wo Armand von der Gräfin wegging, mochte es zwei Uhr ſein. Ein großes blaues Coupé, mit zwei Rappen beſpannt, fuhr im Schritt die Avenue des Champs⸗Elyſees hinan. Armand ſchaute, als er ſich dem Trottoir näherte, um wieder in ſeinen Miethwagen zu ſitzen, unwill⸗ kürlich in den mit orangengelber Seide gepolſterten Wagen. Er bemerkte darin die Fürſtin, die gänz⸗ lich erſchöpft langſam ſpazieren fuhr und ſich, da ſie eben am Haus ihrer Freundin vorbeikam, in einer ſehr natürlichen Regung hinausneigte, um zu den Fenſtern emporzuſehen. Armand, der ſich noch unter dem vollen Einfluß ſeines Streites mit der Polin und ſeiner Entrüſtung gegen Caliſte befand, warf dieſer einen wüthenden Blick zu, der von einer ſo ausdrucksvollen, ſo drohen⸗ den, ſo verzweifelten Geberde begleitet war, daß er für die arme Frau eine Offenbarung wurde, ſo un⸗ heimlich wie ein Blitzſchlag. Dann ſprang er in ſeinen Wagen, der ſih im Maquet. Herzensſchulden. 7 öö 98 Umkehren mit dem Coupé der Fürſtin kreuzte, und als er ſich jetzt Schlag an Schlag neben ihr befand, oonnte er nicht umhin ihr die von einem verzweif⸗ lungsvollen Herzen ausgeſtoßenen Worte zuzuwerfen: „Vor acht Tagen, Madame, vor acht Tagen!“ Und er verſchwand. Caliſte erblaßte. Sie ſah ein, daß Armand ſo eben von der Gräfin kam. Dieſer Zorn, dieſe gänz⸗ liche Veränderung einer Natur, deren Sanftheit, Zartheit und ausgezeichnet feine Bildung ſie kannte, ließen ſie entweder ein Mißverſtändniß oder eine Treuloſigkeit fürchten. Caliſte hatte bereits gelitten, ſie kannte die Welt. Ihre Gutmüthigkeit kam nicht von Naivetät. Sie hielt es für räthlich ſich augen⸗ licklich über ihren Argwohn aufzuklären. Sie er⸗ griff die Klingel des Kutſchers, ſchüttelte dieſen mit ungewohnter Lebhaftigkeit am Arme und ſagte zu dem Lakaien, der vom Bock herabgeſprungen war: „Zur Gräfin!“.* Einige Augenblicke ſpäter kam Caliſte zu ihrer Freundin und überraſchte ſie bei dem im Anfang dieſes Kapitels beſchriebenen Gedankengang. Sie gebrauchte keine langen Umſchweife. Ihr Herz war übervoll, ihr Auge flammte; ſie las in den Geſichtszügen der Polin eine gewiſſe grimmige Freude, und dieſe Freude war ein Hohn gegen ihre Leiden. Ohne die mit Ueberraſchung vermiſchten Complimente zu beantworten, die an ſie gerichtet wurden, ſagte ſie: 1 „Herr von Bierges geht ſo eben weg 24— Die Gräfin fuhr zuſammen. 99 „Ich habe ihn geſehen,“ fuhr Caliſte fort,„er hat mit mir geſprochen.“ Dieſe vielleicht lediglich ihrem Uebereifer ent fahrenen Worte:„er hat mit mir geſprochen“, wirk⸗e ten magiſch. Madame Gorthiany verlor einen Augen⸗ blick ihre Haltung. „Ei, wirklich?“ ſagte ſie, voll Wuth ſich ge⸗ täuſcht zu ſehen. Aber dieſe Verwirrung erweckte vollends den Argwohn der Fürſtin und gebot ihr Umſicht. Sie wußte zu wenig, um viel zu ſagen, und mußte alſo noch mehr zu erfahren ſuchen. „Erklären Sie mir,“ ſagte ſie,„was zwiſchen Ihnen vorgegangen iſt.“ Madame Gorthiany war in großer Verlegenheit. Lügen war häklig, wenn Armand die Scene erzählt hatte, und die Gräfin zweifelte nicht daran, daß er Alles geſagt hatte. Wenn ſie in einem ſolchen Fall nicht geſtehen wollte, ſo verrieth ſie ſich, während ſie ſich dagegen, wenn ſie die Sache mit Commentaren erzählte, noch ehrenvoll aus der Verlegenheit ziehen konnte. Was konnte es überdies ſchaden, wenn ſie Caliſte Etwas ſagte, was ſie ja doch erſahren mußte, wenn ſie es nicht ſchon wußte? Sie konnte ja in keinem Fall verhindern, daß die Fürſtin Alles er⸗ fuhr. Allerdings wäre es beſſer geweſen zu ſchwei⸗ gen und vierundzwanzig Stunden zu gewinnen, dann aber für den Nothfall und wenn ſie zu einer Erklä⸗ rung gezwungen würde, ihr Schweigen damit zu ent⸗ ſchuldigen, daß ſie eine Freundin nicht habe beun⸗ ruhigen wollen; wenn jedoch die Erklärung unum⸗ * 100 — gänglich wurde, warum ſie alſo nicht geben? Ver⸗ ſteht ſich unter allen möglichen Vorbehalten. Die Gräſin nahm ihre gleichgültigſte, ruhigſte Miene an und erzählte in möglichſt mildem Licht die Hauptumſtände des Geſprächs, das heißt die Ver⸗ daächtigungen Armands gegen den Fürſten, und die Art und Weiſe, wie ſie denſelben in Schutz genom⸗ mmaen habe. Aber dies Alles erklärte Caliſte die ſonderbare Wuth des jungen Mannes, ſeinen drohenden Blick und beſonders die Worte:„Vor acht Tagen!“ im⸗ mer noch nicht. „Es hat noch etwas Anderes zwiſchen ihnen ſtattgefunden,“ dachte die Fürſtin, die mit ihrem Herzen zu entziffern ſuchte, während die Andere mit ihrer Schlangenzunge falſch überſetzte. „Sie verbergen mir die Wahrheit,“ ſagte ſie plötzlich zu der Gräfin, indem ſie dieſelbe mit dem Feuer ihrer großen ſchwarzen Augen übergoß.„Ja, Zika,“ dies war der vertrauliche Name der Dame; „Sie verbergen mir die Hauptſache, und das iſt nicht ſchön.“— Zika ſah dieſe ſchönen und bereits ſo blaſſen Wangen noch bläſſer werden. Sie ſah einen weißen Schauer auf dieſen carminrothen Lippen zucken, und ſie fürchtete auf offener That des Betrugs ertappt zu werden. ͤ Ich verberge Ihnen Nichts,“ verſetzte ſie,„liebe Caliſte, nur möchte ich auch nicht gerne übertreiben. Dieſer junge Mann hat in ſeinem Zorne Dinge ge⸗ ſagt, die er ſicherlich nicht thun wird. Beunruhigen Sie ſich nicht ſo zum Voraus.“ — 9— —— * 3 1 4 101 Caliſte bebte bei dieſen Worten, welche ſie be⸗ ruhigen ſollten. .„Sie begreifen wohl,“ fuhr die Gräfin fort, „daß er nicht ſo in der Welt herumfahren wird, ohne die Sache noch einmal reiflich zu überlegen.“ „In der Welt herumfahren!“ wollte Caliſte rufen, aber ſie ſah ein, daß ſie ſich, wenn ſie die mindeſte Ueberraſchung verrieth, um den ganzen Vortheil der erwarteten Enthüllung brachte. Sie drückte kräftig auf ihr Herz, das unter dem Atlaß und Pelzwerk hoch pochte; ihre zarten Finger ballten ſich zuſam⸗ men und verloren ſich in dem dicken Zobel. „Vor acht Tagen!“ ſagte ſie laut. „So iſts; er hat es Ihnen wiederholt; ja, ſo lauteten ſeine Worte; vor acht Tagen wird er die ganze Welt in Brand geſteckt haben.“ „Aber warum, warum?“ rief Caliſte außer ſich. „Liebes Kind, weil er die ganze Geſchichte Ih⸗ rem Gemahl in die Schuhe ſchiebt, während ich Ihren Gemahl vertheidigt habe; war es nicht ſo unter uns ausgemacht, daß ich, wenn ich je mit die⸗ ſem jungen Mann zuſammentreffen ſollte...“ „Daß Sie ihm nicht erlaäft fden den Mann anzuſchuldigen, deſſen Namen ich trage. Ja, ja, ich erinnere mich, daß Sie mir heute früͤh dieſen Rath gaben, und ich habe ihn angenommen. Aber darum weil Sie den Fürſten vertheidigt haben, iſt der junge Mann nicht ſo eben ganz zitternd, bleich und wü⸗ thend von hier weggelaufen.“ Die Gräfin wagte nicht zu lächeln, aber ſie zö⸗ gerte noch.— „Zika,“ rief die Fürſtin, indem ſie gleichfalls , 4 — 102 itternd ſich erhob,„Sie wollen mir nicht Alles ſa⸗ 85 gen; Sie haben Unrecht. Sie wiſſen, daß ich in N Allem, was mir nicht ans Herz greift, geduldig, ſchwach, feig bin; aber dies Mal wird das Herz verletzt Sie, meine Freundin, Sie hintergehen mich, X Sie verrathen mich.“ Die Gräfin wich zurück vor dieſen in düſterem Feuer erglühenden Augen; man beſchuldigte ſie des . Verraths, ſie bekam Angſt. 3„Sie werden dieſem jungen Mann irzend eine . Debhuna oder eine Beſchimpfung zugefügt haben,“ Dahr Caliſte fort,„und er wird ſich rächen.“ 8„Bah,“ rief die Polin, die jetzt von ihren böſen de 8 Inſtincten hingeriſſen wurde.„Laſſen Sie ihn ſeine Rache ſuchen, laſſen Sie ihn Ihren Gemahl ein⸗ holen.“ 5„Meinen Gemahl einholen!“ murmelte Caliſte, 815 deren Unruhe in Wahnſinn überging;„Sie ſagen, d er wolle dem Fürſten nachreiſen, ihn vielleicht heraus⸗ feordern, ſich mit ihm ſchlagen?“ „Nun ja,“ ſagte die Gräfin unvorſi— „Oh,“ eüſe Calilleedch begteif ernce ihe uben 1 nicht bloß ee gerechtfertigt, ſondern »Sie werden auch dieſen jungen Mann angeſchuldigt haben!“ 8 „Und wenn es ſo wäre?“ ſagte Madame Gor⸗ thiany, welche ungeſtraft die Maske heben zu können. glaubte, ſowohl aus Politik als aus Neigung. b 5„Dus iſt ſchändlich, ich hatte es Ihnen verboten.“ „Verboten,“ wiederholte die Gräfin in unver⸗ ſchämtem Tone. „Ja, derlhten, verſetzte Caliſte nicht minder 103 ſtolz,„denn Sie haben kein Recht Etwas zu thun, was ich mir ſelbſt unterſagt habe.“ „Ich habe geglaubt, eine Perſon von Selbſtge⸗ fühl würde gegen einen Mann, der ihren Ruf beein⸗ trächtigte, weniger ſchonend verfahren.“ „Mein Ruf iſt unverletzt, Madame,“ ſagte die Fürſtin voll Würde,„und ich geſtehe Niemand das Recht zu ihn anzutaſten oder zu vertheidigen.“ „In meiner Eigenſchaft als Freundin,“ verſetzte die Gräfin honigſüß,„glaubte ich mehr Rechte zu be⸗ ſitzen als andere Leute.“ „Sehen Sie nicht, daß ein Eclat mich zu Grunde richten müßte, und daß ein Duell ein furchtbarer Eclat iſt?“ „Wird es denn auch ſo weit kommen?“ antwor⸗ tete die Gräfin höhniſch;„wird wohl dieſes unbe⸗ deutende Herrlein ohne Weiteres ſein Leben in die Schanze ſchlagen?“ Caliſte fühlte ſich durch dieſen für Armand be⸗ leidigenden Zweifel verletzt. „Dieſer junge Mann iſt bieder und brav,“ ſagte ſie. „Man thut in der Welt nichts umſonſt,“ fiel die Gräfin ein, die entſchloſſen war ihre Rivalin gänzlich zu zermalmen. „Wie ſo?“ „Ja, wenn ich ihm irgend eine Hoffnung ge⸗ laſſen hätte, dann würde er vielleicht etwas gewagt haben; aber beruhigen Sie ſich, er weiß, an was er ſich halten darf, und da er Nichts zu gewinnen hat, ſo wird er auch nicht Alles verlieren wollen.“ „Was verlieren? Was gewinnen? Von wel⸗ 104 cher Hoffnung ſprechen Sie? Welche Hoffnung ha⸗ ben Sie ihm geraubt?“ fragte die Fürſtin voll Ent⸗ ſetzen. „Er weiß,“ erwiederte Madame Gorthiany,„daß Sie eine für alle Verführung unzugängliche Frau ſind, daß Sie Ihren Gemahl lieben, daß der Fürſt Sie anbetet.“ „Oh,“ rief Caliſte, gefoltert durch dieſe grauſa⸗ men Lobſprüche. „Kurz,“ ſagte Madame«⸗Gorthiany lächelnd und mit zuſammengebiſſenen Zähnen,„er glaubt ſteif und feſt, was Sie ſelbſt wünſchen, daß er glauben ſolle; denn eine untadelhafte Frau wie Sie opfert bei keiner Gelegenheit den Gatten dem Liebhaber auf; er glaubt, ſage ich, daß Sie ſich durch ſeine Lügen in Betreff dieſer nächtlichen Ueberraſchung nicht haben bethören laſſen, und deßhalb wird er, da er keine Hoffnung mehr beſitzt, auch keine Opfer bringen.“ Bei dieſer letzten Mittheilung ſtieß die Fürſtin einen Wuthſchrei aus: jetzt erſt hatte ſie Armands Zorn, ſeine Drohung und das was er vor acht Ta⸗ gen ausführen zu wollen erklärt hatte, begriffen. Zerfleiſcht von dieſem ſchmerzlichen Schlangenbiß, ging ſie einige Secunden ſchwankend im Zimmer auf und ab und ließ ihre Freundin ſich an dem wonne⸗ vollen Anblick ihrer Seelenqualen weiden. Aber bald änderte ſich die Scene. „Wenn Sie das gethan haben,“ ſagte die Für⸗ ſtin, als ſie ſich wieder gefaßt hatte,„ſo müſſen Sie entweder meine tödtlichſte Feindin oder meine erge⸗ benſte Freundin ſein.“ 105 „Die Wahl iſt nicht zweifelhaft, theure Caliſte.“ „Sie ſind eine wahre Freundin, nicht wahr? Sie haben mich vor der Gefahr ſchützen wollen...“ „Ich wollte Sie vor Ihnen ſelbſt ſchützen,“ ſagte die Gräfin mit heuchleriſcher Salbung. „Gut, ich danke Ihnen; dann rechne ich aber auch darauf, daß Sie mich vollſtändig retten. Schnell einen Pelz, einen Hut, und kommen Sie!“ „Wohin, wohin? ſpazieren?“ „Wir wollen ſogleich dieſen jungen Mann auf⸗ ſuchen.“ „Was ſagen Sie?“ „Wir müſſen ihm augenblicklich die Genugthuung geben, die er verdient, und wir dürfen nicht den leiſeſten Zweifel an unſerer Loyalität bei ihm be⸗ ſtehen laſſen.“ „Caliſte!“ „Sie kennen Herrn von Bierges nicht,“ fuhr die Fürſtin mit unwiderſtehlicher Heftigkeit fort. „Aber ich kenne ihn; er iſt ein Chrenmann, jeder ſchlechten That und niedrigen Geſinnung unfähig; er ſoll mich anhören, er ſoll meinen ganzen Gedan⸗ ken erfahren. Er wird mich nie mehr ſehen, o, das ſchwöre ich, aber er ſoll mir ſeine Achtung bewahren.“ „Sie werden doch nicht glauben, meine Liebe,“ ſagte die Gräfin mit einem bittern Lächeln,„daß ich Sie begleiten, daß ich Sie bei dem allernärriſchſten, dem allergefährlichſten Schritt, den eine Frau je ge⸗ than hat, unterſtützen werde?“ „Ich thue dieſen Schritt; was geht es Sie an?“ „Nein, nein; das würde ausſehen, als ob ich die Sache guthieße, während ich mich ſo eben noch 106 in einem ganz entgegengeſetzten Sinne ausgeſprochen, während ich mich aus Eifer, aus Schicklichkeitsge⸗ fühl, im Intereſſe Ihrer Würde, ſtreng, ja beinahe grauſam gezeigt habe.“ „Ein Grund mehr, meine liebe Zika; Sie wer⸗ den dann Ihre Freundſchaftspflicht zweimal erfüllt haben... Kommen Sie!“ „Laſſen Sie ſich dieſen Gedanken vergehen,“ er⸗ wiederte Madame Gorthiany ganz trocken;„ich ſchlage es Ihnen rund ab. Gehen Sie allein, wenn Sie wollen!“ Jetzt kam die Reihe an Caliſte; ihr Lächeln war zermalmend. .„Dies Mal,“ ſagte ſie,„iſt der Rath nicht freund⸗ ſchaftlich, verſtändig iſt er auch nicht. Sie wiſ⸗ ſen wohl, daß ich eine ÜUnſchicklichkeit beginge, wenn ich mich allein zu dem jungen Manne begaͤbe. Und Sie können ſich doch denken, daß ich, wenn Sie nicht mit mir kommen, wohl eine andere Freundin finden werde, die mich begleitet.“ Die Gräfin bebte. „Entſchließen Sie ſich,“ verſetzte Caliſte,„die Augenblicke ſind koſtbar. Wollen Sie kommen oder nicht? Wenn Sie Nein ſagen, ſo fahre ich zu mei⸗ ner Couſine, der Fürſtin Bareskoy; ſie wird es mir nicht abſchlagen.“ „Ich bitte Sie um Alles,“ ſagte Madame Gor⸗ thiany, die ſich durch dieſe Beweismittel zur Capi⸗ tulation gezwungen ſah,„ſchreiben Sie, ſtatt ſelbſt hinzugehen.“ „Sie gleichen ſich kaum mehr,“ ſagte Caliſte iro⸗ niſch,„Sie haben Ihren ganzen Vorrath an Geiſt 107 und Freundſchaft auf einmal verausgabt. Wie, ſchreiben!... Eine Frau in meiner Lage! Ich ſoll einem Manne ſchreiben, den Sie in meinem Namen beleidigt haben! Wahrhaftig Sie müſſen eine ganz prachtvolle Meinung von dieſem jungen Manne haben, daß Sie mir rathen ihm zu ſchreiben, das heißt, meine Ehre in ſeine Hände zu legen. Leben Sie wohl, Zika, ich nehme meine Couſine mit.“ Sie ſchritt durch den Salon, aber die Gräfin hielt ſie auf. Zika hatte überlegt, daß es eine dop⸗ pelte Unklugheit wäre ſich bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit zu entziehen. Erſtens hätte Caliſte die Sache ins Reine bringen können, zweitens würde ſie einer beſten Freundin, von welcher ſie auf ſolche Art im Stich gelaſſen wurde, einen ewigen Groll nachgetra⸗ gen haben; es war ein förmlicher Bruch. „Ich muß Alles thun, was Sie wollen,“ ſagte ſie, der Fürſtin die Hand drückend.„Ich willige ein. Sie kleidete ſich ſo langſam als möglich an, und ließ ſich von der Fürſtin mehr fortſchleppen als weg⸗ führen. Als dann der Lakai nach den Befehlen fragte, ſagte die Gräfin, die ihre Freundin in Ge⸗ genwart des Bedienten zögern ſah: „Ah, ah, ſehen Sie, da beginnen die Schwierig⸗ keiten von Neuem. Es iſt ungemein leicht zu rufen: Gehen wir zu dem jungen Mann; aber es hält et⸗ was ſchwer den großherzigen Entſchluß auszuführen. Man hat Leute, die juſt nicht daran gewöhnt ſind ritterliche Gefühle zu ahnen.“ Die Gräfin ſagte dies auf ruſſiſch. Die Fürſtin blieb nachdenklich ſtehen. Der Lakai, ein prächtiger 4 108 Burgunder, war weit entfernt die Urſache einer ſo langen Bedenklichkeit zu begreifen; er glaubte, man antworte ihm nicht, weil die Befehle gegeben wor⸗ den ſeien, bevor Caliſte zu ihrer Freundin hinauf⸗ gegangen. „Ins Wäldchen vielleicht, Madame?“ fragte er. „Ja wohl, ins Wäldchen,“ erwiederte Caliſte plötzlich. „Sollte ſie ihre Abſicht ändern?“ fragte ſich Ma⸗ dame Gorthiany.„Allerdings ſind die kürzeſten Tollheiten die beſten,“ ſagte ſie ganz laut und mit ungeheuchelter Freude. 8½ XI. Das Wetter war herrlich. Eine große Men⸗ ſchenmenge bewegte ſich auf der alten, ſo ſchmalen und ſo ſchlecht gepflaſterten Straße, die damals vom Triumphbogen ins Boulogner Wäldchen führte. Damals! Sollte man nicht meinen, wir ſprechen von einem Jahrhundert? Auf einmal brach Caliſte das Schweigen. „Zika,“ ſagte ſie,„hören Sie meinen Plan; er 1 hat mich große Ueberwindung gekoſtet, aber er iſt gut. Wir wollen in der Fortificationsallee ausſtei⸗ gen, wie wenn wir zu gehen wünſchten. Wir ver⸗ lieren Baptiſt unter irgend einem Vorwand und ſetzen uns dann in einen beliebigen Wagen, der uns an den Ort unſerer Beſtimmung führen wird.“ „Das iſt ſehr hübſch,“ ſagte Madame Gorthiany, „aber wiſſen wir auch den Ort unſerer Beſtimmung?“ 4 109 „Ja,“ antwortete die Fürſtin ganz ruhig. Warum wußte Madame Gorthiany nicht, daß eine Frau die Adreſſe eines Mannes... eines Mannes, deſſen Porträt ſie aus dem Gedächtniß ge⸗ zeichnet hat, immer kennt? Caliſte, welche dieſe Antwort nicht in denſelben Ausdrücken geben konnte, deren wir uns bedient ha⸗ ben, erwiederte bloß: „Ich weiß... dieſer junge Mann hat ſeine Karte heute Nacht dem Fürſten gegeben, der ſie nicht genommen hat. Ich habe die Adreſſe heute früh ge⸗ ſehen, als ich dieſe Karte verbrannte, die mir zu⸗ fällig in die Augen fiel. Boulevard de la Made⸗ leine.“ Sie verſchonte ſie mit der Hausnummer. Die Gräfin hatte keine Einwendungen mehr zu machen. Der Plan war vortrefflich. Wäre er es aber auch nicht geweſen, wie konnte ſie ihn angrei⸗ fen, wenn ſie nicht einen andern an deſſen Stelle zu ſetzen hatte? Man gelangte raſch in die große Allee. Man ſtieg aus; man ſorgte dafür, daß man nicht zu viel mit Grüßen und Seufzern beläſtigt wurde. Baptiſt wurde unter einem beliebigen Vorwand verabſchiedet. Man ſchickte ihn nach Madrid, um ein Stück Zucker zu holen. Der nothwendige Wagen fand ſich in der Ecke der Allee von Auteuil. Man ſtieg unbemerkt ein. Der Kutſcher begriff, daß dieſe vornehmen Damen ſehr preſſirt waren; er trieb ſein Pferd von 200 Franken in einen Trott, welchen die jungen Mecklen⸗ burger der Fürſtin keine zehn Minuten ausgehalten 110 hätten, während dieſe unglückliche Mähre drei Vier⸗ telſtunden lang nicht mehr hinaus kam. In dieſem neuen Wagen entwickelte Caliſte, trun⸗ ken von Einbildungskraft, ihrer erſtaunten Gefähr⸗ tin einen neuen Plan. Es handelte ſich darum an der Madeleine einen Commiſſionär zu finden, ihn zu gewinnen und zu Herrn von Bierges zu ſchicken, den er zu dem Wa⸗ gen bringen ſollte, wo die Damen ihn erwarten wür⸗ den. Dies war prächtig und ganz einfach. Der Commiſſionär wurde ohne Mühe von dem Kutſcher aufgetrieben. Während das Pferd ſeinen Hafer fraß, ohne ſich die Zeit zum Ausſchnaufen zu nehmen, wo⸗ durch es ein Maulvoll hätte verlieren können, gab man dem Commiſſionär alle möglichen wichtigen In⸗ ſtructionen, und der geſcheidte Savoyarde begab ſich mit ruhiger Miene nach dem bezeichneten Hauſe. Dieſe Diplomaten in flaſchengrünen Sammthoſen finden in keiner Staatskanzlei der Welt Ihresglei⸗ chen, wenn es ſich darum handelt eine ſchwere Laſt oder ein Geheimniß irgendwo hinzutragen. Während er ſeine Sendung vollbrachte, während der Kutſcher ſich mit den Armen unter die Achſel⸗ höhlen ſchlug und das Pferd fraß, wußten ſich die beiden im Wagen zuſammengekauerten Damen, die eine vor Aerger, die andere vor Ungeduld, kaum zu faſſen. Die Gräfin ſchaute häufig ans Fenſter. Caliſte bebte vor Aufregung; ſie würde vergeblich hingeſchaut haben; ſie ſah nicht mehr. Endlich erſchien am entgegengeſetzten Schlag von demjenigen, welchen Madame Gorthiany mit gierigem 111 Blicke überwachte, der Commiſſionär ganz plötzlich wieder; er war allein. „Dieſer Herr iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte er. „Man hat Euch doch befohlen eine Antwort mit⸗ zubringen,“ ſagte Madame Gorthiany,„eine Ant⸗ wort vom Bedienten.“ „Ich habe den Bedienten ſelbſt mitgebracht,“ ſagte der geniale Savoyarde. In der That ſtand der alte Joſeph mit ganz be⸗ ſtürzter Miene hinter ihm; er hatte ſeine griechiſche Mütze abgezogen, ſobald er einen Muff im Wagen bemerkte. „Nun, Herr von Bierges?“ fragte Caliſte ent⸗ ſchloſſen,„iſt er denn ausgegangen?“ „Ach, Madame,“ ſagte Joſeph,„nicht ausge⸗ gangen, ſondern weggereist.“ Die Fürſtin bebte von Kopf bis zu Fuß. „Wie, weggereist?“ fragte ihre Gefährtin mit einiger Aufregung. „Er iſt vor einer Viertelſtunde mit ſeinem Koffer auf der Nordbahn abgereist.“ Caliſte drückte krampfhaft die Hand der Gräfin. „Gut,“ ſagte ſie. Joſeph gruͤßte ehrerbietig und kehrte geſenkten Hauptes nach Hauſe zurück. XII. Ein tiefes, von beiden Seiten gut angewandtes Schweigen folgte im Wagen auf die Aufregung, die durch dieſe Nachricht hervorgebracht worden. 112 Madame Gorthiany faßte ſich zuerſt wieder. Nach einem ziemlich höhniſchen Blick auf ihre Gefährtin, die den Kopf in ihren Schleier vergraben hatte und alles Gefühl, alle Idee verloren zu haben ſchien, ſagte ſie: „Nun wahrhaftig, jetzt hat man Sie wieder ein⸗ mal hinters Licht geführt. Auf der Nordbahn! Was ſoll das heißen? Es ſind höchſtens drei Stunden, daß dieſer Herr mich verlaſſen hat. Welchen Ent⸗ ſchluß kann er gefaßt haben? Welche Erkundigungen kann er in ſo kurzer Zeit eingezogen haben? Er ſollte alſo annehmen, daß Ihr Gemahl mit der Nord⸗ bahn abgereist ſei? Und hat denn der Fürſt wirk⸗ lich dieſe Richtung eingeſchlagen? Sie ſelbſt wiſſen es nicht; wie ſoll Herr von Bierges es wiſſen? Iſt er etwa ein Hexenmeiſter? Sehen Sie, Caliſte, Sie dürfen ſich alſo wegen einer ſolchen Kleinigkeit nicht beunruhigen,“ fügte die edle Polin mit einem bos⸗ haften Lächeln hinzu, welches die Fürſtin nicht ſah, aber zu fühlen ſchien, denn ſie ſchauderte mehr als einmal, wie wenn ſie ſich unter einem verderblichen Einfluß befände. Als die Gräfin ſah, daß die Fürſtin nicht ant⸗ wortete und ſich nicht rührte, fuhr ſie fort: „Geſtehen Sie ſelbſt, daß wir große Kinder ſind, um uns durch dieſes Wort Nordbahn in ſolche Beſtürzung verſetzen zu laſſen. Dieſer junge Mann muß uns für ſehr dumm halten... Nordbahn?... Er hat alſo zu ſich geſagt: im Fall meine Großſpre⸗ chereien irgend eine Wirkung auf Madame Gorthiany hervorgebracht hätten, im Fall man mich verfolgen ließe, um irgend ein großes Unglück zu verhüten, 113 will ich ausſprengen, daß ich mit der Nordbahn ab⸗ gereist ſei. Dieſes Wort wird eine magiſche Wir⸗ kung auf Ruſſinnen hervorbringen— Nord!— Nor⸗ diſcher Koloß...“ fügte ſie mit großem Wechſel in ihren Tonarten hinzu.„Wer weiß, Caliſte, ob die⸗ ſer Eiſenfreſſer nicht ganz ruhig daheim ſitzt, ſeine Füße auf ſeinem Feuerbecken ſtehen hat und mit ſpöttiſchen Mienen den Bericht des alten Maulaffen anhört, der ſeinen Kammerdiener vorſtellt? Wer weiß, ob er nicht aus der Ferne durch eine aufge⸗ hobene Ecke des Vorhangs die maleriſche Silhouette Ihres Fuhrwerks und des Kutſchers bewundert, der ſich ſein Brod und ſeinen Käſe zu Gemüthe führt? Erwachen Sie doch, Caliſte, wir ſind noch nicht ganz verloren. Laſſen Sie uns ins Boulogner Wäldchen zurückfahren, um Ihren Wagen aufzuſuchen, denn es wird ſehr ſpät!“ Die Fürſtin erwachte wirklich aus ihrer Betäu⸗ bung, aber nur der Körper allein bewegte ſich. Die Augen behielten ihre nachdenkliche Starrheit, die Lippen öffneten ſich nicht. „Nun wohl, wenn Sie nicht denken und nicht ſprechen,“ rief die Gräfin mit verdoppelter Lebhaf⸗ tigkeit,„ſo werde ich das ganze Geſchäft beſorgen; alles was Sie zermalmt, ſchnellt mich empor: jetzt verſtehe ich das Wort: Nordbahn.“ Caliſte ſchlug die Augen gegen ihre Gefährtin auf und ſchaute ihr feſt ins Geſicht. „Mein Gott, ja,“ fuhr Madame Gorthiany fort, „ich erinnere mich, daß ich Herrn Chaudray einige Male von prächtigen Sachen ſprechen hörte, die Herr von Bierges ihm mit der Nordbahn zuſchicke. Die⸗ Maquet, Herzensſchulden. 8 3 1ʃ14 ſer junge Kriegsheld hat irgend eine Jagd in der Gegend und iſt ganz einfach auf die Jagd gereist.“ Bei dieſen Worten brach ſie in ein erzwungenes Lachen aus, um die Nerven der Fürſtin hinzureißen, denn man iſt, ſagen die Leute, entwaffnet, wenn man gelacht hat. Aber Caliſte lachte nicht, ſondern antwortete kalt: „Was Sie beruhigt, beſtärkt mich in meinen Befürchtungen. Herr von Bierges hat wirklich eine Jagd in der Gegend von Abbeville, ich weiß es; er geht oft hin. Aber ganz gewiß iſt er heute nicht genommen, um ſeine Abweſenheit zu bemänteln und ſeinen Vater zu beruhigen.“ Madame Gorthiany wollte ihre Freundin fragen, woher ſie jedes Detail in Armands Leben ſo genau kenne, aber die Fürſtin ließ ihr keine Zeit ihre Frage zuzuſpitzen. „ Alſo,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Gräfin in ihrer neugierigen Unruhe ließ,„alſo glaube ich ganz und gar nicht, daß Herr von Bierges mit der Nord⸗ bahn abgereist iſt.“ „Wo iſt er denn ſonſt?“ fragte Madame Gor⸗ thiany. „Ach richtig, das iſt's!“ ſagte Caliſte, die noch mit ſich ſelbſt zu Rathe zu gehen ſchien. „Wenn Sie es nicht wiſſen, meine Theure,“ fiel die Freundin mit heuchleriſcher Verbindlichkeit ein, „ſo kann ich Ihnen von keinem großen Nutzen ſein, denn ich kenne die Gewohnheiten dieſes jungen Man⸗ nes nicht ſo gut wie Sie.“ „offenbar,“ verſetzte Caliſte, ohne daß ſie es hingegangen und hat dieſe Jagd bloß zum Vorwand der Mühe werth fand von dieſem Stich Notiz zu nehmen,„offenbar wird der junge Mann dahin gehen, wo er den Fürſten treffen kann.“ „Man braucht alſo nur noch zu wiſſen, wohin der Fürſt gegangen iſt,“ erwiederte die Gräfin in herbem Tone. Nach einigen Secunden fragte Caliſte ſchüchtern: „Wiſſen Sie es nicht?“ „Ich!“ rief die Gräfin verwirrt,„wie können Sie denn glauben...?“ f Caliſte unterbrach ſie. 3 4 „Ich ſehe, daß ich die Erklärung nicht vermeiden kann, der ich ſo lange ausgewichen bin,“ ſagte ſie höflich, aber zugleich mit einer Feſtigkeit, welche die Gräfin beben machte. „Eine Erklärung?“ „Sie ſoll kurz und klar ſein. Sie werden ſie mir gütigſt ſo geben, wie ich ſie von Ihnen verlange, ohne Bitterkeit und Halbſagereien.“ „Türſtin... „Bewahren Sie Ihre ganze Kaltblütigkeit, denn Sie werden derſelben bedürfen,“ ſagte Caliſte.„Ma⸗ chen Sie den Schlag da feſt zu. Wir werden wohl thun ruſſiſch zu ſprechen, denn ich will nicht, daß uns Jemand hören kann. Gräfin, als ich den Herrn General Nowratzin heirathen mußte, der ſich ſo leb⸗ haft gegen meine Hand wehrte, welche der Kaiſer ihm reichte, da wurde ihm, hat man mir geſagt, ſeine Widerſetzlichkeit von einer Dame eingegeben, die er liebte und geheirathet haben würde.“ Die Gräfin machte eine lebhafte Bewegung. 116 Caliſte ergriff ihr Handgelenke, drückte es feſt und fuhr fort: „Nach meiner Verheirathung vernachläſſigte mich der Fürſt nicht bloß, ſondern er haßte mich. Man hat mir geſagt, auch das geſchehe auf Anſtiften einer Frau, die ſeine Geliebte ſei. Hören Sie mich an, Gräfin Gorthiany, Sie werden mir antworten, wenn ich zu Ende bin.“ Die Gräfin wurde bleich. „Freunde, die ſich für wohlunterrichtet ausgaben, denen ich aber niemals Gehör ſchenken wollte, er⸗ boten ſich mir dieſe Frau zu nennen und zu entlar⸗ ven. Ach, wozu denn? antwortete ich ihnen, ich liebe den Fürſten Nowratzin nicht, er hat ſogar die Achtung bei mir erſtickt; ich verlange Nichts als Ruhe und Stille von ihm. Und in der That, Gräfin, was fehlte mir denn in dieſer Welt? Nichts: ich bin jung, ſchön, reich, und genieße den Schutz unſeres Herrn; ich habe eine vortreffliche Freundin in mei⸗ ner Nähe, Sie, die Sie allen Bedürfniſſen meines Herzens genügen; Sie ſind auch die Freundin des Fürſten, und Sie haben mich, ich bin es feſt über⸗ zeugt, mehr als einmal gegen ihn in Schutz ge⸗ nommen.“ Die Gräfin wollte wenigſtens eine Silbe dazwi⸗ ſchenwerfen; aber es gelang ihr nicht. „Sie ſehen,“ fuhr Caliſte fort,„ob es mir an Charakterſtärke fehlt, da ich Ihnen ſo lange eine Sache zu verſchweigen wußte, die ich Ihnen heute offenbare. Ja, glauben Sie mirs wohl, ich beſitze Kraft und Muth, wenn es ſein muß. Aber ich ver⸗ brauche meinen Vorrath an Muth nicht in kleinen 117 Complotten und Klatſchereien. Wenn die Gelegen⸗ heit zum Handeln ſich einſtellte, ſo würde mein Herz um ſo mehr Thatkraft entwickeln, je weniger es vor⸗ her ermüdet worden wäre. Gott ſei Dank, dieſe Gelegenheit wird ſich, hoffe ich, niemals darbieten. Gleichwohl iſt heute Nacht ein ſehr tückiſcher Angriff gegen mich und meine Chre gerichtet worden. Sie kennen die näheren Umſtände deſſelben. Ihre Mei⸗ nung muß bereits feſtſtehen, wie die meinige. Als Sie mir heute früh auf meine Bitte einen Beſuch abſtatteten und, gerührt durch meine Niedergeſchla⸗ genheit, mich dadurch tröſten wollten, daß Sie mir die Unſchuld des Fürſten bewieſen, als Sie Alles auf dieſen jungen Mann wälzten, da ſagte ich Nichts zu Ihnen, ſondern ließ Sie ſprechen: ich befand mich nicht in meinen Augenblicken der Thatkraft. Ich habe damals Ihre Rolle vollkommen durchſchaut. Als Freundin meines Gatten konnten Sie ihn nicht bei mir verklagen; ſie mußten ihn ſogar vertheidigen. Iſt das Alles, was ich hier zu Ihnen ſage, logiſch? Iſt es wahr? Ja, ſehen Sie, darum habe ich Ihr Zartgefühl geſchont, darum habe ich Ihnen das ganze Abenteuer von heute Nacht erzählt, ohne ſchein⸗ bar zu ahnen, daß Sie es ebenſo gut wie ich, ja vielleicht noch beſſer wußten.“ Die Gräfin richtete ſich unter dieſem furchtbaren Peitſchenhieb plötzlich auf. „Was behaupten Sie, Caliſte?“ murmelte ſie, zum zweiten Mal außer alle Faſſung gebracht,„ich ſoll von dieſem Abenteuer wiſſen? Warum denn und wie?“ „Weil es die Wahrheit iſt,“ erwiederte die Fürſtin 118 mit aller Gelaſſenheit, indem ſie ſogar das Feuer ihrer ungeduldigen Augen dämpfte.„Läugnen Sie nicht zu viel,“ fügte ſie ſchnell mit einem Lächeln hinzu.„Heute früh oder beſſer heute Nacht, nach dem Weggang des jungen Mannes habe ich viel nachgedacht. Ich habe mir geſagt, daß der Fürſt nicht ſogleich und ohne Weiteres nach St. Peters⸗ burg zurückkehren werde. Ich vermuthete, daß er vorher noch Jemand um guten Rath anſprechen würde: wo konnte er ihn beſſer finden, als bei Ihnen? Wir müſſen doch ſehen, ſagte ich zu mir ſelbſt, ob er die glückliche Idee haben wird ſich an meine Freun⸗ din zu wenden; wir müſſen ſehen, ob er zu ihr gehen wird. Ich habe eine vertraute Perſon abgeſchickt, um vor Ihrer Thüre auf die Lauer zu ſtehen, und dies iſt mir vollkommen gelungen, denn zwanzig Minuten nach elf Uhr ſah man den Fürſten aus Ihrem Hauſe kommen.“ Obſchon die Gräfin alle Zeit gehabt hatte ihre Faſſung wieder zu erlangen, ſo konnte ſie doch nicht umhin unter dieſem letzten Anprall zu ſchwanken. Ihre Zunge gerieth ins Stocken, ihre Augen wur⸗ den wirr; ſie erröthete, ſie erblaßte; es war zum Erbarmen. „Ich weiß,“ fuhr Caliſte eifrig fort,„welche Entſchuldigung Sie vorbringen werden; der Fürſt hat Ihnen empfohlen mir ſeinen Beſuch zu verſchwei⸗ gen. Das iſt natürlich, ich hätte es auch ſo gemacht; auch habe ich Sie bloß darum bei Ihren kleinen Geheimniſſen zu ertappen geſucht, weil ich von Ihnen eine Gewiſſenscapitulation zu erlangen wünſchte... „Der Fürſt,“ ſtammelte die Gräfin,„iſt einer 119 Verſöhnung nicht ſo abhold, wie Sie glauben... er würde ſich leicht dazu beſtimmen laſſen, wenn ich überzeugt wäre, daß Sie Ihre Einwilligung geben würden...“ „Sprechen wir nicht davon,“ ſagte Caliſte mit Stolz.„Verſöhnung oder Feindſeligkeiten, ich ver⸗ achte Alles was von Herrn Nowratzin kommen wird auf gleiche Weiſe. Ich habe von ſeinem Beſuche nicht geſprochen, um zu erfahren, wie er gegen mich geſinnt ſei, ſondern um zu vernehmen, wo er iſt, was er thut und welchen Weg er ſich vorzeichnet. Auf dieſe Fragen, meine liebe Gräfin, verlange ich eine möglichſt beſtimmte Antwort von Ihnen. Da der Fürſt unter Ihrer Vermittlung unterhandeln will, ſo iſt es in der That unwahrſcheinlich, daß er Ihnen nicht eine Adreſſe gegeben haben ſollte, für den Fall, daß Sie ihm über das Ergebniß der Unterhandlun⸗ gen zu berichten hätten.“ Die Logik war ſo drängend, daß Madame Gor⸗ thiany ſich nicht mehr zurückzuziehen vermochte. Ca⸗ liſte ſah, wie ſie ſich auf ihre Antwort beſann: die Wahrheit, die ſo tief in dieſes abgrundſchwarze Herz zurückgedrängt war, konnte nicht ohne große Anſtren⸗ gung bis auf die Lippe heraufkommen. „Ehe Sie mir antworten,“ ſagte die Fürſtin mit Würde,„will ich Ihnen meine ganze Seele erſchlie⸗ ßen. Wenn der Herr Fürſt Nowratzin die Ueber⸗ rumplung von heute Nacht auszubeuten gedenkt, ſo werde ich mich zu vertheidigen wiſſen: ich beſitze gute Waffen gegen ihn und gegen Andere, das dürfen Sie mir wohl glauben. Dies iſt eine Rechnung, die ich ſpäter mit meinen Feinden abzumachen habe. Für 120 den Augenblick handelt es ſich nur darum Herrn von Bierges von der Gefahr zu erretten, in welche ſein Edelmuth ihn ſtürzt. Ich hege unendlich viel Achtung für dieſen jungen Mann; er iſt von meinem Gemahl, von meiner Freundin, von mir ſelbſt be⸗ leidigt worden. Er will ſich rächen und er hat Recht. Aber wenn ich ihn, ſo tapfer er auch ſein mag, mit Herrn Nowratzin den Degen kreuzen ließe, ſo würde ich eine Schändlichkeit, ein Verbrechen begehen: als Frau des Fürſten dadurch, daß ich das Leben mei⸗ nes Gemahls in Gefahr brächte; als tugendſame Frau dadurch, daß ich das Leben eines jungen Man⸗ nes gefährdete, der voll von Ehre und Biederkeit und zugleich die einzige Stütze, die einzige Liebe eines Greiſes iſt. Nein, Gräfin, niemals, und müßte ich mich ſelbſt ins Verderben ſtürzen. Ich werde Herrn Armand von Bierges zuerſt retten, dann aber werde ich ihn nicht mehr kennen. Wohin hat ſich der Fürſt zurückgezogen, als er von Ihnen wegging?“ Es war ſchwer das Entſetzen, die Ueberraſchung und Bewunderung der Gräfin zu ſchildern, während ihre Freundin ſich auf dieſe Art durch eine plötzliche Ver⸗ wandlung emporrichtete. Ei wie! Dieſe leidende, träge Natur verbarg alſo einen Charakter! Ei wie! So viele Geheimniſſe wurden unter dieſer ſpiegelglatten Oberfläche ausgebrütet! Der Gräfin ſchauerte bei dem Gedanken, daß ein einziges Wort, das Caliſte ihren drohenden Mittheilungen beifügen konnte, ſie zwingen mußte entehrt zu den Füßen ihrer Neben⸗ buhlerin niederzuſinken, und Caliſte hatte die Gro muth oder die Gewandtheit gehabt dieſes Wort z rückzuhalten. Was thun? Länger zu kämpfen war 121 unmöglich. Sie mußte augenblicklich und ohne Rück⸗ halt capituliren; ſie mußte ſich dem Sieger auf Gnade und Ungnade ergeben. Sie mußte ihm für die Mäßigung ſeiner Forderungen danken. Madame Gorthiany ſenkte ihr Haupt, mit dem Vorbehalt es ſpäter wieder emporzurichten. „Der Fürſt,“ antwortete ſie,„muß zum Ge⸗ ſandten gegangen ſein. Er hatte, wie Sie vielleicht wiſſen, zwei Freunde, Bamba und Tuffiatin, mitge⸗ bracht; dem Letztern hat er verſprochen, zwei Tage auf ſeinem Landhaus in Belle⸗Aſſiſe, bei Corbeil, zuzubringen.“ „Bei Corbeil?“ wiederholte Caliſte, die augen blicklich einen neuen Plan improviſirte. „Zwei Stunden von da. Dann wird er die Eiſenbahn nach Lyon nehmen, denn er begibt ſich in den Süden.“ „Vortrefflich, ich danke Ihnen, gute Zika.“ „Danken Sie mir nicht ſo ſehr, Fürſtin,“ ſagte die Polin;„denn ich habe Ihnen nicht das gegeben, was Sie haben möchten. Sie wiſſen jetzt, wo Sie den Fürſten finden können, aber Sie werden den jungen Mann nicht wiederfinden, und es iſt gerade, wie wenn wir Nichts gethan hätten.“ Caliſte hätte beinahe einen Schrei ausgeſtoßen, der ihrer Nebenbuhlerin einen Theil ihres Gedankens überliefert hätte, aber ſie ſchwieg. „Wer weiß?“ ſagte ſie.„Ich bin jetzt auf der Fährte, das iſt ſchon viel. Thun Sie mir den Ge⸗ fallen, liebe Freundin, und gehen Sie jetzt nach Hauſe. Meine Leute werden es müde geworden ſein im Wäldchen zu warten, und werden ſich alſo bei Ihnen —.,—ʒÿ:—.,.,.—; 122 nach mir erkundigen. Sie werden ihnen ſagen laſſen, daß ich bei Ihnen dinire und den Abend zubringe.“ „Aber Sie ſelbſt?...“ „Ich werde mich an verſchiedenen Orten erkun⸗ digen, wo ich Spuren zu finden hoffe. Gehen Sie, ſage ich, und erwarten Sie mich in Ihrem Hauſe. Sind Sie einverſtanden?“ „Ja, meine Liebe.“. „Behalten Sie unſern Wagen, ich bedarf ſeiner nicht,“ fügte Caliſte hinzu, indem ſie leicht wie ein Vogel auf das Boulevard ſprang und bald den Au⸗ gen der Gräfin entſchwand, die über dieſe Feſtigkeit, dieſe Kühnheit und die Kraft dieſer plötzlichen In⸗ ſpirationen im höchſten Grade verblüfft war. Sobald Caliſte unter der Menge allein war und ſich im Nebel des Abends verloren hatte, ſammelte ſie ſich wieder ein wenig. „So viel iſt gewiß,“ ſagte ſie zu ſich,„daß Herr von Bierges nicht ſo ſchnell abgereist iſt, ohne eine beſtimmte Idee und ein feſtes Ziel zu haben; er würde ſonſt geblieben ſein, um nähere Aufſchlüſſe zu erwarten. Er weiß alſo den Weg, den der Fürſt eingeſchlagen hat. Wie kann er ihn wiſſen? Das will ich für den Augenblick nicht unterſuchen, aber ich wollte darauf ſchwören, daß er ihn weiß. Ein Zufall hat genügt um ihn zu unterrichten. So oft doch die Ehre einer Frau oder das Leben eines Man⸗ nes auf dem Spiele ſteht, hat der Teufel immer 3 irgend einen kleinen guten Zufall in ſeinen Karten, um dieſe ſchöne Partie zu gewinnen. Ueberdies werde ich es auch erfahren; denn auch ich habe meine Idee, meinen Zweck, und auf einen Teufel andert⸗ halb.“ Sie verdoppelte ihre Schritte, um an die Laterne eines Journalverkäufers zu kommen, der ſeine Bude am Eingang der Rue Caumartin hatte. Sie kaufte ihm einen Fahrtenplan ab und durchlief ihn gierig beim Schein der beſagten Laterne. XIII. Man hat oft behauptet, die Leidenſchaft brauche die Vernunft nicht. Dies iſt eines jener albernen Paradoxen, die unmittelbar aus der Mythologie ſtam⸗ men, aus jener Zeit, wo man glaubte, daß Amor mit verbundenen Augen dahin fliege. Die Dinge haben ſich gewaltig verändert, ſeit Cupido kein Gott mehr iſt. Nichts räſonnirt richtiger und ſtärker als ein Hirn, das von der Liebe in Beſitz genommen iſt. Es gibt da ſo viele Gefahren zu vermeiden, ſo viele Freuden zu erreichen, daß ein mittelmäßiger Geiſt ſich ſchon einzig und allein durch die Inſtincte der Selbſterhaltung und der Wohlfahrt verzehnfachen muß. Caliſte war kein mittelmäßiger Geiſt. Sie hatte auf den erſten Schlag den Marſch und die Gegen⸗ märſche des flüchtigen Armand errathen. Dieſer war bei ſeiner Rückkehr von der Gräfin unter pie väterlichen Klauen gefallen. Vergebens i in ſeinem Zorn alle Arten von blutdürſtiger Narrheit aus. Herr von Bierges, der Rath, ſtimmte 124 dieſe Wuth zu einem bloßen Schaum herab, indem er ſeinen Sohn zur Baronin Chaudray führte, um ihr zu danken und ſie zugleich aller weiteren Be⸗ mühungen um dieſe Heirath zu entbinden, die eben⸗ ſo ſchnell mißlungen als auf die Bahn gebracht wor⸗ den war. Seltſames Spiel des Verhängniſſes! Dieſe drei Perſonen plauderten kaum ſeit zehn Minuten mit einander, und Armand dachte bereits auf ſeinen Rück⸗ zug, als der Baron ganz lärmend hereinſtürmte mit Journalen, Bildern, Glaswaaren beladen und irgend eine aus Auſtralien importirte Heilwurzel kauend, von der er behauptete, er werde mit ihr bald in ganz Frankreich den Tabak und alle Bruſtmittel zu⸗ ſammen verdrängen. Nothwendig ſtörte er das bischen Unterhaltung, was zwiſchen dieſen drei Perſonen noch abzumachen war, und warf in die Kreuz und Quer mehr als zwanzig Nachrichten und ebenſo viele Fragen, auf die er keine Antworten verlangte, hinein. Die Baronin ihrerſeits, die ihn langſam kauen ſah, fragte, was er denn kaue? „Es iſt dies eine zucker⸗ und gummihaltige Pflanze, die der Admiral Bamba mir geſchenkt hat. Koſten Sie das Ding einmal, Herr von Bierges!“ Man wollte wiſſen, wo er den Admiral Bamba geſehen hatte; er antwortete: bei dem Grafen Tuffia⸗ 1 6 tin; dann ſtieß er auf einmal weiter in die Trompete und ſagte: „ Und Tuffiatin? Mit wem glauben Sie wohl, daß ich ihn bei dem Geſandten getroffen habe? Rathen⸗ e ee htn Sie einmall 4 —— 125 Es gehörte zu den Manien des Gelehrten, daß er Alles errathen laſſen wollte, was ihm durch den Kopf fuhr. Manchmal verſuchte es die Baronin aus Gefälligkeit. An dieſem Tage wollte ſie nicht. „Mit Nowratzin,“ ſagte Chaudray, ohne zu be⸗ merken, wie Armand auffuhr. Die Baronin und der Rath, die hellſichtiger waren, betrachteten den jungen Mann, der ſeine Nägel in ſein Fleiſch eingrub und lieber den ganzen Pack gummihaltigen auſtraliſchen Graſes verſchlungen als eine einzige Muskel ſeines Geſichtes verzuckt hätte. „Nowratzin,“ ſagte darauf die Baronin,„der Fürſt Nowratzin!“ „Bſt,“ machte der Baron. „Er iſt in Paris?“ fuhr Frau von Chaudray ort. „Bſt, bloß auf der Durchreiſe.“ „Die Sache iſt alſo ſehr geheimnißvoll,“ fiel die Baronin ein,„da die Fürſtin erſt geſtern ſagte, er werde noch drei Monate ausbleiben.“ „Er hat ſie heute Nacht wie eine Waldtaube überraſcht,“ ſagte der Gelehrte,„und iſt heute früh wieder abgereist. Er geht auf zwei Tage mit Tuf⸗ fiatin nach Belle⸗Aſſiſe, um zu jagen. Sie haben mich eingeladen. Von da reist er nach Marſeille. Eine geheime Sendung.“ „Belle⸗Aſſiſe?“ fragte Armand,„das iſt... „In der Nähe von Corbeil, auf der andern beite des Waſſers,“ verſetzte der Baron.„Ein auberiſcher Aufenthalt.“ 126 Der Rath hob die Sitzung auf; ſein Sohn that das Gleiche. „Nun wohl, Herr Baron, es ſtand in den Ster⸗ nen geſchrieben, daß Sie Wildpret erhalten ſollten,“ ſagte Armand zu Herrn Chaudray,„denn ich will auch auf die Jagd gehen, und Sie ſollen übermorgen einen ſchönen Geflügelkorb erhalten.“ „Wie? Du verreiſeſt?“ ſagte der Vater,„Du haſt mir doch Nichts davon geſagt.“ „Ich habe es vergeſſen, lieber Vater. Sollte es Dir etwa unangenehm ſein?“ 3 „Nein, das iſt mir nicht unangenehm,“ antwor⸗ tete der Rath mit einem Seufzer, welcher der Barv⸗ nin galt. Dieſe reichte Armand ihre Hand, welche der junge Mann zum Dank für ſo viel Großmuth drückte und küßte. Einige Augenblicke ſpäter waren Vater und Sohn— nach Hauſe zurückgekehrt. Es war drei Uhr, Ar⸗ mand beſtellte ſeinen Koffer und ſchickte nach einem Wagen. 5 Dieſe plötzliche Abreiſe erregte bei dem Rath weder Verwunderung noch Verdruß. Joſeph allein war unruhig darüber, aber was konnte er machen? Als Armand ſah, daß ſein Vater nicht den ent⸗ fernteſten Argwohn hatte, entwarf er in einigen Minuten den Plan zu dem kleinen Drama, das er auf den folgenden Tag vorbereitete.— Den Weg nach Corbeil einſchlagen, dort üben nachten; Herrn Nowratzin, ſobald er erwachte, Billet zuſchicken; dieſes Billet höflich genug ei ten, um einen Widerruf zu erlangen, wenn der 8 127 ner loyal war; kräftig genug, um ihn auf das Ter⸗ rain herbeizuführen, wenn er Muth beſaß; einen Offizier der Garniſon zum Secundanten nehmen und nach einem Kampf, der dem Ruſſen ewig im Gedächt⸗ niß bleiben ſollte, wohlbehalten oder verwundet nach 3 Paris zurückkommen: dies war der Plan des Actes; die weiteren Ausführungen, Ausſchmückungen oder Zuthaten ad libitum.. Armand begab ſich zuerſt zu Gauvain, um ein Paar gute, kurze und feine Degen zu holen, die er in Stroh verpacken und wie einen Haſen oder Hecht in einen langen Korb legen ließ. Als es dann auf der Salpetriere fünf Uhr ſchlug, ſtieg er im Cor⸗ beiler Bahnhof ab. Es läutete gerade zur Abfahrt; der Bahnbeamte rief ihm zu, er ſolle ſich tummeln; er ließ dem Kut⸗ ſcher das Fünffrankenſtück, winkte einem Bahnwärter, . daß er ſeinen Koffer nehmen ſolle, und begann nach 1 der Thüre zu eilen, als auf der letzten Stufe der Freitreppe ein Hinderniß ihn aufhielt. Es war eine keige Hand, die ſich auf ſeiner Bruſt zuſammen⸗ egte. „Einen Augenblick, ich bitte um Alles,“ ſagte eine verſchleierte Dame zu ihm. „Ah, mein Gott,“ verſetzte er, erblaſſend beim Ton dieſer Stimme.— „Aber, Madame,“ rief der Beamte,„Sie ſind Schuld, wenn der Herr zu ſpät kommt.“ BAahl die Glocke ertönte noch einmal. Die Pforte erſchloß ſich. Armand hatte ſich, mit ſeinem Korb der Hand, nicht vom Platze gerührt, Die Wirkung, welche dieſe magiſche Erſcheinung auf Armand hervorbrachte, enthüllte der Fürſtin die ganze Kühnheit des Schrittes, den ſie ſo eben ge⸗* than hatte. Eine Art von Ungeduld, die in einem ſolchen Falle ganz natürlich iſt, bemächtigte ſich ihrer und verrieth ſich durch ein Nervenzucken, dem ſie nicht einmal Einhalt zu thun verſuchte. 4„Mein Herr,“ ſagte Caliſte,„man gafft uns hier wie fremde Thiere an; ich bitte Sie, verlaſſen wir den Bahnhof ein wenig.“ Sie begann ihm voranzugehen, indem ſie aufs Gerathewohl hinſchritt. Sie ging am Ende der Straße hin, die zum Boulevard de la Salpetriere führt. Armand, der alle Faſſung verloren hatte, gab ſeinen Korb dem Bahnwärter, um ihn zu ſeinem Koffer zu legen, und ging dann mit ſchnellen Schrit⸗ ten der Fürſtin nach, deren kleine Füße in ihren pelzgefütterten Stiefelchen ärgerlich den trockenen und hallenden Boden ſtampften. Caliſte ſchritt geſenkten Hauptes dahin; man hätte glauben können, ſie fliehe, nachdem ſie ſich ſo ſehr geſehnt hatte. Man kam am Jardin des Plan⸗ tes vorüber; man erreichte das Quai bei der Brüce von Auſterlitz. Wenn man in einer ſolchen Stunde zur Winters⸗ zeit den allgemeinen Weg verläßt, der aus der Stad nach der Eiſenbahn führt, ſo iſt die ganze Gegen wie ausgeſtorben. Das Quartier auf dem lir Ufer führt nirgends hin. Das Entrepot, das 129 * mittelbar nach dem Jardin des Plantes kommt, iſt verlaſſen; da und dort geht ein ſchweigſamer Auf⸗ ſeher wie ein Geſpenſt hinter den Gitterthoren vor⸗ über. Zur Rechten in der Nähe der Bruſtwehr, die . ein breites Trottoir hat und in dieſer Jahrszeit ſenk⸗ recht in den angeſchwollenen Fluß hinabgeht, kom⸗ men nur ſehr wenig Leute vorüber; aber die Aus⸗ ſicht iſt ſo prachtvoll, Paris präſentirt ſich auf dieſer Seite ſo glänzend, daß ein Spaziergang auf dieſem Quai einen äußerſt intereſſanten Anblick darbietet: beſonders bei Nacht, wenn die erſten Strahlen des Mondes die Thürme von Notre⸗Dame und den hin⸗ tern Theil der Inſel verſilbern, wenn die Seine in ihrer Umbiegung gegen den Süden, ein unermeß⸗ licher glänzender Waſſerſpiegel, nach dem in durch⸗ ſichtige Nebel gehüllten Horizont ſich zuzieht. Caliſte dachte nicht daran dies Alles zu bewun⸗ dern. ie ſuchte ihr erſtes Wort, das nach einem ſolchen Stillſchweigen eine große Verlegenheit ſein mußte. Armand, der hinter ihr her ging und tau⸗ ſend mehr oder minder vernünftige Muthmaßungen in ſeinem Haupte wälzte, dachte eben ſo wenig daran das Geſpräch zu eröffnen. Endlich entſchloß ſich die 3 Fürſtin nicht ohne verdoppelten Unmuth. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„ich muß Ihnen durch⸗ aus meine ſeltſame Erſcheinung dahier erklären. Nicht wahr, Sie werden mir jede unnütze Frage er⸗ ſearen und mir erlauben mich frei auszuſprechen? ch habe das Geſpräch erfahren, das Sie mit der Frau Gräfin Gorthiany hatten, und weiß alſo, daß man Sie in Betreff meiner Geſinnungen gegen Sie Maguet, Herzensſchulden. 9 X 130 irregeführt hat. Es ſchien mir, daß Ihre übrigens ziemlich heftige Unzufriedenheit, die Sie durch nicht minder heftige Drohungen kundgethan haben, ihre Quelle in einem ſcheinbaren Recht von Ihrer Seite habe. Sie glauben ſich durch meine Zweifel und den Verdacht der Gräfin beleidigt. Ich komme, um* dieſe Beleidigung wieder gut zu machen. Ich komme, um Sie zu verſichern, daß ich nicht an Ihre Schuld glaube; genügt Ihnen dieſe Erklärung, mein Herr, und erhält ſie nicht einen gewiſſen Werth durch die mehr als unüberlegte Eilfertigkeit meines Schrittes?“ 1 Armand verbeugte ſich. Die Fürſtin ging lang⸗ ſam, als wünſchte ſie die Antwort beſſer hören zu können. „Wahrhaftig, Madame,“ antwortete der junge Mann, auf welchen der eiſige Ton dieſer Worte kei⸗ neswegs den Eindruck hervorbrachte, der durch den Sinn der Worte ſelbſt erzielt werden ſollte,„Ihre muthvolle Initiative erfüllt mich mit dem innigſten Danke.“ „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte Caliſte, die immer kälter und hochmüthiger wurde,„da Sie die Güte haben die Bedeutung meines Schrittes anzuerkennen, ſo brauche ich Ihnen nicht zu erklären, wie ſehr Ihr Plan meine Chre und meine Zukunft bloßſtellen* würde. Sie werden auch begreifen, daß Ihre Dro- hungen in Betreff eines Rencontre mit dem Fürſten mir nicht erlaubten neutral und unthätig zu blei⸗ ben. Der Fürſt iſt mein Gemahl; was wuͤrde i nicht gethan haben, um ſein Leben zu ſchützen! Ohn Zweifel haben Sie bei dieſem Racheplan nicht a die Folgen gedacht, die ſeine Ausführung für mich ³ und für Sie ſelbſt haben müßte. Ich würde dadurch der Schmach eines öffentlichen Scandals und dem Zorn des Kaiſers ausgeſetzt. Sie würden ſich ohne erheblichen Grund in eine ungeheure Gefahr ſtürzen ... aber ich habe genug geſagt; mein Benehmen hat lauter geſprochen als ich. Sie geſtehen ſelbſt, daß es ſeine Verdienſtlichkeit hat, und Sie haben das Wort Dank ausgeſprochen. Das iſt Alles was ich erwartete.“ Nach dieſer Anſprache, deren Wirkung ſie für ganz unzweifelhaft hielt, ſah Caliſte den jungen Mann von der Seite an und mußte jetzt ſtaunen über die traurige und zugleich feindſelige Haltung, die er bewahrt hatte. Sie hatte ſich ſelbſt befriedigt, aber ſie hatte den Geiſt verletzt, den ſie beugen wollte. Dies iſt gerade das Umgekehrte von dem, was Quintilian den Rednern empfiehlt. Noch allzu befangen, um dieſe Lage recht beurtheilen zu können, legte die Fürſtin ihren harten Ton nicht ab, und ſagte zu Armand, der nicht antwortete: „Nun, mein Herr, ſind Sie nicht überzeugt? Ihre Antwort?“ genheit, einige edle Gedanken, einige Schwünge des Herzens auszutauſchen, ſich vielleicht nie wiederfin⸗ 132 4 den würde. Er erſtickte einen Seufzer, der ſeine Schwäche verrathen hätte, und da die Barſchheit der Frage ihn gänzlich ernüchterte, antwortete er wie folgt: „Madame, das Wort Dank, deſſen ich mich be⸗ dient hatte, war, wie ich ſehe, etwas übertrieben. Ich glaube mich zu keinem Dank gegen Sie ver⸗ pflichtet. Ihr Benehmen verräth allerdings einen gewiſſen Muth, und Sie mußten, um mich auf dieſe Art zu finden, viele Anſtrengungen machen, die ich mehr bewundern würde, wenn dieſelben nicht lediglich Ihr eigenes Intereſſe und das Intereſſe Ihres „Herrn Gemahls zum Zweck hätten. Was Ihr eige⸗ nes Intereſſe betrifft, ſo will ich mir das gefallen laſſen. Sie verflichten mich, wenn Sie es in die Hand nehmen. Das Intereſſe des Fürſten Nowra⸗ tiin liegt mir weniger am Herzen. Erlauben Sie mir, Madame, daß ich mich aufrichtig ausſpreche. Der Herr Fürſt Nowratzin hat mich zum Schauſpie⸗ ler bei der Myſtification, die er zu ſeinem Beneſiz aufführte, auserſehen. Er hat einen Hampelmann aus mir gemacht. Dieſe Rolle iſt meinen Fähigkei⸗ ten nicht angemeſſen. Ich ſehe nicht, warum Ihr Herr Gemahl, wenn er ſich wohl dabei befunden, wenn er ſich gut dabei amüſirt hat, den Spaß nicht neuen angenehmen Zuthaten, mit Gendarmen oder einer tüchtigen Prügeltracht als Endentwicklung. Ich wünſche lieber, daß die ganze Sache ein Ende nehme. Allerdings wird der Handel einigen Lärm muer 6 chen, Madame, und Ihr Intereſſe kann darunter meinige, daß ich an meine Chre denke, da Sie es leiden, aber erlauben Sie gütigſt, daß ich an das „1 5 in vierzehn Tagen von Neuem anfangen ſollte, mit* 133 nicht der Mühe werth gefunden haben ſie zu erwäh⸗ nen. Was die Gefahren betrifft, die Sie mir zu bezeichnen beliebten, ſo bin ich nicht einfältig genug zu glauben, daß Sie auf ein ſolches Argument gro⸗ ßes Vertrauen ſetzen; die Gefahr würde mich im Gegentheil zu dem Entſchluß hinziehen, den Sie mir abrathen. Und dann beruhigen Sie ſich. Wenn der Herr Fürſt Nowratzin Militär iſt, wenn er die Waffen zu führen verſteht, ſo ſtehe ich ihm in dieſer Beziehung keineswegs nach; ich führe den Degen ſo gut wie irgend einer; ich werde mich vertheidigen, ſeien Sie ruhig!“— Caliſte erſah an dem erbitterten Tone des jun⸗ gen Mannes, ſo wie an der Derbheit ſeiner Antwor⸗ ten, wie viel Terrain ſie durch einen unglücklichen Anfang verloren hatte. Dieſe nervige, feſte Natur Armands mußte geſchont werden und man durfte ſie nicht verletzen. Sie bereute, aber es war zu ſpät. „Sie ſind alſo abermals im Zorn, mein Herr,“ ſagte ſie.„Wahrhaftig, Sie ſind ſehr reizbar und ich verſprach mir von meinem Benehmen gegen Sie etwas Beſſeres. Aber Ihr Unmuth kann unmöglich aufrichtig gemeint ſein, und das will ich Ihnen be⸗ weiſen. Entweder iſt der Fürſt der Urheber der Myſtification, und dann glaubt er nicht an Ihre Schuld; oder er iſt es nicht und kann Sie anklagen. Im erſtern Fall iſt der Schimpf mir angethan, wenn Sie es nicht anders als Beleidigung anſehen ſollten für den Gegenſtand meiner Bevorzugungen gehalten zu werden. In der zweiten Hypotheſe aber müſſen Sie offenbar einem Gemahl, der Morgens drei Uhr einen jungen Mann bei ſeiner Frau findet, Alles 134 5 verzeihen. Wahrhaftig, ſeien Sie aufrichtig, iſt un⸗ ter ſolchen Umſtänden wirklich Veranlaſſung zu einem Duell vorhanden?“ „Ich nehme dieſe doppelte Hypotheſe an,“ ver⸗ ſetzte Herr von Bierges lebhaft,„und antworte dar⸗ auf. Wenn Ihr Herr Gemahl als Urheber der Myſtification mich ruhig bleiben und dieſe ſchändliche Beleidigung verſchlucken ſieht, ſo unterliegt es keinem Zweifel, daß er mich entweder für einen niederträch⸗ tigen Feigling oder für Ihren Liebhaber hält, Ma⸗ dame. Wenn er mich ſchuldig glaubt, wenn er denkt, ich habe mich vermittelſt eines vielleicht von Ihnen erhaltenen Schlüſſels in Ihr Boudoir eingeſchlichen, ſo iſt es meine gebieteriſchſte Pflicht ihn aufzuſuchen und ihm meine und Ihre Unſchuld zu beweiſen. Dies iſt mein Plan und mein unerſchütterlicher Wille; ſonſt ſind wir beide, Sie und ich, entehrt, ſo lange ich nicht einen förmlichen vom Fürſten unterzeichne⸗ ten Widerruf erhalten habe, der die ganze Wahrheit ausſpricht. Dieſen Widerruf werde ich die Ehre haben Ihnen anzubieten; Sie werden ihn wie ein koſtbares Juwel in Ihren Schrein verſchließen; er kann 4 Ihnen vielleicht nützen, wenn Ihr Gemahl, der Ihnen ſicherlich dieſe Falle gelegt hat, irgend eine neue 1 Perfidie verſuchen ſollte, und dann, Fürſtin, werden Sie, ſtatt gegen mich aufzubrauſen, ſtatt mich zu verleumden, wie Sie vielleicht im Grunde des Her⸗ zens thun— o, ich laſſe mich in Betreff der Re⸗ gung, welche Sie zu mir führte, nicht täuſchen!— dann, ſage ich, werden Sie, ſtatt bei der Erinnerung an mich wie bei der Berührung eines widerwärtigen Thieres zu ſchaudern, zu ſich ſelbſt ſagen: ich war * 135 gegen Herrn von Bierges ungerecht geweſen, er hat mir für eine Beleidigung einen Dienſt geleiſtet; er iſt ein Mann von Chre. Dies iſt Alles, Madame, ich verlange nicht mehr, aber dieſe Genugthuung werde ich haben.“ Je mehr er ſprach, um ſo tiefer drang ſeine innige Stimme zu Caliſtens Herzen und ſchmelzte das er⸗ borgte Eis— armſelige Wälle, welche ſie mit großer Mühe aufgeführt hatte. „Ich verleumde Sie nicht,“ murmelte ſie,„und Sie ſollten mir dieſen Vorwurf nicht machen. Hätte ich es aber gethan, ſo würde ich es jetzt, da Sie ſo zarte und hingebungsvolle Geſinnungen ausſprechen, ſehr bereuen... Aber, mein Herr, gerade dieſe Ge⸗ ſinnungen verpflichten Sie; da Sie für mich arbei⸗ ten, ſo befragen Sie mich über mein wahres Intereſſe. Ich kenne es beſſer als irgend Jemand. Eine Frau weiß recht gut zu urtheilen, wenn es ſich um ihren Ruf handelt. Mein Herr, ich erſuche Sie dringend Ihre Pläne mir zu opfern. Verzichten Sie auf jede Erklärung mit dem Fürſten oder ich bin zu Grunde gerichtet... und von Ihnen zaorunde gerichtet! Kann das Ihre Abſicht ſein??“ Sie hatte ſich ihm genähert, das heißt, ſie war am Rande der Bruſtwehr ſtehen geblieben und ließ den Wind vom Fluſſe her ihren Schleier gegen Ar⸗ mand treiben, deſſen Geſicht er umkoste, während ihr von ihrer eigenen Wärme noch lauer Mantel eine ganze Schulter des jungen Mannes umhüllte. „Gott behüte mich,“ antwortete er, bis in die tiefſte Seele erſchüttert,„aber Sie täuſchen ſich, Madame, und Sie haben ein ſchlechtes Urtheil über Ihr In⸗ 136 tereſſe, ja ſogar über Ihre Ehre. Ich glaube, daß dieſer Kampf, worin ich der Angreifer ſein werde, meine Unſchuld klar darlegen muß, denn Sie würden ihn verhindert haben, wenn Sie das mindeſte Recht auf mich beſeſſen hätten. Nach dieſem Handel wird Herr Nowratzin, der darin nicht unterliegen wird, hoffe ich— und ich auch nicht— heilſame Betra gen anſtellen und ſich meiner nicht mehr jenen, um Sie zu quälen, wie er es im Sinne hat. Wenn ich mich ruhig verhalte, ſo wird er Sie beſtändig mit mir bedrohen. Iſt dies eine zuläßige Lage? Habe ich nicht bereits genug gelitten und bleibt mir nicht noch genug zu leiden übrig?“ Caliſte richtete ihr Haupt wieder auf; ihr unter dem dichten Schleier erloſchener Blick ſchien Armand über die Art der Leiden zu befragen, die er vorher⸗ ſah. In dieſer ſtummen Frage lag etwas innig Vertrautes, was dem jungen Manne Muth machte; er machte eine Anſtrengung und wandte ſein Haupt ab, um ſeine Aufregung zu verbergen. „Ja, Madame,“ ſagte er mit erſtickter Stimme, „ich werde ſchmerzlich leiden: das was Herr Nowra⸗ tzin mir angethaff hat, wird Folgen haben, die auf mein ganzes Leben wirken können. Wer ſagt mir, daß ich, der ich Ihnen überall begegnete, der ich Sie aufſuchte und Ihnen folgte, wie der Körper der Seele folgt, wer verbietet mir zu glauben, daß ich nicht durch Geduld, Ehrerbietung und zarte Aufmerk⸗ ſamkeiten es endlich dahin gebracht hätte Ihre Augen und Ihren Gedanken auf mich zu lenken und zum Dank für eine loyale, reine Hinneigung Ihre Freund⸗ ſchaft zu erwerben? Um es kurz zu ſagen Madame, — 8* 137 à. dies war mein Traum. Was hat die Brutalität Ihres Gemahls daraus gemacht? Ich bin jetzt lä⸗ cherlich, ich bin verachtet! Sie haben nicht mehr das Recht mich bei Ihnen zu empfangen, ſeitdem der Vervath mich verſtohlener Weiſe zu Ihnen ge⸗ führt hat. Wenn der Fürſt mich da träfe, welchen Empfang würde er mir bereiten? Noch mehr, ſelbſt in der vornehmen Welt, in einem ganz neutralen Salon, was würde er ſagen oder thun, wenn er mich an Ihrer Seite ſitzen ſähe, wenn er ein Lächeln von Ihren Lippen überraſchte... Aber, Madame, dieſer Gedanke allein ſchon erſchreckt Sie und mich bringt er zur Wuth... Welch ein furchtbarer Feind iſt nicht dieſer Mann, deſſen machiavelliſche Liſt mich für immer von Ihnen trennt und mir ſogar verbie⸗ tet Sie zu grüßen, wenn ich Ihnen begegne! Iſt das nicht ein gewandtes Manöver, Madame, und ver⸗ dient es nicht den Lohn, den ich ihm zudenke? Ha, wenn ich mir dieſe Rache, den einzigen Erſatz für alle Güter, die ich verliere, für alle Leiden, die mich erwarten, verſagen müßte, wenn Sie darauf beſtän⸗ den mich zurückzuhalten, ſo würde ich Sie noch grau⸗ ſamer nennen als meinen Feind ſelbſt. Jetzt, Ma⸗ dame, iſt es nicht mehr der hochmüthige Mann, der Mann von alltäglicher Empfindlichkeit, der zu Ihnen ſpricht. Ich habe Ihnen meine ganze Seele erſchloſſen. Beſchimpft, verhöhnt, bedroht, würde ich Alles ver⸗ geſſen, wenn in dieſem beklagenswerthen Herzen ein einziger Punkt übrig bliebe, welchen der Schmerz und die Verzweiflung reſpectirt hätten. Aber warum Leute ſchonen, die mich zermalmen? Ich verliere Sie, das iſt ſicher. Laſſen Sie mich mit bitterem 138* Groll ein berühmtes Dictum parodiren: nach Ihnen, Madame, das Ende der Welt!“.. Caliſte, die einen furchtbaren Kampf kämpfte, wandte ſich ebenfalls ab, und ihre Seelenangſt ver⸗ rieth ſich durch ihre Bläſſe, ſowie durch das Zittern ihres ganzen Leibes. Nichts verhinderte Armand zu zweifeln, daß ſie vor Zorn ſo zittere. Auf einmal richtete ſie ſich wieder auf, legte eine Hand auf den Arm des jungen Mannes, welcher zuſammenſchauerte, und ſagte, indem ſie ihrer von tauſend Seufzern gebrochenen Stimme einige Sicher⸗ heit zu geben verſuchte: „Mit einem Wort, ich bin gekommen, um Ihnen einen Wunſch, eine Bitte vorzutragen; iſt es wahr, daß Sie mir's abſchlagen? iſt es möglich?“ Armand, deſſen Herz ſo heftig ſchlug, daß kein Wort zu ſeinen Lippen hätte gelangen können, ver⸗ beugte ſich ſtatt aller Antwort ſehr tief. Jetzt ließ ſich Caliſte durch einen unwiderſtehlichen Drang hinreißen und zog ihre Hand zurück, die den Unglücklichen brannte. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„es ſcheint, daß ich kein Recht hatte Jyre Einwilligung zu erzwingen; hätten Sie mir ein ſolches zuerkannt, ſo würden Sie ſich nicht mit dem Fürſten ſchlagen. Sie haben es ſo eben ſelbſt geſagt. Nun wohl,“ fügte ſie hinzu, in: dem ſie ihr Armband losmachte und es dem jungen Mann hinbot,„nehmen Sie dieſes Medaillon hier, es iſt mein Porträt, das ich gezeichnet habe, wie ich das Ihrige gezeichnet hatte. Nehmen Sie es und gehen Sie mit dieſem Bild auf dem Herzen hin, um 139 meinen Gemahl zu tödten oder ſich von ſeiner Hand tödten zu laſſen. Leben Sie wohl!“ So ſprechend entfloh ſie und Armand blieb, trun⸗ ken von Allem, was er ſo eben gehört hatte, ſtehen, aber ein Strahl von Vernunft belebte ihn wieder. Er lief ihr nach und warf ſich vor ihre Füße. „Ich werde wie Ihr Sclave gehorchen,“ ſagte er,„aber nehmen Sie dieſes Medaillon zurück, denn Sie lieben mich nicht.“ Er bot ihr das Armband hin. Sie hob ihren Schleier, um ihre Augen aufzudecken, aus welchen ein himmliſcher Strahl auf den knienden Armand niederfiel. Dann aber, und ohne die zitternde, gegen ſie ausgeſtreckte Hand zurückzuſtoßen, erſtickte ſie einen kurzen Freudenſchrei, entfloh von Neuem und ver⸗ ſchwand. Als Armand ſich wieder aufrichtete, und dieſe goldenen Gelenke zwiſchen ſeinen Fingern zuſammen⸗ klapperten, hätte er glauben können, er erwache aus einem ſchönen Traum. XV. 8 Noch am ſelben Abend meldete Caliſte der Gräfin Gorthiany, daß ihre Bemühungen mit Erfolg gekrönt worden ſeien. Da die getreue Freundin ſah, daß man jedes Detail wegließ, ſo hütete ſie ſich wohl um nähere⸗Aufſchlüſſe zu fragen. Im Ton und in der Haltung der Fürſtin lag etwas Abgemeſſenes und Feierliches, woraus die 85 140 Polin weit mehr entnahm, als man ihr hätte ſagen können. Als die Fürſtin von der Tafel aufſtand, wo ſie nichts Anderes als etwas gezuckerten Wein über den Mund gebracht hatte, ſchüttelte ſie fieberiſch die Träu⸗ merei ab, die ſie mit allen ihren Bemühungen nicht hatte überwinden können. „Liebe Zika,“ ſagte ſie,„Sie ſind heute ſehr gut gegen mich geweſen, und Sie dürfen mir glauben, daß ich das nicht vergeſſen werde. Nachdem dieſe große Gefahr durch Ihre Beihilfe umgangen iſt, habe ich künftig Nichts mehr zu fürchten, und das Leben tritt mir ganz neu vor die Augen.“ Als ſie dieſe letzten Worte ſpra, erſtrahlte ihr Geſicht unwillkürlich.. Es gibt kein Leiden, welches ſtarke Herzen nicht zu verbergen vermöchten. Aber kein ſterbliches Herz iſt ſtark genug, um den Abglanz der göttlichen Flamme zu verdecken, die man glückliche Liebe nennt. Im Augenblick, wo Caliſte von ihrer Freundin Abſchied nahm, murmelte dieſe, welche die große Nachricht auf ihrem Geſichte las, lächelnd mit dem Scharfblick des Haſſes: „Die Gefahr, welche ſie vermieden glaubt, be⸗ ginnt jetzt erſt. Und dieſe Frau, die ſich nicht von Andern zu Grunde richten laſſen wollte, wird ganz ſicher ſich ſelbſt zu Grunde richten.“ . 141 XVI. An demſelben Abend, während man Armand von Bierges auf die Jagd abgereist glaubte, ſtieg Madame Chaudray in ihren Wagen, um Fräulein Dampmesnil die definitive Antwort zu bringen, welche der Rath in Armands Namen ihr im Verlauf des Tages ertheilt hatte. Die Baronin hatte ſich durch die mehr oder min⸗ der geſchickten Ausflüchte des jungen Mannes irre⸗ führen laſſen und ſich aus eigenen Mitteln keine Ueberzeugung zu ſchaffen gewußt. Alles was klar und deutlich aus der Unterhaltung hervorging, be⸗ ſchränkte ſich darauf, daß Armand nicht heirathen wollte. Frau von Chaudray kündigte es Lucienne ohne Vorbereitung an. Dieſe empfing die Mittheilung mit ihrer ſparta⸗ niſchen Unempfindlichkeit. „Liebt er dieſe Fürſtin?“ fragte ſie die Baronin. „Sie haben mir verſprochen mich darüber ins Klare zu ſetzen.“— „Liebes Kind, die Sache iſt delicat. Ich für meine Perſon glaube es einmal nicht.“ „Das genuügt mir,“ verſetzte Lucienne lebhaft. „Dieſer junge Mann hat vollkommen das Recht, ſeiner Jugend und ſeiner Freiheit noch einige Tage zu widmen.“ „Und dann,“ fügte die Baronin hinzu,„braucht Ihre Eigenliebe nicht darunter zu leiden, da man unſer Plänchen nicht kennt.“ „Allerdings.“ 142 „Verwiſchen wir alſo Alles das,“ fuhr Madame Chaudray fort,„und wenn er ſeine Jugend auf dieſe Art anwenden will, ſo verlieren Sie die Ihrige nicht ganz. Ich will anderwärts ſuchen.“ Lucienne that ihr mit einer Geberde und einem Lächeln voll himmliſcher Holdſeligkeit Einhalt. „Das iſt unnöthig,“ ſagte ſie. „Wie ſo?“ „Ich will auch nicht heirathen, liebe Madame. Ich habe auch meine Launen.“ „Ei warum nicht gar, liebe Kleine,“ ſagte die Baronin, indem ſie Lucienne ſehr ſcharf anſah, ohne daß dieſe ihre Haltung verlor oder auch nur die Farbe wechſelte.„Wiſſen Sie auch, daß Sie mich dadurch auf ſonderbare Ideen bringen würden?“ „Auf welche, Madame?“ fragte Lucienne noch immer lächelnd. „Ei, Ihre Hartnäckigkeit würde bedeuten... N Soll ich es ſagen?“ „Sprechen Sie!“ „Sie haben alſo... da... Etwas für dieſen jungen Mann?“ 2 5 ZJa, theure Madame, ich liebe ihn.“ Die Baronin war gänzlich verblüfft und wollte Einwendungen erheben. 5 „Dies iſt der einzige Gedanke meines Lebens,“ fuhr Lucienne fort,„der einzige Lichtſchein an mei⸗ nem Horizont. Er iſt unverheirathet, nicht wahr? Nun wohl, ſo lange er nicht verheirathet iſt, werde ich mein Geheimniß nebſt meinen Hoffnungen bewah⸗ ren. Er hat mich nie geſehen; ich werde eine gute*. Gelegenheit ſuchen, damit er mich ſehe. Wenn er 8 143 mich dann ausſchlägt, ſo iſt es immer noch Zeit mich zu ärgern. Bis dahin bewahren Sie mir Ihre Freundſchaft. Erlauben Sie, daß ich mit Ihnen zu⸗ weilen von ihm ſpreche, und ſprechen Sie niemals mit ihm von mir.“ „Liebe Lucienne,“ ſagte die Baronin gerührt durch dieſe hochherzige und zarte Geduld,„Sie ver⸗ dienen wahrlich glücklich zu ſein.“ „O ich werde es ſein! ja, ich bin es bereits, ich hoffe und warte.“ XVII. Die Freundſchaft iſt die furchtbarſte Klippe der Frauen. Nicht eine einzige hat jemals die Gefahren dieſes Gefühls, welches alle triumphirend der Liebe entgegenſtellen und zuletzt ſo auf die Spitze treiben, daß es über die Liebe ſelbſt hinausgeht, vorherzu⸗ ſehen oder ſeine Grenzen feſtzuſetzen gewußt. Vielleicht wird man ſagen, dieſe angebliche Freund⸗ ſchaft könne leben, wenn ſie nicht in Wirklichkeit Liebe ſei, die man um ſo mehr fürchten müſſe, als ſie ſich unter einem erborgten Namen verberge. Das iſt möglich. Und gleichwohl, wenn die Freundſchaft zwiſchen einer Frau und einem Manne nicht aus⸗ ſchließlich ſein wollte, wenn ſie ſich mit anſcheinenden Kundgebungen begnügte, wenn ſie, mit Einem Wort, dem ungeſtümen Drang mißtraute, die Verführung unter allen Formen flöhe und ſich nicht darin ge⸗ fiele, wo nicht die Vortheile, doch wenigſtens die Eiferſüchteleien der Liebe anzunehmen, ſo würde dieſe Freundſchaft, da ſie ſtets lechzt und ihr Durſt nie⸗ 144 mals gelöſcht wird, bald an der Auszehrung ſterben oder ſo mager und kraftlos dahinleben, daß ihre Clienten anderwärts ihr Glück ſuchen und ſich mit der kleinſten Liebe begnügen würden, die im Stande wäre ihre Leute zu ernähren. Aber nein: die Geſellſchaft hat ihre Heucheleien; jede Heuchelei iſt der Deckmantel einer Sünde. Wenn aus dem einen oder andern Grund— die Gründe mangeln nie— Freunde ſich verbergen, der Geſell⸗ ſchaft entfliehen, die Bäume einer Einſamkeit ſuchen und mit der Behutſamkeit von Verſchwörern ihre Händedrücke, ihr Lächeln, ihre Zuſammenkünfte allen Blicken entziehen, ſo werden dieſe Freunde, wären ſie auch unſchuldig wie Lilien, Niemand von ihrer Unſchuld überzeugen, aus dem ganz einfachen Grund, weil ſie nicht ſelbſt davon überzeugt ſind. Noch mehr, ſie werden binnen Kurzem aufhören unſchuldig zu ſein. So ſollte es den zwei Herzen ergehen, deren Geſchichte dieſe Kapitel enthalten. Dies hatte die Gräfin Gorthiany mit ihrer kalten Erfahrung vor⸗ hergeſehen. Wie, in welchen Details und durch welche zarte Uebergänge ſie zu den alltäglichen Entwickelungen gelangten, das zu erzählen würde ſich der Geſchicht⸗ ſchreiber wohl hüten. Er gehört nicht zu denjenigen, welche den Vogel in ſeinem Moos, den Träumer un⸗ ter ſeinen Alleen, den Verliebten in ſeinem Neſte ſtören. Er reſpectirt Alles was Glück iſt; es gibt ja Leute genug, welche die Polizei in der Welt ma⸗ chen und die glücklichen Menſchen ſtrafen. 4 Plötzlich ſchlägt, inmitten dieſes Schweigens, der 445 * Blitz in das blühende Paradies. Ein Krieg, wie nur unſere Väter ihn geſehen zu haben behaupteten, und wie ihn nach ihren ſpäteren Geſtändniſſen noch Niemand geſehen hatte, ein Rieſenkrieg entzündet ſich. Bald entfliehen unter lautem Seufzen die Ruſſinnen und Polinnen, in ihr Vaterland zurückgerufen; große Lücken, ähnlich den Löchern, welche Kanonenkugeln einwühlen, öffnen ſich in den Pariſer Salons. Chau⸗ dray macht täglich neue Abſchiedsbeſuche und zittert bei dem Gedanken, daß er einen ſeiner zweihundert Freunde, einen Seemann, Soldaten oder Diploma⸗ ten zum letzten Mal umarme. Die Gräfin Gorthiany war eine der Erſten, die abreisten, da ihr Bruder, der Baron von Würgen, Oberſt im Dienſte des aars, ſie zurückrief. Dieſer Baron von Würgen, ein Mann voll Geiſt und Ehr⸗ geiz, wollte nicht, daß ſeine Familie es unter ſo be⸗ deutungsſchweren Umſtänden an Eifer fehlen laſſe. Der Kaiſer Nicolaus würde es bemerkt, dies würde dem Oberſt für ſeine Zukunft eine ſchlechte Note ein⸗ getragen haben. Sophia Gorthiany, Caliſtens treue Zika, entflog alſo unter Thränen der Wuth nach dem Norden. Sie mußte ihre Rache, die Demüthigung ihrer Nebenbuhlerin im beſten Augenblicke im Stich laſſen. In der That hatten Caliſte und Armand, ſo viel Gewandtheit ſie auch aufgeboten, um die Gräfin von ihrer Fährte abzubringen, ſie dennoch nicht verhindern können allerlei Argwohn zu ſchöpfen, Gewißheiten zu erlangen, und für eine Frau von dieſem Schlag konnte der Beweis nicht lange auf ſich warten laſſen. 3 Ddieſer plötzliche Krieg rettete die Fürſtin, welche 10„ Maguet, Herzensſchulden. 146 nur zwei wirklich gefährliche Feinde zu fürchten hatte, für den Augenblick. Sophia⸗Zika verſchwand, die Entfernung entwaffnet eine ſolche Wächterin. Der Fürſt Nowratzin befehligte vor dem Ausbruch der Feindſeligkeiten eine ruſſiſche Diviſion. Dieſe Divi⸗ ſion, die ſich bereits in der Nähe des Kriegsſchau⸗ platzes befand, zog unverzüglich ins Feld. Einmal dort beſchäftigt, konnte Caliſtens Gemahl ihr nicht mehr gefährlich ſein. Blieb alſo die Frage von der Abreiſe dieſer zärt⸗ lichen Freundin zu erledigen. Es kam über dieſen Punkt zu furchtbaren politiſchen und moraliſchen Er⸗ örterungen zwiſchen Armand und ihr. Als man die ruſſiſchen und polniſchen Damen eine um die andere verſchwinden ſah, als man Nowratzins Eintreffen bei der Armee erfuhr, da bemerkte Caliſte, daß ſie in Paris ſelbſt von denjenigen, die ſie am Meiſten liebten und ſie am Dringendſten baten noch zu blei⸗ ben, auf eine eigenthümliche Weiſe angeſehen wurde. Als eines Tags ſogar die Baronin— und gleich⸗ wohl wußte ſie Nichts— ſich den Muth genommen hatte die Fürſtin um den genauen Augenblick ihrer Abreiſe zu fragen, da begriff ſie wohl, daß es keine Hilfe mehr gab, und faßte ſogleich einen großen Entſchluß. 2 „Mein Freund,“ ſagte ſie zu Armand, welcher über das, was er ſeit mehreren Wochen ahnte, tief⸗ beſtürzt war,„meine Lage iſt mit zwei Worten wie folgt: der Kaiſer iſt kalt gegen mich geworden, daran kann ich nicht zweifeln. Feindſelige Anden 1 von Seiten meines Gemahls oder die Berichte eines Hofſpions haben mir dieſe halbe Ungnade zugezogen. Ein längerer Aufenthalt dahier würde mich vollends zu Grunde richten. Verhehlen wir uns nicht, daß ich, wenn ich einmal nach St. Petersburg zurückge⸗ kehrt bin, vielleicht nie mehr die Erlaubniß erhalten werde wieder nach Frankreich zu kommen.“ Armand bebte. Seine Freundſchaft war ein Wahnwitz geworden. Nichts iſt leichter zu begreifen: nie hat eine Frau Schönheit, Geiſt und Zauber des gewöhnlichen Umgangs in gleichem Maße vereinigt, wie dieſe Fürſtin Caliſte. Neben der ausgezeichneten Bildung der Ruſſinnen, einer Bildung, worin viele her⸗ vorragende Männer unſeres Landes ihnen nicht gleich⸗ kommen, war es eine kindliche Einfachheit, eine naive Bewunderung für Frankxzich, eine Herzensgluth, eine Treue des Gemüths, ein Zuverlaſſatet in allen Be⸗ ziehungen, was dieſe Frau bei näherer Bekanntſchaft unendlich gefährlicher machte, als wenn man ſie bloß ſah. Hatten dieſe bewundernswürdigen Eigenſchaften nicht ihren Schatten? Ja gewiß; aber im vollen Mittag, wenn die Sonne ein Herz mit ihrer Wärme und Flamme übergießt, iſt der Schatten unbemerk⸗ bar unter dem ſenkrechten Strahl. Armand und die Fürſtin befanden ſich im Mittag der Liebe. Jedes von ihnen ſah anbetungsvoll das Licht, nichts als das Licht. Der Schatten kommt erſt ſpäter zum Vor⸗ ſchein. Armand wurde alſo bei den erſten ernſtlichen Worten, welche Caliſte von ihrer Abreiſe fallen ließ, beinahe wahnſinnig.. Seine Gründe waren nicht ſchlecht, nämlich als Gründe eines Liebhabers gegenüber einer verliebten — 148 Frau; für jeden andern als einen Narren waren ſie nicht den Teufel werth. „Dieſe Protection des Kaiſers,“ ſagte er,„wer⸗ den Sie früher oder ſpäter doch verlieren, denn frü⸗ her oder ſpäter werden Ihre Feinde ihm ſagen, wie ſehr Sie dieſes Land lieben und allen andern vor⸗ ziehen. Und iſt dann dieſer Schutz nicht ganz nutz⸗ los, iſt er nicht ſehr grauſam, da er Sie an dieſen verabſcheuten Gemahl feſſelt, da er außerhalb dieſer Kette, an die man Sie ſchmiedet, gar nicht zur Gel⸗ tung kommen kann?“ Caliſte läugnete nicht, daß der junge Mann Recht habe. „Bedenken Sie,“ fügte Armand hinzu,„daß man Sie, wenn Sie einmal nach Rußland zurückge⸗ kehrt ſind, auf immer von mir fern halten wird. Sie fürchten es ſelbſt. Nun wohl, iſt das eine Zu⸗ kunft? Ich ſage nicht, daß Sie mir die Gnade er⸗ weiſen ſollen ſich ewig mir zu weihen. Dies ſind ehrgeizige Wünſche, die über mein Verdienſt hinaus⸗ reichen, und Sie ſind eine ſo göttliche Frau, daß ich mich wundern muß, wie ich nur einige Minuten lang Ihre Blicke feſſeln konnte. Aber wenn es nicht meinetwegen geſchieht, ſo thun Sie es um Ihrer ſelbſt willen. Man wird Sie gefangen halten; man wird Sie mit Ihrem Gemahl verſöhnen. Wenn Sie ſich zur Wehr ſetzen, ſo wird man Sie zermalmen. Die Hilfe, die der Knecht bei ſeinem Herrn findet, wird Sie zur Sclavin des Herrn und des Knechtes machen. Keine Beziehungen mehr zwiſchen uns, nicht einmal eine Correſpondenz. Sie haben mir geſagt daß in Ihrem Lande ein Brief das Vermögen und 3 fuͤhlen.“ 149 das Leben derjenigen, an die er gerichtet iſt, in die Hände des Czars legt. Das erſte Geſchäft Ihrer Kerkermeiſter wird darin beſtehen meine Briefe und Ihre etwaigen Antworten aufzufangen. Was ſagen Sie zu dieſer Ausſicht? Kann ſie Ihre, Neigungen, Ihre Gefühle, Ihre Bedürfniſſe befriedigen? Wer⸗ den Sie Nichts von hier vermiſſen? Werden Sie mich nicht vermiſſen?“ Dieſe Reden, vermiſcht mit Seufzern und glühen⸗ den Zärtlichkeiten, würden ſelbſt bei weniger Bered⸗ ſamkeit ihren Zweck nicht verfehlt haben. Der Ad⸗ vocat kann ſchwach ſein, wenn die Sache im Herzen des Richters gewonnen iſt. Caliſte ließ ihren Freund ſprechen, nicht um ſich beſſer überzeugen zu laſſen, ſondern um den Zauber der Liebesbetheuerungen zu verlängern.. Zuweilen hielt ſie ihm die Dankbarkeit gegen ihren erhabenen Gönner und das Pflichtgefühl ent⸗ gegen. „ iEine ſchöne Verpflichtung, die Sie gegen dieſen Despoten haben,“ ſagte der junge Mann.„Indem er Sie erzog und ausſtattete, hat er bloß eine hei⸗ lige Schuld bezahlt. Haben nicht Ihre Ahnen den ſeinigen ihr Blut geweiht? Hat Ihre Familie ſich nicht in ſeinem Dienſt zu Grunde gerichtet? Hier haben wir Saint⸗Denis und Dotationen, welche die Eriſtenz ſicher ſtellen, ohne die Freiheit in Ketten zu ſchlagen. Hätte der Czar Sie wenigſtens glücklich gemacht; aber er hat das Unglück Ihres Le ge⸗ gründet. Er gebe Ihnen die Freiheit zurück, dann werde ich ſelbſt mich zum Dank gegen ihn verbunden 150 Armand faſelte. Er zeigte hier weder Verſtand noch Großmuth; aber er zeigte Wärme, das iſt die Hauptſache, und all die lächerlichen Dinge, die er zu Markte brachte, hatten zum Zweck Caliſte die Ge⸗ walt anzuthun, welche ſie in der Tiefe ihres Herzens erſehnte.. Gleichwohl war ſie eine muthvolle Frau und aller edlen Entſchließungen fähig. Sie fühlte ihren Fehler; ein guter Rath würde ſie auf den rechten Weg zurückgeführt haben. Armands enthuſiaſtiſcher Wahnſinn trieb ſie zu einem noch größeren Fehler. Sie antwortete ihm, da er erkläre nicht ohne ſie leben zu können, ſo verſchwinde für ſie jede andere Rückſicht. Sie ließ ihre Güter im Stich. Sie nahm, ohne dies Verdienſt mit einem einzigen Worte gel⸗ tend zu machen, alle Opfer auf ſich, die eine ſo ſchwierige Lage ihr auferlegen konnte. Kurz ſie kam mit Armand dahin überein, daß die Fürſtin Now⸗ ratzin für alle Welt nach Rußland zurückgekehrt ſei, daß Abſchiedsbeſuche und öffentliche Abfahrten ſtatt⸗ finden ſollten; für ihn dagegen ſollte Caliſte ſich in irgend eine Einſamkeit in der Nähe von Paris zurück⸗ ziehen und ſich unter fremdem Namen bis auf beſſere Zeiten daſelbſt vergraben.. Arme Frau! Welche Zeiten konnten beſſer ſein als diejenige, zu deren Gunſten man mit Freuden ſo furchtbare Opfer brachte! Armand wälzte ſich, trunken von dieſem Triumph, Tae Seraeretn rkli len Freundi er liebke ſie wirklich: er machte ſie ſo Zlucklich, daß ſie mehr als einmal unter Dankgefüh⸗ 2* len gegen Gott erklärte, ſie habe bis jetzt bloß vege⸗ tirt und nicht gelebt. 1 15¹ XVIII. Man muß glauben, daß ſie ihre Einſiedelei auf der Linie der Nordbahn gewählt hatten, denn nie⸗ mals hatte ſich Armand als einen ſo eifrigen Jäger gezeigt. Er verbrachte ſein Leben auf der Jagd; Paris widerhallte von dem fernen Getöſe ſeiner Heldenthaten. Da nun dieſe Jagd Armands in der Nähe von Abbeville lag, ſo gelangte man nicht da⸗ hin, ohne an dem Dörfchen vorbeizukommen, wohin Caliſte ſich zurückgezogen hatte. Was war einfacher, als daß er auf irgend einer Station aus dem Wa⸗ gen ſtieg, durch Wälder und Ebenen zurückging und auf dieſe Art ein gewiſſes Pförtchen erreichte, das in eine mit Epheu überwachſene Gartenmauer eingefügt war. Das Geräuſch, das ein armes Gartenthürchen beim Aufgehen macht, kann doch wohl nicht ſechs Stunden weit in dieſem Paris gehört werden, wo beſtändig ſo viele Wagen rollen. Dieſe Jagdliebe überraſ ſchte Herrn von Bierges nicht allzuſehr und erweckte in Armands Umgebung keinen Verdacht. Der Vater, Herr und Madame Chaudray, ſowie ſämmtliche Freunde der Familie meinten freilich ein wenig, das Herz des jungen Mannes ſei von der ſchönen Fürſtin Nowratzin ver⸗ wundet worden; aber nachdem ſie nach Rußland ab⸗ gereiſt, wirklich abgereiſt war, ſo mußte doch wohl dieſe Ritze am Ende vernarben. Es war ein Gebot der Menſchenliebe, daß man den Verwundeten in Ruhe ließ; er ſuchte ſeine Heilung im Walde, der 5 15² arme Junge, es ſei! Es ſteht ihm frei in den Wäl⸗ dern umherzuſchweifen. So verſtrichen viele Tage, glückliche Tage, ver⸗ miſcht mit Leiden und Kümmerniſſen. Die Leiden behielt Caliſte ſo viel als möglich für ſich; es waren Gewiſſensbiſſe, Beängſtigungen, Anwandlungen ver⸗ zehrender Eiferſucht. Allein, ohne Mittel, einer ſtrafbaren Leidenſchaft hingegeben, welche ſchnell altert und ihre Spuren bei einer Frau zurückläßt, fürchtete ſie jedes Nachdenken Armands, belauſchte auf ſeinem Geſicht die unbedeutendſte Aufregung, die nicht Freude war, und zitterte, er möchte auch nur eine Minute aus ſeiner lethargiſchen Trunkenheit erwachen. Da Caliſte wohl begriff, daß dieſe Trunkenheit ihre Zuſammenkünfte nicht überdauern würde, ſo bemühte ſie ſich dieſelben häufiger zu ma⸗ chen und vervielfältigte ſie unter tauſend Vor⸗ wänden. Armand, der ſtets voll Eifer, ſtets verliebt, über⸗ dieß gutherzig und von tiefem Dank erfüllt war, ge⸗ horchte ohne zu ermüden. Er eilte herbei, er reiſte wieder ab, er kam zurück und ging wieder weg; dann wurde er zurückgerufen und kam von Neuem, und dies währte auf eine ſolche Art fort, daß ein Leben wie dieſes beſtändige, athemloſe Hin⸗ und Her⸗ 3 en hundert Pferde getödtet und das Eiſen der tiven abgenützt haben würde. Herr von Bierges Vater begann ſich zu wun⸗ dern. Armand fühlte, daß er mit ſeinen Vorwänden zu Ende war, als ein unvorhergeſehenes Ereigniß lichkeit gab. der unerträglich gewordenen Lage wieder einige Mög⸗ f 153 Eines Tags— und dieſer Tag wird lange ſei⸗ nem Gedächtniß eingeprägt bleiben— hatte er in Ile⸗Adam die Eiſenbahn verlaſſen und von da den Weg zu Caliſte— vier franzöſiſche Meilen— ein⸗ geſchlagen, als er ſie auf einmal an der Ecke eines Wäldchens auf ſeinem Wege traf. Sie kam, gefolgt von ihrem Lieblingshund, über die Felder her. Ar⸗ mand erkannte ſie an ihrem lilafarbigen Sonnen⸗ ſchirm und an ihrem weißen Kleid. Er eilte ihr ſelig und mit offenen Armen entgegen. Sie hatte geweint, ſie weinte noch. Der Himmel war zart blau, mit großen ſilber⸗ nen Fäden durchſtreift, flüchtige Gerüche zogen mit dem Wind über ihre Köpfe hin, eine milde Sonne wärmte das grüne Waſſer des Fluſſes. Auf die rothen Dächer der Landhäuſer ließen ſich Wolken von Tauben nieder. Die Pappeln rauſchten, es war ein ſchöner Tag in dem ſchönen Lande Frankreich. Armand wollte wiſſen, warum Caliſte geweint hatte. Sie nahmen ſich beim Arm und ſetzten ſich in den Schatten. Jetzt erzählte ſie ihm, daß der Traum ſeinem Ende nahe ſei. Sie hatte von einem ihrer alten Intendanten, einem ergebenen Manne, dem ſie die Freiheit geſchenkt und der ſie wie ein Idol verehrte, Nachrichten aus Rußland erhalten. Dieſer Mann hatte ſichs ſeit dem Anfang des Krieges zur Auf⸗ gabe gemacht den Glauben an die Rückkehr ſeiner Gebieterin zu verbreiten. Er hatte dieſelbe überall angekündigt. Denjenigen, welche ſie beſuchen woll⸗ ten, ſagte er, ſie ſollen warten, die Fürſtin ſei aus⸗ gegangen, ſie werde bald nach Hauſe kommen, und 154 er theilte ihnen Geſchenke aus, welche ſie aus Frank⸗ reich mitgebracht habe. Bald reiſte ſie im Norden, wo ihre Güter lagen. Bald hatte ſie ſich dem Sü⸗ den zugewandt, wo der Krieg ihren Gemahl zurück⸗ hielt. Kurz, dieſer alte Mann, der wie jeder ächte Muſchik ſehr verſchlagen war, hatte es ſoweit ge⸗ bracht, daß die Anweſenheit der Fürſtin ganz noto⸗ riſch wurde. Mehr als eine Perſon im Lande be⸗ hauptete ſie geſehen und geſprochen zu haben. Der gute Alte hatte, um zur Sache zu kommen, Nachrichten von der Armee, die direct an Caliſte gerichtet waren, erhalten und ſich beeifert ihr dieſel⸗ ben zukommen zu laſſen. Nachrichten von der Armee! Hier wurde Armands Aufmerkſamkeit reger denn je. Caliſte hatte geweint. Caliſte war ein edelmü⸗ thiges Weib. War es ein großes Ereigniß, das der Brief ihr verkündigte, ein großes Glück, die Freiheit? Aber Caliſte war ſo glühend verliebt, ſie liebte ſo ausſchließlich, daß Armand ein Lächeln durch ihre Thränen hindurch geſehen hätte, wenn die Nachricht gut geweſen wäre.. „Freund,“ ſagte ſie mit ſchmerzlicher Leidenſchaft ſeinen Arm drückend,„der General Nowratzin iſt bei der Belagerung von Siliſtria gefährlich verwun⸗ det worden; er verläßt die Armee; man bringt ihn in unſere gemeinſchaftliche Wohnung zurück; mein Platz iſt nicht mehr in Frankreich.“ Und ſo ſprechend brach die Fürſtin, die ſich würde⸗ voll zuſammengehalten hatte, plötzlich in ein Schluch⸗ 155 zen aus und neigte ihr Haupt an Armands Schul⸗ ter, gleich als wollte ſie in Ohnmacht fallen. „Sie könnten mich verlaſſen?“ rief der junge Mann,„um eines Menſchen willen verlaſſen, der Sie immer bloß gehaßt, verachtet, zurückgeſtoßen hat! das iſt nicht Ihre Pflicht, Fürſtin; Sie laſſen ſich durch eine falſche Großmuth täuſchen.“ Sie antwortete nicht, ſondern zog den verhäng⸗ nißvollen Brief aus ihrem Arbeitsbeutel und über⸗ reichte ihn Armand. Er war mit groben, mühſam gezogenen Lettern geſchrieben. Er mußte den Schrei⸗ ber viele Leiden gekoſtet haben. Caliſte zeigte bloß mit dem Finger auf die Unterſchrift. „Vom Fürſten?“ ſagte Armand, indem er die Brauen runzelte. „Madame, las er dann, ich habe ſo eben vor der belagerten Stadt meinen linken Arm verloren. Im Augenblick, wo ich an Sie dachte, wo ich mir zu der Hinterliſt Glück wünſchte, die mir im letzten Jahr meine Freiheit eingetragen hat, in dieſem ſel⸗ ben Augenblick hat mich eine Kanonenkugel an die Schulter getroffen. Ich bin abergläubiſch und be⸗ trachte dieſes Unglück als eine Beſtrafung meiner Verſchuldungen gegen Sie. Vielleicht werde ich mei⸗ ner Wunde unterliegen. In dieſem Fall verzeihen Sie mir; aber vielleicht werde ich auch davon kom⸗ men, dann werde ich mich nach Odeſſa in Ihr Haus bringen laſſen, vorausgeſetzt daß Sie mir die Auf⸗ nahme nicht verweigern. Aber ich kenne Ihre ſchöne Seele, obwohl etwas ſpät; Sie werden kommen, Sie werden mir erlauben der ganzen Welt die Achtung und Verehrung Ihres reumüthigen und aufrichtigſten Freundes zu beweiſen. „Nun,“ murmelte Armand, deſſen Blicke ein Ge⸗ wölk verhüllte. „Ihre Meinung, mein Armand? die meinige iſt nicht zweifelhaft.“ „Sie?.... „Ich reiſe,“ ſagte ſie mit einem erhabenen Muth, indem ſie ihm ſchnell das weniger edelmüthige Wort abſchnitt, das er gewiß ausgeſprochen haben würde. Er verbarg die Stirne in ſeinen Händen. „Ich habe,“ fuhr ſie fort,„den glücklichen, ge⸗ waltigen, mächtigen Mann, der mir den Krieg er⸗ klärte, verachtet, aus meinem Herzen verjagt und auf immer verläugnet. Aber dieſen armen Krüppel, der leidet und mich ruft, iſt das möglich, Armand? Würden Sie mich noch achten, wenn ich gegen ſeinen Schmerzensſchrei taub bliebe? Könnte ich Sie ach⸗ ten, wenn Sie mir dazu riethen?“ „Es iſt aus,“ ſagte er,„wir werden uns nicht wieder ſehen.“ „Mit Nichten,“ rief die Fürſtin mit einer ſchmerz⸗ lichen Freude, welche die Niedergeſchlagenheit ihres Freundes ihr bereitete,„gibt es denn wirklich Etwas in dieſer erbärmlichen Welt, was im Stande wäre liebende Herzen zu trennen? Armand, der Herr Fürſt Nowratzin wird wieder auffommen und...“ „Und Sie werden ihn nicht mehr verlaſſen,“ ſagte Armand mit düſterer Stimme.„Glauben Sie, daß er jemals aufhören könne Sie zu lieben, ſobald er Sie einmal recht kennen gelernt hat? Glauben Sie, er werde ſich entſchließen können Sie zu ver⸗ 4 ———— laſſen, nachdem er ſie einmal wirklich geliebt haben wird?“ Sie umſchlang ihn mit ihren Armen, ſie bezahlte dieſe Worte mit einem Kuß. 3 „Nichts,“ fügte ſie hinzu,„hat mir in meinem ganzen Leben ſo viel Kummer, aber auch Nichts ſo viel Freude gemacht, wie dieſer Brief. Er hat mir⸗ gezeigt, wie ich Sie liebe, er hat mir bewieſen, wie Sie mich lieben, Armand. Ich werde morgen ab⸗ reiſen, aber unſere Trennung wird morgen noch nicht beginnen. Es iſt weit von hier bis zur ruſſiſchen Gränze, warum ſollten Sie mich nicht bis dahin begleiten? Könnten Sie eine einzige der Minuten, die uns noch übrig bleiben, verlieren, während Sie behaupten, daß wir uns nie wiederſehen ſollen?“ Armand hatte Nichts zu antworten; er lebte fortan nur noch an der Geberde dieſer Frau hän⸗ gend. Die Gewalt einer Geliebten iſt unermeßlich im Böſen; ſie iſt unendlich im Guten. Am folgenden Tag mußte man dieſes grünende Neſt, dieſes für immer verlorene Paradies verlaſſen. Caliſte erhob ſich frühe und ſagte allein jedem Baum, jeder Blume, jedem Stein, welchen Armand berührt hatte, wenn ſie an ſeinem Arm luſtwandelte, Lebe⸗ wohl. Armand ſah ſie von ferne eine ihrer Roſen pflücken, die ſie in ein ſeidenes Säckchen ſchloß und an ihrem Buſen verwahrte. Heut zu Tage legt ein Mann in fünf Tagen vierhundert franzöſiſche Meilen zurück, ohne daß er auch nur ſeinen Kammerdiener zu benachrichtigen braucht. Armand, der ſich beſtändig auf der Jagd befand, hatte Niemand in Kenntniß zu ſetzen. Die 158 beiden Reiſenden ſtiegen frei von allem Gepäck und Gefolge in den Waggon, um nach Brüſſel zu fahren. Von da reiſten ſie unbekannter als je, durch die Liebe zurückgehalten, durch die Pflicht gedrängt, nach jener fatalen Grenze, welche ſie trennen ſollte. Abweſenheit, grauſame Marter, die einzige Mar⸗ ter, die einem muthvollen Herzen furchtbar iſt, der einzige Schmerz, von dem man nicht wieder geſun⸗ det, und der von Tag zu Tag eine verzehrendere Jurche gräbt. Die beiden Liebenden hatten an dem Tag, wo ſie ihre Trennung beſchloſſen, den ganzen Kelch zu erſchöpfen geglaubt. Im Augenblick, wo ſie ſich wirklich trennten, bemerkten ſie erſt, daß ſie bisher anbetungswürdig glücklich geweſen waren. Während der letzten Stunde, als die Pferde hin⸗ flogen, als der gewinngierige Kutſcher den Wagen nach dem gefürchteten Ziele lenkte, ſaßen ſie Beide düſter Hand in Hand da, dann fühlten ſie, daß ih⸗ nen das Herz bis an den Hals anſchwoll, und lä⸗ chelten um nicht in Thränen auszubrechen, während ſie mit Muth der herannahenden Zukunft entgegen⸗ ſahen. Sie erinnerten ſich aus vollſter Seele an die entſchwundene Vergangenheit; ſie lebten das ver⸗ floſſene Leben noch einmal, ſie drückten ihre Finger und vermiſchten tauſendmal das Klopfen ihrer Herzen. Endlich hielt der Wagen an. Die Stunde der letzten Qual hatte geſchlagen, die Stunde des ins — Sich verlaſſen heißt ſterben. Armand und Caliſte wiederholten ſich unter er⸗ ſtickendem Schluchzen, daß ſie einander Hantbneſch ſchreiben und ſich immer lieben pürden. Ein i rüſſt 159 ſcher Gendarm las den Paß der Fürſtin und ver⸗ neigte ſich vor ihr bis zur Erde. Die ganze Zu⸗ kunft enthüllte ſich vor Armands trüben Augen. Caliſte war zu Hauſe in Rußland; er hatte ſie ver⸗ loren. Ein letzter Kuß auf ihre zitternde Hand, ein letztes Schluchzen, das ſie noch hören konnte, dann ſtieg ſie in ihre Poſtchaiſe, die ſchnell dahin fuhr; ſie beugte ſich lange zum Schlag hinaus; die Straße machte einen Bogen. Armand war allein. XIX. Der Krieg nahm große Verhältniſſe an. Es war nicht mehr einer jener militäriſchen Spazier⸗ gänge, wie heut zu Tage die Viſſenſchaft ſie or⸗ ganiſirt, indem ſie in der Stille eines Cabinets ihre Märſche, ihre Haltpunkte und ihr Ziel feſtſtellt. Der ganze Weſten erhob ſich, um den ganzen Norden zu belagern. Deeſer Ringkampf zweier Welten konnte lange währen. Als Armand nach den erſten Wochen der Tren⸗ nung keine Nachricht aus Rußland erhielt, als er drei Briefe geſchrieben hatte, die ohne Antwort blie⸗ ben, bemächtigte ſich ſeiner eine tiefe Niedergeſchla⸗ genheit. Er fühlte, daß eine Gefahr ihre Correſpon⸗ denz bedrohte, er ahnte deutlich, daß Caliſte ihm ge⸗ ſchrieben haben würde, wenn nicht irgend ein Befehl ſie daran verhindert hätte. Es wurde alſo gefährlich, compromittirend für ſie, wenn Briefe an der Grenze aufgefangen wurden. 160 Dieſe Briefe waren überdies ſchon an und für ſich nur allzu compromittirend. Armand enthielt ſich alſo des Schreibens, entſagte allen Hoffnungen auf eine Antwort, und gleich jenen Schiffen, welche bei Nacht im Vertrauen auf ein Feuer hinſegeln und ſich verirren, wenn das Feuer erliſcht, verfiel er plötzlich in eine dichte Finſterniß, während welcher jede Seele zweifelt, jedes Herz leidet und ſchwach wird. Der Mann, der zweifelt, argwöhnt bald, dann beſchuldigt er, hierauf ſtraft er; fortwährend ohne Etwas zu wiſſen. Armand fand Caliſte ungerecht und nicht ſehr induſtriös. Er beſchuldigte ſie der Aengſtlichkeit: warum ſollte es ihr trotz aller Hinderniſſe nicht ge⸗ lingen ein Billet an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen? Der Argwohn gleicht jenen phantasmagoriſchen Fi⸗ guren, die in der Entfernung unendliche Entwicke⸗ lungen annehmen, die von der Erde emporſteigen und auf einmal die Wolken erreichen, wo ſie ſich verlieren. Eine Nachricht in dem famöſen ruſſiſchen Jour⸗ nal, das durch die reiche Phantaſie ſeines Bülletins ſo berühmt geworden iſt, machte den armen Armand vollends ſchwindlich.„Der Fürſt Nowratzin,“ ſagte das Blatt,„dieſer vor Siliſtria verwundete General, befindet ſich, Dank der rührenden Sorgſamkeit ſeiner jungen Gemahlin, die zu ihm nach Odeſſa gekommen iſt, in voller Reconvalescenz.“ 5 „Sehr gut,“ dachte der junge Mann, dem dieſe Zeilen baldmitgetheilt wurden.„Dieſe rührende Sorg⸗ ſamkeit muß natürlich jeden fremden Gedanken aus-⸗ 8 161 ſchließen. Wie könnte die junge Gemahlin, welche dieſe rührende Sorgſamkeit verſchwendet, eine Ge⸗ legenheit finden ſich für einen Abweſenden zu inter⸗ eſſiren, der vollkommen wohl und geſund iſt?“ Nein, es gibt kein ſo loyales und ſo gut gehärte⸗ tes Herz, daß nicht Abweſenheit und Schweigſamkeit, dieſer doppelte Roſt, allmälig ſeinen Stahl zernagen ſollten. Oft hatte die Fürſtin vor Armand die Streitmacht und die Bravour der Ruſſen geprieſen. Sie trieb ihren Patriotismus und ihr Vertrauen auf die Geſchicke ihres Landes ſehr weit, und Armand hatte in den Tagen ihrer Innigkeit nie daran gedacht, ein ſolches Gefühl bei ihr zu bekämpfen; er reſpec⸗ tirte es vielmehr und ermuthigte es wie eine Tu⸗ gend. Aber fern von Caliſte und in der Begeiſte⸗ rung ſeines eigenen Patriotismus, erinnerte er ſich auf einmal an dieſe Schattirungen und ſtellte ſich vor, daß die Schlag auf Schlag erfolgten Niederlagen der Ruſſen die Fürſtin gedemüthigt und beleidigt haben könnten. Er dachte, er ſei in ſeiner Eigen⸗ ſchaft als Franzoſe einer guten Mündel des Czars vielleicht weniger angenehm geworden, und ſie warte auf eine Revanche, bevor ſie Nachrichten von ſich geben wolle. Er überlegte, wie ſehr die Gegenwart des Generals Nowratzin, der verwundet und Mär⸗ tyxer einer ſchönen Sache ſei, zu Gunſten dieſes Ge⸗ mahls und gegen einen Liebhaber ſpreche, der gar zu viele Triumphe zugleich feire. Kurz, die Einbil⸗ dungskraft führt einen vereinſamten Geiſt, welcher immer Fragen ſtellt, die der Gegenpartei niemals zur Beantwortung vorgelegt werden, bald auf falſche Fährten. 3 Maquet, Herzensſchulden. 411 162 Andere Betrachtungen von nicht minder unſeliger Wirkung für die Abweſende keimten allmälig in Ar⸗ mands Gehirn. Ob dieſe ſo ausgezeichnet zartſinnige Frau nicht vielleicht nach ihrer Gewohnheit ein Werk der Zartſinnigkeit that, wenn ſie am Bette ihres Gemahls nicht an ihren Geliebten ſchrieb? Aller⸗ dings lag in dieſer Vermuthung Nichts, was für Caliſte nicht ehrenvoll geweſen wäre, aber Armand liebte ſie zu ſehr, um ihr nicht wegen allzu großer Edelmüthigkeit zu grollen. Jede Leidenſchaft beſteht zu anſehnlichem Theil aus Egoismus; der Egoismus iſt ein nicht ſehr ritterliches Gefühl und befindet ſich unendlich beſſer bei einer ungerechten Bevorzugung zu ſeinem Vortheil, als bei einer gleichen Theilung des Gewinns mit einer dritten Perſon. So machte es denn Armand der Fürſtin geraden⸗ wegs zum Vorwurf, daß ſie ihren Gemahl mit auf⸗ opfernder Hingebung verpflegte. Er machte ihr's zum Vorwurf, daß ſie Ruſſin war; er machte ihr's zum Vorwurf, daß ſie zartſinnig war,— um ſo ſchrecklichere Verſchuldungen, als es von ſeiner Seite die höchſte Unbilligkeit war ſie ihr aufzubürden. Muß man ſagen, daß dieſe angeblichen Be⸗ ſchwerdegründe ihn gegen Caliſte kühl gemacht ha⸗ ben? Nein, denn er hoffte noch, daß ſie ſich mit einigen Worten rechtfertigen könnte. Sich rechtfer⸗ tigen: wegen dreier Verdienſte! Die Lage war miß⸗ lich. Ach, es iſt dies die Schuld der Abweſenheit: eine abweſende Geliebte, ein abweſender Liebhaber haben zuletzt immer Unrecht, wenn ſie nicht beweiſen, daß ſie zwanzigmal Recht haben. — Die Langeweile trug einen großen Theil zu die⸗ — 163 ſen ſchlimmen Inſpirationen des jungen Mannes bei. Statt der ſtürmiſchen Zärtlichkeit, die jeden Augenblick ſeines Lebens mit einem Vergnügen oder einem Zwang ausfüllte, aber doch jedenfalls ausfüllte, was ſah er jetzt Morgens beim Erwachen, Abends vor ſeinem Kopfkiſſen? Sehnſüchtiges Bedauern, Leere, Erſchlaffung. Gewiſſe Organiſationen lieben die Sklaverei wegen der Beſchäſtigung, die ſie ihnen auferlegt. Die Freiheit Ihehnen verhaßt, ſo lange ſie keine Verwendung dafüͤr geſunden haben. So erging es Armand. Wie oft hatte er ſeine forcirten Reiſen auf der Eiſenbahn, die Geheimniſſe der nächt⸗ lichen Wanderungen und ſeine Streifereien durch Wälder und Felder verwünſcht? Und jetzt beklagte er die müßige Eintönigkeit ſeiner Tage. Jetzt ſagte er ſich voll Bitterkeit ganz leiſe, eine Frau ſei doch ſehr glücklich, daß ſie ſich für ſo viele verlorene Güter tröſten könne, indem ſie einen Löffel Syrup in eine Taſſe gieße, viereckige Löchchen in eine Tapiſſerie mache oder Tag und Nacht mit rothen Augen und prahleriſchen Herausforderungen die Vogelſcheuche Pflicht aufrufe, ein Geſpenſt, das niemals erſcheinen würde, wenn man es nicht abſichtlich herbeiquälte. Unter ſolchen Conjuncturen geſchah es, daß Ar⸗ mand ſechs Monate nach der Abreiſe Caliſtens, als fFreit in Bezug auf ſie ſehr blaſirt war und nach einer Wiederauferſtehung ſeiner Jugend ſeufzte, inmitten unter dieſen für die arme Frau ungünſtigen . Verhältniſſen, ſage ich, geſchah es, daß Armand auf einmal wie vom Himmel herab geregnet ein Päck⸗ chen erhielt, das mit jenem Rußland eigenthümlichen Dufte geſchwängert war, welchen wir in Frankreich ————— 164 beinahe ein Parfüm nennen, und den man dort als einen ziemlich ſchlechten, der Haut des Muſchicks an⸗ klebenden Geruch betrachtet. Er konnte nicht in Erfahrung bringen, wer es gebracht hatte. Joſeph überreichte es ihm mit ſeinen andern Briefen. Das Päckchen trug keine Spur von einem Poſtzeichen; ohne Zweifel war es auf einem ganz eigenthümlichen Weg gekommen. Armand er⸗ kannte die Schrift der Adreſſe nicht; aber irgend Et⸗ was verkündete ihm Caliſte durch den dicken Um⸗ ſchlag hindurch, den er mit zitternder Hand öffnete; ein viereckig zuſammen gelegtes Papier fiel aus der Mitte zweier ſeidener Kißchen; es war ein Brief von der Fürſtin.— „Lieber Armand,“ ſchrieb ſie.„Gott, deſſen Abſichten für unſern Verſtand unerforſchlich ſind, er⸗ klärt ſich gegen mich. Ich bin von Neuem in die Sklaverei geſtürzt, die Sie mir vorhergeſagt hatten, und zwar diesmal ſo tief, daß der Abgrund nie wieder mich auswerfen wird. „Der Kranke, den Sie kennen, wird geneſen; er gewinnt von Tag zu Tag neue Kräfte. Tiefer gerührt durch meine Sorgſamkeit, als er es ſein würde, wenn er auf den Grund meines Herzens blicken könnte, überhäuft er eine Frau, deren Fehl⸗ tritte er nicht kennt, mit Freundſchaft und Chrer⸗ bietung. Ihn ſelbſt umgibt das öffentliche Intereſſe, und ich ſehe mich, ſei es nun in Folge ſeiner Stel⸗ lung oder in Folge der Beeiferung unſerer Lands⸗ leute, beſtändig umlagert, verfolgt und gehetzt; ich habe weder die Zeit noch den Muth meinen Kopf nach dem Horizont zu wenden, den ich verlaſſen 165 habe. Bei Nacht ſchlafe ich nicht, weil ich fürchten muß davon zu träumen und gehört zu werden; in Wahrheit, ich bin nicht glücklich. „Aber ich wiederhole es Ihnen, Gott will es ſo und ich beuge mich unter ſeine allweiſe Hand. „Ich bezweifle, daß Sie die zwei Briefe erhal⸗ ten haben, die ich Ihnen geſchrieben. Ich habe von Ihnen Nichts erhalten und daher begriffen, daß ich mein Schreiben einſtellen mußte. Die Ueberwachung an den Grenzen iſt ſtreng, und der Kaiſer hat die ſchärfſten Befehle ertheilt alle Correſpondenzen zwiſchen uns und den feindlichen Ländern aufs Genaueſte zu prüfen. Ich mache Ihnen alſo keine Vorwürfe; im Gegentheil, ich beklage Sie, wenn Sie ebenſo viel gelitten haben wie ich, und ich würde es Ihnen nicht einmal vorhalten, wenn Sie Nichts geſchrieben hät⸗ ten; denn dies wäre ein ſehr großes Glück für mich. Ihre Briefe würden vielleicht daſſelbe enthalten, was die meinigen enthielten, etwas warme und ausführ⸗ liche Kundgebungen von Zuneigung. Ich zittere, wenn ich daran denke, daß ſolche Beweiſe ſich viel⸗ leicht in den Händen des Kaiſers befinden. „Gleichwohl hat er Nichts davon gegen mich mer⸗ ken laſſen. Eine eigenhändige Depeſche von ihm iſt dem Fürſten zugekommen; ich habe darin Glückwünſche und Aufmunterungen für mich geleſen; aber nichts beruhigt mich weniger, und Ihre unglücklichen Briefe ſowie die meinigen ſind, wenn ſie nicht dem Kaiſer zugeſtellt wurden, vielleicht in noch ſchlimmere Hände gefallen.* „„Ich hoffe, daß ich wenigſtens dieſen in Ihre Hände bringen kann, und zwar durch einen Flücht⸗ „ Sie verloren, auch noch anſpruchsvoll ſein würde. 166 ling, welcher dem Tod Trotz bietet, um über die Grenze zu kommen. Deßhalb werden Sie weder meinen Namen noch ſonſt etwas allzu Compromit⸗ tirendes darin finden; der Brief könnte an ſeinem Leichnam gefunden werden. Wollen Sie einige De⸗ tails über mein Leben? Ich leide, ich weine. Zika hat ſich bei mir inſtallirt und nimmt mir die ganze Aufmerkſamkeit nicht bloß des Kranken, ſondern auch aller derjenigen Perſonen, die einigermaßen fleißig ins Haus kommen, weg. Meine Freundin iſt nicht der ungefährlichſte von meinen Wächtern. „Armand, dieſe Verbannung währt jetzt ſchon ſehr lange: nun wohl, dieſe Zeit zählt nicht. Man muß ſich in jeder Minute wiederholen, daß die ver⸗ floſſene Minute unnütz in den ewigen Abgrund ge⸗ fallen iſt. Ich habe keine Hoffnung mehr auf eine Vereinigung, die unmöglich wird. O, wie hatten Sie ſo vollkommen Recht! Der Fürſt wird mich nicht mehr verlaſſen: invalid, leidend, wird er ſich zu meinem Begleiter machen, um eine Stütze zu ha⸗ ben. Auf ſolche Art Frankreich wiederzuſehen! Ich, die ich es ſo frei bewohnt habe! Niemals! Ich markte weder mit der Pflicht noch mit den Bedürf⸗ niſſen meines Herzens. Alles oder Nichts. Iſt das. nicht die Deviſe, deren Aufpflanzung Sie mir oft zum Vorwurfe machten, während doch Sie ſelbſt zu⸗ erſt im Anfange unſerer Freundſchaft keine andere zuließen? „Armand, ich will nicht, daß Sie mich jemals im Arm eines Andern wiederſehen. Damit ſage ich Ihnen, daß ich, abweſend und unwiederbringlich für 2 167 8 Wie ſoll ich es vermeiden in dieſe Ungerechtigkeit zu verfallen? Wie könnte es mir gelingen Ihnen wieder einige Ruhe und Freiheit zu ſchenken, nach⸗ dem ich Ihnen Ihre ganze Jugend über den Haufen geworfen habe?. „Die Zeit der ewigen Neigungen iſt nicht mehr. Die Civiliſation fügt zu den Bedürfniſſen des Natur⸗ menſchen noch andere weit gebieteriſchere Bedürfniſſe,, die man Convenienzen und angenommene Gebräuche 7 7— nennt. Ich, die ich mich ſclaviſch unter ihr Joch— beuge, ich das Kind eines barbariſchen Landes, mit welchem Rechte könnte ich einem Andern den Wider⸗ ſtand auferlegen, den ich ſelbſt nicht zu leiſten wage? Ach, wenn mir noch die mindeſte Hoffnung bliebe, ſo würde ich zu Ihnen ſagen, Sie mögen warten; ich würde es Ihnen befehlen, ich würde Sie darum anflehen. Sehen Sie, ob ich zu beklagen bin, Ar⸗ mand, ich ſage nichts zu Ihnen. „Außer der Verzweiflung, worin meine beſondere Lage mich bringt, fühle ich, daß entſetzliche Kata⸗ ſtrophen über meiner und Ihrer Nation ſchweben. Ihr belagert mit hartnäckigem Grimm eine Stadt, die Ihr nicht nehmen werdet, was Euch ewig un⸗ verſöhnlich machen wird; und wenn Ihr ſie nehmen würdet, ſo würden wir unſererſeits unverſöhnlich werden; davon gar nicht zu reden, daß all dieſe An⸗ ſtrengungen Euch erſchöpft und uns bloß um eine Stadt gebracht haben würden. Berechnen Sie die Folgen dieſes Rieſenkampfes, mein Freund. Beſiegt, errichtet Ihr eine unüberſchreitbare Schranke zwi⸗ ſchen Eurem Land und dem unſern; ſiegreich, werdet Ihr den Krieg mit erneueter Wuth entbrennen ſehen ½ 168 es iſt dies zwiſchen Euch und uns eine Frage des Nationalſtolzes. Sagen Sie ſelbſt, ob uns jetzt noch eine Ausſicht auf Wiedervereinigung übrig bleibt! „Wie? dieſe ganze Vergangenheit wäre todt! Wie! zwiſchen Ihnen und mir beſtände nichts mehr? Wie! Sie könnten Caliſte vergeſſen? Ich weiß, daß dies unmöglich iſt, und wenn ich es dächte, ſo wäre ich „bereits todt. Aber ich habe Ihnen nicht geſchrieben, um Sie zu martern. Ich habe Ihnen die zärtlichſte Anhänglichkeit beweiſen wollen. Dieſe läßt ſich nur durch Opfer beweiſen. Ich gehöre nicht zu denjeni⸗ gen, die auf alle Triumphe des Stolzes, auf alle weltliche Befriedigungen, auf alle Belohnungen der öffentlichen Meinung Anſpruch machen und noch obendrein ihre geheimen Freuden bewahren wollen. Für mich gibt es keine Freude mehr, aber für Ar⸗ mand gibt es, wo nicht Freude, doch wenigſtens Un⸗ abhängigkeit. Es würde mich ſchmerzen, wenn er mir gar zu lebhaft dafür dankte; noch mehr würde es mich ſchmerzen, wenn er aus Pflichtgefühl und Dankbarkeit ein Sclave bliebe!“ Der Reſt des Briefes enthielt die Verſicherung einer unvergänglichen Zuneigung und Ergebenheit. Hätte Armand darin zu leſen verſtanden, ſo wäre ſeine Liebe zu Caliſte maßlos geworden; er würde den Heroismus des Opfers errathen haben, das dieſe Frau ihm brachte. Aber der böſe Genius, der ſie getrennt hatte, war unabläſſig bemüht geweſen ihnen zu ſchaden. Er gab dem jungen Mann eine alltägliche Auslegung dieſes Briefes ein, worin die ganze Seele der Fürſtin athmete, eine geſtörte, von Beängſtigungen verſchlungene, von Gewiſſensbiſſen * 169 4* zermalmte Seele, trunken von ſtrafbaren Wünſchen, die ihre Feder unter den unbefangenſten, anſtändig⸗ ſten Formen der in der vornehmen Welt üblichen Höflichkeit verdeckte. Mit Einem Wort, Armand betrachtete dieſes Sendſchreiben als den Ausdruck einer unbedingten Ergebung in die ehelichen Geſetze und die ſocialen Pflichten. Zwiſchen den beleidigenden, argwöhni⸗ ſchen Vermuthungen, die er bereits zuſammenge⸗ ſchmiedet hatte, und dem rückhaltenden Ton dieſes „Briefes war der Uebergang nicht raſch genug, daß er hätte Anſtand nehmen können ſeine Auslegungen fortzuſetzen. Caliſte heirathete ihren Gemahl aufs Neue, und als Frau von Ehre ſchickte ſie ihrem Lieb⸗ haber den Abſchiedsbrief. Solcher Art war die Ueberſetzung, die dieſer Sendung gegeben wurde; ſie wurde als eine kalte Zuſammenſtellung correcter Zeilen betrachtet, worüber Armand ſich empörte, die er in einer Anwandlung von Stolz und Unmuth zerknitterte, während ſie ihm, wenn er die Schreiberin ſie hätte vorleſen hören, vielleicht mit all ſeinen Thränen all das Blut aus⸗ geriſſen hätte, das ſiedend ſein Herz umwallte. —Q— 6 Die Tage vergingen, der Frühling lächelte immer verliebter der Erde zu, aber Armand verſank in eine immer tiefere Schwermuth. Caliſte lebte weniger anbetungswürdig, aber vielleicht ebenſo angebetet in der Tiefe ſeiner Erinnerung. 170 Vater und ſeinen Freunden gegenüber eine undurch⸗ dringliche Maske beizubehalten. Wir haben es in dieſem Buche bereits geſagt, die Kümmerniſſe der Liebe laſſen ſich leicht verbergen. Armand, ein ge⸗ diegenes Herz, ertrug ſein Unglück auf eine edle Weiſe. Eine einzige Sache hatte ihn tief verletzt, nämlich das Stillſchweigen, das Caliſte über die Mittel eine Antwort nach Odeſſa zu ſchicken beobach⸗ tet hatte. Wie viel würde er nicht in dieſe Antwort gelegt. haben! Wie überlegte er ſie! Wie gedachte er ſie zuzuſpitzen! Mit welcher bewundernswürdigen Kunſt würde er dieſen Pfeil abgeſchoſſen haben, der be⸗ ſtimmt war das Leid heimzugeben, das man ihm zugefügt hatte! Das Schweigen war ein ſchmerz⸗ liches Opfer, und wenn er es vollbrachte, ſo geſchah dies einzig und allein, weil es ihm an Gelegenheit fehlte einen ſicheren Boten abzuſenden. Nach dem großen Zorn folgt die große Erſchlaf⸗ fung. Ein letzter Aufſchwung bricht noch aus der Ver⸗ zweiflung. Dann, wenn dieſer nicht gelingt, beginnt der Rückzug. Es iſt dies eine Operation, die ganz in der Natur liegt, denn die Natur verbietet den allzu langen Gebrauch der Kräfte, welche ſie ver⸗ wendet. Acht Tage nach Caliſtens Brief begann der wüthende Armand ſich zu beruhigen; er trat in einen Zuſtand der Schwermuth. Acht Tage ſpäter und ohne in ſeiner ermüdeten Seele Schnellkraft ge⸗ nug zu finden, um recht zu lieben und recht zu haſ⸗ ſen, beſchäftigte er ſich einzig und allein mit ſich ſelbſt und beſchloß ſich zu zerſtreuen, um nicht der Es war ihm nicht ohne Mühe gelungen ſeinem — * 3 3 171 Verſuchung zu erliegen, die ihn zwanzigmal ergriffen hatte, nach Odeſſa zu reiſen und daſelbſt die Rolle eines Geſpenſtes zu ſpielen.— Da er ſich die Urſachen jedes Eindrucks recht gut zu erklären wußte, ſo geſtand er ſich, daß Ca⸗ liſte ihm mit dieſem Brief eine ſtarke Ladung Elec⸗ tricität zurückgeſchickt hatte, daß die Melancholie einer Nahrung bedarf, und daß ein verſtändiger Mann ſich wohl hütet dieſen Feind nicht zu nähren, der, wenn man ihn allzu lang hungern läßt, ſeinen Wirth verſchlingt. Armand begann damit, daß er Caliſtens Briefe einmal ums andere wieder las und ihr Por⸗ trät ſo lang betrachtete, bis ſeine Augen in Thränen ſchwammen. Er weihte dieſem Feſtſchmaus ſeiner Nelancholie einen ganzen Morgen, und als er die⸗ ſelbe mit Seufzern, Erinnerungen und leidenſchaft⸗ licher Sehnſucht geſättigt hatte, fühlte er, daß die Kriſis erloſch, daß er ſich ſelbſt ermüdete; dies war der Augenblick die Doſis zu verdoppeln, um den Feind vollends zu überwinden. Er hatte es ſeit ſeiner Trennung von der Fürſtin niemals gewagt das Haus wieder zu beſuchen, wo er ſo viele glückliche Tage an ihrer Seite verlebt hatte. Wenn er beim Vorüberfahren auf der Eiſen⸗ bahn dieſes heilige Dach hinter den Bäumen be⸗ merkte, wandte er ſchnell ſeine Augen ab, um nicht in irgend eine Schwachheit zu verfallen. Dieſes Haus wiederzuſehen war die härteſte Prüfung, wel⸗ cher er jemals Trotz zu bieten wagte. Sobald ich, ſagte er zu ſich, dieſen Raſen, dieſe Alleen wieder betreten, dieſe ſteinernen Stufen des kleinen Häus⸗ chens wieder hinanſteigen und den ſtarken Hollunder⸗ 2 — — —— — 172 und Epheugeruch wieder einathmen kann, ohne das Bewußtſein zu verlieren, werde ich geheilt ſein. Armand fühlte ſich ſtark genug, um das Aben⸗ teuer zu verſuchen. Er nahm plötzlich all ſeinen Muth zuſammen, eilte nach der Eiſenbahn und fuhr nach der Station... Wir haben geſagt, daß man im Frühling war, nicht in dem falſchen Mai⸗Frühling, der ſeit einem Vierteljahrhundert in Frankreich nicht mehr beſteht und der uns doch ſehr glücklich machte, uns, die wir das Vorrecht geerbt haben ihn zu kennen. Dieſer wahre Frühling hatte noch die lauen Hauche, womit er Virgil durchduftete. Er liebkoste noch ſeine My⸗ riaden von Blumen, die ohne Samen aufgebrochen waren. Heut zu Tage macht er drei oder vier Mal in dem Vierteljahr, das ſeine Domäne bildet, ſeine flüchtige Erſcheinung zwiſchen Froſt und Nordwind. In Paris verkaufen einige Weiber auf den Boule⸗ vards ſtinkende Hyacinthen, ſchwarze Nelken, die ſich niemals öffnen werden; andere Frauenzimmer, die keine Blumen verkaufen, gehen in leichten hellſeide⸗ nen Kleidern vorüber, bei deren Anblick die Spazier⸗ gänger ſchaudern, und mit dem Frühling iſt es aus. Armand wurde an dem Tage, wo er ſeinen gro⸗ ßen Entſchluß faßte, mit einem Frühling aus der alten guten Zeit beglückt. Die feuchte und von ihrer Keimungsarbeit zuckende Erde leiſtete dem Fuß, der ſie drückte, keinen Widerſtand, die Eichen warfen be⸗ reits einige Schatten; Kaſtanienbäume, Ebenbäume und Sycomoren hatten ihre duftigen Trauben. Der dem jungen Mann wohlbekannte Fußpfad war mit neuem Gras umſäumt, das mit unmerklichen weißen 173 Sternen ganz überſät war. Rechts und links wogte das kräftige Korn und der blühende Klee unter einem Südoſtwind. Armand bewunderte die Himbeerſtauden und pflückte Gichtbeerenblätter; der Weg vertiefte ſich unter Pflaumenbäume, die bereits ihre Blüthenblät⸗ ter abgeworfen hatten. Ein Syringengehege folgte auf dieſe alten Bäume und auf einmal bemerkte man hinter einer gewöhnlich mit Weinreben bedeckten Höhe das Haus. Dieſes von der Fürſtin gemiethete Haus, an wen war es jetzt übergegangen? Ein anderer Be⸗ wohner konnte ſeine Möbel hineingebracht haben, aber er hatte keine anderen Bäume und Steine her⸗ geſchafft, er hatte wohl den Boden nicht verändert, und Armand verlangte weiter Nichts, als in den Garten zu treten, an den offenen Fenſtern vorüber⸗ zugehen, einen Blick in die Zimmer hineinzuwerfen, um daſelbſt die unſichtbaren Erinnerungen zu finden, welche der neue Miether nicht verjagt, ja zwiſchen dieſen leeren Wänden nicht einmal vermuthet haben konnte. Er ſuchte zuerſt die äußere Mauer, die ehedem mit Epheu überwachſen war. Dieſe Mauer beſtand nicht mehr. Es war kein Pförtchen mehr vorhanden; das anſtoßende Feld mit ſeinen großen Obſtbäumen, mit ſeinen duftigen hundertblätterigen Roſenſträuchen, dieſes bäuerliche Erbgut ſchien eine arrogante Miene angenommen zu haben und zu ſagen: Ich bin ein Herrengut geworden und werde Nichts mehr für den Markt hervorbringen. Man wird mich mit neuen Mauern umgürten, unter welchen meine gute ſchwarze 3 8 zu dem vordern Hauſe, ich bin kein Anhängſel des 174 Erde prächtige Pfirſichbäume hervorbringen wird un⸗ ter der Leitung eines Gärtners, der ſeine Studien im Jardin des Plantes gemacht hat. Ich gehöre engliſchen Gartens, ich nenne mich Weingarten. Armand runzelte die Brauen. Da keine Mauern mehr da waren, ſo ſah er den ganzen ſonſt ſo ge⸗ heimnißvollen Garten vor ſich, und wie er ſah, ſo ſah man auch ihn. Eine junge Zofe, die an der Wendung einer Allee Hagedorn und Syringen pflückte, näherte ſich dem jungen Mann auf einmal mit der zuvorkommendſten Miene und fragte mit den Augen, nicht mit den Lippen, was er da mache. „Ich bin in dieſes Feld hereingekommen, durch welches ſonſt ein Fußpfad führte,“ antwortete Ar⸗ mand.„Dieſer Fußpfad iſt alſo nicht mehr vor⸗ handen?“ „Mein Herr,“ ſagte das junge Mädchen,„dieſes Feld iſt von Madame gekauft worden und gehört jetzt zu dem Gut. Der Fußpfad wird auf der an⸗ dern Seite der Mauer wieder angelegt werden.“ Armand hörte nicht mehr, ſondern ſchaute nur noch. Er hatte ſogleich und nur allzuſchnell begriffen. Er that einen Schritt, um aus dieſer Verlegenheit hinauszukommen. 2 „Entſchuldigen Sie mich, mein Kind,“ ſagte er. „Ich glaubte auf einem Terrain zu ſein, das Jeder: mann zugänglich wäre.“ „O, geniren Sie ſich nicht, mein Herr,“ erhielt er zur Antwort.„Sie können nicht da hinausgehen, —,— ——— 175 denn man hat die Grundlagen der Mauern durch⸗ brochen.“ „Ich werde auf demſelben Wege zurückkehren, wo ich hergekommen bin,“ ſagte Armand mit einem Seufzer.„Aber würden Sie mir nicht erlauben einige Schritte unter dieſen Bäumen zu machen, um dieſen ſchönen Garten zu bewundern?“ „Treten Sie gefälligſt ein.“ „Ich werde Niemand begegnen, Niemand belä⸗ ſtigen?... Ihre Herrſchaft iſt vielleicht da?“ „Ja, mein Herr, aber...“ „Ich gehe,“ rief Armand haſtig. „O, mein Herr, thun Sie das nicht,“ ſagte die Zofe.„Wenn Madame es erführe, ſo würde ſie mich auszanken, daß ich einem Fremden nicht ein⸗ mal eine ſo einfache Artigkeit erwieſen habe.“ Armand blieb ſtehen. „Wäre es unbeſcheiden Sie um den Namen des Hauseigenthümers zu fragen?“ „Die Frau Admiralin Dampmesnil,“ antwortete das junge Mädchen. 4 Armand kannte dieſen Namen, weil er ihn in den Salons tauſendmal um ſich her hatte nennen hören. Er fürchtete unter Bekannte zu kommen, und kehrte alſo um, mit der Erklärung, er wünſche dieſe Dame nicht durch eine unziemliche Neugierde zu be⸗ läſtigen. Während er ſich mit einem Lächeln gegen das junge Mädchen entfernte, erſchien eine andere Frauen⸗ veioſ unter der im Licht ſchwimmenden Allee vor ihm.. „Hier iſt das Fräulein,“ ſagte die Zofe. 176 Armand blieb ſtehen, der Rückzug war ihm ab⸗ geſchnitten. Lucienne trat freundlich ernſt auf ihn zu. XXI. Beim Anblick dieſes reizenden Geſichtes mit den goldenen Reflexen und den hellen Blicken fand Ar⸗ mand ſeine Lage bejammernswürdig falſch und ent⸗ ſchuldigte ſich mit der größtmöglichen Offenheit. „Madame,“ ſagte er,„ich habe mich durch dieſen freundlichen Weingarten verführen laſſen; verzeihen Sie mir, daß ich ſoweit gegangen bin. Ich ziehe mich zurück.“ Und er grüßte bereits. Lucienne hielt ihn mit einer Geberde auf und antwortete: 3 „Das Unglück iſt nicht groß, mein Herr; das Haus gehört noch ſo ziemlich dem Publicum, da es nicht von beiden Seiten geſchloſſen iſt, und dann weiß ich nicht, aber es ſcheint mir, als ob Ihr Ge⸗ ſicht mir nicht unbekannt wäre.“ So ſprechend betrachtete ſie ihn mit einer Treu⸗ herzigkeit und Grazie, die ihn vollkommen beruhigen mußte. „Ich ſage mir daſſelbe, Madame, und der Grund iſt ziemlich leicht zu finden. Ich habe ſo eben Ihre Kammerfrau nach dem Namen des Hausbeſitzers ge⸗ fragt. Dieſen Frankreich ſo wohlbekannten Namen habe ich ſehr oft in Geſellſchaft nennen gehört, wo ich wahrſcheinlich die Ehre gehabt haben werde mit Ihnen zuſammenzutreffen, wie man bei einer großen Menſchenmenge zuſammentrifft, ohne ſich zu ſehen. 177 Lucienne lächelte ſo fein, daß Armand höchſtens die Falte des Grübchens bemerken konnte, das durch ein ganzes Lächeln auf der Wange des jungen Mäd⸗ chens hervorgerufen wurde. „Herr?...“ ſagte ſie. „Armand von Bierges,“ antwortete er, ſich ver⸗ beugend. Sie erröthete. „Ich bin auf dieſen Namen oft aufmerkſam ge⸗ worden, mein Herr. Noch mehr, Sie haben einen Verwandten, einen alten Herrn, der dieſen Namen führt; ein ſchöner, ehrwürdiger Kopf, weiße Haare...“ „Mein Vater, Madame.“ „O ich kenne ihn gut; ich habe ihn oft bei einer Freundin meiner Mutter, der Baronin Chaudray, ſpielen geſehen.“ „Sie iſt eine genaue Freundin meines Vaters,“ ſagte Armand. 3 „Nun wohl, mein Herr,“ verſetzte Lucienne in munterem Tone,„Sie ſehen, daß Sie ſich unter Bekannten befinden, und jetzt nöthigt Sie ſogar die Höflichkeit Ihren Beſuch bis ans Ende zu treiben. Erlauben Sie, daß ich Sie meiner Mutter vorſtelle.“ Sie ging leicht an ihm vorüber. Er blieb ganz verdutzt über dieſe keuſche und anmuthsvolle Ver⸗ traulichkeit ſtehen. „Dies iſt eine junge Frau,“ dachte er,„ich werde jetzt ſogleich an der Biegung der Allee einen ſchnurr⸗ bartigen Cheherrn in weißem Hauskamiſol entdecken. Ohne Zweifel ſind auch ein Paar Kinder, blond wie ihre Mutter, da und ſpielen zu den Füßen der guten Mama.“ Magquet, Herzensſchulden. 12 178 Dann erinnerte er ſich auf einmal, daß die Zofe geſagt hatte:„Hier kommt das Fräulein.“ „Iſt's möglich?“ murmelte er. So träumend trat er näher. Aber jeder Schritt zeigte ihm an dem ſo wohlbekannten Orte irgend ein Detail, das er nicht kannte. Ehedem beſtand der Garten aus einem Gehölz, das bis an die hin⸗ tere Mauer ging, aus einem großen Parterre mit zwei Terraſſen und einem andern kleinen Gehölz, das an das Haus ſtieß. Vergebens ſuchte Armand, vergebens rief er alle ſeine Erinnerungen zuſammen und befragte ſie; es war ihm unmöglich ſich zurecht zu finden. Alles im Garten war verändert, umge⸗ kehrt, wie wenn irgend ein boshafter Dämon die alten Anordnungen abſichtlich über den Haufen ge⸗ worfen hätte. In einem ganz neuen Rondel, das von einer mit Nachtſchatten und Eiſenkraut überſäten Raſen⸗ böſchung umgeben war, ſaß im vollen Sonnenlicht die Admiralin Dampmesnil, ſo elegant geputzt, als wollte ſie auf den Ball gehen, in ihrem Lehnſtuhl. Eine ihrer Frauen hielt ihr einen Sonnenſchirm über den Kopf. Eine andere las ihr Journale vor. Die alte Dame hörte und verſtand Nichts, als das Ge⸗ räuſch eines kleinen Springbrunnens, der zu ihrer Linken aus einem Felſen hervorſprang, welcher neu war, wie Alles was Armand ſah. Lucienne näherte ſich ihrer Mutter, küßte ſie auf die Stirne und meldete ihr den Beſuch an. Madame Dampmesnil ſah und lächelte höflich. Sie fuhr fort zu ſehen und zu lächeln, ſo lange Lucienne eine Hand auf ihrer Schulter hielt. Kaum war dieſe — 179 Hand verſchwunden, ſo verſchwand auch das Lächeln und die Aufmerkſamkeit der alten Dame. Sie wandte ſich ſchnell zu ihrem geliebten Springbrunnen zurück, deſſen Gemurmel ſie mit Wonne zu hören ſchien. Lucienne ſagte zu Armand, daß eine allzulange Unterhaltung ihre Mutter ermüde. Sie erzählte in wenigen, ſehr gefühlten, ſehr zartſinnig betonten Worten, daß ſeit dem Tod des Admirals die Seele ihrer Mutter ſich von der Welt zurückgezogen zu haben ſcheine, und ohne ihm ein langes Nachdenken über dieſe Betrachtung zu erlauben, fuhr ſie fort ihm dieſen Garten zu zeigen, den zu ſehen er ge⸗ kommen war und worin er ſich gänzlich fremd fand. „Mein Herr,“ ſagte ſie,„wir haben hier viele Veränderungen vornehmen müſſen. Meine Mutter hat auf einmal eine Liebe für dieſes Haus ge⸗ faßt. Jeder ihrer Wünſche iſt für meinen Bruder und mich ein Befehl; wir haben alſo das Gut ge⸗ kauft, aber kaum war ſie eingezogen, ſo gefiel ihr Nichts mehr. Sie hat viele Launen. Was iſt re⸗ ſpectabler und leichter zu befriedigen, da es ſich nur um ein bischen Geld handelt?“ Man war an das Haus gekommen, wo Armand keine Spur von dem alten Gebäude mehr vorfand. „Im vorigen Jahr war es eine jener ſteinernen Fagçaden mit großen Fenſtern aus dem ſiebzehnten Jahrhundert, kleinen Scheiben, einer Freitreppe an den Hauptthoren, mit gepflaſterten Gängen vor dem Haus, mit Manſarden in dem zugeſpitzten Dach geweſen. Jetzt war die Fagade jung wie Lucienne, mit einer Unterlage von Mühlſtein und mit großen vergitter⸗ ten Flächen, bedeckt mit Waldreben, Oſterluzeien und 180 kletternden Roſenſträuchen. Armands Auge drang in dieſe ſo bekannten Zimmer. Statt des alten grauen und ſculptirten Getäfels, ſtatt der alten Ge⸗ mälde, ſtatt der Damaſtteppiche und Tapiſſerien von Beauvais ſah er jetzt vergoldete Fächer, moderne Gemälde, und die Kamine waren mit allerlei aus⸗ geſchnittenen Stoffen umhüllt. Das Zimmer, das Caliſte ſonſt bewohnt und in einem ziemlich düſtern gothiſchen Stil möblirt hatte, war jetzt mit weißem, geſticktem Muslin auf einem Grund von roſarother Seide überzogen. Die ganze Einrichtung dieſes Gemachs war verändert worden. Man gelangte da⸗ hin durch einen Salon, der früher zur Hausflur ge⸗ hört hatte und wo jetzt Schränke ſtanden. Die Spie⸗ gel, die böhmiſchen Kryſtalle, die mit Gold incruſtirten Möbel von Roſenholz, ein großer Teppich von weißer Mokette mit anſehnlichen Roſenbouquets verliehen dieſem Zimmer den unverſchämten Luxus der Jugend, der Friſche und Heiterkeit; es ſchien die Sonne her⸗ auszufordern, die durch die weit offenen Fenſter her⸗ eindrang. Große Käſten mit Strauchwerk und Blumen gaben dem regenerirten Haus einen reizenden Gür⸗ tel. Die Zugänge waren verändert, ein Stock war hinzugefügt, die Treppen neu gemacht, die Manſarde weggeſchafft worden; zwei ländliche Flügel, Senn⸗ hütten ähnlich, die mit dem Hauptgebäude in Ver⸗ bindung gebracht waren, brachten Armand vollends ganz aus dem Concept; er mußte, um hier eine Erinnnerung wieder zu finden, ſeine Augen ſchließen und in ſeine Gedanken hinabſteigen. „Das iſt ſonderbar,“ ſagte er zu ſich, indem er 181 einen ſchmerzlichen Seufzer erſtickte.„Wie verſchie⸗ den doch der Geſchmack und die Charaktere ſind! Dieſes junge Mädchen hat höchſtens neunzehn Jahre; Caliſte kaum vierundzwanzig; Beide gehören der Geſellſchaft an, welche die gewöhnlich auserwählten Ideen, die man Mode nennt, unter ſich gemein hat. Caliſte iſt eine Brünette, dieſes junge Mädchen iſt eine Blondine, das macht freilich etwas aus; aber Caliſte hatte ſich doch mit dieſem Hauſe begnügt. Sie iſt Fürſtin von Rang und von Seele; was ſie thut, das darf Niemand mißbilligen, denn ihr Ge⸗ ſchmack iſt ausgeſucht. Wie kommt es, daß dieſe Damen ſich im ganzen Umfang eines ſolchen Hauſes auch nicht in einem einzigen Punkt, nicht im gering⸗ ſten Detail, nicht in einer Fenſterſcheibe begegnet ſind? Wie kommt es, daß Fräulein Dampmesnil, um dieſes ganze Haus ſo zu ändern, den dreifachen Werth des Beſitzthums ausgegeben hat? Wenn man einen Gegenſtand kauft, ſo geſchieht es, weil er ge⸗ fällt. Man läßt ſich durch Bäume, durch Waſſer, durch die Form und die Eintheilung eines Gebäudes verführen: man liebt eine Gitterthüre, eine Samm⸗ lung von Azaleen oder Melonen; kurz, man liebt irgend etwas. Hier haben dieſe Leute, die ſchnell kauften, weil die Liebe zu dem Haus ihnen keine Ruhe mehr ließ, auch nicht einen einzigen Schiefer davon beibehalten. Es iſt ſonderbar, man ſollte ſagen, es ſei eine Wette.“ Unter ſolchen Träumereien folgte er Lucienne. Sie brachte in ungleichen Zwiſchenräumen irgend eine höfliche Phraſe vor, die er möglichſt höflich zu erwidern ſich bemühte. Aber da ſie ſich häufig zu ihm umwandte, ſo überraſchte ſie mehr als einmal den betrübten oder ſpöttiſchen Ausdruck ſeiner Phy⸗ ſiognomie. „Sie lieben vielleicht all dieſen Flitterkram nicht?“ ſagte ſie mit ihrem freundlichen Ernſte zu ihm. „Es ſcheint mir,“ erwiderte er, als er ſich in dieſem innerſten Gedanken überraſcht ſah,„daß hier ſehr große Veränderungen vorgenommen worden ſind. Im Uebrigen iſt Alles mit einer bemerkens⸗ werthen Pracht eingerichtet, mein Fräulein.“ „Mein Herr,“ antwortete Lucienne,„der Charakter dieſes Beſitzthums iſt allerdings nicht mehr derjenige, den es vor unſerer Ankunft hatte. Es war ein etwas düſteres Haus, voll von Ecken und Biegun⸗ gen. So baute man im vorigen Jahrhundert. Ich habe die Vortheile ſo gut als möglich beibehalten. Ueberall wo ſich ein großes und bequemes Zimmer vorfand, habe ich es reſpectirt.“ „Nein, nein,“ dachte Armand,„es waren ſehr bequeme Zimmer da, die ich nicht wieder finde.“ Lucienne ſah ihn an. Wie wenn er ganz laut geſagt hätte, was er bloß gedacht, fuhr ſie fort: „Es ſcheint, daß dieſes Haus vor uns von einer einzigen Perſon bewohnt wurde, die zurückgezogen, ja ſogar verborgen hier lebte. So lautet wenigſtens das Gerücht, das zu uns gedrungen iſt. Dieſe Dame — es war eine Dame— war ſehr ſchön, ſagt man uns weiter, denn wahrhaftig, mein Herr, man könnte glauben, ich erzähle eine Legende; ſie war auch ſehr traurig und mehrere Leute aus der Gegend ver⸗ ſichern, ſie haben ſie manchmal weinend auf dem Felde geſehen.“ 183 Ein Schauer durchlief Armands Glieder; es war ihm, als habe ſo eben Caliſtens Schatten ſeine Schul⸗ ter geſtreift. 3 „Es iſt kein Wunder,“ fuhr Lucienne fort,„wenn dieſe arme Dame in einem traurigen und düſteren Hauſe ſich gefiel; wenn ſie hier Alles das liebte, was mit ihrem Seelenzuſtande harmonirte: ſchwarze Bäume, eingeſchloſſene Gänge, dichte Gewölbe, ſowie dieſe kleinen grünen Fenſterſcheiben, durch welche ein bleiches Licht kärglich hereinſchleicht. Wir dagegen, mein Herr, wir fühlen ein Bedürfniß nach Sonne und Luft. Ich bin jung, und mein Bruder, deſſen Schiff im ſchwarzen Meere kreuzt, wird ſich bei ſei⸗ ner Rückkehr von Sebaſtopol ſehr freuen ſeinen Blick auf einer heiteren Ausſicht ausruhen zu laſſen.“ Armand blieb ſtill und verneigte ſich; ſeine Wunde war noch nicht vernarbt. Hatte dieſes junge Mäd⸗ chen, darum weil ſie ſchön und reich und makellos war, auch ein Recht die edle und poetiſche Caliſte, deren Lächeln das ſchwärzeſte Gefängniß erheitert haben würde, auf ſolche Art zu tadeln, ohne ſie zu kennen? „Gewöhnlich,“ ſagte er endlich— denn ein län⸗ geres Schweigen hätte ihm feig geſchienen—„ge⸗ wöhnlich iſt es kein ungünſtiges Zeugniß für den Charakter der Leute, wenn ſie ihre Wohnung und ihre Perſon in Harmonie zu bringen ſuchen. Die Hauptſache iſt, daß der Geſchmack bei einer ſolchen Einrichtung den Scepter führt.“ Lucienne kehrte ſich lebhaft um. Dieſe Phraſe hatte ſie beunruhigt; man hätte glauben können, ſie fürchte ihren Gaſt verletzt zu haben.. 184 „Ich bin weit entfernt Geſchmack zu haben,“ ſagte ſie ſchüchtern;„ich habe nur meine Liebhabereien.“ Armand wußte ihr Dank für dieſe freiwillige Wiedergutmachung. „Dieſe Liebhabereien haben Sie vortrefflich ge⸗ leitet, mein Fräulein,“ ſagte er nicht ohne Herzens⸗ beklemmung. Und jetzt dachte er daran, daß er früher den Geſchmack Caliſtens ſehr bewundert, ſehr geliebt hatte, daß er bei ſeiner Ankunft in dieſem von ihr entdeck⸗ ten und gemietheten Hauſe, womit ſie ihn überraſcht hatte, er dachte daran, ſage ich, daß er an dieſem Tage ewigen Angedenkens nicht ein einziges von all den Details, die Lucienne verwiſcht, ohne warme Lobeserhebungen gelaſſen hatte. Er erinnerte ſich beſonders am Ende des Gar⸗ tens links an eine große Wendelallee von Ulmen und Kaſtanienbäumen, die zu einem Pavillon führte, von wo aus man die Gegend betrachten konnte. Dies war ein reizendes Plätzchen, ſo keuſch wie ein Neſt; die Baumzweige drangen bis in dieſen Pavillon und warfen ihre Blüthen und ihre goldenen Knospen herein; durch das ſpitzbogenförmige Fenſter ſah man unten das tiefe Gras. Weiterhin beugte ſich der Hügel ſanft gegen den Fluß hinab. Dieſer ver⸗ ſchwand unter dem runden Dom der weißlichen Wei⸗ den und zeigte ſich tauſend Schritte von da ſtrahlend in der Nähe einer fortwährend ſchäumenden Mühle. Wie oft hatten ſich Caliſte und Armand bei Nacht unter dieſer ſchattigen Allee ergangen, ſich in die Augen ſchauend, worin ein Mondſtrahl zitterte! Wie oft waren ſie den mooſigen Hügel zu dieſem Pavillon 4 3 185 hinangeſtiegen, welchen die Fledermäuſe mit ihren Flügeln ſtreiften, und wie oft hatten ſie an dieſem Fenſter, wenn ſie Nichts als Wolken am Himmel, ſchwarze Maſſen in der Ebene, irre Feuer am Hori⸗ zont ſahen, wie oft hatten ſie da zu einander geſagt, daß dieſer Winkel der Welt das Paradies auf Er⸗ den ſei! Armand wandte ſich unter dem Vorwand, ein neues Gewächshaus zu bewundern, rechts, in der Hoffnung Lucienne nach dieſer Seite zu ziehen. Er wollte die Qual nicht erdulden ſeine geliebten Bäume, ſein ländliches Dach, Alles was ihm theuer geweſen, nicht wiederzufinden. Denn ohne allen Zweifel liebte dieſes junge Fräulein die heiteren Dinge gar zu ſehr, als daß ſie nicht die ſchwarze Allee und den Pavillon von wurmſtichigem Holz über den Haufen geworfen hätte. „Mein Herr,“ ſagte Lucienne zu ihm,„erlauben Sie, daß ich Ihnen den einzigen etwas poetiſchen Ort in dieſem alltäglichen bürgerlichen Haus zeige. Er iſt hier links, wenn ich bitten darf.“ „Irgend ein neuer eiſerner Gitterkäfig,“ dachte der junge Mann,„wo ich roth und blau angeſtrichene Vögel ſehen werde, die einander die Flügel zerpicken.“ Er folgte ſeiner Führerin. Einen Augenblick ſpäter trat er unter ſeine vielgeliebte Allee. Hier war Nichts angetaſtet worden. Dieſelbe Einfaſſung von Schwertlilien hinter den Bäumen, daſſelbe Moos auf dem Weg zum Pavillon, derſelbe Pavillon mit ſeinem offenen Fenſterlein. Armand vergaß ſich. Er ging mit großen Schritten unter dieſen Bäumen. Er kam zuerſt im Pavillon an; die Augen auf die 186 Wieſe, ſodann auf die ferne Landſchaft geheftet, ſeufzte er und drückte ſeine Hände gegen einander. „Eine reizende Ausſicht, nicht wahr?“ ſagte Lu⸗ cienne mit ihrer muſikaliſchen Stimme. „Ja,“ murmelte Armand, der beinahe erſtickte. Sie wandte ſich ab, wie wenn ſie beſſer ſchauen wollte. Dieſe Bewegung führte ſie näher zum Fen⸗ ſter. Armand ſah ſie graziös in den Kreuzbogen ein⸗ gerahmt; ein feiner Strahl glitt über ihre bewun⸗ dernswürdigen aſchblonden Haare. Wie! er war alſo wirklich in dieſem Pavillon, er, Armand, und eine Frau, die nicht Caliſte war, befand ſich bei ihm. Wie! Von außen konnte man dieſe weiße Geſtalt ſehen. Man konnte auch ihn ſehen, wie man viel⸗ leicht Caliſte da geſehen hatte, nur mit dem Unter⸗ ſchied, daß die Fürſtin ſich raſch entfernte, wenn Bauern vorüberkamen, während Lucienne ruhig lä⸗ chelnd und ganz ungezwungen an ſeiner Seite ſtehen blieb. Er entriß ſich ſehr raſch dieſen gefährlichen Ver⸗ gleichungen; das junge Mädchen folgte ihm in die Allee. „Sie hatten Recht, mein Fräulein,“ ſagte Ar⸗ mand,„dies iſt ein poetiſcher Aufenthalt.“ „Nicht wahr? Ja, ich habe ihn auch dem Gärt⸗ ner und dem Baumeiſter zum Trotz beibehalten. Al⸗ les das iſt verſchimmelt, ſagte der Eine; Alles das wird unſere Blumen tödten, ſagte der Andere. Ich liebe Ideen noch mehr als Blumen, antwortete ich. vr — Und wirklich,“ fügte ſie mit ihrer prächtigen Un⸗— ſchuld hinzu,„kann ich niemals im Mondſchein unter 5 dieſen Bäumen luſtwandeln, ohne daß die lieblichſten —.. vr 187 holdeſten Ideen über mich kommen. Es iſt als ob ſie verborgen da oben wohnten, als ob ſie tropfen⸗ weiſe auf meine Stirne herabregneten. Wer weiß, mein Herr, die Ideen ſind vielleicht unſichtbare Atome, die in ihren Lieblingsſtunden auf die Köpfe herabſteigen, denen ſie hold ſind.“ „O,“ dachte der junge Mann mit einem dank⸗ erfüllten Blick, welchen Lucienne im Fluge erhaſchte, und der ihrem Herzen wohl that,„geſegnet ſei die⸗ ſes verſtändige Geſchöpf, daß es meine zarteſte und reinſte Erinnerung hier erhalten hat! Wahrhaftig, ſie ſcheint dieſelbe, keuſch wie ſie ſelbſt iſt, gewählt zu haben. Für dieſen guten Gedanken verzeihe ich ihr, daß ſie das theure Haus meiner Liebe uſurpirt hat.“— Der Beſuch konnte nicht in die Länge gezogen werden. Armand fühlte ſich bewegter, als er hätte ſein mögen. Lucienne ließ ſich von ihrer ſo ſtolzen Heiterkeit allmälig zu Armands Melancholie herab. Dieſer beeiferte ſich der alten Admiralin, die noch immer in Extaſe vor dem Springbrunnen ſaß, ſeinen eehrerbietigen Abſchiedsgruß zu ſagen. Er verbeugte ſich nicht minder ehrerbietig vor Lucienne, und wäh⸗ rend das junge Mädchen zum letzten Mal ſeinen Blick ſuchte, dem ſie nicht mehr begegnete, ſchritt er raſch durch die neue Pflanzung, ging auf das Feld, die ehemalige Grenze ſeines Gartens, hinaus und ſteuerte mit unruhigem Herzen nach der Eiſenbahn⸗ ſtation zu. Er hatte es alſo wieder geſehen, dieſes ſo ge⸗ fürchtete Haus. Er hatte alſo dieſen furchtbären Boden wieder beſchritten. Welch ein ſeltſamer Zu⸗ fall! Alles was Caliſte an Spuren hinterlaſſen hatte war nicht mehr vorhanden. Ein junges Mädchen mit ſeinen friſchen Ideen und ſeinen glänzenden Liebhabereien, ein ſchönes junges Mädchen lebte in dieſem Gehege, wo ehedem Caliſte ſich verborgen gehalten. Lucienne bewegte ſich lärmend, ungezwungen, mit tumultuariſcher, un⸗ beſchränkter Gewalt an dem Orte, wo dieſe arme Einſiedlerin kaum zu ſeufzen wagte, weil ſie gehört zu werden fürchtete, wo ſie, um frei weinen zu kön⸗ nen, ſich ins Freie, aufs Feld hinaus flüchten mußte. Armand hatte zwei Stunden an dieſem Orte ver⸗ lebt und er brachte eine unausſprechliche Beklommen⸗ heit von ſeinem Ausflug zurück. Nicht die Schönheit des Fräuleins Dampmesnil, nicht der ſehr wirkliche Zauber ihrer Perſon war es, was alle ſeine Gedan⸗ ken in Feſſeln ſchlug. Er ahnte etwas Intereſſan⸗ teres im Grunde dieſer Seele; er ſuchte eine Erklä⸗ rung für die eigenthümliche Thatſache zu finden, daß er in dieſem Haus mit einer Perſon zuſammengetroffen, an welcher er in einem Salon zwanzigmal vorbeige⸗ gangen war, ohne ſie zu beachten. Er fragte ſich, indem er dieſen Ideengang verfolgte, ob das junge Mädchen, das ihn erkannt hatte, wohl nicht auch die Fürſtin Nowratzin an der Schilderung erkannt 7 189 behewendge, welche die guten Landleute ihr von delſelben gemacht haben konnten. 4 Jedenfalls begründete dieſes zufällige Zuſammen⸗ treffen mit Fräulein Dampmesnil in der ehemaligen Wohnung Caliſtens für Armand eine zweideutige Stellung. Obſchon er hoffte, daß der Aufenthalt der Fürſtin in Frankreich unbekannt geblieben ſei, obſchon er folglich auch hoffte, daß Fräulein Damp⸗ mesnil niemals den Grund ahnen würde, der ihn zum Beſuch in dieſem Garten veranlaßt hatte, ſo fühlte der junge Mann doch, daß er in Geſellſchaft eine beſtimmte Erklärung deſſelben würde abgeben müſſen. Madame Chaudray z. B. konnte nicht er⸗ mangeln ſämmtliche Umſtände durch Fräulein Damp⸗ mesnil zu erfahren. Die Baronin ſagte es natür⸗ lich dem Rath wieder. Alles das mußte einen An⸗ ſchein von Geheimthuerei an ſich tragen, und wenn man nicht zur wahren Quelle hinaufging, ſo wurde es ſicherlich noch ungünſtiger gedeutet: man ſchob dann gewiß galante Abſichten unter, man konnte Armand im Verdacht haben, daß er eine Gelegenheit geſucht mit dieſem ſo ausgezeichneten jungen Mäd⸗ chen zuſammenzutreffen. Bei dieſem Gedanken bebte Armand zuſammen; ein ſolcher Zuſtand der Dinge war unerträglich. Das Abenteuer ſeinem Vater erzählen... nein. Herr von Bierges war einer jener ſcharfſichtigen, nur allzuſcharfſichtigen alten Herren, die keinen Zu⸗ fall zugeben. Die Muthmaßungen des Rathes wür⸗ den zu weit und zu ſchnell gehen, ſein Spott könnte Armands noch empfindliches Herz beleidigen, und dann, wer weiß, ob er ſich nicht bei allem Spott ſo⸗ 190 gleich eine Zukunft in Betreff dieſes jungen Mäd⸗ chens zuſammen ſchmieden würde? Ueberdies war eine Benachrichtigung des Herrn von Bierges nicht die dringlichſte Sache. Vorausſichtlich war die Ba⸗ ronin Chaudray die erſte Perſon, die von Fräulein Lucienne in Kenntniß geſetzt wurde. Armand begab ſich zur Baronin, nicht ohne eine lebhafte Neugierde, welche die Haltung und der Charakter dieſer Perſon ihm einflößten. Er hoffte mit einiger Gewandtheit von der Baronin eine Menge Aufſchlüſſe über ſie zu erhalten, Aufſchlüſſe, auf welche dieſe ſo ſchnell aus⸗ gebrochene Neugierde in Wahrheit äußerſt erpicht war. Dieſe Neugierde war, wenn der Verfaſſer ſich nicht täuſcht, vollkommen geeignet ſelbſt den melan⸗ choliſchſten Geiſt aufzurütteln. Da waren alſo in kurzer Zeit intereſſante Beſchäftigungen, die als Nah⸗ rung in ein müſſiges Leben geworfen wurden. Und war es nicht endlich, geſtehen wirs, das junge Mäd⸗ chen, das ſich bei dieſer Art aufzutreten mit dem erſten Schlag aller Gedanken des jungen Mannes bemächtigte? Armand war ſelbſt überraſcht, daß er ſo oft an dieſe Bizarrerien dachte, und geſtand ſich nicht ſo⸗ gleich, daß die Idee Luciennes zuweilen Caliſte aus ſeiner Erinnerung verdrängte, wie Lucienne ſelbſt die Erinnerung an die Fürſtin ſogar in ihrer alten Wohnung verwiſcht hatte. — — 191 XXIII. Bei den erſten Worten, welche er zu Madame Chaudray von dieſem überraſchenden Zuſammentreffen ſagte, ließ die Baronin einer Heiterkeit, die nichts Affectirtes hatte, vollen Lauf. Sie ließ ſich die Geſchichte nebſt allen Details, die Armand ihr zu geben für gut fand, erzählen. Was wollte er dort thun? Kannte er nicht die⸗ ſes Fräulein Dampmesnil ein wenig? Wie hatte er ſie gefunden? Kurz, ſie unterließ keine der Fragen, die eine Frau ſo gut in wenigen Worten zu ſtellen weiß. Man begreift, daß ſie ein wenig piquirt war, nachdem ſie ſich früher ſo viele Mühe gegeben eine Annäherung herbeizuführen, nachdem ſie ſo lange für dieſes Reſultat conſpirirt hatte, das jetzt ganz von ſelbſt kam. Armand geſtand, daß das Abenteuer ihm nicht mißfallen habe. Er machte große Lobeserhebungen von den vortrefflichen Eigenſchaften der jungen Per⸗ ſon. Dann wagte er auch einige Fragen. Auf die⸗ ſem Terrain erwartete ihn die Baronin, die, wie wir wiſſen, vorbereitet war, feſten Fußes, und ließ ihn von ſelbſt anlaufen. Armand ging nicht ſo weit, aber ſagte genug und dachte genug, um in die Falle zu gerathen. Da er von Allem was zwiſchen der Baronin und ſeinem Vater, zwiſchen Lucienne und der Baronin vorgefallen war, Nichts wußte, während Madame Chaudray ſein ganzes Spiel auswendig kannte, ſo glaubte er ſehr fein und liſtig zu verfah⸗ ren und war doch der Genarrte. 3 192 „Alſo,“ ſagte die Baronin zu ihm,„ſind Sie mir Nichts dir Nichts mit der reizendſten Erbin von Paris in Beziehung getreten? Sie haben Glück ge⸗ habt, daß Sie ſich in der Umgebung dieſes Hauſes verirrten.“ „Ach Madame,“ verſetzte Armand etwas ärger⸗ lich,„hätte ich vorherſehen können, daß dieſes junge Mädchen das iſt, was Sie eine Erbin nennen, ſo würde ich mich nicht zu ihr verirrt haben.“ „Bah!“ rief Madame Chaudray mit ſtets zuneh⸗ mender Heiterkeit,„gewiſſe Häuſer ziehen an; ſie ſcheinen von Magnet, und nicht von gewöhnlichen Bauſteinen gemacht zu ſein.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Armand ſehr mißvergnügt. „Ich ſage, daß Sie früher oder ſpäter nothwen⸗ dig in dieſes Haus zurückkommen mußten,“ fuhr die Baronin fort, die weit entfernt war die furchtbare Mißdeutung zu ahnen, der ihre Worte unterliegen konnten.„In dieſem Haus, mein lieber Armand, hatten Sie ſich bereits beinahe die Flügel verbrannt, und jetzt bleiben dieſe Flügelchen endlich daran hängen.“ „Mein Geheimniß iſt alſo bekannt?“ dachte der junge Mann voll Herzensangſt, und wie in den Comödien murmelte er: „Ich bitte um Alles, Madame, erklären Sie ſich.“ „Gerne, mein lieber Armand; denn Sie betrach⸗ ten mich mit großen entſetzten Augen, die mir Angſt machen. Ich ſage, daß Sie ſich um das Haus Dampmesnil herumdrehen, weil Sie, ohne es zu wiſſen, ſchon einmal beinahe hineingerathen wären.“ 193 „Ich, Madame!“ „Ich ſpreche nicht von ihrem Landhaus; ſie hat⸗ ten es zur Zeit, die ich im Auge habe, noch nicht. Ich ſage Haus, um Wohnung zu ſagen, verſtehen Sie mich, und Wohnung iſt ein Euphemismus, den ich anwende, um Familie auszudrücken.“ „Ich,— ich wäre beinahe in die Familie Damp⸗ mesnil hineingekommen!“ rief Armand ganz roth und ganz verblüfft. „Allerdings, wenn Sie nur gewollt hätten, aber Sie haben nicht gewollt,“ erwiederte die Baronin lachend.„Ich würde Ihnen dieſes mein Geheimniß nicht verrathen, wenn ich es nicht in Folge einer ſeltſamen Fatalität von Neuem auf's Tapet kommen ſähe. Ja, mein lieber. Armand, es hat einen Augen⸗ blick gegeben, wo Madame Dampmesnil Mutter krank, nämlich geiſteskrank geworden war, und da intereſſirte ich mich für dieſes reizende Mädchen, das Lucienne heißt.“ „Lucienne!“ murmelte Armand. „Alle Tugenden, alle Liebreize des Körpers und des Geiſtes, ein großer Name und vier Millionen Vermögen, das iſt es, was ſie einem Gatten dar⸗ bieten konnte.“ „Vier Millionen!“ dachte Armand bei der Er⸗ innerung an die fruchtloſen Verſuche, die ſein Vater vor achtzehn Monaten gemacht hatte. „Ein hübſches Geſchenk, nicht wahr, mein Freund? Ich ſuchte um mich her den Mann, der ſeiner würdig. ſein könnte, den Mann, der mir für das Glückdieſes edlen jungen Mädchens bürgen würde, und ich fand nur — ei zum Henker, um ſo ſchlimmer für Sie! Ich Maquet, Herzensſchulden. 194 muß Ihnen jetzt ein Compliment unmittelbar ins Geſicht machen, nehmen Sie ſich in Acht!— ich fand nur einen gewiſſen Gentleman, der mit entſprechen⸗ den Vorzügen geſchmückt war, einen gewiſſen Armand von Bierges.“ Dieſer ſenkte ſein Haupt. „Schnell,“ fuhr die Baronin fort,„biete ich meinen ganzen Witz auf und gebe mir alle Mühe. Meine Falle iſt geſtellt, ich halte die Thürchen feſt im Auge. Ich gebrauche bei dieſer Operation alle Delicateſſen, die mir zu Gebote ſtehen. Nicht ein Wort zu dem jungen Mädchen; denn ſie iſt ſtolz, und ſie wußte nicht einmal die Eriſtenz des beſagten Gentleman, nicht einmal ſeinen Namen; Sie begrei⸗ fen, Armand?“ „Ja, Madame, ich begreife.“ „Ich hoffte bloß, daß ſie mir für ihre Verhei⸗ rathung Dank wiſſen würde, wenn ich ſie gut ver⸗ beirathete. Ich ſtelle, ſage ich, meine ganze kleine Maſchine auf, im Glauben, daß derjenige von bei⸗ den Theilen, der am meiſten gewänne, mein Schütz⸗ ling, der Gentleman ſein würde; aber nein, bei den erſten Worten eines Vaters, den ich beauftragt hatte ihn auf eine gewandte Art zu bearbeiten, er⸗ folgte eine Weigerung, eine abſolute, beſtimmte Wei⸗ gerung, eine abgeſchmackte Weigerung.“ „Madame, wußte ich denn... konnte ich ahnen...“ „Bei Gott, das wäre noch beſſer geweſen...“ rief die Baronin.„Es wäre ſehr ſchön von mir geweſen dieſes junge Mädchen einer Weigerung aus⸗ zuſetzen, und von Ihnen ſie auszuſchlagen.“ — 195 „Das iſt wahr.“ „Und Sie würden nicht ermangelt haben ihr dieſe Beleidigung anzuthun, Sie würden dieſelbe in Ihrem Fieberwahn der Göttin Vollkommenheit ſelbſt angethan haben.“ „In meinem Fieberwahn?“ „Allerdings... Wollen Sie läugnen, daß Sie im Kopf krank waren?“ „Madame, ich hatte jene lächerliche Krankheit, die allen Männern meines Alters gemein iſt, das Verlangen nach Unabhängigkeit.“ „Das hat ſich übrigens ganz bewundernswürdig getroffen,“ fuhr Madame Chaudray fort,„denn meine ſchöne Admiralin lag an derſelben Krankheit darnieder. Dies hat ſie verhindert ſich augenblicklich zu verheirathen; man verlangte ſie aus zwanzig Departements und aus allen zwölf Bezirken von Paris; aber ihre Stunde war noch nicht gekommen.“ „So geht es mit den Plänen,“ ſagte Armand mit über einander gebiſſenen Zähnen. „Sie begreifen jetzt,“ fuhr die Baronin fort, „warum ich vorhin ſo herzlich lachen mußte, als ich Sie um eine Thüre herumſchweifen ſah, die ich einen Augenblick wagenweit für Sie offen gehalten hatte.“ „Ich begreife, aber ich ſchweifte nicht herum, ich verirrte mich.“ „Hochmüthiger!“ „Gott bewahre mich das zu ſein und dieſer lie⸗ benswürdigen Perſon einen einzigen ihrer Vorzüge beſtreiten zu wollen; ich bringe ihnen im Gegen⸗ theil eine glänzende Huldigung dar. Nur bieten ſich, glauben Sie mir das, Madame, im Leben eines — 196 Menſchen nicht zweimal dieſelben Combinationen. Einen Augenblick haben Sie über die Hand dieſes jungen Mädchens verfügen können, und Ihre Freund⸗ ſchaft für mich ließ Sie an die Möglichkeit einer Verbindung glauben, die gänzlich unausführbar iſt. Ich bin nicht reich; Fräulein Dampmesnil iſt eine vierfache Millionärin; alles das hätte ſich im Augen⸗ blick, wo man die Rechnung gemacht hätte, ſicherlich zerſchlagen.“ „Das iſt möglich,“ murmelte die Baronin, deren erfindſamer Kopf bereits hundert neue Combinationen ausſann, und die im Intereſſe derſelben ſo eben beſchloſ⸗ ſen hatte Armand die Büchſe der vertraulichen Mit⸗ theilungen zu verſchließen.„Ja, Sie haben Recht: zwei vollkommen gleiche Chancen kehren demſelben Spieler nicht wieder. Um dieſes Wunder zu bewerkſtelligen, müßte ſich ein großer Zauberer, Gott Amor ſelbſt ins Mittel legen. Sie ſehen mir nicht aus, Armand, als ob Sie ein ſehr fügſamer Unterthan dieſes Ty⸗ rannen wären. Was Fräulein Dampmesnil betrifft, ſo haben Sie ſie geſehen; ſie iſt eine Marmorſtatue!“ Armand konnte nicht umhin ungläubig zu lächeln. Dieſes angebliche Marmorbild hatte ihm im Gegen⸗ theil eine Frau voll Gefühl und Leben geſchienen. Wenn er eine andere Idee von ihr gefaßt hätte, ſo ³ würde Lucienne ſich das nie verziehen haben. „Wie dem nun auch ſei, Statue oder nicht, ſo ſind Sie ſehr nahe an einem großen Glück vorbei⸗ gekommen, und ſo bezaubernd, ſo anbetungswürdig die Frau ſein mag, die Sie einmal wählen werden, denn 1 heirathen müſſen Sie ja doch einmal, ſo werden Sie, 197 das ſage ich Ihnen mit Seufzen, nie wieder eine ſo gute Gelegenheit finden, wie diejenige, die Sie haben entſchlüpfen laſſen.“ Armand zuckte die Achſel. „Dann werde ich wohl gar nicht heirathen,“ ſagte er,„denn ich bin nun einmal ſo, das Weni⸗ ger iſt mir zuwider, wenn ich das Mehr ahne.“ „Warum nicht gar? Wie kann ein Mann von Ihrer Stellung unverheirathet bleiben?“ fiel die Baronin beinahe ärgerlich ein.„Ueberlaſſen Sie dech euten, die unfähig ſind dieſes Mehr zu er⸗ reichen, nach dem Ihre Gedanken ſtehen. Nicht hei⸗ rathen! Ich wollte nur, Herr von Bierges hätte Sie gehört. Nicht heirathen! Dieſem würdigen Freund nicht eine Tochter geben, die ſeine ſchönen friſchen Wangen küſſen, und Kinderchen, die ſeine weißen Haare ſtreicheln werden! Sie ſind doch hof⸗ fentlich kein böſer Sohn?“ Armand ſchwieg. Seine Stirne neigte ſich. Er ergriff die Hand der Baronin, führte ſie ſeufzend an ſeine Lippen und entfernte ſich. XXIV. Sie hatte Recht, die kluge Freundin: früher oder ſpäter mußte er doch heirathen. Er ſchuldete ſeinem alten Vater eine Familie, er ſchuldete ihm während ſeines Lebens eine ganze neue Generation von Linhs und CEhrerbietung, nach ſeinem Tod die Blumen und die Erinnerung ſeiner Nachkommenſchaft. Mit welchem Recht hätte er ihn dieſer Freuden 198 beraubt? Im Namen welchen Intereſſes, welcher Liebe? Hatte nicht Caliſte ſelbſt ihm dieſe Verhei⸗ rathung erlaubt? O, was eine Frau in einem ſol⸗ chen Fall geſtattet, das muß von ſehr anerkannter Nothwendigkeit ſein. Ja, Caliſte hatte die Sache überlegt. Selbſt verheirathet, für ihr Leben gefeſſelt, ſchämte ſich die Fürſtin dieſe geheiligten Bande zu zerreißen, um andere illegitime wieder anzunehmen, und rieth daher ihrem Freund Armand entſchieden zum Heirathen. Er fühlte wohl, daß eine fleißige, zärtliche C re⸗ ſpondenz mit Caliſte ihm die nöthige Kraft gegehen haben würde, um ſechshundert Meilen von ihr allein zu leben. Aber vereinſamt, ohne ein Wort, ohne eine Aufmunterung, ohne eine Hoffnung, das war unmöglich. 8 Das Leben iſt kurz. Es iſt mit einer Menge unvermeidlicher Unfäͤlle überſtreut. Fügt man dazu noch diejenigen, die man hätte vermeiden können, ſo iſt das Blödſinn; vergeudet man ſeine Jugend in der Langenweile und Einſamkeit, während eine Frau, nach der man ſich hartnäckig zurückſehnt, vielleicht Bällen und Vergnügungen nachläuft und ſich in ihren Ruhm einer unvergleichlichen Gattin, einer Lucretia und Eponina hüllt, ſo iſt das mehr als Wahnwitz, es iſt Dummheit. „Ich werde übrigens ſehen, ich werde mich be⸗ ſinnen,“ ſagte Armand zu ſich, als er von der Ba⸗ ronin wegging.„Fräulein Dampnesnil kannte mich nicht, ſie wußte meinen Namen nicht, und dennoch hat ſie mich, ſobald ſie mich bemerkte, erkannt und 199 beinahe genannt. Sie hatte meinen Vater bemerkt. Allles das iſt wunderlich, man kann es nicht läugnen. „ Ja, dieſes Mädchen iſt ganz das Widerſpiel einer Statue. Geſchmeidige Bewegung, ein tiefer Blick, ein feſtes Auftreten, ein vollendeter Verſtand; ſie iſt groß, ihre Arme ſind ſchön, ich habe unter den Falten ihres Gewandes einen langen und feinen Fuß geſehen; ihre Zähne ſind beinahe ebenſo ſchön, wie die herrlichen Zähne Caliſtens; ſie hat vielleicht noch ſchönere Haare. „Wer könnte in meinem Zuſammentreffen mit dieſem jungen Mädchen gewiſſe Abſichten des Zufalls läugnen? Sollte man nicht ſagen, ein Spiritus familiaris habe die Sache vorbereitet? Iſt es nicht überraſchend, daß mitten aus den Ruinen, auf denen ich mein Trauerlied ſingen wollte, dieſe im vollen Frühling entdeckte Blume aufblüht, um mich zu trö⸗ ſten? Würde ein abergläubiſcher Menſch nicht an⸗ nehmen, daß mein unſichtbarer Beſchützer dieſes junge Mädchen in Caliſtens Wohnung gebracht habe, wie die Natur überall das Heilmittel neben das e bel, das Leben neben den Tod ſtellt?“ Solcher Art waren die Gedanken, welche Armand auf einem unmerklichen Abhang zu neuen Gefühlen der Zärtlichkeit führten. Je mehr er dieſe Neigung zu rechtfertigen ſuchte, um ſo näher kam er ihr. Um ihn her half bald Jedermann dazu, ohne daß er es bemerken konnte. Man kennt die Thätigkeit Lucien⸗ nes, ihren unermüdlichen Willen, den Eifer, wel⸗ chen ſie bei ihren Freunden zu entflammen wußte. Die Baronin, die zu ihren erſten Ideen zurückgekehrt war und diesmal bei Armand Ueberdruß an einer 200 falſchen Stellung nebſt dem Wunſch nach einer Ver⸗ änderung entdeckt zu haben glaubte, die Baronin erhielt Herrn von Bierges Vater unerſchrockener als je im Gang, während ſie ihm Umſicht und Ent⸗ ſchloſſenheit bis zum Siege empfahl. Das Reſultat ließ nicht lange auf ſich warten.* Hundert Gelegenheiten ſich zu treffen waren Lucienne und dem jungen Manne verſchafft worden, denn Madame Chaudray hatte verſichert, die Admiralin habe ſich in den Rath verliebt.— Ach die arme un⸗ ſchuldige Frau! Wie man ſie verläumdete, ſie die tadelloſe Liebhaberin des Springbrunnens! Endlich die Jahreszeit, die Spaziergänge erlaubte, die Aus⸗ flüge im Wald, die ländlichen Mahle, man kann ſich wohl denken, ob Lucienne bei ihrer Gewandtheit und Zärtlichkeit all dieſe Elemente zu benutzen wußte. Drei Monate nach der erſten Beſprechung waren die Dampmesnil und die Bierges unzertrennlich ge⸗ worden. Dieſes junge Mädchen, deren ehrliche und hartnäckige Liebe ſo grauſam, mit ſo wildem Grimm die alte Liebe vertilgte, die im Herzen ihres Auser⸗ korenen in den letzten Zügen lag, dieſer Typus von einem Würgengel kommt häufiger vor als man glaubt, und Nichts iſt barbariſcher als die reine Jungfrau, welche liebt. Als Armand den langen Weg bemerkte, auf welchem all dieſe Verſchwörer ihn herumgeführt, und den er zurückgelegt hatte, ohne ſich allzu lang bitten zu laſſen, da überkam ihn eine Art von Gewiſſens⸗ biß. Aber es war ſehr ſpät. Der erbärmliche kleine Widerſtand, den er verſuchte, wurde durch neue Verführungen zertrümmert, und da er gegen die 201 Verführungen ankämpfen, da er ſich nicht ſo ohne einen letzten Kampf ergeben wollte, ſo geſchah es eines Tags, als ſeine Miene kalt, ſeine Stirne ver⸗ düſtert, ſeine Haltung die eines Opfers war, wäh⸗ rend er neben Lucienne auf dem Lande in der Um⸗ gebung des neuhergeſtellten Hauſes ſpazieren ging, daß Lucienne, welche mit Traurigkeit die Schwan⸗ kungen dieſes kranken Herzens beobachtete, plötzlich ihren ſchmachtenden Gefährten anhielt und ihn an der Ecke des kleinen Waldes ins Gras ſitzen hieß, an demſelben Platz vielleicht, wo Caliſte einſt unter ſo heißen Thränen Armand ihre Abreiſe angekündigt hatte. „Herr Armand,“ ſagte ſie zu ihm,„Sie ſind bereits nicht mehr derſelbe. Ich leſe mit Kummer auf Ihrem Geſicht, was in der Tiefe Ihrer Seele vorgeht, und im Augenblick, wo ich auf etwas Freude rechnen ſollte, ſcheinen Sie bloß Bedauern kundzu⸗ geben.“ Er wollte antworten. „Bedauern,“ ſagte ſie mit freundlicher Dring⸗ lichkeit.„Nun wohl, ich begreife es und ich will Sie vollkommen ins Klare ſetzen. Warum ſollte ich mir nach Allem, was zwiſchen unſern Eltern und auch ein wenig zwiſchen uns geſagt worden iſt, nicht einige Freiheit nehmen, um ganz recht verſtanden zu werden? Herr Armand, ich habe viel in der Welt gehört und man hat mir ſehr oft wiederholt, daß die jungen Mädchen, wenn ſie ſich verheirathen, keine grauſameren Feinde haben, als die Erinnerun⸗ gen ihrer Gatten.“ 202 Armand richtete ſein Haupt wieder auf. Lucienne ergriff ſeine Hand. „Erlauben Sie mir zu vollenden,“ ſagte ſie. „Wenn Sie mir antworten würden, ſo könnten die wenigen Ideen, die ich in dieſem Augenblicke habe, dadurch in Verwirrung kommen, und ich würde ſie nicht wieder finden. Wer weiß? Mein Herz leidet, dies würde mich vielleicht beredt machen. Mißgön⸗ nen Sie mir die Gelegenheit nicht ein einziges Mal vor Ihren Augen zu glänzen. „Ja, unſere Todfeinde ſind Eure Erinnerungen. Ihr habt Alle in Eurem Alter Frauen getroffen, die ſchöner oder beſſer waren als Eure Bräute. Eure erſten Freuden, Eure erſten Gluthen ſind von An⸗ dern gepflückt worden. Glückliche Frauen! Ihr werdet für dieſe Bevorrechteten ſtets, ſei es nun ein wenig Erkenntlichkeit, ſei es ſelbſt Hochachtung, ſei es leider ſogar Liebe bewahren. Ihr ſagt Euch, daß ſie hoch über uns geſtanden, daß ſie Muth ge⸗ habt, daß ſie Opfer gebracht, daß ſie zu lieben und ſich liebenswürdig zu machen gewußt haben. Ueber⸗ legen Sie wohl! Wie könnte ein junges Mädchen alles das thun, was dieſe Frauen gethan haben, denen eine ſo ſchmerzliche Sehnſucht geweiht wird! Würdet Ihr ſie zur Gattin annehmen, wenn ſie es thäte? Nein. Gleichwohl kommt Ihr kalt, mit an⸗ dern Namen im Herzen zu ihr. Gleichwohl liebet Ihr ſie nicht, und laßt ſie ſehen, daß Ihr vielleicht noch Andere liebet. „Armand, achten Sie dieſen Muth ſo hoch? Wer ſagt Ihnen, daß ich ihn nicht habe? Haben Sie mich auf die Probe geſtellt? Kennen Sie mich ga genau? Wiſſen Sie und werden Sie jemals wiſſen, ob dieſes junge Mädchen, das im jungfräulichen Harniſch linkiſch und verlegen iſt, nicht eine Frau von ächtem Heldenſchlag iſt? Wir lieben ebenſo zärtlich, ebenſo feinfühlend wie die Frauen; wir ver⸗ bergen es, weil wir müſſen, weil wir keine Beweiſe zu leiſten haben, weil wir oft erröthen ſo verkannt zu werden. Aber täuſchen Sie ſich nicht darin; dies wäre ebenſo ungerecht, als wenn man uns des ſchlechten Geſchmackes in der Toilette beſchuldigte, weil es uns verboten iſt Diamanten zu tragen. O, nein, Armand, täuſchen Sie ſich nicht darin, bei uns allein wohnt das Glück. Alle Eure andern Verbindungen, die glücklichſten, die wonnevollſten, haben Euch immer ein Stück von Eurer Ehre oder einen Tropfen Eures Blutes gekoſtet; ſie gehen vor⸗ über und hinterlaſſen allerdings eine Erinnerung— dies iſt noch zu viel für uns, die wir es ſehen.— Aber erwartet ihn, dieſen traurigen Schmetterling, nach dem erſten Herbſtregen, nach den erſten Win⸗ terſtürmen. Wo iſt das Azur, wo iſt der Purpur? Und was wird aus Euch, arme bleich gewordene Greiſe, die Ihr Eure Langeweile und Eure Beküm⸗ merniſſe vor ſo vielen friſchen, ſpöttiſchen Geſichtern zur Schau traget? Mit unſerer Jugend, ſage ich Ihnen, müßt Ihr die Eurige vermählen, und ſtatt uns den verwelkten Reſt Eures Herzens zuzubringen, ſagt Euch kühn, daß Ihr, ehe Ihr uns kennen lern⸗ tet, niemals eine Freundin, eine Geliebte getroffen habt, die beſſer wäre als wir, und das wird wahr ſein, Herr Armand, das wird wahr ſein, ich fühle es und ich ſchwöre es Ihnen; denn wir ſind ſchön, denn wir beginnen das Leben kaum und wir ſchwin⸗ gen uns voll Gluth, voll Freude und Begeiſterung auf die Pfade, die Ihr gebahnt habt; denn wir ſind verſtändig und werden Euch unterwegs aufheitern, wäre es auch nur durch unſere Naivetäten; denn wir ſind ſtark, und wenn Ihr zuerſt müde werdet, ſo werden wir Euch nöthigenfalls aufrecht halten; denn wir beſitzen endlich den Namen, den Rang, die Macht, wie alle dieſe Frauen, nach denen Ihr Euch zurückſehnet, und wir haben alles das von Gott und bringen es Euch mit Wonnetrunkenheit zu. Es fehlt uns Nichts als Eure Liebe. Liebet uns, Ihr werdet uns heirathen. Sind wir einmal Frauen, dann vergleichet uns mit den Andern. Dann erſt, wenn Ihr Euch getäuſcht habt, wird es Zeit ſein zu bereuen. Bis dahin wenigſtens überlegt, ſtatt uns böſe Geſichter zu machen.“ Armand hatte gehört, ohne zu antworten. Mehr als einmal hatte der leidenſchaftliche Ton, der ein⸗ dringende Blick und die großherzige Kühnheit dieſes jungen Mädchens ihn bewegt und entzückt. Er hatte ſich kaum zuſammengehalten. Er erhob ſich. „Ja, mein Fräulein,“ ſagte er,„Sie haben Recht, und wer an einer Perle vorbeigeht, ohne ſie zu ſehen, iſt zu beklagen; wer ſie nicht aufhebt, wenn er ſie geſehen hat, iſt ein Narr.“. Man ſchloß ſich wieder an die übrige Geſellſchaft an, die mit allen Arten von Rückſicht kam und das téte-à-téte ſtörte. Der Tag ging heiter zu Ende. Armand bewahrte einen Ernſt, über welchen ſich alle Welt täuſchen konnte, den aber ſicherlich Lucienne 5 * 205 nicht falſch deutete, denn ſie ſtrahlte von Fröhlichkeit und einer Art von Stolz. Sie ſprach nicht mehr mit dem jungen Mann, ſondern machte ſeinem Vater ſehr den Hof. Abends, nach einer Reiſe, die noch von Träu⸗ mereien und ſtrengen Berathſchlagungen mit ſeinem Gewiſſen ausgefüllt war, nahm Armand im Augen⸗ blick, wo er dem Rath gute Nacht ſagte, ihn bei der Hand und bat ihn, um Fräulein Lucienne Damp⸗ mesnil für ihn freien zu wollen. Dieſes allzu lang erwartete Geſtändniß rief plötz⸗ lich eine maßloſe Freude in das Geſicht des alten Herrn. Armands Herz dankte ihm in aller Stille dafür. Wie hätte er eine Verbindung, die ſein Vater ſo ſehnlich wünſchte, nicht annehmen können? Der Schritt wurde am folgenden Tage gethan, und die Admiralin, die von Lucienne in ihren Armen gehalten wurde, antwortete Alles was ihre Tochter verlangte. Man ſetzte einen Tag feſt, um die Fa⸗ milie in Kenntniß zu ſetzen und den zahlreichen Freunden die Nachricht zu verkünden. Lucienne nahm hierauf Armand am Arm und führte ihn an ein Fenſter. Sie zeigte ihm den Himmel. 4. „Betrachten Sie dieſes Blau,“ ſagte ſie zu ihm. „Ein ſo reiner Platz, iſt das nicht bequem, iſt das nicht ſchön?“ „Ja,“ antwortete er. „Das iſt mein Herz, Armand,“ fügte ſie hinzu; „ſchreiben Sie Alles hinein, was Sie wollen.“ Als er von ihr wegging, fragte er ſich, ob er 206 nicht, ſtatt einfach zufrieden zu ſein, vollkommen ver⸗ liebt ſei. 4 Als Madame Chaudray ihm mit einer gewiſſen ſpöttiſchen Schattirung, die ihn und ſeinen Vater überraſchte, ihr Compliment machte, hatte der Vater zuerſt den Muth ſie zu fragen, warum ſie lächle. „Weil,“ ſagte ſie,„dieſer geiſtreiche und tiefe Diplomat der größte Einfaltspinſel iſt, den ich kenne.“ „Kommen Sie,“ fügte die Baronin hinzu,„ich muß Ihnen einen herrlichen Cactus zeigen, den, glaube ich, Lucienne im Verein mit ihrem Gärtner erfunden hat.“ Sie führte Vater und Sohn fort, um dieſes Wunder zu ſehen, aber ſtatt gerade auf das Ge⸗ wächshaus zuzugehen, ſchlug ſie eine Allee ein, die kein Ende nehmen wollte. 3 „Ei wie,“ ſagte der Rath,„Sie führen uns ja irre; wohin gehen wir denn, Baronin?“ „Dieſer Weg führt uns an die Gartenthüre, ſtatt ins Gewächshaus,“ fügte der junge Mann lachend hinzu. „Ich thue,“ verſetzte die Baronin, indem ſie plötzlich anhielt,„ganz daſſelbe, was Sie ſeit zwei 1 Jahren gethan haben. Seit zwei Jahren liebt und 3 erwartet Sie dieſes anbetungswürdige Weibchen, und welchen Weg haben Sie eingeſchlagen, he? Gott allein weiß es!... Jetzt, nachdem wir wieder auß den rechten Weg gekommen ſind, laſſen Sie uns den Cactus ſehen!“ Der Rath begann zu lachen und ging mit der Baronin voraus.— 5. 207 „Sie liebt mich ſeit zwei Jahren!“ murmelte Armand allein, indem ihm plötzlich eine Art von Blitz ſo viele Dinge beleuchtete, die ihm bisher dunkel geblieben waren.„Seit zwei Jahren erwartet ſie mich!— Aber iſt es denn wohl auch der Zufall, was ſie veranlaßte dieſes Haus der armen Caliſte zu kaufen? Dieſes junge Mädchen iſt ganz gewiß eine ſchöne Seele. Wer weiß? eine große Seele vielleicht.“. XXV. Inmitten dieſer Wiederauferſtehung ſeines Her⸗ zens und in den erſten Entzückungen eines Glückes, das er als legitim zu betrachten ſich gewöhnt hatte, als man bereits davon ſprach einen Vertrag zu unterzeichnen und Luciennes Bruder, der als Re⸗ convalescent in Kamieſch in Urlaub lag, nach Haus zu berufen, als Armand weder Zeit noch die mindeſte Luſt mehr hatte ſeine Verbindung mit einem Mäd⸗ chen, das er liebte, rückgängig zu machen, erhielt er auf einmal einen zweiten Brief von der Fürſtin Nowratzin.. Dies Mal wurde die Botſchaft von dem Muſchik ſelbſt, dem getreuen Diener Caliſtens, überbracht, der über Conſtantinopel nach Frankreich gekommen woar. Als der junge Mann ſie empfing, war er wie vom Blitz gerührt. Er zweifelte nicht mehr daran, daß ſeine Verbindung mit dieſer einſt ſo 4 ig ge⸗ liebten Frau eine jener furchtbaren Sch i, 208 wie ſie ein unfreundliches Schickſal denjenigen Menſchen zu legen weiß, die zu gewiſſen Wechſelfällen und zu ge⸗ wiſſen Cataſtrophen prädeſtinirt ſind. Ein geheimes Ge⸗ fühl ſagte ihm, daß ſeine Beziehungen zu Caliſte, dieſem leibhaftigen Unglück, noch nicht zu Ende ſeien. „Mein Freund,“ lautete Caliſtens Brief,„ich ſchreibe Ihnen mit tiefbetrübtem Herzen. Ach, muß ich Sie aus der vielleicht wohlthuenden Ruhe er⸗ wecken, worin Sie ſchliefen! Aber das Herz, das ich kenne, wird mir keinen Vorwurf machen, wenn ich es um Hilfe anrufe. Eine entſetzliche Gefahr be⸗ droht mich, oder, um es beſſer zu ſagen, ich bin verloren.. „Sie wiſſen, daß Sie mir geſchrieben haben, und daß nicht ein einziger Ihrer Briefe mir zuge⸗ kommen iſt. Sie wiſſen, daß ich Ihnen ebenfalls geſchrieben, und daß Sie Nichts von mir erhalten haben. Ich erklärte mir dieſes Unglück mit den ſtrengen Befehlen, die an der Grenze ertheilt worden ſind, und ſagte mir, meine Briefe ſeien einfach con⸗ fiscirt und verbrannt worden. „Nein, Armand, Ihre Briefe und die meinigen ſind geöffnet und zurückgehalten worden. Sie befin⸗ den ſich in den Händen des Grafen von Würgen, der bei der Douane einen Vertrauenspoſten bekleidete, und der Graf von Würgen iſt der Bruder der Grä⸗ fin Gorthiany, jener Todfeindin, welche Sie bereits im Verdacht hatten, als ich ſie noch in Schutz nahm, und die jetzt die Maske lüften würde, wenn ſie nicht einen Scandal befürchtete, den meine Vertheidigung hervorrufen müßte. So lange der Fürſt Nowratzin 209 lebt, wird man mich ſchonen, deſſen bin ich ſo ziem⸗ lich gewiß. Aber wird der Fürſt wieder aufkommen und wie lange wird er noch leben? So frage ich mich mit Schrecken ſeit der vertraulichen Mittheilung, die ſein Wundarzt mir gemacht hat. „Unehre für mich, ich ſpreche nicht von meinem gänzlichen Sturz und Ruin, das iſt es was mich er⸗ wartet, ſobald die Gräfin von dieſen Briefen Ge⸗ brauch macht. Sie kennen die Ihrigen, Armand, ich rufe mir die meinigen ins Gedächtniß zurück, und ich zweifle nicht daran, daß nach ihrer Leſung ſelbſt der mir günſtigſte Richter mich mit dem ganzen Ge⸗ wicht der leidenſchaftlichen und unauslöſchlichen Liebe, die ſie enthüllen, niederdrücken kann. „Werden Sie mich im Stich laſſen? Werden Sie mich durch Verachtung und Schande zermalmen laſſen? Ich habe es keinen Augenblick gefürchtet, Sie werden ſogleich einen Beweis dafür haben. Es handelt ſich darum dem Grafen von Würgen dieſe Briefe wieder abzunehmen; man glaubt mich allein, gelähmt durch meinen Namen und die Achtung, die ich dem Fürſten, meinem Gemahl ſchulde; man glaubt mit einer halb todten Frau leicht fertig zu werden; aber die Scene wird ſich ändern, ſobald Sie auf dem Schauplatz erſcheinen. Ich habe Alles berechnet, Sie haben Nichts zu verlieren, Sie ſetzen ſich bloß einer phyſiſchen Gefahr aus, und Ihre Seele bringt ſolche Erwägungen nicht in Anſchlag. 3 „Der Graf liegt in dieſem Augenblick in..„ einer kleinen polniſchen Grenzſtadt, in Garniſon. Man beſorgt Aufſtände daſelbſt, und Sie wiſſen, daß unſer Kaiſer eine furchtbare Armee dort unterhält. Maquet, Herzensſchulden. 14 210 Suchen Sie doch den Grafen auf; er iſt Franzoſe von Sprache und Manieren. Sie haben ihn viel⸗ leicht in Paris gekannt. Seine Hartnäckigkeit wird gegen die Ihrige nicht Stand halten. Vielleicht, und das iſt wahrſcheinlich, werden Sie ihn durch Ihren Geiſt und den Zauber Ihrer Perſon dahin bringen, daß er ſich auf freundſchaftlichem Wege unſerer Briefe entäußert; es ſind zwei von mir, die Zahl der Ihri⸗ gen wiſſen Sie. „Mein Leben iſt, ſeit ich dieſes ſchauerliche Ge⸗ heimniß entdeckt habe, eine namenloſe Marter ge⸗ worden. So oft dieſer Verwundete, der allmälig erliſcht, mich anſieht, muß ich beben. Ich zittere bei dem Gedanken, daß dieſe Enthüllung ihn tödten würde, und bedenken Sie wohl, daß man dann mich wegen ſeines Verluſtes anklagen könnte. Man würde ſagen, im Augenblick, wo die ärztliche Kunſt ihn den Armen des Todes entriſſen, habe die Schändlichkeit ſeiner Frau ihn ins Grab geſtürzt. „Ich will kein Wort hinzufügen. Urtheilen Sie, faſſen Sie einen Entſchluß, handeln Sie! Caliſte.“ Aenaenätge Gaſde gelitten haben, wenn all die tödtlichen Stöße, die einen Menſchen vernichten können, ihn auf einmal getroffen hätten. Was thun? Wie Lucienne und ihre Familie ver⸗ laſſen, was ſeinem Vater ſagen? Was für einen Plan ausdenken? Auf der andern Seite, wie konnte er umhin Caliſtens Bitte mit einem gleichen Seelenadel zu entſprechen? Eine von ſchrecklicher Gefahr bedrohte —— 211 Frau rief um Hilfe, und der Anſtifter ihres Elends, die Urſache ihrer Gefahr ſollte ſich verbergen, ſtatt ihr zu Hilfe zu eilen!.. Armand erinnerte ſich an das Feuer der Briefe, die er geſchrieben hatte, und dieſe poetiſchen Details, welche ſchauern machen, wenn der durch Zeit und Entfernung abgekühlte Geiſt ſie ſich erzählt, dieſe er⸗ bärmlichen Details, der unvermeidliche, allein un⸗ fehlbare Untergang der Liebenden, ſeit Cadmus die Kunſt der Augenſprache erfunden hat, wie ein ge⸗ wiſſer claſſicher Dichter ſagt— als Armand dieſe De⸗ tails à la Jean Jacques ſich wieder vergegenwär⸗ tigte, da wurde er wüthend und ſprang nach ſeinem Degen. Laſſen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren. Er zögerte bloß ſo lang, bis er die Vernunft angehört hatte, die ihre Algebra in ihm vornahm. Aber als die Vernunft zu Ende war, kam das Herz wieder zum Worte und behielt es bis ans Ende der Er⸗ örterung. Es wurde alſo beſchloſſen, daß Armand vor Allem, vor der Vernunft, vor dem geſunden Verſtand, vor der Möglichkeit ſelbſt, dem Aufruf der in Gefahr ſchwebenden Caliſte gehorchen ſolle. Die Mittel ſollten hernach geprüft werden. Man ſollte zuerſt die verſöhnlichſten ſuchen, die⸗ jenigen, welche Armand geſtatten würden ſeine theuer⸗. ſten Intereſſen zu ſchonen, und dieſe Logik der Ehre i*ſt in ihren Conſequenzen immer erhaben; ſie macht den Mann frei von jeder kleinlichen Knechtſchaft. Wer zuerſt ſeine Ehre durch irgend ein höchſtes 212 Opfer befriedigt hat, dem kommt hernach das Recht zu Egoiſt zu ſein. Armand wollte alſo abreiſen, es aber ſo einrich⸗ ten, daß er das Glück und die Ruhe Luciennes mit Nichts compromittirte. Er wollte den Argwohn des jungen Mädchens durch irgend eine ſchöne Lüge, durch irgend eine edle Verſchlagenheit einſchläfern. Die Reiſe nach Polen mit ihren Reſultaten nimmt fünfzehn Tage weg. Dies iſt wenig für einen Gleichgiltigen, aber für einen beinahe verheiratheten Mann iſt es die Ewigkeit. Gleichviel... ein Vor⸗ wand. Armand ſuchte und fand. Das Vermögen, das ſeine Frau ihm zubringen ſollte, war ſo bedeutend, daß es mit Armands Erb⸗ theil in einem Mißverhältniß ſtand, welches dieſer oft beklagt hatte. Mehr als einmal hatte der junge Mann zu ſich geſagt, daß ſeit dem neuen Stand der Dinge, dem er alle ſeine Sympathien zu widmen gedachte, Nichts ihn verhindere eine ausgezeichnete Stellung anzunehmen, die ſeine Freunde ihm ange⸗ boten hatten. Konnte nicht die Erklärung, daß er dieſe Stellung ſuche, den erforderlichen Vorwand für eine Abweſen⸗ heit von vierzehn Tagen bilden? Ja, aber welche Stellung? Das Sicherſte war, wenn er gar keine Details angab; dies war auch das kürzeſte Mittel. Wenn Armand Nichts ſagte, wenn er den Geheimnißvollen ſpielte, ſo hatte er den Vortheil, daß er ſelbſt nicht zu wiſſen brauchte, was er den Andern verbergen wollte. Dadurch wurde Einbildungskraft und Zeit 1 213 erſpart. Und das Geheimniß konnte er durch den ſehr plauſibeln Wunſch erklären ſeiner Braut eine Ueberraſchung zu bereiten, indem er ihr den Titel ſeiner Charge als Hochzeitsgeſchenk zubrachte. Keine Schwierigkeiten mehr. Nur eine einzige. Wie und warum ſich auf vierzehn Tage entfer⸗ nen, um einiger Vorbereitungen willen, die man ge⸗ wöhnlich in der Hauptſtadt macht, wenn man eine Stunde im Cabriolet herumfährt? Armand zerbrach ſich beinahe den Kopf an dieſem Hinderniß, dem einfältigſten von allen. Ein Mann kann ſich entſchließen tauſend Meilen zurückzulegen, er gibt ſein Leben hin, er wird eine Welt in Auf⸗ regung bringen, aber er muß zuvor die Schwelle ſeines Schlafzimmers überſchreiten, und das iſt die Schwierigkeit. Der erſte Schritt, wie es in dem Liede heißt. Und dann wohin ſollte er gehen? Würde man ihn nicht ausſpähen? Wenn er die mindeſte Auf⸗ regung, die mindeſte Verlegenheit verrieth, würde man nicht, wenn auch ſeiner Reiſe kein Hinderniß in den Weg legen, doch ein großes Geſchrei darüber machen? Armand hatte einen berühmten Botſchafter zum Freunde. Dieſer große Diplomat ſollte ihm die zu ſeiner Ernennung nothwendige Empfehlung geben. Um die Empfehlung ganz warm zu erhalten, mußte er ſie mündlich verlangen, unter dem Magnetismus der phyſiſchen Gegenwart. Nun war der Geſandte drei hundert Meilen von da in einer Hauptſtadt, wohin man per Eiſenbahn gelangen konnte. Dieſe Leichtigkeit der Locomotion und Mittheilung beruhigte 214 die Perſonen, welche Armand um keinen Preis in ihrem Vertrauen hätte ſtören mögen. Dies war wahrſcheinlich, beinahe gar nicht abgeſchmackt. Es wurde beſchloſſen. Armand begann die Ausführung ſogleich bei ſei⸗ nem Vater. Er trug ihm die ehrenwerthen Bedenk⸗ lichkeiten vor, welche ihn im Angeſicht der zermal⸗ menden Mitgift von Fräulein Dampmesnil beſtürm⸗ ten. Der Rath war ſehr erfreut über dieſe zartſinni⸗ gen Gefühle. Er gerieth mit vollem Leib in die Falle. Nie hatte ein Erfolg ſeines Sohnes ſein Herz angenehmer gekizelt. Wie! Herr von Bierges würde... der Vater eines... eines was?... Armand war um eine Antwort nicht verlegen. Er könne es noch nicht ſagen; dies ſei ſein kleines Ge⸗ heimniß. Er gedenke ſeinem Vater eine Ueberraſchung zu. Im Fall die Ueberraſchung ſcheiterte, ſo wäre die Enttäuſchung allzu ſchmerzlich, wenn man zum Voraus das Ziel gekannt hätte, das er zu errei⸗ chen hoffe. Ja, aber um ſich ſo hoch emporzuſchwingen, be⸗ durfte er der kräftigen Mitwirkung eines abweſenden Gönners, des berühmten Diplomaten.. „Allerdings, aber er iſt in Wien, lieber Vater!“ „O, ol „Das iſt zu weit,... unmöglich ſo weit zu gehen, nicht wahr?“. „Es iſt ſehr weit, aber man hat ja die Eiſen⸗ bahn!“ „Aber es iſt immer noch eine Sache von ach 215 „Ja, das ſage ich auch, guter Gott!“ „Fräulein Dampmesnil hielte es nicht aus, wenn Du auf acht Tage verſchwändeſt.“ „Ich ſehe, daß ich auf dieſe glänzende Stellung verzichten muß; gleichwohl iſt es ſehr hart ſo ohne Geld und ohne das mindeſte Verdienſt eine vollendete Dame zu heirathen, die Millionen beſitzt. Wird man nicht ſagen, Du habeſt für mich Jagd auf die Mit⸗ gift gemacht?“ Der Rath kratzte ſich an der Stirne. Eine glän⸗ zende Stellung! Armand ſah wohl, daß er ihn überredet hatte.— „Ei,“ ſagte der Vater, wie wenn er eine plötz⸗ liche Erleuchtung bekommen hätte,„was iſt ehren⸗ hafter, was läßt ſich leichter eingeſtehen? Siehſt Du, Armand, wir wollen keine langen Ränke gebrau⸗ chen. Geh ſelbſt zu Lucienne und erzähle ihr die Sache; Du wirſt ſie ſogleich überzeugen oder ich müßte ſie ſchlecht kennen.“ „Und ich,“ dachte Armand,„kenne ſie gut, und ich weiß, wie es mir ergehen wird, wenn ich das Unglück habe ihr davon zu ſagen.“ „Dann,“ verſetzte er laut,„iſt es keine Ueber⸗ raſchung mehr, und meine kleine Inſceneſetzung iſt verfehlt. Nein, ich hatte eine ganz ähnliche Idee, wie Du, lieber Vater, Deine eigene Idee. Ich will abreiſen, ſagte ich zu mir, Lucienne wird es erſt morgen erfahren. Mein Vater iſt ſo gewandt, daß ich vielleicht ſogar einen halben Tag Vorſprung ge⸗ winnen könnte. Dann wird er Madame Dampmes⸗ nil beſuchen, er wird ſich von Madame Chaudray gehörig unterſtützen laſſen, er wird die kleine Con⸗ 216 ſpiratorsmiene annehmen, die ihm ſo hübſch läßt und die niemals ihre Wirkung verfehlt. Er wird Lu⸗ cienne, die ihn anbetet, einen Kuß mehr geben, und dieſe wird Alles glauben, was man wünſchen wird.“ „Wie ſo, Alles was man wünſchen wird?“ fragte Herr von Bierges. 3 3 „Alles was ſie glauben muß,“ fiel Armand ein; „denn ich denke nicht, daß Du ihr Alles ſagen wirſt, da wir ihr ja eine Ueberraſchung bereiten wollen.“ „Das iſt richtig.“ Armand umarmte den Rath zärtlich und ſchrieb an Lucienne einen Brief, den ſie aus den Händen ihres zukünftigen Schwiegervaters empfangen ſollte. Er legte in dieſen Brief alle Gewandtheit, die im Stande war ein verliebtes Mädchen vollſtändig zu beruhigen, das heißt, er legte unendlich viel Herz hinein und ließ den Geiſt gänzlich in den Hinter⸗ grund treten. 3— Dann ſuchte er ſeinen Freund Desbarrolles auf, der ihm noch eine Unterweiſung gab, und als er in einſtündigem Gefecht zweimal mit ſeinem Floret die⸗ Weſte dieſes gewaltigen Kämpen berührt hatte, reiste er vollkommen beruhigt über die Folgen, die ein Mißverſtändniß mit dem Grafen von Würgen haben könnte, ab. Er verließ Paris am ſelben Morgen. Dem Mu⸗ ſchik der Fürſtin hatte er in Cöln ein Rendezvous gegeben. XXVI. Der Graf Friedrich von Würgen, ein junger Mann, oder vielmehr ein junger Mann von fünf⸗ unddreißig Jahren, war ein Cavalier voll Diſtinction und Geiſt. Er hatte mehrere Jahre lang in Circaſ⸗ ſien, dieſer Kriegsſchule der Ruſſen, gedient; er war tapfer und ein guter Offizier, ehrgeizig ohne Maß und Scham, und vermiſchte gewandt mit dem mos⸗ kowitiſchen Charakter die franzöſiſche Zuthat, die einen Höfling in den Augen ſeines Herrn liebenswürdiger machen kann. Ein würdiger Zwillingsbruder der ſanftherzigen Zika, die wir kennen, vertheidigte er ſeine Schweſter, die ihrerſeits bei jeder Gelegenheit ihren Bruder in Schutz nahm. Ihre Entſchloſſenheit, ihre Gewandt⸗ heit in Combinationen und ihr gegenſeitiges Ver⸗ trauen beruhigte ſie Beide in Betreff ihrer Zukunft. Zu dieſem Manne, einem in jeder Beziehung gefährlichen Gegner, ſchickte Caliſte in ihrer edlen Entrüſtung Armand ab, den einzigen Vertheidiger, den ſie mit ihrer Rettung oder Rache beauftragen konnte. Armand legte die Entfernung, die ihn von*** trennte, raſch zurück. Er kam am fünften Tag ſei⸗ ner Reiſe dort an. Der Weg war lang genug, um Betrachtungen aller Art zu begünſtigen, hatte aber ſeine Entſchloſſenheit nicht erſchöpft, ſondern vielmehr nur ſeine Gewandtheit geſchärft, und als Armand an den Ort kam, wo er Herrn von Würgen wußte hatte dieſer in Bezug auf den moraliſchen Kam 7 218 4 von ſeinen Chancen verloren. In phyſiſcher Bezie 4 hung war Armand im Nachtheil: er war todesmüde. Im Angeſicht des elenden Städtchens, wo der Graf in Garniſon lag, hielt Armand an und fand, auf die Anzeigen des Muſchiks, eines trefflichen Führers, ſeitdem man die Civiliſation und ihre Hotels aus dem Auge verloren hatte, eine erträg⸗ liche Unterkunft, wo er vor allen Dingen zwölf Stun⸗ den nach einander ſchlief. Sodann kleidete er ſich an, machte ſich Bewegung, hielt ein gutes Mahl, und nachdem er den Brief Caliſtens von Neuem ge⸗ leſen, ohne ihr auch nur einen einzigen Vorwurf zu machen, nachdem er Lucienne ſeine friſcheſten Gedan⸗ ken gewidmet, begab er ſich, ſicher ſeiner ſelbſt und ſeines Rechtes, nach dem Palaſt— man nannte es ſo— des Herrn Platzcommandanten. Ein Gemäuer, umgeben von prächtigen Gärten, die mit Weidengeflecht eingefaßt waren, viele kleine äußere Verſchönerungen von wunderlichem Geſchmack, die eiſigſte Einfachheit im Innern, das war der Pa⸗ laſt, welchen der Graf inne hatte. Armand hatte ſich durch den Bericht des Mu⸗ ſchiks verſichert, daß ſein Gegner nach einem langen Spazierritt ſo eben nach Hauſe gekommen war, um, wie die Militärs aller Länder nach ſtarken Bewe⸗ gungen zu thun pflegen, einen Theil des Tages aus⸗ zuruhen. Er präſentirte ſich bei dem Grafen, dem er ſeine Karte zuſchickte, ein Brauch, der ſicherlich für den Corporal, welcher als Kämmerer diente, neu war. Armand hatte ſich im zweiten Vorzimmer aufge⸗ ſtellt, ſo daß er Alles was in dem Saal vorging, 1 219 in welchen der vom Muſchik in Kenntniß geſetzte Corporal ſo eben getreten war, hören, wenn auch nicht ſehen konnte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Armand ſeinen Muſchik wie den Bedienten eines weſtländiſchen Edelmanns hatte kleiden laſſen: ein Detail, auf welches der Corporal, der kein ſonder⸗ licher Beobachter war, nicht geachtet hatte, indem er ſich vielleicht einbildete, ganz Europa ſei eine ruſſiſche Provinz, wo man nur ruſſiſch ſpreche. Armand lauſchte, ſage ich. Er hörte einen Aus⸗ ruf, der nebſt einer dicken Tabakswolke aus dieſem Saale drang. Nach dieſem durch eine ſehr natür⸗ liche Ueberraſchung entriſſenen Ausruf erſchien dann ein Mann in einer Art von Brandenburger Kamiſol, das ganz offen und mit einem etwas abgetragenen Pelz gefüttert war, ohne Halsbinde und mit ſehr zerknittertem Jabot, auf der Schwelle des Saales. Dieſer Mann war der Graf Friedrich ſelbſt, welchen der Name von Bierges dermaßen aufgeregt hatte, daß er ſogar den Inſtinct der Repräſentation, der pei den Nordbewohnern ſo mächtig iſt, vergaß. Er hatte nicht geglaubt, was er ſah. Er ſah und die Röthe ſtieg ihm alsbald ins Geſicht. „Herr...“ murmelte er nach einer unwillkürlichen Bewegung, um zurückzugehen und ſein Coſtüm zu wechſeln. „Armand von Bierges,“ ſagte Armand mit ver⸗ bindlicher Höflichkeit. „Boulevard de la Madeleine,“ rief der Graf, indem er die Karte von Neuem las.„Und Sie kom⸗ men daher?... Treten Sie doch ein, treten Sie doch ein, ich bitte Sie.“ 3 220 Er nahm ihn höflich beim Arm und ließ ihn in dieſen Saal treten, wo ſein unruhiger Blick gerne gar mancherlei Dinge, die ſeinem Rufe als reicher und eleganter Mann ſchädlich ſein mußten, hätte verbergen, ordnen oder verſchönern mögen. Aber Armand war ein Pariſer von beſter Er⸗ ziehung; damit iſt Alles geſagt. Einen Ruſſen, der über ſeinen armen kleinen Haushalt in Verlegenheit iſt, beruhigen, gehörte zu den Elementen des guten Tons. „Mein Herr,“ begann er lächelnd,„ich über⸗ raſche einen Soldaten unter ſeinem Zelt; wird er mir mein Glück verzeihen?“ „Ueberraſchen iſt das rechte Wort,“ ſagte der Graf, indem er ebenfalls lachte.. „Ja, Commandant, Sie möchten gerne irgend eine glänzende Uniform anziehen, um meinen er⸗ bärmlichen Ueberrock gänzlich zu zermalmen,“ ver⸗ ſetzte der Pariſer;„aber laſſen Sie mir wenigſtens die Gleichheit. Ich bedarf derſelben ſehr in der Sache, die mich zu Ihnen führt.“ Der Graf ſetzte ſich und hieß ſeinen Gaſt ſitzen. Er bot ihm eine Cigarre, während ein Muſchik eine ſchöne und ungeheuer große Pfeife brachte. „Leider rauche ich nie,“ ſagte Armand.„Sie ſehen, ich bin zu Nichts zu brauchen. Nehmen Sie mich gefälligſt ſo wie ich bin, Herr Graf.“ „Wir haben hier bloß ganz erbärmliche Erfri⸗ ſchungen,“ ſagte Herr von Würgen,„und ich weiß nicht, wie ich einem Bewohner des Boulevard de la Madeleine, einem Nachbar von Durand und Imoda, ſolche anbieten kann.“ 3 221 „Ich werde Alles annehmen, was Sie wollen, Herr Graf, aber erſt nachdem Sie mir eine halb⸗ ſtündige Audienz bewilligt haben werden,“ antwor⸗ tete Armand, nicht ohne einen Anflug von Ernſt, welchen der Graf augenblicklich begriff, denn er ver⸗ abſchiedete den Muſchik ſogleich und legte ſeine Cigarre, die er bereits angezündet hatte, auf eine Ecke des Tiſches. „Mein Gott,“ ſagte er,„da fällt mir gerade ein, Sie würden vielleicht gerne einen Spaziergang in meinem Garten machen. Das iſt das Anſtändigſte, was ich Ihnen bieten kann; dort können Sie ſich an unſern polniſchen Blumen erlaben, deren Wohl⸗ geruch Sie für dieſen garſtigen Rauch entſchädigen, wird, den wir allzu theuer in Flandern kaufen.“ „Gerne,“ antwortete Armand;„in der friſchen Luft können wir ungeſtörter reden.“ Er erhob ſich, der Graf umfaßte ihn jetzt mit einem intelligenten Blick, einem ächten Soldatenblick, der ſeinen Mann mißt, und Armand, dem dieſe ſtumme Prüfung nicht entging, unterwarf ſich ihr recht gerne, bezahlte jedoch ſeinen Gegner glsbald mit der gleichen Münze. Der Graf von Würgen hatte nach dieſer erſten Erkundung ſeine ganze redſelige Liebenswürdigkeit wieder angenommen und führte Armand in einen herrlichen Garten, der mit Kanälen von moirirtem Waſſer durchſchnitten war, um welche herum ſich Rohrgehege zogen, die Roſen, Jasminen und Gais⸗ blättern von üppiger Vegetation als Schutz dienten. Der Graf hatte Recht gehabt dem Franzoſen den Wohlgeruch der polniſchen Blumen zu rühmen, denn ſie durchdufteten die Luft und riefen gefährliche Auf⸗ 222 regungen hervor. Ich will ſagen: edle und liebliche Aufregungen.. Armand ſammelte ſich im Gehen; er wollte die Frage auf eine gewandte und zugleich feſte Art an⸗ faſſen, war jedoch entſchloſſen zu den äußerſten Mit⸗ teln nur dann zu greifen, wenn eine friedliche Löſung ſchlechterdings unmöglich wäre. Darin beſteht die wahre Feſtigkeit, die wirkliche Kraft. Er begann, da er ſah, daß der Graf mit umſichtigem Schweigen ihn erwartete.. „Mein Herr,“ ſagte er endlich,„ich habe eine lange Reiſe gemacht, um zu Ihnen zu kommen, und ich ſehe, daß mein Name allein ſchon Ihnen den Zweck dieſer Reiſe enthüllt hat. Ich glaube dieſes Verſtändniß auf Ihren Zügen, in Ihrem erſten Er⸗ ſtaunen geleſen zu haben.“ 1 Der Graf betrachtete ihn mit einer Miene naiver Ueberraſchung. „Ich,“ verſetzte er,„ich habe nicht die Ehre Sie zu kennen und kann auch nicht im Entfernteſten wiſſen, was Sie zu mir herführt. Meine Verwunderung galt bloß Ihrer Erſcheinung. Ein Franzoſe, ein Pariſer von der Madeleine in***, auf der Grenze von Polen und Oeſterreich! Geſtehen Sie, daß Sie an meiner Stelle ebenſo betreten geweſen wären wie ich.“ Armand geſtand ſich während dieſer Erwiderung, daß der Graf nichts Anderes antworten konnte, und daß es eine Albernheit von ihm geweſen wäre ſich ſelbſt zu verrathen, ehe er noch wußte, ob man ihn anklagte. „Herr Graf,“ ſagte er,„was mich hieherführt, 223 iſt die delicateſte und zugleich einfachſte Sache von der Welt. Briefe, die ich an eine Dame dieſes Lan⸗ des geſchrieben habe, ſind in Ihre Hände gefallen. Sie können dieſe Dame ſchwer compromittiren: ich wünſchte, daß Sie die Güte hätten mich in dieſer Beziehung zu heruhigen.“ Er betrachtete ſeinen Gegner aufmerkſam, während er dieſe ſo beſtimmten Worte an ihn richtete. Der Graf verlor ſeine Ruhe nicht, er hörte, indem er ſich mehr an den Sinn jedes Wortes als an die allge⸗ meine Idee zu halten ſchien, und dies war, wie man ſehen wird, wirklich ſeine Tactik während des ganzen Verlaufs der Unterredung. „Ich begreife noch nicht recht,“ antwortete er, „und ich möchte Sie bitten ſich gütigſt ſo deutlich als möglich gegen mich ausſprechen zu wollen.“ „Sehr gerne. Es handelt ſich von der Frau Fürſtin Nowratzin, die Sie ohne Zweifel ganz gut kennen, da Ihre Frau Schweſter die Buſenfreundin dieſer Dame iſt.“ „Die Buſenfreundin? Glauben Sie das?“ ſagte der Offizier mit einer ſeltſamen Geberde des Zwei⸗ fels.„Ich weiß nicht recht; doch gleichviel, ja, ich kenne die Frau Fürſtin ſehr genau.“ „Nun wohl, mein Herr, Sie waren mit der Ueberwachung der Curiere an der Grenze beauftragt, als die drei Briefe aufgefangen wurden, die ich der Frau Fürſtin zu ſchreiben die Ehre hatte, wie auch zur Zeit, als die zwei Briefe, die ſie mir antwor⸗ tete, hier ankamen. Nun hat ſie Nichts von mir erhalten und ich Nichts von ihr. Die Sache iſt von großer Wichtigkeit, und da ich wes, daß Sie ein 224 gebildeter Mann ſind, da ich Sie aufrichtig für einen Mann von Ehre halte, ſo bin ich hieher gekommen, um mir eine ehrliche Erklärung von Ihnen zu er⸗ bitten, und ich bin überzeugt, daß ich nach unſerer Beſprechung beruhigt wieder abreiſen kann.“ „Beruhigt, über was?“ fragte der Graf freund⸗ lich und höflich. „Ueber die Gefahr, welche die Verletzung dieſer Briefe und ihre Ueberlieferung an gewiſſe Perſonen der Fürſtin und mir zuziehen könnte.“ Der Commandant überlegte einen Augenblick, weniger wie ein Mann, der wegen einer Antwort verlegen, als wie ein Beamter, der durch den Cha⸗ rakter ſeiner Functionen gelähmt iſt. „Sie verlangen in der That etwas Delicates voon mir, und ich muß mich begnügen Ihnen zu ant⸗ worten, daß ich von den Thatſachen, auf welche Sie anſpielen, ſchlechterdings keine Kenntniß habe.“ „Mein Herr,“ erwiderte Armand lebhafter, aber mit derſelben überredenden Verbindlichkeit,„ich habe alle Urſache zu glauben, daß Sie dieſe Dinge genau wiſſen, und bitte Sie dringend, meinen Schritt, ſo wie das gewaltige Intereſſe, das mich zu dieſer Frage an Sie nöthigt, in Erwägung zu ziehen. Es handelt ſich um die Ehre und Ruhe einer Dame, die in jeder Beziehung meiner Unterſtützung und Hoch⸗ achtung würdig iſt, einer Dame, welche Sie kennen, von der Sie gewiß nicht ſo feindſelig denken, daß Sie ſie zu Grunde richten möchten.“) „Ganz gewiß, ganz gewiß,“ ſagte der Graf ruhig; „aber ich weiß Nichts von dieſen Briefen, und wenn 225 ich Sie auch noch ſo gerne beruhigen möchte, ſo könnte ich nicht.“ Armand runzelte die Stirne. „Sollte das Ihr letztes Wort ſein?“ fragte er, indem er abſichtlich eine drohende Betonung vermied. „Mein Gott, ja, mein Herr. Zum Unmöglichen iſt Niemand verbunden, ſagt das Sprichwort.“ Armand legte ſeine Hand ſachte auf den Arm des Grafen, der ihm eine prächtige Roſe überreichte. „Leider,“ ſagte er,„kann ich mich mit dieſem Sprichwort nicht zufrieden geben. Findet ſich nicht etwas Beſſeres in Ihrem Herzen als Edelmann und Offizier, in Ihrem Gewiſſen, in Ihrer gewohnten Sympathie für die Leute meiner Nation? Denn, bemerken Sie es wohl, ich gebe Ihnen das Beiſpiel. Ich ein Franzoſe, gegenwärtig im Krieg mit Ihnen, ich komme, ich überliefere mich Ihrem Gutdünken auf Ihrem eigenen Terrain, um eine aufrichtige Erklä⸗ rung zu erhalten. Ich habe zu dieſem Behuf vier⸗ hundert Meilen zurückgelegt, und Sie ſollten mirs verweigern! Bedenken Sie doch gütigſt, daß ich mit einem unermeßlichen Vorrath von Geduld, von freundlicher Geſinnung, von gutmüthiger Verſöhn⸗ lichkeit gekommen bin, aber auch mit dem feſten Ent⸗ ſchluß nicht umzukehren, ohne irgend eine Genug⸗ thuung erhalten zu haben.“ „Halten Sie ein,“ ſagte der Offizier mit einem Lächeln.„Fügen Sie kein Wort hinzu, ſonſt würden Sie mich verhindern Ihnen einen Dienſt zu leiſten. Ich hege eine natürliche Sympathie für Sie. Der Schatten einer Einſchüchterung würde mich von dieſer rein wohlwollenden Stimmung abbringen.“ Maguet, Herzensſchulden. 226 Armand verbeugte ſich. „Ich wünſchte überdies,“ fügte Friedrich von Würgen hinzu,„daß Ihre Mühe und Ihre muthvolle Reiſe Ihnen ein Reſultat eintragen. Ich bürge nicht dafür, daß es gut iſt, aber es wird immerhin ein Reſultat ſein. Nun wohl, auf die Gefahr hin mich gegen meine Pflichten und meine Befehle als Soldat zu ver⸗ fehlen, will ich Ihnen antworten. Ich war an die Grenze geſtellt worden mit dem Befehl des Kaiſers, jeden aus Frankreich kommenden oder nach Frankreich gehenden Brief nach Petersburg direct an Seine Majeſtät zu ſchicken. Und ich habe den Befehl getreu vollzogen. Die Briefe ſind an unſern Czar abgeſchickt worden.“ Armand bebte. „Was wollen Sie?“ ſagte der Graf,„der Ge⸗ horſam geht vor Allem.“ „Mein Herr,“ verſetzte Armand, der ſich ſchämte 1 nach dieſer mit dem theilnehmendſten Blick beglei⸗ teten Antwort noch einen Zweifel zu hegen,„man hatte mich verſichert, daß dieſe Briefe nicht aus Ihren Händen gekommen ſeien.“ Der Graf wandte ſich um und ſagte: „Ich habe die Ehre gehabt Ihnen zu ſagen, daß ich ſie, wie alle andern, dem Kaiſer geſchickt habe.“ Armand ſchwieg. Augenſcheinlich konnte die Un⸗ terredung dieſe Grenzen nicht überſchreiten, ohne einen andern Charakter anzunehmen. Nachdem der Graf ſich zu einem Geſtändniß hergegeben hatte, wurde jede gegentheilige Vermuthung eine perſön⸗ liche Beleidigung. Armand begriff, daß er keine Sylbe mehr erlangen würde und daß ſein ferneres Drängen nur einen nutzloſen Streit herbeiführen könnte. 227 „Warum,“ dachte er,„ſollte dieſer Mann nicht die Wahrheit ſagen? Auf was ſtützt ſich Caliſte? Täuſcht ſie ſich nicht in ihrer Angſt? Die Briefe behal⸗ ten, ein verantwortlicher Beamter! Das wäre ſtark! Ich weiß wohl, daß der Kaiſer Nicolaus todt und daß mit ihm gar manche Verantwortlichkeit verſchwun⸗ den iſt, aber gleichwohl würde eine Klage beim Kai⸗ ſer Alexander den Grafen von Würgen zu Grunde richten. Und dann hat dieſer Mann ein gutmüthiges Lächeln. Er iſt nicht für Verrätherrollen geſchaffen. Wer weiß, die Schweſter iſt vielleicht eine unver⸗ ſöhnliche Feindin der Fürſtin, aber er!“ Während er ſo in einem für den Erfolg ſeiner Sendung unglückſeligen Optimismus ſchwankte, glaubte er am Ende des Gartens ſeinen Muſchik zu ſehen, der ihn anſchaute und ihm Etwas telegraphiren zu wollen ſchien. „Werden Sie eine Taſſe Kaffee mit mir trin⸗ ken?“ ſagte der Graf.„Dies iſt ſo ziemlich das einzige Paſſable, was wir hier haben. Dann wollen wir bald zuſammen diniren, nicht wahr? Ich ver⸗ laſſe morgen dieſe zum Sterben langweilige Garni⸗ ſon. Wir brechen heute Abend nach der Hitze auf, um in die Krim zu ziehen. Endlich einmal! Wie lange habe ich warten müſſen!... Ach, ohne den neuen Kaiſer käme ich noch nicht fort:; aber ich glaube, er iſt mir gnädig. O die Krim iſt eine Vergünſti⸗ gung erſten Ranges! Und der Czar ſchick nur ſeine Freunde hin.“ Armand vermochte gegen die hyperboräiſche Gas⸗ connade nicht Stand zu haltmn er ſchlug ein lanias Gelächter auf. 3 228 „Zum Henker,“ antwortete er,„was würde er dann mit ſeinen Feinden thun? Es ſcheint mir, daß Ihr Kaiſer dort eine furchtbare Menge ſeiner ſo theuren Freunde aufbraucht. Nehmen Sie ſich wohl in Acht!“ „Bah,“ rief der Commandant, indem er ſich die Hände rieb.„Ich habe immer Luſt gehabt Conſtan⸗ tinopel zu ſehen.“ „Dies wird heuer nicht geſchehen,“ ſagte Armand in demſelben ſcherzenden Ton. „O ganz gewiß,“ erwiderte der Graf in vollem Ernſt.„Wir kommen als Verſtärkung mit 100,000 Mann nach Sebaſtopol. Ihr ſeid genöthigt die Be⸗ lagerung aufzuheben und Euch wieder einzuſchiffen .. Kaum werdet Ihr die Offenſive verloren haben, ſo nehmen wir ſie wieder auf.“ Armand lachte von Neuem. „Wahrhaftig, Graf,“ ſagte er,„Sie ſind der an⸗ genehmſte Phantaſiemann, den ich kenne. Ei wiel! Sie lachen nicht wie ich, während Sie doch in Frank⸗ reich gewohnt haben! Wie, Sie glauben Armeen zu beſitzen, weil Sie Leute haben? Während dieſer Krieg Euch ſchon gänzlich aus aller Ordnung bringt, ſpüren wir noch gar Nichts davon. Wenn Sie über das Boulevard de la Madeleine gehen könnten, welche Menſchenmenge würden Sie ſehen! Hinter den hun⸗ derttauſend Soldaten, die wir in der Krim haben, ſtehen 1,800,000 Mann vollkommen bereit, und jeder von dieſen Leuten hat eine Idee in ſeiner Flinte. Wahrhaftig, ich bewundere Sie mit Ihrer Kaltblü⸗ tigkeit. Aber kommen wir ein wenig auf unſere An⸗ gelegenheit zurück,“ fügte er hinzu, als er dachte, — 7 229* die Unterhaltung habe mehr Vertraulichkeit zwiſchen ihnen herbeigeführt.„Sie brechen alſo morgen nach Sebaſtopol auf. Sagen Sie mir, laſſen Sie nicht vor Ihrer Abreiſe irgend einen Scrupel zurück, und werden Sie mir nicht die Gunſt erweiſen ſich deſſel⸗ ben zu meinem Vortheil zu entledigen? Ich ſpreche zu Ihnen wie zu einem Freund; werden Sie mir nicht eine arme Frau retten helfen, die durch meine Schuld zu Grunde gerichtet wurde, und deren Un⸗ glück ich jetzt, was auch geſchehen mag, nie wieder gut machen könnte?“ Der Graf hörte ſehr aufmerkſam zu, und da die letzten beſonders betonten Worte ihm aufgefallen waren, ſo ſchien er ſie ſich vollſtändiger erklären laſſen zu wollen. „Ja,“ fuhr Armand fort,„ich wende mich an den Ehrenmann und ſage zu ihm: Sie haben be⸗. reits die Hälfte eines mir gehörenden Geheimniſſes; ich ſelbſt enthülle es Ihnen, weil Sie verſicherten es nicht zu kennen, weil Sie erklärten, daß Sie die Briefe dem Kaiſer geſchickt haben. Ich wende mich jetzt von Neuem an Sie; fügen Sie dieſer Erklärung alles das bei, was geeignet ſein kann mein und Ihr Gewiſſen zu beruhigen: das Ihrige, weil Sie, wenn Sie das Geheimniß einer Dame verriethen, eine Ihrer unwürdige Handlung begangen hätten; das meinige, weil ich, da ich auf dem Punkt ſtehe mich unwiderruflich durch eine Heirath von dieſer Frau zu trennen, die nicht frei iſt, eine abſcheuliche Hand⸗ lung begehen würde, wenn ich ſie unter dem Druck eines Unglückes ließe, das ich ſelbſt verurſacht hätte. Bitte, Herr Graf, ein wenig Vertrauen, behandeln Sie mich als Freund, wie ein loyaler Feind Sie darum erſucht.“ Friedrich von Würgen ſchien ſich einen Augen⸗ blick zu bedenken; dann faßte er ſeinen Entſchluß und antwortete mit ganz heiterem Geſicht: „Ich habe Alles geſagt was ich wußte, und Sie könnten mich noch tauſendmal fragen, ohne eine an⸗ dere Antwort von mir zu erhalten. Entſchuldigen Sie mich, da kommt mein Curier.“ Es war aus. Armand ſah Offiziere, welche die Befehle des Chefs erwarteten, ehrfurchtsvoll heran⸗ nahen. Der Muſchik ſeinerſeits ſuchte ſich beſtändig Armand bemerklich zu machen und wiederholte ſeine ausdrucksvolle Geberde. „Wo wohnen Sie, Herr von Bierges? in der Stadt?“ fragte der Graf. 2 „‚Nein, Commandant, mein Bedienter hat ein leidliches Lager außerhalb der Stadt auf der Straße für mich ausfindig gemacht.“ Armand bemerkte jetzt den Muſchik und ſeine Signale. Friedrich antwortete: „In der Stadt würden Sie beſſer ſein; wünſchen Sie, daß ich dafür ſorge? Aber wozu, da Sie ſich ja doch nicht lange aufhalten? Ich für meine Perſon ziehe morgen ab.“ Armand dankte.. „Sie ſpeiſen doch mit mir zu Mittag?“ Irgend Etwas warnte Armand die Einladung nicht anzunehmen. 8 „Danke,“ verſetzte er,„ich habe ſeit ſechs Tagen nicht geſchlafen. Ich will mich ins Bett legen. So⸗ 231 bald ich erwache, werde ich die Ehre haben Ihnen meinen Beſuch abzuſtatten.“ „Ich werde vielmehr Sie beſuchen,“ ſagte Fried⸗ rich von Würgen ceremoniös.„Um welche Stunde werden Sie ſichtbar ſein?“ „Wann es Ihnen gelegen iſt. Auf der Reiſe erhebe ich mich mit der Sonne.“ „Nun wohl, ſo werde ich Sie hierher zurück⸗ bringen. Sie reiten doch, ja, ohne Zweifel? Wir wollen einen Spazierritt auf das Land machen, wel⸗ ches ſchön iſt, und dort frühſtücken.“ Armand verbeugte ſich von Neuem. Der Graf bot ihm herzlich die Hand, Armand gab die ſeinige; ſie trennten ſich. „Es iſt unmöglich,“ dachte der Franzoſe,„daß dieſer Mann nicht ein vollkommener Biedermann iſt; aber Caliſte iſt gleichwohl unruhig. Doch begreife ich Alles. Der Kaiſer Nicolaus hat die Briefe er⸗ halten; er iſt todt und mit ihm wird das Geheimniß Caliſtens viel von ſeiner Wichtigkeit verloren haben. Wenn die Beweiſe nur nicht ihrem Gemahl in die Hände gefallen ſind, ſo läuft ſie keine ernſtliche Ge⸗ fahr. Nun iſt es ſo ziemlich gewiß, daß dieſer ſie nicht erhalten wird. Ich bin alſo ruhig. Ich habe den Schritt gethan, welchen die Ehre mir vorge⸗ ſchrieben, und nach dieſer letzten Erinnerung, die ich einer Freundin weihte, kann ich mich vollſtändig meiner Liebe hingeben. Schnell einen ſehr beruhi⸗ genden und ſür jede andere Perſon als Caliſte gänzlich unverſtändlichen Brief! Der Muſchik ſoll ihn überbrin⸗ gen; ich nehme die Poſt, ſodann meine liebe Eiſenbahn wieder, und es iſt vorbei mit dieſem letzten Jugend⸗ 232 ſtreich. Ich werde unter mein Junggeſellenleben ſchreiben: Zur Saldirung der ganzen Rechnung.“ So ſprechend kam er bei dem Muſchik an, der ſich an ſein Ohr neigte und zu ihm ſagte: „Herr, es erwartet Dich Jemand im Hauſe.“ Armand bemerkte ihm, daß er Niemand in die⸗ ſem Lande kenne. „Doch, Herr, doch, Du kennſt Jemand in dieſem Lande; komm und Du wirſt ſehen.“ Armand bemerkte jetzt zum erſten Mal dieſe fie⸗ beriſche Aufregung des guten Burſchen und den un⸗ ruhigen Ausdruck ſeines grauen, kleinen Auges, das unter einer Braue ſo dick wie ein Schnurrbart funkelte. XXVII. Armand bemerkte von Ferne vor der Thüre des elenden Häuschens, wo er wohnte, eine ausgeſpannte Poſtchaiſe. Unter dem nahen Schirmdache wälzten ſich vier kleine Pferde, mit ſchweißtriefenden Mäh⸗ nen, dampfend auf einer dichten Streu von Binſen und trockenem Heidekraut. Der Muſchik lief voraus und ſtieg zuerſt hinauf. Ich ſage, er ſtieg hinauf, weil das aus zwei Stock⸗ werken beſtehende Haus auf eine Art von Keller gebaut war und ein Erdgeſchoß bildete, zu welchem man vermittelſt einer Treppe von ſechs Stufen ge⸗ langte, die vollſtändig in einen Birkenſtamm einge⸗ hauen war und ein Seil von Baumrinde als Ge⸗ länder hatte. — 233 Als der Mann einen Blick ins Innere geworfen hatte, erſchien er wieder auf der Freitreppe und winkte Armand, der im ſelben Augenblick vor dem Gemäuer ankam. Armand ſtieg jetzt ebenfalls hinauf und ging in ſein Zimmer. Dort war trotz der Jahreszeit ein großes Feuer angezündet. Vor dem Feuer ſaß eine düſtere, ganz in einen weiten Mantel eingehüllte Ge⸗ ſtalt, die ſich bei dem Getöne von Armands Tritten umwandte. Es war Caliſte. Der erſte Eindruck des jungen Mannes war ein ſchlimmer. „Sehr gut,“ dachte er,„Alles das war zum Voraus ausgemacht. Der Brief hatte den Zweck mich hieher zu locken, zu dieſem Rendezvous. Caliſte wird meine Heirathspläne erfahren haben; ſie will mich durch irgend einen Scandal zwingen ſie abzu⸗ brechen. Und ſie wußte recht gut, daß mein Ren⸗ contre mit dieſem Würgen zu Nichts führen würde. O, aber wenn es ſo iſt, ſo will ich mich vertheidigen. Die Zeit der Myſtificationen iſt vorüber.“ Während er Alles das dachte, war er ſtehen ge⸗ blieben. Er vergaß, daß dieſe Frau ihn anſah, und mit welchen Augen! mit welcher Seele! Die unmerkliche Zeit eiſiger Ueberraſchung, welche Armand in eine Bildſäule verwandelte, war, das fühlte nur er allein nicht, ein Jahrhundert. Endlich näherte er ſich und ſagte: „Iſt's möglich!“ Caliſte ſtreckte ihre Hand gegen ihn aus. Er ergriff dieſe abgemagerte Hand und beugte ſich 234 darüber voll Scham, daß er nicht ſogleich zu ihren Füßen geſunken war. Er hatte nämlich ſo eben ihr Geſicht angeſchaut, und jeder beleidigende Gedanke verſchwand beim An⸗ blick dieſes reinen und aufrichtigen Ausdruckes von Schmerz inmitten einer ſo erhabenen Schönheit. Caliſte war blaß, ſehr blaß. Sie ſagte ihm, dies komme von der Kälte; ja, von Kälte im Herzen. Er warf einen Arm voll Holz ins Feuer, ſtatt ſie durch einen Kuß oder ein Lächeln wieder zu er⸗ wärmen. „Sie ſind alſo ſehr überraſcht mich zu ſehen?“ ſagte ſie mit dieſer edlen und ernſten Stimme, deren Metall ſogleich tauſend eingeſchlafene Echos in Ar⸗ mands Seele wieder erweckte. „Ich geſtehe es,“ antwortete er. Sie öffnete ohne Affectation den Mantel, der von ihren Schultern zu ihren Füßen niederfiel. Ar⸗ mand ſah ſie vollſtändig in Trauerkleidung. Er ſchauerte. „Ja,“ ſagte ſie,„der Herr Fürſt Nowratzin iſt geſtorben, ich bin Wittwe.“ Armand rang die Hände, wie wenn er eine Er⸗ ſcheinung vor ſich hätte. Wittwe! Caliſte war frei. Sie eilte zu ihm; ihr erſter Gedanke war an ihn, an ihn, der ſich ſo ſehr beeilt hatte ein neues Hin⸗ derniß zwiſchen ihre beiden Freiheiten zu werfen. Sein Schweigen kam dies Mal nicht mehr von Zweifel, nicht mehr von Aromohn her, ſondern von Scham und Reue. „Ich habe wenig nach den Convenienzen gefragt,“ fuhr Caliſte fort, die jeder Schattirung auf Armands 8 Geſicht folgte und ſie in ihr Herz aufnahm, wie ein Metall allmälig die tödtliche Säure trinkt,„ich habe mich beeilt hierher zu reiſen, weil ich wußte, daß Sie kommen würden. Sie ſind ein loyaler und tapferer Mann. Gott ſei Dank! ich komme noch zu rechter Zeit. Ich habe unterwegs tauſend Todes⸗ qualen ausgeſtanden. Sie werden von dem Grafen von Würgen Nichts mehr verlangen, Sie werden jede Erklärung mit ihm abbrechen, ich bedarf einer ſolchen nicht mehr,“ fügte ſie mit einem Ausdruck ſtoiſcher Verzweiflung hinzu, der Armands Herz in ſeinem Innerſten aufregte. „Nein,“ ſagte er,„Sie bedürfen einer ſolchen Erklärung nicht mehr, weil Ihr Wittwenthum Sie frei macht; aber es ſteht zu befürchten, daß Ihre und meine Briefe dem Kaiſer überſandt worden ſind. Ich habe ſo eben mit dem Grafen eine vollkommen befriedigende Beſprechung gehabt, worin er mir die Wahrheit geſtanden hat.“ „Die Wahrheit?“ ſagte ſie,„ah?“ Armand bemerkte den höflichen und kalten Spott in der Betonung. „Iſt es nicht die Wahrheit?“ fragte er.„Wiſſen Sie etwas Genaueres?“ „Ja,“ ſagte Caliſte mit demſelben feſten und feierlichen Tone. „Und Sie wollen mirs gefälligſt mittheilen?“ „Gewiß. Ich bin aus zwei Gründen gekommen: erſtens um Ihr Leben zu ſchonen und dann um Ihnen Alles zu ſagen.“ So ſtark Caliſte ſein wollte, ſo verlor ſie doch ihre Ruhe; ſie fühlte, daß das Blut ihr bis an die 235 236 Kehle ſtieg; ſie regte es auf, indem ſie Thränen zu⸗ rückdrängte, die ſie in ihren Augen erſcheinen zu laſſen zitterte. „Verzeihen Sie,“ ſagte ſie, indem ſie Armand, der ſich auf ſie zuſtürzte, ſanft wegdrückte,„ich bin ſehr müde, etwas nervös, verzeihen Sie.“ Ihre Anſtrengung war erhaben; ſie weinte nicht. „Ich höre,“ rief er.„Man ſollte meinen, Sie wollten mir ein Unglück verkündigen.“ „In der That, Armand, iſt es ein ſehr großes Unglück, was ich Ihnen mitzutheilen habe; aber was mir viel Kraft verleiht, das iſt der Umſtand, daß es Sie nicht berührt. Sonſt würden Sie mich ſehr niedergeſchlagen ſehen.“ Er wollte ihr dieſes Wort vorwerfen, aber er wagte es nicht. Sie hatte zu ſehr Recht. „Hören Sie was geſchehen iſt,“ ſagte die Fürſtin mit ruhiger Stimme und einer heroiſchen Einfach⸗ heit.„Drei Tage nach der Abreiſe meines Boten nach Conſtantinopel hatte ich bereits große Beſorg⸗ niſſe wegen der Geſundheit des Fürſten; der Arzt gab ihn auf, ich habe es Ihnen geſchrieben. Gegen das Ende, ſage ich, des dritten Tages las ich ein wenig in meinem Zimmer und ſchaute zuweilen auf das Meer hinaus. Auf einmal ſah ich den Fürſten hereinkommen, während er doch ſeit vierzehn Tagen das Bett nicht hatte verlaſſen können. Er war ſchrecklich blaß und ſchwach; ich lief ihm entgegen, er ſtieß mich zurück und ſank in einen Lehnſtuhl. Seine Hand hielt mir einen offenen Brief hin, einen Brief von Ihnen, Armand, einen von denjenigen, —QO——ꝭQ᷑Q—O/—,S·B—n—— 2 2.y.— — —QO——jj 237 die ich fürchtete und der ſehr zärtlich war, wie wir uns damals ſchrieben.“ Caliſtens Stimme dämpfte ſich unwillkürlich bei dieſen Worten. Ein blauer Kreis zeichnete ſich um ihre Wimpern; ihre Wangen nahmen den perlmut⸗ ternen Ton des Opals an, deſſen ſchauernder Wider⸗ ſchein bis auf ihre Lippen glitt. XXVIII. „Ich ſah wohl ein,“ fuhr Caliſte, wiederbelebt durch Armands Aufmerkſamkeit, fort,„daß die Schur⸗ ken, die mir dieſen Schlag durch die Hand eines Sterbenden verſetzen ließen, zu gleicher Zeit mich zu Grunde richten und ihn tödten wollten; denn er hatte ſeit unſerer Wiedervereinigung eine ſehr leb⸗ hafte Neigung zu mir zu verrathen geſchienen. Ich durchſchaute alſo ihre Perfidie, und theilweiſe, um das Leiden dieſes Unglücklichen, der ihr Opfer war, zu mildern, beſchloß ich gegen alle meine Gewohn⸗ heit mich zu vertheidigen oder es wenigſtens zu ver⸗ ſuchen. Ich nahm daher Ihren Brief, ſchaute ihn an und bemühte mich gleichgültig, unbefangen zu er⸗ ſcheinen. Der nervöſe Zuſtand des Fürſten erſchreckte mich dermaßen, daß ich fürchtete, er möchte zu mei⸗ nen Füßen zuſammenſinken. „So erbärmlich auch meine Vertheidigungsgründe ſein mochten, ſo betrachtete ich ſie doch als loyal und heilig, weil ſie mir das Leben meines Gatten retten halfen, und ich verrannte mich in dieſe Idee ſo ſehr, daß ich zuletzt hoffte, es werde mir gelingen, 4 238 weil ich es ſo ſehnlich wünſchte. Wer weiß? ſagte ich zu mir, dieſe Elenden haben vielleicht nur einen einzigen Brief Armands abgefangen. Sie beſitzen vielleicht keinen andern Beweis. Eine thörichte, wahnſinnige Idee, aber im Schwindel hat man keine Zeit zur Logik, und wenn man in den Abgrund ſtürzt, klammert man ſich an, wo man kann. Vertheidigen wir uns, dachte ich; laſſen wir dieſen Mann, den mein Schweigen oder mein Geſtändniß vollends ganz vernichten würde, nicht ſterben. „Da antwortete ich, ich weiß nicht was, aber ich antwortete. Es waren Frauengründe, was ſage ich? Gründe eines unterhaltenen Mädchens, das ſeinen Beſchützer erhalten will. Ob man die Tollheiten des Herrn von Bierges mir zur Laſt legen könne? Ob es meine Schuld ſei, wenn er ſich in mich verliebt habe? Ob ich denn wiſſe, was er ſchreibe? Ob es in meiner Macht ſtehe es zu verhindern? Tauſend triviale Albernheiten, die mit einem noch trivialeren Lächeln zum Beſten gegeben wurden. Ach, nie in meinem Leben hat eine ſolche Anſtrengung, ein ſolch ſchrecklicher Zwang meine Vernunft und mein Herz gefoltert.. „Der Fürſt, der mich unbeweglich und eiſig an⸗ hörte, erwies mir nicht einmal die Chre ſeinen Zorn zu zeigen. Aber er hatte einen andern Brief in der Hand, den er mir mit verachtungsvollem Lachen zeigte. O dieſes Lachen ſchlug mich zu Boden. Der Brief war von mir an Sie. Vier große Seiten. Hätte man mir eine einzige der Zeilen, die er ent⸗ hielt, laut vorgeleſen, ich wäre todt niedergeſunken. „Der Fürſt ſchwankte, ſeine Züge waren entſtellt, * ich las darin von Neuem den unverſöhnlichen Haß und den Haß bis in den Tod. Er ſchleppte ſich auf ſein Zimmer. Ich verſuchte es nicht einmal ihm meinen Arm anzubieten. Er kam in ſein Gemach zurück, indem er ſich an die Wände und Tapeten anlehnte. Ich hörte ihn ſein Zimmer doppelt ver⸗ riegeln. Ich blieb allein, bis um Mitternacht kam Niemand zu mir. „In dieſer furchtbaren Nacht brach auf dem Meere ein Sturm aus, deſſen Toſen ich anhörte. Ich erinnere mich, daß durch mein offenes Fenſter der Regen heftig und ſchwer eindrang und mich auf dem Teppich, wo ich niedergekniet war, durchnäßte. Bei jedem Blitz flehte ich zu Gott, er möchte den nächſten auf mich herabſenden; ich hätte das Feuer aus den Wolken einſaugen mögen; es würde mein elendes Herz erſtickt haben. „In dieſes majeſtätiſche Getöſe des Orkans, in das Geſchrei der geängſteten Matroſen, in das hal⸗ lende Gerenne der Reiter auf unſern Wällen, hörte ich anderes unheimliches Getöſe in meinem Hauſe ſich mengen, ohne es zu begreifen. Die Diener des Fürſten liefen auf und ab; ich ſah unter meiner Thüre Feuer leuchten und erlöſchen. Einen Augen⸗ blick meinte ich einen erſtickten Schrei zu vernehmen, der auf einen Trauergeſang folgte, welcher mehrere Minuten angedauert, und den ich in meinem Wahn⸗ ſinn für die Stimme des Fürſten gehalten hatte, der leiſe und eintönig Etwas dictire. Bald pochte man leiſe an die Thüre; meine Frauen, die ich wegge⸗ ſchickt hatte, traten ein. Ich erhob mich, geblendet durch die Fackel, die eine von ihnen trug. Ihre 240 entſtellten Geſichter verriethen eine angſtvolle Auf⸗ regung. Endlich konnte ich ſprechen und fragte; man meldete mir, der Fürſt ſei ſo eben in den Ar⸗ men des Platzcommandanten, ſeines Freundes, und der Gräfin Gorthiany, meiner Freundin, geſtorben. Die Haltung meiner Frauen erklärte ſich durch die Ueberraſchung, worein meine Vereinſamung und Un⸗ kenntniß ſie verſetzten, während doch ein Ereigniß von dieſer Wichtigkeit in meinem Hauſe vorging. „Alſo war der Fürſt geſtorben, ohne mich ſehen zu wollen, ohne mir ſeine Verzeihung zu ſchenken, ohne ſich zu fragen ob er nicht auch der meinigen bedürfe. Man hatte mich abgeſperrt, man hatte mich von ihm entfernt. Dieſe Freundin, dieſes Un⸗ geheuer hatte im letzten Augenblick die Maske abge⸗ worfen und die Wuth in der Seele des Sterbenden angefacht; ſie hatte die letzten Funken derſelben ge⸗ ſammelt, um den Brand zu entzünden, der mich gänzlich verſchlingen ſollte. Statt der chriſtlichen Stimme, welche den Sterbenden tröſtet und mit ſei⸗ nen irdiſchen Feindſchaften verſöhnt, hatte mein Gatte nur meine Ankläger vernehmen können, die hart⸗ näckig darauf beſtanden einen Fluch in ſeinen letzten Seufzer einzumengen. „Ich erfuhr Alles durch den Notar, der nach ſeinem Befehle ſeinen letzten Willen aufgeſetzt hatte. Der Platzcommandant, ein alter Soldat, deſſen erſte 46 Entrüſtung durch mein Unglück in zärtliches Mitleid umgewandelt wurde, beſuchte mich ebenfalls und er⸗ zählte mir die Trauerſcene, indem er mich beklagte,„ daß ich von Allen angeſchuldigt und von Niemand vertheidigt worden ſei. Allerdings, ſagte er zu mir, 241 war die Wuth des Fürſten heftig, aber mit guten Rathſchlägen hätte eine befreundete Stimme ihn vielleicht beſänftigen können. Es ſcheint, daß dieſe unſeligen Briefe ihm mit einer Berechnung, die den Mördern EChre machte, am gleichen Tag zugeſtellt woorden waren; denn der Fürſt erholte ſich von einem Anfall, nach welchem der Arzt uns allen die größten Rückſichten für ſeine moraliſche Ruhe empfohlen hatte. Dadurch, daß man ihm in einem ſolchen Augenblick die Briefe gab, tödtete man ihn. Indem man mich von ſeinem herannahenden Tod nicht benachrichtigte, beſtärkte man ihn in der Idee, daß ich bloß auf ſein Abſterben warte; man verbreitete dadurch dieſe Idee auch im Hauſe, und wirklich lief, von chriſtlichen Seelen weiter getragen, in der ganzen Stadt die Nachricht um, die Fürſtin Nowratzin habe das Ster⸗ belager ihres Gatten böslich verlaſſen. „Der Fürſt dictirte ſein Teſtament; er entzog mir zu Gunſten ſeiner Verwandten, der Armen und der Gräfin Gorthiany Alles was er von ſeinem Ver⸗ mögen hinwegnehmen konnte, das heißt Alles. Er beauftragte den Teſtamentsvollſtrecker dem Kaiſer die Briefe meines Geliebten und meine eigenen zu del des Czars Nicolaus erfahre. Er ſchloß mit der 6 Erklärung, daß ihm ſeit der Nachricht von meinem Verrath nichts mehr am Leben liege. Gewiß, es zur Laſt zu legen. „Ich ſuchte die Gräfin Gorthiany. Gott ver⸗ ſteht mich, er weiß, daß meine Seele rein iſt und ſich niemals mit einem Gedanken beſchmutzt hat, der Maquet, Herzensſchulden. 4 ſchicken, damit er das Benehmen der Lieblingsmün⸗ wäre unmöglich geweſen mir directer ſeinen Tod ——õ— 24⁴²2 einem nach ſeinem Bilde geſchaffenen Geſchöpfe ſcha⸗ den könnte; aber nicht wahr, dieſe Creatur konnte nicht zu meines Gleichen gezählt werden? Ich will Ihnen in aller Demuth geſtehen, daß ich ſie vor meiner Abreiſe erdolcht haben würde. Der allbarm⸗ herzige Gott vergebe mir heute den ruchloſen Gedan⸗ ken, der ohne Zweifel unter dem Einfluß des Athems dieſes Dämons in mir erwacht iſt; er ſei geprieſen, daß er mir ein Verbrechen erſpart hat; die Gorthiany hatte ſich aus dem Hauſe entfernt, ſie wagte es nicht meinen Blicken Trotz zu bieten. Ich habe die Freude, nicht durch eine Berührung ihrer Perſon auf ihr Niveau hinabgeſunken zu ſein. Ich habe die Hoffnung, daß Gott ſie ſo grauſam ſtrafen wird, wie ſie es ver⸗ dient.“ 1 „Mit was kann man ſie ſtrafen?“ murmelte vernend⸗ indem er mit düſterer Wuth die Fäuſte allte. Die Fürſtin antwortete nicht auf dieſen Ausruf. Sie ſetzte ihre Erzählung fort, wie man in einem Gedanken fortfährt. „Ich ahnte,“ ſagte ſie,„daß ich vor zwei Tagen der Fluch der Stadt ſein würde, wo ich wie eine Heilige angebetet worden war. Ich begriff auch, daß mir von Hof aus, wohin die Nachricht vom Tode des Fürſten ſchnell gelangen mußte, irgend ein furchtbarer Verbannungsbefehl nach Sibirien oder vielleicht etwas noch Schlimmeres zukommen mußte, denn der Fürſt hatte ohne Zweifel verlangt, daß man mir den Prozeß machen ſolle.“) Armand ſchauderte von Kopf bis zu Fuß. „Ich nahm die Poſt,“ vollendete Caliſte,„mitten 243 unter tauſend Gefahren, mit tauſend ſchimpflichen Vorſichtsmaßregeln. Ich beſaß noch Vernunft genug, um mich zu erinnern, daß Sie meinen Brief empfan⸗ gen und an den Ort eilen würden, wohin ich Sie zu kommen bat. Ich erinnerte mich, daß Sie ſo gütig waren mir eine Freundſchaft zu erhalten, die dieſes Opfer möglich machte, und ich wollte nicht, daß Ihnen ein Ünglück widerfahren ſollte. Es iſt ſchon zu viel, wenn man ſich den Tod eines Men⸗ ſchen, und wäre er auch ein Feind, vorzuwerfen hat. Mein Wille überwand meine Schwäche; ich durchflog raſch die Räume und jetzt bin ich hier. Verzeihen Sie mir das Ungemach, das ich Ihnen bereite, und dasjenige, das ich Ihnen ſchon bereitet habe. Sie werden künftig meinetwegen Nichts mehr leiden.“ Nach dieſem Schluß hüllte ſich Caliſte in ihren Mantel und wandte ſich mit geſenktem Haupte gegen den Herd, ohne Armand anzuſehen, der mit gekreuz⸗ ten Armen, blaß wie ein Geſpenſt daſtand. „Fluchwürdige Perfidie!“ murmelte er. Sie ſchwieg. „Iſt denn das Uebel ſo, daß es nicht mehr gut gemacht werden kann?“ fügte der junge Mann zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu, denn er begann die Tiefe des Abgrundes zu erſchauen, in welchen dieſe Frau geſtürzt war. Aus dem Schatten hervor, den ihr Mantel auf— ihr Geſicht warf, beobachtete Caliſte ihn fortwährend, 4 ohne daß er dieſen verzehrenden Blick aus dem Dunkel brechen ſah. Er ſuchte, er combinirte; er machte unglaubliche Anſtrengungen, um die Lawine, die ſo eben ſeine Gefährtin erdrückt hatte und ihn ſelbſt 244 halb begrub, aufzuheben und weit hinweg zu ſchleu⸗ dern. Die Frauen ſind immer verſtändig, in der Liebe oder im Haß. Caliſte, die es auch in der Gleich⸗ gültigkeit war, errieth recht gut, daß dieſer Mann ebenſo wohl um ſeiner ſelbſt als um ihretwillen litt. Ihr Stolz erwachte abermals. „Betrachten Sie mich nicht als eine Verzweifelte,“ ſagte ſie ſchnell;„ich glaube mich im Gegentheil ge⸗ rettet. Es handelt ſich für mich nur darum, daß ich über die Grenze dieſes Landes hinauskomme. Ich habe in meinem Wagen die Trümmer meines Vermögens, die vollkommen genügen, damit ich nach meinen Neigungen und der Nothwendigkeit meiner Stellung leben kann. Ich will mich in einer Pro⸗ vinz Frankreichs oder Belgiens begraben,“ rief ſie lebhaft, nachdem ſie den Blitz in Armands unruhigem Blick aufgefangen hatte.„Ja in Belgien werde ich für mich ſelbſt und für Jedermann beſſer ſein. Die religiöſen Ideen beſtürmen mich; Sie begreifen es, dies iſt das Gegengift der Gewiſſensbiſſe; in Ant⸗ werpen, in Brügge, in Mecheln werde ich ſchöne Kirchen haben. Beten und abermals beten, das iſt die einzige Freude meines Lebens. Nur,“ ſagte ſie auf einmal mit einem nervöſen Lachen, das dem jungen Mann Angſt machte,„handelt es ſich darum über die Grenze zu kommen; wo nicht, ſo könnte ich beunruhigt, ſogar verhaftet werden.“ „O mein Gott, iſt's möglich! O mein Gott!“ murmelte Armand, indem er ſeine Hände ſo zer⸗ drückte, daß ſie roth wurden. „So viel iſt gewiß,“ ſagte ſie mit einem edlen 245 Muth,„daß ich mich in einer ſchwierigen Lage be⸗ finde; aber ich glaube, das Aergſte iſt überſtanden. Der erbärmliche Bruder, der Mitſchuldige Zikas wird mir ein ſicheres Geleite, um nach Oeſterreich zu kom⸗ men, nicht verweigern. Die Grenze iſt höchſtens eine Meile von hier. Machen Sie ſich meinetwegen keinen Kummer, ich nehme das Uebrige auf mich. Dank alſo für den Dienſt, den Sie mir gütigſt ge⸗ leiſtet haben... Mein Schickſal hat ſich gewendet, was wollen Sie? Verwickeln Sie ſich nicht gleich⸗ falls in der Schlinge, in der ich mich verfangen habe. Sagen Sie mir Lebewohl. Ich will mir für die Nacht ein ähnliches Gemäuer wie dieſes hier ver⸗ ſchaffen, und morgen reiſen Sie nach Frankreich zu⸗ rück, wo Jugend, Leben und Freiheit Ihnen ent⸗ gegenwinken.“ An dem Ton, womit ſie dieſe letzten Worte ſprach, konnte Armand trotz der Erſtarrung, worein der empfangene Schlag ihn verſetzt hatte, nicht umhin zu fühlen, daß er auf ein zuckendes Herz getreten war; er wollte ſprechen, ſie that ihm durch eine Geberde mütterlicher Zärtlichkeit Einhalt. „Es iſt jetzt genug darüber geſprochen worden,“ ſagte ſie.„Sie wollten wiſſen, jetzt wiſſen Sie; warum dieſen Verdrießlichkeiten größere Bedeutung beilegen, als ſie verdienen? Trennen wir uns; man ſoll nicht ſagen, daß wir hier mehr als einige Au⸗ genblicke zuſammen verbracht haben. Glauben Sie, daß ich verlegen ſei, um ein Nachtlager zu finden? Ich habe meinen Wagen, wo ich ſo lange ſchlafen werde, bis ich dieſes Sicherheitsgeleite und friſche Pferde bekomme. Bleiben Sie ruhig daheim, Ar⸗ 246 mand, und rechnen Sie auf mich, daß ich die Sachen gehörig ins Reine bringen, und beſonders daß ich Sie nicht bloßſtellen werde.“ Mit dieſen Worten erhob ſie ſich. Armand, der ſie ſo zitternd, ſo ſchwach ſah und gleichwohl bereit die einzige Zufluchtsſtätte zu verlaſſen, die ſie in der Welt hatte, wurde von einem ſchmerzlichen Mitleid und einem noch peinigenderen Schamgefühl ergriffen. Es ſchien ihm, als ob ihr beiderſeitiges Schickſal ſich plötzlich vor ſeinen Augen enthüllte; er erblickte in dieſem flüchtigen Blitz der Vernunft und Ehre das unerbittliche Phantom der Selbſtverläugnung und der Pflicht. Schrecken ergriff ihn nach der Scham. Indem er jetzt wie ein Atom zwiſchen dieſen beiden ſo entgegengeſetzten Strömungen ſchwankte, fühlte er ſeine Schwäche; noch ein Wort und er wurde viel⸗ leicht die Urſache eines entſetzlichen Unglücks. Nach ſo vielen bereits aufgehäuften Leiden war das Maß gerüttelt voll. Armand wurde von Gott geſegnet. Sein guter Engel ſtand ihm bei in dieſem Augenblick der Prü⸗ fung. Was viele Leute Inſpiration nennen, das iſt der gute Engel. Er ergriff die Hand der Fürſtin und drückte ſie zärtlich zwiſchen den ſeinigen. Seine Aufregung, ſein Fieber, die Haſt ſeiner Bewegungen überraſchten ſelbſt Caliſte, die ſich ſo weit vergaß, daß ſie ihm die Hand drückte. „Liebe Freundin,“ ſagte er,„wir können nicht unter demſelben Dach bleiben, das iſt wohl wahr, aber Sie dürfen dieſes Haus nicht verlaſſen, denn Sie leiden und ſind auf den Tod müde. Bleiben Sie! Ich werde ein Nachtlager zu finden wiſſen... 247 Proteſtiren Sie nicht, es iſt unnütz. Ich verbiete Ihnen einen Schritt zu thun, ein einziges Wort zu ſprechen. Sie ſind zu Hauſe; ich werde mich mit Ihnen beſchäftigen.“ Mit dieſen Worten, die von einem freundlichen Blick begleitet waren, der wie ein unverhoffter Strahl das Herz der armen Frau durchzuckte, ſetzte er ſie in ſeine Wohnung ein, ertheilte ſeine Befehle, da⸗ mit Nichts ſie ſtören ſollte, und um für ſich ſelbſt die Geiſtesruhe zu ſuchen, deren er bedurfte, um ſich in einem heilſamen Bad vernünftiger Gedanken, klu⸗ ger Entſchlüſſe zu ſtählen, ſuchte er die Einſamkeit. Ein mit großen Seen überſäter Wald grenzte an die Stadt; zwiſchen dieſem Gehölze und ſeinem Haus lag eine große Haide. Armand ließ ſich von ſeiner Träu⸗ merei hinreißen, er ſchritt gegen den Wind, um ſeine Stirne zu kühlen. Er ging bis zum Abend, indem er ſich beſtändig um den Umkreis drehte, deſſen Mit⸗ telpunkt das Haus war. Und da der Muſchik Cali⸗ ſtens Zimmer beleuchtet hatte, ſo ſah Armand von Ferne in der blauen Nacht dieſes röthliche Licht ſchimmern; er wandte ſich oft nach dieſer Seite, um ſeine zerrütteten Lebensgeiſter zu ſammeln, oft er⸗ ſchien ihm dieſes friedliche Licht wie der Stern, der die Unſchlüſſigkeiten des Schiffbrüchigen im Sturm zu einer Entſcheidung bringt. Eine ſchreckliche Nacht! Noch ſchrecklicher, weil er zwei Herzen in ſeiner Bruſt ſchlagen, das heißt leiden fühlte. Sie war alſo da, dieſe einſt ange⸗ betete Frau, ſie deren Nähe er an der Verwirrung aller ſeiner Sinne ahnte, die Frau, zu der er ſo oft auf den Knien liegend und mit gefalteten Händen V —— 248 geſagt hatte:„Ach daß Du nicht frei biſt, Caliſte, warum mußte Gott, der Dich für mich geſchaffen hat, Dich auf immer von mir trennen!“ Sie war da... Dieſes kleine Licht repräſentirte ſie, eine traurige und vom Wind des menſchlichen Elends um⸗ hergetriebene Seele. Um ſeinetwillen und durch ihn war Caliſte un⸗ glücklich; inmitten all ihrer Leiden hatte ſie nur an ihn gedacht,— ſie war gekommen, ſich in ſeine Arme zu werfen, und er ſtieß ſie zurück... er gab ihr ein Almoſen, dieſer Fürſtin, dieſer Königin ſei⸗ nes Herzens... O die ſchmähliche Mildthäͤtigkeit! wie kam es, daß Caliſte nicht bereits daran geſtor⸗ ben war? Wiel geächtet, verfolgt, ſollte dieſe Frau nicht einmal die Unterſtützung des Mannes haben, dem ſie all ihr Unglück verdankte! Wie! Gott, der Alles auf Erden entſcheidet, Gott hätte ſie frei gemacht, und Armand ſollte ſeine Blicke abwenden, das Werk Got⸗ tes zu verachten? Wie! Caliſte war arm, arm durch Armands Liebe: Caliſte ſollte nun beengt, in der Verborgenheit leben, und Armand ſollte am Arm einer geliebten glänzenden Frau triumphiren? er ſollte reich ſein, er ſollte blenden, er ſollte ſeinen kalten Blick mit dem entſetzten Blick einer Frau kreuzen, zu deren Königthum Nichts fehlte als die Liebe! Armand ſollte in einigen Wochen ſeine Millionen genießen, und die öffentliche Achtung ſollte ihm zujauchzen. Caliſte ſollte entehrt, verwünſcht ſterben; ſie ſollte ſterben, denn ſicherlich leiſtete ſie dieſen letzten Dienſt dem Feigling, der vor ihrem Unglück zitterte. Armand empörte ſich gegen ſich ſelbſt. Er rief 249 1 ſich Lucienne zurück. Sie liebte ihn. Warum? Weil er ſchön und ein rechtſchaffener Mann war, weil in ſeinem reinen Auge ein tadelloſes Leben ſich abſpie⸗ gelte. Lucienne würde ihn heirathen, aber ſie würde ihn verachten; ſie würde ſeine Reinheit beargwöhnen. Und er ſelbſt, warum heirathete er Lucienne? Warum nahm er ihr unermeßliches Vermögen an? Weil er fühlte, daß Niemand ihm dieſes mit Ehren gewon⸗ nene Gold zum Vorwurf machen konnte; weil er ſich ihrer würdig fand vermöge ſeiner Biederkeit und Uneigennützigkeit; weil er endlich das Bewußtſein hatte, daß er dieſes Vermögen nicht ſuchte, und daß er es überdies durch einen Seelenreichthum aufwog, der allen Schätzen der Erde gleichkam. Aber war Caliſte einmal verlaſſen, zu Grunde gerichtet, ruinirt, war Caliſte einmal todt, was würde dann aus Ar⸗ mand von Bierges? Ein Räuber, ein Chebrecher, ein Mörder. Der Schweiß der Schande ſtieg kochend auf ſeine edle Stirne. „Ei nun,“ ſagte er, ſein Haupt wieder aufrich⸗ tend, zu ſich,„es gibt im Leben Wege, die vollkom⸗ men gebahnt ſind. An der Ecke dieſer Wege iſt ihr Name angeſchrieben und Jeder von uns liest dieſen Namen mit ſeinem Gewiſſen. Geſtern noch betrat ich, indem ich Lucienne heirathete, den Weg: Liebe und Glück. Die Inſchrift hat ſich verändert; ſeit ich Caliſte geſehen habe, leſe ich drei andere Worte auf dem fatalen Pfahl: Schande! Reue! Ver⸗ brechen! „Ein Mann, der dieſes Namens wahrhaft würdig iſt, trägt kein Bedenken, wenn er geleſen hat. Ich 250 werde ſterben vor Schmerz, vor Wuth, aber ich werde Lucienne nicht heirathen. „Nur werde ich dann meine Aufgabe ſchlecht be⸗ griffen haben, und ich werde ein Herz zerreißen, ohne daß mir der Troſt zu Theil wird ein anderes zu heilen. Caliſte wird mir keinen Dank dafür wiſ⸗ ſen, daß ich die Exiſtenz meiner Braut zerſtört habe, wenn ich nicht ihr ſelbſt wieder ein Leben begründe. Und mit welchem Recht würde ich meine Ehre ge⸗ ſchützt haben, wenn ich nicht die Ehre der Fürſtin rette? Meine Ehre iſt unzertrennlich von der ihri⸗ gen. Mögen jetzt alle Caſuiſten herkommen, nicht ein einziger wird mir das Gegentheil beweiſen. Ca⸗ liſte iſt die einzige Frau, die ich heirathen kann; ich muß Caliſte heirathen. „Da iſt er denn, dieſer Weg, den ich ſuchte— er heißt Chre. Er iſt der einzige Weg im Leben, den ein Mann allen andern vorzuziehen das Recht hat. „Ich werde die Fürſtin arm, vereinſamt, ver⸗ laſſen heirathen. Mein Herz gehört ihr nicht mehr, ich werde mein Herz erſticken. Ich leide und ich werde vielleicht daran ſterben. Um ſo beſſer, mein Leiden wird um ſo ſchneller zu Ende ſein. „O, ich höre die ſchmerzlichen Stimmen, die ſich um mich her erheben und mich betäuben, um mich zu verhindern den guten Weg zu betreten. Ich höre die troſtloſe Lucienne, ſie die ich anbete. Ich höre meinen Vater, er fleht mich an. Nun denn, ich werde aufhören diejenigen zu achten, die mein Be⸗ nehmen nicht gutheißen; ich werde aufhören ſie zu lieben„wie wenn ſie meiner nicht würdig wären. 251 „Caliſte, die ich nicht mehr liebe, habe ich einſt abgöttiſch verehrt; es iſt nicht ihre Schuld, wenn Herr Nowratzin geſtorben, wenn die Gorthiany ein Ungeheuer iſt, wenn ich Briefe geſchrieben habe, die in die Hände unſerer Feinde gefallen ſind. Ueber⸗ dieß eine Frage: wenn ich arm, gedemüthigt, zu Gründe gerichtet, Caliſte aber reich, glänzend und Königin wäre, würde ſie mich heirathen? Ja! Das ſteht feſt, ich gehöre Caliſte. Nun wohl denn, vor Kummer ſterben iſt ein edler Tod!“ Zwei Thränen rollten hier aus Armands Augen; ſie nahmen im Fallen die letzten Bedenklichkeiten ſei⸗ nes edlen Herzens weg; ſie wuſchen die Schmach dieſes Bedenkens ſelbſt ab. Aber als ſein Plan feſt beſchloſſen, als in ſeiner wackeren Seele der Wille mit ehernen Lettern ein⸗ geſchrieben war, da ſagte er: „Es ſei, aber ich kann mich rächen an denen, die ſo viel Leiden über mich bringen. „O gewiß, ich werde mich rächen. Man ſoll nicht ſagen, Zika werde mich auslachen, dieſer große feine und heimtückiſche Ruſſe, dieſer coloſſale Koſake werde ſich über den Pariſer luſtig machen, deſſen Leben er durch ſeine Intriguen und Schändlichkeiten zerſtört hat. Wenn ich ohne Weiteres abreiste, wäh⸗ rend ich ihm erklärt habe, daß ich eine andere Frau liebe und im Begriffe ſtehe mich zu verheirathen, wenn ich meinen Dämon, meinen Verräther auf dieſe Art verließe, ſo würde dieſer Friederich von Würgen, der überdies Caliſtens Ankunft weiß, mich für einen Einfaltspinſel und einen Feigling halten. Er würde mit ſeiner Zwillingsſchweſter lachen... 252 O das iſt unmöglich. Das darf nie und nimmer⸗ mehr geſchehen.“ Armand athmete lang und gierig bei dem Ge⸗ danken an eine baldige Rache. „Er wird mich tödten,“ dachte er,„nun wohl, um ſo beſſer, es geſchieht für eine ſchöne Sache... aber wenn ich ihn tödte... o... wenn i hn tödte, ſo habe ich Nichts mehr zu beklagen.“ Er combinirte ſeinen ganzen Plan und wunderte ſich, daß es ihm auf einmal ſo leicht ums Herz wurde, ſeit ein feſter Entſchluß an die Stelle der Ungewiß⸗ heit getreten war. Der Tag begann zu grauen. Armand begab ſich nach dem Hauſe. XXIX. Er fand den Muſchik, wie er ſchon die Vorbe⸗ reitungen zu Caliſtens Abreiſe überwachte. Dieſe, ſagte er, ſchlafe noch, und der Leibeigene trat ab⸗ ſichtlich geräuſchlos auf und ſprach leiſe, um ſie nicht aufzuwecken. Ob ſich Herr von Bierges durch dieſen Schlaf einer Frau, die er als wachſam kannte, täuſchen ließ oder nicht, er empfahl dem Manne der Fürſtin daſſelbe von ihm zu ſagen. „Du mußt ſie verſichern,“ ſagte er,„daß Du mich in eine Wohnung in der Stadt geführt habeſt, um ihr einen Beſuch abzuſtatten.“ „Das habe ich bereits geſagt,“ antwortete der Muſchik. und daß ich in aller Frühe zurück kommen werde, 1 2⁵53 Armand betrachtete das gutmüthige Lächeln und das verſchmitzte Auge dieſes Sclaven; er folgte ſo intelligenten Arbeit ſeiner Gedanken hinter ihre undurchdringliche Maske; zugleich fragte er ſich, warum dieſe Menſchen in der Knechtſchaft und Bar⸗ barei verkümmern müſſen, während ſie doch wahr⸗ haftig Menſchen ſeien, und warum die Philanthropie ſich im Vergleich mit den Negern nur wenig für ſie intereſſire. Er ging, ohne ihm irgend Etwas anbefohlen zu haben, weil er Alles errieth. Die Sonne umſäumte den Horizont mit einer blutigen Franſe. Ein langes bläuliches Gewölke, einer Rieſenſchlange gleich, kroch über die benach⸗ barten Berge hin. Der Fiſch hüpfte aus den Mer⸗ gelgruben hervor und ſchnappte nach der Morgen⸗ fliege. Der fröhliche Vogel zwitſcherte auf den Zwei⸗ gen der grünen Eichen; ein ſanfter, balſamiſcher Wind ſtrich über das Waſſer und ſtreifte die duftigen Blumenkelche. 1 Es war eine jener Morgenröthen, welche den Menſchen an das Leben feſſeln und über alles Er⸗ bärmliche und Schmerzliche, auf was er darin ſtößt, tröſten; eine von jenen, welche der tugendhafte Menſch immer ſo gerne ſich erheben ſieht, wie das Melodram ſagt. Eine groteske Phraſe, unter wel⸗ cher ein ſchöner Gedanke ſich verkleidet hat, und be⸗ ſonders ein wahrer Gedanke. Armand ſah die Gegenſtände ſich erhellen, als er näher zur Stadt kam. Alle ſeine Opfer waren beſchloſſen, ſelbſt das Opfer ſeines Lebens. Er war 254 mit ſich zufrieden; er liebte die Morgenröthe an die⸗ ſem Tag. Die Trommeln, die in den Straßen wirbelten, der Trompetentuſch, der den Tag begrüßte, Pferde, die gleich dem Roß des Darius wieherten, die ern⸗ ſten Mienen der ruſſiſchen Soldaten, die ſehr wenig lachen und ſelbſt außer Dienſt Nichts mit einander plaudern, die Purpurverbrämung am Mantel der Sonne, Alles das gab in Armands Augen dieſem Tag, ſeinem letzten vielleicht, eine wunderliche Feier⸗ lichkeit. Er war nur noch eine halbe Flintenſchußweite vom Hauſe des Commandanten entfernt, als er die⸗ ſen in Uniform herauskommen und auf ein Pferd zuſchreiten ſah, das man ihm vorführte. Wohin wollte er? Wie ſollte er ihn wieder treffen, wenn er ihn einmal verfehlte? Durfte er dieſen koſtbaren Morgen verlieren, an welchem Caliſtens und ſein eignes Schickſal ſich entſcheiden ſollte? Von dieſem bangen Gedanken beſtürmt, wollte Armand eben ſich in Lauf ſetzen und dem Commandanten zurufen, daß er warten möge, als er Herrn von Würgen um⸗ wenden und auf ſich zureiten ſah. Bald hielt der Commandant ſein Pferd vor ihm an. „Wie,“ fragte er,„Sie, Herr von Bierges?“ „Ich wollte Sie beſuchen, Herr Graf.“— „Ich hatte Ihnen meinen Beſuch verſprochen, mein Herr.“ „Erlauben Sie, daß ich Sie hier oder in Ihrer Wohnung um eine kurze Audienz bitte.“ 255 „Sehr gern. Sagt Ihnen dieſe Sycomoren⸗ allee zu?“ 3 „Wenn ich Alles recht überlege, ſo möchte ich lieber in Ihre Wohnung gehen.“ Würgen ſtieg ab, ſchlang den Zügel ſeines Pfer⸗ des um einen ſeiner Arme und ging an Armands Seite zurück. „Herr Graf,“ ſagte dieſer, indem er ſich be⸗ mühte im Anfang der Unterhaltung das Feuer ſei⸗ nes Blutes zu dämpfen, das ihn nur zu bald und zu weit hinreißen ſollte,„Sie haben mich geſtern ſo huldvoll empfangen, daß dies mir Muth gemacht hat heute wieder zu kommen.“ „Ganz vortrefflich, machen Sie ja keine Um⸗ ſtände,“ ſagte der Offizier.„Wer iſt doch dieſer Mann da, der hinter uns geht?“ Armand bemerkte hinter ſich den ſchweißtriefenden Muſchik, der ruhigen Schrittes einherging und die Landſchaft bewunderte. „Dies iſt mein Lakai,“ ſagte er,„mein Dol⸗ metſcher.“ Und er fragte ſich, warum der Muſchik ihm ge⸗ folgt ſei.— Auf Caliſtens Befehl ohne Zweifel.— Er war im Begriff ihn fortzuſchicken. 3 „Doch nein,“ dachte er,„Caliſte und er ſind beide vorſichtiger geweſen als ich. So viel iſt ge⸗ wiß, daß dieſer Mann mir ſogleich ſehr nützlich wer⸗ den kann.“ Der Commandant hatte Nichts mehr hinzuzufü⸗ gen. Er ſchritt auf ſein Haus zu und inſpicirte unterwegs die Soldaten, die ſich bei ſeinem Anblich pfahlgerade ſtellten und wie Mädchen errötheten. 256 In dem kleinen Salon angelangt, wo ſie ſich ſchon Tags zuvor geſehen hatten, ſchien Friedrich zu ſeinem Gaſt zu ſagen:„Ich erwarte Sie.“ „Hören Sie meine Einleitung,“ verſetzte Armand. „Die Frau Fürſtin Nowratzin iſt geſtern angekom⸗ men.“ „Ich weiß es,“ ſagte Herr von Würgen, ohne ſeine Brauen zu runzeln.. „Dann wiſſen Sie auch, daß ſie eines Sicher⸗ heitsgeleites bedarf, um über die Grenze zu kommen,“ fügte Armand hinzu.„Ich komme Sie darum zu bitten.“ Sei es nun, daß Armand einige Heftigkeit in ſeine Worte legte, ſei es, daß ein unruhiges Ge⸗ wiſſen ſich immer etwas kitzlich zeigt, der Graf rich⸗ tete plötzlich ſein Haupt empor, um Armand feſt ins Auge zu ſchauen. Er antwortete nicht. „Laſſen Sie mich auf die Erfüllung meines Be⸗ gehrens nicht lange warten,“ fuhr Armand fort, der ſich über den Sinn dieſer Unbeweglichkeit täuſchte, „denn ſonſt...“ „Was?“ ſagte der Graf. „Sonſt ſchieße ich Sie über den Haufen,“ ſagte der junge Mann. Und er zeigte dem Grafen eine Piſtole, die er in der rechten Taſche hielt. „Sie ſind für einen Pariſer nicht ſehr höflich,“ ſagte der Commandant, deſſen Geſicht nicht die min⸗ deſte Ueberraſchung verrieth, langſam und ſpöttiſch. „ Ich habe keinen Grund es zu ſein,“ antwortete Armand. 8 „So ſollten Sie doch wenigſtens klug ſein und 8 8 257 den Erfolg Ihres Schrittes nicht compromittiren,“ verſetzte der Offizier, indem er fortwährend lächelte; „denn geſetzt den Fall, ich ſchlage Ihnen Ihr Be⸗ gehren ab, ſo werden Sie das Sicherheitsgeleite nicht erhalten, und die Frau Fürſtin Nowratzin kommt nicht nach Oeſterreich. Wenn Sie mich umbringen, wie Sie ſagen, ſo werde ich wieder nicht unterzeich⸗ nen, und man wird Sie erdroſſeln. Sie haben alſo einen ſchönen Vortheil davon.“ Armand wurde roth vor Scham. „Ich geſtehe,“ ſagte er,„daß ich mich durch die Entrüſtung habe hinreißen laſſen. Sie würden ſich an meiner Stelle ebenſo wenig zurückhalten können, mein Herr.“ „Sie täuſchen ſich. Ein Mann muß immer ſei⸗ ner ſelbſt Herr bleiben. Nehmen Sie ein Beiſpiel an mir und zittern Sie, wenn Sie an die Dumm⸗ bi denken, die Sie begehen wollten. Sehen ie.“. Er ſtreckte ſeinen Arm aus und zeigte dem un⸗ glücklichen Armand eine Depeſche, welche dieſer ver⸗ gebens anſchaute: ſie war ruſſiſch abgefaßt. „Hier,“ ſagte Friedrich von Würgen,„iſt ein in beſter Form ausgeſtellter Befehl die Frau Fürſtin zu verhaften und mit der Poſt nach Petersburg zu ſchicken.“— Armand bebte. „Hier in meiner Taſche iſt ein Sicherheitsſchein, den ich ſelbſt der Fürſtin überbringen wollte, als Sie mir begegneten,“ ſagte Friedrich, indem er ſeinen Ordonnanzfrack aufknöpfte, um den Befehl heraus⸗ zuziehen, der alſo abgefaßt war: Maguet, Herzensſchulden. 47 — ——.— 2 ——ℳ—X—x;ꝛꝛ;— 258 „Man laſſe die Ueberbringerin dieſes frei paſ⸗ ſiren!“ Mit dieſen Worten übergab der Offizier den Sicherheitsſchein ſeinem Gegner, der ihn mit den Augen verſchlang. „Schnell,“ ſetzte er hinzu,„ſie ſoll keine Minute verlieren.“ Armand ergriff das Papier, übergab es dem im Vorzimmer ſtehenden Muſchik, erklärte ihm mit zwei Worten die Gefahr und fügte hinzu: „In einer Stunde ſoll die Fürſtin mich auf der andern Seite der Grenze erwarten.“ „Ja, Herr.“ 3 Und der Leibeigene, deſſen Geſicht von der Freude über dieſe Mittheilung beglänzt wurde, küßte die Hände Armands und verſchwand, indem er wie ein toller Hund davonjagte, der auf die Jagd läuft. Friedrich von Würgen ſah Armand hereinkom⸗ men, ohne ihn anzureden. „Ich frage mich,“ ſagte der Franzoſe plötzlich, „wie ich mir einen ſo ſeltſamen Widerſpruch zwiſchen Ihren Handlungen und Geſinnungen erklären ſoll.“ „Dies iſt,“ verſetzte Herr von Würgen,„gerade wie wenn Sie mich fragten, warum der heilſame Befehl, den ich Ihnen ſo eben zugeſtellt habe, in einer ſo rauhen Sprache abgefaßt ſei. Sie begreifen es nicht, das iſt das Ganze.“ „Ich glaubte Ihr Benehmen gegen die Fürſtin Nowratzin zu begreifen.“ „Nicht im Geringſten.“ „Sie haben ſie auf eine ſchändliche Weiſe ver⸗ —— — . — 259 rathen; ich weiß Alles, und geſtern haben Sie mir eine Lüge um die andere geſagt.“ Würgen zuckte die Achſel. „Ich wäre nicht werth ein Mann zu heißen,“ verſetzte Armand,„wenn ich ſchweigen wollte. Ohne Zweifel haben Sie Ihren Grund heute den Groß⸗ müthigen zu ſpielen, wie Sie ihn gehabt haben um die ſchmählichſte Handlung zu begehen...“ „Sprechen Sie doch niemals, ohne die Sache genau zu kennen,“ fiel Würgen ganz kaltblütig ein. „Ich wiederhole Ihnen, daß in dieſer Geſchichte tau⸗ ſend Verwicklungen vorkommen, von denen Sie keine Ahnung haben.“ „Aber deren Opfer ich bin,“ rief Armand. „Was wollen Sie?“ ſagte der Offizier ganz phleg⸗ matiſch. Dieſer ſcheinbare Hohn erbitterte Armand. „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Gkaf,“ ſagte er.„Dadurch daß Sie mir den Paß für Madame Nowratzin übergaben, ſind Sie noch nicht quitt gegen dieſe Dame.“ „Was ſoll das heißen?“ 8 „Ich bin gekommen um Ihnen im Namen der Fürſtin den ſchändlichen Verrath vorzuhalten, unter welchem dieſe unglückliche Frau erlegen iſt— den Verrath Ihrer Schweſter.“. „Sprechen wir nicht von meiner Schweſter,“ verſetzte Herr von Würgen, indem er etwas leben⸗ diger wurde. „Habe ich alſo Ihren wunden Fleck gefunden?“ ſagte Armand plötzlich.— „Ich geſtehe es.“ „Unglücklicher Weiſe kann ich Sie in dieſem Punkte nicht ſchonen.“ „Sie hätten Unrecht; Sie werden Nichts dabei gewinnen und Sie könnten dabei verlieren.“ „Die Frau Gräfin Gorthiany hat ein Verbrechen begangen, das Ihre grauſamſten Henker nicht ſtreng genug beſtrafen könnten.“ „Sie ſind vermuthlich kein Henker,“ ſagte Wür⸗ gen ironiſch. „Nöthigenfalls wohl,“ antwortete Armand. Der Graf ſchwieg; er ſammelte ſich. Er las auf Armands Geſicht alle Leiden und die ganze Ent⸗ ſchloſſenheit, die jede Minute dieſer Nacht der Todes⸗ qual ihm aufgeprägt hatte.. „Sie wollen mich alſo fordern?“ ſagte er end⸗ lich.„Um ſo ſchlimmer; ich hatte etwas Anderes von Ihrem Charakter vorausgeſetzt. Ich hoffte, Sie wä⸗ ren von beſſerer Art. Aber dieſe Pariſer ſind Nar⸗ ren. Sie ſchwatzen ſich in die Hitze und werden verrückt, ſobald ein Gefühl ſie zur Leidenſchaft bringt. Laſſen Sie ſich einmal Etwas ſagen: Wenn meine Schweſter mit der Fürſtin alte Rechnungen abgemacht und eine Familienaffaire zu Ende gebracht hat, was geht das im Ganzen Sie an? Das ſind Weiber⸗ händel— ein Zauberſtäbchen, das bald dieſe bald jene obenan bringt. Miſchen Sie ſich nicht in dieſe Lumpereien.“ 5 „Ei,“ rief Armand,„dieſe Lumpereien haben mein Leben zu Grunde gerichtet. Sie zwingen mich eine Verbindung abzubrechen, die meine Freude war, und nöthigen mir eine andere auf, die meine Ver⸗ zweiflung iſt, Ueberdies war, das wiederhole ich — 261 Ihnen, Ihr Benehmen nicht das eines Ehrenmannes, und Nichts in der Welt kann mich verhindern es Ihnen zu ſagen. Werden Sie Ihrerſeits es ertra⸗ gen, nachdem Sie es gehört haben?“ Der Offizier ſtrich ſeinen Schnurrbart. „O,“ ſagte er,„ich beſitze ziemlich Muth und habe Proben genug abgelegt, um nöthigenfalls nicht darauf zu antworten. Wenn Sie kein Franzoſe wären, ſo würde ich Ihnen den Rücken kehren und Sie mit irgend einem Andern wegen des überflüſſi⸗ gen Blutes, das Sie genirt, ſich ins Vernehmen ſetzen laſſen. Aber Sie ſind Franzoſe, das iſt der Uebelſtand.“ Armand war gänzlich verdutzt beim Anblick die⸗ ſes Charakters, welchen die Poeten ſeines Vaterlands ihm noch nicht gezeigt hatten. „Inzwiſchen,“ fuhr der Ruſſe fort,„könnte ich nur ſagen, daß Sie, wenn auch Franzoſe, doch zu⸗ gleich Advocat ſind, während ich Militär bin, und daß der Point d'Honneur mich nicht ſo gebieteriſch verpflichtet, wie wenn Sie gleich mir einen Degen trügen.“ „O was das betrifft,“ ſagte Armand,„ſo können Sie ſich beruhigen. Wenn ich den Degen nicht trage, ſo weiß ich ihn doch zu führen.“ 4 „Wirklich?“ rief Würgen.„Aber was liegt wiederum daran? Es handelt ſich nicht um das. Sehen Sie, da kommt mir eine eigenthümliche Idee in den Kopf. Ich könnte Sie bei beiden Fauſtge⸗ lenken ergreifen und die Wache herbeirufen. Man würde kommen, ich ließe Sie verhaften und auf die Feſtung führen, denn Sie verſetzen mich wirklich in 262 eine unerträgliche Stellung. Ich breche heute nach der Krim auf. Meine ganze Zukunft hängt davon 3 ab. Ich kann mich nicht mit Ihnen ſchlagen. Kön⸗ nen wir nicht die Sache beilegen, he?“ Armand machte eine zornige Geberde. „Nein wahrhaftig, ich werde mich nicht ſchlagen,“ fuhr der Offizier fort;„denn um nicht verwundet zu werden, um nicht irgend einen ungeſchickten Stoß zu bekommen, der mich verhindern könnte abzumarſchiren, wäre ich genöthigt Sie ſelbſt zu verwunden; das widerſtreitet meinem Gewiſſen, obſchon Sie behaupten, daß ich keines habe.“ 1 „Ei wie!“ verſetzte Herr von Bierges, ſeine Brauen runzelnd,„ſollten Sie ſich über meine Eigen⸗ ſchaft als Pariſer ſo ſehr täuſchen, daß Sie mich für ſo geduldig halten, wie Ihre Muſchiks? Suchen Sie mich doch zu begreifen, die Sache iſt äußerſt klar. Sie haben mir ein Leben zertrümmert, das ſich ſtrahlend und freundlich ankündigte. Ich habe Nichts als Galle und Wuth gegen Ihre Schweſter und Sie im Herzen. Ihre Großmuth von vorhin war die Schlinge, worin Sie mich noch zu fangen hofften. Iſt die Fürſtin einmal frei, ſagten Sie zu ſich, ſo wird dieſer Pariſer mir als ihrem Befreier nichts mehr anhaben können, er wird ſich verabſchie⸗ den und die ganze Geſchichte auf ſich beruhen laſſen. Nein, ich laſſe mich nicht übertölpeln. Ihr Geleit⸗ ſchein entfernt die Fürſtin von St. Petersburg, wo ſie ſich ohne Zweifel hätte rechtfertigen können, indem⸗ ſie Ihre Schweſter zu Grunde gerichtet hätte, die eine Schurkin iſt, wie Sie ein Windbeutel ſind.“ „Genug jetzt,“ ſagte Würgen kalt, indem er Ar⸗ S⸗ S⸗ 263 mand mit einer höflichen Geberde Einhalt that. „Schlagen Sie ſich auf Degen?“ „Ja, oder auf Säbel. Sie ſind Offizier, Sie müſſen den Säbel vorziehen.“ 4 Würgen nahm zwei Degen von der Wand herab. „Spann an,“ rief er ſeiner Ordonnanz zu. Und als Armand ihn überraſcht anſchaute, ſagte er: „Ja, wenn Sie ſich hier in Rußland ſchlügen, ſo würde man Sie verhaften, man würde Sie irgend⸗ wo einſperren, man würde Ihnen tauſend Stänke⸗ reien machen. Es iſt nicht wie bei Ihnen, wo das Geſetz das Duell verbietet und wo man ſich unter den Laternen ſchlägt.“ „Im Theater,“ ſagte Armand. „Bei uns verbietet das Geſetz Nichts, aber die Duelle werden ſtreng beſtraft. Wollen Sie, ich bitte Sie, daß wir jetzt zu Wagen ſteigen?“ „Wohin gehen wir?“ „An die Grenze. Es iſt eine ſtarke Meile. In einer Stunde können wir Alles abgemacht haben und wieder hier ſein.“ Armand ſtieg ein. Der Offtzier ſetzte ſich neben ihn, die Degen in einen Mantel gewickelt. „Bei Ihnen pflegt man Secundanten zu nehmen,“ ſagte er zu Armand,„wünſchen Sie welche?“ „Ei... „Ich müßte mich nämlich an meine Offtziere wenden, und das würde mich ſehr geniren. Beſtehen Sie durchaus darauf?“ „Wir haben ja den Kutſcher,“ ſagte Armand in demſelben Ton höflicher Gleichgültigkeit. 264 „Und die Pferde, alſo drei gleiche Thiere,“ fügte der Graf hinzu. Der Wagen rollte fort. XXX. Die Sache war unwiderruflich beſchloſſen. Ar⸗ znand war der ſo ſehnlich gewünſchten Endentwicklung nahe. Der Graf ſagte von ſeinem Platz aus einige ruſſiſche Worte zu dem Kutſcher, der auf dieſen Be⸗ fehl hin, ſo ſehr er Pferd war, den Wagen rechts lenkte und die Richtung veränderte. „Irgend ein Verrath von dieſem Schlingel,“ dachte Armand. Und da er es dachte, ſo verlangte er auch von dem Grafen eine Erklärung über die Routeveränderung. „Ich fragte den Kutſcher,“ ſagte Würgen,„ob er nicht die Spur eines ganz friſch vorübergekommenen Wagens finde. Er hat dieſe Spur ſo eben gefunden, wir folgen ihr.“ „Welcher Wagen ſoll das ſein, mein Herr?“ „Nun ja derjenige, der Sie intereſſirt, der Wa⸗ gen von Madame Nowratzin. Sehen Sie, erblicken Sie nicht die Furchen ihrer Räder?“ „Wie, Sie glauben alſo?... „Daß ſie bereits abgereist ſei? Das iſt nicht ſchwer zu errathen. Dies mußte der erſte Rath ſein, den Sie ihr durch den Muſchik gegeben haben, als Sie ihr den Paß ſchickten, und Sie haben da als 8 265 geſcheidter Mann gehandelt. Seien Sie ruhig, die Fürſtin iſt bereits in Sicherheit.“ Die Pferde rannten weiter. Der Weg wurde auf einmal pfeilgerade. Armand bemerkte fünfhun⸗ dert Klaſter vor ſich einen Wagen, offenbar den Wa⸗ gen Caliſtens. Der Graf zeigte ihm denſelben ſchweigend mit dem Finger. Dieſer Wagen hielt bei dem Beobachtungspoſten an der Grenze an. Er blieb einige Minuten, dann fuhr er auf die andere Seite hinüber. Als Würgen zu dieſem Poſten kam, gab er ſich zu erkennen und paſſirte gleichfalls. Unmittelbar nach der Grenze begann ein großer Tannenwald, durch welchen die Straße von*ꝓ*ꝓ* führte. Caliſtens Wagen hatte in dieſem Wald angehalten. Würgen ließ den ſeinigen ebenfalls anhalten und ſtieg mit Armand aus. „Ich habe Ihnen klar zeigen wollen,“ ſagte der Graf,„daß ich ganz wie ein anderer Menſch handle, wenn die Gelegenheiten gut ſind. Sehen Sie, vor Ihren Augen iſt Ihre Freundin, die Fürſtin, frei wie Sie es wünſchen. Wir können uns noch ver⸗ ſtändigen. Von allem Harten, was Sie mir geſagt haben, hat nur ein einziges Wort mich beleidigt, Ihre Aeußerung über meine Schweſter, das einzige Geſchöpf, das mich außer mir ſelbſt in dieſer Welt intereſſirt. Nehmen Sie das Wort zurück und laſſen Sie uns ſcheiden.“ „Unmöglich,“ ſagte Armand, indem er ſich mit einer Art von Hochachtung vor dieſem ſeltſamen Mann verbeugte. Würgen wickelte ruhig die Degen heraus. Sein 266 Kutſcher ſah ihm nicht minder ruhig zu. Der Sclave, deſſen Haut ſchlecht geſchont wird, kümmert ſich nicht ſonderlich um die Haut ſeines Herrn. „Wir ſind auf einem ſandigen Terrain, der Fuß wird ſchlecht ſtehen,“ ſagte Armand. „Bah, brechen Sie?“ fragte der Ruſſe mit einem Lächeln. „Nein, aber ich ſpalte mich,“ erwiderte Armand erbittert. „Ei, ei, wie empfindlich Sie ſind!“ ſagte Herr von Würgen.„Nun nur noch ein letztes Wort.“ Sie hatten ſich einander gebührend gegenüber⸗ geſtellt. „Sie wiſſen, daß ich um jeden Preis heute Abend nach der Krim aufbrechen will. Mein Glück, meine Generalsepauletten hängen davon ab. Wundern Sie ſich alſo nicht, wenn ich Sie weniger ſchone, als ich gewünſcht hätte.“ 1 „Danke, mein Herr,“ ſagte Armand,„und laſſen Sie ſich's nicht einfallen mich zu ſchonen, ſonſt wer⸗ den Sie nicht nach der Krim aufbrechen, das ſage ich Ihnen zum Voraus. Aber wahrhaftig, wir ſehen aus wie zwei Klopffechter, die vor einander Angſt haben. Laſſen Sie uns beginnen!“ „Ja,“ ſagte der Graf,„denn ich ſehe da unten etwas Weißes, was auf der Straße herkommt, und ich wollte ſchwören, es iſt Madame Nowratzin, die eine Kammerfrau herſchickt, um ſich nach Ihnen zu erkundigen.“ „Sie hat keine Frauen bei ſich,“ ſagte Armand unruhig. 8 — —— 267 „Dann iſt ſie es ſelbſt! Tummeln wir uns,“ rief der Graf von Würgen. Armand band ſogleich die Klinge. XXXI. An den erſten Reibungen des Degens, an dieſer nervöſen Unruhe der Hand, die ihre Linie ſucht und ihren Gegner ſondirt, erſah Würgen, daß er einen furchtbaren Mann vor ſich hatte. Er wollte Armands Schnelligkeit erproben, indem er einen Ausfall auf ihn machte, den aber unſer Pariſer ſo derb zurück⸗ wies, daß Würgen genöthigt war ſich auf die Parade zu beſchränken. „O,“ ſagte er,„Sie ſtoßen gut.“ „Sehr gut,“ verſetzte Armand;„thun Sie Ihr Beſtes!“ Ein zweiter Angriff des Grafen hatte eben ſo wenig Erfolg. Armand parirte ſpielend und ſtieß nach; ſeine Spitze riß ein Stück aus dem Hemd des Grafen. „Ich fürchte nicht in die Krim zu gehen,“ ſagte jetzt Würgen, ohne zu erblaſſen, aber ſich zuſammen⸗ nehmend und feſt entſchloſſen nicht mehr anzugreifen. „Nein, Sie werden nicht gehen,“ ſagte Herr von Bierges.„Sie werden beſtraft werden. Ihr Ver⸗ brechen kommt vom Chrgeiz. Durch ihn werden Sie fallen. Sie perſönlich fange ich an zu beklagen, denn Sie ſind nicht ganz verdorben. Aber Ihre Schweſter verdient kein Mitleid, ich muß ihr einen harten Schlag verſetzen. Nun denn vertheidigen Sie ſich gut, denn ich werde jetzt einen Hauptſtoß thun, und Sie werden nicht pariren können.“— 4—— 268 Würgen fühlte wirklich den Degen ſeines Fein⸗ des ganz in der Nähe; er hatte die Schnelligkeit deſſelben würdigen gelernt und ſeine eigene Unter⸗ legenheit war ihm ganz klar. Die erſte Finte Ar⸗ mands mußte den Weg in ſein Herz finden. Armand ließ nicht darauf warten. Er wählte den Augenblick wo Friedrich ſich entſchloß zu ſtoßen, um einen allzu drohenden Feind zu beunruhigen; er ſtieß ihm vor, fuhr an ſeiner Klinge hinab und warf ihn durch einen furchtbaren Stoß in die Rippen zu Boden. Würgen ließ ſeinen Degen fallen und erblaßte ſchrecklich. Er empfahl Armand noch unverzüglich abzureiſen und fügte dann hinzu: „Laſſen Sie mich auf den öſterreichiſchen Poſten bringen, wenn Sie nicht die Abſicht haben mir den Garaus zu machen.“. Armand hatte ſich auf ihn losgeſtürzt, ihn auf⸗ gehoben und trug ihn in ſeinen Wagen, wo er neben ihm. Platz nehmen wollte. „Zum Teufel, zum Teufel, keine Großmuth!“ ſagte der Graf, der allmälig ſchwächer wurde. „Wenn ich todt bin, ſo wäre man im Stande Sie zurückzuhalten, wenn auch nur um unſerem Kaiſer ein wenig den Hof zu machen, und dann kommt Ma⸗ dame Nowratzin heran. Leben Sie wohl! Erſparen Sie mir's vor ihr zu ſterben.“— Bei dieſen Worten fiel er in Ohnmacht. Armand ſchaute um ſich. Was Würgen geſagt hatte, war nur allzu wahr. Der Kutſcher war auf den Poſten gelaufen, wo man die Soldaten in Be⸗ wegung kommen ſah. Unter ſeinen Füßen floß Blut; hinter ſich hörte er das Geſchrei der Fürſtin, 269 welche die Kämpfenden unter den Bäumen zu er⸗ kennen ſuchte und in furchtbarer Todesangſt mit einem Röcheln der Verzweiflung:„Armand, Ar⸗ mand!“ rief. Er verlor den Kopf. 3 Caliſte hatte ihn endlich bemerkt und ergriff ihn mit der Kraft einer Löwin. Sie riß ihn fort, er ließ es geſchehen. Ihr Wagen, welchen der verſtändige Muſchik herangebracht hatte, war offen, Caliſte ſchob ihren Vertheidiger hinein und ſtürzte ihm nach; die Pferde, die wüthend gepeitſcht wurden, rasten wie⸗ hernd den Abhang hinab, der ins Thal führte. Nach wenigen Minuten lag die Vergangenheit in weiter Ferne. Als Armand wieder zu ſich kam, ſah er Caliſte unbeweglich und unter heißen Thränen in der Ecke, die ſie einnahm. Er ſeufzte. „Mich hätten Sie tödten ſollen,“ murmelte ſie mit einem tiefen Ton, der Armand ſchmerzlicher und tiefer ins Herz drang, als ſein Degen ins Fleiſch des Herrn von Würgen gedrungen war. Er fühlte, daß es Zeit, daß es hohe Zeit war dieſer Frau das Leben wieder zu geben. Die matten Augen, der durch Schlafloſigkeit bleiern gewordene und mit glühenden Furchen marmorirte Teint, ſowie die brennenden Hände Caliſtens verriethen ihm einen Fieberzuſtand, in Folge deſſen eine tödtliche Kriſis dieſen Leib umwerfen konnte, der ſich bis jetzt noch durch die Befehle der Seele aufrecht erhalten hatte. Kurz, es war die Stunde des Opfers. Fahret wohl, Träume! Fahre wohl, Liebe! Fahre wohl, m 1 Glück! Armand überſchritt die erſte Schranke ſeiner Pflicht. Sein Gedanke lief noch einmal Lucienne entgegen, deren ſtets gegenwärtiges Bild ihn im Kampf belebt, ihm die Kraft und den Sieg verliehen hatte. Er ſandte den letzten Erinnerungskuß dieſer geliebten Frau, die er nicht wieder ſehen ſollte, und dann ſchlug er, ſelbſt ins Herz getroffen, zerriſſen von dem Schmerz, deſſen Höllenqualen er nicht ge⸗ ahnt hatte, die Augen zum Himmel auf und rang verzweiflungsvoll die Hände. „O,“ rief Caliſte, wahnſinnig von unſäglichem Leid, indem ſie den Kopf an die Wände des Wagens ſchlug,„o ſei edelmüthig, Armand, Armand, laß mich ſterben!“ Wie das eiſige Waſſer, das man einem Verwun⸗ deten ins Geſicht ſpritzt, auf einmal wieder Gefühl und Gedächtniß in ihm weckt, ſo erweckte dieſer Aus⸗ ruf der unglücklichen Caliſte bei Armand das Gefühl der Ehre, den Muth wieder und machte ihn den For⸗ derungen der Lage gewachſen. Sie hatte ihn alſo auch diesmal wieder errathen. Sie las alſo in ſeiner Seele. Sie würde alſo ſter⸗ ben, wenn er ſie nicht überredete, daß ſie geliebt wurde. 3 „Caliſte,“ ſagte er, ihre Hand ergreifend,„Sie ſprechen ſchon zum zweiten Male vom Sterben. Warum?“ Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen und krümmte ſich in den Krämpfen eines unerträglichen Schmerzes. „Sie lieben mich alſo nicht mehr?“ fügte er mit ſeiner ſanſten und melancholiſchen Stimme hinzu. 271 Caliſte umfing ihn mit einem unausſprechlichen Blick der Ueberraſchung und Zärtlichkeit. „Allerdings,“ fuhr Armand fort,„gibt es in dieſem Leben nur dann wirkliches Unglück, wenn man ſich nicht mehr liebt. Seit geſtern haben Sie mich hundertmal zur Verzweiflung getrieben, indem Sie mir den Grund Ihrer Seele zeigten. Dieſe Klage um Ihren Gatten, dieſer Kummer über Ihr Unglück, dieſe kalten Pläne ſich aus der Welt zu⸗ rückzuziehen, dieſe Abſichtlichkeit, womit Sie mich nicht an die Vergangenheit erinnern und Ihre Zu⸗ kunft für mich erlöſchen, Alles das hat mir, wie ich Ihnen ſage, bewieſen, daß Sie mich nicht mehr lieben.“. „Ich!“ rief ſie, indem ſie wüthend an ihr Herz lug. „Wenn Sie mich liebten, Caliſte, ſo würden Sie mir geſtern zugelächelt und Gott gedankt haben, der uns einander wieder ſchenkte. Sie würden mir heute die Hand entgegengeſtreckt und Gott gedankt haben, daß er mich Ihnen erhalten hat.“ „Armand!“ „Sie lieben mich nicht mehr,“ wiederholte er, ſein Haupt ſenkend. „Nein, Du liebſt mich nicht mehr und haſt mich getödtet, indem Du Dich geſtern nicht in meine Arme ſtürzteſt. O dieſer Kuß würde alle meine Leiden verwiſcht haben. Du biſt es, der mich nicht mehr liebt und Du haſt nur noch Mitleid für mich.“ „Alſo,“ antwortete Armand,„haben Sie nicht einmal mein Zartgefühl verſtanden; Sie verſtehen mich nicht mehr, Caliſte. Spricht man von Liebe 272 zu der Frau, die ſo deutlich ihre Trauer zeigt? Aeußert man Zärtlichkeit gegen eine Frau, die nur von Tod, Verderben, Frömmigkeit, ewiger Zurückge⸗ zogenheit ſpricht, die unaufhörlich durch den Vorwurf ihrer Gewiſſensbiſſe beleidigt?“ „Ich habe Dich beleidigt!“ rief ſie die Hände ringend.„O Dein Blick hat es mir nicht geſagt, Armand; wenn dieſer Blick es mir zu verſtehen ge⸗ geben hätte, ſo wäre ich zu Deinen Füßen gefallen.“ Er ſtreckte die Arme gegen ſie aus. „Ich liebe Sie und werde Sie mein ganzes Leben lang lieben, Caliſte,“ ſagte er mit zitternder Stimme;„denn mein ganzes Leben gehört Ihnen. Machen Sie mir Muth es Ihnen zur Sühnung der Leiden darzubringen, die ich Ihnen verurſacht habe.“ „Du bringſt mir Dein Leben dar,“ murmelte die Fürſtin, die ganz blaßgelb wurde,„denn die Hoff⸗ nung kann nach einem ſolchen Sturme ebenſo unheil⸗ voll ſein, als der äußerſte Schmerz.. „Sind Sie nicht meine Frau?“ ſagte er. „O! Armand!... iſt es wahr?... Seine Frau, er ſagt, ich werde ſeine Frau ſein!“ Und Caliſte machte eine letzte Anſtrengung, um ihre Arme auszuſtrecken und Armands Hals zu um⸗ ſchlingen; dann ſank ſie plötzlich zuſammen, neigte ihren Kopf und fiel bewußtlos an ſeine Bruſt. Er drückte ſie zärtlich, brachte ſie unter ſeinen Küſſen wieder zu ſich, bat Gott ihm fortwährend dieſen Muth zu ſchenken und der armen Frau die Ueberzeugung zu ſenden, daß ſie geliebt werde. Ca⸗ liſte öffnete ihre Augen wieder und las dieſe guten Gedanken im Blick ihres Freundes. 273 „Nun wohl,“ ſagte ſie,„ich werde leben, weil Du es befiehlſt; ich werde leben, weil Du mich liebſt. Sei ruhig, ich würde Dich nie in Verlegenheit ge⸗ bracht haben, ich werde Dich nie in Verlegenheit bringen. Ich war feſt entſchloſſen zu ſterben. Die⸗ ſer Muth wird mir auch ſpäter nicht fehlen, wenn Du mich einmal nicht mehr liebſt.“ So entwickelte ſich das Drama. Die ruhigeren Erklärungen Armands gaben dem argwöhniſchen Her⸗ zen der Fürſtin ſeinen Frieden vollends zurück. Sie zeigte keine Unruhe, kein Mißtrauen, keinen Ver⸗ dacht, ohne daß er dies alles mit Gewandtheit und Wärme in ihr zu zerſtören wußte. Er wollte haupt⸗ ſächlich wiſſen, ob ſie ſeine Untreue geahnt hatte. Die ſo vollſtändige Rückkehr einer ſo ſtolzen Frau bewies ihm, daß ſie Nichts wußte. Es that ihm allerdings unendlich weh, daß er ſo lügen mußte, aber bei Caliſte, im Angeſicht einer ſolchen Lage, wurde die keckſte Lüge das loyalſte Werk. Caliſte fand ſich ſelbſt wieder, gewann allmälig wieder ihre Klarheit, deutete, erklärte, fragte tauſend Dinge, die Armand in Verlegenheit bringen konnten; aber wel⸗ chen Mund bringt man nicht zum Schweigen, wenn man ihn mit einem Kuſſe verſchließt! Die Fürſtin wollte durchaus nach Frankreich zu⸗ rückkehren,„in dieſes wackere Land“, ſagte ſie,„in dieſes angebetete Land, das Heimathland ihres Ar⸗ mand und ihr eigenes Vaterland,“ denn ſie verleug⸗ nete den Boden, der einen Würgen und eine Gor⸗ thiany erzeugte. Armand bewunderte ſie in ihrer heroiſchen Apoſtaſie, ermuthigte ſie aber nicht in ihren Pariſer Reiſeplänen. Man führt den Verurtheilten, Maquet, Herzensſchulden. 1 8 274* der durch ein Wunder auf dem Schaffot gerettet worden iſt, nicht auf dem Greveplatz ſpazieren. „Nein,“ ſagte Armand,„gehen Sie nicht nach Frankreich; das iſt nicht Ihr Platz. Laſſen Sie den Krieg zu Ende gehen; laſſen Sie beſonders die er⸗ ſten Gerüchte verſtummen, die ſich über Ihre Witt⸗ wenſchaft erheben werden. Sie ſind nur eine Flücht⸗ lingin, liebe Caliſte, eine in Abweſenheit Verurtheilte, und die Geſellſchaft iſt unbarmherzig.— Erſcheinen wir nur verheirathet wieder in Paris.“ „So werden Sie mich alſo verlaſſen!“ rief ſie, „denn es iſt unmöglich, daß Sie noch zehn Monate von Ihrem Vater wegbleiben...“ 3 „Mein Vater..“ murmelte Armand. „Ich begreife Sie, er liebt mich nicht.“ 3„Vielleicht hat er irgend eine Idee, bei welcher Sie nicht figurirten, da Sie nicht frei waren; iſt das nicht natürlich?“ „Ja, ja,“ ſagte Caliſte,„aber glauben Sie, daß er von ſeiner vorgefaßten Meinung zurückkommen werde?“ „Theures Weib,“ verſetzte Armand, den die Wol⸗ ken, welche dieſe ſtürmiſche Erinnerung an Paris aufjagte, ein wenig beunruhigten,„wollen Sie mir erlauben einen Augenblick über Ihre Exiſtenz zu ver⸗ fügen? Ich werde mein Beſtes thun. Bedenken Sie, daß die Geſchichte in Odeſſa einen ungeheuren Lärm machen, und daß dieſer Lärm bei der erſten Gelegenheit bis zu Madame Chaudray dringen wird. Bedenken Sie, daß die Affaire von heute früh keinen geringeren Scandal hervorrufen wird, und daß die⸗ ſer arme Graf von Würgen vielleicht todt iſt. Auf⸗ 275 richtig geſtanden, wenn ich nicht da bin, um unſere doppelte Sache mit Gewandtheit zu verfechten, ſo werden wir eine Schlappe erleiden, in Folge deren wir in Zukunft unterliegen müſſen. Mein Vater ſelbſt wird Mühe haben mir zu glauben. Unſere Freunde werden ſtreng ſein wie alle Freunde. Sie werden mir ſagen, daß wir die Geſellſchaft entbehren können, daß wir unabhängig und frei ſeien.“ „Ich habe Dir geſagt, daß ich ruinirt bin,“ ver⸗ ſetzte Caliſte,„und Du biſt reich, das iſt gut. Du biſt delicat und gut.“ Sie drückte ſeine Hand, eine Thräne fiel aus ihren Augen. Dieſe huldvolle Höflichkeit Armands machte ſie glauben, daß ſie noch immer ein Schatz für ihn ſei. „Erſchrick nicht gar zu ſehr,“ fuhr ſie fort,„und glaub nicht, daß ich förmlich eine Bettlerin ſei. Meine Diamanten ſind beim Juden mehr als hunderttauſend Franken werth, und ich habe dreimalhunderttauſend Franken in Euren Eiſenbahnen.“ „Ich werde nicht ſo viel in die Ehe mitbringen,“ ſagte Armand.„Sie ſehen wohl, daß Sie mir in jeder Beziehung voraus ſind. Ja wir werden voll⸗ kommen glücklich ſein, wenn Sie Stärke genug be⸗ ſitzen, um die Geſellſchaft ſo lange zu entbehren, bis dieſe Sie zurückruft. Laſſen Sie unſere Freunde arbeiten, ſage ich.“ „Aber Sie werden doch wohl Ihren Vater be⸗ nachrichtigen.“ 4 „Sogleich? Nein. Ich muß vorläufig eine wahr⸗ ſcheinliche Fabel ausdenken, und da die Wahrheit jeden Augenblick zu Tage kommen kann, ſo muß ich 276 die Offenbarung dieſer Wahrheit vorbereiten. Ich habe mich auf der öſterreichiſchen Grenze geſchlagen. Man wird es erfahren. Ich habe Heryn von Wür⸗ gen getödtet, wenigſtens wird nicht viel fehlen. Man wird es vernehmen. Wenn ich es verſchwiege, ſo würde man ſich ſpäter gar zu ſehr darüber verwun⸗ dern. Ich will alſo meinem Vater ungefähr Fol⸗ gendes ſchreiben: „Lieber Vater, ich habe Dich wahrhaftig ein we⸗ nig hintergangen. Meine Abreiſe hatte nicht gerade den Zweck den Geſandten zu beſuchen und Empfeh⸗ lungen von ihm zu erhalten. Ein gewiſſer alter Handel mit einem ruſſiſchen Herrn, ein gewiſſer Groll, den ich Dir erzählen werde, wenn ich Dir die Maske nenne, hat mich genöthigt dieſe kleine Reiſe zu unternehmen, die glücklicher Weiſe eine Vergnü⸗ gungsreiſe wird. Ich habe meinen Mann ſchwer verwundet. Ich ſelbſt bin ganz unverletzt, ohne die mindeſte Ritze, wie Du Dich an dem triumphirenden Namensſchnörkel überzeugen kannſt, der unter mei⸗ nem Brief prangen wird. Verbreite dieſe Nachricht in aller Stille unter unſern Freunden, da ſie ihnen ſonſt vielleicht von anderer Seite entſtellt zukäme. Du ſelbſt, lieber Vater, ſchick mir ein wenig Geld nach*** Ich werde einen beliebigen Bankier be⸗ zeichnen. Schick mir beſonders zwei tüchtige Hände⸗ drücke und mach Dich darauf gefaßt mich auf dem Boulevard de la Madeleine einfallen zu ſehen, ſo⸗ bald das Terrain geſäubert iſt und mir geſtattet aus Oeſterreich nach Frankreich zu gelangen. Unter uns geſagt und ganz leiſe, ich verberge mich, denn man leiſtet den Duellen hier zu Lande keinen Vorſchub.“ 277 „Sehen Sie, meine gute Caliſte, das iſt Alles was ich im Anfang ſagen will. Gefällt Ihnen die Redaction? Wir bilden jetzt eine kleine Gemeinde, und ich bin meiner Frau Gehorſam ſchuldig.“ „Armand,“ ſagte die Fürſtin, indem ſie ihre langen ſchwarzen Wimpern ſchwermüthig auf ihre perlmutternen Wangen herabſenkte.„Iſt das nicht ein ſinnreiches Mittel mir anzukündigen, daß Ihr Vater und unſere Freunde Ihnen verbieten würden mich zu heirathen? Sie wiſſen, daß es in Paris Herren gibt, welche behaupten, ein Mann entehre ſich, wenn er ſeine Maitreſſe heirathe. Ich habe ein Stück geſehen, welches das ſagte.“ „Selbſt ein gutes Stück würde die Frage nicht entſchieden haben, und dieſes da war gar zu ſchlecht, Caliſte, um als maßgebend gelten zu können.“ „Sie rathen mir alſo zu hoffen auf...“ „Auf was?“ „Auf die Verzeihung Ihres Vaters.“ „Mein Vater hat das Stück, von dem Sie ſpre⸗ chen, nicht geſehen. Er geht immer bloß in die comiſche Oper, ein moraliſches Theater, wo man ſich immer heirathet.“ „Scherzen Sie nicht; ſprechen Sie aufrichtig!“ „Und wenn Sie auch nicht die achtungswürdigſte und beſte aller Frauen wären, Fürſtin, ſo würde mein Vater Sie um meinetwillen annehmen und auch lieben. Aber er iſt argwöhniſch, wie alle alten Herren. Er hat Sie nicht gewählt; er hatte vielleicht eine Andere gewählt.“ 3 „Das iſt ſchon das zweite Mal, daß er mir dieſe Idee bringt,“ ſagte Caliſte zu ſich. — 278 „Und ſomit,“ fuhr Armand, ohne die Unruhe ſeiner Gefährtin zu bemerken, fort,„iſt es möglich, daß mein Vater die Stirne ein wenig runzelt unter dem Vorwand, daß unſere Verbindung nicht ohne einigen Scandal vor ſich gehen würde.“ „Freund! ol... Wenn Sie zu leiden haben, ſo möchte ich lieber...“ „Was!“ ſagte er mit einem hellen Blick.„Was wollen Sie da ſagen? Halten Sie es für nöthig mich durch den Kunſtgriff einer Weigerung zum Ent⸗ ſchluß zu treiben? Caliſte, ich ſpiele offen und ehr⸗ lich, thun Sie daſſelbe. Hoffen Sie nicht, daß das Publicum, vor welchem wir ſpielen, uns für den Augenblick Beifall klatſche; hoffen Sie nicht, ſage ich, daß die Geſellſchaft, die, wenn es ſich um ver⸗ wundete Leute handelt, ſtets bärbeißig iſt, uns Triumphbogen errichten werde, Ihnen dafür, daß Sie mir Briefe geſchrieben haben, die Ihren Gatten unter den Boden brachten— o keine Selbſttäuſchung, dies iſt die nackte Wahrheit— mir dafür, daß ich Sie über den Leichnam des Herrn von Würgen hin⸗ weg entführt habe, denn auf dieſe Art wird unſere ganze Geſchichte erzählt werden. Sie werden eine in ihren Neigungen ſehr kühne Dame ſein; ich werde ein Don Juan ſein, der den Degen ſehr gut zu füh⸗ ren verſteht und wie ein Romanheld ſein Abenteuer zu Ende bringt. Bahl Caliſte, wenn die Welt Sie ſchön, makellos ſehen, wenn ſie wiſſen wird, daß Sie frei und reich ſind, wenn alle Welt erfahren wird, daß ich die Cavallerieoffiziere tödte, ſo wird man uns allerdings Anfangs ein wenig ausweichen, aber nur um uns aus der Ferne beſſer zu betrach⸗ 4 ten. Man wird finden, daß wir gute Tournüre haben. Man wird in unſeren Wagen, in unſere Wohnung hineinſchauen, man wird Ihre ſchönen Haare, die weißen Haare meines Vaters rühmen; man wird auf unſern Zügen die holde Befriedigung unſeres gegenſeitigen Glückes leſen. Allmälig wird man ſich wieder nähern. Sehr wackere Freunde werden angefangen haben einen Kreis um uns zu ſchließen, um die Verzeihung und Vergebung eimer⸗ weiſe über unſere Verbrechen zu gießen. Andere ebenfalls ſehr edle Naturen werden ſich einführen laſſen. Wir werden immer die Guten, die Reinen wählen; wir werden die Freunde zweiten Rangs, die Schmarotzer unbarmherzig fortjagen. Allmälig wird unſere Escorte anſchwellen. Wenn ſie genügt, um Ihre Abende mit heiterem Geplauder auszufüllen und Ihren Dienſtboten zu zeigen, daß es Ihnen nicht an Geſellſchaft fehlt, ſo iſt das genug. Wir werden viel reiſen und Gott wird das Uebrige thun.“ Caliſte ſtieß einen tiefen Seufzer aus, welchen Armand benützte, um den bittern Athem, den eine ſo glänzende und beſonders ſo rauſchende Improvi⸗ ſation nicht ganz hatte aufbrauchen können, vollends auszuhauchen. 3. „Wenn Sie Nichts bedauern,“ ſagte ſie,„was ſollte ich bedauern, ich die ich mich bereits als todt betrachtete?“ „Welches Bedauern wäre mit Ihnen möglich?“ antwortete er. Hier endete die Unterredung. Man kam in eine Stadt, wo die Reiſenden ein wenig ausruhten und das Ende der Reiſe organiſirten..— 280 Es wurde beſchloſſen, daß man in den öſterrei⸗ chiſchen Beſitzungen bleiben wolle. Man wolle mit det Eiſenbahn nach der Lombardei ziehen, wo tau⸗ ſend gottvolle Aufenthalte zur freien Wahl ſtanden. Die freundlichſte und einſamſte Gegend ſollte vorge⸗ zogen werden. Armand hatte jene köſtlichen Plätze bezeichnet, die von Arona bis an den Comer See, einer wenig beſuchten Straße in den engen Thälern um die Seen von Quadrigiate, von Lugano und Vareſe ſchlum⸗ mern: unbevölkerte Oaſen, auf welchen das Auge der vorüberziehenden Reiſenden mit Wonne verweilt. Hier gibt es keine Neugierigen; dies Alles iſt zu ein⸗ fach um die große Menge zu verlocken. Alte Bäume, blaue Waſſer, Gemäuer, die in den Weinreben ver⸗ ſteckt ſtehen, keine Merkwürdigkeit des Bodens, keine vulkaniſchen Convulſionen, wenig Horizonte; die Ausſicht iſt das Geld nicht werth, das man ſo gerne den großen und vornehmen Seen der Schweiz oder Italiens hinwirft. Aber Caliſte erwiderte, ſie fürchte die Fieber und ſie wolle jetzt, da ihr Glück geſichert ſei, nicht ſtexben. Es blieb der Verbano, der Maggiore, ein präch⸗ tiger Ocean umſäumt von den ſchönſten Spitzen der Alpen. Aber Caliſte behauptete, er ſei zu groß und zu melancholiſch: ſie wollte ein wenig Bewegung in der Einſamkeit, ſie wollte Leute vorüberziehen ſehen, und ſie haßte in einer Landſchaft die eleganten Uni⸗ formen des Croaten oder des reinen Oeſterreichers nicht; ſie ſagte zu Armand, der Lago maggiore habe zwei Ufer, das eine ſei öſterreichiſch, das andere pie⸗ monteſiſch. Dieſe beiden Ufer weiſen einander gar zu grimmig die Zähne, wie Belgrad und Semlin in den Orientalen. Sie wollte weder die Kanonen von Arona und die ſchreckliche Statue des Carl Barro⸗ mäus des einen, noch die Kanonen und Kaſernen⸗ von Angera des andern ſehen. Pallanza und Intra, ſchlechte Flecken ohne alle Reſourcen verleideten ihr die Iſola Madre und die Iſola bella. Die fünf oder ſechs Engländer, die Belgirate bewohnten, ver⸗ derbten ihr das reizendſte Ufer des Lago maggiore. „Gehen wir nach Como,“ ſagte ſie,„der See iſt ſchmal und heiter wie der See von Enghien. Im⸗ mer Häuſer auf dem Hügel, immer Leute, die lachen, ſingen, eſſen oder trinken und in ihren Schiffchen herumfahren, wie Verliebte aus der Zeit des Boccaccio. Und dann war dieſer Lario der Lieb⸗ lingsplatz Virgils. Mich zieht es ganz beſonders an den Comerſee.“ „Nehmen Sie ſich in Acht,“ ſagte Armand zu ihr;„man behauptet, er ſei der Lieblingsſee aller Wittwen oder getrennten Frauen.“ „Man kann behaupten was man will,“ ſagte Caliſte.„Wenn es für die Andern wahr iſt, warum ſoll es mich verdießen, wenn es auch für mich wahr iſt? Ich war eine von ihrem Mann getrennte Frau, jetzt bin ich Wittwe, und dann— das fällt mir ge⸗ rade ein, Armand, lieber Armand— wenn es heute wahr iſt, ſo wird es in zehn Monaten falſch ſein; denn in zehn Monaten werde ich eine verheirathete Frau ſein.“ Er antwortete nur dadurch, daß er die Hand küßte, die ſie ihm hinbot. 282 Wenige Tage nachher kamen ſie nach Como und ſtiegen im Gaſthof zum Engel ab. XXXII. Einmal ruhig, das heißt befreit von den erſten Schwierigkeiten einer gefährlichen Lage, maß Armand die Entfernung, die ihn von dem ſchönen Traum trennte, aus welchem Caliſte ihn erweckt hatte. Eben darum weil er einen Entſchluß gefaßt, ſein Wort gegeben hatte und weil dieſes Wort heilig war, glaubte er das Recht zu beſitzen mit Lucienne zu brechen, indem er dieſem jungen Mädchen gegenüber alle erdenkliche Delicateſſe beobachtete und ſeinem Bedauern unverholen Ausdruck gab; er wollte nicht, daß Fräulein Dampmesnil einen Gedanken der Ver⸗ achtung oder des Haſſes gegen ihn faſſen könnte. Eine aufrichtige Erklärung, die Enthüllung der ge⸗ bieteriſchen Umſtände, denen er nachgab, mußte, glaubte er, ſeine Sache in einem Herzen verfechten, das voll von edlen Gefühlen war. Lucienne, dachte er, würde ihrem Bräutigam verzeihen, wenn er als Ehrenmann handelte; ſie würde ihn beklagen; ſie würde ihm eine zärtliche Freundſchaft bewahren. „Zuweilen,“ ſagte Armand zu ſich,„wird uns auch der Zufall zuſammenführen in dieſer Geſell⸗ ſchaft, wo ſie zu glänzen berufen iſt. Sie wird mich in beſcheidenen Glücksumſtänden und traurig ſehen. Ihre große Seele wird fortfahren über meinem Le⸗ ben zu ſchweben. Die Liebe, die ſie mir eingeflößt hat, wird, das fühle ich, durch die Trennung ſelbſt 283 zunehmen, und da ſie ſich verheirathen wird, da ich ſie gänzlich verlieren werde, ſo werde ich ſolche Stöße zu erleiden, ſolche Kümmerniſſe zu verſchlucken haben, daß ich nicht lange widerſtehen kann. Dies wird das Ende ſein.“ Caliſte ihrerſeits, die von dieſen Stürmen Nichts wußte, hatte neue Lebensluſt gewonnen. Sie ver⸗ bannte aus ihren Gedanken Alles was ſie von ihrem Glück abziehen konnte. Frei zu leben, Armands Hand zu drücken, ſtolz an ſeiner Seite hinzuſchreiten, ſich anbeten zu laſſen und ihn hinwiederum anzube⸗ ten, alle Mittel ihres Geiſtes und ihrer Seele auf⸗ zubieten, um ihn glücklich zu machen, das war ihr unaufhörlicher Gedanke, damit vergeudete ſie die ver⸗ zehrende Thätigkeit ihrer glänzenden Einbildungs⸗ kraft. Wenn ſie zu ahnen ſuchte, welche Wolken an ihrem Himmel aufſteigen könnten, bot ſich ihr Nichts dar, worüber ſie ſich zu beunruhigen brauchte.„Liebt mich Armand?“ ſagte ſie zu ſich.„Ja; nun wohl, ich bin den vollkommenſten Frauen gleich und ich überrage ſie durch die alleinige Thatſache ſeiner Liebe.“ Die beiden Flüchtlinge waren alſo nach Como gekommen, einem allerliebſten Städtchen, das trotz der Oeſterreicher heiter iſt und, unter dem unermeß⸗ lichen Schild ſeiner Granithügel vor dem kalten Winde geſchützt, die Reiſenden immer durch ſein freundliches Ausſehen und die Höflichkeit ſeiner Be⸗ wohner bezaubert hat. 4 Aber die Fürſtin fand gleich am erſten Tage die zwei Fehler Comos.. 8 Der erſte beſteht darin, daß die Stadt wenig 284 Luft und keine Ausſicht hat; der zweite darin, daß man hieher kommt, um den Comerſee zu ſehen, und daß man ihn trotz aller Bemühungen hier nicht findet. Der See iſt für Como eine Art von Schwemme, zwiſchen zwei Mauern eingeſchloſſen und mit Schif⸗ fen überdeckt, unter welchen das Bischen Waſſer ver⸗ ſchwindet, das man in dieſer Schwemme hätte wün⸗ ſchen können. Um den See zu ſehen, muß man ſich einſchiffen, weit gehen, und auch dann noch bemerkt man ſehr wenig. Ein Spaziergang am Ufer des Sees iſt eine Fiction; es iſt kein Weg vorhanden. Der Spaziergang beſchränkt ſich in Como auf die Straßen der Stadt; dies iſt eintönig, Caliſte hatte es bald ſatt. Sie fragte nach einer Wohnung am See ſelbſt, das heißt an dieſen beiden grünen Bergen entlang, welche ihn von Como bis nach Bellaggio einfaſſen. Hier winken, wie chineſiſche Arbeiten auf Com⸗ moden und Geſimſen, Villen um Villen unter den Bäumen gruppirt. Man kann ſie zählen, wenn man über den See fährt; mehrere waren in dieſem Augen⸗ blick der ſchönen Jahreszeit zu vermiethen oder zu verkaufen. Sie gefielen Caliſte nicht, die trotz ihrer Vorliebe für heitere Ausſichten die Berührungen, die beſtändigen Beſuche und all die Servituten des Landlebens, welche die Anknüpfung nachbarlicher Verhältniſſe nothwendig machen, tödtlich haßte. 3 Ueberdies erſchrack ſie jetzt, da ſie glücklich war, weit weniger vor einer ernſten Ausſicht. Ihr Geiſt gewann in der Ruhe die ausgezeichneten, männlichen Seiten wieder, die ihn im höchſten Grad charakteri⸗ 285 ſirten. Der Abſcheu vor dem Kleinen, vor dem Ge⸗ ringen, die heilige Bewunderung für die Meiſter⸗ werke Gottes kehrte allmälig in ihre Seele zurück; Gäſte, welche durch die große Kataſtrophe erſchreckt und zerſtreut worden waren. Caliſte fuhr den See bis an die Spitze von Bel⸗ laggio hinauf. Hier erweitert er ſich und wird zum Meer. Keine kegelförmigen, mit weißen Häuſern ge⸗ ſchmückte Anhöhen mehr, kein Echo mehr von einem Ufer zum andern, keine Pianos mehr, die wie in keiner Pariſer Straße die Bewohner gegenüber an⸗ locken. Der majeſtätiſche See flieht nach rechts und nach links, in ſeiner Unermeßlichkeit die zierlichen Proportionen der an ſeinen Ufern ſtehenden Weiler verſchlingend. Die Anhöhen, die ſtolz auf ungleichen Plänen oder in pittoresken Haltungen daliegen, ſind verſchwommen in Himmel und Waſſer. Links die Berge, die im Sonnenuntergang leuchten; noch im Hintergrund, aber unüberſehbar, die mit braunen Streifen umzogenen Berge von Silber und Laſur⸗ ſtein. Dies iſt ein prächtiger Anblick in Tagen des Sturmes, wenn der Ocean zornig wird, wenn ein grauer Nebel die Horizonte wiſcht, und wenn man durch ſeine Riſſe die Bergſpitzen ſich erheben ſieht, Wächtern gleich, die auf ihren Poſten ſtehen, um die Ueberfluthungen des Sees zu verhindern.. Aber dieſe Tage des Zornes ſind ziemlich ſelten. Am häufigſten wärmt eine ſtrahlende Sonne den blauen Himmel. Die Maſſen von Bäumen und Grün ſind mit Licht übergoſſen; der unermeßliche Spiegel des Lario ſchläft faltenlos unter dieſer Kup⸗ pel, die darin wiederſtrahlt. Dann liebt und wünſcht 286 der Reiſende, gewiegt in dem kleinen Nachen, der wie ein Schwan dahinzieht an den Ufern des Sees, den er durchſtreift, jedes Haus, jede grüne Gruppe, jeden Dorfkirchthurm, deſſen weißliche Spitze niemals den Hügel überragt, unter dem er ſteht. Caliſte entſchied ſich für Varenna am öſtlichen Ufer. Sie miethete für ihr Wittwenjahr ein Haus mit einem großen Garten. Dieſes Haus, das be⸗ reits mit einem jener italieniſchen Mobiliare ver⸗ ſehen war, worüber wir Anfangs lachen und an die man ſich ſo gut und ſo ſchnell gewöhnt, wurde von der Fürſtin nach zwei Beſuchen bei den beſten Ta⸗ pezieren von Como vollends in ein Paradies um⸗ geſchaffen. Es wurde beſchloſſen, daß Armand gegen das Ende des Monats, in etwa vierzehn Tagen, abreiſen ſollte, um ſeinen Vater zu umarmen und ſeine Freunde in Paris auf die große Nachricht vorzube⸗ reiten. Dies war der erſte Plan geweſen. Aber allmälig änderten ſich Armands Ideen; ſeine Schwer⸗ muth verdoppelte ſich. Caliſtens ſehr keuſche, aber ſehr wachſame Liebe und eine gewiſſe wohl verheim⸗ lichte, aber von Armand geahnte Ueberwachung ließen den jungen Mann fürchten, ſeine Abweſenheit könnte der Vorwand zu einem jener tollen Streiche werden, ddeeren die Fürſtin fähig war. Aufgefangene Briefe, ein unvorhergeſehener Beſuch, eine Indiscretion ir⸗ gend eines wohlmeinenden aber ſchwatzhaften Freun⸗ des, mehr bedurfte es für die ſcharfblickende Caliſte nicht, um die Wahrheit zu entdecken, und Armand, der dieſes eiferſüchtige Herz, dieſe empfindliche Seele 287 kannte, wollte nicht, daß ſie vor der Hochzeit Etwas erfahren ſollte. Noch mehr, er hatte ſich ſelbſt befragt; er hatte ſeine Kraft geprüft. Der Mann, welchen einſt das erſte Wort aus Caliſtens Mund Lucienne entriſſen hatte, glaubte er ſich ſeiner ſelbſt ſicher genug, um Paris, das heißt der verliebten, kühnen und in ihren Willensmeinungen heftigen Lucienne Trotz bieten zu können? Würde man ihm nicht in einer mündlichen Erklärung hundert unwiderlegliche Einwendungen machen? Würde man ihn nicht in dieſer von der Beſatzung ſelbſt verrathenen Feſtung belagern, würde man ihm nicht Verwandte, Freunde, Braut über den Hals ſchicken, um ihn zur Capitulation zu veran⸗ laſſen? Eine geliebte Frau müßte unter ſolchen Stürmen erliegen; wie ſollte diejenige widerſtehen, die nicht mehr geliebt wurde? Armand bebte. Er kannte die Treuloſigkeiten der Abweſenheit, er fürchtete irgend eine Ueberraſchung; er wußte, daß, wenn Caliſte ſich nicht vor den geſetzlich verlangten zehn Monaten ver⸗ heirathen konnte, Lucienne ihrerſeits in acht Tagen Frau von Bierges werden konnte. Und wo wäre dann die Ehre, wo wäre dann die Pflicht? Wer würde die durch dieſe entſetzliche Nachricht niederge⸗ ſchmetterte Caliſte wieder auferwecken? Nein, das einzige Mittel um ehrlich weiter zu leben war, daß er in Varenna blieb, daß er ſich da verborgen hielt, daß er augenblicklich unbarmherzig und ohne die Möglichkeit einer Unterhandlung mit Lucienne brach und Gott anflehte, er möchte ihn dieſe zehn Monate wie zehn Tage überſtehen laſſen, 288 indem er die Verſuchungen und Zwiſchenfälle von ihm fern halte. Armand nahm alſo ſeinen erſten Entſchluß zu⸗ rück. Mit Caliſte war das unklug. Er erklärte ihr, daß er nicht nach Paris gehen, ſondern bei ihr blei⸗ ben würde. Im Anfang freute ſich die Fürſtin darüber und dankte ihm. Aber da er trotz aller Gewandtheit, die er zu beſitzen glaubte, die Unruhe ſeiner Seele nicht ganz hatte verbergen können, ſo fragte ſie ſich, warum Armand vor einem ſo natür⸗ lichen, ſo nothwendigen Schritt zurücktrete; nicht hin⸗ gehen und ſeinen Vater beruhigen? Ihn nicht in Kenntniß ſetzen, wie es doch ausgemacht war, wie er es ſelbſt für unumgänglich nöthig erklärt hatte? Warum dieſe Abweichung der Ideen, während doch die gerade Linie ſo logiſch gut zu verfolgen war? VVon der Ueberraſchung zum Verdacht hat eine FArau wie Caliſte nur einen Schritt, nur einen ein⸗ igen Sprung zu machen. Sie machte ihn. Als ſie börte, daß er nicht nach Paris gehen, ſondern lieber ſchreiben wolle, wurde ſie mißtrauiſch. Als ſie ſah, daß er ſich verbarg, um zu ſchreiben, und daß er es ſorgfältig vermied ihr den Brief, einen für ſie ſo wichtigen Brief mitzutheilen, den er an ſeinen Vater ſchicken wollte, da bekam ſie Furcht. Gleichwohl geſchah Alles das zwiſchen zwei Lächeln. Caliſte hatte ihren Entſchluß unwiderruflich gefaßt. Armand, der durch die Aufregung, welche die Erinnerung an Lucienne und das Bewußtſein ſeiner Schwäche in ihm hervorrief, in dem ſeinigen bekräf⸗ tigt wurde, verdoppelte ſeine Verſtellung in demſel⸗ ben Maß, wie Caliſte ihre Ueberwachung verdoppelte. 289 Er glaubte, ſie habe ſich täuſchen laſſen. Dies war auch wirklich in ſo fern wahr, als ihre einzige Unruhe darin beſtand, Armands Anſicht über ſie— 4 ſelbſt und die Art, wie er Herrn von Bierges ſeinen Heirathsplan ankündigen würde, zu erfahren. Eine Frau, welche liebt und argwöhnt, hält be⸗ ſtändig jeden Faden, der mit den Handlungen ihres Geliebten in Verbindung ſteht, in ihren feinfühlen⸗ den Fingern. Vergebens flüchtet ſich der Geliebte in ſeinen Gedanken, den er undurchdringlich glaubt; da jeder Gedanke nothwendig eine Bewegung her⸗ vorruft, ſo zittert der Faden, der entſprechende Fin⸗ ger bebt; die Eiferſucht iſt gewarnt, ſie beobachtet, ſie erfährt. Armand ſollte mit Caliſte auf der andern Seite des Sees in Menaggio frühſtücken. Man ißt da eigenthümliche Schalthiere, unvergleichlichen Rahm und gewiſſe Würſtchen, die mit einem leichten weißen Wein und ächtem Seltzer Waſſer ein ausgeſuchtes Mahl bilden. Caliſte hatte nach ihrer Gewohnheit alle ihre Vorbereitungen getroffen, ohne Etwas zu ſagen, und ihre Toilette war fertig, als Armand, der bereits nicht mehr an die Schalthiere und an die roſarothen Rädchen dieſer Salcissoni dachte, ihr erklärte, daß er daheim bleiben werde, um dieſen Sohnesbrief endlich einmal fertig zu machen, deſſen Abfaſſung ihn ſehr langweile, fügte er lachend hinzu, um Ca⸗ liſte vollkommen zu beruhigen. Aber es war das Gegentheil. Er erſchreckte ſie. „Sehr gut,“ erwiederte ſie, indem ſie ebenfalls lachte. 4 Maquet, Herzensſchulden. 3 19 290 Und ſie gelobte ſich in aller Stille zu erfahren, was er ſchreiben würde. Armand, deſſen Herz und Kopf ſeit zwei Stun⸗ den unter dem Druck der Ideen, die ihn verzehrten, kochten, hatte beſchloſſen der Sache ein Ende zu ma⸗ chen und Lucienne ſein ganzes Herz in einem letzten unwiderruflichen Lebewohl zuzuſenden. Um freier, um in dieſer letzten Umſchlingung ihrer Seelen mehr mit ihr allein zu ſein, verſchloß er ſich in ſeinem Zimmer. Sein Kopf pochte; er ging eine Stunde lang, die Hände an ſeine Stirne gedrückt, auf und ab, um ſeine Kraft, ſeine Ver⸗ nunft zu concentriren und nicht einen Liebesbrief ſtatt eines Abſchiedsbriefes zu ſchreiben. Endlich ſetzte er ſich, gebrochen wie er es zu ſein wiünſchte, vor das Fenſter, unter ſeinen Augen den unermeßlichen See, über ſeinem Kopf den unend⸗ lichen Himmel, zwei Oceane mit Abgründen, die weniger tief waren als ſein Schmerz. „Lucienne,“ ſchrieb er,„ich liebe Sie und verlaſſe Sie. Ehe ich Sie kannte, habe ich eine Frau voll Anmuth und Güte geliebt, eine Frau, die nicht frei war und es auf einmal geworden iſt. Sie werden ſie ſpäter kennen lernen, denn ich werde ſie heirathen, ich Ihr Bräutigam, Ihr Gemahl mit Herz und Seele; doch nein, lernen Sie ſie ſogleich kennen, leſen Sie mein Geheimniß ganz. Die Umſtände, inmitten deren ich die Frau Fürſtin Nowratzin wie⸗ der gefunden habe, erlauben mir nicht das mindeſte Bedenken. Die einſt ſo reiche, ſo glänzende, ſo vor⸗ wurfsfreie, unter allen Frauen bevorrechtete dame ſiſt arm, niedrig, unglücklich geworden und dem Ta-⸗ * 291 del der Welt preisgegeben. Aber da dieſes Unglück mein Werk iſt, o Lucienne, das Werk meines un⸗ ſeligen Geſchicks, da die Fürſtin nur noch mich allein auf der Welt hat, um nicht zu verzweifeln, um nicht zu ſterben, ſo gebe ich mich ihr zurück, und müßte ich ſelbſt der Verzweiflung anheimfallen und darin den Tod finden. „Ich bitte Sie nicht um Ihre Zuſtimmung. Ich weiß, daß Sie mich verachten würden, wenn ich anders handelte. Aber ich flehe Sie an, mich zu beklagen, und ich hoffe, daß Sie es thun werden, als die einzige Perſon, welche den Umfang des Ver⸗ luſtes und des Opfers zu begreifen vermag; denn Sie lieben mich, Lucienne, denn Sie haben mich er⸗ warten wollen; denn Sie würden mich noch erwar⸗ ten, wenn ich mich nicht zu Ihren Füßen wärfe, um Sie zu beſchwören, daß Sie mich ewig vergeſſen mögen. „Ich bin jetzt unwiederbringlich für Sie verloren. Wer weiß, ob wir uns in dieſer Welt wiederſehen? Alles wird Sie in eine entgegengeſetzte Richtung hinreißen. Seltſame Hartnäckigkeit des Schickſals! Einmal hatte ich Ihre Hand geſtreift. Ein Hinder⸗ niß hat uns getrennt. Die Liebe erfaßt uns, ſie führt uns wieder zuſammen, und daſſelbe Hinderniß erhebt ſich von Neuem und trennt uns diesmal ohne Rettung, ohne Hoffnung. „Ich ſchwöre es Ihnen, Lucienne, ich rufe Gott, der mein Herz ſieht, zum Zeugen an, ich habe die⸗ ſer Stimme der Ehre nicht ohne ſchreckliche Kämpfe nachgegeben; ich habe den Tod geſucht und nicht ge⸗ 8⁴ funden. Ich zog ihn der Marter vor, Sie zu ver: 292 lieren und beſonders Sie auszuſchlagen. Lucienne auszuſchlagen, dieſen Engel! Wahrhaftig ich lache darüber vor Wuth. Iſt es wirklich Gott, der die Tugend um den Preis ſo dummer Opfer gebietet? Und wenn der Menſch ſich beklagt, wenn er weint, wendet nicht Gott ſein Haupt ab und ſagt: ich habe dir das Glück angeboten, warum haſt du es von dir geſtoßen? „O wie qualvoll iſt mein Leiden! Es reißt mich zu Ungerechtigkeiten, zu Grauſamkeiten hin. Dieſe arme Frau! Ich könnte ſie zuletzt noch verfluchen; Lucienne, das darf nicht ſein. Sie glaubt ſich vor⸗ gezogen, ſie glaubt mich glücklich. O mag ſie es glauben! Möge dieſes heilige Vertrauen in ihrem Herzen nie getrübt werden! Möge ich allein die Laſt der Sühnung tragen! Möge ſie ruhig leben nach ſo vielen Stürmen! Darum, angebetete Lu⸗ cienne, darf Ihr Bild niemals mir erſcheinen; darum darf keine Erinnerung von Ihnen zwiſchen ſie und mich treten; denn wenn Sie nicht großmüthig wä⸗ ren, wenn Sie mir ſagten, daß Sie mich bedauern, daß Sie mich nicht verlieren wollen, ſo würde die Folterqual meines Lebens ſich verrathen und bald das Leben meiner Gefährtin unterwühlen. Ich be⸗ ſitze keine ausdauernde Entſchloſſenheit gegen Ihre Liebe. Deßhalb bleibe ich fern von Ihnen, deßhalb verberge ich mich; ich zittere bei dem Gedanken, daß Sie leben und daß Sie mir begegnen könnten. Das Getöne Ihrer Tritte würde mich tödten. „Seien Sie die unerſchrockene Seele, ſeien Sie die edle Begeiſterung meines Lebens; leiten Sie mich gegen meinen Willen auf dieſem rauhen Pfad, wo 293 meine Füße ſchon beim erſten Schritte ſtraucheln. Von Ihnen hängt meine Ehre ab; Ihnen vertraue ich die Exiſtenz einer Frau an, die edel iſt wie Sie, gut wie Sie, einer unvergleichlichen Freundin, die ich, muß ich es ſagen? anbeten würde, wenn ich auf ewig von ihr getrennt wäre. O Lucienne, der ſelt⸗ ſame Gedanke! Wie furchtbar und wie wahr er 3 iſt! Ja, ich würde Caliſte lieben, wenn ſie nicht mehr da wäre, wenn ſie mich nicht von Ihnen ge⸗ trennt hätte. Was werden, wenn Sie nicht Muth haben? Aber ich ſehe Sie, ich ahne Sie. Ich meine die Unruhe in Ihren ſtoiſchen Augen zu be⸗ merken; ich höre Ihre erſten Seufzer; ich ſehe dieſen Brief Ihren Händen entſinken. „Beruhigen Sie ſich; es wartet Ihrer anderes Glück genug. Ich, ich beuge mich unter dieſen Or⸗ can. Seien Sie undankbar, vergeſſen Sie mich. Mein einziger Wunſch iſt, daß Sie verächtlich Ihr Haupt abwenden, daß Sie die Achſeln zucken und mich einen Elenden, einen Narren nennen. „Erinnern Sie ſich an das, was ich Ihnen in den erſten Tagen unſerer ſo ſüßen Liebe geſagt habe: wer an Ihnen vorbeigeht und dieſe Perle nicht auf⸗ hebt, der iſt ein Narr. Dachte ich damals, daß das Schickſal mich ſo weit fortreißen ſollte, daß ich ſelbſt ſie zertreten würde, dieſe unvergleichliche Perle, die in meine Hand gefallen wäre? „Lucienne, ſpäter, wenn ich Ihnen begegne, zei⸗ gen Sie mir keine Entrüſtung in Ihrem Blick, zeigen Sie auch keine Gleichgültigkeit. Ihre Freundſchaft allein, eine gütige Freundſchaft und ohne Umſchweife, wird mir beweiſen, daß Edelmuth kein leeres Wort 294 auf Erden iſt. Aber was ſage ich? Sie werden in der glänzenden Sphäre leben, wohin Ihre Schön⸗ heit und Ihr ungeheures Vermögen Sie rufen. Ich würde als armer Mann die meinem Elend günſtige Dunkelheit ſuchen und nie wieder mit Ihnen zuſam⸗ mentreffen können. Ueberdies würden Sie mich fliehen und Sie hätten Recht. Das Unglück iſt an⸗ ſteckend. Und dann ſage ich Ihnen ohne Umſchweif, ohne Vaudevillemelancholie, Lucienne, es iſt aus mit mir, ich erliege unter meiner Hingebung. Jede Stunde, die entflieht, iſt ſo ſchwer vorübergegangen, daß ich mich von ihr erdrückt fühle. Je mehr man mir zulächelt, je mehr man mir ſchmeichelt, um ſo mehr fühle ich die Bedeutſamkeit des Opfers, das ich gebracht habe. Dies iſt ein alltägliches Gefühl, aber ich bin einer der alltäglichſten Menſchen, ich lebe von den Freuden und leide von dem Elend der einfachſten Menſchheit. „Alſo, ich wiederhole es Ihnen, ich bin verlo⸗ ren. Der düſtere Vorhang, der zwiſchen Ihnen und mir gezogen iſt, raubt mir die Vernunft, blendet mich. Meine Ideen kommen nicht darüber hinaus, und ich lebte viel von den Ideen. Es gibt alſo, ich fühle es zum erſten Male, eine ſcharf gezeichnete ³ Grenze meines Lebens. Mit jedem Tag wird ſie um ein Jahr näher rücken, Ich werde nicht alt wer⸗ den, Lucienne, eine Schlange nagt mir am Herzen. „Darum werden wir uns nie wieder begegnen. „Alſo mein Lebewohl mit allen Thränen meines Leibes, mit allem Blut meines Herzens; mein Lebe⸗ wohl Allem was ich liebe; es tödtet mich, Ihnen 295 dieſes Wort zu ſchreiben; jeder Strich meiner Feder gräbt eine tödtliche Wunde in mir. 4 „Ich werde die Frau Fürſtin Nowratzin in acht Monaten, am 3, April kommenden Jahres, heirathen. Bis dahin bitte ich Sie dringend keine Zeile, kein Wort an mich zu richten. Ich rechne auf Ihren Muth und auf Ihre Chre. Aber in einem Jahr, Tag für Tag vom Datum dieſes Briefes, Lucienne, ſchicken Sie mir ein Andenken, das ich in meine Hand, an mein Herz drücken kann im Augenblick, wo ich ſterben werde... Denn ich werde ſterben mit einem Herzen voll Liebe für Sie, theure, ange⸗ betete Lucienne, und feſt überzeugt nie mehr gegen Chre und Pflicht zu handeln, feſt überzeugt meine Schuld an die Fürſtin ehrlich bezahlt zu haben, werde ich mit Ihrem Namen auf den Lippen meinen letzten Seufzer aushauchen.“ Er ſchloß dieſen Brief in denjenigen ein, den er an ſeinen Vater ſchrieb, und nachdem das umfang⸗ reiche Paket verſiegelt und mit der Adreſſe des Herrn von Bierges verſehen war, trocknete er ſeine Augen, erfriſchte ſeine Wangen. Aber der Poet von Mantua hat es geſagt— man täuſcht die Blicke einer Liebenden nicht. Beim Diner fragte Caliſte ganz unbefangen, ob er dieſen ſchrecklichen Anzeigebrief endlich fertig ge⸗ bracht habe. Er war noch zu bewegt, um mit einem Scherz zu antworten. Sie machte ihm den Vorſchlag ſeinen Brief durch den Gärtner, der nach Como ging, auf das Schiff bringen zu laſſen. Armand hatte, wie alle Männer, an die einzige wichtige Sache, an das Detail, nicht gedacht. Ueber⸗ 296 dies glaubte er nicht, daß Caliſte einen Verdacht hege. Als er ſie jedoch die Hand ausſtrecken ſah, um dieſen Brief zu nehmen, bekam er auf einmal Angſt. Und er hatte Recht. Aber es war zu ſpät. „Ich habe ihn durch Jemand vom Hauſe auf die Poſt bringen laſſen,“ ſagte er. „Ei wie! ohne mir die Stellen vorzuleſen, die mich betreffen?“ antwortete Caliſte zitternd. „Ich ſagte Böſes von Ihnen, liebe Caliſte.“ „Ah!... das iſt etwas Anderes.“ Und ſie verwiſchte jede Gemüthsbewegung von ihrem Geſichte. Aber Armand hatte den Brief in ſeiner Taſche und war ſehr in Verlegenheit, wie er ihn auf die Poſt befördern ſollte; er ſchützte einen Spaziergang vor, um ihn heimlich irgend einem Schiffsmann zu übergeben, der ſogleich nach Menaggio fahren würde. Allein auszugehen, ſtatt Caliſte mitzunehmen, war unvermeidlich, aber ungeſchickt. Zehn Minuten ſpäter wußte ſie, daß er Niemand vom Hauſe Etwas übergeben hatte, und eine Viertel⸗ ſtunde nachdem er den unglückſeligen Brief dem Schiffsmann übergeben, den er am Ufer traf, zer⸗ nnitterte Caliſte ihn in ihren Händen und verbarg ihn an ihrem Buſen. XXXIII. Das Haus hatte ſeinen Haupteingang von der Straße von Varenna her, einem nicht ſonderlich cul⸗ tivirten Landweg, der nach Como führt und auf die⸗ 8 3 297 ſer Seite des Sees alle Wohnungen und Dörfer be⸗ 3 dient. Denn, wir haben es bereits geſagt, der Lario hat keine Ufer, und dieſer Weg iſt das einzige Ver⸗ kehrsmittel für die Couriere, die Reiſenden und die Lieferanten zu Pferd oder zu Wagen. Er hat in Bezug auf Gebrauch einige Aehnlichkeit mit den klei⸗ nen Hintergäßchen, welche die meiſten großen Häuſer in London beſitzen, die ihren Eingang für die Haus⸗ genoſſenſchaft nach dieſer Straße zu haben, während im Intereſſe der ſtolzen Fagade und des Reinlichkeits⸗ gefühls der Beſucher ein Haupteingang vorhanden iſt, der auf irgend eine Hauptſtraße geht. Dort iſt die Hauptſtraße der See. Auf dieſer Seite ſind alle Ausſichten, alle Nachfragen. Hier wird die Lage ausgewählt; man wird gut oder ſchlecht bedacht; man wohnt im Oſten oder im Weſten, man ſieht die Sonne Italiens am Himmel aufſteigen oder ſich in den ewigen Schnee der Alpenrieſen verſenken; aber man lebt doch immer unter der Sonne; man findet immer Gott unter ſeinen Augen, ſei es daß man beim Aufſtehen ſein Morgengebet verrichte, ſei es daß man vor Schlafengehen niederkniee. Dieſes Haus hatte drei ſehr bedeutende Piecen im Erdgeſchoſſe: einen Vorſaal ſo groß wie in einem Palaſt, wo hundert Höflinge Platz nehmen ſollen; einen Empfangſaal, der in ein Schlafzimmer mit einem monumentalen Bett verwandelt worden, und ein anderes kleines Zimmer, das gleichfalls auf den See hinaus ging. Dies war die Wohnung der Fürſtin. Armand wohnte im erſten Stock, in drei andern beſcheideneren Zimmern: er hatte ſeine Treppe, ſeine 298 Bedienung; er befand ſich auf gleicher Höhe mit dieſer Straße, die wir ſo eben beſchrieben haben. Die Wohnung im Erdgeſchoß dagegen ſenkte ſich in den Garten, deſſen Höhe ihre Thüren noch nicht er⸗ reichten; denn gegen den Lario zu fällt der Boden ſo ſteil ab, daß man vier ſenkrecht über einander liegende Terraſſen anbringen mußte. Die erſte be⸗ herrſcht die Straße; ſie iſt ſehr geräumig und bildet für ſich allein ſchon einen ſo großen Garten, wie die drei andern zuſammen. Die zweite fällt ins Niveau des erſten Stockes. Die dritte ſinkt ins Ni⸗ veau des Erdgeſchoſſes hinab. Die vierte und letzte endlich, die ganz ſteil mit dem Felſen abfällt, reicht bis ins Waſſer des Sees, wo ihre Grundſchichten in einer Tiefe baden, welche Gott allein kennt, denn er allein hat den Berg gemacht. Dieſe Terraſſen bilden den prächtigſten Garten, den ein Dichter träumen kann. Nein, Nichts gibt den Eingebornen von Bagnolet oder Pantin eine Idee von ſolchen Gärten. Jede Terraſſenmauer iſt mit einem Spalier von Orangebäumen und von ſü⸗ ßen Citronen bedeckt. In dieſer warmen und frucht⸗ baren Lage trägt der Orangenbaum immer Frucht und Blüthe zugleich. Die Wohlgerüche, welche die Sonne von ihm ablöst, ſind berauſchend. Wenn der Abendwind friſch und ſäuſelnd dieſe glühenden Blumenblätter abſtreift, ſo gibt die Zerſetzung der Eſſenzen einen Wohlgeruch, welchen der Deſtillirkol⸗ ben weder zu faſſen noch herzuſtellen vermag. Die Camelien, die Magnolien, die Aloen, die Cactus leben hier in Büſchen, in Wäldern; alle Blumen Frankreichs verwandeln ſich hier in Rieſen, die Roſen 299 ſind ſo groß wie die von Päſtum oder Rhodus. Da und dork ſchießt die Cypreſſe in ihrer graziöſen Schief⸗ heit empor und miſcht die Arome ihres braunen Holzes, die ſtarken Ausdünſtungen ihres Blätter⸗ werks in Alles was unter ihr athmet und balſamiſch duftet. 3 Es ſind große ſanft abhängige Alleen da, die jede Terraſſe mit ihrer Nachbarin verbinden. Nichts⸗ deſtoweniger hat man am Ende dieſer Abhänge Trep⸗ penſtufen nicht umgehen können; ſie ſind breit, in den Granit gehauen, und jeder feuchte und milde Winter entlockt dieſem Block einen friſchen Saft, welcher die Flechten und Mooſe nährt, die dann wie Stickereien darüber liegen, um dieſen kahlen Fels zu verdecken. Der Spaziergänger, der dieſe vier Terraſſen in einer Atmoſphäre von Leben und Licht hinabſteigt, genießt das erhabenſte Schauſpiel, das ein menſch⸗ liches Auge zu umfaſſen vermag. Zu ſeinen Füßen hat er den See, an welchen man mittelſt einer char⸗ manten Gitterthüre aus dem ſiebzehnten Jahrhundert gelangt; er ſieht ſeinen Nachen ſich auf den Stufen des Felſen wiegen, der ins blaue Waſſer taucht. Vor ſich ſieht er den endloſen Waſſerſpiegel, der nach Weſten läuft, und das entgegengeſetzte Ufer, das, überragt von den grünen Streifen der lombardiſchen Ebene und den goldenen und ſilbernen Auszackungen der Berge, in einem Schatten von Kobalt ſchläft. Gegen Süden die Spitze von Bellaggio, ein ſtolzes und allerliebſtes Vorgebirge, das die zwei Arme des Lario theilt, wie das Vordertheil eines Schiffes. An den Kämmen dieſes Caps hängen die Arcaden 300 und Gärten der prächtigen Villa Sommariva. Kurz für dieſen glücklichen Zuſchauer kann ein Anblick einen ganzen Tag hindurch währen, dann kommt die Nacht, dann beginnt das Schauſpiel immer wieder neu: denn bei einem einzigen Schatten von einer Wolke, die vorüberzieht, wechſelt Gott den Anblick ſeiner Wunder und macht ſie ſechzigmal in der Secunde neu, und zwar die ganze Ewigkeit hindurch. Solcher Art war das Paradies, welches Caliſte gewählt hatte. Paradies iſt das rechte Wort. Das Weib und der Mann ſind die Bewohner und Herrn darin; Nichts fehlt, ſelbſt die Schlange nicht, denn, das iſt leider die ſchwache Seite; dieſe breiten Aloe⸗ büſche, Treibhäuſer der. Vegetation, ſind unverletz⸗ liche Neſter, worin die Familien der kriechenden Thiere ein patriarchaliſches Leben führen. Harmlos, ſagt man— ich möchte nicht daran glauben— kommen ſie aus dieſen unter den ſtarken Blättern des Cactus oder der Aloe gegrabenen Höhlen hervor und er⸗ friſchen ſich im See; ſchreckliche Amphibien, die man nur allzu oft in geringer Tiefe ſich herumtreiben und ihre krummen Windungen und Schneckenlinien um die Ruder herum zeichnen ſieht, welche ſie aufſtören. Zuweilen nähert ihr euch dem Fels, um zu Schiffe zu ſteigen; der Fels iſt buntſcheckig von prismatiſchen Feuern und Schuppen, ihr bewundert den in der Sonne ſo reich ſchimmernden Granit, aber bei der erſten Bewegung erzittert die ganze Oberfläche und verwandelt ſich zuſehends. Tauſende ſolcher. Ge⸗ ſchöpfe ſpringen zappelnd ins Waſſer und trüben es; der wahre Granit kommt zum Vorſchein, glanzlos und mooſig. Er war mit zweifelhaften Aalen bedeckt, 8301 die ſich in der Sonne wärmten und nunmehr in die Fluthen untergetaucht ſind. Dieſes Erbübel der italieniſchen Seen hatte Ar⸗ mand ſchon am zweiten Tage ſeines Aufenthaltes dahier durchſchaut, und um Caliſte, die ſich zu Tode geängſtet hätte, in ihrer Freude nicht zu ſtören, ging er jedesmal voraus, wenn man ſich einſchiffen wollte. Mit einer Gerte in der Hand warnte er von ferne die Müſſiggänger, die ohne langes Be⸗ denken in ihre Löcher zurückſchlüpften, und Caliſte bewunderte dieſen prächtigen Garten, ſtatt daß ſie ihn ſonſt verabſcheut haben würde. Warum war es Armand nicht gelungen ihren Blicken auch dieſe mör⸗ deriſche Schlange zu entziehen, ſein Geheimniß, das unter ſeinem Lächeln verborgen lauerte? Nachdem er ſeinen Brief dem Schiffer übergeben, deſſen Verſchwiegenheit ihm nicht einmal zweifelhaft ſchien, kehrte er ins Haus zurück. Caliſte hatte ſich, ſagte man ihm, etwas leidend von der Hitze, in ihre Zimmer zurückgezogen. Nervös wie die Fürſtin war, konnte nach einem glühenden Tage Nichts natürlicher erſcheinen. Caliſte ließ ihrem Freund ſagen, ſie wolle ſchlafen und erſuche ihn ſie nicht zum Souper zu er⸗ warten. Er gehorchte und ſetzte in der Einſamkeit ſeine Betrachtungen und Seufzer fort. Am folgenden Morgen kam Caliſte ſchon in der Frühe wieder zum Vorſchein. Der Schlaf ohne Zweifel und die Morgenfriſche hatten ihr ihre Ge⸗ ſchmeidigkeit und ihre Seelenruhe wiedergegeben. Ein bläulicher Ring, ein kaum merkliches Schwellen ihrer Augenlider, eine mattere Bläſſe, Spuren des Lei⸗ deens, verdoppelten das Feuer ihres Blickes und ver⸗ 3 302 liehen dem Zauber ihres Lächelns wo möglich noch mehr Adel. Sie ging zu Armand, der ſeit kaum einer Stunde erwacht war. Sie ergriff ſeine Hände und küßte dieſelben. Sie ſetzte ſich zu ihm und küßte ihn ſelbſt. Dieſe Liebkoſungen, die ſie ihm ſeit ihrer Wiederver⸗ einigung niemals gemacht, denn ſie legte die bedenk⸗ lichſte Sittſamkeit in ihre Zärtlichkeit und hatte dem jungen Mann erklärt, daß ſie ihrem Gatten eine Frau geben wolle und keine Maitreſſe, dieſe freund⸗ liche Zuthulichkeit, ſage ich, ſetzte Armand in Ver⸗ wunderung, und er ſchaute ſie ſogleich an, wie wenn er um die Urſache fragen wollte. Sie antwortete nur mit einem jener Lächeln, welche einſt die Engel beſtimmten den Himmel zu verlaſſen. Sie war weiß gekleidet, ganz wallend von feinen Spitzen; man fühlte, daß ſie ſich ganz beſon⸗ dere Mühe gegeben hatte ihre Traurigkeit aus ihrem Geſicht und ihrem Herzen zu bannen. Sie berührte alſo Armands Hand, legte ihren bloßen Arm auf ſeine Schulter, und machte, ſo angeſchmiegt, ſo gegen ſeine Bruſt geneigt, das Blut und Leben der Liebe aus dem Herzen in die Lippen des Geliebten ſteigen. Ihre Schönheit, die niemals vollſtändiger, nie ſo überwältigend geweſen, das Wallen ihres Buſens, das verſchwommene Feuer ihrer Blicke, ihre holden Worte, ihre melodiſche Berufung auf ſo viele zau⸗ beriſche Erinnerungen ſiegten ſehr ſchnell über dieſes ſchlecht erkaltete Herz, in deſſen Grund die Leiden⸗ ſchaft noch lebte und beim erſten Wunſch des voll⸗ kommenen Gegenſtandes, der ſie inſpirirt hatte, für 7 ewig wieder aufleben mußte. 2 — — über Reife von Kaſtanienholz geſpannt, trennt 303 Als Caliſte nach einem ſo ſchnell und ſo wonne⸗ voll verfloſſenen Tage feſt überzeugt war, daß ſie ihre Herrſchaft und ihren Nimbus wiedergewonnen; als ſie ihre Seele durch einen unaufhörlichen Blick, der Armands Seele trank, geſättigt hatte, als ſie nicht bezweifeln konnte, daß von all dieſen Stunden nicht eine Minute ihr im Intereſſe irgend einer an⸗ dern Erinnerung entwendet worden ſei, als ſie, ſelbſt beim Mahl und auf dem Spaziergang, ſeine Hand kaum losgelaſſen und ihm unverwandt ins Auge ge⸗ ſchaut hatte, da bat ſie ihn, er möchte, um den Abend vollends hinzubringen, eine Luſtfahrt auf dem See mit ihr machen. Er willigte mit Freuden ein; er befand ſich unter dem Zauber. Sie kehrte auf einen Augenblick in ihr Zimmer zurück, während er das Boot in Bereit⸗ ſchaft ſetzen ließ. Er konnte ſie nicht aus dem Auge verlieren, denn bei ihrer Ankunft im Zimmer und beim Weggehen zeigte ſie ſich an den Fenſtern; auch rief ſie ihn unaufhörlich beim Namen, ſo lang er nicht da war. 3 Sie eilte ſtrahlend und anbetungswürdig zu ihm zurück, ſteckte den Schlüſſel zu ihrer Wohnung in Armands Taſche, um ſich ſeiner zu entledigen, wie ſie ſagte, und nahm dann ſeinen Arm. Sie trug auf ihrem Arm einen langen Burnus von grauer Wolle mit Eicheln von weißer Seide. Er nahm dieſen Burnus und unterſtützte ſeine Freundin ſanft beim Einſteigen. Die Boote auf dem Comer See ſind lang, flach und breit. Ein Zelt von weißer Leinwand, rund “ 30⁴ die Herrſchaften von dem Ruderer, der ihnen den Rücken zukehrt und ſein breitſchaufliges Ruder arbei⸗ ten läßt, bis er den Punkt erreicht, wohin man ihm zu fahren befohlen hat. Hier halten die Herrſchaften an, man trinkt die reine Luft, man ſieht die Sterne leuchten, man ſucht Gott unter ſeinem azurnen Wall, und das Boot, das einen Augenblick vernachläſſigt wird, gleitet ſanft weiter unter dem Einfluß irgend einer ſchüchternen Strömung oder eines gefälligen Abendwindes, der dem Ruderer Ruhe verſchafft. Gewöhnlich legt ſich dieſer Letztere, faul und ſchlaf⸗ ſüchtig wie jeder ächte Italiener, auf das Verdeck ſeines Bootes, hält ſeine Arme über ſeine Augen und ſchläft ein. Caliſte hatte ſich auf das Hinterverdeck geſetzt, Armand unter das weiße Zelt. Eine wollüſtige Er⸗ ſchlaffung, eine wonnige Mattigkeit war über Beide gekommen; ſie ſahen einander an, ohne zu ſprechen. Caliſte ließ die Falten ihres Kleides am Boot ent⸗ lang fallen, und unter ihrem wallenden Gewand ſahen ihre alabaſternen Füße hervor, welche ſie von Zeit zu Zeit durch das lauwarme Waſſer koſen ließ. Sie begann zu ſingen, während das Boot dahinfuhr. Sie ſang, während ihre Augen auf Armand weilten, der ſich in der Wonne ſie zu ſehen und zu hören berauſchte. Es waren lauter Lieder aus ihrer Hei⸗ math, naive, verliebte Melodien von einem Rythmus und Wohlklang, der in dieſer Nacht, auf dieſen Wellen gar wunderſam ertönte. Man hätte ſagen können, ſie laſſe jedes Gefühl, jede Erinnerung ihres Lebens an ſich vorüberziehen und bringe alle dieſe Erinnerungen, eine die andere, Armand zum Opfer. Er ſetzte ſich endlich näher zu ihr. Ueber⸗ wunden von dieſer Zauberin, bat er ſie dringend, ſie möchte ſich nicht erkälten, denn das Waſſer wurde friſch im Abendwind; er flehte ſie an nicht mehr zu ſingen, und um ſie zum Gehorſam zu zwingen, ver⸗ ſchloß er ihre Lippen mit einem Kuß. Dieſer Kuß machte Caliſte erbeben; ſie ſtieß einen ſchlecht unter⸗ drückten Seufzer aus, ihr Herz pochte ſo heftig, daß Armand ſie fragte, ob ſie nicht irgend ein Leiden empfinde. Statt aller Antwort nahm ſie ſeinen Kopf mit beiden Händen, um ihn in ihren Schooß zu legen. Er fand ihre Hände eiskalt; deßhalb richtete er ſich auf, hüllte ſie ganz in den großen Burnus und drückte ſie ſanft auf das Verdeck nieder, wie ein Kind, das man in den Schlaf wiegen will. Die Nacht war prachtvoll beleuchtet. Millionen von Sternen beglänzten den Waſſerſpiegel. Man hörte in der Ferne ein harmoniſches Getöne. In⸗ zwiſchen glitt das Boot unmerklich bis in die Mitte des Sees. Tief in ihren Mantel begraben, fuhr Ealiſte fort ganz leiſe ein eintöniges ukräniſches Klagelied zu ſingen. Armand ſtreckte ſich unter ihr aus und ſuchte einen Stützpunkt für ſeinen Kopf, welchen all⸗ mälig der Schlaf ſchwer machte. Sie gab ihm die dicken Falten des Burnus, der über ihre Füße hin⸗ ausragte. Dann erhob ſie ſich auf einen Ellbogen, beobachtete ihn mit ſeltſamer Seelenqual und ſchien zu warten, bis er die Augen ſchlöſſe. Es ſchlug elf auf den Thürmen von Fiumelate und von Varenna. Armand murmelte: Maguct, Herzensſchulden⸗ 20 „Elf Uhr!“ Und er ſchlief ein. Alsbald überzog Todesbläſſe die Wangen der Fürſtin, der Blitz erloſch plötzlich in ihren Augen, die ſich emporhoben, um die Barmherzigkeit Gottes anzuflehen. 3 Eine Stimme erweckte Armand. Es war der Schiffer, der den Vorhang auf ſeiner Seite lüftete und fragte, ob er noch weiter fahren oder umkehren ſolle. „Wie viel Uhr iſt es denn?“ fragte Armand. „Halb zwei.“ 4 „Sprich leiſer, Madame ſchläft.“ Armand ſah den großen Burnus über das Ver⸗ deck gebreitet; er glaubte daraus den leichten Athem ſeiner Freundin hauchen zu hören.. „Aber,“ dachte er auf einmal,„es iſt ungeſund unter dieſem kalten Himmel ſo zu ſchlafen. He da, wachen Sie auf, Caliſte! Munter, Schläferin! Sie müſſen eiskalt ſein.“ Keine Antwort. Er ſchüttelte die Falten des Mantels: der Stoff gab ohne Widerſtand nach und ſchmiegte ſich in ſeiner Hand... Der Mantel war leer! Armand ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus; er ſuchte unter dem Zelt, unter dem Verdeck, er ſuchte beim Schiffer; Nichts! Ein Angſtſchweiß überlief ſeinen Körper. Er rief Caliſte, er rief von Neuem... Nichts antwortete. Der Waſſerſpiegel lag endlos, ruhig und taub wie der Himmel vor ihm. 307 Armands Geſchrei und ſeine herzzerreißende Angſt führte den Schiffer herbei, der ebenfalls ſuchte und rief. Armand ſchwieg. Man ſah jetzt ein qualvolles Schauſpiel, einen Mann im Kampf mit dieſer grauen⸗ haften Verzweiflung. „Caliſte!“ wiederholte er ſich die Haare ausrau⸗ fend,„Caliſte! Caliſte!“ Ein Echo hallte dumpf. Wer weiß?... viel⸗ leicht das Echo der Ewigkeit! Als der Schiffer Armand auf die Kniee fallen, ins Waſſer ſchlagen und die Bretter des Bootes auf⸗ kratzen ſah, wurde er von namenloſem Mitleid er⸗ griffen und übernahm es ſeinen Herrn zu tröſten. Er brachte ihm die Idee bei, daß vielleicht, während ſie ſeither geſchlafen, ein anderes Schiff, ohne daß ſie es bemerkten, herangefahren und daß die Fürſtin hineingeſtiegen ſei, um Armand ein wenig ſuchen zu laſſen, zum Scherz. Zum Scherz, großer Gott! Dieſer Wahnſinn er⸗ reichte gleichwohl ſeinen Zweck, Armand klammerte ſich gleichwohl an dieſe monſtröſe Hoffnung an. „Schnell,“ ſagte er keuchend,„ſchnell, Freund Jeppo, nach Hauſe! nach Hauſe! Ja, Caliſte iſt in ein anderes Schiff geſtiegen! ja, ſie hat meine Zärt⸗ lichkeit auf die Probe ſtellen wollen. O! wie wird ſie jetzt ſehen, daß ich ſie liebe! Ol wie liebe ich Dich, Caliſte! Schnell, Jeppo, ſchnell!“ Und er begann zu lächeln und ſtreckte ſeine Arme zum Himmel empor. Würde dieſes Firmament Got⸗ tes im Sternenglanz funkeln, wenn es Caliſte hätte ſterben ſehen? Würde dieſer See auf ſolche Art ——ÿmömömöm ſchlafen, wenn er ſo viel Geiſt, Sanftmuth und Liebe verſchlungen hätte? Jeppo machte, über ſein Ruder hingebeugt, das ſchwere Fahrzeug fliegen. Man kam an. Armand rannte, flog. Niemand. Ohne Zweifel hatte ſich Caliſte in ihr Zimmer verſchloſſen, wo man ein Licht glänzen ſah. Er klopfte. Aber nein.. den Schlüſſel zu dieſem Zimmer hatte ja Caliſte beim Wegfahren ihm übergeben. Er zog ihn voll Schrecken heraus — ſeine Finger wurden eiskalt davon— und öffnete. Das Zimmer war leer, eine Kerze brannte auf dem Tiſch zu Ende, daneben lag ein entſiegelter Brief. Armand ergriff dieſes Papier, es war ſein Brief an Lucienne, Caliſte hatte darunter geſchrieben: „Mein Fräulein!. 3„Armand hatte mir eine Schuld bezahlt. Jetzt habe ich meinerſeits bezahlt. Er iſt frei. Schenken Sie ihm alles Glück, das er verdient. Jetzt bin ich ſicher, daß er mich immer lieben wird. „Caliſte, Fürſtin Nowratzin.“ Armand wollte dieſes Papier von Neuem an ſeine Augen führen, um es noch einmal zu leſen, um daran glauben zu können; aber er verlor das Bewußtſein und ſtürzte leblos zu Boden.- Endee. In unſerem Verlage find erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: Ausgemählte Werke von Alexander Dumas dem Jüngern. Deutſch von Dr. C. f. Grieb. Bis jetzt ſind erſchienen: Ein Frauenleben. 2 Bde. 22 Ngr. oder 1 fl. 6 kr. Diana von Lys.... 6 Ngr. oder— 18 kr. Drei ſtarke Männer.. 20 Ngr. oder 1 fl.— Sophie Printems. 2 Bde. 18 Ngr. oder— 54 kr. Indem wir hiemit der deutſchen Leſewelt in obiger Sammlung die vorzüglichſten Romane von Alexander Dumas dem Jüngern vorlegen, glauben wir darauf aufmerkſam machen zu müſſen, daß hier wirklich Außer⸗ gewöhnliches geboten wird. Dieſe Romane ſind pſycho⸗ logiſche Studien, denen wohl die franzöſiſche Literatur nichts Aehnliches an die Seite zu ſetzen hat. Hier ſind die geheimſten Falten des weiblichen Herzens blos gelegt mit einer Sicherheit und einer Wahrheit des Colorits, welche den Sohn ſeinem berühmten Vater als durchaus ebenbürtig erſcheinen laſſen. Unſere dentſche Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Uebertragung, ſchöne Ausſtattung und ſehr billigen Preis vortheilhaft aus. George Sand, Sämmtliche Romane. Jedes Bändchen koſtet 2 Ngr. oder 6 kr. rhein. und wird einzeln abgegeben. Bis jetzt ſind erſchienen: Johann 4 Bochn. Spirtdion. Mit dem Porträt der Berfaſerin 4 Conſnelo.. 15 Der Müller von Angibanlt 3 7 Iſidora und Teveriud...... 4 Gilberte 8 Lucrezia Floriani und der Teu els umwi Eine Dorfgeſchichte. 6 Der Piccinino..99 Bernhard......... 7 Novellet........ 21 Iſolde......... 8 Die kleine Fadette. 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Eine Fülle geſunden Humors, eine Wahrheit der Zeichnung und des Colorits, wie man ſie ſonſt nur bei Dickens findet, tritt dem Leſer auf jeder Seite entgegen. Aus dieſen Gründen ver⸗ dient er auch ein Liebling des deutſchen Leſepublikums zu werden. Unſere Ausgabe zeichnet ſich durch vor⸗ treffliche Ueberſetzung und außerordentliche Billigkeit aus und verdient daher vor allen andern den Vorzug. Thaddäus Koseinszko. Hiſtoriſcher Roman 8* von Heribert Rau. „* 3 Bde. eleg. geh. Thlr. 1. 24 Ngr. oder 3 fl. rhein. Es iſt wohl unbeſtritten, daß der Verfaſſer dieſes Romans einer unſerer beltebteſten Schriftſteller iſt. Haben doch ſeine Romane wie ſeine wiſſenſchaftlichen Werke in ganz Deutſchland, Ja⸗ſogar in Amerika großes Aufſehen gemacht, ſowie mehrere der letzteren in verſchiedene Sprachen überſetzt wurden. Unter dieſen zeichnet ſich vor allen das oben genannte Werk aus. Nicht nur daß die Waht des Helden eine ſehr glückliche genannt werden darf, da ſchon bei dem Namen Kosciuszko alle edleren Herzen dieſſeits und jenſeits des Oceans höher ſchlagen— es iſt dem Verfaſſer auch gelungen, die Schickſale deſſelben mit einer ſolchen Treue und doch zugleich poetiſchen Verklärung darzuſtellen, daß ſte uns bis zum letzten Momente feſſeln und zum imfigſten Mitgefühle hin⸗ reißen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. ſſſſſnſſnnſſnſ Nnrrraanaummmmmmnnan- 10 11 12 13 14 15 1 7 8 9