deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgahs eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.— 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3.. 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In⸗ deſſen unterhielt man ſich auch noch von einem Vierten, der ſonſt recht gern ſich im Munde der Menſchen wußte, unter dieſen Umſtaͤnden dagegen weit lieber uͤbergangen worden waͤre, von Don Rodrigo nehmlich. Man hatte freilich ſchon vorher von ſeinen Streichen geredet, es geſchah jedoch bloß in einzelnen, heimlichen Geſpraͤchen; zwei Menſchen mußten ſchon auf ſehr ver⸗ traulichem Fuße mit einander ſtehen, wenn ſie in dieſem Kapitel mit gegenſeitiger Offenherzigkeit ſich verſtaͤndigten. und auch dann legten ſie keinesweges die ganze Fuͤlle ihrer Empfindung in die Worte; denn ſobald der Unwille ſich nicht ohne große Gefahr Luft machen darf, ſo zeigen die Menſchen im Allgemeinen nicht bloß eine geringere Ent⸗ ruͤſtung, ſie empfinden ſie auch in der That. Wer haͤtte ſich aber jetzt enthalten koͤnnen, uͤber ein ſo geraͤuſchvolles Ereigniß, in welchem die Hand des Himmels ſichtbar ge⸗ waltet, und zwei ſolche Menſchen eine ſo glaͤnzende Rolle geſpielt, Fragen zu thun und Urtheile zu faͤllen? In dem III. 1 Einen des Paares erſchien die muthigſte Gerechtigkeitsliebe mit einem ſo erhabenen Anſehen gepaart, in dem Andern hatte die uͤbermaͤchtige Gewaltthaͤtigkeit perſoͤnlich ſich ge⸗ demuͤthigt, und der frevelhafte Trotz, die Waffen ſtreckend, ſich unterworfen. Neben ſolchen Muſtern ſchrumpfte Don Rodrigo ein wenig zuſammen. Ein Jeder begriff, was es heiße, die Unſchuld quaͤlen, um ſie entehren zu koͤnnen, und ſie mit einer ſo unverſchaͤmten Beharrlichkeit, mit ſo gewaltſamer Wildheit, mit ſo abſcheulichen Liſtgeſpinnſten zu verfolgen. Man ging bei dieſer Gelegenheit die uͤbri⸗ gen Feldzuͤge des Helden durch, und da der Einzelne mit Allen ſich der nehmlichen Meinung ſah, ſprach man furcht⸗ los aus, was man dachte. Man fuͤſterte einander zu, und ſtand in geſpraͤchigen Haufen beiſammen, hielt ſich aber noch immer weit vom Schuß; denn um den Mann ſtand nach wie vor eine Menge von bewaffneten Bravi. Ein großer Theil dieſes oͤffentlichen Tadels ſiel auf ſeine Freunde und Schmeichler. Der Herr Stadtvogt, der bei den Handlungen dieſes Tyrannen ſich ſtets taub, blind und ſtumm verhalten, erhielt ſeinen Tert geleſen; aber auch hier wagte man ſich nicht ganz offen heraus, der Herr Stadtvogt hatte ſeine Haͤſcher. Mit dem Doktor Knoten⸗ hauer, welchem bloß Geſchwaͤtz und Kabalen zu Gebote ſtanden, wie mit den uͤbrigen Schmeichelwuͤrmchen dieſer Art, ging man ſo ſcheuglimyflich nicht umz man wies mit Finger auf ſie hin, und warf ihnen ſcheele Blicke zu; das geſchah ſo nachdruͤcklich, daß ſie es fuͤr's Kluͤgſte hiel⸗ ten, dem Lichte der Welt eine Zeit hindurch ihre werthen Perſonen zu entziehen. Zu Boden geſchmettert von einer ſy ungeahnten Nach⸗ — richt, nachdem er von Tag zu Tag, von Augenblick zu Augenblick eine ganz andere erwartet, blieb Don Rodrigo zwei Tage hindurch, mit ſeinen Soͤldlingen allein, im Pal⸗ laſte verborgen, und kaute am giftigen Brocken; mit dem dritten Tage reiſte er nach Mailand ab. Haͤtte es ſich bloß um das Gemurmel der Leute gehandelt, ſo waͤre er viel⸗ leicht, da die Dinge doch einmal ſo weit gekommen, trot⸗ zend dort geblieben, und haͤtte nach einer Gelegenheit ge⸗ ſucht, an einem der Keckeſten fuͤr die uͤbrigen Alle ein Beeiſpiel ſeines ſtrafenden Grimmes aufzuſtellen; was ihn aber hinweg trieb, war die ſichere Kunde, daß der Kardinal auch nach jener Gegend ſich ſchon auf den Weg gemacht habe. Der Graf Oheim, der uͤber die ganze Geſchichte nicht mehr wußte, als er von Attilio erfahren, wuͤrde wahrſcheinlich darauf beſtanden haben, Don Rodrigo ſolle, bei dieſer Fuͤgung der Verhaͤltniſſe, dem Kardinal den er⸗ ſten Beſuch abſtatten, um von demſelben vor den Augen der Welt eine ausgezeichnete Aufnahme zu erhalten; wie er jetzt darauf rechnen durfte, braucht Keinem geſagt zu wer⸗ den. Der alte Herr wuͤrde darauf beſtanden haben, und haͤtte ſich bis auf's Kleinſte daruͤber Rechnung ablegen laſſen; denn die Gelegenheit war wichtig, man mußte ſe⸗ hen laſſen, welche Achtung die Familie bei einem Wuͤrden⸗ traͤger vom erſten Range genieße. Um ſich nun aus einem ſo verhaßten Gedraͤnge zu ziehen, verließ Don Rodrigo vor Sonnenaufgang ſein Bett, warf ſich in eine Kutſche, ließ ſich vom Grauen und von andern Bravi begleiten, gab Befehl, die uͤbrige Dienerſchaft ſollte nachkommen, zog wie ein Fluͤchtling ab, wie Catilina von Rom— wenn es er⸗ laubt iſt, unſre unbedeutenden Perſonen mit beruͤhmten Mu⸗ 1 ſtern zuſammen zu ſtellen— ſchnaubte voller Grimm, und ſchwur, er werde bald in einem andern Aufzuge zuruͤck kehren, und ſeine Rache ausfuͤhren. Waͤhrend deſſen durchreiſte der Kardinal das Gebiet von Lecco, und beſuchte taͤglich einen Kirchſprengel. An dem Tage, da er nach Luciens Dorfe kommen ſollte, hatte ſich ein großer Theil der Einwohner an die Straße ge⸗ ſtellt, und ſah ihm erwartungsvoll entgegen. Am Eingang des Dorfes, dicht neben dem Haͤuschen unſrer beiden Frau⸗ enzimmer, ſtand ein Siegesbogen, aus aufrechtſtehenden Pfaͤhlen und Queerbalken errichtet, mit Stroh und Moos bekleidet, geſchmuͤckt mit gruͤnen Zweigen von Myrten, Dorn und Stechpalmen, zwiſchen denen roͤthliche Beeren hervorblickten; die Vorderſeite der Kirche war mit Tape⸗ ten geziert, waͤhrend von jedem Fenſtergeſimſe ausgebreitete Bettdecken und Laken, ja ſelbſt Kinderwindeln, als Pracht⸗ behaͤnge aufgeſtutzt, herab flatterten; man that, was man konnte, um gut oder ſchlimm ein Schaugepraͤnge des Ueberfluſſes erſcheinen zu laſſen. Gegen Abend, zur Stunde, da Borromeo gewoͤhnlich anzulangen pflegte, machten ſich auch die Greiſe, die Frauen und vorzuͤglich die Kinder, welche bisher zu Hauſe geblieben, auf den Weg, und zogen theils in Reihen, theils in Haufen hin. An ihrer Spitze ſchritt Don Abbondio, die einzige Schattengeſtalt in die⸗ ſem feſtlichen Getuͤmmel; denn theils ſetzte ihn das Ge⸗ laͤrm außer Faſſung, theils umwimmelte ihn das Volk hin⸗ ten und vorn, und uͤberflorte ihm, wie er zu ſich ſelbſt ſagte, die Augen; theils marterte ihn auch heimlich der Ge⸗ danke, die Frauen koͤnnten geplaudert haben, und er werde uͤber die Vermaͤhluug Rechenſchaft ablegen muͤſſen. Da erſchien der Kardinal, oder richtiger, der Schwarm, unter welchem er in der Saͤnfte, von ſeinem Gefolge be⸗ gleitet, ſich befand; denn von dem ganzen Reiſezuge war nichts weiter als ein Zeichen in der Luft zu ſehen, hoch uͤber all den Koͤpfen ein Theil des Kreutzes, welches der Kapellan, auf einem Maulthiere ſitzend, in der Hand trug. Die Menge, ſo mit Don Abbondio ging, eilte ſtuͤrmiſch daher, mit dieſer zweiten ſich zu verbinden. Drei oder viermal ſagte der gedraͤngte Pfarrer:—„Langſam, huͤbſch in der Reihe! Was macht Ihr?“— wandte ſich dann aufgebracht, und rief, das ſey eine Babyloniſche Verwir⸗ rung, begab ſich in die Kirche, waͤhrend ſie noch menſchen⸗ leer war, und wartete dort die Ankunft des Erzbiſchofs ab. Der Kardinal naͤherte ſich, theilte mit der Hand ſei⸗ nen Segen aus, und empfing ihn aus dem Munde des Volkes, welches ſeine Begleiter nur mit Muͤhe entfernt halten konnten, zuruͤck. Denn als Dorfgenoſſen des geret⸗ teten Maͤdchens haͤtten ſich die Bauern gar gern mit au⸗ ßerordentlichen Ehrenbezeugungen gegen den Erzbiſchof ſe⸗ hen laſſen; das hielt aber ſchwer; uͤberall, wo er hinkam, ſtrengten Alle, nach altem Gebrauche, ihre Kraͤfte, wie moͤglich, an. Schon im Beginn ſeines biſchoͤflichen Amtes war bei dem erſten feierlichen Einzuge in den Dom das Gedraͤnge und das Nachſtroͤmen der Menſchen ſo ungeheuer, daß ſein Leben in Gefahr gerieth, und einige Edellente, die neben ihm ſtanden, die Schwerdter entbloͤßen mußten, um die Menge zu ſchrecken und zuruͤck zu treiben. So ſtuͤrmiſch und ordnungslos waren die Sitten jener Zeit, daß man bei Ehrenbezeugungen, welche ein Biſchof in der Kirche erhielt, die Ordnung faſt nur durch Todtſchlag er⸗ halten konnte. Und ſelbſt dieſe Schwerdter waͤren frucht⸗ los gezuͤckt worden, wenn nicht zwei Geiſtliche, ein Paar muthige und ruͤſtige Maͤnner, ihn auf die Schultern ge⸗ nommen, und von der Pforte des Tempels bis zum Fuße des Hochaltares hin getragen haͤtten. So oft er nachher ſeine biſchoͤflichen Beſuche machte, ließ ſich der erſte Ein⸗ tritt in die Kirche im Ernſt zu den Beſchwerlichkeiten ſei⸗ nes Hirtenamtes, ja bisweilen zu ſeinen uͤberſtandenen Ge⸗ fahren rechnen. Auch in dieſe Kirche trat er, ſo gut es ging; dann be⸗ gab er ſich nach dem Altar, verrichtete ein kurzes Gebet, und ſprach nach ſeiner Gewohnheit einige Worte mit den Umherſtehenden, wie er ſie liebe, wie ihr Wohlſeyn ihm am Herzen liege, und welche Vorbereitungen ſie fuͤr den morgenden Gottesdienſt zu treffen haͤtten. Sodann begab er ſich in das Haus des Pfarrers, theilte ihm Verſchiede⸗ nes mit, und erkundigte ſich unter Anderem nach Renzo's Karakter und Betragen. Don Abbondio nannte dieſen ei⸗ nen etwas lebhaften Kopf, welcher an Eigenſinn und Galle nicht eben zu kurz gekommen. Als aber die Fragen be⸗ ſtimmter klangen, und mehr in's Beſondere gingen, mußte er bekennen, es ſey ein wackerer Juͤngling, und er wiſſe ſich's gar nicht zu erklaͤren, wie er in Mailand zu den ver⸗ teufelten Abentheuern, mit denen man ſich truͤge, gekom⸗ men ſeyn muͤſſe. „Was aber das Maͤdchen betrifft,“ ſagte der Kardinal, „meint Ihr, daß ſie ſich jetzt ohne Bedenken wieder in ihr Haus begeben kann?“ „Fuͤr jetzt,“ antwortete Don Abbondino,„kann ſie kommen und bleiben, fuͤr jetzt, ſag' ich, wie ſie will; aber“ — fuͤgte er mit einem Seufzer hinzu—„dann muͤßten auch Eure erlauchte Gnaden immer in unſerm Dorfe hier, oder wenigſtens in der Nachbarſchaft, ſich aufhalten.“ „Der Herr iſt aller Orten nah,“ ſagte der Kardinal, „uͤbrigens werde ich darauf denken, ſie in Sicherheit zu bringen.“— Sodann gab er ſogleich Befehl, daß morgen fruͤh beizeiten die Saͤnfte mit einer Begleitung hinge⸗ ſchickt wuͤrde, um beide Frauen abzuholen. Don Abbondio ging ſehr zufrieden fort, daß der Kar⸗ dinal von dem Paare mit ihm geredet, ohne ihn mit der Frage, warum er ſie nicht habe trauen wollen, in die Enge zu treiben.— Er weiß alſo nichts— ſagte er zu ſich ſelbſt,— Agneſe hat reinen Mund gehalten, ein wahres Wunder! Man muß es freilich noch erſt abwarten; ich will ihr aber eine zweite Anweiſung geben.— Der arme Mann ließ ſich's nicht traͤumen, daß Borromeo ſich in dieſe Materie bloß darum nicht eingelaſſen, weil er bei freierer Zeit umſtaͤndlich mit ihm daruͤber zu ſprechen ge⸗ dachte, und ehe er ihm den verdienten Lohn gab, auch ſei⸗ nen Gruͤnden ein Ohr leihen wollte. Aber die Entwuͤrfe des redlichen Kirchenhorts⸗ um Lu⸗ eien unter zu bringen, waren bereits unndthig geworden; nachdem er ſie verlaſſen, hatten ſich Dinge ereignet, die unſre naͤchſten Blaͤtter berichten ſollen. In den wenigen Tagen, da die beiden Frauen unter dem gaſtfreundlichen Dache des Schneiders zugebracht, hatte jede von ihnen, ſo viel als moͤglich, ihrer alten ge⸗ wohnten Lebensweiſe ſich wieder zugewandt. Lucia hatte ſich ſogleich nach Arbeit umgeſehen, und wie ſie im Klo⸗ ſter gethan, naͤhte ſie auch hier, in ein kleines Kaͤmmerchen — 8— zuruͤckgezogen, fern vom Auge der Menſchen, fleißig fort. Agneſe ſtrich theils außer dem Hauſe herum, theils fuͤhrte auch ſie in Geſellſchaft der Tochter die ausbeſſernde Nadel. Geruͤhrte Zaͤrtlichkeit erfuͤllte ihre Geſpraͤche mit Betruͤb⸗ niß; Beide ſahen aͤngſtlich einer Trennung entgegen; denn das Lamm durfte nicht wieder heimkehren, nicht der Hoͤhle des Wolfs ſo nahe weilen. Wann aber und wie ſollte dieſe Trennung ihr Ende finden? Finſter und unerklaͤrlich ſtand die Zukunft vor ihnen da, vorzuͤglich fuͤr Eine von ihnen. Agneſe ſpann in der Stille ihre frohen Vermu⸗ thungen aus: Renzo wuͤrde, wenn ihm ſonſt kein Ungluͤck zugeſtoßen, doch endlich bald Nachricht von ſich geben muͤſ⸗ ſen; wenn er Arbeit und Anſtellung gefunden, wenn er— wie ließe ſich daran zweifeln?— ſeinem Entſchluſſe, mit Lucien ſich zu verheirathen, getreu bliebe, warum ſollte man nicht hingehen koͤnnen und wohnen, wo er ſich auf⸗ haͤlt?— Mit ſolchen Hoffnungen unterhielt ſie denn auch die Tochter gar oft; ob aber dieſe mehr Schmerz bei dem Anhoͤren oder mehr Pein bei dem Antworten empfand, laͤßt ſich kaum beſtimmen. Ihr großes Geheimniß hatte ſie noch immer verſchwiegen. Wohl fuͤhlte ſie ſich beunruhigt, mit einer ſo guten Mutter hinterliſtig zu verfahren, aber von der Schaam und von mannichfachen Bedenklichkeiten unuͤberwindlich zuruͤckgehalten, verſchob ſie den Augenblick der Eroͤffnung von einem Tage zum andern. Von den Plaͤnen der Mutter waren die ihrigen gar ſehr verſchieden, oder die Wahrheit geſprochen, es ſtanden ihr keine vor Au⸗ gen; ſie hatte ſich ganz und gar der Vorſehung uͤberlaſſen. So ſuchte ſie denn ſolch ein Geſpraͤch abzubrechen, oder in ein anderes Geleiſe zu bringen; in allgemeinen Ausdruͤcken erklaͤrte ſie, ſie hege keine Hoffnungen mehr, und ihr einzi⸗ ger Wunſch in dieſer Welt ſey, ſich mit ihrer Mutter recht bald fuͤr immer vereinigen zu koͤnnen; oft aber ſtellten ſich Thraͤnen zu gelegener Zeit ſtatt der Worte ein. „Weißt du, warum du dir das einbildeſt?“ ſagte Ag⸗ neſe.„Weil du ſo viel ausgeſtanden haſt; es kommt dir gar nicht wahrſcheinlich vor, daß Alles ſich wieder zum Guten wenden kann. Laſſ' aber den Herrn walten, und wenn... Es ſoll nur ein Sonnenſtrahl, ein einziger Son⸗ nenſtrahl ſich blicken laſſen, ſo wollen wir hoͤren, ob dir an Allem nichts mehr gelegen ita Lucia kuͤßte die Mutter, und weinte. Uebrigens hatte ſich zwiſchen ihnen und dem hausherr⸗ lichen Paare ſehr ſchnell eine innige Freundſchaft gebildet, und wo entſtaͤnde ſie herzlicher, als zwiſchen Wohlthaͤtern und Unterſtuͤtzten, wenn dieſe wie jene rechtliche Menſchen ſind? Agneſe plauderte mit der Hausfrau manche Stunde weg. Der Schneider gewaͤhrte ihnen mit Geſchichten und moraliſchen Erzaͤhlungen manche vergnuͤgliche Erbauung; bei Tiſche vorzuͤglich hatte er jederzeit etwas Artiges von Buovo d'Antona oder von den Vaͤtern der Wuͤſte zu erzaͤhlen. Wenige Miglien von dem Doͤrfchen lebte ein Paar von hohem Stande auf einem Landgute, Don Ferrante und Dame Praſſede,— der Familiennahme iſt auch hier, wie gewoͤhnlich, in der Feder unſres Anonymus ſte⸗ cken geblieben. Dame Praſſede war eine bejahrte Edelfrau, welche einen ziemlichen Hang zum Wohlthun hatte; iſt ſolch ein Hang der wuͤrdigſte, welchem der Menſch ſich zu uͤberlaſſen vermag, ſo kann er auch nur all zu ſehr, wie jeder andre, Unheil anrichten. Um Gutes zu thun, muß — 10— man es kennen; wie jedes andre Ding aber laͤßt es ſich nur, mitten in unſern Leidenſchaften, durch unſer Urtheil, durch unſre Vorſtellungen kennen lernen, und mit dieſen ſieht es nicht immer am Beſten aus. Mit den Vorſtellun⸗ gen hielt es Dame Praſſede, wie man es mit den Freunden halten muß; ſie hatte wenige, dieſen Wenigen dagegen war ſie von ganzem Herzen zugethan. Unter den Wenigen gab es zum Ungluͤck manchen verſchrobenen, und gerade zu die⸗ ſen war ihre Liebe nicht ſtiefmuͤtterlich. Sie ſetzte ſich da⸗ her als gut in den Kopf, was nicht gut warv; ſie ſuchte ihre Abſichten durch Mittel zu erreichen, welche gerade ei⸗ ne entgegengeſetzte Wirkung haben mußten, oder hielt fuͤr erlaubt, was keinesweges es war— von der luftigen An⸗ nahme geleitet, daß ein Menſch, der mehr als ſeine Schul⸗ digkeit thut, auch die Grenzen ſeiner Rechte uͤberſchreiten darf; es traf ſich nicht ſelten, daß ſie an einer Unterneh⸗ mung, was wirklich dabei vorhanden, nicht bemerkte, oder ſah, was nicht da war. Vieles dieſer Art begegnete ihr, was Allen, auch die Beſten nicht ausgenommen, begegnen kann; bei Dame Praſſede ereignete es ſich nur zu oft, und bisweilen alles auf ein Mal. Nachdem ſie Luciens großes Ereigniß erfahren, und ſich Alles hatte ſagen laſſen, was man bei dieſer Gelegen⸗ heit von dem jungen Maͤdchen einander erzaͤhlte, kam ihr die Neugier an, ſie zu ſehen; eine Kutſche mit einem alten Armbedienten langte an, um Mutter und Tochter abzuho⸗ len. Lucia fand kein Behagen daran, und bat den Schnei⸗ der, welcher die Nachricht brachte, auf eine Entſchuldigung zu ſinnen. So lange nur unbedeutende Leute ſich einge⸗ funden, um die Bekanntſchaft des Wundermaͤdchens zu — 11— machen, hatte der Schneider ihr jedesmal mit willigem Herzen dieſen Dienſt erzeigt; in dieſem Falle aber kam ihm eine Weigerung wie eine Art von Empoͤrung vor. Er machte ſo viele Verwunderungsgeſichter, erhob ein ſo nach⸗ druͤckliches Geſchrei, brachte ſo viele Gegengruͤnde vor— man benehme ſich nicht ſo; es ſey eine hohe Familie; vor⸗ nehme Herrn ſpeiſe man nicht mit Nein ab; es koͤnnte ihr Gluͤck ſeyn; die Dame Praſſede ſey, alles Andre bei Seite gelaſſen, auch eine Heilige— kurz, er ſetzte ſo viele Hebel in Bewegung, daß Lucia ſich endlich ergeben mußte; auch ließ es Agneſe bei all dieſen Gruͤnden an nachhelfenden Verſicherungen nicht fehlen. Bei der Dame angelangt, wurden ſie mit freundlichen Gruͤßen und Gluͤckwuͤnſchen uͤberhaͤuft. Sie fragte, ſie ertheilte ihren Rath; Alles mit einem gewiſſen angebore⸗ nen Uebergewicht, welches aber von ſo leutſeligen Ausdruͤ⸗ cken gemildert, von ſo lebhaftem Eifer annehmlicher ge⸗ macht, und von einem ſo geiſtlich frommen Weſen gewuͤrzt wurde, daß Agneſe auf der Stelle, Lucia allmaͤlig, ſich von ihrer aͤngſtlichen Ehrfurcht erholten, und die adlige Ge⸗ genwart gefaßter zu ertragen anfingen; ia ſie fuͤhlten bald zu der hohen Wirthin ſich hingezogen. Die Dame ver⸗ nahm, daß der Kardinal es uͤbernommen, fuͤr Lucien einen Zufluchtsort zu finden; es regte ſich der Wunſch in ihr, ei⸗ ne ſo edle Abſicht zu unterſtuͤtzen und ihr zuvor zu kom⸗ men; ſie erbot ſich, das Maͤdchen in ihr Haus aufzuneh⸗ men, woſelbſt ihre ganze Beſchaͤftigung nur im Naͤhen, Plaͤtten oder Spinnen beſtehen ſollte. Dem Erzbiſchof wuͤrde ſie Nachricht davon geben. Außer der unmittelbaren Wohlthat, die in einem ſol⸗ ————ÿ— 6. — 12— chen Werke lag, hatte Dame Praſſede noch eine andere im Sinne, welche, ihrer Anſicht nach, wohl noch gewichtiger war: ſie wollte einen Kopf zurechtſetzen, und eine Seele, die es noͤthig hatte, wieder auf die rechte Straße bringen. Denn ſeit ſie zuerſt von Lucien ſprechen gehoͤrt, hatte ſie ſich augenblicklich eingebildet, daß in einem Maͤdchen, wel⸗ ches ſich einem Erztaugenichts, einem gefaͤhrlichen Haͤndel⸗ ſtifter, kurz einem Galgenvogel verſprechen gekonnt, durch⸗ aus ein fehlerhafter Kern ſtecken muͤſſe. Sage mir, mit wem du umgehſt, und ich werde dir ſagen, wer du biſt. Luciens Beſuch hatte dieſe Einbildung beſtaͤtigt. Als ein gutes Maͤdchen erſchien ſie im Grunde der Dame aller⸗ dings, es ließen ſich aber hundert Dinge dabei erinnern. Daß ſie das Koͤpfchen immer ſenkte, und das Kinn faſt in die Kehlgrube druͤckte, daß ſie entweder gar nicht oder nur ſehr langſam, wie gezwungen, antwortete, das konnten die Zeichen der Schaamhaftigkeit ſeyn; indeſſen verrieth ſich in ihnen doch immer ein ſtoͤrriger Eigenſinn; es gehoͤrte wenig dazu, um zu errathen, daß dieſes Koͤpfchen ſeine ei⸗ genen Gedanken habe. Daß ſie uͤbrigens jeden Augenblick roth wurde, und Seufzer unterdruͤckte, geſiel der Dame eben ſo wenig als die beiden großen Augen, die von ſchwaͤrmeriſcher Gluth zu leuchten ſchienen. Als haͤtte ſie's aus den beſten Haͤnden, war es bei ihr ausgemacht, daß Luciens ganzes Mißgeſchick eine Strafe vom Himmel, weil ſie mit einem ſolchen Schurken verbunden— ein Finger⸗ zeig, daß man ſie von dieſem Menſchen losreißen muͤſſe. Sobald das feſt ſtand, nahm ſie ſich vor, den guten Zweck mit thaͤtigen Haͤnden zu erwirken. Denn da ihr ganzer Eifer, wie ſie ſich und Andern oft erklaͤrte, bloß auf die — 33— Forderung der himmliſchen Abſichten ſich erſtreckte, ſiel ſie leider oft in den ſchrecklichen Irrthum, ihr Gehirn mit dem Himmel zu verwechſeln. Indeſſen huͤtete ſie ſich wohl⸗ dieſe zweite Abſicht durch einen Wink zu verrathen; denn einer ihrer Grundſaͤtze lehrte, daß bei dem Wunſch, einen guten Plan gluͤcklich auszufuͤhren, in den meiſten Faͤllen die Hauptſache ſey, ihn durchaus nicht merken zu laſſen. Mutter und Tochter ſahen ſich an. Die ſchmerzliche Nothwendigkeit, von einander zu ſcheiden, ſtand ihnen vor den Augen; ſo ſchien denn Beiden der Vorſchlag hoͤchſt annehmlich, zumal wenn ſie die geringe Entfernung des Landgutes von ihrem Dorfe bedachten; ſie konnten ſich, wenn die Sache ſchlimm ausfiel, an einem Zwiſchenorte finden und ſprechen. Sobald die Eine der Anderen ihre Einwilligung angemerkt, wandte ſich das Paar zur Dame mit dem Danke, der ein Anerbieten ergreift. Von ihrer Seite erneuerten ſich Hoͤflichkeiten und Verſprechungen der Brief an Monſtgnore ſollte den Augenblick geſchrieben ſeyn. Die Frauen entfernten ſich, und Don Ferrante ſetzte den Brief auf; denn da er, wie wir ein ander Mal aus⸗ fuͤhrlicher berichten werden, ſich mit Gelehrſamkeit befaßte, war er bei wichtigen Angelegenheiten der Kanzleiſchreiber ſeiner Ehehaͤlfte. So ſetzte er denn auch hier ſeinen Gei⸗ ſtesfaͤhigkeiten angeſtrengt zu, uͤbergab ihr den Aufſatz zur Abſchrift, und legte ihr dabei mit gluͤhendem Eifer die Rechtſchreibung an's Herz; dieſe war eins von den vie⸗ len Dingen, die er erlernt, und eins von den wenigen, die ſeinem Gebote im Hauſe gehorchten. Die Abſchrift geſchah mit ſorgfaͤltigſter Gewiſſenhaftigkeit, und ward ſo⸗ dann zum Schneider hinuͤber geſchickt, damit ihn die — 14— Frauen dem Kardinal uͤberreichen koͤnnten. Dies begab ſich zwei oder drei Tage, ehe dieſer die Saͤnfte ſandte, welche das Paar nach dem heimathlichen Hauſe zuruͤck brachte. Als ſie anlangten, hatte ſich Borromeo noch nicht zur 2 Kirche begeben. Sie ſtiegen vor dem Pfarrhauſe ab; der Kapellan, welcher den Befehl hatte, ſie augenblicklich ein⸗ zufuͤhren, ſah ſie zuerſt, und that, wie ihm geboten worden; doch nahm er ſie unterweges in aller Geſchwindigkeit uͤber das Benehmen, wie die Gegenwart eines Kardinals es verlangte, und uͤber die Titel, die ihm gebuͤhrten, in die Schule; denn ſo oft er das nur heimlich thun konnte, un⸗ terließ er es nie. Die ſchlechtbehandelte Ordnung, welche hierin in der Umgebung des großen Erzbiſchofs herrſchte, kraͤnkte den guten Mann bis in die tiefſte Seele—„Al⸗ les,“ pflegte er zu ſeinen Dienſtgenoſſen zu ſagen,„Alles weil der gottſelige Mann gar zu herzensgut iſt, gar zu vertraulich ſich herablaͤßt.“— Er erzaͤhlte wirklich, mehr als ein Mal mit ſeinen eigenen Ohren es angehdet zu ha⸗ ben, wie ihm geantwortet worden:„Herr, jal oder„nein, Herr!“ Der Kardinal unterhielt ſich eben mit Don Abbondio uͤber Angelegenheiten des Kirchſprengels; ſo konnte dieſer nicht gleichfalls, wie er es gewuͤnſcht hatte, die Frauen in die Schule nehmen. Nur als er hinausging und ſie her⸗ eintraten, gab er ihnen im Voruͤberſtreifen durch einen Augenwink zu verſtehen, wie zufrieden er mit ihnen waͤre, und wie gut ſie thaͤten, im Seäliſcidergen ſo wacker fortzufahren. Nach hoͤfllichem Empfang von der einen und vielen — 15— Verneigungen von der andern Seite, zog Agneſe den Brief hervor, und uͤbergab ihn mit den Worten:„Er iſt von 3 der gnaͤdigen Frau Praſſede; ſie ſagt, ſie kenne Eure er⸗ auchte Gnaden, Monſignore, ſehr wohl; wie natuͤrlich die ehohen Herrſchaften immer mit einander Bekanntſchaft hal⸗ ten. Wenn Sie geleſen haben, werden Sie ſehen.“ „Gut,“ ſagte der Kardinal, nachdem er geleſen, und aus Don Ferrante's rhetoriſchen Blumen den Saft geſo⸗ gen hatte. Er kannte das Haus, und war uͤberzeugt, daß Lucia, in guter Abſicht eingeladen, vor der Liſt und der Gewalthaͤtigkeit ihres Verfolgers daſelbſt ſicher ſeyn wuͤrde. Was fuͤr einen Begriff er vom Kopfe der Dame Praſſede hatte, wiſſen wir nicht beſtimmt. Gewaͤhlt haͤtte er ſie vermuthlich nicht; es war aber ſeine Weiſe nicht, die An⸗ ordnungen Anderer, von denen eine Sache abhing, umzu⸗ geſtalten. „Rehmt auch dieſe Trennung und dieſe neue Unge⸗ wißheit in Frieden hin,“ ſprach er darauf;„ſeyd uͤber⸗ zeugt, ſie wird nicht lange waͤhren; das Ziel, welches Gott Euch beſtimmt, wird er Euch erreichen laſſen; ſein Wille aber, glaubet feſt, iſt auch der beſte.“ Lucien gab er in'sbeſondere manche liebevolle Erinne⸗ rung auf den Weg, troͤſtete dann Beide, ſegnete und ent⸗ ließ ſie. Bei'm Hinausgehen geriethen ſie in einen Schwarm von Freunden und Freundinnen, in die ganze Gemeinde, kann man ſagen, welche ſie erwartete, und wie im Siegeszuge nach ihrem Hauſe begleitete. Die Frauen alle wetteiferten im Gluͤckwuͤnſchen, im Bedauern und Fragen; jede gab laut ihr Mißbehagen zu erkennen, als ſie 6 hoͤrte, daß Lucia morgen ſchon wieder abreiſen wuͤrde. 8 1 6 — — 416— Die Maͤnner machten einander im Anbieten ihrer Dienſte den Vorrang ſtreitig; jeder wollte die Nacht uͤber als Wacht vor dem Hauſe ſtehen. Bei dieſer Gelegenheit ruͤckt unſer Autor mit einem Sprichwort hervor: ſollen ſich viele Arme zu Eurem Beiſtand erheben, ſagt er, ſo duͤrft Ihr bloß keinen noͤthig haben. So viele Liebesbezeugungen verwirrten Lucien, und brachten ſie ſchier außer Faſſung; genau genommen indeſ⸗ ſen thaten ſie ihr wohl, und zogen ſie ein wenig von den Gedanken nnd den Erinnerungen ab, welche mitten in dem Getuͤmmel bei dieſer Thuͤre ihres Hauſes, in dieſen ge⸗ wohnten Zimmern, bei'm Anblick eines jeden Gegenſtandes, nur all zu aͤngſtlich ihr auf's Herz ſielen. Mit dem Gelaͤute der Glocke, welche den Beginn des Gottesdienſtes verkuͤndigte, ſetzte ſich Alles nach der Kirche in Bewegung, und die Heimgekehrten erlebten einen zwei⸗ ten Siegeszug. Nach Beendigung des Gottesdienſtes kam Don Abbon⸗ dio heimgelaufen, um nachzuſehen, ob auch Perpetua zur Mittagsmahlzeit Alles gehdrig eingerichtet habe, hoͤrte aber, daß der Kardinal ihn zu ſprechen verlange. Sogleich eilte er nach dem Zimmer des hohen Gaſtes; dieſer ließ ihn naͤ⸗ her treten, und ſagte:„Herr Pfarrer“— der Ton dieſer Anrede verrieth den Beginn eines langen und ernſtlichen Geſpraͤches—„Herr Pfarrer, warum habt Ihr dieſe Lucia und ihren verſprochenen Braͤutigam nicht durch den eheli⸗ chen Segen verbunden?“ Die haben heut fruͤh den Sack ausgebeutelt!— dachte Don Abbondio, und erwiederte mit Worten, die halb in der Kehle ſtecken blieben:„Sie werden wohl,⸗ erlauchter — 17— Monſignore, von den Verwirrungen, ſo in dieſer Sache ſich ereignet, ſprechen gehoͤrt haben; das Ganze iſt eine ſolche Verwicklung, daß man auch dieſe Stunde noch kei⸗ nen klaren Blick hinein thun kann; wie Eure erlauchte Gnaden ſchon daraus ſehen koͤnnen, daß das Maͤdchen, nach ſo vielen Ereigniſſen, gleichſam durch ein Wunder hier iſt, und vom Aufenthalt des jungen Mannes gar nichts bekannt geworden. „Habt Ihr, frage ich, vor allen dieſen Ereigniſſen an dem beſprochenen Tage, als Ihr darum gebeten wurdet, Euch geweigert, die Trauung zu vollziehen? Und warum habt Ihr Euch geweigert?“ „Freilich wohl— wenn Eure erlauchte Gnaden wuͤßte, was fuͤr Vorſchriften, was fuͤr drohende Ermahnungen ich bekommen habe, mir kein Woͤrtchen entwiſchen zu laſſen..“ Ohne zu enden, ſtockte er mit einer Geberde, welche ehr⸗ furchtsvoll zu verſtehen gab, daß nur Unbeſcheidenheit mehr zu wiſſen verlangen koͤnne. „Aber,“ ſagte der Kardinal mit ungewoͤhnlichem Ernſte in Ton und Miene,„Euer Biſchof iſt's, der um ſeiner Pflicht und Eurer Rechtfertigung willen von Euch zu er⸗ fahren verlangt, warum Ihr nicht gethan, was unter ge⸗ woͤhnlichen Umſtaͤnden die Schuldigkeit erforderte.“ „Monſignore,“ erwiederte Don Abbondio, indem er ſich demuͤthig gleichſam verkuͤrzte,„ich habe ja nicht damit ſagen wollen... Weil es aber verwickelte, alte Geſchich⸗ ten ohne Heilmittel ſind, ſo ſchien's mir unnuͤtz, ſie wieder aufzuruͤhren. Jedoch, ſag' ich— ich weiß, Eure erlauchte Gnaden wollen Ihren armen Pfarrer nicht dem Verderben preis geben. Denn Sie ſehen wohl, Monſianore, Eure III. 2 elauchte Gnaden kann nicht aller Orten ſeyn, und ich bleibe hier im Feuer ſitzen... Inzwiſchen, wenn Sie es ſo befehlen, ſo will ich, ſo will ich Alles heraus ſagen.“ „Redet; ich will nichts weiter, als Euch ohne Schuld finden.”“ Nun machte ſich Don Abbondio an die Erzaͤhlung ſei⸗ ner Leidensgeſchichte. Doch unterdruͤckte er den vorzuͤg⸗ lichſten Namen, ſprach bloß von einem„großen Herrn,“ und folgte, ſo gut ſich's in dieſem Gedraͤnge thun ließ⸗ den Winken der Vorſicht. „Und habt Ihr keinen andern Beweggrund gehabt? fragte der Kardinal, nachdem er Alles ruhig angehoͤrt hatte. „Ich hab' mich vielleicht nicht deutlich genug ausge⸗ druͤckt,“ antwortete der Pfarrer,„bei Lebensſtrafe haben ſie mir verboten, das Paar zu trauen.“ „Und ſcheint Euch das ein hinreichender Grund, um eine vorgeſchriebene Schuldigkeit umgehen zu duͤrfen?“ „Meiner Schuldigkeit hab' ich immer Genuͤge zu lei⸗ ſten geſucht, auch wenn's mir herzlich ſauer wurde; aber wenn das Leben auf dem Spiel ſteht...“ und als Ihr Euch der Kirche vorgeſtellt habt,“ ſagte Borromeo mit noch ernſterem Tone,„um dieſes Amt zu erhalten, hat ſie Euch Buͤrgſchaft fuͤr Euer Leben geleiſtet? Hat ſie Euch geſagt, daß bei allen Pflichten Eures Amtes ſich durchaus kein Hinderniß, durchaus keine Gefahr finde? Oder daß die Pflicht etwa aufhoͤre, wo die Gefahr beginnt? Hat ſie Euch nicht vielmehr das Gegentheil verkuͤndet? Daß ſie Euch wie ein Lamm unter die Woͤlfe ſchickt? Wußtet Ihr nicht, daß es gewaltthaͤtige Boͤſewichter giebt, — 19— denen mißfallen koͤnnte, was Euch gerade geboten worden? Er, deſſen Lehre und Beiſpiel uns leitet, nach deſſen Vor⸗ bilde wir uns Hirten nennen, hat er etwa, da er zur Erde hernieder ſtieg, um ſein Amt zu verwalten, die Sicherheit des Lebens zu ſeiner Bedingung gemacht? Setzte er die heilige Salbung, das Auflegen der Haͤnde, die Vorzuͤge des Prieſterthums feſt, um auf Koſten der Menſchenliebe und der Pflicht dieſes irdiſche Leben auf einige Tage zu friſten? Schon das weltliche Leben gewaͤhrt dieſe Tugend, lehrt dieſe Lehre. Was ſage ich? O Schande! Die Welt ſelbſt belegt Euch mit Schmach. Auch die Welt hat ihre Geſetze, die das Gute wie das Böoͤſe beſtimmen, hat gleich⸗ falls ihr Evangelium, darin Stolz und Haß bezeichnet ſtehn; auch ſie erkennt in der Liebe zum Leben keinen Beweg⸗ grund, um ihre Gebote zu uͤberſchreiten. Sie will es nicht, und findet Gehorſam. Und wir, wir Soͤhne und Prediger der Verheißung! Wie ſtaͤnde es um die Kirche, wenn Euer Geſchwaͤtz da die Sprache aller Eurer Amtsgefaͤhrten waͤre? Wo ſtaͤnde ſie, wenn ſie mit ſolchen Lehren auf Erden auf⸗ getreten waͤre?“ Don Abbondio hielt ſein Haupt geſenkt; ſein Geiſt ſchwebte unter den Beweisgruͤnden des Biſchofs, wie ein Huͤhnchen in den Klauen des Geyers, welcher es in eine unbekannte Gegend, in eine nie geathmete Luft mit empor geriſſen. Etwas, ſah er wohl, mußte geantwortet werden; er aͤußerte daher mit einer unentſchloſſenen Ergebung: „Monſignore, ich habe Unrecht. Wenn das Leben in keine Rechnung dabei kommt, ſo weiß ich nicht, was ich ſagen ſoll. Wenn man aber mit gewiſſen Leuten zu thun hat, mit Maͤchtigen, die von keinen Gegengruͤnden wiſſen wol⸗ — 20— len, ſo ſeh' ich nicht ein, was man damit gewinnen koͤnnte, auch wenn ſich Einer entſchloͤſſe, den Helden zu ſpielen. Der Edelherr iſt von der Art, daß ſich weder an Kampf noch an Uebereinkunft mit ihm denken laͤßt.“ „Wißt Ihr denn nicht, daß im Leiden um der Ge⸗ rechtigkeit willen unſer Sieg beſteht? Wißt Ihr nicht, was Ihr ſelbſt prediget? Was lehret Ihr denn? Welches iſt denn die gute Kunde, ſo Ihr den Armen verheißet? Wer verlangt von Euch, daß Ihr Gewalt mit Gewalt zuruͤck⸗ treibet? Wahrlich, man wird Euch eines Tages nicht fra⸗ gen, ob Ihr die Maͤchtigen zur Rechenſchaft zu zwingen verſtanden habt; dazu ward Euch weder Auftrag noch Mit⸗ tel gegeben. Wohl aber wird man Euch fragen, ob Ihr die Mittel angewandt, und der Vorſchrift Genuͤge zu lei⸗ ſten verſucht habt, auch wenn Jene verwegen genug gewe⸗ ſen, es Euch zu unterſagen.“ Was ſind doch dieſe Heiligen wunderlich!— dachte Don Abbondio dabei— wenn man' bei Lichte beſieht, liegt ihnen die Liebſchaft eines jungen Paares ernſtlicher als das Leben eines armen Prieſters am Herzen.— Sei⸗ nerſeits haͤtte er ſich vollkonnnen beruhigt, wenn das Ge⸗ ſpraͤch hiermit zu Ende geweſen waͤre; er ſah aber den Kardinal, ſo oft er ein wenig einhielt, eine Antwort er⸗ warten, ein Geſtaͤndniß, eine Selbſtvertheidigung, kurz ir⸗ gend einen Laut aus dem Munde des Gegners. Ich wiederhole, Monſignore,“ erwiederte er endlich, ich habe Unrecht. Den Muth, den kann ſich Keiner geben.“ „Warum habt Ihr Euch alſo, koͤnnte ich fragen, zu einem Amte verpflichtet, welches Euch gebietet, den Leiden⸗ ſchaften der weltlichen Menge geruͤſtet entgegen zu treten? Faͤllt Euch aber nicht ein, daß wenn zu dieſem Amte der noͤthige Muth Euch gebricht, der Herr ihn unfehlbar Euch verleihen wird, ſobald Ihr deßhalb mit bruͤnſtigem Gebet Euch an ihn wendet? Glaubt Ihr, daß alle die Tauſende von Maͤrtyrern mit angeborenem Muthe gewaffnet waren? Daß ſie von ſelbſt immer das Leben geringe achteten? So viele Juͤnglinge, die ſo eben es zu genießen angefangen, ſo viele bejahrte Maͤnner, die uͤber das nahende Ende deſ⸗ ſelben ſich zu beklagen pflegten, ſo viele Maͤdchen, ſo viele Muͤtter? Alle beſaßen Muth; denn Muth war noͤthig, ſie aber waren ſtark im Glauben. Da Ihr Eure Schwaͤche und Eure Pflichten kanntet, habt Ihr daran gedacht, Euch fuͤr die ſchweren Schritte, die eintreten konnten, und wirk⸗ lich eingetreten, vorzubereiten? Wenn Ihr waͤhrend der vielen Jahre Eures Hirtenamtes Eure Heerde geliebt, wenn ſie Euer Herz erfuͤllt hat, Eure Sorge und Eure Luſt geweſen, o, ſo durfte Euch der Muth im Falle der Noth nicht fehlen; die Liebe iſt unerſchrocken. Wenn Ihr ſie alſo liebtet, die Eurer geiſtlichen Sorgfalt anvertraut, die Ihr ſelbſt Eure Kinder nennet, und ſahet zwei unter ihnen mit Euch zugleich bedroht, wahrlich, wie die Schwaͤche des Fleiſches um Euretwillen Euch in Schrecken ſetzte, haͤtte Euch die Liebe um ihretwillen zittern gemacht. Ihr haͤttet Euch wegen jener erſten Furcht gedemuͤthigt, weil ſie eine Wirkung Eures Elends; Ihr haͤttet um die Kraft gefleht, ſie zu beſiegen und zu verſcheuchen, weil ſie eine Verſuchung; die heilige, edle Liebe zum Naͤchſten aber, zu Euren Kindern, ſie haͤttet Ihr angehoͤrt, ſie haͤtte Euch keine Ruhe gelaſſen, haͤtte Euch geſpornt und gezwungen, — 22— nachzudenken und Euer Moͤglichſtes zu thun, um die Ge⸗ fahr, welche ihnen drohte, abzuwenden... Was hat Euch nun die Furcht, die Liebe eingegeben? Was habt Ihr fuͤr ſie gethan? Was habt Ihr erſonnen?“ Esr ſchwieg, und wartete auf Antwort. Zweites Kapitel. Don Abbondiv hatte ſich nur gefaßt gemacht, auf all⸗ gemeine Vorſtellungen zu antworten; nach einer ſolchen Frage ſaß er daher ſprachlos da. Und wahrlich, auch wir, die wir, mit unſrem Manuſkripte vor uns und mit der Fe⸗ der in der Hand, nur gegen Redensarten es aufzunehmen haben, und nur die Beurtheilungen unſerer Leſer zu fuͤrch⸗ ten brauchen, auch wir ſtraͤuben uns hier gewiſſermaßen bei dem Fortfahren in unſerer Erzaͤhlung. Es kommt uns ſeltſam vor, ſo viele ſchoͤne Anweiſungen zur Beherztheit und zum Mitleiden, zur bekuͤmmerten Geſchaͤftigkeit fuͤr Andre und zur unbegrenzten Aufopferung ſeiner ſelbſt, mit ſo geringer Muͤhe an des Tages Licht zu foͤrdern. Wir bedenken aber, daß es Worte eines Mannes waren, welcher ſie durch ſeine Handlungen bewaͤhrte, und ſo ſchreiten wir in unſrem Berichte muthig fort. „Ihr antwortet nicht?“ fragte Borromeo.„O wenn Ihr Eurerſeits gethan haͤttet, was Mitleid und Pflicht ge⸗ boten, ſo waͤret Ihr, wie es auch immer ausgefallen, um keine Antwort verlegen. Ihr ſeht alſo ſelbſt, was Ihr ge⸗ than habt. Ihr habt der Ungerechtigkeit Gehorſam gelei⸗ ſtet, und die Vorſchriften der Pflicht unbeachtet gelaſſen. Euer Gehorſam war puͤnktlich; die Ungerechtigkeit zeigte ſich Euch nur, um Euch ihren Wunſch mitzutheilen; dem Schlachtopfer, das ſich zuruͤckziehen und in Sicherheit ver⸗ ſetzen konnte, wollte ſie verborgen bleiben; nicht zu den Waffen mochte ſie greifen; die Plaͤne ihrer Liſt und ihrer Gewalt nach Bequemlichkeit zur Reife zu bringen, ſchien ihr das Geheimniß zutraͤglich; ſie befahl Euch die Ueber⸗ ſchreitung Eurer Pflicht und das Stillſchweigen; Ihr uͤberſchrittet Eure Pflicht, und ſchwiegt. Nun frage ich Euch, ob Ihr nicht mehr gethan habt? Ihr werdet mir ſagen, ob Ihr fuͤr Eure Weigerung, um den wahren Grund nicht enthuͤllen zu muͤſſen, einen Vorwand aus der Luft gegriffen habt.“ Auch das haben ihm die Klatſchmaͤuler geſtochen!— dachte der Pfarrer. Kein Laut aber verrieth, daß er eine Antwort zu geben wiſſe, und ſo fuhr der Kardinal fort: „Wenn Ihr alſo die armen Leute, um ſie in der Unwiſſen⸗ heit, in dem Dunkel zu erhalten, darin der Frevler ſie wuͤnſchte, mit nicht vorhandenen Schwierigkeiten zuruͤck⸗ geſchreckt habt... Ich muß es alſo glauben; es bleibt mir alſo nichts uͤbrig, als mit Euch zu erroͤthen, und zu hof⸗ fen, Ihr werdet mit mir daruͤber weinen. Ihr ſeht, wo⸗ hin Euch dieſe Bekuͤmmerniß um das zeitliche Leben gefuͤhrt hat— guter Gott! ſo eben habt Ihr ſie noch als eine Rechtfertigung angefuͤhrt— ſie hat Euch.. beſtreitet frei meine Worte, wenn ſie Euch ungerecht ſcheinen; nehmt ſie in heilſamer Demuth hin, wenn ſie es nicht ſind... ſie hat Euch verleitet, die Schwachen zu taͤuſchen und Eure Kin⸗ der zu beluͤgen.“ DSo pflegt's zu gehen— dachte Don Abbondio. Mit — 21— dem Satanas— er meinte den Ungenannten— küuͤßt er und herzt er ſich; mir, weil ich eine halbe Luͤge geſagt, bloß um meiner Haut mich zu wehren, ſetzt' er die Hoͤlle in den Kopf. Ein Vorgeſetzter aber hat immer Recht. Es bringt's einmal mein Stern ſo mit ſich, daß mir Alle zu Leibe gehen; ſogar die Heiligen.— Laut ſagte er dann: „Ich habe gefehlt, ich ſeh' es ein; was haͤtt' ich aber in ſolch einer Klemme anſtellen ſollen?“ „Ihr fraget noch? Hab' ich's Euch nicht ſchon ge⸗ ſagt? Mußt' ich's Euch erſt ſagen? Lieben, Freund, lieben und beten. Dann haͤttet Ihr empfunden, daß die Unge⸗ rechtigkeit wohl Drohungen, um zu ſchrecken, und Streiche, um ſich zu raͤchen, hat, nimmer aber befehlen kann; Ihr haͤttet nach dem Geſetze des Herrn vereinigt, was der Menſch trennen wollte; Ihr haͤttet der ungluͤcklichen Un⸗ ſchuld den Dienſt geleiſtet, welchen ſie mit Recht von Euch begehrte; uͤber die Folgen haͤtte Gott als Buͤrge gewacht, denn nach ſeinem Gebote waͤre gehandelt worden; einem andern Gebote gehorchend, habt Ihr Euch ſelbſt zum Buͤr⸗ gen gemacht— die Folgen, und welche Folgen! ſind Euer Werk. Wolltet Ihr Euch aber umſehen, nachdenken, ſu⸗ chen, wuͤrde es denn an allen menſchlichen Huͤlfsmitteln gefehlt haben, haͤtte ſich kein einziger Weg der Rettung aufgethan? Jetzt koͤnnt Ihr wiſſen, daß dieſe Armen nach ihrer Vermaͤhlung auf die Flucht gedacht, daß ſie bereit geweſen, ſich aus dem Angeſichte des Maͤchtigen zu entfer⸗ nen, und den Ort ihrer Zuflucht bereits feſtgeſetzt hatten. Aber auch ohne dieß, ſiel Euch nicht ein, daß Ihr einen Vorgeſetzten hattet? Mit welcher Stirne duͤrfte er Euch um die Verſaͤumung Eurer Pflicht Verweiſe geben, wenn 8 — 25— er nicht verbunden waͤre, bei der Beobachtung derſelben Euch huͤlfreiche Hand zu leiſten? Warum gabt Ihr Eurem Biſchof von dem Hinderniß, welches Euch eine verruchte Gewaltthaͤtigkeit bei der Ausuͤbung Eures Amtes in den Weg ſtellte, nicht die mindeſte Nachricht?“ Perpetua's Vorſchlag!— dachte Don Abbondio aͤr⸗ gerlich. Was ihm waͤhrend dieſer Rede weit lebhafter vor Augen ſtand, waren die Geſtalten jener Bravi, war der Gedanke, daß Don Rodrigo, wohlbehalten und lebend, heut oder morgen ruhmvoll, ſiegreich und wuthſchnaubend zuruͤckkehren wuͤrde. Obgleich alſo die Wuͤrde des Bi⸗ ſchofs, ſein Anblick und ſeine Sprache, ihn verwirrt machten, und ihm Furcht einfloͤßten, ſo war es doch immer eine Furcht, die ihn nicht gaͤnzlich unterjochte, und den Gedanken nicht wehrte, ſich zu widerſetzen; das vorzuͤg⸗ lichſte Gegenwicht aber war, daß am Ende der Kardinal doch weder mit Flinten, noch mit Schwerdtern oder Bravi zu Werke ging. „Wie dachtet Ihr denn gar nicht daran,“ fuhr dieſer fort,“ daß bei'm Verſagen aller Huͤlfsmittel fuͤr dieſe un⸗ ſchuldigen Verfolgten ich doch vorhanden war, um ſie auf⸗ zunehmen und in Sicherheit zu bringen, ſobald Ihr ſie mir zugeſandt, einem Biſchof als Verlaſſene zugeſandt, als ſein Eigenthum, als einen koſtbaren Theil ſeines Amtes und ſeiner Schaͤtze? Und was Euch betrifft, haͤtte ich es an Sorgfalt nicht fehlen laſſen; nicht ſchlafen haͤtte ich duͤr⸗ fen, ehe ich mich verſichert, daß Euch kein Haar gekruͤmmt werden konnte. Beſaͤße ich denn keine Mittel, keinen Schutzort, um Euer Leben zu ſchirmen? Und jener kuͤhne Menſch, meint Ihr, er wuͤrde ſeine Frechheit nicht herab⸗ — 26— geſtimmt haben, ſobald er wußte, daß ſeine Umtriebe auch außerhalb, auch mir bekannt, daß ich wachte und ent⸗ ſchloſſen waͤre, von allen Mitteln, die mir zu Gebote ſte⸗ hen, fuͤr Eure Vertheidigung Gebrauch zu machen? Wenn der Menſch nur allzuoft verſpricht, was er nicht halten kann, ſo droht er auch nicht ſelten mehr, als er auszufuͤh⸗ ren geſonnen iſt; wußtet Ihr das nicht? Wußtet Ihr nicht, daß die Ungerechtigkeit nicht bloß auf ihre eigenen Kraͤfte, ſondern auch auf die leichtglaͤubige Zaghaftigkeit Anderer baut?“ Genau Perpetug's Art zu reden— dachte. Don Abbon⸗ dio, und ſah nicht ein, wie dieſe Begegnung ſeiner Haus⸗ haͤlterin und des Kardinals, in Betracht deſſen, was er haͤtte thun koͤnnen und muͤſſen, bedeutungsvoll gegen ihn zeugte. „Ihr aber,“ nahm der Kardinal wieder das Wort, „ihabt nichts geſehen, nichts ſehen wollen, als Eure zeit⸗ liche Gefahr; wie rieſenhaft und wunderbar mußte ſie Euch doch vor Augen ſtehen, daß Ihr alles Andre daruͤber in keine Erwaͤgung zogt!“ S iſt bloß, weil ich die entſetzlichen Geſichter geſe⸗ hen,“ lautete die Antwort, welche dem Pfarrer entwiſchte, „weil ich dergleichen Worte mit eigenen Ohren gehoͤrt habe. Eure erlauchte Gnaden ſprechen fuͤrtreflich; Sie muͤßten Sich aber einmal an der Stelle eines armen Pfar⸗ rers befinden, und ſo vor'm Schuß ſtehen.“ Kaum hatte er die Worte hrrvorgebracht, ſo biß er ſich in die Zunge; er fuͤhlte, daß er auf den Wogen des Aergers zu weit mit fort geſchwommen, und ſagte ſich: Nun kommt der Hagelſchlag!— Indem er aber zweifel⸗ — 27— voll den Blick erhob, ſah er mit Erſtaunen den Mann, welchen er niemals errieth oder begriff, vom ſtrafenden Ernſte des Uebergewichts zur ſtillen gedankenvollen Zerknir⸗ ſchung uͤbergehen. „Nur allzuwahr!“ ſagte Borromeo,„ſo bringt es un⸗ ſre elende und ſchreckliche Lage mit ſich. Wir ſind ge⸗ zwungen, von Andern ſtrenge zu erheiſchen, was wir viel⸗ leicht zu gewaͤhren nicht bereit ſind; wir muͤſſen richten, beſſern und tadeln, und Gott weiß, was wir im nehmli⸗ chen Falle thun wuͤrden, in aͤhnlichen Faͤllen gethan haben. Weh aber, wenn ich meine Schwaͤche zum Maaße fuͤr die Pflichten Anderer, zur Richtſchnur bei meiner Weiſung nehmen muͤßte! Und doch muß ich, außer der Lehre, An⸗ dern auch das Beiſpiel geben, nicht aber dem Phariſaͤer gleichen, der ſeinen Mitbruͤdern unertraͤgliche Laſten auf⸗ erlegt, und ſelbſt ſie mit dem Finger nicht einmal beruͤh⸗ ren moͤchte. Gut alſo, mein Sohn und Bruder; da die Irrthuͤmer der Vorgeſetzten den Andern oft beſſer bekannt als ihnen ſelbſt, ſo ſagt mirs freimuͤthig, fuͤhrt mirs zu Gemuͤthe, wenn Ihr wißt, daß ich aus Kleinherzigkeit, aus irgend einer Ruͤckſicht meine Schuldigkeit hintangeſetzt habe; wo ich als Muſter mich vergeſſen, ſoll das Geſtaͤnd⸗ niß wenigſtens nicht ausbleiben. Haltet mir furchtlos meine Schwaͤchen vor; dann werden die Worte in meinem Munde eine groͤßere Kraft erlangen, Ihr werdet lebhafter empfinden, daß ſie nicht mir gehoͤren, ſondern Ihm, der Euch und mir die noͤthige Kraft verleihen kann, um zu handeln, wie dieſe Worte gebieten.“ O was fuͤr'n heiliger Mann!— dachte Don Abbon⸗ dio.— Das heißt aber ſich quaͤlen! Auch uͤber ſich ſelber! — 28— Wenn er nur herumſtoͤbern, aufwuͤhlen, pruͤfen, erforſchen kann, betraͤf's auch ihn ſelber.— Darauf ſagte er laut: „O Monſignore, Sie ſcherzen! Wer kennt nicht Eurer er⸗ lauchten Gnaden ſtarkes Gemuͤth und unerſchuͤtterlichen Eifer?“— Im Herzen fuͤgte er hinzu: Nur zu ſehr!— „Ich heiſchte kein Lob von Euch, vor welchem ich er⸗ zittere,“ ſagte Borromeo;„Gott kennt meine Gebrechen, und was ich ſelbſt davon empfinde, reicht hin, um mich zu Boden zu ſchlagen. Ich wollte aber, daß wir uns vor ihm mit einander demuͤthigten, um mit einander im Glauben zu erſtarken. Zu Eurem Heile wollt' ich, daß Ihr em⸗ pfaͤndet, wie Euer Betragen geweſen, wie Eure Sprache dem Geſetze/ das Ihr prediget, und nach dem Ihr gerich⸗ tet ſollt werden, zuwider geklungen.“ „Alles waͤlzt ſich auf mich!“ rief Don Abbondio. „Aber dieſe Leute, die uͤber mich Beſchwerde gefuͤhrt, haben Ihnen nicht geſagt, daß ſie verraͤtheriſcher Weiſe in mein Haus gebrochen, um mich zu uͤberraſchen, und eine Trau⸗ ung gegen die Regel zu erzwingen.“ „Sie haben es geſagt, Freund. Aber das betruͤbt mich, das beſtuͤrzt mich eben, daß Ihr noch Euch zu entſchuldi⸗ gen wuͤnſchet, durch Anklagen Euch zu entſchuldigen denkt, daß Ihr Andern zur Laſt leget, was ein Theil Eures Geſeaͤndniſſes ſeyn ſollte. Wer hat ſie in die Nothwendig⸗ keit, in die Verſuchung wenigſtens gebracht, zu thun, was ſie gethan? Haͤtten ſie dieſen unerlaubten Weg geſucht, wenn der geſetzmaͤßige ihnen nicht verſchloſſen geweſen? Haͤtten ſie daran gedacht, den Hirten zu hintergehen, wenn er ſte mit offenen Armen empfangen, mit Nath und That unterſtuͤtzt haͤtte? Wuͤrden Sie ihn uͤberraſcht haben, wenn — — 29— er nicht liſtig ſich verſteckt haͤtte? Und ihnen gebt Ihr die Schuld? Es kraͤnkt Euch, daß ſie nach ſo vielem Elend, mitten im Elend, in einem Worte gegen ihren und Euren Hirten ſich Luft gemacht? Die Klage des Unterdruͤckten, der Wehruf des Betruͤbten moͤge der Welt verhaßt ſeyn, es iſt einmal ſo; aber wir! Was haͤtt' es Euch gefrommt, wenn ſie geſchwiegen? Staͤnd' es beſſer um Euch, wenn ihre Sache ganz und gar vor Gottes Richterſtuhl gelangt waͤre? Habt Ihr nicht, neben ſo vielen andern, eine neue Urſache, dieſe Leute zu lieben, da ſie Euch Gelegenheit verſchafft haben, die aufrichtige Stimme Eures Hirten zu hoͤren, da ſie Euch Mittel gewaͤhrt haben, die große Schuld, durch welche Ihr ihnen verpflichtet ſeyd, beſſer zu erkennen und zum Theil abzutragen? Wenn ſie Euch gereizt, beleidigt, gequaͤlt haͤtten, wuͤrde ich Euch ſagen— und muͤßt ich es erſt Euch ſagen?— Ihr ſollt ſie eben deßwegen lieben. Liebet ſie, weil ſie gelitten haben, weil ſie leiden, weil ſie die Eurigen und ſchwache Huͤlfloſe ſind, weil Ihr einer Verzeihung beduͤrfet, die Ihr am beſten durch die Fuͤrbitte dieſer Leute erlangen koͤnnet.“ Don Abbondio ſchwieg, aber nicht mehr unwillig und unuͤberzeugt; ſein Schweigen verrieth, daß er mehr zu den⸗ ken als zu ſagen hatte. Die Worte, ſo er vernahm, be⸗ ſtanden in unerwarteten Folgerungen und neuer Anwen⸗ dung; die Lehre aber, die ihnen zum Grunde lag, war alt, und auch in ſeinem Geiſte niemals beſtritten. Das Un⸗ gluͤck ſeiner Mitmenſchen, von deſſen Erwaͤgung ihn im⸗ mer die Furcht vor ſeinem eigenen abgezogen, machte jetzt einen ganz neuen Eindruck auf ihn. Und wenn er auch nicht all die Reue empfand, welche die Predigt in ihm er⸗ — 30— wecken ſollte— denn die Furcht ſpielte, noch immer ge⸗ genwaͤrtig, den heimlichen Sachwalter— ſo empfand er doch Reue; er mißfiel ſich ſelbſt, er bemitleidete die An⸗ dern, und ſah ſich von zaͤrtlichen Gefuͤhlen und Verwir⸗ rung uͤberraſcht. Er glich, wenn man das Bild gelten laͤßt, dem feuchten ausgedruͤckten Dochte eines Lichtes, wel⸗ cher, an die Flamme einer großen Fackel gehalten, anfangs dampft, kniſtert, ſpritzt und nicht fangen will, endlich aber ſich entzuͤndet, und, gut oder ſchlecht, brennt. Ohne den Gedanken an Don Rodrigo haͤtte er laut ſich angeklagt und geweint; dennoch verrieth er Ruͤhrung genug, daß der Kardinal keine gaͤnzliche Wirkungsloſigkeit ſeiner Worte zu befuͤrchten hatte. „Jetzt iſt der eine Fluͤchtling fern von ſeinem Hauſe“ fuhr dieſer fort,„die Andre im Begriff, es zu verlaſſen; Beide haben Urſache genug, ſich entfernt zu halten; keine Wahrſcheinlichkeit, daß ſie hier ſich jemals zuſammenfin⸗ den, falls Gott, ſie zu vereinigen, beſchloſſen hat; jetzt be⸗ duͤrfen ſie Eurer nur zu wenig, habt Ihr nur zu wenig Gelegenheit, ihnen Gutes zu erweiſen, und unſer Blick in die Zukunft kann keine muthmaßen. Wer weiß aber, ob der Gott des Erbarmens ſie Euch nicht bereitet? Laſſet ſie nicht voruͤber gehen; ſuchet ſie auf, ſpaͤhet danach, betet zu ihm, daß er ſie herbei fuͤhren wolle.“ „Ich werde nicht ermangeln, Monſignore,“ verſicherte Don Abbondio, und ſeine Stimme gab zu erkennen, daß die Worte vom Herzen kamen,„wahrhaftiglich, ich werde nicht ermangeln.“ „Wohl, Freund, wohl!“ rief Borromeo, und ſchloß mit wuͤrdevoller Leidenſchaftlichkeit:„Weiß der Himmel, —— ich haͤtte ein ganz anderes Geſpraͤch mit Euch zu halten gewuͤnſcht. Wir haben Beide ſchon viel gelebt; der Herr iſt mein Zeuge, ob es mir ſchwer geworden, Euer graues Alter mit Verweiſen betruͤben zu muͤſſen; wie weit lieber ich mich mit Euch uͤber unſre gemeinſchaftlichen Sorgen, uͤber unſre Leiden getroͤſtet, und von der ſeligen Hoffnung, der wir ſchon ſo nah geruͤckt, geſprochen haͤtte. Gebe Gott, daß die Worte, ſo ich gegen Euch gebrauchen mußte, Euch und mir frommen moͤgen. Wollet nicht, daß er dereinſt Rechenſchaft von mir fordre, warum ich Euch in einem Amte behalten, welches Ihr ſo unſeligerweiſe vernachlaͤſ⸗ ſigt habt. Benutzen wir die Zeit; die Mitternacht iſt nah, der Braͤutigam kann nicht lange weilen, wir wollen unſre Lampen angezuͤndet halten. Wir wollen vor dem Herrn unſre ungluͤckliche, leere Herzen entfalten; er moͤge ſie mit der Liebe erfuͤllen, welche das Vergangene wieder gut macht, die Zukunft ſichert, fuͤrchtet und vertraut, mit wei⸗ ſem Maaße weint und ſich freut, welche in jedem Falle die Tugend wird, die wir noͤthig haben.“ Bei dieſen Worten ſtand er auf, und Don Abbondio folgte ihm. G Hier giebt uns unſer Anonymus einen Wink, daß die⸗ ſes nicht die einzige Unterredung der beiden Maͤnner, noch Lucia der einzige Gegenſtand derſelben geweſen; daß er aber ſich auf dieſe einzige beſchraͤnkt habe, um ſich vom Hauptziele der Geſchichte nicht allzu weit zu verirren; er werde aus dieſer Urſache auch von andern erwaͤhnenswer⸗ then Dingen nicht ſprechen, welche der Kardinal waͤhrend dieſes Beſuches in Worten und Thaten gezeigt; weder von ſeinen Schenkungen, noch wie er Zwiſtigkeiten beigelegt, — 32— wie er den alten Groll zwiſchen Menſchen, Familien und ganzen Ortſchaften unterdruͤckt, oder, was in den meiſten Faͤllen nur moͤglich, beſchwichtigt; wie er manchen Raufer und kleinen Tyrannen fuͤr das ganze Leben oder auf einige Zeit gezaͤhmt habe; denn wohin er kam, fanden ſich Schritte dieſer Art zu thun. Nun müͤſſen wir melden, wie am folgenden Morgen Dame Praſſede erſchien, um, der Verabredung gemaͤß, Lu⸗ cien zu holen, und dem Kardinal ihre Hochachtung zu be⸗ zeugen. Dieſer lobte das Maͤdchen, und empfahl es ihr mit Waͤrme. Lucia riß ſich weinend von der Mutter los, ging zu ihrem Haͤuschen hinaus, und ſagte zum zweiten Male ihrem Dorfe Lebewohl. Sie empfand den doppelt bitteren Schmerz, einen Ort zu verlaſſen, welcher ihr ein⸗ zig theuer geweſen, und es nicht mehr ſeyn konnte. Aber dieſer Abſchied von der Mutter war nicht der letzte; Dame Praſſede verſicherte, ſie werde noch einige Tage auf ihrem Landſitze verweilen, und da dieſer ſo nah, verſprach Agneſe hinzukommen, um in einer ſchmerzlicheren Treunung von der Tochter zu ſcheiden.. Auch der Kardinal ſtand im Begriff, nach einem an⸗ dern Kirchſprengel aufzubrechen; da langte der Pfarrer des Dorfes an, welches zum Schloſſe des Ungenannten gehoͤrte, und wuͤnſchte ihn zu ſprechen. Nachdem er eingelaſſen worden, zeigte er ein Paͤckchen und ein Schreiben von je⸗ nem Herrn, worin der Kardinal erſucht ward, Luciens Mutter zur Annahme des Paͤckchens mit hundert Gold⸗ ſcudi zu bewegen; ſie ſollten zur Mitgift fuͤr die Tochter dienen, oder ſonſt nach Gutduͤnken der beiden Frauen ver⸗ braucht werden; zugleich bat er ihn, ihnen zu ſagen,⸗ — 33— wenn ſie jemals der Meinung waͤren, er koͤnne ihnen ir⸗ gend einen Dienſt erweiſen, ſo wiſſe das arme Maͤdchen nur allzu wohl, wo er wohne; ihm aber ſolle das ein hoͤchſt erwuͤnſchtes Ereigniß ſeyn.— Der Kardinal ließ ſogleich Agneſen rufen, und ſetzte ſie von dem Auftrag in Kenntniß. Sie vernahm ihn mit eben ſo großer Verwunderung als Freude, und ließ ſich ohne weitlaͤuftige Umſtaͤnde die Goldrolle in die Haͤnde druͤcken.—„Gott lohne es dem Herrn!“ ſagte ſie,„und Eure erlauchte Gnaden moͤgen ihm tauſend Dank dafuͤr abſtatten. Sagen Sie aber Nie⸗ manden was; denn das iſt ein Dorf hier.... Nehmen Sie mir' nicht uͤbel; ſehen Sie, ich weiß wohl, daß ein Herr, wie Sie, ſich auf dergleichen Geplauder nicht einlaßt; aber— Sie verſtehen mich.“ So ging ſie ruhigen Herzens nach Hauſe, ſchloß ſich in eine Kammer ein, wickelte die Rolle auf, und ohgleich vorbereitet, betrachtete ſie doch mit Erſtaunen ſolch einen Haufen Goldſtuͤcke, von welchen ſie vielleicht nie mehr als eins auf einmal, und auch das nur ſelten, geſehen hatte. und dieſe Goldſtuͤcke waren die ihrigen. Sie zaͤhlte ſie, und gab ſich dann Muͤhe, ſie wieder zuſammen zu thun, und neben einander zu reihen; denn bei jeder Bewegung liefen ſie aus einander, und glitten ihr unter den Fingern weg; endlich indeſſen brachte ſie eine leidliche Rolle zu Stande, that ſie in einen Lappen, machte ein Paͤckchen daraus, band es rings herum wohl zehnfach mit einem Bindfaden, und ſteckte es in einen Winkel ihres Strohſa⸗ ckes. Den uͤbrigen Theil des Tages hindurch that ſie wei⸗ ter nichts, als nachgruͤbeln, Plaͤne fuͤr die Zukunft machen, und ſich nach dem naͤchſten Morgen ſehnen. Im Bette III. 3 — 34— blieb ſie lange Zeit wach, mit den Hundert beſchaͤftigt, welche ſie unter ſich hatte, und als ſie eingeſchlafen, wa⸗ ren ſie das Hauptbild ihres Traumes. Mit der Morgen⸗ roͤthe aber ſtand ſie auf, und machte ſich raſch auf den Weg nach dem Landgute, wo ihre Tochter ſich befand. Bei dieſer hatte ſich die heftige Abneigung, von ihrem Geluͤbde zu ſprechen, zwar nicht im Mindeſten verringert; dennoch war ſie entſchloſſen, ſich Gewalt anzuthun, und in dem Geſpraͤche, welches fuͤr lange Zeit das letzte heißen ſollte, es der Mutter zu eroͤffnen. Kaum konnten ſie allein ſeyn, ſo ſprach Agneſe, mit lebhaftem Geſichte, aber leiſem Tone, als waͤre Jemand zugegen, der nichts davon erfahren ſollte:„Ich habe Dir was ſehr Wichtiges zu ſagen.“— Und ſomit erzaͤhlte ſie das unerwartete Gluͤck. „Gott ſegne den Herrn!“ ſagte Lucia;„ſo koͤnnt Ihr recht gemaͤchlich leben, und allenfalls auch Andern noch Gutes thun.“ „Wie?“ rief Agneſe.„Siehſt Du denn nicht, was wir Alles mit ſo vielem Gelde anfangen koͤnnen? Hoͤre! Ich habe Niemanden auf der Welt, als Dich, als Euch Beide, kann ich ſagen; denn ſeit Renzo mit Dir ernſtlich zu reden angefangen, hab' ich ihn immer als meinen Sohn angeſehen. Es kommt nur drauf an, daß ihm kein Un⸗ gluͤck begegnet iſt, da er kein Lebenszeichen von ſich giebt. Aber, muß denn Alles ungluͤcklich gehen? Wir wollen hoffen, daß es nicht ſo. Ich fuͤr mein Theil haͤtte gern mein Grab in unſerm Dorfe gefunden; itzt aber, da Du um des Schurken willen nicht hier bleiben kannſt, nicht einmal in ſeiner Naͤhe Athem holen magſt, ſo iſt mir gleichfalls mein Dorf verleidet worden, und ſo bleib' ich bei Euch, gleichviel wo. Ich bin im Stande, Euch bis an's Ende der Welt nachzufolgen, hab' auch den Vorſatz ſchon gehabt— aber ohne Geld, was laͤßt ſich da anfan⸗ gen? Verſtehſt du nun? Die Paar Groſchen, ſo der arme Junge mit ſo vieler Anſtrengung und Sparſamkeit bei Seite gelegt, hat die Gerechtigkeit aufgeraͤumt; zum Erſatz aber hat uns der Herr da einen Segen geſchickt. Sobald er alſo ein Mittel gefunden hat, uns wiſſen zu laſſen, ob er lebt, wo er iſt und was er anzufangen gedenkt, ſo komm' ich nach Mailand, und hol' dich ab, ich hol' dich ab. Vor Zeiten haͤtt' ich mich dabei beſonnen, das Ungluͤck aber macht gelenkig und giebt Erfahrung; bin bis nach Monza gekommen, und weiß, was Reiſen heißt. Ich nehm' einen paſſenden Menſchen mit mir,'nen Verwand⸗ ten, zum Beiſpiel Aleſſio aus Maggianico; denn im Dorf ſelbſt iſt, genau genommen, Keiner der dazu taugte. Mit dem komm' ich, an Reiſegeldern fehlt's nicht, und.. ver⸗ ſtehſt du?“ Aber ſtatt Lucien ermuthigt zu ſehen, fand ſie ſie be⸗ truͤbt, nur eine Zaͤrtlichkeit ohne Troſt verrathend. Sie brach ihre Rede ab, und ſagte:„Aber was haſt du? Biſt du denn nicht auch meiner Meinung?“ „Arme Mutter!“ rief Lucia, und ſchlang ihren Arm um Agneſens Hals, waͤhrend ſie an den Buſen derſelben das thraͤnenfeuchte Angeſicht feſt druͤckte. „Was geht denn vor?“ fragte die Mutter aͤngſtlich von Neuem. „Ich haͤtt es Euch ſchon laͤngſt ſagen ſollen,“ ſprach Lucia, erhob ihr Geſicht, und ſuchte mit gefaßter Miene zu ————— — 36— erſcheinen.„Ich hab' aber das Herz nicht gehabt; habt Mitleid mit mir!“ „Geſchwind alſo! Was iſt's?“ 4 „Ich kann nicht mehr die Frau des armen Jungen werden.“ „Wic? Was?“ Lucia entdeckte ihr Geluͤbde. Ihr Haupt war geſenkt, ihre Bruſt keuchte, und ohne daß ihr Auge Thraͤnen ver⸗ goß, ſprach ſie mit der Stimme eines Weinenden; wie wenn das Erzaͤhlte zwar ein Ungluͤck enthaͤlt, dieſes aber ſich nicht mehr aͤndern laͤßt. Darauf faltete ſie die Haͤnde, und bat die Mutter auf's Neue wegen des Stillſchweigens um Verzeihungz ſie beſchwor ſie, mit keinem lebenden We⸗ ſen davon zu ſprechen, ihr ihre Huͤlfe zu leihen, und zur Erfuͤllung des Geluͤbdes ihr den Weg zu erleichtern. Staunend und beſtuͤrzt ſtand Agneſe da. Sie wollte uͤber die Verheimlichung in Unwillen gerathen; unter der erdruͤckenden Laſt des Gedankens aber kam der Aerger nicht auf. Sie wollte den Schritt tadeln; es war ihr aber, als traͤte ſie dabei feindlich gegen den Himmel auf. Ueberdieß ſchilderte Lucia noch einmal, lebhafter als je, die entſetz⸗ liche Nacht, die finſtere Troſtloſigkeit, und die unerwartete Rettung, waͤhrend welcher das Verſprechen, ſo ausdruͤck⸗ lich, ſo feierlich, geleiſtet worden. Dabei fiel der Zuhͤre⸗ rin ſo manches Beiſpiel ein, das ſie oft erzaͤhlen gehoͤrt, das ſie ſelbſt der Tochter oft erzaͤhlt hatte, wie die Verle⸗ tzung eines Geluͤbdes mit ſeltſamen und ſchrecklichen Heim⸗ ſuchungen beſtraft worden. Nachdem ſie eine Zeit lang ſprachlos dageſtanden, fragte ſie:„und jetzt, was denkſt du zu thuu? — 37— „Jetzt/“ ſagte Lueia,„wird der Herr fuͤr uns Sorge tragen, der Herr und die Jungfrau. In ihre Haͤnde hab'⸗ ich mich gegeben; ſie haben mich bis heut nicht verlaffen, ſie werden mich auch jetzt nicht verlaſſen, da... die Gnade die ich vom Herrn fuͤr mich erflehe, die einzige Gnade, nach dem Heil meiner Seele, iſt, daß er mich mit Euch zuruͤckkehren laſſe; er wird ſie mir gewaͤhren, gewiß, er wird ſie mir gewaͤhren. An dem Tage, in der Kutſche, heilige Jungfrau! unter den Menſchen.. Wer haͤtte mir ſagen koͤnnen, daß ſie mich zu einem Manne brachten, der Tages darauf mich in Eure Arme fuͤhren ſollte?“ „Aber nicht auf der Stelle mit deiner Mutter davon zu ſprechen!“ ſagte Agneſe mit einem Anflug von Aerger, welcher zwiſchen Bitterkeit und Mitleid unentſchieden ſchwebte. „Bedauert mich; ich hatte das Herz nicht. Und was haͤtt' es genutzt, Euch ein Paar Tage fruͤher zu betruͤben?“ Und Renzo?“ fragte Agnefe, den Kopf ſchuͤttelnd. Weh mir!“ ſchrie Lucia, und zuckte ploͤtzlich.„Ich darf nicht mehr an den Armen denken. Gott hat es nicht haben wollen. Seht, wie's doch ſo deutlich da liegt, daß unſre Trenuung ſein Wille geweſen. Und wer weiß..2 Aber nein, nein; der Herr wird ihn vor Gefahren geſchuͤtzt haben, nnd wird ihm, ohne mich, ein beſſeres Gluͤck be⸗ ſcheren.”“ 1 „Indeſſen aber,“ nahm Agneſe das Wort,„wenn du dich nicht fuͤr immer gebunden haͤtteſt, ſo wuͤßte ich mit dem Gelde hier, wofern dem armen Jungen nichts Schlim⸗ mes zugeſtoßen, fuͤr alles Uebrige die beſte Auskunft.“ „Waͤre denn aber das Geld in unſre Haͤnde gekom⸗ men,“ fragte Lucia,„wenn ich die Nacht da nicht erlebt haͤtte? Der Herr iſt's, der Alles ſo gefuͤgt hat; ſein Wille geſchehe!“— und unter Thraͤnen erſtickten ihre Worte. Bei dieſem nnerwarteten Beweisgrunde verlor ſich Agneſe in Nachdenken. Nach einigen Minuten unterdruͤckte Lucia ihr Schluchzen, und erklaͤrte:„Jetzt, da die Sache geſchehen, muͤſſen wir uns mit willigem Herzen drein fuͤ⸗ gen; Ihr, gute Mutter, koͤnnt mir Beiſtand dazu leiſten, erſtlich, indem Ihr zum Himmel fuͤr Eure arme Tochter betet, und dann.. der arme Junge wird es doch erfahren muͤſſen. Denkt daran, Mutter; thut mir auch dieſe Liebe. Sobald Ihr wißt, wo er ſich aufhaͤlt, ſo laſſet ihm ſchrei⸗ ben, ſucht einen Mann... eben Euer Vetter Aleſſio,'s iſt ein vernuͤnftiger, mitleidsvoller Maun, hat uns immer wohl gewollt, und wird's nicht unter die Leute bringen; laſſet ihm die Sache berichten, wie ſie iſt, wo ich mich be⸗ funden, was ich gelitten: Gott habe es alſo gewollt, er moͤge ſich zufrieden geben, ich koͤnne Niemandem, Nieman⸗ dem jemals angehoͤren. Laſſet ihm die Sache mit Geſchick begreiflich machen, ihm erklaͤren, daß ich ein Verſprechen, daß ich ganz eigentlich ein Geluͤbde gethan. Weiß er, daß ich's der Jungfrau verheißen.., er hat immer fromm ge⸗ dacht. Und ſobald Ihr nur von ihm Nachricht habt, laſ⸗ ſet mir's ſchreiben, laſſet mich wiſſen, daß er geſund iſt; und dann. dann laſſet mich weiter nichts wiſſen.“”“ Agneſe, von Ruͤhrung bis in die tiefſte Seele ergriffen, verſicherte ihr, es ſolle Jedwedes nach ihrem Wunſche ge⸗ ſcheh en. 4 Ich moͤchte Euch noch etwas ſagen,“ fuhr die Toch⸗ — 39— ter fort.„Haͤtte der Arme nicht das Ungluͤck gehabt, an mich zu denken, ſo waͤr' ihm nimmer dergleichen zugekom⸗ men. Er laͤuft in der Welt umher; mit ſeinem Fortkom⸗ men iſt's einſtweilen vorbei; ſie haben ihm das Seinige ge⸗ nommen. Der Arme, ſein erſpartes Gut, das er, Ihr wißt wozu, beſtimmt hatte.... Und wir haben ſo viel Geld! O Mutter! da uns der Himmel ſo reichlich geſegnet, und der Arme— Ihr betrachtet ihn doch immer noch als den Euren, ja, als Euren Sohn— laßt das Geld zur Haͤlfte gehen; gewiß, Gott wird uns nicht verlaſſen. Sucht ei⸗ nen treuen Menſchen auf, und ſchickt es ihm; weiß der Herr, wie er's noͤthig haben mag!“ „Was glaubſt du?“ antwortete Agneſe.„Ich werd' es thun, wahrhaftig. Armer Junge! Warum, meinſt du denn, hatt' ich mit dem Gelde ſolch'ne Freude? Aber... freilich, ich bin ganz zufrieden hierher gekommen. Genug, ich willss ihm ſchicken, dem armen Jungen. Aber auch er... ich weiß, was ich ſage. Gewiß, das Geld iſt'ne ſchoͤne Sache, wenn man's braucht, ihn aber wird's nicht ſelig machen.“ Lucig dankte der Mutter fuͤr dieſe bereitwillige, freige⸗ bige Gewaͤhrung; ihre fruchtlos unterdruͤckte Bewegung haͤtte dem Beobachter gezeigt, daß ihr Herz noch immer an Renzo hing, inniger vielleicht, als ſie ſelbſt es waͤhnte. „Und ohne dich, was werd' ich arme Frau machen?“ ſagte Agneſe, und vergoß nun auch Thraͤnen. „Und ich ohne Euch, meine arme Mutter? In frem⸗ dem Hauſe, druͤben in Mailand! Aber der Herr wird mit uns Beiden ſeyn, wird uns zuſammen heimkehren laſſen. Binnen acht oder neun Monaten werden wir uns hier — 40— wieder ſehen; his dahin, und fruͤher noch, hoffe ich, wird Er Alles, unn uns zu troͤſten, zum Guten gewendet haben. Ihm ſey's uͤberlaſſen. Ich werde die Jungfrau jederzeit um dieſe Gnade flehen. Haͤtt' ich etwas Andres, ihr zu opfern, ich wuͤrd' es ihr darbringen; aber ihr Erbarmen iſt ſo grenzenlos, daß ſie dieſe Gnade zum Geſchenk fuͤr mich aufbewahren wird.“ Nach dieſen und aͤhnlichen, oft wiederholten Worten der Klage und des Troſtes, der Betruͤbniß und der Erge⸗ bung, nach gebetenem und betheuertem Verſchweigen, nach vielen Thraͤnen und langen Umarmungen, ſchieden die Frauen, und verſprachen ſich ſpaͤteſtens gegen kommenden Herbſt wiederzuſehen, als wenn das Worthalten in ihrer Gewalt ſtuͤnde. Aber ſo geſchieht es gewoͤhnlich in derglei⸗ chen Faͤllen.; Es verſtrich indeſſen eine lange Zeit, ohne daß Agneſe von Renzo etwas erfahren konnte. Weder Briefe noch Bo⸗ ten erſchienen von ihm, und wen ſie fragte, der wußte nicht mehr als ſie. Und ſie war's nicht allein, welche ver⸗ gebens Erkundigungen einzuziehen ſuchte; der Kardinal, der nicht zum Scheine bloß den armen Frauen geſagt, er wolle uͤber den ungluͤcklichen Juͤngling Kunde zn erhalten trach⸗ ten, hatte wirklich ſogleich deßhalb geſchrieben. Sobald er darauf von ſeiner Berufsreiſe nach Mailand zuruͤckge⸗ b kehrt, erhielt er eine Antwort, worin es hieß, man koͤnne uͤber beſagten Menſchen keine Auskunft geben; er habe ſich allerdings eine Zeit hindurch in dem und dem Dorfe auf⸗ gehalten, und durchaus keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben; eines Morgens aber ſey er unverſehens verſchwun⸗ den; ein Verwandter, der ihn in ſeinem Hauſe beherbergt/ — qↄ· — 41—- wiſſe nicht, was aus ihm geworden, und bonne nur ge⸗ wiſſe unverlaͤſſige, einander widerſprechende Geruͤchte wie⸗ derholen, womit ſich die Leute truͤgen: daß der Juͤngling nehmlich ſich fuͤr den Kriegsdienſt nach der Levante habe anwerben laßen, nach Deutſchland gegangen, und bei'm Durchwaten eines Fluſſes um's Leben gekommen ſey; man wuͤrde aber Acht geben, ob irgend eine gegruͤndetere Nach⸗ richt ſich hoͤren ließe, und ſie dann ſoaleich dem alauchten Kardinal mittheilen. Spaͤter verbreiteten ſich dieſe und aünliche Gerüchte ſelbſt durch das Gebiet von Lecco, und kamen folglich auch Agneſen zu Ohren. Die arme Frau that ihr Mogliches, um die Wahrheit heraus zu ſichten, und ſuchte auf die Spur zur Quelle zu gelangen; ſie kam aber nicht weiter, als bis zum ewigen„man ſagt“ welches auch heute noch, ſo viele Dinge zu bezeugen, herhalten muß. Kaum war ihr eine Geſchichte erzaͤhlt worden, ſo ſtellte ſich ein Zwei⸗ ter ein, und verſicherte, es ſey durchaus nichts dran; zum Erſatz ließ er ihr eine andere zuruͤck, die eben ſo ſeltſam, eben ſo unſtatthaft klang. Eine wie alle leeres Geſchwaͤtz; der Hergang der Sache war folgender: „Der Statthalter von Mailand, Don Gonzalo Fer⸗ nandez di Cordova, hatte ſich bei dem Venezianiſchen Re⸗ ſidenten zu Mailand heftig beſchwert, daß ein Taugenichts, ein öffentlicher Raͤuber, ein Raͤdelsfuͤhrer bei Pluͤnderung und Gemetzel, der verrufene Lorenzo Tramaglino, nachdem er in den Haͤnden der Gerechtigkeit ſelbſt einen Aufſtand verurſacht, um mit Gewalt ſich zu befreien, im Bergamaſkiſchen aufgenommen worden und ſein Unterkom⸗ men gefunden habe. Der Reſident hatte geantwortet, er — 42— wiſſe von nichts; doch werde er nach Venedig ſchreiben, um Ihrer Excellenz uͤber den Gegenſtand befriedigenden Aufſchluß zu geben. In Venedig hatte man den Grundſatz, die mallaͤndi⸗ ſchen Seidenarbeiter, welche ſich in das Gebiet von Ber⸗ gamo uͤberſiedelten, zu unterſtüͤtzen und in Anhaͤnglichkeit zu erhalten. Man geſtattete ihnen deshalb viele Vortheile vorzuͤglich aber denjenigen, ohne welchen jeder andre nich⸗ tig, die Sicherheit. Sobald aber zwei Maͤchtige in Hader gerathen, weiß der Dritte, ſo unbedeutend der Zwiſt auch ſey, ſeinen Nutzen daraus zu ziehen; daher erhielt Bortolo im Vertrauen, man weiß nicht von wem, die Weiſung, daß Renzo in dem Dorfe dort nicht tauge, und kluͤglich handeln wuͤrde, ſelbſt unter Annahme eines fremden Na⸗ mens, fuͤr einige Zeit bei einer andern Fabrik ſich anſtellen zu laſſen. Bortolo merkte den Braten, verſuchte keine Ge⸗ genwehr, eroͤffnete die Sache dem Vetter, ſetzte ſich in ei⸗ nen Wagen mit ihm, brachte ihn nach einer andern Spinnmuͤhle, etwa funfzehn Miglien davon, und ſtellte ihn dem Herrn, gleichfalls einem Mallaͤnder, ſeinem alten Bekannten, unter dem Namen Antonio Rivolta vor. So kuͤmmerlich auch die Zeiten waren, ließ ſich dennoch der Mann nicht lange bitten, einen Arbeiter aufzunehmen, welcher ihm als ehrlich und geſchickt, als ein anſtaͤndiger Menſch mit Sachkenntniß, empfohlen worden. Renzo be⸗ ſtand die Probe ſo gut, daß der Mann ſich ſeines Erwer⸗ bes zu freuen hatte; nur ſchien es ihm im Anfange, der junge Menſch muͤſſe von Natur ein wenig gedankenlos ſeyn; denn wenn er ihm zurief:Antonio! ſo gab er mei⸗ ſtens keine Antwort. — 43— Einige Zeit darauf ward von Venedig aus, in milden Ausdruͤcken, dem Hauptmann zu Bergamo befohlen, Nach⸗ richt zu ſuchen und zu geben, ob in ſeinem Machtgebiete, und namentlich in dem und dem Dorfe, ein Menſch, deſ⸗ ſen Beſchreibung beigelegt/ ſich aufhalte. Der Hauptmann nahm ſeine Maaßregeln, wie er ſie verlangt merkte; ſein Beſcheid klang verneinend, und gelangte zum Reſidenten nach Mailand, welcher dem Statthalter ihn mittheilte. Indeſſen fehlte es nicht an Neugierigen, die von Bor⸗ tolo wiſſen wollten, warum der junge Menſch nicht mehr da ſey, und wohin er gegangen. Bei der erſten Frage ant⸗ wortete er: Je, er iſt verſchwunden! Um aber die Zu⸗ dringlichen nach Hauſe zu ſchicken, ohne ſie die Wahrheit argwoͤhnen zu laſſen, ſpeiſte er ſie verſchiedentlich mit den Nachrichten ab, deren wir Erwaͤhnung gethan, ſagte aber immer, es ſeyen unſichere Geruͤchte, er habe ſie gleichfalls nur erzaͤhlen hoͤren, und an Beſtaͤtigung gebraͤche es ihm ganz und gar. Nachdem jedoch im Auftrag des Kardinals die Frage an ihn gerichtet worden, wobei man dieſen nicht nannte, aber in der Sprache der Wichtigkeit und des Geheimniſſes zu verſtehen gab, daß ein Mann von hohem Stande be⸗ lehrt ſeyn wolle, verſiel Bortolo immer mehr in bange Beſorglichkeit, und hielt es fuͤr noͤthig, in ſeinen Antwor⸗ ten dem angenommenen Leitfaden zu folgen; er theilte da⸗ her alle die Nachrichten, die er bei verſchiedenen Gelegen⸗ heiten erdichtet hatte, auf einmal mit. Man glaube indeſſen nicht, daß ein Herr, wie Don Gonzalo, in der That gerade dem armen Seidenſpinner aus dem Gebirge zu Leihe wollte; daß er vielleicht von der — 44— verletzten Ehrerbietung und den tolldreiſten Worten, womit dieſer gegen ſeinen Mohrenkoͤnig mit der Kette um den Hals zu Felde gezogen, unterrichtet war, und deßhalb Ra⸗ che zu nehmen ſuchte, oder daß er ihn fuͤr gefaͤhrlich ge⸗ nug hielt, um ihn auch als einen Fluͤchtling zu verfolgen, und ihm ſelbſt in der Entfernung, wie Rom's Senat dem Hannibal, das Leben zu mißgoͤnnen. Don Gonzalo hatte zu viele und zu große Dinge im Kopfe, als daß er ſich um Renzo's Angelegenheiten gekuͤmmert haͤtte, und wenn er ihn nicht aus dem Auge verlor, ſo geſchah es durch ein wunderliches Zuſammentreffen von Umſtaͤnden, vermoͤge deſſen der arme Junge, ohne es weder damals noch je ſonſt zu wollen und zu wiſſen, durch den feinſten unſicht⸗ baren Faden mit jenen vielfachen, be antunasvollen Ange⸗ genheiten zuſammenhing. 8 Drittes Kapitel. Schon mehrmals iſt des Krieges Erwaͤhnung geſche⸗ hen, welcher um die Nachfolge in den Staaten des Her⸗ zogs Vincenzo Gonzaga des Zweiten damals in vollen Flammen ſtand; von unſrer Erzaͤhlung aber gedraͤngt, durften wir nur ein fluͤchtiges Wort daruͤber verlieren. Jetzt erfordert das Verſtaͤndniß unſerer Erzaͤhlung ſelbſt eine genauere Kunde dieſes Krieges. Es ſind Dinge, wel⸗ che der Kenner der Geſchichte wiſſen muß; da wir aber, im billigen Gefuͤhle Unſrer ſelbſt, annehmen muͤſſen, daß dieſes Buch nur von Ungelehrten geleſen werden koͤnne⸗ ſo duͤrfte es gut ſeyn, wenn wir ſo viel dayon berichten/ als eben hinreicht, auch den Unwiſſendſten mit der Sache ein wenig vertraut zu machen. Nach dem Tode jenes Herzogs, ſagten wir, hatte der naͤchſte Erbe der Verwandtſchaft nach, Carlo Gonzaga, das Haupt eines juͤngern, nach Frankreich uͤbergeſiedelten Zwei⸗ ges, wo derſelbe die Herzogthuͤmer Nevers und Retel be⸗ ſaß, die Herrſchaft von Mantua, und jetzt fuͤgen wir hinzu⸗ auch von Monferrato, uͤbernommen; denn die Eile hatte uns dieſen Namen in die Feder zuruͤckgedraͤngt. Die ſpa⸗ niſche Regierung, welche unter jeder Bedingung den neuen Fuͤrſten von beiden Lehen ausſchließen wollte, und deßhalb eines Beweggrundes bedurfte— denn ohne dieſen waͤr' ein Krieg eine entſetzlich ungerechte Sache!— hatte ſich we⸗ gen Mantua fuͤr Ferrante, Herzog von Guaſtalla, einen andern Gonzagen, wegen Monferrato fuͤr Carl Emanuel I., Herzog von Savoyen, und Margarethe Gonzaga, verwitt⸗ wete Herzogin von Lothringen, erklaͤrt. Don Gonzalo, vom Geſchlechte des großen Feldherrn, deſſen Namen er trug, war ſchon in Flandern als Befehlshaber im Kriege aufgetreten, wuͤnſchte uͤber alle Maßen dieſelbe Rolle auch in Italien zu ſpielen, und mochte wohl Derjenige ſeyn, welcher die Flammen am eifrigſten dabei ſchuͤrte; waͤhrend er alſo die Abſichten der Regierung ſich erklaͤrte, und ihren Befehlen voraus lief, hatte er mit dem Herzog von Sa⸗ voyen ein Angriffs⸗ und Theilungsbuͤndniß wegen Mon⸗ ferrato geſchloſſen; vom Grafen Herzog erhielt er bald die Beſtaͤtigung, denn er ſpiegelte ihm den Erwerb von Caſale, welches in der dem Koͤnige von Spanien beſtimmten Haͤlfte der feſteſte Punkt war, als eine leichte Sache vor. Doch erklaͤrte er im Namen deſſelben, das Land nur als ein an⸗ — 46— vertrautes Gut zu beſetzen, und den Ausſpruch des Kaiſers abzuwarten, welcher theils auf Verwendung Andrer, theils aus eigenen Beweggruͤnden dem neuen Herzog die Beleh⸗ nung verſagt, und ihm geboten hatte, die ſtreitigen Lande ſeiner eigenen Zwiſchenverwaltung zu uͤberlaſſen; er wuͤrde die Partheien vernehmen, und den Beſitz demjenigen zu⸗ ſprechen, auf deſſen Seite das Recht. Dazu wollte ſich Carlo Gonzaga nicht bequemen. Indeſſen hatte auch er gewichtvolle Freunde, den Kar⸗ dinal Richelieu, den Senat von Venedig und den Pabſt. Der Kardinal aber, damals in die Belagerung von Ro⸗ chelle und in einen Krieg mit England verwickelt, dabei von der Parthei der Koͤnigin Mutter, Maria von Medici, welche aus gewiſſen Urſachen dem Hauſe Nevers entgegen war, gehemmt, konnte nur mit Hoffnungen beipflichten. Die Venezianer wollten ſich nur erklaͤren und in Bewe⸗ gung ſetzen, nachdem ein franzoͤſiſches Heer in Italien ein⸗ geruͤckt waͤre; ſie unterſtuͤtzten unter der Hand den Herzog, wie ſie konnten, und behaupteten gegen den Hof von Ma⸗ drid und gegen den Statthalter von Mailand eine Stel⸗ lung, in welcher oͤffentliche Gegenerklaͤrungen, Vorſchlaͤge und Ermahnungen, nach den Umſtaͤnden friedſelig oder drohend, mit einander abwechſelten. Urban VIII. empfahl den Herzog von Nevers ſeinen Freunden, ſprach fuͤr ihn bei ſeinen Gegnern, und machte Entwuͤrfe zur Beilegung des Zwiſtes; von kriegeriſchen Bewegungen wollte er nichts hoͤren. So konnten die beiden zum Angriff Verbuͤndeten deſto ſicherer die verabredete Unternehmung beginnen. Carl Ema⸗ nuel war in Monferrato eingedrungen, Don Gonzalo — 47— hatte kriegsluſtig die Belagerung von Caſale angefangen. Doch fand er dabei nicht ganz die Befriedigung, ſo er ſich verſprochen; Niemand ſchreitet im Kriege immer auf Ro⸗ ſen. Mit den Huͤlfsmitteln, die er verlangte, leiſtete ihm der Hof bei weitem nicht Beiſtand; ſein Bundesgenoſſe leiſtete ihm zu vielen— nachdem er nehmlich ſeinen Theil in Beſitz genommen, trug er ſeine Waffen in den ſpaniſchen Antheil hinuͤber. Daruͤber gerieth Don Gonzalo in die heftigſte Entruͤſtung; weil er indeſſen fuͤrchtete, daß der Herzog, bei Umtrieben ſo thaͤtig und in Unterhandlungen eben ſo gewandt als tapfer mit den Waffen, ſich bei dem erſten Laͤrmen des Unwillens an Frankreich wenden moͤchte, mußte er ein Auge zudruͤcken, und in den Zaum knirſchend, zum boͤſen Spiele gute Miene machen. Mit der Belage⸗ rung ging es klaͤglich; ſie zog ſich in die Laͤnge, und kam bisweilen zuruͤck; die Beſatzung war ſtark, benahm ſich klug und entſchloſſen, waͤhrend er nur wenig Leute hatte, und, mit verſchiedenen Schriftſtellern zu reden, manchen ver⸗ kehrten Schritt that. Wir laſſen dieß Letztere an ſeinen Ort geſtellt ſeyn, und ſind, wenn es wirklich der Fall, gar nicht daruͤber ungehalten; es ſind vielleicht bei jener Un⸗ ternehmung dadurch weniger Menſchen um's Leben gekom⸗ men, verſtuͤmmelt und zu Kruͤppeln gehauen, auch die Daͤ⸗ cher von Caſale, caeteris paribus, weniger mitgenommen worden. In dieſem Uebelſtande erhielt er die Nachricht von der Empoͤrung in Malland, und eilte in eigener Per⸗ ſon dahin. Bei dem Berichte, welcher hier ihm abgeſtattet ward, erwaͤhnte man auch Renzo's aufruͤhreriſche, Laͤrmen erre⸗ gende Flucht, und die wahren oder untergeſchobenen Hand⸗ — 48— lungen, um deren Willen man ihn feſtgenommen; man wußte ihm auch zu ſagen, daß dieſer Menſch im Gebiete von Bergamo ſeine Zuflucht gefunden. Dieſer Umſtand feſſelte Don Gonzalo's Aufmerkſamkeit. Von ganz andrer Seite her war er unterrichtet, wie Venedig den Aufſtand in Mailand ſich eifrig hatte angelegen ſeyn laſſen; wie man dort vom Anfang an geglaubt, er ſelbſt werde dadurch gezwungen werden, die Zelte vor Caſale abzubrechen; wie man jetzt noch dort der Meinung ſey, er laſſe den Kopf hangen, und ſey von truͤben Gedanken bekuͤmmert; um ſo mehr, als augenblicklich nach jenem Ereigniß die Nachricht angekommen, daß die Uebergabe Rochelle's, von den Sena⸗ toren ſo gewuͤnſcht und von ihm ſo gefuͤrchtet, wirklich erfolgt ſey. Als Krieger und Staatsmann gekraͤnkt, daß jene Herren eine ſolche Meinung von ihm hatten, ſpaͤhte er nach einer Gelegenheit, ſie eines Beſſeren zu belehren, und ſie zum Schluſſe zu bringen, daß ſeiner alten Helden⸗ herzigkeit durchaus kein Abbruch geſchehen; denn mit kla⸗ ren Worten zu ſagen, ich habe keine Furcht, heißt nichts ſagen. Ein gutes Mittel war, den Beleidigten zu ſpielen, ſich zu beklagen, Entſchaͤdigung zu fordern; als daher der Venezianiſche Reſident ſich einſtellte, um ihm ſeine Aufwar⸗ tung zu machen, und zugleich in ſeinem Geſichte und ſei⸗ nem Benehmen zu leſen, wie es im Herzen bei ihm aus⸗ ſaͤhe— die alten pfiffigen Schliche der Politik!— ſprach Don Gonzalo von der Empoͤrung in hingeworfenen Wor⸗ ten, wie ein Mann, welcher fuͤr Alles bereits die gehoͤrigen Mittel gefunden; dann kam er auf Renzo zu ſprechen, und ſo erfolgte, was wir erzaͤhlt haben. Nachher kuͤmmerte er ſich nicht weiter um eine ſo unbedeutende Angelegenheit, — 40— die ſeinerſeits abgemacht war, und als er, eine ziemliche Zeit ſpaͤter, im Lager bei Caſale, woſelbſt er ſich wieder be⸗ fand, und ganz audre Dinge im Sinne hatte, die Antwort erhielt, wandte und drehte er den Kopf, wie ein Seiden⸗ wurm, der nach einem Blatt umherſucht; er ſah einen Au⸗ genblick vor ſich hin, um die Sache, von welcher kaum ein Schatten noch in ſeiner Erinnerung vorhanden, ſich leb⸗ haft wieder zuruͤck zu rufen; er fand ſie wieder auf, ſah den Fluͤchtling wie in fernem Nebel vor ſich, ging zu et⸗ was Anderem uͤber, und dachte nicht weiter daran. Renzo aber mußte aus den wenigen Winken, die er erhalten, etwas ganz Andres vermuthen, als ſo bald wieder gluͤcklich vergeſſen zu werden; eine lange Zeit hindurch war Verborgenheit ſein einziger Gedanke und in der That ſein einziges Streben. Wie ſehnlich wuͤnſchte er, den Frauen Nachricht zu ſenden, und von ihnen zu erhalteu. Zwei harte Schwierigkeiten aber ſtellten ſich ihm entgegen. Erſt⸗ lich mußte auch er ſich einem Schreiber vertrauen; denn der arme Junge wußte die Feder nicht zu fuͤhren, und im vollſtaͤndigen Sinne des Wortes, nicht einmal zu leſen; wenn er daruͤber, wie man ſich erinnert, vom Doktor Kno⸗ tenhauer befragt, mit Ja geantwortet hatte, ſo war das keine prahleriſche Aufſchneiderei, ſondern weil er Gedruck⸗ tes, wenn er ſich ein wenig Zeit dazu nahm, allerdings le⸗ ſen konnte; mit Geſchriebenem aber war's eine andere Sache. Es war alſo noͤthig, einen Dritten in ſein Geheimniß zu ziehen, in ein ſo kitzliges Geheimniß; ein Mann, der mit der Feder Beſcheid wußte, und dem Vertrauen lohnte, fand ſich damals ſo leicht nicht; noch dazu in einem Lande, wo man keine alte Bekanntſchaft hatte. Die zweite Schwie⸗ III. 4 — 50— rigkeit betraf den Boten, einen Menſchen, der gerade nach jener Gegend ging, ſich mit dem Brief befaſſen wollte, und wirklich die Abſicht hatte, ihn in die rechten Haͤnde zu ſchaffen— gleichfalls Dinge, die ſich nicht leicht bei ei⸗ nem einzigen Menſchen zuſammen fanden. Nach vielem Suchen und Umherſchleichen fand er end⸗ lich einen Schreiber. Da er aber nicht wußte, ob die Frauen ſich noch zu Monza, oder wo ſonſt, befanden, hielt er fuͤr's Kluͤgſte, den Brief an Agneſen in ein andres Blatt zu ſchließen, und dieſes mit der Aufſchrift an Pater Cri⸗ ſtoforo, der gleichfalls einige Zeilen erhielt, zu bezeichnen. Der Schreiber uͤbernahm zugleich die Verpflichtung, den Brief zu befoͤrdern; er uͤbergab ihn einem Manne, welcher nicht weit von Pescarenico vorüber reiſen mußte; dieſer hinterließ ihn, mit vielen Empfehlungen, in einem Gaſt⸗ hof an der Straße, wo ſie dem Kloſter am naͤchſten; was aber hernach aus ihm geworden, hat man nie erfahren. Renzo ſah keine Antwort erſcheinen, ließ einen aͤhnlichen Brief abgehen, und ſchloß ihn in einen andern an einen Freund oder Verwandten zu Lecco ein. Es fand ſich auch ein zweiter Ueberbringer, und dießmal gelangte der Brief an Ort und Stelle. Anneſe lief nach Maggianico, ließ ſich den Brief von ihrem Vetter Aleſſio leſen und erklaͤ⸗ ren, verabredete eine Antwort mit ihm, und erhielt ſie zu Papier; darauf fand ſie Mittel, ſie dem Antonio Nivolta nach ſeinem gegenwaͤrtigen Aufenthaltsorte zuzuſchicken; doch Alles das ſo raſch nicht, als unſre Erzaͤhlung es giebt. Renzo erhielt den Brief, und ſandte mit der Zeit eine Ge⸗ genantwort. Kurz, es bildete ſich zwiſchen beiden Theilen ein Briefwechſel, der zwar nicht ſchnell und regelmaͤßig, aber — 51— doch ſelbſt unter Abſaͤtzen und Zwiſchenraͤumen fortgefuͤhrt wurde.* Um aber einen Begriff von dieſem Briefwechſel zu ha⸗ ben, muß man ein wenig wiſſen, wie es damals mit der⸗ gleichen Dingen ging, und auch wohl noch geht; denn hierin, glauben wir, hat ſich wenig oder nichts geaͤndert. Ein Landmann, der nicht ſchreiben kann, und in der Nothwendigkeit, zu ſchreiben, ſich befindet, wendet ſich an einen federfertigen Mann, und waͤhlt ihn, wo moͤglich, un⸗ ter ſeines gleichen; denn an einen Andern wagt er ſich nicht, oder hat kein Zutrauen zu ihm. Er unterrichtet ihn, mit mehr oder weniger Ordnung und Deutlichkeit, von den vorhergegangenen Ereigniſſen, und theilt ihm eben ſo die Gedanken mit, die auf dem Papiere ihren Platz finden ſollen. Der Schreibverſtaͤndige begreift theils, theils kommt er mit eigenen Schluͤſſen zur Huͤlfe; er giebt ſeinen Rath, ſchlaͤgt eine Veraͤnderung vor, ſpricht, laſſet mich machen, greift zur Feder, traͤgt den vorgeſagten Gedanken in Buch⸗ ſtaben uͤber, veraͤndert ihn nach ſeiner Weiſe, verbeſſert ihn, nimmt die Feder hier voll, verſtuͤmmelt und laͤßt dort weg, wie's ihm der Sache zu frommen ſcheint; denn es hilft nichts, wer mehr als Andre weiß, der mag nicht ein wil⸗ lenloſes Werkzeug in ihren Haͤnden ſeyn, und befaßt er ſich mit den Angelegenheiten eines Andern, ſo will er auch den Ton angeben. Auf dieſe Weiſe druͤckt der Schreiber nicht immer dasjenige aus, was eigentlich verlangt wird; bisweilen kommt ganz etwas Anders heraus, wie es denn auch uns wohl ergeht, die wir fuͤr den Druck ſchreiben. Gelangt der alſo abgefaßte Brief in die Haͤnde des Em⸗ pfaͤngers, der eben ſo wenig mit dem Alphabete aufgewach⸗ Schlage. Hier wird er geleſen und erklaͤrt. Man ſtreitet uͤber die Auffaſſung des Sinnes; denn der Empfaͤnger ſtuͤtzt ſich auf die Kenntniß der vorhergegangenen Ereigniſſe, und behauptet, ſehr wohl einzuſehen, was dieſes oder jenes Wort ſagen will; der Vorleſer verlaͤßt ſich auf die Uebung, ſo er durch's Aufſetzen erhalten, und beſteht darauf, daß ganz et⸗ was Anderes damit gemeint ſey. Der Unwiſſende muß ſich alſo am Ende dem Sachkundigen ergeben, und ihm das Geſchaͤft der Beantwortung uͤberlaſſen; dieſe, ganz wie der erſte Brief entſtanden, erfaͤhrt hernach eine aͤhnliche Ausle⸗ gung. Iſt noch dazu der Gegenſtand des Briefwechſels ein wenig verfaͤnglich, hat man dabei mit Geheimniſſen zu thun, in welche kein Dritter, falls der Brief in unrechte Haͤnde kaͤme, Einſicht erlangen ſoll; war es aus dieſer Ur⸗ ſache Vorſatz, den Sinn nicht in ſeiner ganzen Deutlich⸗ keit auszudruͤcken, ſo verſtehen ſich am Ende nach einigem Hin⸗ und Herſchreiben die beiden Partheien, wie zwei Scholaſtiker, die vier Stunden hindurch uͤber die inwoh⸗ nende Kraft der Dinge gewortwechſelt hatten— denn wir moͤgen unſer Gleichniß nicht aus dem gegenwaͤrtigen Leben ſchoͤpfen, indem wir ſonſt einen derben Hieb zu ge⸗ waͤrtigen haͤtten. unſre beiden Partheien befanden ſich nun gerade in dieſem Falle. Renzo's erſter Brief enthielt vielfache Punkte. Zuerſt eine Erzaͤhlung der Flucht, kuͤrzer, aber faſt noch uͤbler behandelt, als ſie aus unſern Haͤnden gekommen; dann eine Darſtellung ſeiner gegenwaͤrtigen Verhaͤltniſſe. Daraus entnahm weder Agneſe noch ihr Dolmetſcher eine klare oder vollſtaͤndige Einſicht— heimliche Weiſung, An⸗ ſen, ſo traͤgt ihn dieſer zu einem Gelehrten von demſelben — 53— nahme eines fremden Namens, ſicher ſeyn, aber im Ver⸗ borgenen leben, das waren Dinge, mit welchen ihr Ver⸗ ſtand ſchon an ſich ſelbſt nicht ſehr vertraut war; die raͤth⸗ ſelhafte Bezeichnung im Briefe machte ſie vollends unver⸗ ſtaͤndlich. Dann betruͤbte, leidenſchaftliche Nachfragen uͤber Luciens Schickſale, nebſt dunklen, ſchmerzenvollen Winken aͤber die Geruͤchte, welche in dieſer Hinſicht auch zu ſeinen Ohren gelangt waren. Zuletzt kamen ungewiſſe und ent⸗ fernte Hoffnungen, hingeworfene Plaͤne fuͤr die Zukunft⸗ waͤhrend deſſen Verſprechungen und Bitten, in der gelob⸗ ten Treue nicht zu wanken, Geduld und Muth nicht zu verlieren, und es nur einige Zeit noch mit anzuſehen. Nach einigem Zwiſchenraum fand Agneſe ein ſicheres Mittel, ihm eine Antwort mit den funfzig Scudi, welche Lucia fuͤr ihn beſtimmt hatte, zukommen zu laſſen. Bei dem Anblick ſo vielen Goldes wußte er nicht, was er denken ſollte; die Seele wie von einem Wunder erfuͤllt, in einer ungeduld, die ſich durchaus nicht fuͤgen mochte, ſuchte er ſporenſtreichs ſeinen Schreiber auf, um den Brief ſich er⸗ klaͤren zu laſſen, und zum Schluͤſſel eines ſo ſeltſamen Ge⸗ heimniſſes zu gelangen. In dem Briefe hatte Agneſens Schreiber⸗ nachdem er uͤber die geringe Deutlichkeit ihres Vortrags bittre Klagen erhoben, in einem eben ſo klaͤglichen Tone die entſetzliche Geſchichte jener Perſon— ſo hieß es in dem Schreiben— erzaͤhlt; dann gab er Auskunft uͤber die funfzig Seudi; endlich kam er auf das Geluͤbde zu ſprechen, ging aber da⸗ bei mit Umſchreibungen zu Werke, und theilte nur am Schluſſe in einfachen deutlichen Ausdruͤcken den Rath mit, — 54— Renzo moͤchte ſich zufrieden geben, und an das Maͤdchen nicht weiter denken. Wenig fehlte, ſo waͤre der Juͤngling ſeinem dolmet⸗ ſchenden Leſer zu Leibe gegangen; er zitterte, er entſetzte ſich, und gerieth uͤber das, was er verſtanden, wie uͤber das, was er nicht verſtanden, in beſinnungsloſe Wuth. Drei oder vier Mal ließ er ſich das Schmerzensblatt von Neuem leſen; dadurch begriff er Manches beſſer, Manches, was ihm anfangs klar geſchienen, ſtand nun erſt in finſte⸗ rer Verwirrung da. Und in dieſer Fieberhitze der Leiden⸗ ſchaft verlangte er, der Schreiber ſollte augenblicklich ſich niederſetzen, und antworten. Nach den ungeſtuͤmſten Aus⸗ druͤcken des Mitleids und des Schreckens, um Luciens Schickſale willen, ſagte er diktirend:„Schreibt, daß ich mich nicht zufrieden geben will, und nimmermehr geben werde; daß das kein Rath iſt, den man einem Menſchen, wie ich, ertheilt; daß ich das Geld mit keinem Finger be⸗ ruͤhren werde; daß ich's beiſeite lege, und es bewahre, zur Mitgift fuͤr's Maͤdchen; daß ſie mein werden muß; daß ich von keinem Verſprechen was weiß; daß ich immer habe ſagen hoͤren, die Jungfrau tritt herzu, um Geaͤngſtigten zu helfen und dafuͤr Dank zu erhalten, daß ſie aber raͤth, Einem Schimpf anzuthun, und ſein Wort zu brechen, haͤtt' ich niemalen gehoͤrt; daß es ſo nicht bleiben kann; wenn ich itzo in der Klemme ſtecke, ſo iſt's ein Sturm, der bald verbrauſt ſeyn wird.“— Und dergleichen mehr. Agneſe empfing dieſen Brief, und ließ antworten; ſo ward der Briefwechſel, in der angegebenen Weiſe, fortgeſetzt. Sobald Lucia von der Mutter erfahren, das Renzo am Leben und in Sicherheit ſey, auch Nachricht erhalten habe⸗ —.55— fuͤhlte ſie eine große Erleichterung, und wuͤnſchte nur, er moͤchte ſie vergeſſen/ oder um es gewiſſenhafter auszudruͤckon, er moͤchte ſich bemuͤhen, ſie zu vergeſſen, Ihrerſeits faßte ſie wohl hundert Mal taͤglich einen aͤhnlichen Entſchluß, und wandte auch jedes Mittel an, um ihm Wirkſamkeit zu verſchaffen. unermuͤdlich feſſelte ſie ſich an die Arbeit, und ſuchte ihre ganze Seele dabei zu beſchaͤftigen; trat Renzo's Bild ihr vor die Augen, ſo ſagte ſie oder ſang im Geiſte fromme Gebete her. Aber dieſes Bild tauchte, gerade als wenn Bosheit es leitete, gewoͤhnlich nicht offen empor; es ſchlich ſich verſtohlen hinter andern ein, und nur nach einiger Zeit erſt gewahrte die Seele den Gaſt. Lucia's Gedanken — und wie haͤtten ſie nicht ſollen?— weilten oft bei der Mutter; der Renzo ihrer Einbildungskraft trat dann leiſe als der Dritte hinzu, wie der wirkliche ſo oft gethan. So ſtellte ſich mit allen Perſonen, an allen Orten, bei allen Erinnerungen aus der Vergangenheit, der Juͤngling zu⸗ gleich mit ein. Und wenn die Arme ſich bisweilen mit ſpinnender Einbildungskraft in das Dunkel ihrer Zukunft verirrte, erſchien er auch dort, um wenigſtens zu ſagen: Ich werde auf keinen Fall zugegen ſeyn. Nicht an ihn zu denken, war ein verzweifeltes Beginnen; indeſſen dachte Lucia doch ſeltner an ihn, ſeltener als ihr Herz wollte, und ſo gelang ihr ihre Abſicht bis zu einem gewiſſen Punkte. Es war aber noch eine Dame Praſſede vorhanden. Dieſe ſpannte alle Segel auf, um dem Maͤdchen den jun⸗ gen Boͤſewicht aus dem Herzen zu reißen, und fand kein beſſeres Mittel, als recht oft von ihm zu ſprechen.— Nun“ ſagte ſie manchmal,„denken wir nicht mehr an — 56— ihn?“—„Ich denke an Niemanden,“ war Luciens Antwort. Mit einer ſolchen Antwort ließ Dame Praſſede ſich nicht abfertigen; ſie beſtand auf Handlungen, nicht auf Worte; ſie verbreitete ſich uͤber die Art der jungen Maͤd⸗ chen,„die alle,“ ſagte ſie,„ſobald ſie ihr Herz an einen Luͤderjahn gehaͤngt haben— und es giebt welche, die recht eigentlich ſo'nen Hang haben— ihn durchaus nicht wie⸗ der hinaus ſchaffen wollen. Eine anſtaͤndige, vernuͤnftige Parthie mit einem Ehrenmanne in ordentlichen Umſtaͤnden gehe einmal durch irgend einen Zufall zuruͤck, gleich erge⸗ ben ſie ſich drein; wenn ſie der Himmel aber von einem Galgenſtrick befreit, iſt's eine unheilbare Wunde.“— Und nun begann ſie die Lobrede auf den armen Entfernten, auf den Schurken, der nach Mailand gekommen, um zu pluͤndern und abzuſchlachten; ja Lucia ſollte am Ende auch die Schurkereien geſtehen, die er bereits in ihrem Dorfe begangen haben muͤſſe. Mit Schaam und Schmerz, mit dem Unwillen, wel⸗ cher in ihrer ſanften Scele und in ihren untergebenen Verhaͤltniſſen ſich regen durfte, behauptete und betheuerte das Maͤdchen, der Arme habe in ihrem Dorfe von jeher ſich nur Gutes nachreden laſſen; ſie wuͤnſchte, ſagte ſie, es waͤre hier Einer aus der Gegend da zu finden, damit man ihn um ſein Zeugniß befragen koͤnne. Auch wegen der Er⸗ eigniſſe in Mailand, deren einzelne Umſtaͤnde ſie nicht zu erfahren vermocht, rechtfertigte ſie ihn; ſie kannte ihn ja genau, und hatte ſein Betragen von Kindheit auf beobach⸗ tet. Sie vertheidigte ihn, weil die Pflicht des Mitleids und die Liebe zur Wahrheit es geboten, oder wie ſie ſelbſt — 57— es ſich erklaͤrte, als ihren Naͤchſten. Aus dieſen Rechtfer⸗ tigungen aber leitete Dame Praſſede neue Beweisgruͤnde her, um Lucien zu uͤberfuͤhren, daß ihr Herz noch immer auf den Kerl verſeſſen waͤre. Und wahrlich, wie die Sache in ſolchen Angenblicken ſtand, wuͤßten wir kaum zu beſtim⸗ men. Das unwuͤrdige Gemaͤhlde, welches die Alte von dem armen Jungen entwarf, weckte in der Seele des Maͤd⸗ chens, als einen Gegenſatz, lebhafter und deutlicher denn je, das Bild, welches ſich waͤhrend eines ſo langen um⸗ ganges in ihr geſtaltet hatte; mit Gewalt unterdruͤckte Er⸗ innerungen kehrten gedraͤngt wieder zuruͤck; Widerwille und Verachtung riefen ſo viele alte Beweggruͤnde zur Achtung und zum Mitgefuͤhl auf; der blinde, gewaltthaͤ⸗ tige Haß ließ das Mitllid ſtaͤrker hervortreten; wie war es moͤglich, bei'm Aufſteigen ſo vieler Empfindungen den geliebten Freund mit Gewalt aus dem Buſen zu verdraͤn⸗ gen? Von Lucia's Seite waͤre ſolch ein Geſpraͤch nie weit gekommen; ihre Worte loͤſten ſich bald in Thraͤ⸗ nen auf. Haͤtte Dame Praſſede dieſen Weg der Behandlung ein⸗ geſchlagen, weil ſie von einem eingewurzelten Haſſe gegen das Maͤdchen geleitet ward, ſo wuͤrden dieſe Thraͤ⸗ nen ſie vielleicht uͤberwunden und zum Schweigen gebracht haben; da ſie aber zu gutem Endzwecke ſprach, ruͤckte ſie immer vorwaͤrts, ohne ſich aus der Bahn bringen zu laſ⸗ ſen, wie Geſeufz und flehendes Geſchrei wohl die Waffen eines Feindes, aber nicht das Meſſer eines Wundarztes un⸗ thaͤtig machen koͤnnen. Sobald ſie fuͤr ein Mal ihrer Schuldigkeit vollkommen Genuͤge geleiſtet, ſchritt ſie von Vorwuͤrfen und breiten Verweiſen zu Ermahnungen und — 58— Nathſchlaͤgen uͤber, welche ſie mit einigem Lobe zuckerte,⸗ um das Suͤße zum Bitteren zu fuͤgen, und, in jeder Weiſe auf das Gemuͤth wirkend, deſto beſſer ihre Abſicht zu errei⸗ chen. Nach dieſen redneriſchen Feldzuͤgen, die immer bei⸗ nahe auf gleiche Weiſe begannen, ſich fort zogen und ſchloſſen, ſetzte ſich dennoch in dem guten Maͤdchen kein Haß gegen die Predigerin feſt; dieſe behandelte ſie in jeder anderen Ruͤckſicht mit der liebeyollſten Menſchenfreund⸗ lichkeit, und zeigte ſelbſt hierin doch immer eine gute Ab⸗ ſicht. Eine Bewegung blieb wohl in ihr zuruͤck, ein Sturm von Gedanken und Empfindungen; es verlangte Zeit und Anſtrengung, um wieder zur vorigen Ruhe zu gelangen. Ein Gluͤck fuͤr ſie, daß ſie nicht die Einzige war, wel⸗ cher Dame Praſſede Gutes zu erzeigen hatte; ſo konnten die Nothpredigten weniger zahlreich und nicht zu raſch ein⸗ ander folgen. Außer dem uͤbrigen Theil der Familie mußte ſie fuͤr jeden Kopf ſorgen, der mehr oder weniger geleitet oder zurecht geſetzt ſeyn wollte; außer allen andern Gele⸗ genheiten, welche ſich darboten, oder von ihr aufgeſucht wurden, um Vielen, denen ſie nicht im mindeſten verpflich⸗ tet war, aus gutem Herzen denſelben Dienſt zu leiſten, hatte ſie auch fuͤnf Toͤchter; keine zu Hauſe, ſie gaben ihr aber mehr zu denken, als wenn ſie ſie um ſich gehabt haͤtte. Drei waren Nonnen, zwei verheirathet. So hatte natuͤrlich Dame Praſſede drei Kloͤſter und zwei Haͤuſer zu beſorgen — eine große und verwickelte Verpflichtung, um ſo ſchwie⸗ riger, da die beiden Ehemaͤnner, von Eltern, Muͤttern nnd Bruͤdern unterſtuͤtzt, die beiden Aebtiſſinnen mit Huͤlfe an⸗ derer Hoheiten und(vieler Nonnen, ſich die Oberaufſicht der Alten nicht gefallen laſſen wollten. Es gab einen — 59— Krieg, fuͤnf Kriege, verdeckt und bis zu einem gewiſſen Punkte manierlich, immer aber voll Eifer und Wachſam⸗ keit; an jedem der fuͤnf Orte fand eine beſtaͤndige Auf⸗ merkſamkeit ſtatt, ihren zudringlichen Einſchritt abzuwei⸗ ſen, ihrem Rath den Zugang zu verſchließen, ihren Nach⸗ fragen auszuweichen, und ſie uͤber Alles, ſo viel als moͤg⸗ lich, im Finſtern tappen zu laſſen. Wir reden nicht von den Widerſpruͤchen, von den Schwierigkeiten, welchen ſie bei andern, weit entfernteren Angelegenheiten begegnete; man weiß, daß die Menſchen das Gute groͤßtentheils mit Gewalt durchſetzen muͤſſen. Wo aber ihr Eifer frei ſchal⸗ ten und urtheilen konnte, das war in ihrem Hauſe; hier war Alles bis auf Don Ferrante, mit welchem ſie in der That auf hoͤchſt ſonderbarem Fuße ſtand, ihrem Anſehen unterworfen. Als ein Gelehrter wollte er weder befehlen noch ge⸗ horchen. In allen haͤuslichen Angelegenheiten mochte ſeine Gattin nach Gefallen die Gebieterin ſpielen; er aber Sklave— keinesweges. Und wenn er, gebeten, ihr bei Gelegenheit mit ſeiner Feder diente, ſo geſchah es, weil darin ſeine ſtarke Seite ſaß; indeſſen verſtand er auch hier Nein zu ſagen, ſobald er von demjenigen, was ſie ihn wollte ſchreiben laſſen, nicht uͤberzeugt war.—„Sie mag ſich anſtrengen,“ ſagte er in ſolchen Faͤllen,„mag ſichtal⸗ lein damit befaſſen, da die Sache ihr ſo klar ſcheint.“— Dame Praſſede verſuchte dann eine Zeitlang vergebens, ihn auf ihre Seite zu bringen; ſie war genoͤthigt, mit ihm zu maulen, und nannte ihn einen Sonderling, einen eigenſin⸗ nigen Kopf, einen Gelehrten— ein Titel, bei welchem — 60— mit dem Verdruß zugleich die Schmeichelei ſich ein wenig verſpuͤren ließ. Don Ferrante brachte viele Stunden in ſeinem Studier⸗ zimmer zu. Hier hatte er eine betraͤchtliche Sammlung von Buͤchern, beinah dreihundert Baͤnde; lauter auserwaͤhlte Schriften, die beruͤhmteſten Werke in den verſchiedenen Faͤ⸗ chern, worin er mehr oder weniger zu Hauſe war. In der Aſtrologie galt er mit Recht fuͤr mehr als einen Dilettan⸗ ten; denn er beſaß nicht bloß die allgemeinen Kenntniſſe und Ausdruͤcke von Einfluͤſſen, Aſpekten und Konjunktio⸗ nen; er wußte auch von den zwoͤlf Himmelshaͤuſern, von den groͤßten Kreiſen, von leuchtenden und finſtern Stufen, von Aufſteigung und Senkung, von Uebergaͤngen und Um⸗ waͤlzungen, kurz von den ſicherſten und tiefſten Grundſaͤt⸗ zen der Wiſſenſchaft paſſend, wie auf dem Lehrſtuhle, zu ſprechen. Es waren etwa zwanzig Jahre, daß er in lan⸗ gen und haͤufigen Wortgefechten das Syſtem des Cardanus gegen einen andern Gelehrten vertheidigte, welcher, aus bloßem Eigenſinn, wie Don Ferrante ſagte, den Grundſaͤt⸗ zen des Alcabiz ungeſtuͤm anhing; er erkannte das Ue⸗ bergewicht der Alten ſehr wohl, mochte es aber nicht lei⸗ den, daß die Leute den Neuern, auch wo ſie augenſcheinlich Recht hatten, ſich nicht ergeben wollten. Auch war er mehr als mittelmaͤßig mit der Geſchichte der Wiſſenſchaft bekannt, wußte in noͤthigen Faͤllen die beruͤhmteſten Ver⸗ kuͤndigungen, die ſich als wahr bethaͤtigt hatten, anzuge⸗ ben, ſprach eben ſo ſcharfſinnig als gelehrt uͤber die nicht eingetroffenen, und zeigte, daß die Schuld nicht in der Wiſſenſchaft, ſondern in ihrer ungeſchickten Anwendung gelegen. — 61— In der alten Philoſophie war er hinlaͤnglich bewan⸗ dert, und lernte fortwaͤhrend durch fleißiges Leſen des Dio⸗ genes Laertius noch zu. Da man aber nicht alle dieſe Syſteme, ſo ſchoͤn ſie auch ſeyn moͤgen, beherbergen kann⸗ und um Philoſoph zu ſeyn, doch die Wahl eines Autors treffen muß, hatte ſich Don Ferrante den Ariſtoteles erſe⸗ yen, welcher, wie er zu ſagen pflegte, weder ein Alter, noch ein Neuerer, ſondern ohne Weiteres ein Philoſoph ſey. Auch beſaß er viele Werke der weiſeſten und ſcharfſinnig⸗ ſten Neueren, welche dieſem großen Lichte gefolgt; die An⸗ greifer deſſelben hatte er auch nicht einmal leſen moͤgen, um nicht die Zeit zu verwuͤſten, wie er ſich ausdruͤckte; und um nicht Geld zu verſchwenden, kaufte er ſie nicht. Nur als Ausnahme geſtattete er in ſeinem Buͤcherſaale den beruͤhmten zwei und zwanzig Buͤchern De subtilitate einen Platz; eben ſo einigen andern antiperipatetiſchen Werken des Cardanus, im Betracht deſſen, was der Mann in der Aſtrologie geleiſtet; denn er ſagte, wer die Abhandlung De restitutione temporum et motuum coelestium, und das Buch Duodecim geniturarum ſchreiben gekonnt, der verdiene, auch wenn er Boͤcke ſchieße, angehoͤrt zu werden; der große Fehler dieſes Mannes beſtehe in zu uͤberſchweng⸗ lichem Geiſte;*) Keiner koͤnne beſtimmen, wie weit er *) Nemo ceo sapientius desipuisse, nemo stultius sapuisse videtur, ſagte daher Jemand von ihm.— Wir berichten indeſſen zugleich, daß wir uns hier jeder weiteren Anmerkung enthalten. Den Sachkundi⸗ gen wird Don Ferrante's Studienplan eine ergötzliche Unterhaltung gewähren; den übrigen Leſern würden Anmerkungen wenig from⸗ men; ſie müßten zahlreich nnd ausführlich ſeyn, und möchten dieſen dritten Theil unverhältnißmäßig anſchwellen. D. L. — 62— auch in der Philoſophie gekommen waͤre, wenn er ſich auf der graden Straße gehalten haͤtte. Obgleich uͤbrigens Don Ferrante, in der Meinung der Gelehrten, fuͤr einen aus⸗ gemachten Peripatetiker galt, ſo glaubte er ſelbſt doch von dieſer Schule noch nicht genug zu wiſſen, und mehr als einmal bekannte er mit großer Beſcheidenheit, daß das We⸗ ſentliche, das Allgemeine, die Weltſeele und die Natur der Dinge keine ſo klare Gegenſtaͤnde ſeyen, als man wohl glauben moͤchte. Aus den Naturwiſſenſchaften ſchuf er ſich eher einen Zeitvertreib als ein Studium; die Werke des Ariſtoteles ſelbſt in dieſem Fache hatte er mehr geleſen als ſtudiert. Da er indeſſen zufaͤllig unter den Abhandlungen uͤber all⸗ gemeine Philoſophie auf manche Erfahrung geſtoßen, auch wohl einen Blick in Porta's natuͤrliche Magie, in Cardans Geſchichte der Steine, Thiere und Pflanzen, wie in die Abhandlung uͤber Kraͤuter, Pflanzen und Thiere von Al⸗ bertus Magnus, und in manches Werk von geringerer Be⸗ deutung gethan, wußte er zur Zeit eine Geſellſchaft von gebildeten Leuten zu unterhalten, ſprach uͤber die wunder⸗ barſten Tugenden und die ſeltſamſten Eigenheiten vieler Pflanzen, beſchrieb genau die Geſtalt und die Art der Si⸗ renen oder des einzigen Phoͤnir, und erklaͤrte, wie der Sa⸗ lamander in Feuer liegt, ohne zu verbrennen; wie der An⸗ ſauger, ein ſo kleiner Fiſch, die Kraft und die Geſchick⸗ lichkeit beſitze, auf hohem Meere das erſte beſte große Schiff wagrecht feſtzuhalten; wie die Thautropfen in den Muſcheln zu Perlen werden; wie das Chamaͤleon von der Luft lebt; wie ſich aus langſam erhaͤrtendem Eiſe im Lauf der Jahr⸗ — 63— hunderte das Kryſtall geſtaltet, und was ſonſt in der Na⸗ tur ſich an wunderbaren Geheimniſſen findet. In die Magie aber und die Hexenkunſt hatte er ſich am tiefſten hineingearbeitet; hier betraf's, ſagt unſer Ano⸗ nymus, eine weit nothwendigere, in groͤßerem Flor ſte⸗ hende Wiſſfenſchaft, in welcher die Ereigniſſe von ganz an⸗ derer Wichtigkeit, und weit naͤher zur Hand ſind, um be⸗ wahrheitet werden zu koͤnnen. Daß Don Ferrante bei ei⸗ ner ſolchen Wiſſenſchaft keinen andern Zweck im Auge hatte, als ſich gerade von den ſchwaͤrzeſten Kuͤnſten der He⸗ renmeiſter zu unterrichten, um ſich vor ihnen zu ſchirmen und ſich vertheidigen zu koͤnnen, iſt faſt ein uͤberfluͤſſiger Wink. Unter Anleitung des großen Martin Delrio vor⸗ zuͤglich, des Mannes der Wiſſenſchaft, war er ſo weit ge⸗ kommen, ex professo uͤber den Liebeszauber ſprechen zu können, uͤber den einſchlaͤfernden wie uͤber den Feindſchaft einfloͤßenden Zauber, und uͤber die vorzuͤglichſten Gattun⸗ gen dieſer drei ſchwarzen Kuͤnſte, welche nur allzuſehr, ſagt unſer Anonymus wieder, unter ſo ſchmerzlichen Wirkungen an der Tagesordnung ſind. Nicht weniger umfaſſend und gruͤndlich war ſeine Kenntniß der Geſchichte, vorzuͤglich der allgemeinen; in dieſer waren ſeine Hauptmaͤnner Tarcagnota, Dolce, Bu⸗ gatti, Campana, Guazzo, kurz die beruͤhmteſten Schrift⸗ ſteller. Was iſt aber die Geſchichte, fragte Don Ferrante oft, ohne die Staatswiſſenſchaft? Eine Fuͤhrerin, die vorwaͤrts und vorwaͤrts wandert, aber Keinen hinter ſich her hat, welcher uͤber die Straße ſie belehrt, und folglich ihre Schritte umſonſt thut, ſo wie die Staatswiſſenſchaft ohne — 64— die Geſchichte ein Wandrer ohne Wegweiſer iſt. Es befand ſich alſo in ſeinem Buͤchergeſtelle ein Brett, welches den Statiſtikern angewieſen war; dort hauſten, unter vielen von ruhmloſem Namen und vom zweiten Range, Bodino, Cavalcanti, Sanſovino, Paruta und Boccalini. Zwei Werke aber zog Don Ferrante in dieſem Fache lange allen uͤbrigen vor; zwei, die er bis zu einer gewiſſen Zeit die er⸗ ſten zu nennen pflegte, ohne ſich jemals beſtimmen zu koͤn⸗ nen, welchem von beiden ausſchließlich der Vorrang ge⸗ buͤhre; das eine der„Principe“ und die„Discorsi““ des beruͤhmten Geheimſchreibers zu Florenz— ein Schelm al⸗ lerdings, ſagte Don Ferrante, aber ein tiefer Kopf— das zweite die„Darſtellung des Staates,“ welche der nicht weniger beruͤhmte Giovanni Botero geſchrieben— ein fei⸗ ner Herr, ſagte Don Ferrante, aber ein ſcharfer Kopf. Doch kurz vor unſrer Begebenheit gerade war ein Buch erſchienen, welches die ſtreitige Frage uͤber das Primat ent⸗ ſchied, und ſelbſt jene beiden Matadore des Don Ferrante angriff; ein Buch, worin alle Bosheiten, um ſie kennen zu lernen, und alle Tugenden, um ſie uͤben zu koͤnnen, ge⸗ ſchloſſen und wie hinein getroͤpfelt ſich befinden, ein klei⸗ nes aber goldenes Buͤchelchen, nemlich der„Statista reg- nante“ des Don Valeriano Caſtiglione, des beruͤhmten Mannes, welchen die groͤßten Gelehrten um die Wette er⸗ hoben, und die hoͤchſten Herrſchaften an ſich zogen; des Mannes, den Pabſt Urban VIII, wie bekannt, durch die glaͤnzendſten Auszeichnungen ehrte, den der Kardinal Borg⸗ heſe und der Vicekoͤnig von Neapel Don Pietro di Toledo, zur Ergreifung der Feder vergebens aufforderten, da jener die Thaten des Pabſtes Paul V, dieſer die Kriege Seiner — — 65— katholiſchen Majeſtaͤt in Italien von ihm verlangte; des Mannes, den Ludwig der Dreizehnte von Frankreich auf Anrathen des Kardinals Richelieu zu ſeinem Geſchichtſchrei⸗ ber ernannte, dem Herzog Carl Emanuel von Savoyen daſſelbe Ehrenamt antrug; zu deſſen Lobe, um von andern ruͤhmlichen Zeugniſſen zu ſchweigen, die Herzogin Chriſtine, Tochter Koͤnig Heinrichs IV von Frankreich, in einem Di⸗ plom nebſt vielen andern Titeln auch„den feſtbegruͤndeten Ruf anfuͤhren durfte,„welchen er in Italien als der erſte Schriftſteller unſerer Zeiten erlangt.“ 1 Wenn aber Don Ferrante in allen bisher genannten Wiſſenſchaften ein treuer Koſtgaͤnger genannt werden mußte, ſo gab es eine, in welcher er den Profeſſortitel ver⸗ diente und beſaß, die Wiſſenſchaft des Ritterthums nemlich. Ueber dieſe ſprach er nicht bloß mit echter Meiſterſchaft, er ward auch oft bei Ehrenſachen als Austrag dazu geru⸗ fen, und gab immer eine Entſcheidung. In ſeinem Buͤ⸗ cherſchatze, und man kann ſagen in ſeinem Kopfe, beſaß er die ruhmvollſten Schriftſteller dieſes Faches: Paris del Pozzo, Fauſto da Longiano, Urrea, Muzio, Romei, Alber⸗ gato, den erſten und zweiten Forno des Torquato Taſſo; auch hatte er aus dem„befreiten Jeruſalem“ deſſelben, wie aus dem„eroberten,“ alle Stellen zur Hand, die bei rit⸗ terlichen Angelegenheiten als Zeugniß dienen konnten, und wußte ſie, wo es erforderlich war, herzuſagen. Doch der Autor der Autoren nach ſeiner Meinung war unſer be⸗ ruͤhmter Francesco Birago, mit welchem er auch mehr als ein Mal zuſammen traf, um uͤber Ehrenſachen ein Urtheil zu faͤllen; dieſer ſprach ſeinerſeits von Don Ferrante in Ausdruͤcken einer beſondern Achtung. Und von dem Au⸗ III. 5 5 — 66— genblick an, da die„ritterlichen Unterhaltungen“ dieſes ausgezeichneten Schriftſtellers erſchienen, ſagte er ohne Bedenken voraus, dies Werk wuͤrde Olevano's Autoritaͤt zu Grunde richten, und mit ſeinen andern wuͤrdigen Ge⸗ ſchwiſtern das Buch der Entſcheidung bei der Nachwelt bleiben— eine Prophezeihung, ſagt unſer Anonymus, von deren Bewaͤhrung ſich Jedermann uͤberzeugen kann. NRun geht er zu den ſchoͤnen Wiſſenſchaften uͤber; wir fangen aber an zu zweifeln, ob der Leſer wirklich noch große Luſt habe, ihm in dieſer Muſterung zu folgen; ja wir haben bereits, fuͤrchten wir, den Schmachnamen eines ſklaviſchen Abſchreibers uns zugezogen, und theilen den Vorwurf der Quaͤlerei mit unſerm wackren Anonymus,⸗ weil wir ihn gutmuͤthig auf einem Nebanwege bis hieher begleiteten, waͤhrend er wahrſcheinlich ſich nur ſo breit ge⸗ macht, um ſeine Gelehrſamkeit auszukramen, und zu zei⸗ gen, daß er hinter ſeinem Zeitalter nicht zuruͤck blieb. In⸗ deſſen bleibe das Geſchriebene ſtehen, damit wir nicht um⸗ ſonſt uns bemuͤht haben moͤgen; das Uebrige dagegen laſ⸗ ſen wir weg, und wenden uns unſrer Erzaͤhlung zu; wir haben ohnehin noch eine gute Strecke zu wandern, ehe wir Einem von unſren Leutchen begegnen, und eine groͤßere noch, ehe wir Diejenigen ſinden, deren Begebenheiten dem Leſer gewiß am meiſten am Herzen liegen, wofern ihm in unſrem Buche uͤberhaupt etwas am Herzen liegt. Bis zum Herbſte des folgenden Jahres blieben Alle, Einige aus freien Stuͤcken, Andre nothgedrungen, ziemlich in derſelben Lage, darin wir ſie gelaſſen; Keinem begegnete etwas, Keiner that etwas, das des Erzaͤhlens werth gewe⸗ ſen. Da ruͤckte der Herbſt heran, mit welchem Agneſe und — 6,— Lucia ſich beiſammen zu finden gerechnet hatten; aber ein großes oͤffentliches Ereigniß betrog ſie um ihre Hoffnung und das gehoͤrte freilich zu den kleinſten Wirkungen deſſel⸗ ben. Sypaͤter erfolgten andre große Begebenheiten, die aber im Schickſal unſrer Perſonen keine ſonderliche Ver⸗ aͤnderung hervorbrachten. Endlich gelangten neue, allge⸗ meinere, heftigere, außerordentlichere Ereigniſſe auch zu ih⸗ nen, auch nach der Stufenfolge in dieſer Welt bis zum letzten unter ihnen; wie ein Wirbelwind, welcher weit hin⸗ zieht und ploͤtzlich daherſtuͤrmt, Baͤume entwurzelt, die Ziegel von den Daͤchern ſchleudert, von den Thuͤrmen die Gipfel herabſtuͤrzt, und Scherbenhaufen forttraͤgt, zugleich aber auch die Haͤlmchen, die im Graſe verſteckt, ausreißt, in den Winkeln die welken leichten Blaͤtter, die ein ſchwaͤ⸗ cherer Wind daſelbſt zuſammengeweht, aufſucht, und ſie mit ſeinem Raube fortgewaͤlzt emportraͤgt. Damit nun uͤber die Schickſale unſerer Perſonen, welche uns zu erzaͤhlen bleiben, helles Licht verbreitet werde, muͤſſen wir auch hier nothgedrungen eine Darſtel⸗ lung der oͤffentlichen Ereigniſſe voranſchicken, und ſelbſt ein wenig weiter ausholen. Viertes Kapitel. Nach der Empoͤrung am Martinstage ſchien der Ueber⸗ fluß, wie durch einen Zauber, nach Mailand zuruͤckgekehrt zu ſeyn. Die Brodlaͤden waren uͤberfluͤſſig verſehen; ein Preis, wie in fruchtbaren Jahren, und auch fuͤr das Mehl ward verhaͤltnißmaͤßig gezahlt. Wer an jenem Tage ge⸗ — 68— ſchrieen oder noch mehr gethan, durfte, mit Ausnahme ei⸗ niger Wenigen, ſich jetzt Beifall zurufen, und ſobald nur der erſte Schrecken der Verhaftungen voruͤber, ließ man es auch daran nicht fehlen. Auf den Plaͤtzen, an den Stra⸗ ßenecken, in den Schenken gab's ein oͤffentliches Jubeln; man wuͤnſchte ſich Gluͤck, und ruͤhmte ſich halblaut, wohl⸗ feiles Brod erwirkt zu haben. Mitten im feſtlichen Schwunge aber gab ſich eine Unruhe, ein Vorgefuͤhl zu er⸗ kennen, daß die Freude von keinem Beſtand ſeyn duͤrfte. Man uͤberlief die Baͤcker und Mehlhaͤndler, wie ſchon fruͤ⸗ her, bei Ferrer's fluͤchtigem Truguͤberfluß, geſchehen warz wer etwas Geld liegen hatte, ſetzte es in Brod und Mehl um; aus Kiſten, Tonnen und Keſſeln wurden Vorraths⸗ kammern gemacht. Waͤhrend man ſo im Genuſſe des ge⸗ genwaͤrtigen Vortheils wetteiferte, machte man, da er an ſich ſchon nicht lange waͤhren konnte, ſelbſt die kurze Dauer unmoͤglich. Am funfzehnten November erließ daher Anto⸗ nio Ferrer auf Befehl Ihrer Excellenz eine Verordnung, welche Jedem, der Getraide oder Mehl im Hauſe hatte, dergleichen zu kaufen verbot; auch ſollte Niemand bei Geld⸗ und Leibesſtrafe fuͤr mehr als zwei Tage Brod kau⸗ fen; man forderte zur Angebung der Uebertreter auf, und befahl den Richtern, in angezeigten Haͤuſern Nachſuchun⸗ gen anzuſtellen; aber auch den Baͤckern ward angeſagt, ſie ſollten„bei fuͤnfjaͤhriger Galeerenſtrafe“ ihre Laͤden jeder⸗ zeit hinlaͤnglich mit Brod verſehen halten. Wer der Mei⸗ nung ſeyn wollte, daß ſolch einer Verordnung Genuͤge ge⸗ leiſtet ward, der ſtellt ſich die Dinge nach ſeiner Weiſe vor, und uͤberhaupt, wenn alle, ſo erſchienen, in Ausfuͤh⸗ rung gebracht worden waͤren, ſo haͤtte das Herzogthum —-— 69— Mailand wenigſtens eben ſo viele Leute, als jetzt Groß⸗ brittanien, auf dem Meere haben muͤſſen. Das Gebot zu backen machte durchaus auch das Ge⸗ bot zur Anſchaffung des Backmaterials nothwendig. Wie in Zeiten der Theuerung die Menſchen gewoͤhnlich darauf zu denken pflegen, aus Nahrungsſtoffen, die ſonſt unter ei⸗ ner andern Geſtalt genoſſen werden, Brod zu ſchaffen, ge⸗ rieth man auch hier auf die Entdeckung, Reiß unter den Brodteig zu nehmen. Am drei und zwanzigſten November verlangte eine Verordnung, die Haͤlfte des Reißes, ſo Je⸗ der beſaß, in die oͤffentlichen Speicher nieder zu legen, und bedrohte jede unerlaubte Ausfuhr mit Geldſtrafe. Sehr vernuͤnftig, wie Jedermann begreift. Der Reiß aber mußte bezahlt werden, und der Preis ſtand mit dem Brodpreiſe in keinem Verhaͤltniß. Dieſem großen Mangel abzuhelfen, war der Stadt aufgetragen worden; die Decurionen mußten daher dem Statthalter die Unmoͤglichkeit, es laͤnger durchzuſetzen, vorſtellen, und dieſer beſtimmte den Preis des Reißes auf zwoͤlf Lire den Scheffel; wer mehr forderte, oder dafuͤr nicht verkaufen wollte, verlor die Waare, und ward mit Geldſtrafe, ſo viel als der Reiß betrug, bedroht. Fuͤr den ausgehuͤlſten Reiß war ſchon vor dem Aufſtande der Preis feſtgeſetzt worden, und daſſelbe iſt ohne Zweifel mit den ͤbrigen Getraidear⸗ ten geſchehen. Da auf ſolche Weiſe Brod und Mehl bei wohlfeilem Preiſe in Mailand erhalten wurden, ſtroͤmten die Menſchen natuͤrlich von außerhalb herbei, um ihren Einkauf zu ma⸗ chen. Dieſem Uebelſtand zu begegnen, verbot Don Gon⸗ zalo im Dezember darauf, fuͤr mehr als zwanzig Soldi — 70— Brod mit hinaus zu nehmen, und verfuhr bald nachher mit Mehl und Getraide eben ſo; beides unter Androhung ſchwerer Strafen. Die Menge hatte den Ueberfluß durch Pluͤnderung und Brand erzwingen wollen, die geſetzliche Macht ſuchte ihn durch das Wippſeil und die Galeere zu erhalten. Die Mittel waren nur unter einander paſſend; was aber am Ende dar⸗ aus entſtehen mußte, begreift der Leſer leicht; wie ſie den Zweck erreichten, ſoll er ſogleich ſehen. Auch iſt es begreif⸗ lich und bemerkenswerth, welch eine nothwendige Verknuͤp⸗ fung unter dieſen ſeltſamen Vorkehrungsmitteln ſtatt fand; ein jedes war eine unausweichliche Folge des vorhergehen⸗ den, alle eine Folge des erſten unnatuͤrlichen Brodpreiſes. Der Menge hat dieſes Mittel, wie immer, eben ſo billig, als einfach und leicht ausfuͤhrbar geſchienen; im ſchmerz⸗ lichen Drange der Theuerung wuͤnſcht ſie es alſo, bittet drum, und gebietet es, wenn ſie kann. Je deutlicher ſich die Folgen dann zu verrathen anfangen, deſto gewiſſer muͤſ⸗ ſen die Vorgeſetzten ihre fruͤheren Gebote widerrufen. Es ſey erlaubt, hier im Vorbeigehen auf ein ſeltſames Ereig⸗ niß aufmerkſam zu machen. Es iſt nicht lange her, daß in einem Lande, waͤhrend der klaͤglichſten und denkwuͤrdigſten Epoche der neueren Geſchichte, unter aͤhnlichen Umſtaͤnden aͤhnliche Vorkehrungsmittel ihre Anwendung gefunden; die⸗ ſelben im Weſentlichen, koͤnnte man ſagen, wie in der Rei⸗ henfolge, nur in den Verhaͤltniſſen verſchieden; ſie fanden ihre Anwendung, obgleich die Zeiten ſo bedeutend ſich ver⸗ aͤndert, und ſo viele Kenntniſſe waͤhrend deſſen in Europa ausgebildet worden, wobei noch uͤberdieß jenes Land voran⸗ geſchritten. Die Urſache lag vorzuͤglich darin, daß die großen Maſſen des Volkes, bis zu welchen jene Kenntniſſe nicht hinabgeſtiegen, ihr Urtheil nachdruͤcklich geltend ma⸗ chen, und wie man dort ſich ausdruͤckt, den Geſetzgebern gewaltſam die Haͤnde fuͤhren konnten. Die Empdrung trug alſo, wenn man die Rechnung zieht, zweifache Fruͤchte; wirkliche Verwuͤſtung und Ver⸗ luſt an Lebensmitteln waͤhrend des Aufſtandes ſelbſt; ein unmaͤßiger, uͤbermuͤthiger Verbrauch waͤhrend des wohlfei⸗ len Preiſes, auf Abſchlag des wenigen Getraides, welches bis zur neuen Erndte haͤtte hinreichen ſollen. Zu dieſer allgemeinen Wirkung geſellte ſich das Urtheil, welches vier Buͤrger, als Naͤdelsfuͤhrer im Tumulte, zum Tode fuͤhrte⸗ zwei vor dem Kruͤckenofen, die beiden andern am Eingang der Straße, in welcher das Haus des Speichervogtes ſtand. Die geſchichtlichen Berichte jener Zeiten wurden aber ſo zufaͤllig aufgeſetzt, daß ſich nicht einmal die Nachricht findet, wie oder wann der gewaltſame Preis aufgehoͤrt habe. Iſt es vergoͤnnt, ſtatt deſſelben ſich mit Muthmaßungen hervor zu wagen, ſo moͤchten wir glauben, daß er um den vier und zwanzigſten Dezember, den Tag der Hinrichtung, abgeſchafft worden. Verordnungen, den Getraidepreis be⸗ treffend, kommen nicht weiter vor; es ſey nun, daß ſie un⸗ tergegangen, oder unſern Forſchungen entwiſcht; auch mag ſie wohl die Regierung, von der Unwirkſamkeit ihrer Mit⸗ tel entmuthigt und uͤberwunden, wie vom Erfolge getaͤuſcht, ihrem Lauf uͤberlaſſen haben. Doch finden wir bei ver⸗ ſchiedenen Geſchichtſchreibern— welche immer lieber große Ereigniſſe ſchildern, als ihre Quellen und ihre Entwicke⸗ lung darſtellen mochten— ein Gemaͤlde des Landes, und voorzuͤglich der Stadt, waͤhrend des Spaͤtwinters und des — 72— Fruͤhlings; als die Urſache des Uebels, das Mißverhaͤltniß nehmlich zwiſchen den Lebensmitteln und dem Bedarf, kei⸗ nesweges gehoben, ſondern durch die Huͤlfsmittel, welche die Wirkungen nur einſtweilen verzoͤgerten, geſtiegen war. Selbſt eine hinreichende Einfuhr von außerhalb fruchtete nichts; ihr wirkten die Unzulaͤnglichkeit der uͤbrigen Vor⸗ kehrungen, der Mangel der umherwohnenden Landleute, das Stocken des Verkehrs, und die Geſetze ſelbſt, welche den wohlfeilen Preis gewaltſam zu erhalten ſuchten, feind⸗ ſelig entgegen. Die Theuerung wirkte unngehamnun in ih⸗ rer ganzen Gewalt. 8 Bei jedem Schritte, erzaͤhlen ſie, fand n man geſchlof⸗ ſene Laͤden und verlaſſene Haͤuſer; die Straßen, ein un⸗ beſchreiblicher Anblick, waren fortwaͤhrend der Schauplatz des Elends, der beſtaͤndige Aufenthalt der Schmerzen. Nur wenige Bettler gab es aus fruͤherer Zeit; ſie verloren ſich unter eine neue Menge, welche um Almoſen in Geſellſchaft von Leuten flehten, die ſonſt bittend vor ihrer Thuͤre ge⸗ ſtanden. Burſchen und Ladendiener, von Kraͤmern und Kaufleuten entlaſſen, welche bei dem gaͤnzlichen Mangel an taͤglichem Verdienſte von ihrem zuruͤckgelegten Gelde kuͤmmerlich lebten; Kraͤmer und Kaufleute ſelbſt, durch das Stocken der Geſchaͤfte in Elend und Verderben geſtuͤrzt; Handwerker aller Art, die Diener des Beduͤrfniſſes wie des Aufwandes, die gemeinſten wie die kunſtvollſten, von Thuͤre zu Thuͤre, von Straße zu Straße ſchleichend, an die Ecken gelehnt, oder laͤngs den Haͤuſern und Kirchen auf die Quaderſteine hingeſtreckt; ſie flehten jaͤmmerlich um Mitleid, oder zoͤgerten, zwiſchen dem Beduͤrfniß und der unuͤherwundenen Schaam ſchwankend; verfallend und ———-;—— — 78— ohnmaͤchtig lagen ſie da, ſchaudernd vor Kaͤlte und Hun⸗ ger, in ihren zerriſſenen Kleidern, welche bei vielen noch die Zeichen des alten Wohlſtandes trugen. Dabei gab ſich ſelbſt in der Unthaͤtigkeit und Erniedrigung ſo manches Zeichen geſchaͤftiger und muthiger Gewohnheit zu erkennen. Zahlreich der bedauernswuͤrdigen Schaar geſellt waren Diener zu ſehen, verabſchiedet von ihren Brodherren, die aus maͤßiger Wohlhabenheit in Armuth geſunken, oder nach Reichthum und Groͤße bei ſolchem Jahre nicht mehr im Stande waren, den gewohnten Prachtſtaat ihres Gefolges zu unterhalten. um Jeden derſelben eine Anzahl Anderer, die zum Theil von ihren Einkuͤnften zu leben gewohnt waren, Soͤhne, Frauen, greiſe Eltern, mit ihren alten Un⸗ terſtuͤtzern zuſammen geſchaart, oder nach andern Seiten hin zum Betteln zerſtreut. Es ließen ſich aber auch an den zerzauſten Haarbuͤſcheln und den Fetzen prunkvoller Kleider, an Geberde und Be⸗ nehmen, am Gepraͤge der Gewohnheiten, welches um ſo deutlicher ſpricht, je auffallender ſich dieſe von allen Uebri⸗ gen unterſcheiden, gar viele Bravi erkennen, die im allge⸗ meinen Schickſal gleichfalls ihr Frevelbrod eingebuͤßt hat⸗ ten, und es nun von der Erbarmung zu erflehen ſuchten. Vom Hunger niedergebeugt und zuſammengekruͤmmt, nur im Angſtruf mit den Uebrigen wetteifernd, ſchleppten ſich durch die Stadt die Boͤſewichter, die ſo lange Zeit mit ſtolzer und wilder Miene, in ſchmuckreicher, grillenhafter Livrei, mit reichen Waffen prangend, voller Prachtfedern und Wohlgeruͤche, vergnuͤglich durch dieſelben Straßen ge⸗ ſchritten; ſie ſtreckten demuͤthig die Hand aus, welche ſie — 914— ſo oft zur unverſchaͤmten Drohung oder zum verraͤtheriſchen Morde erhoben. Im dichteſten, grauſenhafteſten Gewimmel aber draͤng⸗ ten ſich die Landleute, einzeln, paarweiſe oder ganze Fami⸗ lien; Ehemaͤnner, Weiber, mit Kindern auf dem Arm oder auf den Schultern, mit Knaben an der Hand, und mit Greiſen hinter ihnen. Einige hatten ihre Haͤuſer, nach⸗ dem ſie von ſtehenden oder durchziehenden Soldaten erbro⸗ chen und gepluͤndert worden, in Verzweiflung verlaſſen; Manche unter ihnen zeigten, um das Mitleid lebhafter zu ruͤhren, und durch ihr Elend aufzufallen, die Beulen und Wunden, welche ſie bei Vertheidigung ihrer letzten Habe, oder von roher Zuͤgelloſigkeit auf der Flucht, erhalten hat⸗ ten. Andre waren von dieſer beſondern Plage verſchont geblieben, wurden aber von den beiden verjagt, die in ie⸗ dem Winkel ſich empfanden, von der Unfruchtbarkeit und den auferlegten Laſten, welche die ſogenannten Beduͤrfniſſe des Krieges verſchaffen ſollten; ſie ſtroͤmten nach der Stadt⸗ als dem alten und letzten Sitze des Reichthums und der gottſeligen Freigebigkeit. Es ließ ſich dabei unterſcheiden, wer ſo eben erſt angekommen: die Miene der Neuheit, der zweifelvolle Schritt, der ſtaunende Unwille, ein ſolches Ge⸗ wimmel, eine ſolche Nebenbuhlerſchaft des Elends zu fin⸗ den, waͤhrend er ſelbſt als ein ausgezeichneter Gegenſtand des Mitleids zu erſcheinen, und die Blicke der Huͤlfe auf ſich zu ziehen erwartet hatte. Wer aber ſeit laͤngerer Zeit ſchon in den Straßen der Stadt ſich aufgehalten, und das Leben mit zufaͤllig erlangten Nahrungsmitteln gefriſtet hatte, ſtellte, bei dieſem Mißverhaͤltniß der Speiſe und des Bedarfs, in Miene und Geberden weit ſinſterer und er⸗ —.— — 75— ſtarrter das Bild der Niedergeſchlagenheit dar. Welche Verſchiedenheit an Anblick und Kleidern oder Lumpen mit⸗ ten in der allgemeinen Verzerrung! Bleiche Geſichter aus der Ebene, braune aus dem hoͤheren Landſtriche und den Huͤgelgegenden, blutrothe aus dem Gebirge, alle fleiſchlos und abgezehrt, mit hohlen Augen, mit ſtarren Blicken, wie zwiſchen ſinſterm Grimme und Sinnloſigkeit ſchwankend, mit verwirrten Haaren und langem, widrigem Barte; ihre Leiber, bei ſchwerer Arbeit aufgewachſen und abgehaͤrtet, jetzt vom Elend erſchopft; voller Runzeln die Haut auf den verbrannten Armen, auf dem Schluͤſſelbein und der abgemergelten Bruſt, die aus den verſchobenen Fetzen her⸗ vorſah. Anders, aber nicht weniger ſchmerzlich als dieſer Anblick der ermatteten Kraͤftigkeit, ergriffen bei den ſchwaͤ⸗ cheren Altern und Geſchlechtern die Bilder einer ſchneller unterliegenden Natur, des ſchmachtenden Hinſinkens und der Ohnmacht. „Hier und dort lag in Straßen und auf Plaͤtzen, un⸗ ter den Dachtraufen dicht an den Haͤuſerwaͤnden, ein Haͤuflein von zertretenem, kurzgelegenem Stroh und Stop⸗ peln mit ſchmutzigen Lappen vermiſcht. Und dieſer Jam⸗ mer war dennoch ein Geſchenk der eifrigen Menſchenliebe, es war das Lager, welches einer der armen Ungluͤcklichen ſich bereitet, um ſein Haupt fuͤr die Nacht zu betten. Hin und wieder ſah man auch bei Tage manchen daliegen oder ſich hinſtrecken, wenn Muͤdigkeit oder Hunger ihm den Athem erſtickt oder die Beine gelaͤhmt; oft trug ſolch ein trauriges Bette einen Leichnam; oft ſtuͤrzte ploͤtzlich ein Erſchoͤpfter darauf nieder, und blieb entſeelt auf dem Pfla⸗ ſter der Straße liegen. — 7— moͤchte; fuͤr Andre ſuchten ſie in benachbarten Haͤuſern Unterkommen und Pflege. Wohnte ein Beguͤterter daſelbſt, ſo ward die gaſtliche Aufnahme groͤßtentheils aus Erbar⸗ men und auf Fuͤrſpruch des Kardinals gern bewilligt; wo dem guten Willen die Mittel entgingen, gaben die Prie⸗ ſten den Huͤlfloſen in Koſt, beſprachen das Pflegegeld, und zahlten einen Theil voraus. Von dieſen Untergebrachten ertheilten ſie ſodann den Pfarrern Nachricht, und trugen ihnen auf, ſie zu beſuchen, was ſie auch ſelbſt nicht un⸗ terließen. „Es braucht kaum geſagt zu werden, daß Borromeo ſeine Sorgfalt keinesweges bis auf dieſe Hoͤhe des Elends verſchob, oder erſt jetzt ſich der Ungluͤcklichen erbarmte. Seine regſame, gluͤhende Menſchenliebe mußte Alles em⸗ pfinden, bei Allem ſich in Bewegung ſetzen, und zur Huͤlfe eilen, wo es nicht moͤglich geweſen, zuvorzukommen; ſie mußte gleichſam alle die Geſtalten annehmen, in welchen die Huͤlfloſigkeit ſo vielfach ſich zeigte. Er vereinigte alle ſeine Mittel, ſchraͤnkte ſich noch ſtrenger ein, griff die Er⸗ ſparniſſe an, die er fuͤr anderweitige Freigebigkeit beſtimmt hatte, ließ dieſe zuruͤcktreten, ſuchte auf ſolche Weiſe Geld aufzubringen, und verwandte Alles auf die Erleichterung der Noth. Er hatte eine Menge Getraide aufgekauft, und ſchickte einen großen Theil deſſelben nach den Ortſchaften ſeines Kirchſpiels, wo der Mangel am druͤckendſten herrſchte, und da dieſer Beiſtand dem Uebel nicht vollſtaͤndig abzu⸗ helfen vermochte, ſandte er Ladungen von Salz nach,„mit⸗ telſt deſſen,“ wie Ripamonti erzaͤhlt,„die Kraͤuter der Wieſen und die Rinde der Baͤume in Nahrungsmittel fuͤr Menſchen verwandelt wurden.“ Getraide und Geld hatte — 76— Neben Manchem dieſer Hingeſtreckten erblickte man in⸗ deſſen auch wohl einen Voruͤbergehenden, oder einen Nach⸗ bar, welcher, von ploͤtzlichem Mitleid herbeigerufen, ſich zu ihm hinabbeugte. Hier und dort erſchien eine geordnete Huͤlfe mit weiter reichender Sorgfalt, von einer Hand in Bewegung geſetzt, welche mit Mitteln verſehen, in großar⸗ tiger Wohlthaͤtigkeit geuͤbt war— von der Hand des tref⸗ lichen Erzbiſchofs. Er hatte ſechs Prteſter erwaͤhlt, deren willige beharrliche Menſchenliebe von einem ruͤſtigen Koͤr⸗ per unterſtuͤtzt ward; jedes Paar mußte ein Drittheil der Stadt durchwandern, waͤhrend ihm Laſttraͤger mit Speiſen, Staͤrkungsmitteln und Kleidern folgten. Jeden Morgen zogen die drei Paare umher, traten zu den Verlaſſenen am Boden, und reichten Jedem die Huͤlfe, fuͤr die er empfaͤng⸗ lich war. Mancher, der mit dem Tode ſchon rang, und Nahrungsmittel nicht mehr zu nehmen vermochte, erhielt die letzte Huͤlfe und Troͤſtung der Religion. Wem aber Speiſe noch zum Heilmittel gereichen konnte, der bekam Bruͤhe, Eier, Wein und Brod; wer von langem Hunger ver⸗ ſchmachtet dalag, den labten Kraftſuppen, Eſſenzen, und edlerer Wein, wozu ſie, wenn es noͤthig war, herzſtaͤrkende Mittel und kraͤftigen Eſſig fuͤgten. Zugleich erhielt die nackte Bloͤße Kleidung und Schutz gegen die Kaͤlte. Und hierbei blieb ihre Sorgfalt nicht ſtehen. Der gute Hirt wuͤnſchte, ſie moͤchten, wo es anginge, nicht bloß eine voruͤbergehende Huͤlfe leiſten. Die Armen, denen dieſe erſte Staͤrkung hinreichende Kraft zum Gehen verliehen, wurden von den Prieſtern mit Geld unterſtuͤtzt, damit nicht das neue Beduͤrfniß und der Mangel an anderem Bei⸗ ſtand ſie bald wieder in ihre vorige Lage zuruͤckſtuͤrzen — 18— er unter die Pfarrer der Stadt vertheilt; er ſelbſt lief durch die verſchiedenen Bezirke, reichte Almoſen, und trat heimlich bei vielen duͤrftigen Familien ein. Waͤhrend deſ⸗ ſen ward im biſchoͤflichen Pallaſte tagtaͤglich eine große Menge Reiß gekocht, und jeden Morgen, nach dem Zeug⸗ niſſe des Arztes Aleſſandro Tadino, wurden zweitauſend Schuͤſſeln vertheilt. Dieſe glaͤnzende Wohlthaͤtigkeit, von einem einzigen Manne ausgehend und durch ſein Vermoͤgen allein beſtrit⸗ ten— denn mit den Gaben Andrer den Unterſtuͤtzer zu ſpielen war ſeine Weiſe nicht— kam deſſenungeachtet ge⸗ gen den Mangel zu kurz. Und doch wirkten ihm einzelne, aber zahlreiche Haͤnde zur Seite, doch war auch der Rath der Decurionen dem Elend zur Huͤlfe geeilt! Waͤhrend ei⸗ nige Gebirgsbewohner und benachbarte Landleute dem Hun⸗ gertode entriſſen wurden, geriethen andre in die aͤußerſte Hoffnungsloſigkeit des Mangels; die Erſten hatten die zu⸗ gemeſſene Huͤlfe verzehrt, und ſahen ſich wieder in derſel⸗ ben Lage; in andern Gegenden, welche man nicht vergeſ⸗ ſen, aber da man eine Wahl treffen mußte, hatte warten laſſen, ſtand der Tod den Bewohnern vor Augen; auf al⸗ len Seiten wuͤthete das Verderben, von allen Seiten ſtroͤmte man nach der Stadt. Hatten ſich hier zwei tau⸗ ſend, ruͤſtig mit dem Hunger kaͤmpfend und zur Unter⸗ ſtuͤtzung ſich durchſchlagend, Speiſe verſchafft, um wenig⸗ ſtens nicht den nehmlichen Tag noch umzukommen, ſo blie⸗ ben viele andre Tauſende hinter ihnen zuruͤck, und benei⸗ deten die Gluͤcklicheren, unter denen oft ihre Maͤnner/ ihre Sohne, ihre Vaͤter; waͤhrend an dreien Punkten der Stadt Einige dieſer Verlaſſenen, zum Leben zuruͤckgerufen, fuͤr —,— — 72— eine kurze Zeit geſichert wurden, ſanken in hundert andern Punkten Unzaͤhlige nieder, verſchmachteten ohne Pflege und Erquickung, und ſuchten vergehend Luft zu ſchoͤpfen. Den ganzen Tag hoͤrte man in den Straßen ein ver⸗ worrenes Geſumſe von klaͤglichen Flehensworten; waͤhrend. der Nacht ein grauenvolles Geſeufze, von Zeit zu Zeit durch ploͤtzliches Schmerzensgeheul, durch langen, kreiſchen⸗ den Wehruf, und durch Angſtgebete, welche mit ſchallen⸗ den Ausbruͤchen des Leidens endigten, unterbrochen. Bemerkt verdient es zu werden, daß bei ſolchem Ueber⸗ maaß des Jammers und ſo vielfaͤltigen Klagen auch nicht ein einziger Aufruf zur Empoͤrung ſich gewahren ließ; we⸗ nigſtens begegnet man keiner Andeutung davon. Und doch gah es unter der Menge, die ſo lebten oder dem Tode ent⸗ gegen gingen, ſehr Viele, die zu ganz Anderem als zum Lei⸗ den erzogen; Hunderte unter ihnen hatten am Martins⸗ tage ein lautes Wort gefuͤhrt. Daß das Beiſpiel der vier ungluͤcklichen, welche fuͤr die Uebrigen gebuͤßt, jetzt ſo all⸗ gewaltig ſie im Zaum hielt, hat wenig fuͤr ſich; welchen Einfluß konnte die Erinnerung an eine Strafe auf das Gemuͤth einer umherſchwaͤrmenden, ins Verderben geſtuͤrz⸗ ten Maſſe haben, waͤhrend ſie ſich zu einer langſamen To⸗ desſtrafe, die ſie bereits litt, verdammt ſah? Aber ſo ſind wir Menſchen gewoͤhnlich; voller Unwillen und Wuth em⸗ poͤren wir uns gegen mittelmaͤßige Uebel, und beugen uns ſchweigend unter ein unermeßliches Ungluͤck; nicht in Er⸗ gebung, aber im Starrkrampf der Beſtuͤrzung ertragen wir das Uebermaas eines Elends, welches wir im Anfang ſchon unertraͤglich genannt haben. — 80— Die Luͤcken, ſo der Tod tagtaͤglich in dieſe bejam⸗ mernswuͤrdige Menge riß, fuͤllten ſich taͤglich wieder, und gedraͤngter noch ward das Gewimmel; das Herbeiſtroͤmen nahm kein Ende, zuerſt von den umliegenden Landwoh⸗ nungen, dann aus der ganzen Gegend, dann aus den ent⸗ fernten Staͤdten des Herzogthums, und endlich auch aus andern. Waͤhrend deſſen eilten taͤglich alte Bewohner aus Mailand hinweg; theils flohen ſie den Anblick ſo vieler Wunden, theils ſahen ſie von den neuen Ankoͤmmlingen ihren Bettlexerwerb gehemmt, und gingen im letzten Ver⸗ ſuche der Verzweiflung hinaus, anderwaͤrts, wo es auch waͤre, wo die Mitbewerber um die Barmherzigkeit wenig⸗ ſtens nicht ſo zahlreich und ungeſtuͤm, Unterſtuͤtzung zu erflehen. Es trafen einander auf entgegengeſetzter Reiſe die beiden Pilgerſchaaren, eine fuͤr die andre ein nieder⸗ ſchlagender Anblick, ein ſchmerzlicher Beweis des Jam⸗ mers, zu welchem beide gelangt. Indeſſen ſetzten ſie den begonnenen Weg fort, wenn auch nicht in der Hoffnung mehr, ihr Schickſal zu aͤndern, doch wenigſtens um unter einen verhaßt gewordenen Himmel nicht wieder zuruͤckzu⸗ kehren, und die Staͤtten nicht wieder zu ſehen, wo die Ver⸗ zweiflung ſie uͤberwaͤltigt hatte. Aber Mancher ſtuͤrzte da⸗ bei, wenn die Nahrungsloſigkeit ſeine letzten Lebenskraͤfte verzehrt hatte, auf die Landſtraße hin, und blieb entſeelt dort liegen; ein noch traurigeres Schauſpiel fuͤr ſeine Schickſalsgenoſſen, fuͤr die Voruͤbergehenden ein Gegen⸗ ſtand des Schauderns, vielleicht auch des Vorwurfs.„Ich ſah in der Straße um die Mauer,“ ſagt Ripamonti⸗ den Leichnam einer Frau liegen. Aus dem Munde hing ihr halb zernagtes Kraut, und die fleckigen Lippen ſchienen — 81— noch mit wahnſinniger Anſtrengung eine Bewegung zu verſuchen. Sie trug auf der Schulter ein Buͤndel, und vorn hing in einem Tuche ein Kind, das ſchreiend nach der Bruſt verlangte. Mitleidige Menſchen kamen herbei, nahmen das ungluͤckliche Kleine von der Erde auf, und leiſteten ihm die nothwendigſten Mutterdienſte.“ Der Gegenſatz von Staatskleidern und Lumpen, von Ueberfluß und Elend, das gewoͤhnliche Schauſpiel gewoͤhn⸗ licher Zeiten, war hier faſt gaͤnzlich verſchwunden. Lum⸗ pen und Elend gab es uͤberall, und was ſich unterſchied, war nur die Erſcheinung eines ſparſamen Mittelſtandes. Man ſah die Edelleute in alltaͤglicher, beſcheidener Klei⸗ dung, und auch dieſe oft zerriſſen oder in uͤblem Zuſtande; Einige, weil die allgemeinen Urſachen des Elends auch ihr Schickſal ſo weit herabgebracht, oder einem ſchon zerruͤtte⸗ ten Verhaͤltniß den letzten Stoß gegeben hatten; Andre fuͤrchteten durch Pracht die Verzweiflung des Volkes zu reizen, oder ſchaͤmten ſich, das offentliche Ungluͤck zu ver⸗ hoͤhnen. Die verhaßten und gefuͤrchteten Uebermaͤchtigen, ſonſt mit einem beleidigenden Gefolge von Söoͤldlingen da⸗ herſchreitend, gingen jetzt allein, mit geſenktem Haupte, und ihre Miene ſchien Frieden anzubieten und zu begehren. Einige, die auch in gluͤcklicher Zeit menſchenfreundlichere Geſinnungen gehegt, und ſich ſanftmuͤthiger betragen hat⸗ ten, ſtanden in verwirrter Beſtuͤrzung da, uͤbermannt vom Anblick eines fortwaͤhrenden Elends, das nicht bloß die Moͤglichkeit der Huͤlfleiſtung, ſondern auch die Kraͤfte der Barmherzigkeit uͤberſtieg. Wer Mittel zum Beiſtand beſaß⸗ mußte zwiſchen Hunger und Hunger, zwiſchen Verderben und Verderben eine traurige Wahl treffen. Und kaum III. 6 — 2— naͤherte ſich eine mitleidige Hand einer ungluͤcklichen, ſo erhob ſich rings umher ein eiferſuͤchtiger Wettſtreit des Elends; was noch Kraft beſaß, draͤngte ſich hervor, und bettelte mit Ungeſtuͤm; die Erſchoͤpften, die Greiſe und Kinder ſtreckten bloß die abgemagerten Haͤnde in die Hoͤhe; die Muͤtter zeigten von fern ihre emporgehobenen weinen⸗ den Kinder, in zerriſſene Windeln mit Noth gewickelt, und vor Mattigkeit in ihren Haͤnden zuſammenſinkend. So gingen Winter und Fruͤhling voruͤber. Seit eini⸗ ger Zeit ſchon hatte der Geſundheitsausſchuß die Beamten bei den Speichern auf die Gefahr der Anſteckung aufmerk⸗ ſam gemacht, welche bei einem ſo großen gedraͤngten Elende der Stadt bevorſtand; es ſollten daher die herumziehenden Bettler in verſchiedne Pflegehaͤuſer aufgenommen werden. Waͤhrend man dieſes Huͤlfsmittel in Anregung brachte, uͤberlegte und verabredete, haͤuften ſich in den Straßen taͤglich die Leichname immer mehr, und in demſelben Ver⸗ haͤltniß ſtiegen Ekel, Mitleid und Gefahr. Im Sypeicher⸗ amte ward, als leichter und foͤrdernder, ein anderer Aus⸗ weg vorgeſchlagen; man wollte ſaͤmmtliche Bettler/ geſunde und kranke, nach einem einzigen Gebaͤude, dem Kranken⸗ hauſe, bringen, und ſie dort auf Koſten des Staates mit Speiſen und Heilmitteln verpflegen. Der Geſundheitsaus⸗ ſchuß bewies vergebens⸗ wie bei einer ſolchen Zuſammen⸗ draͤngung die Gefahr, welche man beſeitigen wollte, ſtei⸗ gen muͤßte; der Vorſchlag ging durch. Das Krankenhaus zu Mailand, ein faſt viereckiges Ge⸗ baͤude außerhalb der Stadt, zur Linken des Thores gegen⸗ Morgen, wird von der Baſtei durch einen Graben, durch eine umherlaufende Wallſtraße/ und einen zweiten Graben⸗ — der um das Haus ſelbſt laͤuft, geſchieden. Die beiden groͤ⸗ ßeren Seiten meſſen etwa fuͤnf hundert Fuß, die andern beiden ungefaͤhr funfzehn weniger; ſie ſind im aͤußeren Umkreiſe durch kleine Stuben des nehmlichen Stockwerks getheilt; inwendig zieht ſich um drei von ihnen eine fort⸗ laufende Halle mit kleinen duͤnnen Saͤulen hin. Sonſt be⸗ lief ſich die Zahl der Kammern auf faſt drei hundert, jetzt iſt durch gemachte Oeffnungen die Zahl kleiner. Zur Zeit unſrer Geſchichte gab es nur zwei Eingaͤnge; im Mittel⸗ punkte des inneren leeren Raumes erhob ſich, wie noch jetzt, eine achteckige Kapelle. Im Jahre 1489 durch das Vermaͤchtniß eines Buͤrgers gegruͤndet, und durch andre Schenkungen vollendet, hatte das Gebaͤude die Beſtimmung, zur Zeit der Peſt die Kranken aufzunehmen; denn weit fruͤ⸗ her ſchon und auch nachher pflegte dieſe mehrmals in je⸗ dem Jahrhunderte bald das eine, bald das andere Land in Europa heimzuſuchen, bisweilen eine große Strecke befal⸗ lend, bisweilen durch den ganzen Welttheil wuͤthend. Zur Zeit unſrer Begebenheit diente das Krankenhaus bloß zur Niederlage der Waaren, welche man, wo Anſteckung ge⸗ fuͤrchtet ward, eine Zeitlang abgeſondert wiſſen wollte. Um es nun jetzt fuͤr die neue Beſtimmung einzurichten, uͤberſchritt man die gewoͤhnlichen Befehle; die Reinigun⸗ gen, die vorgeſchriebenen Anſtalten wurden in Eil betrie⸗ ben, und ſaͤmmtliche Waaren mit einem Male freigelaſſen. In allen Zimmern ward Stroh gelegt, Lebensmittel aller Art herbeigeſchafft, und durch eine oͤffentliche Verordnung jeder Bettler ſich einzuſtellen aufgefordert. Viele ſtroͤmten willig herbei; was krank auf Straßen und Plaͤtzen lag, ward hingebracht; in wenigen Tagen fanden ſich mehr als — 84— drei Tauſend beiſammen. Groͤßer aber war noch immer die Anzahl derer, welche zuruͤck geblieben. Denn Mancher erwartete den Abgang der Uebrigen, um bei geringerer Ne⸗ benbuhlerſchaft gemaͤchlicher vom Mitleid zu leben; Man⸗ chem graute vor der engen Einſchließung; auch pflegen die Armen gegen jedes Anerbieten der Reichen und Maͤchtigen Mißtrauen zu hegen, ein Mißtrauen, welches mit der Un⸗ kunde, mit der Zahl der Armen und der Verdrehung der oͤffentlichen Befehle im Verhaͤltniß ſteht; Einige mochten wohl in der That einſehen, wie es ſich mit der angebote⸗ nen Wohlthat verhielt; genug der groͤßere Theil kuͤmmerte ſich um die Einladung nicht, und ſchleppte ſich nach wie vor in ſeinem Elende durch die Stadt. Man vertauſchte daher die bloße Aufforderung mit der Gewalt. Haͤſcher wurden umher geſchickt, die Bettler nach dem Kranken⸗ hauſe zu treiben, und die Widerſpenſtigen gebunden hinzu⸗ bringen; eine Belohnung von zehen Soldi war fuͤr jeden Eingebrachten feſtgeſetzt— ſo findet ſich ſelbſt im groͤßten Elend immer noch oͤffentliches Geld, um es zu verkehrten Maasregeln anzuwenden! Und obgleich, wie man vermu⸗ thet hatte, und das Speicheramt ausdruͤcklich beabſichtigte, eine Anzahl Bettler aus der Stadt entfloh, um anderwaͤrts wenigſtens in Freiheit zu leben oder zu ſterben, war den⸗ noch die Jagd ſo thaͤtig, daß in kurzer Zeit die Menge der Untergebrachten, Freiwillige wie Eingefangene, beinah auf zehn Tauſend ſtieg. Frauen und Kinder werden wahrſcheinlich, wiewohl keine Erwaͤhnung davon geſchieht, am beſonderen Orte ihr Unterkommen erhalten haben. Auch fehlte es an Vorkeh⸗ rungen und zweckmaͤßigen Ordnungen gewiß nicht; welche — 85— Ordnung ließ ſich aber in ſolchen Zeiten und unter ſol⸗ chen Umſtaͤnden, bei einer ſo ungeheuren Zuſammenpreſ⸗ ſung beobachten, wo mit den Freiwilligen ſich die Ge⸗ zwungenen befanden? Neben Leuten, fuͤr welche der Bet⸗ telſtand eine Nothwendigkeit, ein Herzleid, eine Schande war, lagen andre, denen er zum Gewerbe und zur Ge⸗ wohnheit worden; Dieſer war in rechtlicher Thaͤtigkeit als Landmann oderKraͤmer aufgewachſen, Jener auf der Straße erzogen, in den Schenken, unter beſoldetem Geleite, zum Muͤßiggange, zur Gaunerei, zum Uebermuthe und zur Ge⸗ waltthaͤtigkeit. Von welcher Art ihre Wohnung und Pflege geweſen ließe ſich auch ohne beſtimmte Nachrichten traurig genug ahnen; es fehlt aber an ihnen nicht. Sie ſchliefen zu Zwanzig und Dreißig in jede Kammer zuſammengedraͤngt, oder lagen unter den Hallen auf verfaultem Stroh, auf nacktem Pflaſter. Es war allerdings befohlen worden, das Stroh ſollte friſch und in hinreichender Menge vorhanden ſeyn, auch oft gewechſelt werden; dennoch war es ſpaͤrlich, verdorben, und ward nicht erneuert. Gleicherweiſe ſollte ein gutes Brod vertheilt werden, denn welche Verwaltung ſpricht jemals von ſchlechten Lebensmitteln? Was aber auch in gewoͤhnlichen Umſtaͤnden ſich nicht durchſetzen ließ, wie war das in ſolch einer Verwirrung, bei ſo vielen Unterbe⸗ amten zu erhalten? Man ſagte, erzaͤhlen die Berichte, das Brod des Krankenhauſes ſey durch ſchwere und nahrungs⸗ loſe Beiſtoffe verſetzt worden, und dieſe Klage ſcheint leider nicht grundlos. Auch fehlte es an lebendigem, geſundem Waſſer; die gemeinſchaftliche Trinkquelle war der Graben, der um die Mauer laͤuft, und dieſer, an ſich ſelbſt ſchon — 386— ſeicht, ſtockend und ſchlammig, hatte durch die Nachbar⸗ ſchaft und den Verbrauch der Menge noch mehr gelitten. Zu allen dieſen Urſachen der Sterblichkeit, die um ſo furchtbarer wirkten, da ſie erſchoͤpfte und kranke Koͤrper er⸗ griffen, geſellten ſich verderbliche Eigenſchaften der Jahres⸗ zeit; anhaltender Regen, und gleich darauf eine noch an⸗ haltendere Duͤrre, daneben eine zu fruͤhzeitige und uͤbermaͤßige Hitze. Außer dem Elend erwaͤge man das Gefuͤhl des Elends: den grollenden Widerwillen gegen die Einkerkerung, die Sehnſucht nach der alten Lebensweiſe, den Schmerz uͤber verlorene Lieben, die unruhige Erinnerung an die Abwe⸗ ſenden, waͤhrend man ſich wechſelſeitig zur Laſt ſiel und zum Abſcheu ward; die mannigfachen Leidenſchaften der Niedergeſchlagenheit oder der Wuth, im Hauſe entſtanden oder mit hineingebracht; die Furcht vor dem Tode und den beſtaͤndigen Anblick deſſelben. So war's kein Wunder, wenn die Sterblichkeit in dem verſchloſſenen Gebaͤude wuchs, und endlich ſo furchtbar herrſchte, daß ſie bei vielen fuͤr ein Peſtuͤbel galt; es ſey nun, daß die Vereinigung und das Steigen aller dieſer Urſachen bloß die Wirkung eines wahr⸗ haft epidemiſchen Einfluſſes erhoͤhte, oder, was auch bei leichteren und kuͤrzeren Theuerungen der Fall, daß eine ei⸗ gentliche Anſteckung vorhanden war, welche in ergriffenen und vorbereiteten Koͤrpern ihre Nahrung und ihr Wachs⸗ thum findet; die Anſteckung iſt vielleicht zuerſt im Kran⸗ kenhauſe ſelbſt ausgebrochen, wie die Aerzte geglaubt zu ha⸗ ben ſcheinen; vielleicht ſchlich ſie ſchon fruͤher verborgen umher, wie eher zu vermuthen, und bildete ſich dann in dem Hauſe mit entſetzlicher Heftigkeit aus. Wie dem auch ſey, ſo ſtarben daſelbſt taͤglich bald mehr als Hundert. ——— — 897— Waͤhrend hier nichts als Verſchmachtung, Angſt⸗ Schrecken, Klagen und Geheul zu finden, gab es im Ver⸗ waltungsamte nur Schaam, Beſtuͤrzung und Man ging zu Nathe, und hoͤrte das Gutach ſundheitsausſchuſſes an; am Ende blieb nichts 3 als Alles, was mit ſo vieler Zubereitung, mit ſo großen Koſten und Quaͤlereien erwirkt worden, wieder aufzuheben. Das Krankenhaus ward geoffnet, und Jeder, der gehen konnte, erhielt Freiheit zum Austritt. Mit wuͤthender Freude ſtuͤrzten ſie hervor. Die Stadt erdroͤhnte vom al⸗ ten Laͤrmen wieder, nur klang er ſchwaͤcher und unterbro⸗ chener; ſie ſah noch einmal dieſen Jammerſchwarm, ſagt Ripamonti, und der Gedanke, auf welche Weiſe er ſo klaͤglich zuſammengeſchmolzen, erſchuͤtterte auch das gefuͤhl⸗ loſeſte Herz. Die Kranken wurden nach Santa Maria della Stella, dem damaligen Bettlerhoſpitale, gebracht, und hier kamen die Meiſten um'’s Leben. Waͤhrend deſſen fingen die Halme auf den Feldern an, gelb zu werden, und, der Erndte entgegen eilend, ſtroͤmten die Bettler vom Lande zur Stadt wieder hinaus. Der treffliche Borromeo gab ihnen die Spenden ſeiner letzten Anſtrengung auf den Weg; jedem Bauer, welcher ſich vor dem biſchdflichen Pallaſte zeigte, ward ein Geldſtuͤck und eine Sichel gereicht. 1 Mit der Erndte fand endlich die Theuerung ihr Ende; das Sterben nahm von Tage zu Tage ab, zog ſich aber dennoch bis den Herbſt hinein. Ein Elend verſchwand, als ploͤtzlich ein neues ſich einſtellte. Viele wichtige, geſchichtliche Ereigniſſe waren in der Zwiſchenzeit vorgefallen. Kardinal Richelieu hatte nach — 8s— der Einnahme von Rochelle mit dem Koͤnige von England, ſo gut es ging, Frieden geſchloſſen, und durch ſein ge⸗ wich⸗ t im franzoͤſiſchen Staatsrathe bewirkt, daß ma ur Unterſtuͤtzung des Herzogs von Nevers eilt Kdnig hatte er beredet, den Feldzug in eigener Perſon zu thun. Waͤhrend man die Zuruͤſtungen traf, be⸗ deutete der Graf von Naſſau, als Beauftragter des Kai⸗ ſers, dem neuen Herzoge in Mantua, er moͤchte ſeine Staa⸗ ten in Ferdinands Haͤnde geben, wo nicht, ſo wuͤrde dieſer durch ein Heer ſie beſetzen laſſen. Der Herzog, welcher in weit verzweifelteren Umſtaͤnden ſich gegen eine ſo harte und ſchlechtbegruͤndete Zumuthung gewehrt hatte, ſtraͤubte ſich jetzt, da Frankreichs Unterſtuͤtzung ſo nah, um ſo lebhafter; aber die Weigerung lag in umſtaͤndliche Ausdruͤcke gehuͤllt, und ſeine Gegenvorſchlaͤge klangen nach Unterwuͤrfigkeit. Der Graf reiſte ab, und verſicherte gewaltſame Maasre⸗ geln. Im Maͤrz aber ruͤckte der Kardinal Richelieu mit dem Koͤnige an der Spitze eines Heeres wirklich herbei; er verlangte vom Herzog von Savoyen den Durchweg; man unterhandelte, kam aber nicht zum Schluß; nach einem Gefechte jedoch, bei welchem der Vortheil auf Seiten der Franzoſen, naͤherte man ſich von Neuem, und kam uͤberein, Don Gonzalo ſolle die Belagerung von Caſale aufheben; weigerte ſich derſelbe, ſo wollte der Herzog, mit den Fran⸗ zoſen vereint, einen Angriff auf Mailand machen. Don Gonzalo erhaſchte die Gelegenheit, wohlfeil davon zu kom⸗ men, brach ſein Lager ab, und augenblicklich ruͤckte zur Verſtaͤrkung der Garniſon ein franzoͤſiſcher Heereshaufe in Caſale ein. — 89— Bei dieſer Gelegenheit war's, da Rchiuina an n Köniz Ludwig ſein beruͤhmtes Sonett richtete: Ihr Flammen, ſprüht, Metalle zu bereiter waͤhrend ein zweites zur Befreiung des gelob aufforderte. Aber der Rath der Dichter findet wenig Gehoͤr, und wenn ſich in der Geſchichte Bengriſf finden, als haͤtte ihre Begeiſterung ihnen die Entſtehung gegeben, ſo waren ſie jederzeit ſchon fruͤher feſtgeſetzt wor⸗ 4 den. Kardinal Richelien hatte ſtatt deſſen nach Frankreich zuruͤck zu gehen beſchloſſen; dringendere Angelegenheiten ſchienen ihm der Beruͤckſichtigung werther. Girolamo So⸗ ranzo, der venezianiſche Botſchafter, mochte immerhin ge⸗ gen dieſen Beſchluß die ſtaͤrkſten Gruͤnde aufſtellen, der Koͤnig und der Kardinal kuͤmmerten ſich um ſeine Proſa eben ſo wenig als um AOchillini's Verſe; ſie kehrten mit dem Hauptheere zuruͤck, und hinterließen nur ſechstauſend Mann in Suſa, zur Beſetzung des Paſſes und zur Befoͤr⸗ derung des Vertrages. 1 Waͤhrend dieſes Heer hinwegzog, naͤherte ſich von der andern Seite das kaiſerliche unter Anfuͤhrung des Grafen Colalto; es war in das Grigionigebiet und die Valtellina gebrochen, und machte ſich bereit, in's Mailaͤndiſche herab⸗ zuſteigen. Außer all den Schrecken, welche die Kunde die⸗ ſes Durchzugs erweckte, lief auch das traurige Geruͤcht, ja man hatte beſtimmte Nachrichten, daß in dieſem Heer die *) Claudio Achillini aus Marino's Schule, zu Bologna ge⸗ bürtig, als Juriſt und Dichter gleich berühmt. Seine Ode Sulla Nascità del Delfino, eine rieſenhafte Mißgeburt, erwarb ihm vom Kardinal Richelieu, dem tyranniſchen Vormund der ſchönen Künſte, eine ſchwere goldene Kette. D. L — 90— Peſt ſchleiche, von welcher damals in den deutſchen Krie⸗ wie Varchi*) berichtet, immer einige Funken zu flegten. Aleſſandro Tadino, ein Arzt vom Ge sſchuß, erhielt vom Gerichtshofe den Auf⸗ trag, de atthalter die grauſenvolle Gefahr fuͤr das Land vorzuſtellen, wenn dieſem Kriegesvolke der Durchweg nach Mantua geſtattet wuͤrde. Aus Don Gonzalo's gan⸗ zem Benehmen ergiebt ſich das ſehnfuͤchtige Streben, ſich in der Geſchichte einen Namen zu machen, und dieſer ließ ſich durch ſeine Handlungen allerdings erlangen; aber er kannte, wie es oft der Fall, oder er beachtete ſeine denk⸗ wuͤrdigſte Handlung nicht, die Antwort nehmlich, welche er bei dieſer Gelegenheit dem Arzte gegeben. Er wiſſe nicht, ſagte er, was zu thun ſey; Vortheil und Ehre haͤt⸗ ten das Heer in Bewegung geſetzt, und ſeyen zwei Gruͤnde, die ſchwerer, als die vorgeſtellte Gefahr, in's Gewicht fie⸗ len; dennoch ſollte auf's Beſte dagegen gewirkt, und auf den Schirm der Vorſehung gehofft werden. Um alſo auf's Beſte dagegen zu wirken, machten zwei Aerzte im Gerichtshofe den Vorſchlag, man ſolle bei den haͤrteſten Strafen verbieten, irgend etwas von den durch⸗ kommenden Soldaten zu kaufen; die Zweckmaͤſſigkeit einer ſolchen Verordnung aber wollte dem Vorſitzer nicht ein⸗ leuchten;„es war ein herzensguter Mann /“ ſagt Tadino, „welcher indeſſen nicht einſehen wollte, wie der Verkehr *) Benedetto Varchi geſt. 1566. Verf. der Lezioni, einer Sammlung von philolog. und krit. Abh., auch durch ſein Ercolano, oder kritiſche Geſpräche über ital. Syracht und Litt., bekannt. 1 D. L. —— — à— mit jenen Leuten und ihren Sachen ſo vielen Tauſenden von Menſchen Gefahr bringen koͤnnte.“ Wir fuͤhren dieſe Stelle an, weil ſie gleichſam jener Zeit eigenthuͤmlich an⸗ gehoͤrt; ſeit es Geſundheitsausſchuͤſſe giebt, hat wahrſchein⸗ lich kein andrer Vorſitzer eine ſolche Salgarunge wenn es eine iſt, zum Beſten gegeben. Was Don Gonzalo betrifft, ſo war jene Antwort eine ſeiner letzten Handlungen; denn die unruͤhmlichen Erfolge des Krieges, der groͤßtentheils von ihm erregt und gefuͤhrt worden, brachten ihn dieſen Sommer noch um ſeine Stelle. Als er Malland verließ, erfuhr er ein Ereigniß, welches ein gleichzeitiger Schriftſteller als das erſte dieſer Art bei ſolch einem Herren bezeichnet. Indem er aus dem Stadt⸗ pallaſt mitten unter einem großen Gefolge von Edelleuten heraustrat, traf er einen Schwarm von Buͤrgern, die theils in der Straße ſich vor ihm anfreihend, theils mit Geſchrei ihn verfolgend, den erlittenen Hunger unter Ver⸗ wuͤnſchungen ihm vorwarfen, weil er Erlaubnißſcheine aus⸗ gefertigt habe, Getraide und Reiß auszufuͤhren. Auf ſeine Kutſche, welche hinter her kam, gingen ſie mit etwas Schlimmerem noch als mit Worten los; Steine, Ziegel, Kohlſtruͤnke, Geſchaͤle jeder Art— die gewoͤhnlichen Ge⸗ ſchoſſe bei ſolchen Feldzuͤgen. Von den Wachen zuruͤckge⸗ trieben, gingen ſie fort, verſtaͤrkten ſich aber unterweges durch viele neue Gefaͤhrten, und ſetzten ſich bei dem Tici⸗ nothor, zu welchem bald darauf der Wagen hinausfahren mußte, in Bereitſchaft. Als dieſer, von mehreren andern gefolgt, daher kam, bedeckten ſie den ganzen Zug, mit Haͤn⸗ den und Schleudern, durch einen Hagel von Steinen. Zu etwas Weiterem kam es nicht. — 92— An Don Gonzalo's Stelle trat der Markgraf Ambro⸗ gio Spinola, deſſen Name bereits in den Flanderiſchen Kriegen die Herrlichkeit erlangt hatte, die ihn noch heuti⸗ gen Tages umſchimmert.; Waͤhrend deſſen hatte das deutſche Heer entſcheidenden Befehl erhalten, ſich zum Feldzug gegen Mantua auf den Weg zu machen; im September betrat es die Grenzen des Mallaͤndiſchen Herzogthums. Die Kriegesheere beſtanden damals noch großentheils aus Abentheurern, welche im Auftrag dieſes oder jenes Fuͤr⸗ ſten von gemietheten Hauptleuten, die ein Handwerk dar⸗ aus machten, ſich anwerben ließen; bisweilen thaten es dieſe auch auf eigene Rechnung, und verkauften ſich ſodann ſammt ihren Soldaten. Mehr als vom Solde ließen ſich dieſe Menſchen von der Hoffnung zu pluͤndern und vom Reiz der Zuͤgelloſigkeit zu ſolch einem Handwerk verlocken. Feſte, allgemeine Mannszucht gab es in keinem Heere; auch haͤtte ſie neben dem unabhaͤngigen Anſehen der verſchiede⸗ nen Miethshauptleute nicht wohl zu beſtehen vermocht. Dieſe waren uͤberdieß auf Mannszucht wenig bedacht, und haͤtten ſie dieſelbe gewuͤnſcht, ſo laͤßt ſich nicht einſehen, wie ſie eingefuͤhrt und behauptet werden konnte; Soldaten dieſer Art wuͤrden gegen einen Neuerung verſuchenden Hauptmann, wenn er zu pluͤndern verboten haͤtte, ſich empoͤrt, oder wenigſtens ihn bei der Fahne allein zuruͤckge⸗ laſſen haben. Auch fahen die Fuͤrſten, indem ſie ſolche Schaaren in Sold nahmen, mehr auf die Menge der Krie⸗ ger, um ſich ihrer Unternehmungen! zu verſichern, als auf ein Verhaͤltniß der Soldatenmaſſe zu ihrer Zahlfaͤhigkeit, die freilich meiſt nur geringe war; daher traf die Berichti⸗ —r— — 93— gung des Soldes groͤßtentheils ſpaͤt in kleinen Poſten oder mit Abzuͤgen ein, und die Pluͤnderung der Ortſchaften, wo Truppen ſtanden oder durchzogen, ward ein Beitrag, uͤber welchen man ſtillſchweigend ſich verſtaͤndigt hatte. Wenig unbekannter als Wallenſteins Name wurde ſein Ausſpruch: Es iſt leichter ein Heer von hundert tauſend, als eins von zehn tauſend Mann zu unterhalten. Das Heer aber, von welchem wir ſprechen, beſtand groͤßtentheils aus Leuten, die unter Wallenſtein im beruͤhmten dreißigjaͤhrigen Kriege deſſen elftes Jahr ſo eben verlief, Deutſchland verwuͤſteten. Auch befand ſich, dabei, von einem ſeiner Unterfeldherrn angefuͤhrt, ſein eigenes Regiment; die uͤbrigen Hauptleute hatten meiſt unter ihm befehligt, und mehr als Einer war zu finden, der vier Jahre ſpaͤter ſein bekanntes trauriges Ende herbeifuͤhren half. Es waren zwanzig tauſend Mann Fußvolk und ſieben⸗ tauſend Reiter. Aus der Valtellina herabſteigend, mußten ſie, um nach Mantua zu gelangen, ziemlich dem Laufe der Adda folgen, bis ſie mit dem Po ſich vereinigt, und hatten dann noch eine ganze Strecke dieſen zu begleiten. Acht Tagemaͤrſche kamen auf das Herzogthum Mailand. Eii8 großer Theil der Einwohner zog ſich nach dem Gebirge zuruͤck, brachte ſein koſtbarſtes Beſitzthum dort hin, und verbarg ſich daſelbſt mit ſeinen Heerden; Andre blie⸗ ben, um Kranke zu bewachen, um das Haus vor Feuers⸗ brunſt zu bewahren, oder koſtbare vergrabene Kleinode im Auge zu behalten; Einige, weil ſie nichts zu verlieren hat⸗ ten; endlich auch Schurken, die Beute zu machen ſuchten. Sobald der Vortrab am Orte des Nachtlagers ankam, ver⸗ breitete er ſich ſogleich umher, und nahm geradesweges eine — 94— Pluͤnderung vor; was ſich erhaſchen und fortſchleppen ließ, verſchwand; wie viel aber wurde uͤberdieß zerſtoͤrt, wie viele Landguͤter verwuͤſtet, Haͤuſer verbrannt, Schlaͤge ausgetheilt, Wunden beigebracht und Maͤdchen entehrt! Alle Erfindungen, alle Schutzmittel, um ſein Eigenthum zu retten, wurden oft unnuͤtz und gereichten bisweilen zum Verderben. Die Soldaten, auch in dieſem Kriege ſich auf die ſchlaueſten Kunſtgriffe verſtehend, ſtoͤberten alle Loͤcher der Haͤuſer durch, brachen Waͤnde ab und hoben Decken auf; gar leicht entdeckten ſie die friſch umgegrabene Erde in den Gaͤrten; ſie erſtiegen die Gipfel der Berge, um die Heerden zu entfuͤhren, und drangen, wo ein Schurke ſich zum Wegweiſer erbot, in die Kluͤfte der Hoͤhlen, um einen Reichen, welcher daſelbſt ſich verkrochen, aufzuſuchen; ſo⸗ dann pluͤnderten ſie ihn, ſchleppten ihn nach ſeinem Hauſe, und zwangen ihn mit Drohungen und Schlaͤgen, den ver⸗ borgenen Schatz anzuzeigen. Endlich zogen ſie ab, man hoͤrte den Klang der Trom⸗ meln und Trompeten in weiter Ferne verhallen; es ſtellten ſich einige Stunden aͤngſtlicher Ruhe ein. Dann wirbelten die Trommeln von Neuem, von Neuem droͤhnte die ver⸗ wuͤnſchte Glocke, die eine andere Schaar anmeldete. Dieſe fand keine Beute mehr zu machen; mit deſto groͤßerer Wuth zerſplitterte und zertruͤmmerte ſie, was ſich noch an⸗ treffen ließ Geraͤthe, Thuͤren, Balken, Faͤſſer, Weinkufen, auch wohl Haͤuſer wurden in Brand geſteckt; ergrimmter noch mißhandelten ſie die Menſchen, und ſchleppten ſie im Uebermuthe ganze Strecken mit ſich fort. So ging es zwanzig Tage hindurch, mit jedem Tage ſchlimmer; denn in zwanzig Haufen war das Heer getheilt. 216 —y„,—,——ꝛ—— —.,— — 95— Colico war das erſte Gebiet des Herzogthums, welches dieſe Unholde uͤberſielen; dann warfen ſie ſich auf Bel⸗ lano, ergoſſen ſich nachher in die Valſaſſina, und betraten endlich die Gegend von Lecco. Funftes Kaßieet Hier treffen wit unter den Kindern des Schreckens Leute von unſerer Bekanntſchaft. Wer an dem Tage, da ſich mit einem Male die Nach⸗ richten vom heranzichenden Heere und ſeinem Betragen verbreiteten, unſern Don Abbondio nicht geſehen, der hat von Angſtverlegenheit und Schrecken noch keine Vorſtel⸗ lung.—„Sie kommen an;'s ſind dreißig, vierzig, funf⸗ zig Tauſend; Teufel ſind's, Arianer, baare Antichriſten; Cortenuova haben ſie gepluͤndert; Primalung iſt in Feuer durch ſie aufgegangen; ſie wirthſchaften Introbbio zu Schanden; ſie haben ſich in Balabbio gezeigt; Morgen ha⸗ ben wir ſie hier.“— Angſtwinke dieſer Art gingen von Mund zu Munde; dabei lief man hin und her, ſtand wech⸗ ſelsweiſe ſtill, ging uͤber Hals uͤber Kopf mit einander zu Rathe, ſchwankte zwiſchen Fliehen und Bleiben, und fuhr mit den Haͤnden in die Haare. Don Abbondio hatte fruͤ⸗ her und ſtuͤrmiſcher als jeder Andre zu flichen beſchloſſen; aber in jeder Art der Flucht, in jedem Lauſchwinkel ſah er unuͤberſteigliche Hinderniſſe und entſetzliche Gefahren.— „Was laͤßt ſich da anfangen?“ ſchrie er.„Wohin ge⸗ hen?— Die Berge waren, auch wenn man die Schwie⸗ rigkeit des Fortkommens uͤherſah, nicht einmal ſicher; man — 96— hatte ſchon Kunde, daß auch dort die Lanzknechte*) wie Katzen herumkletterten, ſobald nur ein Zeichen oder eine Hoffnung zur Beute vorhanden. Der See ging hoch; der Wind blies heftig; auch hatten ſich die meiſten Schiffer, aus Furcht, man moͤchte ſie zwingen, Soldaten oder Ge⸗ paͤck weiter zu ſchaffen, mit ihren Barken nach dem an⸗ dern Ufer begeben; die wenigen Fahrzeuge⸗ die geblieben, mußten nachher eine uͤbermaͤßige Menſchenmenge aufneh⸗ men, und gingen jeden Augenblick, von der Laſt und vom Sturm uͤberwaͤltigt, der aͤußerſten Gefahr entgegen. Um ſich von der Straße des Heeres zu entfernen, war kein Weg, kein Pferd⸗/ noch ſonſt ein Reiſebedarf aufzutreiben; zu Fuß haͤtte der arme Pfarrer keinen großen Weg zuruͤck⸗ gelegt, und mußte eingeholt zu werden fuͤrchten. Die Ber⸗ gamaſkiſchen Grenzen waren ſo entlegen nicht, daß ihn ſeine Beine nicht in Einem Gang hinuͤber geſchafft haͤtten; aber ſchon ging die Rede, man habe von Bergamo aus eiligſt eine Reiterſchaar abgeſchickt, um an der Grenze zu ſchwaͤr⸗ men; das aber waren eingefleiſchte Teufel, trieben's eben ſo bunt wie die Deutſchen, und ließen es auch ihrerſeits an unheil nicht fehlen. Wie ſinnlos lief der arme Mann mit verdrehten Augen durch's Haus, und ſchlich hinter Perpetuen her, um einen Entſchluß mit ihr zu beſprechen; die Haushaͤlterin aber, die Geſchaͤftigkeit ſelbſt, um die be⸗ ſten Wirthſchaftsgeraͤthe zuſammen zu raffen, und in die Dachwinkel des Soͤllers zu pfropfen, ſtrich in Eile, be⸗ —— *) Im Original das intereſſante Wort L.anzichenechi(lies: Lan⸗ zikenecki)— eine Exinnerung an die kriegeriſche Vertraulichkeit zwi⸗ ſchen Deutſchland und Italien im Mittelalter. D. L. —— —— — 97— kuͤmmert und den Kopf eben ſo voll als Haͤnde und Arme, an ihm voruͤber, und ſagte:„Die Sachen ſind Gott ſey Dank bald in Sicherheit gebracht, und dann machen auch wir's, wie's die Andern machen.“— Don Abbondio wollte ſie zuruͤckhalten, und die verſchiedenen Rettungswege mit ihr durchgehen; ſie aber gerieth bei ihrer Geſchaͤftig⸗ keit, bei ihrer Eil und Angſt, uͤber die Zitterhaftigkeit des Herrn in Wuth, und ſo war unter ſolchen Umſtaͤnden noch weniger als ſonſt mit ihr anzufangen.—„Die Andern ſchaffen Rath/ wir werden ihn auch ſchaffen. Mit Erlaub⸗ niß, aber's iſt nicht gut, daß Sie mir immer in den Weg kommen. Glauben Sie, daß die Andern nicht auch fuͤr une Haut zu ſorgen haben? Daß die Soldaten gerade Ih⸗ nen mit dem Krieg uͤber'n Hals kommen? Sie koͤnnten auch bei ſolcher Gelegenheit'ne Hand anlegen, ſtatt Ei⸗ nem mit Geſchrei und Geweine vor den Fuͤßen zu tram⸗ yeln.— Mit ſolchen Antworten ſchaffte ſie ihn ſich vom Leibe; denn bei ihr war's Vorſatz, nach Beendigung ihres tummelvollen Geſchaͤftes ihn, wie einen Knaben, bei'm Arm zu nehmen, und hinauf nach einem Gebirge mit ihm ab⸗ zuziehen. Auf dieſe Weiſe allein gelaſſen, ſtellte er ſich an das Fenſter, guckte hinab und ſpitzte das Ohr; ſah er Einen voruͤbergehen, ſo rief er halb mit weinerlicher, halb mit heruntermachender Stimme ihm zu:„Habt doch mit Eurem Pfarrer ſo viel Erbarmen, ihm ein Pferd zu ſchaf⸗ fen, ein Maulthier,'nen Eſel! Iſt' moͤglich, daß Keiner mir zu helfen Luſt hat! Was fuͤr Leute! Wartet wenig⸗ ſtens, daß auch ich mit Euch gehe; bleibt noch, bis ihrer funfzehn oder zwanzig beiſammen ſind, um mich mitzuneh⸗ men, ich bin ja ſonſt von aller Welt verlaſſen. Wollt Ihr III. 7 mich in den Haͤnden der Hunde zuruͤck laſſen? Wißt Ihr nicht, daß es faſt lauter Lutheraner ſind, die ſich den Him⸗ mel aufzuthun glauben, wenn ſie einen Prieſter abſchlach⸗ ten? Wollt Ihr mich hier dem Maͤrtyrtod preis geben? Was fuͤr Leute! Was fuͤr Leute!“ Aber an wen waren dieſe Reden gerichtet? An Leute, welche gebeugt durch die Laſt ihres geringen Gutes und durch den Gedanken an dasjenige, das ſie zu Hauſe der Pluͤnderung ausgeſetzt zuruͤckließen, voruͤber keuchten; der Eine, indem er ſeine Kuh vor ſich hertrieb, der Andre, in⸗ dem er ſeine Soͤhne, gleichfalls ſo ſchwer als moͤglich be⸗ laſtet, hinter ſich hatte, und von ſeinem Weibe die Unmuͤn⸗ digen, die ſelbſt nicht gehen konnten, ſich nachtragen ließ. Einige eilten fort, ohne zu antworten oder hinauf zu ſe⸗ hen; ein Zweiter ſprach:„Eh Herr! Machen Sie's auch, wie Sie koͤnnen; gluͤcklicher Mann, haben weder an Weib noch an Kind zu denken! Helfen Sie Sich, Ihnen kann die Rettung nicht ſauer werden.“ „Ich Armer!“ ſchrie Don Abbondio.„O was fuͤr Leute! Was fuͤr Herzen! Das Mitleid iſt ausgeſtorben; Je⸗ der denkt nur an ſich, und um mich will ſich Keiner kuͤm⸗ mern.“— Und nun ſuchte er Perpetuen auf. „Kommen gerade zur rechten Zeit,“ ſprach dieſe.„Wie iſt's mit dem Gelde?“ „Was iſt da zu machen?“ „Geben Sie's mir, ich will's hinten im Garten mit dem Tiſchzeug zuſammen unter die Erde bringen.“ „Aber”.... wollte Don Abvondio in zitternder Aengſt⸗ lichkeit einwerfen. „Aber, aber— geben Sie her. Halten Sie ein Paar „— —,,— — 99— Groſchen zuruͤck; man kann nicht wiſſen, wie man ſie braucht, und fuͤr's Uebrige laſſen ſie mich ſorgen.“ Don Abbondio gehorchte, ſchlich nach dem Koffer, nahm ſeinen Schatz heraus, und vertraute ihn in Perpe⸗ tua's Hand. Dieſe ſagte:„Ich geh’, und ſcharr' es im Garten ein, dicht am Fuß des Feigenbaums.“— Und ſo ging ſie. Bald erſchien ſie mit einem Korbe wieder, in welchem ſich Mundvorrath befand, und trug eine kleine, leere Butte. In dieſe legte ſie geſchwind ein wenig Waͤ⸗ ſche, fuͤr ſich und ihren Herrn, und ſagte dabei:„Das Gebetbuch aber, das muͤſſen ſie wenigſtens tragen.“ „Aber wohin ſoll's gehen?/ „Wohin gehen all' die Andern? Fuͤr's Erſte auf die Straße, und da werden wir hoͤren und ſehen, was ſich an⸗ fangen laͤßt.“ Agneſe war gleichfalls entſchloſſen, Gaͤſte dieſer Art im Hauſe allein nicht zu erwarten; dabei dachte ſie an das Gold vom Ungenannten, und ſann uͤber die Wahl eines Zufluchtsortes nach. Die uͤbrig gebliebenen Scudi, welche in den Monaten der Hungersnoth ihr ſo treffliche Dienſte geleiſtet, wurden die vorzuͤglichſte Urſache ihrer Bekuͤm⸗ merniß und Unentſchloſſenheit; ſie hatte gehoͤrt, wie in den bereits uͤberſchwemmten Ortſchaften die Leute, die Geld hatten, uͤbler als jeder Andre dran waren, der Gewaltthaͤ⸗ tigkeit der Fremden und den Nachſtellungen ihrer Dorfge⸗ noſſen zugleich ausgeſetzt. Freilich hatte ſie von dem Se⸗ gen, der ihr ſo gluͤcklich gleichſam in den Schoos gefloſ⸗ ſen, Niemandem, mit Ausnahme Don Abbondio’s, ein Woͤrtchen vertraut; bei dieſem hatte ſie einen Seudi nach dem andern in kleine Muͤnze umgeſetzt, und ihm jedesmal — 100— eine Kleinigkeit, fuͤr einen aͤrmeren Ungluͤcklichen, zuruͤck⸗ gelaſſen. Verborgenes Geld aber haͤlt den Beſitzer, zumal wenn er nicht gewoͤhnt iſt, damit umzugehen, in beſtaͤndi⸗ gem Verdacht vor dem Verdacht der Nachbarn. Waͤhrend alſo auch ſie jetzt, was ſie nicht mit ſich nehmen konnte/ auf's Beſte unter zu bringen ſuchte, und um die Seudi beſorgt war, die ſie im Schnuͤrleibe eingenaͤht trug, erin⸗ nerte ſie ſich, daß der Ungenannte zugleich mit denſelben die bereitwilligſten Anerbietungen ſeines Beiſtandes geſchickt hatte; von der ſicheren Lage ſeiner Felſenburg hatte ſie er⸗ zaͤhlen hoͤren: wider Willen des Herrn koͤnnten nur die Voͤgel hinaufkommen, und ſo beſchloß ſie, dort um einen Zufluchtsort zu bitten. Nun ſann ſie auf die Art, wie ſie jenem Herrn ſich zu erkennen geben muͤßte und da fiel ihr Don Abbondio ein. Dieſer hatte ihr⸗ nach jenem Geſpraͤch mit dem Erzbiſchof, immer ein ganz beſondres Wohlwol⸗ len gezeigt, und das um ſo herzlicher, da er es thun konnte/ ohne daß er ſich Jemanden auf den Hals zog; die beiden zungen Leute waren fort, es ließ ſich alſo keine Nachfrage befuͤrchten, welche dieſes Wohlwollen auf eine verfaͤngliche Probe geſtellt haͤtte. Bei dieſem Getuͤmmel, nahm ſie an, muͤſſe der arme Mann noch tiefer als ſie in Verlegenheit und Angſt ſtecken; ihr Rettungsmittel wuͤrde alſo auch ihm hoͤchſt gelegen kommen, und ſo ging ſie denn, ihm den Vorſchlag zu thun. Sie fand ihn neben Perpetua, und brachte die Sache vor. „Was meinſt Du dazu, Perpetua?“ fragte Don Abbondio. „Ich ſage, der Himmel hats ihr eingegeben; man .— — 101— muß keine Zeit verlieren, und die Fuͤße in die Hand nehmen.“ „Und dann.“ „Und dann, und dann, wenn wir da ſeyn werden, werden wir uns wohl fuͤhlen. Von dem Herrn dort iſt's itzo bekannt, daß er nichts lieber thut, als ſeinem Naͤchſten einen Dienſt leiſten; er wird ſich'ne Freude draus ma⸗ chen, uns aufzunehmen. Dort, an der Grenze, und ſo hoch in der Luft, kommen wahrhaftig keine Soldaten hin. Und zu eſſen wird's dort auch geben; denn ging's nach den Bergen hinauf, und das Bischen hier waͤr' verzehrt““ — bei den Worten legte ſie den Mundvorrath auf der Waͤſche zurecht—„ſo ſaͤh's ſchlimm mit uns aus.“ „Bekehrt, bekehrt iſt er wirklich, nicht?“ fragte Don Abbondio. „Wie laͤßt ſich daruͤber noch zweifeln, nach Allem, was man gehoͤrt hat, nach Allem, was Sie Selber mit eigenen Augen geſehen?“ „Und wenn wir in einen Kaͤfig hinein gehen?“ „Was Kaͤfig? Mit Ihrer Rederei da, nehmen Sie mir's nicht uͤbel, kaͤmen wir nimmermehr zu einem Ent⸗ ſchluß. Praͤchtige Agneſe! Habt da einen allerliebſten Ge⸗ danken aufgefaßt.“— Somit ſetzte ſie die Butte auf ein Tiſchchen, glitt mit den Armen durch die Trageriemen, und nahm ſie auf die Schulter. Ließe ſich denn nicht ein Menſch finden,“ ſagte Don Abbondio,„der mit uns kommt, und ſeinen Pfarrer be⸗ gleitet? Wenn wir auf irgend einen Schurken ſtoßen, es treiben ſich ja ſolche Kerle herum, auf was fuͤr Huͤlfe hab' ich von Euch Beiden zu rechnen? — 102— „Wieder'ne Grille, um Zeit zu verderben!“ rief Per⸗ petun.„Jetzt'nen Menſchen aufſuchen, wo Jeder mit ſich ſelber alle Haͤnde voll zu thun hat! Raſch, nehmen Sie Gebetbuch und Hut, und kommen Sie.“ Don Abbondio ging, und kam bald, das Gebetbuch unter'm Arm, den Hut auf dem Kopfe, und einen Knuͤttel in der Hand, zuruͤck. So gingen alle Drei zu einem Thuͤr⸗ chen hinaus, welches nach der Sakriſtei fuͤhrte. Perpetua verſchloß ſie, und ſteckte den Schluͤſſel in die Taſche, mehr um eine gewohnte Handlung nicht zu unterlaſſen, als weil ſie auf die Sicherheit eines Thuͤrblattes und eines Schloſſes rechnete. Don Abbondio blickte, indem ſie vor⸗ uͤberſchritten, nach der Kirche hin, und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen:„Der Gemeinde kommts zu, ſie zu bewachen, fuͤr die Gemeinde iſt ſie da. Wenn ihr ihre Kirche ein Bischen am Herzen liegt, ſo wird ſie daran denken; fraͤgt ſie nichts danach, ſo kann ich ihr nicht helfen.“ Sie nahmen ſchweigend ihren Weg durch die Felder; Jeder uͤberlegte ſein eigenes Schickſal, und ſchaute ſorglich umher, ob irgend eine verdaͤchtige Geſtalt, irgend eine un⸗ heimliche Erſcheinung ſich ſehen ließe. Man begegnete Niemandem; denn die Leute waren entweder in ihren Haͤu⸗ ſern, bewachten ſie, machten Buͤndel, und ſchafften bei Seite, oder wanderten auf den Straßen, die geradesweges zu den Hoͤhen fuͤhrten. Nach vielen Seufzern und man⸗ chem Ausruf, fing Don Abbondio in einem Zuge zu mur⸗ ren an. Er uͤberwarf ſich mit dem Herzog von Nevers, weil er in Frankreich es ſich ruhig haͤtte koͤnnen wohl ſeyn laſſen, und dagegen mit Gewalt Herzog von Mantua ſeyn wollte; mit dem Kaiſer, weil er bei der Narrheit eines .— — — und ſtemmte die Faͤuſte in die Seiten, ſo gut die Butte — 103— Andern haͤtte ein Einſehen haben ſollen, er konnte das Waſſer herunter laufen laſſen, und brauchte ſich gar nicht ſo empfindlich zu zeigen; am Ende waͤr' er doch immer Kaiſer geblieben, es mochte in Mantua Titus oder Sem⸗ pronius Herzog ſeyn. Vor Allem aber hatte er's gegen den Statthalter; der haͤtte jede Vorkehrung treffen muͤſſen, um die Geißel vom Lande fern zu halten, und war gerade derjenige der ſie herbeizog; Alles um der naͤrriſchen Kriegs⸗ luſt willen.—„Die Herren ſollten nur einmal hier ſeyn,“ ſagte er,„und verſuchen, wiees ſchmeckt. Haben eine ſchwere Rechenſchaft abzulegen! Und unterdeſſen koſtet es unſchuldigen Leuten Kopf und Kragen!“ „Laſſen ſie immer dieſe Herren zufrieden,“ ſagte Per⸗ petug.„Die kommen Ihnen doch mit keiner Hand zur Huͤlfe. Das iſt aber einmal, mit Verlaub, Ihr gewoͤhn⸗ liches Geſchwaͤtz, und damit laͤßt ſich nichts durchſetzen. Was mir eher im Kopf herumgeht...“ „Nun was iſt das?“ Perpetua hatte waͤhrend des Weges mit Muße die eil⸗ fertige Unterbringung der Geraͤthſchaften durchgemuſtert, und entdeckte nun mit Schmerzen, daß ſie Dieſes vergeſſen, Jenes an ſehr unpaſſender Stelle verſteckt; hier hatte ſie eine Spur gelaſſen, die einem Raͤuber den Weg angeben konnte, dort.... „Schoͤn!“ ſagte Don Abbondio, welcher ſich jetzt uͤber ſein Leben ſicher genug fuͤhlte, um uͤber ſeine Ge⸗ raͤthſchaften ſich gehdrig aͤngſtigen zu koͤnnen.„Schoͤn! So haſt Du's gemacht? Wo hatteſt Du denn den Kopf? „Was?“ rief Perpetua, blieb einen Augenklick ſtehen⸗ — 104— es geſtattete.„Was? Sie wollen mir jetzt ſolche Vorwuͤrfe auftiſchen, nachdem Sie's geweſen, der mir den Kopf ver⸗ drehte, ſtatt mir zu helfen und mir Muth einzuſprechen? Ich habe vielleicht mehr an die Sachen des Hauſes, als an meine eigenen, gedacht; nicht eine Seele, um mir huͤlf⸗ reiche Hand zu leiſten; hab' wie Marthe und Magdalene mich abarbeiten muͤſſen. Wenn was ſchlimm ausfaͤllt, ſo laͤßt ſich nichts ſagen; ich aber hab' uͤber meine Schuldig⸗ keit gethan.“ Agneſe unterbrach dieſe Unterſuchungen, indem ſie gleichfalls von ihrem Mißgeſchick zu ſprechen anfing; ſie beklagte ſich nicht ſowohl uͤber Muͤhſeligkeit und Schaden, als weil ſie die Hoffnung, ihre Lucia bald umarmen zu koͤnnen, verſchwunden ſah. Denn fuͤr den nehmlichen Herbſt hatten ſie grade Abrede genommen; es ließ ſich aber nicht denken, daß Dame Praſſede unter ſolchen Umſtaͤnden ihr Landgut hier beziehen wuͤrde; haͤtte ſie ſich daſelbſt aufgehalten, ſo wuͤrde ſie es vielmehr, wie die uͤbrigen Gutsbeſitzer, verlaſſen haben. Der Anblick der Gegend verlieh Agneſens Gedanken noch groͤßeren Nachdruck und ihrer Sehnſucht noch mehr Bitterkeit. Nachdem ſie die Feldpfade verlaſſen, hatten ſie die offene Landſtraße betreten, dieſelbe, auf welcher die arme Frau, vor ſo Kurzem erſt, die Tochter aus dem Hauſe des Schneiders heimgefuͤhrt hatte. Und ſchon ließ ſich das Dorf unterſcheiden. „Wir wollen den guten Leuten unſern Gruß abſtat⸗ ten// ſagte Agneſe. „Gut,“ meinte Perpetua,„und ein wenig ausruhen. „ — — 105— Denn die Butte faͤngt an, mir garſtig zuzuſetzen. Koͤn⸗ nen allenfalls auch uns einen Biſſen ſchmecken laſſen. „Unter der Bedingung, daß wir keine Zeit verlieren,“ bemerkte Don Abbondio.„Denn wir ſind wahrhaftig nicht zur Kurzweil auf Reiſen.“ Sie erinnerten an eine wohlthaͤtige Handlung, und ſo wurden ſie mit offenen Armen empfangen, mit großer Freude gern geſehen. Erzeiget ſo vielen Menſchen, als moͤglich, Gutes, ſagt unſer Autor, ſo werdet Ihr um ſo ofter Geſichtern begegnen, die Euch mit Froͤhlichkeit uͤber⸗ raſchen. Agneſe aber brach, da ſie die gute Frau umarmte, in einen Thraͤnenſtrom aus, welcher ihr eine maͤchtige Linde⸗ rung gewaͤhrte; ſie antwortete ſchluchzend auf alle Fragen, die Wirth und Wirthin uͤber Lucien an ſie richteten. „Sie iſt beſſer dran als wir,“ ſagte Don Abbondio; „ſie iſt in Mailand, außer Gefahr, und fern von dem Teu⸗ felsgetuͤmmel hier." „Machen ſich der Herr Pfarrer mit Ihrer Geſellſchaft da auf die Flucht?“ fragte der Schneider. „Verſteht ſich,“ antworteten Herr und Haushaͤlterin zugleich. „Bedaure Sie.“ „Wir ſind auf dem Weg nach dem Schloſſe des Herrn ***, ſagte Don Abbondio. „Das iſt ein geſcheidter Einfall; da ſind Sie ſicher wie im Paradieſe.“ „Und hier haben die Leute keine Furcht?“ fragte Jener. „Ich will wie ein Hausherr zu ſeinem Gaſtfreund teden, — 106— Herr Pfarrer. Hier moͤchte, genau genommen, das Kriegs⸗ volk wohl nicht herkommen; wir liegen, dem Himmel Dank, zu weit von ſeiner Straße ab. Hoͤchſtens ſo einen kleinen Seitenhieb, den Gott abwenden moͤge. Auf jeden Fall aber haben wir Zeit; wir muͤſſen noch erſt andre Neuigkeiten aus den ungluͤcklichen Ortſchaften hoͤren, wo ſie recht ei⸗ gentlich die Haͤuſer in Beſchlag nehmen werden.“ Man beſchloß, ein wenig auszuruhen, und da die Zeit zum Mittageſſen da war, ſagte der Schneider:„Sie muͤſ⸗ ſen meinem armen Tiſch die Ehre goͤnnen, meine Herr⸗ ſchaften; wenn Sie fuͤrlieb nehmen wollen, ſo ſoll es uns Allen ſchon ſchmecken.“ Die Haushaͤlterin ſagte, ſie habe zum erſten Inbiß et⸗ was bei ſich. Nach einigen Umſtaͤndlichkeiten von beiden Seiten kam man endlich uͤberein, Alles zuſammen zu thun,⸗ und gemeinſchaftlich Mahl zu halten. Die Kinder hatten ſich mit großer Froͤhlichkeit an Agne⸗ ſe, ihre alte Freundin, gemacht. Der Schneider befahl einem der Maͤdchen, demſelben, welches der armen Wittwe Maria damals die milde Spende hingetragen hatte, vier fruͤhreife Kaſtanien, die in einem Winkel lagen, aus der Schale zu nehmen, und roͤſten zu laſſen.—„Und Du“ ſagte er zu einem Knaben,„geh nach dem Garten, ſchuͤttle den Pfirſichbaum, daß etwa vier Stuͤck herunterfallen, und bring ſie her; alle, geh. Und Du“ ſprach er zu dem An⸗ dern,„klettre auf den Feigenbaum, und hohle vier herun⸗ ter, huͤbſch reife! Ihr verſteht Euch ja ſo ziemlich auf das Handwerk.“— Waͤhrend er ſich darauf fortbegab, um den Spund aus einem Faͤßchen zu ziehen, und die Frau et⸗ was weißes Tiſchzeug herbeiholte, nahm Perpetua ihren —, — —; — 107— Vorrath heraus, und ſo ging man zu Tiſche. Auf dem Ehrenplatz kam fuͤr Don Abbondio ein Tiſchtuch auf einem Teller von unechtem Porzellan zu liegen; daneben Meſſer und Gabel, welche die Haushaͤlterin in der Butte hatte. Dann ward angerichtet, man ſetzte ſich, und hielt Mahl⸗ zeit. War auch die Froͤhlichkeit nicht beſonders ausgezeich⸗ net, ſo haͤtte doch keiner der Tiſchgenoſſen ſich eine ſo be⸗ hagliche Stunde verſprochen. „Was meinen Sie, Herr Pfarrer, zu ſo einem Miſch⸗ maſch?“ fragte der Schneider.„S iſt als wenn man die Geſchichte der Mohren in Frankreich lieſt.“ „Was laͤßt ſich da ſagen? Das mußte mir auch noch auf den Hals kommen.“ „Indeſſen haben Sie doch einen huͤbſchen Zufluchtsort erwaͤhlt,“ bemerkte Jener.„Werden Geſellſchaft dort fin⸗ den; wir haben ſchon vernommen, daß viel Volk ſich hin⸗ gefluͤchtet hat, und noch ſtuͤndlich welches herbeiſtroͤmt.“ „Ich will hoffen,“ ſagte Don Abbondio,„daß wir eine gute Aufnahme finden. Ich kenne den vortrefflichen Herrn, und als ich ein Mal die Ehre gehabt habe, mit ihm zuſammen zu ſeyn, war er erſtaunlich hoͤflich.“ „Und mir,“ berichtete Agneſe,„hat er durch den er⸗ lauchten Herrn Kardinal ſagen laſſen, wenn ich etwas noͤ⸗ thig haben wuͤrde, ſollt' ich mich nur glattweg an ihn wenden.“ 4 3 „Eine große ſchoͤne Bekehrung!“ rief Don Abbondio, „und von gutem Beſtand, nicht wahr, von gutem Be⸗ ſtand?“ 1 Der Schneider verbreitete ſich wortreich uͤber das hei⸗ lige Leben des Ungenannten, und wie derſelbe aus einer — 108— Geißel der Umgegend das Muſter und der Wohlthaͤter fuͤr alle Leute rings geworden ſey. „Und all die Menſchen, die er bei ſich hatte, die be⸗ zahlten...?“ fragte Don Abbondio, der zwar mehrmals ſchon davon ſprechen gehoͤrt hatte, aber bei ſeiner Furcht ſich noch immer nicht ſicher genug glaubte. „und was zuruͤck geblieben, hat ſeine Lebensweiſe geaͤndert. Aber wie geaͤndert! Kurz das Schloß da iſt wie die Wuͤſte Thebais geworden; Sie wiſſen, was damit geſagt iſt.“ ꝗ chen Beſuches.—„Ein großer Mann!“ ſagte er, nein großer Mann! Schade, daß er ſo blitzgeſchwind hier durch⸗ gereiſt, daß ich ihm nicht ein Stuͤckchen Ehre hab' anthun koͤnnen. Wie viel haͤtt' ich ihm unter andern Umſtaͤnden, bei etwas mehr Muße, zu ſagen!“ Nachdem man vom Tiſche aufgeſtanden, zeigte er ein Bildniß des Kardinals, einen Kupferſtich, welchen er zur Ehre des Mannes an einem Thuͤrfluͤgel hangen hatte. Auch beeilte er ſich, einem Jeden bekannt zu machen, daß durchaus keine Aehnlichkeit darin zu erkennen; denn er habe in demſelben Zimmer ganz in der Naͤhe und bequem den Herrn Kardinal betrachten koͤnnen. „Den Herrn Kardinal haben ſie mit dem Geſichte da vorſtellen wollen?“ fragte Agneſe.„In der Tracht ſieht er ihm aͤhnlich; aber.. „Nicht wahr, gar keine Aehnlichkeit?“ rief der Haus⸗ herr.„Ich ſag's auch immer. Es ſteht aber wenigſtens ſein Name darunter geſchrieben, und ſo iſt's mir ein An⸗ denken.“ „Die Meiſten ſind fort,“ erwiederte der Schneider, Darauf erinnerte er ſich mit Agneſen des erzbiſchoͤfli⸗ —, — 109— Don Abbondio hatte Eile. Der Hausherr verpflichtete ſich, einen Karren anzuſchaffen, der ſie bis zur Felſenan⸗ hoͤhe braͤchte. Er ging, einen zu ſuchen, und kehrte bald mit der Antwort zuruͤck, daß er komme.—„Herr Pfar⸗ rer,“ wandte er ſich darauf an Don Abbondio,„wenn Sie dort oben zum Zeitvertreib irgend ein Buch wuͤnſchen, als armer Mann kann ich damit aufwarten; ich hab' auch ſo mein Bischen Luſt am Leſen. Freilich keine Sache fuͤr Ihresgleichen, ganz gemeine Buͤcher; inzwiſchen aber...“ „Dank, Dank,“ antwortete Don Abbondio,„die Um⸗ ſtaͤnde ſind von der Art, daß ſie Einem kaum fuͤr das Al⸗ lernothwendigſte Kopf genug laſſen.“ Man dankte, man entſchuldigte ſich, verſicherte ſich der Theilnahme, wuͤnſchte eine gluͤckliche Zukunft, forderte zu einer zweiten Einkehr bei der Ruͤckreiſe auf, und verſprach ſie. Der Karren hielt vor der Thuͤre, das Neiſegepaͤck ward hineingelegt, und Jedes nahm ſeinen Platz ſodann, um etwas leichter und beruhigter die zweite Haͤlfte des Weges anzutreten. Ueber den Ungenannten hatte der Schneider dem Pfar⸗ rer die Wahrheit berichtet. Vom Tage an, da wir ihn verlaſſen, hatte er immer zu leben fortgefahren, wie er es ſich damals vorgenommen, ſuchte Schaden zu verguͤtigen, foͤrderte den Frieden, kam den Armen zur Huͤlfe, und be⸗ nutzte jede Gelegenheit zu heilſamen Handlungen. Den Muth, welchen er ſonſt, wenn er beleidigte oder ſich zur Wehre ſetzte, darzuthun pflegte, zeigte er jetzt in der Un⸗ terlaſſung des Einen wie des Andern. Er hatte jede Waffe von ſich gelegt, und ging immer allein, bereit, den moͤgli⸗ chen Folgen ſo vieler begangener Gewaltthaͤtigkeiten zu be⸗ freiwilligen Erniedrigung hatten ſeine Perſoͤnlichkeit und — 110— gegnen, und in der Meinung, daß es eine neue begehen hieße, wenn er zur Beſchirmung eines Hauptes, auf wel⸗ chem ſo vielfache Schuld laſtete, Gewalt gebrauchte; uͤber⸗ zeugt zugleich, daß jedes Boͤſe, ſo ihm geſchaͤhe, eine Be⸗ ſchimpfung Gottes waͤre, fuͤr ihn aber eine gerechte Ver⸗ geltung, waͤhrend er weniger als jeder Andre zum Beſtra⸗ fer aufgefordert. Deſſenungeachtet erfuhr er ſo wenig ein Leid, als da er zu ſeiner Sicherheit nebſt ſeinem eigenen ſo viele andre Arme bewaffnet hielt. Die Erinnerung an die Ungeheuerlichkeit und der Anblick des gegenwaͤrtigen Sanftſinns, von welchen jene ſo vielfachen Rachewunſch erwecken mußte, und dieſer die Befriedigung ſo leicht machte, erwarben und unterhielten vielmehr eine Bewun⸗ derung, die ihm vorzuͤglich zur Schutzwacht diente. Es war der Mann, den Niemand nieder zu beugen vermocht, und nur der eigene Wille gebeugt. Der Groll, ſonſt durch ſeinen verachtenden Stolz und Anderer Furcht erregt, loͤſte ſich jetzt vor dieſer neuen Demuth auf; uͤber alle Erwar⸗ tung und ohne Gefahr hatten die Gemißhandelten eine Genugthuung erhalten, die ſie ſelbſt von der gelungenſten Nache ſich nicht verſprechen gekonnt, die Genugthuung, ei⸗ nen ſolchen Mann, ihrem Unwillen ſich geſellend, uͤber ſeine Miſſethaten Schmerz empfinden zu ſehen. Mehr als Einer, deſſen bitterſte und heftigſte Kraͤnkung viele Jahre hindurch darin beſtanden, daß er keine Wahrſcheinlichkeit fand, als der Staͤrkere jemals eine Bosthat vergelten zu koͤnnen, traf ihn jetzt oft allein, waffenlos, ohne Verſuch zum Wi⸗ derſtand, und dennoch fuͤhlte er ſich zu nichts Anderem be⸗ wogen, als ihm ſeine Ehrfurcht zu bezeugen. Mit dieſer ₰ X— —,— ſein Benehmen, ohne daß er es gewahr ward, einen hohen Adel erlangt; denn noch deutlicher als vorher verkuͤndigte ſich die Furchtloſigkeit darin. Auch der roheſte, hartnaͤk⸗ kigſte Haß fuͤhlte ſich durch die allgemeine Verehrung des reuigen wohlthaͤtigen Mannes wie gebunden und zur Ach⸗ tung getrieben. Die Verehrung aber war ſo groß, daß er oft, durch die Ehrenbezeugungen in Verlegenheit gerathend, ſich ihrer erwehren, und nur Sorge tragen mußte, in Geſicht und Geberden das innere Gefuͤhl der Zerknirſchung nicht auffallend erſcheinen zu laſſen, um nicht bei zu tiefer Erniedrigung zu hoch erhoben zu werden. In der Kirche hatte er ſich die letzte Stelle erwaͤhlt, und Jedermann huͤ⸗ thete ſich, ſie vor ſeinem Erſcheinen einzunehmen; man haͤtte ſich eine Ehrenſtelle beigemeſſen. Den Mann aber zu beleidigen, oder ihn unehrerbietiglich zu behandeln, galt weniger fuͤr ein Vergehen und eine Pobelhaftigkeit, als fuͤr eine Glaubensſchaͤndung, und ſelbſt Diejenigen, welchen dieſe Empfindung der Andern bloß zum Zuͤgel diente, theil⸗ ten ſie am Ende mehr oder weniger. Dieſe und andre Urſachen wandten auch die entfern⸗ tere Ahndung der oͤffentlichen Gewalt von ihm ab, und gewaͤhrten ihm ſelbſt von dieſer Seite die Sicherheit, um welche er kaum ſich kuͤmmerte. Sein Rang und ſeine Ver⸗ wandtſchaft, die jederzeit ihm zu einiger Vertheidigung ge⸗ dient, waren jetzt von deſto kraͤftigerer Wirkung, da zu die⸗ ſem allgekannten beruͤchtigten Namen die perſoͤnliche Em⸗ pfehlung, der Ruhm der Bekehrung ſich geſellte. Obrig⸗ keit und Vornehme hatten ſich oͤffentlich, wie das Volk, daruͤber gefreut, und unſinnig waͤr' es geweſen, gegen ei⸗ nen Mann, welcher der Gegenſtand ſo vieler Gluͤckwuͤnſche worden, feindſelig verfahren zu wollen. Ueberdieß konnte die oͤffentliche Gewalt, mit einem fortwaͤhrenden, oft un⸗ gluͤcklichen Kampfe gegen regſame und immer wieder er⸗ wachende Empoͤrungen beſchaͤftigt, hinlaͤnglich zufrieden ſeyn, eine Empoͤrung, die noch ſchwerer zu baͤndigen und noch laͤſtiger, nicht bekaͤmpfen zu muͤſſen; um ſo mehr, da mit dieſer Bekehrung ſo mancher Erſatz verbunden, wel⸗ chen die oͤffentlihe Gewalt nicht zu erzwingen pflegte, und noch weniger heiſchte. Einen Heiligen quaͤlen, war kein paſſendes Mittel, die Schande, daß man einen Verbrecher nicht baͤndigen gekonnt, von ſich zu waͤlzen; das Beiſpiel, welches man an ihm gegeben, haͤtte keine andre Wirkung gehabt, als aͤhnliche Menſchen von ihrer Beſſerung abwen⸗ dig zu machen. Wahrſcheinlich diente auch Borromeo's ü Theilnahme an der Bekehrung, die Verbindung dieſes gro⸗ ßen Namens mit dem Namen des Bekehrten, dieſem zum Schilde der Unverletzlichkeit. Bei dem damaligen Stande der Dinge und der Anſichten, bei den eigenthuͤmlichen Ver⸗ haͤltniſſen der geiſtlichen und der weltlichen Staatshaͤlfte, welche, ſo oft einander bekämpfend, ohne ſich zerſtoͤren zu wollen, ſelbſt mitten in den Feindſeligkeiten Schritte der Anerkennung und der Ehrenbezeugung gegen einander tha⸗ ten, und nicht ſelten, ohne je Frieden zu ſchließen, mit⸗ ſammen einen gemeinſchaftlichen Zweck verfolgten, war man 7 vielleicht der Meinung, daß die Verſoͤhnung der geiſtlichen Macht die Vergeſſenheit, wenn auch nicht die Entſchuldi⸗ gung, der weltlichen mit ſich fuͤhrte, indem jene allein ihre Kraͤfte angeſtrengt, um eine Wirkung, die Beide wuͤnſch⸗ ⸗ ten, zu erzielen. So wurde dieſer Mann, auf welchen, wenn er gefal⸗ — — 113— len waͤre, Große und Kleine ſich um die Wette geſtuͤrzt haͤtten, um ihn am Boden zu erdruͤcken, jetzt, da er ſich freiwillig hingeſtreckt, von Allen verſchont und von Vielen mit Ehrfurcht behandelt. Manchem gewaͤhrte dieſe lautbeſprochene Verwandlung freilich etwas ganz Andres als eine Befriedigung; ſo viele bezahlte Zuchtmeiſter der Verbrechen, ſo viele Genoſſen die⸗ ſer Verbrechen, welche mit einem Mal eine maͤchtige Stuͤtze verloren, und die Faͤden ſo vieler angeſponnenen Umtriebe, im Augenblicke vielleicht, da ſie die Kunde der Vollen⸗ dung erwarteten, ploͤtzlich abgeſchnitten ſahen. Wir haben aber ſchon geſehen, wie verſchiedene Empfindungen dieſe Bekehrung in den Soͤldlingen, welchen ſein eigener Mund ſie verkuͤndigte, aufkeimen ließ; Staunen, Kraͤnkung, Nie⸗ dergeſchlagenheit, Schmerzen; von Allem ein wenig, nur Verachtung und Haß nicht. Daſſelbe war bei den Andern der Fall, die er zerſtreut an verſchiedenen Punkten hielt, daſſelbe bei den Mitſchuldigen von hoͤherem Stande, nach⸗ dem ſie die ſchreckliche Neuigkeit erfahren, und bei Allen der nehmlichen Urſachen wegen. Dagegen erregte es, nach Ripamonti's Zeugniß, dem Kardinal Borromeo vielen Haß. Ihn betrachteten ſie als einen Ungluͤcksboten, der ſich feind⸗ ſelig in ihre Angelegenheiten gemiſcht; denn der Unge⸗ nannte hatte ſeine Seele retten wollen, daruͤber fand Nie⸗ mand ein Recht, ſich zu beklagen. Allmaͤhlig machten ſich auch die meiſten Soͤldlinge im Hauſc davon. Sie konnten ſich in die neue Mannszucht nicht fuͤgen, und ſahen keine Wahrſcheinlichkeit vor Augen, daß ſie jemals eine andre Wendung nehmen wuͤrde. Der Eine ſuchte einen neuen Herrn, und fand ihn unter den III. 8 — 114— alten Freunden des Verlaſſenen; der Andere ließ ſich im Heere von Spanien und Mantua, oder bei ſonſt einer kriegfuͤhrenden Macht anwerben; ein Dritter warf ſich auf die Landſtraße, um den Krieg im Kleinen, auf ſeine eigene Rechnung, zu betreiben; ein Vierter begnuͤgte ſich, frei um⸗ her ſtreichend dem Schurkengewerbe obzuliegen. Ein Aehn⸗ liches verſuchten die Uebrigen, die auf Befehl des Unge⸗ nannten in verſchiedenen Ortſchaften hauſten. Unter denen aber, welche ſich an die neue Lebensweiſe gewoͤhnen konn⸗ ten, oder mit willigem Herzen ſie ergriffen hatten, waren die Meiſten, im Thale geboren, zu ihren Feldern zuruͤck ge⸗ kehrt, oder verſuchten das Handwerk wieder, welches ſie in der Jugend gelernt, und nachher mit der Braviſchaft ver⸗ tauſcht; die Auslaͤnder blieben zum haͤuslichen Dienſt im Schloſſe; Dieſe wie Jene, gleich ihrem Herrn, vom Segen des Himmels beſchenkt, indem ſie, ohne Unrecht zu thun und zu erleiden, waffenlos ſich zeigen durften, und den⸗ noch Achtung fanden. Als aber bei dem Niederſteigen der deutſchen Krie⸗ gesſchaaren einige Fluͤchtlinge aus den uͤberſchwemmten oder bedrohten Ortſchaften nach der Felſenburg kamen, und um Aufnahme baten, freute ſich der Ungenannte, daß die Huͤlfloſen ſeine Mauern als einen Zufluchtsort aufſuchten, nachdem ſie dieſelben ſeit ſo langer Zeit nur von fern als ein furchtbares Hoͤllengebaͤude betrachtet; der Ausdruck ſei⸗ nes Empfanges war eher Dankbarkeit als hoͤfliche Guͤte; dabei ließ er umher melden, daß ſein Haus einem Jeden, der um Unterkommen verlegen, offen ſtaͤnde. Auch war er ſogleich darauf bedacht, Schloß und Thal in Vertheidi⸗ gungsſtand zu ſetzen, falls Lanzknechte oder Reiter ſich's ein⸗ —,— —,— — 115— fallen ließen, auch hier ihr Weſen treiben zu wollen. Er verſammelte die zuruͤckgebliebenen Diener, gering an Zahl aber tuͤchtig und wacker, wie Torti's Verſe; er hielt ihnen eine Rede uͤber die gute Gelegenheit, welche Gott ihnen wie ihm verlieh, einmal zum Schutze der Mitmenſchen, welche ſie ſo oft unterdruͤckt und in Schrecken geſetzt, ſich verpflichten zu koͤnnen, und mit der alten gebieteriſchen Stimme, welche die Gewißheit des Gehorſams ausdruͤckte, verkuͤndigte er ihnen im Allgemeinen, was ſie ſeiner Ab⸗ ſicht nach thun ſollten, und wie ſie ſich beſonders zu be⸗ tragen haͤtten, wenn die Leute, die als Schuͤtzlinge herge⸗ kommen, nur Freunde und Vertheidiger in ihnen ſehen ſollten. Sodann ließ er aus einer Soͤllerkammer die Feu⸗ ergewehre herabholen, die Schwerdter und Spieße, die ſeit einiger Zeit dort zuſammengeworfen lagen; er vertheilte ſie unter die Soͤldlinge, und ließ ſeinen Bauern, wie den Paͤchtern im Thale, ſagen, wer Luſt haͤtte, moͤchte bewaff⸗ net nach dem Schloſſe kommen; wer keine Waffen beſaß, dem reichte er welche; Einige waͤhlte er zu Offizieren, un⸗ ter ihrem Befehle ſollten die Uebrigen ſtehen; er beſtimmte die Poſten an den Eingaͤngen und den verſchiedenen Punk⸗ ten des Thales, auf dem Bergweg wie an den Thoren des Schloſſes; auch ſetzte er die Stunden und die Weiſe der Abloͤſung, wie in einem Lager, oder wie zur Zeit ſeines raͤuberiſchen Lebens daſelbſt bereits Sitte geweſen, feſt. In einem Winkel jener Soͤllerkammer ſtanden, von den uͤbrigen Haufen geſondert, die Waffen, die er allein zu tragen gepflegt; das beruͤchtigte Feuerrohr, Schwerdter, Spieße, Piſtolen, Meſſer und Dolche; theils an der Erde, theils an die Mauer gelehnt. Keiner der Diener ruͤhrte 0 — 116— mit dem Finger daran; wetteifernd aber befragten ſie den Herrn, welches er gereicht haben wollte.—„Kein einzi⸗ ges!“ gab er zur Antwort; es mochte Vorſatz oder Ge⸗ luͤbde ſeyn, er blieb an der Spitze dieſer Sehloßbeſatzung jederzeit unbewaffnet. Zugleich hatte er Andre, Diener oder ſonſt abhaͤngige Leute, in Thaͤtigkeit geſetzt, um im Schloſſe fuͤr ſo viele Menſchen als moͤglich Wohnungen einzurichten; Betten mußten aufgeſchlagen werden; in Zimmern und Saͤlen, die er zu Schlafgemaͤchern beſtimmte, kamen Strohlager, Decken und Saͤcke zu liegen. Auch war's ſein Befehl, daß Nahrungsmittel im Ueberfluß herbeigeſchafft wurden; die Gaͤſte, die Gott ihm zuſenden wuͤrde, die auch in der That ſchon immer zahlreicher ſich einzufinden anfingen, ſollten nicht von eigenem Gelde zehren. Waͤhrend deſſen legte er die Haͤnde nicht in den Schoos; man ſah ihn drinnen im Schloſſe und draußen, oben auf dem Berge und unten in der Tiefe, an allen Punkten des Thales; er beſtimmte die Poſten, verſtaͤrkte und unterſuchte ſie, er ſah nach, ließ ſich ſehen, und hielt durch Worte, Blicke und Gegenwart Al⸗ les in Ordnung. Im Schloſſe wie auf der Straße em⸗ pfing er freundlich alle Ankoͤmmlinge, denen er begegnete; alle, ſie mochten den Mann ſchon geſehen haben, oder zum erſten Mal ihn erblicken, betrachteten ihn mit freu⸗ digem Staunen, vergaßen einen Augenblick das Elend und die Furcht, welche ſie hergetrieben, und wandten ſich noch einmal hin, ihn anzuſchauen, wenn er, ſich von ihnen ent⸗ fernend, ſeinen Weg fortſetzte. 5 — 117— Sechstes Kapitel. Obgleich der groͤßere Zuſammenfluß nicht von der Seite her ſtatt fand, von welcher unſre drei Fluͤchtlinge dem Thale ſich naͤherten, ſondern am entgegengeſetzten Ein⸗ gange, ſo fanden ſie doch auf dieſer zweiten Haͤlfte ihres Weges Gefaͤhrten der Reiſe und des Ungluͤcks, welche von Rebenwegen her auf die Hauptſtraße getreten und noch immer traten. Bei ſolchen Gelegenheiten ſind Alle, die einander begegnen„ Bekannte. So oft der Karren einige Leute eingeholt, ließ man ſich auf einen Wechſel von Fra⸗ gen und Antworten ein. Der Eine hatte ſich, wie unſre Leute, ohne die Ankunft der Soldaten abzuwarten, auf die Beine gemacht; der Andre hatte ſchon die Trommeln und die Pauken gehoͤrt; ein Dritter wollte die Raubgeſellen ſchon geſehen haben, und ſchilderte ſie mit den Farben des Entſetzens. „Wir ſind noch gluͤcklich dran,“ ſagten die beiden Frauen,„wir wollen dem Himmel danken. Moͤgen unſre Sachen zum Teufel gehen, wir ſind doch wenigſtens hei ganzem Leibe heraus.“ Don Abbondio aber wollte gar nicht begreifen, was darin fuͤr ein Beruf zur Freude laͤge; das Zuſammenſtroͤ⸗ men, zumal das gedraͤngtere auf der andern Seite, wovon er ſprechen hoͤrte, fing an, ihm ſeinen Himmel mit Wol⸗ ken zu behaͤngen.—„O was fuͤr'ne Geſchichte!“ brummte er den Frauen in einem Augenblicke zu, da Niemand ne⸗ ven ihnen ſchritt,„was fuͤr'ne Geſchichte! Begreift Ihr denn nicht, daß dieß Zuſammenlaufen von ſo vielem Volke nach Einem Ort die Soldaten mit Gewalt dorthin ziehen heißt? Alle verkriechen ſich, Alle ſchleppen fort; in den Haͤuſern bleibt nichts; ſie werden alſo ſich einreden, daß dort oben Schaͤtze vorhanden. Sie kommen ganz gewiß hin. Weh mir Armen! In maos fuͤr'n ſchlimmes Spiel hab' ich mich eingelaſſen!“ „Was werden ſie dort oben hinkommen?“ fragte Per⸗ petua.„Sie haben auch ihre Straße zu gehen. Und uͤbri⸗ gens hab' ich immer ſagen hoͤren, bei Gefahren ſey's am beſten, mit recht Vielen zuſammen zu halten.“ „Mit recht Vielen?“ rief Don Abbondio.„Armes Frauenzimmer! Weißt Du nicht, daß jeder Lanzknecht hun⸗ dert ſolche Leute verſchluckt? Und dann, wenn ſie Luſt ha⸗ ben, dumme Streiche zu machen, ſo waͤr' eine artige Ge⸗ ſchichte, mitten im Todtſchlag drin zu ſtecken, heh? Ich armer Mann! Auf die Berge fluͤchten waͤr nicht ſo ſchlimm. Nun draͤngt ſich Alles in ein Loch zuſammen!— Lauter Quaͤlgeiſter!“ murmelte er drauf fuͤr ſich,„in Ei⸗ nem fort, in Einem fort, wie das vernunftloſe Vieh!“ „Auf die Art,“ meinte Agneſe,„koͤnnten Jene von uns das Nehmliche ſagen.“ „Still, ſtill,“ ſagte der Pfarrer,„mit dem Geſchwaͤtz iſt nichts mehr auzufangen. Was geſchehen iſt, iſt geſche⸗ hen; wir ſtecken einmal drin, und ſo muͤſſen wir geduldig zappeln. Wies der Vorſehung beliebt, ſo wird's gehen; der Himmel laſſ' es gut fuͤr uns ausfallen.“ Schlimmer aber war's, als er bei'm Eintritt in das Thal, theils an der Schwelle eines Hauſes, theils in den unteren Zimmern deſſelben, eine ſtarke Wacht von Bewaff⸗ neten erblickte. Er ſchielte nach ihnen hin; es waren frei⸗ lich nicht die Geſichter, welche er bei ſeinem fruͤheren ———.— —-—— — 119— ſchmerzlichen Eintritt hier getroffen hatte, oder waren welche davon drunter, ſo zeigten ſie ein ganz verwandeltes Anſehen; dennoch laͤßt ſich kaum ausdruͤcken, wie unheim⸗ lich ihm der Anblick auf die Seele fiel.— Ich Armer, dachte er, ſo geht's, wenn man dumme Streiche macht. Es konnte nichts Andres herauskommen; ich haͤtt's von ei⸗ nem ſolchen Menſchen erwarten ſollen. Was hat er aber eigentlich vor? Will er Krieg anfangen? Will er den Koͤ⸗ nig ſpielen? Armer Abbondio!'S iſt eine Zeit, wo man unter die Erde ſich verſcharren moͤchte, und der hier ſtellt alles Moͤgliche an, um ſich ſehen zu laſſen; es hat ordent⸗ lich das Anſehen, als wollt er ſie einladen. „Sehen Sie, Herr Pfarrer,“ ſagte Perpetua, ⁸ ſind tuͤchtige Leute hier, die werden uns ſchon zu vertheidigen wiſſen. Jetzt ſollen die Soldaten nur einmal kommen!— das ſind andre Leute wie unſre Bauerkerle, die zu nichts taugen, als die Fuͤße in die Hand zu nehmen.“ „Schweig'!“ antwortete der Pfarrer, mit halb lauter aber aͤrgerlicher Stimme,„ſchweig, Du weißt viel, was Du ſagſt. Bete zum Himmel, daß die Soldaten Eil' ha⸗ ben, daß ſie ſich nicht drum kuͤmmern moͤgen, was hier geſchieht, und wie das Neſt zu einer Feſtung gemacht wird. Weißt Du nicht, daß das Handwerk der Soldaten gerade darin beſteht, Feſtungen einzunehmen? Sie wollen gar nichts Andres; Sturm laufen iſt ihnen ſo ein Spaß, wie zur Hochzeit gehen; denn Alles, was ſie finden, gehoͤrt ihnen, und die Menſchen laſſen ſie uͤber die Klinge ſprin⸗ gen. Weh uns! Genug, ich werde zuſehen, ob ich mich nicht auf einem von den Dornfelſen da in Sicherheit — 120— bringen kann. In einer Schlacht ſollen ſie mich nicht er⸗ wiſchen, oh, in einer Schlacht nicht!“ „Wenn Sie ſich auch fuͤrchten, unterſtuͤtzt und verthei⸗ digt zu werden—“ erwiederte Perpetua; aber Don Abbon⸗ dio unterbrach ſie unwirſch, doch immer mit kleinlauter Stimme:„Halt dein Maul! Und nimm dich wohl in Acht, unſer Geſpraͤch hier weiter zu plaudern. Weh dir ſonſt! Erinnere dich, daß man hier immer gute Miene ma⸗ chen, und zu Allem, was man ſieht, ſeinen Beifall geben muß,.“ Bei der ſchlimmen Nacht fanden ſie einen zweiten Po⸗ ſten von Bewaffneten; der Pfarrer zog demuͤthig vor ihnen den Hut, ſprach aber im Herzen: Weh mir, ich bin gera⸗ desweges in ein Lager hinein gerathen!— Hier hielt der Karren. Man ſtieg aus; Don Abbondio zahlte und entließ in Eil den Fuhrmann; dann machte er ſich, ohne ein Wort hoͤren zu laſſen, auf den Weg zum Schloſſe. Der Anblick dieſer Gegend weckte in ſeiner Einbildungskraft die Angſtgefuͤhle, die er fruͤher ſchon einmal hier empfun⸗ den, und geſellte ſie zu ſeinen gegenwaͤrtigen Beſorgniſſen. Agneſe dagegen hatte dieſe Orte nie geſehen, aber im Geiſte ſich ein ſelbſtgeſchaffenes Gemaͤlde davon entworfen, wel⸗ ches ihr jederzeit ſich darſtellte, wenn ſie an die Ereigniſſe dachte, die hier vorgefallen; jetzt erblickte ſie dieſe Orte wirklich, und die ſchmerzlichen Erinnerungen kehrten ihr in neuer Staͤrke zuruͤck.—„O Herr Pfarrer,“ rief ſie⸗ „wenn ich denke, daß meine arme Lucia auf dieſem Wege hinauf geſchleppt worden iſt!“ „Wollt Ihr ruhig ſeyn?“ ziſchelte ihr Don Abbondio in’s Ohr.“ Habt Ihr alle Eure Ueberlegung zu Hauſe ge⸗ S —,——⏑Q————— ———————— — — 121— laſſen? Sind das Geſchichten, um ſie hier vorzubringen? Wißt Ihr nicht, daß wir in ſeinem Hauſe ſind? Ein Gluͤck, daß es Keiner gehoͤrt hat; wenn Ihr aber ſo reden wollt. „Eh!“ ſagte Agneſe,„jetzt iſt er ein Heiliger!“ „Schweigt, ſchweigt!“ fluͤſterte Jener,„meint Ihr denn, man duͤrfe einem Heiligen ohne Ruͤckſicht Alles in's Geſicht ſagen, was Einem durch den Kopf faͤhrt? Denkt vielmehr auf Euern Dank fuͤr das Gute, ſo er Euch er⸗ wieſen hat.“ „O was das betrifft, daran hab' ich ſchon gedacht. Glauben Sie denn, daß ich gar keine Lebensart beſitze?“ „Die Lebensart beſteht darin, daß man nichts ſagt, was mißfallen kann, zumal wenn der Andre nicht gewohnt iſt, dergleichen zu hoͤren. Und ſchreibt's Euch Beide leſer⸗ lich hinter's Ohr, daß hier kein Ort iſt, Klatſchereien aus⸗ zuhecken, und bei Allem mit dem erſten beſten Gedanken, der Euch in den Kopf kommt, hervor zu platzen.'S iſt das Haus eines großen Herrn, das wißt Ihr; Ihr ſeht, was fuͤr eine Dienerſchaft rings herum wimmelt; es kom⸗ men Leute aller Art her; alſo vernuͤnftig, wenn's Euch moͤglich; huͤbſch die Worte gewogen, und hauptſaͤchlich nur wenig geſprochen, nur wo's gerade Noth thut; denn wenn man ſchweigt, ſo ſchießt man keinen Bock.“ „Noch ſchlimmer aber machen Sies mit allen Ih⸗ ren..“ fiel ihm hier Perpetug in die Rede; Don Abbon⸗ dio aber rief ihr ſein„Ruhig!“ zu, indem er zugleich raſch den Hut abzog, und eine tiefe Verneigung machte; denn er hatte in die Hoͤhe geblickt, und den Ungenannten her⸗ abkommen geſehen. Dieſer hatte den Pfarrer nicht ſohald — 122— bemerkt und erkannt/ als er ſchon herbei eilte, ihm zu be⸗ gegnen, und ſeine Freude zu bezeugen. „Herr Pfarrer,“ begann er, als er nahe war,„ich moͤchte Ihnen mein Haus bei einer froͤhlicheren Gelegen⸗ heit anbieten; auf jeden Fall aber macht es mir das groͤßte Vergnuͤgen, Ihnen in einem Stuͤcke dienen zu koͤnnen.“ „Mich auf die große Guͤte Eurer erlauchten Gnaden verlaſſend“ antwortete Don Abbondio,„bin ich in dieſer traurigen Lage ſo frei geweſen, herzukommen, und Ihnen beſchwerlich zu fallen, und wie Eure erlauchte Gnaden ſe⸗ hen, hab' ich mir ſogar herausgenomnen, noch Geſellſchaft mitzubringen. Dieß hier iſt meine Haushaͤlterinn...“ „Willkommen!“ ſagte der Ungenannte. „und dieß iſt eine Frau⸗ welcher Eure Gnaden ſchon Gutes erwieſen haben; die Mutter jenes... jenes Maͤd...“ „Lueiens Mutter!“ ſagte Agneſe. „Luciens!“ rief der Ungenannte⸗ und wandte ſich mit geſenkter Stirn zu Agneſen.„Gutes, ich? Ewiger Gott! Ihr erweiſet mir Gutes, daß Ihr hierher kommet, zu mir, in dieſes Haus! Seyd willkommen! Ihr bringet den Se⸗ gen des Himmels mit Euch!“ „Das waͤr' gerade!“ ſagte Agneſe,“ beſchwerlich werde ich Ihnen fallen. Noch dazu,“ fuhr ſie, ſeinem Ohre ſich naͤhernd, fort,“ hab' ich Ihnen ſchon einen Dank abzu⸗ ſtatten../ Der Ungenannte unterbrach dieſe Worte, indem er ei⸗ frig um Nachricht uͤber Lucien bat; als er ſie vernommen, wandte er ſich, die neuen Gaͤſte nach dem Schloſſe zu begleiten, und that es, obgleich ſie mit vieler Umſtaͤndlich⸗ keit ſich ſtraͤubten. Agneſe warf dem Pfarrer einen Blick —, — — — 123— zu, der zu ſagen ſchien: Sehen Sie einmal, ob's noͤthig iſt, daß Sie zwiſchen uns Beide treten, um uns mit Ihrer Weisheit zu belehren? „Sind ſie ſchon in ihrem Kirchſprengel angekommen?“ fragte der Ungenannte. „Noch nicht, Herr,“ war des Pfarrers Antwort,„ich habe aber die Teufel nicht abwarten moͤgen. Weiß der Himmel, ob ich lebend aus ihren Haͤnden gekommen waͤre, um Eurer erlauchten Gnaden beſchwerlich zu fallen.“ „Gut; nur beherzt!“ ermahnte Jener,„jetzt ſind Sie vollkommen in Sicherheit. Hier herauf kommen ſie nicht; und wenn ſie den Verſuch machen wollten, ſo ſtehen wir ſchlagfertig da, ſie zu empfangen.“ „Wir wollen hoffen, daß ſie nicht kommen,“ aͤußerte der Pfarrer.„Und ich hoͤre,“ fuhr er fort, indem er mit dem Finger nach den Bergen zeigte, welche gegenuͤber das Thal ſchloſſen,„ich hoͤre, daß auch auf der Seite dort ein anderer Schwarm von Kerlen ſich herumtreibt; aber...“ „Es iſt wahr, aber ſorgen Sie nicht, wir ſind auch auf ihre Ankunft gefaßt.“ Zwiſchen zwei Feuern, dachte Dou Abbondio, genau zwiſchen zwei Feuern! Wohin hab' ich mich hinein ziehen laſſen! Und von zwei ſolchen Schwatzmaͤulern! Und der hier ſieht gerade aus, als wenn er mit Seelenluſt dazwi⸗ ſchen ſteckte. O was fuͤr Leute giebt's doch in dieſer Welt! Nachdem man in's Schloß gekommen, ließ der Herr die beiden Frauen nach einem Zimmer des Reviers fuͤhren, welches fuͤr weibliche Gaͤſte beſtimmt war. Dieſes Revier nahm drei Seiten des zweiten Hofes ein, im hinteren — 124— Theile des Gebaͤudes, auf einem hervortretenden, allein da⸗ ſtehenden Felſen, hoch uͤber einem Abgrund. Die Maͤn⸗ ner wohnten rings um den andern Hof zur Rechten und Linken. Das Mittelgebaͤude, welches beide Hoͤfe trennte, und durch einen weiten Gang von dem einen in den an⸗ dern fuͤhrte, war zum Theil von Mundvorrath beſetzt, zum Theil ſollte es als Niederlage fuͤr dasjenige dienen, was die Fluͤchtlinge mitgebracht. In der Maͤnnerwohnung gab es auch ein kleines Zimmer fuͤr die Geiſtlichen, die etwa unter den Gaͤſten waͤren. Hieher begleitete der Hausherr den Pfarrer, und dieſer war der erſte Bewohner des Zim⸗ mers. Vier und zwanzig Tage verweilten unſre Fluͤchtlinge im Schloſſe, mitten unter beſtaͤndiger Bewegung, in zahl⸗ reicher Geſellſchaft, die anfangs außerordentlich ſtieg. Kein Abentheuer von Bedeutung aber ſiel vor. Zwar verging kein Tag, daß man nicht zu den Waffen gegriffen haͤtte.— „Es kommen Lanzknechte von der Seite dort; da druͤben hat man Reiter geſehen!“— Bei jeder Nachricht ſandte der Ungenannte Kundſchafter hinab, und wo es noͤthig ſchien, nahm er Leute mit ſich, welche er immer dazu be⸗ reit hielt, und ging mit ihnen zum Thale hinaus, nach der Richtung, daher die Gefahr verlautete. Es war ein ſelt⸗ ſames Schauſpiel, eine Schaar vollſtaͤndig bewaffneter Soͤldlinge, wie Krieger geordnet, von einem waffenloſen Manne angefuͤhrt zu ſehen. In den meiſten Faͤllen waren es Soldaten, die auf Futter ausgegangen, oder Beutema⸗ cher, die vom Hauptheere ſich entfernt hatten; ſie ſchlichen aber wieder fort, noch ehe es zum Handgemenge kam. Ei⸗ nes Tages jedoch, da man einige derſelben zuruͤckgetrieben⸗ — 125— um ihnen das Thal zu verleiden, wurde dem Ungenannten gemeldet, daß ein benachbartes Doͤrfchen uͤberſchwemmt und gepluͤndert worden ſey. Lanzknechte von verſchiedenen Schaaren, der Pluͤnderung wegen zuruͤckgeblieben, ſtrichen in Banden umher, und wuͤrfen ſich unverſehens auf die Doͤrfer in der Naͤhe der Heerſtraße; ſie beraubten die Ein⸗ wohner, und zwaͤngen ſie zu Gewaltſteuern. Der Unge⸗ nannte redete ſeine Waffenknechte mit kurzen Worten an⸗ und nahm mit ihnen ſeine Richtung nach dem Dorfchen. Unerwartet langten ſie an; die Schurken, welche nur einen Beutezug zu unternehmen geglaubt hatten, ſahen ei⸗ nen bewaffneten, ſtreitfertigen Schwarm auf ſich losruͤcken, ließen ihr Pluͤndrungsgeſchaͤft im Stich, und machten ſich eiligſt, ohne einmal Einer auf den Andern zu warten, nach der Gegend, aus welcher ſie gekommen, davon. Der Un⸗ genannte ſetzte ihnen eine Strecke lang nach, machte dann Halt,, ſtand einen Augenblick wartend da, ob irgend eine neue Bewegung ſich vielleicht wahrnehmen ließe, und kehrte endlich zuruͤck. Da man durch das gerettete Dorf kam, laͤßt ſich das Geſchrei des Beifalls und des Segens, mit welchem die Befreiungsſchaar und ihr Fuͤhrer empfan⸗ gen wurden, unmoͤglich ſchildern. Im Schloſſe entſtand unter der zuſammengeſtroͤmten Menge, ſo verſchieden ſie auch an Lage und Lebensweiſe, an Alter und Geſchlecht, dennoch keine erhebliche Unord⸗ nung. Der Hausherr hatte Wachen an verſchiedenen Punk⸗ ten aufgeſtellt; dieſe kamen jedem Uebelſtande mit Aufmerk⸗ ſamkeit zuvor, und ihr Eifer ließ niemals nach, denn ſie mußten vom Kleinſten Rechenſchaft ablegen. Auch hatte der Hausherr die Geiſtlichen und die uͤbri⸗ — 126— gen Leute, die einiges Anſehen beſaßen, aufgefordert, unter den Fluͤchtlingen zu weilen, und wachſam umher zu wan⸗ dern. So oft es ihm moͤglich war⸗ machte er ſelbſt die Runde, und zeigte ſich uͤberall; aber auch in ſeiner Abwe⸗ ſenheit diente der Gedanke, in weſſen Hauſe man ſich be⸗ fand, zum Zuͤgel fuͤr einen Jeden, welcher eines Zuͤgels be⸗ durfte. Ueberdieß waren es lauter gefluͤchtete Menſchen, und alſo im Allgemeinen zur Ruhe geneigt; die Erinne⸗ rung an Haus und Eigenthum, an Verwandte und Freunde, ſo in der Gefahr zuruͤckgeblieben, die Nachrich⸗ ten, welche taͤglich von außerhalb kamen, ſtimmten die Ge⸗ muͤther nieder und unterhielten die friedſame, beſcheidene Stimmung.— Es gab aber auch ſorgenfreie Koͤpfe, Leute von feſterer Natur und friſcherem Muthe, welche dieſe Tage in Froͤh⸗ ligkeit zuzubringen wuͤnſchten. Sie hatten ihre Haͤuſer verlaſſen, weil ſie zur Vertheidigung ſich nicht ſtark genug gefuͤhlt; indeſſen war ihnen wenig damit gedient, uͤber ein ungluͤck, fuͤr welches kein Heilmittel vorhanden, zu ſeuf⸗ zen und zu weinen; ſie mochten die Verwuͤſtung, die ſie nur all zu zeitig mit Augen ſehen wuͤrden, nicht ſelbſtquaͤ⸗ leriſch in der Einbildung ſich hervorrufen. Bekannte Fa⸗ milien waren mitſammen gegangen, oder hatten einander dort oben getroffen; neue Freundſchaften waren entſtan⸗ den; die Menge hatte ſich, nach Sitte und Laune, in ein⸗ zelne Haufen getheilt. Wer Geld hatte, und ſich was er⸗ lauben durfte, ging in's Thal hinab, um dort ſeine Mahl⸗ zeit zu halten; denn bei dieſer Gelegenheit hatte man da⸗ ſelbſt in der Geſchwindigkeit Schenken und Gaſthaͤuſer ein⸗ gerichtet; in einigen wurden die Schuͤſſeln mit Wehklagen —: j— —— — 127— 4 verſaͤuert, und nur vom Elend durfte geſprochen werden; in andern erinnerte man ſich des Ungluͤcks bloß, um zu bemerken, daß man am Beſten thaͤte, nicht dran zu den⸗ ken. Wer kein Geld ausgeben wollte oder konnte, der er⸗ hielt oben im Schloſſe Brod, Reißſuppe und Wein; fuͤr Einige wurde taͤglich gedeckt, indem der Herr ſie ausdruͤck⸗ lich als eingeladene Gaͤſte behandelte. Von dieſer Zahl waren unſre drei Bekannte. Agneſe und Perpetua mochten nicht umſonſt Brod eſſen. Sie wollten bei den Dienſtleiſtungen, welche eine ſo große Wirthſchaft erforderte, angeſtellt ſeyn, und brachten damit einen guten Theil des Tages zu; die uͤbrige Zeit ward mit neuen Freundinnen verplaudert, oder mit dem ar⸗ men Don Abbondio verlebt. Dieſer hatte nichts zu thun, indeſſen ward ihm die Zeit doch nicht eben lang; die Furcht leiſtete ihm Geſellſchaft. Die Furcht vor einer eigentlichen Stuͤrmung hatte ſich wohl bei ihm verloren, oder wenn ſie noch vorhanden war, ſo machte ſie ihm am wenigſten zu ſchaffen; denn ſo oft er einen Augenblick daruͤber nach⸗ dachte, ſo mußte er begreifen, wie ungegruͤndet ſie ſey. Aber das Bild der Umgegend, von allen Seiten mit unge⸗ ſchlachten Soldaten uͤberſchwemmt, die Waffen und die Bewaffneten, die er in beſtaͤndiger Bewegung ſah, eine Felſenburg, der Gedanke, was fuͤr unuͤberſehliche Dinge ſich jede Stunde in einer ſolchen Lage ereignen konnten, Alles dieß verſorgte ihn fortwaͤhrend mit einer unbeſtimm⸗ ten, allgemeinen Schreckhaftigkeit; die Bekuͤmmerniß um ſein armes Haus geſellte ſich nachdruͤcklich dazu. So lange er ſich in dieſem Tempel der Zuflucht befand, entfernte er ſich niemals auch nur einen Schritt, niemals ſetzte er den — 128— Fuß auf die hinabfuͤhrende Straße; ſein einziger Spazier⸗ gang war der freie Platz bei dem Schloſſe, von welchem aus er ſich gewoͤhnlich nach den Dornfelſen und den Schluch⸗ ten umſah; hier forſchte er nach, ob ſich ein gangbarer Pfad zeigte, der im Fall eines Nothgedraͤnges nach einem Schlupfwinkel fuͤhren koͤnnte. Fuͤr alle ſeine Schutzgenoſ⸗ ſen hatte er ehrerbietige Verbeugungen und Gruͤße; aber nur mit ſehr Wenigen ließ er ſich in einen Verkehr ein. Am meiſten unterhielt er ſich, wie ſchon geſagt, mit den beiden Weibern; gegen dieſe ſprach er ſich aus, wiewohl ihm Perpetua bisweilen nicht allzuglimpflich in die Rede ſtel, und ſelbſt Agneſe ihn beſchaͤmte. Auch bei Tiſche hielt er ſich wenig auf, und mißbrauchte den Mund nicht zum Reden; er hoͤrte die Nachrichten von ſchrecklichen Durchzuͤgen an, die taͤglich verlauteten, und von Dorf zu Dorf, von Mund zu Mund gingen. Wer ſie nach dem Schloſſe gebracht, hatte anfangs zu Hauſe bleiben wollen, war aber zuletzt, ohne etwas retten zu koͤnnen, unter ver⸗ zweifelten Umſtaͤnden geflohen; jeden Tag ſetzte es eine neue Ungluͤcksgeſchichte. Einige Neuigkeitskraͤmer von Handwerk faßten ſorgfaͤltig alle die Geruͤchte auf, bearbei⸗ teten ſie, und theilten dieſe Zubereitung den Uebrigen mit. Man ſtritt mit einander, welches die raubſuͤchtigſten Ban⸗ den ſeyen, ob das Fußvolk oder die Reiter ſich ſchurkiſcher benaͤhmen; man wiederholte ſich, ſo gut man konnte, die Namen der Feldherrn, erzaͤhlte ſich fruͤhere Gewaltthaten, verſtaͤndigte ſich uͤber Raſtorte und Maͤrſche; an dieſem Tage verbreitete ſich dieſes Regiment uͤber die und die Dorf⸗ ſchaften, morgen wuͤrde es ſich auf die und die ſtuͤrzen, in welchen waͤhrend deſſen ſchon ein andres teufelmaͤßig hauſte. — 129— Vorzuͤglich erkundigte man ſich und berechnete die Regi⸗ menter, die nach und nach uͤber die Bruͤcke von Lecco gin⸗ gen; denn dieſe konnte man als fortgegangen betrachten, und das Land war ſie los. Jetzt ziehen Wallenſteins Rei⸗ ter hinuͤber, jetzt das Fußvolk des Marradas, jetzt die An⸗ haltiſchen Truppen, dann die Brandenburgiſchen Schaaren, dann Montecuculi's und Ferrari's Schwadrone; nun kommt Altringer, Fuͤrſtenberg, Colloredo; jetzt Torquato Conti, hernach Andre und wieder Andre; ſo Gott will, iſt auch Galaſſo ſchon durch, und das iſt der Letzte. Allmaͤhlig zo⸗ gen ſich auch die fliegenden Reiterſchwaͤrme der Venezianer zuruͤck, und das ganze Land zur Rechten und Linken war geraͤumt. Schon entfernten ſich vom Schloſſe die Fluͤcht⸗ linge aus den Ortſchaften, welche zuerſt uͤberfallen und be⸗ freit worden; tagtaͤglich reiſten Leute ab, wie man nach einem herbſtlichen Ungewitter von den belaubten Aeſten ei⸗ nes großen Baumes die Voͤgel, die ſich hinauf gefluͤchtet hatten, nach allen Seiten wieder fortfliegen ſieht. Wir glauben, unſer Dreiblatt blieb am laͤngſten; Don Abbon⸗ dio fuͤrchtete, wenn er ſo ſchnell heimkehrte, auf umher⸗ ſchwaͤrmende Nachzuͤgler zu ſtoßen. Perpetua mochte ſagen und wieder ſagen, je laͤnger man zoͤgere, deſto beſſere Gele⸗ genheit gaͤbe man den Schelmen im Dorfe, das Haus zu erbrechen, und auch die Ueberbleibſel noch aufzuraͤumen, es half nicht; wenn es darauf ankam, ſich ſeiner Haut zu wehren, ſo war's immer der Pfarrer, der Recht gegen ihre Zunge behielt; es muͤßte denn die dringende Naͤhe der Ge⸗ fahr ihm den Degen aus der Hand gewunden haben. Am Tage, der fuͤr die Abreiſe feſtgeſetzt worden, ließ der Ungenannte bei der ſchlimmen Nacht eine Reiſekutſche III. 9 7 „ 130— halten. In dieſer lag fuͤr Agneſen eine ganze Ausſtattung an Waͤſche. Er zog ſie bei Seite, und brachte ſie zur An⸗ nahme einer zweiten Goldrolle, um einigermaßen uͤber die Verwuͤſtung, ſo ſie daheim finden wuͤrde, ſich wegſetzen zu koͤnnen. Sie dankte mit der Hand auf dem Herzen, ver⸗ ſicherte aber wiederholentlich, daß ſie von dem Vorigen noch eine ziemliche Anzahl liegen habe. „Wenn Ihr Eure arme gute Lucia wiederſeht,“ ſprach er zuletzt,„ich bin gewiß, ſie betet fuͤr mich, nachdem ich ihr ſo viel Boͤſes gethan; ſagt ihr alſo, daß ich ihr dafuͤr danke, und in Gott vertraue, ihr Gebet werde auf ihr eigenes Haupt den Segen des Himmels herabrufen.“ Darauf wollte er die drei Gaͤſte bis zur Kutſche be⸗ gleiten. Die demuͤthigen und allerunterthaͤnigſten Dank⸗ reden des Pfarrers, wie die Hoͤflichkeit der Haushaͤlterin, moͤge ſich der Leſer denken. Sie reiſten ab, kehrten, wie ſie uͤberein gekommen waren, auf einen fluͤchtigen Beſuch bei dem Schneider ein, und hoͤrten dort in der Geſchwindigkeit hundert Geſchichten erzaͤhlen; das gewohnte Gerede von Raͤubereien, von Wunden und Schlaͤgen, von Verſchlep⸗ pung und ſchmutzigen Streichen; indeſſen hatten ſich hier zu gutem Gluͤcke keine Lanzknechte ſehen laſſen. „Ach Herr Pfarrer,“ ſagte der Schneider, indem er ihm den Arm zum Ausſteigen reichte;„man kann ge⸗ druckte Buͤcher mit ſolch einem Laͤrmgetuͤmmel anfuͤllen.“ Nach einer kurzen Strecke Weges aber erblickten unſre Reiſende mit ihren eigenen Augen Dinge, welche ſie bis jetzt nur beſchreiben gehoͤrt hatten; die Weinberge waren gepluͤndert, aber nicht wie nach der Leſe, ſondern als wenn Hagel und Regenſturm zuſammen ſie zerwuͤhlt haͤtten; die — 131—. Reben lagen an der Erde, hin und her gezerrt und zertre⸗ ten; die Pfaͤhle waren fortgeriſſen, die Erde zerſtampft, mit Splittern, Blaͤttern und Schoͤßlingen bedeckt, die Baͤume zerſpalten und gekopft, die Hecken durchbrochen, die Gitter weggeſchleppt. Auf den Aeckern nichts als zerhackte Thuͤ⸗ ren, durchgehauene Bretter, Stroh, Lumpen und Scherben, huͤgelweis beiſammen liegend oder die Wege entlang zer⸗ ſtreut; eine widrige Luft, waͤhrend ein ſtinkender Rauch aus dem Innern der Haͤuſer emporqualmte. Die Bauern klaubten theils ſchmutzige Habſeligkeiten hervor, theils ſetz⸗ ten ſie die Thuͤren wieder ein, und ſtanden auch wohl in Haufen beiſammen, um ihr Elend mit einander zu bejam⸗ mern. Waͤhrend die Kutſche voruͤberrollte, wurden von beiden Seiten Haͤnde zum Schlage emporgeſtreckt, und woll⸗ ten mit Almoſen gefuͤllt ſeyn. Dieſe Bilder vor ihren Augen, und im Geiſte ſie wie⸗ derholend, langte unſre Geſellſchaft, in der Erwartung da⸗ heim daſſelbe zu finden, in ihrem Dorfe an. Ihre Erwar⸗ tung beſtaͤtigte ſich. Agneſe ließ in einen Winkel des kleinen Vorhofes, welcher noch die reinſte Stelle im Hauſe geblieben war, die Buͤndel niederlegen. Dann ward der Beſen genom⸗ men, und die wenige Habe, welche ihr gelaſſen worden, wieder an Ort und Stelle geſetzt; Zimmermann und Schmidt mußten die Thuͤren zurecht machen. Nachdem Alles ſo ziemlich wieder in Ordnung, packte ſie die ge⸗ ſchenkte Waͤſche aus, zaͤhlte heimlich die neuen Goldſtuͤcke, und rief:„Ich bin gefallen, ſtehe aber wieder aufrecht; Gott dem Herrn und der Jungfrau ſey gedankt, dem fuͤr⸗ — 135— trefflichen Manne deßgleichen; ich kann wirklich ſagen, ich hab''nen gluͤcklichen Fall gethan.“ Der Pfarrer und ſeine Wirthſchafterin traten ohne Huͤlfe der Schluͤſſel in ihr Haus. Bei jedem Schritte, den ſie in die Vorderflur weiter thaten, empfanden ſie immer mehr einen dumpfigen Geruch, eine Krankenluft, einen Gifthauch, vor dem ſie zuruͤck ſchauderten; mit zugehalte⸗ ner Naſe gehen ſie nach der Kuͤchenthuͤre, treten auf den Zehenſpitzen, und wiſſen nicht, wohin ſie die Fuͤße ſetzen ſollen, um die ſchmutzigſten Stellen des widrigen Geſtreus⸗ welches den Boden bedeckte, zu vermeiden. Nicht ein ſau⸗ hrer Punkt; Truͤmmer und Bruchſtuͤcke aber von Dingen, die fruͤher ſich im Hauſe befunden, uͤberall; Flaumen und Federn, welche unlaͤngſt Perpetua's Huͤhnern gehoͤrten, zer⸗ riſſene Fetzen von Waͤſche, Blaͤtter aus Don Abbondios Kalendern, Scherben, in welche das Kuͤchengeſchirr zer⸗ ſchmettert worden— Alles beiſammen oder umher ge⸗ ſchleppt. Auf dem Feuerheerde allein ließen ſich die zu⸗ ſammengedraͤngten Zeichen einer ausgedehnten Pluͤnderung erkennen, ungefaͤhr wie eine große Anzahl von Gedanken, welche ein tuͤchtiger Redner in einem einzigen Satze an⸗ deutet. Da lag ein Scheiterhaufen von großen und klei⸗ nen erloſchenen Braͤnden; ſie verriethen noch immer, was ſie einſt geweſen, die Armlehne eines Stuhles, der Fuß ei⸗ nes Tiſches, der Thuͤrfluͤgel eines Schrankes, eine Bettſtelle, eine Daube des Faͤßchens, worin des Pfarrers Magenwein ſich befunden. Das Uebrige war Aſche und Kohlen. Da⸗ fuͤr hatten die Pluͤnderer die Mauern mit Fratzenbildern bekritzelt, indem ſie durch viereckige Muͤtzen und geſchorene Koͤpfe, oder durch große Vollmonoͤsgeſichter Prieſter zu 7— — 133— konterfeien meinten, und ſich's recht angelegen ſeyn ließen, dieſe Geſtalten eben ſo ſchrecklich als laͤcherlich herauszu⸗ bringen; und dieſe Abſicht konnte ſolchen Kuͤnſtlern in der That nicht fehlſchlagen. „Ah die Schweine!“ ſchrie Perpetua.—„Die Tau⸗ genichtſe!“ rief Don Abbondio.— Und als ſuchten ſie zu entfliehen, liefen ſie zu einer andern Thuͤre, die nach dem Garten fuͤhrte, hinaus. Hier ſchoͤpften ſie Athem, und gin⸗ gen dann ſchnell auf den Feigenbaum los; aber ehe ſte noch dort waren, ſahen ſie die Erde aufgewuhlt, und ſtießen zu⸗ ſammen ein Geſchrei aus. Sie ſtanden endlich bei dem Baum, und fanden in der That ſtatt des verſcharrten Schatzes das offne Loch. Hier ſiel etwas nicht ganz Anſtaͤndiges vor; Don Abbondio band geifernd mit ſeiner Haushaͤlterin an, weil ſie den Mammon ſchlecht untergebracht; dieſe ließ es natuͤrlich an Gegenſchuͤſſen nicht fehlen; nachdem Beide ſich ſatt geſchrieen, kehrten ſie, mit ausgeſtreckter Hand noch immer auf das Loch hindeutend, zuruͤck, und maulten. Faſt uͤberall fanden ſie denſelben Zuſtand der Dinge. Es gehoͤrte etwas dazu, das Haus zu reinigen, und ſaͤmmtlichen unrath wieder fortzuſchaffen; die Sache war um ſo ſchwie⸗ riger, da in dieſen Tagen ſich kaum eine dienſtleiſtende Hand finden ließ. So mußten ſie, wer weiß wie lange⸗ gleichſam in einem Lager hauſen, mußten, ſo gut es ging, ſich einrichten, Thuͤren, Geraͤthe, Geſchirre allmaͤhlig wie⸗ der anſchaffen, und das Geld dazu von Agneſen ſich vor⸗ ſchießen laſſen. Dieſem ungluͤck folgte fuͤr einige Zeit eine Nachleſe von andern hoͤchſt widerwaͤrtigen Umſtaͤnden. Perpetua ließ es nicht am Umherſpuͤren fehlen, ſie ſchielte nach Allem⸗ — ÿp, — 134— ſioͤberte uͤberall umher, und brachte zuletzt als gewiß her⸗ aus, daß verſchiedenes Hausgeraͤth ihres Herrn, welches man von den Soldaten erpluͤndert und fortgeſchleppt waͤhnte, ſtatt deſſen wohlbehalten ſich im Hauſe mehrerer Bauern befand. Sie lag daher ihrem Herrn an, er moͤchte ſich ſehen laſſen, und das Seinige zuruͤckfordern. Eine ſchlimmere Saite konnte fuͤr Don Abbondio nicht ange⸗ ſchlagen werden; mit den Schurken, in deren Haͤnden ſich ſein Eigenthum befand, mochte er weit lieber in Frieden leben, als in unabſehliche Haͤndel ſich einlaſſen. „Aber wenn ich nun einmal nichts davon wiſſen will!“ ſagte er.„Was weg iſt, iſt weg, wie oft ſoll ich Dir das wiederholen? Das Haus iſt mir ausgepluͤndert worden, und ich ſoll mich noch obendrein an's Kreutz nageln laſſen?“ „So wahr der Herr lebt,“ antwortete Perpetua,„Sie laſſen Sich noch die Augen aus dem Kopfe heraus freſſen. Bei andern Leuten iſt Stehlen'ne Suͤnde; bei Ihnen aber iſt's'ne Suͤnde, wenn's Einer nicht thut.“ „Begreif' nur einmal, wie unſinnig Du ſprichſt⸗“ entgegnete der Pfarrer,„willſt Du aber ſchweigen?"“ Die Haushaͤlterin ſchwieg, doch nicht ſo ſchnell; nach⸗ her war Alles fuͤr ſie ein Vorwand, um wieder loszulegen. Dadurch war am Ende der arme Mann ſo weit gebracht, daß er nicht mehr einen einzigen Klagelaut ſich entwiſchen ließ, wenn ein Geraͤth, im Augenblick, da er es noͤthig hatte, vermißt wurde; denn mehr als einmal hatte er hoͤren muͤſſen:„Gehen Sie hin, und ſuchen Sie es: bei Dem und Dem; der hat's, und er wuͤrde es nicht heute noch ha⸗ ben, wenn er nicht mit ſolch'nem Lamm von Mann zu thun haͤtte.”“ —,.— / 1 — 135— Eine andre lebhaftere Unruhe weckte im Pfarrer die Nachricht, daß taͤglich, wie er ganz recht vermuthet hatte, einzelne Streifſoldaten durch's Land zogen; er zitterte alſo fortwaͤhrend, Einem oder einem Haufen vor der Thuͤre zu begegnen. Schon darum hatte er vor allem Andern dieſe in hoͤchſter Eile wieder zurecht machen laſſen, und hielt ſie ſorgfaͤltig mit Riegel und Balken verſchloſſen. Zum Gluͤck fiel indeſſen nichts dergleichen vor. Und doch waren dieſe Schrecken kaum beſchwichtigt, als ein neuer ſich einſtellte. Wir verlaſſen hier jedoch den armen Mann. Wir ha⸗ ben etwas weit Wichtigeres als die Furcht eines Einzelnen, als die Zerſtoͤrung einiger Aecker und ein voruͤbergehendes ungemach zu erzaͤhlen. L Siebentes Kapitel. Die Peſt, deren Eintritt in's Mallaͤndiſche mit den deutſchen Schaaren der Geſundheitsausſchuß gefuͤrchtet hatte, war wirklich, wie bekannt, eingetreten; eben ſo be⸗ kannt, daß ſie ſich auf das Herzogthum nicht beſchraͤnkte, ſondern einen bedeutenden Theil von Italien uͤberſiel und entkraͤftete. Indem wir uns vom Faden unſerer Geſchichte leiten laſſen, werden wir jetzt die vorzuͤglichſten Ereigniſſe dieſes Ungluͤcks in Mailand darſtellen; denn die Denk⸗ ſchriften aus jener Zeit handeln, wie es faſt immer und überall der Fall, aus guten oder ſchlechten Beweggruͤnden, ausſchließlich von der Hauptſtadt. Bei dieſer Erzuaͤhlung iſt es, die Wahrheit geſtanden, nicht unſer Zweck, den Zu⸗ ſland der Dinge nur inſofern zu ſchildern, als unſre — 136— Perſonen ſich darin befanden; wir wollen zugleich, ſo viel die Kuͤrze und unſer Vermoͤgen erlaubt, einen Theil der vaterlaͤndiſchen Geſchichte behandeln, der mehr beruͤchtigt als bekannt iſt. Keiner der gleichzeitigen Berichte reicht fuͤr ſich allein hin, eine geordnete, klarbegrenzte Vorſtellung zu geben; ein jeder aber kann dazu beitragen. In allen, ohne Ri⸗ pamonti's Arbeit*), die durch Fuͤlle und Wahl der Er⸗ eigniſſe, beſonders aber durch die Art, ſie zu ſehen, bei wei⸗ tem den Vorzug hat, auszunehmeu, in allen ſind weſent⸗ liche Dinge weggelaſſen, ſo ſich in andern verzeichnet fin⸗ den; in allen giebt es Irrthuͤmer, die ſich durch oͤffent⸗ liche Urkunden berichtigen laſſen; oft findet man in dem einen die Urſache, deren Wirkungen man in dem andern, wie in der Luft ſchwebend, geſehen. Ueberall Zeiten und Dinge ſeltſam verwirrt; es iſt ein zufaͤlliges Gehen und Kommen, ohne Plan bei dem Allgemeinen wie bei dem Ein⸗ zelnen— ein Gebrechen aller damaligen Buͤcher„ vorzuͤg⸗ lich, wenigſtens in Italien, ſolcher, die in neuerer Sprache verfaßt; ob eben ſo im uͤhrigen Europa, werden die Ge⸗ lehrten wiſſen; wir vermuthen es. Kein ſpaͤterer Schrift⸗ ſteller hat jene Werke unterſucht oder verglichen, um eine fortlaufende Kette der Ereigniſſe, eine Geſchichte dieſer Peſt, zu flechten; daher die Vorſtellung derſelben meiſtens unſicher und verwirrt; man denkt ſich große Leiden und große Irrthuͤmer, und urtheilt mehr nach eigener Anſicht — V VM;—:ñ,˖n— *) Joh. Ripamonti, canonici scalensis„ chronistae urbis Medio- lani, De peste quae fuit anno 1630 libri V. Mediol. 1640. ap. Malatestas, 3 A. M. —-—— —,— —,— — 137— als nach Thatſachen. Wir haben gedruckte und unge⸗ druckte Berichte, mit vielem Fleiße wenigſtens, unterſucht und verglichen, und liefern eine Arbeit, die freilich dem Wunſch nicht entſpricht, aber doch bisher noch nicht ver⸗ ſucht worden. Nicht alle öffentliche Schritte, nicht einmal jeder bedeutende Erfolg ſoll hier mitgetheilt werden; noch weniger moͤchten wir dem Forſchluſtigen das Leſen der urſchriften uͤberfluͤſſig machen; wir fuͤhlen nur allzuwohl die lebendige, unmittheilbare Kraft, die ſolchen Werken, ſie moͤgen noch ſo fehlerhaft entworfen und ausgefuͤhrt ſeyn, inzuwohnen pflegt. Nur mit Unterſcheidung und Berich⸗ tigung der Hauptſachen hatten wir es zu thun, mit der Reihenfolge der Ereigniſſe und mit den wechſelſeitigen Wirkungen; dieſen Zweck im Auge, ſtellen wir eine ge⸗ draͤngte, abey aufrichtige und ununterbrochene Erzaͤhlung dieſes Ungluͤcks auf, nehmen ſie indeſſen gern zuruͤck, ſo⸗ fern ein Andrer uns eine beſſere ſchenkt. Durch den ganzen Landſtrich, welchen die Kriegesſchaa⸗ rren durchzogen, hatten ſich in Haͤuſern und auf Straßen Leichname gefunden. Bald verriethen ſich an dieſem oder jenem Ovte Krankheiten; Einzelne wie ganze Familien ſtarben an gewaltſamen, außerordentlichen Uebeln, deren Zeichen dem groͤßten Theile des lebenden Geſchlechtes un⸗ bekannt. Nur Einige gab es, welche vor Zeiten einmal ſie geſehen; ſie erinnerten ſich der Peſt, die drei und funfzig Jahre vorher einen großen Theil von Italien, vorzuͤglich aber das Mallaͤndiſche verwuͤſtet hatte, und die Peſt des heiligen Carlo genannt ward. So weit reicht die Menſchenliebe! Unter den vielfachen, feierlichen Erinnerun⸗ gen an ein allgemeines Elend, hebt ſich das Bild eines — 138— einzigen Mannes hervor, weil ſie demſelben Empfindungen und Handlungen eingefloͤßt, die ſchier noch denkwuͤrdiger als das Ungluͤck ſelbſt ſind; ſie ſtellt ihn unter allen jenen Ereigniſſen als die Hauptgeſtalt auf, nachdem ſie ihn bei allen zum Fuͤhrer, zum Helfer, zum Muſter, zum freiwilli⸗ gen Opfer erkohren; ſie macht das gemeinſchaftliche Un⸗ gluͤck zu einer Unternehmung des einzigen Mannes, und nennt es nach ihm, als waͤr's ſeine Eroberung oder ſeine Entdeckung geweſen. Der oberſte Arzt, Ludovico Settala, welcher dieſe Peſt nicht nur geſehen, ſondern auch ein thaͤtiger, unerſchrocke⸗ ner, und wiewohl noch ſehr jung, doch ſchon ein hochbe⸗ ruͤhmter Heilkuͤnſtler geweſen, zog aufmerkſam, da er be⸗ reits Verdacht ſchoͤpfte, Erkundigungen ein, und berichtete am zwanzigſten Oktober, daß in der Gegend von Chiuſo, dem aͤußerſten Dorfe des Gebietes um Lecco an der berga⸗ maskiſchen Grenze, unbezweiflich eine Anſteckung ausgebro⸗ chen. Darauf kam es im Geſundheitsausſchuſſe zu keinem Entſchluß. Aber aͤhnliche Nachrichten langten aus Lecco und Bel⸗ lano an. Man begnuͤgte ſich, einen Beauftragten abzu⸗ ſchicken, der unterwegs zu Como einen Arzt mitnehmen, und mit ihm die angegebenen Ortſchaften beſuchen ſollte. Beide, erzaͤhlt Tadino*), ließen ſich zu Bellano von ei⸗ nem alten, unwiſſenden Barbier uͤberreden, daß dieſe Art des Uebels keine Peſt ſey; an manchen Orten entſtuͤnde es, —— *) Ragguaglio dell' origine e giornali successi della gran peste contagiosa, veneſica et malefica, segnita uella citid di Milano eic. Mil. 1648. p. 24. A. M. — 139— wie gewoͤhnlich, durch die herbſtlichen Ausduͤnſtungen der Suͤmpfe, an den uͤbrigen durch das Elend und die Muͤh⸗ ſeligkeiten, ſo der Durchzug der Deutſchen mit ſich ge⸗ bracht. Solch eine Verſicherung ward dem Ausſchuß zu⸗ getragen, und dieſer ſchien ſich damit zu beruhigen. Da jedoch unaufhoͤrlich andre Todesnachrichten von verſchiedenen Seiten anlangten, wurden zwei Abgeordnete, worunter der genannte Tadino, hinausgeſchickt, um ſich zu uͤberzeugen und Vorkehrungen zu treffen. Bei der An⸗ kunft derſelben hatte ſich das Unheil ſchon dermaßen ver⸗ breitet, daß die Beweiſe, ohne ſie ſuchen zu muͤſſen, ſich von ſelbſt darboten. Sie durchreiſten das Gebiet von Lecco, die Valſaſſina, die Geſtade des Comoſees, den Monte di Brianza und die Gera d' Adda; uͤberall fanden ſie ge⸗ ſperrte Wohnſitze und verlaſſene Doͤrfer, waͤhrend die ge⸗ flohenen Einwohner auf den Feldern ſich gelagert oder zer⸗ ſtreut hatten. Sie ſahen wie wilde Geſchoͤpfe aus, ſagt Tadino, und hatten Muͤnzkraut, Raute, Rosmarin, oder Eſſigflaſchen in den Haͤnden. Man erkundigte ſich nach der Zahl der Geſtorbenen; ſie war entſetzlich. Man un⸗ terſuchte Kranke und Leichname, und fand uͤberall die mißfarbigen, ſchrecklichen Zeichen der Peſt. Briefe gaben die grauenvolle Kunde dem Ausſchuß. Dieſer fertigte Zet⸗ tel nach allen Thoren ab, um den Menſchen, welche aus den Gegenden der Anſteckung kaͤmen, den Eintritt in die Stadt zu unterſagen. Waͤhrend dieſe Zettel geſchrieben wurden, erhielten die Zollbedienten die vorlaͤufige An⸗ weiſung. 3 Die Abgeordneten trafen waͤhrend deſſen in dringend⸗ ſter Eile die Vorkehrungen, deren ſie faͤhig waren; mit — 140— dem traurigen Bewußtſeyn, wie unzulaͤnglich ihre Anſtal⸗ ten zur Hemmung eines Uebels, welches ſchon ſo weit vorgeruͤckt und ſo ſchnell ſich verbreitet hatte, kehrten ſie zuruͤck. Nachdem ſie am vierzehnten November dem Ausſchuß auf's Neue muͤndlichen und ſchriftlichen Bericht erſtattet, mußten ſie vor dem Statthalter erſcheinen und ihm uͤber die Lage der Dinge Auskunft geben. Sie erzaͤhlten, er habe ihre Nachrichten mit vielem Mißvergnuͤgen vernom⸗ men, und tiefes Mitgefuͤhl gezeigt; die Sorge fuͤr den Krieg aber ſey dringender— Sed belli graviores esse curas. Wenige Tage darauf forderte eine Verordnung, wegen der Geburt des Infanten Carlos, des erſtgeborenen Sohnes Koͤnig Philipps IY, zu oͤffentlichen Freudenbezeu⸗ gungen auf, ohne die Gefahr eines bei ſolchen Umſtaͤnden gewoͤhnlichen Zuſammenſtroͤmens zu beruͤckſichtigen; uͤber⸗ haupt aber, als lebte man zu alltaͤglichen Zeiten, als waͤre keine traurige Ahnung eingegangen. Ambrogio Spinola, der Statthalter, war ausdruͤck⸗ lich geſandt worden, um die Irrthuͤmer des Don Gon⸗ zalo in der Fuͤhrung des Krieges zu verwiſchen, und da es ſich gerade ſo traf, auch die Koͤnigsſtelle zu vertreten; da es ſich gerade ſo traf, ſtarb er aber auch nach wenigen Mo⸗ naten, mitten in dem Kriege, der ihm ſo ſehr am Herzen lag; er ſtarb nicht auf dem Schlachtfelde durch Wunden, ſondern im Bette nach Kummer und Aerger, nach Vor⸗ wuͤrfen und Plagen, nach unannehmlichkeiten jeder Art, welche ſein Koͤnig ihn hatte empfinden laſſen. Die Ge⸗ ſchichte hat ſein Schickſal beklagt, und wohl angemerkt, wie er verkannt worden; ſie beſchrieb mit vielem Eifer — 141— ſeine Unternehmungen im Kriege und in der Staatskunſt, lobte ſeine Vorausſicht, ſeine Thaͤtigkeit und Ausdauer; ſo konnte ſie auch unterſuchen, was ein Mann mit ſolchen Eigenſchaften gethan habe, als die Peſt im Anzug war, und ein Volk uͤberſiel, das ſeiner Sorgfalt, oder eigentlich ſeiner Willkuͤhr, uͤbergeben worden. Was aber, ohne den Tadel zu entkraͤften, die Ver⸗ wunderung uͤber ſein Benehmen ſtumm macht, was zu ei⸗ ner andern weit groͤßeren Verwunderung Urſach giebt/ iſt das Benehmen eben dieſes Volkes, des Volkes, welches, von der Anſteckung noch nicht ergriffen, ſo große Urſache hatte, ſie zu fuͤrchten. Bei den Neuigkeiten aus jenen Doͤrfern, die, zum Theil nur zwanzig Miglien von der Stadt ent⸗ fernt, in einem Halbkreiſe um ſie her liegen, ſollte man ſie in allgemeiner Bewegung vermuthen, in einer vorſichts⸗ vollen, gut oder ſchlecht berechneten Geſchaͤftigkeit, in ei⸗ ner wirkungsloſen Unruhe wenigſtens. Wenn aber die Ur⸗ kunden aus jener Zeit in irgend einem Stuͤcke gleichfoͤrmig lauten, ſo geſchieht es in der Verſicherung, daß nichts der⸗ gleichen ſtatt gefunden. Der Mangel im vergangenen Jahre, die Quaͤlereien der Soldaten, die Niederge⸗ ſchlagenheit der Gemuͤther, ſchienen mehr als hinreichend, um eine Urſache fuͤr die Sterblichkeit an die Hand zu ge⸗ ben; wer an den Straßenecken, in Kramlaͤden oder im Zimmer ein Wort von Gefahr aͤußerte, ober die Peſt in's Geſpraͤch zog, wurde mit dem Spotte der Hartglaͤubigkeit, mit unwilliger Verachtung empfangen. Dieſelbe Hartglaͤu⸗ bigkeit, daſſelbe blinde halsſtarrige Weſen herrſchte im Se⸗ nate, im Rath der Decurionen, in jedem obrigkeitlichen Vereine. — 142— Sobald die erſten Wirkungen des anſteckenden Uebels verlauteten, legte der Kardinal Federigo Borromeo durch einen Hirtenbrief unter Anderm den Pfarrern an's Herz, ſie moͤchten ihren Gemeinden die Nothwendigkeit begreiflich machen, jedes Ereigniß dieſer Art ſogleich zu melden, und die verdaͤchtigen Kleidungsſtuͤcke oder Geraͤthſchaften auszu⸗ liefern*). Auch dieſer Brief mag als ein Beitrag zum Lobe des trefflichen Mannes betrachtet werden. Der Geſundheitsausſchuß forderte zu Vorkehrungen und zur Mitwirkung auf; aber Alles faſt umſonſt. Im Ausſchuſſe ſelbſt erreichte der Eifer bei weitem die Hoͤhe der dringenden Noth nicht; die beiden Aerzte, von der ſchweren drohenden Gefahr erſchuͤttert, mußten ihn ſpor⸗ nen, und er ſodann die andern obrigkeitlichen Verſamm⸗ lungen zu bewegen ſuchen. Wir haben geſehen, mit welcher Lauigkeit man bei den erſten Nachrichten der Peſt im Gegenwirken und unterſu⸗ chen zu Werke gegangen; hier einen andern Beweis der Traͤgheit, nicht weniger beſtaunenswerth, falls ſie nicht etwa von Setten einer hoͤheren Obrigkeit durch Hinderniſſe bewirkt worden. Jene Verordnung, die den Fremden aus den Gegenden des ungluͤcks den Eintritt in die Stadt un⸗ terſagte, ward erſt einen vollen Monat ſpaͤter erlaſſen. Aber ſchon hatte die Peſt in Mailand ſich eingeſchlichen. Die Geſchichtſchreiber wollten den Namen des Jam⸗ mergaſtes verewigen, welcher ſie zuerſt nach der Hauptſtadt gebracht. Und in der That, wenn man den Beginn ei⸗ nes ungeheuren Verderbens betrachtet, wo die Schlacht⸗ *) Vita di Fed. Borromeo compil. da Franc. Rivola. Milau. 1666.. 4 A. M. ——— — 143— opfer kaum der Zahl nach durch Tauſende bezeichnet wer⸗ den koͤnnen, ſo ſucht die Wißbegier die erſten wenigen Namen, deren Anmerkung moͤglich geweſen, zu erfahren; es iſt als wollte ſie in dieſer beſonderen Unterſcheidung den Finger des Verhaͤngniſſes erkennen, und o gelten ſie ihr als etwas Denkwuͤrdiges. 4 Verſchiedene Schriftſteller behaupten, daß es ein Ita⸗ liaͤniſcher Soldat in ſpaniſchen Dienſten geweſen; uͤber den Namen deſſelben aber, wie uͤber alles Andre, ſind ſie nicht einig. Nach Tadino war er aus dem Gebiete von Lecco, nach Ripamonti aus der Gegend von Chiavenna. Auch der Tag, da er nach Mailand gekommen, iſt nicht zu erweiſen. Aus der Vergleichung ergiebt ſich indeſſen, daß ſein Eintritt vor der Bekanntmachung jenes Verbotes ſtatt gefunden, und kommt es darauf an, ſo ließe ſich faſt be⸗ weiſen, daß es in den erſten Tagen des Novembers geſche⸗ hen. Indeſſen wird uns der Leſer dieſen Beweis erlaſſen. Der ungluͤckliche Soldat, der Bringer des Ungluͤcks, trat mit einem großen Bundel von Kleidungsſtuͤcken, welche er deutſchen Soldaten abgekauft oder geſtohlen, in die Stadt, ging in der Vorſtadt des Thores gegen Morgen nach dem Hauſe eines Verwandten, dicht bei dem Kapuzi⸗ nerkloſter, und ward bald nach ſeiner Ankunft krank. Man brachte ihn nach dem Hospital. Eine Beule, welche in der Achſelhoͤhle ſich binnen Kurzem an ihm verrieth, erregte in ſeinem Arzte den Verdacht des Uebels, das in der That ſich dadurch verkuͤndigte. Am vierten Tage darauf ſtarb der Kranke. Der Geſundheitsausſchuß unterſagte ſeiner Familie, das Haus zu verlaſſen. Seine Kleider und das Bett, wo⸗ 1 — 44 rin er im Krankenhauſe gelegen, wurden verbrannt. Zwei Krankenwaͤrter, die ihn daſelbſt gepflegt, und ein Moͤnch⸗ der ihm Beiſtand geleiſtet, wurden alle Drei nach wenigen Tagen gleichfalls peſtkrank Die Bedenklichkeit, welche man gleich anfangs in dem Hospital gehegt, und die Vorſichtsmaaßregeln, die man aus dieſem Grunde ange⸗ wandt hatte, wirkten ſo glucklich, daß dort die Anſteckung nicht weiter um ſich griff. Aber der Soldat hatte außerhalb einen Keim hinter⸗ laſſen, der gar bald ſich zu entwickeln begann. Der Erſte, an welchem er zum Vorſchein kam, war der Herr des Hau⸗ ſes, darin der verderbliche Gaſt gewohnt, Carlo Colonna, ein Lautenſpieler. Darauf wurden alle Bewohner jenes Hauſes, nach Verordnung des Ausſchuſſes, in das Lazareth geſchafft; faſt alle legten ſich hier, einige ſtarben hald; ihre Krankheit war foͤrmliche Peſt. Die Unheilſtoffe verbreiteten ſich indeſſen durch den umgang dieſer Leute in der Stadt; ihre Kleider und Ge⸗ raͤthſchaften hatten ſie durch Verwandte, durch Miethsleute oder Geſinde, den Nachſuchungen und der Flamme, welche der Ausſchuß gebot, entzogen. Durch die Mangelhaftig⸗ keit der Verordnungen, durch die Sorgloſigkeit bei ihrer Vollziehung, und durch die Gewandtheit, womit man ſie zu umgehen wußte, gelangten immer neue Stoffe des Ver⸗ derbens in die Stadt. Doch nur verdeckt und langſam ſchlich den uͤbrigen Theil des Jahres hindurch und waͤh⸗ rend der erſten Monate des naͤchſten, das gefaͤhrliche Ue⸗ bel unter der Bevoͤlkerung umher. Von Zeit zu Zeit er⸗ griff es bald in dieſem bald in jenem Stadtviertel einen Menſchen, und fuͤhrte manches Opfer zum Grabe; aber — nu5— die Seltenheit der Erſcheinung entfernte noch immer den Verdacht einer Peſt, und beſtaͤtigte die Einwohner ſaͤmmt⸗ lich in dem bloͤdſinnigen, moͤrderiſchen Wahne, daß keine vorhanden, oder daß ſie nur auf einen Augenblick da ge⸗ weſen. Viele Aerzte ſprachen nach, was die Stimme des Volkes— war ſie auch hier die Stimme Gottes?— ver⸗ ſicherte; ſie verſpotteten die ſchwarzen Prophezeihungen, die drohenden Winke, die einige Wenige nicht unterdruͤcken mochten, und hatten Nahmen von gewoͤhnlichen Krankhei⸗ ten bei der Hand, um jedes Peſtuͤbel, zu deſſen Heilung ſie herbeigerufen wurden, zu bezeichnen; alle Symptome, alle ſprechende Erſcheinungen waren nicht maͤchtig genug, ih⸗ rem Eigenſinn die Augen zu oͤffnen. Gelangte auch einmal die Anzeige eines ſolchen Falles vor den Ausſchuß, ſo geſchah es meiſtens ſpaͤt und mit ſorgloſer Unbeſtimmtheit. Die Furcht, eingeſchloſſen oder nach dem Hospital gebracht zu werden, ſchaͤrfte den erſin⸗ deriſchen Schlauſinn; man verleugnete die Kranken, man beſtach die Todtengraͤber und die Aufſeher; ja man wußte ſich von den Abgeordneten des Ausſchuſſes, welche die Leich⸗ name zu unterſuchen kamen, fuͤr Geld alſthe Zeugniſſe zu verſchaffen. Da aber bei jeder gemachten Entdeckung der Ausſchuß den Befehl gab, die Geraͤthſchaften und Kleidungsſtuͤcke zu verbrennen, die Haͤuſer zu ſchließen, und die Bewohner nach dem Krankenhauſe zu bringen, ſo laͤßt ſich leicht be⸗ rechnen, wie heftig Alles von Zorn erfuͤllt war, wie laut Alles gegen ihn murrte; der Adel, der Kaufmannsſtand und das niedre Volk wollten ſich gleich uͤberzeugt haben, daß alle dieſe Plackereien ohne Urſache und ohne Zweck ge⸗ III. 10 — 146— ſchaͤhen. Am auffallendſten aber warf ſich dieſer Haß auf zwei Aerzte, den genannten Tadino und den Senator Set⸗ tala, einen Sohn des oberſten Arztes; er ging ſo weit, daß ſie uͤber keinen Platz hinſchreiten konnten, ohne mit bos⸗ haften Worten, wo nicht gar mit Steinen, empfangen zu werden. Seltſam und merkwuͤrdig genug, daß die beiden Maͤnner, waͤhrend ſie mehrere Monate hindurch eine ſchreckliche Plage heranziehen ſahen, und um ſie abzuwen⸗ den alle ihre Kraͤfte anſtrengten, außer den Schwierigkei⸗ ten bei dieſer Bemuͤhung, von allen Seiten noch einem boͤſen hindernden Willen begegneten, das Ziel des ſchreienden Grolles wurden, und als Feinde des Vaterlandes ſich ver⸗ rufen fanden. Indeſſen theilten dieſen Haß auch die uͤbrigen Aerzte, die, vom wirklichen Daſeyn einer Anſteckung uͤberzeugt, zu Vorbauungsmitteln riethen, und ihre ſchmerzliche Gewiß⸗ heit Andern mitzutheilen ſuchten. Die Beſcheidenſten war⸗ fen ihnen Vorwitz und Eigenſinn vor; in den Augen der Meiſten war's offenbarer Betrug und planmaͤßige Kabale, um mit dem allgemeinen Schrecken gleichſam Handel zu treiben. Ludovico Settala, der oberſte Arzt im Herzogthum, ein faſt achtzigjaͤhriger Greis, welcher an der Univerſitaͤt zu Pavia die Heilkunde, nachher in Mailand Moralphiloſo⸗ phie gelehrt hatte, der Verfaſſer vieler Schriften von da⸗ mals hochgefeiertem Rufe, beruͤhmt durch die Einladungen, die von fernen Akademien an ihn ergangen, von ihm aber zuruͤckgewieſen worden, gehoͤrte unſtreitig zu den Maͤnnern, welche bei ihren Zeitgenoſſen das gewichtvollſte Anſehen beſaßen. Seinem wiſſenſchaftlichen Ruhme geſellte ſich ein — 44— muſterhaftes Leben, und wenn ihn die Bewunderung er⸗ hob, ſo kroͤnte ihn das allgemeine Wohlwollen, weil er menſchenfreundlich arme Ungluͤckliche heilte und unter⸗ ſtutzte. Doch was in uns das Gefuͤhl der Ehrfurcht um ſeiner Verdienſte willen ſtoͤrt und aufhebt, damals hinge⸗ gen es allgemeiner und ausgezeichneter machen mußte, der arme Mann theilte die gewoͤhnlichſten und traurigſten Vorurtheile ſeines Jahrhunderts; er ſchritt ihm voraus, aber ohne ſich von dem Haufen zu entfernen, wodurch frei⸗ lich ein Mann gar oft ſein Ungluͤck herbeifuͤhrt, und des Anſehens, ſo er auf anderm Wege erlangt, verluſtig geht. Deſſen ungeachtet reichte das uͤberaus große Anſe⸗ hen, deſſen er ſich erfreute, nicht hin, um die Meinung der Menge uͤber dieſe Peſt zu bekaͤmpfen; es konnte ihn nicht einmal vor den Feindſeligkeiten, vor den Beleidigungen des Poͤbels, welcher ſo ſchnell ſeine Meinung durch hand⸗ greifliche Beweisgruͤnde zu erfechten pflegt, ſchuͤtzen. Eines Tages, da er ſich in einer Saͤnfte zu ſeinen Kranken tragen ließ, ſammelte ſich Geſindel um ihn her, und ſchrie, er ſey der Wortfuͤhrer unter Denijenigen, die mit Gewalt die Peſt in Mailand haben wollten; er ſtuͤrze, mit ſeinem finſtren Unheilsgeſichte, mit ſeinem garſtigen Barte, die Stadt in Schrecken, und Alles bloß, um den Aerzten Arbeit zu verſchaffen. Das Gedraͤnge und die Wuth nahmen zu; die Saͤnftentraͤger gewahrten die boͤſen Anſtalten, und brachten ihren Herrn in einem befreundeten Hauſe unter, welches gluͤcklicherweiſe ſich in der Naͤhe befand. So ward ihm mitgeſpielt, weil er mit klaren Au⸗ gen geſehen, weil er nach ſeiner Ueberzeugung geſprochen, und viele Tauſend Mitbruͤder von der Peſt hatte retten — 148— wollen; als er aber ein ander Mal durch ſeinen traurigen Rath dazu beigetragen, daß eine arme Ungluͤckliche, weil ihr Herr an außerordentlichen Magenſchmerzen litt, und ein fruͤherer Herr ſich heftig in ſie verliebt hatte, als Hexe ge⸗ quaͤlt, und verbrannt wurde,*) da hatte er bei allen Ein⸗ wohnern der Stadt das Lob eines weiſen Mannes geaͤrnd⸗ tet, und was unertraͤglicher noch zu denken, den Ehrenna⸗ men eines hochverdienten Buͤrgers erhalten. Gegen das Ende des Maͤrzes aber vervielfaͤltigten ſich, anfangs in der Vorſtadt des Thores gegen Morgen, dann in allen Vierteln der Stadt, Krankheiten und Todesfaͤlle, von ſeltſamen. Erſcheinungen, von Kraͤmpfen, vom Zucken aller Glieder, vom Starrſchlafe, von Irrereden begleitet; dabei mißfarbige Flecken und Beulen; meiſtens ein ſchnel⸗ les gewaltſames Hinſterben, nicht ſelten auch ploͤtzlich, ohne eine vorhergehende Anzeige von Krankheit. Die Aerzte, welche ſich bisher gegen alle Anſteckung erklaͤrt, mochten jetzt nicht geſtehen, was ſie fruͤher verſpottet; da ſie aber fuͤr das neue Uebel, das bereits zu allgemein und zu welt⸗ kundig geworden, um unbezeichnet zu bleiben, einen eige⸗ nen Namen ausfindig machen mußten, ſprachen ſie von boͤ⸗ ſen peſtartigen Fiebern; ein jaͤmmerliches Ausweichungs⸗ mittel, ein Gaunerſpiel mit Worten, welches bei dem Al⸗ len viel Unheil ſtiftete; denn indem ſie die Wahrheit zu *) Storia di Milano del Conte Pietro Verri. Milan. 1826. tom. 4. pag. 155. A. M.— Ein halbes Jahrhundert früher, im Jahre 1583, wurde in Berlin zweien alten Weibern ein Prozeß gemacht, weil ſie Schuld an einem Hagelſchlag geweſen; weiſe Sorgfalt über⸗ gab ſie ſammt ihrer Herenkunſt den Flammen.(Angel. annal. Mar- chic. p. 351.) D.. — 4149— erkennen ſcheinen wollten, entkraͤfteten ſie die Behauptung, welche Glauben haͤtte finden muͤſſen, und verheimlichten die Erfahrung, daß das Uebel auf dem Wege der Anſtek⸗ knng ſich fortpflanzte. Die Obrigkeit erwachte wie aus ei⸗ nem tiefen Schlafe; ſie fing an, den Aufforderungen und Vorſchlaͤgen des Ausſchuſſes ein geneigteres Ohr zu leihen⸗ auf ihre Verordnungen nachdruͤcklicher zu beſtehen, die Schließung der Haͤuſer und die befohlene Abſonderung verdaͤchtiger Gegenſtaͤnde gewiſſenhafter beobachten zu laſ⸗ ſen. Der Ausſchuß verlangte Geld, um die taͤglichen Aus⸗ gaben im Hospital und bei andern Dienſtleiſtungen be⸗ ſtreiten zu koͤnnen, und waͤhrend entſchieden ward, ob dieſe Koſten der Stadt oder der Koͤniglichen Schatzkammer zur Laſt fallen muͤßten, verlangte er ſie von den Decurionen. Bei dieſen kam auch auf Befehl des Statthalters, welcher die Belagerung des armen Caſale von Neuem unternom⸗ men,/ der Großkanzler und der Senat ein, daß ſie darauf denken moͤchten, die Stadt mit Lebensmitteln aller Art zu verſehen, ehe ſie, nach fortgeſchrittener Ausbreitung der Peſt, um allen Verkehr mit andern Laͤndern gebracht waͤre; zugleich moͤchten ſie Mittel erſinnen, um einen großen Theil der Bevoͤlkerung, welchem es an Arbeit fehlte, zu un⸗ terhalten. Die Decurionen ſuchten durch Anleihen und Auflagen Geld herbei zu ſchaffen; von der Summe, die ſie dadurch zuſammen gebracht, gaben ſie einen Theil dem Ge⸗ ſundheitsausſchuſſe, einen Theil den Armen; auch kauften ſie Getraide an, und ſorgten in Etwas fuͤr das Beduͤrf⸗ niß. Die Tage des großen Drangſals waren aber noch nicht erſchienen. Im Krankenhauſe, allwo die Menſchenzahl, obgleich — 150— taͤglich hinweg ſterbend, dennoch taͤglich zunahm⸗ entſtand eine andre Schwierigkeit. Man mußte den Dienſt und den Gehorſam ſichern, auf die Beobachtung der vorge⸗ ſchriebenen Abſonderungen wachen, und das Verfahren welches der Ausſchuß verlangte, in Anwendung bringen; denn von den erſten Augenblicken an hatte dort durch die Zuͤ⸗ gelloſigkeit vieler Eingeſchloſſenen, durch das ſorgloſe Nach⸗ geben der Beamten, in jeder Ruͤckſicht eine empoͤrende Verwirrung geherrſcht. Der Ausſchuß und die Decurio⸗ nen wußten nicht, wo ſie anfangen ſollten; ſie wandten ſich daher an die Kapuziner, und erſuchten den Pater Com⸗ miſſar, der an die Stelle des unlaͤngſt geſtorbenen Provin⸗ zials getreten, er moͤchte ihnen einen gewandten Mann ſchicken, um jenes Reich der Troſtloſigkeit zu regieren. Dazu empfahl ihnen der Commiſſar vorzuͤglich einen Pater Felice Caſati, einen bejahrten Mann, welcher im Rufe großer Menſchenliebe und Thaͤtigkeit ſtand; er war ſanf⸗ ter Sitte und zugleich feſten Sinnes. Seinen NRuf beſtaͤ⸗ 3 tigte nachher der Erfolg. Ihm ward als Gefaͤhrte und Diener Michele Pozzobonelli geſellt, ein junger Moͤnch, aber ernſt und ſtreng an Geſinnungen wie an Anſehen. Beide wurden bereitwillig aufgenommen, und traten am dreißigſten Maͤrz in's Krankenhaus. Der Vorſitzer im Ge⸗ ſundheitsausſchuſſe fuͤhrte ſie umher, gleichſam als ſollten ſie es in Beſitz nehmen; er rief die Waͤrter und die uͤbri⸗ gen Beamten herbei, und erklaͤrte in ihrem Beiſeyn den Pater Felice als den Vorſteher des Hauſes mit unumſchraͤnk⸗ ter Gewalt. Je zahlreicher die beiammernswuͤrdige Menge ſich vermehrte, kamen immer mehr Kapuziner herbei, und wurden nach Bedarf Aufſeher, Beichtvaͤter, Verwalter, — 151— Krankenwaͤrter, Koͤche, Kleiderwaͤchter und Waͤſcher. Jeder⸗ zeit bemuͤht und bekuͤmmert, wanderte Pater Felice bei Tag und Nacht durch die Hallen, durch die Zimmer, durch den Hofraum umher, bisweilen mit einer kurzen Lanze bewaffnet, bisweilen bloß im haͤrenen Gewande; er ermuthigte und ordnete den Dienſt, beſchwichtigte jeden Laͤrm, hoͤrte auf Klagen, drohte, beſtrafte, gab Verweiſe, troͤſtete, trocknete und vergoß Thraͤnen. Es ergriff ihn anfangs die Peſt; doch genas er, und uͤbte bald, mit neuer Thaͤtigkeit, die fruͤhere Sorgfalt. Seine Mitbruͤder ließen groͤßtentheils, aber alle mit freudiger Ergebung, das Leben daſelbſt. Ein ſolcher Oberbefehl war in der That eilt ieltſames Huͤlfsmittel, ſeltſam wie das Ungluͤck und die Zeiten, und wenn wir auch nichts Andres wuͤßten, ſo waͤre er allein ein hinreichender Beweis, wie roh und ungeordnet der buͤrger⸗ liche Verein des Menſchengeſchlechtes geweſen. Aber der Muth, die Bemuͤhungen und die Selbſtaufopferung dieſer Moͤnche verdienen nichts deſto weniger mit der Achtung, der Ruͤhrung und der Erkenntlichkeit erwaͤhnt zu werden, die wir uͤberall empfinden, wo der Menſch dem Menſchen ſo großherzige Dienſte geleiſtet. Dem Tode entgegen ge⸗ hen, um Gutes zu thun, iſt jederzeit, unter allen Umſtaͤn⸗ den, ſchoͤn und weiſe.„Wenn dieſe Vaͤter ſich nicht ge⸗ funden haͤtten,“ ſagt Tadino,“ ſo waͤre ſicherlich die ganze Stadt ins Verderben geſunken; denn ſie haben in ſo kur⸗ zer Zeit zum allgemeinen Heil ſtaunenswerthe Dinge ge⸗ than, und doch leiſtete ihnen Niemand Beiſtand; ohne Huͤlfe der Stadt, haben ſie durch ihre Betriebſamkeit und Einſicht ſo viele Tauſende von Kranken im Lazarethe be⸗ handelt und gepflegt.“ — 152— Begreiflicherweiſe verlor ſich allmaͤhlig auch im Volke der Eigenſinn, die Peſt leugnen zu wollen; das Uebel griff um ſich, griff vor aller Welt Augen durch Beruͤhrung und Umgang um ſich. Es hatte ſich eine Zeitlang auf die Ar⸗ men beſchraͤnkt, uͤberſiel bald aber auch bekannte Perſonen. Unter dieſen war damals der ausgezeichnetſte, verdient alſo auch hier eine ausdruͤckliche Erwaͤhnung, Ludovico Settalua, der oberſte Arzt. Da mag es vielleicht geheißen haben: Der arme alte Mann hatte Recht!“ Wer weiß? Von der Peſt ergriffen, fielen er, ſein Weib, zwei Soͤhne, und ſieben Dienſtleute auf's Krankenlager. Er ſelbſt und ein Sohn kamen davon; die Uebrigen ſtarben.—„Dieſe Faͤlle,“ ſagt Tadino,„in den angeſehenſten Haͤuſern der Stadt ein⸗ tretend, belehrten endlich den Adel, das Volk und die un⸗ glaͤubigen Aerzte eines Beſſeren; der unwiſſende verwegene Poͤbel ſchloß den Mund, und ſah kleinmuͤthig zur Erde.“ Aber die Widerſpenſtigkeit und die Rachſucht des uͤber⸗ füͤhrten Eigenſinnes pflegen bisweilen ſich dermaßen zu aͤußern, daß man wuͤnſchen muß, er moͤchte bis an's Ende, gegen Vernunft und Augenſcheinlichkeit, unverwandelt und unbeſiegt geblieben ſeyn. Und dieß war hier recht eigent⸗ lich der Fall. Rachdem die Menge ſo entſchloſſen und ſo lange Zeit hindurch das Daſeyn eines Peſtkeims in ihrer Mitte, welcher zum allgemeinen Verderben ſich ausbreiten koͤnnte, beſtritten hatte, vermochte ſie jetzt die Fortpflanzung deſſelben nicht zu leugnen; ſie wollte ſie aber dem natuͤrli⸗ chen Laufe nicht zuſchreiben, um nicht durch ein einziges Ge⸗ ſtaͤndniß ſich zu Selbſttaͤuſchung und großer Schuld zu be⸗ kennen; um ſo williger war ſie gelaunt, eine andre Urſache aufzuſuchen, und eine jede, die ein erfindriſcher Kopf auf⸗⸗ — 153— ſtellen wuͤrde, gut zu heißen. Ungluͤcklicherweiſe lag eine ſolche in den Vorſtellungen und in den damals gangbaren Ueberlieferungen, die nicht bloß hier, ſondern in jedem Himmelsſtrich Europas ſpukten, bereit; Giftmiſcher⸗ handwerk, teufeliſche Kuͤnſte, Verſchwoͤrungen, um die Peſt durch anſteckende Stoffe und Hexereien zu verbreiten. Schon waren aͤhnliche Dinge in mancher andern Peſt ver⸗ muthet und geglaubt worden; zu Mailand vorzuͤglich waͤh⸗ rend der Peſt in der Mitte des vorhergegangenen Jahr⸗ hunderts. Dazu kam, daß im Jahre zuvor ein Schreiben, von Koͤnig Philipp IV. unterzeichnet, an den Statthalter gelangt war, worin ihm Nachricht gegeben worden, es ſeyen aus Madrid vier Franzoſen entwiſcht, welche man vergebens zu ergreifen geſucht, weil ſie im Verdachte ſtan⸗ den, giftige, peſtbringende Salben zu verbreiten; er moͤchte auf ſeiner Huth ſeyn, falls ſie jemals nach Mailand kaͤ⸗ men. Der Statthalter hatte dieſes Schreiben dem Senat und dem Geſundheitsausſchuſſe mitgetheilt; fuͤr damals aber hatte man ſich nicht weiter darum gekuͤmmert. Jetzt hingegen, nachdem die Peſt ausgebrochen und erkannt wor⸗ den, erinnerte man ſich des Schreibens wieder; es konnte den Verdacht eines heimlichen Frevels beſtaͤtigen, oder auch die erſte Gelegenheit zu ſeiner Entſtehung geben. Zwei Handlungen aber, die eine von blinder zuchtloſer Furcht, die andre von ſeltſamer Ruchloſigkeit geleitet, ver⸗ wandelten endlich dieſen unbeſtimmten Verdacht, daß ein Verbrechen gegen das Volk moͤglich ſey, in einen beſtimm⸗ ten, und bei Vielen ſogar in Gewißheit; der Verſuch ſey gemacht worden, glaubten ſie, und ein wirklicher Umtrieb vorhanden. Es wollten Einige am Abend des ſiebzehnten Mays Leute im Dom geſehen haben, wo ſie die Bretter⸗ wand, welche die Plaͤtze fuͤr beide Geſchlechter ſchied, mit Salben beſtrichen; dieſelben ſollten auch in der Nacht die Bretterwand und eine Anzahl von Baͤnken, ſo daran ſtan⸗ den, aus der Kirche geſchafft haben. Der Vorſitzer im Ge⸗ ſundheitsausſchuſſe eilte nebſt vier Mitgliedern deſſelben zur Kirche, unterſuchte die Bretterwand, die Baͤnke, den Pfeiler des Weihwaſſers, und fand nicht die mindeſte Spur, welche den argwoͤhnten Vergiftungsfrevel beſtaͤtigte; um indeſſen den Grillen des großen Haufens zu willfahren, „mehr um in der Vorſicht zu weit zu gehen, als weil es noͤthig waͤre,“ that er den Ausſpruch, es ſey genug, wenn die Bretterwand gewaſchen wuͤrde. Doch dieſe aufgeſchichea eeten Holzgeraͤthe der Kirche brachten in der Menge, wela cher jedes Ding ſo leicht zum Beweismittel dient, einen maͤchtigen Schreckenseindruck hervor. Man ſagte und glaubte allgemein, es ſeyen im Dome die Baͤnke, die Waͤnde, Alles, ſelbſt die Straͤnge der Glocken, beſtrichen worden. Und man ſagte es nicht bloß einige Tage hindurch; alle Denkſchriften der Zeitgenoſſen, unter denen einige nach vielen Jahren geſchrieben, betheuern es mit gleichem Ernſte; die Wahrheit der ganzen Sache muͤßte man errathen, wenn ſich nicht ein Brief des Ausſchuſſes an den Statthalter im Archiv San Fedele befaͤnde. Dieſen haben wir benutzt, und die unveraͤndeten Worte deſſelben durch Anfuͤhrungs⸗ zeichen hervorgehoben. Am folgenden Morgen beſtuͤrzte die Augen und die Sinne der Buͤrger ein neues ſeltſameres, weit mehr ver⸗ kuͤndendes Schauſpiel. In jedem Theile der Stadt waren Haͤuſer zu ſehen, deren Thuͤren und Mauern in breiten — 155— Flecken mit ſchmutzigen Anſtrichen, blaßgelb oder weißlich, als waͤren ſie mit einem Schwamm aufgetragen worden, beſudelt erſchienen. Es ſey nun, daß ein ſchurkenhafter Uebermuth den Schrecken laͤrmender und allgemeiner zu ſehen gewuͤnſcht, oder daß ein frevelhafterer Plan die of⸗ fentliche Beſtuͤrzung erhoͤhen wollte; die Sache iſt durch Zeugniſſe dermaßen beſtaͤtigt, daß es weniger thoͤrigt waͤre, ſie einem bloßen Traum der Einbildungskraft zuzuſchrei⸗ ben, als einer Wirkung der Niedergeſchlagenheit, wiewohl dieſe in den Koͤpfen der Menſchen nicht neu, und aller Or⸗ ten wie aller Zeiten aͤhnliche Wirkungen nur zu oft hervor⸗ gebracht hat. Ripamonti, welcher die Leichtglaͤubigkeit der Menge bei ſolchen Dingen belaͤchelt und oͤfter noch be⸗ dauert, verſichert hier, die aufgeſtrichenen Flecke geſehen zu haben, und beſchreibt ſie. Auch erzaͤhlt in obenerwaͤhntem Briefe der Ausſchuß die Sache mit den nehmlichen Wor⸗ ten; er ſpricht von Unterſuchungen, berichtet, wie man mit dieſer Materie an Hunden, ohne daß es ihnen geſchadet, Verſuche gemacht habe, und ſchließt, er glaube,„der Streich ſey eher dem Uebermuthe, als einem ſchlauen Frevelwillen zuzuſchreiben.“ So geben auch die andern gleichzeitigen Schriften zu verſtehen, die Meiſten haͤtten gleich anfangs geſchloſſen, daß hier nur an tollen Uebermuth zu denken.. War die Stadt ſchon in Bewegung, ſo gerieth ſie jetzt in laͤrmendes Gewuͤhl. Die Eigenthuͤmer der Haͤuſer fuh⸗ ren mit angezuͤndetem Stroh uͤber die beſtrichenen Stellen hin; die Voruͤbergehenden blieben ſtehen, betrachteten, ſchauderten, knirſchten mit den Zaͤhnen. Die Fremden, deßhalb allein in Verdacht fallend, und an ihrer Kleidung damals leicht zu erkennen, wurden in den Straßen vom — 156— Volk ergriffen, und nach den Gefaͤngniſſen geſchleppt. Man befragte die Ergriffenen und die Ergreifer, man hoͤrte Zeugniſſe und Berichte an; Keiner aber ward fuͤr ſchuldig befunden; die Koͤpfe waren noch beſonnen genug, um zu zweifeln, zu erwaͤgen und Einſicht zu haben. Der Geſundheitsausſchuß ließ eine Verordnung ergehen, in welcher er Belohnung oder Strafloſigkeit Demjenigen ver⸗ ſprach, der uͤber die Thaͤter klare Auskunft geben wuͤrde. In dieſer Verordnung jedoch erinnert nichts an die ver⸗ nuͤnftige Vermuthung, deren obiger Brief an den Statt⸗ halter erwaͤhnt; ein Beweis, wie wuͤthend das Volk von ſei⸗ nem Vorurtheil eingenommen, wie unedel und kleinmuͤthig man ſich ihm zu bequemen trachtete. Waͤhrend der Ausſchuß ſuchte, hatten Viele im Volke, wie es zu geſchehen pflegt, ſchon gefunden. Von den Ver⸗ giftungspredigern wollten Einige, es ſey eine Rache des Don Gonzalo geweſen, weil er bei ſeiner Abreiſe ſo em⸗ pfindlich beleidigt worden; Andre hielten es fuͤr einen Bosheitspfiff des Kardinals Richelieu, welcher Mailand entvoͤlkern wolle, um es ohne Muͤhe zu erhalten; noch An⸗ dre, wir wiſſen keine Gruͤnde anzugeben, ſprachen von Co⸗ lalto, von Wallenſtein, von dieſem oder jenem Mallaͤndi⸗ ſchen Edelmanne. Aber wie wir geſagt, fehlte es auch nicht an Solchen, die in dem Streiche nichts Andres als eine freche Poſſenſucht erkannten; ſie ſchrieben ihn den Schuͤlern zu, jungen Edelleuten, oder Ofſizieren, welche der Belagerung von Caſale uͤberdruͤſſig waͤren. Da man jedoch ſah, daß keinesweges, wie die Furcht ſich uͤberredet hatte, eine ploͤtzliche Anſteckung, ein allgemeines Sterben erfolgte, ſo beſchwichtigte ſich fuͤr jetzt der erſte Schrecken, — 157— man kuͤmmerte ſich nicht weiter um die Geſchichte, oder ſchien wenigſtens ſie aus den Augen verloren zu haben. Bei dem Allen fanden ſich auch Menſchen, welche vom Daßſeyn einer Peſt noch immer nichts wiſſen wollten. Da nun im Krankenhauſe ſowohl als in der Stadt Verſchie⸗ dene davon kamen, ſo ſagte das Volk— die letzten Be⸗ weisgruͤnde einer Meinung, die von der Augenſcheinlichkeit beſiegt worden, haben immer fuͤr den Beobachter viel An⸗ ziehendes— das Volk und mancher partheiiſche Arzt ſagte, es ſey keine wahre Peſt; denn ſonſt muͤßten Alle geſtorben ſeyn. Um indeſſen jeden Zweifel zu entfernen, fand der Ausſchuß ein paſſendes Mittel, in die Augen ſpringend, wie die Zeiten es erfordern und eingeben konnten. An ei⸗ nem der Pfingſttage pflegten die Buͤrger ſich auf dem Kirchhofe San Gregorio, vor dem Thore gegen Morgen, zu verſammeln; hier beteten ſie fuͤr die Todten, ſo an der Annſteckung geſtorben, und daſelbſt begraben worden; doch benutzten ſie die Gelegenheit auch zum Vergnuͤgen und zum Schauſpiel, und gingen ſaͤmmtlich in der praͤchtigſten Staatskleidung hin. An dieſem Tage war unter Andern eine ganze Familie an der Peſt geſtorben. Auf Befehl des Ausſchuſſes wurden die nackten Leichname derſelben um die Stunde des groͤßten Zuſammenlaufs, mitten unter Kutſchen, Reitern und Spaziergaͤngern, auf einem Karren nach dem genannten Kirchhofe gefahren; das Volk ſollte die offenba⸗ ren Zeichen, das ſcheußliche Siegel der Peſt, an ihnen ſe⸗ hen. Ueberall, wo der Karren voruͤberkam, erhob ſich ein Geſchrei des Schpeckens und des Ekels; es gab ein langes Murren dahinter, ein andres Murren lief ihm voraus. Die Peſt fand mehr Glauben; ſie erwarb ihn ſich aber von — 158— ſelbſt taͤglich immer mehr, und jenes Zuſammentreffen der Bevoͤlkerung trug nicht wenig zu ihrer Fortpflanzung bei. Im Anfang alſo keine Peſt, durchaus keine; ſelbſt das Wort hoͤren zu laſſen, verboten. Dann peſtartige Fieber; der Begriff durch ein untergeſchobenes Wort verdreht. Nachher keine wahre Peſt; nehmlich eine Peſt, aber nur in einem gewiſſen Sinne; nicht eine eigentliche Peſt, ſondern etwas, wofuͤr ſich kein andrer Name findet. Endlich Peſt, ohne Zweifel und Widerrede; ſchon aber haͤngt ſich ein zweiter Begriff daran, Giftmiſcherei und verruchte Kuͤnſte; der eigentliche Ausdruck ließ ſich nicht wieder zuruͤckneh⸗ men, und ſo verwirrte man ihn durch andre Woͤrter. Da es immer ſchwieriger ward, den herben Forderun⸗ gen der Umſtaͤnde Genuͤge zu leiſten, beſchloß man am vier⸗ ten Mai im Rathe der Decurionen, bei dem Statthalter Huͤlfe und Erbarmen nachzuſuchen. Man ſandterzwei Mit⸗ glieder nach dem Lager ab, um die Leiden und die Drang⸗ ſale der Stadt ihm vorzuſtellen, die ungeheuren Koſten, die Erſchoͤpfung der oͤffentlichen Kaſſe, wie die kuͤnftigen Ein⸗ nahmen bereits verwendet ſeyen und die laufenden Steuern nicht bezahlt wuͤrden, wie ſo viele Urſachen, und vorzuͤg⸗ lich die Verwuͤſtungen durch den Kriegerſtand, eine allge⸗ meine Verarmung erzeugt haͤtten; ſie ſollten ihm zu erwaͤ⸗ gen geben, daß mittelſt herkoͤmmlichen Geſetzes und Brau⸗ ches, wie durch die beſondere Verordnung Carls V., die Ko⸗ ſten bei Peſtkrankheiten vom Fiskus zu beſtreiten ſeyen; daß in der Peſt von 1576 der Statthalter Markgraf von Aya⸗ monte nicht bloß alle Kammerſteuern aufgehoben, ſondern auch aus der Kammer ſelbſt der Stadt mit vierzig tauſend Seudi zur Huͤlfe gekommen; endlich ſollten ſie vier Dinge — 139= begehren: Einſtweilige Aufhebung der Steuern, wie da⸗ mals; Geld aus der Kammer; Benachrichtigung des Koͤ⸗ nigs vom Elend der Stadt und des Herzogthums, und Be⸗ freiung des Landes von ſaͤmmtlichen Heeresſchaaren. Spi⸗ nola's Antwort beſtand in Beileidsbezeugungen und neuen Ermunterungsſpruͤchen; es thue ihm leid, daß er ſich nicht in der Stadt aufhalten koͤnne, um ſeine ganze Sorgfalt auf Erleichterung des Jammers zit verwenden; er hoffe aber, daß der Eifer der Herren auf Alles bedacht geweſen; das ſey die Zeit, wo man ohne Sparſamkeit Geld daran ſe⸗ ben und auf alle Weiſe ſich anſtrengen muͤſſe; was die ausdruͤcklichen Forderungen betraͤfe, ſo ſollten ſie, je nach⸗ dem Zeit und Umſtaͤnde es geſtatteten, auf's Beſte beruͤck⸗ ſichtigt werden.— Das war aber auch Alles; man ging wiederholt hin und kam zuruͤck, man trug vor und erhielt Beſcheid; zu einem eigentlichen Beſchluſſe jedoch kam es nicht. Spaͤter, als die Peſt furchtbarer wuͤthete uͤbertrug der Statthalter, dieweil der Krieg ſeine Gegenwart ver⸗ langte, dem Großkanzler Ferrer ſeine Macht. Zugleich mit dieſem Entſchluſſe hatten die Decurionen einen andern gefaßt. Sie erſuchten den Kardinal Erzbi⸗ ſchof um einen feierlichen Aufzug, in welchem der Leichnam des heiligen Carlo durch die Stadt getragen werden ſollte. Borromeo ſchlug es aus vielen Urſachen ihnen ab. Ihm mißſiel das Zutrauen zu einem ſelbſterſonnenen Mit⸗ tel, und entſpraͤche hernach die Wirkung nicht, ſo koͤnnte dieſes Zutrauen, fuͤrchtete er, ſich leicht in ein oͤffentliches Aergerniß verwandeln. Gab es Vergifter, ſo war die Pro⸗ zeſſion eine zu bequeme Gelegenheit fuͤr ihre Frevelſucht; gab es keine, ſo mußte ſchon das Zuſammenſtroͤmen des — 160— Volkes allein die Anſteckung noch unſeliger befoͤrdern.— Denn der eingeſchlaͤferte Verdacht von Vergiftung hatte ſich waͤhrend deſſen, allgemeiner und furchtbarer als vor⸗ her/ wieder belebt. Man wollte von Neuem Mauern, Thuͤren der oͤffent⸗ II lichen Gebaͤude, Haͤuſerſchwellen und Klopfhammer beſtri⸗ chen gefunden haben. Die Nachrichten ſolcher Entdeckung flogen von Mund zu Mund, und wie immer, wenn die Gemuͤther vom Argwohn bereits eingenommen, hatte das Hoͤren die Wirkung des Sehens. Immer betruͤbter durch die Gegenwart der Uebel, und von der draͤngenden Gefahr geaͤngſtigt, ergriff man um ſo begieriger ſolchen Wahn; der Zorn will ſtrafen, und mag, wie Verri ſcharfſinnig be⸗ merkt, das Ungluͤck lieber einer menſchlichen Bosheit zu⸗ ſchreiben, gegen welche die marterſuͤchtige Geſchaͤftigkeit ſich auslaſſen kann, als eine Urſache anerkennen, in die man ſich nur ruhig ergeben muß. Ein ausgeſuchtes Gift von ploͤtzlicher, hoͤchſt durchdringender Wirkung war ein Gedanke, welcher die Gewaltſamkeit der Krankheit, ihre dunklen und auffallenden Zufaͤlle, vortrefflich zu erklaͤren ſchien. Man ſagte, dieſes Gift ſey aus Kroͤten und Schlan⸗ gen bereitet worden, aus dem Eiter und Speichel der Peſt⸗ kranken, aus Allem, was eine wilde verkehrte Einbildungs⸗ kraft nur Abſcheuliches und Widernatuͤrliches erſinnen kann. Daneben nahm man zu den Herereien ſeine Zuflucht/ mittelſt welcher jede Wirkung moͤglich wuͤrde; alle Ein⸗ wuͤrfe wurden entkraͤftet, alle Schwierigkeiten geloͤſt. Wenn jener erſten Giftſalbung die Wirkungen nicht unmittelbar gefolgt, wollte man die Urſachen ſehr gruͤndlich einſehen; es war ein mangelhafter Verſuch von Neulingen im Hand⸗ — 161— werk geweſen; jetzt waͤre die Kunſt vervollkommnet, der Wille bei dem hoͤlliſchen Beginnen ergrimmter. Wer nun die Sache noch fuͤr einen Poſſenſtreich ausgegeben, oder das Daſeyn eines Frevelplanes geleugnet haͤtte, waͤre ein Blinder ein eigenſinniger Querkopf genannt worden; man haͤtte vielleicht einen Menſchen in ihm vermuthet, deſſen Vortheil es heiſchte, die Aufmerkſamkeit des Volkes von der Wahrheit abzulenken, einen Mitſchuldigen, einen Gift⸗ ſalber, und dieſes Wort ward bald gang und gaͤbe, aner⸗ kannt, furchtbar. Bei der Ueberzeugung, daß Giftſalber vorhanden, mußte man ſie faſt unfehlbar entdecken; die Augen Aller blickten aufmerkſam umher; jeder Schritt konnte den Argwohn aufſtoͤren. Der Argwohn aber ward leicht zur Gewißheit, die Gewißheit zur Wuth. Zwei Beiſpiele theilt Ripamonti mit, welche er unter den uͤbrigen erwaͤhlt, nicht weil ſie die ergreifendſten, ſon⸗ dern weil er beide als Augenzeuge erlebt hat. In der Kirche des heiligen Antonius hatte ein mehr als achtzigjaͤhriger Greis auf den Knieen ſein Gebet ver⸗ richtet, und ſtaͤubte, ehe er ſich ſetzte, mit dem Mantel die Bank ab.—„Der Alte ſalbt die Baͤnke!“ ſchrieen ver⸗ ſchiedene Frauen, die es ſahen, zugleich. Das Volk in der Kirche ſtuͤrzt auf den Greis los, ſie zauſen ihn bei den weißen Haaren, ſchlagen ihn mit Faͤuſten, ſtoßen ihn mit den Fuͤßen, und ſchleppen ihn halbtodt hinaus, um ihn zum Richter, in's Gefaͤngniß, zur unterſuchung zu ſchaf⸗ fen.„So ſah ich ihn hin ſchleppen ℳ ſagt der Geſchicht⸗ ſchreiber,„wie es geendet, weiß ich nicht; ich glaube kaum, daß er es lange hat uͤberleben koͤnnen.“ Der andre Fall, Tages darauf, war eben ſo ſeltſam, III. 11 — 162— aber nicht eben ſo truͤbſelig. Drei franzoͤſiſche junge Leute, ein Gelehrter, ein Maler und ein Mechanikus, die nach Italien gekommen, um es kennen zu lernen, ſich mit den Alterthuͤmern bekannt zu machen, und ſich nach Ver⸗ dienſt umzuſehen, hatten ſich außen an den Dom hinge⸗ ſtellt, und ſtanden in aufmerkſamer Betrachtung da. Bald blieb ein oder der andre Voruͤbergehende ſtehen; man tritt zuſammen, thut, als wenn man gleichfalls betrachte, und merkt ſich die Drei, welche Kleidung, Haartracht und Reiſetaſche als Auslaͤnder, und was das ſchlimmſte, als Franzoſen zu erkennen gaben. Um ſich zu uͤberzeugen, ob die Wand von Marmor ſey, ſtreckten die Fremden die Hand aus, und beruͤhrten das Gebaͤude. Augenblicklich wurden ſie umringt, ergriffen, uͤbel behandelt, und mit wuͤthenden Schlaͤgen nach den Gefaͤngniſſen getrieben. Zum Gluͤck iſt der Gerichtspallaſt wenig vom Dome entfernt, und zu weit groͤßerem Gluͤcke wurden ſie als unſchuldig befunden und freigelaſſen. Und dergleichen ſiel nicht in Mailand allein vor; wie die Peſt, hatte auch dieſer Wahnſinn um ſich gegriffen. Der Reiſende, der von Bauern außer der Hauptſtraße ge⸗ troffen ward, der auf derſelben taͤndelnd verweilte, oder zur Ruhe ſich hingeſtreckt hatte; der Unbekannte, an wel⸗ chem in Miene und Kleidung ſich etwas Auffallendes, etwas Unheimliches verrieth— Beide waren Giftſalber; bei der erſten Nachricht, bei dem Geſchrei eines Knaben, laͤutete man Sturm, und lief herbei; die Ungluͤcklichen wurden mit Steinen geworfen, oder ergriffen, und in Wuth nach dem Gefaͤngniß befoͤrdert. Ein Gefaͤngniß war, bis zu einer gewiſſen Zeit, ein Hafen der Rettung. 7* — 163— Die Deeurionen aber, die ſich indeſſen durch die Wei⸗ gerung des weiſen Erzbiſchofs nicht hatten zuruͤckſcheuchen laſſen, wiederholten ihr Geſuch, und der allgemeine Wunſch unterſtuͤtzte ſie geraͤuſchvoll. Borromeo verblieb eine Zeit hindurch bei ſeiner Aeußerung, und ſuchte ihnen den Ge⸗ danken auszureden; nicht mehr vermochte die Klugheit ei⸗ nes Mannes gegen die Verhaͤltniſſe der Zeiten und die Zu⸗ dringlichkeit der Menge. So gab er denn endlich uͤber⸗ wunden nach, und bewilligte dem Wunſche, dem allgemei⸗ nen Eifer den feſtlichen Aufzug; die Kiſte, darin die Ge⸗ beine des heiligen Carlo ruhten, ſollte nach demſelben acht Tage hindurch auf dem groͤßeren Altar des Domes der be⸗ ſuchenden Menge ausgeſetzt ſtehen. Weder der Ausſchuß noch ſonſt Jemand hatte dagegen etwas zu ſagen, oder hintertrieb es. Nur gebot Jener ei⸗ nige Vorkehrungen, welche der Gefahr nicht begegneten; ſie bewieſen aber, daß man ſie wohl empfand. Man gab uͤber den Eintritt der Fremden in die Stadt ſtrengere Vor⸗ ſchriften, und um ſich der Beobachtung am beſten zu ver⸗ ſichern, mußten die Thore geſchloſſen bleiben. Um zugleich, wo moͤglich, Anſteckung und Verdacht von der verſammel⸗ ten Menge entfernt zu halten, ließ man die Thuͤren der abgeſonderten Haͤuſer vernageln, und dieſe ſollen ſich an Zahl gegen fuͤnfhundert belaufen haben. Drei Tage vergingen unter Zubereitungen; am elften Juni, welches der beſtimmte, ſetzte ſich mit Tages⸗Anbruch vom Dom aus der Zug in Bewegung. Voran ging eine lange Volksſchaar, meiſtens Frauen, das Geſicht mit gro⸗ ßen Schleiern bedeckt, viele barfuß und in grobe Lein⸗ wand gehuͤllt. Dann kamen die Gewerke mit ihren Fah⸗ — 164— nen, die Bruͤderſchaften, an Schnitt und Farbe der Klei⸗ der verſchieden; darauf die Moͤnche und die Weltgeiſtlichen, jeder Einzelne mit dem Zeichen ſeines Ranges und einer flammenden Wachskerze. In der Mitte, bei dem Glanze zahl⸗ reicher Fackeln und dem lauten Klang der Geſaͤnge, be⸗ wegte ſich unter einem reichen Tragehimmel die Kiſte, ab⸗ wechſelnd von vier Domherren in vollem Staatskleide ge⸗ tragen. Durch die kryſtallenen Seitenwaͤnde ſchimmerte der verehrte Leichnam, die Glieder in glaͤnzende Prieſter⸗ kleider gehuͤllt, und die Biſchofsmuͤtze auf dem Haupte; ſelbſt bei verſtuͤmmelten und entſtellten Umriſſen ließ ſich noch eine Spur der alten Geſtalt unterſcheiden, wie die Bildniſſe ihn darſtellen, wie Einige ihn lebend und hoch⸗ geehrt geſehen zu haben ſich erinnerten. Dicht hinter dem Koͤrper des verblichenen Hirten folgte, ihm der Naͤchſte an Verdienſten, Blut und Wuͤrde, der Erzbiſchof Federigo Borromeo. Dann kamen die uͤbrige Geiſtlichkeit und die obrigkeitlichen Herren in hoher Staatstracht; desgleichen die Edelleute, theils prunkvoll geſchmuͤckt, um ihre gottes⸗ fuͤrchtige Ehrerbietung deſto feierlicher zu bezeigen, theils zum Zeichen der Buße in Trauergewaͤndern, barfuß, mit grober Leinwand bedeckt, und die Maͤntelkragen uͤber das Geſicht gezogen; alle mit ſchweren Fackeln. Zuletzt endlich ein Gefolge von Leuten jeder Art. Die ganze Straße war feſtlich geziert; die Reichen hatten die prunkvollſten Geraͤthſchaften hervorgeholt; die Vorderſeiten der armen Haͤuſer hatten ihren Schmuck von beguͤterten Nachbaren oder von der Stadt erhalten; hin und wieder hingen, ſtatt anderer Zierde, belaubte Zweige; uͤberall ſah man Gemaͤlde, Inſchriften und Sinnbilder; — 165— auf den Bruͤſtungen der Fenſter ſtanden Vaſen, alterthuͤm⸗ liche Geſchirre, praͤchtige Geraͤthſchaften; uͤberall bren⸗ nende Kerzen. Aus vielen dieſer Fenſter betrachteten ab⸗ geſonderte Kranke den Umzug, und miſchten mit den Vor⸗ uͤberwandelnden ihre Gebete. Die uͤbrigen Straßen lagen indeſſen ſtumm und verlaſſen; einige Wenige nur hielten, gleichfalls im Fenſter, das Ohr nach dem fernher ſchallen⸗ den Geſumme hin; Andre, und unter dieſen ſelbſt Non⸗ nen, waren auf die Daͤcher geſtiegen, um von hier aus vielleicht die Heiligenkiſte, das Geleite oder ſonſt etwas zu erſpaͤhen. 3 Die Prozeſſion zog durch alle Viertel der Stadt; an jeder Straßenecke, auf jedem kleinen Platze, an der Muͤn⸗ dung der Hauptſtraße in den Vorſtaͤdten, hielt man an, und ſetzte die Kiſte jedesmal neben die Kreuze, welche da⸗ ſelbſt, in der vorhergehenden Peſt, vom heiligen Carlo er⸗ richtet worden, und zum Theil noch heute ſtehen. Auf dieſe Weiſe kehrte der Zug erſt nach Mittag zum Dome zuruͤck. Am folgenden Tage, waͤhrend gerade ein vorwitziges Vertrauen, ja bei Einigen die ſchwaͤrmeriſchſte Sicherheit herrſchte, daß die Prozeſſion dem Fortſchreiten der Peſt die Grenze geſteckt habe, vermehrten ſich ploͤtzlich, unter allen Staͤnden, in jedem Theile der Stadt, die Todesfaͤlle ſo uͤbermaͤßig, mit ſo raſcher Ueberwaͤltigung, daß faſt Jeder in der Prozeſſion ſelbſt die Urſache oder die Gelegenheit argwoͤhnen mußte. Aber— o wunderſame, bedauernswuͤr⸗ dige Gewalt eines allgemeinen Vorurtheils!— nicht dem vielſtuͤndigen Gedraͤnge der Menſchen, nicht der zahlloſen Vervielfältigung zufaͤlliger Beruͤhrungen, ſchrieben die — 166— Meiſten dieſe Wirkung zu; ſie ſetzten ſie auf Rechnung der Leichtigkeit, mit welcher dabei die Giftmiſcher ihren heil⸗ loſen Vorſatz im Großen auszufuͤhren vermocht haͤtten. Man behauptete, ſie haͤtten, unter dem Gewimmel ſchlei⸗ chend, ſo viele Menſchen als moͤglich mit ihren Salben beſtrichen. Indeſſen ſchien dieß zu einem ſo weit verbrei⸗ teten, ſchnellen Sterben kein hinreichendes oder paſſendes Verfahren; auch hatte ſelbſt bas behutſame Auge des Arg⸗ wohns keine Salbe, keinen Fleck bei dem Umzuge bemerkt; um alſo das Ereigniß zu erklaͤren, nahm man zu dem al⸗ ten anerkannten Mittel, welches die Wiſſenſchaften in Eu⸗ ropa allgemein aufnahmen, zu boshaften Giftpulvern ſeine Zuflucht; ſolche Pulver, hieß es, waͤren die Straßen ent⸗ lang und vorzuͤglich auf den Haltplaͤtzen ausgeſtreut wor⸗ den, und haͤtten ſich an den Saum der Kleider, vorzuͤglich aber an die nackten Fuͤße, gehaͤngt.„Denn der Tag des Umzu⸗ ges,“ ſagt ein Schriftſteller jener Zeit,„ſah die Froͤmmigkeit neben der Gottloſigkeit, aufrichtige Seelen neben treuloſen Boͤſewichtern, den Verluſt neben dem Gewinnſt.“— Statt deſſen befand ſich der arme menſchliche Verſtand neben den Trugbildern, die er ſelbſt ſich geſchaffen. Von dieſem Tage an wuchs die Wuth der Anſteckung in Einem fort; binnen Kurzem gab es kaum mehr ein un⸗ beruͤhrtes Haus. Die Beyvoͤlkerung des Hoſpitals ſtieg von zwei Tauſenden zu zwoͤlfen, und endlich, wie Alle ver⸗ ſichern, zu ſechszehn. Im Anfang des Juli ſtarben taͤglich mehr als fuͤnf hundert. Mit der Zahl von zwoͤlf bis ſechszehn hundert hatte das Verderben ſeine aͤußerſte Hoͤhe erreicht, und hier ſtand es ſtill; doch ſpricht Tadinv auch — 4167— von mehr als drei tauſend, ſo an einigen Tagen hinweg⸗ gerafft worden. Man denke ſich nun die Drangſale der Decurionen, welche fuͤr die oͤffentlichen Beduͤrfniſſe Sorge tragen, und was bei einem ſolchen Ungluͤck ſich abwenden ließ, abwen⸗ den ſollten. Sie mußten die oͤffentlichen Waͤrter erſetzen, und ihre Zahl vermehren; Monatti— ein altes Wort in Mailand, von dunklem Urſprunge— hießen die Leute, welche, fuͤr die muͤhſeligſten und gefäͤhrlichſten Dienſtlei⸗ ſtungen bei der Peſt beſtimmt, aus den Haͤuſern, aus dem Hoſpital und von den Straßen die Leichname holten, ſie nach den Gruben fuhren und verſcharrten, die Kranken nach dem Hoſpital trugen oder fuͤhrten, und ſie hier be⸗ dienten, waͤhrend ſie zugleich die verdaͤchtigen oder ange⸗ ſteckten Kleidungsſtuͤcke reinigen oder verbrennen mußten. Apparitori waren Maͤnner, deren beſonderes Amt darin be⸗ ſtand, vor den Leichenwagen herzugehen, und mit einer Klingel den Voruͤbergehenden anzudeuten, ſie moͤchten ſich zuruͤckziehen; die Komiſſare hatten Dieſe wie Jene unter ihren Befehlen, und gehorchten unmittelbar dem Geſund⸗ heitsausſchuſſe. Das Krankenhaus mußte mit Aerzten, mit Wundaͤrzten, mit Arzueien, mit Lebensmitteln, mit allen Geraͤthſchaften einer Krankenanſtalt verſehen ſeyn. Aus dieſer Urſache ließ man in Eile Huͤtten von Holz und Stroh im inneren Hofraume erbhauen; ein zweites Holzge⸗ haͤude faßte an vier tauſend Menſchen. Zwei andre wur⸗ den beſchloſſen, aber unterblieben; es fehlte an allen Mit⸗ teln, und waͤhrend das Beduͤrfniß ſtieg, nahmen Muth und Menſchenzahl ab. — 168— Aber die Ausfuͤhrung blieb nicht blos immer hinter den Entwuͤrfen und Verordnungen zuruͤck; man ſorgte fuͤr manche Beduͤrfniſſe, ſo klar ſie auch erkannt wurden, ſelbſt mit Worten, nicht nur ſpaͤrlich; Unvermoͤgen und Verzweiflung ſtiegen auch am Ende ſo hoch, daß man ſich um viele, um die menſchenfreundlichſten und drin⸗ gendſten, durchaus nicht mehr bekuͤmmerte. So ſtarb, zum Beiſpiel, verlaſſen eine große Menge von Kindern, deren Muͤtter an der Peſt umgekommen; fuͤr dieſe, wie fuͤr die Frauen in Kindesnoͤthen, ſchlug der Ausſchuß die Errichtung eines Pflegehauſes vor; doch drang er nicht damit durch.—„Nichts deſto weniger“, ſagt Tadino, „mußte man die Decurionen bedauern; die Staͤdte waren von den Soldaten, ohne Ordnung und Ruͤckſicht, belaͤſtigt und ausgeſogen, das Herzogthum ſchien dem Untergang entgegen zu gehen, und vom Statthalter war keine Un⸗ terſtuͤtzung, keine Vorſorge zu erlangen. Der Krieg ward betrieben, und die Soldaten mußten gut behandelt wer⸗ den“.— So viel lag an der Eroberung Caſale's! So herrlich ſchien das Lob des Sieges, auch ohne auf die Ur⸗ ſache oder den Zweck des Kampfes zu ſehen! Bald war eine große, aber einzige Grube, welche in der Naͤhe des Krankenhauſes gemacht worden, voll von Leichnamen; die neuen, deren es taͤglich in groͤßerer An⸗ zahl gab, blieben uͤberall unbeerdigt liegen. So war die Obrigkeit, nachdem ſie ſich fuͤr die traurige Arbeit ver⸗ gebens nach Armen umgeſehen, endlich zum Geſtaͤndniſſe gezwungen, daß ſie nicht mehr wiſſe, zu welchem Mittel ſie ihre Zuflucht nehmen ſollte. Ohne eine außerordent⸗ liche Huͤlfe ließ ſich nicht einſehen, was fuͤr einen Aus⸗ — 169— gang die Sache nehmen ſolle. Der Vorſitzer im Ge⸗ ſundheitsausſchuſſe fragte deshalb, voller Verzweiflung, mit Thraͤnen in den Augen, bei jenen beiden wackeren Moͤnchen an, welche noch immer in der Leitung des Hos⸗ pitals fortfuhren; da verpflichtete ſich Pater Michele der juͤngere, binnen vier Tagen ſaͤmmtliche Leichname zur Stadt hinausgeſchafft zu haben; acht Tage aber ſeyen hin⸗ reichend, nicht bloß fuͤr das gegenwaͤrtige Beduͤrfniß zu ſorgen, ſondern auch der ſchwaͤrzeſten Ausſicht in die Zu⸗ kunft zu begegnen. Mit einem Moͤnche und einigen Be⸗ amten, welche der Vorſitzer ihm dazu bewilligte, ging der Pater zur Stadt hinaus, und ſuchte Bauern auf; theils durch das Anſehen des Ausſchuſſes, theils durch ſein Or⸗ denskleid und ſeine Redekunſt brachte er wirklich an zwei⸗ hundert zuſammen, und vertheilte ſie an drei verſchiedene Orte, um Gruben zu hoͤhlen; dann ſchickte er vom Kran- kenhauſe aus Monatti, um die Todten zu ſammeln, und zeigte am verſprochenen Tage ſeine Verheißung erfuͤllt. Einmal ſtand das Hospital ohne Aerzte da; nur durch reiche Anerbietungen an Bezahlungen und Ehren konnte man dieſem Mangel mit Muͤhe wieder abhelfen. Oft ge⸗ brach es auch an Lebensmitteln ganz und gar, und Ver⸗ ſchiedene kamen vor Hunger um; mehr als einmal, waͤh⸗ rend man jeden Weg verſuchte, um Eßwaaren oder Geld anzuſchaffen, und kaum damit zu Stande zu kommen hoffte, langten zur rechten Zeit Vorraͤthe in Ueberfluß an, von der Barmherzigkeit einzelner Leute unerwartet hingeſchickt. Denn mitten in der allgemeinen Starrſucht, in der em⸗ pfindungsloſen Gleichguͤltigkeit gegen Andre, welche durch die beſtaͤndige Furcht fuͤr ſich ſelbſt an der Tagesordnung — 170— war, gab es immer noch menſchenfreundliche Gemuͤther, gab es Manchen, in welchem bei dem Aufhoͤren jeder irdi⸗ ſchen Froͤhlichkeit das Mitleid ſich einſtellte, und waͤhrend Viele, denen Aufſicht und Vorſorge uͤbertragen waren, flohen oder erlagen, hielten Einige bei unangefochtenem Koͤrper aus, und verwalteten muthig ihr Amt; endlich fanden ſich auch Menſchen, die, von der Froͤmmigkeit be⸗ geiſtert, Geſchaͤfte, zu denen kein Aufruf ſie gefordert, furchtlos uͤbernahmen und verwalteten.. Wo jedoch eine mehr allgemeine und bereitwillige Treue bei den ſchwierigen Pflichten der Zeit glaͤnzte, das war unter der Geiſtlichkeit. Im Hospital, in der Stadt ward ihr Beiſtand keinerzeit vermißt; wo es Leidende gab⸗ waren ſie; immer ſah man ſie unter den verſchmachten⸗ den, mit dem Tode ringenden Ungluͤcklichen, waͤhrend ſie ſelbſt oft zu verſchmachten fuͤrchteten, oder mit dem Tode rangen. Mit geiſtlicher und weltlicher Hüͤlfe waren ſie, nach Vermoͤgen, freigebig; jeden Dienſt, welchen die Um⸗ ſtaͤnde erforderten, leiſteten dieſe trefflichen Diener der Kirche. Mehr als ſechszig Pfarrer, bloß in Mailand, ſtarben an der Anſteckung, ungefaͤhr von neun immer acht. Borromeo gab Allen, wie es ſich von ihm erwarten ließ, Sporn und Beiſpiel. Nachdem faſt ſeine ganze erz⸗ biſchoͤfliche Dienerſchaft um ihn her geſtorben, forderten ihn Freunde, Magiſtratsperſonen, ſelbſt benachbarte Fuͤrſten auf, ſich nach einem einſamen Landgute vor der Gefahr zu fluͤchten; er aber wieß Rath und Zudringlichkeit zu⸗ ruͤck, und entfaltete die Beherztheit, mit welcher er den Pfarrern ſchrieb:„Seyd bereit, lieber dieſes ſterbliche Da⸗ ſeyn, als unſre Familie, unſre Kinder zu verlaſſen; gehet der Peſt, wie einem Leben, wie einer Belohnung, wenn Ihr eine Seele fuͤr Chriſtus gewinnen koͤnnt, mit Liebe entgegen”“.— Dabei vernachlaͤſſigte er keine Vorſicht, ſo⸗ bald ſie an ſeiner Pflichterfuͤllung ihn nicht hinderte, wie er hierin auch den Geiſtlichen Vorſchriften und Anweiſungen gab. Doch kuͤmmerte er ſich um keine Gefahr, und ſchien ſie nicht zu bemerken, wenn der Weg zum Wohlthun durch ſie hindurch fuͤhrte. Waͤhrend er aber neben den Prieſtern ſtand, um ihren Eifer zu loben und zu leiten, einen Saumſeligen zu ſpornen, und die Hinſinkenden durch andere zu erſetzen, wollte er auch, daß der Zugang zu ihm Jedem, der ſeiner beduͤrfte, offen ſtaͤnde. Er beſuchte die Krankenhaͤuſer, die Leidenden troͤſtend, und die Pfleger ermuthigend; er wanderte durch die Stadt, brachte den armen Abgeſonderten in ihren Haͤuſern Huͤlfe, und ſtand an den Thuͤren oder unter den Fenſtern ſtill, um ihre Klagen zu hoͤren, und ihnen dafuͤr Worte der Troͤſtung oder der Muthbeſeelung zuzurufen. Kurz er lebte und verkehrte mitten in der Peſt, ſelbſt am Ende verwundert, daß er unverletzt davon gekommen. So bemerkt man im allgemeinen Elende, in langen Unterbrechungen der gewoͤhnlichen Ordnung, immer ein Hoͤherſteigen, ein Aufbluͤhen der Tugend; leider erhebt ſich ihr zur Seite auch die Schlechtigkeit nur all zu oft. Hier war dieß in hohem Maaße der Fall. Die Schurken, welche die Peſt verſchonte oder nicht niederbeugte, fanden in der allgemeinen Verwirrung, im Stillſtande aller oͤffentlichen Gewalt, eine neue Gelegenheit zur Thaͤtigkeit, und ſahen ſich vor Strafe geſichert. Ja der Gebrauch der oöffentlichen Gewalt ſelbſt befand ſich großen Theils — 172— in den Haͤnden der Verworfenſten unter ihnen. Zum Amte eines Monatto oder Apparitore verwandte man meiſtens nur Menſchen, uͤber welche der Reiz des Raubes und der Schrankenloſigkeit mehr als der Schrecken vor Anſtek⸗ kung, als Entſetzen und Ekel vermochte. Freilich hatte man ihnen die genaueſten Vorſchriften gegeben, die ſchaͤrf⸗ ſten Strafen vor Augen geſtellt, ihre Wirkungskreiſe be⸗ zeichnet, und Kommiſſare zu ihren Vorgeſetzten angeordnet; uͤber Dieſe wie Jene wachten auserleſene Obrigkeiten und Edelleute in jedem Stadtviertel, ermaͤchtigt, fuͤr jedes Ereigniß im Ganzen Anſtalten zu treffen. Eine ſolche Einrichtung hatte aber ihren wirkſamen Fortgang bis zu einer gewiſſen Zeit nur; denn mit dem Steigen der To⸗ desfaͤlle und der Zerſtreuung, als die Ueberlebenden eine ſtarre Beſtuͤrzung ergriffen hatte, waren iene aller Ober⸗ aufſicht wie entbunden, und hauptſaͤchlich waren es die Monatti, die nach zuͤgelloſer Willkuͤhr ſchalteten. Sie traten zu ihren ehemaligen Herren oder zu ihren Feinden in die Haͤuſer, ließen kein Wort von einer Brandſchatzung hoͤren, legten aber ihre frevelhaften angeſteckten Haͤnde, durch welche ſo viele Opfer des Elends wandern mußten, an den Koͤrper der Geſunden, an Kinder und Verwandte, an Weiber und Ehemaͤnner, und drohten, wenn ſie mit Geld ſich nicht loskauften, ſie nach dem Hospital zu ſchleppen. Bisweilen hatten ſie auch ihre Dienſtleiſtungen feil, und wollten die ſchon faulenden Leichname nicht anders fortſchaffen, als wenn ihnen eine gewiſſe Anzahl Seudi gezahlt wuͤrde. Man glaubte— bei der Leichtglaͤubigkeit des einen und der Bosheit des andern Theils iſt hier glauben und nicht glauben gleich unſicher— man glaubte, — 173— und Tadino beſtaͤtigt es, daß Monatti und Apparitori mit Fleiß von ihren Karren angeſteckte Kleider fallen ließen, und dadurch die Peſt, die bereits ein Einkommen, ein Reich, ein Feſt fuͤr ſie geworden, zu erweitern und zu unterhalten ſuchten. Verſchiedene Verruchte gaben ſich fuͤr Apparitori aus, trugen Schellen an die Fuͤße gebun⸗ den, wie es dieſen vorgeſchrieben war, drangen in die Haͤuſer, und erlaubten ſich daſelbſt jede wilkuͤhrliche Handlung. In einige, die offen und menſchenleer daſtan⸗ den, oder nur von einem Lechzenden, einem Verſcheiden⸗ den bewohnt wurden, ſchlichen ſich ungehindert Diebe, und machten Beute; andre wurden von Haͤſchern uͤber⸗ fallen, welche Raͤubereien und Ausſchweifungen aller Art darin veruͤbten. Mit der Frevelhaftigkeit hielt der Wahnſinn gleichen Schritt. Jeder bereits mehr oder weniger herrſchende Irrthum erhielt durch die Unruhe oder die Stumpfſinnig⸗ keit der Geiſter eine ungeheure Gewalt, und fand eine ausgedehntere, ungeſtuͤmere Anwendung. Zur Vergroͤße⸗ rung und Verſtaͤrkung all ſolcher Irrthuͤmer diente der beſondere Wahnſinn, welcher den Gedanken an Giftmi⸗ ſcherei feſthielt, und in ſeinen Wirkungen und Ausbruͤchen oft zur zweiten Frevelwuth wurde. Das Bild dieſer an⸗ genommenen Gefahr umklammerte und marterte die Ge⸗ muͤther heftiger als die wirkliche und gegenwaͤrtige.„Und waͤhrend die Leichname“, ſagt Ripamonti„einzeln oder in Haufen, uͤberall vor den Augen oder den Fuͤßen der Voruͤbergehenden, die ganze Stadt zu einem einzigen Got⸗ tesacker machten, lag ein weit traurigerer Umſtand noch, eine groͤßere allgemeine Abſcheulichkeit in dem wechſelſei⸗ — 174— tigen Grimm, in der Zuͤgelloſigkeit, in dem ungethuͤmli⸗ chen Argwohn. Man ſcheute ſich nicht bloß vor dem Nachbar, dem Freunde, dem Gaſte; auch die Benennun⸗ gen Mann und Weib, Vater und Sohn, Bruder und Bruder, dieſe Bande des menſchlichen Mitgefuͤhls, floͤßten Schrecken ein; den haͤuslichen Tiſch— kaum wagt es die Feder nieder zu ſchreiben— das eheliche Bette fuͤrchtete man, wie einen Hinterhalt, wie einen Schlupfwinkel der Giftmiſcherſucht!“ Der ungeheuerliche Wahn, die Seltſamkeit der einge⸗ bildeten Umtriebe, verirrten jede Urtheilskraft, ſtuͤrzten alle Verhältniſſe des wechſelſeitigen Vertrauens um. Au⸗ ßer dem Uebermuth und der Luͤſternheit, welche man an⸗ fangs fuͤr den Beweggrund der Giftmiſcherei gehalten, traͤumte man und ſprach am Ende glaubenvoll von einer teufliſchen Wolluſt, welche die Vergifter beherrſchen, und ihren Willen unwiderſtehlich leiten ſollte. Die Fieberreden der Kranken, die ſich ſelbſt des Frevels beſchuldigten, ſo ſte von Andern gefuͤrchtet, galten fuͤr Offenbarungen, und Jedes von Jedem gtaubbar. Schlagender noch als Worte wirkten handelnde Aeußerungen, wenn irre Peſtkranke bisweilen die nehmlichen Bewegungen machten, welche ſie an den Giftmiſchern ſich eingebildet hatten. Auf aͤhn⸗ liche Weiſe hatte waͤhrend der langen traurigen Zeit, da man uͤber die Zauberer gerichtliche Unterſuchungen an⸗ ſtellte, manches nicht immer erquaͤlte Geſtaͤndniß der Be⸗ ſchuldigten gar ſehr dazu beigetragen, die Meinung, wel⸗ che daruͤber im Schwange war, zu unterhalten; denn hat einmal ein Wahn weit um ſich gegriffen, ſo druͤckt er ſich auf alle Weiſe aus, verſucht jeden Weg, und wan⸗ dert durch alle Stufen der Ueberzeugung; ſoll ſolch ein Glaube ſich lange halten, ſo muͤſſen Prediger auftreten, die ihm durch ihre Trugworte immer wieder neues Leben ertheilen. Unter den Geſchichten, welche dieſer Giftmiſcherwahn hervorbrachte, verdient eine erwaͤhnt zu werden, ſowohl weil ſie ſchier allgemeinen Glauben fand, als auch weil ſie ſich nach allen Seiten hin verkuͤndigte. Man erzaͤhlte, obſchon nicht Alle auf dieſelbe Weiſe— denn das waͤr' ein zu ſeltſames Vorrecht der Fabeln— ein Buͤrger habe an einem gewiſſen Tage auf dem Domplatze eine Kutſche mit ſechs Pferden ſtillhalten geſehen, und drinnen ſaß, bei zahlreicher Dienſtbegleitung, ein vornehmer Herr von ho⸗ hem Anſehen, aber dunkelfarbig und wie von der Sonne verbrannt, die Augen entflammt, die Hagre ſtaar empor⸗ ſtehend, die Lippen grimmvoll verzogen. Der Buͤrger ward eingeladen, in die Kutſche zu ſteigen, und that es; nach kurzem Umherfahren hielt man, und ſtieg vor der Thuͤre eines Pallaſtes aus, wo er, mit den uͤbrigen hin⸗ eingetreten, anmuthige Dinge und ſchreckliche Gegenſtaͤnde, Wuͤſteneien und Luſtgaͤrten, Hoͤhlen und Saͤle, und in dieſen viele Geſpenſter, zu Rathe ſitzend, erblickte. End⸗ lich zeigte man ihm große Geldkiſten, und ſagte, er koͤnne nach Belieben davon nehmen, wenn er zugleich ein Sal⸗ bengefaͤß uͤbernaͤhme, und damit, die Haͤuſer beſtreichend, durch die Stadt, wandern wolle.— Dieſe Geſchichte, vom hieſigen Volke ohne Ausnahme geglaubt, und von vielen Kluͤgeren nicht gaͤnzlich verlacht, lief durch ganz Italien, und drang ſelbſt uͤber die Alpen; in Deutſchland ſtellte man ſie durch einen Kupferſtich dar; der Churfuͤrſt — 476— von Mainz fragte brieflich bei Borromeo an, was man von den Wundern, die ſich zu Mailand zugetragen haben ſollen, glauben muͤſſe, und erhielt zur Antwort, daß es leere Traͤume waͤren. 3 Von gleichem Werthe, wenn auch nicht durchaus von derſelben Beſchaffenheit, waren die Traͤume der Gelehrtenz ihre Wirkungen gleich unheilbringend. Viele von ihnen ſahen die Verkuͤndigung und zugleich die Urſache des Elends in einem Kometen, der im Jahre 1628 erſchienen, desgleichen in einer Konjunktion des Saturns mit dem Jupiter. Mortales parat morbos, ſagt Tadino von ihr, miranda videntur.— Dieſe Verkuͤndigung, nachher, wir wiſſen nicht von wem oder wann, geſchmiedet, lief uͤberall umher, und kaum wagte ein Mund, ſie laut auszuſprechen. Ein zweiter Komet, welcher im Juny des Peſtjahres ſelbſt ſich ſehen ließ galt fuͤr eine neue Erinnerung, auch wohl fuͤr einen offenbaren Beweis der Giftſalbereien. Man fiſchte in den Buͤchern umher, und fand in ihnen zu gan⸗ zen Dutzenden„betriebene Peſten“, wie man es nannte; da mußte Livius herhalten, Tacitus, Dio, ſelbſt Homer und Ovid, jeder alte Schriftſteller, der aͤhnliche Dinge erzaͤhlt oder beruͤhrt; neuere fanden ſich in weit groͤßerer Zahl noch. Es wurden hundert andere Schriftſteller zitirt, welche von Vergiftungen und Herenkuͤnſten, von Salben und Pulvern ſyſtematiſch gehandelt, oder zufaͤllig geſpro⸗ chen; Ceſalpino, Cardan, Grevino, Salio, Pareo, Schen⸗ chio, Jachia, und um die Reiſe wuͤrdig zu ſchließen, der unſelige Delrio, der einer der Beruͤhmteſten heißen muͤßte, wenn der Ruf der Schriftſteller mit dem Guten oder Boͤſen, ſo ihre Werke hervorgebracht, im Verhaͤltniß — 177— ſtaͤnde; jener Delrio, deſſen naͤchtlicher Fleiß einer groͤße⸗ ren Zahl von Menſchen, als die Unternehmungen eines Eroberers, das Leben gekoſtet; deſſen„magiſche Unterſu⸗ chungen“, die Eſſenz aller Thorheiten, welche die Menſchen bis zu ſeiner Zeit in dieſem Fache gefaſelt, mehr als ein Jahrhundert hindurch das entſcheidende, unwiderlegliche Buch, der Leitfaden und der maͤchtige Sporn fuͤr die ge⸗ ſetzlichen Henkereien geworden, die ununterbrochen fort⸗ wuͤtheten. Von den Erfindungen des rohen Haufens uͤbernah⸗ men die Gebildeten, was ſich ihren Begriffen anmodeln ließ, von den Erfindungen der Gebildeten uͤbernahm das rohe Volk, was es und wie es daſſelbe verſtand; aus dem Ganzen bildete ſich endlich eine ordnunsloſe, hoch aufge⸗ thuͤrmte Maſſe des allgemeinen Unſinnes. Verwunderter aber noch finden wir, daß die Aerzte, welche vom Anfang an die Peſt geglaubt, daß Tadino ſelbſt, der ſie vorher gemeldet, eintreten geſehen, in ihren Fortſchritten beobachtet, der ihr Weſen laut predigend und ihr Wachsthum durch Anſteckung beweiſend, mit all⸗ gemeinem Untergang drohte, wofern man ihr nicht Daͤmme ſetzen wuͤrde, daß ſolch ein Mann in dieſen Wir⸗ kungen ſelbſt hernach den ſicheren Beweis fuͤr boshafte Giftmiſchereien finden wollte; an jenem Carlo Colonna, dem Lautenſchlaͤger, der als der zweite zu Mailand an der Peſt geſtorben, hatte er den Wahnſinn als ein bezeichnen⸗ des Symptom des Uebels wahrgenommen, und ſtellt ihn nachher als einen Behauptungsgrund auf, da er von Sal⸗ benbereitung und teufliſcher Verſchwoͤrung ſpricht; ein Tadino erzaͤhlt, wie zwei Zeugen von ihrem kranken III. 2. 12 — 178— Freunde verſichern gehoͤrt, es ſeyen einmal in der Racht Leute in ſein Zimmer gekommen, und haͤtten ihm Ge⸗ ſundheit und Geld angeboten, wenn er die Haͤuſer der umgegend beſtreichen wollte, da er ſich aber wiederhohlt geweigert, ſeyen ſie fortgelaufen, und an ihrer Stelle unter dem Bett ein Wolf, auf demſelben drei haͤßliche Katzen zuruͤck geblieben,„die erſt mit Tagesanbruch ſich entfernten“;— das erzaͤhlt ein Dadinol— Haͤtte ein Einzelner ſolche Dinge zuſammen gefabelt, ſo ließe ſich ſeine Unbildung, ſein beſonderer Schiefblick beſchuldigen, und jede Erwaͤhnung waͤre uͤberfluͤſſig; da aber Viele ſo verfuhren, gehoͤrt es zur Geſchichte des menſchlichen Gei⸗ ſtes; man ſieht, wie eine geordnete, vernuͤnftige Ideen⸗ reihe durch eine andere, welche dazwiſchen faͤhrt, außer Faſſung gebracht werden kann. Deſſen ungeachtet war Tadino einer der beruͤhmteſten Maͤnner ſeiner Zeit. Zwei Schriftſteller von Bedeutung und Verdienſt⸗ Muratori und Verri, erklaͤren, daß Kardinal Borromeo die Giftmiſcherei bezweifelt habe. Gern moͤchten wir das ſchoͤne liebenswuͤrdige Andenken des Mannes mit einem neuen Lobe ſchmuͤcken, und den trefflichen Kirchenhort auch hier, wie in ſo vielen anderen Dingen, aus der Zahl ſeiner Zeitgenoſſen hervorſchimmern laſſen; ſtatt deſſen muͤſſen wir an ihm die Uebermacht einer durch⸗ gaͤngigen Meinung erkennen, welche ſelbſt die edelſten Geiſter auf Irrwege geleitet. Anfangs zweifelte er, wie aus Nipamonti's Aeußerungen erhellt, in der That, und hielt auch nachher immer dafuͤr, daß bei dieſer Meinung Leichtglaͤubigkeit, Unwiſſenheit und Furcht ihre Rolle ſpie⸗ len; daß man die Fahrlaͤſſigkeit in den Vorkehrungen da⸗ ——— -——= — 179— mit zu entſchuldigen trachte, und viel dabei uͤbertreibe⸗ daß aber doch auch Etwas daran wahr ſey. Man bewahrt in der Ambroſtaniſchen Bibliothek ein kleines Werk uͤber dieſe Peſt, von ſeiner Hand aufgeſetzt; unter vielen Stel⸗ len darin, welche ſeine angegebene Geſinnung ausdruͤcken, lautet eine folgendermaßen:„Ueber die Art, ſolche Sal⸗ ben anzufertigen und zu verbreiten, wird viel und ver⸗ ſchieden geſprochen; Manches halten wir fuͤr wahr, An⸗ deres ſcheint uns in der That bloßes Werk der Einbil⸗ dungskraft. Es gab jedoch auch Maͤnner, welche die ganze Lei⸗ denszeit hindurch, und auch nachher immer, ſaͤmmtliche Sagen fuͤr Hirngeſpinſte angeſehen; Keiner aber war kuͤhn genug, mit einer Geſinnung, die der allgemeinen durch⸗ aus widerſprach, vor aller Welt Augen aufzutreten. Wir wiſſen es durch manchen Schriftſteller, der dieſe helleren Koͤpfe verſpottet, tadelt und widerlegt, indem er ein Vor⸗ urtheil, einen Irrthum einiger Wenigen darin erkannte, von welchem man nicht geglaubt, daß er oͤffentlich zur Sprache kommen wuͤrde.„Ich habe kluge Leute in Mai⸗ land gefunden,“ ſagt Muratori,„welche von ihren Vor⸗ fahren die Sage erhalten hatten, und ſich nicht ganz uͤber⸗ zeugen konnten, daß die Geſchichte von den giftigen Sal⸗ ben wahr ſey“.— Man ſieht, wie die Wahrheit heimlich ſich luͤftete, und im haͤuslichen Vertrauen ſich mittheilte; der rechte Sinn war wohl vorhanden, aber vor der oͤffent⸗ lichen Meinung hielt er ſich verborgen. Die Obrigkeit, an Zahl taͤglich abnehmend, bei jedem Schritte gehindert und in Verwirrung geſetzt, wandte die wenige Wachſamkeit, den geringen Nachdruck, deſſen ſie — 180— faͤhig war, einzig und allein zur Aufſuchung der Gift⸗ miſcher an. Und nur allzuviele glaubte ſie gefunden zu haben. Das gerichtliche Verfahren, welches darauf ſtatt hatte, war gewißlich nicht das erſte dieſer Art, und laͤßt ſich in der Geſchichte der Rechtswiſſenſchaft keinesweges als eine Seltenheit betrachten. Wie Viele wurden, das Alterthum unerwaͤhnt gelaſſen, in Zeiten, ſo uns naͤher liegen, zu furchtbaren Strafen verdammt? Dieſe Mallaͤndiſche Gift⸗ geſchichte aber machte das groͤßte Aufſehen; von keiner andern ward in ſo weiter Ferne geſprochen, keine hat ſo lange die Zunge der Menſchen beſchaͤftigt, und ſo iſt ſie unter allen vielleicht die bemerkenswertheſte; auch ſind uns von ihr die zahlreichſten und umſtaͤndlichſten Nach⸗ richten geblieben Verri lieferte nicht ſowohl eine Dar⸗ ſtellung derſelben, als er in ihr einen Beleg fuͤr ſeine Meinungen bei einem Gegenſtande, der wuͤrdiger und wichtiger als der unſrige, ſuchte; daher erachteten wir ſie einer neuen Bearbeitung werth. Doch laͤßt ſich das Er⸗ eigniß mit ſo wenigen Worten nicht abfertigen; mit der Ausfuͤhrlichkeit aber, die es verlangt, davon zu handeln, wuͤrde uns hier all zu weit fuͤhren. Auch hat der Leſer zu lange ſchon bei der Schilderung des Elends verweilen muͤſſen, und wuͤrde ſich am Ende um die ferneren Bege⸗ benheiten unſerer Erzaͤhlung wenig mehr kuͤmmern. In⸗ dem wir alſo fuͤr eine andere Schrift den abgebrochenen Gegenſtand aufbewahren, wenden wir uns an unſre Per⸗ ſonen, um ſie von nun an, bis zum Leßten ſelbſt, nicht mehr zu verlaſſen. —x— — — 181— Achtes Kapitel. Gegen das Ende des Auguſts, gerade als die Peſt ihre furchtbarſte Erndte hielt, kehrte in Mailand Don Rodrigo nach ſeinem Hauſe zuruͤck. Ihn begleitete der treue Graue, Einer von den Dreien oder Vieren, welche unter der gan⸗ zen Dienerſchaft am Leben geblieben. Er kam aus einer Geſellſchaft von Freunden, die ſich gewoͤhnlich zu ſchwel⸗ geriſchem Schmauſe verſammelten, um durch die finſtere Betruͤbniß der Zeit hindurch zu gleiten; jedesmal ſtellten ſich neue Freunde ein, jedesmal vermißte man alte. Dieſen Abend war er einer der froͤhlichſten geweſen, und hatte un⸗ ter Anderm durch eine Art von lobpreiſender Leichenrede auf den Grafen Attilio, welcher zwei Tage vorher von der Peſt mitgenommen worden, die Verſammlung weidlich la⸗ chen gemacht. Indem er aber vorwaͤrts ſchritt, empfand er ein un⸗ freundliches Mißbehagen, eine Niedergeſchlagenheit, eine Schwaͤche in den Beinen, eine Beſchwerde bei dem Athem⸗ holen, eine innere Hitze, die er gern ganz und gar auf Rechnung des Weines, der durchwachten Nacht oder der Jahreszeit ſetzen wollte. Er ſprach den ganzen Weg ent⸗ lang nicht ein einziges Wort; erſt als ſie nach Hauſe ge⸗ kommen, gab er einen Laut von ſich, indem er dem Grauen befahl, daß er ihm im Zimmer Licht anzuͤnde. Nach⸗ dem dieſes geſchehen, betr rachtete der Bravo das Geſicht ſeines Herrn; es war verzerrt, entflammt, die Augen her⸗ vorgetreten und glaͤnzend. Und ſo hielt er ſich fern; denn in ſolchen Tagen hatte der gemeinſte Knecht ſich bereits das Auge eines Arztes angeſchafft. — 182— „Ich bin geſund, geh!“ ſagte Don Rodrigo, da er in der Geberde des Grauen den Gedanken las, welcher ihm durch den Kopf flog.„Ich bin ganz geſund; ich hab“ aber getrunken, hab' vielleicht ein wenig zu viel getrunken. S war ſo'n weißer, ſuͤßer Wein! Mit einem tuͤchtigen Schlaf iſt Alles abgemacht. Er liegt mir in den Gliedern. Bring' mir das Licht aus den Augen, es blendet mich, ich kann's nicht leiden!“ „Das ſind die Streiche des ſuͤßen Weins!“ ſagte der Graue, waͤhrend er ſich deſſenungeachtet immer außer dem Schuß hielt. Legen Sie ſich aber raſch nieder; Bett und Schlaf werden Ihnen gut thun.“ „Haſt Recht; wenn ich ſchlafen kann. Uebrigens... bin ich wohl. Stell' auf alle Faͤlle die Klingel auf den Tiſch; es kann doch ſeyn, daß ich die Nacht was noͤthig habe, und ſey bei der Hand, verſtehſt du mich? ſobald du ſchellen hoͤrſt. Ich werde aber nichts noͤthig haben. Schaff' mir den Augenblick das verdammte Licht fort!“ rief er, waͤhrend der Bravo ſeinem Gebote Gehorſam leiſtete, und ſo wenig als moͤglich in ſeine Naͤhe kam.“ Weiß der Teu⸗ fel, warum's mir ſo zuwider iſt!“ Der Graue nahm das Licht, wuͤnſchte ſeinem Herrn gute Nacht, und ging, waͤhrend dieſer ſich die Kiſſen un⸗ ter dem Kopf ordnete, eilig hinaus. Aber das Kiſſen duͤnkte ihn ein Gebirge. Er warf es weg, und kruͤmmte ſich zuſammen, um einzuſchlafen; denn er kam vor Schlafſucht faſt um.— Kaum aber hatte er die Augen geſchloſſen, ſo wachte er ungeſtuͤm auf, als wenn ein Menſch in heftigem Aerger ihn geſchuͤttelt haͤtte; er fuͤhlte die Hitze ſteigen, die innere Unruhe vermehrte ſich. Mit dem Gedanken an den Auguſt, an den ſuͤßen Wein, an den wild durchſtuͤrmten Abend warf er ſich um⸗ her, es war ſein Wunſch, alle Schuld ihnen allein geben zu koͤnnen; immer aber ſtellte ſich von ſelbſt der Gedanke dabei ein, welcher damals ſich jedem andern geſellte, durch alle Sinne gleichſam Eingang fand, und in alle Geſpraͤche der Schlemmergeſellſchaft ſich gemiſcht hatte, daß es im⸗ mer noch leichter war, ihn von der luſtigen Seite zu neh⸗ men, als ihn abzubrechen oder auszuſchließen, die Peſt nehmlich. Nach langem Kampfe ſchlief er endlich ein; den Schlaf bevoͤlkerten die ſchwaͤrzeſten, verwirrteſten Traͤume. Von einem zum andern ſchien er ſich in einer großen Kirche zu befinden, vorwaͤrts und immer vorwaͤrts getrie⸗ ben, mitten im Gedraͤnge des Volkes; er war in dem Ge⸗ baͤude, und wußte nicht, was ihn hinein gezogen, wie ihm⸗ zumal bei ſolcher Zeit, der Gedanke angekommen, und dar⸗ aͤber marterte er ſich im eigenen Geiſte ab. Er blickte auf die Umherſtehenden; nichts als verbleichte Geſichter, wie aus den Graͤbern hervorgeſchluͤpft, mit ſtarren blind⸗ ſchauenden Augen und hangenden Lippen; lauter Leute mit Kleidern, die in Fetzen auseinander ſielen, und durch die Riſſe blickten Flecke und Peſtbeulen.„Fort, Geſindel!“ ſchien er ſich zu ſchreien. Dabei blickte er nach der fernen, fernen Pforte, und begleitete das Geſchrei mit einer dro⸗ henden Miene, ohne jedoch eine Bewegung zu machen, und gleichſam ſich zuſammenziehend, um dieſe ſcheußlichen Koͤr⸗ per, die von allen Seiten ihm nur zu nahe waren, nicht zu beruͤhren. Aber keiner dieſer Unholde ſchien ſich zu be⸗ wegen, noch weniger ihn verſtanden zu haben; ſie draͤngten 3— 14— ſich nur noch dichter an ihn, und vorzuͤglich war's, als wenn Einer unter ihnen, mit den Ellenbogen oder irgend einem Werkzeuge ihn gegen die linke Seite, zwiſchen Herz und Achſel, wo er einen ſtechenden, niederziehenden Schmerz empfand, unablaͤſſig druͤckte. Und drehte er ſich, um dieſer Beſchwerde zu entgehen, ſo ſtellte ſich augenblicklich ein Andrer ein, um ihn eben ſo zu quaͤlen. Wuͤthend wollte er die Hand an's Schwerdt legen; da bemerkte er eben, daß es ihm im Gedraͤnge ſich heraufgeſchoben und der Griff es war, der ihn ſo ſchmerzhaft gedruͤckt. Aber da er mit der Hand danach fuhr, fand er kein Schwerdt, und zugleich fuͤhlte er einen heftigeren Anfall des Schmer⸗ zes. Er zuckte, keuchte und wollte noch lauter ſchreien; da wandten ſich alle dieſe Geſichter nach einer Seite hin. Er machte dieſelbe Wendung, ward eine Kanzel gewahr, und ſah aus ihrem Hintergrunde ein gewoͤlbtes, glattes, glaͤnzendes Weſen ſich erheben; bald ſtellte ſi ich eine kahle Glatze dar, zwei lebhafte Augen, ein ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht, ein langer weißer Bart, endlich ein aufrechtſtehender Moͤnch, bis zum Guͤrtel ſichtbar— Bruder Criſtoforo war's. Der Moͤnch ließ einen blitzenden Blick durch die ganze Verſammlung wandern, heftete ihn auf ſein Geſicht, erhob die Haͤnde, und nahm genau die Stellung an, in welcher er einſt im Saale ſeines Pallaſtes, die furchtbaren Anfangsworte der Verkuͤndigung auf den Lippen, vor ihm geſtanden. Darauf erhob er wuͤthend die Hand, und nahm einen Anſatz, als wollte er ſich zum Ergreifen jenes ausge⸗ ſtreckten Armes hinan ſchleudern; eine Stimme, die ihm dumpf in der Kehle bruͤllte, brach als ein furchtbares Ge⸗ heul hervor, und ſo erwachte er. Er ließ den Arm, den er — 185— wirklich erhoben hatte, ſinken; er ſtrengte ſich an, um wie⸗ der gaͤnzlich zu ſich ſelbſt zu kommen, und die Augen zu oͤffnen; denn das Licht des Tages, das hell bereits zu den Fenſtern herein drang, war ihm nicht weniger laͤſtig als der Glanz der Kerze; er erkannte ſein Bett, ſein Zimmer; er begriff, daß Alles ein Traum geweſen; die Kirche, das Volk, der Moͤnch, Alles war verſchwunden— nur eins nicht, der Schmerz an der linken Seite. Zugleich empfand er im Herzen einen beſchleunigten, aͤngſtlichen Schlag, in den Ohren ein ſummendes Geraͤuſch, ein inneres Feuer, eine Schwere in allen Gliedern, ſchlimmer als da er zu Bette gegangen. Er zauderte einige Sekunden, ehe er nach der ſchmerzenden Stelle ſah; endlich entdeckte er ſie deut⸗ licher mit den Fingern, blickte hin und ſchauderte— er ward eine Beule von mißfarbigem Violet gewahr. Er ſah ſich verloren. Der Schrecken des Todes ergriff ihn, und vielleicht noch gewaltſamer der Schrecken, die Beute der Monatti zu werden, fortgeſchleppt und in's Krankenhaus hineingeworfen zu werden. Waͤhrend er uͤber die Mittel nachdachte, dieſes entſetzliche Loos zu vermei⸗ den, empfand er, wie ſeine Gedanken ſich verwirrten und daͤmmernd zu erloͤſchen ſchienen, wie der Augenblick heran⸗ ruͤckte, welcher ihm nur ſo viel Gewiſſen ließ, als zur Verzweiflung hinreichte. Er faßte die Klingel, und ruͤt⸗ telte ſie gewaltſam. Der Graue hatte fertig dageſtanden, und erſchien. Er blieb in einer gewiſſen Entfernung vom Bette ſtehen, betrachtete den Herrn aufmerkſam, und fand ſeine Vermuthung vom vorigen Abend beſtaͤtigt. „Grauer,“ ſagte Don Rodrigo, und brachte ſich mit — 186— Anſtrengung zum Sitzen,„du diſt jederzeit mein Getreuer geweſen.“ „Ja wohl, Herr!“ „Ich hab' dir immer Gutes gethan!“ „Ihre Gnade war groß.“ „Auf dich kann ich mich verlaſſen.“ „Teufel, das will ich meinen!“ „Es ſteht ſchlimm mit mir, Grauer.“ „Ich hatt' es gemerkt.“ „Wenn ich davon komme, ſo ſollſt du es noch weit beſſer haben, als du es jemals bei mir gehabt haſt.“ Der Graue antwortete nichts, und ſtand in Erwar⸗ tung da, wohin dieſe Vorrede leiten wuͤrde. „Ich will mich keinem Andern als dir anvertrauen,“ nahm Don Rodrigo das Wort,„thu mir einen Gefallen, Grauer!“ „Befehlen Sie,“ ſagte dieſer, mit der gewoͤhnlichen. Redensart auf jene ungewoͤhnliche antwortend. „Weißt du, wo der Wundarzt Chiodo wohnt?“ „Sehr wohl.“ „S iſt ein wackerer Mann,“ ſprach Don Rodrigo; „wenn man ihn gut bezahlt, macht er aus den Kranken ein Geheimniß. Such' ihn auf. Sag' ihm, ich will ihm vier, ſechs Seudi fuͤr jeden Beſuch geben, und mehr noch, wenn er's verlangt; er ſoll den Augenblick kommen. Richt' es aber klug ein, damit Niemand was merkt.“ „Gut!“ ſagte der Graue;„ich geh' und bin gleich wieder hier.“ „Hoͤre, Grauer! reich' mir erſt'nen Trunk friſches —— Waſſer. Ich fuͤhl ein breend Feuer, daß ich's nicht laͤn⸗ ger aushalten kann.“ „Nein, Herr!“ antwortete Jener,„nichts ohne die Meinung des Doktors. Das ſind Uebel, die eine ganz beſondere Behandlung verlangen; auch iſt keine Zeit zu verlieren. In einem Nu bin ich mit dem Wundarzt hier.“ So ſprach er, ging hinaus, und ſchlug die Thuͤre hin⸗ ter ſich zu. Zuſammengekauert begleitete ihn Don Rodrigo im Geiſte nach dem Hauſe des Arztes, zaͤhlte ſeine Schritte, und berechnete die Zeit. Hin und wieder wandte er ſich, um nach ſeiner linken Seite zu ſehen; aber mit ſchaudern⸗ dem Widerwillen drehte er ſogleich das Geſicht wieder weg. Nach einiger Zeit fing er an zu horchen, ob der Arzt ſchon kaͤme; die Anſtrengung dieſer Aufmerkſamkeit unterbrach das Gefuͤhl des Leidens ein wenig, und brachte ſeine Ge⸗ danken fuͤr einen Augenblick wieder in's Geleiſe. Ploͤtzlich hoͤrt er eine ferne Glocke; ſie ſcheint ihm aber aus den Zimmern, nicht von der Straße her zu droͤhnen. Er ſpitzt die Ohren noch aufmerkſamer; er hoͤrt es ſtaͤrker, wieder⸗ holter, zugleich aber raſche vielfache Fußtritte, und ein ſchrecklicher Verdacht laͤuft ihm durch den Kopf, laͤßt das Blut in ſeinen gluͤhenden Adern ploͤtzlich zu Eiſe gerin⸗ nen. Er richtet ſich auf, und giebt aͤngſtlicher Acht; er vernimmt ein dumpfes Geraͤuſch im naͤchſten Zimmer, wie wenn eine Laſt behutſam niedergeſetzt wird; da ſchwingt er die Beine aus dem Bette, als wollte er aufſtehen, blickt nach der Thuͤre, und ſieht ſie aufgehen, ſieht zwei zerriſ⸗ ſene, ſchmutzige Rothmaͤntel erſcheinen und ſich naͤhern, zwei abſcheuliche Geſichter, kurz zwei Monatti; zugleich — 188— zeigt ſich zur Haͤlfte das Geſicht des Grauen, der, hinter einem angelehnten Thuͤrfluͤgel verborgen, lauſchend daſteht. „Ah der niedertraͤchtige Verraͤther!— Fort, Lumpen⸗ geſchmeiß! Biondino! Carlotto! Huͤlfe! Ich werde uͤber⸗ fallen!“ ſchreit Don Rodrigo, faͤhrt mit der einen Hand 1 unter das Kopfkiſſen, um ein Piſtol zu ſuchen, ergreift es⸗ und reißt es hervor. Aber auf ſein erſtes Geſchrei ſind die Monatti ſchon nach dem Bette hingeſtuͤrzt, der ſchnel⸗ lere faͤllt uͤber ihn her, bevor er noch etwas Andres begin⸗ nen kann, ringt ihm das Piſtol aus der Hand, ſchleudert es fort, druͤckt ihn nieder und haͤlt ihn mit einem Zeter⸗ gebruͤll von Wuth und Verachtung zugleich am Boden.— „Ah Schurke! Gegen die Monatti! Gegen die Diener des Ausſchuſſes! Gegen die Leute, ſo dies Werk der Barmher⸗ zigkeit verrichten!“ „Halt' ihn feſt, bis wir ihn fortſchaffen,“ ſagte der Gefaͤhrte, und ging nach einem Kaſten hin. In dieſem Augenblick trat der Graue ein, und half ihm das Schloß deſſelben erbrechen. 9 „Niedertraͤchtiger!“ heulte Don Rodrigo, indem er unter den Haͤnden des Monatto, der ihn hielt, hervor⸗ blickte, und aus den nervigen Armen ſich zu reißen ſuchte. „Laßt mich den Hoͤllenſchurken dort kalt machen,“ ſagte er darauf zu den Monatti,„und hernach ſtellet an, was Ihr wollt.“ Dann rief er wieder mit lauter Stimme ſeine andern Diener, aber umſonſt; ehe der Graue ſich zu den Monatti begeben, um ihnen den Vorſchlag zur Thei⸗ lung des Naubes zu machen, hatte der Abſcheuliche alle ſeine Dienſtgefaͤhrten durch erdichtete Befehle des Herrn weit fortgeſchickt.. — — 189— „Sey ruhig, ſey ruhig!“ rief dem Unglucklichen der Jammervogt zu, der ihn feſt an's Bett gedruͤckt hielt. Dann wandte er das Geſicht nach den beiden Beutema⸗ chern, und ſagte:„Ich hoffe, Ihr geht wie ehrliche Leute zu Werk!“ „Du! Du!“ bruͤllte Don Rodrigo, da er den Grauen in voller Geſchaͤftigkeit zerſprengen, Geld und Geraͤthe herausholen und theilen ſah.„Du, nachdem... Teufel aus dem Hoͤllenſchlunde! Ich kann noch wieder davon kommen, wieder geſund werden!“— Der Graue ließ kei⸗ nen Laut hoͤren, und wandte ſich nach der Seite, von welcher dieſe Worte ihm zugerufen wurden, nicht im ge⸗ ringſten hin. „Halt ihn gehoͤrig feſt!“ ſagte der andre Monatto, er iſt toll.“ Der Elende ward es in der That. Nachdem er zum letzten Mal, ſo gewaltſam er vermochte, zu ſchreien und ſich zu wenden verſucht hatte, ſank er ploͤtzlich ohnmaͤchtig und betaͤubt zuſammen. Doch blickte er noch immer, wie bezaubert, mit ſtarren Augen nach dem Grauen, machte hin und wieder eine Bewegung, und ließ hin und wieder ein Gewimmer des Schmerzes hoͤren. Endlich packten ihn die Monatti, der Eine bei'm Fuß, der Andre bei den Schultern, und legten ihn auf eine Bahre, die ſie im naͤch⸗ ſten Zimmer gelaſſen. Dann kam der Eine zuruͤck, und holte die Beute; zuletzt hoben ſie die elende Laſt in die Hoͤhe, und ſchleppten ſie fort. Der Graue blieb, und that eilig zuſammen, was fuͤr ihn am beſten paßte; dann machte er ein Gebinde daraus⸗ und entwiſchte. Er hatte ſich wohl gehuͤtet, die Monatti — 190— zu beruͤhren, oder von ihnen beruͤhrt zu werden; bei dem letzten Zuſammenraffen jedoch hatte er vom Bette die Klei⸗ der des Herrn geriſſen, und ſie, ohne ſich etwas dabei zu denken, geſchuͤttelt, um zu ſehen, ob Geld darin ſteckte. Am andern Tage aber ward er daran erinnert. Er zechte in einer Schenke, fuͤhlte einen ploͤtzlichen Schauder, vor den Augen ſtiegen ihm Wolken auf, ſeine Kraͤfte ſchwan⸗ den, und ſo ſiel er nieder. Von ſeinen Gefaͤhrten verlaſ⸗ ſen, gerieth er in die Haͤnde der Monatti; ſie nahmen ihm ab, was er Brauchbares bei ſich hatte, und warfen ihn auf einen Karren. Auf dieſem hauchte er, bevor er das Kran⸗ kenhaus, wohin ſein Herr gebracht worden, erreicht hatte, ſeine verruchte Seele aus. Wir laſſen aber Don Rodrigo jetzt im Aufenthalte des Elends, und muͤſſen einen Andern aufſuchen, deſſen Ge⸗ ſchichte mit der ſeinigen niemals mehr zuſammen gefloſſen waͤre, wenn er nicht ſelbſt mit unaufhaltſamen Schritten darauf losging; Renzo ſuchen wir auf, welchen wir in der neuen Spinnmuͤhle, unter dem Namen Antonio Ri⸗ volta, verlaſſen haben. Fuͤnf oder ſechs Monate hatte er ſich daſelbſt aufge⸗ halten, als die Feindſchaft zwiſchen dem Freiſtaat und dem Koͤnige von Spanien zur oͤffentlichen Erklaͤrung kam. So⸗ mit durfte er aller Furcht vor ſchlimmen Dienſten und vor Verpflichtungen von venezianiſcher Seite entſagen; Bortolo kam voll Eifer herbei, ihn zu holen, und nahm ihn mit ſich. Denn er liebte ihn von Herzen; auch war Renzo, von Natur verſtaͤndig und im Fache handfertig, in der Fabrik eine große Unterſtuͤtzung fuͤr das Faktotum, wie ſich Bortolo nannte; dabei konnte er dennoch nie daran — 191— denken, ſelbſt das Faktotum zu werden, indem er mit der Feder nicht umzugehen wußte. Dieſer Grund hatte ohne Zweifel auf Bortolo's eifrige Freundſchaft einigen Einfluß, und ſo war's unſre Schuldigkeit, einen Wink daruͤber fal⸗ len zu laſſen. Vielleicht haͤtte dem Leſer ein muſterguͤlti⸗ gerer Bortolo beſſer gemundet; wir wiſſen nicht, was ſich dazu ſagen laͤßt; er mache ſich einen— Dieſer war nun einmal ſo und nicht anders. Renzo hielt nachher immer neben ihm aus, und arbei⸗ tete. Mehr als einmal, beſonders wenn er von Agneſen einen Brief erhalten hatte, kam ihm der Gedanke in den Kopf, Soldat zu werden, und dem Ding' ein Ende zu ma⸗ chen. An Gelegenheit fehlte es nicht; denn gerade waͤh⸗ rend dieſer Zwiſchenzeit mußte die Signoria mehrmals Werbungen anſtellen. Die Verſuchung war fuͤr Renzo um ſo ſtaͤrker, da es hieß, man werde einen Einfall in das Mallaͤndiſche vornehmen; natuͤrlich kam es ihm als eine huͤbſche Sache vor, in Siegergeſtalt die Heimath wieder zu betreten, Lucien zu ſehen, und ſich endlich mit ihr auf den entſcheidenden Fuß zu ſetzen. Indeſſen verſtand ſich Bortolo vortrefflich darauf, ihm ſolch einen Entſchluß bald wieder aus dem Kopf zu reden. „Wenn ſie aufbrechen,“ erklaͤrte er, ſo werden ſie's auch ohne Dich thun, und ſpaͤter kannſt Du, nach Deiner Bequemlichkeit, hinkommen; kehren ſie mit kurzgeſchlage⸗ nen Koͤpfen zuruͤck, iſt's nicht dann beſſer, wenn Du nichts damit zu ſchaffen gehabt? An tollen Kerlen, die ſich auf der Heerſtraße gern herumtreiben, wird's nicht fehlen. uUnd eh ſie den Fuß uͤber die Grenze ſetzen... ich fuͤr mein Theil, ich bin ein unglaͤubiger Ketzer, ſie aber bellen, — 192— und doch iſt der Staat von Mailand wahrhaftig kein Biſſen, der ſich mit einem einzigen Schnapp hinunter ſchlucken laͤßt. Man hat's mit Spanien zu thun, lieber Junge; weißt Du, was das ſagen will, Spanien? San Maroo iſt ſtark in ſeinem eigenen Hauſe; hier aber will's noch ganz was an⸗ ders. Hab Geduld; was geht Dir denn bei mir ab? Ich weiß was Du mir ſagen willſt; aber wenn's dort oben be⸗ ſchloſſen, daß aus der Sache was wird, ſey gewiß, ſo kommt ſie ohne tolle Streiche um ſo beſſer zu Stande. Ir⸗ gend ein Heiliger wird Dir ſchon ſeine Huͤlfe leiſten. Glaub' nur,'s iſt kein Handwerk fuͤr Dich. Meinſt Du denn, es ſey vernuͤnftig, die Seidenſpuhle wegzuwerfen, um ein Mordgewehr in die Hand zu nehmen? Wie willſt Du unter der Race von Kerlen fertig werden? Dazu ge⸗ hoͤrt ein Menſch, der ausdruͤcklich dafuͤr gemacht iſt.”“ Manchmal aber griff Renzo nach dem Entſchluſſe, heimlich, verkleidet und unter falſchem Namen hinzugehen. Auch davon jedoch brachte ihn Bortolo jedesmal zuruͤck, und die Gruͤnde, die er ihm entgegen ſchob, laſſen ſch leicht errathen. Als darauf im Mailaͤndiſchen Herzogthum, und ge⸗ rade, wie wir geſagt, an der bergamaskiſchen Grenze, die Peſt ausgebrochen, waͤhrte es nicht lange, daß man ſie auch hier empfand, und... nein, guter Leſer, erſchrecke nicht⸗ ich haͤnge Dir kein zweites Peſtgemaͤlde vor die Augen! ſollte es Dir aber darum zu thun ſeyn, ſo nimm das Werk des Lorenzo Ghirardelli, der auf oͤffentlichen Be⸗ fehl geſchrieben, zur Hand; das Buch iſt freilich ſelten und unbekannt, indeſſen enthaͤlt es vielleicht mehr, als die beruͤhmteſten Peſtbeſchreibungen zuſammen genommen; von — 1932— ſo vielen Dingen haͤngt der Feierruhm der Büͤcher ab:— Renzo ward gleichfalls von der peſt ergriffen, und ſtellte ſich wieder her, indem er nichts hazu that; er ſah die Lei⸗ chengrube ſchon fuͤr ſich gedffnet, aber ſein jugendlich ruͤ⸗ ſtiger Koͤrper uͤberwand die Gewalt des Uebels; in weni⸗ gen Tagen befand er ſich außer Gefahr. Mit der Ruͤck⸗ kehr des Lebens ſtellten ſich zahlreicher und ſchmerzlicher als je die Sorgen des Lebens wieder ein, die Wuͤnſche, die Hoffnungen, die Erinnerungen, die Plaͤne; inniger als je, heißt das, dachte er an Lucien.— In welchem Zuſtande lebt ſie, wenn ſie noch auf Erden iſt in einer Zeit, wo das Leben eine Ausnahme? Und in ſo geringer Entfernung nichts von ihr erfahren zu koͤnnen! In einer ſolchen Un⸗ gewißheit, Gott weiß wie lange, auszuhalten!— Und als auch dieſe Ungewißheit gehoben, als jede Gefahr ſich entfernt hatte, und er ſeine Lucia am Leben wußte, blieb doch immer der andre Knoten, das dunkle Raͤthſel des Geluͤbdes.—„Ich geh', geh' und verſchaff mir auf ein Mal helles Licht,“ ſagte er ſich, und ſagte es, ehe er noch auf den Fuͤßen wieder ſtehen konnte.„Nur daß ſie am Leben iſt! Nur Leben! Sie finden, das werd' ich; ich will doch endlich einmal von ihr rund heraus hoͤren, was das fuͤr'ne Geſchichte mit dem Verſprechen iſt; ich werd' ihr begreiflich machen, daß es dabei nicht kann ſtehen blei⸗ ben; dann nehm' ich ſie mit mir, ſie und die arme Ag⸗ neſe, wenn die auch noch am Leben. Einziehung? Eh, die am Leben geblieben, haben jetzt ganz andre Dinge im Kopf. 'S gehen itzt hier auch Kerle ſicher herum, denen die Acht fingerdick auf dem Schaͤdel liegt.'S iſt ſchier kein Schutz⸗ brief mehr fuͤr die Schurken vonnoͤthen. Und in Mailand, III. 13 — 194— ſagen ja Alle, geht's noch weit bunter zu. Wenn ich mich um'ne ſo gute Gelegenheit bringen laſe— Die Peſt eine gute Gelegenheit! Wie doch der liebe Naturtrieb, Al⸗ les auf uns ſelbſt zu beziehen und uns Alles zu unterwer⸗ fen, zu ſeltſamer Anwendung der Worte fuͤhrt!— lacht mir keine aͤhnliche wieder zu!"— Hoffen hilft, mein lie⸗ ber Renzo. Kaum konnte er ſich ein wenig von der Stelle ſchlep⸗ pen, ſo ſuchte er ſeinen Vetter auf, welcher bis jetzt in Vermeidung der Peſt gluͤcklich geweſen, und ſich von al- lem Umgang entfernt hielt. Er trat nicht zu ihm ins Haus, ſondern rief ihm von der Straße aus zu, und ließ ihn an's Fenſter treten. „Ah,“ ſagte Bortolo,„biſt durchgeſchwommen! Gut 1 fuͤr Dich!“ 4 5 „Ich ſteh' noch ein Bischen auf ſchlechten Fuͤßen, wie Du ſiehſt; was aber die Gefahr betrifft, hab' ich ſie hin⸗ ter mir.“. „Eh,“ aͤußerte Jener,„ich wollte herzlich gern in deiner Haut ſtecken. Ich bin geſund— damit war ſonſt Alles geſagt; jetzt aber bedeutet's ſo viel wie gar nichts. Wer aber ſo weit gekommen, daß er ſagen kann: S geht beſſer— der fuͤhrt ein ſchoͤnes Wort im Munde.“ Renzo ermuthigte ſeinen Vetter zu den gluͤcklichſten Erwartungen, und theilte ihm dann ſeinen Entſchluß mit. „Jetzt, meinetwegen,“ war Bortolo's Antwort.„Der Herr ſey mit Dir! Such' der Gerechtigkeit, wie ich der Anſteckung, aus dem Weg zu gehen, und wenn's Gott mit uns Beiden gut meint, werden wir uns wiederſehen.“ „/“ ſagte Renzo,„ich komme gewiß zuruͤck, und gehe — 195— der Himmel, daß ich nicht allein zuruͤck komme! Genug, ich hab' Hoffnung.“ „Laß Dich nur immer in Geſellſchaft wieder ſehen; wir arbeiten mit einander, und halten rechtſchaffen zuſam⸗ men. Wo Du mich nur wiederfindeſt, und daß die ver⸗ dammte Anſteckungsgeſchichte erſt zu Ende waͤre!“ „Wir werden uns wiederſehen, Bortolo, muͤſſen uns wiederſehen!!“ „Ich antworte Dir noch einmal: Gott woll' es!“ Nach einigen Tagen ſtellte Renzo eine Uebung mit ſich an, um ſeine wiedergekehrten Kraͤfte zu verſuchen, und kaum glaubte er den Wanderſtab fuͤhren zu koͤnnen, ſo machte er Anſtalten zur Abreiſe. Er guͤrtete ſich unter dem Oberkleide mit einer Geldkatze, darin die funfzig Scudi, die er noch mit keinem Finger beruͤhrt; auch hatte er Niemandem, nicht einmal ſeinem Vetter, etwas daruͤber vertraut. Dann nahm er etwas kleine Muͤnze, ſo er ſich bei ſparſamer Lebensweiſe zuruͤckgelegt; unter den Arm ein Buͤndel mit Kleidungsſtuͤcken, in 9 Taſche ein guͤnſtiges Dienſtzeugniß, unter dem Namen Antonio Rivolta, wel⸗ ches er ſich auf alle Faͤlle von ſeinem zweiten Herrn hatte ausfertigen laſſen; in eine Seitentaſche der Beinkleider kam ein großes Meſſer zu ſtecken, das Geringſte, das ein anſtaͤndiger Menſch in jenen Zeiten tragen konnte; dann machte er ſich gegen Ende des Auguſt, drei Tage, nachdem Don Rodrigo in's Hoſpital geſchleppt worden, auf den Weg. Er nahm die Straße nach Lecco; denn ehe er ſich nach Mailand hinein wagte, beſchloß er durch ſein Dorf zu gehen, und hoffte, dort Agneſen am Leben zu finden; — 196— durch ſie wollte er ſich einige von den vielen Fragen, nelche ſo peinlich ihn quaͤlten, beantworten laſſen. Die Wenigen, ſo von der Peſt geneſen, waren mitten unter der andern Bevoͤlkerung gleichſam ein bevorrechteter Stand. Ein großer Theil der Uebrigen krankte oder ſtarb; wer bis dahin von dem Uebel noch unergriffen geblieben, trug ſich mit fortwaͤhrendem Verdacht, und ſchritt, be⸗ denklich um ſich blickend, mit abgemeſſenem Schritte, mit argwoͤhniſchem Geſichte, eilend und zoͤgernd zugleich; Al⸗ les konnte gegen ihn eine Waffe zu toͤdtlicher Wunde ſeyn. Die Andern dagegen, uͤber ihr Schickſal beruhigt— denn zwei Mal von der Peſt befallen zu werden, galt nicht ſo⸗ wohl fuͤr eine Seltenheit, als fuͤr ein Wunder— zogen frei und entſchloſſen mitten durch's Verderben; wie die Ritter des Mittelalters, welche, ganz und gar in ſtaͤhlerne Ruͤſtung gehuͤllt und auf erzbekleideten Gaͤulen ſitzend, un⸗ ter einer armſeligen Menge von Buͤrgern und Bauern, welche die Streiche eines Gegners nur mit Lumpen auf⸗ fangen konnten, auf Abentheuer herumſchwaͤrmten. Mit einer ſolchen Sicherheit, welche jedoch durch ei⸗ gene Bekuͤmmerniſſe, wie durch das vielgeſtaltige Schau⸗ ſpiel des allgemeinen Elends bedentend herabgeſtimmt ward, wanderte Renzo ſeiner Heimath zu. Ueber ihm woͤlbte ſich ein heiterer Himmel, um ihn her lag eine freundliche Landſchaft; aber wenn die traurige Einſamkeit ſeiner Wan⸗ derung etwas unterbrach, ſo war's eher ein umherſchwei⸗ fender Schatten als ein lebendiger Menſch, wars eine Leiche, welche ohne die letzten Ehren, ohne klagende Grab⸗ geſaͤnge, zum Gottesacker getragen ward. Nachdem er die Haͤlfte der Tagereiſe ungefaͤhr zuruͤckgelegt, hielt er in ei⸗ —, —— — 197— nem niedrigen Geſtraͤuche an, um etwas Brod und Zukoſt, ſo er mitgenommen, zu verzehren. Obſt hatte er die ganze Straße entlang nach ſeinem Belieben, mehr als er brauchte; Feigen, Pfirſiche, Pflaumen und Aepfel; er durfte nur in einen Garten hineintreten, und die Haͤnde ausſtrecken, um von den Zweigen zu pfluͤcken, oder die reifſten von der Erde, die damit bedeckt war, aufleſen; denn das Jahr war an Obſt aller Art außerordentlich fruchtbar, und kaum kuͤmmerten ſich die Menſchen darum; die Trauben lauſch⸗ ten unter den breiten Blaͤttern, und blieben dem Erſten dem Beſten, der ſich daruͤber hermachen wollte, uͤberlaſſen. Gegen Abend entdeckte er ſein Dorf. So vorbereitet erauch auf den Anblick geweſen, ſo griff's ihm doch mit wunderbarer Macht an's Herz; ein Schwarm von ſchmerzlichen Erinnerun⸗ gen und Vorgefuͤhlen uͤberwaͤltigte ihn; es war als wenn die traurigen Glockentoͤne, welche bei ſeiner Flucht ihn beglei⸗ tet und verfolgt hatten, wieder auflebend ihm in's Ohr droͤhnten, und doch empfand er zugleich, baͤnger als je, die Todtenſtille, die rings auf den Feldern ſich gelagert hatte. Eine noch heftigere Beſtuͤrzung uͤberſiel ihn, da er auf den Kirchhof trat, und gewaltſameren Empfindungen ging er entgegen; denn das Ziel ſeiner Tagereiſe, ſein naͤchſter Aufenthalt ſollte das Haus ſeyn, welches er einſt Luciens Haus zu nennen pflegte. Jetzt konnte es hoͤchſtens Agne⸗ ſens Haus heißen, und die einzige Gnade, um welche er zum Himmel flehte, war, ſie bei Leben und Geſundheit darin zu finden. Nur in dieſem Hauſe durfte er ein Un⸗ terkommen fuͤr die Nacht zu erhalten hoffen; das ſeinige, ahnte er wohl, konnte nur noch eine Wohnung der Rat⸗ ten und Marder ſeyn. — 498— Er ſchritt vorwaͤrts, und blickte umher. Es graute ihm, Jemandem zu begegnen. Aber nach wenigen Schrit⸗ ten ſchon ſah er einen Mann im Hemde an der Erde ſitzen, mit dem Ruͤcken an eine Jasminhecke gelehnt, in ſeinem ganzen Weſen den Ausdruck des Wahnſinns. An dieſem wie an den Geſichtszuͤgen erkannte Renzo bald den armen Gervaſo, der bei jenem unſeligen Beſuch als zweiter Zeuge mitgekommen. Als er aber naͤher getreten, uͤberzeugte er ſich, daß es Gervaſo's Bruder, der muntere, geweckte To⸗ nio war, welcher jenen damals mitgenommen hatte. Die Krankheit hatte ihn um alle Kraft des Koͤrpers und des Geiſtes gebracht, und dadurch die geringe Aehnlichkeit, die er in Geſicht und Geberde mit dem bloͤdſinnigen Bruder hatte, ſchauerlich hervortreten laſſen. „O Tonio!“ rief der Juͤngling, und ſtand vor hm ſtill,„biſt Du's?“ Tonio ſah ſtarr zu ihm empor, ohne den Kopf zu be⸗ wegen. „Tonio! Kennſt Du mich nicht?“ „Wen's trifft, wen's trifft!“ antwortete der Arme, und blieb darauf mit offenem Munde ſitzen. „Hat's Dich erwiſcht? Armer Tonio! Aber kennſt Du mich denn gar nicht mehr?“ „Wen's trifft, wen's trifft!“ wiederholte Jener mit ſtumpfſinnigem Lachen. Renzo begriff wohl, daß er nichts weiter aus ihm herausbringen wuͤrde, und ſetzte ſeinen Weg noch betruͤbter fort. Als er an eine Ecke gekommen, ſah er eine ſchwarze Geſtalt hervortreten, und erkannte bald Don Abbondio in ihr. Dieſer ſchlich Schritt fuͤr Schritt daher und fuͤhrte den Wanderſtab, wie ein Menſch, — — 199— der ihn zur Unterſtuͤtzung braucht; je naͤher er kam, ließ ſich immer deutlicher aus dem truͤbſeligen abgemagerten Geſichte, aus der ganzen aͤußeren Erſcheinung entnehmen, daß auch der arme Pfarrer ſeinen Sturm habe aushalten muͤſſen. Er blickte gleichfalls her und ſtutzte; er merkte an der Kleidung etwas Fremdes, etwas Auslaͤndiſches, das ſich vollkommen Bergamaskiſch machte. Er iſt's bei'm Himmel! ſagte er ſich ſelbſt. Dabei hob er die Arme in die Hoͤhe, ſeine Bewegung verkuͤndigte eine mißvergnuͤgte Verwunderung, und der Stock, den die rechte Fauſt umſchloß, blieb in der Luft ſchweben; die ab⸗ gezehrten Arme ſchlotterten in den Aermeln, in denen ſie vor Zeiten nur einen beſchraͤnkten Spielraum gehabt hatten. Renzo eilte ihm entgegen, und verneigte ſich; denn wenn er auch nicht im beſten Vernehmen, wie der Leſer weiß, von ihm Abſchied genommen, ſo war er doch immer ſein Pfarrer. 4 „Ihr ſeyd hier, Ihr?“ rief Dieſer. „Das bin ich, wie Sie ſehen. Weiß man nichts von Lucien? „Was ſoll man von ihr wiſſen? Nichts weiß man. Sie iſt in Mailand, wofern ſie noch auf Erden iſt. Aber Ihr...“ „Und Agneſe? Iſt die am Leben?“ „Vielleicht““ ſagte Don Abbondio.„Doch wie wollt Ihr das von mir wiſſen? Sie iſt nicht hier. Aber...“ „Wo iſt ſie?“ „Sie hat ſich nach der Valſaſſina aufgemacht, lebt dort bei ihren Verwandten, zu Paſturo, Ihr wißt wohl; — 200— dort hauſt die Peſt, ſagen ſ ſie, nicht ſo ſchlimm, wie hies⸗ Aber Ihr, ſag' ich.. „Das thut nie 1 leid,“ ſagte Nenzo.„und der Pater Criſtoforo... „Iſt laͤngſt en weg. Aber... „Das weiß ich, ſie haben's mir crezan laſſen. Ich wollte fragen, ob er ſchon wieder zuruͤckgekommen iſt.“ „Man hat nichts davon ſprechen gehoͤrt. Ihr aber..“ „Das geht mir eben ſo nah,“ klagte Nenzo. „Aber Ihr, ſagt mir nur, um des Himmels Willen, was wollt Ihr hier anfangen? Wißt Ihr denn gar nicht, was fuͤr'n huͤbſcher Verhaftsbefehl..“ „Hat nichts zu ſagen. Sie haben an andre Dinge zu denken. Ich hab' auch ein Mal mit eigenen Augen nach meiner Sache ſehen wollen. Und man weiß alſo zigent ich gar nicht. 2 „Was wollt Ihr ſehen? ˙S iſt keine Seele hier. und bei dem Preis auf dem Kopf hieher kommen, gerade in's Dorf herein, dem Wolf in dem Rachen, heißt das bei Sin⸗ nen ſeyn? Folgt einem alten Mann, der vernuͤnftiger ſeyn muß wie Ihr, der aus barer Liebe zu Euch ſpricht; ſchnallt Euch die Schuhe feſt, und eh Euch Einer noch zu ſehen kriegt, geht wieder hin, wo Ihr hergekommen ſeyd; hat Euch aber wer geſehen, ſo nehmt die Fuͤße um ſo flinker in die Hand. Meint Ihr denn, es ſey hier geheuer fuͤr Euch? Wißt Ihr nicht, daß ſie gekommen ſind, um Euch zu ſuchen, daß ſie herum geſtoͤbert, und Alles zu oberſt zu unterſt gekehrt haben?“ „Das weiß ich recht gut, die Schufte, die!“ 8„Alſo..“ — — 201— „Aber wenn ich Ihnen ſage, daß ich mich darum nicht kuͤmmere. Und Der da, lebt er auch noch? Iſt er hier?“ „Keine Seele, ſag' ich Euch, iſt hier. Laßt Euch nicht 6„Den Kopf kommen, was hier vorgeht; ich ſag' Euch.. h frage/ ob er hier iſt, er?“ „Heiliger Himmel!“ rief Don Abbondio.„Sprecht vernuͤnftiger. Iſt's moͤglich, daß Ihr nach ſo vielen Ge⸗ ſchichten noch all das Feuer im Leibe habt?“ „Iſt er hier oder nicht?“ Ient „Nicht hier. Aber die Peſt, Freund, und die Peſt? Welcher Menſch treibt ſich bei ſolchen Zeiten herum?“ „Wenn's nichts weiter als die Peſt auf Erden gaͤbe, fuͤr mich, mein' ich, ich hab' ſie gehabt und bin frei."“ „Alſo eben. Iſt das nicht ein Fingerzeig vom Him⸗ mel? Wenn Einer aus ſolch'ner Hoͤlle heraus iſt, ſo mein' ich ſollt' er dem lieben Herrgott danken, und.. „Das thu' ich auch,“ ſagte Renzo. „und nicht andres Unſal ſich auf den Hals ziehen ge⸗ hen, ſag' ich. Thut, wie ich Euch rathe..“ „Sie haben ſie auch gehabt, Herr Pfarrer, wenn ich nicht falſch ſehe.“ „Ob ich ſie gehabt habe! Ne nichtswuͤrdige verdammte Plage;'s iſt ein Wunder, daß ich hier bin; ich brauch' Euch nur zu ſagen, daß ſie mich ſo zugerichtet hat, wie Ihr ſeht. Jetzt thut mir eben ein bischen Ruhe noth, da⸗ mit ich wieder zu mir ſahes komme; was wollt Ihr hier machen? Geht zuruͤck.... „Immer haben Sie's mit dem zurückgehen, Sie. Um zurddck zu gehen, braucht' ich mich bloß nicht von der Stelle — 202— zu ruͤcken. Warum ich komme? fragen Sie. Warum ich komme? Wetter, ich will auch einmal mein Haus ſehen...“ „Euer Haus.. „Sagen Sie mir, ſind hier viele Leute geſtorben?“ „Eh,“ rief Don Abbondio, und indem er mit ſeiner Perpetua den Anfang machte, zaͤhlte er eine vollſtaͤndige Reihe von einzelnen Menſchen und ganzen Familien auf. Renzo hatte dergleichen nur allzuſehr erwartet; da er aber ſo viele Namen von Bekannten, Freunden und Verwand⸗ ten hoͤrte, ſtand er voll Schmerz mit geſenktem Kopfe da, und rief hin und wieder:„Der Arme! Die uUngluͤck⸗ lichen!“ „Seht Ihr!“ fuhr Don Abbondio fort,„und noch iſt's nicht vorbei. Wenn die Uebriggebliebenen jetzt nicht vernuͤnftig ſind, und ſich nicht alle tolle Gedanken aus dem Kopfe ſchlagen, ſo ſteht das Ende der Welt zu er⸗ warten.“ „Fuͤrchten Sie nichts, ich denk' nicht dran, hier zu bleiben.“ n „Ah, Dank dem Himmel, daß Euch das eingefallen. Verſteht ſich, denkt auf die Ruͤckkehr.“ Darum kuͤmmern Sie Sich nicht.“ „Wie? Wollt Ihr mir nicht etwa gar noch einen ſchlimmeren Streich, wie den da, ſpielen?“ fragte Don Abbondio. 4 „Denken Sie nicht dran, ſag' ich. Ich werde dafuͤr ſorgen; die Kinderſchuhe hab' ich ausgezogen. Ich hoffe uͤbrigens, Sie werden Niemandem ſagen, daß Sie mich geſehn haben. Sie ſind Prieſter, und ich Ihr Lamm; wer⸗ den mich nicht verrathen wollen.“ ——ᷣÿ4— — 203— „WVerſteh!“ ſagte Jener, und ſeufzte aͤrgerlich.„Ver⸗ ſteh! Ihr wollt mich und Euch zu Schanden machen. Habt an dem, was Ihr ſelber ausgeſtanden, noch nicht genug, und meint, ich haͤtte auch noch nicht genug ausgeſtanden. Verſteh, verſteh!“— Indem er die letzten Worte zwiſchen den Zaͤhnen murmelte, machte er ſich auf ſeinen Weg. Renzo blieb mißvergnuͤgt ſtehen, und dachte betruͤbt auf ein Nachtlager. In der Sterbeliſte, welche Don Ab⸗ bondio ihm mitgetheilt, war eine ganze Bauernfamilie, mit Ausnahme eines Juͤnglings, von der Anſteckung hin⸗ weg gerafft vorgekommen. Der Juͤngling war beinah von Renzo's Alter und ſein Spielgenoß von Kindheit auf ge⸗ weſen; das Haus lag außerhalb des Dorfes, doch nur in geringer Entfernung. Dort wollte Renzo um gaſtliche Aufnahme ſich bemuͤhen. Er kam in die Naͤhe ſeines Weingartens, und konnte ſchon von außen ſich vorſtellen, wie es drinnen ausſah. Nicht ein Wipfelchen, nicht das Blatt eines Baumes, das er daſelbſt verlaſſen, blickte uͤber die Mauer her; wenn Et⸗ was ſich ſehen ließ, war's in ſeiner Abweſenheit hervorge⸗ ſchoſſen. Er trat an die Oeffnung, denn vom Gitter ließ ſich auch nicht eine Spur mehr bemerken; er blickte um⸗ her— armer Weingarten! Zwei Winter hindurch hatten ſich die Leute im Dorfe„aus dem Garten des armen Jun⸗ gen,“ wie ſie ſagten, Holz geholt. Reben, Maulbeerbaͤume, Obſtpflanzungen aller Art, waren unbarmherzig geſpalten oder unten an der Wurzel weggehauen. Indeſſen verrie⸗ then ſich noch Erinnerungen an die alte Sorgfalt; junge Rebſchoſſe, in unterbrochener Reihe, aber die Spur des zerſtoͤrten Gewaͤchszuges noch immer bezeichnend; hin und — 204— wieder Nachwuͤchſe und Schoͤßlinge von Maulbeeren, Fei⸗ gen, Pfirſichen, Kirſchen und Pflaumen; aber auch dieſe zerrauft, niedergetreten, mitten unter einem neuen ordnungs⸗ loſen Aufkeim, der ohne menſchliches Zuthun hervorgekom⸗ men und herangewachſen. Da war ein Wildwachs von Neſſeln und Farrnkraut, von Treſpen und OQuecken, von taubem Hafer und gruͤnem Tauſendſchoͤn, von kleinem Weg⸗ wart und Ampferſtauden, von wilder Hirſe und andern aͤhnlichen Pflanzen, aus welchen der Bauer jedes Landes ſeine beſonderen Gattungen macht, und ſie mit„Unkraut“ bezeichnet; ein Gewirre von Stielen und Stengeln, die ei⸗ ner uͤber den andern emporragten, oder wuchernd an der Erde hinkrochen, und auf alle Weiſe ſich Raum zu errin⸗ gen ſuchtenz Blumen, Blaͤtter und Fruͤchte, von hundert Farben und von hundert Geſtalten; kleine Aehren, Kolben, Buͤſchel, Dolden, weiße, rothe, gelbe und blaue Knoͤpf⸗ chen. Aus dem niedrigen Geſtraͤuch ragten einige hoͤhere Pflanzen, auffallender, aber nicht beſſer an Werth; uͤber alle hervor die Tuͤrkentraube mit ihren breiten roͤthli⸗ chen Zweigen und ihren dunkelgruͤnen, purgurgerandeten Blaͤttern, deren niederhangende Trauben unten mit ſchwaͤrz⸗ lichen, dann mit rothen, weiter hinauf mit gruͤnen Bee⸗ ren, und oben mit weißlichen Bluͤthen geſchmuͤckt; die Koͤnigskerze mit ihren großen wolligen Blaͤttern und dem hohen geraden Stiele, die lange Achre mit glaͤnzend gel⸗ ben Blumen beſetzt; rauhe Diſteln mit Blumenbuͤſcheln oder leichtem Gefieder. Hier hielt eine ſchwebende Winde den Nachſchoß eines Maulbeerbaums umſchlungen, dort hatte Stickwurz ſich um junge Reben geflochten; der Brom⸗ beerſtrauch uͤberall, hindurchwachſend zwiſchen jedes andre — 205— Pflanzenpaar, und ſelbſt uͤber die Einfaſſung heruͤberra⸗ gend, als wollte er auch dem Herrn den Eintritt ſireitig machen. In einen olchen Weingarten aber bineinztreten, lag dieſem nicht am Herzen, und wahrſcheinlich ſtand er nicht ſo lange da, ihn zu betrachten, als wir gebraucht, eine kleine Schilderung davon zuſammen zu ſchreiben. Er wandte ſich weg; neben an ſtand ſein Haus. Hier ſchritt er zur Haͤlfte in den Garten hinein, jeden Augen⸗ blick uͤber die Hinzukoͤmmlinge ſtolpernd, durch welche auch dieſer wie der Weinberg bedeckt und entſtellt war. Er ſetzte den Fuß auf die Schwelle eines Zimmers im unte⸗ ren Stocke; beim Schall ſeiner Tritte, bei jeder Bewe⸗ gung, kamen Maͤuſe und Ratten in Beſtuͤrzung, liefen in Scharen davon, und verkrochen ſich in die Muͤllhaufen, die rings den Boden bedeckten; es ſchien noch immer das Lager der Lanzinechte zu ſeyn. Renzo lenkte die Augen die Waͤnde entlang, ſie waren abgeſchabt, beſchmutzt und beraͤuchert; er ſah nach der Decke, ein Arbeitshaus der Spinnen. Sonſt nichts anzutreffen. So machte er ſich auch von dort hinweg, fuhr mit den Haͤnden in die Haare, ging wieder durch den Garten, und ſchlich auf dem Fußſteige, auf welchem er gekommen, hinaus. Dann aber ſchlug er zur Linken eine Straße ein, die nach den Feldern fuͤhrte, und ohne eine lebendige Seele zu ſehen oder zu hoͤren, langte er bei dem Haͤuschen an, wo er ſich eine gaſtliche Aufnahme verſprach. Schon war es Abend geworden. Der junge Freund ſaß auf einer hoͤlzernen Bank draußen vor der Thuͤre; er hatte die Arme uͤber die Bruſt gekreutzt, und blickte mit unbeweglichen Augen zum Himmel empor, wie ein Menſch, der durch die Gewalt des Ungluͤcks die Beſinnung verloren, und durch die Ein⸗ ſamkeit ein verwildertes Anſehen erhalten hat. Da er Fußtritte hoͤrte, wandte er ſich, und ſah nach, wer da her kaͤme. Als er darauf, zwiſchen Laub und Zweigen, im Halbdunkel etwas zu erblicken glaubte, richtete er ſich in die Hoͤhe, ſtreckte beide Arme aus, und ſagte:„Giebt's keinen Andern, als mich? Hab' ich nicht geſtern ſchon genug ausgehalten? Laſſet mich einen Augenblick in Ruhe, das iſt auch ein mitleidiges Werk.“ Renzo wußte nicht, was das ſagen ſollte, und erwie⸗ derte ſeinen Worten, indem er ihn bei'm Nahmen rief. „Renzo?“ rief der Andre mit fragendem Tone. „Der bin ich!“ antwortete unſer Juͤngling, und Beide liefen auf einander zu. „Du biſt's wirklich“, ſagte der Freund, als ſie ſich naͤher betrachten konnten.„O was hab' ich fuͤr'ne Freude, daß ich Dich ſehe! Wer haͤtte das gedacht? Ich hatte dich fuͤr den Todtengraͤber Paolin genommen, der immer herkommt, um mich zu quaͤlen, damit ich gehen ſoll, und ſie unter die Erde bringen. Weißt du, daß ich allein auf Erden geblieben bin? Allein, allein, wie ein Einſiedler!“ „Ich weiß es nur zu wohl!“, ſagte Renzo. Darauf wiederholten ſie ihre Freudenaͤußerungen, und traten mit einander in's Haus, wo Fragen und Antworten gedraͤngt ſich folgten. Ohne das Geſpraͤch zu unterbrechen, be⸗ muͤhte ſich der Freund, ſeinem Gaſte die Ehre anzuthun, die bei ſolcher Zeit, ſo unerwartet, moͤglich war. Waßer wurde zum Feuer geſetzt, und tuͤrkiſcher Weitzen zum Brei — 207— bereitet; das Ruͤhrholz aber erhielt der Gaſt, und Jener ging mit den Worten weg:„fuͤr mich allein in der Welt, ach! fuͤr mich allein!“ Mit einem Napf voll Milch, etwas geſalzenem Fleiſch, zwei friſchen Ziegengenkaͤſen, Feigen und Pfirſichen kehrte er zuruͤck; nachdem Alles eingerichtet, und die Polenta auf das Schneidebrett umgeſtuͤrzt worden, ſetzten ſich Beide zu Tiſche, und ſtatteten einander ihren Dank ab, der Eine für den Beſuch, der Andre fuͤr die Aufnahme. Nach einer Abweſenheit von zwei Jahren eutdeckten ſie ploͤtzlich, daß ſie weit innigere Freunde waren, als ſie zur Zeit, da ſie taͤglich einander ſahen, geahnt hatten; denn Beiden, druͤckt das Manuſcript ſich aus, waren Dinge begegnet, die den Menſchen empfinden laſſen, welch ein Balſam fuͤr ſein wundes Herz das Wohlwollen, ſowohl indem es em⸗ pfunden, als im Andern wahrgenommen wird. Keeiner konnte gewißlich bei Renzo Agneſens Stelle vertreten oder ihn uͤber ihre Abweſenheit troͤſten; nicht bloß weil ihn eine alte beſondere Anhaͤnglichkeit zu der Frau hinzog, als vorzuͤglich, weil unter den Naͤthſeln, die er ſo gern erklaͤrt haben wollte, eins ſich befand, zu wel⸗ ſchem ſie allein den Schluͤſſel beſaß. So ſtand er einen Augenblick zweifelhaft da, ob er nicht erſt, da die Entfer⸗ nung im Grunde doch unbedeutend, ſie aufſuchen ſollte; da er indeſſen bedachte, daß ſie uͤber Luciens Geſundheit ſchwerlich etwas Beſtimmtes wiſſen moͤchte, blieb er bei ſeinem erſten Vorſatze, geradesweges zu dieſer ſich zu be⸗ geben, ſich klar mit ihr zu verſtaͤndigen, jeder unheimli⸗ chen Bedenklichkeit zu trotzen, und dann der Mutter von Allem Nachricht zu geben. Aber auch von dem jun⸗ — 208— gen Freunde erfuhr er Dinge, die er nicht wußte; uͤber manche, von welchen er nur eine irrige Vorſtellung hatte, erhielt er beſſeres Licht; was ſich mit Lucien eigentlich zu⸗ getragen, wie man ihn verfolgt habe, wie Don Rodrigo ſich kleinmuͤthig auf den Weg gemacht, und ſich in der Gegend dort nicht weiter habe ſehen laſſen; kurz, die ganze Verwicklung ward ihm klar, er lernte auch— und fuͤr ihn war das ein Vortheil von großer Bedeutung— er lernte auch Don Ferrante's Familiennahmen richtig ausſprechen; denn Agneſe hatte ihm denſelben durch ihren Schreiber wohl zu Papier bringen laſſen, weiß aber der Himmel, wie er geſchrieben ſeyn mochte; der bergamaski⸗ ſche Dolmetſcher hatte ihn auf eine Weiſe geleſen, hatte ein ſo mißgeſtaltetes Wort herausgekluͤgelt, daß Renzo, wenn er damit in Mailand das Haus ſuchte, vermuthlich Niemanden auf den Gedanken gebracht haͤtte, Don Fer⸗ rante ſtecke dahinter. Und doch war das der einzige Faden, welcher ihn zu Lucien hin fuͤhren konnte. Was die Ge⸗ rechtigkeit betraf, durfte er ſich immer ſicherer uͤberzeugt halten, daß die Gefahr hinlaͤnglich entfernt war, um ſich keinem truͤben Gedanken deßhalb weiter hingeben zu muͤſ⸗ ſen; den Stadtvogt hatte die große Abloͤſerin, die Peſt⸗ hinweg geholt; wer konnte wiſſen, wann an deſſen ſtatt ein zweiter geſchickt wuͤrde? Die Haͤſcherſchaar hatte ſich groͤßtentheils davon gemacht; die Zuruͤckgebliebenen dage⸗ 3 gen hatten auf ganz andere Dinge, als auf die alten Vor⸗ faͤlle, bedacht zu ſeyn. Indeſſen erzaͤhlte auch Renzo dem Freunde ſeine Abentheuer, und erhielt dafuͤr hundert Geſchichten zuruͤck⸗ vom Durchmarſch des Heeres, von der Peſt, von Giftmi⸗ — 209— ſchern, von Wundern.—„S ſind garſtige Dinge,“ ſagte der junge Menſch, indem er ihn nach einer Kammer be⸗ gleitete, aus welcher die Landesplage ſaͤmmtliche Bewoh⸗ ner entfernt hatte,„Dinge, ſo man nie geglaubt haͤtte, Dinge, die Einen fuͤr's ganze Leben nicht wieder froͤhlich werden laſſen; wenn man aber mit einem Freund dar⸗ uͤber ſprechen kann, iſes ein wahrer Troſt.“ Am Morgen darauf ſchienen Beide niedergeſchlagen. Renzo trug reiſefertig ſeine Geldkatze unter dem Wamſe verſteckt, und das große Meſſer in der Seitentaſche, uüͤbri⸗ gens wanderleicht gekleidet; auch ließ er das Buͤndel bei ſeinem Wirthe zuruͤck.—„Wenn ſie's noch aufrichtig mit mir meint“, ſagte er,„wenn ich ſie am Leben finde, wenn... genug, ſo komm' ich wieder hieher; erſt geh' ich nach Paſturo, um der armen Agneſe gute Nachricht zu bringen, und hernach.. Wenn mir aber das Un⸗ gluͤck von Gott beſtimmt iſt, daß ſie nichts von mir wiſ⸗ ſen will, dann... weiß ich nicht, was ich zu thun habe, noch wo ich meine Richtung hin nehmen werde; in der Gegend hier aber ſeht Ihr mich ſicherlich nicht mehr wieder.“— So ſprach er in der Thuͤre, die nach dem Felde hinaus fuͤhrte, lenkte den Blick umher, und betrach⸗ tete mit Ruͤhrung und Betruͤbniß die Morgenroͤthe ſeiner Heimath, an welcher ſeit ſo langer Zeit ſein Auge ſich zu laben vergebens gewuͤnſcht hatte. Der Freund troͤſtete ihn mit guten Hoffnungen, und drang noch in ihn, ſich fuͤr den Tag etwas Mundvorrath mit zu nehmen; dann begleitete er ihn eine Strecke Weges, und ließ ihn endlich unter neuen Gluͤckwuͤnſchen ſeine Straße wandern. Naenzo ſchritt unverdroſſen zuz es war ihm genug, III. 14 — 210— ſich fuͤr dieſen Tag der Hauptſtadt ſo weit als moͤglich zu naͤhern, damit er ſie morgen bei Zeiten betreten, und ſich an's Aufſuchen machen konnte. Die Reiſe ging ohne be⸗ ſondere Ereigniſſe ab; nur das gewoͤhnliche Elend, die truͤbſeligen, alltaͤglich gewordenen Erſcheinungen, ſonſt zog nichts auffallend ſeine Blicke an. Wie er am Tage zuvor gethan hatte, machte er auch heut, als es Zeit war, in einem kleinen Buſche Halt, ruhte daſelbſt aus, und nahm ſeine Mahlzeit zu ſich. Als er, durch Monza wan⸗ dernd, vor einem offenen Baͤckerladen, wo Brod zur Schau lag, voruͤber kam, kaufte er zwei Stuͤck, um auf jeden Fall nicht von allem Vorrath entbloͤßt zu ſeyn. Der Mann im Laden bedeutete ihn, er noͤchte nicht hereintre⸗ ten; dabei reichte er ihm auf einem kleinen Schieber einen Napf mit Eſſig und Waſſer hin, und ſagte, er möchte das Geld nur da hinein fallen laſſen. Das ge⸗ ſchah auch. Dann langte er ihm mit einer Zange die Brode eins nach dem andern hinaus, und Renzo ſteckte ſie in die Taſche. Gegen Abend kam er zu Greco an, ohne jedoch den Namen des Ortes zu wiſſen. Aber bei der Erinnerung an die Gegend, wie ſie ihm von der fruͤheren Reiſe her geblieben, und bei der Strecke, ſo er bereits uͤber Monza hinaus zuruͤckgelegt hatte, ſchloß er, daß er ſich nicht mehr weit von Mailand befinden muͤſſe. Er bog alſo von der Hauptſtraße ab, und ſuchte auf den Feldern ein Caſeinotto auf, um die Nacht darin zuzubringen; denn auf Gaſthoͤfe wollte er ſich nicht einlaſſen. Es traf ſich uͤber ſeine Erwartung; ein offner Gang fuͤhrte in eine Hecke/ welche ſich um den Hof einer kleinen Schaͤferei zog; hier — 211— trat er auf's Gerathewohl hinein. Niemand ließ ſich ſehen. Seitwaͤrts ein großer bedeckter Raum, darunter aufgeſcho⸗ bertes Stroh, und an dieſes eine hoͤlzerne Leiter gelehnt; ſo ſah er ſich denn zum zweiten Mal um, ſtieg auf gut Gluͤck hinan, richtete ſich fuͤr den naͤchtlichen Aufenthalt daſelbſt ein, und ward bald vom Schlaf geſegnet, um erſt mit grauendem Tage zu erwachen. Erwacht glitt er knie⸗ end nach dem Rande ſeines großen Bettes hin, ſtreckte den Kopf daruͤber hinaus, und da er auch jetzt noch keine lebende Seele gewahr ward, ſtieg er zu derſelben Leiter hinab, ging zu derſelben Thuͤre wieder hinaus, und machte ſich auf kleine Nebenwege, indem er den Dom beſtaͤndig als ſeinen Polarſtern im Auge hatte. Nach einer kurzen Wanderung war er an die Mauer der Hauptſtadt gelangt, zwiſchen dem Thore gegen Morgen und dem neuen Thore, dieſem jedoch naͤher als jenem. Neuntes Kapitel. Was den Eintritt in die Stadt betraf, hatte Renzo im Allgemeinen ſich ſagen laſſen, es ſey ſtrenger Befehl gegeben worden, ihn ohne Geſundheitszettel Niemandem zu gewaͤhren; wer ſich aber ein wenig zu helfen wiſſe, und die Zeit abzupaſſen verſtehe, der komme bei Allem dem recht gut hinein. So war's. Denn ohne die allgemeinen urſachen zu erwaͤhnen, mittelſt derer in jenen Zeiten kein Befehl einen puͤnktlichen Gehorſam fand, ohne die beſon⸗ deren anzufuͤhren, welche die Vollziehung dieſes Gebotes ſo ſchwierig machten, befand ſich Mailand bereits in einer — 212— folchen Lage, daß keine Unterſcheidung der Fremden mehr fruchtete, und jeder Ankoͤmmling eher um ſeine eigene Geſundheit unbeſorgt, als fuͤr die Geſundheit der Buͤr⸗ ger gefahrbringend ſcheinen konnte.— 1 Dieſe Nachrichten beſtimmten Renzo's Plan. Er wollte bei dem erſten Thore, auf welches er ſtoßen wuͤrde⸗ den Eintritt verſuchen; wuͤrden ihm dort Schwierigkeiten gemacht, ſo beſchloß er draußen die Mauer entlang zu gehen, bis er ein anderes faͤnde, wo weniger Strenge herrſchte. Mag der Himmel wiſſen, wie viele Thore er ſich zu Mailand dachte. Nachdem er alſo an die Mauer gekommen, ſtand er einen Augenblick ſtill, und ſchaute umher, wie ein Menſch, der nicht weiß, wohin er ſich am beſten zu wenden habe, und aus jedem Gegenſtande Kunde ſchoͤpfen zu wollen ſcheint. Doch zur Rechten und Linken ergab ſich nichts als zwei Strecken einer gewundenen Straße, geradeuͤber ein Stuͤck der Mauer; auf keiner Seite ein Zeichen von lebendigen Menſchen; nur ſah er von einem Punkte des Walles aus eine dichte ſchwarze Rauchſaͤule emporſteigen, die aufwogend ſich verbreitete, in großen Kreiſen ſich zum Himmel waͤlzte, und dann in den ſtillen grauen Luͤften ſich verlor. Sie ſtieg aber von Kleidern, Betten, und andern angeſteckten Geraͤthſchaften auf, indem ſie ver⸗ brannt wurden; ſo truͤbſelige Feſtfeuer glaͤnzten tagtaͤg⸗ lich, nicht hier bloß, ſondern auf allen Punkten der Ringmauer. Das Wetter war duͤſter, die Luft dick, und der Him⸗ mel uͤberall mit einem gleichfoͤrmigen unbeweglichen Ne⸗ bel umſchleiert, welcher die Sonne dem Menſchengeſchlechte — — — 213— zu verſagen ſchien, ohne Regen verſprechen zu wollen; die Felder umher lagen theils unbebaut da, alle vor Duͤrre lechzend; jedes gruͤne Haͤlmchen verſchmachtet, auf den wel⸗ ken niederhangenden Blaͤttern nicht eine einzige Thauperle. Dabei Menſchenloſigkeit und Grabesſtille dicht neben ei⸗ ner ſo ungeheuren Menſchenzahl; der Anblick geſellte zu⸗ Renzos Unruhe eine neue Beſtuͤrzung, und machte alle ſeine Gedanken noch duͤſterer. Nachdem er einige Sekunden in die wallende Rauch⸗ wolke geblickt, waͤhlte er auf's Gerathewohl den Weg zur Rechten, und ſetzte ſich, ohne es zu wiſſen, nach dem neuen Thore in Bewegung. Dieſes konnte er nicht bemerken, ſo nah' er ihm auch war; es lag damals hinter einem Boll⸗ werk verſteckt. Nach wenigen Schritten aber klang ihm ein Schellengelaͤut in's Ohr, welches, in Zwiſchenraͤumen aufhoͤrend und ſich wiederholend, jedes Mal von der Stimme eines Menſchen begleitet ward. Er ging weiter, bog um die Ecke der Baſtey, und das Erſte, das auf dem offenen Platze vor'm Thore ſeinen Blicken ſich darſtellte, war ein großes hoͤlzernes Haus, an deſſen Schwelle eine Schildwacht, welche muͤde und ſorglos ſich auf ihre Mus⸗ kete ſtuͤtzte; daneben eine Einfaſſung von Zaunpfaͤhlen, und im Hintergrunde das Thor, zwei Mauerfluͤgel nemlich mit einem Wetterdache daruͤber, um ſie zu ſchirmen; dieſe ſtan⸗ den, wie die Gitterthuͤre der Einfaſſung, weit aufgeriſſen. Aber dicht vor dieſem Eingange zeigte ſich ein trauriges Geraͤth; eine Bahre, auf welcher zwei Monatti einen Un⸗ gluͤcklichen zurechtlegten, um ihn fortzuſchleppen; es war der Oberſte der Zollbedienten, kurz zuvor erſt hatte ſich die Peſt an ihm entdeckt. Renzo blieb, wo er ſich eben be⸗ — 214— fand, ſtehen, und wollte das Ende abwarten; das Geleit machte ſich fort, Niemand erſchien, um die Gitterthuͤre zu ſchließen. Unſrem Wandrer ſchien das der rechte Zeit⸗ punkt, und ſo ſetzte er ſich raſch in Bewegung. Die Schildwacht aber rief ihm ploͤtzlich mit unfreundlicher Miene ein„Hollah!“ zu. Er ſtand ſtill, betrachtete ſeinen Mann, zog einen ſilbernen Halbdukaten heraus, und zeigte ihn. Jener hatte entweder die Peſt ſchon gehabt, oder ſcheute ſie weniger, als er ſilberne Halbdukaten liebte; er gab dem Fremdling einen Wink, daß er ihm das Silber⸗ ſtuͤck hinwerfen moͤchte, und nachdem er es zu ſeinen Fuͤ⸗ ßen niederfallen geſehen, brummte er:„So geh flink durch!“— Renzo wartete nicht auf einen zweiten Wink, eilte durch die Einfaßung, eilte durch das Thor/ und wan⸗ derte vorwaͤrts, ohne daß ihn Jemand gewahr ward oder auf ihn herblickte; nur als er etwa zwanzig Schritte ge⸗ macht, hoͤrte er ein zweites„Hollah!“ welches ein Zollbe⸗ dienter ihm nachrief. Er that indeſſen, als kaͤme ihm nichts davon zu Ohren, und ſtatt ſich umzuſehen, verdoppelte er ſeine Schritte.„Hollah!“ ſchrie ihm der Zollbediente zum zweiten Mal nach; doch in der Stimme verkuͤndigte ſich mehr Aerger, als Entſchloſſenheit, ſich Gehorſam verſchaf⸗ fen zu wollen; da der Rufende dieſen nicht fand, zuckte er in der That bloß mit den Achſeln, und kehrte in ſein Haus zuruͤck, wie ein Menſch, dem mehr daran lag, ſich den Reiſenden nicht allzu vertraulich zu naͤhern, als ſich um ihre Angelegenheiten mittelſt der vorgeſchriehrnen Fra⸗ gen zu erkundigen. Die Straße innerhalb des Thores lief damals, wie noch jetzt, in gerader Richtung zum ſogenannten Schiffer⸗ — 215— kanale; ſeitwaͤrts befanden ſich Hecken oder Gartenmauern, Kirchen, Kloͤſter und wenige Haͤuſer; am Ende dieſer Straße und in der Mitte einer andern, die laͤngs dem Kanale laͤuft, erhob ſich ein Kreuz, das Kreuz des heiligen Euſebius genannt. So weit Renzo vor ſich blickte, ent⸗ deckte er nichts Andres als dieſes Kreuz. Nachdem er auf den kleinen Platz gelangt, welcher die Straße beinah in zwei gleiche Strecken theilt, ſpaͤhte er umher, ſah zur Rech⸗ ten in die Straße der heiligen Thereſe, und bemerkte ei⸗ nen Buͤrger, der gerade auf ihn zukam.— Endlich doch einmal eine chriſtliche Seele! dachte er, trat ſogleich in die Straße hinein, und war Willens, bei dem Manne an⸗ zufragen. Dieſer ſah den heranſchreitenden Fremdling mit ſcharfen Blicken an, und maß ihn von fern mit bedenkli⸗ cher Scheu; um ſo mehr, da er erkannte, daß Renzo nicht ſeinen Weg fuͤr ſich ging, ſondern auf ihn zu kam. Als unſer Juͤngling nicht mehr weit von ihm war, zog er, mit der Ehrfurcht eines Gebirgsmenſchen, die ihm eigen blieb, den Hut, nahm ihn in die Linke, hielt die andere in der Kopfhoͤhle deſſelben und ſchritt geradeweges auf den Unbe⸗ kannten los. Dieſer verdrehte die Augen, that einen Schritt zuruͤck, hob einen knotenreichen Stock, der ſich oben, wie ein Stoßdegen, in einen dicken Knopf endigte, ſtreckte ihn vor ſich aus, und rief:„Weg, weg!“—„Oh, oh!“ rief auch Renzo, und ſetzte den Hut wieder auf. Er mochte in dieſem Augenblicke, wie er nachher, da er die Sache erzaͤhlte, ſagte, um Alles in der Welt keinen Zank anbinden; er kehrte daher dem ungeſchliffenen Menſchen den Ruͤcken, und ſchritt in der nemlichen Straße weiter. Der Buͤrger ſetzte gleichfalls ſeinen Weg fort, — 246— brummte, und ſah ſich mehrmals um. Als er nach Hauſe gekommen, berichtete er, wie ihm ein Giftſalber, mit de⸗ muͤthiger Schmeichelmiene, auf den Hals geſchlichen; in⸗ deſſen ſey ihm auf der Stiyne das niedertraͤchtige Betruͤ⸗ gerhandwerk zu leſen geweſen; auch habe der Kerl eine Salbenſchachtel oder ein Pulverpapier— welches von bei⸗ den ließ ſich nicht recht unterſcheiden— in der Kopfhoͤhle des Hutes gehalten, und wuͤrde ihm unfehlbar ſeine gif⸗ tige Freundſchaft angeſchmiert haben, wenn er ihn nicht zuruͤckgetrieben haͤtte.—„Wenn er mir noch'nen Schritt naͤher kam,“ fuͤgte er hinzu⸗„ſo haͤtte ich ihn geradeswe⸗ ges, eh' er mir noch an den Leib ſchleichen konnte, an meinen Stock anlaufen laſſen, den Schurken! Es war nur ſchlimm, daß ich ihn gerade auf einem ſo abgelegenen Platze traf; denn waͤr's mitten in der Stadt geſchehen, ſo haͤtt ich Leute herbeigerufen, und der Kerl waͤr' beim Kra⸗ gen gepackt worden. Man haͤtte ſicherlich die heilloſe Sauerei im Hut bei ihm gefunden. Dort aber, allein ihm gegenuͤber, hab' ich zufrieden ſeyn muͤſſen, ihn mir vom Leibe zu halten, ohne mir eine ſchlimme Geſchichte zu ma⸗ chen; denn ſo'n Bischen Pulver iſt den Augenblick ange⸗ blaſen, und darin haben die Taugenichtſe noch dazu'ne ganz beſondere Geſchicklichkeit, und der Teufel dient ohne⸗ hin auf ihrer Seite. Jetzt ſteckt er mitten in Mailand drinnen; weiß der Himmel, was fuͤr Unheil er ſchon an⸗ geſtellt haben mag!“— So lange er lebte, und er wurde ziemlich alt, wiederholte der Mann, ſo oft von Giftmi⸗ ſchern die Rede war, ſein Abentheuer, und ſagte jedesmal dabei:„Die Leute, die noch immer behaupten, daß nichts daran war, ſollen's wohl bleiben laſſen, ihre Dummheit — 217— gegen mich zu verfechten; denn dergleichen Dinge muß man mit eigenen Augen geſehen haben, dann kann Einer reden.”“ Renzo, weit von der Ahnung entfernt, aus welch ei⸗ nem uͤblen Handel er entwiſcht, und mehr von Aerger, als von Furcht bewegt, uͤberdachte, waͤhrend er weiter ſchritt, dieſen Empfang, und konnte ſich am Ende ungefaͤhr vor⸗ ſtellen, was fuͤr eine Meinung der Buͤrger von ihm aufge⸗ faßt haben mochte; indeſſen ſchien ihm die Sache mit der Vernunft ſo wenig vertraͤglich, daß er endlich zu dem Schluſſe kam, es muͤſſe bei dem Manne nicht richtig unter dem Schaͤdel zugehen. S faͤngt ſchlimm an, dachte er jedoch;'s iſt als wenn in dem Mailand hier ein Ungluͤcks⸗ ſtern fuͤr mich am Himmel haͤngt. Beim Hereingehen laͤuft Alles gluͤcklich ab; jetzo, da ich drin bin, find' ich verdrießliche Geſchichten ſchon fuͤr mich bereit liegen. Ge⸗ nug, mit goͤttlicher Huͤlfe, wo ich ſie nur finde.. ch, am Ende iſt Alles nur ein blinder Spur geweſen! So kam er an die Bruͤcke, bog, ohne ſich zu beſinnen⸗ zur Linken, in die Straße San Marco ein. Dieſe ſchien ihn nach der Mitte der Stadt fuͤhren zu muͤſſen. Indem er fortwanderte, ſah er beſtaͤndig nach einem menſchlichen Weſen umher; er gewahrte aber nichts als einen entſtell⸗ ten Leichnam, in der kleinen Grube, welche zwiſchen den wenigen Haͤuſern und der Straße eine Strecke lang ſich hinzieht. Nachdem er dieſe Strecke hinter ſich hatte, ver⸗ nahm er ein Geſchrei, als gaͤlte ihm der Ruf; er wandte das Geſicht nach der Seite des Schalles hin, und entdeckte auf dem Balkon eines wenig entfernten, einſam daſtehen⸗ den Hauſes eine arme Frau, von einem Haufen Kinder — 218— umgeben; ſie rief noch immer fort, und winkte mit der Hand, er moͤchte naͤher treten. Renzo lief hinzu, und als er unten vor ihr ſtand, ſagte ſie:„Lieber junger Mann, ich beſchwoͤre Euch bei den theuren Verwandten, ſo Euch ſelber geſtorben ſind, thut mir den Gefallen, gehet hin zum Kommiſſar, und ſagt ihm, daß man uns hier vergeſſen hat. Sie haben uns, als verdaͤchtig, im Hauſe eingeſchloſſen, weil mein armer Mann geſtorben iſt; haben die Thuͤre uns vernagelt, wie Ihr ſeht, und ſeit geſtern Morgen hat uns kein Menſch was zu eſſen gebracht; ſo viele Stunden hindurch, daß ich hier ſtehe⸗ hab' ich keine Chriſtenſeele fin⸗ den koͤnnen, die mir die Liebe angethan haͤtte, und die ar⸗ men unſchuldigen Wuͤrmchen hier kommen vor Hunger um.“ „Wor Hunger!“ ſchrie Renzo, und fuhr mit den Haͤn⸗ den in die Taſchen;„hier, hier,“ ſagte er darauf, indem er die beiden Brode hervorholte,„laßt was herab, damit ihr ſie hinauf kriegt.“ „Gott vergelt' es Euch tauſend Mal,“ ſagte die Frau. „Wartet enen Augenblick.“— Darauf ſuchte ſie ein Koͤrbchen, und band einen Strick dran feſt. Renzo erin⸗ nerte ſich waͤhrend deſſen der Brode, welche er bei ſeinem vorigen Eintritt in Mailand an der Kreuzſaͤule des heili⸗ gen Dionyſius aufgenommen hatte.— Das iſt die Be⸗ zahlung, dachte er, und vielleicht beſſer, als wenn ich da⸗ mals den wirklichen Eigenthuͤmer gefunden haͤtte; denn hier iſt meiner Seele ein Werk der Erbarmung an ſeiner Stelle. „Was den Kommiſſar betrifft, liebe Frau,“ ſprach er alsdann, indem er die Brode in den Korb legte⸗ ſo kann ich Euch nicht dienen; denn die Wahrheit zu ſagen, bin ich — 219— ein Fremder, und weiß in der Stadt nicht im mindeſten Beſcheid. Indeſſen wenn ich auf'nen Menſchen ſtoßen ſollte, der ein Bischen manierlich und zahm ausſieht, daß ſich mit ihm reden laͤßt, ſo will ich's ihm ſagen.“ Die Frau bat ihn darum, und gab ihm den Namen der Straße an, damit er daruͤber Beſcheid ertheilen konnte. Ich glaube aber, auch Ihr, liebe Frau,“ nahm Renzo das Wort,„koͤnnt mir'nen großen Gefallen thun,'ne wahre Menſchenliebe, ohne daß es Euch'ne Muͤhe koſtet. Ein vornehmes Haus, ein Haus von hohen adligen Leuten hier in Mailand, die Familie**, koͤnntet Ihr mir wohl ſagen, wo die wohnt? ℳ Ich weiß wohl, daß es ſo'ne Familie giebt,“ ant⸗ wortete die Frauz„wo ſie aber zu ſuchen, weiß ich nicht. Wenn Ihr weiter hinein geht, nach der Seite hin, ſollt ich meinen, wird ſich ſchon Einer finden, der Euch dar⸗ uͤber Auskunft giebt. Vergeßt aber nicht, auch von mir mit ihm zu ſprechen.“ „Habt keine Bange,“ erwiederte Renzo und ging weiter. 3 Bei jedem Schritte hoͤrte er ein Geraͤuſch, welches er ſchon, waͤhrend er im Geſpraͤche mit der Frau ſtill⸗ ſtand, vernommen hatte, ſteigen und naͤher kommen; rollende Raͤder, Pferdegetrapp, ſchellende Gloͤckchen, hin und wieder knallende Peitſchen und ferntoſendes Geſchrei. Er blickte hin, und ſah nichts. Als er aber an die Muͤn⸗ dung jener gebogenen Straße gekommen, und auf den Markusplatz trat, war das Erſte, ſo ihm in's Auge fiel, zwei emporgehobene Balken mit einem Strick und ver⸗ ſchiedenen Nollwinden; nicht lange waͤhrte es, ſo er⸗ — 220— kannte er— denn die Sache war in jenen Zeiten nichts Neues— das abſcheuliche Geruͤſt der Martervoͤgte. Es war an jenem Orte, und nicht an jenem allein, ſondern auf allen Plaͤtzen, in jeder geraͤumigen Straße, aufge⸗ richtet, damit die Verordneten aller Stadtviertel, mit der willkuͤhrlichſten Gewalt dazu beauftragt, augenblick⸗ lich einen Jeden, der ihnen ſtrafwuͤrdig ſchiene, hinan⸗ ſchleppen koͤnnten; es mochte ein Abgeſonderter ſeyn, der ſein Haus verließ, ein widerſpenſtiger Unterbeamter, oder ſonſt Jemand— eins von den maaßloſen und wirk⸗ ſamen Mitteln, mit welchen man in jenen Zeiten, und in jenen Auagenbtiaen vorzuͤglich„ ſo veſchibenderuſc umging. Renzo betrachtete das Werkzeug, und Kberlegte, wo⸗ zu es wohl an jener Stelle dort aufgerichtet ſeyn koͤnnte; waͤhrend deſſen hoͤrte er den Laͤrmen immer naͤher droͤh⸗ nen, und ſah von der Kirche her einen Mann kommen, der eine kleine Glocke ſchuͤttelte. Es war ein Apparitore. Hinter ihm zwei Pferde, die den Hals lang ausſtreckend und die Hufe ſchwer aufſetzend, mit Muͤhe daher kamen; von ihnen gezogen ein Todtenkarren, nach dieſem ein zweiter, dann ein andrer und wieder ein andrer; hier und dort Monatti, welche den Pferden zur Seite ſchrit⸗ ten, und ſie mit Peitſchen, mit ſtechenden Staͤben oder Fluͤchen anſpornten. Die Leichname waren meiſtens nackt, einige in zerlumpte Betttuͤcher duͤrftig geſchlagen, ord⸗ nungslos aufgeſchichtet und durch einander geworfen, wie zuſammen gewickelte Schlangen, wenn ſie ſich bei der Waͤrme des Fruͤhlings zu loͤſen anfangen; bei jedem Stoß, bei jedem Schwanken des Wagens, geriethen dieſe — 221— traurigen Haufen in Bewegung, und kamen in verkehrte Lage; Köpfe ſchwebten uͤber die Seitenbretter in der Luft, jungfraͤuliche Haare floſſen verwildert hernieder, Arme ſchlugen um, und ſielen auf die Naͤder hinab; das ſchau⸗ dernde Auge des Beobachters machte die Erfahrung, wie ſolch ein Schauſpiel noch jaͤmmerlicher und widriger, als es an ſich ſchon war, zu werden vermochte. Unſer Juͤngling hatte ſich ſeitwaͤrts im Winkel des Platzes gehalten, ſtand am Gelaͤnde des Kanales, und betete indeſſen fuͤr dieſe geſtorbenen Unbekannten. Aber ein entſetzlicher Gedanke ſchoß ihm, gleich einem verſeh⸗ renden Blitze, niederſchmetternd durch die Seele: Da drunter vielleicht.. O Herr im Himmel! Laß es nicht wahr ſeyn! Laß mich nicht weiter daran denken! Nachdem der leidenvolle Zug voruͤber, ſetzte ſich Renzo wieder in Bewegung, ſchritt uͤber den Platz, und nahm die Straße zur Linken laͤngs dem Kanal, ohne einen andern Grund der Entſcheidung, als weil der Zug ſich nach der entgegengeſetzten Seite hingewandt hatte⸗ Nach einigen Schritten zwiſchen der Seitenwand der Kirche und dem Kanal erblickte er zur Rechten die Mar⸗ cellinobruͤcke. Dieſe betrat er, und gelangte durch einen ſchraͤgen Engweg in die Straße Borgo nuovo. Da er noch immer vor ſich hinſah, um einen Menſchen anzu⸗ treffen, bei welchem er Erkundigungen einziehen konnte, ſah er an der andern Seite der Straße einen Prieſter im Wams, mit einem kleinen Stabe in der Hand. Er ſtand vor einer angelehnten Thuͤre, und hielt das Ohr an die Oeffnung hingeneigt; bald darauf erhob er die Hand, und theilte den Segen aus. Renzo vermuthete die — 222— Wahrheit; es habe Jemand drinnen ſo eben ſeine letzte Beichte geſchloſſen.— Der iſt mein Mann, ſagte er zu ſich ſelbſt. Wenn ein Prieſter, mitten in prieſterlichen Geſchaͤften, nicht ein bischen Menſchenliebe im Leibe hat, ein bischen freundliche Gefaͤlligkeit, ſo muß man auf den Gedanken kommen, daß es auf dieſer Welt keine mehr giebt. Waͤhrend deſſen entfernte ſich der Prieſter von der Thuͤre, und kam auf Renzo zu. Doch ſchritt er mit großer Vorſicht, und hielt ſich in der Mitte der Straße. Als unſer Wandrer ſich vier oder fuͤnf Schritte nur noch von ihm ſah, zog er den Hut und gab ihm zu er⸗ kennen, daß er ihn anzureden wuͤnſche. Zugleich blieb er ſtehen, und erklaͤrte dadurch, er ſey Willens, ihm nicht allzu unbeſcheiden auf den Hals zu kommen. Der Prie⸗ ſter blieb gleichfalls ſtehen, zeigte ſich bereit ihn anzuhoͤ⸗ ren, pflanzte aber ſeinen Stab vor ſich hin auf den Bo⸗ den, und ſicherte ſich auf dieſe Weiſe gleichſam durch ein Bollwerk. Renzo that ſeine Frage. Darauf gab ihm der Prieſter nicht bloß den Namen der Straße an, in welcher die Familie zu ſinden, ſondern theilte ihm auch, da er ſah, daß der arme Innge es noͤthig hatte, einen kurzen Reiſeplan mit; er beſchrieb nehmlich durch „rechts“ und„links,“ durch Kreuze und Kirchen, die ſechs oder ſieben Straßen, die Renzo noch zu durchwandern hatte, um ſich an Ort und Stelle zu ſehen. „Gott erhalte Sie bei Geſundheit,“ ſagte Renzo, „für dieſe ſchlimme Zeit, und fuͤr jede kuͤnftige!“ Waͤh⸗ rend darauf Jener im Begriff war, wegzugehen, rief der Juͤngling:„Eine andre Gefaͤlligkeit noch!“— Und — 223— nun gab er ihm von der armen vergeſſenen Frau Nach⸗ richt. Der wackere Prieſter dankte, dieweil er zu einer ſo dringenden Huͤlfleiſtung ihm Gelegenheit verſchaffte, ſagte, er werde es auf der Stelle gehoͤrigen Ortes mel⸗ den, und eutfernte ſich. 4 Nnn wiederholte ſich Renzo die gegebene Anweiſung zu ſeiner Wanderſchaft; er wollte ſich ſo wenig als moͤg⸗ lich zu einer zweiten Nachfrage genoͤthigt ſehen. Der Leſer hat aber ſchwerlich einen Begriff davon, wie ſauer ihm dieſe Arbeit wurde; nicht ſo wohl, weil es ihm ſchwer fiel, die aufgezaͤhlten Zeichen alle am Faden zu behalten, als weil ein neuer Gedankenſturm ſich in ſeiner Seele erhob. Der Name der Straße, dieſer Zug des Weges, ſie waren es, was ihn mit ſo heftiger Erſchuͤtte⸗ rung beſtuͤrmte. Es war die Kunde, die er gewuͤnſcht und begehrt hatte, ohne welche er nichts anzufangen ver⸗ mochte; auch hatte er mit ihr zugleich nichts vernommen, was irgend die Ahnung eines Ungluͤcks in ihm erwecken konnte. Und dennoch! Der Gedanke, einem verhaͤngniß⸗ vollen Ziele ſich ſo nahe zu fuͤhlen, dem Augenblick zu begegnen, der einen großen ſchweren Zweifel ihm loͤſen ſollte— ſie lebt, konnte es heißen; es konnte heißen: ſie iſt todt!— Dieſer Gedanke hatte ſo allgewaltig ihn ergriffen, daß er faſt es vorzog, ſich noch mitten im Ne⸗ bel der Ungewißheit zu befinden, und erſt am Beginne des Weges zu ſtehen, deſſen Ende jetzt ſo nah vor ihm dalag. Indeſſen ſammelte er ſeinen Muth.— Ei, ſagte er, wenn ich jetzo anfangen will, mich kindiſch zu geber⸗ den, wie ſoll die Sache gehen?— So gewann er ſeine Geiſtesgegenwart ziemlich wieder, ſetzte ſeinen Weg fort, — 224— und gelangte tiefer in die Stadt hinein.— In welche Stadt! Wenn man ſich jetzt erinnerte, wie ſie im vor⸗ hergehenden Jahre waͤhrend der Hungersnoth ausgeſehen, wie traurig hatte der Anblick des Schreckens an Grauen⸗ haftigkeit zugenommen! 183 aan 3u5 Renzo war eben im Begriff, durch eine der entſtell⸗ teſten, am meiſten verwuͤſteten Gegenden zu wandern; durch eine Kreuzſcheide vieler Straßen, welche damals der Carrobio des neuen Thores hieße*) Hier herum war die Wuth der Anſteckung und der verderbenvolle Einfluß der umhergeworfenen Leichname ſo ungeheuer geweſen, daß die Wenigen, welche am Leben geblieben, ſich gend⸗ thigt ſahen, ihre Wohnungen zu verlaſſen; waͤhrend daher der Blick des Wanderers durch die oͤde Einſamkeit gruu⸗ ſenvoll uͤberraſcht ward, wurden Auge und Naſe durch die Zeichen und die Ueberbleibſel der neuen lebloſen Bevoͤlkerung eben ſo ekelhaft als ſchmerzlich beleidigt. Renzo ſchritt aus dieſer Urſache eiligſt zu; es gereichte ihm zu einigem Troſte, daß ſein Ziel noch nicht ſo nahe ſeyn konnte; er hoffte, ehe er dahin gelangte, einen etwas erbaulicheren Anblick der Stadt zu treffen. Und in der That, nicht weit davon erreichte er eine Gegend, welche ſich eine Stadt von lebenden Menſchen nennen ließ, aber bei dem Allen was fuͤr eine Stadt, was fuͤr lebende Menſchen! Aus Argwohn und Schrecken waren alle Thuͤren nach der Straße zu geſchloſſen, und offen ſtanden nur diejenigen, . die *) Hier ſtand damals am Ende der Straße ein Kreuz, und im Hintergrunde, der heutigen Kirche San Francesco di Paolo zur Sei⸗ te, eine alte Kirche, Santa Anaſtaſia genannt. A. M — 225— die zu keinem bewohnten Zimmer fuͤhrten, oder von der Gewalt erbrochen worden; einige von außen vernagelt oder verſtegelt, weil drinnen Leute an der Peſt geſtorben oder krank danieder liegen; andre durch Kohle mit einem Kreuz bezeichnet, zur Nachricht fuͤr die Monatti, daß Leichen dort abzuholen ſeyen; uͤberall aber ließ ſich ord⸗ nungsloſe Willkuͤhr erkennen, je nachdem hier oder dort ſich ein Geſundheitsbeamter gefunden welcher geſonnen war, die Befehle auszufuͤhren, oder aus Eigennutz und Raubgier bloß die Leute zu quaͤlen. Wo der Blick hin⸗ ſiel, lagen Fetzen, begeiferte Binden, zermalmtes Stroh; Kleider oder Betttuͤcher, voller Eiter zu den Fenſtern herausgeworfen; bisweilen Leichname, ploͤtzlich mitten in der Straße verſchieden, oder daſelbſt liegen gelaſſen„ bis ein Karren kaͤme, um ſie aufzuraffen; einige mochten von den Karren ſelbſt herabgeglitten ſeyn, oder waren gleich⸗ falls aus den Fenſtern geworfen worden— ſo furchtbar hatte das Drangſal und die Steigerung des Elends die Gemuͤther verwildert, und ſie von jeder Sorgfalt des Mit⸗ leids, von jeder geſelligen Ruͤckſicht der Scheu entwoͤhnt! Rings umher hatte jedes Geraͤuſch der Werkſtaͤtten, jedes Geraſſel der Wagen, jedes Geſchrei der Verkaͤufer, jedes Geſpraͤch der Voruͤbergehenden aufgehoͤrt; nur ſelten wur⸗ de dieſe Kirchhofſtille von etwas Andrem belebt, als dem Knarren der Leichenwagen, dem Gewimmer der Bettler, dem Wehklagen der Kranken dem Geheul der Wahnſin⸗ nigen und dem wechſelſeitigen Zuruf der Monatti. Mit der Morgenroͤthe, um Mittag und bei der Abenddaͤmme⸗ rung gab vom Dom eine Glocke das Zeichen, verſchie⸗ dene Gebete herzuſagen, welche der Erzbiſchof vorgeſchrie⸗ III. 15 8 ben; dieſer droͤhnenden Mahnſtimme antworteten die Glocken der uͤbrigen Kirchen. Dann traten Leute an die Fenſter, um gemeinſchaftlich. zu beten; ein Gefluͤſter von Stimmen und Seufzer ließ ſich vernehmen, und in ihm verkuͤndigte ſich eine Traurigkeit, die ein matter Trſt zu mildern ſchien. Es waren um dieſe Zeit vielleicht aweke Deitttheile der Bevölkerung geſtorben. Von den Uebrigen hatten Viele das Verderben gluͤcklich uͤberſtanden, oder kraͤnkel⸗ ten; was von außen herbeigeſtroͤmt, hatte faſt Alles den Tod gefunden. Unter den Wenigen, welche, in einem weiten Raume ſßpaͤrlich anzutreffen, umher gingen, war kaum Einer zu finden, an welchem nicht etwas Seltſa⸗ mes aufſiel, und die traurige Verwandlung der Dinge ſich deutlich genug enthüllte. Man ſah Leute von Stande ohne Mantel und Kragen, damals die beiden Haupter⸗ forderniſſe einer anſtaͤndigen Kleidung; Prieſter ohne den langen Ueberrock, Moͤnche ohne die Kutte; jede Tracht ſo eingezogen als moͤglich, um nicht mit Falten und flie⸗ genden Zipfeln Etwas zu beruͤhren, oder den Giftſalbern, die man immer noch mehr als alles Andre fuͤrchtete, be⸗ queme Gelegenheit zu geben. Ueberdieß erſchien Jeder vernachlaͤſſigt und unordentlich; der Bart laͤnger⸗ als man ihn zu tragen pflegte, ſelbſt das Geſicht der Leute entſtel⸗ lend, welche zu andrer Zeit ihn ſcheeren ließen; eben ſo lang und ungeordnet das Haar, nicht bloß weil die fortwaͤhrende Niedergeſchlagenheit jede Sorgfalt dieſer Art ſchwaͤchte, ſondern auch, weil die Barbiere in Ver⸗ dacht gefallen, ſeitdem einer derſelben, Giangiacomo Mora, als ein verrufener Giftmiſcher ergriffen und zum — 227— Tode verurtheilt worden; mit dem Namen Mora ward lange Zeit nachher jede oͤffentliche Frevelthat bezeichnet, waͤhrend das Gefuͤhl eines gerechten Mitleids ihn haͤtte begleiten ſollen. Die meiſten Wandrer hatten einen Stock in der einen Hand, auch wohl ein Piſtol, um Jeden, der etwa allzuſehr ſich ihnen zu naͤhern ge⸗ ſonnen, drohend zuruͤckſcheuchen zu koͤnnen; in der an⸗ dern wohlriechende Teigſcheiben, durchloͤcherte Kugeln von Metall oder Holz, und in dieſen Schwaͤmme, mit arz⸗ neilichen Eſſigen vollgeſogen; hin und wieder hielten ſie dieſe Schutzmittel an die Naſe, oder trugen ſie in Einem fort vor dem Munde. Einige fuͤhrten am Halſe eine kleine Flaſche mit etwas Queckſilber; ſie waren der Meinung, die⸗ ſes Metall ſauge jeden peſtartigen Ausfluß ein oder wehre ihn ab; von Zeit zu Zeit ward der Inhalt des Flaͤſch⸗ chens ernenert. Vornehme Leute gingen durch die Stra⸗ ßen nicht bloß ohne die gewoͤhnliche Begleitung, man ſah ſie auch mit einem Korbe am Arm, um dem Man⸗ gel an Lebensmitteln abzuhelfen. Freunde, wofern noch ein Paar ſich lebend auf der Straße begegnete, begruͤß⸗ ten ſich von weitem mit wortkarger, eilfertiger Hoflich⸗ keit. Ein Jeder war bei dem Fortſchreiten hinlaͤnglich be⸗ ſchaͤftigt, die widrigen oder gefaͤhrlichen Hinderniſſe zu vermeiden, mit welchen der Boden beſtreut, hin und wieder auch im eigentlichen Sinne des Wortes beladen war; aus Furcht, ekelhaften Gegenſtaͤnden zu nahe zu kommen, oder eine traurige Laſt von den Fenſtern aus auf den Kopf zu empfangen, hielt ſich Jeder in der Mitte der Straße; auch grauete ihm vor den Giftpulvern, welche die Boͤſewichter, wie die Rehe ging, auf die Vor⸗ — 228— ubergehenden herabſtaͤuben ließen; man ſcheute die Waͤnde, die mit Peſtſalben beſtrichen ſeyn konnten. So vermehrte die Unwiſſenheit, die immer zur falſchen Zeit ſicher oder vorſichtig, das allgemeine Drangſal, und rief ſtatt der vernuͤnftigen und heilſamen Beſorgniſſe, von denen ſie anfangs nichts wiſſen wollte, unſtatthafte und thoͤrigte herbei.— 9 Dieß iſt das Gemaͤlde einer Stadtgegend, wo es Ge⸗ ſunde und Wohlhabende gab, wo der Anblick weniger ſcheußlich und mitleiderregend; nach ſo vielen Bildern des Elends aber uns erinnernd, daß wir noch einen herberen Weg zu durchmeſſen haben, zoͤgern wir hier nicht laͤnger⸗ um die Erſcheinung der Leidenden, die man durch die Straßen ſchleppte, oder auf dem Pflaſter liegen ließ, der Bettler, der Kinder und Frauen, zu ſchildern. Der Beob⸗ achter konnte in der That einen verzweifelten Troſt in Demienigen finden, was der entfernten Nachwelt bei dem erſten Anblick ſchon als der Gipfel des Elends erſcheint, wenn ſie ſieht, wie die Lebenden zu ſo Lenlicher Aumhl zuſammen geſchmolzen. Niitten durch dieſe Verwuͤſtung hatte Renzo bereits eine ziemliche Strecke ſeines Weges zuruͤckgelegt, als er noch viele Schritte von einer Straße entfernt, welche er betreten mußte, einen vielſtimmigen Laͤrmen aus ihr her⸗ vorbrauſen hoͤrte, und dazwiſchen das gewoͤhnliche, grauſen- hafte Klingelgeſchelle unterſchied. Bei dem Eintritt in dieſe Straße, welche eine der breiteſten, bemerkte er vier haltende Karren, und wie man auf einem Getraidemarkte Leute kommen und gehen, Saͤcke gaufladen und umſtuͤrzen ſieht, wimmelte dort ein vielkdpfi⸗ N — — 229— ges Gedraͤnge; Monatti, welche in die Haͤuſer liefen, Mo⸗ natti, die mit einer Laſt auf den Schultern herauskamen, und ſie auf den einen oder den andern Wagen legten; einige in ihrer rothen Tracht, andre ohne dieſe unterſchei⸗ dende Livrei; viele in noch gehaͤſſigerer Kleidung, mit Maͤnteln und Federbuͤſchen von mancherlei Farbe, welche ſonſt die ungluͤcklichen Erblaßten getragen— als verherr⸗ lichten ſie, mitten in ſo großer Volkstrauer, einen froͤhli⸗ chen Feſttag. Aus den Fenſtern ließ ſich hin und wieder eine unerfreuliche Stimme hoͤren:„Hier, Monatti!“ und mit noch unheimlicherem Ton ſcholl aus dem truͤbſeligen Gewimmel die Antwort:„Gleich, gleich!“ Nachbarn jam⸗ merten, oder baten um ſchnelle Befoͤrderung ihrer Todten; die Monatti ſahen mit herzloſen Mienen umher, und ant⸗ worteten mit Fluͤchen. Renzo eilte vorwaͤrts, und mochte auf die Gegen⸗ ſtaͤnde, die hindernd ſich in der Straße befanden, nicht weiter ſehen, als nothwendig, um ſie zu vermeiden; da traf ſein ſchweifender Blick auf einen Gegenſtand beſonderen Mitleidens, eines Mitleidens, welches das Gemuͤth zur Betrachtung feſſelte. So blieb er wider Willen llehen⸗ und ſah naͤher hin. Aus der Thuͤre eines Hauſes bewegte ſich nach den Karren hin eine Frau, deren aͤußere Erſcheinung eine vor⸗ geruͤckte, aber noch nicht voruͤber gegangene Jugend ver⸗ kuͤndigte; hindurch ſchimmerte gleichſam eine verhuͤllte Schoͤnheit, durch langen Schmerz und toͤdtliche Ver⸗ ſchmachtung verdunkelt, aber nicht verwuͤſtet, die weiche und doch zugleich maieſtaͤtiſche Schoͤnheit, die ein Erbtheil des lombardiſchen Blutes. Muͤhſam ſchritt ſie hin, doch — 230— ohne zu ſtraucheln; keine Thraͤne vergoß ihr Auge, ſchien aber viele vergoſſen zu haben; es lag in ihrem Schmerz et⸗ was Sanftſinniges und Tiefes, eine Seele verkuͤndigend, welche mit vollem Bewußtſeyn, mit allen Kraͤften der Em⸗ pfindung ihr Leiden fuͤhlte. Aber ihr Anblick war es nicht allein, was unter ſo vielfachem Elend ſie dem Erbarmen ſo auffallend empfahl, und die Herzen, welche bereits ſo zerriſſen und abgeſtumpft, ploͤtzlich auf's Neue mit ergrei⸗ fender Wehmuth erfuͤllte. Sie hielt ein todtes, etwa neun⸗ jaͤhriges Maͤdchen in den Armen; aber der Leichnam er⸗ ſchien im vollen Schmucke, die Haare auf der Stirn ge⸗ ſcheitelt, in weißem reinlichem Kleide, als wenn die Haͤnde, die ihn trugen, ihn zu einem lange verſprochenen Feſte, das zur Belohnung dem Kinde zugeſtanden worden, geſchmuͤckt haͤtten. Und nicht in liegender Stellung hielt ihn die Frau, ſondern aufgerichtet, auf den einen Arm ge⸗ ſetzt, die Bruſt an ihre eigene Bruſt gelehnt, als waͤr's ein lebendes Kind; ein weißes wachsaͤhnliches Haͤndchen hing mit lebloſer Schwere auf einer Seite herab, und auf der Schulter der Mutter ruhte der Kopf, wie in tiefem Schlafe ſich hingebend— auf der Schulter der Mutter; denn wenn auch die Aehnlichkeit der Geſichter nicht dafuͤr gebuͤrgt haͤtte, ſo haͤtten es die Zuͤge der Frau, in welchen noch eine einzige Empfindung zu wohnen ſchien, deutlich genug verkuͤndet. Ein eckelhafter Monatto ging auf die Frau zu, und machte Anſtalt, die ſchmerzliche Laſt aus ihren Armen zu uͤbernehmen; zugleich aber verkuͤndigte ſich eine ungewoͤhn⸗ liche Ehrfurcht in ihm, ein unwillkuͤhrliches Zoͤgern. Die Frau zog ſich ein wenig zuruͤck, waͤhrend in ihrer Ge⸗ ——— — 231— berde weder Unwillen noch Verachtung lag.„Nein,“ ſprach ſie,„beruͤhrt ſie mir jetzt nicht; ich will ſie auf den Wagen legen. Nehmt!“— Mit dieſen Worten oͤffnete ſie eine Hand, zeigte eine Geldboͤrſe, und ließ ſie in die aus⸗ geſtreckte Hand des Monatto fallen. Dann fuhr ſie fort: Werſprecht mir, ihr nicht einen Faden vom Leibe zu neh⸗ men, auch ſie von keinem Andern beruͤhren zu laſſen, und ſie ſo, wie ſie iſt, unter die Erde zu bringen.“ Der Monatto legte die Hand auf die Bruſt. Mit eil⸗ fertigem Gehorſam, mehr durch die neue Empfindung, die ihn uͤberſchlich, als des ungehofften Lohnes wegen, machte er geſchaͤftig fuͤr den kleinen Leichnam auf dem Wagen et⸗ was Platz. Die Frau gab dem Kinde einen Kuß auf die Stirn, legte es, wie auf ein Bette, in den gemachten lee⸗ ren Raum, brachte die Glieder in Ordnung, breitete ein glaͤnzend weißes Linnentuch daruͤber, und ſagte dann zu⸗ jetzt:„Leb' wohl, Cecilia! Ruh' in Frieden! Dieſen Abend kommen auch wir, und dann werden wir immer beiſam⸗ men bleiben. Bete waͤhrend deſſen fuͤr uns; ich werde fuͤr dich und fuͤr die Andern beten.⁰— Darauf wandte ſie ſich noch einmal zu dem Monatto, mit den Worten:„Wenn Ihr gegen Abend wieder vorbei kommt, ſo kommt herauf; Ihr werdet auch mich holen, und nicht mich allein." Nachdem ſie ſo geſprochen, trat ſie in's Haus zuruͤck, und erſchien einen Augenblick ſpaͤter am Fenſter oben. Auf ihren Armen hielt ſie eine andre kleinere Tochter, noch le⸗ bend, aber ſchon die Zeichen des Todes in den zarten Kin⸗ derzuͤgen. Sie ſtand, und betrachtete das unwuͤrdige Lei⸗ chenbegaͤngniß der aͤlteren Tochter; ehe der Karren ſich in Bewegung ſetzte, ruͤckte ſie keinen Fuß; dann aber ver⸗ — 232— ſchwand ſie. Was hatte die Jammervolle anders zu thun, als das einzige Geliebte, welches ihr blieb, auf's Bette zu legen, und ſich daneben hinzuſtrecken, um mit der Ster⸗ benden zu ſterben? Wenn die Sichel uͤber die Wieſe hin⸗ ſauſt, und die Kraͤuter alle danieder maͤht, ſinkt die ſtolze Blume am Stamme zugleich mit dem Bluͤmchen, das ſchlummernd noch halb im Kelche lauſcht, entwurzelt zu Boden. 1 „O Gott im Himmel!“ ſchrie Renzo.„Erhore ſie; nimm ſie zu dir, ſie und das kleine Geſchoͤpf da; ſie haben genug gelitten, bei'm Heiland, haben genug gelitten!“ Von dieſer durchdringenden Erſchuͤtterung zu ſich ſelbſt kommend, ſuchte er ſich den Reiſebericht wieder in's Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen, und wollte mit Huͤlfe deſſelben uͤberlegen, ob er bei der erſten Querſtraße ſich wenden muͤſſe oder nicht; da laͤrmte ein neues Getoͤſe ganz ande⸗ rer Art, ein verworrenes Geraͤuſch von gebieteriſchen Stimmen, matte Klagen, langes Wehgeſchrei, weibliches Geſchluchze und wimmernde Kindertoͤne. Er ſchritt weiter, und ſah der Erklaͤrung mit bangem Herzen entgegen. Nachdem er an den Kreuzweg gekommen, ſah er von der einen Seite her eine verworrene Schaar ſich naͤhern, und blieb ſtehen, bis ſie voruͤber gezogen. Es war ein Haufe von Kranken, die nach dem Hospital ge⸗ bracht wurden; Einige, mit Gewalt getrieben, und frucht⸗ loſen Widerſtand leiſtend, ſchrieen unbeachtet, ſie wollten auf ihrem Bette ſterben, und antworteten den Fluͤchen und Geboten der ſchleppenden Monatti mit ohnmaͤchtigen Ver⸗ wuͤnſchungen; Andre ſchlichen, wie ſinnlos, in ſtummer Ergebung hin, ohne ſichtbaren Schmerz ohne Hoffnung; — Frauen, mit unmuͤndigen Kleinen am Halſe; Kinder, die vom Geſchrei, von den Befehlen und dem Geleite mehr als von der undeutlichen Vorſtellung des Todes erſchreckt, mit lautem Gewinſel nach den treuen Armen der Muͤtter verlangten, und die Treiber beſchworen, daheim an bekann⸗ ter Staͤtte bleiben zu duͤrfen. Ach, und die Mutter, die ſie zu Hauſe auf dem Bette ſchlafend verlaſſen zu haben waͤhnten, hatte ſich vielleicht, von der Krankheit ploͤtzlich uͤberfallen und ihrer Sinne beraubt, darauf geworfen, um nach dem Hospital auf einem Karren, oder wenn dieſer zu ſpaͤt anlangte, nach einer Grube geſchleppt zu werden. Vielleicht— welche Thraͤne beweint den Jammer, wie er beweint zu werden verdient?— vielleicht hatte die Mut⸗ ter, uͤbermannt von ihren Leiden, Alles, auch ihre Kinder, vergeſſen, und hegte nur einen einzigen Gedanken noch, den Wunſch, in Ruhe zu ſterben! Doch auch in dieſem ſchauderhaften Gewuͤhl ließ ſich manches Beiſpiel der Be⸗ harrlichkeit und der frommen Liebe entdecken; Eltern und Bruͤder, Soͤhne und Eheleute, die ihre Geliebten unter⸗ ſtuͤtzten, und ſie mit troͤſtlichem Zuſpruch begleiteten; nicht Erwachſene nur, auch Knaben und kleine Maͤdchen haͤng⸗ ten ſich an ihre juͤngeren Geſchwiſter, zeigten gereiftes Ge⸗ fuͤhl und Mitleid, ermuthigten ſie zum Gehorſam, und verſicherten ihnen, es gehe nach einem Orte, wo andre Leute ſich ihrer annehmen, und ihre Heilung hereern wuͤrden. Betruͤbt und geruͤhrt durch ſolche Anftritte, exgriff n un⸗ ſern Wandrer eine Bekuͤmmerniß, die ihn naͤher traf, und ſeine Fuͤße laͤhmte. Das Haus konnte nicht mehr fern ſeyn, und wer konnte ihm ſagen, ob unter dieſen beiam⸗ —. 241— mernswerthen Gaͤſten des Hospitals.. Als aber die ganze Schaar voruͤber war, und mit ihr auch der quaͤlende Zwei⸗ fel ſich verloren hatte, wandte er ſich an einen Monatto, der dahinter kam, und befragte ihn um die Straße, in welcher Don Ferrante's Haus zu finden ſey.—„Scheer! dich zum Teufel, Bauerluͤmmel!“ lautete die Antwort. Renzo huͤtete ſich, etwas darauf zu erwiedern; da er aber gleich daneben einen Kommiſſar bemerkte, welcher den Zug ſchloß, und ein etwas chriſtenmaͤßigeres Anſehen hatte, richtete er an ihn die nehmliche Frage. Dieſer deutete mit ſeinem Stocke nach der Gegend, daher er ſelbſt kam, und ſagte dann:„Die erſte Straße zur Rechten, und dann links das letzte vornehme Haus.“ Mit einem neuen heftigeren Sturm im Herzen ging unſer Juͤngling darauf zu. Er iſt in die Straße getreten; er unterſcheidet ſogleich das Haus von den niedrigen Nachbarn, die bei weitem nicht in ſo glaͤnzendem Zuſtandez er naͤhert ſich der geſchloſſenen Thuͤre, er will die Hand an den Klopfhammer legen, und haͤlt ſie ſchwebend in die Hoͤhe, als griff er in einen Loostopf, worin ein Zettel ſein Leben oder ſeinen Tod entſcheiden ſollte. Endlich hebt er den Hammer und laͤßt entſchloſſen ihn zuruͤckfallen. Nach einigen Sekunden that ſich ein Fenſter, doch nur mit geringer Oeffnung, auf; ein Frauenzimmer erſchien ge⸗ duckt; auf ihrem furchtſamen Geſichte ließen ſich die Fra⸗ gen leſen: Monatti? Diebe? Kommiſſare? Giftſalber? Teufel? „Geehrte Frau,“ rief Renzo mit nicht allzuſicherer Stimme hinauf,„dient hier nicht ein zunges Muͤdchen von außerhalb, die Lucia heißt?“ — 235— „Die iſt nicht mehr hier; geht!“ antwortete das Frauenzimmer, und machts Miene, das Fenſter wieder zu ſchließen. „Einen Augenblick! Habt Erbarmen! Sie iſt nicht mehr hier? Wo iſt ſie?“ „Nach dem Lazareth!“ und das Fenſter ſaült⸗ von Neuem geſchloſſen werden. „Einen Augenblick, um aller Heiligen Willen! Peſ⸗ krank? „Verſteht ſich, als wenn das was Neues waͤre! Geht! „Wartet, eh! War ſie ſchwer dran krank? Wie lang' iſt's her.. 2 Das Fenſter ward geſchloſſen. „Liebe Frau! Liebe Frau! Ein Woͤrtchen, bei den Ge⸗ beinen Eurer Eltern! Ich verlange ja nichts weiter von Euch!“— Es war aber, als wenn er zur ohrenloſen Mauer ſprach. Von der Nachricht beſtuͤrzt und uͤber die Behandlung entruͤſtet, ergriff Renzo den Hammer noch einmal, drehte ihn, gegen die Thuͤre ſich ſtemmend, in der Hand, hob ihn, um zum zweiten Male mit verzweifelter Gewalt zu po⸗ chen, ließ ihn aber bald regungslos in der Hand ſchweben. In dieſer Gemuͤthsbewegung wandte er ſich, ob vielleicht ein Nachbar ſich ſehen ließe, von welchem eine menſchen⸗ freundlichere Nachricht, ein Licht, ein Fingerzeig zu erlangen waͤre. Die erſte und einzige Perſon aber, ſo er gewahr wurde, war ein andres Frauenzimmer, welches etwa zwan⸗ zig Schritte davon ſtand; mit einem Geſichte, worin Schrecken und Haß, Ungeduld und Bosheit neben einan⸗ der hauſten. Mit verdrehten Augen, die ihn zu unterſchei⸗ — 236— den und dabei ſo weit als moͤglich zu ſpaͤhen ſuchten, oͤff⸗ nete ſie den Mund, als wollte ſie aus vollem Halſe ſchreien, hielt aber zugleich den Athem an ſich, hob zwei magere Arme empor, ſtreckte die beiden runzligen Haͤnde mit lan⸗ gen Naͤgeln aus und hallte ſie wieder zuſammen, als zoͤge ſie eiwas nach ſich, und ſchien Leute herbeirufen zu wollen, ohne daß es Jemand gewahr werden ſollte. Da Renzo's Blick dem ihrigen begegnete, geberdete ſie ſich noch widri⸗ ger, und fuhr, wie eine uͤberraſchte Verbrecherin, empor. „Was zum Henker?“ fing Renzo an, und hob die Arme gegen ſie auf. Jene aber, als haͤtte ſie die Hoff⸗ nung verloren, ihn unverſehens von den Haͤnden Anderer ergreifen zu laſſen, brach in das Geſchrei aus, welches ſie bis dahin unterdruͤckt hatte.„Ein Giftſalber! packt ihn! packt ihn! packt den Giftſalber!“ „Wer? Ich!“ ſchrie Renzo,„ach die luͤgenhafte Herel Halt' das Maul!“— Mit dieſen Worten ſprang er auf ſie zu, um ihr Furcht einzujagen, und ſie zum Schweigen zu bringen. Indeſſen beſann er ſich, daß es in ſolcher Lage geſcheidter ſey, an ſich ſelbſt zu denken. Auf das Geſchrei des Frauenzimmers liefen von beiden Seiten Leute herbei, nicht ein Schwarm, wie er bei einer aͤhnli⸗ chen Gelegenheit drei Monate fruͤher hervorgeſtuͤrzt waͤre; aber doch immer noch eine groͤßere Zahl, als hinreichend war, einen Menſchen fortzujagen. In demſelben Augen⸗ blick oͤffnete ſich von Neuem das Fenſter, und dieſelbe unhoͤfliche Frau, die ihm vorher ſo barſch Beſcheid gege⸗ ben, zeigte ſich diesmal ganz und gar, und rief nitch ih⸗ rerſeits:„Greift ihn! Greift ihn! S iſt auf jedeit Fall — 237— einer von den Hoͤllenſchuften, die herum gehen, und ehr⸗ licher Leute Thuͤren anſalben.“ Mit Blitzesſchnelle uͤberlegte Renzo, daß es räthlicher ſey, ſich hier aus dem Staube zu machen, als da zu blei⸗ ben und ſeine Rechtfertigung zu verſuchen; er wandte das Auge nach beiden Seiten, um zu ſehen, auf welcher der ſchwaͤchſte Zuſammenlauf ſey; nach dieſer ſetzte er ſich in Lauf. Mit einem tuͤchtigen Stoß druͤckte er Einen, der ihm die Straße verſperren wollte, zuruͤck; acht oder zehn Schritte weiter brachte er einen Andern, der ihm entge⸗ gen lief, durch einen kraͤftigen Fauſtſchlag gegen die Bruſt zum Weichen; dann ging's athemlos fort, die Fauſt em⸗ porgehoben, gewandt und drohend, Jedem zu Befehl, der ſich weiter ihm entgegen zu pflanzen Luſt haben moͤchte. Die Straße vor ihm war bald frei; im Ruͤcken aber hoͤrte er immer unbaͤndiger das ergrimmte Zetergeſchrei ſich nachrufen:„Packt ihn! packt ihn! es iſt ein Giftſal⸗ bex 1 ½ Pald. merkte er auch, wie die Tritte den Schnell⸗ fuͤßigſten/ die ihm nachſetzten, ſich naͤherten. Sein Zorn verwandelte ſich in Wuth, ſeine Angſt ſtieg zur Verzweif⸗ lung; es war, als wenn ein ſchwarzer Schleier ihm vor die Augen niederſank; er greift nach ſeinem Meſſer, zieht es heraus, ſteht ſtill, dreht ſich um, und zeigt ſeinen Ver⸗ folgern ein wilderes, wuthſchnaubendes Geſicht, als jemals Einer an ihm geſehen; ſo ſchwingt er mit ausgeſtrecktem Arme die blitzende Klinge in der Luft, und ſchreit:„Wer Herz hat, der komme her, Schuftengeſindel! Ich werd ihn damit in allem Ernſte ſalben!“ Aber mit Verwunderung und dunklem Troſtgefübl ſah er, wie ſeine Nachſetzer ſchon in einiger Entfernung — 236— ſtehen geblieben. Sie zoͤgerten, ſchrien aber noch immer, und winkten, gleich Beſeſſenen, mit ausgeſtreckten Haͤnden, wie Leuten weit hinter ihm, zu. Er drehte ſich alſo wie⸗ der um, entdeckte vor ſich und gar nicht weit mehr— denn in der großen Beſtuͤrzung war er fruͤher nichts da⸗ von gewahr worden— einen daherfahrenden Karren, bald ſogar eine ganze Reihe, gewoͤhnliche Leichenkarren mit der gewoͤhnlichen Begleitung; jenſeit einen andern Menſchen⸗ ſchwarm, welcher eben ſo gern dem Giftſalber zu Leibe gehen, und ihn in die Mitte nehmen wollte, jedoch durch daſſelbe Hinderniß zuruͤck gehalten wurde. Da Renzo ſich ſo zwiſchen zweien Feuern ſah, ſiel ihm ein, daß der Schrecken, welcher die Andern laͤhmte, ſich fuͤr ihn als ein Mittel zur Rettung benutzen ließe; er ſah, daß es keine Zeit war, den Bedenklichen zu ſpielen, ſteckte das Meſſer wieder zu ſich, lief laͤngs den Haͤuſern hin, drehte ſich dann auf die Karren zu, kam vor dem erſten voruͤber, und bemerkte auf dem zweiten einen leeren Raum. Schnell nahm er ſein Augenmaas, that einen Sprung, und ſchleu⸗ derte ſich, auf den rechten Fuß ſich ſtuͤtzend, den linken in der Luft, die Arme emporgehoben, hinauf. „Bravo! bravo!“ ſchrien die Monatti zugleich, von welchen die Meiſten zu Fuß dem Zuge folgten, Andere auf den Karren ſich befanden, und Einige, um das Ent⸗ ſetzliche zu ſagen, wie es war, auf den Leichnamen ſaßen, und aus einer großen Flaſche die Reibe herum einander zutranken.—„Bravo!'n huͤbſcher Streich! 17 „Biſt herauf geſprungen, dich in den Schut der Mo⸗ natti zu begeben“, ſagte einer von den beiden, die auf demſelben Karren ſaßen,„verlaß' dich drauf, ſollſt ſicher ſeyn, wie in der Kirche.“. Waͤhrend der Zug ſich naͤherte, hatten die meiſten Feinde den Ruͤcken gekehrt, und ſchlichen zuruͤck, indem ſie jedoch noch immer—„wackt ihn! packt ihn! Ein Giftſalber!“— ſchrien. Einer unter ihnen machte ſich langſamer fort, ſtand hin und wieder ſtill, und drehte ſich mit gefletſchten Zaͤhnen, mit den drohenden Geberden des Grimmes nach Renzo hin. Dieſer antwortete ihnen von ſeinem Karren herab, und ließ ſeine geballten Faͤuſte in der Luft ſpielen. Laß mich machen,“ ſagte einer der Monatti. Bei dieſen Worten riß er einem Leichnam einen ſchmutzigen Fetzen vom Leibe, band ihn eilig zuſammen, faßte ihn bei einem Zipfel, ſchwang ihn, wie eine Schleuder, gegen die hartnaͤckigen Gegner empor, machte Miene, das Buͤndel ihnen an den Kopf zu werfen, und ſchrie:„Wart, Racker⸗ zeug!“ Bei dieſem Geberdenſpiel ergriffen Alle ſchaudernd die Flucht; Renzo ſah nur den Ruͤcken ſeiner Feinde noch, nur Ferſen, die haſtig in die Luft geſchwungen wurden, wie die Balken einer Walkmuͤhle. Unter den Monatti erhob ſich ein Siegesjubel, ein ſtuͤrmiſch gellendes Gelaͤchter; mit einem langgezogenen i„uh!“ begleiteten ſie die Flucht der Erſchrockenen. „Aha! Siehſt Du nun, ob wir ehrliche Leute in Schutz n nehmen verſtehen?“ ſagte derſelbe Monatto,„Einer von uns und Hundert ſolche Haſenfuͤße!“ „Gewiß, ich kann ſagen, ich verdank Euch mein Le⸗ ben⸗“ erwiederte Renzo,„und von ganzem Herzen bin ich Euch verpflichtet.“ S n 3 — 240— „Michts, nichts,“ ſprach Jener,„verdienſt es, man ſieht's Dir an, daß Du ein wackerer junger Kerl biſt. Haſt ganz Recht, wenn Du die Lumpenbrut anſchmierſt; ſalb' ſie, rotte ſie aus, ſie ſind doch nicht eher was werth, als bis ſie kalt ſind. Um des Handwerks willen, das wir treiben, wuͤnſchen ſie uns den Teufel in's Neſt, und wenn die Peſtilenz aufgehoͤrt hat, ſo wollen ſie uns Alle, ſagen ſie, an den Galgen ſchaffen. Mit ihnen aber ſoll's eher vorbei ſeyn als mit der Peſtilenz; die Monatti werden al⸗ lein uͤbrig bleiben, um ihr Siegesliedchen zu ſingen, und in Malland ein luſtiges Zechleben zu fuͤhren.“ „Die Peſt ſoll leben, und das Schuftenvolk zu Grunde gehen!“ rief der Andre. Mit dieſem Trinkſpruch eines er⸗ habenen Zartgefuͤhls ſetzte er ſich die Flaſche an den Mund, hielt ſie, bei'm Schwanken des Karrens, mit beiden Haͤn⸗ den umklammert, that einen herzhaften Zug, und reichte ſie unſerm Juͤngling mit den Worten hin:„Da, Burſch, trink' auf unſre Geſundheit!“ Die wuͤnſch' ich Euch von ganzem Herzen,“ ſagte Renzo;„hab' aber keinen Durſt, und koͤnnte fuͤr den Au⸗ genblick meiner Seelen nicht'nen Tropfen hinaantar bringen. 2 „Dich hat da, wiess ſcheint,'ne ſchoͤne Furcht geſchuͤt⸗ telt,“ ſagte der Monatto.„Haſt'ne erbaͤrmliche Miene um die Naſe ſitzen. Eh, um den Giftſalber zu ſbielen, da gehoͤrt ein anderes Geſicht zu.“ „Jedeiner ſtellt ſich an, wie er enna⸗ ſagte der Andre. ns „Gieb her,“ ſprach Einer von den nebrigen, die ne⸗ ben dem Karren zu Fuße gingen,„her die Flaſche. Will — — 241— nen zweiten Schluck thun, und das auf die Geſundheit ihres Herrn, der da oben in ſo allerliebſter Geſellſchaft ſitzt, dort vorn, in der herrlichen Staatskutſche.“. Mit wildem geſpenſterartigem Schmunzeln deutete er dabei auf den vorderſten Karren. Dann ſammelte er im Geſicht einen ſchelmiſchen unnatuͤrlichen Ernſt, verneigte ſich nach jenem Karren hin, und rief:„Geben Sie Sich zufrieden, lieber Herr, daß ein armer Monatto ſich einen Schluck aus Dero Keller ſchmecken laͤßt. Sehen Sie wohl, wie es auf dieſer Erde oft recht drollig zugeht; wir ſind die Leute, welche Eure Gnaden in die Kutſche geſetzt ha⸗ baben, um Sie nach Dero Landſitz zu bringen. Uebrigens ſchlaͤgt ſolchen hohem Herrn, wie Sie, der Wein nicht im⸗ mer am beſten anz ein armer Monatto fuͤhrt einen tuͤch⸗ tigen Magen bei ſich.“ Waͤhrend die Gefaͤhrten uͤber ſeine Einfaͤlle unmaͤßig lachten, nahm er die Flaſche, und hob ſie in die Hoͤhe; bevor er aber trank, wandte er ſich an Renzo, ſah ihm ſtarr in's Geſicht, und ſagte mit einer Art von veraͤchtli⸗ chem Mitleid:„Der Teufel, mit dem Du deinen Kontrakt abgeſchloſſen haſt, muß noch ein ſehr kleinmuͤthiger Gruͤn⸗ ſchnabel ſeyn; denn waͤren wir Dir nicht zur Huͤlfe ge⸗ kommen, er haͤtt Dich nimmermehr aus dem flammenden Ofen gezogen.“— Ein neues Gelaͤchter kroͤnte ſeinen Witz, und nun haͤngte er die Flaſche an den Mund. Und wir? Heh! Und wir?“ ſchrie es vom vorderſten Karren in mehreren Stimmen herab. Der ungeſchlachte Vitzling uͤbergab, nachdem er ſich zur Genuͤge guͤtlich ge⸗ than, die große Flaſche mit beiden Haͤnden ſeinen Bruͤdern dort vorn. Hier wanderte ſie von Hand zu Hand, und III. 16 — 242— gelangte endlich an Einen, welcher den letzten Zug that, ſodann ſie bei dem Hals faßte, ein paar Mal durch die Luft ſchwang, und ſie mit dem Rufe:„die Peſtilenz ſoll leben!“— auf's Pflaſter nieder in viele Stuͤcke zerſchmet⸗ terte. Nach dieſen Worten ſtimmte er einen rohen Geſang an, und ſeinem Gebruͤll geſellten ſich die meiſten Kehlen des widrig⸗truͤbſeligen Chors. Das teufliſche Lied, mit dem Geklingel der Gloͤckchen, dem Knarren der Wagen und dem Hufſchlag der Pferde zuſammen toͤnend, ſcholl durch die ſchweigende Oede der Gaſſen, und ergriff, in den Haͤuſern wiederhallend, mit ſchmerzlicher Bangigkeit die Herzen der Wenigen, die noch darin wohnten. Aber was kann dem Menſchen bisweilen nicht gelegen kommen? Was kann in manchen Faͤllen nicht heilſam er⸗ ſcheinen?— Das Angſtgedraͤnge eines Augenblicks hatte unſerm Renzo die Geſellſchaft dieſer Todten und dieſer Le⸗ benden mehr als ertraͤglich gemacht, und jetzt war, was ihn aus dem Gewuͤhl einer ſolchen Unterhaltung gezogen haͤtte, ſeinen Ohren eine ſuͤße Muſik. Noch halb außer ſich vor Angſt und Verwirrung dankte er indeſſen dem Himmel im Herzen, daß er, ohne ein Ungluͤck anzuſtellen oder zu erfahren, aus dem Drangſturm entwiſcht; er be⸗ tete, daß er auch jetzt aus der Mitte ſeiner Befreier befreit wuͤrde, und ſaß ſeinerſeits aufmerkſam da, blickte auf die Monatti, blickte auf die Straße, um die Zeit zum Hinun⸗ tergleiten abzupaſſen; er mochte ihnen durch kein Geraͤuſch neue Gelegenheit zum verzoͤgernden Geſchwaͤtz geben, und durch keinen aͤrgerlichen Auftritt die argwoͤhniſche Bosheit der Voruͤbergehenden reizen. Indem der Zug um eine Ecke bog, alaubis er die Ge⸗ 5 — 2413— gend wieder zu erkennen; er blickte aufmerkſamer hin, und erkannte ſie in der That an verſchiedenen Zeichen. Es war die große Straße vom Thor gegen Morgen her, die Straße, durch welche wir, etwa zwanzig Monate fruͤher, unſern Juͤngling langſam in Mailand herein, und in fluͤchtiger Eile wieder hinaus begleitet haben. Er erinnerte ſich ſo⸗ gleich, daß es von dort aus gerade nach dem Krankenhauſe ging; daß er ſich aber auf dieſe Weiſe, ohne ſeine Bemuͤ⸗ hung, ohne Belehrung eines Andern, auf dem rechten Wege zu ſeinem Ziele befand, nahm er fuͤr einen ausdruͤck⸗ lichen Fingerzeig der Vorſehung, fuͤr ein gluͤckliches Wahr⸗ zeichen der naͤchſten Zukunft. In dem Augenblicke kam dem Karrenzuge ein Kommiſſar entgegen, und ſchrie den Monatti zu, ſie ſollten ſtill halten. Es geſchah, und der Geſang verwandelte ſich in einen laͤrmenden Wortwechſel. Einer der Monatti auf Renzo's Wagen war hinab geſprun⸗ gen; der Juͤngling ſagte zu dem andern:„Ich dank' Euch fuͤr Euern Beiſtand, der Himmel vergelt' ihn Euch.“— Mit dieſen Worten entwiſchte er auf der andern Seitr hinab. „So geh, geh, armes Giftmiſcherchen!“ entgegnete Jener,„Du wirſt eben in Mailand keine große Verwuͤ⸗ ſtung anſtellen.“ Zum Gluͤcke ſtand Niemand ſo nah, daß er dieſe Worte gehoͤrt haͤtte. Der Zug hielt auf der linken Seite der Straße; Renzo begab ſich eilig nach der andern, hielt ſich an die Mauer, lief der Bruͤcke zu, ging hinuͤber, folgte der bekannten Straße zur Vorſtadt, erkannte das Kloſter der Kapuziner, kam an's Thor, ſah die hervorſtehende Ecke des Krankenhauſes, und ſchritt durch das Gitter des Tho⸗ — 244— res. Es enthuͤllte ſich ſeinen Augen der Anblick jenſeit der Einfaſſung, ein Anzeichen kaum, eine Probe, und doch ſchon eine weite, mannigfaltige, unbeſchreibliche Scene. An beiden Seiten des Gebaͤudes hin wimmelte es von Menſchen; es war ein Zuſammenſtroͤmen, ein Durcheinan⸗ dergleiten, ein ſtockendes Gedraͤnge. Kranke, die in Hau⸗ fen ſich nach dem Hoſpital bewegten, waͤhrend einige am Rande der beiden Graͤben, welche ſich laͤngs der Straße ziehen, ſaßen oder lagen; denn ihre Kraͤfte hatten nicht hingereicht, ſich bis ins Haus hinein zu ſchleppen, oder aus dieſem in Verzweiflung hervor geeilt, waren ſie nicht im Stande geweſen, weiter zu kommen. Andre Kranke irrten zerſtreut umher, wie bloͤdſinnig, Mancher in der That außer ſich. Dieſer ſtand mit gluͤhendem Geſichte da, und theilte die Erſcheinungen ſeiner fieberhaften Einbildungs⸗ kraft einem Elenden mit, welcher, von der Krankheit zu Boden geworfen, dalag und ihn nicht anhoͤrte; Jener tobte, ein Dritter lachte, als bewegte ſich ein froͤhliches Schauſpiel vor ſeinen Augen. Aber die ſeltſamſte, laͤr⸗ menvollſte Erſcheinung ſolch einer truͤbſeligen Froͤhlichkeit war ein lauter ununterbrochener Geſang, der außerhalb dem verſammelten Jammergedraͤnge daher zu toͤnen ſchien, und die Stimmen deſſelben uͤbertobte; ein luſtiges Volks⸗ lied, wie die ſcherzende Liebe es hoͤren laͤßt; und folgte der Blick dem Tone,, um zu entdecken, wo hier die Froͤh⸗ lichkeit ihr Feſt feiern konnte, unterſchied man einen Un⸗ gluͤckſeligen, der, ſtill im Tiefgrunde des Grabens am Kran⸗ kenhauſe ſitzend, aus voller Kehle ſang, und das wahnſin⸗ nige Antlitz zum Himmel gewandt hielt. Nenzo hatte kaum an der Mittagsſeite des Hauſes hin —„ R — 245— einige Schritte gethan, ſo erhab ſich in dem Schwarm ein außerordentlicher Laͤrmen, ein fernes Geſchrei, als gaͤlt' es Einen zu ergreifen und feſtzuhalten. Er ſtellt ſich auf die Zehen, blickt vor ſich hin, und ſieht ein trabendes Pferd, von einem jammervollen Reiter geſpornt; es war ein Wahnſinniger, welcher das Thier unbewacht und losge⸗ ſchirrt bei einem Karren geſehen, ſich hinauf geſchleudert hatte, und, ohne Sattel darauf ſitzend, mit den Faͤuſten auf den Hals losſchlug, ſeine Ferſen als Sporen gebrauchte, und es wuͤthend antrieb; Monatti ſetzten hinter ihm her und ſchrieen; ringsum huͤllte ſich Alles in eine Staub⸗ wolke, die weit fort ſich hinwaͤlzte. So kam unſer Juͤngling, vom Schauſpiel des Jam⸗ mers beſtuͤrzt und ermuͤdet, an das Thor eines Gebaͤudes, in welchem Alles, was er bisher an ſo vielen Orten ein zeln geſehen, vielleicht zuſammengedraͤngt ſeinen Blicken ſich darſtellen ſollte. Er trat unter die Woͤlbung der Pforte, und blieb einen Augenblick, mitten in der Halle, unbeweg⸗ lich ſtehen. 9 Zehntes Kapitel. Der Leſer denke ſich den inneren Raum des Kranken⸗ hauſes von ſechszehntauſend Peſikranken bevoͤlkert, der Hof⸗ raum voll von Holzbuden und Zelten, von Karren und Menſchen; die beiden endloſen Zimmerreihen der Halle, zur Rechten und Linken, bedeckt und vollgepfropft nit Ver⸗ ſchmachtenden oder mit Leichnamen, die auf Streu oder Decken hingeſtreckt liegen; durch das ganze unermeßliche — 246— Jammerbette ein Gewimmel, eine tobende Bewegung, als wogte ein ſtuͤrmiſch fluthendes Meer; uͤberall ein Kommen und Gehen, ein Stillſtehen und Laufen, waͤhrend Gene⸗ ſende, Wahnſinnige oder Huͤlfeleiſtende ſich niederbucken oder aufſpringen.— Das war das Schauſpiel, welches ploͤtzlich Renzo's Blicke uͤberraſchte, und ihn uͤbermannend, beklemmend, an die Stelle feſſelte, wo er ſtand. Von der Pforte, durch die er gekommen, bis zur Kapelle in der Mitte, und von dieſer bis zur Pforte gegenuͤber, zog es ſich wie eine Straße, leer von Huͤtten und jedem andern feſtſtehenden Hinderniß. Hier entdeckte er bei dem zweiten Hinblick eine wimmelnde Geſchaͤftigkeit, indem man Kar⸗ ren zuruͤckſchob, und Platz zu machen ſuchte; er entdeckte Beamte und Kapuziner, welche die Thaͤtigkeit lenkten, und zugleich Jeden, der muͤßig ſich dort umhertrieb, fortſchick⸗ ten. Renzo fuͤrchtete, unter ſolchen Umſtaͤnden gleichfalls hinausgetrieben zu werden; er draͤngte ſich daher nach der Seite, wohin er ſich zufaͤllig gewandt hatte⸗ unverzuͤglich zwiſchen die Buden hinein. Hier ſchritt er, je nachdem er Raum vor ſich ſah, um die Fuͤße aufheben zu koͤnnen, zwiſchen Bude und Bude vorwaͤrts, ſah in jede hinein, blickte draußen auf jedes Lager hin, beobachtete Geſichter, welche vom Leiden um al⸗ len Ausdruck des Lebens gebracht, vom Krampfe zuſammen⸗ gezogen kaum kenntlich, oder unbeweglich die Ruhe des To⸗ des zeigten— er ſuchte von dem Geſichte ſich zu uͤberzeu⸗ gen, welches er zu finden ſo entſetzenvoll fuͤrchtete. Schon aber hatte er eine bedeutende Strecke Weges zuruͤckgelegt, und die ſchmerzliche Unterſuchung viele Mal wiederholt, ohne noch ein weibliches Geſicht angetroffen zu haben; er —— —— — 247— ſchloß daher, die Frauen muͤßten ſich in einem abgeſonder⸗ ten Raume befinden. Zu dieſem wollte er ſeinen Weg neh⸗ men; wie aber die Richtung treffen? Kein Fingerzeig ließ ſich ergreifen, aus keinem Merkmal ein Wegweiſer machen. Hin und wieder traf er Beamte, an Anblick, Benehmen und Kleidung ſo verſchieden als die Beweggruͤnde, welche ihnen eine gleiche Kraft verliehen, in ſolchen Geſchaͤften ihre Tage zu verleben; in Dieſen verrieth ſich die Vertil⸗ gung jedes menſchlich mitleidigen Gefuͤhls, in Jenen ein außerordentlich frommes Mitleid. Aber weder bei Dieſen noch bei Jenen mochte Renzo eine Frage verſuchen; er nahm ſich alſo vor, ohne alle Zurechtweiſung weiter und weiter zu gehen, bis er von ſelbſt zu weiblichen Kranken gelangen wuͤrde. Waͤhrend dieſes Fortſchreitens ließ er es an ſpaͤhender Auf⸗ merkſamkeit nicht fehlen; oft aber mußte er den verzagenden Blick wegwenden, von ſo vielen Wunden gleichſam ſchmerz⸗ lich geblendet. Wohin er ihn aber richtete, ſiel er auf neue Wunden. Luft und Himmel ſelbſt ſeigerten, wenn ihn etwas noch zu ſteigern vermochte, den Schrecken dieſer Auftritte. Der Nebel hatte ſich allmaͤhlig verdichtet und in Wolken geſammelt, welche immer ſchwaͤrzer geworden, mit einer ſchauerlichen Sturmesdaͤmmerung die Erde bedeckten; nur am finſtern, tief ſchwebenden Himmel, ſchimmerte, wie hin⸗ ter einer dichten Schleierdecke, die bleiche Sonnenſcheibe, verbreitete eine ſchwache, dunſtige Halbhelle um ſich her⸗ und ſtroͤmte gleichſam eine todte, laͤſtige Hitze hernieder. Von Zeit zu Zeit ließ ſich unter dem weiten verworrenen Gewuühl ein tiefes Getoͤne, unbeſtimmt und abgebrochen, vernehmen; hielt man auch das Ohr aufmerkſam hin, war — 248— dennoch nicht zu unterſcheiden, von welcher Seite es kam 3 man konnte es fuͤr ein Geraſſel ferner Wagen halten, die jeden Augenblick ploͤtzlich ſtill ſtanden. Auf den Feldern umher ſah man nicht einen einzigen Zweig ſich regen; kein Vogel flog hinan, um auszuruhen, kein Vogel ſchwirrte hervor; nur die Schwalbe ließ ſich fluͤchtig auf dem Dache des Ringgebaͤudes ſehen, und flatterte mit ausgebreiteten Fluͤgeln herab, um auf der Ebene des Feldes hinzuſtreichen; aber durch das laͤrmende Getuͤmmel erſchreckt, ſchwang ſie ſich pfeilſchnell wieder in die Hoͤhe und verſchwand. Es war ein Wetter, wo in einer Schaar von Wandrern kei⸗ ner das Stillſchweigen mit einem Worte zu beleben pflegt; gedankenvoll und duͤſter ſchleicht der Jaͤger, die Augen an den Boden geheftet, hin; die Baͤuerin, die auf dem Acker den Knoſt fuͤhrt, laͤßt, ohne es ſelbſt gewahr zu werden, ihren Geſang verſtummen; ein Wetter, welches ſchwuͤl und beklemmend einem Sturme vorangeht, wenn die Natur, unbeweglich in ihren aͤußern Erſcheinungen, von einem iunern Kampfgewuͤhl aber beunruhigt, alle lebendigen Ge⸗ ſchoͤpfe zu unterdruͤcken ſcheint, und auf jede Beſchaͤftigung, auf die Muße, auf das Daſeyn ſelbſt mit laͤſtiger Schwere ſich wirft. An dieſem Aufenthalt des Jammers dagegen, wo der Menſch von ſelbſt ſchon zum Leiden und Vergehen beſtimmt war, ſchien er im Kampfe mit ſeinem Elend dem neuen Ungemache des Himmels zu erliegen; Hunderte ſah man ploͤtzlich in einen ſchlimmeren Zuſtand verfallen; die⸗ ſes letzte Ringen war leidenſchwerer, die Seufzer klangen beim Steigen der Schmerzen erſtickter, und vielleicht war uͤber das Haus noch nie eine ſo herbe Schreckensſtunde hingezogen. * .— 249— Schon war unſer Juͤngling eine betraͤchtliche Zeit um⸗ hergewandert, und hatte fruchtlos durch die vielfachen Irr⸗ wege zwiſchen den aufgeſchlagenen Huͤtten ſich durchge⸗ wunden, als er unter den mannichfaltigen Klagen und dem verworrenen Getoͤne ein ſeltſames Gemiſch von Gewimmer und Wehgeheul vernahm. Bald darauf gelangte er an eine geſplitterte, halb eingeſchlagene Bretterwand, hinter wel⸗ cher die ungewoͤhnlichen Toͤne hervor klangen. Er legte das Auge an eine ziemlich weite Oeffnung zwiſchen zweien Balken, ſah einen eingeſchloſſenen Raum, der hier und dort von Buden beſetzt war, und in dieſen, wie im engen Raume zwiſchen ihnen, eine Menge von Kindern, die auf Kiſſen lagen, auf Decken, auf ausgebreiteten Betttuͤchern und Tuchlappen; Ammen und andre Frauen in voller Ge⸗ ſchaͤftigkeit; was aber mehr als alles Andre ihn uͤberraſehte, waren Ziegen, welche neben den Frauen ſtanden, und die Pflichten ihres Amtes mit ihnen theilten— ein Hoſpital unſchuldiger Kinder, wie Ort und Zeit es geſtatteten. Ein eigenes Schauſpiel war', dieſe ſanften Thiere zu betrach⸗ ten, wie ſie uͤber dieſem oder jenem Saͤugling aufrecht und ruhig ſtanden, und ihm die Bruſt uͤberließen; wie einige, gleichſam durch ein muͤtterliches Gefühl geleitet, auf ein Gewimmer herbeiliefen, vor dem rufenden Kleinen ſtill ſtanden, und ihre Stellung nach ſeiner Bequemlichkeit nah⸗ men, oder wenn dieſe Bemuͤhung fruchtlos war, laut bloͤckten, um fuͤr ſich, wie fuͤr den Saͤugling, die machhel⸗ fende Hand einer Waͤrterin herbei zu rufen. Hier und dort ſaßen Ammen mit Kindern an den Bruͤſten; waͤhrend ſie mit dieſem Liebesdienſt beſchaͤftigt, konnte bei Einigen der Beobachter zweifeln, ob der Reiz In demſelben Augenblick kam ein Kapuziner mit langem — 250— der Belohnung, oder die freiwillige Menſchenliebe, welche Noth und Schmerzen aufſucht, ſie herzogen. Eine unter ihnen nahm mit betruͤbter Miene einen weinenden Saͤug⸗ ling von ihrem erſchoͤpften Buſen, und ſuchte traurig nach einem Thier umher, welches ihre Stelle vertreten konnte. Eine Andre betrachtete mit dem Auge zaͤrtlicher Ruͤhrung das Kind, welches an ihrer Bruſt eingeſchlafen, kuͤßte es mit ſanfter Behutſamkeit, und trug es ſodann in eine der Huͤtten, wo ſie es auf ein Kiſſen niederlegte. Eine Dritte hatte dem unbekannten Saͤugling ihre Bruſt uͤberlaſſen, und ſaß, nicht ſorglos, aber in uͤbermannende Gedanken verſunken, zum Himmel emporblickend da; woran dachte ſie in dieſer Stellung, mit dieſem Blicke? An ihr eigenes Kind, das vor wenigen Stunden vielleicht an ihrer Bruſt ſich noch gelabt, und vor dieſer Quelle ſeine Nahrung das Leben geendet. Andre, mehr aͤltliche Frauen leiſteten andre Dienſte. Die Eine lief auf das Geſchrei eines hungernden Kleinen hinzu, nahm ihn auf, und trug ihn zu einer Ziege, die auf einem Haufen von friſchem Graſe weidete; ſie naͤherte das Kind den Bruͤſten des Thieres, und ſchmeichelte dem uner⸗ fahrenen Geſchoͤpfe mit Worten und Haͤnden, damit es ge⸗ duldig zu dem neuen Amte ſich hergaͤbe. Eine Zweite ſprang herbei, um eine Ziege, welche, waͤhrend ſie einem Saͤugling Nahrung gab, auf einen andern trat, raſch ſeit⸗ waͤrts zu drehen. Hier tuug eine Frau ihr Kind umher, wiegte es in ihren Armen, ſuchte bald durch Geſang es einzu⸗ ſchlaͤfern, bald es mit ſuͤßen Worten zu beruhigen, und rief es bei einem Namen, welchen ſie ſelbſt ihm gegeben. — 25⁵1— ſchneeweißem Barte daher, und brachte zwei kleine ſchrei⸗ ende Knaͤbchen, von welchen er das Eine am Arme hielt; er hatte ſie von der Seite der geſtorbenen Mutter geholt; eine Frau lief, und nahm ſie in Empfang; dann ſah ſie ſich unter dem Weiberhaufen und der Ziegenheerde um, und ſuchte ſo ſchnell als moͤglich eine andre Mutter fuͤr ſie zu finden. Mehr als einmal hatte Renzo, von ſeinem Vorſatze geſpornt, die Oeffnung in der Bretterwand verlaſſen, und ſich wieder auf den Weg machen wollen; immer aber hatte er das Auge wieder hinan gelegt, und war beobachtend ſte⸗ hen geblieben. Endlich riß er ſich los, ging die Wand entlang, bis ein Haufe von Huͤtten, die an jene Wand ſich lehnten, ihn zu einer Wendung noͤthigten. Jetzt ſtrich er durch die Huͤtten, hatte aber immer die Bretterwand im Auge, um hernach um die Ecke derſelben zu biegen, und auf einen andern Platz zu gelangen. Waͤhrend er hier mit den Blicken umherirrte, uͤberraſchte ihn eine ploͤtzliche, vor⸗ uͤber fliegende Erſcheinung, und es war, als kehrte ſich ihm das Herz im Innerſten dabei um. Etwa hundert Schritte vor ſich ſah er zwiſchen den Zelten einen Kapuziner ſchluͤp⸗ fen, einen Kapuziner, der auch von fern, ſo ſchnell er floh⸗ ganz den Gang, das Weſen und die Geſtalt des Paters Criſtoforo hatte. Mit ſinnloſem Ungeſtuͤm, wie der Leſer ſich leicht ihn denkt, ſtuͤrzte unſer Juͤngling nach jener Seite hin; Alles andre vergeſſend, eilte er dem Moͤnche nach, ſtrich umher, ſuchte in den Huͤtten und auf dem Platze, vorn und hinten, an Ecken und in Gaͤngen— freudig erblickte er die Geſtalt wieder, und erkannte den⸗ ſelben Moͤnch; bald ſah er ihn in der Naͤhe, wie er, von — 252— einem großen Keſſel ſich entfernend, mit einer Schuͤſſel in der Hand, auf eine Huͤtte zuging; er ſah ihn auf die Schwelle der Huͤtte ſich niederſetzen, uͤber der Schuͤſſel, de er vor ſich hielt, das Zeichen des Kreuzes machen, und umn herblickend, wie ein Menſch in ſtets gangfertiger Aufmerk⸗ ſamkeit, zu eſſen beginnen. Renzo flog auf ihn zu, er ſah ihm deutlich in's Geſicht— es war wirklich Pater Cri⸗ ſtoforo.. Was mit dem guten Moͤnche, ſeit wir ihn aus dem Auge verloren, bis auf den gegenwaͤrtigen Augenblick ſich ereignet hatte, ſoll in zweien Worten berichtet ſeyn. Nicht eher hatte er Rimini verlaſſen, nicht eher an eine Entfer⸗ nung gedacht, als bis die Peſt, welche in Mailand ausge⸗ brochen, ihm eine Gelegenheit zu demjenigen Amte gezeigt, nach welchem er ſeit vielen Jahren ſehnſuͤchtig verlangt hatte, zu dem Amte der Selbſtaufopferung fuͤr ſeine leiden⸗ den Mitmenſchen. Mit dringendem Flehensgeſuche bat er, zuruͤck gerufen zu werden, um die Kranken zu pflegen, und ihnen den Beiſtand ſeines Eifers widmen zu duͤrfen. Graf Attilio's Oheim war todt; der Drang der Umſtaͤnde ließ einen groͤßeren Werth auf einen ruͤſtigen Krankenpfleger als auf die Nuͤckſichten der ſtaatsklugen Hinterliſt legen, und ſo wurde er ohne Schwierigkeit erhoͤrt. Schnell er⸗ ſchien er in Mailand, begab ſich in's Krankenhaus, und hatte hier ſchon drei Monate hindurch den Eifer ſeine raſtlofen Menſchenliebe unbemerkt dargethoen.— Aber die troͤſtliche Befriedigung, welche Renzo bei dem Wiederfinden ſeines trefflichen Moͤnches empfand, war nicht ohne verbitternde Beimiſchung; mit der Gewißheit, daß ſein Criſtoforo es war, bemerkte er zugleich ſchmerzlich, in 1 — 253— welch einer Verwandlung der Freund vor ihm ſtand. Seine Haltung niedergebeugt und Schmerzen verkuͤndigend; das Geſicht abgemagert und welk; in der ganzen Geſtalt ſprach ſich eine erſchoͤpfte Natur aus, ein gebrochener, hinſinken⸗ der Koͤrper, welcher ſich jeden Augenblick durch die An⸗ ſtrengung der ringenden Seele aufzuhelfen und zu erkraͤf⸗ tigen ſuchte. Auch Bruder Criſtoforo ſah mit gefeſeltem? Blicke dem Juͤngling, der auf ihn daher kam, in's Geſicht. Renzo, welcher anfangs, ſich mit der Stimme nicht hervorwagend, durch Geberden ſich ihm kenntlich zu machen trachtete, rief endlich, da er nahe genug war, um ohne zu ſchreien von ihm vernommen zu werden:„O Vater Criſtoforo!“ „Du hier!“ ſagte der Moͤnch, indem er die Schuͤſſel an die Erde ſetzte, und ſich von der Schwelle des Zeltes erhob. „Wie geht es, Pater? Wie leben Sie?“ „Beſſer als die vielen Ungluͤcklichen, die Du hier ſiehſt,“ antwortete Jener. Der Klang ſeiner Stimme hoͤrte ſich ſchwach und duͤſter an, wie alles Andere an ihm verwandelt. Nur das Auge war noch das alte, es glaͤnzte in der fruͤheren Kraft, blitzte vielleicht noch lebhafter; es war, als wenn die lautre Froͤmmigkeit, am Ende ihrer thatenreichen Bahn noch gelaͤuterter, frohlockend, ſich ihrem Urquell bereits ſo nahe zu ſehen, dieſes Auge mit einem gluthreicheren und reineren Feuer beſeelte, als dasienige, welches die Gebrechlichkeit des Koͤrpers allmaͤhlig darin er⸗ ſterben zu laſſen drohte.„Aber Du,“ fuhr er fort,„wie ſtehſt Du hier, an dieſem Orte? Warum kommſt Du hes ſo muthwillig der Peſt zu krotena 3“ — 254— „Ich hab' ſie gehabt, Dank dem Himmel! Ich komme.. Lucien aufzuſuchen.“— „Lucien? Iſt Lucia hier?“ „Das iſt ſie; wenigſtens hoffe ich ju Gott, ſie hier niach am Leben zu treffen.“ „Iſt ſie Deine Frau?“ „O guter Pater! Sie iſt nicht meine Frau. Sie wiſ⸗ ſen von Allem dem, was vorgefallen, nichts? „Nein, mein Sohn. Seit Gott mich von Euch fort⸗ genommen, hav' ich nichts weiter erfahren. Jetzt aber, da er mir Dich zuſendet, jetzt geſteh' ich die Wahrheit, wuͤnſchte ich was zu hoͤren. Aber... und die Achtserklaͤ⸗ rung? 14/ 4 1 4 „Sie wiſſen alſo, was man mit mir armen Jungen angeſtellt hat?“ „Aber Du, was hatteſt Du angeſtellt?“ „Hoͤren Sie,“ ſagte Renzo.„Wenn ich behaupten wollte, daß ich an jenem Tage hier in Mailand meinen Verſtand beiſammen gehabt habe, ſo thaͤt ich mich einer Luͤge ſchuldig machen; ſ chl echte Streiche aber, die hab' ich nicht gemacht.“ „Ich glaub's Dir, hab's auch ſchon fruͤher immer ge⸗ glaubt.“ „Jetzt alſo kann ich Ihnen Alles ſagen/ Pater be⸗ gann der Juͤngling. „Warte,“ ſagte Bruder Criſtoforo. Er that einige Schritte vom Zelte fort, und rief:„Pater Vittore!“ Ei⸗ nen jungen Kapuziner, der auf den Ruf ſogleich ſich ein⸗ ſtellte, beſcheidete er ſodann:„Thut mir die Liebe, Pater Vittore, wartet auch fuͤr mich, ſo lange ich in dem Zelte 255— dort bleibe, unſre armen Ungluͤcklichen hier ab, und falls Jemand nach mir fraͤgt, ſo ſeyd ſo gut, mich zu rufen. Der Mann da druͤben beſonders: wenn nur das kleinſte Zeichen vorhanden, daß er wieder zur Beſinnung kommt, ſo laßt's mich, habt die Guͤte, den Augenblick wiſſen.“ Der junge Moͤnch verſprach willigen Gehorſam. Bru⸗ der Criſtoforo kehrte ſogleich zu Renzo zuruͤck, und ſagte: „Wir wollen Beide da hinein treten. Aber,“ fuͤgte er ſchnell hinzu, indem er ſtill ſtand,„Du ſcheinſt mir ſehr abgemattet und brauchſt gewiß was fuͤr den Hunger.“ „Das iſt wohl wahr,“ gab Renzo zur Antwort,„jetzo, da Sie mich daran crinnern, faͤllt mir's erſt ein, daß ich noch ganz nuͤchtern bin.“ „Warte,“ ſagte Bruder Criſtoforo. Mit dieſem Worte nahm er eine zweite Schuͤſſel, und fuͤllte ſie aus dem Keſ⸗ ſel. Dann kehrte er zuruͤck, und reichte ſie nebſt einem Loͤffel dem Gaſte hin. Renzo mußte ſich auf einen Sack ſetzen, der hier ſeinem Freunde zum Bette diente. Dieſer ging darauf zu einem ſeitwaͤrts ſtehenden Faſſe, holte einen Becher Wein, ſetzte ihn auf einem kleinen Tiſchchen dem Juͤngling vor, griff dann wieder zu ſeiner Schuͤſſel, und ließ ſich ihm zur Seite nieder. „O Pater Criſtoforo!“ ſagte Renzo.„Sollen der⸗ gleichen Geſchaͤfte Ihr Amt ſeyn? Aber Sie ſind immer noch Derſelbe. Ich danke Ihnen von Herzen.“ „Nicht mir danke,“ ſagte der Moͤnch.„Es ſind Le⸗ bensmittel fuͤr die armen Ungluͤcklichen; aber Du biſt auch ein armer ungluͤcklicher in dieſem Augenblick. Nun ſage mir, was ich nicht weiß, ſage mir etwas von unſrem ar⸗ V V ——— —— — 256— men Maͤdchen. Die Zeit iſt mir karg abgemeſſen, es giebt viel zu thun, wie Du ſiehſt.“ Renzo fing, zwiſchen einem Loͤffel und dem anderen, 4 die Erzaͤhlung von Lucia's Erlebniſſen an; wie ſie im Klo⸗ ſter von Monza ein Unterkommen gefunden, wie ſie ent⸗— fuͤhrt worden... Bei der Erinnerung an dieſe Leiden und dieſe Gefahren, bei dem Gedanken, daß er es ſelbſt ge⸗ weſen, welcher die armen Unſchuldigen nach jenem Aufent⸗ halte gewieſen, ſaß der gute Moͤnch angſtvoll da, und wagte kaum zu athmenz bald aber, da er hoͤrte, wie ſie ſo wun⸗ derſam befreit worden, wie ſie ihrer Mutter zuruͤck ge⸗ ſchenkt, und dann bei Dame Praſſede ihre Wohnung ge⸗ funden, kehrte er erleichtert von ſeiner Beklemmung zuruͤk. „Jetzt werde ich Ihnen von mir beichten,“ fuhr der Erzaͤhler fort. Und nun berichtete er in gedraͤngter Eile ſein Auftreten in Mailand, ſeine Flucht; wie er ſo lange Zeit hindurch ſich fern vom Hauſe gehalten, und jetzt, da Alles in der Verwirrung druͤber und drunter gehe, wieder ſicher habe zuruͤckreiſen koͤnnen; wie er aber in ſeinem Dorfe Agneſen nicht angetroffen, und endlich in Mailand 4 erfahren, daß Lucia ſich im Lazarethe befaͤnde—„Und nun bin ich hier,“ ſchloß er,„bin hier, um ſie zu ſuchen, zu 4 ſehen, ob te leht, und wenn ſie dann mir noch... denn manchmal... „Aber urch welche Anleitung biß Du hieher gekom⸗ mien?“ fragte Bruder Criſtoforo.„Haſt Du irgend einen V Wink erhalten, auf welcher Seite man ſie untergebracht hat, und wann ſie ungefaͤhr hergekommen iſt?“ „Michts, lieber Pater, nichts als daß ſie hier iſt... 8 — 257— in ſie noch hier, was der gnaͤdige Gott im Himmel — M hm Junge! Was fuͤr Muͤhe aber haſt Du Dir ege Jch bin herumgelaufen und herumgelaufen, hab' aber Nänner angetroffen. Ich dachte mir wohl, daß an einem Ort fuͤr ſich liegen, hab' aber immer kahin kommen koͤnnen; wenns ſich ſo ver⸗ ſſen Sie mir doch daruͤber Nachricht zu geben M eißt 7 Du nicht, guter Junge, daß dort kein Mann hinein treten darf, wenn er nicht ein ausdruͤckliches Ge⸗ chaft dort abzumachen hat?“ „Meinetwegen; was kann mir aber geſchehen?“ „Die Vorſchrift, mein Sohn, iſt gerecht und heilig. Wenn die Menge und die Gewaltſamkeit des Elends ſchuld iſt, daß ſich nicht mit ganzer Strenge ihr nachleben laͤßt⸗ iſt das eine Urſache fuͤr einen eehinfihen Menſchen, ſie zu uͤbertreten?“ „Aber, Pater Criſtoforo,“ ſagte Renzo,„Lucia ſollte mmein Weib ſeyn. Sie wiſſen, wie wir von einander ge⸗ mich in Geduld fuͤge; nun bin ich hergekommen, hab' ſo f viele Gefahren Therſeinder, eine immer ſchlimmer wie die andre, und jetzt. „Ich weiß nhe was ich dagegen ſagen ſoll, aͤußerte der Moͤnch, indem er mehr ſeine eigenen Gedanken, als die 7 Abſicht, und gaͤbe der Vater im Himmel, daß alle die Menſchen, welche freien Zutritt in dieſes Gebaͤude haben, III. 17 riſſen worden; s ſind zwanzig Monate, daß ich leide, und Worte des Jüͤnglings beantwortete;„Du gehſt in guter — 258— ſich ſo betragen moͤgen, als ich's von Dir mit Zuverſicht mir verſprechen kann. Der Ewige, der gewiß der Beharr⸗ lichkeit in Deiner ehrſamen Neigung ſeinen Segen ver⸗ leiht, deine Treue im Lieben und Aufſuchen des Maͤdchens, welches er Dir beſtimmt hat, belohnen wird, Gott, der ſtrenger als die Menſchen, aber erbarmungsvollere Nach⸗ ſicht mit unſren Gebrechen hegt, wird auf die uUnregelmaͤ⸗ ßigkeit, welche hier bei Deiner Weiſe aufzuſuchen vielleicht ſtatt findet, ſein zuͤrnendes Auge nicht richten. Erinnere Dich nur, daß wir uͤber Dein Betragen daſelbſt alle Beide, den Menſchen nicht leicht, aber dem himmliſchen Richter in jedem Falle, Rechenſchaft abzulegen haben. Und nun komm.“ Bei dieſen Worten ſtand er auf, und Renzo mit ihm. Dieſer lieh ihm aufmerkſam ſein Ohr, und faßte dann ſtillſchweigend den Entſchluß/ Lucien's Geluͤhde, wovon er vor wenigen Minuten zu ſprechen willens geweſen, mit keinem Worte zu erwaͤhnen.— Wenn er auch davon er⸗ faͤhrt, dachte er, ſo macht mir der gute Mann ſicherlich noch andre Schwierigkeiten. Entweder ich ſinde ſie, und dann iſt's immer noch Zeit genug, es auf s Geſpraͤch zu bringen, oder.. und dann, was thaͤt's mir alsdann helfen? Sobald Bruder Criſtoforo ſeinen Gaſt nach der Oeff⸗ nung der Huͤtte, die gegen Mitternacht gewandt war, ge⸗ fuͤhrt hatte, ſprach er:„Hoͤre! Unſer Pater Felice, der hier im Krankenhauſe der Vorſteher iſt, fuͤhrt heute die weni⸗ gen Geheilten, ſo ſich finden laſſen, nach einem andern Orte hin, damit ſie dort in der vorſchriftsmaͤßigen Abſon⸗ derung noch mehrere Tage hindurch leben. Du ſiehſt das Kirchlein da in der Mitte..“ er hob die abgemagerte zit⸗ ternde Hand, und zeigte in der truͤhen Luft die Kuppel der — 259— ie uͤber die aͤrmlichen Huͤtten thurmaͤhnlich ſich ort herum verſammeln ſie ſich jetzt, und ſollen eordnetem Zuge zu dem Thor hinausgehen, durch zu wahrſcheinlich hereingekommen biſt. ſagte Renzo,„darum alſo ließen ſie ſich's ſo hn, die Straße quer uͤber den Hof hin frei zu Du ganz Recht. Auch mußt Du einige ge gehoͤrt haben.“ hab' ich gehoͤrt../ war der Zweite. Bei'm Dritten werden ſie ſich beiſammen gefunden haben. Pater Felice it einem Paar Worten anreden, und dann ſich mit ihnen auf den Weg machen. Bei dem Zeichen kannſt ch dort hin begeben. Sieh zu, daß Du Dich dicht inter die Verſammlung, an den Rand der Straße, ſtellſt; da kannſt Du, ohne Jemandem beſchwerlich zu fallen, und ohne Aufſehen zu erregen, ſie voruͤber ziehen ſehen, und dann merk' auf, ob ſie darunter iſt. Wenn es Gottes Wille nicht iſt, daß ſie zur Zahl der Geneſenen gehoͤrt, ſo ſiehſt Du da die Seite des Gebaͤudes gerade gegenuͤber und einen Theil des Platzes, welcher ſich davor ausbreitet; dort iſt der Aufenthalt, ſo den Frauen angewieſen. Du wirſt eine 4. Einzaͤunung bemerken, die dieſen Platz von dem andern Viertel trennt; indeſſen hat ſie weite Luͤcken, und ſteht an vielen Stellen offen; Du wirſt alſo gar keiner Schwierig⸗ keit begegnen, um hinein zu kommen. Wenn Du drinnen biſt, und nichts thuſt, was irgend einem Andern auffallen kann, oder beſchwerlich iſt, ſo wird Dich vermuthlich auch 4 Niemand mit einer Frage angehen; ſollte Dir aber wer — 260— ein Hinderniß in den Weg legen, ſo ſag⸗ nur, daß Pater Criſtoforo Dich kennt, und Buͤrgſchaft fuͤr Dich leiſten wird. Dort ſuche Deine Lucia, ſuche ſie mit Vertrauen/ und wenn's nicht anders iſt, mit Ergebung. Dann rufe Dir in's Gedaͤchtniß zuruͤck, daß es ein ganz außerordent⸗ liches Gluͤck iſt, was Du hier zu finden gedachteſt Du wollteſt eine Freundin bei ſolcher Zeit lebend im Kranken⸗ hauſe finden. Weißt Du, wie oft ich mein armes Volk hier ſich erneuern geſehen, wie viele verſchiedene Geſchlech⸗ ter von Kranken ich erlebt habe? Wie viele ich wegtri⸗ en ſah, wie wenige hinausgehen! Geh, lieber Junge, und fey auf Verluſt und Opfer vorbereitet.“. 19 151 „Ach, ich ſehe das auch ein,“ ſtotterte Nenzo, de Blick wegwendend, und im friſchen Jugendangeſtcht ee⸗ bleichend,„ich ſeh' es ein. Aber friſch, ich gehe, werde umherſchauen und ſuchen, hier und dort, von oben bis unten, das ganze Krankenhaus hindurch, und wenn ich ſie nicht finde...!“ „Nun, Freund, wenn Du ſie nicht findeſt?“ fragte Bruder Criſtoforo mit ernſter erwartungsvoller Miene, waͤhrend in ſeinem Blicke eine ſtrenge Mahnſtimme lag. Renzo, welchem die Heftigkeit der Empfindung das Herz mit Blut uͤberfuͤllt hatte, ſah mit verduͤſtertem Auge vor ſich hin, und keine Ruͤckſicht ſchien ihm mehr zu feſſeln.„Wenn ich ſie nicht finde,“ rief er,„ſo will ich einen Andern ſchon beſſer zu finden wiſſen. Hier in Malland, in ſeinem ſuͤndenvollen Pallaſte, am Ende der Welt oder im Hauſe des Teufels ſelber, wo er auch ſtecken mag, ich will ihn erwiſchen, den Satanas, der uns von einander geriſſen hat; waͤr' er nicht auf Erden — 261— ſo waͤre Lucia ſchon ſeit zwanzig Mona⸗ Weib, und haͤtte der Himmel unſern Tod habt, ſo waͤren wir wenigſtens Beide mitſam⸗ ben. Wo er noch auf Erden berumſchleicht ſchon faſſen!“ “ ſagte der Moͤnch, faßte ihn bei'm Arme, bbohrte ihn mit einem noch ſtrengeren Blicke. wenn ich ihn ertappe,“ fuhr Jener, vom einer Sinne beraubt, fort,„wenn die Peſt Gerechtigkeit bis Dato noch nicht verwal⸗ Jetzt iſt die Zeit voruͤber, wo ſo ein vorneh⸗ ke, mit ſeinem Waffengeſindel um ſi ich her, te in Verzweiflung ſetzen, und hernach ſich noch 4 Faͤuſichen lachen darf; die Zeit iſt gekommen, wo die Menſchen, Geſicht gegen Geſicht, vor einander hintreten„ und ich will den Buͤttel der Gesechtigkeit ſpielen. „Boͤſewicht!“ ſchrie Bruder Criſtoforo, und ſeine Stimme ſchien den alten vollen Klang in ihrem ganzen Umfange wieder erhalten zu haben—„Boͤſewicht!— Sein Haupt, welches die letzten Jahre zur Bruſt hernie⸗ dergebeugt, hatte ſich emporgerichtet, die Wangen faͤrb⸗ 4. ten ſich mit der alten Lebensfuͤlle wieder„ und das Feuer ſeiner Augen ſing an mit ſchreckender Heftigkeit zu leuch⸗ ten.„Sieh, Boͤſewicht!“ Dabei faßte er mit der einen Hand Renzo's Arm, und ſchuͤttelte ihn ungeſtuͤm; mit der andern beſchrieb er einen Halbkreis, und deutete auf die ſchmerzenreiche Buͤhne hin, welche von allen Seiten ſie umgab.„Wer iſt Derjenige, in deſſen Hand die Ruthe der Strafe ſchweht? Der Nichter, der nicht ge⸗ 1 — 262— richtet wird? Der die Geißel ſchwingt und Terzeihung gewaͤhrt? Elender Wurm der Erde, Dein ohnmaͤchtiger Arm ſoll der Arm der zuͤchtigenden Gerechtigkeit ſeyn? Geh, Unſeliger, hebe dich fort!. Ich hoffte, ja⸗ ich habe der Hoffnung gelebt, vor meinem Tode werde der guͤtige Allvater mir noch den Troſt gewaͤhren, daß ich hoͤre, meine arme Lucia ſey am Leben; daß ich ſie vielleicht mit eigenen Augen erblicke, und aus ihrem Munde das Verſprechen empfange, ſie werde ſich bei ihrem Gebete hieher nach der Grube wenden, in welcher meine muͤden Gebeine ſchlummern ſollen. Geh, Du haſt mich um meine labende Hoffnung gebracht. Gott hat ſie nicht für Dich auf der Erde gelaſſen, und Du, wahrlich, Du haſt die Kuͤhnheit nicht, Dich der Troͤſtung fuͤr wuͤrdig zu halten, die Gott in ſeiner Barmherzigkeit Dir dennoch vielleicht zugedacht. Ey wird an ſie gedacht haben; denn ſie iſt eine von den edlen Seelen, fuͤr welche die ewigen Quellen des Troſtes droben am Fuße des göottlichen Thro⸗ nes rinnen. Geh, ich habe keine Zeit mehr, einem Men⸗ ſchen, wie Du, mein Ohr zu leihen.“ Indem er dies letzte Wort ſprach, ſchleuderte er Renzo's Arm von ſich, und war im Begriff, ſich nach einer Krankenhuͤtte zu begeben. „Vater Criſtoforo!“ ſprach Renzo mit flehender Stim⸗ me, und ſchlich zerknirſcht hinter ihm her,„wollen Sie mich auf ſolche Weiſe fortſchicken?“ „Wie?“ fragte jener, ohne ſeine Stimme zu mil⸗ dern.„Wagſt Du zu verlangen, ich ſoll dieſen ungluͤcklichen Betruͤbten, die aus meinem Munde die Verſicherung der göttlichen Gnade zu hoͤren ſich ſehnen, die Zeit entwenden, — 263 frevelhaften Ausbruͤche Deiner Wuth, die Ent⸗ iner verblendeten Rachſucht anzuhdren? Ich reundlich an, da Du Troſt und Leitung ſuch⸗ mich der Menſchenliebe um der Menſchenliebe jetzt aber haſt Du keinen Tropfen eines tes im Herzen, die Galle der Rachgier nur ;z was willſt Du von mir? Geh! Ich habe ekraͤnkten ſterben geſehen, der ſeinem Belei⸗ rziehen haͤtte; Gewaltthaͤtige ſah ich, ſie tkeweil ſie vor den Opfern ihres Uebermuthes ig ſich erniedrigen 2 Shans mit Dieſen wie n hab' ich geweint mit ir Au was iin ich Ae verzeih' ihm, verzeih' in fuͤr ale Tage dieſes Lebens und fuͤr alle Ewigkeiten des andern. 7 „Renzo!“ ſprach Bruden Ceiſiforo, und friedlicher klang die Strenge ſeines Ernſtes.„ Ueberlege ſelbſt und frage Dich, wie oft Du ſchon verſprochen baſt, ihm zu verzeißen.⸗„⸗.”/0 Nachdem er einige Sekunden gewartet, ohne Antwort zu erhalten, neigte er ploͤtzlich das Haupt, und fragte mit gedaͤmpfter Stimme:„Weißt Du, warum ich dieſes — Kleid hier trage?“ MNeeruzo zoögerte mit der Antwort. „Du weißt es!“ rief der Moͤnch. 3„Ja, ehrwuͤrdiger Pater!“ „Ich habe auch gehaßt; ich, der ich Dich um einen Gedanken, um eines Wortes Willen ungeſtuͤm getadelt, ich habe den Mann, den ich haßte, den ich von ganzer 4 „ * ihn!“ „Ja, lher 2 war ein gewaltthaͤtiger Menſch, Einer von denen. Veiene gebot der Moͤnch,„glaubſt Du, wenn ſich irgend eine Entſchuldigung dafuͤr auffinden ließe, ich haͤtte ſie waͤhrend der dreißig Jahre nicht gefunden? Weh mir! wenn ich jetzt in Deinen Buſen das Gefuͤhl floͤßen koͤnnte, welches ich fuͤr den einſt ſo gehaßten Men⸗ ſchen ſeit jenem Tage immer empfunden, und jetzt noch ſo beklemmend empfinde! Wenn ich's koͤnnte! Ich? Nein; aber Gott kann es, er wolle es.. Hoͤre, Ren⸗ zo, der Ewige meint es freundſeliger mit Dir, als Du ſelbſt; Du warſt im Stande, an Rache zu denken. Er hat Kraft und Barmherzigkeit genug, Dich daran zu ver⸗ hindern; er erzeugt Dir eine Gnade, deren Er einen An⸗ dern, ach! zu unwuͤrdig gefunden. Du weißt, Du haſt ſo oft gehoͤrt, daß er die Hand eines Uebermaͤchtigen zu laͤhmen vermag; wiſſe aber auch, daß er den Arm eines Rachgierigen zerſchmettern kann. Weil Du ein Ungluͤck⸗ licher, weil Du ein Beleidigter biſt, meinſt Du, er werde einen Menſchen, den er nach ſeinem Ebenbilde geſchaffen, nicht gegen Dich vertheidigen? Glaubſt Du, er werde Dich ungehindert nach Deinem gewiſſenloſen Willen walten laſſen? Nein! Weißt Du aber, was Du thun kannſt? Du kannſt haſſen, und Dich in's Verderben ſtuͤrzen, kannſt durch Deine ſinnloſe Nachbegier allen himmliſchen Segen von Dir verſcheuchen. Denn wie es auch immer kommt, welch ein Schickſal Du auch erfaͤhrſt, ſey uͤberzeugt, Alles iſt eine Strafe, bis Du nicht verziehen haſt, bis Du nicht Seele lange Jahre hindurch haßte, ermordet hab' ich 4 6 9 1 — 265— en haſt, daß Du immer mehr ſagen kannſt: Ich hm. 2 Nℳ rief Renzo erſchättert und verwirrt,„ich ich ihm nie wahrhaft verziehen habe; ich prochen; jetzt aber, durch die Gnade des eih' ich ihm von Herzen.“ denn Du ihn zu ſehen bekaͤmeſt?“ ich zum Vater bitten, daß er mir ruhige lleihe, und ihm den boͤſen Wilen aus dem .774 ardeſt Dich erinnern, daß der SHerr uns nicht hat, unſern Feinden zu verzeihen, er hat ge⸗ t;, wir ſollen ſie lieben. Du wuͤrdeſt Dich erinnern, daß ſein großer Sohn fuͤr die Feinde, die ihn verſpottet und gemartert, am Kreuze gelitten und geſtorben.“ 1 „Gewiß, Vater!“ betheuerte Renzo. „Wohlan! Komm, wir werden ihn ſehen. Du haſt geſagt, Du werdeſt ihn finden— Du wirſt ihn finden. Komm und uͤberzeuge Dich, gegen wen Du Deinen Haß im Herzen bewahrteſt, wem Du Boͤſes wuͤnſchen konnteſt, Boͤ⸗ ſes thun wollteſt, mit weßen Leben Du meuchleriſch zu ſchalten geſonnen warſt.“ Er faßte Renzo's Hand, druͤckte ſie mit jugendlicher Heftigkeit, und ſetzte ſich in Bewegung. Renzo wagte keine Frage zu thun, und folgte ihm. Nach einem kurzen Wege ſtand Bruder Criſtoforo aam Eingang einer Huͤtte ſtill, ſah dem Juͤngling noch einmal mit einem langen Blick des Ernſtes und der Nuͤh⸗ rung in's Geſicht, und zog ihn dann mit hinein. hwie ein vernunftloſes Geſchoͤpf, nicht wie. Das Erſte, welches ſich den Eintretenden war ein Kranker, der im Hintergrunde auf er litt, ſchien aber nicht ſchwer ergriffen, Geneſung nahe. Nachdem er den Pater telte er den Kopf, als druͤckte er ein Ne Bruder Criſtoforo neigte ſich zu ihm nie Traurigkeit und Ergebung zu verſtehen. deſſen den unruhigen Blick der Neugier d gen Gegenſtaͤnde hingleiten, bemerkte drei Kranke, und beſonders einen zur Seite, au terbette, in eine Decke gehuͤllt, einen ſtattli daruͤber gebreitet; er ſah ihn an, und erkannte drigo. Der Moͤnch aber ließ ihn indeſſen vo ungeſtuͤm die Hand empfinden, an welcher er ihn zog ihn nach dem Lager hin, ſtreckte die andre Hand da nach aus, und deutete mit dem Finger auf den Menſchen, der vor ihren Fuͤßen lag. Der uUngluͤckliche regte ſich nicht; weit aufgeriſſen, aber ohne Blick, ſtarrten ſeine Augen; das Geſicht ſchien der Tod ſchon geſtempelt zu V haben, es war mit ſchwarzen Flecken uͤberſaͤet; ſchwarz und aufgedunſen die Lippen— man heaͤtt' es fuͤr das Geſicht eines Leichnams gehalten, wenn ein gewaltſames Zucken nicht die Regung des letzten, ſchwer ſich loͤſenden Lebens darin verkuͤndigt haͤtte. Unter angeſtrengtem* Luftholen hob und ſenkte ſich die Bruſt von Zeit zu Zeit; die rechte Hand, zum Mantel hervorblickend, umklam⸗ merte ihn in der Gegend des Herzens mit zuſammen ge⸗ preßten Fingern, und dieſe ſahen fahl und mißfarbig aus, an den aͤußerſten Enden dunkel geſleckt. „Jetzt ſiehſt Du!“ ſagte der Moͤnch mit leiſer feier⸗ ttimme.„Es kann Strafe, es kann Erbarmung yn. Welche Empfindung wirſt Du nun fuͤr dieſen tenſchen hegen, der dich beleidigt hat? Dieſelbe Empfin⸗ ng, Nenzo, wird an jenem großen Tage Gott, den Du beleidigt haſt, fuͤr Dich hegen. Segne ihn, und Du irſt geſegnet werden. Seit vier Tagen iſt er hier, und wie ſiehſt ohne Zeichen des Bewußtſeyns. Vielleicht ge⸗ waͤhrt ihm der Herr einen lichten Augenblick, um ſeine zuͤnden reuig zu erkennen; aber Du ſollſt darum beten; ielleicht will der Herr, daß Du mit der unſchuldigen Lucia darum beteſt; vielleicht verſpart er die Gnade auf Deine Bitte allein, auf die Bitte eines gekraͤnkten, aber ergebungsvollen Herzens. Vielleicht haͤngt dieſes Men⸗ ſchen und Deine eigene Rettung von Dir allein ab, von einem Gefuͤhl der Verzeihung, des Mitleidens, der... Liebe in Deinem Herzen!“— Hier ſchwieg er, faltete die Haͤnde, und ſenkte das Haupt, wie zum Gebete, nach ihnen nieder; Renzo that das Rehmliche. Einige Sekunden hatten ſie in dieſer Stellung ver⸗ harrt, als der dritte Schlag der Glocke ſich hoͤren ließ. Beide, als haͤtten ſie es verabredet, ſetzten ſich raſch in Bewegung, und gingen hinaus. Bruder Criſioforo that 1 keine Frage. Der Juͤngling ließ keine Betheuerung wei⸗ 1 ter hoͤren; in ihrer Miene lag ihr Geſpraͤch. „Geh jetzt,“ ſagte endlich der Moͤnch,„geh, zu einer Aufopferung vorbereitet, und dem Vater im Himmel ſein Lob zu zollen, welches auch immer der Erfolg Deiner Nachſuchung ſey. Und wie es ausfallen mag, komme, mir Nachricht zu bringen; wir wollen mitſaunmen uſen — Preisgeſang anſtimmen.“ — 268— Hier trennten ſie ſich ohne fernere Aeußerum Eine kehrte nach der Gegend zuruͤck, daher er gek der Andere nahm ſeinen Weg nach dem Kirchlei kaum mehr als in der Weite eines Ste ihm lng.. Elftes Kapitel. Wer moͤchte es unſerm Renzo eine Stunde ſagt haben, daß mitten in ſeinem umherſuchenden gen, bei dem Beginn der zweifelvollſten, entſchei Augenblicke, ſeines Herzens Empfindungen zwiſchen L und Don Rodrigo getheilt ſeyn wuͤrden?— Und dos war es ſo. Jene Geſtalt miſchte ſich unter die lieblichen oder die ſchrecklichen Bilder, welche Hoffnung oder Furcht ihm abwechſelnd an den Augen voruͤber fuͤhrten; die Worte, die er zu Fuͤßen jenes Krankenlagers vernommen, draͤngten ſich zwiſchen die Zuverſicht und die Verzweiflung, indem beide um ſeine Seele mit einander rangen; er konnte fuͤr den gluͤcklichen Ausgang der gegenwaͤrtigen verhaͤngnißſchweren Stunde kein Gebet zum Himmel em⸗ por ſenden, ohne die Flehensſtimme drein toͤnen zu laſſen, die er dort begonnen, und der Schlag der Glocke abgebro⸗ chen hatte. Die achteckige Kapelle, welche, einige Stufen uͤber den Boden erhoben, mitten im Hofraum des Hospitals empor⸗ ſteigt, war ihrem erſten Baue nach von allen Seiten ge⸗ oͤffnet, und bildete, durch Pfeiler und Saͤulen geſtuͤtzt, ein durchbrochenes Gebaͤude, um mich ſo auszudruͤcken; auf je⸗ d — 269— e woͤlbte ſich zwiſchen zweien Saͤulenweiten jedes⸗ n Bogen; dahinter zog ſich eine Halle um die ei⸗ apelle. Dieſe zaͤhlte nur acht Bogen, welche, en ruhend, die kleine Kuppel trugen, und den rachen; ſo daß der Altar, der in der Mitte aufgerichtet war, von jedem Fenſter der Zim⸗ nggebaͤude, und faſt von jedem Punkte des Hof⸗ ch erblicken ließ. Jetzt, da das Gebaͤude zu ei⸗ andern Gebrauch beſtimmt, ſind die leeren Zwi⸗ ne der Außenſeiten vermauert; aber das alte Bau⸗ ſt unverletzt geblieben, und erklaͤrt noch heute den en Zuſtand wie die fruͤhere Beſtimmung dentlich Nenzo hatte ſich kaum auf den Weg begeben, a als er den Pater Felice in der Kapellenhalle erſcheinen, und nach dem Mittelbogen der Seite, die der Stadt zugewendet, hingehen ſah. Hier hatte ſich, unterhalb der Stufen, im freien Gange die Schaar aufgeſtellt; aus der Geberde des Moͤnches ließ ſich ſogleich entnehmen, daeß er die Predigt bereits angefangen hatte. Unſer Freund aus dem Gebirge wand ſich durch die kleinen Zwiſchengaſſen, und ſuchte ſich, wie Bruder Criſto⸗ foro ihm gerathen, an die hintere Reihe der Zuhoͤrer zu ſchließen. Als ihm dieſes gegluͤckt, ſtand er ſtill, und f durchſlog die Schaar mit beſchwingtem Blicke; was er aber bemerken konnte, war nichts als eine zuſammenge⸗ draͤngte Maſſe, ein gepreßtes Pflaſter von Koͤpfen, wenn man von oben darauf herab ſah. In der Mitte ſtand ein Haufe, mit Tuͤchern oder Schleiern bedeckt; dort hin hef⸗ tete er angeſtrengter die pruͤfenden Augen. Aber hier — 2— war's gleichfalls nicht moͤglich, etwas zu unte und ſo ſah auch er denn hinauf nach dem Ma welchem Alles ſchaute. Geruͤhrt betrachtete er dige Geſtalt des Predigers, und mit der Aufme deren er in ſolchen Augenblicken der Erwa ſeyn konnte, vernahm er folgendes Bruchſtuͤck chen Rede:. aſſet uns einen Gedanken den Tauſende die dort hinausgegangen“— er hob den Fi Schulter empor, und deutete hinter ſich auf da welches nach dem Kirchhof San Gregorio fuͤ aher war damals nicht Andres als eine einzige chengrube—„wir wollen einen Blick werfen a ſende, die in dieſem Hauſe bleiben, ungewiß, zu Thuͤre ſie dereinſt hinausgelangen werden; wir wolle nen Blick auf uns ſelbſt werfen, auf uns kleines Haͤuf⸗ lein, welches gerettet zur Stadt zuruͤck kehrt. Geprieſen ſey der Herr! Geprieſen in ſeiner Gerechtigkeit, in ſeiner Barmherzigkeit geprieſen! Im Tode, in der Geſundheit, wie in dieſer Wahl, die er unter uns getroffen, er ſey ge⸗ prieſen, der Allweiſe, in jeglichem Dinge! Warum hat er uns erhalten, meine Kinder, als um ſich ein kleines Volk, durch Leiden gebeſſert und von Dankbarkeit gluͤhender er⸗ fuͤllt, erzogen zu haben? Jetzt, da wir lebhafter fuͤhlen, wie das Leben ſein Geſchenk, werden wir es achten, wie ein Geſchenk aus ſolcher Hand es verdient, werden es auf Werke verwenden, mit denen wir furchtlos vor ihn hintre⸗ ten koͤnnen. Die Erinnerung an unſer Elend wird uns mit Mitleid beſeelen, und Schwingen leihen unſern Fuͤßen,/ wenn ſie zur Unterſtuͤtzung des Naͤchſten eilen. Dieſe Ar⸗ ————— — 271— n, in deren Geſellſchaft wir gelitten, gehofft und ge⸗ tet, unter denen wir Freunde und Verwandte zuruͤck⸗ ie alle, alle eigentlich unſre Bruͤder ſind, dieieni⸗ ieſen Armen, die uns durch ihre Mitte hinaus⸗ ehen, und nur den einzigen Troſt dabei empfinden doch ein Menſch wohlbehalten zu dieſem sgelangen kann, ſie ſollen an unſrem Betragen Wolle Gott nicht, daß ſie in uns eine laͤr⸗ reude gewahr werden, einen fleiſchlichen Jubel, wir dieſem Tode entwiſcht, mit welchem ſie noch daliegen. Sie ſollen ſehen, daß wir hinausziehen, dem Himmel dankend, fuͤr ſie zu ihm flehend; ſie ſollen ſagen koͤnnen: Auch fern von hier werden ſie Unſrer gedenken, werden fortfahren, fuͤr uns Arme zu beten. Von dieſem Wege, von den erſten Schritten an, ſo wir zu thun im Begriff ſind, wollen wir das Muſter eines barmherzi⸗ gen Lebens geben. Wer die alte Kraft wieder in ſeinen Gliedern fuͤhlt, der leihe den Schwachen einen Bruder⸗ arm; unterſtuͤtzet, Ihr Juͤnglinge, die Greiſe; Ihr kinder⸗ loſen Eltern, blickt um Euch her, wie viele Kinder ohne Eltern geblieben! Wendet dieſen ein elterliches Herz zu! Solch ein Erbarmen wird Eure Suͤnden bedecken, wird Eure Schmerzen verſuͤßen.²/ Ein dumpfes Geraͤuſch von Seufzern und Geſchluchze hatte ſich in der Verſammlung erhoben, und vermehrte ſich ſo eben. Ploͤtzlich aber legte es ſich; der Prediger ſchlang ſeinen Strick um den Hals, und warf ſich auf's Knie. Lautlos ſtanden die Zuhoͤrer da, und erwarteten, was er ſagen wuͤrde. „Fuͤr mich/“ ſprach er,„und fuͤr alle meine Gefaͤhr⸗ —— — 272— ten, die wir, ohne es verdient zu haben, auserwaͤhlt wor den zum hohen Vorrecht, dem Heiland in Euch zu dienen bitt' ich Euch demuͤthig um Verzeihung, wenn w großen Amte nicht nach Wuͤrden Genüͤge geleiſt Wenn des Fleiſches Traͤgheit und Ungelehrigkeit weſen, daß wir Euren Beduͤrfniſſen weniger entgegen gekommen, wenn eine ſtraͤfliche Ungeduld, e delnswerthe Verdroſſenheit unſer Antlitz durch die des Ueberdruſſes und des Unwillens entſtellt hat, verwerfliche Gedanke, daß Ihr unſres Beiſtandes tet, die Demuth, mit welcher wir Euch behandeln bisweilen ſtoͤrte; wenn unſre Gebrechlichkeit uns manch Handlung vernachlaͤſſigen ließ, und Anlaß zu Aergerniſſen gab, ſo verzeiht es uns! So wird auch Gott Eure Schuld Euch erlaſſen, und Euch ſeinen Segen ſchenken.“— Dar⸗ auf machte er das Zeichen des Kreuzes uͤber die Verſamm⸗ lung hin, und ſtand auf. Wir haben hier, wenn auch nicht die eigenen Worte, doch wenigſtens den Sinn und den Gedankengang der Rede mittheilen koͤnnen; die Art aber, mit welcher ſie der Verſammlung ans Herz gelegt worden, waͤre fuͤr den Be⸗ ſchreiber eine unerreichbare Aufgabe. Pater Felice ſprach wie ein Mann, welcher das Amt im Hauſe der Peſt ſein Vorrecht hieß, weil er es als ein ſolches erkannte; er ge⸗ ſtand, dieſem Amte nicht wuͤrdig Genuͤge geleiſtet zu ha⸗ ben, weil er es im Herzen fuͤhlte; er bat um Verzeihung, weil er Verzeihung zu beduͤrfen uͤberzeugt war. Die Kran⸗ ken dagegen, welche dieſe Kapuziner um ſich her mit nichts Andrem als ihrer Pflege beſchaͤftigt taͤglich beobachtet, und ſo viele derſelben ſterben geſehen; welche den Einen, — 233— der fuͤr Alle ſprach, immer als den Erſten in der Muͤhſe⸗ ligkeit, wie im Anſehen, wenn er nicht ſelbſt dem Tode nahe, bewundert hatten; mit welchen Seufzern, mit wel⸗ hen Thraͤuen mußten ſie auf ein ſolches Geſuch um Ver⸗ ig antworten?. A n Der bewundernswerthe Moͤnch nahm darauf ein großes Kreuz, das an einem Pfeiler angelehnt ſtand, pflanzte es ch auf, ließ am Rande der aͤußeren Halle ſeine San⸗ n zuruͤck, ſtieg auf den Stufen des Tempels herab, und achte ſich durch die Menge, die ihm ehrerbietig den Durchgang öͤffnete, auf den Weg, ſich an ihre Spitze zu ſetzen. 4* n8 4 Das Auge voll Thraͤnen, als waͤre er ein Glied der geneſenen Schaar geweſen, wich auch Renzo zuruͤck, und ſtellte ſich zur Seite einer Huͤtte; hier blieb er wartend ſte⸗ hen, halb verborgen, den Koͤrper zuruͤckgezogen, den Kopf nach vorn geſtreckt, die Augen zur Beobachtung geſchaͤrft. In ſtuͤrmiſchen Schlaͤgen pochte ſein Herz/ und doch be⸗ ruhigte ihn ein neues, ganz eigenthuͤmliches Vertrauen, durch die Ruͤhrung, in welche ihn die Predigt erfuͤllt hatte, und durch das Schauſpiel der allgemeinen Ruͤhrung, glauben wir, erzeugt... Barfuß, mit dem Strick um den Hals, das lange ſchwere Kreuz emporhehend, kam Pater Felice daher; ſein Geſicht bleich und ſleiſcharm, Zerknirſchung und Muth zu⸗ gleich ausſprechend. Langſam, aber entſchloſſen waren ſeine Schritte, indem er die Schwaͤche ſeiner Begleiter zu ſchonen ſuchte; es ſchien, als liehen ihm dieſe uͤberfluͤſſi⸗ gen Beſchwerlichkeiten die Kraft, die nothwendigen Laſten, welche von ſeinem Amte unzertrenulich, deſto unverdroſſe⸗ III. 18 Geneſenen ſaßen, die auf ihren Fuͤßen noch nicht ſicher — 274— ner zu ertragen. Unmittelbar hinter ihm gingen die et⸗ was herangewachſenen Kinder, groͤßtentheils mit nackten Fuͤßen, wenige vollſtaͤndig gekleidet, Manches wirklich im Hemde. Dann kamen die Frauen, faſt alle einem der klei⸗ nen Maͤdchen die Hand reichend, und abwechſelnd das Mi⸗ ſerere ſingend; der matte Klang dieſer Stimmen und die lebensarme Kraͤnkelblaͤſſe dieſer Geſichter haͤtten nem Zuſchauer, der in neugieriger Gleichguͤltigkeit ſtanden, das Herz mit frommem Mitleid erfuͤllen koͤnn Renzo aber beobachtete, pruͤfte von Reihe zu Reihe, von Geſicht zu Geſicht, und nicht ein einziges entging ihm denn das langſame Fortſchreiten des Zuges verſtattete ihm allen Gebrauch der Sorgfalt. Voruͤber gehts und vor⸗ uͤber, er ſpaͤht und ſpaͤht, er muſtert und muſtert; umſonſt. Er wirft halbe Blicke auf die Schaar, die noch zuruͤck war, und mit jedem Schritte abnahm; ſchon ſind es nur wenige Reihen noch, die letzte ſchreitet vorbei, Alle wenden ihm ſchon den Nuͤcken zu— lauter unbekannte Geſichter! Mit hangenden Armen, den Kopf auf die eine Schulter niedergeſenkt, laͤßt der Arme, waͤhrend die Maͤnner vor ihm hin ſchreiten, dem fortſchleichenden Zuge ſeine Blicke nach⸗ ſchwaͤrmen. Eine andre Aufmerkſamkeit beſchaͤftigt ihn. Denn eine neue Hoffnung ſteigt in ihm auf, da er hinter dieſen Maͤnnern einige Karren entdeckte, auf welchen die „ genug waren. Auf dieſen kamen die letzten Frauen. Und auch hier konnte Renzo ſo ſorgfaͤltig alle Geſichter und Geſtalten muſtern, daß keine einzige ihm entging. Aber ach! Er unterſucht den erſten, den zweiten, den dritten, und irrt immer mit dem nehmlichen Erfolge bis zum letz⸗ — 275— ten hin, hinter welchem nichts als ein zweiter Kapuziner folgte, mit ernſtem Anblick und einem Stabe in der Hand, um den Zug in Ordnung zu erhalten. Es war Pater Mi⸗ chhele, welcher dem einſtweiligen Vorſteher des Krankenhau⸗ ſes, wie wir erzaͤhlt haben, vom Geiundheitzauziähuſt e zum Gehuͤlfen gegeben worden. So verſchwand ganz und gar jene woßlthuende. Hoſf⸗ nung, und indem ſie entſchwand, nahm ſie nicht bloß den Troſt, welchen ſie verliehen, mit ſich hinweg, ſie ließ un⸗ ſern Juͤngling auch, wie es gewoͤhnlich der Fall, in einer weit freudenloſeren Lage zuruͤck. Der gluͤcklichſte Looszet⸗ tel war nun, Lucien krank danieder liegend zu finden. Da aber die Inbrunſt dieſer neuen Hoffnung, ſo duͤſter ſie winkte, ſchnell auf die uͤbermannende Furcht ſich einſtellte, haͤngte ſich der Arme mit aller Kraft des Gemuͤthes an dieſen truͤbſeligen ſchwachen Faden; er trat zur Straße hin⸗ aus, und begab ſich hin, woher der Zug gekommen. Als er an den Fuß der Kapelle gelangt, ſenkte er das Knie auf die unterſte Stufe, und richtete an den Vater im Himmel ein Gebet, oder vielmehr ein Gewuͤhl von verworrenen Worten und unterbrochenen Reden, von Ausrufungen und Bitten, von Klagen und Verſprechen— Worte, wie man ſie an keinen Sterblichen richtet, da es ihm an Scharfſinn gebricht, um ſie zu verſtehen, oder an Geduld, um ſie an⸗ zuhoͤren; nicht gewichtvoll genug, um ſie mitleidsvoll uhne Verachtung zu vernehmen. Ein wenig ermuthigt ſtand er auf, ging um die Ka⸗ pelle, und befand ſich in dem andern leeren Gange, wel⸗ chen er noch nicht betreten. Dieſer endigte ſich an der Pforte gegenuͤber. Nach wenigen Schritten ſah er zu bei⸗ foro ihm geſprochen hatte; ſie war, wie der Moͤnch geſagt/ — 276— den Seiten die Einzaͤunung, von welcher Bruder Criſto⸗ voller Zwiſchenraͤume und Luͤcken. Durch eine von dieſen trat Renzo hinein, und befand ſich im Aufenthalte der weiblichen Kranken. Bei dem erſten Schritte ſchon ge⸗ wahrte er an der Erde eine kleine Glocke, wie ſie die Ap⸗ paritori an den Fuͤßen trugen; vollſtaͤndig, mit ihre Schlingbande lag ſie da. Renzo gerieth auf den gluͤckli chen Einfall, dieſe Glocke koͤnnte ihm bei ſeinem Eintri hier als ein Freibrief dienen; er nahm ſie auf, ſah ſi um, ob Keiner herblickte, und band ſie ſich an. Nun machte er ſich augenblicklich an das Aufſuchen. Schon durch die Menge der Kranken waͤre dieſes Geſchaͤft mit laͤſtiger Schwierigkeit verknuͤpft geweſen, wenn auch das Auge ganz andre Geſichter zu unterſuchen gehabt haͤtte; er ſtaunte neue Auftritte des Elends an, zum Theil den ge⸗ ſehenen aͤhnlich, zum Theil verſchieden; hei derſelben Plage fand hier ein anderes Leiden, ein anderes Schmachten ſtatt; neue Schmerzen und neues Erdulden, neues Mitleid und neue Unterſtuͤtzungsweiſe; der Beobachter empfand gleich⸗ ſam ein andres Erbarmen und einen andern Ekel. Obhne Erfolg und ohne Ereigniſſe war Renzo ſchon weit hineingeſchritten, als er hinter ſich einen Ruf hoͤrte, ein„O!“ welches ihn erreichen zu ſollen ſchien. Er wandte ſich, und ſah in einiger Entfernung einen Com⸗ miſſar, der mit erhobenen Haͤnden ihm, wirklich ihm winkte.—„Dort in den Zimmern,“ ſchrie der Mann, „da iſt Huͤlfe noͤthig; hier iſt eben erſt aufgeraͤumt worden.“ Renzo begriff augenblicklich, fuͤr wen man ihn hielt. Die Schelle war die Urſache des Mißverſtaͤndniſſes. Er — 277— ſchalt ſich einen Unklugen, daß er nur an die Unannehm⸗ lichkeiten gedacht, die dieſes Zeichen ihm erſparen konnte, und nicht an alle diejenigen, die er ſich damit auf den Hals zog; zugleich aber ſann er nach, wie er ſich ſo ſchnell als moͤglich aus dieſer Verlegenheit hinaus zu arbeiten haͤkte. Er nickte daher dem Commiſſar mehrmals mit dem Kopfe zu, als habe er verſtanden und ſey Willens, Gehor⸗ ſam zu leiſten; darauf ſuchte er dem Manne aus den Au⸗ gen zu kommen, und druͤckte ſich ſeitwaͤrts zwiſchen die Bu⸗ den hinein. Als er ſich in giilanglicher Entfernung glanbten ſchte er auch die Urſache der aͤrgerlichen Verwechslung ſich vom Leibe zu ſchaffen, und um dieß unbemerkt bewerkſtelligen zu 3 koͤnnen, ſchluͤpfte er in eine Enge zwiſchen zweien klei⸗ nen Huͤtten, welche mit der Ruͤckſeite gegen einander ge⸗ mwandt waren. Er buͤckt ſich, um die Schlingbaͤnder zu loͤſen, und waͤhrend er ſo, den Kopf gegen die Strohwand der einen Huͤtte geſtemmt, daſteht, dringt ihm aus dieſer eine Stimme in's Ohr...„O Himmel! Iſt es moͤglich?“ — Seine ganze Seele tritt ihm in's Ohr, keinen Athem⸗ zug vermag ſeine Bruſt zu thun... ja, ja! Es iſt ihre Stimme!—„Warum Furcht?“ ſprach dieſe ſanfte Engel⸗ ſtimme,„wir haben wohl etwas Andres ſchon als ein Sturmwetter uͤberſtanden. Wer uns bis jetzt geſchimmt hat, wird auch jetzt uns ſchirmen.“ Wenn Renzo nicht laut aufſchrie, ſo geſchah's nicht aus Furcht, daß er bemerkt wuͤrde, ſondern weil es ihm an Athem gebrach. Wie marklos ſchlotterten ſeine Kniee, ſeine Augen umnebelte plöͤtzliche Daͤmmerung— aber nur im erſten Augenblick; im zweiten war er ſchon auf den Bei⸗ —-— 278— nen, lebhafter und kraftathmender als vorher; in dreien Spruͤngen fliegt er um die Huͤtte, ſteht an der Schwelle, ſieht mit ſeinen Augen ſi je, die er ſprechen gehoͤrt hat, ſieht 4 ſie... auf ihren Fuͤßen ſieht er ſie ſtehen, uͤber ein Bett ſich dinneigend. Sie wendet ſich bei dem Geraͤuſch, ſie ſieht ihn, glaubt einen Trugblick zu thun, zu traͤumen; dann aber ſchaut ſie ihm dentlicher in s Auge, und ſehreit; „Großer Gott!“ „Lucia! Ich hab' Dich gefunden! Du ſtehſ vor mit Du biſt es, ja! Biſt am Leben!“— So ſchrie Renzm und ſtuͤrzte, an allen Gliedern zitternd, auf ſie zu. 3 „Gkoßer Gott!“ wiederholte ſie, noch heftiger zit⸗ ternd/„Du? Was iſt das? Wie war's moͤglich? Warum? — Die Peſt!"„“ „Ich hab' ſie gehabt. und dus“ „Ach, auch ich! Und von meiner Mutter...? „Ich hab' ſie nicht geſehen. Sie iſt zu Paſturo; doch glaub' ich, ſie befindet ſich wohl. Aber Du? Wie biſt Du noch ſo matt! Wie ſiehſt Du noch ſo ſchwach ans! Aber doch geheilt, nicht wahr, geheilt?“ „Der Herr hat mich noch hier unten laſſen wollen. Ach Renzo, warum biſt Du hier?“ „Warum?“ ſagte Renzo, naͤher zu ihr hintretend. „Du fraͤgſt mich noch, warum? Was mich hier hat herzie⸗ hen koͤnnen? Iſt es noͤthig, daß ich es erſt Dir erklaͤre? An was hab' ich zu denken? Heiß' ich nicht noch Renzo, biſt Du nicht noch Lucia?. „ Weh mir, was ſagſt Du? Hat Dir meine Mutter nicht ſchreiben laſſen.. 20 „Wohl, nur zu wohl hat ſie mir ſchreiben laſſen. Eine — 279— ſchoͤne Nachricht, um ſie einem armen ungluͤcklichen Jun⸗ gen in einem Brief zu uͤberſchicken, einem gemarterten Fluͤchtling, einem ehrlichen Jungen, der wenigſtens keinen ſchlimmen Streich jemals begangen hat!“ „Aber Renzo! Renzo! Da Du wußteſt.. warum kommſt Du her? Warum, Renzo?“ „Warum ich komme? O Lucia, warum ich komme, ſagſt Du? Nach ſo vielen Verſprechen! Sind wir nicht wir mehr, wir? Erinnerſt Du Dich nicht mehr? Was fehlte denn noch? 8„O Herr!“ rief Lucia ſchmerzlich, indem ſie die Haͤnde faltete und die Augen zum Himmel empor hob,„warum haſt Du mir nicht die Gnade erzeigt, mich hinauf zu Dir zu nehmen? Renzo! Was haſt Du mir gethan! Sieh, ich fing ſchon an zu hoffen, mit der Zeit wuͤrde ich.. wuͤrd: ich vergeſſen.. „Ne ſchoͤne Hoffnung!“ erwiederte Renzo nicht ohne Entruͤſtung.„Schoͤne Dinge, um mir ſie ſo in's Geſicht zu ſagen!“ „Weh mir, was haſt Du gethan! und an dieſem Orte! In dieſem Aufenthalte des Jammers! Bei ſolchen Schau⸗ ſbislent Hier, wo Sterben die einzige Handlung,⸗ konnteſt Du.. „Für die Sterbenden muͤſſen wir zu Gott beten, und hoffen, daß ſie an einen ſeligen Ort gelangen; daß aber die Lebendigen ihre Tage in Verzweiflung zubringen ſollen/ iſt darum noch nicht recht.“ *„Aber Renzo! Du bedenkſt nicht, was Du redeeſt! Ein Verſprechen, der Mutter Gottes gethan, ein Ge⸗ luͤbde..“ gangen: Wie ſprichſt Du?“. — 280— Hunde ich ſage Dir, e Falche 6* Beforethen mnchts bedeutet“ wanmuineran „O Here⸗ Welch ine Rede! Wo biſt Du wäͤhtend diee ſer Zeit geweſen? Mit was fuͤr Menſchen viſß Du uunge⸗ „Ich ſpreche wie ein echter Chriſt,“ antwortete der Jungling,„und von der Jungfrau denk ich beſſer als Duu Ich denke mir, daß ſie kein Verſprechen zum Schaden ei⸗ nes Mitmenſchen verlangt. Wenn die heilige Jungfrau geſprochen haͤtte, ja dann! Was iſt's aber geweſen? Eine Einbildung, Deine eigene Einbildung. Weißt Du, was 3 Du der Jungfrau zu verſprechen haſt? Verſprich ihr, daß die erſte Tochter, ſo uns Gott ſchenkt, Maria heißen ſoll; zu dem Verſprechen will auch ich hier auf der Stelle Amen ſagen; das ſind Gedanken, die der Mutter Gottee groͤßere Ehre machen; das iſt'ne Froͤmmigkeit, in welcher mehr Weununßt liegt, und kam Mibnienich ſen Verderben findet.“ „Mein, nein, prrich nicht ſoz Du weißt nicht, was Du ſagſt. Du weißt nicht, was das heißt, ein Geluͤbde thun; Du haſt das Drangſal nicht erlebt, haſt ſo etwas nicht erfahren. Laß mich, um aller Heiligen willen, laß mich!“ Mit dieſen Worten wandte ſie ſich ungeſtuͤm von ihm, und kehrte nach dem Bette zuruͤck. /Lucia!“ rief Renzo, ohne ſich zu regen,„ſage mir wenigſtens, ſage mir, wenn dieſe urſache nicht waͤre, waͤrſt Du nicht anders gegen mich geſinnt?“ „Menſch ohne Herz!“ antwortete Lucia, indem ſe ſich umwandte, und mit Muͤhe ihre Thraͤnen unterdruͤckte. „Wenn Du mich haͤtteſt unnuͤtze Worte ſprechen laſſen, Worte, die mir weh thaͤten, die vielleicht'ne Suͤnde waͤ⸗ ren, gaͤbeſt Du Dich zufrieden? Geh, o geh⸗ vergiß mich; wiir waren nicht fuͤr einander beſtimmt. Dort oben wer⸗ den wir uns wieder ſehen, und das Leben hienieden iſt ſo kurz! Geh, ſuch' meine Mutter wiſſen zu laſſen, daß ich geheilt bin, daß Gott mir auch hier ſeinen Beiſtand im⸗ mer offenbart hat, daß ich'ne gute Seele gefunden, die wackere Frau da, die Mutters Stelle bei mir vertritt; ſag' 4 ihr, ich hoffe, daß wir uns wiederſehen werden, wenn Gott will. und wie er will. Geh, um des Himmels Willen, und denk' nicht mehr an Lucien, oder nur, wenn Du be⸗ teſt, denk' an mich, Renzo! unnd wie Jemand, der nichts weiten zu neſaggn hat, noch etwas Andres anzuhoͤren geſonnen, einer Gefahr ſich entzichen will, zog ſie ſich ſchnell nach dem Bette zuruͤck⸗ darauf die Frau lag, von welcher ſie geſprochen hatte. „Hdre, Lucia, hoͤre!“ rief Renzo, ohne ſich jedoch ihr zu naͤhern. A2 „Nein, nein, geh⸗ ich benbee Daia, „Hre, Vater Criſtoforo. „Was?4 fiel ihm Lucia 383 in's Wott. „Iſt hier.“ „Hier? Wo? Wie weißt Du das?“ „Ich hab' ihn eben geſprochen, bin eine ganze Zeit lang mit ihm zuſammen aweſen Ein Geiſtlicher, wie der Mann, ſollt' ich glauben.. „Er iſt hier? Gewiß, um den armen Kranken deitte ſtehen! Aber er? Hat er an der Peſt krank gelegen?“ „Ach Lucig! Ich fuͤrchte, nur allzu ſehr hab ich —- 282— Furcht.“ und waͤhrend Renzo mit dem Ausſprechen des ſchmerzlichen Winkes zoͤgerte, hatte lſich Lucig auf's Neue vom Bette losgeriſſen, und eilte auf ihn zu—„iich fuͤrchte, ſie liegt ihm jetzt in den Gliedern!“ „Armer, heiliger Mann! Aber was ſag' ich armer Mann? Arm ſind wir, verwaiſt, wenn er ſtirbt. Wie iſt's mit ihm? Liegt er zu Bette? Hat er Unterſtuͤtzung, Huͤlfe?“ „Er iſt auf den Beinen, er geht umher, und ſteht den Andern bei; wenn Du ihn aber ſaͤheſt, wie er ausſieht, wie er ſich mit Noth fortſchleppt. Ich hab' ſo Viele ge⸗ ſehen, ſo Viele, und taͤuſche mich leider nur zu wenig!“ „O Gott!“ rief Lucia,„und er iſt hier!“ „Hier, und gar nicht weit. Wenig weiter, als von Deinem Hauſe zu meinem heruͤber— wenn Du Dich noch erinnerſt.“ „O heilige Jungfrau!“ „Gut, wenig weiter. Denk alſo, ob wir von Dir geſprochen haben! Er hat mir Dinge geſagt.... und wenn Du wuͤßteſt, was er mich hat ſehen laſſen! Du wirſt's erfahren; jetzt aber will ich Dir zu hoͤren geben, was er mir, mit ſeinem eigenen Munde, geſagt hat. Er hat mir geſagt, ich ſoll fleißig nach Dir herum ſuchenz der Herr habe ſein Gefallen dran, wenn ein junger Menſch ſo handelt, und wuͤrde mir zu Deiner Begegnung verhel⸗ fen; wies auch wirklich geſchehen iſt; aber er iſt ein He⸗ liger. Siehſt Du alſo?“ „Wenn 6, 4 zeſpruchen hat, ſo geſchah's, weil er nicht weiß.. „Was df er von Dingen wiſen, ſo Du, vhne Vor⸗ — 283— ſchrift, ohne eines Andern Meinung, fuͤr Deinen eigenen Kopf gethan haſt? Einem wackren Mann, einem Mann von Vernunft, wie er, dem kann ſo was nicht einfallen. Was er mich aber hat ſehen laſſen....“ Und nun er⸗ zaͤhlte er den Beſuch in jener Huͤtte. Dö'gleich Luciens Geiſt und Sinne ſich in dieſem Aufenthalte nothwendiger⸗ maßen an die ſtaͤrkſten Eindruͤcke gewoͤhnt hatten, ſtand ſie dennoch von Schauder und Mitleid tief ergriffen da.„Und auch dort,“ fuhr Renzo fort,„hat er wie'n Heiliger ge⸗ ſprochen; hat geſagt, daß der Herr dieſem Armen— ich kann ihn itzo nicht anders nennen— vielleicht Gnade zu⸗ gedacht hat, und ihn aus dem Buche der Frevel ſtreichen will; aber wir muͤßten deßwegen zuſammen fuͤr ihn beten— zuſammen, hoͤrſt Du wohl?“ „Ja, ja“ rief Lucia,„wir wollen beten, Jeder, wo wir leben werden; Gott weiß die Gebete Herein at zu er⸗ hdͤren.“ „Aber wenn ich Dir ſeine eigenen Worte fage 6.. „Er weiß ja nicht⸗ Nends ,ℳ tal ihm Lucia in die Rede. „Wenn ein Heiliger pricht, haſt Du das nicht ge⸗ hoͤrt? ſo iſt's Gott, der ihn reden laͤßt. Er haͤtte nicht ſo geſprochen, wenn's nicht gerade ſo ſeyn muͤßte. Und die Seele des armen Ungluͤcklichen? Ich hab' gebetet und werde fuͤr ihn beten; vom Herzen hab⸗ ich gebetet, juſt als wenn's fuͤr einen Bruder geſchaͤhe. Wie ſoll's aber mit dem Un⸗ gluͤcklichen in der andern Welt ſtehen, wenn die Sache hier nicht abgemacht wird, wenn das Boͤſe, ſo er gethan, nicht dsgehohen wird? Wenn Du vernuͤnftig denkſt, ſo iſt Alles wieder wie fruͤher; was geſchehen iſt, iſt geſchehen; er hat ſeine Strafe auf Erden erlitten.“ „Nein, Renzo/ nein; Gott will nicht, um ſeine Barm⸗ herzigkeit zu uͤben, daß wir unrecht handeln; laß ihn wal⸗ ten; unſre Pflicht iſt das Gebet. Wenn ich alſo in jener Nacht umgekommen waͤre, ſo haͤtte ihm Gott nicht verzei⸗ hen amnens und da ich nicht ungteammem da ich befreit worden. A 3„Aber s Mutter⸗ die arme Aaneſen die mir iß mer ſo wohl gewollt, die ſo ſorgſam uns als Mann und Weib zu ſehen trachtete, hat ſie Dir nicht auch gefagt, daß Du Dich von einem verkehrten Gedanken regieren laͤßt? Wie ſie Dich auch ſchon in andern Dingen zurecht gewieſen hat, ene in bzelene Stuͤcken dentt ſte verſtande ger als Du..— „Meine Mutter! Sol meine Mutter mir zur Ver⸗ letzung eines Geluͤbdes rathen? Nenfu Du aEiſ nicht bei Dir!⸗4 ar „Ei, ſoll ich Dios fageha⸗ ſprach Reuzo.„Ihr Maͤdchen koͤnnt dergleichen Dinge nicht begreifen. Pater Criſtoforo hat mir geſagt, ich ſoll zuruͤckkommen, und ihm Beſcheid bringen, ob ich Dich gefunden habe. Ich geh. Wir wollen ihn hoͤren, und was er ſagen wird.., „Ja, geh' zu dem heiligen Mann; ſag' ihm, daß ich fuͤr ihn bete, er moͤge auch fuͤr mich beten, ich hab's ſo noͤthig! Aber um des Himmels Willen, beim Heil unſrer Seelen bitt ich Dich, komme nicht wieder her, mir weh zu thun, und mich... zu verſuchen. Vater Criſtoforo wird Die die Gachs aus einander zu ſeben wiſſen/ und Dich in Dich gehen afenz dann ufeh Dn Dih aufe den geben.“ „Zufrieden geben? O den Gedanken us. Dir aus der Seele. Haſt mir das garſtige Wort ſchon einmal ſchreiben laſſenz ich weiß, was ich daruͤber hab' ausgeſtan⸗ den. Und jetzt biſt Du hartherzig genug, mir's noch zu ſagen. Ich aber verſichere Dir klar und rund, daß ich mich nimmermehr zufrieden geben werde. Du willſt mich vergeſſen— ich Dich nicht. Und ich betheure Dir, ſiehſt Du, wenn Du mich um meinen Verſtand bringſt, ſo krieg' ich ihn auf Erden nicht wieder. Zum Teufel mit dem Handwerk, zum Teufel mit dem ordentlichen Leben! Willſt Du mich zur wuͤthenden Tollheit bis an mein Ende ver⸗ dammen, wie ein Toller werd' ich's treiben.... Und der arme Ungluͤckliche! Weiß der Herr, ob ich ihm von Herzen vergeben habe; Du aber.... Soll ich all mein Lebelang den Gedanken nicht aus dem Kopf kriegen koͤnnen, daß wenn er nicht geweſen waͤre.. Lucia! Du haſt mir ge⸗ ſagt, ich ſoll Dich vergeſſen— Dich vergeſſen! Woran ſoll ich das ganze Jahr hindurch denken? Nach ſo vieler Hoff⸗ nung, ſo vielen Verſprechen? Was that ich Dir, ſeit wir uns verlaſſen haben? Weil ich gelitten habe, behandelſt Du mich ſo? Warum hab' ich Elend ausgeſtanden? Wa⸗ rum die lange Zeit, weit von Hauſe, von Ench weg, trau⸗ rig verlebt? Warum bin ich bei'm erſten Augenblick, da ich nur gekonnt habe, hieher gekommen, Dich aufzuſuchen?“ Nachdem Lucia vor Thraͤnen zu Worte kommen konnte, faltete ſie die Haͤnde aufs Neue, und erhob die ſchwim⸗ menden Augen zum Himmel.„Hilf du mir, heilige Jung⸗ frau! Du weißt, daß ich ſeit jener Nacht keinen Augen⸗ blick wie dieſen erlebt habe. Du haſt mir bisher deinen Beiſtand geliehen, leihe mir ihn auch jetzt. „Ja, Lucia,“ ſagte Renzo,„Du haſt Recht, wenn Du die Mutter Gottes anrufſt; warum willſt Du Dir aber einreden, daß dieſe Mutter der Barmherzigkeit, die ſo gut iſt, an unſern Leiden, an meinen wenigſtens, einen Wohl⸗ gefallen habe, weil Dir ein Wort in einem Augenblick entwiſcht, wo Du in Aengſten nicht wußteſt, was Du ſprachſt? Meinſt Du, ſie habe Dir damals geholfen, um Dich hernach in Jammer verwickelt zu halten? Wenn aber das bloß'ne Ausrede iſt, wenn ich Dir verhaßt ge⸗ worden bin, ſo ſag's mir, ſprich mit klaren Worten.“ „Um aller Heiligen Willen, hoͤr' auf, Renzo, Du bringſt mich um. So endet's nicht gut. Geh zum Vater Criſtoforo, empfichl' mich ihm, und kehre nicht wieder zu⸗ ruͤck, kehr' nicht wieder zuruͤck!“ „Ich gehe. Denk'’ aber, ob ich nicht wieder zuruͤck kehren will! Ich thaͤte zuruͤck kehren, waͤr's auch vom Ende der Welt, ich thaͤte zuruͤck kehren!"(—— Mit dieſer Betheue⸗ rung eilte er hinweg. Lucia ſetzte ſich neben dem Bette nieder, oder ſank vielmehr zur Erdez ſie legte den Kopf an die Seitenlehne des Bettes an, und ließ ihren Thraͤnen freien Lauf. Die Frau, welche bisher, ohne zu athmen, mit offnen Augen und Ohren dagelegen, fragte, was das fuͤr eine Erſchei⸗ nung geweſen. Vielleicht aber fraͤgt der Leſer, was das fuͤr eine Frau geweſen; wir koͤnnen ihn befriedigen, und we⸗ nige Worte entbinden uns unſrer Schuldigkeit. Es war eine wohlhabende Kaufmannsfrau, von etwa dreißig Jahren. Sie hatte in einer Schreckenzeit von we⸗ — 287— nigen Tagen ihren Gatten und alle ihre Kinder hinſchei⸗ den geſehen; kurz darauf wurde auch ſie vom allgemeinen Uebel uͤberfallen, in das Lazareth gebracht, und in dieſelbe Huͤtte gelegt, wo ſich Lucia befand. Dieſe hatte ſo eben, ohne es zu empfinden, die furchtbarſte Wuth der Krankheit uͤberſtanden, und eben ſo wenig es empfindend, ihre Ge⸗ fahrtinnen verſchiedentlich gewechſelt; jetzt fing ſie an, zu ſich ſelbſt zu kommen, und das Bewußtſeyn, welches ſie ſeit dem erſten Anfall in Don Ferrante's Hauſe ſchon ver⸗ loren, wieder zu erlangen. Die kleine Huͤtte konnte nicht mehr als zwei Gaͤſte faſſen; ſo hatte ſich zwiſchen dieſen beiden Frauen, betruͤbt, verlaſſen, angſtvoll und allein in dieſer Menſchenmenge, wie ſie waren, gar bald eine Innigkeit der gegenſeitigen Neigungen gebildet, welche ſonſt kaum nach einem vieljaͤhrigen Umgange ſich gefun⸗ den haͤtte. Binnen Kurzem ſah ſich Lucia im Stande, ihrer Zeltgenoſſin, die gerade ſehr ſchwer danieder lag, Dienſte zu leiſten. Nachdem aber dieſe die Gefahr uͤberlebt, leiſte⸗ ten ſie einander Geſellſchaft, ermuthigten und bewachten ſich; ſie hatten ſich das Wort gegeben, nur mitſammen aus dem Krankenhauſe zu gehen, und um ſich auch nach⸗ her nicht zu verlaſſen, andere Verabredungen genommen. Die Kaufmannsfrau, die unter der Obhut eines Geſund⸗ heits⸗Commiſſars, ihres Bruders, Haus, Speicher und Kaſſe, Alles im beſten Zuſtande, hinterlaſſen, ſollte ſich nun trau⸗ rig und einſam als die Beſitzerin eines Vermoͤgens ſehen, mit welchem mehr als gemaͤchlich ſich leben ließ; ſie wuͤnſchte daher, Lucien bei ſich zu haben, wie eine Tochter oder Schweſter. Mit welcher Dankbarkeit fuͤr die Gefaͤhrtin und die Vorſehung Lucia dieſen Vorſchlag ergriffen, laͤßt — 288— ſich leicht denken; doch einſtweilen nur, bis ſie Anchrich von ihrer Mutter erhalten, und den Willen dieſer, wie ſie hoffte, erfahren haͤtte. Zuruͤckhaltend, wie ſie war, hatte ſie uͤbrigens weder von ihrem Eheverſprechen, noch von ih ren ſonſtigen außerordentlichen Erlebniſſen jemals ein Wort fallen laſſen. Jetzt aber, in einer ſo gewaltſamen Aufre⸗ gung der Gefuͤhle, empfand ſie eben ſo maͤchtig das Be⸗ duͤrfniß, ihrem Herzen Luft zu machen, als die Andre das Geheimniß zu erfahren wuͤnſchte. Lucia faßte mit beiden Haͤnden ihre Rechte, machte ſich augenblicklich an die Be⸗ antwortung ihrer Frage, und das Schluchzen war diee ein⸗ zige Hemmung des Geſtaͤndniſſes. Nenzo flog indeſſen nach der andern Seite des Gebän⸗ des. Erſt nach eifrigem Suchen, nicht ohne verlorene Schritte, fand er ſich nach der Gegend wieder hin. Er 8 ſah die Huͤtte, aber Pater Criſtoforo war nicht darin. Nun ſchwaͤrmte er rings umher, ſpaͤhte nach allen Seiten, und entdeckte ihn endlich in einem Zelte, wo er, gebeugt und mit dem Munde faſt am Boden, einen Kranken troͤſtete. Renzo blieb ſtehen, und wartete ſchweigend. Bald ſah er, wie ſein Criſtoforo dem armen Ungluͤcklichen die Augen zudruͤckte, darauf ſich auf's Knie warf, einige Sekunden betete und dann aufſtand. Endlich kam er bero, und ſchritt auf den Juͤngling zu. „FEi,“ ſagte der Moͤnch, nachdam er ihn in's eche ge⸗ faßt.„Nun?“ „Sie iſt hier, ich hab' ſie gefunden.“ „In was fuͤr'nem Zuſtande?“ „Geheilt,“ ſagte Renzo,„außer'm Bette venigſens 2 „Der Herr ſey gelobt!" 5 — 288— Aber,“ begann der Juͤngling, als er nahe genug war, um es ihm zufluͤſtern zu—'s 2 ein andrer uͤbler Umſtand vorhanden!"? 5 „Was willſt du damit ſagen?“ A „Ich will ſagen.. Sie wiſſen wohl, lieber Pater, wie das gute Maͤdchen iſt; ſie ſpinnt ſich manchmal in ihre ei⸗ genen Gedanken ein. Nach ſo vielen Verſprechen, nach Allem dem, was Sie wiſſen, ſagt ſie mir itzo, daß ſie mich naicht heirathen kann; denn, ſagt ſie, was weiß ich? in je⸗ ner Nacht der Furcht war ihr Kopf heiß, und da hat ſie ſich, ſo zu ſagen, der Mutter Gottes geweiht. Eine un⸗ vernuͤnftige Sache, nicht wahr? Ne Sache, die wohl Ei⸗ ner thun kann, der die Einſicht dazu hat und ein Menſch von Kenntniſſen iſt; fuͤr uns gewoͤhnliche Leute aber, die wir mit ungewaſchenen Haͤnden herum tappen, ſind das Dinge, womit man ſich nicht einlaſſen ſolh 68 ich Recht?“ 1„Wohnt ſie weit weg von hier?“ fragte Bruder Cri⸗ ſtoforo. „O nein, ein Paar Schritte jenſeit der Kerche 2 „Erwarte mich hier einen Augenblick, und berhen wollen wir mit einander gehen, Renzo.“ „Nicht wahr, Pater, ſie wollen ihr beguaia un⸗ 8 chen...,2 1 „Noch weiß ich's nicht, mein n Sohnz ich muß erſt bd⸗ ren, was ſie mir ſagen wird.“ „Verſteh,“ ſagte Renzo. Die Augen zur Erde geſenkt und die Arme uͤber die Bruſt geſchlagen, ſtand er da, ſeine nicht gehobene Ungewißheit zu bezwingen. Der Moͤnch ſuchte von Neuem den Pater Vittore auf, bat ihn noch III. 19 * — 290— einmal, ſeine Dienſte zu vertreten, hegab ſich in die Huͤtte, kam mit dem Korbe am Arme wieder hervor, kehrte zu dem Harrenden zuruͤck, und ſagte:„Wir wollen gehen!“ So ſchritt er ihm voraus, und begab ſich nach jenem Zelte, darin ſie vorher mit einander geſeſſen. Dießmal mußte Renzo draußen bleiben. Bruder Criſtoforo ging hinein⸗ erſchien aber nach einem Augenblick wieder, und ſagte: „Nichts! Wir wollen beten.“— Nachher forderte er den Juͤngling auf, ſein Fuͤhrer zu ſeyn, und ſo machten ſie ſich auf den Weg. Das Wetter war waͤhrend deſſen immer ſtürmiſcher auncoeden und deutlicher verkuͤndigte ſich ein nahes Unge⸗ witter. Zuckende Blitze ſchoſſen durch die ſteigende Fin⸗ ſterniß, ihr augenblickliches Flammenlicht umglaͤnzte die langen Daͤcher, die Schwibboͤgen der Halle, die Kuppel der Kirche und die niedrigen Giebel der Huͤtten; der Don⸗ ner brach mit ploͤtzlichem Krachen hernieder, und lief rol⸗ lend von einem Ende des Himmels zum andern. Aufmerk⸗ ſam auf den Weg, die Seele voll der unruhigſten Erwar⸗ tung, ſchritt Renzo vorwaͤrts, und zuͤgelte mit Gewalt ſeine Schritte, um ſie den Kraͤften ſeines Begleiters anzu⸗ meſſen; dieſer, erſchoͤpft durch die muͤhſeligen Anſtrengun⸗ gen des Tages, von koͤrperlichen Beſchwerden niederge⸗ druͤckt, und durch die ſchwuͤle Hitze beaͤngſtigt, wanderte mit Anſtrengung, und hoh wiederholt das kraͤnkelnde Ge⸗ ſicht gen Himmel, als ſuchte er freier Athem zu ſchoͤpfen. Nachdem ſie zum Anblick der Huͤtte gelangt, blieb Renzo ſtehen, wandte ſich zum Moͤnch, und ſagte mit zit⸗ ternder Stimme:„Dort drin iſt ſie!“ Sie treten ein.„Da ſind ſie!“, ruft die Frau auf — — — 291— dem Bette. Lucia dreht ſich um, ſpringt ungeſtuͤm auf, fliegt auf den Greis zu, und ſchreit:„Wen ſieht mein Auge! Pater Criſtoforo!“ „Aus wie großer Angſt hat Euch der Herr erloͤſt, Lu⸗ cia!“ rief dieſer.„Ein maͤchtiger Troſt fuͤr Euch, daß Ihr Eure Hoffnung jederzeit in ihn geſetzt habt.“ — „Ja! Aber Sie, Vater?— Ich Arme, wie er ganz ein anderer Mann geworden iſt!— Wie Lezt es? ſagen Sie, wie geht es?“ „Wie Gott will, und wie, mit ſeiner Gnade, auch ich will!“ erwiederte der Moͤnch mit heitrem Antlitz. Dar⸗ auf zog er ſie ſeitwaͤrts.„Hoͤrt, ich kann nur wenige Au⸗ genblicke hier ſeyn. Habt Ihr noch volltommlener Zutdanen zu mir) wie vor Zeiten?“ „ ſind Sie noch immer mein Vater?“ „Alſo, Tochter, was iſt das fuͤr ein Geluͤbde, von dem Renzo mir geſprochen hat?“ „Ein Geluͤbde, das ich der Madonna gethan, mich nicht zu verheirathen. „Habt Ihr aber damals bedacht, 4 Ihr buſch ein Verſprechen gebunden wart?”? „Da es den Herrn und die Mutter Gottes betraf... nein, hab' ich nicht daran gedacht.“ 4.8 ‚Dem Herrn, Kind, ſind Opfer und Anerbietungen wohlgefaͤllig, wenn wir ſie von unſrem eigenen Vermoͤgen ihm darbringen. Das Herz will er, den Willen; Ihr aber konntet ihm nicht den Willen eines Andern zum Syfer bringen, dem Ihr Euch verpflichtet hattet.“ „Hab' ich Unrecht daran gehandelt?“ fragte Lucia. „Mein armes Maͤdchen, das denket nicht; ich glaube — 292— ſelbſt, die heilige Jungfrau hat die Abſicht Eures betruͤb⸗ ten Herzens wohlgefaͤllig aufgenommen, und ſie dem ewi⸗ gen Vater fuͤr Euch dargeboten. Sagt mir aber, habt Ihr Euch mit Niemandem jemals daruͤber berathen?“ „Ich habe nie geglaubt, daß es etwas unrechtes ſeln, um es zu beichten, und das wenige Gute, ſo wir Men⸗ ſchen auf Erden thun koͤnnen, das duͤrfen wir nicht zaͤhlen.“ „Habt Ihr keinen andern Beweggrund, der Euch etwa zuruͤckhaͤlt, das Wort, ſo Ihr dem Jüngling gegeben, wahr zu machen?“ „Was ihn betrifft... fuͤr mich— was fuͤr'nen Be⸗ weggrund ſonſt? Ich wuͤßte nicht zu ſagen... ſouſt kei⸗ nen.“— Die zoͤgernde Antwort aber verkuͤndigte ganz et⸗ was Andres, als eine Ungewißheit des Gedankens, welchen ſie zu erkennen gab, und ihr Geſicht, noch von der Krank⸗ heit entfaͤrbt, bluͤhte ploͤtzlich in der lebhafteſten Roͤthe auf. „Glaubt Ihr,“ nahm der greiſe Moͤnch, den Blick ſenkend, das Wort,„daß Gott ſeiner Kirche die Gewalt gegeben, die Schuldigkeiten und die Verpflichtungen, zu welchen ſich die Menſchen gegen ihn verbunden haben konnen, aufzuloͤſen und unwirkſam zu machen, ſobald ein groͤßeres Heil daraus erwachſen kann?“ „Gewiß,“ ſagte das Maͤdchen,„das glaub' ich.⸗ „So wiſſet, wir Diener Gottes, die wir mit der Pflege der Seelen hier auf Erden beauftragt, wir haben fuͤr alle Diejenigen, ſo ihre Zuflucht zu uns nehmen, die weiteſte Befugniß der Kirche. Ich kann alſo, wenn Ihr es ver⸗ langt, von jeder Verpflichtung, wie ſie auch immer laute, Euch losſprechen, und das Band dieſes Geluͤbdes trennen.“ „Iſt's aber nicht eine Suͤnde, wenn man zuruͤcktritt, — 293— und ein Verſprechen bereut, ſo man der heiligen Jung⸗ frau gethan? Ich hab'’ es damals von ganzem Herzen aus⸗ geſprochen..“ Von einer ſo unerwarteten Hoffnung gleichſam angegriffen, war Luciens Gemuͤth auf's heftigſte bewegt; ſie fuͤhlte einen Zweifel aufſteigen, und hatte ge⸗ glaubt, durch alle die Gedanken, welche ſeit ſo langer Zeit die vorzuͤglichſte Beſchaͤftigung ihres bruͤtenden Geiſtes ge⸗ weſen, es unerſchuͤtterlich befeſtigt zu haben. „Eine Suͤnde, Kind?“ ſagte Bruder Criſtoforo. „Suͤnde, zur Kirche ſeine Zuflucht zu nehmen, ihren Die⸗ ner zu erſuchen, daß er Gebrauch mache von der heiligen Gewalt, ſo er von ihr und ſie von Gott erhalten? Ich bin Zeuge geweſen, wie Ihr Beide zur Vereinigung ge⸗ ſchritten, und bei'm Himmel, wenn ich jemals geglaubt habe, daß ein Paar der Liebe von Gott zu einander gelei⸗ tet worden, ſo wart Ihr dieſes Paar; jetzt ſeh ich nicht, warum derſelbe Gott Eure Trennung wollte. Ich muß ihn preiſen, daß er mir, unwuͤrdig wie ich bin, die Kraft verlichen, in ſeinem Namen zu ſprechen, und Euch Euer Wort Euch wieder zu gehen. Wenn Ihr mich erſucht, ich ſolle Euch Eures Geluͤbdes entbunden erklaͤren, werd ich keinen Augenblick mich bedenken, es zu thun, und ich wuͤn⸗ ſche, daß Ihr mich darum erſuchet.“ „Dann, dann..“ ſagte Lucia mit einer Miene, welche nur die Schaam verwirrte,„ja dann erſuche ich Sie darum!“ Der Moͤnch rief den Juͤngling durch einen Wink her⸗ bei. Dieſer ſtand im entfernteſten Winkel, und ſah mit aufmerkſamen Blicken nach dem Geſpraͤche hin, mit wel⸗ chem ſein Wohl und Weh entſchieden werden ſollte. Nach⸗ — 294— dem er hinan getreten, ſorach Bruder Criſtoforo mit lau⸗ ter feierlicher Stimme zu Lucien:„Kraft der heiligen Ge⸗ walt, ſo die Kirche mir anvertraut hat, erklaͤre ich Euch hiemit geloͤſt vom Geluͤbde der Jungfraͤulichkeit, erklaͤre Alles, was Ihr darin unbeſonnener Weiſe gelobt, fuͤr nich⸗ tig, und entbinde Euch jeder Verpſtichtung welche ahr dabei auf Euch genommen.“ Welche paradieſiſchen Floͤtentoͤne des Entzuͤckens für Renzo! Er dankte mit funkelnden, feuchten Augen dem Redner, und ſuchte dann, obſchon derqehen Lucien V⸗ gen zu begegnen. „Kehret mit der Sicherheit des Friedens zu Euren fruͤheren Gedanken zuruͤck,“ fuhr der Kapuziner fort,„fle⸗ het zum Herrn aufs Neue um die Gnade, um die Ihr ſonſt gefleht, eine fromme Gattin zu werden, und ſeyd uͤberzeugt, daß er ſie Euch, nach ſo vielfachen Leiden, in reichlicherem Maaße gewaͤhren wird. uUnd Du, mein Sohn, erinnere Dich, wenn die Kirche dieſe Gefaͤhrtin Dir zu⸗ fuͤhrt, ſo thut ſie es nicht, um Dich mit einem voruͤber⸗ gehenden, weltlichen Troſte zu beſchenken. Solch ein Troſt, vermoͤcht' er auch Euch vollſtaͤndig und ohne hinzutretende Widerwaͤrtigkeiten zu laben, wuͤrde doch mit einem großen Schmerze im Augenblicke endigen, da Ihr von einander ſcheiden muͤſſet; ſie thut es, um Euch eine Straße zu er⸗ oͤffnen, wo die Quellen des Troſtes unverſieglich rinnen. Liebet Euch, wie Gefaͤhrten auf der Reiſe; es begleite Euch der Gedanke, daß Ihr einſt zur beſtimmten Stunde Euch verlaſſen muͤſſet, und der Glaube, daß Ihr fuͤr immer Euch wiederfindet. Stattet dem Himmel Euren Dank ab, daß er Euch nicht durch rauſchende verhallende Froͤhlichkeit zu —— . 1 * dieſem Ziele geleitet hat; durch Ungemach und Elend hat er es Euch erreichen laſſen, um Euch einer ruhigen beſon⸗ nenen Froͤhlichkeit faͤhig zu machen. Wenn Gott Euch Kinder ſchenkt, ſo trachtet, ſie fuͤr ihn zu erzichen, ihnen die Liebe zu ihm wie zu den Mitmenſchen einzufloͤßen, und geht ihnen in allem Andern eine tugendhafte Anleitung. Lucia! Hat Euch Euer Braͤutigam geſagt, wen er hier gefunden?“ „ Ja, ehrwuͤrdiger Vater, er hat es mir geſagt.“ „Ihr werdet fuͤr ihn beten, und des Gebetes nicht muͤde werden. Und auch fuͤr mich werdet Ihr beten. Kin⸗ der! Ich moͤchte gar gern, daß Ihr ein Andenken an Eu⸗ ern armen Moͤnch habet.— Mit dieſen Worten nahm er aus dem Korbe eine Schachtel von ſchlechtem Holze, die aber mit der Geſchicklichkeit, welche den Kapuzinern eigen, gedrechſelt und geglaͤttet—„Hier drin iſt das Ueberbleib⸗ ſel jenes Brodes, des erſten, um welches ich aus Men⸗ ſchenliebe gefleht, des Brodes, von dem Ihr ſprechen ge⸗ hoͤrt habt. Ich hinterlaſſe es Euch, behaltet es, zeigt es Euren Kindern. Sie werden in eine traurige Welt treten⸗ in ein ſchmerzenreiches Zeitalter, mitten unter ſtolze Men⸗ ſchen und freche Verſucher; ſagt Ihnen, ſie ſollen immer Verzeihung uͤben, immer und fuͤr Alles, ſollen beten fuͤr den armen Moͤnch!“ 1 hüm 1612) So gab er Lucien die Schachtel. Dieſe empfing ſie mit großer Ehrfurcht, wie eine heilige Reliquie.—„Jetzt ſaget mir,“ ſprach er darauf mit ruhigerem Tone„was habt Ihr hier in Mailand fuͤr Unterſtuͤtzung? Wo denkt Ihr Euch niederzulaſſen, wenn Ihr aus der Stadt bier unm haun Win Ge — 296— fortgehet? Und wer win Euch zu Eurer Mutter fuͤhren, die Gott bei Geſundheit erhalten haben moͤge?“ „Dieſe gute Frau,“ ſagte Lucia,„hat ſo lange Mut⸗ ter⸗Stelle bei mir vertreten. Wir werden zuſammen das Haus hier verlaſſen, und dann wird ſie auf Alles bedacht ſeyn.„/ „Gott ſegne ſie!“ ſagte Bruder Criſtoforo⸗ und trat zum Bette. „Ich danke Ihnen auch,“ ſprach die Wittwe,„Sie haben die beiden armen Geſchoͤpfe hier ſo gottſelig getroͤ⸗ ſtet, wenn ich mir auch Rechnung gemacht hatte, die liebe gute Lucia auf immer bei mir zu behalten. Einſtweilen aber laſſ' ich ſie nicht fort; ich werde ſie nach ihrem Dorf begleiten, und ſie in ihrer Mutter Hand geben; ich werde,“ fuͤgte ſie leiſe hinzu,„werde ſie ausſtatten. Ich hab' mehr liegen, als ich verbrauchen kann, und es lebt keine Seele mehr, fuͤr die ich's ſonſt aufbewahren ſollte.“ „So koͤnnen Sie,“ ſagte der Moͤnch,„eine ſchoͤne That vor Gott thun, und dem Naͤchſten eine Wohlthat er⸗ zeigen. Ich empfehle Ihnen das junge Maͤdchen nicht weiter; ich ſeh' ſchon, wie ſie ganz die Ihrige geworden iſt. Nur Gott iſt zu loben, der auch in ſeinen Plagen ſich wie einen Vater zeigt; er hat Sie Beide ſich finden laſ⸗ ſen, und dadurch Beiden ein Zeichen ſeiner Liebe offenbart. Run auf!“ rief er, indem er Renzo's Hand faßte,„wir Beide haben hier nichts mehr zu thun, und ſind ſchon all⸗ zulange hier geweſen. Wir wollen gehen.“ „O Vater!“ rief Lucia.„Werd' ich Sie noch wieder⸗ ſehen? Ich bin geheilt, dh, die ich nichts Gutes in dieſer Welt verrichte, und Sie.. . — — „Schon ſeit langer Zeit, war des Kaputiners ernſte, aber ſanfte Antwort,„fleh' ich zum Herrn um die Gnade, mich hinweg zu nehmen mitten im thaͤtigen Liebeseifer fuͤr meinen Naͤchſten. Wenn er jetzt ſie mir gewaͤhren will, ſo muͤſſen Alle, die Liebe fuͤr mich empfinden, in mein Dank⸗ gebet einſtimmen. Fort, gebt dem Jüngling Eure Auf⸗ traͤge an Eure Mutter.“ „Sag' ihr, was Du geſehen haſt,“ ſagte Lucia zu ih⸗ rem Verlobten;„daß ich eine zweite Mutter hier gefunden habe, daß ich mit dieſer redlichen Frau ſobald als mͤglich hinkommen werde, und ſie geſund zu finden hoffe.“ 1 „Wenn Du Geld brauchſt,“ ſprach Renzo,„ich Pid hier Alles bei mir, was Du mir geſchickt haſt, und...“ „Mein, nein,“ unterbrach ihn die Wittwe,„ich b mahr als noͤthig.“ „So komm /“ rief Bruder Criſtoforo. „Auf Wiederſehen, Lucia!“ ſagte Renzo.„Und auch Sie, vortreffliche Frau“— Was er aber in dieſem Augen⸗ blick empfand, konnte er durch keine Worte bezeichnen. ny Wer weiß,“ rief Lucia betruͤbt,„ob uns der Herr die Gnade erzeigt, daß wir uns Alle, wie wir hier ſtehen, noch wiederfinden!“ „Genug/“ ſprach der Moͤnch,„er ſey immer mit Euch, und verleihe Euch ſeinen Segeita d— Das war ſein letztes Wort in der Huͤtte. Der Abend war nicht mehr weit, und das Losbrechen des Unwetters drohte grauenvoller. Der Kapuziner machte dem wohnungsloſen Juͤngling noch einmal das Anerbieten, fuͤr dieſe Nacht in ſeiner duͤrftigen Behauſung neben ihm zu bleiben.„Geſellſchaft kann ich Dir nicht leiſten“ fuͤgte — 298— er hinzu,„aber du wirſt nenigſtehs unter Dach und Fach ſeyn. 2 Deſſenungeachtet draͤngte es vhhee Juͤngling, ſich auf den Weg zu machen. Er mochte nicht laͤnger in einem ſolchen Hauſe weilen, wenn es ihm nicht gegoͤnnt war, Lu⸗ cien wieder zu beſuchen, und nicht einmal um den guten Moͤnch zu ſeyn. Was Stunde und Wetter betraf, ſo be⸗ ſtimmten ſie ihn nicht; Nacht und Tag, Sonne und Re⸗ gen, Weſtwind und Nordſturm galten ihm in dieſem Au⸗ genblicke vollkommen gleich. Er dankte alſo dem Freunde, und eroͤffnete ſeine Abſicht, ſo ſchnell als denkbar Agneſen aufzuſuchen. Als ſie in dem Gangs ſchritten, drüͤckte ihm Bruder Criſtoforo die Hand.„Wenn Du ſie findeſt, was Gott gebe! die gute Agneſe, ſo gruͤße ſie auch in meinem Na⸗ men; ihr und Allen, die ſich noch an Bruder Criſtoforo dort erinnern, ſage, ſie moͤchten freundſelig fuͤr ihn beten. Gott begleite Dich, ſein Segen auf Deinem Haupte!“ „O theurer, theurer Pater! Werden wir uns wieder⸗ ſehen? 1 1190 „Dort oben!“.— Mit dieſen Worten riß er ſich von Renzo los. Dieſer blieb ſtehen, und blickte ihm nach, bis er ihn verſchwinden ſah. Dann eilte er nach der Thuͤre hin, und warf zur Rechten und Linken die letzten Blicke des Mitleids auf die⸗ ſes Geſilde des Jammers. Alles umher war in außeror⸗ dentlicher Bewegung; Karren wurden gezogen, Monatti lie⸗ fen hin und her, geſchaͤftige Haͤnde brachten die Zelte in * 1 6 4 — 299— Ordnung, Kranke ſchleppten ſich ſchwankend nach den Hal⸗ len, Ohnmaͤchtige krochen an der Erde hin, Alles ſuchte Schutz vor dem drohenden Ungewitter. Zwölftes Kapitel. Wirklich war Renzo kaum uͤber die Schwelle des Kran⸗ kenhauſes geſchritten, und hatte den Weg zur Rechten ein⸗ geſchlagen, um den kleinen Seitenpfad aufzuſuchen, aus welchem er am Morgen auf die Mauer zu hervorgetreten, ſo rauſchte es wie ein Hagel in großen, wenigen Tropfen hernieder. Sie ſielen auf die weiße, duͤrre Straße ſchal⸗ lend herab, und ein leiſer Staub ſtieg auf. Bald aber ſtroͤmten ſie in vollſtaͤndigem Regen herab, und ehe unſer Wandrer den Seitenpfad noch erreicht hatte, goß es wie aus Eimern. Aber dieſes Wetter war ihm keinesweges zu⸗ wider; er ſchlich geduckt darunter fort, freute ſich der la⸗ benden Erfriſchung, des Rauſchens, des Geſauſes von Graͤ⸗ ſern und Blaͤttern, welche ſich ſchwankend bewegten, nie⸗ dertropften, und mit neuem Gruͤn wieder beſeelt leuchteten. Voll und weit athmete er auf, und in dieſer Wiedergeburt der ſchmachtenden Natur ſchien er die Wiedergeburt ſeines eigenen Schickſals freier und lebhafter zu fuͤhlen. Aber wie weit ungetruͤbter und voller waͤre dieſe Em⸗ pfindung unſres Renzo geweſen, wenn er haͤtte errathen koͤnnen, was wenige Tage nachher ſich zeigte; daß dieſes Waſſer die Anſteckungsplage mit fortnahm, gleichſam mit ſich hinweg ſpuͤhlte; daß von dieſem Tage an das Krankenhaus, wenn es auch nicht alle Lebenden, die es enthielt, den Le⸗ ———— — o,———— — 300— benden wiederſchenkte, keine leidenden Gaͤſte mehr aufzuneh⸗ men brauchte; daß nach einer Woche ſchon Thuͤren und Laͤ⸗ den wieder offen ſtanden, und nur von Abſonderungen noch geſprochen ward; daß von der Peſt nur hier und dort noch einige Fußtapfen blieben, die Verwuͤſtung, die eine jede fuͤr einige Zeit hinter ſich laͤßt. Renzo wanderte mit raſcher Unverdroſſenheit vorwaͤrts. Er hatte fuͤr ein naͤchtliches Unterkommen durchaus keinen Plan enzworfen; es lag ihm einzig und allein daran, wei⸗ ter zu galangen, ſchnell nach dem Dorfe zu kommen, Je⸗ manden dort zu finden, mit dem er ſprechen, dem er erzaͤh⸗ len konnte, und dann vor allen Dingen ſich eiligſt auf den Weg nach Paſturo zu machen, um Agneſen aufzuſuchen. 4 Waͤhrend er dahinſchritt, ſtuͤrmte es in ſeiner Seele voen den Begebenheiten des Tages; aber aus den Biidern des Elends, der Schrecken und der Gefahren tauchte beſtaͤndig ein einziger Gedanke auf: Ich habe ſie gefunden! Sie iſt geheilt! Sie iſt mein!— Dann ſprang er im Jauchzen ſeines Herzens, daß es um ihn her aufſpruͤtzte, wie wenn ein Pudel, aus dem Waſſer an's Land getreten, ſich ſchuͤt⸗ telt; manchmal begnuͤgte er ſich damit, die Haͤnde zu rei⸗ ben, und dann ging's wieder vorwaͤrts, wandrungsluſtiger als vorher. Er blickte auf den Weg und ſammelte, ſo zu ſagen, die Gedanken, die er am Morgen und am Tage vor⸗ her auf den verſchiedenen Punkten deſſelben gehabt, wieder „auf; die meiſte Luſt gewaͤhrten ihm gerade diejenigen, welche er damals am aͤngſtlichſten aus ſeiner Einbildungs⸗ kraft zu verſcheuchen geſucht, die Zweifel und die Schwie⸗ rigkeiten, ſein Maͤdchen zu ſinden, unter einem ſolchen Ge⸗ wimmel von Todten und Sterbenden es lebend zu ſinden. 2 5 ——————— — 301— — und ich habe ſie gefunden! ſchloß er dann. Er ver⸗ ſetzte ſich in die peinlichſten Augenblicke, in die ſchrecken⸗ reichſten Finſterniſſe dieſes Tages; er dachte ſich!, wie er mit dem Hammer in der ſchwebenden zitternden Hand dageſtanden— wird ſie drin ſeyn im Hauſe oder nicht? — wie die unerfreuliche Antwort aus dem Fenſter ge⸗ kommen; wie er nicht Zeit gehabt, im zerknirſchten Her⸗ zen ſich daruͤber zu faſſen, wie die Wuth der tollen Leute binter ihm hergeſtuͤrmt, dann das Krankenhaus, dieſes Meer der Peſt— dort wollt' ich ſie finden! Und ſieh, ich habe ſie dort gefunden!— Zugleich fiel ihm der Au⸗ genblick ein, wo der Karren, welcher im Zug der Gene⸗ ſenen die letzten Frauen fuͤhrte, eben an ihm voruͤberge⸗ ſchlichen— welch ein Augenblick! Welch ein zermalmen⸗ des Herzleid, ſie nicht zu entdecken!— und jetzt kuͤm⸗ merte ihn kein Karren, keine Menſchenſchaar mehr.— Und der Aufenthalt der Frauen dort! Bei der Huͤtte dort, da er es am wenigſten erwartete, dieſe Stimme, dieſe Stimme ſeiner Lucia! Und ſie ſehen, ſie aufrecht ſtehend zu finden!— Nun kam das boͤſe Hinderniß mit dem Geluͤbde, unuͤberſteiglicher als je— auch dieſes ge⸗ hoben! Dann die Wuth gegen Don Rodrigo, der ver⸗ wuͤnſchte Groll, der jedes Leiden verbitterte und jede Labe vergiftete, auch der aus dem Herzen verſcheucht. — Es ließe ſich kein wolluſtvollerer Seelenjubel denken, wenn ihn nicht die Ungewißheit uͤber Agneſen, die Be⸗ truͤbniß uͤber den trefflichen Criſtoforo, und der Gedanke, das Land noch immer von der entſetzlichen Plage belaſtet zu ſehen, gedaͤmpft haͤtte. Mit der Daͤmmerung langte er zu Seſto an; der Regen machte keine Miene nachzulaſſen. Da er aber in den Beinen eine ruͤſtigere Kraft fuͤhlte, als je, da ihn die Schwierigkeiten eines Unterkommens zuruͤckſchreckten, ſo dachte er an kein Unterkommen; auch mochte er, durchnaͤßt wie er war, nicht lange raſten. Das einzige Beduͤrfniß, welches ſich bemerkbar machte, war ein tuͤch⸗ tiger Hunger; bei einem erlebten Gluͤck, wie ſein heu⸗ tiges, ließ ſich noch weit mehr, als das Bischen Suppe des Kapuziners, recht fuͤglich verdauen. Er ſah ſich da⸗ her nach einem Baͤckerladen um und traf einen; ſo er⸗ hielt er zwei Brode, wieder mit der Feuerzange und den uͤbrigen Umſtaͤndlichkeiten, fuhr mit dem einen in die Taſche, mit dem andern lwiſchei die Zaͤhne, und dann vorwaͤrts. Als er durch Monza kam, war's vollkommen Nacht; dennoch wußte er ſich auf die rechte Straße hinaus zu finden. Von hier an aber ging's herb. Die Straße, welche gleich einem Flußbette, wie ſchon berichtet wor⸗ den, zwiſchen zweien Waͤnden hinlief, konnte jetzt ein langer Sumpf, wo nicht ein Strom genannt werden; bei jedem Schritte Loͤcher und Untiefen, daß feſtgebun⸗ dene Schuhe und gute Beine dazu gehoͤrten, wenn ſie nicht ſitzen bleiben ſollten. Renzo watete aber hindurch, ſo gut es ging, ward durchaus nicht ungeduldig, ließ kein boͤſes Wort ſich entwiſchen, und die Muͤhe ſich nicht reuen; bei jedem Schritte, ſo ſauer er ihm bisweilen ward, ſiel ihm ein, daß er ja ihn weiter bringe, daß das Waſſer abfließen werde, ſo bald es Gott gefalle, daß es zur beſtimmten Zeit tagen muͤſſe, und daß der Weg, welchen er ſo eben mache, dann gemacht waͤre. — 30— und nur an den beſchwerlichſten Stellen dachte er daran. Es waren Abwege der Gedanken; denn ſein Geiſt durchlief die Geſchichte der letzten ſo traurig ver⸗ lebten Jahre, ſo viele Queerſtriche, ſo viele Stunden, in denen er ſchon im Begriff geweſen, der letzten Hoff⸗ nung zu entſagen, und Alles, Alles verloren zu geben— dieſer grauenvollen Vergangenheit das heitere Gemaͤlde der Zukunft gegenuͤber, Luciens Ankunft im heimathli⸗ chen Dorfe, die Feier der Hochzeit, die haͤusliche Wirth⸗ ſchaft, das Geſpraͤch von uͤberſtandenen Leiden, das ganze ſelige friedliche Beiſammenleben! Wie er es bei Kreuzwegen gemacht, die ſi 9 allerdings fanden, ob die geringe Kunde der Straße, ob die ſchwa⸗ che Daͤmmerung ihm jedesmal ſich zurecht ſinden geholfen, oder ob er immer dem Gerathewohl ſich uͤberließ, wiſſen wir nicht anzugeben; denn er ſelbſt, der ſonſt ſeine Schickſale ziemlich ausfuͤhrlich und breit zu erzaͤhlen pflegte— Alles leitet uns ſogar zu der Vermuthung, daß unſer Anonymus ſie mehr als einmal aus ſeinem ei⸗ genen Munde gehoͤrt hat— er ſelbſt geſtand, von dieſer Nacht ſich nicht mehr zu erinnern, als wenn er ſie im Bette durchgetraͤumt haͤtte. So viel iſt gewiß, als ſie verſchwand, ſah er ſich zur Adda hinabgeſtiegen. Noch hatte es nicht aufgehoͤrt zu regnen; aber aus dem Wolkenbruch war anfangs ein Regen geworden, und dieſer ſodann in ein feines, ruhiges, gleichfoͤrmiges Näſ⸗ ſeln uͤbergegangen; die hohen duͤnnen Wolken breiteten ſich wie ein ununterbrochener, aber leichter und durch⸗ ſichtiger Schleier uͤber den Himmel aus; der Schimmer der Morgendaͤmmerung enthuͤllte dem Wandrer die Ge⸗ — 304— gend umher. Da lag ſein Dorf mitten in der bekannten Flur; es war, als waͤren dieſe Berge, der nahe Reſe⸗ gone, das Gebiet von Lecco, Alles umher, ſein Eigen⸗ thum geworden. Zugleich warf er einen Blick auf ſich ſelbſt, und kam ſich allerdings ein wenig ſeltſam vor— anders, als er ſich fuͤhlte, als er auszuſehen waͤhnte; Alles, was er am Leibe hatte, verdorben und in Unord⸗ nung gerathen; vom Scheitel bis zu den Huͤften Alles durchweicht, eine rinnende Traufe; von der Huͤfte bis zur Sohle Schlamm und Lehm; die unbeſchmutzten Stellen konnten fuͤr Flecke und Kleckſe gelten. Und haͤtte er ſich ganz und gar in einem Spiegel geſehen, mit den ſchlaffen niederſchlotternden Kremyen am Hute, mit den 4 Haaren, die verwirrt und anklebend uͤber das Geſicht herabhingen, ſo haͤtte er zu ſeinem Ausſehen noch ein ganz anderes Geſicht geſchnitten. Was die Muͤdigkeit betraf, ſo mochte ſie wohl vorhanden ſeyn, er ward in⸗ deſſen nichts davon gewahr; die Friſche des Morgens, die zu der naͤchtlichen hinzutrat, und die Wirkung des Regenbades nothwendig erhoͤhen mußte, ſpornte ſeinen Eifer nur noch mehr, und erhitzte, ſo zu ſagen, noch ſtaͤrker die Gluth unter ſeinen Fuͤßen. Endlich hat er Peſcate erreicht. Er durchmißt die letzte Strecke laͤngs der Adda, und wirft einen truͤben Blick auf Pescarenico hin. Er ſliegt uͤber die Bruͤcke, er ſtreift durch Wege und Felder, und langt bald vor dem Hauſe ſeines wirthlichen Freundes an. Dieſer war kaum aufgeſtanden, und ſah auf der Schwelle ſo eben nach dem Wetter; er bemerkte die gebadete, mit Koth bedeckte Geſtalt, die dennoch munter und regſam daher⸗ — 305— huͤpft, und hatte in ſeinem Leben keinen ſo uͤbel zuge⸗ richteten und doch ſo froͤhlichen Menſchen geſeben. „Oho!“ ſagte er,„ſchon zuruͤck und in ſolchem Wetter! Wie iſt's abgelaufen?“ „ Sie leht/“ rief Renzo, uſi ie lebt, ſie lebt!“ -„Geſund?“ „Geheilt, das will mehr ſaoer. Ich hab' ſo lang ich lebe, Gott dem Herrn und der heiligen Jungfrau zu danken. Aber große Geſchichten, verwetterte Dinge! Ich nill dir nachher Alles erzaͤhlen.“ „Aber wie haſt Du Dich zugerichtet?” fragte der j zunge Menſch. „Ich ſeh' huͤbſch aus, nicht wahr?“ „Wetter, Du kannſt eben ſo lange Zeit drauf ver⸗ wenden, um es wieder herunter zu bringen, als Du ge⸗ braucht haſt, um es drauf zu kriegen. Aber wart', ich will Dir ein gutes Feuer machen.“ „Das ſchlag ich nicht aus. Weißt Du, wo es mich erwiſcht hat? Gerade beim Thor des Lazareths. Aber macht nichts aus. Das Wetter treibt ſein Handwerk, und ich meins.“ Der Freund ging, und kehrte bald mer zweien Rei⸗ ſerbuͤndeln zuruͤck. Das eine legte er an die Erde, das andere auf den Feuerheerd. Einige gluͤhende Kohlen, welche vom vorhergehenden Abend ſich noch unter der Aſche erhalten, ließen bald eine helle Flamme emporlo⸗ dern. Renzo nahm ſich indeſſen den Hut vom Kopfe, ſchuͤttelte ihn drei oder vier Mal, und warf ihn dann an den Boden. Nicht ſo leicht ging's mit dem Wams. Dann zog er das Meſſer herhor; die Scheide war voͤllig III. 20 — 306— zu Schanden, als waͤre ſie eingeweicht worden. Renzo legte ſie auf einen Tiſch.—„Auch die iſt gehoͤrig zu-. gerichtet worden,“ ſagte er,„aber das Waſſer vom Him⸗ mel iſt dran ſchuld. Was fuͤr'n Waſſer! Dem Herrn ſey gedankt... ich bin auf ein Haar... ſollſt es nachher hoͤren.“— Nun rieb er ſich die Haͤnde bei'm Feuer. „Jetzt thu mir aber'nen andern Gefallen,“ ſprach er darauf,„das Buͤndel, das ich dir hier gelaſſen habe, hol's mir; denn ehe die Hleider, die ich hier An m Leibe trage, trocken werden. Der Freund kam balb mit dem Buͤndel an.— „Fch denke, Du wirſt auch Hunger haben; zu trinken hat's unterweges wohl gegeben, zu eſſen aber... „Ich hab' geſtern Abend, ſchon ſpaͤt, zwei Brode ge⸗ kauft; es war aber kaum'nen hohlen Zahn zu fuͤllen.“ „Laß gut ſeyn,“ ſagte der Andre, goß Waſſer in einen Keſſel und haͤngte ihn an die Kette.—„Ich geh' jetzt melken; wenn ich mit der Milch zuruͤck komme, wird's Waſſer gut ſeyn; dann richten wir'ne tuͤchtige Polenta an. Zieh Du Dich indeſſen nach Beſnemlichleit aus und an.“ 1 Als Renzo allein war, zog er, nicht ohne Anftren⸗ gung, die uͤbrigen Kleider, die wie Heftpflaſter an der Haut ſaßen, vom Leibe; dann trocknete er ſich ab, und warf ſich von oben bis unten in friſche. Der Freund kam endlich zuruͤck, und machte ſich an die Berei⸗ tung des Breies. Renzo ſetzte ſich kudeſfen di der,„ und wartete „Wetter /“ ſagte er,„jetzt merk' ich, daß ich muͤde bin;'s heißt aber auch ganz teufelmaͤßig zugelaufen! — 307= Das hat aber nicht'nen Pflfferling zu ſagen. Ich hab Dir uͤbrigens fuͤr den ganzen Tag zu erzaͤhlen.— Wie das Mailand zugerichtet iſt! So was muß man mit ei⸗ genen Augen ſehen! Man moͤchte ſich vor ſich ſelber entſetzen.— Ohne das Regenbad, das mich ſo gewaſchen hat, ließ ſich's gar nicht thun.— Und was die Herrſchaften da mit mir anſtellen wollten! Du wirſt's hoͤren.— Aber, wenn Du das Lazareth ſaͤheſt!'S iſt gerade, als wenn Einer in's Elend hineintaucht. Genug, ich werde Dir Alles erzaͤhlen.— Aber ſie iſt da, ſie wird herkommen, wird mein Weib werden, und Du ſollſt Zeuge ſeyn,— Peſt oder nicht, wenigſtens wollen wir'n Paar Stunden mitſammen vergnuͤgt zubringen, will ich.“ Auf die Erzaͤhlung ging richtig der ganze Tag. Da es uͤberdieß in Einem fort naß ſiel, brachte ihn Renzo unnter Dach zu, indem er theils ſeinem Wirthe zur Seite ſaß, theils ihm Zober und Faͤſſer zurecht machen half. Bei verſchiedenen Arbeiten dieſer Art, zur Vorbereitung der Weinleſe und des Keltergeſchaͤftes, ermangelte Renzo nicht, ihm Huͤlfe zu leiſten; denn das Niechtsthun, pflegte er zu ſagen, matte ihn mehr ab, als das beſchwer⸗ lichſte Haͤndewerk. Auch konnte er nicht umhin, einen Sprung nach Agneſens Hauſe zu machen, um ein gewiſ⸗ ſes Fenſter daran wieder zu ſehen, und vor demſelben gleichfalls die Haͤnde hoffnungsluſtig zu reiben. Er ging hin, und kehrte, ohne bemerkt worden zu ſeyn, wieder. Dann legte er ſich bei Zeiten zu Bette. Am andern Morgen aber ſtand er fruͤh auf, ſah, daß der Reglit nachgelaſſen hatte, obſchon der Himmel noch nicht wie⸗ — 308— der heiter, und ſo machte er ſcch raſch auf die Maſe nach 4 Paſturo.— Er kam noch bei Tage daſelbſt an; denn an Eil und 4 Unverdroſſenheit fehlte es ihm heute eben ſo wenig. Er fragte nach Agneſen, und bekam zu hoͤren, daß ſie geſund und munter ſey. Man zeigte ihm ein ein⸗ ſam ſtehendes Haͤuschen; dort, hieß es, wohne die fremde Frau. Renzo eilte hin, und rief ſie von der Straße aus bei'm Namen. Auf dieſen Ruf ſtuͤrzte ſie zum Fenſter herbei, und waͤhrend ſie mit weitgeoͤffnetem Munde daſtand, um Gott weiß welches Wort oder wel⸗ chen Laut von ſich zu geben, kam ihr Renzo zuvor, und ſagte:„Lucia iſt geheilt und wohl auf; ich hab' ſie eh⸗ geſtern geſehen; ſie laͤßt Euch gruͤßen, und wird naͤchſtens ſelber kommen. Und außerdem hab' ich Euch luſtige Dinge zu erzaͤhlen.“ In der Ueberraſchung durch ſolchen Beſuch, in der Freude uͤber die Nachrichten, und in der Sehnſucht, mehr zu erfahren, befangen, ließ Agneſe bald einen Ausruf hoͤren, bald eine Frage, mit der ſie nie zu Ende kam; dann vergaß ſie alle Vorſicht, welche ſie ſeit langer Zeit ſich angewoͤhnt hatte, und rief:„Ich komme, und mach' Euch auf.“ „Wartet, und die Peſt?“ fragte Renzo.„Ihr habt* ſie nicht gehabt, ſcheint mir.“ „Ich nicht. Und Ihr?“ „Ich wohl. Ihr ſolltet alſo huͤbſch behutſam ſeyn. Ich komme von Mailand, und Ihr werdet hoͤren, ich hab' in der Anſteckung ordentlich bis an den Hals gewatet. Freilich hab' ich mich von Kopf bis zu Fuß friſch geklei⸗ — 309— det; es zieht Einer dort aber das hoͤlliſche Uebel mit jedem Haͤrchen auf ſeinem Leibe an. Und da der Herr Euch bis dieſe Stunde bewahrt hat, ſo ſolltet Ihr's Euch angelegen ſeyn laſſen, gut Acht zu haben, bis die Plage voruͤber; denn Ihr ſeyd unſre herzliebſte Frau Mutter, und ſollt eine ganze Zeit lang in Jubel und Freuden mit uns zu⸗ bringen; nach dem Unſal, ſo wir ausgeſtanden, ich wenig⸗ ſtens, iſt's billig.“„ Aber....“ begann Agneſe. „Eh,“ unterbrach ſie Renzo,„es haͤlt kein Aber mehr Stich. Weiß, was Ihr ſagen wollt; laßt Euch jedoch melden, daß es mit der ganzen Aberſchaft vorbei iſt. Wir machen uns nach irgend'nem Ort frei auf die Reiſe, und koͤnnen dort ganz gemaͤchlich ohne alle Gefahr leben.“ Agneſe zeigte ihn nach einem Garten hinter dem Hauſe; dort ſollte er hineingehen, und auf eine von den beiden Baͤnken, die er gerade gegenuͤber finden wuͤrde, ſich ſetzen; ſie kaͤme gleich hinab, und wollte dann auf der an⸗ dern Platz nehmen. So geſchah es, und wir ſind uͤber⸗ zeugt, wenn der Leſer, wiewohl er von allen vorhergegan⸗ genen Ereigniſſen umſtaͤndlich unterrichtet., als der dritte Mann zugegen geweſen waͤre, um mit eigenen Augen dieſe Unterhaltung zu ſehen, mit eigenen Ohren dieſe Berichte . zu hoͤren, dieſe Fragen und Erklaͤrungen, dieſes Ausrufen, dieſes Bedauern, dieſe Freude, und dieſe Schilderungen der Zukunft, faſt ſo klar und beſtimmt als das zuruͤckge⸗ legte Leben, wir ſind uͤberzeugt, der Leſer haͤtte ſeine Luſt daran gehabt, und waͤr' bei'm Weggehen vielleicht der Letzte geweſen. Das ganze Geſpraͤch aber, mit ſtummen Worten, mit geſchriebenen Zeichen, aufs Payier hinzuſet⸗ — 310— zen, ohne ein neues Ereigniß hinzufuͤgen zu koͤnnen, hal⸗ ten wir fuͤr ein unfruchtbares Beginnen, und ſind der Meinung, es ſey kluͤglicher, ſo etwas errathen zu laſſen.. Die Schlußentſcheidung beſtand darin: daß man ſich zu⸗ ſammen in's Gebiet von Bergamo uͤberſtedeln wolle, in das nehmliche Dorf, wo Renzo's Geſchaͤftsgluͤck bereits o guͤnſtig ſich angelaſſen; uͤber die Zeit indeſſen ließ ſich noch nichts entſcheiden; ſie hing von der Peſt und verſchiedenen andern Umſtaͤnden ab. Wenn die Gefahr voruͤber, ſollte Agneſe nach Hauſe gehen, und dort Lucien oder dieſe ſie erwarten; indeſſen wuͤrde Renzo zuweilen einen Gang nach Paſturo her machen, ſeine Mutter zu beſuchen, und ihr von Allem, was etwa vorfiele, Nachricht zu bringen. Bevor er abreiſte, machte er auch ihr eine Anerbietung an Gelde.—„Ich hab' ſie alle hier, ſeht Ihr;'s fehlt nicht ein einziger; hab' guch ein Geluͤbde gethan, ſie nicht anzuruͤhren, bis die ganze Geſchichte auf's Reine gekommen. Jetzo, wenn Ihr's braucht, holt eine Schaale mit Waſſer und Eſſig her; ſo werf' ich Euch die funfzig huͤbſchen, blitzenden Seudi hinein.“ „Nein, nein,“ ſagte Agneſe,„fuͤr mich habe ich noch mehr als Noth thut; die Eurigen, die haltet feſt;'s ſind gute Grundſteine fuͤr's Haus.“ Um den Troſt, eine ſo theure Frau geſund und mun⸗ ter angetroffen zu haben, noch reicher, kehrte Renzo zuruͤck. Den uͤbrigen Tag und die Nacht brachte er im Hauſe ſei⸗ nes Freundes zu; am folgenden ging es wieder auf die Reiſe, aber nach einer andern Seite, in das neuerwaͤhlte Vaterland hinuͤber. 4 28*. — 311— Hier traf er Bortolo in vollkommener Geſundheit; die Furcht, ſie zu verlieren, war ziemlich verſchwunden; denn auch dort hatte waͤhrend der wenigen Tage mit unglaub⸗ licher Schnelligkeit Alles die gluͤcklichſte Wendung genom⸗ men. Die Krankheiten waren nicht mehr dieſelben, das Erkranken hoͤchſt ſelten; man begegnete der toͤdtlichen Miß⸗ farbigkeit, wie den gewaltſamen Zeichen des Uebels nicht mehr; es beſtand in einem leichten Fieber, welches groͤß⸗ tentheils ausſetzte, und zeigte ſich eine kleine verfaͤngliche Beule, ſo ließ ſie ſich wie ein gewoͤhnliches Blutgeſchwuͤr heilen. Auch der Anblick des Landes ſelbſt erſchien ver⸗ wandelt, die Ueberlebenden fingen an, wieder an's Licht des Tages hervorzutreten; man zaͤhlte ſich, und ſtattete einan⸗ der wechſelſeitig ſeine Beileidsbezeugungen, ſeine Gluͤck⸗ wuͤnſche ab. Schon ſprach man von Wiederbeginn der ge⸗ wohnten Geſchaͤfte; die Herren dachten darauf, Arbeiter zu ſuchen und anzuwerben; vorzuͤglich in ſolchen Faͤchern, wie in der Seidenſpinnerei, in welchen auch vor der Landes⸗ plage ſchon die geſchickten Haͤnde nicht allzu haͤufig gewe⸗ ſen. Ohne den Zaͤrtlichen zu ſpielen, verſprach Renzo ſei⸗ nem Vetter, ſobald er zur Ueberſiedlung mit den Seinigen angekommen, wieder in's Geſchaͤft einzutreten. Indeſſen gab er ſeine Auftraͤge zu den noͤthigen Vorbereitungen; er verſchaffte ſich eine geraͤumige Wohnung, was jetzt ſehr leicht und durchaus nicht koſtſpielig geworden, verſah ſie mit Geraͤthſchaften und Hausbedarf/ und griff dießmal ſei⸗ nen Schatz an, ohne jedoch eine große Luͤcke hinein zu rei⸗ ßen. Denn Alles war im Ueberfluß und deſto wohlfeile⸗ ren Preiſes, ie furchtbarer die Peſt die Bevoͤlkerung gelich⸗ tet hatte. 4* 3 3. 1 Endlich kehrte Renzo nach dem heimathlichen Dorfe zuruͤck; auch dieſes fand er gluͤcklich verwandelt. Naſch ging's dann nach Paſturo, wo er Agneſen in entſchloſſe⸗ ner Stimmung fand, ihm, wann es waͤre, nach Hauſe zu folgen. Er fuͤhrte ſie zuruͤck. Ihre Empfindungen, ihre Worte, da ſie die theure Gegend wieder ſahen, moͤgen un⸗ ſrer Feder erlaſſen bleiben. Agneſe traf uͤbrigens all das Ihrige im alten Zuſtande an, und ſagte, da es ſich um eine arme Wittwe und um ein armes Maͤdchen handelte, haͤtten die Engel des Himmels vor der Thuͤre Wache gehalten. 4”.. „und das vorige Mal,“ ſetzte ſie hinzu,„wer haͤtte geglaubt, daß der Herr an einem andern Orte uns bewa⸗ chen und an uns denken wuͤrde? Er hat unſer armes Hab' und Gut fortſchleppen laſſen. Und doch hat er gerade das Gegentheil gezeigt! Denn von einer andern Seite her hat er mir aller liebſte Groſchen geſchickt, und damit ließ ſich Alles wieder in Stand ſetzen. Alles, ſag' ich; denn Lu⸗ ciens Ausſtattung, die mir das Kriegsvolk noch ganz neu und vollſiaͤndig mit fortgeſchleppt hatte, die fehlte noch; mit einem Mal krieg' ich ſie von'ner ganz beſondern Hand geſchenkt. Wie ich mir's ſauer werden ließ, die erſte Ausſtattung anzuſchaffen, wer haͤtte mir da ſagen koͤnnen: Du glaubſt fuͤr Deine Lucia zu arbeiten? Arme Frau! Arbeiteſt fuͤr Einen, den Du nicht kennſt; die Leinwand da, die Tuͤcher, weiß der Himmel, was fuͤr'ne Art von Geſechoͤpf ſie auf den Leib kriegen ſoll; die Ausſtattung fuͤr Lucien, die wirkliche Ausſtattung, an die wird eine 3 gute Seele denken, welche Dir nicht im mindeſten einge⸗ fallen iſt! 4 — 313— Agneſens erſte Sorge ging nun dahin, in ihrem ar⸗ men Haͤuschen ein Wohnzimmer fuͤr jene gute Seele, ſo anſtaͤndig als thunlich, einzurichten. Dann ging ſie um⸗ her, ſuchte Seide zum Spuhlen, und taͤuſchte mit ihrer Haſpel die S Stunden der Verzoͤgerung. Renzo ſeinerſeits legte waͤhrend dieſer Tage, deren Stun⸗ den fuͤr ihn freilich weit mehr als ſechszig Minuten hatten, die Haͤnde gleichfalls nicht in den Schooß; er verſtland. zum Gluͤck zweierlei Handwerk, und fing wieder an, die Geſchaͤfte eines Landmannes zu betreiben. Theils ging er arbeitſam ſeinem jungen Freunde zur Hand; dieſem kam es ſehr gelegen, bei einer ſolchen Zeit einen ſo geſchickten Helferarm zu ſeinem Gebote zu haben; theils bearbeitete 7 er den Garten ſeiner Schwiegermutter, welcher waͤhrend iüyrer Abweſenheit bedeutend zuruͤck gekommen, und brachte ihn wieder zu Ehren. Um ſein eigenes Beſitzthum kuͤm⸗ merte er ſich gar nicht; das ſey, ſagte er, eine zu jaͤm⸗ merlich zerzauſte Peruͤcke, und es gehoͤrten mehr als zwei Arme dazu, um ſie wieder aufzuſtutzen. Auch nicht ein⸗ mal einen Fuß ſetzte er in ſeinen Garten, noch weniger in ſein Haus; es haͤtte ihm weh gethan, die Verwuͤſtung dort bei hellem Tage zu ſehen; auch war er ſchon mit ſich uͤberein gekommen, Alles, was er auch immer dafuͤr er⸗ hielte, zu verkaufen, und was er davon zuruͤck behalten köoͤnnte, im neuen Vaterlande zu gebrauchen. Wenn die Menſchen, welche am Leben geblieben, ein⸗ ander wie Wiederauferſtandene vorkamen, ſo war dieß bei„ Renzo im Auge ſeiner Dorfgenoſſen doppelt der Fall; Je⸗ der kam ihm mit freudiger Aufnahme und Gluͤckwuͤnſchen entgegen, Jeder wollte die ſeltſame Geſchichte ſeiner Lei⸗ . — 314— den aus ſeinem Munde, aus der bewaͤhrteſten Quelle, hoͤ⸗ ren. Die Leſer aber, welche weniger als ein Verfaſſer zu thun, dagegen mehr zu fragen haben, ſtutzen hier viel⸗ leicht: Wie ging's mit der Achtserklaͤrung?— Ganz vor⸗ trefflich. Renzo hatte den Gedanken daran beinah ganz und gar verabſchiedet; er war der Meinung, die Leute, de⸗ nen die Ausfuͤhrung derſelben oblag, wuͤrden eben ſo we⸗ nig mehr daran denken, und hier ſchoß er nicht fehl. Da⸗ ran war aber nicht bloß die Peſt ſchuld, mittelſt welcher ſo viele andre Dinge in Rauch aufgegangen und unter⸗ blieben; es war, wie aus unſrer Geſchichte bereits vielfach zu erſehen, in jenen Zeiten etwas ſehr Gewoͤhnliches, daß die Verordnungen, ſie mochten etwas Allgemeines oder ei⸗ nen Einzelnen betreffen, wofern nicht die beſondere Leiden⸗ ſchaftlichkeit eines Maͤchtigen, welcher ſie am Leben erhielt und geltend machte, dazu trat, großentheils ohne Wirkung blieben, ſobald ſie dieſelbe nicht im erſten Augenblick ih⸗ rer Erlaſfung erhalten; ungefaͤhr wie Gewehrkugeln, wenn ſie ihren Gegenſtand nicht treffen, an der Erde liegen bleiben, und dort Niemandem was zu leide thun. Es war dieß eine nothwendige Folge der großen Leichtigkeit, mit welcher man damals Verordnungen nach allen Seiten um⸗ herfliegen ließ. Die Thaͤtigkeit des Menſchen hat ihre Grenzen; was im Gebieten zu viel gethan ward, mußte im Ausfuͤhren zu wenig geſchehen. Wer in Reitfliefeln geht, kann keine Tanzſchuhe auf den Fuͤßen haben. Es giebt aber noch andre Fragen, und Erzaͤhler muͦſ⸗ ſen auf eine jede gefaßt ſeyn. Wie verhielt ſich Renzo in dieſer Zeit der Erwartung gegen ſeinen Pfarrer? Sie blie⸗ ben Einer vom Andern in ziemlich weiter Entfernung; * — 3145— Don Abbondio, weil er fuͤrchtete, etwas von einer Ver⸗ maͤhlung zu hoͤren, und bei dem bloßen Gedanken ſchon in ſeiner Einbildung Don Rodrigo mit den furchtbaren Söͤldlingen auf der einen Seite, auf der andern den Kar⸗ dinal mit ſeinen Gegengruͤnden emporſteigen ſah; Renzo, weil er entſchloſſen, vor dem Augenblick der Vollziehung durchaus nicht mit dem Manne davon zu ſprechen; er mochte es nicht darauf ankommen laſſen, daß er mit wer weiß was fuͤr Schwierigkeiten wieder angeſtiegen kaͤme, und mit ſeinem unnuͤtzen Geſchwaͤtz die Sache auf's Neue in Verwicklung braͤchte. Er plauderte lieber mit Agneſen.— „Glaubt Ihr, daß ſie bald kommen wird?“—„Ich hoffe, ja!“— und wer dieſe Antwort gegeben, that oft eine Stunde ſpaͤter jene Frage. Mit dieſen und aͤhnlichen Taͤu⸗ ſchungsverſuchen der Ungeduld bemuͤhten ſie ſich, die Schwingen der Zeit in lebhaftere Bewegung zu ſetzen; aber dieſe Zeit ſchien an Vorgrund immer zuzunehmen, je mehr ihnen bereits hinter'm Ruͤcken lag. Der Leſer iſt weit beſſer daran. Er erlebt dieſe lan⸗ gen, langen Tage in einer einzigen Sekunde, und erfaͤhrt mit wenigen Worten von uns, daß⸗ einige Tage nach Ren⸗ zo's Beſuch im Hoſpital, Luciga mit der guten Wittwe es verließ. Eine allgemeine Abſonderung war geboten worden; das Paar machte ſie mitſammen durch, und hielt ſich im Hauſe der Wittwe verſchloſſen. Die Zeit verging großentheils, indem man Luciens Ausſtattung beſorgte, und die Braut ſelbſt mußte, nach einiger verſchämten Umſtaͤnd⸗ lichkeit, Hand und Fingerhut mit anlegen. Nachdem die Tage der Abſonderung voruͤber, vertraute die gute Frau Haus und Wagrenlager ihrem Bruder, dem Commiſſar, und — 316— dann ging's an die Zurüſtungen zur Reiſe. Wir geben unſerm Berichte Fluͤgel; ſie reiſten ab, kamen an, und ſo weiter— aber halt! Mit ſo gutherziger Bereitwilligkeit wir uns auch der Ungeduld des Leſers bequemen, ſo ſind doch drei hieher gehoͤrige Dinge vorhanden, welche wir bei dieſer Eilfertigkeit nicht duͤrfen untergehen laſſen; zwei derſelben von der Art, daß uns ſelbſt der Ungeduldigſte ihre Uebergehung mit bitterem Vorwurf verweiſen moͤchte. Zuerſt daß Lucia, als ſie mit der Wittwe uͤber ihre Abentheuer ausfuͤhrlicher und ordnungsvoller, als es ihre Gemuͤthsbewegung bei der erſten Eroͤffnung geſtattete, wie⸗ der zu ſprechen angefangen, und dabei umſtaͤndlicher der Edelnonne erwaͤhnt hatte, welche im Kloſter zu Monza ſie unter ihren Schutz genommen, von der Wittwe Nachrich⸗ ten erhielt, die ihr zu vielen Geheimniſſen den Schluͤſſel gaben, und ihre Seele mit ſchmerzlichem, furchtvollem Er⸗ ſtaunen beſtuͤrzten. Die ungluͤckliche Fuͤrſtentochter war in Verdacht gefallen, abſcheuliche Thaten begangen zu haben, und mußte auf Befehl des Kardinals nach einem Kloſter zu Malland gebracht werden; hier war ſie nach vielem Wuͤthen und Kaͤmpfen in ſich gegangen, und klagte ſelbſt ſich an. Ihr gegenwaͤrtiges Leben war gleichfam eine ſelbſtauferlegte Strafe, und Niemand haͤtte eine herbere fuͤr ſie auffinden koͤnnen. Wer aber uͤber dieſe traurige Geſchichte etwas Naͤheres zu erfahren wuͤnſcht, der findet ſie im Buche des Ripamonti, deſſen wir, als von derſelben Perſon die Rede war, erwaͤhnt haben. Dias zweite war, daß unſre Lucia, da ſie bei allen Ka⸗ puzinern, welche ſie im Hospital nur antreffen konnte, ſich nach Pater Criſtoforo erkundigte, mit mehr Schmerz als — 317— Verwunderung die Antwort erhielt, er ſey an öder Peſt verſchieden. Nun das dritte. Ehe ſie abreiſte, wollte ſi e gern uͤber ihre vorige Schutzherrſchaft etwas erfahren, und wie ſie ſagte, eine Handlung der Schuldigkeit thun, falls einer derſelben noch am Leben. Die Wittwe begleitete ſie nach dem Hauſe, und hier erfuhren ſie, daß beide Eheleute hin⸗ gegangen, wohin ſo Viele gegangen. Wenn bei dieſer Ge⸗ legenheit von Dame Praſſede geſagt wird, daß ſie geſtor⸗ ben, ſo hat man genug geſagt; aber was Don Ferrante betrifft, das Erldſchen einer ſo gelehrten Seele, da hat es unſer Anonymus der Muͤhe werth gehalten, ſeine Feder voller einzutauchen, und ſich umſtaͤndlicher vernehmen zu* laſſen; wir wagen es zum zweiten Mal, dem wackern Au⸗ tor ein wenig nachzuſchreiben. Sobald man nur angefangen, von der Peſt zu ſpre⸗ chen, war Don Ferrante einer von den Entſchloſſenſten ge⸗ weſen, welche ſie leugneten. Seine Standhaftigkeit in dieſer Behauptung verdient Anerkennung. Und nicht mit laͤr⸗ mendem Geſchwaͤtz ging er dabei zu Werke, wie der große Haufe, ſondern mit taktfeſten Vernunftſchluͤſſen, in wel⸗ chen ſeine Gegner ſelbſt wenigſtens die Kette der Folge⸗ rung nicht vermiſſen konnten. „In rerum natura,“ ſagte er,„giebt es nur zwei Din⸗ ge, Weſen und Eigenſchaften. Wenn ich nun beweiſe, daß die anſteckende Krankheit weder das Eine noch das Andre ſeyn kann, ſo hab' ich bewieſen, daß ſie nicht vorhanden, daß ſie ein reines Hirngeſpinnſt iſt. Ich urtheile ſo: Die Veſen ſind entweder geiſtig oder koͤrperlich. Daß das An⸗ ſteckungsuͤbel ein geiſtiges Weſen, iſt eine verkehrte Be⸗ — 318— hauptung, die kein Menſch auf Erden wohl verfechten moͤchte; es iſt alſo uͤberfluͤſſig, davon zu reden. Die koͤr⸗ perlichen Weſen ſind entweder einfach oder zuſammengeſetzt. Ein einfaches Weſen iſt das Anſteckungsuͤbel nicht, und das laͤßt ſich in vier Worten darthun. Es iſt kein lufti⸗ ges Weſen; ſonſt wuͤrde es, ſtatt von einem Koͤrper zum andern uͤberzugehen, ſich divergirend verfluͤchtigen. Es iſt kein waͤſſriges; ſonſt wuͤrde es uͤberfließend ſich ausbreiten, und von den Winden aufgetrocknet werden. Es iſt kein feuriges; ſonſt wuͤrde es Alles verbrennen. Es iſt kein ir⸗ denes; ſonſt muͤßte es ſichtbar ſeyn. Ein zuſammengeſetz⸗ tes Weſen eben ſo wenig; ſonſt muͤßte es auf jeden Fall ſich dem Auge oder dem Taſtſinn zu erkennen geben. Wer hat aber dieſe Peſt geſehen? Wer hat ſie gefuͤhlt? Es bleibt alſo zu betrachten, ob ſie eine Eigenſchaft iſt. Hier ha⸗ pert's noch weit aͤrger. Die gelehrten Herren ſagen uns, ſie theilt ſich von einem Koͤrper dem andern mit; denn das iſt ihr Achilles, ihr Hauptvorwand, um ſo viele vernunft⸗ loſe Verordnungen in die Welt zu ſchicken. Die Peſt ſey alſo einmal eine Eigenſchaft, ſo muͤßte ſie eine uͤberge⸗ pflanzte Eigenſchaft ſeyn, und dieſe beiden Worte brechen beſagten Herren den Hals; denn in der ganzen Philoſophie iſt nichts klarer, nichts einleuchtender, als daß eine Ei⸗ genſchaft nicht voͤn einem Gegenſtande zum andern uͤber⸗ gehen kann. Wenn beſagte Herren ſich alſo, um dieſe Scylla zu vermeiden, zur Behauptung gezwungen ſehen, daß die Peſt eine ſelbſterzeugte Eigenſchaft, ſo ſcheitern ſie an der Charybdis; denn iſt ſie ſelbſterzeugt, ſo theilt ſie ſich nicht mit, und pflanzt ſich nicht fort, wie ſie beſtaͤn⸗ dig fabeln. Stehen dieſe Hauptſätze feſt, wozu denn im⸗ — 319— mer ein ſolches Laͤrmgeſchwaͤtz von Geſchwuͤlſten, von Hantausſchlaͤgen und Karbunkeln?“ „Lauter Marktſchreierpoſſen,“ ſtimmte thm Ekhet aus der Geſellſchaft bei. „Nein, nein,“ antwortete Don Ferrante,„das will ich nicht damit geſagt haben; die Wiſſenſchaft bleibt die Wiſ⸗ ſenſchaft; nur anzuwenden muß man ſie verſtehen. Ge⸗ ſchwuͤlſte, Hautausſchlaͤge, Karbunkeln, Druͤſenverhaͤrtun⸗ gen, blaue Beulen, ſchwarze Peſtflecke, ſind lauter ach⸗ tungswuͤrdige Worte, die ihre ſchoͤne und gute Bedeutung haben; ich behaupte bloß, daß ſie bei der Streitfrage nichts zu ſchaffen haben. Wer leugnet denn, daß dergleichen Dinge vorhanden ſeyn koͤnnen, daß ſie vorhanden ſind? Alles kommt nur darauf an, zu ſehen, woher und wie ſie 3l entſtehen.“ ſKier begannen die Leiden auch fuͤr Don Ferrante. So lange er es nur gegen die Meinung vom Anſteckungsuͤbel gemuͤnzt hatte, fand er uͤberall willige Ohren, alle Zuhoͤ⸗ rer ſanft und ehrerbietig; denn es laͤßt ſich kaum ausdruͤ⸗ cken, wie groß das Anſehen eines Gelehrten vom Hand⸗ werk, wenn er ſich bemuͤht, den Andern Dinge zu bewei⸗ ſen, von denen ſie bereits hinlaͤnglich uͤberzeugt ſind. So⸗ bald er aber zu erweiſen ſuchte, daß der Irrthum dieſer Aerzte nicht in der Behauptung eines furchtharen allge⸗ meinen Uebels, ſondern in ihrer Vorſtellung vom urſprung und von der Fortpflanzung deſſelben lag, da fand er— wir reden von den erſten Wochen, wo man von der Krank⸗ heit auch nicht einmal ſprechen hoͤren wollte— da fand er ſtatt geneigter Ohren widerſpenſtige Zungen und Koͤpfe⸗ die ſich durchaus nicht bearbeiten ließen; mit einer zuſam⸗ 1 — 320— menhangenden Predigt wollte es nicht fort, und ſo konnte er ſeine ganze unſchaͤtzbare Gelehrſamkeit nur in Stuͤcken und Fetzen los werden. „Die wahre Urſache iſt nur allzugut vorhanden,“ rief er,„und auch die Leutchen, welche die andre ohne alle gruͤndliche Unterlage ſpielen laſſen, muͤſſen nothgedrungen ſie anerkennan. Sie ſollen nur einmal, wenn ſie im Stande ſind, die Konjunktion des Saturns mit dem Ju⸗ piter leugnen! Wann aber hat man jemals gehoͤrt, daß himmliſche Einfluͤſſe ſich vom Menſchen zum Menſchen fortpflanzen? Ei, die Herren, werden ſie mir etwa auch die himmliſchen Einfluͤſſe leugnen wollen? Wollen Sie mir die Geſtirne wegſchwatzen? Werden ſie mir ſagen, daß die Sterne dort oben feſtſitzen, und nicht das Mindeſte auf Erden zu ſchaffen haben, wie Nadelkoͤpfe in einem Naͤhkiſſen ſtecken? Was ich aber nicht begreifen kann, dds ſind die Herren Aerzte; geſtehen, daß wir uns unter einer ſo ſchaͤdlichen Konjunktion befinden, und ſagen uns dann mit unverſchaͤmtem Geſicht: Faſſet Das nicht an, kommt Jenem nicht zu nah, ſo werdet Ihr ſicher ſeyn! Als wenn die Vorſicht, die koͤrperliche Beruͤhrung irdiſcher Gegen⸗ ſtaͤnde zu vermeiden, die geiſtige Einwirkung der Himmels⸗ koͤrper verhindern koͤnnte! und die Geſchaͤftigkeit, womit ſie Befehl geben, Lumpen zu verbrennen! Arme Herrchen! Werdet Ihr den Jupiter, werdet Ihr den Saturn verbrennen? His fretus, auf ſeine Folgerungen, heißt das, ſich ru⸗ hig niederlegend, machte er durchaus von keiner Vorſicht gegen die Peſt Gebrauch, bekam ſie, begab ſich zu Bette, und ging zu Tode wie ein Held des Metaſtaſio, mit den Sternen hadernd. — 321— und ſeine ſchoͤne Buͤcherſammlung? Sie ſteckt viel⸗ leicht noch irgend wo in vergeſſenen Mauerloͤchern. Dreizehntes Kapitel. An einem ſchoͤnen Abend hoͤrte Agneſe ugs jhrer Thuͤre ein Fuhrwerk ſtillhalten.—„Sie iſt's! Kein Andrert“— Sie war's wirklich, die gute Witwe an ihrer Seite; Em⸗ pfang und Gruͤße uͤberlaſſen wir auch hier der Einbil⸗ dungskraft unſerer Leſer.„ * Am folgenden Morgen ſtellte ſich Renzo, ohne von der Ankunft etwas zu ahnen, bei Zeiten ein, und hatte keine andre Abſicht, als ſich uͤber Luciens langes Ausblei⸗ ben mit einigen tuͤchtigen Floskeln der aͤrgerlichen Unge⸗ duld gegen Agneſen heraus zu laſſen. Die Luftſpruͤnge, die er machte, da er die Angekommene ploͤtzlich vor ſich ſah, die Worte, die er ſprach oder ſprechen wollte, ſinden in die⸗ ſem Kapitel gleichfalls keinen Raum. Luciens Aeußerun⸗ gen gegen ihn aber koͤnnen in wenigen Worten mitgetheilt werden.—„Sey gegruͤßt; wie geht's?“ fragte ſie mit ge⸗ ſenkten Blicken ohne ihre Stellung zu veraͤndern.— Glaube man nicht, daß Renzo dieſe Art der Begegnung zu trocken, und ſich dadurch etwa beleidigt fand. Er nahm die Sache ganz vernuͤnftig, wie ſie genommen werden mußte; und wie in den gebildeten Staͤnden die Menſchen von allen Hoͤflichkeiten den gehoͤrigen Abzug zu machen verſtehen, ſah er ſehr wohl ein, welch ein Nebenbegriff ſich aus dieſen Worten entnehmen ließ. Uehrigens konnte er ſehr leicht merken, daß ſeine Lucia zwei Regeln des Be⸗ III. 21 3 nehmens vor Augen hatte, die eine fuͤr den Braͤutigam, die andre fuͤr alle Leute, mit welchen ſie ſonſt in Bekannte: ſchaft ſtand. „Mir geht's gut, wenn ich dich ſehe,“ antwortete der Juͤngling mit einer Redensart, die nach gedruckten Buͤ⸗ chern ſchmeckte, die er ſelbſt aber in dieſem Augenblick er⸗ funden haben wuͤrde. 3 „Unſer armer Pater Criſtoforo!“ ſagte Lucia,„bete fuͤr ſeine Seele, Renzo; obgleich wir ſo gut als ſicher ſeyn koͤnnen, daß er in dieſem Augenblick ſchon fuͤr uns dort oben betet.“ 3 „Ich war mir's vermuthen,“ ſagte Renzo,„nur zu ſehr hab' ich's gefuͤrchtet.“— und das war nicht die einzige Saite, welche in dieſem Geſpraͤch mit traurigem † Tone ſich hoͤren ließ. Indeſſen, welchen Gegenſtand es aguch immer betraf, ſo war dennoch das Geſpraͤch eine Luſt, ein Balſam fuͤr ſeine harrende Ungeduld. Wie die ungeberdigen Roſſe, welche, den Kopf zuruͤckdrehend und ſich aufſchwingend, bald den einen, bald den andern Fuß in die Hoͤhe heben und auf dieſelbe Stelle wieder auf⸗ ſetzen, tauſend Bewegungen machen, ehe ſie einen Schritt thun, dann aber mit einem Zug in Galopp gerathen, 1 und vom Winde gleichſam getragen werden, ſo machte es die Zeit mit unſrem Renzo; fruͤher duͤnkten ihn die„† Minuten Stunden, jetzt wurden die Stunden zu Mi⸗ nuten.. Die Wittwe machte nicht bloß in dem geſelligen Kreiſe keine Stoͤrung, ſie paßte auch ganz vortrefflich hinein; als Renzo ſie im Hoſpital auf dem Bette liegen ſah, haͤtte er nimmermehr errathen, daß ſie eine ſo umn⸗ — 4 — 323—— gaͤngliche und froͤhliche Laune beſaß. Aber ein Hoſpital und eine Spazierfahrt, der Tod und eine Hochzeit, ſind freilich ganz verſchiedene Dinge. Mit Agneſen ging ſie den Augenblick eine Freundſchaft ein; ſie mit Lucien zu ſehen war eine Freude; zaͤrtlich und ſcherzhaft zugleich hechelte ſie das Maͤdchen luſtig durch, uͤbertrieb aber ihre Stichelreden nicht, und ließ den freundſchaftlichen Spott bloß ihre Bewegungen und ihre Worte beleben. Nenzo ſagte endlich, er gehe zu Don Abbondio, um mit demſelben uͤber die Vermaͤhlung Abrede zu nehmen. Er that's auch ſogleich.—„Herr Pfarrer,“ ſagte er mit der Miene ſcherzender Ehrerbietung,„hat ſich wohl endlich der Kopfſchmerz, um deſſenwillen Sie uns nicht trauen konnten, bei Ihnen verloren? Jetzt iſt's Zeit, die Braut iſt da, und ich ſtehe hier vor Ihnen, um zu hoͤren, wenn's Ihnen gelegen iſt; aber dießmal moͤcht' ich Sie denn doch bitten, die Sache ein Bischen raſch abzumachen.“ Don Abbondio ließ es ſich nicht gerade heraus abmer⸗ ken, daß er nicht wollte; indeſſen fing er an zu zaudern, brachte verſchiedene Entſchuldigungen zum Vorſchein, und ſuchte mit kluger Abrathung ſich aus dem Handel zu ziehen. Er ſehe nicht ein, gab er zu verſtehen, wa⸗ rum Renzo ſich ſo vor die Scheibe hinſtellte, und bei der Acht auf dem Kopfe ſeinen Namen mit Gewalt auf neuen Verordnungen leſen wolle; die Sache koͤnnte eben ſo gut wo anders geſchehen; kurz einem Don Abbondio fehlte es in Sachen der Farißt an Ausfuͤchten nicht leicht. — 321— „Verſteh,“ ſagte Renzo.„'S iſt noch immer was von dem Kopfſchmerz bei Ihnen zuruͤckgeblieben. Aber hoͤren Sie, Herr Pfarrer.“— Und nun beſchrieb er ihm den Zuſtand, in welchem er den armen Don Rodrigo geſehen—„Seine Stunde,“ ſchloß er,„hat in dieſem Augenblick ſicherlich ſchon geſchlagen; wir wollen hoffen, daß der Herr in ſeiner Barmherzigkeit ihn gnaͤdig zu ſich genommen hat, Herr Pfarrer.“ „Das hat hierbei nichts zu ſchaffen,“ erwiederte Don Abbondio.„Hab' ich's Euch denn etwa abgeſchlagen? Ich ſage nicht nein; ich ſpreche.. ich ſpreche aus guten Gruͤnden. Uebrigens bedenkt, ſo lange der Menſch noch einen Athemzug thut. Seht mich an, ich bin ein baufaͤlliger alter Mann, bin auch ſchon mehr jenſeits als hier auf Erden geweſen, und jetzo ſteh' ich aufrecht, und... wenn mir dergleichen ſchlimme Geſchichten nicht auf den Hals kommen, genng, ſo kann ich hoffen, noch ein Paar Jahre mich bei warmem Blute zu erhal⸗ ten. Dabei ſind die Temperamente noch gar ſehr ver⸗ ſchieden. Aber wie ich ſage, das hat hierbei nicht das Geringſte zu ſchaffen.“ Nach einem weiteren Geſpraͤche, welches weder mehr noch weniger entſchied, machte Renzo ſeinen hoͤflichen Kratzfuß, ging zu ſeiner Geſellſchaft zuruͤck, und ſtattete Bericht ab.— Ich bin weggegangen,“ ſagte er,„weil ich das Herz voll hatte, und mocht es nicht darauf an⸗ kommen laſſen, die Geduld zu verlieren, und in ein boͤ⸗ ſes Wort loszubrechen. Bei manchen Worten ſah er ganz wie der alte aus; ganz dieſelbe Haſenfuͤßigkeit, dieſelben ungewaſchenen Ausreden; ich bin gewiß, — — 325— wenn's noch etliche Minuten laͤnger gedauert, haͤtt' er mir wieder ein Paar lateiniſche Brocken vorgeritten. Ich merk', daß die Sache ſich noch einmal in die Laͤnge ziehen will; beſſer, wir machen's geradesweges, wie ich geſagt habe, gehen hin, und laſſen uns da trauen, wo wir zu leben und zu wohnen gedenken.“ „Wißt Ihr, was wir thun wollen?“ ſprach die Wittwe.„Wir Frauen wollen hingehen, und auch einmal die Probe machen; vielleicht wiſſen wir ihn bei der rechten Schhleife zu faſſen. So hab' ich zugleich das Vergnuͤgen, den Mann kennen zu lernen, und kann mich uͤberzeugen, ob er ſo ein jaͤmmerlicher Kauz iſt, wie Ihr ſagt. Nach dem Mittagseſſen machen wir uns auf den Weg, und laſſen ihn ſo geſchwind nicht wieder aus dem Garn. Jetzt, Herr Braͤutigam, fuͤhrt uns Beide ein Bischen ſpazieren, waͤhrend Eure Schwiegermutter im Hauſe zu thun hat. Ich werde Luciens Mutter ſpielen. Moͤchte gar gern einmal in freier Ausſicht dieſe Gebirge ſehen, den See hier, wovon ich ſo viel ſprechen gehoͤrt habe; das Bischen, was ich ſchon davon zu ſehen bekommen, nahm ſich allerliebſt aus.“ Renzo fuͤhrte ſie fuͤr's Erſte nach dem Hauſe ſeines jungen Gaſtfreundes, und hier gab's ein zweites Feſt. Sie ließen ſich von ihm verſprechen, daß er nicht bloß heute, ſondern alle Tage, wenn er koͤnnte, nach Luciens Hauſe hinkommen wuͤrde, um mit der Geſellſchaft zu eſſen. 4 Nach dem Spaziergange ward Mittagstafel gehalten. Dann entfernte ſich Renzo raſch, ohne zu ſagen, wohin er ging. Die Frauen blieben noch eine Zeitlang beiſam⸗ — 326— men, ſchwatzten, und beſprachen die paſſendſten Krieges⸗ liſten, mittelſt denen Don Abbondio ſich faſſen ließe. Endlich machten ſie ſich zum Sturmlauf auf den Weg. Da ſind ſie! ſagte Don Abbondio zu ſich ſelbſt. Indeſſen griff er zu einem freundlichen Geſichte; freute ſich uͤber die Maaßen mit Lucien, begruͤßte Agneſen, und ſtattete der Fremden ſeine Artigkeiten ab. Nachdem er ihnen Stuͤhle angeboten, vertiefte er ſich in ein breites Geſpraͤch uͤber die Peſt. Von Lucien ließ er ſich ſagen wie ſie unter all dem Elend dort ſie uberſtanden habe. Das Lazareth gab auch der Fremden, welche des Maͤd⸗ chens Gefaͤhrtin geweſen war, Gelegenheit zum Sprechen. Nachher verbreitete ſich Don Abbondio, wie billig, auch uͤber ſeine Stuͤrme; zugleich erlabte er ſich hoͤchſt freund⸗ ſchaftlich an Agneſens Anblick, welche die ſchlimme Zeit unangegriffen durchgemacht hatte. Die Sache zog ſich in die Laͤnge. Schon vom erſten Augenblick an hatten die beiden aͤlteren Frauen auf dem Anſtand gelauert, ob ir⸗ gend eine Straße ſich oͤffnete, um nach der Hauptſache hin einbiegen zu koͤnnen; endlich brach eine von Beiden das Eis. Aber was halfs? Auf dem Ohr hoͤrte Don Ab⸗ bondio nicht. Er huͤtete ſich wohl, ein Nein zum Vor⸗ ſchein zu bringen; aber eh man ſich's verſah, hatte er wieder ſeine Ausfluͤchte, ſeine abſpringenden Wendungen bei der Hand. „Man muͤßte ihm dieſe Acht vom Halſe ſchaffen koͤn⸗ nen,“ ſagte er.„Sie, liebe Frau, ſind aus Mailand, de werden mehr oder weniger den Faden der Dinge kennen, werden gute Fuͤrſprache haben, irgend einen Edelmann von Gewicht; damit heilt ſich jede Wunde. Und wenn — 327— man den kuͤrzeſten Weg waͤhlen wollte, ohne ſich in ſo viele Geſchichten einzulaſſen, da die jungen Leute und unſre Agneſe hier die Abſicht haben, aus der Hei⸗ math auszuwandern— und das Vaterland iſt freilich da, wo's Einem gut geht— ſo ſollte ich meinen, es ließe ſich dort Alles weit beſſer abmachen; dort hat keine Acht was zu ſagen. Ich ſehe wahrhaftig die Stunde noch nicht, wo ſich dieſe Verheirathung bewerkſtelligen laͤßt, und doch wollt' ich gern, daß ſie abgemacht wuͤrde, aber in Ruh' und Frieden. Ich will die Wahrheit geſtehen; hier, da die Achtserklaͤrung noch in vollkommener Guͤl⸗ tigkeit, den Namen Lorenzo Tramaglino vor'm Altar ausſprechen, ich koͤnnt's nicht mit ruhigem Herzen. Ich wuͤnſch' ihm alles Gute, aber ich muͤßte fuͤrchten, ihm einen ſchlimmen Dienſt damit zu thun. Sehen Sie, ſeht Ihr, Kinder?“ Agneſe und die Wittwe machten ſich nun mit Eifer an die Bekaͤmpfung dieſer Gruͤnde. Don Abbondio ſtellte ſie unter einer andern Geſtalt wieder in's Feld; man blieb immer bei'm Anfang. Ploͤtzlich aber trat Renzo ein, ſchritt raſch vorwaͤrts, und hatte eine Nachricht im Ge⸗ ſichte.—„Der Herr Marcheſe*** iſt angekommen!“ ſagte er. „Was ſoll das heißen?“ fragte Don bbondio, und ſtand auf.„Angekommen, wo?“ „In ſeinem Schloſſe, das ſonſt dem Don Rodrigo gehoͤrte. Denn dieſer Herr Marcheſe iſt ſein Erbe, wie ſie ſagen. So laͤßt alſo ſich nicht mehr zweifeln. Ich, fuͤr mein Theil, es ſollte mir lieb ſeyn, wenn ich erfahren thaͤt', daß der arme Mann noch wie ein guter Chriſt ge⸗ — 328— ſtorben. Auf jeden Fall hab' ich bis itzs Paternoſter fuͤr ihn gebetet, und will's an De profundis nicht fehlen laſſen. Dieſer Herr Marcheſe ſoll ein wackerer Mann ſeyn, hab' ich mir ſagen laſſen.“ „Gewiß,“ ſagte Don Abbondio,„ich hab' ihn ver⸗ ſchiedentlich als einen ſehr rechtſchaffenen Herrn, als ei⸗ nen Mann von altem Schroot und Korn, nennen hoͤren. Aber ob's wirklich wahr ſeyn ſollte...“ „Glauben Sie dem Kuͤſter?“ „Warum?“ „Der hat ihn mit eigenen Augen geſehen. Ich bin bloß dort in der Gegend herumgeſtreift, und die Wahr⸗ heit zu ſagen, bin ich ausdruͤcklich hingegangen, weil ich mir gedacht habe, ſie muͤſſen dort etwas wiſſen. Mehr als Einer und mehr als Zwei haben mir die Sache er⸗ zaͤhlt. Nachher hab' ich Ambrogio getroffen, der gerade dort herunter kam; der hat ihn, wie ich ſage, den Herrn ſpielen geſehen. Wollen Sie ihn hoͤren, den Ambrogio? Ich hab' ihn hier draußen deswegen warten laſſen.“ „Wir wollen ihn hoͤren,“ ſagte Don Abbondio. Renzo rief den Kuͤſter. Dieſer beſtaͤtigte die Nachricht in allen Punkten, fuͤgte noch einige beſondere Umſtaͤnde hinzu, loͤßte alle Zweifel, und trat dann ab. „Ach! er iſt alſo todt! rein todt!“ rief Don Abbon⸗ dio.„Ihr ſeht, Kinder, wie die Vorſehung am Ende gewiſſe Menſchen faßt. ˙S iſt'ne große Sache, muͤßt Ihr wiſſen,'ne große Erleichterung fuͤr das arme Land hier! Denn mit dem ließ ſich gar nicht auskommen. Die Peſt iſt'ne große Plage geweſen, ſie war aber auch ——— — — ein maͤchtiger Kehrbeſen; hat Menſchen weggefegt, denen es ſonſt gar nicht eingefallen waͤre; friſche junge Geſellen, und die ſie zur Erde beſtatteten, waren kaum aus dem Erziehungshaus gekommen, ſaßen noch auf der lateini⸗ ſchen Bank. Und wie man die Hand umkehrt, ſind ſie verſchwunden, hundert auf ein Mal. Wir werden ihn nicht mehr mit den Fleiſcherhunden hinter ſi ſich herum⸗ ſtreichen ſehen, mit dem Eigenduͤnkel, mit der hochgetra⸗ genen Naſe, als haͤtt' er eine Stange im Leibe getragen, mit dem veraͤchtlichen Blick auf die Leute, als wenn Alle auf Erden nur zu ſeinem Gebote da waren. Und jetzt iſt er nicht mehr, und wir ſtehen hier. Nun wird er recht⸗ ſchaffenen Leuten nicht mehr dergleichen Geſandtſchaften zu⸗ ſchicken. Er hat uns Allen, ſeht ihr, verdrießlich zu ſchaf⸗ fen gemacht; ietzt darf's Einer ja ſagen.“ „und ich hab' ihm vom Herzen vergeben,“ ſagte Renzo. „Haſt Recht,'s war Deine Schuldigkeit,“ entgegnete Don Abbondio.„Man kann aber auch dem Himmel dan⸗ ken, daß er uns die unholdige Nachbarſchaft vom Halſe genommen hat. Jetzt, um wieder auf Euch zu kommen, thut, was ihr fuͤr gut haltet. Wollt Ihr, daß ich Euch traue, hier bin ich; daͤucht's Euch anderwaͤrts bequemer, wie Ihr meint. Was die Acht anlangt im Grunde genommen iſt Keiner mehr vorhanden, der Euch im Auge hat, und Euch was anhaben will, das ſeh' ich jetzt auch ein; man braucht ſich's alſo nicht ſehr zu Herzen gehen zu laſſen; zumal da in der Zwiſchenzeit das gnaͤdige Dekret, wegen der Geburt der allerdurchlauchtigſten Infanten, heraus gekommen iſt. Und hernach die Peſt! Die hat gar großen Dingen Fluͤgel gege⸗ ben! Wenn Ihr alſo wollt, heut iſt Donnerſtag, Sonntag werd' ich Euch in der Kirche Beſcheid ſagen; denn was — 330— ſonſt geſchehen konnte, hat nach ſo langer Zeit nichts mehr zu bedeuten. Und dann hab ich das Vergnuͤgen, Euch zu trauen.“ „Sie wiſſen, daß wir gerade deßwegen gekommen ſind,“ ſagte Renzo. „Ganz gut, und ich ſtehe zu Dienſten, will auch ſo⸗ gleich Seiner Eminenz davon Nachricht geben.“ „Wer iſt ſeine Eminenz?“ fragte Agneſe. „Seine Eminenz/“ belehrte ſie der Pfarrer,„iſt unſer Herr Kardinal Erzbiſchof, den Gott erhalten wolle. 8 da bitte ich gar ſchoͤn um Entſchuldigung,“ ver⸗ ſetzte Agneſe;„denn obſchon ich nichts gelernt habe, kann ich Ihnen doch verſichern, daß man ſich nicht ſo ausdruͤckt. Wie wir das zweite Mal bei ihm geweſen, um mit ihm zu ſprechen, wie ich hier mit Ihnen ſpreche, zog mich einer von den Herren Prieſtern bei Seite, und erklaͤrte mir, wie ich mich mit der Zunge gegen den Herrn zu benehmen haͤtte; man muͤßte Ihre erlauchte Gnaden und Monſignore zu ihm ſagen, fluͤſterte er mir zu.“ „und wenn der Mann Euch heute belehrte, wuͤrd' er Euch zußluͤſtern, daß man Eminenz zu ihm ſagt. Verſtan⸗ den? Denn der Pabſt, den Gott gleichfalls erhalten moͤge, hat im Monat Juni die Vorſchrift erlaſſen, daß den Her⸗ ren Kardinaͤlen dieſer Titel gegeben werden ſoll. Und wollt Ihr wiſſen, wie es zu dem Beſchluß gekommen ſeyn wird? Denn das„erlauchte Gnaden,“ ſo ſie und verſchiedene Fuͤrſten bekamen, Ihr ſeht ſelbſt, was daraus geworden iſt, wie's Jedweder zu hoͤren kriegt, und wie ſiess gierig ſich zu erſchleichen wiſſen. Was war alſo zu thun? Es Allen neh⸗ men? Klagen, Aerger, Verdrießlichkeiten, Hader, und uͤber⸗ —— ————— — 331— dieß waͤr' es in Einem fort bei'm Alten geblieben. Es hat alſo der heilige Vater ein ganz vortreffliches Mittel ge⸗ funden. Nach und nach wird man anfangen, auch den Biſchoͤfen die Eminenz zu geben; dann werden die Aebte und die Proͤbſte danach jagen; denn die Menſchen ſind ein⸗ mal ſo beſchaffen; immer wollen ſie vorwäͤrts, immer vor⸗ waͤrts. Nachher die Domherrn.. „und die Pfarrer?“ ſagte die Wittwe. „Nein, nein, die Pfarrer, die muͤſſen den Wagen ſchlep⸗ pen; habt keine Furcht, daß ſie den Pfarrern einen Nagel in den Kopf ſetzen; da heißt's„Euer Ehrwuͤrden,“ ſo lange die Welt ſteht. Aber gar nicht wundern thaͤt' ich mich, wenn die Edelleute, die da gewohnt ſind, ſich mit„Eure erlauchte Gnaden“ anreden zu laſſen, und wie Kardinaͤle behandelt zu werden, wenn die einmal auch auf die Emi⸗ nenz Jagd machten. Und ſobald ſie's wollen, ſeht Ihr, ſo werden ſie auch Einen finden, der ihnen den Gefallen thut. und dann wird der Pabſt, der zu der Zeit auf Petri Stuhl ſitzt, auf irgend was Anderes fuͤr die Kardinaͤle ſinnen muͤſſen. Aber um auf unſre Sache zu kommen; Sonntag werd' ich Euch in der Kirche aufbieten, und indeſſen, wißt Ihr, was mir indeſſen als das Beſte einfaͤllt? Indeſſen wollen wir um Erlaſſung fuͤr die beiden andern Male ein⸗ kommen. Sie muͤſſen da unten in der Kurie alle Haͤnde voll mit Erlaſſungsſcheinen zu thun haben, wennss aller Orten ſo zugeht wie hier. Fuͤr Sonntag hab' ich ſchon uͤbrigens einen, zwei, drei, ohne Euch mitzurechnen, und s kann noch ein anderer dazu kommen. Einer nach dem An⸗ dern, werdet Ihr ſehen,'s geht raſch wie ein Wetter, je⸗ der Braͤutigam ſoll ſeine Braut angetraut kriegen. Hat 1 = 2— einen dummen Streich gemacht, Perpetua, gerade jetzo zu ſterben; heut iſt der Markt, wo ſich auch fuͤr ſie ein Kaͤu⸗ fer faͤnde. Und in Mailand, werthe Frau⸗ denk' ich mir, geht's eben ſo zu.“ „Ganz eben ſo,“ antwortete die Wittwe.„Stellen. Sie Sich vor, Herr Pfarrer, in meinem Kirchſpiel allein vergangenen Sonntag funfzig Paarel“ Wie ich ſage; die Welt hat keine Luſt auszuſterben. Und Ihnen, liebe Frau, hat Ihnen nicht auch ſo ein But⸗ tervogel um die Naſe geflattert?“ „Nein, nein, ich denk nicht dran, will nicht dran denken. „Ei ja,“ ſagte Don Abbondio,„Sie werden die Ein⸗ zige ſeyn wollen! Auch Agneſe, ſehen Sie, auch Agneſe..“ nuf!“ rief dieſe,„Sie haben Luſt zu lachen.“ „Freilich hab' ich Luſt zu lachen, und ich denke, es iſt endlich einmal Zeit dazu. Haben wir nicht verdammte Geſchichten auszuhalten gehabt, Ihr jungen Leute? Ganz abſcheuliche; die Paar Tage alſo, die wir noch hier zu le⸗ ben haben, werden ſich, wollen wir hoffen, weniger traurig machen. Aber Ihr ſeyd gluͤcklich dran; tritt kein neues Ungluͤck ein, ſo habt Ihr'ne huͤbſche Strecke Zeit vor Euch, um von vergangenen Truͤbſalen zu reden. Ich armer alter Mann.. die Schurken koͤnnen ſterben, von der Peſt kann Einer wieder geſund werden; gegen die Jahre aber giebt's kein Mittel; wie's Sprichwort ſagt, senectus ipsa est morbus.“ „Jetzt,“ ſagte Renzo,„koͤnnen Sie ſo viel Latein ſpre⸗ chen, wie Sie wollen;'s kann mir nicht mehr ſchaden.“ „Du kannſt noch immer das Latein nicht verdauen! —— — 333— Wart, ich will Dich zurecht machen! Wenn Du mit Der da vor mich hertreten wirſt, um gerade gewiſſe lateiniſche Worte zu hoͤren, werd' ich zu Dir ſprechen: Latein magſt Du nicht, geh mit Gott!— Heh?“ „Ei, ich weiß ſchon was ich ſage,“ rief Renzo.„Das Latein dort macht mir keine Furcht; das iſt ein aufrichti⸗ ges heiliges Latein, wie's in der Meſſe vorkommt; Sie muͤſſen's ja dort auch leſen, wie's im Buch geſchrieben ſteht. Ich mein' aber das verwuͤnſchte Latein außerhalb der Kirche, das in ein rechtſchaffenes Geſpraͤch, wie ein Spitzbube, ſich hineinſchleicht; zum Beiſpiel— wir ſind ia doch hier ganz guter Dinge, und aller Spuk iſt vorbei— das Latein, mit dem Sie angeſtiegen kamen, iuſt hier, in der Ecke, um mir zu bedeuten, Sie koͤnnten nicht, es ge⸗ hoͤrten andre Dinge dazu, und was weiß ich— ſagen Sie mir's jetzt einmal in verſtaͤndlicher Sprache.“ „Schweig, Narr, ſchweig, und ruͤhr' nicht auf. Wenn wir jetzt die Rechnung ziehen wollten, ſo weiß ich nicht, wer ſchlimm dabei wegkaͤme. Ich hab' Alles verziehen; wir wollen weiter nicht davon reden. Streiche habt Ihr gemacht. Von Dir nimmt's mich gar nicht Wunder, Du biſt der Spitzbube; das ſtille Waſſer aber hier, die kleine Heilige/ wer haͤtte geglaubt, daß man ſich auch vor Der in Acht nehmen muß? Ich kenn' ſie aber, ich hab ſie unter⸗ richtet, ich kenn' ſie, die kleine Heilige!“ Indem er ſo ſprach, richtete er den Zeigefinger, womit er erſt auf Lucien gedeutet hatte, auf Agneſen; die froͤh⸗ liche Miene aber, die launige Gemuͤthlichkeit, mit welcher er dieſe Vorwuͤrfe losſchlug, mußte man ſehen. Jene Nach⸗ richt hatte ihn gleichſam vom Starrfroſte der Furcht ge⸗ — 3314— pböſt, und ſeinen Mund zu einer Redſeligkeit erſchloſſen, die man ſeit mehreren Jahren nicht an ihm gewohnt war; wir haͤtten wirklich noch viel zu thun, wenn wir das ganze uͤbrige Geſpraͤch herſetzen wollten. Der Pfarrer zog es in die Laͤnge, zog mehr als einmal ſeine Gaͤſte, nachdem ſie ſchon zum Weggehen ſich angeſchickt, zuruͤck, hielt ſie dann noch ein wenig an der Schwele auf, und ſudmte von Poſſen uͤber. Am folgenden Tage erhielt er einen eben ſo angeneh⸗ men als unerwarteten Beſuch— der Marcheſe, von wel⸗ chem die Rede geweſen. Es war ein Herr zwiſchen den Mannesjahren und dem Greiſenalter, ſeine Geſtalt gleich⸗ ſam der Stempel des Rufes, in welchem er ſtand; offen, wohlwollend, gefaͤllig, herablaſſend, wuͤrdevoll, dabei ein Anflug von ergebungsvoller Betruͤbniß⸗ „Ich komme“ ſagte er,„Sie vom Kardinal Erzbiſchof zu gruͤßen.“ „O welche Herablaſſung von Beiden!“ „Als ich Abſchied von dieſem unvergleichlichen Manne nahm, der mich mit ſeiner Freundſchaft beehrt, ſprach er mir von zweien Verlobten aus hieſigem Kirchſprengel, die von dem ungluͤcklichen Don Rodrigo zu leiden gehabt ha⸗ ben. Monſignore wuͤnſcht Auskunft uͤber das Paar. Sind ſie äm Leben? Sind ihre Umſtaͤnde wieder in der alten Ordnung?“ „Alles in Ordnung,“ antwortete der Pfarrer.„Ich habe ſogar ſchon an Ihre Eminenz ſchreiben wollen; jetzt indeſſen, da mir die Ehre zu Theil wird..“ „Beſinden ſich die jungen Leutchen denn hier?“ — — — 335— „Hier, und ſobald es nur angeht, ſollen ſie Mann und Weib ſeyn.“ „Ich bitte Sie, Herr Pfarrer, laſſen Sie mich's wiſ⸗ ſen, wenn man ihnen was Gutes thun kann, und wie ſich's am ſchicklichſten anfangen laͤßt. Bei der Landesplage hab“ ich die beiden einzigen Soͤhne, die ich hatte, verloren, und ihre Mutter dazu. Ich habe drei betraͤchtliche Erbſchaften gethan, und bin ſchon vorher mehr als hinlaͤnglich vom Himmel geſegnet worden. Sie ſehen alſo, wenn Sie mir eine Gelegenheit verſchaffen, mein Hab' und Gut anzu⸗ wenden, zumal eine Gelegenheit wie dieſe, ſo thun Sie mir in der That einen Gefallen.“ „Der Himmel ſchenke Ihnen ſeinen Segen. Denn die Herren ſehen nicht alle Ihnen aͤhnlich. Genug, auch ich danke Ihnen fuͤr dieſe meine Kinder. Und ſintemal Eure erlauchte Gnaden mich alſo ermuthigen, ſo kann ich Ihnen, Herr, allerdings ein Mittel an die Hand geben, das Ihnen nicht mißfallen wird. Die guten Lente ſind entſchloſſen, anderswo ihre Huͤtte aufzuſchlagen, und wol⸗ len das Bischen Acker, ſo ſie hier liegen haben, verkaufen; der junge Mann hat einen Weingarten von etwa neun bis zehn Ruthen, freilich ganz vernachlaͤſſigt und verwildert; man muß auf den Raum dabei ſehen, auf weiter nichts; dabei ein Haͤuschen, desgleichen die Braut, zwei Nattenloͤ⸗ cher, ſehen Sie. Ein Herr wie Eure Gnaden weiß nicht, wie ſchlimm arme Leute dran ſind, wenn ſie das Ihrige verkaufen wollen. Das Ende vom Lied iſt immer, daß ir⸗ gend ein Schuft es in den Rachen bekommt, der, wenn's der Zufall ſo fuͤgt, lange Zeit hindurch ein Auge auf ſo ein Landguͤtchen hat, und wenn er weiß, daß der Andre — 336— verkaufen muß, zieht er ſich zuruͤck, thut, als wenn er ſich anders heſonnen habe; zuletzt muß der arme Verkaͤufer hin⸗ ter ihm herlaufen, und es ihm fuͤr ein Stuͤck Brod an den Hals haͤngen, zumal unter Umſtaͤnden, wie dieſe. Der Herr Marcheſe haben wohl ſchon gemerkt, wo meine Rede hinaus will. Die lohnendſte Menſchenliebe, die Eure er⸗ lauchte Gnaden gegen dieſe guten Leute bezeugen koͤnnen, beſteht darin, daß Sie dieſelben aus dieſer Verlegenheit gluͤcklich herausziehen, und das Bischen liegenden Grund an Sich kaufen. Ich, die Wahrheit zu ſagen, hab' den einzigen Vortheil dabei, daß ich in meiner Pfarrey einen Hausbeſitzer wie den Herrn Marcheſe bekomme; aber Eure Gnaden werden nach Ihrem Gutduͤnken entſcheiden. Ich hab' geſprochen, um Ihnen zu gehorchen.“ Der Marcheſe gab dem Vorſchlag ſeinen vollkomme⸗ nen Beifall, dankte deshalb, und bat Don Abbondio, als Schiedsrichter den Preis zu beſtimmen, und dieſen tuͤchtig in die Hoͤhe zu ſchrauben. Das hatte der Pfarrer erwar⸗ tet; als ihn aber der Marcheſe erſuchte, ſtehenden Fußes ſich nach dem Hauſe der Braut zu begeben, woſelbſt ver⸗ muthlich auch der Braͤutigam zu finden ſeyn wuͤrde, da flimmerte es ordentlich dem guten Don Abbondio aus Ver⸗ wunderung vor den Augen. 3 1 Unterweges machte dem Pfarrer ſein Herz, das von Freude uͤberſtroͤmte, wirklich zu ſchaffen; in dieſem Jubel verſtel er auf einen andern Gedanken, und hatte kein Be⸗ denken, ihn mitzutheilen.—„Da Eure erlauchte Gnaden ſo geneigt ſind⸗ den Leuten da einen guten Tag zu machen, ſo wuͤßt ich wohl noch eine andre Wohlthat, die hier fuͤr⸗ trefflich angebracht waͤre. Der junge Verlobte hat eine — 337— Acht auf ſich ſitzen, eine Art von Landesverweiſung, weil er in Malland vor zwei Jahren an einem garſtigen Spek⸗ takeltage ſich zu laut aufgefuͤhrt hat; er ſteckte drin, wie ine Maus in der Falle, und der Streich, den er gemacht at, geſchah ohne boͤſen Willen, aus reiner zunkunde; gar nichts Ernſtes, ſehen Sie; ein Jungenſtreich, der unbeſon⸗ neue Ausbruch eines Guckindiewelts; einen boͤſen Schritt zu thun, ah, das iſt er nicht im Stande, nimmermehr; ich kann's ſagen, ich hab' ihn getauft, ich, und ihn heranwach⸗ ſen ſehen, und wenn Eure Gnaden ſich die Zeit dazu neh⸗ men wollen, wie die Herren gar oft das Volk in's Gelag hinein muͤſſen reden hoͤren, ſo koͤnnen Sie Sich die Ge⸗ ſchichte erzaͤhlen laſſen, und werden's dann ſelbſt erfahren. Jetzo, da ſich's um eine ſo alte Sache handelt, ſetzt ihm Keeiner zu, und wie ich geſagt habe, er gedenkt außer Lan⸗ des zu gehen; aber mit der Zeit, wenn er einmal mor⸗ goen oder uͤbermorgen wieder zuruͤck kommt—'s iſt doch immer beſſer, wenn's klar und rein mit Einem ſteht. Der Herr Marcheſe gelten was in Malland, wie billig, und da 3 Sie ein Edelmann von ſolcher Bedeutung, ein ſo ausge⸗ — zeichneter Herr.. Nein, nein, laſſen Sie mich reden; die Wahrheit ſoll zur rechten Zeit uͤber die Lippen. Eine Em⸗ pfehlung, ein Wort von Ihresgleichen, mehr als noͤthig, um einen guten Loͤſungſpruch heraus zu bringen.“ F 44„Giebr's keine tiefgreifende Beſchuldigungen gegen den jungen Mann?“ fragte der Marcheſe. „Ei, ich ſollte nicht meinen. Sie haben ihm gleich gluͤhende Kohlen unter's Kopfkiſſen gelegt; itzt aber glaub' 4 ich, iſt bloß noch die geſetzliche Formalitaͤt vorhanden.“ „Wenn es ſich ſo verhaͤlt, ſo ſoll bei der Sache ſich III. 22 ₰ — 338— keine Schwierigkeit finden, und ich befaſſe mich von Her⸗ zen gern damit.“. „und dabei wollen Eure Gnaden dennoch nicht, daß man Sie einen ausgezeichneten Herrn nennt. Ich ſag' es und will es ſagen; Ihnen zum Trotz nenn' ich Sie ſo. Und wenn ich auch ſchweigen wollte, ſo waͤr' die Sache deswegen um Nichts anders; denn es ſind Alle der nehm⸗ lichen Meinung, und vox populi, vox Dei.“ Sie fanden die beiden Wittwen mit den beiden Verlobten zuſammen. Ueberraſchung und Unbegreiflichkeit verwandel⸗ ten das Zimmer ploͤtzlich in eine Kuͤnſtlerwerkſtatt; vier bewegungsloſe Steinbilder ſtanden da, die nackten, rauhen Waͤnde ſelbſt, die Vorhaͤnge, die Tiſche und die Tiſchtuͤ⸗ cher konnten vor Erſtaunen nicht zu ſich kommen, da ſie einen ſo außerordentlichen Gaſt uͤber die Schwelle treten ſahen. Dieſer aber brachte das Geſpraͤch in Gang, indem— er mit offener Herzlichkeit und feinem Zartſinne zugleich des Kardinals und der uͤbrigen Gegenſtaͤnde Erwaͤhnung that. Bald kam er auf den Vorſchlag. Don Abbondio wurde nochmals von ihm erſucht, den Preis zu beſtimmen, und machte ſich mit vielſagender Schiedsrichtermiene an den Ausſpruch; nach einigem Straͤuben und Ausweichen, er verſtehe nicht ſolch Mehl zu mahlen, er koͤnne bei ſol⸗ chen Dingen uur tappend ſich zurecht finden, ſpraͤche aus Gehorſam, und beſcheide ſich der beſſeren Meinung eines Sachkundigen, ruͤckte er endlich, nach ſeinem Dafuͤrhalten, mit einer unvernuͤnftigen Summe heraus. Der Kaͤufer verſicherte, ſeinerſeits vollkommen zufrieden zu ſeyn, und wiederholte, als wenn er den Pfarrer unrecht verſtanden haͤtte, einen doppelten Preis. Er mochte durchaus von kei⸗ — 339— ner Berichtigung ſeines Mißverſtaͤndniſſes hoͤren, und bog jedem Anlauf dieſer Art aus, indem er die Geſellſchaft auf den Tag nach der Hochzeit zu einem Mittagsmahl in ſei⸗ nem Pallaſte einlud. Dort ſollte der Kauf in aller Form abgemacht werden. Ei, dachte nachher Don Abbondio in ſeinem Haitſe, wenn die Peſt immer auf ſolche Weiſe zu Werke ginge, ſo waͤr's meiner Seele eine Sunde, ihr ein boͤſes Wort nach⸗ zureden; es duͤrfte faſt in jedem Menſchenalter Eine ſich zu Gaſte bitten, und man ließe es ſich gefallen, eine Ktandheit durch zu machen. Es kam der Erlaſſungszettel und der Losſpruch, es kam endlich der geſegnete Tag. Die beiden Verlobten gingen mit ſi egreicher Sicherheit nach der Kirche, und wurden dort durch Don Abbondios Mund zu ewigem Bunde vermaͤhlt. Ein zweiter, weit eigenthuͤmlicherer Sie⸗ geszug war am andern Tage der Gang nach dem Pallaſte; dem Leſer bleibt es uͤberlaſſen, ſich zu denken, was fuͤr Dinge den guten Leuten, da ſie jene Anhoͤhe hinaufgeſtie⸗ gen, und durch jene Pforte gingen, durch den Kopf ziehen mußten; was ſie, Jeder nach ſeiner Sinnesweiſe, zu ſich und ihren Begleitern ſagten. Mitten in der Froͤhlichkeit aber konnte ſich bald Dieſer bald Jenler der Bemerkung nicht enthalten, daß, um das Feſt zu kroͤnen, der arme Pa⸗ ter Criſtoforo fehle.—„Er aber,“ ſagten ſi ie datn⸗ niſt gewiß noch ſeliger dran als wir.“ Der edle Hausherr bewirthete ſie aufs feigebigſte Er fuͤhrte ſie in einen ſchoͤnen Speiſeſaal und ſetzte bei Tiſche das junge Ehepaar mit Agneſen und der matlaͤndi⸗ ſchen Buͤrgerin zuſammen. Ehe er ſich mit Don Abbon⸗ — 340— dio nach einem andern Tafelzimmer entfernte, wollte xr noch ein wenig bei dem Mahle der Andern zugegen ſeyn, und half ſelbſt die Gaͤſte bedienen. Mancher kann ſich vielleicht der Bemerkung nicht erwehren, daß es ja doch eine weit einfachere Sache geweſen waͤre, einen einzigen Tiſch aufſchlagen zu laſſen. Wir haben die Sache, wie ein ehrlicher Mann, nicht wie ein heutiges Original, er⸗ zaͤhlt; wir haben geſagt, daß der Marcheſe ein herablaſſen⸗ der Mann war, aber ein Wunder von Herablaſſung war er nicht. Es konnte Leutſeligkeit genug ſeyn, daß er ſich unter die guten Leute miſchte, unter ihnen aber mehrere Stunden zu verweilen, hatte er nicht Luſt. Nach der Mittagsmahlzeit wurde der Kaufvertrag von der Hand eines Rechtsgelehrten aufgeſetzt. Dieſer war Doktor Knotenhauer— nicht. Denn der Doktor, ſeine ſterblichen Ueberreſte nehmlich, befanden ſich bereits, wo ſie ſich noch heutiges Tages befinden, zu Canterelli. Da aber nicht alle Menſchen, welche Buͤcher leſen, aus der Gegend von Lecco ſind, ſo moͤchte hier eine Erklaͤrung noͤ⸗ thig ſeyn. Etwa fuͤnfhundert Schritte oberhalb Lecev, nach der Seite des Dorfes Caſtello hin, liegt ein Landgut, Namens Canterelli, wo zwei Straßen ſich kreutzen. Seitwaͤrts ſieht man eine Anhoͤhe, wie einen kuͤnſtlich aufgeworfenen Huͤ⸗ gel, mit einem Krenze auf dem Giyfel. Dieſer Huͤgel iſt nichts andres als ein großer Haufe von Todten, welche jene Peſt hinweg gerafft. Die S Sage ſpyrtcht freilich bloß von Leuten, ſo an der Peſt geſtorben; ſie muß aber durch⸗ aus nur dieſe Peſt meinen, die letzte und moͤrderiſchſte, de⸗ ren ſich unſer Land erinnert. Denn wir muͤſſen geſtehen, ¼ W wenn man den Sagen nicht nahbulft ſo ſind ſie an ſich ſelbſt ziemlich unfruchtbar. Bei der Ruͤckkehr fand ſich nur ein einziges Ungemach. 1 Es traf den jungen Ehemann, und beſtand in der Laſt des Geldes, welches er mit nach Hauſe ſchleppen mußte. Aber unſer Renzo hatte, wie der Leſer weiß, weit herbere Ver⸗ drießlichkeiten ausgeſtanden. Von der geiſtigen Anſtren⸗ gung, die freilich auch nicht klein war, wie man nehmlich dieſes Geld am lohnendſten unterbraͤchte, reden wir nicht. Wenn man die Plaͤne ſah, die ihm durch den Kopf ſtri⸗ chen, die Hirngeſpinnſte, das Aufbauen und Niederreißen, das Fuͤr und das Gegen, ob es bei'm Handwerk bleiben oder der Ackerbau wieder vorgenommen werden ſollte, ſo haͤtte man zwei Akademien des vorigen Jahrhunderts vor ſich zu ſehen geglaubt. Und fuͤr Renzo war die Sache noch weit laͤſtiger und verwickelter. Denn da er nur ein einziger Menſch, ſo ließ ſich nicht ſagen, was brauch' ich zu waͤhlen? Beides zuſammen⸗ wenn's gut geht; die Mit⸗ tel ſind die nehmlichen, zwei Fuͤße, die mitſammen beſſer als ein einzelner gehen. NRun ging's an ein Buͤndelſchnuͤren, und Alles machte ſich reiſefertig, das Haus Tramaglino nach dem neuen Va⸗ terlande, die Wittwe nach Mailand. Thraͤnen, Dankſa⸗ gungen, und Verſprechen, ſich zu beſuchen. Nicht weniger zaͤrtlich trennten ſich Renzo und ſein gaſtlicher Freund, und auch mit Don Abbondio ging es nicht lau ab. Die drei Leutchen hatten jederzeit an ihrem Pfarrer ehrerbietig ge⸗ hangen, und auch dieſer im Grunde ihnen wohl gewollt. Die verwetterten Geſchichten aber kreuzten die gegenſeiti⸗ geit Empfindungen. — 342— Ging es den Auswandrern auch ſchmerzlich zu Herzen, ihre heimiſche Flur, ihre Berge zu verlaſſen? Gewiß; ei⸗ nen Schmerz giebt's bei ſolcher Trennung immer. Er muß indeſſen doch nicht allzuheftig geweſen ſeyn; denn jetzt, da die beiden großen Hinderniſſe, Don Rodrigo und die Achtserklaͤrung, gehoben waren, haͤtten ſie ja recht gut im Vaterlande bleiben, und ſich dieſen Schmerz erſparen können. Doch hatten ſich ſeit einiger Zeit alle Drei ſchon daran gewoͤhnt, das Land, dahin ſie gingen, als das ihrige zu betrachten. Renzo lieferte den Frauen einladende Schil⸗ derungen davon, ſprach von den Vortheilen, deren ſich die Arbeiter daſelbſt zu erfreuen haͤtten, und pries ſich das gute Leben, das man druͤben fuͤhrte. Auch hatten ſie ſaͤmmtlich in dem Lande, welchem ſie jetzt den Ruͤcken zu⸗ wandten, herbe Augenblicke empfunden, und traurige Er⸗ innerungen koͤnnen uns die Gegend, an die ſie mahnen, mit der Zeit entzaubern und verleiden. Und iſt dieſe Ge⸗ gend zugleich das Geburtsland, ſo liegt in ſolchen Erin⸗ nerungen vielleicht noch etwas Bittreres und Schmerzliche⸗ res. Auch das Kind, ſagt unſer Manuſeript, ruht gern am Buſen der Amme, es ſucht mit Begierde und Vertrauen die Bruſt, welche bisher ſo ſorgſam ihm Nahrung gereicht; aber wenn die Amme, um es zu entwoͤhnen, ſie mit Wer⸗ muth beſtreicht, zieht es die Lippe zuruͤck, verſucht wohl noch einmal, flieht aber endlich davor— es weint, duch es flieht. Was wird nun der Leſer ſagen, wenn er erfaͤhrt, daß Nenzo, gleich nachdem ſie im Bergamaskiſchen angekom⸗ men, und in ihrer Wohnung ſich eingerichtet hatten, derbe und vorbereitete Verdrießlichkeiten antraf? Kleinigkeiten; — 313— aber genug, um in einem gluͤcklichen Zuſtande ſich em⸗ pfindlich zu machen. Hiek in weigan Worken die Ge⸗ ſchichte: Man hatte in jener Gegend lange vor ihrer Weenur ſchon von Lucien geſprochen; man wußte, daß Renzo meh⸗ rere Jahre hindurch/ immer treu, immer ſtandhaft, ſich um ſie bemuͤht hatte; ein Woͤrtchen, das ein partheiiſcher Freund geäͤußert, mochte die Neugier vielleicht geweckt ha⸗ ben, die junge Frau zu ſehen, und ſo verſprach man ſich von ihrer Schoͤnheit etwas ganz Außerordentliches. Nun weiß man, wie die Erwartung iſt; leichtglaͤubig⸗ an Hirn⸗ geſpinnſten erfinderiſch und zuverſichtlich; bei der Ueher⸗ zeugung hernach maͤckelſuchtig und kitzlig; ſie will nie ihre Rechnung finden⸗ denn eigentlich weiß ſie nicht, was ſie ie gewollt hatte, und ſo laͤßt ſie die ſuͤße Schmeichelei⸗ mit welcher ſie ohne Vernunft verfahren„ohne Barmher⸗ zigkeit bezahlen. Als Luein erſchien, fingen Viele, die ſich vielleicht ein⸗ gewches hatten, ſie muͤſſe im ſtrengſten Sinne des Wortes goldene Locken, roſige Wangen und ein Aug' immer ſcho⸗ ner als das andre haben, dieſe Leutchen fingen an, die Achſeln zu zucken, und die Naſen zu ruͤmpfen.—„Das iſt ſie?“ hieß es.„Nach ſo langer Zeit, nach ſo vielem Gerede, verſprach man ſich ganz was Andres. Und was kommt am Ende heraus? Eine Bauerfrau, wie ſo viele andre. Solche Weiber, und wohl ſchoͤnere, giebt's uͤber⸗ all.— Dann ließ man ſich auf einzelne Bemerkungen ein; der Eine entdeckte dieſes, der Andre jenes Gebrechen — 344— und am Ende fehlte es auch nicht an Kennern, welche die Fremde aus Lecco durchaus haͤßlich ſinden wollten. Indeſſen ſagte Keiner dergleichen Dinge unſrem Renzo in's Geſicht; bis ſo weit war alſo kein großes Ungluͤck dabei. Wer die Sache ſchlimm und den Riß weiter machte, das waren die guten Freunde, die es ihm hinterbrachten, und den jungen Ehemann wurmte es. Er fing an, mit ſich druͤber zu Rede zu gehen, und ſpann den ſchlimmen Faden immer weiter aus. Hin und wieder machte er ſich auch wohl in einem Woͤrtchen Luft.—„Was geht's Euch an? Wer hat Euch ein Wunder erwarten geheißen? Hab' ich hier je von ihr geſprochen? Euch geſagt, daß ſie ſchoͤn iſt? Und wenn Ihr davon ſchwatztet, hab' ich nicht jedesmal zu verſtehen gegeben, daß ſie ein gutes Maͤdchen iſt? Ne Bauerfrau! Hab' ich je geſagt, daß ich Euch'ne Prinzeſ⸗ ſin herfuͤhren werde? Sie gefaͤllt Euch nicht? Seht ſie nicht au. Ihr habt huͤbſchere Weiber hier? Guckt nach dieſen.“ 4 Man ſehe aber einmal, wie eine Kinderpoſſe bisweilen das ganze Leben eines Menſchen zu entſcheiden vermag. Wenn Renzo immer in dem neuen Vaterlande haͤtte blei⸗ ben ſollen, wuͤrde es nicht gut gegangen ſeyn. Wie man es ihm verleidet hatte, verleidete er Andern ſeinen Umgang. Er wurde gegen Jeden unhoͤflich, weil Jeder ein Kunſt⸗ richter an ſeiner Lucia werden konnte. Freilich lief er nicht mit der Fauſt auf die Leute zu; aber man weiß, wie viel ein Menſch thun kann, ohne eigentlich die Regeln der guten Hoͤflichkeit zu beleidigen. Renzo verrieth bald bei jedem Schritte eine bittere Spottluſt, an einem Jeden —— 1— 7— — —.,— 1— 7— — — —„ — 345— fand auch er was zu tadeln; es kam ſo weit, daß er, wenn es zwei Tage hinter einander ſchlechtes Wetter war, ver⸗ drießlich ſagte:„Ein garſtiges Land, das!”“ So war er allmaͤhlig auch mit einer Anzahl von Leu⸗ ten, die ihm fruͤher wohlgewollt, auf ſchlimmen Fuß ge⸗ rathen; mit der Zeit haͤtte er ſich, ohne ſelbſt einmal die erſte Urſache eigentlich angeben, oder die Wurzel eines ſo großen Uebels aufſinden zu koͤnnen, gegen die ganze Be⸗ voͤlkerung vielleicht in feindſeliger Verfaſſung befunden. Es war aber, als haͤtte die Peſt die Verpflichtung auf ſich genommen, jedes Ungemach, welches unſern Nenzo traf, zu heben. Sie hatte dem Herrn einer andern Spin⸗ nerei, dicht vor'm Thore von Bergamo, das Leben gekoſtet; der Erbe, ein junger Brauſewind, der in dem Hauſe ſich durchaus nicht behagen wollte, war entſchloſſen, ſelbſt zu halbem Preiſe es zu verkaufen; er wuͤnſchte es, aber er verlangte, das Geld auf den Tiſch hingezaͤhlt zu haben, damit er es ſogleich nach ſeinem Gefallen verthun konnte. Bortolo erfuhr es, und lief, ſich perſoͤnlich zu uͤberzeugen. Er unterhandelte, und ein fetterer Schnitt ließ ſich nicht denken. Nur die Bedingung, auf der Stelle das Geld zu zahlen, verdarb Alles; denn ſein Vermoͤgen, durch lang⸗ ſame Erſparungen entſtanden, war dazu nicht betraͤchtlich genug. Er hielt alſo den jungen Mann hin, kehyte eilig zuruͤck, theilte die Sache ſeinem Vetter mit, und forderte ihn zur Gemeinſchaft auf. Renzo trug kein Bedenken, er entſchloß ſich, und ſagte Ja. Man ging mit einander und der Handel ward abgemacht. Als nun die neuen Ge⸗ faͤhrten in ihrem eigenen Hauſe beiſammen wohnten, war weiter, Leiden, welche der Gegenſtand meiner Geſchichte 346— Lucia, welche hier nicht erwartet worden, keinen Beurthei⸗ lungen ausgeſetzt, und mißfiel durchans nicht. Renzo ver⸗ nahm ſo gar, daß mehr als Einer ſich hatte verlauten laſ⸗ ſen:„Habt Ihr die ſchoͤne Fuchsfrau geſehen, die hier an⸗ gekommen iſt?“— Bei dem Eigenſchaftswort ließ ſich das Hauptwort ertragen. Die Verdrießlichkeiten im vorigen Wohnorte gereich⸗ ten ihm ſelbſt zur guten Lehre. Fruͤher war er in ſeinen Meinungen ziemlich vorlant geweſen, und mochte gern die Frauen Andrer, oder was ſie ſonſt beſaßen, tadeln. Jetzt begriff er, daß die Worte im Munde ganz anders als im Ohre ſchmecken, und hoͤrte daher ſeine Rede, ehe er ſie vor⸗ brachte, immer erſt ein wenig ab. Kleine Mißhelligkeiten liefen indeſſen auch hier mit⸗ unter. So lange der Menſch auf Erden wandelt, ſagt unſer Anonymus, ein großer Liebhaber von Gleichniſſen, iſt er ein Kranker, welcher ſich auf einem mehr oder weni⸗ ger unbequemen Bette befindet, und um ſich her andre, dem Schein nach gemaͤchlichere Betten ſieht; da denkt er, muß es ſich ganz herrlich liegen; kaum aber hat er ſich in eins derſelben uͤbergeſiedelt, macht er verdrießliche Geſich⸗ ter; hier ſticht ihn etwas, dort liegt ſich's hart; am Ende iſt's die nehmliche Geſchichte. Drum muͤſſen wir mehr dran denken, gut zu handeln als gut zu leben, faͤhrt er fort; auf dieſe Weiſe fuͤhlt man ſich endlich auch ertraͤgli⸗ cher.— Der Satz mag allerdings ein wenig mit Zangen herbeigcholt ſeyn, wie's das ſiebzehnte Jahrhundert liebte; im Grunde aber hat der Mann Recht. Uebrigens, ſagt er — ⸗- 11m———— geweſen, haben die beiden Leute nicht mehr erlebt; ſie wohnten friedlich, gluͤcklich und beneidenswerth neben ein⸗ . ander, und ſollte ich aus ihrem nachmaligen Leben eine zweite Geſchichte machen, ſo wuͤrde ſie Euch entſetzlich langweilen. Die Geſchaͤfte gingen ganz vortrefflich. Aufangs gab's einige Verlegenheit; es fanden ſich wenig Arbeiter, und dieſe wenigen machten manchmal unbillige Forderungen. Bald erſchienen indeſſen Verordnungen, welche den Lohn der Arbeiter feſtſetzten; dadurch kam Alles in's alte Geleiſe⸗ wie es am Ende immer der Fall ſeyn muß. Auch erſchien von Venedig ein neues Gebot; die eingewanderten Aus⸗ laͤnder ſollten auf zehn Jahre von allen Steuern und per⸗ ſdͤnlichen Pflichten befreit bleiben.— Fuͤr unſre Leutchen ein neues Gluͤcksloos. 6 Bevor noch das erſte Jahr der Ehe zu Ende ging, kam ein holdes Geſchoͤpfchen zur Welt, und als haͤtt' es ausdruͤcklich ſich ſo gefuͤgt, um Renzo's Verſprechen zu erfuͤllen, war's ein Maͤdchen. Es crhielt alſo den Namen Maria. Dem Erſten folgten mehrere; Agneſe hatte alle Haͤnde voll zu thun, ſie herumzutragen, Taugenichtſe zu heißen, und ihnen manchen derben Schmatz aufzudruͤcken, 5 der lange Zeit eine weiße Spur hinterließ. Die Kinder hatten alle einen guten Hang; Renzo beſtand ernſtlich dar⸗ b auf, daß ſie leſen und ſchreiben lernten;„denn da doch — . einmal die Schurkerei,“ ſagte er,„juſt hierin beſteht, ſol⸗ len ſie auch damit umzugehen wiſſen.“ Eine Luſt war's, ihn ſeine Abentheuer erzaͤhlen zu ho⸗ — 348— ren.„Ich habe gelernt“ ſchloß er gewoͤhnlich, mich in keine Haͤndel einzulaſſen, keine Predigt auf offenem Platz mehr zu halten, nicht mehr als noͤthig zu trinken, und nicht mit dem Hammer in der Hand an der Thuͤre zu ſtehen, wenn Hitzkoͤpfe in der Naͤhe ſind; ich werde mich kuͤnftig huͤten, mir eine Klingel an die Fuͤße zu binden, ohne vor⸗ her zu bedenken, was daraus entſtehen kann.“— uUnd hun⸗ dert andre Dinge der Art. Aucia dagegen fand dieſe Lehre nicht gerade an ſich falſch, war aber damit nicht befriedigt; es ſchien ihr et⸗ was daran zu fehlen. Da ſie nun daſſelbe Lied oft wie⸗ derſingen hoͤrte, und jedesmal daruͤber nachdachte, ſagte ſie einſt zu ihrem ehelichen Sittenprediger:„Und ich, was hab' ich gelernt? Ich habe die Leiden nicht aufgeſucht, ſie haben mich gefunden; wenn Du nicht etwa ſagen willſt/ fuͤgte ſie laͤchelnd hinzu,„mein Mißgriff habe darin be⸗ ſtanden, daß ich Dir wohlwollte, und mich Dir verſpro⸗ chen habe.“ 1 Renzo wußte mit der Sache nicht auf's Reine zu kom⸗ men. Nach langem Suchen und Reden verſtaͤndigten ſich endlich Beide daruͤber, daß das Ungluͤck oft ſich einſtellt, weil der Menſch ihm die Gelegenheit giebt; daß aber auch das vorſichtigſte und unſchuldigſte Benehmen nicht immer gegen daſſelbe ſchuͤtzt; die Leiden moͤgen indeſſen mit oder ohne eigene Schuld daherziehen, das Vertrauen in Gott mildert ſie, und macht ſie zu einem beſſeren Leben brauchbar. Dieſe Folge⸗ rung, wenn auch nur von ungebildeten Leuten herausge⸗ bracht, duͤnkte uns ſo paſſend, daß wir ſogleich darauf be⸗ Abſicht geſchehen. — 349 dacht waren, ſie als die Quinteſſenz unſerer ganzen Ge⸗ ſchichte hieher zu ſetzen. Hat dieſe Geſchichte Euch leidlich gemundet, Ihr Le⸗ ſer, ſo meint es mit dem Anonymus und zugleich ein we⸗ nig mit ſeinem Nacherzaͤhler gut. Sollte ſie Euch aber gelangweilt haben, ſo ſeyd uͤberzeugt, daß es gegen unſre Ende. Berlin, gedruckt bei Gebr. Unger. Schlußwort des Ueberſetzers. Der dritte und letzte Band unſerer Ueberſetzung erfolgt früher, als er verſprochen worden. Da wir wahrend derſelben, jede andre Ar⸗ beit bei Seite geſetzt hatten, war es möglich, ohne Uebereilung oder gewiſſenloſe Leichtfertigkeit der harrenden Leſewelt dieſe Befriedigung au gewähren. Denn wenn auch Manzoni zuweilen ins Breite ge⸗ räth, oder uns an verſchiedene Standpunkte zur Betrachtung deſſel⸗ zelnen kleinen Züge ſo naturgemaß, ſo treffend und dem Dichter ci⸗ genthümlich, daß mit jedem Wegſchnitt ſein poetiſcher Charakter ver⸗ wundet wird. 8. 8 8 „Nur bei der Darſtellung der Peſt ſind einige Rebenzüge ausge⸗ ſchieden worden. Der Dichter hatte ſeine Landsleute, oft ſelbſt ſeine Mailändiſchen Stadtgenoſſen, im Auge, und dieſen mußte auch das Unbedeutendſte willkommen ſeyn. Wir trugen bei Weglaſſung deſſel⸗ ben kein Bedenken. Was aber deun Eharäktergehräge des ſiebzehn⸗ ten Jahrhunderts, deſſen Eigenthümlichkeit, wie der Grundton eines Gemähldes, durch die ganze Dichtung waltet, was zur lebendigen Darſtellung der Meinungen und Sitten, der Einſichten und Irrthü⸗ mer beiträgt, durfte, unverletzlich und heilig, keinesweges ausgeſtoßen werden, und hier hatte auch die geringfügigſte Bemerkung ihren voll⸗ wichtigen Auſpruch.— 3 „Mit dieſer Erinnerung muß der Ueberſetzer den verſchiedenartigen Leſern begegnen. Denn während der Eine gerade den hiſtoriſchen Fa⸗ den der Dichtung mit Begierde auffaßt, den, Tumult in einer hunger⸗ leidenden Stadt weit theilnchmender als in einem liebenden Herzen be⸗ trachtet, und an einer Verordnung des Mailändiſchen Magiſtrats ſich ergötzlicher als an den Schickſalen der armen Verlobten erbaut, wird er Andre über die geſchichtlichen Darſtellungen in liebenswürdigen Unwillen gerathen, wird ſie, wie cinen nackten Schieferfelſen in ei⸗ nem freundlichen Blumenthalé, verwünſchen, vor ungeduldiger Neu⸗ gier mit den Füßen ſtampfen, und um ſich mit keinem leidenſchaftli⸗ chen Worte gegen den Verfaſſer zu verſündigen, ſolche Epiſoden lie⸗ ber ganz und Jar überſchlagen. Jeder nach ſeiner Weiſe. Und doch ben Gegenſtandes führt, ſo ſind doch in dieſer Breite ſelbſt die 156 müſſen wir warnen, der Lejer möge ſich bei der Darſtellung der Peſt von keiner Ungeduld mißleiten laſſen; die beiden darauf folgenden Kapitel, das Gelungenſte vielleicht im ganzen Romane, ſind ohne jene iah wohl zu verſtehen, und müſſen an eigenthümlichem Reize bedeu⸗ kend einbüßen. So möge denn die treffliche Dichtung den deutſchen Leſern em⸗ pfohlen ſeyn; ihr innerer Werth bürgt dafür, des ſie im vielgeſtalti⸗ gen Aufzuge der Literatur nicht als eine flüchtige Erſcheinung vorüber⸗ Fleiten werde. Dem Ueberſetzer aber war's ein willkommener Ruf, ſe Geſtade des Comoſee's, wo er ſchöne Sge verlebte, wieder zu ſe⸗ hen, und in den Straßen des lebensluſtigen Mailands, deſſen heutige Pracht an die alten Zeiten des Drangſals nicht erinnert, auf's Neue zu wandern. So geſellte ſich zur Arbeit manches wehmüthig⸗ ſüße Gefühl, und manche vergeſſene Freundesgeſtalt tauchte aus dem Re⸗ bel der Vergangenheit tröſtlich mahnend wieder hervor. Berlin, 1ten December 1827. Dan. Leßmann. — ——— 3 8 8————— — — axReRx ſſſfſnſnffſtſnnſſſſſſnſtſiſſen 8 9 1 11 12 13 14 15 16 17 7 0 4 6 4 „ 4— 4 1 4—. 8*