—————— “ — —¹ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Otllmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei jedem Tag 5 Pf. bezah den angenommen. henen Buches wird von Tages iſt zu 24 Stun⸗ gabe eines ge d de t. Die Zeit eines 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———,——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf „ 5 7„„ 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird NX ——* Die Berlobren. RNoman von Alerander Manzoni uͤberſetzt von Dan. Leßmann. Zweiter Theil. Berlin. . In der Vereinsbuchhandlung. * 2 8 1827. Erſtes Kapitel. Es war der zweite Sommer, daß die Felder ſo kuͤmmer⸗ lich lohnten. Was von den fruͤheren Jahren in den Spei⸗ chern uͤbrig geblieben, hatte im vorhergehenden den Man⸗ gel leidlich erſetzt; die Menſchen konnten nicht zur Genuͤge ſich ſaͤttigen, litten aber auch keinen Hunger. Bei der Erndte des Jahres 1628 hingegen, wo wir uns ſo eben mit unſrer Erzaͤhlung befinden, ſah ſich Jeder ſeines Vor⸗ rathes durchaus beraubt. Doch dieſe Erndte, welcher Alles ſo ſehnſuchtsvoll entgegengeſehen, ſtellte ſich am Ende noch duͤrftiger als die vorgehende ein, und daran waren, nicht im Mallaͤndiſchen bloß, ſondern auch in einem bedeuten⸗ den Striche des benachbarten Landes, theils die widerwaͤr⸗ tigen Einfluͤſſe der Jahreszeit, theils in der That die Men⸗ ſchen ſelbſt ſchuld. Die verheerenden Wirkungen des Krie⸗ ges, eben des ſaubern Krieges, deſſen wir oben erwaͤhnt, ſtiegen bald zu ſolcher Hoͤhe, daß in den naͤchſten Umgebun⸗ gen viele Strecken Ackers weniger als gewoͤhnlich den Pflug empfanden, und von den Bauern verlaſſen dalagen; denn ſtatt durch Arbeit ſich und den Uebrigen Brodt zu verſchaf⸗ fen, ſahen ſich dieſe ungluͤcklichen genoͤthigt, es um Got⸗ II. 1 tes Willen zu erbetteln. Weniger als gewoͤhnlich den Pflug empfanden, ſagte ich; denn die unerſchwinglichen Auflagen, mit einer Habgier, mit einer Unbeſonnenheit geboten, die beide die Grenzen der Vernunft gleich weit uͤberſtiegen; das angewoͤhnte Betragen der ſtehenden Truppen ſelbſt mit⸗ ten im Frieden, welches die klagenden Zeugen jenes Zeit⸗ alters mit dem herzloſen Uebermuthe eines hereinbrechenden Feindes vergleichen; eine Menge von andern urſachen, die hier aufzuzaͤhlen nicht der Ort, hatten ſeit laͤngerer Zeit ſchon durch das ganze Gebiet von Mailand dieſe traurige Wirkung leiſe vorbereitet; die beſondern Erſcheinungen, von denen wir jetzt ſprechen, waren nur der ploͤtzlich her⸗ vortretende Fieberanfall einer langwierigen Krankheit. Eine Erndte, ſie mochte ausfallen wie ſie wollte, war kaum be⸗ endigt, ſo riſſen die Verſorgung des Heeres und die un⸗ achtſame Vergeudung, welche gewoͤhnlich damit verbunden, in den Vorrath der Scheunen ſo gewaltſame Luͤcken, daß der Mangel ſich augenblicklich verſpuͤrte, und mit dem Mangel ſeine ſchmerzliche, aber eben ſo heilſame als un⸗ ausweichliche Wirkung, die Theuerung, ſich einſtellte. Sobald aber die Theuerung bis zu einem gewiſſen Punkte geſtiegen, bildet ſich immer— wenigſtens immer bis jetzt, und wenn dieß jetzt noch der Fall, nachdem ſo treffliche Maͤnner daruͤber geſchrieben, ſo denke man ſich, wie es damals ſeyn mußte— bildet ſich in vielen Koͤpfen die Meinung aus, ſie ſey nicht durch die Duͤrftigkeit der Zeiten entſtanden. Man vergißt, daß man ſie gefuͤrchtet, daß man ſie vorhergeſagt hatte; man haͤlt mit einem Mal die Annahme feſt, es ſey hinreichend Getraide vorhanden, und die Noth ſchreibe ſich bloß von den gewinnſuͤchtigen 4 r Wuchrern her, welche es nicht zum Bedarf hinlaͤnglich ver⸗ kaufen moͤgen. So unſtatthaft auch in jeder Ruͤckſicht eine ſolche Annahme, ſo ſchmeichelt ſie doch zu gleicher Zeit der Entruͤſtung und den Hoffnungen. Die Aufkaͤufer des Getraides, ſie mochten es in der That ſeyn oder nur da⸗ fuͤr gelten, die Guͤterbeſitzer, die es nicht ganz und gar an Einem Tage losſchlugen, die Baͤcker, die es kauften, jed⸗ weder/ welcher Getraide liegen hatte, oder im Rufe ſtand, Getraide liegen zu haben, wurde als der boͤſe Geiſt des Mangels und der Theuerung aufgeſtellt, war der Gegen⸗ ſtand der allgemeinen Beſchwerden, der Abſcheu der Be⸗ guͤterten wie der armſeligen Menge. Man vertraute ein⸗ ander als ausgemacht, wo ſich Kornboͤden und Vorraths⸗ ſpeicher befaͤnden, mit Getraide ſo vollgepfropft, daß ſie von allen Seiten geſtuͤtzt werden muͤßten; man gab eine unvernuͤnftig uͤbertriebene Anzahl der Saͤcke an, und ſprach mit Gewißheit von den unermeßlichen Laſten Getraides, welche man heimlich nach andern Laͤndern fortſchaffte, waͤh⸗ rend man hier vermuthlich mit derſelben Gewißheit und demſelben Geſchrei die Ausfuͤhrung des Getraides nach Mailand behauptete. Man verlangte von der Obrigkeit die Anſtalten, welche dem Volke immer ſo billig, ſo einfach und zweckmaͤßig ſcheinen, um das verſteckte, zwiſchen Waͤnde gepreßte und begrabene Getraide, wie man ſich ausdruͤckte, an's Licht hervor zu ziehen, und den Ueberfluß wieder her⸗ bei zu fuͤhren. Die Obrigkeit entſchloß ſich zu den ge⸗ woͤhnlichen Vorkehrungen; ſie ſtellte den hoͤchſten Preis verſchiedener Lebensmittel feſt, drohte Jedem, der zu ver⸗ kaufen ſich weigerte, mit oͤffentlicher Strafe, und verfuhr, wie bei ſolchen Umſtaͤnden verfahren zu werden pflegt. So N— 4— kraͤftig aber auch alle menſchlichen Vorkehrungen getroffen werden moͤgen, ſie koͤnnen den Mangel an Lebensmitteln nicht entfernen, koͤnnen die Erzeugniſſe der Jahreszeiten nicht nach dem Drange der Umſtaͤnde hervorrufen; hier in'sbeſondere vermochte man aus keiner Gegend, die etwa mit Ueberfluß geſegnet worden, das Fehlende herbei zu ſchaf⸗ fen, und ſo waͤhrte das Uebel fort, ſo wuchs die Roth von Tage zu Tage. Die Menge ſchrieb dieſe Wirkung der Schwaͤche, der Kargheit der Gegenmittel zu, und forderte mit lautem Geſchrei eine edelmuͤthigere, entſcheidendere Huͤlfe. Zum Ungluͤck fand ſie den Mann nach ihrem Sinne. In der Abweſenheit des Statthalters Don Gonzalo Fernandez de Cordova, welcher im Lager bei Caſale del Monferrato ſtand, verwaltete ſein Amt in Mailand der Großkanzler Antonio Ferrer, ein Spanier. Dieſer ſah, und wer haͤtte es nicht geſehen? daß der maͤßige Preis des Brodtes an und fuͤr ſich eine ſehr wuͤnſchenswerthe Sache; er dachte alſo, und das war der Schnitzer, ein Be⸗ fehl von ihm ſey hinreichend, um ſolchen Preis entſtehen zu laſſen. Auf ſeine Verordnung ward demnach fuͤr das Brodt ein ſolcher Preis feſtgeſtellt, als wenn der Malter Getraide ſich gewoͤhnlich zu drei und dreißig Lire verkaufte; er ward indeſſen bis zu achtzig verkauft. Der Großkanzler ging dabei wie eine vor Zeiten junge Dame zu Werke, welche, das Datum ihres Taufſcheines aͤndernd, ſich ſelbſt zu verjuͤngen waͤhnt. Weniger unſinnige und weniger ungerechte Befehle waren mehr als einmal, weil die Umſtaͤnde ſelbſt Wider⸗ ſtand leiſteten, unbefolgt geblieben; uͤber die Ausfuͤhrung p p F. — 5— dieſer Verordnung hingegen wachte die Menge; ſie ſah ih⸗ ren Wunſch endlich in ein Geſetz verwandelt, und wollte dieſe Fuͤgung nicht zum Scherz eingetreten wiſſen. Sie ſtroͤmte zu den Baͤckereien, forderte Brodt zum anbefohle⸗ nen Preiſe, und forderte es mit dem Blick der Entſchloſ⸗ ſenheit und der Drohung, welchen Leidenſchaft, Gewalt und Befugniß zugleich unterſtuͤtzen. Ob die Baͤcker ein Zetergeſchrei erhoben, bedarf keiner Frage. Die Aermel be⸗ ſtaͤndig zur Arbeit aufſtreifen, mit eiligem Eifer den Teig kneten, in den Ofen hinein ſchieben und wieder heraus⸗ nehmen— denn das Volk, welches bei dem Allen dunkel empfand, wie gewaltſam die Sache, belagerte unablaͤßlich die Oefen, um aus der voruͤbergehenden Gluͤckſeligkeit ſei⸗ nen Vortheil zu ziehen— wie ein Tageloͤhner ſich's ſauer werden laſſen, und bis zur Erſchoͤpfung ſich abarbeiten, um am Ende Schaden davon zu tragen— Jeder ſagt ſich leicht von ſelbſt, welch eine Miene die Baͤcker dazu machen mußten. Doch von der einen Seite drohte die Obrigkeit mit Strafen, von der andern draͤngte und laͤrmte das Volk bei jeder Zoͤgerung, wenn Einer von ihnen, es zu befriedigen, Umſtaͤnde machte; es ſchimpfte und verhieß in dumpfer Em⸗ poͤrung eine ſelbſtgenommene Gerechtigkeit, die verfaͤng⸗ lichſte, ſo auf Erden zu finden; es war alſo an keine Er⸗ loͤſung zu denken, man mußte backen, vor dem Ofen ſtehen und verkaufen. Um ſie indeſſen im Drang ihrer Arbeit bei Muth zu erhalten, reichten die ſtrengen Gebote, reichte die Furcht, welche ſie ſchrecken ſollte, nicht hin; es erfor⸗ derte auch die Fortdauer ihrer eigenen Kraͤfte, und wenn die Umſtaͤnde noch eine Zeitlang dieſelben blieben, ſo konn⸗ ten ſie nicht weiter. Fortwaͤhrend beklagten ſie ſich uͤber die Unbilligkeit, uͤber die Unertraͤglichkeit der Laſt, welche ihnen auferlegt worden, und ſchworen, den Brodtſchieber in den Ofen werfen und ſich davon machen zu wollen; in⸗ deſſen leiſteten ſie der draͤngenden Noth, ſo gut ſie konn⸗ ten, Genuͤge, und hofften von Stunde zu Stunde, der Großkanzler wuͤrde endlich einmal ſich eines Beſſern be⸗ ſinnen. Antonio Ferrer aber, ein Herr, welchen man heu⸗ tiges Tages einen Mann von Charakter nennen wuͤrde, ruͤckte nach langem Schweigen mit der Antwort heraus: die Baͤcker haͤtten in fruͤheren Zeiten gar trefflich ihr Schaͤfchen geſchoren, und wuͤrden in kuͤnftigen beſſeren Jahren gleichfalls wieder ihren Schnitt machen; auch wuͤrde man zuſehen und vielleicht darauf denken, wie ſich ihnen auf Koſten des Staates ein Schadenerſatz leiſten laſſe; einſtweilen aber moͤchten ſie nur im Backen und Ver⸗ kaufen, wie bisher, fortfahren. Ob er von den urſachen, die er gegen die Andern anfuͤhrte, ſelbſt uͤberzeugt geweſen, oder ob er die Unmoͤglichkeit, jene Vorkehrungen durchzu⸗ ſetzen, aus Erfahrung kannte, und Andern die Gehaͤſſigkeit, welche ſie bei den Einwohnern ihm zuziehen wuͤrden, uͤber⸗ laſſen wollte, muß fuͤr dießmal, da wir des Mannes Ge⸗ danken heute nicht mehr errathen koͤnnen, unerrtert hlei⸗ ben; ſo viel iſt gewiß, er ging von ſeinen Verordnungen nicht ein Haarbreit ab. Endlich ſtatteten die Decurionen— eine ſtaͤdtiſche, aus Edelleuten beſtehende Obrigkeit, welche ſich bis in die Neunziger des vergangenen Jahrhunderts erhielt— dem Statthalter von der Lage der Dinge ſchrift⸗ lichen Bericht ab; er moͤchte, hieß es, ein Milderungsmit⸗ tel ausfindig machen, um die alte Ordnung, wo moͤglich, wieder herzuſtellen. — —2 7 — 2— Don Gonzalo, in die Angelegenheiten des Krieges uͤber und uͤber verwickelt, that, was der Leſer ohne Zweifel ſchon voraus ſah; er ernannte einen oͤffentlichen Gerichtshof, und uͤbertrug ihm das Recht, einen gangbaren Preis des Brodtes feſtzuſetzen; beiden Theilen ſollte auf dieſe Weiſe Recht und Billigkeit erwieſen werden. Die Stadtverord⸗ neten verſammelten ſich, oder wie man damals in der ſpa⸗ niſchklingenden Kanzleiſprache ſich auszudruͤcken pflegte, ſetzten ſich zuſammen*); man ſtattete einander tauſend Verneigungen ab, ſagte ſich Hoͤflichkeiten, hielt einleitende Vortraͤge, beſeufzte die traurigen Zeiten, ſchwieg gedanken⸗ voll, trat mit unhaltbaren Vorſchlaͤgen auf, ſuchte zoͤgernd Zeit zu gewinnen, ſah ſich durch eine allgemein empfundene Nothwendigkeit zur Berathſchlagung gezwungen, und em⸗ pfand die gefaͤhrliche Wichtigkeit der Zuſammenkunft, war aber uͤberzeugt, es laſſe ſich nichts Andres thun, als den Preis des Brodtes erhoͤhen. Die Baͤcker athmeten auf das Volk ergrimmte. Am Vorabend des Tages, da Renzo nach Mailand ge⸗ kommen, wimmelten Straßen und Plaͤtze von Menſchen; von grollendem Unwillen erbittert, und beherrſcht von ei⸗ nem gemeinſamen Gedanken, hatten ſich Bekannte und Fremde, ohne vorher deßhalb uͤberein gekommen zu ſeyn, ohne es ſelbſt gewahr zu werden, wie Tropfen, die einan⸗ der auf demſelben abſchuͤſſigen Dache ſich begegnen, in Kreiſen, in einzelnen Haufen zuſammengerottet. Jedes Ge⸗ *) Si giuntarono ſtatt des eigentlichen italiäniſchen Ausdruckes si radunarono. Die italiäniſche Bedeutung des Wortes giuntare iſt be⸗ trügen, zum Beſten haben— Gelegenheit zu einem verfänglichen Wortſpiel. 1 D. L. ſpraͤch ſteigerte die Ueberzeugung und die Leidenſchaftlich⸗ keit der Zuhoͤrer wie des Redners. Unter ſo vielen Hitz⸗ koͤpfen gab es indeſſen auch einige von kaͤlterem Blute; dieſe ſtanden mit innigem Vergnuͤgen von fern, gaben Acht, wie das Waſſer ſich truͤben wuͤrde, verſuchten, durch Ge⸗ ſpraͤche und Neuigkeiten, welche die Schelme zu erdichten wiſſen, und die bewegten Gemuͤther jederzeit bereitwillig glauben, die Wogen immer ſtuͤrmiſcher zu truͤben, und nah⸗ men ſich vor, das Waſſer nicht zur Ruhe kommen zu laſ⸗ ſen, ohne ihr Netz mit einem guten Fang herausgezogen zu haben. Tauſende von Menſchen gingen mit dem unbe⸗ ſtimmten Bewußtſeyn zu Bette, daß Etwas geſchehen muͤſſe, daß Etwas geſchehen werde. Die Zuſammenrottun⸗ gen kamen der Morgenroͤthe zuvor; Kinder, Frauen, Maͤn⸗ ner, Greiſe, Handwerker und Bettler traten auf's Gera⸗ thewohl zuſammen; hier brauſte ein verworrenes Gefluͤſter von unzaͤhligen Stimmen; dort hielt ein Rener eine Predigt, und die Andern jubelten ihm Beifall zu; der Eine richtete an ſeinen Nachbar die naͤmliche Frage, die ſo eben an ihn gerichtet worden; der Andre wiederholte den Ruf,⸗ welcher ſo eben ihm in's Ohr gedroͤhnt; uͤberall Klagen, Drohungen, Verwunderung; eine kleine Anzahl von Woͤr⸗ tern war das Getriebe unendlicher Geſpraͤche. Nur ein Anfangspunkt fehlte, eine zufaͤllige Gelegen⸗ heit, ein ſpornender Stoß, ſo wurden die Worte zu Hand⸗ lungen. Es waͤhrte nicht lange. Mit Tagesanbruch traten aus den Baͤckerlaͤden die jungen Burſche, welche in hoͤlzernen Butten das Brod nach den Haͤuſern der ge⸗ woͤhnlichen Kunden zu tragen pflegten. Kaum kam Einer dieſer ungluͤcklichen Boten einem Haufen Volkes in's Ge⸗ ſicht, ſo war's, als waͤre ein angezuͤndeter Schwaͤrmer in eine Pulverkammer gefallen.—„Da giebt's ja Brodt!“ ſchrieen hundert Stimmen zugleich.—„Freilich,“ rief Ei⸗ ner/„aber das iſt fuͤr die Tyrannen, die im Ueberfluſſe waten, und uns gern vor Hunger moͤchten ſterben ſehen!“ — Mit dieſen Worten geht er auf den Burſchen los, legt die Hand oben an den Rand der Butte, thut einen Ruck, und ſagt:„Laß ſehen!“— Der junge Burſch wird roth, wird bleich, zittert, und moͤchte gern ſagen: Laßt mich meine Wege gehen! Aber das Wort erſtirbt ihm im Munde, er laͤßt die Spannkraft der Arme erſchlaffen, und ſucht ſie in aller Eile aus dem Tragriemen hervor zu ziehen.— Herunter mit der Butte!“ wird waͤhrend deſſen geſchrieen. Man greift mit vielen Haͤnden danach, und ſchon ſteht ſie auf der Erde; das Handtuch, welches ſie bedeckt, wird weg⸗ geſchleudert, ein warmer Duft ſteigt auf, und verbreitet ſich umher.—„Wir ſind auch Chriſten,“ ſagt derſelbe Kerl,„wollen auch Brodt zu eſſen haben.“— Er nimmt eins, haͤlt es in die Hoͤhe, zeigt es dem Haufen, und faͤhrt mit den Zaͤhnen hinein; die Haͤnde gleiten wuͤhlend in die Butte, die Brodte fliegen durch die Luft; ehe man ſich verſieht, iſt keins mehr vorhanden. Wer nichts erbeutet hat, laͤßt ſich durch den Anblick des fremden Gewinnſtes reizen; die Leichtigkeit des Unternehmens erfuͤllt ſelbſt den Feigen mit Muth; man macht ſich in Schwaͤrmen auf⸗ und ſucht andern Buttentraͤgern zu begegnen; ſo viele man trifft, ſo viele werden ausgepluͤndert. Einen Angriff auf die Traͤger zu machen, war dabei nicht einmal noͤthig; die Burſche, welche ſich ungluͤcklicherweiſe unterweges befanden, merkten bald, welch ein Ungewitter daherzog, ſetzten ihre 5 Laſt freiwillig nieder, und machten ſich auf die Flucht. Deſſenungeachtet waren dieienigen, welche mit nuͤchternem Gaumen abziehen mußten, immer noch bei weitem die Mehr⸗ zahl; die Beutemacher ſelbſt fuͤhlten ſich durch einen ſo unbedeutenden Fund keinesweges befriedigt; zu Dieſen und Jenen ſich geſellend, ſtanden die Schelme, welche auf eine beſſer begruͤndete Ordnungsloſigkeit ihren Plan gebaut hatten. Und ſo erſcholl denn ploͤtzlich das Geſchrei:„Zu den Oefen! zu den Oefen!“ In der Straße Corſia de' Servi war eine Baͤckerei, welche noch heutiges Tages vorhanden, und denſelben Namen noch fuͤhrt; dieſer Name wuͤrde in toskaniſcher Mundart„der Kruͤckenofen“ bedeuten, beſteht aber in der Mallaͤndiſchen aus ſo ſprachwidrigen, wunderlichen und ungebildeten Worten, daß es dem Alphabet der Sprache an Zeichen gebricht, um den Klang derſelben auf dem Papiere auszudruͤcken*). Hieher ſtroͤmte der Schwarm. Die Geſellen im Laden fragten eben den Knaben aus, welcher ohne ſeine Butte heimgekommen; mit beſtuͤrztem Angeſichte und verwilderten Haaren ſtattete dieſer von ſei⸗ nem klaͤglichen Abentheuer ſtotternden Bericht ab, als das Geraͤuſch einer wuͤhlenden Volksmenge ſich hoͤren ließ. Der Laͤrmen ſtieg und naͤherte ſich; die Vorlaͤufer des Haufens erſchienen. Die Noth war groß, der Drang gebot Eile. Der Eine laͤuft, um bei dem„Hauptmann der Gerechtigkeit“ Huͤlfe zu ſuchen; die Andern ſchließen in aller Geſchwin⸗ digkeit den Laden, legen von innen die Querſtangen vor *⁴) El prestin di scansc. A. M. . . — 11m— die Thuͤrfluͤgel, und klammern die Halteiſen ein. Die Menge faͤngt an, ſich draußen dicht zuſammen zu haͤufen, und„Brodt! Brodt!“ wird gerufen,„macht auf! macht auf!“ In demſelben Augenblick langt mit einer Schaar von Hellebardieren der Hauptmann der Gerechtigkeit an.— „Platz, Platz, Kinder!“ rufen er und ſeine Leute,„geht nach Hauſe, nach Hauſe; Achtung vor'm Hauptmann!“— Das Volk, ſich noch nicht hinlaͤnglich bei Kraͤften fuͤhlend, weicht ein wenig nach beiden Seiten zuruͤck; ſo konnten der Hauptmann und die Seinigen naͤher kommen, und wenn auch nicht in vollſtaͤndiger Ordnung, doch Einer dicht neben dem Andern vor der geſchloſſenen Thuͤre des Ladens ſich aufſtellen.—„Aber, Kinder,“ ſprach von hier aus der Hauptmann,„was macht Ihr hier? Geht nach Hauſe. Wo bleibt Eure Gottesfurcht? Was wird der Koͤnig, unſer Herr, ſagen? Es ſoll Euch kein Leid ge⸗ ſchehen, aber geht nach Hauſe. Geht als brave Leute! Was Teufel wollt Ihr hier Kopf bei Kopf zuſammenge⸗ draͤngt vornehmen? Wahrhaftig nichts zum Heil Eurer Seele, und zum Heil Eures Koͤrpers eben ſo wenig. Nach Hauſe, nach Hauſe!“— Doch nur die Vorderſten ſahen das Geſicht des Sprechers und vernahmen ſeine Worte; haͤtten ſie alſo auch ſeinem Rathe gehorchen wollen, ſo waͤren ſie es dennoch nicht im Stande geweſen; denn von denen, die hinter ihnen ſtanden, wurden ſie vorgeſchoben, und in erſtickende Enge gezwaͤngt; dieſe ſahen ſich ihrer⸗ ſeits eben ſo gedraͤngt, wie Welle von Welle, und ſo ging's bis zum aͤußerſten Ende des immer wachſenden Ge⸗ wimmels fort. Der Hauptmann fing an, die Aengſtlich⸗ — 12— keit ſeiner Lage zu empfinden.—„Heißt ſie ſeitwaͤrts wei⸗ chen, damit ich zu Athem kommen kann,“ gebot er den Hellebardieren,„thut aber Keinem etwas zu Leide. Wir wollen ſuchen, in den Laden hinein zu kommen; klopft an, und laßt indeß das Volk zuruͤcktreten.“ „Zuruͤck, zuruͤck!“ riefen die Hellebardiere, indem ſie ſaͤmmtlich auf die Vorderſten losgingen, und ſie mit dem Schafte ihrer Waffen nach der Straße hin trieben. Dieſe ſchreien, treten zuruͤck, wie ſie koͤnnen, druͤcken die Naͤch⸗ ſten hinter ihnen mit den Schulterblaͤttern gegen die Bruſt, ſtoßen ſie mit den Ellenbogen in den Bauch, und treten mit den Ferſen auf ihre Zehen; es entſteht ein Gedraͤnge, ein Stoßen und Preſſen, daß Diejenigen, welche ſich in der Mitte befanden, etwas drum gegeben haͤtten, wenn ein Zaubergeſpann ſie anderswohin verſetzen wollte. Indeſſen bildet ſich dicht an der Thuͤre etwas leerer Raum; der Hauptmann klopft, klopft heftiger, daß man ihm oͤffne. Die Leute drinnen ſehen durch's Fenſter heraus, kommen ſchnell herab, und oͤffnen; der Hauptmann tritt hinein, und traͤgt den Hellebardieren auf, Einen nach dem Andern herein zu laſſen, die Letzten ſollten den Haufen mit den Waffen in Schranken halten. Sobald der Laden voll, reihen ſich die Bewaffneten als eine Kette auf. Ihr Befehlshaber ſteigt indeſſen einige Stufen hinan, und tritt an ein Fenſter. Himmel, welch ein brauſendes Gewuͤhle! „Kinder!“ ruft er, und Viele ſehen hinauf.„Kinder, geht nach Hauſe. Durchgaͤngige Verzeihung Jedem, der auf der Stelle ſich heimmacht.“ „Brodt, Brodt! Aufgemacht, aufgemacht!“— Dieſe —;,;— — — 13— Worte ließen ſich in dem unermeßlichen Geſchrei, womit die Menge antwortete, deutlicher als die uͤbrigen unter⸗ ſcheiden. „Vernuͤnftig, Kinder! Seht Euch wohl vor, noch iſts Zeit. Geſchwind, geht, kehrt nach Hauſe zuruͤck. Ihr ſollt Brodt haben; aber das iſt keine Art. Heh! Heh, was macht Ihr da unten? Was, gegen die Thuͤre? War⸗ tet, wartet, ich ſeh' es! Vernuͤnftig! Seht Euch vor! Ein gewaltiges Vergehen! Ich komme hinunter, auf der Stelle. Heda! Weg mit dem Eiſen, weg mit den Haͤnden! Was iſt das? Ihr Mallaͤnder, die Ihr uͤberall auf Erden Eurer guten Geſinnung wegen bekannt ſeyd— hoͤrt mich an! hoͤrt mich an! Seyd immer gut geweſen, ſeyd bis... Ah, die Schurken!“ Dieſes ploͤtzliche Umſchlagen des Styls war die Wir⸗ kung eines Steines, welcher, den Haͤnden eines guten Mai⸗ laͤnders entflogen, die Stirn des Redners an der linken Erhoͤhung getroffen.—„Schurken! Schurken! fuhr er fort zu ſchreien, warf mit raſcher Heftigkeit das Fenſter zu, und zog ſich zuruͤck. Er haͤtte aber ſo wuͤthend ſchreien koͤnnen, als es die Kehle nur immer aushielt, ſeine Worte, die guten wie die boͤſen, zerſtreuten ſich verhallend in die Luft, und gingen in dem kreiſchenden Getoͤſe, welches von der Straße heraufſtuͤrmte, klanglos unter. Was er aber vorhin zu ſehen gedroht hatte, war ein Arbeiten gegen Thuͤre und Fenſter mit Steinen und Eiſen, die man in der Schnelligkeit unterweges ſich verſchafft hatte, um die Thuͤrfluͤgel zu ſprengen, und das Eiſenwerk daran gewalt⸗ ſam los zu brechen; auch war die Arbeit bereits ſehr weit gedichen. Die Herren und Geſellen des Ladens waren waͤhrend deſſen an die Fenſter der obern Zimmer getreten. Sie hat⸗ ten den Hof entpflaſtert, waren mit einem ziemlichen Vor⸗ rath von Steinen verſehen, erhoben ein Geſchrei, und ga⸗ ben den Stuͤrmenden unten durch Mienen und Geberden zu verſtehen, ſie moͤchten ihren Vorſatz fahren laſſen; ſie zeigten die Steine, und wieſen ſich bereit, damit hinunter zu hageln. Die Drohung aber fruchtete nicht, und ſo fingen ſie wirklich an, ihre Geſchoſſe zu ſchleudern. Nicht ein einziger Stein flog vergebens gegen den Feind; das Gedraͤnge war ſo groß, daß kein Hirſekorn, wie man zu ſagen pflegt, zur Erde fallen konnte. „Die Schufte! die niedertraͤchtigen Seelen! Iſt das das Brodt, welches Ihr armen Leuten gebt?— Weh! Weh mir!— Ach!— Jetzt, jetzt! Jetzt haͤlt's an uns!— So ſchrie es von unten hinauf. Mehr als Einer ward uͤbel zugerichtet; zwei Knaben blieben auf der Stelle todt liegen. Mit der aufflammenden Wuth wuchs die Staͤrke der Menge; die Thuͤrfluͤgel, die eiſernen Gebaͤlke wurden niedergeſchmettert, und tobend ſtuͤrzte der Strom zu allen Oeffnungen hinein. Die Leute im Hauſe ſahen ihr Unheil vor Augen, und fuͤchteten ſich eiligſt nach dem Soller hinauf. Hier hielten ſich der Hauptmann, die Hellebardiere, und einige Mitglieder des Hauſes unter den Ziegeln ver⸗ ſteckt; Andre krochen zu den Bodenfenſtern heraus, und ſchlichen, wie Katzen, auf dem Gedache umher. Der Anblick der Beute unterdruͤckte bei den Siegern den Vorſatz, eine blutige Rache zu nehmen. Sie fallen üͤber die Kaſten her, das Brodt geht reißend ab. Andre dagegen ſtuͤrzen auf die Kaſſe zu, brechen das Schloß auf, — —— — 15— packen die Geldſchwingen, nehmen eine Hand voll nach der andern heraus, fuͤllen ſich die Taſchen, und kommen, mit kleiner Muͤnze beladen, zuruͤck, um nun gleichfalls Brodt zu erraffen, wenn noch etwas vorhanden. Darauf ergießt ſich der Strom in die inneren Vorrathskammern. Saͤcke werden betaſtet und ergriffen; dieſer ſchleppt einen aus ſeinem Winkel her, zerrt ihn raſch auf, und ſchuͤttet, um die Laſt fuͤr ſeine Schultern tragbar zu machen, einen Theil des Mehles an die Erde; Jener ſchreit:„Warte! warte!“ und buͤckt ſich darunter, um mit Tuͤchern und Kleidern den niederſtaͤubenden Segen aufzufangen; ein Andrer macht ſich an einen Backtrog, und laͤuft mit einem Klumpen Teig davon, welcher ſich in die Laͤnge zieht, und ihm nach allen Seiten hin entgleitet; ein Vierter hat einen Mehlbeutel erwiſcht, und traͤgt ihn hoch in die Luft em⸗ vorgehoben; ein Theil kommt, ein Theil geht, oder ſteht bei der Arbeit; Maͤnner, Frauen und Kinder draͤngen und werden gedraͤngt; getuͤmmelvolles Geſchrei erfuͤllt das Haus, und eine weiße Staubwolke, die uͤberall emporſteigt, uͤberall ſich niederſenkt, huͤllt jeden Menſchen und jeden Gegenſtand, wie ein weitverbreiteter Nebel/ ein. Vor der Thuͤre begegnen ſich waͤhrend deſſen die Wogen zweier entgegen geſetzten Zuͤge; Dieſe ſchlagen ſich mit ihrer Beute durch, Jene dringen nach der Thuͤre, um welche zu machen; Beide ſtuͤrmen gegen einander, und gerathen Einer durch den Andern in Verwirrung. Waͤhrend dieſer Baͤckerladen auf ſolche Weiſe gepluͤn⸗ dert wurde, war auch kein andrer in der Stadt ruhig und ohne Gefahr. Nirgends aber draͤngte ſich das Volk in ſo vielköpfiger Zahl zuſammen, um ſich Alles unterſtehen zu koͤnnen; in einigen hatten die Herren etwas Hülfsmann⸗ ſchaft zuſammengebracht, und ſtanden ſchlagfertig da;z an⸗ derwaͤrts, wo ſie an Armen ſich weniger zahlreich fuͤhlten oder von der Furcht mehr eingeſchuͤchtert waren, kam man von beiden Seiten in Vertraͤgen uͤberein; unter der Be⸗ dingung, ſich allſobald zu entfernen, erhielten die Empdͤ⸗ rer, die ſich bereits vor dem Eingang des Ladens aufgeſtellt hatten, Brodt. Dieſe machten ſich, ohne zu zoͤgern, nach Hauſe; nicht ſowohl, weil ſie ſich mit dem Erbeuteten vollkommen begnuͤgten, als weil die Hellebardiere und die Haͤſcherſchaar, vom furchtbaren Kruͤckenofen ſich weit ent⸗ fernt haltend, doch an andern Orten ſich ſehen ließen, und hier ſtark genug waren, um die kleinen Haͤuflein von Meutern in Reſpekt zu erhalten. So vermehrte ſich das Gewirre und das Zuſammenlaufen beſtaͤndig vor jenem unſeligen Ofen; denn wem die Haͤnde juckten, und das Herz nach einer ſchoͤnen Heldenthat verlangte, der nahm dort ſeinen Weg hin; die Freunde waren daſelbſt in ſtaͤr⸗ kerer Zahl, und die Strafloſigkeit gewiß. So ſtanden die Dinge, als Renzo, welcher eben, wie wir erzaͤhlt, ſein Brodt verzehrt hatte, durch die Vorſtadt des Thores gegen Morgen daher kam, und ohne es zu wiſſen, gerade nach dem Mittelpunkte des Aufruhrs ſeinen Weg nahm. Waͤhrend er ging, ward er von dem Gewuͤhl bald vorwaͤrts geſchoben, bald aufgehalten; zugleich merkte er im Gehen mit angeſtrengten Augen und Ohren auf, um aus dem verworrenen Geſumme der Geſpraͤche vom Stande der Dinge eine deutlichere Kenntniß zu erhaſchen. Die Reden, die er zur Rechten und Linken vernahm, mußten ihm bald den letzten Schleier luͤften. — 17— „Jetzt iſt doch endlich einmal,“ ſchrie der Eine,„die Gaunerliſt der Hundsfoͤtter entdeckt, die da immer ſagten, es ſey kein Brodt, kein Mehl, kein Getraide vorhanden. Jetzt liegt die Sache klar vor aller Welt Augen da, und ſie ſollen ſich nicht mehr unterſtehen, uns die Luͤge auf⸗ binden zu wollen. Segne uns Gott den Ueberfluß!“ „Wenn Ihr mich anhoͤren wollt, ſo hilft das Alles noch nichts“ entgegnete ein Anderer;'s iſt ein Loch im Waſſer, und's ſteht nur um ſo ſchlimmer, wofern nicht eine gute Gerechtigkeit mit ihrer Keule dreinſchlaͤgt. Das Brodt wird wohlfeil werden, dafuͤr laßt Euch nicht bange ſeyn; ſie werden's aber mit Gift pfeffern, um das arme Volk, wie Fliegen, hinſterben zu laſſen. Sie ſagen's ja ſchon, daß wir Unſrer zu viel ſeyen; in der Verſammlung des Gerichtshofes haben ſie ſich's verlauten laſſen, und das kann ich mit Gewißheit weiter erzaͤhlen, denn mit meinen eigenen Ohren hab' ich's von meiner Frau Gevatterin ge⸗ hoͤrt; die aber hat einen guten Freund, und das iſt ein Verwandter vom Kuͤchenjungen eines der Herren.“ Dinge, welche ſich kaum wieder erzaͤhlen laſſen, brachte mit ſchaͤumendem Munde ein Andrer vor, welcher auf den zerzauſten und blutigen Haaren ſeines Kopfes mit einer Hanrd ein zerfetztes Taſchentuch hielt. Ein daneben Stehen⸗ der ſprach, als wollt' er ihn troͤſten, ſeine Worte nach. „Platz, Platz, Leute! Seyd gebeten. Laßt einen ar⸗ men Hausvater durch, der ſeinen fuͤnf Kindern zu eſſen heimtraͤgt.— So ſprach Einer, der unter einem maͤchtig großen Mehlſack ſchwankend daherkeuchte, und Jeder wich bereitwillig zuruͤck, um ihm den Durchweg zu oͤffnen. „Ich?“ gab ein Andrer unter der Hand ſeinem Ge⸗ II.. 2 — 18— faͤhrten zu verſtehen,„ich ſchlage mich nach Hauſe durch. Ich kenne die Welt, und weiß aus Erfahrung, was der⸗ gleichen Geſchichten fuͤr ne Wendung zu nehmen pflegen. Alle die Schlingel, die jetzt ſo einen wuͤthenden Laͤrmen machen, hocken morgen oder uͤbermorgen in ihren Haͤuſern verſteckt, und wiſſen ſich vor Furcht nicht zu laſſen. Ich hab' ſchon ſo etliche Geſichter erkannt, etliche Edelleute, die herumziehen und aufpaſſen und ſich merken, wer da iſt oder nicht da iſt; wenn hernach Alles vorbei iſt, ſo wird Muſterung gehalten, und wen's dann trifft, der hat ſein Schmerzenslied zu pfeifen.“ „Derijenige, welcher die Baͤcker unter ſeine Fluͤgel nimmt/“ ſchrie eine klanghelle Stimme, die Renzo's Auf⸗ merkſamkeit beſonders feſſelte,„das iſt der Antibogt bei den offentlichen Speichern.“ „Sie ſind Alle Schurken, Alle,“ ſagte ein Anderer neben ihm. „FRreilich,“ entgegnete Jener,„der aber iſt der Erz⸗ ſchuft, der Leithammel.“ Der Amtsvogt, jaͤhrlich vom Statthalter aus ſechs Edelleuten, welche einen Ausſchuß der Decurionen bilde⸗ ten, erwaͤhlt, hatte im Gerichtshofe der oͤffentlichen Spei⸗ cher den Vorſitz. Dieſem Gerichtshof, welcher aus zwoͤlf Edelleuten beſtand, war der Ankauf und die Auflagerung des oͤffentlichen Getraides uͤbertragen. Ein Mann in ſol⸗ chem Amte mußte in einer ſtuͤrmiſchen Zeit, wo Hunger und Unwiſſenheit das Wort fuͤhrten, nothwendigerweiſe fuͤr den Urheber des Elends gelten. Ueberdies hatte er den Schritt, welchen Ferrer gethan, nicht zu thun gewagt; — — 19— denn wenn er ſelbſt damit umgegangen waͤre, ſo haͤtte es doch nimmermehr in ſeinen Kraͤften geſtanden. „Die Taugenichtſe!“ ließ ſich ein Andrer vernehmen. Maͤßt ſich ſchlimmer zu Werke gehen? Haben die bos⸗ hafte Keckheit gehabt, oͤffentlich zu behaupten/ der Groß⸗ kanzler ſey ein kindiſch gewordener alter Mann, meinten ihn damit um ſein Anſehen zu bringen, und allein das Kommando zu fuͤhren. Einen großen Huͤhnerſtall gebaut, und da das Suͤndengeſchmeiß hineingetrieben, damit ſie ſich den Bauch mit Wicken und Treſpen fuͤllen, wie ſie uns gern abſpeiſen moͤchten!““ Brodt? ſagte Einer, der eilig vorwaͤrts zu kommen ſuchte.„Brodt? Ei freilich, pfundſchwere Steine an den Kopf. Stuͤcke von der Groͤße, wie Hagel kamen ſie her⸗ unter gewettert. und was fuͤr zerquetſchte Nippen hat's da gegeben! Ich ſehe die Stunde nicht, wo ich nach Hauſe komme.“ Durch ſolche Geſpraͤche umlaͤrmt, die allerdings ihn weniger von den Ereigniſſen des Tages belehrten, als in ſprachloſes Staunen verſetzten, langte Renzo endlich, von kraͤftigen Ellenbogen weidlich geſtoßen, bei jenem Baͤcker⸗ laden an. Das Volk hatte ſich daſelbſt bereits ziemlich verlaufen, und ſo konnte er ſich von der traurigen, friſchen Verwuͤſtung hinlaͤnglich uͤberzeugen. Von den Mauern hatten Steine und Ziegel die Bekleidung abgeſprengt, und uͤberall gab es Loͤcher und Riſſe; die Fenſter ſtanden auf⸗ geriſſen, die Hausthuͤre eingeſchlagen. Das iſt denn doch wahrhaftig nicht huͤbſch, dachte Renzo; wenn ſie alle Oefen ſo zurichten, wo wollen ſie denn am Ende Brodt herkriegen? In den Brunnen etwa⸗ 1 — 20— Von Zeit zu Zeit kam Einer aus dem Hauſe hervor, und hatte ein Stuͤck von einer Kiſte, einem Backtrog oder einem Mehlkaſten in der Hand, die Stange einer Flachs⸗ breche, eine Bank, einen Flechtkorb, auch wohl ein Schrei⸗ bebuch, eine Papierſchachtel, oder ein Bruchſtuͤck von dem ungluͤcklichen Ofen; er rief:„Platz! Platz!“ und ſchritt durch die Leute. Alle dieſe wandten ſich ſodann nach der⸗ ſelben Seite, nach einem verabredeten Orte, wie man bald begreifen mußte. Renzo wollte auch ſehen, was es hier gaͤbe; er ging einem Manne nach, welcher aus geſpaltenen Brettern und Scheiten ſich ein Buͤndel gemacht, und es auf die Schultern genommen, hielt ſich hinter ihm, und ging, wie die Andern, die Gaſſe entlang, welche ſich an der Nordſeite 5 Domes hinzieht, und von den Stufen, die ſonſt daſe vorhanden, ihren Ramen hat. So ſehr es ihm auch darum zu thun war, die Vorgaͤngniſſe zu be⸗ obachten, ſo mußte er, in die Naͤhe des ungeheuren Ge⸗ baͤudes gelangt, als ein Fremdling aus dem Gebirge, ſtill⸗ ſtehen und mit offenem Munde hinauf ſchauen. Dann aber verdoppelte er ſeine Schritte, um den Mann, den er einmal zu ſeinem Wegweiſer erwaͤhlt hatte einzuholen; um die Ecke gekommen, warf er einen Blick auf die Vorder⸗ ſeite des Domes/ damals großentheils noch roh und von der Vollendung weit entfernt; dabei aber folgte er ſeinem Manne immer auf den Fuß, und dieſer nahm ſeine Rich⸗ tung nach der Mitte des Platzes. Je weiter man vorwaͤrts ſchritt, deſto dichter ſtanden hier die Leute neben einander; da der Mann aber zu tragen hatte, ſo machte man ihm Platz. So durchſchnitt er die Welle des Volkes, und Renzo, gleich hinter her in die leere Stelle hineinſchluͤp⸗ / — — 21— fend, gelangte mit ihm zum Mittelpunkte des Haufens. Hier oͤffnete ſich ein freier Raum, und mitten in dieſem ein ſchnell aufloderndes Feuer, ein Haufe von gluͤhenden Kohlen, und die Bruchſtuͤcke der obengenannten Werkzeuge darauf. Ringsumher ein ſchallendes Haͤndeklatſchen, ein Stampfen mit den Fuͤßen, ein gellendes Getoͤſe von Freu⸗ dengeſchrei und Fluͤchen. Der Mann mit dem Buͤndel ſtuͤrzt ſeine Laſt auf die Kohlen; ein Andrer hat den halbverbrannten Stumpf einer Schaufel in der Hand, ſchuͤrt die Gluth, und ſtöͤrt die Kohlen von unten und von den Seiten auf; der Rauch waͤchſt und wird zur dichten Wolke, die Flamme lodert wieder empor, und mit ihr zugleich erhebt ſich ein noch ſtaͤrkeres Geſchrei.—„Gott geſegn' uns den Ueberfluß! Den Aushungrern den Tod! Den Tod der Theuerung! Verrecken ſollen die Vorrathsmaͤnner, verrecken der Ge⸗ richtshof! Das Brodt, das Brodt ſoll leben!“ Die Wahrheit zu geſtehen, iſt die Zerſtoöͤrung der Mehl⸗ kaſten und der Backtroͤge, die Verwuͤſtung der Oefen und die Auspluͤnderung der Baͤcker, nicht eben das foͤrderndſte Mittel, um das Brodt hochleben zu laſſen; indeſſen iſt dies eine von den metaphyſiſchen Spitzfindigkeiten, und dieſe ſinden in die Koͤpfe der Menge keinen Eingang. Ohne jedoch ein großer Metaphyſiker zu ſeyn, verfaͤllt ein Menſch, der nen zum Handel dazu kommt, auch wohl von ſelbſt auf die Bemerkung; erſt wenn er viel daruͤber ſpricht und ſprechen hoͤrt, verliert er den ruhigen Geiſtesblick, um ſie zu begreifen. Unſerm Renzo war dieſer Gedanke in der That gleich anfangs in den Kopf gekommen, und kehrte ihm mit jedem Augenblick wieder. Indeſſen behielt —— ————— — 22— er ihn fuͤr ſich; denn unter ſo vielen Geſichtern ließ ſich auch nicht ein einziges ſinden, welches zu ſagen ſchien: Bruder, wenn ich Unrecht habe, ſo üriſe mich zurecht; ich werde es Dir danken. Schon hatte ſich die Flamme wiederum geſenkt; man ſah Niemanden weiter mit brennbaren Stoffen herbeikom⸗ men, und der Schwarm fing an ſich zu langweilen; da kam ploͤtzlich das Geruͤcht auf, am Corduſio, einem kleinen Platze in der Naͤhe, wo mehrere Straßen ſich kreutzen, habe man eben angefangen, einen Ofen zu ſtuͤrmen. Bei ſolchen Gelegenheiten giebt das Verkuͤnden eines Ereig⸗ niſſes ihm erſt die Entſtehung. Die Nachricht hatte kaum verlautet, ſo verbreitete ſich durch die Menge die Luſt, hin zu laufen.—„Ich gehe. Gehſt Du? Ich komme, laß uns gehen“— hoͤrte man von allen Seiten; die Schaar geraͤth in Bewegung, ſie bricht wimmelnd auf, und macht ſich auf den Weg. Nenzo blieb zuruͤck, und bewegte ſich bloß, in ſo fern er vom Strome mit fortge⸗ riſſen ward; waͤhrend deſſen uͤverlegte er, ob er ſich aus dem Gedraͤnge hinaus winden, und nach dem Kloſter zu⸗ ruͤckkehren ſollte, um den Pater Bonaventura aufzuſuchen, oder ob er auch dieſe neue Geſchichte mit anſaͤhe. Auch hier ſiegte die Neugier. Indeſſen nahm er ſich vor, in das Getuͤmmel des Haufens ſelbſt ſich nicht hinein ziehen zu laſſen; er hatte nicht Luſt, das Schauſpiel mit zerſtoße⸗ nen Gliedern zu bezahlen, oder wohl noch etwas Schlim⸗ meres zu wagen. Schon fuͤhlte er es ein wenig frei um ſich her, nahm das zweite Brodt hervor, ließ es ſich gleich⸗ falls ſchmecken, und folgte dem laͤrmenvoll ſich tummeln⸗ den Heere von fern. — — 23— Wo ſich im Seitenwinkel des Platzes die Straße oͤffnet, war dieſes Heer bereits in die kurze und enge alte Fiſcher⸗ gaſſe eingedrungen, und zog von dort aus, unter dem ſchraͤ⸗ gen Schwibbogen weg, auf den Budenmarkt. Waͤhrend man vor der Riſche vorbeiging, welche die Saͤulenhalle des da⸗ mals ſogenannten Doktorenkollegiums ziemlich in der Mitte ſcheidet, warfen wohl wenige nur der großen Bildſaͤule, die ſtattlich in derſelben emporſtieg, ihre Blicke nicht zu; mit ernſter, finſterer Grauenmiene ſtand Philipp der zweite da, erfuͤllte den Voruͤbergehenden auch als lebloſer Marmor mit dem Schauer der Ehrfurcht, und waͤhrend er den Arm ausſtreckte, ſchien er ſagen zu wollen: Ich bin hier, Lumpengeſindel! Dieſe Niſche ſteht jetzt leer, ein ſeltſames Ereigniß iſt daran Schuld. Etwa hundert ſiebzig Jahre nach der Be⸗ gebenheit, welche wir erzaͤhlen, wurde dem Steinbilde ei⸗ nes Tages ein andrer Kopf aufgeſetzt; man nahm ihr das Scepter aus der Hand, und gab ihr ſtatt deſſen einen Dolch. Darauf nannte man ſie Marcus Brutus. So verwandelt ſtand ſie einige Jahre etwa; eines Morgens aber warfen ihr verſchiedene Leute, die wahrſcheinlich Mar⸗ cus Brutus Geſinnungen nicht theilten, oder wohl ſelbſt einen heimlichen Groll gegen ihn hegten, einen Strick um den Hals, riſſen ſie nieder, und trieben ihren Spott mit ihr; nachdem ſie ſie verſtuͤmmelt und in einen un⸗ foͤrmlichen Stumpf verwandelt, ſchleppten ſie ſie drauf mit vielfachem Jubelgeſchrei durch die Straßen, und war⸗ fen ſie endlich, von der Hetzjagd ermuͤdet, ich weiß nicht — 24— in welchen Winkel. Das haͤtte Einer dem Andreas Biffi 2 da er ſie meißelte, vorherſagen ſollen! Vom Budenmarkte draͤngte ſich der ungeſtuͤme Schwarn in das Raſchmachergaͤßchen, und zerſtreute ſich ſodann auf den Corduſto. Sobald er den Fuß auf den Platz ge⸗ ſetzt, wandte ſich Jeder nach dem Baͤckerladen hin, wel⸗ chen das Geruͤcht angegeben. Sie hatten einen Schwarm von Freunden erwartet, die ſie bereits in voller Arbeit zu finden hofften; was ſie aber antrafen, waren einige We⸗ nige, welche muͤßig daſtanden, und in ziemlicher Entfer⸗ nung vom Laden unſchluͤſſig hin und her gingen. Der Laden war geſchloſſen, und an den Fenſtern ſtanden be⸗ waffnete Leute, welche es deutlich merken ließen, daß ſie ſich im Fall der Noth vertheidigen wuͤrden. Man blieb ſtehen oder wandte ſich; man erkundigte ſich bei den Hin⸗ zugekommenen, was fuͤr Schritte ſie wohl zu wagen ge⸗ daͤchten; verſchiedene machten kehrt, und hielten ſich von fern. Man geht auf einander zu, und haͤlt einander auf; der Eine fraͤgt, der Andre giebt Aufflaͤrung; ein allge⸗ meines Stehenbleiben, ein ſchwankendes Zoͤgern, ein ver⸗ worrenes Geſumſe rathhaltender Freibeuter. Mit einem Male aber laͤßt ſich mitten im Haufen eine unheilvolle Stimme hoͤren:„Hier dicht an iſt das Haus des Speicher⸗ vogts; laßt uns gehen, und uns Gerechtigkeit verſchaffen, wir wollen es pluͤndern.“— Es war, als erinnerte man ſich ploͤtzlich einer feſtgeſetzten Verabredung, nicht als *) Dieſer Künſtler iſt wahrſcheinlich derſelbe, welcher mit ſeinem Namensgenoſſen Filippo Giffi die Zeichnungen zu Ripamonti et Capellae Hist. Mediolanensis geliefert hat. D. L. — 25— naͤhme man einen bloßen Vorſatz an.—„Zum Speicher⸗ vogt! zum Speichervogt“— Das war der einzige Ruf⸗ der ſich unterſcheiden ließ. Und ſo ſetzte ſich der Haufe mit einſtimmiger Wuth gegen die Straße in Bewegung, wo das Haus ſtand, deſſen in ſo ungluͤcklichem Augenblicke Erwaͤhnung geſchehen. * 3 Zweites Kapitel. Der ungluͤckliche Amtsvogt der oͤffentlichen Speicher hatte eben ein unerbauliches Mahl gehalten, und verdaute das altbackene Brodt, welches er mit trauriger Eßluſt zu ſich genommen; er erwartete in reger Spannung, welch ein Ende dieſer Wetterſturm nehmen wuͤrde, war aber weit entfernt, ſich den Argwohn anwehen zu laſſen, daß er mit ſo entſetzlicher Wuth ihm auf das eigene Haupt da⸗ herſtuͤrzen koͤnne. Ein oder der andre Hausfreund lief dem Schwarm ſpornſtreichs voraus, und meldete die Gefahr, die ſich nah und naͤher waͤlzte. Die Diener, von dem Laͤrmen vor die Thuͤre gelockt, ſchauten verzagt die Straße entlang nach der Gegend, aus welcher das Getuͤmmel naͤ⸗ her ruͤckte. Waͤhrend ſie Nachrichten anhoͤren, ſehen ſie den Vortrab ſchon erſcheinen; in aͤngſtlichſter Eile wird die Kunde dem Hausherrn uͤberbracht, und waͤhrend dieſer auf die Flucht, auf die Art der Flucht denkt, uͤberlaͤuft ihn ſchon ein Zweiter, und meldet ihm, es ſey zum Flie⸗ hen zu ſpaͤt. Kaum haben die Diener noch Zeit, die Thuͤre zu ſchließen. Sie ſchieben die Balken vor, ſenken die Stuͤtzeiſen ein, und ſtuͤrzen fort, um auch die Fenſter wohl - — — 26— zu verwahren, wie wenn man ein ſchwarzes Ungewitter herbeizichen ſieht, und von einem Augenblick zum andern den herabſtuͤrmenden Hagel erwartet. Das ſteigende Ge⸗ heul, wie ein Donner durch die Luͤfte brauſend, ſchallt im leeren Hofe erſchuͤtternd wieder, jeder Schlupfwinkel im Hauſe droͤhnt davon, und mitten im weitverbreiteten, viel⸗ ſtimmigen Laͤrmen hoͤrt man die Steinwuͤrfe gegen die Thuͤre immer heftiger krachen, immer dichter anf einande folgen./ „Der Speichervogt! Der Tyrann! Der Aushungerer! Den wollen wir, lebendig oder todt!“ In athemloſer Beaͤngſtigung lief der arme Ungluͤck⸗ liche halb todt von Zimmer zu Zimmer irrend umher, fal⸗ tete ungeſtuͤm die Haͤnde, empfahl dem Himmel ſein Heil, und bat ſeine Diener, ſich wacker zu halten, und ein Mit⸗ tel, wie er entwiſchen koͤnne, ausfindig zu machen. Aber wie und auf welchem Wege? Er ſtieg auf den Söller, guckte durch ein Loch zwiſchen der oberſten Zimmerdecke und dem Dache beklommen in die Straße hinab, und ſah ſie von wuͤthenden Menſchen bis zum Sticken voll; er hoͤrte die Stimmen, die ſeinen Tod begehrten, und verwirrter noch vor Angſt zog er ſich zuruͤck, um den ſicherſten und entlegenſten Birgwinkel zu ſuchen. Zuſammengekauert horchte er hier, horchte, ob das unheilvolle Geſprudel der Entruͤſtung vielleicht ſchwaͤcher wuͤrde, ob das Getuͤmmel ein wenig nachließe; da er aber ſtatt deſſen das Geheul wilder nnd rauſchender ſich erheben merkte, da er das Klopfen und Pochen gedraͤngter ſchallen hoͤrte, umklam⸗ merte ihm die kalte Todesangſt auf's Neue das Herz, und außer ſich vot Furcht, hielt er beide Ohren mit den Fin⸗ — 27— gern zu. Dann knirſchte er, vor Verzweiflung ſchier den Verſtand verlierend, mit den Zaͤhnen, verzerrte grimmig das Geſicht, ſtreckte die Arme aus, und ſtemmte ſich zum Kampfe, als wollte er die Thuͤre muthig in eigener Perſon vertheidigen. Wie er uͤbrigens ſich benahm, laͤßt ſich frei⸗ lich ſo ganz genau nicht wiſſen, indem er allein war; die Geſchichte iſt alſo gezwungen, es zu errathen. Ein Gluͤck, daß wir aus Gewohnheit damit ein wenig Beſcheid wiſſen. Renzo befand ſich dießmal in der eigentlichen Maſſe der Empoͤrung; nicht von der wogenden Menge hinein ge⸗ tragen, mit gutem Vorbedacht hatte er ſich der Meute ge⸗ ſellt. Bei der erſten Forderung des Blutdurſtes, fuͤhlte er, wie ſein eigenes Blut in den Adern erſtarrte. Was die Pluͤnderung betraf, war er allerdings nicht ganz mit ſich einig, ob ſie in dieſem Falle erlaubt oder ſuͤndlich waͤre; der Gedanke aber, daß von Abſchlachtung eines Menſchen die Rede, erfuͤllte ihn unmittelbar mit dem eigentlichen Schauder des Abſcheus. Leidenſchaftliche Gemuͤther beſiz⸗ zen eine unheilbringende Gelehrigkeit; was die Andern in Leidenſchaftlichkeit ihnen vorreden, glauben ſie augenblick⸗ lich, und ſo war auch Renzo vollkommen uͤberzeugt, daß der Speichervogt die erſte Urſache der Hungersnoth, der große Schuldige ſey. Die Ermordung des Schuldigen aber war ihm ein Graͤuel; da er nun bei'm erſten Aufbrechen des Schwarmes zufaͤllig einige Worte gehoͤrt hatte, die einen Fingerzeig enthielten, es ſeyen einige Willens, um den Mann zu retten, ſich keine Anſtrengung verdrießen zu laſ⸗ ſen, ſo hatte er ploͤtzlich den Entſchluß gefaßt, zu einem ſo loͤblichen Werke das Seinige gleichfalls beizutragen; in ——— —— — dieſer Abſicht draͤngte er ſich nah an die Thuͤre mit vor, gegen welche auf hundertfache Weiſe gewaltſam verfahren ward. Der Eine ſchlug mit Steinen gegen die Naͤgel des Schloſſes, um es zu zertruͤmmern; der Andre lief mit Brech⸗ eiſen, mit Meißel und Hammer herbei, und ſuchte das Werk kunſtgerechter zu betreiben; Andre ſchabten mit ſcharfen Kieſeln, mit abgebrochenen Meſſern, mit alten Hufeiſen, mit Naͤgeln und ſelbſt mit ihren eigenen Fingern, wenn ſonſt nichts da war, die Mauer ab, fuhren die Ritzen zwi⸗ ſchen den Steinen entlang, und verſuchten dieſe nach und nach herauszuheben, um eine Breſche zu machen. Wer ſelbſt nicht Hand anlegen konnte, ſuchte den Andern durch Zu⸗ ruf Muth zu machen; aber mittelſt dieſes Ermunterns und Draͤngens hemmten ſie die Arbeit, welche ſchon durch den ordnungsloſen Wetteifer der Beſchaͤftigten von ſelbſt ſich hinderte; denn durch die Guͤte des Himmels ereignet ſich bisweilen bei boͤſen Thaten, was bei guten nur allzu oft geſchieht, daß zu hitzige Befoͤrderer ein Hinderniß werden. Die obrigkeitlichen Perſonen, die zuerſt eine Nachricht vom Laͤrm erhielten, ſchickten ſogleich zum Befehlshaber der Feſtung, die ihren Namen damals vom Gioviathore ent⸗ lehnte, und forderten eine Unterſtuͤtzung an Kriegsleuten. Er ſandte ihnen eine Fahne zu. Waͤhrend aber die Nach⸗ richt ankam, der Befchl erſchien, die Schaar ſich verſam⸗ melte, ſich auf den Weg machte, und das Haus erreichte, befand ſich dieſes von zahlloſen Angreifern ſchon belagert; ziemlich weit davon, am aͤußerſten Rande des Gedraͤnges, machten die Kriegsleute Halt. Der Offizier, der ſie befeh ligte, wußte nicht, welchen Weg er einzuſchlagen habe. Dort war im Grunde nichts weiter als ein zuſammenge⸗ — 29— laufenes Volk, an Alter und Geſchlecht verſchieden, muͤßig und waffenlos. Sobald man ihnen andeutete, ſie ſollten auseinander gehen und Platz machen, antworteten ſie mit einem dumpfen, weithin hallenden Gemurre; Keiner be⸗ wegte ſich von der Stelle. Auf die Maſſe Feuer geben, ſchien dem Offizier nicht nur eine grauſame, ſondern auch eine gefahrvolle Sache; es beleidigte die weniger Schreck⸗ lichen, und wuͤrde die Gewaltthaͤtigen erſt reizen; uͤbrigens hatte er auch dazu durchaus keine Anweiſung. Das erſte Gedraͤnge luͤften, es zur Rechten und Linken aus einander treiben, und dann vorwaͤrts ruͤcken, um den Krieg gegen denjenigen zu fuͤhren, der ihn beginnen wuͤrde, das waͤre das Beſte geweſen; es aber mit Erfolg auszufuͤhren, da ſaß die Schwierigkeit. Wer wußte, ob die Soldaten an einander geſchloſſen und in Ordnung wuͤrden vorruͤcken koͤnnen? Wenn ſie, ſtatt den Haufen von einander zu rei⸗ ßen, ſelbſt ſich unter ihn zerſtreut verloͤren, ſo wuͤrden ſie ſich, nachdem ſie ſeine Wuth angefacht, gaͤnzlich in ſeiner Gewalt ſehen. Die Unentſchloſſenheit des Anfuͤhrers und die Unbeweglichkeit der Kriegsmaͤnner hatte, mit Recht oder Unrecht, das Anſehen von Furcht. Indeſſen begnuͤgte ſich das Geſindel, welches ſich dicht neben ihnen befand, mit einer Miene, als wenn die Mallaͤnder zu ſagen pfle⸗ gen: Wo Du biſt, da lach' ich! ihnen in's Geſicht zu ſe⸗ hen; die ein wenig weiter fort ſtanden, konnten ſich nicht enthalten, ſie mit haͤmiſchen Grimaſſen und mit verſpotten⸗ dem Zuruf zu necken; noch weiter hin wußte man nicht oder kuͤmmerte ſich wenig darum, wer da waͤre; die Zerſtoͤ⸗ rer fuhren fort, auf die Mauer loszugehen, und hatten nichts Anders im Sinne, als ſo bald als moͤglich mit ih⸗ — 30— rer Arbeit auf's Reine zu kommen; die Zuſchauer licßen nicht ab, ſie durch ihr Geſchrei zu ermuntern. unter dieſen trat, ſelbſt ein Schauſpiel, ein Greis von widrigem Anſehen hervor, riß die beiden hohlen flammenden Augen weit auf, verzerrte ſeine Unholdszuͤge zum Schmun⸗ zeln einer teufliſchen Freundlichkeit, hielt uͤber ſein ſpaͤrlich behaartes graues Haupt die Haͤnde empor, ſchwang in der Luft einen Hammer, einen Strang und vier große Naͤgel, und ſagte, er wolle damit den Speichervogt, ſobald er ſeine Hoͤllenſcele ausgeaͤchzt habe, an die Pfoſten ſeiner eigenen Thuͤre nageln. „Herr Gott, ſchaͤmt Euch!“ brach Renzo los, den bei dieſen Worten ein Schauder durchrann. Auf vielen Ge⸗ ſichtern ſtand es freilich zu leſen, wie ſie ſich erbaulich an den blutgierigen Worten des Alten labten; Andre aber, ob⸗ gleich ſie kein Wort hoͤren ließen, verriethen dennoch den Abſcheu, welcher ihn ſelbſt erfuͤllte, und dieß machte ihm Muth.—„Schaͤmt Euch!“ fuhr er fort.„Wollen wir vom Schinder das Handwerk vorgen? Einen Chriſtenmen⸗ ſchen um's Leben bringen! Wie wollt Ihr, daß Gott uns Brodt ſchenke, wenn wir derlei Miſſethaten begehen? So wird er uns ſeine Blitze herabſchicken, nicht Brodt.“ „Du Hund! Du Verraͤther Deines Vaterlandes!“ ſchrie ihm mit geſpenſterartigem Wuthgeſichte, raſch ſich nach ihm umdrehend, Einer von denen zu, welche durch den Laͤrm hindurch die kindlich frommen Worte, die er ge⸗ ſprochen, hatten vernehmen koͤnnen.—„Warte, warte! S iſt Einer von des Speichervogts Leuten, als ein Auslaͤnder verkappt, ein Spion! Los auf ihn! Gebt ihm ſein Theil!“ — Hundert Stimmen ſchallen ringsum empor:—„Wer — 34— iſtes? Wo ſteckt er? Was iſt's fuͤr ein Halunk'?— Ein Bedienter des Speichervogts.— Ein Spion.— Der Spei⸗ chervogt, als Auslaͤnder vermummt, er iſt's ſelbſt, ſucht ſich weg zu ſchleichen.— Wo iſt er? Wo? Auf ihn los! Auf ihn los!“ Renzo verſtummt, kriecht kleinlaut zuſammen, und moͤchte gern ſich davon machen; Einige von den Naͤchſten um ihn leihen ihm ihren Beiſtand, ſich zu verſtecken; durch lautes und anderartiges Geſchrei ſuchen ſie jene feindſeli⸗ gen Mordſtimmen zu verwirren. Was aber mehr als alles Andre zu ſeinem Entkommen beitrug, war ein„Platz! Platz!“ welches ganz nahe ſich hoͤren ließ:„Platz! Die Huͤlfe iſt da, Platz, he!“ Was war es? Eine hoͤlzerne Leiter, die Einige herbei⸗ trugen, um ſie an das Haus anzulegen, und ſo in ein Fen⸗ ſter zu ſteigen. Was aber die Sache leicht gemacht haͤtte, war gluͤcklicherweiſe ſelbſt nicht leicht auszufuͤhren. Die Traͤger ſowohl am einen und am andern Ende, als zu bei⸗ den Seiten die Leiter entlang, wurden vom Gedraͤnge ge⸗ ſtoßen, in Unordnung gebracht und geriethen in Schwan⸗ ken; der Eine, der mit dem Kopf zwiſchen zweien Stufen ſteckte und auf den Schultern die Seitenleiſten liegen hatte, ſah ſich wie unter einem hin und hergeſchleuderten Joche erdruͤckt, und bruͤllte vor Angſt; der Andre wurde durch einen Stoß von ſeiner Laſt weggetrieben; die verlaſ⸗ ſene Leiter ſiel auf Koͤpfe, Schultern und Arme nieder, und nun denke man ſich, was die Beſitzer dieſer getroffenen Theile ſagten. Andre indeſſen heben die geſunkene Laſt mit Haͤnden in die Hoͤhe, ſtellen ſich darunter, nehmen ſie auf die Schultern, und rufen:„So wollen wir's denn durch⸗ — 322— ſetzen, kommt!“— Stoßweiſe hin und her geſchleudert, bald gerade, bald ſchief, bewegt ſich die verhaͤngnißvolle Maſchine vorwaͤrts. Sie kam zur rechten Zeit, um Ren⸗ zo's Angreifer von einander zu ſtoͤren und in Unordnung zu bringen. Der Bedrohte machte ſich die Verwirrung zu Nutze, duckte ſich anfangs darunter fort, arbeitete dann mit den Ellenbogen, ſo ruͤſtig er konnte⸗ und entfernte ſich von dem Punkte, wo die Luft fuͤr ihn ſo gefaͤhrlich war, mit der Abſicht, ſobald als moͤglich ſich uͤberhaupt aus dem Getuͤmmel fort zu machen, und den Pater Bonaventura aufzuſuchen oder zu erwarten. Da pflanzt ſich unverſehens eine Bewegung, welche am einen Ende angefangen, durch die Menge hindurch, ein neues Geruͤcht verbreitet ſich, laͤuft ziſchelnd von Munde zu Munde, von Haufen zu Haufen.—„Ferrer! Ferrer!“ heißt es. Wo immer der Name ſich hoͤren laͤßt, erſtaunt Dieſer, freut ſich Jener, macht ein Andrer eine veraͤcht⸗ liche Miene, iubelt ein Vierter⸗ verraͤth ein Fuͤnfter ſeinen Unwillen. Der Eine ſchreit die Kunde nach, der Andre will ſie unterdruͤcken; Dieſer behauptet es, Jener will nichts davon wiſſen; hier wird dem Himmel gedankt, dort geflucht. „Ferrer iſt hier!— Nicht wahr,'s iſt'ne Luͤge!— Ja, ia. Ferrer lebe! Ferrer, der uns wohlfeiles Brodt ver⸗ ſchafft.— Nein, nein!— Da iſt er, da iſt er in der Kut⸗ ſche!— Was will der? Was hat der hier zu ſchaffen? Wir brauchen keinen.— Ferrer! Ferrer lebe! Der armen Leute Freund! Er kommt, den Speichervogt gefangen zu nehmen. — Weg damit, wollen uns ſelber Gerechtigkeit verſchaffenz zuruͤck mit ihm, zuruͤck!— Ja, ja⸗ Ferrer, Ferrer ſoll kom⸗ men; in's Gefaͤngniß mit dem Speichervogt!“ — 33— Alle zugleich ſtellen ſich auf die Zehen, und recken die Haͤlſe in die Hoͤhe, um dem unerwarteten Ankoͤmmling entgegen zu ſehen. Waͤhrend Alle ſich erhoben, bekam ein Jeder nicht mehr und nicht weniger zu ſehen, als wenn ſie mit den Ferſen ruhig an der Erde geblieben waͤrenz nichts deſto weniger aber fuhren alle mit den Koͤpfen empor. Wirklich kam am Ende des Haufens, der Seite, wo ſich die Soldaten aufgeſtellt hatten, gegenuͤber, Antonio Ferrer, der Großkanzler, in ſeiner Kutſche daher gefahren; es war ihm wahrſcheinlich auf's Gewiſſen gefallen, daß er durch ſeine verkehrten Befehle und durch ſein rathverach⸗ tendes Benehmen zu dieſem Meuteſturme die Urſache, oder wenigſtens die Gelegenheit gegeben, und ſo erſchien er in der Abſicht, die Beſaͤnftigung deſſelben zu verſuchen, oder die ſchrecklichſten Wirkungen, welche ſich nicht wieder gut machen laſſen, vorbeugend abzuleiten. Bei Volksaufſtͤnden findet ſich immer eine gewiſſe Zahl von Menſchen, welche aus erhitzter Leidenſchaft oder wildverblendeter Ueberzeugung, aus frevelhaftem Vorſatze oder aus heilloſem Wohlgefallen an der Verwuͤſtung, das Uebel aus allen Kraͤften bis zum ſchrecklichſten Punkte zu treiben ſuchenz die frevelſuͤchtigſten Vorſchlaͤge werden von ihnen erſonnen oder befoͤrdert; ſo oft die Flamme einen „Augenblick matter zu lodern beginnt, fachen ſie geſchaͤftig ſie wieder empor; die Welle des Verderbens ſteigt ihnen niemals hoch genug, und weder mit Maaß noch mit Ziel iſt ihnen bei dem Tumulte gedient. Ihnen aber wirkt je⸗ derzeit auch eine gewiſſe Zahl von andern Menſchen entge⸗ gen, denen es, vielleicht mit der nehmlichen Hitze und der nehmlichen Unbeſtaͤndigkeit, um die entgegengeſetzte Wir⸗ III. 3 3 1 — 34— kung zu thun iſt; Manche, durch Freundſchaft und beſon⸗ dere Vorliebe fuͤr die bedrohten Perſonen bewogen, Manche ohne einen andern Beweggrund als eine fromme angebo⸗ rene Scheu vor dem Blute und vor gewaltſamen Schritten. Der Himmel ſchenke ihnen ſeinen Segen! In beiden ein⸗ ander entgegengeſetzten Theilen bewirkt die Gleichfoͤrmig⸗ keit der Wuͤnſche, ohne daß eine Uebereinkunft vorherge⸗ gangen, eine augenblickliche Eintracht bei den Schritten, die gethan werden ſollen. Die Maſſe, der Laͤrmſtoff des Aufruhrs, iſt ein ungleichartiger Zuſammenfluß von Men⸗ ſchen, welche mehr oder weniger in unzaͤhlbaren Abſtufun⸗ gen ſich zu der einen oder der andern Seite neigen; etwas heißkoͤpfig, etwas ſchurkenhaft, etwas zur ſogenannten Ge⸗ rechtigkeit, was ſie darunter verſtehen, geneigt, auch wohl luͤſtern, an einem garſtigen Streiche ihr Auge zu weiden, be⸗ reit zur Wildheit wie zum Mitleiden, zur Vergoͤtterung wie zur Verfluchung, je nachdem ſich die Gelegenheit darſtellt, die eine oder die andre Empfindung mit voller Gewalt wirken zu laſſen; jederzeit ſehnen ſie ſich danach, etwas Auffallendes zu hoͤren und zu glauben, muͤſſen immer ſchreien, und hin⸗ ter irgend Einem her ihren Beifall oder ihren Unwillen ſtuͤrmiſch zu erkennen geben. Er lebe und er ſterbe! dieſe beiden Worte fuͤhren ſie am liebſten im Munde; wer ſie nur erſt uͤberredet hat, daß irgend wer nicht geviertheilt z3u werden verdient, der bedarf nicht vieler Worte, um ſie zu uͤberzeugen, daß dieſer Mann werth ſey, im Triumphe durch die Straßen getragen zu werden; ſie ſind handelnde Mit⸗ glieder, Zuſchauer, Werkzeuge und hindernde Gegner, je nachdem der Wind blaͤſt; giebt ihnen Niemand weiter Worte an die Hand ſo bequemen ſie ſich ſelbſt zum Still⸗ ſchweigen; ſie laſſen ihre Vorſaͤtze fahren, ſobald es an Auf⸗ hetzern gebricht, zerſtreuen ſich, wenn viele Stimmen eines Sinnes, und ohne Widerſpruch zu finden, zum Weggehen auffordern, ſchleichen nach Hauſe, und fragen Einer den Andern: Was iſt denn eigentlich geweſen? Indem aber dieſe Maſſe die meiſte Staͤrke hier beſitzt, oder vielmehr die Staͤrke ſelbſt iſt, ſtrengen beide thaͤtigen Partheien all ihren erfinderiſchen Eifer an, um ſie auf ihre Seite zu ziehen, und ſich derſelben zu bemaͤchtigen; zwei feindliche Seelen gleichſam, welche einander bekaͤmpfend ihren Eintritt in den rieſenhaften Koͤrper ſuchen, und ihn ſodann in lebendige Bewegung ſetzen. Hier gilt's, Geruͤchte auszuſprengen, welche die ſchlummernden Leidenſchaften am beſten aufruͤt⸗ teln, und den Bewegungen zu Gunſten der einen oder der andern Abſicht die paſſendſte Nichtung geben; hier gilt's, zur rechten Zeit Neuigkeiten zu erſinnen, welche den Un⸗ willen ſpornen oder ſchwaͤchen, mit Hoffnungen oder Schre⸗ cken die Gemuͤther erfuͤllen; hier gilt's, ein Aufruhrgeſchrei zu finden, das immer vielfaͤltiger, immer ſtuͤrmiſcher wie⸗ derholt, den Wunſch der Mehrzahl, wie er der einen oder der andern Parthei ſich naͤhert, zu gleicher Zeit ausdruͤckt, bezeugt und erſchafft. Was hier ſo eben mit loͤblichem Scharfſinn auseinander geſetzt worden, ſoll bloß dem Leſer deutlicher erklaͤren, wie im Wettkampfe der beiden Partheien, welche die Wuͤnſche der ver⸗ ſammelten Volksmenge vor dem Hauſe des Sprichervogtes einander abzuringen ſuchten, die Erſcheinung des Kanzlers in einem einzigen Augenblick den menſchlicher Geſinnten das Uebergewicht verſchaffte. Denn ſchon hatten dieſe augen⸗ ſcheinlich den Kuͤrzeren gezogen, und waͤre die Huͤlfe um wenige Minuten ſpaͤter angelangt, ſo haͤtte ihnen zum — 36— Kampfe die Kraft und ſelbſt das Ziel gefehlt. Antonio Ferrer war der Menge genehm; ſeine Erfindung war der Brodtpreis geweſen, deſſen ſich die Kaͤufer freuten, und mit heldenmaͤßigem Starrſinn hatte er allen Vernunftgruͤnden,. welche zum Gegentheile riethen, das Gehoͤr verſagt. Wa⸗ ren ihm die Gemuͤther ſchon vorher zugethan, ſo bezauberte ſie jetzt das muthige Vertrauen des alten Mannes, der ohne Leibwache, ohne alle Anſtalt zur Vertheidigung, eine ſo grimmſchnaubende, eine ſo ſtuͤrmiſch empoͤrte Menge aufzu⸗ chen kam. Ueberdieß hieß es, er komme, den Speichervogt in's Gefaͤngniß zu werfen, und dieß Geruͤcht war von wun⸗ derbarer Wirkung. Wer herbeigeeilt waͤre, um der Wuth 3 des Volkes zu trotzen, und zum Nachgeben ſich durchaus nicht verſtand, gegen den haͤtte ſie ſich auf jeden Fall mit heftigerer Gluth erhoben; bei dieſem Verſprechen einer Ge⸗ n nugthuung dagegen, oder wie unſre Mallaͤnder ſich aus⸗ druͤcken, da der Hund dieſen Knochen im Maule hatte, be⸗ ſchwichtigte der Sturm ſich ein wenig, und geſtattete den S 3 entgegengeſetzten Empfindungen, welche in vielen Gemuͤ⸗ 4 thern bereits ſich entfalteten, etwas Raum. . Die Freunde der Ruhe athmeten auf⸗ und ſuchten dem 1 Kanzler auf jede Weiſe Beiſtand zu leiſten; die Naͤchſten um ihn ſtrengten ſich an, durch ihren gruͤßenden Zuruf das Beifallsgeſchrei der Menge zu wecken, und draͤngten, ſo gelinde es ſich thun ließ, das Volk zuruͤck, um einen Durchweg fuͤr die Kutſche zu oͤffnen; die Uebrigen brachten hym ihr Lebehoch, wiederholten ſeine Worte und ließen ſͤie 1 umher wandern, oder riefen ihren Nachbaren zu, was er allenfalls geſagt haben koͤnnte; ſie ſuchten mit ihrer Stimme die wutherfuͤllten Starrkoͤpfe zu uͤbertoͤnen, und die neue — 37— Gemuͤthsbewegung der ſchwankenden. Verſammlung gegen ſie zu lenken. „Wo giebts hier Einen, der gegen den Ruf: Ferrer lebe hoch! etwas einzuwenden hat? Was, du willſt etwa nicht, daß wir das Brodt um wohlfeilen Preis kaufen? Schurken ſind ſie, die von chriſtlicher Gerechtigkeit nichts wiſſen moͤgen, und es ſtecken hier welche drunter, die lau⸗ ter als die Andern kreiſchen, um den Speichervogt entwi⸗ ſchen zu laſſen. In's Gefaͤngniß mit dem Vogt! Ferrer lebe! Laßt Ferrer durch!“ Je lauter ſich dieſe Geſinnung durch wiederhohltes Geſchrei kund that, deſto kleinmuͤthiger neigte ſich die Kuͤhnheit der entgegengeſetzten Parthei. So ließen es denn Jene beim Verweiſe nicht bewenden; ſie gingen auf die Ei⸗ genſinnigen, die in der Zerſtoͤrung des Hauſes noch immer fortfuhren, gebieteriſch los, ſtießen ſie zuruͤck, und riſſen ihnen die Werkzeuge aus den Klauen. Dieſe knirſchten vor Erboßung, ließen gleichfalls Drohungen fallen, und ſuchten wieder zu Kraͤften zu gelangen; die Sache der Mordluſt aber war verloren, und das vorherrſchende Ge⸗ ſchrei blieb: Gefaͤngniß, Ferrer, Gerechtigkeit! Nach kur⸗ zem Handgemenge waren die Stuͤrmer zuruͤckgetrieben; die Andern bemaͤchtigten ſich der Thuͤre, vertheidigten ſie ge⸗ gen jeden neuen Angriff, und ſuchten fuͤr den Kanzler den Eintritt moͤglich zu machen; Einige derſelben riefen durch die Oeffnungen, an denen es ſchon nicht mehr fehlte, in's Haus hinein, gaben den Bewohnern von der angelangten Huͤlfe Nachricht, und riethen, der Speichervogt moͤchte ſich fertig halten,„auf der Stelle in's Gefaͤngniß zu wandern; he, habt Ihr verſtanden?“. „Iſt denn das der Ferrer, der die Verordnungen aus⸗ fertigen hilft?“ fragte unſer Renzo einen Mann, welcher neben ihm ſtand; denn allſobald war ihm jenes vidit Fer- rer eingefallen, welches ihm der Doktor Knotenhauer un⸗ ter dem Regierungsbefehl gezeigt, und ihm in's Ohr ge⸗ ſchrien hatte. „Freilich, der Großkanzler,“ ward ihm geentwyortet S iſt ein wackerer Mann, nicht wahr?“ „Ei, weit mehr noch als vloß ein wackerer Mann! Er eben hat uns das Brodt zu wohlfeilem Preiſe verſchafft; das ſtand ihnen aber nicht an, und nun kommt er her, um den Speichervogt in's rechte Loch zu ſchmeißen, weil er ſich ſuͤndlich benommen hat.“ Es braucht nicht erſt geſagt zu werden, daß unſer Fremdling augenblicklich fuͤr Ferrer eingenommen war. Er wollte ſogleich ihm entgegen gehen, aber das war nicht leicht; indem er es jedoch als ein vuͤſtiger Bergbewohner an Stoͤßen mit Schultern und Ellenbogen nicht fehlen ließ, machte er ſich gluͤcklich Platz, und kam in die erſte Reihe zu ſtehen, der Kutſche dicht zur Seite. Dieſe war bereits ein wenig in's Gedraͤnge vorgeruͤckt, und ſtand eben ſtill, durch ein Hinderniß, wie es unter ſol⸗ chen Umſtaͤnden unvermeidlich und gewoͤhnlich, aufgehalten. Der alte Ferrer ließ bald durch das eine, bald durch das andre Fenſter des Kutſchenſchlages ein leutſeliges Geſicht, voller Liebe und herablaſſender Freundlichkeit, blicken, ein Geſicht, welches er ſich jederzeit fuͤr die Erſcheinung vor Philipp dem Vierten als Ruͤckhalt bewahrt hatte; indeſſen mußte er es bei dieſer Gelegenheit ſchon einmal drauf ge⸗ hen laſſen. Er ſprach, aber das Geſchrei und das Geſumſe — 39— ſo vieler Stimmen, die Jubelgruͤße ſelbſt, die man ihm entgegen gellte, ließen nur leiſe und Wenigen nur ſeine Worte zu Ohren kommen. So half er ſich denn durch Geberden; bald legte er die Fingerſpitzen an die Lippen, und druͤckte ihnen einen Kuß auf, welchen die Haͤnde, ſchnell ſich loͤſend, nach allen Seiten hin als Bethenerung ſeines Dankes fuͤr das oͤffentliche Wohlwollen vertheilten; bald ſtreckte er die Arme durch die Fenſter, und machte eine leichte Bewegung damit, um ſich Platz zu erbitten, bald ſenkte er ſie hoͤflich, und druͤckte ſo ſein Geſuch um Still⸗ ſchweigen aus. Sobald ſich das Getoͤſe auf einen Augen⸗ blick gelegt hatte, vernahmen die Naͤchſten umher ſeine Worte, und ſprachen ſie nach.—„Brodt, Ueberfluß. Ich komme, um Euch Gerechtigkeit zu verſchaffen; nur ein we⸗ nig Platz, bitt' ich.“— Ueberſchrien und durch das Ge⸗ toͤne ſo zahlloſer Stimmen wie erſtickt, zog er ſich bei'm Anblick ſo vieler gedraͤngter Geſichter, ſo vieler beobachten⸗ der Augen, einige Minuten zuruͤck, blies die Backen auf, aͤchzte, ſeine Beklemmung zu erleichtern, und ſagte:„Alle Hagel, was fuͤr Volk!*) „Ferrer lebe! Keine Furcht, Herr Staatskanzler! Der Herr Staatskanzler ſind ein wackerer Mann. Brodt! Brodt!“ „Ja⸗ Brodt, Brodt!“ erwiederte Ferrer,„im Ueber⸗ fluß; ich verſprech' es Euch.“— Dabei legte er die rechte Hand auf's Herz.—„Ein wenig Platz,“ rief er drauf mit der ganzen Gewalt der Stimme, deren er faͤhig war, *) Die Stellen, welche in unſrer Ueberſetzung mit Schwabacher Lettern erſcheinen, hat das Original in ſpaniſcher Sprache. D. L. — 40— vich komme, ihn in's Gefaͤngniß zu ſetzen, die verdiente Strafe uͤber ihn zu verhaͤngen... wofern er ſchuldig iſt,“ fuͤgte er kleinlaut hinzu.— Darauf neigte er ſich nach vorn zum Kutſcher hin, und rief ihm haſtig zu:„vor⸗ waͤrts, pedro, wenms Dir moͤglich.“ 3. Der Kutſcher laͤchelte gleichfalls mit einer erzwunge⸗ nen Hoͤflichkeit der Menge ſein Wohlwollen zu, als ſteckte eine Perſon von der hoͤchſten Bedeutung in ihm; mit einer Zierlichkeit, die ſelbſt geſehen ſeyn will, ließ er zur Rech⸗ ten und Linken behutſam die Peitſche walten, und erſuchte die unbequemen Nachbaren, ſich beſcheiden ein wenig zu⸗ ruͤckzuziehen.—„Mit Erlaubniß, meine Herren,“ klang ſeine Bitte;„ein Bischen Platz, nur ein ganz klein Bis⸗ echen Platz; keinen Fingerbreit mehr, als zum Durchkom⸗ men Noth.“ 8 Waͤhrend deſſen bemuͤhten ſich die thaͤtigeren Goͤnner⸗ den Wunſch um Raum, welcher ſo hoͤflich geaͤußert wor⸗ den, zu befriedigen; Einige brachten durch gute Worte— „zuruͤck, zuruͤck, ein Bischen Platz, ihr Herren!“— die Leute vor den Pferden zum Weichen, legten ihnen die fla⸗ chen Haͤnde auf die Bruſt, und druͤckten ſie ſanft ſeitwaͤrts; Andre thaten zu beiden Seiten der Kutſche daſſelbe, damit ſie weder mit den NRaͤdern uͤber Zehen hinrollte, noch Schnautzbaͤrte außer Faſſung brachte; denn das haͤtte nicht bloß zu Klagen Anlaß gegeben, ſondern auch den Lichtglanz, welcher den Kanzler umfloß, um viele Strahlen gebracht. Die wuͤrdevolle Greiſengeſtalt, von der Angſt ein we⸗ nig in Verwirrung geſetzt, von der Anſtrengung erſchoͤpft, durch die Bekuͤmmerniß ſelbſt aber ermuthigt, und durch die Hoffnung, einen Menſchen aus ſeiner Todesangſt zu — 41— befreien, gewiſſermaßen verherrlicht, feſſelte auf einen Au⸗ genblick Renzo's Bewunderung; er vergaß ſeinen Vorſatz, ſich weg zu begeben, beſchloß, dem Kanzler ſeinen Beiſtand zu leiſten, und ihn nicht eher zu verlaſſen, als bis er ſeine gute Abſicht erreicht haͤtte. Se gab er ſich denn mit den Uebrigen Muͤhe, Platz zu verſchaffen, und gehoͤrte in der That nicht zu den Lau⸗Eifrigen. Es entſtand bald ein freier Raum.—„Nur vorwaͤrts, Freund!“ rief mehr als Einer dem Kutſcher zu, und lief zu gleicher Zeit voraus, um auch weiterhin das Gedraͤnge zu lichten.—„Vor⸗ waͤrts,“ fluͤſterte auch der Herr,„raſch, aber ſieh Dich vor!“ und ſo bewegte ſich die Kutſche. Mitten unter den Gruͤßen, welche Ferrer auf's Gerathewohl dem Volke ver⸗ ſchwenderiſch abſtattete, dankte er Einigen mit beſonderer Aufmerkſamkeit, und laͤchelte den Geſchaͤftigen ſeine Er⸗ kenntlichkeit zu. Mehr als Ein ſolches Laͤcheln kam auf Renzo; der emſige Juͤngling verdiente es in Wahrheit, und leiſtete an dieſem Tage dem Großkanzler nachdruͤcklicheren Vorſchub, als es der Thaͤtigſte unter ſeinen Schreibern ver⸗ mocht haͤtte. Und von dieſer huldvollen Freundlichkeit be⸗ zaubert, meinte der gute Wandrer aus dem Gebirge, mit dem Staatskanzler Antonio Ferrer ſchon Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen zu haben. Die Kutſche war einmal auf dem Wege, und rollte vorwaͤrts, bald raſcher, bald langſamer, nicht ohne wieder⸗ holentlich aufgehalten zu werden. Der ganze Durchweg ließ ſich mit einem Steinwurf ermeſſen; ſah man aber auf die Zeit, ſo er erforderte, ſo konnte er auch einem Andern, der Ferrer's angſtbefluͤgelte Ungeduld nicht empfand, eine kleine Reiſe ſcheinen. Wie Meereswogen um ein Schiff⸗ — 12— welches mitten im gewaltſamen Sturme vorwaͤrts ſegelt, wimmelte das Volk auf allen Seiten um die Kutſche; aber durchdringender, vielſtimmiger und betaͤubender, als das Geraͤuſch der Sturmeswogen, droͤhnte hier das Getuͤmmel. Ferrer blickte bald hierhin, bald dorthin, nahm die paſ⸗ ſendſte Geberde an, bewegte noch immer die Haͤnde, und ſuchte zu verſtehen, was ihm zugerufen ward, um ſeine Antworten am zweckmaͤßigſten danach einzurichten; er wuͤnſchte, ſich ein wenig mit ſeinen zuſammen geſchaarten Freunden in's Geſpraͤch einzulaſſen; es war aber ſchwer⸗ das Schwerſte vielleicht, worauf er waͤhrend der vielen Jahre ſeiner Großkanzlerſchaft geſtoßen. Von Zeit zu Zeit kam ihm indeſſen doch ein Wort, eine Redensart, beim Voruͤberfahren von einem Haufen wiederholt, zu Ohren, wie ſich der Knall einer ſtaͤrkeren Rakete aus dem uner⸗ meßlichen Geplaͤtze eines Feuerwerkes hervor unterſcheiden laͤßt; er bereitete ſich allſobald, auf ſolch einen Ruf befrie⸗ digend zu antworten, bald ließ er die Worte, deren guͤn⸗ ſtigen Empfang er vorausſah, laut zum Kutſchenfenſter hinaustoͤnen, ſprach, wie es die augenblickliche Noth zu er⸗ fordern ſchien, und ruͤhrte gleichfalls die ganze Straße hin⸗ durch die Zunge.—„Ja, Ihr Herren, Brodt, Brodt im Ueberfluß. Ich werd' ihn in's Gefaͤngniß abfuͤhren, er ſoll ſein Theil haben... wofern er ſchuldig iſt. Ja, ja⸗ ich werde den Befehl geben, wohlfeiles Brod. So iſt's.. ſo iſt's, will ich ſagen; der Koͤnig, unſer Herr, will nicht, daß ſeine hoͤchſt getreuen Unterthanen hier Hunger leiden. Ah, ah, vorgeſehen; thun Sie Sich keinen Schaden, meine Herren. Pedro, vorwaͤrts, aber behutſam. Ueber⸗ fluß, Ueberfluß! Ein Bischen Platz, bitte gar ſehr! Brodt, v Brodt! In's Gefaͤngniß, ſoll in's Gefaͤngniß. Wie?“ fragte er darauf einen Kerl, der ſich mit halbem Leibe in's Kutſchfenſter hinein geworfen hatte, um ihm ſeinen Rath, ſeinen Beifall oder eine Bitte zuzukreiſchen. Dieſer aber hatte die Frage noch nicht vernommen, ſo wurde er ſchon von einem Andern, welcher ihn in Gefahr ſah, unter die Raͤder zu gerathen, ruͤckwaͤrts herab geriſſen. Unter ſol⸗ chen Antworten und Erklaͤrungen, unter unaufhoͤrlichem Zuruf, waͤhrend ſich auch einige Stimmen der Gegenpar⸗ thei hoͤren ließen, aber bald unterdruͤckt wurden, langte Ferrer endlich, meiſtens durch die Bemuͤhung ſeiner wohl⸗ wollenden Helfer, vor dem Hauſe des Speichervogtes an. Die Andern, welche hier, wie wir geſagt, mit denſel⸗ ben guten Abſichten ſtanden hatten vor dem Hauſe unter der Menge aufzuraͤumen verſucht. Man bat, man ermahnte, drohte, druͤckte zuſammen, ſtieß zuruͤck, und draͤngte nach allen Seiten mit dem verdoppelten Eifer, mit der erneuer⸗ ten Anſtrengung, mit welcher man das nahe erwuͤnſchte Ziel zu erreichen ſucht; es war ihnen gelungen, das Ge⸗ draͤnge in zwei Maſſen zu ſcheiden, und beide Maſſen hin⸗ ten, wie durch einen hemmenden Keil, zuruͤck zu halten; auf dieſe Weiſe hatte ſich endlich zwiſchen der Thuͤre und der Kutſche, die vor derſelben ſtill hielt, ein kleiner men⸗ ſchenfreier Naum gebildet. Renzo, welcher bald vorn freien Durchweg machte, bald ſeitwaͤrts als Begleitung ging, war mit der Kutſche zugleich vor der Thuͤre angekommen; ſo konnte er in die Vorderreihe der gutmeinenden Freunde treten, und mit ihnen neben der Kutſche ſich aufſtellend, gegen die beiden andraͤngenden Wogen des Volkes ein Boll⸗ werk machen helfen. Und waͤhrend ſeine beiden tacktfeſten — 4— Schultern ihm treffliche Dienſte dabei leiſteten, ſtand er zugleich an bequemem Platze, um Alles gehoͤrig mit anſehen zu koͤnnen. 1 Indem Ferrer den Platz und die noch verſchloſſene Thuͤre frei ſah, athmete er tief auf. Eine verſchloſſene Thuͤre heißt hier ſo viel als eine noch nicht erbrochene; denn die eiſernen Angelbaͤnder waren ſo ziemlich aus den Seitenpfoſten ſchon herausgebrochen; die uͤbelbehandelten Thuͤrfluͤgel ließen zerſplittert, abgeriſſen und von einander geſprengt, durch eine weite Oeffnung das Stuͤck einer Kette ſehn, welche verdreht, gebogen und faſt zerriſſen, ſie noth⸗ duͤrftig noch zuſammenhielt. An dieſe Oeffnung trat einer der Gutgeſinnten hin, und rief hinein, man moͤchte auf⸗ machen; ein Andrer lief, und riß den Kutſchenſchlag auf; der alte Herr ſteckte den Kopf hinaus, ſtand auf, faßte den Arm des huͤlfreichen Goͤnners, ſtieg hervor, und ſetzte den Fuß auf den Tritt. Von beiden Seiten hielt das Gewimmel die Koͤpfe in die Hoͤhe gereckt, um nichts vom Schauſpiel zu verlieren; tauſend Geſichter, tauſend empor gehobene Baͤrte; allge⸗ meine Neugier und Aufmerkſamkeit erzeugten einen Augen⸗ blick allgemeinen Stillſchweigens. Der Großkanzler blieb ein wenig auf dem Tritte ſtehen, lenkte den Blick umher, und begruͤßte die Menge, wie von einem Rednerſtuhl herab,⸗ mit einer Verneigung; dann legte er die linke Hand auf die Bruſt, und rief:„Brodt und Gerechtigkeit!“— In aufrechter Haltung, unbefangen und mit der ganzen Wuͤrde ſeines Ranges ſtieg er alsdann unter dem Beifallrufen, das gellend zu den Wolken emporſchmetterte, zur Erde. Die Leute im Hauſe hatten waͤhrend deſſen die Thuͤre — 6— geoͤffnet, oder die Kette vielmehr mitſammt den locker wan⸗ kenden Fugringen vollends losgeriſſen. Dem ſo ſehnlich erwarteten Gaſte that das Haus ſich auf; zugleich aber war man vorſichtig darauf bedacht, keine groͤßere Oeffnung entſtehen zu laſſen, als er allein, um hereinzutreten, be⸗ durfte.—„Raſch, raſch,“ ſagte er;„macht ordentlich auf, damit ich hinein kann, und ihr, haltet ruͤſtig das Volk zu⸗ ruͤck; laßt mir um's Himmels Willen Keinen auf den Fuß nachſtuͤrzen. Nur auf einen Augenblick freien Durchweg... Ei, ei, Leutchen, eine Sekunde nur,“ ſagte er ſodann zu den Hausbewohnern, mlangſam mit dem Thuͤrfluͤgel, laßt mich erſt durch. Eh, meine Nippen! Ich empfehl' Euch meine Rippen. Nun ſchließt... nein, noch nicht! Ch, der Mantel, der Mantel!“— Der Mantel waͤre wirklich zwi⸗ ſchen den Thuͤrfluͤgeln eingeklemmt ſitzen geblieben, wenn Ferrer nicht mit haſtiger Entſchloſſenheit die Schleppe nach ſich geriſſen haͤtte, und dieſe verſchwand, wie der Schweif einer Schlange, wenn ſie verfolgt in ihr Loch ſchluͤpft. Nachdem die Thuͤrfluͤgel wieder angedruͤckt, und, ſo gut es ging, zur Schließung benutzt worden, ſtuͤtzte man ſie einſtweilen von innen durch Stangen. Waͤhrend deſſen arbeiteten draußen alle Diejenigen, welche ſich dem Kanzler zu ſeinem perſoͤnlichen Schutze angeboten, mit Armen, Schultern und Kehle, um den Platz frei zu erhalten, bete⸗ ten aber im Herzen zum lieben Herrgott, daß Ferrer's Ge⸗ ſchaͤft drinnen bald abgethan ſeyn moͤchte. „Raſch, raſch,“ ſagte auch er unter der Halle drin⸗ nen zu den Dienern, welche ſich keuchend um ihn geſam⸗ melt hatten, und mit allen moͤglichen Titeln einer freudi⸗ gen Ehrfurcht ihm zuſetzten. — 46— „Raſch, raſch,“ wiederholte Ferrer;„wo iſt der gute Mann? Der Vogt kam zur Treppe herab, weiß wie gebleichte Leinwand, halb von ſeinen Leuten geſchleppt und getragen. Als er ſeine Huͤlfe erblickte, machte er ſich in einem tiefen Seufzer Luft, der Puls kehrte in ſeine Adern zuruͤck, das Gefuͤhl des Lebens rann ihm in den Beinen, und die Wan⸗ gen beſeelten ſich mit einem Anflug von Farbe wieder. Haſtig ſchritt er auf den Großkanzler zu, und ſagte:„Ich bin in den Haͤnden Gottes und Eurer Excellenz. Aber wie hier hinauskommen? Von allen Seiten Volk, das mir an's Leben will!“ „Kommen Sie mit mir, eer,u ſprach der Kanzler, „und ſeyn Sie guten Muthes; draußen ſteht mein Wagen, raſch, raſch!“— Dabei nahm er ihn an der Hand, fuͤhrte ihn nach der Thuͤre zu, und ſuchte ihn immer noch zu er⸗ muthigen; im Herzen aber dachte er: Hier kommt die Auf⸗ loͤſung, Gott ſteh' uns bei! Die Thuͤre geht auf, zuerſt hinaus tritt der Großkanz⸗ ler, hinter ihm zuſammengeduckt der Andre, ſich anhaͤngend und den rettenden Mantel umklammernd, wie ein Kind das Kleid der Mutter. Die Geſchaͤftigen, die waͤhrend deſſen den Platz frei erhalten, ſtrecken Haͤnde und Huͤthe in die Hoͤhe, und bilden ſo gleichſam ein Netz, eine Wolke, um dem gefaͤhrlichen Blick der Menge den Speichervogt zu entziehen; dieſer ſteigt eilig in die Kutſche voran, und druͤckt ſich in einen Winkel derſelben feſt zuſammen. Fer⸗ rer folgt ihm, der Schlag fliegt zu. Die Menge blickt hin und wieder durch, ſie erklaͤrt ſich's, erraͤth, was geſchehen, —— — 47— und laͤßt ein verworrenes Getoͤſe von Beifall und Fluͤchen zum Himmel emporſteigen. Der Weg, welchen man nunmehr zuruͤckzulegen hatte, konnte der ſchwierigſte und gefahrvollſte ſcheinen. Doch das allgemeine Begehren hatte ſich hinlaͤnglich ausgeſpro⸗ chen, indem man den Vogt ruhig zum Kerker wandern ließ; zugleich waren, waͤhrend die Kutſche vor der Thuͤre hielt, alle Diejenigen, welche das Heranfahren des Kanzlers befoͤrdert hatten, ſo bemuͤht geweſen, mitten im Gewimmel eine menſchenleere Straße zu erhalten, daß dießmal die Kutſche ein wenig ſchneller vorwaͤrts kommen, und in un⸗ unterbrochener Bewegung hinrollen konnte. Wie ſie ſich weiter bewegte, ſtuͤrzten die beiden ſeitwaͤrts zuruͤckgehalte⸗ nen Schaaren auf einander, und floſſen hinter ihr wuͤh⸗ lend zuſammen. 3 Kaum ſaß Ferrer, ſo neigte er ſich zum Vogt hin, er⸗ mahnte ihn, ſich wohlbedaͤchtig im Hintergrunde verborgen zu halten, und um's Himmels Willen ſich ja nicht ſehen zu laſſen; die Warnung war ziemlich uͤberfluͤſſig. Er hin⸗ gegen mußte ſich zeigen, mußte die ſaͤmmtliche Aufmerkſam⸗ keit des Volkes beſchaͤftigen und auf ſich lenken. Und waͤh⸗ rend der ganzen Fahrt hielt er, wie bei der erſten an die wechſelnde Verſammlung von Zuhoͤrern eine Rede, von ſo ununterbrochenem und zugleich ſo wenig zuſammenhangen⸗ dem Sinne, als jemals eine auf Erden gehalten worden. Hin und wieder ſchob er jedoch ein ſpaniſches Woͤrtchen mit hinein, welches er in aller Geſchwindigkeit ſeinem zu⸗ ſammengekauerten Reiſegefaͤhrten in's Ohr raunte.—„Ja, meine Herren; Brod und Gerechtigkeit! In's Kaſtell, in's Gefaͤngniß, ich will ihn bewachen. Dank, Dank,⸗ tauſend ——— —õ—y— ——— ————— — 418— Dank. Nein, nein, er entwiſcht nicht— bloß um ſie zu beſaͤnftigen.'S iſt nur allzu billig; wir werden's un⸗ terſuchen, werden ſehen. Auch ich will Euch wohl, Ihr Herren. Eine ſtrenge Strafe=— Ich ſag's zu Ihrem Be⸗ ſten. Ein gerechter Brodtpreis, ein anſtaͤndiger Preis und Strafe fuͤr die Aushungerer. Zur Seite ein wenig, bitte! Ja, ja, ich bin ein Mann von Wort uͤnd ein Freund des Volkes. Soll beſtraft werden;'s iſt wahr, er iſt ein Schurke, ein freventlicher Unhold— um Verzeihung, Herr! S ſoll ihm uͤbel bekommen, uͤbel bekommen... wofern er ſchuldig iſt. Ja, ja, wollen die Baͤcker ehrlich zu Werke gehen lehren. Es lebe der Koͤnig und die guten Mallaͤnder, ſeine allergetreueſten Unterthanen! Es geht gut, geht gut; nur Muth, wir ſind beinah ſchon aus der Klemme heraus.“ Wirklich hatten ſie das groͤßte Gedraͤnge ſchon durch⸗ meſſen, und waren im Begriff, gaͤnzlich freies Feld zu be⸗ treten. Waͤhrend der Kanzler hier ſeiner Lunge ein wenig Ruhe zu geſtatten anfing, erblickte er die nachhinkende Huͤlfe, die ſpaniſchen Soldaten, die indeſſen zuletzt nicht ganz unthaͤtig geweſen; denn von verſchiedenen Buͤrgern unterſtuͤtzt und geleitet, hatten ſie ihre Huͤlfe geleiſtet, ei⸗ nen ziemlichen Theil der Menge nach Hauſe zu ſchicken, und den Durchweg zur letzten Seitenſtraße hin frei zu erhal⸗ ten. Da die Kutſche ankam, reihten ſie ſich ſeitwaͤrts auf und erwieſen dem Großkanzler ihre Ehrenbezeugungen mit den Waffen. Dieſer verneigte ſich auch hier zur Rechten und Linken, und als der Offizier naͤher herantrat, um ihm ſeinen Gruß abzuſtatten, ſagte er, die Worte mit einem Wink der rechten Hand begleitend:„Ich kuͤſſe Eurer Gna⸗ — 49— den die Zand;“ das hieß ſo viel, als: Ihr habt mir da eine ſchoͤne Huͤlfe geleiſtet— und der Offizier nahm es auch ſogleich in dieſem Sinne. Zur Antwort ſtattete er einen zweiten Gruß ab, und zuckte die Achſeln. Hier ließ ſich allerdings: cedant arma togae mit Cicero ſagen; Ferrer aber hatte in dieſem Augenblick kein Geluͤſt, mit einem Citate aus altem klaſſiſchen Schriftſteller aufzuwar⸗ ten; auch waͤren die Worte ohne Zweifel im Winde ver⸗ flogen, denn der Kriegsmann verſtand allem Vermuthen nach kein Latein.. Waͤhrend es durch die beiden Reihen von Soͤldnern, durch dieſe ehrfurchtsvoll erhobenen Flintenlaͤufe ging, fuͤhlte Pedro das alte Herz in der Bruſt wieder. Seine Verbluͤffung loͤſte ſich auf, er erinnerte ſich, wer er war und wen er im Wagen hatte, er rief ſein Heda! ohne wei⸗ tere Umſtaͤnde zu machen, ſah, daß der Schwarm ſchon duͤrftig genug war, um ſich geduldig ſolch eine Behand⸗ lung gefallen zu laſſen, gab ſeinen Pferden die Peitſche zu koſten, und ließ ſie trabend den Weg zum Kaſtell nehmen. Aufgeſtanden, aufgeſtanden, jetzt ſind wir heraus,“ ſagte Ferrer zum Speichervogte. Dieſer, durch das Aufhoͤ⸗ ren des Geſchreies, durch das raſche Fortrollen des Wagens und ſeines Nachbars Worte von der Sicherheit uͤberzeugt, blickte umher, wickelte ſich aus ſeiner zuſammengefalteten Lage empor, und ſtand auf. Bald war er zu ſich ſelbſt ge⸗ kommen, und uͤberſchuͤttete ſodann ſeinen Befreier mit ei⸗ ner ganzen Sammlung von Dankſpruͤchen. Dieſer gab ihm zu erkennen, wie aͤngſilich nahe ihm ſeine Gefahr gegan⸗ gen, und wie er ſich nun ſeiner Rettung freue.—„Ach!“ rief er, indem er die flache Hand uͤber die nackte Glatze II. 4 — 50— hingleiten ließ/ /was wird Ihre Eycellenz dazu ſagen?“ Hat uͤber das verdammte Caſale, das ſich nicht uͤbergeben will, ohnehin ſo viele ſchlimmgelaunte Stunden! Und was wird der Graf Herzog ſagen, der unwirſch die Stirn fal⸗ tet, wenn ein Blatt ſtaͤrker als gewoͤhnlich rauſcht? was wird der Koͤnig, unſer Herr, ſagen? denn etwas kriegt er auf jeden Fall von einem ſo aͤrgerlichen Laͤrm zu hoͤren. und wird es damit ſchon ſein Ende haben? Gott weiß es.“ „Eh, was mich betrifft,“ meinte der Vogt,„ich habe nicht Luſt, mich weiter drein zu mengen; ich waſche mir die Haͤnde, uͤberlaſſe mein Amt der Weisheit Eurer Gna⸗ den, und gehe, in irgend einer Hoͤhle zu leben, im Gebirge, will wie ein Einſiedler ruhig in Frieden wohnen, weit, weit weg von dieſem moͤrderiſchen Menſchengeſchlechte.“ „Sie werden thun, mein Gerr, was der Dienſt Sei⸗ ner Majeſtaͤt erfordert,“ antwortete der Großkanzler mit vollſtaͤndiger Amtswuͤrde. „Seine Maieſtaͤt werden nicht meinen Tod wollen,“ erwiederte der Speichervogt,„in einer Hoͤhle, in einer Hoͤhle, fern von denen hier!“ Was aus ſeinem Vorſatz hernach geworden, ſagt unſer Autor nicht; er begleitet den armen Mann bis zum Ka⸗ ſtell, und kuͤmmert ſich um ſein ferneres Leben nicht weiter. Drittes Kapitel. Die zuruͤckgebliebene Menge fing an, ſich zu zerſtreuen/ zur Rechten und Linken durch alle Straßen hin verlief ſich 9 -— 31— die Fluth. Dieſer begab ſich nach Hauſe, um auch endlich einmal nach ſeinen Geſchaͤften zu ſehen, Jener machte ſich davon, weil ihn danach verlangte, nach ſo vielen Stunden des Gepreſſes im Freien ein wenig zu verſchnaufen; ein Anderer ſuchte Bekannte auf, um uüber die großen Ereig⸗ niſſe des Tages ſich gehoͤrig auszuſchwatzen. Dieſe Aufraͤu⸗ mung fand allmaͤhlig auch am andern Ende der Straße ſtatt, und ſchon waren die Koͤpfe ſparſam genug, daß die Schaar der Spanier, ohne ſich durchſchlagen zu muͤſſen, vorruͤcken, und bei'm Hauſe des Speichervogts anlangen konnte. Hinter ihr ſtand aber noch die Hefe, der Boden⸗ ſatz der Empoͤrung, beiſammen, eine Schaar von Raub⸗ ſchelmen, welche, mit dem lauen, unvollkommenen Erfolge einer ſo maͤchtigen Zuruͤſtung wenig zufrieden, murrten und fluchten; ſie hielten Rath, ſprachen einander Muth zu, uͤberlegten, ob ſich noch etwas unternehmen laſſe, und zum Verſuche gleichſam pochten und ſtießen ſie an die unſelige Thuͤre, welche von Neuem, ſo gut es ſich machen ließ, mit Querbalken und Stuͤtzen verſichert worden. Da nun die Kriegerſchaar heranruͤckte, ſetzten ſich Jene mit einſtimmi⸗ gem Entſchluß, ohne ſich berathen zu haben, in Bewegung, machten ſich nach der entgegengeſetzten Seite davon, und ließen den Soldaten freies Spiel, um ſich bequem aufzu⸗ ſtellen, und zur Bewachung des Hauſes wie der Straße ſich zu vertheilen. Aber Straßen und Plaͤtze umher waren von einzelnen Haufen bevoͤlkert; wo Zwei oder Drei ſtehen geblieben, ge⸗ ſellten ſich drei, neun, zwanzig Andre ſtehen bleibend dazu; Dieſer entfernte ſich, Jener trat hinan;z es war wie eine unſtaͤte Wolkenmaſſe, welche bisweilen nach einem Unge⸗ — 52— witter verfließend zuruͤckbleibt, und durch das Blau des Himmels hinſchwimmt, wo dann die Leute hinaufblickend zu ſagen pflegen: Das Sturmwetter hier iſt nicht rein auf⸗ gegangen. Es gab ein buntſtimmiges, verworrenes und. wandelbares Gerede; waͤhrend dieſer die beſonderen Ereige niſſe, ſo er beobachtet, mit Nachdruck berichtete, erzaͤhlte Jener, was er mit eigenen Haͤnden ausgefuͤhrt; waͤhrend der Eine uͤber den guten Ausgang des tollen Spieles ſich freute, und, den Großkanzler lobend, dem Speichervogt eine herbe Buße verkuͤndigte, ſchmunzelte der Andre hoͤhniſch, verſicherte: es werde dem Schurken nicht viele Haare koſten/ der Wolf ſtille ſeinen Hunger nicht mit Wolfsfleiſch. Aer⸗ gerlicher murrten Einige: man habe ſeiner Schuldigkeit nicht Genuͤge geleiſtet, habe ſich ſelbſt zum Beſten gehabt; es ſey eine Narrheit, mit ſolchem Laͤrmen aufzutreten, und 3 ſich hernach ſo erbaͤrmlich bei der Naſe herumfuͤhren zu laſſen. Waͤhrend deſſen ſank die Sonne, Alles ſehte ſich all⸗ maͤhlig wieder in's Gleichgewicht; ermuͤdet vom beſchwer⸗ denvollen Tage und uͤberdruͤſſig, laͤnger im Finſtern zu ſchwatzen, kehrten Viele zu ihrer Schwelle heim. Unſer Renzo hatte das Vorwaͤrtskommen der Kutſche, ſo lange Huͤlfe noͤthig geweſen, unterſtuͤtzt; er war hinter ihr zwi⸗ ſchen den Soldatenreihen, wie im Siegeszuge, mit durch⸗ geſchritten, und freute ſich, als er ſie außerhalb der Gefahr ungehindert hinrollen ſah; darauf wanderte er einige Schritte mit der Menge, und trat zur erſten Seitengaſſe hinaus, um gleichfalls ein wenig freie Luft zu ſchoͤpfen. Mitten im Drange ſo vieler Erſcheinungen, ſo vielfacher Gemuͤthsbewegungen, ſo vieler friſcher, verworrener Ein⸗ — „ — 53— bruͤcke, empfand er nach wenigen Minuten ſchon das Be⸗ duͤrfniß, ſeinen Hunger zu ſtillen, und dann zur Ruhe zu gehen; er ſah alſo zu beiden Seiten uberall an die Haͤuſer hinauf, ob ſich kein Schild eines Gaſthofes blicken ließe; denn zum Kapuzinerkloſter zu gehen, war's ſchon zu ſpaͤt. Indem er ſo mit aufgehobenem Kopfe hinſchritt, ſtieß er auf einen der zuſammengerotteten Haufen; er ſtand ſtill, und hoͤrte, wie von Vermuthungen, von Entwuͤrfen und Vorſaͤtzen fuͤr den folgenden Tag geſprochen ward. Nach⸗ dem er einen Augenblick gehorcht hatte, konnte er ſich nicht enthalten, auch ſeine Meinung zu ſagen; er hielt dafuͤr, daß ein Menſch, welcher ſich's ſo ſauer hatte werden laſ⸗ ſen, ohne Unbeſcheidenheit ſein Wortchen drein ſprechen duͤrfe. Was er den Tag uͤber geſehen, hatte ihn mit der Ueberzeugung erfuͤllt, man duͤrfe, um etwas zu bewirken, den Erſten den Beſten, ſo uͤber die Straße liefen, die Sache nur annehmlich einreden.—„Meine Herren,“ rief er da⸗ her mit einem Tone, als wollte er eine Predigt beginnen, „darf ich auch wohl meine duͤrftige Meinung ſagen? Meine duͤrftige Meinung iſt aber dieſe, daß die Ungerechtigkeiten keinesweges bloß in Angelegenheit des Brodtes geſchehen; nun hat man heute geſehen, daß ſich jedwedes erlangen laͤßt, was recht iſt, ſobald man ſich nur hoͤren laͤßt; man muß alſo geradesweges in der Manier fortfahren, bis fuͤr alle die uͤbrigen Schurkereien ein Gegenmittel gefunden, und es in der Welt endlich einmal ein Bischen chriſten⸗ maͤßiger zugeht. Iſt's nicht wahr, meine Herren, daß eine Hand voll Tyrannen vorhanden, welche die zehen Gebote ganz und gar umkehren, welche hinter den ruhigen Leu⸗ ten, die nicht an ſie denken, uͤbermuͤthig her ſind, um ih⸗ — 54— nen allerlei Leid anzuthun, und nachher immer Recht ha⸗ ben? Ja, wenn ſie einmal einen recht erzboshaften Streich ausgefuͤhrt haben, dann tragen ſie erſt den Kopf weit hoͤ⸗ her, als ihn der Himmel ihnen auf die Schultern geſetzt hat. Auch hier in Mailand bruͤten gewiß ſolche Voͤgel.“ „Nur zu viele!“ antwortete eine Stimme. „Das ſag' ich,“ aͤußerte Renzo;„es giebt bei uns Geſchichten genug davon zu erzaͤhlen. Und dann ſpricht auch die Sache von ſelbſt. Wir wollen einmal annehmen, ſo Einer lebt ein Paar Tage in Mailand, ein Paar Tage draußen; wenn er dort den Teufel macht, wird er hier, mein' ich, ſchwerlich den Engel ſpielen. Jetzt aber ſagen Sie mir einmal, meine Herren, ob Sie ſo Einen ſchon einmal hinter einem Karzergitter geſehen haben? Und was das Schlimmſte, ich kann's mit Recht verſichern, es ſind gedruckte Verordnungen vorhanden, um ſie zur Strafe zu ziehen, und das vortrefflich geſetzte Verordnungen, recht vernuͤnftig, daß wir ſelber nichts Beſſeres austrachten koͤnnten; die Schurkereien deutlich aufgezaͤhlt, gerade wie ſie aufeinander folgen, und fuͤr jedwede eine tuͤchtige Strafe. Und, es ſey wer's ſey, heißt es darin, ſchlichte Leute oder Vornehme. Nun geh' Einer aber einmal hin zu den Doktoren, zu den Schriftgelehrten und Phariſaͤern, und verlange, daß ſie ihm zur Gerechtigkeit verhelfen, wie's in der Verordnung geſchrieben ſteht; ſie geben ihm Gehoͤr, wie der heilige Vater in Rom den Spitzbuben, daß ein ordentlicher Menſch auf der Stelle die Thuͤrklinke in die Hand nimmt. Man ſieht alſo ganz klar, der Koͤ⸗ nig und die Leute, die an der Regierung ſtehen, die wol⸗ len, daß die Schurken beſtraft werden;'s geſchieht aber — 55— nichts, dieweil ſie unter Einer Decke ſtecken. Man muß ſie alſo aus einander jagen; man muß morgen fruͤh zu Ferrer gehen, das iſt ein Ehrenmann, ein Herr mit huͤlf⸗ reicher Hand;'s war ia heute zu ſehen, wie's ihm Freude machte, ſich unter den armen Leuten zu finden, wie er ſich die Gruͤnde, ſo ihm vorgehalten wurden, aufmerkſam ſagen ließ, und mit mildherziger Herablaſſung ſeine Antwort drauf gab. Zu Ferrer alſo muß gegangen werden, man muß ihm ſagen, wie die Sachen ſtehen, und ich fuͤr mein Theil, ich kann ihm ſchoͤne Geſchichten erzaͤhlen; mit mei⸗ nen eigenen Augen hab' ich'ne gar ſcharf geſpickte Ver⸗ ordnung geſehen, war von ihrer Dreien ausgeſtellt, die's Wort im Lande fuͤhren; hatte Jedeiner ſeinen Namen groß und breit drunter geſetzt, und Ferrer war eben Einer da⸗ von, hab's mit meinen eigenen Augen geleſen; die Ver⸗ ordnung aber ſprach ausdruͤcklich fuͤr mich, wie ein Vor⸗ mund, und ſo ein Doktor, den ich um Beiſtand zur Ge⸗ rechtigkeit anſprach, wie's die Meinung der drei Herren war— und Ferrer ſtand drunter— der ſaubre Herr Dok⸗ tor hatte mir die Verordnung ſelber gezeigt, das war's Schoͤnſte, ſchnitt aber ein Geſicht, als wenn ich aus dem Tollhauſe hergelaufen waͤre. Ich bin gewiß, wenn der liebe alte Herr dieſe huͤbſchen Geſchichtchen hoͤrt— denn er kann nicht Alles wiſſen, zumal was draußen geſchieht— mein Wort drauf, er wird nicht wollen, daß es in der Welt länger ſo zugehe, und wird uns ein tuͤchtiges Mittel an die Hand geben. Und die Herren ſelber, ſo die Ver⸗ ordnungen ausſtellen, muͤſſen's ja gern ſehen, wenn ihnen Gehorſam geleiſtet wird, geſetzt auch, ſie machten ſich nichts draus, daß mit ihrem Namen ſo frech geſpielt wird. — 56— Und wollen die Uebermuͤthigen nicht klein nachgeben, und ſpielen den tauben Trotzkopf, eh, ſo ſind wir hier, um ihm unſre Arme zu leihen, wiess heute geſchehen iſt. Ich ſag' nicht, daß er in der Kutſche herumfahren ſoll, um alle die Schurken, alle die Uebermuͤthigen und Tyrannen bei'm Kragen zu faſſen, ei, da waͤr' eine Arche Noa vonndͤthen; er ſoll nur den rechten Leuten ſeine Befehle geben, und das nicht bloß in Mailand, ſonder aller Orten; ſie ſollen rein nach den Worten der Verordnungen verfahren, ſollen Allen, die ſich einer Ungerechtigkeit ſchuldig gemacht baha, 6 mit den Waffen der Gerechtigkeit zu Leibe gehen, und wo⸗ 8 heißt: Gefaͤngniß— gut, Gefaͤngniß; wo's hei Galeere — gut, Galeere; die Stadtvoͤgte ſollen ihre Schuldigkeit thun, wo nicht, laͤßt man ſie laufen, und ſetzt beſſere an ihre Stelle— und dann, wie ich ſage, ſind wir ja auch in der Welt, um mit Hand anzulegen; den Doktoren muß befohlen werden, ſie ſollen die armen Leute anhoͤren, und ihre Feder fuͤr's Naiht anſetzen. Hab' ich Recht, ihr Herren?“ Renzo hatte mit ſo vollem Herzen geſprochen, daß vom erſten Worte an ein großer Theil der Verſammelten jedes andre Geſpraͤch liegen ließ, und ſich hinwandte, um ihm zuzuhoͤren; am Ende ſtanden Alle als ſeine Zuhͤrer da. Man rief ihm mit vielſtimmigem Laͤrmen Beifall zu, und—„bravo; gewiß; er hat Recht;'s iſt nur all zu wahr“— ſcholl es bei'm Schluß ſeiner Rede. Indeſſen fehlte es auch an Tadlern nicht.—„Ei ja,“ ſagte Einer, „hoͤrt nur auf die Leutchen aus dem Gebirge; ſind alle geborne Sachwalter.“— Mit dieſen Worten ſchlich er davon.*„Itzo,“ brummte ein Andrer,„will jeder Lum⸗ — 57— penjunge ſeinen Senf dazugeben, und weil ſie den Rinder⸗ braten groͤßer als den Ochſen haben wollen, bringen ſie uns noch um's wohlfeile Brodt; deßwegen aber haben wir unſre Haͤuſer nicht verlaſſen.“— Renzo vernahm nur die Artigkeiten; denn der Eine faßte ihn bei dieſer, der Andre bei jener Hand—„Auf Wiederſehen, morgen— Wo?— Auf'm Domplatz— Gut— Dabei bleibt's— Etwas wird geſchehen— Etwas geſchieht in jedem Fall.“ „Wer von den lieben Herren zeigt mir denn wohl Däinen Gaſthof,“ fragte Renzo,„wo ich einen Biſſen zu mir nehmen, und als armer Burſche ſchlafen kann?“ „Ich kann Euch damit aufwarten, braver junger Mann, ſagte Einer, der aufmerkſam die Predigt mit angehoͤrt, und bisher nicht ein einziges Wort drein ge⸗ ſprochen hatte.—„Ich kenne gerade einen Gaſthof, wie Ihr ihn braucht; werd' Euch dem Wirth empfehlen, er iſt mein Freund und ein Ehrenmann.“ Hier dicht bei?“ erkundigte ſich Renzo. „MNicht eben weit,“ erwiederte Jener. Die Verſammlung ging auseinander, und unſerem Juͤngling druͤckten Viele, die er nie geſehen, freundſchaft⸗ lich die Hand. Er ging mit ſeinem Fuͤhrer, indem er ihm fuͤr ſeine Gefaͤlligkeit dankte. „Hat nichts zu ſagen,“— meinte Jener.„Eine Hand waͤſcht die Andre und beide das Geſicht. Und ſoll Einer nicht dem Naͤchſten dienen?— Waͤhrend ſie weiter ſchrit⸗ ten, that er geſpraͤchsweiſe bald dieſe, bald jene Frage.— „Micht aus Neugier, um mich in Eure Angelegenheiten zu miſchen; aber Ihr ſcheint mir muͤde, woher kommt Ihr?“ Ich komme von Lecco her,“ war Renzos Antwort. 1 —— — — —— — „Von Leeco? Aus Lecco ſend Ihr?⸗ „Aus Lecco, aus der Gegend da herum nehmlich. 7 „Armer Junge! So viel ich aus Euren Reden ge⸗ merkt, haben ſie Euch arg mitgeſpielt.“ „Ei, lieber Herr,“ ſagte Renzo,„ich hab' mit meinen Worten ein Bischen ſchlau haushalten muͤſſen, um meine Angelegenheiten nicht vor aller Welt Augen bloßzuſtellen; aber.... genug, einmal ſoll Alles an's Tages Licht kommen, und dann... Aber da iſt ja ein Gaſtſchild, und meiner Treu, ich hab' nicht Luſt, die Fuͤße viel weiter noch auf⸗ zuheben.“ „Nein, nein, kommt mit, wohin ich geſagt habe,“ rieth der Fuͤhrer.„Etliche Haͤuſer noch; hier thaͤtet Ihr Euch nicht am beſten befinden.“ „Ei, warum denn nicht?“ antwortete Renzo.„Ich bin kein vornehmes Herrchen, in Baumwolle etwa groß⸗ gezogen; ein ſchlechter rechter Biſſen, um dem Hunger ſeine Gebuͤhr zu geben, und ein Strohſack, das iſt genug; 's kommt mir bloß drauf an, Beides ſo bald als moͤglich zu finden. Mit Gott!“ So trat er in eine Thuͤre, uͤber welcher der volle Mond als Gaſtzeichen hing. „Gut,“ ſagte der Unbekannte/“ ich will Euch hinein⸗ bringen, weil Ihr uiäht anders wollt.“ Und ſo folgte er ihm. „Nein, bemuͤht Euch nicht weiter,“ bat Renzo. „Wollt Ihr aber,“ ſetzte er hinzu,„ſo thut mir die Ehre, einen Becher mit mir zu leeren.“ „Ich nehm' die Gefaͤlligkeit an,“ erwiederte Jener. Mit dem Hauſe bekannter, ſchritt er uͤber einen kleinen — — 59— Hof voran, ging an eine Thuͤre mit Glasſcheiben, druͤckte auf die Klinke, oͤffnete, und trat mit ſeinem Gefaͤhrten in die Kuͤche. Dort brannten zwei Laternen, an zwei Stangen be⸗ feſtigt, die vom Querbalken der Decke herabhingen. Diſſeit und jenſeit eines ſchmalen Tiſches, welcher die eine Seite des Zimmers faſt gaͤnzlich einnahm, ſaßen viele Leute in emſiger Geſchaͤftigkeit auf Baͤnken hier ſtand ein Gedeck und ein aufgetragenes Gericht; dort wurden Karten aus⸗ geſpielt und eingezogen, weiterhin Wuͤrfel ergriffen und geworfen; Flaſchen und Becher uͤberall, Auch rollten Sil⸗ berſtuͤcke, ſpaniſche Realen und Dreier uͤber den Tiſch hin; haͤtten ſie ſprechen koͤnnen, wuͤrden ſie vermuthlich geſagt haben: Wir ſteckten heut Morgen in der Schublade eines Baͤckers, oder in der Taſche eines Zuſchauers bei'm Tu⸗ multe; der ſah mit großen Augen den Lauf der oͤffentlichen Angelegenheiten an, und vergaß unterdeſſen, auf ſeine eigenen Acht zu haben. Der Laͤrm war groß. Ein junger Burſch lief in haſtiger Eilfertigkeit hin und her, er hatte Eſſer und Spieler zu bedienen; unter dem Vordach des Kamines ſaß auf einer niedrigen Bank der Wirth, und ſchien gedankenlos in der weichen Aſche Linien zu zeichnen und wieder zu verſchuͤtten; die Wahrheit zu ſagen indeſſen, war er auf Alles, was um ihn her vorging, mit geſpitzten Ohren aufmerkſam. Beim Schall der Thuͤrklinke ſtand er auf, und trat den Hereinkommenden entgegen. Nach⸗ dem er den Fuͤhrer in's Auge bekommen, dachte er: Hol' Dich der Geier, mußt Du mir denn immer in den Wurf kommen, wo mich's am wenigſten nach Dir geluͤſtet!— Darauf warf er einen fluͤchtigen Blick auf Renzo. Dich — 60— kenne ich nicht, ſprach er fuͤr ſich ſelbſt, da Du aber mit ſo einem Jaͤger kommſt, ſo wirſt Du wohl entweder ein Hund oder ein Haſe ſeyn.— Von dieſem Selbſtgeſpraͤche blitzte jedoch nicht der leiſeſte Schimmer auf dem Geſichte des Wirthes durch; es blieb unbeweglich wie ein gemahltes Bildniß; ein etwas feiſtes, glaͤnzendes Geſicht, mit einem dichten roͤthlichen Baͤrtchen und zweien kleinen, aber hel⸗ len und ſtarren Augen. „Was iſt den Herren gefaͤllig?“ fragte er. „Vor Allem eine gute Flaſche aufrichtigen Wein,“ ſagte Renzo,„und dann einen Biſſen zur Abendmahlzeit.“ Bei dieſen Worten ſetzte er ſich am Ende des Tiſches auf eine Bank nieder, und ließ ein lauttoͤnendes Ah! hoͤ⸗ ren; in dieſer Sylbe ſprach ſich die erquickende Empfin⸗ dung aus, wenn man nach vielſtuͤndigem Umherlaufen endlich zum Sitzen kommt. Und doch ſiel ihm zu gleicher Zeit der Tiſch und die Bank ein, wo er zum letzten Male neben Lucien und Angneſen geſeſſen, und das ploͤtzliche Herzweh luͤftete ſich in einem Seufzer. Er ſchuͤttelte je⸗ doch bald den Kopf, und ſuchte ſich den Gedanken aus dem Sinne zu ſchlagen; waͤhrend deſſen ſah er den Wirth mit dem Wein kommen. Sein Begleiter hatte ſich ihm gegenuͤber geſetzt. Nenzo ſchenkte ihm ſogleich zu trinken ein, und ſagte:„Um die Lippen ein Bischen anzufeuchten.“ — Darauf fuͤllte er einen zweiten Becher, und ſtuͤrzte ihn in Einem Zuge hinunter. „Was gedenkt Ihr mir zum Eſſen vorzuſetzen?“ fragte er den Wirth. „Wie waͤr's mit einem guten Stuͤckchen Schmorfleiſch?“ ſagte dieſer. — 61— Gut, Herr, ein Stuͤck Schmorſleiſch.”“. „Soll den Augenblick auf'm Tiſche ſtehen,“ verſicherte der Hausherr, und ſagte zum Burſchen—„fuͤr den frem⸗ den Herren gedeckt!“ 5. Darauf ging er nach dem Feuerheerde.—„Aber, nahm er, zu Renzo zuruͤckkehrend, das Wort,„aber Brodt, Brodt hab' ich heut nicht.“ „Fuͤr Brodt hat der Himmel geſorgt,“ ſagte Renzo laut und lachte dazu. Dabei nahm er das dritte und letzte von den Brodten heraus, die er unter der Kreuzſaͤule des heiligen Dionyſins aufgeleſen, hielt es in die Hoͤhe, und rief:„Hier iſt das Brodt vom Himmel!“ Bei dieſem Ruf wandten ſich viele nach ihm hin. Sie ſahen die Siegesbeute in der Luft, und Einer ſchrie:„Das wohlfeile Brodt ſoll leben!“ „Wohlfeiles Brodt?“ fragte Renzo.„Nicht einen Heller koſtet's, die reine Menſchenliebe hat's an den Weg gelegt.”“ „Deſto beſſer, deſto beſſer!“ Aber/ fuͤgte er ſogleich hinzu,„ich moͤcht' auch nicht gerne, daß die Herren ſich was Schlimmes dabei denken. Ich hab's nicht etwa, wie man zu ſagen pflegt, mit lan⸗ gen Fingern in die Taſche wandern laſſen. An der Erde hab' ich's gefunden, und wenn ich den Eigenthuͤmer anzu⸗ treffen wuͤßte, dem's gehoͤrt, ſo bin ich Willens, es ihm zu bezahlen.“. Bravo! Bravo!“ ſchrie die Geſellſchaft, und ſchlug ein lautes Gelaͤchter auf; denn Keinem von ihnen wollte es in den Kopf, daß dieſe Verſicherung ernſtlich ein Er⸗ eigniß und eine wirkliche Abſicht beſtaͤtigen ſollte. — ——— — 62— „Sie meinen, ich fable ihnen was vor,“ ſagte Renzo zu ſeinem Gefaͤhrten;„' iſt aber genau ſo. Da ſeht“— dabei drehte er das Brodt in der Hand herum—„wie ſie damit gewirthſchaftet haben;'s ſieht aus, wie ein zuſam⸗ mengequetſchter Teigkuchen. Es ging aber hart dabei her. Wenn welche mit zarten Knochen drunter waren, ſo ſollen ſie wohl dran zu denken haben.“— Darauf brach er zwei oder drei Biſſen vom Brodte ab, verzehrte ſie, ſchickte ihnen einen zweiten Becher Wein nach, und meinte:„Fuͤr ſich allein will das Brodt hier nicht recht rutſchen. In mei⸗ nem Leben hab' ich keinen ſo trockenen Gaumen gehabt. Daran iſt das verdammte Schreien ſchuld!“ „Macht ein gutes Bett fuͤr den wackeren jungen Mann hier zurecht,“ ſagte der Begleiter:„er will hier ſchlafen.“ „Hier ſchlafen?“ fragte der Wirth, und trat zum Tiſch hin. „Verſteht ſich,“ war Renzo's Antwort.„Ein ordent⸗ liches Bett. Wenn's nur mit friſchgewaſchenem Linnen uͤberzogen iſt, ſo hat's weiter keine Noth. Bin armer Leute Kind; Reinlichkeit aber hab' ich vor mir geſehen.“ „O was das betrifft,“ ſagte der Wirth; zugleich ging er nach einer Bank, die im Winkel der Kuͤche ſtand, und kam zuruͤck, in der einen Hand ein Tintenfaß und ein Stuͤckchen unbeſchriebenes Papier, in der andern eine Feder. „Was ſoll das heißen?“ fragte Renzo, der eben ein Stuͤck vom aufgetiſchten Schmorfleiſch ſeinen Zaͤhnen uͤber⸗ gab, und laͤchelte dabei verwundert.„Iſt das etwa eins von den friſchgewaſchenen Bett⸗Tuͤchern?“ Der Wirth antwortete nicht, legte das Blatt auf den Tiſch, und ſetzte das Tintenfaß daneben. Dann buͤckte er — 63— ſich, ſtuͤtzte auf denſelben Tiſch den linken Arm und die Spitze des rechten Ellenbogens, ließ die Feder in der Luft ſchweben, erhob das Geſicht gegen Renzo, und ſagte:„Seyd ſo gut, mir Euren Namen, Zunamen und Geburtsort an⸗ zugeben.“ „Wie iſt das gemeint?“ fragte Renzo.„Was haben die Geſchichten mit dem Bett zu ſchaffen?“ „Ich thue meine Schuldigkeit,“ ſagte der Gaſtwirth, und ſah dem Begleiter des Juͤnglings in's Geſicht;„wir Wirthe ſind verpflichtet, von jedem Gaſt, der eine Nacht unter unſrem Dache zubringt, genauen Bericht zu erſtat⸗ ten;„„Name und Zuname, von welcher Nation, was fuͤr ein Geſchaͤft ihn herfuͤhrt, ob er Waffen bei ſich traͤgt, wie lange er ſich hier in Mailand aufzuhalten hat...“„1 So lautet die Verordnung.“ Eh er antwortete, leerte Renzo einen andern Becher; das war der Dritte, und nun haben wir Furcht, ſie weiter nicht mehr zaͤhlen zu koͤnnen.— /Ah, Ihr habt eine Ver⸗ ordnung,“ ſagte er dann.„Nun will ich einmal anneh⸗ men, ich bin ein Doktor der Rechte, ſo weiß ich den Au⸗ genblick, wie man mit den Verordnungen umzuſpringen hat.“ „Ich red' im Ernſte,“ ſagte der Wirth, und blickte noch immer auf Renzo's ſchweigenden Fuͤhrer hin. Dar⸗ auf ging er wiederum nach der Bank im Winkel, zog ei⸗ nen großen Bogen, ein vollſtaͤndiges Exemplar der Ver⸗ ordnung, hervor, und wickelte es vor Renzo's Augen aus⸗ einander. „Ah, da ſeh!“ ſchrie dieſer, hob mit der einen Hand den neuerdings gefuͤllten Becher, und ſtreckte, ſobald er ihn geleert hatte, die andre Hand nach der entfalteten Verord⸗ nung aus;„ha iſt das allerliebſte Blatt aus dem Meßbuch! Hab' gar große Freude damit. Ich kenn' das Wappen, ich weiß, was das Gottesleugnergeſicht, mit der Schlinge um den Hals, zu ſagen hat*). Es giebt zu verſtehen: wer kann, befiehlt, und wer da will, gehorcht. Wenn das Ge⸗ ſicht einmal einen gewiſſen Herrn Don.... auf die Ga⸗ leeren geſchickt haben wird, wie's auf einem andern Meß⸗ blatt, dem hier ganz aͤhnlich, lautet; wenn das Geſicht ein⸗ mal dafuͤr geſorgt haben wird, daß ein junger ehrlicher Burſch ein junges ehrliches Maͤdchen, ſo ſeine Frau wer⸗ den will, heirathen kann; dann werd' ich dem Geſicht mei⸗ nen Namen ſagen, und will ihm noch obenein einen Kuß auf die aufgeworfenen Lippen geben. Ich kann ſehr gute Gruͤnde haben, ihn nicht zu ſagen, meinen Namen.— O vortrefflich! Wenn nun ſo ein vornehmer Spitzbube, der one Schaar von andern Spitzbuben zu ſeinem Befehl hat — denn wenn er allein waͤre“— der Satz ward in einer Geberde ausgefuͤhrt—„wenn ſo ein Spitzbube wiſſen wollte, woher ich bin, um mir'nen garſtigen Streich zu ſpielen, wird ſich das Geſicht hier, frag' ich, von der Stelle ruͤcken, um mir Beiſtand zu leiſten? Ich ſoll meine Geſchaͤfte angeben! Das iſt auch was ganz Neues. Ich bin nach Mailand gekommen, wollen wir einmal anneh⸗ men, um meine Suͤnden zu beichten; ich will aber bei ei⸗ nem Pater Kapuziner beichten, um einmal ſo zu ſagen, und nicht bei'nem Schenkwirth.“ *) Ueber den öffentlichen Verordnungen pflegte damals das Wap⸗ pen des jedesmaligen Statthalters zu prangen; im Wappen des Don Gonzalo Fernandez de Cordova war vorzüglich ein Mohren⸗ könig, mit einer Sklavenkette um den Hals, bemerkbar. A. M. — 65— Der Hausherr ſchwieg, und ſah wiederum auf den Fuͤhrer, welcher noch immer nicht Miene zum Weggehen machte. Renzo, es thut uns weh, es ſagen zu muͤſſen, ſchluͤrfte einen andern Becher, und fuhr fort:„Ich will Dir ine Urſache angeben, mein lieber Schenkwirth, die Dir den Kopf zurecht ſetzen ſoll. Wenn die Verordnungen, die ſo vernuͤnftig ſprechen zu Gunſten guter Chriſten, nichts fruchten, ſo laͤßt ſich mit ſolchen, die einfaͤltig ab⸗ gefaßt ſind, noch weniger ausrichten. Nimm alſo den gan⸗ zen Baͤnkelkram da weg, und reich' dafuͤr'ne andre Flaſche her; denn die hier iſt zerbrochen.“— Er ſchlug, indem er ſo ſprach, mit den Knoͤcheln der Hand leicht dagegen, und fragte:„Hoͤrſt Du, wie ſie nach Spalten klingt?“ Renzo's Reden hatten auch dieſes Mal die Aufmerk⸗ ſamkeit der Geſellſchaft gefeſſelt; als er geendet, ließ ſich das Murmeln eines allgemeinen Beifalls vernehmen. „Was hab' ich da zu thun?“ ſagte der Wirth, und blickte dabei auf den Unbekannten, welcher fuͤr ihn indeſſen kein Unbekannter ſchien. „Weg, weg damit,“ ſchrieen Verſchiedene in der Ge⸗ ſellſchaft/ er hat Recht, der Fremde;'s ſind lauter Prel⸗ lereien, Quaͤlgehudel, die Leute umes Geld zu bringen; ganz neue Geſetze heut zu Tage, neue Geſetze!“ Der Unbekannte warf waͤhrend dieſes Geſchreies auf den Gaſtwirth einen Blick, welcher die allzuoffene Aus⸗ kundſchaftung ihm vorwarf.—„Laßt ihn einmal nach ſei⸗ ner Weiſe gehen,“ ſagte er darauf,„ſtellt kein Aergerniß an, und gebt Euch zufrieden.“ „Ich hab' meine Schuldigkeit gethan/“ ſagte der Gaſt⸗ wirth mit lauter Stimme; im Stillen dacht' er: nun bin II. 3 5 — — ——— — 66— ich geſichert, und hab'ne Wand hinter'm Ruͤcken.— Er trug Schreibzeug und Verordnung wieder zuruͤck, und nahm die leere Flaſche, um ſie dem Burſchen hinzugeben. Die naͤmliche Sorte,“ ſagte Renzo,„s iſt ein vor⸗ eefflicher Geſell, euer Wein, und wir wollen ihn, wie den andern, zur Ruhe bringen, ohne ihn weiter um Namen und Zunamen zu fragen, oder was er hier zu ſchaffen hat, und wie lange er ſich in der Stadt aufzuhalten gedenkt.“ „Von demſelben!“ befahl der Wirth dem Burſchen, reichte ihm die Flaſche hin, und ſetzte ſich wieder unter das Vordach des Kamins.— Freilich ein Haſe!— dachte er hier, waͤhrend er wiederum die Aſche mit ſeinen Zeich⸗ nungen ſchmuͤckte— und in was fuͤr Haͤnde biſt Du ge⸗ fallen! Der einfaͤltige Eſel! Wenn Du erſticken willſt, ſo erſticke; der Wirth zum vollen Mond aber wird ſich huͤten, um Deiner Narrheit wegen ſeine Haut dabei zu wagen. Renzo dankte ſeinem Fuͤhrer, ſo wie allen Uebrigen, welche ihm Recht gegeben hatten.—„Wackere Freunde!“ ſagte er,„ietzt ſeh' ich recht eigentlich, daß rechtſchaffene Leute einander die Haͤnde reichen, und ſich unterſtuͤtzen.“ — Darauf ſtreckte er die Rechte hoch uͤber den Tiſch aus, nahm von Neuem eine Rednerſtellung an, und rief:„Daß die Leute, die am Nuder ſitzen, doch bei allen Gelegenheiten mit Papier, Tinte und Feder angeſtiegen kommen! Immer den Gaͤnſekiel ſtrichfertig! haben ein großes Geluͤſt, mit der Feder auf dem Papier herum zu fahren!“ „Ei, mein fremder junger Herr,“ ſagte lachend Einer von den Spielern, welcher ſo eben im Gewinnen war, „wollt Ihr die Urſache wiſſen?“ „Laßt hoͤren!“ antwortete Renzo. — 67— Die Urſache iſt,“ erklaͤrte Jener,„die hohen Herr⸗ ſchaften eſſen alle Gaͤnſe weg, und da haben ſie denn ſo viele Federn, ſo viele Federn liegen, daß ſie doch Etwas da⸗ mit anfangen muͤſſen.“ Alle, bis auf den verlierenden Nachbar gegenuͤber, lachten. „Ah,“ ſagte Renzo.„Der iſt ein Poete. Habt alſo hier auch Poeten! Es giebt ihrer uͤberall auf Erden. Ver⸗ ſteh' mich gleichfalls ein wenig auf's Dichten, und manch⸗ mal bring' ich Euch gar artige Dinge vor, verſteht ſich, wenn die Zeiten'ne freundliche Miene machen.“ Um dieſe alberne Prahlerei unſers armen Renzo zu verſtehen, muß man wiſſen, daß bei dem gemeinen Volke in Malland, und bei den Landleuten umher noch mehr, ein Poet nicht, wie bei den uͤbrigen gebildeten Menſchen, einen himmliſchbegabten Geiſt, einen Bewohner des Pindus, ei⸗ nen Zoͤgling der Muſen bezeichnet; ſie meinen damit einen grillenhaften, wunderlichen Kopf, der in Worten und Hand⸗ lungen mehr ſcharfſinnig und uͤberraſchend, als eigentlich vernuͤnftig erſcheint. So wirthſchaftet der verdrehungs⸗ ſuͤchtige Haufe mit den Woͤrtern, und haͤngt ihnen eine Bedeutung an, welche von der geſetzmaͤßigen himmelweit entfernt liegt. Denn was hat wohl, fragen wir den Le⸗ ſer, ein Dichter mit einem wunderlichen Grillenkopfe zu ſchaffen? „Aber die wahre Urſache will ich Euch ſagen,“ fuhr Renzo fort.„Sie ſind's, ſo die Feder in der Hand fuͤh⸗ ren; was ſie alſo ſelbſt reden, das verfliegt, und iſt bald verdunſtet; die Worte dagegen, die ein armer Menſch in den Mund nimmt, aufmerkſam ſtehen ſie dabei, ſpießen ſie mit der verwetterten Feder den Augenblick auf, und nageln — 68— ſie auf's Papier feſt, um zur gehoͤrigen Zeit Gebrauch da⸗ von zu machen. Und dann haben ſie noch eine Bosheit an ſich; wenn ſie gern in ſchlimme Haͤndel einen armen Bur⸗ ſchen verwickeln moͤchten, der keinen Buchſtaben kennt, aber ſein Bischen... ich weiß, was ich meine..— und um ſich verſtaͤndlich zu machen, fuhr er mit der Spitze des Zeigefingers gegen die Stirn, als wollt' er ſie einren⸗ nen—„und wenn ſie merken, daß er von dem Schurken⸗ geſpinnſt Wind hat, paff, ſchmeißen ſie ſogleich ein Paar lateiniſche Brocken in's Geſpraͤch, dadurch ſoll er den Fa⸗ den verlieren, und den Degen aus der Hand fallen laſſen, ſoll den Kopf vor Wirrwarr nicht mehr zu tragen wiſſen. Genug, derlei Mißbraͤuche verdienen abgeſchafft zu werden. Heut iſt Alles recht gluͤcklich abgemacht worden, und der Gemeinſte hat's begreifen koͤnnen, wie's zugegangen, ohne Papier, ohne Feder und Dintenfaß; und morgen, wofern die Leute wiſſen, wie ſie ſich zu benehmen haben, wird's noch beſſer hergehen, ohne aber Einem auch nur ein Haar zu kruͤmmen, Alles auf dem Wege der Gerechtigkeit.“ Waͤhrend deſſen hatten einige der Gaͤſte ihr Spiel wie⸗ der fortzuſetzen begonnen, andre ließen ſich's ſchmecken, viele ſchrien durch einander; verſchiedene gingen weg⸗ manche kamen dazu; der Wirth hoͤrte bald nach Dieſem⸗ bald nach Jenem hin; lauter Dinge, die mit unſrer Ge⸗ ſchichte nichts weiter zu ſchaffen haben. Wann Renzo's unbekannter Begleiter weggehen wuͤrde, ließ ſich nicht ab⸗ ſehen; er hatte, wie es wenigſtens ſchien, in dem Hauſe nichts zu thun, und dennoch mochte er ſich nicht empfeh⸗ len, ohne mit ſeinem Gefaͤhrten noch einmal unter vier Augen ein wenig geplaudert zu haben. Er wandte ſich zu — 69— ihm, knuͤpfte das Geſpraͤch vom Brodt wieder an, und nach verſchiedenen Redensarten, welche ſeit einiger Zeit gang und gaͤbe geworden, ruͤckte er mit ſeiner eigenen Meinung heraus. 3* „Wenn ich zu befehlen haͤtte,“ ſagte er, mſo wuͤrde ich das Mittel ſchon ſinden, um Alles wieder in der gehoͤrigen Ordnung gehen zu laſſen.“ Was wolltet Ihr vornehmen?“ fragte Renzo, ſah ihm dabei mit einem etwas allzuglaͤnzenden Augenpaar in's Ge⸗ ſicht, und zog den Mund ein wenig ſeitwaͤrts, gleichſam um ſich ſo aufmerkſam als moͤglich darzuſtellen. „Was ich vornehmen wollte?“ entgegnete der Andre. „Es muͤßte Brodt fuͤr Alle vorhanden ſeyn, fuͤr's arme Volk ſo gut wie fuͤr die Reichen."/) Ah, ſo laͤßt ſich's hoͤren,“ meinte Renzo. „Hoͤrt an, wie ich's machen wuͤrde. Ein rechtſchaffe⸗ ner Preis, wobei Jedweder beſtehen kann. Und dann das Brodt nach Verhaͤltniß der Eſſer vertheilt; denn es giebt Euch unverſchaͤmte Schlinghaͤlſe, die Alles fuͤr ſich behal⸗ ten moͤchten, und auf's Gerathewohl rips raps Alles an ſich reißen, und hernach iſt fuͤr die armen Leute keins da. Alſo mit dem Brodt eine Vertheilung vorgenommen. Wie das anſtellen? Ich denke ſo: Jede Familie kriegt, nach Verhaͤltniß der Koͤpfe, einen Zettel, und kann damit hin⸗ gehen, ſich vom Baͤcker Brodt zu holen. Mir zum Bei⸗ ſpiel muͤßten ſie einen Zettel ausfertigen, der etwa ſo lau⸗ tete: Ambrogio Fuſella, Schwerdtfeger von Handwerk, mit ſeinem Weib und vier Kindern, ſaͤmmtlich ſchon herange⸗ wachſen, um Brodt eſſen zu koͤnnen— paßt wohl auf— erhaͤlt ſo und ſo viele Brodte, wofuͤr er ſo und ſo viele — 70— Groſchen zu zahlen hat. S muß aber allezeit gerecht da⸗ bei zugehen, immer nach Anzahl der Koͤpfe. Bei Euch, wollen wir einmal annehmen, muͤßten ſie einen Zettel aus⸗ ſtellen fuͤr... wie iſt doch Euer Name?“ „Lorenzo Tramaglino,“ ſagte der Juͤngling. Denn ganz und gar von dem neuen Plane bezaubert, bemerkte er nicht, daß er gleichfalls auf Papier, Feder und Dintenfaß gegruͤndet war, daß um ihn in's Werk zu ſetzen, vor allen Dingen die Namen der Perſonen aufgenommen werden mußten. „Ganz gut,“ ſagte der Unbekannte;„aber habt Ihr Frau und Kinder?“ „Ich ſollte eigentlich... Kinder, nein— ˙s waͤr' zu zeitig; aber'ne Frau— wenn's in der Welt zuginge, wie's ſollte.“ „Ah, Ihr ſeyd unverheirathet! Alſo Geduld; kriegt demnach eine kleinere Portion.“ „˙S iſt billig,“ ſagte Renzo.„Aber wenn nun bald, wie ich hoffe, und mit goͤttlicher Huͤlfe...Genug, wenn ich nun mich verheirathen thaͤte?“ „Wird der Zettel gewechſelt, und die Portion ſteigt,“ antwortete der Unbekannte, und erhob ſich von der Bank. „Wie ich geſagt habe: immer nach Verhaͤltniß der Koͤpfe.“ „So laſſ' ich's gelten,“ rief Renzo, indem er wieder⸗ holt mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug.„Und warum machen ſie nicht ein Geſetz nach dieſer Manier?“ „Was ſoll ich Euch fuͤr'nen Beſcheid darauf geben?“ fragte Jener.„Indeſſen ſag' ich Euch gute Nacht, und mache mich auf; ich denk' mir, mein Weih und meine Kin⸗ der lauern ſchon eine ganze Zeit auf mich.“ — 171— „Noch'nen kleinen Schluck,'nen kleinen Schluck noch!“ ſchrie Renzo, und fuͤllte ihm geſchwind den Be⸗ cher. Dabei ſprang er auf, faßte ihn bei einer Bauſchfalte des Wamſes, und zog ihn mit Gewalt zum Sitzen zuruͤck. —„Noch einen kleinen Schluck, thut mir das nicht zu Leide!“ Der Freund aber machte eine raſche Wendung, und entſchluͤpfte. Auf alle Bitten und Vorwuͤrfe, in welche Renzo ſich ergoß, antwortete er bloß noch einmal gute Nacht, und ging. Als er ſchon auf dem Wege war, hielt ihm Renzo ſein Unrecht noch vor, und warf ſich ſodann auf die Bank. Er ſah mit ſtarren Blicken den Becher an, der voll vor ihm ſtand, und als er den Burſchen vor'm Tiſche voruͤber gehen ſah, hielt er ihn mit einem Winke der Hand auf, als wenn er ihm etwas mitzutheilen haͤtte, zeigte auf den Becher hin, und ſagte mit langſamer, feier⸗ licher Ausſprache, daß ſich die Worte ganz eigen anhoͤren ließen:„Hier,'s war fuͤr den braven Mann eingeſchenkt, Ihr ſeht; voll, von einem Rand zum andern, wie man's einem Freund anbietet; er hat's aber nicht gewollt. Die Leute haben manchmal wunderliche Grillen unter'm Schaͤ⸗ del ſitzen. Ich hab' gethan, was ich konnte; meinen gu⸗ ten Herzenswillen hat er ſehen koͤnnen. Jetzt alſo, da die Sache einmal geſchehen iſt, muß Einer Gottes Gabe nicht zu Grunde gehen laſſen.“— Nachdem er ſo geſprochen, nahm er den Becher, und trank ihn auf einen Zug aus. „Ich hab' verſtanden,“ ſagte der Burſche, und ging fort. b „Eh, Ihr habt's alſo auch verſtanden?“ rief ihm — 22— „Renzo nach.„S iſt alſo wahr. Sobald die Gruͤnde gut ſind....“ Hiier will's die ganze Liebe, welche wir zur Wahrheit hegen, um mit umſtaͤndlicher Treue fortzufahren, wo die Erzaͤhlung fuͤr eine ſo wichtige Perſon wie Renzo, fuͤr das wichtigſte Glied unſrer Geſchichte, ließe ſich beinah ſagen, ſo wenig ehrenvoll zu werden anfaͤngt. Zu gleicher Zeit noͤthigt uns aber auch die Unpartheilichkeit das Geſtaͤndniß ab, daß unſerm Juͤngling hier zum erſten Mal ſolch ein verfaͤngliches Abentheuer begegnete, und gerade weil er an uͤbermaͤßige Genuͤſſe nicht gewoͤhnt war, lief großentheils dieſes erſte Mal ſo unheilvoll fuͤr ihn ab. Die wenigen Becher, welche er gleich anfangs, theils um die trockene Gluth der Kehle zu loͤſchen, theils aus geſteigerter Regſam⸗ keit des Gemuͤthes, die von keinem Maaße wiſſen will, ge⸗ gen ſeine Gewohnheit, einen nach dem andern zu ſich ge⸗ nommen hatte, waren ihm augenblicklich nach dem Kopf geſtiegen; ein geuͤbterer Trinker haͤtte nicht die mindeſte Wirkung davon verſpuͤrt. Bei dieſer Gelegenheit macht unſer Anonymus eine Bemerkung, welche wir ihm nach⸗ ſchreiben, ſie moͤge aufgenommen werden, wie ſie wolle. Die maͤßige, tugendhafte Lebensweiſe, ſagt er, gewaͤhrt au⸗ ßer andern auch den Vortheil, daß ein Menſch, welchem ſie zur Gewohnheit und Natur geworden, ſo oft er in ei⸗ nen entgegengeſetzten Irrweg verfaͤllt, auf der Stelle die widerwaͤrtigen Wirkungen deſſelben empfindet; unbehagli⸗ ches Gefuͤhl und reuiger Unmuth ſtellen unausbleiblich ſich ein; eine ganze Zeit hindurch bleibt ihm die Erinnerung eingepraͤgt, und ſo dient ihm ſelbſt ein Fehltritt zur Lehre. Dem ſey, wie ihm wolle, ſo folgten einander, nach⸗ — 73— dem der erſte Dunſt dem jungen Menſchen zu Kopfe geſtie⸗ gen, Wein und Worte, jener hinunter, dieſe herauf, ohne Maaß und Regel, und in dem Augenblick, wo wir ihn gelaſſen haben, hielt er ſich bereits auf den Fuͤßen, ſo gut er konnte. Eine unwiderſtehliche Luſt zum Sprechen ſetzte ihm die Zunge in Bewegung; an Zuhoͤrern oder an um⸗ herſitzenden Menſchen wenigſtens, die er dafuͤr nehmen konnte, fehlte es nicht; hin und wieder waren ihm auch recht paſſende Worte in den Mund gekommen, und hatten ſich in ziemlicher Ordnung an einander reihen laſſen. All⸗ maͤhlig aber zeigten ſich bei dem Geſchaͤfte, die angefange⸗ nen Saͤtze faßlich durchzufuͤhren, maͤchtige Schwierigkeiten. Ein Gedanke, welcher lebhaft und rund ſeinem Geiſte ſich dargeſtellt hatte, flog ploͤtzlich davon, und ging wie in ei⸗ nem fernen Nebel unter; das Wort, worauf er mehrere Sekunden hindurch ſich hatte beſinnen muͤſſen, wollte am Ende zu dem Gedanken nicht recht ſtimmen. Und in ſol⸗ cher Verlegenheit verfuͤhrte ihn ein falſcher Trieb, wie er gar oft die Menſchen dem Verderben zuleitet, ſeine Zuflucht gerade zu der ungluͤcklichen Flaſche zu nehmen. Was fuͤr Huͤlfe ihm aber unter ſolchen Umſtaͤnden die Flaſche ge⸗ waͤhren konnte, ſagt ſich Jeder, der ſeinen geſunden Ver⸗ ſtand hat, ſelbſt. Von den unzaͤhligen Reden, welche unſer Renzo an jenem unſeligen Abend fuͤhrte, theilen wir hier nur einige Wenige mit; die Uebrigen laſſen wir wohlbedaͤchtig weg, ſie wuͤrden nur ſich ſelbſt aufheben; denn es lag nicht bloß kein Sinn in ihnen, ſie hatten auch nicht einmal das An⸗ ſehen, als wenn welcher in ihnen laͤge, und das iſt doch bei einem gedruckten Buche eine unerlaͤßliche Bedingung. —y——— — 71— He, Wirth, Wirth!“ fing Nenzo wieder an, indem er mit den Augen um den Tiſch umher wanderte, und dann unter das Vordach des Kamins hinblickte; bisweilen richtete er auch den Blick ſtarr dahin, wo gerade der Ka⸗ min nicht war, und ſprach in Einem fort mitten im Laͤr⸗ men der Geſellſchaft:„Du biſt ein ſchoͤner Wirth! Ich krieg' ihn nicht klein, Deinen Streich da mit Namen, Zu⸗ namen und Geſchaͤft. Einem Menſchen, wie ich! Haſt Dich nicht gut aufgefuͤhrt. Was find'ſt Du denn fuͤr'ne Freude, was fuͤr'nen Vortheil, fuͤr'nen Geſchmack dran, einen armen jungen Kerl zu Papier zu bringen? Hab' ich Recht, Ihr Herren? Gerade an die braven jungen Kerle ſollten ſich die Schenkwirthe halten.— Hoͤr, hoͤr’, Wirth; ich will Dir ein Beiſpiel vorhalten, eine vernuͤnftige Sache..... Die Herren lachen? Ich hab' mir ein Bischen zu guͤtlich gethan.... meine Gruͤnde aber, die bring' ich noch ganz ordentlich vor. Sag' mir einmal, wer erhaͤlt denn Deinen Kram auf den Beinen? Gerade die armen Leute. Hab' ich Recht? Seh' einmal zu, ob die Herren unter der Ver⸗ ordnung da jemals bei Dir einſprechen, um ſich den Gau⸗ men anzufeuchten!“ „Lauter Waſſertrinker!“ ſagte ein Nachbar. „Wollen ſich bei Verſtand erhalten,“ fuͤgte ein An⸗ drer hinzu,„um ihre Luͤgen geſcheidt vorbringen zu koͤnnen.“ „Ah,“ rief Renzo,„da hat ſich der Poet wieder ein⸗ mal hoͤren laſſen. Ihr ſeht alſo auch ein, wie ich's meine. Antworte alſo, Wirth! Hat ſich Ferrer, der noch der Beſte unter Allen iſt, jemals in der Kuͤche hier ſehen laſſen, um einen Becher mit Einem anzuſtoßen, und auch einen lum⸗ pigen Pfennig nur zu verzehren? Und der Mordklaͤffer, der ——.,— —.— — 75— Don... Na, ich bin ſtill, es giſcht mir zu ſehr im Kopf. Ferrer und der Pater Crrr... das ſind ein Paar Ehren⸗ maͤnner, ich weiß es. Die Alten taugen weit weniger als die Jungen, und die Jungen... die ſind noch ſchlimmer als die Alten. Ich bin aber doch zufrieden, daß es kein Menſchenleben gekoſtet hat; eh, das ſind Unmenſchlichkei⸗ ten, die fuͤr den Schinder gehoͤren. Brodt, das ja. Ich hab' tuͤchtige Stoͤße bekommen; aber— ich hab' auch welche ausgetheilt. Friſch auf! Ueberfluß! Vivat! Aber auch der Ferrer— alle Augenblick ein lateiniſches Mummelwort.. Sies baraos trapolorum. Verdammt ſey die Bosheit! Die Gerechtigkeit ſoll hoch leben! Und das Brodt! Ha, das ſind die rechten Worte! Das wollen die Herren hier auch.. wie das verdammte ton ton ton mit einem Mal losbrach, und dann wieder ton ton ton..'s macht ſich Einer nicht umſonſt auf die Beine. Ich ſollt' ihn nur hier haben, den Herrn Pfarrer... eh, ich weiß recht gut, was ich im Sinne habe.“ Bei dieſen Worten ſenkte er den Kopf, und ſtand ei⸗ nige Zeit, wie im Anſchauen eines plotzlich aufgeſtiegenen Bildes verloren; dann ſeufzte er tief auf, im emporgeho⸗ benen Geſichte waren zwei thraͤnende Kinderaugen zu ſehen, eine ſeltſame, fremdartige Bekuͤmmerniß ſprach ſich in ſei⸗ nen Zuͤgen aus, und gut war's, daß diejenige, welche der Gegenſtand derſelben war, ſie nicht zu ſehen bekam. Die nichtswuͤrdigen Kerle aber, welche ſchon angefangen hat⸗ ten, mit Renzo's leidenſchaftlicher, verworrener Beredtſam⸗ keit ihren Spaß zu treiben, machten ſich nun uͤber ſein kummervolles Anſchen noch luſtiger. Die Naͤchſten ſagten zu den Uebrigen:„Seht einmal!“ und Alle wandten ſich — 76— nach ihm hin. Bald war er das Spottziel der luͤderlichen Geſellſchaft. Freilich waren auch ſie nicht Alle bei ganz nuͤchternem Verſtande; indeſſen hatte Keiner ſo arg als unſer armer Renzo uͤber die Schnur gehauen, und uͤberdieß war er ein Fremdling. So machten ſie ſich dabei, ihn der Reihe nach mit einfaͤltigen, plumpen Fragen, mit ſpottlu⸗ ſtigen Geberden aufzuziehen. Renzo verrieth bald ſeinen Unwillen daruͤber, bald nahm er den Spaß auf die luſtige Seite, bald ließ er ſich das ganze Gerede nichts anfechten, und ſprach von ganz andern Dingen; manchmal antwor⸗ tete er, manchmal fragte er, immer aber ſprungweiſe, ohne Zuſammenhang. Zum Gluͤck indeſſen war ihm denn doch, bei all dem faſelnden Geſchwaͤtz, eine inſtinktmaͤßige Auf⸗ merkſamkeit geblieben, keinen Namen einer Perſon ſich ent⸗ ſchluͤpfen zu laſſen; ſo kam auch derjenige, welcher am mei⸗ ſten ihm in's Gedaͤchtniß eingepraͤgt ſeyn mußte, hier nicht zum Vorſchein. Und wahrlich, es ſollte uns nah gehen, wenn dieſer Name, welchem wir auch mit einiger Zunei⸗ gung und Achtung ergeben ſind, in dieſen ungewaſchenen Maͤulern ſich umhergetrieben haͤtte, und das Spielwerk ſo heilloſer Zungen geworden waͤre. Viertes Kapitel. Indeſſen ſah der Wirth, daß der Spaß am Ende zu weit ging, und ſich allzu ſehr in die Laͤnge zog. Er trat zu Renzo hin, bat die Andern hoͤflich, ihn in Frieden zu laſſen, ſchuͤttelte ihn beim Arm, und wollte ihm zu verſte⸗ hen geben, es ſey Zeit, ſchlafen zu gehen. Es gelang aber —— — 77— 3 nicht, ihn zu üͤberreden; der Berauſchte kam beſtaͤndig auf dieſelben Geſchichten von Namen und Zunamen, von Ver⸗ ordnungen und guten armen Leuten zuruͤck. Dennoch mach⸗ ten die Worte, Bett und ſchlafen, oft wiederholt, am Ende Eindruck auf ihn; er ſing allmaͤhlig an zu begreifen, wie das, was ſie bedeuteten, ihm in der That noͤthig war, und ſo bewirkten ſie in ſeinem Geiſte einen klaren Augenblick. Der geringe Theil Verſtand, welcher ihm dabei zuruͤckkehrte, ließ ihn gewiſſermaßen einſehen, daß der groͤßere Theil in der Weinflaſche ſtecken geblieben; ungefaͤhr wie bei einer Erleuchtung das letzte Stuͤmpfchen, das noch brennt, uns uͤberzeugt, daß alle andern Lichter bereits erloſchen. Er entſchloß ſich, ſtuͤtzte beide Haͤnde flach auf den Tiſch, ver⸗ ſuchte zwei, drei Mal aufzuſtehen, aͤchzte und taumelte, ge⸗ langte aber bei'm dritten Male, vom Hausherrn unterſtuͤtzt, auf die Beine. Dieſer erhielt ihn aufrecht, und ließ ihn zwiſchen Tiſch und Bank hervortreten; in die eine Hand nahm er eine Laterne, mit der andern fuͤhrte er halb, ſo gut es ging, den Gaſt, halb ſchleppte er ihn nach der Treppenthuͤre hin. Bei'm Laͤrmen der Gruͤße, welche die Geſellſchaft ihm nachſchickte, wandte Renzo ſich hier ha⸗ ſtig um, und wenn ſein Gehuͤlfe ihn nicht gewandt bei'm Arm gehalten haͤtte, ſo waͤre aus der Umkehr ein gewaltſa⸗ mes Niederſtuͤrzen geworden; ſo aber drehte er ſich zum Zimmer zuruͤck, ſtrich mit dem Arm, welchen er frei hatte, vielfach durch die Luft, und beſchrieb damit, als machte er Salomoniſche Zaubergeberden, ſeine Abſchiedsgruͤße. Zu Bette, Herr, zu Bette!“ ſagte der Wirth, und riß ihn mit fort. Darauf half er ihm zur Thuͤre hinaus, zog ihn mit groͤßerer Muͤhe noch die ſchmale hoͤlzerne — 1 G — 78— Treppe empor, und brachte ihn in das Zimmer, ſo er ihm beſtimmt hatte. Beim Anblick des Bettes, das ihn erwar⸗ tete, freute ſich Renzo, und ſah liebevoll den Wirth mit einem Augenpaar an, welches bald ungewoͤhnlich blitzte, bald, wie ein Paar Johanniswuͤrmchen, ſich verdunkelte; dabei ſuchte er ſich im Gleichgewichte zu erhalten, und ſtreckte die Hand nach der Wange des Gaſtwirthes aus, um ſie, zum Zeichen der Freundſchaft und der Erkenntlich⸗ keit, zwiſchen Zeige⸗ und Mittelfinger zu faſſen; es ging aber nicht.—„Wackerer Schenkwirth,“ brachte er endlich denn doch hervor;„ich ſehe, daß Du ein rechtſchaffener Mann biſt;'s iſt chriſtlich gehandelt, einem guten Jungen ein Bett zu verſchaffen; aber die Fuchsfalle da von Ramen und Zunamen, die war nicht nach rechtſchaffener Leute Art. Zum Gluͤck verſteh' ich meinerſeits mich auch auf'nen Pfiff... Der Wirth hatte nicht geglaubt, daß ſein Mann noch ſo zuſammenhaͤngend ſprechen koͤnnte; er wußte aus langer Erfahrung, wie Leute in ſolchem Zuſtande mehr als ſonſt mit ihren Empfindungen ploͤtzlich umzuſchlagen pflegen⸗ und ſo wollte er dieſen lichthellen Augenblick benutzen, um einen andern Verſuch zu machen.—„Lieber Freund,“ ſagte er mit liebkoſender Miene und Stimme,„ich hab's ja gar nicht gethan, um Euch zu quaͤlen, noch um Euch Eure Angelegenheiten abzuſpuͤren. Was wollt Ihr? Das Geſetz iſt da, und auch wir muͤſſen gehorchen; ſonſt ſind wir die Erſten, die die Strafe auf den Hals haben. Es iſt geſcheidter, ihnen zu Willen zu leben, und... Und worauf kommt's am Ende an? Ne große Sache! Zwei Worte zu ſprechen. Nicht der hohen Herrſchaften wegen, 4 — 75— ſondern um mir einen Gefallen zu thun; kommt, wir ſind allein hier, unter vier Augen, wollen unſre Sache abmachen; ſagt mir Euren Namen, und.⸗. und dann geht mit ruhigem Herzen zu Bette.“ Ah Schurke,“ ſchrie Renzo,„Betruͤger! Du kommſt mir noch einmal mit der Niedertraͤchtigkeit von Namen und Zunamen und von Geſchaͤft angezogen?“ „Schweig, Narr, und geh zu Bette!“ ſagte Jener. Renzo aber fuhr heftiger fort:„Hab' verſtanden. Du gehoͤrſt auch zu der Bande. Wart', wart', ich will Dich zurecht machen.“— Dabei wandte er ſich mit dem Munde nach der Treppenthuͤre zu, und ſchrie noch weit fuͤrchter⸗ licher:„Freunde, der Wirth gehoͤrt zur....“ 3 „Ich hab's ja bloß zum Spaß geſagt,“ ſchrie dieſer, riß ihn zuruͤck und ſtieß ihn nach dem Bette hin,„zum Spaß, haſt Du mir den Spaß denn gar nicht angemerkt, Freund?“ „Ah, zum Spaß; das iſt vernuͤnftig geſprochen. Wenn Du's zum Spaß geſagt haſt... s ſind auch lauter Ge⸗ ſchichten rein zum Spaß.“— Und ſo fiel er auf's Bett hin.. „Jetzt bei der Hand! Zieht Euch aus, geſchwind!“ ſagte der Wirth, und unterſtuͤtzte ſeinen Rath durch thaͤti⸗ gen Beiſtand. Es that Noth. Als Renzo ſich den Wams ausgezogen hatte, nahm ihn der Wirth, und fuhr ſogleich mit den Haͤnden in die Taſchen, um zu ſehen, ob auch wohl das Zechgeld drin ſteckte. Er fand Geld; da er aber der Meinung war, der Gaſt wuͤrde am andern Morgen ganz andre Dinge zu thun haben, als an Bezahlung zu denken, und das Geld duͤrfte wahrſcheinlich in Haͤnde — 80— fallen, aus welchen ein Gaſtwirth es nicht mehr heraus bekaͤme, ſo uͤberlegte er, was er zu thun haͤtte, und wollte einen andern Verſuch wagen. Ihr ſeyd ein guter junger Menſch, ein trenmnann ſagte er;„nicht wahr?“ „N guter Menſch, ein Cheumaun 72 antwortete Renzo, indem er mit den Fingern noch immer an den Knoͤpfen zu thun hatte, die aus ihren Loͤchern nicht her⸗ aus wollten. „Gut,“ antwortete Jener,„macht alſo jetzt die kleine Rechnung richtig; denn morgen muß ich bei Zeiten Ge⸗ ſchaͤfte halber aus dem Hauſe gehen...“ „'S iſt billig,“ aͤußerte Renzo.„Bin ein pfiffiger Schelm, doch ein ehrlicher Kerl. Aber das Geld! Eh geſchwind, wir wollen das Geld ſuchen!“ „Ich bin dabei,“ ſagte der Wirth. Indem er darauf ſeine ganze liſtige Gewandtheit, ſeine ganze Geduld, ſeine ganze Schlauigkeit in Bewegung ſetzte, kam er endlich da⸗ mit zu Stande, und ſteckte die Zeche ein. „Helf mir ein Bischen mich ganz ausziehen, Wirth,“ ſagte Renzo.„Ich fuͤhl's ſelber, daß mir ein maͤchtiger Schlaf in den Gliedern ſteckt.“ Der Wirth leiſtete ihm den verlangten Dienſt, legte ihm noch uͤberdieß die Kiſſen unter dem Kopfe zurecht, und warf ihm ein oberflaͤchliches Gutenacht hin; denn ſchon lag er ſchnarchend da. Es beherrſcht aber den Men⸗ ſchen eine unerklaͤrliche Anzichungskraft, welche ihm fuͤr einen Gegenſtand des Aergers dieſelbe Aufmerkſamkeit wie fuͤr einen Gegenſtand der Liebe abnoͤthigt, und vielleicht nichts Andres iſt, als das Beſtreben, was gewaltſam auf —— unſer Gemuͤth wirkt, naͤher kennen zu lernen. Daher auch der Wirth einen Augenblick ſtill ſtand, den Gaſt, ſo zu⸗ wider er ihm auch war, zu betrachten; er hielt ihm die Laterne vor's Geſicht, und breitete die Hand uͤber die Flamme, um ſie deſto heller hinleuchten zu laſſen; es war ungefäͤhr dieſelbe Stellung, in welcher Pſyche gemahlt wird, wenn ſie verſtohlen die Zuͤge des unbekannten Gatten belauſcht.—„Naͤrriſcher Maͤhrchenvogel!“ ſagte er halb laut zu dem armen Entſchlafenen„Du biſt gerade drauf losgegangen, Dir Dein Ungluͤck auf den Hals zu ziehen. Morgen wirſt Du mir wohl ſchon ſagen koͤnnen, wie's ſchmeckt. Ungeſchliffene Bauerkerle, wollt in der Welt umherziehen, und wißt nicht einmal, wo die Sonne auf⸗ geht, ſtuͤrzt Euch und Euren Mitmenſchen in Wirrwarr!“ So geſprochen oder gedacht, zog er die Lampe zuruͤck, ſetzte ſich in Bewegung, ging zum Zimmer hinaus, und verſchloß von draußen die Thuͤre mit dem Schluͤſſel. Auf dem Abſatz der Treppe rief er die Wirthin, befahl ihr, die Kinder einem Dienſtmaͤdchen zu uͤbergeben, und ſo lange in der Kuͤche an ſeiner Statt ein wachſames Auge zu ha⸗ ben.—„Ich muß ausgehen,“ ſagte er,„um eines Frem⸗ den Willen, der mir da zu meinem Ungluͤck in's Haus ge⸗ rathen iſt.“— Und nun theilte er ihr im Auszuge das un⸗ angenehme Ereigniß mit.—„Hab' ein Aug' auf Alles,“ ſetzte er darauf hinzu,„und hauptſaͤchlich Klugheit; die will's an einem ſo verdammten Tage ganz beſonders. Wir haben da unten einen Hauſen luͤderlicher Kerle ſitzen, die unter'm Trinken und Spielen allerhand Dinge uͤber die Zunge wandern laſſen. Genug, wenn ſo ein verwegenes Großmaul... 8II. 6 — 32— „Ei,“ entgegnete die Wirthin,„ich bin kein Gruͤn⸗ ſchnabel, und weiß auch, was vorgeht. Bis jetzt, ſcheint s mir, kann man noch nicht eben ſagen...“ „Gut, gut, und aufpaſſen, ob ſie zahlen. Laß ſie ſprechen, was ſie wollen, vom Speichervogt, vom Statt⸗ halter und dem Großkanzler, von den Decurionen und den Cavalieren, von Spanien und Frankreich, und ande⸗ rem Firlefanz der Art; gethan, als ob Du nichts verſtehſt; denn mit Widerſprechen ſchiebt Einer ſeinen Karren den Augenblick in den Moraſt hinein, und giebt man ihnen Recht, ſo gehts eben nicht beſſer, und Du weißt ja ſelber, gerade Diejenigen, ſo die ungeberdigſten Worte im Munde fuͤhren, die ſind manchmal... Genug, wenn Du ſo einen Vorſchlag hoͤrſt, drehſt Du den Kopf weg, und ſagſt: Ich komme! als thaͤt Einer von der andern Seite her rufen. Ich will ſo bald als moͤglich wieder heimzukommen ſuchen.“— Darauf trat er mit ihr in die Kuͤche, warf einen Blick umher, um ſich zu uͤberzeugen, ob nichts Neues von Bedeutung vorgefallen, nahm von einem Pflock Hut und Mantel herunter, holte aus einem Winkel einen Knuͤttel⸗ ſchaͤrfte durch einen zweiten Blick ſeinem Weibe die gege⸗ benen Anweiſungen ein, und machte ſich auf den Weg. Aber ſchon waͤhrend dieſer Vorkehrungen hatte er den Fa⸗ den der Anrede, welche er an Renzo's Bette gehalten, in der Stille wieder aufgefaßt, und verfolgte ihn, indem er durch die Straße wanderte. „Was fuͤr nen ſtarrſinnigen Kopf der Burſch aus dem Gebirge auf dem Rumpfe traͤgt!“— Denn ſo emſig auch Renzo ſeine Heimath zu verſchweigen ſuchte, ſo verrieth — 83— ſich doch das Gebirgsland in Worten, Ausſprache, Anblick und Handlungen von ſelbſt.—„Mit meiner Klugheit, mit meiner guten Vernunft, hab⸗ ich heiler Haut den gefaͤhr⸗ lichen Tag uͤberſtanden, und nun kommſt Du mir am Abend noch auf den Hals, mir die Eier im Korb zu zer⸗ quetſchen. Fehlt's denn in Mailand an Gaſthoͤfen, daß Du gerade uͤber meine Schwelle hereinſtolpern mußteſt? VWaͤrſt Du noch wenigſtens allein gekommen, ſo haͤtt' ich fuͤr den Abend ein Aug' zugedruͤckt, und's morgen fruͤh Dir zu verſtehen gegeben. Aber nein, Herr, kommſt in Geſellſchaft, und in Geſellſchaft eines Haͤſcherhauptmanns, um den Kohl noch fetter zu machen.“ 4 Bei jedem Schritte begegnete der Gaſtwieth auf ſei⸗ nem Wege einſamen Wandrern, auch wohl zweien oder vieren, welche murmelnd umherzogen. Als er in ſeiner ſtummen Anrede gerade bei obigem Punkte ſtand, ſah er eine Runde von Soldaten daherkommen; er ſchlich ſich ſeitwaͤrts, ſchielte, da ſie voruͤber ſchritten, nach ihnen hin, und dachte weiter:„Da ſind die Narrenruthen. und Du, Eſel, Du, weil Du einen Haufen Leute haſt Laͤrm machen ſehen, ſetzeſt Dir in den Kopf, daß die Welt um⸗ gekehrt werden muͤſſe; und auf ſo einen aetigen Grund fußend, haſt Du Dich ungluͤcklich gemacht, und wollteſt mich auch mit hinein ziehen; das war dumm. Ich hab' mein Moͤglichſtes gethan, um Dich zu retten, und Du, Schlingel, haͤtt'ſt mir dafuͤr den Gaſthof beinah mit Spek⸗ takel gefuͤllt. Run kannſt Du ſelber ſehen, wie Du aus der Klemme kommſt; fuͤr mich werd' ich ſorgen. Als wenn ich Deinen Namen aus Neugier wiſſen wollte! Was liegt mir dran, vb Du Taddeo oder Bartolommeo biſte Ich N — 8— hab' eben keine große Freude dran, die Feder in die Hand zu nehmen; ihr Leutchen ſeyd aber wahrhaftig nicht allein, daß die Welt nach Eurem Kopfe gehen ſoll. Ich weiß auch, daß es Verordnungen giebt, die nichts zu bedeuten. haben; ne maͤchtige Neuigkeit, daß Einer aus dem Ge⸗ 3 birge herkommen muß, um ſie uns aufzutiſchen! Du weißt aber nicht, daß die Verordnungen gegen die Gaſt⸗ wirthe gerade wohl was zu ſagen haben. Willſt durch die Welt reiſen, und Dein großes Maul mit herumtragen, und weißt nicht einmal, daß Einer vor allen Dingen nicht oͤffentlich davon ſprechen muß, wenn er die Welt nach ſeinem Kopfe drehen, und die Verordnungen in den Sack ſtecken will. Und wenn ein armer Gaftwirth ſich nach Dir bequemte, und ſeine Gaͤſte nicht nach ihrem Namen fragte, weißt Du denn, Dummkopf, was fuͤr'ne Schuͤſſel man ihm da vorſtellen thaͤte?„„Jedem der oben genannten Gaſtgeber und Schenkwirthe bei Strafe von dreihundert Scudi geboten.“„ Wie ſauer muß ſich Einer dreihundert Seudi werden laſſen? und um ſie ſo huͤbſch dann an den Mann zu bringen!—„„davon zwei Drittheil fuͤr die Koͤnigliche Kammer zuruͤckzulegen, und das Uebrige fuͤr den Klaͤger oder Angeber.““ Ein ſchoͤnes Puppenſpiel! „„Und wenn er nicht zahlen kann, fuͤnf Jahre auf die Galeere, oder eine groͤßere Strafe, an Eigenthum oder Leibe, nach dem Gutachten ſeiner Excellenz““ Schoͤnen Dank, Eurer Gnaden gar ſehr verbunden!“ Bei dieſen Worten betrat der Gaſtwirth die Schwelle des Pallaſtes, in welchem der Hauptmann der Gerechtig⸗ keit wohnte. Wie in allen andern Kanzleyen herrſchte auch hier — 5— eine außerordentliche Geſchaͤftigkeit; uͤberall ertheilte man emſig die zweckmaͤßigſten Befehle, um dem folgenden Taͤge zuvorzukommen, den Gemuͤthern, die zu neuer Empoͤrung geneigt, den Vorwand und die Kuͤhnheit zu nehmen, und die Gewalt in den Haͤnden, welche ſie auszuuͤben hatten, ſicher zu ſtellen. Die Kriegerſchaar bei'm Hauſe des Spei⸗ chervogts wurde verſtaͤrkt, die Eingaͤnge zur Straße durch Querbalken verſperrt und durch eine Wagenburg verram⸗ melt. Saͤmmtlichen Baͤckern befahl man, ohne Unterlaß im Brodtbacken fortzufahren; nach den umherliegenden Ortſchaften gingen Eilboten ab, mit dem Befehl, Getraide nach der Stadt zu ſchicken; fuͤr jeden Baͤckerladen beſtimmte man verordnete Edelleute, welche ſich in aller Fruͤhe hin⸗ begeben ſollten, um uͤber die Vertheilung des Gebaͤckes zu wachen, und durch ihr perſoͤnliches Anſehen oder durch gute Worte die Unruhigen in Schranken zu halten. Um aber, wie man zu ſagen pflegt, die Scheibe in allen Punk⸗ ten zu treffen, und durch ein wenig Schrecken die Schmei⸗ cheleien deſto wirkſamer zu machen, ward auch auf Mittel geſonnen, hin und wieder einem Aufruhrſtifter zu Leibe zu gehen, und dieſe Rolle wurde vorzuͤglich dem Haupt⸗ mann der Gerechtigkeit zuerkannt. Wie dieſem bei den Umſchlaͤgen von Wundwaſſer auf der linken Stirne, wenn er an die Empoͤrung und ihre Naͤdelsfuͤhrer dachte, zu Muthe war, kann Jeder leicht ermeſſen. Seine Spuͤrhunde waren indeß vom erſten Augenblick des Tumultes an auf den Beinen geweſen, und jener Ambrogio Fuſella, wie er ſich nannte, war, nach dem Zeugniß des Wirthes, ein verkappter Haͤſcherhauptmann, herumgeſchickt, um eben Dieſen oder Jenen auf der That zu ertappen, damit man 86— ihn hernach wiedererkennen, bei'm Fluͤgel faſſen und feſt⸗ ſetzen konnte; in der Stille der Nacht oder am folgenden Tage wollte man dieſe Strafopfer uͤberraſchen. Nachdem dieſer Fuſella die erſten Paar Worte von Nenzo's Predigt gehoͤrt, hatte er ihn auf der Stelle als einen Suͤndenbuͤ⸗ ßer aufgezeichnet; er ſchien ihm ein willkommener Ver⸗ brecher und der Fall geeignet. Zugleich entdeckte er, daß er ein Neuling in der Stadt war, und ſo hatte er den Meiſterſtreich verſucht, ihn ganz warm noch nach dem Gefaͤngniß, dem ſicherſten Gaſthof in der Stadt, zu brin⸗ gen; wie aber dieſer Plan verungluͤckte, haben wir geſehen. Indeſſen konnte er die ſichere Kunde uͤber ſeinen Namen und ſein Vaterland, nebſt hundert andern ſchoͤnen Ver⸗ muthungen, nach Hauſe bringen; als daher der Gaſtwirth ankam, um zu melden, was er von Renzo wußte, wußten ſie hier ſchon mehr als er. Er trat in das gewoͤhnliche Zimmer, und machte ſeine Anzeige, wie ein Fremder bei ihm eingekehrt ſey, der durchaus nicht mit ſeinem Namen habe heraus woll en. „Habt Eure Schuldigkeit gethan, uns davon Nachricht zu geben,“ ſagte ein Kriminal⸗Notar, indem er die Feder niederlegte,„wir wußten aber ſchon davon.“ Ein ſchoͤner Wirrwarr, dachte der Wirth, hier will's große Pfiffigkeit. „Und den hochverehrten Namen wiſſen wir auch,“ fuhr der Notar fort. Teufel! brach der Gaſtwirth in ſich ſelbſt los, den Namen! Wie muͤſſen ſie das angeſtellt haben? „Ihr aber,“ nahm der Andre mit ernſter Miene das Wort,„Ihr ſprecht nicht ganz aufrichtig von der Bruſt wege⸗ — — — 8— Was haͤtt ich denn mehr zu ſagen?“ „Ah, wir wiſſen ganz wohl, daß der Menſch in Euer Gaſthaus eine Menge von geſtohlenem Brodt mitgefuͤhrt hat, bei der Pluͤnderung mittelſt Diebſtahls und Aufruhrs an ſich gebracht.“ 3* „Writt Einer mit nem Brodt im Sack herein,“ ant⸗ wortete der Wirth,„ſo kann ich's doch nicht rathen, wo ers her gekriegt hat! Denn, wenn's auch auf Tod und Leben dabei ankaͤme, kann ich dennoch ſagen, ich hab' nur ein einziges Brodt in ſeiner Hand geſehen.“ „Wenn Euresgleichen ſich nur entſchuldigen, nur ver⸗ theidigen kann! Wo man Ench reden hoͤrt, ſind's lauter rechtſchaffene Leute. Wie wollt Ihr beweiſen, daß er das Brodt auf eine ehrliche Art an ſich gebracht hat?“ „Was hab' ich dabei zu beweiſen? Mich dreinmiſchen, das laſſ' ich bleiben; ich mache den Gaſtwirth.“ „Ihr koͤnnt aber doch nicht leugnen,“ aͤußerte der Notar,„daß Euer Kunde da die Verwegenheit gehabt hat, gegen die Verordnungen beleidigende Reden zu fuͤhren, und ſich gegen das Wappen Seiner Excellenz mit freyel⸗ hafter Ungebuͤhrlichkeit zu benehmen.“ „um Verzeihung, gnaͤdiger Herr, wie kann er nur mein Kunde ſeyn, wenn ich ihn zum erſten Mal vor Au⸗ gen ſehe? S iſt der Teufel, mit Verlaub zu ſagen, der ihn mir in's Haus geſchickt hat, und wenn ich ihn kennte, ſo ſehen Eure Gnaden wohl, haͤtt' ich nicht noͤthig ge⸗ habt, ihn nach ſeinem Namen zu fragen.“ „In Eurem Gaſthof aber, vor Euren Augen, ſind Dinge von Feuer und Flamme geſprochen worden, toll⸗ — 88— dreiſte Neden, aufruͤhreriſche Vorſchlaͤge; man hat gemurrt, geſchrieen, einander zugerufen.“ „Wie wollen Eure Gnaden, daß ich auf ſo diele ver⸗ kehrte Einfaͤlle hin hoͤre, die ſo viele Spektakelmacher, waͤh⸗ rend ſie alle mit einem Mal ſprechen, zum Vorſchein brin⸗ gen? Ich hab', als ein armer Kerl, auf meinen Vortheil zu ſehen. Und dann wiſſen Eure Gnaden ſehr wohl, daß ſolche Laͤrmbolde, die's mit der Zunge ſo laut geben, in der Regel auch mit den Faͤuſten es nicht erſt an ſich kom⸗ men laſſen, zumal wenn ihrer ſo viele beiſammen ſitzen, und...“ „In Gottes Namen,“ rief der Notar,„laßt ſie nur reden und machen; morgen, morgen werdet Ihr ſehen, ob ihnen die Kurzweil aus dem Kopf wird herausgeſchafft ſeyn. Was meint Ihr?“ „Ich habe nichts zu meinen, Herr!“ „Daß das Fetzengeſindel Herr von Mailand gewor⸗ den iſt?“ „Eh, das waͤr' auch gerade!“ „Ihr werdet ſehen, ihr werdet ſehen.“ „Ich verſteh' recht gut. Der Koͤnig wird immer der Koͤnig bleiben,“ erklaͤrte der demuͤthige Gaſtwirth,„wer aber was geloͤſt haben wird, der ſoll's ſo leicht nicht los werden, und ſo hat natuͤrlich ein armer Familienvater keine Luſt, was zu loͤſen. Die Herren haben die Gewalt in Haͤnden, den Herren kommt das Geſchaͤft zu.“ „Habt Ihr noch viele Leute im Hauſe?“ „Ne ganze Welt.“ „Und Euer Kunde da,“ fragte der Notar weiter,„was — 89— macht der jetzt? Laͤßt er noch immer nicht ab, zu laͤrmen, die Leute aufzuwiegeln, und Empoͤrung anzuzetteln?“ „Der Fremde, meinen Eure Gnaden? der iſt ſchlafen gegangen.“ „Habt alſo viel Volk bei Euch? Genug, gebt Acht, daß er ſich nicht unverſehens weg macht.“ Soll ich den Haͤſcher ſpielen? dachte der Wirth; in⸗ deſſen antwortete er darauf weder mit Ja noch mit Nein. „Geht nur nach Hauſe, und ſeyd vernuͤnftig,“ rieth der Notar. „Bin immer vernuͤnftig geweſen, Herr,“ verſi cherte Jener.„Eure Gnaden wiſſen ſelbſt zu ſagen, ob ich je⸗ mals nur im geringſten der Gerechtigkeit zu thun gegeben habe.“ „Gut, gut, und bildet Euch nicht ein, daß die Ge⸗ rechtigkeit etwa um ihre Kraft gekymmen.“ „Ich? Bei'm Himmel, mir faͤllt's nicht ein, derglei⸗ chen zu glauben; hab' genug zu thun, wenn ich den Schenkwirth gehoͤrig machen will.“ „Das alte Lied!“ rief der Notar,„wißt nie was An⸗ dres zu ſagen.“ „Was wollen Eure Gnaden, daß ich Andres ſage? die Wahrheit iſt immer nur dieſelbe.“ „Genug. Eure Anzeige wollen wir einſtweilen bei Seite legen; wenn hernach die Sache zur Sprache kommt, ſo werdet Ihr in denen Stuͤcken, um welche man Euch etwa befragen wird, der Gerechtigkeit umſtaͤndlichere Auskunft geben.“ „Was weitere Auskuunft hab' ich zu geben?“ fragte der „ — 90— Wirth.„Ich weiß nichts, hab' kaum den Kopf, nach mei⸗ nen eigenen Angelegenheiten zu ſehen.“ „Gebt nur Acht, ihn nicht weggehen zu laſſen.“ „Der erlauchte Herr Hauptmann werden Sich, hoff ich, erinnern, daß ich auf der Stelle mich hier eingefunden habe, um meine Schuldigkeit zu thun. Ich kuͤſſe Eurer Gnaden die Haͤnde.“ Mit dem Anbruch des Tages ſchlief Renzo ſeit ſieben Stunden ſchon, und hatte die Augen noch immer dicht ge⸗ ſchloſſen, als man ihn zu zweien Malen gewaltſam bei den Armen ſchuͤttelte, und eine Stimme, die von der Fußſeite des Bettes her„Lorenzo Tramaglino!“ rief, ihn gleichſam in's Leben zuruͤck erweckte. Er ermunterte ſich, bewegte die Arme, und oͤffnete mit Muͤhe die Augen. Da erblickte er gerade vor ſich einen ſchwarzgekleideten Mann, und zu beiden Seiten des Kopfkiſſens einen Bewaffneten. Die Ue⸗ berraſchung, die Schlaftrunkenheit, die Schwere des Kopfes nach dem Rauſch traten zuſammen, und ſo lag er mehrere Sekunden wie bezaubert daz er glaubte zu traͤumen, und da ihm der Traum nicht gefiel, ſo ruͤttelte er ſich gleichſam, um ſich zu wecken. „Habt Ihr endlich einmal verſtanden, Lorenzo Tra⸗ maglino?“ fragte der Mann im ſchwarzen Mantel, der⸗ ſelbe Notar von vorigem Abend.„Auf, geſchwind, ſteht auf und kommt mit uns!“ 5 „Lorenzo Tramaglino?“ ſagte Renzo.„Was ſoll das heißen? Was wollt Ihr von mir? Wer hat Euch meinen Namen geſagt?“ „Kein Geſchwaͤtz und aufgeſtanden!“ ſagte einer der — 91— Haͤſcher, die ihm zur Seite ſtanden, und faßte ihn von Neuem bei'm Arm.. „Ha, was iſt das fuͤr'n Gewaltſtreich?“ ſchrie Renzo⸗ und zog den Arm zuruͤck.„He, Wirth!“ „„Wollen wir ihn im Hemde wegſchaffen?“ fragte einer der Haͤſcher, ſich zum Notar wendend. Habt Ihr verſtanden?“ fragte dieſer den Juͤngling. „Das geſchieht mit Euch, wofern Ihr nicht augenblicklich aufſtehet, um mit uns zu kommen.“ nund warum denn das?“ fragte Renzo. „Warum ſollt Ihr bei'm Herrn Hauptmann der Ge⸗ rechtigkeit zu hoͤren bekommen,“ erwiederte Jener. „Ich? Ich bin ein ehrlicher Menſch, hab' nichts ge⸗ than, und muß mich wundern... „Deſto beſſer, deſto beſſer fuͤr Euch; ſo kommt Ihr nach einem Paar Worten davon, und koͤnnt Euren Geſchaͤf⸗ ten nachgehen.“ „Laſſen Sie mich aber jetzt in Frieden,“ ſagte Renzo, nich hab mit der Gerechtigkeit nichts zu ſchaffen.“ „Maſch, dem Ding' ein Ende gemacht!“ ſagte einer der Haͤſcher. „Wollen wir ihn wirklich fortſchleppen?“ fragte der Andre. Lorenzo Tramaglino!“ rief der Notar. „Wie wiſſen Sie meinen Namen, lieber Herr?“ „Thut Eure Schuldigkeit,“ gebot der Notar den Haͤ⸗ ſchern, und dieſe legten ſogleich Hand an, um Renzo aus dem Bette zu nehmen. „Eh, geht einem rechtſchaffenen Menſchen nicht zu Leibe! ich verſteh' auch, mich anzuziehen.“ — 92— „Alſo zicht Euch an, und ſteht gleich auf!“ befahl der Notar. „Ich bin dabei,“ antwortete Renzo. Somit griff er nach den Kleidern, die hier und dort auf dem Bette, wie die Truͤmmer eines geſcheiterten Schiffes am Strande, um⸗ herlagen. Waͤhrend er ſie anzulegen begann⸗ fuhr er im Reden fort:„Zum Hauptmann der Gerechtigkeit will ich aber nicht gehen, ich. Ich hab' nichts mit ihm zu theilen. Da mir aber doch ungerechterweiſe ſo ein Schimpf einmal angethan wird, ſo will ich zu Ferrer gebracht werden. Den kenn' ich, ich weiß, daß er ein redlicher Mann iſt, und er hat mir Manches zu verdanken.“ „Ja, ja, junger Menſch, Ihr ſollt zu Ferrer gefuͤhrt werden,“ entgegnete der Notar. Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde er uͤber eine ſolche Forderung von Herzen gelacht haben; es war aber zum Lachen keine Zeit. Schon als er gekommen, hatte er in den Straßen verſchiedene Bewegun⸗ gen bemerkt, und nicht recht unterſcheiden koͤnnen, ob ſie die Ueberbleibſel der geſtrigen, nicht vollſaͤndig unterdruͤck⸗ ten Empoͤrung waren, oder ob eine neue ſich damit an⸗ ließ; Buͤrger ſtroͤmten hervor, man geſellte ſich zuſammen, lief in Eile hin und her, oder ſtand in kleinen Haufen ne⸗ ben einander. Auf dem Zimmer horchte er, ohne ſich's merken zu laſſen, nach der Straße hin, und glaubte das Gewuͤhl lauter werden zu hoͤren. Es war ihm alſo drum zu thun, bald fertig zu werden; indeſſen wollte er den Straͤfling gern auf friedlichem Wege fortſchaffen; denn mußte man gewaltthaͤtig mit ihm zu Werke gehen, ſo konnte man nicht wiſſen, ob man auf der Straße nicht mit Dreien ſtatt mit Einem zu ſchaffen haben wuͤrde. Mit einem Blick bedeutete er alſo den Haͤſchern, ſie muͤßten Geduld haben, und den jungen Menſchen nicht aufbringen; er fuͤr ſein Theil gab ſich Muͤhe, ihn mit guten Worten zu beſaͤnfti⸗ gen. Renzo dagegen faßte, waͤhrend er ſich ankleidete, die verworrenen Erinnerungen vom vorigen Tage ziemlich wie⸗ der auf, und erklaͤrte ſich ungefaͤhr, daß die Verordnungen und die Geſchichte mit ſeinem Namen die Urſache des ganzen unangenehmen Abentheuers ſeyn muͤßten; aber wo her in aller Welt wußte der Schwarzmantel ſeinen Na⸗ men? Und was in aller Welt mußte die Nacht uͤber vor⸗ gefallen ſeyn, daß die Gerechtigkeit mit ſo ſicheren Schrit⸗ ten geradesweges daher kam, um Einen von den wackeren Leu⸗ ten zu packen, welche Tages vorher eine ſo gewichtige Stimme im Kapitel beſeſſen, und doch wahrhaftig nicht alle, wie er, im Schlafe liegen konnten? Denn er ward gleichfalls den ſteigenden Laͤrmen in der Straße gewahr. So ſah er denn dem Notar in's Geſicht, und bemerkte gar bald das unſichere Schwanken, welches zu verbergen der Mann ſich vergebens bemuͤhte. Um alſo uͤber ſeine Ver⸗ muthungen ſich mehr Licht zu verſchaffen, und zugleich um Zeit zu gewinnen, oder auch einen Streich noch zu verſu⸗ chen, ſagte er:„Ich weiß recht gut, was an der ganzen Geſchichte ſchuld iſt; es geſchieht um Namen und Zuna⸗ men willen. Geſtern Abend hat mir der Himmel allerdings ein Bischen zu voller Geigen gehangen, und die Wirthe hier haben verfaͤngliche Weine im Keller liegen, und dann, wie ich ſage, Jedermann weiß, wenn der Wein hineinge⸗ gangen iſt, wo die Worte herauskommen, ſo will er auch ſein Woͤrtchen reden. Wenn's aber bloß darauf ankaͤme, ſo bin ich jetzt Willens, alle moͤgliche Befriedigung zu geben. — 94— und dann, Sie wiſſen ja ſchon meinen Namen. Wer Teu⸗ fel hat ihn Ihnen geſtochen?“ „Brav, junger Mann, brav,“ antwortete der Notar, die Freundlichkeit ſelbſt,„ich ſeh', Ihr ſeyd vernuͤnftig⸗ und glaubt's nur mir, der ich vom Handwerk bin, Ihr ſeyd ſchlauer als Andre. Mit ſolcher guten Geſinnung kommt Ihr am ſchnellſten und beſten aus dem Handel, nach zweien Worten ſeyd Ihr abgefertigt, und habt Eure Freiheit wieder. Ich aber, ſeht, junger Mann, mir ſind die Haͤnde gebunden, ich kann Euch nicht gehen laſſen, wie ich moͤchte. Na, macht raſch, und kommt gutes Muthes; wenn ſie ſehen werden, wer Ihr ſeyd, und dann werd' auch ich reden.... Laßt mich nur machen. Genug, macht Euch nur fertig.“ „Ah, Sie koͤnnen nicht; verſteh'“ ſagte Renzo. Waͤh⸗ rend deſſen fuhr er mit dem Ankleiden fort, und begegnete mit Geberden den Geberden der Haͤſcher, wenn ſie Hand an ihn legen wollten, um ſeinen Anzug zu beſchleunigen. „Kommen wir uͤber den Domplatz?“ fragte er den Notar darauf. „Wo Ihr wollt,“ antwortete dieſer.„Der kuͤrzeſte Weg der beſte, ſo kommt Ihr um ſo ſchneller wieder zu Eurer Freiheit.“— Er aͤrgerte ſich im Stillen, daß er eine ſo fruchtbare Frage, an welche ſich eine ganze Reihe von Unterſuchungen knuͤpfen ließ, zur Erde mußte fallen laſ⸗ ſen.— Wenn man Ungluͤck haben ſoll! dachte erz kommt mir da Einer unter die Haͤnde, ich ſeh's, er wuͤrde ſingen, wie man's ihm vorpfiffe; ließen ſich nur ein Paar Minuten freien Athems ſinden, man koͤnnte ihn, ſo extra formam, wie ein Stubenkamerad den andern, unter freundſchaftlichem — — 95— Geſpraͤch, ohne Strick nach Belieben zum Geſtaͤndniß lok⸗ ken;'s iſt ein Menſch, der ſich unterſucht, fix und fertig⸗ in'’s Gefaͤngniß fuͤhren laͤßt, und ſo ein Menſch muß mir gerade an einem ſo verzweifelten Hoͤllenmorgen in die Haͤnde fallen. Ei, s iſt kein Ausweg vorhanden— dachte er weiter, indem er die Ohren ſpitzte, und den Kopf nach ruͤckwaͤrts hin drehte— kein Mittel, man hat einen noch ſchlimmeren Tag als geſtern zu gewaͤrtigen.— Zu dieſem Gedanken bewog ihn ein ungemeines Geraͤuſch, welches von der Straße her ſich hoͤren ließ; er konnte nicht um⸗ hin, das Vorſatzfenſter wegzunehmen, und einen Blick hin⸗ aus zu werfen. Da ſah er einen Haufen von Buͤrgern, welche auf den Befehl, ſich zu zerſtreuen, der Soldaten⸗ runde anfangs mit boͤſen Ausdruͤcken geantwortet hatten, und endlich murrend aus einander gingen; daß aber die Soldaten mit ſehr geſitteter Hoͤflichkeit vorwaͤrts zogen, das duͤnkte den Notar ein toͤdtliches Zeichen. Er ſetzte das Fenſter wieder hin, und ſtand einen Augenblick zweifelhaft da, ob er ſein Geſchaͤft im Zimmer raſch ausfuͤhren, oder den jungen Menſchen in den Haͤnden der beiden Haͤſcher laſſen ſollte, um ſelbſt zum Hauptmann der Gerechtigkeit zu laufen, und dort von dem Ereigniß Bericht abzuſtat⸗ ten.— Aber, ſiel ihm bald ein, er wird mir vorhalten, ich ſey ein unnuͤtzer Haſe, ein Schuft; ich haͤtte dem Befehl Genuͤge leiſten muͤſſen. Wir ſtecken einmal im Tanz, und ſo muͤſſen wir ſpringen. Hohl' der Satan das Handwerk! Renzo war auf den Beinen, neben ihm ſtanden die beiden Trabanten. Der Notar gab ihnen einen Wink, ſie moͤchten nicht zu hart mit ihm umgehen, und ſagte dann: Drdentlich, junger Mann; mit uns, kommt!“ — fn n—„ ,9. ſtand 3aanee da. ne larag det, drin, und ein Betn mein S ene, 1 „Sobald die wenigen Vormalitäten ah stie s erwie⸗ derte der Notar,„wird Euch; llls puͤnktlich wieder gege⸗ ben werden. Kommt, ko „Nein, nein!“ ſigte Reeßz, den Kopf ſchuͤttelnd,„ſo haben wir nicht gewet t; ich will mein Etgenth. um haben, Herr. Was ich gethan habe⸗ werde ich verantworten; aber das Meinige muß ich haben. 7 „Ich will Euch zeigen/ daß ich zutrauen zu Euch habe; da nehmt/ und nun macht raſch.— Mit dieſen Worten jog der Rotar Brief und Geld aus dem Buſen, und haͤndigte ſie mit einem Seufzer unſerm Juͤngling ein. Dieſer ſteckte ſie hin, wo ſie hin gehoͤrten, und murmelte zwiſchen den Zaͤhnen: Weit vom Schuß damit! Muͤßt viel mit den Straßenraͤubern verkehren, da Ihr vom Hand⸗ werk was weg habt.“— Die Haͤſcher vermochten kaum ſich zuruͤck zu halten; der Fuͤhrer aber baͤndigte ſie durch Blicke, und ſagte dabei zu ſich ſelbſt: Wenn du nur erſt den Fuß uͤber die Schwelle da geſetzt haſt, ſo ſollſt Du's mit Zin⸗ ſen bezahlen, ſollſt es bezahlen; Waͤhrend Renzo den Wams anlegte, und ſeinen Hut nahm, winkte der Notar einem der Haͤſcher, welcher zur Treppe hinab voran gehen ſollte; hinter ihm her fuͤhrte er den Gefangenen, dann kam der andre Freund, und endlich ſetzte er ſelbſt ſich in Bewegung. Als ſie in der Kuͤche — 97— * unten waren, ſagte Renzo:„Und wo hat ſich denn der verwetterte Schenkwirth verkrochen?“ Indeſſen winkte der Notar den Haͤſchern zum zweiten Mal; dieſe faßten darauf den Juͤngling jeder bei einer Hand, und banden ihm den untern Theil eiligſt mit gewiſſen Werkzeugen, welche eine heuchleriſche Redekunſt, um ſich glimpflich auszudruͤcken, Handkrauſen zu nennen pffegt. Dieſe beſtanden— es kommt uns freilich ſchwer an, uns zu ſolchen Kleinigkeiten, die mit der geſchichtlichen Wuͤrde ſich wenig vertragen, herab⸗ laſſen zu muͤſſen, die Deutlichkeit aber verlangt es— ſie beſtanden in einem duͤnnen Strickchen, ein wenig laͤnger als der gemoͤhnliche umfang der Handwurzel; dieſes hatte an den Enden zwei leichte Stuͤckchen Zolz, ein Paar kleine Knebel, zwei gerade Packſtoͤckchen, ſo zu ſagen. Der Strick umſchloß den unterſten Theil des Vorderarms; die Hoͤlzchen kamen zwiſchen Mittel⸗ und Ringfinger des Haͤ⸗ ſchers zu liegen, und blieben geſchloſſen in ſeiner Fauſt; dieſe durfte er nur drehen, ſo konnte er das Gebuͤnd nach Belieben feſtziehen. So ließ ſich die Beute nicht bloß ſichern, ſondern auch ein Widerſpenſtiger martern, und um dieß deſto nachdruͤcklicher zu bewirken, hatte der Strick hin und wieder Knoten. Renzo kaͤmpfte dagegen, und rief:„Was iſt das fuͤr'ne Verraͤtherei? Einem rechtlichen Menſchen..!“ Der No⸗ tar aber, der fuͤr jeden traurigen umſtand ſeine guten Worte bei ſich fuͤhrte, ſagte:„Habt Geduld, ſie thun ihre Schuldigkeit. Was wollt Ihr?'S ſind Alles Formalitaͤ⸗ ten; wir koͤnnen auch die Leute nicht immer ſo behandeln, wies uns unſer Herz ſagt. Wo wir nicht thun wollten, II. 7. wie uns befohlen wird, thaͤt's uns uͤbel ergehen, übler uls Euch. Habt Geduld!"“ i n eienen Waͤhrend er ſprach, drehten die beiden Helfershelfer die Handkrauſen ein Mal herum. Renzo„gab ſich zufrieden,— wie ein ſtaͤttiſches Pferd, welches die Lippen in's Gebiß eingeklemmt fuͤhlt, und ſchrie:„Geduld!”"”)— „Wackrer junger Mann!“ ſagte der Notar,„das iſt die rechte Manier, um gut davon zu kommen. Was wollt Ihr? ˙S iſt'ne Plackerei? Das ſeh ich auch. Aber be⸗ nehmt Ihr Euch gut dabei, ſo ſeyd Ihr's in nem Augen⸗ blick los. Und da ich ſehe, daß Ihr gut aufgelegt ſeyd, ſo hab' ich auch Luſt, Euch Beiſtand zu leiſten, und will Euch einen Rath, zu Eurem eigenen Beſten, an die Hand geben. Glaubt mir, ich weiß in ſolchen Dingen Beſcheid; geht geraden Schrittes fort, ohne umher zu ſehen, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen; ſo ſieht Keiner nach Euch hin, Keiner merkt was vorgeht, und Eure Ehre nimmt keinen Schaden. Binnen einer Stunde ſeyd Ihr in Freiheit; s b giebt ſo viel zu thun, daß ſie von ſelbſt ſich foͤrdern, Euch los zu werden, und dann werd' ich reden. Der Gang ge⸗ ſchieht in Eurer eigenen Angelegenheit, und Keiner ſoll's erfahren, daß Ihr in den Haͤnden der Gerechtigkeit gewe⸗ ſen. Und Ihr“ fuhr er darauf fort, ſich zu den Haͤſchern mit ſtrenger Miene wendend,„huͤtet Euch, ihm zu viel zu thun; er ſteht unter meinem Schutz. Eure Schuldigkeit, die verlangt Euer Amt; erinnert Euch aber, daß er recht⸗ licher Leute Kind und ein artiger junger Mann iſt, der binnen Kurzem ſeine Freiheit wieder hat, und daß ihm ſeine Ehre am Herzen liegen muß.— Daß nichts zum Vorſchein komme! Es muß ſcheinen, als ginget Ihr mit — 99— anſtaͤndigen Freunden ſpazieren.⁰— Darauf ſchloß er mit gebieteriſchem Tone und drohenden Blicken:„Ihr habt mich verſtanden!*— Indem er ſich nachher mit entfalte⸗ ter Stirn und mit plotzlich erheitertem Geſichte, als ſollte eine Freundſchaft damit beſtaͤtigt werden, zu Renzo wandte, fluͤſterte er ihm von Neuem in's Ohr:„Vernuͤnftig, thut, wie ich Euch ſage; ſeht nicht umher; verlaßt Euch auf mich, ich will Euch wohl; nun kommt!“— und ſo ſetzte ſich das Geleite in Bewegung. 18 ri1. s 8. Deſſenungeachtet glaubte Renzo von all den ſchoͤnen Worten nicht ein einziges; weder daß der Notar es beſſer als die Haͤſcher mit ihm meinte, noch daß er ſich ſeiner Ehre ſo eifrig annahm, oder die Abſicht, ihm Beiſtand zu leiſten, wirklich hatte; nicht das Geringſte. Er begriff ganz wohl, wie der gute Mann aus Furcht, es koͤnnte ſich un⸗ terweges eine paſſende Gelegenheit zu ſeinem Entwiſchen einſtellen, mit den ſchoͤnen Beweggruͤnden hervorgeruͤckt war, um ihn von der Wahrnehmung und Benutzung ſeines Vortheils abzulenken. So vermochten die ſaͤmmtlichen Er⸗ mahnungen unſren Juͤngling nur um ſo nachdruͤcklicher, nicht darauf zu hoͤren, und, was er ſich ſchon halb und halb vorgenommen hatte, gerade das Gegentheil zu thun. Folgere Keiner daraus, der Notar ſey ein unerfahre⸗ ner Schurke, ein Neuling in ſeinem Fache geweſen; man wuͤrde ſich taͤuſchen. Er trug einen Gewerbſchein der Schurkerei in der Taſche, ſagt unſer Geſchichtſchreiber, welcher zu den Freunden deſſelben gehoͤrt zu haben ſcheint; in dem Augenblick aber war ſein Notargemuͤth in aͤngſtli⸗ cher Bewegung. Denn haͤtte er bei ruhigem Geiſte einen Menſchen geſehen, welcher, um einen Andern zu einem — 100— ſchon an ſich verdaͤchtigen Schritte zu verleiten, ihm dier ſen unter dem Schein eines freundſchaftlichen Rathes eifrig ſelbſt zuftuͤſterte, ſo kann ich Euch ſagen, wuͤrde er ſich weidlich uͤber den Thoren luſtig gemacht haben; ſind aher die Menſchen in Bewegung und Angſt⸗ und ſehen ſie dann⸗ was ein Andrer thun koͤnnte, um aus der Klemme ſich zu retten, ſo verleitet ſie ein allgemeiner Trieb, ihn durch Bitten und Beſchwoͤrungen davor zu warnen, und unter dieſes allgemeine Geſetz fallen, bei Bewegung und Angſt⸗ ſelbſt die Schurken. Daher pflegen ſie unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden gewoͤhnlich eine ſehr jaͤmmerliche Rolle zu ſpielen. Die feine Bosheit, die meiſterhaften Erfindungen, welche ihnen gewoͤhnlich zum Sieg verbelfen, und ihnen gleichſam zur zweiten Natur geworden⸗ thun, mit der erforderlichen Seelenruhe, mit der nothwendigen Heiterkeit des Geiſtes in Bewegung geſetzt und ausgefuͤhrt, gar trefflich und heim⸗ lich ihre Wirkung, und ſelbſt wenn ſie nach gluͤcklichem Erfolg an das Tageslicht kommen, erwerben ſie ihnen den allgemeinen Beifall; ſobald aber die Angſt mit in'’s Spiel kommt, werden ſie in Eile, uͤber Hals uͤber Kopf⸗ ohne Geſchick und Anſtand abgemacht. Ein Dritter alſo, wel⸗ cher die Schelme auf ſolche Weiſe ſich anſtrengen und ab⸗ arbeiten ſieht, fuͤhlt Mitleid mit ihnen und muß lachen; der Verfolgte aber, den ſie zu uͤbertoͤlpeln waͤhnen, ſieht ihnen, obgleich er weniger ſchlau, ſehr deutlich in die Kar⸗ ten, und ſchoͤpft aus ihren Kunſtſtuͤcken, gegen ſie ſelbſt⸗ fuͤr ſein eigenes Benehmen Licht. Daher kann man den Schurken vom Handwerk nie genug einpraͤgen, ſich bei kal⸗ tem Blut zu erhalten, oder, was freilich das Beſte, ſich ngentls bede ngende⸗ umſtaͤnde Atetipeh Kopf tounmmen zu klaſſen. Hrln iachtänunt arn St, n Sii waren demnach kaum auf der Straße, ſa ing Renzo an, die Augen nach allen Seiten umher zu werfen; er drehte und ſperrte ſich, ſtreckte den Kopf vorwaͤrts, und ſpitzte die Ohren. Es fand indeß kein beſonderes Zuſam⸗ menlaufen ſtatt; auf manchem Geſicht ließ ſich wohl ein leichter Anflug von empoͤrungsſuͤchtigem Beſtreben leſen; doch ging Jeder gerades deßſe ſerhe Dtraße, und einen eigentlichen Aufruhr gab's nicht. Huͤbſch klug, huͤbſch klug!“ nutmclte der Notar hit⸗ ten.„Eure Ehre, die Ehre, mein Sohn!“— Als aber Renzo, auf drei Leute hinhorchend, die mit gluthrothen Ge⸗ ſichtern daher kamen, von einem Ofen, von verſtecktem Mehl und Gerechtigkeit reden hoͤrte, fing er an, mit dem Geſichte ihnen Zeichen zuzuwinken, und huſtete ganz an⸗ ders, als man nach einer Erkaͤltung pflegt. Die Buͤrger ſahen aufmerkſamer auf das Geleite hin und blieben ſte⸗ hen; mit ihnen ſtanden Andre ſtill, welche dazu kamen; noch Andre, die ſchon voruͤber gegangen, wandten ſich nach dem Geziſchel um, kehrten zuruͤck, und folgten dem Zuge auf den Fuß. „Habt Acht auf Euch!“ fluͤſterte der Notar.„Ver⸗ nuͤnftig, junger Mann! Es macht ſich immer ſchlimmer fuͤr Euch, ſeht Ihr; verderbt Eure Sache nicht ſelbſt; Eure Ehre, Euer guter Ruf!“— Die Haͤſcher hielten durch Augenwinke mit einander Rath; ſie glaubten— wir Men⸗ ſchen ſind alle einem Fehltritt ausgeſetzt— glaubten, die Sache recht gut zu machen, und zogen die Handkrauſe an. „Au! au!“ ſchrie der Gepeinigte. Auf das Geſchrei — 102— ſammelte ſi ſich das Volk dichter umher/ von allen Seiten der Straße nief 6 hiun⸗ das Gekeite ſiß ſi ch ger hemmt. „'S iſt ein naderlicer Menſch,“ fluͤſterte der Rotar den Naͤchſten um ihn zu, hein Naͤuber, ſo auf friſcher That ertapyt worden. Suruͤͦck, bitt⸗ ic, Platz fuͤr die Getech⸗ tigkeit!”“ 51 Renzo aber ward die güͤnſtigen Umſtaͤnde gewahr n die Haͤſcher blaß werden⸗ ſah ſie wenigſtens außer Faſſung⸗ und dachte: Wo ich mir jetzt nicht helfe, iſt'’s mein Scha⸗ den. Er erhob alſo auf der Stelle die Stimme:„Kinder, ſie ſchleppen mich fort, weil ich geſtern Brodt und Gerech⸗ tigkeit gerufen habe. Ich hab' nichts verbrochen, bin ein ehrlicher Menſch ſieht mir bei, verlaßt mich nicht/ Kin⸗ . der!“ Ein beifaͤlliges Gemurmel, dann ein deutlicheres Ge⸗ ſchrei zu ſeinen Gunſten, war die Antwort. Die Haͤſcher befehlen anfangs, dann rathen ſie, endlich bitten ſie die Naͤchſten, wegzugehen und ſie durchzulaſſen; die Menge aber dringt ſtatt deſſen immer enger auf ſie ein. Jene ſehen die ſchlimmen Anſtalten, laſſen die Handkrauſen fahren, und haben nichts Beſſeres zu thun, als, unter den Haufen ſich verlierend, unbemerkt davon zu ſchleichen. Der Notar wuͤnſchte ſehnlich daſſelbe; mit dem ſchwarzen Mantel aber kam ſich's ſo leicht nicht weg. Der arme Mann, mit blei⸗ chem Geſichte und zerknirſchtem Herzen, ſuchte geduckt zu⸗ ſammen zu ſchrumpfen, und ſchleifte ſich gewunden ſeit⸗ waͤrts, um aus dem Gedraͤnge hinaus zu ſchluͤpfen; er konnte aber die Augen nicht emporrichten, ohne ſich Zwan⸗ zig auf dem Halſe zu ſehen. Er gab alſo ſich alle moͤgliche — 103— Muͤhe, fuͤr einen Auslaͤnder genommen zu werden, welcher zufaͤllig dort voruͤbergehend, mit einem Mal, wie ein Strohhalm im Eiſe, in dem Gedraͤnge ſich eingeklemmt ſah; ſo kam er Geſicht gegen Geſicht einem Menſchen ge⸗ genuͤber zu ſtehen, der ihn mit böſerer Miene als die Ue⸗ brigen ſcharf anſahz er ſuchte daher im Geſicht ein Laͤ⸗ cheln aufzutreiben, und fragte mit einer eigenthümlich toͤl⸗ pelhaften Miene, was denn das kuͤr ein Tumult ſey? 3 „Du verwuͤnſchter Rabe!“ antwortete dieſer.„ 1 „WVerwuͤnſchter Rabe!“ ſcholl es unbdet Dei hänſcha ter Nahe:“ 6 rend deſſen gelang ihm mittelſt der Puhen Beine theils⸗ theils mittelſt fremder Ellenbogen, was ihm fuͤr den Au⸗ genblick am meiſten am Herzen lag, aus dem Aeſwans hinaus zu kunnunen. 4 Fünftes Kapitel „Fort, fort, junger Mann! Macht Euch aus dem Staub; 3 hier iſt ein Kloſter/ dort iſt'ne Kirche; hierhin, dorthin!“ So ward unſrem Renzo von allen Seiten her zuge⸗ ſchrieen. Was das Entwiſchen betraf, ſo bedurfte es wohl der Ermahnung weiter nicht. Sobald nur eine Hoffnung, aus dieſen Klauen zu entkommen, in ſeinem Geiſte aufge⸗ blitzt war, hatte er ſeine Rechnung zu machen begonnen⸗ und war Willens, wenn ihm die Flucht gegluͤckt, ohne Stillſtand fortzuwandern, bis er nicht bloß aus der Stadt, ſondern außerhalb des Herzogthums ſich befaͤnde.— Denn, — 2194— dachte er, meinen Namen, welcher Teufel ihn auch den Schelmen zugehlaſen hat, den haben ſie veinmal in ihren Buͤchern, und mit Namen und Zunamen fallen ſie uͤber mich her, wann ſie wollen.— In einen heiligen Zu⸗ fluchtsort wuͤrdener ſich nur im aͤußerſten Falle geworfen haben.— Denn wenn ich ein Vogel im Walde ſeyn kann, war ſeine Geſinnung, ſo hab' ich nicht Luſt, im Kaͤfigt zu ſitzen. Es war daher ſein Plan, als Ziel und Zuflucht jenen Ort im Gebiete von Bergamo zu waͤhlen, woſelbſt ſein Vetter Bortolo wohnte, und ihn, wie der Leſer ſich erinnert, gleichfalls angeſiedelt zu ſehen wuͤnſchte. Es kam aber darauf an, die Straße zu ſinden. Ploͤtzlich ſich in der unbekannten Gegend einer unbckannten Stadt befin⸗ dend, wußte Renzo nicht einmal, zu welchem Thore man hinaus zu gehen habe, um nach Bergamo zu kommen, und wenn er es auch gewußt haͤtte, ſo kannte er ſelbſt den Weg zum Thore nicht. Er ſtand einen Augenblick uͤberle⸗ gend da, ob er ſeine Befreier um Nachweis bitten ſollte; doch ſchon waͤhrend der kurzen Zeit, die ihm geblieben, um uͤber ſeine neue Lage nachzudenken, waren ihm uͤber den höflichen Schwerdtfeger, den Vater von vier Kindern, ſelt⸗ ſame Gedanken durch den Kopf gefahren; er wollte alſo ſeine Entſchluͤſſe einem großen Haufen, in welchem ein zweiter von demſelben Gelichter ſtecken konnte, nicht auf's Gerathewohl preis geben. Deßhalb beſchloß er, ſich ſchnell von dort zu entfernen; nach dem Wege konnte er hernach an einer Stelle fragen, wo Keiner wußte, wer er war, oder weßhalb er danach fragte. Darauf ſprach er kurz zu ſeinen Befreiern:„Dank, Dank, Kinder, Gottes Segen mit Euch!“ ſchritt durch den leeren Zwiſchenraum, welchen man ihm — 405— augenblicklich gebffnet hatte, nahm die Fuͤße in die Hand, und fort. Sy ging's in ein Gaͤßchen hinein, und dann durch eine kleine Straße; ohne zu wiſſen wohin lief er eine ganze Strecke fort., nallac, i net d dhitt ieAls ihm ſchien, er habe nun eine hinlaͤngliche Entfer⸗ nung gewonnen, ſchritt er, um keinen Verdacht zu wecken, langſamer, und fing an umher zu ſehen um ein Geſicht, das Vertrauen einfloßte, auszuſuchen, einen Menſchen, an welchen er ſeine Frage richten koͤnnte. Aber auch hierin lagen Schwierigkeiten. Die Frage an ſich durfte verdaͤch⸗ tig klingen, die Zeit draͤngte; die Haͤſcher, kaum aus ber kleinen Verlegenheit befreit, hatten ſich ohne Zweifel nuf die Faͤhrte ihres Fluͤchtlings umher zerſtreut; das Geruͤcht dieſer Flucht konnte bis dorthin gelangt ſeyn, und in die⸗ ſer draͤngenden Noth mußte Renzo vielleicht zehen phyſiog⸗ nomiſche Urtheile faͤllen, bevor er das Geſicht fand⸗ das fuͤr ſeinen Bedarf paſſend ſchien. Auf der Schwelle ſeines Ladens ſtand ein fetter Mann mit geſpreizten Beinen, die Haͤnde auf dem Ruͤcken, den Bauch nach vorwaͤrts geſtreckt, das Kinn, von welchem eine dicke Wamme herabhing, em⸗ porgehoben; zum Zeitvertreih hob er die ſchwabbelnde Maſſe ſeines Leibes auf die Spitzen der Fuͤße empor, und ließ ſie dann immer wieder, die Ferſen an den Boden druͤckend, zuruͤckfallen; aber der ſah wie ein neugieriger Schwaͤtzer aus, und haͤtte vielleicht ſtatt einer Antwort mit Fragen aufgewartet. Ein Zweiter, der mit ſtieren Augen und nie⸗ derhangenden Lippen daher kam; ſchien ehen keinem Andern eine Auskunft uͤber den Weg geben zu koͤnnen; denn es hatte ganz das Anſchen, als waͤr' er um ſeinen eigenen in Verlegenheit. Ein junger Burſche, welcher wirklich viel 1 — 106— Eeöbafüigket verrieth/ ließ dagegen noch mehr Bosheit blicken, und. haͤtte wahrſcheinlich eine tolle Luſt daran ge⸗ habt, einen armen Fremden ganz nach der entgegengeſetzten Seite zu ſchicken. So wird in der That einem Menſchen in bedraͤngter Lage ieder Schritt zu einer neuen Bedraͤng⸗ niß. Endlich kam Jemand in Eile daher. Renzo dachte, der habe wahrſcheinlich ein dringendes Geſchaͤft, und wuͤrde⸗ um wieder loszukommen, ſchnell und ohne Umſchweif ant⸗ worten; da er ihn uͤberdieß mit ſich ſelbſt ſprechen hoͤrte, ſo ſchloß er, es muͤſſe ein aufrichtiger Menſch ſeyn. So trat er denn zu ihm hin, und ſagte:„Mit Erlaubniß⸗ Herr, nach welcher Seite gehts hingus, wenn man nach Beronmo zwill? „MNach Bergamoz Zum Tbor gegen Morgen!“ war des Fremden Antwort. „Dank, Herr, und wenn man uach dem Thor gegen Morgen will?“ „Nehmt den Weg da. zur Linke, ſo kommn Ihr auf den Domplatz hinaus; und dann. „Genug, Herr, das Uebrige 2us ich. Gott vergelt' es Ihnen.“ Er entfernte ſich, und nahm die angezeigte Richtung. Sein Wegweiſer ſah ihm einen Augenblick nach; er verglich in Gedanken dieſe Art zu reiſen mit der Frage, und ſagte zu ſich ſelbſt: Du haſt entweder einen argen Streich ge⸗ ſpielt, oder es will ein Andrer Dir einen ſpielen. Renzo gelangte auf den Domplatz. Er ſchritt quer daruͤber hin, kam vor einem Haufen von Aſche und ausge⸗ glimmten Kohlen voruͤber, und erkannte die Ueberbleibſel des Freudenfeuers, bei welchem er am vorhergehenden Tage — 107— ſich gleichfalls eingefunden hatte. Darauf hielt er ſich laͤngs den Stufen des Domes, ſah den halb eingeriſſenen Kruͤckenofen, der von Soldaten bewacht ward, wieder, und ſetzte ſeinen Weg fort. So ging's durch die Straßen, durch welche er geſtern mit dem Gedraͤnge gekommen war, weiter, bis endlich das Kapuzinerkloſter dalng; hier blickte er nach dem Platze und nach der Kirchenthuͤre hin, und erinnerte ſich ſeufzend: der Moͤnch geſtern hatte mir bei alledem ei⸗ nen guten Nath gegeben; ich haͤtte freilich lieber in der Kirche warten, und mein Gebet dort verrichten ſollen. Indem er hier, einen Augenblick zoͤgernd, das Thor, durch welches er zu gehen hatte, mit ſtarren Augen be⸗ trachtete, und von weitem eine zahlreiche Wache bemerkte, uͤbermannte ihn ſeine erhitzte Einbildungskraft— man muß Mitleid mit ihm haben; es war ſehr natuͤrlich— er em⸗ pfand ein inneres Straͤuben, und hatte Furcht, ſich hin⸗ durch zu wagen. Lag ihm doch zur Hand ein heiliger Zu⸗ fluchtsort, hatte er doch einen Brief bei ſich, welcher ihn zu guter Aufnahme dort empfahl— er ſah ſich maͤchtig verſucht, hinein zu treten. Bald aber faßte er wieder Muth.— Ein Vogel im Walde, ſo lang's nur geht! dachte er. Wer kennt mich? Die Haͤſcher werden ſich doch wahrhaftig nicht in Stuͤcke zerriſſen haben, um mir an allen Thoren der Stadt aufzulauern!— Er ſchaute zuruͤck, um ſich zu uͤberzeugen, ob ſie auch nicht etwa von dort her⸗ kaͤmen; doch bemerkte er weder Haͤſcher, noch ſonſt Jeman⸗ den, der ſich um ihn zu kuͤmmern ſchien. So ſetzte er ſich wieder in Bewegung, und zuͤgelte die armen Fuͤße, die nur immer vorwaͤrts fliegen wollten, waͤhrend die Umſtaͤnde ei⸗ nen gewoͤhnlichen Gang erforderten. Langſamen Schrittes, — 108— in halbem Done pfeifend, kam er am Thore an. Gerade am Ausgang ſtand ein Haufe von Zolleinnehmern, und zur Verſaͤrkung eine Schaar ſpaniſcher Söͤldlinge; ſie waren aber ſaͤmmtlich nach außen hin gekehrt, um von dem Ge⸗ ſindel, welches bei der Nachricht eines Tumultes, wie die Raben nach einem Schlachtfelde, herbeiſtroͤmt, keinen her⸗ 6 ein zu laſſen, Renzo nahm eine einfaͤltige Alltagsmiene an, ſenkte die Augen/ ſchlenderte halb wie ein Wanderer halb wie ein Spaziergaͤnger fort, und kam uͤber die Thorſchwelle, ohne daß ihm Einer eine Sylbe zurief; laut aber ſchlug ihm das Herz in der Bruſt. Darauf ward er zur Rechten eine kleine Gaſſe gewahr, trat hinein, um die Hauptſtraße zu vermeiden, und ging, ohne ſich einmal unndaſchere eine ganze Strecke Weges fort. Er geht und geht; er findet Schaͤfergehoͤfte, findet Doͤrfer, und wandert voruͤber, ohne nach einem Namen zu fvagen; er iſt ſicher, ſich von Mailand zu entfernen, geht in der Hoffnung, nach Bergamo hin zu gelangen, und das iſt ihm fuͤr's Erſte genug. Von Zeit zu Zeit wandte er ſich um, und beſah bisweilen die eine oder die andre Hand⸗ wurzel; es that ihm wohl, ſie gelinde zu reiben, denn der Schmerz hatte ſich noch nicht ganz verloren, und ein roͤthlicher Streif zog ſich als die Spur des Strickes rings herum. Seine Gedanken beſtanden, wie leicht zu errathen, aus einem verworrenen Gemiſch von Reue, von Hader mit ſich ſelbſt, von Unruhe, zuͤrnendem Groll und wehmuͤthigen Gefuͤhlen; vor Allem bemuͤhte er ſich mit Anſtrengung⸗ was er am Abend vorher geſagt und gethan, im Gedaͤchtniß wieder zum Aufleben zu bringen, den geheimen Theil ſei⸗ ner leidenvollen Geſchichte zu entdecken, und beſonders den Weg zu ergruͤheln, auf welchem die Gerechtigkeit ſeinen Namen erfahren hatte. Sein Verdacht ſiel natuͤrlich auf den Schwerdtfegerz gegen dieſen, erinnerte er ſich wohl/ hatte er kein Blatt vor den Mund genomment. Nun ging er das Verfahren durch, wie der Mann ihm den Ramen aus dem Munde gelockt hatte rief ſich ſein Benehmen und ſeine Vorſchlaͤge zuruͤck, die iedesmal in eine Erkundigung ausliefen, und ſo ward der Verdacht beinah zur Gewißheit. Indeſſen erinnerte er ſich auch dunkel, daß er nach dem Abgange des Schwerdtfegers im„Schwatzen noch immer fortgefahren; aber mit wem? Wer⸗ das heraus bringen koͤnnte? Wovon? Welcher Pruͤfung er auch ſein Gedaͤcht⸗ niß unterwarf, er wußte es ſich nicht zu ſagenz nur darun ber war er mit ſich einig, daß ſein Verſtand den Abend uͤber auf Reiſen gegangen. In dieſen Unterſuchungen mar⸗ terte ſich der arme Junge ab; er glich einem Manne, wel⸗ cher viele weiße Blaͤtter unterſchrieben, und ſte einem Freunde, den er fuͤr gut und ſicher hielt, anvertraut hat; dieſer verraͤth ſich mit einem Mal als einen Schwindler, und nun moͤchte der erſchrockene Mann gern wiſſen, wie es mit ſeinen Geſchaͤften ſteht; aber wie ſoll er ſich davon uͤberzeugen? es iſt eine chaotiſche Verwirrung.— Eine zweite peinliche Bemuͤhung beſtand darin, fuͤr die Zukunft einen Plan zu entwerfen, welcher kein Luftſchloß waͤre⸗ aber auch nicht eben allzu kuͤmmerlich ausflele. Bald indeſſen war unter allen die peinlichſte, die Straße zu finden. Nachdem er eine Strecke auf gutes Gluͤck zuge⸗ wandert, empfand er die Nothwendigkeit, um Beſcheid zu fragen. Es kam ihm allerdings hart an„ das Wort Ber⸗ gamo laut werden zu laſſen, als wenn ein verdaͤchtiger, — 1140— unverſchaͤmter Nebenbegriff mit der Frage danach verbunden war; indeſſen konnte er nicht anders. Wie er in Mailand gethan, ſah er ſich auch hier nach einem Wanderer um, deſſen Geſicht ihm Vertrauen einfloͤßte. Lange waͤhrte es, ehe er ſeinen Mann fand. „Ihr ſeyd ganz vom Wege ab,“ antwortete ihm die⸗ ſer, uͤberlegte ein wenig, halb mit Worten, halb mit Ge⸗ berden, und deutete dann auf den Pfad, welchen er neh⸗ men muͤßte, um auf die Hauptſtraße zu gelangen. Renzo dankte ihm fuͤr die Weiſung, that als wenn er gaͤnzlich ſich danach richtete, begab ſich auch nach der Seite hin, hatte die Abſicht, ſich dieſer unſchaͤtzbaren Hauptſtraße zu naͤhern, ſie nicht aus dem Geſichte zu verlieren, und ſich ſo viel als moͤglich immer in ihrer Naͤhe zu halten, ſie ſelbſt aber wollte er nicht betreten. Indeſſen war der Plan leichter zu entwerfen als auszufuͤhren. Indem er alſo, von der— Rechten zur Linken gehend, den Anzeigen, die er unter⸗ weges erhielt, folgte, ſie nach ſeiner Einſicht verbeſſerte und nach ſeiner Abſicht damit verfuhr, zum Theil aber auch ſich von den Pfaden, auf welchen er ſich einmal befand, leiten ließ, hatte unſer Fluͤchtling endlich zwoͤlf Miglien zuruͤck⸗ gelegt, ohne mehr als ſechs von Mailand entfernt zu ſeyn; was Bergamo betraf, war's noch viel, daß er ſich nicht weiter davon als im Anfang befand. Er begriff alſo, daß er auf dieſe Weiſe nicht fort kaͤme, und ſann auf ein an⸗ deres Mittel. Es kam ihm darauf an, den Namen eines Dorfes zu erfahren, welches nah an der Grenze laͤge, und auf benachbarten Straßen ſich erreichen ließe. Nach dieſem ſich erkundigend, wollte er ſich von ſeiner Richtung beleh⸗ — 111— ren laſſen; ſo vermied er es, in einem fort nach Bergams zu fragen, eine Frage, die ihm allzu ſehr nach Flucht, Ver⸗ bannung und Verbrechen zu klingen ſchien. 14 Waͤhrend er ſo uͤber die Vermeidung jedes Verdachtes nachſann, ſah er an einem einſamen Hauſe, außerhalb ei⸗ nes Dorfes, einen gruͤnen Zweig hangen, Seit einiger Zeit ſchon fuͤhlte er das Beduͤrfniß, ſeine ermattenden Kraͤfte zu laben, ſteigen; er nahm das Haus fuͤr eine Ge⸗ legenheit, beide Geſchaͤfte zugleich abmachen zu koͤnnen, und trat hinein. Drinnen war Niemand weiter als eine alte Frau mit dem Rocken an der Seite und der Spindel in der Hand. Er forderte einen Biſſen; man brachte ihm et⸗ was Stracchino und guten Wein. Den Kaͤſe nahm er an, den Wein verbat er ſich; ſeit er ihm am Abend vorher den garſtigen Streich geſpielt, hatte er einen Ekel davor bekommen. Darauf ſetzte er ſich, und bat die Frau, ihn ſchnell abzufertigen. Dieſe hatte den Augenblick aufge⸗ tiſcht, und fing alſobald auch an, den Reiſenden mit Fra⸗ gen uͤber ſeine Verhaͤltniſſe, wie uͤber die großen Ereigniſſe in Mailand, deren Kunde bereits auch hieher gelangt, zu beſtuͤrmen. Renzo wußte ſich zu wenden, und wich den Fragen mit vieler Schlauheit aus; waͤhrend die Alte aber wiſſen wollte, nach welcher Seite hin er ſeinen Weg naͤhme, benutzte er ihre Neugier fuͤr ſeine Abſicht. „Hab' viele Orte zu beſuchen,“ antwortete er.„Bleibt mir aber noch ein Stuͤck Zeit uͤbrig, ſo thaͤt ich gern auch auf einen Augenblick einen Abſtecher nach dem großen Dorf machen, da auf der Straße nach Bergamo hart an der Grenze, aber noch immer im Mallaͤndiſchen... Eh, 6— 112— wie heißt es doch?“— Irgend eins wird doch da herum iegen, ſagte er dabei zu ſich ſelbſt. „Gorgonzola, meint Ihr,“ rief ihm die Alte zu. „Gorgonzolg,“ wiederholte Renzo laut, gleichſam um ſich das Wort deſto nachdruͤcklicher in's Gedaͤchtniß zu praͤgen.—„Iſt's ſehr weit von hier?“ „Ich kann’s nicht genau angeben; es werden ſo zehen, zwoͤlf Miglien ſeyn. Waͤr' einer von meinen Soͤhnen hier, wuͤrd' er's Euch zu ſagen wiſſen.“ „Was meint Ihr, kann man wohl auf den huͤbſchen Feldwegen da hinkommen, ohne ſich auf der Hauptſtraße halten zu muͤſſen? Denn da iſt ein Staub, ein Staub zum Erſticken! Hat ſo viele Tage her nicht geregnet.“ „Ich ſollte glauben, ja,“ erwiederte die Alte.„Ihr koͤnnt ja im erſten Dorfe, ſo Ihr da rechts trefft, nach⸗ fragen.“— Sie nannte es ihm. „Gut,“ ſagte Renzo, und ſtand auf⸗ Dann nahm er das Stuͤck Brodt, welches ihm von der magern Mahl⸗ zeit uͤbrig geblieben, ein Brodt, gar ſehr verſchieden von jenen, die er Tages zuvor bei der Kreuzſaͤule des heiligen Dionyſius gefunden, bezahlte die Rechnung, ging hinaus, und nahm den Weg zur Rechten. Und um die Reiſe nicht unndthigerweiſe in die Lange zu ziehen, fragte er ſich von Dorf zu Dorf nach Gorgonzola hin, und ſchritt ſo kraͤftig zu, daß er eine Stunde vor Sonnenuntergang da⸗ ſelbſt anlangte. Schon unterweges war's ſein Entſchluß, hier einen zweiten Stillſtand zu machen, und eine ausfuͤhrlichere Mahlzeit zu ſich zu nehmen. Der ermuͤdete Koͤrper haͤtte ſich gar gern auch ein Bette gefallen laſſen; ehe er aber ſich — 413— dieſe Befriedigung gewaͤhrte, waͤre unſer Wandrer lieber erſchoͤpft auf der Landſtraße niedergefallen. Indeſſen wollte er ſich im Wirthshaufe uͤber die Entfernung der Adda er⸗ kundigen, wollte ſich ſagen laſſen, wie man uͤber den Fluß hinuͤber gelangte/ und dann, gleich nach der Mahlzeit, ſich auf den angegebenen Weg machen. An der zweiten Quelle dieſes Fluſſes, wie man es nennen kann, geboren und herangewachſen, hatte er oͤfters ſagen hoͤren, daß er an einem gewiſſen Punkte und in einem gewiſſen Striche die Grenze zwiſchen dem Mai⸗ laͤndiſchen und dem Venezianiſchen Gebiete bezeichnete; von dem Punkte und dem Striche hatte er keine deutliche Vorſtellung; fuͤr den Augenblick aber war die Hauptſache, das jenſeitige Ufer zu erreichen.„Wenn ſich das an dem nehmlichen Tage nicht mehr durchſetzen ließ, ſo wars ſein Vorſatz, weiter zu wandern, ſo lange Nacht und Athem ihm geſtatteten, und dann auf irgend einem einſamen An⸗ ger, wo es Gott geſiele, ſo bald es nur kein Wirthshaus waͤre, die naͤchſte Morgenroͤthe zu erwarten. 19 trn 4. Er hatte in Gorgonzola einige Schritte hinein gethan, ſo fiel ihm das Schildzeichen eines Gaſthauſes in's Auge. Er trat hinein, und forderte vom Wirth, der ihm ent⸗ gegen kam, eine Abendmahlzeit und ein Noͤßel Wein; denn die Zeit und die Miglien, welche er ſeit der letzten Ein⸗ kehr weiter gewandert, hatten ihm den heftigen Wider⸗ willen gemildert.—„SIch bitt; Euch, ein Bischen raſch anzuſchaffen,“ fuͤgte er hinzu,„ich muß mich den Augen⸗ blick wieder auf die Straße machen.“— Das ſagte er nicht nur der Wahrheit gemaͤß; er fuͤrchtete auch, der Wirth koͤnne ſich einbilden, er wolle die Nacht uͤber in ſeinem Hauſe zubringen, und wuͤrde ihm dann mit Fragen uͤber II. 3 8 —— Namen und Zunamen, uͤber Reiſe und Geſchaͤfte, zu Leibe gehen. Beſſer weit vom Schuß weg! 4 Der Wirth verſprach Eile, und Renzo ſaß waͤhrend deſſen, wo Verzagte gewoͤhnlich zu ſitzen pflegen, am Ende des Tiſches, dicht an der Thuͤre. Im Zimmer befanden ſich einige muͤßige Leute aus dem Dorfe. Sie hatten uͤber die großen Neuigkeiten aus Mailand vom vorigen Tage geſprochen, geſtritten und ihre Bemerkungen zum Beſten gegeben; es lag ihnen am Herzen, zu wiſſen, wie es mit der Sache wohl auch an dieſem Tage gegangen ſeyn moͤchte; die Begierde war um ſo groͤßer, je lebhafter die erſten Nachrichten die Neugier weckten und reizten; eine Empoͤrung, die weder unterdruͤckt noch ſiegreich/ durch die Nacht mehr ausgeſetzt als been⸗ digt worden; eine verſtuͤmmelte Geſchichte, eher das Ende eines Aufzuges als eines Schauſpiels. Einer unter dieſen Leuten trat aus der Geſellſchaft hervor, machte ſich an unſern Fluͤchtling, und fragte ihn, ob er von Mailand kaͤme. „Ich?“ ſagte Renzo uͤberraſcht, um Zeit zur Antwort zu gewinnen. „Ja Ihr, wenn's erlaubt iſt zu fragen.“ Renzo ſchuͤttelte den Kopf, zuckte mit den Lippen, und ließ einige undeutliche Worte zum Vorſchein kommen. —„Mailand“ ſagte er,„ſo viel ich hoͤre, ſo ungefaͤhr zu ſagen... das iſt kein Ort, wo Einer gegenwaͤrtig hin⸗ gehen ſollte, wofern ihn nicht die groͤßte Noth dazu zwingt. „Dauert alſo auch heute der Laͤrm noch fort?“ fragte der Neugierige, und ward immer zudringlicher. 4 K — 115— „Man muͤßte dort ſeyn, um es zu wiſſen,“ ſagte Renzo.. 4 „Aber Ihr, kommt Ihr denn nicht von Mailand?“ „Ich komme von Liſcate,“ antwortete der Juͤngling, der indeſſen ſeine Antwort uͤberlegt hatte, gerade heraus. Er ſagte keine Luͤge; er war durch das Dorf gekommen, und ein Reiſender, welcher ihm den Weg nach Gorgon⸗ zola angab, hatte ihm den Namen geſagt.. Oh!“ rief der gute Mann, als wenn er ſagen wollte: 's waͤr' geſcheidter, Du kaͤmſt von Mailand; aber Geduld. —„und in Liſcate wußte man nichts aus Mailand?“ fuͤgte er hinzu. 3 S iſt ſehr leicht moͤglich, daß Einer da was wußte// antwortete unſer Juͤngling aus dem Gebirge;„ich aber hab' nichts gehoͤrt.“— Er hatte in dieſe Worte einen ge⸗ wiſſen Ausdruck gelegt, als wollte er damit andeuten: Nun hab' ich's ſatt. Der Neugierige ging nach ſeiner Geſellſchaft zuruͤck; einen Augenblick ſpaͤter kam der Wirth, und tiſchte auf. Wie weit iſt's denn wohl von hier bis zur Adda?“ fragte Renzo mit halber Stimme. Dabei nahm er eine ſchlaͤfrige Gleichguͤltigkeit an, eine unaufmerkſame Miene, wie wir ſie mehrmals ſchon ihn annehmen geſehen. „Bis zur Adda, um hinuͤber zu kommen?“ ſagte der Wirth. „Ja, ia, das mein' ich... zur Aoda.“ „Wollt Ihr uͤber die Bruͤcke von Caſſano, oder meint Ihr die Faͤhre von Canonica?“ fragte Jener. „Wo es iſt, gleichviel. Ich frag' ſo... aus Neugier.“ „Eh, ich ſag's nicht umſonſt. Das ſind ſo die Stel⸗ — 116— len, wo die ordentlichen Leute hinuͤbergehen, die Rech⸗ nung von ſich ablegen koͤnnen.“ ¹ „Gut. Wie weit iſt's alſo? „Wohlerwogen wird's nach dem einen wie nach dem andern Punkt, ein Bischen mehr, ein Bischen weniger, werden’s ihrer ſechs Miglien ſeyn.“ „Sechs Miglien! Das wußt' ich nicht,“ ſagte Renzo. Er nahm eine auffallende Miene des Ueberdruſſes an, daß ſie ihm faſt unnatuͤrlich ſtand, und fragte weiter:„Und wenn's Einem nun drum zu thun waͤre, einen Richtweg zu nehmen, kommt er da wohl durch andre Ortſchaften durch?“* „'S finden ſich ſicherlich welche/“ antwortete der Wirth/ und ſah ihm mit dem Blick boshafter Neugier ſcharf in's Geſicht. Und der Blick war ſcharf genug, um die uͤbri⸗ gen Fragen, welche der Juͤngling in Bereitſchaft hatte, ihm auf der Zunge zuruͤckzudraͤngen. Er zog die Schuͤſſel nach ſich hin, betrachtete den Noͤßel, welchen der Wirth auf den Tiſch geſtellt hatte, und fragte, ob der Wein auch unverfaͤlſcht waͤre. „Wie Gold,“ verſicherte der Wirth.„Fragt alle Leute im Dorfe und in der Gegend herum, ſo koͤnnt Ihr's hoͤren. Und dann werdet Ihr ihn ja ſelber koſten.“— Mit dieſen Worten trat er zur Geſellſchaft hin. Verdammte Wirthe, haͤtte Renzo gern laut geſagt, je mehr ich deren kennen lerne, deſto nichtswuͤrdiger find' ich ſie.— Indeſſen ließ er ſich's tuͤchtig ſchmecken, hielt aber beſtaͤndig, ohne danach auszuſehen, das Ohr hin, um ſich von ſeiner Lage zu uͤberzeugen und zu erfahren, wie uͤber die große Begebenheit, an welcher er ſelbſt nicht unbe⸗ — 117— deutenden Theil genommen, die Leute hier dachten; zugleich wollte er erkundſchaften, ob unter den Sprechern da ſich vielleicht ein rechtſchaffener Mann befaͤnde, welchen ein armer junger Menſch, ohne Furcht, in die Enge getrieben oder zum Schwatzen uͤber ſich ſelbſt gezwungen zu werden, vertrauenvoll nach dem Wege fragen duͤrfte. „Aber,“ begann der Eine,„diesmal ſcheint's doch gerade, als wenn die Mallaͤnder ein Mal was Gutes haͤt⸗ ten anſtellen wollen. Genug, morgen ſpaͤteſtens werden wir etwas zu hoͤren bekommen.“. „S thut mir in der Seele leid, daß ich nicht dieſen Morgen nach Malland gegangen bin,“ ſagte ein Andrer. „Wenn Du morgen gehſt, geh' ich mit,“ ſprach ein Dritter; eben ſo ein Vierter und ein Fuͤnfter. „Was ich wiſſen moͤchte,“ nahm jener Erſte wieder das Wort,„das waͤre, ob die Herren Mallaͤnder auch an die armen Leute hier außen denken werden, oder ob ſie die guten Geſetze bloß fuͤr ſich allein machen wollen. Ihr wißt, wie ſie ſind! Stolze Buͤrger, Alles nur fuͤr ſie in der Welt da; die Auswaͤrtigen, als waͤren's keine Chriſten!“ „Wir haben auch einen Mund, ſo gut um zu eſſen, als um unſre Meinung zu ſagen,“ aͤußerte ein Andrer, und ſeine Stimme hoͤrte ſich um ſo beſcheidener an, je kraͤftiger der Gedanke eingriff—„und wenn die Sache einmal in Gang gekommen... Er fand indeſſen nicht fuͤr gut, den Satz zu endigen. Werſtecktes Getraide liegt nicht in Mailand allein,“ begann ein Menſch von finſtrer boshafter Miene. In dem Augenblick ließ ſich der Hufſchlag eines nahenden Pferdes hoͤren. Alle laufen nach der Thuͤre, und kaum haben ſie — 138— den Daherkommenden erkannt, eilen ſie ihm ſaͤmmtlich ent⸗ gegen. Es war ein Kaufmann aus Malland, welcher jaͤhr⸗ lich einige Mal in Geſchaͤften die Reiſe nach Bergamo machte, und die Nacht in dieſem Wirthshauſe zuzubringen pflegte; da er nun faſt immer dieſelbe Geſellſchaft darin antraf, war er der Bekannte eines Jeden geworden. So draͤngten ſie ſich denn um ihn her; der Eine faßte die Zuͤgel, der Andre den Steigbuͤgel.—„Willkommen!“ „Gott zum Gruß!“ rief der Kaufmann ihnen als Antwort zu. 1 „Iſt die Reiſe gut gegangen?“ ‚„WVortrefflich. Und Ihr hier, wie geht's Euch?“„ „Gut, gut. Was Neues aus Mailand? „Eh, da ſind gleich die Neuigkeitskraͤmer bei der Hand!“ ſagte der Kaufmann, ſtieg ab, und ließ ſein Pferd in den Haͤnden des Hausknechts.—„und uͤbrigens,“ fuhr er fort, indem er mit der Geſellſchaft zur Thuͤre hinein trat,„und uͤbrigens wißt Ihr's um dieſe Stunde vielleicht ſchon beſſer als ich.“ „Nein, im Ernſt, wir wiſſen ganz und gar nichts,“ ſagte mehr als Einer, und legte die Hand auf die Bruſt. „Wie thaͤte das zugehen?“ fragte der Kaufmann. „Ihr ſollt alſo gar ſchoͤne, oder gar haͤßliche Geſchichten zu hoͤren bekommen. He, Wirth, ſteht mein gewoͤhnliches Bette leer fuͤr mich da?— Gut, einen Becher Wein, und mein gewoͤhnliches Abendeſſen; geſchwind, ich will mich beizeiten niederlegen, und morgen in aller Fruͤhe mich wie⸗ der auf die Beine machen, um gegen Mittag in Bergamo hineinreiten zu koͤnnen. Und Ihr, Leutchen,“ fuhr er fort, indem er ſich an's andre Ende des Tiſches ſetzte, und x2— 2.— — 19— von Renzo mit ſchweigender Aufmerkſamkeit beobachtet ward,„von allen den verteufelten Geſchichten⸗ die geſtern vorgefallen, wißt Ihr nichts?“ „Von geſtern haben wir wohl ſprechen horen⸗ 77 „Da ſeht Ihr nun, ob Ihr die Neuigkeiten wißt,“ entgegnete der Kaufmann.„Ich hab's gleich ſagen wollen, Ihr ſteht hier immer auf Wache, und muſtert einen Je⸗ den, der durch kommt.... „Aber heute! Wie iſt's denn heute gegangen?“ „Ah heute; von heute wißt Ihr nichts?“ 1 „Nicht das Geringſte,“ war die Antwort;„s iſt noch Niemand durchgekommen.“ „Laßt mich alſo die Lippen erſt ein wenig anfeuchten, und dann wollen wir ein Woͤrtchen von heute ſprechen. Ihr ſollt zu hoͤren kriegen.“— Darauf fuͤllte er den Be⸗ cher, nahm ihn in die rechte Hand, hob mit den beiden Fingern der andern den Schnautzbart in die Hoͤhe, ſtrich mit der Flaͤche den Bart am Kinne nieder, trank, und nahm dann wieder das Wort:„Heute, lieben Freunde, hat wenig gefehlt, ſo waͤr' der Tag eben ſo ſtuͤrmiſch wie ge⸗ ſtern, oder noch ſchlimmer abgelaufen. Und es kommt mir gar nicht wahrſcheinlich vor, daß ich hier ſi itze, und Euch davon erzaͤhle; denn ich hatte alle Gedanken an die Neiſe ſchon bei Seite geſetzt, wollte zu Hauſe pleiben, und auf meinen armen Kram Acht haben.“”“ Was hat's denn gegeben?“ fragte einer der Zuhdͤrer. „Was es gegeben hat? Ihr werdet's hoͤren!“ Indem er darauf das Fleiſch, ſo ihm vorgeſetzt worden, ſchnitt und ſich's ſchmecken ließ, fuhr er in ſeiner Erzaͤhlung fort. Die Geſellſchaft, zur Rechten und Linken des Tiſches auf — 120— den Beinen, hoͤrte ihm mit offenem Munde zu; Renzo, welcher am andern Ende eben den letzten Biſſen zu ſich nahm, ſchien am wenigſten Theil zu nehmen, und ſaß doch in der geſpannteſten Aufmerkſamkeit da. „Die Schurken, die geſtern ſo einen entſetzlichen Laͤr⸗ men gemacht hatten, fanden ſich heute fruͤh auf ihren ver⸗ abredeten Poſten ein; ſie verſtanden ſich unter einander, s war Alles vorbereitet. Und ſo kamen ſie denn zuſam⸗ men, und fingen dieſelbe ſaubre Geſchichte wieder an, zogen von Straße zu Straße, und machten ein lautes Geſchrei, um Volk zuſammen zu rufen. Ihr wißt,'s iſt gerade, mit Verlaub zu ſagen, als wenn das Haus ausge⸗ fegt wird; der zuſammengekehrte Muͤllhaufe wird immer groͤßer, je weiter der Beſen vorruͤckt. Wie ſie nun glaub⸗ ten, es ſeyen Leute genug da, machten ſie ſich auf den Weg nach dem Hauſe des Herrn Speichervogts; als wene's an den Unmenſchlichkeiten, ſo ſie geſtern mit ihm vorge⸗ nommen, noch nicht genug waͤre, mit'nem Herrn von ſolchem Range! Die Schurken die! Und was ſie fuͤr Nichtswuͤrdigkeiten gegen ihn ausſtießen! Lauter Erfin⸗ dungen; ein rechtſchaffener, puͤnktlicher Herr! Ich kann's ſagen, bin ſein Alles in Allem⸗ und verkauf' ihm das Tuch zur Livrey fuͤr ſeine ganze Dienerſchaft. Sie ſtroͤmten alſo nach dem Hauſe;'s haͤtt Einer das ſchuftige Geſin⸗ del ſehen ſollen, was fuͤr Fratzen! Denkt Euch, ſie ſind vor meinem Laden voruͤber gezogen— Geſichter, die... die Juden in der Via erucis ſind nichts dagegen*). Und *) Die Gemahlten nehmlich in den Bildern von den Leiden Chriſti, an welchen vorüber die Andacht, vorzüglich in der Charwoche, ihre — 21— was aus den Schandmaͤulern fuͤr Dinge kamen! Die Ohren haͤtte ſich Einer zuſtopfen moͤgen, wenn's nicht ge⸗ faͤhrlich geweſen waͤre, die Schelme auf ſich aufmerkſam zu machen. Sie gingen alſo in der huͤbſchen Abſicht, eine Pluͤnderung vorzunehmen; aber...“ Hier hob der Red⸗ ner die linke Hand in die Hoͤhe, und ſetzte die Spitze des Daumens an die Naſenſpitze. „Aber?“ riefen beinah ſaͤmmtliche Zuhdrer. „Aber,“ fuhr der Kaufmann fort,„ſie fanden die Straße mit Balken und Karren verrammelt, und hinter der Wagenburg eine huͤbſche Reihe von Soldaten; hatten die Flintenhaͤhne geſpannt, und die Kolben dicht an den Schnautzbart angelegt. Wie ſie ſich mit dem Gruß em⸗ pfangen ſahen... Was haͤttet Ihr in dem Fall gethan?“ „Zuruͤck gegangen.“ „Sehr vernuͤnftig, und ſo machten ſie's auch. Seht aber einmal, ob's nicht der leibhaftige Teufel war, der ſie regierte. Sie ſtehen auf dem Corduſio, ſie ſehen den Ofen vor ſich, den ſie ſchon geſtern hatten auskramen wollen— und was geſchah eben in dem Laden? Man theilte den Kunden das Brodt aus;'s ſtanden Edelleute da, der wahre Kern des Adels, und hatten Acht, daß Alles in guter Ord⸗ nung zuginge— und die Kerle.... ſie hatten den Teufel im Leibe, ſag' ich Euch, und dann mußt' es ihnen Einer in's Ohr fluͤſtern— in den Laden hinein, wie wuͤthende feierlichen Umzuͤge hält. Der Weg, deſſen Seitenwände mit den Leidensgemählden geſchmückt, heißt die Via crucis; langſam ſteigen die frommen Pilger ihn hinauf, verrichten oben ihr Hauptgebet, und ſteigen dann eben ſo langſam auf der andern Seite wieder hinab. — 122— Stiere; nimm Du, ich nehm auch; in einem Augenblick Edelleute, Baͤcker, Kunden, Brodte⸗ Kaſſe, Baͤnke, Back⸗ troͤge, Kiſten, Saͤcke, Mehlbeutel, Kleye, Weui Teig, Alles zu oberſt zu unterſt!“ 4 „und die Soldaten?“ 2 „Die Soldaten, die hatten das Hnus des Speicher⸗ vogts zu bewachen; ˙s kann Einer nicht ſingen un gleicher Zeit das Kreuz tragen. In einem Augenblick, 3 ich Euch; ſie raffen und raffen zuſammen; was ſi ch nur packen laͤßt, wird fortgeſchleppt. Und drauf ruͤckt der ſchoͤne Zug von geſtern wieder in's Feld, um die Truͤmmer auf den Platz zu tragen, und ſein Freudenfeuer wieder an⸗ zuzuͤnden. Und die Halunken ſingen ſchon an, Sachen heraus zu ſchleppen, und wenn Einer nun drunter ein Haupthalunke war, was meint Ihr wohl, mit was fuͤr enem ſaubeen Vorſchlag er ſich hoͤren ließ?“ „ Mit was fuͤr einem?“ „Mit was fuͤr einem? Aus Allem, ſo in der Bude zu finden, einen Haufen zu machen, Feuer drunter zu legen, und ſo den Haufen mitſammt dem Hauſe anzuſtecken. Ge⸗ ſagt, gethan...“ „Haben ſie's angeſteckt?“ „Geduld. Nebenbei ſtand ein rechtſchaffener Mann, dem gab der Himmel einen praͤchtigen Gedanken ein. Er lief hinauf in die Zimmer oben, ſuchte nach einem Kruzifix fand es, haͤngte es an den Querbogen eines Fenſters, nahm Aber einem Bette zu Kopfens zwei geweihte Lichter fort,⸗ ſteckte ſie an, und ſtellte ſie zur Rechten und Linken vom Kruzifix auf die Bruͤſtung. Das Volk guckt hinauf. In einem Mailand, das muß man ſagen, iſt noch immer Got⸗ — 123— tesfurcht vorhanden— ſie gingen alſo in ſich. Der groͤßte Theil, will ich ſagen;'s ſtanden freilich Hoͤllenkerle da, die um des Raubes willen ſelbſt das Paradies in Brand ge⸗ ſteckt haͤtten; wie ſie aber ſahen, daß das Volk anders dachte, mußten ſie wieder zuruͤck, und ſich ruhig verhal⸗ ten. Nun rathet einmal, wer dazu kam! Alle geiſtliche Herren vom Dom, in Prozeſſion, mit aufgerichtetem Kreuze, in Chorkleidern; Seine Ehrwuͤrden der Erzbiſchof fing von der einen Seite zu predigen an, Seine Ehrwuͤrden der DOberbeichtvater von der andern, und dann wieder Andre, hier und dort: Aber gutes Volk! Aber was habt Ihr vor? Iſt das das Beiſpiel, ſo Ihr Euren Kindern geben wollt? Geht nach Hauſe, Ihr ſollt wohlfeiles Brodt haben; geht hin und ſeht, der feſte Preis iſt an die Ecken angeſchlagen.“ „War's wahr?“ fragten die Zuhoͤrer. „Wie? Ob's wahr war? Meint Ihr etwa, die geiſtli⸗ chen Herren vom Dom waͤren in vollem Staatskleid herge⸗ kommen, um den Buͤrgern mit Maͤhrchen aufzuwarten? „Und die Leute? Was thaten die?“ „Nach und nach gingen ſie weg; ſie liefen an die Straßenecken, und wer nur leſen konnte, der fand richtig die Taxe angeſchlagen. Denkt Euch mal, das Groſchen⸗ brodt zu acht Unzen an Gewicht!“ „Das heißt ein Stich!“ „Der Gewinnſt iſt ſchoͤn; es kommt nur darauf an, ob er lange dauern wird. Wißt Ihr, wie viel Mehl ſie binnen geſtern und heute fruͤh verſchleppt haben? Auf zwei Monate koͤnnte man das ganze Herzogthum damit ver⸗ ſehen.”/ — 124— „und fuͤr uns hier außen iſt kein gutes Geſetz gemacht worden?“. „Was fuͤr Mailand geſchehen iſt, das iſt Alles auf Ko⸗ ſten der Stadt geſchehen. Ich kann Euch weiter nichts ſagen; fuͤr Euch wird geſchehen, was Gott will. Einſtwei⸗ len hat's mit dem Laͤrm gluͤcklich ſein Ende; denn ich hav' Euch noch nicht Alles geſagt; jetzt kommt erſt das Gute.“ „Was hat ſich denn noch weiter begeben?“ „Geſtern Abend oder heute fruͤh, wann's war, ſind viele von den Naͤdelsfuͤhrern feſtgenommen worden, und auf der Stelle hat man gewußt, daß viere an den Galgen kommen. Kaum lief das Geruͤcht herum, ſo machten ſich die Uebrigen Alle auf dem kuͤrzeſten Wege nach Hauſe, um nicht Numro fuͤnf zu ſeyn. Wie ich zum Thor heraus ritt, ſah Euch ganz Mailand gerade wie ein Moͤnchskloſter aus.“ „und werden ſie ſie wirklich aufhaͤngen?“ „Gar kein Zweifel, und das hald,“ antwortete der Kaufmann. „und wie wird ſich das Volk dabei benehmen?“ fragte derſelbe, welcher die andre Frage gethan. „Das Volk wird hingehen, und die Sache mit anſe⸗ hen,“ war der Beſcheid.„Sie hatten ſo'ne gewaltige Luſt, einen Chriſtenmenſchen unter freiem Himmel ſterben zu ſehen, daß ſie, die Schurken die! dem Herrn Speicher⸗ vogt den Garaus machen wollten. An ſeiner Stelle werden ſie vier raubſuͤchtige Vielfraͤße haben, mit allen Formalitaͤ⸗ ten bedient, von den Kapuzinern und von der„Bruͤder⸗ ſchaft des guten Todes begleitet;'s ſind Kerle, die s ver⸗ dient haben.'S iſt Gottes Schickung, ſeht Ihr;'s war ene nothwendige Sache. Hatten ſchon mit'ner wahren — 125— Jubelluſt angefangen, in die Laͤden einzuſtuͤrmen, und ſich zu nehmen, was da war, ohne mit der Hand in den Geldbeutel zu greifen; haͤtt' man ihnen den Zuͤgel ſchießen laſſen, ſo waͤr' nach dem Brodt der Wein an die Reihe gekommen, und ſo Eins nach dem Andern.... koͤnnt alſo ſelbſt denken, ob die Boͤſewichter eine ſo vortheilhafte Manier aus freiem Willen bei Seite ſetzen wollten, und ich kann Euch verſichern, fuͤr einen rechtſchaffenen Mann, der ſeinen Laden offen ſtehen hat, roch der Spuk nicht nach Roſen.“ Eh ſicher⸗ ſagte einer der Zuhoͤrer—„Sicher, ſi cher/“ wiederhohlten die Uebrigen in der Runde. „Und die Sache war ſeit langer Zeit angelegt,“ fuhr der Kaufmann fort, ſich den Bart mit dem Tiſchtuch ab⸗ wiſchend.„S war'ne Verbruͤderung, wißt Ihr?“ „Eine Verbruͤderung war?“ „Eine Verbruͤderung, ja. Lauter Kabalen, die von den Navarrinern ausgingen, von dem Kardinal dort in Frankreich, der'nen halb tuͤrkiſchen Namen hat, und tag⸗ taͤglich eine neue Liſt zuſammenſpinnt, um der Krone von Spanien Eins anzuthun. Aber uͤber Alles liegt ihm dran, in Mailand einen Streich auszufuͤhren; denn er ſieht recht gut ein, der pfiffige Schelm, daß hier die Staͤrke des Koͤ⸗ nigs ſteckt.“ „Der Tauſend!“ „Wollt Ihr den Beweis ſehen? Die das meiſte Ge⸗ polter getrieben haben, das waren Fremde; es ſchlichen Ge⸗ ſichter herum, die man nimmermehr in Mailand geſehen hatte. Da hab' ich eben Euch eine Geſchichte zu erzaͤhlen vergeſſen, welche mir als ganz ſicher mitgetheilt worden. — 126— Die Gerechtigkeit hatte Einen in einem Wirthshauſe er⸗ tappt...“ Renzo, welcher kein Jota von dem ganzen Ge⸗ ſpraͤche verloren, wurde beim Beruͤhren dieſer Saite von einem Schauder uͤberrieſelt, und zuckte auf, ehe er daran dachte, ſich ruhig in Schranken zu halten. Indeſſen ward es Keiner gewahr, und der Redner ſprach, ohne ſeine Er⸗ zaͤhlung einen Augenblick zu unterbrechen, weiter.—„Man weiß noch nicht eigentlich, aus welcher Gegend er herge⸗ kommen, von wem er geſchickt worden, oder was fuͤr'ne Art Kerl es geweſen; aber auf jeden Fall war er eins von den Haͤuptern. Schon geſtern hatte er, mitten im Getuͤmmel, den Teufel geſpielt, und damit nicht zufrieden, hatte er zu predigen angefangen, und ſo eine luſtige Artigkeit in Vor⸗ ſchlag gebracht: den hohen Herren naͤmlich ſollte allen der Hals abgeſchnitten werden. Der Spitzbube! Wer thaͤte den armen Leuten zu leben verſchaffen, wenn die hohen Herren umgebracht wuͤrden? Die Gerechtigkeit war hinter ihm her, und packte ihn beim Kragen; ein ganzes Paket von Brie⸗ fen fanden ſie bei ihm, und ſo zogen ſie in's Gefaͤngniß mit ihm ab. Aber was geſchah? Seine Spießgeſellen, die um den Gaſthof als Wache ſtanden, kamen in großer Maſſe an, und ſetzten ihn in Freiheit, den Halunken.“ „und was iſt aus ihm geworden?“ „Man weiß nicht/“ erklaͤrte der Kaufmann.„Er wird ſich aus dem Staub gemacht haben, oder in Mailand ver⸗ ſteckt ſitzen.'S ſind Kerle, die weder Dach noch Fach haben, und finden aller Orten ein Unterkommen, um ſich zu verkriechen; aber nur ſo lange der Teufel kann, und ihnen beiſtehen mag; wenn ſie's nachher am wenigſten ſich vermuthen, fallen ſie in's Netz; denn wenn der Apfel reif I — — 127— iſt, ſo faͤllt er an die Erde. Fuͤr jetzt weiß man gewiß, daß die Briefe in den Haͤnden der Gerechtigkeit zuruͤckge⸗ blieben, und die ganze Kabale darin auseinander geſetzt iſt; man ſagt, es werden viele Menſchen daran muͤſſen. Ge⸗ ſchieht ihnen Recht, haben halb Mailand umgewaͤlzt, und fuͤhrten noch was Schlimmeres im Schilde. Sie ſagen, die Baͤcker ſeyen Schurken. Das weiß ich auch; aber auf dem Weg der Gerechtigkeit muͤſſen ſie aufgehaͤngt werden. Es iſt verſtecktes Mehl vorhanden. Wer weiß das nicht? Aber den Herren, die am Ruder ſitzen, kommt's zu, ver⸗ laͤſige Spione zu halten, und es aus den Gruben heraus⸗ zuholen, und die Aufkaͤufer mit den Baͤckern zuſammen in der Luft tanzen zu laſſen, und wenn die Befehlshaber ſich nicht ruͤhren, ſo iſt's die Sache der Stadt, zur Huͤlfe zu eilen; wenn man ernſtlich zur Huͤlfe eilt, erhaͤlt man. Vol⸗ ler Wuth aber in die Laͤden und in die Speicher zu ſtuͤr⸗ men, um Beute zu machen, das iſt eine heilloſe Manier, die nicht aufkommen muß.“ Unſrem Fluͤchtling war das ſchmale Abendbrodt in gif⸗ tige Pillen verwandelt. Tauſend Jahre daͤuchten es ihm, ehe er aus dem Gaſthofe, aus dem Dorfe hinaus kam, und ſich erſt weit davon befand; mehr als zehen Mal hatte er zu ſich ſelbſt: Laß uns gehen, laß uns gehen! geſagt. Aber die Beſorgniß, Anlaß zum Verdachte zu geben, welche ſo eben uͤber alle Maßen geſtiegen, und die Tyrannin aller ſeiner uͤbrigen Gedanken geworden war, hielt ihn immer noch, wie an die Bank feſtgenagelt, zuruͤck. In dieſer Ver⸗ legenheit dachte er, der Schwaͤtzer wuͤrde damit endigen, von ſich ſelbſt zu ſprechen; ſobald er alſo merken wuͤrde, daß ein andres Geſpraͤch angeknuͤpft worden, wollte er au⸗ genblicklich ſich aufmachen. 142 „S3ch,“ ſagte Einer aus dem Haufen,„der ich weiß, was fuͤr'ne Wendung dergleichen Geſchichten nehmen, und wie uͤbel es um rechtſchaffene Leute bei'm Aufruhr ſteht, ich hab' mich nicht von der Neugier uͤbermannen laſſen, und bin huͤbſch ruhig in meinen vier Pfaͤhlen geblieben.“ „Und hab' ich mich denn geruͤckt?“ fragte ein An⸗ derer. „Ich,“¹ fuͤgte ein Dritter hinzu,„wenn ich mich zu⸗ faͤllig in Mailand befand, haͤtte jedes Geſchaͤft halbabge⸗ than liegen laſſen, und mich ſchnell hieher nach Gorgon⸗ zola aufgemacht. Hab' Weib und Kinder, und dann, die Wahrheit zu ſagen, ſo ein Getuͤmmel kann mir nicht be⸗ hagen.“ 1 Hier ging der Wirth der ebenfalls ein fleißiger Zuhoͤ⸗ rer geweſen, nach der andern Seite des Tiſches, um nach dem Fremden zu ſehen. Renzo benutzte die Gelegenheit/ winkte ihn herbei, fragte nach ſeiner Rechnung, und zahlte, ohne Umſtaͤnde zu machen, obgleich das Waſſer ſchon ziem⸗ lich ſeicht ſtand. Er ſprach kein Wort weiter, ging in ge⸗ rader Richtung dem Ende der Straße zu, ſah ſich wohl vor, nicht dorthin, woher er gekommen, wieder zuruͤck zu kehren, und hielt ſich, die Vorſehung zur Fuͤhrerin waͤh⸗ lend, nach der entgegengeſetzten Seite. — o— Sechstes Kapitel. Eine einzige Neigung hat bisweilen über das Gemüth des Menſchen Macht genug, um ſeiner Lage jeden erfreuli⸗ chen Troſt zu nehmen; man denke nun, wenn zwei ihn be⸗ herrſchen, und die eine mit der andern im Kaͤmpfe liegt. Der arme Renzo war ſo eben das Schlachtfeld zwei ſol⸗ cher Neigungen; er wollte vorwaͤrts eilen, und zugleich ſich Niemandem verrathen. Die ungluͤcklichen Worte des Kauf⸗ manns hatten zur Steigerung beider Wuͤnſche uͤber alle Maßen beigetragen. Sein Abentheuer hatte alſo Laͤrm ge⸗ macht, man bemuͤhte ſich, ihn zu erhaſchen; wer weiß, wie viele Haͤſcher auf den Beinen waren, um ihn zu hetzen? Was fuͤr Befehle ergangen, in den Doͤrfern, in den Schen⸗ ken, an den Landſtraßen, ihm aufzupaſſen? Freilich kannten ihn nur zwei Haͤſcher, ſiel ihm ein, und den Namen trug er nicht auf der Stirn geſchrieben; es kamen ihm aber zu⸗ gleich hundert alte Geſchichten von Fluͤchtlingen in den Kopf, die auf ſeltſame Weiſe entdeckt und ertappt worden, am Gange, an der verdaͤchtigen Miene, an andern unver⸗ mutheten Zeichen erkannt, und ſo erfuͤllte ihn Alles mit Grauen. Als er Gorgonzola verließ, lauteten die Glocken zum Ave Maria, und die ſteigende Daͤmmerung milderte dieſe Gefahren immer wohlthaͤtiger; dennoch blieb er nur ſehr ungern auf der Hauptſtraße, und nahm ſich vor, den erſten Seitenweg einzuſchlagen, der eine paſſende Richtung neh⸗ men wuͤrde. Die wenigen Wandrer, welche er anfangs noch traf, ließ er unbefragt voruͤbergehen; ſeine aͤngſtliche Einvbildung band ihm die Zunge.— Sechs Miglien hat II. 9 — 130— der geſagt, dachte er; wenn ich durch Querwege und Fuß⸗ ſteige vorwaͤrts zu kommen ſuche, werden alſo noch acht oder zehn herauskommen; die Fuͤße, welche die andern gemacht haben, werden dieſe auch noch machen. Nach Mailand geh' ich nicht, ſo viel iſt gewiß; alſo muß ich mich doch der Adda naͤhern. Fruͤh oder ſpaͤt, anlangen muß ich dort. Die Adda ſpricht allein; bin ich nicht mehr weit davon, brauch' ich ſie mir von Keinem zeigen zu laſſen. Iſt eine Barke zur Ueberfahrt da, gleich hinuͤber; wo nicht, bring' ich bis morgen auf'nem Felde zu, oder auf'nem Baum, wie die Sperlinge; beſſer auf'nem Baume, als im Gefaͤngniß. Bald oͤffnete ſich eine kleine Straße zur Linken, und er waͤhlte ſie. Haͤtte er jetzt Jemanden angetroffen, wuͤrde ich kein Bedenken mehr getragen haben, ihn zu fragen; aber kein Fußtritt eines lebendigen Menſchen ließ ſich ver⸗ nehmen. Der ſchmale Weg blieb alſo ſein Fuͤhrer, und ſo ging er nachdenkend vorwaͤrts. Ich den Teufel machen! Ich alle die Herren um's Le⸗ ben bringen! Ein Paket Briefe bei mir, ich! Und Geſellen, die um mich her Wache gehalten! Ich thaͤt was drum ge⸗ ben, wenn ich mich mit dem Kaufmann, Geſicht gegen Geſicht, jenſeit der Adda traͤfe— ach, wann werd ich ſie hinter mir haben, die geſegnete Adda!— ich wollt' ihn einmal ausführlich fragen, wo er denn all dieſe ſaubern Nachrichten aufgeſiſcht hat. Laßt Euch ſagen, mein lieber Herr, die Sache iſt ſo und ſo gegangen, und die Teufels⸗ rolle, ſo ich geſpielt habe, beſtand darin, daß ich dem Ferrer Huͤlfe geleiſtet habe, als waͤr's mein Bruder geweſen; laßt Euch ſagen, die Schurken, die, wenn man Euch hoͤrt, meine Freunde waren, weil ich einmal ein Wort als guter Chriſt —— — — 131— geſprochen, die wollten ſich ein garſtiges Spiel mit mir machen; waͤhrend Ihr daſtandet, um Euren Kram zu be⸗ wahren, ließ ich mir die Rippen im Leibe zerquetſchen, um Euren Herrn Sypeichervogt, den ich im Leben nicht geſehen noch gekannt, zu retten. Gebt Acht, ob ich mich wieder einmal von der Stelle ruͤcken werde, um ſolchem Herrn zu helfen. Freilich, man ſoll's der Scele wegen thun; ſie ſind auch unſre Naͤchſten. Und das große Paket Briefe, worin die ganze Kabale ſteckte, und welches itzo in den Haͤnden der Gerechtigkeit iſt, wie Ihr ganz gewiß wiſſen wollt, ſoll ich's Euch einmal hier, ohne Huͤlfe des Teufels, erſcheinen laſſen? Seyd Ihr neugierig, das Paket zu ſe⸗ hen? Hier iſt's, Herr!— Ein einziger Brief!— Ja, Herr, ein einziger Brief, und dieſen Brief hat, wenn Ihr's wiſ⸗ ſen wollt, ein Geiſtlicher geſchrieben, bei dem Ihr jederzeit in die Lehre gehen koͤnnt, ein Geiſtlicher, an dem, ohne Euch Unrecht zu thun, das kleinſte Haͤrchen mehr werth iſt, als Euer ganzer Bart. Und der Brief iſt, wie Ihr ſeht, thaͤt' ich ihm ſagen, an einen andern Geiſtlichen ge⸗ ſchrieben, der auch ein Mann iſt... Ihr ſeht alſo, was fuͤr Spitzbuben meine Freunde ſind. Lernt fuͤr's Kuͤnftige ein Bischen anders ſprechen, zumal wenn ſich's um den Naͤchſten handelt. b Bald aber mußten dieſe uud aͤhnliche Gedanken wei⸗ chen; die gegenwaͤrtigen Umſtaͤnde beſchaͤftigten alle See⸗ lenkraͤfte des armen Pilgers. Die Furcht vor Verfolgung oder Entdeckung, welche die Reiſe am Tage ihm ſo pein⸗ lich verbittert hatte, hielt ihn nun nicht mehr in Beklem⸗ mung; aber wie viele andre Dinge beſtuͤrmten ihn jetzt um ſo gewaltſamer! Die Finſterniß, die Einſamkeit, die ſtei⸗ 1177 : Kleider, in welchen er zur Vermählung gehen, und dann ſogleich, wenige Schritte weit, im Triumph nach Hauſe zuruckkehren wollte; was aber Alles noch trübſeliger machte, war das Fortwandern herſuchen nach einem Orte der Ruhe und der Sicherheit. So oft er durch ein Dorf kam, ſchlich er behutſam vorwaͤrts; doch ſah er umher, ob irgendwo noch eine Thuͤre offen ſtaͤnde; aber nur ein ſchwacher Lichtſchein, welcher hier und dort durch ein papiernes Fenſter ſchimmerte, ließ vermuthen, daß die Leute im Hauſe noch auf den Beinen waren. Wo kein Haus an der Straße ſich befand, blich er oft ein wenig ſtchen, und horchte, ob vom erwuͤnſchten Geraͤuſche der Adda noch nichts zu merken; aber vergebens. Sonſt vernahm er nichts als Hundegeheul, welches klaͤglich und ſchreckend zugleich von einem einſamen Schaͤfergehoͤfte hertoͤnte. Naͤherte er ſich einem ſolchen Hauſe, ſo verwan⸗ delte ſich das Geheul in ein heftiges, grimmiges Bellen, und wenn er vor der Thuͤre voruͤberging, hoͤrte er, ſah er faſt, wie der Klaͤffer die Schnautze wuͤthend gegen die Thuͤrfluͤgel druͤckte, und ſein Gebell verdoppelte; dann verging ihm der Muth anzuklopfen, und um ein Unter⸗ kommen zu bitten. Wenn aber auch kein Hund da gewe⸗ ſen waͤre, ſo haͤtte ihm vielleicht dennoch das Herz gefehlt. — Wer iſt da? wuͤrde es heißen. Was wollt Ihr um dieſe Stunde? Wie ſeyd Ihr hierher gekommen? Laßt wiſ⸗ ſen, wer Ihr ſeyd. Giebt's denn keine Gaſthaͤuſer, um die Nacht dort zu bleiben?— So werden ſie fragen, wenn Alles gut geht, ſobald ich klopfe. Und wenn nun irgend — 133— ein furchtſamer Menſch noch nicht ſchlaͤft/ und geradeswe⸗ ges; Huͤlfe! Naͤuber! ſchreite Da will's auf der Stelle eine paſſende Antwort, und was hab ich zu ſagen? Hoͤrt Einer bei Nacht ein Geraͤuſch, ſo fallen ihm natuͤrlich gleich Herumtreiber, Spitzbuben, Diebeszangen ein; Keiner kann ſich denken, daß ein ordentlicher Menſch mitten in der Nacht auf der Landſtraße verkehrt, wofern es nicht etwa ein vornehmer Herr in der Kutſche iſt.— Er legte alſo dieſen Ausweg fuͤr die aͤußerſte Noth zuruͤck, und ſchritt vorwaͤrts, immer in der Hoffnung, waͤhrend der Nacht noch die Adda, wenn er auch nicht hinuͤber kaͤme, wenigſtens zu entdecken, und nach Sonnenaufgang nicht weiter ſuchen zu muͤſſen.- So ging's vorwaͤrts und vorwaͤrts, bis er in eine Ge⸗ gend gelangte, wo die angebaute Flur ſich in eine Haide von Farrenkraut und Binſen verlor. Er glaubte die Zei⸗ chen eines benachbarten Fluſſes darin erkennen zu duͤrfen, und wanderte, dem Fußpfade folgend, fortwaͤhrend weiter hinein. Nach einigen Schritten ſtand er ſtill, und horchte; umſonſt. Die Troſtloſigkeit der Wanderung wuchs mit der oͤden Nacktheit der Gegend; kein Maulbeerbaum, keine Rebe, noch ſonſt ein Zeichen des menſchlichen Fleißes, wo⸗ ran er vorher gleichſam eine halbe Geſellſchaft gefunden. Indeſſen ſetzte er ſeinen Weg fort, und um gewiſſe Bilder und Erſcheinungen, die Ueberbleibſel von hundert gehoͤrten Geſchichten, ſich aus dem Sinne zu ſchlagen oder zu be⸗ ſchwichtigen, ſagte er im Gehen mit halblauter Stimme Gebete fuͤr die Todten her. Nach und nach gerieth er zwiſchen hoͤheres Geſtraͤuch von Dornbüſchen, Schlehen und jungen Eichen. Dennoch — 134— wanderte er mehr in Ungeduld als mit lebhafter Munter⸗ keit eilig fort, ſah hin und wieder einen einzelnen Baum ſich erheben, und bemerkte endlich, noch immer von demſel⸗ ben Fußpfade geleitet, daß er in einen Wald trat. Er em⸗ pfand einen unheimlichen Schauder, hinein zu gehen; doch überwand er ihn, und ſchritt gleichſam wider Willen vor⸗ waͤrts Je weiter er kam, deſto unerfreulicher wuchſen Widerwille und Schauder. Die Baͤume, welche er von weitem ſtarren Blickes anſah, ſtanden als ſeltſame, unfoͤrm⸗ liche Wundergeſtalten da; mit grauenhaften Gefuͤhlen er⸗ fuͤllte ihn der Schatten der leicht bewegten Wipfel, der auf dem mondbeleuchteten Fußpfade zitterte; das Rauſchen der trockenen Blaͤtter, der Nachhall ſeiner eigenen Fußtritte traf ſchmerzlich ſein verzagtes Gemuͤth. Ein Drang zur Eile, eine befluͤgelte Sehnſucht, verkuͤndigte ſich in ſeinen Fuͤßen, und doch vermochten ſie kaum mehr ihn zu tragen. Kalt und feindſelig fuͤhlte er die Nachtluft gegen Stirn und Wange hauchen, ſie drang ihm zwiſchen die Kleider durch, und ſchien in den ermatteten Gliedern die letzte Le⸗ benskraft zu verzehren. Der beklemmende Unmuth, der un⸗ erklaͤrliche Schauder, mit welchem ſeine Seele ſchon lange kaͤmpfte, drohte bisweilen, ſie ploͤtzlich uͤbermannen zu wol⸗ len. Oft glaubte er ſich ſchon verloren; aber uͤber ſeinen Schrecken mehr als uͤber ſonſt etwas entſetzt, ſuchte er den alten Muth in's Herz wieder zuruͤck zu rufen, und ließ ihn die Herrſchaft wieder fuͤhren. Indem er ſo ſich einen Au⸗ genblick auf's Neue erſtarkt fuͤhlte, ſtand er ſtill und ſann nach; er beſchloß, auf dem Wege, den er zuruͤck gelegt, ſo⸗ gleich aus der Wildniß wieder hinaus zu eilen, auf das letzte Dorf, durch welches er gekommen, geradesweges los⸗ — 135— zugehen, zu Menſchen zuruͤck zu kehren, und dort, waͤr's auch in einem Wirthshauſe, ein Unterkommen zu ſuchen. Waͤhrend er aber ſo daſtand, waͤhrend das Geraͤuſch ſeiner Fuͤße im Laubwerk am Boden ſchwieg, und dicht um ihn her kein Laut ſich vernehmen ließ, ſchallt ihm ein fernes Brauſen in's Ohr, ein Gemurmel, ein Gemurmel von ſtro⸗ mendem Waſſer. Er lauſcht, er wird ſeiner Sache gewiß, und„die Adda iſt's!“ ruft er mit freudigem Herzensju⸗ bel— ein Freund war gefunden, ein Bruder, ein Retter. Verſchwunden iſt die Erſchoͤpfung, das Blut ſtroͤmt wieder in den Adern, frei und warm wallt ihm das Leben wieder durch die Glieder, das Vertrauen richtet ſich in der Seele wieder empor, die Finſterniß und die Aengſtlichkeit ſeiner Lage ſind gehoben, und keinen Augenblick beſann er ſich, dem heilbringenden Geraͤuſche der Wellen folgend, weiter hinein in den Wald zu wandern. Bald gelangte er an das aͤußerſte Ende der Ebene, zum Rande eines tiefen Ufers, blickte durch die Gebuͤſche, welche es weit umher bekleideten, und ſah in der Tiefe das rinnende Waſſer glaͤnzen. Darauf erhob er das Auge, und unterſchied die weite Ebene des andern Ufers, mit vielen Dorfern beſetzt, daruͤber hinaus Anhoͤhen, und auf einer derſelben eine ausgedehnte weiße Stelle, in welcher er eine Stadt, Bergamo gewiß, zu erkennen glaubte. Er trat an den Abgrund, druͤckte das Geſtraͤuch ſeitwaͤrts, blickte hinunter, ob irgend eine Barke vielleicht ſich auf dem Fluſſe bewegte, und lauſchte, ob Ruderſchlaͤge ſich verneh⸗ men ließen; nichts zu ſehen noch zu hoͤren. Waͤr's ein kleineres Waſſer geweſen, ſo haͤtte Renzo alſobald ſich hin⸗ abgemacht, um einen Durchweg zu Fuß zu verſuchen; bei — 136— der Adda aber, wußte er wohl, ließ ſich ein ſuͤgyer Ver⸗ ſuch mit keiner Sicherheit wagen. Indeſſen ging er, um vieles ruhiger, mit ſich feluſt a zu Rathe, was er nun zu beginnen haͤtte. Auf einen Baum klettern, und dort die Morgenroͤthe erwarten, welche ſechs Stunden vielleicht noch ausblieb, hieß bei dieſer Nachtluft, bei dem Morgenreif, in ſolcher Kleidung, mehr als noͤthig ſich dem Erſtarren vor Kaͤlte ausſetzen. Hin und her lau⸗ fen, um ſich waͤhrend deſſen in Bewegung zu erhalten, hatte gegen den unfreundlichen Froſt wenig geholfen, und waͤre von den Fuͤßen, die bereits mehr als ihre Schuldig⸗ keit gethan, zu viel verlangt geweſen. Da ſiel ihm zur rechten Zeit ein, daß er auf einem Felde, nicht weit von der wuͤſten Haide, ein Caſeinotto geſehen hatte. So nen⸗ nen die Bauern um Mailand gewiſſe Huͤtten, mit Stroh gedeckt, aus Staͤmmen und Zweigen gebaut, welche mit Lehm verbunden und uͤberzogen; dort legen ſie im Sommer die Erndte des benachbarten Feldes nieder, und halten ſich des Nachts, um ihr Gut zu bewachen, darin auf; in den uͤbrigen Jahreszeiten ſtehen ſie verlaſſen da. Renzo be⸗ ſtimmte die Huͤtte ſogleich zu ſeiner Nachtwohnung; er machte ſich auf dem Fußſteig wieder zuruͤck, ging durch den Wald, durch Gebuͤſch und Haide, gelangte auf's bearbeitete Feld, ſah die Huͤtte wieder, und ſchritt darauf zu. Ein wurmſtichiger, zertruͤmmerter Thuͤrfluͤgel lag ohne Schluͤſ⸗ ſel und Riegel an die Pfoſten an; Renzo zog ihn nach ſich, und trat hinein. Drinnen ſah er ein Weidengeflecht auf Zweigen liegen, und auf dem Boden etwas Stroh; ſo ſollte auch hier, dacht' er, ein recht behaglicher Schlaf ihm zu Theil werden. — 137— Ehe er ſich aber auf die Ruheſtaͤtte, welche die Vorſe⸗ hung ihm bereitet hatte, niederſtreckte, warf er ſich aufs Knie, um fuͤr dieſe Wohlthat, wie fuͤr all den Beiſtand, welchen ſie ihm den ſchrecklichen Tag hindurch geleiſtet hatte, ſeinen Dank zu zollen. Darauf ſprach er ſein ge⸗ woͤhnliches Gebet, und bat den Himmel um Verzeihung, daß er es am Abend vorher unterlaſſen hatte, oder, wie er ſich ausdruͤckte, gleich dem gedankenloſen Thiere des Wal⸗ des ſchlafen gegangen. Und deßhalb— fuͤgte er ſchwei⸗ gend hinzu, indem er die Hand auf das Lager aufſtuͤtzte, und knieend zur Ruhe ging— und deßhalb bin ich am andern Morgen ſo ſchoͤn geweckt worden!— Nun nahm er alles Stroh, welches die Leute rings umher zuruͤck ge⸗ laſſen, zuſammen, legte es unter ſich zurecht, und machte ſich, ſo gut es ging, ein Kiſſen daraus, um ſich gegen die Kaͤlte des Bodens zu ſchuͤtzen, die auch hier ſich empfind⸗ lich bemerkbar machte; zuſammengekauert ſchluͤpfte er hin⸗ ein, und ſah einem tuͤchtigen Schlaf entgegen, welchen er den Tag hindurch mehr als je verdient zu haben meinte. Kaum aber hatte er die Augen geſchloſſen, ſo wim⸗ melte es in ſeiner Einbildungskraft von kommenden und gehenden Menſchen, eine ſo gedraͤngte, ſo unerſchoͤpfliche Menge, daß ihm der Gedanke an den Schlaf bald gaͤnzlich verging. Der Kaufmann, der Notar, die Haͤſcher, der Schwerdtfeger, der Gaſtwirth, Ferrer, der Speichervogt, die Geſellſchaft im Wirthshauſe, all das Getuͤmmel auf den Straßen, dann Don Abbondio, Don Rodrigo, alle Ge⸗ ſtalten, mit deren Erinnerung ein Schmerzensgefuͤhl oder ein bitterer Groll verbunden war, ſtiegen geſpenſtiſch vor ihm auf. — 138— Drei Bilder allein ſtanden ihm ohne alle bittere Er⸗ innerung vor Augen, rein von allem Verdachte, lieblich in jeder Nuͤckſicht; zwei vorzuͤglich, einander allerdings gaͤnzlich unaͤhnlich, aber im Herzen des Juͤnglings enge verſchwiſtert— eine ſchwarze Locke und ein weißer Bart. Dennoch empfand er keinen reinen und ruhigen Troſt, wenn er mit ſeinen Ge⸗ danken an ihnen hing. Dachte er ſich den biedern Moͤnch, ſo ſiel ihm die Schaam uͤber ſeine unklugen Streiche, uͤber ſeine tadelnswerthe Unmaͤßigkeit, uͤber die Vernachlaͤſſigung des vaͤterlich mitgegebenen Rathes, deſto ſchmerzlicher auf s Herz, und rief er ſich Luciens Bild zuruͤck, ſo ſchildern wir vergebens, was in ihm vorging; der Leſer kennt ſeine Lage, er moͤg' es ſich denken. Und die arme Agneſe, er vergaß ſie nicht, die gute Frau, die ihn unter allen Juͤng⸗ lingen erwaͤhlt, die ihn mit ihrer einzigen Tochter als Ein Weſen ſchon betrachtet hatte, und ehe ſie noch den Mut⸗ ternamen von ihm empfangen, ihren Sohn ihn nannte, wie ihren Sohn ihn im zaͤrtlichweichen Herzen hegte. Wie herbe griff's ihm in die Seele, daß dieſe arme Frau zum Dank fuͤr ihre liebevollen Abſichten, fuͤr ihr ſanftes Wohl⸗ wollen, ſich jetzt, wie eine heimathloſe Fluͤchtige, ungewiß uͤber ihre Zukunft, aus ihrem Hauſe vertrieben ſah, und um des Bundes willen, von welchem ſie die Ruhe und die Freude ihrer letzten Lebensjahre gehofft, unter Elend und Muͤhſeligkeiten erſeufzte! Welch eine Nacht, armer Renzo! Sie hatte die fuͤnfte ſeiner Ehe ſeyn ſollen. Welch ein Zimmer! Welch ein eheliches Bette! Und nach was fuͤr einem Tage! Und welch ein Morgen, welch eine Reihe von Tagen erwartete ihn!— Wie Gott will,— antwortete er ſich auf ſeine Gedanken, waͤhrend ſie immer — 13³9— ſtuͤrmiſcher und ſtuͤrmiſcher wurden— wie Gott es be⸗ ſchloſſen hat. Er weiß, was er thut; auch das geſchieht zu unſerm Beſten. Alles zur Buͤßung meiner Suͤnden. Lucia iſt ſo gut. Gott der Herr wird ſie nicht lange, nicht - lange wollen leiden laſſen! unter ſolchen Gedanken am Schlaf verzweifelnd, fuͤhlte er die Schauer der kalten Nacht immer empfindlicher, ſo daß er bisweilen zitterte, und mit den Zaͤhnen klappern mußte. Er ſeufzte dem kommenden Morgen entgegen, und maß mit Ungeduld den traͤgen Schleichgang der Stunden; er maß ihn, indem er mit jeder halben Stunde, bei der lautloſen Stille, die Schlaͤge einer Thurmuhr vernahm. Er war der Meinung, es muͤſſe die Uhr von Trezzo ſeyn. Und als ihm dieſe Klaͤnge, ſo unerwartet, ohne Vorſtel⸗ lung, woher ſie kaͤmen, zum erſten Mal in's Ohr droͤhn⸗ 1 ten, erfuͤllten ſie ihm die Seele mit einer geheimnißvollen ſchauerlichen Ahnung, als kaͤmen ſie, eine unbekannte Mahnſtimme, aus dem Munde eines unſichtbaren Menſchen. Endlich ließ ſich die Glocke in eilf Schlaͤgen verneh⸗ men*). Um dieſe Stunde hatte Renzo ſich zu erheben beſchloſſen; er richtete ſich halb erſtarrt auf, kniete, ſagte mit heißerer Inbrunſt als ſonſt ſein Morgengebet her, dehnte und regte die Glieder, als wollte er das Leben wie⸗ der in ihnen anfachen, hauchte in die Haͤnde, rieb ſie, und oͤffnete die Huͤtte. Darauf ſpaͤhte er umher, ob viel⸗ leicht auch Jemand ſich in der Naͤhe befaͤnde, und da *) Fünf Uhr Morgens, indem die italiäniſchen Thurmuhren be⸗ kanntlich von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang vier und zwan⸗ zig durch ſchlagen. Jetzt indeſſen herrſcht an vielen Orten bereits unſre Sitte in dieſer Hinſicht. D. L. 1 — 1⁴0— Niemand zu gemerken⸗ ſuchte er den Fußſteig von geſtern wieder auf. Er erkannte ihn bald, und machte ſich auf 3 den Weg. Der Himmel verkuͤndigte einen ſchoͤnen Tag; von der einen Seite blickte der bleiche ſtrahlenloſe Mond aus grau⸗ lichem Himmelblau, welches unten gegen den Horizont hin in gelblichem Roſenroth leicht zu verdampfen ſchien, auf das weite Feld herab. Darunter zogen ſich in langen ungleichen Streifen einige Gewolke, mehr blaͤulich als braun; die tiefſten mit einem feurigen Saume gerandet, der allmaͤhlig lebhafter und lichtheller wurde; im Mittage ſchwammen gedraͤngt andre Wolken, leicht und locker, mit unzaͤhligen Farben ſchimmernd; es war der Lombardiſche⸗ Himmel, ſo ſchoͤn wenn er freundlich iſt, ſo glanzgeſchmuͤckt/ ſo friedlichſanft. Haͤtte ſich Renzo zum Vergnuͤgen hier eingefunden, er wuͤrde hinaufgeblickt, und das Daͤmmern des Tages bewundert haben, wie es in ganz andrem Schau⸗ ſpiele, als zwiſchen ſeinen Bergen, ſich darſtellte; aber er ſah zur Erde, und ſchritt eifrig fort, ſowohl um ſich zu erwaͤrmen, als um weiter zu gelangen. Er ging das Feld, die Binſenflur, die Geſtraͤuche hindurch, er durchzog den Wald, ſchaute umher, und dachte ſich mit ſeltſamer Em⸗ pfindung den aͤngſtlichen Unmuth, mit welchem er vor wenigen Stunden hier voruͤber gewandelt. So erreichte er den Rand des Ufers, und blickte hinab. Zwiſchen den Hecken hindurch unterſchied er einen Fiſcherkahn, der lang⸗ ſam ſtromaufwaͤrts ſchwamm, und ſich dicht an den Rand des Ufers hielt. Augenblicklich ſteigt er auf dem kuͤrzeſten Wege zwiſchen den Dorngebuͤſchen hinab, er ſteht am Ufer⸗ ruft leiſe dem Fiſcher zu, will ihn um einen Dienſt von — 141— geringer Bedentung zu bitten ſcheinen, geberdet ſich aber, ohne es zu bemerken, mit flehender Unterwuͤrfigkeit dabei, und giebt ihm ſo zu verſtehen, er moͤchte mit dem Fahr⸗ zeug an's Land ſtoßen. Der Fiſcher ſieht laͤngs dem Ufer hin, blickt aufmerkſam vor ſich und hinter ſich, bemerkt unſern Fluͤchtling endlich, und landet. Nenzo, der am außerſten Nande des Ufers, mit einem Fuße faſt im Waſ⸗ ſer, ſtand, faßt die Spitze des Vordertheils, und ſpringt in das Fahrzeug. 4 1 „Fuͤr Geld und gute Worte,“ ſagt er, Iich moͤcht auf'nen Augenblick gern nach der andern Seite hin.“ Der Fiſcher hatte es ſich ſchon gedacht, und lenkte das Vordertheil nach der Richtung hin. Waͤhrend deſſen bemerkt Renzo unten im Kiele ein andres Ruder liegen, buͤckt ſich und ergreift es. Langſam, langſam,“ rief ihm der Herr des Nachens zu. Sobald er aber geſehen, mit welcher Gewandheit der Jüngling das Ruder handhabte, und es zu gebrauchen verſtand, ſagte er:„Ah, Ihr ſeyd vom Handwerk!“ „Ein Bischen/“ antwortete Renzo, und ruderte, eher mit der Fertigkeit eines Meiſters als eines bloßen Luſtfah⸗ rers, ruͤſtig zu. Indem er ſo fortwaͤhrend ſeine Kraͤfte anſtrengte, warf er hin und wieder einen finſtern Blick nach dem Ufer, von welchem ſie ſich entfernten, ſchaute dann mit aͤngſtlicher Sehnſucht nach dem andern hinuͤber, und empfand es ſchmerzlich, daß man erſt laͤngs dem Ufer hinſegeln mußte; denn der Strom war zu reißend dort, um ihn geradesweges zu durchſchneiden; die Barke mußte halb ihn kreutzen, halb dem Laufe des Waſſers folgen, und in ſchraͤger Fahrt hinuͤber zu kommen ſuchen. Wie nun —. 142— bei allen ungewiſſen und verwickelten Lagen die Schwie⸗ rigkeiten ſich anfangs rieſengroß darſtellen, und bei der Ausfuͤhrung ſich leichter, als man glaubte, beſeitigen, fuͤhlte Renzo jetzt, da die Adda ſo gut wie uͤberſchritten war, eine peinliche Unruhe, weil er nicht wußte, ob er wirklich druͤben die Grenze des Staates hinter ſich habe, oder nach Erreichung dieſes Zieles noch etwas Anderes zu uͤberwinden bleibe. Er rief alſo dem Fiſcher zu, und deu⸗ tete mit dem Kopfe nach jener weißen Stelle, welche ſich in der Nacht ſchon hatte unterſcheiden laſſen, und jetzt weit deutlicher erſchien.—„Iſt das Bergamo, der Ort da?“ fragte er. „Die Stadt Bergamo,“ war des Fiſchers Beſcheid. „und das ufer da iſt Bergamaſkiſch?“ 5 „Venezianiſch Land, San Marco der Patron.“ „Vivat San Marco!“ rief Renzo. Der Fiſcher ſagte nichts dazu. Endlich ſtoßen ſie an's Ufer, Renzo ſpringt hinaus, und dankt Gott im Herzen, dann dem Fiſcher mit Wor⸗ ten. Doch griff er auch in die Taſche, nahm ein Silber⸗ ſtuͤck heraus, und gab es dem guten Mann hin— in Er⸗ waͤgung ſeiner Umſtaͤnde keine kleine Ausgabe! Der Fi⸗ ſcher ſah noch einmal nach dem Mallaͤndiſchen Ufer hin⸗ uͤber, ſah ſtromauf⸗ wie ſtromabwaͤrts, nahm die Gabe, ſteckte ſie ein, legte den Zeigefinger quer uͤber die Lippen, und ſagte mit verſtaͤrktem Ausdruck der Miene:„Gluͤck⸗ liche Reiſe!“ Mit dieſem Wunſche kehrte er um. Die willige und beſcheidene Hoͤflichkeit des Mannes gegen einen Unbekannten moͤge den Leſer nicht befremden; Schleichhaͤndler und Banditen erſuchten ihn oft um den⸗ — 13— ſelben Dienſt, und er bequemte ſich dazu, nicht ſowohl des geringen ungewiſeen Gewinnſtes wegen, als um ſich unter dieſen Leuten keine Feinde zu machen. Doch mußten keine Zollbedienten, keine Haͤſcher oder Kundſchafter ihn beobachten. Indem er auf dieſe Weiſe Jenen eigentlich ſo wenig als Dieſen wohlwollte, lebte er Allen zu gefallen; er war genoͤthigt, mit den Einen zu verkehren und den Andern Rechenſchaft zu geben; nur Unpartheilichkeit konnte ihn alſo erhalten. 3 unſer Fluͤchtling ſtand einen Augenblick auf dem Ufer ſtill, und betrachtete die Anhoͤhe gegenuͤber, das Land, welches kurz vorher unter ſeinen Fuͤßen ſo gebrannt.— Ja, ich bin wirklich heraus!— war ſein erſter Gedanke. Bleib dort liegen, verwuͤnſchtes Land!— war der zweite, der Abſchied von der Vaterflur. Der dritte aber ergriff die Lieben, die er in dieſem verwuͤnſchten Lande zuruͤck ließ. Er kreuzte die Arme, ſeufzte, ſenkte die Au⸗ geen auf das Waſſer hinab, welches vor ſeinen Fußen da⸗ hinrann, und dachte: Unter der Bruͤcke da iſt es durch⸗ gefloſſen! Boͤſe Welt! Doch genug, wie es dem lieben Gott gefallen wird. 1b Err wandte den traurigen Gegenſtaͤnden den Ruͤcken, machte ſich auf den Weg, und nahm zum Geſichtspunkte die weiße Stelle auf dem Abhange des Berges, his er ei⸗ nem ſichreren Zeichen des Weges begegnen wuͤrde. Schon aber ſtand's ganz anders mit ihm. Unbefangen trat er zu den Wandrern hin, zoͤgerte nicht mehr, verwickelte ſich in keine hervor geſtotterte Frage, und ſprach den Namen des Dorfes, wo ſein Vetter wohnte, um ſeinen Weg dahin nehmen zu koͤnnen, ſicher und deutlich aus. Von dem — 144— Erſten, der ihm Beſcheid ertheilte, erfuhr er zugleich, daß ihm noch neun Miglien Weges zuruͤckzulegen blieben. Froͤhlich war dieſe Reiſe nicht. Der Sorgen, welche er mit ſich trug, nicht zu gedenken, ward ſein Blick bei je⸗ dem Schritte von traurigen Gegenſtaͤnden uͤberraſcht, und Alles zeigte ihm, er wuͤrde in dem Lande, das er betrat, den Mangel finden, welchen er in dem Seinigen verlaſen hatte. Die ganze Straße entlang, und auffallender noch in Döoͤrfern und Flecken, ſah er's von Bettlern wimmeln, welche nicht ſowohl vom Handwerk, als durch die Umſtaͤnde es geworden, ihr Elend mehr durch das Geſicht als durch ihre Kleidung verriethen; Bauern, Bergbewohner, Hand⸗ werker, ganze Familien; ein verworrenes Geſumſe von Bit⸗ ten, Klagen und Gejammer. Dieſer Anblick, wie das weh⸗ muͤthige Mitleid, welches er in ihm erweckte, lenkte ſeine Gedanken noch ernſtlicher auf ſeine eigene Lage.— Wer weiß, dachte er im Fortſchreiten, ob ich guͤnſtige Umſtaͤnde treffe? Ob es noch Arbeit, wie in den fruͤheren Jahren, giebt? Doch genug, Bortolo wollte mir wohl, er iſt in guter Junge, hat ſich Geld gemacht, und mich oft genug 1 eingeladen; verlaſſen wird er mich nicht. Und dann, hat mir der Himmel bisher immer geholfen, wird er mir auch kuͤnftig ſeine Huͤlfe leihen. Indeſſen ſtieg ſeine Eßluſt, ſeit einiger Zeit ſchon er⸗ wacht, mit dem Wege. Nun konnte er freilich, wenn es darauf ankam, da ihm nur noch zwei Miglien etwa uͤbrig blieben, ſich ohne Einkehr behelfen; er dachte aber, es 1 wuͤrde nicht gut ausſehen, wenn er gleich einem verhunger⸗ ten Bettler bei ſeinem Vetter einſpraͤche, und zum erſten Gruße etwas zu Eſſen forderte. Er zog alſo alle ſeine 4 — 145— Schaͤtze aus der Taſche hervor, ließ ſie durch die Finger 2 auf die flache Hand laufen, und hielt Muſterung. Eine große Rechenkunſt ward eben nicht dabei erfordert; indeſ⸗ ſen war doch immer noch genug da, um ſich ein Fruͤhſtuͤck auftiſchen zu laſſen. Er trat alſo in eine Schenke, that ſich guͤtlich, und behielt allerdings nach der Bezahlung nur wenige Groſchen noch uͤbrig. Bei'm Heraustreten ſah er dicht vor der Thuͤre, am Wege liegend, daß er faſt bei weniger Behutſamkeit mit dem Fuße darauf getreten haͤtte, zwei Frauen, die eine be⸗ jahrt, die andre juͤnger; dieſe hatte ein kleines Kind in den Armen, welches vergebens zu ſaugen verſucht, und nun jaͤmmerlich ſchrie. Alle Drei bleich wie der Tod; neben ih⸗ nen ein Mann, in deſſen Geſicht und Gliedern ſich die Zeichen fruͤherer Ruͤſtigkeit, jetzt durch das lange Elend faſt gaͤnzlich zerſtoͤrt, unterſcheiden ließen. Da Renzo mit offe⸗ ner, ermuthigter Miene heraustrat, ſtreckten ſie die Haͤnde nach ihm aus. Keiner ſprach ein Wort; was konnten aber Worrte mehr ſagen? „Die Vorſehung ſorgt!“ ſagte Renzo, griff augen⸗ blicklich in die Taſche, nahm die wenigen Groſchen heraus, legte ſie in die naͤchſte Hand, und machte ſich auf den Weg. Die Erquickung und die Wohlthat— denn wir beſte⸗ hen aus Seele und Koͤrper— hatten ſeine Gedanken wie⸗ der mit Muth und Heiterkeit aufgerichtet. Wahrlich, in⸗ dem er auf ſolche Weiſe ſeine letzten Groſchen weggegeben, gewann er mehr Vertrauen zur Zukunft, als wenn er ze⸗ hen gefunden haͤtte. Denn hatte die Vorſehung zur Unter⸗ ſtuͤtzung der ungluͤcklichen auf der Landſtraße die letzten II. 3 10 — 146— Pfennige eines fremden Fluͤchtlings beſtimmt, welcher fern von ſeiner Heimath um ſein eigenes Auskommen in Unge⸗ wißheit ſchwebte, wie ſollte ſie ihn verlaſſen, deſſen ſie ſich zu dem frommen Werke bedient, dem ſie ein ſo lebhaftes, ſo wirkſames und uͤberſchwengliches Gefuͤhl ihrer Sorgfalt in die Bruſt gepflanzt? Das ungefaͤhr war der Gedanke des Juͤnglings; doch nicht ſo deutlich, als wir ihn mit Worten gezeichnet. Indem er waͤhrend des uͤbrigen Weges die Umſtaͤnde und Ereigniſſe uͤberdachte, die ihm ſo hoff⸗ nungslos und unuͤberwindlich geſchienen, ward ihm Alles leicht. Theuerung und Elend mußten doch endlich ein Ende nehmen; jedes Jahr giebt's eine Erndte; indeſſen hatte er ſeinen Vetter Bortolo und ſein Handwerk; zur erſten Aushuͤlfe beſaß er daheim einen kleinen Geldvorrath⸗ den er ſogleich ſich wollte nachſchicken laſſen. Damit konnte er im ſchlimmſten Falle, wenn er bis zur guten Zeit ſparſam haushielt, von einem Tage zum andern leben.— Tritt dann endlich die gute Zeit wieder ein, dachte er wei⸗ ter, ſo geht das Leben der Arbeit auch wieder an; die Her⸗ ren geben um die Wette ſich Muͤhe, Mailaͤndiſche Arbeiter anzuſchaffen, denn die verſtehen das Handwerk doch immer am beſten; wer geſchickte Leute haben will, muß ſie bezah⸗ len; es giebt Lohn, und damit wird ſparſam umgegangen; ich richte mir ein kleines Haͤuschen ein, und ſchreibe dann den Frauen, ſie ſollen nachkommen... Eigentlich, war⸗ um will ich ſo lange warten? Haͤtten wir nicht druͤben mit dem kleinen Geldvorrath ſchon den Winter uͤber aus⸗ kommen koͤnnen? So werden wir auch hier damit auskom⸗ men. Pfarrer giebt's aller Orten. Kommen die beiden lieben Weiber heruͤber, ſo wird'ne Wirthſchaft angelegt — — 147— Auf dem naͤmlichen Wege hier mit einander ſpazieren zu gehen, was fuͤr'ne Luſt! Bis zur Adda fahren wir im Wagen, und halten dicht am Ufer Mahlzeit; dann zeig' ich ihnen die Stelle, wo ich in den Kahn geſprungen bin, den Dornbuſch, durch den ich herunter geſtiegen, den Ort, wo ich gelauſcht habe, ob ſich ein Kahn ſehen laͤßt.— So kam er zum Wohnort ſeines Vetters. Schon ehe er noch hineingetreten, unterſchied er ein hohes Haus von mehreren Stoͤcken, deren zahlreiche Fenſter durch einen geringeren Zwiſchenraum von einander geſchieden, als es ſonſt gewoͤhnlich der Fall. Er erkennt eine Spinnerei, geht hinein, und fraͤgt unter dem Rauſchen des niederſtroͤmenden Waſſers und der Raͤder, ob Bortolo Caſtagneri hier wohne. Herr Bortolo? Da ſteht er.“ Herr! Ein gutes Zeichen— dachte Renzo. Er ſieht ſeinen Vetter, und laͤuft auf ihn zu. Dieſer dreht ſich um, erkennt den Juͤngling, und ruft:„Hier bin ich, hier bin ich!“— Beide erheben die Arme, und umſchlingen ſi ch wechſelſeitig. Rach dem erſten Erſtaunen zieht Bortolo unſern Juͤngling weit vom Geraͤuſch der Maſchinen wie aus den Blicken der Neugierigen fort, und tritt in ein anderes Zimmer mit ihm.—„Ich ſehe Dich gern,“ ſagte er,„biſt aber ein verdammter Junge. Hab' Dich ſo oft eingeladen, und wollteſt nicht kommen; jetzt kommſt Du nicht bei'm blaueſten Himmel.“ „Was ſoll ich Dir ſagen?“ antwortete Renzo;„es iſt nicht mit freiem Willen geſchehen, daß ich komme.“— Und nun erzaͤhlte er ihm in moͤlichſter Kuͤrze, doch nicht ohne heftige Bewegung, die ganze ſchmerzliche Geſchichte. „Da ſind noch zwei andre Arme,“ ſagte Bortolo. — 148— „Armer Renzo! Du haſt aber auf mich gerechnet, und ich werde Dich nicht verlaſſen. Freilich, nach Arbeitern iſt ietzt eben keine Nachfrage; mit knapper Noth behaͤlt ein Jeder die ſeinigen, um ſie nicht zu verlieren, und dem Geſchaͤft keine ſchlimme Richtung zu gebenz der Herr aber haͤlt was auf mich, und Vorrath hat er. Und wenn ich's Dir ſagen ſoll, ich will mich nicht loben, er hat mir's aber großen⸗ theils zu verdanken; er das Vermoͤgen und ich die Kunſt. Ich bin der erſte Arbeiter, weißt Du? Und wenn ich's Dir ſagen ſoll, bin ich das Factotum. Die arme Lucia Mondella! Steht mir leibhaftig vor Augen⸗ als haͤtt' ich ſie geſtern erſt geſehen; ein gutes Kind! Immer die An⸗ daͤchtigſte in der Kirche, und wenn ſie da von ihrem Hauſe herkam... Ich ſeh's noch, das Haus, am Ende des Dor⸗ fes, mit'nem huͤbſchen Feigenbaum, der uͤber die Mauer reichte..“ „Nein, nein, ſprich nicht davon!“ bat Renzo. „Ich meine, wenn ſie von ihrem Haͤuschen herkam, war immer die Haſpel zu hoͤren, die ging und ging und ging. Und der Don Rodrigo, der trieb's ſchon zu meiner Zeit ſo; itzt aber iſt der Teufel fertig, wie ich ſehe, ſo lange ihm Gott den Zuͤgel ſchießen laͤßt. Wie ich Dir alſo ſagte, der Hunger laͤßt ſich hier auch ein Bischen ver⸗ ſpuͤren... Aber vor allen Dingen, wie ſteht's, haſt Du Hunger?“ „Ich hab' nicht lang' erſt gegeſſen, unterweges.“ „und mit dem Geld, wie ſieht's da aus?“ Renzo breitete eine Hand aus, ſtrich mit der Flaͤche vor dem Munde voruͤber, und ließ einen leichten Hauch daruͤber hinwehen. 3 — 149— „Hat nichts zu ſagen,“ meinte Bortolo,„haſt Du keins, hab' ich welches. Sey gutes Muthes; mit goͤttlicher Huͤlfe kriegt die Welt bald wieder ein andres Anſehen; dann zahlſt Du mir's zuruͤck, und wirſt noch was fuͤr Dich uͤbrig behalten.“ „Ich hab' zu Hauſe ein Bischen Vorrath in baarem Gelde; den will ich mir kommen laſſen.“ 4 „Gut; indeſſen bau' auf mich. Gott hat mir Segen verliehen, und ſo kann ich ihn weiter ſpenden. Wenn ich Verwandten und Freunden nicht Gutes erweiſe, wem will ich's denn erweiſen?“ „Ich hab's von der Vorſehung erwartet!“ rief Renzo, und druͤckte ſeinem guten Vetter mit leidenſchaftlicher Freude die Haͤnde. „In Malland alſo,“ nahm dieſer das Wort wieder, ihaben ſie ſo'nen gewaltigen Laͤrmen angeſtellt! Sie kom⸗ men mir ein Bischen naͤrriſch vor.'S hatte auch hier ſchon was davon verlautet; Du mußt mir aber die Sache umſtaͤndlicher erzaͤhlen. Eh, wir haben was mitſammen zu plaudern! Hier, ſiehſt Du, geht's ruhiger zu, und ſie ma⸗ chen Alles mit etwas mehr Vernunft ab. Die Stadt hat zwei tauſend Ladungen Getraide von einem Kornhaͤndler in Venedig gekauft; es kommt aus der Tuͤrkey, wenn's aber dem Magen gilt, nimmt man's nicht ſo genau. Seh' aber einmal an, wies zugeht; die Vorgeſetzten in Verona und Brresscia ſperren die Paͤſſe, und ſagen: Bei uns wird kein Getraide durchgelaſſen. Was thun die Bergamasker? Schicken nach Venedig einen Mann, der zu ſprechen ver⸗ ſteht. Der Mann iſt in aller Eil abgereiſt, hat ſich dem Dogen vorgeſtellt, und angefragt, was das fuͤr'ne Hunds⸗ — 150— fötterei waͤre? Aber'ne ganze Rede!'ne Rede, ſagen ſie, man koͤnnt' ſie drucken laſſen. Wenn man doch'nen Men⸗ ſchen hat, der mit der Zunge Beſcheid weiß! Den Augen⸗ blick ein Befehl, das Getraide ſoll durch; die Herren Vor⸗ geſetzten muͤſſen's aber nicht bloß durchlaſſen, ſie muͤſſen auch noch'ne Sicherheitsbegleitung mitgeben, und ſo kam's hier an. Man iſt auch fuͤr die Doͤrfer bedacht geweſen. Ein andrer Ehrenmann hat dem Senat begreiflich gemacht, daß die Leute draußen auch Hunger haben, und der Senat hat ſich zu viertauſend Scheffeln Hirſe verſtanden. Die wird jetzt auch zum Brodt genommen. Und dann, brauch' ich's Dir erſt zu ſagen? wenn kein Brodt mehr in der Welt, eſſen wir Zukoſt. Gott der Herr hat mir ſeinen Segen verliehen, wie ich Dir ſage. Jetzt aber werd' ich Dich zu meinem Herrn fuͤhren, hab' ſo oft ſchon von Dir mit ihm geſprochen; er wird Dich ein freundlich Geſicht ſehen laſſen. Ein guter Bergamasker nach der alten Art,“ ein Mann mit weitem Herzen. Freilich, jetzt gerade er⸗ wartet er Dich nicht, wenn er aber die Geſchichte gehoͤrt hat... Und dann weiß er auch Arbeiter zu ſchaͤtzen; denn die Theuerung geht voruͤber, und das Geſchaͤft waͤhrt. Vor allem Andern aber muß ich Dich auf Eins aufmerk⸗ ſam machen. Weißt Du, wie wir hier heißen, wir Mai⸗ laͤnder?“ „Nun wie denn?“ fragte Renzo neugierig. „Wir heißen Fuͤchſe.“ „Das laͤßt ſich freilich nicht eben huͤbſch anhoͤren.“ „'S iſt aber einmal ſo; wer dort geboren iſt, und hier leben will, der muß ſich's ruhig gefallen laſſen. Das Volk — 151— hier nennt einen Mailaͤnder einen Fuchs⸗ wie's einen Edel⸗ mann mit Euer Gnaden anredet.“ „Wer's ruhig einſteckt, will ich meinen,“ ſagte Renzo. „Lieher Junge, wenn Du den Fuchs nicht bei jedem Biſſen hier verdauen kannſt, ſo denke gar nicht dran, hier leben zu wollen.'S muͤßt' Einer beſtaͤndig das Meſſer in der Hand haben, und wenn Du, wollen wir einmal an⸗ nehmen, Zwei, Drei oder Vier abgeſtochen haſt, ſo wird ein Fuͤnfter Dich kalt machen wollen; und dann, eine ſchoͤne Ausſicht, mit drei oder vier Todtſchlaͤgen vor Got⸗ tes Richterſtuhl hinzutreten.“ „Ein Mallaͤnder aber, der ein Bischen. und hier ſetzte Renzo den Finger an die Stirn, beinah wie er es im Gaſthofe zum vollen Monde gemacht hatte—„ein Mai⸗ laͤnder, will ich ſagen, der ſich auf ſein Handwerk ver⸗ ſteht?“ „Alles Eins, er muß hier gleichfalls als ein Fuchs herumlaufen. Weißt Du, wie mein Herr ſich ausdruͤckt, wenn er mit ſeinen Freunden von mir ſpricht?— Der Fuchs iſt eine Hand vom Himmel fuͤr mein Geſchaͤft gewe⸗ ſen; haͤtt' ich den Fuchs nicht, ſo ſteckt' ich verzweifelt tief drin.—'S iſt einmal ſo der Gebrauch.“ „Ein dummer Gebrauch. Und wir verſtehen uns doch wahrhaftig auf die Arbeit. Wer hat denn die Kunſt hier heruͤber gebracht, und wer erhaͤlt ſie hier im Gange? Haͤtte ſie denn das noch gar nicht auf beſſere Gedanken ge⸗ bracht? „Bis dato nicht,“ antwortete Bortolo.„Mit der Zeit, kann ſeyn. Vielleicht das junge Volk, das heran⸗ waͤchſt; die Alten aber, da iſt gar nicht dran zu denken; ſuchen, quanta maxima diligentia fieri poterit, ihn in — 152— ſie haben's einmal an ſich, und legen's nicht ab. Was iſts auch am Ende? Man hat Dir ſchon ganz andre Hoflich⸗ keiten erwieſen, und unſre lieben Landsleute haben Dir doch wohl weit aͤrger mitſpielen wollen?“ „Je,* iſt wahr. Wenn ſonſt kein Ungluͤck dabei kſt...— „Wenn Du damit im Reinen biſt, ſo wird Alles gut gehen. Komm mit zum Herren, und habe guten Muth.“ Und wirklich ging Alles gut, und Bortolo's Verſpre⸗ chungen hatten einen ſo vollſtaͤndigen Erfolg, daß wir ei⸗ nes ausfuͤhrlichen Berichtes uͤberhoben ſind. Es war in der That das Werk der Vorſehuug; denn wie wenig Renzo auf den Geldvorrath, welchen er in ſeinem Hauſe hinter⸗ laſſen, rechnen durfte, werden wir bald erfahren. Siebentes Kapitel. An demſelben Tage, dem dreizehnten November, langte ein außerordentlicher Bote beim Stadtvogt von Lecco an, und zeigte eine Schrift vom Hauptmann der Gerechtigkeit vor, worin geboten ward, alles Moͤgliche anzuwenden, um durch zweckmaͤßige Unterſuchung heraus zu bringen, ob ein junger Menſch, Namens Lorenzo Tramaglino, ein Seiden⸗ ſpinner, der aus dem Machtbereich praedicti egregii do- mini Capitanei entwiſcht, in ſein Dorf palam vel clam zuruͤckgekehrt waͤre; ignotum, was fuͤr ein Dorf dieß ei⸗ gentlich ſey, verum in territorio Leuci. Quod si com- pertum fuerit sic esse, ſoll genannter Herr Stadtvogt — 153— ſeine Haͤnde zu bekommen, ſoll ihn gehoͤrig gebunden, vi- delizet mit tuͤchtigen Handfeſſeln, maßen die Unzulaͤnglich⸗ keit der Handkrauſen bei beſagtem Subiekte erwieſen, in's Gefaͤngniß ſetzen, und dort unter ſicherer Wache behalten, um ihn demjenigen zu uͤberliefern, der ihn zu holen wird abgeſchickt werden. Es moͤge nun dieſes ſich ausfuͤhren laſſen oder nicht, accedatis ad domum praedicti Lau- rentii Tramaliini: et facta debita diligentia, quidquid ad rem repertum fuerit auferatis; et informationes de illius prava qualitate, vita, et complicibus sumatis, und uͤber alles Geſagte und Gethane, uͤber Alles, was gefunden und was nicht gefunden worden, was er mitgenommen und hinterlaſſen hat, diligenter referatis. Sobald der Stadtvogt nach menſchlichem Vermoͤgen ſich verſichert hatte, daß der Verlangte in ſein Dorf nicht heimgekehrt, ließ er den Schulzen zu ſich kommen, und be⸗ gab ſich unter der Fuͤhrung deſſelben nach dem angezeigten Hauſe; ein Notar und viele Haͤſcher folgten ihm. Das Haus war verſchloſſen; Niemand ließ ſich ſehen, der den Schluͤſſel dazu hatte. Die Schloͤſſer wurden alſo erbrochen, und mit dem gebotenen Fleiße ging man zu Werke; das heißt, man verfuhr wie in einer Stadt, welche man mit Sturm eingenommen.— Indeſſen verbreitet ſich das Geruͤcht die⸗ ſes Beſuches augenblicklich durch die ganze Umgegend, und gelangt auch zu den Ohren des Paters Criſtoforo; dieſer fraͤgt, eben ſo erſtaunt als betruͤbt, einen Dritten und Vierten, um uͤber die Urſache eines ſo unerwarteten Vor⸗ falles einiges Licht zu erhalten; er erlangt aber nichts An⸗ deres als luftige Vermuthungen und widerſprechende Nach⸗ richten. Auf der Stelle ſchreibt er alſo dem Pater Bona⸗ — 54— ventura, und hofft, von dieſem etwa genauere Kunde zu bekommen.— Renzo's Verwandte und Freunde erſcheinen indeſſen, vorgeladen, um Alles, was ſie uͤber ſeine ſchlech⸗ ten Eigenſchaften wiſſen, anzugeben; Tramaglino zu heißen, gilt ein Ungluͤck, eine Schande, ein Verbrechen; das Dorf iſt in groͤßter Unruhe. Allmaͤhlig erfaͤhrt man, Renzo ſey mitten in Mailand der Gerechtigkeit entwiſcht, und dann verſchwunden; man fluͤſtert einander zu, er habe einen ſchweren Streich begangen; dieſer aber laͤßt ſich nicht angeben, oder wird auf hundert verſchiedene Weiſen erzaͤhlt. Je ſchwerer er klingt, deſto weniger glaubt man ihn im Dorfe, wo Renzo als ein rechtlicher junger Mann bekannt; die Meiſten vermuthen und raunen ſich's in's Ohr, es ſey nichts weiter, als eine Kabale des gewaltthaͤtigen Don Ro⸗ drigo, um ſeinen armen Nebenbuhler in's Verderben zu ſtuͤrzen. So thun die Leute, nach der Erfahrung ſchließend und mit dem Geſchehenen unbekannt, bisweilen ſelbſt den Schurken gar ſehr Unrecht. 1 Wir aber, die wir Beſcheid wiſſen, koͤnnen verſichern⸗ V daß Don Rodrigo an Renzo's Ungluͤck dießmal durchaus keinen Theil hatte; indeſſen freute er ſich damit, als waͤr⸗ es ſein eigenes Werk, und bruͤſtete ſich gegen ſeine Ver⸗ trauten, vorzuͤglich gegen den Grafen Attilio, mit der Macht ſeines Einfluſſes. Der Graf haͤtte, ſeinem Plan zu⸗ folge, ſich jetzt ſchon in Mailand beſinden muͤſſen; ſobald er aber von dem Sturmgetuͤmmel, das ſich daſelbſt erho⸗ ben, und vom Benehmen der Menge, welche nichts weni⸗ ger als Stockſchlaͤge ſich gefallen laſſen wollte, nur den erſten Wink erhalten, hatte er fuͤr gut befunden, bis auf beſſere Nachrichten auf dem Lande zu verweilen. Er hatte — 155— Manchen beleidigt, und fuͤrchtete mit Grund, es koͤnnte Einer von den Vielen, die bisher nur aus Ohnmacht ſich ruhig verhielten, die Gelegenheit beherzt ſich zu Nutze ma⸗ chen, und fuͤr alle Uebrigen den guͤnſtigen Augenblick der Rache ergreifen. Dieſer ſchwankende Zuſtand waͤhrte in⸗ deſſen nicht lange; ſchon der Befehl aus Mailand zu Ren⸗ zo's Verhaftung ließ merken, daß Alles dort wieder den ge⸗ woͤhnlichen Gang genommen; die beſtimmten Nachrichten, welche kurz darauf eintrafen, gewaͤhrten die Gewißheit. Graf Attilio ermunterte ſeinen Vetter, in ſeiner Unterneh⸗ mung nicht ſtehen zu bleiben und die Verpflichtung, welche er ſelbſt auf ſich genommen, zu foͤrdern; er verſprach von ſeiner Seite, ihm den Moͤnch, ſo bald als moͤglich, vom Halſe zu ſchaffen, und reiſte unmittelbar darauf ab; das gluͤckliche Ereigniß mit dem lumpigen Nebenbuhler ſollte eine wunderbare Huͤlfe dabei leiſten. Kurz nach ſeiner Ab⸗ reiſe kam der Graue heiler Haut von Monza zuruͤck, und berichtete ſeinem Herrn, was zu erſpuͤren ihm moͤglich ge⸗ weſen: Lucia habe in dem und dem Kloſter, unter dem Schutze der und der Dame, ihr Unterkommen gefunden; ſie ſey da eingeniſtet, als wenn ſie ſelbſt eine Nonne waͤre, ſetze keinen Fuß zur Thuͤre hinaus, und wohne den kirchli⸗ chen Verſammlungen hinter einem Gitterfenſter bei; das mißfalle indeſſen Vielen, welche von ihren Abentheuern ſprechen gehoͤrt, und da ſie von ihrer Schoͤnheit große Dinge vernommen, ſie gar gern einmal ungehindert ſehen moͤchten. Dieſer Bericht weckte in Don Rodrigo's Seele eine ganze Hoͤlle. So viele ſeinem Plane ſo guͤnſtige Umſtaͤnde ent⸗ flammten immer mehr ſeine Leidenſchaft, entflammten die — 156— Miſchung von verkehrtem Ehrgefuͤhl, von Wuth und ſchaͤnd⸗ lichem Hange, aus welchen dieſe Leidenſchaft beſtand; Renzo abweſend, landesfluͤchtig, verbannt; Alles ward gegen ihn erlaubt, ſeine Verlobte ſelbſt konnte als der Beſitz eines Emporers betrachtet werden; der einzige Menſch auf Er⸗ den, der ſich fuͤr ſie verwenden konnte, und mit dem Ge⸗ ſchrei ſeiner Freundesangſt weit umher und hoch hinauf reichte, der wuͤthende Moͤnch, ſollte binnen Kurzem ver⸗ muthlich gleichfalls außer Stande ſeyn, zu ſchaden. Da muß ploͤtzlich ein neues Hinderniß alle dieſe guͤnſtigen Winke des Schickſals um ihre Wirkung bringen! Ein Klo⸗ ſter zu Monza, waͤr' auch keine Fuͤrſtin darin geweſen, war dennoch fuͤr die Zaͤhne eines Don Rodrigo eine zu harte Nuß; er mochte, wie er wollte, mit ſeiner Einbil⸗ dungskraft um den Zufluchtsort ſchwaͤrmen, ſo ſah er den⸗ noch weder Gewalt noch Liſt, um ſeine Beute zu erobern. Schon wehte ihn der Gedanke an, die Unternehmung ganz und gar fahren zu laſſen; ſchon wollte er nach Mailand gehen, und einen Umweg nehmen, um Monza nicht zu be⸗ ruͤhren, wollte dort ſich in die Zirkel ſeiner Freunde und in rauſchende Vergnuͤgungen ſtuͤrzen, um durch froͤhliche Gedanken dieſen einen qualvollen Gedanken zu erſaͤufen. Aber die Freunde— langſam ein wenig mit dieſen Freun⸗ den. Statt einer Zerſtreuung, mußte er ſich gefaßt ma⸗ chen, in ihrer Geſellſchaft ſeinen Schmerz unaufhoͤrlich er⸗ neuert und wieder aufgeſtachelt zu ſehen; denn Attilio hatte wahrſcheinlich ſchon die Poſaune ergriffen, und Alle in Er⸗ wartung geſetzt. Von jeder Seite wuͤrde man ihn um das Maͤdchen aus dem Gebirge befragen, und er muͤßte Rechenſchaft ablegen. Er hatte gewollt, hatte verſucht; was — 157— hatte er erhalten? Eine Verpflichtung auf ſich genommen; freilich nicht eben die ehrſamſte; wer iſt aber immer Herr ſeiner Launen? Die Hauptſache blieb immer, ſie zu befrie⸗ digen, und wie ließ ſich da mit dieſer Verpflichtung fertig werden? Wie? Von einem groben Bauer und einem Moͤnche ſo ſchmachvoll behandelt? Das gute Gluͤck hatte nun unerwartet den Einen, ein geſchickter Freund den An⸗ dern aus dem Wege geraͤumt, und der Gimpel, ohne deſſen Bemuͤhung Beides geſchehen, wußte die treffliche Fuͤgung nicht zu benutzen, und zog ſich jaͤmmerlich aus dem Han⸗ del? So konnte man das Geſicht nie mehr unter Leuten von Stande emporheben, oder mußte darauf rechnen, die Hand jeden Augenblick an den Degen zu legen. Und wie ließ ſich nach einer Villa, nach einer Gegend zuruͤckkehren oder daſelbſt bleiben, wo man nicht nur den dornenvollen Erinnerungen ſeiner Leidenſchaft ausgeſetzt war, ſondern auch mit der Schmach eines verfehlten Streiches auf der Stirn umherging? Wuͤrde nicht zugleich der oͤffentliche Haß wachſen, und der Ruf ſeines Vermoͤgens dahin ſeyn? Auf dem Geſichte jedes Stallknechtes ließe ſich, mitten un⸗ ter den Verneigungen, die bittere Bemerkung leſen: Haſt's hinunterſchlucken muͤſſen, ich freu' mich dran!— Die Straße der Ungerechtigkeit, ſagt unſre Handſchrift, iſt breit, aber deswegen iſt ſie noch nicht bequem; ſie hat ihre Steine und ihre Loͤcher, ſie iſt gleichfalls langweilig und ermuͤdend, obſchon es bergab geht. Don Rodrigo wollte ſeine Plaͤne nicht fahren laſſen, nicht zuruͤckſchreiten noch ſtehen bleiben, und vorwaͤrts ge⸗ hen konnte er von ſelbſt nicht; indeſſen ſiel ihm ein Mit⸗ tel ein, durch welches die Sache vielleicht ausfuͤhrbar — 158— wuͤrde; Geſellſchaft und Huͤlfe ſollte ein Menſch ihm lei⸗ ſten, deſſen Haͤnde oft ſo weit reichten, als kaum die Blicke der Andern trugen; ein Menſch, oder ein Teufel viel⸗ mehr, fuͤr welchen die Schwierigkeit eines Unternehmens ein Sporn war, ſich damit zu befaſſen. Aber auch hier gab's Widerwaͤrtigkeiten und Gefahren, welche ſich nicht berechnen ließen; denn hatte er einmal mit dieſem Menſchen daſſelbe Schiff beſtiegen, mit einem maͤchtigen Gehuͤlfen, zugleich aber auch einem unlenkſamen und gefaͤhrlichen Fuͤhrer, ſo konnte Niemand beſtimmen, bis wie weit der Handel gehen wuͤrde. Dieſe Gedanken erhielten Don Rodrigo mehrere Tage hindurch im Schwanken zwiſchen Ja und Nein. Indeſſen langte ein Brief vom Grafen an, und enthielt die Nach⸗ richt, daß der Anſchlag bereits gluͤcklich in's Werk geſetzt ſey. Schnell hinter dem Blitze erfolgte der Donnerſchlag; man hoͤrte eines Morgens, Pater Criſtoforo habe ſich aus dem Kloſter von Pescarenico entfernt. Waͤhrend bei die⸗ ſem ſo vollſtaͤndigen und ſchnellen Erfolg der Brief des Grafen zum Muth ermunterte, und mit reichlichem Spotte drohte, neigte ſich Don Rodrigo immer mehr zum gefaͤhr⸗ lichen Entſchluſſe; den letzten Sporn gab ihm die uner⸗ wartete Nachricht/ daß Agneſe nach Hauſe zuruͤckgekehrt ſey; ein Hinderniß weniger bei Lucien. Wir geben von beiden Ereigniſſen Bericht, und fangen bei dem letzteren an. Die beiden armen Frauen hatten in ihrem Zufluchts⸗ orte kaum die erſte Ruhe empfunden, ſo verbreitete ſich durch Monza, und folglich auch im Kloſter, die Zeitung von dem ſtuͤrmiſchen Tumulte in Mailand. Darauf trug man ſich mit einer unendlichen Menge von einzelnen Be⸗ ———- — 159— gebenheiten, welche mit jedem Augenblick wuchs und wech⸗ ſelte. Die Wirthſchafterin, die in der Mitte zwiſchen der offenen Welt und dem Kloſter ſtand, erhielt die Neuigkei⸗ ten von drinnen und draußen, faßte ſie mit vollen Ohren auf, und theilte ſie den Gaͤſten mit.—„Zwei, Sechs, Sieben hat man in's Gefaͤngniß geworfen; ſie werden ge⸗ haͤngt werden, ein Theil vor dem Kruͤckenofen, ein Theil am Eingang der Straße, worin der Speichervogt wohnt. Ei, hoͤrt nur an! Einer aus Lecco oder da herum hat ſich davon gemacht. Den Namen weiß ich nicht; es wird aber wohl Einer kommen, der ihn mir ſagen wird; dann koͤn⸗ nen wir ſehen, ob Ihr ihn kennt.“ Renzo mußte gerade an dem verhaͤngnißvollen Tage in Mailand angekommen ſeyn; die Nachricht ſetzte alſo die Frauen, und vorzuͤglich Lucien, ſchon in einige Unruhe. Endlich aber kam die Wirthſchafterin herbei, und ſagte ihnen:„Der Schurke, der davon gelaufen, um nicht auf⸗ gehaͤngt zu werden, iſt aus Eurem Dorfe ſelbſt; ein Sei⸗ denſpinner, Tramaglino mit Namen. Nun, kennt Ihr ihn?“ Lucien, welche eben da ſaß, und ein Tuch ſaͤumte, fiel die Arbeit aus der Hand; ſie wurde blaß, und ihr Geſicht verwandelte ſich; die Wirthſchafterin haͤtte es gewiß bemerkt, wenn ſie ihr naͤher geweſen waͤre. Sie ſtand aber eben mit Agneſen an der Thuͤre; dieſe, wohl beſtuͤrzt, doch nicht ſo gewaltſam ergriffen, vermochte ihre Miene zu be⸗ herrſchen, und zwang ſich die Antwort ab, daß man aller⸗ dings in einem kleinen Dorfe mit Jedem bekannt ſey; ſie kenne ihn, glaube aber nicht, daß ſo etwas ihm begegnet ſey; denn es ſey ein friedlicher junger Mann. Darauf — 460— erkundigte ſie ſich, ob er gewiß davon gekommen, und wohin er geflohen. 4 1 „Davon gekommen, das ſagen Alle; wohin, weiß Keiner. Vielleicht erwiſchen ſie ihn noch, vielleicht iſt er auch ſchon geborgen. Faͤllt er ihnen aber in die Haͤnde, ſo wird Euer friedlicher junger Mann....“ Hiier wurde gluͤcklicherweiſe die Wirthſchafterin geru⸗ fen, und ging hinaus; man denke ſich, in welcher Stim⸗ mung Mutter und Tochter zuruͤckblieben. Mehr als Einen Tag mußten die arme Frau und das verlaſſene Maͤdchen in dieſer zweifelvollen Ungewißheit ſchweben; ſie ſchufen ſich in der Einbildung die Urſachen, die Weiſe, die Fol⸗ gen eines ſo ſchmerzlichen Ereigniſſes, und begleiteten jede fuͤr ſich, oder leiſe mit einander, wann ſie konnten, die ſchreckliche Nachricht mit ihren Vermuthungen. An einem Donnerſtage endlich kam ein Mann nach dem Kloſter, und verlangte Agneſen zu ſprechen. Es war ein Fiſchhaͤndler aus Pescarenico, welcher wie gewoͤhnlich nach Mailand ging, um ſeine Waare dort abzuſetzen; der gute Pater Criſtoforo hatte ihn gebeten, wenn er durch Monza kaͤme, im Kloſter einzuſprechen, die Frauen in ſeinem Namen zu gruͤßen, und ihnen zu erzaͤhlen, was er von Renzo's traurigem Looſe wußte. Er ſollte ſie zur Ge⸗ duld und zum Vertrauen in Gott ermuthigen, und ihnen die Verſicherung geben, der arme Pater Criſtoforo wuͤrde ſie gewißlich nicht vergeſſen, wuͤrde jede Gelegenheit, ihnen Hauͤlfe zu leiſten, wachſam ergreifen, und waͤhrend deſſen nicht ermangeln, jede Woche auf die eine oder die andre Weiſe ihnen ſeine Nachrichten zukommen zu laſſen. Was Renzo betraf, wußte der Bote keine weitere Kunde anzu⸗ — 161— geben, als daß die Gerichtsdiener ſein Haus eroffnet, und ſeiner habhaft zu werden ſuchten; es ſey aber bisher auch Alles vergebens geweſen, und man wiſſe ſo ziemlich, daß der junge Menſch ſich im Gebiete von Bergamo vor aller Ge⸗ fahr ſicher befaͤnde. Dieſe Gewißheit war ein Balſam fuͤr Luciens Schmerz; ſie empfand einen kraͤftigeren Troſt in den heimlichen Herzenseroͤffnungen gegen ihre Mutter, und ſo oft ſie zum Himmel betete, trat ihr auch ein bruͤnſtiger Dank fuͤr die Rettung des Geliebten auf die Lippen. Gertrude ließ ſie oft nach ihrem beſonderen Sprach⸗ zimmer rufen, und unterhielt ſich bisweilen ſehr lange mit ihr. Sie geſiel ſich an der Unbefangenheit und dem ſanf⸗ ten Weſen des armen Maͤdchens, ſie nahm gern ihren Dank an, und hoͤrte ſich mit Vergnuͤgen von ihr geſegnet. Dann theilte ſie ihr im Vertrauen einen Abſchnitt, den tadelloſen Abſchnitt, ihrer eigenen Leidensgeſchichte mit; ſie ſchilderte ihr, was ſie erduldet hatte, um hier dulden zu muͤſſen, und ſo ging Luciens argwohnhegende Verwun⸗ derung allmaͤhlig in Mitleid uͤber. Was im Benehmen ihrer Wohlthaͤterin ſeltſam und wunderlich erſchien, er⸗ klaͤrte ihr dieſe Geſchichte mehr als hinlaͤnglich, und was ihr Agneſe uͤber den Verſtand der vornehmen Leute geſagt hatte, that ſeine volle Wirkung dabei. Wiewohl ſie aber auch einige Neigung verſpuͤrte, das Vertrauen der Edel⸗ nonne zu vergelten, huͤthete ſie ſich dennoch ſehr vorſichtig⸗ von ihrem neuen Schrecken, von dem neuen Ungluͤck etwas zu verrathen, und ſagte ihr nicht, wie nah der entlaufene Seidenſpinner ihrem Herzen ſtand; ſie hatte Furcht, den Keim eines Geruͤchtes umherzuſtreuen, welches ihre Schmer⸗ zen erneuern und zu Aergerniſſen Gelegenheit geben konnte. I. 11 1 — 162— Richt weniger ſtraͤnbte ſie ſich nach Kraͤften, wenn ſie auf Gertrudens neugierige Fragen uͤber ihr Leben vor der Verlobung antworten ſollte; hier aber waltete die Vor⸗ ſchrift der Klugheit nicht allein. Dem armen Maͤdchen ſchien ſolch eine Erzaͤhlung peinlicher und ſchwieriger als alle, welche ſie von der Nonne gehoͤrt oder hoͤren zu koͤn⸗ nen glaubte. In dieſen war von Unterdruͤckung, von Nachſtellungen und Leiden die Rede; ſie klangen abſcheu⸗ lich und bejammernswerth, aber ſie ließen in Worten ſich darſtellen; in der ihrigen dagegen herrſchte uͤberall ein Gefuͤhl, ein Wort, welches ſie nicht uͤber die Lippen zu bringen vermochte, und ohne Errdthen nicht zu umſchrei⸗ ben verſtand: die Liebe! Bisweilen gerieth Gertrude in Verſuchung, uͤber die⸗ ſen Widerſtand unwillig zu werden; und doch blickte ſo viele Liebſeligkeit, ſo viele Ehrfurcht und Erkenntlichkeit, ja ſelbſt Vertrauen hindurch! Manchmal freilich mißfiel ihr dieſe ſo zarte, dunkelgeahnte Schaam noch auf eine andre Weiſe um ſo mehr; blickte ſie aber das Maͤdchen an, kehrte ihr der Gedanke zuruͤck— Dieſer thu ich Gutes— ſo verlor ſich aller Unwille im milden Frieden dieſer Empfindung. und ſo war's in der That; denn außer dem Schutze, gereichten ſelbſt dieſe Geſpraͤche, dieſe vertraulichen Liebkoſungen Lucien zu einigem Troſte. Ei⸗ nen andern fand ſie im beſtaͤndigen Arbeiten; immer bat ſie, Gertrude moͤchte ihr irgend eine Beſchaͤftigung an⸗ weiſen; ſelbſt in's Sprachzimmer brachte ſie jedesmal eine Arbeit mit, um die Haͤnde in Uebung zu erhalten. Aber wie die ſchmerzenvollen Gedanken ſich doch uͤberall ein⸗ ſchleichen! Waͤhrend ſie die Nadel fuͤhrte, ein Werkzeug — 163— mit welchem ſie vorher wenig umgegangen, ſiel ihr jeden Augenblick ihre Haſpel ein, und mit der Haſpel, wie viele andre Dinge! Am naͤchſten Donnerſtage kehrte ein Bote wieder, brachte vom Pater Criſtoforo Gruͤße und ermuthigenden Zuſpruch, und beſtaͤtigte zugleich, daß Renzo in vollkom⸗ mener Sicherheit geborgen ſey. Beſtimmtere Nachrichten uͤber ſein ungluͤckliches Ereigniß, nicht eine einzige; denn, wir haben es dem Leſer ſchon geſagt, der Kapuziner hatte ſie von ſeinem Mitbruder in Mailand gehofft, und dieſer antwortete, ſo wenig von einem Briefe als einem Ueber⸗ bringer etwas zu wiſſen; ein Fremder habe allerdings im Kloſter eingeſprochen, und nach ihm gefragt; da er ihn aber nicht zu Hauſe getroffen, ſey er wieder weggegangen, und habe ſich weiter nicht ſehen laſſen.. Am dritten Donnerſtage kein Bote. So vermißten die Frauen nicht nur den gewuͤnſchten und gehofften Troſt, ſie geriethen auch, wie es in ſorgenvoll betruͤbter Lage bei dem kleinſten Ereigniß der Fall, in Unruhe, und uͤber⸗ ließen ſich hundertfaͤltigem aͤngſtlichem Argwohn. Schon vorher war Agneſe damit umgegangen, eine Reiſe nach ihrem Dorfe zu machen; das Ausbleiben des verheißenen Botens befeſtigte ſie in ihrem Plan. Das theure Ange⸗ ſicht der Mutter mehrere Tage hindurch nicht zu erblicken, war fuͤr Lucien ein peinlicher Gedanke; doch die draͤngende Sehnſucht, etwas Weiteres zu erfahren, die Sicherheit, um welche ihr in einem ſo bewachten und heiligen Zu⸗ fluchtsorte nicht bange ſeyn durfte, entkraͤfteten bald ihren Widerſpruch. So wurde beſchloſſen, Agneſe ſollte am naͤchſten Tage den Fiſchhaͤndler, welcher auf ſeiner Ruͤckreiſe — 1614=— von Mailand durchkommen mußte, an der Landſtraße er⸗ warten, und ihn um ein Plaͤtzchen auf ſeinem Karren erſuchen, um nach dem heimathlichen Gebirge gelangen zu koͤnnen. Sie traf ihn wirklich, und fragte ihn, ob Pater Criſtoforo ihm keinen Auftrag an ſie mitgegeben; der Mann aber war den ganzen Tag hindurch vor ſeiner Abreiſe mit Fiſchen beſchaͤftigt geweſen, und fuͤhrte weder eine Sendung noch eine Nachricht vom Moͤnche mit ſich. Agneſe bat ihn um einen Platz, und brauchte ihn nicht erſt lange zu erſuchen; ſie nahm, nicht ohne Thraͤnen, von der Edelnonne und der Tochter Abſchied, verſprach, recht bald Nachricht zu geben oder zuruͤckzukehren, und reiſte ab. Auf der Reiſe ſiel nichts von Bedeutung vor. Sie brachten einen Theil der Nacht, wie gewoͤhnlich, in einem Wirthshauſe an der Landſtraße zu, machten ſich vor Ta⸗ gesanbruch wieder auf den Weg, und kamen bei guter Zeit in Pescarenico an. Agneſe ſtieg auf dem Platz vor 5 dem Kloſter ab, entließ ihren Fuͤhrer mit vielen Dankes⸗ hezeugungen, und da ſie doch einmal hier war, wollte ſie, ehe ſie noch nach ihrem Dorfe zuruͤckkehrte, den guten Moͤnch, ihren Wohlthaͤter, ſehen. Sie zog die Klingel, und wer ihr oͤffnete, war Bruder Galdino, der Oliven⸗ ſammler. „Ei, gute Frau, was fuͤr'n gluͤcklicher Wind fuͤhrt Euch her?“ „Ich moͤchte den Pater Criſtoforo gern ſprechen.“ „Pater Criſtoforo? Der iſt nicht hier.“ „Ah, dauerts wohl lange, ehe er wiederkommt? fragte Agneſe. — 165— „Aber...“ ſagte der Moͤnch, hob die Schultern in die Hoͤhe, und ſenkte das geſchorene Haupt in die Kapuze. „Wohin iſt er gegangen?“ „Nach Rimini.“ 1 „Nach?“ 383 1 „Nach Rimini,“ wiederholte Bruder Galdino. „Wo liegt der Ort?“ „Eh!“ erwiederte Jener, mit ausgeſtrecktem Arm die Luft von oben nach unten durchſchneidend, um eine große Entfernung zu bezeichnen.„ „Ich arme Frau! Aber warum hat er ſich mit einem Mal auf'ne ſo weite Reiſe gemacht?“ „Der Pater Provinzial hat's ſo haben wollen.“ „Und warum haben ſie gerade ihn weggeſchickt, der ſo viel Gutes hier that? Ich Ungluͤckſelige!“ „Wenn die Vorgeſetzten,“ ſagte der Moͤnch,„von ihren Befehlen Rechnung ablegen muͤßten, wo bliebe denn da der Gehorſam, gute Frau?“ „Freilich,“ meinte Agneſe.„Aber das richtet mich zu Grunde.“ „Wißt Ihr, was es ſeyn wird? Sie werden in Ri⸗ mini einen tuͤchtigen Pater Prediger gebraucht haben; es giebt ihrer freilich uͤberall, manchmal aber thut Einer noth, der gerade dazu gemacht iſt; der Pater Provinzial dort wird unſerm hier geſchrieben haben, ob er ſo Einen hat; da hat unſer Pater Provinzial gedacht: Hier heißt's/ Bruder Criſtoforo. Wie's denn auch wirklich ſich ietzt zeigt.“ „Weh uns armen Leuten! Wann iſt er abgereiſt?“ „ Vorgeſtern.“. — 166— Seh' Einer an! Wenn ich nur meiner eigenen Ein⸗ gebung gefolgt, und ein Paar Tage fruͤher hergekommen waͤre! Und's laͤßt ſich nicht beſtimmen, wann er wieder⸗ kehrt? Auch nicht einmal ungefaͤhr?“ „Ei liebe Frau, das weiß der Pater Provinzial, wofern er's auch einmal weiß. Wenn ein Pater Prediger einmal den Flug hat nehmen muͤſſen, ſo laͤßt ſich nicht vorher be⸗ ſtimmen, auf welchen Zweig er zu ſitzen kommen wird. Sie holen ihn hierher, dorthin; wir haben Kloͤſter in allen vier Weltgegenden. Nehmt an, unſer Pater Criſtoforo macht in Nimini ein großes Aufſehen durch ſeine Faſtenpredig⸗ ten; denn er predigt nicht immer aus dem Stegreif, wie er hier fuͤr die Landleute zu thun pflegte; fuͤr die Kanzel in den Staͤdten hat er ſeine ſchoͤnen geſchriebenen Predig⸗ ten, ausgeſuchte Stuͤcken Arbeit. Das Geruͤcht von dem großen Prediger geht herum, ſo doͤnnen ſie ihn wer weiß wohin ſich kommen laſſen. Und dann muͤſſen die Andern ihn abtreten; denn wir leben von aller Welt Mitleid, und ſo iſt's billig, daß wir auch aller Welt dienen.“ „Barmherziger Himmel!“ rief Agneſe von Neuem und weinte faſt.„Was ſoll ich ohne den Mann anfangen? Er hat wie ein Vater fuͤr uns geſorgt!'S iſt rein unſer Ver⸗ derben!“ 1 „Hoͤrt, gute Frau, Pater Criſtoforo war ganz gewiß ein Mann; wir haben hier aber auch noch Andre, muͤßt Ihr wiſſen, mitleidige, verſtaͤndige Maͤnner, die mit Groß und Klein umzugehen wiſſen. Wollt Ihr den Pater Ata⸗ naſio? Wollt Ihr den Pater Girolamo? Den Pater Zac⸗ charia? Ein koͤſtlicher Mann muͤßt Ihr wiſſen, der Pater Zaccharia. Und laßt Euch nicht etwa, wie die einfaͤltigen 4 4 — 167— Leute, abſchrecken, daß er duͤnn und ſchmaͤchtig von Per⸗ ſan iſt, mit ner ſchwachen Stimme, und'nem duͤrftigen Bart; ich will grade nicht ſagen, daß ein großer Prediger in ihm ſteckt— es hat Jedweder ſeine eigenen Gaben— aber um einen guten Rath zu ertheilen, muͤßt Ihr wiſſen, da iſt er der Mann!“ „Heilige Geduld!“ rief Agneſe, mit jener Miſchung von Dankbarkeit und Unwillen, welche wir bei einem Vor⸗ ſchlag empfinden, der mehr gut gemeint als paſſend, was kann mir's frommen, welch ein Mann Euer Pater iſt oder nicht, wenn der brave Herr, der allein um unſre Angele⸗ genheiten wußte, und fuͤr unſre Rettung den Weg gebahnt hatte, hier nicht mehr anzutreffen iſt?“ „Dann müuͤßt Ihr freilich Geduld haben,“ ſagte Bru⸗ der Galdino. „Das weiß ich,“ antwortete Agneſe,„und ſo nehmt s denn nicht fuͤr ungut, daß ich Euch beſchwerlich gefal⸗ len bin.“ „Macht nichts aus, gute Frau. Es thut mir leid um Euch. Und ſeyd Ihr Willens, Einen von unſern Vaͤtern hier um Rath zu fragen, das Kloſter iſt hier, und ruͤckt ſich nicht von der Stelle. Und uͤbrigens, werd' ich auch mich wieder ſehen laſſen, wenn ich Oliven einſammeln gehe. 71 „Lebt wohl,“ ſagte Agneſe. und hiermit machte ſie ſich auf den Weg nach ihrem Doͤrfchen, verlaſſen, ohne Faſſung und Hoffnung, dem armen Blinden gleich, der ſei⸗ nen Stab verloren. Ein wenig beſſer als Bruder Galdino unterrichtet, duͤr⸗ fen wir jetzt Auskunft geben, wie die Sache eigentlich zu⸗ — 168— gegangen. Attilio war kaum in Mailand angelangt, ſo be⸗ gab er ſich, wie er ſeinem Vetter verſprochen, auf den Weg, ihrem gemeinſchaftlichen Oheim, einem Mitgliede des geheimen Rathes, ſeinen Beſuch abzuſtatten. Dieſer geheime Rath beſtand aus dreizehn Maͤnnern vom Buͤrger⸗ wie vom Kriegerſtande; der Statthalter fragte ſie biswei⸗ len um ihre Meinung, und ſtarb er, oder kam ein Andrer an ſeine Stelle, ſo fuͤhrten ſie waͤhrend deſſen das Regi⸗ ment. Der Graf Oheim, ein Herr vom Civilſtande und einer der Aelteſten im Rathe, genoß ein gewiſſes Anſehen in demſelben; Keiner machte, wie er, es geltend, Keiner ließ es, wie er, nach außen hin wirken. Zweideutige Aus⸗ druͤcke, ein bedeutungsvolles Schweigen, ein Unterdruͤcken begonnener Worte, vielſagende Augenſprache, Schmeiche⸗ leien ohne Verſprechungen, hoͤfliche Drohungen, Alles war zu dem Ende berechnet, und Alles erreichte mehr oder we⸗ niger ſeinen Zweck. Sagte er bisweilen: In dieſer Sache vermag ich nichts! ſo ſprach er die reine Wahrheit, ſprach ſie aber in ſolch einem Tone, daß man ihm nicht glaubte; ſo wuchs die Vorſtellung von ſeinem Einfluß, und dadurch am Ende ſein Einfluß ſelbſt; es erinnert an die Schach⸗ teln, die man im Laden eines Spezereyhaͤndlers ſieht, mit gewiſſen arabiſchen Woͤrtern beſchrieben; es liegt nichts da⸗ rin, doch wirken ſie mit, den Laden in ſeinem Rufe zu er⸗ halten. Das Anſehen des Grafen Oheim, welches ſeit ge⸗ raumer Zeit in ſehr langſamen Schritten zugenommen, hatte kuͤrzlich bei einer außerordentlichen Gelegenheit in ei⸗ nem rieſenhaften Schwung ſich erhoben— eine Reiſe nach Madrid, eine Sendung an den Hof; welche Aufnahme ihm dort geworden, mußte man ihn ſelbſt erzaͤhlen hoͤren. Ge⸗ — 169— nug, der Graf Herzog hatte ihn mit einer beſonderen Her⸗ ablaſſung behandelt, und ihn ſeines Vertrauens ſo huld⸗ gnaͤdigſt gewuͤrdigt, daß er ihm einmal in Gegenwart des halben Hofes die Frage vorgelegt, wie ihm Madrid gefiele; ja in demſelben Fenſter mit ihm liegend, hatte er ihm ein ander Mal unter vier Augen geſtanden, daß in ſaͤmmtli⸗ chen Reichen des Koͤnigs der Dom zu Malland der groͤßte Tempel Gottes ſey.— Attilio verneigte ſich dem Grafen Oheim mit der her⸗ koͤmmlichen Feinheit, ſtattete ihm die Gruͤße ſeines Vetters ab, und erklaͤrte dann mit dem vielſagenden Ernſte, wel⸗ chen er bei paſſenden Gelegenheiten anzunehmen wußte: „Ohne Rodrigo's Vertrauen zu mißbrauchen, glaub' ich meine Schuldigkeit zu thun, wenn ich dem Herrn Oheim von einem Handel Nachricht gebe, welcher ohne Ihr Hin⸗ zutreten ernſthaft werden und Folgen haben kann.“ „Wieder einmal eine von ſeinen Geſchichten, denk ich mir.“ „In Wahrheit, ich muß bekennen, daß dießmal das Unrecht nicht auf Rodrigo's Seite iſt; er ſteckt aber heiß drin, und wie ich ſage, Niemand ſonſt auf Erden, als der Herr Oheim, kann. „Wir wollen ſehen, wir wollen ſehen.“ „Es iſt dort in der Gegend ein Bruder Kapuziner, der ſich auf meinen Vetter ordentlich geſetzt hat, und die Sache iſt ſo weit gekommen, daß....“ „Wie oft hab' ich Euch geſagt,“ rief der Oheim,„ihm wie Dir, daß man die Moͤnche in ihrer eigenen Bruͤhe ſchmoren laſſen ſoll! Genug, daß ſie Demienigen zu ſchaffen machen, der mit ihnen zu thun haben muß, deſſen Pflicht — 170— es iſt...“ Und hier blies er mit vollen Wangen.—„Ihr aber koͤnnt ihnen ja aus dem Wege gehen!“ n „Hier, Herr Oheim, iſt's meine Schuldigkeit, Ihnen zu ſagen, daß Rodrigo„ wenn's moͤglich geweſen, ihm gern aus dem Wege gegangen waͤre. Aber der Moͤnch, der ihm was anhaben will, der ſich vorgenommen hat, ihn auf alle Weiſe zu reizen, iſt....“ 5 „Was Teufel hat denn dieſer Moͤnch mit meinem Neffen zu ſchaffen?“ „Fuͤr's Erſte iſt's ein unruhiger Kopf, als ein Frie⸗ denſtoͤrer bekannt, und macht ein Handwerk daraus, es mit Edelleuten aufzunehmen. Er beſchuͤtzt und leitet durch ſei⸗ nen Rath eine junge Bauerdirne in dortiger Gegend, und hegt fuͤr das Geſchoͤpf, ich will gerade nicht ſagen, eine eigennuͤtzige, aber doch eine eiferſuͤchtige, verdaͤchtige, hoͤchſt eigenſinnige Liebe.“ 1 „Verſtanden,“ ſagte der Graf Oheim, und durch die Tölpelhaftigkeit, welche die Natur uͤber ſein Geſicht ergoſ⸗ ſen, die Staatsklugheit aber durch unzaͤhlige Kunſtgriffe zu verhuͤllen wußte, ſchoß ein Strahl von Bosheit, die in dieſen Zuͤgen ein ſeltſames Schauſpiel gewaͤhrte. „Seit einiger Zeit nun,“ fuhr der Neffe fort,„hat ſich dieſer Moͤnch in den Kopf geſetzt, daß Rodrigo irgend einen Plan gegen die Dirne im Schilde fuͤhren muͤſſe..“ „In den Kopf geſetzt, in den Kopf geſetzt— ich kenne den Herrn Don Rodrigo auch, und es will einen andern Sachwalter als Eure Herrlichkeit, um ihn in dergleichen Materien zu rechtfertigen.“ nic „Daß Rodrigo gegen die Dirne, wenn er ihr auf der Straße etwa begegnete, ſich einmal einen Scherz erlaubt —- 171— hat, das will ich allenfalls zugeben, Herr Oheim; er iſt ein junger Mann, und am Ende kein Kapuziner; mit ſolchen Spaͤßen will aber der Herr Oheim nicht aufgehalten wer⸗ den; der Ernſt bei der Sache iſt, daß der Moͤnch von Ro⸗ drigo geſprochen hat, wie man von einem gemeinen Lohn⸗ knecht ſpraͤche, und daß er die ganze Gegend umher gegen ihn aufzuhetzen ſucht.“ „Und die andern Moͤnche?“”“ „Kuͤmmern ſich nicht drum; ſie kennen ihn als'nen Hitzkopf, und haben vor Rodrigo alle Achtung. Von der andern Seite aber ſteht dieſer Pfaff in großem Anſehen bei den Bauern, denn 8 verſteht zur Zeit auch den Heiligen zu ſpielen, und.. 8* „Ich denk' mi, bemerkte der Oheim,„er ahnt nicht, daß Rodrigo mein Neffe iſt.“ „Ob er es ahnt? Das iſt eben der Sporn, den ihm der Teufel noch tiefer in die Rippen ſtoͤßt.“ „Wie? Was?“ fragte der Alte mit verwandelter Stimme. „Er geſteht's ja ſelbſt/ es mache ihm ein großes Ver⸗ gnuͤgen, mit Rodrigo anzubinden, gerade weil er einen na⸗ tuͤrlichen Beſchuͤtzer von ſo maͤchtigem Anſehen als Eure Gnaden zum Ruͤckhalt hat; er lache, ſagt er, zu den Großen und zu den Staatsmaͤnnern; der Strick des heiligen Fran⸗ ciskus halte auch die Schwerdter gebunden.“ „Verwetterter Moͤnch! Wie heißt der Verwegene?“ „Bruder Criſtoforo aus**r,“ ſagte Attilio. Der Graf Oheim nahm aus einer Schublade eine Brieftafel, blies mit vollen Wangen, und ſchrieb ſich den armen Na⸗ men auf.—„Er hatte von jeher,“ fuhr der Neffe fort, — 172— „ſolche Blaſen im Kopf; man kennt ſeinen Lebenslauf. War ein Menſch von gemeiner Herkunft, fuͤhlte ein Paar Groſchen in der Taſche, und wollte es den Edelleuten in ſeiner Vaterſtadt gleich thun; da ſich aber nur Wenige um ihn kuͤmmerten, brachte er Einen von ihnen in der Wuth um's Leben; um alſo der Gewalt aus dem Wege zu ſchlei⸗ chen, ward er Moͤnch.“ N „Gut, gut, wir werden ſehen, werden ſehen!“ ſagte der Oheim, und blies in Einem fort. „Jetzo iſt er mehr als je im Harniſch,“ ſprach Attilio weiter,„ſintemal ein Plan, der ihm gar ſehr am Herzen lag, zu Waſſer geworden. Daraus wird mein Herr Oheim erſehen, was es fuͤr ein Menſch ſey. Er wollte naͤmlich ſeine Dirne da verheivathen; es ſey nun, um ſie den Ge⸗ fahren der Welt zu entziehen, Sie verſtehen mich, oder in irgend einer andern Abſicht, genug er wollte ſie mit aller Gewalt unter die Haube bringen, und da fand er denn ſeinen Mann, auch ſo ſein Geſchoͤpf, einen Kerl— der Herr Oheim wird ihn vielleicht dem Namen nach kennen; denn ich bin gewiß, der geheime Rath hat ſich mit dem ſaubern Burſchen auch beſchaͤftigen muͤſſen.“ „Wer iſt das?“. 3 „Ein Seidenſpinner, Lorenzo Tramaglino, der naͤm⸗ liche, der...“ „Lorenzo Tramaglino!“ ſchrie der Graf Oheim.„Gut/ gut, mein wackrer Moͤnch! Gewiß, wahrhaftig... Der hatte einen Brief an einen... Verdammt, daß... Aber macht nichts aus; ganz gut. Aber warum ſagt mir denn der Herr Don Rodrigo von dem Allen nichts, warum laͤßt er die Sache ſo weit kommen, und wendet ſich nicht — 173— an den Mann, der ihn lenken und unterſtuͤtzen will und kann? 1. 1 „So will ich denn auch hierin die Wahrheit geſtehen. Eines Theils weiß er, wie viele Dinge dem Herrn Oheim den Kopf voll machen, wie viele Geſchaͤfte..“ Der Alte blies und legte die Hand an den Kopf, als wollte er die große Anſtrengung bezeichnen, deren es bedurfte, um ſolch eine Fluth von Angelegenheiten unter einem einzigen Schaͤ⸗ del zu beherbergen—“ er machte ſich alſo, ſo zu ſagen, ein Gewiſſen draus, Ihnen mit einem Geſchaͤfle mehr be⸗ ſchwerlich zu fallen. Und dann, ich will Alles frei heraus⸗ ſagen; ſo viel ich ihm habe abmerken koͤnnen, iſt er uͤber die Schurkereien des Pfaffen ſo erbittert, ſeines Lebens ſo uͤberdruͤſſig, ſo außer ſich vor Wuth, daß er lieber mit ei⸗ nem einzigen Streich ſich ſelbſt Gerechtigkeit verſchaffen, als ſie auf gewoͤhnlichem Wege durch die Klugheit und den Arm des Herren Oheims erlangen will. Ich hab' mir Muͤhe gegeben, die Flamme mit Waſſer zu daͤmpfen; da ich aber die Sache auf ſo ſchlimmem Wege ſah, hab' ich's doch fuͤr raͤthlicher erachtet, Alles dem Herrn Oheim zu vertrauen, der nun einmal das Haupt und die Saͤule des Hauſes iſt.“ „Du haͤtteſt beſſer gethan, ein wenig fruͤher davon zu ſprechen.“ „Es iſt wahr; ich hoffte aber immer, die Sache wuͤrde ſich von ſelbſt aufloͤſen, der Moͤnch wuͤrde endlich doch wieder zu Verſtande kommen, oder einmal das Kloſter ver⸗ laſſen, wie's bei ſolchen Geiſtlichen, die heute hier morgen dort ſind, oft der Fall; und dann haͤtte die ganze Geſchichte ein Ende. Aber..“ — 174— „Jetzt kommt es mir zu, die Ordnung hier wieder her⸗ zuſtellen.“. „So hab' ich auch gedacht. Hab' zu mir ſelbſt geſagt: Der Herr Oheim wird mit ſeinem Scharfblick, mit ſeinem Anſehen, einem Aergerniß ſehr weislich zuvorzukymmen wiſſen, und Rodrigo's Ehre ſo gut wie ſeine eigene retten. Der Moͤnch, ſagte ich, bruͤſtet ſich immer mit dem Strick des heiligen Franciseus; um aber den Strick ſeine Wirkung thun zu laſſen, braucht man ihn nicht um den Bauch ge⸗ wickelt zu tragen. Der Herr Oheim hat hundert Mittel, die ich nicht kenne; der Pater Provinzial, weiß ich, nimmt, wie billig, große Nuͤckſicht auf ihn, und wenn der Herr Oheim der Meinung iſt, daß in dieſem Fall das Beſte ſey, mit einem paar Worten fuͤr den Moͤnch eine Luftveraͤnde⸗ rung zu bewirken.. „MUeberlaſſen das Eure Gnaden Demienigen, welchem es zukommt,“ ſagte der Graf Oheim mit der veraͤchtlichen Miene des Eigenduͤnkels. „Ah,'s iſt wahr,“ rief Attilio, ſchuͤttelte den Kopf⸗ und laͤchelte, als wenn er ſich ſelbſt bemitleidete.„Ich bin auch gerade der Mann, um dem Herrn Oheim mit RNath an die Hand zu gehen! Der Eifer aber fuͤr die Ehre des Hauſes, der laͤßt mich reden, wo ich nicht ſollte. Ich fuͤrchte ſogar, noch ein andres Unheil angeſtellt zu haben,“ ſetzte er nachdenkend hinzu,„ich fuͤrchte, ich hab' meinem Vetter in den Augen des Herrn Oheims Unrecht gethan. Ich koͤnnte mich nicht zufrieden geben, wenn Sie auf meine Veranlaſſung glauben ſollten, Rodrigo hahe nicht all das Vertrauen zu Ihnen, nicht all die Unterwuͤrfigkeit, wie — u5— ſich's fuͤr den Neffen eines ſolchen Oheims geziemt. Glau⸗ ben Sie, Herr Oheim, daß in dieſem Falle gerade...“ „Geh, geh, ein Unrecht unter Euch Beiden! Seyd immer Freunde, bis der Eine durchaus nicht hoͤren will. Tollkdpfe, Tollkoͤpfe, die jederzeit was anſtiften, und ich muß den Riß dann wieder flicken. Ihr bringt mich noch zu einem unbeſonnenen Schritte; Ihr gebt mir mehr zu denken, Ihr Beide, als...“ und hier denke man ſich, mit wie vollen Backen er blies—„als alle die heilloſen Staats⸗ angelegenheiten.“ Attilio brachte noch eine Entſchuldigung, ein Ver⸗ ſprechen, eine Artigkeit vor, empfahl ſich dann und ging. —„Seyd vernuͤnftig!“ war auch dießmal, wie gewoͤhnlich, das Geleitwort, welches der Graf Oheim ſeinem Neffen mit auf den Weg zu geben pffegte. Achtes Kapitel. Wer auf einem vernachlaͤßigten Ackerfelde ein Kraut, etwa eine huͤbſche Ampferſtaude, faͤnde, und herausbringen wollte, ob ſie aus einem Keime, der auf dem Felde ſelbſt ſich entwickelt, emporgeſproſſen, ob der Wind dieſen Keim dorthin geweht, oder ein Vogel ihn daſelbſt fallen laſſen, der koͤnnte nachſinnend daſtehen und daſtehen, er kaͤme nim⸗ mermehr zu einem Schluſſe. Es erginge uns nicht beſſer, wenn wir beſtimmen wollten, ob der Plan des Grafen Oheim, ſich des Paters Provinzial zu bedienen, und ſo den verwickelten Knoten auf die beſte Weiſe zu loͤſen, ſich aus dem natuͤrlichen Vorrathe ſeines eigenen Hirnes gebildet, — 176— oder durch die Zufluͤſterung des Neffen erweckt worden. Auf jeden Fall hatte dieſer ſeine Worte nicht zufaͤllig hin⸗ geworfen; er konnte ſich wohl denken, daß gegen eine ſo unverdeckte Eingebung der eiferſuͤchtige Stolz des Oheims ſich baͤumen wuͤrde; dennoch wollte er ihm, es mochte wie immer geſchehen, den Gedanken dieſes Huͤlfsmittels vor den Augen aufblitzen laſſen, und ihm die Straße andeuten, die er nach ſeinem Wunſche einſchlagen ſollte. Von der an⸗ dern Seite indeſſen ſagte dieſes Huͤlfsmittel der Laune des Grafen Oheim ſo willkommen zu, die Umſtaͤnde wieſen ſo auffallend darauf hin, daß er vielleicht auch ohne Zufluͤſte⸗ rung es gefunden und ergriffen haͤtte. Es handelte ſich darum, in einem bereits zu landeskundigen Kampfe einen Mann ſeines Namens, einen Neffen nicht erliegen zu laſſen; ein Gedanke, welcher mit dem Ruf ſeiner Allgewalt, ſeines aͤngſtlich behaupteten Machtſcheins, maͤchtig zuſammentraf. Eine ſelbſtgenommene Befriedigung waͤre ein Heilmittel, ſchlimmer als das Uebel ſelbſt, ein Treibeheet von Wider⸗ waͤrtigkeiten geweſen; man mußte alſo den Hitzkopf ſchnell und auf alle Weiſe davon abbringen. Sollte er ihm be⸗ fehlen, in dieſem Augenblick ſein Landgut zu verlaſſen? Er haͤtte vielleicht keinen Gehorſam geleiſtet, und gehorchte er⸗ ſo hieß es vom Kampfplatz weichen, ſein Haus vor einem Kloſter verlaſſen. Gebote, geſetzliche Gewalt, Einſchuͤchte⸗ rungen fruchteten gegen einen Widerſacher ſolches Standes nicht; Kloſter⸗ und Weltgeiſtliche brauchten vor Layen⸗ richtern nicht zu erſcheinen; nicht ſie ſelbſt nur, auch die Orte, welche ſie bewohnten, waren von jeder andern Ge⸗ richtsbarkeit ausgenommen; das weiß auch ein Leſer, wel⸗ cher keine andre Geſchichte als die gegenwaͤrtige zur Hand — 177— genommen. Ihn zu entfernen ſuchen, blieb alſo das ein⸗ zige Mittel; das Werkzeug mußte der Pater Provinzial ſeyn, von deſſen Willen Gegenwart und Ahweſenheit des Moͤnchs abhingen. Nun war zwiſchen dem Pater Provinzial und dem Grafen Oheim eine alte Bekanntſchaft; ſie ſahen ſich ſel⸗ ten, aber jedesmal mit wortreichen Freundſchaftsbezeugun⸗ gen, mit ſtelzfuͤßigen Verſichrungen der Dienſtfertigkeit. Und bisweilen iſt es leichter, mit einem Manne fertig zu werden, welcher der Vorgeſetzte Vieler, als mit einem Ein⸗ zelnen; dieſer hat nur ſeine Sache im Auge, hoͤrt nur ſeine Leidenſchaft, kuͤmmert ſich nur um ſeinen Zweck, waͤhrend Jener mit Einem Blick hundert Verhaͤltniſſe, Ereigniſſe und Intereſſen uͤberſieht, hundert Dinge, die vermieden oder behauptet werden muͤſſen, erkennt, und alſo unter hundert Wegen waͤhlen kann. Nachdem Alles wohl erwogen worden, lud der Graf Oheim eines Tages den Pater Provinzial zur Mittagstafel ein, und ließ ihn mit ſchlauem Scharfſinn eine Geſell⸗ ſchaft von kluggewaͤhlten Tiſchgenoſſen finden. Ein Theil waren Leute von glaͤnzenden Wuͤrdenamen, Leute, deren Haus ſchon wie ein Ehrentitel klang; indem ſie mit vor⸗ nehmer Geberde, mit einer gewiſſen angeborenen Sicherheit und hochmuͤthigen Geringſchaͤtzung von den groͤßten Din⸗ gen im vertraulichſten Tone ſprachen, praͤgten ſie, ſelbſt ohne es ausdruͤcklich zu wollen, jedem Anweſenden den Ge⸗ danken von Hoheit und Macht fortwaͤhrend ein. Die Ue⸗ brigen waren Schuͤtzlinge des Hauſes, dem Herren durch erbliche Ergebenheit und lebenslaͤnglichen Sklavendienſt untergeordnet; von der Suppe an bejahten ſie jedes Wort II. 1² — 178— mit Mund, Augen und Ohren, mit dem ganzen Kopfe, mit dem ganzen Koͤrper, mit der ganzen Seele, und ſo haͤtten ſie beim Nachtiſch einen fremden Gaſt ſo weit bringen koͤn⸗ nen, daß er ſich gar nicht mehr zu erinnern wußte, wie man ein Nein uͤber die Lippen bringt. Bei Tiſche ließ der Hausherr das Geſpraͤch bald nach dem Thema von Madrid hinſpielen. Zu Rom geht man durch viele Straßen; in Madrid war er durch alle gegan⸗ gen. Er ſprach vom Hofe, vom Grafen Herzog, von den Miniſtern, von der Familie des Statthalters und von den Stiergefechten. Dieſe wußte er ganz vorzuͤglich zu be⸗ ſchreiben; denn er hatte ſie von einem ausgezeichneten Standpunkte, im Eskurial, beobachtet; vom Eskurial aber konnte er bis auf die kleinſten Kleinigkeiten Rechenſchaft geben, indem ein Guͤnſtling des Grafen Herzogs ihn durch alle Winkel des Gebaͤudes umhergefuͤhrt hatte. Eine Zeit. hindurch ſaß die ganze Geſellſchaft, wie die Zuhoͤrer vor einem Lehrſtuhle, auf ihn allein aufmerkſam da, ſpaltete ſich aber dann in verſchiedene Unterhaltungen; er indeſſen theilte dem Pater Provinzial, ſeinem Nachbar, andre der⸗ gleichen ſchoͤne Saͤchelchen, wie im Vertrauen, mit. Der Nachbar ließ ihn reden und reden. Ploͤtzlich aber erhielt das Geſpraͤch eine andre Wendung, nahm von Madrid Ab⸗ ſchied, wanderte von Hof zu Hof, von Wuͤrde zu Wuͤrde, und ſtand endlich bei'm Kardinal Barberini ſtill, einem Ka⸗ puziner, dem Bruder des damals regierenden Pabſtes Ur⸗ ban des Achten. Hier mußte freilich auch der Graf Oheim einmal reden laſſen, mußte eines Andern Worten zuhoͤren, und ſich erinnern, daß es in dieſer Welt auch Menſchen gab, die nicht alle ihre Bewegungen nach ſeinem Willen 3 — 5 — 179— zuſchnitten. Endlich ſtand man von Tafel auf. Der Haus⸗ herr bat ſeinen geiſtlichen Gaſt, ihm in ein anderes Zim⸗ mer zu folgen.—. Zwei ehrwuͤrdige Hoheiten, zwei Graukoͤpfe, zwei vol⸗ lendete Erfahrungen ſtanden einander gegenuͤber. Der hoͤchſtwohlgeborene Herr ließ den hochzuverehrenden Pater ſitzen, ſetzte ſich gleichfalls und begann:„Kraft der Freund⸗ ſchaft, ſo zwiſchen uns beſteht, hab' ich's fuͤr billig gehal⸗ ten, uͤber eine Angelegenheit von gemeinſchaftlichem In⸗ tereſſe, welche zwiſchen uns, ohne durch andere Wege zu gehen, abgemacht ſeyn will, mit Euer Hochehrwuͤrden zu ſprechen. Ich ſag' Ihnen alſo frei und offen, wovon es ſich handelt, und bin gewiß, daß wir nach zweien Worten Eines Sinnes wieder aufſtehen. Sagen Sie mir, in Ih⸗ rem Kloſter zu Pescarenico giebt's einen gewiſſen Pater Criſtoforo aus**2 Der Provinzial bejahte es. „Reden mir alſo Eure Hochehrwuͤrden, als echter Freund, von der Bruſt weg; dieſer Menſch, dieſer Pater— von Perſon kenn' ich ihn nicht; ſonſt ſind mir verſchiedene Vaͤter Kapuziner bekannt, goldene Maͤnner, voll Eifer, klug und demuͤthig; bin ehen darum von Kindesbeinen an ein Freund des Ordens geweſen. In jeder zahlreichen Fa⸗ milie aber iſt immer ein Mitglied, ein Kopf... Und die⸗ ſer Pater Criſtoforo, weiß ich durch verſchiedentliche Nach⸗ richten, iſt ein Bischen haderſuͤchtig, hat nicht all die Klug⸗ heit, die Ruͤckſicht.. Ich wette, er hat ſeinem Pater Provinzial auch ſchon mehr als einmal zu denken gegeben.“ Verſtanden; eine Verpflichtung— dachte der geiſtliche Herr im Stillen.— Meine Schuld; ich haͤtt's wiſſen — 180— köͤnnenz der liebe Criſtoforo iſt ein Geſandter des Himmels⸗ wenn man ihn von Kanzel zu Kanzel wandern laͤßt; an dem naͤmlichen Orte aber darf er kein halbes Jahr hin⸗ durch bleiben, am wenigſten in einem Kloſter auf offenem Lande. „O,“ ſagte er darauf laut,„es thut mir wirklich leid, daß Eure Herrlichkeit den Pater Criſtoforo in ſolchem Ver⸗ dachte hat; ſo viel ich weiß, iſt er ein Geiſtlicher... ein Muſter fuͤr's Kloſter, und gilt auch außerhalb erſtaunlich viel.“. „Begreife ſehr wohl; Eure Hochehrwuͤrden muͤſſen... Indeſſen als aufrichtiger Freund will ich Ihnen etwas mittheilen, woran Ihnen ſehr viel liegen muß, und ſollten Sie's auch ſchon wiſſen, ſo kann ich Sie doch auf gewiſſe moͤgliche Folgen aufmerkſam machen.. ich will nichts weiter ſagen. Dieſer Pater Criſtoforo hat einen Menſchen aus der Gegend dort unter ſeine Fluͤgel genommen, einen Men⸗ ſchen— Eure Hochehrwuͤrden werden von ihm ſprechen ge⸗ hoͤrt haben; derſelbe, der unter ſo graͤulichem Aergerniß aus den Haͤnden der Gerechtigkeit entwiſcht iſt, nachdem er an dem fuͤrchterlichen Sankt Martinstag Dinge— Dinge— ich mein' den Lorenzo Tramaglino.“ So blaͤſt's!— dachte der Provinzial.—„Dieſe Nach⸗ richt,”“ antwortete er,„iſt mir ganz neu; Eure Herrlichkeit wiſſen aber, daß ein wichtiger Theil unſeres Amtes gerade darin beſteht, Irrgegangene aufzuſuchen, und uns um ihre Beſſerung zu bemuͤhen.“ „Gut, aber mit Irrgegangenen von einer gewiſſen Art verkehren,'s iſt ein gefaͤhrliches Beginnen, ein kitzliches Geſchaͤft..— Und anſtatt nach ſeiner Gewohnheit die „ — 181— Wangen zum Blaſen aufzuſchwellen, zuckte er hier mit den Lippen, und ſog zwiſchen den Zaͤhnen ſo viel Luft ein, als er ſonſt auszuſtoßen pflegte.—„Ich hab' Ihnen dieſen Wink geben wollen,“ fuhr er fort,„denn wenn Ihro Ex⸗ cellenz jemals... Es koͤnnte ſich einmal ein Auftrag nach Rom ereignen.. ich weiß nicht... und von Rom kommt man bisweilen..“„ „Ich bin Eurer Herrlichkeit fuͤr den Wink verbunden, zugleich aber auch uͤberzeugt, daß man bei naͤherer Unter⸗ ſuchung der Sache finden wuͤrde, wie unſer Pater Criſto⸗ foro mit dem Menſchen, von welchem Sie geſprochen, bloß um ihn eines Beſſern zu belehren, Umgang gepflogen hat. Ich kenne den Pater Criſtoforo.“ „Sie wiſſen indeſſen beſſer als ich, was er fuͤr ein Menſch im weltlichen Leben geweſen, was fuͤr treffliche Streiche er in ſeinen Jugendjahren betrieben hat.“ „Das eben iſt der Ruhm der Kapuze, Herr Graf, daß ein Menſch, der in der Welt zu ſo uͤbler Nachrede Gele⸗ genheit gegeben, ein Anderer wird, ſobald er ſie angelegt hat. Und ſeit der Pater Criſtoforo dieſes Kleid traͤgt. „Ich will's glauben, wahrhaftig, ich will's glauben; manchmal aber, ſagt das Sprichwort, macht die Kutte nicht den Moͤnch.“ Das Sprichwort hinkte hier in der That wie ein Gleichniß; der Graf aber hatte es eigentlich ſtatt eines andern herbeigezogen, das ihm auf der Zunge ſchwebte: Der Wolf aͤndert ſeinen Pelz, aber nicht ſeine Mordluſt. „Ich habe Nachrichten,“ fuhr er fort,„habe Be⸗ weiſe—. Wenn Sie beſtimmt wiſſen,“ außerte der Provinzial, 1 — 182— „daß dieſer Geiſtliche— wir koͤnnen Alle irren— irgend ein Verſehen begangen, ſo thun Sie mir einen Gefallen, wenn Sie mich davon benachrichtigen. Ich bin ein Vor⸗ geſetzter, ein unwuͤrdiger Vorgeſetzter; ich bin es aber eben, um zu heſſern, um Heilmittel aufzufinden.“ „Ich will's Ihnen ſagen. Mit dem widerwaͤrtigen Umſtande, daß er einen ſolchen Menſchen unter ſeinen Schutz nimmt, haͤngt eine andre doͤchſt unangenehme Ge⸗ ſchichte zuſammen, und dieſe koͤnnte... Unter uns aber wollen wir Alles mit Einem Schlage abmachen. Derſelbe Pater Criſtoforo nehmlich hat mit meinem Neffen, mit Don Rodrigo, angebunden.“ „Ei, das thut mir leid, thut mir von ganzer Seele leid.“ „Mein Neffe iſt jung, hat heißes Blut, er fuͤhlt, wer er iſt, und iſt nicht gewohnt, ſich erſt lange reizen zu laſſen.“ „Es ſoll meine Pflicht ſeyn, daruͤber genaue Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Wie ich Eurer Herrlichkeit ſchon ge⸗ ſagt, und Sie mit Ihrer tiefen Weltkenntniß, mit Ihrer Billigkeit, wiſſen das beſſer als ich, wir ſind Alle von Fleiſch und Blut, koͤnnen Alle fehlen, ſowohl der eine Theil als der Midles und wenn unſer Pater Criſtoforo gefehlt hat.. „Sehen i Hochehrwuͤrden, es ſind Dinge, wie ich ſagte, die unter uns abgemacht ſeyn muͤſſen— hier be⸗ graben; ruͤhrt man ſie zu unbehutſam auf, ſo macht man s nur ſchlimmer. Sie wiſſen, wie's geht; ſolche Zwiſtigkei⸗ ten, ſolche Reibungen nehmen aus einer Lumperei ihren Urſprung, gehen aber weiter, gehen weiter.. Will man — 183— die Wurzel aufſuchen, ſo wird man nicht damit fertig, oder ſtoͤrt hundert andre verwickelte Geſchichten mit auf. Einſchlaͤfern, kurzweg abſchneiden, mein hochehrwuͤrdiger Pater, kurzweg abſchneiden, einſchlaͤfern. Mein Neffe iſt jung; der Geiſtliche, ſo viel ich hoͤre, traͤgt noch ganz den Kamm.. nimmt noch'nen jugendlichen Flug; es kommt alſo uns zu, die wir unſre Jahre haben— nur zu viel Jahre, nicht wahr, hochzuverehrender Pater?— uns kommt's zu, fuͤr die jungen Leute Verſtand zu haben, und ihre ſchlimmen Streiche wieder gut zu machen. Zum Gluͤck iſt noch nichts verloren, die Sache hat noch keinen Laͤrm gemacht, und wir koͤnnen noch immer ein weiſes principiis obsta ſagen. Weg mit dem Stroh vom Feuer Wer an Einem Ort nichts taugt oder Unheil ſtiften kann, gedeiht manchmal an einem andern ganz außerordentlich. Eure Hochehrwuͤrden werden fuͤr den Pater die paſſende Stelle zu finden wiſſen. Weiſt man ihm einen etwas ent⸗ fernten Poſten an, ſo fertigt man mit Einer Reiſe einen doppelten Dienſt ab; Alles macht ſich von ſelbſt wieder gut, oder beſſer geſagt, es iſt nichts Unrechtes mehr vor⸗ gefallen.“ Dieſen Schluß hatte der Provinzial vom Anfang des Geſpraͤches an erwartet.— Ei ja, dachte er, ich merke wohl, wohin Du mit mir hinaus willſt. Die gewoͤhnliche Geſchichte; wenn ein armer Moͤnch mit Euch angebunden hat, oder Euch im Wege ſteht, ſo ſoll ihm der Vorgeſetzte, ohne zu unterſuchen, ob er Recht oder Unrecht hat, auf der Stelle den Laufpaß ſchreiben. „Was der Herr Graf ſagen will,“ entgegnete der Provingial, ſobald Jener ſchwieg, und zur Beſtaͤtigung — 184— blies,„begreife ich ſehr wohl; ehe ich aber einen Schritt thue.. „Es iſt ein Schritt und auch keiner, mein hochzuver⸗ ehrender Pater, eine natuͤrliche, eine gewoͤhnliche Sache, und greift man nicht dazu, greift man nicht ſchnell dazu, ſo ſeh' ich einen Berg von Widerwaͤrtigkeiten, eine ganze Ilias von Unheil vorher. Ein unbeſonnener Streich mei⸗ nes Neffen. ich glaub' es wohl nicht, dafuͤr bin ich da. Hauen wir aber, da die Sache einmal ſo weit gekommen iſt, ſie unter uns nicht durch, nicht ohne Zeiſtverluſt mit einem geraden Hiebe durch, ſtehen bleiben kann ſie hier nicht, der Welt nicht verheimlicht werden... und dann iſt mein Neffe nicht allein... wir ſtechen in ein Weſpenneſt, hochzuverehrender Pater; Sie ſehen, wir ſind ein Haus, haben Angehoͤrige— „Das ſpringt in die Augen.“ „Sie verſtehen mich; lauter Maͤnner mit Blut in den Adern, Maͤnner, ſo in dieſer Welt was vorſtellen. Die Ehre kommt dazu, ˙s wird eine gemeinſchaftliche An⸗ gelegenheit, und dann— ſelbſt wer ein Freund des Frie⸗ dens iſt— Es braͤch' mir das Herz, muͤßt' ich... ſaͤh' ich mich— ich, der ich von jeher den Vaͤtern Kapuzinern ſo gewogen geweſen! um Gutes zu thun, wie's die Vaͤter mit ſo großer Erbauung der Welt thun, haben ſie den Frieden noͤthig, koͤnnen bei Haͤndeln nichts ausrichten, und muͤſſen ſich in guter Eintracht mit Leuten verhalten, die... Und dann haben ſie außer dem Kloſter ihre Ver⸗ wandten; dieſe garſtigen Ehrenſachen aber brauchen ſich hloß in die Laͤnge zu ziehen, ſo breiten ſie ſich aus, zer⸗ aͤſteln ſich, und bringen die halbe Welt mit hinein. Ich — 185— befinde mich nun gerade, Gott ſey Dank, in ſo einem Amte, daß ich auf unverletzten Anſtand zu ſehen habe. Ihre Excellenz, meine Herren Amtsgenoſſen,'s wird Alles gar bald eine Angelegenheit des ganzen Standes, zumal bei jenem andern Umſtand. Sie wiſſen, wie dergleichen Dinge gehen.“ 1 „Nun wohl,“ ließ ſich der Geiſtliche vernehmen, „Pater Criſtoforo iſt Prediger, und ich hatte ſchon laͤngſt ſo'nen Gedanken— ich werd' alſo hier gewiſſermaßen gelegen darum erſucht. Gerade jetzt aber, bei ſolchen Um⸗ ſtaͤnden, das koͤnnte wie eine Strafe ausſehen, und eine Strafe, ehe man die Sache in's gehoͤrige Licht geſetzt hat.“ „Ei, Strafe!“ rief der Graf Oheim,„eine kluge Vorkehrung, eine Anſtalt gemeinſchaftlicher Uebereinkunft, um einem Unheil vorzubeugen, das vielleicht... ich hab' mich erklaͤrt.“ 6 „Zwiſchen dem Herrn Grafen und mir ſteht ſo die Sache klar da, das ſeh' ich ein. Wie ſie aber Eurer Herr⸗ lichkeit vorgetragen worden, iſt's unmoͤglich, ſag' ich, daß die Leute rings herum nicht Wind davon haben. Ueberall giebt's Aufhetzer, Thunichtgute, oder wenigſtens boshafte Nengierige, die ſich zu Schanden druͤber freuen, wenn ſie Edelleute und Geiſtliche einander in den Haaren liegen ſehen; ſie paſſen auf, ſchwatzen, ſchreien. Jedweder hat ſeine Wuͤrde in Acht zu nehmen, und ich als unwuͤrdiger Vorgeſetzter muß ausdruͤcklich darauf ſehen. Die Ehre des Kleides— es gehoͤrt nicht mir— es iſt ein anvertrautes Gut. Ihr Herr Neffe, außer ſich vor Wuth wie er iſt, koͤnnte die Sache als eine gegebene Genugthuung anſehen, — 186— und ich will nicht ſagen, ſich damit bruͤſten oder neger⸗— maͤßig prangen, aber „Haͤlt mich Euer Hochehrwuͤrden zum Beſten? Mein Neffe iſt ein Edelmann, der in der Welt nach Stand und Gebuͤhr geachtet wird; vor meinen Augen dagegen iſt er ein Knabe, und wird nicht mehr nicht weniger thun, als er von mir vorgeſchrieben erhaͤlt. Noch mehr, mein Neffe ſoll gar nichts davon wiſſen. Brauchen wir ihm Rechen⸗ ſchaft abzulegen? Unter uns, als alte Freunde, machen wir's ab, und Alles bleibt hier begraben. Machen Sie Sich deßhalb keine Gedanken. Ich muß ſchweigen gelernt haben, will ich meinen.“— Beide Wangen blieſen die Bekraͤftigung dazu.—„In Betreff der Schwaͤtzer, was ſoll ich da ſagen? Ein Geiſtlicher verlaͤßt ſein Kloſter, um anderswo zu predigen— das faͤllt alle Tage vor. Wir aber ſehen, ſorgen, muͤſſen, und ſo brauchen wir uns um das Geplauder nicht zu kuͤmmern.“ „Um aber dieſem Geplauder zuvorzukommen, waͤr's gut, wenn Ihr Herr Neffe mir ein oͤffentliches Zeichen ſeiner Freundſchaft, ſeiner Ehrerbietung gaͤbe... Nicht um uns, aber der Kapuze wegen.“ „Gewiß, gewiß,'s iſt billig, aber auch nicht noͤthig. Die Kapuziner, weiß ich, werden von meinem Neffen jeder⸗ zeit, wie es ſich ziemt, aufgenommen. Er thut's aus Neigung,'s iſt ein Familienzug, und dann weiß er auch, daß er mir damit einen Gefallen erzeigt. Hier uͤbrigens — gut, etwas Auffallenderes als gewoͤhnlich, ſehr billig. Laſſen Sie mich machen, mein hochzuverehrender Pater; ich werde meinem Neffen befehlen— man wird's ihm mit Vorſicht zu verſtehen geben muͤſſen, damit er nicht merkt⸗ — 187— was zwiſchen uns verhandelt worden. Ich noͤchte nicht gern ein Pflaſter, wo keine Wunde iſt. Und was unſern Beſchluß anlangt, je fruͤher je beſſer. Wenn ſich ſo ein ziemlich entlegener Winee faͤnde, um dem Pater jede Ge⸗ legenheit zu nehmen...“ „Ich ſoll gerade Einen nach Rimini ſchicken, und wirklich, ich haͤtte auch ohne ſonſtige Urſache den Pater Criſtoforo dazu erſehen.“ „Vortrefflich,“ rief der alte Graf,„vnrtteffich. Und wann?”“ „Weil nun einmal die Sache draͤngt, ſoll's bald ge⸗ ſchehen.“ „Bald, bald, mein hochzuverehrender Pater, lieber heut als morgen. Und kann ich,“ ſagte er, indem er auf⸗ ſtand,„oder meine Verwandten fuͤr die wackren Herren Kapuziner etwas thun...“ „Wir kennen aus Erfahrung die Guͤte des Hauſes,“ ſagte der Provinzial, indem er dem Sieger nach der Thuͤre hin folgte. „Wir haben einen Funken ausgeloͤſcht,“ bemerkte die⸗ ſer im langſamen Fortſchreiten,„einen Funken, hochzu⸗ verehrender Pater, der in eine große Feuersbrunſt haͤtte ausbrechen koͤnnen. Eh, unter guten Freunden machen ſich große Dinge mit einem Paar Worten ab.“ Bei der Thuͤre angelangt, beſtand er durchaus darauf, daß der Pater Provinzial voran traͤte; dann erſchien man im Geſellſchaftszimmer, und miſchte ſich unter die Uebrigen. Der Graf hatte bei der Fuͤhrung des Geſchaͤftes gro⸗ ßen Eifer, große Kunſt und große Worte darauf gehen laſſen; der Anſtrengung entſprach der Erfolg. Wirklich — 188— brachte das Geſpraͤch den Bruder Criſtoforo von Pescare⸗ nico nach Nimini auf die Beine, und das iſt in der That ein ſchoͤner Spazierweg. Eines Abends ſprach zu pesrarente ein Kapuziner aus Malland ein, und hatte ein Paket Briefe fuͤr den Pater Guardian bei ſich; darin lag der Befehl fuͤr den Bruder Criſtoforo, ſich nach Rimini zu begeben, und dort die Faſtenpredigten zu halten. Der Brief an den Guardian gebot, dem beſagten Moͤnche einzuſchaͤrfen, er moͤchte alle Unternehmungen, welche er in der Gegend um Pescarenico angeſponnen, fahren laſſen, und durchaus in keinen Brief⸗ wechſel treten; der Bruder Brieftraͤger ſollte der Reiſege⸗ faͤhrte ſeyn. Der Guardian ließ ſich am Abend nichts an⸗ merken; des Morgens laͤßt er den Bruder Criſtoforo rufen zeigt ihm die Vorſchrift, heißt ihn Korb, Wanderſtab, Schweißtuch und Guͤrtel zur Hand nehmen, und befiehlt ihm, mit dem Gefaͤhrten, welchen er ihm vorſtellt, ſich allſobald auf die Reiſe zu begeben. Ein Donnerſchlag fuͤr unſern Moͤnch. Renzo, Lucia, Agneſe, ſie traten ihm augenblicklich vor die Augen, und — o Gott! rief er im Herzen, was wird aus den armen Ungluͤckskindern werden, wenn ich nicht mehr hier bin? — Bald aber hob er die Augen gen Himmel, und klagte ſich an, daß er einen Augenblick im Vertrauen gewankt, und ſich dabei fuͤr nothwendig gehalten. Er kreuzte zum Zeichen des Gehorſams die Arme uͤber die Bruſt, und ver⸗ neigte gegen den Pater Guardian das Haupt. Dieſer zog ihn bei Seite, und theilte ihm, mit den Ausdruͤcken eines rathenden Freundes, ſich auf den Befehl berufend, die an⸗ dre Weiſung mit. Bruder Criſtoforo begab ſich nach ſei⸗ * — 189— ner Zelle, nahm den Korb, und that ſein Gebetbuch, ſeine Faſtenpredigten und das Brodt der Verzeihung hinein⸗ Dann ſchlug er um die Huͤften einen ledernen Guͤrtel, ver⸗ abſchiedete ſich von den Mitbruͤdern im Kloſter, ging noch einmal zum Guardian, um ſeinen Segen ſich zu holen, und machte ſich mit dem Gefaͤhrten auf den vorgeſchriebe⸗ nen Weg. 8 Daß Don Rodrigo, begieriger als je, mit ſeiner Un⸗ ternehmung zu Ende zu kommen, entſchloſſen war, die Huͤlfe eines furchtbaren Menſchen nachzuſuchen, haben wir berichtet. Von dieſem koͤnnen wir weder Tauf⸗ noch Fa⸗ miliennamen, noch einen Titel oder eine Vermuthung da⸗ ruͤber angeben; freilich hoͤchſt ſeltſam, da wir in mehr als einem Buche aus jener Zeit— und wir reden von ge⸗ druckten Buͤchern— ihn erwaͤhnt finden. Daß dieſer Menſch in all den Buͤchern ein und derſelbe, beſtaͤtigt die Identitaͤt des Erzaͤhlten; uͤberall aber verraͤth ſich eine große Bemuͤhung, den Namen, als wuͤrde er die Feder, die Hand des Schreibers verſengt haben, zu vermeiden. Fran⸗ eeſco Rivola, da er, in ſeinem Leben des Kardinals Fe⸗ derigo Borromeo, von dieſem Menſchen ſprechen muß, nennt ihn„einen Herrn, eben ſo maͤchtig durch ſeine Reichthuͤmer als vornehm durch ſeine Geburt.“ Weiter kein Wort. Giuſeppe Ripamonti, welcher in der fuͤnf⸗ ten Decade ſeiner vaterlaͤndiſchen Geſchichte ihn umſtaͤnd⸗ licher erwaͤhnt, ſetzt ſtatt ſeines Namens verſchiedene Be⸗ helfswoͤrter.—„Ich will das Ereigniß eines Mannes er⸗ zaͤhlen,“ ſagt er in ſeinem ſchoͤnen Latein, das wir, ſo gut wir koͤnnen, uͤberſetzen,„welcher unter den Großen der Stadt einer der Erſten war, und eine Villa zu ſeinem — 190— Wohnſitze beſtimmt hatte; er ſetzte ſich dort gewaltſam durch Verbrechen feſt, und kuͤmmerte ſich um Gerechtigkeit, um Richter, um Obrigkeit und Landesherrn nicht im entfern⸗ teſten. An der aͤußerſten Grenze des Staates wohnend⸗ fuͤhrte er ein unabhaͤngiges Leben, und nahm, nachdem er ſelbſt ein Verbannter geweſen, dann aber zur Sicherheit gelangt war, Verbannte auf.“— Dieſer Schriftſteller ſoll uns kuͤnftighin noch manchen andern Fingerzeig liefern, wenn wir im Verfolg unſers Anonymus unſre Erzaͤhlung zu beſtaͤtigen oder zu erlaͤutern haben. Thun, was durch oͤffentliche Verbote unterſagt, oder durch irgend eine Gewalt verhindert war; nur aus Herrſch⸗ luſt den Schiedesrichter oder Gebiéter in fremden Angele⸗ genheiten ſpielen; von Allen gefuͤrchtet werden, und Leute, welche gewohnt waren, Andre in Dienſten zu haben, in ſeinem Dienſte halten; das waren jederzeit die vorzuͤglich⸗ ſten Leidenſchaften dieſes Menſchen. Seit den Juͤnglings⸗ jahren empfand er beim Anblick und dem Laͤrmen ſo viel⸗ facher Gewaltſucht, ſo vieler Erſchuͤtterungen und Kaͤmpfe, bei dieſem Heer von Tyrannen, ein Gefuͤhl, welches aus Unwillen und raſtloſem Neide beſtand. In der Stadt un⸗ terließ er als Juͤngling keine Gelegenheit, den Beruͤchtig⸗ ſten in dieſem Handwerk ſich zu zeigen, ihnen in den Weg zu treten, ſich mit ihnen zu meſſen, oder ihre Freundſchaft zu ſuchen. Dem groͤßten Theil an Reichthuͤmern und An⸗ haͤngern, an Kuͤhnheit und Tapferkeit vielleicht Allen uͤber⸗ legen, verleidete er Vielen jede Nebenbuhlerſchaft mit ihm, richtete den Einen uͤbel zu, und machte ſich den Andern zum Freunde, zu einem untergeordneten Freunde, wie er⸗ ſeinem Hochmuth nachgebend und ſich zum Gehuͤlfen ernie⸗ — 191— drigend, ihm allein gefallen konnte. In der Wirklichkeit wurde auch er am Ende der Verwalter, das Werkzeug al⸗ ler Andern; auch ſie ermangelten nicht, die Thaͤtigkeit ei⸗ nes ſolchen Verbuͤndeten in Anſpruch zu nehmen, und bei ſolchem Rufe hielt er jede Weigerung fuͤr eine Verdunke⸗ lung ſeines Ruhmes, als koͤnnte er die angenommene Stel⸗ lung nicht behaupten. Auf dieſe Weiſe ſtellte er ſowohl fuͤr ſich als fuͤr Andre ſo ſtraͤfliche Dinge an, daß weder Namen noch Verwandtſchaft, weder die Freunde noch ſeine eigene Kuͤhnheit ihn vor der oͤffentlichen Verbannung ſchirmen konnten; ſo vielfachem maͤchtigem Haſſe mußte er am Ende weichen, und ſich aus dem Staat entfernen. Hierauf, glaub' ich, bezieht ſich eine merkwuͤrdige Stelle in unſerm Ripamonti.„Als er einmal das Land raͤumen mußte, war die Heimlichkeit, mit welcher er zu Werke ging, die Achtung und Furchtſamkeit hoͤchſt ſeltſam; er zog zu Pferde, mit einem Gefolge von Hunden, unter Trompetenſchall, durch die Stadt, und als er vor dem koͤniglichen Palaſte voruͤber kam, hinterließ er der Wache einen uͤbermuͤthig⸗ beleidigenden Auftrag fuͤr den Statthalter.“ In der Entfernung brach er ſeine Umtriebe nicht ab; er blieb mit ſeinen Freunden im Briefwechſel, und dieſe hingen, um Ripamonti's Ausdruck woͤrtlich zu uͤberſetzen, in heimlichem Bunde verwegener Anſchlaͤge und heilloſer Unternehmungen,“ fortwaͤhrend mit ihm zuſammen. Ja, er ſcheint um dieſe Zeit, an hoͤherem Orte, mit neuen ent⸗ ſetzlichen Abſichten umgegangen zu ſeyn; der erwaͤhnte Ge⸗ ſchichtſchreiber gleitet mit geheimnißvoller Kuͤrze daruͤber hinweg.„Auch einige auswaͤrtige Fuͤrſten bedienten ſich mehrmals bei wichtigen Gelegenheiten ſeines boͤſen Her⸗ ſollte.“. 1„1 1 zens, und ſchickten ihm oft aus weiter Entferuung Ver⸗ ſtaͤrkung an Mannſchaft, die unter ſeinem Befehle dienen 12 31t. 1421 Endlich— nach wie langem Zwiſchenraume weiß man nicht— ward entweder durch Vermittelung eines Maͤchtigen der Bannſpruch widerrufen, oder die Kuͤhnheit des Menſchen errang ihm die Freiheit. Er beſchloß, nach Hauſe zuruͤck zu kehren, und fuͤhrte es wirklich aus; doch begab er ſich nicht nach Mailand, ſondern auf das Schloß einer ſeiner Lehensleute, an der Grenze des bergamaskiſchen Gebietes, wo damals, wie Jedermann weiß, Venedig die Herrſchaft fuͤhrte. Hier wollte er von nun an wohnen. „Dieſes Haus“ erklaͤrt Ripamonti, war gleichſam eine Werkſtatt blutiger Auftraͤge; Erzbanditen und Moͤrder ſeine Diener; der Koch wie der Kuͤchenjunge mußten ſich zu Dolchſtoͤßen verſtehen; Knaben hatten blutdampfende Haͤnde.“ Außer dieſem muſterhaften Hausgefolge hatte er ein aͤhnli⸗ ches, ſeines Winkes gewaͤrtig, umher zerſtreut; in den ver⸗ ſchiedenen Punkten der beiden Staaten, an deren Grenze er lebte, gleichſam auf Poſten ſtehend. Alle Gewaltthaͤtigen weit umher hatten, der Eine bei dieſer, der Andre bei jener Gelegenheit, zwiſchen der Freund⸗ ſchaft und der Feindſchaft dieſes außerordentlichen Tyran⸗ nen waͤhlen muͤſſen. Die Erſten, welche einen Verſuch zum Widerſtande gemacht, kamen ſo uͤbel dabei weg, daß Keiner weiter einen ſolchen Verſuch ſich in den Kopf kom⸗ men ließ. Wollte man unabhaͤngig von ihm bleiben, ſo reichte es nicht hin, auf ſeine eigenen Angelegenheiten wach⸗ ſam zu ſehen, oder auf ſich Acht zu haben. Es langte ein Abgeſandter von ihm an, und befahl, man ſolle von dieſer — 193— Unternehmung abſtehen, oder jenen Schuldner zu draͤngen aufhoͤren; ſo mußte man entweder Ja oder Nein antwor⸗ ten. Hatte ein Theil, mit lehensmaͤnnlicher Ergebenheit, irgend ein Geſchaͤft ſeinem ſchiedsrichterlichen Ausſpruche uͤberlaſſen, ſo ſah der Andre ſich zu der ſchwierigen Wahl gezwungen, auf ſeine Entſcheidung es ankommen zu laſſen, oder ſich als ſeinen Feind zu erklaͤren; das war eben ſo gut, wie man damals ſagte, als vom Großvater die Schwindſucht geerbt zu haben. Wer Unrecht hatte, nahm zu ihm ſeine Zuflucht, um bei der Entſcheidung Recht zu haben; Viele hatten das Recht auf ihrer Seite, ſuchten aber einen ſo maͤchtigen Schutzherrn zu gewinnen, und ih⸗ rem Widerſacher den Vortritt bei ihm abzulaufen; Dieſe wie Jene wurden vorzuͤglich von ihm abhaͤngig. Biswei⸗ len traf es ſich, daß ein ohnmaͤchtiger Unterdruͤckter, von einem Uebermaͤchtigen gepeinigt und gedraͤngt, ſich an ihn wandte; dann ergriff er ſeine Parthei, und zwang den Gegner, von der Beleidigung abzuſtehen, ſein Unrecht zu verguͤtigen, ſich zu Entſchuldigungen herabzulaſſen, oder zermalmte ihn, wenn er Widerſtand leiſtete, trieb ihn, die Gegend, wo ſein Uebermuth ſich geſpreizt, zu verlaſſen, und ließ ihn auch wohl eine noch ſchnellere, ſchrecklichere Strafe zahlen. In ſolchen Faͤllen ward der gefuͤrchtete, verabſcheute Name einen Augenblick geſegnet; denn wie die Zeiten damals waren, haͤtte man dieſes Heilmittel um nicht Gerechtigkeit zu ſagen, dieſe Vergeltung von keiner andern Gewalt, ſelbſt von der offentlichen nicht, erwarten koͤnnen. Oefter aber und gewoͤhnlich war die ſeinige eine Dienerin ungerechter Luͤſte, gewaltſamer Eigenmaͤchtigkei⸗ ten, beleidigender Launen. Doch der verſchiedene Gehrauch II. 13 — 191— dieſer Gewalt brachte am Ende dieſelbe Wirkung hervor; es beherrſchte die Gemuͤther eine hohe Vorſtellung von demjenigen, was er gegen Billigkeit und Unbilligkeit durch⸗ zuſetzen vermochte, waͤhrend beide allen andern Menſchen ſo viele Hinderniſſe in den Weg legen, und ſie oft wieder zum Ruͤckſchritt bewegen. Der Name der gewoͤhnlichen Tyrannen beſchraͤnkte ſich meiſtens auf den kleinen Land⸗ ſtrich, in welchem ihre druͤckende Gegenwart ſich empfin⸗ den ließ; jedes Gebtet hatte die ſeinigen; ſie waren einan⸗ der ſo aͤhnlich, daß die Leute um diejenigen, deren Gewicht oder Feindſeligkeit ſie nicht ſeufzen machte, ſich wenig be⸗ kuͤmmerten. Dieſer aber war ſeit langer eit in jedem Winkel des Herzogthums bekannt; uͤberall machte ſein Leben einen Gegenſtand der Erzaͤhlungen unter dem Volke aus; mit ſeinem Namen war der Begriff von uͤbermaͤßiger Macht/ war etwas Dunkles und Fabelhaftes verbunden. Der Ver⸗ dacht, daß er uͤberall Verbundene und Mordgeſellen be⸗ ſolde, erhielt die Erinnerung an ihn uͤberall lebendig. Freilich nur ein Verdacht; denn wer moͤchte ſich offen zu ſolch einer Soͤldnerſchaft bekannt haben? Aber jeder Un⸗ terdruͤcker konnte ſein Bundesgenoſſe, jeder Schurke ſein Helfershelfer ſeyn; die ungewißheit ſelbſt erdffnete alſo dem Glauben ein weiteres Feld, und gab dem Schrecken eine finſtrere Farbe. So oft ſich irgendwo unbekannte Waf⸗ fentraͤger, Leute von ſcheußlicherem Anſehen als gewoͤhn⸗ ich, blicken ließen, ſo oft man den urheber einer ungeheu⸗ ren That nicht anzugeben oder zu errathen wußte, raunte man ſich ſeinen Namen zu, welchen wir, Dank der Vor⸗ ſicht unſrer Schriftſteller, nicht mittheilen koͤnnen, und — 195— durch die Bezeichnung„der Ungenannte“ erſetzen muͤſſen. Fi en Kr n as⸗— Von der Burg dieſes Menſchen bis zu Don Rodrigo's Pallaſt waren nur ſieben Miglien. Kaum ſein eigener Herr und ein Unterdruͤcker geworden, mußte dieſer einſehen, daß bei der geringen Entfernung von ſolch einem Gewalt⸗ mann das Handwerk ſich nicht treiben ließ, ohne mit demſelben an einander zu gerathen, oder ſich mit ihm zu verſtaͤndigen. Er hatte ſich daher ihm angeboten, und war, im Geiſte aller Uebrigen, ſein Freund geworden; er hatte— mehr giebt die Handſchrift nicht zu verſtehen— ihm verſchiedentlich Dienſte geleiſtet, und dadurch jedesmal das Verſprechen von Vergeltung und Beiſtand, unter allen Umſtaͤnden, erhalten. Indeſſen war es ihm ſehr darum zu thun, mit einer ſolchen Freundſchaft nicht an das Licht der Welt zu treten; wenigſtens ſollte Niemand erfahren, wie innig ſie waͤre und worauf ſie fußte. Don Rodrigo wollte wohl auch den Unterdruͤcker, aber nicht den zuͤgelloſen Un⸗ terdruͤcker ſpielen; das Handwerk war in ſeinen Augen Mittel, nicht Ziel; es kam ihm darauf an, in der Stadt frei zu verweilen, die Bequemlichkeiten, die Luſtfahrten, die Ehrenbezeugungen eines geſitteten Lebens zu genießen, und ſo mußte er gewiſſe Ruͤckſichten nehmen, ſeine Verwandten bedenken, die Freundſchaft wuͤrdevoller Maͤnner zu behaup⸗ ten ſuchen, und in der Wagſchale der Gerechtigkeit immer eine Hand haben, um ſie, wo es noͤthig, auf ſeine Seite zu neigen, ſie ſeitwaͤrts zu druͤcken, oder Denjenigen zu Bo⸗ den zu werfen, welcher auf ſolche Weiſe leichter als durch eigene Gewalt ihm beikommen zu koͤnnen meinte. Hierin wuͤrde ihm die innige Verbindung mit einem Beruͤchtigten — 196— dieſer Art, mit einem unverhohlenen Feind der offentlichen Gewalt, unſtreitig uͤble Dienſte geleiſtet haben, und ihm vorzuͤglich bei dem Grafen Oheim ſchlimm bekommen ſeyn; die Freundſchaft indeſſen, die ſich nicht verbergen ließ, konnte für eine unerlaͤßliche Bequemung gegen einen Men⸗ ſchen gelten, deſſen Feindſchaft allzu gefaͤhrlich, und durfte mit der Nothwendigkeit entſchuldigt werden. Denn wer die Aufforderung zur Vorſicht hat, ſie aber nicht anwenden will oder anzuwenden verſteht, dem iſt allmaͤhlig damit ge⸗ dient, daß bis auf einen gewiſſen Pnnkt ein Andrer fuͤr ſeine Angelegenheiten Sorge trage, und wenn er auch nicht mit deutlichen Worten darin willigt, ſo drüct er doch ein Auge zu. Eines Morgens ritt Don Rodrigo aus, und hatte ei⸗ nen Jagdͤzug, auch eine kleine Begleitung von Bewaffne⸗ ten zu Fuße bei ſich; der Graue dicht neben ihm, vier An⸗ dre nachfolgend. So nahm er nach dem Schloſſe des Un⸗ genannten ſeinen Weg. 1 Neuntes Kapitel. Das Schloß des Ungenannten lag, hoch uͤber ein en⸗ ges, finſterſchattiges Thal emporragend, auf dem Gipfel eines Huͤgels, welcher aus einer rauhen Gebirgskette einſam hervorſprang, und mit derſelben durch einen Haufen von Dornfelſen und einzelnen Sandſteinen, durch einen Irr⸗ gang von Hoͤhlen und Abgruͤnden eben ſo wohl zuſammen⸗ hing, als von ihr getrennt ward. Nur von der Seite des Thales aus ließ ſich hinaufkommen; da war ein ſteiler, 1 m— — 197— aber gleichfoͤrmig ſich erhebender Abhang, deſſen Hoͤhe mit Weiden, deſſen tiefere Senkung mit Ackerrainen, hier und dort auch wohl mit Huͤtten beſetzt war. unten floß durch ein Kieſelbette ein waſſerarmer, oder nach Verhaͤltniß der Jahreszeit, ein hochgeſchwollener Wildbach, welcher damals ſich als die Grenze zweier Beſitzthuͤmer hinzog. Die ge⸗ genuͤberliegenden Bergruͤcken, die gleichſam die andre Wand des Thales bildeten, zeigten einen leiſe ſich ſenkenden bebau⸗ ten Abhang; doch erſtreckte ſich derſelbe nicht weit; das Uebrige beſtand in hartem Geſtein oder ſchlackenartigen Bruchſtuͤcken, in ſteilen Erhoͤhungen, weglos und nackt, poo ſich nicht etwa hier und dort in den Spalten oder auf der emporgeworfenen Erde eine hewachſene Scholle wahr⸗ nehmen ließ. Von der Hoͤhe der Felſenburg uͤberblickte der wilde Herr, wie der Adler von ſeinem blutigen Neſte, die Ge⸗ gend rings umher, wo nur ein Wandler den Fuß hinſez⸗ zen konnte, waͤhrend er uͤber ſeinem Haupte kein lebendes Weſen mehr ſich regen hoͤrte. Mit einer einzigen Wen⸗ dung der Augen durchlief er die ganze Felſenenge, die ab⸗ ſchuͤſſigen Senkungen, die Tiefe und die gangbaren Wege darin. Der Pfad, welcher in Winkeln und Kruͤmmungen zur ſchauerlichen Wohnung hinauffuͤhrte, enthuͤllte ſich dem Spaͤher, der von oben herabblickte, wie ein geſchlaͤngeltes Band; von den Fenſtern, von den Schußloͤchern der Mauer aus konnte der Beſitzer die Schritte eines Heraufſteigenden gemaͤchlich zaͤhlen, und ihn, ſo oft er wollte, aufs Korn nehmen. Und ſelbſt wenn ein zahlreicher Haufe von An⸗ greifern heranruͤckte, konnte er mit der Bedeckung von Bravi, welche er oben hielt, ehe noch ein Einziger zur An⸗ — 198— hoͤhe gelangt/ viele auf den Fußpfad hinſtrecken oder in den Abgrund hinunterſtuͤrzen. Doch wer mit dem Herrn des Schloſſes auf keinem freundſchaftlichen Fuße ſtand, der wagte ſich zum Felſen nicht hinan, wagte den Fuß nicht einmal in's Thal zu ſetzen, oder auch nur fluͤchtig hindurch zu gehen. Ein Haͤſcher aber, der ſich dort haͤtte ſehen laſ⸗ ſen, waͤre wie ein feindlicher Kundſchafter in einem Lager behandelt worden. Von Denjenigen, welche zuletzt ſolch ein Unternehmen verſucht, erzaͤhlte man ſich traurige Ge⸗ ſchichten; doch klangen ſie aus laͤngſt vergangenen Zeiten heruͤber; keiner der jungen Thalbewohner erinnerte ſich, ei⸗ nen Menſchen dieſes Handwerks lebendig oder todt dort geſehen zu haben. 3 So lautet die Schilderung, welcher unſer Anonymus von dem Wohnſitz entwirft; uͤber den Beſitzer entgleitet ihm auch nicht ein einziges Woͤrtchen; ja um uns jeden Finger⸗ zeig zur Entdeckung zu venehmen, ſpricht er von Don Ro⸗ drigo's Reiſe durchaus nicht, ſondern verſetzt ihn, wie durch ein Zaubergeſpann, ſogleich mitten in's Thal, an den Fuß der Anhoͤhe, wo zwiſchen rauhen Huͤgeln der Fußpfad ſich 4 durchwand. Dort ſtand eine Schenke, die man fuͤglich eben ſo gut ein Wachthaus nennen konnte. Ein altes Gaſt⸗ ſchild uͤber der Thuͤre zeigte von beiden Seiten eine ge⸗ mahlte Strahlenſonne; die oͤffentliche Stimme dagegen, welche bisweilen die Namen, wie ſie ihr vorgeſagt worden, wiederholt, bisweilen ſie aber auch nach ihrer Weiſe um⸗ ſchmelzt, bezeichnete die Schenke gewoͤhnlich mit dem Na⸗ men der ſchlimmen Nacht. Bei dem Geraͤuſch eines nahenden Reiterhaufens er⸗ ſchien an der Schenkthuͤre ein junger Kerl mit Meſſer und —* 199— Piſtolen wohlbewehrt; nachdem er hingeblickt/ ging er wie⸗ der hinein, und zeigte es dreien Bewaffneten an, welche an einem Tiſche ſaßen und mit ſchmutzigen, wie Ziegel umge⸗ bogenen Karten ſpielten. Der Eine, wie es ſchien, das Haupt, ſtand auf, begab ſich nach der Pforte, erkannte ei⸗ nen Freund ſeines Herrn, und verneigte ſich ihm. Don Rodrigo erwiederte mit vieler Hoͤflichkeit den Gruß, und fragte, ob der Herr ſich im Schloſſe befaͤnde; nachdem Je⸗ ner ihm geantwortet, er glaube wohl, ſtieg er vom Pferde, und warf dem Geradetriff, einem Bravo ſeines Gefolges, den Zuͤgel zu. Darauf nahm er ſich die Flinte ab, und uͤbergab ſie dem Bergmann, einem andern Bravo, um ſich, dem Anſchein nach, von einer unnuͤtzen Laſt zu erleichtern⸗ und behender hinauf gehen zu koͤnnen; in der That aber⸗ weil er wohl wußte, daß es Niemandem erlaubt war, die Anhoͤhe mit einem Schießgewehr zu betreten. Darauf holte er einige Silberſtuͤcke aus der Taſche, und gab ſie dem Hoͤhlenloch, einem dritten Bravo, mit den Worten: „Bleibt hier und erwartet mich; koͤnnt Euch indeſſen mit den wackern Leuten da ein wenig luſtig machen.“— End⸗ lich zog er einige Goldſeudi hervor, legte ſie jenem Anfuͤh⸗ rer der Bewaffneten in die Hand, und hieß ihn die eine Haͤlfte fuͤr ſich behalten, die andre Haͤlfte aber unter ſeine Leute vertheilen. Zuletzt begab er ſich mit dem Grauen,⸗ welcher gleichfalls ſeine Flinte abgelegt hatte, auf den Weg zur Anhoͤhe. Waͤhrend deſſen blieben die drei genannten Bravi mit dem vierten, dem Wirrwarrling, mit den dreien des Ungenannten und dem jungen Kerl, der gleichfalls fuͤr den Galgen heranwuchs, zuruͤck, ſpielten, zechten und er⸗ zaͤhlten einander ihre Heldenzuͤge. — 200— Ein andrer Naufer des Ungenannten, welcher hinauf⸗ ſtieg, holte kurz darauf den vornehmen Gaſt ein; er betrach⸗ tete ihn, erkannte ihn, und bot ſich ihm zur Begleitung an. So war Don Rodrigo der Unannehmlichkeit uͤberho⸗ ben, ſeinen Namen ſagen, und einem Jeden, welchem er begegnen wuͤrde, Auskunft uͤber ſich geben zu muͤſſen. Zum Schloſſe gelangt und hinein gelaſſen, waͤhrend der Graue jedoch an der Thuͤre zuruͤck blieb, ward er durch einen wahren Irrweg von dunkeln Hallengaͤngen gefuͤhrt, und kam durch verſchiedene Saͤle, deren Waͤnde mit Flinten, Saͤbeln und Partiſanen behaͤngt waren. In einem jeden ſtand ein Bravo als Wacht da. Nachdem er darauf ein wenig hatte warten muͤffen, ließ man ihn endlich in das Zimmer treten, darin der Ungenannte ſich befand. Dieſer ging ihm, ſeinen Gruß erwiedernd, entgegen. Dabei maß er ihn mit beobachtenden Blicken und befuͤhlte ſeine Haͤnde; es war ſeine Gewohnheit, und ſelbſt wenn alte, gepruͤfte Freunde ihn beſuchten, verfuhr er bereits, ohne es zu wollen, auf dieſelbe Weiſe. Er war von hoher Ge⸗ ſtalt, kahl, und von der Sonne wie verbrannt; das kahle Haupt, das Grau der wenigen Haare, die ihm geblieben, und die Runzeln des Geſichtes ließen beim erſten Anblick auf ein Alter weit uͤber die Sechszig hinaus ſchließen; doch hatte er ſie eben erſt zuruͤckgelegt; die Haltung aber und die Bewegungen, die zuruͤckgebliebene Staͤrke der Ge⸗ ſichtszuͤge, und ein dunkles Feuer, welches ſeinen Augen entſpruͤhte, verkuͤndeten einen ruͤſtigen Korper, eine kraft⸗ volle Seele, die auch an einem jungen Manne etwas Au⸗ ßerordentliches geweſen waͤren.— Don Rodrigo ſagte, er komme, um Rath und Huͤlfe 3 ſich zu holen; er ſtehe bei einem ſchwierigen Unternehmen, wo ſeine Ehre ihm keinen Ruͤckſchritt erlaube; er habe daꝰ her ſich die Verſprechungen eines Mannes in's Gedaͤchtniß zuruͤckgerufen, welcher nie zuviel, noch jemals vergebens verſpreche/ und ſo ſetzte er den verwickelten Handel/ in den ſeine Laſterhaftigkeit ihn hineingezogen, auseinander. Der Ungenannte, welcher ſchon etwas davon, aber nicht deut⸗ lich, wußte, hoͤrte die Erzaͤhlung aufmerkſam mit an; theils weil er an dergleichen Geſchichten einen Wohlgefallen hatte, vorzuͤglich aber, weil ein Name darin vorkam, der ihm eben ſo verhaßt als bekannt war, der Name des Bruders Cri⸗ ſtoforo, des erklaͤrten Tyrannenfeindes mit Worten und, wo er konnte, mit Thaten. Der Erzaͤhler gab ſich Muͤhe, die Schwierigkeiten der Unternehmung uͤbertrieben darzu⸗ ſtellen; die Entfernung des Ortes, ein Kloſter, eine Nonne von ſo hoher Geburt— bei dieſem Worte ſtel ihm der Un⸗ genannte, als wenn im Herzen ein verborgener Daͤmon des Verderbens es ihm gebot, ploͤtzlich in die Rede, und rief: er wuͤrde das Beginnen auf ſich nehmen. Er merkte ſich den Namen unſrer armen Lucia, und entließ ſeinen Gaſt mit dem Beſcheide:„Binnen Kurzem ſollt Ihr Nachricht von mir erhalten, was Ihr zu thun habt.“ Wenn ſich der Leſer jenes unſeligen Egidio erinnert, welcher dicht am Nonnenkloſter zu Monza wohnte, ſo wiſſe er jetzt, daß er einer der innigſten und vertrauteſten Fre⸗ velgenoſſen des Ungenannten war; aus dieſer Urſache hatte dieſer ſo ſchnell und entſchloſſen ſein Wort zu geben ver⸗ mocht. Deſſenungeachtet ſah er ſich kaum allein, als er auch ſchon, wir wollen nicht ſagen, es bereute, doch aber einen Aerger empfand, daß er es gegeben. Schon ſeit ei⸗ — 202— niger Zeit war er ſeines frevelhaften Wandels uͤberdruͤſſig, wofern es nicht die leiſe Verkuͤndung von Gewiſſensbiſſen war. Die zahlloſe Menge von Unthaten, welche ſich frei⸗ lich mehr in ſeinem Gedaͤchtniſſe, als in ſeinem Gewiſſen, angehaͤuft hatte/ richtete ſich bei einer jeden, die er von Neuem beging, wieder friſchfarbig empor, und zeigte ſich ſeinem Geiſte in widriger Geſtalt, in zu gedraͤngter Zahl; ees war, als wenn ein ſchon laͤſtiges Gewicht unaufhoͤrlich an Druck zunimmt. Jene Anwandlung des Widerwillens, 1 welchen er bei ſeinen erſten Verbrechen empfunden, und nachher als ein beſiegtes Gefuͤhl faſt gaͤnzlich verlernt hatte, kehrte jetzt wieder zuruͤck, und machte ſich bemerkbar. Aber in jenen erſten Zeiten hatte das Bild einer langen, unbe⸗ grenzten Zukunft, die Empfindung einer ruͤſtigen Lebens⸗ kraft, ſein Gemuͤth mit kummerloſem Vertrauen erfuͤllt; jetzt ganz anders, gerade die Gedanken an die Zukuuft be⸗ nahmen dem durchmeſſenen Leben auch den letzten Reiz.— Alt werden! Sterben! Und dann?— Wenn das Bild des Todes, welches bei einer nahen Gefahr, einem Feinde ge⸗ genuͤber, die Lebensgeiſter dieſes Menſchen zu verdoppeln pflegte, und ihn mit muthathmendem Grimm beſeelte, ploͤtz⸗ lich im Schweigen der lautloſen Nacht, im ſichren Bezirk ſeiner Felſenburg, vor ſeinen Augen emporſtieg, ſo ſchlug es ihn— eine bemerkenswerthe Erſcheinung— mit ge⸗ waltſamer Beſtuͤrzung zu Boden. Hier drohte kein Feind, der ſelbſt ſterblich war, mit dem Tode; hier konnte dieſer Feind nicht mit ſtaͤrkeren Waffen, mit gewandterem Arme zuruͤckgetrieben werden; er kam allein, entſtand gleichſam im Zimmer ſelbſt; er war vielleicht noch fern, ruͤckte aber mit jedem Augenblick einen Schritt naͤher, und ſchlich her⸗ — 203— bei, waͤhrend die Seele ſich ſchmerzlich anſtrengte, ieden Gedanken an ihn zu entfernen. 1nan In fruͤheren Zeiten hatte das vielfache Beiſpiel, das beſtaͤndige Schauſpiel der Gewaltthaͤtigkeit, der Rache und des Mordes, mit wilder Nacheiferungsſucht ihn begeiſtert, ihm zugleich als eine Art von hoͤherem Gegengewicht zur Bekaͤmpfung des Gewiſſens gedient; jetzt entwickelte ſich allmaͤhlig in ſeinem Geiſte der verworrene, aber ſchreckliche Gedanke an ein Gericht, das jedes Einzelnen harret, an eine Rechenſchaft, vom Beiſpiel unabhaͤngig; daß er alſo aus dem gewoͤhnlichen Haufen der Frevler hervorgetreten, alle uͤberragte, uͤberraſchte ihn bisweilen mit dem Bewußt⸗ ſeyn einer entſetzlichen Einſamkeit. Nur ſprechen hatte er von Gott gehoͤrt; gewohnt zu leben, als wenn es keinen gaͤbe, mochte erſſie langer Zeit ihn weder leugnen noch erkennen; jetzt aber ſchien ihm in gewiſſen Augenblicken einer grundloſen Niedergeſchlagenheit, eines gefahrloſen Schreckens, dieſer Gott in ſeinem eigenen Buſen zuzuru⸗ fen: Ich bin dennoch! In der erſten Gluth der Leiden⸗ ſchaften hatte das Geſetz welches er im Namen dieſes Got⸗ tes ankuͤndigen gehoͤrt, ihm nur verhaßt geſchienen; wenn es jetzt ſich unverſehens ſeinem Geiſte darſtellte, betrachtete er es wider Willen als eine Sache, die ihre Erfuͤllung er⸗ halten. Niemals aben ließ er von dem Allen etwas durch⸗ ſchimmern, weder d Worte noch durch Handlungen verrieth er die neue Unruhe; er bedeckte ſie aufmerkſam, und verlarvte ſie mit dem Trugſchein einer finſteren, be⸗ grundeten Wildheit; damit ſuchte er ſie zugleich ſich ſelbſt zu verbergen oder zu erſticken. Die Tage, da er ſeine Ver⸗ brechen ohne Gewiſſensbiſſe zu veruͤben gewohnt war, und — 201— der Erfolg allein ihn bekümmerte⸗ konnte er weder ver⸗ nichten noch vergeſſen; aber er beneidete ſeine Vergangen⸗ heit um ſie, er bemühte ſich auf alle Weiſe, ſi e zurüͤckzu⸗ rufen, wollte den alten vollen Willen in ſeiner ſorgen⸗ freien Kühnheit wieder herbeiziehen, und ſich ſo uͤberzeugen, daß er noch derſelbe Menſch ſey. Daher hatte er auch bei dieſer Gelegenheit, um jedem bedenklichen Schwanken zuvorzukommen, dem Gaſte den Augenblick ſein Wort verpfaͤndet. Kaum aber war dieſer fortgegangen, ſo fuͤhlte er den Entſchluß/ den er ſich ſelbſt anbefohlen, wieder matt werden; allmaͤhlig tauchten in ſei⸗ nem Geiſte Gedanken auf, welche ihn in Verſuchung füͤhr⸗ ten, das gegebene Wort fahren zu laſſen, und vor einem Freunde, vor einem untergeordneten Mitverbrecher, ſi ſich kleinmuͤthig kraͤnkelnd zuruͤckzuziehen. Um dieſen peinlichen Kampf mit einem einzigen Streich zum Schweigen zu bringen, ließ er den Geyer rufen, einen der gewandteſten und waghaͤlſigſten Diener ſeiner Ausſchweifungen, durch welchen er gewoͤhnlich ſein Verſtaͤndniß mit jenem Egidio unterhielt. Mit entſchloſſener Miene gebot er ihm⸗ ſogleich ein Pferd zu beſteigen, gerades Weges nach Monza zu rei⸗ ten, dem Freunde die Verpflichtung, ſo er uͤbernommen, kund zu thun, und zur Ausfuͤhrung ihn um Huͤlfe und An⸗ weiſung zu bitten. Schneller als ſein Herr ihn erwarieke, kehrte der ab⸗ gefertigte Schurke mit Egidio's Antwort zuruͤck; das un⸗ ternehmen ſey leicht und ſicher; der Ungenannte moͤchte nur ſogleich eine Kutſche ſchicken, die man nicht kenne/ mit ihr ſollten zwei oder drei wohlvermummte Bravi kom⸗ men; in Hinſicht alles Uebrigen nehme Egidio die Sorge — 205— auf ſich, und wuͤrde die Sache leiten.— Wie es auch im Herzen ſi ſich ihm regte/ gab der Ungenannte dennoch dem Geyer eiligſt den Auftrag, dem Anerbieten gemaͤß ein Je⸗ des zu bereiten, und mit zweien Andern, die er ihm be⸗ zeichnete, ſich zur Ausfuͤhrung auf den Weg zu machen. Haͤtte Egidio zur Ausfuͤhrung des entſetzlichen Dien⸗ ſtes, welcher von ihm verlangt worden, nur auf ſeine ge⸗ woͤhnlichen Huͤlfsmittel rechnen duͤrfen, ſo wuͤrde er gewiß⸗ lich ſich nicht ſo ſchnell zu einem ſo entſchiedenen Verſpre⸗ chen verſtanden haben. Aber in jenem Zufluchtsorte ſelbſt/ wo Alles ein Hinderniß zu ſeyn ſchien, hatte der zuͦgelloſe Juͤngling ein Werkzeug, ihm nur allein bekannt, und was fuͤr Andere die groͤßte Schwierigkeit geweſen waͤre, mußte ihm gerade den Weg bahnen. Wir haben erzaͤhlt wie die ungluͤckliche Tochter des Fuͤrſten einſt ſeinen Worten Ge⸗ höoͤr gegeben, und der Leſer wird von ſelbſt geſchloſſen ha⸗ ben, daß dieß damals nicht zum letzten Male geſchehen; es war nur der erſte Schritt auf einem blutigen Wege der Abſcheulichkeit. Dieſelbe Stimme, welche bereits eine Ge⸗ bieterin geworden, und mit maͤchtigem Gewichte zum Ver⸗ brechen aufforderte, verlangte jetzt von der bedauernswer⸗ then Verbrecherin die Aufopferung der Unſchuldigen, welche man ihrer ſorgſamen Huth anvertraut hatte. Gertruden ſetzte der Antrag in Schrecken. Schon durch einen unerwarteten Zufall, ohne Schuld, Lucien verlieren, haͤtte ihr ein Ungluͤck, eine empfindliche Strafe geſchienen; jetzt muthete man ihr zu, ſich des Maͤdchens mit einer fre⸗ velhaften Treuloſigkeit zu berauben, das Mittel zur Suͤh⸗ nung in eine neue Gewiſſensqual zu verwandeln. Die Unglüͤckliche verſuchte alle Wege, um ſich dem entſetzlichen — 206— Gebote zu entziehen, nur den einzigen nicht, welcher un⸗ fehlbar gegluͤckt haͤtte, und ihrer Wahl frei ſtand. Das Verbrechen iſt ein ſtrenger, unbeugſamer Herr, und mit Erfolg widerſteht ihm nur Derjenige, welcher aus allen Kraͤften ſich dagegen waffnet. Dazu mochte Gertrude ſich nicht entſchließen, und gehorchte. Der Tag war feſtgeſetzt, die verabredete Stunde nahte; Gertrude hatte ſich mit Lucien in ihr beſonderes Sprach⸗ zimmer zuruͤckgezogen, und uͤberhaͤufte ſie zaͤrtlicher als ge⸗ woͤhnlich mit Liebkoſungen. Lucia empfing ſie freudig, und vergalt ſie mit ſteigender Zaͤrtlichkeit, wie ein Lamm, wel⸗ ches unter der Hand des Schaͤfers, der es freundlich ſtrei⸗ chelt, unkundig zittert, und eben dieſe Hand gedankenlos leckt; es weiß nicht, daß der Fleiſcher, welchem der Schaͤ⸗ fer vor wenigen Minuten es verkauft hat, vor dem Schaf⸗ ſtalle wartend daſteht.* „Ich bedarf einer großen Gefaͤlligkeit!“ begann Ger⸗ trude,„und Du allein kannſt ſie mir erzeigen. So viele Diener ſtehen fertig da, mir Gehorſam zu leiſten; keine Seele aber, der ich mich vertrauen duͤrfte. Es liegt mir ein hoͤchſt wichtiges Geſchaͤft am Herzen— ich will's Dir nachher erzaͤhlen; deßhalb muß ich auf der Stelle den Pa⸗ ter Guardian der Kapuziner rechen, denſelben, der Dich meine arme Lucia, hier bei mir eingefuͤhrt hat; Keiner auf Erden aber darf erfahren, daß ich nach ihm geſchickt habe. Ich weiß Niemanden als Dich, um heimlich den dringen⸗ den Auftrag zu uͤbernehmen.“ Lucia ſchauderte vor einer ſolchen Zumuthung zuruͤck. Mit ihrer angeborenen Schaamhaftigkeit, doch nicht ohne einen ſtarken Ausdruck der Verwunderung,⸗ fuͤhrte ſie au⸗ — 202— genblicklich, um ſich von dem Antrage zu befreien, die Ge⸗ gengruͤnde an, welche die Ronne nothwendig billigen mußte, und ohne Zweifel ſelbſt vorhergeſehen hatte; ohne die Mut⸗ ter, ohne Begleitung, auf einem einſamen Wege, in einer unbekannten Gegend... Gertrude aber war in einer hoͤl⸗ liſchen Schule zur Meiſterin erzogen worden. In einem Maͤdchen, welchem ſie ſo vielfache Wohlthaten erzeigt hatte, eine ſolche Widerſpenſtigkeit zu finden, ſchien ſie in eine weit groͤßere Verwunderung zu ſetzen; ſie ließ den verdruͤß⸗ lichſten Unwillen blicken, und bewies, wie grundlos Lu⸗ ciens Entſchuldigungen ſeyen. Am hellen Tage, ein kurzer Spaziergang, ein Weg, den Lucia wenige Tage vorher ge⸗ macht hatte, den auch ein Menſch, ohne ihn je beruͤhrt zu haben, nach der bloßen Angabe ſchon, unmoͤglich verfehlen konnte. Sie verſtand zu reden, und das arme Maͤdchen, zu gleicher Zeit von Dankbarkeit und Schaam bewogen, ließ ſich die Worte entſchluͤpfen:„Nun wohl, was hab' ich dort zu thun?“ „Geh zum Kloſter der Kapuziner“— ſie beſchrieb ihr den Weg noch einmal—„laß Dir den Pater Guardian herausrufen, und ſag' ihn, er moͤchte auf der Stelle zu mir kommen; es darf Dir aber Keiner anmerken, daß ich Dir den Auftrag dazu gegeben habe.“ „Was ſoll ich aber der Schweſter Wirthſchafterin ſa⸗ gen? Sie ſah mich noch niemals hinausgehen, und wird alſo fragen, wohin ich will?“ „Du mußt durchzukommen ſuchen, ohne daß Einer Dich ſieht. Laͤßt ſich das aber nicht thun, ſo ſag' ihr, Du geheſt nach der und der Kirche, habeſt Der uro hen Dein Gebet dort zu verrichten.“ — 208— Luͤgen— eine neue Schwierigkeit fuͤr Lucien. Die Edelnonne zeigte ſich jedoch abermals gegen jeden Wi⸗ derſpruch ſo emport, ſtellte Weigerung und Dankbarkeit ſo unvertraͤglich neben einander, daß die Arme, mehr betaͤubt als uͤberzeugt, unfaͤhig, ihren Widerſtand laͤnger zu verthei⸗ digen, zur Antwort gab:„Nun gut denn, ich gehe. Gott ſtehe mir bei!“— Und ſo machte ſie ſich auf. Gertrude folgte ihr vom Gitter aus mit ſtarrem, fin⸗ ſterem Blicke. Sie ſah ſie den Fuß auf die Schwelle ſetzen, fuͤhlte ſich von einer unwiderſtehlichen Empfindung uͤbermannt, bewegte unwillkuͤhrlich die Lippen, und rief: „Hoͤre, Lucia!"”?⸗ Dieſe wandte ſich um, und kehrte nach dem Gitter zuruͤck. Schon aber hatte ein andrer, ein vorherrſchender Gedanke in Gertrudens unſeligem Geiſte das Uebergewicht gewonnen. Sie that, als waͤre ſie mit der gegebenen An⸗ weiſung nicht zufrieden, erklaͤrte ſich noch einmal uͤber Weg und Auftrag, und entließ ſie dann mit den Worten: „Thu Alles, wie ich Dir geſagt habe, und kehre recht bald zuruͤck.“— Lucia ging ab. Ohne bemerkt zu werden, trat ſie zum Thore des Kloſters hinaus, ging, ſich dicht an die Mauer haltend, mit geſenktem Blicke auf der gebotenen Straße fort, und fand ſich ohne Schwierigkeit zum Flecken hinaus. Darauf wanderte ſie ſchuͤchtern und zitternd die Hauptſtraße ent⸗ lang, und erkannte bald den Seitenweg, der nach dem Kloſter hinfuͤhrte. Dieſer Weg lag und liegt noch jetzt, wie das Bette eines Fluſſes, in der Tiefe zwiſchen zweien Seitenwaͤnden, welche mit Baͤumen beſetzt; beide Baum⸗ reihen woͤlhen ſich gleich einer Decke daruͤber hin. Lucia — 209— trat hinein, fand ſie durchaus einſam und megghener, 5 fuͤhlte ihr Grauen ſteigen, und befluͤgelte die Schrittez— nach einer kleinen Strecke indeſſen richtete ſich ihr Muth wieder ein wenig empor, ſie bemerkte eine ſtillhaltende Reiſckutſche, und daneben, vor dem geoͤffneten Schlage, zwei Reiſende, welche nach allen Seiten, wie des Weges unkundig, umherdlickten. Naͤher gekommen, hoͤrte ſie den einen ſagen:„Da laͤßt ſich ja ein braves Maͤdchen ſehen, 4 die wird uns die Straße zeigen.“— Und wirklich, ſobald ſie ſich dicht bei der Kutſche befand, wandte ſich derſelbe Mann, hoͤflicher, als ſein Anſehen es erwarten ließ, ihr zu, und ſagte:„Liebes Maͤdchen, koͤnntet Ihr uns wohl guf die Straße nach Monza zurechtweiſen?“ „Sie haben Sich ganz nach der unrechten Seite hin gedreht,“ antwortete die Arme.„Monza iſt dort.“— Indem ſie ſich zuruͤckwandte, mit dem Finger danach zu deuten, umſchlang ſie der andre Gefaͤhrte— es war der Geyer— ploͤtzlich mitten um den Leib, und hob ſie von der Erde auf. Lucia drehte den Kopf erſchrocken zuruͤck, und erhob ein Geſchrei; der Schandſoͤldner ſchwang ſie in die Kutſche;; ein Menſch, der drinnen ſaß, ergriff ſie, und zwang ſie, waͤhrend ſie vergebens ſich loszuwinden ſuchte, ihm gegenuͤber zu ſitzen; ein Andrer druͤckte ihr ein zu⸗ ſammengewundenes Tuch in den Mund, und erſtickte ihr den Angſtruf in der Kehle. Waͤhrend deſſen warf ſich der Geyer gleichfalls haſtig in den Wagen; der Schlag wurde zugeworfen, und in vollem Laufe rollte die Kutſche davon. Der Dritte, welcher die verraͤtheriſche Frage gethan, blieb auf dem Wege zuruͤck, und ſah ſich in aͤngſtlicher Eilfer⸗ tigkeit um; Niemand ließ ſich blicken. Sodann ſprang er II. 14 — 210— zu der einen Seitenwand hinauf, faßte einen Stamm des Heckenſtrauches der oben wuchs, ſchluͤpfte hindurch, und trat in ein niedriges Eichengebuͤſch, welches laͤngs der Straße eine Strecke hinlief. Dort verſteckte er ſich, um von den Leuten, die auf das Geſchrei vielleicht herbeieilen konnten, nicht bemerkt zu werden. Es war einer von Egi⸗ dio's Bewaffneten; er hatte bei der Pforte des Kloſters aufgepaßt, hatte Lucien herauskommen ſehen, und Kleid und Geſtalt ſich gemerkt; nachher war er auf einem Richt⸗ pfade vorausgerannt, um ſie an der verabredeten Stelle zu erwarten. Wer koͤnnte Luciens Schrecken, wer ihre Angſt ſchil⸗ dern, oder ausdruͤcken, was in ihrer Seele vorging? In aͤngſtlicher Bemuͤhung, ſich von ihrer entſetzlichen Lage zu uͤberzeugen, offnete ſie die ſcheuen Augen, und ſchloß ſie/ bei'm Anblick dieſer Geſichter zuſammenſchaudernd, ſogleich wieder; ſie wollte ſich loswinden, ward aber von allen Seiten feſtgehalten; ſie bot ihre aͤußerſten Kraͤfte auf, und ſuchte gewaltſam ſich nach dem Kutſchenſchlage hin zu draͤngen, aber zwei nervige Arme hielten ſie an den Hin⸗ terſitz des Wagens gefeſſelt, vier andre rieſenhafte Haͤnde leiſteten ihre unwiderſtehliche Huͤlfe dabei. So oft ihre Angſt ſich in einem Geſchrei zu luͤften verſuchte, erſtickte das Knebeltuch es ihr in der Kehle. Waͤhrend deſſen wie⸗ derholten ihr drei teufliſche Geſtalten, mit einer menſch⸗ licheren Stimme, als ihrem Munde beſchieden zu ſeyn ſchien, ſie moͤchte keine Furcht haben, es ſollte ihr kein Haar gekruͤmmt werden. Nach einigen Minuten eines ſo qualvollen Kampfes ſchien ſie ſich zu beruhigen; ſie ſtrengte die Arme nicht mehr an, ließ den Kopf zuruͤckſinken, hob — 211— mit Muͤhe die Augenlieder, und ſah mit bewegungsloſem Blicke vor ſich hin; die ſcheußlichen Geſichter, von wel⸗ chen ſie umgeben war, ſchienen ihr in unnatuͤrlicher Mi⸗ ſchung zuſammenzufließen, und ſchwammen, wie ein ein⸗ ziges Nebelbild des Entſetzens, vor ihren Augen; aus ihrem Antlitz floh die Farbe, ein kalter Schweiß bedeckte es; das Leben verließ ſie, ſie ſank in Ohnmacht. „Muth, Muth!“ rief der Geyer.—„Muth, Muth!“ wiederholten die andern beiden Schurken; aber das Erloͤ⸗ ſchen aller Sinne entzog Lucien den heilloſen Troſt dieſer fuͤrchterlichen Stimmen. „Teufel! ſie ſieht wie der Tod aus,“ ſagte einer der Begleiter.„Sollte ſie wirklich todt ſeyn?“ „Uf!“ erwiederte der Andre,„'s iſt ſo'ne Ohnmacht, viie ſie den Weibsbildern jeden Augenblick ankommt. Ich weiß, wenn ich Einen,'nen Mann oder'˙ne Frau, zur andern Welt hab' ſchicken wollen, ſo gehoͤrte noch ganz was Andres dazu.“ „Fort,“ ſagte der Geyer,„kuͤmmert Euch um Eure Schuldigkeit, und laßt alles Andre unterweges. Nehmt die Gewehre unter'm Sitz hervor, und haltet ſie ſchuß⸗ fertig; in dem Buſch, wo wir itzo hineinkommen, ſitzen jederzeit Schufte eingeniſtet. Nicht ſo in der Hand, Don⸗ nerwetter! legt ſie Euch hinter den Nuͤcken, laͤngs hin; ſeht Ihr denn nicht, daß wir hier ein flaumweiches Lamm bei uns haben, das um Nichts in Ohnmacht ſinkt? Wenn ſie Waffen ſieht, iſt ſie im Stande, wirklich zu ſterben. und wenn ſie wieder zu ſich gekommen ſeyn wird, ſo nehmt Euch in Acht, ihr Furcht einzujagen; ruͤhrt ſie nicht an, wenn ich Euch nicht etwa einen Wink dazu gebez ſie feſt⸗ — 212— zuhalten, braucht's weiter Keinen als mich. Und ſtill; laßt mich das Wort fuͤhren.“ Waͤhrend deſſen war die Kutſche, die ſotwibren cönan dahin rollte, in das Gebuͤſch gekommen. Nach einiger Zeit fing die arme Lucia an, ſich wie aus einem tiefen, leidenſchweren Schlaf erwachend zu fuͤh⸗ len, und oͤffnete die Augen. Anfangs ſtrengte ſie ſich an, die truͤbſeligen Gegenſtaͤnde, welche ſie umgaben, zu un⸗ terſcheiden, und ihre Gedanken wieder zu ſammeln; endlich begriff ſie von Neuem ihre verzweiflungsvolle Lage. Der erſte Gebrauch, den ſie von den wenigen wiedergekehrten Kraͤften machte, war, ſich gegen die Kutſchenthuͤre zu ſchleudern, und dann ſich hinaus zu ſtuͤrzen; doch man hielt ſie zuruͤck, und nichts blieb ihr uͤbrig, als einen Blick auf die wilde Einſamkeit des Ortes, durch welchen man ſo eben fuhr, zu werfen. Da erhob ſie von Neuem ein Geſchrei; der Geyer ſtreckte ſeine große Hand mit dem Taſchentuche in die Hoͤhe, und ſagte, ſo menſchenfreundlich als er vermochte:„Nicht doch; ſeyd ruhig,' iſt fuͤr Euch ſelbſt beſſer; wir wollen Euch ja nichts Boͤſes thun; wo Ihr aber nicht ſchweigt, muͤſſen wir Euch zum Schweigen bringen.“ „Laßt mich gehen!“ rief die Unſchuldige.„Wer ſeyd Ihr? Wohin ſchleppt Ihr mich? Warum habt Ihr mich ergriffen? Laßt mich gehen, laßt mich gehen!“ „Ich ſag' Euch, Ihr ſollt keine Furcht haben; Ihr ſeyd kein Kind, und ſolltet begreifen, daß wir's nicht ſchlimm mit Euch meinen. Seht Ihr denn nicht, daß wir Euch hundert Mal haͤtten um Leben bringen koͤnnen⸗ — 213— wenn wir ſchlimme Abſichten im Schilde fuͤhrten? Ver⸗ haltet Euch alſo ruhig.“ „Nein, nein, laßt mich meine Wege gehen; ich kenne Euch nicht.“ „Wir dagegen kennen Euch ſehr wohl. 74 „Heilige Jungfrau! Laßt mich gehen, Erbarmen! Wer ſeyd Ihr? Weßwegen habt Ihr mich ergriffen?“ „Weil's uns befohlen worden iſt.“ „Wer? Wer kann Euch das befohlen haben?“ „Still!“ antwortete der Geyer mit ſtrenger Miene, „mit ſolchen Fragen kommt man uns nicht angeſchlichen.“ Lucia verſuchte zum andern Mal, ſich unvermerkt nach der Kutſchenthuͤre hin zu ſchleudern; ſie ſah aber, daß es fruchtlos war, und nahm wiederum zu Bitten ihre Zu⸗ ſlucht. Mit geſenktem Antlitz, mit thraͤnenfeuchten Wan⸗ gen, von gewaltſamem Schluchzen unterbrochen, und heide Haͤnde vor den Augen emporhaltend, rief ſie:„Ich be⸗ ſchwoͤr Euch bei Gott und der heiligen Jungfrau, laßt mich gehen! Was hab' ich Euch zu Leide gethan? Ich bin ein armes Geſchoͤpf, bin Niemandem zu nahe gekom⸗ men. Was Ihr mir gethan habt, verzeih' ich Euch von Herzen, und will zu Gott fuͤr Euch beten. Wenn Ihr auch eine Tochter habt, ein Weib, eine Mutter, ſo denkt Euch nur, was ſie leiden thaͤten, wenn ſie ſich in derſel⸗ ben Lage befaͤnden. Erinnert Euch doch, daß wir Alle ſterben muͤſſen, und daß es Euch einmal gar ſehr nach Gottes Erbarmen verlangen wird. Laßt mich gehen, laſ⸗ ſet mich hier; der Herr im Himmel wird mich meinen Veg ſchon finden laſſen.“ „Wir koͤnnen nicht!“ ſagte der Geyer. — 244— „Ihr koͤnnt nicht? O Herr! Warum koͤnnt Ihr nicht? Wohin wollt Ihr mich fuͤhren? Warum...“ „Wir koͤnnen nicht;'s iſt unnuͤtz. Habt keine Bange, wir haben nichts Schlimmes mit Euch vor. Seyd ruhig, und's ſoll Euch Keiner anruͤhren.“ Bekuͤmmert/ angſtvoll und immer zagender erſchrocken, da ſie ſah, wie ihre Worte wirkungslos verhallten/ wandte ſich Lucia zu Demjenigen, welcher die Herzen der Sterbli⸗ chen in ſeiner Hand hat, und ſobald es ſein Wille, auch die haͤrteſten zu erweichen vermag. Sie druͤckte ſich, wo ſie ſaß, in den Winkel, kreuzte die Arme uͤber die Bruſt, und flehte inbruͤnſtig aus tiefſtem Herzen; dann nahm ſie den Roſenkranz aus der Taſche, und fing mit lehhafterem Glauben und Gefuͤhl, als je ihren Buſen erfuͤllt, die Ge⸗ bete herzuſagen an. Von Zeit zu Zeit hoffte ſie das Mit⸗ leid, um welches ſie flehte, erregt zu haben, und wandte ſich wieder zur Bitte; aber immer vergebens. Bald ſchwan⸗ den ihr die Sinne wieder, und neue Ohnmachten folgten; dann kam ſie wieder zu ſich, und ſchlug die Augen zu neuer Marterangſt auf. Keine Beſchreibung weiter; ein allzu ſchmerzliches Mitleid hewegt uns, dem Ende dieſer Reiſe, welche mehr als vier Stunden dauerte, mit raſchen Schritten zuzueilen; wir haben auch nachher noch angſt⸗ volle Stunden zu durchwandern. Und ſo verſetzen wir uns denn nach der Felſenburg, woſelbſt man das unſchul⸗ dige Schlachtopfer erwartete. Mit ungewoͤhnlicher Bekuͤmmerniß, in geſpannter Raſtloſigkeit ſtand der Ungenannte harrend da. Seltſam! der Mann, welcher mit ungeruͤhrtem Herzen uͤber ſo man⸗ ches Leben entſchieden, welcher die aͤngſtliche Pein, womit — 215— er Andre marterte, bei ſo vielen Handlungen ſeiner Frevel⸗ wuth fuͤr nichts achtete, und nur eine unmenſchliche Ra⸗ cheluſt ſich darin ergoͤtzen ließ, der empfand jetzt bei den Leiden, die er uͤber dieſe Lucia, eine Unbekannte, eine armſelige Baͤuerin, verhaͤngte, die Anwandlungen eines Schauders, einer Reue, ia faſt eines Schreckens. Von einem hohen Fenſter ſeiner Felſenburg aus ſpaͤhte er ſchon lange nach einer Oeffnung des Thales hin; da zeigte ſich die Kutſche, und rollte langſam daher; denn der erſte Lauf bei ſchießenden Zuͤgeln hatte den Muth der Pferde gedaͤmpft und ihre Kraͤfte geſchwaͤcht. Noch erſchien das Fuhrwerk, von dem Punkte aus geſehen, wo er ſtand, winziger als eine kleine Kutſche, welche die Kinder als Spielzeug ziehen; dennoch erkannte er ſie, und fuͤhlte von Neuem einen gewaltſameren Schlag des verruchten Herzens. Wird ſie darin ſitzen?— fragte er ſich ſogleich.— Was verurſacht mir die Dirne fuͤr Unannehmlichkeiten! Ich will ſie mir vom Halſe ſchaffen. Er war im Begriff, einen Bewaffneten zu rufen, und, ihn auf der Stelle der Kutſche entgegen ſchickend, dem Geyer ſagen zu laſſen, er ſolle umkehren, und das Maͤd⸗ chen nach Don Rodrigo's Pallaſte bringen; aber ein ge⸗ bieteriſches Nein, welches ploͤtzlich im Innern ſeines Gei⸗ ſtes ertoͤnte, verwehte dieſen Vorſatz ſchnell wieder. Da ihn jedoch das Beduͤrfniß, irgend einen Befehl zu geben, gleichſam quaͤlte, und es ihn unertraͤglich duͤnkte, die langſam daherſchleichende Kutſche muͤßig zu erwarten, ließ er eine alte Frau, die ſich im Schloſſe befand, rufen. Dieſe war die Tochter eines alten Schloßwaͤchters, auf dem Felſen geboren, welchen ſie ihr ganzes Lehen hin⸗ — 216— durch nicht verlaſſen hatte. Was ſie ſeit ihren Kinderiah⸗ ren dort geſehen und gehoͤrt, hatte ihrem Geiſte einen unendlich hohen und ſchrecklichen Begriff von der Macht ihrer Herren eingepraͤgt; der vorzuͤglichſte Grundſatz aber, welchen ſie aus Lehre und Beiſpiel fuͤr immer ſich gemerkt, beſtand darin, daß ſie den Gebietern, da ſie unendlich viel Boͤſes und unendlich viel Gutes zu thun vermochten, in allen Stuͤcken Gehorſam leiſten muͤſſe. Das Bewußtſeyn der Pflicht, gleich einem Keim in die Herzen aller Men⸗ ſchen niedergelegt, entwickelte ſich im ihrigen zugleich mit den Gefuͤhlen der Achtung, des Schreckens, der ſtlaviſchen Bereitwilligkeit, ſchmolz mit ihnen zuſammen,/ und be⸗ quemte ſich nach ihnen. Nachdem der ungenannte ſein eigener Herr geworden, und von ſeinen Kraͤften einen ſo entſetzlichen Gebrauch zu machen anfing, empfand ſie in den erſten Tagen einen ſchaudernden Abſcheu, waͤhrend das Gefuͤhl der Unterwuͤrfigkeit ſich nur um ſo nachdruͤcklicher verkuͤndigte. Mit der Zeit indeſſen gewoͤhnte ſie ſich an Alles, was ſie taͤglich ſah und hoͤrte; der maͤchtige zuͤgel⸗ freie Wille eines ſo großen Herrn galt ihr allmaͤhlig fuͤr einen Ausſpruch des unabaͤnderlichen Schickſals. Schon zu Jahren gekommen, hatte ſie einen Diener ihres Herrn geheirathet; dieſer zog bald in einer gefaͤhrlichen Unter⸗ nehmung hinaus, kam auf die Landſtraße, eine Beute der Raubvoͤgel, zu liegen, und hinterließ ſie als Wittwe im Schloſſe. Der Herr nahm nicht lange darauf fuͤr den Tod ſeines Knechtes Nache; ſie fand einen wilden Troſt darin, und zugleich wuchs ihr Stolz, unter einem ſolchen Schutze zu leben. Von dieſer Zeit an ſetzte ſie den Fuß hoͤchſt ſelten nur aus dem Schloſſe; und ſo blieben ihr — N 8 — 217— nach und nach vom menſchlichen Leben nur diejenigen Vorſtellungen, welche ſie in dieſem ſchauerlichen Aufent⸗ halt erhielt. Hier war ſie auf keinen beſonderen Dienſt angewieſen; aber bei dem zahlreichen Haufen der Soͤldlinge trug ihr unaufhoͤrlich bald der Eine bald der Andre ein Geſchaͤft auf. Und das war der Aerger, den ſie zu ver⸗ beißen hatte. Jetzt mußte ſie Lumpen flicken, jetzt fuͤr einen Bravo, der von einer Sendung zurüͤckkehrte, in aller 8* 8 Eile eine Mahlzeit anrichten, dann wieder eine Salbe fuͤr erhaltene Wunden bereiten. Die Befehle der Dienerſchaft, ihre Vorwuͤrfe wie ihr Dank, wurden mit Spott und Schimpfwoͤrtern gewuͤrzt; Alte, war ihre gewoͤhnliche Be⸗ nennung; die angehaͤngten Bezeichnungen, ohne welche es ſelten abging, wechſelten nach den Umſtaͤnden und nach der Laune des Anredenden. Das Weib dagegen, in ihrer Traͤgheit geſtoͤrt und zum Aerger gereizt, von beiden aber mehr als von irgend einem andern Hange beherrſcht, ver⸗ galt bisweilen dieſe Hoͤflichkeiten mit Worten, in denen 8 der Hoͤllenfuͤrſt, mehr als in den Reden ihrer Verhoͤhner, 4 die Anklaͤnge ſeines eigenen Geiſtes vernommen haͤtte. „Du ſiehſt da unten die Kutſche!“ ſagte der Herr zu ihr. 5 „Ich ſehe ſie,“ antwortete die Alte, indem ſie das zugeſpitzte Kinn vorſtreckte, und ſtrengte die hohlen Augen an, als wollte ſie uͤber die Naͤnder der Augenhoͤhlen ſie hinaustreiben. 3 2 „Michte augenblicklich eine Saͤnfte ein; ſetz Dich hin⸗ ein, und laß Dich hinab zur ſchlimmen Nacht tragen. Geſchwind, geſchwind, damit Du da biſt, ehe die Kutſche noch hin kommt; ſie kriecht ſchon mit dem Leichenſchritt — 218— vorwaͤrts. In der Kutſche iſt... muß ein junges Maͤdchen ſeyn. Iſt ſie drin, ſo laſſ' ich dem Geyer ſagen, er ſoll ſie in die Saͤnfte ſetzen, und ſogleich zu mir herauf kom⸗ men. Dann kannſt Du neben dem jungen Maͤdchen in der Saͤnfte ſitzen, und ſeyd Ihr hier oben, fuͤhrſt Du ſie in Dein Zimmer. Wenn ſie Dich fraͤgt, wohin Du ſie bringſt, weſſen das Schloß iſt, ſo nimm Dich ja in Acht.. ℳ „O!“ ſagte die Alte.. 15.7 „Sprich ihr aber Muth zu,“ gebot der Herr. „Was ſoll ich ihr ſagen?“.* „Was Du ihr ſagen ſollſt? Muth ſollſt Du ihr zu⸗ ſprechen. Biſt Du ſo alt geworden, und weißt nicht, wie man Einem Muth zuſpricht, wenn's ſeyn muß? Iſt Dir niemals bange um's Herz geweſen? Haſt Du niemals Furcht gehabt? So wirſt Du wohl wiſſen, was fuͤr Worte in ſolchen Augenblicken am beſten wirken. Sag' ihr ſolche Worte, erſinne welche, wenn Dir Dein Leben lieb iſt. Und nun geſchwind!“ Sobald ſie hinaus gegangen, blieb er noch einige Zeit am Fenſter ſtehen, und heftete die Augen fortwaͤhrend auf die Kutſche, welche ſchon in bedeutender Groͤße ſich dar⸗ ſtellte. Die Sonne ſank in dem Augenblick hinter das Ge⸗ birge hinab, und die braunen Wolken am Himmel fuͤllten ſich ſchnell mit flammendem Purpur. Der Ungenannte blickte zur Sonne hin und hinauf in die Wolken, ſchloß das Fenſter, zog ſich zuruͤck, und ſchritt in ſeinem Zimmer mit der Schnelligkeit eines eilfertigen Wanderers auf und nieder.. — 219— Zehntes Kapitel. Die Alte lief davon, um zu gehorchen, oder mittelſt der Gewalt des Namens, deſſen Klang im Schloſſe dort Alles in Bewegung ſetzte, ihre Befehle zu ertheilen. Alles ſetzte der Name in Bewegung; denn Keiner konnte ſich denken, daß Jemand ihn faͤlſchlich zu gebrauchen ſich un⸗ terfangen ſollte. Sie langte in der„ſchlimmen Nacht“ wirklich ein wenig fruͤher an, als die Kutſche ſich dort ſehen ließ; ſobald ſie dieſe kommen ſah, ſtieg ſie aus der Saͤnfte, gab dem Kutſcher ein Zeichen ſtillzuhalten, trat zum Schlage, und fluͤſterte dem Geyer, welcher den Kopf berausſteckte, den Willen des Herrn zu. Bei dem Stillſtehen des Fuhrwerkes ruͤttelte ſich Lueia auf, und kam aus einer Art von ſtarrem Todesſchlafe zu⸗ ruͤck. Ein neues Entſetzen uͤberſchlich ſie mit kaltem Grauen, ſie riß Mund und Augen auf, und ſpaͤhte um ſich her. Der Geyer hatte ſich zuruͤckgezogen; die Alte reckte das Kinn gegen den Kutſchenſchlag empor, betrachtete Lucien, und ſagte:„Kommt, armes junges Maͤdchen, kommt; kommt mit mir, ich hab' Befehl, Euch gut zu behandeln, und Euch Muth einzufloͤßen.“ Beim Ton einer weiblichen Stimme gab ſich im Her⸗ zen unſrer Unſchuldigen ein Troſt, eine augenblickliche Er⸗ muthigung zu erkennen; bald aber ſiel ſie in ein finſtreres Schrecken zuruͤck.—„Wer ſeyd Ihr?“ fragte ſie mit zit⸗ ternder Stimme, und heftete den erſtaunten Blick feſt an das Geſicht der Alten. „Kommt, kommt, armes Kind!“ wiederholte dieſe. Der Geyer und ſeine beiden Genoſſen ſchloſſen aus der unge⸗ — 220— woͤhnlichen Sanftmuth in Stimme und Worten des Wei⸗ bes, welches die Ahſichten des Herrn waͤren, und trugen das Ihrige dazu bei, die Entfuͤhrte mit milder Ueberredung zum Gehorſam zu bewegen. Lucia aber ſpaͤhte noch immer nach außen; der wilde, unbekannte Ort und die Verlaͤſſig⸗ keit ſeiner Waͤchter zerſtoͤrten jede Hoffnung auf rettende Huͤlfe; dennoch trat ihr, wie von ſelbſt, das Angſtgeſchrei wieder zur Kehle herauf. Zugleich aber drohte auch das grimmige Auge des Geyers mit dem Knebeltuche; ſie ſchwieg⸗ erbebte, drehte ſich weg, ward herausgenommen und in die Saͤnfte geſetzt. Nach ihr ſtieg die Alte hineinz der Geyer indeſſen beauftragte die beiden andern Mordgeſellen, als Begleitung hinterher zu gehen, und eilte zum Schloſſe voran, um auf den Ruf ſeines Herrn ſich zu ſtellen. „Wer ſeyd Ihr?“ fragte das bange Maͤdchen das un⸗ bekannte, haͤßliche Fratzengeſicht.„Warum ſitze ich neben Euch? Wo bin ich? Wohin fuͤhrt Ihr mich, Weib?“ n8u Eurem Wohlthaͤter,“ erwiederte die Alte, zu ei⸗ nem großen... Gluͤcklich die Leute, mit denen er es gut meint! Gut fuͤr Euch, ſehr gut fuͤr Euch. Haht keine Furcht, ſeyd luſtiger Dinge; er hat mir befohlen, Euch Muth zuzuſprechen. Ihr werdet ihm doch ſagen, nicht? daß ich Euch Muth zugeſprochen habe!“ „Wer iſt er? Warum? Was will er von mir? Ich ge⸗ hoͤre nicht ihm. Sagt mir, wo ich bin; laſſet mich gehen; ſagt den Andern da, ſie ſollen mich gehen laſſen, oder mich nach'ner Kirche bringen. Ach, ihr ſeßd ein Frauenzimmer⸗ im Namen der Jungfrau Maria. Der heilige ſanfte Name, mit enehn in den erſten Lebensiahren nachgeſprochen, dann aber lange Zeit hindurch — 221— in keinem Gebete mehr angernfen, und vielleicht nicht ein⸗ mal ausſprechen gehoͤrt, hatte hier ploͤtzlich im Geiſte der Elenden, die ihn vernahm, eine verworrene, ſeltſame Wir⸗ kung; er überraſchte ſie mit beklemmender Sehnſucht, wie einen Greis/ welcher ſeit ſeiner Kindheit erblindet, die Er⸗ innerung an Licht und Geſtalten. 484 1 Waͤhrend deſſen war der Ungenannte zur Pforte des Schloſſes getreten, und ſchaute hinab; wie vorher die Kut⸗ ſche, kam auch jetzt die Saͤnfte langſam, langſam herauf; naͤher aber, ſich immer weiter von ihr entfernend, eilte der Geyer daher. Als dieſer den Gipfel erreicht hatte, gebot ihm ſein Herr, herbei zu treten, und ging ihm in ein Ge⸗ mach der Felſenburg voran. Nun, wie ſieht's aus?“ ſagte er endlich, und ſtand ſil. „Alles auf ein Haar,“ antwortete der Geyer mit tie⸗ fem Buͤckling,„die Nachricht wie das Maͤdchen auf die Minute, keine Seele rings herum, ein einziger Mund zum Schreien, kein Stoͤrer, der Fuhrmann raſch, die Pferde tuͤchtig, Niemand, der uns begegnet waͤre; aber..„ „Was fuͤr ein Aber?“ „Aber, die Wahrheit geſtanden, Herr, ich haͤtte zehen Mal lieber gewollt, es waͤr' mir befohlen worden, ihr eine Kugel in's Kreuz zu jagen, ohne ſie ſprechen zu hoͤren, ohne ihr in's Geſicht zu ſehen.“ Was heißt das? Was ſoll damit geſagt ſeyn? 1 „Ich meine, die ganze Zeit uͤber... S hat mich bei⸗ nah wie ein Mitleid angewandelt.“ „Mitleid! Was weißt Du von Mitleid? Was iſt das fuͤr ein Ding, das Mitleid?"“ „Ich hab's all mein Lebelang nicht ſo merklich begrif⸗ fen als diesmal; das Mitleid, Herr, iſt ein Nachbar, der hart neben der Furcht wohnt, und wenn ſich's Einer uͤber den Kopf wachſen laͤßt, ſo iſt er kein Mann mehr.“ „ Ich moͤcht' doch wahrhaftig hoͤren, wie's die Dirne angeſtellt hat, um Dich mit Mitleid zuſammen zu bringen.“ „ mein erlauchter Herr! So lange Zeit hindurch... weinen, bitten, dann blaß⸗ blaß wie der Tod, ſchluchzen, wieder bitten, hernach die Augen, die ſie im Kopf hat, und die Worte, die ihr ſo ganz beſonders aus dem Munde kommen. Ich mag ſie hier im Hauſe nicht— dachte waͤhrend deſſen der Ungenannte. Zur ungluͤckſeligen Stunde hab' ich die Verpflichtung auf mich genommen; ich hab's aber einmal verſprochen. Wenn ſie erſt wieder weg ſeyn wird..⸗ Er erhob das Geſicht mit gebieteriſcher Miene gegen den Bravo, und ſagte:„Gieb dem Mitleid jetzt den Laufpaß⸗ ſetz' Dich zu Pferde, nimm einen Begleiter, zwei, wenn Du willſt, und reite flink drauf los, bis Du vor Don Rodri⸗ go's Schloß ſtehſt. Sag' ihm, er ſoll ſogleich herſchicken, aber ſogleich; denn ſonſt..“ Docch ein zweites Nein, welches gebieteriſcher als das erſte in ſeinem Buſen ſich hoͤren ließ⸗ erſtickte ihm den Be⸗ fehl im Munde.—„Nein,“ ſagte er mit entſchiedener Stimme, als wollte er das Gebot dieſes geheimen Rufes ſich deutlicher wiederholen,„nein, geh' und ruhe aus. Mor⸗ gen... wirſt Du thun, wie ich Dir befehlen werde.“ Die Dirne hat einen Daͤmon in ihrem Dienſte— ſprach er darauf, als er ſich allein ſah. Er ſtand aufrecht/ kreuzte die Arme vor der Bruſt, und ſah mit unbewegtem — 223— Blicke auf das Pflaſter hin, wo der Schimmer des Mon⸗ des, durch ein hohes Fenſter hereinfließend, ein Viereck mit ſeinem bleichen Glanze bedeckte, waͤhrend die Eiſenſtaͤbe und die Scheiben des Fenſters es, gleich einem Schachbrett, in kleine Felder theilten.— Einen Daͤmon oder.. einen ſchuͤtzenden Engel! Der Geyer und Mitleid! Aber mor⸗ gen, morgen bei Zeiten, fort mit ihr, wohin ſie gehoͤrt, und nun kein Wort mehr uͤber die Dirne verloren!— Er be⸗ fahl ſich gleichſam, wie man einem ungelehrigen Knaben befiehlt, obſchon man voraus weiß, daß er keinen Gehor⸗ ſam leiſten wird— mit keinem Gedanken weiter ihrer er⸗ waͤhnt! Der Don Rodrigo, der luͤſterne Toͤlpel, ſoll mir nicht erſt herkommen, mir den Kopf mit ſeinen Dankſa⸗ gungen heiß zu machen; ich will von der Dirne nicht fer⸗ ner reden hoͤren. Ich hab' ihm den Dienſt geleiſtet, weil ich's ihm verſprochen habe; verſprochen hab' ich's ihm, weil... weil's einmal meine Beſtimmung iſt. Er ſoll ihn mir aber gehoͤrig hezahlen, dieſen Dienſt. Wir wollen ein⸗ mal ſehen... und ſo jagte er allerlei ſeltſame Grillen auf, um fuͤr Don Rodrigo zur Vergeltung und faſt zur Strafe eine ſchwierige Aufgabe zu erſinnen; aber immer fuhren ihm von Neuem die Worte: Der Geyer und Mitleid! unter⸗ brechend durch die Gedanken.— Wie muß ſie das ange⸗ fangen haben? fragte er ſich, von dieſem Gedanken hinge⸗ riſſen.— Ich will ſie ſehen.— Nein.— Ja, ich will ſie ſehen!. K Er eilte durch mehrere Gemaͤcher, kam an eine kleine Treppe, ſtieg tappend hinauf, und ging nach dem Zimmer — 221— 4 des alten Weibes hin, wo er mit dem Fuß gegen das Thuͤr⸗ blatt ſtieß. ene i nsr 141ded „Wer iſt da?“ „Mach auf! 4 Bei dieſer Stimme eilte die Alte in wenigen Spruͤn⸗ gen herbei; klirrend gleitete der Riegel durch die Ringe⸗ und die Thuͤre ging auf. Von der Schwelle aus warf der Ungenannte einen Blick in's Zimmer, und ſah bei'm Schein einer Lampe, die auf einem dreieckigen Tiſchchen ſtand, im hinterſten Winkel der Stube Lucien niedergekauert auf der Erde ſitzen. ahd „Wer hat Dir denn befohlen, Verdammte,“ ſprach er mit zuͤrnender Miene,„ſie wie einen Sack voll Lumpen an der Erde liegen zu laſſen?“. 65 „Es war ihr eigener Wille, ſich dort hinzuſetzen,“ antwortete die Alte demuͤthig;„ich hab' mein Moͤlichſtes gethan, um ihr Muth zu machen; ſie muß es ſelber ſagen; es ſchlaͤgt aber nichts an.“ „Stehet auf!“ ſagte er zu Lueien, und trat naͤher. Lueig aber, deren zagendes Gemuͤth die Fußtritte, das Po⸗ chen, die Stimme wie das Oeffnen der Thuͤre mit neuem, geheimnißvollerem Zagen erfuͤllt hatten, ſaß furchtſamer als je zuſammengeduckt im Winkel da, und bedeckte das Geſicht mit beiden Handflaͤchen. Ihre einzige Bewegung heſtand im Zittern..— „Steht auf,“ wiederholte der Herr.„Es ſoll Euch kein Leid geſchehen, ich kann Euch Gutes erzeigen. Steht auf!“ donnerte darauf dieſelbe Stimme, erzuͤrnt, zwei Mal vergebens befohlen zu haben. 9 Wie von ihrem Schrecken wieder zu Kraͤften gekom⸗ — — 225— men, richtete ſich augenblicklich das ungluͤckliche Maͤdchen auf die Kniee empor; ſie faltete die Haͤnde, als laͤge ſie vor einem heiligen Bilde betend da erhob die Augen zu dem Manne empor, welcher vor ihr daſtand, ſenkte ſie ſo⸗ gleich wieder, und ſagte:„Hier bin ich, toͤdten Sie mich./, „FIch habe geſagt, ich will Euch nichts Boͤſes thun,“ erwiederte der Ungenannte mit gemilderter Stimme, und betrachtete die Zuͤge dieſes Geſichtes, in welchem Kummer und Schrecken mit verwuͤſtender Gewalt zu wetteifern ſchienen. „Muth, Muth!“ rief die Alte,„wenn er ſelber Euch ſagt, daß er Euch nichts Boͤſes thun will....“ 8 Und warum,“ begann Lucia mit einer Stimme, in welcher durch das Beben des Schreckens hindurch ſich ge⸗ wiſſermaßen die Entſchiedenheit eines verzweifelten Unwil⸗ lens vernehmen ließ,„warum laſſen Sie mich ſolche Hoͤl⸗ lenleiden ausſtehen? Was hab' ich Ihnen gethan?“ Haben ſie Euch etwa ſchlimm behandelt? Redet!,, „Schlimm behandelt? Sie haben mich verraͤtheriſcher Weiſe ergriffen, mit Gewalt! Warum? Warum haben ſie mich ergriffen? Warum bin ich hier? Und wo bin ich? Ein armes Geſchoͤpf! Was hab' ich Ihnen gethan? Im Na⸗ men des ewigen Gottes..“ 1 „Gott, Gott,“ unterbrach ſie der ungenannte,„und immer Gott; wer ſich nicht ſelbſt vertheidigen kann, und keine Macht bei der Hand hat, der ſtellt alle Augenblick dieſen Gott in's Feld, als wenn er ihn geſprochen haͤtte. Was meint Ihr mit dem Wort da zu ſagen? Mich etwa..“ er redete nicht aus. „ Herr! Was ich damit meine? Was will ich Arme II. 15 — 226— anders damit, als Sie um Ihr Erbarmen flehen? Fuͤr ei⸗ nen einzigen Schritt des Erbarmens verzeiht Gott ſo viele Dinge! Laſſen Sie mich hinaus, ich beſchwoͤre Sie, laſſen Sie mich hinaus! Wer ſelbſt einmal ſterben muß⸗ der ſollte ein armes Geſchoͤpf nicht ſo leiden laſſen. Ach, Sie koͤn⸗ nen befehlen; befehlen Sie, daß man mich gehen laſſe. Mit Gewalt haben ſie mich hieher geſchleypt. Laſſen Sie mich noch einmal neben dieſer Frau ſitzen/ und mich nach *r* bringen, wo meine Mutter iſt. Heilige Jungfrau! Meine Mutter! Meine Mutter, Erbarmen, meine Mutter! Vielleicht iſt ſie nicht weit von hier.... ich habe meine Berge geſehen. Warum laſſen Sie mich leiden? Laſſen Sie mich in eine Kirche bringen; fuͤr Sie beten will ich, mein ganzes Leben hindurch. Was koſtet es Ihnen, ein einziges Wort zu ſagen? Ach, ſehen Sie! Das Mitleid regt ſich in Ihnen; ein einziges Wort, ſprechen Sie es aus! Fuͤr ein Werk des Erbarmens verzeiht Gott ſo viele Dinge!“ Warum iſt es nicht die Tochter eines von den Nieder⸗ traͤchtigen, die mich aus dem Lande getrieben haben!— dachte der Ungenannte— eines von den Schurken, die mich ſo gern als Leiche moͤchten daliegen ſehen! Ich wollte mich jetzt an ihrem Gejammer laben, und ſtatt.... Mein, weiſen Sie die gute Eingebung nicht von ſich!“ fuhr Lucia lebhaft fort. Das Schwanken, welches ſie in Miene und Geberde ihres Tyrannen gewahrte, gab ihrem Muthe wieder neues Leben.„Wenn Sie kein Er⸗ barmen mit mir haben, ſo wird der Herr droben es mit mir haben. Er wird mich ſterben laſſen, und meine Lei⸗ den haben dann ein Ende. Sie aber„ Vielleicht wer⸗ 1 — 227— den auch Sie einmal... Aber nein, nein; ich will je⸗ derzeit zum Herrn flehen, daß er Sie ſchirmen moͤge vor allem Ungluͤck. Was koſtet es Ihnen, ein einziges Wort auszuſprechen? Wenn Sie dieſe Pein empfaͤnden „Genug, ſeyd gutes Muthes,“ ſiel ihr der Ungenannte in die Rede, und ſprach die Worte mit einer Sanftmuth aus, daß die Alte vor Verwunderumg daruͤber nicht zu ſich ſelbſt kommen konnte.„Bin ich ſchlimm mit Euch umge⸗ gangen? Hab' ich Euch eine Drohung zu hoͤren gegeben? „Nein, ich ſehe, Sie haben ein gutes Herz, Sie fuͤhlen Mitleid mit einem armen verlaſſenen Weſen. Waͤr's Ihr Wille, Sie koͤnnten mich mehr als die andern Alle in Furcht ſetzen, koͤnnten mich ſterben laſſen; ſtatt deſſen haben Sie mir das Herz ein wenig erweitert. Gott wird es Ihnen vergelten. Vollenden Sie das Werk des Erbarmens; geben Sie mir meine Freiheit, meine Freiheit wieder.“ „Morgen fruͤh..“ „O ſchenken Sie mir jetzt, jetzt die Freiheit!“ „Morgen fruͤh, ſag' ich, ſehen wir uns wieder. In⸗ deſſen friſchen Muth. Ruhet aus. Ihr muͤßt Hunger ha⸗ ben; ſie ſollen Euch zu eſſen bringen.“ „Nein, nein, ich vergehe, wenn Einer hier herein tritt, ich vergehe. Bringen Sie mich nach'ner Kirche. Gott wird die Schritte zaͤhlen, und ſie Ihnen belohnen.“ „So ſoll Euch ein Frauenzimmer zu eſſen bringen,“ erwiederte der Ungenannte. Er hatte es kaum ausgeſpro⸗ chen, ſo ſtaunte er uͤber ſich ſelbſt, wie ihm ſolch ein Scho⸗ nungsmittel in den Sinn gekommen, und wie er es erſon⸗ nen hatte, um ein unbedeutendes Maͤdchen zu beruhigen. — 228— „und Du,“ nahm er darauf, zur Alten gewendet, ſchnell das Wort,„rede ihr zum Eſſen zu, und laſſe ſie in dem Bette da ſchlafen. Will ſte Dich zur Geſellſchaft, gut; wo nicht, kannſt Du auch wohl einmal eine Nacht auf der . Erde zubringen. Sprech' ihr fleißig Muth zu, erhalte ſie bei Laune. Und daß ſie ſich nicht etwa uͤber dich zu bekla⸗ gen hat!“ Mit dieſen Worten kehrte er wieder raſch nach der Thuͤre. Lucia ſprang auf, ſtuͤrzte ihm nach, um ihn zuruͤck zu halten, und wollte ihr Flehen erneuern; er war aber bereits verſchwunden. 8 „Ich Arme!“— Schließt zu, ſchließt geſchwind zu!“ — Nachdem ſie die Thuͤrfluͤgel zuſammenſchlagen, und den Riegel klirren gehoͤrt hatte, kauerte ſie in ihrem Winkel wieder ſchuͤchtern nieder.—„Ich Arme!“ rief ſie ſchluchzend von Neuem.„Zu wem ſoll ich nun flehen? Wo bin ich? Sagt Ihr es mir, ſagt mir aus Erbarmen, wer iſt der Herr⸗ der Herr, welcher mit mir geſprochen hat?“ „Wer er iſt, he? Wer er iſt? Ich ſoll's Euch ſagen, wollt Ihr. Wart', ich will's Dir ſagen. Weil er Euch in Schutz nimmt, kommt Euch ſchon der Hochmuth an; wollt Eure Neugier ſatt ſpeiſen, und mich in des Teufels Klauen bringen. Fragt ihn ſelber Wollt ich Euch auch darin zu Willen leben, ſo duͤrft' ich auf ſo gute Worte nicht rechnen, wie Ihr ſie zu hoͤren bekommen habt.— Ich bin ein altes Weib“— fuhr ſie zwiſchen den Zaͤhnen murmelnd fort.„Verdammtes junges Volk, mag lachen oder weinen,'s hat doch immer Recht.“— Da ſie aber Lucien ſchluchzen hoͤrte, gedachte ſie ſchnell des drohenden Befehles; ſie neigte ſich zu ihr hin, und ſagte mit milde⸗ — 229 rer menſchlicher Stimme:„Laßt gut feyn, ich hab' Euch nichts Schlimmes geſagt; ſeyd luſtig. Fragt mich nicht nach Dingen, die ich Euch nicht ſagen kann, und im Ue⸗ brigen habt guten Muth. O wenn Ihr wuͤßtet! Wie viele Leute waͤren herzlich froh, wenn ſie ihn ſo haͤtten ſprechen gehoͤrt, wie Ihr ihn gehoͤrt habt! Seyd luſtig, das Abend⸗ eſſen muß gleich da ſeyn, und ich, ich weiß hier Beſcheid... wie er mit Euch geſprochen hat, ſteht Euch was Gutes bevor. Hernach werdet Ihr Euch niederlegen— und mich auch in einem Winkelchen ruhig ſchlafen laſſen,“ ſetzte ſie im Tone des unterdruͤckten Grolles hinzu. „Ich will nicht eſſen,“ rief Lucia,„ich will nicht ſchlafen. Laßt mich hier ſitzen, draͤngt Euch nicht an mich, geht aber auch nicht hinaus.“ „Nein, nein,“ ſagte die Alte, trat weg, und ſetzte ſich in einen alten Lehnſtuhl. Von hier aus warf ſie auf die Ungluͤckliche Blicke des Schreckens und der grollenden Mißgunſt; dann ſah ſie auf ihr Bette, und verzehrte ſich vor Aerger, daß ſie die ganze Nacht darauf Verzicht leiſten mußte, und vergebens gegen die Kaͤlte murrte. Doch labte ſie ſich wieder mit dem Gedanken an das Abendeſſen, mit der Hoffnung, daß auch fuͤr ihren Hunger etwas dabei ſeyn wuͤrde. Lucia empfand von der Kaͤlte nichts, fuͤhlte keinen Hunger, und hatte, wie von ihrem Schickſal in einen Starrkrampf verſetzt, ſelbſt von ihren Schmerzen und Schrecken nur ein verworrenes Gefuͤhl, den Traumbildern eines Fiebernden aͤhnlich. Da hoͤrte ſie pochen, und ſtarrte empor. Sie wandte das erſchrockene Geſicht nach der Thuͤr, und rief:„Wer iſt da? Wer iſt da? Es ſoll Keiner herein kommen!“ — 230— „Nichts, nichts,“ ſagte die Alte.„Ein guter Gaſt; *s iſt Martha, die zu eſſen bringt.“ „Schließt wieder ju, ſchließt wieder zu!“ ſchrie Lucia. „Jh/ gleich, gleich!“ antwortete die Alte. Sie nahm aus den Haͤnden der Botin einen Korb, ſchickte ſie ſchnell wieder fort, ſchloß zu, und ſetzte das Gebrachte auf einen Tiſch mitten im Zinmer. Nun forderte ſie Lucien wieder⸗ holentlich auf, ſie moͤchte ſich die Gerichte ſchmecken laſſen. uUm ihre Eßluſt zu wecken, machte ſie, nach ihrer Meinung⸗ von den wirkſamſten Redensarten Gebrauch, ergoß ſich in Ausrufungen uͤber die Koſtlichkeit der Speiſen,„der praͤch⸗ tigen Biſſen, womit ſich gewoͤhnliche Leute nur die Zaͤhne zu ſalben brauchen, um eine ganze Zeit hindurch ſich dran zu erinnern. Wein, wie ihn der Herr mit ſeinen Freunden trinkt, wenn Einer von den Vornehmen einſpricht, und ſie luſtig ſeyn wollen! Hah!“— Da ſie aber alle dieſe Zau⸗ bermittel wirkungslos fand, ſagte ſie:„Ihr wollt nicht. Sagt ihm alſo morgen nicht, daß ich Euch nicht Luſt ge⸗ macht habe. Ich eſſe; fuͤr Euch bleibt noch immer mehr als genug uͤbrig, wenn Ihr vernuͤnftig ſeyn, und Euch bequemen wollt.“— So ſprach ſie, und machte ſich gierig uͤber die Speiſen her. Sobald ſie ihren Hunger geſtillt hatte, ſtand ſie auf, ging nach dem Winkel, buͤckte ſich zu Lucien nieder, und ließ eine zweite Einladung ergehen, zu eſſen und dann ſich zu Bette zu begeben. „Nein, nein, ich will nichts,“ entgegnete dieſe mit ſchwacher, faſt ſchon ſchlaͤfriger Stimme. Dann fragte ſie, ſich zuſammen nehmend:„Iſt die Thuͤre verſchloſſen? Gut verſchloſſen?“— Darauf blickte ſie umher, ſtand auf, und ging mit vorgeſtreckten Haͤnden und argwohnvollem Schritte nach der Seite dort hin. Die Alte kam ihr raſch zuvor, legte die Hand an's Schloß, faßte die Klinke und ruͤttelte ſie, ruͤttelte den Riegel, und ließ ihn in ſeinen Ringen klirren.—„Seht Ihr? Hoͤrt Ihr?'s iſt gut verſchloſſen. Seyd Ihr nun zufrieden?“ „Zufrieden! ich zufrieden!“ rief Lueia, und eilte wie⸗ der ihrem Winkel zu.—„Aber der Ewige weiß, daß. hier bin.“ „Kommt ſchlafen; was wollt Ihr da, wie ein Hund, zuſammengekrochen liegen? Hat man je geſehen, daß ein Menſch die ſchoͤnſte Bequemlichkeit zuruͤck weiſt, wenn ſie ihm angeboten wird?“ „Nein, nein,“ blieb Luciens Antwort,„laßt mich hier.“ „Ihr wollt's ſo. Ich laſſe Euch die gute Stelle, lege mich hier ganz an den Rand, und erleide Euretwegen die Unbequemlichkeit. Wenn Ihr zu Bette kommen wollt, ſo wißt Ihr, was Ihr zu thun habt. Erinnert Euch aber, daß ich Euch mehr denn ein Mal drum gebeten habe.“— Mit dieſen Worten warf ſie ſich auf die Bettdecke, und Alles ſchwieg. Lucia ſaß unbeweglich im Winkel zuſammengekauert, das Knie der Mitte des Leibes genaͤhert, die Arme auf den Knieen, und das Geſicht in den Flaͤchen der Haͤnde. We⸗ der Schlaf noch Wachen war ihr Loos; ſondern in raſcher Folge ein ſtuͤrmiſcher Wechſel von Gedanken, von quaͤlen⸗ den Bildern und gewaltſamen Herzſchlaͤgen. Bald ſich ih⸗ rer ſelbſt deutlicher bewußt, der geſehenen und erduldeten Schrecken des Tages ſich lebhafter erinnernd, uͤberließ ſie ſich ſchmerzenvoll der finſteren⸗ furchtbaren Wirklichkeit in ihrem ganzen Umfange, in ihrer ganzen grauſenvollen Ver⸗ wicklung; bald kaͤmpfte der Geiſt, in eine noch ſchauder⸗ haftere Tiefe hinuntergeriſſen, gegen die quaͤlenden Schat⸗ tenbilder, die Geburten der Ungewißheit und des Entſetzens. In dieſem aͤngſtlichen Drange verharrte ſie eine lange Zeit/ welche unſre Erzaͤhlung raſch uͤberfliegt; endlich aber lie⸗ ßen die erſchoͤpften Glieder nach, ſie ſank ermattet zu Bo⸗ den, und lag mehrere Minuten in ſchlafaͤhnlichem Zuſtande da. Doch ploͤtzlich war's ihr, als riefe ſie eine innere Stimme; ſie empfand die Nothwendigkeit, ſich vollſtaͤndig zu erwecken, ihre Gedanken wieder ſelbſtbewußt beiſammen zu haben, und ſich zu ſagen, wo ſie ſey, wie und warum ſie an dieſem Orte ſey. Sie lauſchte nach einem Geraͤuſch; es war das langſame, heiſere Schnarchen der Alten. Sie riß die Augen auf, und gewahrte einen matten Schimmer, der abwechſelnd aufblitzte und erloſch; es war das Flaͤmm⸗ chen der Lampe, welche, dem Erloͤſchen nahe, mit zitterndem Lichte blinkte, und ſchnell es gleichſam wieder zuruͤckzog⸗ dem Gehen und Kommen der Welle am Uſer aͤhnlich; in⸗ dem aber dieſes zuckende Licht von den Gegenſtaͤnden floh⸗ noch che es ihnen deutlich Geſtalt und Farbe verliehen, ſtellte es dem Blicke nur einen Wechſel verworrener Erſchei⸗ nungen dar. Die friſchen Eindruͤcke jedoch, die in der Seele ſich bald wieder belebten, ſonderten und geſtalteten, was vor den Sinnen zuſammenfließend ſchwankte. Erwa⸗ chend erkannte die Ungluͤckliche ihr Gefaͤngniß; alle Erin⸗ nerungen des voruͤbergegangenen ſchreckenreichen Tages, al⸗ les Grauen vor der Zukunft ergriff ſie mit einem einzigen Schauder; ſelbſt die neue Stille nach ſo lauten Stuͤrmen/ —— —y— — 233— dieſe ſcheinbare Ruhe, die Einſamkeit, in welcher ſie ſich befand, erfuͤllten ſie mit neuem Entſetzen; der Kummer uͤbermannte ſie ſo rieſenmaͤchtig, daß ſie zu ſterben wuͤnſchte. Nur das Gebet blieb ihr; doch mit dieſem Gedanken lebte eine troͤſtliche Hoffnung in ihrem Buſen auf. Sie nahm ihren Roſenkranz wieder hervor, und fing an ihn durchzu⸗ beten; wie das Gebet uͤber die zitternde Lippe floß, fuͤhlte das Herz ein unbeſtimmtes Vertrauen emporwachſen. Un⸗ erwartet uͤberraſchte ſie ein andrer Gedanke; ihr Gebet wuͤrde gnaͤdiger angenommen und gewißlich erhoͤrt werden, wenn ſie in ihrer verlaffenen Einſamkeit dem Himmel ein Opfer braͤchte. Sie ſann dem Theuerſten nach, das ſie be⸗ ſaß oder beſeſſen hatte; denn in dieſem Augenblicke konnte ihre Seele keine andre Regung als die Furcht empfinden, keinen andern Wunſch als ihre Befreiung hegen; in ſol⸗ cher Stimmung erinnerte ſie ſich des theuerſten Gutes, und beſchloß, es opfernd, ihm augenblicklich zu entſagen. So erhob ſie ſich auf's Knie, hielt die Haͤnde, aus denen der Roſenkranz herabhing, zuſammengefaltet vor der Bruſt, wandte Geſicht und Augen zum Himmel, und ſprach:„Hei⸗ lige Jungfrau, der ich ſo oft mich empfohlen, ſo oft den labendſten Troſt verdankte: die du ſo viele Schmerzen er⸗ duldeteſt, und jetzt, in ſolcher Herrlichkeit prangend, fuͤr die armen Gequaͤlten ſo viele Wunder gethan haſt, leihe mir deine Huͤlfe, fuͤhre mich aus dieſer Gefahr, laß mich, Mut⸗ ter des Herrn, gerettett zu meiner Mutter zuruͤckkehren, und empfange dafuͤr das Geluͤbde, daß ich Jungfrau blei⸗ ben will, daß ich, meinem armen Juͤngling fuͤr immer ent⸗ ſagend, mein ganzes Leben hindurch die Deinige ſeyn will.“ Nachdem ſie dieſe Worte geſprochen, ſenkte ſie das — 234— Haupt, und haͤngte ſich den Roſenkranz um den Hals, gleich einem Zeichen der Weihe und der himmliſchen Schutzwacht, gleich einer Waffe der neuen Heiligenſchaar, welcher ſie nunmehr angehoͤrte. Sie ſetzte ſich auf den Bo⸗ den nieder, und empfand im Gemuͤth eine gewiſſe Ruhe, ein weiter reichendes Vertrauen. Selbſt das„Morgen fruͤh“ welches der unbekannte Maͤchtige zweimal ausgeſprochen, ſchreckte ſie nicht mehr; ſie nahm es als ein Verſprechen der Rettung. Und in dieſer Beſaͤnftigung des inneren Sturmes ſchlaͤferten ſich die erſchoͤpften Sinne allmaͤhlig ein; der Tag war nicht mehr weit, als das ungluͤckliche Maͤdchen, mit dem Nanen ihrer Beſchuͤtzerin auf den Liy⸗ pen, einſchlief, und einen vollkommenen, dauernden Schlum⸗ mer genoß. 4 Aber einen Andern gab es in demſelben Schloſſe, der auf ſolche Weiſe gleichfalls gern ſich dem Schlaf uͤberge⸗ ben haͤtte, und nicht konnte. Der ungenannte hatte Lu⸗ cien verlaſſen, oder eigentlicher, ſich von ihr weggeſchlichen, hatte Befehl zu ihrem Abendeſſen gegeben, und dann, ſeiner Gewohnheit gemaͤß, verſchiedene Punkte der Burg beſucht. Das Bild des Maͤdchens begleitete ihn, in ſeinem Ohre hallten ihre Worte nach. Darauf ging er in ſein Schlaf⸗ gemach, verſchloß ſich mit ungeſtuͤmer Heftigkeit, als haͤtte er ſich gegen eine Schaar von Feinden zu verſchanzen ge⸗ habt, zog ſich raſch aus, und legte ſich nieder. Es war aber, als wenn daſſelbe Bild, lebhafter denn je vor ihm daſtehend, ihm ſagte: Du wirſt nicht ſchlafen!— Was fuͤr eine toͤlpelhafte Neugierde, dachte er, hat mich angewan⸗ delt, daß ich hingegangen bin, um eine Dirne zu ſehen! Der Suͤndenvogel, der Geyer hat Recht; man iſt kein . — 235.— Mann mehr, wahr, man iſt kein Mann mehr!— Ich? Ich waͤre kein Mann mehr? Was iſt vorgefallen? Welch ein Teufel macht ſich ein Feſt mit mir? Was hat ſich Neues mit mir begeben? Hab' ich's etwa nicht vorher ſchon gewußt, daß Frauenzimmer winſeln? Auch die Maͤnner winſeln manchmal, wenn ſie ſich nicht widerſetzen koͤnnen. Was Teufel! Hab' ich denn niemals Weiber mit thraͤnen⸗ den Augen jammern und heulen gehoͤrt? Ohne ſein Gedaͤchtniß anzuſtrengen, kam es von ſelbſt ihm entgegen, und rief ihm mehr als einen Fall zuruͤck, wo ihn weder Bitten noch Klagen in der Ausfuͤhrung ſeiner Beſchluͤſſe aufzuhalten vermocht hatten. Aber die Erinnerung ſolcher Faͤlle gab ihm die Kuͤhnheit, welche zur Vollendung dieſes Beginnens ihm fehlte, nicht zu⸗ ruͤck, erſtickte in ſeinem Buſen das laͤſtige Mitleid nicht, und weckte darin vielmehr ein ſchreckenaͤhnliches Grauen, eine wuthathmende Reue. So duͤnkte es ihn endlich eine Erleichterung, zu jenem erſten Bilde des Maͤdchens, gegen welches er ſeinen Muth zu bewaffnen geſucht hatte, zuruͤck⸗ zukehren.— Sie lebt ja, ſagte er, ſie iſt hier; ich bin bei der Hand. Ich kann ſprechen: geht, ſeyd wieder froͤhlich! — Ich kann dabei ſtehen, wenn dieſes Geſicht ſich verwan⸗ delt, ich kann ſie bitten: Verzeihet mir!.... Verzeiht mir! Ich um Verzeihung bitten? Ein Frauenzimmer, ich? Ah und dennoch! Wenn ein Wort, wenn ſolch ein einziges Wort mir Linderung braͤchte, mir auf ein Paar Stunden nur dieſe teufliſche Unruhe vom Halſe ſchaffte, ich wuͤrde es ſagen— ich fuͤhl's, daß ich es ſagen wuͤrde.— Weg! rief er drauf, und warf ſich gewaltſam auf die andere Seite, waͤhrend das Lager unter ihm immer haͤrter und die — 236— Decke immer ſchwerer wurde,— weg! Das ſind Kinder⸗ poſſen, die mir wohl ſchon ein ander Mal durch den Kopf geflogen. Auch die hier wird voruͤber ziehen. Und um ihr Voruͤberziehen zu beſchleunigen, ſuchte er im Geiſte nach irgend einem wichtigen Gegenſtande, der ihn lebhaft zu beſchaͤftigen pflegte, und wollte dieſem mit voller Seele ſich hingeben; er fand aber keinen. Alles ſchien ihm verwandelt; was ſonſt ſeine Wuͤnſche am ge⸗ waltſamſten aufjagte, trug jetzt keine Spur von Wuͤnſchens⸗ wuͤrdigkeit mehr an ſich; wie ein Pferd, welches, ploͤtzlich vor einem Schatten ſich ſcheuend, nicht von der Stelle will, ließ die Leidenſchaft ſich nicht vorwaͤrts ſpornen. Er dachte der begonnenen und nicht vollendeten Unternehmun⸗ gen; aber ſtatt ſich zur Ausfuͤhrung zu ermuthigen, ſtatt uͤber die Hinderniſſe in Zorn zu gerathen— auch der Zorn wuͤrde ihm in dieſem Augenblicke willkommen gewe⸗ ſen ſeyn— ſtellte ſich nur eine leere Traurigkeit ein, eine Verzagtheit uͤber die ſchon gethanen Schritte. Ohne Wuͤn⸗ ſche, ohne Vorſaͤtze und Handlungen, leer und hohl, nur von unertraͤglichen Erinnerungen bevoͤlkert, daͤmmerte die einſame Zeit um ihn her, und alle Stunden ſchienen der einen zu gleichen, die ſo eben langſam und ſchwer uͤber ihn hinzog. Er bewaffnete in der Einbildung alle ſeine Soͤldlinge, und fand keine Urſache, um die es ſich ver⸗ lohnte, Einem von ihnen einen Auftrag zu geben; ja der Gedanke, ſich unter ihnen zu ſehen, den Gebieter des Fre⸗ vels unter den Vollziehern, lag wie eine neue Laſt auf ihm; ſich anſtrengend ſuchte er ihn wieder los zu werden. und ſo oft er fuͤr den morgenden Tag nach einer Beſchaͤf⸗ tigung, nach einem thunlichen Werke ſuchte, kam er im⸗ — — 237— mer wieder auf die Vorſtellung zuruͤck, daß er morgen das ungluͤckliche Maͤdchen der Freiheit wiederſchenken wolle. Ich will ſie in Freiheit ſetzen, ja. Kaum ſoll der Tag daͤmmern, ſo will ich zu ihr eilen und ihr ſagen: Geht, geht! Ich will ſie begleiten laſſen... Und das Verſpre⸗ chen? Die Verpflichtung? Don Rodrigo?.. Wer iſt Don Rodrigo?— 1 Wie ein Menſch, welcher durch die unerwartete, ſchwie⸗ rige Frage eines Obern in Verlegenheit geſetzt worden, dachte der Ungenannte ſogleich darauf, die Frage zu beant⸗ worten, die er ſich ſelbſt, oder vielmehr das neue Ich, wel⸗ ches ploͤtzlich emporgeſtiegen das alte richten zu wollen ſchien, aufgeworfen hatte. Er ſuchte daher nach den Gruͤn⸗ den, weßhalb er, faſt noch ehe er darum gebeten worden, ſich zu der Verpflichtung entſchließen konnte, ohne Haß und Furcht, eine fremde Ungluͤckliche, um dem Luͤſtling zu dienen, ſo großen Jammer erdulden zu laſſen; es gelang ihm aber nicht, Urſachen aufzufinden, durch welche ſich die Uebereilung entſchuldigen ließ; kaum begriff er, wie er dazu verleitet worden. Der unuͤberlegte Wille war eine augen⸗ blickliche Bewegung des Geiſtes geweſen, der den alten an⸗ gewoͤhnten Empfindungen gehorchte, eine Folge von tau⸗ ſend vorhergegangenen Handlungen; und ſo ſah ſich der gequaͤlte Selbſtpruͤfer, um ſich von einer einzigen That Rechenſchaft zu geben, in eine Unterſuchung ſeines ganzen Lebens hinein gezogen; ruͤckwaͤrts und ruͤckwaͤrts, von Jahr zu Jahr, von Blutthat zu Blutthat, von Verbrechen zu Verbrechen; jedes ſtand neu da, von den begleitenden Wuͤn⸗ ſchen getrennt, ſtand in einer Entſetzlichkeit da, welche da⸗ mals dieſe Wuͤnſche ihm verborgen hatten. Alle die ſeini⸗ —-— 238— gen, ſeine Schuld— er ſchauderte; die Bilder, die an al⸗ len dieſen Thaten hingen, belebten ſich wieder, und erblei⸗ chend war er ſchier der Verzweiflung preis gegeben. Ha⸗ ſtig ſetzte er ſich im Bette aufrecht, umklammerte mit den Haͤnden die Seitenbretter, griff nach einem Piſtol, wollte es losbrennen, und... Im Augenblicke, da er ein uner⸗ traͤgliches Leben enden wollte, ergriff ſein erſchrockener Geiſt die Zeit, welche auch nach ſeinem irdiſchen Ende nim⸗ mer verſiegend hinrinnen wuͤrde. Schaudernd dachte er ſich ſeinen entſtellten, unbeweglichen Leichnam, der Will⸗ kuͤhr des Gemeinſten preisgegeben, der ihn uͤberlebte; das Erſtaunen, das Gewuͤhl morgen im Schloſſe, Alles in Ver⸗ wirrung, und er ohne Kraft, ohne Stimme, hingeworfen wer weiß wo. Er dachte ſich das Geruͤcht, das daruͤber umher laufen, die Vermuthungen, welche die Menſchen nah und fern aͤußern wuͤrden, die Freude ſeiner Feinde. Dann die Finſterniß, das oͤde Schweigen, ſie mahlten ihm den Tod noch trauriger und furchtbarer; am hellen Tage, ſchien es ihm, draußen, vor aller Leute Augen, wuͤrde er mit dem Piſtol nicht gezaudert haben; dort wollte er ſich in ein Waſſer ſtuͤrzen und verſchwinden. Von ſo entſetzlichen Ge⸗ danken gleichſam hin und her geſchleudert, zuckte er mit dem Daumen am Hahn des Schießgewehrs— da fiel ihm ein neuer Gedanke ein.— Wenn dieſes andre Leben, wo⸗ von ſie mir ſo viel geſprochen, da ich ein Knabe war, wo⸗ von ſie noch immer ſprechen, als wenn's eine gewiſſe Sache waͤre, wenn dieſes Leben nichts iſt, eine bloße Gaukeler⸗ findung der Prieſter, was mach' ich? Warum will ich ſter⸗ ben? Was kuͤmmern mich dann vergangene Thaten? Eine — 239— Narrheit iſt meine.. Und wenn dieſes andre Leben ſiatt findet... Bei dieſem gefahrvollen Zweifel wandelte ihn eine noch ſchwaͤrzere, ſchwerere Verzweiflung an, welcher ſich nicht einmal mit dem Tode entfliehen ließ. Er ließ die Waffe fallen, lag ſich mit den Naͤgeln in den Haaren, klapperte mit den Zaͤhnen, und zitterte an allen Gliedern. Da fielen ihm ploͤtzlich Worte auf die Seele, die er we⸗ nige Stunden fruͤher gehoͤrt hatte— fuͤr ein Werk des Mitleids verzeiht Gott ſo viele Dinge! Und nicht in je⸗ nem Tone demuͤthiger Bitte, womit ſie geſprochen worden, kehrten ſie ihm wieder, ſie klangen gleich einem entſcheiden⸗ den Ausſpruch, und gaben einer fernen Hoffnung das Le⸗ ben. So ſtellte ſich eine Sekunde der Erleichterung ein; er nahm die Haͤnde von den Schlaͤfen, und betrachtete ru⸗ higer das Bild des Maͤdchens, welches dieſe Worte geſpro⸗ chen; da ſtand ſie vor ihm nicht wie ſeine flehende Ge⸗ fangene, wie ein Engel der Gnade blickte ſie ihn an, der Troſt und Verzeihung mit ſich fuͤhrt. Er ſehnte ſich nach dem Tage, um die Befreiung ihr zu verkuͤnden, und aus ihrem Munde andre Worte der Erquickung und des Lebens zu vernehmen; er dachte ſich, wie er ſelbſt ſie zur Mutter fuͤhrte.— Und dann? Was werde ich den uͤbrigen Tag hindurch thun? Was nachher? Und die Nacht? Die Nacht, die in zwoͤlf Stunden wiederkehrt! Ha, die Nacht! In die oͤde Zukunft ſich wieder verlierend ſuchte er fruchtlos nach einer Benutzung der Zeit, wie Tage und Naͤchte ſich lohnender verleben ließen. Das Schloß ver⸗ laſſen, und in entfernte Laͤnder gehen, wo er keine Lippe ſeinen Namen ausſprechen hoͤrte— ein zweckloſer Ent⸗ — 240— ſchluß; er wuͤrde dennoch immer, fühlte er, der Nehm⸗ liche bleiben; eine dunkle Hoffnung, die alten Wuͤnſche, den alten Muth wieder aufzufaſſen, wehte ihn von fern wieder an, und zeigte ihm die gegenwaͤrtige Stunde als einen voruͤbergehenden Wahnſinn. Bald fuͤrchtete er den Tag, als wuͤrde er ihn den Seinigen in dieſer jaͤmmer⸗ lichen Verwandlung zeigen; bald verlangte er nach ihm, als muͤßte er auch ſeine finſtre Gedankenwelt mit einer Morgenroͤthe erfreuen. Die Daͤmmerung war wirklich im Beginnen, und Lucia kaum eingeſchlafen; er ſaß im Bette bewegungslos aufrecht, und hoͤrte die Woge eines undeutlichen Getoͤnes nahen, in welchem etwas Feierliches ſich zu verkuͤnden ſchien. Er horchte, und erkannte ein fernes feſtliches Glockengelaͤute; der Wiederhall der Berge toͤnte es nach, und floß mit den wirklichen Klaͤngen zuſammen.— Was giebt's fuͤr'ne Freude heut? Woran erbauen ſie ſich ſchon wieder? Was fuͤr'ne gute Zeit?— Er ſprang von ſei⸗ nem Dornenlager auf, kleidete eiligſt ſich halb an, offnete ein Fenſter, und ſah hinaus. Eine weite Nebeldecke la⸗ ſtete auf den verhuͤllten Gebirgen, und der ganze Himmel war ein einziges graues Gewoͤlk; bei'm erwachenden Licht⸗ glanze der Morgenroͤthe aber ließen ſich im tiefen Thal⸗ wege unten Leute erkennen, die geſchaͤftig zuwanderten; Andre traten aus der Thuͤre und machten ſich auf den Weg, Alle nach derſelben Seite, zur Rechten der Burg, der Oeffnung des Gekluͤftes zu; dabei war an Kleidung und Haltung der Wandernden ein feſtlicher Tag nicht zu verkennen. 3 — 241— Was Teufel haben die? Was giebt's denn fuͤr ne Luſt in dem verdammten Dorfe? Wohin geht all das Geſindel?— Ein Ruf weckte den vertrauten Bravo, der ſache der fruͤhen Bewegung da unten ſey, geſtand er, ſie eben ſo wenig zu wiſſen, ſagte aber, er wolle ſogleich ſich Auskunft verſchaffen. Waͤhrend deſſen blieb der Herr an das Fenſter gelehnt ſtehen, und betrachtete aufmerkſam das bewegliche Schauſpiel. Maͤnner ließen ſich ſehen, Frauen, Kinder, in Haufen, paarweiſe oder einzeln; der Eine holte einen Andern ein, und ging dann neben ihm; ein Zweiter trat eben aus dem Hauſe, und ſchloß ſich dem Bekannten an, den er zuerſt auf der Straße traf; wie Freunde wan⸗ derten ſie auf einer verabredeten Reiſe. In ihren Geber⸗ den lagen offenbar Eile und gemeinſchaftliche Freude; dies Gelaͤute ſo vieler Glocken, welche nah und fern, mehr oder weniger deutlich, nicht harmoniſch mit einander ſtimmten, aber denſelben Ruf zu verkuͤnden ſchienen, war gleichſam der gemeinſchaftliche hoͤrbare Ausdruck dieſer Bewegungen, die Erklärung der Worte, die ſich auf dem Felſen oben nicht vernehmen ließen. Er ſtand betrachtend da; mehr als bloße Neugier war's, wenn ihn nach der urſache der allgemeinen Freudigkeit verlangte; eine Sehn⸗ ſucht wandelte ihn an, die Empfindnngen ſo vieler ver⸗ ſchiedener Menſchen zu theilen. „.—— 8 9* II. 16 — 242— Elftes Kapitel. 3 Bald kam der Bravo mit der Nachricht zuruͤck, daß am vorhergehenden Tage der Kardinal Federigo Borromeo, Erzbiſchof von Mailand, in*»» eingetroffen ſey, und bis zum naͤchſten Abend ſich daſelbſt aufhalten werde; die Kunde davon habe ſich noch geſtern weit umher verbreitet, alles Volk ſey auf den Beinen, begierig, dieſen Mann zu ſehen, und die Giocken, die ſeine Ankunft meldeten, ver⸗ kuͤndigten zugleich einen feſtlichen Tag. Der Ungenannte blieb allein, und blickte gedanken⸗ voller noch in's Thal hinab.— Um Eines Menſchen willen! Alles in Eifer, in freudiger Geſchaͤftigkeit, um Einen Menſchen zu ſehen! Und doch hat Jeder unter ihnen ge⸗ wiß ſeinen Teufel, der ihm zuſetzt— aber Keiner, Keiner einen wie ich, Keiner hat eine Nacht, wie ich hier, zuge⸗ bracht!— Was hat dieſer Mann, um ſo viele Leute in Froͤhlichkeit zu verſetzen? Wenn er auch einige Groſchen auf's Gerathewohl vertheilt... aber die gehen doch nicht Alle auf Almoſen aus. Alſo einige Zeichen durch die Luft, einige Worte— ach, wenn er zu meinem Troſte welche haͤtte! Wenn... Warum geh' ich nicht auch? Warum nicht? Ich wil gehen; was hab' ich Beſſeres zu thun? Ich will gehen, mit ihm ſprechen, will unter vier Augen mit ihm ſprechen.— Was ſoll ich ihm ſagen? Gut, er, der... Ich will doch hoͤren, was er ſagen wird, der Mann!. Nachdem er dieſen unbeſtimmten Entſchluß gefaßt hatte, zog er ſich vollſtaͤndig an, und warf uͤber die ge⸗ woͤhnliche Kleidung einen deiütterten Wams von kriegeri⸗ — — 243— ſchem Schnitte; dann nahm er das Piſtol, das auf dem Bette liegen geblieben, und haͤngte es auf der einen Seite an den Gurt; auf der andern ein zweites, welches er von einem Nagel an der Wand herabnahm; ein Dolch kam gleichfalls in den Gurt zu ſitzen, und ein Feuerrohr, faſt eben ſo beruͤchtigt wie er, ward quer uͤber die Schulter gehaͤngt. Sodann ſetzte er den Hut auf, trat zum Zimmer hinaus, und begab ſich vor Allem nach der Kammer, wo er Lucien verlaſſen hatte. Ehe er hineinging, ſtellte er G das Feuerrohr in einen Winkel neben der Thuͤre, klopfte an, und ließ zugleich ſeine Stimme hoͤren. Die Alte ſprang vom Bette, warf ſchnell einige Fetzen uͤber, und lief, um zu oͤffnen. Der Herr trat ein, ließ ſeinen Blick durch's Zimmer wandern, und ſah Lucien in ihrem Winkel ruhig zuſammengekauert ſitzen. Schlaͤft ſie? fragte er leiſe die Alte.„Dort ſchlaͤft ſie? Hab' ich's ſo befohlen, Verdammte? „Ich hab' mein Moͤglichſtes gethan /”/ verſicherte Jene, ſie hat aber weder eſſen, noch ſich in's Bette legen wollen.“ Laß ſie ruhig ſchlafen, ſtoͤre ſie ja nicht, und ſobald ſie erwacht Martha ſoll hier in's Zimmer neben an gehen; Du kannſt ſie nach Allem ſchicken, was das Maͤd⸗ chen etwa verlangen wird. Sobald ſie erwacht iſt, ſag ihr, daß ich, daß der Herr auf kurze Zeit ausgegangen, er wird zuruͤckkommen, und.. und Alles thun, was ſie wollen wird.“ Ddie Alte blieb verſteinert ſtehen.— Das muß eine Fuͤrſtin ſeyn! dachte ſie. Der Ungenannte ging hinaus, nahm ſein Schießge⸗ wehr, hieß Martha im Rebenzimmer warten, und gab — 244— dem erſten Bravo, dem er begegnete, den Auftrag, Wache zu ſtehen, und Niemanden, als die Aufwaͤrterin, in das Zimmer dort hinein zu laſſen. Darauf verließ er ſein Schloß, und ſtieg mit ſchnellen Schritten in's Thal hinab. Wie weit es von der Felſenburg bis zum Dorfe war, wo der Kardinal ſich aufhielt, giebt unſre Handſchrift nicht an; indeſſen konnte die Entfernung hoͤchſtens einen guten Spaziergang betragen. Das laͤßt ſich nicht bloß aus dem Herbeieilen der Thalbewohner vermuthen; denn in den Jahrbuͤchern iſt zu leſen, daß die Leute einmal, um dieſen Biſchof zu ſehen, von zwanzig Miglien und druͤber hergekommen; Alles aber, was an dem Tage, deſſen Er⸗ eigniſſe wir erzaͤhlen wollen, geſchehen, berechtigt zu dem Schluſſe, daß es ein unbedeutender Weg geweſen. Die Soͤldlinge, welchen der Herr auf dem Bergpfade begegnete, blieben ehrfurchtsvoll ſtehen, erwarteten ſeine Befehle, oder machten ſich auf einen Wink zur Begleitung gefaßt; Alle aber erſtaunten uͤber die Miene, mit welcher er ihre Verneigungen erwiederte. Als er unten ſich auf offener Straße befand, wars ganz anders. Die erſten Wandrer, die ihn erblickten, fluͤ⸗ ſterten einander zu, ſahen ihm voller Argwohn entgegen, und wichen ihm nach allen Seiten aus. Auf dem ganzen Wege machte er nicht zwei Schritte einem andern Wan⸗ drer zur Seite; wer ihn herankommen ſah, blickte ſcheu⸗ verneigte ſich, und ſchritt langſamer, um hinter ihm zu⸗ ruͤckzubleiben. Er trat in's Dorf, es wimmelte von Men⸗ ſchen; bei ſeinem Erſcheinen lief ſein Name von Mund zu Mund, und das Gedraͤnge theilte ſich. Er ging auf einen dieſer Vorſichtigen zu, und fragte ihn, wo der Kardinal — 245— ſich aufhalte.—„Im Hauſe des Pfarrers,“ antwortete der Mann ehrfurchtsvoll, und zeigte es ihm. Der Unge⸗ nannte ging hin, und betrat einen kleinen Vorhof, wo viele verſammelte Prieſter ihn mit verwunderter, argwohn⸗ voller Aufmerkſamkeit betrachteten. Er bemerkte gerade uͤber eine weit geoͤffnete Thuͤre; dieſe fuͤhrte in einen klei⸗ nen Vorſaal, und auch hier ſtanden viele Geiſtliche neben einander. Nun nahm er ſein Schießgewehr von der Schul⸗ ter, und ſtellte es in einen Winkel des Hofes; ſo trat er in den Saal, und traf auch hier neugierige Blicke und Fluͤſtern; nur ein einziger Name wiederholte ſich in der Verſammlung, ſonſt ſprach Niemand ein Wort. Er aber wandte ſich an einen der Maͤnner, und fragte ihn, wo der Kardinal ſey; denn er wolle ihn ſprechen.—„Ich bin ein Fremder,“ antwortete der Gefragte, ſah ſich aber um, und rief den kreuztragenden Kapellan, welcher in einem Winkel des Saales ſtand, und ſo eben heimlich zu einem Nachbar ſagte:„Der? der beruͤchtigte Menſch? Was hat der hier zu ſchaffen? Weit weg von ihm!“— Bei der allgemeinen Stille aber klang der Ruf zu laut, und ſo konnte der Kapellan nicht anders, als ſich ſtellen. Er ver⸗ neigte ſich, vernahm die Frage, hob die Augen mit unru⸗ higer Neugier zu dieſem Geſicht empor, ſenkte ſie aber ſchnell wieder zur Erde, ſtand einige Sekunden ſchwan⸗ kend da, und ſagte dann, oder ſtotterte vielmehr:„Ich weiß nicht, ob der erlauchte Herr Kardinal in dieſem Au⸗ genblick ſich in.. ob er jetzt.. ich will aber gehen und mich erkundigen.“— Und als braͤchte er eine traurige Nachricht, begab er ſich in ein benachbartes Zimmer, wo⸗ ſelbſt der Kardinal ſich befand. — 246— Wie es ſeine Gewohnheit war, jede Minute der ge⸗ ſchaͤftsloſen Zeit zu benutzen, beſchaͤftigte ſich dieſer, bis der Augenblick des feierlichen Gottesdienſtes erſchien, mit Stu⸗ dien. Da trat der kreuztragende Kapellan in's Zimmer zu ihm, und das Geſicht verrieth eine aͤngſtliche Unruhe. „Ein ſeltſamer Beſuch, erlauchter Monſignore,“ be⸗ gann er,„wirklich hoͤchſt ſeltſam!“ „Wer?“ fragte der Kardinal. „Kein Geringerer, als der Herr...“ Er legte auf die Sylben einen hedeutungsvollen Ton, und ſprach den Na⸗ men aus, den wir leider unſren Leſern nicht mittheilen koͤnnen.„Er iſt hier draußen,“ fuhr er fort,„in eigener Perſon, und verlangt nichts weniger, als zu Eurer erlauch⸗ ten Gnaden hereingefuͤhrt zu werden.“ „Der!“ rief der Kardinal mit lebhaftem Blicke, in⸗ dem er das Buch ſchloß⸗ und ſich von ſeinem Seſſel erhob. „Er kommel komme ſogleich!“ „Aber...“ entgegnete der Kapellan, ohne ſich zu ruͤk⸗ ken,„Eure erlauchte Gnaden muͤſſen wiſſen, wer dieſer Menſch iſt; der Landesverwieſene, der beruͤchtigte...“ „Und ſoll ſich ein Biſchof nicht gluͤcklich preiſen, daß ſolch ein Menſch auf den Gedanken geraͤth, ihm einen Be⸗ ſuch abzuſtatten?“ „Aber,“ blieb der Kapellan bei ſeiner Behauptung, „wir duͤrfen uͤber gewiſſe Dinge uns niemals auslaſſen, denn Monſignore ſind der Meinung, es ſeyen laͤppiſche Re⸗ den; dennoch, wenn der Fall wirklich eingetreten, ſo glaub' ich, iſt's meine Pflicht.. Der Eifer macht Feinde, Mon⸗ ſignore, und wir wiſſen beſtimmt, daß mehr als ein Schurke —— — 247— ſich zu ruͤhmen gewagt hat, er werde, es geſchehe wann es wolle.. „Und was haben denn dieſe Leute bis jetzt ausgefuͤhrt?“ unterbrach ihn der Kardinal. „Ich ſage, dieſer Menſch hat das Recht zu Miſſetha⸗ ten ordentlich gepachtet,'s iſt ein Verzweifelter, der mit noch verzweifelteren Wuͤtherichen in Verbindung ſteht. Er kann hergeſchickt ſeyn..“ „O was iſt das fuͤr eine Mannszucht,“ ſagte der Bi⸗ ſchof laͤchelnd,„wenn die Soldaten den Feldherrn zur Feigherzigkeit auffordern?“— dann aber ward er ernſt und nachdenkend.—„San Carlo, mein Vetter,“ bemerkte er,„haͤtte keine Sekunde ſich beſonnen, ob er einen ſol⸗ chen Menſchen aufnehmen ſoll, er wuͤrde ihm entgegen gegangen ſeyn. Laſſ' ihn augenblicklich eintreten; zu lange hat er ſchon gewartet.“ Der Kapellan ſetzte ſich in Bewegung, und dachte im Herzen:'S giebt kein Mittel; dieſe Heiligen ſind alle ei⸗ genſinnig. Er oͤffnete die Thuͤre, und trat in das Vorzimmer, wo der Ungenannte und die Verſammlung ſich befanden. Dieſe hatte ſich nach einer Seite hingezogen, wo man einander zufluͤſterte, und den Gaſt, welcher in einem Winkel allein ſtand, mit ſcheuen Blicken betrachtete. Der Kapellan ging auf ihn zu, maß ihn pruͤfend von oben bis unten, fragte ſich, welch eine Hoͤlle von Waffen wohl unter dieſem Wamſe ſtecken koͤnnte, und dachte, ob er ihm nicht wirklich, eh er ihn hineinfuͤhrte, den Vorſchlag machen ſollte... ſeine Furcht aber ließ es zu keinem Entſchluſſe kommen.— „Monſignore erwartet Eure Gnaden,“ ſagte er ſchuͤchtern. „Kommen Sie gefaͤlligſt mit mir.“— So ſchritt er ihm durch die Verſammlung voran; man machte ihnen Platz⸗ und ſah bedenklich einem ſolchen Beſuche nach; es war als fragte man: Was wollt Ihr? Wißt Ihr es nicht etwa auch, daß er beſtaͤndig ſeinen Grundſaͤtzen treu bleibt? Das Paar trat in's Haus, der Kapellan oͤffnete die Thuͤre, und ließ den Ungenannten hinein gehen. Mit ei⸗ fervoller heiterer Miene und ausgeſtreckten Haͤnden kam ihm der Biſchof, wie einem Erwarteten, entgegen, und gab ſogleich dem Kapellan einen Wink, er moͤchte ſich entfernen. Dieſer gehorchte, und verließ ſie. Die beiden Maͤnner ſtanden eine Zeitlang ſchweigend, in verſchiedeney Spannung, einander gegenuͤber. Der Un⸗ genannte, durch eine geheime Gewalt, durch einen uner⸗ klaͤrlich treibenden Hang hergezogen, nicht durch eine be⸗ ſtimmte Abſicht geleitet, fuͤhlte ſich wie an den Boden ge⸗ gefeſſelt, von zweien entgegengeſetzten Empfindungen be⸗ wegt; waͤhrend ihn die ſehnſuchtsvolle Hoffnung erfuͤllte, fuͤr ſeine inneren Qualen ein Linderungsmittel zu finden⸗ peinigten ihn Aerger und Schaam, daß er wie ein Kind der Reue, wie ein unterthaͤniger, jaͤmmerlicher Suͤnder da⸗ ſtand, um zur Schuld ſich zu bekennen, und einen Men⸗ ſchen anzuſlehen; ſo fand er keine Worte, und ſuchte ſie auch eigentlich kaum. Indem er aber die Augen zum Ant⸗ litz des ſeltenen Mannes erhob, fuͤhlte er ſich mehr und mehr von einer gebietriſchen und doch ſanften Empfindung der Ehrfurcht uͤberſchlichen; das Vertrauen wuchs, der In⸗ grimm beſaͤnftigte ſich, und ohne den Stolz zu beleidigen, vermochte ihn die Hoheit des frommen Krihenhorten, nach⸗ zugeben und zu ſchweigen. — — 249— Der Anblick des Biſchofs verkuͤndigte in der That ein geiſtiges Uebergewicht, und erwarb ihm dennoch die Liebe der Menſchen. Sein angeboren ruhiges Benehmen, die Majeſtaͤt ſeiner Geſtalt, welche von den Jahren weder ge⸗ ſchwaͤcht noch gekruͤmmt, wider ſeinen Willen auf alle Herzen wirkte, das ernſte, lebhafte Auge, die freie aber ge⸗ dankenvolle Stirn, die jugendlich bluͤhende Lebenskraft, die ſelbſt im Grau des Haares, in der Blaͤſſe, in den Spuren der Enthaltſamkeit, des Nachdenkens und der Muͤhſeligkei⸗ ten ſich erkennen ließ, alle Zuͤge des Angeſichtes ſprachen eine ehemals vollkommene Schoͤnheit aus; jetzt hatten es die Uebung feierlicher, wohlwollender Gedanken, der innre Seelenfriede eines langen Lebens, die Liebe zu den Men⸗ ſchen und die beſtaͤndige Freude einer unausſprechlichen Hoffnung, mit einer Greiſenſchoͤnheit geſchmuͤckt, welche in der fuͤrſtlichen Einfachheit des Purpurs ſich noch herrlicher darſtellte. 4 Aber auch er ſtand einen Augenblick im Anſchauen des Ungenannten da. Sein durchdringendes, geuͤbtes Auge hatte ſeit langer Zeit die Fertigkeit gewonnen, aus den Zuͤ⸗ gen der Menſchen auf ihre Geſinnungen zu ſchließen, und ſo glaubte er immer mehr, unter dieſem finſtren, verſtoͤrten Angeſichte etwas vermuthen zu duͤrfen, welches die Hoff⸗ nung, die er gleich anfangs bei der Meldung eines ſolchen Beſuches gehegt, beſtaͤtigen moͤchte. Heiteren Muthes be⸗ gann er daher:„Ei, welch ein erfreulicher Beſuch! Ich muß Ihnen fuͤr einen ſo holdſeligen Entſchluß meinen Dank abſtatten, obgleich Sie mir vielleicht einen kleinen Vorwurf zugedacht haben.“ „Einen Vorwurf!“ rief der verwunderte Gaſt; aber ‿ — 250— ſchon die Worte und die Geberde, die ſie begleitete, ſtimmten ihn zu ſanfter Milde; er war froh, daß der Kardinal das Eiss gebrochen, und ein Geſpraͤch in Gang gebracht hatte. „Allerdings hab' ich auf einen Vorwurf zu rechnen,“ fuhr dieſer fort,„daß ich mir von Ihnen den Vorſprung hab' abgewinnen laſſen; da ich ſeit ſo langer Zeit, bei ſo vielen Gelegenheiten, zu Ihnen haͤtte kommen koͤnnen/ haͤtte kommen ſollen.“ „Zu mir, Sie? Wiſſen Sie, wer ich bin? Hat man Ihnen meinen Namen geſagt?“ „Die troͤſtliche Befriedigung, die ich empfinde, die mir gewiß deutlich auf der Stirn geſchrieben ſteht, glauben Sie, ich wuͤrde ſie bei der Anmeldung, bei dem Beſuch eines Unbekannten empfinden? Sie ſind's, der ſie mir gewaͤhrt; Sie, ſag' ich, den ich haͤtte aufſuchen ſollen; Sie, den ich ſo ſehr geliebt und beweint, fuͤr deſſen Heil ich ſo oft ge⸗ betet; Sie, unter meinen Kindern, die ich alle von Herzen liebe, derjenige, welchen ich am meiſten zu empfangen und zu umarmen gewuͤnſcht, wenn ich geglaubt haͤtte, es hof⸗ fen zu duͤrfen. Aber der Herr des Himmels allein weiß Wunder zu wirken, und unterſtuͤtzt die Schwaͤche, die Lang⸗ ſamkeit ſeiner armen Diener.“ Bei dieſem lebhaften Ausbruch ſtand der Ungenannte ſtaunend da. Die Worte entſprachen genau den Gedan⸗ ken, die er ſelbſt noch unausgeſprochen gelaſſen, auch nicht entſchloſſen geweſen, auszuſprechen. Bewegt, aber uͤber⸗ raſcht ſchwieg er. „Wie alſo?“ nahm der Kardinal noch herzlicher das Wort,„Sie haben mir eine gute Nachricht mitzutheilen, und laſſen mich ſo lange darauf warten?“ — 251— Eine gute Nachricht! Ich? Ich trage die Hoͤlle im Herzen, und ſoll Ihnen eine gute Nachricht mittheilen?. Sagen Sie mir, wenn Sie es wiſſen, wie lautet eine gute Nachricht, welche von Meinesgleichen ſich erwarten laͤßt?“ „Daß Gott Ihnen das Herz geruͤhrt hat, und gnaͤdig Sie zu dem Seinigen machen will,“ antwortete ſanftſin⸗ nig der Kardinal. „Gott! Gott! Gott! Wenn ich ihn ſaͤhe! Wenn ich ihn hoͤrte! Wo iſt dieſer Gott?“ „Sie fragen mich danach? Sie? Wem iſt er naͤher als Ihnen? Fuͤhlen Sie ihn nicht in dieſem Herzen, welches er erdruͤckt, bewegt und nicht ruhen laͤßt, waͤhrend er zu glei⸗ cher Zeit es anzicht, und die Hoffnung der Ruhe, des Tro⸗ ſtes leiſe darin erzieht? O dieſer Troſt wird unverſieglich, wird unermeßlich Sie laben, ſobald Sie den Herrn erken⸗ nen, ſeine Weltherrſchaft geſtehen, und um ſeine Gnade ihn bitten!“ „Ha, wahrlich, Etwas iſt da, das mich erwuͤrgt, das mich zernagt! Aber Gott! Wenn dieſer Gott vorhanden iſt, wenn er derjenige, welchen man predigt, was ſoll er mit mir anfangen?“ Der Ausdruck der Verzweiflung begleitete dieſe Worte. Der Kardinal aber entgegnete mit feierlichem Tone, wie von ſanftem Himmelshauche begeiſtert:„Was Gott mit Ihnen anfangen ſoll! Sie ſollen ein Zeichen ſeiner Macht wie ſeiner Guͤte ſeyn, ſollen einen Nuhm ihm gewaͤhren, den kein Zweiter ſo leicht ihm gewaͤhren koͤnnte. Wenn die Welt ſeit ſo vielen Jahren uͤber Sie ſchreit, wenn tau⸗ ſend und abermal tauſend Stimmen Ihre Thaten verflu⸗ chen⸗—. Der Ungenannte ſchauderte, und ſtand einen Au⸗ — 252— genblick erſtaunt, da er eine ſo ungewohnte Sprache ver⸗ nahm, noch erſtaunter aber uͤber ſich ſelbſt, daß er keinen Unwillen, ſondern vielmehr eine Erleichterung darin em⸗ pfand—„welch ein Ruhm fuͤr den Ewigen im Himmel?“ fuhr der Biſchof fort.„Der Schrecken verkuͤndigt ſich in dieſen Reden der Menſchen, der Eigennutz; vielleicht auch die Gerechtigkeit. Einige, vielleicht nur Allzuviele, benei⸗ den Ihnen Ihre ungluͤckſelige Macht, beneiden dieſe bis heut ſo beiammernswuͤrdige Sicherheit des Gemuͤthes. Wenn Sie aber ſelbſt Sich erheben, um Ihr Leben zu ver⸗ dammen, um Sich ſelbſt anzuklagen, dann, dann wird Gott verherrlicht werden! und Sie fragen, was er mit Ihnen heginnen kann? Wer bin ich armer Menſch, um Ihnen jetzt ſchon ſagen zu wollen, zu welch einem nutzenreichen Zwecke ſolch ein Koͤnig Sie beſtimmt? Was er aus dieſem ungeſtuͤmen Willen, aus dieſer unerſchuͤtterlichen Be⸗ harrlichkeit zu machen gedenkt, ſobald er ſie mit Liebe, mit Hoffnung und Reue beſeelt und entflammt hat? Und wer ſind Sie, armer Menſch⸗ daß Sie in Gottes Welt ein groͤ⸗ ßeres Uebel zu verurſachen glaubten, als er durch Sie ſelbſt zum Guten verwandeln kann?— Und Ihnen verzeihen? Ihr beſſeres Selbſt rettend, das Werk der Erldſung in Ih⸗ nen vollenden, ſind das nicht hochherrliche Dinge, eines ſolchen Gottes wuͤrdig? O bedenken Sie, wenn ich, un⸗ bedeutender Menſch, ein elender Wurm der Erde, und den⸗ nooch von mir ſelbſt ſo erfuͤllt, wenn ich mich ſo eifervoll um Ihr Heil bemuͤhe, daß ich mit Freuden— Er droben iſt mein Zeuge!— die wenigen Tage, die mir hienieden noch bleiben, dafuͤr hingeben wuͤrde, bedenken Sie, wie unbeſchreiblich die Menſchenliebe desjenigen ſeyn muß/ der —,— — 253— mich mit ſo unvollkommener, aber doch ſo lebhafter Be⸗ geiſterung erfuͤllt; wie liebt er Sie, wie wohl will er Ih⸗ nen, der mir eine ſo hinreißende Neigung zu Ihnen in die Bruſt pflanzt!“ Waͤhrend dieſe Worte den ehrwuͤrdigen Lippen entran⸗ nen, bekraͤftigte jeder Zug, jeder Blick, jede Bewegung ih⸗ ren Sinn. Die verdrehten, krampfhaften Zuͤge des Zuhoͤ⸗ rers loͤſten ſich anfangs bloß zur Bewunderung und zur Aufmerkſamkeit; dann aber verbreitete ſich eine tiefere, we⸗ niger aͤngſtliche Ruͤhrung uͤber ſie; die Augen, ſeit der Kindheit mit keiner Thraͤne mehr geſegnet, glaͤnzten wie von feuchtem Anhauch, und als die Rede geſchloſſen, be⸗ deckte er ſich mit den Haͤnden das Geſicht, ſchluchzte, ſchwankte, und brach ploͤtzlich in ein heftiges Weinen aus — die letzte und unumwundenſte Antwort. „Großer, guter Gott!“ rief der Biſchof, indem er Augen und Haͤnde zum Himmel emporhob,„welche Ver⸗ dienſte hab' ich, ich unnuͤtzer Knecht, ich traͤumeriſcher Hirt Deiner Heerde, daß Du mich zu dieſem Feſte der Gnade berufen, mich wuͤrdig erachteſt, zu einem ſo freudigen Wun⸗ der meinen Beiſtand zu leihen!“— Bei dieſen Worten ſtreckte er die Hand aus, und ſuchte die Hand des Unge⸗ nannten zu faſſen. „Mein!“ rief dieſer, und trat zuruͤck;„nein, fort, fort von mir! Beſudeln Sie dieſe ſchuldloſe, wohlthatſpen⸗ dende Hand nicht. Dieſe hier, die Sie druͤcken wollen, Sie wiſſen nicht, was ſie Alles gethan hat!“ Laßt/“ ſagte Borromeo, und ergriff ſie mit liebevol⸗ ler Heftigkeit,“ laßt ſie mich druͤcken— eine theure Hand! — 254— Sie wird ſo viele ſchlimme Thaten wieder gut machen, ſo vielen Segen ſpenden, ſo viele Betruͤbte emporrichten, ſo vielen Feinden entwaffnet, friedenſuchend, herablaſſend ſich hinſtrecken. u viel!“ rief ſchluchzend der Ungenannte.„Laſſen Sie mich! Ein zahlreich verſammeltes Volk erwartet Sie, ſo viele gute Seelen, ſo viele unſchuldige, ſo weit herge⸗ kommen, Sie einmal zu ſehen und zu hoͤren, und Sie hal⸗ ten Sich indeß auf— bei wem? 7 „Laſſen wir die neun und neunzig Schafe,“ antwortete der Kardinal,⸗„ſie weiden ſicher auf dem Berge; der Blick der Sorgfalt ruht auf dem Einen verirrten. Dieſe guten Seelen ſind jetzt vielleicht zufriedener, als wenn ſie den ar⸗ men Biſchof hier geſehen. Vielleicht erfuͤllt ſie Gott, der in Ihnen das Wunder der Erbarmung gewirkt, mit einer Freude, deren urſache ſie noch nicht ahnen. Ohne es zu wiſſen, iſt dieſes Volk vielleicht mit uns hier vereinigt; vielleicht facht der große Geiſt im Herzen dieſer Menſchen eine dunkle Gluth des Mitleids an, bewegt ſie zu einem Gebete fuͤr Sie, das er erhoͤrt, zu einem Gottesdienſte des Dankes, deſſen noch unbekannter Gegenſtand Sie ſind.“ Waͤhrend er ſo ſprach, legte er die Arme um den Hals des Ungenannten. Dieſer verſuchte, ſich der Umarmung zu entziehen, widerſtand einen Augenblick, gab aber endlich, vom Ungeſtuͤm einer ſolchen Liebe beſiegt, nach, umſchlang gleichfalls den Kardinal, und druͤckte ſein zitterndes ver⸗ wandeltes Geſicht an den Buſen ſeines erhabenen Ueber⸗ winders. Seine heißen Thraͤnen rollten auf den unbefleck⸗ ten Purpur des Kirchenhortes herab, waͤhrend das unſchul⸗ dige Haͤndepaar leidenſchaftlich den großen Verbrecher um⸗ 3 — 255— fing, und zaͤrtlich die Arme beruͤhrte, die bisher nur die Waffen der Gewaltthaͤtigkeit und des Verrathes getragen. Indeſſen riß ſich der Ungenannte ſanft aus der umarmung,. bedeckte ſich die Augen von Neuem mit den Haͤnden, er⸗ hob das Geſicht, und rief:„Wahrhaft großer, wahrhaft guter Gott! Jetzt kenn' ich mich, jetzt begreif' ich, wer ich bin; vor den Augen ſtehen mir meine Miſſethaten, mir ekelt vor mir ſelbſt, und dennoch empfinde ich eine Labe, eine Freude, ja eine Freude, wie ich ſie niemals mein gan⸗ zes grauſenvolles Leben hindurch empfunden habe!“ 5 VSie iſt ein Zeichen/“ ſagte Federigo,„welches der Herr Ihnen ſendet, um Sie an ſeinen Dienſt zu feſſeln; mit entſchloſſenem Fuße ſollen Sie in das Gefilde eines neuen Lebens treten, wo Sie ſo viel zu verguͤtigen, zu vergeſſen und zu beweinen haben.“ „Ich Unſeliger!“ ſchrie der Andre.„Wie viel, wie viele Dinge, die ich nur zu beweinen vermag! Aber Gott ſey Dank, es giebt auch Unternehmungen, begonnene Hand⸗ lungen, die ich wenigſtens augenblicklich abbrechen kann— eine giebt's, die ich heut noch fahren laſſen und wieder gut machen will.“ 1 Der Kardinal ward aufmerkſam. Jener erzaͤhlte mit gedraͤngten Worten, aber mit herberen Verwuͤnſchungen, als uns vielleicht bei dem Berichte entwiſcht, ſein Aben⸗ theuer mit Lucien, die Leiden, die Schrecken des armen Maͤdchens, wie ſie um ſein Erbarmen ihn beſchworen, wie dieſe Beſchwoͤrung ihn in raſende Verzweiflung geſtuͤrzt, und wie ſie noch jetzt im Schloſſe ſich befinde. „So wollen wir keine Zeit verlieren,“ rief der Kardi⸗ nal, aͤngſtlich aus Mitleid und Bekuͤmmerniß.„Die Se⸗ — 256— ligkeit wird Ihr Theil! Dieß Maͤdchen iſt das Pfand zur Verzeihung des Herrn! Werden Sie ſobald als moͤglich das Werkzeug zur Rettung eines menſchlichen Weſens deſſen Verderben Sie ſeyn wollten.“ Gott ſegne Sie! Gott hat Sie geſegnet. Wiſſen Sie, wo die Heimath der armen Ge⸗ aͤngſtigten?“ 1E d ha ilbEns n 11 421 Der ungenannte gab Lueiens Dorf an. „Das iſt nicht weit von hier,“ ſagte der Kardinal. „Gelobt ſey der Ewige! Und wahrſcheinlich.. Bei die⸗ ſen Worten lief er nach einem Tiſch und klingelte. Vor Angſt entſeelt, ſtuͤrzte der kreuztragende Kapellan herein, und warf ſein Auge vor Allem auf den Ungenannten. Nach⸗ dem er dieſes verwandelte Geſicht, dieſe Augen roth von Zaͤhren bemerkt hatte, blickte er nach dem Kardinal; da er nun durch den unerſchuͤtterlichen Gleichmuth des Mannes hindurch eine muͤhſam behauptete Ruhe, eine außerordent⸗ liche Bekuͤmmerniß gewahrte, waͤre er wie außer ſich mit offenem Munde angewurzelt ſtehen geblieben, wenn ihn der Kardinal nicht aus dieſem ſtarren Anſchauen geweckt haͤtte/ indem er ihn fragte, ob unter den verſammelten Geiſtli⸗ chen auch der Pfarrer aus*** draußen ſtehe? „Der iſt da, erlauchter Monſignore⸗“ war des Kapel⸗ lans Antwort. „Laßt ihn ſogleich hereintreten, und mit ihm den hie⸗ ſigen Pfarrer.“ Der Kapellan ging hinaus, und trat unter die verſam⸗ melten Prieſter; alle Augen wandten ſich neugierig nach ihm hin. Mit noch immer offenem Munde, mit einem Ge⸗ ſichte, auf welchem noch immer die ſtarrende Betaͤubung lag, erhob er die Haͤnde, bewegte ſie durch die Luͤfte und — 257— rief:„Meine Herren! haec mutatio dexterae Excelsi.“ — So ſtand er einige Sekunden, ohne ein anderes Wort hervorzubringen. Dann aber nahm er den Ausdruck und 8 die Stimme ſeines Amtes wieder an, und fuͤgte hinzu: „Der erlauchte Herr Kardinal verlangen den Pfarrer hie⸗ ſiger Kirche, und desgleichen den Pfarrer von-v v.“ Der zuerſt Genannte ſtellte ſich ſogleich; in demſelben Augenblick aber ſcholl mitten aus dem Gedraͤnge, mit dem Tone der Verwunderung, ein langgedehntes„Ich?“" her⸗ vor. ¹. „Sind Sie nicht der Herr Pfarrer von***ν fragte der Kapellan.. „Der bin ich allerdings; aber... 4 „Der erlauchte Herr Kardinal will Sie ſprechen.“ „Mich?“ fragte dieſelbe Stimme, und bezeichnete durch die einſylbige Frage noch dentlicher die Verwundrung. „Wie gehoͤre ich in das Zimmer da hinein?— Dießmal indeſſen kam zugleich mit der Stimme der Mann hervor, Don Abbondio, wie er leibte und lebte; er ſchien ſeinen Fuͤßen Gewalt anthun zu muͤſſen, und in ſeinem Geſichte vermaͤhlten ſich Staunen und ſchuͤchterner Widerwille. Der Kapellan winkte ihm, und gab ihm ſein Befremden uͤber die Unwillfaͤhrigkeit zu erkennen; dann wanderte er beiden Pfarrern voran, und fuͤhrte ſie zum Biſchof. Dieſer ließ die Hand des Ungenannten los, mit wel⸗ chem er waͤhrend deſſen ſich berathen, wie man zu verfah⸗ ren haͤtte; er entfernte ſich einige Schritte von ihm, und winkte den Pfarrer des Dorfes zu ſich. In wenigen Wor⸗ ten erklaͤrte er ihm, wovon ſich's handelte, und erkundigte ſich, ob er ſogleich eine rechtſchaffene Frau wuͤßte, die nach II. 17 dem Schloſſe in einer Saͤnfte ſich tragen ließe, und dort Lucien ab holte; eine Frau von Herz und Kopf, welche bei ei⸗ nem ſo neuen Auftrage ſich zu benehmen verſtaͤnde; ſie muͤſ⸗ ſe reden, die arme Ungluͤckliche ermuthigen und beruhigen koͤnnen; denn dieſe wuͤrde nach ſo vielfacher Angſt ſelbſt vor ihrer Befreiung zittern. Der Pfarrer ſann ein wenig nach, ſagte hierauf, er habe ſchon eine ſolche Botin gefun⸗ den, und ging hinaus. Sodann erhielt der Kapellan den Befehl ſogleich eine Saͤnfte einzurichten, Traͤger zu beſtel⸗ len, und zwei reitbare Maulthiere zu ſchirren. Nachdem auch dieſer ſich entfernt hatte, kam an Don Abbondio die Neihe.— Don Abbondio ſtand dicht neben dem Biſchof/ weil er ſich von dem andern Herrn ſo entfernt als moͤglich zu halten ſuchte; dabei ſah er bald den Einen bald den An⸗ dern an, berechnete mit Aufbietung ſeines ganzen Scharf⸗ ſinns, worin eigentlich der ſeltſame Handel beſtehen koͤnnte, that einen Schritt vorwaͤrts, verneigte ſich in Demuth, und ſagte:„Man hat mir zu verſtehen gegeben, daß Eure erlauchte Gnaden mich zu verlangen geruhten; ich glaube aber, es war ein Irrthum.“ „Keinesweges ein Irrthum,“ war Borromeo's Ant⸗ wort;„ich hab' eine froͤhliche Nachricht fuͤr Euch, und zugleich ein troͤſtliches, hoͤchſt erbauliches Geſchaͤft. Eins Eurer Pfarrkinder, welches Ihr als verloren beweint habt, Lucia Mondella, iſt wieder aufgefunden, iſt nicht weit von hier, im Hauſe dieſes meines Freundes. Mit ihm und mit einer Frau, welche der hieſige Herr Pfarrer ſo eben auf⸗ ſucht, werdet Ihr ſogleich gehen, das arme Maͤdchen ho⸗ len, und ſie hieher begleiten.“ — 259— Don Abbondio that ſein Moͤglichſtes, um den Wider⸗ willen und die bittere Bekuͤmmerniß, womit ihn dieſer Be⸗ fehl uͤberraſchte, ſchicklichermaßen zu verbergen; da er aber die unerbauliche Miene ſeines Angeſichtes ſo ſchnell nicht fortſchaffen konnte, ſuchte er ſie durch eine tiefe Ver⸗ neigung zu verbergen, und bezeugte ſo ſeinen ergebenſten Gehorſam. Wenn er ſich wieder erhob, geſchah es faſt bloß, um dieſelbe Unterwuͤrfigkeit gegen den Uugenannten in Thaͤtigkeit zu ſetzen; er ſah ihn mit frommen Lamm⸗ Augen an, als ſpraͤche er: Ich bin in Euren Haͤnden, habt Erbarmen, parcere subjectis. Darauf fragte ihn der Kardinal, was Lucia fuͤr Ver⸗ wandte habe. „Nahe, mit welchen ſie zuſammen lebt, nur eine Mut⸗ ter,“ antwortete Don Abbondio. „Iſt ſie zu Hauſe?“ „Ja, Monſignore.“ „Da alſo das arme Maͤdchen nicht ſo ſchnell wieder nach ihrer Heimath gebracht werden kann, ſo wird es ihr ein großer Troſt ſeyn, ſo bald als moͤglich ihre Mutter zu ſehen; kommt daher der Pfarrer hier nicht fruͤher zuruͤck, als ich zur Kirche gehe, ſo bitt' ich Euch, ſagt ihm, er ſoll einen Karren oder ein Paar Reitpferde anſchaffen, und ei⸗ nen klugen Menſchen zur Mutter ſchicken, damit er ſie bie⸗ her fuͤhre.“ „Und wenn ich mich auf dieſen Weg machte?“ ſagte Don Abbondio. „Mein, Ihr nicht; Ihr habt ſchon einen andern Auftrag.“ „Ich meinte,“ nahm Don Abbondio wieder das Wort, —. 260— „um die arme Mutter in gehoͤrige Stimmung zu ſetzen. Sie iſt eine ſehr empfindliche Frau; es gehoͤrt Einer dazu, der ſie kennt, und ſie nach ihrer Weiſe zu behandeln ver⸗ ſteht, fonſt kommt ein unheil ſtatt einer Wohlthat heraus⸗ „„Drum bitt ich Euch eben, dem Pfarrer hier aufzu⸗ tragen, er ſoll einen paſſenden Menſchen waͤhlen; Ihr wer⸗ det an einem anderen Orte beſſere Dienſte leiſten.”= Er wollte damit ſagen, dem armen Maͤdchen werde es nach ſo vielen Stunden des herzbrechenden Wehes, nach einer ſo ſchrecklichen unkunde um ihre Zukunft zur labenden Staͤr⸗ kung gereichen, wenn ſie ſo bald als moͤglich ein bekann⸗ tes, Vertrauen einſtoßeendes Geſicht zu ſehen bekoömmt. In⸗ deſſen war dieß ein Beweggrund menſchenſreundlicher Vor⸗ ſicht, welcher nicht unenthuͤllt vor dem Dritten im Zim⸗ mer ausgeſprochen werden wollte. Es befremdete aber den Biſchof, daß Don Abbondio ihn nicht ſchon von ferne ver⸗ ſtanden, oder auf einen ſo natuͤrlichen Schritt von ſelbſt gerathen; der Antrag des Pfarrers und ſein wiederholtes Beſtehen darauf kamen ihm daher ſo unſtatthaft vor, daß er auf den Verdacht ſiel, es muͤſſe etwas Anderes dahinter ſtecken. Er ſah ihm in's Geſicht, und entdeckte mit gerin⸗ ger Muͤhe die Furcht vor der Reiſe darin, das Grauen, auch nur auf wenige Augenblicke der Gaſt dieſes entſetzli⸗ chen Menſchen zu ſeyn. Er ſuchte daher dieß Gewoͤlk der bangenden Feigherzigkeit zu zerſtreuen; da er es aber nicht fuͤr raͤthlich erachtete, den Pfarrer bei Seite zu ziehen, und waͤhrend ſein neuer Freund ſich in demſelben Zimmer befand/ heimlich mit Jenem zu ſprechen, hielt er's fuͤr das zweckmaͤßigſte Mittel, ſich an den Ungenannten ſelbſt zu wenden, und mit dieſem, was er guch ohne ſolchen Beweg⸗ — 261— grund gethan haͤtte, ein neues Geſpraͤch anzuknuͤpfen; aus ſeinen Antworten koͤnnte dann der zagmuͤthige Pfarrer ſich uͤberzeugen, daß der Mann aufgehoͤrt habe, ein furchteinflo⸗ ßendes Geſpenſt zu ſeyn. Mit der freiwilligen Traulich⸗ keit, welche bei einer neuen lebhaften Neigung ſich eben ſo ausdrucksvoll als in einem glten Herzensbunde hervorzu⸗ draͤngen pflegt, trat er daher auf ihn zu.. „SGlauben Sie nicht/“ ſagte er⸗„daß ich mich mit dem heutigen Beſuche hier befriedigen laſſe; nicht wahr, Sie kommen in Geſellſchaft dieſes wackeren Geiſtlichen wieder zuruͤck?“ „Ob ich zuruͤckkehren merdee⸗ fragte der Ungenannte. „Wenn Sie mich aufzunehmen verſchmaͤhten, Herr, wuͤrde ich, wie ein Bettler, eigenſinnig und unheweglich vor Ih⸗ rer Thuͤre liegen bleiben. Es draͤngt mich, mit Ihnen zu reden; Sie zu hoͤren und zu ſehen, iſt mein Beduͤrfniß; Sie fehlen mir; ſchon iſt's, als koͤnnte ich nicht ohne Sie leben. Borromeo faßte ſeine Hand, druͤckte ſie und ſprach: „Sie werden alſo dem Pfarrer des Dorfes hier und mir die Gefaͤlligkeit erweiſen, heut Mittag unſer Gaſt bei Ti⸗ ſche zu ſeyn. Ich erwarte Sie. Indeſſen gehe ich, das Gebet zu verrichten, und, zu den Stimmen des Volkes die meinige geſellend, dem Himmel ſchuldigen Dank zu zollen; Sie erndten die erſten Fruͤchte der Erbarmung.“ Wir erinnern uns eines furchtſamen Knaben, welcher dabei ſtand, als einſt ein Fremder den großen ſtruppigen Haushund mit rothen Augen, einen Klaͤffer, deſſen Boͤsar⸗ tigkeit und Beißſucht weit umher beruͤchtigt war, ohne alle Beſorgniß ſtreichelte, und zum Beſitzer ſagte, ſein Hund ſey ein frommes, ruhiges Thier; der Knabe ſah den Beſitzer an, und dieſer ſprach weder Ja noch Rein dazu; er ſah den Hund an, wagte aber nicht hinzutreten, aus Furcht, das gute fromme Thier koͤnnte ihm, wenn auch nur aus Gewohnheit, die Zaͤhne zeigen; doch hatte er auch kein Herz ſich zu entfernen, um nicht als unnuͤtzer Haſe zu erſcheinen, und heimlich zu ſich ſelbſt nur ſagte er: Ach, waͤr' ich doch zu Hauſe!— Gerade ſo ſtand Don Abbon⸗ dio da, und ſo ſprach er zu ſich ſelbſt. Der Kardinal hatte ſich in Bewegung geſetzt, hielt noch immer die Hand des Ungenannten, und zog ihn mit ſich. Der arme Pfarrer blieb zuruͤck, und ſah ihnen in al⸗ berner Faſſungsloſigkeit nach. Borromeo glaubte, die Nie⸗ dergeſchlagenheit des Mannes habe vielleicht ihren Grund auch darin, daß er ſich unbeachtet glaubte, und, zumal in Gegenwart eines ſo guͤtig aufgenommenen Frevlers, ſeit⸗ waͤrts im Winkel vergeſſen ſtehen mußte; er wandte ſich daher beim Voruͤbergehen nach ihm hin, ſtand einen Au⸗ genblick ſtill, und ſagte mit gefaͤlligem Laͤcheln:„Herr Pfarrer, Ihr ſeyd von jeher mit mir zuſammen im Hauſe unſers guten Vaters geweſen, dieſer hingegen, dieſer perie- rat et inventus est.“ „O wie herzlich freue ich mich damit!“ ſagte Don Abbondio, und ſenkte ſich gegen Beide mit weit ausgehol⸗ ter Verneigung. Der Erzbiſchof ſchritt voran, und von Außen oͤffneten zwei Aufwaͤrter die Thuͤrfluͤgel. So ſtellte ſich das wun⸗ derbare Paar den begierigen Blicken der verſammelten Geiſtlichkeit dar. Auf dem Angeſichte Beider mahlte ſich eine verſchiedene, aber gleich tiefe Bewegung; eine erkennt: — 263— liche Zaͤrtlichkeit, eine demuͤthige Freude in Borromeo's ehrwuͤrdigen Zuͤgen, in der Miene ſeines Begleiters eine Verwirrung, durch beruhigenden Troſt gemildert, eine neue Schaam, eine Zerknirſchung des Gemuͤthes, durch welche jedoch die Kraft der abgelegten, ungeſtuͤmen Natur leiſe nachwirkend hindurchſchimmerte. Nachher erfuhr man, daß in dieſem Augenblicke mehr als Einem unter den Zu⸗ ſchauern jener Vers des Propheten eingefallen: Kuͤhe und Baͤren werden an der Weide gehen, daß ihre Jungen bei einander liegen, und Loͤwen werden Stroh eſſen wie die Ochſen.*) Hinterher kam Don Abbondio, und auf ihn fiel nicht ein einziger Blick. Als ſie die Mitte des Vorzimmers erreicht hatten, trat von der andern Seite der Kammerdiener des Kardinals herein, und meldete, er habe den Auftraͤgen, welche ihm vom Kapellane gegeben worden, Genuͤge geleiſtet; die Saͤnfte wie die beiden Maulthiere ſtaͤnden bereit, und man war⸗ tete nur bloß auf die Frau, ſo der Pfarrer herbeifuͤhren wuͤrde. Der Kardinal befahl, er ſolle dieſem, ſobald er kaͤme, die Weiſung geben, mit Don Abbondio zu ſprechenz alsdann ſollte Alles geſchehen, wie dieſer und der Unge⸗ nannte es anordnen wuͤrden. Letzterem druͤckte er von Neuem die Hand, nahm Abſchied von ihm, und ſagte, daß er ihn erwarte; darauf bedachte er auch unſern Don Ab⸗ bondio mit einem Gruße, und begab ſich auf den Weg zur Kirche. Die Geiſtlichkeit folgte ihm, halb als ein ge⸗ ordneter feierlicher Zug, halb in verrwirrtem Gedraͤnge; die beiden Reiſegefaͤhrten blieben im Vorzimmer allein. 8*) Luthers Ueberſ. Jeſaias 11. 7. D. L. — 264— Der ungenannte ſtand gedankenvoll, in ſich ſelbſt gaͤnz⸗ lich verſunken daz er ſchien ſich ungeduldig nach dem Au⸗ genblick zu ſehnen, wo ſeine Lucin von Pein und Gefuͤng⸗ niß erloͤſt werden ſollte. Mit ſeinem Angeſichte, wie es ſich darin verkuͤndigte, gab Don Abbondio's furchtſamem Auge leicht Anlaß, etwas Schlimmeres dahinter zu vermu⸗ then. Er ſchielte nach ihm hin, beohachtete ihn mit Grauen/ und ſah ſich aͤngſtlich nach dem Anfangsworte, eines freund⸗ ſchaftlichen Geſpraͤches um.— Aber was hab' ich ihm zu ſagen? dachte er. Noch einmal, ich freue mich herzlich da⸗ mit? Womit? Etwa, Sie ſind bis dato ein Hoͤllenhund ge⸗ weſen, und haben Sich endlich entſchloſſen, ein ordentlicher Menſch wie die Uebrigen zu werden? Eine ſaubre Artig⸗ keit! Was fuͤr Worte ich auch immer auftreiben mag/ es ſchwaͤmme beſtaͤndig der Gedanke darin herum, ich freue mich herzlich damit! Und ſollte es denn am Ende wahr ſeyn, daß er ſich in einen ordentlichen Menſchen umge⸗ wandelt hat? So mir nichts dir nichts, in Einer Stunde? Muͤndliche Verſicherungen giebts in dieſer Welt zu gan⸗ zen Scheffeln, und die Urſachen laſſen ſich kaum berechnen. Und dabei muß es mich gerade treffen, mit ihm zu gehen! nach dem Felſenneſt hin! Eine verzweifelte Geſchichte! Wer haͤtte mir das dieſen Morgen geſagt? Komm ich mit heiler Haut aus dieſer Klemme, ſo ſoll's die Dame Perpe⸗ tug zu empfinden kriegen— hat mich mit Gewalt, und doch war gar keine Nothwendigkeit vorhanden, aus meinem Kirchſprengel hieher getrieben; alle Pfarrer rings herum, ſchwatzte ſie mir vor, auch aus weit entfernteren Doͤrfern, — 265— liefen herbei, man muͤßte nicht zuruͤck bleiben, und Dies und Jenes, nnd damit hat ſie mich in den verdammten Handel hier herein gerudert. Ich armer Menſch! Einmal aber muß ich doch den Mund aufmachen! inin Rin ein Es traten ihm die Worte auf die Zunge: Ich hälte nimmermehr das Gluͤck erwartet, mich in ſo achtüngsvol⸗ ker Geſellſchaft zu ſehen. Er oͤffnete auch ſchon den Mund, als der Kammerdiener mit dem Dorfpfarrer herein trat. Dieſer meldete, daß die Frau bereits in der Sänfte ſaße; dann wandte er ſich zu Don Abbondis, um ſich von ihm den andern Auftrag des Kardinals mittheilen zu laſſen. Don Abbondio entledigte ſich deſſelben, ſo gut er in die⸗ ſer verwirrten Geiſtesverfaffung konnte; darauf trat er aber auch ſogleich zum Kammerdiener hin, und ſo agte:„Ge⸗ ben Sie mir wenigſtens ein ruhiges Thier unter den Leib; denn die Wahrheit zu geſtehen, ich bin ein ſehr ſtuͤmper⸗ hafter Reiter.“ aeen Uii Su „Hat keine Noth,“ antwortete der Kammerdiener und mußte laͤcheln;„es iſt das Maulthier des Schreibers, und das iſt ein Gelehrter; denken Sie Sich alſo— „Gut,“ ſagte Don Abbondio, und bat zum Himmel, es moͤge gluͤcklich ablaufen. Der Ungenannte war bei der Nachricht ſogleich unge⸗ duldig vorangeſchritten; erſt als er die Schwelle ſchon betreten hatte, erinnerte er ſich des zuruͤckgebliebenen Pfar⸗ rers. Er ſtand alſo ſtill, ihn zu erwarten, und als dieſer, eilfertig herbeilaufend, um Verzeihung bitten zu wollen ſchien, verneigte er ſich ihm, und ließ ihn mit hoͤflich herablaſſender Geberde voranſchreiten. Dieſe Artigkeit ſetzte den armen Geaͤngſtigten wieder ein wenig zurecht. Kaum — 266— aber hatte er mit einem Fuße den Vorhof beruͤhrt, ſo uberraſchte ihn eine andre Neuigkeit, welche ihm ploͤtzlich das bischen Troſt wieder zu Waſſer machte; er ſah den Ungenannten nach dem Winkel hingehen, ſah ihn das Schießgewehr, welches ſeine Einbildungskraft im nehm⸗ lichen Augenblicke zum rieſenhafteſten Belagerungsgeſchuͤtz vergroͤßerte, mit der einen Hand bei'm Rohr, mit der an⸗ dern beim Riemen faſſen, und mit raſcher Bewegung, als geſchuͤh es zur Uebung, ſich uͤber die Schulter werfen. Weh mir!— dachte der geplagte Pfarrer; was hat der mit dem verteufelten Handwerkzeug im Sinn? Das nenn' ich mir ein haͤrenes Bußgewand, das nenn' ich mir ene Kirchenzucht fuͤr einen Bekehrten! Und wenn ihm nun unterweges mit einem Mal eine moͤrderiſche Grille in den Kopf ſteigte Weh uͤber dieſe Sendung! 9 Wenn der Ungenannte nur im Entfernteſten geahnt haͤtte, was fuͤr ein jaͤmmerlicher Gedankenzug ſeinem Be⸗ gleiter durch die Seele ſtrich, ſo wiſſen wir nicht, was er gethan haͤtte, um ihn zu beruhigen; er war aber himmel⸗ weit von ſolch einem Argwohn entfernt, und Don Abbon⸗ dio huͤthete ſich wohl, durch irgend eine Geberde ſeine Angſt zu verrathen. So kamen ſie an die Pforte, welche zur Straße fuͤhrte, und fanden Alles zur Reiſe bereit. Der Ungenannte beſtieg das Thier, das ihm von einem Stallknechte vorgefuͤhrt ward. „Hat es auch keine Untugenden?“ fragte Don Abbon⸗ dio den Kammerdiener, indem er mit dem einen Fuße ſchon im Steigbuͤgel ſchwebte, mit dem andern aber noch auf der Erde ſtand. „Steigen Sie getroſt hinauf“ antwortete dieſer, 5 — 267— iſt fromm wie ein Lamm.“— So hielt ſich Don Abbondio, vom Kammerdiener unterſtuͤtzt, an dem Sattel feſt, ſchwang ſich in wiederholten Anſaͤtzen hinauf, und ſaß zu Maulthier. Die Saͤnfte, gleichfalls von zweien Maulthieren ge⸗ tragen, hielt einige Schritte vorwaͤrts; auf einen Ruf des Saͤnftenfuͤhrers ſetzte ſie ſich in Bewegung, und ſo zog das Geleite hinaus. 1 1IrAshat Vor dem Gotteshauſe, das mit Menſchen vollgepfropft war, mußte man uͤber einen Platz, wo gleichfalls Bauern und andre herbeigeſtroͤmte Leute, da die Kirche ſie nicht mehr faſſen konnte, wimmelnd ſich draͤngten. Schon hatte ſich die große Nachricht verbreitet, und ſo erhob ſich bei'm Erſcheinen des Geleites, bei’m Erſcheinen dieſes Mannes, der wenige Stunden vorher ein Gegenſtand des Schreckens und der Verwuͤnſchung, jetzt die froͤhlichſte Bewunderung weckte, ein Gemurmel des Beifalls unter der Menge; man machte Platz, draͤngte ſich aber zugleich auch herbei, um ihn in der Naͤhe zu ſehen. Langſam ging es hindurch. Vor der weitgeoͤffneten Kirchenthuͤre nahm der Ungenannte den Hut vom Kopfe, und ſenkte die bisher ſo gefuͤrchtete Stirn faſt bis zur Maͤhne des Maulthiers herab. Waͤh⸗ rend deſſen brauſten hundert Stimmen droͤhnend zuſammen, und Alles rief:„Gott ſegne ihn!“ Don Abbondio zog gleichfalls ſeinen Hut, und empfahl ſich dem lieben Him⸗ mel mit bruͤnſtiger Aengſtlichkeit; als er aber die feierlichen Stimmen ſeiner Amtsbruͤder vernahm, welche ununterbro⸗ chen ihren Geſang erſchallen ließen, da empfand er eine Anwandlung des Neides, eine kummervolle Nuͤhrung, und eine ſo uͤbermannende Froͤmmigkeit, daß es ihm ſchwer ward, ſich der Thraͤnen zu erwehren. 3— 268— Als man das Dorf im Ruͤcken hatte, und ſich auf offenem Felde befand, als die Windungen des Weges ſich durchaus menſchenleer zeigten, da verbreitete ſich uͤber ſeine Gedanken noch ein weit finſterer Schleier. Er wußte kei⸗ nen andern Gegenſtand, um ſeine Blicke mit einigem Vertrauen darauf zu richten, als den Saͤnftenfuͤhrerz die⸗ ſer gehoͤrte zum Geſinde des Kardinals, mußte alſo natuͤx⸗ lich ein rechtſchaffener Menſch ſeyn, und ſah dabei doch nicht ganz unkriegeriſch aus. Von Zeit zu Zeit erſchienen indeſſen auch Wanderer, die eilig herbei liefen, um den Kardinal zu ſehen. Bei ihrem Anblick lebte Don Abbon⸗ dio wieder auf; es war aber nur ein fluͤchtiger Troſt— man naͤherte ſich der entſetzlichen Felſenenge, wo nur Un⸗ terthanen des neuen Freundes anzutreffen— und was fuͤr Unterthanen! Mit dieſem Freunde haͤtte er ſich jetzt gar gern in ein Geſpraͤch eingelaſſen, um ihn immer vertrau⸗ licher auszuforſchen, und ihn bei guter Geſinnung zu er⸗ halten; indem er ihn aber gedankenvoll mit ſich ſelbſt be⸗ ſchaͤftigt ſah/ verging ihm die Luſt. Es blieb ihm alſo nichts weiter uͤbrig, als ſich mit Demienigen zu unter⸗ halten, mit welchem er ziemlich frei ſprechen durfte, mit ſich ſelbſt nehmlich. Ein Bruchſtuͤck dieſes Selbſtgeſpraͤ⸗ ches, welches mit der Reiſe gleichen Schritt hielt, theilen wir hier mit; denn das Ganze aufzeichnen, hieße ein Buch ſchreiben wollen..m — S iſt meiner Seele wahr, die Heiligen muͤſſen ſo gut wie die Schurken das leibhaftige Queckſilber in den Gliedern haben; ſind nicht damit zufrieden, ſich ſelber unruhig umherzutreiben, und ſich mit Ungemach zu be⸗ faſſen, ſie moͤchten auch, wo moͤglich, das ganze menſch⸗ — 269— liche Geſchlecht mit in den Tanz hinein ziehen. Und daß gerade ſo Einer, der bis an den Hals voll von Geſchaͤftig⸗ keit ſitzt, mich auftreiben muß, der ich Niemanden ſuche; ziehen Einen bei den Haaren in ihre Haͤndel hinein, und doch verlang' ich weiter nichts auf Erden, als daß ſie mich ruhig ſollen leben laſſen. Der Don Rodrigo, der unſinnige Schurke! Was ginge ihm denn ab, um der gluͤcklichſte Menſch in Gottes Welt zu feyn, wenn er nur ein Bischen Vernunft unter'm Schaͤdel haͤtte? Reich, jung, wird von Jedermann hochgehalten, Alles macht ihm den Hof, und ſeh Einer an, zu viel Gluͤck iſt ſein un⸗ gluͤck, muß mit eigenen Haͤnden ſich ſelber und ſeinen Mitmenſchen Elend auf die Schultern packen! Koͤnnte er nicht ein Hauptmann im Heere ſeyn? Nein, Heyr, hat lieber ſeine Luſt dran, den Frauenzimmern zuzuſetzen, treibt lieber das duͤmmſte, ſpitzbuͤbiſchſte, das wuͤthendſte Hand⸗ werk in der Welt; koͤnnt' in der Kutſche zum Paradies hineinfahren, und mag lieber hinkend in's Haus des TDen⸗ fels kriechen. Und der hier? iiti Bei dieſen Worten blickte er auf den Ungenannten hin, als bangte ihn, er habe von ſeinen Gedanken etwas vernommen. Der? Nachdem er mit ſeinen Niedertraͤchtigkeiten die Welt umgekehrt hat, dreht er ſie itzo mit ſeiner Bekehrung um... wenn noch was daran iſt. Und ich gerade muß die Erfahrung machen! So oder ſo, wenn ſie einmal mit der Wuͤtherei im Leibe auf die Welt gekommen ſind, muͤſſen ſie immer Laͤrm anſtellen. Gehoͤrt denn ſo viel dazu, ſein ganzes Leben hindurch den ehrlichen Menſchen zu machen, wie ich ihn gemacht habe? Nein, Herr, er muß todtſchla⸗ — 270— gen, in Stuͤcke hauen, den Teufel ſpielen— weh mir Armen!— und hernach noch eine verwirrte Wirthſchaft anrichten, um ſeine Buße ſehen zu laſſen. Iſt's ilm ernſtlich drum zu thun, kann er ſeine Buße zu Hauſe abmachen, ruhig, ohne ſo breite Zuruͤſtung, ohne ſeinem Mitmenſchen ſo viel Ungemach aufzubuͤrden.— Und Ihre erlauchte Gnaden der Herr Kardinal, gleich Arm in Arm mit ihm, lieber Freund vorn, lieber Freund hinten; hoͤrt auf Alles hin, was ihm Der vormacht, als wenn er ihn ſchon haͤtte Wunder wirken ſehen— uͤber Hals uͤber Kopf einen Entſchluß gefaßt, mit Hand und Fuß drauf losge⸗ gangen, den Augenblick hierhin, dorthin— das heißt bei mir zu Lande blinde Uebereilung. Und ohne einen einzigen Pfandſchilling in der Hand zu haben, ſtellt er ihm einen armen Pfarrer vor den offnen Rachen hin! Das heißt mit einem Menſchen Paar oder Unpaar ſpielen. Ein hei⸗ liger Biſchof, wie er, der muͤßte einen Pfarrer wie ſeinen Augapfel in Acht nehmen. Ein Bischen Geſetzheit, ein Bischen Vorſicht und Mitleid, ſollt ich meinen, thaͤt ſich auch mit der Heiligkeit ſehr wohlanſtaͤndig vertragen. — und wenn das Alles nur ein bloßes Maskenſpiel waͤre? Wer kann denn alle Abſichten der Menſchen aufſpuͤren? und noch dazu eines Menſchen wie der hier? Wenn ich dran denke, daß mich's getroffen hat, mit ihm zu gehen! Nach ſeinem eigenen Hauſe! Was fuͤr'ne Hoͤllenbrut von Satanaſſen kann da nicht dahinter ſtecken? Ich Ungluͤcks⸗ kind!'S iſt beſſer, ich ſchlag' es mir ganz und gar aus dem Sinn.— Und was iſt das fuͤr eine verwickelte Ge⸗ ſchichte mit der Lucia? Nun kommts heraus, ſie war mit Don Rodrigo einverſtanden. Was fuͤr'ne Welt! Aher — — 271— wenn ſie auch ſo ein Vogel iſt, wie hat der ſie in ſeine Klauen bekommen? Wer kanns wiſſen?— Das Ganze iſt eine abgekartete Geſchichte mit dem Kardinal, und mir, mir, den ſie ſo in Trab ſetzen, nicht ein einziges Wort! Ich hab' keine Luſt, meine Naſe in andrer Leute Toͤpfe zu ſtecken; wenn aber Einer ſeine Haut daran wagen ſoll, ſo hat er auch ein Recht, zu erfahren, wiees ſteht. Kaͤm's bloß darauf an, die arme Dirne abzuholen, Geduld! Freilich haͤtt, er ſie geradesweges allein mit ſich nehmen koͤnnen. Und uͤbrigens, wenn er ſich ſo bekehrt hat, wenn er ſo ein heiliges Menſchenkind geworden iſt, was braucht er da mich? Eh, was fuͤr ein Chaos! Genug, gebe der Himmel, daß ſich's ſo verhalte; dann iſt's eine herbe Un⸗ bequemlichkeit geweſen, indeſſen Geduld! Es ſollte mir auch um der armen Lucia willen lieb ſeyn— muß auch aus nem gluͤhenden Ofen entwiſcht ſeyn; weiß der Him⸗ mel, was ſie ausgeſtanden haben mag; ſie jammert mich, ſic iſt aber zu meinem Verderben geboren.— Koͤnnt' ich nur wenigſtens dem hier gerade in's Herz ſehen, wie er denkt! Wer kann ihn aber begreifen? Da ſitzt er, ſicht bald wie ein heiliger Antonius in der Wuͤſte aus, bald wie ein leibhaftiger Holofernes.— Ich armer Mann! Genug, der Himmel muß mir ſeinen Beiſtand leihen, denn ich hab' mich nicht ſelbſt aus Uebermuth drein gemiſcht.— Wirklich ſah man auf dem Geſichte des Ungenannten die Gedanken gleichſam voruͤberziehen, wie im Getuͤmmel des Meerſturmes die Wolken vor der Sonnenſcheibe hin⸗ fliegen, und bald ein grelles Strahlenlicht, bald einen traurigen Schatten verdreiten. Seine Seele, von den ſanften Worten des Biſchofs noch trunken, von einem neuen Weſen durchdrungen, und bei dem neubegonnenen Leben wie mit jugendlichen Kraͤften geſegnet, erhob ſich zu den Vorſtellungen des Erbarmens, der Verzeihung und der Liebe, ſiel aber dann unter die Laſt der grauenvollen „Vergangenheit zuruͤck. Mit aͤngſtlichem Eifer ſann er nach, welches die Laſterthaten ſeyen, fuͤr die es keinen Weg der Verguͤtigung gab, welche Unternehmungen auf der Stelle ſich abbrechen ließen, welches die raſcheſten und ſicherſten Mittel, um ſich aus ſo vielen Schlingen heraus⸗ zuziehen, und ſo vielen Mitſchuldigen die Gemeinſchaft aufzuſagen. Und dieſe Gedanken fuͤhrten ihn in duͤſtere Irrwege. Selbſt an das Beginnen, welches das leichteſte war, und ſich ſo eben der Vollendung naͤherte, ging er mit einem bange ringenden Willen. Litt nicht das arme Ge⸗ ſchoͤpf jetzt unausſprechliche Qualen? Und wenn er gleich vor Begierde brannte, ſie in Freiheit zu ſetzen, war er es nicht immer, durch deſſen Schuld dieſe Quglen ſie marterten? So oft man an einen Scheideweg kam, wandte ſich der Saͤnftenfuͤhrer zuruͤck, und bat um Auskunft; der ungenannte bezeichnete ihm den Weg mit der Hand, und bedeutete ihm zugleich, er moͤchte ſo ſchnell als moͤglich vorwaͤrts zu kommen ſuchen.— Endlich trat man in das Thal. Wie ward nun dem armen Don Abbondio zu Mu⸗ the! Drin zu ſtecken in dieſem beruͤchtigten Thale, von welchem er ſo viele ſchwarze ſchreckliche Geſchichten hatte erzaͤhlen hoͤren; dieſe mit Miſſethaten beladenen Kerle, der Ausbund aller Bravi in Italien, dieſe Menſchen ohne Furcht und ohne Mitleid— er ſollte ſie vor ſich ſehen, wie ſie leibten und lebten/ ſollte bei jeder Ecke auf ganze — 232— Haufen von ihnen ſtoßen. Sie verneigten ſich demuthsvoll gegen ihren Gebieter; aber dieſe ſchwarzgebrannten Geſich⸗ ter, dieſe borſtigen Schnautzbaͤrte, dieſe blitzenden Geier⸗ augen— es war ihm, als ſagten ſie: Sollen wir dem Pfaffen da den Garaus machen? Es ging ſo weit, daß ihm in dieſer graͤßlichen Beſtuͤrzung der Gedanke ent⸗ wiſchte: Haͤtte ich ſie dch mit einander getraut! Was Schlimmeres konnte mir doch nicht begegnen.— Indeſſen ging's laͤngs dem Wildbache auf einem Kieswege vorwaͤrts; dann eroͤffneten ſich die oͤden, rauhen Kluͤfte in unfreund⸗ licher Ausſicht, und endlich zeigte ſich die Bevölkerung⸗ bei deren Anblick jede Wuͤſte wuͤnſchenswerth ſchien; Dante könnte im Hoͤllenpfuhle ſich nicht ſchlimmer befinden. Endlich kam man vor der ſchlimmen Nacht vorbeiz Naufer ſtanden an der Thuͤre, ſie verneigten ſich dem Herren, und ſahen nach ſeinem Begleiter wie nach der Saͤnfte mit neugierigen Blicken hin. Sie wußten nicht, was ſie denken ſollten; ſchon die Abreiſe des Ungenannten, ſo allein, ſo fruͤh am Tage, trug das Zeichen des Außer⸗ ordentlichen an ſich, nicht weniger dieſe Ruͤckkehr.— War's eine Beute, die er nach Hauſe brachte? Wie hatte er ſie ohne die Arme ſeiner Diener gewonnen? Und dabei eine fremde Saͤnfte! Weſſen war dieſe Livrei?— Sie guckten und guckten, aber keiner ruͤhrte ſich; denn das war der Befehl, welchen ihnen Auge und Geſicht des Herrn verkuͤndigten. tilun Man ſteigt hinauf, man langt oben an. Die Bravi auf dem Platze vor dem Schloſſe und bei der Thuͤre ziehen ſich nach beiden Seiten zuruͤck, und laſſen die Reiſenden durch; der Herr giebt ihnen ein Zeichen, ſie moͤchten ſich II. 18 — 274— nicht weiter vegen; er ermahnt zur Eile, geht der Saͤnfte voran, und heißt den Fuͤhrer und den Pfarrer ihm folgen; dann tritt er in den erſten Hof, von dieſem in einen zweiten, geht nach einer Thuͤre zu, beſiehlt einem Bravo, der ihm den Steigbuͤgel zu halten herbeieilt, zuruͤcktreten, und ſagt:„Dort bleib' ſtehen, und Keiner komme mir naͤher!“ Er ſteigt ab, begiebt ſich mit den Zuͤgeln in der Hand nach der Saͤnfte, tritt zur Frau, welche den Fenſter⸗Vorhang zuruͤckgezogen hat, und fuͤſtert ihr heimlich zu:„Troͤſtet ſie recht bald, macht ihr den Augenblick begreiflich, daß ſie ihre Freiheit zuruͤck hat, und in den Haͤnden ihrer Freunde iſt. Gott wird es Euch lohnen!“ Alsdann ließ er von dem Saͤnftenfuͤhrer das Thuͤr⸗ chen oͤffnen, und die Frau herausſteigen. Mit einer ſo hei⸗ tern Miene, als Don Abbondio bisher noch nicht an ihm gewahr worden, noch an ihm moͤglich glaubte, naͤherte er ſich ihm, verrieth in den Augen die Freude des guten Wer⸗ kes, welches er endlich zu vollenden im Begriff war, half ihm vom Maulthiere herab, und raunte auch ihm leiſe zu: „Herr Pfarrer, ich bitte Sie um des Ungemachs willen, welches Sie durch meine Schuld erfahren, nicht um Ent⸗ ſchuldigung; Sie thun es desjenigen wegen, der reichlich zahlt, und das arme unſchuldige Maͤdchen hat Ihren Bei⸗ ſtand noͤthig.“ Dieſe Miene und dieſe Worte belebten in Don Ab⸗ bondio's Bruſt das zuſammengeſchrumpfte Herz wieder. In einem Seufzer, welcher ſeit einer Stunde ſchon ihm zu ſchaffen gegeben, aber nicht heraus gekonnt hatte, machte er ſich nun Luft, und gab— man frage nicht erſt, ob mit unterthaͤnigem Tone— zur Antwort:„Treiben Ihro Gna⸗ —,— — 275— den Spott mit mir? Aber... aber...“ Indeſſen nahm er die Hand, die ihm ſo hoͤflich geboten worden, an, und ſtolperte, ſo gut es ging, aus dem Sattel zur Erde hernie⸗ der. Der Ungenannte nahm auch ihm die Zuͤgel aus der Hand, uͤbergab ſie mit den ſeinigen dem Saͤnftenfuͤhrer, und befahl ihm, hier draußen zu warten. Dann zog er einen Schluͤſſel aus der Taſche, oͤffnete eine kleine Thuͤre, ließ den Pfarrer und die Frau hineintreten, folgte ihnen und ſchritt ihnen dann zur Treppe voran. So ſtiegen alle drei in lautloſer Stille hinauf. Zwölftes Kapitel. Es war noch nicht lange her, daß Lueia wieder zu ſich ſelbſt gekommen. Die erſten Augenblicke hatte ſie ſchmerzlich ſich angeſtrengt, dem Schlaf ſich gaͤnzlich zu entreißen, und die ſchauerlichen Luftgeſtalten dieſes Schlafes von den Erin⸗ nerungen und den Bildern einer Wirklichkeit zu ſcheiden, welche den traurigen Eingebungen eines Fieberkranken nur allzu aͤhnlich ſah. Aber bald ging die Alte auf ſie zu, und ſprach ſie mit erzwungener Freundlichkeit an. „Ah,“ rief ſie, habt Ihr geſchlafen? Ihr haͤttet im Bette ſchlafen koͤnnen; ich hab' Euch geſtern Abend ſo oft dazu aufgefordert.“ Da ſie jedoch keine Antwort erhielt, fuhr ſie im Tone einer aͤrgerlichen Bitte fort:„Eſſet doch einmal, nehmt doch Vernunft an. Himmel, was ſeyd Ihr garſtig! Und wenn er hernach nach Hauſe kommt, muß ich's ausbaden.“ „Nein, nein,“ rief Lucia, und ſprang auf,„ich will — 216— hinaus, ich will zu meiner Mutter gehen. Der Herr hat's mir verſprochen, hat geſagt: morgen fruͤh. Wo iſt der Herr?“ „Außer Hauſe. Er hat aber hinterlaſſen, daß er bald wieder zuruͤckkommen wird, und dann will er thun, was Ihr wollt.“ „Hat er ſo geſagt?“ fragte Lueia von freudigem Schrecken ergriffen,„hat er wirklich ſo geſagt? Nun gut, ſo will ich zu meiner Mutter gehen; gleich, gleich!“ In dem Augenblicke laͤßt ſich im Nebenzimmer ein Geraͤuſch von Fußtritten hoͤren; darauf pocht es an die Thuͤre. Die Alte laͤuft herbei, und fraͤgt:„Wer iſt's?“ „Mach' auf!“ antwortete milde die bekannte Stimme. Die Alte zieht den Riegel hinweg, der Ungenannte druͤckt leicht gegen die Thuͤre, oͤffnet ein wenig, befiehlt der Alten heraus zu kommen, und laͤßt ſogleich Don Abbondio mit der guten Frau hinein treten. Dann legte er die Thuͤre wieder an, blieb nicht weit davon ſtehen, und hieß die Alte/ ſich nach einem entfernten Fluͤgel des Schloſſes davon ma⸗ chen; auch hatte er die andre Aufwaͤrterin, die draußen als Wache ſtand, gleichfalls ſchon fortgeſchickt. Dieſe ganze Bewegung, die Augenblicke der Erwar⸗ tung, das erſte Erſcheinen neuer Perſonen erregten in Lu⸗ cien einen neuen Anfall heftiger Gemuͤthsbewegung; denn war ihre gegenwaͤrtige Lage unertraͤglich, ſo mußte mit je⸗ der Verwandlung ſich eine Steigernng des Schreckens ein⸗ ſtellen. Sie blickte hin, ſah einen Prieſter, eine Frau— das richtete ihren Muth ein wenig auf; ſie ſieht genauer hin— iſt er es oder nicht? Sie erkennt Don Abbondio, und bleibt, wie bezaubert, mit bewegungsloſen Blicken ſiz⸗ — — 277— zen. Bald aber trat die Frau auf ſte zu, neigte ſich zu ihr nieder, ſah ſie mitleidig an, und ergriff ihre beiden Haͤnde, ſowohl um ſie zu liebkoſen, als ihr aufzuhelfen. „Armes Maͤdchen,“ ſprach ſie,„kommt mit uns."“ Wer ſeyd Ihr?“ fragte Lucia. Ohne indeſſen eine Antwort abzuwarten, wandte ſie ſich nach Don Abbondio, welcher zwei Schritte davon, nicht weniger von Mitleiden ergriffen, ſchweigend daſtand; ſie betrachtete ihn von Neuem, und rief:„Sie? Sie ſind's? Der Herr Pfarrer? Wo ſind wir?—— Weh mir Armen! Meine Beſinnung iſt dahin!“ „Nein, nein,“ erwiederte Don Abbondio,„ich bin's wirklich. Seyd gutes Muthes. Seht Ihr? Wir ſind hier, um Euch mit uns zu nehmen. Ich bin's in der That, Euer Pfarrer, ausdruͤcklich hieher gekommen, bin herge⸗ ritten.... Als erhielt ſie mit einem Mal alle ihre verlorenen Kraͤfte wieder, ſchwang ſich Lucia mit ungeſtuͤmer Heftig⸗ keit empor, und ſtand aufrecht. Dann heftete ſie noch ein⸗ mal die Augen auf beide Geſichter, und ſprach:„So iſts denn die heilige Jungfrau, die Euch geſchickt hat!“ „Wahrhaftig, ich glaub' es ſelbſt!“ ſagte die gute Frau. „Aber koͤnnen wir hinaus gehen, koͤnnen wir wirklich hinaus gehen?“ fragte Lucia, indem ihre Stimme wieder ſank, und eine argwohnvolle Furcht in ihren Geberden zagte.—„Und alle dieſe Leute’“— Schrecken und Angſt zogen ihr die bebenden Lippen zuſammen—„und der Herr hier, der Mann... er hatte mir wohl verſprochen...“ „Auch er iſt mit uns gekommen,“ war des Pfarrers Antwort,„in eigner Perſon; er wartet vor der Thuͤre. — 278— Wir wollen auf der Stelle gehen; einen Herrn, wie er, muß man nicht warten laſſen.“ Jetzt aber ſtieß Derjenige, von welchem die Rede war, die Thuͤre auf, zeigte ſich, und trat naͤher. Lucia, die kurz zuvor ihn zu ſehen verlangt, und einzig und allein auf ihn ihre Hoffnung geſetzt hatte, ſchreckte vor ihm zuruͤck. Nach⸗ dem ſie ſo freundſelige Geſichter und Stimmen erblickt und gehoͤrt, mußte ſeine Erſcheinung ſie mit einem jaͤhen Schauder durchrieſeln; ſie ſprang zuruͤck, hielt den Athem an, klammerte ſich feſt an die gute Frau, und verbarg das Geſicht an ihrem Buſen. Bei dem Anblick des Maͤdchens, welches er ſchon am Abend vorher nicht mit unverwandtem Blicke zu betrachten vermocht hatte, bei dem Anblick der Un⸗ gluͤcklichen, die jetzt durch die Verlaͤngerung ihrer Leiden und durch die Entbehrung noch jammervoller, gramgebeug⸗ ter und gebrochen vor ihm daſtand, blieb er mitten im Heranſchreiten ſtehen, und als er dieſe Geberde des neuen Schreckens bemerkte, ſenkte er die Blicke, und ſtand lange Zeit bewegungslos und ſtumm da, ehe er ein Wort hervor⸗ brachte. Endlich antwortete er auf Worte, welche das arme Maͤdchen nicht geſprochen—„Es iſt wahr,“ rief er, „verzeihet mir!“ „Er kommt, um Euch zu vefreien,“ fuͤſterte ihr die Frau in's Ohr.„Er iſt nicht mehr der Rehmliche, er iſt ein guter Mann geworden. Hoͤrt Ihr, wie er Euch um Verzeihung bittet?““ „Kann man ſich deutlicher erklaͤren?“ ſprach Don Ab⸗ bondio.„Auf, Lucia, empor mit dem Geſichte, ſeyd kein Kind. Wit koͤnnen uns gleich auf den Weg machen.“— Lucia erhob das Haupt, blickte auf den Ungenannten, ſah — — 279— dieſe geſenkte Stirn, dieſes verwirrte, Zerknirſchung ver⸗ kuͤndende Auge, und empfand ein gemiſchtes Gefuͤhl von Troſt, Dankbarkeit und Mitleid. „O mein Herr!“ rief ſie.„Gott der Herr vergelte Ihnen dieſe gnaͤdige Erbarmung!“ „Und Euch tauſend und tauſend Mal den Balſam, der in dieſen Euren Worten fuͤr mich liegt!“ Nachdem er ſo geſprochen, wandte er ſich, ging nach der Thuͤre, und trat zuerſt hinaus. Freudig wieder beſeelt folgte ihm Lucia am Arm der Frau; Don Abvondio ſetzte ſich zuletzt in Bewegung. Sie ſtiegen die Treppe hinab, und kamen an die kleine Thuͤre, die nach dem Hofe fuͤhrte. Der Ungenannte ſchloß auf, ging nach der Saͤnfte, oͤffnete ſie, reichte mit einer faſt furchtſamen Hoͤflichkeit— zwei neue Erſcheinungen an ihm— Lucien ſeine Hand, half ihr hineinſteigen, und erzeigte dann der guten Frau den⸗ ſelben Dienſt. Endlich nahm er aus den Haͤnden des Saͤnftenfuͤhrers die Zuͤgel der beiden Maulthiere, und bot dem Pfarrer, der neben ihm ſtand, den Arm. „Herr, welche Herablaſſung!“ rief dieſer, mußte ſich's aber gefallen laſſen, und machte den beſchwerlichen Ver⸗ ſuch, auf den Ruͤcken ſeines Thieres zu gelangen, noch un⸗ behuͤlflicher als das erſte Mal ab. Sobald auch der Un⸗ genannte im Sattel ſaß, ſetzte ſich der Zug wieder in Be⸗ wegung. Seine Stirn ſenkte ſich nicht mehr ſcheu zu Bo⸗ den, der Blick hatte den gewohnten Ausdruck der Gebieter⸗ ſchaft wieder erlangt. Die Soͤldlinge an der Straße be⸗ merkten in ſeinem Angeſichte wohl die Zeichen eines hefti⸗ gen Gedankens, einer außerordentlichen Gemuͤthsbewegung; daruͤber hinaus aber konnten ihre Vermuthungen nicht — 280— ſchweifen. Von der Verwandlung des Mannes wußte man hier noch nichts, und von ſelbſt verſiel gewiß nicht ein Einziger unter den Schurken darauf. In der Saͤnfte ließ die gute Frau ſogleich die Vor⸗ haͤnge nieder, faßte Luciens Haͤnde mit geſchaͤftiger Zaͤrt⸗ lichkeit, und bemuͤhte ſich, durch Worte des Mitleids, der gluͤckwuͤnſchenden Theilnahme und der freudigen Innigkeit ihren niedergebeugten Geiſt wieder aufzurichten. Sie ſah, wie außer der Anſtrengung, welche ſo heftige Gemuͤthsbe⸗ wegungen ihr gekoſtet, die Verwirrung und die Dunkelheit der Ereigniſſe ſchuld waren, daß die Ungluͤckliche dem ſeli⸗ gen Gefuͤhl der Befreiung nicht in ſeinem ganzen um⸗ fange ſich uͤberlaſſen konnte; ſie ſagte ihr alſo, was ſie fuͤr das Zweckmaͤßigſte hielt, um dem Gedaͤchtniß des Maͤdchens zur Huͤlfe zu kommen, und ihre Gedanken zu entwirren oder gleichſam wieder auf die Bahn zu bringen. So nannte ſie ihr das Dorf, aus welchem ſie war, und wohin man ſo eben ſeinen Weg nahm. „Wirklich?“ rief Lucia, welche wußte, daß dieſes Dorf von dem ihrigen wenig entfernt war.—„O heilige Jung⸗ frau, wie dank' ich dir! Meine Mutter! Meine Mutter!“ „Nach Eurer Mutter ſoll ſogleich geſchickt werden,“ verſicherte die Frau, die wohl wußte, daß es bereits ge⸗ ſchehen war. „Geſchickt werden?“ fragte Lucia freudig.„Der Va⸗ ter im Himmel wird Euch ſeinen Segen dafuͤr ſpenden! Ihr aber, liebe Frau/ wer ſed Ihr? Woher ſeyd Ihr ge⸗ kommen?“ „Unſer Pfarrer hat mir den Auftrag gegeben; denn der Herr hier— der allmaͤchtige Gott hat ihm wunderbar — 281— das Herz geruͤhrt, ihm ſey Preis und Ehre dafuͤr!— der iſt nach unſerm Dorf gekommen, um mit dem Herrn Kar⸗ dinal Erzbiſchof zu ſprechen, der uns eben, der liebe, fromme Herr, einen Beſuch abſtattet; und da hat er ſeine entſetzliche Suͤnden bereut, und ſich vorgenommen, ein an⸗ deres Leben zu beginnen. Dem Kardinal aber erzaͤhlte er, er hab' ein armes unſchuldiges Maͤdchen wegfuͤhren laſſen, Euch nehmlich, nachdem er die Schandthat mit einem an⸗ dern gottloſen Mann verabredet hatte. Wer indeſſen die⸗ ſer ſey, hat mir unſer Pfarrer weiter nicht angegeben.“ Lucia hob die Augen, von einer gewaltſamen Empfin⸗ dung durchdrungen, zum Himmel empor. „So wißt Ihr es ſelbſt vielleicht,“ fuhr die Frau fort. „Genug alſo. Der Herr Kardinal war der Meinung, da ſich's um ein junges Maͤdchen handelte, ſo waͤr's gut, wenn eine Frau ihr Geſellſchaft leiſtete. Drum hat er dem Pfarrer den Auftrag gegeben, ſich nach einer umzuſehen, und der Pfarrer, ein guter Herr, iſt ſogleich zu mir gekommen... „Wahrhaftig, der Herr im Himmel moͤg' Euch Euer Mitleiden belohnen!“ „Denkt Euch alſo, armes junges Maͤdchen! Der Herr Pfarrer hat mir geſagt, ich ſoll Euch Muth einfloͤßen, ſoll Euch ſogleich wieder aufzurichten ſuchen, und Euch begreif⸗ lich machen, wie Gott Euch ſo wunderbar gerettet hat.“ „Ach ja, wahrlich wunderbar; die Mutter des Hei⸗ lands hat ſich am Throne Gottes fuͤr mich verwendet.“ „Seyd drum gutes Muthes. Und am beſten thut Ihr, wenn Ihr dem Mann, der uͤbel mit Euch umgegangen, Eure Verzeihung ſchenket, und zufrieden ſeyd, daß Gott ihn ſeiner Erbarmung gewuͤrdigt. Betet Ihr fuͤr ihn, G — 282— wird's nicht Euer Schade ſeyn; Ihr erwerbt Euch ein Verdienſt, und werdet' ſelbſt empfinden, wie das Herz Euch weit dabei wird.“ 1 Lucia antwortete mit einem Blicke, welcher ihre Ein⸗ willigung ſo deutlich als Worte ausdruͤckte, und mit einer ſanften Nuͤhrung, die durch Worte ſich nicht bezeich⸗ nen ließ. „Biedres Maͤdchen!“ rief die Frau.„Und da auch Euer Pfarrer ſich in unſerm Dorf befand— denn es ſind ihrer ſo viele, ſo viele da, aus der ganzen Umgegend, es ließen ſich vier Kirchenverſammlungen draus berufen— ſo hat der Herr Kardinal fuͤr gut befunden, auch den zur Geſellſchaft mit zu ſchicken. Er hat freilich wenig bei der Sache genuͤtzt; ich hatt auch ſchon ſagen hoͤren, es ſey uͤberhaupt nicht viel mit ihm anzufangen, und bei dieſer Gelegenheit hab' ich geſehen, daß er wirklich, wie ein Huͤhnchen im Werg, vor verlegener Unbehuͤlflichkeit nicht von der Stelle kann.“ „und dieſer,“ fragte Lucia,„dieſer, der gut geworden iſt, wer iſt er?“ „Wie? das wißt Ihr nicht?“— Sie nannte ihn. „O Gottes Barmherzigkeit!“ ſchrie Lucia. Wie oft hatte ſie dieſen Namen in mehr als einer Geſchichte mit Abſcheu wiederholen hoͤren, und die ſchauderhafte Rolle des Hollenfuͤrſten darin ſpielen ſehen! Jetzt alſo, da der Ge⸗ danke ihr auf's Herz fiel, wie ſie in den Haͤnden eines ſo unmenſchlichen Wuͤthrichs geweſen, und bald durch ſeine fromme Schutzwacht ſich geſichert ſah, da die ergreifenden Bilder einer bodenloſen Gefahr und einer unbegreiflich ploͤtzlichen Erloͤſung vor ihren Augen ſich darſtellten, da ſie — 268— das furchtbare Weſen des Mannes uͤberdachte, deſſen An⸗ geſicht ihr anfangs ſo finſter grollend, dann ſo bewegt, ſo herablaſſend geſchienen, ſaß ſie, wie vom Schlage des Er⸗ ſtaunens getroffen, regungslos da, und—„Barmherzig⸗ keit!— war das einzige Wort, welches ſie von Zeit zu Zeit hoͤren ließ. „In Wahrheit, eine maͤchtige Barmherzigkeit hat da⸗ bei ihre Wirkung gethan,“ ſagte die Begleiterin.„Es muß eine große Erleichterung fuͤr die halbe Welt ſeyn, fuͤr alle Ortſchaften weit und breit umher. Wenn man bedenkt, wie viele Leute er in Aengſten hielt, und jetzt, wie mir unſer Pfarrer geſagt hat. und dann, man darf ihm nur in's Geſicht ſehen, er iſt ein Heiliger geworden, und die Werke ſeiner Verwandlung zeigen ſich ſogleich.“ Wenn wir behaupten wollten, die gute Frau habe nicht eine anſehnliche Neugier empfunden, uͤber das große Aben⸗ theuer, worin ſie ſo eben eine Rolle ſpielte, etwas umſtaͤnd⸗ lichere Auskunft zu erhalten, ſo gingen wir mit der Wahr⸗ heit nicht am gewiſſenhafteſten um. Da indeſſen ein ach⸗ tungsvolles Mitleid mit Lucien ſie beſchaͤftigte, da ſie ge⸗ wiſſermaßen die Bedeutung und die Wuͤrde des aufgetrage⸗ nen Amtes empfand, ſo muͤſſen wir's ihr zum Ruhme nach⸗ ſagen, daß es ihr auch nicht ein einziges Mal in den Kopf kam, mit einer unbeſcheidenen oder muͤßigen Frage naͤher zu ruͤcken; was ſie auf der Reiſe ſprach, waren Worte des Troſtes, die von ihrem lheilnehmenden Eifer Zeugniß ablegten. „Ihr moͤgt Gott weiß wie unnge nicht gegeſſen ha⸗ ben,“ ſprach ſie. „Ich erinnere mich nicht mehr. Eine Zeit lang....“ — 284— „Armes Kind! Ihr muͤßt wieder zu Kraͤften zu kom⸗ men ſuchen.“ „Freilich wohl,“ erwiederte Lucia mit ſchwacher Stimme.— „In meinem Hauſe, Gott ſey Dank, werden wir auf der Stelle was finden. Nehmt Euch muthig zuſammen, wir haben nicht gar weit mehr.“ Lucia gab ihrer Mattigkeit nach, und legte ſich, wie nach Schlaf verlangend, in den Hintergrund der Saͤnfte zuruͤck. Die Begleiterin ſchwieg, und ſioͤrte ihre Ruhe nicht. Fuͤr Don Abbondio war dieſe Ruͤckkehr nicht ſo angſt⸗ voll als der Herweg, und ſein Haſenherz fuͤhlte ſich etwas geraͤumiger in der Bruſt; indeſſen ließ es ſich doch eben nicht eine Luſtreiſe nennen. Sobald die erſte gewaltſame Furcht ein wenig nachgelaſſen, fuͤhlte er ſi ch all ſeiner druͤckenden Laſt enthoben; aber bald fing ein andrer Wi⸗ derwille an, in hundert verſchiedenen Empfindungen her⸗ vorzubrechen, wie an der Stelle, wo ein großer Baum aus⸗ geriſſen worden, eine Zeit hindurch die nackte Erde da liegt, bald aber wieder ſich ganz und gar mit Unkraut uͤberzieht. Seine Empfindlichkeit hatte ſich waͤhrend deſſen fuͤr alles Uebrige geſteigert, und er mochte die Gegenwart oder die Zukunft uͤberdenken, ſo gebrach es ihm keinesweges an Stoff, ſich weidlich abzumartern. Mehr als bei dem Hin⸗ weg empfand er jetzt, wie dieſe Art zu reiſen, an welche er nicht ſehr gewoͤhnt war, ſo abſcheulich unbequem, und als man vom Felſenſchloſſe in's tiefe Thal hinabſtieg, war's vorzuͤglich kaum auszuhalten. Der Saͤnftentraͤger ließ auf einen Wink des Ungenannten ſeine Thiere raſch zuſchrei⸗ — 285— ten; die beiden Reiter hinten folgten ihm auf den Fuß. Daher geſchah es, daß der arme Don Abbondio an man⸗ cher unebenen Stelle, als wenn ihn ruͤckwaͤrts Jemand in die Hoͤhe ſchleuderte, nach vorn uͤberkippte, und um ſich im Gleichgewicht zu erhalten, den Sattelknopf, wie ein huͤlfeſuchender Verzweifelter, mit beiden Haͤnden umklam⸗ mert halten mußte. Dabei hatte er dennoch nicht den Muth, um eine gemaͤßigtere Reiſeordnung zu bitten; er ſehnte ſich ja ſelbſt danach, ſo bald als moͤglich aus der Teufelsmuͤhle hinaus zu kommen. Ging es uͤberdieß auf einer Anhoͤhe, laͤngs einem aufgeworfenen Hochwege hin, 3 ſo ſchien das Maulthier, nach der eigenſinnigen Gewohn⸗ heit ſeiner Gattung, mit Gewalt ſich beſtaͤndig an der Au⸗ ßenſeite zu halten, und die Hufe dicht an den Rand zu ſetzen; ſo bekam der Pfarrer faſt gerade unter ſich eine ab⸗ ſchuͤſſige Senkung, oder, wie ſeine Todesfurcht es nannte, eine ſchwarze Schauderſchlucht zu ſehen.— Auch du, ſagte er im Herzen zu dem Thiere, haſt den verdammten Hang im Leibe, die Gefahr aufſuchen zu gehen, wo der Weg ſo breit iſt!— Er gab ſich Muͤhe, das Thier mittelſt des Zuͤ⸗ gels nach der andern Seite hinzuzerren; aber umſonſt. So ließ er ſich denn, wie gewoͤhnlich, von Aerger und Furcht zugleich beherrſcht, nach fremdem Belieben leiten. Die Be⸗ waffneten ſetzten ihn nicht mehr in Schrecken; denn jetzt hatte er ſich von der Geſinnung des Herrn vollkommen uͤberzeugt.— Aber, uͤberlegte er, wenn die Kunde von der großen Bekehrung ſich durch das hoͤlliſche Thal hier verbreitet, waͤhrend wir noch drinnen ſtecken, wer weiß, wie die Kerle ſie aufnehmen werden? Wer kann ſagen, was draus entſteht? Iſt's nicht moͤglich, daß ſie auf den — 286— Gedanken gerathen, ich ſey der Friedensbote, der ihn ſo umgewandelt hat? Nehme mich der Himmel in ſeinen Schutz, ſie wuͤrden's mir mit argen Hoͤllenqualen geden⸗ ken!— Das muͤrriſche Ausſehen des Ungenannten ſetzte ihn nicht in Unruhe.— Um die Geſichter hier in Zucht zu halten, dachte er, muß er mit aller Gewalt ſo eine Grimaſſe ſchneiden; ſo viel ſeh' ich auch ein; aber wie komm' ich dazu, daß ich's mit anſehen muß? 3 Indeſſen erreichte man endlich den Fuß der Anhoͤhe⸗ und trat bald zum Thal hinaus. Die Stirn des Ungenannten erhei⸗ terte ſich. So griff denn auch Don Abbondio zu einem natuͤr⸗ licheren Geſichte/ reckte den Kopf etwas zwangloſer uͤber die Schultern hinaus, ſetzte Arme und Beine in Freiheit, und nahm im Sattel eine bequemere Lage an, daß er ganz wie ein anderer Menſch ausſah. Dann ſeufzte er einige Mal tief auf/ und ließ ſich's nun bei unbefangnerem Gemuͤthe angelegen ſeyn, den Blick der Beſorgniß auf andere ent⸗ fernte Gefahren zu richten.— Was wird der Unhold, der Don Rodrigo ſagen? So lumpig angefuͤhrt, mit einer ſo langen Naſe abziehen, den Schaden haben und den Spott noch dazu nehmen, denke ſich einer Einmal, ob ihm die Pille bitter ſchmecken wird! Jetzt wird er erſt den voll⸗ kommenen Teufel ſpielen. Es ſteht zu erwarten, daß er auch mit mir anbindet, weil ich bei dem Spuk hier meinen Senf dazu gegeben habe. Wenn er ſchon vorher ſo nieder⸗ traͤchtig war, die beiden Mordkerle abzuſchicken, daß ſie mir mitten auf der Straße mit ſo einer Artigkeit auf den Hals zuliefen, ſo mag der Himmel wiſſen, was er itzo an⸗ ſtellen wird. Mit ihrer erlauchten Gnaden kann er es nicht aufnehmen, das iſt ein viel zu großer Biſſen fuͤr ihn; 2 — 287— da muß er in den Zuͤgel knirſchen, und ſtumm ſeyn. Das Gift aber hat er einmal im Leibe, und ſo wird er's an Einen auslaſſen wollen. Wie laufen nun dergleichen Ge⸗ ſchichten ab? Die Schlaͤge fallen unausbleiblich nieder, und die Fetzen fliegen durch die Luft. Die Lucia, die werden der Herr Kardinal ſchon in Sicherheit zu bringen wiſſen; der Andre, der arme Junge, der ſich ſo ſchlimm aufgefuͤhrt hat, iſt außer'm Schuß, und hat auch ſein Theil ſchon zu ſchmecken bekommen— wer alſo den bitterſten Biſſen nie⸗ der zu ſchlucken hat, das bin ich. Und doch waͤr's'ne un⸗ erhoͤrte Grauſamkeit, wenn ich nach ſo entſetzlichen Be⸗ ſchwerlichkeiten, nach ſo einem angſtvollen Umhertreiben, ohne das Geringſte verbrochen zu haben, das boͤſe Wetter ausbaden muͤßte! Was wird nun der Herr Kardinal thun, um mich zu ſchuͤtzen, nachdem er mich in den Tanz hinein geſtoßen hat? Kann er mir dafuͤr ſtehen, daß der verdammte Menſch mir nicht noch einen ſchlimmeren Streich als den erſten ſpielt? Und bei all den Geſchaͤften, die er im Kopf hat, ſich in ſo viele Geſchichten einmengen! Es iſt ja gar nicht einmal moͤglich, daß er Alles abfertigen kann! Und ſo bleibt der Wirrwarr noch weit verwickelter liegen, als er anfangs geweſen. Die Herren, ſo das Gute thun, machen's im Großen ab; ſobald ſie ſich ſo ein Vergnuͤgen verſchafft haben, ſind ſie zufrieden, und moͤgen ſich weiter um alle die Folgen, welche daraus entſtehen koͤnnen, nicht kuͤmmern; die Teufel dagegen, die ihre Luſt dran haben, Uebles zu thun, ei, die wenden weit mehr Fleiß dran, und ſind bis an's Ende dahinter her, und laſfen nicht eher ab, als bis ſie den Krebs, der ſie kneipt, in Haͤnden haben. Hab' ich mich zu verantworten, der ich auf ausdruͤcklichen Befehl — 288— ihrer erlauchten Gnaden, nicht aber aus freien Stuͤcken, hieher gerathen bin? Am Ende ſcheint's noch, daß ich auf der Seite der Ungerechtigkeit hab: ſtehen wollen. Heiliger Himmel! Auf der Seite der Ungerechtigkeit, ich? Fuͤr das Vergnugen, ſo ſie mir macht! Genug, das Beſte iſt, ich erzuͤhle Perpetuen, wie es ſich mit der Sache verhaͤlt, und die wirdes dann ſchon herum bringen. Wenn nur aber Monſignore nicht etwa auf den Einfall geraͤth, eine oͤffent⸗ liche Geſchichte, ein unnüͤtzes Schauſpiel daraus zu ma⸗ chen, und mich am Ende mit auf den Theaterzettel zu ſez⸗ zent Auf jeden Fall, kaum ſind wir angekommen, ſo geh ich wenn er ſchon aus der Kirche wieder zuruͤck iſt, zu ihm hin, mache ihm in aller Eil meinen Buͤckling vor, oder laſſe meine Entſchuldigungen ganz und gar unterweges, und ſegle mit gutem Wind nach Hauſe. Lucia iſt untergebracht, ich bin weiter nicht ndthig, und nach ſo verdammtem Her⸗ umtummeln kann ich auch endlich einmal auf Ruhe An⸗ ſpruch machen. Daß ihm nur beileibe am Ende nicht noch „ne Neugier ankommt, die ganze Geſchichte zu wiſſen, und ich Rechenſchaft uͤber die Trauungsſache ablegen muß! Weiter fehlte nichts. Und wenn er in meinem Kirchſpren⸗ gel auch einen Beſuch macht? Mag's werden wie's will, ich mag mich nicht weiter abaͤngſtigen, hab' leider genug auf dem Halſe. Einftweilen ſchließ ich mich in meine vier Pfaͤhle ein. So lange Monſignore hier herum hauſt/ wird Don Nodrigo nicht ſo toll ſeyn, dumme Streiche zu ma⸗ chen. Und hernach?... Weh mir! Mir ſteht in meinen letz⸗ ten Lebensjahren wenig Gutes bevor!— 1 Der Zug kam an, als der Gottesdienſt noch nicht zu Ende war. Man ſchritt durch dieſelbe Menge, welche nicht — 289— weniger als vorher verwundert daſtand, und dann ſich theilte. Die beiden Reiter lenkten ſeitwaͤrts nach einem Platze, in deſſen Hintergrunde das Haus des Pfarrers ſtand; die Saͤnfte indeſſen bewegte ſich nach der Wohnung der guten Frau... Don Abbondio blieb dem Worte, welches er ſich ſelbſt gegeben, ritterlich treu. Kaum von ſeinem Thiere herab⸗ geſtiegen, ſagte er dem Ungenannten die allerergebenſten Hoͤflichkeiten, und bat, ihn gnaͤdigſt bei Monſignore zu entſchuldigen; er muͤſſe ſtehendes Fußes, um dringender Ge⸗ ſchaͤfte willen, nach ſeiner Pfarrei zuruͤckkehren. Darauf eilte er hinweg, ſich nach ſeinem Gauk umzuſehen; mit dieſem Staatsnahmen beehrte er einen Stock, welchen er in einem Winkel des Vorzimmers gelaſſen hatte; er fand ihn, und machte ſich damit auf die Heimkehr. Der Ungenannte indeſſen harrte, bis der Kardinal aus der Kirche kam. Die wackere Frau ließ Lucien im vornehmſten Winkel ihrer Kuͤche auf ihren beſten Stuhl niederſitzen, beeilte ſich, etwas Erquickendes fuͤr ſie zurecht zu machen, und lehnte mit einer Art von herzlicher Derbheit jeden Dank und jede Bitte um Entſchuldigung ab. 3 In aller Schnelligkeit ſchob ſie unter einen Keſſel, wel⸗ chen ſie zum Feuer geſetzt hatte, trockene Neiſer, brachte, waͤhrend ein tuͤchtiger Kapaun drin ſchwamm, die Bruͤhe zum Kochen, fuͤllte damit einen Napf, worin ſie Brodſchei⸗ ben hineingeſchnitten, und konnte ihn endlich Lucien hin⸗ reichen. Indem ſie das arme Maͤdchen mit jedem Loͤffel mehr und mehr wieder zu Kraͤften kommen ſah, wuͤnſchte ſie ſich ſelbſt mit lauter Stimme Gluͤck, daß das Ereigniß ſich gerade an einem Tage getroffen, wo, wie ſie ſich aus⸗ II. 19 1 4— 290— druͤckte, die Katze nicht uͤber den Feuerheerd hingeſchlichen. —„Hrut⸗“ ſagte ſie,„laͤßt ſich's ein eder angelegen ſeyn⸗ die Decke uͤber den Tiſch zu ziehenz nur die armen Lente nicht, die ſich kuͤmmerlich aus Wicken und Hirſebrei Brodt zu backen juchen; indeſſen denken ſie von einem ſo erbar⸗ menvollen Herrn was zu erlangen. Wir ſind, dem Him⸗ mel Dank, in dem Fall nicht; bei dem Handwerk meines Mannes, und dem Bischen Land, ſo wir haben, kommen wir zur Noth durch. Laßt es Euch alſo ſchmecken; der Kavaun wird auch hald ſo meit ſeyn als er ſoll, und dann koͤnnt Ihr Euch ein Bischen ausfuͤhrlicher guͤtlich thun. — Darauf nahm ſie den Napf zuruͤck, und machte ſich wicder an ihr Geſchäft, die Mahlzeit zn beſorgen, und den Tiſch kuͤr die Hausgengſſenſchaft zu decken. Lucia fuͤhlte ſich ein wenig erkraͤftigt, erhielt ihren vorigen Muth wieder, und machte ſich aus Gewohnheit oder vermoge eines natuͤrlichen Triebes zu reinlicher Ord⸗ nung und Schaamhaftigkeit dabei, ihrer Kleidung wieder den ſchicklichen Anſtand zu geben; ſie band die gelockerten, in Verwirrung gerathenen Flechten auf dem Kopfe zuſam⸗ men, und gab dem Buſentuche die erforderliche Lage. Waͤh⸗ rend dieſer Arbeit geriethen ihre Finger in den Roſenkrand⸗ welchen am Halſe hing; ihr Blick fiel darauf, und plotzlich ergriff ihre Seele eine heftige Bewegung— die Erinne⸗ rung an das Geluͤbde, bis jetzt von ſo vielen draͤngenden Empfindungen zuruͤckgetrieben und erſtickt, lebte unverſe⸗ hens wieder auf, und ſtellte klar und deutlich ſich ein. Alle Kraͤfte ihrer Seele, die kaum ſich wieder verjuͤngt, drohten in einem neuen Sturme unterzugehen, und waͤr ihr Ge⸗ muͤth nicht durch ein Leben der Unſchuld, der Ergebung — 291— und des Vertrauens ſo vorbereitet geweſen, ſo haͤtte die Beſtuͤrzung, welche ſie in dem Augenblicke empfand, ſich ſchnell zur Verzweiſtung geſteigert. Nach einem Tumulte von Gedanken, mit welchem Worte nicht gleichen Schritt halten koͤnnen, waren die erſten, die ſie wieder fand: Ich Ungluͤckliche, was hab' ich gethan! Kaum aber hatte ſie im Geiſte ſie ausgeſprochen, er⸗ ſchrak ſie vor ihnen. Alle begleitenden umſaͤnde dieſes Ge⸗ luͤbdes kehrten ihr zuruͤck, die unertraͤgliche Beklemmung, das Verzweifeln an jeder menſchlichen Huͤlfe, die In⸗ brunſt des Gebetes, die Fuͤlle der Empfindung, mit welcher das Verſprechen geſchehen. Und nachdem ſie nun der erfleh⸗ ten Gnade theilhaftig geworden, das Verſprechen bereu⸗ en— darin erkannte ſie eine himmelſchreiende uUndankbar⸗ keit, einen Treubruch gegen Gott und die Jungfrau; es war ihr, als muͤßte folch eine Treuloſigkeit ein neues ſchrecklicheres Mißgeſchick ihr zuziehen, in deſſen Drange ſie nicht einmal zum Gebete mehr ihre Zuflucht wuͤrde neh⸗ men koͤnnen. Und ſo beeilte ſte ſich, der augenblicklichen Reue zu entſagen. Ehrfurchtsvoll nahm ſie den Roſenkranz vom Halſe, hielt ihn in zitternder Hand empor, beſtaͤtigte und erneuerte das Geluͤbde, und bat zu gleicher Zeit mit geruͤhrtem Flehen, es moͤge die Kraft, es zu erfuͤllen, ihr verliehen werden; die Gedanken und die Umſtaͤnde, die ihr Gemuͤth, wenn auch nicht erſchuͤttern, doch allzuſehr quaͤ⸗ len wuͤrden, moͤchte der Himmel ihr erſparen. Renzo's Entfernung, bei welcher keine Wahrſcheinlichkeit zur Ruͤck⸗ kehr vorhanden, die Entfernung, die ſie bisher mit ſo bit⸗ terer Sehnſucht empfunden, ſchien ihr jetzt eine Veranſtal⸗ tung der Allmacht, welche beide Ereigniſſe zu einem einzi⸗ — 292— gen Zwecke hatte geſchehen laſſen, und ſo bemühte ſie ſich/ in dem einen Troſt fuͤr das andre zu finden. Darauf glaubte ſie hoffen zu muͤſſen, dieſelbe Allmacht wuͤrde, um das Werk zu vollenden, auch die Mittel zu ſinden wiſſen, um Renzo gleichfalls zur Entſagung zu leiten, auch er wuͤrde nicht mehr daran denken.:. Kaum aber hatte dieſe Vorſtellung in ihre Seele Eingang gefunden, ſo gerieth dieſe in die ſüͤrmiſchſte Unruhe. Die Arme empfand, daß ihr Herz von Neuem ſich zur Reue neigte; ſie kehrte zum Gebet zuruͤck, zur Selbſtbeſtaͤrkung⸗ zum Gegenkampfe/ und erhob ſich aus dieſem, wie der muͤde, wundenſchwache Sie⸗ ger uͤber einen geſchlagenen Feind. Indeſſen ließen ſich nahende Fußtritte und feſtliche Stimmen hoͤren. Es war die kleine Familie, die aus der Kirche zuruͤckkehrte. Zwei kleine Maͤdchen und ein Knabe traten huͤpfend herein; ſie ſtanden einen Augenblick ſtill⸗ und ſahen Lucien neugierig an; dann liefen ſie zur Mut⸗ ter, und draͤngten ſich um ſie her. Die Eine fragte nach dem Namen der unbekannten Fremden, wie und warum; die Andre wollte die geſehenen Wunderdinge erzaͤhlen, wuͤh⸗ rend die beſchaͤftigte Hausfrau auf Alles mit—„ſtille, ſtille!“— antwortete. Sodann trat mit einem ruhigeren Schritte, aber mit froͤhlichem Eifer auf dem Geſichte, der Herr des Hauſes herein. Er war, wenn wir es nicht ſchon geſagt haben, der Meiſter Schneider, welcher mit ſeiner Nadel fuͤr das Dorf und die Gegend umher ſorgte; ein Mann, der leſen konnte, und auch wirklich mehr als ein⸗ mal die Legendenſammlung der Heiligen und das Ge⸗ ſchlechtsregiſter der Koͤnige von Frankreich durchgeleſen hatte. Bei den Bauern des Dorfes galt er fuͤr einen — 293— Mann von Talent und Wiſſenſchaft, pflegte jedoch dieſes Lob beſcheiden abzulehnen, und ſagte bloß, er habe ſeine Beſtimmung verfehlt; denn wenn er, ſtatt ſo vieler An⸗ dern, aufs Studiren gerathen waͤre. Dabei die beſte Seele in der Welt. Er hatte daneben geſtanden, als der Pfarrer ſein Weib um die wohlthaͤtige Reiſe erſuchte; er gab ſeine Einwilligung dazu, und wuͤrde ſich's, wenn es noͤthig geweſen waͤre, auich eine Ermahnung haben Foſten laſſen. Jetzt, da der Gottesdienſt, die feierlichen Aufzuͤge, das Zuſammenſtroͤmen der Menſchen, vorzuͤglich aber die Predigt des Erzbiſchofs alle ſeine frommen Empfindungen auf's Hoͤchſte geſpannt hatten, kehrte er voller Erwartung nach Hauſe zuruͤck, und war aͤngſtlich begierig, zu erfahren, wie die Sache abgelaufen, und die arme erstt t⸗ Unſchuld unter ſeinem Dache zu finden. „Siech nur einmal,“ ſagte bei ſeinem Eintritt die Hausfrau, und deutete auf Lucien hin. Dieſe ward roth, ſtand auf und brachte ſtammelnd eine Entſchuldigung vor. Er aber ging auf ſie zu, unterbrach ſie durch liebkoſende Geberden, und rief:„Willkommen, willkommen in meinem Hauſe! Ihr ſeyd hier ein Segen des Himmels, Wie froh bin ich, Euch zu finden! Ich rechnete wohl darauf daß Ihr in ſicherem Hafen angekommen waͤrit; denn ich hab' nie gefunden, daß der Herr ein Wunder begonnen haͤtte, ohne es erbaulich zu enden; dennoch bin ich gar hoͤchlich zufrieden, Euch unter meinem Dache zu ſehen. Armes Maͤdchen!'S iſt aber bei dem Allen eine große Sache, ein Wunder erlebt zu haben!“ Man glaube nicht, daß unſer Dorfſchneider der Ein⸗ zige war, welcher dem Ereigniß einen ſolchen Anſtrich gah⸗ — 294— 1 weil er ſich in die Legendenſammlung hineingeleſen hatte; im ganzen Dorfe und der Gegend umher ſprach man, ſo lange das Andenken daran ſich erhalten, mit keinem an⸗ dern Ausdrucke davon. Und die Wahrheit zu ſagen, konnte es auch wirklich bei den Nebenumſtaͤnden, welche nachher ſich damit vergeſellſchafteten, nicht wohl durch eine andre Benennung angedeutet werden. n n& enſs Nſ Der Hausherr trat nach einiger Zeit zu ſelter Fran, indem ſie gerade den Keſſel von der Kette uͤber dem Feuer nahm, und fragte ſie leiſe:„Iſt Alles gut gegangen?“ „MRecht ſehr gut. Ich will's Dir nachher erzaͤhlen, warte nur.“ 3 „Gut, gut,“ antwortete der Mann,„wenn mehr geit ſeyn wird.¹"⁴ atrn hun ndi dnd ch r Die Hausfrau machte ſodann eilig den Tiſch zurecht, holte Lucien, begleitete ſie, und wies ihr ihren Platz an; ein Fluͤgel des Kapauns kam auf ihren Teller zu liegen. Darauf ſetzte ſich das Ehepaar, und Beide ermahnten die niedergeſchlagene, verſchaͤmte Fremde, alle Scheu bei Seite zu ſetzen, und ruͤſtig zuzueſſen. Der Schneider fing ſchon bei den erſten Biſſen an, mit großer Begeiſterung ſich vernehmen zu laſſen; die Kinder, die, um den Tiſch ſte⸗ hend, ihr Mittagbrod verzehrten, ſprachen freilich nicht ohne zudringliche Unterbrechung dazwiſchen; ſie hatten wirklich zu viele und zu außerordentliche Dinge geſehen, um eine Stunde hindurch bloß ruhige Zuhdͤrer abzugeben. Der Mann beſchrieb die feierlichen Kirchengebraͤuche, und ſprang darauf zu einer Abhandlung von der wunderſamen Bekehrung uͤber. Was aber den meiſten Eindruck auf ihn — 295— gemacht hatte, und ihm oͤfter als alles Andre in den Mund wieder zuruͤckkehrte, war die Predigt des Kardinals. „Wenn man ihn ſo vorm Altar ſtehen ſah“ meinte er,„einen Herrn von ſolcher Hoheit, wie, ein genahnlicher⸗ Pfnuean. 53759— 3 mUnd das goldne— das er dng em n Kopf nae⸗ ſagt⸗ eins von den kleinen Maͤdchen. 9 9 „Schweig Du!— Wenn man bedenkt, ſag. 1, daß ein Herr von ſolcher Hoheit, ein ſo weiſer Kirchenhort, der, wie ſie ſagen, alle vorhandene Buͤcher geleſen hat, womit kein andrer Menſch, nicht einmal in Mailand, zu Stande kaͤme, wenn man bedenkt, daß ſo ein Geſandter Gottes ſich herablaͤßt, uͤber irdiſche und himmliſche Dinge in einer Weiſe zu reden, daß Alle ihn verſtehen koͤnnen..“ „Ja, ich hab' ihn auch verſtanden,“ rief die andre kleine Schwaͤtzerin. „Halt Dein Maͤulchen! Was nini Du zerſanden haben?“ „Ich hab' verſtanden, daß er das Evangelium an des Herrn Pfarrer ſeiner Stelle erklaͤrte. „Halt Dein Maul!— Ich rede nicht von ſolchen Leuten, die was gelernt haben; denn alsdann braucht man nur mit ſeiner Einſicht aufzupaſſen. Aber auch Menſchen mit dem häͤrteſten Schaͤdel, die unwiſſendſten Kerle, folg⸗ ten ihm mit ihren Empfindungen. Geh' Einer hin und frage ſie einmal, ob ſie die Worte, ſo er geſprochen, zu wiederholen im Stande ſind; gehorſamer Diener, auch nicht ein einziges koͤnnten ſie ſich zuruͤck rufen; aber die Empfindung, die tragen ſie fortlebend im Herzen. Und ohne daß er auch nur ein einziges Mal den bekehrten - 296— Herrn nannte, wie konnte man's mit Haͤnden greifen, daß er von ihm reden wollte! Und um es recht zu fuͤhlen, durfte man nur hinſehen, wie ihm die Thraͤnen in den Augen ſtanden. Und da weinte die ganzen— vom Groͤßten bis zum Kleinſten.“ nialt Jnis „Das iſt meiner Seele wahr,“ brach der Kleine los,. gaber warum weinten denn all⸗ dis— Menſcham wie die Kinder? e chi nacheic „Red’ nicht drein⸗— und das bei all dem harten Her⸗ zen, ſo es leider auch in unſerm Dorf hier giebt! Recht erbaulich aber hat er gezeigt wie wir bei aller Theuerung dennoch dem Himmel zu danken haben und zufrieden ſeyn ſollten; ein Jeder muͤſſe thun, was er kann, Fleiß anwen⸗ den, ſich nachhelfen und dann begnuͤgen. Denn das Un⸗ gluͤck heſtehe nicht im Leiden und Nichtshaben, ſondern im Boͤſesthun. Und das ſind keinesweges bloß huͤbſche Worte; denn alle Welt weiß, daß er ſelber wie ein armer Mann lebt, und ſich den Biſſen Brodt aus dem Munde nimmt, um ihn den Hungrigen hinzugeben; und doch koͤnnte er ſich das Wohllehen beſſer als irgend ſonſt wer ſchmecken laſſen. Ah, ſo erbaut Einem ein Mann die Seele, wenn man ihn reden hoͤrt; nicht wie all die An⸗ dern, richtet Euch nach meinen Thaten, aber nicht nach meinen Worten. Dabei hat er auch zu verſtehen gegeben, wie die Leute, die nicht eigentlich zu den Herrſchaften gehoͤren, ſobald ſie nur etwas mehr, als eben nothwendig⸗ haben, gleichfalls verpflichtet ſind, das Ihrige mit den Nothleidenden zu theilen.“ Hier unterbrach ſich der Redende ſalbſt wie von einem Gedanken uͤberraſcht. Er ſann einen Augenblick, belud —- 297— dann mit den Speiſen, die auf dem Tiſche ſtanden, eine Schuſſel, that ein Brodt dazu, ſetzte beides auf ein Spei⸗ ſetuch, nahm dieſes bei den vier Zipfeln zuſammen, und ſagte zu dem aͤlteren Maͤbchen:„Nimm Du das."“ Dar⸗ auf gab er ihr eine kleine Weinſtaſche in die andre Hand, und ſprach:„Geh zur Wittwe Marin; laſſ ihr das Eſſen dort, und ſag ihr, ſie ſoll ſich mit ihren Kinderchen ein Bischen guͤtlich dran thun. Aber fein artig, hoͤrſt Du⸗ Damit es nicht ausſicht, als wenn Du ihr Bettelbrocken zutraͤgſt. Und ſag; Keinem was, wenn Dir wer begegnet; ſech' Dich aber auch 6 daßs bie Schuͤſſel mteht in knp. ken geht.“ à enE Lucia’s Auge ward th Ane Jabende Ruͤhrung uber⸗ ſchlich ihr Herz; auch hatte ſie durch das erſte Geſpraͤch einen ſo kraͤftigen Troſt erhalten, als ihr eine eigentliche Troſtrede niemals haͤtte gewaͤhren koͤnnen. Von der Be⸗ ſchreibung, von der Vorſtellung des feierlichen Aufzuges, von der ruͤhrenden Gewalt der Froͤmmigkeit und der Ver⸗ wunderung angezogen, und von der Begeiſterung des Er⸗ zaͤhlers ſelbſt ergriffen, riß ſich ihre Seele von den ſchmerz⸗ lichen Gedanken uͤber ihr eigenes Ungluͤck los, und wenn ſie zuruͤckkehrten, war ſie ſich einer groͤßeren Kraft zum Widerſtande bewußt; der Gedanke an die große Aufopfe⸗ rung ſelbſt hatte zwar ſeine Bitterkeit noch nicht verloren, hinter ihm aber ſehiunnert⸗ es wie eine ernſte feierliche Freude. Kurz darauf trat der Pfurren des Dorfes herein, und ſagte, der Kardinal ſchicke ihn, um nach Lucien ſich zu erkundigen; zugleich ſolle er ihr melden, daß Monſignore ſie noch heute ſehen wolle. Im Namen deſſelben dankte — 298— er auch den Eheleuten auf das Freundſchaftlichſte. Geruͤhrt und ergriffen fanden alle Drei keine Worte, um die Huld⸗ ſeligkeit eines ſolchen Herrn zu erwiedern. inund Eure Mutter iſt huchn nicht angeeunans fragte der Pfarrer. wif n nadun rinnee mMeine Mutter“ jrief Lucha. Daoruf. erfuhr ſi ſi e von ihm, daß er auf die Sorgfalt und den Befehl des Erzbi⸗ ſchofs nach Agneſen geſchickt habe. Das Maͤdchen bedeckte die Augen mit dem Taſchentuche, und weinte aus vollem Herzen; der Pfarrer war bereits wieder hinaus gegangen, als ihre Thraͤnen noch eine ganze Zeit hindurch floſſen. Nachdem endlich die ſtuͤrmiſchen Bewegungen, welche dieſe Rachricht erregt hatte, ruhigeren Vorſtellungen zu weichen angefangen, erinnerte ſich die Arme⸗ daß dieſe jetzt ſo nahe Befriedigung, ihre Mutter wieder zu ſehen, eine Befriedigung, zu welcher wenige Stunden vorher die Hoff⸗ nung ſich nicht erheben durfte, in den Augenblicken der Angſt gleichfalls ein Punkt ihres Gebetes, gleichfalls eine Bedingung bei dem Geluͤbde geweſen. Laß mich gerettet zu meiner Mutter wiederkehren, hatte ſie geſagt, und dieſe Worte klangen ihr in der Erinnerung jetzt deutlich wieder. So befeſtigte ſie ſich denn mehr als je in dem Vorſatze, ihrem Verſprechen getreu zu bleiben, und warf ſich von Neuem, und bitterer noch, die Reue vor, der ſie ſe einen Augenblick Raum geſtattet. Agneſe war wirklich, da man hier von ihr ſprach⸗ nur eine kleine Strecke Weges noch entfernt. Wie der guten Frau bei einer ſo unerwarteten Einladung zu Muthe ge⸗ weſen, laͤßt ſich leicht denkenz die unvollkommene und nothwendigerweiſe verworrene Nachricht von einer voruͤber⸗ ——u — 299— gegangenen, aber entſetzlichen Gefahr, ein dunkles Begeg⸗ niß, welches der Bote weder umſtaͤndlicher zu erzaͤhlen noch zu erklaͤren vermochte, ein Fall, wofuͤr ſie in ihren vorhergehenden Begriffen nicht einen einzigen Entwick⸗ lungspunkt fand. Nachdem ſie mit den Haͤnden in die Haare gefahren, und mehrmals:„Allmaͤchtiger Gott! Heilige Jungfrau!“ gerufen, nachdem ſie an den Bo⸗ ten vielfache, aber vergebliche Fragen mit ungeſtuͤmer Aengſtlichkeit gethan, warf ſie ſich haſtig auf den Karren, erhob unterweges in einem fort ihre klagende Stimme, und ließ vom vergeblichen Fragen nicht ab. Endlich aber begegnete ihr Don Abbondio, der mit geſchaͤftigen Schrit⸗ ten ſich naͤherte, und ſeinen Wanderſtab ink aufſetzte. Beide ſahen ſich verwundert an, und blicben ſtehen; Ag⸗ neſe ſtieg herab, und ging ſeitwaͤrts mit ihm nach einem Kaſtanienwaͤldchen dicht am Wege. Der Pfarrer gab ihr von Allem, was er gehoͤrt und geſehen, Beſcheid. Aufge⸗ klaͤrt war die Sache damit noch nicht; indeſſen war Ag⸗ neſe uͤber Luciens Rettung in keinem Zweifel mehr, und athmete wieder auf. 111196319 Ke lipift Don Abbondio nahm darauf einen Anſatz, ſich in eine weitlaͤuftige Abhandlung einzulaſſen, und ihr mittelſt derſel⸗ ben umſtaͤndlich auseinander zu ſetzen, wie ſie ſich gegen den Erzbiſchof zu benehmen haͤtte, wenn dieſer, wie zu ver⸗ muthen, auf den Einfall geriethe, Mutter und Tochter zu ſehen; vorzuͤglich aber wollte er ſie ermahnen, der Vermaͤh⸗ lung mit keinem Worte zu gedenken. Agneſe indeſſen merkte bald, daß er nur um ſeines eigenen Vortheils wil⸗ len redete, ließ ihn im Stiche, und verſprach ihm nichts; auch faßte ſie in dieſer Hinſicht noch keinen Entſchluß, ſie — 300— hatte an andre Dinge zu denken, und machte ſich eilig wieder auf den Weg. nuEndlich langte der Karren an, und hielt vor dem Häuſe des Schneiders. Lucia ſprang ſtuͤrmiſch auf, Agneſe ſtieg ab, und ſtuͤrzte haſtig in's Zimmer; Mutter und Toch⸗ ter lagen einander in den Armen. Die Hausfrau, welche allein ſich gegenwaͤrtig befand, ſprach ihnen Muth zu, be⸗ ruhigte ſie, und freute ſich mit ihnen. Dann ſagte ſte, ſie gehe, um ein Bett fuͤr ſie zurecht zu achen und ließ ſie⸗ beſcheiden, wie ſie war, allein. „3ch habe Betten 47 ſprach ſie im Hinausgehen;„wenn das aber auch nicht waͤre, ſo wollt ich ſowohl als mein Mann lieber auf der Erde ſchlafen/ als daß wir unſre lie⸗ ben Gaͤſte fuͤr die Nacht ſich ein andres Unterkommen ſu⸗ chen ließen. Nach dant. erſen Sturm⸗ der unadmanges und des Geſchluchzes wollte Agneſe die Schickſale ihrer Tochter wiſſen, und dieſe mußte an die ſchmerzenvolle Erzaͤhlung gehen. Aber, wie der Leſer weiß, war es eine Geſchichte, die Keiner in allen ihren einzelnen Theilen kannte, und ſo gah es auch fuͤr Lueien dunkle, durchaus unerklaͤrbare Punkte. Hauptſaͤchlich das verhaͤngnißvolle Zuſammentref⸗ fen, daß die entſetzliche Kutſche an der Straße dort gerade in dem Augenblicke ſtand, als Lucia in einem ſo unge⸗ woͤhnlichen Falle voruͤber ging. Mutter und Tochter ver⸗ loren ſich daruͤber in Vermuthungen, geriethen aber immer weit von der Wahrheit ab, ohne ſich im geringſten ihr zu naͤhern. Was dagegen den Haupturheber des ſchaͤndlichen Umtriebes betraf, uͤber ihn waren beide keine Sekunde in 4 —— Verlegenheit; die Eine wie die Andre dachte nur an Don Rodrigo. B24 1126 Ji Shi9s „Die ſchwarze Seele!“ rief Agneſe,„der fuͤndliche Hoͤllenbrand! Aber ſeine Stunde wird kommen. Gott der Herr wird ihm nach ſeinen Werken zahlen, und dann wird auch er empfinden.."„ nn nl 95r „Nein, Mutter, nein,“ ſiel ihr Luria in’s Wort.„Ver⸗ kuͤndet ihm keine Leiden, verkuͤndet ſie Niemandem auf Er⸗ den. Wenn Ihr wuͤßtet, was das heißt, Leiden! Wenn Ihr's empfunden haͤttet! Nein, nein; wir wollen lieber zu Gott und zur Jungfrau fuͤr ihn beten; Gott wolle das Herz ihm ruͤhren, wie er's dem andern armen Herrn ge⸗ ruͤhrt, der ſchlimmer als er geweſen, und nun ein Hei⸗ liger iſt.“— Der Schauder, welchen Lucia empfand, zu ſo neuen und verhaßten Erinnerungen zuruͤck zu kehren, ließ ſie mehr als einmal mitten im Erzaͤhlen ſtocken; mehr als ein⸗ mal geſtand ſie, ſie habe den Muth nicht fortzufahren, und kam nach vielen Thraͤnen erſt mit Muͤhe wieder zu Wor⸗ ten. Bei einer gewiſſen Stelle des Berichtes aber band ihr eine ganz andre Empfindung die Zunge; es war das Ge⸗ luͤbde. Die Furcht, von der Mutter, als eine unbedaͤch⸗ tige Leichtſinnige getadelt zu werden, der Gedanke, daß die gute Frau, wie ſie es bei der Vermaͤhlung gemacht, mit ir⸗ gend einem Geſetze ihrer lockeren Gewiſſenhaftigkeit zum Vorſchein kommen, und darauf beſtehen koͤnnte, beides ſiel der Erzaͤhlerin maͤchtig auf's Herz. Wenn nun Agneſe, bloß um Licht und Rath ſich zu verſchaffen, irgend einem Andern die Sache im Vertrauen zufluͤſterte, und ihre Toch⸗ ter am Ende in aller Leute Mund braͤchte! Schon die — 302— Vorſtellung einer ſolchen Oeffentlichkeit marterte das Maͤd⸗ chen mit einem unertraͤglichen Schaamgefuͤhl! Dazu kam eine ſchon gegenwaͤrtige Schaam, ein unerklaͤrlicher Wider⸗ wille, uͤber einen Gegenſtand dieſer Art ſich zu aͤußern, und ſo verſchwieg ſie dieſen wichtigen umſtand ganz und gar, nahm ſich indeſſen vor, ſich mit dem Pater Criſtoforo zuerſt daruͤber zu verſtaͤndigen. Wie fuhr ſie aber vor Schrecken zuſammen, als ſie nach ihm fragte/ und zur Ant⸗ wort erhielt, er ſey nicht mehr im Kloſter, ſey nach einem entfernten, ſehr entfernten Orte der Gott weiß wie heiße, geſchickt worden! d„und Renzo?“ fragte Agneſe. „Der iſt in Sicherheit, nicht wahreu entgegnete Lu⸗ cig haſtig. B E KN n 23 „„Das iſt gewiß, denn Alle ſagen's. Es kam Nachricht an, daß er hinuͤber in's bergamaskiſche Land gekommen. Den Ortt ſelber aber, wo er ſich eigentlich aufhaͤlt, weiß Keiner zu nennen, und bis dieſe Stunde hat er noch nichts von ſich hoͤren laſſen. Ich denk' mir, es hat ſich bis jetzt noch kein Mittel dazu gefunden./ „O wenn er nur geborgen iſt, ſo ſey dem Herrn da⸗ fuͤr gedankt!“ ſprach Lucia, und griff zu einem andern Ge⸗ ſpraͤche. Dieſes aber ward von einer unvermutheten Neu⸗ igkeit unterbrochen— die Erſcheinung des Kardinal Erzbiſchofs. 4 Aus der Kirche, wo wir ihn verlaſſen haben, zuruͤckge⸗ kehrt, erfuhr Borromeo vom uUngenannten Luciens gluͤckliche Ankunft. Man ging zu Tiſche, und der Bekehrte ſaß zur Rechten des Bekehrers; rings üüiher ein Kreis von Prie⸗ ſtern, welche an dem Gaſte ſich nicht ſatt ſehen konnten. — 303— Dieſes gezaͤhmte Weſen ohne Schwaͤche, dieſe Demuth ohne Niedergeſchlagenheit, wie ſeltſam, wenn man ſie mit dem Bilde des Mannes verglich, womit alle Welt ſeit ſo langer Zeit ſich von ihm getragen! 1 Mich Nach Tiſche blieh das Paar wieder allein. Ein Ge⸗ ſpraͤch erfolgte, welches weit laͤnger noch als jenes erſte waͤhrte; dann aber ritt der Ungenannte auf demſelben Maulthiere, das ihn Vormittags getragen, nach ſeinem Schloſſe zuruͤck. Der Kardinal ließ den Pfarrer rufen, und ſagte, er wuͤnſche nach dem Hauſe gefuͤhrt zu werden, wo Lucig ihr Unterkommen gefunden. „O Monſignore,“ rief der Geiſtliche,„laſſen Sie, laſ⸗ ſen Siez Ich mill auf der Stelle hinſchicken, das Maͤdchen ſoll herkommen; die Mutter desgleichen, wenn ſie ſchon angelangt iſt; auch die Hnusleute, wenn Monſignore es will; Alle, ſo Ihre erlauchte Gnaden verlangen werden.“ „Sollen ſo Viele ſich um eines Einzigen Willen in Bewegung ſetzen?“ fragte der Kardinal.„Ich wuͤnſche hinzugehen, und ſie aufzuſuchen.“ iet f „Es iſt durchaus nicht noͤthig, daß Eure erlauchte Gnaden ſich bemuͤhen; wie bald iſt hingeſchickt, und ſo kommen ſie her.“. Der Pfarrer, obwohl ſonſt ein biedrer Mann, verdarb dennoch oft gar leicht einen Handel. Er ſah nicht ein, wie der Kardinal durch ſolch einen Beſuch dem Ungluͤck und der Unſchuld, der Holdwirthlichkeit und ſeinem eige⸗ nen Amte zugleich eine Ehre zu erweiſen gedachte. Da dieſer aber ſeinen ausgeſprochenen Willen mit dem Nach⸗ druck des Ernſtes wiederholte, ergab ſich der Pfarrer, ſchuͤttelte indeſſen aus allen Kraͤften den Kopf; eine ſolche Hoheit und eine ſolche Herzensguͤte hatte der Mann in — 304— ſeinem ganzen Leben noch nicht beiſammen geſehen. Da Beide ſich in der Straße ſehen ließen, eilte Jeder zu ihnen herbei; in wenigen Sekunden ſtroͤmten Leute von allen Seiten daher, ſo daß das Paar wie zwiſchen zweien Waͤnden von Menſchen hinſchritt, und hinter ſich ein dicht gedraͤngtes Gefolge hatte. Der Pfarrer hieß ſie bei ſeiner aͤngſtlich ergebenen Geſchaͤftigkeit ſeitwaͤrts ſchleichen, Bor⸗ romeo unterſagte es ihm freundlich, erhob im Fortſchreiten hald die Hand, um das Volk mit ſeinem Segen zu beſchen⸗ ken, bald ſenkte er ſie, um die Knaben zu liebkoſen, die ihm unter die Fuͤße kamen. So gelangte man an das Haus, und trat hinein; die Menge blieb dicht aufgepflanzt drau⸗ ßen ſtehen. Unter ihr aber befand ſich der Schneider auch; dieſer hatte wie die Andern, ihm auf den Fuß folgend mit unverwandten Augen und offenem Munde ihn beglei⸗ tet; daß es nach ſeinem eigenen Hauſe ging, waͤr' ihm ſelbſt im Traume nicht eingefallen. Nachdem er das aber gewahr worden, machte er mit laͤrmender Eifrigkeit ſich Platz, ſtieß ſeine beſten Freunde unberuͤckſichtigt ſeitwaͤrts⸗ rief, man ſolle den durchlaſſen, der dchien gehen hat/ und ſchlug ſich in das Haus hinein. 4 Agneſe und Lueig hoͤrten ein ſteigendes Getuͤmmel in der Straße, und waͤhrend ſie noch daruͤber nachdachten, was es ſeyn koͤnnte, ſahen ſie die Thuͤre aufgehen, und den Herrn im Purpur mit dem Pfarrer in's Zimmer treten. „Iſt's dieſe?“ fragte der Kardinal, und da der Pfar⸗ rer es beiahte, ſchritt er auf Lucien zu, welche mit der Mutter vor Ueberraſchung und Schaam eben ſo ſprachlos als unbeweglich daſtand. 1 — — 305— Marmes junges Maͤdchen u begann der Erzbiſchof,„Gott hat zugegeben, daß Ihr eine mächtige Pruͤfung erlittet; zugleich aber hat er Euch auch gezeigt, daß er keineswe⸗ ges ſein Auge von Euch weggewendet, noch Euch vergeſſen. Er iſt Euer Retter geworden; zu einem großen Werke hat er ſich Eurer bedeent, hat durch Euch an einem verlorenen Suͤnder ſeine Erbarmung kund gethan, und dadurch zu⸗ gleich ſo viele Andre aus ihrer Noth erlöſt.“ bimit Jetzt erſchien im Zimmer die Hausfrau, welche bei dem Geraͤuſch zum Fenſter oben getreten war. Sie ſah, wer zur Hausthuͤre hereintrat, und lief ſogleich, nachdem ſie ihre Kleidung ein wenig in Ordnung gebracht, haſtig die Treppe hinab. In dem nehmlichen Augenblick trat auch der Schneider in's Zimmet. Sie fanden ein Geſpraͤch im Gange, und ſtellten ſich daher Beide ſeitwaͤrts in einen Winkel, wo ſie mit großer Ehrfurcht ſich zuruͤckgezogen hielten. Der Kardinal begruͤßte ſie auf's leutſeligſte, fuhr dann in ſeinem Geſpraͤch mit den beiden Frauen fort, und miſchte unter ſeine Troſtesworte hin und wieder eine Frage, um zu erfahren, ob ſich aus ihren Antworten eine Gele⸗ enheit, dem Maͤdchen, welches ſo viel erlitten, Gutes zu Eweffe, ſchoͤpfen ließe. 1 „Alle Prieſter auf Erden muͤßten wie Eure Gnaden ſeyn,“ ſagte Agneſe,„muͤßten es ein wenig mit den ar⸗ men Leuten halten, nicht aber ſie in ſchlimme Haͤndel noch weiter hineinſtoßen helfen, um ſich ſelber aus allem Unge⸗ mach zu ziehen.“— Das herablaſſende liebreiche Beneh⸗ men des Biſchofs hatte ihr Muth eingefloͤßt; dazu kam die Entruͤſtung, daß Don Abbondio, nachdem er von jeher ſeine Mitmenſchen der Gefahr preis gegeben, ſie auch ver⸗ II. 20 3 .„ — 396— hindern wollte, ihren Unwillen uͤber ihn laut werden zu laſſen, und ſich gegen einen Hoͤheren, nachdem ein ſeltener Zufall die Gelegenheit dazu herbeigefuͤhrt/ uͤber ſein Betra⸗ gen zu beſchweren.. „Sagt nur Alles, was s. Ihr denkt“ enturert ſie der Kardinal,„redet frei heraus, furchtlos und unverholen.“ „Ich wollte eigentlich ſagen, wenn unſer Herr Pfar⸗ rer gehoͤrigermaßen ſeine Schuldigkeit gethan, ſo haͤtte die Sache ganz und gar einen andern Gang genommen. 7 Da indeſſen der Kardinal auf s Neue in ſie drang, ſich deutlicher auszuſprechen, ſah ſie ſich in Verwicklung gera⸗ then, indem ſie nun eine Geſchichte erzaͤhlen ſollte, in wel⸗ cher ſie ſelbſt eine Rolle geſpielt hatte, wie ſie nicht leicht, zumal einem ſolchen Manne, mitgetheilt werden konnte. Gelegenerweiſe fand ſie denn doch eine kleine Aushuͤlfe; ſie berichtete die verabredete Trauung, die Weigerung des Pfarrers, verſchwieg den Vorwand von den Obern, mit welchem er ſich geholfen hatte, keinesweges, ſprang ſodann zu Don Rodrigo's Angriffen uͤber, und erklaͤrte, wie ſie, davon unterrichtet, die Flucht hatten ergreifen koͤnnen. „Aber Herr,“ fuhr ſie fort,„das war Fliehen, um v Neuem in die Schlinge zu gerathen. Wenn dagegen der Herr Pfarrer aufrichtig mit uns zu Werke gegangen waͤre, und meine armen Kinder auf der Stelle getraut haͤtte, ſo haͤtten wir uns alſobald mitſammen auf die Reiſe gemacht, und waͤren heimlich weit weggegangen, daß auch nicht eine einzige Seele davon Wind gehabt haͤtte. So aber haben wir unſre Zeit verloren, und es iſt draus geworden, was draus geworden iſt.“ — — — 307— „Der Herr Pfarrer ſoll mir daruͤber Rechenſchaft ge⸗ ben,“ ſagte Borromeo. „Ach nein, Herr!“ rief Agneſe,„deßwegen hab' ich's nicht geſagt; ſchreien Sie ihn nicht an; denn was geſche⸗ hen iſt, das iſt einmal geſchehen, und es thaͤte auch nichts helfen.'S iſt einmal ein Mann von ſolcher Beſchaffen⸗ heit, und wenn ſich's wieder ſo traͤfe, wuͤrde er's eben nicht anders machen.“. Lucia aber, mit der Erzaͤhlung ihrer Mutter wenig zu⸗ frieden, ſetzte hinzu:„Auch wir haben unrecht gehandelt; man ſieht, es war nicht der Wille des Herrn, daß die Sache gluͤcklich von ſtatten gehen ſollte.“ „Was habt Ihr unrecht handeln koͤnnen, armes Maͤd⸗ chen? fragte der Biſchof. Obgleich ihr die Mutter mit fuͤchtigen Seitenblicken den Weg vertreten wollte, erzaͤhlte Lucia dennoch vom Ver⸗ ſuche, welcher auf Don Abbondio in ſeinem eigenen Hauſe vorgenommen worden.„Wir haben unrecht gehandelt,“ ſchloß ſie,„und Gott hat uns dafuͤr gezuͤchtigt.“ „Mehmt von ſeinen Haͤnden die Leiden, ſo Ihr erdul⸗ det habt,“ erwiederte der Kardinal,„und ſeyd jetzt gutes Muthes; denn wer hat Urſache zur Freude und zur Hoff⸗ nung als Derienige, der gelitten hat und nicht Bedenken traͤgt, ſich ſelbſt ſeiner Schuld anzuklagen?“ Darauf fragte er, wo der verlobte Braͤutigam ſich befaͤnde, und erfuhr von Agneſen— Lucia ſtand ſtumm da⸗ neben, Kopf und Auge geſenkt haltend— wie er außer Landes in die Verbannung gegangen. Und als der Kardi⸗ nal merken ließ, wie er ſich daruͤber verwundern muͤſſe, und wie leid es ihm thue, brachte Agneſe auf ſeine weitere — 308— Erkundigung das Wenige, was ſie von Renzo's Begeben⸗ heiten wußte, verworren vor. „Ich habe von dieſem Menſchen ſprechen gehoͤrt,“ ſagte der Kardinal;„wie konnte aber ein Menſch, der ſich in Haͤndel dieſer Art verwickelt findet, der Gatte eines ſol⸗ chen Maͤdchens werden wollen?“ „Es war ein rechtſchaffener junger Mann /”/ antwortete Lucia erroͤthend, aber mit kleinlauter Stimme. „Nur allzufriedlich war er,“ fuͤgte die Mutter hinzu, „und daruͤber koͤnnen Sie Sich erkundigen, bei wem Sie wollen, ſogar bei'm Herrn Pfarrer ſelbſt. Wer weiß, was fuͤr Kabalen ſie dort angeſtellt haben, was ſie ihm fuͤr ein Retz um den Kopf geworfen? Es gehoͤrt wenig dazu, um arme Leute als Schurken am Pranger ſtehen zu laſſen.“ „Freilich wohl wahr,“ aͤußerte der Kardinal.„Ich werde aber in jedem Fall Erkundigung uͤber ihn einziehen.“ — Er ließ ſich den Namen und die Familie des jungen Mannes angeben, und merkte ſie ſich. Darauf ſagte er, er gedenke in wenigen Tagen ſich nach ihrem Dorfe zu be⸗ geben; dann koͤnnte Lucia unbeſorgt mit hinreiſen; lindeſ⸗ ſen wuͤrde er auf ein ſicheres Unterkommen fuͤr ſie denken, bis Alles wieder, ſo gut als moͤglich, in Ordnung gebracht worden. Darauf wandte er ſich zu den Hausleuten, und dieſe traten ſogleich naͤher. Er wiederholte den Dank, welchen er ihnen bereits durch den Pfarrer hatte ſagen laſſen, und erſuchte ſie, ob ſie geneigt waͤren, die Gaͤſte, ſo ihnen der Himmel zugeſandt, auf die wenigen Tage unter ihrem Dache zu beherbergen. „Von Herzen gern, Herr!“ antwortete die Frau. Ihre * 309 Stimme und ihre Miene gab der trockenen, von der Schaam gehemmten Antwort den lebhafteren Ausdruck. Der Schnei⸗ der aber, von der Gegenwart eines ſolchen Mannes auf s Hoͤchſte begeiſtert, und begierig, bei einer ſo wichtigen Ge⸗ legenheit Ehre einzulegen, ſann mit aͤngſtlicher Emſigkeit auf eine ſchoͤnere Antwort. Er runzelte die Stirn, drehte die Augen, zuckte mit dem Munde, ſtrengte ſeinen Scharf⸗ ſinn nach Kraͤften an, ſuchte, ſtoͤberte in den Gehirnkam⸗ mern umher, und ward in ihnen ein Gewuͤhl von verſtuͤm⸗ melten Gedanken und halben Worten gewahr; aber die Zeit draͤngte, der Kardinal zeigte durch einen Wink, daß ſolch ein Stillſchweigen keiner weiteren Auslegung beduͤrfe, und ſo oͤffnete der arme Mann bloß zu den einzigen Worten: „Denken Sie Sich's!“— den Mund. Etwas Anderes wollte ihm fuͤr jetzt durchaus nicht einfallen. Ueber ſeine wortkarge Redekunſt aber aͤrgerte er ſich nicht bloß fuͤr den Augenblick; die unerfreuliche Erinnerung daran ver⸗ darb ihm auch ſpaͤterhin ſeinen Jubel uͤber die erlebte Ehre. So oft er darauf zu ſprechen kam, und ſich in dieſelbe Lage wieder verſetzte, ſielen ihm, als geſchehe es zu ſeinem Hohne, unzaͤhlige Worte ein, die alle zehen Mal paſſender als das ungeſalzene— denken Sie Sich's!— geweſen waͤ⸗ ren. Geiſtesgegenwart aber iſt eine ſeltene Sache, und der Verſtand der Klugen kommt ſpaͤt. „Der Segen des Herrn ruhe auf dieſem Hauſe!“ ſagte der treffliche Biſchof, und entfernte ſich. Abends fragte er darauf den Pfarrer, wie man wohl den Mann, der doch wahrſcheinlich keine Reichthuͤmer be⸗ ſaß, fuͤr ſeine bereitwillige und zumal bei ſolchen Zeiten koſtbare Gaſtfreundſchaft am ſchicklichſten belohnen moͤchte. — 310— Der Pfarrer meinte, es koͤnne wirklich weder der Gewinnſt des Handwerkes noch die Erndte eines kleinen Feldes bei ſolchem Jahre den guten Schneider in den Stand ſetzen, gegen ſeine Mitmenſchen nach Wunſch freigebig zu ſeyn: da er indeſſen aus fruͤheren Jahren etwas zuruͤckgelegt, ge⸗ hoͤre er mit zu den Wohlhabendſten in der Gegend, und koͤnne, ohne ſich Schaden zu thun, Manchem, was bei ihm von Herzen geſchieht, eine kleine Nachhuͤlfe zukommen laſ⸗ ſen; uͤbrigens aber wuͤrde er es als eine Beleidigung an⸗ ſehen, wenn man ihm eine* Belohnung an Geld Kunxihen wollte. „So wird er wahrſcheinlich, ſagte der Kardinal,„bei Leuten, die nicht bezahlen koͤnnen, Sehuldeß ausſtehen haben.“ „So iſt's, erlauchter Monſignore. Die armen Leute zahlen mit dem Ueberſchuß der Erndte; vergangenes Jahr hat es keinen Ueberſchuß gegeben, und heuer hat Keines einmal das Noͤthige herausgebracht.“ „Gut alſo,“ erwiederte Borrome o,„ich nehme alle die Schulden auf mich; Ihr aber thut mir den Gefallen, ſucht Euch von ihm eine Liſte daruͤber zu derfehfen⸗ und zahlt die ſaͤmmtlichen Poſten aus.“ „Das moͤchte wohl eine ziemliche gannae anmchen. 7 „Deſto beſſer, und ich denke, es giebt hier nur allzu⸗ viele, die noch bedauernswuͤrdiger, noch entbloͤßter ſind, und nicht einmal Schulden hahen⸗ dieweil isnen Niemand et⸗ was leiht.“ „Freilich; man thut was man kannz bei ſolchen Zeiten aber Allen nachzuhelfen iſt nicht moͤglich.“ „Michtet es ſo ein, daß er ihnen auf meine Rechnung — — 311— Kleider verſchafft und bezahlt ihn gut. Wahrhaftig, was nicht auf Brodt weggeht, kommt mir in dieſem Jahre wie geſtohlen vor; hier aber findet ein beſonderer Fall ſtatt.“ Indeſſen duͤrfen wir die Geſchichte dieſes Tages nicht beſchließen, ohne in aller Kuͤrze zu gericaan n wie der Un⸗ genannte ihn endigte. Dießmal war ihm das Geruͤcht feiner Bekehrung im Thale zuvorgekommen; ſchnell hatte es ſich daſelbſt verbrei⸗ tet, und Alles in Erſtaunen, in Aengſtlichkeit, in heimlich fluͤſternde Pein verſetzt. Den Soldlingen, welchen er be⸗ gegnete, gab er ein Zeichen, ſie moͤchten ihm folgen; der Befehl ging von Mann zu Mann. Mit der gewohnten Unterwuͤrfigkeit, aber mit ungewoͤhnlichem Schwanken gin⸗ gen Alle hinter ihm her, und ſo kam er, waͤhrend ſeine Begleitung von Minute zu Minute zahlreicher wurde, im Schloſſe an. Auch die Waͤchter am Thore mußten mit hin⸗ ein kommen; er trat in den erſten Hof, ging nach der Mitte hin, und noch immer auf dem Maulthier ſitzend, ließ er einen donnernden Ruf ertoͤnen; es war das gewoͤhn⸗ liche Zeichen, und wer es vernahm, pflegte eilig herbeizu⸗ laufen. Was durch den weiten umfang des Gebaͤudes zer⸗ ſtreut ſich befand, folgte dem Rufe, verneigte ſich mit den bereits Verſammelten, und blickte erwartungsvoll auf den Herrn. „Erwartet mich im großen Saale,“ ſagte dieſer, und ſah ihnen vom Sattel herab nach. Dann ſtieg er ſchnell ab, fuͤhrte das Thier mit eigener Hand in den Stall, und begab ſich dort hin, wo man ihn erwartete. Bei ſeinem Erſcheinen verſtummte ſogleich das Gefluͤſter, womit ſich die Neugier daſelbſt unterhielt; Alle zogen ſi ch nach der — 3122— Seite zuruͤck, und ließen einen großen Raum im Saale fuͤr ihn leer. Es konnten ihrer Dreißig ſeyn. Der Ungenannte ſtreckte die Hand aus, als wollte er das Stillſchweigen, welches ſeine Gegenwart bereits herbei⸗ gefuͤhrt hatte, noch nachdruͤcklicher gebieten, erhob das Haupt, das uͤber den ganzen Haufen hervorragte, und ſprach: „Merkt Alle auf, und Keiner rede, wenn ich ihn nicht frage. Kinder! Die Straße, auf welcher wir bis dieſe Stunde gewandelt, fuͤhrt in den Abgrund der Hoͤlle. Ich will Euch damit keinen Vorwurf machen; voran bin ich Euch gegangen, bin ſelbſt unter Allen der Schlimmſte ge⸗ weſen. Hoͤrt aber, was ich Euch zu ſagen habe. Der barmherzige Gott hat mir zugerufen, mein Leben zu aͤndern; ich werde es aͤndern, ich hab' es ſchon geaͤndert; er mache es eben ſo mit Euch Allen. Wiſſet alſo und ſeyd uͤber⸗ zeugt, daß ich entſchloſſen bin, lieber zu ſterben, als den 8 kleinſten Schritt fuͤrder gegen ſein heiliges Geſetz zu thun. Der frevelhaften Gebote, die Euch an meinen Dienſt feſ⸗ ſeln, ſeyd Ihr hiemit ſaͤmmtlich entbunden; ihr verſtehet mich; ja ich gebiete Euch, von Allem, was ich Euch fruͤher befohlen, nicht das Geringſte zu thun. Seyd eben ſo uͤber⸗ zeugt, daß Keiner unter Euch von nun an in meinem Dienſte, unter meinem Schutze, eine Miſſethat zu bege⸗ hen ſich unterfangen darf. Wer unter dieſen Bedingun⸗ gen hier bleiben will, ſoll wie ein Sohn behandelt wer⸗ den, und ich will zufrieden ſeyn, am Abend eines Ta⸗ ges, an welchem ich ſelbſt nichts genoſſen, den letzten unter Euch mit dem letzten Biſſen Brod zu ſaͤttigen, der mir un Hauſe bleibt. Wer nicht zu bleiben ſich entſchließen kann, der ſoll ſeinen ruͤckſtaͤndigen Sold erhalten, und noch dazu — — 313— ein Geſchenk auf den Weg bekommen; er kann gehen, nimmer aber ſetze er den Fuß wieder uͤber dieſe Schwelle, es ſey denn, daß er ſein Leben zu aͤndern trachtet— in dieſem Falle ſoll er ſich jederzeit mit offenen Armen von mir empfangen ſehen. Ueberlegt das dieſe Nacht, morgen werde ich Euch Einen nach dem Andern um Eure Antwort fragen, und dann ſollt Ihr neue Befehle erhalten. Fuͤr jetzt gehe Jeder auf ſeinen Poſten zuruͤck. Gott der Herr, der an mir ſeine Erbarmung ſo gnaͤdiglich kund gethan, bedenke auch Euch mit einem tugendhaften Entſchluſſe.“ Hier ſchwieg er, und kein Laut ließ ſich vernehmen. Wie verſchieden und ſtuͤrmiſch auch die Gedanken ſeyn mochten, welche in dieſen wilden Koͤpfen gaͤhrten, ſie ver⸗ riethen ſich durch kein aͤußeres Zeichen. Sie hatten ſich daran gewoͤhnt, die Stimme ihres Gebieters als die Er⸗ klaͤrung eines Willens zu betrachten, gegen welchen kein Menſch auf Erden mit Widerſpruͤchen rechten durfte; die Stimme verkuͤndigte zwar, daß dieſer Wille eine andre Richtung genommen, daß er aber ſeine alte Kraft verloren, verkuͤndigte ſie nicht. Keinem von ihnen kam es in den Sinn, daß man gegen einen Mann, deſſen Bekehrung auf Demuth ſchließen ließ, muthig auftreten und ihm, wie Andern, erwiedern duͤrfe. Sie ſahen einen Heiligen in ihm, aber einen von denjenigen Heiligen, die mit empor⸗ gehobenem Haupte und mit dem Schwerdt in der Fauſt gemahlt zu werden pflegen. Als Unterthaͤnige empfanden ſie außer der Furcht auch eine ergebene Zuneigung; dieß fand beſonders bei ſolchen ſtatt, welche unter ſeiner Schutz⸗ herrſchaft geboren worden, und deren gab es nicht Wenige. Keiner vermochte ſich der wohlwollenden Bewunderung zu 1 — 314— erwehren, und ſo fuͤhlten ſie ſich in ſeiner Gegenwart von jener Schaam uͤberraſcht, welche auch die roheſten und muthwilligſten Gemuͤther bei einem ſchon erkannten Ueber⸗ gewichte zu erfahren pflegen. Was ſie nun aus dieſem Munde hier vernommen, klang ihren Ohren freilich gehaͤſſig; die Wahrheit deſſelben aber begriffen ſie ſehr wohl, und der Inhalt war ihnen keinesweges fremd; wenn ſie auch tau⸗ ſend Mal ihren Spott damit getrieben, ſo geſchah es nicht, weil ſie keinen Glauben daran hegten, ſie ſuchten mit dem Spott nur der Furcht zuvorzukommen, die bei ernſte⸗ rem Nachdenken unfehlbar ſie beſchlichen haͤtte. Jetzt ſa⸗ hen ſie die Wirkung dieſer Furcht auf ein ſo felſenfeſtes Gemuͤth, wie ihr Herr zu beſitzen geſchienen, und ſo gab es keinen Einzigen, welchem dieſe Erſcheinung, dem Einen mehr dem Andern weniger, nicht gewichtvoll auf's Herz fiel. Dabei hatten Diejenigen unter ihnen, die zuerſt außerhalb des Thales die große Neuigkeit zu erfahren be⸗ kommen, zugleich auch die Freude, den muthigen Jubel aller Einwohner umher geſehen und ſelbſt weiter berichtet; die neue Gunſt, welche ihrem Herrn zu Theil ward, die Verehrung, welche dem alten Haß, der alten Scheu ſo unerwartet folgte. Auf dieſe Weiſe erkannten ſie in dem Manne, zu dem ſie ſelbſt, obgleich ein großer Theil ſeiner Kraft, nur mit zagenden Blicken emporgeſehen, jetzt das Wunder, den Abgott der Menge; ſie fanden ihn, wie vor⸗ her, weit uber alle Andern erhaben, aber in einer ganz verſchiedenen Weiſe— immer außerhalb des gewoͤhnlichen Haufens, immer noch der Erſte. So ſtanden ſie ſprachlos da, Einer uͤber den Andern und Jeder üͤber ſich ſelbſt ungewiß. Dieſer gab ſich einem — — 315— verzehrenden Aerger hin, Jener machte Plaͤne, wo er nun hinzugehen habe, um Dienſt und Unterkommen zu ſuchen; ein Dritter pruͤfte ſich, ob er wohl zum Entſchluſſe, ein ordentlicher Menſch zu werden, taugen moͤchte; Mancher ſpuͤrte, von der Rede geruͤhrt, eine gewiſſe Reigung dazu; Andre beſchloſſen nichts, nahmen ſich vor, es auf's Gera⸗ thewohl ankommen zu laſſen, wollten bei der theuren Zeit das Brodt, welches ihnen mit ſo gutem Willen angeboten worden, ſich ſchmecken laſſen, und im Schloſſe bleibend fuͤr's Erſte wenigſtens Zeit gewinnen; Keiner aber gab einen Laut von ſich. Nachdem nun der Ungenannte bei dem Schluſſe ſeiner Rede von Neuem die gebietende Hand emporgehoben, und ihnen das Zeichen zum Abtreten gege⸗ ben, nahmen ſie, gleich einer Heerde Schafe hinwegſchlei⸗ chend, alle den nehmlichen Weg zur Pforte des Schloſſes hin; er ging ihnen ſodann nach, und beobachtete in der Daͤmmerung, wie ſie ſich nach allen angewieſenen Stellen vertheilten. Darauf nahm er eine Laterne, ging durch die Hoͤfe, durch die Hallen und die Saͤle, unterſuchte alle Zugaͤnge, uͤberzeugte ſich, daß Alles ruhig, und ging ſchla⸗ fen— wirklich ſchlafen, der Segen des Schlafes gab ſich im Voraus ſchon zu erkennen. In ſo viele Haͤndel er ſich auch ſein ganzes Leben hindurch eingelaſſen hatte, umlagerten ihn niemals ſo viele verwickelte und dabei ſo dringende Angelegenheiten, als eben jetzt, und dennoch fand er Schlaf. Die Gewiſſens⸗ biſſe, die in der vorhergehenden Nacht ſeine Augen offen erhalten, waren noch nicht beſchwichtigt, gaben ſich noch fortwaͤhrend mit lauten und ſtrengen Stimmen zu erken⸗ nen, und dennoch fand er Schlaf. Die Regierung, welche — 316— er ſo ſorgfaͤltig in ſeiner Felſenburg eingeführt, hatte er jetzt ſelbſt mit wenigen Worten aufgehoben, der ſklaviſche Gehorſam ſeiner Soͤldlinge, auf welche er bisher ſich ver⸗ laſſen und dadurch furchtlos ruhte, war entfeſſelt, ſeine Mittel, ſeine ganze Lage geriethen durch ſeinen neuen Entſchluß in bedenkliche Verhaͤltniſſe, und dennoch fand er Schlaf. Er begab ſich demnach in ſein Zimmer, trat an daſ⸗ ſelbe Bett, in welchem er die Nacht vorher ſo viele Qua⸗ len empfunden, und kniete zum Gebete nieder. Und ſiehe, die Gebete, welche man den Knaben gelehrt hatte, kehrten dem Manne, der ſo viele Jahre ſich nie zum Himmel ge⸗ wandt, jetzt ploͤtzlich wieder, eins nach dem andern ſtellte ſich ein, und uͤber die Lippen eines entſetzlichen Frevlers rannen fromme bruͤnſtige Worte. Da uͤberſchlichen ihn unbeſchreibliche Empfindungen; eine ſuͤße Wonne— er kehrte zur Sitte der kindlichen Unſchuld zuruͤck; ein ſte⸗ chender Schmerz— er hatte zwiſchen ſich und dieſer Un⸗ ſchuld eine ſo unermeßlich gaͤhnende Kluft geoͤffnet; eine gluͤhende Sehnſucht— Buße und Gewiſſenhaftigkeit ſoll⸗ ten ihn dieſer Unſchuld, die nicht mehr zuruͤckkehrte, ſo nah als moͤglich bringen; ein dankbares Vertrauen— die unbegrenzte Barmherzigkeit Gottes, welche ſo glaͤnzend ſich an ihm verherrlicht, konnte ihn vielleicht auch zuruͤck zum Friedensgarten der Unſchuld fuͤhren. Empor zum Sternenhimmel ſtieg das Gebet; dann er⸗ hob ſich der reuige Suͤnder, legte ſich nieder, und augen⸗ blicklich ſank ein ſuͤßer Schlaf auf ſeine Augen. 4 So endigte dieſer Tag, von welchem noch zur Zeit, da unſer Autor ſchrieb, vielfach geſprochen wurde. Jetzt wuͤßte ohne ihn Niemand etwas davon; denn Ripamonti f 1 — 317= und Rivola, unſere beiden Gewehrsmaͤnner, ſagen bloß, daß dieſer Ausbund aller Unholde, nachdem er mit dem Erzbiſchofe Federigo Borromeo geſprochen, wunderſamer⸗ weiſe ſein Leben fuͤr immer geaͤndert habe. Wie Viele aber giebt es, welche die Schriften dieſer beiden Maͤnner geleſen? Faſt noch weniger als ſolche, die unſer Buch leſen werden. Und wer weiß, ob im Thale ſelbſt, auch wenn man mit Eifer und Gewandtheit Unterſuchungen anſtellte, ein verworrener Nachhall des Ereigniſſes ſich mag erhalten haben? Es hat ſich ſeit jener Zeit ſo man⸗ ches Andre begeben! Ende des zweiten Theils. Nachſchrift. Wir dürfen es der Leſewelt nicht verſchweigen, daß im elften Kapitel dieſes Theiles eine Lebensgeſchichte des Erzbiſchofs Federigo Borromeo weggeblieben. Sie hat ſelbſt als geſchichtliche Darſtel⸗ lung ein ſehr dürftiges Intereſſe, und unterbricht den Gang der Er⸗ zählung als ein trockenes Einſchiebſel höchſt unerfreulich. Der Dichter hat ſelbſt das Bedürfniß, ſich darüber zu entſchuldigen, empfunden, und verweiſt die Leſer, welchen es zu ſehr an Geduld fehlen ſollte, um ſich mit der Biographie nicht zu überwerfen, geradesweges auf das nächſte Kapitel— wie wir, derſelben Biographie wegen, auf gegenwärtige Nachſchrift. 3 Berlin, den 30. Oktober 1827. Dan. Leßmann. Berlin, gedruckt bei Sahr. Unger. 6 6 — fſifiſtſſſſſſſſſiſſſſſiſſſnſſſinſiniſſinnfniſſinſinſſiiſſſſinſſiſſſſiſſſüſſſſſ 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 8