deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. 4. Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Die Verlobten. Roman von Alerander Manzoni uͤberſetzt von Dan. Leßmann. Erſter Theil. A B er l i n. In der Vererneuuh enbiung. 1827. ——— Vorwort des Ueberſetzers. Ein Renegat in Tunis und ein Ueberſetzer haben bei weitem mehr Aehnlichkeit mit einander, als man bei'm erſten Anblick erwarten ſollte. Wenn jener, um ſich eine gaͤnſtige Atmoſphaͤre zu verſchaffen, von der Erhabenheit des Muhamedaniſchen Glaubens ſpricht, ſieht ihm der Muſelmann mit dem finſtern Blicke des Argwohns in's Geſicht, wechſelt mit ſeinen uͤbereinander geſchlagenen Beinen um, und wundert ſich, wie ein Menſch die Stirn hat, auf Koſten des Glaubens, in welchem er geboren und erzogen, die neue Lehre, die er kaum begriffen, erhe⸗ ben zu wollen. Vertheidigt er dagegen, von hervor⸗ brechenden Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, das verlaſſene Chriſten⸗ thum, ſo faͤngt's unter dem Turban ſeines Nachbars zu toben an, und die Frage donnert ihm entgegen: Wie er im Lande des Propheten, unter ſeinen Zoͤglingen, in ſeinem Angeſichte, ſo heillos frech der Zunge ihren Lauf zu geſtatten wage? Der„Renegat verſtummt, und — IV— ſchleicht nach Hauſe, um bei den Weibern, die er ſich mit ſeiner neuen Religion erheirathet hat, die Kraͤnkung. zu vertaͤndeln. Eben ſo bedenklich iſt's fuͤr einen Ueber⸗ 4 ſetzer, ſich uͤber ſeinen Autor ein Urtheil zu erlauben. Sein Lob wird mit dem Einwurf der gewoͤhnlichen Vor⸗ 4 liebe eines Ueberſetzers zurecht gewieſen, und iſt er dreiſt genug, mit einem Tadel aufzutreten, ſo fraͤgt man ihn, 4 warum er an einem verdienſtloſen Stoffe ſeine Feder ſtumpf geſchrieben? Er laͤßt alſo ſeinen Autor ohne. begleitende Bemerkungen im neuen Gewande erſcheinen, 3 und dieſe Selbſtuͤberwindung gehoͤrt unſtreitig zu ſeinen 4 löblichſten Eigenſchaften. 1 und doch moͤchte ein Menſch von Urtheil ſo gern auch ein Urtheil faͤllen! Und doch glaubt ein Ueberſetzer mit ſeinem Autor gruͤndlicher als die Andern alle ſich vertraut gemacht zu haben, folglich auch mit beſſerer Befugniß ſeine Meinung uͤber ihn ausſprechen zu duͤrfenn! Der Rezenſent ſtuͤrzt den Becher mit Einem Zug hinun⸗ ter, der Ueberſetzer meint ihn bedaͤchtig mit Loͤffeln leer 1⁴ geſchluͤrft zu haben und wuͤnſcht, als ein beglaubigter Schmecker, ihn der Leſewelt zu kredenzen. Wird man ihm alſo den fluͤchtigen Fingerzeig verargen, daß Man⸗ zoni, vom ſchottiſchen Meiſter angeregt, an energiſchen Zuͤgen ihm nachſtohend, in der plaſtiſchen Darſtellung .*— — einer vergangenen Zeit ihm weichend, doch in der Lebhaf⸗ tigkeit der Erzaͤhlung, in der Klarheit des Geſchilderten, an Reichthum und Fuͤlle ſich unbeſorgt mit ihm meſſen darf, an zarter Anmuth aber, an perſoͤnlicher Liebens⸗ wuͤrdigkeit, möchte man ſagen, ihn ſiegreich uͤbertrifft? Das Wort iſt ausgeſprochen, und Worte, heißt es, zu⸗ mal gedruckte, laſſen ſich nicht wieder zuruͤcknehmen. Was indeſſen nicht verſchwiegen werden darf, iſt auch einem Ueberſetzer zu ſagen pergoͤnnt. Walter Scott, verſichern Leute von Einſicht, hat ſeine Schwaͤ⸗ chen wir wir uͤbrigen Sterbliche; er iſt ein unnahbarer Achill in ſeinen Werken, in ſeinen Vorreden dagegen ein wortverſchwendriſcher Neſtor. Hat es damit ſeine Rich⸗ tigkeit, ſo kann auch in dieſer Hinſicht unſer Autor eben⸗ buͤrtig ihm an die Seite treten. In der Vorrede, durch welche die Verlobten eingeleitet werden, iſt von einer alten aufgefundenen Handſchrift, von Umſchmelzung ihrer verjaͤhrten Schreibart, von bedenklichen Zweifeln uͤber die Herausgabe der Geſchichte, und von zwanzig andern Dingen die Rede, die ſo wenig den Dichterruhm des Verfaſſers als die Ergaͤtzung ſeiner deutſchen Goͤnner foͤrdern; ein trockner Polterabend, durch welchen kein harrender Hausfreund ſich um den vollen Genuß des ſchoͤnen, freudigen Hochzeitfeſtes bringen laſſen mag⸗ , — vI— Wir haben dieſe Einleitung zuruͤckgelegt, haben den Vor⸗ hof weggebrochen, und glauben der Anſicht des Tempels einen frommenden Dienſt damit geleiſtet zu haben; jedoch 7 ſoll jeder Verweis, den uns ein Sachkundiger deßhalb etwa zuruft, mit Freundlichkeit aufgenommen werden. Berlin, 25. Sept. 1827. 3 Dan. Leßmann. ⸗* Erſtes Kapitel. Da See von Como erſtreckt ſich mit dem einen ſeiner Zweige gegen Suͤden zwiſchen zwei Ketten von ununter⸗ brochenen Bergen, und bildet an ihrem Fuße eine Menge von Buchten und Buſen. Nachdem dieſe vielfach hervor⸗ getreten und ſich wiederum zuruͤckgezogen, verenget er ſich ploͤtzlich, und nimmt zwiſchen einem Vorgebirge zur Rech⸗ ten und einem weiten Geſtade zur Linken den Lauf und die Geſtalt eines Fluſſes an. Die Bruͤcke, welche beide Ufer daſelbſt verbindet, ſcheint dem Auge dieſe Umgeſtaltung des Gewaͤſſers noch merkbarer zu machen, und die Stelle zu bezeichnen, wo der See endet und die Adda beginnt. Wei⸗ terhin aber entfernen ſich die beiden Ufer aufs Neue von einander, der Waſſerſpiegel wird wieder geraͤumiger, und verlaͤuft ſich in neus Buchten und Buſen; der Fluß iſt wieder zum See geworden. Das Geſtade, durch die An⸗ ſchlemmung dreier großer Waſſermaſſen gebildet, ſenkt ſich allmaͤhlig, und lehnt ſich an zwei zuſammenhangende Berge, von welchen der eine San Martino, der andere wegen ſei⸗ ner vielen, reihenweis emporragenden Huͤgelchen, die ihm wirklich Aehnlichkeit mit einer Saͤge geben, in lombardi⸗ I. 1 von Ma dand; Baſteyen aus, die gernde im Norden deſſel⸗ ben liegen, ² Alblickt, unterſcheidet ihn in jener langen und weiten Gebirgsflur angeblich an dieſem einfachen Kennzei⸗ chen von allen uͤbrigen Bergen, deren Name weniger be⸗ kannt, deren Geſtalt weniger ausgezeichnet. Eine lange Strecke hindurch erhebt ſich das Geſtade in langſamer und gleichfoͤrmiger Neigung; dann aber ſteigt es in Huͤgeln und Thaͤlern, in Anhoͤhen und Ebenen, je nach⸗ dem die Felſenmaſſe der beiden Berge oder die Wirkung der Gewaͤſſer darauf Einfluß hat. Der aͤußerſte Rand, von den Buchten des Gewaͤſſers durchſchnitten, beſteht faſt gaͤnz⸗ lich aus Kieſelſand und großen Steinen; weiter hinaus erblickt man Felder und Weinfluren, mit Landguͤtern, Wohnhaͤuſern und Doͤrfern bedeckt; hin und wieder auch Gebuͤſche, die ſich ziemlich weit bis durch's Gebirge hinauf erſtrecken. Leceo, die vorzuͤglichſte Stadt in jener Gegend,/ welcher ſie auch den Namen giebt⸗ liegt am Ufer des Sees, wenig von der Bruͤcke entfernt; bei hochgeſtiegenem Ge⸗ waͤſſer befindet ſi ch der Ort ſogar zum Theil im See ſelbſt; in unſern Tagen ein anſehnlicher Flecken, welcher ſi ſich wahr⸗ ſcheinlich bald zur Stadt vergroͤßert haben Werd. In den Zeiten dagegen als die Begeben heiten/ welche wir zu er⸗ zaͤhlen unte nommen, ſich ereigneten, war der anſehnliche Flecken zugleich eine Veſte, genoß die Ehre⸗ der Aufenthalt eines Befehlshabers zu ſeyn, und hatte den Vorzug, eine ſtehende Beſatzung von ſpaniſchen Soldaten zu beherbergen. Die Krieger lehrten die jungen Maͤdchen und Frauen des Landes Sitiſamfeit, gingen gar oft mit den Ehemaͤnnern — 3—*. *△ und Vaͤtern freundſchaftlich Hand in Hand, und ließen es gegen das Ende des Sommers ſelten an ſich fehlen, um, in den Weingaͤrten zerſtreut, die Trauben zu pfluͤcken, und den Landleuten das ſchwere Geſchaͤft der Weinleſe zu er⸗ leichtern. Von einem Acker zum andern, von den Anhoͤhen zum Geſtade, von Huͤgel zu Huͤgel liefen und laufen noch heute Wege und Fußſteige, bald ſteil und abſchuͤſſig, bald eben und tief, zwiſchen zweien Mauern verborgen, wo der erhobene Blick nur einen ſchmalen Streifen der Himmels⸗ decke oder irgend eine Bergſpitze entdeckt; zuweilen ziehen ſie ſich uͤber offene Hochebenen hin, und von hier aus ſtreift das Auge durch mehr oder weniger umfangreiche Landſchaf⸗ ten, die aber, immer mannigfaltig, immer eine neue Aus⸗ ſicht gewaͤhren, je nachdem die verſchiedenen Geſichtspunkte einen groͤßeren oder kleineren Theil der Gegend umfaſſen; je nachdem dieſer oder jener Bezirk wechſelsweiſe hervor⸗ tritt oder ſich verbirgt, ſich eroͤffnet oder ſchließt. Ueberall der lieblichſte Wechſel der Mannigfaltigkeit. Hier erſcheint der weite farbenſchillernde Spiegel des Waſ⸗ ſers in langer Ausdehnung; dort ſchließt ſich der See in blauer Ferne, oder verliert ſich vielmehr in einer Winkel⸗ kluft des roe⸗ in einem tiefen Irrgange der Hoͤhen; allmaͤhlig aber innt er wieder Raum zwiſchen andern Bergen, die ſich einer nach dem andern den Blicken ent⸗ falten, und in umgekehrtem Bilde mit den kliinen Dorf⸗ ſchaften des Geſtades vom Waſſer abgeſpiegelt werden 3 auf jener Seite zeigt ſich ein Arm des Fluſſes, dann ein See, dann aufs Neue ein Fluß, in leuchtender Schlangenwin⸗ dung ſich zwiſchen den Felſen verlierend, welche ihn beglei⸗ ten, und ſtufenweis ſich ſenkend, gleichfalls im Rebeldunſte des Horizontes ſich verlieren. Der Standpunkt, von wel⸗ chem aus der Wanderer dieſe mannigfaltigen Schauſpiele betrachtet, gewaͤhrt ſelbſt auf jeder Seite neue Schauſpiele; der Berg, an deſſen Abhang man ſo eben hingewandelt, wechſelt bei jedem Schritte mit ſeinen Gipfeln und Schluͤn⸗ den; was vor wenigen Augenblicken ein einfacher Bergruͤk⸗ ken ſchien, wendet ſich unvermuthet, und ſpaltet ſich in ge⸗ ſonderte Ketten; was kurz zuvor ſich an der Seite der An⸗ hoͤhe darſtellte, uͤberraſcht ploͤtzlich auf ihrem Gipfel. Da⸗ bei mildert das liebliche wirthliche Gepraͤge dieſer Abhaͤnge auf gar anmuthige Weiſe den Ausdruck des Wilden, und ſchmuͤckt um ſo herrlicher die Pracht der uͤbrigen Aus⸗ ſichten. Durch einen dieſer ſchmalen Fußwege kehrte am ſie⸗ benten November des Jahres 1628 Don Abbondio, Pfar⸗ rer in einem der oben bezeichneten Landguͤter, langſamen Schrittes von ſeinem Spaziergange am Abend nach Hauſe; indeſſen findet ſich weder hier noch weiter hin ſo wenig der Name des Landgutes, als der Geſchlechtsname des Mannes in unſerer Handſchrift. Er betete ruhig das Brevier, und ſchloß bisweilen zwiſchen einem Pſalm und dem andern das Gebetbuch, indem er als Merkzeichen den Zeigefinger— der rechten Hand dazwiſchen legte; dann aber hielt er beide Haͤnde auf dem Ruͤcken ineinander, ſetzte ſeinen Weg fort, blickte zur Erde, und entfernte die Steine, die im Wege als ein Hinderniß lagen, mit dem Fuße gegen die Mauer hin. Bald erhob er das Geſicht, ließ die Blicke gemäch⸗ lich umherſchweifen, und heftete ſie endlich auf den Nuͤk⸗ ken eines Gebirges, woſelbſt das Licht der ſchon verſchwun⸗ denen Sonne, durch die Spalten des gegenuͤberliegenden . —— —— —— — — Berges hindurchſchießend, in weiten mannigfachen Purpur⸗ ſtreifen ſich auf den hervortretenden Maſſen maleriſch la⸗ gerte. Nachdem er von Neuem das Brevier geoͤffnet, und Keein anderes Stuͤck hergebetet, kam er an eine Wendung des Pfades, bei welcher er jedesmal die Augen vom Buche em⸗ porzuheben, und vor ſich hin zu ſchauen pflegte. So that er auch diesmal. Nach jener Wendung lief die Straße etwa ſechszig Schritte in gerader Richtung fort, und theilte ſich dann, nach Art eines Ypſilons, in zwei ſchmale Gaſ⸗ ſen. Die Gaſſe zur Rechten zog ſich gegen den Berg hin⸗ auf, und war der Weg, der zur Pfarrei fuͤhrte; links ging es in's Thal hinab bis zu einem wilden Bache, und hier reichten die Mauern nur bis an die Huͤften des Wande⸗ rers. Die inneren Mauern der beiden Pfade liefen nicht in einen Winkel zuſammen, ſondern endigten mit einer klei⸗ nen Kapelle, an welcher verſchiedene lange, geſchlaͤngelte, ſpitz auslaufende Figuren gemalt erſchienen. Nach der Ab⸗ ſicht des Kuͤnſtlers und in den Augen des umherwohnen⸗ den Landvolkes hatten dieſe Figuren Flammen zu bedeuten. Mit dieſen Flammen wechſelten andere Geſtalten, deren Beſchreibung ihre Schwierigkeiten hat; ſie ſollten Seelen im Fegefeuer vorſtellen. Seelen und Flammen waren ziegel⸗ farben auf einen graulichen Grund aufgetragen; hier und dout hatte die Tuͤnchung bereits gelitten, und war abge⸗ ſprungen. Der Pfarrer drehte ſich ſeitwaͤrts, und wandte, wie er gewoͤhnlich that, den Blick nach der Kapelle; da ſah er etwas, das er nicht erwartet hatte, etwas, das er nicht haͤtte ſehen moͤgen. Zwei Maͤnner ſtanden bei'm Zuſammen⸗ fluß der beiden Fußpfade, wenn ich ſo ſagen darf, einander gegenuͤber; der eine ſaß, als wär er zuPferde, auf der nie⸗ 6 drigen Mauer, waͤhrend das Bein nach außen hin in der Luft ſchwebte, und der andre Fuß auf dem Boden des We⸗ ges ruhte; ſein Gefaͤhrte ſtand aufrecht, an die Mauer ge⸗ lehnt, die Arme vor der Bruſt uͤbereinander geſchlagen. Die Kleidung, die Geſtalt, und was ſich ſonſt von der Stelle aus, wo der Pfarrer ſtehen blieb, in ihrem Aeußern erken⸗ nen ließ, verbannte jeden Zweifel uber ihren Stand. Beide trugen um den Kopf ein gruͤnes Netz, welches vorn an der Stirne einen gewaltigen Haarbuͤſchel hervorquillen ließ, und auf die linke Schulter, in eine große Quaſte endigend/ herabhing; zwei lange Schnautzbaͤrte, bis zur aͤußerſten Spitze gekraͤnſelt; der Saum des Wamſes durch einen Gurt von glaͤnzendem Leder geſchloſſen, und zwei Piſtolen an Haken daran hangend; ein kleines volles Pulverhorn, gleich einem Halsbande vor der Bruſt ſchwebend; rechts an den weiten bauſchigen Beinkleidern eine Taſche, aus welcher der Griff eines großen Meſſers hervorblickte; zur Linken ein Degen, deſſen großes Gefaͤß mit glatten und leuchtenden Meſſingblaͤttchen, zu einem Namenszuge an einander ge⸗ fuͤgt, durchbrochen warz— beim erſten Blick ließ ſich ein Paar von der Zunft der Bravi erkennen. Dieſe Zunft, jetzt gaͤnzlich verſchwunden, erfreute ſich damals in der Lombardei ihrer glaͤnzendſten Bluͤthe, und ſtammte aus alten Zeiten her. Wer keinen Begriff von ihr hat, dem moͤgen einige authentiſche Mittheilungen uͤber ihre voorzuͤglichſten Kennzeichen, uͤber die Anſtrengungen, welche bei ihrer Unterdruͤckung erforderlich waren, und uͤber ihre widerſtrebende uͤppige Lebenskraft hinreichende Auskunft geben. Schon am achten April des Jahres 1583 hatte der er⸗ — ,—— —,———— lauchte Don Carlos von Aragonien, Großadmiral und Konnetable von Sizilien, Statthalter von Mailand und Generalkapitaͤn Seiner katholiſchen Majeſtaͤt in Italien, wollkommen von dem unertraͤglichen Elend uͤberzeugt, in welchem die Stadt Mailand wegen der Bravi und der Va⸗ gabonden gelebt hat und lebt,“ eine oͤffentliche Achtserklaͤ⸗ rung gegen ſie erlaſſen.„Er beſtimmt und erklaͤrt, daß in dieſer Achtserklaͤrung begriffen, als Bravi und Vagabonden angehalten werden ſollen alle diejenigen, welche, Auslaͤnder oder Einheimiſche, kein Gewerbe haben, oder wenn ſie eins haben, es nicht treiben; welche kein Gehalt beziehen, oder mittelſt deſſelben ſich an einen Ritter angeſchloſſen, an ei⸗ nen Edelmann, einen Beamten oder Kaufmann, dem ſie ihre Dienſte leiſten, oder fuͤr welchen ſie wirklich, wie es ſich vermuthen laͤßt, Andern nach dem Leben ſtellen“ Al⸗ len dieſen gebot er, binnen ſechs Tagen das Land zu raͤu⸗ men, drohte den Widerſpenſtigen mit der Galeere, und er⸗ laubte allen Dienern der Gerechtigkeit, zur Vollziehung ſeines Befehles, außerordentlich umfaſſende und unbegrenzte Gewaltmittel. Aber im folgenden Jahre gewahrte er,„daß die Stadt deſſenungeachtet voll von Bravi, welche ohne ihre Weiſe geaͤndert, oder an Zahl abgenommen zu haben, ganz auf dieſelbe Art leben, wie ſie fruͤher zu leben ge⸗ wohnt waren,“ und ſo erließ er am zwoͤlften April ein zweites Gebot/ nachdruͤcklicher und beſtimmter als das erſte, worin unter den uͤbrigen Befehlen verordnet ward: „Daß jedweder, Buͤrger oder Fremder, von welchem es durch zwei Zengen erwieſen, daß er als ein Bravo beſoldet wird und allgemein dafuͤr gilt, auch wenn er keines bereits begangenen Verbrechens uͤberfuͤhrt worden, vermoͤge dieſes bloßen Rufs eines Bravo, ohne weitere Anzeigen, von je⸗ dem der beſtallten Richter, nach eingereichtem Bericht des Proceſſes, zum Marterſeil*) und zur Folter beſtimmt wer⸗ den koͤnne; daß er ohne Geſtaͤndniß eines Verbrechens, bloß weil er ein Bravo heißt und dafuͤr gilt, auf drei Jahre zum Galeerendienſte geſchickt werde.“ Alles dieß, und manches Andere, das hier weggelaſſen wird,„weil Seine Herrlichkeit in jedem Falle von Jedem Gehorſam fordert.“ Beim Wiederhall dieſer entſchloſſenen und nachdrucks⸗ vollen Worte, von einem ſo maͤchtigen Herren geſprochen und durch ſolche Drohungen verſtaͤrkt, waͤren alle Bravi, ſollte man glauben, fuͤr immer verſchwunden. Doch das Zeugniß eines nicht weniger glaubwuͤrdigen Herren von be⸗ ruͤhmtem Namen uͤberzeugt uns vom Gegentheil. Juan Fernandez de Velasco, Statthalter des Mallaͤndiſchen Staates, eben ſo hinlaͤnglich unterrichtet,„welch ein Ver⸗ derben und Unheil die Bravi und Vagabonden ſind, wie dieſe Gattung von Menſchen ſo hoͤchſt nachtheilig dem all⸗ gemeinen Wohl zuwider wirkt, und die Gerechtigkeit hin⸗ tergeht,“ gebot ihnen am fuͤnften Juni des Jahres 1593, unter Wiederholung derſelben Befehle und Drohungen, gleichfalls, binnen ſechs Tagen das Landesgebiet zu raͤumen.“ Aber am drei und zwanzigſten Mai des Jahres 1598 ſah er ſich genoͤthigt, wie bei hartnaͤckigen Krankheiten, die Heilmittel zu ſchaͤrfen, und„da man bei Tage und bei ——QO—— *) Hiermit iſt der Strick(corda) gemeint, der um die rücklings zuſammengebundenen Hände befeſtigt wird; der Delinquent wird dar⸗ an emporgezogen und geſchaukelt. Daher das Italieniſche Sprich⸗ wort: Il vino d mezza corda, durch den Wein kann man Jemandem, beinah wie durch ein Folterſeil, die Wahrheit entlocken. D. L. 24 2 — — 2 4 Nacht von den Bravi nichts weiter hoͤre, als vorſaͤtzliche Verwundungen, Raub, Mord und Miſeethaten aller Art,“ ſollten die furchtbarſten Huͤlfsquellen einer ſtrengen Ge⸗ rechtigkeitsliebe in Thaͤtigkeit geſetzt werden. Anderer Meinung war ſein Nachfolger, Don Pietro Enriquez de Acevedo; ſein Befehl vom fuͤnften Dezem⸗ ber des Jahres 1600 erklaͤrte in ſtarken, klug gewaͤhlten Wor⸗ ten„den feſten Entſchluß, mit aller Strenge, durchaus keine Hoffnung auf nachgebende Milde geſtattend, die Zunft der Bravi gaͤnzlich zu vertilgen.“ Acevedo ſcheint indeſſen ſeinen Vorſatz in Mailand weder mit der Willenskraft, noch mit der Schlauheit verfolgt zu haben, mit welcher er politiſche Kabalen einzuleiten, und ſeinem großen Feinde, Heinrich dem Vierten von Frankreich, Widerſacher zu er⸗ wecken wußte. Die Geſchichte bezeugt, wie ſeine liſtige Gewandtheit es ſo weit trieb, den Herzog von Savoyen, den er um mehr als Eine Stadt brachte, gegen jenen Koͤ⸗ nig zu bewaffnen; wie er den Herzog von Biron durch gluͤckliche Ueberredungskunſt zur Verſchwoͤrung verleitete, bis der verblendete Empoͤrer den Kopf verlor; was aber die verderbliche Brut der Bravi betrifft, ſo gedieh ſie und ver⸗ mehrte ſich ununterdruͤckt von Jahr zu Jahr. An ihre Ausrottung dachte endlich Don Juan de Mendoza, gleich⸗ falls Statthalter von Mailand, in vollem Ernſte. In dic⸗ ſer Abſicht ſchickte er den koͤniglichen Druckern Pandolfo und Marco Tullio Malateſti die herkoͤmmliche Verordnung, verbeſſert und erweitert, zu, damit ſie dieſelbe zur Vertilgung der Bravi oͤffentlich bekannt machten. Deſſenungeachtet lebten dieſe Boͤſewichter unausrottbar fort, um im Jahre 1618 das herbere Drohwort des Herzogs von Feria, Don. — 10— Gomez Suarcz de Figueroa, zu hoͤren. Da ſie jedoch dadurch eben ſo wenig, als durch alle fruͤheren Vorkeh⸗ rungen, in ihrem Gewerbe ſich hindern ließen, ſah ſich Don Gonzalo Fernandez de Cordova, unter deſſen Regiment jene Heimkehr des Don Abhondio ſich ereignete, bewogen, den gewoͤhnlichen Aufruf gegen die Bravi noch einmal er⸗ gehen zu laſſen. Dieſer erſchien am fuͤnften Oktober des Jahres 1627, alſo etwa dreizehn Monate vor dem Ereig⸗ niß, deſſen Merkwuͤrdigkeit dem Leſer bald ſich entfal⸗ ten ſoll. Allerdings war dieß nicht die letzte, gegen die Bravi gerichtete Verordnung, wir erwaͤhnen aber der ſpaͤter er⸗ folgten nicht, indem ſie nicht mehr zum Zeithezirk unſrer Geſchichte gehoͤren. Von einer einzigen nur, im Februar des Jahres 1632, geben wir noch Kunde; der Herzog von Feria, zum zweiten Male Statthalter von Mailand, geſteht in derſelben,„daß die groͤßten Frevelthaten von denjenigen veruͤht werden, welche Bravi heißen.“ Dies reicht hin, um uns zu uͤberzeugen, daß es zu der Zeit, von welcher wir handeln, noch immer an Bravi nicht fehlte. Daß die beiden Maͤnner, welche wir oben beſchrieben haben, in Erwartung eines Menſchen dort ſtanden, begriff ſich auf der Stelle; was aber unſrem Don Abbondio gar ſehr mißſiel, war, daß verſchiedene Geberden ihm zu ver⸗ ſtehen gaben, der Erwartete ſey er ſelbſt. Denn bei ſeinem Erſcheinen hatten Beide einander angeſehen, und den Kopf mit einer Bewegung erhoben, aus welcher ſich ſchließen ließ, daß Beide zugleich: Er iſt es! geſagt hatten. Der Eine, der rittlings auf der Mauer ſaß, hatte ſich erho⸗ ben und das Bein nach der Straße hin gezogen; waͤhrend⸗ 1 — 11— deſſen hatte der Andere ſich von der Mauer entfernt, und Beide gingen auf ihn zu. Der Pfarrer hielt das Gebet⸗ buch immer offen vor ſich, als wenn er laͤſe, blickte aber deſſenungeachtet verſtohlen in die Hoͤhe, um die Bewegun⸗ gen der beide Kerle zu beobachten, und da er ſie gerades Weges auf ſich loskommen ſah, ergriffen ihn ploͤtzlich tau⸗ ſend verſchiedene Gedanken. In aller Eile fragte er ſich ſelbſt, ob ſich zwiſchen ihm und den Bravi die Straße zur Rechten oder zur Linken durch einen Ausweg oͤffne; aber eben ſo ſchnell ſiel es ihm ein, daß ein ſolcher nicht vor⸗ handen. Zugleich ſtellte er eine ſchnelle Unterſuchung an, ob er vielleicht gegen irgend einen Gewaltigen, gegen ir⸗ gend einen rachſuͤchtigen Menſchen ſich ein Vergehen habe zu Schulden kommen laſſen; bei dieſem aͤngſtlichen Nach⸗ ſinnen beruhigte ihn jedoch das troͤſtliche Zeugniß ſeines Gewiſſens. Die Bravi aber kamen immer naͤher auf ihn zu, und ließen ihn nicht aus den Augen. Don Abbondio legte Zeige⸗ und Mittelfinger der linken Hand in den Kragen ſeines geiſtlichen Gewandes, als wollte er ihn wieder in Ordnung ſetzen, und indem er beide Finger um den Hals herum bewegte, wandte er das Geſicht zuruͤck, und ſah mit verſtohlen lauſchendem Auge ſo weit er konnte, ob von hin⸗ ten her vielleicht Jemand des Weges kaͤme; aber Keiner war zu ſehen. Er blickte uͤber die niedrige Mauer hinweg, in die Felder, Keiner zu finden; und auch auf dem Fuß⸗ pfade, der vor ihm lag, war außer den Bravi kein menſch⸗ liches Weſen anzutreffen. Was ſollte er thun? Umkehren, dazu war keine Zeit, und ſich auf die Beine machen, hieß geradezu die beiden Kerle zum Nachſetzen auffordern. Da er alſo der Gefahr nicht aus dem Wege gehen konnte, — 12— lief er ihr entgegen; die Augenblicke der Ungewißheit hat⸗ ten ſo viel Peinliches fuͤr ihn, daß er jetzt nichts ſehnli⸗ cher wuͤnſchte, als ſie abzukuͤrzen. Er verdoppelte ſeine Schritte, ſagte einen Vers mit lauterer Stimme her, ſuchte, ſo viel er konnte, ſeinem Geſichte den Anſtrich der Ruhe und der Froͤhlichkeit zu geben, und ſtrengte ſich an, ein trauliches Laͤcheln auf ſeinen Wangen erſcheinen zu laſſen. Als er ſich drauf dem ſtattlichen Paare gegenuͤber befand, ſagte er in Gedanken: Da ſind wir, und blieb ſtehen. „Herr Pfarrer!“ ſagte einer der Beiden, indem er ihm mit ſtarren Blicken in's Geſicht ſah. „Wer will etwas von mir?“ fragte Don Abbondio ſchnell, hob die Augen vom Buche empor, und hielt es geoͤffnet mit beiden Haͤnden vor ſich. „Sie gehen damit um,“ begann der Andere, mit dem drohenden und entruͤſteten Ausdruck eines Mannes, der ſeinen Untergebenen auf einer Schurkerei ertappt;„Sie gehen damit um, Renzo Tramaglino und Lucia Mondella morgen zu vermaͤhlen!“ „So iſt's,“ antwortete Don Abbondio mit zitternder Stimme,„ſo iſe's. Die Herren ſind Leute von Welt, und wiſſen ſehr wohl, wie dergleichen Geſchichten ſich machen. Der arme Pfarrer hat wenig zu ſchaffen dabei; ſo ein Paͤrchen macht ſein Geſchwaͤtz unter ſich ab, und dann, dann kommeu ſie zu uns, als wenn's in die Wechſelſtube ginge, um ein Pfand einzuloͤſen, und wir, wir ſind Die⸗ ner der Gemeine.“ „Gut,“ antwortete der Bravo mit gedaͤmpfter Stimme, — E——— ——— — 13— aber im Ton eines Befehles;„dieſe Vermaͤhlung darf nicht vor ſich gehen, weder morgen, noch jemals ſonſt.“ „Aber, meine Herren,“ nahm Don Abbondio das Wort, mit der ſanften und hoͤflichen Stimme eines Men⸗ ſchen, welcher einen Ungeduldigen zu uͤberreden ſich be⸗ muͤht,„belieben Sie Sich nur einmal an meine Stelle zu ſetzen. Wenn die Sache von mir abhinge... Sie ſehen wohl, daß mir nichts daran liegt.“ „Ei was,“ unterbrach ihn der Bravo,„wenn die Sache durch Wortgekram ausgemacht werden muͤßte, ſo wuͤrden Sie uns bald in Grund und Boden ſchwatzen. Wir wiſſen nichts davon, und wollen auch nichts davon wiſſen. Ein Menſch, dem man einen Fingerzeig gegeben hat— Sie verſtehen uns.“ „Aber die Herren ſind viel zu gerecht, viel zu ver⸗ nuͤnftig—“ „Genug,“ ſiel ihm hier der andere Gefaͤhrte, der bis⸗ her kaum eine Silbe geſprochen hatte, in's Wort;„genug, die Vermaͤhlung geſchieht nicht, oder“— hier ſtieg ein tuͤchtiger Fluch in die Hoͤhe—„oder wer ſie betreibt, ſoll ſie eben nicht bereuen, weil er keine Zeit dazu haben wird, und“— ein zweiter Fluch— „Ruhig, ruhig!“ rief der erſte Redner,„der Herr Pfarrer weiß, wie es in der Welt zugeht; wir aber ſind Leute von Ehre, die ihm nichts Boͤſes anhaben wollen, ſobald er ſich wie ein vernuͤnftiger Mann benimmt. Herr Pfarrer, Don Rodrigo, unſer erlauchter Herr, haͤlt Sie gar hoch und theuer in Ehren.“ Der Name wirkte in Don Abbondiv's Serle, wie mitten in einem naͤchtlichen Sturmgewitter ein Blitzſtrahl⸗ — 1— welcher ploͤtzlich mit zuckender Helle die Gegenſtaͤnde be⸗ leuchtet, und den Schrecken erhoͤht. Unwillkuͤhrlich machte er eine tiefe Verneigung, und ſagte:„Wenn Sie mir an die Hand zu geben wuͤßten—“ „Ihnen an die Hand geben, einem Manne, der Latein verſteht!“ unterbrach ihn der Bravo mit einem Laͤcheln, in welchem Grobheit und Wildheit ſich paarten.„Auf Sie kommt's an. Vor Allem aber laſſen Sie Sich uͤber den Wink, den wir Ihnen zu ihrem eigenen Beſten gege⸗ ben haben, nicht einen einzigen Laut entſchluͤpfen; ſonſt — es waͤr eben ſo ſchlimm, als die Vermaͤhlung vollzie⸗ hen. Nun, was ſollen wir in Ihrem Namen dem er⸗ auchten Herren Don Rodrigo melden? /"⁴) Meine Achtung.“. „Man erklaͤre ſich, Herr Pfarrer!“ „Jederzeit— werde ihm jederzeit gehorſam ſeyn!“ Und indem er dieſe Worte ausſprach, wußte er eigentlich ſelbſt nicht, ob er ein Verſprechen von ſich gab, oder bloß eine alltaͤgliche Redensart der Hoͤflichkeit hinwarf. Die Bravi nahmen ſie in einem ernſteren Sinne, oder zeigten ihm wenigſtens, daß ſie ſie ſo nahmen. Ganz wohl“ ſagte der Eine, indem er mit ſeinem Gefaͤhrten ſich auf den Weg machte;„gute Nacht, Herr Pfarrer!“/ 1 h.e Irs s Don Abbondio, welcher wenige Minuten vorher ein Auge ſeines Kopfes drum gegeben haͤtte, ihnen aus dem Wurf zu kommen, wuͤrde jetzt das Geſpraͤch und die un⸗ terhandlung gar gern weiter fortgeſetzt haben.—„Meine Herren! rief er, indem er das Gebetbuch mit beiden Haͤn⸗ den ſchloß; das Paar aber hoͤrte nicht weiter auf ihn, es 4 —,— — 15— nahm die Straße, daher er gekommen war, und entfernte ſich, indem es ein Lied ſang, das wir eben nicht mitthei⸗ len moͤchten. Der arme Pfarrer blieb einen Augenblick, wie bezaubert, mit offenem Munde ſtehen, dann machte auch er ſich auf den Weg, und ſchlug die Straße ein, die nach ſeinem Hauſe fuͤhrte. Als waͤren ſeine Fuͤße vom Krampfe gelaͤhmt, zog er den einen mit Anſtrengung dem andern nach; in welcher Gemuͤthsſtimmung er ſich aber befand, wird der Leſer faßlicher einſehen, ſobald er von der Sinnesart des Mannes und von den Zeitumſtaͤnden, darin er lebte, ein Naͤheres erfahren hat. Don Abbondio— der Leſer wird es wohl ſelbſt be⸗ reits gemerkt haben— hatte keinesweges das Herz eines Löwen mit auf die Welt gebracht. Seit ſeinen fruͤheſten Jahren aber mußte es ihm einleuchten, daß in jenen Zei⸗ ten ein Geſchoͤpf ohne Krallen und Hauer, welches bei alledem keine Neigung, ſich verſchlingen zu laſſen, ver⸗ ſpuͤrte, ſich in der verfaͤnglichſten Lage befand. Einen ruhigen harmloſen Menſchen, der Andern Furcht einzuja⸗ gen ſonſt keine Mittel hatte, ſchirmte die Kraft der Ge⸗ ſetze in keiner Hinſicht. Es fehlte nicht eben gegen ge⸗ 1 waltthaͤtige Schritte einzelner Buͤrger an Geſetzen und Strafen, haufenweis vielmehr wurden die Verordnungen erlaſſen; die Verhrechen waren aufgezaͤhlt, und mit der kleinlichſten Weitſchweiſigkeit von einander geſondert; die thoͤrigt uͤbertriebenen Strafen konnten bei jedem einzelnen Falle nach Gutbefinden des Geſetzgebers und ſeiner hundert Vollſtrecker geſchaͤrft werden; um das gerichtliche Verfah⸗ ren bekuͤmmerte man ſich nur inſofern, als es den Rich⸗ ter beim Ausſpruch eines verdammenden Urtheils von je⸗ — 16— dem Hinderniß befreite; die Probeſtellen, welche wir von den Verordnungen gegen die Bravi mitgetheilt haben, liefe n ein kleines, aber treues Beiſpiel. Nichtsdeſtoweniger, und zum Theil gerade aus dieſer Urſache, hatten jene wieder⸗ holten und verſtaͤrkten Verordnungen der verſchiedenen Statthalter keinen andern Nutzen, als die Ohnmacht der Befehlshaber in ihrer traurigſten Bloͤße zu enthuͤllen; oder wenn ſie irgend eine unmittelbare Wirkung aͤußerten, ſo beſtand ſie lediglich darin, daß die Plagen, welche die Friedlichen und Schwachen von den Ruheſtoͤrern zu erdul⸗ den hatten, um Vieles ſich vermehrten, waͤhrend die Ver⸗ ſchmitztheit und das gewaltthaͤtige Betragen der Boͤſewich⸗ ter ſichtlich zunahmen. Die Straßooſigkeit hatte ſich voll⸗ kommen ausgebildet; die Wurzeln ihres Wachsthums be⸗ ruͤhrte kein Befehl, konnte kein Befehl ausrotten. Dieß aber waren die heiligen Schutzoͤrter, die Vorrechte ver⸗ ſchiedener Staͤnde, theils von der geſetzlichen Macht aner⸗ kannt, theils mit grollendem Stillſchweigen geduldet, oder durch wirkungsloſe Beſtreitungen verweigert; von jenen Staͤnden und ihren einzelnen Gliedern dagegen mit der Lebendigkeit des Eigennutzes und mit der Eiferſucht des Ehrgeizes behauptet und bewacht. Natuͤrlich mußte dieſe Strafloſigkeit, bedroht und angegriffen, aber durch keine Verordnung zerſtoͤrt, bei jeder Drohung und bei jedem Angriff, um ſich zu erhalten, neue Anſtrengungen und neue Kunſtgriffe verſuchen. So geſchah es in der That. Beim Erſcheinen der Verordnungen, um die Gewaltthaͤ⸗ tigen zu unterdruͤcken, ſuchten dieſe in ihren wirklichen Kraͤften neue bequemere Mittel, um die Geſetzloſigkeit, welche die Befehle verhindern wollten, nach wie vor he⸗ 3 7 — 17— haupten zu koͤnnen. Allerdings konnten ſie den argloſen Mann, der ohne eigene Kraft und ſchuͤtzende Gunſt da⸗ ſtand, bei jedem Schritte fangen und quaͤlen; denn um Jeden, der einem Verbrechen zuvorkommen oder es beſtra⸗ fen moͤchte, in ihrer Gewalt zu haben, unterwarfen ſie jede Bewegung des einzelnen Buͤrgers dem willkuͤhrlichen Ausſpruch, in welchem tauſend obrigkeitliche Perſonen und Vollſtrecker der Geſetze ſich ihnen willfaͤhrig zeigten. Wer aber, bevor er eine Miſſethat beging, ſeine Maaß⸗ regeln getroffen hatte, um zur rechten Zeit ſich in ein Kloſter, in einen Pallaſt zu fluͤchten, wohin kein Haͤſcher jemals den Fuß zu ſetzen gewagt haͤtte; wer, ohne alle wei⸗ teren Schutzmittel, eine Livrei trug, um derenwillen die Eitelkeit und der Vortheil einer maͤchtigen Familie, eines ganzen Geſchlechtes, ſeine Vertheidigung auf ſich nehmen zu muͤſſen glaubte, der war bei allen ſeinen Handlungen frei, und durfte uͤber das Geſchrei der oͤffentlichen Ver⸗ ordnungen ſich luſtig machen. Von denjen“ n, welche ſolche Schandthaten veruͤben zu laſſen ſich erlaubten, gehoͤrten Einige durch ihre Geburt zu den vorrechtbehaup⸗ tenden Staͤnden, Andere hingen durch Schutzverhaͤltniß mit ihnen zuſammen; Dieſe wie Jene hielten durch Erzie⸗ hung, Eigennutz, Gewohnheit und Nachahmung die ein⸗ mal angenoͤmmenen Grundſaͤtze feſt, und huͤtheten ſich gar ſehr, ſie eines Stuͤck Papieres wegen, das an den Stra⸗ ßenecken angiheftet hing, zu verletzen. Wenn nun auch die Menſchen, welche die unmittelbare Ausfuͤhrung uͤber ſich nahmen, unternehmend wie Helden, gehorſam wie Moͤnche und ergeben wie Maͤrtyrer geweſen waͤren, ſo häͤtten ſie dennoch eigentlich nichts durchſetzen koͤnnen; ſie I.. 2 — 18— waren der Zahl, mit welcher ſie ihren Kampf begannen, nicht gewachſen, und mußten oft gewaͤrtig ſeyn, von den eigenen Herren, die ihnen ihre Schritte vorgeſchrieben, verlaſſen und ſelbſt aufgeopfert zu werden.¼ Aber dieſe ver⸗ kauften Boͤſewichter waren groͤßtentheils die verworfenſten und ehrloſeſten Menſchen ihrer Zeit; ſelbſt wer ſich vor ihnen zu fuͤrchten hatte, ſprach mit lauter Verachtung von ihrem Gewerbe; ſchon ihre Benennung galt als Schimpf⸗ wort. Statt alſo ihr Leben zu wagen und an eine unaus⸗ fuͤhrbare Unternehmung zu ſetzen, verkauften ſie lieber, wie natuͤrlich, ihre Unthaͤtigkeit, ihr Schweigen bei den Gewaltſchritten der Maͤchtigen, und behielten ſich vor, ihren verdammenswerthen Einfluß und die Kraͤfte, die ſie allenfalls beſaßen, nur bei gefahrloſen Gelegenheiten gel⸗ tend zu machen.. Wer zu beleidigen gedenkt, oder jeden Augenblick be⸗ leidigt zu werden fuͤrchtet, Beide ſehen ſich begreiflicher⸗ maßen nach Verbuͤndeten und Gehuͤlfen um. Daher in jenen Zeiten das Beſtreben der Einzelnen, in Staͤnden ſich verbruͤdert zu halten, auf's Hoͤchſte geſtiegen war; man trat in neuen Verbruͤderungen zuſammen, und derjenigen, welcher er angehoͤrte, ſuchte Jeder die ausgedehnteſte Macht zu verſchaffen. Mit wachſamer Sorgfalt vertheidigte und erweiterte die Geiſtlichkeit ihre Steuerfreiheit, der Adel ſeine Vorrechte, der Kriegerſtand die Ausnahmen, die ihm in der allgemeinen Pflichtleiſtung geſtattet worden. Kauf⸗ leute und Handwerker waren in Zuͤnfte und Bruͤderſchaf⸗ ten eingeſchrieben, die Rechtsgelehrten bildeten einen Bund, ſelbſt die Aerzte hielten ſich in eigener Geſellſchaft zuſam⸗ men. Jede dieſer kleinen Oligarchieen beſaß ihre beſonde⸗ 8 4 — 19— ren Kraͤfte; in einer jeden fand der Einzelne ſeinen Vor⸗ theil darin, nach Verhaͤltniß ſeines Anſehens und ſeiner Gewandheit die Kraͤfte Vieler zu ſeinem Beſten in Thaͤ⸗ tigkeit zu ſetzen. Die Redlichen bedienten ſich dieſes Vor⸗ theils zu ihrer Vertheidigung; die Schlauen und Ruch⸗ loſen benutzten ihn zur Vollfuͤhrung ſchurkenhafter Streiche, zu welchen ihre perſoͤnlichen Mittel allein nicht hingereicht haͤtten, und ſtellten ſich zugleich gegen jede Beſtrafung ſicher. Indeſſen fand in den Kraͤften dieſer verſchiedenen Genoſſenſchaften eine bedeutende Ungleichheit ſtatt; auf dem offenen Lande beſonders umgab ſich der reiche und ge⸗ waltſuͤchtige Edelmann mit einer Schaar von Bravi, mit Landleuten, welche durch verjaͤhrte Herkoͤmmlichkeit, durch Eigennutz oder Zwang ſich als die Untergebenen und die Streiter des Herren betrachteten; und ſo uͤbte er eine Gewalt, welcher keine jener andern Bruͤderſchaften ſo leicht Widerſtand zu leiſten permochte. Unſer Abbondio, weder adlig, noch reich oder muthig, kam ſich alſo, bei ſeinem Austritt aus den Kinderjahren ſchon, unter jenem Menſchengeſchlechte wie ein Gefaͤß von gebrannter Erde vor, welches mit vielen andern eiſernen Gefaͤßen gleichen Schritt halten ſoll. Daher hatte er ſich ſeinen Eltern, die ihn zum Prieſter machen wollten, recht gern gehorſam erwieſen. Die Wahrheit zu geſtehen, hatte er uͤber die Pflichten und die edlen Zwecke des Amtes, welchem er ſich widmete, nicht eben allzureiflich nachge⸗ dacht; ſich ein ziemlich behagliches Leben zu ſichern, in einen ehrwuͤrdigen und begruͤndeten Stand ſich zu erheben, das waren ein Paar Gruͤnde, welche in ſeinen Augen ſolch eine Wahl mehr als hinlaͤnglich rechtfertigten. Aber jeder — 20— Stand ſorgt fuͤr den Einzelnen und ſichert ihn bis zu einem gewiſſen Punkte nur; keiner uͤberhebt ihn des Ge⸗ ſchaͤftes, ſich ſeinen eigenen Lebensplan zu entwerfen. Don Abbondio, fortwaͤhrend nur mit dem Gedanken an die Sicherſtellung ſeines Daſeyns beſchaͤftigt, kuͤmmerte ſich wenig um jene Vortheile, deren Erlangung es noͤthig macht, daß der Menſch ſich ruͤſtig anſtrenge oder ein we⸗ nig zu Gelde zu kommen ſuche. Allen Zwiſt zu vermeiden, und wenn er ihn nicht vermeiden konnte, beſcheiden nach⸗ zugeben, darin beſtand vorzuͤglich das Syſtem des Pfar⸗ rers. In allen Kaͤmpfen, die um ihn her losbrachen, ſuchte er eine unbewaffnete Neutralitaͤt zu behaupten; es mochten Feindſeligkeiten ſeyn, wie ſie damals zwiſchen der Geiſtlichkeit und den weltlichen Gewalten gar haͤufig ſtatt fanden, es mochten Fehden der Beamten mit dem Adel, des Adels mit der Obrigkeit, der Bravi mit den Soldaten oder Haͤndel zweier Bauern ſich ereignen, durch ein Wort entſtanden, durch die Fauſt oder das Meſeer entſchieden. Mußte er nothwendiger Weiſe zwiſchen zweien Widerſa⸗ chern Parthei ergreifen, ſo hielt er ſich auf der Seite des Staͤrkeren, wiewohl jedesmal im Hintertreffen, und gab ſich Muͤhe, dem Andern begreiflich zu machen, daß er keinesweges aus freien Stuͤcken ſein Gegner ſey; es war als wenn er ihm ſagte: Aber warum habt Ihr es nicht verſtanden, der Staͤrkere zu ſeyn? Ich ſtaͤnde unfehlbar auf Eurer Seite jetzt.— Von den Uebermaͤchtigen hielt er ſich weit entfernt; er ſchien die Beleidigungen ihrer voruͤbergehenden Launen nicht zu bemerken, nahm diejeni⸗ gen, die ihm mit ernſter beſonnener Abſicht angethan wor⸗ den, mit Unterwuͤrfigkeit auf, noͤthigte durch Buͤcklinge — 2u— und gefaͤllige Ehrfurcht ſelbſt den zornſuͤchtigen Geſellen und den Murrkoͤpfen, wenn ſie ihm unterweges begegneten, ein Laͤcheln ab; und ſo war der arme Menſch, ohne ge⸗ waltſame Stuͤrme, gluͤcklich uͤber die Sechszig hinaus geſchifft. Zwar hatte auch er ſein Theil Galle an der Leber hangen; dieſe beſtaͤndige Uebung im Dulden, dieſe Selbſt⸗ verleugnung, mit welcher er Andern jederzeit Recht gab, ſo viele bittere hinuntergeſchluckte Biſſen, ohne ſich zu aͤußern, hatten ſelbſt ſein ſanftes Gemuͤth zur Heftigkeit gereizt, und ſeine Geſundheit wuͤrde gewiß darunter ge⸗ litten haben, wenn er nicht hin und wieder eine Gelegen⸗ heit, ſeinem Herzen Luft zu machen, feſtgehalten haͤtte. Gab es doch auf Erden und in ſeiner eigenen Umgebung Leute, von deren Unfaͤhigkeit, Boͤſes zu ſtiften, er uͤber⸗ zeugt war; gegen dieſe durfte er bisweilen der boͤſen, lange angehaͤuften Laune eine Ergießung geſtatten, durfte ſeiner⸗ ſeits auch einmal den Grillenfaͤnger ſpielen, und ohne Urſache ſchreien. Dabei war er ein ſtrenger Tadler der Leute, die nicht nach ſeinen Anſichten lebten; doch mußte ſich der Tadel ohne die entfernteſte Gefahr ausſprechen laſſen. Wer Schlaͤge bekommen, war in ſeinen Augen wenigſtens ein Unkluger; und ein Gemordeter hatte ſich im Leben immer als ein unruhiger Tollkopf benommen. Jedem, welcher ſein Recht gegen einen Maͤchtigen behaup⸗ tete, und mit wundem Kopf aus dem Handel gekommen war, wußte Don Abbondio beſtaͤndig ein Unrecht zu fin⸗ den; und das war nicht ſchwer, denn Recht und Unrecht ſind nie durch einen ſo glatten Schnitt geſondert, daß jeder Theil ſich durchaus nur im Beſitz des einen befaͤnde. 8 Amtsbruͤdern, welche mit eigener Gefahr einen ſchwachen Unterdrückten wider einen maͤchtigen Bedraͤnger in Schutz zu nehmen ſuchten. Das heißt, pflegte er zu ſagen, fuͤr baares Geld ſich Haͤndel kaufen, und den Dachshunden die Beine gerade drehen wollen; ja er behauptete ernſtlich, das ſey eine Theilnahme an weltlichen Dingen, worunter die Wuͤrde des heiligen Amtes leide. Gegen dergleichen Unſtatthaftigkeiten zog er jedoch immer unter vier Augen, oder in einem ſehr kleinen Kraͤnzchen zu Felde, und ſprach um ſo heftiger, je genauer er die Kaltbluͤtigkeit ſeiner Zuhoͤrer in Dingen, welche ſie perſoͤnlich betrafen, kennen gelernt hatte. Auch fuͤhrte er gewoͤhnlich einen Lieblings⸗ ſatz im Munde, mit welchem er dergleichen Geſpraͤchen das Siegel aufzudruͤcken pflegte; einem Manne von Stande, ſagte er, der auf ſich Acht hat, und mit dem Seinigen zufrieden iſt, kann niemals ein unſaubres Ereig⸗ niß uͤber den Hals kommen, Mogen ſich demnach meine fuͤnf und zwanzig Leſer einmal vorſtellen, welchen Eindruck das Ereigniß, ſo er⸗ zaͤhlt worden, auf das Gemuͤth des armen Mannes machen mußte. Das Schrecken, das aus jenen unheimlichen Ge⸗ ſichtern, aus jenen grauſenvollen Worten ſprach, die Dro⸗ hung eines Herren, der nicht vergebens zu drohen pflegte, das Syſtem eines ruhigen Lebens, welches ſo viele Jahre hindurch mit Fleiß und Geduld erkauft worden, in einem Augenblick zerruͤttet; ein enger Weg, durch welchen nur mit gefaͤhrlicher Beſchwerde zu kommen war, ein Weg, deſſen Ende das Auge nicht ſah, alle dieſe Gedanken trie⸗ ben ſich ſummend in Don Abbondio's geſenktem Kopfe Vorzuͤglich aber predigte er gegen diejenigen unter ſeinen 4 * 6 — 23— umher.—„Wenn Renzo ſich durch ein glattes Nein ruhig abſpeiſen ließe, gut; aber er wird Gruͤnde wiſſen wollen, und was, um's Himmels Willen, kann ich ihm antwor⸗ eten? Ei, auch der hat einen Kopf; ein Lamm, wenn Keiner ihn anpackt, aber wenn Einer ihm zu widerſprechen meint.... Und dann, und dann in dieſe Lucia vergafft, verliebt wie.... Junge Burſche, die ſich verlieben, weil ſie nicht wiſſen, was ſie ſonſt anzufangen haben; wollen ſich verheirathen, und denken an nichts weiter, ſcheeren ſich wenig um die Noth, die ſie einem armen ehrlichen Manne auf die Schultern packen. Weh mir Armen! Seh' Einer an, wie die beiden Kerle ſich gerade mir in den Weg pflanzten, und mit mir anbanden! Was hab' ich damit zu ſchaffen? Bin ich's, der ſich verheirathen will? War⸗ um ſind ſie nicht lieber gegangen, um ein Wort mit... O da ſeh' Einer; ein wahres Schickſal, daß die paſſenden Gedanken mir jedesmal einen Augenblick nach der Gele⸗ genheit einfallen! Haͤtte ich nur dran gedacht, ihnen zit⸗ zuftuͤſtern, ſie moͤchten ihre Botſchaft bei...“ Hier aber ward er inne, daß die Reue, nicht der Rathgeber und der Gcehuͤlfe einer Unbilligkeit geweſen zu ſeyn, keine Spur einer frommen Geſinnung an ſich trage, und ſo wandte er die ganze Entruͤſtung ſeiner Gedanken gegen jenen An⸗ dern, welcher ihn ſo eben um ſeinen Frieden gebracht hatte. Nur dem Anſehen und dem Namen nach kannte er Don Rodrigo; noch hatte er nie etwas mit ihm zu ſchaffen ge⸗ habt, als daß er die wenigen Male, da er ihm auf der Straße begegnet war, das Kinn mit der Bruſt und die Spitze ſeines Huthes mit der Erde ſich beruͤhren ließ. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte er gegen verſchiedene — 214— Leute, die mit leiſer Stimme, ſeufzend und die Augen zum Himmel erhoben, irgend eine Handlung jenes Herrn verwuͤnſchten, ſeinen Ehrenruf vertheidigt, und ihn wohl hundert Mal einen achtungswerthen Edelmann genannt. Jetzt aber gab er ihm im Herzen alle jene Titel, welche er aus dem Munde der Andern niemals hatte hoͤren koͤnnen, ohne mit einem haſtigen: Warum nicht gar! dazwiſchen zu fahren. Nachdem er im Gewirre dieſer Gedanken an die Thuͤre ſeines Hauſes gekommen, welches am Ende des Doͤrfchens ſtand, ſteckte er den Schluͤſſel, den er ſchon in der Hand hatte, eilig in's Schloß, oͤffnete, trat hinein, und ſchloß ſorgſam wieder hinter ſich zu. Voller Sehnſucht, eine treue Seele um ſich zu wiſſen, rief er augenblicklich:„Per⸗ petua! Perpetua!“ und begab ſich nach dem kleinen Saale, wo ſie unfehlbar ſich eben aufhalten mußte, um den Tiſch fuͤr's Abendeſſen zu decken. Perpetua war, wie jeder merkt, die Haushaͤlterin unſres Pfarrers, eine treue an⸗ haͤngliche Dienerin, welche, nach Umſtaͤnden, zu gehorchen und zu befehlen verſtand, die Murrkoͤpfigkeit und die Grillenfaͤngerei ihres Herren zur rechten Zeit ertrug, und ihn dahin gebracht hatte, daß er ſeinerſeits auch ihre Lau⸗ nen ſich gefallen ließ. Dieſe nahmen allerdings von Tag zu Tag an Zahl zu; denn ſie hatte das hochmuͤndige Aiter von vierzig Jahren durchlebt, und ſich dabei in eheloſem Stande gehalten, weil ſie alle Vorſchlaͤge, die ihr gemacht worden, wie ſie behauptete, zuruͤckgewieſen, oder weil kein Hund, wie ihre Freundinnen ſagten, auf den Einfall ge⸗ rathen, ſich um ihre Hand zu bewerben. „Ich komme!“ ſagte Perpetua, indem ſie Don Abbon⸗ —-—. ———— — 25— dio's kleine geliebte Weinflaſche auf den Tiſch an ihren herkoͤmmlichen Platz ſtellte, und ſich langſam in Bewegung ſetzte. Sie hatte aber die Schwelle des kleinen Saales noch nicht beruͤhrt, als er ſchon mit ſo wildem Schritte hineintrat, mit einem ſo finſteren Blicke und einem ſo verwirrten Geſichte, daß es nicht einmal der gepruͤften Augen ſeiner Perpetua bedurfte, um beim erſten Zuſam⸗ mentreffen ſchon die Entdeckung zu machen, ihm ſey etwas ganz Außerordentliches begegnet. „Barmherziger Himmel! Was fehlt Ihnen, lieber Herr? „Michts, gar nichts,“ erwiederte Don Abbondio, und warf ſich, ſchwer Athem holend, in ſeinen großen Lehn⸗ ſtuhl. „Wie, nichts? Und das wollen Sie mir einreden? Was das fuͤr eine Unfreundlichkeit iſt! Irgend ein großes Ereigniß iſt vorgefallen.“ „uUm's Himmels Willen! Wenn ich ſage, nichts, ſo iſt es nichts, oder etwas, das ich nicht ſagen kann!“ „Das Sie auch mir nicht einmal ſagen koͤnnen?“ fragte Perpetua.„Wer wird ſich denn ſonſt um Ihr Be⸗ ſtes kuͤmmern? Wer ſoll Ihnen einen guten Rath geben?“ „Weh mir! Schweig und mache mir nichts weiter zurecht; nur einen Becher von meinem Wein gieb mir.“ „Und Sie wollen mir vorreden, daß Ihnen nichts fehlt!“ ſagte Perpetua, fuͤllte den Becher, und hielt ihn dann in der Hand, als ſollte er der Lohn der vertraulichen Eroͤffnung ſeyn, die ſie ſo ſehnlich erwartete. „Gieb her, gieb her“ rief Don Abbondio, nahm den Becher mit halbzitternder Hand, und leerte ihn raſch, * . — 26— als waͤr es eine Arzneiflaſche geweſen, deren Inhalt man nicht ſchnell genug uͤber die Organe des Geſchmacks fort⸗ befoͤrdern kann. „Sie wollen mich alſo wirklich ſo weit bringen,“ nahm die Haushaͤlterin das Wort,„daß ich hier und dort herumfragen muß, was fuͤr ein Zufall meinem Herren in den Weg gekommen ſey?“— Sie ſtand bei dieſen Worten gerade vor ihm, hatte beide Arme in die Seiten geſtuͤtzt, die Ellenbogen dabei ein wenig nach vorwaͤrts gekehrt, und ſah ihm ſo unverwandt in's Geſicht, als wollte ſie ihm ſein Geheimniß aus den Augen ſaugen. ums Himmels Willen,“ rief der Pfarrer,„mache mir kein Geklaͤtſch, mache mir kein Geſchrei; es ſteht... es ſteht das Leben auf dem Spiel.“ 3 Das Leben? „Das Leben,“ antwortete Don Abbondio. „Sie wiſſen recht gut,“ meinte die Dienerin,„jedes⸗ mal, ſo oft Sie mir noch ctwas aufrichtig im Vertrauen mitgetheilt haben, iſts nimmermehr”— Ei freilich,“ unterbrach ſie ihr Herr; zum Beiſpiel als— Perpetua fuͤhlte, daß ſie eine falſche Seite angeſchla⸗ gen hatte. Sie aͤnderte alſo raſch den Ton, und ſagte mit einer bewegten Stimme, die zugleich bewegen ſollte:„Herr Pfarrer, ich bin Ihnen ſeit Menſchengedenken von Herzen ergeben geweſen, und wenn ich jetzt gern etwas erfahren moͤchte, ſo geſchieht's aus Eifer, weil ich Ihnen zur Huͤlfe kommen will, Ihnen einen guten Nath geben, Ihren Muth wieder aufrichten.“ Gewiß iſt's, daß Don Abbondio faſt eben ſo viele —— — —- 27— Neigung verſpuͤrte, ſich ſeines plagenden Geheimniſſes zu entledigen, als Perpetua, es in Empfang zu nehmen; nach⸗ dem er alſo immer ſchwaͤcher ihre neuen geſteigerten An⸗ griffe zuruͤckgeſchlagen, nachdem er ſie mehr als ein Mal hatte ſchwoͤren laſſen, daß ſie nicht einen Laut davon in die Welt fluͤſtern wuͤrde, erzaͤhlte er ihr endlich das trau⸗ rige Ereigniß. Jeden Augenblick gab es eine Unterbrechung, war ein„Weh mir!“ zu hoͤren. Als man darauf beim ſchrecklichen Namen des Herren ſtand, welcher den Auftrag gegeben, mußte ſich Perpetua durch einen neuen, weit feierlicheren Eid zur Verſchwiegenheit verpflichten, und da er den Namen ausgeſprochen, wandte ſich Don Abbondio nach der Lehne ſeines Seſſels zuruͤck, hob die Haͤnde, als gelte es zugleich einen Befehl und eine Bitte, und rief: „Um des Himmels Willen, Perpetua!“ „Jeſus Maria!“ rief dieſe.„O was fuͤr ein Schurke! Was fuͤr ein liſtiger Betruͤger! Ein Menſch ohne alle Gottesfurcht!“ „Willſt Du Dein Maul halten,“ ſiel ihr der Pfarrer in die Rede,„oder willſt Du mich ganz und gar zu Schanden machen?“ „Ei wir ſind hier allein, keine Seele hoͤrt uns. Aber wie werden Sie es nun mit der Sache halten, armer gu⸗ ter Herr? „O da ſeh' Einer,“ ſagte Don Abbondio mit einer Stimme, die ziemlich nach Grimm klang,„da ſeh' Einer den ſchoͤnen Rath, den mir die Perſon zu geben weiß! Sie fragt mich, was ich thun werde, was ich thun werde; gerade als ſteckte ſie in der Klemme, und ich haͤtte es auf mich genommen, ſie wieder heraus zu arbeiten.“ — 28— „Aber,“ bemerkte Perpetug,„ich haͤtte wohl auch mei⸗ nen geringen Rath Ihnen an die Hand zu geben, aber dann— „Aber dann? Laß hoͤren.“ „Mein Rath waͤre,“ lautete Perpetug's Eroͤffnung, „ſintemal alle Leute ſagen, daß unſer Erzbiſchof ein hei⸗ liger Mann iſt, und ein Herr, der das Herz an der rech⸗ ten Stelle hat, und der ſich vor graͤulichen Geſichtern nicht fuͤrchtet, ſo wird's ihm auch eine Freude machen, wenn er einen Pfarrer gegen ſolche Unheilbringer unter ſeine Fluͤgel nehmen kann; mein Rath waͤre alſo, Sie ſchrieben ihm einen huͤbſchen Brief, und ſetzten ihm darin auseinander, wie“— „Wirſt Du ſchweigen? Wirſt Du ſchweigen? Iſt das ein Rath, den man einem armen Manne giebt? Wenn ich eine Flintenkugel in den Ruͤckgrat bekaͤme, Gott ſteh' mir bei, wuͤrde ſie mir der Erzbiſchof wieder herausſchaffen?“ „Eh, die Flintenkugeln werden nicht mir nichts dir nichts verſchenkt, wie gebrannte Mandeln, und weh der Welt, wenn dieſe Hunde ſo oft biſſen als ſie bellen! Ich habe immer geſehen, daß ein Menſch, der die Zaͤhne zu weiſen verſteht, und es ein Bischen ruͤſtig giebt, ſich in Achtung ſetzt. Und gerade weil Sie nie Ihre Gruͤnde an⸗ geben moͤgen, iſt es ſo weit mit uns gekommen, daß Alle uns auf den Hals laufen, mit einer Keckheit“— „Willſt Du ſchweigen?“. „ Den Augenblick. So viel aber iſt gewiß, daß wenn die Welt Einen ſieht, der immer und bei jedem Zuſammen⸗ treffen ſich duckt und die Segel”“— — 29— „Willſt Du ſchweigen?“ rief Don Abbondio.„Es iſt gerade jetzt Zeit zu ſolchen Lumpereien““ „Genug, Sie werden die Nacht daruͤber nachdenken. Unterdeſſen aber thun Sie Sich nicht ſelber weh, und bringen Sie Sich nicht um die Geſundheit. Eſſen Sie einen Biſſen.“ „Ich werde dran denken,“ entgegnete der Pfarrer muͤrriſch,„ich werde dran denken, ich habe druͤber nachzu⸗ denken. Ich genieße nichts,“ ſagte er, indem er aufſtand, „nichts; der Kopf ſteht mir nicht dazu. Ich weiß auch, daß ich druͤber nachzudenken habe. Aber mir, mir mußte es einfallen!“ „Nehmen Sie wenigſtens hier das Schluͤckchen noch,“ ſagte Perpetua, und kredenzte ihm ein zweites Glas.„Sie wiſſen, das bringt Ihnen immer den Magen wieder in Ordnung./ 1 „Ei, ich brauch' ein andres Pflaſter, ein ganz anderes Pflaſter!“ Bei dieſen Worten nahm er das Licht, und brummte fortwaͤhrend vor ſich hin.„Eine lumpige Kleinigkeit! Einem ehrlichen Manne wie ich! Und wie wird's morgen gehen?“ Unter dieſen und aͤhnlichen Klagen zog er ſich in ſeine Schlafkammer zuruͤck. An der Schwelle ſtand er einen Augenblick ſtill, wandte ſich nach der Haushaͤlterin um, legte den Zeigefinger an die Lippe, und ſagte mit langſamer feierlicher Stimme:„Um's Himmels Willen, Perpetua!“ So ging er ſchlafen. Zweites Kapitel. Der Prinz von Condé ruhte, wie erzaͤhlt wird, waͤh⸗ rend der Nacht, welche dem Tage von Rocroy vorherging, in tiefem Schlafe; indeſſen war er theils durch Anſtren⸗ gungen ſehr ermuͤdet, theils hatte er bereits alle noͤthigen Vorkehrungen getroffen, und ausfuͤhrlich angegeben, was am naͤchſten Morgen geſchehen ſollte. Unſer Don Abbon⸗ dio dagegen wußte fuͤr jetzt noch nichts weiter, als daß morgen ein Tag der Schlacht ſeyn werde, und ſo war's kein Wunder, wenn ein großer Theil der Nacht in aͤngſt⸗ um die ſchurkenhafte Zumuthung, noch um die Drohungen zu kuͤmmern, und die Vermaͤhlung zu vollziehen, war ein Ausweg, welchen er nicht einmal in Erwaͤgung ziehen mochte. Das Ereigniß dem Renzo vertrauen, und mit ihm vereinigt nach irgend einem Mittel ſich umſehen— der Himmel ſteh' uns bei!„Laſſen Sie ſich keine Sylbe ent⸗ ſchluͤpfen, ſonſt—!“ hatte der eine der beiden Bravi ge⸗ ſagt, und waͤhrend dem guten Don Abbondio dieſes ſchauer⸗ Sonſt im Kopfe nachſummte, ſcheute er nicht bloß, Borſchrift zu uͤberſchreiten, ſondern bereute auch on, it Perpetua nur davon geplaudert zu haben. Flie⸗ hen? Wohin? Uund hernach? Wie viele Verwicklungen! Wie viel Rechenſchaft zu geben! Bei jedem Ausweg, den er verwarf, wendete ſich der arme Mann auf die andere Seite. Endlich ſchien es ihm am raͤthlichſten, den Renzo durch halbe Verſprechungen hinzuhalten. Auch fiel ihm hoͤchſt gelegen ein, daß an der geſehmaͤßigen Zeit zur Vermaͤhlung noch einige Tage fehl⸗ lichen Berathſchlagungen zugebracht wurde. Sich weder —.— — —,— — 31— ten—„und kann ich nur dieſe wenigen Tage noch den jungen Menſchen hinhalten, habe ich gleich zwei Monate fuͤr mich gewonnen, und in zweien Monaten koͤnnen ſich große Dinge ereignen.“— Nun gings an eine Herzaͤh⸗ lung der Vorwaͤnde, die er in's Feld ſtellen wollte. Frei⸗ lich kamen ſie ihm ſelbſt ein wenig lokker vor; indeſſen ſuchte er ſich durch den Gedanken zu beruhigen, daß ſein Anſehen ihnen einigen Nachdruck verleihen, und ſeine wiel⸗ jaͤhrige Erfahrung ihm uͤber einen jungen unwiſſenden Menſchen hinlaͤngliches Uebergewicht verſchaffen werde.— Wir werden ſehen, ſagte er in Gedanken; er denkt an ſeine Geliebte, ich hab' an meine Haut zu denken; wer am mei⸗ ſten dabei auf dem Spiele ſtehen hat, das bin ich, bei Seite geſtellt, daß ich der Vernuͤnftigere bin. Guter Junge, wenn Du die Wunde in der Bruſt brennen fuͤhlſt, ſo weiß ich freilich nicht, was ich dazu ſagen ſoll; ich aber habe keine Luſt, uͤbel dabei wegzukommen.— Indem ſich ſein Gemuͤth bei dieſer Erwaͤgung ein wenig beruhigt hatte, konnte er endlich das Auge ſchließen. Aber welch ein Schlaf! Was fuͤr Traͤume! Bravi, Don Rodrigo, Renzo, enge Gaſſen, Felſen, Flucht, Verfolgung, Geſchrei, Flin⸗ tenſchuͤſſe——.. Nach einem Unfalle und in bedraͤngter Lage iſt das erſte Erwachen ein gar bitterer Augenblick. Kaum zu ſich ſelbſt gekommen, wendet ſich der Geiſt den gewohnten Ge⸗ danken des vorigen ruhigen Lebens zu; ſchnell aber tritt ihm die Vorſtellung vom neuen Stande der Dinge un⸗ freundlich entgegen, und dieſe augenblickliche Vergleichung erhoͤht den unmuth. Don Abbondio, welcher dieſen Mo⸗ ment in ſeiner ganzen Schmerzlichkeit empfunden, ging alle . * — 32—, ſeine naͤchtlichen Plaͤne noch einmal durch, hielt ſich ſorg⸗ ſam bei jedem einzelnen auf, ordnete ſie paſſender, erhob ſich und erwartete Renzo mit Furcht und Ungeduld zu⸗ gleich.. Lorenzo— oder wie Jedermann ihn nannte, Renzo— ließ nicht lange auf ſich warten. Kaum ſchien es ihm Zeit, ſich ohne Unbeſcheidenheit beim Pfarrer einfinden zu koͤnnen, ſo begab er ſich nach dem Hauſe deſſelben mit der froͤhlichen Eile eines zwanzigjaͤhrigen jungen Mannes, wel⸗ cher ſich an dem naͤmlichen Tage mit der Geliebten ſeines Herzens zu vermaͤhlen gedenkt. Seit ſeinen Juͤnglingsjah⸗ ren ſtand Renzo ohne Eltern da, und gewann ſeinen Un⸗ terhalt durch die Seidenſpinnerei, die in ſeiner Familie, ſo zu ſagen, erblich war; in vergangenen Zeiten ein ſehr ein⸗ traͤgliches Geſchaͤft, heutzutage im Verfall, doch nicht in dem Grade, daß ein geſchickter Arbeiter ſich nicht noch im⸗ mer ſein anſtaͤndiges Brod damit erwerben koͤnnte. Die Arbeit nahm allerdings von Tag zu Tage immer bedenkli⸗ cher ab; doch die fortwaͤhrende Auswanderung der Arbei⸗ ter, die durch Verſprechungen, durch Vorrechte und reichen — Tagelohn ſich nach den benachbarten Staaten locken ließen, war die Urſache, daß es auch denen, welche im Lande blie⸗ ben, keinesweges daran fehlte. Ueberdieß beſaß Renzo ein kleines Landgut, welches er bearbeiten ließ, oder zur Zeit, da die Seidenſpinnerei ihm Muße geſtattete, ſelbſt zu bear⸗ beiten pflegte, ſo daß man ihn bei ſeinem Stande wohlha⸗ bend nennen konnte. Obgleich nun dieſes Jahr noch duͤrf⸗ tiger als die vorhergehenden ausgefallen, und ſich ſchon eine eigentliche Theuerung bemerkbar machte, war Renzo dennoch hinlaͤnglich mit Vorrath verſehen; ſeit er die Au⸗ — 33— gen auf Lucien geworfen, hatte er wie ein ſorgfaͤltiger Hausherr gewirthſchaftet, und brauchte ſich um ſein taͤgli⸗ ches Brod nicht bange ſeyn zu laſſen. Er erſchien vor Don Abbondio in hohem Staat; eine buntfarbige Feder ſchmuͤckte ſeinen Hut, ein Dolch mit ſchoͤnem Griffe ſteckte in der Seitentaſche der Beinkleider; ſeine Miene hatte et⸗ was Feſtliches, zu gleicher Zeit aber auch etwas Keckes an ſich, wie man es damals ſelbſt an den ruhigſten Menſchen bemerkte. Mit dem froͤhlichen und zuverſichtlichen Beneh⸗ men des jungen Mannes ſtand der unſichere und geheim⸗ nißvolle Empfang auf Don Abbondio's Seite in einem ſeltſamen Widerſpruche. Daß dem Pfarrer ſich irgend ein Gedanke im Kopfe eingeſponnen, begriff Renzo im Stillen ſehr bald.—„Herr Pfarrer,“ ſagte er darauf,„ich bin gekommen, um nach der Stunde zu fragen, wo wir uns, nach Ihrer Bequem⸗ lichkeit, in der Kirche einfinden ſollen.“— „Welchen Tag meint Ihr?“ fragte Don Abbondio. „Wie, welchen Tag? Erinnern Sie ſich nicht, daß eben Heute der feſtgeſetzte Tag iſt?“ „Heute?“ antwortete Don Abbondio, als wenn er zum erſten Mal von der Sache ſprechen hoͤrte.„Heute⸗ heute— Ihr muͤßt Geduld haben, aber heute kann ich nicht, heute nicht, heute nicht!“ „Heute koͤnnen Sie nicht! Was hat ſich denn er⸗ eignet?”“ „Erſtlich und hauptſaͤchlich beüinde ich mich nicht wohl, Ihr ſeht's.“ „ Das thut mir leid,“ entgegnete der junge Mann. 1. 3 ———— — ——— — 31— „Aber was Sie dabei zu thun bnben iſt ſo ſchnell abge⸗ macht und ſtrengt ſo wenig an— „und dann, ferner—“ „Ferner, was ferner, Herr Pfarrer?“ „u und ferner iſt die Geſchichte ein verwickelter Haudel.“ Ein verwickelter Handel?“ fragte Renzo.„Wo kann in ler Welt die Verwickelung da ſtecken?“ „Ihr muͤßtet Euch an meiner Stelle befinden, um ein⸗ zuſehen, wie viele Verdrießlichkeiten es in dergleichen Din⸗ gen giebt, und was Unſereiner Alles zu verantworten hat. Ich bin zu milden Herzens, ich denke nur dran, die Hin⸗ derniſſe aus dem Wege zu raͤumen, Allees leicht zu machen, die Sachen nach dem Belieben anderer Leute einzurichten: dabei uͤberſehe ich meine Pflicht, und dann ſetzt es Vor⸗ 1 wuͤrfe oder wohl noch was Schlimmeres.“ „Aber in des Heilands Namen/“ rief Renzo,„ſpannen Sie mich nicht ſo auf die Folter, Herr Pfarrer, und ſagen Sie mir endlich einmal rund heraus, wie es damit ſteht.” „Wißt Ihr, wie viele und mancherlei Formalitaͤten noͤthig ſind, um eine Ehe nach der Vorſchrift zu voll⸗ ziehen?“ „Ich muß wohl nach gerade etwas davon wiſſen,“ ſagte Renzo, indem er ein wenig in Heftigkeit gerieth,„nachdem Sie mir die Tage her hinlaͤnglich den Kopf damit warm gemacht haben. Und jetzt iſt irgend etwas zu beſchleunigen unterlaſſen worden? Iſt nicht Alles geſchehen, was ge⸗ ſchehen mußte?“ „Alles, moͤchtet Ihr meinen,“ ſagte Don Abbondio. „Habt Geduld; der Dummkopf bin ich, der ich meine Pflichten vernachlaͤßige, um die Leute nicht zappeln zu laſ⸗ — 35— ſen. Jetzt aber— genug, ich weiß, was ich ſage. Wir armen Pfarrer liegen zwiſchen Hammer und Amboß. Ihr ſeyd ungeduldig; ich bedaure Euch, armer Junge. Die Vorgeſetzten aber— genug, es laͤßt ſich nicht Alles ſagen. Ich bin's, der am uͤbelſten dabei wegkommt.“ „Aber erklaͤren Sie ſich nur,“ bat Renzo,„was fuͤr eine andere Formalitaͤt noch, wie Sie ſagen, beobachtet werden muß, und ſie ſoll auf der Stelle abgethan ſeyn.“ Habt Ihr einen Begriff davon, welches die Hinder⸗ niſſe ſind, ſo eine Ehe unguͤltig machen?“ „Was ſoll ich von den Hinderniſſen wiſſen?“ „Error, ſagte Don Abbondio, conditio, votum, cog- natio, crimen, cultus disparitas, vis, ordo. Si sis affinis.“⁰. 1 „Machen Sie ſich einen Spaß mit mir, Herr Pfar⸗ rer?“ unterbrach ihn Renzo?“ Was ſoll ich mit Ihrem latinorum da anfangen?“. Alſo wenn Ihr von dieſen Dingen keine Vorſtel⸗ lung habt, ſo ergebt Euch in Geduld, und uͤberlaßt Euch dem, der ſie verſteht.“ „Nun alſo?“ „Sachte, lieber Renzo, nur nicht gleich aufgebrauſt. Ich bin bereit, Alles zu thun— Alles, was von mir ab⸗ haͤngt. Ich, ich wollte Euch gern zufrieden ſehen, ich meine es gut mit Euch. Ei, wenn ich denke, wie Euch ſo wohl war. Was ging Euch ab? und mit einem Mal kommt Euch die Grille an, zu heirathen!“ „Was ſind das fuͤr Reden, Herr?“ brach Renzo los, indem Staunen und Entruͤſtung ihm auf dem Geſichte lagen. — 36— „Ich will Euch nur ſagen, habt Geduld, will ich ſa⸗ gen, habt Geduld. Ich moͤchte Euch herzlich gern zufrie⸗ den ſehen.“ „Kurz— ℳ 4 „Kurz, lieber Junge, ich habe keine Schuld. Ich habe das Geſetz nicht gemacht; ehe wir aber ein Paar mit ein⸗ ander verbinden, iſt's unſre Schuldigkeit, viele Unterſu⸗ chungen anzuſtellen, um gewiß zu ſeyn, daß auch ja keine Hinderniſſe vorhanden.“ „Sagen Sie mir aber endlich einmal, was fuͤr ein Hinderniß dazu gekommen iſt, Herr Pfarrer!“ „Habt Gednld, das ſind nicht Dinge, die ſich ſo in einem Zug abfertigen laſſen. Es wird ſich nichts finden, hoffe ich; aber dem ſey wie ihm wolle, eine Unterſuchung muͤſſen wir anſtellen. Der Tert iſt klar und deutlich: an- tequam matrimonium denunciet.“ „Ich habe Ihnen geſagt, ich will kein Latein!“ „Ich muß Euch doch aber erklaͤren...“ „Haben Sie denn dieſe Unterſuchungen noch nicht vor⸗ genommen? „Noch nicht alle, wie ich ſollte, ſag' ich Euch.“ „Warum haben Sie Sich nicht bei Zeiten daran ge⸗ macht? Warum ſagten Sie mir, daß Alles fertig ſey? War⸗ um warteten Sie?“ „Sieh da! Wirft mir mein Uebermaaß von Guͤte vor! Ich hab' Alles erleichtert, um Euch deſto ſchneller zu die⸗ nen; aber— jetzt ſind mir einige— genug, ich weiß es.“ „Was ſoll ich alſo thun?“ fragte der Juͤngling. — — — 37— „Noch einige Tage Geduld haben. Einige Tage, gu⸗ ter Junge, ſind keine Ewigkeit; habt Geduld!“ „Wie lange?“ Da ſtehen wir am Graben, dachte Don Abbondio bei ſich ſelbſt, und mit einer zierlicheren Geberdung, als ſonſt ihm eigen war, ſagte er:„Ei nun, in funfzehn Tagen werde ich's zu machen ſuchen.“ „In funfzehn Tagen? Das nenn' ich wirklich eine Neuigkeit! Was Sie nur gewollt haben, iſt geſchehen, der Tag iſt beſtimmt, er kommt, und nun ſagen Sie mir, ich ſolle funfzehn Tage warten. Funfzehn Tage!“ wieder⸗ holte er mit einer hoͤheren und entruͤſteteren Stimme. Dabei ſtreckte er den Arm aus, und hielt die geballte Fauſt in der Luft; wer weiß, welchen teufliſchen Begriff er mit der Zahl Funfzehn verbunden haͤtte, wenn Don Abbondio ihn nicht unterbrach, und ihn mit furchtſamer geſchaͤftiger Freundlichkeit bei der andern Hand faßte.„Still, ſtill!“ rief er ihm zu;„um des Himmels Willen, gerathet nicht außer Cnh Ich werde ſehen, ich tiu ſuchen, ob in einer Woche— „Und was hab' ich Lucien zu ſagen?“ fragte Renzo. „Daß ich mich dabei verſehen habe.“ „Und das Gerede der Leute?“ „Sagt nur, daß ich einen Bock geſchoſſen habe, aus zu großer Eilfertigkeit, aus zu gutem Herzen; werft nur die ganze Schuld auf mich. Kann ich beſſer mit Euch ſprechen? Geht, in einer Woche“— „und dann ſollen ſich keine andern Hinderniſſe mehr finden?“ „Wenn ich Euch ſage“— — 33— „Nun gut. Ich will es ruhig eine ganze Woche hin⸗ durch anſtehen laſſen. Aber das ſag' ich Ihnen, wenn die Woche voruͤber iſt, ſo laſſe ich mich durch kein Geplauder mehr abſpeiſen. Indeſſen meinen Reſpekt!“ Er ging, verneigte ſich jedoch gegen Don Abvondio nicht ſo tief, als gewoͤhnlich, und warf ihm einen mehr be⸗ deutenden als ehrfurchtsvollen Blick zu. Nachdem er aber auf die Straße gelangt, und wider Willen ſich nach dem Hauſe ſeiner Verlobten begab, kam er im Geiſte, mitten in der Entruͤſtung, auf das Geſpraͤch mit dem Pfarrer zuruͤck, und fand es immer ſeltſamer. Don Abbondio's kalte und verlegene Aufnahme, die Anſtrengung und Ungeduld, die ſich in ſeinen geſuchten Reden verriethen, die beiden grauen Augen, welche, waͤhrend er ſprach, nach allen Seiten um⸗ herſtreiften, als haͤtten ſie Furcht, ſich mit den Worten, die aus dem Munde kamen, zu treffen; die Unkunde, welche er uͤber eine ausdruͤcklich verabredete Vermaͤhlung ſich beilegte, vorzuͤglich aber das beſtaͤndige Andeuten irgend einer wich⸗ tigen Sache, woruͤber er ſich jedoch mit keiner einzigen Silbe klar ausdruͤckte, alle dieſe Umſtaͤnde, zuſammen ge⸗ halten, brachten Renzo auf den Gedanken, daß dahinter ein ganz anderes eimniß ſtecke, als Don Abbondio ihn verſtehen zu laſſen ſich bemuͤhte. Der Juͤngling ſtand ei⸗ nen Augenblick zweifelhaft da, ob er umkehren und dem Pfarrer zu Leibe gehen ſollte, bis er ſich deutlicher erklaͤrt haͤtte; indem er ſich aber umſah, bemerkte er Perpetuen, die vor ihm her ging, und wenige Schritte vom Hauſe in einen kleinen Kuͤchengarten trat. Er rief ihr zu, ſie moͤchte das Einlaßthuͤrchen oͤffnen, verdoppelte ſeine Schritte, holte ſie ein, hielt ſie beim Pfoͤrtchen zuruͤck, und blieb ſtehen, — 39— um ein Geſpraͤch mit ihr anzuknuͤpfen. Denn es war ſein Vorſatz, durchaus etwas Beſtimmteres heraus zu bringen. „Guten Tag, Perpetua,“ begann er;„ich hoffte, wir wuͤrden heute beiſammen ſeyn.“ „Was Gott beſchloſſen hat, mein armer Renzo.“ „Thut mir einen Gefallen, Perpetua; der Herr Pfarrer hat mich mit Gruͤnden abgefunden, die ich nicht recht habe begreifen koͤnnen; erklaͤrt Ihr mir's beſſer, warum er heute uns nicht trauen kann oder will.“ „Ei,“ erwiederte die Haushaͤlterin,„meinet Ihr⸗ Renzo, ich wiſſe die Geheimniſſe meines Herren?”“? Ich hab's geſagt, es ſteckt ein Geheimniß drunter, dachte Renzo, und um dieſes an's Licht zu foͤrdern, fuhr er fort:„Friſch, Perpetua, wir ſind Freunde mit einander; ſagt mir, was Ihr wißt, ſteht einem armen Jungen bei!“ „Eine ſchlimme Sache, arm in die Welt treten, mein lieber Renzo!“ „Habt Recht,“ entgegnete der Juͤngling, der ſich in ſeinem Verdacht immer mehr befeſtigte, und immer eifriger hinter der Nachfrage her war;„aber kommt es den Prie⸗ ſtern zu, mit armen Leuten uͤbel umzugehen?“ „Hoͤrt, Renzo,“ verſicherte Pernäii⸗„ich kann nichts ſagen, weil— ich nichts weiß; was ich Euch aber ver⸗ ſichern kann, beſteht darin, daß mein Herr Keinem Unrecht thun will, weder Euch noch ſonſt Jemandem. Er hat nicht ſchuld.“ „Wer hat denn alſo ſchuld?“ fragte Renzo mit ſchein⸗ barer Unaufmerkſamkeit, aber mit ennwtangavollen Herzen und geſpitzten Ohren. „Wenn ich Euch ſage, daß ich nichts weiß— zur Ver⸗ theidigung meines Herren kann ich reden; denn hoͤren zu muͤſſen, daß ihm ſchuld gegeben wird, er wolle irgend wem etwas Unangenehmes zufuͤgen, das geht mir nah. Armer Mann! Wenn er fehlt, iſt's ſeine allzugroße Guͤte. Freilich giebt's in dieſer Welt Schurken, gewalthaͤtige Men⸗ ſchen ohne Gottesfurcht—“ Gewaltthaͤtige Menſchen! Schurken! dachte Renzo; das ſind doch die Vorgeſetzten nicht.—„Geht,“ ſagte er darauf, ſeine ſteigende Bewegung mit Muͤhe verbergend, igeht, ſagt mir was es giebt.“ „Ei, Ihr moͤchtet mir das Wort aus dem Munde ſpie⸗ len, und ich kann nicht reden, weil ich nichts weiß; wenn ich nichts weiß, iſt's gerade ſo gut, als wenn ich geſchwo⸗ ren haͤtte, zu ſchweigen. Ihr koͤnntet mich auf die Folter ſpannen, und wuͤrdet kein Wort aus mir heraus bringen. Lebt wohl, wir verlieren Beide unſre Zeit umſonſt.“ . Mit dieſem Beſcheid trat ſie eilig in den Garten, und ſchloß das Thuͤrchen hinter ſich zu. Renzo erwiederte ih⸗ ren Gruß, und kehrte leiſe zuruͤck, damit ſie durch das Ge⸗ raͤuſch ſeiner Schritte nicht merken ſollte, welchen Weg er nahm. So bald er aber nicht mehr von ihr gehoͤrt werden konnte, ging er raſch zu; in einem Augenblick ſtand er an Don Abbondio's Thuͤre, trat hinein, lief gerades Weges nach dem Saal, wo er ihn gelaſſen hatte, fand ihn dort, und ſchritt mit kuͤhner Geberde, mit den rollenden Blik⸗ ken der Entruͤſtung auf ihn zu. „Nun, was giebt es denn ſchon wieder?“ ſagte Don Abbondio.* „Wer iſt der gewaltthaͤtige Menſch,“ fragte Renzo mit — 41— der Stimme eines Gaſtes, welcher entſchloſſen iſt, ſich eine entſchiedene Antwort zu holen,„wer iſt der gewaltthaͤtige Menſch, der nicht will, daß ich Lucien heirathe?“ „Wie? Was?“ ſtotterte der arme Pfarrer uͤber⸗ raſcht, und zugleich ward ſein Geſicht weiß und ſchlaff wie ein Stuͤck Zeug, das eben aus der Waͤſche kommt. Waͤh⸗ rend er aber ſtotterte, ſprang er vom Lehnſtuhl auf, und wollte ſeinen Eilmarſch nach der Thuͤre hinnehmen. Renzo dagegen, welcher dieſe Bewegung hatte erwarten muͤſſen, und daher auf der Lauer ſtand, kam vor ihm bei der Thuͤre an, verſchloß ſie und ſteckte den Schluͤſſel in die Taſche. „Werden Sie jetzt ſprechen, Herr Pfarrer?“ fragte er. „Alle wiſſen, wie es um mich ſteht, nur ich nicht. Zum Wetter, ich will es auch wiſſen! Wie heißt der Menſch?“ „Renzo!“ rief Don Abbondio,„beim Heiland, ſeht was Ihr thut; denkt an Eure Seele!“ „Ich denke bloß, daß ich es ſogleich wiſſen will, auf der Stelle!“ Waͤhrend er das ſagte, legte er, vielleicht ohne daran zu denken, die Hand an den Griff des Meſſers, das ihm aus der Taſche ſah. „Barmherzigkeit!“ ſchrie Don Abbondio mit matter Stimme. „Ich will es wiſſen!“ „Wer hat Euch geſagt—? „Nichts, nichts, kein Firlefanz mehr! Rund heraus und auf der Stelle!“ „Wollt Ihr meinen Tod?“ „Fch will wiſſen, was ich ein Recht habe zu vwiſſn ⸗ 1 — 42— „Aber wenn ich rede, iſts mein Tod. Muß mir mein Leben nicht zur Laſt ſeyn, Renzo...?“ „Drum reden Sie!“ Dieſes Drum war mit einem ſolchen Nachdruck aus⸗ geſprochen, Renzo's Geſicht nahm einen ſo drohendeu Cha⸗ rakter an, daß Don Abbondio nicht einmal an die Moͤg⸗ lichkeit, ihm Gehorſam zu verweigern, denken konnte. „Verſprecht mir,“ ſagte er,„ſchwoͤrt mir, mit Nieman⸗ dem davon zu ſprechen, niemals zu ſagen— „Ich verſpreche Ihnen, daß ich einen wilden Streich begehe, wenn Sie mir nicht auf der Stelle ſeinen Namen ſagen. 77 Bei dieſer neuen draͤngenden Beſchwoͤrung zog Don Abbondio ein Geſicht, als haͤtte er die Zange des Zahnbre⸗ chers im Munde;„Don—“ ſtammelte er. „Don?“ wiederholte Renzo, als wolltee er dem Schmer⸗ zensſohn das Uebrige hervorbringen helfen; er ſtand geneigt da, hielt das Ohr nach dem Munde des Pfarrers hin, und ſchien mit Armen und Fäuſten ſchlagfertig. „Don Rodrigo!“ ſprach der Geaͤngſtigte eilig. Er ließ die wenigen Silben gebrochen auf einander folgen, und glitt uͤber die Konſonanten weg, theils aus Beſtuͤr⸗ zung, theils ſchien er, da die wenige Aufmerkſamkeit, welche er frei hatte, ſich auf die Vergleichung der doppelten Furcht wandte, das verhaͤngnißvolle Wort, im Augenblicke ſelbſt, da er gezwungen war, es von ſich zu geben, verheimlichen und verſchwinden laſſen zu wollen. „Der Hund!“ bruͤllte Renzo.„Und wie hat er es gemacht! Was hat er Ihnen geſagt, um— 1„ „Wie er es gemacht hat?“ entgegnete Don Abbondio — = 43— mit faſt unwilliger Stimme; denn nach einem ſo großen Opfer duͤnkte er ſich gewiſſermaßen der Glaͤubiger gewor⸗ den zu ſeyn.„Wie er es gemacht hat? Ich wollte, Ihr haͤttet ſo wenig Luſt gehabt, Euch in die Geſchichte zu miſchen, als ich; ſo waͤren Euch wahrhaftig nicht ſo viele Grillen im Kopfe ſitzen geblieben.“ Und nun mahlte er die unheimliche Begegnung mit ſchrecklichen Farben. Waͤhrend er erzaͤhlte, empfand er im⸗ mer deutlicher den Zorn, der bis dahin in ſeiner Furcht verborgen und gleichſam eingewickelt gelegen; zugleich be⸗ merkte er, wie Renzo, zwiſchen Entruͤſtung und Verwir⸗ rung, mit geſenktem Kopfe unbeweglich vor ihm ſtand. Daher nahm ſeine Rede einen muthigeren Schwung. „Ihr habt einen huͤbſchen Streich gemacht! Habt mir einen ſchoͤnen Dienſt erwieſen! Auf einen anſtaͤndigen Mann, auf Euren Pfarrer, in ſeinem eigenen Hauſe ſo los⸗ zugehen! Wahrhaftig, da habt Ihr eine ſchoͤne Geſchichte angeſtellt! Mir mit Gewalt mein Ungluͤck, Euer Ungluͤck, aus dem Munde zu reißen, was ich aus Klugheit, zu Eurem eigenen Frommen, verſchwiegen hielt! Und jetzt, da Ihr es wiſſet? Ich moͤchte doch ſehen, was Ihr mir noch— Um's Himmels Willen! Es iſt kein Spaß. Es handelt ſich nicht um Recht und Unrecht; um Gewalt handelt es ſich. Als ich Euch dieſen Morgen eine gutgemeinte Vorſtellung machte... eh, den Augenblick in Wuth! Ich ging wie ein Mann von Vernunft zu Werke, fuͤr Euch und fuͤr mich. Aber was iſt zu thun? Oeffnet wenigſtens; gebt mir den Schluͤſſel!“ „Ich kann Unrecht gethan haben,“ ſagte Renzo mit gedaͤmpfter Stimme, in welcher jedoch der Grimm gegen —õłõ— den entdeckten Feind ſich verrieih,„ich kann Unrecht ge⸗ than haben; aber greifen Sie in Ihre eigene Vrun⸗ und denken Sie Sich an meine Stelle.“ Unter dieſen Worten hatte er den Schluͤſſel aus der Taſche gezogen, und ging, die Thuͤre zu oͤffnen. Don Abbondio folgte ihm auf den Fuß, und waͤhrend jener den Schluͤſſel im Schloſſe herumdrehte, ſtellte er ſich ihm zur Seite, hielt ihm mit ernſtem aͤngſtlichem Geſichte die drei erſten Finger der rechten Hand vor den Augen, und ſagte: „Schwoͤret wenigſtens”— „Ich kann Unrecht gethan haben, und Sie muͤſſen mich entſchuldigen,“ antwortete der Juͤngling, indem er die Thuͤre in die Hand nahm und ſich auf den Weg ma⸗ chen wollte. „Schwoͤret!“ wiederholte Don Abbondio, und faßte ihn mit zitternder Hand beim Arm. „Ich kann Unrecht gehabt haben,“ rief Renzo, und machte ſich von ihm los. Wie ein Pfeil ſchoß er hinaus, und brach auf dieſe Weiſe die Unterſuchung ab, welche wie eine litteraͤriſche oder philoſophiſche Anterſuchung ſich durch ganze Jahrhunderte haͤtte hindurchziehen koͤnnen, indem jeder Theil nur immer fern⸗ ei eigenen Argumente wiederholte. MPerpetua! Perpetua!“ ſchrie Don Abbondio, nach dem er den Davoneilenden vergebens zuruͤck gerufen hatte. Perpetua antwortete nicht, Don Abbondio wußhte aichi mehr, wo er war. Es iſt wohl oͤfters Perſohet von weit hoͤherem Stande als Don Abbondio begegnet, in ſo peinlichen Bedraͤngniſ⸗ ——-——— — —„ — — 45— ſen, in einer ſolchen Ungewißheit der nothwendigen Schritte ſich zu befinden, daß ſie es fuͤr die beſte Zuflucht hielten, ſich mit dem Fieber zu Bette zu legen. Dieſe Zuflucht durfte Don Abbondio nicht ſuchen, ſie kam ihm von ſelbſt entgegen. Die Furcht vom vorigen Tage, die peinlichbange Schlafloſigkeit der Nacht, die Angſt vor der Zukunft, die eben hinzugekommenen Schrecken, aͤußerten vollkommen ihre Wirkung. Bekuͤmmert und verwirrt warf er ſich in ſeinen Lehnſtuhl, er empfand einen kalten Schauer in allen Gliedern, beſah ſich ſeufzend die Naͤgel, und rief von Zeit zu Zeit: Perpetua! mit zitternder und heftiger Stimme. Sie kam endlich mit einem maͤchtigen Kohlkopf unter dem Arm, geſchaͤftiger Miene, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Die Wehklagen und die Mitleids⸗ bezeugungen, die nun erfolgten, die Anklagen und die Vertheidigungen, waͤhrend es auf der einen Seite:„Du allein haſt ſprechen koͤnnen,“ auf der andern:„Ich habe 3 nicht geſprochen,“ hieß, kurz das ganze Gewirre dieſes Geſpraͤches ſoll dem Leſer hier verſchwiegen werden. Ge⸗ nug, Don Abbondio befahl ſeiner Dienerin, die Haus⸗ thuͤre gut zu verſchließen, und keinen Fuß hinaus zu ſetzen; wenn Jemand klopfen wuͤrde, ſollte ſie aus dem Fenſter zur Antwort geben, der Pfarrer habe ſich mit dem Fieber niedergelegt. Sodann ging er langſam die Treppe hinauf/ ſagte bei jeder dritten Stufe: Ich hab' mein Theil, und legte ſich wirklich zu Bette, in welchem wir ihn einſt⸗ weilen liegen laſſen. Renzo ging indeſſen mit raſchen Schritten nach Hauſe, ohne mit ſich im Reinen zu ſeyn, was er zu thun haͤtte; doch kochte die Wuth in ihm, etwas Außerordentliches und — 46— Schreckliches zu begehen. Wer ſeinen Nebenmenſchen reizt, ihn auf ſchaͤndliche Weiſe uͤberliſtet oder ſonſt ihm Unrecht zufuͤgt, hat nicht bloß die Miſſethat, die er begeht, zu verantworten, ſondern auch die traurige Verwandlung, welche er im Gemuͤthe des Beleidigten erzeugt. Renzo war ein friedfertiger, offenherziger Juͤngling, ein Feind jeder Nachſtellung, von blutigen Handlungen weit entfernt; in jenen Augenblicken aber ſchlug ſein Herz nur fuͤr den Mord, war ſeine Seele nur mit dem Erſinnen eines heim⸗ tuͤckiſchen Streiches beſchaͤftigt. Er haͤtte auf der Stelle nach dem Hauſe des Don Rodrigo laufen moͤgen, den Schurken bei der Gurgel faſſen, und— er beſann ſich aber, daß dieſes Haus eine wahre Feſtung, von Bravi innen vertheidigt und außen bewacht, daß die Hausfreunde nur und die wohlbekannten Diener, ohne von Kopf bis Fuß gemuſtert zu werden, einen freien Eintritt daſelbſt haben; daß ein unbekannter armer Handwerksmann ohne Unterſuchung nimmermehr einen Schritt hinein thun koͤnne/ und er zumal— ihn wuͤrde man dort vielleicht nur allzu gut kennen. Darauf dachte er ſich, er koͤnnte ſein Gewehr nehmen, ſich hinter eine Hecke ſtellen, und abwarten, ob ſein Mann vielleicht allein voruͤber ginge; indem er mit rachgieriger Luſt dieſem Gemaͤhlde der Einbildungskraft nachhing, glaubte er ſchon die Tritte zu hoͤren, Don Ro⸗ drigo's Tritte, hob leiſe den Kopf in die Hoͤhe, erkannte den Boͤſewicht, legte das Gewehr an, nahm ſein Korn, brannte los, ſah ihn fallen und im Todeskrampfe zucken, donnerte ihm noch einen Fluch zu, und machte ſich eiligſt auf den Weg nach der Grenze,„ um ſich in Sicherheit zu ſetzen.— Und Lucia? 3 — 17— Kaum hatte dieſes Wort durch das Gewuͤhl der ge⸗ waltthaͤtigen Vorſtellungen getoͤnt, ſo kehrten die beſſeren Gedanken, an welche des Juͤnglings Sinn gewoͤhnt war, zahlreich zuruͤck. Er gedachte der letzten Ermahnungen, die ſeine Eltern ihm auf dem Todbette gegeben, er dachte an Gott, an die Jungfrau und die Heiligen, er erinnerte ſich des Troſtes, welchen das Bewußtſeyn der Schuldlo⸗ ſigkeit ihm ſo oft gewaͤhrt, des Schauders, den er ſo oft bei der Erzaͤhlung eines Mordes empfunden; mit Schrecken erwachte er aus dem blutigen Traume, mit Gewiſſensbiſſen, zugleich aber auch mit einer Art von Freude, daß er das Entſetzliche nur gedacht, nicht begangen. Aber der Ge⸗ danke an Lucia, wie manchen andern Gedanken rief er hervor! So viele Hoffnungen, ſo viele Verſprechen, ein Tag, nach welchem man ſo geſeufzt, eine Zukunft, die man ſo liebeſelig herbei gewuͤnſcht und ſo zuverlaͤſſig er⸗ wartet hatte! Und wie, mit welchen Worten ſollte er ihr eine ſolche Neuigkeit verkuͤnden? Zu welchem Mittel ſeine Zuflucht nehmen? Auf welche Weiſe zu ihrem Beſitz ge⸗ langen, ohne der Gewalt des maͤchtigen Widerſachers zu erliegen? Zu gleicher Zeit aber flog ihm, wenn auch nicht ein eigentlicher Argwohn, doch ein peinlicher Schatten⸗ hauch mehrmals durch den Sinn. Don Rodrigo's liſtige Gewaltthaͤtigkeit konnte nur von einer gemeinen Leiden⸗ ſchaft fuͤr Lucien herruͤhren. und Lucia? Daß ſie ihm auch nur einen Schimmer von Gelegenheit, auch nur den unbedeutendſten Schmeichelwink gegeben habe, war kein Gedanke, der in Renzo's Seele einen Augenblick weilen konnte. Aber wußte ſie darum? Konnte der Frevler die ehrloſe Leidenſchaft gefaßt haben, ohne daß ſie etwas davon — 18— merkte? Haͤtte er die Sache ſo weit getrieben, und das Maͤdchen nicht vorher auf irgend eine Weiſe verſucht?— und Lucie hatte ihm nie ein Wort davon geſagt, ihrem Verlobten! Von dieſen Gedanken erfuͤllt, ging er vor ſeinem Hauſe, das mitten im Dorfe lag, voruͤber, und begab ſich nach Luciens Wohnung am andern Ende. Das Haͤuschen hatte einen kleinen Vorhof, welcher es von der Straße ſchied, und mit einer leichten Mauer umgeben war. Renzo trat in den Hof, und hoͤrte ein verworrenes fortwaͤhrendes Schreien, welches aus einer der obern Stuben herab toͤnte. Er bildete ſich ein, das ſeyen Freundinnen und Gevatterinnen, die gekommen waͤren, um ſich Lucien zur Brautbegleitung anzubieten; er fuͤhlte, wie ſeine boͤſe Nachricht ihm in den Gliedern zitterte und auf dem Ge⸗ ſichte geſchrieben ſtand, und ſo hatte er keine Luſt, ſich auf dem Weibermarkte da oben ſehen zu laſſen. Ein klei⸗ nes Maͤdchen aber, welches auf dem Hofe ſpielte, lief ihm entgegen und rief:„Der Braͤutigam! der Braͤutigam!“ „Still, Bettina, ſtill!“ rief Renzo.„Geh' hinauf zu Lucien, nimm ſie bei Seite, und ſag' ihr in's Ohr, aber daß Keine es hoͤrt! Es darf Niemand etwas davon gewahr werden— ſag' ihr, hoͤrſt Du? ſag' ihr, daß ich ſie ſprechen will, und ſie dort in der Stube unten erwarte. Sie ſoll den Augenblick kommen.“— Die Kleine lief eilig zur Treppe hinauf, froͤhlich und ſtolz, mit einem heimli⸗ chen Auftrag beehrt worden zu ſeyn. Lucie kam eben vollſtaͤndig geputzt aus den Haͤnden der Mutter. Die Freundinnen riſſen ſich um die Braut, jede wollte mit Gewalt ſie beſchauen. Das Maͤdchen — 49— wehrte ſich mit der etwas derben Sittſamkeit der Baͤuerin⸗ nen, bedeckte das Geſicht mit den Ellenbogen wie mit einem Schilde, ſenkte die Stirne, und runzelte ein wenig die langen ſchwarzen Augenbrauen, waͤhrend jedoch der Mund ſich zum Laͤcheln oͤffnete. Das ſchwarze jugendliche Haar, uͤber der Stirne durch einen zarten weißen Scheitel geſchieden, ſchlang ſich am Hinterkopfe in vielfachen Locken⸗ windungen, und war, wie es noch jetzt die Art der Mai⸗ laͤndiſchen Baͤuerinnen, mit einer Menge von langen Sil⸗ bernadeln geheftet, die rings in einem Kreiſe, wie die Strahlen eines Heiligenſcheines geſtellt, ſich reihten. Um den Hals trug ſie eine Schnur von Granaten, die mit goldenen Knoͤpfchen von Drahtarbeit abwechſelten; gewirkte Blumen ſchmuͤckten das Schnuͤrleibchen, waͤhrend die offe⸗ nen Naͤthe der Aermel durch ſchoͤne Baͤnder zuſammenge⸗ halten wurden; ein kurzes Roͤckchen von geſponnener Seide mit dichten und kleinen Falten, karmeſinfarbene Struͤmpfe, Pantoͤffelchen von geſtickter Seide. Was aber die Braut am Hochzeittage ganz beſonders ſchmuͤckte, war der Zauber, den alltaͤglichen Reiz einer beſcheidenen Schoͤnheit durch die verſchiedenen Gemuͤthsbewegungen, welche ſich auf ihrem Geſichte mahlten, geſteigert und verklaͤrt zu ſehen; die Freude des Herzens durch eine leichte Beſtuͤrzung ge⸗ daͤmpft, jener ſanfte Kummer, der ſich in der Miene einer Braut verraͤth, und ohne die Schoͤnheit zu entſtellen, ihr einen ganz eigenthuͤmlichen Ausdruck giebt.— Die kleine Bettina ſchlich ſich unter die Menge, trat zu Lucien hin, gab ihr ſchlau zu verſtehen, daß ſie ihr etwas zu vertrauen habe, und raunte ihr darauf ihr Woͤrtchen in's Ohr „Ich geh' auf eine Minute hinaus, bin aber gleich I. 4 — 50— wieder hier,“ ſagte Lucia zu den Frauen, und ſtieg eilig hinab. Sie ſah Renzo's verwandeltes Geſicht, ſeine un⸗ ruhige Haltung, und ſagte nicht ohne Vorgefuͤhl des Schreckens:„Was geht vor?“ Lucia,⸗“ antwortete Renzo,„heut iſt nichts anzu⸗ fangen, und Gott weiß wann wir Mann und Weib wer⸗ den koͤnnen.“ Wie?“ ſagte das Maͤdchen ganz außer Faſſung. Renzo erzaͤhlte ihr in aller Geſchwindigkeit, was dieſen Morgen vorgefallen; ſie hoͤrte ihm mit Beklemmung zu, und als ſie den Namen Don Rodrigo vernahm, rief ſie zitternd und erroͤthend:„Himmel, bis ſo weit!“ „Du wußteſt alſo...“ ſagte Renzo. „Nur zu gut,“ antwortete Lucia;„aber ſo weit!“ „Was wußteſt Du?“ Laß mich jetzt nicht reden, laß mich nicht weinen. Ich will geſchwind die Mutter rufen, und die Frauen wieder nach Hauſe ſchicken. Wir muͤſſen allein ſeyn.“ „Du haſt mir nie etwas geſagt,“ murmelte Renzo, waͤhrend ſie ſich auf den Weg machte. Ach Renzo!“ rief das Maͤdchen, indem es ſich um⸗ wandte, doch ohne ſtill zu ſtehen. Renzo be griff ſehr wohl, daß ſein Name, in ſolch einem Augenblicke, mit ſolch einem Ton ausgeſprochen, in Luciens Munde ſagen wollte: Kannſt Du zweifeln, daß ich bloß geſchwiegen, weil ich meine gerechten und tadelloſen Urſachen dazu hatte? Die gute Agneſe indeſſen ſo hieß Luciens Mutter, hatte das Ohrenfluͤſtern des kleinen Maͤdchens mit dem ploͤtzlichen Verſchwinden der Tochter verglichen; es wan⸗ delten ſie Verdacht und Neugier an, ſie kam herab und — 51— wollte mit eigenen Augen ſehen, was da unten vorging. Die Tochter ließ ſie neben Renzo zuruͤck, eilte zu den verſammelten Weibern, gab ihrer Miene und ihrer Stimme,. ſo viel ſie vermochte, den Anſchein der Gleichguͤltigkeit, und ſagte:„der Herr Pfarrer iſt krank, es kann alſo heut nichts vorgenommen werden.“— Mit dieſem Beſcheide ſtattete ſie Allen eiligſt den Abſchiedsgruß ab, und ging wieder hinunter. Die Weiber gingen auseinander und zerſtreuten ſich. Sie erzaͤhlten den Vorfall, und ſuchten ſich zu uͤberzeugen, ob Don Abbondio wirklich krank ſey. Die Wahrheit der Sache hob mit einem Streich alle Vermuthungen auf, die ſchon in ihren Koͤpfen zu gaͤhren anſingen, und ſich in ihren geheimnißvollen abgebrochenen Reden verkuͤndigten. Drittes Kapitel. Lucia trat in's untere Zimmer, wo Renzo aͤngſtlich Agneſen Auskunft gab, und dieſe eben ſo aͤngſtlich ihm zuhorchte. Beide wandten ſich dem Maͤdchen zu, welches mehr als ſie wußte; von ihr erwarteten ſie eine Aufklaͤ⸗ rung, die freilich nur peinlich ausfallen konnte, Beide ließen mitten durch den Schmerz, bei der verſchiedenen Liebe, die Jedes fuͤr Lucien empfand, einen verſchiedenen Verdruß blicken, daß ſie ihnen etwas, und grade ſo etwas, verſchwiegen hatte. Wie ſehnſuchtsvoll alſo auch Agneſe das erſte Wort aus dem Munde der Tochter erwartete, ſo konnte ſie's doch nicht uͤber's Herz bringen, ihr die Sache ganz ohne Vorwurf hingehen zu laſſen. — 52— „Deiner Mutter von einer ſalchen Geſchichte nichts ſagen!“ rief ſie. „Ich will Euch jetzt Altes fegen N antwortete Lucia, ſich die Augen mit der Schuͤrze trocknend. „So rede, rede nur!“ draͤngten Mutter und Braͤuti⸗ gam zugleich. „Heilige Jungfrau“ rief Lucig;„wer t Pötes je ſich einfallen laſſen, daß die Sache ſo weit kommen wuͤrde?“? Und nun erzaͤhlte ſie, von hervorquellenden Thraͤnen oft unterbrochen, wie wenige Tage zuvor, da ſie aus der Spinnſtube heimkehrte, und hinter ihren Gefaͤhrtinnen zuruͤckgeblieben war, Don Rodrigo, in Begleitung eines andern Herren, an ihr vorbeigegangen; wie Jener mit Geſpraͤchen und gar nicht huͤbſchen Plaudereien, war Lu⸗ ciens Ausdruck, ſie aufzuhalten geſucht habe; ſie aber haͤtte, ohne nach ihm hin zu hoͤren, die Fuͤße in die Hand ge⸗ nommen, und die Gefaͤhrtinnen eingeholt; unterdeſſen habe ſie jenen andern Herren laut lachen hoͤren, Don Rodrigo aber ſagte: Wetten wir. Den Tag nachher hatten ſich die Beiden eben wieder auf der Straße eingefunden, aber Lucia ging mit niedergeſchlagenen Blicken mitten un⸗ ter ihren Gefaͤhrtinnen; der andre Herr ſchlug daſſelbe Gelaͤchter auf, und Don Rodrigo ſagte: Wir werden ſe⸗ hen, wir werden ſehen.„Beim gerechten Gott,“ fuhr Lucia fort,„das war der letzte Tag, daß ich in die Spinn⸗ ſtube gegangen bin. Ich erzaͤhlte es auf der Stelle— „Wem haſt Du es erzaͤhlt?“ fragte die Mutter, und ging, nicht ohne einen kleinen Ausbruch von Unwillen, auf ſie zu, um den Namen des vorgezogenen Vertrauten deſto eher zu vernehmen. — 53— „Dem Vater Criſtoforo, Frau Mutter, in der Beichte,“ antwortete Lucig im ſanften Tone der Entſchuldigung. „Da wir das letzte Mal mitſammen in die Kloſterkirche gegangen, hab' ich ihm Alles erzaͤhlt, und habt Ihr wohl gemerkt, ich nahm jenen Morgen bald dieß bald jenes vor; ein Paar ganzer Stunden hab' ich herumgewirth⸗ ſchaftet, um andere Leute abzuwarten, ſo dieſelbe Straße gingen, und dann mich mit ihnen zuſammen auf den Weg zu machen; denn ſeit der Begegnung da, hab' ich eine ſolche Angſt vor der Straße....“ Bei dem verehrten Namen des Vater Criſtoforo be⸗ ſaͤnftigte ſich alſobald Agneſens Unwille.—„Haſt recht gethan,“ ſagte ſie;„aber warum haſt Du nicht das Alles auch Deiner Mutter erzaͤhlt?“ Lucig hatte indeſſen zwei gute Gruͤnde dazu gehabt. Einerſeits mochte ſie die gute Frau durch ein Ereigniß, fuͤr welches ſie doch kein Mittel haͤtte aufindig machen koͤnnen, weder betruͤben noch in Schrecken ſetzen; dann aber wagte ſie nicht, eine Geſchichte, um deren Verheim⸗ lichung es ihr ernſtlich zu thun war, in vieler Leute Mund zu bringen, zumal da ſie hoffte, ihre Hochzeit wuͤrde, gleich im Beginnen, jener abſcheulichen Nachſtellung ein Ende machen. Von dieſen beiden Urſachen fuͤhrte ſie indeſſen hier wohlweislich nur die erſte an.* „und mit Dir,“ ſagte ſie darauf, indem ſi ſch mit jenem Tone, welcher einen Freund von ſeinem unrecht uͤberzeugen ſoll, zu Renzo wandte,„ſollte ich mit Dir davon ſprechen? Leider weißt Du nur allzuviel ſchon davon!“ „Und was hat Dir Vater Eriſioforo geſagt?“ feagte die Mutter. 6 .— 54— Er ſagte mir, ich ſollte ſo viel als moͤglich die Hoch⸗ zeit beſchleunigen, und unterdeſſen mich verborgen halten; ich ſollte fleißig zum lieben Gott beten; er hoffe, wenn mich der boͤſe Herr nicht wieder in's Auge bekommt, ſo wuͤrde er ſich auch weiter nicht um mich bekuͤmmern. Da eben that ich mir Gewalt an,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich auf's Neue an Renzo wandte, und ohne ihm in's Geſicht zu ſehen, uͤber und uͤber roth ward,„da war's, wo ich die Scham bei Seite ſetzte, und Dich bat, Du ſollteſt raſch machen, und unſre Hochzeit noch vor dem feſtgeſetzten Tag betreiben. Wer weiß, was Du von mir gedacht haben magſt! Aber ich that's aus ehrlicher Urſache, und folgte dem Rath, und glaubte gewiß— und dieſen Morgen kanrs mir ſo wenig in den Sinn..“ Hiier ward des Maͤdchens Rede ploͤtzlich durch einen hervorſtuͤrzenden Thraͤnenſtrom erſtickt. „Ach der Schurke!“ ſchrie Renzo,„der verdammte Schurke! der Raͤuber!“ Er lief im Zimmer auf und ab, und faßte zu wiederholten Malen den Griff ſeines Meſſers. „Vater im Himmel,“ rief Agneſe,„was fuͤr'ne Ver⸗ wirrung!“ Der Juͤngling blieb ploͤtzlich vor dem weinenden Maͤd⸗ chen ſtehen. Er ſah ihr mit einer Zaͤrtlichkeit, in welcher Betruͤbniß und Wuth ſich miſchten, in's Geſicht, und ſagte: „Das iſt der letzte Streich, den der Raͤuber begangen hat.“ .„Nein, Renzo, um's Himmels Willen, nein!“ ſchrie Lucia.„Nein, um's Himmels Willen! Gott ſteht auch den Armen bei, und wie ſoll er uns helfen, wenn wir Uebles thun? „Um's Himmels Willen, nein!“ wiederholte Agneſe. — 3535— Renzo,“ ſagte Lucia mit der Miene der Hoffnung und der ruhigern Entſchloſſenheit,„Du haſt ein Handwerk und ich kann arbeiten; wir wollen weit weg gehen, wo der boͤſe Mann nicht mcehr von uns reden hoͤrt!“ „Ach Lucia! Und dann! Wir ſind noch nicht Mann und Weib! Wird der Pfarrer uns frei geben? Ja, wenn wir verhtirathet waͤren, o dann..— Lucien uͤbermannten die Thraͤnen auf'ss Neue. Alle drei verſanken in Stillſchweigen, und ſtanden bewegungs⸗ los in einer Niedergeſchlagenheit da, welche mit der feſtli⸗ chen Pracht ihres Anzugs einen traurigen Widerſpruch bildete. „Hoͤrt, Kinder, und folgt mir,“ ſagte Agnes nach ei⸗ nigen Augenblicken.„Ich war fruͤher denn Ihr in der Welt, und kenne die Welt ein wenig. Es muß Einer auch ſich nicht gar zu ſehr in Schrecken jagen laſſen; der Teu⸗ fel iſt ſo haͤßlich nicht, wie er gemahlt wird. Uns armen Leuten kommt die Strehne immer weit verwickelter vor, als ſie iſt, weil wir das Fadenende nicht zu finden wiſſen; aber ein Rath, ein Wort von einem Manne, der ſtudirt hat.... ich weiß, was ich ſagen will. Thut einmal nach meinem Kopf, Renzo; geht nach Lecco, ſucht den Doktor Knotenhauer auf, erzaͤhlt ihm— aber um's Himmels Wil⸗ len, nennt ihn nicht ſo; es iſt bloß ſo'n Spitzname. Ihr muͤßt dem Herren Doktor ſagen... wie heißt er doch? Na, ich weiß den eigentlichen Namen nicht, wir wollen ihn einmal ſo nennen... genug, fragt nur nach dem hohen Doktor, mager und kahlkoͤpfig, mit einer rothen Naſe und einem Himbeerenmahl auf der Backe.“ „Kenn' ihn von Anſehen,“ ſagte Renzo. — 56— „Gut,“ fuhr Agneſe fort,„das iſt ein Mann! Ich hab' wohl oͤfter Einen geſehen, der garſtig in der Klemme ſteckte, wie ein Huͤhnchen im Werg, wußte nicht, gegen welche Wand er mit dem Kopf laufen ſollte, und wenn er eine Stunde mit dem Doktor Knotenhauer geſprochen hatte, — aber beileibe nennt ihn nicht ſo!— lachend, ſag' ich Euch, hab' ich ihn wieder weggehen ſehen. Nehmt da die vier Kapphaͤhne, arme Thiere! ich hab' ſie heut abſchlachten wollen, zum Schmaus am Abend; die bringt ihm. Denn zu ſolchen Herren darf Einer nie mit leeren Haͤnden kom⸗ men. Erzaͤhlt ihm Alles, was vorgefallen; Ihr werdet ſe⸗ hen, er ſagt Euch in einem Nu, was uns nicht in den Kopf gekommen waͤre, und wenn wir ein ganzes Jahr druͤber nachgedacht haͤtten.“ Renzo nahm dieſen Vorſchlag ſehr gern an, und Lu⸗ cien geſiel er. Agneſe, ſtolz, ihn gethan zu haben, holte die armen Thiere nach einander aus dem Huͤhnerſtalle, faßte ihre acht Fuͤße, als wenn ſie einen Blumenſtrauß machen wollte, zuſammen, umwickelte und band ſie mit einem Bind⸗ faden, und uͤberlieferte ſie ſodann in Renzo's Hand. Nach⸗ dem dieſer Worte der Hoffnung gegeben und empfangen, ging er zu einem Gartenthuͤrchen hinaus, wo ihn die Jun⸗ gen, welche ihm ſonſt unfehlbar: der Braͤutigam! der Braͤutigam! nachgerufen haͤtten, nicht bemerken konnten. Indem er ſo queer durch die Felder, oder wie ſie dort ſa⸗ gen, durch die Landſchaften ſeinen Weg nahm, ging er dnrch enge Gaſſen, murmelte vor ſich hin, dachte uͤber ſein Ungluͤck nach, und wiederhohlte ſich laut das Geſpraͤch, ſo er mit dem Dokter Knotenhauer zu fuͤhren gedachte. Wir uͤberlaſſen es unſern Leſern, ſich vorzuſtellen, wie die ar⸗ — 52— men Thiere, ſo gebunden und kopfabwaͤrts bei den Fuͤßen gehalten, ſich waͤhrend der Reiſe in der Hand eines Men⸗ ſchen beſenden mochten, der von ſo mancherlei Gemuͤthsbe⸗ wegungen beſtuͤrmt, jeden Gedanken, welcher ihm gewalt⸗ ſam durch den Kopf fuhr, mit lebhaften Geberden be⸗ gleitete; ſo oft er in den verſchiedenen Momenten des Zor⸗ nes, des Entſchluſſes oder der Verzweiflung den Arm haſtig ausſtreckte, ruͤttelte er die lebenden Geſchenke entſetzlich zuſammen, und machte, daß die vier baumelnden Koͤpfe in die Hoͤhe ſprangen; dieſe indeſſen gaben ſich alle Muͤhe, mit den Schnaͤbeln in einander einzuhacken, wie es nur allzu⸗ oft unter Ungluͤcksgefaͤhrten zu geſchehen pflegt. Als er in den Flecken gelangt, fragte er nach der Woh⸗ nung des Doktors. Sie ward ihm gezeigt, und ſo ging er hin. Beim Eintritt fuͤhlte er ſich von jener Furcht befan⸗ gen, wie arme ungebildete Leute ſie in der Naͤhe eines vor⸗ nehmen Herrn oder gar eines Gelehrten zu empfinden pfle⸗ gen. Er vergaß alle Redensarten, auf welche er ſich vor⸗ bereitet hatte; doch machte ihm ein Blick auf die Kapp⸗ haͤhne bald wieder Muth. In die Kuͤche getreten, fragte er die Magd, ob er den Herrn Doktor ſprechen koͤnne. Die Magd ſah die Thiere, und wahrſcheinlich an derglei⸗ chen Geſchenke gewoͤhnt, ſtreckte ſie die Haͤnde darnach aus, obgleich Renzo ruͤckwaͤrts damit zog; denn der Doktor ſollte die Thiere ſelbſt ſehen und wiſſen, daß der Gaſt bei ſeinem Beſuche zugleich etwas in's Haus ſchaffe. Waͤhrend aber die Magd ſagte:„Gebt her und tretet dort in's Stu⸗ dierzimmer/“ kam der Hausherr herbei. Renzo machte eine tiefe Verneigung; er ward mit einem freundlichen:„Kommt her, mein Sohn!“ empfangen, und aufgefordert, mit in's . 2 -— 58— Studierzimmer zu kommen. Das war eine große Stube, an deren dreien Waͤnden die Bildniſſe der zwoͤlf Caͤſaren vertheilt hingen; die vierte deckte ein breites Fachgeſtelle mit alten und beſtaͤubten Buͤchern; in der Mitte ſtand ein Tiſch, mit einem Gewuͤhl von Zeugniſſen, Geſuchen, ſchrift⸗ lichen Klagen und oͤffentlichen Verordnungen beladen; drei oder vier Seſſel rings umher, und auf einer Seite ein Armſtuhl mit einer breitſchultrigen Lehne, an deren Win⸗ keln oben ſich zwei hoͤlzerne Verzierungen wie ein Paar Hoͤrner erhoben; von den dicken Metallſchilden, welche das Leder des Ueberzugs zierten, waren einige ſeit langer Zeit abgefallen, und ſo hatte ſich die Decke hier und dort an den Winkeln nach Gefallen umlegen koͤnnen. Der Doktor ſteckte im Bequemlichkeitsanzuge, in einem verbleichten Man⸗ tel naͤmlich, der ihm vor vielen Jahren an Gallatagen, wenn er in irgend einer wichtigen Angelegenheit nach Mai⸗ land ging, gedient haben mochte. „Tragt mir Eure Angelegenheit vor, mein Sohn,“ ſagte er, indem er die Thuͤre ſchloß, und dem Juͤngling Muth machte. „Ich habe Ihnen ein Wort im Vertrauen zu ſagen,“ ſtotterte Renzo. „Ich bin hier,“ antwortete der Doktor.„Redet!“— Und ſo ſetzte er ſich in den Lehnſtuhl. Renzo, der gerade vor'm Tiſche ſtand, und mit der Rechten den Hut in der andern Hand herumdrehte, nahm wieder das Wort:„Ich wollte von Eurer Gnaden, die ſtudirt haben, erfahren...“ „WTragt mir Eure Angelegenheit vor, wie ſie ſteht,“ unterbrach ihn der Doktor. Der Herr Doktor werden mich entſchuldigen; wir * — 59— armen Landleute wiſſen uns nicht am beſten auszudruͤcken. Ich wollte alſo wiſſen..“ „Vertceuchſeltes Volk! So ſeyd Ihr Alle. Statt den Fall zu erzaͤhlen, wollt Ihr immer nur fragen, weil Ihr Euer Plaͤnchen ſchon im Kopfe habt.“ „Der Herr Doktor muͤſſen mich entſchuldigen. Ich moͤchte gern wiſſen, wenn Einer einem Pfarrer droht, daß er ein Brautpaar nicht mit einander verbinden ſoll, ob da Strafe darauf ſteht?“ Verſteh, dachte der Doktor bei ſich, waͤhrend er in der That nichts verſtanden hatte; verſteh.— Auf der Stelle nahm er eine ernſte Miene an, doch Mitleid und Eifer mußten ſich mit dem Ernſte verſchwiſtern. Er zuckte gewalt⸗ ſam mit den Lippen, und ließ einen undeutlichen Ton her⸗ vortreten, der irgend eine Empfindung zu verſtehen gab. Dieſe ſprach ſich ſodann in ſeinen erſten Worten deutlicher aus. „Ein ernſthafter Fall, mein Sohn; ein erwogener Fall. Es war geſcheidt, daß Ihr zu mir kamt. Die Sache iſt klar, in hundert Verordnungen erwogen, und... halt, in einer Verordnung von vorigem Jaͤhr eben, von gegenwaͤr⸗ tigem Herrn Statthalter. Ich will's Euch ſogleich zeigen, will's Euch mit eigenen Haͤnden greifen laſſen.“ Dabei ſtand er vom Stuhl auf, fuhr mit der Hand in das Gewuͤhl von Papieren, und kehrte es zu oberſt zu un⸗ terſt, wie wenn man Getraide in einem Scheffel umwuͤhlt. „Wo ſteckt ſie? Weiter, weiter! Unſereins muß ſo viele tauſend Dinge bei der Hand haben. Aber ſie muß auf je⸗ den Fall hier ſeyn;'s iſt eine Verordnung von Wichtigkeit. Ah, da iſt ſie, da iſt ſie!“. Er nahm ſie, entfaltete ſie, ſah nach dem Datum, . 2 — 60— nahm eine noch weit ernſtere Miene an, und rief: Funf⸗ zehnter Oktober 1627. Richtig, vom vergangenen Jahre. Eine friſche Verordnung, ſo eine ſetzt am meiſten in Furcht. Koͤnnt Ihr leſen, mein Sohn?“ „Ein Bischen, Herr Doktor.“ „Gut, ſeht her, und Ihr werdet's finden.“ Er hielt die Verordnung hoch in der Luft, fing an zu leſen, murmelte einige Stellen her, und hielt ſich bei an⸗ dern, je nachdem es nothwendig ſchien, mit nachdruͤcklicher Stimme laͤnger auf: „„Obgleich mittelſt der oͤffentlichen Verordnung des Herzogs von Feria vom vierzehnten December 1620, welche vom erlauchten Herren Gonzalo Fernandez von Cordova ꝛc. beſtaͤtigt, den Unterdruͤckungen, Plackereien und andern Gewaltthaͤtigkeiten, die ſich Verſchiedene gegen die treuen Vaſallen Sr. Majeſtaͤt hier erlauben, durch außer⸗ ordentliche und ſtrenge Mittel vorgebeugt worden, iſt deſ⸗ ſenungeachtet die Zahl der Miſſethaten, die Bosheit ꝛc. ſo geſtiegen, daß Ihro Excellenz Sich genoͤthigt ſehen ꝛc. Es wird demnach, mit Zuziehung des Senates und des Ge⸗ richtshofes gegenwaͤrtige Verordnung erlaſſen.— Und um bei den Gewaltthaͤtigkeiten anzufangen, ſo lehrt die Erfah⸗ rung, daß viele ſowohl in der Stadt, als in den Doͤr⸗ fern“—„hoͤrt Ihr wohl?“—„„ſich grauſame Plak⸗ kereien zu Schulden kommen laſſen und die huͤlfloſen Leute vielfaͤltig unterdruͤcken, als ihnen gewaltſame Kaufvertraͤge aufdringen, Verpachtungen ꝛc.“%—„Wo bin ich? Aha hier. Hoͤrt—“„„den Ehen nachgehen oder nicht“— He?“ „Da kommt meine Angelegenheit,“ ſagte Renzo. — 6⁴— „Hort zu, hoͤrt zu, es giebt noch andere Dinge, und dann werden wir die Strafe ſehen.“—„„Es moͤge bezeugt werden oder nicht, daß Einer von dem Orte, wo er wohnt, ſich wegbegiebt ꝛc. daß Jener eine Schuld bezahlt, der Andere ihn in Frieden laſſe, daß Jener nach ſeiner Muͤhle geht ꝛc.“—„Das hat Alles nichts mit uns zu ſchaffen. Ah da iſt's:„„daß ein Prieſter die Pflichten ſeines Amtes nicht erfuͤllt, oder Dinge thut, die ſich nicht fuͤr ihn ge⸗ ziemen,““„He?“ „Es ſcheint, daß ſie die Verordnung ausdruͤcklich fuͤr mich gemacht haben.“ „Nicht wahr? Hoͤrt zu!“„„Die als Lehnsleute in Dienſten ſtehen, ſie ſeyen von welchem Stande ſie wollen.““ „Es entwiſcht Keiner, hier ſind ſie Alle; es iſt wie das Thal Joſophat. Nun hoͤrt die Strafe.“—„„Alle dieſe und aͤhnliche Vergehungen, obſchon ſie verboten worden, ſollen dennoch, ſintemal eine groͤßere Strenge vonnͤthen, ohne jedoch ꝛc. beftehlt und gebietet Seine Excellenz, daß gegen alle diejenigen, welche oben angegebenen Artikeln zuwider handeln, von den geſetzmaͤßigen Richtern dieſes Staates mit Geld⸗ oder Leibesſtrafe verfahren werde, mit Verbannung, mit der Galeere und unter Umſtaͤnden ſelbſt mit dem Tode.“—„Eine unbedeutende Kleinigkeit!”“— „„mach der naͤheren Beſtimmung Seiner Excellenz oder des Senates. und nach Verſchiedenheit der Faͤlle, Perſonen oder Umſtaͤnde. Und das un⸗nach⸗laͤß⸗lich und mit aller Strenge ꝛc.““—„Da ſtecken wir drin, nicht wahr? Da ſeht hier die Unterſchrift:„„Gonzalo Fernandez de Cor⸗ dova,““ und weiter unten:„„Platonus,““ und hier mnvidit Ferrer"—„Es fehlt nichts.“ Waͤhrend der Doktor las, folgte ihm Renzo langſam mit den Augen, ſuchte ſo mit der Wortfolge beſſer im Klaren zu bleiben, und wollte mit eigenen Augen die hoͤchſtheiligen Worte ſehen, in welchen ihm ſeine Huͤlfret⸗ tung zu liegen ſchien. Der Doktor, der ſeinen neuen Klienten eigentlich mehr aufmerkſam als niedergeſchlagen ſah, wunderte ſich ein wenig. Der ſoll Nahrungsſteuer zahlen muͤſſen, ſagte er fuͤr ſich.—„Aha, nahm er drauf das Wort, Ihr habt Euch deswegen den Haarbuͤſchel wegſcheren laſſen. Geſcheidt gethan; da Ihr Euch indeſſen in meine Hand geben wolltet, war's nicht noͤthig. Der Fall iſt ernſthaft; aber Ihr wißt nicht, was ich Alles zu unterneh⸗ men Muth habe, wenn's ſeyn muß.“ Um dieſen unerwarteten Einfall des Doktors zu ver⸗ ſtehen, muß man wiſſen oder ſich erinnern, daß damals die Bravi vom Handwerk, und die gewaltthaͤtigen Uebelſtifter aller Art, einen langen Haarbuͤſchel zu tragen pflegten, den ſie beim Angriff auf Jemanden nach Art eines Viſiers uͤber's Geſicht zogen; in Faͤllen, wo ſie es noͤthig fanden, ſich zu verlarven, und das Unternehmen zu gleicher Zeit Kraft und Klugheit verlangte, war dieſer Kunſtgriff ge⸗ woͤhnlich. Die Verordnungen hatten auch daruͤber nicht geſchwiegen.„Es befehlen Seine Excellenz— Don Juan de Mendoza— wer das Haar von ſolcher Laͤnge tragen wird, daß es die Stirne bis zu den Augenbrauen herab bedeckt, wer eine Haarflechte vor oder hinter den Ohren herunterhangen hat, ſoll dreihundert Scudi zu zahlen an⸗ gehalten ſeyn, und falls er dazu nicht geeignet, ſo ſtehen auf's erſte Mal drei Jahre Galeerenſtrafe, auf's zweite, außer der ehengenannten, eine noch ſchwerere Geld⸗ und — 63— Leibesſtrafe, nach Gutduͤnken Seiner Excellenz.— Wenn indeſſen Jemand eine Glatze hat, oder ſonſt eine vernuͤnf⸗ tige Urſache, wie etwa ein Abzeichen oder eine Wunde, vor⸗ handen, ſo geſtatten Seine Excellenz dergleichen Perſonen, um der Sittlichkeit oder der Geſundheit willen, das Haar ſo lang, jedoch nicht laͤnger tragen zu duͤrfen, als hin⸗ reicht, ſolche Gebrechen zu verhuͤllen, und ermahnen ſie gleichfalls, in dieſen Stuͤcken die Schuldigkeit und die nothwendigen Vorſchriften nicht aus den Augen zu ſetzen, wenn ſie nicht in die nehmlichen Strafen mit den uͤbrigen Verbrechern verfallen wollen.— Gleicherweiſe befehlen Sie den Barbieren, bei Strafe von hundert Scudi oder oͤffentlicher dreimaliger Wippung mit dem Folterſeil, ſelbſt nach Gutduͤnken bei noch ſchwererer koͤrperlicher Strafe, daß ſie denjenigen, ſo ſie unter ihr Meſſer bekommen, keine Art von genannten Haarbuͤſcheln, Flechten oder Lok⸗ ken, noch die Haare laͤnger als gewoͤhnlich, ſo auf der Stirn wie an den Seiten und hinter den Ohren, ſtehen laſſen, ſondern daß ſie alle von gleichem Schnitt ſeyen, mit ſchon erwaͤhnter Ausnahme der kahlen Koͤpfe und an⸗ derer Gebrechen.“— Der Haarbuͤſchel war alſo ein Theil der Ruͤſtung, ein Kennzeichen der Raufer und Zuͤgelloſen; daher dergleichen Menſchen gewöohnlich Haarbuͤſchel genannt wurden. Dieſer Ausdruck iſt geblieben, und lebt, bei gemilderter Bedeutung, noch heutigestages im Dialekte, und vielleicht giebt es unter unſern Mallaͤndiſchen Leſern keinen, der ſich nicht erinnerte, in ſeiner Kindheit von Eltern oder Lehrern, von Hausfreunden oder Dienern die Redensart gehoͤrt zu haben: es iſt ein Haarbuͤſchel, es iſt ein Haarbuͤſchelchen.— — 6— „Wahrhaftig, Herr,“ verſicherte Renzo,„ich habe, ſeit ich ein armer kleiner Junge geweſen, niemalen einen Haar⸗ buͤſchel getragen.“ „So ruͤcken wir nicht naͤher,“ antwortete der Doktor, indem er den Kopf ſchuͤttelte und halb boshaft, halb un⸗ geduldig laͤchelte.„Wenn ihr kein Vertrauen zu mir habt, ſo ſtehen wir umſonſt neben einander. Wer dem Doktor eine Luͤge vorſagt, ſeht mein Sohn, das iſt ein Narr, der dem Richter die Wahrheit ſagen wird. Dem Anwald muß man ſeine Sache klar erzaͤhlen; unſer Geſchaͤft iſt's her⸗ nach, ſie in gehoͤrige Verwicklung zu bringen. Wollt Ihr Huͤlfe von mir, ſo iſt's noͤthig, daß Ihr mir Alles von A bis Z vertraut, mit der Hand auf dem Herzen, wie dem Beichtvater. Ihr muͤßt mir die Perſon nennen, von wel⸗ cher Ihr den Auftrag bekommen habt; es wird natuͤrlich eine Perſon von Bedeutung ſeyn, und in dem Fall werd' ich mich zu dem Herren hinbegeben, und die ſchuldige Vorkehrung bei ihm treffen. Ich werd' ihm nicht ſagen, ſeht Ihr, daß ich von Euch uͤber ſeinen Auftrag Wind bekommen habe; verlaßt Euch darauf. Ich werd' ihm ſa⸗ gen, daß ich fuͤr einen armen angeſchwaͤrzten jungen Men⸗ ſchen ihn um ſeinen großmuͤthigen Schutz zu bitten ge⸗ kommen bin. Dieſerweiſe werde ich die paſſenden Maaß⸗ regeln mit ihm nehmen, um die Sache lobenswerth zu Ende zu fuͤhren. Indem er ſich rettet, verſteht mich wohl, wird er auch Euch retten. Und wenn der arge Streich ganz und gar auf Eure Rechnung geſchrieben wird, gut, ich ziehe mich nicht zuruͤck; ich hab' wohl Andere ſchon aus ſchlimmeren Verwicklungen geriſſen. Wofern ihr nur keine Perſon von Bedeutung beleidigt habt, daruͤber muͤſ⸗ ſen wir uns verſtaͤndigen, ſo verpflichte ich mich, Euch aus der Klemme zu ziehen, mit ein wenig Koſten, verſte⸗ hen wir uns. Ihr muͤßt mir angeben, wer der Beleidigte iſt, wie es ſich gehoͤrt; nach dem Stande, den Eigenſchaf⸗ ten und dem Charakter des Freundes laͤßt ſich dann ſehen, ob es beſſer ſey, ihn duͤrch Verwendungen bei hohen Per⸗ ſonen in's Bockshorn zu jagen, oder ihm irgend ein Ver⸗ brechen anf den Hals zu ziehen, und ihm einen Floh in's Ohr zu ſetzen; denn, ſeht Ihr, wenn Einer nur mit den Verordnungen gut zu wirthſchaften verſteht, ſo iſt Keiner ſchuldig und Keiner unſchuldig. Was den Pfarrer betrifft, ſo wird er, falls er ein Menſch von Vernunft iſt, aus dem Spiele bleiben, und hat er einen eigenſinnigen Kopf zwi⸗ ſchen den Schultern ſitzen, ſo iſt auch fuͤr dergleichen ge⸗ ſorgt. Es kann Einer aus jedem Wirrwar herausgeſchafft werden; nur will's einen Mann, und Euer Fall iſt ernſt⸗ haft, ſag' ich Euch, ernſthaft. Die Verordnung ſpricht klar; wenn indeſſen die Sache zwiſchen Euch und der Ge⸗ rechtigkeit, ſo unter vier Augen, entſchieden werden kann, ſo ſtehet Ihr friſch. Ich rede als Freund zu Euch; Ueber⸗ eilungen muͤſſen bezahlt werden. Wenn Ihr durchkommen wollt, ohne Haare ſitzen zu laſſen, ſo kommt's auf Geld und Aufrichtigkeit an; muͤſſet Zutrauen haben zu demieni⸗ gen, der Euch wohl will, muͤſſet gehorchen, und huͤbſch Alles thun, was man Euch zufluͤſtert.“ Waͤhrend der Doktor dieſes Wortgekram in die Welt ſetzte, ſtand Renzo und betrachtete ihn mit ſtaunender Auf⸗ merkſamkeit, ungefaͤhr wie ein einfaͤltiger Junge auf dem Markte dem Gaukler in's Geſicht guckt, der ſich Werg auf Werg in den Mund ſtopft, und dann Band auf Band her⸗ I. 5 — 66— auszieht, und mit dem neuen Wunderprodukte nimmermehr enden zu wollen ſcheint. Nachdem er aber hinlaͤnglich ein⸗ geſehen, was der Doktor ſagen wollte, und welche ver⸗ faͤngliche Wendung er genommen, ſchnitt er ihm das Band im Munde geradeweges durch und ſagte:„Ei, Herr Doktor, wie haben Sie mich verſtanden? Die Sache ver⸗ haͤlt ſich gerade umgekehrt. Ich habe Niemandem gedroht, ich treibe ſo ein Handwerk nicht: fragen Sie nur bei mei⸗ ner ganzen Gemeine nach, ſo werden Sie hoͤren, daß ich nie mit der Gerechtigkeit was zu thun gehabt habe. Die Schurkerei iſt eben gegen mich begangen worden: von Ih⸗ nen wollte ich erfahren, was ich zu thun habe, um Gerech⸗ tigkeit zu erhalten, und bin ſehr zufrieden, daß ich die Verordnung da geſehen habe.“ „Zum Teufel,“ ſchrie der Doktor und riß die Augen maͤchtig weit auf.„Was kauet Ihr mir da fuͤr einen ver⸗ wirrten Miſchmaſch vor? Aber ſo iſt’'s, ſeyd Alle uͤber ei⸗ nen Leiſten geſchlagen. Vielleicht koͤnnt Ihr mir die Sache nicht klar mittheilen?“ „Aber, Herr Doktor, entſchuldigen Sie mich; Sie ha⸗ ben mir keine Zeit gelaſſen; jetzt will ich Ihnen erzaͤhlen, wie die Sache ſteht. Wiſſen Sie alſo, daß ich heute Hoch⸗ zeit machen ſollte”“— und hier klang Renzo's Stimme be⸗ wegt—„ſollte heute ein junges Maͤdchen heirathen, mit dem ich ſeit Anfang Sommers ſchon uͤbereingekommen; und heute, wie ich Ihnen ſage, iſt der Tag, den wir mit dem Herren Pfarrer verabredet hatten, und es war Alles ſchon in's Geleiſe gebracht. Mit einem Mal kommt der Herr Pfarrer mit Entſchuldigungen angeſtiegen— genug, um Ihnen keine Langeweile zu machen, ich hab' ihn v ſprechen gelehrt, wie's billig war. Da hat er mir denn geſtanden, es ſey ihm bei Lebensſtrafe verboten worden, dieſe Trauung zu vollziehen. Der gewaltthaͤtige Menſch, der Don Rodrigo“. „Ei geht,“ unterbrach ihn auf der Stelle der Doktor, zog die Augeubrauen zuſammen, ruͤmpfte die rothe Naſe und verzerrte den Mund;„geht! Was kommt Ihr her, mir den Kopf mit ſolchen einfaͤltigen Maͤhrchen warm zu machen? Dergleichen Zeug koͤnnt Ihr unter Euch reden, weil Ihr Eure Worte nicht abzuwaͤgen verſteht; kommt aber nicht damit zu einem Mann von Stande, der da weiß, was ſie auf ſich haben. Geht, geht, Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt; ich laſſe mich nicht mit Knaben ein; ich mag keine ſolche Reden hoͤren, ſolche aus der Luft gegriffene Faſeleien.“— „Ich ſchwoͤre“... wollte Renzo beginnen. „Geht, ſag' ich Euch. Was ſoll ich mit Eurem Schwur anfangen? Ich kuͤmmre mich nicht d'rum; ich waſche mir die Haͤnde.“— Und hier rieb er die eine mit der andern, als wenn er ſie ſich wirklich waſchen moͤchte. „Lernt reden; man kommt einem Mann von Stande nicht ſo auf den Hals geſchlichen.”) „Aber hoͤren Sie, hoͤren Sie mich!“ rief Renzo ver⸗ geblich. Der Doktor, in einem fort bellend, ſchob ihn mit den Haͤnden nach der Thuͤre, und als er ihn bis dort hin gebracht, riß er ſie auf und rief die Magd:„Gebt augen⸗ blicklich dem Menſchen wieder, was er gebracht hat; ich nehme nichts an, nichts nehm' ich an.“ Die Dame mochte wohl nie, ſo lange ſie im Hauſe des Doktors ſich befand, ein ſolches Gebot zu vollziehen gehabt haben; es war aber mit ſo entſchloſſenem Nachdruck erlaſſen worden, daß ſie nicht zoͤgerte, ihm Folge zu leiſten. Sie nahm die vier armen Thiere, und gab ſie dem Renzo zuruͤck; die Auslieferung begleitete eine Geberde des ver⸗ aͤchtlichen Mitleidens, welche zu ſagen ſchien:„der Bock, den Du geſchoſſen haſt, muß ſehr ſchwerleibig geweſen ſeyn.“ Renzo wollte Umſtaͤnde machen; dem Doktor war aber nicht beizukommen, und der arme erſtaunte Junge, kopfhaͤngend und aͤrgerlicher als je, mußte die verſchmaͤhte Opferſpende zuruͤcknehmen, und ſich damit auf den Heim⸗ weg nach dem Dorfe machen, wo er den Frauen vom glaͤn⸗ zenden Erfolg ſeiner Reiſe zu erzaͤhlen hatte. Dieſe hatten waͤhrend ſeiner Abweſenheit die hochzeit⸗ lichen Kleider mit dem beſcheidenen Alltagsanzug vertauſcht, und hielten auf's neue Rath. Lucia ſchluchzte, Agneſe ſeufzte. Als die Mutter uͤber die großen Wirkungen, welche vom Rath des Doktors zu erwarten ſtanden, ſatt⸗ ſam geſprochen hatte, ſagte Lucia, man muͤſſe ſich auf jede Weiſe zu helfen ſuchen; der Vater Criſtoforo ſey ein Mann, der nicht bloß guten Rath ertheile, er biete auch, wo es darauf ankomme, armen Leuten zu helfen, die Haͤnde, und gar ſchoͤn waͤre es, wenn man ihn koͤnnte wiſ⸗ ſen laſſen, was vorgefallen.—„Wohl wahr“ ſagte Agneſe⸗ und nun ſannen beide nach, wie ſich's ausfuͤhren ließe. Denn nach dem Kloſter, das wohl zwei Meilen vom Dorf entfernt lag, in eigener Perſon zu gehen, war eine Unter⸗ nehmung, die ſie an jenem Tage nicht haͤtten wagen duͤr⸗ fen, und kein vernuͤnftiger Menſch wuͤrde ihnen ſeine Zu⸗ ſtimmung gegeben haben. Waͤhrend aber die verſchiedenen Beſchluͤſſe gegen einander abgewogen wurden, hoͤrte man ₰ — 69ñ— an die Thuͤre pochen, und zugleich ließ ſich ein kleinlautes, aber deutliches Deo gratias hoͤren. Lucia, die ſchnell ſich dachte, wer es ſeyn konnte, lief und oͤffnete; herein trat mit tiefer Verneigung ein Kapuziner, ein wandernder Layenbruder, welcher ſeinen Bettelſack uͤber die linke Schulter geworfen hatte, und das zuſammengewundene Oberende mit beiden Haͤnden feſt vor der Bruſt hielt.— „Ei Bruder Galdino!“ riefen beide Frauenzimmer.— „Der Herr ſey mit Euch!“ ſagte der Moͤnch;„ich komme Oliven einſammeln.“ „Geh und hole Oliven fuͤr die ehrwuͤrdigen Vaͤter her/ ſagte Agneſe. Lucia machte ſich auf, und ging nach dem andern Zimmer; ehe ſie aber dort hineintrat, ſtand ſie hinter dem Bruder Galdino, der in ſeiner erſten Stellung verharrte, einen Augenblick ſtill, legte den Zeigefinger auf den Mund, und empfahl der Mutter mit einem Blick, worin Zaͤrtlichkeit und bittende Demuth, zugleich aber auch eine gewiſſe Autoritaͤt lag, Stillſchweigen. Der Bettelmoͤnch blinzte Agneſen mit halbgeſchloſſe⸗ nen Augen von weitem an und ſagte:„Und die Hochzeit? Sie ſollte jg heute ſtatt finden. Ich habe im Dorfe eine Art von Verwirrung geſehen, die eine Neuigkeit vermu⸗ then laͤßt. Was iſt vorgefallen?“ „Der Herr Pfarrer iſt krank, und es muß alſo ver⸗ ſchoben werden,“ antwortete die Hausfrau ſchnell. Haͤtte ihr Lucia nicht jenen Wink gegeben, ſo waͤre die Antwort aller Wahrſcheinlichkeit nach anders ausgefallen.—„Und wie geht's mit dem Einſammeln?“ fragte ſie darauf, um ein anderes Geſpraͤch anzuknuͤpfen. „Nicht zum Beſten, gute Frau, nicht zum Beſten. — 70— Das hier iſt Alles.“— Er nahm den Sack von der Schul⸗ ter, und wog ihn zwiſchen beiden Haͤnden.—„Das iſt Alles, und um den ſchweren Schatz zuſammen zu bringen, hab' ich wohl an zehn Thuͤren klopfen muͤſſen.“ „Es iſt ein karges Jahr, Bruder Galdino, und wenn man ums liebe Brod zu ringen hat, ſo wird freilich jeder Biſſen ſo ſparſam als moͤglich zugeſchnitten.“ „Um aber die gute Zeit wieder herbeizurufen, was giebt's da fuͤr ein Mittel, liebe Frau⸗ Almoſen. Wißt Ihr das Wunder mit den Oliven, das ſich vor vielen Jahren ein⸗ mal in unſerm Kloſter dort von Romagna zugetragen hat?“ „Nein, wahrhaftig; erzaͤhlt!“ „So wißt denn, in dem Kloſter war ein Pater von unſerm Orden, der ein Heiliger war und Pater Macario hieß. Der ging einmal an einem Wintertage durch einen kleinen Mauerweg auf einem Felde, das einem unſrer Goͤnner, einem Mann von Vermoͤgen, gehoͤrte. Pater Macario ſah den Mann bei einem großen Oelbaum ſte⸗ hen, und vier Bauern hatten die Aexrte hochgehoben, und wollten die Erde unten fortſchaffen, um die Wurzeln blos zu legen.— Was macht Ihr da mit dem armen Baum? fragte Pater Macario.— Ei, Pater, er will mir ſeit Jah⸗ ren ſchon keine Oliven bringen, und ſo bin ich dabei, mir Holz daraus zu ſchaffen.— Thut es nicht, thut es nicht, ſagte der Pater; wißt, dieſen Sommer wird er mehr Oli⸗ ven als Blaͤtter tragen.— Der Herr des Baums, welcher den Pater gar wohl kannte, ließ die Bauern den Augen⸗ blick die Wurzeln wieder mit Erde bedecken; d'rauf rief er den Pater, der ſeinen Weg fortſetzte, und ſagte: Pater Macario, die Haͤlfte der Erndte gehoͤrt dem Kloſter.— ——— 11— Die Prophezeiung ging von Mund zu Mund, und Alles kam hergelaufen, um den Baum zu ſehen. Wie der Fruͤh⸗ ling kam, wahrhaftig, gab's Euch Bluͤthen, nicht zu zaͤh⸗ len, und hernach Oliven, zum Erſtaunen. Der gute Herr des Ackers aber hatte nicht das Vergnuͤgen, ſie abzuſchla⸗ gen; denn vor der Erndte noch ſchied er hinweg, den Lohn ſeiner Froͤmmigkeit zu empfangen. Um ſo groͤßer aber war das Wunder, wie ihr gleich hoͤren werdet. Der Mann hatte einen Sohn von ganz anderm Schlage hin⸗ terlaſſen. Zur Erndtezeit alſo kam der Pater Bettelbruder, um die Haͤlfte, ſo dem Kloſter gehoͤrte, einzufordern. Der junge Menſch aber ſtellte ſich ganz fremd in der Sache an, und hatte die Frechheit, ihm zu antworten, er habe ſein Lebelang nicht ſagen gehoͤrt, daß die Kapuziner koͤnnten Oliven wachſen laſſen. Was meint Ihr daß geſchah? Ei⸗ nes Tages, hoͤrt wohl zu, hatte der junge Ausbund einige Freunde, Taugenichtſe wie er, zu ſich gebeten, und als er mit ihnen daſaß und ſchmauſte, erzaͤhlte er ihnen die Ge⸗ ſchichte mit dem Oelbaum, und machte ſich uͤber die Klo⸗ ſterbruͤder luſtig. Die jungen Kerle hatten Luſt, den uͤber⸗ maͤßigen Haufen von Oliven zu ſehen, und ſo fuͤhrte er ſie nach der Getraidekammer. Aber paſſet auf! Er oͤffnet die Thuͤre, er geht nach dem Winkel, wo der Haufe auf⸗ geſchichtet lag, und waͤhrend er ihnen zuruft: Seht her, ſieht er ſelbſt und entdeckt.... Was entdeckt er? Einen großen Haufen von trockenen Oelblaͤttern. War das ein Beiſpiel? Das Kloſter, ſtatt durch die verweigerte Spende zu verlieren, gewann vielmehr; denn nach einem ſo großen Wunder brachte das Olivenſammeln ſo viel ein, daß ein anderer Goͤnner, aus Mitleid mit dem armen Bettelbruder, — 72— dem Kloſter einen Eſel zum Geſchenk machte, der die Fruͤchte nach Hauſe tragen half; und ſo viel Oel ward herausgepreßt, daß die armen Leute alle kamen und holten, was ſie brauchten, denn wir ſind wie das Meer, welches von einer Seite Waſſer erhaͤlt und es dann allen Fluͤſſen wieder zukommen laͤßt.“ Hier kehrte Lucia zuruͤck, und hatte die Schuͤrze ſo voll von Oliven, daß ſie kaum mit ihr zurecht kam, und angeſtrengt mit beiden ausgeſtreckten Armen an den zweien Enden ſie feſthielt. Bruder Galdino nahm den Sack von der Schulter, ſetzte ihn nieder und drehte ihn oben auf, um die reichliche Spende hinein zu thun. Die Mutter indeſſen warf Lucien mit erſtaunter und ſtrenger Miene Verſchwendung vor; Luciens Gegenblick aber ſchien zu ſagen:„ich werde mich rechtfertigen.“— Bruder Galdino ergoß ſich in Lobeserhebungen, prophezeite alles Gute, dankte, und ging, nachdem er den Sack wieder auf die Schulter genommen, ſeine Wege. Doch Lucia rief ihn zuruͤck, und ſagte:„Ich wuͤnſchte einen kleinen Dienſt von Euch, lieber Pater; ſeyd ſo gut, ſagt dem Vater Criſtoforo, ich moͤchte ihn gar zu gern ſprechen; er ſoll mir die Liehe erzeigen, hieher zu uns armen Leuten zu kommen, aber bald, recht bald; denn ich kann nicht zur Kirche hingehen.“ „Begehrt Ihr nichts weiter? Keine Stunde ſoll vor⸗ uͤber ſeyn, ſo weiß Vater Criſtoforo Euren Wunſch.“ „Ich verlaſſe mich drauf,“ ſagte Lucia. „Zweifelt nicht!“— Mit dieſen Worten verließ er die beiden Frauenzimmer, ein wenig gehengter⸗ aber auch zufriedener als er gekommen. „ — — 13— Wenn ein junges Landmaͤdchen den Pater Criſtoforo mit ſolcher Vertraulichkeit zu ſich beſcheiden laͤßt, und der Bettelmoͤnch den Auftrag ohne Befremden und Schwierig⸗ keit annimmt, ſo denke drum Keiner, Criſtoforo ſey ein alltaͤglicher Moͤnch, ein veraͤchtlicher Kloſterbruder geweſen. Vielmehr war er ein Mann, welcher bei den Seinigen und in der ganzen Umgegend eines hohen Anſehens genoß; die Verhaͤltniſſe der Kapuziner aber waren von der Art daß ihnen nichts zu niedrig und nichts zu hoch ſchien. Den Geringſten dienen und von Maͤchtigen ſich den Hof machen laſſen, Pallaͤſte und Huͤtten mit derſelben Haltung von Demuth und Sicherheit betreten, in dem nehmlichen Hauſe bisweilen ein Gegenſtand der Kurzweil und ein Gaſt ſeyn, ohne welchen nichts entſchieden ward, mitlei⸗ dige Spenden uͤberall einſammeln und ſie Jedem wieder zukommen laſſen, der im Kloſter drum bat— an Alles war ein Kapuziner gewoͤhnt. Wenn er ausging, konnte er eben ſo wohl einem Fuͤrſten begegnen, der ihm ehrfurchtsvoll das Ende ſeines Strickes kuͤßte, als einem Haufen von Gaſſenjungen, welche, als waͤren ſie untereinander hand⸗ gemein, ihm den Bart mit Koth bewarfen. Das Wort Bruder wurde damals mit groͤßerer Verehrung und mit bittrerer Verachtung ausgeſprochen; die Kapuziner wurden, mehr vielleicht als irgend ein anderer Orden, der Gegen⸗ ſtand zweier entgegengeſetzten Empfindungen, und erfuhren daher ein doppeltes, widerſprechendes Schickſal; denn in⸗ dem ihre Tracht ſich von der gewoͤhnlichen weit auffallen⸗ der unterſchied, indem ſie das Bekenntniß der Erniedri⸗ gung weit offener zur Schau trugen, ſetzten ſie ſich weit naͤher der Ehrfurcht und der Verachtung aus, welche ſolch ein Benehmen von der verſchiedenen Denkungsart und den verſchiedenen Launen der Menſchen zu gewaͤrti⸗ gen hat. 4 Nachdem Bruder Galdino fort war, rief Agneſe: „Alle die Oliven! Bei ſolchem Jahre!“ „WVerzeiht mir, Mutterchen,“ entgegnete Lucia;„aber wenn wir unſer Almoſen, wie die Andern, haͤtten ab⸗ meſſen wollen, ſo wuͤrde Bruder Galdino noch, Gott weiß wie lange, haben herumlaufen muͤſſen, ehe ſein Sack voll geworden; Gott weiß, wenn er wieder nach dem Kloſter zuruͤck gekommen waͤre, und wenn er nun mit den Leuten geſprochen und ihr Geplauder mit angehoͤrt haͤtte, ſo weiß Gott, ob er ſich erinnert haben wuͤrde....“ „Haſt einen guten Gedanken gehabt, und Alles in Allem iſt's doch immer eine milde Gabe, die jederzeit gute Fruͤchte traͤgt.“— Denn bei allen ihren kleinen Gebrechen war Agneſe dennoch ein gutes Weib, und wuͤrde fuͤr ihre einzige Tochter, an welcher ihr Herz mit aller Zaͤrtlichkeit hing, das Leben gelaſſen haben. In dieſem Augenblick kam Renzo; er trat mit einem Geſichte voll Zorn zugleich und Schaam in's Zimmer, und warf die Kapphaͤhne auf den Tiſch. Dieß war das letzte traurige Abentheuer, welches die armen Thiere fuͤr dieſen Tag zu erlebeu hatten. „Einen ſchoͤnen Rath habt Ihr mir da gegeben!“ ſagte er zu Agneſen.„Habt mich zu einem vortrefflichen Ehrenmann geſchickt, zu einem, der wahrlich armen Leuten hilft.“— Und nun erzaͤhlte er ſchnell ſeinen Beſuch beim Doktor. Die gute Frau, erſtaunt uͤber einen ſo traurigen Ausgang, wollte ſich eben an den Beweis machen, daß — 75— der Rath dennoch gut geweſen, Renzo aber es nicht ver⸗ ſtanden haben muͤſſe, ſeine Sache gehdrig einzurichten, als Lucia der Unterſuchung ein Ende machte, und ihre Hoff⸗ nung, eine beſſere Huͤlfe gefunden zu haben, ankuͤndigte. Renzo, wie Menſchen uͤberhaupt, die ſich im Drange des ungluͤcks befinden, griff ſehnſuchtsvoll auch nach dieſer Hoffnung.—„Wenn aber der Pater,“ ſagte er,„keine Rettung fuͤr uns ausſindig macht, werd' ich ſie auf eine oder die andere Art finden.“ Die Frauenzimmer riethen zum Frieden, zu Klugheit und Geduld.— „Morgen,“ meinte Lucia,„kommt Vater Criſtoforo ſicherlich, und ihr werdet ſehen, er geraͤth auf ein Mittel, wovon wir armes Volk auch nicht einmal eine Ahnung haben koͤnnen.“ „Ich hoffe es,“ erwiederte Renzo;„aber in jedem Fall werd' ich mir Recht verſchaffen, oder es mir ver⸗ ſchaffen laſſen. Es giebt endlich noch Gerechtigkeit in dieſer Welt.“ Unter ſo ſchmerzlichen Geſpraͤchen, unter Gehen und Kommen, wovon berichtet worden, war der Tag voruͤber⸗ gezogen, und die Abenddaͤmmerung brach herein. „Guten Abend,“ ſagte Lucia traurig zu Renzo, der ſich nicht entſchließen konnte, ſie zu verlaſſen.„Guten Abend,“ antwortete er noch trauriger. „Irgend ein Heiliger wird uns beiſtehen,“ troͤſtete ſie. „Sey vorſichtig und gieb Dich zufrieden.“— Die Mutter ging mit aͤhnlichem Rathe zur Hand, und der Braͤutigam machte ſich mit dem Sturm im Herzen auf den Weg, in⸗ dem er beſtaͤndig ſich die ſeltſamen Worte wiederholte: — 176— „Es giebt endlich noch Gerechtigkeit in dieſer Welt!”— So wahr iſt es, daß ein Menſch, von großen Schmerzen uͤbermannt, nicht mehr weiß, was er ſagen ſoll. Viertes Kapitel. Noch war die Sonne am Horizonte nicht ganz hervor⸗ getreten, als Pater Criſtoforo ſchon aus ſeinem Kloſter zu Pescarenico trat, und nach dem Haͤuschen, wo er er⸗ wartet wurde, ſeinen Weg nahm. Pescgrenico iſt ein klei⸗ nes Flurgebiet auf dem linken Ufer der Adda oder eigent⸗ lich des Sees, wenige Schritte unterhalb der Bruͤcke; ein ſpaͤrlicher Haufe von Haͤuſern, wo rings umher, da Fi⸗ ſcher ihn bewohnen, Netze zum Trocknen an Pfaͤhlen auf⸗ geſpannt hangen. Das Kloſter, deſſen Mauerwerk noch jetzt daſteht, lag außerhalb, dem Eingang des Dorfes gegenuͤber, ziemlich auf halbem Wege von Lecco nach Bergamo. Der Himmel war heiter und wolkenlos. Waͤhrend die Sonne hinter dem Berge emporſtieg, ſchien ihr Licht, von den Gipfeln der gegenuͤberliegenden Gebirge hernieder⸗ ſteigend, uͤber Abhaͤnge und Thaͤler ſich gleich einer Fluth zu ergießen; ein leichter Herbſtwind ſtreifte die welken Blaͤtter von den Zweigen des Maulbeerbaums, und wehte ſie einige Schritte von ſeinen Wurzeln zur Erde. Zur Rechten und Linken funkelten an den ſchlanken Reben die Blaͤtter, die in mannichfachem Roth ſpielten; die friſchgepfluͤgten Raine traten dunkelfarbig hervor, ſich von den weißen Stoppelfeldern unterſcheidend, welche im feuch⸗ Se — — — 77— ten Nebel ſchimmerten. Das Schauſpiel des Morgens lachte dem Wandrer in die Seele; jede menſchliche Geſtalt aber, die ſich bewegte, truͤbte den Blick und die Gedanken. Jeden Augenblick begegnete man abgezehrten Bettlern in zerlumpten Kleidern, theils grau geworden in ihrem Hand⸗ werke, theils von der Noth eben erſt dahin gebracht, die Haͤnde auszuſtrecken. Sie ſchritten ruhig an Pater Criſto⸗ foro vorbei, betrachteten ihn mit frommen Blicken, und obgleich ſie von ihm nichts zu hoffen hatten, da ein Ka⸗ puziner niemals Geld bei ſich trug, machten ſie ihm den⸗ noch fuͤr die Almoſen, die ſie bekommen hatten, oder im Kloſter ſich holen wollten, eine tiefe Verneigung der Dankbarkeit. Der Anblick der Arbeiter, welche auf den Feldern zerſtreut waren, wirkte gewiſſermaßen noch ſchmerz⸗ licher. Einige ſtreuten ſpaͤrlich und mißmuͤthig die Saat aus, als wagten ſie einen drohenden Verluſt dabei; Andere fuͤhrten den Spaten mit Anſtrengung oder kehrten die Schollen gleichſam wider Willen um. Ein bleiches kraͤnk⸗ liches Maͤdchen fuͤhrte am Stricke ihre abgemagerte kraft⸗ loſe Kuh zur Weide; es gab aufmerkſam Acht, und buͤckte ſich eilig zur Erde, um dem Thiere zur Nahrung fuͤr die Familie ein Kraut wegzuſtehlen; denn der Hunger hatte die Menſchen gelehrt, ihr Leben damit zu friſten. Dem Moͤnche, welcher ſchon mit dem traurigen Vorgefuͤhl im Herzen, er gehe, irgend ein Ungluͤck zu hoͤren, ſeines We⸗ ges ſchlich, mußten Erſcheinungen dieſer Art den Truͤb⸗ ſinn noch erhoͤhen. Warum aber zeigte er fuͤr Lucien einen ſolchen Eifer? Warum hatte er ſich bei der erſten Nachricht gleich ſo be⸗ kuͤmmert auf den Weg gemacht, als haͤtte ihn der Pater Provinzial zu ſich beſchieden? Und wer war dieſer Bruder Criſtoforo?— Wir werden allen dieſen Fragen Gnuͤge zu leiſten ſuchen muͤſſen. Pater Criſtoforo von**r war ein Mann, naͤher an Sechszig als an Funfzig. Sein geſchorenes Haupt, deſſen Mitte nur ein ſchmaler Streif von Haaren, nach der Sitte der Kapuziner, wie eine Krone, umgab, erhob ſich von Zeit iu Zeit mit einer Bewegung, in welcher ſich etwas Stolzes und Unruhiges verkuͤndigte; bald aber ſenkte es ſich wieder zu demuͤthigen Betrachtungen. Der graue lange Bart, der Wangen und Kinn bedeckte, ließ die ſprechenden Zuͤge der oberen Geſichtshaͤlfte noch lebhafter hervortreten; die⸗ ſen Zuͤgen hatte eine ſchon zur Gewohnheit gewordene Ent⸗ haltſamkeit weit mehr Wuͤrde gegeben, als Ausdruck ge⸗ nommen. Das hohle Augenpaar war meiſtens zur Erde gerichtet, blitzte aber bisweileun in ploͤtzlicher Lebhaftigkeit auf, wie etwa zwei uͤbermuͤthige Roſſe, von einem Kut⸗ ſcher gezuͤgelt, mit welchem ſie aus Erfahrung es nicht aufzunehmen wagen, dennoch hin und wieder einen wilden Sprung thun, und ihn augenblicklich mit einem blutigen Peitſchenhieb bezahlen muͤſſen. Pater Criſtoforo war nicht immer ſo geweſen, noch hatte er von jeher Criſtoforo geheißen; ſein Taufname war Ludovico. Er war der Sohn eines Kaufmannes zu**— dieſe Sternchen ruͤhren von der Bedaͤchtigkeit meines Ano⸗ nymus her— der gegen das Ende ſeines Lebens, da er ſich ziemlich wohlhabend fuͤhlte, und nur dieſen einzigen Sohn beſaß, ſeinen Geſchaͤften entſagt und als vornehmer Herr zu leben angefangen hatte. Waͤhrend dieſer Muße gerieth er allmaͤhlig auf den Gedanken, ſich der Zeit, welche er bis dahin — 79— auf weltliche Geſchaͤfte verwendet hatte, gar ſehr zu ſchaͤ⸗ men. Von dieſer Grille beherrſcht, bemuͤhte er ſich auf alle Weiſe, ſeinen ehemaligen Kaufmannsſtand in Vergeſſenheit zu bringen, ja er ſelbſt haͤtte ihn gern vergeſſen moͤgen. Aber Kaufladen, Ballen, Handlungsbuͤcher und Elle kehr⸗ ten ihm beſtaͤndig, wie der Geiſt des Banquo dem Macbeth, ſelbſt waͤhrend der Feſtlichkeit der Tafel und beim Laͤcheln der Schmarotzer, in der Erinnerung zuruͤck; und ſo laͤßt ſich die aͤngſtliche Vorſicht dieſer armen Menſchen, um jedes Wort, welches vielleicht als eine Anſpielung auf den einſtigen Stand des Wirthes gelten konnte, zu vermeiden, kaum ſchildern. Eines Tages, um nur ein Beiſpiel zu erzaͤhlen, befand man ſich gegen das Ende des Schmauſes in der lebhafteſten und heiterſten Froͤhlichkeit; es war ſchwer zu ſagen, ob der Schwarm, indem er den Tiſch abweidete, oder der Haus⸗ herr, der ihn ſo reichlich beſetzt hatte, ſich herzlicher dran ergoͤtzte. Da ſtichelte dieſer mit freundſchaftlicher Supe⸗ riotaͤt einen der Tiſchgenoſſen, den wackerſten Eſſer auf Erden. Der Geneckte wollte den Scherz erwiedern, und ohne den leiſeſten Schatten von Bosheit, ganz in der ſchuldloſen Unbefangenheit eines Kindes, antwortete er: Ei nun, ich mache Kaufmannsohren*). Augenblicklich aber ſtand er ſelbſt vom Tone des Wortes, das ihm aus dem Munde gekommen, betroffen da; mit unſichrem Blicke ſah er dem Hausherrn in das ploͤtzlich bewoͤlkte Geſicht, und *) Im Original: faccio orecrhie da Mercante, deſſen ſprichwört⸗ liche Bedeutung: Ich thu, als hört' ich es nicht;— ein Wortſpiel, auf welches ein Ueberſetzer, wie auf ſo manches Andre, Verzicht leiſten muß; zum Glück iſt's ihm verſtattet, in einer Anmerkung Machäi. hinken. D. 8. — 80— Beide ſtrengten ſich vergebens an, ihre vorige Miene wieder herbeizurufen. Indeſſen dachten die uͤbrigen Gaͤſte jeder im Stillen daran, wie ſich das kleine Aergerniß beſchwichtigen und etwas Andres auf's Tapet bringen ließe; waͤhrend ſie aber druͤber nachdachten, ſchwiegen ſie, und dieſes Schwei⸗ gen war das auffallendſte Zeugniß des Aergerniſſes. Einer vermied die Blicke des Andern; Jeder fuͤhlte, daß Alle mit dem Gedanken beſchaͤftigt waren, den Alle verheimlichen wollten. Die Freude war fuͤr den Tag dahin; der arme Unvorſichtige, oder, um gerechter zu ſeyn, der arme Un⸗ gluͤckliche erhielt keine Einladung mehr. So verlebte Ludovico's Vater ſeine letzten Jahre in fortwaͤhrender Angſt, und fuͤrchtete beſtaͤndig, verſpottet zu werden; er bedachte nicht, daß Verkaufen nicht laͤcherlicher als Kaufen, daß das Gewerbe, deſſen er ſich damals ſchaͤmte, ihn ſo viele Jahre hindurch, vor den Augen der Welt, ohne Gewiſſensbiſſe beſchaͤftigt hatte. Seinen Sohn ließ er, nach der Sitte der Zeiten, ſo viel Geſetze und Herkom⸗ men ihm geſtatteten, anſtaͤndig erziehen; er hielt ihm Leh⸗ rer in den Wiſſenſchaften und ritterlichen Uebungen, und hin⸗ terließ ihn, da er ſtarb, als einen reichen jungen Mann. Ludovico hatte ſich ein vornehmes Benehmen angeeignet, und die Schmeichler, unter denen er aufgewachſen, hatten ihn daran gewoͤhnt, ſich mit aufmerkſamer Achtung behan⸗ deln zu laſſen. So oft er ſich aber zu den Edelleuten der Stadt geſellen wollte, fand er die Umſtaͤnde gar ſehr ver⸗ aͤndert; um, wie er es wuͤnſchte, in ihrer Geſellſchaft zu leben, war's noͤthig, ſah er, eine neue Schule von Geduld und Unterwuͤrſigkeit durchzumachen, ſich beſtaͤndig im Hin⸗ tergrunde zu halten, und jeden Augenblick ſich etwas ge⸗ —,— — 8981— fallen zu laſſen. Solche Lebensweiſe ſtimmte ſo wenig mit ſeiner Erziehung als mit ſeinem Charakter. Erbittert ent⸗ fernte er ſich von ihnen. Aber nur ungern hielt er ſich zuruͤckgezogen; es ſchien ihm, daß dieſe Herren von Rechts⸗ wegen eigentlich ſeine Gefaͤhrten ſeyn muͤßten, nur haͤtte er ſie umgaͤnglicher gewuͤnſcht. Indem er alſo, zwiſchen Neigung und Haß ſchwankend, nicht vertraulich mit ihnen verkehren konnte, und doch auf irgend eine Weiſe mit ih⸗ nen zu ſchaffen haben wollte, fing er an, in Aufwand und Pracht mit ihnen zu wetteifern, und kaufte ſich ſo fuͤr ſein baares Geld Feindſchaft, Neid und Spott. Seine tugend⸗ hafte, aber heftige Denkungsart verwickelte ihn mit der Zeit in einen weit ernſteren Wettkampf. Er empfand ge⸗ gen Bedruͤckungen und Unrecht einen angeborenen und aufrichtigen Abſcheu; dieſer Abſcheu ſteigerte ſich bei Er⸗ waͤgung der Perſonen, welche ſich taͤglich dergleichen zu Schulden kommen ließen; denn es waren gerade dieſelben, die er haßte. Um alle dieſe Leidenſchaften mit Einem Streich zu beſchwichtigen oder zu unterhalten, nahm er gern fuͤr einen huͤlfloſen Unterdruͤckten Parthei, verpflich⸗ tete ſich, einen Betruͤger zur Rechenſchaft zu zwingen, ließ ſich in einen Zwiſt ein, und zog ſich auch einen anderen ſchon auf den Hals; allmaͤhlig ſtand er als ein Beſchuͤtzer der Unterdruͤckten, als ein Naͤcher des Unrechts da. Das Amt hatte ſeine Schwierigkeiten; daß es dem guten Ludo⸗ vico an Feinden, an Begegniſſen und Bedenklichkeiten nicht fehlte, bedarf keiner Erwaͤhnung. Außer dieſem Kampfe nach außen, ſah er ſich zugleich unaufhoͤrlich auch von in⸗ neren Widerſpruͤchen geplagt; denn um eine Verbindlich⸗ keit durchzuſetzen— ohne von denjenigen zu ſprechen, mit I. 6 4 — 82— welchen er nicht zu Stande kam— mußte er ſich zu viel⸗ fachen Umtrieben und gewaltſamen Schritten bequemen, die hernach ſeine Gewiſſenhaftigkeit nicht billigen konnte. Er mußte ſich eine ziemliche Anzahl Raufer halten, mußte ſowohl um ſeiner Sicherheit als eines kraͤftigeren Beiſtan⸗ des willen die waghaͤlſigſten, alſo die ſchurkenhafteſten waͤh⸗ len, und aus Liebe zur Gerechtigkeit mit Schelmen leben. Entmuthigt nach einem traurigen Erfolge, oder durch eine drohende Gefahr beunruhigt, uͤberdruͤſſig, beſtaͤndig auf ſei⸗ ner Huth ſeyn zu muͤſſen, und beſorgt uͤber eine duͤrftige Zukunft, da ſeine Mittel durch gute Werke und ritterliche Handlungen von Tag zu Tage ſich immer mehr zerſplitter⸗ ten, hatte er mehr als einmal ſchon den Gedauken gehabt, Moͤnch zu werdeu, damals der gewoͤhnliche Weg, um ſich aus verwickelten Umſtaͤnden hinaus zu retten. Was aber wahrſcheinlich ſein ganzes Leben hindurch nur eine Grille geblieben waͤre, wurde durch ein Ereigniß, das ernſthafteſte und ſchrecklichſte, das ihm noch je begegnet, ein Entſchluß. Er ging eines Tages durch eine Straße der Stadt, von einem alten Ladendiener begleitet, den ſein Vater in einen Haushofmeiſter verwandelt hatte. Zwei Bravi folg⸗ ten. Der Haushofmeiſter, welcher Criſtoforo hieß, ein Menſch von etwa funfzig Jahren, war von Jugend auf dem Herrn, den er auf die Welt kommen geſehen, durch deſſen Mittel und Freigebigkeit er ſelbſt lebte, und eine Frau mit acht Kindern beim Leben erhielt, von ganzem Heerzen ergeben. Ludovico ſah von weitem ſo einen Herrn herkommen, einen anerkannt frechen Leuteplager; er hatte niemals mit ihm geſprochen, war ihm aber von ganzer Seele feind, und hielt ihm gern das Gegengewicht; denn ——Q—Q—᷑—᷑—̃—ñjpͦ/— — 83³— es gehoͤrt zu den Vortheilen dieſer Welt, haſſen und gehaßt zu werden, ohne daß man einander kennt. Jener hatte vier Bravi hinter ſich, kam mit ſtolzem Schritte gerade daher, trug den Kopf hoch, und ließ um den Mund Uebermuth und Verachtung ſpielen. Beide ſtreiften dieſelbe Mauer, doch Ludovico, wohl gemerkt, mit der rechten Schulter, und dieß gab ihm, dem Gebrauch gemaͤß, das Recht— wohin treibt man doch das Recht!— ſich von der Mauer nicht entfernen zu duͤrfen, um den Andern, wer er auch ſey, vor⸗ bei zu laſſen. Das war damals eine Sache von großer Wichtigkeit. Der Andere behauptete dagegen, dieſes Recht komme ihm, als einem Edelmanne, zu, und Ludovico muͤſſe weichen. Dieß ſollte ein andrer Gebrauch rechtfertigen. Denn hierin, wie in vielen andern Dingen, galten zwei entgegengeſetzte Herkoͤmmlichkeiten, ohne daß es entſchieden geweſen waͤre, welche von beiden die gute; ſo oft ſich alſo ein Paar eigenſinnige Hartkoͤpfe trafen, gab es Gelegenheit zum Kriege. Die beiden jungen Maͤnner gingen einander entgegen, beide ſich dicht an die Mauer haltend, wie ein paar wandelnde Geſtalten von erhobener Arbeit. Nachdem ſie darauf Stirn gegen Stirn einander gegenuͤber ſtanden, maß der hochmuͤthige Edelmann ſeinen Gegner mit gebie⸗ teriſchem Blicke, und ſprach in einem Tone, der zum Blicke ſtimmte:„Geht aus dem Wege hier!“ „Geht Ihr aus dem Wege,“ entgegnete Ludovico.„Der Weg iſt mein.“ „Mit Euresgleichen gehoͤrt der Weg jedesmal mir.“ „O ja, wenn die Keckheit von Euresgleichen auch im⸗ mer ein Geſetz fuͤr Meinesgleichen waͤre.“ 1 9 Das Gefolge war von beiden Seiten, jedes hinter ſei⸗ nem Oberhaupte, ſtehen geblieben, und ſah, die Haͤnde am Dolch, zum Kampfe bereit, wie grimmige Hunde einander an. Was gerade durch die Straße ging, zog ſich zuruͤck, und ſtand in einiger Entfernung ſtill, um den Handel mit anzuſehen. Aber eben die Gegenwart dieſer Zuſchauer reizte den Ehrgeiz der beiden Kaͤmpfer nur um ſo mehr. „Fort mit Dir, niedriger Handwerker, oder ich werde Dich einmal die Hoͤflichkeit lehren, die Du einem Edel⸗ manne ſchuldig biſt.“ Ihr luͤgt, ich bin kein niedriger Menſch.“ „Du luͤgſt, wenn Du mir eine Luͤge vorwirfſt— und das war allerdings eine pragmatiſche Antwort.— Wenn Du ein Edelmann waͤrſt, wie ich,“ fuhr er fort, „ſo wuͤrd' ich Dir mit Schwerdt und Mantel zeigen, daß Du der Luͤgner.“ „Ein ſchoͤner Vorwand, wo Ihr die Unverſchaͤmtheit Eurer Worte nicht gerne durch die That behaupten moͤgt.“ „Werft den Schurken in den Koth!“ rief Jener, ſich nach den Seinigen zuruͤck wendend. „Wir wollen ſehen!“ ſagte Ludovico, trat ploͤtzlich ei⸗ nen Schritt zuruͤck, und legte die Hand an's Schwerdt. „Verwegener!“ ſchrie der Edelmann, indem auch er das Schwerdt zog,“ ich werde den Stahl hier zerſchmettern, ſobald er mit Deinem gemeinen Blute befleckt ſeyn wird.“ So ging Einer auf den Andern los. Die Diener ſtuͤrzten von beiden Seiten zur Vertheidigung ihrer Herren herbei. Das Treffen war durch die Zahl der Streitenden ungleich; auch ſuchte Ludovico mehr die Hiebe zu vermei⸗ den und den Feind zu entwaffnen, als ihn zu toͤdten, waͤh⸗ rend dieſer auf alle Weiſe ſeinen Tod wollte. Ludovico hatte mit dem linken Arme ſchon den Dolchſtoß eines Bravo aufgefangen, und eine leichte Streifwunde auf der Wange erhalten; der Hauptfeind ſtuͤrzte ſich auf ihn, um ihm den Reſt zu geben, als Criſtoforo, ſeinen Herrn in der aͤußerſten Gefahr ſehend, mit dem Dolch auf den Edel⸗ mann los ging. Dieſer wandte ſeine ganze Wuth nun gegen ihn, und durchrannte ihn mit dem Schwerdte. Bei dieſem Anblick ſtieß Ludovico, wie außer ſich, das ſeinige dem Edelmann in den Leib; er fiel ſterbend, in demſelben Augenblick mit dem armen Criſtoforo, zu Boden. Das Mordgeſindel des Edelmannes ergriff, da es ſeinen Herrn hingeſtreckt am Boden liegen ſah, uͤbel zugerichtet die Flucht, Ludovico's Leute machten ſich, geaͤngſtigt und ver⸗ unſtaltet, wie ſie waren, auf der andern Seite davon; denn Gegner waren nicht mehr vorhanden, und mit dem herbei⸗ ſtroͤmenden Volke zuſammen zu gerathen, mißlich. So ſah ſich Ludovico, die beiden traurigen Todesgenoſſen zu ſeinen Fuͤßen, mitten im Haufen allein. „Wie iſt's abgelaufen?— S iſt Einer.— Zwei ſind's. — Wer hat dem den Bauch durchgerannt?— Wer iſt um⸗ gebracht worden?— Der uͤbermuͤthige Bube da— hei⸗ lige Maria, was fuͤr Mord und Todtſchlag!— Wer ſucht, findet.— Ein Augenblick hat ihm Alles bezahlt.— Auch mit dem iſt's zu Ende— Was fuͤren Hieb!— Das wird eine ernſte Geſchichte— Und der andre Ungluͤckliche!— Himmliſche Barmherzigkeit, was fuͤr ein Anblick!— Ret⸗ teet ihn, rettet ihn!— Der iſt auch gut dran!— Seht nur, wie er ausſieht! ganz blutig.— Macht Euch davon, armer Menſch, macht Euch davon! Laßt Euch nicht grei⸗ fen!“ 3. — 86— Dieſe Worte, welche vor allen uͤbrigen ſich im ver⸗ wirrten Laͤrmen des Gedraͤnges hoͤren ließen, druͤckten den allgemeinen Wunſch aus; mit dem Rath kam auch die Huͤlfe. Das Ereigniß hatte ſich in der Naͤhe einer Kapu⸗ zinerkirche zugetragen; ſolch ein Gotteshaus war damals, wie Jedem bekannt, ein Zufluchtsort, unzugaͤnglich fuͤr die Haͤſcher und fuͤr Alles, was zur oͤffentlichen Gerechtigkeit gehoͤrte. Hierhin wurde der verwundete Moͤrder, faſt ſinn⸗ los, von der Menge gefuͤhrt oder getragen; die Moͤnche empfingen ihn aus den Haͤnden des Volkes, welches ihn empfahl.„Es iſt ein rechtlicher Menſch, der einen hoch⸗ muͤthigen Schurken kalt gemacht hat,“ hieß es;„er hat's zu ſeiner Vertheidigung gethan, bei den Haaren iſt er her⸗ angezogen worden.“ Ludovico hatte bis jene Stunde niemals Blut vergoſ⸗ ſen, und obgleich der Mord damals etwas ſo Alltaͤgliches, daß jedes Ohr, davon erzaͤhlen zu hoͤren, jedes Auge, der⸗ gleichen zu ſehen gewohnt war, ſo machte dennoch der An⸗ blick des Menſchen, der fuͤr ihn, und des andern, der durch ihn geſtorben, einen neuen und unbeſchreiblichen Eindruck auf ihn; unbekannte Gefuͤhle rangen ſich in ſeinem Buſen los. Das Hinſtuͤrzen ſeines Feindes, der jaͤhe Uebergang von der Drohung und der Wuth zur Bewegungsloſigkeit und feierlichen Ruhe des Todes, waren Erſcheinungen, welche mit einem Streich das Gemuͤth des Moͤrders ver⸗ wandelten. Nach dem Kloſter geſchleppt, wußte er kaum, wo er war, noch was mit ihm vorging; als er zu ſich ſelbſt gekommen, fand er ſich in einem Bette des Krankenzim⸗ mers, unter den Haͤnden des Bruder Wundarztes— die Kapuziner hatten gewoͤhnlich einen in jedem Kloſter— welcher die beiden Wunden, die er bei der Begegnung em⸗ pfangen hatte, mit gezupften Faͤden und Leinwandſtreifen verband. Ein Moͤnch, der vorzuͤglich den Sterbenden bei⸗ zuſtehen pflegte, und dieſes Amt oft auf der Straße ver⸗ waltet hatte, war augenblicklich nach der Kampfſtaͤtte ge⸗ rufen worden; wenige Minuten nachher zuruͤckgekehrt, trat er in die Krankenſtube, ſtellte ſich an's Bette, wo Ludovico lag, und ſagte:„Troͤſtet Euch, er iſt wenigſtens ordent⸗ lich geſtorben, und hat mir aufgetragen, Euch ſeine Ver⸗ zeihung zu bringen und um die Eurige Euch zu bitten.“ — Dies Wort rief den armen Ludovico vollſtaͤndig zu ſich; lebhafter und deutlicher erweckte es die Empfindungen, die in ſeinem Gemuͤthe verwirrt und zuſammengehaͤuft lagen: den Schmerz uͤber den Freund, Verzagtheit und Gewiſ⸗ ſensbiſſe uͤber den Streich, den ſeine Hand gefuͤhrt, und zugleich ein beklemmendes Mitleiden mit dem Manne, welchen er getoͤdtet hatte.— zund der Andre?“ fragte er aͤngſtlich. „Der Andre war ſchon todt, als ich kam,“ antwor⸗ tete der Moͤnch. Waͤhrend deſſen wimmelten die Zug gaͤnge und die Um⸗ gebungen des Kloſters von neugierigem Volke; die ange⸗ kommene Haͤſcherſchaar aber ſuchte das Gedraͤnge zu zer⸗ ſtreuen, und ſtellte ſich in einiger Entfernung von der Pforte in Hinterhalt, daß Keiner unbeobachtet heraus ge⸗ hen konnte. Ein Bruder des Todten, zwei ſeiner Vettern und ein alter Oheim kamen mit einer großen Begleitung von Bravi, vollſtaͤndig bewaffnet, an; ſie machten die Runde um das Kloſter, und ſahen mit drohender Verach⸗ tung auf die einfaͤltigen Gaffer herab, die nicht zu ſagen — 88— ſich unterſtanden:„Es iſt ihm recht geſchehen,“ wiewohl es auf ihren Geſichtern zu leſen war. Kaum war Ludovico wieder im Stande, ſeine Ge⸗ danken zu ſammeln, ſo ließ er einen Bruder Beichtvater kommen, und bat ihn, ſich nach der Wittwe des Criſto⸗ foro zu erkundigen; er moͤchte ſie in ſeinem Namen um Verzeihung bitten, daß er, wenn auch wider Willen, die Urſache dieſes Jammers geworden, zugleich aber auch ihr die Verſicherung geben, daß er die Sorge fuͤr die Familie gaͤnzlich auf ſich naͤhme. Indem er darauf ſeine eigenen Umſtaͤnde uͤberlegte, fuͤhlte er den Gedanken, Moͤnch zu werden, der ihm wohl ſonſt ſchon durch den Kopf geflogen, lebhafter und ernſter wieder aufkeimen; es daͤuchte ihm, als haͤtte ihn Gott ſelbſt auf den Weg gebracht, und ihm durch dieſen Eintritt in das Kloſter unter ſolchen um⸗ ſtaͤnden ein Zeichen ſeines Willens gegeben. So ward der Entſchluß gefaßt. Er ließ den Guardian zu ſich kommen, und theilte ihm ſeinen Plan mit. Die Antwort war, man muͤſſe ſich vor uͤberraſchen Entſchluͤſſen in Acht nehmen; wenn er indeſſen dabei beharrte, ſo wuͤrde man's ihm nicht abſchlagen. Darauf ließ Ludovico einen Notar holen, und ſchenkte gerichtlich Alles, was ihm geblieben,— noch immer ein ſtattliches Erbtheil— der Familie des Criſto⸗ foro; eine Summe der Wittwe, als wuͤrde ihr ein eheli⸗ ches Gegenvermaͤchtniß feſtgeſetzt, und das Uebrige den Kindern. Den Bruͤdern des Kloſters, welche ſeinetwegen ſich in ziemlicher Verlegenheit befanden, kam ſein Entſchluß ſehr zu ſtatten. Ihn aus dem Kloſter zuruͤckſchicken, ihn alſo der Gerechtigkeit, das heißt, der Rache ſeiner Feinde preis⸗ —— —yyy— — 89— geben, daran durfte nicht einmal gedacht werden; es hieß den eigenen Vorrechten entſagen, das Kloſter bei allem Volk um ſein Anſehen bringen, die Ruͤge aller Kapuziner auf Erden ſich zuziehen, weil man das Recht aller verletzt, und ſich auflehnen gegen alle geiſtliche Gewalten, welche ſich damals als Schuͤtzerinnen dieſes Rechtes betrachteten. Auf der andern Seite hatte die Familie des Getoͤdteten, maͤchtig wie ſie war und durch Anhang verſtaͤrkt, ſich Rache zu fordern bereitet, und Jeden, welcher hierin ihr Hinderniſſe in den Weg legen wuͤrde, als ihren Feind er⸗ klaͤrt. Die Geſchichte ſagt nicht, ob es ihr eigentlich um den Getoͤdteten ſehr leid that, noch ob in der ganzen Ver⸗ wandſchaft eine Thraͤne um ihn vergoſſen worden; ſie er⸗ zaͤhlt bloß, daß Alle vor Begierde brannten, den Moͤrder lebend oder todt in Haͤnden zu haben. Indem dieſer nun das Kapuzinerkleid anlegte, gleichte er Alles wieder aus; er bethaͤtigte gewiſſermaßen eine Buße, legte ſich eine Strafe auf, bekannte ſich, ohne es ausdruͤcklich zu ſagen, fuͤr den Schuldigen, und zog ſich von jedem ferneren Wettkampf zuruͤck; mit einem Worte, er ward ein Feind, welcher die Waffen niedergelegt hat. Auch konnten dann die Ver⸗ wandten des Todten glauben und nach Gefallen damit offentlich prahlen, er ſey aus Verzweiflung, aus Schrecken vor ihrem Grimme Moͤnch geworden. Einen Menſchen aber dahin bringen, daß er ſich ſeines Eigenthums begiebt, den Kopf ſich ſcheren laͤßt, barfuß umhergeht, auf Stroh ſchlaͤft und von Almoſen lebt, konnte auch den ungeſtuͤm⸗ ſten Beleidigten als eine vollguͤltige Strafe befriedigen. Der Pater Guardian erſchien vor dem Bruder des Todten mit ungckuͤnſtelter Demuth, und betheuerte tauſend Mal die Achtung, die er gegen das erlauchte Haus hegte, wie den Wunſch, demſelben in allen moͤglichen Stuͤcken ge⸗ faͤllig zu ſeyn; dann ſprach er von Ludovico's Reue und ſeinem Entſchluſſe, ließ hoͤflich merken, daß das Haus damit zufrieden ſeyn koͤnne, und erklaͤrte endlich mit noch artigerer Schlauheit, daß es nun einmal nicht anders ge⸗ ſchehen koͤnne, es moͤge ihren Beifall haben oder nicht. Der Bruder brach in tobenden Zorn los, welchen der Ka⸗ puziner verdampfen ließ, indem er von Zeit zu Zeit be⸗ merkte, der Schmerz ſey nur allzugerecht. Jener erklaͤrte, ſeine Familie wuͤrde in jedem Falle ſich eine Genugthuung zu verſchaffen gewußt haben, wozu der Kapuziner, was man auch davon denken mochte, nicht Nein ſagte. End⸗ lich ward veriangt und als eine Bedingung aufgeſtellt, der Moͤrder muͤßte wenigſtens auf der Stelle die Stadt verlaſſen. Der Kapuziner, bei welchem das bereits feſt ſtand, verſprach, es ſolle geſchehen, und ließ den Andern, nach Belieben, einen Schritt des Gehorſams darin erken⸗ nen. So ward Alles verabredet. Alles war zufrieden; die Familie, daß ſie einer Verbindlichkeit ledig geworden; die Moͤnche, daß ſie ohne Jemanden ſich zum Feinde gemacht zu haben, einen Menſchen und ihre Vorrechte gerettet; die ritterlich Geſinnten, daß ſie einen Handel auf loͤbliche Weiſe geendet ſahen; das Volk, weil es einen wohlgelitte⸗ nen Menſchen aus ſeiner Bedraͤngniß gerettet fand, und zugleich eine Bekehrung zu bewundern erhielt; mehr als Alle endlich, mitten in ſeinem Schmerze, unſer Ludovico, indem er ein Leben der Suͤhnung und der heiligen Dienſt⸗ barkeit begann, welches die geſchehene Miſſethat, wenn auch nicht wieder gutmachen, doch bezahlen konnte, und — den unertraͤglichen Schmerz der Gewiſſensbiſſe minderte. Einen Augenblick betruͤbte ihn der Verdacht, daß ſein Entſchluß der Furcht zugeſchrieben wuͤrde; bald aber troͤ⸗ ſtete er ſich mit dem Gedanken, daß dieſes ungerechte Ur⸗ theil ihm gleichfalls zur Kaſteiung, zum Suͤhnmittel die⸗ nen koͤnnte. So huͤllte er ſich zu dreißig Jahren in das Bußkleid, und da er nach dem Gebrauch ſeinem Namen entſagen und einen andern annehmen mußte, waͤhlte er denjenigen, welcher ihn an die That, die er abzubuͤßen hatte, beſtaͤndig erinnern ſollte, und nannte ſich Bruder Criſtoforo. Nachdem die Ceremonie der Einkleidung voruͤber, kuͤn⸗ digte ihm der Guardian an, er werde ſein Noviziat in ***, ſechszig Miglien weit, machen, und muͤſſe am naͤch⸗ ſten Tage abreiſen. Der neue Moͤnch verneigte ſich tief⸗ und bat um eine Gunſt.—„Erlaubt mir, Pater,“ ſagte er,„bevor ich von dieſer Stadt abreiſe, wo ich das Blut eines Menſchen vergoſſen, wo ich eine entſetzlich beleidigte Familie zuruͤcklaſſe, ihre Schmach wenigſtens zu mildern; ich moͤchte zeigen, wie ſchmerzlich es mir zu Herzen geht, den Schaden nicht wieder gutmachen zu koͤnnen; ich moͤchte den Bruder des Getoͤdteten um Verzeihung bitten, und ihm, ſo Gott will, den Groll aus der Seele nehmen.“— Dieſer Schritt hatte nicht bloß, als eine an ſich gute Handlung, den Beifall des Guardians: durch ihn ließ ſich auch die Familie noch inniger mit dem Kloſter verſoͤh⸗ nen. Und ſo begab ſich der Guardian geradesweges zu jenem Bruder, und trug ihm die Bitte des Bruder Criſtoforo vor. Bei einem ſo unerwarteten Vorſchlag empfand der Mann, mit der Verwunderung, augenblicklich auch ein Wieder⸗ —-———————— — — 92— emporſteigen des Zornes, den jedoch gefaͤlliges Wohlwollen bald entwaffnete. Nachdem er einen Augenblick nachge⸗ ſonnen, ſagte er, er moͤge morgen kommen, und beſtimmte die Stunde. Der Guardian kehrte zuruͤck, und brachte dem neuen Moͤnche die gewuͤnſchte Erlaubniß. Je feierlicher und laͤrmender dieſe Unterwerfung ge⸗ ſchaͤhe, deſto bedeutender, beſann ſich der Edelmann, wuͤrde ſein Anſehen bei der ganzen Verwandtſchaft und beim Volke ſteigen; es wuͤrde, um es mit einer Redensart heu⸗ tiger Zierlichkeit auszudruͤcken, ein glaͤnzendes Blatt in der Familiengeſchichte werden. Eiligſt flog die Nachricht zu allen Verwandten: ſie moͤchten morgen, gegen Mittag, die Gefaͤlligkeit haben, ſich bei ihm einzufinden, woſelbſt ſie eine gemeinſchaftliche Genugthuung erhalten wuͤrden. Mittags drauf wimmelte der Pallaſt von Herrſchaften jedes Alters und Geſchlechtes; da war ein Umhertreiben, ein Durcheinanderfahren von großen Maͤnteln, von hohen Federn und niederhangenden Durlindanen 9), ein ſchwe⸗ bendes Fortbewegen von geſtaͤrkten und gefalteten Halskrau⸗ ſen, ein verworrenes Schleifen von langen buntſaͤumigen Tuchroͤcken; Vorzimmer, Hof und Straße fuͤllten ſich mit Dienern und Edelknaben, mit Bravi und Neugierigen. Bruder Criſtoforo ſah dieſe Zuruͤſtung; er errieth ihren Beweggrund, und empfand eine leichte Aufwallung; eine Sekunde drauf aber ſprach er zu ſich ſelbſt: Es iſt recht ſo; ich habe ihn oͤffentlich ums Leben gebracht, in Gegenwart ſo vieler ſeiner Feinde; jenes war das Aergerniß, dies die Wiedergutmachung.— So ging er, den Blick zur Erde *) Die Bezeichnung eines Ritterſchwerdtes bei'm Arioſt. D. L. 4 — 3— geſenkt und einen begleitenden Bruder zur Seite, durch die Thuͤr des Hauſes, ſchritt uͤber den Vorhof durch einen Haufen, der ihn nicht eben mit beſcheidener Neugier maß⸗ und ſtieg die Treppe hinauf durch einen zweiten vornehmen Haufen, welcher bei ſeinem Durchgange zu beiden Seiten ſich reihte. Endlich gelangte er, von hundert Augen ver⸗ folgt, in die Naͤhe des Hausherrn, welcher, von den naͤch⸗ ſten Verwandten umgeben, mitten im Saale ſtand; ob⸗ gleich ſein Blick erdwaͤrts geneigt war, hielt er das Kinn dennoch emporgehoben, umfaßte mit der Linken das Heft des Schwerdtes, und ruͤckte mit der Rechten den Halskra⸗ gen des Mantels auf die Bruſt. Es liegt bisweilen in der Miene und der Geberde eines Menſchen ein ſo unmittelbarer Ausdruck, ein ſolcher Erguß ſeines inneren Gemüͤthzuſtandes, moͤchte man ſagen, daß ſelbſt bei einer Menge von Zuſchauern das Urtheil uͤber ſeine Geſinnung gleichlautend ausfallen wird. Die Miene und die Geberden des Bruder Criſtoforo verkuͤn⸗ deten allen Anweſenden, daß er nicht aus menſchlicher Furcht ein Moͤnch geworden, noch aus menſchlicher Furcht zu dieſer Erniedrigung ſich einſtellte, und dies verſoͤhnte ihm bald alle Herzen. Als er den Beleidigten erblickte, beſchleunigte er ſeinen Schritt, beugte das Knie, kreuzte die Haͤnde auf der Bruſt, und ſenkte ſein geſchorenes Haupt mit den Worten:„Ich bin der Moͤrder Ihres Bru⸗ ders. Gott weiß, ob ich ihn auf Koſten meines eigenen Blutes Ihnen wiedergeben moͤchte; da mir aber nichts als wirkungsloſe und ſpaͤte Entſchuldigungen bleiben, ſo bitte ich Sie bei'm ewigen Richter, ſie anzunehmen.“— Alles umher war Ohr, Aller Augen unbeweglich auf den neuen — 914— Moͤnch und auf den Herren gerichtet, zu welchem er ſprach. Als Bruder Criſtoforo ſchwieg, verkuͤndigten ſich durch den ganzen Saal leiſe Worte des Mitleids und der Ach⸗ tung. Der Edelmann, der in gezwungener Herablaſſung und unterdruͤcktem Zorne daſtand, ward durch dieſe Worte bewegt; er neigte ſich gegen den Knieenden, und ſagte mit leidenſchaftlichem Tone:„Stehet auf! Freilich die That... die Beleidigung... aber das Gewand, das Ihr traget... nicht das nur, ſondern auch um Euch.... Steht auf, Pater! Mein Bruder, ich kann es nicht leugnen, er war ein Edelmann, ein Mann.. ein wenig ungeſtuͤm, ein wenig lebhaft. Es geſchah aber Alles nach Gottes Ver⸗ haͤngniß. Kein Wort weiter. Aber nicht laͤnger in dieſer Stellung, Pater!“— Er nahm ihn beim Arm, und hob ihn auf. Aufrecht ſtehend, aber mit geſenktem Haupte, fragte Bruder Criſtoforo:„Ich darf alſo hoffen, daß Sie mir Ihre Verzeihung bewilligt? Und hab' ich ſie von Ihnen erhalten, von wem duͤrft' ich ſie nicht hoffen? O+ koͤnnt' ich aus Ihrem Munde das Wort Verzeihung hoͤren!“ „Verzeihung?“ fragte der Edelmann.„Sie beduͤrfen ihrer nicht mehr. Doch da Sie es wuͤnſchen, gewiß, ge⸗ wiß, ich verzeihe Ihnen von Herzen, und Alle...“ Alle, alle!“ riefen mit Einer Stimme die Umher⸗ ſtehenden. Das Geſicht des Moͤnchs erſchloß ſich einer dankbaren Freude; doch blickte noch immer ein demuͤthiges zerknirſchendes Martergefuͤhl der Miſſethat hindurch, welche keine menſchliche Verzeihung wieder gut machen konnte. Von dieſem Anblick uͤberwaͤltigt und fortgeriſſen von der allgemeinen Nuͤhrung, ſchlang der Edelmann ſeine Arme — — 95— dem Bruder Criſtoforo um den Hals, und gab und em⸗ pfing den Friedenskuß.—„Schoͤn! Vortrefflich!“ hallte es von allen Seiten des Saales her; Alles gerieth in Be⸗ wegung, und draͤngte ſich um den Moͤnch. Waͤhrend deſ⸗ ſen kamen Diener mit Erfriſchungen herbei. Der Edel⸗ mann trat zu unſerem Criſtoforo, der eben Miene machte, ſich beurlauben zu wollen, und ſagte:„Nehmen Sie eine Kleinigkeit an; geben Sie mir dieſen Beweis Ihrer Freund⸗ ſchaft.“— Mit dieſen Worten bot er ihm fruͤher als allen Andern etwas an. 2 Bruder Criſtoforo trat mit einer Art von freund⸗ ſchaftlichem Widerſtreben zuruͤck.—„Dergleichen iſt nicht mehr fuͤr mich,“ ſagte er;„aber verhuͤthe der Himmel, daß ich Ihre Geſchenke verſchmaͤhe. Geruhen Sie, mir ein Brod bringen zu laſſen, auf daß ich ſagen kann, ich habe mich Ihrer Liebe erfreut, Ihr Brod gegeſſen, und ein Zeichen Ihrer Verzeihung in Haͤnden gehabt.“ Der geruͤhrte Edelmann befahl, daß alſo geſchehe. Augenblicklich erſchien der Haushofmeiſter in vollem Pracht⸗ ſtaat, brachte in einem ſilbernen Becken ein Brod, und reichte es dem Moͤnche hin. Dieſer nahm es, dankte, und that es in ſeinen Korb. Darauf bat er um Entlaſ⸗ ſung, umarmte noch einmal den Hausherrn und alle Die⸗ jenigen, die, ihm naͤher ſtehend, ſich ſeiner einen Augen⸗ blick bemaͤchtigen konnten, und entriß ſich ihnen mit Muͤhe. Selbſt im Vorzimmer ward es ihm ſchwer, ſich von den Dienern und ſogar von den Bravi, welche ihm den Saum des Kleides, Strick und Kaputze kuͤßten, los⸗ zuwinden; er ſah ſich auf der Straße wie im Triumph — 96— getragen, ward von einem zahlreichen Volkshaufen bis zum Thore der Stadt, durch welches er gehen mußte, be⸗ gleitet, und trat dann zu Fuß den Weg zum Orte ſeines erſten Kloſterdienſtes an. Der Bruder des Gemordeten und die ganze Verwand⸗ ſchaft hatten an dieſem Tage die traurige Freude des Stol⸗ zes zu genießen gemeint; ſtatt deſſen ſahen ſie ſich von der heitren Freude der Verzeihung und des Wohlwollens erfuͤllt. Die Geſellſchaft blieb noch einige Zeit beiſammen; es herrſchte eine gluͤckliche Laune und eine ungewohnte Herz⸗ lichkeit; es wurden Geſpraͤche gefuͤhrt, auf welche Keiner, da er gekommen, vorbereitet geweſen. Statt der erhaltenen Genugthuung, ſtatt des geraͤchten Dolchſtoßes und der ſchnell abgemachten Verbindlichkeit, wurden das Lob des neuen Moͤnchs, die Verſoͤhnung und die Sanftmuth Gegenſtaͤnde der Unterhaltung; wer ſonſt zum funfzigſten Mal erzaͤhlt haͤtte, wie Graf Muzio, ſein Vater, bei jenem beruͤhmten Zuſammentreffen den Marcheſe Stanislao, den Großſprecher, wie Jedermann weiß, zum Nachgeben ge⸗ zwungen, ſprach ſtatt deſſen von der Buße und der wun⸗ derbaren Geduld eines Bruders Simon, der vor vielen Jahren geſtorben. Nachdem die Geſellſchaft ſich zerſtreut⸗ wiederhohlte ſich der Hausherr, noch ganz bewegt, mit Ver⸗ wunderung, was er gehoͤrt und was er ſelbſt geſagt hatte.— Ein Teufel von Moͤnch! murmelte er zwiſchen den Zaͤhnen — wir muͤſſen indeſſen ſeine eigentlichen Worte hier ein wenig anders wiedergeben— ein Teufel von Moͤnch! Wenn er noch drei Minuten ſo auf den Knieen dalag, ſo haͤtte ich ihn am Ende um Verzeihung gebeten, daß er mir mei⸗ nen Bruder kalt gemacht!— Unſere Geſchichte bemerkt -— — 97— ausdruͤcklich, daß der Mann ſeit jenem Tage etwas weni⸗ ger ſtuͤrmiſch und dagegen etwas leutſeliger geweſen. Pater Criſtoforo wanderte indeſſen mit einem Troſtge⸗ fuͤhle, welches er ſeit jenem ſchrecklichen Tage, fuͤr deſſen Suͤhne ſein ganzes Leben beſtimmt ſeyn ſollte, noch nie empfunden hatte. Den neuen Kloſterbruͤdern war Schwei⸗ gen auferlegt; er beobachtete ohne Anſtrengung dies Geſetz, durchaus mit dem Gedanken an die Muͤhſeligkeiten beſchaͤf⸗ tigt, an die Entbehrungen und Erniedrigungen, welche er, um ſeine Suͤndenſchuld zu zahlen, zu erdulden hatte. Zur Stunde der Mahlzeit kehrte er bei einem wohlthaͤtigen Goͤnner ein, und aß vom Brode der Verzeihung mit einer Art von Wolluſt; ein Stuͤck aber ſparte er auf, und legte es in ſeinen Korb, um es als ein ewiges Andenken zu bewahren. Es iſt unſre Abſicht nicht, eine Geſchichte ſeines Klo⸗ ſterlebens zu entwerfen; wir bemerken nur, daß er jederzeit die Geſchaͤfte, welche ihm gewoͤhnlich angewieſen wurden, die Predigt und den Beiſtand am Sterbebette, mit Willig⸗ keit und Sorgfalt verwaltete, vorzuͤglich aber niemals eine Gelegenheit voruͤber gehen ließ, um zwei andre Pflichten zu uͤben, die er ſich ſelbſt vorgeſchrieben hatte: die Beile⸗ gung der Zwiſtigkeiten und die Beſchirmung der Unter⸗ druͤckten. Zu dieſem Hange geſellte ſich, ohne daß er ſelbſt es gewahr ward, zum Theil ſeine alte Gewohnheit und ein Ueberbleibſel des kriegeriſchen Muthes, den weder die Er⸗ niedrigungen noch die Anſtrengungen gaͤnzlich zu erſticken vermocht hatten. Seine Sprache war durch Angewoͤhnung ſanft und demuͤthig geworden; ſobald es ſich aber um Ge⸗ rechtigkeit oder um bekaͤmpfte Wahrheit handelte, beſeelte 1. 7 — 98— ſich ploͤtzlich die alte Heftigkeit; da nun dieſe durch einen feierlichen Nachdruck, welche ihm durch das Amt der Pre⸗ digt geworden, ihre daͤmpfende Maͤßigung erhielt, ſo gab ſie ſeinen Worten einen ganz eigenthuͤmlichen Charakter. Das ganze Betragen, wie der Anblick des Mannes, verkuͤn⸗ digte einen langen Kampf zwiſchen einem heftigen leiden⸗ ſchaftlichen Naturell und einer entgegenſtrebenden Willens⸗ kraft, welche durch Gewohnheit ſiegreich, immer auf der Huth, durch hoͤhere Beweggruͤnde und Einfluͤſſe gelenkt wurde. Ein Mitbruder und Freund, der ihn genau kannte, hatte ihn einſt mit jenen in ihrer natuͤrlichen Geſtalt allzu ausdrucks⸗ vollen Woͤrtern verglichen, welche Mancher, der ſonſt ge⸗ ſittet und wohlerzogen, wenn die Leidenſchaftlichkeit gewalt⸗ ſam durchbricht, verſtuͤmmelt, mit irgend einem veraͤnder⸗ ten Buchſtaben ausſpricht; Woͤrter, die in dieſer Verklei⸗ dung ſelbſt doch immer noch an ihre urſpruͤngliche Ueber⸗ kraft erinnern. 3 Wenn alſo irgend ein armes unbekanntes Maͤdchen in Lueiens traurigem Falle um die Huͤlfe des Pater Criſtoforo gebeten haͤtte, ſo wuͤrde er augenblicklich herbeigeeilt ſeyn. Was aber Lucien betraf, ſo kam er mit um ſo groͤßerer Be⸗ kuͤmmerniß, da er ihre Unſchuld kannte und bewunderte, ihrer Gefahren wegen ſchon gezittert hatte, und die ſchnoͤde Verfolgung, deren Gegenſtand ſie geworden, mit lebhaftem Unwillen betrachtete. Da er ihr nun ſelbſt als das Beſte gerathen, nichts lautbar werden zu laſſen, und ſich ruhig zu verhalten, fuͤrchtete er jetzt, der Rath koͤnne irgend eine traurige Wirkung erzeugt haben; zur bekuͤmmerten Barm⸗ herzigkeit, die ihm wie angeboren war, geſellte ſich alſo — 99— hier jene aͤngſtliche Gewiſſenhaftigkeit, welche oft die Gu⸗ ten martert. 1 Waͤhrend wir aber die Schickſale des Pater Criſtoforo erzaͤhlten, iſt er angekommen,/ und zeigt ſich an der Thuͤre; die Frauen laſſen den Griff der Haſpel, die ſie rauſchend umſchwangen, los, ſtehen auf und rufen zugleich:„Ah Vater Criſtoforo! Gottes Segen mit Ihnen! Fünftes Kapitel. Pater Criſtoforo ſtand an der Schwelle ſtill, und hatte kaum einen Blick auf die Frauenzimmer geworfen, ſo mußte er wohl die Bemerkung machen, daß ſeine Ahnung ihn nicht getaͤuſcht. Er erhob den Bart mit einer leichten Be⸗ wegung des Kopfes nach ruͤckwaͤrts, und ſagte in jenem Frageton, mit welchem man einer traurigen Antwort ent⸗ gegen geht:„Nun Leutchen?“— Lucia antwortete mit hervorſtuͤrzenden Thraͤnen. Die Mutter wollte ſich auf Entſchuldigungen einlaſſen, daß ſie es gewagt habe— der Gaſt aber ſchritt vorwaͤrts, ſetzte ſich auf einen kleinen dreifuͤßigen Stuhl, und verrannte allen Entſchuldigungen den Weg, indem er zu Lucien ſagte:„Beruhigt Euch, ar⸗ mes Maͤdchen. Und Ihr,“ wandte er ſich an Agneſen, „Rerzaͤhlt mir, was es giebt.“ Waͤhrend die gute Frau ihre Erzaͤhlung aufs Beſte zurichtete, wechſelte der Moͤnch vielfach die Farbe, hob bis⸗ weilen das Auge gen Himmel, und ſtampfte bisweilen mit den Fuͤßen. Nachdem der Bericht zu Ende, bedeckte er das Geſicht mit beiden Haͤnden, und rief:„Großer Gott! wie 2 — 100— weit.“ Doch ohne zu endigen, wandte er ſich wiederum zu den Frauen, und ſprach:„Arme Leute Ihr! Gott hat Euch heimgeſucht! Arme Lucia!“ „Werden Sie uns nicht verlaſſen, Vater?“ ſagte Lucia ſchluchzend. „Euch verlaſſen!“ war ſeine Antwort.„Mit welchem Geſichte ſollte ich Gott um eine Gnade fuͤr mich bitten, wenn ich Euch verlaſſen haͤtte? Euch in dieſem Zuſtande, Euch, die er mir anvertraut! Verliert den Muth nicht; er wird Euch beiſtehen. Er kann ſich auch eines nichts bedeutenden Menſchen, wie ich, bedienen, um die Plaͤne zu zerſtoͤren, die ein.. Wir wollen ſehen, wir wollen uͤber⸗ legen, was ſich thun laͤßt.“ Er ſtuͤtzte den linken Ellenbogen auf's Knie, legte die Stirn in die flache Hand, und ſtrich mit der Rechten Kinn und Bart, um gleichſam alle Seelenkraͤfte geſammelt und ungeſtoͤrt bei einander zu halten. Aber die angeſtrengteſte Ueberlegung ließ ihn nur deſto deutlicher erkennen, wie draͤngend und verwickelt der Fall, wie ſpaͤrlich, wie unſi⸗ cher und gefahrvoll die Huͤlfsmittel.— In Don Abbondio die Schaam erwecken, und ihn fuͤhlen laſſen, wie wenig er ſeiner Pflicht Genuͤge leiſte? Schaam und Pflicht gelten ihm nichts, ſobald ihn die Furcht beherrſcht. Und ihn in Furcht ſetzen? Was habe ich fuͤr Mittel, ihm eine Furcht einzufloͤßen, welche die Furcht vor einer Flintenkugel uͤber⸗ ſteigt? Den Kardinal Erzbiſchoff von Allem unterrichten, und um ſein Anſehen erſuchen? Das will Zeit, und waͤh⸗ rend deſſen? Und hernach? Wenn ſelbſt die unſchuldige arme Dirne ſchon Frau waͤre, wuͤrde das ein Zuͤgel fuͤr den Menſchen ſeyn? Wer weiß, bis wie weit ſo Einer es —,— — 101— treiben kann? Und ihm wiederſtehen? Wie? Ei,⸗ wenn ich meine Mallaͤnder Kloſterbruͤder hieher ſchaffen koͤnnte! Aber das iſt kein alltaͤgliches Unternehmen, und ich wuͤrde mich verlaſſen ſehen. Er ſpielt den Freund des Kloſters, er giebt ſich fuͤr einen großmuͤthigen Anhaͤnger der Kapu⸗ ziner aus; und iſt nicht ſein Mordgeſindel mehr als einmal zu uns gekommen, um ſich von unſern Haͤnden heilen zu laſſen? Ich wuͤrde mich allein im Tanz ſinden; ich wuͤrde mir den Namen eines unruhigen Kopfes, eines Stoͤren⸗ frieds, eines Zaͤnkers auf den Hals ziehen, und was noch mehr, ich koͤnnte ſogar, durch einen Verſuch zur Unzeit, die Lage des armen Maͤdchens da verſchlimmern.— Nach⸗ dem er das Fuͤr und das Wider der verſchiedenen Ent⸗ ſchluͤſſe gegen einander abgewogen, ſchien es ihm endlich am raͤthlichſten, dem Don Rodrigo ſelbſt entgegen zu tre⸗ ten, eund ihn durch Bitten, durch die Schrecken des an⸗ dern und, allenfalls auch dieſes Lebens, von ſeinem ſchaͤnd⸗ lichen Vorſatze abzubringen. Im ſchlimmſten Falle ließe ſich auf dieſem Wege wenigſtens deutlicher erkennen, wie weit in ſeinem ſchmutzigen Vorhaben ſeine Hartnaͤckigkeit gehe, es ließ ſich etwas mehr von ſeinen Abſichten entdek⸗ ken, und danach koͤnnte man dann weiter verfahren. Waͤhrend der Moͤnch alſo im Nachſinnen daſaß, er⸗ ſchien Renzo an der Thuͤre. Alle die Urſachen, warum der Juͤngling nicht lange von dem Hauſe entfernt bleiben konnte, kann Jedermann leicht ermeſſen. Sobald er aber den nachſinnenden Pater gewahr geworden, und die Frauen ihm zugewinkt hatten, keine Stoͤrung zu verurſachen, blieb er ſchweigend an der Schwelle ſtehen. Der Moͤnch erhob das Geſicht, um den Frauen ſeinen Plan mitzutheilen; er — 102— bemerkte den Angekommenen, und gruͤßte ihn auf eine Weiſe, in welcher ſich eine gewohnte Zuneigung, durch Mitleiden geſteigert, ausſprach. 3 „ Haben ſie Ihnen geſagt, Vater?“ ſprach Renzo mit bewegter Stimme. „Nur allzu wohl. Und darum bin ich hier.“ „Was ſagen Sie zu dem Schurken.?“ „Was ſoll ich zu ihm ſagen? Er iſt nicht hier; woz dienten meine Worte? Dich aber, mein guter Renzo, for⸗ dre ich auf, Vertrauen in Gott zu haben; denn Gott wird Dich nicht verlaſſen.“ Der Himmel ſegne Ihre Worte!“ rief der Juͤngling. Sie ſind Keiner von Denen, die uns armen Leuten immer Unrecht geben. Der Herr Pfarrer aber und der Herr Dok⸗ tor da...“⸗ „WLaß gut ſeyn, und ſuche nicht wieder hervor, was nur dazu dient, unnuͤtzerweiſe Dich zu quaͤlen. Ich bin ein armer Moͤnch; aber ich wiederhole Dir, was ich den Frauen hier geſagt habe: ſo viel in meinen duͤrftigen Kraͤf⸗ ten ſteht, werd' ich Euch nicht verlaſſen.“ „8 Sie ſind nicht wie die Freunde aller Welt! Un⸗ brauchbare Seelen! Bei den Betheuerungen, die ſie mir in meiner guten Zeit zuſagten, wer haͤtte geglaubt...? Ihr Blut wollten ſie fuͤr mich vergießen, gegen den Teufel wollten ſie mich in Schutz nehmen. Wenn ich einmal ei⸗ nen Feind haben wuͤrde, ich duͤrfte nur ein einziges Wort fallen laſſen, er ſollte nicht viel Brod mehr in dieſer Welt eſſen. Und jetzt, wenn Sie ſaͤhen, wie ſich Alle zuruͤck zie⸗ hen—„ Bei dieſen Worten blickte der Redende ſeinem Zu⸗ hoͤrer in's Geſicht; er ſah, daß es mißbilligend ſich be⸗ ——— ——— — — 103— woͤlkt hatte, und begriff, ihm ſey eine Thorheit uͤber die Zunge geglitten. Indem er ſie aber wieder ausmerzen wollte, verwirrte und verwickelte er ſich nur noch mehr.— „Ich wollte ſagen,“ fuhr er ſtotternd fort,... mich weiß nicht recht.... ich wollte naͤmlich ſagen....“ „Was wollteſt Du ſagen?“ fragte Bruder Criſtoforo. „und wie? Du haſt alſo mein Werk ſchon zu zerſtoͤren angefangen, noch ehe es unternommen worden? Dein Gluͤck, daß Du bei Zeiten von Deinem Irrthum zuruͤckge⸗ kommen! Wie? Du ſuchteſt Freunde— was fuͤr Freunde! Die beim beſten Willen auch nicht einmal Dir haͤtten hel⸗ fen koͤnnen. Und ſuchteſt dadurch den einzigen zu verlieren, der es kann und will! Weißt Du nicht, daß Gott der Freund der Bedraͤngten iſt, wenn ſie in ihn ihr Zutrauen ſetzen? Weißt Du nicht, daß es dem Schwachen nichts hilft, die Krallen zu zeigen? Und wenn er dennoch.. Bei dieſen Worten faßte er den Juͤngling kraͤftig am Arm, eine feierliche Zerknirſchung ſchien ihn, ohne ſein wuͤrde⸗ volles Anſehen ihm zu nehmen, nieder zu druͤcken. Das Auge ſenkte ſich, leiſe und gleichſam unterirdiſch klang die Stimme—„Und wenn er es dennoch thut, ſo iſt's ein furchtbarer Beiſtand! Renzo, willſt Du mir vertrauen.... was ſage ich, mir, mir unbedeutendem Menſchen, mir aͤrm⸗ lichen Kloſterbruder? Willſt Du Gott vertrauen, Renzo?“ „Gewiß“ antwortete Renzo;„er iſt der wahre Herr.“ „Gut! Verſprich mir, Niemanden zu beleidigen, Nic⸗ manden zu reitzen, verſprich, Dich von mir leiten zu laſſen.“ „Ich verſpreche es!“ Lucia athmete tief auf, als wuͤrde eine ſchwere Laſt von ihr genommen, und Agneſe ſagte:„Wackerer Junge!“ — 104— „Hoͤrt, Kinder,“ nahm Bruder Criſtoforo das Wort; nich geh' noch heute, mit jenem Menſchen ein Wort zu reden. Wenn der Herr ihm das Herz ruͤhrt, und meinen Worten Kraft verleiht, gut; wenn nicht, ſo wird er uns ein andres Mittel ſinden lehren. Ihr indeſſen verhaltet Euch ruhig, bleibt im Hauſe, vermeidet alles Geplauder, laßt Euch nicht ſehen. Dieſen Abend oder ſpaͤteſtens mor⸗ gen fruͤh ſeht Ihr mich wieder.“— Mit dieſen Worten verließ er, ohne auf Dankſagungen und Segensworte zu hoͤren, das Haus. Er ging nach dem Kloſter, kam noch zur rechten Zeit an, um auf dem Chore Pſalmen zu ſingen, fruͤhſtuͤckte, und machte ſich dann ſchnell auf den Weg zur Hoͤhle des Raubthieres, welches er zu zaͤhmen unternommen. Don Rodrigo's Pallaſt erhob ſich einſam, gleich einem Wartthurme, auf dem Gipfel eines der Vorgebirge, in welchen jenes Ufer hier und dort emporſteigt. Hieraus er⸗ mißt ſich von ſelbſt, daß der Landſitz— der Erzaͤhler haͤtte geſcheidter gethan, immerhin den Namen niederzuſchreiben — hoͤher als das Dorf unſerer Verlobten lag, etwa drei Miglien davon entfernt, und vier vom Kloſter. Am Fuße des Vorgebirges, nach der Seeſeite zu, lag ein Haufe von Huͤtten, darin Don Rodrigo's Bauern wohnten; und dies war gleichſam die kleine Hauptſtadt ſeines kleines Reiches. Man durfte nur hindurch gehen, um von den Umſtaͤnden und der Art des Landgutes einen Begriff zu erhalten. Warf man, wo eine Thuͤre offen ſtand, einen Blick in die unte⸗ ren Zimmer, ſo ſah man Feuergewehre, Karſte, Rechen, Strohhuͤte, Netze und Pulverbeutel bunt durcheinander an den Waͤnden hangen. Die Leute, denen man begegnete, waren breitſchultrige muͤrriſche Knechte mit einem großen —,— — — 105— Haarbüſchel, der über den Kopf zuruͤckgelegt, von einem Netze umſchloſſen wurde; alte Kerle, welche beſtaͤndig, nach⸗ dem ſie gleichſam die fuͤrchterlichen Hauer verloren, bereit ſchienen, ſobald ihnen nur Einer zu nahe kam, das Zahn⸗ fleiſch fletſchend zu zeigen; Frauen mit maͤnnlichen Geſich⸗ tern und nervigen Armen, bei der erſten beſten Gelegen⸗ heit eine fertige Zungenhuͤlfe; ſelbſt in der Geſtalt und den Geberden der Kinder, die auf der Straße ſpielten, verkuͤndete ſich ein waghaͤlſiger kampfluſtiger Sinn. Bruder Criſtoforo wanderte durch das Dorf, ſtieg ei⸗ nen kleinen gewundenen Pfad hinauf, und gelangte ſodann auf einen Platz vor dem Pallaſte. Die Pforte war ge⸗ ſchloſſen⸗ ein Zeichen, daßader Hausherr ſpeiſte, und nicht geſtoͤrt ſeyn wollte. Lockere, durch die Jahre faſt zertruͤm⸗ merte Laden ſchloſſen die wenigen kleinen Fenſter, die nach der Straße gingen; indeſſen waren ſie durch dicke Eiſen⸗ ſtangen geſchuͤtzt, und im unteren Stockwerke ſo hoch, daß ein Menſch, auch wenn er ſich auf die Schultern eines An⸗ deren ſtellte, kaum hinanreichte. Rings umher ſchwieg eine tiefe Stille; ein Voruͤbergehender haͤtte ein verlaſſenes Haus vermuthet, wenn vier Geſchoͤpfe, zwei lebende und zwei leb⸗ loſe, an der Vorderſeite in Ebenmaß aufgepflanzt, nicht ein Anzeichen von Bewohnung gegeben haͤtten. Zwei maͤchtige Geyer mit ausgebreiteten Fluͤgeln und ſchwebenden Koͤpfen, der eine von der Zeit entſiedert und halb verzehrt, der an⸗ dre noch wohlerhalten und beſchwingt, waren jeder an ei⸗ nen Fluͤgel der Pforte feſtgenagelt; zwei Bravi, zur Rech⸗ ten und zur Linken auf eine Bank hingeſtreckt, hielten Wache, und erwarteten den Ruf, um die Ueberbleibſel von der Tafel ihres Herrn in Empfang zu nehmen. Der — 106— Moͤnch blieb ſtehen, als wollte er warten, aber einer der beiden Bravi ſtand auf, und ſagte:„Kommen Sie nur naͤher, Pater; hier laͤßt man einen Kapuziner nicht warten; wir ſind Freunde des Kloſters, und ich bin unter Umſtaͤn⸗ den drin geweſen, wo die Luft draußen mir nicht eben heilſam war; wenn ſie mir die Thuͤre dort verſchloſſen haͤtten, waͤr' es mir uͤbel ergangen.“— Indem er ſo ſprach, that er zwei Schlaͤge mit dem Hammer. Auf die⸗ ſen Schall ließ ſich innen augenblicklich das Heulen und Winſeln von großen und kleinen Hunden hoͤren, und we⸗ nige Sekunden darauf trat brummend ein alter Diener hervor. Sobald dieſer aber den Pater anſichtig geworden, machte er ihm eine ehrerbietige Verneigung, beſchwichtigte die Thiere mit Haͤnden und Stimme, fuͤhrte den Gaſt in einen engen Hof, und ſchloß die Thuͤre wieder zu. Nach⸗ dem er ihn darauf in einen Saal geleitet, und ihn mit verwunderter ehrfurchtsvoller Geberde betrachtet hatte, fragte er:„Sind Sie nicht Pater Criſtoforo von Peſca⸗ renico?“ 4 „Der bin ich!“ „Sie hier?“ „Wie Ihr ſeht, guter Mann.“ „Es wird um eines guten Zweckes willen ſeyn,“ fuhr der Alte zwiſchen den Zaͤhnen murmelnd fort, und machte ſich weiter auf den Weg;„Gutes laͤßt ſich aller Orten thun.“. Sie gingen durch zwei oder drei dunkle Gemaͤcher, und gelangten dann zur Thuͤre des Speiſeſaals. Hier vernahm man ein verworrenes Geraͤuſch von Gabeln, Meſſern, Be⸗ chern, zinnernen Schuͤſſeln und vorzuͤglich von mannigfal⸗ 1 —;— — 107— tigen Stimmen, die wechſelsweiſe einander zu uͤberſchreien ſuchten. Der Moͤnch wollte ſich zuruͤck ziehen, und unter⸗ handelte an der Schwelle mit dem Alten, um in irgend ei⸗ nem Winkel des Hauſes verweilen zu duͤrfen, bis die Mahl⸗ zeit voruͤber waͤre. Da oͤffnete ſich die Thuͤre. Ein Graf Attilio, welcher gegenuͤber ſaß— er war ein Vetter des Hausherrn, und ohne ihn zu nennen, haben wir ſeiner be⸗ reits Erwaͤhnung gethan— erblickte ein geſchorenes Haupt und eine Moͤnchskutte; er erkannte die beſcheidene Abſicht des guten Bruders, und rief ihm zu:„Heh, heh, gehen Sie uns nicht weg, ehrwuͤrdiger Herr; vorwaͤrts, vor⸗ waͤrts!“— Don Rodrigo, ohne gerade den Zweck des Beſuches zu errathen, aber von einem dunklen Vorgefuͤhl uͤberraſcht, haͤtte ſeinem Vetter die Einladung gern erlaſ⸗ ſen. Da der unachtſame Attilio indeſſen mit lauter Stimme gerufen, ſo konnte er nicht gut ſich zuruͤck ziehen, und ſo ſagte er denn auch:„Kommen Sie, Pater, kommen Sie!“ — Dieſer trat naͤher, verneigte ſich vor dem Hausherrn, und erwiederte nach beiden Seiten hin die Begruͤßungen der Tiſchgenoſſen. Gewoͤhnlich, wir wollen nicht ſagen immer, denkt man ſich den redlichen Mann einem Taugenichts gegenuͤber mit erhobener Stirn, mit ſicherem Blicke, freier Bruſt und geldͤſter Zunge; um aber eine ſolche Stellung zu behaupten, hedarf es in der That vieler Umſtaͤnde, die ſich nur ſelten bei einander finden. Man wundre ſich alſo nicht, wenn Bruder Criſtoforo, beim guten Zeugniſſe ſeines Gewiſſens, beim unerſchuͤtterlichen Gefuͤhle der gerechten Sache, wel⸗ che zu vertheidigen er gekommen, bei der Miſchung von Abſcheu und Mitleid mit Don Rodrigo, dennoch ſchuͤch⸗ — 108— tern und unterthaͤnig ſich eben dieſem Don Rodrigo naͤherte, der dort im Polſterſtuhle ſaß, in ſeinem Hauſe, in ſeinem Reiche, umgeben von Freunden, von Huldigungen und al⸗ len Zeichen ſeiner Gewalt; waͤhrend ſeine Miene in Munde eines Jeden die Bitte, um wieviel mehr einen Rath, einen Verweis oder einen Vorwurf erſterben zu laſſen ſchien. Zu ſeiner Rechten ſaß jener Graf Attilio, ſein Vetter und, wir muͤſſen es ſagen, der Gefaͤhrte ſeiner Wuͤſtlingſchaft und ſeiner Miſſethaten; er war aus Mailand hergekommen, um einige Tage auf dem Lande mit ihm zu verleben; zur Linken, an der andern Seite des Tiſches, in großer Ehr⸗ furcht, doch nicht ohne Zuverſicht und eingebildeten Duͤn⸗ kel, der Stadtvogt, eben der Mann, deſſen Geſchaͤft es laut der Verordnungen geweſen waͤre, unſrem Renzo Tramaglino Gerechtigkeit zu verſchaffen, und Don Rodrigo nach Vor⸗ ſchrift in Strafe zu ziehen; ihm gegenuͤber, mit dem Aus⸗ druck der reinſten und herzlichſten Ehrerbietung, mein Dok⸗ tor Knotenhauer, in ſchwarzem Mantel, mit einer Naſe, deren Purpur ſtattlicher noch als ſonſt ſchimmerte; dann zwei unbedeutende Gaͤſte, von denen unſre Geſchichte nichts weiter erwaͤhnt, als daß ſie aßen, mit den Koͤpfen nickten, und Allem, was ein Tiſchgenoſſe ſagte, ſobald kein Zweiter etwas dagegen hatte, beifaͤllig zulaͤchelten. „Laßt den Pater ſitzen,“ ſagte Don Rodrigo. Ein. Diener reichte ihm einen Seſſel; Bruder Criſtoforo nahm Platz, indem er ſich beim Hausherrn entſchuldigte, ſo zur ungelegenen Stunde gekommen zu ſeyn.—„Ich wuͤnſchte, um einer wichtigen Angelegenheit willen allein mit Ihnen ſprechen zu koͤnnen,“ fluͤſterte er ſo ſodann mit noch unter⸗ thaͤnigerer Stimme dem hohen Wirthe zu. ———ð — 109— „Gut, gut, wir werden ſprechen““ war die Antwort; „indeſſen ſchaffe man einen Trunk fuͤr den Pater herbei.“ Der Moͤnch wollte ſich weigern, Don Rodrigo aber erhob mitten im Laͤrmen, das wieder begonnen hatte, ſeine Stimme, und rief:„Nein, beim Himmel, Sie werden mir das nicht zu Leide thun; es ſoll nie geſchehen, daß ein Ka⸗ puziner aus meinem Hauſe geht, ohne meinen Wein, oder ein unverſchaͤmter Glaͤubiger, ohne das Holz meiner Wal⸗ dungen gekoſtet zu haben.“ Dieſe Worte erregten ein allgemeines Gelaͤchter, und unterbrachen fuͤr einen Augenblick den Gegenſtand, uͤber welchen es unter den Tiſchgenoſſen hitzig herging. Ein Diener brachte auf einem Becken eine Weinflaſche, und ei⸗ nen hohen kelchaͤhnlichen Becher, welchen er dem Gaſte darreichte. Dieſer mochte der dringenden Einladung eines Mannes, um deſſen Gewogenheit es ihm eben ſo ſehr zu thun war, nicht laͤnger ſich widerſetzen, ſchenkte alsbald ſich ein und ſchluͤrfte langſam das Getraͤnk. „Caſſo's Anſehen thut fuͤr Ihre Behauptung nichts, geehrter Herr Stadtvogt,“ rief ſtuͤrmiſch der Graf Attilio; „vielmehr iſt es gegen ſie; denn der unterrichtete und große Mann, welcher alle Geſetze des Ritterthums an den Fin⸗ gern auswendig wußte, laͤßt den Boten des Argante, ehe er die chriſtlichen Ritter herausfordert⸗ den frommen Bug⸗ lione um Erlaubniß bitten..“ „Aber das iſt eine Uebertreibung;“ entgegnete der Stadtvogt nicht weniger ſtuͤrmiſch,„eine bloße Uebertrei⸗ bung, ein poetiſcher Schmuck, ſintemal der Herold ſeiner Natur nach unverletzlich iſt, durch's Voͤlkerrecht, jure gen- tium. Man braucht nicht einmal ſo weit zu gehen, auch * — 110— das Sprichwort ſagt's: einem Geſandten droht keine Strafe. Und die Sprichwoͤrter, Herr Graf, ſind die Weisheit des menſchlichen Geſchlechtes. Da nun der Herold nichts in ſeinem eigenen Namen geſagt, ſondern bloß eine geſchrie⸗ bene Herausforderung gezeigt hatte..“ 3 „Wann werden Sie aber einſehen, daß dieſer Herold ein verwegener Eſel geweſen, der nicht einmal die er⸗ ſten.. „Mit Ihrer Erlaubniß, meine Herren,“ ſiel ihnen Don Rodrigo, welcher die Unterſuchung nicht allzuweit mochte kommen laſſen, in die Rede;„wir wollen es dem Pater Criſtoforo vorlegen, und ſeine Meinung entſcheiden laſſen. „Gut, ſehr gut,“ ſagte der Graf, welchem es eine artige Wendung ſchien, einen ritterlichen Zwiſt durch einen Kapuziner entſcheiden zu ſehen. Der Stadtvogt hingegen, uͤber die Unterſuchung innerlich immer mehr in Flamme gerathend, beruhigte ſich mit Muͤhe, und ein leichtes Ver⸗ zerren des Geſichtes ſchien ſagen zu wollen: Kinderpoſſen! „So viel ich verſtanden zu haben glaube,“ ſagte Bru⸗ der Criſtoforo,„ſind es keine Dinge, davon ich Kenntniß haben muͤßte.“ 8 „Die gewohnten beſcheidenen Entſchuldigungen der Herren Vaͤter!“ entgegnete Don Rodrigo;„aber Sie ent⸗ wiſchen mir nicht. Ei, wir wiſſen recht gut, daß Sie nicht mit der Kapuze uͤber den Kopf in die Welt gekom⸗ men, und daß die Welt Sie gekannt hat. Wohlan denn, der Gegenſtand iſt dieſer..“ „Der Fall iſt der,“ fing der Graf an zu ſchreien. „Laßt mich reden, der ich neutral bin, Vetter,“ nahm ,— — 111— Jener das Wort.„Die Geſchichte iſt ſo. Ein ſpaniſcher Edelmann ſchickt einem Mallaͤndiſchen eine Herausforde⸗ rung zu; der Ueberbringer findet den Herausgeforderten nicht zu Hauſe, und uͤbergiebt den Fehdebrief einem Bru⸗ der des Edelmannes. Dieſer lieſt ihn, und giebt als Antwort dem Ueberbringer etliche Stockſtreiche. Es fraͤgt ſich.. „Mit Recht gegeben,“ ſchrie der Graf,„eine gute Antwort.'S war eine wahre Begeiſterung.“ „Von einem Hoͤllengeiſte ausgegangen,“ ſetzte der Stadtvogt hinzu.„Einen Geſandten pruͤgeln! Auch Sie, Pater, werden mir ſagen, ob das ein ritterliches Beneh⸗ men war.“ „Ja, Herr, ritterlich!“ ſchrie der Graf,„und laſſen Sie mich es ſagen, der ich mich darauf verſtehe, was zu einem Ritter gehoͤrt. Ei, waͤren's Fauſthiebe geweſen, ſo ſaͤhe die Sache ganz anders aus; der Stock aber beſchmutzt Niemandem die Hand. Ich kann bloß nicht begreifen, warum Ihnen die Schultern eines Knechtes ſo weh thun.“ „Wer hat ein Wort von den Schultern geſprochen, Herr Graf? Sie laſſen mich Ungereimtheiten ſagen, die mir nimmermehr durch den Kopf gezogen. Vom Charakter hab' ich geſprochen, ich, und nicht von Schultern. Vor Allem aber rede ich von den Geſetzen des Ritterthums. Sagen Sie mir doch einmal, bitt ich, wenn die Fecialen, welche die alten Roͤmer ſchickten, um andern Voͤlkern den Krieg anzukuͤndigen, um Erlaubniß baten, ihre Sendung kund zu thun, finden Sie mir den Schriftſteller, bei dem Erwaͤgung geſchaͤhe, daß ein Fecial jemals mit Stpälſüveie chen behandelt worden!“ zugeben, man koͤnne ſo etwas im Allgemeinen eine verraͤ⸗ — 112— „Was haben die Staatsdiener der alten Roͤmer mit uns zu ſchaffen? Leute, die auf's Gerathewohl gingen, und in den Stuͤcken weit zuruͤck, weit zuruͤck waren. Nach den Geſetzen des heutigen Ritterthums aber, welches das wahre iſt, ſage und behaupte ich, daß ein Bote, der ſich erfrecht, einem Ritter einen Fehdebrief einzuhaͤndigen, ohne ihn vorher um Erlaubniß gebeten zu haben, ein ver⸗ wegener Kerl iſt, ein verletzbarer Lump, der nicht genug verletzt werden kann, ein Stockfiſch, der nicht genug mit dem Stock bearbeitet werden kann.“ „Antworte Einer einmal auf dieſen Syllogismus!“ ſagte der Stadtvogt. „Nichts, nichts, nichts!“ „Aber hoͤren Sie, hoͤren Sie doch! Einen Waffen. loſen ſchlagen, iſt eine verraͤtheriſche Handlung: Atqui der Bote de quo war ohne Waffen. Ergo..ℳ „Ruhig, ruhig, Herr Stadtvogt!“ „Was, ruhig 2 7 3 „Ruhig, ſag' ich. Was erzaͤhlen Sie mir da? Eine verraͤtheriſche Handlung iſt's, Einem von ruͤckwaͤrts eins mit dem Schwerdt verſetzen, oder ihm eine Kugel in's Kreuz jagen, und auch, was das betrifft, koͤnnen gewiſſe Faͤlle eintreten... aber bleiben wir bei der Sache. Ich will theriſche Handlung heißen; aber vier lumpige Stockſchlaͤge einem Hallunken aufzaͤhlen! Es waͤre eine ſchoͤne Geſchichte, wenn man zu ihm ſprechen muͤßte: Sieh Dich vor, ich gebe Dir eins mit dem Stock! wie man zu einem Edel⸗ manne ſagt: Die Hand an's Schwerdt! Und Sie, ge⸗ ehrter Herr Doktor, ſtatt mir in Einem fort zuzuſchmun⸗ — 113— zeln, um mir zu verſtehen zu gehen, Sie ſeyen meiner Meinung, warum unterſtuͤtzen Sie meine Gruͤnde nicht mit Ihrem muntern Plappermaͤulchen, und helfen mir dieſem Herrn ein wenig Vernunft beibringen?“ „Ich,“ antwortete der Doktor, aus ſeiner ſchwachen Faſſung gleitend,„ich freue mich mit dieſem Diſput, und weiß es dem Zufall Dank, daß er Gelegenheit zu einem ſo ar⸗ tigen Geiſtergefecht gegeben hat. Und dann kommt' nicht mir zu, den Ausſpruch zu thun; Ihre erlauchte Gnaden haben bereits einen Richter beſtellt, hier der Pater... „'S iſt wahr,“ ſagte Don Rodrigo,„aber wie wollt Ihr, daß der Richter rede, wenn die hadernden Partheien nicht ſchweigen moͤgen?“ „Ich bin ſtumm,“ ſagte der Graf. Der Vogt gab nur durch einen Wink zu verſtehen, daß er ſchweigen werde. „Endlich alſo. Nun Sie, Vater!“ ſagte der Haus⸗ herr mit halb ſpoͤttiſcher Ernſthaftigkeit. „Ich habe mich ſchon entſchuldigt, daß ich mich auf dergleichen nicht verſtehe,“ antwortete Bruder Criſtoforo, indem er einem Diener den Becher zuruͤckgab. „Magere Entſchuldigungen!“ ſchrien die beiden Vet⸗ tern;„wir verlangen den Ausſpruch.“ „Wenn dem ſo iſt,“ ſagte der Moͤnch,„ſo wuͤrde meine geringe Meinung ſeyn, es ſollte weder Herausforde⸗ rungen, noch Fehdeboten, noch Stockſtreiche auf Erden geben.“— Die Tiſchgenoſſen ſahen einander verwundert in's Geſicht.— „O das iſt ſtark!“ ſagte der Graf.„Verzeihen Sie mir, Pater, aber das iſt ſtark. Sie kennen die Welt nicht, man ſieht's.“ J. 8 — 114— „Der Pater?“ ſprach Don Rodrigo.„Ei, er kennt ſie, Vetter, ſo gut wie Ihr. Nicht wahr, Pater? Sa⸗ gen Sie, ſagen Sie, ob Sie nicht auch Ihre Schule ge⸗ macht haben?“ Statt auf dieſe gutgemeinte Unterbrechung zu ant⸗ worten, ſagte der Moͤnch heimlich ein Woͤrtchen zu ſich ſelbſt: Das iſt auf Dich gemuͤnzt; erinnere Dich aber, Moͤnch, daß Du nicht Deinetwegen hier biſt, und Alles, was Dich allein trifft, kommt hier nicht in Rechnung. „Mag ſeyn,“ meinte der Graf;„aber der Pater.... wie heißt doch der Pater?“ „Pater Criſtoforo,“ antwortete mehr als Einer. „Aber, Pater Criſtoforo, mein hochzuverehrender Herr, mit dieſen Ihren Grundſaͤtzen kehren Sie die Welt um. Ohne Fehdebriefe! ohne Stockſtreiche! Gute Nacht Ehr⸗ gefuͤhl! Kein Kuecht haͤtte mehr nach der Strafe zu fra⸗ gen. Gluͤcklicherweiſe iſt der aufgeſtellte Satz unmoͤglich.“ „Laut, Doktor,“ fiel Don Rodrigo ein, welcher den Streit der beiden Hauptkaͤmpfer immer bunter zu kreuzen ſuchte, laut! Redet Ihr, Ihr ſeyd der Mann, um Jedwedem mit Gruͤnden aufzuwarten. Wir wollen einmal ſehen, wie Ihr es anfangt, um hier dem Pater Criſtoforo Recht zu geben.“ „In Wahrheit,“ aͤußerte ſich der Doktor, indem er die Gabel in der Luft ſchwebend hielt, und ſich zum Klo⸗ ſterbruder wandte,„in Wahrheit, es will mir nicht ganz einleuchten, wie Pater Criſtoforo, der doch zugleich ein vollkommener Geiſtlicher und ein vollkommener Weltmann iſt, ſo wenig daran denkt, daß ſeine gute, vortreffliche Meinung, wenn ſie auch auf der Kanzel das gehoͤrige Ge⸗ — — 115— wicht hat, doch bei einem ritterlichen Diſput, mit aller ſchuldigen Achtung ſey es geſagt, nichts taugt. Der Pa⸗ ter weiß aber beſſer als ich, daß jegliches Ding gut an ſeinem Orte, und ſo glaub' ich denn ſchier, daß er dieß⸗ mal durch einen Scherz ſich hat aus der Verlegenheit zie⸗ hen wollen, einen Ritterſpruch thun zu muͤſſen.“ Was ließ ſich wohl ſolchen Vernunftſchluͤſſen, aus einer ſo alten und doch immer neuen Weisheit geſchoͤpft, entgegenſtellen? Nichts. Und ſo that unſer Bruder Cri⸗ ſtoforo. Don Rodrigo aber trachtete, die ganze Verhand⸗ lung abzubrechen, und rief daher eine neue herbei.— „Mir faͤllt bei Gelegenheit ein, Ihr Herrn, ich habe ſagen hoͤren, man ſpreche in Mailand von einem Vergleich.“ Der Leſer weiß, daß in jenem Jahre um die Nach⸗ folge in der Mantuaniſchen Herzogswuͤrde geſtritten ward; nach dem Tode des Vincenzo Gonzaga, welcher ohne maͤnn⸗ liche Erben verſchieden, hatte ſich der Herzog von Nevers, ſein naͤchſter Verwandter, in ihren Beſitz geſetzt. Ludwig der dreizehnte, oder Kardinal Richelieu, ſuchte ihn als ſeinen Ergebenen und naturaliſirten Franzoſen in derſelben zu ſchirmen; Philipp der vierte, oder der Graf Olivarez, gewoͤhnlich der Graf Herzog genannt, mochte ihn aus eben den Gruͤnden dort nicht haben, und hatte einen Krieg gegen ihn erregt. Da nun das Herzogthum ein Reichs⸗ lehn war, ſo bemuͤhten ſich beide Partheien durch Staats⸗ kuͤnſte, Geſuche und Drohungen bei Kaiſer Ferdinand dem Zweiten; jene, damit er dem neuen Herzoge die Be⸗ lehnung bewilligte, dieſe, damit er ſie ihm verſagte, und ſelbſt ſeine Huͤlfe dazu hergaͤhe, ihn aus dem Herzogthum zu vertreiben. 3 „Ich moͤchte beinah glauben,“ ſagte Graf Attilio, „daß die Sache ſich friedlich ausgleichen laͤßt. Ich habe gewiſſe Argumente...“ „Glauben Sie's nicht, Herr Graf, glauben Sies nicht,“ unterbrach ihn der Stadtvogt.„Ich kann hier zu Lande von dergleichen wiſſen; denn der ſpaniſche Herr Kaſtellan, welcher aus Herablaſſung mir ein wenig gewo⸗ gen, und, da ſein Vater ein Guͤnſtling des Grafen Herzogs, von Allem unterrichtet iſt.... „Ich ſage Ihnen, daß ich in Mailand taͤglich mit ganz andern Perſonen ſpreche, und weiß aus guter Quelle⸗ daß der heilige Vater, der uͤber Alles Frieden wuͤnſcht, Antraͤge gemacht hat.. „So ſollte es ſeyn, die Sache iſt in der Ordnung, Seine Heiligkeit thut Ihre Pflicht; ein Pabſt ſoll zwiſchen ſchriſtlichen Fuͤrſten immer Gutes ſtiften, der Graf Herzog aber hat ſeine Staatsgruͤnde, und....“ „Mag ſeyn,“ entgegnete der Graf;„wiſſen Sie denn aber, wie der Kaiſer in dieſem Augenblicke denkt? Glau⸗ ben Sie, daß Mantua allein in der Welt vorhanden iſt? Es giebt viele Dinge, Herr, fuͤr die geſorgt ſeyn will. Wiſſen Sie zum Beiſpiel, wie weit ſich in dieſem Augen⸗ blick der Kaiſer auf ſeinen Fuͤrſten Valdiſtano oder Valli⸗ ſtai, wie ſie ihn nennen, verlaſſen darf, und ob...“— „Vaglienſteino iſt der wahre Name in deutſcher Sprache,“ unterbrach der Vogt wiederum,„ſo hab' ich ihn mehr als einmal von unſerm ſpaniſchen Herrn Kaſtellan ausſprechen hoͤren. Deßhalb aber laſſe man ſich nicht bange ſeyn, denn..“ „Wollen Sie mich lehren?“ ſprach der Graf mit Hef⸗ —-— —- 117— tigkeit dagegen; doch der Hausherr erinnerte ihn mit dem Knie, er moͤchte aus Liebe zu ihm nicht weiter widerſpre⸗ chen. Er ſchwieg, und ſo ſetzte der Vogt, wie ein Schiff⸗ welches ſo eben von einer Sandbank losgekommen, mit geſchwellten Segeln den Lauf ſeiner Beredſamkeit fort.— „Waglienſteino bekuͤmmert mich wenig; denn der Graf Herzog hat ein Auge fuͤr jedwedes Ding und jedweden Ort, und wenn dieſer Vaglienſteino auf den Einfall ge⸗ riethe, ſich nach ſeiner Laune den Zuͤgel ſchießen zu laſſen, ſo wird er ihn ſchon, entweder mit Gutem oder mit Boͤ⸗ ſem, in's rechte Geleiſe wieder eintreten lehren. Er hat ein Auge fuͤr jedwedes Ding⸗ ſag' ich, und lange Arme, und wenn er den Nagel mit gehdriger Entſchloſſen⸗ heit eingeſchlagen hat, wie er ihn wirklich hat, ſo laͤßt ſich's von einem ſo großen Staatsmann, wie er, erwar⸗ ten, daß der Herr Herzog von Nivers in Mantua keine Wurzeln ſchlaͤgt; der Herzog von Nivers wird keine Wur⸗ zeln dort ſchlagen, und der Herr Kardinal von Rieiliu ſoll ein Loch in's Waſſer geſtochen haben. Ich muß nur lachen, daß ſo ein guter Herr Kardinal mit einem Grafen Herzog, mit einem Olivares, auf einem Brette gehen will. Wahrhaftig, ich moͤchte in zweihundert Jahren wieder auf die Welt kommen, bloß um zu hoͤren, was die kuͤnf⸗ tigen Geſchlechter von ſo einer ſaubern Keckheit ſagen werden. Es will noch was anders, als bloßen Neid; Kopf will's, und Koͤpfe, wie der Kopf des Grafen Herzogs, giebt's einen einzigen nur in dieſer Welt. Der Graf Herzog, meine Herrn,“ fuhr der Redner bei immer guͤn⸗ ſtigem Winde fort, doch ſelbſt ein wenig verwundert, daß er auch nicht auf eine einzige Klippe mehr ſtieß,„der — 1218— Graf Herzog iſt, mit aller Ehrfurcht geſagt, ein alter Fuchs, der den beſten Jaͤger um die Witterung der Spur zu bringen verſteht; wenn er rechts Miene macht, ſo kann Einer gewiß ſeyn, daß er links losbrechen wird; deßwegen kann ſich kein Menſch je ruͤhmen, von ſeinen Plaͤnen Wind zu haben, und ſelbſt die Leute, denen die Ausfuͤh⸗ rung uͤbertragen, ſelbſt die Schreiber, welche die Befehle ausſtellen, begreifen nicht ein Jota davon. Ich kann mit einiger Kenntniß von der Sache reden; denn der wuͤr⸗ dige Herr Kaſtellan geruhen bisweilen ſich vertraulich mit mir zu unterhalten. Der Herr Graf Herzog dage⸗ gen weiß auf ein Haar, was in den Toͤpfen aller uͤbri⸗ gen Hoͤfe kocht, und alle die maͤchtigen Politiker, deren es uͤberall die Huͤlle und Fuͤlle giebt, man kann's nicht leugnen, ſie haben kaum ein Plaͤnchen ausgeheckt, ſo hat's der Graf Herzog, eben durch ſeinen Kopf, durch ſeine verdeckten Wege, durch ſeine uͤberall hin gezogenen Faͤden ſchon errathen. Der arme Mann, der Kardinal Riciliu, verſucht auf der Seite, klopft auf jener an, ſchwitzt, ſtrengt ſich an; was iſt's am Ende? Wenn er ſo weit gekommen, eine Mine zu graben, ſo ſtoͤßt er jedesmal auf eine artige Gegenmine des Grafen Herzogs...“ Weiß der Himmel, wann der Segler an's Land ge⸗ ſtoßen waͤre; Don Rodrigo aber, durch die unwilligen Grimaſſen ſeines Vetters bewogen, winkte einem Diener, eine gewiſſe Flaſche zu bringen. Herr Stadtvogt,“ ſagte er,„und Sie, meine Her⸗ ren, einen Toaſt dem Grafen Herzog, und dann ſollen Sie mir ſagen, ob des Herren der Wein wuͤrdig.“— Der Vogt antwortete mit einer Verneigung, in welcher ſich — — n9— eine beſondere Erkenntlichkeit zu verſtehen gab; denn Alles, was zu Ehren des Grafen Herzogs gethan oder geſprochen ward, eignete er zum Theil, als gaͤlte es ihm, ſich ſelbſt zu. „Lange lebe Don Gaſparo Guzman, Graf von Oli⸗ vares, Herzog von San Lucar, der große Guͤnſtling Koͤnig Philipps des großen, unſeres Herrn!*) rief er, und hielt den Becher hoch. „Er lebe lange!“ antworteten Alle. „Schenkt dem Pater ein! ſagte Don Rodrigo. „um Verzeihung,“ erwiederte dieſer,„ich habe ſchon zu viel gethan, und koͤnnte nicht..“ „Wie?“ ſagte Don Rodrigo.„Es handelt ſich um eine Geſundheit fuͤr den Grafen Herzog. Sollen wir glauben, Sie halten's mit den Navarreſern?“ So nannte man die Freunde der Franzoſen; das Wort war wahrſcheinlich um die Zeit entſtanden, da man dem Koͤnig von Navarra, Heinrich dem Vierten, die Nachfolge auf dem franzdſiſchen Throne ſtreitig machte; auch hieß er ſelbſt bei ſeinen Widerſachern gewoͤhnlich der Navarreſe. Nach einer ſolchen Beſchwoͤrung mußte getrunken wer⸗ den. Die Tiſchgenoſſen brachen Alle in ein lautes Lob des Weines aus; nur unſer Doktor Knotenhauer nicht. Denn der ſchwang ſein Haupt in die Hoͤhe, ſah mit ſtar⸗ ren Blicken nach dem Becher, hielt die Lippen geſchloſſen, und druͤckte ſich durch ſolch ein Stillſchweigen beredeter als jeder Andere aus. *) Der Verfaſſer macht hier im Terte die Bemerkung, daß man in jenen Zeiten ſich des Wortes privato bediente, um den Günſt⸗ ling(Favorito) eines Fürſten zu bezeichnen. D. L. — 120— „Was meint Ihr zu dem, Doktor? fragte Don Rodrigo. Indem er aus dem Becher mit einer Naſe hervor⸗ tauchte, welche es an Scharlach nnd Schimmer ſiegreich mit dem Weine ſelbſt aufnahm, entgegnete der Doktor, auf jede Silbe einen kraͤftigen Drucker ſetzend:„Ich ſage, thue kund und urtheile, daß dieß der Olivarez unter den Weinen iſt; censui et in eam ivi sententiam, daß ein aͤhnliches Getraͤnk in ſaͤmmtlichen zwei und zwanzig Rei⸗ chen des Koͤnigs, unſers Herrn, den Gott erhalteu wolle, nicht zu finden; ich behaupte und erklaͤre, daß die Mit⸗ tagstafel des erlauchten Herrn Don Rodrigo die Feſt⸗ ſchmaͤuſe des Heliogabalus beſchaͤmt; daß Noth und Theu⸗ rung von dieſem Pallaſte, in welchem die Herrlichkeit thront und herrſcht, auf ewige Zeiten verwieſen und verbannt.“ „Gut geſagt! gut erklaͤrt!“ ſchrie die ganze Tiſchge⸗ ſellſchaft. Die Worte Noth und Theuerung aber, die er zufaͤllig hingeworfen, wandten den Sinn Aller mit ei⸗ nem Mal dieſem traurigen Gegenſtande zu, und Alle ſpra⸗ chen von der Theuerung. Hier war man, in der Hauptſache wenigſtens, einig; der Laͤrm jedoch war vielleicht noch gro⸗ ßer, als wenn die Meinungen verſchieden geweſen waren. Alles ſprach zugleich. „Es iſt gar keine Theuerung vuthandenz meinte Ei⸗ ner; die Aufkaͤufer ſind's, die.. „Und die Baͤcker,“ half ihm ein Anderer ein,„welche das Getreide unter Schloß halten. An den Galgen mit ihnen!“ „Ganz recht, an den Galgen, ohne Gnad' und Barm⸗ herzigkeit!* — 121— „Gutes gerichtliches Verfahren!“ ſchrie der Stadt⸗ vogt dazwiſchen. „Ei, was gerichtliches Verfahren!“ uͤberſchrie ihn der Graf.„Summariſche Gerechtigkeit! Man packt drei oder vier oder fuͤnf oder ſechs, welche der oͤffentlichen Meinung nach als die veichſten und aͤrgſten Hunde bekannt ſind, und laͤßt ſie baumeln.“ „Ein Beiſpiel muß gegeben werden, ein Beiſpiel! Ohne Beiſpiel richtet man nichts aus.“ „An den Galgen, an den Galgen mit ihnen, und von allen Seiten wird's Getreide regnen.“ Wer durch einen Jahrmarkt hinwandernd, ſich jemals an der Harmonie ergoͤtzt hat, welche ein Trupp von Baͤn⸗ kelſaͤngern gewaͤhrt, wenn zwiſchen einem und dem andern Liede ein jeder ſein Inſtrument ſtimmt, und es aus allen Kraͤften gellen laͤßt, um mitten unter dem Laͤrmgeklimpel der Andern die eigenen Toͤne deutlich hevaus zu hoͤren, der moͤge verſichert ſeyn, daß aͤhnlicherweiſe das Zuſammen⸗ brauſen dieſer Geſpraͤche, wenn man ſie ſo nennen kann, ſich machte. Waͤhrend deſſen fuͤllte man die Glaͤſer mit dem neuen Wein immer wieder; das Lob des Rebenſaftes klang natuͤrlich mit den Ausſpruͤchen einer ſtaatswirth⸗ ſchaftlichen Gerechtigkeitspflege zuſammen, und ſo waren die beiden Worte, die ſich am toͤnendſten und haͤufigſten vernehmen ließen: Rektar und Aufhaͤngen. Don Rodrigo ſchielte indeſſen von Zeit zu Zeit nach dem Moͤnch. Er ſah ihn in Einem fort ruhig daſitzen, ohne ein Zeichen von Ungeduld oder Eile ſich entwiſchen zu laſſen, ohne eine Bewegung, die etwa daran erinnern“ ſollte, daß er in Erwartung ſich dort befand; zugleich aber — 122— ſagte ſeine Miene auch, er ſey geſonnen, ſich nicht eher von der Stelle zu entfernen, als bis er Gehoͤr erhalten. Gar gern haͤtte ihm der Hausherr den Paß unterſchrieben, und ſich des unwillkommenen Geſpraͤchs uͤberhoben geſe⸗ hen; einen Kapuziner aber verabſchieden, ohne ihm Gehoͤr bewilligt zu haben, das lief den Geſetzen ſeiner Lebensklug⸗ heit zuwider. Da ſich alſo das laͤſtige Geſchaͤft nicht ver⸗ meiden ließ, faßte er den Entſchluß, ihm augenblicklich lie⸗ ber entgegen zu gehen, und auf dieſe Weiſe ſobald als moͤglich es hinter ſich zu haben. Er ſtand von Tiſche auf, und mit ihm die ganze weingluͤhende Schaar, ohne ihren Unterhaltungslaͤrm zu unterbrechen. Don Rodrigo bat die Gaͤſte um Entſchuldigung, naͤherte ſich in gemeſſener Hal⸗ tung dem Kloſterbruder, der mit den Andern zugleich auf⸗ geſtanden, und ſagte:„Zu Ihrem Befehl, Pater!“— Mit dieſen Worten fuͤhrte er ihn in ein anderes Zimmer. Sechstes Kapitel. „Worin kann ich Ihnen dienen?“ ſagte Don Ro⸗ drigo, und nahm ſeine Stellung mitten im Zimmer. So hoͤrten ſich die Worte an; die Art und Weiſe aber, wie ſie vorgebracht worden, gaben deutlich zu verſtehen: Siehe wohl zu, vor wem du ſtehſt; lege deine Worte auf die Wagſchale, und faſſe dich kurz. Um unſerm Bruder Criſtoforo Muth einzufloͤßen, gab es kein ſichreres und raſcheres Mittel, als mit hochmuͤthi⸗ ger Geberde ihn anzureden. Er, der ſchwankend daſtand, nach Worten umherſuchte, und die Kuͤgelchen des Roſen⸗ — 123— kranzes, welchen er nach Art eines Guͤrtels trug, zwiſchen den Fingern laufen ließ, als wenn er auf einem derſelben den Anfangsbuchſtaben ſeiner Rede zu finden hoffte, fuͤhlte ploͤtzlich bei dieſem Benehmen des Don Rodrigo eine gro⸗ ßere Fuͤlle von Worten, als es bedurfte, auf den Lippen. Zu gleicher Zeit aber beſann er ſich, wie viel drauf an⸗ kaͤme, ſeine Angelegenheit oder, was weit mehr ſagen will, die Angelegenheit Andrer nicht zu verderben; daher maͤ⸗ ßigte und verbeſſerte er die Redensarten, welche ſeinem Geiſte ſich dargeboten, und ſagte mit behutſamer Ergeben⸗ heit:„Ich komme, Ihnen eine Handlung der Gerechtig⸗ keit vorzutragen, Sie um erbarmenvollen Beiſtand zu bit⸗ ten. Gewiſſe ſchlimmgeartete Leute haben ſich Ihres er⸗ lauchten Namens bedient, um einen armen Pfarrer in Furcht zu ſetzen, und ihn von der Erfuͤllung ſeiner Pflicht zuruͤck zu ſchrecken. Und das, um ein unſchuldiges Paar zu unterdruͤcken. Sie koͤnnen, verehrter Herr, mit einem einzigen Worte dieſe Menſchen zu Schanden machen, koͤn⸗ nen Alles damit wieder in Ordnung bringen, und den Ar⸗ men, denen ſo großes Unrecht geſchehen, wieder aufhelfen. Sie koͤnnen es, und da Sie es koͤnnen.. das Gewiſſen, die Ehre.. „Sie werden von meinem Gewiſſen mit mir ſprechen, ſo bald ich es fuͤr gut finden werde, Sie deßhalb um Rath zu fragen. Was meine Ehre betrifft, ſo moͤgen Sie wiſſen, daß ich, und ich allein, ihr Waͤchter bin; wer ſich mir auf⸗ zudringen wagt, um dieſe Sorge mit mir zu theilen, den hetrachte ich als einen verwegenen Beleidiger.“ 1 Bruder Criſtoforo entnahm aus dieſer Rede, daß Don Rodrigo ſeinen Worten eine arge Bedeutung anzudichten, — 124— das Geſpraͤch in einen Wortſtreit zu verwandeln ſuchte, und auf dieſe Weiſe ihm die Gelegenheit, zur Hauptſache zu kommen, verrennen wollte; er nahm daher ſeine Zuflucht zur duldenden Gelaſſenheit, beſchloß, ſich ruhig Alles ge⸗ fallen zu laſſen, was ſein Mann auch immer ſagen wuͤrde, und antwortete alſobald in ehrfurchtsvollem Tone:„Wenn ich etwas Mißfaͤlliges geſagt habe, ſo iſt es wahrlich ganz und gar gegen meine Abſicht geſchehen. Weiſen Sie mich zurecht, laſſen Sie mich Ihren Tadel fuͤhlen, wenn ich nicht zu ſprechen verſtehe, wie ſich's gebuͤhrt; aber gernhen Sie, mich anzuhoͤren. Beim ewigen Himmel, bei jenem Richter der Welt, vor deſſen Augen wir Alle erſcheinen muͤſſen“— und waͤhrend er ſo ſprach, hielt er ſeinem ſin⸗ ſter blickenden Zuhoͤrer den kleinen hoͤlzernen Todtenkopf, den er am Roſenkranze hangen hatte, vor die Augen— „Sie werden nicht hartnaͤckig eine ſo leichte Handlung der Gerechtigkeit, die man armen Ungluͤcklichen ſo ſehr ſchul⸗ dig, verweigern. Bedenken Sie, daß Gottes Augen ſtuͤnd⸗ lich auf dieſe Armen gerichtet, daß auch ihr Flehen dort oben vernommen wird. Machtig iſt die Unſchuld in ihrem... 3 „Ei Pater,“ unterbrach ihn Don Rodrigo mit Heftig⸗ keit,„die Achtung, die ich vor Ihrem Kleide habe, iſt groß; wenn mich aber etwas dahin bringen koͤnnte, ſie zu vergeſ⸗ ſen, ſo waͤr's, Sie mit einem zu verwechſeln, der in mein Haus mir zu ſchleichen wagt, um hier den Kundſchafter zu ſpielen.“ Eine ploͤtzliche Gluth ſtieg in den Wangen des Moͤnchs empor; mit der Miene eines Menſchen aber, welcher ein bitteres Arzneimittel nimmt, entgegnete er:„Sie glauben —— — 125— Selbſt nicht, daß ſolch ein Titel mir gebuͤhre. In Ihrem Herzen empfinden Sie, daß mein Geſchaͤft hier weder nie⸗ drig noch veraͤchtlich. Hoͤren Sie mich, Don Rodrigo, und wolle der Himmel nicht, daß dereinſt ein Tag er⸗ ſcheine, wo es Sie reut, mich nicht angehoͤrt zu haben. Setzen Sie Ihren Ruhm nicht.... welchen Ruhm, Don Rodrigo! Welchen Ruhm bei den Menſchen! Und welchen vor Gott! Sie vermoͤgen hier auf Erden viel, aber. „Wiſſen Sie,“ ſiel ihm Jener aͤrgerlich, doch nicht ohne eine ſchauerliche Anwandlung, in's Wort,„wiſſen Sie, daß ich recht gut, wie jeder Andre, meinen Weg zur Kirche zu ſinden verſtehe, wenn mir einmal die Grille ankommt, eine Predigt zu hoͤren? Aber in meinem eigenen Hauſe— O,“ fuhr er mit erzwungenem Laͤcheln des Hohnes fort, „Sie nehmen mich fuͤr etwas Hoͤheres als ich bin. Den Prediger im Hauſe! Das haben nur Fuͤrſten.“ „Der Gott, welcher den Fuͤrſten Rechenſchaft abfor⸗ dert, und in ihrer Hofburg ſeine Stimme ſie verſtehen lehrt, der Gott, welcher in dieſem Augenblicke eben ſeine Barmherzigkeit verkuͤndigt, indem er ſeinen unwuͤrdigen elenden Diener, aber doch immer ſeinen Diener, herſendet, fuͤr eine Unſchuldige zu bitten.... „Kurz, Pater,“ ſagte Don Rodrigo, indem er Miene machte, ſich wegzubegeben;„ich weiß nicht, was Sie ſa⸗ gen wollen; nur ſo viel leuchtet mir ein, daß Ihnen ir⸗ gend eine Dirne gar ſehr am Herzen liegen muß. Schen⸗ ken Sie Ihr Vertrauen, wem Sie wollen; nehmen Sie Sich's aber nicht heraus, einem Edelmann laͤnger damit beſchwerlich zu fallen.“ Waͤhrend Don Rodrigo ſich auf den Weg machen — 126— wollte, hatte ſich auch Bruder Criſtoforo in Bewegung ge⸗ ſetzt, trat ihm ehrfurchtsvoll in den Weg, erhob die Haͤnde, um ihn anzuflehen und zugleich ihn zurü zu halten, und nahm wieder das Wort: „Sie liegt mir am Herzen, es 6 wahr, aber nicht mehr als Sie; zwei Seelen ſind's, um welche beide ich be⸗ ſorgter als um mein Leben. Don Rodrigo! Ich kann nichts fuͤr Sie thun, als zu Gott flehen; aber ich thu's von Herzen. Antworten Sie mir nicht Nein; laſſen Sie ein armes unſchuldiges Maͤdchen nicht laͤnger in Angſt und Schrecken ſchweben. Ein Wort aus Ihrem Munde ver⸗ mag Alles.“ „Nun gut,“ ſagte Don Rodrigo,„da Sie der Mei⸗ nung ſind, da ich fuͤr die Perſon viel thun kann, da dieſe Perſon Ihnen ſo ſehr am Herzen liegt.... „Nun?“ fragte in aͤngſtlicher Erwartung Bruder Cri⸗ ſtoforo; denn Don Rodrigo's Blick und Geberde erlaubten ihm nicht, der Hoffnung, welche dieſe Worte zu verkuͤndigen ſchienen, ſich ganz zu uͤberlaſſen. „Gut, ſo rathen Sie ihr, ſie moͤge kommen, und ſich in meinen Schutz begeben. Es ſoll ihr nichts abgehen, und Keiner wird ſich unterſtehen, ſie zu beunruhigen, oder ich bin kein ritterlicher Edelmann!“ Bei einem ſolchen Vorſchlag brach der Unwille des Moͤnchs, bisher mit Gewalt unterdruͤckt, ungeſtuͤm durch. Alle die ſchoͤnen Vorſaͤtze von Klugheit und Geduld ver⸗ ſchwanden; der ehemalige Mann floß mit dem gegenwaͤrti⸗ gen zuſammen, und in ſolchen Faͤllen galt Bruder Criſto⸗ foro wahrlich fuͤr zwei. „Euer Schutz!“ rief er, trat zwei Schritte zuruͤck, 2/ —-— 127— ſtuͤtzte ſich ſtolz auf den einen Fuß, legte die rechte Hand an die Huͤfte, erhob die linke mit ausgeſtrecktem Zeigefinger gegen Don Rodrigo, und ſah ihm mit zweien flammenden Augen ſchreckend in's Geſicht:„Euer Schutz! Gut, daß Ihr ſo geſprochen, daß Ihr mir einen ſolchen Vorſchlag gemacht. Ihr habt das Maaß bis an den Rand gefuͤllt, ich fuͤrchte Euch nicht mehr!“ „Wie ſprichſt Du, Moͤnch?“ „Ich ſpreche, wie man mit Denen ſpricht, die von Gott verlaſſen ſind, und Niemanden mehr in Furcht ſetzen koͤnnen. Euer Schutz! Ich wußte wohl, daß die Unſchul⸗ dige unter Gottes Schutze ſteht; Ihr aber, Ihr laſſet mich's jetzt mit ſolch einer Gewißheit empfinden, daß ich keiner Ruͤckſicht weiter bedarf, um mit Euch davon zu re⸗ den. Lucia, ſag' ich; Ihr ſeht, wie ich dieſen Namen mit erhobener Stirn und ſchwankenloſen Blicken ausſpreche— „Wie? In dieſem Hauſe!“ 4 „Ich bedaure dieſes Haus, der Fluch ſchwebt uͤber ſei⸗ nen Zinnen. Seht zu, ob die goͤttliche Gerechtigkeit vor vier Flintenlaͤufen und vier Mordknechten Achtung hat. Meint Ihr, Gott habe ein Geſchoͤpf nach ſeinem Ebenbilde in die Welt geſetzt, um Euch die Luſt, es zu quaͤlen, zu verſchaffen? Meint Ihr, Gott wiſſe das Maͤdchen nicht zu vertheidigen? Ihr habt ſeinen Rath veraͤchtlich von Euch gewieſen, Ihr habt Euch ſelbſt gerichtet. Das Herz des Pharao war verſtockt, wie das Eure, und Gott wußte es zu zerſchmettern. Lucia iſt vor Euch ſicher; ich armer Moͤnch ſag' es Euch, und was Euch betrifft, hoͤrt wohl, was ich Euch verſpreche. Es wird ein Tag kommen.... Don Rodrigo hatte bisher zwiſchen Wuth und ſtau⸗ 1 — 127— nender Verwunderung geſchwebt, und keine Worte gefun⸗ den; ſobald er aber die erſten Toͤne einer Prophezeiung ver⸗ nahm, geſellte ſich zur Entruͤſtung ein fernes geheimniß⸗ volles Schrecken. Er griff haſtig durch die Luft nach je⸗ ner drohenden Hand, erhoh die Stimme, um den Mund des Unheil verkuͤndenden, Prayheten augenblicklich zum Schweigen zu bringen, und ſchrie:„Aus meinen Augen, verwegener Schurke, jaͤmmerlicher Taugenichts in der Kapuze!“ 1 So entſchiedene Worte brachten auf einen Augenblick unſern Criſtoforo zur Ruhe. Mit der Vorſtellung von Schmach und Beſchimpfung war die Vorſtellung von Dul⸗ den und Schweigen ſo innig und ſeit ſo langer Zeit in ſeinem Geiſte verſchwiſtert, daß aller Zorn und alle Heftig⸗ keit bei dieſer Hoͤflichkeitsbezeugung ihm entſchwanden, und kein andrer Entſchluß ihm blieb, als ruhig mit anzuhoren, was dem Gegner noch weiter hinzuzufuͤgen belieben wuͤrde. Nachdem er daher ſeine Hand aus den Klauen des Edel⸗ mannes ſanft zuruͤckgezogen, ſenkte er das Haupt und blieb unbeweglich ſtehen, wie beim Nachlaſſen des Windes, mit⸗ ten in einem Sturmwetter, eine alte Eiche ihre Zweige wieder in natuͤrliche Stellung legt, und dann die Schlo⸗ ßen empfaͤngt, wie der Himmel ſie herab ſchickt. „Ausgemachter Grobian,“ fuhr Don Rodrigo fort, „thuſt, als wenn Du vor Deines Gleichen ſtaͤndeſt. Aber dank' es der Kutte, die Dir die breiten Halunkenſchultern deckt, ſonſt ſollteſt Du die Liebkoſungen koſten, womit man Leute von Deinem Gelichter reden lehrt. Mach' Dich fuͤr dies Mal mit geraden Beinen fort, und dann werden wir ſehen.”“ „— — 129— Indem er ſo ſprach, deutete er mit hoͤhnendem Gebot nach einer Thuͤre, der Seite, wo ſie herein getreten, ge⸗ genuͤber. Bruder Criſtoforo verneigte ſich und ging; Don Rodrigo blieb, und durchmaß mit heftigen Schritten das Schlachtfeld. 8 Nachdem der Moͤnch die Shuͤre hinter ſich geſchloſſen, ſah er im andern Zimmer, in welches er eben getreten, ei⸗ nen Menſchen behutſam laͤngs der Wand hinſchluͤpfen, als wollte er vom Zimmer des Geſpraͤches aus nicht geſehen werden. Es war der alte Diener, der ihn an der Stra⸗ ßenpforte empfangen hatte. Der befand ſich im Hauſe ſeit vierzig Jahren, ſeit Don Rodrigo's fruͤheſter Jugend naͤm⸗ lich; um dieſe Zeit war er in die Dienſte des Vaters ge⸗ treten, welcher ein ganz anderer Mann geweſen. Nachdem dieſer geſtorben, verabſchiedete der neue Herr die ſaͤmmtli⸗ chen Diener und ſchaffte ſich eine neue Schaar an; den einzigen Alten behielt er, theils ſeiner Jahre wegen, theils weil er, obgleich von durchaus verſchiedener Sitte und Ge⸗ ſinnung mit dem jungen Gebieter, dieſen Uebelſtand voll⸗ kommen durch zwei Eigenſchaften erſetzte; fuͤr's Erſte hatte er einen angeborenen hohen Begriff von der Wuͤrde des Hauſes, dann beſaß er eine außerordentliche Erfahrung in den feſtlichen Staatsgebraͤuchen, und Keiner kannte die aͤl⸗ teſten Ueberlieferungen, die geringfuͤgigſten einzelnen Punkte beſſer als er. Im Angeſichte ſeines Herrn haͤtte der arme Alte ſich niemals unterfangen, ſeine Unzufriedenheit mit dem, was er den ganzen Tag hindurch ſah, durch irgend ein verrathendes Zeichen anzudeuten, viel weniger mit Wor⸗ ten auszudruͤcken; kaum ließ er ſich in Gegenwart ſeiner Dienſtgefͤhrten einen Ausruf entſchluͤpfen, oder murmelte I.. 9 einen Vorwurf zwiſchen den Zaͤhnen. Dieſe pffegten ſich daran zu erbauen, ſuchten ihn ſelbſt weiter in's Geleiſe ei⸗ nes ſolchen Geſpraͤches zu bringen, und forderten ihn zu einer Predigt auf, darin er das Lob der alten guten Le⸗ bensweiſe in dieſem Hauſe wiederholte. Gelangten einmal dieſe Strafreden zu den Ohren des Herrn, ſo wurden ſie zugleich mit den Spaͤßen erzaͤhlt, welche die Uebrigen damit getrieben, und dadurch auch fuͤr Don Rodrigo ein Gegen⸗ ſtand der Verachtung, ohne daß er jemals druͤber gezuͤrnt haͤtte. Erfolgten darauf feſtliche Schmaustage, ſo ward der Alte ein bedeutungsvolles Glied des Hauſes, ohne wel⸗ ches ſich wenig anfangen ließ. Bruder Criſtoforo ſah ihn im Vorbeigehen, gruͤßte ihn, und ſetzte ſeinen Weg fort. Der Alte aber trat geheimniß⸗ voll zu ihm hin, legte den Zeigefinger auf den Mund, und gab ihm dann mit demſelben Finger einen einladenden Wink, mit ihm nach einem dunklen Gang zu kommen. So bald er ihn dort hingefuͤhrt, ſagte er ihm mit leiſer Stim⸗ me:„Ehrwuͤrdiger Vater, ich habe Alles gehoͤrt, und muß Ihnen ein Wort vertrauen.“ „Sagt geſchwind, lieber Mann.“* „Hier nicht,“ fluͤſterte der Alte.„Weh mir, wenn der Herr es merkt! Ich werde aber noch Manches erfahren koͤnnen, und zuſehen, ob es mir moͤglich iſt, morgen nach dem Kloſter zu kommen.“ „Gieht's irgend einen Plan? „Es ſchwebt ſo was, das iſt gewiß; ich hab's ſchon merken koͤnnen. Jetzt aber werd' ich aufpaſſen, und gedenke, Alles herauszukriegen. Laſſen Sie mich nur machen. Ich bekomme Dinge zu ſehen und zu hoͤren, graͤuliche Dinge! — 131— Ich bin in einem Hauſe— meine Seele aber moͤcht' ich hewahren.“ „Der Himmel ſchenke Euch ſeinen Segen!“— Der Moͤnch ſprach dieſe Worte mit frommer Ehrfurcht aus, und legte ſeine Hand auf den Scheitel des Dieners, welcher, obſchon aͤlter als er, in der Stellung eines Sohnes geſenkt voor ihm ſtand.—„Der Herr wird's Euch lohnen,“ fuhr Bruder Criſtoforo fort;„vergeſſet nicht, morgen zu kommen.“ „Ich werde kommen,“ antwortete der Alte;„Sie aber, Herr, gehen Sie ſchnell und, um's Himmels Willen, ver⸗ rathen Sie mich nicht!“ Inndem er ſo bat und rings umher ſchaute, trat er am andern Ende des Ganges hinaus in einen Saal, deſſen Thuͤre ſich nach dem Hof oͤffnete. Hier uͤberzeugte er ſich, daß kein Zeuge zu fuͤrchten, und rief den guten Moͤnch heraus, deſſen Geſicht die letzte Bitte deutlicher beantwor⸗ tete, als irgend eine Betheuerung gekonnt haͤtte. Der Alte zeigte ihm den Ausgang, und ohne weiter ein Wort zu ſprechen, entfernte er ſich. Der Alte hatte an der Thuͤre des Zimmers geſtanden, um ſeinen Herrn zu behorchen? Hatte er recht daran ge⸗ than? Und that Bruder Criſtoforo wohl daran, ihn deß⸗ halb zu loben? Nach den gewoͤhnlichen, allgemein ange⸗ nommenen Regeln iſt's etwas ſehr Entehrendes. Ließ ſich aber jener Fall als eine Ausnahme betrachten? Und giebt es uͤberhaupt Ausnahmen bei allgemein angenommenen Re⸗ geln?— Wenn er Luſt hat, iſt's dem Leſer vergoͤnnt, dieſe Fragen nach ſeinem eigenen Ermeſſen zu entſcheiden. Wir ſind nicht gewillt, hier Urtheile⸗ zu faͤllen; uns genuͤgt die Aufgabhe, Begebenheiten zu erzaͤhlen. — — 132— Nachdem er auf die Straße gekommen, und der Ti⸗ gerhoͤhle den Ruͤcken zugewandt hatte, athmete Bruder Cri⸗ ſtoforo freier auf, und ſtieg mit eiligen Schritten die An⸗ hoͤhe hinab. Noch gluͤhte ſein Geſicht uͤber und uͤber; was er gehoͤrt und geſagt hatte, erhielt ihn, wie Jedermann leicht denken kann, eine ganze Zeit hindurch noch in Be⸗ wegung, und ſtuͤrmte in ſeinem Buſen nach. Die uner⸗ wartete Mittheilung des alten Dieners aber war eine maͤch⸗ tige Herzſtaͤrkung fuͤr ihn; der Himmel ſchien ihm ein ſicht⸗ bares Zeichen ſeiner ſchirmenden Vorſicht gegeben zu ha⸗ ben.— Das iſt ein Faden, dachte er, ein Faden, den die Gottheit mir in die Hand giebt. Und in dem naͤmlichen Hauſe! Und ohne daß es mir auch nur im Traume einge⸗ fallen waͤre, ihn dort zu ſuchen!— Waͤhrend er ſo ſich ſeinen Gedanken uͤberließ, richtete er das Auge nach dem Horizonte, und blickte zur hinab gleitenden Sonne, welche mit jedem Augenblick den Gipfel des Berges zu beruͤhren ſchien; nur wenig blieb vom Tage noch uͤbrig. Obgleich er nun von den Anſtrengungen dieſes Tages ſich ſchwer und matt in den Gliedern fuͤhlte, verdoppelte er dennoch ſeine Schritte; er wollte eine Nachricht, wie ſie auch im⸗ mer ſey, ſeinen Schuͤtzlingen bringen, und dann noch vor Nacht im Kloſter wieder eintreffen. Denn das war im Geſetzbuche der Kapuziner eine der entſchiedenſten Vor⸗ ſchriften, und pflegte mit der puͤnktlichſten Gewiſſenhaftig⸗ keit beobachtet zu werden. Waͤhrend deſſen waren in Agneſens Haͤuschen Plaͤne erſonnen und in Erwaͤgung gebracht worden, von welchen wir den Leſer unterrichten muͤſſen. Nach der Abreiſe des Bruders Criſtoforo hatten alle Drei eine Zeit lang ſchwei⸗ 7 — — 133— gend neben einander geſtanden; Lucia bereitete traurigen Herzens das Mittageſſen; Renzo ſetzte ſich jeden Augenblick in Bewegung, um dem Anblick der bekuͤmmerten Geliebten zu entgehen, und konnte ſich deſſenungeachtet nicht losrei⸗ ßen; Agneſe war aufmerkſam mit der Haſpel beſchaͤftigt, welche ſie fleißig ſchwingen ließ. In der That aber bruͤ⸗ tete ſie uͤber einen Gedanken, und als er ihr endlich reif ſchien, brach ſie das Stillſchweigen. „Hoͤrt, Kinder,“ ſagte ſie, wenn ihr beherzt und klug ſeyn wollt, wie's noͤthig thut; wenn Ihr Vertrauen zu Eu⸗ rer Mutter habt“— bei dieſem Eurer bebte Lucien das Herz in entzuͤckter Aufwallung—„ſo verpflichte ich mich, Euch aus der Bedraͤngniß zu ziehen, beſſer und ſchneller vielleicht als Pater Criſtoforo, obgleich er der Mann iſt, der er iſt.“ Lucig ſtand ſtill, und ſah ſie mit einer Miene an, welche eher Verwunderung als Vertrauen zu einem ſo praͤchtigen Verſprechen meldete. Renzo aber ſagte ſchnell:„Beherzt? klug? Erklaͤrt, erklaͤrt, was geſchehen kann!“ „Iſt es nicht wahr,“ fuhr Agneſe fort,„wenn Ihr verheirathet waͤrt, ſo waͤre damit immer ein gar ſchoͤnes Stuͤck gewonnen? Und fuͤr alles Uebrige thaͤte ſich dann weit leichter ein Ausweg ſinden.“ „Wer zweifelt daran?“ war Renzo's Antwort.„Wenn wir vor'm Altar geſtanden haͤtten... es laͤßt ſich uͤberall auf Erden wohnen, und ein Paar Schritte von hier, um Bergamo herum, wer in Seide arbeitet, iſt dort mit offe⸗ nen Armen aufgenommen. Ihr wißt, wie oft mein Vet⸗ ter Bartolo mich hat auffordern laſſen, hinzukommen, und dort mit ihm zu leben; ich wuͤrde mein Gluͤck machen, wie — 134— er's gemacht hat, und wenn ich niemalen drauf hingehoͤrt habe, ſo warss.... was hilft's?— weil ich mein Herz hier hatte. Wenn wir ein eheliches Paar ſind, ſo gehen wir Alle zuſammen, ſchlagen dort unſre Huͤtte auf, und le⸗ ben in heiligem Frieden, vor den Klauen des Schurken da ſicher und weit weg von der Verſuchung, einen heilloſen Streich zu begehen. Nicht ſo, Lucia?“ „Ja wohl,“ ſagte Lucia;„aber wie...“ „Wie ich geſagt habe,“ nahm Agneſe das Wort;„be⸗ herzt und flink, ſo iſt die Sache leicht, Kinder.“ Leicht?“ fragte das Paar zugleich, welchem die Sache ſo außerordentlich, ſo ſchmerzlich ſchwer geworden. „Leicht, wenn man weiß/ wie man's anzufangen hat,“ verſicherte die Hausfrau.„Hoͤrt mir wohl zu, ich will ſe⸗ hen, daß ich's Euch begreiflich machen kann: Ich habe von Leuten, die Beſcheid wiſſen, ſagen hoͤren, anch ſelber ein⸗ mal ſo einen Fall geſehen, daß, um eine Ehe zu vollziehen, der Pfarrer wohl noͤthig iſt; es iſt aber nicht noͤthig, daß er eben ſeine Zuſtimmung giebt; genug, daß er da iſt.“ „Wie waͤre das zu verſtehen?“ fragte Renzo. 2 „Hoͤrt zu, ſo werdet Ihr's begreifen. Es kommt auf zwei geſchickte Zeugen an, die mit einander Eines Sinnes ſind: Wenn man die hat, geht man zum Pfarrer; die Hauptſache iſt, daß man ihn unverſehens erwiſcht, und ihm keine Zeit bleibt, ſich davon zu machen. Der Mann ſagt: Hery Pfarrer, die hier iſt mein Weib, das Maͤdchen ſagt: das iſt mein Ehemann, Herr Pfarrer. Der Pfarrer muß es hoͤren, die Zeugen muͤſſen's hoͤren, und die Ehe iſt geſchloſſen, ſo heilig und unverletzlich, als wenn der Pabſt ſelber das Paar zuſammen gegeben haͤtte. Sobald dieſe —.— —.,— — 135— Worte geſagt ſind, ſo mag der Pfarrer ſchreien, Laͤrm ſchla⸗ gen, Gift ſpeien, wie ein Teufel; hilft Alles nichts, Ihr ſeyd Mann und Weib!“ „Iſt das moͤglich!“ rief Lucia. „Wie?“ fragte Agneſe.„Meint Ihr, daß ich waͤhrend der dreißig Jahre, die ich fruͤher in der Welt als Ihr ge⸗ weſen, nichts gelernt habe? Die Sache verhaͤlt ſich ſo, wie ich Euch ſage; zum Beweis, eine Freundin von mir, die Einen gegen den Willen ihrer Eltern nehmen wollte, hat es ſo gemacht, und ihre Abſicht erreicht. Der Pfarrer, der Lunte roch, ſtand auf ſeiner Huth; die Beiden aber waren pfiffig wie der Teufel, ſie wußten's klug anzuſtellen, kamen ihm im rechten Augenblick uͤber den Hals, ſprachen die Worte, und waren Mann und Weib. Freilich hat's die arme Frau nach drei Tagen ſchon zu bereuen gehabt.“ Die Sache verhielt ſich wirklich ſo, wie Agneſe ſie vorgeſtellt hatte; Ehen, auf ſolche Weiſe vollzogen, wurden damals als vollkommen guͤltig betrachtet, und galten ſelbſt bis zu unſern Tagen dafuͤr. Da indeſſen zu einer ſol⸗ chen Aushuͤlfe niemand Andres ſeine Zuflucht nahm, als wer auf dem gewoͤhnlichen Wege Hinderniſſe gefunden oder keine Einwilligung zu erlangen vermocht hatte, ſo ſtanden die Pfarrer ſorgfaͤltig auf ihrer Huth, um ſolch eine ge⸗ zwungene Mitwirkung zu vermeiden; und war einer unter ihnen von ſolch einem Paare, welches ſich von Zeugen be⸗ gleiten ließ, deſſenungeachtet uͤberraſcht worden, ſo gab er ſich alle moͤgliche Muͤhe, um aus dem Handel zu kommen, wie Proteus aus den Haͤnden derer, die ihn mit Gewalt zum Prophezeien bewegen wollten. „Wenn das wahr waͤre, Lucia!“ ſagte Renzo, und — 136— ſicht. „Was, wenn's wahr waͤre?“ fragte Agneſe.„Auch Ihr glaubt, daß ich Euch Maͤhrchen auftiſche? Ich martre mich ab um Euretwillen, und dann glaubt man mir nicht; gut, gut; zieht Euch ſelbſt aus der Schlinge, wie Ihr koͤnnt; ich waſche mir die Haͤnde.“ „Mein, verlaßt uns nicht!“ rief Renzo.„Ich hab' nur ſo geſprochen, weil mir die Sache gar zu ſchoͤn vor⸗ kam. Ich hab' mich Euern Haͤnden uͤbergeben, und ſeh Euch ſo an, als waͤret Ihr meine wirkliche Mutter.“ Vor ſolch einer Verſicherung loͤſte ſich Agneſens au⸗ genblicklicher Verdruß bald auf; ſie vergaß einen Vorſatz, der wirklich nur in Worten beſtanden. „Warum alſo, Mutter,“ ſagte Lucig im Ton ihrer ge⸗ woͤhnlichen Beſcheidenheit,„wie geht es zu, daß der Ein⸗ fall nicht dem Vater Criſtoforo in den Sinn gekommen?“ „In den Sinn gekommen?“ erwiederte Agneſe.„In den Sinn wird er ihm ſchon gekommen ſeyn, er hat ihn aber nicht herausſagen moͤgen.“ „Weßhalb denn?“ fragte das Paar zugleich. nun, weil... wenn Ihr es wiſſen wollt, weil die Geiſtlichen behaupten, es ſtehe mit der Sache nicht ganz richtig.“ „Es ſteht nicht ganz richtig mit der Sache,“ ſagte Renzo,„und doch iſt ſie ganz gut abgemacht, ſobald ſie einmal abgemacht iſt? Wie reimt ſich das! „Was ſoll ich Euch ſagen?“ war Agneſens Antwort. „Das Geſetz haben andre Leute gemacht, wie ſie's fuͤr gut gehalten haben; wir armen Leute aber koͤnnen nicht Jed⸗ blickte ihr mit dem Ausdruck bittender Erwartung in's Ge⸗ — 137— wedes begreifen. Und dann, wie viele Dinge.... Seht, es iſt gerade, als wenn Ihr einem Chriſtenmenſchen einen Schlag mit der Fauſt gebt. Es iſt freilich kein gutes Ge⸗ ſchenk; aber habt Ihr ihm einmal einen verſetzt, ſo kann ihm ſelber der Pabſt ihn nicht wieder abnehmen.“ „Wennss etwas iſt, womit es nicht ganz richtig ſteht,“ ſagte Lucia,„ſo muß es bleiben.“ „Wie?“ fragte Agneſe.„Werde ich Dir etwa einen Rath gegeben haben, der ſich mit der Gottesfurcht nicht vertraͤgt? Wenn's gegen den Willen Deiner Eltern ge⸗ ſchaͤhe, um Einen uͤber Hals uͤber Kopf an den Arm zu kriegen; ſo aber bin ich ja damit zufrieden, und es geſchieht, um Dich mit dem jungen Mann hier zu verheirathen; der die ganze Verwirrung angeſtellt hat, iſt ein Schurke, und der Herr Pfarrer... „S iſt klar wie die Sonne,“ ſagte Renzo. „Man muß aber mit dem Pater Criſtoforo nicht da⸗ von reden, ehe die Sache vor ſich geht,“ fuhr Agneſe fort. „Iſt ſie aber geſchehen und gut ausgefallen, wie meinſt Du wohl, wird dann der Pater zu Dir ſprechen?— Ei, Maͤd⸗ chen, wird er ſagen, das war eine ſtarke Uehereilung; in⸗ deſſen Ihr habt ſie einmal begangen.— Die Geiſtlichen muͤſſen ſo reden. Glaub' mir aber, im Herzen wird er auch damit zufrieden ſeyn.“ Lucia fand zwar keine eigentlichen Gruͤnde, um ſie dieſen Vernunftſchluͤſſen der Mutter entgegen zu ſetzen, in⸗ deſſen wollte ihr die Sache doch nicht recht zuſagen; Renzo dagegen ſagte vollkommen ermuthigt:„Wenn's ſo iſt, ſo iſt die Sache ſo gut wie gethan.“ „Langſam!“ rief ihm Agneſe zu.„Und die Zeugen? — 138— Und die Art, wie man den Herrn Pfarrer faßt, der ſich ſchon ganzer zwei Tage im Hauſe verkrochen haͤlt? und ihn dahin zu bringen, daß er Stand haͤlt? Denn iſt er ſchon ſchwerfaͤllig von Natur, ſo ſag' ich Euch, wenn er Euch in der naͤmlichen Abſicht mitſammen ankommen ſicht, wird er geſchmeidig wie eine Katze werden, und Euch un⸗ ter den Haͤnden entwiſchen, wie der Teufel aus gebenedeie⸗ tem Waſſer.“ „Ich hab's gefunden, wie ſich's machen laͤßt, ich hab's gefunden,“ ſagte Renzo. Dabei ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch, daß das Kuͤchengeſchirr, welches zum Mit⸗ tageſſen fertig daſtand, klingend in die Hoͤhe ſprang. So⸗ dann ſetzte er ſeinen Plan auseinander, und fand bei Agne⸗ ſen vollſtaͤndigen Beifall. „Das ſind verwickelte Dinge,“ ſagte Lucia,„nicht glatte und klare Schritte. Bisher ſind wir immer aufrich⸗ tig zu Werke gegangen; wir wollen auch weiterhin immer im Glauben wandeln, und Gott wird uns helfen; Vater Criſtoforo hat's geſagt. Wir wollen ſeine Meinung hoͤren.“ „Laß Dich von dem leiten, der's verſteht,“ ſagte Ag⸗ neſe mit ernſter Miene.„Was brauchen wir erſt um Mei⸗ nung zu fragen? Gott ſagt: Hilf dir, ſo werde ich dir auch helfen. Dem Pater erzaͤhlen wir Alles, wenn's vor⸗ bei iſt.“ Wucia,“ ſagte Nenzo,„willſt Du jetzt mich verlaſſen? Haben wir nicht alles Unſrige, wie gute Chriſten, gethan? Muͤßten wir nicht jetzt ſchon von Rechts wegen Mann und Weib ſeyn? Hatte uns nicht der Pfarrer ſelber Tag und Stunde angegeben? Und weſſen Schuld iſt's, wenn wir uns jetzt mit einem bischen Liſt muͤſſen zu helfen ſu⸗ ——— — —,—————r — 139— chen? Nein, verlaß mich nicht. Ich geh und kehre mit der Antwort zuruͤck.“— Er begruͤßte Lucien in vittender Stellung, die Mutter aber mit der Miene des Einverſtaͤnd⸗ niſſes, und entfernte ſich. Peinliche Lagen, heißt es, machen klug. Renzo, welcher bis⸗ her auf dem geraden und ebenen Wege ſeines Lebens ſich nie⸗ mals in dem Falle befunden, ſeinen Verſtand bedeutend an⸗ zuſtrengen, hatte hier ein Mittel erſonnen, das wirklich ſelbſt einem Rechtsgelehrten Ehre gemacht haͤtte. Er ging geradesweges, dem entworfenen Plane gemaͤß, nach dem benachbarten Hauſe eines gewiſſen Tonio, und fand ihn in der Kuͤche, wo er, mit einem Knie auf die Schwelle des Feuerheerdes ſich ſtuͤtzend, und den Rand eines Topfes, der uͤber heißer Aſche ſtand, mit der Rechten haltend, einen grauen Brei aus tuͤrkiſchem Weitzen mit einem gebogenen Teigholze umruͤhrte. Die Mutter, ein Bruder und die Frau des Tonio ſaßen am Tiſche; drei oder vier Kinder ſtanden umher, hatten die Augen aufmerkſam auf den Topf gerichtet, und erwarteten den Augenblick, wo er umgeſtuͤrzt werden ſollte. Doch war nichts von jener Froͤhlichkeit zu bemerken, welche der Anblick der Mahlzeit in denjenigen, die ſie durch Anſtrengung verdient haben, zu erwecken pflegt. Die Maſſe des Breies war nach dem Gebote der kaͤrglichen Zeit, nicht nach der Zahl und der geſunden Eßluſt der Tiſchgenoſſen eingerichtet; jeder von dieſen betrachtete mit dem ſcheelen Blicke des gierigen Verlangens die gemein⸗ ſchaftliche Speiſe, und ſchien den Hunger zu berechnen, mit welchem er nach der Mahlzeit noch zu kaͤmpfen haben wuͤrde. Waͤhrend Renzo ſich mit der Familie begruͤßte, ſtuͤrzte Tonio den Topf uͤber das buͤchene Schneidebrett um, — 140— welches bereit dalag, den Brei aufzunehmen; es war ein kleiner Mond in einem großen Dunſtkreiſe. Dennoch ſag⸗ ten die Frauen hoͤflich zum Gaſte:„Wollt Ihr nicht Theil nehmen?“ eine Artigkeit, welche der lombardiſche Bauer, ſo oft ihn Jemand bei der Mahlzeit beſucht, nie⸗ mals unterlaͤßt, wenn der Fremde auch ein reicher Praſſer, ſo eben von der Tafel aufgeſtanden, waͤre, und er ſelbſt ſchon beim letzten Biſſen ſtaͤnde. „Ich danke,“ ſagte Renzo.„Bin lediglich gekommen, um ein Woͤrtchen mit Tonio zu reden, nnd wenn Du willſt, Tonio, ſo koͤnnen wir, um Deine Frauen hier nicht zu ſtoͤ⸗ ren, nach dem Gaſthofe eſſen gehen, und dort mit einan⸗ der ſprechen.“ Der Vorſchlag kam dem Tonio um ſo angenehmer, je weniger er erwartet worden. Die Frauen ſahen es gar nicht ungern, daß ein Mitbewerber um den Weitzenbrei, und zwar der furchtbarſte, ſich zuruͤckziehen ſollte. Der Eingeladene fragte weiter nicht, und ging mit Renzo fort. Sie langten im Wirthshauſe des Dorfes an, und ſa⸗ ßen, ohne mit Jemandem anders das Zimmer zu theilen, in aller Gemaͤchlichkeit da. Denn das Elend hatte alle Gaͤſte, die ſonſt ſich hier zu erluſtigen pflegten, von dem Hauſe entwoͤhnt. Nachdem Beide ſich das Wenige, was ſich vorfand, geben laſſen, und einen Becher Wein mit einan⸗ der geleert hatten, begann Renzo mit geheimnißvoller Miene: „Wenn Du mir einen kleinen Dienſt leiſten willſt, ſo will ich Dir dafuͤr einen großen leiſten, Tonio.“ „Rede, rede,“ antwortete dieſer, und ſchenkte ſich ein, „Du haſt bloß zu hefehlen. Heut koͤnnt' ich in's Feuer fuͤr Dich laufen.“ — — 141— „Du biſt dem Herrn Pfarrer fuͤnf und zwanzig Lire Pacht ſchuldig, fuͤr das Feld, das Du vergangenes Jahr bebaut haſt.“ „O Renzo, Renzo, Du machſt mir Deine Wohlthat zu Waſſer. Was bringſt Du hier auf ein Mal die Ge⸗ ſchichte auf's Tapet? Du haſt mir meinen guten Willen ſtracks vertrieben.“ „Wenn ich von deiner Schuld mit Dir rede,“ ſagte RNenzo,„ſo geſchieht's bloß, weil ich die Abſicht habe, wenn Du willſt, Dir das Mittel zur Zahlung an die Hand zu geben.“ „Sprichſt Du im Ernſt, Renzo?“ „Im Ernſt. Nun, Tonio? Waͤrſt Du's zufrieden?“ „Zufrieden? Alle Hagel, ob ich zufrieden waͤre! Wenn's auch nichts weiter waͤr, ſchon um die verdammten Geſich⸗ ter nicht mehr zu ſehen, und das garſtige Kopfdrehen, wo⸗ mit mich der Herr Pfarrer bedenkt, ſo oft wir einander in den Weg gerathen. Und in Einem fort heißt's hernach: Erinnert Euch, Tonio! Tonio, wann ſehen wir uns, um unſer Geſchaͤft abzumachen?— Ei, es geht ſo weit, wenn er unterim Predigen die Augen ſtarr auf mich richtet, ſteh' ich meiner Seele in voller Furcht da, es koͤnnte ihm einfallen, mir vor aller Welt zuzurufen: Die fuͤnf und zwanzig Lire, Tonio!— Daß doch der Satan die fuͤnf und zwanzig Lire holte! Und dann muͤßte er mir auch die goldene Kette meines Weibes wieder ausliefern, und ich thaͤt' ſie in eben ſo viel tuͤrkiſchen Weitzen umſetzen. Aber.... 1 „Aber, aber— wenn Du mir ein kleines Dienſtchen leiſten willſt, ſo liegen die fuͤnf und zwanzig Lire dal“ — 142— Sag' friſch!“ „Aber...“ ſagte Renzo, indem er den Zeigefinger quer uͤber die Lippen legte. „Braucht's das erſt? Du kennſt mich, mein' ich, Renzo.“ Der Herr Pfarrer kommt mit etlichen abgeſchmackten Gruͤnden angeſchlichen, um meine Verheirathung in die Laͤnge zu ziehen. Ich aber will heraus zu kommen ſuchen. Sie haben mir fuͤr gewiß geſagt, wenn wir Brautleute vor ihn mit einem Paar Zeugen hintreten, und ich ſpreche: das iſt mein Weib, und Lucia: das iſt mein Mann, ſo iſt die Vermaͤhlung vollſtaͤndig abgemacht. Haſt Du mich verſtanden, Tonio?“ „Du willſt, daß ich als Zeuge mit Dir gehe?“ „Das will ich. 2 „Und willſt die fuͤnf und zwanzig Lire fuͤr mich zahlen?“ „Das iſt meine Abſicht. 7 „Ein Schurke, wer Dich im Stich laͤßt, Renzo!“ „Wir muͤſſen aber noch einen andern Zeugen auftrei⸗ ben, Freund. „Ich hab' ihn ſchon. Da mein Bruder Gervaſo, der arme Schlucker, der thut, was ich ihm ſage. Wird's Dir dabei auf eine Lumperei zu einem Glas Wein fuͤr ühn an⸗ kommen, Renzo?“ „Er ſoll auch zu eſſen haben,“ antwortete dieſer.„Wir fuͤhren ihn hieher, er ſoll ſich hier guͤtlich mit uns thun. Wird er aber Beſcheid wiſſen?“ „Ich werd's ihm ſchon ſtechen,“ verſicherte Tonio. . — 143— „Du weißt wohl, ich habe ſeinen Thei Gehirn mit in den Schaͤdel bekbunnun 7 „Morgen.... „Gut.“ „Gegen Abend „Ganz gut.“ „Aber....“ ſagte Renzo, und legte den Zeigefinger noch einmal an die Lippen. „Pah!“ antwortete Tonio, neigte den Kopf nach der rechten Schulter hin, und hielt die linke Hand in die Hoͤhe, als ſagte er: Ihr thut mir Unrecht. „Wenn aber Dein Weib Dich fraͤgt, Tonio, wie ſie ohne Zweifel fragen wird.. „So ſetzt es Luͤgen,“ erwiederte der Andre.„Ich ſteh' in den Stuͤcken ohnehin mit meinem Weibe in Rechnung, und bin ſo weit hinter ihr zuruͤck, daß ich nicht einmal weiß, ob ich jemals zu dem Meinigen kommen werde. Ir⸗ gend eine Alfanzerei werd' ich ſchon ausfindig machen, um ihre Neuigkeitsluſt abzuſpeiſen.“ „Morgen fruͤh,“ ſagte Renzo,„wollen wir's noch kla⸗ rer mit einander verabreden, um die Sache fein artig in den Gang zu bringen.“ Somit verließen ſie das Wirthshaus, Tonio begab ſich nach Hauſe, und ſann auf ein Maͤhrchen, welches er den Frauen aufbinden wollte; Renzo eilte, von der genomme⸗ nen Verabredung Bericht abzuſtatten. Waͤhrend deſſen hatte ſich's Agneſe vergebens faner wer⸗ den laſſen, um die Tochter zu bereden. Dieſe ſetzte jedem Vertheidigungsgrunde das eine oder das andre Glied ihres Dilemma entgegen: entweder iſt die Sache ſchlecht, und — 144— ſo muß ſie unterbleiben, oder ſie iſt's nicht, und warum ſoll ſie da dem Pater Criſtoforo nicht mitgetheilt werden? Renzo trat mit ſiegreicher Miene herein, ſtattete ſeinen Bericht ab, und ſchloß mit einem Ahn? einem mallaͤndi⸗ ſchen Ausruf, welcher etwa ſagen will: Bin ich ein Kerl oder nicht? Laͤßt ſich was Beſſeres finden? Waͤre das Euch eingefallen? und hundert andre Fragen der Art. Lucig ſchuͤttelte leiſe den Kopf; die Beiden aber, fuͤr ihren Plan lebhaft eingenommen, fragten wenig nach ihr, ungefaͤhr wie man mit einem Kinde verfaͤhrt, wenn man daran verzweifelt, ihm den Beweggrund einer Sache be⸗ greiflich zu machen, und es dann mit Bitten und durch Autoritaͤt zum beabſichtigten Schritte zu bringen ſucht. „Gut,“ ſagte Agneſe,„ſo geht's ganz gut; aber.... Ihr habt doch noch nicht an Alles gedacht, Renzo.“ „Woran fehlt's denn noch?“ fragte der Juͤngling. „Und Perpetug? Perpetua iſt Euch nicht eingefallen. Die wird allenfalls den Tonio und ſeinen Bruder uͤber die Schwelle laſſen; aber Euch! Euch Beide! Bedenkt! Wird ſie nicht den Befehl haben, Euch vom Hauſe noch weiter weg zu halten als einen Jungen von einem Birn⸗ haum mit reifen Fruͤchten?“ „Was ſtellen wir nun da an?“ ſagte Renzo, und ward nachdenkend. „Seht Ihr? Ich habe dran gedacht, ich. Ich werde mit Euch gehen; dann hab' ich ein Geheimniß, um ſie bei Seite zu locken; iſt das geſchehen, ſo bezaubre ich ſie dermaßen, daß ſie Euch gar nicht gewahr wird, und ſo koͤnnt Ihr hineingehen. Ich werde ſie rufen, und will ſie auf eine Faͤhrte bringen.. Ihr werdet ſehen.“ —-—HB⏑—ꝛ——.ͤ— — 145— „Prachtvolle Frau!““ rief Renzo.„Ich hab's immer geſagt, daß Ihr in allen Stuͤcken unſere Huͤlfe ſeyd.“ „Das kann aber Alles nichts helfen,“ ſagte Agneſe, „wenn wir der da den Kopf nicht zurecht ſetzen. Sie be⸗ ſteht drauf, daß wir eine Suͤnde begehen.“ Nun trat auch Renzo mit ſeiner Beredſamkeit in's Feld; Lucia indeſſen ließ ſich nicht irre machen. „Was ich auf Eure Gruͤnde da antworten ſoll, weiß ich nicht,“ ſagte ſie;„ſo viel aber ſehe ich, um die Sache ſo auszufuͤhren, wie Ihr da ſagt, muß man ganz heillos ſeine Zuflucht zu heimlicher Liſt, zu Luͤgen und Erdichtun⸗ gen nehmen. Ach Renzo! So haben wir nicht angefan⸗ gen. Ich wuͤnſche, Dein Weib zu ſeyn“— und ſie konnte das Wort nicht hervorbringen, ihren Wunſch nicht mit⸗ theilen, ohne uͤver und uͤber mit gluͤhenden Wangen dazu⸗ ſtehen—„ich will Dein Weib ſeyn, aber auf geradem Wege, wie die Furcht vor Gott gebietet, vor'm Altare. Laſſen wir den oben handeln. Weiß er etwa nicht, den Knoten zu loͤſen, wenn er uns helfen will, zehnmal beſſer als wir's mit all dieſen Schelmenſtreichen im Stande ſind? Und warum wollen wir dem Vater Criſtoforo ein Geheimniß daraus machen?“ Der Streit dauerte fort, und ſchien kein Ende zu finden, als ein eilfertiger Sandalentritt und das Geraͤuſch eines auf⸗ und zuſchlagenden Mantels, ungefaͤhr wie wenn die Stoͤße des Windes ein ſchlaffes Segel treffen, den Pater Criſtoforo verkuͤndigten. Man ſchwieg, und Agneſe hatte kaum die Zeit, Lucien in's Ohr zu raunen: Huͤthe Dich wohl, ihm etwas zu ſagen.“ —— 11. 10 — 146— Siebentes Kapitel. Pater Criſtoforo langte in der Stellung eines tuͤchti⸗ gen Feldherrn an, welcher, ohne ein Vergehen von ſeiner Seite, eine bedeutende Schlacht verloren hat, und nun, betruͤbt, aber nicht entherzigt, gedankenvoll, aber immer ſeine Faſſung behauptend, in eiligem Marſch, aber keines⸗ weges in Flucht, ſich nach derjenigen Gegend hinbegiebt, wohin die Noth ihn ruft, um die bedrohten Punkte zu ſichern, ſeine Schaaren wieder in ſchlagfertigen Stand zu ſetzen und neue Befehle zu einem neuen Feldzuge zu geben. „Gottes Friede ſey mit Euch!“ ſagte er, indem er eintrat.„Von dem Menſchen laͤßt ſich nichts hoffen; um ſo mehr muͤſſen wir unſer Zutrauen in Gott ſetzen, und ich meine, ſchon ein Pfand ſeines himmliſchen Schuz⸗ zes zu haben.“ Allerdings hatte Keiner unter den Dreien ſich vom Verſuche des Bruders Criſtoforo eben viel verſprochen; denn einen Maͤchtigen von einer uͤbermuͤthigen Gewalt⸗ handlung zuruͤckſchreiten zu ſehen, wo keine hoͤhere Gewalt ihn uͤberfluͤgelt, aus bloßer Herablaſſung gegen waffenloſe Bitten, war eine mehr unerhoͤrte als ſeltne Sache. Nichts deſto weniger war die traurige Gewißheit ein Schlag fuͤr Alle. Die Frauen ließen muthlos die Koͤpfe hangen; in Renzo's Seele aber trug der Zorn uͤber die Niedergeſchla⸗ genheit den Sieg davon. Dieſe Botſchaft fand ihn bereits durch eine Reihe von ſchmerzlichen Ueberraſchungen, von fehlgeſchlagenen Verſuchen und getaͤuſchten Hoffnungen erbittert und ergrimmt; was ihn aber in dieſem Augen⸗ blicke beſonders aufgebracht hatte, war Luciens Weigerung. ——— — 147— „Ich moͤchte wiſſen,“ rief er, mit den Zaͤhnen knir⸗ ſchend und die Stimme gewaltſamer erhebend, als er je⸗ mals in Gegenwart des verehrten Kloſterbruders gethan, „ich moͤchte wiſſen, was fuͤr Urſachen der Hund angegeben hat, um zu behaupten... um zu behaupten, daß meine Braut nicht meine Braut ſeyn ſoll.“ „Armer Renzo!“ ſagte der Pater im Tone des Mit⸗ leids, mit einem Blicke, welcher liebevoll zur Beruhigung aufforderte,„wenn der Maͤchtige, ſo oft er eine Ungerech⸗ tigkeit begehen will, immer auch gezwungen waͤre, ſeine Gruͤnde anzugeben, ſo wuͤrde es auf Erden anders zuge⸗ hen, als wir's erleben.“ „Hat er denn alſo geſagt, der Hund, daß er nicht will, bloß weil er nicht will?“ „Auch nicht einmal das hat er geſagt, armer Renzo. Es laͤge ſelbſt noch ein troͤſtlicher Vortheil darin, wenn ſie, um die Unbilligkeit zu begehen, ſie offen hekennen muͤßten.“ „Aber etwas hat er ſich doch muͤſſen verlauten laſſen,“ entgegnete Renzo;„was hat er denn nun geſagt, der hoͤl⸗ liſche Suͤndenvogel?“ „Seine Worte,“ ſagte Bruder Criſtoforo,„verſtanden hab' ich ſie, aber ich moͤchte ſie Dir nicht wiederholen. Die Worte des Ungerechten, welcher die Gewalt in Haͤn⸗ den hat, toͤnen und verhallen, ſich ſelbſt durch ihren Wi⸗ derſpruch aufloͤſend; er iſt im Stande, vor Zorn zu ſpruͤ⸗ hen, weil Du einen Argwohn gegen ihn ſehen laͤßt, und im nehmlichen Augenblick giebt er Dir zu empfinden, daß die Urſache Deines Argwohns gegruͤndet; in Einem Athem beleidigt er Dich und nennt ſich einen Gekraͤnkten, — 148— er verhoͤhnt Dich und verlangt Gruͤnde, er ſetzt Dich in Schrecken und beklagt ſich, er handelt unverſchaͤmt und ſpielt den Tadelloſen. Frage nicht weiter. Weder den Namen dieſer Unſchuldigen, noch den Deinigen hat er uͤber die Lippen gebracht; er hat nicht einmal merken laſ⸗ ſen, daß er Euch kenne, hat von irgend einer Behauptung nicht eine Silbe erwaͤhnt; aber, aber nur zu deutlich hab' ich begreifen muͤſſen, daß er unbeweglich iſt. Dennoch, Vertrauen in Gott! Ihr, arme Leute, verliert den Muth nicht, und Du, Renzo... o glaube nur, ich weiß mich an Deine Stelle zu ſetzen, ich fuͤhl's, was in Deinem Herzen vorgeht. Aber Geduld! Das iſt freilich ein duͤrf⸗ tiges, nuͤchternes Wort, ein bitteres Wort fuͤr Einen, der nicht glaubt; Du aber... Wollteſt Du dem Vater im Himmel nicht einen Tag, zwei Tage, wollteſt Du ihm nicht die Zeit geſtatten, die er ſich nimmt, um die gute Sache emporkommen zu laſſen? Sein iſt die Zeit, und er hat uns ſo viel verſprochen. Laſſ' ihn machen, Renzo, und wiſſe, wiſſet Alle, daß ich ſchon einen Faden in Haͤn⸗ den habe, um Euch zu helfen. Fuͤr jetzt kann ich Euch nicht mehr ſagen. Morgen komme ich nicht her; ich muß den ganzen Tag im Kloſter bleiben, und das Euretwegen. Du, Nenzo, ſieh hin zu kommen; oder wenn Du durch ein unvermuthetes Hinderniß nicht kannſt, ſo ſchickt mir einen treuen Menſchen, einen vernuͤnftigen Burſchen, durch den ich Euch kann wiſſen laſſen, was vorgehen wird. Es wird Nacht; ich muß mich ſchleunig nach dem Kloſter aufmachen. Glauben, Muth und gute Nacht!“ Mit dieſen Worten nahm er eilfertig Abſchied, und lief den gewundenen ſteinigten Fußpfad hinab, um nicht 8 —,— — 149— zu ſpaͤt im Kioſter anzukommen, und entweder einen ſtar⸗ ken Verweis, oder, was ihm noch ſchwerer angekommen waͤre, eine Buße zu wagen, die ihn am andern Tage um die Geſchaͤftsloſigkeit, welche die Sorgfalt fuͤr ſeine Schuͤtzlinge forderte, gebracht haͤtte. „Habt Ihr gehoͤrt, was der hochwuͤrdige Vater da von einem... ich weiß nicht... von einem Faden ſagte, den er in Haͤnden haͤlt, um uns zu helfen?“ ſagte Lucia. „Ihm muͤſſen wir vertrauenvoll uns uͤberlaſſen; er iſt ein Mann, der wenn er zehn verſpricht... 8— „Wenn's bloß darauf hinauslaͤuft,“ unterbrach ſie Agneſe,„ſo haͤtte er ſich deutlicher ausdruͤcken muͤſſen, oder haͤtte mich wenigſtens bei Seite ziehen ſollen und mir ſagen, wie es ſich ungefaͤhr damit verhaͤlt.“ „Eitles Geſchwaͤtz!“ rief Renzo,„ich werde der Sache ein Ende machen, ich werd' ihr ein Ende machen!“— Dabei ging er außer ſich vor Wuth im Zimmer auf und nieder, waͤhrend Stimme und Geſicht uͤber die Bedeutung ſeiner Worte keinen Zweifel ließen. „O Renzo!“ ſchrie Lucia.— „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Agneſe aͤngſtlich. „Was braucht's erſt lange geſagt zu werden? Ich werde der Sache ein Ende machen, ich. Er mag hundert⸗ er mag tauſend Teufel in der Seele niſten haben— er iſt endlich auch von Fleiſch und Bein.“ „Nein, nein, um des Himmels Willen!“ bat Lucig; doch Thraͤnen erſtickten die Worte des ungluͤcklichen Maͤd⸗ chens.. „Derlei Reden, Renzo, ſollen auch nicht einmal im — 150— Spaß gefuͤhrt werden,“ bemeykte Agneſe mit ernſtem Un⸗ willen. 2.* „Im Spaß?“ ſchrie Renzo, indem er ſich vor die ſitzende Frau gerade hin ſtellte, und ihr mit wildverdrehten Augen in's Geſicht ſtarrte.„Im Spaß? Ihr werdet ſehen, ob es Spaß iſt.“ Ach Renzo!“ ſagte Lucia, welche mit Anſtrengung unterm Schluchzen ſprach,„ſo hab' ich Dich all meine Tage noch nicht geſehen!“ „Um Gottes Willen, nehmt nicht dergleichen Dinge in den Mund,“ bat Agneſe eilig mit gedaͤmpfter Stimme. „Denkt Ihr denn gar nicht dran, wie viele Arme ihm zu Gebote ſtehen, und daß es, Gott ſteh uns bei, gegen die Armen jederzeit Gerechtigkeit giebt?“ „Ich werde die Gerechtigkeit vollſtrecken, ich. Es iſt endlich Zeit. Die Sache iſt nicht leicht; das weiß ich auch. Der raͤuberiſche Hund wehrt ſich gar behutſam ſeiner Haut; er weiß recht gut, wies um ihn ſteht. Aber macht nichts aus! Geduld, Entſchloſſenheit, und der Augenblick kommt. Ja, ich werde die Gerechtigkeit vollſtrecken, ich werde das Land endlich befreien. Das Volk hier wird mir ſeinen Segen nachrufen, und dann in vier Spruͤngen.. Der Schrecken, welcher Lucien hei dieſen deutlicheren Worten uͤberſiel, hemmte ihre Thraͤnen ſchnell, und gab ihr neuen Muth zum Sprechen. Sie nahm die Haͤnde vom thraͤnenvollen Geſichte, und ſagte mit bekuͤmmerter, aber entſchloſſener Stimme;„Es liegt Dir alſo nichts mehr dran, Renzo, mich zum Weihe zu haben! Ich hatte mich einem Juͤngling verſprochen, der Gottesfurcht im Herzen hegt; aber einem Menſchen, der einen.. Waͤr' —y— — — 151— er auch vor aller Gerechtigkeit und aller Stafe ſicher, waͤr er der Sohn des Kdnigs...“ „Nun gut,“ antwortete Renzo mit einer Verzerrung des Geſichtes, wie ſie niemals ſonſt an ihm bemerkt wor⸗ den;„ich werde Dich nicht haben; aber er ſoll Dich auch nicht haben. Ich hier auf Erden ohne Dich, und er im Hauſe des...“ „Himmliſche Barmherzigkeit, nein, rede nicht ſo, mache nicht ſolche Augen; nein, ich kann Dich ſo nicht ſehen!/ rief Lucia, weinte, beſchwor ihn und faltete die Haͤnde. Die Mutter aber rief zu verſchiedenen Malen den Juͤng⸗ ling beim Namen, und legte ihm, um ihn zu beſaͤnftigen, die Hand auf die Schultern, an den Arm, an die Wan⸗ gen. Unbeweglich ſtand er da, gedankenvoll, von ſeinen Entſchluͤſſen auf einen Augenblick abgelenkt, indem er Lu⸗ ciens flehendes Geſicht betrachtete; mit einem Male aber ſah er ſie finſter an, trat zuruͤck, ſtreckte Arm und Zeige⸗ finger nach ihr aus, und ſagte:„Dieſe! Wenn er dieſe will, muß er ſterben.“ „Und ich, was hab' ich Dir zu Leide gethan, daß Du auch mir den Tod geben willſt?“ ſagte Lucia, und warf ſich auf's Knie vor ihm hin. „Du?“ ſagte er mit einer Stimme, welche eine ganz andere Art des Zornes, aber doch immer einen Zorn aus⸗ druͤckte.„Du? Was willſt Du mir denn Gutes? Wel⸗ chen Beweis haſt Du mir gegeben? Hab' ich Dich nicht gebeten, gebeten und gebeten? Hab' ich wohl ſo viel er⸗ langen koͤnnen...“ „Za, ja, Renzo“ autwortete Lucia haſtig,„ich will — 152— zum Pfarrer morgen gehen, jetzt, wenn Du's verlangſt, ich will gehen. Nur das nehme zuruͤck! Ich will gehen.“ „WVerſprichſt Du mir das?“ fragte Renzo, nachdem Stimme und Geberde ploͤtzlich menſchlicher an ihm ge⸗ worden. „Ich verſprech' es Dir.“ „Du haſt es mir verſprochen!“ „Ach Gott, ich dank' Euch!“ rief Agneſe doppelt zufrieden. Hatte Renzo mitten in ſeiner aufſprudelnden Heftigkeit wahrgenommen, von welchem Nutzen Lucia's Schrecken fuͤr ihn ſeyn koͤnnte? und hatte er nicht vielleicht etwas Liſt dabei angewendet, um dieſen Schrecken zu ſteigern, damit er die gehoffte Wirkung habe? Unſer Autor betheu⸗ ert, nichts davon zu wiſſen, und wir ſind der Meinung, daß Renzo gleichfalls nichts davon wußte. So viel iſt gewiß, daß er gegen Don Rodrigo gaͤnzlich außer ſich war, und Lucien s Einwilligung von ganzer Seele wuͤnſchte. Wo aber zwei heftige Leidenſchaften in der Bruſt eines Menſchen gegen einander kaͤmpfen, iſt es Keinem, auch dem Geduldigen nicht, immer moͤglich, die eine von der andern deutlich zu unterſcheiden, und mit Sicherheit zu ſagen, welche die vorherrſchende ſey. „Ich habe Dir mein Verſprechen gegeben,“ antwor⸗ tete Lucia im Tone eines furchtſamen, liebreichen Vor⸗ wurfs;„aber auch Du haſt verſprochen, kein Aergerniß zu geben, es dem Vater Criſtoforo anheim zu ſtellen.“ „Geh!“ rief Renzo.„Aus Liebe zu wem bin ich in Wuth gerathen? Willſt Du Dich jetzt zuruͤckziehen? Willſt Du tnich zu einem tollen Streich verleiten?“ — — 153— „Nein, nein,“ ſagte Lucia, auf dem Punkt, wieder in Schrecken zuruͤck zu fallen.„Ich hab⸗ Dir's verſpro⸗ chen, und ziehe mich nicht zuruͤck. Aber Du ſiehſt, anie Du mich zum Verſprechen gebracht haſt. Wolle Gott nicht.. „Warum willſt Du mit Gewalt uns Ungluͤck bite,e. zeien, Lucia?“ unterbrach ſie Renzo.„Gott weiß, daß wir Niemandem Unrecht thun.“ „Werſprich mir wenigſtens, daß dieß das Letzte ſeyn wird.“ „Ich verſprech' es Dir, ſo wahr ich ein armer Junge bin.“ 4 „Aber fuͤr dießmal bleibt bei der Sache,“ ſagte Agneſe. Hier geſteht unſer Autor, nichts weiter zu wiſſen; ob Lucia durchaus und in jeder Hinſicht unzufrieden geweſen, daß ſie ſich zur Einwilligung gezwungen ſah? Wir laſſen, wie er, die Sache im Zweifel. Renzo haͤtte das Geſpraͤch wohl noch fortgeſetzt, und fuͤr das Geſchaͤft des folgenden Tages die Rollen vertheilt; aber ſchon war es finſter, und die Frauen ſagten ihm: gute Nacht; ſie fanden es nicht ſchicklich, daß er um dieſe Stunde laͤnger im Hauſe verweilte. Die Nacht verging allen Dreien, wie eine Nacht ver⸗ gehen kann, die auf einen Tag voller Bewegung und Leiden folgt, um einem Tage zu weichen, der fuͤr eine wichtige Unternehmung von ungewiſſem Ausgange beſtimmt iſt. Renzo ließ ſich am fruͤhen Morgen ſchon wieder ſe⸗ hen, und uͤberdachte mit den Frauen, oder eigentlich mit Agneſen, das große Geſchaͤft des Abends; Beide ſetzten und loͤſten wechſelsweiſe Schwierigkeiten, ſahen widerwaͤr⸗ tige Begegniſſe voraus, uͤberlegten, wie man ihnen zu — 154— begegnen habe, und fingen, bald der Eine, bald die An⸗ dere, das Gemaͤhlde der Unternehmung wieder von Neuem an, als wenn man eine bereits geſchehene Sache erzaͤhlte. Lucia hoͤrte zu; ſie billigte mit keinem Worte, was ſie im Herzen nicht zu billigen vermochte, verſprach aber, ſich ſo gut, als ſie nur immer koͤnnte, dabei zu benehmen. „Werdet Ihr hinab nach dem Kloſter gehen,“ fragte die Hausfrau den Juͤngling,„um Vater Criſtoforo zu ſprechen, wie er Euch geſtern Abend geſagt hat?“ „Hat ſich was“ antwortete dieſer.„Ihr wißt, was der Pater fuͤr ein Paar Teufelsaugen im Kopfe ſitzen hat; er thaͤte mir's vom Geſichte, wie von einem Buch herab⸗ leſen, daß eine verfaͤngliche Geſchichte in der Luft ſchwebt, und kaͤm' es ihm dann in den Kopf, mir auf den Zahn zu fuͤhlen, ſo zoͤg' ich mich ſchlecht aus der Schlinge wie⸗ der heraus. Auch iſt's nothwendig, daß ich hier bleibe, um auf Alles Acht zu haben. Es iſt alſo beſſer, Ihr ſchickt irgend wen.“ 4 „Ich will Menico ſchicken.“ „Gut,“ ſagte Renzo, und ſo ging er ab, um, wie er ſich ausgedruͤckt hatte, auf Alles Acht zu haben.— Agneſe ging in's naͤchſte Haus, um nach Menico zu feagen. Das war ein Burſche von etwa zwoͤlf Jahren, ein ziemlich geweckter Kopf; durch Vettern und Verwandte galt er gewiſſermaßen fuͤr Agneſens Neffe. Sie bat die Eltern um ihn, und nahm ihn, wie ein Darlehn, um aihr einen gewiſſen Dienſt zu leiſten— ſagte ſie— auf den ganzen Tag in Beſchlag. Als ſie ihn hatte, fuͤhrte ſie ihn in ihre Kuͤche, gab ihm zu fruͤhſtuͤcken, und trug ihm dann auf, nach Pescarenico zu gehen, und ſich dem — 155— Pater Criſtoforo zu zeigen, der ihn, wann es Zeit ſeyn wuͤrde, mit einer Antwort zuruͤck ſchicken ſollte.—„Der Pater Criſtoforo, der huͤbſche alte Nann, Du weißt, mit dem weißen Bart, den ſie den Heiligen nennen...“ „Ich weiß recht gut,“ ſagte Menico,„der Pater, der den Kindern immer ſchoͤn thut, und ihnen manchmal ein Bildchen ſchenkt.“ „Ganz recht, Menico. Und wenn er Dir ſagt, Du ſollſt dort im Kloſter eine Zeit lang warten, ſo geh' nicht weg; lauf nicht etwa mit den andern Jungen nach dem See, um Butterſtullen auf dem Waſſer ſpringen zu laſſen, oder um Fiſchen zu ſehen, oder mit den Netzen zu ſpielen, die dort zum Trocknen an der Mauer hangen, hoͤrſt Du? „Eh, Frau Muhme, ich bin kein Kind mehr.“ „Gut, ſo ſey huͤbſch klug, und wenn Du mit der Antwort zuruͤckkommſt, ſiehſt Du, die beiden huͤbſchen neuen Dreier hier gehoͤren Dir.“ „Gebt ſie mir jetzt, denn...“ „Nein, nein, da wuͤrdeſt Du damit ſpielen. Geh, Menico, und fuͤhre Dich gut auf; Du ſollſt auch noch mehr haben.“ Den uͤbrigen langen Morgen hindurch ergaben ſich verſchiedene neue Erſcheinungen, welche das ſchon beun⸗ ruhigte Gemuͤth der beiden Frauenzimmer nicht wenig mit Argwohn beſtuͤrmten. Ein Bettler, deſſen Anblick keinen Hunger verrieth, deſſen Kleidung nicht, wie es ſonſt bei Leuten ſeines Handwerks der Fall, aus Lumpen beſtand, trat in's Haus, bat um Gottes Willen, man moͤchte ihm eine Gabe reichen, und warf dabei, wie ein Kundſchafter, die Augen nach allen Seiten umher. Man holte ihm ein — 156— Stuͤck Brod, welches er hinnahm, und mit ſchlecht ver⸗ hehlter Gleichguͤltigkeit zu ſich ſteckte. Er blieb dar⸗ auf noch ſtehen, ſprach mit einer gewiſſen Unverſchaͤmt⸗ heit, wobei ſich zugleich ein unſchluͤſſiges Weſen entdeckte, und that mancherlei Nachfragen, auf welche Agneſe ſchnell immer das Gegentheil von dem, was wirklich der Fall war, antwortete. Nachdem er ſich endlich in Bewegung geſetzt, als wollte er fortgehen, that er, als verfehlte er die Thuͤre, ging durch eine andere, die nach der Treppe fuͤhrte, und ſah ſich dort, ſo gut er in der Eil konnte, um. Die Hausfrau rief hinter ihm her:„He, he! wohin geht Ihr, guter Mann? Dort durch!“— Auf dieſen Ruf kehrte er um, ging durch die Thuͤre, die ihm angewieſen worden, und entſchuldigte ſich mit einer Ergebenheit, mit einer erzwungenen Demuth, welche mit den furchtbaren und gefuͤhlloſen Zuͤgen ſeines Geſichtes ſchwer zu vereinigen war. Nach dieſem ließen ſich von Zeit zu Zeit verſchiedene andere ſeltſame Geſtalten hinter einander ſehen. Zu was fuͤr einer Bande von Kerlen ſie gehoͤrten, war nicht leicht zu entdecken; aber auch eben ſo wenig konnte man glau⸗ ben, daß ſie die ehrlichen Wanderer, welche ſie ſcheinen wollten, in der That waren. Der Eine trat unter dem Vorwande herein, ſich nach dem Weg zu erkundigen; An⸗ dere gingen, wenn ſie in die Naͤhe der Thuͤre gekommen, langſamer, und guckten verſtohlen durch den Hof nach dem Zimmer, wie ein Spaͤher, der keinen Anlaß zu Argwohn geben moͤchte. Gegen Mittag erſt hoͤrte endlich das laͤſtige Gefolge auf. Agneſe ſtand von Zeit zu Zeit auf, ging uͤber den Hof, ſtellte ſich an den Ausgang nach der Straße, ſah ſich aufmerkſam zur Rechten und zur Linken um, kehrte —— — 157— zuruͤck, und ſagte:„Niemand!“— ein Wort, welches ſie mit troͤſtlichem Wohlgefallen ausſprach und Lucia mit der⸗ ſelben Empfindung vernahm, ohne daß die Eine oder die Andere ſich der Urſache deutlich bewußt geweſen waͤre. Aber in Beiden blieb davon eine unentſchiedene Bekuͤm⸗ merniß zuruͤck, und benahm ihnen, zumal dem Maͤdchen, einen großen Theil des Muthes, welchen ſie fuͤr den Abend ſich bewahren zu muͤſſen glaubten. † Indeſſen geziemt ſich's, daß der Leſer uͤber jene ge⸗ heimnißvollen Umhertreiber etwas Genaueres erfahre; um ihn der Ordnung nach zu belehren, muͤſſen wir einen Schritt zuruͤck thun, und Don Rodrigo aufſuchen, welchen wir geſtern nach der Mittagstafel, da Bruder Criſtoforo von ihm fortgegangen, allein in einem Saale ſeines Pal⸗ laſtes gelaſſen haben. Don Rodrigo maß, wie wir berichtet, mit großen Schritten hin und her den Saal, an deſſen Waͤnden Fa⸗ milienbildniſſe aus verſchiedenen Zeitaltern hingen. Als er ſich mit dem Geſichte einer Wand gegenuͤber befand, und ſich dann umwandte, ſah er einem ſeiner kriegeriſchen Ah⸗ nen in's Geſicht, welcher das Schrecken der Feinde wie ſei⸗ ner Soldaten geweſen. Seine Blicke ſchoſſen finſter aus dem Gemaͤhlde herab, die kurzen Haare reihten ſich ſtrup⸗ pig uͤber der Stirn, ein langgezogener ſpitzer Schnautzbart trat zu beiden Seiten vor den Wangen hervor, und darun⸗ ter erhob ſich ein gebogenes Kinn; der Held ſtand aufrecht, mit Schienen, Huͤftenharniſch, Panzer, Armdecken und Handſchuhen, von Kopf bis Fuß in Stahl gekleidet, die ge⸗ ballte Nechte in die Seite ſetzend, die Linke an den Griff des Schwerdtes legend. Don Rodrigo ſah ihn an, und — 158— nachdem er unter ihn zu ſtehen gekommen und ſich auf'ss Neue gewandt hatte, bekam er einen andern Vorfahren in's Auge, ein Mitglied der Obrigkeit, das Schrecken der Ha⸗ dernden; dieſer ſaß auf einem hohen Richterſtuhle von rothem Sammet, in einen weiten ſchwarzen Mantel ge⸗ huͤllt, nichts weiß an ihm als der Halskragen mit den breiten Baͤffchen und das umgelegte Zobelfutter— dieß war das unterſcheidende Kennzeichen der Senato⸗ ren, welches ſie jedoch nur im Winter trugen; daher man niemals das Bildniß eines Senators in Sommerkleidung findet— ſein Geſicht war bleich, die Augenbrauen ge⸗ runzelt; in der Hand hielt er eine Bittſchrift, und es war, als ſagte er: Wir werden ſehen. Hier hing eine bejahrte Frau, das Schrecken ihrer Maͤdchen, dort ein Abt, das Schrecken der Moͤnche; ſaͤmmtlich Leute, die Schrecken ein⸗ gefloͤßt, und es ſelbſt in ihren Bildniſſen noch athmeten. Im Angeſichte ſolcher Erinnerungen gerieth Don Rodrigo noch heftiger in Entruͤſtung; er ſchaͤmte ſich, er konnte ſich nicht zufrieden geben, daß ein Moͤnch es gewagt hatte, ihn mit der ſtrafenden Anrede des Nathan zu uͤberlaufen. Er faßte einen Racheplan, und gab ihn wieder auf; er ſann nach, wie er zu gleicher Zeit ſeine Leidenſchaft und das, was er Ehre nannte, befriedigen koͤnnte, und dennoch, man ſehe! ſo oft ihm der Anfang jener Prophezeiung in den Ohren gellte, empfand er augenblicklich einen unheimlichen Schauder, und ſtand im Begriff, dem doppelten Gedanken der Befriedigung zu entſagen. um endlich etwas zu thun, rief er einen Diener, und gab ihm den Auftrag, ihn bei der Geſellſchaft zu entſchuldigen; es ſey ein dringendes Geſchaͤft/ ſollte er ſagen, das ihn zuruͤckhalte. Als der Die⸗ — — 159— ner wiedergekehrt, und die Nachricht brachte, die Herren haͤtten ſich bereits wegbegeben, und ließen ſich ergebenſt em⸗ pfehlen, fragte er, immer noch im Zimmer auf und nieder ſchreitend:„Und Graf Attilio?“ „Iſt mit den andern Herren gegangen, edler Herr.“ „Gut,“ ſagte Don Rodrigo.„Ein Gefolge von ſechs Leuten zum Spaziergang, raſch! Schwerdt, Mantel und Hut, geſchwind!“ Der Diener antwortete mit einer Verneigung, und ging. Bald darauf kehrte er mit dem reichen Schwerdte zuruͤck, welches der Herr ſich umguͤrtete, brachte den Man⸗ tel, den er um die Schultern warf, den Hut mit großen Federn, den er ſich aufſetzte, und mit einem Schlage der flachen Hand ſtolz auf den Kopf feſtſtellte— ein Zeichen, daß das Meer mit maͤchtigen Wellen ging. Er ſetzte ſich in Bewegung und fand an der Schwelle die ſechs feilen Knechte, welche, vollkommen bewaffnet, ehrfurchtsvoll zu beiden Seiten ſich aufſtellten, eine Verneigung machten, und ſodann ihm folgten. Muͤrriſcher, hochmuͤthiger, fin⸗ ſterer blickend als gewoͤhnlich ſchritt er hinaus, und wandte ſich luſtwandelnd nach Lecco hin. Sobald ſie ihn daher kommen ſahen, ſchlichen Bauern und Handwerker zuruͤck⸗ gewichen an der Mauer hin, nahmen dort den Hut gb, und verneigten ſich tief, worauf er indeſſen nichts erwie⸗ derte. Ja, als Geringere verneigten ſich ihm Maͤnner, welche von jenen Herren genannt wurden; denn in der ganzen Gegend umher gab es Keinen, der im Betracht des Na⸗ mens, der Reichthuͤmer und der Anhaͤnger auch nur von fern ſich mit ihm meſſen konnte; Keinen, der ſich dieſer Vorzuůge mit ſo hochmuͤthigem Streben, wie er, bediente⸗ um uͤber die Andern alle emporzuragen. Dieſen letztern indeſſen pflegte er mit einer gemeſſenen Herablaſſung zu be⸗ gegnen. Wenn es ſich aber traf, was dieſen Tag nicht ge⸗ ſchah, daß er dem ſpaniſchen Schloßhauptmann begegnete, ſo war die Verneigung auf beiden Seiten gleich ehrerbie⸗ tig; es gab ſich ein Verhaͤltniß, wie zwiſchen zweien Maͤch⸗ ten zu erkennen, welche nichts mit einander zu theilen ha⸗ ben, und aus Uebereinkunft eine jede der Wuͤrde der an⸗ dern ihre Ehre bezeugen. Um die widerwaͤrtige Laune ein wenig zu verſcheuchen, und dem Bilde des Moͤnchs, wel⸗ ches ſeine Einbildungskraft noch immer gleichſam belagerte, durchaus verſchiedene Geſichter und Geberden entgegen zu ſetzen, trat Don Rodrigo an jenem Tage in ein Haus, wo⸗ ſelbſt ſich eine Geſellſchaft verſammelt hatte. Er ward mit jener geſchaͤftigen und ehrerbietigen Freundſeligkeit empfan⸗ gen, welche den Maͤnnern zu Theil wird, die in hohem Grade ſich geliebt und gefuͤrchtet machen. Als es endlich Nacht geworden, kehrte er nach ſeinem Pallaſte zuruͤck. In dem naͤmlichen Augenblick war auch Graf Attilio heimge⸗ kommen; die Abendmahlzeit ward aufgetiſcht; Don Ro⸗ drigo aber ſaß gedankenvoll bei Tiſche, und ſprach wenig. Kaum war der Tiſch wieder weggeſtellt worden, und die Diener hinaus gegangen, ſo ſagte der Graf mit bos⸗ haft ſpoͤttelnder Miene:„Vetter, wie iſt's, wann zahlt Ihr die Wette?“ „Sankt Martin iſt noch nicht voruͤber,“ erwiederte Don Rodrigo. „Ihr thut am beſten, ſie lieber gleich zu zahlen; denn alle Heiligen des Kalenders werden voruͤber gehen, ehe... „Das, ſollt' ich meinen, muͤßte erſt abgewartet werden.“ — 161— „Vetter, Ihr wollt den Schlaukopf ſpielin; ich hab' Euch aber in die Karten geſehen, und bin ſo ſicher, die Wette gewonnen zu haben, daß ich mich erbiete, eine an⸗ dre mit Euch einzugehen.“ „Welche?“ fragte Don Rodrigo. „Daß der Pater... der Pater... was weiß ich? Genug, daß der Bruder Kapuziner Euch bekehrt hat.“ „Das iſt ein Gedanke, der Euch aͤhnlich ſieht.“ „Bekehrt, Vetter, bekehrt, ſag' ich Euch. Ich meiner⸗ ſeits habe meine Luſt daran. Es wird ein herrliches Schau⸗ ſpiel abgeben, muͤßt Ihr wiſſen, Euch von ganzer Seele zerknirſcht und mit niedergeſchlagenen Augen einherſchlei⸗ chen zu ſehen. Und was fuͤr ein Ruhm fuͤr den Pater! Wie wird er ſich in die Bruſt geworfen haben, da er nach Hauſe gekommen! Ei, das ſind keine Fiſche, die alle Tage gefangen werden, oder in jedwedes Netz laufen. Seyd ge⸗ wiß, er wird Euch als ein Beiſpiel in die Welt bringen, und wandert er ein wenig weit von hier auf Sendung umher, ſo wird er von Euren Handlungen reden. Es iſt mir, als hoͤrt' ich ihn.“— Hier fing der Graf an, durch die Naſe zu ſprechen, und fuhr, indem er ſeine Worte mit uͤbertriebenen Geberden begleitete, im Predigertone fort: „In einem Theil dieſer Welt, welchen ich aus achtbaren Ruͤckſichten nicht nenne, lebte, meine vielgeliebten Zuhdrer, und lebt dieſe Stunde noch ein zuͤgelloſer Edelmann⸗ der mehr von Weibern, als von redlichen Maͤnnern hielt; der machte in ſeinen Luͤſten keinen Unterſchied, und einſtmals hatte er ſeine Augen auf..„ 3 „Genug, genug!“ unterbrach ihn Don Rodrigo halb laͤchelnd, halb aͤrgerlich aus Ueberdruß.„Wenn Ihr Luſt 1. 11 — 162— habt, die Wette zu verdoppeln, ſo bin ich auf der Stelle auch dabei.“ „Teufel!“ rief der Graf.„So habt Iör wohl den Pater bekehrt!“ „Kein Wort mehr von dem, Vetter, und was unſre Wette betrifft, ſo wird Sankt Martin ſie entſcheiden.“— Die Neugier des Grafen war rege gemacht; er ſparte keine Erkundigungen, Don Rodrigo aber wußte ihm jedesmal auszuweichen, ſtellte die Sache beſtaͤndig dem Tage der Ent⸗ ſcheidung anheim, und hatte nicht Luſt, ſeinerſeits Plaͤne mitzutheilen, welche fuͤr jetzt weder eingeleitet, noch eigent⸗ lich beſchloſſen waren. Am naͤchſten Morgen erwachte Don Rodrigo als Don Rodrigo. Die leiſe Beſtuͤrzung, in welche die angefangene Prophezeiung:„Es wird ein Tag kommen“ ihn verſetzt hatte, war mit den Traͤumen verſchwunden; der Aer⸗ ger allein blieb, geſchaͤrft durch die Reue uͤber die vor⸗ uͤbergehende Schwaͤche. Die noch friſchen Erinnerungen an den ſiegprangenden Spaziergang, an die Verneigungen, an den Empfang, den er in jener verſammelten Geſell⸗ ſchaft gefunden, hatten, wie das Geſchwaͤtz ſeines Vetters, nicht wenig dazu beigetragen, den alten Muth in ſeiner Bruſt wieder zu beſeelen. Kaum war er aufgeſtanden, ſo ließ er den Grauen rufen.— Da ſind ſtarke Dinge unter⸗ weges, dachte ſich der Diener, welcher den Befehl erhalten; denn der Menſch, der dieſen Zunamen fuͤhrte, war nichts we⸗ niger als das Haupt der Bravi im Hauſe, derjenige, welchem die gefaͤhrlichſten und unverſchaͤmteſten Streiche aufgetragen wurden; der treueſte Knecht ſeines Herrn, aus Dankbar⸗ keit und Eigennutz ihm bis auf's Aeußerſte ergeben. Eines ℳ offentlichen Mordes angeklagt, war er zu Don Rodrigo gegangen, ihn um ſeinen Schutz zu flehen, und auf dieſe Weiſe ſich den Verfolgungen der Gerechtigkeit zu entziehen; dieſer nahm ihn in ſeinen Dienſt, und ſicherte ihn gegen jede Strafe. Indem er ſich dadurch gleichſam zu jedem Verbrechen, das ihm wuͤrde geboten werden, verpflichtete, hatte er ſich die Strafloſigkeit des erſten geſichert. Fuͤr Don Rodrigo war es ein Erwerb von bedeutender Wich⸗ tigkeit; denn der Graue war nicht bloß, ohne allen Ver⸗ gleich, der Tapferſte unter dem uͤbrigen Waffengeſinde, er galt auch als ein Beweis, wieviel ſein Herr mit Gluͤck ge⸗ gen die Geſetze ſich zu erlauben gewagt; auf dieſe Weiſe ſtieg ſeine Macht durch den Kerl in der Wirklichkeit wie in der Meinung der Menſchen. „Grauer!“ ſagte Don Rodrigo,„bei dieſer Gelegen⸗ heit wollen wir einmal ſehen, was Du fuͤr ein Kerl biſt. Vor Morgen noch muß das Maͤdchen da, die Lucia, ſich in dieſem Pallaſte befinden.“ „Kein Menſch in der Welt ſoll ſagen koͤnnen, daß der Graue ſich bei einem Gebot ſeines erlauchten Herrn je zu⸗ ruͤckgezogen hat.“ „Nimm ſo viele Leute, als Du etwa meinſt noͤthig zu haben; mache Deinen Plan und richt' es ein, wie Dir's am Beſten daͤucht— nur daß die Sache gluͤcklich aus⸗ faͤllt! Vor Allem aber ſieh zu, daß ihr kein Leid geſchieht.“ „Herr, ein Bischen Schreck, damit ſie ſich nicht allzu⸗ laut geberde— ohne das geht es nicht leicht ab.“ „Schreck! Ich verſteh', der laͤßt ſich nicht vermeiden. Aber nicht ein Haar darf ihr gekruͤmmt werden, und dann — 164— hauptſaͤchlich, daß ihr in jeder Hinſicht mit Achtung begeg⸗ net werde! Verſtanden?“ „Herr, es kann Keiner eine Blume vom Stengel rei⸗ ßen, und ſie Eurer Gnaden bringen, ohne durchaus ſie hart 4 anzugreifen. Doch nur ſo viel als noͤthig iſt.“ „Bei Deiner eigeſen Sicherheit! Und, wie wirſt Du's anſtellen?“ „Ich ſinne eben druͤber nach, Herr. Es iſt unſer Gluͤck, daß das Haus am Ende des Dorfes ſteht. Wir brauchen einen Ort, wo wir uns aufhalten koͤnnen, und 3 da iſt gerade nicht weit davon mitten auf dem Felde ein halb eingefallenes Haus, es wohnt keine Seele drin; das Haus— Eure Gnaden wiſſen nichts von der Geſchichte— es iſt vor etlichen Jahren abgebrannt, und die Leute haben 5₰ das Geld nicht dazu gehabt, um es wieder auszubauen; ſie haben's liegen laſſen, und jetzt treiben die Hexen ihr We⸗ ſen drin; es iſt aber heute nicht Sonnabend, und ſo lach' ich dazu. Die Bauern hier herum, die voll dummen Aberglaubens ſtecken, thaͤten in keiner Nacht der Woche ſich darin aufhalten, und ſo koͤnnen wir dort ganz ruhig unſre Anſtalten treffen, es kommt uns keine Seele in's Gehege.“ „Gut, und dann?“ Nun theilte der Graue ſeine Vorſchlaͤge mit, und Don Rodrigo zog ſie in Erwaͤgung, bis ſie ſich uͤber die Art. und Weiſe der Ausfuͤhrung hinlaͤnglich mit einander ver⸗ ſtaͤndigt hatten. Es ſollte durchaus keine Spur der Urhe⸗ ber zuruͤckbleiben; man erſann Mittel, durch falſche Anzei⸗ chen den Verdacht nach einer andern Seite hinzulenken, die arme Agneſe zum Stillſchweigen zu bewegen, und dem Braͤutigam einen ſolchen Schrecken einzujagen, daß er ſei⸗ — 165— nen Schmerz vergaͤße, daß er den Gedanken, zur Gerech⸗ tigkeit ſeine Zuflucht zu nehmen, und ſelbſt die Luſt, ſich zu beklagen, fahren ließe; alle uͤbrigen Schurkereien, welche zum Gelingen der Hauptſchurkerei erforderlich, waren ver⸗ abredet. Dieſe Verabredungen indeſſen zu berichten, unter⸗ laſſen wir; auch ſind ſie, wie der Leſer ſehen wird, zum Verſtaͤndniß der Geſchichte nicht nothwendig; es thut uns leid genug, ihn und uns noch laͤnger mit der Unterredung der beiden laͤſtigen Boͤſewichter aufhalten zu muͤſſen. Ge⸗ nug, waͤhrend der Graue ſich aufmachen wollte, um Hand an's Werk zu legen, rief ihn Don Rodrigo zuruͤck:„Hoͤre,“ ſagte er; wenn Dir vielleicht der verwegene Bauerjunge heut Abend in die Klauen faͤllt, ſo waͤr's gar nicht uͤbel, ihm zum Voraus ſchon ein tuͤchtiges Andenken in die Schultern zu plaͤtzen. So wird der Befehl, der ihm mor⸗ gen gegeben werden ſoll, nicht zu mukſen, gewiß ſeine Wir⸗ kung thun. Sucht ihn aber nicht auf; ſonſt verderbt ihr leicht etwas, worauf es weit mehr ankommt; Du haſt mich verſtanden.“ „Laſſen Sie mich machen,“ antwortete der Graue, verneigte ſich mit einer Geberde des Gehorſams und der Prahlerei, und ging. Der Morgen ward mit Kundſchafte⸗ rei verbracht. Der falſche Bettler, der ſich bei Agneſen in's Haus geſchlichen, war kein Andrer als der Graue, der gekommen war, um mit eigenem Auge den Grundriß zu entwerfen; die falſchen Reiſenden waren ſeine Geſellen, fuͤr welche, um nach ſeinen Geboten zu verfahren, eine leichtere Kenntniß des Ortes hinreichte. Nachdem ſie ihr Spaͤhergeſchaͤft abgemacht, ließen ſie ſich weiter nicht ſehen, um nicht unndthigen Verdacht zu erwecken. — 166— Sobald Alle zum Pallaſte zuruͤckgekehrt waren, legte der Graue Rechenſchaft ab, ſetzte entſcheidend den Plan der Unternehmung auf, vertheilte die Rollen, und gab die wei⸗ teren Befehle. Es war indeſſen nicht moͤglich, daß Alles dieß geſchehen konnte, ohne daß der alte Diener, der mit offenen Augen und geſpitzten Ohren dabei ſtand, nicht ge⸗ merkt haͤtte, es werde etwas Großes betrieben. Er horchte auf, er fragte, erhaſchte hier einen halben Wink, einen hal⸗ ben dort, begleitete in der Stille ein dunkel geſprochenes Wort mit ſeinen eigenen Anmerkungen, erklaͤrte ſich jede geheimnißvolle Bewegung, und kam dadurch endlich ſo weit, daß ihm Alles, was dieſe Nacht ausgefuͤhrt werden ſollte, ziemlich klar vor den Augen ſtand. Als er aber aufs Reine damit gekommen, war die Nacht nicht mehr entfernt, und ein kleiner Vortrab von bewaffneten Kerlen hatte ſich bereits hinaus in's Feld gemacht, um ſich in je⸗ nem zerſtoͤrten Hauſe in Hinterhalt zu legen. Der arme Alte fuͤhlte ſehr wohl, was fuͤr ein gefaͤhrliches Spiel er ſpielte, und fuͤrchtete uͤberdieß, mit zu ſpaͤter Huͤlfe anzu⸗ kommen; dennoch wollte er es an ſich nicht fehlen laſſen. Er gab vor, ſich am ſchoͤnen Abend ein wenig ergehen zu wollen, ging hinaus, und nahm in hoͤchſter Eile ſeinen Weg nach dem Kloſter, um dem Pater Criſtoforo den ver⸗ ſprochenen Bericht abzuſtatten. Kurz darauf ſetzten ſich die uͤbrigen Bewaffneten in Bewegung, und gingen, zu Einem oder zu Zweien, in einiger Entfernung von einander, um nicht als eine vollſtaͤndige Bande zu erſcheinen, in's Thal hinab; der Graue folgte, und zuruͤck blieb fuͤrjetzt nur eine Reiſeſaͤnfte, die bei vorgeruͤcktem Abend erſt nach dem einſamen Hauſe gebracht wurde. Als ſie ſich hier beiſam⸗ — 467— men ſahen, ſchickte der Graue Drei. von ihnen nach dem Wirthshauſe des Dorfes ab; Einer ſollte ſich an die Thuͤre ſtellen, um die Bewegungen auf der Straße zu beobachten, und den Augenblick wahrzunehmen, wo ſich die Einwohner ſammtlich wuͤrden zuruͤckgezogen haben; die andern Beiden ſollten drinnen ſpielen und trinken, wie Leute, die zu ih⸗ rem Vergnuͤgen da ſaͤßen; dabei aber hatten ſie den Auf⸗ trag, ſich auf Kundſchaft zu legen, wenn irgend etwas dort Kundſchaft noͤthig machte. Der Graue blieb mit der Hauptmaſſe der Bande zuruͤck, und lauerte im Hinterhalte. Der arme Alte lief noch in Einem fort; die drei Kund⸗ ſchafter kamen an ihrem Poſten an; die Sonne ſank, als Renzo bei den Frauen hineintrat und ihnen ſagte:„Tonio und Gervaſo ſtehen draußen, ich gehe mit ihnen nach dem Wirthshaus und eſſe druͤben; ſo bald's zum Ave Maria laͤutet, kommen wir und holen Euch. Muth, luſtig, Lucia! Alles haͤngt von einem Augenblick ab.“— Lucia ſeufzte und antwortete:„Wohl, Muth!— Ihre Stimme aber ſtrafte ihre Worte Luͤgen. Als Renzo und ſeine beiden Gefaͤhrten nach dem Wirthshauſe kamen, trafen ſie den einen der Waffenbuben, ſchon als Schildwacht daſtehend. Er nahm den ganzen Raum der Thuͤre ſperrend ein, ſtand mit dem Ruͤcken ge⸗ gen einen Pfoſten gelehnt, die Arme uͤber die Bruſt ge⸗ kreuzt, und aͤugelte ſpaͤhend bald zur Rechten bald zur Lin⸗ ken, wobei er bald das Weiße hald das Schwarze der bei⸗ den Geyeraugen blitzen ließ. Eine flache Muͤtze von dun⸗ kelrothem Sammet, ſchraͤg auf dem Kopfe ſitzend, deckte ihm zur Haͤlfte den Haarbuͤſchel, welcher auf der dunklen Stirne ſich theilte, und, nach hinten zu in Locken gewun⸗ — 168— den, uͤberm Nacken mit einem Kamme befeſtigt war. In der Hand hielt er einen dicken Knuͤttel, eigentliche Waffen trug er nicht zur Schau; wenn man ihm aber nur in's Geſicht ſah, ſo mußte es ſelbſt einem Kinde einfallen, daß er unter den Kleidern ſo viele, als er nur darunter laſſen konnte, ſitzen hatte. Renzo ging ſeinen beiden Begleitern voran, und wollte hineintreten; Jener ließ ſich nicht aus ſeiner Stellung bringen, und ſah ihn ſtarr an; der Juͤngling aber, der jeden Wortwechſel, wie immer, wenn man die Ausfuͤhrung eines mißlichen Geſchaͤftes auf dem Herzen hat, gern vermeiden wollte, ſagte bloß:„Auf der Seite!“ ſtreifte den gegenuͤberſtehenden Pfoſten, und ging, mit der einen Schulter vorgebogen, durch die Oeffnung, welche die Karyatide gelaſſen hatte, ſchraͤg hindurch. Seine beiden Gefaͤhrten mußten, wenn ſie in's Haus wollten, die nehmliche Wendung machen. Nachdem ſie hineingetreten, erblickten ſie die beiden Andern, deren Stimme ſie bereits vernommen, die beiden Naufer, welche an einem kleinen Ti⸗ ſche ſitzend, Mora ſpielten*), zu gleicher Zeit gewaltſam ſchrien, und abwechſelnd ſich aus einer großen Flaſche, die zwiſchen ihnen ſtand, zu trinken einſchenkten. Dieſe faß⸗ *) Das beliebte Spiel des gemeinen Volkes in Italien, wobei ei⸗ nige Finger eingeſchlagen, andre ausgeſtreckt werden; Jeder ruft die Zahl aus, welche, wie er glaubt, die beiderſeits ausgeſtreckten Finger betragen. Die Mora ſtammt, wie viele Spiele im heutigen Italien, von den alten Römern her; digitis micare, iſt bei Cicero zu finden, und bedeutete zugleich auch eine Art von Loſung. Sitzende, Gehende — wer nur immer Zeit hat, und einen zweiten Mann findet,— ſpielen Mora; wenn aber das entſetzliche Geſchrei dabei unangenehm und läſtig, ſo iſt's ein anziehendes Schauſpiel, die funkelnden Blicke, die ſüdlich lebhaften Geberden der Spielenden wie der theilnehmen⸗ den Zuſchauer zu beobachten. D. L. „ — 169— ten die Hereingetretenen in's Auge; der Eine beſonders, welcher ſo eben die rechte Hand mit dreien dicken geſpreiz⸗ ten Fingern in die Hoͤhe hielt, und die Lippen mit einem ſchallenden„Sechs!“ das in dem nehmlichen Augenblicke hervorſtuͤrmte, von einander riß, muſterte unſren Renzo mit Aufmerkſamkeit, und warf dann ſeinem Nachbar, darauf dem Dritten an der Thuͤre einen Blick zu, den dieſer mit leiſem Kopfnicken beantwortete. Renzo, welchen alſobald ein Argwohn anwandelte, ſah ungewiß ſeine beiden Gaͤſte an, als ſuchte er in ihrem Angeſichte eine Erklaͤrung jener unheimlichen Geberden zu leſen; ihr Angeſicht aber verkuͤn⸗ digte einſtweilen nichts weiter als eine derbe Eßluſt. Der Schenkwirth ſtand vor ihm da, und erwartete ſeine Be⸗ fehle; Renzo nahm ihn mit ſich in's naͤchſte Zimmer und forderte ein Abendeſſen. Als der Wirth mit einem groben Tiſchtuch unter'm Arm, und einer Flaſche in der Hand zuruͤckkehrte, fragte ihn Renzo leiſe, wer denn die Fremden waͤren? „Ich kenne ſie nicht,“ entgegnete Jener, und breitete das Tiſchtuch aus. „Was? Auch nicht einmal Einen davon.“ „Ihr wißt wohl,“ bedeutete ihn der Wirth, indem er mit beiden Haͤnden die Decke uͤber den Tiſch glatt zog, „die erſte Regel unſers Handwerks iſt, ſich nicht um andrer Leute Angelegenheiten zu kuͤmmern; das geht ſogar his auf unſre Frauenzimmer, auch die ſind nicht einmal neugierig. Es waͤr' auch ſonſt nicht auszuhalten, bei ſo vielen Leuten, die da kommen und gehen; Tag fuͤr Tag wie ein Hafen am Meere, verſteht ſich, wenn die Jahre leidlich ſich ma⸗ chen; inzwiſchen man muß den Kopf nicht haͤngen laſſen, — 170— es wird auch einmal wieder ein Endchen gute Zeit kom⸗ men. Fuͤr uns iſt's genug, wenn die Gaͤſte, die bei uns einſprechen, Leute von Stande ſind; wer ſie hernach ſind oder wer ſie nicht ſind, das hat nichts zu ſagen. Jetzt aber bring' ich Euch eine Schuͤſſel mit Fleiſchkloͤßen, wie Ihr ſie in Eurem ganzen Leben noch nicht ſollt gegeſſen haben.“ „Wie wollt Ihr wiſſen..? nahm Renzo das Wort; aber der Wirth war ſchon auf dem Wege nach der Kuͤche, und ließ ſich nicht ſtoͤren. Waͤhrend er dort die Hand an den Tiegel mit den Fleiſchkloͤßen legte, ſtellte ſich ihm der Raufer, der unſern Juͤngling ſo ſorgfaͤltig gemuſtert hatte, leiſe an die Seite, und fluͤſterte ihm die Frage zu, wer die angekommenen Menſchen waͤren? „echtſchaffene Leute hier aus dem Dorf,“ antwortete der Wirth, waͤhrend er die Kloͤße auf die Schuͤſſel that. „Gut, aber wie heißen ſie? Wer ſind ſie?“ wiederholte der Andre mit etwas nachdrucksvollerer Stimme. „Der eine heißt Renzo,“ war die leiſe Erwiederung des Wirthes,„ein guter Junge, fuͤhrt eine ordentliche VWirthſchaft, ein Seidenſpinner, der ſein Handwerk gut verſteht. Der Andre iſt ein Bauer, und heißt Tonio, ein behaglicher Kumpan und ein luſtiger Vogel; nur leider Schade, daß er nicht eben viel in der Taſche hat, wuͤrde ſonſt Alles unter meinem Dache drauf gehen laſſen. Der Dritte, das iſt ein lederner Toͤlpel, und frißt gar gern, was die Andern ihm geben. Mit Verlaub!“ Mit einem Sprung entwiſchte er zwiſchen dem Brat⸗ ofen und dem Fragenden aus der Kuͤche, und trug die Schuͤſſel, wohin ſie gehoͤrte. ——— — 171— „Wie wollt Ihr wiſſen,“ ſing Renzo wieder an,„daß das Leute von Stande ſind, wenn Ihr ſie nicht kennt?“ „Das Benehmen, mein Lieber; der Mann erkennt ſich am Benehmen. Die Leute, die ihr Glas Wein trinken, ohne daruͤber zu ſchimpfen, die mit koͤniglichem Geſichte auf der Bank ſitzen und nicht ſchwatzen moͤgen, die mit den andern hereintretenden Gaͤſten nicht den Augenblick anbinden, und wenn ſie Einem einen Meſſerſtich zu verſez⸗ zen haben, ihn draußen ein Stuͤck Weges von der Schenke fort erwarten, damit der arme Wirth nicht ſchlimm dabei weg kommt, das ſind Leute von Stande. Wenn man aber die Leute glattweg kennen kann, wie wir vier uns mit ein⸗ ander kennen, ſo iſt' freilich beſſer. Aber was Henker kommt Euch mit einem Mal an, dergleichen wiſſen zu wol⸗ len, da Ihr Braͤutigam ſeyd, und ganz andre Dinge im Kopf haben ſolltet? Und noch dazu bei ſolchen Fleiſchkloͤ⸗ ßen in der Schuͤſſel, womit ſich ein Todter auferwecken ließe?“— Mit dieſen Worten ging er wieder zuruͤck in die Kuͤche. Unſer Autor bemerkt das verſchiedene Verfahren, wo⸗ mit der Gaſtwirth den Nachfragen erwiederte, und ſagt dabei, der Mann ſey einmal ſo beſondrer Art geweſen; in ſeinen Geſpraͤchen habe er ſich immer fuͤr einen gewaltigen Freund von anſtaͤndigen Leuten uͤberhaupt ausgegeben; im praktiſchen Leben aber ging er jederzeit gerade mit ſolchen, welche den Ruf oder das Anſehen von ſchelmiſchen Land⸗ ſtreichern hatten, weit freundſchaftlicher um. Es war, wie Jeder ſieht, ein Mann von ganz beſonderer Geſinnung. Beim Abendeſſen ging's nicht ſehr luſtig her. Die beiden Eingeladenen haͤtten ſich die Tiſchluſt gar gern recht gemaͤchlich ſchmecken laſſen; Renzo aber, der Einlader, be⸗ ſchaͤftigt mit den Dingen, von welchen der Leſer weiß, und mit Eßluſt wenig geſegnet, auch uͤber das ſeltſame Beneh⸗ men der Unbekannten ein wenig unruhig, konnte die Stunde nicht erwarten, da man aufbrechen wuͤrde. Mit Ruͤckſicht auf die Andern fluͤſterte man ſich heimlich zu, und was man fluͤſterte, waren abgebrochene unluſtige Worte. „'S iſt doch aber eine ſchoͤne Sache,“ platzte mit ei⸗ nem Mal Gervaſo hervor,„daß Renzo ein Weib nehmen will, und muß...“ Renzo ließ ein herbes Geſicht ſehen. —„Willſt Du das Maul halten, Beſtie!“ ſagte Tonio, und verſtaͤrkte den Ehrennamen durch einen kraͤftigen Stoß mit dem Ellenbogen. Die Unterhaltung zog ſich matt bis an's Ende hin. Renzo, welcher ſeinerſeits eine ſtrenge Nuͤch⸗ ternheit beobachtete, ſchenkte den beiden Zeugen maͤßig ein, um ſie etwas muthig zu machen, ohne ihnen das Gehirn zu erhitzen. Nachdem von Tiſche genommen worden, und derjenige, der ſich am wenigſten guͤtlich gethan, die Zeche bezahlt hatte, mußten alle Drei auf's Neue vor jenen Ge⸗ ſichtern voruͤber, die ſich, wie zuvor, nach Renzo hinwand⸗ ten. Sobald er einige Schritte zum Gaſthofe hinaus ge⸗ than, ſah er zuruͤck und bemerkte, wie die Beiden, die er ſitzend in der Kuͤche verlaſſen hatte, ihm folgten. Er blieb mit ſeinen Gefaͤhrten ſtehen, als ſagte er: Wir wollen doch einmal ſehen, was die von mir wollen? Kaum aber ſahen ſich die Beiden beobachtet, ſo blieben auch ſie ſtehen, ſpra⸗ chen heimlich mit einander, und kehrten wieder um. Waͤre Renzo nahe genug geweſen, um ihr Geſpraͤch zu unter⸗ ſcheiden, ſo waͤren ihm ihre Worte ſehr ſeltſam vorgekom⸗ men.—„Es waͤr' doch eine ſchoͤne Ehre, das Handgeld —*- 5⸗ — 173— nicht einmal zu erwaͤhnen,“ ſagte Einer der Banditen, „wenn ſich bei der Ruͤckkehr im Schloß erzaͤhlen ließe, wir haͤtten ihm in aller Eile den Pelz gehoͤrig ausgewaſchen, und wir allein, ohne daß der Herr Graue mit irgend ei⸗ nem Kommando uns dabei zur Hand gegangen.“ „MUnd die Hauptſache damit verderben!“ antwortete der Andre.„Sieh nur, er wittert ſchon einen faulen Braten; er ſteht ſtill, und ſieht ſich nach uns um. J, wenn's ſpaͤ⸗ ter waͤre! Komm wieder hinein, um keinen Verdacht zu geben. Sieh her, es kommen Leute von allen Seiten; wir wollen ſie erſt Alle in's Neſt kriechen laſſen.“ Es fand in der That das Gewimmel, das Geſumſe ſtatt, welches mit eintretender Daͤmmerung in den Doͤr⸗ fern ſich bemerken laͤßt, und nach wenigen Augenblicken der feierlichen Ruhe der Nacht weicht. Die Weiber ka⸗ men vom Felde, trugen die kleinen Kinder auf dem Nacken, und fuͤhrten die herangewachſenern an der Hand, waͤhrend ſie ihnen das Abendgebet zum Nachſprechen vorſagten; die Maͤnner kehrten mit Spaten und Hacke auf den Schultern. Wenn die Hausthuͤren aufgingen, ſah man hier und dort die Flammen lodern, welche fuͤr das kaͤrgliche Abendeſſen angezuͤndet worden; auf der Straße hoͤrte man gegebene und erwiederte Gruͤße, kurze und traurige Geſpraͤche uͤber die Duͤrftigkeit der Erndte und uͤber das Elend des Jah⸗ res; durch die Worte hindurch waren die abgemeſſenen und toͤnenden Schlaͤge der Glocke zu vernehmen, welche das Er⸗ loͤſchen des Tages verkuͤndigte. Als Renzo die beiden fre⸗ chen Kerle ſich zuruͤckziehen geſehen, ſetzte er ſeinen Weg in der wachſenden Daͤmmerung fort, und gab mit leiſer Stimme bald dem einen bald dem andern Bruder einen — 174— erinnernden Wink. Es war vollkommen Nacht, als ſie in Luciens Wohnung ankamen. * Zwiſchen dem erſten Auffſſen einer ſchrecklichen Unter⸗ nehmung und ihrer Ausfuͤhrung, hat ein Barbar geſagt, dem es an Genie nicht fehlte, ſtellt ſich ein traumgleicher Zuſtand voller Furcht und Schreckensbilder ein*). Lucia ſchwebte ſeit mehreren Stunden in der Pein eines ſolchen Traumes; Agneſe, die Entwerferin des Planes, Agneſe ſelbſt ſtand gedankenvoll, und trieb mit Muͤhe Worte auf, um der Tochter Muth einzufloͤßen. Im Augenblick des Erwa⸗ chens aber, da die Hand an's Werk gelegt werden ſoll, fuͤhlt ſich der Geiſt durchaus verwandelt. Dem Schrecken und dem Muthe, welche bisher in ihm mit einander ran⸗ gen, folgt ein andres Schrecken, ein andrer Muth; das Unternehmen ſtellt ſich dem Geiſte wie eine neue Erſchei⸗ nung dar; was anfangs am meiſten gefuͤrchtet wurde, ſcheint ploͤtzlich leicht geworden; dagegen ſteigt das Hin⸗ derniß, welches man vorher kaum bemerkt, rieſengroß em⸗ por; die Einbildungskraft ſchaudert entmuthigt zuruͤck, die Glieder verſagen ihren Dienſt, und das Herz haͤlt den Ver⸗ ſprechungen, die es mit der groͤßten Sicherheit gethan, *) Between the acting of a dreadful thing And the first motion, al the interim is Like a phantasma or a hideous dream. 1 Shakep. Jul. Caes. Das iſt ohne Zweifel die Stelle, welche der Verfaſſer im Sinne hatte, Shakespeare der Barbar, deſſen Genie er geſteht. Wir ſehen es unſerm Manzoni an, daß er Shakespear'n, den er ſehr wohl zu kennen ſcheint, in derſelben Weiſe einen Barbaren nennt, wie wir etwa„der menſchenfreundliche Ezzelino“ ſagen würden. Denn das Wort Barbar in griechiſchem Sinne zu gebrauchen, hat Italien ſeit mehreren Jahren verlernt. D. L. — ,— N. — 175— nicht Wort. Bei Nenzo's kleinlautem Pochen uͤberfiel Lucien eine ſolche Seelenangſt, daß ſie in dem Augenblick lieber Alles zu leiden beſchloß, lieber auf ewig von ihm getrennt ſeyn wollte, als den gefaßten Entſchluß ausfuͤh⸗ ren; nachdem er ſich aber gezeigt und geſagt hatte:„Hier bin ich, wir wollen gehen!“— nachdem Alle, wie bei einem feſtgeſetzten unwiderruflichen Beginnen, ſich bereit erwieſen, ohne Zoͤgerung aufzubrechen, hatte ſie weder Zeit noch Herz, Schwierigkeiten zu machen; ſie faßte zit⸗ ternd einen Arm der Mutter, einen Arm des verlobten Braͤutigams, und ſetzte ſich mit der abentheuerlichen Ge⸗ ſellſchaft in Bewegung. Ohne einen Laut von ſich zu geben, traten ſie im Dunkeln mit abgemeſſenem Schritt aus der Thuͤre, und nahmen die Straße zum Dorfe hinaus. Das kuͤrzeſte waͤre geweſen, gerade durch's Dorf zu gehen, um zum andern Ende zu gelangen, wo Don Abbondio's Haus ſtand; um aber nicht geſehen zu werden, waͤhlten ſie jenen andern Weg. Auf ſchmalen Fußpfaden zwiſchen Gaͤrten und Feldern langten ſie bei'm Hauſe an, und theilten ſich dort. Hinter einer Ecke deſſelben hielten ſich die beiden Verlobten ver⸗ ſteckt; Agneſe neben ihnen, aber ein wenig weiter vor⸗ waͤrts, um zur rechten Zeit herbeieilend Perpetuen zu be⸗ gegnen und ſie in Beſchlag zu nehmen; Tonio mit ſeinem unbehuͤlflichen Bruder, der nichts von ſelbſt anzufangen wußte, waͤhrend ſich doch auch ohne ihn nichts anfangen ließ, traten dreiſt an die Thuͤre, und ſetzten den Hammer in Bewegung. 4 „Wer iſt da, zu dieſer Stunde?“ rief eine Stimme am Fenſter, welches zugleich ſich oͤffnete. Es war Perpe⸗ Zahn ausnehmen laͤßt.— Dann trat ſie zu den beiden Bruͤ⸗ 3 — 176— tuens Stimme.—„Kranke giebt's nicht, ſo viel ich weiß. Iſt vielleicht ein Ungluͤck vorgefallen?“ „Ich bin's,“ antwortete Tonio,„mit meinem Bru⸗ der; wir muͤſſen den Herrn Pfarrer ſprechen.“ „Iſt das eine chriſtliche Stunde?“ fragte Perpetua. „Was iſt das fuͤr eine Manier? Kommt morgen wieder.“ „Hoͤrt, Perpetuag,“ ſagte Tonio;„ich weiß nicht, ob ich gerade wiederkomme. Ich habe Geld eingekriegt, und wollte eben die kleine Schuld abzahlen, Ihr wißt wohl; trage hier fuͤnf und zwanzig ſchoͤne neue Silberſtuͤcke bei mir; wenn's aber nicht angeht, Geduld! Die hier weiß ich ſchon an den Mann zu bringen, und wenn ich einmal wieder ſo viele bei einander habe, ſo komm' ich zuruͤck.“ „Wartet, wartet; ich geh' und komme. Warum aber um dieſe Stunde?“ „Wenn Ihr eine beſſere wißt, hab' ich nichts dagegen; ich fuͤr mein Theil bin hier, und moͤgt Ihr mich nicht, ſo geh' ich wieder“ „Nein, nein, wartet einen Augenblick; ich konm mit der Antwort zuruͤck.“ Bei dieſen Worten machte ſie das Fenſter zu. Zugleich verließ Agneſe das Paar, und ſagte kleinlaut zu Lucien:— „Muth,' iſt ein Augenblick, gerade als wenn ſich Einer einen dern an die Thuͤre, und ſing mit Tonio zu plaudern an, ſo daß Perpetua, wenn ſie wiederkam und ſie ſah, glauben mußte, daß ſie gerade des Weges kam, und Tonio ſie einen Augenblick aufgehalten habe. Achtes Kapitel. „Carneades! Wer war der?“— fragte ſich Don Ab⸗ bondio auf ſeinem Lehnſtuhl in einem der oberen Zimmer, mit einem kleinen aufgeſchlagenen Buche vor ſich, als Perpetua hereintrat, um ihm die Botſchaft zu bringen.— „Carneades! Es iſt mir wohl, als wenn ich den Namen ſchon einmal gehoͤrt oder geleſen habe. Es muß ein Mann von Gelehrſamkeit geweſen ſeyn, ein großer Litterator aus alten Zeiten; der Name klingt ſo; aber wer Teufel war er?“ So weit war der arme Mann von der Ahnung des Stur⸗ mes entfernt, welcher ſich uͤber ſeinem Haupte zuſammenzog. Man muß wiſſen, daß Don Abbondio ſich damit un⸗ terhielt, taͤglich ein Paar Zeilen zu leſen; ein benachbarter Pfarrer, welcher ein Stuͤck von einer Buͤcherſammlung beſaß, lieh ihm ein Buch nach dem andern, immer das Erſte Beſte, das ihm gerade in die Hand kam. Das Buch, woruͤber Don Abbondio, von ſeinem Schreckensſieber ge⸗ neſen, ja was das Fieber betrifft, hergeſtellter, als die Leute glauben ſollten, nachſann, war eine Lobrede zur Ehre des heiligen Carlo, welche zwei Jahre fruͤher im Dom zu Malland mit vieler Begeiſterung geſprochen und mit vieler Bewundrung gehoͤrt worden. Der Heilige ward darin in Hinſicht ſeiner Gelehrſamkeit mit Archimedes ver⸗ glichen, und bis dahin ſtieß unſer Don Abbondio auf kein Hinderniß; denn der Syrakuſaniſche Mathematiker hat ſchoͤne Dinge ausgefuͤhrt, und ſo viel von ſich reden ge⸗ macht, daß es keiner ausgedehnten Gelehrſamkeit bedarf, um ein wenig mit ihm bekannt zu ſeyn. Nach Archimedes aber zog der Redner auch den Carneades zur Vergleichung⸗ I. 1² * und hier ſaß unſer Leſer mit einem Mal auf einer Sand⸗ bank*). In dieſem Vugenbiit meldete Peryetua Tonio's Beſuch. „Jetzt?“ fragte, wie a narürlich„ auch Don Abbondio. „Was wollen Sie? Es iſt freilich unbeſcheiden, wenn man ihn aber nicht im Fluge faßt...“ „Greilich, wenn ich ihn jetzt nicht faſſe, ſo iſts eine Frage, wann er ſich wieder faſſen laͤßt. Laß ihn kommen. He, biſt Du aber auch ſicher, daß er es iſt, Tonio?“ „Teufel auch!“ antwortete die Haushaͤlterin, ſtieg hinunter, oͤffnete die Thuͤre, und ſagte:„Wo ſeyd Ihr?“ — Tonio ſtellte ſich ihr dar. Zugleich aber zeigte ſich auch Agneſe, und gruͤßte Perpetuen mit Namen. „Guten Abend, Agneſe!“ erwiederte dieſe.„Woher zu dieſer Stunde?“ „Ich komme von.. ſie nannte ein benachbartes kleines Dorf.—„Und wenn Ihr wuͤßtet,“ fuhr ſie fort⸗ „ich hab' mich juſt Euretwegen ſo lange dort aufgehalten.“ „Wie ſo?“ fragte Perpetua, und wandte ſich nach den beiden Bruͤdern mit den Worten zuruͤck:„Tretet nur hin⸗ ein, ich komm’ auch gleich.“ 5 „Ei,“— erklaͤrte Agneſe,—„ſo ein Weibſtuͤck, das nichts weiß und doch reden will, Ihr werdet's nicht glau⸗ ») Der griechiſche Philoſoph Carneades ſprach als Geſandter zu Rom für und wider dieſelbe Sache, und ward von den römiſchen Jünglingen mit Staunen angehört. Deßhalb ſtrich ihn die catoniſche Cenſur, und ſtrich ſelbſt die Cenſurlücke, ſie wollte dergleichen ge⸗ fährliche Menſchen in Rom nicht. Da indeſſen nicht jeder Leſer, noch weniger jede Leſerin, ein Pfarrer, ſo wird Niemand ihnen einen Vorwurf daraus machen, daß ſte vom Carneades bisher etwa wenig gehört haben.. D. L. — —ñꝛ —— ——— — 179— ben, die ſetzte ſich's in den Kopf, zu behaupten, Ihr haͤt⸗ tet Euch mit Joſeph Suolavecchia und mit Anſelm Lung⸗ higna bloß darum nicht verheirathet, weil ſie Euch nicht mochten. Ich aber behauptete dagegen, daß Ihr ſie zu⸗ ruͤckgewieſen habt, den Einen wie den Andern.“ „Ganz gewiß. Die Luͤgnerin! die grobe Luͤgnerin! Wer war's denn?“ „Fragt mich nicht, ich mag kein Unheil ſtiften.“ „Sagt mir's, Ihr muͤßt mir's ſagen. Die verdammte Luͤgnerin!“ „Genug, Ihr koͤnnt aber gar nicht glauben, wie leid es mir that, die ganze Geſchichte nicht von Grunde aus zu wiſſen, um der ſchaͤndlichen Perſon gehoͤrig das Maul zu ſtopfen.“ „S iſt'ne ausgemachte Luͤgenhere,“— rief Perpetua, —„ die niedertraͤchtigſte, die es auf Erden giebt. Der Joſeph, Alle wiſſen's und Alle haben's ſehen koͤnnen... He, Tonio, legt die Thuͤre an und geht nur hinauf, ich komme nach.“ Tonio antwortete von innen, und die Haushaͤlterin ſetzte ihre leidenſchaftliche Erzaͤhlung fort. Don Abbon⸗ dio's Thuͤre gegenuͤber oͤffnete ſich zwiſchen zweien Huͤtten eine kleine Gaſſe, welche ſich uͤber eben dieſe Huͤtten hin⸗ aus in grader Richtung nicht erſtreckte, dann aber ſich nach den Feldern wandte. Dorthin bewegte ſich Agneſe, als wenn ſie ſich, um freier reden zu koͤnnen, ein wenig ſeitwaͤrts zuruͤckziehen wollte. Die Haushaͤlterin folgte ihr. Als ſie um die Ecke waren, und nicht mehr ſehen konnten, was vor dem Hauſe des Pfarrers vorging, huſtete Agneſe laut. Es war das Zeichen. Renzo verſtand es, und machte — 180— Lucien durch einen Haͤndedruck Muth; Beide wandten ſich dann auch um ihre Ecke, ſchlichen geduckt die Mauer entlang, kamen an die Thuͤre, und oͤffneten ſie behutſam. Nach einer Sekunde ſtanden ſie, ruhig und niedergebuͤckt, in der Hausflur, woſelbſt die beiden Bruͤder ſie erwarteten. Renzo druͤckte leiſe die Klinke unter den Haken, und ſo ſtiegen alle Vier die Treppe hinauf, ohne mehr Geraͤuſch als Zwei zu machen. Als ſie oben angekommen, traten die beiden Bruͤder zur Thuͤre des Zimmers, welches ſeit⸗ waͤrts von der Treppe war; die Verlobten druͤckten ſich an die Wand. „Deo gratias,“ ſagte Tonio mit deutlicher Stimme. „Tonio, ja? Herein!,— antwortete die Stimme drinnen. Der Hereingerufene oͤffnete den Thuͤrfluͤgel kaum ſo weit, um mit ſeinem Bruder zugleich hinein zu treten. Der Lichtſtreif, welcher ploͤtzlich durch dieſe Oeffnung drang, und queer uͤber den dunklen Fußboden des engen Vorzim⸗ mers hinfloß, ſetzte Lucien in Zittern, als wenn ſie ſchon entdeckt waͤre. Die beiden Bruͤder traten hinein, und Tonio machte die Thuͤre hinter ſich zu; das Brautpaar blieb bewegungslos im Finſtern ſtehen, horchte und hielt den Athem an ſich; das ſtaͤrkſte Geraͤuſch verurſachten die Herzſchlaͤge der armen Lucia. Don Abbondio ſteckte beim ſehwachen Schimmer einer kleinen Lampe, wie wir geſagt, in einem altfraͤnkiſchen Lehnſtuhl, gehuͤllt in einen abgetragenen Tuchmantel, den Kopf mit einer alten Kamelotmuͤtze bedeckt, die ſich wie ein Geſimſe rings um das Geſicht zog. Ein Paar dichte Schoͤpfe, die zur Muͤtze hervortraten, ein Paar dichte — 181— Augenbrauen, ein dichter Schnurbart, ein dichter Haar⸗ wuchs das Kinn entlang, ſaͤmmtlich grau und uͤber das braune runzlige Geſicht zerſtreut, ließen ſich mit beſchnei⸗ ten Gebuͤſchen vergleichen, die beim Schimmer des Mon⸗ des an einem Felſenhang hervorragen.. „Ah, ah!“— war ſein Gruß, indem er ſich die Brille abnahm, und ſie auf das kleine Buch legte. „Der Herr Pfarrer werden ſagen, ich ſey ſpaͤt ge⸗ kommen,“— begann Tonio und verneigte ſich, was auch nur plumper, ſein Bruder that. 2 „Freilich iſt's ſpaͤt, ſpaͤt in jeder Hinſicht. Wißt Ihr⸗ daß ich krank bin? „Thut mir leid.“ „Ihr werdet's ſagen gehoͤrt haben, ich bin krank, und weiß nicht, wann ich mich vor Leuten werde koͤnnen ſehen laſſen. Aber warum habt Ihr denn den, den jungen Men⸗ ſchen da, hinter Euch herlaufen?“ „ nun, zur Geſellſchaft, Herr Pfarrer.“ „Gut, wir wollen ſehen.“ „Da ſind fuͤnf und zwanzig neue Silberſtuͤcke, ſolche mit dem heiligen Ambroſius zu Pferde,“— ſagte Tonio, und zog ein Paͤckchen aus der Taſche. „Wir wollen ſehen,“— antwortete Don Abbondio, griff nach dem Paͤckchen, und ſetzte die Brille wieder auf die Naſe. Dann wickelte er es auf, nahm die Silberſtuͤcke, kehrte ſie um, kehrte ſie wieder um, zaͤhlte ſie, und fand nichts dagegen einzuwenden. „Nun werden mir der Herr Pfarrer die Halskette mei⸗ ner Tecla geben.“. „Es iſt billig,“— war Don Abbondio's Antwort. — 182— Darauf ging er nach einem Schranke, ſchloß auf, ſah ſich um, als wollte er die Blicke der Zuſchauer entfernt halten, luͤftete einen Theil des Thuͤrgetaͤfels, fuͤllte die Oeffnung mit ſeinem Koͤrper aus, ſteckte den Kopf hinein, um zu ſuchen, griff mit der Hand nach dem Pfande, holte es heraus, ſchloß den Schrank, machte das Papierduͤtchen auf, fragte, ob's ſo recht waͤre, faltete es wieder zu, und haͤndigte es dem Tonio ein. „Jetzt aber,“— ſagte dieſer,—„bitte ich um etwas Schwarz auf Weiß.“— „Auch das,“— ſagte Don Abbondio.—„Alle Welt weiß es. Ei, wie die Leute doch jetzt voller Verdacht ſtek⸗ ken! Habt Ihr kein Zutrauen zu mir?“ „Wie, Herr Pfarrer, ob ich Zutrauen habe? Sie thun mir Unrecht. Aber ſintemal mein Name im Buche ſteht, auf der Schuldſeite... Sie haben doch nun ſchon einmal die Unbequemlichkeit gehabt, ſchreiben zu muͤſſen, alſo... um Lehen und Sterben willen.“ „Gut, gut!“— unterbrach ihn Don Abbondio. Dabei zog er ein Kaͤſtchen vom Tiſche nach ſich hin, nahm Pa⸗ pier, Feder und Tintenfaß heraus, ſing an zu ſchreiben, und wiederholte ſich mit lauter Stimme jedes Wort, wie es ihm aus der Feder floß. Darauf ſtellte ſich Tonio und, auf ſeinen Wink, auch Gervaſo gerade vor den Tiſch, ſo daß ſie dem Schreibenden die Ausſicht auf die Thuͤre benahmen, und ſchurrten, als geſchaͤh es aus Ungeduld, mit den Fuͤßen am Boden, dem Paare draußen das Zei⸗ chen des Eintritts zu geben, und zugleich das Geraͤuſch ihrer Fußtritte unhoͤrbar zu machen. Don Abbondio ſah, in ſein Schreiben vertieft, auf nichts Anderes. Beim Auf⸗ — 183— treten der vier Fuͤße faßte Renzo einen Arm ſeiner Lucia, preßte ihn an ſich, um ihr Muth zu machen, und ſchritt vorwaͤrts, indem er ſie nach ſich zog; denn allein war das zitternde Maͤdchen kaum im Stande zu gehen. Leiſe auf den Zehenſpitzen traten ſie herein, hielten den Athem an ſich, und ſtellten ſich hinter die beiden Bruͤder. Indem war Don Abbondio mit ſeinem Schreiben fertig, er las die Worte noch einmal aufmerkſam durch, ohne die Augen vom Papier zu erheben, faltete es, und ſagte:„Seyd Ihr nun zufrieden?“— Zugleich nahm er ſich mit der einen Hand die Brille von der Naſe, reichte mit der andern das Blatt dem Tonio hin, und hob das Geſicht in die Hoͤhe. Tonio ſtreckte die Rechte aus, um das Papier hinzunehmen, trat dann nach der einen Seite zuruͤck, Gervaſo, auf ſei⸗ nen Wink, nach der andern, und wie wenn der Hinter⸗ grund einer Schaubuͤhne ſich oͤffnet, ſtanden Renzo und Luciag in der Mitte da. Don Abbondio blickte durch, ſah ſie, erſchrack, ſtaunte, wollte wuͤthend auffahren, ſann nach, und faßte einen Ent⸗ ſchluß; Alles das, waͤhrend Renzo zu ſprechen ſich anſchickte. — ,Herr Pfarrer/— ſprach der Juͤngling,—„in Gegen⸗ wart der beiden Zeugen, dieſe iſt mein Weib!“— Seine Lippen hatten ſich noch nicht geſchloſſen, als Don Abbondio ſchon den Zahlbrief fallen ließ⸗ nach der Lampe griff, mit der andern Hand die Tiſchdecke faßte, ſie gewaltſam an ſich zog⸗ Buch, Papier, Tintenfaß und Sandbuͤchſe zu Boden warf, zwiſchen Seſſel und Tiſch ſprang, und auf Lucien los ging. Die Arme hatte mit ihrer ſanften zitternden Stimme kaum die beiden Worte hervorbringen koͤnnen:„Und dieſer... — als der Pfarrer ihr gewaltſam die Tiſchdecke an den — 184— Kopf und uͤber's Geſicht warf, und es ihr unmoͤglich machte, die Formel ganz aus zu ſprechen. Augenblicklich ließ er dann die Lampe, ſo er in der andern Hand hielt, fallen, und rief nun auch dieſe zur Huͤlfe, um das Geſicht des Maͤdchens, welches er faſt erſtickte, ganz und gar mit der Decke zu verhuͤllen; zu gleicher Zeit ſchrie er moͤrder⸗ lich, wie ein verwundeter Stier:„Perpetua! Perpetua! Verrath! Huͤlfe!“— Das erſterbende Licht auf dem Bo⸗ den warf einen matten ſchwankenden Schein auf Lucien, welche voͤllig verwirrt nicht einmal ſich loszuwickeln ſuchte, und ſich mit einer modellirten Thonſtatue vergleichen ließ, um welche der Kuͤnſtler ein naſſes Tuch geſchlagen. Nach⸗ dem der letzte Schimmer des Lichtes erloſchen, ließ Don Abbondio von dem armen Maͤdchen ab, ſuchte tappend die Thuͤre, die nach einem andern inneren Zimmer fuͤhrte, fand ſie, trat hinein, ſchloß hinter ſich zu, und ſchrie in Einem fort:„Perpetua! Verrath! Huͤlfe! Hier, in die⸗ ſem Hauſe!“— Im andern Zammer war indeſſen Alles Verwirrung; Renzo ſuchte den Pfarrer zu packen, und ſtrich mit den Haͤnden umher, als ſpielte man Blindekuh; ſo erreichte er die Thuͤre, klopfte und ſchrie:„Oeffnen Sie, oͤffnen Sie, machen Sie kein Geſchrei!— Lucia rief ihren Renzo mit matter Stimme, und ſagte flehend:„Laß uns gehen, laß uns gehen, um Gottes Willen!“— Tonio fegte auf allen Vieren mit den Haͤnden den Fußboden, um ſeinen Zahlbrief zu erwiſchen. Gervaſo ſchrie und ſprang wie beſeſſen umher, und ſuchte die Treppenthuͤre, um hin⸗ auszuſchluͤpfen, und ſeine Haut zu ſichern. Mitten in dieſem Gedraͤnge muͤſſen wir einen Augen⸗ blick ſtehen bleiben, und dem Leſer eine Betrachtung mit⸗ —y — — 185— theilen, die ſich uns aufdraͤngt. Renzo, welcher bei Nacht in das Haus eines Andern bricht, welcher verſtohlen ſich hineingeſchlichen, und den Herrn ſelbſt in einem Zimmer belagert haͤlt, hat ganz das Anſehen eines gewaltthaͤtigen Unterdruͤckers— und am Ende iſt er der unterdruͤckte; Don Abbondio, wie er mitten in ſeinen ruhigen haͤusli⸗ chen Geſchaͤften uͤberraſcht, erſchreckt und in Flucht ge⸗ ſetzt worden, koͤnnte das Opfer ſcheinen— und doch war er's in Wirklichkeit, der Unrecht that. So geht’s oft in der Welt, ſo gings, will ich ſagen, im ſiebzehnten Jahr⸗ hundert. Da der Belagerte ſah, daß der Feind keine Miene zum Weichen machte, oͤffnete er ein Fenſter, das nach dem Kirchhofe hin ſah, und rief auch hier:„Huͤlfe! Huͤlfe!“— In ſeinem ſchoͤnſten Glanze ſtand der Mond am Himmel; der Schatten der Kirche und weiter hinaus der lange ſpitze Schatten des Glockenthurms ſtreckte ſich in ſeinen deutli⸗ chen Umriſſen braun und unbeweglich uͤber die graſige beleuchtete Flaͤche des Kirchhofes hin; jeder Gegenſtand ließ ſich wie am Tage unterſcheiden. Wohin aber der Blick auch fiel, es erſchien kein Zeichen eines lebendigen Menſchen. Mit der Seitenmauer der Kirche indeſſen zu⸗ ſammenhangend, und gerade auf der Seite nach dem Pfarrhauſe hin, ſtand eine winzige Wohnung, ein Schlupf⸗ winkel, in welchem der Kuͤſter ſchlief. Aufgeſtoͤrt durch das ungeheure Geſchrei, ſprang dieſer im Bette empor, ſtieg eiligſt hinaus, oͤffnete einen papiernen Fenſterfluͤgel, ſteckte, waͤhrend ſeine Augenlieder ſich noch immer nicht recht von einander geloͤſt hatten, den Kopf durch, und fragte:„Was giebt's?“ — 186— Lauft, Ambrogio! Huͤlfe! Leute im Haus!“— ſchrie ihm Don Abbondio zu.—„Ich bin den Augenblick da⸗“ — antwortete der Kuͤſter, zog den Kopf zuruͤck und machte das Fenſter wieder zu. Obgleich er aber noch halb ſchlaf⸗ trunken und mehr als halb außer ſich vor Schrecken war, ſiel ihm dennoch alſobald ein Mittel ein, wie er weit mehr Huͤlfe leiſten koͤnnte, als von ihm verlangt worden, ohne daß er, wie er war, ſich in die Rauferei hinein zu wagen brauchte. Er griff nach den Beinkleidern, die er auf dem Bette liegen hatte, nahm ſie in aller Geſchwindigkeit unter den Arm, wie einen Staatshut, und ſo ging's im Sprung eine hoͤlzerne Treppe hinab; dann lief er nach dem Thurm, faßte den Strick der groͤßeren unter den beiden Glocken, die droben hingen, und laͤutete Sturm. Ton, ton, ton, ton— die Bauern ſetzen ſich ploͤtzlich im Bette aufrecht, die Knechte, die auf den Heuboͤden hin⸗ geſtreckt ſchlafen, horchen auf und ſpringen empor.— „Was giebt's? Was giebt's? Die Sturmglocke lautet! Feuer? Diebe? Moͤrder?“— Viele Weiber rathen und liegen ihren Maͤnnern an, ſie ſollen ſich nicht regen und die Andern laufen laſſen; Einige ſtehen auf und gehen an's Fenſter; die Feigen verkriechen ſich unter die Bettdecke, als naͤhmen ſie zum Gebet ihre Zuflucht; die Neugierigſten und* Muthigſten gehen und greifen nach Heugabeln und Ge⸗ wehren, um dann nach dem Laͤrm hinzueilen; Andre ſtehen wartend da, und wollen erſt ſehen. 5. Ehe ſie ſich aber noch zurecht gemacht hatten, ja ehe ſie noch recht aufgewacht waren, war der Laͤrm zu den Oh⸗ ren andrer Leute gelangt, welche angekleidet nicht weit da⸗ von auf den Beinen waren; zu den Ohren der Bravi auf ——Q——— — 187— der einen, zu Agneſens und Perpetuens Ohren auf der an⸗ dern Seite. Wir erzaͤhlen ganz kurz, was jene ſeit dem Augenblick, da wir ſie verlaſſen, theils in dem verfallenen Hauſe, theils in der Dorfſchenke gethan. Als die Drei alle Pforten geſchloſſen, und die Straße menſchenleer ſahen, gingen ſie fort, thaten, als wenn ſie ſich weit weg mach⸗ ten, und zogen in aller Stille durch's Dorf, um ſich zu uͤberzeugen, ob Alles zur Ruhe gegangen; wirklich begegne⸗ ten ſie keiner lebenden Seele mehr, und vernahmen nicht das kleinſte Geraͤuſch. Auch gingen ſie, und zwar noch leiſer, vor dem Haͤuschen unſrer Ungluͤcklichen voruͤber; das ruhigſte Haus unter allen, da Niemand mehr drin war. Dann nahmen ſie geradesweges ihren Weg nach dem ver⸗ fallenen Gebaͤude, und ſtatteten daſelbſt dem Grauen Be⸗ richt ab. Alſobald ſetzte ſich dieſer einen großen ſchlechten Hut auf, warf einen Pilgermantel von Wachsleinen, mit Muſcheln beſetzt, um die Schultern, nahm einen Wander⸗ ſtab in die Hand, und ſagte:„Vorwaͤrts, wie beherzte Kerle; aber ſtill, und aufmerkſam auf's Wort!“— Er ging voran, die Andern folgten. Durch eine Straße, der⸗ jenigen entgegen geſetzt, durch welche unſre kleine Schaar, da ſie gleichfalls in's Feld ruͤckte, ſich entfernt hatte, lang⸗ ten ſie bald beim Haͤuschen an. Der Graue ließ den Trupp einige Schritte davon halten, ging allein, um zu kund⸗ ſchaften, voran, und ſobald er außen umher Alles men⸗ ſchenleer und ruhig gefunden, ließ er zwei der Ungluͤcksvoͤ⸗ gel naͤher treten. Dieſen gab er den Befehl, die Mauer, welche den kleinen Vorhof einſchloß, zu erſteigen, und wenn ſie drinnen hinabgeſtiegen, ſich in einem Winkel hin⸗ ter einen dichten Feigenbaum, welchen er am Morgen ſich — 188— gemerkt hatte, zu verſtecken. Nachdem dies geſchehen, fte er ſchuͤchtern an, indem es ſeine Abſicht war, ſich fuͤr ei⸗ nen verirrten Pilger auszugeben, welcher bis zum Tagesan⸗ bruch um Dach und Fach bat. Doch Niemand antwortet; zer klopft ein wenig ſtaͤrker, nicht ein Laut. Darauf ruft er einen dritten Raubſchurken zu ſich, laͤßt ihn, wie die beiden Andern, in den Hof hinuͤber ſteigen, und heißt ihn inwendig die Naͤgel aus dem Riegel reißen, um Eintritt und Ruͤckzug frei zu haben. Alles geſchieht mit großer Vorſicht und gluͤcklichem Erfolg. Nun ruft der Anfuͤhrer die Andern, beſiehlt ihnen, mit hineinzukommen, und ſich bei dem Erſten im Winkel zu verſtecken; er legt behutſam die Thuͤre der Pforte wieder an, ſtellt von innen zwei Schild⸗ wachten hin, und geht gerade zur Thuͤre des unteren Stock⸗ werks. Er klopft auch hier; er wartet, und konnte lange warten. Auch aus dieſer Thuͤre werden leiſe die Naͤgel her⸗ ausgeriſſen, aber Keiner ruft ihm von innen ein: Wer da? zu; Keiner laͤßt ſich hoͤren, beſſer kann's nicht gehen. Vor⸗ waͤrts alſo. St! Er ruft die Rotte unter dem Feigen⸗ baum, und tritt mit ihnen in das untere Zimmer, wo er am Morgen freventlich um ein Stuͤck Brod gebettelt hatte. Er nimmt Schwamm, Feuerſtein, Stahl und Schwefelfa⸗ den hervor, zuͤndet eine kleine Laterne an, und tritt ins andere tiefere Zimmer, um ſich zu uͤberzeugen, ob Niemand 6 da ſey. Niemand. Er kehrt zuruͤck, geht nach dem Aus⸗ gang an der Treppe, ſchaut umher, ſpitzt die Ohren— Einſamkeit und Schweigen. Nun ſtellt er zwei andre Schildwachten im untern Stockwerk auf, und laͤßt den Bruder Grunzer zu ſich kommen, einen Bravo aus der Ge⸗ gend von Bergamo, welcher bloß drohen, beruhigen, be⸗ — 189— fehllit kurz den Redner ſpielen ſoll, damit ſeine Bered⸗ ſamkeit Agneſen glauben mache, der Feldzug geſchehe von je⸗ ner Seite. Dieſen neben und die Uebrigen hinter ſich, ſteigt der Graue leiſe hinauf, und verflucht im Herzen jede Stufe, die unter ihm knarrt, und jeden Fußtritt ſeines Gefolges, der Geraͤuſch macht. Endlich iſt er oben. Hier muß der Haſe liegen. Er ſtoͤßt ſanft an die Thuͤre, die zum erſten Zimmer fuͤhrt, ſie giebt nach, und es entſteht eine Oeff⸗ nung; er haͤlt das Auge hin, es iſt ſinſter; er horcht, um zu vernehmen, ob inwendig Einer ſchnarcht, athmet oder ſich regt; nichts zu hoͤren. Alſo vorwaͤrts. Er nimmt die Laterne vor das Geſicht, um zu ſehen, ohne geſehen zu werden, macht die Thuͤre auf, wird ein Bett gewahr, und tritt hin: das Bett iſt gemacht, vollkommen in Ordnung, und die Decke liegt ruhig auf dem Kopfkiſſen. Er zuckt die Achſeln, dreht ſich nach den Gefaͤhrten um, und bedeu⸗ tet ihnen, er gehe nun, im andern Zimmer nachzuſuchen, ſie moͤchten ihm leiſe folgen. Er tritt auch dort hinein, nimmt dieſelben Gaͤnge vor, und macht die naͤmliche Ent⸗ deckung.—„Was Teufel iſt das?“— ſagte er nun laut, —„hat irgend ein Hund von Verraͤther den Spion ge⸗ macht?“ Darauf ſpaͤhen Alle, ſchon mit weniger Behutſam⸗ keit, umher, durchtaſten jeden Winkel, und drehen das ganze Haus um. Waͤhrend dieſe hiermit beſchaͤftigt waren, hoͤren die beiden vorderſten Schildwachten durch die Pforte Jeman⸗ den zum Dorf hereinkommen; es naͤhert ſich, und dicht auf einander folgende Tritte verrathen kleine Fuͤße. Die Bei⸗ den glauben, es werde geradesweges voruͤber ziehen; ſie ſte⸗ hen ruhig, laſſen es aber auf alle Faͤlle an Aufmerkſamkeit — 190— nicht fehlen. Plöͤtzlich bleibt's gerade vor der Pforte ſte⸗ hen. Es war Menico, der haſtig ankam, indem er vom Pater Criſtoforo die Frauen benachrichtigen ſollte, ſie moͤch⸗ teu um des Himmels Willen ſich den Augenblick aus dem Hauſe fortmachen, und ſich in's Kloſter fluͤchten, denn... wir wiſſen, warum? Er faßt den Griff des Riegels, um zu pochen, und fuͤhlt ihn in der Hand ſchwanken, losge⸗ riſſen und zerbrochen. Was iſt das? denkt er, und druͤckt erſchrocken gegen die Thuͤre; dieſe giebt nach, er thut in bangem Argwohn einen Schritt hinein, und fuͤhlt ſich an beiden Armen zugleich ergriffen. Zur Rechten und Linken ſagen ihm zwei leiſe Stimmen in drohendem Tone:„St! Schweig, oder Du biſt todt!“— Der Knabe dagegen er⸗ hebt ein Geſchrei; einer der beiden Raufer ſchlaͤgt ihm mit der ungeheuren Fauſt auf den Mund, der andre greift nach dem Meſſer, um ihm Furcht einzujagen. Der arme Junge zittert wie ein Espenlaub, und verſucht kein Geſchrei mehr; dagegen bricht ploͤtzlich und in ganz andrem Tone, der erſte Schlag der Glocke los, und dahinter ein Sturm von un⸗ unterbrochen wiederholten Schlaͤgen. Wer in der Suͤnde ſteckt, traͤgt die Angſt im Herzen, ſagt ein Mallaͤndiſches Sprichwort; einem wie dem andren Schurken faͤllt's auf die Seele, als hoͤrt' er ſich in den Schlaͤgen bei Vor⸗ und Zunamen gerufen; ſie laſſen die Arme des Knaben los,⸗ ziehen ihre eigenen haſtig zuruͤck, ſtehen mit offenem Munde da, ſtarren einander an, und laufen nach dem Hauſe, wo ſich die Hauptſchaar der Bande befand. Menico ſpringt hinaus, und laͤuft, was er kann, nach dem Glockenthurme zu, wo er auf jeden Fall einem Menſchen zu begegnen hofft. Auf die andern Schurken, die durch's ganze Haus herum — 191— ſtoͤrten, machten die furchtbaren Glockentoͤne denſelben Ein⸗ druck; ſie gerathen in Verwirrung,⸗ verlieren alle Faſſung, und ſtoßen ſich wechſelſeitig: ein Jeder ſucht den kuͤrzeſten Weg, um ſich nach der Thuͤre zu draͤngen. Sie waren frei⸗ lich gepruͤfte Kerle, gewohnt, jedem Abentheuer das Ge⸗ ſicht zu weiſen; eine unerklaͤrte Gefahr aber, welche vor dem Erſcheinen ſich durch kein Zeichen verrathen, wagten ſie nicht zu erwarten. Es war das ganze Anſehen des Grauen erforderlich, um ſie beiſammen zu halten, damit man ſich zuruͤckzoͤge, aber nicht fliehe. Gleich einem Hunde, welcher eine Heerde von Schweinen begleitet, bald hier bald dort denjenigen, die ſich verlaufen, nachſetzt, das eine bei den Ohren mit den Zaͤhnen packt, und es zum Haufen zuruͤckzieht, ein zweites mit der Schnautze vorwaͤrts treibt⸗ und ein drittes, das eben aus der Reihe tritt, wieder hin⸗ ein bellt, ſo faßte der Pilger den Einen, welcher die Schwelle ſchon erreicht hatte, beim Schopfe und riß ihn zuruͤck, trieb zwei Andre, die nicht mehr weit davon waren, mit dem Knuͤttel wieder her, ſchrie den Uebrigen, die ohne zu wiſ⸗ ſen, wohin? umher liefen, zu, und brachte ſie endlich alle mitten auf dem kleinen Hofe zuſammen.—„Halt! halt! Die Piſtolen in die Hand, die Meſſer ſtoßfertig; Alle bei⸗ ſammen, und dann machen wir uns auf den Weg; ſo geht man. Wer will uns was anhaben, wenn wir uns gut bei⸗ ſammen halten, Einfaltspinſel? Laſſen wir uns aber ein⸗ zeln erwiſchen, ſo koͤnnen es auch die Bauern mit uns guf⸗ nehmen. Schaͤmt Euch! Hinter mir und Einer neben dem Andern!“— Nach dieſer kurzen Anrede ſtellte er ſich an die Spitze, und trat zuerſt hinaus. Das Haus ſtand, wie ſchon geſagt worden, am Ende des Dorfes; der Graue — 192— ſchlug die Straße ein, die daneben hinaus fuͤhrte, und Alle hielten ſich in guter Ordnung hinter ihm her. Wir kuͤmmern uns fuͤr jetzt nicht weiter um ſie, und kehren zu den beiden Frauen zuruͤck, welche wir auf der an⸗ dern Seite in dem kurzen Winkelgaͤßchen gelaſſen. Agneſe hatte dafuͤr geſorgt, Perpetuen ſo weit als moͤglich vom Pfarr⸗ hauſe wegzufuͤhren, und bis auf einen gewiſſen Punkt war ihr die Liſt ſehr wohl gelungen. Mit einem Mal aber er⸗ innerte ſich die Haushaͤlterin, daß die Thuͤre offen geblie⸗ ben, und wollte wieder zuruͤck. Es ließ ſich nichts dage⸗ gen ſagen. Agneſe mußte alſo, um keinen Verdacht in ihr entſtehen zu laſſen, mit ihr umkehren, und ihr folgen; ſo oft ſie indeſſen merkte, daß ſie bei dem Bericht uͤber die verungluͤckten Heirathen in Hitze gerathen, blieb ſie ſtehen und hielt die Erzaͤhlerin auf. Sie zeigte die geſpannteſte Aufmerkſamkeit, und ſagte von Zeit zu Zeit, ſowohl um ihre eifrige Theilnahme zu beweiſen, als um das Geſchwaͤtz recht lebhaft zu machen:„Ganz gewiß; nun geht mir ein Licht auf; vollkommen richtig; klar wie der Tag; und was geſchah hernach? Und er? Und Ihr?— Zu gleicher Zeit aber hielt ſie mit ſich ſelbſt ein ganz anderes Geſpraͤch: O ſie ſchon herausgekommen? Ob ſie noch drinnen ſind? Was ſind wir doch alle Drei fuͤr Dummkoͤpfe geweſen, daß wir nicht ein Zeichen fuͤr mich verabredet haben, damit ich weiß, wann die Sache gluͤcklich ausgefuͤhrt iſt! Meiner Seele, eine gewaltige Dummheit! Es iſt aber einmal ge⸗ ſchehen; jetzt iſt's das Beſte, die hier ſo lange als moͤglich aufzuhalten; im ſchlimmſten Fall gehen ein Paar Minu⸗ ten verloren.— Indem ſo bald ſtillgeſtanden, bald eine kleine Strecke weiter gegangen ward, ſtanden ſie nicht mehr 8 8 — —* — 193— weit von Don Abbondio's Hauſe, ſahen es aber der er⸗ waͤhnten Ecke wegen noch nicht; Perpetua hielt bei einem wichtigen Punkte ihrer Erzaͤhlung, und hatte ſich, ohne an Widerſtand zu denken, ja ohne es ſelbſt zu merken, aufhal⸗ ten laſſen, als ploͤtzlich durch den ſtillen leeren Luftraum, durch das weit verbreitete Schweigen der Nacht, jenes erſte gewaltſame Zetergeſchrei des Pfarrers:„Huͤlfe! Huͤlfe!”— ſich laut hallend hoͤren ließ. „Himmliſche Barmherzigkeit! Was iſt geſchehen?“— ſchrie Perpetua und wollte davon laufen. „Was giebt's? Was giebt's?“— fragte Agneſe, und hielt ſie beim Kleide zuruͤck. „Himmliſche Barmherzigkeit!“— ſagte die Andre ſich losreißend.—„Habt Ihr denn nicht gehoͤrt?“ „Was giebt's denn? Was giebt's denn?“ holte Agneſe, und hielt ſie beim Arme feſt. „Steckt der Teufel in Euch, Weib?"— ſchrie die Haushaͤlterin, ſtieß ſie zuruͤck, ſetzte ſich in Freiheit, und lief nach der Thuͤre. In demſelben Augenblick ließ ſich, entfernter, undeutlicher und ſchneller, Menicoy's Geſchrei vernehmen. „Himmliſche Barmherzigkeit!“— ſchrie nun auch Agneſe, und pfeilſchnell ſprang ſie der Haushaͤlterin nach. Sie hatten Beide kaum die Fuͤße erhoben, als bie Glocke zu droͤhnen begann; ein Schlag, ein zweiter, ein dritter, dann in Einem fort; es waͤren eben ſo viele Sporen ge⸗ weſen, wenn die Frauen derſelben bedurft haͤtten. Per⸗ petua langte um zwei Schritte fruͤher an; waͤhrend ſie aber die Hand an die Thuͤre legt und ſie aufſtoßen will, wird ſie gewaltſam ſchon von innen aufgeriſſen, und der Haus⸗ 1. 13 — wieder⸗ — 194— haͤlterin entgegen ſtuͤrzen auf der Schwelle Tonio, Gervaſo, Renzo und Lucia. Sie hatten die Treppe gefunden, waren uͤber Hals uͤber Kopf herunter geraunt, hoͤrten dann das ſchreckliche Glockengelaͤut, und liefen nun athemlos, um ſich in Sicherheit zu ſetzen. „Was iſt denn? Was iſt denn?“— fragte Perpetua keuchend die beiden Bruͤder; aber dieſe antworteten ihr mit einem haſtigen Stoße, und ſchoſſen vorbei.—„Und Ihr? Wie? Was macht Ihr hier?“— fragte ſie darauf das andre Paar, nachdem ſie es erkannt hatte. Aber auch dieſe ſchlichen, ohne ihr Rede zu ſtehen, fort. Die Haus⸗ haͤlterin ſuchte dahin zu kommen, wo es am meiſten Noth that; ſie fragte nicht weiter, ſtuͤrzte wie außer ſich in die Hausflur, und eilte dann tappend der Treppe zu. Die beiden Brautleute, auch jetzt, wie vorher, bloß ein verlobtes Paar, trafen ſich mit Agneſen, welche angſtvoll und bekuͤmmert herbeikam.—„Ach, Ihr ſeyd hier!“— ſagte ſie, kaum im Stande, das Wort hervor zu ſtottern.— „Wie iſt's gegangen? Was will denn die Glocke? Es iſt mir, als wenn ich gehoͤrt haͤtte..“ „Nach Hauſe, nach Hauſe, ehe Leute kommen!“— ſagte Renzo. So machten ſie ſich auf den Weg. Ihnen entgegen kam gerade Menico gelaufen; er erkannte ſie, trat vor ſie hin, und ſagte, an allen Gliedern zitternd, mit halb erſtickter Stimme:„Wo wollt Ihr hin? Zuruͤck, zuruͤck; dort hin, nach dem Kloſter!“ „Biſt du's..?“ fing Agneſe an. „Wer iſt's?“— fragte Renzo. Lucia ſchwieg verwirrt und zitterte. „Der Teufel ſteckt dort im Hauſe,“— ſing Menico ——yꝛ— — 195— keuchend wieder an.—„Ich hab' ſie geſehen, ſie haben mich umbringen wollen. Pater Criſtoforo hat's geſagt. Und Ihr auch, Renzo, ſollt gleich mitkommen, hat er ge⸗ ſagt. Ich hab' ſie mit meinen Augen geſehen;'s iſt Got⸗ tes Schickung, daß ich Euch hier Alle treffe; will Euch ſchon mehr ſagen, wenn wir erſt draußen ſind.“ Renzo, welcher am meiſten Faſſung behalten, ſah ein, daß man nach einer oder der andern Seite ſich auf der Stelle wenden mußte, bevor die Leute herbei liefen. Er hielt's alſo fuͤr's Sicherſte, dem Rathe des Knaben zu fol⸗ gen, und befahl mit dem Ungeſtuͤm eines Erſchrockenen. Unterweges, außer dem Getuͤmmel und der Gefahr, ließ ſich eine deutlichere Erklaͤrung von dem Knaben heraus⸗ bringen.—„Geh voran,“ rief er.—„Wir gehen mit ihm,“— ſagte er zu den Frauen. Sie wandten ſich, eil⸗ ten dem Gotteshauſe zu, liefen quer uͤber den Kirchhof, wo gluͤcklicherweiſe noch keine lebende Seele anzutreffen war, und traten in ein Gaͤßchen zwiſchen der Kirche und dem Pfarrhauſe. Drauf ging's zur erſten Zaunoͤffnung, die ſie fanden, hinein, und fort durch die Felder. Sie konnten kaum funfzig Schritte hinter ſich haben, als die Leute nach dem Kirchhofe ſtroͤmten, und der Haufe ſich dort mit jedem Augenblick vermehrte. Einer ſah den Andern an; Jeder hatte eine Frage, Keiner wußte Ant⸗ wort zu geben. Die zuerſt Gekommenen eilten nach der Kirchthuͤre; ſie war verſchloſſen. Sie liefen alſo hinaus nach dem Glockenthurm, und Einer unter ihnen hielt den Mund an eine Oeffnung, an eine Art von Schußloch in der Mauer, und ſchrie laut hinein:„Zum Henker, was giebt’s denn?“— Der Kuͤſter hoͤrte eine bekannte Stimme, — 196— und ließ den Strick fahren; das Getuͤmmel verrieth ihm, daß eine Menge Volkes ſchon herbei gelaufen, und ſo ant⸗ wortete er:„Ich mache gleich auf.“ Nun zog er eilig die Nuͤſtung an, welche er bisher unterm Arm gehalten, lief inwendig durch zur Kirchthuͤre, und oͤffnete ſie. „Was ſoll denn all der Laͤrm bedeuten?— Was gieht's denn?— Wo denn?— Wer denn?“ „Was? Wers iſt?“— fragte Ambrogio, waͤhrend er mit der einen Hand einen Thuͤrfluͤgel, mit der andern das Kleidungsſtuͤck hielt, in welches er all zu eilig hinein ge⸗ ſchluͤpft.—„Was? Ihr wißt es nicht? Leute im Hauſe des Herrn Pfarrers! Hinauf, Kinder! Helft!“— Den Augenblick wenden ſich Alle nach dem Hauſe hin, ſehen ſich um, draͤngen ſich daſelbſt ſchaarweiſe zuſammen, ſehen noch einmal hinauf, halten das Ohr hin— Alles ſtill. An⸗ dre laufen vorn nach der Hausthuͤre, ſie iſt verſchloſſen und verriegelt; anch ſie ſehen hinauf, kein Fenſter iſt offen, nicht ein Laut iſt zu hoͤren. „Wer iſt denn da drinnen?— Heh!— Herr Pfar⸗ rer!— Herr Pfarrer!“ Don Abbondio war kaum die Flucht ſeiner Angreifer gewahr geworden, ſo hatte er ſich vom Fenſter zuruͤckgezo⸗ gen, und es wieder zugemacht. Jetzt machte er mit halb⸗ lauter Stimme die Haushaͤlterin herunter, daß ſie ihn in dieſem Schreckensgewirr allein gelaſſen. Als er aber von der Menge ſich laut gerufen hoͤrte, mußte er von Neuem an's Fenſter treten; er ſah die zahlreiche Huͤlfe, und be⸗ reute, ſie herbei gerufen zu haben. „Was iſt vorgefallen?— Was hat man Ihnen ge⸗ — 192— than?— Wer ſind Sie?— Wo ſtecken ſie"— So ſchrieen funfzig Stimmen zugleich. „S iſt Keiner mehr hier; ich dank Euch; geht nur nach Hauſe.“ „Aber wer iſt's denn geweſen?— Wohin ſi ſind ſie ge⸗ gangen?— Was hat ſich denn eigentlich begeben?”“ „Schlechtes Geſindel, Kerle, die Nachts herumſtreichen. Sie haben ſich aber wieder davon gemacht, geht nach Hauſe; *s iſt vorbei. Ein ander Mal, Kinder; ich dank Euch fuͤr Euren guten Willen.“— Mit dieſen Worten trat er zu⸗ ruͤck, und ſchloß das Fenſter wieder. Hier nahm indeſſen die Stimmung der Menge eine andere Geſtalt an; der Eine brummte verdrießlich, ein Zweiter machte ſich daruͤber luſtig, ein Dritter fluchte; Andre zuckten die Achſeln, und begaben ſich weg. Da kam ploͤtzlich Einer athemlos her⸗ gelaufen, und war der Sprache nicht maͤchtig. Dieſer Mann wohnte unſern Frauen gegenuͤber; er hatte bei dem Laͤrmen ſich an's Fenſter geſtellt, und im Hofe druͤben das Getuͤmmel der Bravi bemerkt, als der Graue ſie gerade mit Muͤhe zuſammen brachte. Er war kaum wieder zu Athem gekommen, ſo ſchrie er:„Was macht ihr hier, Kinder? Hier wimmelt die Hoͤlle nicht, aber dort unten im Dorf, am Hauſe der Agneſe Mondella; bewaffnete Kerle, ſie ſtecken drin; ich glaube, ſie wollen einen Pilger ab⸗ ſchlachten; wer kann's wiſſen, was fuͤr'n Teufel's iſt!“ „Was?— Wie?“— Und nun begann eine ſtuͤrmiſche Berathſchlagung—„Man muß gehen.— Wir muͤſſen ſe⸗ hen.— Wieviel ſind ihrer?— Wie ſtark ſind wir denn?— Wer ſind ſie?—— Der Schulz! Der Schulz!“ „Hier bin ich,“— antwortete der Schulz ſchon mit⸗ — 198— ten im Haufen.—„Hier vin ich; Ihr muͤſſet mir aber auch beiſtehen, muͤſſet mir gehorchen. Geſchwind! Wo iſt der Kuͤſter? Nach der Glocke, nach der Glocke hin! Raſch! Einer nach Lecco, um Huͤlfe zu holen— kommt Alle her! Man laͤuft herbei, man gleitet zwiſchen dem Gedraͤnge hin, man ſchlaͤgt ſich durch; das Getuͤmmmel war groß, als ein Andrer anlangte, welcher die bewaffnete Raubbande in Eile abziehen geſehen hatte.—„Lauft, Kinder!“— rief er.—„'S ſind Naͤuber, Mordgeſellen, die mit'nem Pil⸗ ger davonjagen; ſind ſchon außer'm Dorf; nach! nach!“. — Bei dieſer Nachricht warten die Bauern den Befehl ih⸗ res Oberhauptes nicht ab, ſie machen ſich in Maſſe auf den Weg, und ſtroͤmen die Straße hinab; waͤhrend das Heer ſich vorwaͤrts bewegt, laſſen viele vom Vortrabe in der Haſtigkeit des Laufes nach, bleiben hinter den Andern zu⸗ ruͤck, und miſchen ſich unter die Hauptſchaar des Treffens; die Hinterſten draͤngen nach vorn; endlich langt der ord⸗ nungsloſe Schwarm bei der angezeigten Staͤtte an. Die Spuren des Einbruchs waren neu und deutlich; die Thuͤre offen, der Riegel losgeriſſen, die Mordbande aber verſchwun⸗ den. Man tritt in den Hof, man geht nach der Thuͤre des untern Stockwerks; man oͤffnet, auch ſie iſt gewaltſam erbrochen; man fraͤgt, man ruft:„Agneſe! Lucia!— Der Pilger! Wo mag der Pilger ſeyn?”—„Dem Stefano hat am Ende von einem Pilger was getraͤumt!“—„Nein⸗ Carlandrea hat ihn auch geſehen!— He! Pilger! Agneſe! Lucia!“— Niemand antwortet.—„Sie haben ſie mit fortgeſchleppt, mit fortgeſchleppt!⁰— Einige erhoben nun die Stimme, und waren der Meinung, man muͤſſe den Raͤubern nachſetzen; die Niedertraͤchtigkeit ſey unerhoͤrt, und — 199— eine Schande wuͤrde es für das Dorf ſeyn, wenn jeder Schurke unbeſtraft hereinſchleichen duͤrfte, um Frauen weg⸗ zuſchleppen, wie der Weih die jungen Huͤhner aus einer unbewohnten Scheune. Eine neue, noch ſtuͤrmiſchere Raths⸗ verſammlung; Einer aber— man hat nie recht erfahren, wer es geweſen— ſchrie mit einem Mal in den Haufen hinein, Agneſe und Lucia haͤtten ſich in ein Haus hinein gerettet. Das Wort flog ſchnell von Mund zu Mund, und fand Glauben; man ſprach nicht weiter davon, den Fluͤcht⸗ lingen nachzuſetzen; die Menge zerſtreute ſich, und Jeder begab ſich nach Hauſe. Nun ward gefluͤſtert, an die Thuͤ⸗ ren geklopft und geoͤffnet; uͤberall gab's ein Geraͤuſch, La⸗ ternen erſchienen und verſchwanden, Frauen fragten aus den Fenſtern, von der Straße ward geantwortet. Nachdem dieſe ſtill und menſchenleer geworden, wurden die Geſpraͤche in den Haͤuſern noch lange fortgeſetzt, bis ſie allmaͤhlig unter ſchlaͤfrigem Gaͤhnen erſtarben, um am andern Mor⸗ gen wieder zu beginnen. Weiter geſchah nichts. An dieſem andern Morgen aber ſtand der Dorfſchulz auf ſeinem Felde, hatte das Kinn auf beide Haͤnde geſtuͤtzt, die Haͤnde auf dem Griff des halbein⸗ geſenkten Spatens und einen Fuß auf dem Tritt deſſelben; er ſann den geheimnißvollen Ereigniſſen der vergangenen Nacht nach, uͤberlegte, was man von ihm erwarte und was er zu thun habe, und ſah ploͤtzlich zwei Maͤnner von ruͤſti⸗ gem Anſehen auf ſich zukommen, beide mit langen Haaren, wie zwei fraͤnkiſche Koͤnige aus dem erſten Geſchlechte, uͤbrigens genau dem Paare aͤhnlich, welches fuͤnf Tage vorher auf Don Abbondio gelauert, wofern es nicht etwa die nehm⸗ lichen waren. Ohne viele Umſtaͤnde zu machen, banden ſie — 200— ihm auf's Gewiſſen, dem Stadtvogt uͤber das Vorgefallene durchaus nicht die geringſte Meldung zu thun; wenn er in der Hoffnung lebe, durch eine Krankheit dereinſt ſeinen Tod zu finden, ſo ſolle er die Wahrheit verſchweigen, falls er gefragt wuͤrde, ſolle ſich vor allem Plaudern in Acht nehmen, und dem Geſchwaͤtz der Bauern nicht etwa noch Vorſchub leiſten. Ohne ein Wort zu ſprechen, wanderten unfre Fluͤcht⸗ linge eine Strecke raſch vorwaͤrts. Bald wandte ſich der Eine bald der Andre um, und ſah, ob ihnen nicht etwa Jemand folgte; Alle niedergeſchlagen durch die Muͤhſelig⸗ keit der Flucht, durch die heftigen Gemuͤthsbewegungen, die ſie erduldet, durch den Verdruß uͤber den ſchlechten Erfolg ihres Beginnens, wie durch die ahnungsvolle Furcht vor neuer, noch unentwickelter Gefahr. Aber betruͤbter noch machte ſie das unaufhoͤrliche Fortdroͤhnen der Glo⸗ ckenſchlaͤge, welche mit der Entfernung immer ſchwaͤcher und dumpfer wurden, aber eben dadurch wie unheilvolle Trau⸗ erſtimmen ſich vernehmen ließen. Endlich ruhte der Kloͤ⸗ pfel. Die Wandrer ſahen ſich auf einem unbewohnten Felde, wurden weit und breit keinen menſchlichen Laut ge⸗ wahr, und fingen an, langſamer fortzuſchreiten. Agneſe ſchoͤpfte zuerſt wieder Athem, brach das Stillſchweigen, und fragte Renzo, wie es gegangen ſey, fragte Menico, was fuͤr ein Teufel im Hauſe geſteckt habe. Renzo gab von ſeiner traurigen Geſchichte einen kurzen Bericht, und ſo wandten ſich alle Drei zum Knaben, welcher nun umſtaͤnd⸗ licher den Beſcheid des Paters mittheilte, und ſeinen ent⸗ ſetzlichen Strauß mit den beiden Naͤubern erzaͤhlte. Eben dieſer beſtaͤtigte den Beſcheid des guten Moͤnchs nur allzu⸗ ——— 14 ——— ———y— — 201— ſehr; die Zuhoͤrer begriffen mehr, als Menico zu ſagen wußte. Bei dieſer Entdeckung aber durchrieſelte ſie ein neuer Schauder; ſie ſtanden alle Drei einen Augenblick mitten auf dem Felde ſtill, ſahen einander mit den Blicken des Schreckens an, und liebkoſten zu gleicher Zeit, als waͤr es verabredet worden, den Knaben, indem der Eine ihm die Hand auf den Kopf, der Andre an die Schultern legte. Sie ſchienen ihm ſchweigend zu danken, daß er ihr Ret⸗ tungsengel geweſen, ſie bezeugten ihm das Mitleid, welches ſie empfanden, und baten ihn gleichſam um Verzeihung, da er fuͤr ihr Heil ſo viele Angſt erduldet und in ſo gro⸗ ßer Gefahr geſchwebt hatte.—„Jetzt geh' nach Hauſe zu⸗ ruͤck, mein lieber Menico,“— ſagte Agneſe,—„damit deine Eltern ſich nicht laͤnger um Dich abaͤngſtigen.“— Dabei erinnerte ſie ſich der beiden verſprochenen Dreier, nahm viere hervor, und gab ſie ihm.—„Genug,“— ſagte ſie,—„bete zu Gott, daß wir uns bald wieder ſehen moͤ⸗ gen, und dann....“— Renzo aber gab ihm ein neues glaͤnzendes Silberſtuͤck, und ſchaͤrfte ihm ein, beileibe Nie⸗ mandem etwas von dem Auftrage des Paters zu erzaͤhlen; Lucia liebkoſte ihn von Neuem, und gruͤßte ihn mit ge⸗ ruͤhrter Stimme; der Knabe erwiederte wehmuͤthig den Gruß, und kehrte zuruͤck. Nun ſetzten ſie gedankenvoll ihren Weg fort, die Frauen voran und dicht hinter ihnen, wie eine Schutzbegleitung, Renzo. Lucia hielt ſich ſtreng an den Arm der Mutter, und wußte mit Gewandtheit, ohne daß ſie beleidigte, dem Juͤngling auszuweichen, wenn er ihr bei den beſchwerlichen Stellen des bahnloſen Feldweges ſeine Huͤlfe anbot; ſelbſt in dieſer Verwirrung ſich ſchaͤmend, daß ſie ſo lange ſchon 1 allein und vertraulich in ſeiner Naͤhe geblieben, obgleich ſie in wenigen Minuten ſein Weib zu ſeyn erwartet hatte. Da jetzt dieſer freudige Traum ſchmerzlich zerfloſſen, be⸗ reute ſie, ſo weit gegangen zu ſeyn; unter ſo vielen Urſa⸗ chen zu zittern, zitterte ſie aus Schamhaftigkeit, nicht die Schamhaftigkeit, welche aus der traurigen Bekanntſchaft mit dem Boͤſen entſteht, ſondern welche ſich ſelbſt nicht kennt, der Furcht des Kindes aͤhnlich, wenn es im Dun⸗ keln zittert, ohne zu wiſſen warum. „Und das Haus?“— ſagte mit einem Mal Agneſe. Wie aber die Sorge, welche dieſen Ausruf ihr entlockte, von geringem Belang war, antwortete ihr Keiner, da Kei⸗ ner ihr eine befriedigende Antwort zu geben vermochte. — Schweigend ſetzten ſie ihre Wanderſchaft fort, und langten 2 endlich auf einem Platze vor der Kirche des Kloſters an. Renzo trat zur Kirchenthuͤre hin, und klopfte. Sie oͤffnete ſich wirklich, und das Mondlicht, welches durch die Oeffnung fiel, beleuchtete das bleiche Geſicht und den Sil⸗ berbart des Bruders Criſtoforo, der harrend daſtand. Nach⸗ dem er ſich uͤberzeugt hatte, daß Keiner fehlte, ſpendete er ihnen ſeinen frommen Gruß, und hieß ſie hereintreten. Ne⸗ ben ihm ſtand ein andrer Kapuziner, ein Layenbruder, wel⸗ cher das Meßneramt verſah. Dieſen hatte er durch Bitten und Gruͤnde mit ihm zu wachen beredet, die Thuͤre un⸗ verſchloſſen zu laſſen, und als Wacht dazuſtehen, um die armen Bedrohten aufzunehmen. Das Anſehen des Paters und ſein Heiligenruf war noͤthig, um den Meßner zu einer ſo unbequemen, gefaͤhrlichen und außergewoͤhnlichen Gefaͤllig⸗ keit zu bewegen. Nachdem die Ankoͤmmlinge hereingetre⸗ ten, ſchloß Pater Criſtoforo leiſe die Thuͤre. Laͤnger aber — 203— konnte der Meßner ſich nicht halten; er zog den Pater ſeitwaͤrts, und raunte ihm in's Ohr:„Aber Pater, Pater! Bei Nacht, in der Kirche, mit Frauen.... die Thuͤre ver⸗ ſchloſſen.... die Regel.... aber Pater!“— Dabei ſchuͤt⸗ telte er den Kopf ſo bedenklich als moͤglich. Waͤhrend er dieſe Worte mit Muͤhe ihm deutlich zuraunte, dachte Bru⸗ der Criſtoforo: Seh' Einer an! Wenn es ein verfolgter Straßenraͤuber waͤre, wuͤrde ihm Bruder Fazio nicht eine einzige Schwierigkeit in den Weg legen, und eine arme ungluͤckliche, die ſich aus den Klauen des Wolfs geret⸗ tet.“—„Omnia munda mundis“— ſagte er darauf, indem er ſich raſch zum Bruder Fazio umwandte, und nicht daran dachte, daß der Mann kein Latein verſtand. Aber gerade die lateiniſche Sentenz that ihre Wirkung. Haͤtte ſich Bruder Criſtoforo auf Gruͤnde eingelaſſen, ſo wuͤrde es dem Meßner an Gegengruͤnden nicht gefehlt haben, und weiß der Himmel, wie die Sache geendet haͤtte. Bei'm Klang dieſer Worte indeſſen, deren Sinn ſo geheimnißvoll, deren Ton ſo entſchieden, ſchien es ihm, als muͤßte die Loͤ⸗ ſung ſeiner ſaͤmmtlichen Zweifel in ihnen verborgen lie⸗ gen.—„Nun wohl, Sie verſtehen mehr als ich“ ſagte er, und beruhigte ſich. „Verlaßt Euch darauf,“— antwortete Bruder Criſto⸗ foro. Dann trat er beim zweifelhaften Schimmer der Lampe, die vor'm Altare brannte, zu den Geretteten hin, welche in Ungewißheit warteten.—„Kinder,“ ſagte er, „danket dem Herrn, daß er Euch aus einer großen Gefahr gezogen. In dieſem Augenblick vielleicht...“ Und nun erzaͤhlte er ausfuͤhrlich, was er durch den kleinen Boten nur anzudeuten vermocht hatte; denn er konnte ſich nicht — 204— denken, daß ſie bereits mehr als er davon wußten, und ſetzte voraus, Menico habe ſie, noch ehe die Raufbolde an⸗ gekommen, friedlich in ihrem Hauſe getroffen. Keiner mochte ihm ſeinen Irrthum nehmen, nicht einmal Lucia, wiewohl ſie ſolch eine Verſtellung gegen ſolch einen Mann mit heimlichem Widerwillen verwuͤnſchte; es war aber ein⸗ mal eine Nacht der Verwirrung und der Verſtellung. „Demnach ſeht Ihr wohl ein, Kinder,“— fuhr er fort,—„daß jetzt das Dorf fuͤr Euch nicht geheuer. Es iſt Euer Wohnort, Ihr ſeyd drin geboren, Ihr habt Euch gegen Niemanden verſuͤndigt; aber Gott will es ſo. Es iſt eine Pruͤfung, Kinder; ertragt ſie mit Geduld, mit Ver⸗ trauen, ohne heimlichen Groll, und Ihr werdet ſehen, es kommt eine Zeit, wo es Euch um all das erlittene Drang⸗ ſal gar nicht leid thun wird. Ich bin darauf bedacht ge⸗ weſen, Euch einen Zufluchtsort fuͤr die erſten paar Stun⸗ den zu ſuchen. Ich hoffe, Ihr werdet bald ohne Gefahr nach Eurem Hauſe zuruͤckkehren koͤnnen; in jedem Fall wird Gott fuͤr Euer Beſtes Sorge tragen, und da er mich zu ſeinem Diener erwaͤhlt hat, um Euch guten gequaͤlten Leuten behuͤlflich zu ſeyn, ſo werd' ich mich gewiß bemuͤ⸗ hen, ſeine Gnade mit menſchlichen Kraͤften zu unterſtuͤtzen. Ihr“— fuhr er fort, ſich zu den beiden Frauenzimmern wendend,— Könnt Euch in**r aufhalten. Dort ſeyd Ihr hinlaͤnglich außer aller Gefahr, und zugleich von Eu⸗ rem Hauſe nicht all zu weit. Fragt dort nach unſerm Klo⸗ ſter, laſſet Euch den Pater Guardian herausrufen, und aͤbergebt ihm das Schreiben hier; er wird Euch ein zwei⸗ ter Bruder Criſtoforo ſeyn. und Du, mein Sohn, Du mußt Dich jetzt vor anderer Leute Wuth und vor Deiner 1 „ — 205— igenen in Sicherheit bringen. Nimm dieſen Brief nach unnſerm Kloſter bei'm Thore gegen Morgen in Malland, und haͤndige ihn dem Pater Bonaventura aus Lodi ein. Er wird Dich wie ſeinen Sohn halten, wird Dich leiten und Arbeit fuͤr Dich finden, bis Du heimkehren kannſt, um hier ruhig wieder zu leben. Geht nach dem Seeufer, dicht an die Muͤndung des Bione“— eines Sturzbaches nicht weit vom Kloſter— dort werdet Ihr einen ſtillſte⸗ henden Kahn ſinden; rufet nur: Barke! Und fraͤgt man Euch: fuͤr wen? ſo antwortet: San Franeesco. Die Barke wird Euch aufnehmen, und nach dem andern Ufer hinuͤber⸗ fuͤhren, von wo Euch ein Karren geradesweges nach***ν bringt.“ Man koͤnnte fragen, wie Bruder Criſtoforo ſo ſchnell dieſe Fortſchaffungsmittel zu Waſſer und zu Lande fuͤr ſeine Zwecke in Bereitſchaft geſetzt; dann hat man aber von der Macht eines Kapuziners, welcher im Anſehen ei⸗ nes Heiligen ſtand, keine Vorſtellung. Es blieb alſo bloß noch uͤbrig, fuͤr die Sicherheit der Haͤuſer Vorkehrungen zu treffen. Der Pater nahm die Schluͤſſel derſelben zu ſich, und verpflichtete ſich, ſie denje⸗ nigen zu uͤbergeben, welche Renzo und Agneſe ihm nennen wuͤrden. Dieſe ſeufzte, indem ſie den Schluͤſſel hinreichte, aus tiefer Bruſt; es fiel ihr ein, daß in dieſem Augenblick das Haus offen ſtand, daß der Teufel drin gehauſt, und wohl ſchwerlich etwas zu bewachen uͤbrig gelaſſen habe. „Eh' ihr Euch aufmacht,“— ſagte Bruder Criſtoforo, —„wollen wir mit einander zum Herrn beten, daß er auf dieſem Wege und immer mit Euch ſey; daß er vor Allem Euch Kraft verleihe, Euch⸗Gottesfurcht einhauche, um das licher Stimme folgende Worte aus:„Wir fiehen noch⸗ mals zu dir, Herr, fuͤr den Ungluͤcklichen, welcher uns zu dieſem Schritte verleitet hat; unwuͤrdig waͤren wir deiner Erbarmung, wenn wir ſie nicht fuͤr ihn auch von Herzen begehrten; er bedarf ihrer ſo ſehr! Wir haben in unſerm Drangſale den Troſt, daß wir den Weg wandern, welchen du uns angewieſen; wir duͤrfen unſer Elend, gleich einem Opfer, dir darreichen, und dem Mitleid wendet es zum Se⸗ gen. Aber er! Er iſt dein Widerſacher. Der Bejammerns⸗ werthe! Er hadert mit dir! Hab' Erbarmen mit ihm, Herr, ruͤhre ſein hartes Herz, mach' ihn zu deinem Freunde wie⸗ der, und laſſ' ihn dann theilhaftig werden aller der Guͤter, die wir uns ſelbſt nur wuͤnſchen koͤnnen.“ Nun ſtand er eilig auf, und ſagte:„Geht, Kinder; wir duͤrfen keine Zeit weiter verlieren; Gott ſchirme Euch⸗ ſein Engel begleite Euch; geht!“— Und waͤhrend ſie ſich in jener Gemuͤthsbewegung, die keine Worte findet und ohne ſie ſich offenbart, auf den Weg machten, ſetzte der Moͤnch mit geruͤhrter Stimme hinzu:„Mir ſagt's das Herz, wir werden uns bald wiederſehen!“ Gewiß, wer auf ſein Herz hoͤrt, dem hat es immer et⸗ was uͤber die Zukunft zu ſagen. Aber was weiß das Herz? Kaum ein wenig von dem, was ſchon geſchehen iſt. Ohne Antwort zu erwarten zog ſich Bruder Criſtoforo mit raſchen Schritten zuruͤck; die Reiſenden begaben ſich fort; Bruder Fazio ſchloß die Thuͤre, und ſagte ihnen Le⸗ zu wollen, was er beſchloſſen.“— Bei dieſen Worten kniete er mitten in der Kirche nieder; die Uebrigen alle tha⸗ ten desgleichen. Nachdem ſie einige Sekunden ſchweigend gebetet, ſprach Bruder Criſtoforo mit gedaͤmpfter, aber deut⸗ — — 207— vewoht, wobei auch ſeine Stimme eine gewiſſe Nuͤhrung verrieth. Jene machten ſich unverdroſſen nach dem ange⸗ zeigten Ufer; ſie ſahen den Kahn, gaben und empfingen das Merkwort, und ſtiegen hinein. Der Faͤhrmann druͤckte mit dem Ruder gegen das Ufer, und ſtieß ab;z dann nahm er ein zweites, ruderte mit beiden Armen, und ſteuerte uͤber den offenen Spiegel des Sees dem gegenuͤberliegenden Ge⸗ ſtade zu. Nicht ein Lufthauch wehte; glatt und eben lag der weite See vor dem Auge da, und haͤtte bewegungslos geſchienen, wenn das Lichtbild der Mondesſcheibe, welche vom hohen Himmel herab ſich darin ſpiegelte, auf der Ober⸗ flaͤche nicht gezittert und in leichten Kraͤuſelwellen geflim⸗ mert haͤtte. Nichts war zu vernehmen als die todte traͤge Welle, wie ſie an den Kieſeln des Ufers ſich brach, das entferntere Getoͤſe des Waſſers, welches zwiſchen den Pfei⸗ lern der Bruͤcke hindurchſchaͤumte, und das gleichfoͤrmige Schlagen der beiden Ruder, welche, die dunkelblaue Ebne des Sees durchſchneidend, zu gleicher Zeit triefend hervor⸗ kamen und wieder untertauchten. Waͤhrend die Welle vom Kahn getheilt ward, und am Hintertheile wieder zu⸗ ſammenfloß, bezeichnete ein gekraͤuſelter Streif, der vom Ufer ſich immer weiter entfernte, den zuruͤckgelegten Weg. Die ſchweigenden Pilger hatten das Geſicht zuruͤckgewandt, und blickten nach den Gebirgen und der umherliegenden Ebene, wo das mondhelle Nachtſtuͤck hier und dort in wei⸗ ten Schatten dunkelte. Sie erkannten die Doͤrfer, die Haͤu⸗ ſer, die Huͤtten; ſie erkannten Don Rodrigo's Pallaſt mit ſeinem flachen Thurme, ſich uͤber die Haͤuſerhaufen am Ab⸗ hange des Vorgebirges erhebend, gleich einem Wilden, der auf ein Verbrechen ſinnend uͤber einer Schaar von liegen⸗ — 208— den Schlaͤfern in der Daͤmmerung aufrecht daſteht Lucia ſah ihn und ſchauderte; ſie ließ ihr Auge uͤber den Abhang hin nach ihrem Dorfe ſchweifen, blickte angeſtrengt dis zum aͤußerſten Ende, ſah ihr Haͤuschen, ſah das dichte Laub des Feigenbaumes, der uͤber die Mauer des Hofes emporragte, ſah das Fenſter ihres Zimmers, und wie ſie auf dem Boden des Fahrzeugs da ſaß, legte ſie den Ellen⸗ 2 bogen auf den Bord, ſenkte die Stirne darauf, als wollte ſie ſchlafen, und weinte heimlich. So lebt denn wohl, ihr Berge, die ihr emporſteiget uͤber das Gewaͤſſer und zum Himmel euch erhebt; ihr wecha ſelnden Gipfel, dem Sohne des Landes, der unter euch aufgewachſen, bekannt und ſeinem Geiſte eingepraͤgt, wie die Geſtalten ſeiner vertrauteſten Lieben; ihr Wildbaͤche⸗ deren Wogenhall er unterſcheidet wie den Klang der Stim⸗ men im Vaterhauſe; ihr ſchimmernden Landhaͤuſer, auf den Abhaͤngen der Felſen zerſtreut, wie Heerden des wei⸗ denden Viehes, lebt wohl! Wie traurig iſt der Schritt eures Pflegekindes, wenn es von euch ſich entfernt! Selbſt ihm, welcher von der Hoffnung gezogen, unter einem an⸗ dern Himmel ſein Gluͤck zu finden, freiwillig von euch ſcheidet, auch ihm verliert in dieſem Augenblicke der ge⸗ traͤumte Reichthum ſeinen Glanz; er wundert ſich ſeines Entſchluſſes, und heimkehren wuͤrde ex, wenn er nicht dereinſt mit Guͤtern geſegnet zuruͤckzuziehen gedaͤchte. Je weiter er hinein in die Ebene ſchreitet, wendet ſich ſein Auge, ungelabt und ermuͤdet, von der einfoͤrmigen Un⸗ 4 ermeßlichkeit weg; druͤckend und leblos hangt uͤber ihh die Luft; betruͤbt und traumwandelnd tritt er in die ge⸗ 4 raͤuſchvollen Staͤdte, wo Haͤuſer an Haͤuſer ſich draͤngend 1 — 2⁰9— und Straßen ſich in Straßen oͤffnend, ihm den Buſen be⸗ engen; und vor den Gebaͤuden ſtehend, die der Fremde bewundert, denkt er mit ungeduldiger Sehnſucht des klei⸗ nen heimiſchen Feldes, welches ſeit Jahren ſchon ſeine Wuͤnſche gefeſſelt und ſein werden ſoll, wenn er reich zu ſeinen Bergen wiedergekehrt. Wen aber uͤber die Gebirge hinaus auch nicht einmal ein voruͤbereilender Wunſch befluͤgelte, wer alle Entwuͤrfe ſeiner Zukunft auf das Thal beſchraͤnkte, darin er als ein froͤhliches Kind geſpielt, und nun ploͤtzlich von feindſeliger Gewalt weit hinaus geſchleudert wird!— wer mit einem Mal dem theuren gewohnten Leben entriſſen, in ſeinen ſeligſten Hoffnungen getaͤuſcht, ſeine Berge verlaͤßt, um unter Fremden zu leben, die er nie zu kennen verlangte, und keine Stunde der Ruͤckkehr vor ſich ſieht!— Leb wohl, vaͤterliches Haus, wo ich in ſtillen Gedanken ſitzend, in geheimnißvollem Bangen harrend, unter den Fußtritten der Menge den Fußtritt des Geliebten unterſchied. Und auch du lebe wohl, bis jetzt mir noch ein fremdes Haus, nach welchem ich ſo oft, wenn ich voruͤber ging, nicht ohne Errdthen fluͤchtig geblickt, in welchem ich ſo gern mir ein ruhiges ewiges Paradies der Ehe mahlte. Leb wohl, du Kirche, wo die Andacht ſo oft mich mit heiterm Seelen⸗ frieden erfuͤllte, wenn ich das Lob des Herrn ſang; wo ich meinem Lieben verſprochen und der ewige Bund vor⸗ bereitet ward; wo der heimliche Seufzer der Sehnſucht feierlich ſollte geſegnet, wo die Liebe mir geboten wer⸗ den und eine heilige Pflicht heißen ſollte, leb wohl! Er, welcher mir Ench mit ſo freundlichem Zauber ge⸗ ſchmuͤckt, iſt aller Orten; und wenn er die Freude ſeiner I. 14 — 210— Kinder truͤbt, ſo gedenkt er ihnen eine groͤßere und lalnere zu bereiten. Von dieſer Art, wenn auch nicht genau dieſelben, waren Luciens Gedanken; wenig verſchieden die Gedanken der andern beiden Pilger. Waͤhrend deſſen naͤherte ſich das Fahrzeug dem rechten Ufer der Adda. Neuntes Kapitel. Die Erſchuͤtterung, mit welcher der Kahn gegen das Ufer ſtieß, weckte Lucien. Sie hatte heimlich ihre Thraͤnen getrocknet, und erhob ſich, wie vom Schlafe. Renzo ſtieg zuerſt hinaus, und reichte Agneſen die Hand, welche dieſen„ Dienſt der Tochter erwies; dann dankten alle Drei dem Faͤhrmann mit trauriger Miene.—„Hat nichts zu ſagen,“ erwiederte der Mann;„wir ſind hier unten, um Einer dem Andern zu helfen.“— Dabei zog er die Hand, wie von ſchauderndem Abſcheu ergriffen, zuruͤck, und wer ihn in dieſem Augenblicke ſah, haͤtte glauben koͤnnen, es habe ihn eben Jemand zu einem Diebſtahl uͤberreden wollen. Renzo ließ ſich nicht abhalten; er trug ein Suͤmmchen in kleinen Muͤnzſtuͤcken bei ſich, womit er den Pfarrer, wenn— zer ihm, obſchon wider Willen, den Dienſt geleiſtet haͤtte,„ großmuͤthig zu belohnen gedachte; von dieſen zog er einen Theil aus der Taſche, und druͤckte ſie dem Faͤhrmann in die Hand. Der Karren ſiand bereits reiſefertig daz der Fuͤhrer begruͤßte die drei Erwarteten, ließ ſie einſteigen, rief ſeinem Thiere zu, gab ihm einen Hieb mit der Peit⸗ ſche, und ſo ging's fort. — 211— unſer Verfaſſer liefert von dieſer naͤchtlichen Reiſe keine Beſchreibung; er verſchweigt den Namen der Stadt, wohin Bruder Criſtoforo die beiden Frauen geſchickt hatte, und bezeugt ſogar mit ausdruͤcklichen Worten, es nicht ſagen zu wollen. Aus dem Verfolg der Geſchichte laſ⸗ ſen ſich indeſſen die Urſachen dieſer Verſchwiegenheit ſo ziemlich errathen. Luciens Schickſale in dieſem Auf⸗ enthalte finden ſich mit den lichtſcheuen Umtrieben ei⸗ ner Perſon verwickelt, deren Familie, wie es ſcheint, zur Zeit, da unſer Anonymus ſchrieb, einen bedeutenden Grad von Macht beſaß. Um von den ſeltſamen Handlungen 3 dieſer Perſon, in dieſem beſondern Ereigniß, Rechenſchaft zu geben, ſah er ſich genoͤthigt, mit kurzen Worten auch eine Darſtellung ihres vorhergehenden Lebens mitzutheilen; hier ſteht nun die Familie in jener Geſtalt da, wie Jeder, welcher Luſt weiter zu leſen hat, mit eigenen Augen ſehen wird. Was aber die Behutſamkeit des guten Mannes uns hat unterſchlagen wollen, das ließ uns gluͤcklicherweiſe unſer Fleiß an einem andern Orte auffinden. Ein Mai⸗ laͤndiſcher Geſchichtſchreiber*), welcher dieſelbe Perſon zu erwaͤhnen hatte, giebt zwar auch keinen Namen an, ſagt aber von dem Orte, daß es ein alter weitbekannter Flecken war, dem zur Stadt nichts weiter als die Benennung fehlte; an einer Stelle bemerkt er, der Lambro fließe dort, an einer andern, es ſey ein Erzbiſchof daſelbſt. Nachdem wir dieſe Andeutungen mit einander verglichen, faͤllten wir den Schluß, es muͤſſe Aniireir Monza gemeint ſeyn. *⁴) Josephi Ripamontii, Historiae Patriae, Decadis V. lib. VI, cap. III. pag. 358 et seq. A. M. — 212— Es mag im weiten Schatze gelehrter Herleitungen wohl manche ſich finden laſſen, die an Scharfſinn bei weitem glaͤnzender daſteht; eine ſichrere aber, glaub⸗ ich, giebt es nicht. Wir koͤnnten auch uͤber den Namen der Familie manche wohlbegruͤndete Vermuthung aufſtellen; obgleich aber diejenige, die unſre Vermuthung getroffen, ſeit langer Zeit ſchon erloſchen iſt, halten wir's dennoch fuͤr beſſer, nichts davon zu erwaͤhnen, und moͤgen ſelbſt den Todten nicht einmal mit Unglimpf zu begegnen wagen; auch waͤr' es ſehr unſchicklich gehandelt, wenn wir den Gelehrten nicht einen Gegenſtand der Unterſuchung uͤberlaſſen wollten. Unſere Reiſenden kamen alſo in Monza wenige Mi⸗ nuten nach Sonnenaufgang an; der Fuhrmann kehrte in einen Gaſthof ein, ſchien des Ortes kundig und mit dem Schenkwirth bekannt zu ſeyn, ließ ihnen ein Zimmer an⸗ weiſen und begleitete ſie hinein. Waͤhrend ihm gedankt wurde, verſuchte Renzo, auch ihm einen Lohn aufzudrin⸗ gen; aber auch er, wie der Faͤhrmann, hatte einen ent⸗ fernteren und reicheren Lohn im Auge; er zog die Haͤnde noch ſcheuer zuruͤck, und lief, als enteilte er einer Gefahr, hinaus, nach ſeinem Thiere zu ſehen. Nach einem Abend, wie wir ihn beſchrieben, und einer Nacht, wie Jeder ſie leicht ſich denken kann, da ſie unter ſo traurigen Gedanken im unaufhoͤrlichen Verdacht eines widerwaͤrtigen Ereigniſſes langſam voruͤbergeſchlichen, waͤhrend die Morgenluft mehr als herbſtlich ſchauerte, und das elende Fuhrwerk, ſo oft Einer die Augen zu ſchließen angefangen, durch unfreundliche Stoͤße ihn aus dem Schlummer ruͤttelte, daͤuchte es unſern Pilgern gar ſehr behaglich, ſich in einem Zimmer, ſo gering auch ſeine — 213— Bequemlichkeit ſeyn mochte, auf eine kleine feſtſtehende Bank niederlaſſen zu koͤnnen. Hier fruͤhſtüͤckten ſie ein wenig mit einander, wie die Duͤrftigkeit der Zeiten es geſtattete; die Eßluſt war gering, die Mittel im Verhaͤlt⸗ niß mit den Beduͤrfniſſen einer ungewiſſen Zukunft kaͤrg⸗ lich abgemeſſen. Es erinnerten ſich Alle des Schmauſes, welchem man zwei Tage vorher ſo hoffnungsvoll entgegen⸗ geſehen, und Jeder verrieth den Gedanken durch einen tiefen Seufzer. Renzo haͤtte gern dieſen ganzen Tag hin⸗ durch wenigſtens dort bleiben wollen, er wuͤnſchte die Frauen untergebracht zu ſehen, und ihnen die erſten Dienſte im Orte leiſten zu koͤnnen; Bruder Criſtoforo aber hatte den Frauen gerathen, ihn bald ſeines Weges wandern zu laſſen. Sie fuͤhrten daher dieſen Befehl und hundert an⸗ dere Gruͤnde an; die Leute wuͤrden davon reden; je laͤnger man die Trennung verſchiebe, um deſto ſchmerzlicher wuͤrde ſie ſeyn; er koͤnnte ja bald wiederkehren, um neue Nach⸗ richten zu geben und zu empfangen. So entſchloß ſich der Juͤngling endlich zum Aufbruch. Nun verabredete man genauer, wie man ſich verhalten wollte; Lucia ver⸗ barg ihre Thraͤnen nicht; Renzo hielt die ſeinigen mit Anſtrengung zuruͤck, druͤckte Agneſen ungeſtum die Hand, ſagte:„Auf baldiges Wiederſehen!“ und ging. Indeſſen haͤtten ſich die beiden Frauen gar bald in Verlegenheit geſehen, wenn der Fuhrmann ſich nicht bei ihnen eingefunden haͤtte. Dieſem war geboten worden, ſie nach dem Kloſter zu fuͤhren, und ihnen mit der Anlei⸗ tung, mit der Huͤlfe beizuſtehen, die etwa erforderlich ſeyn wuͤrde. Unter ſeiner Begleitung machten ſie ſich alſo auf den Weg nach dem Kloſter, welches, wie Jedermann weiß⸗ — 214— eine kleine Strecke außerhalb der Stadt lag. Nachdem ſie an die Pforte gekommen, zog der Fuͤhrer die Klingel, und ließ den Pater Guardian herausrufen. Er kam, und nahm den Brief in Empfang. „O Bruder Criſtoforo!“ ſagte er, indem er die Schrift erkannte. Der Ton der Stimme, wie die Bewegungen im Geſichte, verriethen deutlich, daß er den Namen eines gro⸗ ßen Freundes ausſprach. Wir muͤſſen bemerken, daß unſer wackerer Criſtoforo die Frauen in ſeinem Schreiben mit hoher Waͤrme empfohlen hatte; ihr Ungluͤck war mit vie⸗ lem Gefuͤhl erzaͤhlt, denn der Guardian gab hin und wie⸗ der Zeichen des Erſtaunens und des Unwillens zu erkennen, erhob die Augen von dem Blatte, und betrachtete das har⸗ rende Paar mit dem Ausdruck des Mitleids und der Theil⸗ nahme. Nachdem er zu Ende geleſen, ſtand er einige Se⸗ kunden gedankenvoll da, und ſagte dann fuͤr ſich:„Es bleibt uns hier Niemand anders als die Edelnonne uͤbrig; wenn die wuͤrdige Dame die Verbindlichkeit auf ſich neh⸗ men will. Alsdann nahm er Agneſen auf einige Schritte nach dem Platze vor dem Kloſter mit ſich, that verſchiedene Fra⸗ gen an ſie, welche befriedigend beantwortet wurden, wandte ſich dann auch an Lucien, und ſagte zu Beiden:„Ich will verſuchen, gute Frauen, und hoffe einen Zufluchtsort, der mehr als ſicher, mehr als ehrenvoll, fuͤr Euch ausfindig zu machen, bis Gott auf eine beſſere Weiſe fuͤr Euch ge⸗ ſorgt hat. Wollt Ihr mit mir kommen?. Die Frauen bejahten ſeine Frage mit ehrfurchtsvoller Verbeugung. Der Moͤnch fuhr alſo fort:„Kommt mit mir nach dem Kloſter der edlen Dame. Haltet Euch aber — — — —— etliche Schritte von mir entfernt; denn das Volk hat ſeine Freude dran, eine Gelegenheit zur uͤblen Nachrede zu er⸗ haſchen, und Gott weiß wie viele ſchoͤne Geſchichten in Umlauf kaͤmen, wenn man den Pater Guardian mit einem huͤbſchen jungen Maͤdchen... mit Frauen, wollt' ich ſa⸗ gen, gehen ſaͤhe.“ So ſprechend ging er voraus. Lucia erroͤthete; der Fuhrmann ſah Agneſen laͤchelnd an, und dieſe konnte ein augenblickliches Schmunzeln nicht verbergen. Sobald der Bruder Guardian eine Strecke voraus hatte, ſetzten ſich alle Drei in Bewegung, und die Frauen hielten ſich etwa zehn Schritte hinter dem Pater. Dem Fuhrmann ward darauf eine Frage vorgelegt, mit welcher ſie ſich an den Pater Guardian nicht gewagt haͤtten, wer nehmlich die edle Dame waͤre. „Sie iſt eine Nonne,“ lautete ſeine Auskunft; naber nicht eine Nonne wie die Andern. Eben ſo wenig iſt ſie Aebtiſſin oder Priorin; ſie ſoll ſogar, wie ich mir habe ſagen laſſen, eine von den Juͤngſten ſeyn. Sie iſt aber aus uraltem Adel, aus Adams Rippe ſelber, und die Ihri⸗ gen ſind in alter Zeit gar vornehme Leute geweſen, aus Spanien hergekommen, wo die Herrſchaften alle her ſind, die jetzt hier im Lande zu befehlen haben. Und darum nennen ſie Alle die Edelnonne; das ſoll heißen, ſie iſt eine ſehr vornehme geiſtliche Dame. Alles Volk nennt ſie bei dem Namen; denn ſie ſagen, ſie haͤtten niemals eine aͤhnliche Perſon im Kloſter hier gehabt. Ihre jetzigen Verwandten, unten in Mailand, gelten noch immer ſehr viel, und gehoͤren mit zu denen, die immer Recht haben, und in Monza noch mehr; denn ihr Vater, ob er gleich nicht 4 — 216— hier iſt, iſt der Erſte in der Stadt, weßwegen ſie auch im Kloſter nach Gefallen wirthſchaften kann. Alles Volk aber rings umher haͤlt ſie gar hoch in Ehren, und wenn ſie ſich einer Sache annimmt, ſo ſetzt ſie's durch. Wenn's alſo der gute Geiſtliche da ſo weit bringt, daß er Euch in ihre Haͤnde giebt, und ſie nichts dawider hat, ſo kann ich Euch ſagen, Ihr ſeyd ſo ſicher wie auf dem heiligen à Al⸗ tar in der Kirche ſelber 74 Man kam endlich an's Thor des Fleckens, an deſſen Seite damals ein alter Thurm ſtand; daneben ein verfal⸗ lenes Schloß, deſſen ſich vielleicht noch zehn unſerer Leſer in ſeinem unbeſchaͤdigten Zuſtande erinnern. Der Guar⸗ dian ſtand ſtill, und ſah zuruͤck, ob ſein Gefolge auch nachkaͤme; dann trat er hinein, und begab ſich nach dem Kloſter. Hier hielt er zum zweiten Mal auf der Schwelle an, und erwartete die kleine Schaar. Den Fuͤhrer bat er, ſpaͤter nach dem Kloſter zu kommen, und ſich die Antwort abzuholen; dieſer verſprach's, und verabſchiedete ſich von den Frauen, welche ihm nochmals dankten und Auftraͤge an Pater Criſtoforo mitgaben. Der Guardian ließ Mut⸗ ter und Tochter in den erſten Hof des Kloſters treten, fuͤhrte ſie in die Kammer der Schweſter Wirthſchafterin, und empfahl ſie derſelben; dann machte er ſich allein auf⸗ um ſein Geſuch anzubringen. Nach wenigen Augenblicken kehrte er froͤhlich zuruͤck, und ſagte ihnen, ſie moͤchten nur mit ihm kommen. Er kam zur rechten Zeit, denn Mutter und Tochter wußten kaum mehr, wie ſie ſich den zudringlichen Fragen der Wirthſchafterin entwinden ſoll⸗ ten. Waͤhrend es ſodann durch den zweiten Hof ging, — 217— gab der Guardian den Frauen einige Unterweiſung, wie ſie ſich gegen die hohe Ronne zu benehmen haͤtten. „Sie iſt vortrefflich fuͤr Euch geſtimmt,“ ſagte er, „und kann viel Gutes fuͤr Euch thun. Seyd beſcheiden und ehrfurchtsvoll, antwortet mit Aufrichtigkeit auf alle Fragen, die's ihr etwa an Euch zu richten helieben wird, und wo Ihr nicht gefragt werdet, uͤberlaſſet die Sache nur mir.“ Man kam in ein unteres Gemach, aus welchem es in's Sprachzimmer ging. Ehe ſie den Fuß hineinſetzten, deu⸗ tete der Guardian auf die Thuͤre, und ſagte fluͤſternd: „Hier iſt ſie drin,“— als wollte er ihnen alle ſeine gege⸗ benen Anweiſungen noch einmal damit in's Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤckrufen. Lucia, welche niemals ein Kloſter geſehen, blickte nach dem Eintritt in's Sprachzimmer umher, wo die edle Nonne, welcher ſie ihre Verbeugung machen wollte, ſich befaͤnde, und da ſie Niemanden bemerkte, ſtand ſie wie in verlegener Einfalt da; als aber der Moͤnch nach einem Winkel ging, und Agneſe ihm folgte, ſah ſie hin und gewahrte eine viereckige Oeffnung, etwa einer Fenſterhaͤlfte aͤhnlich, durch zwei große und feſte Eiſengitter verſperrt, welche eine Hand breit von einander entfernt waren; da⸗ hinter ſtand eine Nonne. Ihr Anblick, welcher auf ein Alter von etwa fuͤnf und zwanzig Jahren ſchließen ließ, gewaͤhrte im erſten Momente die Wirkung der Schoͤnheit/ aber einer matten, verbluͤhten und, ich moͤchte ſagen, zer⸗ ſtoͤrten Schoͤnheit. Ein ſchwarzer Schleier, wagerecht uͤber den Kopf hingezogen, ſiel ſodann zur Rechten und Linken, vom Geſichte etwas abſtehend, hernieder; unter dem Schleier kraͤnzte eine blendend weiße Linnenbinde faſt bis zur Mitte — 218— die Stirn, die von einer andern, aber nicht geringeren Weiße glaͤnzte; eine zweite umgab gefaltet das Geſicht und endigte unter dem Kinn als ein Halstuch, welches ſich ein wenig zur Bruſt herabſenkte, und den oberen Saum des ſchwarzen Gewandes deckte. Doch die Stirn zog ſich, wie durch eine ſchmerzliche Empfindung, jeden Augenblick in Runzeln zuſammen, und in ſchneller Bewegung naͤherten ſich dann die beiden ſchwarzen Augenbrauen. Zwei eben ſo ſchwarze Augen hafteten bisweilen mit muſterndem Stolze am Angeſicht eines Andern, und ſenkten ſich dann ſchnell wieder, als ſuchten ſie ſich zu verbergen; manchmal wuͤrde ein aufmerkſamer Beobachter geſchloſſen haben, ſie ſpaͤhten nach Zuneigung, nach Mittheilung und Liebe umher; dann haͤtte er wieder ploͤtzlich einen alten, unterdruͤckten Haß eine wilde Sinnesart wahrzunehmen geglaubt; ſo oft ſie aber ohne Aufmerkſamkeit unbeweglich ſtarrten, haͤtte Die⸗ ſer eine hochmuͤthige Verdroſſenheit darin erkannt, Jener das Wuͤhlen eines verborgenen Gedankens, die Unterdruͤk⸗ kung einer Sorge geargwoͤhnt, welche das Gemuͤth erfuͤllt, und maͤchtiger als die umherſtehenden Gegenſtaͤnde es be⸗ ſchaͤftigt. Die bleichen Wangen ſtellten ſich in zarten Um⸗ riſſen dar, ſchienen aber eingefallen in blutloſer Mattigkeit zu kraͤnkeln. Nur der leiſe Anflug eines lebendigen Rothes verkündigte ſich auf den blaſſen Lippen; ihre Bewegungen waren, wie die Bewegungen der Augen, ſchnell, lebhaft, voller Ausdruck und geheimnißvoll. Der ſchoͤne Wuchs ihrer Geſchalt verſchwand durch die angenommene Geſenkt⸗ heit der Haltung, oder erſchien durch gewiſſe ploͤtzliche, un⸗ regelmaͤßige Bewegungen, welche fuͤr eine Dame, um ſo mehr fuͤr eine Nonne, zu entſchieden waren, entſtellt. 3 —— — 219— Selbſt in ihrer Kleidung lag hier und da etwas Geſuchtes, eine Nachlaͤßigkeit, in welcher ſich eine ſeltſame Braut des Heilands verkuͤndigte; die Mitte des Leibes war mit einer Art von weltlicher Sorgfalt geguͤrtet, und zur Binde trat an der einen Schlaͤfe eine ſchwarze Locke hervor, als ver⸗ gaͤße oder verachtete ſie die Regel, welche den Nonnen vor⸗ ſchrieb, das Haar, wie es bei der Ceremonie des Bekennt⸗ niſſes geſchnitten worden, verſteckt zu tragen. Doch Alles dies uͤberraſchte die beiden Frauen nicht im geringſten; ſie waren nicht geuͤbt, eine Nonne von ei⸗ ner andern zu unterſcheiden. Der Pater Guardian hinge⸗ gen, welcher die Dame nicht zum erſten Mal ſah, hatte ſich bereits, wie ſo viele Andre, an das Seltſame, das in ihrem Weſen und in ihrer Kleidung ſich verkuͤndigte, hinlaͤnglich gewoͤhnt. Sie ſtand in dieſem Augenblicke, wie wir geſagt, auf⸗ recht hinter dem Gitter, und lehnte ſich nachlaͤſſig mit der einen Hand daran, indem ſie die zarten weißen Finger in die Oeffnungen legte. Ihr Angeſicht war ein wenig zur Seite geneigt, und in dieſer Stellung beobachtete ſie die Herankommenden.—„Verehrte Schweſter und erlauchte Gebieterin,“ ſagte der Guardian mit geſenkter Stirn, die rechte Hand uͤber die Bruſt gebreitet,„das iſt das arme Maͤdchen, fuͤr welches Sie mich Ihren wirkſamen Schutz haben hoffen laſſen, und dieß iſt die Mutter.“ Die beiden Vorgeſtellten buͤckten ſich, ſo tief ſie nur konnten, zur Erde; die Nonne gab ihnen ein Zeichen mit der Hand, es ſey genug, und ſagte dann, zum Pater ge⸗ wendet:„Ich betrachte es als eine erfreuliche Fuͤgung⸗ daß ich unſern guten Freunden, den Vaͤtern Kapuzinern, — 220— einen Dienſt der Gefaͤlligkeit erweiſen kann. Aber,“ fuhr ſie fort,„machen Sie mich doch mit der Lage des jungen Maͤdchens ein wenig genauer bekannt, damit ich um ſo beſſer uͤberlegen koͤnne, was ſich fuͤr ſie thun laͤßt.“ Lucia erroͤthete, und ſenkte das Geſicht zur Bruſt herab. „Sie muͤſſen wiſſen, verehrte Mutter...“ ſing Agneſe an; der Guardian aber unterdruͤckte ihr durch einen Sei⸗ tenblick das Wort im Munde.—„Das Maͤdchen hier,“ ſagte er,„erlauchte Schweſter, iſt mir ſo eben, wie ſchon geſagt, von einem Mitbruder empfohlen worden. Um ſich einer dringenden Gefahr zu entziehen, hat ſie ſich verſtoh⸗ len aus ihrem Dorfe entfernen muͤſſen. Jetzt bedarf ſie auf einige Zeit einer Schirmſtaͤtte, wo ſie, ohne gekannt zu ſeyn, leben ung, nn Keiner ſie zu beunrichigen wagen darf, ſelbſt wenn. „Was fuͤr bercheeren— fragte die Nonne.„Bitte, Pater Guardian, geben Sie mir die Sache nicht ſo in Raͤthſeln zu verſtehen. Sie wiſſen, daß wir Nonnen nun einmal uns jede Geſehicht⸗ gern recht ausfuͤhrlich erzaͤhlen laſſen.“— „Es ſind Gefahren,“ antwortete der Guardian,„welche den keuſchen Ohren der verehrten Schweſter auch nicht von fern einmal angedeutet werden wollen.“ „O gewiß,“— ſagte die Nonne ſchnell, nicht ohne ein wenig zu erroͤthen. War es Schaam? Wer den raſchen Ausdruck eines unwilligen Hohnes, der dieſe Rothe begleitete, beobachtete, haͤtte dran zweifeln koͤnnen, und wuͤrde ſie um ſo uͤberraſchter mit dem Purpur vergli⸗ —— „— — — 221— chen haben, welcher ſich von Zeit zu Zeit uͤber Luciens Wangen ergoß. „Genug, wenn ich ſage,“ fuhr der Guardian fort, „daß ein gewaltthaͤtiger Edelmann— nicht alle Großen dieſer Welt bedienen ſich der himmliſchen Geſchenke, wie meine erlauchte Schweſter, zum Ruhme Gottes und zum Vortheil des Naͤchſten; ein gewaltthaͤtiger Edelmann hat lange Zeit hindurch das arme Geſchoͤpf mit unwuͤrdigen Schmeichellockungen verfolgt, und wie er endlich geſehen, daß Alles nichts fruchtete, hatte er das Herz⸗ ſie mit offe⸗ ner Gewalt zu verfolgen. So hat das arme Kind am Ende aus dem Vaterhauſe fliehen muͤſſen.“ „Kommt her da, Maͤdchen!“ ſagte die Nonne zu Lu⸗ cien, und winkte ihr mit dem Finger.—„Ich weiß, daß der Mund des Paters Guardian eine Quelle der Wahr⸗ heit iſt; aber Keiner kann beſſer als Ihr ſelbſt uͤber die Sache berichtet ſeyn.“— Was das Herantreten betraf ge⸗ horchte Lucia auf der Stelle; mit dem Antworten aber war's ein Anderes. Wenn eine Nachfrage uͤber dieſen Ge⸗ genſtand auch von einer Perſon ihres Standes gekommen waͤre, ſie wuͤrde dennoch in Verwirrung gerathen ſeyn; aus dem Munde einer ſolchen Dame aber, begleitet von einer ſpottiſchen Zweifelluſt, benahm ſie ihr allen Muth zum Redeſtehen.—„Edle Frau.. Mutter... verehrte...“ ſtammelte ſie, und es war, als haͤtte ſie weiter nichts vorzu⸗ bringen. Nun glaubte ſich die Mutter, die naͤchſt ihr al⸗ lerdings am beſten unterrichtet war, vollkommen befugt, ihr zur Huͤlfe zu eilen. „Erlauchte Schweſter,“ ſagte ſie,„ich kann das reinſte Zeugniß ablegen, daß dieſe meine Tochter vor dem Edel⸗ — 222— manne, wie der Teufel vor gebenedeitem Waſſer, Scheu hatte; der Teufel, will ich naͤmlich ſagen, war erz Sie werden mir aber verzeihen, wenn's mir ſchlecht vom Munde geht; wir ſind nun einmal Leute nach Gottes Willen. So viel iſt ſicher, das arme Maͤdchen war mit einem jungen Menſchen von unſrem Stande verſprochen, ein Menſch voll Gottesfurcht und rechtlichen Wandels, und wenn der Herr Pfarrer ein Bischen mehr Mann geweſen waͤre... was wollt' ich doch ſagen?— ich weiß, daß ich von einem Geiſt⸗ lichen rede, aber der Pater Criſtoforo, ein Freund vom Pa⸗ ter Guardian hier, iſt auch ein Geiſtlicher; das nenn' ich aber einen Mann, der ein mitleidiges Herz hat, und wenn er hier ſtaͤnde, koͤnnt' er mir's bezeugen..“ „Ihr ſeyd ſtark vorwaͤrts mit der Zunge, Frau, ohne daß man Euch gefragt hat/ ſiel ihr die Nonne ins Wort, wobei eine ſtolze unwillige Miene ſie faſt haͤßlich erſchei⸗ nen ließ.—„Ich weiß recht gut, daß die Eltern im Na⸗ men ihrer Kinder immer eine Antwort in Bereitſchaft haben.“ Agneſe ſchwieg gekraͤnkt, und warf einen Blick auf Lucien, der ſagen wollte: Du ſiehſt, wie ſchlimm es mir be⸗ kommt, daß Du fuͤr Dich nicht ſelbſt ſprechen kannſt.— Der Guardian winkte dem Maͤdchen bloß mit dem Auge, und nickte mit dem Kopf ihr zu; denn dieß war der Augenblick, raſch bei der Hand zu ſeyn, und das arme Kind nicht im Stich zu laſſen. Verehrte Schweſter,“ ſagte Lucia,„was meine Mut⸗ ter Ihnen geſagt hat, iſt die reine Wahrheit. Der junge Menſch, der um mich warb,“— und hier ward ſie uͤber und uͤber Purpur—„den nahm ich aus freiem Willen. Sie — 223— verzeihen, wenn ich ſo frei ſpreche; ich moͤchte aber von meiner Mutter nicht gern Uebles denken laſſen. Und was den andern Herren betrifft, Gott verzeih' ihm ſeine Suͤn⸗ den, ſo wollt' ich lieber ſterben, als ihm in die Haͤnde fal⸗ len. Und wenn Sie die Barmherzigkeit haben, uns unter Ihrem Schutze ſicher zu wahren— da wir doch nun ein Mal dahin gebracht ſind, um ein Unterkommen zu bitten, und edlen Menſchen zur Laſt zu fallen— aber der Wille des Herrn geſchehe!— ſo ſeyn Sie uͤberzeugt, verehrte Schweſter, daß Keiner auf Erden inbruͤnſtiger zum Him⸗ mel fuͤr Sie beten kann, als wir arme Frauen.“ „Euch glaub⸗ ich,“ ſagte die Nonne mit ſanfterer Stimme.„Aber es wird mir lieb ſeyn, Euch unter vier Augen ſprechen zu hoͤren. Es braucht weiter keiner andern Erklaͤrung, noch anderer Beweggruͤnde, um den Bemuͤhun⸗ gen des Paters Guardian entgegen zu kommen /“ fuͤgte ſie ſchnell hinzu, indem ſie ſich mit geſuchter Hoͤflichkeit nach ihm hinwandte.—„Ja, ich hab' es ſchon uͤberlegt, und ſieh da, mir iſt ſchon das Beſte, was ſich thun laſſen kann, eingefallen. Die Schweſter Wirthſchafterin hat vor eini⸗ gen Tagen ihre juͤngſte Tochter untergebracht. Die beiden Frauen koͤnnen in dem Zimmer ſich aufhalten, wo das Maͤdchen gewohnt hat, und allenfalls ihre Geſchaͤfte im Kloſter verſehen. Wahrhaftig“— hier winkte ſie dem Guardian, naͤher an's Gitter zu treten, und raunte ihm dann in's Ohr:„wahrhaftig, wegen der theuren Zeit hatte man nicht daran gedacht, ein andres Maͤdchen anzuſtellen, ich werde aber mit der Mutter Aebtiſſin ſprechen, und auf ein Wort von mir, um dem Verlangen des Paters Guar⸗ — 224— dian ſich willig zu zeigen.. genug, ich melde Ihnen die Sache als geſchehen.“ Der Guardian wollte ſeine Dankrede beginnen, als die Nonne ihn unterbrach:„Keine Umſtaͤnde! Auch ich wuͤrde, in Faͤllen, wo es noͤthig waͤre, auf der Stelle meine Zu⸗ flucht zu den Vaͤtern Kapuzinern nehmen. Und am Ende,“ fuhr ſie mit einem Laͤcheln fort, durch welches ein Zug von Spott und Bitterkeit ſchimmerte,„ſind wir nicht am Ende Bruͤder und Schweſtern?“ Nachdem ſie ſo geſprochen, rief ſie eine Layenſchweſter — zwei derſelben waren als eine ſeltene Auszeichnung zu ihrer beſondern Bedienung angewieſen— und trug ihr auf, die Aebtiſſin davon zu benachrichtigen. Dann ließ ſie die Schweſter Wirthſchafterin kommen, und nahm mit ihr und Agneſen die noͤthigen Maaßregeln. Dieſe Letztere ent⸗ ließ ſie, empfahl ſich dem Guardian, und behielt Lucien zuruͤck. Der Guardian begleitete Agneſen zur Thuͤre, gab ihr unterweges neue Winke, und begab ſich weg, um fuͤr ſeinen Freund Criſtoforo einen Bericht aufzuſetzen.— Ein maͤchtiger Kopf, dieſe edle Nonnel dachte er ſich im Gehen. Neugierig allerdings; wer ſie aber nur am rechten Henkel zu faſſen verſteht, der kann ſie nach ſeiner Pfeife tanzen laſſen, wie er Luſt hat. Mein Criſtoforo iſt ſich gewiß nicht vermuthen, daß ich ihm ſo geſchwind und ſo gut ge⸗ dient habe. Der wackere Mann! Es hilft nichts, er muß ſich immer mit irgend einer Verpflichtung befaſſen; indeſ⸗ ſen er thut's immer einer guten Sache wegen. Gut fuͤr ihn, daß er diesmal einen Freund gefunden hat, der ohne vielen Laͤrm, ohne viel Zuruͤſtung und Wirthſchaft, eh' Ei⸗ ner Drei zaͤhlt, das Schiff in ſichren Hafen gebracht hat. —-—Z—P—:õ— — 225— Ei, er wird zufrieden ſeyn, der gute Criſtoforo, nnd wird einſehen, daß auch wir hier zu etwas zu gebrauchen ſind. Die Edelnonne, deren Geberden und Worte in Ge⸗ genwart eines bejahrten Kapuziners einen kuͤnſtlichen Stem⸗ pel der Klugheit trugen, ſah ſich nun einem jungen uner⸗ fahrenen Landmaͤdchen ohne Zeugen gegenuͤber, und hielt es nicht mehr fuͤr nothwendig, ſich laͤnger in ſo beſchraͤn⸗ kendem Zuͤgel zu halten; ihre Geſpraͤche hoͤrten ſich allmaͤh⸗ lig ſo ſeltſam an, daß wir, anſtatt ſie mitzutheilen, es fuͤr paſſender erachten, die vorhergehende Lebensgeſchichte dieſer ungluͤcklichen in gedraͤngtem Berichte zu erzaͤhlen. Indeſ⸗ ſen verſpreche ſich der Leſer nur ſo viel, als hinreicht, um das Ungewoͤhnliche und Geheimnißvolle, welches wir an ihr bemerkt baben, zu erklaͤren, und die Beweggruͤnde ihres Benehmens in den Ereigniſſen, die wir mittheilen, begreif⸗ lich zu machen. Sie war die juͤngſte Tochter des Fuͤrſten von***. Dieſer, ein bedeutender Mallaͤndiſcher Edelmann, durfte ſich zwar zu den reichſten in der Stadt zaͤhlen; doch der unbeſchraͤnkte Hoheitsbegriff, welchen er von ſeinem fuͤrſt⸗ lichen Namen hatte, mißleitete ihn dergeſtalt, daß ihm ſeine Mittel kaum hinreichend, ja um in ſeiner Wuͤrde ſich mit Ehren zu erhalten, viel zu kaͤrglich ſchienen. Daher ſeine ganze Sorgfalt dahin ging, ſie wenigſtens, wie ſie waren, zu behaupten, und ſie fuͤr ewige Zeiten, ſo weit er es ver⸗ mochte, beiſammen zu halten. Wie viele Soͤhne er gehabt, * erhellt aus der Erzaͤhlung nicht deutlich; nur ſo viel laͤßt ſich erſehen, daß er die Juͤngeren vom einen wie vom an⸗ dern Geſchlechte ſaͤmmtlich dem Kloſter beſtimmt hatte, und die unberuͤhrte Maſſe des Vermoͤgens dem Erſtgeborenen J. 15 — 226— zugedachte. Dieſer ſollte fuͤr die Fortdauer der Familie Sorge tragen und ſich quaͤlen, indem er ſeine Kinder auf dieſelbe Weiſe quaͤlen wuͤrde. Unſre ungluͤckliche hatte das Licht der Welt noch nicht erblickt, als ihr Loos ſchon un⸗ widerruflich feſtgeſetzt worden. Nur mußte noch abgewar⸗ tet werden, ob es ein Moͤnch oder eine Nonne ſeyn wuͤrde; zu dieſer Entſcheidung bedurfte es nicht der Einwilligung des Kindes, nur ſeiner Gegenwart. Als ihre Geburt dem Fuͤrſten, ihrem Vater, gemeldet worden, ſann er auf einen Namen, welcher unmittelbar den Gedanken an das Kloſter wecken moͤchte, und zugleich von irgend einer Heiligen ad⸗ ligen Geſchlechtes gefuͤhrt worden ſey. Er nannte ſie alſo Gertrude. Puppen, nach Nonnenart gekleidet, waren das erſte Spielzeug, welches man ihr in die Haͤnde gab; dann erhielt ſie Nonnenbilder, und jedesmal begleitete das Ge⸗ ſchenk die Ermahnung, ſie als koſtbare Dinge wohl in Acht zu nehmen.„Nicht wahr, das iſt ſchoͤn?“ war die ge⸗ woͤhnliche Frage dabei, in welcher auch ſchon die bejahende Antwort lag. Wollten Vater und Mutter, oder der kleine Fuͤrſt, der allein von den Soͤhnen im Hauſe erzogen ward⸗ die gluͤckliche Geſtalt des kleinen Maͤdchens loben, ſo ſchie⸗ nen ſie, um ihre Gedanken auszudruͤcken, keine paſſendere Worte zu finden, als: Was fuͤr eine Mutter Aebtiſſin! Indeſſen verrieth ihr Keiner jemals ausdruͤcklich, daß ſie Nonne werden muͤſſe. Es war das eine Vorſtellung, welche in jedem Geſpraͤche, das ihr kuͤnftiges Schickſal betraf/ ſich von ſelbſt verſtand oder gelegentlich beruͤhrt ward. Wenn bisweilen die kleine Gertrude ſich eine anmaßende, gebieteriſche Laune, zu welcher ihre Natur ſie ſehr leicht bewog, erlaubte, ſo hieß es:„Du biſt ein kleines Maͤd⸗ — 5 — 227— chen; ſolch ein Benehmen paßt nicht fuͤr Dich; wenn Du einmal Mutter Aebtiſſin ſeyn wirſt, dann wirſt Du mit der Ruthe gebieten, dann wird im Kloſter Alles nach Dei⸗ nem Kopfe gehen.“— Verwies ihr ein andres Mal der Fuͤrſt das zu freie und vertrauliche Betragen, zu welchem ſie ſich gleichfalls gar gern verirrte, ſo ſprach er:„Ei, ei, das ſind nicht Manieren, wie ſie fuͤr Deinesgleichen ſi ſich ziemen; wenn Du willſt, daß man kuͤnftig einmal die Ach⸗ tung vor Dir habe, die Dir zukommt, ſo mußt Du ſchon jetzt lernen, Dich mit Wuͤrde zu benehmen; erinnere Dich, daß Du in jedem Stuͤcke die Erſte im Kloſter ſeyn mußt; denn das Blut nimmt man uͤberall mit wohin man auch geht.“ Alle Reden dieſer Art ſetzten mit der Zeit im Geiſte des jungen Maͤdchens den unausgeſprochenen Gedanken feſt/ daß ſie eine Braut des Heilands werden muͤſſe; mehr als alle uͤbrigen aber wirkten die Winke, die aus dem Munde des Vaters kamen. In der ganzen Art und Weiſe des Fuͤr⸗ ſten verrieth ſich durch Gewohnheit ein ſtrenger Herr ſei⸗ nes Hauſes; wenn aber vom kuͤnftigen Stande ſeiner Kin⸗ der die Rede war, ſo bezeugte jede Miene ſeines Geſichtes und jedes Wort ſeines Mundes eine Unbeweglichkeit der Beſchluͤſſe, eine finſtere Eiferſucht des Herrſchbeſtrebens, welche im Gemuͤthe der Uebrigen die Empfindung einer vom Schickſal beſtimmten Nothwendigkeit entſtehen ließen. Zu ſechs Jahren ward Gertrude zur Erziehung oder eigentlich, um fuͤr die auferlegte Beſtimmung vorbereitet zu werden, nach dem Kloſter gebracht, woſelbſt wir ſie ge⸗ ſehen haben. Die Wahl des Ortes war nicht abſichtlos. Der gute Fuͤhrer unſrer beiden Frauen hatte geſagt, der — 228— Vater der edlen Nonne waͤre der Erſte in Monza; wir hal⸗ ten das Zeugniß mit verſchiedenen andern Andeutungen, ſo der Anonymus ſich, ohne es gewahr zu werden, entſchluͤp⸗ fen laͤßt, zuſammen, und koͤnnen mit leichter Muͤhe darthun, daß er der Lehnstraͤger in jener Stadt geweſen. In jedem Falle genoß er ein ganz außerordentliches Anſehen; daher war er der Meinung, hier werde ohne Zweifel, beſſer als irgend wo anders, ſeine Tochter mit jener Auszeichnung und Feinheit behandelt werden, welche ihr die Luſt einfloͤ⸗ ßen koͤnnte, dieſes Kloſter zu ihrem ewigen Aufenthalt zu waͤhlen. Er taͤuſchte ſich nicht. Die damalige Aebtiſſin und einige andre geſchaͤftige Nonnen, welche den Loͤffel, wie man zu ſagen pflegt, beſtaͤndig in Haͤnden fuͤhrten, ſa⸗ hen ſich in manchen Wettſtreit mit andern Kloͤſtern oder mit umherwohnenden Familien verwickelt; ſie waren alſo ſehr erfreut, eine ſolche Stuͤtze zu erwerben, ſie nahmen die Ehre, die ihnen dadurch erzeigt ward, mit lebhafter Er⸗ kenntlichkeit auf, und entſprachen vollkommen allen Abſich⸗ ten, welche der Fuͤrſt, da er ihnen ſeine Tochter fuͤr lange Zeit uͤbergab, hatte durchblicken laſſen. Auch ſtimmten dieſe Abſichten ſehr paſſend mit ihrem Vortheil. Kaum in's Kloſter getreten, ward Gertrude, mit Uebergehung ihres Eigennamens, die kleine Edeldame genannt; am Tiſch, im Schlafzimmer hatte ſie ihre beſondere Stelle; ihr Betragen ward den andern Maͤdchen als Muſter vorgehalten; dazu kamen tagtaͤgliche ſuͤße Worte und Liebkoſungen, mit jener ehrfurchtsvollen Vertraulichkeit gewuͤrzt, wodurch Kinder ſo ſchnell gewonnen werden, wenn ſie ſie an Perſonen be⸗ merken, welche ſie die uͤbrigen Kinder mit dem herkoͤmmli⸗ chen Ernſte der Hoheit behandeln ſehen. Freilich hatten — — 229— ſich nicht alle Nonnen verſchworen, das arme Kind an die⸗ ſem truͤgeriſchen Gaͤngelbande zu fuͤhren; viele waren ſo einfacher Geſinnung und von Kunſtgriffen ſo fern, daß ih⸗ nen der Gedanke, den Zwecken des Eigennutzes ein Maͤd⸗ chen opfern zu helfen, das Herz mit Widerwillen erfuͤllt haͤtte; aber alle dieſe waren zu aufmerkſam mit ihren eige⸗ nen Pflichten beſchaͤftigt, ſie bemerkten entweder alle dieſe Kunſtgriffe nicht, oder unterſchieden nicht, wie viel Straͤf⸗ liches darin lag; einige vermieden jede Unterſuchung, an⸗ dre ſchwiegen, um kein unnützes Aergerniß an den Tag zu bringen. Manche erinnerte ſich, wie ſie zu der Lage, welche ſie nachher ſo oft bereut, durch aͤhnliche Kuͤnſte verlockt worden; ſie fuͤhlte Mitleid mit der armen unſchuldigen Kleinen, und ſuchte es durch zaͤrtliche, traurige Liebkoſun⸗ gen, deren Geheimniß dieſe keinesweges argwoͤhnte, zu er⸗ ſticken. So ging Alles nach Wunſch. Und ſo waͤr' es er⸗ wuͤnſcht bis zum Ende vielleicht gegangen, wenn Gertrude das einzige Maͤdchen im Kloſter geweſen waͤre. unter ihren Geſpielen im Hauſe der Erziehung aber gab es einige, die wohl wußten, ſie ſeyen fuͤr einen Ge⸗ mahl beſtimmt. Die kleine Gertrude, mit den Begriffen von ihrem hoͤheren Stande genaͤhrt, ſprach mit praͤchtigen Worten davon, wie ſie dereinſt die Aebtiſſin, die Fuͤrſtin des Kloſters ſeyn werde; ſie wollte auf jede Weiſe ein Ge⸗ genſtand des Neides fuͤr die Andern ſeyn; doch ſah ſie mit Verwundrung und verachtendem Stolze, daß einige derſel⸗ ben ihr dieſe hohe Beſtimmung durchaus nicht beneiden mochten. Den erhabenen, aber beſchraͤnkten und kalten Bildern, welche die Herrſchaft in einem Kloſter gewaͤhren kann, pflegten dieſe Maͤdchen die mannichfaltigen, ſchim⸗ — 230— mernden Bilder des ehelichen Lebens entgegenzuſetzen, und ſprachen von Gaſtmaͤlern und Abendgeſellſchaften, von Landhaͤuſern und ritterlichen Feſten, von verehrenden Be⸗ gleitern, ſtattlichen Kleidern und praͤchtigen Wagen. Ge⸗ ſpraͤche dieſer Art brachten in Gertrudens Seele jene Be⸗ wegung, jenes gaͤhrende Gewuͤhl hervor, welches ein Korb mit friſch gepfluͤckten Blumen, vor einen Bienenſtock hin⸗ geſtellt, hervorbringen wuͤrde. Eltern und Erzieherinnen hatten die natuͤrliche Eitelkeit in ihr genaͤhrt und zur Reife gebracht, damit ſie am Kloſterleben Gefallen faͤnde; als aber dieſe Leidenſchaft durch Vorſtellungen, die ihr ver⸗ wandter waren, in einem andern Sinne angefacht ward, uͤberließ ſie ſich ihnen freiwillig mit weit lebhafterer Gluth. Um nun hinter ihren Gefaͤhrtinnen nicht zuruͤckzubleiben, und zugleich ihrer neuen Geiſtesrichtnng Genuͤge zu leiſten, gab ſie zur Antwort, es koͤnne, wenn die Rechnung endlich gezogen werden ſolle, ohne ihre Einwilligung Keiner den Schleier ihr uͤber's Haupt werfen, auch ſie duͤrfe einen Ge⸗ mahl waͤhlen, einen Pallaſt bewohnen, der Welt ſich er⸗ freuen, und das glaͤnzender als die Uebrigen alle; ſie koͤnne es, ſobald ſie nur wolle; ſie wuͤrde es wollen, ſie wolle es — und ſie wollte es in der That. Der Gedanke, daß ihre Einwilligung nothwendig ſey, ein Gedanke, welcher bis dahin unbeachtet und gleichſam in einem Winkel ihres Geiſtes verborgen gelegen, fing jetzt ſich zu entwickeln an, und ſtellte ſich in ſeiner ganzen Ge⸗ wichtigkeit dar. Um am Gemaͤhlde einer erfreulichen Zu⸗ kunft ſich deſto unbekuͤmmerter zu ergoͤtzen, rief ſie dieſen Gedanken jeden Augenblick zur Huͤlfe herbei. Hinter ihm fand ſich jedoch unfehlbar immer auch ein zweiter ein; — ⸗ — — 231— dieſe Einwilligung mußte dem fuͤrſtlichen Vater, der ſie bereits als gegeben annahm, oder anzunehmen ſchien, ver⸗ weigert werden, und hier fußte die Hoffnung der Tochter bei weitem ſo zuverlaͤſſig nicht, als ihre Worte es zeigten. Dann verglich ſie ſich mit ihren Gefaͤhrtinnen, welche ſol⸗ chen Ausſichten weit ſicherer ſich uͤberlaſſen durften, und ſo empfand ſie in ſchmerzlicher Verzweiflung den Neid, den ſie anfangs in ihnen zu erregen geglaubt hatte. Indem ſie ſie beneidete, haßte ſie ſie; dieſer Haß brach bisweilen in Verachtung, in unhoͤflicher Begegnung,⸗ in ſtichelnden Spott⸗ reden hervor, wiewohl manchmal die Gleichfoͤrmigkeit der Neigungen und Wuͤnſche ihn einſchlaͤferte, und eine ſchein⸗ bare, voruͤbergehende Vertraulichkeit entſtehen ließ. Um in⸗ deſſen ſich ſchon eines wirklichen, eines gegenwaͤrtigen Ge⸗ nuſſes zu erfreuen, gefiel ſie ſich hin und wieder in dem Vorzuge, der ihr bewilligt ward, und ließ alle Uebrigen dieſe hoͤhere Stellung empfinden; ſo oft ſie aber die Ein⸗ ſamkeit ihrer Furcht und ihrer Sehnſucht nicht zu ertragen vermochte, ſuchte ſie, ſich erniedrigend, die Andern wieder auf, als wollte ſie um Wohlwollen, um Rath und Ermu⸗ thigung ſie bitten.. unter dieſen beiammernswerthen Kaͤmpfen mit ſich und Andern war ihre Kindheit voruͤber gegangen. Sie naͤherte ſich nun jenem entſcheidenden Alter, mit welchem in die Seele eine geheimnißvolle Macht zu treten ſcheint, um alle Neigungen und alle Gedanken zu erheben, zu ſchmuͤcken und zu ſtaͤrken, ſie umzugeſtalten und ihnen eine unerwar⸗ tete Richtung zu ertheilen. Was Gertruden bisher in die⸗ ſen Traͤumen der Zukunft am entſchiedenſten geſchmeichelt hatte, waren aͤußerer Glanz und Staatsprunk; das Weiche — 232— und Gefuͤhlvolle, welches anfangs durch ihr Gemuͤth fluͤch⸗ tig ergoſſen geweſen, und gleich einem Nebel die deutliche⸗ ren Geſtalten eingehuͤllt hatte, fing nun an, in ihren Traumgebilden ſich zu entwickeln, und das vorherrſchende Element zu werden. Sie hatte ſich aus dem entlegenſten Theile ihres Geiſtes gleichſam eine glaͤnzende Zuruͤckgezo⸗ genheit geſchaffen; hieher fluͤchtete ſie ſich aus der umge⸗ benden Gegenwart, hier fand ſie ſich mit einer Geſellſchaft, aus den verworrenen Erinnerungen ihrer Kindheit ſeltſam geſtaltet, gluͤcklich zuſammen; das Wenige, welches ſie von der aͤußeren Welt geſehen, was ſie in den Geſpraͤchen mit ihren Gefaͤhrtinnen gelernt hatte, mußte das Gebaͤude voll⸗ enden. Mit dieſer Geſellſchaft unterhielt ſie ſich, ſprach mit ihr, und antwortete ſich in ihrem Namen; hier gab ſie Befehle, und empfing Huldigungen aller Art. Von Zeit zu Zeit truͤbte dieſe glaͤnzenden, ermuͤdenden Feſte der Gedanke an die Religion. Aber die Religion, wie ſie unſerm armen Maͤdchen gelehrt und von ihr empfangen worden, verbannte den Stolz nicht; ſie heiligte ihn viel⸗ mehr und ſtellte ihn als ein Mittel auf, um einer irdiſchen Gluͤckſeligkeit habhaft zu werden. Ihres weſentlichen Cha⸗ rakters alſo beraubt, war es nicht mehr die Religion, es war eine Maske wie jede andre. In den Stunden, da dieſe Maske in Gertrudens Einbildungskraft den Vorder⸗ grund behauptete und wachſend ſich erhob, erlag die Un⸗ gluͤckliche einem Gewuͤhl von verworrenen Schrecken, und ward von einem undeutlichen Bewußtſeyn der Pflichten ergriffen; dann bildete ſie ſich ein, es ſey ein ſtraͤfliches Beginnen, dem Kloſter entſagen zu wollen, und dem Ge⸗ bote der Eltern in der Wahl des Standes ſich zu wider⸗ — 233— ſetzen; dieß ſtraͤfliche Beginnen zu buͤßen, ward auf einige Zeit ihr ernſtlicher Vorſatz, und freiwillig wollte ſie ſich im Kloſter verſchließen. Es war Vorſchrift, daß ein junges Maͤdchen nicht als Nonne aufgenommen werden konnte, wenn ein Geiſtlicher, welcher der Vicar der Nonnen hieß, oder ſonſt Jemand, dem das Amt aufgetragen worden, ſie nicht vorher gepruͤft hatte; man wollte ſich dadurch von ihrer freien Wahl uͤberzeugen. Erſt ein Jahr darauf, nachdem ſie ihren Wunſch durch eine ſchriftliche Vorſtellung dem Vicar eroͤffnet hatte, durfte dieſe Pruͤfung ſtatt haben. Die Nonnen, welche das traurige Geſchaͤft uͤbernommen, Gertruden zur unauf⸗ loͤslichen Verpflichtung zu bewegen, waͤhrend ſie von dem, was dieſer Schritt bedeutete, eine ſo geringe Kenntniß als moͤlich haben ſollte, ergriffen eine jener truͤben Stunden, ließen ſie eine ſolche Bittſchrift abſchreiben, und brachten ſie ſo weit, daß ſie ihren Namen darunter ſetzte. Und um ſie deſto leichter zu dieſem Schritte zu verleiten, ermangel⸗ ten ſie nicht, ihr wiederholentlich zu ſagen, daß eine ſolche Schrift, wie es auch wirklich der Fall, am Ende eine bloße Formalitaͤt ſey, und nur durch andre ſpaͤtere Handlungen, die ja doch gaͤnzlich von ihrem Willen abhingen, ihre Wirkſamkeit erhalten muͤßte. Deſſenungeachtet waͤre die Bittſchrift vielleicht noch nicht zu ihrer Beſtimmung ge⸗ langt; denn ſchon bereute Gertrude, ſie geſchrieben zu ha⸗ ben. Bald darauf bereute ſie dieſe Reue, und ſo verbrachte ſie Tage und Monate in einem beſtaͤndigen Wechſel von Wollen und Nichtwollen. Lange Zeit hindurch hielt ſie ihren Erziehungsgefaͤhrtinnen dieſen Schritt verborgen; theils fuͤrchtete ſie, einen guten Entſchluß den Widerſpruͤ⸗ — 234— chen dieſer frohen Weltlichgeſinnten auszuſetzen, theils ſchaͤmte ſie ſich, eine laͤcherliche Uebereilung, in welcher auf der einen Seite ſiegreiche Beredſamkeit, auf der andern nachgebende Schwaͤche ſich verrieth, bekannt zu machen. Endlich ſiegte der Wunſch, ihrem Herzen Luft zu machen, ſich Rath und Muth zu holen., Ein andres Geſetz befahl, kein junges Maͤdchen ſolle zu jener Pruͤfung ihres Berufes zugelaſſen werden, ohne vorher einen Monat wenigſtens außerhalb des Kloſters, in welchem ſie erzogen worden, ſich aufgehalten zu haben. Seit Abſendung der Bittſchrift war ein Jahr beinahe ver⸗ floſſen; Gertrude erhielt die Weiſung, ſie wuͤrde naͤchſtens aus dem Kloſter geholt und nach dem vaͤterlichen Hauſe gebracht werden, um einen Monat daſelbſt zu verweilen, und alle die nothwendigen Vorkehrungen zu treffen, welche die Vollendung des begonnenen Werkes erforderte. Der Fuͤrſt und die uͤbrigen Mitglieder der Familie zweifelten nicht und betrachteten Alles als bereits geſchehen; die An⸗ ſichten des jungen Maͤdchens aber hatten ſich bedeutend ge⸗ aͤndert. Statt die uͤbrigen Schritte zu thun, dachte Ger⸗ trude nur auf ein Mittel, den erſten zuruͤckzunehmen. In dieſer aͤngſtlichen Verlegenheit beſchloß ſie, ſich einer ihrer Ge⸗ faͤhrtinnen zu eroͤffnen, der offenherzigſten, welche ihr jeder⸗ zeit mit dem wirkſamſten Rath entgegen gekommen. Dieſe fluͤſterte ihr zu, ſie moͤchte von ihrer verwandelten Geſinnung dam Pater Vicar ſchriftliche Nachricht geben; denn ihren Verwandten zur Zeit ein entſchloſſenes: Ich will nicht! entgegen zu rufen, dazu gebrach es ihr dennoch an Muth. und da einmal unentgeldlicher Rath in dieſer Welt ſehr ſelten iſt, ließ die Rathgeberin durch manchen Spott uͤber +—— —— — 235— zaghafte Unbehuͤlflichkeit Gertruden ihren Beiſtand bezah⸗ len. Der Brief ward indeffen unter dreien oder vier Ver⸗ trauten entworfen, heimlich geſchrieben, und durch liſtig erſonnene Mittel an ſeine Behoͤrde befoͤrdert. In aͤngſtli⸗ cher Spannung erwartete Gertrude eine Antwort. Sie kam nicht. Einige Tage ſpaͤter aber zog die Aebtiſſin ſie bei Seite, ließ in ihrem Benehmen Zuruͤckhaltung, Un⸗ willen und Mitleid merken, erwaͤhnte ein dunkles Wort, ſo dem Fuͤrſten im heftigen Zorne entfallen, und ſprach von einer Uebereilung, die Gertrude begangen haben muͤſſe; indeſſen gab ſie ihr zu verſtehen, wie ſie durch ein willfaͤh⸗ riges Betragen gar wohl hoffen duͤrfe, den raſchen Schritt in Vergeſſenheit zu bringen. Das junge Maͤdchen verſtand den Wink und wagte nicht weiter zu fragen. Endlich erſchien der Tag, der ſo gefuͤrchtet und ſo ge⸗ wuͤnſcht worden. Gertrude wußte wohl, daß es zu einem Kampfe ging; doch das Kloſter auf einige Wochen verlaſ⸗ ſen zu koͤnnen, die Mauern, in denen ſie acht Jahre hin⸗ durch eingeſchloſſen geweſen, hinter ſich zu haben, durch's offene Feld in der Kutſche hinzurollen, die Stadt, den Pal⸗ laſt wiederzuſehen— es waren Empfindungen, welche ſie mit ſtuͤrmiſcher Freude erfuͤllten. Was den Kampf betraf, ſo hatte ſie unter der Leitung jener Vertrauten bereits ihre Maßregeln genommen, und war mit ihrem Plan im Rei⸗ nen.— Entweder verſuchen ſie es mit Gewalt, dachte ſie; dann ertrag' ich Alles, bin demuͤthig und ehrfurchtsvoll, bleibe aber bei meiner Weigerung; es kommt bloß darauf an, kein Zweites Ja auszuſprechen, und das werd' ich nicht ausſprechen— oder ſie ſchlagen milde Wege ein; dann werd' ich mich noch milder als ſie zeigen, werde weinen, bitten, — 236— ſie zum Mitleiden bewegen; endlich werd' ich bloß verlan⸗ gen, nicht aufgeopfert zu werden.— Wie es aber oft mit ſolchen Vorbereitungen geht, traf hier weder die eine noch die andre Annahme ein. Die Tage verfloſſen; der Vater ſo wenig als ſonſt Jemand ließ ein Wort uͤber die Bitt⸗ ſchrift oder das Zuruͤcktreten fallen; weder mit Schmeiche⸗ leien noch mit Drohungen ward ihr ein Vorſchlag gemacht. Die Eltern waren ernſt, mißmuͤthig, und zeigten ihr nur ein muͤrriſches Angeſicht; doch keine Sylbe deutete die Urſache an. Nur ließ ſich bemerken, daß ſie die Tochter als eine Schuldige alseine Unwuͤrdigebetrachteten; ein geheimnißvolles Verdammungsurtheil ſchien uͤber ihr zu ſchweben, und von der Familie ſie zu trennen; man befand ſich nur ſo viel mit ihr zuſammen, als noͤthig war, um ſie ihre Unterwuͤrfigkeit fuͤhlen zu laſſen. So ward ſie ſelten, und in gewiſſen feſt⸗ geſetzten Stunden nur, zur Geſellſchaft der Eltern und des erſtgebornen Bruders gelaſſen. In den Geſpraͤchen dieſer Drei ſchien eine große Vertraulichkeit zu walten; ſie machte Gertrudens Verſtoßung noch fuͤhlbarer und ſchmerzlicher. Keiner wandte ſich mit ſeinen Worten ihr zu, und betra⸗ fen die Worte, welche ſie furchtſam vorbrachte, nicht ei⸗ nen Gegenſtand von augenſcheinlicher Nothwendigkeit, ſo fielen ſie unbeachtet zur Seite, oder wurden mit Zerſtreu⸗ ung, mit hoͤhniſchem oder ſtrengem Blicke beantwortet. Wenn ſie eine ſo bittere, ſo herabwuͤrdigende Unterſchei⸗ dung nicht laͤnger ertragen konnte, wenn ſie ihrer Wider⸗ ſpenſtigkeit entſagend, ſich zu unterwerfen verſuchte, und um Liebe flehte, ſo bekam ſie auf der Stelle ein hingeworfenes, aber deutliches Wort uͤber die Wahl ihres Standes zu hoͤ⸗ ren; man gab ihr verdeckt zu verſtehen, das ſey das Mit⸗ — 82————ä„. 8 — — 237— tel, wodurch ſich die Zuneigung der Familie wieder erwer⸗ ben ließe. Doch dieſe Zuneigung mochte ſie durch ſolch ein Opfer nicht erkaufen; ſie war alſo gezwungen, ſich zuruͤck zu ziehen, ſelbſt die erſten Zeichen des Wohlwollens, nach welchen ſie ſo lebhaft ſich geſehnt, von ſich zu weiſen, und ſich in das Schickſal der Verbannung zu ergeben. uUnd in dieſes Schickſal ergab ſie ſich mit einem Schein von er⸗ littenem Unrecht. Eine ſo feindſelige Gegenwart traf mit den lachenden Bildern, welche Gertrudens Einſamkeit ſo lange beſeelt, und noch immer in der Stille ſie beſchaͤftigten, ſchmerzlich zuſammen. Im glaͤnzenden und menſchenreichen Hauſe des Vaters hatte ſie wenigſtens eine wirkliche Probe der ge⸗ traͤumten Bilderwelt zu erleben gehofft; ſie fand ſich aber durchaus getaͤuſcht. Streng und ununterbrochen blieb ſie zu Hauſe wie im Kloſter eingeſchloſſen; von einem Luſt⸗ gange in's Freie war nicht einmal die Rede, und eine Halle, welche vom Hauſe nach einer daranſtoßenden Kirche fuͤhrte, benahm auch die einzige Gelegenheit, um den Fuß auf die Straße ſetzen zu muͤſſen. Die Geſellſchaft war trauriger, ſpaͤrlicher und weniger mannichfaltig als im Kloſter. So oft ein Beſuch ſich melden ließ, mußte Ger⸗ trude hinauf in ihr Zimmer gehen, und ſich dort mit eini⸗ gen alten Dienerinnen einſchließen; hier mußte ſie auch jedesmal, wenn es ein Gaſtmal gab, ihre Tafel halten. Die Dienerſchaft richtete ſich im Betragen und Geſpraͤch nach dem Beiſpiel und den Abſichten der Herrſchaft; Ger⸗ trude haͤtte ſie aus Neigung gern mit der ungezwungenen Freundlichkeit einer Gebieterin behandelt, haͤtte es in dem Verhaͤltniſſe, worin ſie ſich befand, gern geſehen, daß ſie — 238— gleichfalls mit einigen Beweiſen von Wohlwollen ihr ent⸗ gegen kaͤmen, und ließ ſich ſelbſt ſo weit herab, darum zu betteln; dann aber ſtand ſie erniedrigt da, und erkannte mit Betruͤbniß, wie ſelbſt der Geringſte offenbar ſie uͤber⸗ ſah. Fuͤr dieſe Kraͤnkung konnte ſie der oberflaͤchliche Ge⸗ horſam, welchen der Anſtand gebot, nicht entſchaͤdigen. Um ſo weniger konnte es ihr entgehen, daß ein Page, von allen Uebrigen ſich unterſcheidend, ihr eine ganz beſondere Achtung bezeigte, ein ganz beſonderes Mitleid mit ihr blicken ließ. Das Benehmen dieſes jungen Menſchen hatte unter Allem, was Gertrude bisher geſehen, mit den lockenden Vorſtellungen ihrer Einbildungskraft die meiſte Aehnlichkeit; er ſchien ſich den Geſchoͤpfen ihrer ſtillen Traumwelt verwandt zu naͤhern. Bald entdeckte man im Betragen des Maͤdchens etwas ungewoͤhnlich Neues; eine Ruhe und eine Unruhe, wie ſie bisher niemals an ihr be⸗ merkt worden; es war als haͤtte ſie etwas gefunden, wo⸗ nach ſie lange ſich gefehnt, als ſuchte ſie beſtaͤndig es zu bewahren, und es fremden Blicken zu verbergen. Mehr als je ward ſie beobachtet. Da uͤberraſchte ſie eines Mor⸗ gens eine Kammerfrau, wie ſie ein Blatt, worauf ſie beſſer gethan haͤtte nichts zu ſchreiben, in aller Eile zu⸗ ſammenfaltete. Die Lauſcherin wußte ſie zu uͤberliſten; das Blatt kam in ihre Hand, und kurz darauf in die Hand des Fuͤrſten. Gertrudens Schrecken, als ſie den Tritt ſeiner Fuͤße vernahm, laͤßt ſich weder beſchreiben, noch denken; es war der Vater, der erzuͤrnte Vater, und ſie fuͤhlte ſich ſchul⸗ dig. Als ſie ihn aber mit jenen finſteren Augenbrauen, das Blatt in der Hand, herantreten ſah, haͤtte ſie hundert 2 — 239— Klafter tief unter der Erde vergraben liegen moͤgen; ein Kloſter duͤnkte ſie in dem Augenblick ein Paradies. Des Fuͤrſten Worte waren wenige, aber ſchrecklich; als Strafe ward ihr einſtweilen nur auferlegt, unter der Huth der Kammerfrau, welche die Entdeckung gemacht, in ihrem Zimmer verſchloſſen zu bleiben; doch ſollte dieß nur eine Probe, eine augenblickliche Vorkehrung ſeyn; man verhieß und ließ in raͤthſelhaften Drohungen eine andere unbe⸗ ſtimmte und daher um ſo furchtbarere Zuͤchtigung merken. Der Page ward, wie man es fuͤr noͤthig hielt, fort⸗. gejagt; zugleich drohte man ihm mit einen weit ſchreckli⸗ cheren Schickſal, wenn er jemals von dem Abentheuer ſich eine Sylbe nur verlauten ließe. Indem ihm der Fuͤrſt dieſe Weiſung gab, ertheilte er ihm zugleich zwei feierliche Ohrfeigen, um das Abentheuer mit einer Erinnerung zu verſchwiſtern, welche dem Burſchen jede Verſuchung, ſich deſſelben zu ruͤhmen, benehmen ſollte. Einen Vorwand zu finden, um der Vertreibung eines Pagen einen leidlichen Anſtrich zu geben, war nicht ſchwer; von der Tochter des Hauſes aber hieß es, ſie ſey unpaͤßlich.. Sie blieb alſo mit ihrer Niedergeſchlagenheit, mit der Schaam, der Kraͤnkung und dem Schrecken vor der Zu⸗ kunft allein; ihre einzige Geſellſchaft jenes Frauenzimmer, welches ſie als das Zeugniß ihrer Schuld und als die Ur⸗ ſache ihres Ungluͤcks haſſen mußte. Aber auch dieſe em⸗ pfand einen aͤhnlichen Haß gegen Gertruden; denn ohne zu wiſſen, auf wie lange, ſah ſie ſich zum langweiligen Leben einer Kerkermeiſterin verurtheilt, und fuͤr ewige Zeiten die Waͤchterin eines gefaͤhrlichen Geheimniſſes ge⸗ worden. — 240— Indeſſen beruhigte ſich der erſte verwirrte Tumult dieſer Empfindungen allmaͤhlig; bald aber kehrte eine jede der Reihe nach in's Gemuͤth zuruͤck, breitete ſich wachſend aus, und befeſtigte ſich darin, um es noch leichter und entſchiedener zu quaͤlen. Worin konnte jene dunkel ge⸗ drohte Zuͤchtigung beſtehen? Der gluͤhenden Phantaſie des unerfahrenen Maͤdchens ſtellte ſich eine ganze Hoͤlle von wechſelnden und ſeltſamen Strafen dar. Am wahr⸗ ſcheinlichſten duͤnkte es ſie, nach dem Kloſter von Monza zuruͤckgefuͤhrt zu werden, nicht mehr als das edle Fraͤu⸗ lein, ſondern als eine Schuldige daſelbſt auftreten zu muͤſſen, und wer weiß bis zu welchem Tage, wer weiß mit welcher Behandlung in verſchloſſener Zelle zu ſchmach⸗ ten. Was dieſe Lage, ſchon an ſich ſchmerzenvoll, ihr noch ſchmerzlicher machte, war das zagende Gefuͤhl der Schande. Die Zeilen, die Worte, die Buchſtaben jenes unſeligen Blattes zogen noch einmal in ihrer Erinnerung hin und her voruͤber; ſie dachte ſich, wie der Leſer, auf welchen ſie am wenigſten gerechnet, ein Leſer, ſo ganz verſchieden von demjenigen, fuͤr den ſie zur Antwort be⸗ ſtimmt waren, ſie betrachtet und gleichſam gewogen habe; ſie bildete ſich ein, das Blatt habe auch unter die Augen der Mutter, des Bruders und wer weiß wie vieler Andern gerathen koͤnnen; damit verglichen, ſchien ihr alles uͤbrige Ungemach eine bedeutungsloſe Geringfuͤgigkeit. Aber auch das Bild des jungen Menſchen, welcher die erſte Urſache des Aergerniſſes geweſen, fand ſich gleichfalls nicht ſelten in den Gramgedanken der armen Gefangenen ein; was dieſes Bild unter den uͤbrigen ernſten, kalten und drohen⸗ den Geſtalten fuͤr eine ſeltſame Erſcheinung machte, laͤßt — 241— ſich kaum ausdruͤcken. Aber gerade, weil ſie ſich von die⸗ ſen nicht losmachen konnte, und zu jenen voruͤbereilenden Gluͤcksbildern keinen Augenblick zuruͤckkehrte, ohne zugleich die gegenwaͤrtigen Leiden, welche die Folgen derſelben wa⸗ ren, deſto ſchneidender zu empfinden, fing ſie allmaͤhlig an, ſeltener zu ihnen zuruͤckzukehren, ſtieß die Erinnerung daran von ſich, und ſuchte ſich von ihnen zu entwoͤhnen. Schon war es ihr unmoͤglich, in der froͤhlichen, glaͤnzen⸗ den Schoͤpfung ihrer ehemaligen Traͤume lange zu weilen; ſie ſtand der Wirklichkeit wie der wahrſcheinlichen Zukunft in zu feindſeligem Widerſpruche gegenuͤber. Die einzige Staͤtte alſo, woſelbſt ſich Gertrude einen ruhigen und ehrenvollen Zufluchtsort denken konnte, das einzige Schloß, welches kein Feenſchloß, war das Kloſter, ſobald ſie den Entſchluß faßte, fuͤr immer darin einzutreten. Solch ein Entſchluß, daran konnte ſie nicht zweifeln, mußte Alles wieder in Ordnung bringen, mußte jede Schuld zahlen, und in einer Stunde ihre Lage verwandeln. Freilich er⸗ hoben ſich gegen dieſen Vorſatz die Gedanken eines ganzen Alters, einer Reihe von durchgekaͤmpften Jahren; doch die Zeiten hatten ſich geaͤndert, und in dem grauſenhaften Abgrunde, darin ſie huͤlflos lag, im Vergleich mit dem, was ſie in gewiſſen Augenblicken zu fuͤrchten hatte, ſchien ihr die Lage einer gefeierten Nonne, welcher die uͤbrigen gehorchen und huldigen, eine troͤſtliche Zuflucht. Ihren alten Widerwillen ſpuͤhlten hin und wieder zwei ganz ver⸗ ſchiedene Empfindungen hinweg; bald das plagende Be⸗ wußtſeyn ihres Vergehens und eine phantaſtiſche Stim⸗ mung der Andacht; bald der Stolz, welcher beleidigt gegen die Begegnung der Kerkermeiſterin ſich empoͤrte. Denn I. 16 — 242— dieſe, von Gertruden, um die Wahrheit zu ſagen, oft dazu aufgefordert, raͤchte ſich, indem ſie ihr vor der gedrohten Strafe Furcht einfloͤßte, oder ſie die Schmach ihres Ver⸗ gehens empfinden ließ. Und wollte ſie ſich ein anderes Mal wieder wohlwollend zeigen, ſo nahm ſie einen Ton der Vormundſchaft an, der allerdings noch gehaͤſſiger als Beleidigungen war. Unter dieſen entgegengeſetzten Um⸗ ſtaͤnden bildete ſich Gertrudens Wunſch, aus den Haͤnden der Kammerfrau zu kommen, und in eine Lage zu gelan⸗ gen, wo ſie uͤber den Zorn und uͤber das Mitleid derſelben erhaben waͤre, immer vollſtaͤndiger aus; der Wunſch ward ihr zur Gewohnheit, ward lebhaft Aund ſpornend genug, um Allem, was zu ſeiner Befriedigung fuͤhren konnte⸗ einen ertraͤglichen Anſtrich zu geben. Nach vier oder fuͤnf langen Tagen der Gefangenſchaft fuͤhlte ſich Gertrude eines Morgens heftiger als je uͤber die Behandlung ihrer Waͤchterin erbittert, und gleich ei⸗ nem Gifte kochte es ihr im Herzen. Sie fioh nach einem Winkel ihres Zimmers, verbarg das Geſicht mit beiden Haͤnden, und ſtand ſo einige Zeit, um ihren Grimm zu uͤberwinden. Da empfand ſie das dringende Beduͤrfniß,⸗ andere Geſichter zu ſehen, andere Rede zu hoͤren und eine andere Begegnung zu erfahren. Sie gedachte ihres Va⸗ ters, ihrer Verwandten; bei dem Gedanken ſchauderte ſie erſchrocken zuruͤck. Doch ſiel es ihr ein, es haͤnge von ihr ab, Freunde in ihnen zu finden, und eine ploͤtzliche Freude beſeelte ihr verarmtes Herz. Darauf folgte eine Beſtuͤrzung, eine ungewoͤhnliche Reue uͤber ihr Vergehen, und eine eben ſo heftige Sehnſucht, es zu buͤßen. Nicht daß ihr Wille ſich in dieſem Vorſatze ſchon gaͤnzlich befe⸗ — 243— ſtigt haͤtte, nie aber hatte er ſich demſelben ſo weit genaͤ⸗ hert. Sie ſtand auf, ging nach einem Tiſche, nahm jene unſelige Feder wieder zur Hand, und ſchrieb dem Vater einen Brief voller Begeiſterung und Niedergeſchlagenheit, voller Betruͤbniß und Hoffnung; ſie flehte um ſeine Ver⸗ zeihung, und zeigte ſich auf unbeſtimmte Weiſe zu Allem bereit, was dem Verzeihenden beliehen wuͤrde. Zehntes Kapitel. Es giebt Augenblicke, wo das Gemuͤth, zumal das ju⸗ gendliche, in ſolcher Stimmung ſich befindet, daß jede ge⸗ ringe Bitte hinreicht, um Alles, was den Anſchein des Gu⸗ ten und der Aufopferung hat, von ihm zu erlangen. Es gleicht dann einer eben erſchloſſenen Blume, welche, leicht auf ihrem gebrechlichen Stengel ſchwebend, ihre Duͤfte dem erſten Hauche des ſpielenden Windes zu uͤverlaſſen bereit iſt. Dieſe Augenblicke gerade, welche die Uebrigen mit ſcheuer Achtung bewundern und heilig halten ſollten, erſpaͤht mit Aufmerkſamkeit die eigennuͤtzige Verſchmitztheit und haſcht ſie im Fluge, um einen unbewachten Willen zu feſſeln. Als der Fuͤrſt den Brief geleſen, ſah er fuͤr ſeine al⸗ ten, unwandelbaren Anſichten den Augenblick das Thor ge⸗ oͤffnet. Er ſchickte zu Gertruden, und ließ ſie kommen: waͤhrend er ſie erwartete, machte er ſich vereit, das Eiſen in ſeiner Gluth zu ſchmieden. Die Tochter erſchien. Sie hatte den Muth nicht, das Auge zum Angeſichte des Va⸗ ters zu erheben, ſie warf ſich ihm zu Fuͤßen, und„Ver⸗ zeihung!“ war Alles, was ſie hervorzubringen vermochte. — 241— Der Fuͤrſt gab ihr einen Wink, ſie moͤchte aufſtehen; mit einer Stimme aber, die ſich wenig zur Ermuthigung eig⸗ nete, erklaͤrte er ihr, der Wunſch und die Bitte um Ver⸗ zeihung ſeyen nicht hinreichend; dergleichen faͤnde leicht und natuͤrlich ſich ein, wenn man ſich ſchuldig fuͤhlt und die Strafe fuͤrchtet; verdient muͤſſe die Verzeihung werden. — Unterwuͤrfig und zitternd fragte Gertrude, was ſie zu thun habe. Darauf antwortete der Fuͤrſt— wir haben das Herz nicht, ihn in dieſem Augenblicke mit dem Namen eines Vaters zu bezeichnen— nicht geradehin; er fing an, ſich mit großen Worten uͤber Gertrudens Vergehen zu verbreiten, und wie wenn eine rauhe Hand uͤber eine Wunde hinſtreicht, durchrieſelte bei ſeiner Rede die Seele des ungluͤcklichen Maͤdchens ein eiskalter Schauer.— So⸗ gar wenn er vorher jemals, fuhr er fort, die Abſicht ge⸗ habt haͤtte, ein weltliches Unterkommen fuͤr ſie zu ſuchen, ſo habe ſie jetzt ſelbſt dieſer Abſicht ein unuͤberſteigliches Hinderniß in den Weg geſtellt; ein Edelmann von Ehre, wie er, koͤnnte nimmermehr das Herz haben, einem Manne von Stande ein Fraͤulein anzutragen, das ſolch eine Probe ihrer Sittſamkeit gegeben.— Wie vernichtet ſtand die be⸗ jammernswerthe Zuhoͤrerin da. Darauf lieh der Fuͤrſt all⸗ maͤhlig ſeiner Stimme und ſeinem Geſpraͤch einen ſanfte⸗ ren Ausdruck, und bemerkte, fuͤr jedes Vergehen gaͤb' es Heilmittel und Erbarmen in der Welt; das ihrige ſey von der Art, fuͤr welche das Heilmittel ſo beſtimmt als moͤg⸗ lich angegeben; ſie habe dieſes traurige Ereigniß als einen Fingerzeig zu erkennen, daß das weltliche Leben fuͤr ſie zu voll von Gefahren fey. 4 „Ja, mein Vater!“ rief Gertrude. Denn die Furcht — 245— hatte ſie erſchuͤttert, die Schaam ſie vorbereitet, und eine aufwallende Zaͤrtlichkeit in dieſem Augenblicke ſie geruͤhrt. „ Du ſiehſt es endlich ſelbſt ein,“ fuhr der Fuͤrſt un⸗ mittelbar fort.„Gut, ſo ſoll vom Vergangenen nicht wei⸗ ter geſprochen werden; Alles iſt vergeſſen. Du haſt den einzigen ehrenvollen und geziemenden Entſchluß ergriffen, der noch vorhanden; da Du ihn aber mit gutem Willen und Anſtande ergriffen, ſo iſt's meine Schuldigkeit, dafuͤr zu ſorgen, daß er in ſeinen Folgen ſo erfreulich als denk⸗ bar fuͤr Dich werde; meine Schuldigkeit iſt's, Dir alle Vortheile deſſelben zukommen zu laſſen, ſein Verdienſt gaͤnz⸗ lich auf Deine Rechnung zu ſetzen. Ich werde die Sorge auf mich nehmen.“ Mit dieſen Worten faßte er eine Klingel auf dem Ti⸗ ſche ſchellte, und ſagte zum hereintretenden Diener:„Die Fuͤrſtin und der junge Fuͤrſt, geſchwind!— Sie ſollen den Augenblick,“ fuhr er fort,„an meinem Troſte Theil neh⸗ men; es ſollen Alle, will ich, ſogleich anfangen, Dich nach Gebuͤhr zu behandeln. Du haſt die vaͤterliche Strenge er⸗ fahren; von nun an aber ſollſt Du nur einen Vater voller Liebe vor Dir ſehen.“ Bei dieſen Worten ſtand Gertrude wie außer ſich da. Jetzt ploͤtzlich uͤberlegte ſie, wie das Ja⸗ welches ihr ent⸗ wiſcht, von ſo verhaͤngnißreicher Bedeutung habe ſeyn koͤn⸗ nen, jetzt ſuchte ſie nach einem Mittel, es zuruͤckzunehmen, ſeinen Sinn einzuſchraͤnken. Umſonſt. Die Ueberredungs⸗ gabe des Fuͤrſten ſchien ſo ſiegreich, ſeine Freude ſo eifer⸗ ſuͤchtig, ſein Wohlwollen ſo bedingt, daß Gertrude auch nicht das leiſeſte ſtoͤrende Wort dagegen zu aͤußern wagte. Das gerufene Paar kam dazu. Sie erblickten Beide 1 — 246— Gertruden, und betrachteten ſie mit ungewiſſer, verwun⸗ derungsvoller Miene. Doch des Fuͤrſten froͤhliches und liebreiches Benehmen ſchrieb ihnen ein aͤhnliches vor.— „Hier iſt das verirrte Lamm,“ ſagte er 3„dieß aber, will ich, ſoll zugleich das letzte Wort ſeyn, welches die unwill⸗ kommene Erinnerung zuruͤckruft. Die Familie erfreut ſich des ſchoͤnſten Troſtes. Gertrude bedarf des Rathes nicht mehr; was wir zu ihrem Heile wuͤnſchten, hat ſie von freien Stuͤcken erwaͤhlt. Sie iſt entſchloſſen, ſie hat mir gezeigt, daß ſie entſchloſſen iſt...“— Bei dieſen Wor⸗ ten erhob ſie zum Vater einen halb erſchrockenen, halh fle⸗ henden Blick, als baͤte ſie ihn, ſeine Rede nicht fortzuſetzen; er aber ſprach unbekuͤmmert die Worte aus: Maß ſie ent⸗ ſchloſſen iſt, den Schleier zu nehmen. „Schoͤn und loͤblich!“ riefen Mutter und Bruder zu⸗ gleich. Beide umarmten ſie nach einander; mit Thraͤ⸗ nen, welche von Thraͤnen des Troſtes unterbrochen wur⸗ den, empfing Gertrude dieſe Beweiſe der Liebe. Nun erklaͤrte ſich der Fuͤrſt naͤher, was er thun wuͤrde, um das Loos der Tochter heiter und glaͤnzend zu machen, Er ſprach von den Auszeichnungen, welche ſie im Kloſter und in der Stadt genießen ſollte; wie eine Fuͤrſtin, als die Darſtellerin ihres hohen Geſchlechtes wuͤrde ſie da⸗ ſelbſt leben; ſobald die Jahre es nur geſtatteten, ſollte ſie zur erſten Wuͤrde erhoben werden, bis dahin aber nur dem Ramen nach eine Untergebene ſeyn. Darauf wieder⸗ holten die Fuͤrſtin und ihr Sohn jeden Augenblick Beifall und Gluͤckwuͤnſche; Gertrude aber ſtand, 92 von einem Traum umfangen, unter ihnen. 2 „Man muß nun den Tag feſtſetzen, um nach Monza 8 8 —./—————— — 247— zu gehen, und bei der Aebtiſſin mit dem Geſuche einzu⸗ kommen /“ ſagte der Fuͤrſt.„Wie wird ſie zufrieden ſeyn! Ich verbuͤrge mich, das ganze Kloſter weiß die Ehre, welche 4 Gertrude ihm erzeigt, hoͤchlich zu ſchaͤtzen. Ja, warum reiſen wir nicht heute mitſammen hin? Gertrude wird gern ein wenig in's Freie gehen wollen. „So laſſ' uns hin,“ ſagte die Fuͤrſtin. „Ich gebe ſogleich Befehl,“ aͤußerte ihr Gemahl. „Aber... begann Gertrude demuͤthig. „Gemach, gemach!“ nahm der Fuͤrſt das Wort.„Wir wollen ſie entſcheiden laſſen. Vielleicht fuͤhlt ſie ſich heute nicht in der gehoͤrigen Stimmung, und will lieber bis mor⸗ gen warten. Sag, Getrude, ſoll heute oder morgen der Gang abgethan werden?“. „Morgen,“ antwortete Gertrude mit ſchwacher Stim⸗ me; ein wenig Zeit zu gewinnen, ſchien ihr der einzige Schritt, welchen eben die Umſtaͤnde erlaubten. „Morgen,“ ſagte der Fuͤrſt feierlich;„ſie hat feſtge⸗ ſetzt, morgen zu gehen. Indeſſen will ich den Vicar der Nonnen bitten, daß er mir einen Tag zur Pruͤfung be⸗ ſtimme.“— So geſagt, ging er hinaus, und begab ſich wirklich— keine kleine Herablaſſung!— zum genannten Vikar, welcher ihm ſeine Dienſte auf uͤbermorgen zu⸗ ſagte. Den ganzen uͤbrigen Tag hindurch hatte Gertrude nicht zwei Minuten Ruhe. Gern haͤtte ſie ihr Gemuͤth von ſo vielen Erſchuͤtterungen zu erholen geſucht, haͤtte ihre wuͤh⸗ lenden Gedanken, wenn ich mich ſo ausdruͤcken darf, gern ſich enfen und von dem, was ſie gethan, wie von dem, was ſie zu thun hatte, ſich Rechenſchaft abgelegt. 3— 248— Von ihrem eigenen Wollen wuͤnſchte ſie ſich zu uͤberzeugen, und dem Triebrade, welches kaum in Bewegung geſetzt, ſo furchtbar reißend ſich umwaͤlzte, auf einen Augenblick in die Speichen zu fallen. Es war aber unmoͤglich. Unun⸗ terbrochen folgten einander die Beſchaͤftigungen, die eine griff in die andre ein. Nach jener feierlichen Unterredung ward ſie ſogleich in's Kabinet der Mutter gefuͤhrt, um dort zu bleiben, und unter ihrer Leitung, von ihrer eigenen Kammerfrau, umgekleidet und geſchmuͤckt zu werden. Noch war die letzte Hand an ihren Putz nicht gelegt, ſo ward zu Tiſche gerufen. Gertrude ſchritt durch die Verneigungen der Diener, welche dem Hauſe uͤber ihre Heilung Gluͤck zu wuͤnſchen ſchienen; zugleich waren eiligſt einige der naͤch⸗ ſten Verwandten eingeladen worden, um ihr ihre Achtung zu bezeugen, und der gluͤcklichen Nachrichten, des wiederer⸗ langten Heils, der ausgeſprochenen Beſtimmung ſich zu freuen. Die junge Braut— ſo pflegte man die Maͤdchen zu nennen, welche im Begriff ſtanden, Nonnen zu werden, und bei ihrem erſten Wiedererſcheinen ward Gertrude von Allen mit dieſem Namen begruͤßt— die junge Braut hatte hinlaͤnglich zu thun, wenn ſie die Artigkeiten, womit man ſich an ſie wandte, ſchicklichermaßen erwiedern wollte. Sie fuͤhlte wohl, daß jede Antwort wie eine Annahme, wie eine Beſtaͤtigung klang; wie aber anders antworten? Nach Ti⸗ ſche blieb man noch ein wenig bei einander, bis die Stunde zum Spaziergange kam. Gertrude ſtieg mit der Mutter in eine Kutſche; zwei Oheime, welche gleichfalls eingeladen worden, begleiteten ſie. Nach der gewoͤhnlighen Fahrt kam man in die Marinaſtraße. Dieſe kreutzte zumals den Platz⸗ — — 249— welchen jetzt die oͤffentlichen Gaͤrten einnehmen, und war der Verſammlungsort, woſelbſt ſich die Herrſchaften in ih⸗ ren Kutſchen einfanden, um ſich von den Beſchwerlichkei⸗ ten des Tages, von der Laſt eines vielſtuͤndigen Muͤßig⸗ ganges, zu erholen. Die Oheime unterhielten ſich emſig mit Getruden, wie es an ſolchem Tage ſich geziemte; der eine von ihnen, welcher gelaͤufiger als der andre jeden Menſchen, jeden Wagen, jede Dienertracht zu kennen ſchien, und in Einem fort bald von dieſem Herren, bald von jener Dame ein Geſchichtchen aufzutiſchen wußte, unterbrach mit einem Mal ſein Geſchwaͤtz, wandte ſich zur Nichte, und ſagte:„Schelmin Du! Du ſtoͤßeſt veraͤchtlich alle dieſe Laͤppereien von Dirv; biſt eine ſchalkhafte Seele, laͤßſt uns arme Weltleute hinter Dir im Wirrwarr zuruͤck, gehſt ein ſeliges Leben zu fuͤhren, und faͤhrſt in der Kutſche nach dem Paradieſe.“ Mit daͤmmerndem Abend kehrte man nach Hauſe zu⸗ ruͤck. Die Diener kamen haſtig mit Armleuchtern herab, und meldeten, es harrten oben viele Beſuche. Die Nach⸗ richt hatte ſich verbreitet, Freunde und Verwandten ſtroͤm⸗ ten herbei, ihre ſchuldige Theilnahme zu bezeugen. Man trat in den Geſellſchaftsſaal. Die junge Braut war der Abgott, das Spielzeug, das Opfer. Ein Jeder ſuchte allein ihrer habhaft zu werden; man ließ ſich Zuckerwerk verſpre⸗ chen*), und verſprach ſeine Beſuche; dieſer redete von ei⸗ ner wuͤrdigen Nonne, ſeiner Verwandten, Jener von einer *) Mit dergleichen ſüßen Aufmerkſamkeiten ſcheinen die Nonnen, wenn ein vo ner Beſuch bei ihnen einſprach, außerordentlich frei⸗ gebig geweſen zu ſeyn. Auch beſtätigt dieß weiterhin der Empfang des Fürſten im ar zu Monza. D. L. — 250— andern, ſeiner trefflichen Freundin; der Eine lobte die Luft in Monza, der Andre ſprach mit Salbung von der erſten Stelle im Kloſter, die ihr daſelbſt ſicher waͤre. Andre, welche ſich der Belagerten noch immer nicht hatten naͤhern koͤnnen, warteten auf die Gelegenheit, ſich vorzudraͤngen, und arbeiteten ſich in ſchmerzlicher Ungeduld ab, ſo lange ſie noch ihre Schuldigkeit nicht gethan hatten. Allmaͤhlig verlief ſich die Fluth; Alle empfahlen ſich mit befriedigtem Wohlgefallen, und Gertrude blieb mit den Fhrigen allein zuruͤck. „Endlich,“ ſagte der Feſt iſt mir doch einmal der Troſt zu Theil geworden, meine Tochter als ein Maͤdchen von ihrem Range behandelt zu ſehen. Geſtehen aber muß ich’s, daß auch ſie ſich ganz vortrefflich benommen hat; ſie hat gezeigt, daß es ihr eben nicht ſchwer ankommen wird, die erſte Rolle zu ſpielen/ und die Wuͤrde der Familie zu behaupten.“ Abends tafelte man ziemlich ſchnell ab, um morgen bei Zeiten reiſefertig zu ſeyn. War Gertrude gleich noch trau⸗ rig und erbittert, ſo hatten ſie doch die Hoͤflichkeitsbezeu⸗ gungen, welche ſie den Tag hindurch erhalten, zugleich mit wieder emporſtrebendem Stolze erfuͤllt. Da erinnerte ſie ſich, was ſie von ihrer Kammerfrau hatte erdulden muͤſ⸗ ſen; ſie ſah den Vater ſo guͤnſtig geſtimmt, ihr bis auf ei⸗ nen einzigen Punkt in Allem gefaͤllig zu ſeyn, ſie verſuchte den gluͤcklichen Augenblick, der eben ihr laͤchelte, zu benuz⸗ zen, und von den Leidenſchaften, welche ſie quaͤlten, we⸗ nigſtens eine, die Rachſucht des beleidigten Stolzes, zu be⸗ friedigen. Sie ließ daher einen bittren Berdruß merken, mit dieſem Frauenzimmer noch laͤnger beiſammen ſeyn zu — 251— muͤſſen, und beklagte ſich uͤber ihr Betragen in ſtarken Ausdruͤcken. 3 „Wie!“ ſagte der Fuͤrſt.„Sie hat es an Achtung ge⸗ gen Dich fehlen laſſen? Morgen, morgen am Tage will ich ihr den Kopf waſchen, daß ſie es nimmermehr vergeſſen ſoll. Laß mich nur machen, Du ſollſt vollkommene Genug⸗ thuung haben. Indeſſen ſoll eine Tochter, mit der ich zu⸗ frieden bin, keine Sekunde laͤnger ſich von einer Perſon umgeben ſehen, welche ſie nicht ausſtehen kann.“ So ward ein andres Frauenzimmer gerufen, und er⸗ hielt den Auftrag, bei Gertruden ihr Dieneramt zu ver⸗ richten. Dieſe erquickte ſich waͤhrend deſſen behaglich an der Genugthuung, welche ſie erhalten, wunderte ſich aber, daß ſie im Vergleich mit der Sehnſucht, die ſte danach ge⸗ tragen, ſo wenig Befriedigung darin fand. Was aber wi⸗ der ihren Willen ganz und gar ihr gruͤbelndes Nachſinnen beſchaͤftigte, war das Gefuͤhl der rieſenhaften Fortſchritte, die ſie an dieſem Tage auf dem Wege zum Kloſter gemacht; ein Zuruͤcktreten verlangte nun bei weitem mehr Kraft und Entſchloſſenheit, als wenige Tage fruͤher hingereicht haͤtten. Aber weder mit der einen noch mit der andern fuͤhlte ſie ſich geruͤſtet. Das Frauenzimmer, welches ſie nach ihrem Zimmer be⸗ gleitete, war eine alte Dienerin des Hauſes; ſie hatte den jungen Fuͤrſten zur Erziehung aus den Haͤnden der Amme erhalten, und ihn bis zu den Juͤnglingsjahren gewartet. An ihn verſchwendete ſie ihre ganze Gefaͤlligkeit, auf ihn ſetzte ſie ihre Hoffnungen und ihren Ruhm. Als waͤre ihr eigenes Gluͤck entſchieden worden, freute ſie ſich der Wen⸗ dung, welche dieſer Tag genommen, und ſo mußte Ger⸗ — 252— trude, um die Laſt des Tages vollwichtig zu ſehen, die Gluͤckwuͤnſche, das Lob und die Rathſchlaͤge der Alten hin⸗ nehmen. Sie ſprach ihr von verſchiedenen Muhmen und Großmuhmen, ſo ſich in ihrem Nonnenſtande uͤber alle Maßen gluͤcklich gefuͤhlt; denn als Glieder eines ſo er⸗ lauchten Hauſes haͤtten ſie immer die ausgemachteſten Eh⸗ renbezeugungen genoſſen, haͤtten jederzeit eine Hand nach außen ſich frei zu erhalten gewußt, und waͤren aus ihrem Sprachzimmer ſiegreich bei Unternehmungen getreten, mit welchen die groͤßten Damen nicht haͤtten zu Stande kom⸗ men koͤnnen. Sie ſprach ihr von den Beſuchen, womit ſie beehrt werden wuͤrde; eines Tages wuͤrde der junge Herr Fuͤrſt mit ſeiner Braut kommen, die doch ohne Zweifel eine vornehme Dame ſeyn muͤßte; dann wuͤrde nicht bloß das Kloſter, ſondern auch die ganze Stadt in Bewegung gera⸗ then. Die Alte hatte dieſe Vorleſung gehalten, waͤhrend ſie Gertruden auszog; waͤhrend Gertrude ſchon im Bette lag, und waͤhrend Gertrude ſchlief, ſchwatzte ſie noch in Einem fort. Jugend und Ermuͤdung trugen uͤber den Gram den Sieg davon. Der Schlaf war aͤngſtlich, unru⸗ hig, voll peinlicher Traumbilder; doch unterbrach ihn erſt die gellende Stimme der Alten, welche am fruͤhen Morgen ſie ruͤttelte, damit ſie ſich zum Gang nach Monza in Be⸗ reitſchaft ſetzte. „Auf, auf, Fraͤulein junge Braut; es iſt Tag, und um Sie anzukleiden, und in gehoͤrigen Stand zu ſetzen, will's zum wenigſten eine Stunde. Die Frau Fuͤrſtin ſtehen eben auf; man hat ſie vier Stunden fruͤher als gewoͤhnlich ge⸗ weckt. Der junge Herr Fuͤrſt ſind ſchon hinunter in den Stall gegangen, ſind wieder heraufgekommen, und ſtehen * — 253— ſchon fertig da, um jeden Augenblick abreiſen zu koͤnnen. Iſt ſir wie ein junger Haſe, der kleine Schelm! War aber von Kindesbeinen an ſo; ich kann davon reden, ich hab' ihn auf meinen Armen getragen. Wenn er aber ein⸗ mal auf dem Wege iſt, iſt's nicht geheuer, ihn warten zu laſſen; er hat freilich das allerfrommſte Blut in den Adern, wenn er aber warten ſoll, wird er ungeduldig und macht Laͤrm. Armes Herrchen! Es muß Einer Mitleid mit ihm haben,'s iſt die Wirkung des Tempraments, und diesmal iſt uͤbrigens das Recht ein Bischen auf ſeiner Seite, ſinte⸗ mal er ſich fuͤr das Fraͤulein Schweſter hemuͤht. Behuͤthe Gott, daß ihm Einer unter ſolchen Umſtaͤnden zu nahe komme; er kuͤmmert ſich um Niemanden, wo es nicht etwa der Herr Fuͤrſt ſind. Es kommt aber einmal ein Tag, wo er der Herr Fuͤrſt iſt, was der liebe Himmel freilich ſo weit als moͤglich verſchieben wolle. Munter, munter, edles Fraͤulein! Was gucken Sie mich ſo, wie bezaubert, an? Zu dieſer Stunde muͤßten Sie ſchon zum Neſt heraus ſeyn!“ Indem ſie ſich ihren ungeduldigen Bruder dachte, hatten ſich alle uͤbrigen Gedanken in Gertrudens erwach⸗ tem Geiſte wieder ſchaarenweiſe zuſammen gefunden, und er⸗ hoben ſich allſobald, wie ein Schwarm von Sperlingen beim Anblick einer Scheuche. Sie gehorchte, kleidete ſich eilig an, ließ ſich putzen, und erſchien im Saal, wo El⸗ tern und Bruder bereits verſammelt waren. Man ließ ſie auf einen Armſtuhl ſich niederſetzen/ und brachte ihr eine Taſſe Chokolade; dies bedeutete in jener Zeit ungefaͤhr daſſelbe, was bei den Roͤmern das Anlegen der maͤnnlichen Toga. Als gemeldet ward, die Kutſche ſtehe fertig da, zog — 254— der Fuͤrſt die Tochter bei Seite.—„Wohlan, Gertrude,“ ſagte er,„geſtern haſt Du Dir ſelbſt Ehre gemacht, heute mußt Du Dich uͤbertreffen. Es kommt darauf an, in dem Kloſter und in der Stadt, wo Du die erſte Rolle zu ſpielen beſtimmt biſt, aufzutreten. Sie erwarten Dich.— Es braucht wohl nicht erſt geſagt zu werden, daß der Fuͤrſt am Tage vorher der Aebtiſſin Nachricht zugeſandt hatte.—„Sie erwarten Dich, und Aller Augen werden auf Dich gerichtet ſeyn. Wuͤrde und ungezwungener An⸗ ſtand! Die Aebtiſſin wird Dich fragen, was Du willſt; das iſt einmal ſo die leere Form der Gewohnheit. Du kannſt antworten: Du ſucheſt die Erlaubniß, in dem Klo⸗ ſter, worin Du ſo liebevoll erzogen worden, wo Du eine ſo zarte Begegnung erfahren haſt, wie es in der That nicht anders iſt, das heilige Gewand anlegen zu duͤrfen. Sprich die wenigen Worte mit zwangloſer Offenheit, da⸗ mit es nicht etwa heiße, man habe ſte Dir in den Mund gelegt, und Du verſtaͤndeſt nicht, fuͤr Dich ſelbſt zu ſpre⸗ chen. Von dem was vorgefallen, wiſſen die guten Muͤtter dort nichts; das iſt ein Heiligthum, welches begraben in der Familie bleiben muß. Mache aber auch kein truͤbſeli⸗ ges, unſicheres Geſicht; das koͤnnte Verdacht erwecken. Laß ſehen, aus welchem Blute Du entſproſſen; artig, be⸗ ſcheiden; zugleich aber erinnere Dich, daß an jenem Orte, mit Ausnahme der Familie, kein Hoͤherer als Du ſich be⸗ ſindet.” Ohne Antwort zu erwarten, ſetzte ſich der Fuͤrſt in Bewegnng; Gertrude mit Mutter und Bruder folgten ihm, gingen die Treppe hinab, und ſtiegen in den Wagen. Waͤh⸗ rend der Fahrt waren die Drangſale und die Verdrießlich⸗ — — 255— keiten dieſer Welt, mit dem ſeligen Leben im Kloſter ver⸗ glichen, vorzuͤglich fuͤr junge Leute von hochadligem Blute, der Hauptgegenſtand der Unterhaltung. Gegen das Ende des Weges erneuerte der Fuͤrſt die gegebene Anweiſung, und wiederholte ihr mehr als einmal die Formel, wie ſie zu antworten habe. Beim Eintritt in die Stadt fuͤhlte Gertrude, wie es ihr gewaltſam durch's Herz zuckte; doch wurde ihre Aufmerkſamkeit einſtweilen durch verſchiedene Herren gefeſſelt, welche um Stillſtand der Kutſche baten, und dann ihre Hoflichkeiten vorbrachten. Man ſetzte den Weg fort, fuhr ein wenig langſamer nach dem Kloſter hin, und ward von den Blicken der Neugierigen, welche von allen Seiten auf die Straße herbeiliefen, begleitet. Da der Wagen vor jenen Mauern, vor jener Pforte hielt, wie ſchlug Gertruden das Herz noch weit ungeſtuͤmer! Zwiſchen zweien Schaaren von Volk, welche die Diener zuruͤcktreten ließen, ſtieg man aus. Alle die Augen, die an die Ungluͤckliche ſich haͤngten, zwangen ſie unaufhoͤrlich, auf ihr Benehmen aufmerkſam zu ſeyn; mehr aber als ſie alle zuſammen hielten ſie in Unterwuͤrſigkeit die beiden Augen des Vaters, welchen ſie vielfach, ſo unheimlich ſie ſich auch vor ihnen fuͤrchtete, die ihrigen, wie nothge⸗ drungen, zuwandte. Und wie durch einen unſichtbaren Befehl lenkte dies Augenpaar alle ihre Bewegungen, alle Schritte zhres Auftretens. Man ging uͤber den erſten Hof⸗ und betrat den zweiten; hier erſchien die Pforte des inne⸗ ren Kloſters, weit geffnet und von Nonnen zahlreich be⸗ ſetzt. In der erſten Reihe die Aebtiſſin, von den aͤlteſten Schweſtern umgeben; dann andere Nonnen, dichtgedraͤngt⸗ einige auf den Zehenſpitzen; zuletzt die Layenſchweſtern⸗ 8— 256— auf Schemeln ſtehend. Hin und wieder ſah man auch ſichter zwiſchen den Kapuzen durchblicken; es waren die gewandteſten und muthigſten unter den Pflegetoͤchtern, welche ſich unter die Nonnen gemiſcht, und ſich gluͤcklich eine Oeffnung gemacht hatten, um gleichfalls etwas ſehen zu koͤnnen. Aus dieſem Gedraͤnge ſchollen Begruͤßungen hervor; viele Arme ſah man wie zum Empfang und zur Freudenbezeugung ausgebreitet. Man kam an's Thor, und Gertrude fand ſich der Mutter Aebtiſſin gegenuͤber. Nach heiteres Weſen annahm, legte ſie ihr die Frage vor: was ſie an dieſem Orte, wo Niemand ihr etwas verweigern wuͤrde, wolle? „Ich bin hier... fing Gertrude an; doch im Be⸗ griff, die Worte hervorzubringen, die ihr Schickſal un⸗ widerruflich entſcheiden ſollten, zauderte ſie einen Augen⸗ blick, und ließ die Augen unbeweglich auf dem Haufen weilen, welcher vor ihr ſtand. In dieſem Momente be⸗ merkte ſie eine bekannte Geſpielin, welche mit boshaftem Mittleid ſie betrachtete, als wollte ſie ſagen: Ei, hat ſich die Heldin doch fangen laſſen!— Dieſer Anblick weckte in ihrem Gemuͤthe alle die alten Empfindungen lebhaft wieder empor, gab ihr aber zugleich auch ein wenig von dem alten Muthe zuruͤck, und ſchon ſuchte ſie nach einer Antwort, welche von der gebotenen ſich ziemlich auffallend unterſcheiden ſollte. Indem ſie aber, gleichſam um ihre Kraft zu verſuchen, ihren Blick zum Angeſichte des Va⸗ ters erhob, bemerkte ſie auf dieſem eine ſo finſtre Unruhe, eeiinige iugendliche Augen leuchten, einige jugendliche Ge⸗ den erſten Verneigungen, wobei dieſe ein feierliches, aber eine ſo drohende Ungeduld, daß ſie, vor Furcht entſchloſ⸗ 82 — 257— ſen, mit derſelben Schnelligkeit, womit ſie vor einem Ge⸗ genſtande des Entſetzens die Flucht ergriffen haͤtte, in ihrer Antwort fortfuhr.—„Ich ſuche hier die Erlaubniß, in dieſem Kloſter, worin ich ſo liebevoll erzogen worden, das heilige Gewand anlegen zu duͤrfen.“— Die Aebtiſſin ant⸗ wortete auf der Stelle, ſie bedaure, daß die Geſetze ihr verboͤten, augenblicklich ihre Einwilligung zu geben; dieſe koͤnne erſt nach der gemeinſchaftlichen Zuſtimmung der Schweſtern erfolgen, und die Erlaubniß der Obern muͤſſe vorangehen; Gertrude aber wiſſe hinlaͤnglich, was man an dieſem Orte fuͤr ſie empfinde, und koͤnne daher wohl zu⸗ vorſehen, wie die Antwort ausfallen wuͤrde; bis dahin aber hindere kein Geſetz Aebtiſſin und Schweſtern, die Freude, welche ſie uͤber dieſes Geſuch empfaͤnden, alle Welt ſehen zu laſſen. Da erhob ſich ein verworrener Laͤr⸗ men von Gluͤckwuͤnſchen und Beifallſtimmen. Sogleich erſchienen große Becken voll Zuckerwerk, welches zuerſt der jungen Braut, und dann den Eltern gereicht ward. Waͤh⸗ rend Einige von den Nonnen ſie an ſich riſſen, ſagten Andere der Mutter viel Schoͤnes, Andere dem jungen Fuͤr⸗ ſten. Die Aebtiſſin ließ den Fuͤrſten bitten, nach dem Gitter des Sprachzimmers zu kommen, woſelbſt ſie ihn erwarten wuͤrde. Sie war von zweien aͤlteren Schweſtern begleitet, und ſagte, als ſie ihn erſcheinen ſah:„Um den Regeln zu gehorchen, um einem Gebrauche, der ſich nicht umgehen laͤßt, Genuͤge zu leiſten, wiewohl in dieſem Fall... dennoch muß ich es ſagen... ſo oft ein junges Maͤdchen zur Einkleidung zugelaſſen zu werden wuͤnſcht, ſo iſt die Vorgeſetzte, die ich unwuͤrdigerweiſe bin, ver⸗ pflichtet, die Eltern zu benachrichtigen, daß Falls etwa.. I. 17 — 258— wenn ſie etwa dem Willen der Tochter Gewalt angethan, ſie den Kirchenbann zu fuͤrchten haben.“ „Sehr wohl, ſehr wohl, verehrte Mutter,“ erwiederte der Fuͤrſt.„Ich lobe Ihre Gewiſſenhaftigkeit; es iſt nur allzu gerecht. Aber Sie duͤrfen nicht zweifeln.“ „O bedenken Sie, Herr Fuͤrſt, ich habe nach aus⸗ druͤcklicher Verpflichtung geſprochen; uͤbrigens....“ „Gewiß, gewiß, Mutter Aebtiſſin.“ Nachdem man dieſe wenigen Worte mit einander ge⸗ wechſelt, und von beiden Seiten der Vorſchrift hinlaͤnglich nachgelebt zu haben meinte, verneigten ſich gegenſeitig die beiden Sprechenden, und trennten ſich, als ſiele es Beiden ſchwer, die unerfreuliche Unterhaltung fortzuſetzen. Jeder begab ſich zu ſeiner Geſellſchaft, die Aebtiſſin innerhalb, der Fuͤrſt außerhalb der heiligen Kloſterſchwelle.—„Nun wohlan,“ ſagte der Fuͤrſt;„Gertrude wird bald vollkom⸗ mene Gelegenheit haben, nach ihrem Gefallen ſich der Geſellſchaft dieſer guten Muͤtter zu erfreuen. Fuͤr jetzt iſt es Zeit, daß wir ſie ihres aͤngſtlichen Ungemachs wieder ein wenig entheben.“— Er verneigte ſich und gab das Zeichen zur Abreiſe; die Familie ſetzte ſich in Bewegung, die hoͤflichen Redensarten umſchwirrten den Wagen aufs Neue, und ſo fuhr man zuruͤck. Auf dieſem Ruͤckwege hatte Gertrude nicht viel Luſt zum Sprechen. Erſchreckt durch den Schritt, welchen ſie gethan, uͤber ihre unbehuͤlfliche Zaghaftigkeit beſchaͤmt, gegen die Andern wie gegen ſich ſelbſt aufgebracht, rechnete ſie die Gelegenheiten, welche ihr noch zum Neinſagen uͤbrig blieben, traurig zuſammen, und leiſtete ſich ſelbſt eben ſo ſchwach als verwirrt das Verſprechen, ſie wolle — 259— bei dieſer oder bei der andern oder auch bei der dritten weit gewandter und herzhafter gegen ihr Schreckensloos ſich wehren. Aber den finſteren Zornblick des Vaters und ſeine ſchreckende Nachwirkung konnten dieſe Gedanken alle nicht mildern; als ſie ſodann durch einen Blick, den ſie in verſtohlener Eil auf ſein Geſicht warf, ſich uͤberzeugen konnte, daß keine Spur des Zornes mehr darin vorhanden, als ſie bemerkte, daß er ſich ganz außerordentlich zufrieden mit ihr bewies, duͤnkte es ſie daher ein Gluͤck, und ſo war ſie fuͤr einen Augenblick vollkommen ruhig. Nach der Ankunft gab's eine lange Putzſtunde, dann die Mittagstafel, dann einige Beſuche, den Spaziergang, die geſellſchaftliche Unterhaltung, und endlich die Abend⸗ mahlzeit. Ehe man ſich zu Bette begab, kam der Fuͤrſt mit einem andern Gegenſtande zum Vorſchein, mit der Wahl einer Pathe nehmlich. So pflegte man die Dame zu nennen, welche, von den Eltern darum erſucht, vom Tage der Bitte bis zur Einkleidung die Waͤchterin der kuͤnftigen Nonne ward, und ſie uͤberall hin begleitete. Man beſuchte waͤhrend dieſer Zeit die Kirchen, die oͤffent⸗ lichen Pallaͤſte, die geſellſchaftlichen Unterhaltungen, die Landhaͤuſer, die Reliquienkammern, kurz Alles, was in der Stadt und der Umgebung ſehenswerth war; bevor ſie das unwiderrufliche Geluͤbde ausſprachen, ſollten die jungen Maͤdchen mit eigenen Augen ſich uͤberzeugen, welch einer Welt ſie entſagten.—„Es muß auf eine Pathe gedacht werden,“ ſagte der Fuͤrſt;„denn morgen kommt der Vicar der Nonnen, um die Formalitaͤt der Pruͤfung abzu⸗ machen, und gleich darauf wird Gertrude im Kapitel vor⸗ geſtellt, um von den frommen Muͤttern aufgenommen zu — 260— werden.“⁰— Er hatte ſich bei dieſen Worten gegen die Fuͤr⸗ ſtin gewendet; dieſe war der Meinung, man muͤſſe eine Einladung ergehen laſſen, und begann:„Da waͤre.. — Der Fuͤrſt aber unterbrach ſie:„Nein, nein, Frau Fuͤr⸗ ſtin; die Pathe muß vor allen Dingen der jungen Braut gefallen, und wiewohl der allgemeine Gebrauch den Eltern die Wahl anheim ſtellt, ſo hat Gertrude doch ein ſo geſun⸗ des Urtheil, einen ſo richtigen Takt, daß ſie wohl eine Ausnahme zu machen verdient.“— Hier kehrte er ſich zur Tochter, und fuhr mit einer Miene, welche die Ankuͤndi⸗ gung einer außerordentlichen Gunſtbezeugung zu begleiten pflegt, alſo fort:„Jede von den Damen, die ſich geſtern zur geſellſchaftlichen Unterhaltung hier eingefunden, beſitzt die noͤthigen Eigenſchaften, um bei einer Tochter unſeres Hauſes das Pathenamt bekleiden zu koͤnnen; jede, glaub' ich verſichern zu duͤrfen, wird ſich's zur Ehre rechnen, die Vor⸗ gezogene zu ſeyn. Waͤhle alſo, Gertrude.“ Eine Wahl treffen, hieß auf's Neue ſeine Einwilligung geben. Das fuͤhlte Gertrude ſehr wohl. Doch der An⸗ trag war mit einer ſolchen Zubereitung geſchehen, daß eine Weigerung das gehaͤſſige Anſehen der Verachtung gehabt haͤtte; wollte ſie ſich entſchuldigen, ſo konnte man glauben, ſie ſey eine Undankbare oder wolle vornehm die Belaͤſtigte ſpielen. Sie that alſo auch dieſen Schritt, und nannte die Dame, welche ihr am Abend vorher am meiſten gefallen, diejenige nehmlich, die ſie am meiſten geliebkoſt oder gelobt und ſie mit ſo vertraulicher, gefuͤhlvoller Geſchaͤftigkeit be⸗ handelt hatte, daß die erſten Sekunden der Bekanntſchaft das Trugbild einer alten Freundſchaft nachaͤfften.—„Eine vortreffliche Wahl!“ rief der Vater, der wirklich gerad — 261— dieſe Dame wuͤnſchte und erwartete. War's Kunſt oder Zufall, der Fuͤrſt glich hier einem Taſchenſpieler, welcher Euch die Karten eines ganzen Spieles vor den Augen hin⸗ gleiten laͤßt, er ſagt, Ihr ſollt Euch eine davon in den Sinn nehmen, und er wuͤrde ſie errathen; er hat ſie Euch aber dergeſtalt vorgehalten, daß Ihr eine einzige nur in's Auge faſſen konntet. Die Dame hatte den ganzen Abend hindurch ſich ſo emſig um Gertruden bemuͤht, hatte ſie ſo mit ſich beſchaͤftigt, daß dieſe ſich im Nachſinnen haͤtte an⸗ ſtrengen muͤſſen, um auf eine andere zu verfallen. Die liebe⸗ volle Geſchaͤftigkeit war demnach wohl nicht ohne Beweg⸗ grund geweſen; die Dame hatte ſeit langer Zeit ihr Auge auf den jungen Fuͤrſten geworfen, und wuͤnſchte ihn zum Eidam; ſie betrachtete alſo die Angelegenheiten dieſes Hauſes als ihre eigenen, und ſo war's natuͤrlich, daß ſie ſich der lieben Gertrude, als waͤre ſie eine ihrer naͤchſten Verwandten, mit aller Waͤrme annahm. Am andern Morgen ward Gertrude durch das Bild des Moͤnchs geweckt, der zur Pruͤfung kommen ſollte. Waͤh⸗ rend ſie nachſinnend daſtand, wie ſie dieſe ſo entſcheidende Gelegenheit zum Ruͤckſchritt benutzen koͤnnte, ließ der Fuͤrſt ſie rufen.—„Wohlan, Tochter,“ hieß es;„bis jetzt haſt Du Dich vortrefflich benommen; heute handelt ſich's drum⸗ dem Werk die Krone aufzuſetzen. Alles was bisher geſche⸗ hen, geſchah mit deiner Einwilligung. Wenn Dir waͤh⸗ rend deſſen ein kleiner Zweiſel angekommen ſeyn ſollte, ein Schatten von Reue, jugendliche Grillen, ſo haͤtteſt Du Dich daruͤber erklaͤren muͤſſen; da aber die Sache ſo weit einmal gediehen, ſo iſt's zu dergleichen Kinderpoſſen keine Zeit mehr. Der gute Mann, der heut Vormittag kommen — 262— ſoll, wird Dir hundert Fragen uͤber Deinen Beruf vorle⸗ gen; ob Du Dich aus freiem Willen dazu entſchloſſen, warum, auf welche Weiſe, und was weiß ich? Wenn Du bei'm Antworten zauderſt, ſo wird er Dich wer weiß wie lange an der Angel zappeln laſſen. Das wuͤrde Dir denn hoͤchſt laͤſtig werden, wuͤrde Dich bis zur Ohnmacht quaͤ⸗ len; es koͤnnte aber auch ein andres, weit ernſteres Ungluͤck daraus entſtehen. Nach all den oͤffentlichen Erklaͤrungen, die bereits geſchehen, wuͤrde das geringſte Schwanken, wel⸗ ches an Dir bemerkt wird, meine Ehre in Gefahr bringen, wuͤrde die Leute glauben laſſen, daß ich einen Gedanken, den Du etwa fluͤchtig hingeworfen, fuͤr einen feſten Ent⸗ ſchluß genommen habe, daß ich mit Gewalt auf Dich ein⸗ geſtuͤrmt, und wohl gar... was weiß ich? In dieſem Fall wuͤrde ich nothgedrungen zwiſchen zweien hoͤchſt un⸗ angenehmen Auswegen waͤhlen muͤſſen; entweder muͤßt' ich zugeben, daß die Welt ſich von meinen haͤuslichen Verhaͤlt⸗ niſſen einen ſehr widerwaͤrtigen Begriff macht— ein Aus⸗ weg, welcher ſich durchaus mit dem, was ich mir ſelbſt ſchuldig bin, nicht vertraͤgt, oder ich muͤßte den wahren Beweggrund deines Entſchluſſes vor aller Leute Augen ent⸗ huͤllen, und...“ Hier aber ward er gewahr, daß Gertrudens Geſicht von flammender Schaam gluͤhte; ihre Augen traten ſchwellend her⸗ vor, und das Geſicht zog ſich gleichſam zuſammen, wie die Blaͤtter einer Blume waͤhrend der ſchwuͤlen Hitze, welche dem Sturme vorhergeht. Er brach das Geſpraͤch ab, und nahm eine freundliche Miene an. „Laß gut ſeyn,“ fuhr er fort, Maß gut ſeyn, es haͤngt Alles von Dir, von Deinem richtigen Urtheil ab. Ich — 263— weiß, Du viſt vernünftig/ biſt kein kindiſches Maͤdchen, um eine gut eingeleitete Sache am Ende zu verderben; ich mußte aber vorſichtig auf jeden Fall denken. Wir wollen weiter nicht davon reden; genug, wir ſind Beide darin uͤberein gekommen, daß Du mit ungezwungener Offenheit reden wirſt, damit im Kopfe des guten Mannes keine Zwei⸗ fel aufſteigen. Auf dieſe Weiſe kommſt Du auch weit ſchneller aus dem Handel.“. Darauf gab er ihr einige Antworten, mit welchen ſie den muthmaßlichen Fragen zu begegnen habe, an die Hand, ließ ſich in die gewoͤhnliche Abhandlung uͤber die ſuͤßen Freuden und die Genuͤſſe ein, welche im Kloſter fuͤr die vornehme Nonne bereit waͤren, und hielt ſie damit hin, bis ein Diener die Ankunft des Vicars meldete. Der Fuͤrſt rief ihr die wichtigſten Fingerzeige noch einmal in's Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck, und ließ dann die Tochter, wie die Vor⸗ ſchrift es gebot, mit dem Manne allein. Der gute Herr kam ein wenig mit ſchon vorgefaßter Meinung, daß Gertrude einen außerordentlichen Beruf zum Kloſter habe; denn ſo hatte ihm der Fuͤrſt, da er ihn ein⸗ lud, geſagt. Freilich wußte der brave Prieſter ſehr wohl, daß Mißtrauen bei ſeinem Amte gerade eine der vorzuͤglich⸗ ſten Tugenden war, und hatte den Grundſatz angenommen, dergleichen Verſicherungen nur mit zoͤgernder Behutſam⸗ keit zu glauben, gegen jede vorgefaßte Meinung ſehr wach⸗ ſam auf ſeiner Huth zu ſeyn. Doch die Behauptungen, welche eine Perſon von bedeutendem Anſehen mit ſicherem Tone ausſpricht, pflegen meiſt der Geſinnung des Zuhdrers ein wenig von ihrer Farbe mitzutheilen. Nach den gewoͤhn⸗ lichen Ausdruͤcken der Hoͤflichkeit begann er:„Ich komme, — 26 4— mein fuͤrſtliches Fraͤulein, die Rolle des Teufels zu ſpielen; was Sie in Ihrer Bittſchrift als gewiß vorgetragen, komme ich in Zweifel zu ziehen, komme, Ihnen die Schwie⸗ rigkeiten alle vor Augen zu halten, und mich zu uͤber⸗ zeugen, ob Sie dieſelben auch hinlaͤnglich in Erwaͤgung gezogen. Erlauben Sie alſo, daß ich Ihnen einige Fra⸗ gen vorlege.“ „Sprechen Sie nur,“ erwiederte Gertrude. 1 Somit begann der gute Prieſter, ſie in der vorgeſchrie⸗ benen Form der Verordnungen zu befragen.—„Fuͤhlen Sie in Ihrem Herzen einen freien, zwangloſen Entſchluß, Nonne zu werden? Sind keine Drohungen oder Schmeicheleien dabei in's Werk geſetzt worden? Hat man ſich keines ſchrek⸗ kenden Anſchens bedient, um Sie zu dieſem Schritte zu verleiten? Reden Sie mit Offenherzigkeit, ohne Ruͤckhalt; Sie ſtehen vor einem Manne, deſſen Pflicht es iſt, Ihren wahren Willen zu erfahren; er ſoll verhindern, daß Ihrem freien Entſchluſſe auf irgend eine Weiſe Gewalt angethan werde.“ 4 Die wahre Antwort, welche eine ſolche Frage verlangte, ſtellte ſich Gertrudens Geiſte augenblicklich in ſchrecklicher Klarheit dar. Aber um ſie zu geben, mußte man ſich in eine Erklaͤrung einlaſſen, von den erhaltenen Drohungen Bericht erſtatten, und eine vollſtaͤndige Geſchichte erzaͤhlen. Die Ungluͤckliche floh erſchrocken vor dieſem Gedanken zu⸗ ruͤck, und ſuchte eiligſt eine Antwort, welche am beſten und ſchnellſten aus dieſer peinlichen Verlegenheit ſie retten konnte. „Ich werde Nonne,“ ſagte ſie, ihre Beſtuͤrzung ver⸗ 5 — — 265— bergend,„nus eigener Neigung werd' ich Nonne, frei⸗ willig.“ „Wie lange iſt's her, daß Sie dieſen Gedanken ge faßt?“ fragte Jener. „Ich hab' ihn jederzeit gehabt,“ war die Antwort. Denn nach dem erſten Schritte ward Gertrude muthiger und freier, um gegen ſich ſelbſt zur Luͤgnerin zu werden. „Welches aber iſt der Beweggrund, der Sie zur Wahl des heiligen Schleiers geleitet hat?“ Der gute Prieſter wußte nicht, welche furchtbare Saite er angeſchlagen. Gertrude that ſich mit Anſtrengung Ge⸗ walt an, um in ihrem Geſichte die Wirkung, die ſeine Worte in ihrem Gemuͤthe hervorgebracht, ſich nicht verra⸗ then zu laſſen.—„Der Beweggrund,“ ſagte ſie,„iſt, eine Dienerin Gottes zu werden, und den Gefahren dieſer Welt zu entfliehen.“ „Haͤtte irgend eine Kraͤnkung Ihnen dieſe Welt ver⸗ leidet? Sollt' es vielleicht auch nur, Sie entſchuldigen mich, ein trauriger Entſchluß des Augenblicks ſeyn? Eine ploͤtzliche Urſache kann bisweilen einen Eindruck machen, welcher auf ewig in der Seele haften zu wollen ſcheint; hoͤrt aber nachher die Urſache zuf⸗ nimmt der Geiſt eine andre Wendung, und dann. „Nein, nein,“ antwortete uun Gertrude;„die ur⸗ ſache iſt keine andre, als die ich Ihnen angegeben.“ um indeſſen ſeiner Schuldigkeit in allen Punkten Ge⸗ nuͤge zu leiſten, fuhr der Vicar noch eine ganze Zeit hin⸗ durch in ſeiner Pruͤfung fort; Gertrude aber hatte ſich bereits vorgenommen, ihn in allen Stuͤcken zu hintergehen. Der Gedauke, den wuͤrdigen und wackeren Prieſter, welcher — 266— ſo weit entfernt ſchien, etwas Aehnliches in ihr zu arg⸗ woͤhnen, mit ihrer Schwaͤche bekannt zu machen, erfuͤllte ſie mit unausſtehlichem Widerwillen. Er konnte ſie frei⸗ lich von der Nothwendigkeit, den Schleier nehmen zu muͤſ⸗ ſen, befreien; damit hatte aber auch die Wirkung ſeines Anſehens und ſein Schutz ein Ende. Hatte ſie dieſes Mit⸗ tel ergriffen, ſo ſtand ſie dem Fuͤrſten allein gegenuͤber. Von all den Qualen, welche ſie nachher im Hauſe auszu⸗ ſtehen haben wuͤrde, wußte der gute Prieſter nichts, und haͤtte er es auch gewußt, ſo konnte er doch bei all ſeinen wohlwollenden Abſichten nichts weiter als ſie beklagen. So ward endlich der Pruͤfende eher zu fragen, als die Ungluͤck⸗ liche, die Wahrheit zu verheimlichen„ muͤde; er uͤberzeugte ſich, daß die Antworten fortwaͤhrend gleichfoͤrmig lauteten, und glaubte keine Befugniß zu haben, um in ihre Aufrich⸗ tigkeit einen Zweifel zu ſetzen. Daher aͤnderte er endlich die Sprache, und ſagte ihr, was er am meiſten geeignet hielt, ſie in ihrem guten Vorſatze zu befeſtigen. Nachdem er ſodann ſich ihrer frommen Entſchluͤſſe mit ihr gefreut, nahm er ſeinen Abſchied. Indem er beim Weggehen durch die Zimmer des Pal⸗ laſtes ſchritt, ſtieß er auf den Fuͤrſten, der zufaͤllig daſelbſt vorruͤberzugehen ſchien, und ſtattete ihm uͤber die gluͤckliche Stimmung, worin er die Tochter gefunden, ſeine Gluͤck⸗ wuͤnſche ab. Der Fuͤrſt hatte bis dahin in unangenehmer Zuverſichtsloſigkeit geſchwebt; bei dieſer Nachricht aber ath⸗ mete er wieder auf, ſetzte die gewohnte Wuͤrde ſeines Be⸗ tragens aus den Augen, lief ſpornſtreichs zu Gertruden, uͤberhaͤufte ſie mit Lobſpruͤchen, mit freigebigen Verheißun⸗ gen und Liebkoſungen; der Jubel ſeiner Freude war herz⸗ 5* „—— —— — 267— lich, ſeine Zaͤrtlichkeit um ein großes Theil aufrichtig. Von ſolcher Art iſt die verworrene Natur des menſchlichen Herzens. Wir wollen Gertruden durch das fortwaͤhrende Ge⸗ folge von Schauſpielen und Ergdtzlichkeiten, mit welchen ſie jetzt wie uͤbertaͤubt ward, nicht folgen. Eben ſo wenig moͤgen wir der Reihe nach die verſchiedenen Empfindungen ihres Buſens waͤhrend dieſer Zeit beſchreiben; es waͤre eine Darſtellung von Schmerzen und ſchwankenden Entſchluͤſ⸗ ſen, welche zu eintoͤnig herauskaͤme und dem bereits Ge⸗ ſagten allzu aͤhnlich ſeyn duͤrfte. Die Anmuth der Ge⸗ gend umher, der Wechſel der Gegenſtaͤnde, die Freude, in freier Luft umherſchwaͤrmen zu koͤnnen, machten ihr den Gedanken an den Ort, wohin ſie am Ende fuͤr alle kuͤnf⸗ tigen Zeiten den letzten Gang thun mußte, noch verhaßter. Verwundender noch wirkten die Eindruͤcke, welche ſie in den Geſellſchaften und bei den feſtlichen Luſtbarkeiten der Stadt erhielt. Die Gegenwart der Braͤute, welchen man dieſen Namen in weit gewoͤhnlicherem und natuͤrlicherem Sinne gab, erfuͤllte ſie mit Neid, und unertraͤglich nagen⸗ dem Gramez; bei andern Gelegenheiten glaubte ſie aus dem Andlick eines ſolchen Maͤdchens ſchließen zu muͤſſen, daß mit dieſem Namen der Gipfel aller irdiſchen Gluͤckſeligkeit verbunden ſey. Bisweilen verſetzte ſie der reiche Prunk der Pallaͤſte, der Glanz der Geſchmeide, das Gewimmel und der feſtliche Laͤrm geſelliger Unterhaltungen in eine ſo ſchwindelnde Trunkenheit, floͤßte ihr einen ſo gluͤhenden Hang zum froͤhlichen Weltleben ein, daß ſie augenblicklich ſich ſelbſt das Verſprechen gab, ihre Einwilligung zuruͤck⸗ zunehmen, und lieber Alles geduldig zu ertragen, als wie⸗ — 268— der hinzuſchleichen in den kalten und finſtern Schatten des Kloſters. Ueberlegte ſie aber in ruhiger Stimmung die Schwierigkeiten, heftete ſie ihr Auge auf das Geſicht des Fuͤrſten, ſo verdampften bald auch dieſe Vorſaͤtze alle wie⸗ der. Der Gedanke, ſolchen Genuͤſſen fuͤr immer entſagen zu muͤſſen, machte ihr manchmal die kurze Probe derſelben, welche man ihr ſo eben geſtattete, widerwaͤrtig und pein⸗ lich, wie ungefaͤhr ein durſtgequaͤlter Kranker den Loͤffel Waſſers, den ihm der Arzt mit Muͤhe geſtattet, voll bitte⸗ ren Grolls betrachtet, und von ſich ſtoßen moͤchte. Indeſſen hatte der Vicar der Nonnen das noͤthige Zeugniß von ſich gegeben, und die Erlaubniß, zu Gertru⸗ dens Aufnahme das Kapitel zu verſammeln, langte an. Die Verſammlung fand ſtatt; die Wahlſtimmen ſprachen, wie ſich's erwarten ließ, zu Gunſten der jungen Braut, zwei Drittel der Anweſenden, was nach den Vorſchriften erforderlich war, gaben ihren Beifall, und Gertrude ward aufgenommen. Sie ſelbſt bat am Ende, der langen Plage muͤde, ſo bald als moͤglich in's Kloſter eintreten zu duͤr⸗ fen. Einem ſolchen Eifer widerſetzte ſich Niemand. Ihr Wille geſchah demnach, und in ſtattlichem Aufzuge nach dem Kloſter geleitet, legte ſie das heilige Gewand an. Zwoͤlf Monate des kloͤſterlichen Probedienſtes vergingen un⸗ ter Reue und Gegenreue; dann erſchien der Tag des Be⸗ kenntniſſes, der Tag, an welchem entweder das ſeltſamſte, unerwartetſte, aͤrgerlichſte Nein ausgeſprochen, oder das Ja, welches ſie ſo oft ſchon geſagt, wiederholt werden mußte. Sie wiederholte es, und ward Nonne, Nonne fuͤr immer. Es iſt eine von den beſondern und unmittheilbaren Kraͤften der chriſtlichen Religion, daß ſie Jedem, der ſeine — — 269— Zuflucht, es ſey in welcher Lage, unter welcher Bedingung. es wolle, zu ihr nimmt, auf die rechte Bahn verhilft, und ihm Ruhe gewaͤhrt. Wenn es fuͤr geſchehene Dinge ein Mittel giebt, ſo ſchreibt ſie es vor, und reicht es dem Kran⸗ ken; ſie leiht Einſicht und Kraft, es um jeden Preis in Wirkung zu ſetzen. Iſt kein Mittel vorhanden, ſo lehrt ſie in der That, was wir ſprichwoͤrtlich zu ſagen pflegen, aus der Noth eine Tugend machen. Was aus Leichtſinn begon⸗ nen worden, lehrt ſie mit frommer Weisheit fortſetzen; ſie floͤßt dem Gemuͤthe Empfaͤnglichkeit ein, um den Geboten der Uebermacht mit williger Hingebung ſich zu fuͤgen, und giebt einer verwegenen, aber unwiderruflichen Wahl die ganze Heiligkeit, die ganze Beſonnenheit, und wir wollen es frei herausſagen, den ganzen freudigen Eifer des innern Berufes. Aus welchem Irrgange, aus welchem Abgrunde der Menſch auch immer zu ihr ſich rette, ſie laͤßt ihn ei⸗ nen Pfad finden, auf dem er bald mit Sicherheit, mit un⸗ verdroſſenem Willen fortwandelt, und froͤhlichen Gemuͤ⸗ thes einem froͤhlichen Ende entgegengehen kann. Auf dieſe Weiſe haͤtte die Tochter des Fuͤrſten eine got⸗ tesfuͤrchtige und zufriedene Nonne werden koͤnnen, unter welchen Umſtaͤnden ſie auch immer den Schleier genommen. Statt deſſen aber rang die Ungluͤckliche beſtaͤndig unter dem Joche, und empfand um ſo druͤckender die Laſt und die Zerknirſchung. Die unaufhoͤrliche Bereuung der auf⸗ geopferten Freiheit, der ſchaudernde Abſcheu vor ihrer ge⸗ genwaͤrtigen Lage, ein abmattendes Schweifen hinter Wuͤn⸗ ſchen, welche niemals befriedigt werden konnten, das wa⸗ ren die vorzuͤglichſten Beſchaͤftigungen ihres raſtloſen Gei⸗ ſtes. Sie ging die bittere Vergangenheit immer wieder .— * 4 durch, rief ſich in's Gedaͤchtniß alle die Umſtaͤnde zuruͤck, unter denen ſie an den Ort gelangt, wo ſie ſich befand, und zerſtoͤrte, was ſie durch einen wirklichen Schritt ge⸗ than, tauſend Mal fruchtlos durch den Gedanken. Sie klagte ſich der Zaghaftigkeit, Andre der Tyrannei und der Treuloſigkeit an, und marterte ſich bis zur Erſchoͤpfung ab. Sie vergoͤtterte und beweinte zugleich ihre Schoͤnheit, beiam⸗ merte eine Jugend, welche beſtimmt ſey, im langſamen Maͤrtyrthume hinzuſterben, und beneidete in gewiſſen Stun⸗ den jedes Maͤdchen, das frei, in welcher Lage, mit welchem Gewiſſen es auch ſey, die Guͤter dieſer Welt genießen durfte. Der Anblick der Nonnen, welche bei ihrem Eintritt in’s Kloſter mitgewirkt, war ihr verhaßt. Sie gedachte der Liſt und der Kuͤnſte, die dieſe Verfuͤhrerinnen in Bewe⸗ gung geſetzt, und bezahlte ſie dafuͤr mit unhoͤflicher Begeg⸗ nung, mit quaͤlender Grillenhaftigkeit, bisweilen ſelbſt mit unverhohlenen Vorwuͤrfen. Den Nonnen ſchien es groͤß⸗ tentheils am beſten, die bitteren Biſſen nieder zu ſchlucken und zu ſchweigen; denn der Fuͤrſt hatte ſich wohl zur Grauſamkeit gegen die Tochter entſchloſſen, um ihren Ein⸗ tritt in's Kloſter auf alle Weiſe zu erzwingen; nachdem er aber ſeine Abſicht erreicht, wuͤrde er es nicht ruhig mit angeſehen haben, daß Andre ſich gegen ſein Kind zu viele Freiheit erlaubten; jeder geringe Aerger, zu welchem die Genoſſinnen Anlaß gegeben, haͤtte den Verluſt ſeines maͤch⸗ tigen Schutzes nach ſich gezogen, oder den Goͤnner wohl gar in einen Feind verwandelt. Es ließe ſich nun glauben, Gertrude habe zu den andern Schweſtern, welche in jenem ſchmutzigen Gewirre von Kunſtgriffen ihre Haͤnde rein ge⸗ — 271— halten, eine gewiſſe Zuncigung gehegt; denn ohne ſie zur Gefaͤhrtin gewuͤnſcht zu haben, liebten ſie die junge Nonne doch als eine ſolche, und hielten ihr, fromm, geſchaͤftig und froͤhlich, wie ſie waren, ein Beiſpiel vor, wie man auch hier nicht bloß leben, ſondern ſelbſt ſein Leben genießen koͤnne. Aber dieſe reinen Seelen waren ihr in andrer Art verhaßt. Das Gepraͤge des frommen Sinnes und der Zu⸗ friedenheit, welches ſie ſchmuͤckte, war ihr als ein Vorwurf ihrer unruhe, ihres wunderlichen Benehmens ein Dorn im Auge, und ſo ließ ſie keine Gelegenheit entwiſchen, um hinter'm Ruͤcken ſie als Betſchweſtern zu verlachen, oder als Heuchlerinnen ſtichelnd zu verhoͤhnen. Vielleicht waͤre ſie ihnen weniger abgeneigt geweſen, wenn ſie gewußt oder errathen haͤtte, daß die wenigen ſchwarzen Kugeln, welche ſich in der verhaͤngnißvollen Stimmbuͤchſe gefunden, gerade von dieſen hineingelegt worden. Einigen Troſt ſchien ſie ſich bisweilen im Befehlen zu finden; ſie ſah ſich im Kloſter mit Ergebung verehrt, von auswaͤrts oft mit ſchmeichelnder Hochachtung beſucht, nahm manche Verbindlichkeit mit gluͤcklichem Erfolge auf ſich, ließ ihren Schutz glaͤnzen, und hoͤrte ſich mit dem Tone der Unterwerfung„edle Schweſter“ genannt. Was fuͤr ein Troſt aber! Das Gemuͤth empfand ſeine Unzu⸗ laͤnglichkeit, und haͤtte hin und wieder gern den Troſt der Religion ihm zugeſellt, um an dieſem ſich kraͤftiger zu erlaben. Solch ein Troſt aber wird nur denjenigen zu Theil, die jenes erſten ſich begeben, wie der Schiffbruͤchige, wenn er das Brett, welches ihn ſicher nach dem Ufer tra⸗ gen kann, erfaſſen will, die geſchloſſene Fauſt aufthun muß, um Schilf und Zweige, die er im Drange der Le⸗ bensangſt umklammert hatte, fahren zu laſſen. Bald nach dem Bekenntniſſe war Gertrude zur Lehre⸗ rin der weiblichen Zoͤglinge beſtimmt worden; man denke nun, wie ſich die jungen Maͤdchen unter einer ſolchen Zuchtmeiſterin befinden mußten. Die ehemaligen Gefaͤhr⸗ tinnen hatten das Kloſter alle verlaſſen, ſie dagegen alle Leidenſchaften jener Zeit behalten, und auf eine oder die andere Weiſe mußten die Schuͤlerinnen das Gewicht der⸗ ſelben empfinden. Kam es ihr in den Sinn, daß viele unter denſelben fuͤr die Lebensweiſe beſtimmt waren, deren Ausſicht ſie fuͤr immer hatte aufgeben muͤſſen, ſo hegte ſie gegen die armen Maͤdchen einen unuͤberwindlichen Groll, bisweilen wohl auch eine Art von Nachſucht; ſie hielt ſie 3 unter ſtrenger Ruthe, behandelte ſie mit rauher Zucht, und ließ ſie die Freuden, welche ſie dereinſt in der Welt genießen ſollten, zum Voraus bezahlen. Wer es in ſolchen Augenblicken vernommen haͤtte, mit welcher ſchulmeiſterli⸗ chen Aergerhaftigkeit ſie um jeder kleinen Uebereilung wil⸗ len ſie anſchrie, der haͤtte ſie fuͤr eine Frau von wilder und ungeſtuͤmer Gottſeligkeit gehalten. Zu andrer Zeit brach derſelbe Abſcheu vor dem Kloſter, vor Nonnenſitte und Gehorſam in Anfaͤllen einer ganz entgegengeſetzten Laune hervor. Dann ertrug ſie nicht bloß die laͤrmenvolle ungebundenheit ihrer Schuͤlerinnen, ſie forderte ſie ſelbſt dazu auf; ſie miſchte ſich unter ihre Spiele, und ſuchte ſie mit einem noch ausgelaſſeneren Geiſt zu beſeelen; ſie nahm an ihren Unterredungen Theil, und fuͤhrte ſie uͤber die Ab⸗ ſichten, womit ſie dieſelben begonnen, weit hinaus. Wenn Eine ein Wort vorbrachte, welches die Mutter Aebtiſſin im — 273— Fluſſe der Geſchwaͤtzigkeit an ſich zu haben pflegte, ahmte es die Lehrerin ausfuͤhrlich nach, und machte einen luſtigen Auftritt daraus; ſie zog nachaͤffend ein Geſicht wie dieſe, trug ſich wie jene Nonne,⸗ und lachte dann aus vollem Halſe; ſolch ein Lachen aber kam nicht von Herzen und ging nicht zum Herzen. So hatte ſie einige Jahre ver⸗ lebt, ohne daß eine guͤnſtige Gelegenheit, etwas Weiteres zu beginnen, ſich einſtellte, als ploͤtzlich ihr Unſtern ſolche Umſtaͤnde herbeifuͤhrte. Unter die uͤbrigen Freiheiten und Auszeichnungen, welche ihr bewilligt worden, um ſie einſtweilen fuͤr die Aebtiſſinwuͤrde zu entſchaͤdigen, gehoͤrte auch die, daß ſie in einem beſondern Theile des Kloſters wohnte. Dieſe Seite des Gebaͤudes ſtieß an ein Haus, in welchem ein junger Mann, ein Boͤſewicht von Handwerk, hauſte; einer von den Vielen, die um jene Zeit mit ihrem bewaffneten Geſinde, oder in Verbindung mit Andern ihres Gelichters, bis zu einem gewiſſen Punkte ſich uͤber die oͤffentliche Ge⸗ walt und die Geſetze luſtig machen durften. Unſre Hand⸗ ſchrift nennt ihn Egidio, erwaͤhnt aber weiter nichts. Aus einem ſeiner Fenſter ließ ſich in den kleinen Hof jener Kloſterſeite hinunter ſehen. So hatte er verſchiedentlich Gertruden aus langer Weile auf und niedergehen oder um⸗ herſchwaͤrmen bemerkt. Von der Gefahr und der Heilloſig⸗ keit des Beginnens eher angelockt als zuruͤckgeſchreckt, wagte er es einſt, ſie anzuſprechen, und die Ungluͤckliche gab ihm Antwort. Die erſten Augenblicke gewaͤhrten ihr, wenn auch nicht eine ungetruͤbte, doch eine lebhafte Befriedigung. Die traͤge Leere ihres Gemuͤthes war durch eine kraͤftige, fort⸗ I. 18 — 274— waͤhrende Geſchaͤftigkeit, wie durch ein triebreiches Leben, beſeelt worden; doch dieſe Befriedigung glich dem er⸗ quickenden Getränke, welches die erfinderiſche Grauſamkeit der alten Voͤlker dem Verurtheilten kredenzte, damit er zur Ertragung ſeines Maͤrtyrthums deſto kraͤftiger waͤre. Es verrieth ſich um dieſelbe Zeit ein neues Weſen in al⸗ len ihren Bewegungen; ſie wurde ploͤtzlich ordnungslie⸗ bender und ruhiger, verhoͤhnte die Uebrigen nicht mehr, hoͤrte auf zu wehklagen, und benahm ſich ſelbſt hoͤflich und liebkoſend. Die Schweſtern freuten ſich der gluͤcklichen Verwandlung; keine einzige ahnte den wahren Beweggrund oder begriff, daß dieſe neue Tugend nichts weiter war als Heuchelei, zu ihren alten Gebrechen hinzugekommen. Dieſe ſcheinbare Holdſeligkeit aber, dieſes Fortſchaffen aller aͤußeren Flecken, wofern der Ausdruck geſtattet wird, waͤhrte gleichfalls nicht lange, wenigſtens behauptete ſich auch hier keine Beharrlichkeit und Gleichmaͤßigkeit; bald meldete ſich der gewohnte verdrießliche Trotz, die gewohnte Grillenſucht wieder, die Verſpottung und Verwuͤnſchung des kloͤſterlichen Gefaͤngnißes ließen ſich wieder hoͤren, und wurden nicht ſelten in einer Sprache ausgedruͤckt, wie man ſie an ſolchem Orte, aus ſolchem Munde nie⸗ mals vernommen. Jedem Ausbruch indeſſen folgte eine Reue, und Gefaͤlligkeit ſollte mit aller Gewalt ihn wieder in Vergeſſenheit bringen. All dieſen Wechſel der Unbe⸗ ſtaͤndigkeit ertrugen die Schweſtern, ſo gut ſich's thun ließ; die wandelbare und wunderliche Gemuͤthsſtimmung der Edelnonne daͤuchte ihnen die einzige Urſache zu ſeyn. Einige Zeit hindurch ſchien keine von den Nonnen an etwas Weiteres zu denken. Einſt aber gerieth Ger⸗ — 275— trude mit einer Layenſchweſter um einer winzigen Kleinig⸗ keit willen in Wortwechſel, und machte ſie uͤber alle Ma⸗ ßen, ohne ein Ende zu finden, herunter. Die Layen⸗ ſchweſter ließ es ſich anfangs gefallen, und biß knirſchend in den Zaum, endlich aber gab ſie der Geduld den Ab⸗ ſchied, und warf ein Wort hin, ſie wiſſe etwas, und wuͤrde zu ihrer Zeit zu ſprechen verſtehen. Von dieſem Augenblick an hatte die Edelnonne keinen Frieden mehr. Nicht lange nachher ward die Layenſchweſter eines Mor⸗ gens vergebuich in ihren gewoͤhnlichen Amtsgeſchaͤften er⸗ wartet; man ſuchte ſie in ihrer Zelle, und traf ſie daſelbſt nicht an; man ruft ſie mit lauter Stimme, ſie antwor⸗ tet nicht; man ſpaͤht umher, und kehrt vom Keller bis zum Dachboden alle Winkel um, ſie iſt nirgends zu fin⸗ den. Und wer weiß, auf welche Vermuthungen man ge⸗ rathen waͤre, wenn ſich nicht eben bei'm Nachſuchen in der Gartenmauer eine große Oeffnung gefunden haͤtte; ſo waren nun Alle der Meinung, ſie habe ſich auf dieſem Wege davon gemacht. Nun ſchickte man augenblicklich nach allen Seiten hin Eilboten, um ihr auf den Fuß zu fol⸗ gen und ſie einzuholen; auch wurden außerhalb fleißige Nachſuchungen angeſtellt, und doch erhielt man uͤber die Vermißte niemals nur die geringſte Kunde. Vielleicht haͤtte man mehr erfahren koͤnnen, wenn, ſtatt in der Ferne zu ſuchen, die Naͤhe durchmuſtert worden waͤre. Nach vielen Verwunderungen, da Niemand ihr einen ſolchen Schritt hatte zutrauen moͤgen, nach vielen woͤrtlichen Verhandlungen kam man uͤberein, daß ſie weit fort, ſehr weit fort ihre Flucht genommen. Und weil eine der Schweſtern ſich einmal geaͤußert hatte, ſie habe ſich gewiß — 276— nach Holland gefluͤchtet, nahm man endlich im Kloſter als ausgemacht an, ſie ſey wirklich nach Holland entlau⸗ fen. Die Edelnonne ſcheint aber dieſes Glaubens nicht geweſen zu ſeyn. Sie ließ zwar keine andre Meinung blicken, noch beſtritt ſie die allgemeine Annahme mit be⸗ ſondern Gruͤnden; wenn ſie dergleichen hatte, ſo wurden ſie niemals meiſterhafter verſtellt; auch vermied ſie nichts ſorgfältiger, als jene Geſchichte wieder in's Geſpraͤch zu bringen, und darum bekuͤmmerte man ſich weniger, als man jenem Geheimniß auf den Grund zu kommen wuͤnſchte. Je weniger Gertrude aber davon ſprach, deſto anhalten⸗ der beſchäftigte es ihre Gedanken. Wie oft ſtellte ſich den Tag hindurch das Bild jener Schweſter unverſehens ih⸗ rem Geiſte dar, und ſchien ſich nicht von der Stelle be⸗ wegen zu wollen! Wie oft wuͤrde ſie gewuͤnſcht haben, ſie lieber wirklich, lebendig vor den Augen zu ſehen, als ſie unaufhoͤrlich in ihrer Einbildungskraft feſtgewurzelt zu fuͤhlen, und Tag fuͤr Tag ſich in der Geſellſchaft der leeren, ſchrecklichen, leidenloſen Schattengeſtalt befenden zu muͤſſen! Wie weit lieber haͤtte ſie die wirkliche Stimme der Layenſchweſter vernommen, ihr Geſchwaͤtz, welches ſie durch Drohungen zum Schweigen bringen konnte, ſich gefallen laſſen, als daß ſie im Ohre des inneren Geiſtes beſtaͤndig das weſenloſe Geſumme derſelben Stimme wahr⸗ nahm, und ihrem Munde Worte entſchallen hoͤrte, auf die ſie nicht zu antworten vermochte, Worte, mit Be⸗ harrlichkeit, mit unnachlaͤßlicher Unermuͤdlichkeit ausge⸗ ſprochen, wie es an einem lebenden Menſchen nimmer der Fall ſeyn konnte! Ein Jahr war ſeit dieſem Ereigniß entfioſen, als — 277— ALucia der Edelnonne vorgeſtellt wurde, und die Unterre⸗ dung mit ihr hatte, bei welcher wir in unſerer Erzaͤhlung ſtehen geblieben. Don Rodrigo's Verfolgung war der Ge⸗ genſtand, um den ſich die Fragen der Nonne vielfach drehten; ſie ging dabei auf die einzelnen Umſtaͤnde mit einer Scheuloſigkeit ein, die fuͤr Lucien nicht blos etwas NReues, ſondern auch eine gehaͤſſige Neuigkeit war; das unerfahrene Maͤdchen hatte nie gedacht, daß die Neugier der Nonnen ſich an ſolche Dinge mit ſolcher Theilnahme haͤngen koͤnnte. Die Urtheile, welche ſie ſodann unter Fra⸗ gen miſchte, oder gleichſam durchſchimmern ließ, waren nicht weniger ſeltſam. Es. ſchien faſt, als lachte ſie uͤber das gewaltſame Schrecken, das Lucia beſtaͤndig vor jenem Her⸗ ren empfunden; ſie fragte, ob er denn ſo gar haͤßlich waͤre, um ein Maͤdchen ſo ſehr in Furcht zu ſetzen, und fand den Widerwillen der Verfolgten faſt naͤrriſch und unvernuͤnftig, wenn ſie nicht aus guten Gruͤnden ihrem Renzo den Vor⸗ zug gegeben haͤtte. Und auch uͤber dieſen ließ ſie ſich in Fragen aus, woruͤber die Befragte erſtaunte und errd⸗ thete. Indeſſen bemerkte ſie bald, ſie habe, dem flugſuͤch⸗ tigen Schwunge der Einbildungskraft folgend, ihrer Zunge zu unbeſonnen den Lauf gelaſſen; ſie ſuchte ihr Geſchwaͤtz wieder gut zu machen, und ihm eine beſſere Abſicht unter⸗ zulegen, konnte aber doch nicht verhindern, daß bei Lu⸗ cien eine unerfreuliche Verwunderung, ein verworrenes Schrecken zuruͤckblieb. Und kaum fand dieſe ſich mit ih⸗ rer Mutter allein, ſo erdffnete ſie derſelben ihre Gedan⸗ ken; Agneſe aber, welcher mehr Erfahrung zu Gebote ſtand, loͤſte ihr mit wenigen Worten alle ihre Zweifel, und enthuͤllte ihr das ganze Geheimniß⸗ — 278— „Wundre dich daruͤber nicht, Lucia“, ſagte ſte;„wenn du erſt die Welt ſo kennen wirſt, wie ich, ſo wirſt du einſehen, daß das Dinge ſind, woruͤber man gar nicht ſtutzen muß. Die vornehmen Leute, der Eine mehr der Andre weniger, Der auf dieſe Weiſe, Jener auf'ne an⸗ dere, Alle aber haben ſie einen Anſtoß von Narrheit. Man muß ſie unbekuͤmmert reden laſſen, zumal wenn man ſie noͤthig hat; man muß thun, als hoͤrte man ih⸗ nen ernſthaft zu, und als kaͤmen ihnen lauter geſcheidte Dinge aus dem Munde. Haſt du gehoͤrt, wie ſie mir ſo unter der Hand zu riechen gab, ich haͤtte ein einfaͤltiges Gerede vorgebracht? Ich bin daruͤber auch nicht um einen Pfifferling in Erſtaunen gerathen. Sie ſind Alle ſo. Und Alles in Allem ſey dem Himmel dennoch tauſend Mal ge⸗ dankt; es ſcheint, er hat dich in allem Ernſte liebgewonnen, und gedenkt dich wirklich unter Schutz zu bringen. Im Uebrigen, mein Kind, wenn du aus der Noth hier davon kommſt, und es dir wieder einmal begegnet, mit hohen Leuten zu ſchaffen zu haben, ſo wirſt du's ſelber einſehen, wirſt's ſelber einſehen“. Der Wunſch, ſich dem Pater Guardian zu verpflichten, das ſchmeichelhafte Bewußtſeyn, eine maͤchtige Beſchuͤtze⸗ rin zu heißen, der Gedanke, daß ein ſo fromm gewähr⸗ ter Schirm auf ihren Nuf den guͤnſtigſten Einfluß haben muͤſſe, eine gewiſſe Zuneigung zu Lucien, vielleicht auch ein ſtaͤrkender Troſt, indem ſie einem unſchuldigen Geſchoͤpf Gutes erwies, und unterdruͤckten Armen mit Rath und That zur Huͤlfe eilte, alles dieß hatte die Edelnonne wirk⸗ lich bewogen, ſich das Schickſal der beiden armen Fluͤcht⸗ linge zu Herzen zu nehmen. Aus Achtung vor den Befehlen, — 20— welche ſie gab, und vor dem Eifer, den ſie zeigte, wur⸗ den Beide, dicht am Kloſter ſelbſt, in der Wohnung der Wirthſchafterin untergebracht, und behandelt, als gehoͤr⸗ ten ſie zu den Dienerinnen des Hauſes. Mutter und Tochter freuten ſich mit einander, ſo ſchnell einen ſichern und ehrenvollen Zufluchtsort gefunden zu haben. Gern waͤ⸗ ren ſie auch von Jedermann unbemerkt geblieben; in ei⸗ nem Kloſter aber war das keine leichte Sache. Ueberdieß befand ſich ein Menſch daſelbſt, der nur all zu entſchloſ⸗ ſen war, um ſich uͤber eine von ihnen Auskunft zu ver⸗ ſchaffen, ein Menſch, in deſſen Gemuͤth ſich mit der Leiden⸗ ſchaft und dem ſchon gereizten Eigenſinne der Aerger ver⸗ band, daß man ihm zuvorgekommen und ihn getaͤuſcht hatte. Doch wir laſſen die beiden Frauen an ihrer Zuflucht⸗ ſtaͤtte, und kehren nach dem Pallaſte des Mannes zuruͤck, welcher dem Erfolg ſeines laſterhaften Beginnens unge⸗ duldig entgegen ſah. Elftes Kapitel. Wie eine Koppel Spuͤrhunde, welche vergebens einem Haſen nachgeſetzt, mit geſenkter Schnautze und niederhan⸗ gendem Schwanze muthlos zum Herrn zuruͤckſchleicht, ſo kehrten in jener zerruͤtteten Nacht die Bravi nach Don Rodrigo's Pallaſte zuruͤck. Er indeſſen ſchritt im Dun⸗ keln durch ein großes unbewohntes Zimmer des obern Stockwerkes, von deſſen Fenſtern ſich hinunter in die Ebene ſehen ließ, auf und nieder. Jeden Augenblick ſtand er ſtill, horchte auf, und blickte durch die Spalten der zerfallenen Fenſterladen. Ihn erfüllte die Ungeduld, und ſeine Aengſtlichkeit konnte er ſich ſelbſt nicht verhehlen; — 280— denn nicht die Ungewißheit des Erfolges bloß, auch die moͤglichen Folgen gaben zur Bedenklichkeit Anlaß; das Un⸗ ternehmen war in der That das gewaltſamſte und gewag⸗ teſte, an welches der wackere Mann ſich bisher gemacht hatte. Indeſſen hatte man alle Vorſicht angewendet, um kein verrathendes Zeichen der That zu hinterlaſſen, und dieſer Gedanke beruhigte ihn ein wenig. „Was den Argwohn betrifft, dazu lache ich. Ich will doch einmal den luͤſternen Vogel ſehen, der ſich's einfal⸗ len laͤßt, hier heraufzukommen, um ſich zu uͤberzeugen, ob ein junges Maͤdchen hier vorhanden ſey oder nicht! Er komme nur, komme nur einmal her, der Bauerkerl, er ſoll einen herrlichen Empfang finden. Mag auch der Moͤnch kommen, in Gottes Namen. Und die Alte? Die Alte kann immerhin nach Bergamo gehen. Die Gerechtig⸗ tigkeit? Pah, die Gerechtigkeit! Der Stadtvogt iſt ſo wenig ein einfaͤltiger Burſche als ein Narr. Und in Mai⸗ land? Wer kuͤmmert ſich in Mailand um das Volk hier? Wer wird ihnen denn da ſein Ohr leihen, und wer kennt ſie denn? Leute, die auf der Erde wie verloren, die nicht einmal einen Schutzherrn haben, Niemandem angehoͤrig. Weg, weg damit, keine Furcht! Wie der Attilio daſte⸗ hen wird, morgen fruͤh! Er wird ſehen, nun wird er ſehen, ob ich ein Mann bin, der große Worte nur im Munde fuͤhrt und bloß aufzuſchneiden verſteht. Und dann, ſollte mir etwa ein verwickelter Handel, was weiß ich? dabei herauskommen, ſollte irgend ein Feind ſich gerade dieſe Gelegenheit zu Nutze machen wollen, um ſeinem al⸗ ten Groll ein Feſt zu geben, ſo iſt Attilio auch ein Mann, der einen geſcheidten Rath in der Taſche hat; iſt doch die —-— 281— Ehre der ganzen Verwandtſchaft dabei im Spiele“.— Der Gedanke aber, bei welchem er am meiſten ſich aufhielt, weil er in ihm zugleich eine Beſchwichtigung ſeiner Zwei⸗ fel und eine Nahrung fuͤr ſeine hauptſaͤchliche Leidenſchaft fand, war die Vorſtellung der Schmeicheleien, der Ver⸗ ſprechungen, ſo er ſpielen zu laſſen gedachte, um ſich Lu⸗ ceien zu gewinnen.—„Auf jeden Fall wird ſie ſo in Furcht ſchweben, ſich hier allein zu ſehen, mitten in der Rotte, unter ſolchen Geſichtern... das menſchlichſte Geſicht hier bin doch wahrhaftig ich ſelbſt... daß ſie ihre Zuflucht zu mir nehmen muß; ich ſeh' es ſchon, wie ſie ſich am Ende auf's Bitten legt, und wenn ſie bittet.. Waͤhrend er ſo ganz artig ſeine Rechnung machte, hoͤrt er ein Getrappel, geht an's Fenſter, oͤffnet ein we⸗ nig, lauſcht hinaus—„ſie ſind's!— Und die Saͤnfte? Teufel! Wo iſt die Saͤnfte?— Drei, fuͤnf, acht, Alle beiſammenz; da iſt auch der Graue— und von der Saͤnfte nichts zu ſehen! Hoͤlle und Teufel! Der Graue ſoll mir's entgelten, er ſoll mir's entgelten!“ Nachdem ſie unten in die Pforte getreten, ſtellte der Graue in einen Winkel des untern Zimmers ſeinen Knit⸗ tel hin, legte Hut und Pilgermantel ab, und ging, wie es ſein Amt, welches in dieſem Augenblick Keiner ihm beneidete, mit ſich brachte, die Treppe hinauf, um ſei⸗ nem Herrn Bericht zu erſtatten. Dieſer erwartete ihn an der oberſten Stufe; er ſah ihn mit der albernen und flegelhaften Miene eines getaͤuſchten Schurken erſcheinen, und rief ihm zu:„Nun, Herr Eiſenfreſſer, Herr Haupt⸗ mann Großmaul, Herr Laſſen⸗Sie⸗mich⸗machen?“ „S iſt hart“, antwortete der Graue, indem er mit — 282— einem Fuße auf der erſten Stufe ſtehen blieb,„es iſt hart, ſich Vorwuͤrfe zu holen, nachdem man ſich redlich abgear⸗ beitet hat, nachdem man vollkommen ſeine Schuldigkeit gethan, und ſich mit ſeiner Haut in's Feuer gewagt hat“. „Wie iſt's abgelaufen? Wir wollen doch hoͤren, wir wollen doch hoͤren!“ ſagte Don Rodrigo, und ging nach ſeinem Zimmer, wohin der Graue ihm folgte. Dieſer erzaͤhlte nun Alles, was er angeordnet und gethan, geſe⸗ hen und nicht geſehen, was er begriffen, gefuͤrchtet, und wieder gut zu machen geſucht hatte; er ſtattete ſeinen Bericht mit der Ordnung und der Verwirrung, mit dem Schwanken und der Betäubung ab, die nothwendiger⸗ weiſe ſich in ſeinen Vorſtellungen neben einander finden mußten. Wenn das iſt“, begann ſein Herr,„ſo traͤgſt du keine Schuld, und haſt gethan, was ſich thun ließ, aber... aber, wenn unter dem Dache hier ſich ein Spürhund auf⸗ haͤlt! Wenn Einer hier iſt, wenn ich ihn erwiſche, und ich erwiſche ihn gewiß, wenn er hier iſt, ſo will ich ihn zurecht machen; ich ſage dir, Grauer, ich will ihn fuͤr all ſein Lebelang zurichten!“ „Mir iſt auch ſo ein Argwohn durch den Kopf gelau⸗ fen, Herr“, aͤußerte der Graue.„Wenn es wahr vaͤre, wenn man ſo einen niedertraͤchtigen Galgenvogel auffaͤnde, ſo duͤrften Sie ihn, erlauchter Herr, nur getroſt in meine Haͤnde geben. Ein Kerl, der ſich ein Vergnuͤgen daraus ge⸗ macht hat, mich eine ſo verdammte Nacht, wie dieſe, erleben zu laſſen, mir kaͤm's billiger Weiſe zu, ihn dafuͤr abzuſpei⸗ ſen. Wenn ich aber Alles zuſammenhalte, ſo muß noch irgend ein anderer verwickelter Handel darunter ſtecken, 8 —— — 293— womit ſich's fuͤr jetzt noch nicht in's Reine kommen laͤßt. Morgen, Herr, morgen, denk' ich, werden wir klares Waſſer haben.“ „Hut Euch wenigſtens Keiner erkannt?“ Der Graue verſicherte, er hoffe, nicht; und ſo endigte das Geſpraͤch damit, daß Don Rodrigo ihm fuͤr den naͤch⸗ ſten Morgen drei Dinge auftrug, auf welche er recht gut auch von ſelbſt verfallen waͤre. Er ſollte ſo zeitig als moͤglich zwei Menſchen abſchicken, um dem Dorfſchulzen die Weiſung zu geben, deren Ausfuͤhrung wir erzaͤhlt ha⸗ ben; zwei andere ſollten um das eingefallene Haus um⸗ herſchwaͤrmen, um Jedem, der etwa geſchaͤftslos dort her⸗ umſtrich, die Naͤhe des Gemaͤuers zu verleiden, und bis zur naͤchſten Nacht die Saͤnfte vor fremden Blicken ver⸗ borgen zu halten; dann koͤnnte man ſie holen laſſen, fuͤr jetzt aber duͤrfte, um jeden Verdacht zu vermeiden, keine weitere Bewegung vorgenommen werden; endlich ſollte der Graue ſelbſt auf Entdeckung ausgehen, und einige Andere ſchicken, auf deren Gewandtheit und Klugheit man ſich verlaſſen koͤnne, um uͤber die Urſachen und den Er⸗ folg des naͤchtlichen Wirrwarrs etwas zu erfahren. Nach⸗ dem er dieſe Befehle gegeben, ging Don Rodrigo ſchla⸗ fen, und ließ auch den Grauen zu Bette gehen; die Lo⸗ beserhebungen, mit welchen er ihn verabſchiedete, verrie⸗ then augenſcheinlich die Abſicht, ihm wieder guten Muth einzufioͤßen, und ſich gewiſſermaßen wegen des uͤbereilten Auffahrens, womit er ihn empfangen, bei ihm zu ent⸗ ſchuldigen. Geh ſchlafen, armer Grauer; du haſt's wohl noͤthig. Armer Grauer! Den ganzen Tag hindurch in Arbeit⸗ * — 284— in Arbeit die ganze Nacht hindurch; dabei die Gefahr, in die Klauen der Bauern zu fallen, oder außer den Prei⸗ ſen, die bereits auf deinen Kopf geſetzt, dir einen zweiten Iwegen Raub eines ehrſamen Maͤdchens“ auf den Hals zu ziehen. Und dann auf eine ſolche Weiſe empfangen zu werden! Aber ſo pflegen die Menſchen zu lohnen. In⸗ deſſen haſt du bei dieſer Gelegenheit lernen koͤnnen, daß Leute, wie du, ſich bisweilen nach ihrem Verdienſte ab⸗: gefertigt ſehen, und die Rechnung auch wohl in dieſer Welt ſchon in's Reine gebracht wird. Geh ſchlafen fuͤr jetzt; vielleicht wirſt du uns kuͤnftig einmal einen andern und weit merkwuͤrdigeren Beweis dafuͤr geben. Naͤchſten Morgens hatte der Graue ſchon wieder alle Haͤnde voll zu thun, als Don Rodrigo aufſtand. Augen⸗ blicklich ſuchte er den Grafen auf. Dieſer ſah ihn kaum hereintreten, ſo ließ er in Geſicht und Geberden einen ergoͤtzlichen Hohn ſpielen, und rief ihm zu:„Sankt Mar⸗ tin, Vetter!“ „Ich weiß eben nicht, was ich darauf antworten ſoll“, ſagte Don Rodrigo, indem er zu ihm hintrat;„ich werde die Wette zahlen; das aber iſt die Wunde nicht, die mich am brennendſten ſchmerzt. Ich hatte Euch fruͤher nichts geſagt; denn, ich geſteh' es, ich hatte mir Rechnung ge⸗ macht, dieſen Morgen mit einer ganz andern, ſiegestrun⸗ kenen Miene vor Euch hinzutreten und Euch in ſtaunende Ueberraſchung zu ſetzen. Aber— genug, ich will Euch jetzt Alles ſagen“,.— 1 „Da hat auf jeden Fall der Moͤnch eine Hand im Spiele“, ſagte der Graf, nachdem er Alles in geſpannter Erwartung verwundert angehoͤrt hatte; ja er nahm ein —t* — 285— ernſteres Weſen dabei an, als ſich von einem ſo eigen⸗ ſinnigen Kopfe haͤtte vermuthen laſſen.—„Der Moͤnch da“, fuhr er fort,„mit ſeiner Karnevalsmaske, mit ſei⸗ nen verdrehten Einfaͤllen, ich ſag' Euch, ich halte ihn fuͤr einen abgefeimten Schurken, fuͤr einen Fuchs, der's fingersdick hinter den Ohren hat. Ihr habt mir Euer Zutrauen nicht ſchenken moͤgen, habt mir nicht klaren Wein einſchenken wollen, was fuͤr ein luͤgenhaftes Ge⸗ ſpinnſt er Euch neulich bei ſeinem Beſuch hier um den Kopf geſchlungen hat,. Don Rodrigo ſtattete von ſeinem Geſpraͤche mit Pa⸗ ter Criſtoforo Bericht ab. „und das Alles habt Ihr geduldet?“ ſchrie der Graf. „Und Ihr habt ihn wieder weggehen laſſen, wie er ge⸗ kommen? „Ei was, hab' ich mir etwa alle Kapuziner in Ita⸗ lien auf den Hals ziehen ſollen?“ „Ich weiß nicht“, bemerkte der Graf,„ob mir in dem Augenblick eingefallen waͤre, daß es außer dem ver⸗ wegenen Halunken noch andere Kapuziner in der Welt giebt. Aber gut, die Vorſchriften der Klugheit moͤgen be⸗ ruͤckſichtigt ſeyn wollen— fehlt es denn etwa an Mitteln, auch von einem Kapuziner vorſichtig ſich Genugthuung zu verſchaffen? Man verdoppelt zur rechten Zeit die Hoͤf⸗ lichkeit gegen den ganzen Orden, und dann kann man ungeſtraft den Stock in die Hand nehmen, um ein ein⸗ zelnes Mitglied vernuͤnftigere Sitte zu lehren. Genug, er iſt der Strafe entgangen, die beſſer fuͤr ihn gepaßt haͤtte; ich aber gedenke ihn unter meine Fluͤgel 3 zubringen, wie man mit Unſersgleichen redet“. „Macht die Sache nicht noch ſchlimmer“, widerrieth ihm Don Rodrigo. „Verlaßt Euch einmal drauf, daß ich Euch als Freund und Verwandter dienen werde“. „Was denkt Ihr zu thun?“ „Noch weiß ich's nicht; den Moͤnch aber will ich in jedem Fall zurecht ſetzen. Ich will's uͤberlegen, und... der Graf Oheim des Geheimraths iſt der Mann, wel⸗ cher den Dienſt mir leiſten ſoll. Was macht's mir fuͤr Freude, jedesmal, wenn ich ihn fuͤr mich kann arbeiten laſſen, einen ſtaatsklugen Kopf von ſolchem Gewicht! Uebermorgen bin ich in Mailand, und auf eine oder die andere Art ſoll der Pfaffe ſein Fett bekommen, verlaßt Euch drauf!. Das Fruͤhſtuͤck, welches waͤhrend deſſen erſchien, un⸗ terbrach ein Geſpraͤch von ſo wichtigem Gehalte nicht. Der Graf ergoß ſich mit voller Seele uͤber den Gegen⸗ ſtand; obgleich er indeſſen ſo lebhaft daran Theil nahm, als die Freundſchaft fuͤr ſeinen Vetter und die Ehre des gemeinſchaftlichen Namens, nach den Vorſtellungen, die er von Freundſchaft und Ehre hatte, erforderten, ſo konnte er hin und wieder ſich doch nicht enthalten, über das uͤble Gluͤck ſeines verwandten Freundes zu lachen. Don Ro⸗ drigo aber, welcher in ſeiner eigenen Sache ſprach, und im Begriff, heimlich einen großen Streich zu thun, ihn mit Laͤrmen verfehlt hatte, war von heftigerer Leidenſchaft bewegt und von unerfreulicheren Gedanken beunruhigt. men, und ein erbaulicher Troſt ſoll es mir ſeyn, ihm bet. „Ein ſchoͤnes Gerede“, ſagte er,„werden die Schuft⸗ —, — 287— in der ganzen Gegend hier hernm draus machen! Aber was kuͤmmert's mich? Was die Gerechtigkeit betrifft, ſo lach' ich dazu; Beweiſe haben ſie nicht; haͤtten ſie welche, thaͤt' ich eben ſo dazu lachen; auch hab' ich auf alle Faͤlle dem Schulzen dieſen Morgen bedeuten laſſen, er möge ſich in Acht nehmen, von dem Vorgefallenen etwa eine Anzeige zu machen. Es wuͤrde nichts daraus erfolgen; das Geſchwaͤtz aber, wenn das herum kommt, das aͤrgert mich. Schon genug, daß ich auf eine ſo nichtswuͤrdige Weiſe bei der Naſe bin herumgezogen worden“. „Sehr geſcheidt gethan, Vetter“, antwortete der Graf⸗ „Euer Stadtvogt hier, ein halsſtarriger Patron, ein ge⸗ waltiger durchloͤcherter Kopf, ein Quaͤlgeiſt von Stadt⸗ vogt—'s iſt endlich ein Ehrenmann, der ſeine Schul⸗ digkeit kennt. Aber gerade wenn man mit dergleichen Leuten zu thun hat, muß man ſich am meiſten in Acht nehmen, ſie in faule Haͤndel mit hinein zu ziehen. Wenn ſo ein Luͤmmel von Schulz eine Anzeige macht, muß der Vogt, wofern er ein Maun von rechtſchaffener Abſicht ſeyn will, freilich. „Ihr aber“, natteac ihn Don Rodrigo aͤrgerlich, „Ihr verderbt mir das Spiel mit Eurem ewigen Wider⸗ ſprechen; gebt ihm immer gleich Eins drauf, ſo wie er ein Wort ſpricht, und treibt auch bei Gelegenheit Euren Spaß mit ihm. Zum Teufel, warum ſoll ein Stadtvogt nicht ein eigenſinniger Starrkopf ſeyn koͤnnen, wenn er uͤbrigens ein Ehrenmann iſt!“ „Wißt Ihr, Vetter“, ſagte der Graf, und ſah ihn mit einem Blicke ſpoͤttiſcher Verwunderung an,„wißt Ihr, ich fange an zu glauben, es wird Euch ein Bischen heiß unter'm Hut? Ihr nehmt mir's auch mit dem Stadt⸗ vogt gar ſehr ernſtlich..“ „Geht, geht, habt Ihr nicht ſelbſt geſagt, daß man ſich mit dergleichen Leuten in Acht nehmen muß— „Das hab' ich geſagt, und handelt ſich's um eine ernſtliche Angelegenheit, ſo werde ich Euch zeigen, daß ich die Kinderſchuhe laͤngſt abgeworfen habe. Wißt Ihr, was ich um Euch zu thun den Muth habe? Ich bin im Stande, ſtehendes Fußes mich auf den Weg zu bege⸗ ben, und dieſem Herrn Stadtvogt meine Aufwartung zu machen. Ob er an ſolch einer Ehre genug haben wird? Ich ſag' Euch, Vetter, ich bin im Stande, ihn eine halbe Stunde hindurch vom Grafen Herzog, von ſeinem ſpaniſchen Herrn Kaſtellan reden zu laſſut, und ihm in allen Stuͤcken recht zu geben, auch wenn er die allerun⸗ ſinnigſten Dinge ſo querkoͤpfig als moͤglich von ihnen be⸗ hauptet. Dann werde ich ſo ein Woͤrtchen vom Grafen Oheim des Geheimraths dazwiſchen fallen llaſſen, und Ihr wißt, was dergleichen Woͤrtchen im Ohr des Herrn Stadtvogt fuͤr'ne Wirkung haben. Endlich am Ende hat er unſres Schutzes weit mehr, als Ihr ſeiner Will⸗ faͤhrigkeit, vonnoͤthen. Ich werd' es klug machen, werde hingehen, und Euch die Sache in beſtmoͤglichem Zuſtande hinterlaſſen“. Nach dieſen und aͤhnlichen Worten ging der Graf hinaus auf die Jagd, und Don Rodrigo wartete mit Aengſtlichkeit die Ruͤckkehr des Grauen ab. Dieſer kam endlich um die Stunde des Mittageſſens, und brachte Kunde. Der Wirrwarr der Nacht war ſo geraͤuſchvoll gewe⸗ — 289— ſen, das Verſchwinden dreier Menſchen aus einem Dorfe ein ſo außerordentliches Ereigniß, daß natuͤrlich, aus Theil⸗ nahme ſowohl als aus Neugier, vielfache, lebhafte und fortwaͤhrende Unterſuchungen angeſtellt wurden. Auf der andern Seite war die Zahl derer, die darum wußten, zu groß, als daß ſie Alle, wie einſtimmig, von Allem geſchwie⸗ gen haͤtten. Perpetua konnte den Fuß nicht uͤber die Schwelle ſetzen, ohne daß der Eine oder der Andere uͤber ſie herſiel, um ſich ſagen zu laſſen, wer eigentlich ihren Herrn ſo uͤber alle Maßen in Furcht geſetzt habe; lief aber die Haushaͤlterin alle Umſtaͤnde des Vorgefallenen durch, und ging ihr ein Licht auf, wie Agneſe ihr ſo liſtig einen blauen Dunſt vorgemacht, ſo empfand ſie uͤber dieſe Falſchheit eine ſolchen Aerger, daß ſie durchaus das Be⸗ duͤrfniß fuͤhlte, ihrem gekraͤnkten Herzen ein wenig Luft zu machen. Freilich beklagte ſie ſich nicht bei'm Dritten oder Vierten uͤber den Pfiff, mittelſt deſſen ihr etwas weiß gemacht worden; uͤber dieſen Punkt ließ ſie ſich nicht her⸗ aus; der Ueberfall aber, womit man auf ihren Herren losgegangen, der konnte nicht gaͤnzlich unter Stillſchwei⸗ gen bei ihr wegkommen, und hauptſaͤchlich, daß ein ſol⸗ cher Ueberfall von dem ſanften Maͤdchen, von dem recht⸗ lichen jungen Manne, von der ſonſt ſo guten Wittwe verabredet und verſucht worden. Don Abbondio mochte immerhin entſchloſſen ihr befehlen, oder herzlich ſie bit⸗ ten, ſich nichts verlauten zu laſſen; ſie mochte ihm im⸗ merhin wiederholen, es ſey uͤberfluͤſſig, ihr eine ſo klare und natuͤrliche Vorſicht eintrichtern zu wollen; bei dem Alllen befand ſich ein ſo großes Geheimniß im Herzen der guten Frau, wie in einem alten ſchlechtgebaͤnderten Faſſe I. 19 Geſchehene verſchweigen; ſein Weib aber war nicht ſtumm. — 290— ein jung abgelagerter Wein, welcher ſprudelnd und wallend kocht, und allmaͤhlig, wenn man den Spund nicht lockert, nach allen Seiten hin ſo ungeſtuͤm wirthſchaftet, daß er in Schaum hervortritt, zwiſchen Daube und Daube durch⸗ ſickert, und bald hier bald dort heraustroͤpfelt, bis man davon trinken und ungefaͤhr ſagen kann, was fuͤr Wein es iſt. Gervaſo, welchem es gar nicht wahrſcheinlich vor⸗ kam, einmal mehr unterrichtet zu ſeyn als jeder Andere, rechnete ſich's zu keinem kleinen Ruhm an, in gewaltiger Furcht geſchwebt zu haben; indem er die Hand bei einer unerlaubten Sache im Spiele gehabt, glaubte er ein Menſch wie die Uebrigen geworden zu ſeyn, und ſo platzte er faſt vor Begierde, ſich ſeiner Heldenthat zu ruͤhmen. Tonio, ſein Bruder, der ernſtlich an Unterſuchungen, an moͤgliche 4 Proceſſe und Rechenſchaft dachte, gab ihm allerdings mit der Fauſt vor’m Geſichte nachdruͤckliche Vorſchriften; den⸗ noch war es unmoͤglich, ihm jedes Wort im Munde zu erſticken. Uebrigens war auch Tonio in jener Nacht zu ungewoͤhnlicher Stunde vom Hauſe abweſend, war mit ungewoͤhnlichem Schritt und Anſehen nach Hauſe gekom⸗ men, die Gemuͤthsbewegung hatte ihn zur Mittheilung geſtimmt, und nicht gaͤnzlich konnte er ſeinem Weibe das Wer am wenigſten ſprach, war Menico; denn kaum hatte 5 er ſeinen Eltern die Geſchichte und den Gegenſtand ſei⸗ ner Sendung erzaͤhlt, ſo ſchien es dieſen eine fuͤrchter⸗ liche Sache, daß ihr Sohn ein Vorhaben Don Rodrigo's hintertreiben geholfen, und kaum ließen ſie den Knaben mit ſeiner Erzaͤhlung zu Ende kommen. Darauf gebo⸗ 3 ten ſie und drohten ihm ſo nachdruͤcklich als moͤglich, — 291— er ſolle ſich auch nicht den leiſeſten Wink entſchluͤpfen laſſen; am folgenden Morgen duͤnkten ſie ſich auch da⸗ durch nicht einmal hinlaͤnglich geſichert, und nahmen ſich vor, ihn den Tag uͤber und allenfalls auch noch die folgenden Tage im Hauſe eingeſchloſſen zu halten. Und dennoch, als ſie nachher mit den Leuten des Dorfes ſich Neuigkeiten erzaͤhlten, und wider Willen merken ließen, daß ſie mehr als Andre davon wußten, als man auf den unerklaͤrten Punkt, auf die Flucht unſrer drei Ungluͤcklichen zu reden kam, und das Wie? das Warum? das Wo? zu beſprechen angefangen hatte, gaben ſie endlich ſelbſt, als eine bekannte Sache, zu verſtehen, ſie haͤtten ſich nach Pes⸗ carenico gefluͤchtet. So gelangte auch dieſer Umſtand in's allgemeine Geſpraͤch. Indem alle dieſe einzelnen Fingerzeige, wie es zu ge⸗ ſchehen pflegt, zu einem vollſtaͤndigen Ganzen zuſammen⸗ geſetzt, und bei dieſem Flicken natuͤrlich mit den gehoͤrigen Franzen ausgeſchmuͤckt wurden, kam am Ende eine Ge⸗ ſchichte heraus, welche ſicherer und klarer als ſonſt eine ſich machte, und ſelbſt einen zweifelſuͤchtigen Kritiker zu befriedigen im Stande war. Nur der Einbruch der Bravi⸗ allerdings ein zu wichtiger und zu laͤrmenvoller Zufall, um ausgelaſſen zu werden, ein Ereigniß, von welchem Keiner auch nur die geringſte beſtimmte Kenntniß hatte, machte die Geſchichte dunkel und verwirrt. Man murmelte ſich den Namen Don Rodrigo zu, und in dieſem Punkte waren Alle derſelben Meinung; im Uebrigen gab es nichts als Dunkelheit und Verſchiedenheit der Anſichten. Man ſprach viel von den beiden Raufern, die man gegen Abend auf der Straße geſehen, und eben ſo von dem Dritten, welcher — 292— an der Thuͤre des Wirthshauſes geſtanden; was ließ ſich aber aus einem ſo duͤrftigen Umſtande fuͤr Licht erlangen? Man mochte ſich beim Schenkwirth immerhin erkundigen, wer am vergangenen Abende bei ihm geweſen; der Mann erinnerte ſich kaum, ob er den Abend Leute zu ſehen be⸗ kommen habe, und ſchloß immer mit dem Satze, ein Gaſt⸗ haus ſey ein Hafen am Meere. Was indeſſen die Koͤpfe am meiſten verwirrte, und alle Vermuthungen zu Schanden machte, war der Pilger, welchen Stefano und Carlandrea geſehen, der Pilger, den die raͤuberiſchen Unholde toͤdten wollten, der dann mit ihnen ging, oder von ihnen mit fortgeſchleppt worden. Wozu war der gekommen? Bald ſollt' es ein guter Geiſt geweſen ſeyn, welcher ſich einge⸗ funden hatte, um den Frauen ſeine Huͤlfe zu leiſten; bald war's das boͤſe Geſpenſt eines ſchurkiſchen und betruͤgeri⸗ ſchen Pilgers, welcher immer bei Nacht ſich zeigte, und ſich denjenigen zugeſellte, die daſſelbe treiben, was er im Leben getrieben; dann war's ein wirklicher, lebendiger Pilger, welchen die Kerle um's Leben bringen wollten, weil er Miene gemacht, das Dorf wecken zu wollen; es war, ſagte ein Vierter— die Leute kommen manchmal bei ihren Schluͤſſen doch auf ſeltſame Dinge— einer von den Raͤu⸗ bern ſelbſt, der ſich als Pilger verkleidet hatte; es war Die⸗ ſer, es war Jener, man verſiel auf eine ſolche Menge von Vermuthungen, daß aller Scharfſinn und alle Erfahrung des Grauen nicht hingereicht haͤtten, zu entdecken, wer er geweſen, wenn er aus den Geſpraͤchen der Bauern dieſen Theil der Geſchichte haͤtte entnehmen ſollen. Was ſie aber fuͤr die Andern am verworrenſten machte, war fuͤr ihn, wie der Leſer weiß, gerade das Klarſte; indeſſen bediente er ſich — 293— dieſes umſtandes als eines Schluͤſſels, um die uͤbrigen Nach⸗ richten, die er ſelbſt oder ſeine untergeordneten Kundſchaf⸗ ter geſammelt, zu erklaͤren, und ſo war er endlich im Stande, fuͤr Don Rodrigo einen ziemlich deutlichen Be⸗ richt daraus zuſammen zu ſetzen. Er ſchloß ſich alſobald mit ihm ein, und ſprach von dem Streich, welchen die bei⸗ den Verlobten bei'm Pfarrer verſucht hatten; dieß erklaͤrte auf ſehr natuͤrliche Weiſe, warum man das Haus leer ge⸗ funden, und was das Glockengelaͤut zu ſagen gehabt habe, ohne daß man im Pallaſte Verraͤther anzunchmen noͤthig hatte. Er ſprach von der Flucht, und auch fuͤr dieſe ließ ſich mehr als eine Urſache finden; die Furcht des Braut⸗ paars, da es bei der ſtraͤflichen Handlung uͤberraſcht wor⸗ den, eine Nachricht vom Einbruch, die ihnen, ſobald ſie entdeckt war, vielleicht gegeben worden; eben ſo der Auf⸗ ſtand des ganzen Dorfes— nichts begreiflicher, als daß ſie ſich eiligſt davon machten. Zuletzt berichtete er, daß ſie nach Pescarenico ihre Zuflucht genommen haͤtten; weiter aber ging ſeine Kunde nicht. Don Rodrigo war wenigſtens mit der Entdeckung zu⸗ frieden, daß kein Verrath dabei im Spiele geweſen, und keine Spur ſeiner Mitwirkung vorhanden; doch gewaͤhrte dieß nur eine oberflaͤchliche und voruͤbereilende Beruhigung.— „Mitſammen die Flucht genommen,“ ſchrie er,„mitſam⸗ men! Und dieſer Schurke von Moͤnch! Dieſer Moͤnch— das Wort kam heiſer aus der Kehle, waͤhrend es zugleich von den Zaͤhnen, die am Finger nagten, verſtuͤmmelt ward; der Anblick des grimmſuͤchtigen Boͤſewichts war widrig, wie ſeine Leidenſchaften. „Buͤßen ſoll's dieſer Pfaffe! Grauer, ich bin nicht, der — 294— ich bin, wenn.. ich will wiſſen, ich will's erfahren.... dieſen Abend! Ich will wiſſen, woran ich bin. Ich hab' keine Ruhe. Nach Pescarenieo, geſchwind, zu wiſſen, zu ſehen, zu erfahren.... Vier Seudi auf der Stelle, und meinen Schutz fuͤr immer. Dieſen Abend will ich's wiſſen. Und der Schurke, der Moͤnch... So ſehen wir den Grauen wiederum auf den Beinen. Am Abend deſſelben Tages noch konnte er ſeinem wuͤrdi⸗ gen Schutzherrn die gewuͤnſchte Auskunft geben. Wie es geſchehen, werde kurz berichtet. Zu den groͤßten Troͤſtungen dieſes Lebens gehoͤrt die Freundſchaft; zu den groͤßten Troͤſtungen der Freundſchaft aber gehoͤrt es, einen Menſchen zu haben, welchem man ein Geheimniß anvertrauen darf. Nun ſind die Freunde nicht, wie die Eheleute, paarweiſe geſchieden; ein Jeder, im All⸗ gemeinen geſprochen, kann mehr als Einen haben; dieß giebt eine Kette, deren Anfang oder Ende Keiner finden koͤnnte. Wenn alſo ein Freund ſich den Troſt gewaͤhrt, ſein Geheimniß in den Buſen eines Andern nieder zu legen, ſo erregt er bei dieſem den Wunſch, ſeinerſeits ſich denſelben Troſt zu verſchaffen. Er bittet ihn allerdings, Niemandem etwas davon zu vertrauen, und wer dieſe Bedingung im ſtrengen Sinne der Worte naͤhme, der wuͤrde den Lauf die⸗ ſer wechſelſeitigen Troͤſtungen unmittelbar hemmen. Der allgemeine Verkehr aber hat allmaͤhlig bewirkt, daß ſie den Freund bloß verpflichtet, das Geheimniß keinem Andern als einem gleich treuen Freunde zu vertrauen, und ihm dieſelbe Bedingung aufzuerlegen. Auf dieſe Weiſe wandert das Ge⸗ heimniß von einem verlaͤſſigen Freunde zum andern, durch die unermeßliche Kette, und gelangt endlich zu Ohren, — — — — — — 295— welche nach dem Willen des Erſten, der es vertraut hat, durchaus nichts davon erfahren ſollten. Indeſſen wuͤrde es gewoͤhnlich lange Zeit unterweges bleiben muͤſſen, wenn Jeder nicht mehr als zwei Freunde haͤtte, den Einen, wel⸗ cher es ihm zufluͤſtert, und den Andern, welchem er es un⸗ ter Bedingung des Stillſchweigens vertraut. Es giebt aber Leute, gleichſam mit einem Vorrechte zur Freundſchaft aus⸗ geſtattet, und dieſe zaͤhlen derſelben zu Hunderten; gelangt alſo das Geheimniß zu Einem von ihnen, ſo werden die Kreiſe der Fortpflanzung ſo reißend und ſo vielfaͤltig, daß es unmoͤglich iſt, ſie mit beobachtenden Blicken zu verfol⸗ gen. Unſer Autor hat ſich nicht mit Gewißheit uͤber⸗ zeugen koͤnnen, durch wie viele Theilnehmer das Ge⸗ heimniß, welches der Graue zu erkundſchaften Befehl hatte, gelaufen ſey; ſo viel aber iſt ausgemacht, daß der gute Mann, von welchem die beiden Frauen nach Monza begleitet worden, als er mit ſeinen Karren um die Veſper⸗ ſtunde nach Pescarenico zuruͤckkehrte, ehe er noch die Schwelle ſeines Hauſes beruͤhrte, einen treuen Freund traf⸗ und dieſem in leiſer Vertraulichkeit das gute Werk, ſo er ausgefuͤhrt, wie die folgenden Ereigniſſe, mittheilte; eben ſo ausgemacht, daß der Graue zwei Stunden ſpaͤter nach dem Pallaſte zuruͤcklaufen, und ſeinem Herrn berichten konnte, Mutter und Tochter haͤtten ihre Zuflucht in einem Kloſter zu Monza gefunden, der Braͤutigam dagegen habe ſeinen Weg nach Mailand fortgeſetzt. Don Rodrigo verrieth uͤber dieſe Trennung eine fre⸗ velhafte Froͤhlichkeit; von der boshaften Hoffnung, zu ſei⸗ nem Zwecke zu gelangen, fuͤhlte er wieder einen leiſen Schimmer erwachen. Ueher die nunmehr noͤthigen Schritte — 296— ſann er einen großen Theil der Nacht hindurch nach, und ſtand ziemlich fruͤh mit zweien Plaͤnen auf, von denen der eine vollſtaͤndig beſchloſſen, der andre nur unvollkommen erſt entworfen war. Jener beſtand darin, den Grauen nach Monza abzufertigen, um uͤber Lucien naͤhere Kunde zu er⸗ halten, und zu wiſſen, ob und was ſich verſuchen ließe. Sein Getreuer mußte alſo den Augenblick erſcheinen, be⸗ kam die vier Seudi in die Hand gedruͤckt, ward uͤber die Geſchicklichkeit, mit welcher er ſie verdient, freundlich ge⸗ lobt, und erhielt ſodann den vorher uͤberlegten Auftrag. „Herr...“ ſagte der Graue zoͤgernd. „Nun, was giebt's? Hab' ich mich etwa nicht deutlich ausgedruͤckt? „Wenn Sie irgend wen anders ſchicken koͤnnten..“ „Wie?“ „Erlauchter Herr, ich trage nicht das mindeſte Beden⸗ ken, fuͤr meinen Schutzherrn meine Haut zu wagen; es iſt meine Schuldigkeit. Ich weiß aber auch, daß Sie das Le⸗ ben Ihrer Untergebenen nicht allzu augenſcheinlich in Ge⸗ fahr ſetzen wollen.“ „Nun alſo? Erklaͤre Dich!“ „Eure erlauchte Gnaden wiſſen die Paar Preiſe, welche ſie auf meinen Kopf geſetzt haben, und.. Hier bin ich unter Eurer Gnaden Schutz; wir ſind eine ganze Schaar beiſammen; der Herr Stadtvogt ſind ein Freund vom Hauſe; die Haͤſcher haben Reſpekt vor mir, und auch ich— frei⸗ aber nicht, um ruhig zu leben?— und auch ich behandle ſie wie meine Freunde. In Malland iſt⸗ Eurer Gnaden Li⸗ vrei bekannt; in Monza— kennt man mich dagegen. ₰ lich eine Sache, die wenig Ehre bringt; was thut man — 297— Und Eure Gnaden wiſſen, wer mich der Gerechtigkeit uͤber⸗ liefern koͤnnte, oder meinen Kopf vorzeigte— ich ſag's nicht, um damit zu prahlen— der zoͤg einen goldenen Hecht an der Angel herauf. Hundert Seudi, einen neben dem an⸗ dern aufgezaͤhlt, und die Erlaubniß, zweien Banditen die Freiheit zu verſchaffen.“ „Was zum Henker?“ ſagte Don Rodrigo,„ſo hab' ich einen nichtsnutzen Hund an Dir, der kaum das Herz hat, von ſeinem Strohlager aufzuſpringen, und den Voruͤber⸗ gehenden in die Waden zu fallen, der ſich ruͤckwaͤrts haͤlt, wenn die Hausleute ihm helfen, und ſich nicht getraut, vier Schritte weit zu gehen?“ „Ich glaube, verehrter Herr, Beweiſe gegeben zu haben...“ „Alſo?“ „Alſo“— nahm der Graue freimuͤthig das Wort, nach⸗ dem er ſo auf die Spitze geſtellt worden,—„alſo thu' Eure Gnaden, als haͤtt' ich gar nicht geſprochen; das Herz eines Loͤwen, das Bein eines Haſen, und ich bin bereit ab⸗ zugehen.“ „Und ich hab' auch nicht geſagt, daß Du allein gehen ſollſt,“ ſagte Don Rodrigo.„Nimm ein Paar von den Beſten mit Dir, den Schmarrgeſicht zum Beiſpiel, den Geradetriff, ſo geh' guten Muths, und ſey der Graue. Drei Geſichter, wie die Eurigen, wenn die ruhig gehen, wer thaͤte ſie nicht herzlich gern ruhig vorbei gehen laſſen? Die Haͤſcher in Monza muͤßten ihres Lebens gar ſehr uͤber⸗ druͤßig ſeyn, wenn's ihnen einkaͤme, fuͤr hundert Seudi ſich an ſo ein gefaͤhrliches Spiel zu machen. Und dann glaub' ich auch nicht ſo unbekannt dort zu ſeyn, daß die Auszeich⸗ — 298— nung, mein Diener zu heißen, ganz nnd gar nichts gelten ſollte.“ Nachdem er auf dieſe Weiſe die Schaam ein wenig bei'm Grauen geweckt, gab er noch beſondere und genauere Weiſung. Der Graue nahm die beiden Gefaͤhrten, und zog mit froͤhlicher und beherzter Miene ab, waͤhrend er heim⸗ lich jedoch Monza, die Kopfpreiſe, die Frauen und die Ein⸗ faͤlle der Schutzherren im Herzen verfluchte. So ſteigt, vom Hunger geſpornt, mit eingeſchrumpftem Bauche und das graue Rippenfell von tiefen Furchen durchſchnitten, ein Wolf von ſeinen beſchneiten Bergen hernieder; er ſchreitet voll wachſamen Argwohns in die Ebene vorwaͤrts, bleibt jeden Augenblick mit emporgehobener Pfote ſtehen, und be⸗ wegt den enthaarten Schweif hin und her: Er reckt die Schnaut', im ſchwachen Winde nüſternd, dreht, ſobald ſich die Witterung eines Menſchen oder einer Waffe verkuͤndet, die ſpitzen Ohren hin, und rollt die bei⸗ den blutigen Augen, aus welchen zugleich die Begier nach Beute und der Schrecken vor der Jagd hervorleuchten. Wer uͤbrigens wiſſen will, woher der ſchoͤne Vers da ſich ſchreibt, ſo iſt er aus einem noch ungedruckten Quodlibet von Kreuzzuͤgen und lombardiſchen Geſchichten entlehnt, welches binnen Kurzem nicht mehr ungedruckt ſeyn wird, und ein maͤchtiges Aufſehen machen ſoll. Ich habe ihn be⸗ nutzt, weil er mir gerade gelegen kam, ſage aber zugleich, woher ich ihn genommen, um mich nicht mit fremden Fe⸗ dern zu ſchmuͤcken; es moͤge Niemand denken, es ſey mein Kunſtgriff, zu verſtehen zu geben, daß der Verfaſſer jenes Quodlibets und ich ein Paar Bruͤder, und daß ich nach Belieben in ſeinen Handſchriften herumſtoͤbre. — 299— Don Rodrigo's zweite Rathspflege betraf Lucien's Ver⸗ lobten. Er hatte ſich einſtweilen von ihr fortbegeben; wie ließ es ſich machen, daß er nie mehr in ihre Naͤhe kaͤme, und keinen Fuß wieder in's Dorf ſetzte? Don Rodrigo faßte den Vorſatz, Nachrichten von Drohungen und Ver⸗ folgungen unter die Leute gelangen zu laſſen; durch irgend einen Freund wuͤrde Renzo ſie zu hoͤren bekommen, und ſich die Luſt, in dieſe Gegend wieder zuruͤck zu kehren, vergehen laſſen. Der ſicherſte Weg aber, dachte er, waͤre, wenn man ein Mittel ausfindig machte, um ihn zur Flucht uͤber die Grenzen des Staates zu bringen. Um indeſſen damit zu Stande zu kommen, ſah er ein, konnte ihm die Gerech⸗ tigkeit weit nachdruͤcklicher als die Gewalt dienen: man koͤnnte, zum Beiſpiel, dem Verſuch im Pfarrhauſe eine an⸗ dere Farbe geben, koͤnnte ihn als einen Angriff, als eine aufruͤhreriſche Handlung darſtellen, und mit Huͤlfe des Doktors dem Stadtvogt beibringen, das ſey ein Fall, wel⸗ cher gegen Renzo einen tuͤchtigen Verhaftsbefehl noͤthig mache. Zu gleicher Zeit aber empfand der planvolle Mann, es komme nicht ihm ſelbſt zu, in dieſem unſaubren Ge⸗ ſchaͤfte eine perſoͤnliche Rolle zu ſpielen; ohne ſich alſo weiter den Kopf daruͤber zu zerbrechen, ward er mit ſich einig, er wolle dem Doktor Knotenhauer, ſo viel als noͤ⸗ thig, um ihm ſeinen Wunſch begreiflich zu machen, ſich eroͤffnen.—„Der Verordnungen giebt's ſo viele,“ dachte er,„und der Doktor iſt keine Gans; irgend etwas, das in meiner Anlegenheit ſich thun laͤßt, wird er doch auffinden, irgend einen verwickelten Handel, um ihn dem lumpigen Schuft an den Kopf zu werfen; haut er mir dieſen Kno⸗ ten nicht durch, ſo haͤng' ich ihm einen andern Namen I. 20 an.“— Aber— welchen Lauf doch manchmal die Dinge dieſer Welt nehmen!— waͤhrend er an den Doktor, als an den faͤhigſten Mann, um ihm hier zu dienen, dachte, arbeitete bereits ein Menſch, der Keinem einfiele, Renzo felbſt arbeitete aus allen Kraͤften daran, ihm ſicherer und foͤrdernder zu dienen, als der Doktor mit allen ſeinen Pa⸗ pieren auf dem Tiſch vermocht haͤtte. Ich habe mehrmals einen artigen Jungen geſehen, der wohl lebhafter als noͤthig war, aber alle Kennzeichen eines tuͤchtigen Mannes verrieth; den ſah ich mehr als einmal gegen Abend beſchaͤftigt, eine kleine Heerde von Meer⸗ ſchweinchen, welche er den Tag uͤber in einem Gaͤrtchen hatte umherſtreifen laſſen, unter's Dach zu treiben. Er haͤtte gern die ganze Schaar mit einem Mal zur Lager⸗ ſtaͤtte geſchafft, es war aber eine vergebliche Muͤhe; das Eine machte ſich auf dieſer Seite davon, und waͤhrend der kleine Hirt ihm nachlief, um es wieder zum Haufen zuruͤck zu treiben, lief ein Anderes, liefen Zwei oder Drei auf der andern Seite fort. Endlich ging ihm die Geduld aus, er mußte ſich nach ihrer Weiſe bequemen, jagte zuerſt diejenigen hinein, welche der Thuͤre am naͤchſten ſtanden, und ging dann, um die Andern zu einem, zu zweien oder dreien, wie es am beſten ſich thun ließ, nach zu holen. Wir ſehen uns nothgedrungen, mit den Perſonen unſerer Erzaͤhlung ein aͤhnliches Spiel vorzunchmen; Lucia war kaum in Sicherheit gebracht, ſo wandten wir uns zu Don Rodrigo, und jetzt muͤſſen wir dieſen verlaſſen, um nach Renzo zu ſehen. Nach der ſchmerzlichen Trennung, von welcher wir Bericht erſtattet, wanderte der Juͤngling nach Mailand — 301— zu. Wie ihm zu Muthe war, kann Jeder leicht ermeſſen. Von ſeinem Hauſe, und was mehr ſagen will, von ſeinem väterlichen Dorfe, was aber am meiſten ſagen will, von Lucien ſich entfernen; auf einer fremden Straße ſich be⸗ finden, ohne zu wiſſen, wohin man das Haupt zur Ruhe niederlegen darf, und Alles das um eines einzigen Schur⸗ ken willen! Wenn dieſer Gedanke ſich in Renzo's Ein⸗ bildungskraft gewaltſam aufrichtete, verfiel er wie außer ſich in Wuth, und ihn uͤberwaͤltigte die Sehnſucht nach Rache; bald aber gedachte er des Gebetes, welches er mit ſeinem guten Moͤnche in der Kirche von Pescarenico zum Himmel erhoben, und ſo beſann er ſich eines Beſſern. Bald darauf flammte die Entruͤſtung wieder empor; ein Schattenbild aber, das uͤber die Mauer hinzuſchweben ſchien, weckte ihn, er ruͤckte den Hut in's Geſicht, und ſtand einen Augenblick ſtill, um von Neuem zu beten; ſo hatte er auf dieſer Reiſe wenigſtens zwanzig Mal ſeinen Schmerzensengel Don Rodrigo getoͤdtet und vom Tode wieder auferweckt. b Die Straße lief eben zwiſchen zweien hohen Seiten⸗ waͤnden verſteckt, voll von Koth und Steinen, von tiefem Naͤdergeleiſe durchſchnitten, welches nach einem ſtarken Regen voller Waſſer ſtand; wo es nicht geraͤumig genug, um dem Waͤſſſer zum Bette zu dienen, lag die ganze Breite der Straße uͤberſchwemmt, in eine Pfuͤtze verwandelt, und faſt ungangbar. Ein kleiner ungebahnter Fuſtſteig, welcher ſich treppenartig uͤber die eine Wand hinzog, zeigte, daß andere Wandrer ihren Weg durch die Felder genommen hatten. Nenzo ſtieg mittelſt eines ſolchen Pfades auf die Anhoͤhe zur Seite, ſah vor ſich hin, und gewahrte das — 392— rieſenhafte Gebaͤude des Domes, einſam aus der Ebene emporſteigend, nicht als wenn es mitten in einer Stadt ſtaͤnde, ſondern aus einer wuͤſten Flur ſich erhoͤbe. Seine Leiden alle vergeſſend, ſtand der Juͤngling ſtill, und wollte auch aus der Ferne dies achte Wunder betrachten, von welchem er ſeit ſeiner Kindheit ſo viel ſprechen gehoͤrt. Indem er aber nach einigen Minuten ſich umwandte, ſah er im Horizonte jene durchſchnittene Gebirgskette, ſah deutlich uͤber die Andern emporragend ſeinen Reſegone, fuͤhlte das Blut ſtuͤrmiſch durch alle Adern wallen, ſtand eine Zeit lang ſtill, traurig bald vorwaͤrts, bald ruͤckwaͤrts blickend, und ſetzte dann ſeinen Weg fort. Allmaͤhlig ent⸗ deckte er Glockenthuͤrme, Kirchenſpitzen, Kuppeln und Haͤuſer; dann ſtieg er in die Straße wieder hinab, wan⸗ derte eine Strecke fort, und als er ſich ziemlich in der Naͤhe der Stadt ſah, trat er zu einem Reiſenden, verneigte ſich ihm ſo hoͤflich als er konnte, und bat um Erlaubniß, fragen zu duͤrfen. „Was wollt Ihr, wackerer junger Mann? „Koͤnnten Sie mir wohl die kuͤrzeſte Straße angeben, um zum Kapuzinerkloſter zu kommen, wo Pater Bonaven⸗ tura ſich aufhaͤlt?“ Der Mann, an welchen Renzo ſich wandte, war ein wohlhabender Bewohner aus der Umgegend. Er hatte ſich am Morgen in Geſchaͤften nach Mailand begeben, und kehrte jetzt, ohne etwas ausgerichtet zu haben, in großer Eile zuruͤck. Er wußte nicht, wann er wieder zu Hauſe ſeyn wuͤrde, und ſo mußte ihm jede Verzoͤgerung ſehr un⸗ gelegen kommen. Dennoch ließ er keine Ungeduld blicken, und gab mit ziemlicher Bereitwilligkeit Auskunft. — 303— „Lieber Freund, es giebt der Kloͤſter in Mailand mehr als eins; Ihr muͤßtet mir genauer angeyen koͤnnen, wel⸗ ches Ihr eigentlich ſucht.”“ Renzo zog alſo aus dem Buſen den Brief des Paters Criſtoforo hervor, und zeigte ihn dem Manne. Dieſer las die Aufſchrift:„Am Thor gegen Morgen,“ gab ihm zuruͤck, und ſagte:„Habt gut Gluͤck, junger Menſch! Das Kloſter, ſo Ihr ſuchet, iſt nicht eben weit von hier. Nehmt den kleinen Weg da zur Linken; es iſt ein Quer⸗ weg durch's Feld; nach einiger Zeit werdet Ihr ſeitwaͤrts auf ein langes niedriges Gebaͤude ſtoßen, das iſt das Kran⸗ kenhaus. Haltet Euch friſch weg an den Graben, der ſich herum zieht, ſo kommt Ihr an das Thor gegen Morgen. Da tretet Ihr hinein, und nach drei⸗ oder vierhundert Schritten thut ſich Euch ein Platz mit huͤbſchen Ulmen auf; dort iſt das Kloſter; verfehlen laͤßt ſich's da nicht. Gott mit Euch, guter Junge!“— Er begleitete die letz⸗ ten Worte mit einer freundlichen Bewegung der Hand, und entfernte ſich. Renzo ſtand uͤber die feine Art der Staͤdter, gegen die Derbheit der Landleute verglichen, erſtaunt und erbaut da; er wußte nicht, daß es ein ungewoͤhnlicher Tag war, ein Tag, an welchem die Maͤntel ſich vor den Jacken er⸗ niedrigten. So ſchlug er denn den angezeigten Weg ein, und gelangte an das Thor gegen Morgen. Indeſſen muß ſich der Leſer bei dieſem Namen nicht die Bilder, die jetzt damit verbunden, in den Kopf kommen laſſen; die breite gerade Straße draußen, an deren Seite ſich Pappelreihen hinziehen; der geraͤumige Durchgang zwiſchen zweien Bau⸗ ten, deren Anfang wenigſtens viel verſpricht; die beiden — 304— Seitenanhoͤhen beim erſten Eintritt, welche regelmaͤßig ſich neigend, geebnet und mit Baͤumen eingefaßt, zur Abda⸗ chung der Baſteien fuͤhren; der Garten von der einen Seite, dann weiter hinaus die Pallaͤſte zur Rechten und Linken der Straße durch die Vorſtadt— von Allem dem war in jenen Zeiten noch nichts zu ſehen. Als Renzo durch das Thor kam, ging die Straße draußen das ganze Krankenhaus gerade entlang, das Gebaͤude gab ihr die Richtung; dann aber zog ſie ſich krumm und enge zwi⸗ ſchen zweien Zaͤunen hin. Das Thor beſtand aus zweien Pfeilern, uͤber welchen ein Wetterdach, um die Fluͤgel zu ſchirmen; auf der einen Seite ein aͤrmliches Haus fuͤr die Zolleinnehmer. Der Aufgang zu den Baſteien erhob ſich in unregelmaͤßiger Anhoͤhe, und die Dachung war eine rauhe, unebne Flaͤche voll von Schutt und Scherben, die, zufaͤllig hingeworfen worden. Die Straße der Vorſtadt, welche vor den Augen des Hineintretenden ſich oͤffnete, ließe ſich ſehr wohl mit derjenigen vergleichen, in die man heute durch das Toſathor tritt. Ein kleiner Graben durch⸗ lief ſie in der Mitte bis auf wenige Schritte vom Thore, und theilte ſie ſolcherweiſe in zwei gewundene Gaſſen, die, nach der Jahreszeit, voll von Staub oder Koth waren. Da wo noch jetzt die Gaſſe muͤndet, welche di Borghetto heißt, ergoß ſich der kleine Bach in eine Waſſergrube, und floß dann in einen andern Graben, der laͤngs der Maner lief. Hier ſtand eine Saͤule mit einem Kreuze darauf, die Saͤule des heiligen Dionyſius genannt; zu beiden Seiten gab es umzaͤunte Gaͤrten, hin und wieder Huͤtten, groͤß⸗ tentheils von Bleichern bewohnt.. Renzo trat in's Thor, und ging durch; keiner von — 305— den Zolleinnehmern ruͤhrtr ſich. Das kam ihm als etwas ganz Außerordentliches vor; denn von den Wenigen aus ſeinem Dorfe, welche ſich ruͤhmen konnten, in Mailand geweſen zu ſeyn, hatte er Wunders viel erzaͤhlen gehoͤrt, wie Jeder, der von auswaͤrts in die Stadt kaͤme, mit Fragen und Unterſuchungen geplagt wuͤrde: dabei war die Straße menſchenleer, und haͤtte er nicht ein fernes Ge⸗ tuͤmmel gehoͤrt, welches eine große Bewegung verkuͤndigte, ſo wuͤrde er in eine verlaſſene Stadt zu treten gemeint haben. Er ſchritt vorwaͤrts, und wußte nicht, was er davon zu denken hatte; da ward er auf dem Pflaſter weiße Streifen gewahr, als waͤr's Schnee; aber Schnee konnte es nicht ſeyn, denn der faͤllt nicht in Streifen, faͤllt auch in der Regel nicht um dieſe Jahreszeit. Er huͤckte ſich, ſah genauer hin, unterſuchte mit den Haͤnden, und uͤber⸗ zeugte ſich, daß es Mehl war.—„S muß hier in Mai⸗ land,“ dachte er,„ein entſetzlicher Ueberfluß vorhanden ſeyn, wenn ſie Gottes Gabe ſich ſo auf offener Straße herumtreiben laſſen. Und dann wollen ſie uns weiß ma⸗ chen, daß die Theuerung uͤberall zu Hauſe iſt. Das iſt aber ihr Pfiff, um die armen Leute auf dem Lande bei Ruhe zu erhalten.“— 4 Er war kaum einige Schritte weiter gegangen, ſo nun er an eine zweite Saͤule, an deren Fuße er etwas noch weit Seltſameres erblickte; auf den Stufen des Untergeſtelles ſah er Dinge umherliegen, die wahrlich keine Steine waren, und haͤtten ſie auf dem Brett eines Baͤckerladens gelegen, ſo wuͤrde kein Menſch ſich einen Augenblick beſonnen ha⸗ ben, ſie Brodte zu nennen. Renzo aber wollte ſo ſchnell ſeinen Augen nicht trauen; denn zum Wetter! das war — 306— kein Ort fuͤr Brodte.—„Wir wollen doch einmal ſehen, was das fuͤr eine Geſchichte iſt!“ ſagte er fuͤr ſich, und trat zur Saͤule hin; er buͤckte ſich, nahm eins— es war wahrhaftig ein rundes weißes Brodt, wie es unſer Wan⸗ derer nicht einmal an Feſttagen zu eſſen gewohnt war.— „„S iſt meiner Seele Brodt,“ ſagte er laut; ſo groß war ſein Erſtaunen—„ſo ſtreut man's hier zu Lande herum? In dieſem Jahre? Und es ruͤckt ſich auch nicht einmal Einer, um es aufzufangen, wenn es faͤllt! Das iſt ja wahrhaftig das Schlaraffenland, wo der Himmel voller Geigen haͤngt!“ — Nach einem Wege von zehn Meilen, bei friſcher Mor⸗ genluft, machte das Brod, ſobald er nur mit der Ver⸗ wundrung fertig war, ſeine Eßluſt ziemlich rege.— „Nehm' ich’s?“ uͤberlegte er.„Pah! Sie haben's hier fuͤr die Hunde liegen laſſen, ſo wird ſich doch wohl auch ein chriſtlicher Menſch dran ſatt eſſen duͤrfen! Im ſchlimm⸗ ſten Fall kommt der Eigenthuͤmer dazu, und dann bezahl' ich's ihm.“— Indem er ſo dachte, ſteckte er das Brodt, welches er ſchon in Haͤnden hatte, in die Taſche, machte es mit einem zweiten und einem dritten eben ſo, und ſetzte ſeinen Weg fort, unkundiger als je, und von ganzer Seele begierig, uͤber die Sache ſich eine Aufklaͤrung zu verſchaffen. Bald ſah er Leute aus dem Innern der Stadt daher⸗ kommen, und betrachtete diejenigen, welch zuerſt ſich ſehen ließen, mit Aufmerkſamkeit. Es war ein Mann, eine Frau, und einige Schritte dahinter ein Knabe, alle Drei mit ei⸗ ner Laſt auf dem Ruͤcken, die ihre Kraͤfte zu uͤberſteigen ſchien, alle Drei in einem ſeltſamen Aufzuge. Die Kleider, oder eigentlich die Fetzen mit Mehl bedeckt, mit Mehl be⸗ deckt die Geſichter, und uͤber alle Maßen verzerrt und — 307— entflammt; dabei ein Gang, der nicht bloß muͤhſam durch die Laſt, ſondern ſchwer ſich fortſchleppend, Als waͤren die Glieder zerquetſcht und gebrochen. Der Mann trug mit Muͤhe einen maͤchtigen Mehlſack auf der Schulter; dieſer hatte hin und wieder Loͤcher, und ließ bei jedem Anſtoß, bei jedem Schwanken des Gleichgewichtes eine Handvoll herausgleiten. Noch uͤbler aber machte ſich die Geſtalt der Frauz ein dicker unverhaͤltnißmaͤßiger Leib, zwei ausgebrei⸗ tete Arme, die ihn nur mit Anſtrengung zu unterſtuͤtzen ſchienen, und zweien gebogenen Eimerhenkeln glichen; un⸗ ten zeigten ſich zwei Fuͤße, bis zum Knie entbloͤßt, welche taumelnd ſich vorwaͤrts bewegten. Renzo ſah genauer hin, und erkannte in dem unfoͤrmlichen Leibe den Rock, welchen die Frau nach oben umgeſchlagen hielt; er war mit Mehl gefuͤllt, ſo viel er nur faſſen konnte, und wohl noch ein wenig druͤber; daher hin und wieder etwas davon, wie ein weißer Staub, fort flog. Der Knabe trug auf dem Kopfe mit beiden Haͤnden einen Flechtkorb, voll von Brodten; da er aber in der Laͤnge der Fuͤße gegen ſeine Eltern zu kurz kam, blieb er allmaͤhlig hinter ihnen zuruͤck, und wenn er dann zu laufen anfing, um ſie wieder einzuholen, gerieth der Korb aus ſeiner Lage, und einige Brodte ſielen zur Erde. „Wenn Du noch eins fallen laͤßt, unnuͤtzer Schlin⸗ gel!“ ſagte die Mutter, und knirſchte ihm mit den Zaͤh⸗ nen zu. „Ich laſſ' ſie nicht fallen; ſie fallen von ſelbſt,“ ant⸗ wortete der Junge.„Wie ſoll ich's anfangen?“ „Dein Gluͤck, daß ich die Haͤnde nicht frei habe⸗“ ſagte die Frau, indem ſie mit den Faͤuſten eine Bewegung machte, als verſetzte ſie dem armen Schelm einen Hieb; bei I. 21 dieſer Bewegung aber entſtaͤubte ihr eine neue Mehlwolke, welche wohl mehr betragen mochte als die beiden Brodte, die der Knabe hatte fallen laſſen.—„Fort, fort,“ ſagte der Mann,„wir werden zuruͤckkommen, um ſie aufzuneh⸗ men, oder s nimmt ſie'in Andrer auf. So lange Zeit dar⸗ ben wir; jetzt, da'n mal ein Bischen Ueberfluß kommt, wollen wir's uns in Frieden ſchmecken laſſen.“ Waͤhrend deſſen kamen Leute von draußen dazu; Einer von ihnen trat zur Frau hin, und fragte, wo man ſich Brodt zu holen habe?—„Vorwaͤrts, vorwaͤrts!“ antwor⸗ tete ſie, und als ſie etwa zehn Schritte weit entfernt wa⸗ ren, ſagte ſie muͤrriſch:„dieſe Schlingel vom Lande kom⸗ men, alle Backoͤfen und alle Vorrathskammern leer zu fe⸗ gen, und fuͤr uns bleibt nichts uͤbrig.“ „Immer noch ein Bischen fuͤr den Mann, Plauder⸗ lieſe,“ ſagte der Kerl an ihrer Seite.„Die Huͤlle und Fuͤlle!“ Aus Dieſem und Aehnlichem, was er ſah und hoͤrte, fing Renzo an zu begreifen, er habe eine empoͤrte Stadt betreten, und dieß ſey ein Tag der Eroberung, wo Jeder, heißt das, nach Wollen und Koͤnnen ſich nahm, und mit Schlaͤgen bezahlte. So ſehr wir auch wuͤnſchen, unſern armen Gebirgsmann eine gute Rolle ſpielen zu laſſen, ſo noͤthigt uns doch die hiſtoriſche Treue die Bemerkung ab, daß das Schauſpiel ſich im erſten Augenblick ſeines Bei⸗ falls erfreute. Er hatte ſo wenig Urſache, mit dem gewoͤhn⸗ lichen Laufe der Dinge zufrieden zu ſeyn, daß er geneigt war, jede Veraͤnderung zu billigen. Da er uͤberdieß kein Mann war, welcher ſich uͤber ſein Jahrhundert erhob, lebte auch er in der allgemeinen Meinung, die Theuerung des —— — 309— Brodts rüͤhre von den Aufkaͤufern und von den Baͤckern her; folglich hielt er ſehr gern jeden Weg fuͤr recht, um die Nahrungsmittel, welche ſie, jener Meinung nach, dem Hunger eines ganzen Volkes grauſam verweigerten, ihren Haͤnden zu entreißen. Indeſſen beſchloß er, ſich vom Tu⸗ multe fern zu halten, und war froh/ auf dem Wege zu ei⸗ nem Kapuziner zu ſeyn, der ihm Unterkommen und gute Weiſung geben wuͤrde. Indem er ſo dachte, und die neuen Eroberer, welche mit Beute beladen erſchienen, betrachtete, legte er die kurze Straße zuruͤck, die ihm noch blieb, um das Kloſter zu erreichen. Wo jetzt der ſchoͤne Pallaſt mit der hohen Altane ſich erhebt, war damals, und war vor wenigen Jahren noch, ein kleiner Platz, in deſſen Hintergrunde die Kirche und das Kloſter der Kapuziner, mit vier großen Ulmbaͤumen da⸗ vor. Wir freuen uns, nicht ohne Neid, mit denjenigen unſrer Leſer, welche den Stadttheil dort in jenem Zuſtande nicht geſehen; es ſind junge Leute noch, die bisher nicht die Zeit gehabt haben, viele naͤrriſche Streiche zu begehen. Renzo ſchritt gerade zur Thuͤre des Kloſters, verſteckte das halbe Brodt, welches ihm blieb, in den Buſen, nahm den Brief hervor, hielt ihn zeigefertig in der Hand, und zog die Klingel. Es oͤffnete ſich ein Einlaßthuͤrchen mit einem Gitter, und erſchien das Geſicht des Bruder Pfoͤrtners, welcher fragte, wer da ſey. „Einer von außerhalb,“ ſagte Renzo,„der vom Pater Criſtoforo dem Pater Bonaventura einen dringenden Brief bringt.“ „Gebt her,“ antwortete der Pfoͤrtner und ſteckte die Hand durch's Gitter. — 310— „Nein, nein,“ ſagte Renzo,„ich ſoll ihn in ſeine ei⸗ genen Haͤnde geben.“* „Er iſt nicht im Kloſter.“ „Laßt mich hineintreten, ſo will ich ihn erwarten.“ „Thut, wie ich Euch ſage,“ ſprach der Moͤnch; ner⸗ wartet ihn in der Kirche, koͤnnt dort indeſſen ein wenig beten. Inss Kloſter wird fuͤr jetzo Keiner herein gelaſſen.“ Mit dieſen Worten ſchloß er das Thuͤrchen zu. Renzo blieb, wie albern, mit ſeinem Brief in der Hand ſtehen. Er that zehen Schritte nach der Kirchenthuͤre zu, um dem Rath des Pfoͤrtners zu folgen; dann aber ſiel ihm ein, vor⸗ her doch noch einmal nach dem Auflauf hinzuſehen. Er ging uͤber den Platz, trat an den Rand der Straße, und ſtand mit verſchraͤnkten Armen da, links nach dem Innern der Stadt hinſchauend, wo das Gewuͤhl am gedraͤngteſten und am geraͤuſchvollſten war. Der Strudel zog den Zuſchauer an. Wir wollen doch einmal hinſehen! dachte er, nahm das Brodt wieder hervor, und machte ſich, indem er einen Biſſen nach dem andern davon abbrach, nach jener Seite hin auf den Weg. Waͤhrend er geht, wollen wir, ſo ge⸗ draͤngt als moͤglich„ die Urſachen und den Anfang jenes Tumn 1 h ethten Ende des erſten Theils Berlin, gedruckt in der Knieſtädtſchen Buchdruceerei. (Gebr. Unger.) 74 Mnnnnnzydnneanmmamm 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17