Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Edujard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — Leih- und TCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 1 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe[muß voraus ſbezahlt werden und eträgt: für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mer.— Pf. 1 „ 7„—„ 5„—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des wanzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird eeſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Leihbil 6 V deutſcher, engliſcher un ESdugard Ott Schloßgaſſt 3. Leih- und 1. Offensein der Biblioth pfangnahme und Rückgabe d ſ. 7 Uhr bis Abends§ Uhr off K 2. Lesepreis. Bei Rückge jedem Tag 5 Pf. bezahlt. T den angenommen. 3. Caution. Unbekannte 4 eines Buches, eine dem Wer hinterlegen, welche bei deſſen wird. 4. Abonnement. Daſſelbe: beträgt:t für wöchentlich 2 Bücher —— auf 1 Monat: 1 Mk.— P 5. Auswärtige Abonnenten der Bücher auf ihre eigenen K. 6. Schadenersatz. Für beſct defecte Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werden.— J lorene oder defecte Buch ein Th b der Leſer zum Erſatz des Ganze 3 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe ai eeſonders darauf aufmerkſam g der Bücher nicht ſtattfinden dar felben von mir geliehen, auch Deutſche Uuterhaltungs⸗Dibligthek. 3 e3— 2 4 79 Erſte Serie. Hoe Oce- es Sechſter Band: Zer Herzog an der ſeine. Zweite Abtheilung.— II. WVWAWW NVWNN Verlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Der Berzog an der Leine. Von Hermann von Maliitz. Zweite Abtheilung: Schloß Hardegſen. Zweiter Theil. mwmmm Verlin, 1860. Druck und Verlag von Otto Janke. Erſtes Kapitel. Das Jahr 1380 hatte begonnen; Schnee lag rings um auf Feldern und Bergen; vom Schloſſe Wolfenbüttel herab erblickte man die nahen Harzgebirge im blendenden Schnee⸗ glanze der aufgehenden Sonne eines himmelblauen kalten Januarmorgens; im Frühnebel des nördlichen Horizontes erhoben ſich neben der Waldecke die grauen Formen der braunſchweigiſchen Kirchthürme und Warten; gegen Oſten ſchloß das waldige Elmgebirge im rothen Lichte die weite, hügelige Ebene. In einem kleinen Gemache, das die Ausſicht auf das Lechelnholz gewährte, ſtand ein junger Mann am Fenſter, welches er mit ſeinem Athem ſo weit aufgethauet hatte, daß er durch die runde Scheibe ſehen konnte; er hatte ſich in einen groben, mit Fuchspelz beſetzten Mantel gehüllt, denn er ſchien zu frieren; ſeine Geſtalt war zwar klein und zierlich, aber das Auge blitzte, der gewaltſam geſchloſſene, grollende Mund ſchien die lebhaften, ungeduldigen Gedanken und Empfindungen zurückzudrängen, die der feurige Geiſt aus dem muthigen, unruhigen Blicke ſprach. Das Gemach war nur eng und niedrig; es diente zum Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 1 Wohnen und Schlafen, denn ein Lager ſtand in einer Ecke; einige Bücher auf dem rohen Tiſche, eine Poſtille auf einem Betſtuhle unter einem ſteinernen Heiligenbilde in der Mauer, ein alter Lederſeſſel und ein Waſſerkrug im Fenſter bildeten die Ausſtattung des Gemaches; ein zahmer Rabe, der vor Kälte zuſammengekauert auf dem Riegel unter dem Eichen⸗ tiſche ſaß und vor ſich hinträumten war die Geſellſchaft des Jünglings. Ein Geräuſch an der ſchwerfälligen Thür, als ob ein Riegel aufgeſchoben wurde, ließ vermuthen, daß hier ein Gefangener hauſe. Es war der junge, nunmehr neunzehnjährige Herzog Friedrich, des Magnus Torquatus älteſter Sohn.— Als er das Geräuſch draußen an der Thür hörte, kehrte er ſich vom Fenſter ab, warf einen verächtlichen Blick auf die ärmliche Umgebung und in ſeine Miene fuhr eine unruhige Hitze. In die Thür trat ein alter Mann, eine brennende Lampe, dürres Reiſerholz, einen Korb voll Fichten⸗ zapfen und einige büchene Scheite in Hand und Arm; als er den jungen Mann ſchon in Kleidung und in dem wär⸗ menden Mantel antraf, ſprach er: e„Ihr ſeid früher wach, als ich dachte, Herr; nun will ich ſchnell den Ofen heizen, ich kehre gleich wieder!“— Damit entfernte er ſich ſchnell, und das Geräuſch im hohen eiſernen Ofenkaſten, der aus der dicken Mauer hervortrat und mit Eiſenſtangen ge⸗ halten wurde, verrieth, daß der Alte bemüht war, das kalte Gemach behaglicher zu machen. Der junge Herzog ſchritt gegen den Lehnſtuhl, ließ ſich darin mit ſo ungeduldiger Bewegung nieder, daß der Rabe, vom Riegel des Tiſches aufgeſchreckt, mit ausgebreiteten Flügeln einige weite Sprünge 1 — 3 durch das Gemach that und aus der Entfernung den un⸗ geſtümen Stubengenoſſen mit klugen Augen bei aufgeſperrtem Schnabel anſchauete. „Schelte nur, Kunz“— ſprach Friedrich—„Du biſt auch nicht gewohnt, einen langen Tag und eine noch längere Nacht in einem engen Mauerloche zu ſitzen;— he, Alter, kannſt Du noch fliegen?“ Der Rabe, der nahe an den Ofen geſprungen war, fuhr abermals auf, denn aus dem hohen, eiſernen Feuerkaſten dröhnte eine Stimme—„Habt Ihr mich gefragt? Gleich komme ich, hier kann ich's nicht verſtehen! Das Feuer brennt und kniſtert ſchon!“— Friedrich lehnte ſich, ohne zu antworten, im Seſſel über, legte die Hand über das Geſicht und überließ ſich dem ſtillen Gedanken, der ihn ſchon früh vom Lager aufgetrieben hatte, nunmehr mit dem erſchlaffenden Gefühle unbefriedigter Ungeduld. Der Rabe ſchritt ehrbar herbei, nahm ſeinen Platz unter dem Tiſche wieder ein und ſah den ſtillen Freund unverwandt an. Nun kehrte der Alte zurück, bot dem Herrn einen guten Tag, rieb ſich die Hände und begann, den Raben gewah⸗ rend:—„Ei, leiſtet Euch der Kunz Geſellſchaft?“— Friedrich ſprach, die Hand wie ein Erwachender lang⸗ ſam vom Geſichte ziehend:—„Da er mich geſtern ver⸗ mißte, ſo flog er gegen Abend in das Fenſter hier, wo ich meine ungeſtümen Gedanken hinausſchweifen ließ— hinaus, weit fort— dort hinaus!— Rupert! bei Gott, Rupert! Ich halte es nicht länger mehr aus!“— Er ſprang vom Seſſel auf und trat an das Fenſter. „Beſter Herr— nur noch eine kurze Zeit; die rechte . 1⸗ Stunde wird kommen, verderbet nicht der ſieben langen Jahre Hoffnung durch eine voreilige That— bleibet Eurer Rolle getreu— Ihr habt geſtern erprobt, was Euer Ungeſtüm ſchadet.—— „Rupert!“— ſprach der Jüngling, indem er ſich zum alten Knappen kehrte, ſich auf deſſen Schulter ſtützte und ihm wehmüthig in das Geſicht ſah—„Rupert, o haſt Du denn gar kein Mitleid mit dem Sohne Deines alten Herrn? Rupert, Du kennſt das unruhige Blut meines Vaters— ſieh', wie es durch mein Herz und Hirn rinnt; wenn ich ihm auch nicht an Geſtalt gleiche, ſo fühle ich doch ſeinen Muth, ſeine feurige Ungeduld;— ha! der verrätheriſche, räuberiſche Oheim will mich durch die Stockung meines eigenen Blutes erſticken!“— „Herr— wenn der Quade auch nur eine leiſe Ahnung davon hätte, daß Ihr einen Tropfen Blut von Eurem Vater hättet, daß in Eurem ſcheinbar ſchwächlichen Körper der Mann früh und ſtill gereift wäre, er würde Euch nicht eine Secunde länger unter der Aufſicht eines alten, greiſen Knappen laſſen und Euch nicht wie ein Kind ſtrafen.— Der unbewachte Augenblick, wo Ihr geſtern riefet:„ Ich bin Herzog von Braunſchweig und will frei reiten dürfen, wohin es mir beliebt!“— hat Euch ſchon ſeit zwanzig Stunden zum Gefangenen und mich zu Eurem Gefängniß⸗ wächter gemacht. Fordert, den Herzog zu ſprechen, bittet ihn um Gnade, gelobt Gehorſam; ich kann es nicht an⸗ ſehen, daß Ihr länger in dieſem gemeinen Gemache einge⸗ riegelt ſitzet; o, Herr, mäßiget Euch, blicket mich nicht ſo zornig an, verberget noch Eure Kraft, Eure Ehre, Ent⸗ 1 5 rüſtung und Eure Freunde— es iſt noch nicht Zeit.“— So ſprach der Alte flüſternd. „In zwei Jahren werde ich volljährig“— antwortete Friedrich—„in zwei Jahren;— iſt das vielleicht die rechte Zeit? Ja, bis dahin wird er mich abgethan und mein Erbe bis zum letzten Schilling geſtohlen haben— und wenn die zwei Gahre abgelaufen ſind und ſeine Vor⸗ mundſchaft zu Ende iſt, dann wird er mich beerben!“ „Um Gottes Willen, gebt Euch nicht ſolchen Grübeleien hin, Herzog!— Zwiſchen Muth und Kleinmuth liegt noch eine Mitte, die man kluges Abwarten nennt; Ihr werdet keine zwei Jahre mehr die Kette der Tyrannei ſchleppen. Alles geſtaltet ſich günſtig; je mehr der Blick Eures Oheims ſich verdüſtert und ſein Verdruß mit der böſen Laune ſteigt, um ſo mehr kläret Euch in eigener Seele auf und ſeid in's Geheim heiteren Sinnes, denn was ihn verdrießt und ver⸗ finſtert, iſt, ohne daß er es ahnt, ein aufgehender Tag für Euch.“— „Du legſt das lebendige Samenkorn in ein Hoffnungs⸗ feld, auf das die Sonne der Freiheit fällt, und Du ver⸗ bieteſt ihm, daß es keime und aufgehe.— Meine Mutter kann mir nicht helfen, denn ſie hat ihre Sorge mit meinen Brüdern Bernhard und Heinrich; ſeit die Braunſchweiger während des Oheims Abweſenheit mir ihre Aufmerkſamkeit bewieſen haben, kann ich nur auf ſie bauen.“ „Ja, Herzog, nur auf ſie, aber mit Klugheit. Die Braunſchweiger, welche ſich jetzt wieder kräftiger fühlen, ſeitdem ſie den Zorn der Hanſa verſöhnt haben, ſinnen längſt darauf, den Räuber, der ſich hier wie ein Geier auf dem Schloſſe Eures Vaters feſtgehorſtet hat, mit Ge⸗ walt zu vertreiben, aber wie ſollen ſie ihm beikommen, ohne Liſt! Setzt Euch, lieber Herr, laßt uns hier in dieſem entfernten Gemache und da die Bewohner des Schloſſes um dieſe Stunde noch ſchlafen nach wilddurchlebter Nacht, ein vertrauliches Wort reden. Ich habe mit dem braun⸗ ſchweiger Gildemeiſter, welcher neutich von des Herzogs Knechten aufgegriffen, hier gefangen gehalten und vorgeſtern von ſeiner Gilde gegen einen gefangenen Junker eingelöſt wurde, eine heimliche Zwieſprache gehabt; die Stadt denkt an Euch und hofft auf Euren klugen Sinn; in einer Stim⸗ mung höchſten Unmuthes über die räuberiſche Tyrannei des Quaden wollten ſie Euch ſchon vor ein paar Jahren ein Zeichen geben, daß ſie nach ihrem rechtmäßigen Landesherrn verlangten; ſie haben Euch aufgelauert in allerlei Verkleidung und unter manchen Vorwänden, ſie wagten es, als Otto mit ſeiner Ritterſchaar nach der Leine aufgebrochen war, Ab⸗ geſandte zu Euch zu ſenden, um Euch wegen des Aufruhres gegen die Bürgermeiſter um Verzeihung zu bitten und Euch dadurch zu verſtehen zu geben, daß ſie in dem Sohne des Magnus' den rechten Herrn ſuchten; aber ſie wollten zugleich die Wahrheit des Gerüchtes ergründen, ob Ihr ſchwach an Geiſt und unfähig ſeid, des Vaters Erbe zu regieren. Auf meinen Rath ſtelltet Ihr Euch, als ſie in der Longinus⸗ Kirche nach der Meſſe als Mönche verkleidet, zu Euch traten, wie ein Kind und ſie haben die Nachricht mit heim— gebracht, daß Ihr an Geiſt nicht ſtärker als an Körper erſchienet.“ „Und das neunſt Du Klugheit? Damit ſollte ich die — — 7 Braunſchweiger reizen, eines blöden Knaben Herzogthum zu erkämpfen?“ „Ihr wißt, wie Otto Kunde von der That der Braun⸗ ſchweiger erhielt, wie ein fremdes Ohr ihre Worte in der Longinuskirche, aber auch Euer kindiſches Benehmen dabei belauſcht und es dem Weferlingen hinterbracht und wie dieſer Jagd auf dieg unechten Mönche gemacht, aber ſie nicht erwiſcht hatte, da ſie im Holze ihre Kleider wechſelten. Ihr habt gehört, wie der Herzog im Zorn ſchwur, Rache an den Bürgern zu nehmen und ſie mit Schwert und Feuer zu ſtrafen ob ihres lühnen Verſuches, wie er Euch mit Hohnlachen und ſtiller Befriedigung über Euer kindi⸗ ſches Benehmen an die Knabenſpiele verwies und die Ritter Euch verſpotteten, Euch einen Herzogshut von Per⸗ gament aufſetzten und“— „Rufe mir dieſe Schmach nicht mit friſchem Anſtrich in mein Gedächtniß zurück!“— fiel Friedrich ein;—„es kocht mein Blut, ich habe mehr gethan, als ich vor dem Andenken meines Vaters verantworten kann.— Ha, dieſer Steinberg, dieſer Schwiecheldt! Aber vergelten will ich es ihnen, bei meiner empörten Ehre! Als ich ſie geſtern vom Fenſter aus in die Burg einreiten ſah, in meine Burg, wo ich ein Gefangener bin, da hüätte ich einen Blitzſtrahl haben mögen, um ſie niederzuſchmettern! Ich hätte Luſt, die Gefangenen, die alle Thürme und Keller dieſer Burg anfüllen, in einer Nacht frei zu machen, ihnen Waffen zu geben, um Alle niederzuſtoßen, die ſich hier in mein Erbe eingeſtohlen und mich wie einen gemeinen Buben gekränkt haben!“— Obgleich es noch kühl im Gemache war, ſo warf Friedrich doch ſeinen Mantel ab, ſprang vom Seſſel empor, ſtieß das Fenſter auf und athmete heiß und heftig die kalte, eiſige Morgenluft ein. Der Rabe that einen Sprung nach der Lehne des Seſſels und flog durch das offene Fenſter in die blaue, ſonnige Luft hinaus. „Ha!“— rief Friedrich—„wien beneide ich dich, Kunz — ol könnte ich doch dorthin fliegen, wo jene Thürme ſich im Nebel erheben; ich wollte mir Hülfe holen und“— „Und von der Gewalt vernichtet werden“— fiel Rupert ein, indem er das Fenſter wieder ſchloß, den jungen Mann mit bittender Miene an den Seſſel zurückführte und fortfuhr:—„Ihr werdet dort Hülfe finden, aber erſt wartet die rechte Zeit ab, wo die Bürger ſich gekräftigt haben.“— „O mein unglückliches Land, armes Braunſchweig!“ — klagte Friedrich, die Arme gegen das Fenſter aus⸗ ſtreckend;—„unter den Anführer einer Raubgenoſſenſchaft biſt Du gerathen, und Dein rechtmäßiger Herr muß es anſehen, daß man Dich verwüſtet; des Magnus' Sohn muß wie ein gemeiner, dummer Bube, den Räubern ſeines Erbes dienen und ihren Spott erdulden!— Sind denn der Biſchof von Hildesheim und der Albrecht von Lüneburg, die mir mein Erbe zugetheilt haben, ſo ſchwach und furcht⸗ ſam, daß ſie mir nicht helfen können? Hat meine Mutter keine Liebe mehr für den Erſtgeborenen, daß ſie ihn opfert, oder lauert der Lüneburger auf meinen Tod, um mit dem Otto mein Erbe zu theilen?“— „Beruhigt Euch, Herzog;— gegen die Gewalt kann — 9 nur Klugheit aufkommen; die Stadt Braunſchweig allein iſt fähig, Euch vom Vormunde zu befreien; ſie giebt Eurer Klugheit die bewaffnete Hülfe; aber ſo lange ſie ſelbſt ſchwach und in Noth war, konnte ſie nur an die eigene Vertheidigung denken. Sie iſt mit der Hanſa verſöhnt, der Herzog Otto weiß, daß er es mit einem Gegner zu thun hat, der mit jedgn Tage an Kraft und Muth wächſt; ſchon hat die Stadt die Ritter angegriffen und bis an deren Burgen verfolgt, ihre Viehherden mitgeführt und Gefangene gemacht; ſchon ſtellen die Bürger des Herzogs Reiſigen und Wegelagerern ihre Leute entgegen und verjagen ſie aus Dörfern und Holzung; die Straßen ſind ſchon ſicherer und offener geworden, nicht jeder Städter oder Waarenzug iſt mehr die Beute des Herzogs und ſeiner Ritter; es wird ein Kampf der Bürger gegen die Burg⸗ männer anheben, bis des Herzogs Freunde genug zu thun haben, ſich ſelber in ihrem Beſitzthume zu ſchützen— dann wird auch die Reihe an Wolfenbüttel kommen und dann ſeid Ihr bereit, zur rechten Stunde zu handeln.“— „Haſt Du Nachrichten aus Braunſchweig?“— „Ja, Herr— wenn Ihr mir verſprecht, Eure unge⸗ fährliche Rolle ruhig fortzuſpielen, ſo will ich Euch mit Nachrichten dienen, die Euren Muth entzünden, aber Eure kluge Beherrſchung zur Ausdauer herausfordern.— Ver⸗ ſprecht mir, daß Ihr den Vormund wegen Eurer geſtrigen trotzigen Rede um Vergebung bitten wollt, damit er keinen Argwohn ſchöpfe, daß in Euch ein männlicher Gedanke lebe. Demüthigt Euch unter die rohe Gewalt, es iſt kluge Vor⸗ ſicht ein ſcharfes Schwert in der Scheide, ein leidenſchaft⸗ — 16— licher, zorniger Muth aber ein geſchwungenes Schwert, das ſchnell ſchartig wird.“— „O, lange, peinliche Schule der Geduld! Des Magnus' Sohn mit dem Blicke des Löwen muß wie eine lauernde Spinne ſchleichen und Netze ziehen lernen!— O, Rupert, in einem ſchwächlichen, unanſehnlichen Körper kann doch auch ein heißes Blut ſchäumen und ein ſtolzer, ſtarker Wille aufwachſen!“— „Herr, Ihr werdet Euren ſeligen Herrn Vater in Gewalt und Anſehen noch weit übertreffen, wenn Ihr den angeerbten Feuergeiſt mit Klugheit und Vorſicht verbindet. Ich habe Euch manchen Tag von dem Vater erzählen müſſen; was er verlor, das ging durch heftigen Sinn vrloren.“— Friedrich ſah gedankenvoll nieder, die Arme auf die Lehne des Seſſels gelegt, den Kopf geneigt. Ruhiger ſprach er jetzt:—„Ich will Dir folgen, Rupert, ich will Deine Erfahrung, Dein Alter ſchätzen, Deine Treue lohnen;— Du haſt Recht, ich will ein Knabe vor dem treuloſen Vor⸗ munde, ein feiger Bube vor den Rittern erſcheinen, aber die Zeit muß kommen— bald kommen, wo ich die Maske abwerfe und den Schurken zeige, daß ſie einen Scorpion für einen Krebs angeſehen haben. Stärke meinen Vorſatz, Alter, erzähle mir von großen Männern, von gefeſſelten Rieſen, von Löwen, die ihre Wächter zerriſſen haben, erzähle mir, wie die Braunſchweiger Rache an den Rittern nahmen.“ „So vernehmt, wie ſich in der Stadt Eure Zukunft vorbereitet. Niemand weiß, daß ich in Eurer ſtillen An⸗ gelegenheit mit den, Gefangenen verkehre, die in großer Zahl hier im Schloſſe auf Erlöſung hoffen; die Knechte, welche 11— ihnen Brot, Waſſer und Suppe bringen, ſind meine Freunde, ich helfe ihnen, ſie trauen mir. Die Gefangenen ſind Bürger, die unten in den Verließen auf Befreiung durch die ver⸗ ſöhnte Hanſa rechnen. Die Stadt hat für ihre That zu Oſtern 1374 heftig büßen müſſen; die Aufrührer haben zwar lange getrotzt, aber endlich iſt die Noth in der Stadt größer geworden, als der trotzige Muth der Männer, welche ſich an die Stelle des alten, vertriebenen Rathes geſetzt hatten. Herzog Otto und ſeine Ritter ſteigerten die Verzweiflung der Stadt bis zur höchſten Selbſtdemüthigung, denn Ge⸗ werbe und Handel waren in's Stocken gerathen, die Abgaben ſtiegen, die Stadt ſank in Schuld und Verarmung, ſie hatte keinen Freund und Beiſtand gegen die Raubluſt der Ritter und des Göttingers. In ſolcher höchſten Bedrängniß ſandte die Stadt eine Botſchaft nach Lübeck zur Herbſtzeit ver⸗ wichenen Jahres, als die Abgeordneten der Hanſaſtädte dort verſammelt waren, und bat reumüthig um Verzeihung und Wiederaufnahme in den Bund. Das iſt denn auch unter harten Bedingungen geſchehen; es wurde der Stadt auf⸗ gegeben, den durch den Aufſtand gewählten Rath abzuſetzen, dafür angeſehene Kaufleute und Rentner wiederzuwählen, die vertriebenen Patrizierfamilien wieder aufzunehmen und ihnen, wie den Erben der Entleibten, alle Güter wiederzu erſtatten, auch bei jedem künftigen Streite zwiſchen Rath⸗ und Bürgerſchaft ſich dem Urtheile der Hanſa zu unter⸗ werfen. Sie ſollten zur Sühne für die begangenen Ver⸗ brechen eine Kapelle neben das Rathhaus der Altſtadt er⸗ bauen, worin der geſammte Rath jedesmal vor einer Sitzung eine Meſſe hören müſſe, auch ſollten Pilger nach Rom geſandt werden, um im Sanct Peter Gott um Ver⸗ gebung der Sünden für die Erſchlagenen anzuflehen. Auch müßten ebenſo viel angeſehene Bürger, wie Rathsherren getödtet wurden, zwei Bürgermeiſter und acht gute Bürger nach Lübeck kommen, in der Marienkirche dort ihre Andacht halten, barfuß und barhaupt in groben, wollenen Buß⸗ gewändern, mit brennenden Wachskerzen in der Hand, von der Kirche nach dem Rathhauſe ziehen und hier auf den Knieen erklären, daß ſie die Verbrechen am Rathe mit Frevelmuth gethan hätten und die Hanſa um Gottes und der heiligen Jungfrau willen um Verzeihung bäten.“— „Das haben ſie gethan?“— unterbrach Friedrich, deſſen Wangen glühten—„das haben ſie erfüllt, um Freundſchaft in der Noth zu finden und um ſtark gegen die Unterdrücker zu werden? Und ich wollte noch um die Demüthigung klagen, die mich reifen läßt zur Rache am Raube meines Landes? Wie denken die aus der Verbannung heimge⸗ kehrten Patrizier von mir?“— „Sie ſind von Abgeordneten der Hanſa wieder in die Stadt und ihren Beſitz eingeführt; ſo viel ich erfahren konnte, haſſen ſie den Vormund und rüſten ſich gegen ihn.- Be⸗ greift Ihr nun, daß Ihr ruhig abwarten müßt, damit Ihr des Vormundes Verdacht nicht erregt?“— „Sie rüſten ſich? Gewiß nicht, um einen Blödſinnigen zum Herrn über das Land zu machen!“— „Herr— man bedauert Euch in der Stadt— das laßt Euch vorläufig genug ſein. Aus dem Mitleid wird in einer Stunde Vertrauen und Begeiſterung, wenn Ihr Euch enthüllt und mit ihnen gemeinſchaftliche Sache macht. Es kann kein Jahr mehr dauern, ſo iſt Braunſchweig die reiche, mächtige Stadt wieder, welche ſie zu Eures hochſeligen Herrn Vaters Lebzeiten war. Die Hanſa hat ſie wieder zu einer der vier Quartierſtädte ge⸗ macht, wie ſie es mit Lübeck, Köln und Danzig früher war, wo ſich die Waaren des Südens und Nordens aufhäufen und von wo aus alle Länder des Welttheils ihre Handels⸗ artikel beziehen. Nicht umſonſt demüthigte ſich Braunſchweig, denn die Hanſa wird es wieder mächtig machen und der Göttinger ſowol, wie ſeine Raubritter mit dem Stern greifen vorſichtiger nach der Beute, da ſie die mächtige Hanſa fürchten und wiſſen, daß dieſelbe ihre Quartierſtädte und deren Waaren ſchützt. Deßwegen raubt der Herzog mit ſeinem Adel nur noch Perſonen, um Löſegeld zu ge⸗ winnen, oder gefangene Edelleute billig auszutauſchen, und vergreift ſich nur an ſtädtiſchem Eigenthum. Aber auch dieſes wird bald ein Ende nehmen, denn die Bürger haben neuen Muth und Credit, ſie ſteuern dem Luxus und bereiten ſich vor, ihren Feinden im eigenen Lande gewachſen zu ſein. Der neue Rath hat ſtrenge Geſetze gegen Ueppigkeit und Unrecht gegeben, wie der ausgewechſelte Gildemeiſter mir erzählte; bei fünf Mark Strafe darf kein Bürger Gold, Silber oder Perlen an ſich tragen und wer die Buße nicht aufbringen kann, ſoll die Stadt meiden; jede Frau oder Jungfrau, welche ihre Locken mit Goldſtreifen oder farbiger Seide umwindet, büßet mit einer Mark. Bei Hochzeiten und Kindtaufen darf auch der Wohlhabendſte nicht mehr als ſechszig Schüſſeln auftragen laſſen und nicht mehr als ſechs Schüſſelträger oder Droſten und nur ebenſo viel — 14— Schenken, Frauen und Spielleute und nur zwei Köche dingen und Niemand, außer Braut und Bräutigam von ſilbernen Schüſſeln eſſen, auch ſoll jeglicher Tanz zu Ende ſein, wenn der Wächter die Stunde abgeſungen hat. Hausfriedenbruch wird mit dem Tode beſtraft, ein Todtſchläger muß hohes Sühngeld an die Erben des Erſchlagenen zahlen und ſoll in keinem Hauſe, keinem Hofe und keiner Kirche ferner Frei⸗ ſtätte finden. Jeder, der unter fünf Schilling Werth ſtiehlt, erhält Staupenſchlag und Brandmal, wer für fünf Schillinge Werth und darüber ſtiehlt, kommt an den Galgen.“— „Hal dann müßte mein Vormund mit ſeiner ganzen Stern⸗ geſellſchaft tauſend Mal gehängt werden“— fiel Friedrich ein;—„hat er mir nicht mein ganzes Erbe geſtohlen?“— „Nehmt eine kluge Lehre daraus, lieber Herr; die Braun⸗ ſchweiger geben durch ihr Geſetz kund, was ſie dem Vormund und ſeinen Rittern zugedacht haben. Auch hat die Stadt, nach der Verſöhnung mit der Hanſa, wieder das Recht des Vehmgerichts zurückerhalten. Schon haben ſie ein ſolches Stillgericht an einem Spion des Quaden geübt. Vor Anbruch des Tages wurden die Thore geſchloſſen und bei dem dreimaligen Tone der großen Glocke zogen die heimlichen Richter, die ſich nur an einer geheimen Loſung erkennen, nach der Dingſtätte rechts auf dem Wege nach Oelper an der Maſchwieſe hinaus und forderten den An⸗ geſchuldigten vor; nachdem die Schuld bewieſen war, be⸗ rührte ihn der Frohnbote mit einem Stabe, der Prieſter gab ihm das Sacrament und der Büttel richtete ihn auf der Stelle.— Friedrich horchte geſpannt zu. — 15— „Nun ſeht“— fuhr Rupert fort—„wie die Bürger ſich vorbereiten, um auch Eure Feinde zu überwinden, wie ſie ſich Strafen für Genuß und Ueppigkeit auferlegen, um ſich durch Mäßigkeit zu ſtärken und das Geld für Kräf⸗ tigung gegen den Feind anwenden wollen. Sowie ſie ſich Entbehrung auflegen, um im Stillen für die rechte Stunde heranzuwachſen, ſo zwingt Euch auch unter die Schranke, welche Klugheit und Aſt Euch abnöthigen;— zeigt Euch ferner als der vom Blute des Magnus' abgewichene, geiſtige und leibliche Schwächling, laßt Euch verſpotten, verachten; je geringer man Euch ſchätzt, um ſo mehr Freiheit wird man Euch vergönnen; ich werde nicht aufhören, die Gefangenen nach den Ereigniſſen in Braunſchweig auszuhorchen und nach den Männern dort zu lauſchen, auf die Ihr einſt vertrauen dürft. Schon haben ſich die mächtigſten Patriziergeſchlechter in der Stadt vereinigt, um zur Vertheidigung gegen die Feinde und Burgmänner eine große Zahl ſchwer geharniſchter Ritter und eine beträchtliche Schaar tüchtiger Reiſigen zu ſtellen— ein Hermann von Vechelde ſoll ihr Hauptmann ſein und ſie ſollen ſich an einem gemeinſamen Wappen, eine Lilie zwiſchen zwei Löwen, erkennen; ſie werden es mit dem Stern des Quaden aufnehmen.“— Friedrich hatte heiße Wangen bekommen; ſeine tief⸗ liegenden Augen funkelten, ſeine kleine, etwas verwachſene Geſtalt war größer geworden; es wurde ihm zu heiß im Gemache, er ſtieß das Fenſter von Neuem auf und ſtarrte, von lebhaften Gedanken fortgezogen, in die Ferne, wo die Thürme der Stadt Braunſchweig klarer und näher an der Ecke des Waldes vor dem blauen Winterhimmel auftauchten. 16— Plötzlich erſchien der Rabe wieder, flatterte vor dem Fenſter hin und her und hielt einen Gegenſtand im Schnabel, den er irgendwo an der Mauer zu verbergen ſuchte; Friedrich war ſo gedankenvoll, daß er auf den Vogel kaum achtete; dieſer aber ließ ſich auf das Steingeſims des Fenſters nieder, ſpähete unruhig in das Gemach, ſprang hinein und hüpfte unter den Tiſch auf den Riegel, wo er die Nacht zu⸗ gebracht hatte. Hier ließ er den Gegenſtand fallen, als er gegen den ſich neigenden Rupert den Schnabel aufſperrte und ſich zur Wehr ſetzen wollte. Es war ein goldener Ring, der am Boden lag. Rupert nahm ihn auf und zeigte ihn dem jungen Herzoge. Der Ring trug eine Platte mit einem Wappen; ein ſpringender Löwe im Schilde und ein gleicher Löwe mit halbem Leibe auf dem Helme erregte Friedrich's Aufmerkſamkeit; neben dem Helme ſtanden die Buchſtaben P. v. K.— Man ſann darüber nach, welchem Adelsgeſchlechte dieſes Wappen angehören konnte; wären die Buchſtaben nicht vorhanden geweſen, ſo würde Friedrich auf den Ritter Schwiecheldt gerathen haben, der ſeit geſtern im Schloſſe anweſend war. „Vertrauet mir den Ring an“— ſagte Rupert;„geſtern Abends zur Dämmerzeit iſt ein Mann in das Gefängniß gebracht, der einem edlen Geſchlechte anzugehören ſcheint und gewiß ein Patrizier der Stadt Braunſchweig iſt; ſein Haar war weiß, ſeine Miene finſter.— Ein Knappe er⸗ zählte mir, daß ſie ihn auf dem Wege nach Goslar er⸗ griffen und ſeine Knechte theils niedergemacht, theils ver⸗ jagt hätten; der junge Ritter Kurd von Weferlingen, der von Göttingen geſtern heimgekehrt iſt, habe die braun⸗ — 17— ſchweiger Truppe vorüberziehen ſehen, angegriffen und nach kurzem Gefecht den weißköpfigen Anführer gefangen ge⸗ nommen.“— „Ol ein neues Opfer meiner Vormundſchaft!“ ſeufzte Friedrich;—„wäre doch mein Vater nur acht Jahre ſpäter geſtorben, bis ich ein Mann geweſen!— Könnte ich den Braunſchweigern doch meine Ungeduld, meine Hoffnung auf ſie mit dem Winde zuſenden!“— „Je ärger es der Vormund treibt, um ſo früher wird ſeine Vergeltungsſtunde ſchlagen; wenn er die Patrizier nicht ſchont, ſo werden die mächtigen Geſchlechter, die noch ſchwankend waren, ob ſie die Macht des Fürſten und Adels oder die der Bürger unterſtützen ſollen, ſich zu der Stadt ſchlagen. Nun, lieber Herzog— ſeid klug— ich muß gehen, es wird im Schloſſe lebhaft;— ich laſſe dem Vor⸗ munde, wenn er vom Rauſche erwacht iſt, melden, daß Ihr nach einer Unterredung mit ihm verlangt.“— Friedrich legte die Hände auf beide Schultern des alten, treuen Freundes, ſah ihn traurig in die freundlich ermun⸗ ternde Miene und ſprach:—„Ja, guter Rupert— melde mich; der Haß gegen den Peiniger, der Schmerz über mein unglückliches Land geben mir die Kraft der Selbſtbe⸗ herrſchung, daß ich Spott und Verachtung ertrage, wo ich verachte und vor Rache glühe. Ich will nicht ſchlechter ſein, als meine Braunſchweiger;— Du ſollſt mich nicht wieder mahnen, durch Klugheit zu erreichen, was ein Macht⸗ loſer nicht erzwingen kann. Melde mich!“ Mit dankbarer Miene küßte Rupert ſeines Herzogs Hände und ging. Friedrich hörte die Thür verſchließen, Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II.. 2 — 15— hob die geballte Hand, ſchlug ſich vor die Stirn, ſchloß das Fenſter feſter, als müſſe er die freie Luft und ihre Lockung von ſich abhalten, ließ ſich dann in ſeinen Lederſtuhl nieder und träumte. Der Rabe ſah ihn unverwandt an. Erſt gegen Mittag hatte Herzog Otto den Tag nach einer durchwachten Nacht begonnen; die Ritter Kurd von Steinberg und Hans von Schwiecheldt waren geſtern in Wolfenbüttel eingetroffen, um an Otto's Hoflager die ver⸗ ſchwenderiſche Gaſtfreundſchaft ihres fürſtlichen Genoſſen anzuſprechen. Johann von Weferlingen, welcher mehr im Schloſſe zu Wolfenbüttel, als auf ſeiner Burg Wansleben weilte und bei Otto's Abweſenheit die Stelle eines Schloß⸗ hauptmanns verſah, der weit ärger und grauſamer gegen die Stadt Braunſchweig wüthete, als der Herzog ſelbſt oder irgend einer ſeiner Ritter, befand ſich ſeit mehren Tagen zu Wansleben, da eine Schaar Braunſchweiger dort erſchienen war, die Vorwerke angegriffen, einige Häuſer im Dorfe verbrannt und die Abſicht hatte, gefangene Städter entweder zu befreien, oder wo möglich Glieder der Familie des Burgherrn als Geißeln mit heimzuführen. Johann von Weferlingen hatte kaum die Kunde vernommen, als er mit einer großen Truppe herzoglicher Reiſigen ganz in der Stille und von Breido von Ranzau begleitet, von Wolfenbüttel aufgebrochen war, um ſeine Burg zu ent⸗ ſetzen. Sein Sohn Kurd, früher Page der Herzogin Mar⸗ garethe, dann Otto's Edelknappe, war bereits längſt zum Ritter geſchlagen und zwar unter nicht weniger Ceremonie, — 19— als einſt der junge Hermann von Hanſtein bei dem Göt⸗ tinger großen Turniere, und die, auf Raubgemeinſchaft ge⸗ gründete Freundſchaft Otto's mit dem Hauſe Hanſtein war, nachdem Hermann durch Ritter Eckhard von Rönfurt's Schwert im heſſiſchen Erbfolgekampfe gefallen, mehr und mehr kälter geworden, weil der alte Rabe von Hanſtein ſich dem Landgrafen von Thüringen und Heſſen unterworfen hatte. An die Stelle dieſes Freundes war nun, während der Zeit der Vormundſchaft, der braunſchweigiſche Ritter Johann von Weferlingen getreten, wozu auch namentlich die Tochter Olga deſſelben viel beigetragen haben mochte. Zur Mittagszeit befand ſich der Herzog, im leichten, glänzenden Hauskleide, als Jäger gekleidet, im Gemache Olga's, die bereits ſeit Jahren die weibliche Beherrſcherin des wolfenbüttel'ſchen Hoflagers geworden war. Obgleich Olga ſeit dem Tage, wo ſie auf reichem Zelter, als Hof⸗ dame der Herzogin Margarethe, im Turnierzuge nach dem Freudenberge ritt, nunmehr neun Jahre älter geworden war, ſo hatte ſie doch an äußerer Erſcheinung gewonnen und ſich namentlich in denjenigen weiblichen Natur- und Tollettereizen, welche einen ſinnlichen Mann zu feſſeln ver⸗ mögen, kühner entfaltet. Das hochmüthige, auf kühnem Alabaſternacken getragene Haupt hob ſich ſtolzer über die runder gewordenen Schultern; das hochrothe Haar, das mehr einen Goldglanz angenommen hatte, ringelte ſich voller und herausfordernder über die weiße, runde, aus dem tief ausgeſchnittenen Sammetmieder kühn hervortretende Büſte; die waſſerblauen, grellen Augen ſpiegelten ein ſinn⸗ lich glänzendes Licht, wie ein klarer Teich, der mit Nixen⸗ 2 — 20— Gewalt in ſeine Tiefe zieht; die muthwillig aufgeworfene Lippe des alle Zeit ſpottfertigen, kleinen Kirſchenmundes war noch ſchelmiſcher geworden, als lächele ſie über die muth⸗ willigen, noch nicht ausgeſprochenen Gedanken; die ſchlanke Geſtalt hatte eine weiche, lüſterne Fülle erhalten, die weißen, weichen Arme ſchimmerten wie Schwanengefieder unter dem leichten Spitzengewebe, das mehr verrieth, als verbarg, wie ein warmes Leben ſich lockend unter der Faltenfülle des koſtbaren Gewandes fortſetzte. Ebenſo wie ihre Erſcheinung hatte auch ihr Weſen jenen ſinnlichen Reiz, welcher Otto's Temperament und derben Sinn anregen konnte; Otto hatte zu wenig Achtung vor der weiblichen Tugend, um dieſelbe in ihrer höheren Schönheit und Beglückung zu empfinden; das Weib, welches er lieben und das ihn feſſeln ſollte, mußte zunächſt durch körperliche Ueppigkeit oder irgend einen Sinnenreiz ſeine Leidenſchaft entzünden, dieſelbe durch keinen Widerſtand ab⸗ kühlen, ſondern im Gegentheil durch neckiſche Sprödigkeit in Flamme erhalten, dann aber auch von Natur oder in kluger Koketterie fähig ſein, einer leicht eintretenden Ab⸗ kühlung einen immer neuen Zündſtoff entgegenzuwerfen. Das geſchah durch irgend einen verführeriſchen Blick, eine kühne Geberde, ein lockendes Wort, eine kecke Handlung. Olga's muthwilliges Spottwort, ihr heiterer Witz, ihr ſtolzes Haupt, das gegen Jedermann unüberwindlich ſich auf dem ſchönen Nacken wiegte und nur Otto zur immer neuen Beſiegung herausforderte, ihr gottloſes Herz, wie der Herzog oft mit Luſt ihren ſchelmiſchen, auch das Heiligſte nicht verſchonenden Uebermuth nannte, dieſe beim — 21— hübſchen, ſinnlichen Weibe ſo gefährliche Gottloſigkeit, womit Olga fluchen und trinken, reiten und jagen, fechten und ſchießen, womit ſie die keckſten Reiterlieder zur Cither ſingen und die gute Sitte über dem Vergnügen vergeſſen machen konnte, hatte ſie zur dauernden Beherrſcherin der ſonſt ſo wandelbaren herzoglichen Laune gemacht. Otto hatte ſeine rechtmäßige Gattin dgxüber faſt ganz vergeſſen, denn wie hätte die fromme, ernſte, ſtillleidende und in der Würde weiblicher Sittenreinheit Achtung gebietende Erſcheinung Margarethe's ihm zuſagen können, da er ein unbehagliches Gefühl bei ihrem blauen Himmelsblicke empfand, eine Art von Gewiſſensmahnung, während Olga ihn grade in ſeinen Neigungen beſtärkte und dieſelben mit ihm theilte!— Margarethe wußte, warum Otto ſie nicht nach Wolfen⸗ büttel kommen laſſen wollte; ſie ergab ſich in ihr Schickſal, lebte der Erziehung ihres Sohnes und dem Himmel, indem ſie überall Menſchenliebe, Wohlthat und Barmherzigkeit übte, für das Seelenheil des Herzogs betete und opferte und in heimlichen Augenblicken, wo das Herz, von Ein⸗ ſamkeit bedrängt, ſich ſeiner natürlichen Sympathie bewußt und mächtiger erregt wurde, ſich in die Nähe eines geliebten Todten träumte.— Seit der Pfingſtzeit des Jahres 1376, wo der Herzog unvermuthet auf dem Bollrutz erſchienen war, während die Göttinger Bürger das Schützenfeſt feierten, hatte ſich in dem Verhältniſſe der beiden Gatten viel verändert und es war eine offene Kluft zwiſchen ſie gekommen. Früher hatte Otto noch vor der Welt den Schein des guten Ein⸗ vernehmens zu bewahren oder vielmehr zu erzwingen 22— geſucht; er hatte bei öffentlichen Begegnungen in ſeiuem Fürſtenſtolze den Anſtand gegen die Herzogin erfüllt, um das Beiſpiel zu geben, wie ſeine Ritter ſich benehmen ſoll⸗ ten; er hatte in engerem Zwiegeſpräche mit der Gemahlin wol ſeine üble Laune und Kälte, nicht aber ſeine Abnei⸗ gung zu erkennen gegeben. Das war aber ſeit jener Zeit anders geworden; ein unvorbereitates Ereigniß kurz vor ſeinem Aufbruche von Göttingen hatte das künſtliche Ver⸗ hältniß beider Gatten plötzlich in die unverhüllte, thatſäch⸗ liche Wahrheit verwandelt. Es iſt mitgetheilt worden, wie Otto mit erzwungener Gelaſſenheit eine formelle Unterredung mit Margarethen und dem Sohne zu Ende zu bringen geſucht und durch ſie den braunſchweigiſchen Patrizier von Kalm kennen ge⸗ lernt hatte; wir wiſſen, wie ſeine gute und böſe Laune, ſeine durch Breido eingeredete kluge Mäßigung und ſeine heftige, von Bürgerhaß überſättigte Natur in Ebbe und Fluth wechſelten, wie er auftobte, als er die heimliche Ent⸗ fernung Kaln's und ſeiner Tochter Angila erfuhr. Eine Natur, wie die des Herzogs, war nicht geeignet, irgend einen leidenſchaftlichen Willen oder ſchnell entbrannten Sinnen⸗ trieb der Rückſicht oder Pflicht der Gegenſeitigkeit aufzu⸗ opfern; Alles, was ihn feſſeln und reizen ſollte, mußte bei ihm aus unmittelbarer Nähe auf ihn wirken. Obgleich damals ſchon Olga in Wolfenbüttel ſeine zärtliche Laune und Galanterie beherrſchte, ſo war ſein Gefühl doch nicht gebunden, und ein neuer, ſinnlicher Eindruck mit beſonde⸗ ren Reizen aus unmittelbarer Nähe war der mächtigſte, indem er den Willen entflammte, und dieſer keinen Wider⸗ ſpruch duldete, vielmehr durch jedes Hinderniß zum drohend⸗ ſten und gewaltſamſten Eigenſinn anſchwoll. So hatte Angila's Erſcheinung plötzlich die Sinnen⸗ gluth des Herzogs entzündet; um ihr zu genügen, zog er den Patrizier von Kalm in ſeine Rittergeſellſchaft und lud ihn nach Wolfenbüttel ein. Hier ſollte Angila ihn eer⸗ götzen und ihm ſeine Gnade danken; an Olga's Eiferſucht dachte er nicht, auch hielt er gewiß das liebe gottloſe Mädchen für fähig, die nur vorübergehende Neigung zu der hübſchen Braunſchweigerin, die ja nichts weiter, als den Reiz der Mädchenunſchuld darbot und verhieß, zu überſehen. Angila's Flucht ſetzte ihn in einen größeren Zorn, als er zu erkennen gab; der Verdacht, daß Marga⸗ rethe dieſe Flucht veranſtaltet, wol gar, wie einſt das Mädchen Gertrude, heimlich vor ihm verſteckt habe, trieb ihn am anderen Morgen an, die Gemahlin mit heftigen Worten anzureden. Margarethe hatte zu viel Wahrheit und fühlte die Würde der Gattin zu empfindlich gekränkt, um nicht in gerechter Entrüſtung zu bekennen, daß ſie, zur Verhinderung einer neuen Sünde gegen Gott und Menſchen, dem Vater und ſeiner Tochter die Mittel gegeben habe, zu entfliehen vor dem Manne, der in blutiger und zärtlicher Weiſe darauf ſinne, das Glück und den Frieden der Men⸗ ſchen zu zerſtören.. Dieſe, mit hoher, ſittlicher Würde gegebene Erklärung von den ſanften Lippen Margarethe's hatte den rohen, herrſchſüchtigen Wüſtling anfangs mit einer Anwandlung von Beſchämung getroffen, aber nur um ſo heftiger war die wilde Natur, die ſich nur in Rache und eitlem Willens⸗ 24 ſtolze gefiel, zum Aufſchäumen gekommen; er ließ ſeiner Geringſchätzung und Racheluſt vollen Lauf gegen die edle Gattin, jegliche Rückſicht und Verſtellung ſchwand in der Hitze des Zorns, er warf ſeiner Gemahlin vor, daß ſie mit ſeinen Feinden, den Göttinger Bürgern, gemeinſchaft⸗ liche Sache mache, wie er erfahren habe, daß der beſte Schütze, ein Brauer Helmold, mit ihr verkehre; er lachte über die Taufhandlung am vergangenen Abend, die er eine Narrheit nannte, drohete der Stadt und Allen, die ihm heuchelten, und als Margarethe ihn mitleidig anſah, ihm ſtolz, und im Gefühle ihrer Würde, den Rücken kehrte, da vergriff er ſich an der edlen, ſchlanken, zarten Geſtalt, ſtieß ſie mit kräftiger Fauſt auf den Nacken, daß ſie in die Kniee ſank, ſich halb ohnmächtig an das Betpult rettete und hier das todtbleiche Antlitz auf die zitternden, gefalte⸗ ten Hände legte. Otto ſah ihr wild nach— ſeine Leiden⸗ ſchaft wagte ſich nicht an die, vor dem Bilde der heiligen Jungfrau Niedergeſunkene, die ſeinen drohenden Reden keine Antwort gab, aber ſein umherrollender Blick verrieth, daß er noch nicht in ſeiner Rachgier gekühlt war. Da leuch⸗ tete ein höhniſcher Sieg aus ſeiner Miene, mit Frohlocken rief er:„Meinen Sohn will ich mit mir nehmen, ich dulde nicht länger, daß Ihr ſeinem Vater einen Feind im Sohne auferzieht!“ Als er dieſe Worte mit einer heftigen Be⸗ wegung gegen die Thür begleitete, ſchrie Margarethe auf, ſprang empor, eilte ihm nach, hing ſich an ſein Kleid, ſank zu ſeinen Füßen nieder, ihre Hände umklammerten ſeinen abwehrenden Arm, ſie ſah verzweiflungsvoll, ſtieren Auges und bebenden Mundes in ſein heißes Geſicht, rang nach — 25 Luft 4 der krampfhaft wogenden Bruſt und rief:—„Er⸗ barmen! Gnade! O, laßt mir mein einziges Erdenglück, meinen Sohn, worin ich den Vater liebe, der mich ver⸗ ſchmäht! raubt dem Kinde nicht die Mutter!— Erbarmen! — Verachtet Ihr das Weib ſo tief, daß Euch den Sohn geboren hat, verſtoßt Ihr die Herzogin, die Eure Krone theilt, ſo übet Ritteyſign gegen die Tochter des Herzogs Wilhelm von Jülich-Berg!“ Bei dieſer letzten Andeutung horchte Otto; ſeine zornige Miene erhielt einen fragenden, prüfenden Ausdruck, es ſchien ihm die Vorſtellung, daß eines Herzogs Tochter vor ihm liege und der Vater ihn zur Rechenſchaft ziehen könne, etwas kühler zu ſtimmen.—„Steht auf!“— ſprach er befehlend—„hört mein letztes Wort. Den Sohn will ich Euch laſſen auf unbeſtimmte Zeit; aber er ſoll kein Weib werden; ich werde einen guten Zuchtmeiſter ſenden, der einen muthigen Ritter nach des Vaters Sinne daraus macht; wählt Euch eins meiner Schlöſſer zum Wohnſttze, aber Ihr verlaßt den Bollrutz; ich will nicht, daß Ihr mit den Bürgern hier in unwürdiger Weiſe verkehrt. Be⸗ kümmert Euch nicht mehr um meine Wege, ſonſt nehme ich Euch den Sohn und Ihr geht in ein Kloſter. Nun lebt wohl.“ Während Margarethe noch auf den Knieen lag und mit geſenktem Haupte, die verſchränkten Hände auf das Herz gepreßt, dem Herzoge nachſah, ſchritt dieſer ſchnell und laut aus dem Gemache; draußen im Vorzimmer fand er Henricus und Hanna mit banger Miene. Er drohete ihnen mit erhobener Hand und rief ihnen zu:„hütet Euch vor meinem Zorn! die Herzogin will allein ſein!“— So war Otto von ſeiner Gattin geſchieden;— es waren drei Jahre und ſechs Monate ſeitdem verſtrichen, ohne daß er ſie wieder geſehen hätte. Margarethe war bald nach des Herzogs Abzuge nach dem Schloſſe Harſte aufgebrochen, von den theilnehmenden Herzen und Segenswünſchen der Göttinger begleitet; hier lebte ſie dem Sohne, dem Himmel und der Wohlthätigkeit. Aber ass die Göttinger ſollten bald, trotz der vermeintlichen Gunſt, die er ihnen durch die Pathenſtelle an Werner Rodens Sohne erwieſen hatte, die eigentliche Geſinnung des Landesherrn erfahren und auch die Leichtgläubigſten, Friedfertigſten und Gutmüthigſten über⸗ zeugen, daß alle Freundſchaft mit dem Quaden ein unſicherer Waffenſtillſtand ſeiner Bürgerfeindſchaft ſei. Die Stadt glaubte den Rittern, welche durch Otto's Benehmen und ſtetes Schwanken zwiſchen Gunſt und Zorn allmählig an⸗ gereizt wurden, Privilegien der Stadt zu kränken, zumal der Landesherr zu Wolfenbüttel reſidirte, ein gelegentliches Zeichen der ſtädtiſchen Macht geben zu müſſen, um etwaigen Gelüſten des Adels eine Warnung entgegenzuhalten. Es war bekannt geworden, daß der Herzog nicht nur eine un⸗ gewöhnlich ſtarke Beſatzung auf den Bollrutz geworfen und dem Schulzen Hans Druchtleif nur die Zehnteneintreibung gelaſſen, die Reiſigen aber unter einen ſchlimmen Vogt, den Heinrich Kiphut geſtellt, ſondern auch, daß er die Burgmänner auf den umliegenden Dörfern beauftragt hatte, die Städter nicht zu ſicher werden zu laſſen und ſie gelegent⸗ lich in Schranken zu halten. Die Ritter glaubten darin eine Aufforderung zu ihrem eigentlichen Adelsprevilegium und Handwerk zu verſtehen, nämlich zum Wegelagern und 27— zum Rauben, und ſo geſchah es jetzt oft, daß Ueberfälle, Waarenraub und Unbill an Perſonen die nächſte Umgebung unſicher machten. Bei einer ſolchen Gelegenheit gaben ſie nicht nur einem der Ritter eine empfindliche Lehre, indem ſie ihn einfingen und ihm allen Raub wieder abnahmen, ſondern ſie wollten auch den Anderen und der Beſatzung des Bollrutz zeigen, das ſie in Waffen und Mannſchaft wol gerüſtet ſeien. Am Tage des heiligen Johannis zogen die Bürger mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen aus der Stadt, ſchwer bewaffnet und zahlreich, von Land⸗ wehr zu Landwehr, und der Vogt vom Bollrutz ſowol wie die benachbarten Ritter lauſchten mit Ingrimm nach dem Frevel des Bürgerthums. Der Herzog in Wolfenbüttel wurde dieſen Umzug kaum gewahr, als er ausrief!—„Ich will es den Buben nicht ungeſchehen laſſen, daß ſie im Lande triumphiren und meine Landeshoheit durch ſolchen Hohn verletzen!“— Und er hielt Wort, denn die Beſatzung des Bollrutz wurde verſtärkt, Kiphut zu größerer Strenge und Wachſamkeit aufgefordert und der Schulze mußte den Göttingern amtlich verkünden, daß der Herzog ſeinen Unter⸗ thanen allen Verkehr mit der Stadt unterſagt und verordnet habe, daß die in Göttingen geſchlagenen Münzen im ganzen Fürſtenthum verboten und verweigert ſeien. Es war dieſes eine Maßregel, welche Handel, Gewerbe und Wohlſtand der Stadt zu Grunde richten und den Bürgern Luſt und Mittel nehmen ſollte, ferner mit ihrer Waffenmacht und Kriegs⸗ bereitſchaft zu drohen. Es ſchien, als ob der unauslöſch⸗ liche Bürgerhaß Otto's, nun er ſich an den Braunſchweigern bewährt und groß geſäugt hatte, auch den Göttingern in — 28— gleicher Art empfindlich werden ſollte, denn bald darauf ließ er durch ſeinen Vogt auf Harſte innerhalb der ſtäd⸗ tiſchen Landwehr die Vieheerde rauben, die nach Nordheim beſtimmten Waaren auf der Landſtraße anhalten und mit Beſchlag belegen. Die Vorſtellungen der Göttinger und deren Berufung auf ihre durch Kauf und Vertrag erworbenen Privilegien und Rechte wurden von Otto gar nicht beant⸗ wortet, der Rath wandte ſich endlich mit ſeiner Klage an dden Erzbiſchof von Mainz, wodurch aber Otto nur noch erbitterter und in die Lage verſetzt wurde, mit dem Erz⸗ Biſchofe in eine Unterhandlung zu treten, die er nur hinzog und in der Zeit verſchleppte, um unterdeſſen die Stadt unter ſeiner Feindſchaft ſich völlig abſchwächen zu laſſen und zahm zu machen. So ſtanden die Angelegenheiten des Herzogs zu ſeiner Gemahlin und der erſten Stadt ſeines Landes, als wir ihn heute an einem ſchönen Januartage 1380 auf Wolfenbüttel im Gemache Olga's zur Mittagszeit wiederfinden. In der Kleidung eines raſtenden Jägers, im grünen, mit Gold und Hermelin beſetzten Sammetrocke, feinen hirſchledernen, engen Beinkleide, gelben, an den Ueberklappen gefranzten Sporn⸗ ſtiefeln, waffenlos im blitzenden Gürtel, das unbedeckte Haupt auf Olgas nackte, weiche Schulter gelegt, die rechte Hand mit ihrem goldenen Haar ſpielend, die Linke auf dem Scheitel, die Beine auf einen Stuhl gelegt, ſo ſaß er liegend in einem breiten Polſterſeſſel, in welchem die ſchlanke, üppige Geſtalt Olga's ſich neben ihn hingegoſſen hatte⸗ um ſeinem Kopfe zum Kiſſen zu dienen und mit dem reichen Faltenwurfe des blauen Kleides ſeine Kniee zu bedecken; —— 29 ſie hatte den Ellbogen des nackten linken Armes auf die Sammetlehne und die Schläfe auf die Finger dieſer Hand geſtützt; mit der rechten Hand ſtrahlte ſie den langen Bart⸗ ſchweif des Freundes, der behaglich in die ſchelmiſchen, grellen Augen aufblinzelte, die auf ihn niederlächelten. „Du biſt eine Thörin, Olga“— ſprach der Herzog, indem er die Hand augeihrem Haar auf den weißen Hals ſinken ließ und mit der Perlenſchnur ſpielte, die auf der blendenden Haut faſt grau erſchien;—„Dein übler Traum iſt Folge des genoſſenen Feuers im Malvaſier und des Morgenſchlafes nach fröhlicher Nacht. Wir wollen dafür einen recht munteren Tag verleben; gieb an, was ſollen wir beginnen? Der Kurd von Steinberg und Hans von Schwiecheldt kommen mir ſobald nicht wieder fort. Es iſt zwar kalt heute, aber die Sonne wird wärmer— was meinſt Du, Schelm, follen wir heute einmal einen Ritt nach der Aſſe machen? Der Buſſo iſt Dir noch das ver⸗ wettete Weihnachtsgericht ſchuldig geblieben.“— „Ha— den Rieſenhecht— ja, daran wollen wir ihn heute mahnen;— er wird, wenn ich den Hecht zur Tafel fordere, ein ſauer⸗ſüßes Geſicht machen und den zugefrornen Teich aufhauen müſſen— hal hal o, das iſt luſtig!“ „Dachte ich mir nicht, daß ich Dein boshaftes Herz am rechten Fleck getroffen habe? Mädchen! Sirene! Du ſollſt mir aber heute das Lied wiederholen, was Du dieſe Nacht geſungen haſt. Woher haſt Du das?“— „Aus mir ſelbſt!“— verſetzte ſie, mit ſpöttiſchem Selbſtgefühl den Kopf hebend und die Bruſt aufrichtend. Und ſchnell in eine ſchelmiſche Ausgelaſſenheit fallend, legte — 30— ſie ſchmeichelnd die hübſche Hand auf des Herzogs Stirn, hielt die glimmenden Augen nahe vor die ſeinen, ſah ihm muthwillig in den lebendiger werdenden Blick und ſang trällernd und mit den Fingern der anderen Hand den Takt ſchnippend: 5 Ich liebe nur den Rittersmann, Der fechten, trinken und fluchen kann, Mich reizet nur der ſtolze Sinn, Weil ich ein ſtolzes Mädchen bin, Meine Freud' iſt Lieb' und Luſt und Wein, Wer möchte wol mein Ritter ſein?“— Der Herzog gab ſein Wohlgefallen an der muthwilligen, herausfordernden Sängerin dadurch zu erkennen, daß er ſie mit zärtlicher Leidenſchaft auf die rothen Schelmlippen küßte und ihr Haupt auf ſeine Bruſt herabzog, um ſich an der ſchönen, lebenden Büſte eines kühnen und beſiegten Weibes zu weiden.—„Herrliches Mädchen!“— ſprach er im Gefühl ſeines ſinnlichen Wohlbehagens—„fordere etwas von mir, das ich Dir gewähre.“— „Ei, Herzog, meine Freud' iſt Lieb und Luſt und Wein.“— „Das ſollſt Du immer genießen, Schelm; wir wollen den Morgenimbiß nehmen; iſt Dir's recht?“ „Ach, ich hungerte und dürſtete ſchon eine Stunde lang nach Euch; mit meiner Haustoilette war ich bereits um zehn Uhr fertig; der böſe Traum hat mich ſo früh geweckt und ich vertrieb mir die Zeit damit, meinen Falken zu necken und ihn vom Fenſter aus auf den Raben zu hetzen, den der närriſche Friedrich zu ſeinem Geſellſchafter gemacht 31— hat. Denkt Euch, der Falke wollte dem Schwarzrocke kein Leid anthun.“— „Plaudere nur fort, Venus; es gefällt mir Dein Mäul⸗ chen, auch wenn es von Unbedeutendem ſchwatzt.“— „Dann laßt mich meinen Traum auserzählen, Herr; ich glaube, daß ich heute ſo verzweiflungsvoll luſtig bin, weil der böſe Traum migh noch heimlich quält.“— „Närrin; Dein Vater Werner wird heute oder morgen von Wansleben zurückkommen; der Breido iſt dieſen Morgen mit meinen Leuten heimgekehrt und wird berichten, daß die Braunſchweiger für lange Zeit die Luſt verloren haben, ſich wieder an der Burg zu verſuchen. Ich will es ihnen vollends aus dem Sinne bringen; wir wollen eine große Jagd auf die Stadt machen, ich will mir einige Patrizier einfangen und ſie ſollen theuer zahlen. Willſt Du mit zu Pferde?“ „Ja, ja, gerüſtet, wie Euer Leibknappe!“— „Köſtliches Ritterblut!“ rief Otto, das kühne, ſeinem Sinne und Geſchmacke vollkommen entſprechende Weib in die Wange kneifend;— nes reizt mich, Dich in Mannstracht zu ſehen;— aber wird dieſe ſchöne Bruſt Platz finden unter dem ſchlanken Harniſch des zierlichſten Edelknappen?“— Olga drückte die Hände auf den Buſen und ſah den verliebten Freund mit buhleriſchen Augen an.—„Ach!“ — ſeufzte ſie mit der Abſicht, der Stimmung des Herzogs zu ſchmeicheln—„Wäre ich ein Mann, ich würde die verhaßten Bürger gänzlich vertilgen! Haben die Braun⸗ ſchweiger nicht einen dreifach geſchwänzten rothen, ſpringen⸗ den Löwen im Banner und über den Stadtthoren?“ — 325— „Nun ſo erzähle Deinen Traum nur vollends zu Ende, ich merke ſchon, Du willſt, daß ich ihn Dir auf meine Art deute; der rothe Löwe, der Dich im Schlafe ängſtigte, iſt Dein heißes Blut geweſen, das des goldenen Herzogs⸗Löwen Bild durch Dein Hirn getrieben hat; das Feuer, was dem rothen Löwem aus der Zunge leckte und Dich verſengen wollte, war die Sonnengluth vog Napoli di Malyasia;— ſiehſt Du, Närrchen, ſo löſt ſich dein Traum in eiteln Rauſch auf; ein Weib gefällt mir wohl, wenn der Wein durch ſein Hirn kreiſet. Wir wollen den Tag mit dem rothen Löwen des Feuerweines beginnen; heda, Conrad!“— Der Herzog ſchlug laut ſchallend in die Hände, ließ die Füße vom Stuhl zur Erde fallen und gab durch ſeine Bewegung Veranlaſſung, daß Olga ſich von ſeiner Bruſt aufrichtete, die Glieder verführeriſch dehnte und ſich auf den Stuhl ſetzte, der eben des Herzogs Füße getragen hatte. Der Edelknappe Conrad trat ein. „Beſorge den Morgenimbiß!“— befahl der Herzog; —„eine Kanne Malvaſier von der Braunſchweiger Beute!“ „Die Ritter ſind auf; werden ſie mit Euch, Herr, den Imbiß einnehmen?“— „Sie ſollen kommen!“— Der Knappe ging; Olga trat vor ein Spiegelglas, betrachtete ſich lachend, ordnete ihre Toilette mit kokettiren⸗ der Verrätherei ihrer Reize, und bemerkte mit heimlicher Luſt und muthwilliger Argloſigkeit, wie der Herzog ſie in verliebter Laune beobachtete. 4 Die Ritter Kurd von Steinberg und Hans von Schwiecheldt traten fröhlich ein, begrüßten den Herzog, der — 33— ihnen die Hand entgegenſtreckte, mit luſtigen Worten, er⸗ wieſen der Olga eine neckiſche Galanterie und führten ſie an den Tiſch, wo eben Wein, Wildpret und Brot auf⸗ getragen wurde. Der Herzog theilte den Freunden mit, daß Olga heute bei dem Aſſeburger die gewonnene Wette einfordern und den Rieſenhecht zu Abend verzehren wolle. Die Ritter ergötzten ſich Ader den Einfall und freueten ſich der Luſt des Tages. Olga hob den gefüllten, aus der Hand des dienenden Edelknappen empfangenen Becher kühn empor, ſah den Herzog ſchelmiſch an und ſprach:—„Thut mir Beſcheid, Ritter, laßt uns trinken auf das Wohl des Herzogs von Göttingen und Braunſchweig⸗Wolfenbüttel!“ Der Herzog verſtand dieſen Trinkſpruch ebenſo gut, wie die Ritter, er that Beſcheid darauf, indem er den Becher ergriff und fröhlich rief:—„Göttingen iſt ein ſchönes Land, aber Braunſchweig iſt noch ſchöner; ich wäre ein Narr, wollte ich aus einem goldenen Ringe den Edelſtein verſchenken!— Darum ſollen meine Ritter und Freunde mir beiſtehen, der ſchnell hochmüthig gewordenen Stadt ein⸗ mal für allemal die Luſt zu nehmen, gegen uns ſich zu vermeſſen. Der Angriff auf Wansleben gilt uns für einen guten Vorwand, die Stadt zu züchtigen und der Hülfe der Hanſa ſchnell zuvorzukommen. Morgen laßt uns einen Zug machen, damit man uns nicht für ſchwach und furchtſam anſieht.— Ich habe einen Plan ausgeſonnen— aber trinkt und dann hört.“— Man leerte die Becher; Olga ſog den ſüßen Feuerwein mit rothem Munde ein und ſprach dann, indem ſie den Becher kühn auf den Tiſch ſtieß:— „Eine Locke meines Haares gebe ich jedem Ritter, der Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 3 mir einen gefangenen Patrizier aus der Stadt zu Füßen legt.“ „Ei“— rief eine Stimme an der Thür—„dann, Schweſter, gebührt mir die erſte Locke!“— Kurd von Weferlingen und Breido von Ranzau waren eben eingetreten und bei Olga's Worten geräuſchlos an der Thür ſtehen geblieben. 5 „Seid willkommen!“— rief ihnen Otto zu,—„Ihr bringt beide gute Botſchaft, um uns den Tag zu würzen!“ „Fräulein!“— begann Breido, indem er Olga's Hand küßte—„dieſen Gruß ſendet Euch der Vater Johann; wir haben tüchtig aufgeräumt, alle Keller von Wansleben ſind voll gefangener Braunſchweiger; alle, die kein Löſegeld zahlen können, wird Herr Johann mit abgehauener, rechter Hand nach der Stadt zurückſenden.“— Aus Olga's Blicken leuchtete die Siegesfreude, denn ihr Traum in früher Morgenſtunde hatte ſie doch mit Furcht vor der Gefahr erfüllt, worin ihre väterliche Burg und das Familiengut gerathen war, und ſie hatte dieſe verſchwiegene Beſorgniß in einen offenen Haß gegen die Braunſchweiger gekleidet, der, wie ſie wußte, dem Herzog mehr zuſagte, als Furcht, die ihm mißviel. „Erzählt, Breido!“— verſetzte der Herzog—„waren die Braunſchweiger ſtark an Zahl und Rüſtung?“— Breido ſetzte ſich, trank und ſprach:—„Es waren ihrer über zweihundert; ſie hatten das Dorf angezündet, des Viehes ſich bemächtigt, ein Vorwerk genommen und waren eben im Begriff, eine Brücke über das Waſſer zu bauen, als wir vorgeſtern Nachts ſtill und unverſehens ihnen in 2 — 55— den Rücken fielen, ſie theils niedermachten, theils in den Graben drängten, theils in den Fluß jagten, oder gefangen nahmen. Von der Burg aus kam man uns zu Hülfe und es war hohe Zeit, daß wir eintrafen. Die Burgfrau lag in großer Angſt in der Kapelle vor dem Altare und kam erſt zu ſich, als Herr Johann ſie in ſeinen Armen aufhob. Ich ſetzte den Fliehenden zach und verfolgte ſie bis vor das Thor. Einen gefangenen Hauptmann habe ich ergriffen und ihm das Leben gelobt, wenn er mir genaue Kunde aus der Stadt geben würde; er that's und ich brachte ihn mit, um ihn für die Wahrheit ſeiner Ausſage haften zu laſſen. Es fiel mir auf, daß viele ſchwarzgerüſtete, berittene Männer ein gleiches Wappen trugen, wie es bei Rittergenoſſenſchaften üblich iſt, ſie tragen eine Lilie zwiſchen zwei Löwen, und der Hauptmann ſagt aus, daß ſich in Braunſchweig über vierhundert Patrizier und angeſehene Bürger zu einem Bunde vereinigt hätten, den ſie Lilienvente heißen, deren Anführer Hermann von Vechelde ſei und ſich gelobt hätten, die mit der Hanſa verſöhnte Stadt ſtark und ſicher gegen die Ad⸗ ligen und den Vormund des Friedrich zu machen.“— „Oho!“— fiel Otto ein—„ſo hat der Schwachkopf Anhang in der Stadt? Dann muß ich ihn noch beſſer verwahren! Glaube wohl, daß ſie einen blöden Knaben zum Herrn haben möchten, dieſe üppigen Goldringe auf der Altſtadt!“— „Nein, Herr, ſie haben keine Hoffnung und Neigung für ihn; ich fragte danach, aber der Gefangene antwortete mir, daß ſie an Friedrich nicht dächten, da er dumm und geiſtes⸗ ſchwach ſei, wie die Kunde durch's Land ginge, und daß ſie . 3* nur danach ſtrebten, eine freie Stadt zu werden und die Feinde zu zwingen, ihr Sicherheit zu laſſen.“— „Das ſollen ſie von mir erfahren!“— rief Otto;— „wenn der Gefangene nicht gelogen hat, ſo will ich die Lilie zerpflücken zwiſchen den beiden Löwen!“— „Der Gefangene muß wahr geredet haben, denn ich habe ihm gedroht, daß er gehängt Perden ſolle, wenn er ein einziges falſches Wort über die Lippen bringe. Aber die Braunſchweiger ſcheinen es ehrlich mit ihrer Fehde gegen die Ritter zu meinen, denn die Goldringe der Altſtadt, die ſtolz die Einwohner der anderen Weichbilder Silberringe nannten, haben ihre Seidenkleider in glänzende Rüſtungen verwandelt, ihren Schmuck von Gold und Cdelſteinen mit Schwert und Helm vertauſcht; ſie miethen Knechte als Söldner zu ihrem Waffendienſt und wollen zuſammenhalten gegen die Anſprüche der Gilden, aber mit den Gemeinden gemeinſchaftliche Sache machen gegen Fürſten und Landadel auf den Burgen.“— „Das dürft Ihr nicht leiden, Herr“— ſprach Schwiecheldt; „greift ſchnell zu, ehe die Stadt durch irgend eine glückliche Unternehmung trotzig wird. Laßt der Niederlage bei Wans⸗ leben ſchnell eine neue Schlappe folgen, ehe ſie ſich wieder erholt haben.“ „Ja, ſo ſchnell als thunlich“— ſetzte Steinberg hinzu, —„benutzt die Tage unſeres gaſtlichen Beſuches; an Man⸗ nen fehlt es Euch nicht, wir wollen Eure Gaſtfreundſchaft verdienen; der Aſſeburger wird gern mit dabei ſein.“— „Ich habe einen Plan“— nahm Otto das Wort;— „hört— er iſt während Eurer Erzählung ſchnell angewachſen und nothreif geworden. Du kennſt die Wege bei Lehndorf, Kurd von Steinberg;— morgen Abend, wenn die Sonne untergehen will, falle von dort her mit einer Schaar Knechte über das Dorf und zünde ein Haus an. Man wird in der Stadt das Zeichen vom Thurme geben und die Glocke läuten, die Bürger werden gegen Lehndorf aufbrechen, Du flieheſt in der Richtung aach Oelper, ich falle mit meinen Leuten den Bürgern in den Rücken, ſchneide ihnen den Weg ab und Schwiecheldt dringt in das Petri⸗Thor ein, wo wir uns ſchnell ſammeln und das Rathhaus im Sturm nehmen, ehe die Bürger vom Schreck erwachen.“— „Vielleicht kann Euch der Patrizier, den ich geſtern auf meiner Rückehr von Göttingen auf der Goslar'ſchen Straße gefangen nahm, für das Geſchenk des Lebens noch gute Dienſte leiſten“,— begann der Bruder Olga's, Ritter Kurd von Weferlingen;—„er will ſeinen Namen nicht nennen, und er iſt gewiß ein angeſehener Mann im Bunde der Patrizier; ich hatte ihm geſtern einen Goldreif vom Finger genommen; ſein Wappen, ein ſpringender Löwe auf Schild und Helm, iſt mir unbekannt, wol gar ein ſtädtiſches Bun⸗ deszeichen, und neben dem Helm ſtanden die Buchſtaben Ph. v. K. Ich verlor den Ring unterwegs wieder, wenigſtens weiß ich nicht, wohin er gekommen iſt.“— „Ja, wir wollen einen Zug gegen die Stadt ganz in's Geheim vorbereiten“,— ſprach Otto;—„trink“ Olga, es ſoll Dir viele Deiner goldenen Locken koſten! Nun ich in Göttingen nicht nöthig bin, will ich mir hier Beſchäftigung machen; eine Jagd auf die Braunſchweiger Krämer und Patrizier macht mir mehr Luſt, als auf wilde Schweine. — 38— Wenn ich mit dem rothen Löwen fertig bin, ſoll der Göt⸗ tinger daran.“— „Wie ſeid Ihr mit der Stadt Göttingen abgekommen?“ — fragte Breido— der geſtern abweſend geweſen war, als Kurd von Weferlingen von ſeiner Miſſion nach Göttin⸗ gen heimkehrte. „Ei, der Mainzer Erzbiſchef wollte mir Vorſchläge machen; bei ihm hatten die Göttinger ſich über ihren Lan⸗ desherrn beklagt, anſtatt ſie hätten den Spruch des Paulus an die Römer beherzigen ſollen: Jedermann ſei unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat!— Um keine fremde Einmiſchung in meine Regierung zu dulden, habe ich den Göttingern gnädig verziehen und ihnen durch Kurd Wefer⸗ lingen meine Gnade entbieten und mein Vergeſſen ihres Ungehorſams zuſagen laſſen; auch habe ich den Heinrich Kiphut, den ſie mehr fürchten als mich, auf ihre Bitte vom Bollrutz weggenommen und zum Vogte auf Harſte gemacht. — Alles meines lieben Pathen willen, zu dem ich Ge⸗ vatter bin. Es iſt ſogar beſſer, wenn ein ſtrenger Vogt nahe vor der Stadt, anſtatt d'rinnen wohnt.“ Der Herzog ſagte dieſes Alles mit einem ſo ironiſchen Lächeln und Breido von Ranzau grinſete dabei ſo teufliſch liſtig, daß die Ritter Steinberg und Schwiecheldt ſofort den richtigen Begriff von Otto's landesherrlicher Gnade be⸗ kamen, und Olga, mit einem muthwilligen Blicke auf den Herzog, lachend rief:—„Ah, Herr! Ihr habt für einen Fürſten ein gar zu weiches Herz! Wo Ihr einmal zürnt, werft Ihr die Gnade mit vollen Händen auf das Haupt der Undankbaren. Man ſollte in Göttingen glauben, — 30— daß eine Delia Euch im Schlafe das Barthaar ge⸗ kirzt habe.“ Otto ſchlug die Spöttiſche auf den Mund und rief, ſonell ablenkend:—„Wir wollen uns noch eine Nach⸗ ſpeiſe zum Morgenimbiß kommen laſſen— bringt den gefangenen Patrizier herein!“ Olga wußte, daß der Herzog den Bruder Kurd von Weferlingen aus gewiſſecvertraulichen Gründen nach Göt⸗ tingen geſchickt hatte.— Nicht allein die angebliche Gnade gegen die Stadt hatte ihn beſtimmt, den, allen Göttingern ſchrecklich gewordenen Vogt Heinrich Kiphut vom Bollrutz nach Schloß Harſte zu verſetzen, er hatte nicht allein ſeine Verzeihung des bürgerlichen Uebermuthes, wie er den drohenden Aufzug in Waffen, zur Warnung für die räu⸗ beriſchen Burgritter, bezeichnete, und die Rücknahme ſeiner Strafgebote verkünden, ſondern zugleich dem Kiphut ver⸗ traulich anbefehlen laſſen, fortwährend auf der Hut gegen die Stadt zu ſein, vor Allem aber jeden Göttinger Bürger gefangen zu nehmen, welcher der Herzogin Margarethe einen Beſuch abſtatten wolle, und überhaupt die Herzogin ſelbſt wie eine auf Schloß und Umgegend beſchränkte Gefangene zu betrachten. Hierzu hatte ihn die Kunde veranlaßt, daß Margarethe mit Göttinger Bürgern und Frauen fleißig verkehre, mit dem beſten Armbruſtſchützen Helmold und dem Stadtwortführer Roden einen engen Umgang pflege, daß ſie viele Briefe in die Bergiſche Heimath ſende und große Summen an Klöſter und Kirchen verausgabe. Auch das verſtockteſte Gewiſſen iſt mißtrauiſch, daß es beſchämt werden könne, es iſt empfindlich für jede Entblößung und ehrgeizig um den Schein des Rechts. Otto fürchtete, daß Margarethe, welche von ſeinem Leben auf Wolfenbüttel nicht ohne Kunde ſein konnte, Schritte bei anderen Fürſten thun oder gar mit den Göttingern eine feindliche Stellung gegen ihn einnehmen könne, um die auf ihrer Ehe und Ehre laſtende Schmach abzuſchütteln; er ſchätzte die Empfin⸗ dungen und Handlungen edler Charaktere nach ſich ſelbſt ab, wie es Alle thun, die keine Tugend kennen, und ver⸗ kannte ganz der leidenden Frau reines Gemüth, das un⸗ erſchöpflich an liebevoller Verzeihung, frommer Duldung und Entſagung war. Kurd von Weferlingen hatte ſie, als ihr einſtiger Page, aushorchen ſollen und Otto ſich flüchtig beſchämt gefühlt, als jener geſtern zu ihm ſagte:—„Herr, die Herzogin iſt eine Heilige; darum kann ſie auch nicht ſündiger Menſchen Leben theilen und deren Neigungen ver⸗ ſtehen.“— Olga aber, welche den heimgekehrten Bruder geſtern ſofort ausgeforſcht hatte, war nur noch übermüthiger geworden, da ſie fühlte, daß ſie in ihrer Herrſchaft über den Herzog ohne Gefahr ſeitens einer rechtmäßigen Mit⸗ bewerberin ſei. Kaum hatte Otto die Vorſtellung des gefangenen Pa⸗ triziers befohlen, als der alte Rupert ehrerbietig auf die Schwelle trat und ſeine bittende Miene auf den Herzog richtete, der gemächlich, den Kopf auf den Arm geſtützt, ruhig, wie ein ſchlummernder Löwe, ſich gefallen ließ, daß Olga ſeinen Bart durch die kleine ſchmeichelnde Hand ſtrahlte, und der dabei lächelnd der Dankſagung zuhörte, welche ſie dem Ritter Breido für die tapfere Hülfe bei Wansleben mit heiterem Leichtſinn ſpendete. — 41— Rupert wurde nicht beachtet; der Edelknabe trat zu ihm und fragte nach deſſen Abſicht; als er ihn vergeblich zu verſcheuchen geſucht hatte, ging er an den Zechtiſch und ſprach:—„Herzogliche Gnaden, der Friedrich ſendet zu Euch.“ Langſam ſchlug Otto die Augen auf und blinzelte gleich⸗ gültig auf den alten, graubärtigen Knappen.—„Was willſt Du hier?“— rief er;—„Haſt Du alter Haus⸗ marder Dein Hähnchen ünter guter Obacht gehalten?“ „Gewiß, hochfürſtliche Gnaden, ich habe ihm längſt das Krähen verleidet“— antwortete Rupert mit der Stimme und Miene eines ſchadenfrohen und herzloſen Menſchen.— „Ich wollte nur, er fühlte es mehr; aber ſein Kopf iſt dumm und ſein Sinn kindiſch.— Da hat er ſeit geſtern wie ein Knabe mit ſeinem zahmen Raben geſpielt, Hunger ertragen, gefroren, gelacht und geweint;— glaubt mir, er weiß nicht recht, was er thut und was Strafe iſt, Ihr könntet ihn frei laufen laſſen, ſeine Unarten üverſehen und mir die Vollmacht geben, ihn nach eigenem Gutdünken zu tractiren, denn ich habe eine Wuth auf das Blut des Magnus.“ Otto hatte die Worte des Alten mit liſtiger Ruhe, allmählig aber mit ſichtbarem Vergnügen angehört.— „Nun“— ſagte er, mit dem Becher ſpielend—„und darum wollteſt Du mich bitten? Tractire ihn, wie es ein Blödſinniger verlangt, laß ihn nicht aus den Augen.“ „Herr, er hält es kein Jahr mehr aus, das glaubt mir;— er hätte ſich in ſeiner kindiſchen Verſtandesſchwäche ſchon längſt ſelber ein Leid angethan, wenn Ihr nicht be⸗ fohlen hättet, daß ich ihn wie meinen Augapfel hüten ſolle; er läuft in Teich und Fluß blindlings hinein, ſpringt, wenn es darauf ankommt, aus dem Fenſter, um ſeinen Raben zu fangen; er hat entweder närriſche, unvernünftige Streiche im Kopfe, oder grübelt tagelang in der Einſamkeit, denkt aber im Grunde an gar nichts. So hat er die Gefangenſchaft ſeit geſtern gebraucht, um ſeinem Raben ein Wort einzuſtudiren.“ 1 „Laßt ihn doch laufen“— meinte Schwiecheldt;— „ſpringt er aus dem Fenſter oder in die Oker, ſo iſt's ja gut;— wäre der Knabe in Sparta geboren, ſo hätte man ihn erſäuft, ehe er zu wohlgebildeter Männer Spott auf⸗ gewachſen wäre. Gebt ihm Freiheit, er wird wie ein Haſe ſeinen Weg ſuchen.“— „In ſeinen Augen glänzt ſo etwas vom Feuer ſeines Vaters“— nahm Steinberg das Wort—„und ſein Mund iſt ganz ſo trotzig;— er hat die kühne Unterlippe und gebogene Naſe der Welfen und hinter ſeinem albernen Lächeln ſchleicht oft ein höhniſches, liſtiges, lauerndes Weſen. Man müßte ſeinen Verſtand einmal auf die Probe ſtellen.“— „Du zweifelſt noch an ſeinem Blödſinn?“— fiel Otto ein;—„ich will ihn kommen laſſen und auf ſein Herzog⸗ thum anreden.“— 2 „Herr“— ſprach Rupert—„das iſt's, warum ich vor Euch erſcheine. Der Gefangene weint heute Vormittags wie ein reuiges Kind, verlangt nach Euch, um Euch um Verzeihung zu bitten, aber er weiß nicht recht mehr, was er geſtern gegen Euren Willen verbrochen hat, er bildet ſich ein, Euer Pferd ſcheu gemacht zu haben. Er jammert nach Euch, um Verzeihung zu erflehen.“— — 43— „Laß ihn kommen— einen Narren muß man laufen laſſen— bringe ihn her!“— befahl Otto. Rupert ging ſchnell hinaus. „Ich rathe Euch, thut ihn ſchnell ab“, ſagte Schwiecheldt. „Soll ich ihn einladen, nach der Harzburg zu kommen? Es iſt ſchon Mancher auf dem Berge über dem kalten Thale verunglückt.“— Dieſer Rath ſchien Otto's Beifall nicht zu finden und er blickte den Ritter von Steinberg mit liſtigem Lächeln an, als dieſer ſagte:—„Nicht doch, Hans— bedenket, daß der Friedrich Brüder hat— iſt er abgethan, ſo kommt der Bernhard oder Heinrich;— nein, er muß ſo lange am Leben erhalten werden, wie nur möglich, damit die Vormundſchaft ihr gutes Recht vor den Augen der Lüne⸗ burger und des Hildesheimers behält; mein Rath iſt, daß Ihr ihn wie einen Blödſinnigen tractiret, ihn nicht aus den Knabenſchuhen herauswachſen und das Lämpchen ſeines Geiſtes ſtill fortglimmen laßt; er iſt ein Träumer und Feigling— betrachtet ihn als Hofnarren.“— Otto antwortete nichts, widerſprach dem Steinberg aber auch nicht, trank und erwiderte Olga's ſchelmiſchen Blick, indem er in ihre Wange kniff. Breido von Ranzau, der ſeinen rothen Bart geſtrichen und in ſeiner lauernden Art die Miene Otto's mit Seitenblicken belauſcht hatte, begann: —„Euren Rath, Kurd, gab ich dem Herzoge ſchon früher; — ich halte es ſogar der Klugheit für angemeſſen, den Friedrich nicht von der Geſellſchaft auszuſchließen, ihn nicht wie einen Gefangenen zu halten, um dem Gerüchte von Gewalt an ihm keinen Schein der Möglichkeit zu geben. —— . Jedermann muß ihn ſehen, mit ihm verkehren dürfen, ſich überzeugen können, daß er mit einem großen Kinde zu thun hat. Keiner wird für ihn Intereſſe gewinnen und er wird bald allein ſein und gering geſchätzt werden. Wird er aber geheim gehalten, gemißhandelt, für ſchwach ausgegeben, dann findet er Mitleid, dieſes ſinnt auf Hülfe, es entſteht der Verdacht, daß ſein Blödſinn nicht Wahrheit ſei, das Gerücht macht ihm Freunde, die Gegner des Vormunds ſuchen Vorwand und Händel.“— „Breido“— fiel Otto ein—„Deine kalte Natur giebt Rathſchläge, die mein Temperament in Feſſeln legen. Der Teufel kann ſo kaltblütig rechnen; ich bin geneigt und gewohnt, den Knoten zu zerhauen.“— „Und doch habt Ihr Beiſpiele, Herr, daß mein Rath immer der beſte geweſen iſt. Denkt an Göttingen;— hättet Ihr den Rathsmann Roden durch Großmuth, Ge⸗ vatterſchaft und kluge Nachſicht nicht zu Eurem Wortführer gemacht, ſo wäre die Stadt nicht ruhig geblieben.“— „Was? Ruhig? Nennſt Du das Ruhe, wenn man den Mainzer Erzbiſchof gegen mich zum Richter aufruft?“ „Dem Roden habt Ihr es zu verdanken, daß die Stadt dieſen Weg der Vermittelung eingeſchlagen hat und nicht gegen den Bollrutz geſtürmt iſt, den Kiphut nicht halten konnte. Spielet mit dem Roden den Rechtsfreund. — Alles bei ihm iſt Geſetz, Pfand⸗ und Kaufbrief— gut, handelt mit ihm, macht Geſetze— nachher findet ſich Alles von ſelbſt.“— Der Herzog hatte die letzten Worte Breido's nicht mehr beachtet, denn die Thür war geöffnet und Friedrich, von — 3— Rupert mit gewaltſamer Hand hereingedrängt, ſtand dieſſeit der Schwelle und blickte ſcheu auf den Kreis am Tiſche. Rupert gab ihm durch mürriſche Geberde zu verſtehen, ſich dem Herzoge zu nähern. Die Geſichter der Ritter kehrten ſich ziemlich gleichgültig gegen den Jüngling; Olga rief im Uebermuthe:—„Ei, der tapfere Rabenjäger!“— und flüſternd fuhr ſie fort:„ewelch' ein Ritter von der trau⸗ rigen Geſtalt, ha! ha!“—. Otto redete ihn nicht an, ſondern erwartete mit ſtechen⸗ dem Blicke, was der Vetter beginnen werde, der hülfe⸗ ſuchend gegen den finſter ihn beherrſchenden Rupert ſich kehrte und, von deſſen Geberde ſcheinbar zum ſcheuen Gehorſam gezwungen, ſeine Augen auf die Ritter richtete, als wollte er dieſe bannen. „Sieh“— flüſterte Steinberg dem Schwiecheldt zu— „wie ſeine Augen uns anblinzeln, gerade ſo wie ſein Vater; bemerkſt Du nicht, daß er die Hand hinter ſich ballt?“— „Das iſt Verlegenheit,— ſieh'! ſeinen verzerrten Mund, halb Trotz, halb Furcht— ſieh' den unſtäten Blick, die Selbſtvergeſſenheit; er hat nicht im Gedächtniß behalten was er wollte.“—. Plötzlich trat Friedrich mit Heftigkeit gegen den Herzog vor, zögerte halbenwegs, als ſtutze er vor deſſen Blicke, faßte aber neuen Muth und verneigte ſich vor dem Herzoge. „Better!“— ſprach er mit ſchneller, matter, ungeduldiger Stimme,—„verzeiht mir, wenn ich Euch mißfällig war.“ Otto reichte ihm die Hand und ſah ihn mit Ueberlegen⸗ heit an.—„Du weißt, Fritz, was Du geſtern gethan haſt?“ — 416 „Ja, Euer Pferd ſcheu gemacht, daß Ihr geſtürzt ſeid.“ Otto lenkte den Blick auf die Ritter und ſprach lachend: —„Fürwahr, daß will ich Dir verzeihen, denn ich habe vom Sturze nicht einen blauen Fleck bekommen!“— Seine Miene bezeugte aber, daß er an dem Blödſinn des Jüng⸗ lings, der mit eingedrückter Bruſt und hohen Schultern daſtand und wie ein beſtrafter Kabe die einfache Beſatzung ſeines Kleides mit unruhigen Fingern zerzupfte, nicht mehr zweifle.—„Höre Friedrich, ich will Dir Freiheit geben und an mein Hoflager nehmen, wenn Du mir Vertrauen zu Deinem Gehorſam einflößt; halte Dich hier an den Ritter Breido von Ranzau, der Dich wie ſeinen Sohn liebt, und der Dein Hofmeiſter ſein ſoll von nun an.“ Rupert erſchrak ſo ſehr, daß er ſeine Rolle ſoweit vergaß, das tiefſte Mitleid und die ängſtliche Sorge aus ſeinem erzwungen ernſten Geſichte hervortreten zu laſſen. Breido rückte bei des Herzogs Rede, die der ſpöttiſche ſchadenfrohe Sinn deſſelben mit einem erklärenden Seitenblicke auf den Ritter begleitete, plötzlich auf dem Stuhle und mußte das offene Lachen Olga's und das Grinſen der Ritter er⸗ tragen; als er aber den Jüngling anſah, begegnete er deſſen ſtolzem, fürſtlichen Blick ſo unvermuthet, daß er auf⸗ ſprang, den Jüngling ſcharf und drohend mit Blick und Geberde einzuſchüchtern ſuchte und dabei mit freundlicher, erkünſtelter Stimme ſprach:—„Ihr habt des Herzogs Befehl vernommen— ich will Euch zu einem tüchtigen Ritter erziehen.“ Otto fühlte, daß Breido ihm den neckiſchen Lohn für guten Rath durch dieſe ironiſche Rede vergelten wollte und 1 fuhr fort:—„reiche Deinem Hofmeiſter die Hand und gelobe ihm Gehorſam.“— Als Friedrich zögerte, griff Breido ärgerlich nach der Hand und beſah ſie hohnlächelnd. —„Ja, ja“— ſprach Friedrich mit polternder Stimme, —„ich will thun, was der Vetter befiehlt.“ Breido warf die ergriffene Hand gleichgültig aus der ſeinen, ging zu Olga und flüſterte:—„Man muß ihn laufen laſſen— er iſt ungefährlich.“ Schwiecheldt ſagte:—„Ein tüchtiger Ritter beginnt als Page, wird Edelknappe und verdient ſich endlich durch Tapferkeit den Ritterſchlag. Der Friedrich muß als Page beginnen und ich ſchlage vor, ihn die feinen Künſte der Galanterie bei dem edlen Fräulein Olga von Weferlingen üben zu laſſen.“ Die Neckerei des Ritters durch ein verächtliches Auf⸗ ziehen des kecken Näschens und der Oberlippe erwidernd, wehrte Olga den träumeriſch ſich ihr nähernden Jüngling mit der Hand ab und rief:—„Nimmermehr, er iſt über das Alter eines Pagen hinaus, es geziemt ihm beſſer, die Dienſte eines Edelknappen beim Herzoge zu lernen und ihm den Wein zu kredenzen, das Schwert umzugürten und die Sporen anzuſchnallen.“ Steinberg bemerkte in dieſem Augenblicke, daß in dem Zuge des Mundes ein abweiſender Stolz bei dem Jüng⸗ linge hervorbrach und ſein Geſicht roth wurde. Der Ver⸗ dacht, daß hier der Blödſinn eine durchſichtigere Stelle haben und tiefer in ſein eigentliches Weſen ſchauen laſſen könne, beſtimmte ihn, vom Stuhle aufzuſtehen, den Jüngling ſcharf auf's Korn zu nehmen, ihm das Kinn aufzurichten und, 138— um das glimmende Feuer in den tiefen Augen zu prüfen, ob es verſtecktes Leben oder todter Glanz ſei, die ſtarke Unterlippe zu zerren und zu ſagen:—„Nun, Biürſchchen, war Dir das nicht nach dem Sinn?“— Kaum aber hatte Jener die Lippe Friedrich's hin und her gezerrt, als deſſen Adern im Geſicht anſchwollen; bei dem Worte Bürſchchen aber ſchoſſen die Augen Blitzen er ſchlug die Hand des Ritters ſo heftig zurück, daß dieſer ſtutzte und Schwiecheldt aufſprang, dem Jüngling einen Backenſtreich gab und ihn drohend von oben herab anblickte. Es war bei dem Schlage auf Steinberg's Hand bereits der ängſtlich lauſchende Rupert herbeigeſprungen und eben in die zornigen Worte:„Junker! ſeid Ihr des Teufels?“ ausgebrochen, als des hitzigen Schwiecheldt's Backenſtreich erfolgte. Friedrich war plötzlich wie ein vom Blitze Be⸗ rührter zuſammengebrochen und wie ein Kind geworden; mit einem Blicke, der in ſeinem flehenden Schmerze jedes menſchliche Herz zum Erbarmen getrieben hätte, ſah er, gleich einem gebundenen Lamme, den alten, zornig neben ihm ſtehenden Rupert an, die Stimme verſagte ihm und die Thränen ſtürzten aus den Augen.— „Jetzt iſt's genug!“— rief Otto—„lerne daran, wie man unter Männern ſich benehmen ſoll;— Du ſollſt als Edelknappe hinfort frei leben;— bringe ihn fort, Alter.“ Rupert führte den Willenloſen zum Herzoge; dieſer hielt ihm die Hand zum Kuß hin und winkte ihn hinaus. Schnell und unwillig zog ihn der alte Knappe fort. „Das war zu viel, Hans“— ſprach Otto—„aber ich habe mich überzeugt, daß er von ſeinem Vater Magnus nichts geerbt hat, weder Blut noch Land; er ſoll frei an meinem Hofe thun, was er will, ſo lange er unverdäch⸗ tig bleibt.“ „Ich konnte es nicht dulden, daß er einen Ritter be⸗ leidigte“,— ſagte Schwiecheldt;—„wäre es ein anderer Bube geweſen, der hätte den Tod erleiden müſſen.“ „Er erinnerte mich an den Magnus, als ſeine Augen flammten und ſein Mund ſich zum Stolze erhob“, ſprach Steinberg. „Strohfeuer, Freunde— alle Schwachſinnigen ſind jähzornig“— meinte Otto. „Wir müſſen ihn doch beobachten“— verſetzt Breido, —„in ſeiner Hand bemerkte ich Schwielen, als ob ſie ein Schwert geführt hätte.“ „Sein Arm verrieth Kraft, trotz der ſchwächlichen Ge⸗ ſtalt“; fügte Steinberg hinzu. „Er mag eine Rüſtung tragen und ein Roß beſteigen“ — erwiderte Otto—„er bleibt ein Kind.“ Unterdeſſen war Friedrich in ſein entlegenes Gemach, das ihm ſeit geſtern zum Gefängniß gedient hatte, unauf⸗ haltſam zurückgeſtürzt, ſo daß der Alte ihm kaum folgen konnte. Hier blieb er ſtarr ſtehen, die geballten Hände auf beide Augen gedrückt. Rupert, aus deſſen Miene alle erheuchelte Strenge gewichen und der volle Schmerz der Theilnahme zurückgekehrt war, ſchloß die Thür, warf ſich vor dem Jünglinge auf die Knie, küßte deſſen Kleid und ſprach in großer Bewegung:—„O mein theurer Herzog! Seid ſtark, Ihr habt das Aergſte erduldet, und nun über⸗ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II.. 4 — 50— windet es mit dem Stolze des Mannes, der im Jünglinge verborgen lebt. Den Blödſinnigen haben ſie geſchlagen und verſpottet, nicht des Magnus echten, herzoglichen Sohn; den Edelknappen haben ſie mißhandelt, nicht den Herzog von Braunſchweig.— O! Ich habe Euere Thränen ge⸗ ſehen, ich hätte die Frevler erwürgen mögen— ich blieb meiner Rolle getreu— ſoll Eh alter Mann mehr Kraft haben als mein junger Herzog?“ Friedrich entfernte die geballten Hände von den Augen und ſah wie ein Träumender, der aus ſchrecklichen Schlaf⸗ bildern gewaltſam aufgeweckt wurde, auf den treuen Ge⸗ noſſen nieder. „O, mein theurer Herzog!“— flehte dieſer—„er⸗ mannt Euch, Ihr habt die Freiheit theuer erkauft, aber ſie ſoll Euch auch ein Land eintragen!“ Heftig riß Friedrich den Alten vom Boden empor und kehrte ihm den Rücken im Gefühle der Schaam zu.— „Laß mich“— flüſterte er—„wer kann mich noch achten?“ „Die Feinde der Männer, die Euch gekränkt haben.— O Herr, ſparet Eunre Entrüſtung auf, laßt das Zornfeuer nicht in Kleinmuth verglimmen— jetzt handelt klug!“— „Des Herzogs Magnus Sohn“,— ſprach Friedrich, indem er die Arme erhob;—„geſchlagen von einem Schwiecheldt— verhöhnt von einem Steinberg?— Hier ſchwöre ich es zum blauen Himmel und bei meiner ewigen Seligkeit, jede Thräne, die mir die tödtlichſte Erniedrigung aus der empörten Seele gepreßt hat, muß ein hundertfacher Tropfen Blut werden aus der Bruſt dieſes Schwiecheldt, — 51 dieſes Steinberg! Eher kann ich nicht zu dem Geiſte meines Vaters treten, dieſe Schurken muß ich geſtraft zu meinen Füßen liegen ſehen. Ha! meine Natur iſt umgewandelt, ich fühle, daß ich ein Mann geworden bin. Rache! Rache! ſchreit jeder Pulsſchlag meines Lebens!“— „Sie ſoll Euch werden— nur geht den Weg, den Ihr Euch eben ſchwer erkauft habt;— ſpielt die Rolle eines Edelknappen, ziehet mit dem Quaden und ſeinen Genoſſen aus, dienet ihm als ſtiller, argloſer, ehrvergeſſener Knabe. Ein ſtarker Mann in der Maske eines ſpielenden Knaben iſt ein zwiefacher Mann. Fechten und Reiten habt Ihr gelernt ohne Aufſehen; ſo rüſtet Euch auch ſtill zum Kampfe. Benutzet Eure Freiheit am Hofe, um jeglichen Argwohn zu tilgen; um ſo freier wird der Weg zum Siege.“— Friedrich lehnte ſich auf des Alten Schulter und rang ſtill nach Faſſung. Wenige Minuten nach der Entfernung Friedrich's trat Kurd von Weferlingen in das Gemach zurück, wo der Herzog mit ſeiner Geſellſchaft noch über den vermeintlichen Blöd⸗ ſinnigen ſprach. „Der gefangene Patrizier iſt hier“— berichtete Kurd;— „ich habe ihn noch nicht zwingen können, ſeinen Namen zu ſagen; er muß ein Anführer der Stadt ſein; von ſeinen Knechten habe ich geſtern keinen lebendig erwiſcht, doch glaube ich, daß ſie in böſer Abſicht gegen die Ritter nach Goslar zogen, um dort Bundesgenoſſen zu ſuchen.“ „Die Goslarer ſind mir ſchon längſt verdächtig“— ſagte Schwiecheldt—„ich will einen Boten nach der Harz⸗ burg ſenden, daß man auf ſeiner Hut iſt.“— 4* „Laß den Gefangenen kommen“— befahl Otto, ſeinen Platz verlaſſend und den auf dem Nebentiſche liegenden Dolch in den Gürtel ſteckend. Olga trat an einen Spiegel und ringelte ſelbſtgefällig die goldenen Locken, vielleicht um die anweſenden Ritter an ihr Gelöbniß zu erinnern.— Weferlingen öffnete die Thür und zwei Knappen ließen einen Mann mit weißem Haar eintreten, der an Hand und Fuß eine Eiſenkette trug und mißffinſterer, geringſchätzender Miene den Blick nicht vom Boden aufrichtete. Otto ſah ihn an, ſchien zu ſtutzen und ſuchte fragenden Blickes den Ritter Breido, der mit ſeinem ſtechenden Auge kaum den Gefangenen angeſehen hatte, als er dem Herzog ſich näherte und auf deſſen fragenden Blick eine zunickende Kopfbewegung machte, dann aber zu Olga trat und ſie in ein heiteres Flüſtergeſpräch zu bringen und dabei an ein entfernteres Fenſter zu locken ſuchte.— Ddtto ſah den greiſen Gefangenen eine Zeit lang ſchwei⸗ gend an, in der Erwartung, daß derſelbe die grollenden Augen gegen ihn aufſchlagen ſolle; als dieſer jedoch in ſeiner finſteren, trotzenden Stellung beharrte, rief Otto in ſpöt⸗ tiſchem Tone, worin er die erſte Gereiztheit und die auf Böſes ſinnende Ueberlegenheit zu kleiden pflegte:—„Ei, Herr von Kalm! Auf meine Einladung ſeid Ihr aus⸗ geblieben, aber uneingeladen wollt Ihr mein Gaſt ſein! Ihr ſeid mir aber dennoch willkommen;— wie ſieht es in Braunſchweig aus?“— Der ſo Angeredete hob die düſteren Blicke zum Herzog auf, ſah ihn ſtolz an und antwortete:—„Ihr ſehet, daß ich würdig und ehrenhaft bei Euch zu Gaſte erſcheine.“— 25 — 53— „Ja, Ihr Geſchlechter da in der Stadt habt mit den Bürgern eine ſo gute Freundſchaft gemacht, daß Ihr den Adel darunter vergeſſen habt. Darum müßt Ihr auch die Kette zu Ehren Eurer Freundſchaft tragen. Ei, ſagt mir doch, wie viel ſeid Ihr der Stadt werth?“— „Nicht mehr, als ein ehrlicher Mann ihr zu leiſten ver⸗ mag; wo Ihr der Stadt inen Mann nehmt, da treten ſo⸗ gleich zwei andere an deſſen Platz.“— „Oho!“— lachte Otto—„da müßt Ihr Drachenzähne geſäet oder einen Deukalion in der Stadt haben! Ihr ſeid ja ſchnell ein eifriger Anhänger der Leute geworden, die Euch vor ſechs Jahren Sohn und Weib getödtet, Euer Vermögen genommen und Euch aus dem Thore gejagt haben!“— „Wir ſind verſöhnt, und wo ein größerer Feind uns gegenüber ſteht, da ſchweigen alle Parteien in der Stadt und das allgemeine Gefühl der Nothwehr und der Ent⸗ rüſtung befreundet Alle miteinander gegen den gemeinſamen Feind des Landes.“— „Und wen nennt Ihr Euren Feind?“— „Cuch, Herzog!“— Otto lachte laut auf, daß Olga vom entfernten Fenſter her den Gefangenen anſah und die Ritter Steinberg und Schwiecheldt ſich näherten.—„Fürwahr!“— ſprach Otto— „Ihr Leute ſeid ſehr keck und trotzig, aber Ihr macht mich nich furchtſam, ich erkenne in Eurem Muthe nur den Trotz hülfloſer Verzweiflung. Laßt ſehen, ob auf Euren Platz zwei Männer treten: deſto beſſer, indeſſen werdet Ihr Euch dieſes Mal meine Einladung gefallen laſſen müſſen und mein Gaſt ſo lange bleiben, bis Ihr mir ein gutes Löſe⸗ geld eingebracht oder einen guten Dienſt gethan habt. Ei, verrathet mir das Vorhaben der Bürger, ihre Rüſtungen, ihre Stärke und Schwäche, und ich könnte, wenn es ſich bewährt, Euch zum zweiten Male an meinem Tiſche will⸗ kommen heißen.“— Kalm ſchwieg und blickte den Herzog verächtlich an; als der feurige Schwiecheldt dem Gefangenen drohend entgegen⸗ treten wollte, winkte ihm Otto zu, und, vom verächtlichen Blicke Kalm's ſelbſt zur Aufwallung gereigt, rief er voll Hohn:—„Auch ſteht es Euch frei, gehängt zu werden, wenn Ihr meine Einladung verſchmäht. Nicht wie in Göt⸗ tingen vor viertehalb Jahren entwiſcht Ihr mir hier mit Weiber⸗ und Pfaffenhülfe!“— „Ihr macht mir die Wahl ſehr leicht— es iſt ehren⸗ hafter, durch Euch gehängt, als in der Stadt als treuloſer Verräther gebrandmarkt zu werden.“— „Dann habt Ihr nicht viel zu verlieren, dann iſt Euer Kind nicht mehr am Leben, oder Ihr habt es anderweitig um guten Preis verwürfelt!“— „Meine Tochter! O, meine Angila!“— rief der greiſe Mann, bei dem plötzlich das Vatergefühl mächtiger als ſein trotziger Muth wurde und in Ton, Blick und Geberde durchbrach. Otto lächelte befriedigt, da er den rechten Fleck gefunden hatte, wo er den Trotz⸗und kecken Sinn des Mannes am empfindlichſten vergelten konnte.—„Ei“— ſprach er vergnügt und behaglich—„Ihr möchtet wol bei der Tochter ſein? Da Ihr ein ſo kühner Würfler ſeid, ſo will ich Euch geſtatten, mit einem meiner Junker einen Wurf um — 55— das Mädchen zu thun;— gewinnt Ihr, ſo laſſe ich Euch für die tauſend Mark, die Ihr dem frommen Sinne der Herzogin von Göttingen abgemitleidet und mir aus dem Seckel geliſtet habt, frei, verliert Ihr, ſo gehört das Mädchen mir.“— Olga trat ſchnell dem Herzog näher und horchte, ohne auf Breido's Zuflüſterung aufmerkſam zu ſein, der ihr ſagte:—„der Herzog iſt en ſehr guter Laune; beliebt es Euch, meine Geſchichte von dem luſtigen Abte des Kloſters Bursfelde weiter zu hören?“— Olga's Ohr wurde aber zu noch größerer Spannung gereizt, als auf des Herzogs Worte der gefangene Patrizier ſich ſtolz aufrichtete, den finſteren Blick durch einen leiden⸗ ſchaftlichen Glanz erhellte und mit einer Stimme, in welcher Wehmuth und Entrüſtung gemiſcht waren, antwortete:— „Ihr beſchimpft die edle Frau, die als Eure Gemahlin den erſten Anſpruch auf Eure höchſte Achtung hat; ſie hat mir tauſend Mark zur Flucht mit meiner Tochter geliehen, weil ſie eine ſchwere Sünde damit verhüten wollte.“— „Schweigt!“ rief Otto, die Rede Kalm's mit drohender Hand unterbrechend, indem ſeine Stirnader anſchwoll und ſeine Unterlippe zornig hervordrängte. Schnell wendete er ſich gegen Olga, beherrſchte deren fragenden Blick mit einem erzwungenen Lächeln und ſprach, ſie bei der Hand einige Schritte gegen eine ſeitliche Thür geleitend:—„Beſchleunige Deine Toilette zum Ausritt; wir wollen in wenigen Mi⸗ nuten zu Pferde!“— Olga antwortete mit einem Blicke und Lächeln, die darauf berechnet waren, alle Reize der ſinnlichen Gewalt 56— auf ihn wirken zu laſſen und ihn unter die Herrſchaft ihrer Erſcheinung und zärtlichen Freundſchaft zu bannen; ſie küßte ſeine Hand und entfernte ſich gehorſam. „So“— rief Otto, die zornige Miene unverhüllt gegen Kalm kehrend—„nun reden wir noch ein Wort miteinander. Ihr ſeid des Todes, wenn ſich Eure Tochter nicht freiwillig als Preis Eures Lebens für Euch ſtellt.“— „Damit erſchreckt Ihr mich nicht“— verſetzte Kalm; —„an meinem Leben iſt weniger gelegen, als an der Ehre meiner Tochter;— ich hätte blind ſein müſſen, wenn Ihr nicht damals Willens geweſen wärel, für meines reinen, jungfräulichen Kindes Unſchuld und Ehre meine Noth zu lindern und mich zu beſtimmen, die edle Herzogin für ihr Mitleid mit einer Todſünde, ſtatt mit Dank zu ehren!“— „Unerhörte Frechheit! Ha! ich will der Braunſchweiger allbekanntes freches, freies Maul ſtopfen! Ihr wollt von Liebe zu Eurem Kinde ſprechen, das Ihr auf einen Würfel⸗ wurf gegen einen adligen Taugenichts um tauſend Mark einſetztet?“— „Es war eine That der Verzweiflung und Liebe, an⸗ geſichts der hoffnungsloſen Zukunft meiner Tochter und in der Stimmung des Elends, wo man Alles auf einen Wurf ſetzt und ſich einredet, daß man im letzten Kampfe das Glück erzwingt. Ein Engel rettete mich!“— „Genug! Ihr kennt mein Wort; nur gegen Eure Tochter löſe ich Euch aus, das berichtet nach Braunſchweig!“ Kalm ſchwieg, faltete ſeine Hände feſt um die Kette und ſah düſter zu Boden. „Und Eure Tochter gebe ich frei, wenn die Stadt mir &☛ 7— huldigt und mich als ihren Herrn anerkennt. Nun fort, in den Keller!“— Kurd von Weferlingen öffnete die Thür; die Hellebar⸗ diere erſchienen und ergriffen, da der Herzog ſich abkehrte, den Gefangenen, um ihn in das Verließ heimzuführen, deſſen unterirdiſche Keller und feſte Zwinger von Vraun⸗ ſchweigern überfüllt waren. Zweites Kapitel. Einige Tage ſpäter waren viele Braunſchweiger Bürger in dem Gaſthauſe„zur Roſe“ verſammelt, das vor dem Petrithore, etwa tauſend Schritte hinter dem Kreuzkloſter auf dem Scheidewege nach Oelper und Lehndorf lag. Der korpulente, durch ſeine Eigennützigkeit ebenſo bekannte wie wohlhabend gewordene Wirth Morian, welcher ſich faſt immer in einer ſchwitzenden und ſchmunzelnden Eilfertigkeit befand, ohne dabei ſeine liſtige Gemüthlichkeit zu verlieren, rannte mit vollen und leeren Bierkrügen von Gaſt zu Gaſt, bald in das Zimmer, bald auf die Hausdiele, trieb im Vorüberlaufen ſeine Knechte zur ſchnelleren Bedienung an, da auch draußen vor der Thüre Leute zu Pferde, oder neben den Thieren ſtehend und den Zügel im Arme, einen friſchen, ſchnellen Trunk forderten. Es war eine Schaar berittener und unberittener, be⸗ waffneter Bürger, welche die Gegend recognoscirt, und hinter einer Truppe Wolfenbüttler Reiſige, die ſeit einigen Tagen die Landwehren der Stadt mehr als gewöhnlich beunruhigten, und vom Oelperthurm aus ſignaliſirt waren, Jagd gemacht hatten. Die Nachmittagszeit war bis zur vierten Stunde vorgerückt, die Sonne ſank glühend hinter Lehndorf, der Halbmond trat bereits hoch am blauen Januarhimmel heller und ſtärker hervor. In den beiden großen Gaſtſtuben auf der Hausdiele, im Hofe und vor dem Thore war ein großer Lärm durch⸗ einanderredender Stimmen; in einer der Stuben ſaßen die Anführer, Hauptleute und angeſehenen Bürger, welche, ſämmtlich gerüſtet und bewaffnet, dem Zuge angehörten, der eben den Feind verſcheucht hatte. Auch ein paar un⸗ bewaffnete Bürger befanden ſich in dieſer Stube, mit großer Spannung der Erzählung horchend, die einer der Anführer, welcher die Eiſenhaube vor ſich auf den derben Eichentiſch geſetzt und die Blechhandſchuhe eben daneben ge⸗ worfen hatte, mitzutheilen im Begriff war. Er war ein kräftiger, bärtiger Mann und er ſowohl, wie die neben ihm ſitzenden Bewaffneten, die an ihrer Feldbinde erkennen ließen, daß ſie zum Patriziergeſchlechte gehörten, trugen ein ge⸗ meinſchaftliches Zeichen auf Haube und Schild, nämlich eine Lilie zwiſchen zwei ſpringenden Löwen. Der Wirth Morian, welcher eben herandrängte, um dem Sprechenden einen Trunk aus beſonders geziertem Paß⸗ glaſe vorzuſetzen, fiel ihm in das Wort.—„Wohl be⸗ komme es Euch, Herr von Broitzen!— erlaubt mir eine Frage: wird's ohne Gefahr abgehen für mein Haus und Geſchäft? Noch zittern meine Glieder und das Sorgen⸗ fett lagert ſich immer mehr bei mir ab;— Gott im Him⸗ mel! das war eine Nacht vor vier Tagen, die ich im — 59— Grabe nicht vergeſſe. Ich dachte, es wäre ewig vorbei mit der guten friedlichen Roſe.“— Der Angeredete ſah den Wirth zwiſchen Ernſt und Lächeln ſchwankend an, wie dieſer in der komiſchen Miſchung von Furcht, Wohlbehagen, Liſt und Neugier ſeine vergnüglich ſchillernden Augen auf ihm unruhig ſpielen ließ, ſich den bierſchmutzigen, ledernen Koller rieb und, auf eine beruhigende Antwort wartend, den Winken der Anderen lauſchte. „Ja, Morian“— ſagte Broitzen—„bald wäre es um die Roſe gethan geweſen und das ſtattlichſte Haus, das ſich unter dem Kreuzkloſter angebauet hat, in Flammen auf⸗ gegangen. Aber der Herzog hat ſich an unſerer Stadt die Finger verbrannt und der Schwiecheldt wird für's Erſte nicht wieder Luſt verſpüren, das Petrithor für ſeinen guten Freund aufzuſchließen. Die Liſt war nicht übel, aber der Vechelde ging nicht in das Garn, ließ den Steinberg bei Lehndorf ein Haus anzünden und nur zum Schein die Bürger in der Richtung ausrücken; die Wache auf dem Oelper Wartthurme hatte noch zu rechter Zeit verkündigt, daß der Schwiecheldt hinter dem Holze lagere, und wie der Herzog, der ſelbſt dabei geweſen ſein ſoll, am Petrithor erſchien, wurde der Schwiecheldt in Oelper abgethan und der Herzog hier an der Stadt hart bewillkommnet, während Lafferde mit ſeiner Schaar aus dem Michaelisthore hervor⸗ brach, dem Steinberg den Weg abſchnitt und bis nach Eiſenbüttel trieb, wo er beinahe gefangen genommen wäre.“ „Gott ſei gelobt, daß wir eine Lilienvente in der Stadt haben!“— ſprach Morian, ſeine Bruſt durch einen tiefen Athemzug erleichternd;—„nun brauchen wir uns nicht mehr vor Rittern und Herzog zu fürchten. Es ſind Eurer doch ſchon einige Hundert.“—. „Ei, wir ſind unſerer über vierhundert gerüſtete Reiter und an zweitauſend treffliche Knechte; aber es iſt gut, daß der Schnapphahn auf Wolfenbüttel unſere ganze Macht nicht kennt; um ſo eher können wir ihn fangen, denn ehe wir ihn nicht abthun, wird die unglückſelige Vormundſchaft kein Ende nehmen.“— „Aber was ſoll denn endlich einmal aus dem Lande werden?“— fragte Morian, ſprang aber, ohne Antwort zu erwarten, ſofort hinweg, da einige Stimmen nach Bier verlangten. „Der junge Herzog Friedrich kann uns nichts nützen“— meinte ein Nebenſitzender, der noch ziemlich jugendlich er⸗ ſchien und ſchon früher bei dem Namen Sonnenberg ge⸗ nannt worden war;—„er iſt wirklich närriſch— man will ſogar wiſſen, daß ihn der Quade durch ſchändliche Mittel dumm gemacht habe.“— „Lieber Lüneburgiſch werden, als einen Dummen als Herzog“— rief ein Dritter;—„wo ein Kohlkopf regiert, oder Einer, der ſeiner Sinne nicht mächtig iſt, da würden wir erſt recht der Adligen Beute.“ „Ich denke wie viele unſerer Freunde und Rathsver⸗ wandten“— ſprach Broitzen;—„wenn nicht der zweite Sohn des Magnus, der Bernhard, das Land verdient, ſo wollen wir deutſche Reichsſtädter werden. In zwei Jahren iſt der Friedrich großjährig und dann muß es ſich aus⸗ weiſen, was wir thun; den Quaden, dieſen Räuberhaupt⸗ mann einer adligen Bande, können wir nicht länger in der —— — Nähe dulden, aber er wird nur der Gewalt weichen, und darum müſſen wir Alles auf unſere Rüſtung verwenden und kein Opfer ſcheuen.“ 5 Morian war wiedergekommen; in ihm klang noch ſeine Frage nach, deren Antwort ihm der Dienſt gegen ſeine Gäſte entzogen hatte.—„Nun, was ſoll endlich daraus werden?“— rief er vergnügt. „Sparen muß Jeder, ſparen an Bier und Wein“— verſetzte Sonnenberg neckiſch, um die Habſucht des dicken Wirthes zu erſchrecken. „Höret ein vertrauliches Wort!“— fuhr Morian fort, wobei er den pfiffigen Mund ſpitzte—„Es geht das Ge⸗ rücht, daß der Friedrich nicht dumm ſei:— Gefangene, die ausgelöſt ſind, wollen ihn geſehen haben, wie er feurige Augen hat, ganz wie ſein Vater, dieſelbe Stirn und Naſe;— nur iſt er klein, wie verwachſen— aber glaubt mir, alle Buckligen, Hochſchultrigen, Schiefhüftigen und in der Bruſt Ausgewichenen haben etwas vom Teufel im Kopfe und ſind ſchlau, wie Juden.“— „Er hat keine Vorſtellung von der Noth des Landes“— meinte Broitzen—„kein Verlangen nach ſeinem Erbe, ſonſt könnte er in Wolfenbüttel nicht ruhig zuſehen, wie Land und Erbe zur Beute der Feinde ſeines Vaters werden; das muß einen zwölfjährigen Knaben empören und zum Manne machen— und der Friedrich zählt doch nun ſchon neunzehn.“ In dieſem Augenblicke trat ein bewaffneter junger Mann mit haſtigem Geſichte, Schwert⸗ und Sporengeklirr in die Gaſtſtube, riß die Pickelhaube ab, nahm Platz am Eichen⸗ tiſche und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. 629 „Was haſt Du im Sinne?“ fragte Broitzen den jungen, g g hübſchen und muthigen Bürger, der, eines angeſehenen Gildemeiſters Sohn, ſich vor einigen Tagen gegen den An⸗ griff des Ritters von Steinberg hervorgethan und dem Bürgermeiſter Lafferde in der Gefahr, gefangen zu werden, kühn beigeſtanden hatte. „Was ich im Sinne habe?“ verſetzte der Jüngling mit einer trotzigen Keckheit;—„ei, das iſt gar Schönes und Liebes, und Ihr ſollt es noch einmal erfahren, wenn es rechte Zeit iſt; aber es giebt was Anderes zu thun; Ihr werdet heute Nacht auch nicht zur Ruhe kommen.“— „Bei allen Heiligen!“— rief Morian—„Caspar, Herzensfreund! Will der Herzog einen neuen Angriff auf die Stadt machen?“— „Vielleicht; aber er will vorläufig auf gute Ritterart ſeine Schlappe rächen und läßt auf den großen Güterzug, der von Goslar erwartet wird, kundſchaften; er hat er⸗ fahren, daß derſelbe heute eintreffen wird; es liegen große Haufen Reiſige im Holze und der Weferlingen iſt bei Stöck⸗ heim geſehen worden; dieſer Strauchritter will uns den verunglückten Zug gegen Wansleben nicht ſchenken. Ich habe von der Vesperſtunde an mit meiner Hägener Schaar die Beſatzung der Oelperwarte zu verſtärken, der Bürger⸗ meiſter Lafferde will ſelbſt heute Abend die Goslar'ſche Straße bewachen und ich ſoll ihn hier abwarten.— Mo⸗ rian, ſchnell, Bier, ein Paßglas voll vom beſten!— Heda, wo iſt Euer Gretchen, das die guten Freunde ſonſt be⸗ dient?“— „Gleich, gleich!“— rief der Wirth und eilte an das Schiebefenſter in der Wand, wo heute, bei der plötzlichen Ueberzahl der Gäſte, die zarte Hand Gretchens die gefüllten Gläſer und Krüge hereinreichte. „Wir müſſen uns vor jeder Niederlage hüten“— meinte Sonnenberg;—„das Unglück, welches wir neulich vor dem Raubneſte Wansleben gehabt haben, hat den Herzog und ſeine Geſellen ſchnell kirre gemacht, ſonſt wären ſie nicht ſo tollkühn auf Ueberrumpelung der Stadt bedacht geweſen. Der Bürgermeiſter von Plettenberg hat wol recht, daß wir die Strolche einzeln auf ihren Burgen abthun müßten und der Herzog nicht mehr, als ein gewöhnlicher Burgmann und Heckenreiter werth ſei; aber der Zug nach Wansleben war verfrüht; ich habe es gleich geſagt, und wir müſſen nun nicht allein Gefangene einlöſen, ſondern den Tod vieler guten Freunde beklagen. Der Zug wurde viel zu offen be⸗ trieben und durch Leute, die von des Herzogs Knechten auf⸗ gegriffen und um ihr Leben geängſtigt waren, verrathen. Es iſt wol kein rechtlicher Bürger in der Stadt, welcher nicht dem Raubneſte Wansleben den Untergang und dem ganzen Geſchlechte von Weferlingen den Tod geſchworen hat; es kommt auch noch einmal dazu.“— „Wißt Ihr nicht Casper Klinge, ob Nachricht von unſerem alten Kalm eingelaufen iſt?“— fragte Broitzen; —„als wir heute Morgen ausritten, wußte man in ſeinem Hauſe und im Rathe nichts von ihm.— Auch jetzt noch nicht; — ſeine ſchöne Tochter Angila iſt in Verzweiflung und der Vechelde hat ſie zwangsweiſe in ſein Haus genommen, um zu verhüten, daß ſie im halben Wahnſinn nach Wolfenbüttel läuft.— Aber den Alten in Ehren— es war doch eine —64— Grille von ihm, eine Kühnheit des Eigenſinnes, er hätte nicht mit ein paar Knechten nach Goslar aufbrechen müſſen.“ „Er iſt ein aufrichtiger Freund der Stadt, ein guter, braunſchweigiſcher Patriot, der ſeine Liebe zur Stadt ſchwer gebüßt hat“,— verſetzte Sonnenberg;—„er meinte es gut, daß er nach Goslar reiten und die Bürger zu gemein⸗ ſchaftlicher That gegen die Unterdrücker des Landes auf⸗ fordern wollte; an demſelben Tage, wo wir gegen Wolfen⸗ büttel losgehen würden, ſollten die Goslarer auf die Harz⸗ burg rennen, wenn dort wieder Hoflager iſt. Der Plan war gut, aber noch viel zu eilig gedacht.“ „Der gute Mann!“— ſeufzte Morian, der bereits mit gefülltem Paßglaſe zurückgekehrt war, daſſelbe dem Caspar vorgeſetzt und der letzten Rede zugehört hatte;— „man erzählt ſich, daß der Kalm als flüchtiger Mann im Göttingenſchen heimlich und ärmlich gelebt und vor des Quaden ſchlimmer Begier auf die hübſche Angila die Flucht nach Braunſchweig ergriffen habe. Auch wollten Leute wiſſen, daß er einſtmals im Kummer über ſein Schickſal, den Tod von Sohn und Weib und den Verluſt ſeines Vermögens etwas krank im Kopfe geweſen ſei und ſein Töchterchen in Göttingen auf den Markt gebracht, für tauſend Mark feil geboten und dadurch die Aufmerkſamkeit des Herzogs auf ſich gelenkt habe, da dieſer gerade in Göttingen geweſen iſt.“ „Das ſind Gerüchte“— ſagte Broitzen!—„Weib und Sohn kann ihm die Stadt freilich nicht wiedergeben, auch nicht die Freude der Seele, die für immer verloren iſt, wenn einmal das Herz eine tiefe Narbe hat; aber man hat ihm, nach dem Sühneſpruche der Hanſa in Lübeck, nicht — 65— nur ſein ganzes Vermögen, ſondern auch die tauſend Mark wiedergegeben, die der alte Rath ihm vor mehreren Jahren als perſönliches Löſegeld auferlegt hatte. Für dieſe tauſend Mark hat er einen Altar zur Ehre der heiligen Margarethe im Brüderkloſter geſtiftet und er läßt hier alljährlich zehn Meſſen leſen für die Herzogin von Göttingen, die ihm das Geld vorgeſtreckt und die Rückzahlung verweigert haben ſoll.“ „Wie bin ich daran, hat die edle Frau ſich nicht vom Quaden ehelich getrennt?“— fragte Morian;—„Einer, der vom Herzoge als Gefangener nach Harſte gebracht war und eingelöſt iſt, erzählte, daß die ſanfte Frau wie eine Wittwe lebe, ſchwarz gekleidet, das Haar verborgen, daß ſie viel bete und weine.“— „Ha!“— rief Broitzen einem eben eingetretenen, ge⸗ rüſteten, rieſigen Manne zu—„Ihr kommt aus der Stadt, Claus von Vöde?“— „Ja— der Bürgermeiſter Lafferde ſendet mich her; der Thürmer auf Sanct Martinus hat ein Zeichen gegeben, daß am Lechelnholze dieſeits herzogliche Streiter ſichtbar werden, die ſich gegen Eiſenbüttel bewegen; Ihr möchtet mit Eurer Schaar hier zu Roſſe bereit bleiben und, wenn Ihr die Glocke auf dem Dome anſchlagen hörtet, ſogleich gegen die Goslar'ſche Straße aufbrechen. Der Quade muß wüthend ſein, daß ihm ſein Anſchlag auf die Stadt nicht gelungen iſt.“ „Was weiß der Rath von dem Kalm?“— „Der junge Weferlinger iſt's geweſen, der ihn aufgehoben hat; nun, es ſoll dem jungen Strolch nicht geſchenkt ſein; auf ſeinen beiden Augen ruht das Geſchlecht und der Name Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 5 — 66— und ich habe gelobt, das ganze Geſchlecht zu tilgen. Der Bote, der heute nach Wolfenbüttel geſandt iſt, um den Kalm gegen den vor einigen Nächten beim Ueberfall gefangenen Aſſeburger Junker auszutauſchen, iſt unverrichteter Sache wiedergekommen.— Der Quade hat erklärt, daß der Kalm nur gegen Auslieferung der Tochter frei ſei, die er als Geißel behalten wolle, daß die Stadt ferner ruhig verbleiben werde;— der Buſſo von der Aſſeburg aber hat für ſeinen Sohn tauſend und zwanzig Mark geboten.“— Dieſe Mittheilung rief eine große Bewegung bei den Stimmführern und Zuhörern in der Gaſtſtube hervor;— man ſchrie und lärmte von allen Seiten:—„Nimmermehr! — Die Tochter?— Das iſt Hohn!— Was ſagt der Rath? — Wir müſſen den Kalm ſelber holen!“— „Oho!“— rief Claus von Vöde, indem er ſeine rieſigen Glieder reckte—„der alte Buſſo von der Aſſe wird den Kalm ſchon pflegen und hüten; der Rath hat dem Quaden ſagen laſſen, daß, wenn dem Kalm oder irgend einem braunſchweiger Gefangenen ein Leid geſchähe, der Aſſeburger Junker vor dem Michaelisthore aufgeknüpft und allen Strolchen zur Schau hängen bleiben ſolle.“— „Bravo!“— erſcholl es von allen Seiten. „Horcht!“— rief Sonnenberg aufſpringend—„man läutet auf dem Dome!“ Eine plötzliche Stille herrſchte im Gaſtzimmer, aber alsbald wurde es lebhaft im Hofe, die Pferde ſtampften, die Waffen klirrten; Morian faltete die Hände auf der Bruſt und ſah furchtſam umher.—„Ach! der heilige Blaſius ſei meinem Hauſe gnädig!“— jammerte er,—„ſchützet — 67— dieſe Stelle, Ihr Herren, damit ich Euch künftig auch einen guten Trunk geben kann.“— Niemand hatte aber Acht auf den Ruf des Wirthes, deſſen Stimme im plötzlichen Lärm der Aufſpringenden ver⸗ hallte, die die Blechhauben aufſtülpten, die Handſchuhe an⸗ zogen, die Waffen zuſammenrafften und, nach dem letzten kräftigen Zuge aus dem Glaſe, hinauseilten. Bald waren die beiden Gaſtſtuben von allen Bewaffneten leer; man drängte im Hofe zu den Pferden; in eine Staubwolke ge⸗ hüllt, ſprengte die von Broitzen geführte zahlreiche Truppe aus dem Hofe und Caspar Klinge hielt mit ſeiner kleinen Wachtſchaar am Wege, um nach dem Petrithore zu ſchauen, wo er den Bürgermeiſter Lafferde erwartete. Morian ſtand ängſtlich im offenen Thore des Hofes und blickte unruhig die Straßen nach Oelper und Lehndorf hinunter und über die Felder; dann eilte er zu dem unfern haltenden Caspar Klinge und ſchien, wie ſeine Geberden verriethen, Schutz bei ihm zu ſuchen. Im Gaſthauſe zur Roſe war es plötzlich ſtill geworden; nur drei Bürger, die ohne Waffen und als ruhige Zuhörer ſich vor den kriegeriſchen Männern mehr in eine beſcheidene Ecke zurückgezogen hatten, waren geblieben. Unter ihnen befand ſich auch ein junger Mann mit bleichem, angenehmen Geſichte, ſtillen, ſinnigen Augen und einer treuen, etwas melancholiſchen Miene. „Es ſind recht böſe Zeiten“”— ſagte einer der Bürger; —„wir leben wie in einer belagerten Burg und der Handel leidet nach wie vor. Man ſieht gar kein Ende 5 — 68— daran. Es ſoll mich wundern, ob der große Güterzug von Goslar glücklich in die Stadt kommt.“ „Da ſeid Ihr beſſer daran, als die Kaufleute, junger Meiſter“— ſagte ein zweiter Bürger zum jungen Manne, der ſtumm und ſelbſtvergeſſen nach dem Fenſter blickte, durch welches vorhin eine weibliche Hand die gefüllten Becher und Paßgläſer dem eiligen, ſeine Gäſte bedienenden Morian zugereicht hatte, und wo jetzt ein Paar freundlich blinkende Augen behutſam dem jungen Manne zulächelten.—„Euer Bier, Chriſtian, hat nicht weit zu reiſen, der Weg vom Petrithore nach der Roſe iſt nicht lang und gefährlich— der Morian iſt ein kluger Mann, daß er Euch den ganzen Brau abkauft.“ „Ihr ſeid ein junger Anfänger, Herr Mumme“— ſagte der erſtere Bürger—„und darum brauet Ihr gut und billig, aber ſo ſpottwohlfeil Ihr auch gegen Morian ſeid, ſo fordert er doch von den Gäſten den vollen Preis und er bekommt's, weil das Bier das beſte in der ganzen Stadt iſt. Ich aber denke, Ihr ſolltet den Morian nicht durch Eure Gutmüthigkeit zu reich machen, ſondern lieber den Bürgern den Vortheil Eurer Billigkeit gönnen und auch anderen Wirthen auf der Gildenſtraße und an der Jakobi⸗ Kirche von Eurem Gebräu geben. Der Morian iſt ein liſtiger Mann, er verachtet Euer Bier, damit Ihr den Preis nicht aufſchlagen ſollt.“— Chriſtian Mumme, der junge Braumeiſter aus dem balkigen Eckhauſe am Petrithore, hatte dieſe Reden nur mit halber Aufmerkſamkeit angehört, da ſein Blick unverwandt auf das Fenſterchen in der Wand der Gaſtſtube gerichtet — 69— blieb, wo die lebhaften Augen aus dem dunkeln Hinter⸗ grunde des Fenſters wie blinkende Sterne am Nachthimmel auf ihn leuchteten und ihn mit heimlicher Gewalt anzogen. —„Laßt ihm den Gewinn“— antwortete er gleichgültig —„ich bin mit meinem Gebräu noch lange nicht zufrieden, auch ſinne ich auf ein Getränk, das weit in der Welt be⸗ rühmt werden ſoll.“ Ein Schuß mit einer Feuerbüchſe erſchreckte die beiden älteren Bürger ſo unverhofft, daß ſie aufſprangen und an das Fenſter eilten. „Ich gehe heim in die Stadt zu Weib und Kind“— ſagte der Eine;—„es wird dunkel, der Mond hat Dünſte angezogen, es mag kälter dieſe Nacht werden.“— „Ich gehe mit“— ſagte der Andere;—„ich hätte gern den Waarenzug ankommen ſehen, aber man weiß nicht, wie es abläuft und man könnte mit gefangen genommen werden;— kommt, Meiſter, begleitet uns.“— „Geht nur“— antwortete Chriſtian Mumme—„ich bleibe noch— der Mond wird ſchon wieder hell werden, ich habe noch mit dem Wirthe zu ſprechen.“ „Gute Nacht denn! Gott gebe uns eine ruhige Nacht!“ Die beiden Bürger gingen; Chriſtian Mumme blieb allein in der Stube; jetzt ſprang er auf, trat an das Wandfenſter, wo die freundlichen Augenſterne ihm ſchon länger geleuchtet hatten, flüſterte zärtlich weich:—„Gret⸗ chen!“ und ein liebliches Mädchengeſicht ſchauete ſchüchtern herein. „Iſt der Caspar fort?“— fragte ſie. von „Er wird mit den Anderen fortgeritten ſein;— auf⸗ — 70— Gretchen; gieb mir Deine Hand— ich meine es gewiß redlich; o, wie ich Dir gut bin!“— Der junge Bürger hatte aber kaum die zögernd zum Vorſchein kommende Hand erreicht, als Morian's Stimme erſcholl:—„Gott ſei uns gnädig! Der Caspar weiß Einem Muth zu machen; ein braver, tapferer Junge!— Ei— Chriſtian! Seid Ihr noch hier? Gut, nun kann ich Euch ſagen, daß heute Euer Bier herzlich dünn war, grade heute, wo ich die vielen, angeſehenen Gäſte hatte!“ Unmuthig über die Störung ſeiner ſtillen, zärtlichen Empfindung und da Gretchen ihre Hand bei des Vaters Stimme ſchnell zurückgezogen und das Köpfchen hinter die Wand verborgen hatte, antwortete Mumme:—„Ich hörte doch, daß die Gäſte das Bier lobten;— wenn es Euch nicht mehr gefällt, ſo ſende ich's nach der Gildenſtraße.“ „Verſteht mich recht, Freundchen, wir müſſen zeitlebens beiſammen bleiben, aber ich wollte nur ſagen, daß Ihr mit dem Gebräu zu viele Experimente vornehmt; laßt den Gedanken fahren, etwas Neues zu erfinden; der eine Brau wird hell, der andere dunkel, der eine ſüß, der andere ſcharf;— Ihr müßt ein feſtes Recept und gleiches Product haben, ſo daß ein Jeder gleich ſieht und ſchmeckt, das es von Chriſtian Mumme iſt. Seid nicht ſo kopf⸗ hängeriſch; ſeitdem Ihr grübelt, iſt Euer Geſicht bläſſer und Euer Gebräu auch.“— „Morian“— verſetzte der junge Brauer—„ich ſage Ench, wenn es gelingt, was mir jetzt im Kopfe keimt und halbe, bei meiner Seele! ich werde ein Getränk erfinden, auf des Leute dem beſten Weine vorziehen und als eine — 71— Medizin gegen vielerlei Krankheit und den Tod achten ſollen.“— „Hi, hi!— brauet um des Himmelswillen keine Me⸗ dizin für Gaſtwirthe und geſunde Gäſte! Die lieben kein Geſöff gegen Peſt und Tod, ſondern wollen'was Angeneh⸗ mes haben und ſaufen ſich lieber darin krank und todt, als daß ſie bei Medizin geſund bleiben. Ihr ſeid krank vom Spintiſiren, Grübeln nach Teufelskünſten; das kommt von Eurem Biere, mit dem Ihr heimliche Dinge treibt. Daß Euch der Teufel nur nicht dabei erwiſcht, oder es nicht bei den Leuten heißt, der Böſe arbeite in Eurem Brauhauſe, ſonſt trinkt es kein Menſch mehr.— Seid auf⸗ geweckt, munter, wie es einem jungen Bürger ziemt, der ſchon als Anfänger ein ſchönes Geſchäft durch meine Em⸗ pfehlung angelegt hat; der Nettelbeck im Flohwinkel am Radeklint möchte gern ſein Bier bei mir loswerden und will's noch billiger geben, wie Ihr, aber ich will Euch auf die Beine bringen.“— „In meinem Biere iſt Feuer und Zucker, als wäre es Blut aus der Moſelrebe, aber dennoch will ich mehr leiſten, bei des Himmels Gnade, die Korn und Kräuter wachſen und gedeihen läßt zu meinem Vorhaben!“— Morian ſchlug dem mit ungewöhnlicher Begeiſterung ſprechenden Brauer auf die Schulter und fiel beſänftigend ein:—„Nun, nun, Ihr habt an mir einen guten Freund, der Euer Bier unſchädlich macht und nur Rühmliches von Euch ſagt; ich meine es gut, ſchlagt Euch den Teufelsbrau und die Venusgrillen aus dem Hirne, Ihr werdet faſt von dem tollen Caspar Klinge an der Ecke Eures Hauſes auf⸗ — 72— gehängt, wie er es neulich geſchworen hat, als er Euch bei Gretchen traf, und der Euer Bier wahrhaftig nicht trinken würde, wenn es ihm nicht mein Gretchen kredenzte.“— Chriſtian Mumme hatte einen raſchen, hülfeſuchenden Blick in den dunkeln Raum des offenen Wandfenſters ge⸗ than und bemerkt, daß Gretchen horchend, die Hände auf der Bruſt, lebhafte, behütende Augen auf ihn richtete. Erregt rief er, mehr gegen das Fenſter, als den Wirth gekehrt: —„Ich kriege es heraus, das Getränk, welches die heid⸗ niſchen Götter auf dem Himmelsberge getrunken haben, und ſollte ich das Liebſte meines Lebens zum Pfande ſetzen!“ Morian blinzelte liſtig nach dem Kreuzkloſter hinüber und ſagte:—„Bleibt ein guter Chriſt, junger Mann, geht fleißig in die Kirche; hier in meinem Hauſe iſt Segen und was Ihr in ſchlimmen Gedanken brauet, wird durch mein Vorſtellen zu Himmelsöl; darum laſſet die Grillen fahren.— O, Jeſus, Maria, Joſeph! Was iſt da draußen los?“— Er eilte, ſich unterbrechend, voll Schreck in Miene und Gang, an das Fenſter, um in den Hof zu ſchauen, wo eben Reiter vorüberraſſelten und vom gefrorenen Boden eine Staubwolke nachwirbelte. Auch Gretchen ſteckte mit furchtſamer Miene den Kopf durch das Wandfenſter und blickte ſo ſehnſüchtig auf den jungen Brauer, als fände ſie bei ihm den rechten Schutz. „Gott bewahre mein Haus!“— rief Morian, das Fenſter zuſchlagend und ſeine korpulente Geſtalt gegen die Thür ſchleppend, um hinauszueilen. Ehe er ſie aber er⸗ reichte, wurde ſie von draußen heftig geöffnet, und Caspar Klinge trat herein.—„Nur ruhig!“— rief er, die Sturm⸗ 2 — 13— haube auf den Tiſch werfend und, als er den Brauer ge⸗ wahrte, den finſteren, verächtlichen Blick ſo ſtreng auf den⸗ ſelben richtend, als wollte er ihn damit aus dem Gemache verſcheuchen. „Was will der Schleicher hier?“— ſprach er, ſich gegen Morian wendend—„weiſet ihn weg!“— „Verzeihet— lieber Freund— er iſt der Chriſtian Mumme, deſſen Bier Ihr trinkt.— Ach, ſaget mir, iſt der Waarenzug verunglückt, iſt mein Haus in Gefahr?“— Caspar Klinge ſchritt in weiten Kreiſen und mit feſten Schritten um den Brauer, den er ſtolz und drohend über die Achſel anſah, und ſprach zu dem furchtſam hinter ihm her trippelnden Wirthe:—„Euer Haus kann in Gefahr ſein, ja, wenn ich's nicht ſchütze; es wäre gut, wenn ein Jeder, der nicht um dieſe Zeit vor das Thor gehört und keine Waffen zu tragen verſteht, nach Hauſe ginge in die Stadt.“ „Ach, liebſter Chriſtian— denket an Eure Sicherheit, Euer Brauhaus!“— ſagte Morian zum jungen Bürger, um ihn auf freundlichſte und ſchlaueſte Weiſe aus der dro⸗ henden Nähe des Caspar wegzubringen. „Ich fürchte mich nicht!“— antwortete Mumme ſo ſicher, daß Caspar einen Augenblick ſtehen blieb, ihn mit höhniſchem, bitteren Lächeln von der Seite maß und dann, ſtolz gegen das Wandfenſter tretend, laut hineinrief:— „Heda, Gretchen, lieb' Gretchen! Ein volles Glas!“— Um nur ſo ſchnell als möglich einem gefürchteten Zu⸗ ſammenſtoße Beider zuvorzukommen, begann Morian ſofort: „Aber ſo ſaget mir doch, lieber, junger Freund, was be⸗ deutete das Vorüberſprengen der raſſelnden Reiter?“— — 7— „Es war eine Abtheilung von der Schaar des Broitzen“ — verſetzte Caspar, ſich vom Fenſter gegen den Wirth kehrend und, ohne den Brauer eines Blickes zu würdigen, durch das Gemach ſchreitend;—„es ſcheint eine ſchlimme Nacht zu werden; der Herzog iſt mit ſeinen Rittern und Reiſigen in großer Zahl ausgezogen; die halbe Lilienvente wird ausrücken; man hat es auf das Petri⸗ oder Michaelis⸗ Thor abgeſehen, um die Schlappe von neulich Abend, die den Quaden fürchterlich zu verdrießen ſcheint, auszugleichen; aber er trifft uns nicht in Sorgloſigkeit. Es kann auch ſein, daß er den Aſſeburger Junker vor der angedroheten Aufknüpfung ſchützen will.“— „Dann ſei der Himmel dem guten ehrlichen Kalm gnädig!“— rief Morian, das Käppchen auf dem Kopfe verſchiebeud.—„Aber lieber Caspar, Ihr werdet hier bleiben und mein Haus ſchützen?“— „Einſtweilen bleibe ich hier; eben ließ mir Lafferde ſagen, daß ich in der Roſe erſt neue Verſtärkung aus der Stadt abwarten ſolle, ehe ich die Oelper Warte beſetze.“ Chriſtian Mumme war ſeitwärts in den Hintergrund getreten und ſuchte mit ſcheuem Blicke das Wandfenſter zu hüten. Jetzt aber trat Gretchen herein, eine hübſche, friſche, ſchlanke Geſtalt, mit hohem, ſchäumenden Paßglaſe in der Hand, das ſie, nachdem ſie den Brauer mit flüchtigem, er⸗ munternden Auge geſucht hatte, eilig auf den Tiſch ſtellen wollte, um ſchnell wieder aus der Gaſtſtube zu eilen; Caspar Klinge gewahrte ſie aber kaum, als er mit kühner Hand das volle, runde Kinn des Mädchens ergriff, das ihm unter Erröthen einen unwilligen Schlag auf die dreiſte Hand ver⸗ — 7 55— ſetzte, aber ſogleich in der engen Miedertaille ſich vom be⸗ panzerten Arme umfaſt fühlte, die freundlichen, glühenden Augen des jungen Kriegers nahe vor ſich ſah, und ängſtlich das Geſicht nach dem entfernt ſtehenden Brauer kehrte. Aber ſchon bei der ſchnellen, gewaltigen Umarmung klirrte ein Glas zerſchmettert zu den Füßen Caspar's und ehe er ſich umſehen konnte, ob nicht das mit ihm ringende Mäd⸗ chen ſelbſt das volle Glas vom Tiſche geſtoßen habe, war Morian erſchrocken auf den jungen Brauer zugeſprungen, der nach gethanenem Wurfe drohend hervortrat und, ſeine gewöhnliche ſinnende Ruhe verleugnend, den lodernden Blick auf Caspar richtete. „Chriſtian!“— rief der Wirth—„um Gotteswillen! Rufet nicht ſelber den Kampf vor der Zeit auf— ſcheuchet nicht den Frieden aus meinem Hauſe.“— Gretchen hatte ſich aus der Armumſchlingung Caspar's frei gemacht und ſchüchtern, dem Vater folgend, des Brauers lodernden Blick erkannt. Da riß Caspar den ſchweren Blechhandſchuh aus und wollte ihn dem Brauer mit Zorn⸗ an den Kopf ſchleudern, aber Gretchen trat vor ihn hin und hinderte den gefährlichen Wurf. „Sapperment!“— rief Caspar—„was fällt dem Bierbrauer ein? Was will er von mir?— Soll ich ihm das Gehirn an der Luft darren, daß er vernünftig wird?“ Morian eilte verſöhnend zu ihm, ſtieß die Glasſcherben am Boden unter den Tiſch, bat ihn um Beruhigung, er⸗ mahnte den Brauer, nicht das hitzige Blut eines kühnen Kriegers herauszufordern, winkte die Tochter fort und trip⸗ pelte zwiſchen beiden Gegnern ſchlichtend hin und her; 76 Caspar Klinge aber bemerkte, daß Gretchen zögerte und den Brauer mit heimlicher Angſt in Blick und Geberde behütete; da ergriff er des Wirthes Hand und riß ihn, der eben abermals zu Mumme getreten war, heftig von dieſem weg nahe vor das zurückweichende Mädchen. „Jetzt fordere ich Gretchen zum Weibe!“ rief er, den Brauer nicht eines Blickes würdigend;—„Ihr wiſſet, wie ich ſeit Monden um Euer Töchterlein minne, wie mich die Augen dieſer reinen Magd bis in den Grund meines Herzens erwärmt haben. Ich ziehe heute Abend in ein böſes Gefecht: ich ſcheide; ehe ich ſcheide, ehe ich vielleicht dieſe Nacht meinen Tod finde, muß ich den Liebeskuß dieſes Mädchens genoſſen haben.“ Gretchen erröthete bis tief in den Buſen, ihr Blick ſuchte erſchrocken den jungen Brauer, der mit Heftigkeit einen Schritt vortrat, als wollte er ſie mit ſeinen Armen beſchützen, Caspar aber ſprang drohend vor denſelben hin, ſah ihn beherrſchend an, faßte Gretchen bei der Hand und zog ſie von ihm weg. Der Wirth Morian befand ſich in einer ſchwierigen Lage; mit dem jungen Krieger mochte er es in der jetzigen, ſchlimmen Zeit nicht verderben, und dieſer hatte ſchon ein⸗ mal das Gaſthaus gegen den Einfall des Ritters Stein⸗ berg geſchützt und Morian's Eigenthum ſowie ſeine Perſon gerettet; auch war Kaspar Klinge eines wohlhabenden Rathsverwandten Sohn, bei den Bürgermeiſtern und Haußt⸗ leuten beliebt und Morian hatte durch ihn manche Gerecht⸗ ſame vom Rathe für ſein Geſchäft und ſeinen Grundbeſitz erlangt; aber mit dem jungen Brauer mochte und konnte — 77 er ebenfalls nicht brechen, da dieſer, als junger Anfänger, ihm das Bier beſonders gut und billig lieferte und Morian den größten Profit von ihm zog; er wußte recht gut, daß der ſinnende, junge Mann eine ſtille Neigung zu Gretchen hegte, und dieſe dem Brauer im Herzen gut war, aber jener war nicht reich, hatte noch nichts erübrigt, da er ja des Wirthes Seckel füllen half, und was er gewann, ver⸗ brauchte er wieder zu mancherlei Verſuchen im Brauhauſe, die noch immer keinen Erfolg gehabt hatten; auch nannten die Bürger, welche in der Nähe des Brauers wohnten, dieſen einen Träumer, der an einer eingebildeten Idee leide.— „Verſprecht mir das Mädchen zum Weibe!“ wiederholte Caspar dringender, indem er Gretchen feſt am weißen, runden Arme hielt und ſie mit heftiger Zärtlichkeit anſah, als wollte er ſie zur Gegenliebe zwingen. Chriſtian Mumme ſtarrte den Sprecher ſprachlos an, lenkte einen fragenden, wehmüthigen Blick auf Gretchen und erwartete die Antwort des Vaters. „Ei, ei“— begann dieſer nach mehrmahligem Anſetzen —„ſtürmiſcher Freund, dieſe Ehre kommt ſo ſchnell, ſo betäubend— iſt mir doch zu Sinne, als hinge mein Kopf als Klöppel in der Thurmglocke im Kloſter da drüben;— an welcher Seite ſoll ich anſchlagen?“ „Laßt die Vergleiche, alter Fuchs;— ich verlange auf ehrliche Weiſe Euer Kind, und ich thue es ſo ſchnell, da⸗ mit ſie aufhöre, mit anderen Männern freundlich zu thun und verſchont bleibe von der Zudringlichkeit manches Narren.“ Chriſtian Mumme bekam Zornröthe in das Geſicht, und Gretchen, die ihn ängſtlich beobachtete, kam ſeiner Rede mit muthiger Aufregung zuvor, indem ſie ſich vollends von Caspar's Hand losmachte, dicht an den Vater trat und ſprach:—„Glaubet Ihr, Herr Klinge, eines Mädchens Liebe laſſe ſich in ein hohles Glas füllen, wie das Bier, das Ihr an den Mund bringt? Meine Hand hat Euch als Gaſt bedient, aber Eure Befehle gegen mich reichen nicht über den Rand des Kredenztellers.“ „Und ich fordere Euer Kind!“— rief der junge Brauer von Gretchen's Muthe beſeelt;—„fraget des Mädchens Herz, wem es gehören will!“ Caspar Klinge wollte eben im Zorne die Hand an den Brauer legen und ihn durch den leiblichen Kampf um das Mädchen zum Verſtummen und zur Flucht bringen, als helles Trompetengeſchmetter und Pferdegetrappel draußen erſcholl. Der Mondſchein, der vor Kurzem vom Nebel der kalten Luft umflort war, erhellte wieder die Gegend und Caspar, der ſeine zornige Abſicht gegen den Brauer plötz⸗ lich unterbrach und an das Fenſter ſprang, gewahrte ge⸗ rüſtete Männer im Helm, mit wehendem Federſchmuck, dem Zeichen der Patrizier, zwiſchen den Blech⸗ und Sturm⸗ hauben der bürgerlichen Krieger, in den Hof ſprengen. —„Die Bürgermeiſter!“— rief er,—„ſie ſteigen vom Pferde;— Gretchen!— liebſt Du mich? ha!l ich will Dich beſitzen, und ſollte ich Dir gewaltſam den Brautkuß geben!“ Mit dieſen Worten war er vom Fenſter zurückgeeilt, hatte Gretchen ergriffen und wollte ihren ausweichenden Mund küſſen, als ein heftiger Schlag ſein Vorhaben hin⸗ derte; Mumme ſtand mit drohender Geberde vor ihm und — 79— hielt noch den ſchweren Krug in der erhobenen Hand, wo⸗ mit er eben den Schlag auf Caspar's Schulter gethan hatte. „O, Jeſus, Maria, Joſeph!“— rief Morian— „ich armer Mann, was ſoll ich thun— Krieg in meinem Hauſe, zwiſchen meinen beſten Freunden! Ich will das Mädchen einſperren, daß keines Mannes Auge——— Himmel! Caspar! richtet kein Unglück an!“— Er fiel bei dieſem letzten Rufe dem jungen Klinge in den Arm, der eben im Begriff war, den Blechhandſchuh auf des Brauers Haupt niederzuſchmettern; doch von Neuem erhob dieſer den Arm, um auf den Gegner, trotz Gretchen's Schrei und Moriau's Zwiſchendrängen, loszuſchlagen, als die Thür aufgeſtoßen wurde und eine hohe Geſtalt in blanker Rüſtung und rothweißer Feldbinde, den Helm mit offenem Viſir auf dem Kopfe, hereintrat.—„Hülfe! Hülfe!“— hatte Gretchen eben in höchſter Angſt gerufen. „Was giebt's hier?“— ertönte die Stimme des Ein⸗ tretenden, der in der hellen Dämmerung der Gaſtſtube den bewaffneten Angreifer erkannte.—„Der Herr Bürger⸗ meiſter!“— rief Morian—„Ach, Ihr kommt zur rechten Stunde!“— Dann lief er gegen das Wandfenſter und ſchrie hinein:—„Heinrich! Anna! Licht! Einen Krug vom beſten Bier!“ Beſchämt hatte Caspar auf des Bürgermeiſters Heinrich von Lafferde Anrede:—„Was, Casper, Du kämpfſt gegen Wehrloſe und Weiber?“— den Arm ſinken laſſen, die Pickelhaube vom Tiſche ergriffen und ſich gegen die Thür bewegt. Der Bürgermeiſter hielt ihn an und blickte fragend 8 auf den dicken Wirth, der eben eine brennende Lampe durch das Wandfenſter empfing und damit herbeitrippelte. „Was geht hier vor?“— fragte Lafferde den Wirth, während ſein lebhaftes Auge beim Lampenſcheine Gretchen und den jungen Bürger überflog. Als Morian noch, um eine Antwort verlegen, ſtotterte und ſich die Hände rieb, begann Gretchen muthig:—„Herr, befehlet dem Caspar Mäßigung; er verlangt meine Liebe und will mich und den Vater unter ſeinen Willen zwingen!“— „Geſtrenger Herr!“— fiel Morian unter vielen Bück⸗ lingen und verlegenen Seitenblicken auf Klinge und Mumme ein—„Entſcheidet Ihr in Eurer Eigenſchaft als Richter; rettet meinen Hausfrieden und meine Freundſchaft zu beiden jungen Männern durch Eure Weisheit; beide ſind ehrliche, liebe Leute, aber ſie haben ſich um die Gunſt meiner Tochter heftig entzweit und werden den Segen aus meinem Hauſe treiben.“— Der Bürgermeiſter warf einen freundlichen Blick auf Gretchen, das ihn an Mumme's Seite unerſchrocken anſah. „Wahrlich!“— ſprach er— die Wahl dieſer Maid macht meinem trotzigen Caspar Ehre— ich gönne ſie ihm; aber liebſt Du ihn denn nicht, junges Röschen, und möchteſt-Du ſeinem Herzenswunſche nicht willfahren?“— Gretchen ſchwieg, verſchämt niederblickend. „Herr!“— begann Mumme—„fraget das Mädchen auf's Herz!“— „Du ſcheinſt dem jungen Bürger hier die Seele zuge⸗ wandt zu haben“— ſprach Lafferde freundlich, indem er ſein Wohlgefallen an dem Mädchen verrieth und ihre Wange ſtreichelte.—„Wer ſeid Ihr denn, junger Mann?“— Schnell antwortete Gretchen:—„der Brauherr Chri⸗ ſtian Mumme am Petrithore, der das ſchönſte Bier braut, das ich Euch ſogleich kredenzen werde.“— Sie wollte hin⸗ auseilen, in der feſten Ueberzeugung, daß ein Trunk des gerühmten Bieres den Bürgermeiſter für den Brauer ein⸗ nehmen werde; jener hielt ſie aber zurück und ſprach lächelnd:—„Gut, ich will den Streit ſchlichten; wer von den beiden Buhlen binnen Jahresfriſt ſeinen Namen am meiſten mit Ruhm bekannt gemacht hat, dem werde dieſes Mädchen zum Lohne; und der Rath ſoll entſcheiden, weſſen Name in der Stadt zur größeren Ehre gekommen iſt. Biſt Du es zufrieden, hübſche Maid?“— Gretchen zögerte und blickte ſcheu fragend den jungen Brauer an, deſſen Wangen plötzlich mit lebhaftem Roth ſich färbten und der mit Begeiſterung ausrief:—„Ja, ich nehme den Wettkampf an, Gott wird mir helfen!“—— „Ja, ja, ich will es dulden!“— rief Gretchen jetzt ſchnell, aber ſie ſtockte und wich dem freundlichen Anlächeln des Bürgermeiſters aus, da ſie fühlen mochte, daß ſie ihre Zuverſicht zum jungen Brauer zu lebhaft verrathen habe. „Ol wie weiſe iſt mein Her⸗ und Gebieter“,— ſagte Morian, der vom Wandfenſter herbeieilte, wo ihm eben ein Trunk Bier im großen Ehrenbecher hereingereicht war; „der Himmel ſtärke Caspar's Arm und Chriſtian's Kopf!“— Lafferde beſah das Bier, that einen kräftigen Zug und ſprach, ſich gegen den jungen Bürger kehrend:—„Lieber Meiſter, es wird Euch ſchwer werden, den Preis des Ruhmes Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. — 82— aus Eurem Braukeſſel zu gewinnen; nehmet das Schwert, kleidet die Bruſt in Stahl und ziehet mit aus gegen unſere Feinde!“— „Herr“— antwortete Mumme;—„als Bürger finde ich auch einen friedlichen Weg zum Ruhme; laßt mich in meinem Brauhauſe und ich hoffe zu Gott, das ich's erreiche.“ Caspar lachte ſpöttiſch auf. „Ja, Herr, Jeder hat ſeine Weiſe!“— ſprach Morian ſchnell, da er daran dachte, daß Mumme's Brauhaus ihm einen guten Profit zuwende;—„der Eine wird berühmt bei Malzdunſt und Keſſeldampf, der Andere im Staube des Gefechtes!“— „Wir müſſen aufbrechen!“— ſprach Lafferde zu Caspar, der ſeine Pickelhaube aufgeſetzt und Gretchen mit eiferſüch⸗ tigem Groll betrachtet hatte;—„zu Pferde! Nun, hübſches Kind, gieb dem Caspar die Hand, ſchenke ihm einen freund⸗ lichen Blick, es wird vielleicht heiß hergehen dieſe Nacht;— mache ihm Muth durch Deine lieben Augen!“— Caspar bot ihr die Hand; ſie ergriff ſie wie zum Lebewohl und eilte hinaus. Der Bürgermeiſter, von Caspar gefolgt, ging in den Hof; ſie beſtiegen die Pferde, und die große Schaäar der Reiter trabte die Straße nach Oelper hinauf. Gretchen blieb auch für Chriſtian Mumme unſichtbar; Morian redete noch einige liſtige, ausgleichende Worte mit dieſem, lobte die Weisheit des Bürgermeiſters und nahm ihm das Verſprechen ab, daß er alles Gebräu in die Roſe liefern wolle.—. In der Monddämmerung ging der junge Braumeiſter — 83— durch das Petrithor in ſein Eckhaus zurück, ſetzte ſich in ſein kleines Gemach zu ebener Erde und verſenkte ſich ſo tief in den Gedanken ſeines letzten Erlebniſſes, daß der alte Hinz, der alte, knochige Brauknecht, ihn gegen die elfte Stunde anrufen mußte, um ihn an das Nachtlager zu erinnern. „Gehe nur auf Deine Kammer“— ſprach der junge Meiſter;—„von meinen Augen weicht der Schlaf, im Herzen iſt Nacht bei mir, im Kopfe Tag.“— Der Knecht ſchüttelte über des Herrn wunderliche Rede den Kopf, zögerte und ging endlich auf den Wink des jungen Meiſters beſorglich die Treppe hinauf. Dieſer fand aber ſelbſt im ſtillen Hauſe keine Ruhe; er warf den Mantel über, ſteckte einen Degen in den Gürtel, ſchloß leiſe das Haus auf und wieder zu und ging durch die Gaſſen. Hier war es ſtill, die bewaffneten Einwohner, die einen Ueberfall des Herzogs abſchlagen wollten, waren draußen im Felde und auf der Landſtraße, oder hielten verborgen zwiſchen und hinter den Mauern der feſten Stadtthore. Der drängende Gedanke ſeines Herzens wurde ſeinem Fuße ein unwillkürlicher Führer; er ging durch das Petri⸗ Thor, durch das die Wachen ihn, den Bekannten, ziehen ließen, und gelangte vor das Gaſthaus der„Roſe“, das ſtill und friedlich im winterlichen Mondſchein lag, und wo noch Licht aus der Gaſtſtube ſchien. Nichts erinnerte an eine Gefahr, einen überfallenden Feind, einen nächtigen Kampf. Seine Augen und Gedanken verfolgten den gelben Sandweg, der gegen Oelper führte und ſich in ſchwarzem Strauchwerk verlor; er fühlte ſich elend und weh im Herzen, umging 6 , das Haus, ſtieg über den blätterloſen Dornenzaun des Gar⸗ tens, um von hier aus nach Gretchens Kammerfenſter zu ſpähen, und es gereichte ihm ſchon zur Beruhigung, in ihrer Nähe zu leben; er ließ ſich im Schatten des Haus⸗ giebels, der ſcharf und ſchwarz ſich auf dem hellen Boden und der Mauer des Gartens gegen die Feldſeite hin ab⸗ grenzte, auf eine hölzerne Bank nieder und blickte nach dem im Mondſcheine ſich ſpiegelnden Fenſter hinauf. Unweit neben ihm entſtand ein Geräuſch, ein ungewiſſer Schatten bewegte ſich; Chriſtian hörte die leiſen Worte: —„Du biſt's, ich ſah Dich vom Fenſter!“— Er ſprang auf, Gretchen ſchwebte ihm entgegen, ſie zitterte in ſeinen Armen, er führte die jungfräulich bange, aber vertrauens⸗ voll an ihn geſchmiegte Geſtalt unter das ſchützende Vor⸗ dach eines Gartenhäuschens. „Gretchen, Du?— O Gretchen!“— flüſterte er in ſchücbterner Glückſeligkeit, und mit leiſem Händedruck weh⸗ müthig in ihr Antlitz ſchauend;—„auch Du konnteſt nicht Ruhe finden?“— „Es wurde mir ſo angſt in der Kammer, nicht des Ueberfalls der Herzoglichen wegen, ſondern um Dich. Ach! was denkſt Du über des Bürgermeiſters Wort! An⸗ fangs war ich ſo muthig, aber je länger ich darüber nach⸗ grübelte, um ſo banger wurde mir;— der Caspar ging mit ſo ſiegreicher Miene fort.“— „O, holdſelige Maid— ich habe Dich heute verſtanden, Du liebſt mich wahrhaftig und Dein Herz iſt mein Preis im Voraus!— „Ja, Chriſtian, ja— das war Dir ſchon lange gewiß; — 85— — aber wie peinigt es mich, daß Du noch einen Sieg er⸗ kämpfen ſollſt, da ich Dir doch ſchon mit Leib und Seele angehöre? Wie wirſt Du aufkommen gegen einen Krieger, der tapfer und des Rathes Freund iſt? Wird man ihm nicht den Ruhm geben, wenn es ihm in Jahresfriſt gelingt, ſich gegen den böſen Herzog hervorzuthun, oder einen Ritter gefangen zu nehmen?“— Chriſtian Mumme hatte die Geliebte an ſeine Bruſt gedrückt und ſelig in ihre bange Miene, auf ihren erregten Buſen geblickt; jetzt hob er ſeine und Gretchen's Hand zum Himmel empor und ſprach feierlich:—„Ich will meinen Namen für ferne Zeiten in das Gedächtniß der Menſchen graben, will der Stadt Ehre bringen und ihren Namen mit dem meinigen für alle Zukunft verbinden, das ſchwöre ich, ſo wahr mir Gott helfe!“— Gretchen hörte dieſe Worte mit ſeligem Schauer an, der durch Bruſt und Glieder rieſelte, legte den Kopf an ſeine Wange und horchte, wie er flüſternd fortfuhr;— „Es lebt in meinem Hirn eine neue Erfindung, die ein langes Grübeln zur Reife brachte. Ich will ein Getränk brauen, das edel iſt, wie Wein, kräftig wie Arznei, ſüß wie Dein Kuß, und das nicht ſeines Gleichen hat vor mir und nach mir; es muß gelingen, denn Gott gab mir Verſtand und Fleiß, und wenn der weiſe Rath mein Gebräu lobt, wenn die Reichen an ihrer Tafel davon trinken, wenn das Ausland danach verlangt und ich es in ferne Hanſeſtädte ſenden muß, wenn Fürſten es loben, dann bleibt mein Ruhm länger, als Kriegsglück, oder der Kranz des Kämpfers; meine Erfindung gedeiht in friedlicher Zeit und würzt das 86 Leben. Und dieſes Gebräu will ich nach meinem Namen taufen, nicht aus eitlem Hochmuthe, ſondern Deinetwillen, um Dich, mein Herzliebchen zu erwerben, als ehrlicher Mann vor aller Welt.“— Von Freude und Hoffnung durchrieſelt horchte Gretchen auf dieſe Locktöne ihres Glücks und herzlichen Verlangens; da erſcholl plötzlich kriegeriſches Getöſe, fern, näher, wieder ferner und von mehren Seiten; Pferde ſtampften, Menſchen⸗ ſtimmen riefen durcheinander, Wagen knarrten; es wurde am mondhellen Hintergrunde des Holzes beweglich.— Gretchen erſchrak, klammerte ſich an den Freund und ſprach umherſpähend.—„O, mein Gott! der Herzog— der Feind! Wo rette ich mich, wer wird mich beſchützen!“ „Ich!— nicht der Caspar!“— verſetzte Mumme, indem er den Degen ſichtbar machte; und Gretchen war ſchnell bereit, dieſem Schutze zu vertrauen. Da ſprengten einige Reiter vorüber gegen die Stadt; ſie ſprachen im Vorüberſauſen mit lauter Stimme:—„Unſere Botſchaft wird die Stadt erfreuen: das war ein Sieg über die Wolfenbüttler Räuber, deſſen ſie ſich nicht verſehen haben.“ „Geſiegt!“— flüſterte Gretchen froh;„nun habe ich keine Gefahr, nun will ich in meine Kammer ſchlüpfen; ach! ich bin ſo muthig und auf Dich gläubig!— Und was da kommen mag, Dir bleibe ich treu. Aber eile in die Stadt, daß Dich der Caspar nicht trifft; er iſt heiß⸗ blütig;— geh' Chriſtian, ich denke immer mit Seligkeit an Dich von nun an!“ Sie kürzte die ſchmerzliche Seligkeit des Liebesabſchiedes ab, da ſchnell von allen Seiten Reiter auf Feldern und — 87— Wegen aus dem Dämmerlichte der Nacht hervortauchten, als wüchſen ſie aus der Erde, und wilder Lärm die Luft erfüllte. Mit einer letzten, ſchnellen Umarmung, einem letzten flüchtigen Begegnen der Lippen riß ſie ſich los und ſchwebte wie ein unkörperlicher Schatten gegen die dunkle Mauer des Hauſes. Chriſtian Mumme ſchlich gegen den Dornenzaun zurück und gewahrte den langen Wagenzug der von Goslar kommenden Güter, von zahlreichen Reitern, Reiſigen und Knechten zu Fuß begleitet. Chriſtian ſchloß ſich dem Zuge unvermerkt an und gelangte ſo durch das Petrithor in die Stadt zurück. Es währte nicht lauge, ſo ſprengten mehre Reiter über das Feld und hielten vor dem Gaſthofe zur Roſe an; Morian ſprang aus der Hausthür und erkannte die Bürgermeiſter von Lafferde und von Plettenberg, den Hauptmann der Lilienvente, Hermann von Vechelde, die Hauptleute der bewaffneten Gilden, von Broitzen und Sonnenberg— unter ihnen befand ſich auch Caspar Klinge. „Wir müſſen trinken!“— rief Lafferde, den Zügel des Pferdes über dem Arme vor die Hausthür tretend—„das war ein köſtlicher Streich von dem Caspar.“— Morian, der bereits in haſtiger Dienſtfertigkeit davon⸗ ſpringen und die vornehmen Gäſte bedienen wollte, blieb bei Caspar's Namen neugierig ſtehen, winkte einem Knechte zu, das Bier zu füllen und ſtellte ſich hinter die Thür, um zu horchen.. „Wahrhaftig!“— entgegnete Vechelde's kräftige Stimmie —„der Caspar hat heute den Ruhm davongetragen; Glück — 38— auf, mein lieber Junge! wenn Du auch den Weferlingen nicht erwiſcht haſt, ſo half uns doch Deine Tollkühnheit zum Siege und die Feinde mußten froh ſein, den alten Räuber nur wieder zu retten und auf den Weg nach Wol⸗ fenbüttel zu bringen. Für die nächſte Zeit wird der Quade uns in Ruhe laſſen.“— „Hätte mir der Bube mit dem rothen Teufelsbarte und dem Stern am Helme, der kein Anderer als der Breido von Ranzau war, nicht den Arm gehalten, ſo wäre ich nicht nur des alten, langen Räubers von Wansleben Herr ge⸗ worden, ſondern ich hätte den Herzog ſelber vom Pferde gerannt, denn ich erkannte ihn an dem langen Barte, den er nur allein trägt.“— Der Knecht des Gaſthofes kam mit gefüllten Krügen zurück; Morian ergriff ſie und brachte ſie den Kriegern hin. Als er zu Lafferde trat, hatte dieſer eben die Hand auf Caspar's Schulter gelegt und begonnen:—„Du biſt ein tapferer Burſche und wirſt ein ſchönes Mädel verdienen; während der junge Brauer, Dein Nebenbuhler, in faulen Träumen liegt, haſt Du ein gut' Stück Ruhm erbeutet. Aber horch! iſt das nicht die Allarmtrompete? Unſer Nach⸗ trab iſt wieder in's Handgemenge mit den Wegelagerern ge⸗ rathen,— flink, den Trunk, Morian!“— Die anderen Anführer hatten ſich bei dem Trompeten⸗ ſignale, das aus ziemlicher Ferne erklang, bereits auf die Pferde geſchwungen, als Morian noch den haſtig trinkenden Bügermeiſter und den muthig blickenden Caspar unruhig anblinzelte und ſprach:—„Ich empfehle mich und mein Kind unter Euren Schutz, und es wird wohl ſo kommen, daß — — 89 der Caspar den Ruhm gewinnt, meines Gretchen's Herr zu werden.“— „Das werde ich, deſſen könnt Ihr gewiß ſein“— ver⸗ ſetzte Caspar trotzig—„grüßet die ſchöne Maid!“— Er folgte dem Bürgermeiſter, ſchwang ſich auf das Pferd und bald war es wieder leer und ſtill im Gaſthofe. In der That war auf dem Wege nach Lehndorf die Nachhut der Braunſchweiger von einer Schaar Knappen überfallen, die, vorhin verſprengt, ſich hinter dem Dorfe verſteckt hatte, und nun noch einige Gefangene zu erbeuten gedachte, während Herzog Otto bereits in höchſt mürriſcher Laune mit ſeinen Rittern und Reiſigen auf dem Wege gegen Wolfenbüttel begriffen war. Sein Haß gegen die Braun⸗ ſchweiger war zum Höchſten geſtiegen, als er vor mehren Tagen den Ueberfall auf die Stadt, trotz aller ausgedachten Liſt nicht nur ſchmählich vereitelt ſah, ſondern den Ver⸗ luſt vieler guten Streiter und die Gefangennahme des Aſſe⸗ burger Junkers erfuhr. Er wollte ſich wenigſtens dadurch an der Stadt rächen, daß er ihr einen nahmhaften Schaden durch Wegnahme eines großen Waarentransportes aus Goslar verurſachte, den ſeine Kundſchafter ihm von der Harzburg aus angemeldet hatten. Die kecke Drohung der Braunſchweiger, den gefangenen Junker ſeines Freundes Buſſo am Stadtthore aufknüpfen zu wollen, hatte den Zorn des Herzogs zu weiteren gewaltſamen Abſichten gereizt und ſo war er mit Weferlingen, Steinberg, Schwiecheldt, Aſſe⸗ burg und Breido aufgebrochen, um nicht nur die Güter zu nehmen, ſondern möglicherweiſe auch angeſehene Perſonen der Stadt in ſeine Hände zu bekommen. Er hatte aber die Bürger, die ſehr wachſam waren, völlig vorbereitet ge⸗ funden und die neue Schlappe hatte ihn in wahrhafte Wuth verſetzt, zumal er fühlte, daß die Stadt ihm mehr und mehr über den Kopf wachſe. Mit dem ſtillen Gedanken, alle Sternritter zu ſammeln und mit großer Uebermacht ein⸗ für allemal ſich zum Herrn der Stadt zu machen, kehrte er bei Tagesgrauen nach ſeinem Schloſſe zurück. Als am frühen Morgen die Braunſchweiger erfuhren, wie der böſe Herzog mit ſeinen Rittern abermals verjagt ſei und die reichen Güterwagen glücklich in das Petrithor eingefahren wären, herrſchte ein allgemeiner Jubel in der Stadt; nur in ein Herz wollte keine Freude kommen; in Angila's Seele wollte die Siegesluſt nicht anklingen. Als ſie die Gefangennahme ihres Vaters erfuhr, war ſie in große Leidenſchaft der Verzweiflung gerathen und hatte den Gedanken gefaßt, perſönlich nach Wolfenbüttel zu eilen, um den Herzog um die Rückgabe des Vaters zu bitten. Sie war noch zu rein und arglos, um über die Gründe nach⸗ zudenken, weßhalb ihr Vater vor viertehalb Jahren ſo plötzlich die Gnade des Herzogs verſchmähet und mit ihr am frühen Morgen aus dem Göttinger Schloſſe geflohen war; aber es ſtand ihr immer noch die ſanfte, liebreiche Engelserſcheinung der Herzogin vor Augen und dieſe gab ihr auch Vertrauen und Muth zu dem Gedanken, daß der Herzog nichts Böſes gegen den Vater im Sinne haben könne, da er ſie, die Tochter, ſo freundlich angeſprochen habe. Das damals kaum ſech zenh Jahre alte, aber früh an Körper gereifte Mädchen war jetzt in das zwanzigſte Jahr getreten, aber ihre Seele war ein unſchuldiges Kind — 91— geblieben, das keine andere Liebe kannte, als die zum Vater, und in ſtiller Eingezogenheit nur für dieſen gelebt hatte. Um ſo furchtbarer traf ſie die Nachricht, daß der Vater gefangen genommen und nach Wolfenbüttel gebracht ſei. Die Erinnerung an den Tag, wo der Herzog ſo freundlich gegen ſie geweſen war, überredete das in ſeinen heftigen Wünſchen leichtgläubige Herz, daß jener, wenn er ſie weinen ſähe und flehen höre, unmöglich Böſes gegen den Vater und ſie im Sinne bergen könne. Man hielt ihren Gedanken, nach Wolfenbüttel zu eilen, für den Ausbruch der höchſten, ſchmerzlichen Selbſtvergeſſenheit; Hermann von Vechelde nahm die plötzlich Verwaiſte und in ihrem Hauſe Verödete in ſeine Familie auf, und hier ſuchte man die fixen Ge⸗ danken derſelben durch beruhigende Einreden zu beſeitigen, verſchwieg ihr die Meldung des Herzogs, daß der Gefan⸗ gene nur durch ſeine Tochter ausgelöſt und dieſe als Geißel für die Stadt verwahrt werden ſolle, und tröſtete ſie durch angeblich gute Nachrichten. Hermann von Vechelde aber ſann mit ſeinen Freunden darauf, das Schloß Wolfenbüttel zu erſtürmen, die Ge⸗ fangenen zu befreien und den Herzog aus dem Lande zu jagen; man hatte verſchiedene Pläne; man dachte, den Herzog von Lüneburg für dieſelben zu gewinnen und, da des Magnus älteſter Sohn geiſtes⸗ und körperſchwach ſei, den zweiten Sohn des Magnus, dem die zweite Tochter des Herzogs Wenceslaus zur Gemahlin beſtimmt war, als Herzog von Braunſchweig anzuerkennen; man dachte an eine Verbindung der Hanſa gegen den Herzoglichen Feind der Quartierſtadt Braunſchweig und die Wegelagerer auf — 92 hanſeatiſche Kaufmannsgüter; man dachte an den alten Gegner Otto's, den Biſchof von Hildesheim— kurz, die Bürger waren mit ihrem Rathe einverſtanden, die läſtige Vormundſchaft des Göttinger Herzogs durch irgend welche große Kraftanſtrengung abzuwerfen. Als nach dem letzten Ueberfallsverſuche des Herzogs drei Tage vergangen waren und Angila immer noch ver⸗ gebens nach dem Vater ſchmachtete, gerieth ſie auf den Argwohn, daß jener im Kampfe mit den Reiſigen gefallen ſei und man ihr die Gefangenſchaft nur vorgeſpiegelt habe. Dieſen Argwohn ertrug ſie nicht lange; die Qual, welche ihr derſelbe verurſachte, reifte ihren Gedanken, ſelbſt zum Herzoge zu eilen, zum furchtloſen Entſchluſſe. Am Nach⸗ mittage, als ſie unbewacht war, floh ſie aus Vechelde's Hauſe, ging in ihre väterliche Wohnung, wo die Magd weilte, lieh durch deren Hülfe bäueriſche Kleider, worin ſie von ſeltener Anmuth und mit allen Reizen der Unſchuld erſchien, und nahm den Weg nach dem Stadtthore, durch das ſie, als eine angebliche Bäuerin aus Malmerode ohne Schwierigkeit, aber nicht ohne zärtliche Anfechtungen der wachthabenden Bürger und Knechte, auf die freie Land⸗ ſtraße gelangte. Der Gedanke an das Schickſal des Vaters ließ das Gefühl der Furcht nicht aufkommen, als ſie im rothen Scheine der ſinkenden Januar⸗Sonne das Lechelnholz erreichte und bei beginnender Frühdämmerung, die von dem heller werdenden Monde in Schranken gehalten wurde, die Strohdächer von Groß⸗Stöckheim erblickte.— Es war um die fünfte Stunde, als Herzog Otto ſich von der Tafel erhob, wo er mit ſeinen ritterlichen Gaſt⸗ — 93— und Streitfreunden den Unmuth über das Waffenunglück der letzten Woche und die von Bürgern erlittene Schmach im heißen Blute der Rebe vertrunken hatte; ſeine üble Laune war nur dann vergeſſen, wenn er ſich im halben Rauſche befand, oder ſeine Umgebung ihn durch Wort und That in ſeinem Haſſe gegen die Stadt nährte. Selbſt Olga's buhleriſche, muthwillige Augen und Lippen hatten in dieſen Tagen nicht die gewohnte Herrſchaft über den Mißlaunigen.— Als er ſich mit heißem Geſichte und den ſinnlich glänzenden Augen eines Halbtrunkenen vom Seſſel erhob, und Olga, wie ſonſt, mit ſchelmiſchem Verlangen ſeinen Wink erwartete, um mit ihm über die freie Gallerie der Burg zu luſtwandeln und die Genußhitze durch kühle Luft zu mildern, oder bei ihm im Zimmer das kurze Rauſch⸗ ſchläfchen abzuwarten, oder das ungeduldige Blut im Arm⸗ bruſtſchießen oder Kugelſpiele zu bewegen, ging er heute mit finſterem Ernſte allein fort, winkte die ihm folgende Freundin zurück, und dieſe lenkte den Blick keck, verwundernd fragend und herausfordernd auf den Vater, den Johann von Wefer⸗ lingen, welcher ſeiner Tochter einen Wink der Klugheit gab und mit den anderen Rittern am Tiſche ſitzen blieb. Olga verließ indeſſen mit der ſtolzen Miene der Kränkung und mit hochgetragenem Haupte das Sheſeginmene „Folget dem Herzoge nicht“— ſagte Breido zu den trinkenden Genoſſen;—„es hat ihn ein Gedanke fortge⸗ trieben, den er in der Einſamkeit fertig macht; wir werden nachher erfahren, daß es eine neue Fehde giebt. Mein Rath zum einſtweiligen Nothfrieden hat ihn ſo ſchnell vom Tiſche vertrieben.“ „Ja, er muß etwas zu thun haben“— ſagte Wefer⸗ lingen—„etwas, das ſeine Rache kühlt; gegen die Braun⸗ ſchweiger ſind wir zu ſchwach, ohne Verbündete;— es iſt höchſte Zeit, daß wir die Stadt nicht zu mächtig werden laſſen, ſonſt wird ſie unſeren Burgen gefährlich.“— „Er will ja die Sterner zuſammenkommen laſſen“— ſagte Steinberg;—„das wäre eine ſchöne Geſchichte ge— worden, wenn er und ich den Städtern in die Hände ge⸗ fallen wären; es fehlte nicht viel— das verdrießt ihn am Meiſten.“— „Verdammt, daß des Aſſeburger's Sohn gefangen iſt!“ — fuhr der wilde Schwiecheldt auf;—„die Bürgermeiſter wollen ihn nicht für zwölfhundert Mark freilaſſen, die Buſſo geboten hat; ſie wollen den Kalm haben— und doch will der Herzog dieſen nicht hergeben und der Buſſo iſt darüber beleidigt nach der Aſſe weggeritten.“ „Mein Rath iſt“— ſprach Breido;—„wir reden dem Herzoge zu, einſtweilen mit der Stadt einen Noth⸗ frieden abzuſchließen, bis wir im Frühjahre alle im Stern⸗ bunde vereinigt ſind.“ „Es geht mir wie dem Herzoge“— entgegnete Johann von Weferlingen;—„ich werde ungeduldig, wenn ich nicht alle Tage einem Braunſchweiger einen Poſſen ſpielen kann und iſt's auch nur, um einem Aufgegriffenen die Naſe ab⸗ zuſchneiden.“ Wir laſſen die mit ſchwerer Zunge und ſchwerfälligen Gedanken redenden Trinker am Tiſche fortſprechen und folgen dem Herzoge, welcher in ſeiner Blut⸗ und Seelen⸗ hitze die freie Gallerie geſucht hatte, von hier herab, — 95— die Arme auf der Bruſt verſchränkt und grollenden Blickes nieder in die von Mondſchein, Frühdämmerung und dem letzten Streifen des Abendrothes magiſch erleuchtete Gegend ſtierte und ſein finſteres Geſicht allmählig in ein ſchaden⸗ frohes Lächeln aufklärte, als ob ein Racheplan zur Be⸗ friedigung ſeines Unmuthes in dem Klima der böſen Laune ſtill reif geworden wäre. Die ſtieren Augen flammten plötzlich in die Gegend hinaus, wo Braunſchweig lag. Da ſchlug eine helle, kecke, faſt in wildem Uebermuthe ſcharfklingende Stimme über ihm einen Triller an, als ob ein Dämon in neckiſches Hohnlachen ausbreche und es folgte ein ſchelmiſches Reiterlied, deſſen von einer Cither beglei⸗ teten Worte begannen: „O Ritter, Du haſt es mir angethan, Leg ab Deine Waffen und ſieh' mich an; Es ruht ſich ſo weich auf des Mädchens Bruſt, Laß ab von dem Groll und kehr' wieder zur Luſt— Und lache ha, ha, ha, ha, ha!“— Otto ſah hinauf und begegnete Olga's grellen Augen, die heute lauernd auf ihn hinab aus einem hervorſpringenden Lugfenſter glänzten; die ſchneidende Schärfe ihrer Stimme und das gewaltſame Lachen waren die verrätheriſchen Laute eines eiferſüchtigen Herzens und beunruhigten Herrſchafts⸗ gefühles. Der Herzog lächelte ſie heute nicht an und ging weiter, die Terraſſe hinab in den hängenden Garten des oberen Burgwalles. Olga warf ihm einen katzenartigen Blick nach, ſchleuderte die Cither zu Boden, warf ſich, das rothe Haar durch⸗ wühlend, in einen Seſſel, weinte, lachte ſcharf auf und ver⸗ — 96— zweifelte, daß ſeit heute die Reize des Weibes ſo ohnmächtig auf dem Manne blieben, den ſie ſeit Jahren beherrſchte. Es war der weſtliche Horizont dunkel und nebelig, die Dämmerung zu einem tieferen, begränzten Schatten im Mondlichte geworden, als Olga in der Stille des begon⸗ nenen Winterabends einen weiblichen Ruf vernahm; ſchnell ſprang ſie an das Fenſter und die Stimme, welche unten aus der nächſten Umgebung des Schloſſes, von dem Baum⸗ garten aufſcholl, rief:—„Führet mich zum Herzoge, er wird mich hören und aufnehmen, er kennt mich!“— Olga's lauernder Blick erkannte im Mondſcheine Männer in blanken Blechhauben und eine weibliche, dunkle Geſtalt; ſchnell warf ſie einen Mantel um, eilte lautlos hinaus auf die freie Gallerie, um nach dem Herzoge zu ſpähen, aber ſie fand ihn nicht; die Männer mit dem Weibe waren gleichfalls nicht mehr zu ſehen. Jetzt nahm ſie ihren Weg nach dem Flügel des Schloſſes, wo des Herzogs Gemach lag, das er nach der Tafel als Ort ſeiner Sieſta zu ſuchen und wo Olga über ſeine Laune jederzeit zu ſiegen pflegte; die hier ſtehenden Hellebardiere fanden es nicht ungewöhnlich, daß das Fräulein hier aus⸗ und einging und ſie ſchlüpfte in ein Nebengemach, um zu lauſchen. In der That war der Herzog kurz vorher in ſein Zimmer getreten, aber er ruhete nicht; Olga hörte den ihr wohlbekannten Sporntritt; ſie legte das Ohr an, da ſie Sprechen zu vernehmen glaubte, und erhorchte, daß der Herzog mit ſich ſelbſt redete. Sie ver⸗ ſtand die Worte:—„Kampf! Kampf muß ich haben!— Wenn die Göttinger meine ſchmählichen Niederlagen erfahren, ſo werden ſie mich nicht mehr fürchten;— ich möchte den, — 97— Mund des Breido verſtummen machen, daß er mir feigen Frieden mit den Leuten räth, die ich am glühendſten haſſe! — Es ärgert mich, daß der Fuchs mit ſeiner Schlauheit meinen Ungeſtüm in Ketten legen will; heute, heute noch möchte ich Rache finden— und der Breido hat am Ende Recht;— zum Teufel!“— Olga fühlte ſich beruhigter und in ihrer zärtlichen Ge⸗ walt über den Herzog ſicherer, da ſie den Grund erfuhr, der das aufgeregte Temperament Otto's heute und die vorhergegangenen Tage auch gegen ihre Reize und Galan⸗ terien unempfindlicher gemacht hatte; ſie überlegte, ob ſie zu ihm gehen, ihn durch kriegeriſche Zuſprache und zärtliche Sympathie mit ſeiner rachebrütenden Stimmung an ihr Herz ziehen und zurück bannen ſolle; er hatte heute im Ueber⸗ muthe viel getrunken und der Wein ſprach aus ſeiner leidenſchaftlichen Natur lauter. Eben war ſie im Begriff, die Hand auf die Thürklinke zu legen und das Geſicht in die Miene zu zwingen, welche ſo oft ſiegreich über den Herzog geweſen war, als ſie eine fremde Stimme hörte. „Herr“— hub dieſe an—„ein bäueriſches Mädchen, das aber eine andere Sprache redet, als die Dorfdirnen, iſt in verdächtiger Weiſe in der Gegend des Schloſſes um⸗ hergeſchlichen, hat ſich Eingang verſchaffen wollen und iſt ergriffen; ſie verlangt den Herzog zu ſprechen, behauptet, daß ſie Euch wohlbekannt ſei und will Euch allein ſagen, was ſie ſucht.“ „Ein Mädchen?“— fragte Otto.— 1„Ein bildſchönes Kind, wie eine Apfelblüthe.“ „Bring' ſie her!“ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 7 — 98— Olga's Herz klopfte ſo ſtark, daß ſie etwas von der Thür, wo ſie das horchende Ohr angelegt hatte, zurück⸗ weichen mußte, um nicht durch das Geräuſch ihres beweg⸗ ten Blutes ſich ſelbſt zu verrathen. Bald darauf vernahm ſie, daß im Gemach des Herzogs eine Thür geöffnet wurde, daß derſelbe einen haſtigen Schritt machte und plötzlich ſtill ſtand, als eine weibliche Stimme rief!—„Herr! Herr! Erbarmet Euch meiner; Ihr waret einſt ſo gütig gegen mich! Wo iſt mein Vater?“— Es entſtand das Geräuſch, als ob Jemand auf die Knie ſank. „Dein Vater?“— fragte der Herzog mit einer Beto⸗ nung, die ſchon viel weicher klang, als ſeine Sprache vor⸗ her.—„Ei, Du biſt Kalm's Tochter, mein liebes Kind, — iſt es nicht ſo?“ „O, Ihr kennt mich noch!“ antwortete eine zwar angſt⸗ volle, aber lieblich klingende und kindlich⸗unſchuldige Stimme; „ja, Herr, ich bin Angila, des Patriziers von Kalm Tochter; Ihr habt meinem Vater einſt Mitleid erwieſen; man ſagt in der Stadt, er wäre hier gefangen, ol laßt mich zu ihm, daß ich ihn umarme, mich von ſeinem Leben überzeuge, ihm ver⸗ künde, daß Ihr mir den Vater wiedergeben wollt.“ Hätte Olga den Herzog ſehen können, ſo würde ſie ſein liſtiges Lächeln bemerkt, aber auch den ſinnlichen Glanz verſtanden haben, womit ſeine Augen das ſchöne Mädchen fixirten, als er ſie vom Boden aufhob und ſich mit lüſter⸗ nem Wohlgefallen an der Unſchuld dieſer Jungfrau weidete. Olga hörte nur die Worte:—„Und Du biſt freiwillig zu mir gekommen, mein hübſches Kind? Das Kleid der Bäuerin ſteht Dir ſo allerliebſt, daß ich Dich darin zu — 99— behalten wünſche“,— aber der Ton dieſer Worte reichte hin, um Olga's Eiferſucht von Neuem in Aufregung zu verſetzen. „In dieſem Kleide der Magd bin ich aus der Stadt entflohen; ich wollte den Herzog, der einſt ſo gnädig gegen mich war, ſelber bitten, mir den Vater zu ſchützen, ich konnte es nicht glauben, daß Ihr ſo böſe ſeid, wie man Euch in der Stadt nennt; nein, Herr, Ihr könnt meinem Vater kein Leid thun, er iſt ein guter, treuer Mann, der noch immer in tiefſter Seele über den Tod meiner Mutter und meines Bruders weint.“ „Du biſt ein unſchuldig Blut;— ich bin nicht böſe gegen hübſche, freundliche Mädchen und wenn alle Braun— ſchweigerinnen zu mir kämen, wollte ich ſie gut empfangen. Es liegt bei Dir, mein liebes Kind, Deinem Vater zu nützen, daß ihm nichts Schlimmeres widerfährt; er iſt meinen Rittern in die Hände gefallen,— doch will ich ſehen, was ich Dir zur Liebe vermag. Du ſollſt, einſtweilen als Bäuerin verkleidet, unter meinem perſönlichen Schutze bleiben!“ Olga fuhr mit der Hand auf das ſtürmiſch klopfende Herz, griff ſich in die Haare und athmete ſchneller, die ſtieren Augen auf die dunkle Thür gerichtet, vor welcher ſie horchte. Plötzlich hob ſie das Geſicht und hielt den Athem an, denn unmittelbar nach der freundlichen Rede des Herzogs erſcholl deſſen barſche, heftige Stimme:— „Was gaffſt Du da? Packe Dich hinaus, Burſch! hüte Dich!“ Der Herzog hatte nämlich den Knappen, welcher die Bäuerin in das Gemach geführt hatte, an der von den 100— Kerzenleuchtern nur ſchwach erhellten Thür ſtehen und ver⸗ ſchmitzt lächeln geſehen. Gleich darauf wurde Olga's Eiferſucht auf eine noch peinlichere Folter geſpannt, denn kaum hatte ſich der Hinaus⸗ gewieſene entfernt, als die Stimme des Herzogs zärtlich, und mit einem haſtigen, weichen Tone, wie ihn Olga kannte und verſtand, fortfuhr:„Sei ohne Furcht, mein liebes Kind, komm, wir wollen uns hier niederſetzen, erzähle mir etwas aus der Stadt, dann wollen wir überlegen, wie ich Dir den Vater erhalte.“ „Ach, Herr, Enre Güte macht mich ſo unausſprechlich dankbar, und ich möchte es der ganzen Stadt verkünden, wie freundlich Ihr ſeid, aber doch macht mich Euer Blick ſo angſt;— Herr, was wollt Ihr? Ihr ſeht mich auf einmal ſo brennend an, habe ich Euch beleidigt! Ach! ich verſtehe nicht, mit Fürſten zu reden— um Gottes Willen, was wollt Ihr?“ Es hätte nicht viel gefehlt, daß Olga in höchſter Auf⸗ regung die Thür aufgeſtoßen hätte, als ſie dieſe kindliche Sprache eines Mödchens vernahm, das der Herzog hübſch nannte. Die Rede des Herzogs aber bannte die Eifer⸗ ſüchtige von Neuem horchend an die Thür. „Närrin!“— ſprach er—„ich ſinne eben über die Be⸗ freiung Deines Vaters nach;— ohne eine Opfer wird es nicht möglich ſein;— willſt Du mich zum Freunde haben, ſo faſſe Vertrauen;— Du gefällſt mir; beſtrebe Dich, mir noch mehr zu gefallen, Schelm Du! Ein niedlich Fräulein, das den Muth und Einfall hat, ſich in eine Bäuerin zu kleiden, um die Leute zu täuſchen und ſich mir allein zu — 101— enthüllen, muß auch willig ſein, meine Gunſt zu ver⸗ dienen.“— „O Herr, Alles will ich um meinen Vater thun, Alles, was Ihr wollt;— o, laßt ihn mich nur einmal ſehen; laßt ihn erfahren, daß ich hier bin!“— „So gefällſt Du mir, Täubchen;— hat Dir in der Stadt noch Keiner geſagt, daß Du ein weiches, warmes Täubchen biſt? Hat Dich noch kein Mann geküßt, kein Auge begehrt?“— „Herr, ich lebe eingezogen, ſtreng von meinem Vater behütet und er liebt das ſtille Haus.“— „Lilie! Unſchuldsblut“— ſprach der Herzog, und in demſelben Augenblicke ſchrie das Mädchen auf. Olga griff auf die Klinke der Thür, aber fuhr wieder zurück da des Herzogs Stimme erſcholl:—„Schreie nicht, albernes Kind, oder Du machſt mich böſe;— ſieh' mich dreiſt und heiter an; wenn Deine Lippen noch rein ſind, ſo ehrt Dich der Kuß Deines Herzogs; wenn Du klug biſt, ſo wirſt Du mein Wohlgefallen nicht verſcherzen; wenn Du Deinen Vater los⸗ kaufen willſt ohne Geld und Blut, ſondern mit dem Herzen, ſo thue, was das Herz leiſtet. Ich verſpreche Dir bei meinem fürſtlichen Worte, daß Dein Vater, obgleich er als mein Feind die Waffen gegen mich geführt hat, meine Ver⸗ zeihung erhalten und ungefährdet ſein ſoll, aber nur um den Preis Deiner Schönheit und des guten Willens, meine Gunſt zu verdienen.“— Olga konnte aus dem Geräuſche abnehmen, daß das Mädchen ſich vor dem Herzoge niederwarf, als es nach kurzer Pauſe, in der ſie ſich vielleicht des Sinnes der herzog⸗ 102— lichen Worte bewußt geworden war, plötzlich mit angſtvoller Stimme rief:—„Gnade, Herr, Gnade! habet Erbarmen mit einer Jungfrau und eines Mädchens Tugend; denket nicht Arges von mir, ich bin eines ehrlichen Mannes reines Blut, ich würde meinem Vater nichts mehr werth ſein, wenn ich ihn nicht frei in's Auge ſchauen könnte;— was fordert Ihr von mir? Nichts kann ich Euch geben, als meinen Dank für eine edle That!“— Olga hörte den Herzog mit ſtarken Schritten hin und hergehen; ſie verſtand ihn, daß ſeinem lebhaften Tem⸗ peramente und ungeduldigen Willen der tugendhafte Wider⸗ ſtand des Mädchens ſchon viel zu lange währte und ſein heftiger Schritt bereits ſeinen Verdruß verrieth; ſie hätte das Mädchen in ihre Arme reißen und für den Widerſtand küſſen mögen. Der Herzog blieb plötzlich ſtehen und ſeine Stimme klang rauher und entſchiedener als er jetzt ſprach: —„Ich werde Dich einſtweilen in meinem Schloſſe be⸗ herbergen; in der Einſamkeit ſollſt Du mit Dir zu Rathe gehen, was klug iſt. Als Bäuerin ſollſt Du gelten und wenn ich erfahre, daß Du irgend Einem ſagſt, wer Du biſt, oder was ich von Dir verlange, dann ſiehſt Du Deinen Vater nie wieder!—“ Das Mädchen ſtieß einen Schmerzensſchrei aus. Es entſtand eine längere Pauſe; wahrſcheinlich machte das Bild jungfräulicher Unſchuld einen neuen Eindruck auf die ſinn⸗ liche Natur des Herzogs, denn mit freundlicherem Tone fuhr er fort:—„Nun, ſei keine Närrin, Kind; was Du mir giebſt, iſt ſpottwohlfeil füj Dich— was Du an mir verlierſt, ſieht Dir kein Menſch an; und ich lohne es Dir — 103— hundertfach. Gieb mir die Hand— ſteh' auf, ich will Dir einen Diener beſtellen; ſchaue mich an, Du kennſt eines Mannes Verlangen nicht, darum fürchteſt Du Dich;— ſei kein Kind an Jahren, ich will Dich lieb haben, das iſt doch eine Ehre für Dich;— ſieh⸗ heiter aus, ich rufe den Diener.“ Der Herzog ſchwieg eine Weile; Olga hörte das Mäd⸗ chens Seufzen, Wimmern, grelles Aufſchreien; in demſelben Momente ſchlug der Herzog ſchallend in die Hände und ſeine Stimme rief befehlend:—„der alte Rupert ſoll kommen; bewache dieſe Bäuerin einſtweilen in meinem grünen Ge⸗ mache!“— Olga hörte die Thür öffnen, des Mädchens Schluchzen und den ſtarken Spornſchritt des Herzogs, ſie kochte vor eiferſüchtigem Aerger und biß ſich bis zur Schmerzhaftig⸗ keit auf die Lippen; die Empfindung, daß ſie für den Herzog nicht mehr Reize genug beſitze, um ihn zu beherrſchen, daß er nach friſcher Mädchenblüthe lüſtern geworden ſei, erfüllte ſie mit Wuth gegen ihn und ſich ſelbſt und trieb ihren Verſtand zu den kühnſten Plänen der Liſt und Weiber⸗ ſchlauheit. Der Herzog ſprach wieder; Olga horchte. „Rupert; ich bin Deiner Treue gegen mich verſichert; Du biſt ein alter Schleicher und fügſt Dich in meine Be⸗ fehle; da der Friedrich keiner ſtrengen Aufſicht mehr bedarf und als mein Edelknappe frei umhergehen darf, auch unter des Ritters Breido von Ranzau Zucht geſtellt iſt, ſo will ich Dich anderweitig mit meinem Vertrauen lohnen. Es i*ſt ein braunſchweigiſcher Patrizier, Philipp von Kalm, Ge⸗ 104— fangener hier im Kerker, heute Nachmittags iſt ſeine Tochter freiwillig zu mir gekommen, um mich zu gewinnen, den Vater ohne Löſegeld freizugeben. Daraus will ich Nutzen ziehen; das Mädchen ſollſt Du im äußerſten Flügel des Schloſſes hüten; ſie iſt als Bäuerin gekleidet und Du ſollſt Ihr neue Bauerkleider anſchaffen; ſie ſoll als Gefangene betrachtet werden, ohne daß ſie darunter mehr als die Frei⸗ heit einbüßt.“— „Zu Befehl, Herr!“ antwortete Rupert. „Nun noch das Wichtigſte; ich weiß, daß Du bei der großen Zahl der Gefangenen dem Kerkermeiſter in müßi⸗ ger Zeit beiſtehſt; Du ſollſt von jetzt an den Kalm allein beſuchen, ihm die Nahrung bringen und ſeinen Sinn aus⸗ forſchen; er iſt ein trotziger, eigenſinniger Mann; laß ihn wiſſen, daß ſein Kind in meiner Gewalt ſei und ſo lange als Geißel feſtgehalten würde, bis der Kalm die Stadt zur friedlichen Unterwerfung überredet oder mich auf ſtillem Wege mit meinen Schaaren in die Stadt führt, daß ich mich zum Herrn derſelben machen kann. Weigert er ſich deſſen, ſo erzähle ihm, daß ſeine Tochter entfernt von hier elend umkommen werde.“— „Wie Ihr es befehlt, Herr!— verſetzte Rupert kurz. „Nun geh', beſorge das Mädchen— rede ihr zu, daß ſie darauf ſinne, meine Gnade zu gewinnen und mir guten Willen zu bieten.“— „Ich werde es beſorgen, Ihr könnt Euch auf mich ver⸗ laſſen“— antwortete der alte Knappe. „Wo iſt der Friedrich?“— „Er ſitzt in ſeinem Gemache— er träumt wie gewöhn⸗ — 105— lich;— ein Rabe iſt ſein Geſellſchafter, mit dem er när⸗ riſches Zeug ſchwatzt.“— „Was hälſt Du von ſeinem Blick, der bisweilen aus ihm leuchtet.“ Es iſt etwas Wildes darin.“ „Wie bei allen Blöden, Herr— die Flammen ſeiner Augen ſind Irrwiſche.“— „Gut, thue nach meinem Befehl.“— Unmittelbar nach dem Knappen verließ der Herzog das Zimmer und ging in den Trinkſaal zurück, wo die Ritter ſeine Wiederkehr längſt erwartet hatten. Olga trat aus der horchenden Lage an der Thür zu⸗ rück und ſchritt, von unruhigen Gedanken, wogenden Em⸗ pfindungen und kochender Bluthitze getrieben, durch das theil⸗ weiſe vom Mondſcheine erleuchtete Gemach. Sie war rath⸗ los, die verſchiedenſten Pläne kreuzten durch ihren Kopf; ſie hätte, wenn der Herzog noch im Gemache nebenan ver⸗ weilt haben würde, hineindringen mögen, um durch alle Keckheit ihrer Reize, durch allen Uebermuth ihrer zärtlichen Laune den Sieg über die erregte, von ihr abſchweifende Sinnlichkeit des Mannes davonzutragen. Aus dem Ge⸗ wühl ihrer Vorſtellungen trat aber ein Gedanke immer feſter als Entfchluß hervor: die Nebenbuhlerin ſollte um jeden Preis entfernt, den Augen des Herzogs entzogen werden. Sie eilte in ihre Gemächer, befahl Licht, viel Licht, als fürchte ſie ſich vor den Dämmergeſtalten des in die Fenſter einfallenden Mondſcheines, und trat vor den Spiegel, um ihre Erſcheinung zu prüfen. Ein ſtolzes Siegeslächeln war der Ausdruck ihres Gefühls, daß ſie noch zu den Weibern gehöre, die das Geheimniß ihrer Herrſchaft über — 106— des Mannes Leidenſchaft bewahrt haben. Aber ihr gekränk⸗ tes, eitles Herz verlangte nach Mittheilung: ſie ſchickte einen Diener ab zu ihrem Vater, der ſich im Trinkgemache be⸗ fand, um ihn ſogleich rufen zu laſſen. Als Johann von Weferlingen erſchien und ſeine Tochter in Aufregung, das Haupt ſtolz in den Nacken geworfen, die Oberlippe ſpöttiſch aufgezogen, mit einem Pfauenwedel die heiße Bruſt fächelnd, umherſchreiten ſah, fragte er liſtig:—„War der Herzog bei Dir, meine liebe Olga?“ „Mein Reich iſt aus“,— ſprach ſie, den Buſen heftiger kühlend—„laß uns aufſitzen und nach Wansleben reiten!“ Johann erſchrak, ergriff ſeiner Tochter Hand und zog ſie in die Helligkeit der Kerzen, um ihre Miene zu prüfen, ob Spott, Uebermuth oder Entrüſtung aus ihr ſprächen. „Kind“— ſagte er—„haſt Du ihn in übler Laune ge⸗ reizt? Du ſollteſt ihn kennen, iſt er verdrießlich, ſo muß er Dich ſuchen, nicht Du ihn.“— Olga lachte ſo ſcharf, daß ihr Vater ſie finſter und vorwurfsvoll anſah.—„Setze nicht durch Empfindlichkeit Alles auf das Spiel“— fuhr er fort;—„füge Dich ſeiner guten und ſchlimmen Laune, vergiß nicht, daß, ſo lange Du den Herzog beherrſcheſt, die Weferlinger freie Herren des Landes ſind; bringe Alles ſchnell wieder in Ordnung, ſinge, tanze, ſchieße mit Bogen und Pfeil, reite kühn, daß er's ſieht, das widerſteht ihm nicht.“— „Höre mich!“— ſprach Olga, indem ſie des Vaters Arm ergriff—„die Weferlinger haben ſich ſelbſt den Wolf in die Hürde geſperrt;— hätte Bruder Kurd den alten Kalm ruhig ſeine Straße ziehen laſſen, ſo würde — 107— ich nicht wie eine Verſtoßene hier ſtehen;— höre mich!“ — Olga erzählte jetzt dem Vater die erhorchte Begebenheit. Dieſer hörte mit wachſender Ruhe zu und ſagte endlich, lächelnd:—„Kind, die Eiferſucht ſpricht aus Dir, ich ſehe keine Gefahr, überlaß es mir, ich laſſe Vater und Tochter erdolchen, die Sache iſt abgethan.“ „Nein!“— fiel Olga ein, des Vaters Arm mit beiden Händen feſthaltend, als fürchte ſie deſſen raſche That.— „Die Stimme des Mädchens klang ſo engelrein, an ihrer Unſchuld brach des Herzogs heißer Sinn;„ich will es dem Mädchen danken, daß ich ihr zur Flucht verhelfe.“ Während Vater und Tochter noch miteinander Rath pflogen, hatte Rupert die angebliche Bäuerin in das bezeich⸗ nete Gemach im äußerſten Flügel des Schloſſes gebracht und ihr beruhigend zugeſprochen, ihr und des Vaters Schickſal der Fügung Gottes und den Herzen guter Menſchen anheim⸗ zuſtellen. Er hatte ihr den Ring gezeigt, welchen neulich der Rabe in das Gefängniß Friedrich's gebracht hatte und ſie war ſofort in den Ruf ausgebrochen:—„das iſt meines Vater's Ring! O mein Gott! Er iſt todt, ſeine Mörder haben ſich in die Beute getheilt!“ „Wollt Ihr mir vertrauen und folgen?“ hatte Rupert geantwortet;—„dann ſollt Ihr Euern Vater ſprechen — nun ſchweigt, ſeid getroſt, Ihr habt des Herzogs Willen vernommen— ſeid ſtandhaft und ſtumm.“ So war ſchnell ein Verhältniß zwiſchen Angila und Rupert entſtanden, welches Beide mit Hoffnungen erfüllte, die Keiner ausgeſprochen hatte, aber das Mädchen mit einem dumpfen Gefühle erfüllte, daß ein anderes Mitleid, — 108— als die zweideutige und drohende Gunſt des Herzogs, nicht nur über ihr, ſondern auch über dem Vater ſchwebe. Angila gelobte dem alten Knappen, der ſeine finſtere Miene verloren hatte, Alles um des Vaters Willen und ließ ſich ruhig einſchließen, um die Rückkehr des Alten abzuwarten. Dieſer eilte ſofort zum jungen Herzoge Friedrich, welcher in ſeiner entlegenen Wohnſtube Brettſpiel mit Rupert geſpielt hatte und, nach deſſen Abrufung, ſinnend vor dem Brette ſitzen geblieben war. „Was wollte der Herzog von Dir?“— fragte er den Eingetretenen. „Herr— unſere Schaar mehrt ſich— des Kalm ſchöne Tochter iſt im Schloſſe, als Bäuerin gekleidet; ich ſoll die Taube für den Geier hegen; es ſagt mir eine Ahnung, daß dieſes unſchuldige Mädchen die Waffen weihen wird, die für Euch geſchmiedet werden.“ „Wie verſtehſt Du das?“— fragte Friedrich. „Der Herzog, Euer Vormund, hat ſich das Mädchen zur eigenen Beute auserſehen, aber ſie wird ihm widerſtehen, denn ſie hat ein unſchuldiges Herz; ich habe ihr Vertrauen zu mir, ihrem Hüter, eingeflößt und den Ring ihres Vaters gezeigt; ſie erzählte mir, wie ſie aus der Stadt heimlich entflohen ſei, in der Abſicht, vom Herzoge den Vater zu begehren, da ſie auf des erſteren guten Willen gerechnet habe;— ſie hat die Abſicht und den Preis, den der Herzog fordert, verſtanden und die Angſt hat ihre Sinne geſchärft, daß ſie auch meine ſtille Abſicht verſtand!“ „Ich aber verſtehe Dich noch nicht, Rupert; was für Pläne haſt Du mit ihr?“— — 109 „Entwiſcht dem Herzoge das Mädchen, ſo hat es der Vater zu büßen, dieſen aber habe ich bereits für Eure Zukunft aufgeſpart. Er iſt von mir eingeweiht, daß der älteſte Sohn des Herzogs Magnus nicht nur bei vollem Verſtande, ſondern voll Begier iſt, ſein Braunſchweig von der Vormundſchaft zu befreien.“ Friedrich ſprang auf, ſchritt haſtig auf und nieder und ſprach, plötzlich vor dem Alten ſtehen bleibend:—„Das haſt Du ihm geſagt, einem Gefangenen in Ketten? Soll ich etwa ein Herzog der in Ketten liegenden Braunſchweiger werden?“ „Herr, es iſt bereits Manches vorbereitet, das ich Euch verſchwiegen habe. Ich erhorchte heute Nachmittag, als der Herzog Otto mit ſeinen Rittern zu Tiſche ſaß, daß der Breido in ihn drang, von der Stadt, die ihm ſo ſchnell hintereinander tüchtige Schlappen verſetzt und ihre Kraft gezeigt hat, einen Friedensabſchluß und den Pakt eines guten Einvernehmens zu fordern, um ſich in dieſer Zeit beſſer zu rüſten und zu gelegener Zeit ein für alle Male der Stadt das Garaus zu machen. Der Herzog wollte nichts davon hören und verließ das Zimmer. Aber ich kenne bereits ſein Verhalten, denn je heftiger ſein trotziger Eigen⸗ wille dem Breido das Widerſpiel hält, um ſo gewiſſer geht er, wenn ſich ſein Sinn beruhigt oder ernüchtert hat, in deſſen Rathſchläge ein. Ich ſah den Herzog mit finſterem Geſichte auf der freien Gallerie und der Terraſſe umher⸗ gehen; es war die Dämmerſtunde, wo die Gefangenen ihr Abendbrot bekommen, und ich ging ſchnell in den Kerker zum alten Kalm.— Daß ich es gut mit ihm meinte, hatte er längſt begriffen, denn ich gab ihm heimlich beſſere — 110— Nahrung und zeigte ihm den Ring, den er für denjenigen erkannte, welchen der Kurd von Weferlingen ihm abgenom⸗ men habe; er gab ihn mir zurück, um ihn einſt von mir einzulöſen, wenn er frei ſein würde. Ich horchte ihn dieſe Tage hindurch aus nach der Stadt, der Meinung des Rathes und der Gilden gegen den Herzog; in den beiden Nächten, wo der Herzog ausgezogen war, um die Stadt zu überfallen, ſaß ich bei Kalm im dunkeln Kerker und warf den erſten Gedanken in ſeine Seele, daß der Sohn des Magnus' der rechte Herr ſei und die Stadt ihm zu ſeinem rechtmäßigen Erbe verhelfen müſſe. Daß der Junker von der Aſſeburg von den Bürgern gefangen war, beruhigte Kalm über ſein eigenes Schickſal und ließ ihn eine Aus⸗ wechſelung hoffen und gab ſeinem Geiſte Raum und Muth, meine Andeutungen weiter fortzuſpinnen. Ich erkannte an den Schlappen, die der Herzog erlitt, daß die Stadt mächtig genug geworden ſei, auch für Euch, für das Erbe des Magnus', aufzutreten, daß die Zeit gekommen ſei, wo Euer Handeln beginnen müſſe und Ihr die Maske des blöden Knaben abwerfen dürftet.— Kurz vorher, ehe ich zu Euch kam, um Euch die Zeit mit dem Brettſpiel zu vertreiben, redete ich mit Kalm ein vertrauliches Wort; ich vertrauete ihm Eure kluge Rolle, Euren brennenden Eifer nach Befreiung des Landes, ich rieth ihm, den Rath der Stadt zu veranlaſſen, dem Herzoge Frieden auf ein Jahr anzubieten, da er ſelbſt zu ſtolz ſei, die Stadt darum an⸗ zuſprechen.— Dieſer kluge Friede ſollte die Freilaſſung des Kalm bedingen und der Stadt und Euch die Zeit zu einem gemeinſamen Plane bieten.“— — 111— Friedrich glühte, hielt den alten Diener an beiden Schultern feſt und haſchte ihm die Worte vom Munde. —„Und über das Alles konnteſt Du mich auch nur eine Minute lang in Unwiſſenheit laſſen? Rupert, bin ich denn wirklich noch ein ſo unzurechnungsfähiger Knabe?“— „Herr— ich fürchtete Euren Eifer; es iſt der Jugend ſchwer, gleichgültig und mäßig zu erſcheinen, wenn der Geiſt mit großen Plänen kreiſet und die Hand nach dem Schwerte verlangt. Mit Gewalt könnt Ihr nichts begin⸗ nen, allein nur die Liſt iſt Euer Gehülfe, wenn auch die ganze Stadt hinter Euch ſteht. Kalm iſt bereit, den Rath der Stadt zum Frieden zu bewegen, ihn auf Euch zu len⸗ ken und meine Pläne zu den ſeinigen zu machen; er iſt ein ehrenfeſter, ſtill brütender und muthiger Mann. Er forderte Euch zu ſehen, um ſich zu überzeugen, daß das Gerücht von Eurer blöden Natur unwahr ſei, daß ich ihn nicht täuſche. Das Unglück hat ihn mißtrauiſch gemacht. Ich hatte die Abſicht, morgen zur Nachtzeit, wenn der Herzog den Schwiecheldt nach der Harzburg begleitet haben würde, was heute bei Tiſche beſprochen iſt, mit Euch in das Gefängniß des Kalm zu ſchleichen. Das Erſcheinen der Tochter beſchleunigt meine Pläne;— ich werde Euch dieſe Nacht zu dem Manne führen; jetzt aber will ich hinab⸗ ſteigen und ihm die Ankunft ſeiner Tochter verkünden.“— Friedrich war durch dieſe Mittheilungen ſo erregt, daß Rupert ihn bitten und ermahnen mußte, durch ſein Be⸗ nehmen zu zeigen, daß er reif ſei, als früh und geheim gezeitigter Mann zu handeln. Rupert ging in die unteren Räume der Burg hinab, * — 112— füllte in der Geſindeküche einen Krug mit Waſſer, zündete eine Laterne an und ſtieg in die unheimlichen Kellergewölbe, die zur Aufbewahrung der Gefangenen dienten. Eine be⸗ waffnete Wache am Eingange einer feuchten Steintreppe rief ihm zu:—„Nun, alter Maulwurf, kommſt Du noch nicht zur Ruhe?“— „Ei was, ich wollte, die Keller wären voll Wein, ſtatt Menſchen— dann brauchteſt Du hier auch nicht ſo nüch⸗ tern zu ſtehen, und ich hätte nicht nöthig, Waſſer hinein⸗ zutragen.“— „Haſt Recht, Graukopf;— den Gefangenen bringſt Du Waſſer, aber Du ſelbſt trinkſt Wein— oho, wie Deine alten Backen roth ſind;— Du könnteſt mir auch'mal einen Krug Wein geben!“— Der bewaffnete Reiſige faßte dabei an die Laterne und hob ſie gegen das Geſicht des Alten. „Wie lange ſtehſt Du hier auf Wache?“— „Bis Eins— aber es wird Keiner da unten weg⸗ laufen, wenn ich auch ein Schläfchen mache.“— „Glaube es ſelbſt.— Nun, wenn Du meine rothen Backen nicht verrathen willſt, ſo bringe ich Dir nachher einen Krug Wein.“— 3 „Ein Wort; ein Schelm, der's nicht hält!“— Rupert ſtieg weiter hinab in die unterirdiſchen Räume, wo Todtenſtille, ſtummer Schmerz und leichenhaftes Leben wohnten. Es war Mitternacht geworden, als eine verhüllte Ge⸗ ſtalt durch die Corridore der Burg mit geräuſchloſem Schritte, wie ein Schatten im Mondſcheine ſich fortbewegte, ul3 und ihre Richtung nach dem äußerſten Flügel nahm, wo Angila, die gefangene, verkleidete Bäuerin, auf Befehl des Herzogs ihre Haft gefunden hatte. Hier verlangſamte ſie ihre Schritte, machte Geberden des Lauſchens, horchte an der Thür und eine vorſichtige Hand ſchob den Eiſenriegel zurück, der die Thür von Außen jcloßß es klirrten Schlüſ⸗ ſel, aber keiner wollte paſſen; ſie verſuchte die Thür ge⸗ waltſamer zu öffnen, ſie ſprang auf, denn es zeigte ſich, daß ſie gar nicht verſchloſſen war. Die tief verhüllte Ge⸗ ſtalt trat über die Schwelle, lüftete unter dem weiten Mantel eine Blendlaterne und ſpähete im Gemache umher; ſie näherte ſich einer zweiten Thür; auch ſie war nicht ge⸗ ſchloſſen; die Haube einer Bäuerin lag am Boden;— das Bett neben einem Gewölbepfeiler war leer und un⸗ berührt; ein kaum angetaſteter Imbiß ſtand auf einem Tiſche. Ein Paar glänzende Augen ſpäheten aus dem ent⸗ hüllten Geſichte der Geſtalt mit katzenähnlicher Gier umher, ein Mund, deſſen Lippen in nervöſer Spannung g die weißen Zähne, wie zum Angriff entblößten, ſchien nach einer Beute zu wittern.—„Sie iſt nicht hier“— flüſterte die ſchnei⸗ dende Stimme der kochenden Bruſt— ha! der Geier hat ſeine Taube geholt— ſo will ich ſie aus ſeinen Krallen reißen und ihm todt vor die Füße werfen!“ Eine weiße, zitternde Hand, mit einem Dolche bewaffnet, zuckte aus dem dunkeln Mantel hervor, ungewiß, ob ſie ein Phantom in der Luft, oder die eigene, heftig athmende Bruſt durch⸗ ſtoßen ſolle. Raſch und geräuſchlos ſchwankte die Geſtalt, welche die Blendlaterne wieder geſchloſſen und ſich in einen un⸗ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 8 — 114— gewiſſen Schatten zurückgewandelt hatte, den mitternächtigen Weg, den ſie gekommen war; an einer Wendeltreppe trat eine andere Geſtalt aus der Wandniſche hervor und hielt die Eilende auf, wobei eine männliche Stimme flüſterte: „Du kommſt allein?“ „Das Neſt iſt leer“— antwortete die Verhüllte— „wir ſind zu ſpät gekommen— ich will zu ihm; in ſeinem Gemache iſt Licht.“— 8 „Nimmermehr;— wo iſt der Rupert? Er muß uns Rede ſtehen.“— „Er iſt nicht zu finden; in ſeiner Kammer neben Fried⸗ rich's Gemache war er nicht, er hat das Mädchen zu Otto gebracht!“— „Ei was, der Herzog iſt berauſcht in ſein Schlafgemach gebracht; er wird morgen die Erſcheinung des Mädchens für eines Rauſches Traum halten;— komm, folge mir, ich will ſelber nachſuchen“,— antwortete die männliche Geſtalt;—„ich ſah, als ich unten die Knechte verließ, Licht in dem Thurmgemache an der Okerſeite;— komm nach dem Thurme.“—. Während dieſer Zeit ſtiegen Rupert, Friedrich und Angila in verhüllenden Gewändern aus der Tiefe der unterirdiſchen Gewölbe herauf, an dem, durch Rupert's Wein ſchlafenden Poſten vorüber, vom Mondlichte geleitet und von der Mitternacht beſchützt, lautlos und ſchnell in den entfernten Schloßflügel, wo Angila ihre gezwungene Stätte gefunden hatte.— Als Kalm den jungen Herzog im Strahle der vorſichtig gelüfteten Laterne erblickt und ſich von ſeinem geſunden Geiſte überzeugt hatte, war er — 115— ihm zu Füßen gefallen und von dem Schickſale deſſelben und ſeiner Sehnſucht, durch ſeine treuen Braunſchweiger das Land von der furchtbaren Plage des vormundſchaft⸗ lichen Räubers zu befreien, ſo mächtig ergriffen, daß er gelobte, Alles zu thun, was dem Plane des jungen Landes⸗ herrn dienen könnte; es wurde in Eile und mit wenig Worten viel beſprochen, und als das Vaterherz nach dem Anblicke und der Berührung der Tochter ſich ſehnte, da war Rupert, die günſtige Stunde der Nacht und des ſchlafenden Knappen benutzend, hinaufgeſtiegen, um Angila zu holen und den zueinander verlangenden Herzen zum Glücke zu verhelfen, einige Minuten eng aneinander zu ſchlagen. Man war übereingekommen, Angila nicht ent⸗ fliehen zu laſſen, um den Zorn des Herzogs nicht zu ge⸗ fährlichen Willensausbrüchen zu treiben und Rupert nicht um deſſen Vertrauen zu bringen; Kalm hatte ſeiner Tochter Haupt an ſeine Bruſt gelegt und geſagt:—„Sei ſtark in der Tugend, mein Kind, und Du wirſt nicht unter⸗ liegen, denn die Unſchuld, welche lieber ſtirbt, als ſich zum Preiſe um das höchſte Gut des Lebens opfert, wird von Engeln behütet nnd hat geweihete, unbeſiegbare Waffen. Gott hat Dich ſchon einmal durch einen Engel aus der Gefahr Deiner Unſchuld gerettet, ohne daß Du es wußteſt, er wird auch jetzt einen Engel in Menſchengeſtalt ſenden. Sei feſt, vertraue, weine nicht über mich— es kommt ein Tag des Friedens wieder über uns.“— Und als Angila ſich nicht vom Vater losreißen konnte, ſich an ſeine Kette klammerte, als müſſe ſie ſein Schickſal theilen, da trat Herzog Friedrich zu ihr, blickte ihr muthig und mit unge⸗ 8. — 116— wöhnlicher Begeiſterung in das liebliche Antlitz, hielt ihre Hand feſt in der ſeinen und ſprach:—„Bei meinem Namen, bei meinem fürſtlichen Blute, Angila, ich werde Euch hüten, wie der Löwe die Löwin— Ihr ſeid mir ſo viel werth geworden, wie mein liebſter Gedanke!“— Ein beſorgter Blick Rupert's hemmte plötzlich die begeiſterten Worte des Jünglings, der ſeine Vorſicht und Aufgabe im Anblicke des Mädchens zu vergeſſen ſchien.—„Herr“— fiel Rupert ein—„Ihr habt kein Recht der Klugheit über dies Fräulein— kommt, wir müſſen aufbrechen, es iſt gleich Zwölf.“— Es war für Angila ein furchtbares Gefühl, den Vater allein in der feuchten, finſteren Kerker⸗ nacht und den klirrenden Ketten zurückzulaſſen, während ſie ſelbſt in ein wohnliches Gemach zurückkehren ſollte. Nur mit Ueberredung und auf den Befehl des Vaters folgte ſie, unter kaum zu bezwingendem Schluchzen, der gewaltſamen Hand Rupert's. Still, das Licht gelöſcht, ſtiegen ſie hinauf; — Friedrich verließ ſie vor ihrem Gemache mit Zögern und lebhaftem Nachblicken, Rupert blieb im erſten Gemache, ſetzte ſich an ein Fenſter und ſann, geſtützten Hauptes, nach. Angila war nicht länger mehr mächtig, den Schmerz über des Baters Bild zurückzuhalten;— ihre erregte Phantaſie zeigte ihr den furchtbaren Aufenthalt, den ſie ſo eben verlaſſen hatte, und worin ſie den Vater allein, mit dem Gedanken an ſie erfüllt, wußte; ſie warf ſich auf die Kniee nieder und rief mit weinender Stimme die Heiligen um Erbarmen an. Da öffnete ſich die Thür;— eine Geſtalt trat ein, —— — — 112— eine zweite folgte; Rupert ſprang auf und trat den Ein⸗ dringlingen entgegen. „Rupert!“— flüſterte eine männliche Stimme— „wo iſt das Mädchen?“— „Seid Ihr nicht Herr Kurd von Weferlingen?“— fragte der Alte betroffen und der zweiten, verhüllten Er⸗ ſcheinung, welche, bei dem Erhorchen der aus dem zweiten Gemache tönenden Stimme der Betenden, ſich ſchnell der Thür näherte, abwehrend in den Weg tretend. „Ich will das Mädchen abholen, Alter“— ſprach Ritter Kurd;— es ſoll ſtill geſchehen— bekümmere Dich nicht darum!“ „Ja, gehe auf Dein Lager;— da nimm!“— flüſterte die weibliche Stimme der Verhüllten, und eine weiche Hand berührte diejenige des Rupert, um ihm eine ſchwere Münze aufzudrängen. „Nein, nein“— verſetzte Rupert in größter Rath⸗ loſigkeit;—„der Herzog hat mir befohlen, das Mädchen zu hüten; er wird es von mir begehren.“ „So ſteche ich Dich nieder, alter Hund“— fuhr Ritter Kurd unwillig auf und ein Dolch blitzte in den dunkeln Falten ſeines Mantels. Die Begleiterin aber, die ihr Geſicht enthüllte, indem ſie zwiſchen den Bruder und den Knappen trat, rief mit gedämpfter Stimme:—„Alter Thor, ich will das Mädchen befreien, es iſt in Gefahr; das Mitleid führt mich her— ich bürge dafür, daß der Bäuerin und Dir nichts Böſes geſchehen ſoll;— zweifelſt Du an meiner Macht?“ „Und wohin denkt Ihr das Mädchen zu bringen?“— fragte Rupert vorſichtig. — 118— „Nach Braunſchweig, wo es ſicher iſt.“— „Iſt das Eure wahrhafte Rede, Fräulein?“— „Mache es kurz, alter Bär“— fiel Ritter Kurd un⸗ geduldig ein;—„ſcheere Dich hinaus, oder ich mache ein Ende mit Dir;— verräthſt Du mich, ſo weiß ich Dich zu finden; begreifft Du? Das Mädchen ſei entflohen, be⸗ richteſt Du morgen dem Herzoge, während Du ſchliefeſt— ich ſchütze Dich vor dem Zorn des Herrn.“— „Wird man nicht Rache an dem Vater des Mädchens nehmen, nach dem die Unglückliche jammert? Hört, wie ſie betet!“— Ritter Kurd öffnete, ohne dem Alten zu antworten, die Thür des zweiten Gemaches, wo Angila vom Boden auf⸗ ſprang und beim Anblick der fremden, hohen Geſtalt zu⸗ rückwich. „Ihr ſeid frei“— ſprach Kurd—„aber ſofort müßt Ihr nach Braunſchweig aufbrechen.“— O, und mein Vater, mein armer Vater, wird er mit mir gehen?“ „Es wird ihm nichts geſchehen— komm!“— Er er⸗ griff die nach Rupert Verlangende bei der Hand, als dieſer hereindrängte und den Ritter beſchwören wollte, nichts Böſes an dem unſchuldigen Mädchen zu üben. Ehe aber Kurd dem Alten eine zornige und drohende Antwort geben konnte, welche bereits der Lippe entfahren wollte, war Olga herbeigeeilt, hatte das beſtürzte Mädchen, das ſich im Mondlichte ängſtlich anſtrengte, die unvermutheten Retter und Rupert's Miene zu erkennen, umſchlungen und mit heißem Athem gegen ihr Geſicht geflüſtert:—„Ich bin — 119— Deine Freundin, ich flehe Dich an, folge uns; da, nimm dies Geſchenk von mir, laß Dich nie wieder in Wolfen⸗ büttel ſehen, oder Du biſt des Todes! Nun ſchnell, wir wollen Dich an das Thor der Stadt bringen.“— „Und mein Vater? O Gott! nicht ohne meinen Vater!“ rief Angila betrübt. „Er ſoll Dir binnen Kurzem folgen“— verſetzte Olga— „ich halte Wort!“— Rupert konnte nicht verhindern, das Ritter und Edel⸗ fräulein die ſchwankende Angila fortriſſen; der alte, ſchlaue Mann, der ſchon ſo lange die unſcheinbare Rolle eines heimlichen Gegners der Gewalthaber im Schloſſe zu ſpielen und den Rächer aller Gewaltthaten großzuziehen wußte, hatte nunmehr die Eiferſucht der ſeitherigen Beherrſcherin des Herzogs erkannt und glaubte ſich den Umſtänden mit Klugheit fügen und Nutzen daraus ziehen zu müſſen. Er hatte die mächtige Olga als Fürſprecherin für ſich und ließ es deshalb ruhig geſchehen, daß Angila, unter freund⸗ licher Zurede des Fräuleins, fortgeführt wurde. Mit ſich zu Rathe gehend, ſtand er bald allein im Gemache. Da hörte er einen Lärm, eine laute Stimme, einen dumpfen Fall;— es war Alles wieder ſtill; er horchte auf dem Corridor, aber tiefe Nachtruhe herrſchte; er ging in das Gemach zurück und öffnete das Fenſter, um im Mondſcheine nach dem Wege zu ſehen; im Schatten der Mauer bewegte ſich etwas, wie harrende Reiter; er glaubte zwei Schatten⸗ geſtalten, den Ritter und Angila, aus der Pforte kommen zu ſehen;— da entſtand hinter ihm das Geräuſch eines ſchweren Trittes, eine Stimme rief:—„RNupert, hilf — 120— mir, hilf, ich bin verwundet!“— Es war die Stimme des jungen Herzogs Friedrich, der ermattet in des alten Freundes Arme ſank. 3 5 Brittes Kapitel. Auf einer Anhöhe, am Flüßchen Espel, über dem Dorfe Hardegſen erhob ſich mit feſten Thürmen, gewaltigen Mauern und tiefen Gräben die Burg Hardeck, oder wie ſie ge⸗ meinhin genannt wurde, Hardegſen. Eine lange Zug⸗ brücke führte über den Hauptgraben gegen das feſte Thor, das gleichzeitig mit der Brücke durch ſtarke Kettengewinde geſchloſſen und unzugänglich gemacht werden konnte. Das Herrenhaus, der eigentliche Sitz der Ritterfamilie, ſtand auf einem ſenkrecht abgehauenen, ſechsundzwanzig Fuß hohen Felſen; unweit eines äußerſt feſten, aus ſtarkem, zehn Fuß dicken Mauerwerk ſich erhebenden Thurmes, befand ſich das Hagenhaus, worin die Beſitzer der Burg alle ihre Vorräthe, namentlich die großen Getreide⸗Erndten aufbewahrten, welche ihnen das fruchtbare Land um Hardegſen, ſowie bei dem Dorfe Harſte und den Oertern Gladebeck und Moringen reichlich lieferten; ein beſonderes Moſthaus, das in einem ſeiner ſteinernen Fenſterſimſe in Mönchsſchrift die Worte: „Na Godis Bord, duſend unde drey hundert Jar in den verundtwintigſten is düt Hus gebuwet von twen Riddern Herren Conrade unde Lodewigen von Roſtorg“ trug— diente zur Aufbewahrung der Weinvorräthe und ſeine hochgewölbten — 121— Keller, die unterirdiſchen Kirchenhallen glichen, ſind noch bis auf den heutigen Tag zu ſehen. Alles in dieſer Burg deutete auf Reichthum und Wohlſtand. Der jetzige Beſitzer der Burg, Ritter Ludwig der Sechste, war in Frieden und häuslicher Zurückgezogenheit mit ſeiner Gattin Lyſa, einer geborenen Gräfin von Teckelnburg, alt geworden, und wenn der älteſte ihrer drei Söhne, Junker Chriſtoph, nicht ein ſo wilder, toller, leidenſchaftlicher, durch ſeine maßloſen und muthwilligen Streiche viel Verdruß verurſachender, und namentlich durch ſeinen Haß gegen den zweiten Bruder Friedrich übel berüchtigter Menſch geweſen wäre, ſo hätte dem Glücke dieſes anſcheinend ſo friedlichen und wohlbeſtellten Burglebens nichts gefehlt. Im ſchroffſten Gegenſatze zu dieſem jetzigen Beſitzer waren ſeine Vorfahren, die das feſte Schloß zu Roſtorf bei Göttingen beſeſſen hatten, ſehr eifrige Raubritter geweſen, welche der nahen Stadt durch Wegelagerung und Ueberfall ſo großen Schaden zufügten, daß einſtmals die Bürger aus⸗ gezogen waren und die Burg zu Roſtorf bis auf den Grund zerſtört hatten. Aus dieſer längſt vergangenen Zeit war aber in der Tradition der Göttinger ein feindlicher Nach⸗ klang bei dem Namen Roſtorf zurückgeblieben, es wurde dieſes Geſchlecht aus alter Vergangenheit her, obgleich die lebende Generation nichts mehr von der, ſchon in ihren Vorfahren nach Hardegſen überſiedelten Familie zu erleiden gehabt hatte, als ein urfeindliches betrachtet und immer noch ſcheel angeſehen. Obgleich die Roſtorfer einen adligen Hof in der Stadt Göttingen beſaßen, ſo waren ſie doch wenig dorthin gekommen und gaben dadurch den Bürgern auch — 122 wenig Gelegenheit, ſie von einer anderen Seite kennen zu lernen. Man hielt auch den jetzigen Beſitzer für hochmü⸗ thig, ritterſtolz, geizig und menſchenfeindlich. Aber auch in der Ritterſchaft hatten die jetzigen Roſtorfer wenig Freunde. Die Abgeſchloſſenheit ihres Stilllebens, die Theilnahmloſigkeit bei Turnieren, Fehden, Raubzügen und Hofbeluſtigungen, der immer mehr gehäufte Reichthum halfen das gute Einvernehmen der Ritterſchaft Oberwald's mit dem Roſtorfer immer mehr ſtören; man beneidete ſeinen Reichthum, ſeine feſte Burg, ſeine fruchtbaren Felder und hielt ſeine Abgeſchloſſenheit für einen Hochmuth, der zur Feindſchaft reizte. Obgleich die Ritter von Pleſſe für die adelſtolzeſten Burgherren im ganzen Lande Oberwald galten und ſogar befohlen hatten, daß man jeden neugeborenen Jungen mit Ehrfurcht„Herr Junker“— tituliren ſolle, obgleich ſie reich waren und keine Luſt an Fehden fanden, ſo lebten ſie doch mit den Rittern, trotz manchen Spottes und Neides, im beſten Einvernehmen, weil ſie geſellig mit ihnen verkehrten, an Otto's Hoflager erſchienen, dem Herzoge Geld borgten und Gaſtfreundſchaft übten. Auch Herzog Otto war den Roſtorfern nicht geneigt, und wir wiſſen bereits, wie er vor etwa länger als drei Jahren geäußert hatte, daß er nur auf einen günſtigen Vorwand warte, um dem Roſtorfer einmal auf den Helm zu ſteigen, was er gern ſchon an dem, von den Göttingern gefangen genommenen Junker gethan haben würde, wenn dieſe ihn nicht hätten unfreiwillig entwiſchen laſſen. Es war aber nicht ein Leichtes, dem Roſtorfer Burgherrn bei⸗ zukommen; nicht nur war die Burg eine der feſteſten im — 123— Lande, und ſchon darum dem Herzog ein Dorn im Auge, der auf dem nahen Harſte lange nicht ſo ſicher war, wie Ritter Ludwig auf Hardegſen, ſondern Letzterer mußte auch die feindliche Stimmung der Ritter und des Herzogs an der Leine kennen und fürchten, und hielt eine große, wohlgerüſtete Beſatzung auf der Burg, die jeder Bela⸗ gerung gewachſen war und ſeinem Reichthum keine zu große Opfer auferlegte. Es war einer der letzten Tage des Februar 1380, alſo wenige Wochen ſpäter, als Herzog Otto auf Schloß Wolfenbüttel einige tüchtige Schlappen von den Braun⸗ ſchweigern erhalten und die Eiferſucht Olga's zu einer entſchloſſenen That angereizt hatte. So friedlich und ſonnig auch die Burg Hardegſen von ihrer Anhöhe herab über Dorf und Winterflur gegen den klaren Himmel hervorragte, ſo düſter war es doch heute in den Gemüthern ſeiner Be⸗ ſitzer und ſo unheimlich in den Räumen, wo ſonſt wol ſtiller Kummer, aber keine laute Klage wohnte. Der alte Ritter Ludwig ſaß in der Morgenſtunde in einem Seſſel, das weiße Haupt mit bleichen Wangen und geſchloſſenen Augen im Arme ſeiner Gemahlin, welche zwar die Kraft hatte, neben ihm zu ſtehen, aber das Geſicht feſt und tief auf die hohe Polſterlehne des Seſſels gedrückt hielt, als ſcheue ſie den Anblick der wirklichen Welt und das Sonnenlicht, das ſo heiter in die Bogenfenſter ſtrahlte. Einige Schritte von den Eltern entfernt, ſtand ein ſchöner Jüngling, das braungelockte Haupt geſenkt, das bleiche Geſicht ſchmerzensſtarr zu Boden gerichtet, die Hände ver⸗ ſchränkt am Leibe niedergedrückt; eine beängſtigende Todten⸗ — 124— 4 ſtille herrſchte in dieſem Gemache, über dieſen unbeweglichen Menſchen. In einer entfernten Kammer des Herrenhauſes, dunkel im Vergleiche mit dem Sonnenglanze draußen, in der ſo⸗ genannten großen Steinkammer, ſtand ein etwa achtund⸗ zwanzigjähriger Mann in der Haustracht eines Ritters, halbſitzend auf einem Tiſch gelehnt, die Arme über die Bruſt gekreuzt, die Hände in das Wamms gekrallt, den furchtbaren, ſtieren und doch in ſeiner Augentiefe zitternden Blick auf ein Lager geheftet, das mit einem weißen Leinen⸗ tuche bedeckt war. Es ſchien ein Menſch darunter zu liegen unbeweglich und ſtumm. War der junge Mann ein Wahnſinniger, der ein furchtbares Geſpenſt mit Todesfurcht auf eine Stelle zu bannen ſucht, war er ein Träumender, ein Wacher? Tobte in ſeiner Seele ein Fieber, erſtarrte ein entſetzlicher Schmerz ſein Blut, hatte ein Schreck ihn in dieſe Unbeweglichkeit verſteinert? Sein furchtbarer Blick ſchien ihn nach dem Lager zu ziehen, ungewiß, ob er hier eine Beute belauere, oder eine Bewegung des Lebens abwarte; aber die Füße waren gegen den Boden geſtemmt, um den Körper zurück gegen den Tiſch zu drängen. In einiger Entfernung lag am Boden ein Schwert in der Scheide; er ſchien es von ſich geworfen zu haben; in einer Ecke hingen Kleider eines Edelmannes am Bort, eine Armbruſt hing mit einem Baret am Nagel daneben. In der Burg ſtanden Knappen und Diener gruppen⸗ weiſe zufammen mit ernſten oder fragenden Mienen; man redete nicht laut, ſprach mehr mit Blicken, Geberden und einzelnen Andeutungen, die Arbeit ruhete, die Wachen verließen ihren Poſten, als ob alles Regiment in der Burg aufgehört habe. Ein junger Knappe knieete in der Burg⸗ Kapelle an der Schwelle der Thür und betete, den irren Blick nach dem Altare gerichtet, wo der Burggeiſtliche mit leiſer, verhallender Stimme eine Meſſe ſang; im Hofe vor dem Hagenhauſe hatte der alte weißärbtige Burgwart eine Anzahl Reiſiger um ſich verſammelt und redete zu ihnen. Ein dumpfes Gerücht drückte die Gemüther nieder und ging von Mund zu Mund mit ſcheuer Vorſicht und vom heimlichen Schreck begleitet. „Es iſt in allen Ritterehren geſchehen“— ſprach der Burgwart zu den Reiſigen—„das könnt Ihr den Leuten ſagen, die danach fragen;— ſchlimm genug für unſer Haus, aber nicht ſo ſchlimm, als Ihr meintet; ſeit der Junker Friedrich ſich wieder auf der Burg befindet, iſt es faſt alle Tage zu Streit zwiſchen ihm und dem Junker Chriſtoph gekommen, mit der Hand nicht allein, auch mit Waffen; die Feindſchaft iſt täglich gewachſen, bis ſie dieſe Nacht ihre reifſte und ſchlimmſte Frucht getragen hat.“— „Ich habe mir das Unglück ſchon lange vorgeſtellt, wie's kommen mußte“— fiel ein alter Wafefenknecht ein; —„vor drei Wochen, beim Trinken, wollte der Chriſtoph den Bruder, eines kleinen Wortwechſels wegen, mit dem ſchweren Kruge über den Kopf ſchlagen und es iſt ein Wunder, daß er lebend davongekommen iſt.“— „Und noch vor acht Tagen, als er den lebenden Fuchs gefangen und der Friedrich ihn niedergeſchoſſen hatte, fehlte — 126— nicht viel, daß er den Bruder mit dem Bogen erlegte; der Pfeil ſchwirrte ihm und mir dicht am Kopfe weg; ich hatte meine Blechhaube auf, mich konnte er nicht gemeint haben, aber der Friedrich trug nur ſein leichtes Baret.“—— „Alſo, Burgwart, er hat ihn nicht dieſe Nacht erſchla⸗ gen?“— fragte ein Reiſiger;—„aber die gnädige Frau ſtürzte ja händeringend bei Tagesanbruch nach der großen Steinkammer und rief:„„Mein Sohn ermordet! Ermordet von einem Kain!““— „Sprich das nicht nach, was der erſte Schreck ausge⸗ ſtoßen hat“— unterbrach der alte Burgwart;—„zum Zweikampfe haben ſie ſich gefordert, gefochten haben ſie Beide mit Groll; der Friedrich iſt im ritterlichen Zwei⸗ kampfe gefallen.“— „Ohne Zeugen?“— „Wer denkt in der Leidenſchaft und in friſcher Wuth an Zeugen?— Der Friedrich hat ihn oft genug gereizt, er war neckiſch, ſchadenfroh und hitzig. Geſtern Abend's entſtand ein neuer Streit und er iſt der letzte geweſen; der Friedrich wollte nicht von der Burg weichen und während die Eltern ſchliefen, haben ſie Beide auf Tod und Leben gefochten. So iſt's— das könnt Ihr erzählen, Ihr ſeid es der Familie des Burgherrn ſchuldig, keinen Makel auf das Geſchlecht kommen zu laſſen.“— Es ſchien, trotz dieſer Verſicherung und Mahnung, doch bei vielen Reiſigen eine andere Ueberzeugung zu herrſchen, denn ſie blickten ſich argwöhniſch an und Einer flüſterte zum Andern:„In der großen Steinkammer ſchlief der Friedrich allein, wie kommt der Chriſtoph dort zur Nacht⸗ — 127— zeit hinein?— Es hat Keiner dieſe Nacht Waffengeräuſch vernommen!— Die Wache auf der Warte am Hagenhauſe hat im Mondlichte geſehen, wie die Geſtalt des Junkers auf die freie Gallerie hinausgeſtürzt und mit heftigen Schritten auf der Schanze hin⸗ und hergegangen iſt.“ Er wird den Bruder wol abgethan haben; ſchon ſeit mehren Tagen hat er ſeine tolle Luſtigkeit verloren und gewiß über böſen Gedanken gebrütet.“— Einige Knechte gingen in die Burg und kamen in der Nähe der Kapelle vorüber.—„Was iſt das?“ fragte einer, indem er horchend ſtehen blieb und nach einem leiſe wim⸗ mernden Tone lauſchte, welcher aus der offenen Kapelle klagte.—„Sieh', da liegt der Heinrich, des Erſchlagenen Leibknappe;— ſollen wir ihn anreden?“ „Er betet;— er muß doch wiſſen, wie's gekommen iſt. He, Heinrich!“ Der Knieende ſah auf. „Was ſingt der Pater dort?“ „Eine Seelenmeſſe für meinen todten Herrn— eine für den Brudermörder.“ „So weißt Du, daß Dein Junker erſchlagen und nicht im Zweikampfe gefallen iſt?“ „Fraget nicht danach, ich war nicht dabei, ich weiß nur, daß mein Junker vor Mitternacht zu Bette gegangen iſt. O mein Gott! mein lieber, junger Herr!“ Blicken wir in das Gemach zurück, wo Ritter Ludwig im Seſſel liegt, ſeine Gattin, das Geſicht in die Polſter⸗ lehne gedrückt, daneben ſteht, und der jüngſte Lieblingsſohn * — 128— Idan abgekehrt, unbeweglich und mit verſchränkten Händen zu Boden ſtarrt. Plötzlich ſchlug der alte Ritter die Augen auf und ſtarrte in die Luft; die Gattin fuhr mit dem Geſichte em⸗ por, ſchrie:—„Mein Sohn! Mein Sohn!“ und ſchwankte. Idan ſchreckte aus ſeinem Hinträumen auf und eilte zu der Mutter; bei ihrem herzerſchütternden Anblicke rollten die Thränen aus den braunen, großen, unglücklichen Augen und er rief, die ſchwache Frau umſchlingend:„Mutter! Gute Mutter! Meine Liebe ſoll Dir und dem Vater eine heilige Sühne werden— zwei Söhne habt Ihr verloren — ich will Euch mein Leben weihen, ol kommt zu Euch, Euer Schmerz bringt mich in Verzweiflung, daß ich den elenden Bruder aufſuchen möchte, um an ihm des Friedrich's gerechter Rächer zu werden.“ Der alte Ritter ſprang vom Seſſel auf und ſchritt heftig gegen die Thür;— hier hob er die drohend geballten Hände wie zum Angriff, aber mit ſchmerzlicher Ermattung faltete er ſie und ließ Haupt und Arme ſinken. Frau Lyſa war unterdeſſen in den Seſſel geſunken, hielt die Hände des Lieblingsſohnes vor das Geſicht und wimmerte. — Als Idan ſie von Neuem mit ſeiner Liebe tröſten wollte, wurde ihre Seele von der Stimme des Lieblings ſo mäch⸗ tig ergriffen, daß ſie in lauten Schrei des Schmerzes ausbrach, ſtürmiſch den Sohn umſchlang und wehklagte: —„Du biſt noch mein einziges Kind, Du biſt mir ge⸗ blieben! Den Mörder kann ich nie wieder ſehen, nie mehr mein Blut nennen! Er hat mein Geſchlecht geſchändet, den Namen der Roſtorfer mit Schmach befleckt, er iſt ausge⸗ — 129— artet;— Ludwig, Ludwig! Vertreibe den Kain von der Burg, er wird in ſeinem böſen Sinne auch noch den Idan tödten!— O, mein Gott, wie konnte ein ſolches Verbrechen auf Hardegſen geſchehen!“ Der alte Ritter hatte ſeine Gattin und den jüngſten Sohn mit tiefer Rührung betrachtet und ſich langſam ge⸗ nähert. Der Mann hatte ſich in ihm geſammelt, der Ritter war aus der erſten Betäubung, worin ihn das Vaterherz geworfen, wieder zum Bewußtſein gekommen. Das Ge⸗ ſchehene war nicht ungeſchehen zu machen, es lag dem Haupte der Familie, dem Gatten, dem Edelmanne nun ob, die ſchlimmen Folgen der That ſo viel, wie es in ſeinem Vermögen ſtand, zu ſühnen; der Schmerz blieb ihm, aber die That ſelbſt ſollte geſühnt ſein. Er trat zu ſeiner Gattin und ſprach:—„Lyſa, wir lebten zu glücklich, Gott hat unſeren Erſtgeborenen zum Werkzeuge erkoren, um uns aus dem Paradieſe zu verjagen; meine Vorfahren haben manche Sünde, manches Menſchenblut ungeſühnt gelaſſen, und ich habe viele Jahre lang ein reiches Erbe genoſſen, an dem vielleicht manche Schuld und unvergoltene Thräne klebt; was hilft uns nun unſer Reichthum zur Linderung Junſeres namenloſen Kummers? Nichts! Aber es iſt in meiner Seele die Mahnung laut und unabweisbar geworden, daß wir das Erbtheil, welches wir den beiden älteren Söhnen ſchuldig waren, an die Kirche geben, um für Friedrich's Seele, die ohne Abſolution vom gewaltſamen Tode ereilt wurde, Seligkeit, um dem Brudermörder hier auf Erden Verzeihung und Sühne zu verſchaffen, um der Kirche Zorn und Strafe gegen mein Geſchlecht zu mildern.“ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 9 — 130— „Fluch, Fluch dem Kain!“— rief Frau Lyſa, bei welcher der Schmerz allein redete;—„wo iſt er, der Böſe⸗ wicht, daß ich ihn mit dieſer Hand von mir ſtoße und ihn mit dem Fluche des Mutterherzens aus dem Elternhauſe verjage?— Hier, hier, am Anblicke meines einzigen Sohnes, finde ich den Troſt meines Alters!— Idan, o, theurer, einzig mir gebliebener Sohn! Liebſt Du mich denn wirklich? Willſt Du den Eltern treu bleiben, ihre kummervolle Seele durch Deine Liebe heilen, den Blutfleck durch Deine Rein⸗ heit tilgen, die Ehre unſeres Namens retten?“ „Gott iſt mein Zeuge!“ rief der lockige Jüngling, in⸗ dem er des Vaters und der Mutter Hand ergriff.— „Eure Liebe zu verdienen, Eure verlorenen Söhne durch meine doppelte Liebe und Treue zu erſetzen, das ſei fortan mein Lebensberuf!“ Die Mutter hing mit thränenſchwerem Blicke und dem verklärtem Lächeln des Schmerzes am Sohne; der Vater ſah ihn wehmüthig an, legte die Hand auf deſſen Scheitel und ſprach:—„Idan, ja, Du biſt nun mein einziger Sohn — höre mich an, dieſe Stunde iſt heilig. Es wird Deinem Bruder Chriſtoph ergehen wie dem Kain; er wird, vom Fluche der Eltern verfolgt, von dem drohenden Rache⸗ geſpenſte des Ermordeten gejagt, den Blick des Vaters und der Mutter fliehen und durch das Land irren, bis er lebens⸗ müde dahinſtirbt, oder in einem Kloſter ſein zerfleiſchtes Herz begräbt. Auf Dir, mein Idan, ruhet die Zukunft meines Geſchlechtes und Namens, Du wirſt der Erbe meines Wappens, meines Vermögens ſein;— laß den Namen Roſtorf nicht zu Schanden werden; hüte die Reinheit des — 131— Blutes, des Familienſtammes, werde ein Ritter, der das gräfliche Blut ſeiner Mutter und die Ehre der alten Vor⸗ fahren keinen Augenblick vergißt!“— „O gewiß nicht, Vater!“— rief Idan in Rührung und Begeiſterung—„ich will Dir gleich werden und Du ſollſt mich einſt mit Deinem letzten Liebesblicke ſegnen.“ „O! mein Gott!“— ſeufzte Frau Lyſa—„laß mich dieſes Kindes wegen noch lange leben! Ich will den Schmerz bis in mein ſpätes Grab tragen, wenn ich nur des Sohnes Liebe dabei genieße und in ihm den erſchütterten Stamm unſeres Geſchlechtes neu gekräftigt und wachſen ſehe!“ „Und doch, mein Sohn“— fuhr Ritter Ludwig ernſt fort—„und doch habe ich Dich ſeit faſt drei Jahren mit ſtiller Sorge betrachtet; Du kennſt meines Herzens dunklen Fleck, wo Deine Liebe einen Schatten wirft.“ Idan blickte erröthend nieder. Frrau Lyſa ſah ihn erregt an, ergriff ſeine Hand und ſprach mit der Heftigkeit eines rettenden Eifers:„Idan, wenn Du mich liehſt, wenn Du ſein willſt, was der Vater von Dir fordert, dann kannſt Du allein nur Deine Eltern lieben, indem Du ihrem Willen lebſt, dann kannſt Du nur an Deine Pflicht gegen die Erbſchaft Deines Vaters denken.“— „Ja, mein einziger Sohn, es iſt mein Teſtament, das ich an der Bahre Deines Bruders in Dein Herz lege“— ſprach Ritter Ludwig. „Ach!“— ſeufzte Idan, die großen, braunen Augen flehend gegen Vater und Mutter aufſchlagend—„warum verträgt ſich meine Liebe zu Euch und Eure Liebe zu mir nicht mit dem ſtillen Glücke meines Herzens!“ 9* — 132 „Du denkſt an das Mädchen noch?“— ſiel Frau Lyſa ein—„ol ſo iſt mir auch mein einziger Sohn unge⸗ treu geworden? So ſoll ich ſterbend mein Geſchlecht un- tergehen ſehen?“— „Mutter, um Gotteswillen! weine nicht über mich, das ertrage ich nicht; fordere von mir, ich will gehorchen, und müßte ich darüber in Schmerz vergehen!“— „So recht, mein Sohn“— ſprach der Vater—„lilge von heute an den knabenhaften Gedanken an das Mädchen aus, dem Du einſt einen Dienſt erzeigt haſt, der Dir in ſeinem Danke gefährlich wurde; kniee an der Leiche Deines Bruders und gelobe, daß Du von heute an männliche Ge⸗ fühle in Dir großziehen willſt, weil ein furchtbares Ver⸗ brechen Dich plötzlich zum beſonnenen Träger der ſchweren Zukunft meines Hauſes gemacht hat.“ „Iſt Bertha von Waake nicht von Adel wie ich?“— begann Idan zögernd und ſcheu, aber er verſtummte vor der verzweiflungsvollen Geberde der Mntter und dem fin⸗ ſteren Blicke des Vaters. „O! ſo gehe zu Grunde, alter Stamm der Edlen von Roſtorf!“— rief Ritter Ludwig, indem er in ſein Silber⸗ haar griff—„die Ehre und das Anſehen meines Namens, die ein Brudermörder geſchändet hat, können nur gerettet werden, wenn der einzige Erbe ſich mit einem einfluß⸗ reichen Namen verbündet!“ „Ja, ſo erbleiche, Du ſüßes Bild meines Herzens!“ rief Idan erregt—„fliehe vor meinem Gehorſam; ſiehe dieſe bekümmerten Eltern, unglückliches Mädchen, Du wirſt mir vergeben!— Segnet mich, Vater, Mutter! ich opfere — 133— mich Eurer Liebe, Eurem Schwerze;— ſeht, ich bin Euer gehorſamer Sohn!“— Er warf ſich auf die Kniee nieder, legte das Lockenhaupt auf den Schooß der Mutter und die Eltern bedeckten es mit ihren ſegnenden Händen. Bald darauf trat der Burggeiſtliche in das Gemach. „Wo iſt der Kain?“— fragte Ritter Ludwig. „Herr, es hat ihn Niemand geſehen; der Engel mit dem Flammenſchwerte wird ihn durch Diſteln und Dornen jagen, bis ſeine That geſühnt iſt.“— Ja, mein Vaterfluch hat ihn auf ewig von dieſer Burg verbannt;— hier auf der Erde ſoll er es büßen, für ſeine Seele in der Ewigkeit will ich den Altären opfern und ſein Erbe der Kirche zu frommen Werken überliefern.“ „Es wäre für Euer eigenes Wohl gewiß erſprießlich, wenn Ihr Euch mit einer Bitte um die Gnade der Kirche an den hochwürdigſten Erzbiſchof zu Mainz wendetet und er Euch die Sühne ſelbſt vorſchriebe; es wird kaum möglich ſein, das wahre Verbrechen vor der Welt glimpflicher dar⸗ zuſtellen.“— „Führet mich hin zu meinem todten Sohne!“— rief Frau Lyſa, ſich erhebend—„mit meinen Thränen will ich üihn noch einmal waſchen, im Anblicke ſeines kalten Geſichtes will ich beten und meiner eigenen Schuld Büßerin ſein.“ „So iſt es Euer Wille, daß an der Leiche ein Gottes⸗ dienſt gehalten werde? Und Ihr wollt Euer Gemüth von Neuem mit blutiger Geißel foltern?“— „Laſſet die Leiche in die Kapelle bringen“— befahl Ritter Ludwig, indem er ſeine Gattin zurückhielt,—„es ſoll heute für Alle in der Burg ein Bußtag ſein— wir — 134— wollen das Hochamt an der Bahre des Todten halten— wir haben Gottes Barmherzigkeit und Vergebung von Nöthen.“— So ſtanden um dieſe Zeit die Angelegenheiten im Schloſſe zu Hardegſen. Als der Burggeiſtliche in die große Steinkammer trat, um mit mehren Knechten die unter einem Leintuche auf dem Bette liegende Leiche auf ein ſchwarz behangenes Lager in die Kapelle zu tragen, fand er den Mann nicht, der früher in finſterer, verſunkener Haltung, halb ſitzend gegen den Tiſchrand geſtemmt, die Hände in das Wamms ge⸗ krallt, den ſtieren Blick auf das entfernte Lager gerichtet hielt. Es war derſelbe überhaupt nur kurze Zeit hier ge⸗ blieben; plötzlich hatte er ſeine unbewegliche Stellung unter⸗ brochen, war mit ungeſtümen Schritten gegen das Lager getreten, hatte den Saum des Leintuches gefaßt und, in der Abſicht, daſſelbe von der Leiche hinwegzuheben, ſeine Hand plötzlich zurückgezogen, den wilden, wüſten Blick gegen das kleine, hochgelegene Fenſter gekehrt, als ob er hier einen Ausweg zur Flucht in's Freie ſuche, dann das Schwert vom Boden aufgerafft und war aus der Thür geſtürzt, um auf einem ſtillen Wege aus der Burg in den Wald zu ge⸗ langen. Im Schloſſe Hardegſen herrſchte ſeit dieſem Tage tiefe Trauer; eine Grabesſtille wohnte in dem Herrenhauſe. Ritter Ludwig, Frau Lyſa und Idan trugen ſchwarze Kleider und man ſah ſie faſt nur auf dem Hin⸗ oder Herwege, der die Kapelle mit dem Herrenhauſe verband. Der Junker Friedrich war feierlich in die Gruft der Ahnen geſenkt, in — 135— verſchiedenen Klöſtern wurden täglich Seelenmeſſen geleſen und große Opferſpenden und Schenkungen an die Klöſter Wiebrechtshauſen und Fredelsheim überwieſen; auch der Erzbiſchof von Mainz war um Sühne der Kirche ange⸗ gangen, und auch er hatte, den Anſichten dieſer Zeit gemäß, nach Empfang großer Bußſtiftungen, die trauernden Herzen in Hardegſen durch die Verſicherung getröſtet, daß der Zorn Gottes verſöhnt ſei und der Uebelthäter nur ſelber noch Buße zu leiſten habe. Es waren etwa vierzehn Tage vergangen; die friſche Wunde im Herzen der Eltern und des einzigen, treu ge⸗ bliebenen Sohnes hatte zwar den lindernden Balſam der Kirche erhalten, aber noch nicht Zeit gehabt, ſich mit einer ſchmerzloſeren Narbe zu bedecken; nach der erſten Auf⸗ regung und ſtandhaften Seelenſtärke, wo das erzitternde Leben, zum Glück für das Gemüth, ſich für muthig hält, war auch bei Ritter Ludwig und deſſen Gattin die zuſam⸗ menbrechende Erſchlaffung eingetreten; ſie ſchienen um viele Jahre älter, ſchwächer und ſtumpfer geworden zu ſein; auch Idan, der zwanzigjährige Jüngling, war reifer, älter, das heißt, er war durch die Ereigniſſe ein Mann geworden. Im tröſtlichen Gefühle der Verſöhnung mit Gott und ſeiner Kirche zuckte aber jetzt unvermuthet der Wetterſtrahl der weltlichen Macht in die wunden Herzen; ein Bote des Herzogs Otto erſchien an der Burg; der Vogt Heinrich Kiphut aus Harſte, begleitet von herzoglichen Knappen, und forderte Einlaß im Namen des Landes⸗ und Lehns⸗ herrn von Oberwald, um dem Ritter Ludwig von Roſtorf einen Brief zu überreichen. — 136 Mit zitternder Hand erbrach der alte, ſchwächliche Mann das herzogliche Inſiegel; er las, ſchwankte und ſank dem Sohne Idan in die Arme. Frau Lyſa eilte herbei und ſtieß einen Schmerzensſchrei aus, als der Greis ihr das Papier gab, einen wehmüthigen Sterbeblick auf Idan richtete und mit bebender Stimme ſprach:—„O, mein Sohn, Du biſt ein Bettler— Gott ſtraft die Schuldigen, der Quade die Unſchuldigen!“ Das Schreiben, vom Herzoge Otto zu Wolfenbüttel unterzeichnet, lautete aber folgendermaßen: „„Wir Otto, von Gottes Gnaden Herzog von Braun⸗ ſchweig und Göttingen, haben mit Unwillen erfahren, wie freventlich in Eurer Burg zu Hardegſen das Verbrechen des Brudermordes geübt und das Geſchlecht der Roſtorfer für alle Zeiten beſchimpft und der Strafe des Landesherrn verfallen iſt. Wir erklären daher alle Lehne und Be⸗ ſitzungen der Familie von Roſtorf für verwirkt und ver⸗ fügen, daß dieſelben von jetzt an zurückgefallen ſein ſollen in die Gewalt und freie Nutzung des Landes⸗ und Lehns⸗ herrn. Solltet Ihr Euch dieſem, Unſeren Gebote nicht fügen und Uns durch Unſeren Amtsvogt nicht die Schlüſſel zu der Burg Hardegſen überliefern, ſo werden Wir Euch mit Gewalt vertreiben und die Strafe des Ungehorſams auf Euer Haupt legen.““— Im Jahre nach Chriſti Geburt 1380, den zwanzigſten des Hornung. Otto, Herzog. „Laß ihn kommen!“— rief Idan mit dem Muthe, den ihm der herzzerreißende Anblick der Eltern und die eigene Entrüſtung gaben—„laß dieſen Mörder und — 137 Räuber an ſeinen Unterthanen es verſuchen, ob es ihm gelingt, dieſe feſte Burg mit ſeinem hitzigen Schädel ein⸗ zurennen;— ich will ſie vertheidigen bis zu meinem letzten Athemzuge! Sendet den Vogt, der höhniſch draußen auf unſere Demüthigung lauert, mit dem Beſcheide fort, daß ein Sohn hier ſei, der für das Verbrechen ſeines Bruders nicht geſtraft ſein wolle, und daß ihm, und nicht dem Herzoge das Lehn zufalle nach des Vaters Ableben. Um als Jüngſter würdig zu werden, der Eltern Habe zu verdienen, will ich es mir ſelbſt erkämpfen, dann habe ich neben dem Rechte Eurer Liebe auch das Recht des Mannes darauf!“— „O, mein Sohn!“— erwiderte der Vater„Du biſt ein Jüngling, ich ein ſchwacher Greis;— wie ſollen wir dem Herzoge drohen? Zu ſeiner Gerechtigkeit wollen wir reden, zu ſeinem Herzen die Einſprache bringen;— ſeine Forderung iſt eine Gewaltthat; ich will einen Brief an den Erzbiſchof von Mainz ſenden, ihm neue, große Schenkungen geloben, wenn er mich gegen den ungerechten Willen des Herzogs in Schutz nimmt. Mit Güte laß mich mein Eigenthum vertheidigen, der Herzog kann gerechten Gründen nicht Ohr und Ehre verſchließen!“— „Er? der Quade?“— verſetzte Idan, deſſen Wangen glühten;—„kennt er Gerechtigkeit und Ehre, wo es ſeiner Habſucht gelüſtet, eine gute Beute zu machen? Anvertraue mir Dein Schwert, Vater, ich will es dem Räuber meines Erbes entgegenhalten!“— Der Erfolg dieſer Unterredung war, daß Ritter Ludwig den Amtsvogt Kiphut von Harſte mit der Antwort ab⸗ fertigte, daß er ſeblſt mit dem Herzoge verhandeln werde. — 138— Noch an demſelben Tage ſandte er Boten mit Briefen nach Wolfenbüttel und Mainz. Die Antwort des Erzbiſchofs traf früher ein, als die des Herzogs;— er verhieß dem Ritter den Schutz der Kirche und meldete, daß er dem Herzoge angezeigt habe, wie die That auf Hardegſen vor Gott geſühnt ſei und die Kirche ein gleiches Verbrechen darin erkennen müſſe, wenn der Herzog ſich unſchuldiger, friedlicher Leute Vermögen bemächtigen werde. Das war ein Lichtſtrahl in die finſtere Gemüthsſtimmung auf Hardegſen. Der Bote, welcher von Wolfenbüttel heimkehrte, brachte keine andere Nachricht, als daß der Herzog ihm habe aus einem Saale, wo der Becher erklungen und zur Cither ge⸗ ſungen ſei, herausſagen laſſen:„Er möge nur heimreiten, es ſolle dem Ritter ſchon die rechte Antwort werden.“— Idan wollte aber nicht müßig bleiben; es war der Helden⸗ muth ſeiner Ahnen in ihm erwacht und die Liebe der Eltern hatte ihn nicht verweichlicht; man hatte von dem böſen Willen des Herzogs das Schlimmſte zu fürchten, man er⸗ fuhr, daß mehre Ritter im Sillen rüſteten und ihre Mannen einberiefen; es war ſogar von dem Harſter Vogte dem Göt⸗ tinger Rathe zu verſtehen gegeben, daß ſie jetzt eine Gelegen⸗ heit hätten, den alten Groll gegen die Roſtorfer zur That werden zu laſſen und die ganze Familie zu Schanden zu machen, wenn ſie gegen Hardegſen zögen. Unter ſolchen Umſtänden mußte auch Ritter Ludwig an Selbſtvertheidigung denken, obgleich er ſich mit dem ſtillen Gedanken trug, den Eigennutz des Herzogs durch einen annehmlichen Verkaufs⸗ antrag, worin er ihm die Burg und Beſitzungen um eine — 139— Summe anzubieten gedachte, welche für Idan eine ſorgen⸗ loſe Exiſtenz hätte bieten können, zu befriedigen. Idan aber wollte ſein Erbe nicht ohne einen ſchweren Kampf verlieren; der Vater mußte ihm die Erlaubniß geben, nach eigenem Gutdünken und mit Hülfe des alten Burgwarts zu handeln; er ließ ſofort die Burgmauern, Gräben und Warten ausbeſſern und ſtärker befeſtigen, das große Thor mit Eiſen beſchlagen und Wurfbliden anlegen; er reiſte in aller Stille nach Weſtphalen, warb Knechte zu Reiſigen an und war Mitte März bereits ſo gerüſtet, daß er nicht ver⸗ zagte, als die Kunde eintraf, daß der Herzog in Harſte eingetroffen ſei, dort viele Sternritter um ſich verſammelt habe und ſeine Streitmacht in großer Zahl auf dem Wege nach Hardegſen vorrücke. In der That war der Brudermord in der Familie des Hauſes Roſtorf eine willkommene Gelegenheit für den Herzog geworden, um ſeinen Groll gegen den reichen, hochmüthigen Ritter und ſeinen Neid über deſſen ſchöne Beſitzungen in den Schein irgend eines Rechtsgrundes zu kleiden, obgleich es ihm nicht entfernt in den Sinn kam, eine landesherr⸗ liche Gerechtigkeit zu üben und ein Verbrechen zu ſtrafen; vielmehr wollte er nur die ihm verhaßte Familie züchtigen und ſich der Burg Hardegſen bemächtigen, nicht weiter darüber nachdenkend, daß er den Schein erheuchelte, ein Verbrechen zu ſtrafen, indem er ſelbſt ein Verbrechen be⸗ gann. Stellen ſich doch zu vielen Zeiten die Geſetzgeber über das Geſetz!— — 140— Wir wendeten uns von den Zuſtänden und Begeben⸗ heiten, welche im Schloſſe zu Wolfenbüttel ſtatt fanden, in dem Augenblicke ab, wo in der Mitternacht die ſchwankende Geſtalt des jungen Herzogs Friedrich in das Gemach ein⸗ trat und mit matter Stimme rief:—„Nupert, hilf mir, ich bin verwundet!“— Der Schreck des alten Dieners war ſo heftig, daß er faſt unfähig war, ein Wort hervorzubringen, oder den Jüng⸗ ling in die Arme zu ſchließen. Die ſchlimmſten Gedanken fuhren wie zuckende Blitze durch ſeinen Kopf und betäubten ſeine Geiſtesgegenwart und blendeten ſeinen klaren Blick. Was wäre nicht durch eine tödtliche Verwundung des Jüng⸗ lings vernichtet und vereitelt geweſen! Welche heimliche Gegenintrigue konnte die Rolle, welche er mit dem Schütz⸗ linge ſpielte, enthüllt und deren weiterer Entwickelung ein ſchnelles, blutiges Ende gemacht haben! Wer war der Thäter? Weferlingen oder Ranzau? Geſchah es auf des Herzogs Befehl, oder aus Willkür? War Angila vielleicht nur fort⸗ geführt, um dem Dolche der Eiferſucht Olga's zu erliegen? War der ſtille Gang in Kalm's Kerker verrathen und das letzte Ereigniß bereits die Antwort Otto's darauf geweſen? — Solche Fragen ſchwirrten betäubend durch Rupert's alten Kopf, als er faſt willen- und hülflos ſtammelte; „Verwundet? Ihr? Hülfe! Hülfe!“— „Still!“— fiel ihm Friedrich in das Wort, indem er ſich mit Ermattung an ihm ſtützte—„ich bin nicht ge⸗ fährlich verwundet, obgleich es auf meinen Tod abgeſehen war; der Dolch einer verhüllten Geſtalt traf in dem Zwie⸗ lichte des Mondes und der Nacht meine Schulter hier;— — 141— ich bin nur ſchwach, ich glaube, daß ich viel Blut verloren habe— wecke den Arzt;— Licht!“— Rupert führte den jungen Herzog an das Lager, welches für Angila beſtimmt geweſen war, band ihm ein Tuch feſt um die verwundete Schulter und eilte, immer noch in der Verworrenheit ſeiner Vorſtellungen, nach dem Flügel des Gebäudes, wo der Medicus wohnte. Früher, als dieſer folgen konnte, lief Rupert zum Herzoge Friedrich zurück, den er ſtill auf dem Lager liegend fand.„O! mein Her⸗ zog!“— jammerte er, die Hand auf die blutig feuchte Schulter drückend—„hat man Euch in Eurem Gemache überfallen?“ „Nein, ich hörte nahe vor meiner Thür Schritte, ich horchte und vernahm die Bitte:—„O! denkt an meinem Vater!“— ich trat hinaus auf den Corr'dor und ſah zwei Geſtalten mit Angila entfliehen;— ich rief ſie an, wollte das Mädchen ergreifen und fühlte mich verwundet“.—— Ein krampfhaftes Gähnen unterbrach ſeine matte Stimme, er blieb ſtumm und bewegungslos. Der Gedanke, daß er todt ſei, drängte Rupert’s Ohr auf des Jünglings Bruſt; er athmete, ſein Herz ſchlug matt und langſam.— In dieſem Augenblicke trat cin Mönch mit einer brennenden Lampe und einem Kaſten im Arme herein; es war der Arzt des Schloſſes; er beleuchtete den Schlafenden, prüfte Puls und Wärme und ſprach:—„Eine Ohnmacht iſt's durch Blutverluſt— helft mir.“— Er ſchnitt die Kleidung des Jünglings an der Schulter auf und eine Stichwunde vor der Achſel, die ſchräg am Kochen unter der großen Bruſtmuskel eingedrungen war, bot ſich dem Auge dar; das Kleid war mit geronnenem Blute getränkt. Während — 142— der Mönch die Wunde verband, wuſch Rupert den Ohn⸗ mächtigen mit Belebungswäſſern aus dem Kaſten des Medi⸗ cus; Friedrich athmete tief auf, öffnete die Augen, ſtarrte den Mönch an, begegnete Rupert's vorgebeugtem Angeſichte und fragte:—„Was wollt Ihr! Ach, ſo, ich bin ver⸗ wundet— es ſchmerzt— iſt es gefährlich?“— „Nein, Herr, aber Ihr müßt hier ſtill liegen bleiben;— Euer Hofmeiſter wird die ganze Nacht Schneewaſſer über die Schulter ſchlagen.—“ Während ſich Friedrich vorhin nach dem Gemache An⸗ gila's fortgeſchleppt hatte, waren Kurd und Olga von Wefer⸗ lingen mit dem Mädchen, welches keine Ahnung von dem ſchnellen Dolchſtoße im Dunkeln erhielt, ſchnell die nächſte Wendeltreppe hinuntergeeilt, auf heimlichen Wegen aus der Burg gekommen und bei den Weferlingen'ſchen Knappen, welche im Schatten der Mauern hielten, angelangt.— Als Angila ſich im Arme des Knappen, der ſie auf ſein Pferd hob, ſträubte, gebrauchte Kurd Gewalt und Olga ſprach:— „Reiſe mit Vertrauen, es ſoll Dich nicht gereuen.“— Als Beide in die Burg heimkehrten, flüſterte Olga:— „Haſt Du den Friedrich getroffen?“— Kurd antwortete:— „Gewiß, er ſchwankte und wird wie ein Hund einſam an der Thürſchwelle verenden. Der Herzog wird, wenn er erfährt, daß das Mädchen fort iſt, in die beſte Laune ge⸗ rathen, wenn er hört, daß der dumme Bube ihm nicht mehr den Weg kreuzt, und man könnte ihn glauben machen, daß der Friedrich mit den Braunſchweigern in's Geheim halte, fremde Leute in's Schloß eingelaſſen und die Flucht be⸗ günſtigt habe.“— — 143— Am anderen Morgen, als Otto ſeinen Rauſch ver⸗ ſchlafen hatte, trat Breido zu ihm und ſprach liſtig:— In vergangener Nacht hat's ein Abenteuer gegeben; der Friedrich hat des Kalm Tochter frei machen wollen, iſt von einem getreuen Knappen erwiſcht, für einen Fremden ge⸗ halten und niedergeſtochen. Leider lebt er noch und der Dolchſtoß ging nicht auf die rechte Stelle.“— „Und das Mädchen?“— fuhr Otto auf—„er ſoll geſtehen und zeugen, dann mag der Bube ſeinen Lohn empfangen.“— „Das Mädchen iſt fort— an ihrer Stelle liegt der Friedrich,— der alte Rupert pflegt ſeine Wunde.“— „Zum Teufel mit dem Graukopfe!“— rief Otto;— „ich will ſelber mich überzeugen;— habe ich hier geheime Spione im Schloſſe? Komm, Breido.“— Er ging ſtürmiſch, von heftigen Zorngedanken getrieben, nach dem Flügel des Schloſſes, wo Friedrich lag; er be⸗ merkte nicht, daß eine weibliche Geſtalt, ſcheinbar fröſtelnd in einen Mantel gehüllt, ſeinen Weg belauſchte und ihm nachfolgte. Ungeſtüm trat er in das Gemach, wo Rupert am Lager ſaß und die Wunde mit Schneewaſſer kühlte. „Ha! Bube, was haſt Du gewagt?“— rief Otto, über die Schwelle tretend.—„Gelüſtet Dir, als gemeiner Verräther, nach dem rechten Lohne?“— Als der Ver⸗ wundete den zornigen Vetter mit matten Augen anſah und ſprach:—„Ich erwartete Euren Dank für meine Wach⸗ ſamkeit“— da warf ſich Rupert zu den Füßen des Herzogs und flehete, die Arme unwiſſend, wie zum Schutze des — 144— Jünglings ausbreitend:—„Herr, bei Gottes Namen, höret mich erſt, daß ich Euch die Wahrheit berichte!“— „Schurke Du!“— fiel Otto ein, indem er dem Knieenden einen Fußtritt verſetzte.—„Ihr Beiden unter⸗ haltet Anhang bei den Braunſchweigern? Das ſoll Euch den Kopf koſten.“— Dieſe Aeußerung brachte Rupert ſchnell zur Beſonnen⸗ heit.—„Herr!“ rief er, ſich mit dem Muthe der letzten Nothwehr aufrichtend—„wenn Ihr die Getreueſten morden wollt, ſo werdet Ihr freilich bald nur unter Feinden allein ſein. Ehe Ihr mich richtet, rufet das Edelfränlein von Weferlingen herbei, ſie ſoll für mich zeugen!“— Otto ſtutzte, ſah den unheimlich grinſenden Breido an und trat überraſcht zur Seite, als eine Stimme rief:— „Ja, ich will zeugen!— Herzog, danket dieſem Knechte, ich liebe den gerechten Mann in Euch.“— Olga von Weferlingen, welche längſt hinter dem Thürpfoſten gehorcht hatte und befürchtete, daß Rupert die Wahrheit verrathen würde, war ſchnell zu dem Herzoge getreten, lüftete den Mantel und ſtand in verführeriſcher, auf die Sinne des Herzogs berechneter Morgentoilette vor ihm. „Olga, Du?“— begann dieſer überraſcht und ihren weißen, nackten Arm ergreifend—„ſprich, was geht hinter mir vor?“ „Ich konnte um Mitternacht nicht ſchlafen, mein Herz war unruhig, mein Kopf heiß, als hätte ich Furcht oder ſchlimme Ahnung. Ich ſchlich ſtill an die Schwelle Eures Schlafgemaches, lauſchte nach Euch, es war ein beruhigendes Gefühl für mich, an Eurer Schwelle zu wachen für Euch.“ — 145— „Du haſt mich bewacht?“— ſprach Otto zärtlich, da bereits Olga's ſinnliche Reize auf ihn zu wirken begannen, und er ſeinen Blick feuriger in ihre glimmenden Augen bohrte,—„aber was fürchteſt Du denn für mich?“ „Ihr waret ſo übel gelaunt geſtern Nachmittags; es gelang mir nicht, Eure Stirn zu erheitern, Ihr wiſſet ja, wie Sonnenſchein und Wolken meines Herzens von Eurem Blicke abhängen!“— In der That kannte Olga ihre wirkenden Siegesmittel, wo nicht die jungfräuliche Unſchuld als Nebenbuhlerin auf⸗ ſtand und des Herzogs Sinn mit neuen Reizen ſtachelte; Otto lächelte ihr zu, ſtreichelte ihre Wangen und ſagte:— „So bringe Sonnenſchein in Dein Herz und kläre mich auf über dieſen ſeltſamen Vorfall.“ „Vernehmt; mein heißes Blut trieb mich um Mitter⸗ nacht durch die mondhellen Gänge des Schloſſes; da hörte ich in dieſem Flügel ein Geräuſch, ich eilte in das Gemach meines Bruders, er folgte mir ſchnell, wir kamen noch früh genug, zu ſehen, wie Rupert und der Friedrich mit unkenn⸗ baren Geſtalten um ein Mädchen kämpften, das ſtumm, ohne Zweifel geknebelt, von den Unbekannten fortgeriſſen ward; Kurd ſtürzte hinzu, die Diebe waren mit dem Mädchen durch eine Thür entſchlüpft und hatten dieſe hinter ſich verriegelt; wir fanden den Friedrich verwundet, den Rupert neben ihm.“— Rupert hatte die Sprechende ſtarr angeblickt, da er über⸗ raſcht war, mit welchem leichtfertigen Muthe das Fräu⸗ lein von Weferlingen dem Herzoge eine kecke Lüge vortrug; aber auch ſeine eigene Klugheit wurde dadurch zur liſtigen Benutzung der Gelegenheit aufgeru en. 6 Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 10 — — — — 146— „Solche Dinge gehen in meinem Schloſſe vor? Wo iſt der Kurd? Warum meldet er mir nicht den Vorfall mitten in der Nacht? Wer waren die Diebe des Mädchens? Haben ſich Gefangene aus dem Thurme frei gemacht? Ha! der Kalm iſt's, der mit ſeinem Kinde entflohen iſt, und im Schloſſe Gehülfen gefunden hat! Breido, ſende in die Ge⸗ fängniſſe hinab, daß man nachſehe, wer von den Leuten fehlt!“ Olga ließ, mit einem geheimen, frohlockenden Blicke, den Ritter Breido gehen, um den Befehl des Herzogs auszu⸗ richten.—„Mein Bruder Kurd iſt früh ausgeritten, um die Spur der Entflohenen zu ſuchen; ſie werden nicht nach Braunſchweig gelangt ſein, ſondern ſich im Lechelnholze ge⸗ borgen haben.“— Otto blickte Olga mit einem faſt mitleidigen Ausdrucke des Wohlgefallens an; ein beſonderes Gefühl, das ſinnliche Männer nicht ſelten beſchleicht, hatte ſich auch ſeiner be⸗ mächtigt; der angebliche Umſtand, daß Olga ſich bemühet, die Flucht eines Mädchens zu vereiteln, das eine gefährliche Nebenbuhlerin ihrer Reize und ihres zärtlichen Einfluſſes geworden war, erfüllte ihn mit einem gewiſſen, dankbaren Mitleid, ja es hatte die Argloſigkeit, womit Olga ſeiner unwandelbaren Zuneigung vertrauete, einen Reiz für ihn, der dem der unſchuldigen Mädchenſeele ähnlich war; in ſeiner Phantaſie erblich immer mehr mit Angila's Erſchei⸗ nung auch die ſinnliche Sehnſucht nach deren Genuſſe, Olga's Augen funkelten ſtolz und ſiegreich; Otto bot ihr den Arm, kehrte ſich gleichgültig gegen den Verwundeten und ſprach:—„laß Dich wieder kuriren, mein Junge,— — 147— Du haſt mir den erſten, guten Dienſt leiſten wollen, das lobe ich! Und Du, Rupert, magſt bei ihm bleiben!“— Dann ging er mit Olga, die den Mantel über ihre lockenden Reize ſchlug, aus dem Gemache, ſeinem entfernten Wohnzimmer zu. Als ſich Rupert allein mit dem jungen Herzoge ſah, knieete er an deſſen Lager, nahm deſſen Hände und ſprach: —„Gott ſei gelobt! Unſere Gegenwart iſt auf Lüge und Schein gebaut, aber der Himmel wird es uns vergeben, wenn die Zukunft eine gerechte iſt!“— Aus einigen Andeutungen, welche Friedrich machte, er⸗ wuchs indeſſen eine neue Sorge für den treuen Alten. Es war keinem Zweifel unterlegen, daß Angila auf den Jüng⸗ ling einen tiefen Eindruck gemacht und in ihm ein ſeither fremdes Gefühl geweckt hatte; ja, es fiel Rupert jetzt auf, wie auch Angila den um ein Jahr jüngeren Herzog mit träumeriſch ſeliger Selbſtvergeſſenheit angeblickt hatte. Auch dieſes Gefühl im Herzen Friedrich's mußte Rupert behüten und dem großen Plane unterzuordnen ſuchen, der ihn jahre⸗ lang mit dem Erben des Herzogs Magnus verband. Kurd von Weferlingen war zwar am frühen Morgen ausgeritten, aber nicht, um die Spur der Entflohenen zu verfolgen, ſondern um ſeinen heimkehrenden Knechten zu begegnen und zu erfahren, was ſie ausgerichtet hatten. Sie berichteten ihn, daß ſie das Mädchen an der Landwehr des Michaelisthores abgeſetzt und aus der Ferne belauſcht hätten, wie auf ihr Rufen die Zugbrücke niedergelaſſen ſei; er ſandte beide Knechte nach Wansleben mit dem Befehl, ſich dort ruhig zu verhalten und für ihr Stillſchweigen eines guten Lohnes gewiß zu ſein. 10* — 148— Als er nach dem Schloſſe zurückkehrte, erwartete ihn bereits ein von Olga abgeſchickter Wanslebener Knappe am Thore, um dem Ritter zu melden, daß er ungeſehen in der Schweſter Gemach eilen und ſie dort erwarten möge. Als er hier eintrat, war Olga eben aus einer zärtlichen Morgenſtunde vom Herzoge heimgekommen und ſie erzählte dem anweſenden Vater, Ritter Johann, den Vorfall der Nacht und ihre Lüge. Der alte Ritter fand ſchnell Rath und trug ſeinem Sohne auf, dem Herzoge zu melden, daß es leider zwei Wans⸗ lebener Knappen geweſen ſeien, die von dem Liebhaber des Mädchens, einem Braunſchweiger, beſtochen wären, die That vollbracht hätten, aber auf ihrem Heimritte von ihm er⸗ griffen, überführt und nach Wansleben gebracht ſeien, um dort eingekerkert zu werden. So umgab den Herzog Otto, der ſich der Treue ſeiner Freunde gewiß dünkte, nur ein Netz von Lug, Heuchelei und Trug, wie es das Loos aller Despoten iſt, die nur ihren Eigenwillen erfüllt glauben, während ſie doch nur dem Eigennutze ihrer Umgebung dienen, denn auch der gemeinſte Schranze liebt ſeinen Despoten nicht und dieſer iſt blind gegen die Thatſache, daß nur gewiſſenloſe Subiecte ſich ſeinem Dienſte widmen können. Als Breido mit der Nachricht zum Herzoge trat, daß kein Gefangener fehle und Kalm die Flucht ſeiner Tochter nicht wiſſe, hatte Otto ſchon den Bericht des Kurd von Wefer⸗ lingen empfangen und es war ſein Sinn noch von Olga's weicher Umarmung gedämpft. 1 So hatte ſich Olga von Neuem in ihrer plötzlich be⸗ drohten Herrſchaft über den Herzog befeſtigt und die Wefer⸗ — 149— linger waren nach wie vor im Beſitze ihres Einfluſſes und ihrer Freundſchaft zu dem gleichgeſinnten Fürſten.— Rupert aber war ſtill und vorſichtig am Abend in Kalm's Kerker geſtiegen, und hatte den Gefangenen von den Ereigniſſen unterrichtet; daß Eiferſucht zur Rettung von Angila's Un⸗ ſchuld ſich zu kühner That aufgeworfen hatte, war Rupert nicht mehr fremd geblieben. Die früheren und jetzigen Unterredungen, welche Rupert mit Kalm in der Finſterniß des unterirdiſchen Kerkers ge⸗ habt hatte, traten nunmehr in ihren weiteren Folgen vor⸗ ſichtig und berechnet an des Tageslicht.— Nach einigen Tagen, als der Herzog ſich in guter Laune befand, drang der Graf Buſſo von der Aſſeburg in ihn, Alles aufzubieten, um den von den Braunſchweigern gefangenen und hartnäckig gegen Löſegeld verweigerten Sohn gegen den Patrizier von Kalm auszutauſchen; aber Otto wollte den Gefangenen noch mehr ausnützen, da Breido's Rath, mit der Stadt einen ein⸗ jährigen Frieden zu ſchließen, immer mehr Nachklang in ihm fand, aber mit ſeinem Stolze kämpfte, der ihm nicht erlaubte, ſelbſt den Frieden anzubieten, da die Braunſchweiger das für eine Schwäche des Herzogs auslegen könnten. Selbſt als Kalm dem Herzoge melden ließ, daß er nichts ſehnlicher als dieſen Frieden wünſche, und er ſelbſt nicht nur um eine Auslöſung gegen den Aſſeburger, ſondern um die Erlaub⸗ niß bitte, mit dem Rathe der Stadt zu unterhandeln, damit dieſer dem Herzoge den Wunſch nach Waffenruhe und Freund⸗ ſchaft kund gebe, zögerte Otto von Tage zu Tage, Woche zu Woche, bis plötzlich ein neues Ereigniß eintrat, welches ihn lebhafter beſchäftigte, als der Kampf mit der verhaßten 150— Stadt, und das ihm eine zeitweiſe Ruhe im Braunſchweigi⸗ ſchen wünſchenswerth machte. Die Nachricht vom Brudermorde auf der Burg Har⸗ degſen trat bei ihm ein; ſie war ſofort vom Harſter Vogte Heinrich Kiphut gemeldet. Otto frohlockte bei dieſer Kunde, denn die jahrelang erwünſchte Gelegenheit, dem reichen, ſtolzen Hauſe der Roſtorfer einen Schlag zu verſetzen, ſich wo möglich ihrer Reichthümen und Beſitzungen zu bemäch⸗ tigen und ſeinen alten Groll in eine landesherrliche Rechts⸗ that zu kleiden, war gekommen und zu lockend, um nicht ſchnell zuzugreifen. Der alte Ritter Ludwig war ihm ohne⸗ hin ſchon dadurch verleidet worden, daß derſelbe vor Jahren das ſchöne Gut Gladebeck an ſich gebracht hatte, wo Otto bei dem früheren Beſitzer der indeſſen ausgeſtorbenen Familie, auf den Jagdausflügen von Harſte aus oft eingekehrt und gut aufgenommen war. Kaum hatte Otto die Nachricht empfangen, als er das landesherrliche Schreiben an den Edlen von Roſtorf erließ, welches wir bereits kennen; ſeine grollende Ungeduld wurde aber zum leidenſchaftlichen Durſte nach der Sättigung ſeines habſüchtigen Willens, als er die Gegenvorſtellungen des Ritters Ludwig und gleich darauf ein Schreiben des Erz⸗ biſchofs von Mainz empfing, worin dieſer das Verbrechen auf Hardegſen für kirchlich geſühnt erklärte und den Herzog an der Leine vor ungerechter, weltlicher Rache an der Fa⸗ milie von Roſtorf warnte. Otto war nicht gewohnt, Rechts⸗ gründe bei ſeinem Thun und Laſſen zu befragen; bei ihm galt der fürſtliche Glaube, daß Herrenbefehl immer Recht ſei. Ohne weiter mit Ritter Ludwig oder dem Erzbiſchofe — — 151— zu correſpondiren, ließ er ſofort ſeine Ritter zuſammenrufen, um ſich mit ihnen zum Zuge gegen Hardegſen zu rüſten, und er fand an ihnen eine nur zu bereitwillige Hülfe. Der Harſter Vogt Kiphut hatte durch ſeine Späher erfahren, daß auch die Roſtorfer rüſteten, die Burg noch mehr be⸗ feſtigten, heimlich in Weſtphalen Knappen anwürben und daß die Knechte von der Mauer und den Wällen herab der Macht des Herzogs ſpotteten. Es war in der letzten Hälfte des Lenzmonates, als Otto von Wolfenbüttel auszog, um den vereinigten und bereits vorausgezogenen Mannen ſeiner Freunde nach ſeinem Fürſten⸗ thume Oberwald zu folgen und ihnen ſeine Reiſigen zuzu⸗ führen. Vorher aber hatte er, nach Breido's Rathe, Frieden mit der Stadt Braunſchweig geſchloſſen, wozu Kalm ſelbſt die nöthigen Schritte bei dem Magiſtrate gethan hatte; die Stadt ſandte einen Bürgermeiſter und den Stadthauptmann Hermann von Vechelde nach Wolfenbüttel, um einen ein⸗ jährigen Vertrag, wonach Herzog und Stadt ſich gegenſeitig nicht befehden ſollten, abzuſchließen; Otto unterzeichnete und bei dieſer Gelegenheit wurden Philipp von Kalm und der Sohn des Ritters Buſſo von der Aſſeburg ohne Löſe⸗ geld ausgewechſelt. Ein Despot wie Otto, iſt aber immer mißtrauiſch, da er es ſelbſt nicht ehrlich mit den Rechten Anderer meint; aus Vorſicht hatte er ſeinen zuverläſſigſten Freund, den Ritter Johann von Weferlingen, auf Wolfen⸗ büttel und überhaupt im Braunſchweiger Lande zurückge⸗ laſſen, um an der Stelle des Herzogs die vormundſchaft⸗ lichen Errungenſchaften deſſelben zu wahren und die Stadt zu beobachten. Der alte Weferlinger hatte gefordert, daß ſein — 152— Sohn Kurd bei ihm bleibe, um zeitweiſe auf Wansleben das Regiment zu führen, wohin Olga ſo lange, als der Herzog abweſend ſein würde, ſich zurückziehen wolle, um bei der ſchwächlichen Mutter die ſeither verſäumten Pflichten der Tochter zu üben. Keinem wurde die, freilich nur auf etwa drei Wochen berechnete Abreiſe Otto's ſchwerer, als der Freundin Olga, die mit eiferſüchtigem Herzen fürchtete, daß die ſinnliche Treue des Herzogs nicht gegen neue, friſchere Lockungen ſtichhaltig ſein werde; jener war in dieſer Zeit ohnehin viel zu krie⸗ geriſch und beutegierig geſtimmt, um Olga's weichlichere Luſt mit vollem Genuſſe zu theilen. Allerdings hatte er ihr freigeſtellt, ihn nach Oberwald zu begleiten, aber das böſe Gewiſſen ſcheuchte ſie vor einer Begegnung der Her⸗ zogin Margarethe zurück. Nach einem ebenſo zärtlichen, wie ſchmerzlichen Abſchiede ſah dann Olga von dem Balcon herab den Herzog mit ſeinen Mannen davon reiten und ſo lange ſie ſeinen hohen, wehenden Helmbuſch erkennen konnte, winkte ſie ihm mit dem weißen Schweißtuche die Mahnungen ihres Herzens an ſeine zärtlichen Pflichten nach. Einige Tage nachher ritt ſie mit ihrem Bruder Kurd nach Wans⸗ leben, während Ritter Johann auf dem Schloſſe Wolfen⸗ büttel als herzoglicher Hauptmann das Regiment führte. Unterdeſſen heilte die Stichwunde des jungen Herzogs Fried⸗ rich immer mehr; er ging ſchon wieder umher, Niemand be⸗ kümmerte ſich ſcheinbar um den blöden, ſtummen Jüngling, der eine weit größere Freiheit genoß als früher, aber ſie nicht zu kennen und zu gebrauchen ſchien, und nur in heimlichen, 153— vertraulichen Stunden Geiſt, Muth und Sprache gegen den treuen Rupert entfeſſelte.— Viertes Kapitel. An einem hellen Nachmittage befand ſich die Herzogin Margarethe in ihrem blauen Zimmer zu Harſte am Fenſter und blickte mit unruhigem, faſt ängſtlichen Auge des Weges, der gegen Göttingen führte; die nunmehr im achtund⸗ zwanzigſten Jahre ſtehende Frau hatte zwar merklich ge⸗ altert, aber trotz des tiefen Leidens, welches das Angeſicht gebleicht, ſanft gefurcht, dem weichen Munde ein unbewußtes ſchmerzliches Lächeln und der edlen Stirn einen ruhigen Ernſt aufgedrückt hatte, waren die Spuren ihrer Jugend⸗ ſchönheit noch wie unter einem zartgewebten Schleier zu er⸗ kennen; ihre ſchwarze, faſt nonnenhafte Kleidung, alles fürſt⸗ lichen Schmuckes baar, gab ihr das feierliche Anſehen einer Büßenden. Ihr Leben war ja auch in den letztverfloſſenen Jahren eine ununterbrochene Buße geweſen, nicht um ihre reine, gotterfüllte und durch Tugend geheiligte Seele, ſondern um ihre Pflicht der Gattin gegen Denjenigen zu rechtfertigen, welcher ihre Liebe verſchmähete, das Weib und die Herzogin ein ihr kränkte und mißachtete, die Mutter ſeines Sohnes und Thronerben vergeſſen und erniedrigt hatte, und deſſen ungerechtes Leben der Fürbitte und der Opfer eines Engels vor Gott bedurfte. Margarethe hatte bald, nachdem ſie auf Befehl des — 154— Herzogs die Reſidenz auf dem Bollrutz gegen den einſameren Aufenthalt auf dem Schloſſe Harſte vertauſchen mußte, er⸗ kannt, daß ſie eine vom Gemahl Verſtoßene und Gefangene ſei; der Vogt Heinrich Kiphut, der ſeines Herrn Geſinnung theilte, beobachtete ſie mit den verſtohlenen Blicken eines Aufpaſſers, drängte ſich an den Sohn, um dieſen, auf des Vaters Geheiß, in der Kunſt ritterlicher Waffenübung zu unterrichten und nebenbei in ihm den Sinn des Vaters und des Rittergeiſtes zu wecken. Mit unruhigem Herzen behütete Margarethe im Gemüth des Sohnes die ihm von ihr eingeimpften edleren und milderen Sitten, ſuchte in ſtiller Abendſtunde die am Tage vom Vogte erhaltenen rohen Eindrücke wieder auszutilgen, leitete ihm zum Gebete, ermahnte ihn zur Tugend und weinte oft heimliche Thränen, wenn ſie gewahrte, daß das böſe Beiſpiel des gemeinen Lehrmeiſters irgend ein Samenkorn in des Sohnes Seele geworfen hatte, welches drohte, ſeine ſtill wuchernden Wurzeln zu ſchlagen. So war ihr die mütterliche Liebe und Er⸗ ziehung zu einer fortwährenden Folter geworden, die nur dann ihre lindernde Minute fand, wenn ſie am Sohne irgend — einen edlen Zug entdeckte, der mit dem Mutterherzen ſympathi⸗ ſirte. Wenn der Sohn mit natürlicher Sehnſucht ſich an die Bruſt der Mutter legte, wenn er unaufgefordert mit ihr in der Kapelle betete und die Meſſe hörte, wenn er die Unterhaltung mit ihr oder dem alten Henricus den Ein⸗ ladungen des Vogtes zu Jagd und Ritt vorzog, wenn er von den Thaten ſeines Vaters hörte und mit glühenden Wangen ausrief:—„das hätte ich nicht gethan!“— wenn er einen Armen erfreute, wenn er irgend einen Zug des — 155— Edelmuthes und Mitleids kund gab, dann vergaß Margarethe im Augenblicke alle Leiden, ſolche Momente waren Lichter und Himmelsſterne in dem düſteren Bilde der Zukunft, an ſolche Freudentage knüpfte ſie den Faden ihres einförmigen Lebens von Neuem mit Muth und Dank gegen Gott an, um auch die ſchlimmen Tage zu ertragen.— Henricus und Hanna ſtanden ihr darin treulich bei; und es gab viele ſchlimme Tage!— Der Kummer Marga⸗ rethe's über die nun mehr zweifellos gewordene Thatſache, daß der Sohn Otto wirklich auf einem Auge ſeine volle Sehkraft nicht hatte und von Jahr zu Jahr der Blick dieſes Auges kälter und unbelebter erſchien, war allmählig dadurch gelindert, daß ſich der Gedanke daran gewöhnt hatte und es ja Gottes Wille ſo ſei; die Vorſtellung, daß der Sohn eines Mannes, den man mit Fluch und Thränen im Lande den Böſen nannte, am Auge gezeichnet ſei, war durch fromme Werke und geiſtlichen Troſt ruhiger gemacht worden, aber ein anderer Kummer, der weit tiefer in dem Herzen des edlen Weibes nagte, blieb Margarethen auch in den troſtvollen Stunden und miſchte in ihre glücklichen Minuten der Mutterliebe die innerlichſte Wehmuth. Das war der Kummer über des Gemahls Frevel an Leben und Eigenthum anderer Menſchen, vor Allem aber ſeine Un⸗ treue gegen ein Herz, das ihm auch in der tiefſten Krän⸗ kung treu blieb und ein heiliges Recht hatte, Achtung und Gattinehre zu fordern. Wie hätte des Herzogs wüſtes, ſündvolles Treiben zu Wolfenbüttel der Gattin unbekannt bleiben ſollen! Mit ge⸗ rechter Verachtung gegen Olga von Weferlingen erfüllt, — 156— entſetzt vor den Gräuelthaten gegen die Stadt Braunſchweig, erbebend vor der Verhöhnung aller chriſtlichen Pflichten gegen Gott und Menſchen, konnte die weiche, erſchütterte Seele Margarethe's nur die ſühnende Buße übernehmen, welche die Kirche als Werkheiligkeit für das ewige Heil und die Vergebung der Sünder lehrte. So war ihr Leben eine fortwährende Buße für Den, welcher keinen Tag aufhörte, ſie zu kränken und Gott zum Feinde zu machen.— Aber ihre Seele wurde in neue ſchreckhafte und ſorgen⸗ volle Bewegungen verſetzt, als ſie erfuhr, daß die Scenen der ungerechten Gewalt ganz in ihre Nähe verſetzt werden ſollten, als es auf dem Schloſſe Harſte unruhig wurde, Rüſtungen ſtattfanden, Reiſige eintrafen und der Herzog auf dem Wege war, gegen das nahgelegene Hardegſen zu ziehen. Sie kannte am Beſten die wahren Beweggründe, ſie wußte, daß ein neues Verbrechen geſchehen ſolle. Auf ihren Knieen flehte ſie Gott und die Heiligen an, die Ab⸗ ſicht des Herzogs zu vereiteln, gebeugten Eltern beizuſtehen; ſie ſelbſt opferte zur Sühne für den Brudermord an mehre Klöſter, aber die Kriegsmacht des Herzogs rückte immer näher, Gottes Hülfe blieb aus, Margarethe's Gebet blieb unerhört.—„O! mein Gott!“— hatte ſie heute noch gebetet—„ſind meine Lippen ſo unwürdig, daß Du meine Bitte um Erbarmen nicht achteſt? Iſt der Brudermord in Deinen Augen ſo ſtrafbar, daß Du ihn an der ganzen Familie ſtrafen willſt, und das Werkzeug des Böſen auf⸗ rufſt, Deinen Zorn auszuführen? Oder“—— hier war Margarethe verſtummt, ſie hatte ſagen wollen:—„Oder ſchickeſt Du den Herzog, ſeiner Sünden voll, in ſein eignes Ver⸗ — 157— derben?“— Sie erſchrak vor ſich ſelbſt und neigte das Geſicht auf die gefalteten Hände.— Als ſie heute am hellen Märznachmittage am Fenſter ſtand nnd die angemeldete Ankunft des Herzogs erwartete, war ihr Herz unruhig, ihr Blick angſtvoll. Ihr Sohn Otto, nunmehr ein Knabe von zehn Jahren, war mit dem Vogte Kiphut dem Vater entgegengeritten— das war Alles, was ihr Herz dem Gemahl darzubringen vermochte, was der Vater fordern konnte.— Die ganze Gegend war bereits ſeit einigen Tagen mit Kriegsknechten gefüllt; ſie lagerten in der Burg, in den Dörfern, es leuchteten zur Nachtzeit ihre Wachtfeuer aus der Ferne. Margarethe bemerkte im Hintergrunde von dem Walde eine Staubwolke heranziehen, ſie drückte die Hand auf das Herz in großer Beklommenheit und ſeufzte ein lautes, unaufhaltbares: Ach!— Dieſer Ton traf aber nicht nur lebloſe Wände, ſondern auch ein empfindſames Ohr. Henricus war vor wenigen Augenblicken hereingetreten, an der Thür ſtehen geblieben und hatte die Herzogin nicht anreden mögen, da er ſich vielleicht vor dem Schmerzensblicke derſelben fürchtete. Dieſes heftig herausgepreßte„Ach“ ſchnitt dem Pater aber ſo tief und plötzlich in das Herz, daß er zuſammenfuhr und mit leiſer Stimme ſprach:—„Herr Gott’ weiche nicht von uns!“— Margarethe wendete ſich um; Henricus ging mit aus⸗ geſtreckten Händen auf ſie zu. Wie alt und ſtumpf war dieſer Mann geworden, wie kummervoll ſein Antlitz, wie blaß ſein blaues Auge, wie gebückt und langſam ging er — 158 der Herzogin entgegen, die ſeine Hand faßte, als bedürfe nicht ſie, ſondern er einer Stütze, und, ihn an das Fenſter führend, ſagte:—„Er kommt! Ol ich zittere vor ſeinem Anblicke!“— „Ja, er kommt, darum bin ich eingetreten, es Euch zu melden; der Thürmer zeigte es an.— Muth— edle Mar⸗ garethe— Muth; Gott iſt bei uns!“— „Wie er ausſehen mag? Bald ſind es vier Jahre, daß ich ihn mit zorniger Miene vom Bollrutz abreiten ſah; ach, Henricus, er wird mich nicht wiederſehen wollen, ich bin mit Dir alt geworden, jedes Jahr, das wir verlebten, galt für fünf Jahre bei glücklichen Nenſchen!“— Henricus ſah ihr wehmüthig in das ſchöne, von Auf⸗ regung verklärte Leidensgeſicht. Sie ſenkte die Augen und fuhr mit leiſerer Stimme fort:—„Was iſt ihm daran gelegen! Schweig', ſchwaches Weib mit Deinem eitlen Hoffen;— nichts erwarte ich, o, nichts, als daß er ſeines Sohnes Mutter nicht vor dem Sohne erniedrige!“— „Ihr waret ja heute Mittag ſo gefaßt, edle Frau;— bleibet es, Ihr könnt nicht gekränkt werden, das Heilige im Menſchen können ſelbſt Fürſten nicht demüthigen.“ „Doch, Henricus, doch— wenn er gar nicht nach mir verlangt, mich nicht ſehen will— ach! wenn ich geſtorben bin in ſeinem Andenken, eine Lebendigbegrabene mit Sehn⸗ ſucht nach Lebenswärme!“— „Margarethe!“— ſprach Henricus mit bittender, herz⸗ inniger Stimme, wobei er ſie ermuthigend in die Augen ſah und ihre Hände in die ſeinigen ſchloß—„Eure Miſſion iſt die heiligſte, die Gott einem ſterblichen Menſchen anver⸗ . — 159— trauet— für Andere dulden— wie der Heiland für die ganze Menſchheit litt.“— Die Herzogin ſchien vor dieſem Vergleiche zu erſchrecken; mit flüchtiger Schaamröthe ſchlug ſie das Auge vom Geiſt⸗ lichen ab und fragte mit veränderter Stimme:—„Wo iſt Hanna?“— „Im Nebenzimmer— Ihr hattet allein zu ſein ge⸗ wünſcht.“— „Wie dauert ſie mich; ſie könnte glücklich ſein, Welt⸗ freude, Liebe und Jugend genoſſen haben, aber ſie will mich nicht verlaſſen, wie ich ſie in der Kindheit und im glück⸗ lichen Spiele der Jug⸗ nicht miſſen konnte!“— „Ja, Herzogin— es hatte ſie damals ſchwer betrübt, daß Ihr ſagtet, ſie möge in die Welt, in das geliebte Vaterland heimkehren, ein ſchöneres Loos ſuchen gegen das, worin Ihr ſie mit hineingezogen hättet;— Herzogin! Das hat einem Herzen wehe gethan, das ſich glücklich fühlt, Euer Loos zu mildern durch treue Liebe und innigſte Theil⸗ nahme.“— „Ol ich habe ihr wehe gethan! Und ſie hat mir noch nicht verziehen?“ „Doch— doch, ſie hatte nichts zu verzeihen, Ihr thatet Ihr durch Liebe und Mitleid wehe.“— Margarethe eilte an die Thür und rief Hanna's Namen. Die nunmehr einunddreißig Jahre alte, als neunzehnjäh⸗ riges Fräulein mit der Jugendfreundin nach Oberwald ge⸗ kommene Hanna von Kehl erſchien auf der Schwelle; auch ſie hatte die Spuren der Trauer und ihre dunklen Augen blickten noch melancholiſcher, als ihr ſonſt eigen war. Mar⸗ 6 1 „ 160— garethe ſchloß ſie inbrünſtig in ihre Arme, küßte ſie und ſprach voll Wärme:—„Liebe Hanna, bleibe bei mir in dieſer bangen Stunde, Gott wird Deine Freundſchaft ver⸗ gelten!“— Unterdeſſen war die Staubwolke vor dem Walde näher und näher gekommen; die Heerſtraße war lebhaft geworden; in dem Augenblicke, wo Margarethe die Freundin in die Arme ſchloß und eben ihre Liebe in den herzlichen Worten ergoß.—„Gott wird Dir Deine Freundſchaft vergelten!“ — erſcholl Trompetengeſchmetter; der Thürmer auf der Warte ſtieß in's Horn, am Burgthor wurde die Flagge aufgezogen.— Zögernd, verlangend und doch fürchtend, wollte Mar⸗ garethe an das Fenſter treten, aber ſie hielt die Hand über die feuchtglänzenden Augen, fuhr mit der anderen Hand auf die beklommene Bruſt und kämpfte zwiſchen Vor⸗ und Rückwärtsgehen. Hanna und Henricus führten ſie an das Fenſter, indem der ſchwache Greis ſprach:—„Lernet den Anblick ertragen, ſein Auge wird Euch ſuchen.“— Reiſige zogen in luſtigen Schaaren die Straße heran; Kriegsmuſik übertönte das Geräuſch der Roſſe und Waffen; da ritten Ritter, ſchwer bepanzert, mit offenem Viſir auf das Schloß zu, Banner und Fahnen entfalteten zwiſchen den Spitzen der Lanzen ihre bunten Wappen; da erkannte man auf den Bannern den ſchwarzen Steinbock des Ritters von Steinberg, den Löwen des Schwiecheldt, den CEberkopf des Hardenberg, das Hirſchgeweih des Regenſteiner's, die verſchiedenen Keſſelhaken des Miningerodeund des Decken, die drei blauen Haken des Ritters Hagken, die zwei weißen 4 8 Halbmonde auf blauem, und die drei Vierecke auf weißem Grunde im Schilde des Kerſtlingerode, das gelbe Beil auf rothem Felde des Bardeleben, das blau und weiß quadrirte Banner des Adelebſen, den gezackten weißen Balken auf rothem Schilde des Campen, die gelbe Adler⸗ klaue des Mayſenburg, die rothe Speerſpitze des Win⸗ zingerode;— mit ſtiller Sorge und Befriedigung ſuchte Henricus das blauweiße Banner mit den vier ſchräglaufenden Weferlingenſchen Roſen vergeblich. Jetzt aber ragten Helmbüſche aus der Menge hervor— Margarethe's Hand zuckte in derjenigen Hanna's, ſie trat einen Schritt zurück; Herzog Otto ritt hoch zu Roß, hei⸗ teren Angeſichts, friſch und ſtolz in der Mitte ſeiner Ritter; ſeine Helmfedern und der Stern des Bundes ſchienen die Begleitung zu überragen, ſein langer Bart wehete ihm breit auf der Bruſt, er ſchien um keinen Tag älter geworden, ſeine Augen blitzten heller, als der blanke Helm, ſein Haupt trug er kraftbewußt und gebietend. Margarethe drückte das Tuch vor die Augen, als em— pfinde ſie, wie ſie in den faſt vier Jahren eine Ewigkeit durchlebt habe, während die Zeit an dem Herzoge verjün⸗ gend vorübergeſtrichen ſei— eine entſagende Stimme flüſterte in ihrer Seele:—„Ach! ich darf nichts mehr hoffen, ich habe ja nichts mehr für ihn!“— 1 „Seht!“— begann Henricus—„den Sohn— den Sohn! Das iſt Euer Sieg, Herzogin; ſeid ſtolz, Mutter, ſeht, wie der Herzog ſeinen Sohn an ſeiner Seite behält; er will mit Margarethe's Sohne vor allen Rittern in die Burg einreiten.“— Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 1 11 162— Margarethe folgte dem Rufe und Fingerzeige des Mönchs und blickte durch das Fenſter nieder; ſie ſchien im Anſchaun des Sohnes, wie er, neben dem Vater reitend, dieſen mit kühner Haltung des Kopfes anſchauete und ſich an Rüſtung, Bart und ſtolzem Angeſicht weidete, ihre Furcht und heim⸗ lichen Vorſtellungen vergeſſen zu haben, und das Gefühl zu hegen, daß ſie die Mutter dieſes Knaben ſei; ein unwill⸗ kürliches Lächeln verklärte und verjüngte ihren Mund, als ſie gewahrte, wie der Herzog auf den Sohn mit Wohlge⸗ fallen niederſah, ihm die Backe kneipte und ſeinen Worten vergnügt zu horchen ſchien. Da blickte der Sohn, als ſie eben unter dem gewölbten Thore weggeritten waren, zum Fenſter der Mutter auf; er mußte ſie gewahrt haben, er winkte mit der Hand, redete zum Vater und winkte eifrig hinauf. Flüchtig folgte des Herzogs glänzender Blick dem Fingerzeige und der winkenden Hand des Knaben; Marga⸗ rethe trat hervor, hob in leichtgläubiger Erwartung ihres am Sohne erfreueten, bereitwilligen Herzens unfreiwillig die Arme, aber ebenſo ſchnell ſanken dieſe wieder herab, ein ſchmerzlicher Seufzer entfuhr ihrem Munde, ſie wendete ſich ab und legte das Geſicht auf die Bruſt Hanna's. Henricus ſah ſtier und finſter durch das Fenſter in die unbeſtimmte Ferne; er hatte es geſehen, wie der Herzog bei dem Anblicke ſeiner Geman eine finſtere Miene gemacht, bei ihrer Bewegung ſchnel Augen abgewendet und mit Ritter Breido von Ranza lachendes Wort gewechſelt hatte.— Margarethe erwartete den Sohn— er kam nicht. Der Herzog hatte befohlen, daß er i⸗ Geſellſchaft — 163— bleiben ſolle; ſie ſandte nach einer Stunde einen Boten an den Herzog, um anfragen zu laſſen, ob der Gemahl Willens ſei, die Gemahlin zu ſehen; derſelbe ließ ſagen:—„wenn es die Zeit geſtattet!“— So blieb Margarethe mit Hen⸗ ricus und Hanna, obgleich das Schloß von Menſchen über⸗ füllt war, bis zum Abend in ſtiller Abgeſchiedenheit und ung wiſſer Erwartung. Noch aber war die Schaale des herben Schickſals für den Tag nicht voll, es ſollte ihr Ge⸗ müth noch eine neue Erſchütterung und gerade an der wun⸗ deſten Stelle erhalten. Ihr Sohn kam mit heiterem Ge⸗ ſichte und hochrothen Backen in das Gemach geſprungen, eilte auf die Mutter zu, ſchien in ſeiner Freude ſtutzig über den Anblick der ſtillen, ſchmerzlich ernſten Mutter zu werden, und rief:—„O, wie ſtattlich ſieht der Vater aus, wie gütig redete er mit mir, wie viele prächtige Ritter habe ich geſehen! Ich konnte nicht früher zu Dir kommen, Mutter, der Herzog befahl mir zu bleiben, ich mußte mit ihm aus einem großen Becher Wein trinken, er zeigte mich ſeinen Rittern, die mit mir ſcherzten und meinten, ich müſſe mit nach Wolfenbüttel. Ich machte den Vater auf Dich am Fenſter aufmerkſam, aber er antwortete mir nicht; ich wollte ihn zu Dir führen und ihn hier nach dieſem Gemache ziehen, aber er nahm mich mit in den„gal der Ritter; ich hoffte, Du würdeſt dort auch erſchei— ich bat den Vater, Dich holen zu dürfen, er ſah mi iſter an und antwortete wieder nicht. Sprich, lier„ utter, was haſt Du dem Vater gethan, daß er moht nach Dir verlangt, Dich nicht ſehen will, da wol gar mit Dir zürnt? Du biſt ja ſo gut!“—- 11* 164 Margarethe hatte nicht die Kraft, eine Antwort zu geben, die den Knaben hätte befriedigen und ihrem Schmerze ge⸗ nügen können; die Hand auf die Bruſt gedrückt, hörte ſie des Sohnes argloſe Worte an, die ihre Seele wie tödtende Dolche trafen, ſie zog mit krampfhafter, heftiger Bewegung den Sohn an ihre Bruſt, um ſeinem fragenden Blicke aus⸗ zuweichen und die hervordrängende Thräne vor ihm zu bergen. Henricus führte den Knaben, als er ſich ſchnell von der Bruſt der Mutter losmachte, einige Schritte weiter, um der Herzogin Zeit zu laſſen, ſich zu ſammeln, und ſprach:— „Mein lieber Otto, Euer Vater, der Herzog, iſt mit vielen Rittern eingezogen und da ziemt es ſich nicht, daß eine ein⸗ zelne Frau zwiſchen den Männern erſcheint; auch iſt des Herzogs Sinn mit kriegeriſchen Gedanken angefüllt und nicht geneigt, ſanfte Friedenslaute Eurer edlen Mutter zu hören.“— „Morgen früh, ehe der Herzog in die Fehde auszieht, ſoll ich zu ihm kommen“— ſprach Otto erregt;—„dann werde ich nicht ruhen und ihn bitten, zu meiner Mutter zu gehen, ja, ja, das muß er, wenn er mich ſieb hat.„Aber der Ritter mit dem rothen Barte, der immee mater iſt, gefällt mir nicht; er ſieht ſo liſtig und veiuut blitzenden Augen, und er war es, der dem Herzog, ih uch mit nach Wolfenbüttel zu nehmen. Ich ſollte von Dir, Mutter? Nein, das darfſt Du nicht erlauben!— Hörſt Du, Henri⸗ cus, das mußt Du dem Herzoge ſagen.“* Margarethe's Seelenſchmerz war zum Höchſten geſtiegen; ſie ſtand plötzlich auf, küßte den Sohn mit Leidenſchaſt, — 165— hielt ein Tuch vor das Geſicht und entfernte ſich ſchnell, von Hanna gefolgt, in das Nebenzimmer. „Was iſt der Mutter?“— fragte Otto betroffen den bei ihm gebliebenen Mönch;—„ſie iſt ſo bewegt, ſie weint — hat der Vater ihr Urrecht gethan?“— „Ihr habt den Gedanken der Trennung angeregt, das trifft ihr Herz.— Ihr kennt ja ihre Liebe.“— „O, ich bleibe bei der Mutter und ſollten auch alle Ritter mich nach Wolfenbüttel wünſchen!“— rief Otto mit muthiger Miene.—„Ich werde es dem Vater morgen früh ſagen, denn ich fürchte mich nicht mehr vor ihm; ich habe geſehen, daß er lachen und ſcherzen kann; er kann ſeinen Sohn nicht weniger lieben als ſeine Ritter.“— Henricus hatte ſeine volle Kraft des Greiſes nöthig, um die Rührung, welche ihn ergriffen hatte, vor dem zehnjäh⸗ rigen Knaben zu verbergen; er ſuchte ihn auf die Erzählung deſſen, was er geſehen hatte, die Ritter, blanken Rüſtungen, Banner, Streitroſſe und Mannen, zu bringen, hörte die lebhaften Mittheilungen des in ſeiner Phantaſie erregten Knaben an und forderte ihn endlich auf, mit ihm ein Nacht⸗ gebet zu verrichten, um die Seele des Kindes wieder in die ruhio wir. Strömung zurückzuführen. ſehr unruhige Nacht; Reiſige brachen auf, nach Hardegſen;“ Wachſignale machten die Nacht zum— ge; Boten von den bereits weiter vorgeſchobenen Kriegsſchaaren trafen ein und ritten ab; die größere Zahl der Ritter beſtieg vor Tagesanbruch die Roſſe. Mit klopfen⸗ dem Herzen hörte Margarethe in der, auf dem Lager bang und thränenreich durchwachten Nacht die Vorbereitungen — 166— zu einer That, die ihr ein großes Verbrechen erſchien; in⸗ brünſtig betete ſie zu Gott für die Familie Roſtorf, für eine weichere Sinneswandlung des Herzogs. Schon früh hatte ſie ihr Lager verlaſſen, ſich in ihr ſchwarzes Trauer⸗ gewand gekleidet und war in die Burgkapelle vor den Altar geſunken, um ihre Seele durch Andacht und Weinen zu erleichtern. Hier traf ſie Henricus, als er am Altare dem Himmel ſeine Sorge anheimſtellen und für Margarethe beten wollte. Früher als gewöhnlich kam der Sohn, ſeiner Gewohn⸗ heit nach, in der Mutter Gemach, um ihr den Morgengruß zu bringen und das Frühgebet mit ihr zu verrichten;— er fand ſie nicht; der Gedanke an den Vater und die ſtatt⸗ lich gerüſteten Ritter beſchäftigte ihn noch ſo lebhaft, daß er das Erſcheinen der Mutter nicht abwartete, das Mor⸗ gengebet vergaß und in den Flügel des Schloſſes eilte, wo der Herzog reſidirte. Es waren dieſelben Gemächer, vor denen einſt, vor zehn Jahren, Henricus in verzweiflungs⸗ voller Gemüthsbewegung auf⸗ und niedergeſchritten war, um die Ehre und Ruhe der Herzogin zu retten und den Knappen Sperber über Gertrude's Aufenthalt auszufragen. Margarethe war in ihr Gemach zurückgekehrt, hatte er⸗ fahren, daß der Sohn ſie geſucht und ſeinen Weg nach den Gemächern des Herzogs genommen habe; ſie blieb allein, mit furchtſamem Herzen das Beginnen des Gemahls ab⸗ wartend; niemals fühlte ſie es ſo qualvoll, als jetzt, daß ſie eine Verſtoßene, Verbannte ſei. Es wurde unruhig im Schloßhofe, die Pferde ſtampften, die Stimmen der noch zurückgebliebenen Ritter und Rei⸗ —— — — — 167— ſigen redeten laut; es war nicht zweifelhaft, der Herzog wollte aufbrechen und in die Fehde ziehen. Margarethe fühlte den ganzen Schmerz darüber, daß der Gemahl ſie nicht ſehen wollte, aber ihre Beklommenheit über ſeine Be⸗ gegnung wurde leichter; ſie erſchien nach der durchwachten Nacht bleicher, leidender, gealterter, als ſonſt, ſie trat reſignirend an das Fenſter, um ihn abreiten zu ſehen, ihm auf ſeinem ungerechten Wege Gebete nachzuſenden. Plötzlich wurde die Thür aufgeſtoßen, es klirrte und raſſelte;— eine kindliche Stimme rief:—„Mutter! Mutter, hier iſt der Vater! Ol er iſt mir doch gefolgt, ich habe ihn ſo dringend gebeten!“— Margarethe erbebte, als ſie die hohe, kräftige Geſtalt des Herzogs in voller Rüſtung, von der Hand des ſiegreich frohen Knaben gezogen, über die Schwelle treten ſah; ſie fühlte ſich gelähmt, zu jeder Bewegung, jedem Worte un⸗ fähig; wie betäubt ſtand ſie da, den Blick ſcheu vor den ſtechenden Augen des Herzogs niederſchlagend. Dieſer ſah ſie, an der Thür ſtehen bleibend, ſtutzig an und ein zweideutiges Lächeln ſpielte um den bärtigen Mund; er ſtieß die Hand des Sohnes, der ihn zur Mutter fort⸗ ziehen wollte, haſtig von ſich, trat langſam in einem Kreiſe der Herzogin näher, indem er ſie unverwandt betrachtete, und ſagte, als der Sohn, über das ſtumme Begegnen be⸗ fangen geworden, die Mutter zum Vater führen wollte:— „Ihr habt meinen Sohn gut unterrichtet, daß er mich hier⸗ her bringen ſoll!“— Margarethe blickte ſtolz, abweiſend auf, aber ſie war nicht ſtark genug zum Widerſpruche. Der Knabe rief:— — 168— „O, mein Vater, das habe ich aus eigenem Antriebe ge⸗ than, denn die Mutter hat geweint!“— Der Herzog warf einen finſteren Blick auf den Sohn und wies ihn mit der bepanzerten Hand fort, indem er ſagte:—„Gehe hinaus, dort erwarte mich!“— Zögernd, ſcheuen Blickes auf Vater und Mutter, ge⸗ horchte der Knabe. Als Otto ſich allein ſeiner Gemahlin gegenüber ſah, ſprach er:—„Warum trauert Ihr? Seid Ihr etwa ſchon vor der Zeit Wittwe geworden?“— —„Ja! Ja!“— ſtöhnte Margarethe aus gedrückter Bruſt. „Wenigſtens ſehr alt ſeid Ihr geworden, wie ich ſehe; das fromme Beten und Kaſteien bekommt nicht ſo gut, wie ich bemerke, als die Luſt der Welt. Ihr gleicht eher einer Nonne, als einer Fürſtin und Burgfrau. Nun, lebt wohl, ich will Euch in Eurem ſelbſt erwählten Berufe nicht ſtören, will auch nicht zürnen, wenn Ihr in ein Kloſter ginget; der Sohn hat mich mit mancherlei Groll gegen Euch ver⸗ ſöhnt— gehabt Euch wohl!“— Er wollte gehen; jetzt erwachte Margarethe aus ihrer Betäubung; ſie blickte den ſtattlichen, kriegeriſchen Mann bittend an und ſprach:—„Otto! o, mein Herz blutet; iſt das Alles, was ein Gatte nach jahrelanger Abweſenheit der treuen Mutter ſeines Sohnes zu ſagen weiß? Dann wehe mir— dann muß ich meinen Schmerz mit in das Grab nehmen!“— „Seid Ihr noch nicht zufrieden?“— rief Otto, bereits hitzig werdend;—„was wollt Ihr mehr! Habe ich Euch — 169— nicht den Sohn gelaſſen, Euch dieſes, mein fürſtliches Schloß nicht zur Reſidenz gewährt? Was begehrt Ihr noch?“— „O!“ erwiderte Margarethe—„ein Weib bedarf des Herzens, eine Mutter begehrt die Achtung des Gatten!“— „Ihr ſollet wiſſen, daß mich ſolche Empfindelei abſtößt;— warum habt ihr nicht um das Herz, das Ihr entbehrt, gebuhlt, wie es dem Manne gefällt? Warum kommet Ihr nicht mit frohem Weltſinn mir entgegen, wie es den Mann reizt? Eine Nonne und Betſchweſter haſſe ich; darum be⸗ gnügt Euch mit Dem, was Ihr ſelbſt gewollt habt. Wir paſſen nicht zueinander; Feuer und Waſſer, Menſch und Engel leben in Streit bis an das Ende der Welt. Ich laſſe Euch beten, laßt auch mich meine Wege ziehen; lebt wohl!“— Er ging ſchnell fort; Margarethe wollte ihm nach, ſie ſtreckte die Arme hinter ihm her, aber ſchwankte rückwärts und fiel in den Seſſel. Hier bedeckte ſie das Geſicht mit beiden Händen und ſchluchzte. Sie hörte es nicht, daß die Roſſe in Bewegung geriethen und der Herzog unter luſtigem Reitermarſche der Trompeter aus der Burg zog.— Als ſie die Augen nach langer Zeit öffnete und wirr, als ſei ſie aus böſem Traume erwacht, umher ſpähete, ſah ſie an der Thür die gebeugte Geſtalt des alten Henricus ſtehen. „Wo iſt mein Sohn?“ rief ſie aufſpringend und die Arme ausbreitend, als müßte ſie ihn retten.— „Er wollte zu Euch, ich hielt ihn zurück;— ſeid ſtark, o! es iſt ja das Schlimmſte nicht!“— — 170— Auf der Burg Hardegſen herrſchte in dieſen Tagen eine ebenſo große Trauer als ein kühner Vertheidigungsmuth. Während die alten Eltern troſtlos über das Unglück waren, das wie Blitze und verderbenſchwangere Gewitterwolken heranzog, und das hochbetagte Ehepaar aus der Altersruhe aufſcheuchte; während der gebrechliche, friedliebende Ritter Ludwig, von der Verzweiflung ſeiner geiſtig und körperlich verfallenden Gattin zum Aeußerſten getrieben, gewillt war, dem mächtig heranziehenden Quaden ohne Blutvergießen ſein Beſitzthum zu übergeben und nur die beſcheidene Be⸗ dingung daran zu knüpfen, den geliebten, einzig übrig ge⸗ bliebenen, jüngſten Sohn am Leben zu ſchonen und ihm ſo viel von Gladebeck oder Moringen zu laſſen, daß er wie ein Edelmann leben könne, wollte Idan nichts von einer feigen oder muthloſen Uebergabe wiſſen und ſein Erbe tapfer vertheidigen. Er gönnte ſich nicht den Schlaf, den er den Eltern unter ſeinem Schutze befahl, da die Burg ſicher bewahrt und bemannt war; er ſchritt Nachts über Mauern und Wälle, um die Wachen zu controliren, ihre Aufmerkſamkeit zu ſtärken und irgend eine Ueberrumpelung der feſten Burg zu verhüten. Die Streitſchaaren des Her⸗ zogs und ſeiner befreundeten Ritter lagen bereits in Gräben, hinter Hecken und Feldſchanzen rings um die Burg, die Belagerung hatte begonnen, die erſten Sturmangriffe waren zurückgeſchlagen. Das Gefühl der Sicherheit wuchs, die Roſtorfer Knechte ſpotteten von der Höhe der Mauern und Wälle herab den herzoglichen Reiſigen unten im Thale und wohlgezielte Pfeilſchüſſe und Armbruſtbolzen lichteten die Haufen der Belagerer, welche ſich bei erneuerten Sturm⸗ — 171— läufen zu nahe an die Vertheidigungswerke der Burg wagten. Wurfmaſchinen ſchleuderten ſchwere Steine und Felsſtücke auf die Angreifer, deren Pfeile und Bolzen in die ſchützenden Bruſtwehren fuhren und derxen Wurfbliden nur einen un⸗ erheblichen Schaden an dem feſten Gemäuer der Burg ver⸗ urſachten. Idan leitete die Vertheidigung wie ein erfahrener Mann; ſeinen Muth ſchöpfte er aus dem wehmüthigen An⸗ blicke der betrübten Eltern, aus der flüchtigen Ruhe im Arme der weinenden Mutter; ſeine Vertheidigung theilte mit ihm der alte erfahrene Burgwart; die Thatkraft erwuchs ihm aus dem Bewußtſein, daß es ſein Erbe ſei, das er den Eltern und ſich zu ſchützen habe. Herzog Otto verdrießlich und ungeduldig über die zu⸗ rückgeſchlagenen Stürme, die entſchiedene Gegenwehr und den Verluſt vieler guten Reiſigen, die, von Pfeil oder Stein⸗ block getroffen, ſeine Reihen lichteten, ſteigerte ſeinen Haß und Groll von Tage zu Tage, zumal er erfuhr, daß ein zwanzigjähriger Jüngling ihm ſo nachdrücklich trotzte. Sein hitziges Temperament forderte ſchnell That und Rache. Eine Woche lang lag er bereits vor Hardegſen, und noch immer hatte er auch nicht den kleinſten Vortheil errungen, außer der Plünderung der Dörfer und Marken, die zur Burg gehörten; den Spott der Roſtorfer Knechte von den Zinnen herab ertrug ſein Stolz nicht. Ein Bote des Mainzer Erzbiſchofs, der ihn aufforderte, von ſeiner ungerechten Sache abzuſtehen und heimzuziehen, ſtachelte ihn nur noch mehr zum Eigenſinn und zur Eile. Ein heftiger Sturm mit der vollen Kraft ſeiner Angriffs⸗ mittel ſollte ſtattfinden, er ſelbſt wollte die Stürmenden an⸗ — 172— führen; in der Nacht ſchlichen die Krieger an die vermeintlich ſchwächſte Mauer der Burg, um, während Breido von Ranzau einen Scheinſturm an einer anderen Seite der Burg gegen die große Pforte unternehmen würde, die Leitern zu befeſtigen und auf die Mauer zu dringen. Eine Wache auf der Warte hatte aber Rüſtungen im Zwielicht der Nacht unter der Mauer blinken ſehen und Idan bereits ſeine Schützen aufgeſtellt, als der Herzog die Stunde zum Er⸗ ſteigen der Leitern für günſtig hielt. Die Stürmenden erhielten eine tüchtige Schlappe, einige Ritter wurden ver⸗ wundet und dem ferneren Kampfe entzogen, denn Wurf⸗ geſchoſſe, Steine, ſiedendes Waſſer, brennende Balken ſtürzten auf die Angreifer nieder. Rache⸗ und zornſchnaubend ſprengte Otto in ſein Lager⸗ zelt zurück, um auf neue Auskunftsmittel zu ſinnen; un⸗ geduldig erwartete er den Morgen und das Erſcheinen Breido's, der in allen liſtigen Anſchlägen ſein Rathgeber war und durch Schlauheit oft wieder erſetzte, was des Herzogs jähzornige Haſtigkeit verdarb oder überſtürzte. Der Morgen kam.—„Breido ſoll kommen“— rief der Herzog ungeduldig. Da trat Ritter von Schwiecheldt, in das Gezelt; ſein Arm war von den Schienen entblößt und hing in einer Binde. „Was iſt Dir?“— fuhr ihn Otto an, da er ſah, daß ein tapferer Arm weniger zu ſeinem Dienſte ſtand. „Der Felsblock, den die Hallunken von der Mauer über dem großen Thore aus einer Blide herabſchlenderten und der den Breido zerſchmettexte, traf meinen Arm.“— — 1132— „Breido?“ rief der Herzog—„Du lügſt, Hans— beim Teufel, treibe keinen Scherz mit meiner Wuth!“— „Wiſſet Ihr denn nicht, daß unſer Breido mit zer⸗ ſchlagenem Schädel und zerſprungenem Helme im Burggraben liegt? Er ſtürzte, vom Steinblocke erfaßt, hinab. Keiner kann ihn heraufholen, die Buben oben auf der Mauer ſchießen ihre Pfeile ſo ſicher wie Habichte hernieder.“— Otto gerieth in höchſte Aufregung es war vielleicht der erſte Schmerz, den er um ein Menſchenleben fühlte, denn Breido war ihm unentbehrlich geworden. „Und ſollte ich zwei Jahre hier vor Hardegſen liegen!“ — rief er, die Hand drohend gegen die Burgzinnen er⸗ hebend—„ſo will ich, bei meiner Seele! nicht eher weg⸗ ziehen, bis ich den letzten Roſtorf mit eigener Hand nieder⸗ gemacht und oben in der Burg ein Siegesmahl gehalten habe!“— Oben in der Burg war man mit der eigenen Verthei⸗ digung zufrieden; Idan hatte, als die Angreifer auf beiden Punkten die Flucht ergriffen, ſeine Eltern aufgeſucht, die in ängſtlicher Sorge die Nacht wachend im ſicheren Gemache zugebracht hatten; er hatte ſie durch den Erfolg getröſtet, ſo wie den Erguß ihrer Liebe als Lohn empfangen; darauf war er, als eben am Oſthimmel der Tag dämmerte, in die Kapelle geeilt, um Gott für die Hülfe zu danken, und dann, im Uebermaße der Ermattung, auf eine ſteinerne Bank unter einer Gallerie niedergeſunken und bald ent⸗ ſchlummert. Noch herrſchte ein graues Licht der Tagesdämmerung; ein blutig rother Streifen färbte den öſtlichen Horizont, — 174— als eine Geſtalt aus dem Schatten der Maueröffnung trat zum Schlafenden ſchlich, ſich über ihn neigte und unter dem halb niedergeſunkenen Viſir das Geſicht zu erkennen ſtrebte. Sie blieb einige Zeit über ihn gebeugt, wie ein Raubvogel über ſeine Beute, ſtehen. Zwei Augen blitzten, als der Kopf des Lauſchenden vorſichtig umherſpähete, ob die Schritte der Wachen auf die Mauer ſich nicht näherten. Ein inner⸗ liches Flüſtern verrieth die Gedanken des über den Schla⸗ fenden wiederum Niedergebogenen.—„Du willſt Dein Erbe vertheidigen? Mutterſöhnchen! Ha! ha! Als ob ich nicht mehr da wäre! Jetzt heißt's Freundſchaft machen, um nicht zu verlieren, was Du Dir zu behüten glaubſt! Aber ich bin mit Dir ausgeſöhnt, Du haſt es gut mit mir ge⸗ meint, ohne es zu wiſſen.— Heda, Idan!“— Dieſe letzten Worte ſprach er lauter und ſeine Hand ſchob das halb⸗ geſunkene Viſir des Schlafenden auf.—„Sdan, hübſcher Paris, wache auf— Hector will für Dich kämpfen!— Da der Schlafende nicht erwachte, ſo ſchlich die unheim⸗ liche Geſtalt fort und ging auf beſonderen, aber gut be⸗ kannten Wegen in das Herrenhaus vor das Gemach, worin Ritter Ludwig im Seſſel bei trübem Lampenſchein ſaß, nach⸗ dem Frau Lyſa, von der Nachricht Idan's etwas beruhigt, die müden Augen in dem nebenliegenden Kämmerlein zum Schlafe geſchloſſen hatte.— Die graue, nicht gerüſtete Geſtalt horchte an der Thür und öffnete ſie leiſe; langſam trat der nunmehr vom Lichte beſchienene und als ein ritterlich gekleideter Mann Erſchei⸗ nende über die Schwelle, näherte ſich dem ſitzenden Alten, der das Haupt auf die Hand geſtützt und das ſchwermüthige — 175— Geſicht mit halbgeſchloſſenen Augen geſenkt hatte, und blieb in einiger Entfernung ſtehen, um den ſcheinbar Schlum⸗ mernden zu beobachten. Plötzlich, wie von einem Traumſchreckbilde oder entſetz⸗ lichen Gedanken aufgeſcheucht, öffnete der alte Ritter die Augen, ſtarrte empor, begegnete mit neuem Schreck der lauſchenden Geſtalt, fuhr ſich mit der Hand über das Ge⸗ ſicht, ſprang auf, trat halb abgekehrt und den Arm wie zur Abwehr zwiſchen Augen und Geſtalt erhebend, als könne er den Anblick nicht ertragen, einige unſichere Schritte zurück und rief mit zitternder Stimme:—„Entſetzliches Geſpenſt! Mörder meines Sohnes! Urheber meines Un⸗ glücks! Kommſt Du, um auch die Eltern zu tödten, ehe ſie vor Gram umkommen, oder willſt Du mir den nahen Untergang verkündigen? Hinweg Schreckensgeſtalt! Wo Du weilſt, da iſt Fluch!— Weiche aus der Burg, Satan! ſo lange Du hier biſt, wird auch die gute Hülfe Gottes in höchſter Noth von uns laſſen!“— „Gewöhnt Euch nur erſt an meinen Anblick“— ver⸗ ſetzte der Andere mit leichtfertigem Tone;—„ich bin ge⸗ kommen, um mein Erbe gegen den Herzog zu vertheidigen!“ „Hal auch mit Deinem jüngſten Bruder willſt Du ſtreiten und ihm etwa dem Friedrich und den Eltern nachſenden? Kain! Ich habe nur noch einen Sohn, dem ich in der höchſten Noth, in welche ein Verworfener mich geſtürzt hat, vertraue und der treu vertheidigt, was ich nicht mit in's Grab nehmen kann. Wie kommſt Du in die belagerte Burg? Biſt Du etwa des Herzogs Gehülfe und Spion, um ihm den Weg zu zeigen?“ — 176— „Wäre ich doch ein Narr, wenn ich mein Erſtgeburt⸗ recht dem Herzoge ſchenken wollte; auf dem Wege— der nur Euch und den Söhnen bekannt iſt, und von der Dorf⸗ kirche aus hinter dieſe Mauern führt, bin ich hergekommen; kämpfen will ich um den Preis meines Erbes, vertheidigen will ich Euch!“— „Hinweg, Abſcheulicher! An Deiner Hand klebt das Blut des Bruders; wo Du das Schwert fü ihrſt, da lauert die Hölle hinter Dir, da lähmſt Du die Rani und entweihſt die gerechte Sache!“— „Was redet Ihr, Vater? Ich weiß, daß Ihr meine That reichlich geſühnt und der Kirche zur vollen Genüge gegeben habt;— meine Schuld iſt ausgeglichen— ſprecht, was Ihr wollt, ich bleibe hier und vertheidige meine Burg.“ In dieſem Augenblicke trat die, von dem Geſpräche im beginnendem Schlummer ermunterte Frau Lyſa aus dem Nebengemache; als ſie Chriſtoph erblickte, ſchwankte ſie zu⸗ rück und lehnte ſich gegen die Wand; der Sohn ſchien beim Anblicke ſeiner Mutter, die in der kurzen Zeit eine Greiſin geworden, deren weißes Geſicht eingefallen und deren Ge⸗ ſtalt gebrochen war, zu erbeben; er ging ſchleichend auf ſie zu, kaum aber fühlte ſie die Berührung ſeiner Hand, als ſie, wie von einem Scorpion geſtochen, aufſchrie und, den Mörder mit den Armen abwehrend, ausrief:—„Zurück, Verfluchter! Wage nicht, vor meinen Blick zu treten— mein Herz kennt Dich nicht mehr!“— Der Sohn ſchien ſich zu zwingen, die Mutter kühn und frech anzuſehen, aber er machte eine Miene, als ob er ge⸗ blendet ſei, wendete ſich gegen den Vater und ſprach:— 17 „So werde ich thun, was meiner Erſtgeburt zukommt; ich gehe.“— „Hülfe!“— rief Frau Lyſa—„er wird den Idan umbringen!“— „Sorget nicht, ich gehe, um mein Erbe zu vertheidigen!“ Damit eilte Chriſtoph fort, geraden Weges nach der Gal⸗ lerie zurück, wo er Idan vorhin ſchlafend gefunden hatte. Der Jüngling lag noch, von den Anſtrengungen der Nacht erſchöpft, auf derſelben Stelle; mit feſter Hand weckte er ihn. Als Idan die Augen aufſchlug, aufſprang, nach dem Schwerte griff und plötzlich vor dem Anblicke des böſen Bruders, den die fortgeſchrittene Tagesdämmerung nun heller beleuchtete, überraſcht zurückwich, ſprach Chriſtoph:— „Was erſchrickſt Du? Verbündet uns nicht die höchſte Noth zu gemeinſamer Sache? Sollen wir uns als Bettler forttreiben laſſen, oder verbündet miteinander dem Feinde widerſtehen? Wir wollen gute Freunde ſein!“— „So kämpfe für der Eltern Beſitz“— antwortete Idan; —„verdiene ihren Segen durch Aufopferung für ſie;— komm, laß uns zu ihnen gehen, daß ſie Dir verzeihen und Deine Waffen ſegnen.“— „Ei, laß uns lieber gute und liſtige Pläne ſchmieden, wie wir den Herzog zum Abzuge und Frieden zwingen; ich will die Eltern erſt nach dem Siege ſehen;— ſchlag' ein, daß wir gemeinſchaftlich handeln wollen.“ „Gott gebe Dir gute Gedanken und Kraft!“— ver⸗ ſetzte Idan einſchlagend;—„laß uns wechſeln im Befehl der Reiſigen, ich fühle mich zum Tode erſchöpft; wenn der Eine ruht, ſoll der Andere wachen.“ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II 12 — 128— „Darum kam ich; ich horchte im Dorfe unten nach den Meinungen der Feinde; ſie waren in großer Aufregung, da des Herzogs Freund, der Ritter von Ranzau, zer⸗ ſchmettert im Burggraben liegt; der Herzog hat geſagt, daß er die Burg aushungern laſſen wolle, und müßte er ein Jahr davor liegen bleiben. Aber er hat kein Geld für Lebensmittel ſeiner eigenen Leute und dem Göttinger Rathe Geld abgefordert, das ſie ihm aber nur gegen Kauf geben wollen.— Haſt Du für Proviant geſorgt?“ „Das Hagenhaus iſt mit Vorräthen gefüllt auf viele Tage.“— ,g lange hält es der ungeduldige Herzog nicht aus; darum Muth! Schlafe, ich will mich in die Rüſtung ſtecken und die Wälle nachſehen.“— Der argloſe Idan verzieh dem Bruder und hoffte von ihm guten Beiſtand, da derſelbe Muth und Schlauheit be⸗ ſaß; er dachte nicht daran, daß Chriſtoph erſchienen war, um das Erbe für ſich zu behüten. Aber er konnte auch nicht ſchlafen, als der Bruder von ihm gegangen war, ſondern eilte zu den Eltern, um ſie von der reuigen Wiederkehr Chriſtoph's zu benachrichtigen und ſeine Verzeihung zu be⸗ vorworten. Als er erfuhr, was hier vorgefallen war, ſprach der edle Jüngling, von den Armen der Eltern umfaßt und von Mutterthränen benetzt:—„Seid getroſt; nicht für mich kämpſe ich, ſondern für Euch. Und wenn es mir ge⸗ lingt, den Herzog zu vertreiben, dann gilt mein Schwert Jedem, der es wagen könnte, Euer Leben und d Eidenthum anzutaſten.“— — 179— Die kühnſten und hartnäckigſten Bemühungen des Her⸗ zogs, die Mauern Hardegſen's zu erſteigen, die Thore zu ſprengen oder irgend eine heimliche Ueberrumpelung auszu⸗ führen, wurden vereitelt; ſein Zorn wuchs mit ſeiner Un⸗ geduld, ſein Haß gegen die Roſtorfer ſtieg mit dem Aerger über die Nichtbefriedigung ſeines Willens. Er mußte ſich zur Aushungerung der Belagerten entſchließen. Schon lag er mit ſeinen Schaaren volle drei Wochen vor der Burg; mancher Nitter war kampfunfähig geworden, viele Mannen lagen erſchlagen und erſchoſſen; neue, befreundete Edelleute zogen mit ihren Reiſigen zu ſeiner Verſtärkung herbei. Am heftigſten entbrannte ſein Ungeſtüm, als er erfuhr, daß ein kaum zwanzigjähriger Jüngling die Burg vertheidige und ihm den unerhörten Widerſtand entgegenſetze. Die Oſterwoche hatte begonnen. Es war ein dunkler Abend, der Himmel war von zerriſſenem Gewölk bedeckt, durch das hin und wieder flüchtig ein Stern blitzte, um, wie ein Abſchiedsblick des Lebens, den Bewohnern der Burg die Mahnung an einen kommenden, ſchweren Tag zuzu⸗ winken. Idan ſchritt, die Mauerzinnen und Wälle ver⸗ laſſend, wo der ältere Bruder den Tag über wachſam ge⸗ weſen war und ihm den Dienſt der Nacht abgetreten hatte, in das Herrenhaus, begleitet von dem alten Burgwart. Beider Fuß zögerte, je näher ſie den Gemächern des Ritters Ludwig kamen; die Miene des Burgwart war tief beküm⸗ mert; in Idan's Augen glänzten Thränen. Vor der Thür blieben ſie ſtehen, um ſich zu ermuntern— ein gegenſeitiger, fragender Blick prüfte in des Andern Geſichte, ob das Herz ſtark genug ſei, über die Schwelle zu treten. 125* 180— Sie öffneten die Thür. Ritter Ludwig ſtand neben ſeiner ſitzenden Gattin, welche ihr Haupt an ihn gelehnt, die Hände kraftlos im Schooße gefaltet und die Augen er⸗ wartungsvoll in das finſtere tief gefurchte, von Schlaf⸗ loſigkeit ergrauete Geſicht des Gatten gerichtet hatte; die eine ſeiner Hände lag vor der Stirn, um Schmerz und Vorſtellungen zu betäuben. Als Idan mit dem Burgwart eintrat, fuhr der Mutter Haupt in die Höhe, und obgleich ſich der Sohn ſtark genug hielt, muthig zu erſcheinen, hatte doch die Sympathie des Mutterherzens den Schmerz in des Sohnes Bruſt, der ſich dem Auge entziehen wollte, ſchnell herausgefühlt.— „Sprich!“— rief ſie—„ſprich— Du verkündeſt Un⸗ heil und Tod!“— Der Vater raffte ſich aus ſeiner brütenden Stellung auf, ſah die beiden Eingetretenen, die in volle Rüſtungen gehüllt waren, ſcharf an und ſprach:—„Ich will ſterben, wie ein Mann; bringt mir die Rüſtung— auf dem Walle ſoll mich der Löwe des Landes finden!“ Frau Lyſa umklammerte den Gatten und ihr flehender Blick ſagte ihm mehr, als die tonloſe Stimme vermochte. „Nein, Vater“— ſprach Idan.—„Euer Alter for⸗ dert eine andere Pflicht von Euch,— die Nachtwachen machen Euch und die Mutter mit jedem Tage ſchwächer— die Angſt um Euch theilt meine Kraft, das Gefühl Euerer Unſicherheit zerſtreut meine Gedanken; Ihr könnt in dieſer Unruhe nicht ausdauern; warum kämpfe ich, wenn ich es nicht um Euer Leben thue? Was könnte mir der Sieg ein⸗ bringen, wenn ich ihn an Euren Leichen gewönne? Ich flehe — 181— Euch an, Vater, Mutter, fliehet von der Burg auf dem nur Euch, mir und dem Burgwart bekannten Wege, der Euch in der Richtung nach Göttingen, in das Holz führt; wartet in Eurem Hauſe in der Stadt ſtill und verborgen, ſicher und ohne vom Getöſe des Kampfes beunruhiget zu werden; fliehet dieſe Nacht, ich bitte Euch, ich fordere es von Eurer Liebe!“— Idan legte die Arme um Vater und Mutter und zwang ſich, nicht in Thränen auszubrechen, da ihm ſchon die Stimme in der beklommenen Bruſt zu verſagen anfing. „Rede offen und ohne Vorwand“— verſetzte der Vater, die Hand auf des Sohnes Stirn unter das Helmdach legend und ihm wehmüthig in die Augen blickend. „Sage mir, mein theurer, unglücklicher Sohn!“— weinte die Mutter—„iſt unſere letzte Stunde gekommen, ſollen wir ſcheiden? O, Idan, laß mich bei Dir ſterben!“ Dieſe Stimme der Liebe, dieſer Blick des Sterbens war zu viel für die künſtliche Standhaftigkeit des Jünglings; die Thränen brachen hervor, er warf ſich an die Mutter⸗ bruſt und ſchluchzte laut. „Folget dem Rathe, Herr Ritter“— nahm der alte Burgwart das Wort;—„es iſt Eurer Sicherheit wegen, für den Fall, daß wir uns nicht mehr halten können. Rettet Euer und der Gattin Leben und überlaßt es den Söhnen, Euch das Eigenthum zu vertheidigen. Junker Idan wird Alles wagen, wenn er nicht um Euch ſeine ſchützenden Ge⸗ danken zu weben nöthig hat und Euch ſicher geborgen weiß. Noch ſteht Euch der Weg offen, gehet ihn dieſe Nacht, ich führe Euch ſicher.“— ——— — — — 182— „Mein Sohn!“— ſprach Ritter Ludwig ernſt—„ich frage Dich im Namen Gottes, der die Liebe in unſer und Dein Herz gepflanzt hat, antworte mir, iſt Gefahr da?“— Idan richtete ſich von der Mutter auf, ſah den Vater wehmüthig an und ſprach:—„ziehet in guter Hoffnung; warum wollt Ihr mit ſchwerer Sorge den Weg antreten!“ „Nicht als ein Feigling weiche ich und gebe meinen Sohn preis;— der Chriſtoph iſt in der Burg.“— „Er kämpft ehrlich, fürchtet ihn nicht;— er iſt zwar ſchweigſam, finſter, verſchloſſen, aber auch wachſam und muthig.— O! fliehet nach Göttingen! Gelingt es mir nicht, die Burg zu halten, dann folge ich Euch dahin, dort ſehen wir uns wieder und Gott wird uns nicht arm ſein laſſen, da wir ja die Liebe gerettet haben.“— „Ich beſchwöre Dich“— weinte die Mutter—„ſage, was Dich treibt, uns ſo ſchnell zur Flucht zu bewegen? Iſt es doch Dein Anblick, der uns erhält und friſtet.“— „So will ich Euch geſtehen, was mich drängt“— ſagte Idan, nachdem er mit dem alten Burgwart einen Blick ausgetauſcht hatte.—„Unſere Lebensmittel gehen auf die Neige, das Hagenhaus iſt nur noch auf acht Tage gefüllt; bricht der Herzog nicht vor der Zeit auf, ſo können wir uns nicht mehr halten; er iſt eigenſinnig in ſeinem Willen und je länger ſein Zorn ſich an unſerem Widerſtande ge⸗ nährt hat, um ſo rachgieriger wird er Euch ſuchen. Euer Leben iſt es, was ich retten will, Euer Eigenthum iſt un⸗ gewiß.“— Es war eine ſchwere Stunde, in welcher die Eltern ſich entſchloſſen, das gewohnte, mit den Gegenſtänden ihrer Be⸗ — 183— quemlichkeiten und glücklichſten Erinnerungen erfüllte Schloß zu verlaſſen; ſie fühlten, daß es auf immer ſein, daß der Lieblingsſohn daſſelbe als ein armer Bettler mit und nach ihnen verlaſſen und das ſchwerere Schickſal haben würde, ein ganzes Leben in Elend und ohne Heimath vor ſich zu haben, während ſie ſtill im Grabe ſchliefen. Es koſtete viele Mutterthränen, viele Faſſungskraft des Vaterherzens, viel männlichen Sinn des Jünglings. „Nach Göttingen?“— ſprach Ritter Ludwig;—„wird man uns nicht dem Herzoge ausliefern? Sind die Bürger nicht von alten Zeiten her die Feinde meines Namens und Geſchlechtes?“ „Aber auch die Feinde des Herzogs;— ich traue den Bürgern mehr Großmuth zu, als dem Herzoge“—— antwortete Idan.—„Auch habe ich erfahren, daß ſie Geld zu leihen dem Herzoge verweigert Paüen und nur von ihm kaufen wollen.“— „Und damit Ihr nicht unterwegs in Gefahr gerathet und als Flüchtige erkannt werdet, ſo kleidet Euch in die Tracht der Bettler“— rieth der Burgwart. „So ſei es denn!“— ſprach der Ritter—„Gott ſei uns gnädig!— O! Chriſtoph, böſer Sohn, wie hart müſſen wir um Dich büßen!“— Er legte das Haupt der Gattin an ſeine Bruſt, faltete die Hände auf ihrem Scheitel und blickte ſtumm auf die Gefährtin ſeines Unglücks nieder. Idan konnte dieſen Anblick nicht ertragen, aber er wollte auch nicht der Eltern bitterſte Lebensſtunde durch ſeinen Schmerz vermehren; er eilte hinaus um in einſamer Gegend ſeine wogenden Gefühle ſtrömen zu laſſen. 184— Es war nahe vor Mitternacht, als Ritter Ludwig, ſeine ſchwache Gattin am Arme, von Idan und dem Burgwart begleitet, beim Scheine einer Blendlaterne, noch einmal einen letzten Abſchiedsgang durch alle Gemächer ſeiner Burg machte; mit ſchweren Blicken und ſtillen Seufzern weilten ſie noch einmal in den Räumen und vor den Gegenſtänden, welche einſt Zeugen ihrer glücklicheren Stunden waren. Gatte und Gattin trugen das gewiſſe Gefühl in ſich, daß ſie zum letzten Male hier weilen und von der Welt ihres einſtmals ſo friedlichen Familienglücks für immer ſcheiden müßten und es dem Lieblingsſohne, dem ſie Alles aufgeſpart hatten, nicht mit dem letzten Segen überlaſſen könnten. Das brach ihr Herz, aber ſie blieben ſtumm. So durchwandelten ſie die liebgewordenen Räume in mitternächtiger Stille, denn auch der Feind draußen ſchien in dieſer finſteren, unheimlichen Nacht zu ſchlafen. Sie traten in die Hauskapelle ein, knieeten auf dem Grabſtein ihres ermordeten Sohnes Friedrich, beteten inbrünſtig zu Gott, nahmen einen ſchweren Abſchied vom Grabe und ſchwankten in ihr Gemach zurück. Hier zogen ſie gemeine, abſichtlich zerlumpte Bettlerkleider über, umarmten den ſtum⸗ men, des Wortes unfähigen Idan, hießen ihn zurückbleiben, um den letzten, qualvollen Abſchied von ihm zu beſchleu⸗ nigen, und gingen, vom Burgwart geleitet, fort. Idan ſank im Gemache, wo die Eltern zuletzt geſtanden hatten, auf den Boden, küßte die Stelle, auf die ſeine Thränen nieder⸗ fielen, und rang nach Faſſung in dem Gedanken, daß er die theuren Eltern wiederſehen, ja, daß er ſie in die Burg zu⸗ rückführen werde. — 185— Plötzlich blieb Ritter Ludwig auf ſeinem Wege halten. —„Lyſa“— ſprach er feierlich—„wir gehen in den Tod, ich fühle es;— laß uns verzeihen und ſegnen.“— Die Gattin ſah ihn träumeriſch an; ihre Gedanken waren bei Idan. „Wo iſt er?“— fragte er den Burgwart. „Er wird ſchlafen— in der kleinen Steinkammer hat er ſein Quartier genommen.“— Der alte Burgwart verſtand den Wink des Ritters und trat mit der Blendlaterne voran, gegen einen entfernten Corridor. In der bezeichneten Kammer lag Chriſtoph, den Helm und Harniſch neben ſich, tief ſchlafend auf einer Pol⸗ ſterbank; Lyſa wendete ſich ab, als der Vater ſich bemühete, ihn durch immer ſtärkeres Rütteln zu wecken. Der Schlafende erwachte durch die Hand des Burgwart, richtete ſich halb auf, blinzelte in den Schein der Laterne und ſah ziemlich gleichgültig in des Vaters bleiches Geſſicht. „Unglücklicher Sohn“— ſprach dieſer ſanft—„ich gehe, um mit Deiner Mutter zu ſterben in einſamen Schmerzen; Du haſt uns in den Tod getrieben— aber ich verzeihe Dir— empfange meinen letzten Vaterſegen!“— Chriſtoph grinſete den Vater mit kalter, gleichgültiger Miene an; das entflammte noch einmal das empörte Herz der Mutter zu letzter Lebenskraft; alle unbegrenzte Liebe zu ihrem Idan, aller Schmerz um ihn und dieſe furchtbare Stunde der Flucht hatten den tiefſten Haß in ihrer Seele zum Ausbruche getrieben.—„Sieh', Böſewicht!“— rief ſie—„ſieh', in dieſe Bettlerkleider haſt Du Deine Eltern gebracht! Gehe in die Welt, Deiner Mutter Fluch ſoll Dich — 186— verfolgen Dein Lebenlang!“— Abſcheu und S chmerz loderten aus dem Mutterauge auf den Erſtgeborenen nieder, der ruhig, ungläubig lächelnd, halb aufgerichtet lag und der fortdrängenden Frau nachſah, ſich dann wieder ausſtreckte und fortſchlief. Der Burgwart führte das nach dieſer Aufregung um ſo ſchwächere Paar viele ſteinerne, feuchte Treppen hinab in den tiefen Burgkeller, wo er mit einer Brechſtange die Steinplatte vom Boden aufhob, welche die eiſerne, mit Roſt überzogene Thür bedeckte, deren Schloß und Riegel erſt nach einiger Anſtrengung wichen. Im Lichte der Blend⸗ laterne ſtiegen ſie eine ſchmale Steintreppe etwa funfzig Stufen hinunter und gelangten in den engen Gang, welcher faſt eine Stunde lang unter der Erde wegführte und in dem Walde unfern Göttingens an einem heimlichen Orte in das Freie auslief. Man gelangte eine Stunde nach Mitter⸗ nacht hier an; Lyſa ſank erſchöpft in das Moos des Wald⸗ bodens nieder; der Burgwart verabſchiedete ſich, wünſchte den Flüchtigen eine gute Ankunft im Edelhofe zu Göttingen, hoffte ſie auf offener Straße wieder heimholen zu können und ſtieg mit ſeiner Laterne wieder in den unterirdiſchen Gang zurück, nachdem er den Ritter ermahnt hatte, die Oeffnung wieder zu bedecken. Es war eine entſetzliche Nacht; die tiefſte Dunkelheit umgab die in hohem Grade durch Ueberanſtrengung er⸗ ſchöpften, hochbetagten Eltern; unheimliche Thierſtimmen ſtöhnten nahe und ferne auf, Wild ſcheuchte aus den Ver⸗ ſtecken hervor. Ritter Ludwig richtete ſeine ſtumme und matte Gattin auf, ſetzte mit ihr die Flucht fort und gelangte — 187— nach vielem Aufenthalt, wo Seele und Leib zuſammen⸗ brechen wollten, auf die Landſtraße, die nach Göttingen lief. Hier ritten Reiſige vorüber, die in das Lager des Herzogs eilten, aber ſie achteten nicht auf die ſtillen Wan⸗ derer; es zogen Bauern mit Leuchten am Wagen vorüber, um Proviant auf den Schauplatz des Kampfes zu führen, man ſah die Bettler, aber ließ ſie unangeredet. Es däm⸗ merte der Morgen; der Thurm der Johanniskirche trat aus dem Schatten hervor— mit bebenden Knieen, wunden Füßen, ſchütternd vor Froſt, im Herzen gebrochen, erreichte das alte Ehepaar das Stadtthor, forderte Einlaß und ſchwankte über die herabgelaſſene Zugbrücke. „Wer ſeid Ihr?“— fragte ein wachthabender Bürger am inneren Thore. „Arme Vertriebene aus dem Dorfe Hardegſen“— ant⸗ wortete der Ritter. „Hat Euch der Quade nach ſeiner Manier von Haus und Feld gejagt? Glaub's wohl, meldet Euch, wenn's Tag iſt, in dem Bäckergildehauſe, man wird Euch gern ſpeiſen.“— Ritter Ludwig hörte aus dieſer Sprache, daß die Ge⸗ ſinnung in der Stadt eine dem Herzoge nicht günſtige, und eine Gefahr der Auslieferung an den Feind, ſelbſt wenn der alte Haß gegen die Roſtorfer durch Entdeckung der Flüchtigen angefriſcht werden koͤnnte, wahrſcheinlich nicht zu befürchten ſei. Die bis zum Tode Erſchöpften erreichten das Thor ihres adligen Hofes, als eben der Tag den be⸗ ginnenden Aufgang der Sonne verkündigte. Der alte Haus⸗ mann, welcher auf den Zug der Glocke vorſichtig aus dem t88 Fenſter ſah und die Bettlergeſtalten bemerkte, hörte kaum die Stimme, welche ihm zurief:—„Oeffne ſchnell!“— als er mit verzweiflungsvoller Geberde in den Ruf aus⸗ brach:—„Barmherziger Himmel, ſo weit iſt es gekommen!“ — und vom Fenſter verſchwand. Alsbald öffnete er die Hofthür, ſah beſtürzt in die kummervollen Geſichter und auf die gemeine Tracht und wollte in neues Wehklagen ausbrechen, als Ritter Ludwig einfiel:—„Wir müſſen uns verbergen, der Herzog wird nach uns ſpähen laſſen— hilf meiner armen Frau!“— Dieſe war ſtumm, ließ ſich wie eine Blinde führen und auch der Ritter ſchwankte und ſeine Kraft reichte nicht aus, als er die Frage des Haus⸗ mannes, nach dem Schickſale der Burg, beantworten wollte. Kaum waren ſie aber in demſelben Zimmer angekommen, wo ſie vor einigen Jahren, während des Schützenfeſtes, auf Idan's Rückkehr gewartet hatten, als Frau Lyſa mit einem lauten Schrei zuſammenbrach und niederſtürzte. Scheinbar leblos wurde ſie auf ein Bett getragen; Ritter Ludwig ſtand ſtarr und ſtier vor ihr, dann raffte er ſeine letzte Kraft zuſammen, ſtieß die Worte:—„Das Herz iſt ihr gebrochen! Hülfe!“— krampfhaſt heraus und als ob ein Schwindel ihn ergriff, ſank er in des Hausmannes Arme und ließ ſich in einen Seſſel leiten. In der Angſt und Beſtürzung dachte der alte hülfloſe Hausmann nicht mehr an die heimliche Bergung ſeiner mit dem Tode ringenden greiſen Herrſchaft; er weckte den Knecht und hieß ihn, ſchnell den Medicus vom Pauliner Kloſter zu holen. Ritter Ludwig hörte es an wie ein Lebloſer und ſah dem über den Hof forteilenden Knechte unbeweglich 189 nach. Nach einigen Minuten richtete er ſich auf, ſtrauchelte nach dem Bette, wo der Hausmann beſchäftigt war, die Schläfen der Frau mit Waſſer und ſtarkem Wein zu waſchen, legte die Hand auf ihre Bruſt, erbebte, weinte mit kalter, unheimlicher Miene, wie ein Steinbild, und fiel plötzlich in ſich zuſammen. Der Hausmann drang ihm Wein auf, aber er wies ihn von ſich.— Nach einer ſchrecklich vollbrachten halben Stunde hörte der Hausmann die Glocke der Hofthür anſchlagen; der Knecht kam zurück, begleitet von einem Mönche; dieſer trat bald an das Bett der Frau, prüfte ihren Zuſtand, verſuchte Belebungsmittel, knieete nieder, faltete die Hände, betete und bekreuzte die Liegende. „Was beginnt Ihr?“— fragte der Hausmann beängſtigt. „Dieſe Frau iſt bei Gott— ich gab Ihr den Segen der Kirche. 44 Ritter Ludwig richtete ſich im Stuhle, wo der Knecht ihn ſtützte, langſam auf, ſah den Mönch mit geiſterhaften, bleichen Augen an, lenkte den Blick auf den ſchluchzenden, am Bette knieenden Hausmann und fragte mit einer hohlen, langſamen, aus der Ferne tönenden Stimme:—„Was machſt Du?“ „Alter Mann“— verſetzte der Mönch, der ein Paar Bettler vor ſich zu haben glaubte, die eine mitleidige Auf⸗ nahme im Edelhofe gefunden hätten,—„Euer Weib hat das Zeitliche geſegnet; ſie iſt am Schlage, in Folge großer Ermattung geſtorben;— danket Gott, daß er ſie von dem Elende dieſer Erde befreiet hat; Ihr ſelber bedürfet der Hülfe, faſſet Euch!“— Der Greis ſah mühſam nach dem Bette, ſeine Hände — 190— ſuchten ſich, um ſich zu halten, er murmelte unverſtändig, nur das Wort Idan deutlicher und angeſtrengter hörbar machend, und ſank wie ein Sterbender zuſammen. Der Hausmann warf ſich vor ihm nieder und drückte die Hände deſſelben an die Lippen und klagte:—„O! O! ſolch' ein Ende!“— „Er iſt nur ohnmächtig“— ſprach der Mönch—„es wäre ihm gewiß wohler, wenn er nicht wieder erwachte; ſeht, Kummer und Elend wohnen in ſeinem bleichen Antlitz; der Mann muß ein trauriges Daſein gelebt haben. Wo fandet Ihr denn die Unglücklichen? Suchten ſie Schutz und Brod vor Eurer Thür? Sie müſſen lange Schlaf und Ruhe ent⸗ behrt haben.“— Der Hausmann hatte in ſeinem Schmerze die Rede des Mönches kaum beachtet. „Helft mir“ fuhr dieſer fort—„daß wir ihn in ein Bett tragen; er wird ſich erholen.“— „Erholen? Wieder leben?“— rief der Hausmann, den dieſes Wort in die hoffnungsloſe Seele gedrungen war, —„o, Gott!“— Der Hausmann, der Knecht und der Mönch trugen den Ohnmächtigen auf ein zweites Bett im Nebenzimmer. Hier griff der Mönch an das zerlumpte Kleid des vermeintlichen Bettlers und öffnete es bei den Worten:—„ſein Bruſt muß Luft haben!“— Plötzlich fuhren ſeine Hände zurück, ſein fragender Blick ſuchte den Hausmann und fiel prüfend auf das Geſicht des Ohnmächtigen zurück. Unter dem Bettler⸗ gewande war ein ſchwarzſammetenes, mit Silber geſticktes Ritterkleid zum Vorſchein gekommen. — 191— Jetzt erhielt der Hausmann ſeine Beſ onnenheit wieder.— „Verrathet meinen unglücklichen Herrn nicht“— bat er— „er iſt geflohen von der Burg, der Herzog wird ihm nach⸗ ſpüren!“— „Der Ritter von Roſtorf? Und die Todte ſeine Gemahlin?“ — ſprach der Mönch mit wehmütigem Erſtaunen.—„So iſt die Burg genommen, die man geſtern noch für unüber⸗ windlich hielt? Hartgeprüfter Mann! Und das Alles eines mißrathenen Sohnes wegen! Fürchtet nichts für ihn, die Stadt hat das größte Mitleid mit ihm, ſeine Gegenwart kann ohnehin nicht unbekannt bleiben, da die Burgfrau hier begraben werden muß. Sendet einen Boten zum Raths⸗ mann Werner Roden, der geſtern in unſerem Kloſter war und meinte, daß die ganze Stadt wünſche, der Herzog müſſe wieder unverrichteter Sache von Hardegſen abziehen. Es iſt eine ungerechte Fehde!“— Der Bote wurde abgeſchickt. Mönch und Hausmann blieben bei dem Ohnmächtigen beſchäftigt. Die Morgenſonne ſchien bereits mit hellen, freundlichen Strahlen in die Fenſter, als Ritter Ludwig die Augen aufſchlug und tief einathmete. Ein Lächeln verklärte ſein Geſicht, als ſei er nach ver⸗ meintlicher, langer Todesnacht im ſchönern Jenſeits erwacht, ſein Lächeln verſchmolz mit dem Flüſterlaute:—„Lyſa!“— Als er aber irdiſche, bekannte Gegenſtände gewahrte, den Mönch und den alten Hausmann, da trat ein tiefes Leiden in ſein Geſicht zurück, er wimmerte:—„Ach! warum bin ich noch nicht geſtorben! Lyſa! O, Lyſa, warum läßt Du mich allein? Biſt Du mir ungetreu geworden?“— Der Mönch wandelte ſeine ärztliche Hülfe in geiſtlichen — 192 Zuſpruch, der Hausmann tröſtete den Greis durch herzliche Worte und mahnte ihn an Idan— aber der Ritter hörte es an und wimmerte:—„O, Lyſa, bitte Gott, daß er uns wieder vereinigt!“— Jetzt trat Werner Roden in das Haus; ſein Geſicht war erregt und ernſt. Der Mönch ging ihm entgegen und theilte ihm mit, was vorgefallen war. Der Rathsherr ließ ſich in das Gemach führen, wo die Frau lag; als er ſie in Bettlergeſtalt erblickte, entblößte er das Haupt, knieete, neben der Leiche nieder und betete; der Mönch folgte ſeinem Beiſpiele. Als Roden ſich erhob, das kummervolle Antlitz der Edelfrau betrachtete, die er einſt in Glanz und Stolz geſehen hatte, ſprach er gefühlvoll:—„O! wie wandelbar iſt das Loos des Menſchen! Unglückliches Opfer der Hab⸗ ſucht und Ungerechtigkeit! Gott im Himmel wird es dem Quaden anrechnen, was er an Menſchen geſündigt hat! Arme, bedauernswürdige Frau! Dein Name Roſtorf mahnt die Stadt an manches Unrecht, das einſt die Vorfahren an uns geübt haben, Dein Name tönt noch jetzt in manches Bürgers Seele feindlich wieder— aber die Stadt wird 2 Dir mitleidig die letzte Gaſtfreundſchaft eeneſſe und Dir die letzte Ehre und Ruhe bieten!“ Mit ſolchen Gefühlen trat Werner Roden in das Ge⸗ mach, wo der wimmernde Greis lag, näherte ſich dem Bette und ſprach:—„Gott mit Euch! Herr Ritter; ich beklage Euer Leid, aber weiſet den Troſt nicht ab, den Euch die Stadt in meinem Namen bringt.“— Der ſchwache Mann blickte den Rathsherrn an, er⸗ kannte ihn und ſprach leiſe, die Hand nach ihm erhebend, — 193— die Roden ergriff:—„Läßt mich der Herzog ſuchen? Iſt meine Burg genommen? Habt Ihr mein Weib geſehen, mein treues Weib? Laſſet dem Herzoge ſagen, daß er meinen Sohn Idan ſchonen möge, er ſolle mit dem Tode ſeiner Eltern ſich befriedigen.“— „Ihr ſeid hart geprüft, Herr Ritter— aber Ihr ſeid ein Mann, der durch ſein Unglück Freunde erworben hat. Auch hoffet auf gute Nachricht von Eurem Sohne; noch iſt Euer Schloß feſt und dem Angreifer verſchloſſen; heute Morgens trafen die Knappen des Herzogs auf dem Bollrutz ein, welche ausgeſagt haben, daß die Belagerer muthlos ſeien und einige Ritter bereits zum Rückzuge mahnten.“— „Bringet mich zu meinem Weibe!“— flehte der Greis mit einer Stimme, daß es unzweifelhaft war, wie er, vom Uebermaße des Schmerzes erdrückt, noch immer nicht das volle Bewußtſein hatte. Als Werner Roden ſich entfernt hatte, um mit ſeinen Freunden zu ſprechen und ſie für das Schickſal der Familie Roſtorf theilnehmend zu finden, war Ritter Ludwig durch die Medicamente des Mönchs etwas geſtärkt worden und in einen kurzen Schlaf gefallen. Als er gegen Mittag erwachte, forderte er von Neuem, an das Todtenbett ſeiner Gattin getragen zu werden; nur mit großer Mühe gelang es, ihm bis zum Abend den Wunſch in Ausſicht zu ſtellen; dann verlangte er nach dem Notar, welcher ſonſt ſeine Rechnungsgeſchäfte in der Stadt beſorgt hatte. Dieſer erſchien, beſtürzt über die Gegen⸗ wart und den Zuſtand des Ritters.—„Vernehmt meinen letzten Willen“— ſprach der Kranke—„ſeid Zeugen“— Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 13 3 ſagte er zu dem Hausmanne und dem Mönche. Als der Notar ſein Papier zum Schreiben vorbereitet hatte, fuhr der Ritter fort:—„Alles, was ich hinterlaſſen ſollte, gehört meinem jüngſten Sohne Idan; über nichts, als dieſen Edelhof habe ich heute zu verfügen, den ich dem Rathe der Stadt verkaufen will, damit der Herzog ihn nicht als Beute nimmt; das Kaufgeld ſoll der Rath dem Idan geben, wenn er lebend die Burg verlaſſen ſollte.“— Er verſtummte und ſank in ein düſteres Sinnen.. Am Abende verlangte er Abſchied von ſeiner Gattin Leichnam zu nehmen. Man trug ſein Bett neben das Lager der Todten; als er ſie erblickte, kam eine höhere Friedensruhe über ſein Angeſicht; er beugte ſich über ſie, küßte ihre Stirn, hielt ihre kalten Hände umfaßt, legte ſeine Wange an die ihrige und ſchloß die Augen. Als man ihn nach einiger Zeit anredete, nunmehr von der Leiche zu ſcheiden, winkte er die Umſtehenden fort, for⸗ derte vom Mönche das heilige Abendmahl und ſprach:— „laßt mich hier, ach! mein Herz thut mir ſo weh!— Betet auch für mein Weib, für Idan!“— Wenden wir uns von dieſer düſtern Trauerſcene des To⸗ des und des langſam ſterbenden Lebens ab und ſchauen wir in das lebendige, des Todes ſpottende Treiben der Menſchen. Vergebens hatte Herzog Otto ſich angeſtrengt, die feſte, muthig und wachſam vertheidigte Burg zu ſtürmen und ſich in ihren Beſitz zu ſetzen. Die Belagerten hatten ſogar einen Ausfall gewagt, ſich in der Kirche den Dorfes ver⸗ ſchanzt und Otto hatte in Leidenſchaft, um die hartnäckigen Gegner zu vertreiben, die Kirche anzünden laſſen, ſo daß — 195— dieſe in einen Schutthaufen verwandelt wurde und die tapfern Gegner darin umkamen. Es war der Tag vor Oſtern gekommen, Otto ſann und wüthete; es fehlte ihm Breido, es ſtieg der Gedanke drohend und ſeinen Stolz kränkend in ihm auf, daß die lange und erfolgloſe Be⸗ lagerung eines Edelmanns⸗Schloſſes ihm in der Meinung der Welt als Schwäche ausgelegt werden und nicht nur die Braunſchweiger, ſondern auch gar die Göttinger er⸗ muntern könnte, ihm zu trotzen. Er rief deshalb am Tage vor dem Oſterfeſte ſeine Ritter zuſammen, um einen Kriegsrath zu halten. Keiner wußte einen beſſeren Rath, als die Belagerten aushungern zu laſſen. Das genügte dem ungeduldigen Herzoge nicht, er rief:—„Sie haben Vorräthe auf lange Zeit, oder ge⸗ heime Gänge in's Freie, wodurch ſie Fleiſch und Getreide holen! Haben ſie uns nicht noch geſtern verſpottet, daß ſie eine Rehkeule von der Mauer warfen? Wir müſſen ihre geheimen Gänge ſuchen, oder ausſpähen, wo ſie ihre Ma⸗ gazine haben, um Feuer hineinzuwerfen. Wer mir den Weg in die Burg öffnet, den will ich reich belohnen, mag er Ritter oder Knecht ſein.“— Einige Stunden darauf, in der Dämmerung trat ein Reiſiger zum Herzoge und ſprach:—„Herr, vernehmt. was ich zu melden habe. Seht Ihr dort auf der Burg, neben dem dicken Thurme, das einzelnſtehende Haus? Ich will mich hängen laſſen, wenn das nicht das Hagenhaus iſt, worin die Roſtorfer ihr Getreide hegen.“— Otto's Augen ſchoſſen wie Pfeile nach dem bezeichneten Hauſe. 13* „Ich ſtand auf Wache dort auf dem Berge jenſeit der Espel,“— fuhr der Reiſige fort—„ſtieg auf das alte Ge⸗ mäuer der verfallenen Burg Niedeck und ſah in Hardegſen hinein. Da gewahrte ich, wie man Säcke aus dem Hauſe dort trug und Mehlſtaub die Luken nach dem Hofe hin weiß gefärbt hat; auch ſah ich, wie ein Mann eine Ziege abſchlachtete; das thut man nicht, wenn man Rehkeulen über die Mauer wirft.“— Dieſe Mittheilung hatte bei Otto ſchnell gezündet; ſein Auge blitzte unverwandt nach dem Hauſe hinauf, das man nur mit ſeinem hochſpitzigen Dache über die Bruſtwehren hervorragen ſah. „Biſt Du ein beherzter Kerl?“— fragte er den Reiſigen. „Ei, Herr, ich denke es.“— 4 „Suche Dir noch ein paar Beherzte, ich will es Euch fürſtlich lohnen, wenn es Euch gelingt, dieſe Nacht die Mauern zu erklimmen und Feuer in jenes Haus zu legen.“— „Ich will es verſuchen, Herr;— die Nacht wird finſter, es ziehen Wolken auf; wenn man uns nicht hört oder er⸗ kennt, wollen wir ſchon ohne Rüſtung hinaufkommen, denn die Mauer iſt nicht hoch und der Graben hat ſeit geſtern weniger Waſſer, da die Espel abgeleitet iſt.“— Otto war damit zufrieden, entließ den Knecht gnädig und erwartete die Nacht. Der Knecht hatte eine finſtere Nacht richtig vorherge⸗ ſagt; der Mond der Oſterwoche, der ſchon ſeit mehren Nächten von dickem Gewölke verhüllt geweſen war, brachte in dieſer Nacht vor dem Feſtſonntage, wo in den Kköſtern — 197— gebetet und in dem Lande das Geläut des neuen Tages erwartet wurde, kaum eine Dämmerung hervor. Der Herzog war wach geblieben und hatte ſeine Freunde um ſich ver⸗ ſammelt; für einen möglichen Sturm harrten die Roſſe vor den Gezelten. Es mochte Ein Uhr nach Mitternacht ſein, als die Gegend durch einen rothen, ſchwankenden Schein erhellt wurde— ein Knappe trat in das Gezelt des Herzogs und rief ſiegreich:—„Wollt Ihr's brennen ſehen? Die Flamme ſchlägt mit einem Male hoch aus Dach und Giebel— das iſt Korn, was da wie Glühwürmer hoch in der Luft wirbelt!“— Der Herzog und die Ritter ſprangen auf, traten in das Freie und blickten in die aufſteigende, immer heftiger praſſelnde Flammengarbe.—„Nun zu Roß!“— rief Otto—„einen Sturm gegen die große Pforte wollen wir machen; die Burſchen da oben haben genug mit deun Löſchen zu thun!“— Ohne Signal, ganz in der Stille ordneten ſich die Angreifer und zogen, dem Scheine des Feuers aus⸗ weichend, im Schatten der Mauern gegen das Burgthor. Eine geringe Gegenwehr fand ſtatt; wenige Pfeile ſchwirrten nieder, man gewahrte, daß die Belagerten bemühet waren, das brennende Hagenhaus mit großer Anſtrengung zu löſchen. Man ſchien in der Burg die Geiſtesgegenwart verloren zu haben, denn die Vertheidigung war unentſchieden, die Krieger eilten vom Brande auf die Mauern, aber bald wieder nach der umſichgreifenden Flammenſtätte zurück. Da erſchien gegen Morgen, noch ehe der erſte Oſtertag dämmerte, ein Knecht auf der noch immer feſten Thormauer und rief den, — 198— bereits auf die Außenwälle gekletterten Angreifern zu:— „Saget dem Herzog, daß wir die Burg übergeben wollen; unſer letzter Proviant fliegt dort in glühenden Funken auf; — will der Herzog uns Pardon geben, ſo wollen wir die Zugbrücke niederlaſſen.“— Der Herzog hatte kaum Meldung erhalten, als er froh⸗ lockend befahl, ſofort der Uebergabe der Burg zu fordern, da er jedem Krieger, ausgenommen dem Ritter Ludwig und ſeinen Söhnen, Pardon verſpreche. Die Zugbrücke raſſelte nieder, zu nicht geringer Verwunderung des Herzogs über die ſchnelle Preisgebung des von ſeinem Zorne bedrohten Burgherrn und deſſen Familie; er glaubte eine Liſt dahinter verſteckt, ließ deshalb ſeine Mannen in Sturmreihen in das geöffnete Thor einrücken und als die belagerten Knechte keinen Widerſtand leiſteten und ſich aus der Burg in's Freie führen ließen, da ritt, bei aufgehender Sonne des Oſtermorgens, der Herzog Otto mit ſeinen Rittern in das Schloß Hardegſen ein, befahl ſeinen Reiſigen, das Feuer des brennenden Hagenhauſes zu dämpfen und nahm Beſitz von den Prachtgemächern des Herrnhauſes. Als er hier ſeine Glieder behaglich in dem ſchwellenden Ehrenſeſſel dehnte, welchen Frau Lyſa einſt zur Feier der ſilbernen Hochzeit von ihrem Gemahl erhalten hatte, befahl er, den gefangenen Burgherrn und deſſen Söhne ihm vor⸗ zuführen. Aber in Leidenſchaft ſprang er auf, als ihm die Nachricht gebracht wurde, daß der alte Burgherr ſchon ſeit zwei Tagen auf heimlichen Wegen entflohen ſei und ſeine beiden Söhne in dieſer Nacht, als der letzte Reſt der Lebensmittel in Flammen aufgegangen, den Befehl an den — 199— alten Burgwart gegeben hätten, die Burg zu überliefern und dann ebenfalls entflohen wären. In der mißtrauiſchen Meinung, daß die angeblichen Flüchtlinge in irgend einem geheimen Keller verborgen ſein könnten, verlangte der Herzog den Burgwart zu ſprechen, befahl, das ganze Schloß zu „durchſuchen und Reiter nach allen Richtungen in die Gegend zu ſenden, um auf die Geſuchten Jagd zu machen. Aber auch der alte Burgwart konnte dem rachſüchtigen Sieger nicht Rede ſtehen, denn die Boten kamen mit der Nachricht zurück, daß der alte Mann beim Löſchen des Hagenhauſes von einem niederſtürzenden, brennenden Balken tödtlich ge⸗ troffen worden ſei. Unterdeſſen hatte Hans von Schwiecheldt das Moſthaus gefunden und einen Vorrath edlen Weines entdeckt; vergnügt kam er mit dieſer Botſchaft zum Herzoge, der die ſämmt⸗ lichen Ritter in das Prunkgemach einladen ließ, um mit dem erbeuteten Weine den erſten Oſtermorgen in dem neu erworbenen Beſitzthume luſtig zu begehen. Die Knechte, welche ausgeſandt waren, die Räume und Keller der Burg zu durchſuchen, brachten nun auch die Nachricht, daß ſie keinen der Roſtorfer entdeckt, aber im tiefſten Verließ eine aufgehobene Steinplatte, eine offene eiſerne Thür und einen dunkeln Gang entdeckt hätten, der jedenfalls in's Freie führe. Otto befahl nun eine ſchärfere Verfolgung der Flüchtlinge, um, ſeinem Charakter gemäß, die Neigung zu perſönlicher Rache an denen, die er haßte, befriedigen zu können. In derſelben Zeit, als Herzog Otto im Prunkgemache zu Hardegſen den Oſtermorgen mit vollem Becher begrüßte, — 200— traten Idan und Chriſtoph, in einem Walde in der Rich⸗ tung nach Göttingen, aus dunkler Erde an das Tageslicht. — Als die Flammen den Reſt ihrer Lebensmittel zerſtörten und die Anſtregungen zum Löſchen erfolglos blieben, nahm Idan ſchmerzlichen Abſchied von ſeinem elterlichen Erbe, durcheilte mit Thränen die Räume ſeiner glücklichen Kind⸗ heit, ſah noch einmal die Gegenſtände voll wehmüthiger Erinnerung an und ging, während Chriſtoph fluchend in der Burg umherſuchte, um den Geldſchatz der Eltern zu finden, in die Kapelle, betete auf der Gruft ſeines todten Bruders und rief dann den, über ſein erfolgloſes Suchen nach dem Gelde des Vaters und den Schmuckſachen der Mutter, aufgebrachten Chriſtoph zur Flucht. „Geſtehe!“— rief ihm dieſer zu,—„Du weißt, wo Geld und Edelſteine ſind. Idan zeigte auf ſeine habloſe Erſcheinung; er hatte nicht an ſolche Dinge gedacht! „So werden die Eltern die Werthſachen mit nach dem Hofe in Göttingen genommen haben,“— tröſtete ſich Chriſtoph, als er, von Idan gedrängt, in die Kellerräume folgte, um den unterirdiſchen Gang zur perſönlichen Rettung vor der Rache des Herzogs anzutreten. Als ſie nach einer Stunde aus der Erde aufſtiegen, hörten ſie aus der Ferne die Glocken der Stadt zum Feſte läuten. Idan fiel, von einer entſetzlichen Wehmuth er⸗ griffen, auf die Kniee und flehte Gott an, ihm Kraft und Mittel zu verleihen, ſeiner theuren Eltern Troſt und Stütze zu werden; Chriſtoph ſtand hohnlächelnd daneben, ſeine unruhigen Blicke wie ein ſpähendes Wild umherſendend. — 201— Nicht ohne Gefahr erreichten ſie die Stadt; eilige Reiter, die auf der Landſtraße vorübertrabten, zwangen ſie oft, Verſtecke in Gebüſchen und Gräben zu ſuchen; ſie hatten vor der Flucht ihre Rüſtungen gegen die unſcheinbare Klei⸗ dung der unbewaffneten Knappen vertauſcht, aber dieſe bot ihnen nicht Sicherheit genug. Nach mancherlei Zögerungen und auf Umwegen gelangten ſie im Gebiete der Stadt an, als hier die Einwohner in der Kirche verſammelt waren, um das heilige Oſterfeſt zu begehen. Sie wurden an der Landwehr nicht angehalten, da ſie waffenlos waren, aber am Wehnder Thore hielt ſie ein ſtädtiſcher Wachtpoſten feſt und forderte ihren Namen. Chriſtoph antwortete trotzig:—„Ei, ſeht Ihr nicht, daß wir zur Kirche wollen?“— „Woran ſoll ich das ſehen? Etwa an Eurem wilden Blicke?“— „Wir haben Eile“— ſagte Idan ſanft—„wir wollen nach dem Roſtorfer Edelhofe.“— Der Wachthabende ſah den Jüngling groß an und ſprach:—„Kommt Ihr von Hardegſen? Wie ſteht's mit der Burg? Ihr ſeid wol gar flüchtige Knechte.“— „Ja“— erwiderte Idan ſo ſchmerzlich, daß der Wacht⸗ poſten ihm auf die Schulter klopfte und ſagte:—„Alſo hat der Quade doch ſeinen Willen? Nun, dann mag er ſchön wirthſchaften; Gott mit Euch!“— Mit doppelter Eile ſchritten die Brüder durch die ſtillen, feſtlichen Gaſſen nach dem entlegenen Edelhofe; Idan's Herz beſchleunigte ſeine Schritte, je näher er kam, Chriſtoph ging langſamer. In der Sehnſucht nach dem Anblicke der 202 Eltern ſtürzte Idan in die Pforte, durch den Hof, in das Haus,— Niemand empfing oder bemerkte ihn; er trat in das Zimmer, wo er die Eltern anweſend glaubte; da ſtanden einige ſchweigende Männer im Kreiſe.—„Vater! Mutter!“ — rief Idan mit leidenſchaftlicher Stimme und drängte ſich zwiſchen die fremden Perſonen, welche bei dem Rufe erſchraken. Der alte Hausmann trat hervor, ſah mit Un⸗ glück verheißender Miene den Züngling an und ſchien aus deſſen Munde ein neues Unglückswort zu erwarten. Beide ſahen ſich ſtumm, furchtſam an.—„Wo ſind meine Eltern?“ — rief Idan in höchſter Qual des Verlangens—„ſind ſie nicht hier eingetroffen?“— „Doch— doch— Herr;— Ihr wollt ihnen eine ſchlimme Botſchaft bringen— o, junger Herr, faſſet Euch, die Eltern ſind gegen jegliches Unglück hart und theilnahm⸗ los geworden.“ Es trat ein Mönch heran, faßte Idan's Hand und ſprach zu dem ſtarr auf den Hausmann horchenden Jünglinge:— „Gott hat ſich über die Eltern erbarmt, daß ihr Schmerz nicht zu groß werde; danket dem Herrn dafür in Eurem Schmerze.“— Idan riß ſich von der Hand des Mönchs los, ſeine Blicke ſchweiften ſuchend umher, dann wollte er in das Ne⸗ bengemach ſtürzen, als ein ernſter, finſterblickender Mann ihm in den Weg trat, ſeinen Arm ergriff und ſprach:—„Ihr ſeid unter Freunden, lieber Junker; Ihr ſeid ein Mann in Waffen gegen den Herzog geweſen, ſeid es auch jetzt mit dem Herzen.“— „Wer ſeid Ihr, daß Ihr dem Sohne den Weg zu — 203— den Eltern verſperrt?“— rief Idan, von Ungeduld und Angſt erregt. „Der Weg zu ihnen iſt weit;— ich bin der Gilde⸗ meiſter Tile Freitag;— kommt, wir wollen gemeinſchaftlich gehen.“— Er führte den von Ahnung und Schreck plötz⸗ lich Erſchlaffenden gegen die Thür des Nebengemaches, der Hausmann öffnete ſie mit unſicherer Hand und bittender Wehmuth im Blicke; Idan ſchwankte über die Schwelle— ſein ſtierendes Auge haftete auf zwei verhüllten Lagern.— Plößlich erhielt er Leben, Kraft, Sprache; aber es waren die Lebensgeiſter der Verzweifluug, welche in ihm auf⸗ flammten, um ſchnell zu erlöſchen.„Todt! Todt!“— ſchrie er, indem er ſich vor dem Lager zur Erde warf;—„keine Heimath mehr! Kein Herz mehr!— O, mein Gott! hier laß mich ſterben!“— Chriſtoph ſchlich unterdeſſen im Hauſe umher, ſpähend und horchend; den Tod der Eltern erfuhr er durch ſein heimlich lauſchendes Ohr und vom Hausmanne, der ihm auf dem Corridor begegnete, ſich vor dem Urheber alles Unglücks entſetzte und ihm zurief:—„Wollt Ihr Euer Werk ſehen? Geht hinab, ſchauet in die Leichengeſichter von Vater und Mutter!“— Chriſtoph aber ſcheuete den Anblick der Eltern; er ſchlich in dem ſtillen Hauſe umher, redete den Knecht an und ſuchte ihn auszufragen, was geſchehen ſei. „Die gnädige Frau“— ſagte der Knecht—„iſt vor zwei Abenden geſtorben, als ſie eben in's Haus getreten war; der Herr dieſe Nacht am gebrochenen Herzen.“ — 204— „Weißt Du nicht, wo ſie ihre letzte Habe geborgen, ihre tragbaren Schätze niedergelegt haben?“— „Ach, ſie ſind als Bettler gekommen, in zerlumpten Kleidern.“— „Du lügſt, Bube“— verſetzte Chriſtoph—„geſtehe!“ Er packte den Knecht bei der Kehle, dieſer aber ſetzte ſich zur Wehr. „Hallunke“— knirrſchte Chriſtoph—„weißt Du nicht, daß ich der erſtgeborene Erbe und Herr dieſes Edelhofes bin und Du mein Knecht biſt?“— „Zum Teufel mit Euch“— rief der Knecht laut— „ich mag Euer Knecht nicht ſein, Ihr ſeid ein Bruder⸗ und Elternmörder, ſucht Euer Erbe beim Herzoge, daß er Euch hängen läßt.“— Hiermit hatte ſich der Knecht losgemacht und war entflohen.. Schnaubend vor Wuth ſetzte Chriſtoph ſein Suchen nach dem vermeintlichen Schatze der Eltern, dem Gelde und den ihm bekannten mütterlichen Edelſteinen fort; er erbrach Schränke, Kaſten und Thüren, ſelbſt in der Nähe des Ge⸗ maches, wo Idan an der Leiche der Eltern weinte und nach Faſſung rang. Als er nichts fand, verſteckte er ſich im Hauſe; ſein Wille war, ſich der geretteten Gelder und Prä⸗ tioſen zu bemächtigen und damit landesflüchtig zu werden, um ſich in der Ferne einen neuen Aufenthalt zu ſuchen; er wußte wohl, daß er in der Stadt Göttingen nicht vor den Nachforſchungen des Herzogs ſicher und den Bürgern ſeit der Verwundung des Bäckermeiſters und der Flucht aus dem Rathsgefängniſſe ein Gegenſtand des Haſſes geworden ſei. 205— Am Abende wollte er aus der Stadt entfliehen, aber er mußte Geldmittel dazu haben. Als er bemerkte, daß der Bürger Tile Freitag fortging, als er hörte, wie derſelbe dem Hausmanne im Hofe ſagte: —„Der Jüngling thut mir leid, aber den Böſewicht wollen wir einſperren laſſen“— da ſchlich er dem Hausmanne nach, lockte ihn mit verſtellter Rührung in ein Zimmer, fragte nach den Eltern, packte plötzlich den alten Mann am Halſe und ſetzte ihm ein blankes Meſſer unter die Kehle:— „So wie Du ſchreiſt, ſchneide ich Dir den Hals ab!“— knirrſchte er laut zwiſchen den verbiſſenen Zähnen hervor. —„Geſtehe, alter Hamſter— wo iſt das Geld, der Schmuck, mein Erbe, das man für den Idan hegt, und vor mir ver⸗ ſteckt hat?“— Der alte beſtürzte Mann ſchwur bei Gott, daß der Ritter Ludwig arm wie ein Bettler gekommen ſei, daß er und ſeine Gattin in dem tiefen Schmerze über ihr Schickſal nicht an irdiſchen Beſitz gedacht hätten;— der Kain be⸗ gnügte ſich aber nicht mit dieſem Schwure, denn er achtete ſolche heilige Betheuerungen nicht, er drohte mit dem Meſſer und ſprach:—„Geſtehe— iſt kein Teſtament vorhanden? Du biſt des Todes!“— Der alte Hausmann, welcher fürchtete, daß der unheim⸗ liche Menſch etwas von der teſtamentariſchen Verfügung wiſſe, geſtand in der Lebensnoth ein, daß der Notar und Geſchäftsmann bei dem Ritter geweſen ſei; Chriſtoph kannte dieſen Mann und forderte den Inhalt des notariellen In⸗ ſtrumentes zu erfahren. Der Alte ſtellte ſich unwiſſend. Da ſtieß Chriſtoph den Hausmann von ſich, drohte ihm — 206— mit dem Tode, wenn er ein einziges Wort über ſein ge⸗ waltſames Verhör verlauten laſſe, und entfloh aus dem Edelhofe. Er nahm ſeinen Weg nach der Wohnnng des Notars, überfiel ihn in deſſen Cloſet, preßte ihm unter Drohungen das Geſtändniß ab, was der Ritter teſtamentariſch verfügt habe und verließ ihn ebenfalls unbefriedigt, da er erfuhr, daß der Rath der Stadt den Edelhof geſtern gekauft und die Kaufſumme für den Sohn Idan, falls dieſer leben bliebe, in Verwahrung behalten habe. Mit Haß gegen den jüngſten Bruder erfüllt, überzeugt, daß er vom Rathe nie den Beſitz des Geldes erlangen werde, entfloh er mittellos und voll Groll aus der Stadt. Am zweiten Oſtertage zur Abendzeit beſtattete Idan, begleitet von Werner Roden, Tile Freitag, Berthold Helmold und dem Hausmanne, ſtill und traurig die Leichen der ge⸗ liebten Eltern in die Gruft der Kirche des Pauliner Kloſters; die Mönche hielten eine feierliche Meſſe für die Unglücklichen; Idan riß ſich nur ſpät und ſchwer von der Gruft der Eltern los, und folgte den neuen, bürgerlichen Freunden, welche heute allen Groll gegen die meſtefe mit zu Grabe getragen hatten. Idan's Sicherheit in der Stadt wurde aber ſchon am Tage nach Oſtern gefährdet; auf dem Bollrutz waren herzogliche Reiſige unter der Führung des Heinrich Kiphut einge⸗ troffen, welche, im Namen des Landesherrn, den Edelhof der Roſtorfer für verwirkt erklärten und in gewaltſamen Beſitz nahmen. Vergeblich lehnte ſich der Rath gegen ſolche Beſitzergreifung auf, da er ſich als rechtmäßiger Käufer aufwarf, aber Kiphut lachte die Rathsherrn aus und rief ihnen zu; daß ſie ſich nur vor des Herzogs ſtrafendem Zorn hüten möchten, denn er babe erfahren, daß die Göttinger des Herzogs flüchtige Feinde heimlich aufgenommen, den Edelhof nur zum Schein gekauft hätten, und den Idan von Roſtorf in der Stadt verſteckt hielten; der Junker Chriſtoph ſei geſtern Abend auf dem Wege nach Nordheim aufgegriffen und er habe dem Herzoge bekannt, daß der Hof für ſeinen Bruder Idan vom Rathe zum Schein gekauft und der Junker hier verborgen ſei.“— Idan war bereits in Helmolds Brauhauſe als Brau⸗ knecht verkleidet, geborgen, als Kiphut den Edelhof umſtellen und alle Räume durchſuchen ließ. In der Stadt konnte. Idan nicht bleiben, aber wo ſollte der Heimathloſe, der unr noch im Herzen mitleidiger Menſchen eine Stätte hatte, ſeinen ſtillen Zufluchtsort finden, der doch nur unter Frem⸗ den geſucht werden konnte?— Doch im ſchmerzerfüllten Herzen Idan's lebte jetzt mächtiger, als jemals das Gefühl einer neuen Heimath auf; obgleich beinahe vier Jahre darüber verfloſſen waren, daß ſein Herz die erſte Ahnung von dieſer neuen Heimath em⸗ pfing, aber vor der Liebe und dem Willen der Eltern äußer⸗ lich verſtummte, ſo lag doch das Samenkorn der Zukunft ſtill, in ſeinen heimlichſten Gefühlen verborgen und keimte unmerklich fort. Um ſeiner Mutter eiferfüchtige Liebe, ſeines Vaters adligen Stolz nicht zu trüben, hatte Idan kaum gewagt, den Namen Bertha auszuſprechen, aber er hatte ſich ihr in der Zeit mehremale, und zuerſt wenige Wochen nach der Bekanntſchaft in Erinnerung gebracht, als einſt⸗ 208— mals ein Knecht aus der Mühle zu Hardegſen in ſeine Hei⸗ math wanderte, ihm auf dem Anger der Espel begegnete und auf die Frage wohin? antwortete:„Nach Weſthuſen, lieber Junker.“— Idan hatte den Mühlknappen gefragt, ob er wol den Hans von Waake und deſſen Tochter kenne. —„Ei“— war die Antwort geweſen—„ein braver Mann, ehrlich und fleißig; hatte früher eine Mühle am Leine⸗ waſſer gepachtet, und ich bin zwei Jahre bei ihm geweſen; ich werde ihn ſehen. Seine Tochter iſt ein gar liebes, ſanftes Mädchen, etwas ſtill, ſeit ſie mal zum Schützenfeſte in Göttingen geweſen iſt, als ob es ihr dort ein guter Schütze angethan hätte.. „Grüße ſie von mir“— hatte Idan mit Er⸗ röthen geſagt—„melde ihr, daß ich ſie nie vergeſſen würde.“— „Mein Gott, Junker, von Euch? Ihr kennt ſie?“— war des Müllerknechtes Antwort geweſen— und Idan hatte erwidert:—„ja, ja,“— und war ſchnell weiter gegangen. Später hatte er Bertha durch Boten und ſtille Geſchenke an ſeine Liebe gemahnt, aber die Eltern hatten es erfahren und des Sohnes Gehorſam unter ihren Willen durch Ermahnung und Liebe erreicht. Am Spätabende des Tages nach dem Oſterfeſte, als Idan und Helmold mit Gertruden im oberen Zimmer ſaßen, trat Tile Freitag ein.—„Junker“— begann er—„Ihr müßt fort;— vor einer Stunde hat man Cuch auf der Grohnder Straße geſucht und ich fürchte, der böſe Kiphut, wird auch auf die Gotmar Gaſſe kommen. Der Sieg bei Hardegſen hat den Herzog und ſeine Diener übermüthig ge⸗ — 209 macht. Das Schurzfell das Ihr traget, verſteckt Eure edle Bildung nicht.“ „Ich will Euch einen Vorſchlag machen;— in Hannover habe ich einen guten Freund— reiſet dieſe Nacht dorthin ab; es geht ein Waarentransport dahin mit bewaffneter Begleitung ab; Ihr könnt die Stelle eines Handelsgehülfen dabei verſehen.“— Idan hatte aufgehorcht; ſeine Augen leuchteten, er ſah ſo ſinnend aus, als ob er in einer glücklichen Erinnerung lebte. Plötzlich rief er:—„Ja, ich will fort! beſſer iſt's, Ihr wiſſet nicht wohin, dann könnt Ihr mich mit gutem Gewiſſen verleugnen;— helft mir, daß ich nach der Maſch⸗ mühle gelange!“— Gertrude erſchrak bei dieſem Namen und blickte umher, ob auch die Mutter nicht in das Gemach getreten ſei.— „Was wollt Ihr dort?“— fragte Helmold,—„das iſt kein ſicherer Aufenthalt für Euch.“— „Ich bin ein Bettler und will als Bettler ziehen. Ja, ja, ich muß;— fragt mich nicht, ich danke Euch für Euer Erbarmen, Gott wird mir helfen!“ Dieſer plötzliche Eifer, dieſe geheimnißvolle Haſt des Jünglings berunruhigte die Anweſenden; Gertrude flüſterte dem Gatten zu:—„laß ihn nicht gehen, der Schmerz hat ihn irre gemacht!“— Tile Freitag ſah ihn ſcharf an, als prüfe er, ob auch kein verzweiflungsvoller Entſchluß das Gemüth des Jünglings aufgeregt habe.—„Nein— Junker“ ſprach er entſchieden—„Ihr dürft nicht allein gehen.“— Helmold nahm Idan's Hand und ſprach zutraulich:— „danket Euren Freunden durch Aufrichtigkeit— Ihr habt Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. II. 14 — 210— etwas Beſonderes im Sinne; Ihr werdet in des Herzogs Hände gerathen; folgt dem guten Vorſchlage meines Freundes Freitag; in Hannover ſeid Ihr ſicher. Ihr habt für jetzt nur die Freundſchaft zur Heimath, die guten Herzen zum Wegweiſer.“— „Ja, die guten Herzen“— verſetzte Idan lebhaft und mit begeiſtertem Umherſchauen;—„Euch danke ich es für immer, was Ihr in dieſen ſchweren, ſchwarzen Tagen für mich gethan habt. Hat doch der Heiland in dieſer Zeit noch härtere Leiden erdulden müſſen, wo ihm nicht einmal die guten Herzen beiſtehen konnten! Aber ich bitte Euch, laßt mich gehen, meine Mutter liegt im Grabe, ich muß ein anderes weibliches Herz ſuchen, das mir der Mutter Liebe erſetzt.“— Gertrude lockte durch einen vielſagenden Blick den Gatten zu ſich und flüſterte:—„Berthold— er liebt, denke an unſere Zeit des Verlangens nacheinander— halte ihn nicht auf, er wird von eines Mädchens heiligſtem Gefühle beſchützt; das kannſt Du ihm mit aller Freund⸗ ſchaft nicht bieten.“— Da Idan auf ſeinen Weg nach der Maſchmühle be⸗ ſtand, Helmold nicht mehr widerſprach und Tile Freitag ungeduldig rief:—„Nun, ſo thut, was Ihr wollt; in Dem, was der Menſch ſelber will, geſchieht ihm niemals Unrecht!“— ſo wurde Idan in die Kleidung eines jungen Landmanns, die Helmold ſeinem jüngſten Knechte abkaufte, geſteckt und in der Dunkelheit aus der Stadt geführt. An⸗ geſichts der Maſchmühle trennte er ſich von ſeinen Freunden, — — — 211— verhieß ihnen, daß ſie ſpäter von ihm hören ſollten und verſchwand am Leineufer in der Dunkelheit. Dem Herzoge Otto behagte es auf Hardegſen ſo ſehr, daß er gar nicht daran dachte, die eroberte Burg ſobald zu verlaſſen; er ließ ſofort ausbeſſern, was während der Belagerung zerſtört oder beſchädigt war, beluſtigte ſich mit ſeinen Rittern am reichen Inhalte des Moſthauſes, freute ſich der werthvollen Beute an Gold, Edelſteinen und köſt⸗ lichen Geſchirren, die er auf Hardegſen vorgefunden hatte, ließ durch ſeine Vögte das Gut Gladebeck, das Dorf Harſte und den Roſtorf'ſchen Antheil von Moringen in Beſchlag nehmen und ſchien in der fröhlichen Siegerlaune das Schloß Wolfenbüttel und Olga von Weferlingen faſt ganz ver⸗ geſſen zu haben. Dieſe gute Stimmung war auch dem flüchtigen, von des Herzogs Leuten aufgegriffenen Junker Chriſtoph zu Gute gekommen. Als Otto die Nachricht von deſſen Ge⸗ fangennahme empfing, fühlte er die Befriedigung ſeiner Rachluſt ſo lebhaft, daß er den Gefangenen ſogleich nach deſſen Ablieferung in der Burg vor ſich beſchied und zwar in das Gemach, wo er eben mit ſeinen Rittern tafelte. Chriſtoph, trotzig und verwegen von Natur, gefühllos für alle weicheren Eindrücke des Gemüthes, leichtſinnig im Glücke, höhniſch im Unglücke, trat, ungeachtet ſeiner Arm⸗ ketten, ſo keck und herausfordernd vor den Herzog, daß dieſer über die Erſcheinung ſtutzte, ſie ſcharf anſah und durch 14* — 212— drohenden Ausdruck die kühne, freche Haltung des Gefeſſelten niederzuſcheuchen ſtrebte. „He!“— ſprach er—„weißt Du, warum ich Dich habe hierher bringen laſſen?“— „Ei“— verſetzte Chriſtoph—„da es nicht in Eurem Sinne liegen wird, mir mein väterliches Erbe zurückzugeben und ſich bei mir als Gaſt anzumelden, ſo vermuthe ich, da Ihr mir dieſe klirrenden Handſchellen habt anlegen laſſen, daß ich Euch zu meinem guten Weine die Muſik machen ſoll.“— Otto blickte ſeine Ritter mit einem halb unterdrückten Lächeln an, welches ſein Wohlgefallen an dieſer kecken, luſtig geſprochenen Antwort verrieth; dann aber kehrte er ſich mit finſterer Miene gegen den Gefangenen und ſprach:— „Fürwahr, Du biſt ein verwegener Burſch'— hätte nicht geglaubt, daß ein Roſtorfer ſo viel Muth hat.— Du haſt mir durch Deinen Trotz die Belagerung ſauer gemacht und manchen braven Mann geraubt; dafür will ich Dich hängen laſſen.“— Ohne im Mindeſten kleinlaut zu werden, oder den luſtigen Trotz zu verlieren, griff Chriſtoph an den Hals, ſchlug ſich an die Taſche und antwortete:—„das wird Euch verdammt wenig nützen; Ihr erbt nichts mehr von mir und verſchenkt nur einen ſchlechten Biſſen an die Raben.— Mich wird der Teufel vom Strick holen und Ihr werdet nur ein Bündel Heu wiederfinden.“— Otto's Augen blieben unverwandt auf den Junker ge⸗ richtet. „Beim Sanct Michael!“— rief Ritter von Stein⸗ 4 —213— berg—„ich ſchwöre darauf, daß dieſer Kerl der Teufel ſelber iſt!“— Chriſtoph lachte ſo grell auf, daß Otto vom Stuhle aufſprang und einen Schritt vortrat, ſein Schwert zog, den Griff dem Gefangenen entgegenhielt und ſprach:— „Lege die Hand auf dieſes Kreuz und rede: Gott ſei mir gnädig!“— Der Junker that es lachend. Otto ſtieß ſein Schwert in die Scheide zurück, lächelte befriedigt und ſprach:—„Solcher Burſchen giebt's wenige; — mit funfzig dieſer Art nehme ich das ganze römiſche Reich ein; es wäre Schade um Dich, wenn Du hängen müßteſt, ohne ein gutes Werk gethan zu haben. Willſt Du in meine Dienſte treten und Dir das Leben verdienen?“ „Wenn Ihr mich brauchen könnt, ei, warum nicht.“— „Gut, ich begnadige Dich unter der Bedingung, daß Du mir treu und willig dienſt.“— „Ich werde es Euch danken.“— „So beweiſe es auf der Stelle. Wo ſind Deine Eltern, Dein junger Bruder? Haben ſie Schätze vergraben oder irgendwo geborgen?“— 1 „Meine Eltern ſind todt, mein Bruder iſt bei ihnen im Edelhofe zu Göttingen; der Rath will ihm den Hof durch Scheinkauf erhalten.“— „Die Göttinger?“— fuhr Otto auf—„ſo nehmen die Bürger offen gegen mich Partei? Das will ich ihnen gedenken! Hans, ſende Knechte aus, der Vogt Kiphut ſoll in der Stadt nach dem jungen Roſtorf ſuchen, den Edel⸗ hof in Beſchlag nehmen und beſetzen!“— — 214— „Gold und Edelſteine werdet Ihr nicht finden, ich ſuchte ſelbſt vergebens danach.“— „Du gefällſt mir, muthiger Burſch'! Ich will Deinen guten Willen prüfen, Du ſiehſt mir gar zu liſtig aus— ich will Dich vorläufig nach Wolfenbüttel ſenden, dort magſt Du ſo lange Gefangener ſein, bis ich ſelber eintreffe.“— „Gefangener? das halte ich nicht aus, lieber hängt mich in freier Luft, das thut meinem ungeduldigen Blute wohler, als Euere Kellerluft!“ „Du ſollſt gut gehalten werden, Spitzbube“,— ſprach Otto, indem er ihn wohlgefällig auf die Backe ſchlug.— „Nun bringet ihn fort, gebet ihm Eſſen und Trinken, morgen tritt er den Weg nach Wolfenbüttel an; er ſoll an Johann von Weferlingen abgeliefert werden.“ „Oho!“— lachte Chriſtoph—„Ihr habt ein gutes Erbſtück an mir gemacht!“— Otto nahm einen Becher voll Wein, hielt ihn dem Junker hin und ſagte:„trinke einmal auf meine Geſundheit!“— Jener nahm den Becher, roch auf den Wein und ſprach:— „Ihr habt ſchnell die gute Sorte auf Hardegſen gefunden; es wäre mehr für Euch geblieben, hätte ich nicht immer heimlich davon getrunken. Nun, Herzog, Ihr ſollt leben, ich gelobe Euch Freundſchaft!“— Otto winkte, ſetzte ſich an den Tiſch zurück und der Junker wurde fortgebracht. „Das iſt ein Kerl, wie ich liebe!“— rief der Herzog —„hat er doch nicht ein einzig' Wort der Klage über ſeine Eltern und Habe verlauten laſſen; den kann man gegen den Teufel ſchicken.“ — 215— „Er iſt der Teufel ſelbſt“— meinte Steinberg—„er will Euch foppen in der Geſtalt des Brudermörders, der ihm ſicher iſt. Prüfet ihn lieber erſt, laßt ihn verſuchsweiſe hängen oder das Sacrament nehmen.“— „Poſſen“— lachte Otto—„ob er hieb⸗ und ſtichfeſt iſt, will ich bald prüfen, wenn ich den Göttingern über den Hals komme. Wenn wir in Hardegſen uns ausgeruht haben, werde ich nach dem Bollrutz aufbrechen.“ So war Chriſtoph's Schickſal durch ſeinen frivolen Muth und ſeine luſtige Gleichgültigkeit gegen die Ereigniſſe ſchnell vor dem Herzoge zu ſeinem Gunſten gewendet. Der Uebermuth Otto's auf Hardegſen und die Sicher⸗ heit, welche ihm die Vertreibung der Roſtorfer und die da⸗ durch erregte Furcht vor ſeiner Gewalt im Lande gab, ſollte aber einen unvermutheten Stoß erhalten. Das Pfingſtfeſt war nahe und Otto ging mit dem Gedanken um, das Feſt, auf Olga's immer ſehnlicher gewordenes, briefliches Ver⸗ langen, zu Wolfenbüttel zu begehen; Hans von Schwiecheldt war nach Liebenburg und von da nach der Harzburg zu⸗ rückgekehrt, die anderen braunſchweigiſchen Ritter mahnten an die Heimkehr; Steinberg hielt bei dem Herzoge aus, da er demſelben die Stelle des gefallenen und begrabenen Breido erſetzen mußte, den Otto recht oft vermißte. Der Himmel blaute wolkenlos auf die lachenden grünen Felder und Forſten nieder, Niemand dachte an ein Unge⸗ witter und dennoch fuhr ein Blitzſtrahl aus blauer Luft auf den Beſitzer von Hardegſen herab, der das ganze Land erſchütterte. Der Bannſtrahl der Kirche, ausgeſchleudert vom Erzbiſchof zu Mainz, zuckte in zerſchmetternder Abſicht ——y ÿÿ—“ — 216— auf Otto's Haupt.— Von Mainz aus verkündet, in allen Kirchen des römiſchen Reiches vorgeleſen und angeſchlagen, hallte es in der Nähe und Ferne wieder:„Otto, der Herzog an der Leine, iſt in den Bann gethan!“— Die Kirche hatte ihn aus ihrer Gemeinſchaft und ſegnenden Gewalt aus⸗ geſchloſſen, kein Prieſter durfte für ihn beten, ihm Abſolution ertheilen, ihn zu irgend einer ſacramentalen Handlung zu⸗ laſſen; ſein Haupt war verflucht, die Unterthanen wurden aufgefordert, ihm nicht mehr zu gehorchen, das Weib konnte ihn verlaſſen, der Sohn ihm entzogen werden, er ſollte in der Sterbeſtunde ohne Beiſtand bleiben und ohne Segen, chriſtliche Sühne und Gebet, in keinem geweihten Boden be⸗ graben werden. Als Grund dieſer Excommunication war angegeben, daß Otto bei der Belagerung von Hardegſen die nahe gelegene Kirche mit freventlichem, gottesfeindlichen Muthe niederge⸗ brannt habe, um die hier hinter einer Schanze liegenden Burgmannen zu vertreiben.— Als Otto dieſen Bannſtrahl empfing, als er die erzbiſchöf⸗ liche Berdammungsſchrift aus den Händen eines Legaten nahm und den erſten Blick hinein warf, zuckte er, und ſeine Haltung wurde ſchwankend; dann gerieth er in Wuth, tobte, drohte, verſcheuchte den erzbiſchöflichen Boten, rief ſeine Ritter zuſammen und rief:—„Wollt Ihr den Pfaffen dienen oder mir treu bleiben? Wollt Ihr feige Memmen eines Biſchofs, oder muthige Männer eines Herzogs ſein?“ Und ſeine Freunde antworteten:—„Wir ſcheren uns den Teufel um den Bann; hat er uns doch mit getroffen, indem er alle Gehülfen und Genoſſen, die Euch bei der — 212— Einnahme vor Hardegſen beigeſtanden haben, mit dem Fluche lohnt. Werfet dem habſüchtigen Erzbiſchofe etwas von der Beute vor, darauf lauert er nur, und er wird Euch der Kirche Segen dafür ſpenden!“— „Meine Unterthanen!“— lachte Otto mit Hohn, da er ſich der Stimmung ſeiner Ritter bewußt war;—„ſie ſollen mir nicht gehorchen?— Hal durch Furcht will ich ſie zum Gehorſam zwingen, die Pfaffen will ich aus dem Lande jagen, die es wagen, in einer Kirche meines Herzog⸗ thums den Bann zu verkündigen!“ Er befahl ſogleich, ein landesherrliches Ausſchreiben zu erlaſſen, worin ein Jeder mit Tod oder Kerker bedroht wurde, der dem Bannſtrahle des Erzbiſchofs von Mainz irgend Gehör gebe, oder Freude daran zeige. Sein Blut war aber doch kochend geworden und wollte abgekühlt ſein. Er beſtieg ſein Pferd und ſprengte wild durch Feld und Anger, als hielte er eine böſe Jagd; der Trotz gegen den Erzbiſchof trieb ihn zu einer grauſamen Luſt, womit er Saaten niederritt, Heerden auseinander⸗ ſcheuchte, fluchte und lachte. Erſt als er ſich an den Ge⸗ danken gewöhnt hatte, trat eine beſonnenere Stimmung bei ihm ein. Er gedachte der Braunſchweiger, die von dem Vorfalle Veranlaſſung nehmen könnten, gegen ihn muthiger, wol gar mit geiſtlichem Rückhalte aufzutreten, er wollte ſelber hinüber, aber die Gegenwart im eigenen Lande ſchien ihm ebenſo nothwendig zu ſein, um durch Furcht die erſte Wirkung des Bannſtrahles zu dämpfen. Er dachte daran, ein großes Turnier auszuſchreiben und ſich am Zuſtrömen der Ritter zu überzeugen, daß er über den Erzbiſchof lachen — 218— könne.— Das waren die erſten Folgen, welche das Er⸗ eigniß auf des Herzogs äußeres Benehmen und innere Stimmungen hatte. Tiefer und nachhaltiger, als in das Schloß Hardegſen, ſchlug der kirchliche Blitz in das benachbarte Harſte ein; während er dort nur flüchtig betäubte und dann zur Ver⸗ leugnung aller Furcht aufregte, übte er hier eine wahrhaft zerſchmetternde Wirkung aus. Margarethe hatte bereits unter dem Treiben des Her⸗ zogs vor Hardegſen und den Nachrichten über das Schickſal der Familie von Roſtorf viel gelitten. Der freche Raub, der ſo unmittelbar in ihrer Nähe an Leben und Eigenthum einer friedlichen, ohnehin durch häusliches Unglück ſchwer gebeugten Familie verübt war, hatte ihr Herz erſchüttert, ihrem Auge viele Thränen gekoſtet und ſie täglich in die Kapelle getrieben, um auf den Knieen Gott um Vergebung anzuflehen; ſie hatte Klöſter und Altäre mit reichen Sühn⸗ opfern bedacht, Meſſen leſen und ſich heimlich durch Hen⸗ ricus erkundigen laſſen, ob ſie nicht im Stande ſein könne, das ſchreckliche Loos des alten, geflüchteten Ehepaars zu erleichtern. Als ſie deren ſtilles Begräbniß in Sanct Pauli, die treue Hingebung des Sohnes Idan erfuhr, da war ihr Schmerz grenzenlos. Sie fürchtete Otto's Wiederbegegnung, da ſie ihm keine Duldung mehr zeigen konnte, ſie ließ ihn auf Hardegſen wirthſchaften und ſich am Raube erfreuen. Jetzt aber ſchlug der Bannſtrahl, der den Gemahl, den Vater ihres Sohnes, traf, zerſchmetternd in ihr frommes Ge⸗ müth; als ſie ſtarr und bewegungslos die Formel des Fluch⸗ ſpruches las, und an die Stelle kam, daß Weib und Sohn — 219— den Excommunicirten verlaſſen könnten, da brachen Thränen aus den Augen, als Zeichen des aufzuckenden Lebens, ſie tappte mit unſicheren Händen nach Henricus und ſank ohn⸗ mächtig in ſeine und Hanna's Arme. Als ſpäter Henricus die wieder zum Bewußtſein ge⸗ kommene Herzogin tröſten wollte und auch die Aeußerung that, daß Gott durch den ſtrafenden Arm der Kirche zu⸗ gleich das Mutterherz mit heiligem Rechte geſtärkt habe und ſie nun nicht mehr der Drohung des Herzogs, ſeinen Sohn zu ſich zu nehmen, mit Angſt entgegenzuharren brauche, da ſchlug ſie die leidenden Augen begeiſtert auf, ihre Miene ward horchend und mit plötzlichem Schmerzensſchrei rief ſie: —„Ich muß den Bann von ihm nehmen, ich will mich opfern!“— Ende der zweiten Abtheilung. 8 ſiiſſſſſſmnſfrſnſſnſſſſinſſſſſe 9 10 11 12 13 14 8