eeeeeee Oh KAOT eeeee—— Leihbibliothek 5 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2Il 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von . jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Srun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 6 wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl. beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 De— Pf. u 7 2„—„„. u„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗. ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5X—— 1 4 - Erſtes Kapitel. Ein ſonniger Tag des Heumonates im Jahre 1373 ſpiegelte ſich in den ſtillen, grünen Fluthen der Weſer, vergoldete die Wipfel der Wälder und Bergkuppen und lachte fried⸗ lich in das, mit grünen Auen und blumenreichen Wieſen geſchmückte Thal nieder, wo Werra und Fulda ihre Ge⸗ wäſſer miteinander vereinigen. Der Ort Münden, jenſeit der Fulda, mit ſeinem alten Ratterkirchlein und der neuen großen Sanct Blaſiuskirche, mit ſeinen hanſeatiſ chen Handels⸗ ſchiffen und leichten Fiſcherböten am Ufer und den arbeiten⸗ den Leuten auf den Wieſen, erſchien ein heiteres Bild der friedlichen Sicherheit unter dem Schutze der Burg, welche dieſſeit der Fulda ihre ſtolzen Zinnen und Mauern in die blaue, ſonnenglänzende Luft erhob. Aber erſt ſeit Kurzem hatte dieſer Grenzort des Landes Oberwald das friedliche Anſehen gewonnen; noch vor vier⸗ zehn Tagen hätte ſich kein Schiff die Weſer hinab, kein Einwohner weit von ſeinem Hauſe in das Land gewagt, denn die räuberiſchen Fehdezüge,⸗ welche Herzog Otto mit ſeinen Sternrittern und Städtern in das Heſſenland ſeit länger als einem Jahre unternommen hatte, waren nament⸗ lich den Grenzgebieten gefährlich geworden, da von Münden, Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 1 —2— Bramburg, Friedland, Sichelſtein und Brakenberg die Einfälle in das heſſiſche Land ſtattfanden. Seit vierzehn Tagen war aber der kriegeriſche Lärm verſtummt, die Reiſigen lagen ruhend und ſpähend auf den Burgen, die Göttinger waren vom Eichsfelde her, wo ſie dem Städtchen Dransfeld gegen den Landgrafen Hermann hatten Hülfe leiſten müſſen, zurück⸗ gezogen, der Herzog befand ſich ſeit einigen Tagen müßig auf der Burg zu Münden. In dem hochgelegenen Gemache, von welchem herab Otto ſo oft das wachſame und racheſuchende Auge über die Gegend, die Ufer der Werra und Fulda hinauf, ge⸗ richtet und mit Adlerblicken das künftige Erbe als eine ſichere Beute behütet und beherrſcht hatte, höhniſch nieder⸗ lächelnd auf die Gewäſſer, welche von Caſſel herabfloſſen und ihn zurückzudrängen ſchienen— hier im hochgelegenen Burggemache, befand ſich der Herzog heute, ſeit längerer und öfterer Anweſenheit auf den Plätzen des Kampfes, aber in keiner erfreulichen Laune. Er ſaß in halbliegender Stellung in einem hochlehnigen Lederſtuhle an der Niſche des offenen Fenſters, er hatte das eine Bein auf einen zweiten Stuhl, die eine Hand auf das Knie, und auf die andere geballte Hand das Haupt geſtützt, deſſen Miene finſter, deſſen Blick lauernd und grimmig von unten auf in das Geſicht eines Ritters ſpähete, welcher auf dem Rande eines mit Kannen und Bechern beſetzten Tiſches lehnte, die Arme über der Bruſt verſchränkt und deſſen wildes, trotziges Auge nicht minder als das des Herzogs grollend und unzufrieden erſchien. „Trinkt, Herr“— rief dieſer, als er des Herzogs Miene ſich noch mehr verfinſtern ſah—„da, nehmt den 3— Sorgenbrecher!— Wir haben's gut im Sinne gehabt, es i*ſt nicht unſere Schuld, daß es ſo gekommen iſt!“— „Doch— Ranzau— doch— beim Teufel! Doch, es iſt Eure Schuld! Hal ich möchte meine beſten Freunde erwürgen, ich möchte die Welt vor Aerger herausfordern, daß es ſo gekommen iſt! Das ſchöne, reiche Land, das Erbtheil, das ich ſchon hatte und ſo ſchmählich durch das unter vermeintlichen, guten Freunden unbewachte Maul verlor!— Seht— da liegt das hübſche Land,— die verbotene Frucht!— Die Sonne lacht ſo goldig hinein, als wäre es Spott, daß ich hier oben ſitzen, das Verlorene anſehen und wie ein alter Geier von dem hohen Horſt zu⸗ ſchauen muß, wie meine Beute, die ich übermüthig fallen ließ, von einem gemeinen Habicht weggeſchnappt iſt! Wenn ich nur den dreimal vermaledeiten Eckhard von Rönfurt hätte hängen ſehen— ſo wäre es doch noch eine einzige Rache geweſen, die ich für ſo viele Opfer genoſſen hätte. — Aber auch das nicht—— kein Fuß breites Stückchen Land; überwunden und gedemüthigt von einem Bücherhelden und Vesperſänger— verloren mein Geld, meine Leute, viele meiner beſten Freunde und Ritter— der Hermann von Hanſtein, beide Söhne des Hans von Uslar⸗Gleichen. Hal ich mag ſie nicht alle nennen, die geblieben ſind und ich hundertmal vermiſſen werde!— Und nicht einmal habe ich den Eckhard, meinen perſönlichen Feind, hängen ſehen, an derſelben Kette, die er mir zum Spott trug! Hölle und Teufel!“— Der Herzog warf das Bein vom Stuhle und ſchlug mit der Fauſt feſt auf die Lende, während der Fuß heftig auf den Boden ſtampfte. 1* — 4— „Der Verräther und Erbſchleicher des Hermann focht immer an der Seite des Schwarzburger's im Werrathale; er war der ſchwarze Ritter mit der goldenen Kette, welcher den jungen Hanſteiner niederſtieß, der vor Hirſchberg zwiſchen Fulda und Hersfeld wie ein hölliſches Geſpenſt auf Euch zufuhr, die beiden Uslar⸗Gleichen an Eurer Seite abthat und Euch gefangen nehmen wollte, als Hans von Heringen ihn von hinten mit der Axt niederſchlug. Ihr befahlet, ſeine Leiche aufzuhängen, da Ihr es geſchworen hattet, daß er vor Euren Augen in der hohen Luft reiten ſolle, aber des Landgrafen Mannen aus Gießen wollten den Ritter nicht am Baume den Aſt bauen ſehen, und während ſich der Streit um einen Todten zur heftigſten Wuth ſteigerte, ſtiegen die Thüringer mit dem Landgrafen Wilhelm in den Hirſchberg ein; der Alte nahm unterdeſſen den Dornberg — damit aber war unſere Macht gebrochen.— Der Eckhard, glaubt mir, iſt der Teufel ſelber, der zuerſt das Erbe für einen frommen Beter ſtahl, um ihn vom Paternoſter zu locken und das ungerechte Schwert in ſeine Hand zu zwingen, und der noch im Kampfe um ſeine ſcheinbare Leiche die Gemüther irre führte, daß die Burg in unſerem Rücken und damit unſere feſteſte Stätte fiel; von dem Tage an, wo der Hirſchberg von dem Ritter von Lipsberg an die beiden Landgrafen, trotzdem Ihr die Belagerer vertriebet, abgegeben werden mußte, verfolgte unſere Waffen das Unglück.“— „Poſſen! die Sterner haben Schuld, die Göttinger haben ſich ſchlecht und lau geſchlagen, die ganze Macht der Sterner, mitſammt dem Ziegenhain und Katzenellenbogen ₰ A — 5 und Paderborner Biſchofe, hat mir nicht einmal den Gau Suilberga zwiſchen Leine und Weſer, nicht einmal das Kloſter Lippoldsberg oder Schloß Zapfenburg, oder Gieſel⸗ werder einbringen können.— Und nun ſoll ich den ärgeren Schimpf ertragen, vor dem Hermann mich zu beugen, ſeine Bedingungen anzunehmen, der überwältigten und zerſtreueten Ritter Gefährte zu ſein. Aha! der alte Heinrich iſt klüger geweſen, als wir;— er hat unſere Schwächen erkannt, während wir uns des Sieges gewiß dünkten. Warum bin ich der Hauptmann der Sternritter? Um ihr Führer zu ſein, daß ſie ſich meinem Willen unterwerfen; das haben ſie nicht gewollt; wie ſie die Herrſchaft des Landgrafen nicht ertragen konnten, ſo mochten ſie auch keinem Führer aus ihrer Mitte ſich unterwerfen; ſo fochten ſie vereinzelt machten nur von ihren Burgen aus Einfälle in's Land, während ſie hätten nach einem gemeinſchaftlichen Plane mit mir in die Fehde ziehen ſollen;— der Landgraf that ſie einzeln ab und mich endlich dazu!“— „Ihr klagt Euch ſelbſt an, Otto“— fiel Breido von Ranzau ein;—„warum habt Ihr keinen Kriegsplan entworfen? Wir haben gethan, wie Ritter gewohnt ſind, jeder von ſeiner Veſte aus.“— „Wird man nicht erſt durch Schaden klug? Wir haben es dumm angefangen, Breido! Was kann es mir nun nützen, daß Ihr Sterner von den vereinzelten Burgen aus das Land verwüſtet, Schätze und Lebensmittel mit in die Burgen geſchleppt und dann ſo lange geraſtet und die Beute genoſſen habt, bis Ihr auf's Neue hungrig gewor⸗ den ſeid? Das hat die Städter ſchaarenweiſe dem Land⸗ grafen zugeführt und gegen uns aufgebracht. Meine heſ⸗ ſiſchen Freunde haben mehr für ſich ſelbſt geraubt, als mir genützt; ſie haben nur die Gelegenheit wahrgenommen, das Land auszuplündern!“— „Ihr ſprechet im Unmuthe, Herzog;— habt Ihr es denn anders gemacht? Benutztet Ihr Eure Macht wol zu etwas mehr, als von den Grenzburgen Raubzüge und Ausfälle in das heſſiſche Gebiet zu machen? Damit zwanget Ihr den alten und jungen Landgrafen nicht— die Ritter aber folgten Eurem Beiſpiele. Erſt als Hermann mit ſeinen Verbündeten in großen Kriegshaufen in Euer Land eindrang, Eure Schaaren. ſchlug, Dransfeld bis auf die Kirche einäſcherte und ſiegend auf dem Wege nach Mün⸗ den und Göttingen war, da erkanntet Ihr die Noth und Fehler und ſuchtet die Verſöhnung mit Albrecht von Gru⸗ benhagen, der, im Bunde mit dem Hermann, vom Senſen⸗ ſtein herab über die Werra bis Dransfeld vorgedrungen war. Nun ja, er hat ſich mit Euch verſöhnt und die Vermittelung übernommen; Ihr werdet alle Anſprüche auf Heſſen und den Sichelſtein abtreten müſſen!“— „Konnte ich widerſtehen?“ Der Feind mächtig verſam⸗ melt in meinem eigenen Lande, dabei die ſchlimmſten Nach⸗ richten aus Heſſen;— der Landgraf nahm mit den rache⸗ dürſtigen Städtern eine Burg nach der anderen; viele meiner Freunde unterwarfen ſich in der Noth; Wetzlar zwang die Grafen Otto und Johann Solms, nach dem Theilungs⸗ vertrage, als Heinrich's Vaſallen gegen uns zu kämpfen; ſie machten viele Sterner zu Gefangenen, darunter die beiden Katzenellenbogen, den Heinrich von Naſſau, den Rein⸗ *+ hardt zu Weſterburg, und ließen in Wetzlar viele öffentlich enthaupten; der Gleiberg bei Gießen, der Merenberg rechts an der Lahn bei Weilburg, der Cleefeld bei Butzbach und viele andere Schlöſſer fielen in des alten Landgrafen Händen; — der Hermann bauete Burgen im Lande um die Ritter zu bedrohen und die Städter zu ſchützen— nun ſage, Breido— was ſollte ich thun? Den Gegner nach Göt⸗ tingen kommen laſſen? Meine Ritter in Oberwald an der Leine ſind der Fehde mit der Uebermacht der vereinigten Fürſten müde!“— Es wurde durch ein Horn von der Warte herab das Herannahen Bewaffneter angemeldet.—„Das wird der Adelebſen ſein!“— rief der Herzog;—„was wird er von dem Albrecht von Grubenhagen zu berichten haben? Ich habe ihn auch nach der Kreuzburg an der Werra ge⸗ ſandt, wo der Markgraf Balthaſar, der, als er mir den Abſagebrief ſandte, allen ſeinen Rittern den Eintritt in die Geſellſchaft der Sterner verbot, noch mit ſtarker Beſatzung liegt, um die Bedingungen des Friedens zu hören, die mein Vetter Albrecht vermitteln will. Ja— Breido— das Land iſt hin— viele meiner guten Freunde todt, mein Geld umſonſt ausgegeben!— Ha! und über das Alles geht die Schmach, ohnmächtig gegen Diejenigen zu ſein, welche mich beleidigt haben! Ich muß neue Händel ſuchen, mein heißes Blut an einem anderen Gegner abkühlen, dem ich gewachſen bin;— mein Groll muß Beſchäftigung haben— es wäre anders geworden, hätten die Göttinger ſich tüchtig ſchlagen wollen. Vor der Werra und bei Drans⸗ feld ſind ſie faule Eſel geweſen!“— — 8— „Ihr redet Euch in Zorn gegen die Göttinger, um einen Gegenſtand für Eure üble Laune und Rachluſt zu finden“— verſetzte Breido, als der Herzog ſchon bei ſeinen früheren Worten aufgeſprungen war, ſich, mit umherſchwei⸗ fenden Blicken in das weite Land jenſeit der Weſer, vor das offene Fenſter geſtellt hatte und dann heftigen Schrittes das Gemach durchmaß.—„Haltet jetzt Ruhe im eigenen Lande, Herzog; ſuchet auswärts Beſchäftigung;— der Schaumburger will Eurem Vetter in Brauuſchweig das weg⸗ genommene Hochzeitsgeräth ſeiner Mechtildis vergelten.— Ihr ſeid ja ſelber mit dem Magnus übel beſtellt— nehmt irgend Partei, wenn Ihr der Zerſtreuung bedürft, oder ver⸗ anſtaltet ein neues großes Turnier, macht Euch die Ritter⸗ ſchaft weit und breit dankbar und gefällig und was Ihr am Heſſenlande einbüßet, gewinnt Ihr an Macht durch die Freundſchaft der Adeligen.“— Otto war wieder an das Fenſter getreten, da eben ein zweites Hornſignal von der Warthe erſcholl und anzeigte, daß die Bewaffneten, welche man vorhin unten im Thale bemerkt habe, an der Zugbrücke des Schloſſes angekom⸗ men ſeien. „Das iſt der Adelebſen nicht!“— rief Otto;—„ſind das nicht heſſiſche Wappen?“— Breido von Ranzau ſtreckte den Kopf gegen das Fenſter und ſuchte mit ſcharfem Blicke die ziemlich große Anzahl gerüſteter Reiter an den Wappen zu erkennen.—„Ci, das goldene Andreaskreuz in grünem Felde, in jedem Winkel drei gemeine Kreuze— das iſt ja der Merenberg, der an der Lahn, eine Stunde von Weilburg zu Hauſe iſt und —A— — — 9— der den Gleiberg bei Gießen an den alten Landgrafen ver⸗ lor— dort der Löwe im Schilde iſt der Solms.“— „Der dort links trägt auch einen Löwen! Das iſt der Schonenburg— ganz recht, mit dem herzförmigen quer⸗ getheilten Schilde; obere Hälfte der gekrönte Löwe, untere Hälfte gegittert;— auf dem Helm den wachſenden Löwen mit der Krone!— Ach! was iſt mein Göttingiſcher Löwe zahm geworden— aber ich will ihm ſelber den Splitter aus der hinkenden Tatze ziehen.“— „Seht da, zwei ſchwarze, ſenkrechte Pfähle im ſilbernen Schilde“— ſprach Breido fort, der die Hand über die Augen hielt, um die Blendung der ſonnenglänzenden Luft zu ſchwächen, und nach den Wappen auf den Schilden der Ritter ſpähete.„Das iſt Graf Wittgenſtein und neben ihm hält— hm! Schild Roth und Silber ſchräg getheilt — ja, der Bickenbach iſt's, aus dem Ober-Rheingau und der Sippſchaft der Katzenellenbogen; iſt der Dornberg nicht dabei? Als die Burg Dornberg, trotz ihrer gewal⸗ tigen Höhe, nicht länger gegen den alten Heinrich von mir gehalten werden konnte, ging der Ritter nach Rumpenheim, das er als Lehn von der Abtei Lorſch beſitzt und nicht an⸗ gegriffen werden darf.“— „Was ſehe ich?“— rief Otto, als die Zugbrücke nie⸗ derfiel und einer der Ritter aus der Menge hervordrängte und voranritt;—„ſieh', die beiden aufgerichteten rothen Balken und drei rothen Roſen im goldenen Felde, die beiden ſchwarzen Federn und die rothe Roſe dazwiſchen auf dem Helm— das iſt der Grubenhagener Vetter— zu dem ich den Adelebſen ausgeſandt habe.“— — 10— „So werdet Ihr ſogleich von ihm ſelber hören, was der Landgraf verlangt“— meinte Breido von Ranzau, der ſeit Otto's Verbindung mit den Sternern deſſen beſter Freund und Geſellſchafter geworden war.— Es währte nur eine kurze Zeit, daß die Ritter von dem Edelknappen Kurd von Weferlingen, welcher nunmehr in des Herzogs Leibdienſten ſtand, angemeldet wurden. Albrecht von Gruben⸗ hagen trat haſtig und ſichtlich aufgeregt an der Spitze der mit ihm gekommenen Adeligen in das herzogliche Gemach; Otto reichte ihm die Hand entgegen, ſah finſter lauernd in das von Ritt und innerer Unruhe geröthete Geſicht des Betters und fragte verdrießlich:—„Haſt Du mir eine üble Antwort zu bringen? Behalte ſie lieber bei Dir; ehe ich eine neue Kränkung erdulde, fordere ich den Landgrafen Hermann zum Zweikampf auf Leben und Tod heraus!“ Er ließ dabei den ebenſo drohenden wie gedemüthigten Blick im Kreiſe der ihn umringenden Ritter ſchweifen, als lauſche er nach ihrer Stimmung und als wolle er jedem mitleidigen Zeichen zuvorkommen. „Vetter!“— begann Albrecht von Grubenhagen— „meine Nachrichten über den Landgrafen ſind ſo friedlicher Natur, daß wir davon nur noch mit wenigen Worten reden können; Du ſiehſt, ich komme in Geſellſchaft der Sterner hierher, gegen die ich noch vor vierzehn Tagen focht und die, gleich Dir, die Verſöhnung gewünſcht haben.“— „Haſt Du meinen Großvater geſprochen?“— fragte Herzog Otto. „Nein, er hat ſeine Gewalt, befriedigt von ſeines Neffen gutem Benehmen im Kriege, an Hermann ſchon bei Leb⸗ P — 11— zeiten abgetreten, da er die Ueberzeugung gewann, daß jener ſelbſt ſein Erbe hinfort ſchützen werde.“ Otto ſtampfte mit dem Fuße und ſeine Augen flamm⸗ ten auf. „Es war der Preis des Friedens“— ſprach Albrecht von Grubenhagen;—„Landgraf Hermann iſt Herr von Heſſen und Thüringen; Dein alter Großvater zieht ſich auf die Wartburg zurück, um ſeine letzten Tage in Ruhe zu ver⸗ leben. Du, Otto, entſagſt ſchriftlich allen Anſprüchen auf Heſſen und lieferſt den Sichelſtein aus.“ Otto ſchlug ſich auf den Mund und rief in zorniger Wallung:—„Verdammt ſei dieſes Maul, wenn es je⸗ mals wieder ausſpricht, was das Herz in fröhlicher Laune wünſcht, oder was im Hirn niſtet und brauet! Sagt, Freunde, müſſen wir uns nicht ſchämen, daß wir ſo ohn⸗ mächtig ſind, trotz der zweitauſend Sterne, die an mei⸗ nem heſſiſchen Erbhimmel aufſtiegen und einen ſchönen Tag verhießen?“— Die umſtehenden Sterner wollten entſchuldigende und ermunternde Antworten geben, aber Otto ſchnitt ihnen das Wort ab, indem er laut und bitter auflachte, nach dem Tiſche zeigte und mit verſtellter Luſtigkeit rief:—„Nehmet Platz meine Herren— laßt uns trinken und fröhlich ſein! Warum kommt mein Schwager, der Gottfried von Ziegenhain, nicht mit Euch? Ich will den Sternern nicht grollen, ein an⸗ deres Mal wollen wir's beſſer machen!“— Als die Ritter nicht ſogleich folgten, ſondern mit Albrecht von Grubenhagen ſprachen, wendete ſich Otto gegen dieſen und rief in ſeiner höhniſchen Weiſe, die ihm üblich war, — 12— 3 4 wenn er Groll in erzwungene Luſtigkeit, oder das Gefühl der Kränkung in Stolz oder Geringſchätzung kleiden wollte: —„Nun, Herr Welfe? Und dieſe Botſchaft, die doch leicht zu tragen iſt, da ſie mir nichts mitbringt, worauf ich einen Fuß ſtellen, oder was ich in der hohlen Hand abmeſſen könnte, hat Dich ſo heiß und aufgeregt gemacht, daß Du im Geſichte roth und noch nicht ruhig genug zum kühlen Trunke biſt? Oder haſt Du etwa noch einen land⸗ gräflichen Wunſch im Hinterhalte, der ſchwerer wiegt, als mein heſſiſches Erbe?“— „Otto!“— verſetzte Albrecht ernſt—„was Du ſelbſt gebeten haſt, als wir alte Feindſchaft vergaßen und Du mich aufforderteſt, den Frieden mit Deinem ſiegreichen Feinde herzuſtellen, das habe ich Dir gebracht; erwarteteſt Du von des milden Hermann's Sinne ein Geſchenk vom Erbe Deines Großvaters? „Ich will Nichts!— Nichts!— Mag er behalten, was er ſein Erbe nennt!“— rief Otto in der leidenſchaft⸗ lichen Reſignation gekränkten Stolzes.“— „Das war das Wort, welches Hermann vor dieſen heſſiſchen Rittern, die ſich ihm unterworfen haben und deren Burgen in ſeinen Händen ſind, von Dir verlangt und das Du mit Brief und Zeugniß und Uebergabe des Sichelſtein's ihm beweiſen ſollſt.— Meine Aufregung iſt anderer Natur— ich bitte Dich, Otto, laß ab von Deiner Fehdeſucht, genieße in Frieden, was Dir Gottes Gnade ge⸗ geben hat; ein unruhiges, auf Gewalt ſinnendes Leben endet auch gewaltſam. Nimm ein Beiſpiel am Vetter Mag⸗ nus— was hat er in ſeiner unruhigen Regentenzeit vom Daſein genoſſen? Was war die Frucht ſeiner unſättlichen Begier nach Beſitz und Herrſchaft? Was? Gefangenſchaft, Verluſt ſeiner Güter, Vertreibung aus dem Lüneburgiſchen — ſchmachvoller Tod!“ „Tod?“— rief Otto—„mein Vetter Magnus todt? — Catharina iſt Wittwe? Ihre vier unmündigen Söhne Friedrich, Bernhard, Heinrich und Otto ſind ohne Vater?“ „Das war es, was ich Dir anzeigen wollte und mich und dieſe Herren zögern machte, Deiner Einladung zum Trunke ſofort zu folgen. Magnus iſt Dein nächſter Ver⸗ wandter— er war zwar nicht Dein Freund, aber Du biſt ſeiner Wittwe Beileid ſchuldig;— als Fürſt braunſchwei⸗ giſcher Linie haſt Du die Pflicht, das Erbe der Söhne Deines Vetters zu behüten.“— Otto hatte mit glänzenden Augen und einem Lächeln, das zweifelhaft ließ, ob es der unfreiwillige Ausdruck von Mitleid, theilnehmender Selbſtbetrachtung oder ſchlauer Zerſtreutheit war, die Worte des Grubenhagen'ſchen Vetters angehört; er wühlte ſich im langen Barte und ſchritt, un⸗ verkennbar von lebhaften Gedanken getrieben, ein Mal mit weiten Schritten gegen das Fenſter, wie ein Menſch, dem das Gemach für ſeine weiten Gedanken zu eng wird.— „Wann iſt er geſtorben! Wo! Wie! Schmachvoll ſag⸗ teſt Du?“— Vorgeſtern am Jacobitage bei Leveſte am Deiſter. Du kennſt den Streit mit dem Grafen Schaumburg.“— „Ja, der Graf hatte den Herzögen Albrecht und Wen⸗ ceslaus von Sachſen bei der Eroberung Pattenſen's bei⸗ geſtanden; Magnus verlegte ihm bei der Rückkehr den Weg, 4 der Graf hieb ſich durch in's Schaumburgiſche Land. Weiter habe ich mich nicht darum bekümmert, ich hatte ſelber genug zu ſtreiten.“— „So wiſſet Ihr nicht, daß der Graf Otto von Schaum⸗ burg die Witwe des Vetters Ludwig von Braunſchweig, Mechtildis, des Wilhelm von Lüneburg Tochter, zum Ge⸗ mahl genommen und Magnus ihr das Hochzeitsgeräth durch Reiſige unterwegs hat auffangen, Kiſten, Schränke und Laden aufhauen und als Beute nach Wolfenbüttel bringen laſſen?“— „Ja, ich weiß“— ſagte Otto zerſtreut und die fun⸗ kelnden Blicke auf die Sternenritter, forſchend oder ermun⸗ ternd von Einem zum Andern richtend—„der Magnus i*ſt entrüſtet, daß ſeines Bruders Wittwe ſich mit ſeinem Todfeinde und Freunde des Lüneburgiſchen Herzogs Albrecht vermählt hat, und ich weiß nicht, was ich gethan hätte; ich erfuhr nur, daß er gewaltig im Lande Braunſchweig rüſte, dem Schaumburger Grafen einen Abſagebrief geſandt habe und ausziehen wolle.“— „Er iſt ausgezogen“— fuhr Albrecht von Grubenha⸗ gen fort;—„als Mechtildis über den Raub ihrer Mit⸗ gift weinte und klagte, hatte der Gemahl ihr geantwortet: —„Laſſet Euer Weinen, denn Eure Frömmigkeit iſt mir lieber, als aller Schmuck und Zierrath, und Ihr ſeid mir theurer, als alle Kleinode der Welt; aber dem übermüthigen Herrn zu Braunſchweig werde ich zu gelegener Zeit des Frevels gedenken.“— So kamen ſie vorgeſtern am Tage Jacobi am Deiſter bei Leveſte an einander; der Magnus war, wie ein Ritter aus Braunſchweig heute zu Nörten — 15— erzählte, wie ein grimmiger Löwe in der Rüſtung; Otto von Eberſtein, Siegfried von Salder und viele braunſchweigi⸗ ſche Edelleute fielen ſchon im Vordertreffen; wie Magnus mitten im Kämpfgedränge den Gegner erkennt, ſtürzt er auf ihn zu, da er ihn ſchon mit Wuth geſucht hatte, ſtach das Pferd des Grafen nieder, ſprang ſelber vom Roſſe, warf ſich über ihn her, kniete auf ihn, um ihn lebendig zu fangen und ſich an der Gewalt über deſſen Leben zu wei⸗ den; da aber wurde Magnus von hinten von des Grafen Leibdiener durchſtochen, der beſonderen Befehl hatte, auf ſeinen Herrn zu achten.“— Herzog Otto war bei dieſer Erzählung heftig auf⸗ und niedergeſchritten, hatte ſich auf einen Stuhl geworfen und war wieder aufgeſprungen; es beſchäftigte ihn in Gedanken ein anderer Gegenſtand weit mehr, als dieſe Scene eines heftigen Zweikampfes, gegen die er längſt abgeſtumpft war; es erregte ihn auch nicht der plötzliche Tod ſeines nahen Verwandten, denn dazu beſaß er zu wenig mildes Gefühl und Achtung vor dem Leben eines Menſchen. Breido von Ranzau ſchien ihn zu verſtehen, denn er lächelte ihn aufmun⸗ ternd an, als jener im Umherſchreiten ſeinem Blicke begeg⸗ nete und ihn einige Secunden lang mit einem geheimen Wohlgefallen und Verſtändniſſe anfunkelte. „Seine Leiche iſt geſtern nach Braunſchweig geſchickt“ — erzählte einer der Sternritter;—„der Herzog Magnus hatte geſchworen, die Nacht im Lande Schaumburg zubrin⸗ gen zu wollen, und da das der Graf erfahren, hat er ſeinen Vetter nicht meineidig ſterben laſſen wollen, ſondern ſeine Leiche für die Nacht in ſein Land geführt, dort bis geſtern — 16— liegen und nun nach dem Erbbegräbniß in Braunſchweig bringen laſſen.“— „Wer wird der Frau Catharina und den minderjähri⸗ gen Söhnen und Töchtern beiſtehen? Sollte es von väter⸗ licher Seite, dem Churfürſten Waldemar von Brandenburg, geſchehen?“— „Ich!“— rief Otto ſo plötzlich und heftig auf dieſe Frage des Ranzau, der mit liſtiger Miene jene Frage an den Grubenhagener gerichtet hatte, daß die Ritter aufhorchten, und ſein ſtiller Gegenſtand, der ihn ſeither lebhaft beſchäf⸗ tigt hatte, wahrſcheinlich durch jene Frage angerührt und gereizt worden war.—„Ich habe Recht und Pflicht, meines Vetters Erbe zu hüten, ſeinen Söhnen zu wahren, ehe die ſächſiſchen Herzöge, die ihm Lüneburg genommen haben, auch Braunſchweig überfallen. Heute noch breche ich auf, um meine Vormundſchaft anzutreten!“— „Siehe zu, was Du zum Frieden beitragen kannſt“— ſagte Albrecht von Grubenhagen;—„ich hörte, daß die Ritter und Junker im Braunſchweigiſchen verſchiedener Meinung ſind und verſchiedene vertrauungsvolle Männer, namentlich der Biſchof Gerhard von Hildesheim, die Hand bieten wollen, eine friedliche Verſtändigung zwiſchen des Magnus' Wittwe, ſeinen Kindern und den ſächſiſchen Her⸗ zögen zu erreichen.“— Otto hörte dieſe Mittheilung unruhig, mit ſpöttiſcher Miene und düſter brütenden Augen an.—„Hoho!“— lachte er—„es braucht ſich Keiner hineinzumiſchen, ich will ſchon allein die Erbſchaft hüten, ſo wie es das na⸗ türliche Recht fordert; der Hildesheimer möchte wol noch — 17— eine zweite vergoldete Domkuppel am Magnus verdienen und die ſächſiſchen Herzöge mögen ſich am Lüneburgiſchen genügen laſſen und meines Vetters Nachlaß nicht früher anrühren, als derjenige, der ein Recht darauf hat.— Aber nun kommt;— laßt uns ein fröhlich' Gelag halten, damit die verdrießlichen Gedanken aus meinem Sinne verrauchen! — Ich liebe es nicht, über Verluſte und Todte länger zu klagen als nöthig iſt, mich verlangt, eine andere Stimmung zu finden;— die Geſellſchaft der Ritter ſoll mir angenehm ſein; Wein und Wildpret her!— Die Sonne ſcheint ſo hell, der Wald iſt grün— ſeht dort das ſchöne Heſſenland. — Adoe, treulos Liebchen— Ade— Du grämſt mich nicht mehr!“— Der Herzog war in ſchnell erwachter heiterer Laune, mit einem gefüllten Becher in der Hand, den auf ſeinen Ruf nach Wein der Edelknappe dargereicht hatte, an das offene Fenſter getreten, hatte mit dem ausgeſtreckten Arme über die lachende Sonnenlandſchaft gewinkt und den Becher geleert, als trinke er Jemandem unten im Thale einen fröhlichen, muthwilligen Abſchied nach. „Wenn Du Luſt zum Gelage haſt“— ſprach Albrecht von Grubenhagen—„ſo laſſe uns zuvor den Zweck meines Kommens mit dieſen heſſiſchen Rittern zur Genüge abthun; ich kann hier nicht länger weilen, als die Pferde zur Ruhe bedürfen; der Landgraf erwartet mich heute noch in Caſſel, daß ich ihm das Friedens⸗ und Entſagungspergament bringe, oder die Kunde, daß die Waffen ferner entſcheiden möchten!“ „Ich habe es ja geſagt, daß ich von Heſſen nichts will!“— fiel Otto ein;—„Frieden mit dem Landgrafen Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 2 iſt mir lieber als der ganze Gau der Werra.— Wo habt Ihr das Pergament?“— „Wir müſſen es hier aufſetzen“— antwortete Albrecht; —„laſſet Euren Schreiber oder Burgpfaffen kommen— wir Anderen ſind Zeugen und unterzeichnen.“— Otto ging mit einer frohen, leichtfertigen Bereitwillig⸗ keit auf die Anfertigung dieſes Friedensdocumentes ein; er ließ den Schreiber, einen Mönch, rufen und unterzeichnete lachend die von Albrecht von Grubenhagen dictirte Urkunde, welche die anweſenden Ritter, zu denen ſich eben noch der heimgekehrte Adelebſen geſellt hatte, dann gleichfalls unter⸗ ſchrieben und beſiegelten.— Als Albrecht von Grubenhagen, vom Ritter Solms be⸗ gleitet und mit dem Pergamente im Beſitze, von Münden abritt, ſtand Otto am offenen Fenſter und ſah ihm nach. —„Da trägt er das ganze Heſſenland auf eines Pferdes Rücken“— rief er lachend, obgleich nicht ohne Geierblicke; —„fürwahr eine hübſche Beute, der Wegelagerung werth — aber fort, fort damit, ich muß in dieſer Himmelsgegend meines eigenen Landes Frieden haben!“— „Ihr ſeid ja ſehr friedfertig geſinnt“— ſagte Ade⸗ lebſen, der vor ſeinem geſtrigen Ausritte von der Burg den herzoglichen Freund in einer tobenden Wildheit über den Ausgang ſeiner heſſiſchen Niederlage verlaſſen hatte. Otto ſah ihn mit durchbohrenden Blicken an, drängte die ſtarke Unterlippe ſpöttiſch und mit dem ihm eigenthüm⸗ lichen Zuge drohender Geringſchätzung hervor, wühlte in ſeinem Bartſchweife auf der Bruſt und antwortete nach einer Pauſe:—„Werner— alter Habicht, kennſt Du — 19.— mich ſo ſchlecht?“— Plötzlich lachte er gellend auf, trat an den mit Wein und Speiſen bedeckten Tiſch und rief: —„Trinkt Freunde— laßt uns die Schlappe, die wir dort jenſeit des Waſſers geholt haben, vergeſſen, trinkt, ſingt, ſchlagt die Becher aneinander, daß es fröhlich hinüber⸗ klingt in das Heſſenland!— Ich lade Euch ein, in acht Tagen auf dem Schloſſe zu Wolfenbüttel mit mir zu trinken und im Braunſchweiger Revier zu jagen— wenn auch nicht auf Hirſche, ſo doch auf übermüthiges Bürgervolk an der Oker, das meinem Vetter Magnus mehr Verdruß gemacht hat, als wir jemals vergelten können!“— Breido von Ranzau lächelte aus ſeinem rothen, wilden Barte, wie ein Fuchs, ſtieß mit dem Becher an den ſeines Nachbars und ſagte:—„Unſer Hauptmann und herzoglicher Sternbruder ſucht Händel und will uns zu thun geben; — weil uns die Städter in Heſſen das Garaus gemacht und die Göttinger ſich flau bewieſen haben, ſo möchte er es den Bürgern kund thun, daß er ſie haßt und ein rechter Ritter iſt.“— 3 „Ja!“— rief Otto, der eben den Becher vom Munde abſetzte—„ich ſuche für meine gute Laune fröhliche Ge⸗ ſellen;— was die Sterner in Heſſen nicht auszurichten vermochten, ſollen ſie mir anderswo vollbringen helfen.— Trinkt auf die gute Vormundſchaft in Braunſchweig!“— „Dachte ich's doch“— lachte Ranzau—„es hat der Schaumburger ein Freundſchaftsſtück an Euch gethan!“— „Otto“— hub Werner von Adelebſen an—„der Tod Eures Vetters hat Euch in eine ſehr luſtige Laune verſetzt.“— 2⸗ „Iſt's nicht des Lachens und Trinkens werth, daß der Albrecht von Grubenhagen dort durch den Wald mit meinem verlorenen, großväterlichen Erbe gegen Caſſel reitet und mir dafür die Kunde zurückläßt, daß das Braunſchweiger Land auf mich wartet? Warum iſt der Gottfried, mein Schwager, nicht mitgekommen? Ich muß die Sterner ſammeln, ſie ſollen nichts wagen, aber an meiner Freund⸗ ſchaft und Vormundſchaft einen luſtigen Antheil haben.“— Der Ritter von Bickenbach, ein dem Geſchlechte der Ziegenhainer verwandter Mann, trat jetzt zum Herzoge und begann:—„Eure gute Laune macht es mir leicht, des Grafen Gottfried Verlangen an Euch, das er mir auf⸗ getragen hat, zu Eurer Kenntniß zu bringen.— Er weilt zur Zeit mit dem Grafen von Nidda beim Landgrafen Hermann, um ſich mit ihm über den Frieden zu verſtän⸗ digen und das ſeiner Gemahlin Agnes, Eurer Schweſter, auf Burg Nidda angewieſene Wittthum nebſt Holzung, Waſſer und Weide, das der Landgraf genommen hat, wieder zurückzufordern.“. In des Herzogs Miene zuckte ein Blitz des aufwallen⸗ den Zornes, ſeine Stirnader ſchwoll, aber er bezwang ſich, mehr aus Stolz vor den Rittern, als im Gefühl der hei⸗ teren Laune, die er jetzt gewaltſam zeigte, indem er lachend ſagte:—„Und was ſoll ich dabei? Was fordert der Gottfried von mir?“— Bickenbach fuhr fort:—„So wie der Graf für das Wittthum ſeiner Gemahlin ſorgt, ſo iſt es an Euch, an die Mitgift zu denken, die Ihr Eurer herzoglichen Schweſter — 21— ſchuldig ſeid. Ihr habt ſie aus Eurem heſſiſchen Antheile damals zugeſagt— Ihr begreift mich!“— Otto ſah den Sprecher finſter an; aber ſeine Augen wurden liſtig, ſein Mund lächelte ſchlau.—„Ei“— ſprach er—„der Gottfried hat Recht; ich habe ihm tauſend Mark Silber Göttinger Währung aus dem künftigen Antheile Heſſens gelobt— er ſoll ſie haben, aber ich for⸗ dere von ihm einen gleichen guten Willen, wie ich ihm zeige. Meine Schweſter ſoll um ihren Brautſchatz nicht betrogen werden; tauſend Mark— hm! ich laſſe den Gottfried zu mir einladen, damit wir die Briefe ausfertigen.— Die Städte in Oberwald müſſen es doch auch wiſſen, daß ſie eine Fürſtin haben, die ſie ausſtatten ſollen nach altem Brauch und Recht;— notirt Euch meinen Willen, Ritter, daß Ihr ihn dem Ziegenhainer Grafen beſtätigen könnt; — ich gebe meiner Schweſter die Einkünfte vom Kloſter Wibrechtshauſen, den Hof zu Mandelbeck und das Dorf Linden— dreihundert Mark zahlen die Bürger zu Nord⸗ heim, Gandersheim, Münden und Uslar, dreihundert Mark die Bürger zu Braunſchweig.“— Ranzau lächelte, denn er fühlte, wie Otto bei dieſer Be⸗ ſtimmung des Brautſchatzes ſeiner Schweſter den Groll gegen das Bürgerthum mit ſeiner eigenen Geldnoth ver⸗ bündete und den Städten die Laſt ſeines Gelöbniſſes gegen den Grafen Ziegenhain aufbürdete.— „Die Bürger von Braunſchweig?“— fragte Ritter von Bickenbach verwundert;—„ſchulden Euch dieſe dreihundert Mark Silber? Ihr verfügt über fremdes Eigenthum.“— Otto fixirte den Fragenden mit düſterem, prüfenden — 22— Blicke und einem verächtlichen Lächeln; hinter ſeinem Rücken ſuchten Adelebſen und Ranzau ſich durch liſtiges und hei⸗ teres Geberdenſpiel zu verſtändigen. Otto trat plötzlich aus ſeiner finſteren, forſchenden Haltung heraus, ſchlug den Ritter auf die Schulter und ſprach mit kühner, herausfor⸗ dernder Miene:—„Wir ſind alleſammt gute Freunde und Sternbrüder— laßt uns ein vertrauliches Wort ſprechen; wir haben uns zu gegenſeitiger Hülfe verbunden; ſo wie ich Euch beiſtehen werde gegen Ritter und Städte, ſo ſollt Ihr auch mir helfen. Trinkt— ſetzen wir uns — hinaus, Knappe, warte, bis Du gerufen wirſt und die Krüge leer ſind!— Nun hört, Freunde!— die Stadt Braunſchweig zahlt dreihundert Mark an mich, den recht⸗ mäßigen Vormund der Kinder meines Vetters!“— „Dann ſollen wir erſt das Geld erobern oder erbeuten?“ — fragte Bickenbach etwas empfindlich;—„ich zweifle, daß Eurem Schwager die Anwartſchaft auf die Braun ſchweiger Geldbeutel nach dem Sinne ſein wird.“ „Ich will Euch meine Gedanken anvertrauen“— ſagte der Herzog;—„treffe ich nicht ſchnell im braun⸗ ſchweigiſchen Lande ein, ſo kommen die Lüneburgiſchen Sachſenherzöge, oder der Brandenburger Churfürſt, oder gar der Hildesheimer Biſchof, um ſich dort den Lohn ihres guten Beiſtandes zu holen. Morgen müſſen wir aufbrechen; auf die Sterner rechne ich— Eure Mannen und Reiſige liegen noch in der Nähe, die meinigen ſind noch in der Rüſtung; ich müßte ein Narr ſein, wollte ich das verlorene Heſſen nicht in Wolfenbüttel verſchmerzen und ruhig zuſehen, oder den gutmüthigen Vormund ſpielen. Die Braun⸗ v V ſchweiger ſind reich, hochmüthig, haben dem Magnus nur gegen ſchweres Pfand Geld geliehen, das ſollen ſie mir auslöſen. Warum ſacken die Städter überall das Geld ein? Sollen ſie noch übermüthiger werden, daß ſie den Rittern die Schlöſſer und den Fürſten das Land abkaufen? Alle meine Privilegien und Friedensbriefe an die Städte hat mir die Noth abgezwungen, und ich möchte ſie heute lieber als morgen brechen und dem Bürgerpack vergelten, daß es mit mir gehandelt und gefeilſcht hat. Der Pleſſer hat Recht, daß die Menſchheit mit dem unterſten Edelknappen aufhört und mit dem oberſten Bürger die Säugethiere beginnen, daß die hoch⸗ und hochedelgeborenen Herren von einem anderen Paare abſtammen, als die Bürgerleute.— Die Braunſchweiger ſind ein unruhiges Volk und in ſteter Fehde mit den Rittern und Amtleuten, die ſich vor der Stadt fürchten, weil ſie im Bunde der Hanſa iſt; ich werde als guter Freund kommen, ſie ſollen meinen Schutz bezahlen und mir die gute Vormundſchaft zu Gelde machen.“— „Das wird eine neue Fehde, Herzog“— nahm Werner von Adelebſen das Wort;—„die Fehde des Magnus mit den Herzögen von Sachſen in Lüneburg iſt noch nicht zu Ende und mit ſeinem ſchnellen Tode nicht abgethan— ſie werden den Vormund der Söhne ihres Todfeindes nicht ruhig in Wolfenbüttel ſchalten und walten laſſen; die Wittwe Catharina iſt eine kluge Frau und hat Freundſchaft mit vielen Feinden ihres Manneg; was wollt Ihr mit den Söhnen beginnen?“— „Ehe die ſächſiſchen Herzöge kommen, muß ich das Land in Beſitz genommen haben“— verſetzte Otto, von ſeinem heftigen Verlangen nach dem reichen Erbe ſeines Vetters gänzlich eingenommen;—„ich bin nächſter Agnat und von Rechtswegen vormundſchaftlicher Regent des Braunſchwei⸗ giſchen Stammlandes. Eine Vormundſchaft wird immer gut und reich belohnt und wo man geizig iſt, da hat der Vormund die Hand im Säckel und nimmt ſich vorweg, was er für billig hält. Mit den Jungen will ich ſchon fertig werden, der älteſte Friedrich iſt ein zierliches Mädchen von Geſtalt, ohne Kraft und Lebensdauer, den Otto, der ſchon mit Büchern ſpielt, wird man am Geſchickteſten in ein Kloſter bringen, die anderen beiden Brüder ſind Kinderchen, die, wenn ſie erwachſen ſind, nicht wiſſen, wer ihr Vater war. Darum zugegriffen, Freunde— die reiche Erbſchaft iſt mein, die Genoſſen des Sternbundes dürfen mich nicht verlaſſen, ſie ſollen in Braunſchweig und Wolfenbüttel Entſchädigung finden für Alles, was ſie meinetwegen in Heſſen eingebüßt haben!“— „Gelobt es ihm, Bundesfreunde!“— rief Breido von Ranzau;—„in Heſſen iſt nichts zu finden, als verwüſtete 0 4 0 7 Dörfer und Burgen— laſſet uns die Genoſſen ſammeln — alle Oberwalder Ritter tragen den Stern, wir gebrauchen keine Städter, die Reiſigen der Freunde ſind genug, um friedlich und ſchnell in Wolfenbüttel einzureiten.“— Da es eine neue Ausſicht zu Beute, Streifzug und luſtiges Leben auf fremdem Boden und fremde Koſten gab, und die verſchwenderiſche Freigebigkeit, womit der Herzog ſeine eigene Beute den hülfreichen Genoſſen zu Theil werden ließ, noch von dem Hanſtein her in gutem Andenken ſtand, ſo fand der Plan Otto's nicht nur Anklang bei den eben — 2 ⁵5b— bei ihm verſammelten Freunden aus Heſſen und dem Werner von Adelebſen, ſondern als er noch an demſelben Tage die nahe wohnenden Vaſallen und Sterner zu einem vormund⸗ ſchaftlichen Zuge nach dem Braunſchweigiſchen Lande auf⸗ rufen ließ, fand die Einladung eine ſchnelle Verbreitung und willige Aufnahme in der Ritterſchaft und Otto hatte ſchon am folgenden Tage die heſſiſche Niederlage völlig ver⸗ geſſen, und ſeine beſternten Freunde ſammelten ſich bereits zwiſchen Ruhme und Leine, um den Herzog zu erwarten, der von Münden nach den Bollrutz zu Göttingen aufge⸗ brochen war, um dann über Oſterode und den Harz, wo er den Schwiecheldt auf der Harzburg abholen wollte, in Wolfenbüttel friedlichen oder gewaltſamen Einzug zu halten. Nicht ſo ſchnell, wie ſeine lebhafte Gemüthsart und Heftigkeit ſeiner Abſichten ihn zur That trieben, konnte er aber gegen das Braunſchweiger Land aufbrechen; es fehlte ihm an Geld;— das ſollten ihm die Göttinger Bürger geben. Er war deshalb kaum auf dem Bollrutz eingetroffen, als er nach dem Rathe verlangte und von ihm eine Anleihe in Anſpruch nahm. Werner Roden befand ſich mit unter den Rathsmännern, welche auf des Herzogs Ruf im Schloſſe erſchienen waren. Otto empfing den Rath in der fröh⸗ lichſten Laune, um ihn willfährig zu machen.—„Ich wollte Euch danken für die Hülfe, die meine Reſidenzſtadt mir bewieſen hat“— redete er die etwas finſter blickenden Männer an;„das Kriegsunglück iſt gegen uns geweſen, die Verbündeten des Landgrafen waren uns an Zahl über⸗ legen, das Heſſenvolk ſelbſt war für ſeinen alten Herrn und hat meinen eigenen Städtern ein gutes Beiſpiel von — 26— Unterſaſſenpflicht gegeben. Aber ich habe es verſchmerzt, doch hat's mir große Opfer gekoſtet.“— „Ja, Herr“— erwiderte der Bürgermeiſter, als er bei des Herzogs Schweigen und erwartungsvoll lauerndem Auge eine Antwort geben zu müſſen glaubte—„es hat die Erbſchaftsfehde auch unſere Stadt hart getroffen— es ſind viele gute Männer vor Drausfeld gefallen, und die Baukoſten unſeres neuen Rathhauſes ſind auf ein ganzes Jahr für die Rüſtungen daraufgegangen. Wir wollten Eure herzogliche Gnaden im Namen der Stadt unterthänigſt bitten, dem Lande Frieden zu halten, damit Handel und Gewerbe nicht leiden und Eure Städte verarmen.“— Der Herzog blitzte mit ſeinen Augen, als er hoch auf⸗ gerichtet, ſich auf den Füßen wiegend und mit einer ver⸗ ächtlich behaglichen Miene auf die Leute niederlächelte; er legte ſeinem Groll den Zügel der Klugheit an und ſprach: „Ihr erſcheint vor Eurem Landesherrn zmmer arm und baar, aber daheim in Euren Häuſern häuft Ihr Geld und Schätze und ſtehlt Euch um die Abgaben weg; hättet Ihr kein Geld, ſo könntet Ihr nicht Land und Wald kaufen und eine Pflicht nach der andern ablöſen. Ich bin ein viel zu gütiger Herr;— als Euer Herzog von Gottes Gnaden bin ich Eure Obrigkeit durch des Himmels Be⸗ ſtimmung und mein landesväterliches Herz iſt ſtets bedacht, meiner lieben Reſidenz alle Vortheile zu gewähren, die keine Stadt im Lande jemals genoſſen hat. Ich werde den Boll⸗ rutz öfter bewohnen, um Euch meine Gunſt zu zeigen, ich werde abermals ein großes Turnier auf dem Freudenberge veranſtalten, was Euch viele fremde Gäſte und fremdes — 27— Geld in die Stadt bringt; ich habe Euch den Beitrag zum Brautſchatze meiner Schweſter nicht aufgegeben— Ihr ſollt das erkennen und treue Unterthanen ſein.“— „Erlaubt mir“— begann Werner Roden—„geneh⸗ migt mir die Frage, warum Eure herzogliche Gnaden uns das ſagen? Erſt vor wenigen Tagen ſind unſere Steiter aus Eurem Dienſte heimgekehrt, und in nnſerer Stadt weinen Viele um ihre Todten und werden viele Verwundete gepflegt; — zeugt das nicht von unſerm guten Willen und Opfer?“ Otto horchte anfänglich mit ſtechenden, auf den ſeitwärts im Gemache ſtehenden Ritter von Ranzan gerichteten Augen und mit hämiſchem Lächeln nach den Worten aus der Mitte der Männer, wurde aber ſchnell wieder freundlich, als er den Sprecher in der Gruppe der Rathsherren erkannte;— „ei, ſeid Ihr nicht Werner Roden? Ihr ſeid noch immer der Gläubiger meines fürſtlichen Wortes, das Ihr, wie ich hoffe, nicht zu Schanden machen werdet; was habt Ihr mir von Eurer ſchönen Frau zu beſtellen?“— Werner Noden war durch dieſe plötzliche fremde, unvor⸗ bereitete Frage momentan verlegen geworden, faßte ſich aber ſchnell und erwiderte:—„Ich danke Eure herzogliche Gnaden für die Erinnerung an eine Gunſt, die auf Frieden deutet, um den wir bitten.“— Otto lächelte ſchlau und ſagte:—„Ich will Euch nichts ſchuldig bleiben; ich will den Göttingern zeigen, daß ich ihr guter Freund bin und nicht⸗verſchmähe zu eines Raths⸗ herrn Kinde Gevatter zu ſein. Iſt Euer ſchönes Weib ſo eigenſinnig und ihre Natur ſo wiederſpenſtig, daß ſie mein Wort zu hohlem Schall machen will?“— 28 „Herr“— verſetzte Roden—„Gott hat mein theures, ehrliches und treues Weib geſegnet und ich hoffe, daß ich die Freude des Vaters in der heiligen Weihnachtszeit er⸗ leben werde.“ „Glück zum Chriſtkindlein!— ich werde ihm die erſte Beſcheerung geben— iſt's ein Junge, ſo ſoll er Otto heißen und einmal Stadthauptmann werden.— Doch zur Sache, lieben Leute!— Ihr werdet auch an meines Hauſes Luſt und Leid Antheil nehmen;— Ihr wißt, daß mein Braun⸗ ſchweigiſcher Vetter im Kampfe geblieben und mein Stamm⸗ land ohne männlichen Herrn iſt; ich muß dorthin aufbrechen und als Vormund das Land regieren und ſchützen; Eure Ehre und Euer Vortheil iſtis, wenn Euer Herzog die Grenzen des Landes erweitert und Eurem Verkehre auch im Braunſchweigiſchen einen beimiſchen Schutz gewährt.— Er ſchwieg und ſchritt einmal gegen das Fenſter, um den Leuten einige Secunden Zeit zur erwünſchten Antwort zu laſſen. Die Ratsherren ſahen ſich bedenklich und vorſichtig an, als errege ihnen dieſe ungewöhnliche, wohlwollende Sprache des Welfen ſtilles Mißtrauen, und als hegten ſie begründete Zweifel an der guten Abſicht deſſelben, ihren Verkehr zu ſchützen. Otto mußte ihre Mienen, ſo vorſichtig ſie auch gewechſelt waren, doch mit ſeinen lebendigen Blicken bemerkt haben, denn es ſtieg ihm ſchon das unruhige Blut zu Kopfe, die Geduld und liſtige Freundlichkeit hielten nicht Stich gegen die Leidenſchaft ſeines Eigenwillens und die jähzornige Natur; haſtig und heftig rief er, ohne die Antwort abzuwarten und indem er ſich ſchnell gegen ſie umwendete:—„die — 29— Fehde hat meine Kaſſe erſchöpft, die Stadt ſoll mir fünf⸗ hundert Mark leihen!“— Er blickte die Rathsherren ſo beherrſchend und drohend an, daß dieſe ihre Betroffenheit in Miene und Wort nicht zu erkennen zu geben wagten und ſtumm den Herzog an⸗ ſahen; das war ſeine Abſicht, jede Gegenrede einzuſchüchtern. Werner Roden nahm das Wort mit Ruhe und Würde.— „Herr, Ihr wiſſet, daß wir eine Anleihe nur mit Zuſtim⸗ mung der Gildemeiſter bewilligen dürfen, denn es iſt eine Geldſchatzung, die wir den Bürgern auferlegen müßten.“— „Dürfen?“— rief Otto, ſeinen Zorn in einem lauten Auflachen Luft machend.„Wer zwingt Euch! Etwa die Bürger, deren Obrigkeit Ihr ſeid? Habt Ihr ſo wenig An⸗ ſehen und Gewalt, daß Ihr Eure Untergebenen um das fragt, was Ihr thun ſollt?“— „Herr“— verſetzte Roden mit edler Feſtigkeit—„das Recht und Geſetz zwingt uns; unſre Macht liegt nur in der Aufrechthaltung des Rechtes und Statutes.“ Der Bürgermeiſter hatte ſich jetzt hinreichend geſammelt, um dem Herzoge zu antworten:„Alle unſere Handlungen ſind auf Vertrag, Verantwortung, Bürgſchaft und Rechts⸗ ſpruch gegründet; was wir den Bürgern an neuen Laſten auflegen, muß von den Gildevorſtehern genehmigt werden, wir können aber Rathsgelder ſelbſtſtändig zum Natzen der Stadt verwenden, wenn es auf Kauf, Pfand und Brief geſchieht. Wollt Ihr von uns. leihen, ſo bietet uns Kauf, Pfand oder Privilegium an, dann können wir es verant⸗ worten.“— Otto verbarg nicht, daß er innerlich kochte; dieſe Sprache — 30— des Rechts und Geſetzzwanges war ſeinen Ohren und ſeinem Charakter viel zu fremdartig, um ſeiner Neigung und Ge⸗ wohnheit, den Willen ſtets mit Gewalt durchzuſetzen und fremdes Eigenthum nur als Beute des Mächtigeren zu be⸗ trachten, irgend zu genügen; er hätte ſich ſelbſt und das Ritterthum verleugnen müſſen, wäre er nicht gegen dieſe Sprache der Rathsleute mit Gift und Galle erfüllt geweſen. — Unwillig und unruhig hatte er den Bürgermeiſter bis jetzt ſprechen laſſen, nun aber fiel er ihm zornig in das Wort.—„Das ſind liſtige Dinge, die Ihr vorſchützt, um dem Landesherr ungehorſam zu ſein und die offene Gewalt zu verſtecken!— Die Städte wollen mir über den Kopf wachſen, das eingebildete Recht als Waffe gegen die Unter⸗ thanentreue und Dienſtpflicht benutzen, die ſie dem Herzoge ſchuldig ſind;— Alles, was Ihr habt, gehört mir, und es iſt eine Gnade, daß ich Euch nicht nach Willkür und Bedarf nehme, was Ihr Euer nennt.“— „Herr!“— rief Roden mit gerötheten Wangen— „vergeſſet Ihr, daß Euer ſeliger Vater, Herr Herzog Ernſt, und Ihr ſelber verbriefte Privilegien ausgefertigt, daß Ihr der Stadt Rechte und Eigenthum beſchworen, daß Ihr Grundſtück, Feld, Wald, Jagd, Fiſcherei an die Stadt ver⸗ kauft oder verpfändet habt? Das thatet Ihr doch nicht, um dem Unrechte zu dienen, ſondern um das gute Recht zu achten! Wir haben nichts geraubt, nichts mit Gewalt er⸗ worben, ſondern durch Fleiß verdient, durch Kauf zum Eigen⸗ thume gemacht, durch Pfand in zeitweiſen Beſitz genommen, durch Geld und Tauſch Privilegien erhalten, die uns Rechte gaben, deren Achtung auch des Landesherrn Ehre erheiſcht.“— — 31— Jetzt hielt ſich Otto nicht länger; ſeine Augen waren Blitze geworden, ſeine Unterlippe ſchwoll Unheil verkündend an, ſeine Geſtalt hob ſich.—„Das iſt Empörung!“ rief er—„Auflehnung gegen den Herrn des Landes!— Es giebt kein Recht, als was der Wille des Fürſten ſo nennt, es giebt kein Privilegium, was nicht Gnade iſt für die Dauer der Gunſt. Ich bin ein zu nachſichtiger, gutmüthiger Herr geweſen, habe mich bethören, die Bürger reich werden laſſen und obenein Schutz ihres Eigenthums gelobt; habe der Stadt Weichbild thörichter Weiſe vergrößert — ja! ich will's anders machen, Ihr ſollt die Luſt ver lieren, nach Reichsunmittelbarkeit zu ſtreben, ſollt wiſſen, daß Ihr einen Herzog habt!“ Breido von Ranzau hatte ſich dem zornig auf⸗ und niederſchreitenden Herzoge genähert, war ihm gefolgt und ſuchte ſeinen wild umherſchweifenden Blicken mit den Augen zu begegnen, um ihm Winke zu geben; jener aber achtete nicht auf den Ritter und trat mit drohender Geberde gegen die Rathsherren, die untereinander flüſterten und die er durch ſeine gebietende Miene zur Unterwerfung herausforderte. Jetzt trat Werner Roden muthig hervor und begann:— „Herr! Ihr habt mir Ener herzogliches Wort gegeben, daß Ihr mir eine Gunſt erzeigen wollt— ich bitte, mir dieſe zu gewähren, daß Ihr mich anhöret. Vielleicht iſt dieſe Stunde ſegensreich für Euch und uns, wenn ich Euch aufkläre über das Verhältniß der Städte zu den Fürſten, dem Adel und dem Reichsoberhaupte. Die Zeiten ändern ſich; Ihr fordert, daß die Zeit, wie ſie vor zweihundert 32— Jahren war, ſtehen bleibe, während ſie mit dem Volke be⸗ reits über Euer Begehr hinausgerollt iſt!“ Otto ſtutzte— Breido winkte dem Rathsherrn Schwei⸗ gen zu, der Herzog rief:—„Was hindert mich, Euch ge⸗ fangen nehmen zu laſſen?“— „Das Recht“— antwortete Werner Roden ernſt und ruhig—„der von Euch unterzeichnete Landfriedensbrief, wonach ein Bürger Göttingens nur vom Rathe verurtheilt und nicht von einem herzoglichen Amtsdiener angegriffen werden darf!“— Otto ſtampfte mit dem Fuße auf den Boden.— „Mäßigt Euch, Herr“— ſprach Ritter Ranzau—„laßt mich mit Euch einige Worte reden, ſchickt die Rathsmänner ſo lange hinaus.“— „Nein, er ſoll ausreden, er ſoll ſich um ſeinen Hals reden!“— rief Otto trotzig.„Fahret fort, ich befehle es, ich will Eure böſen Gedanken ganz erfahren!“— „Nennet nicht eines getreuen Unterthanen guten Nath und Dienſt böſe Gedanken“— fuhr Roden fort;—„woll⸗ tet Ihr mein Weib zur Wittwe und mein ungebornes Kind ſchon vor der Geburt zur Waiſe machen, ſo vergelte es Euch Gott und das menſchliche Recht.“— Otto erſchien etwas ruhiger— vielleicht dachte er an die ſchöne Frau und ſein vorhin gegebenes Wort, vielleicht leitete ihn Ranzau's unruhiger Blick zur Schlauheit und klugen Mäßigung; er ſchwieg und fixirte den Rathsmann mit finſterem Sinnen. Roden fuhr fort:—„Ihr haltet uns das Streben vor, reichsunmittelbar zu werden— es iſt nicht unſer Streben, — 33— es iſt das Drängen der Zeit, die geſtaltende Entwickelung der deutſchen Reichsverfaſſung. Ehemals hielten die Kaiſer durch ihre Vögte die Städte unter Gewalt, die Fürſten durch ihre Dienſtleute beſetzt, jetzt aber iſt der Fürſten und Dynaſten Recht und Gerichtsbarkeit nur auf ihre Burgen beſchränkt, und die Städte üben im Umfange ihres Weich⸗ bildes Recht und Gericht. Ihr habt Recht, Herr, daß der Bürgerſtand ſich durch Fleiß in Handel und Gewerbe ge⸗ gehoben und wohlhabend gemacht hat und der Adel mit Neid und Haß auf unſere Güter und Rechte blickt, da er nicht arbeitet und verarmen würde, wenn er nicht durch Wegelagerung auf Heerſtraßen und Flüſſen, auf Frucht⸗ feldern und Weiden der Städte Eigenthum plünderte, an⸗ ſtatt dem Kaiſer nach Welſchland zu Folgen und dort für die Ehre des Reiches zu kämpfen.“— „Oho!“— lachte Ranzau—„Der Mann möchte ein Solon ſein!“ „Nein, Herr; es wurzelt im deutſchen Volke die Vor⸗ ſtellung, daß für jegliche Genoſſenſchaft, bis zu den unter⸗ ſten Gemeinen hinab, Geſetz und Recht aus der Vereinigung des Reichsoberhauptes mit Fürſten und Städten hervor⸗ gehen müſſe, und das iſt eine Vorſtellung, die in der Welt⸗ geſchichte immer kräftiger fortwächſt und mit den Zeiten reift. Herren und Genoſſenſchaften müſſen durch Verträge miteinander leben, die Willkür muß dem Rechte, die Ge⸗ walt dem Geſetze, das Fauſtrecht dem Gerichtsſpruche wei⸗ chen. Herzog, Ihr habet, ohne es zu wollen, der Zeit be⸗ reits folgen müſſen, obgleich Ihr Fauſtrecht und Adels⸗ herrſchaft begünſtigi— Ihr habt den Städten Neijte und Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. Gerichte beſtätigen müſſen, weil Ihr von der Zeit dazu gezwungen wurdet; was zwang Euch dazu? Der Mangel an Geld, die Noth, die Hülfe der fleißigen Bürger anzu⸗ ſprechen, die Macht der Städte in ihrem Rechte der Selbſt⸗ vertheidigung.“— „Werft dieſen Aufrührer und Rädelsführer in's Gefäng⸗ niß!“— rief Otto ſchäumend—„heda! wo ſind meine Leute?— Holla!“— Obgleich Ranzau es verhindern wollte, drangen mehre Bewaffnete herein.—„Warte, Du kühner Rechtsſchnabel! Du ſollſt mir die fünfhundert Mark Silber allein bezahlen, ſo viel biſt Du mir werth an Löſegeld!— In's Gefängniß mit ihm! Ich will den Göttingern zeigen, daß ich nicht unter dem Zwange und der Noth der Zeit ſtehe, wovon der Menſch faſelt;— ich bin Herr, ich mache die Zeit und das Recht; geht in die Stadt hinunter, Ihr Männer des weiſen Rathes — habt Ihr mir nicht binnen einer Stunde die Löſeſumme in guter Göttinger Währung gebracht, ſo laſſe ich Euern Wortführer nach Münden bringen und hängen!“ Werner Roden trat den Bewaffneten ruhig entgegen, ließ ſich ohne Widerſtand das Schwert abnehmen und an die Thür führen. Ritter Breido von Ranzau drängte ſich an den Herzog, faßte deſſen Hand und raunte ihm zu:— „Beim Teufel, Herzog, Ihr handelt unklug, ſo bleibt im Lande und laßt Wolfenbüttel im Stich!“— „Fort mit ihm!“ rief der zornglühende Herzog, auf den Rathsmann an der Thürſchwelle zeigend. Dieſer ſprach: —„Gott verzeihe Euch— möge es Euch nicht gereuen!!— Und zu dem beſtürzten Bürgermeiſter und den übrigen — 35— Rathsmännern gekehrt, fuhr er fort:—„Gehet heim und verkündiget was geſchehen; tröſtet mein theures Weib!— O! Brigitta— das iſt die Gunſt des Herzogs!“— Er wurde abgeführt, die Rathsmänner gingen ſtumm und innerlich empört. „Der Schulze ſoll kommen!“— rief Otto den Helle⸗ bardiers nach. Mit ungeſtümen Schritten durchmaß er das Gemach; er ſchien des Ritters Ranzau Worte nicht zu hören, die dieſer jetzt an ihn mit Unwillen richtete.—„Ich begreife Euch nicht“— ſprach dieſer—„Ihr wollt außer Land ziehen, und fordert die mächtigſte Stadt des eigenen Landes zum Kampfe heraus! Mit Klugheit hättet Ihr Alles erreicht, würdet ihr nur dieſen Krämer⸗ und Schacherſeelen einen kleinen Vortheil gezeigt haben. Nun gut, bleibt in Göt⸗ tingen, beſtellt die Ritter, die zwiſchen Ruhme und Leine auf Euch warten, ab, laſſet den Braunſchweigern die Geld⸗ ſumme, die ſie zum Brautſchatze der Schweſter Agnes an den Grafen Ziegenhain zahlen ſollen, laßt die Lünehurger zur Vormundſchaft gelangen, Ihr habt's ja ſo beſtimmt. Die Stadt wird in Aufruhr gerathen, ſie iſt noch bewaffnet von letzter Fehde her, ſie haben Donnerbüchſen, Ihr ſeid ohne Geld und Eure Mannen ſind in Heſſen geſchlagen!— Gebt den Rathsmann frei, ſchickt ihn ſchleunigſt in die Stadt, ehe die Aufregung entflanut, züchtigt ſie ein anderes Mal, wenn ihr beſſer vorbereitet ſeid— heuchelt ihr jetzt nur Freundſchaft und Gnade!“— „Was willſt Du?“— rief Otto wild, indem er heftig gegen den Ritter vortrat und ihn mit lodernden Blicken anſah. 32 — 36— „Euch einen guten Rath ertheilen!— Ihr könnt nicht nach Wolfenbüttel ziehen, wenn Ihr die Stadt Göttingen zur Fehde aufſtachelt;— wartet eine günſtigere Zeit ab, wo Ihr der Stadt gewachſen ſeid— dann nehmt Ihr wieder mit Gewalt, was Ihr jetzt aus Noth und Klugheit gewähren müßt— verkauft Ihr doch Wald, Feld, Privi⸗ legien und ſühnet ſie damit, bis Ihr es doppelt wieder zu⸗ rücknehmt.“— „Was befehlt Ihr, herzogliche Gnaden?“— ertönte des Schulzen Hans Druchtleif Stimme. Der Herzog fuhr auf ihn los.—„Hans! was für eine nichtswürdige Amtsverwaltung und welch' läſſiges Regiment führſt Du hier als Schulze in meiner Abweſenheit? Du läßt Dir die Bürger über den Kopf wachſen? Biſt Du ein altes Weib geworden, litzelt Dich die Narbe am Kopfe nicht, dem Bürgerpack auf das Haupt zu treten? Kerl, ſieh' nicht ſo bußfertig aus! Wie ſtark iſt die Beſatzung im Schloſſe?“ „Funfzig Reiſige, Herr! In der Stadt hat immer Frieden und Gehorſam geherrſcht, die Bürger waren ja bis vor wenigen Tagen im Heſſenlande.“— „Wie viel ſind ihrer an Bewaffneten?“— „Fünfhundert zogen ein, jeder mit ſtählerner Armbruſt, einem Bogen, Schwerte, Harniſchhoſen, Waffenhandſchuh, eiſernem Hute und Schilde; außerdem haben ſie funfzig Leute mit Büchſen, die mit Pulver und Lunte abgefeuert werden.“—. „Was? Büchſen? Büchſenpulver? Und das duldeſt Du?“ „Sie haben einen Rathsbüchſenmeiſter, der ſie lehrt, das Pulver zu gebrauchen. Auch haben ſie zwei große Don⸗ 37— nerbüchſen auf dem Wehnderthorwalle, wo ſonſt die Bliden, die Wurfmaſchinen, ſtanden!“— „Und das ſiehſt Du ruhig an? Hans, biſt Du blind, oder haſt Du die Treue gegen Deinen Herrn aus der Kopfwunde wegſchwären laſſen? Darum ſind dieſe Bürger ſo trotzig und wollen ihren Herrn meiſtern! Die Donnerbüchſen ſollen auf den Bollrutz geliefert, die Büchſenleute entwaffnet werden!“ „Gut, Herr, aber doch nicht mit den funfzig Reiſigen, die wir hier haben? Befehlet Euren Rittern und Vaſallen, daß ſie Euch beiſtehen.“— „Verflucht!“— rief der Herzog und ballte die Hand. „Seid klug, Herr— machet Frieden“— ſprach Breido von Ranzau;—„es reuet Euch, was Ihr gethan habt;— gebet den Roden frei, daß er den Rath ſelber auf das Schloß zurückführe, handelt wie ein kluger Kaufmann mit ihm— verſöhnt ſie mit irgend einem Privilegium; kommen wir von Wolfenbüttel heim, ſo macht, was Ihr wollt, wir ſind dann Meiſter und die Sterner helfen Euch.“— Otto trat an das Feuſter.—„Hans!“— rief er— „beobachte die Stadt, was darin vorgeht; die Reiſigen ſollen wachſam ſein und in der Rüſtung bleiben. Sei ein geſtrenger Schulze, oder ich mache Dich zum Schaafmeiſter auf Harſte!“— Die ſchwarzen Augen des Schulzen funkelten in tiefen Höhlen, aber nicht wie früher wild, ſondern mit einem geheimnißvollen, zweideutigen„Lichte. Er ging;— Otto ſchritt immer noch aufgeregt hin und her— Ritter Ranzau ſuchte ihn zur klugen Nachgiebigkeit zu bewegen und rieth ihm, den Rathsmann Roden zum Freunde zu erhalten, da — — 38— dieſer ein einflußreiches Wort und großen Muth zeige und man in dem Rathe nach ihm hören werde. So verging eine halbe Stunde;— da erſcholl ein Trom⸗ petenſignal von der Warte. Otto, der ſich auf einen Seſſel geworfen hatte, um ſeinen Unmuth durch den Trunk zu be⸗ ſchwichtigen, ſprang auf und horchte:„Iſt das Aufruhr in der Stadt?“— rief er—„Schwert und Rüſtung her!“ Ranzau war an das Fenſter geeilt.—„Nein, Herr!“— verſetzte er—„Eure Braunſchweigiſchen Freunde wollen Euch abrufen— ſeht, da reitet der Johann von Weferlingen ein; nun entſchließt Euch zum friedlichen Abſchied, denkt an die lockende Vormundſchaft, die Ihr Euren Freunden ver⸗ heißen habt. Wir halten Euch beim Worte.“— „Breido— Du— Du räthſt mir, mich vor meinen Göttingern zu beugen! Du, den ich meinen Freund nenne, weil er meine Geſinnung theilt? Werden die Bürger es nicht noch ärger treiben, wenn ſie mich einmal ſchwach und ohnmächtig gegen ſie geſehen haben?“— „So laßt doch die Ohnmacht nicht dadurch recht an's Licht treten, daß Ihr jetzt die Stadt mit Drohungen auf⸗ hetzet, die Ihr in dieſer Zeit, nach einer langen, unglück⸗ lichen Fehde, nicht ausführen könnt! Je größer die Drohung, um ſo kleiner die Gewalt; ſeid ſchweigſam und handelt dop⸗ pelt, wenn es rechte Zeit iſt. Wenn die Bürger Euch heute in Eurer eigenen Burg gefangen nehmen, was könnt Ihr dagegen thun? Dann aber habt Ihr auf lange Zeit das Spiel gegen ſie verloren.“— Otto ſtampfte mit dem Fuße, ſchüttelte ſeinen Bart und kämpfte mit ſeiner Leidenſchaft und Rachgier. . 39— Der Ritter Johann von Weferlingen trat ein; auch er trug auf ſeinem in Blau und Silber getheilten und mit einer ſchrägen Binde von vier weißen Roſen bezeichneten Wappenſchilde den Stern des Bundes, deſſen Hauptmann der Herzog war.—„Ich grüße Ench, Herr!“— begann er;—„die Braunſchweigiſchen Ritter, welche mit Euch halten, laſſen Euch einladen, keine Stunde länger zu ſäumen und gegen Wolfenbüttel aufzubrechen; Eure Freunde harren ungeduldig zwiſchen Ruhme und Leine; ein Bote aus meiner Burg zu Wansleben, den meine Tochter Olga abgeſendet hat, die zur Zeit bei der Mutter weilt, da die Herzogin ihrer Geſellſchaft nicht bedarf, hat berichtet, daß der Lüne⸗ burger Herzog Albrecht bei der Nachricht von des Magnus' Tode von Celle aus ſich gegen Braunſchweig bewege und einen Brief an die Frau Catharina geſandt habe; auch hat der Ritter Kurd von Steinberg im Hildesheimiſchen erfahren, daß der Biſchof ſeine Dienſte zur Verſöhnung der Wittwe mit dem Lüneburger anbieten wolle;— alſo ſputet Euch, Herr, wenn Ihr nicht einen anderen Vormund auf Schloß Wolfenbüttel antreffen wollt.“— Dieſe Nachricht brachte den Herzog in die verdrießlich ſte Unruhe; der gekränkte Eigenwille gegen die Göttinger ſtritt in ihm mit der Gier und Eiferſucht nach einer guten, vor⸗ mundſchaftlichen Beute. Er ſah Ranzau unſchlüſſig an und als dieſer reden wollte, winkte er ihm mit heftiger Geberde Schweigen zu.—„Was habt Ihr denn vor, Herr?“— fragte Johann von Weferlingen überraſcht;—„kann Euch meine Botſchaft zum Unwillen reizen? Was iſt denn in der Stadt vorgegangen? Als ich in das Nicolaithor ritt, ſah — 40— ich die Bürger mit Armbrüſten auf die Stadtwälle eilen, als ob der Feind vor der Landwehr ſtände. Wollt Ihr gar rüſten laſſen und mit einer Kriegsmacht in Braunſchweig einfallen? Das rathe ich nicht, die Braunſchweiger ſtehen noch im Felde und ſind von Leveſte her auf dem Heimzuge; Ihr müßt als ein guter Agnat und friedlicher Vormund in Wolfenbüttel einziehen und den Leuten kundgeben, daß Ihr nur zum Schutze gekommen ſeid. Es ſind der Sterner genug, um Euch zu dienen und zu halten.“— „Ja, das iſt auch mein Rath“— ſagte Ranzau;— „was denkt Ihr davon, daß der Herzog das Land ver⸗ laſſen und längere Zeit in Wolfenbüttel das Braun⸗ ſchweigiſche regieren will, und vor ſeinem Abzuge erſt die Göttinger gegen ſich aufbringt?“— „Um Alles in der Welt nicht!“ rief Weferlingen;— „verderbt Euch die günſtige Stunde nicht; wir Braun⸗ ſchweigiſchen Edelleute wollen Euch lieber zum Herzoge haben, als den Albrecht oder den Biſchof, denn der älteſte Sohn Eures Vetters Magnus iſt noch ein halber Knabe und ein mißgeſtalteter, ebenſo hitziger, wie alberner Dumm⸗ kopf, der doch niemals das Erbe ſeines Vaters antreten wird. Handelt mit Bedacht, Herzog, beruhigt die Göttinger, gebt ihnen mehr, als ſie fordern— Ihr holt es Euch in Braunſchweig dreifach wieder, und je mehr Ihr den Bürgern gebt, um ſo mehr vergrößern ſie den Schatz und Ihr könnt ihnen ſpäter um ſo mehr nehmen.“— „Hört Ihr's nun?“ fiel Ranzau ein—„ſo denken Eure treueſten Freunde.“— Otto war mit gewaltigen Schritten durch das Gemach — 41— gegangen, bisweilen am Fenſter ſtehen geblieben und endlich mit finſterer Miene und verſchränkten Armen vor Wefer⸗ lingen getreten, um ihn weiter anzuhören. In dieſem Augenblicke wurde die Thür geöffnet, ein Page trat herein, ſtellte ſich zur Seite der weit offen gelaſſenen Thür und ſprach:„die Herzogin!“— Als Otto ſchnell aufblickte, trat Margarethe bereits über die Schwelle, und der Page entfernte ſich, die Thür ſchließend. Otto fixirte ſeine Ge⸗ mahlin mit ſcharfem Auge und ſchien ſeine mißfällige Ueber⸗ raſchung durch ein kaltes Lächeln zu verſtecken. Margarethe war ſchwarz, in tiefe Trauer gekleidet, ein ſchwarzes Schlepp⸗ kleid, ſchwarzes Sammetmieder und ein tief vom Hinter⸗ haupte herabhängender ſchwarzer Schleier gaben ihrer Er⸗ ſcheinung einen feierlichen Ausdruck; das Geſicht war bleich, wachsartig, leidender als jemals, die blauen Augen ſchienen geweint zu haben; die blonden Locken waren verſchwunden und unter einer ſchwarzen Haube verſteckt. Sie blieb eine Strecke vor dem Herzoge ſtehen, ſah die beiden Ritter an, als ſei ihr deren Anweſenheit läſtig, und richtete dann den vollen, ernſten Schmerzensblick auf den Gemahl. Dieſer nahm ſchnell eine andere Haltung an, trat ihr entgegen und ſprach:—„Ei, Ihr ſeid mir zuvorgekommen; ich hätte Euch meinen Beſuch gemacht, wenn ich mit den Geſchäften fertig geweſen wäre. Wir haben uns lange nicht geſehen, darum darf Euch mein Erſtaunen über Eure Veränderung nicht wundern. Ihr wißt, ich liebe die ſchwarze Farbe nicht— warum trauert Ihr? Etwa um das heſſiſche Erbe? Um des Vetters Magnus' Tod? Oder haben Euch die Pfaffen die Rolle der büßenden Magdalena eingeredet?“ — 42— Die Steigerung in dem Spott ſeines Wortes und ſeiner Miene verriethen deutlich, daß ihn die leidende Geſtalt der Herzogin verdrießlich berührte. „Herr!“ begann Margarethe ernſt—„gebet dieſen Rittern zu verſtehen, daß ich eine Zwieſprache mit meinem Gemahl wünſche.“ Ranzau und Weferlingen wollten ſich zurückziehen, der Herzog winkte ihnen aber zu bleiben und ſprach:—„Es ſind meine guten Freunde und die Herzogin wird ſie ihres Vertrauens würdigen.“— „Otto!“ hub ſie mit bebender, aber ergreifender Stimme an—„Ihr habt einen Ehrenmann gefangen nehmen laſſen, die Bürger Göttingens aufgeregt; was habt Ihr im Sinne, das Euch vor Gott und meinem Herzen an⸗ klagt?“ „Bekümmert Euch nicht um mein Regiment, wie ich Euch den frommen Hokuspokus frei gebe!“ fiel Otto, be⸗ reits in Zorn gerathend, ein.—„Was ich thue iſt recht und danach hat ſich Jeder zu richten. Ich bin Herr im Lande!“— „Gebet den Mann frei— ſeid der Stadt gerecht!— Otto! bei Eurer ewigen Seligkeit und Verdammniß! Meine frommen Werke reichen nicht mehr aus, um des Himmels Zorn von Euch abzuwenden!“— Auf dieſe feierlich und begeiſtert geſprochene Mahnung trat der Herzog drohend einen Schritt gegen die Gemahlin vor und wieder zurück, ließ den Blick über die Geſichter der Ritter ſchweifen und es war ein Glück, daß dieſe ruhig und theilnahmlos erſchienen, da er ſonſt den aufkochenden Jähzorn hätte durchbrechen laſſen; ſo aber begnügte er ſich, mit befehlendem Tone zu ſagen:—„Was ich thue, bin ich gewohnt mit Männern, nicht mit Weibern zu berathen. Da ich heute noch nach Wolfenbüttel aufbreche, ſo müſſen wir ſchnellen Abſchied nehmen; lebet wohl und machet Euch keine Sorge um mich.“— Die Herzogin ſchwankte, faßte ſich auf Stirn und Bruſt, ſah die Ritter ſtolz und feſt an, warf ſich plötzlich vor dem Herzoge zu Füßen und rief in höchſter Bewegung mit der Stimme einer um das eigene Leben Flehenden:—„Gnade! Gnade! Ich bitte Euch um ein mitleidiges Zeichen für meinen Schmerz— gebet den Rathsmann frei!“— Otto ſtutzte, als die Herzogin zu ſeinen Füßen nieder⸗ ſank und die gefalteten Hände zu ihm aufrichtete,— er blickte ſie, die betroffenen Ritter wild an, griff ſich in den Bart, packte die gefalteten Hände ſeiner Gemahlin, riß ſie vom Boden auf, ſtieß ſie fort, daß ſie zurückwankte und Ranzau ſie in den Armen auffing.—„Auf!“— donnerte er—„die Herzogin von Göttingen gehört nicht auf den Fußboden, demüthigt meine Krone nicht— lernet Eure Stellung begreifen oder gehet in ein Kloſter!“— In der Beklommenheit der krampfhaft bis zum Er— ſticken zuſammengepreßten Bruſt brach Margarethe in den heftigen Schrei der Verzweiflung aus:—„Gott! mein Gott! hätte ich nicht mein Kind, ſo möchte ich jetzt ſterben!“ Dieſer Ausbruch der erſchütterten Seele ſchien des Herzogs Zorn etwas zu kühlen, er bemerkte in den Ge⸗ ſichtern der beiden Ritter den Zug des Mitleids.—„Herr“, ſprach Ranzau—„was die hohe Frau bittet, rieth ich — 414— Euch bereits.“— Otto blitzte mit ſeinen flammenden Augen den Ritter ſo grimmig an, daß dieſer ſchwieg. In⸗ deſſen war aber gleich nach der Herzogin krampfhaftem Aufſchrei die Thür aufgeſtoßen und ein, in der höchſten leidenſchaftlichen Angſt wunderbar ſchönes Weib mit fliegen⸗ dem, dunkeln Haar, halbentblößtem wogenden Buſen und mit lodernden Blicken hereingeſtürzt, gefolgt von Hanna und Henricus; ſie ſah die Herzogin, die Ritter, den Herzog wie eine Wahnſinnige an, fiel vor dem überraſchten Herzoge nieder, umklammerte ſeine Kniee und ſchrie mit athemloſer Stimme:—„Erbarmen! Gnade! Ihr wollt eine Wittwe und Waiſe machen— Hülfe, bei Gottes Barmherzigkeit, gebt mir meinen Gatten— oder mordet mich auch!“ Die verzweiflungsvolle, mehr ſinnliche Schönheit dieſes Weibes, die Otto's Augen mächtiger reizte, als die feier⸗ liche, leidende Schönheit Margarethe's, ſetzte ihn in eine flüchtige Verlegenheit; wie ein Falke ſah er auf das ſchöne Weib nieder, das unbewußt ihre edlen, vollen Formen ſeinem Blicke darbot.—„Ihr ſeid Werner Roden's Frau?“ ſprach er freundlich—„ſteht auf, warum bangt Ihr ſo? Habe ich Ench nicht meiner Gnade verſichert?“— „O, gebet mir meinen Gatten frei, er hat Euch immer das Wort geredet, er kann nichts Uebles gethan haben!“ „Beruhigt Euch doch, hübſche Brigitte— ſteht auf, ich ſehe Euch lieber froh— Ihr ſollt den Mann wiederhaben, ich habe ihm nur Zeit gönnen wollen, über ſeine guten Lehren, die er mir gab, nachzudenken, denn ich will ſeinem Rathe Gehör geben. Nun geht getroſt heim, macht das Mahl fertig, er wird zu Tiſch nach Hauſe kommen!“— 45 Während Frau Brigitta ſich der Freude dieſer Nach⸗ richt hingab und ſowohl in ihrer Verzweiflung wie glück⸗ lichen Aufregung nicht beachtete, wie Otto ſie mit ſinn⸗ lichem Wohlgefallen anblinzelte, ſeine Hand auf ihren Scheitel, ihre nackte Schulter und ihren ſchönen Arm legte und ihre Wange klopfte, ſtand die Herzogin, die Stütze des Ritters Ranzau mit derjenigen Hanna's vertauſcht, in einiger Entfernung, auf die Schulter der Freundin ge⸗ lehnt, und hielt den Blick unverwandt auf den Herzog ge⸗ heftet; ihre Lippen zitterten halb geöffnet; es trat der Zug der Verachtung in das wehmüthige Gefühl des Schmerzes und der tiefſten Kränkung, das ihr bleiches Geſicht be⸗ herrſchte. Als er zu Brigitten ſagte:—„Nun geht, daß ich noch ein Wort mit Eurem Manne rede;— zu Weih⸗ nacht lade ich mich bei Euch zur Taufe ein—“ als Bri⸗ gitta die ſchmeichelnde Rede mit geringſchätzender Kälte unbeantwortet ließ, ſondern die Augen niederſchlug— da griff Margarethe an ihre Bruſt, als fühle ſie einen Dolch⸗ ſtich; ſie ſah noch einmal den Gemahl ſtreng und ſtolz an, warf den ſchwarzen Schleier über das weiße Geſicht und entfernte ſich ſchnell mit Hanna. Henricus zog Brigitta ſanft zu ſich, als ihr der Herzog einen Wink zur Entfernung gab und dann ausrief:— „Sendet nach dem Rathe, daß er ſogleich komme; holt den Roden herauf, gebt ihm ſeinen Degen wieder!“— Als ſich Ottö mit Ranzau und Weferlingen allein be⸗ fand, ſprach der erſtere Ritter, um die gute Laune zu er⸗ halten:—„Fürwahr, Herr, der Rathsmann hat ein ſchönes — 46— Weib, das iſt mächtiger, wie das ſchärfſte Schwert und der feſteſte Strick!“— „Ja— es giebt hübſche Weiber in Göttingen“— antwortete der Herzog zerſtreut und erhitzt.—„Nun laßt uns nachſinnen, welches Spiel mit den Rathsleuten Ge⸗ winn bringt.“— Er ſtürzte einen Humpen Wein hinunter und nöthigte ſeine Freunde an den Trinktiſch. Margarethe war in innerſter Empörung in ihre Ge⸗ mächer geſchritten— nicht ſo geneigten Hauptes, wie ſie zum Herzoge gekommen war, ſondern ſtolz, voll Hoheit und Selbſtgefühl.„Ich will allein ſein“— ſprach ſie zu Hanna mit ungewöhnlicher, herriſcher Betonung, indem ſie den Schleier vom zwar bleichen, aber erhitzten Geſichte zu⸗ rückwarf, und ging dann aufgeregt, mit heftig wogender Bruſt in ihrem Zimmer umher. Plötzlich blieb ſie in der Mitte deſſelben ſtehen und ſah ſtarr in die Höhe;— aber es war kein Gebet, das ihre Seele empfand— ſie drückte beide Hände auf das Herz.—„Ha“— flüſterte ſie—„ich fühle mich leichter— ich bin nicht ungeliebt— ich darf den Todten lieben! Eckhard! eine neue Sympathie ver⸗ knüpft uns— ein gemeinſames Gefühl! Du haſt den Herzog verachtet— ſieh' in mein Herz— Gott verzeihe mir— von jetzt an theile ich mit Dir auch die Ver⸗ achtung!“— Stolz ſchritt ſie weiter; das Haupt ruhete muthig im Nacken, das Auge funkelte und hatte den weichen Glanz des Himmels verloren, ſie erſchien weniger ſchön, als frei; — allmälig trat das Gefühl der Kränkung in ihre Miene zurück, das Leiden kehrte mit der Milde wieder;— lang⸗ — 42— ſam ging ſie durch eine Seitenthür in das Gemach, wo das Kind lag und ſchlief. Im Anblicke des Sohnes ſchwand der letzte Zug der Feſtigkeit und Strenge aus ihrem An⸗ geſichte; ſie blickte lange das Kind an— der Mund wurde wehmüthig, die Augen konnten die Thränen nicht mehr halten, mit dem halblauten Seufzer:—„O heilige Maria!“— ließ ſie ſich am Lager des Sohnes auf die Kniee nieder; — die Gattin fühlte, daß ſie zu ſchwach zur Verachtung, zu ſtark in der Liebe ſei.—— Als Werner Roden, den Degen an der Seite, feſt, un⸗ erſchrocken und mit klarem Angeſicht in das Gemach des Herzogs trat, rief dieſer lachend:—„Nun, Werner, ſeid Ihr mit der Probe meines Zornes zufrieden? Hättet Ihr nicht ein ſo prächtig' Weib, das ich nicht betrüben mag, ſo würdet Ihr vielleicht erſt morgen losgekommen ſein.“— „Mein Weib?“— fragte der Rathsherr haſtig und ſeine Miene erhielt Feuer. „Nun, ſie iſt wieder heimgegangen; die Rathsleute haben ihr das Herz aufgefriſcht, ich will ihr den Schreck vergelten, wenn es Chriſtzeit iſt. Nun höret; ich habe mir Eure gelehrte Rede überlegt und zu Nutze gemacht; ich höre, daß man mich den Quaden nennt; aber ich will das Maul Lügen ſtrafen, die Göttinger ſollen einen guten Beinamen für mich erſinnen.— Ich will einen Handel mit dem Rathe der Stadt machen, einen ehrlichen Kaufbrief;— erwartet draußen im erſten Gemache den Bürgermeiſter und Eure Rathsgenoſſen, und wenn Ihr überlegt habt, was ich Euch für fünfhundert Mark Silber an Realien kauf⸗ und pfand⸗ weiſe leiſten ſoll, ſo meldet Euch.“— — 48— „Ich hätte meine Rede nicht zu theuer mit Eurem Zorne und meiner Gefangennahme bezahlt, wenn ſie Euch, Herr, dieſe Gedanken eingegeben hat;— ich gehorche Euch;— ſeid überzeugt, daß die ehrliche Freundſchaft zwiſchen den Fürſten und Bürgern die ſicherſte Bürgſchaft des Friedens und Wohlſtandes iſt.“— Als Roden hinausgegangen war, ſagte Breido von Ranzau:—„So iſt's recht, ſo müßt Ihr mit den Bür⸗ gern reden;— Gnade iſt bei ihnen wirkſamer als Gewalt; — das Bürgervolk ſinnt nur auf Gewinn und die Gnade blendet es: wenn ich Fürſt wäre, ich wollte Alles von den Städtern erreichen, mit einer Hand geben und mit der anderen zwiefach nehmen— immer mit Gunſt und Gnade. Unter dem Namen des ehrlichen Kauf⸗ und Tauſchhandels wollte ich mehr gewinnen, als mit offnem Raube.“— Als Bürgermeiſter und Rathsmänner den Werner Roden im Vorgemache antrafen, umarmten ſie ihn und hörten ſeine Mittheilung an.„Wir haben große Mühe gehabt“,— ſagte der Bürgermeiſter,„den Tile Freitag und Berthold Helmold von offenem Angriff zurückgehalten; nun laßt uns überlegen, was der Stadt nützlich iſt.“— Sie waren bald einig und ließen ſich beim Herzoge melden. Dieſer ſaß noch mit ſeinen beiden Rittern am Trinktiſche und rief den Eintretenden mit einer ſo heiteren Laune, als ob nichts Unangenehmes vorgefallen wäre, ent⸗ gegen:—„Laſſet uns einen Handel machen, ich will ver⸗ kaufen, laßt hören, was Dhr gebrauchen könnt und geben wollt!“— Der Bürgermeiſter nahm das Wort:—„Herr! Wie — 49— wir uns ſchon unterfangen haben, Euch, neben unſerer Treue und Bereitwilligkeit, zu verſichern, daß wir für alle unſere Handlungen als Rathsleute den Bürgern Verantwortung ſchulden und geſchworen haben, der Stadt Vermögen ehr⸗ lich und nützlich zu verwalten, ſo dürfen wir auch ohne Gewähr und Transactus keinen Schilling aus der Stadt⸗ kämmerei verwerthen. Wir würden Euch gern ein Unter⸗ thanengeſchenk darbringen, wenn wir nicht die Rüſtung zu Eurer Fehde gegen den Landgrafen als ein ſchweres Opfer betrachten müßten, das unſere Liebe——“ „Weiter! Weiter!“— fiel Otto ein—„zur wahren Sache, ich habe Eile!“ Fünfhundert Mark muß ich borgen oder auf Pfand⸗ und Kaufbrief gewinnen!“— „So vernehmet unſere beſcheidenen Vorſchläge, Herr!“— fuhr der Bürgermeiſter fort;—„gebet uns einen Ge⸗ währbrief über den ruhigen Beſitz des Waldes zwiſchen den Dörfern Roringen, Herberhuſen, Mackenrode, Wacken und dem Heſſen⸗Dreiſch; gebet uns die Kuhweide auf der Becke und Leimkuhle frei, geſtattet den Bürgern, in den Feld⸗ und Holzmarken Roſtorf, Grone, Ellershauſen und Hol⸗ tenſen die Jagdgerechtigkeit auf Haſen, Füchſe und Feder⸗ wildpret und in der Leine von Wannebeck über Nieder⸗ Jeſa bis an die Bovenden'ſche Höhe, der Bruch genannt, zu fiſchen und zu krebſen.“ „Fürwahr, Ihr ſeid gute Kaufleute!“— rief Otto, mit ſpöttiſchem Seitenblicke auf Ranzau—„aber es ſei gewährt, unter der Bedingung, daß Ihr mir alle Jahre zwei Hirſche, zwei Wildſchweine und zwei Rehe in die Küche liefert!“— Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 4 — 50— „Das wollen wir geloben, um Euch unſere Zehntpflicht kundzugeben. Aber nun bitten wir noch, daß Ihr der Stadt zum Schutze und zur Abwehr gegen äußere Feinde geſtattet, Landwehren und Warten zu Roringen, am Hain⸗ holze und bei Diemarden zu bauen und Wachen dort zu halten.“— „Ha!“— rief Otto—„Warten und Landwehren? Ihr möchtet Euch wol gegen mich und meine Amtleute waffnen?— Nein, Ihr fordert zu viel, das iſt ein Privi⸗ legium, das ich nicht um hundert Mark für ſich allein weggeben möchte!“— „Liegt nicht Eure Burg in unſerer Stadt? Und dienen unſere Landwehren nicht auch Eurer Reſidenz zur Sicher⸗ heit?“— „Meinetwegen— ſechshundert Mark im Ganzen, es ſei— ſetzet den Transact auf einen Brief, bringet das Geld und ich will unter meinem großen Inſiegel unter⸗ ſchreiben!“— rief Otto, vom Seſſel aufſpringend und die Rathsmänner mit beherrſchendem Blicke anſehend.— „Macht's kurz, ich habe Eile!“— Ein Wink mit der Hand hieß die Männer fortgehen, ehe ſie Zeit fanden, wegen der um hundert Mark aufgeſchlagenen Summe ein Wort zu entgegnen. Otto ſah ſie mit Ungeduld gehen, dann kehrte er ſich gegen die lächelnden Ritter und ſprach: —„Was denkt Ihr nun von dieſen Juden? Ich will es ihnen ein anderes Mal gedenken.“— „Schreibt doch ſo viele Privilegien, wie ſie Euch für baares Geld nur immer abkaufen mögen“— ſagte Ranzau; —„Pergament iſt geduldig; fühlt Ihr Euch ſtark, ſo — 51— nehmt ihnen, was Ihr für nützlich haltet, und berufen ſie ſich auf die Briefe, ſo brennt ihnen das Rathsarchiv nieder, dann iſt das Pergament abgethan.“— Ritter Johann von Weferlingen ſetzte hinzu:—„Ein Fürſt braucht ſeinen Unterſaſſen nie ſein Wort zu halten, das thut man im Braunſchweigiſchen auch nicht; wir haben mit der Stadt dort auch viele Friedens⸗ und Schutzbriefe gewechſelt, aber demungeachtet paſſen wir ihren Waaren⸗ zügen und Meßleuten auf und nehmen ihnen, was wir er⸗ wiſchen können.“ Otto befahl, daß der Schulze kommen ſolle. Als dieſer erſchien, ſprach er zu ihm:—„Hans, ich ziehe auf unbe⸗ ſtimmte Zeit nach Wolfenbüttel; ich vertraue Dir die Hut meines Bollrutz an; ich will meiner Gemahlin geſtatten, hier ihre Reſidenz zu behalten, aber es ſoll die Burg ſtärker bemannt und heimlich in guten Vertheidigungszuſtand geſetzt werden. Ich traue den Göttingern nicht; Du haſt ein zu mildes Regiment geführt; wenn die Diener nachſichtig ſind, hält man den Herrn für ſchwach. Wache über die Stadt, halte die Bürger im Zaum, beherrſche ſie durch Furcht, aber reize ſie nicht zu irgend einer That, bis ich wieder⸗ kehre. Ich habe ihnen Privilegien gegeben, achte darauf, wie ſie Gebrauch davon machen; treibe den Zehnten ge⸗ hörig ein und ſpionire, wie ſie ihre neuen Landwehren bauen.“— Hans Druchtleif verſprach, Alles genau zu erfüllen. — 52— Zweites Kapitel. Es war im Anfange der Frühlingszeit, nahe vor Oſtern 1374.— In der Stadt Braunfchideig herrſchte eine merkbare Aufregung unter den Bürgern; die Zunftmeiſter waren in den Gildehäuſern verſammelt, die Brauhäuſer und Gaſt⸗ ſtuben in den verſchiedenen Stadtbezirken der Altewyk, des Hagens, der Neuſtadt, der Altſtadt, des Sackes und der anderen Bürgermeiſtereien Braunſchweigs waren von Leuten angefüllt, welche lebhaft miteinander redeten.— In einem Brauhauſe der Gildenſtraße ging es noch am Ruhigſten zu, da die hier beim Biere ſitzenden Bürger ſich erſt unterrichten zu laſſen ſchienen, was eigentlich in den Gilden vorgehe, und auch Fremde zugegen waren, welche den bürgerlichen Intereſſen der Stadt weniger nahe ſtanden. An einem großen Eichentiſche, mit Bierkrügen beſtellt, in einem niedrigen, großen Gemache mit weißen Kalkwänden, zu dem ziemlich ausgetretene Steinſtufen von dem düſteren Hintergange der Diele führten, im Dämmerlichte des Tages, das durch die hofwärts gelegenen, hoch in der dicken Mauer befindlichen und mit hölzernen gedrehten Spindeln ver⸗ wahrten Fenſter nur gedämpft in dieſes Gemach eindrang, ſaßen junge und alte Bürger zur Vormittagszeit beiſam⸗ men;— an anderen, kleineren Tiſchen, in Ecken und Wand⸗ niſchen, hatten ſich andere Gruppen vereinigt. Miſchen wir uns zwiſchen die größere Geſellſchaft am großen Eichentiſche. — 33— „Sprecht nicht ſo laut—“ flüſterte ein alter, bedenk⸗ licher Graukopf ſeinem jüngeren, lebhaften Nachbar zu, der eben im Erzählen eine Pauſe gemacht hatte, um den Krug an die durſtigen Lippen zu heben—„wir kennen die Leute nicht, die dort ſitzen und horchen; namentlich gefallen mir die Kerle dort unter dem Fenſter nicht, ſie rekeln ſich auf der Bank, bieten Keinem Gruß und Dank, ſehen ſo höhniſch drein, als wüßten ſie Alles beſſer, und doch ſehen ſie ſo dumm aus wie Pfeffernüſſe.“— „Meinet Ihr jene plumpen, anmaßenden Geſellen dort, den da mit der vornehmen Naſe und dem dicken Maule, und den, der die Beine ausſtreckt, als ob er hier allein in der Trinkſtube wäre? Ich will ſie anreden, wir Braun⸗ ſchweiger lieben keine ſtummen, horchenden Kerle, die nicht mit einreden und kund geben, was ſie denken und ſind.“— „Vielleicht ſind's verkleidete Burſchen aus des Göttingers böſer Sippſchaft und wol nur ausgeſchickt, um zu horchen, ob jetzt nichts in der Stadt zu fiſchen iſt oder ein Waaren⸗ zug abgeht; Ihr habt wol ſchon zu viel von der Vor⸗ mundſchaft geſagt.“— „Ei, ich fürchte mich nicht; bin bei Lüneburg und Le⸗ veſte mit geſunden Gliedern und heiler Haut davonge⸗ kommen, werde mich auch vor dieſen hochnaſigen Burſchen nicht ſcheuen— es iſt in Braunſchweig ſchon ungewöhn⸗ lich, daß Kerle in's Wirthshaus kommen, ſich abſondern, nicht ſich in's allgemeine Geſpräch miſchen und im Winkel zuhören. Geſichter haben ſie, daß man ſie ohrfeigen möchte; — will doch einmal fragen, zu welcher Nation ſie ge⸗ hören.“— Während die laute Unterhaltung am großen — 54— Eichentiſche ihren Fortgang genommen hatte, ſetzte der jüngere Bürger ſeinen Krug auf den Tiſch, ſtand auf, näherte ſich den bezeichneten Fremden, ſah ſie mit herausfordernder Heiterkeit an und ſprach, als jene keine Notiz von ihm nehmen wollten:—„Ihr ſeid fremd?“— Es erfolgte keine Antwort.—„Es iſt Euch wol die Zunge ausge⸗ ſchnitten?“— ſpöttelte der Braunſchweiger;—„oder Ihr ſeid ſo weit her, daß Ihr unſere Sprache nicht verſteht?“— Der Eine derſelben legte ſich rekelnd an die Wand über, machte eine vornehme, verächtliche Miene, als röche er etwas Uebelriechendes, und ſagte zu den Anderen:—„Was dieſes Volk anklebern und zudringlich iſt— ſollen wir ihm das Maul ſtopfen und ſagen, daß wir aus Hannover ſind?“ „Oho!“ rief der Braunſchweiger, der Lohgerber Knoke— „da kommt Ihr mir gerade recht;— ich war unter den Armbruſtſchützen, die ſich von Celle in die Burg Lauenrode bei Hannover warfen; Ihr habt ja dem Herzoge Magnus den Treuſchwur gebrochen, mit ſeinem Feinde Partei ge⸗ macht und die Burg von dem Lüneburger geſchenkt ge⸗ nommen!“ Die Hannoveraner, deren ihrer vier waren, ſahen ſich an, ob ſie es wagen könnten, gegen die Mehrzahl aufzu⸗ treten; ſie begnügten ſich aber damit, eine geringſchätzende Miene zu machen und ſtolz zueinander zu ſagen:— „Kommt, hier iſt unſere Geſellſchaft nicht.“— Das brachte den ſtreitluſtigen Lohgerber ſchnell auf;— es kam zum Wortwechſel, es traten Andere herbei und ehe es zu vielen Redensarten kam, hatten die Braunſchweiger jene mit muskulöſen Armen gepackt und aus der Thüre ge⸗ — 55= worfen.—„Wenn ſie nur keine Spione ſind“— meinte der ältere, bedenkliche Bürger—„die Hannoveraner halten mit den Lüneburgern und Ihr habt vorhin übele Reden vom Herzog Albrecht geführt.“ „Ei was!“ rief Knoke—„jeder gute Braunſchweiger iſt ein geborener Feind der Kerle an der Leine— mögen ſie von Göttingen oder Hannover kommen. Wir gehören zur Hanſa, und wie können jene Kleinſtädter und Brink⸗ ſitzer ſich mit uns vergleichen? Der Magnus war ein Heißſporn und Tollkopf, aber er hatte doch Reſpect vor der Stadt, und es ging uns unter ſeiner ewigen Fehde beſſer, als unter der Vormundſchaft des Quaden und der künftigen Lüneburgiſchen Herrſchaft.“— „Das ſei Gott geklagt!“— rief ein Mann, der mit an der großen Tafel ſaß, wo ſich auch Knoke und die, welche ihm beim Hinauswerfen der arroganten Fremden behülflich geweſen waren, wieder niedergelaſſen hatten;— „ich und meine Nachbaren hier ſind aus der Umgegend der Burg Wolfenbüttel; es iſt eine Heidenwirthſchaft dort auf dem Schloſſe, der Quade waltet da, als ob er das Erbe, das er hüten ſoll, ſelber erobert hätte, alle Tage hält er mit den Rittern aus der Gegend und dem Göttingiſchen und Heſſiſchen, die alle den Stern zum Zeichen ihres Räuberbundes tragen, Gelag und Jagd und Wegelagerung— den Prinzen Friedrich, der doch das Land haben ſoll, be⸗ handelt er wie einen gemeinen Knecht, ſchlägt und ver⸗ ſpottet ihn wegen ſeiner Geſtält, jeder unterſte Knappe darf ihn wie Seinesgleichen tractiren; ſeit die Herzogin mit ihren jüngeren Söhnen Bernhard und Heinrich nach Bran⸗ denburg geflohen iſt, um die wilde Wirthſchaft nicht anzu⸗ ſehen und die Heirath abzuwarten, hat das wüſte Leben überhand genommen; der Göttinger wird das Erbe als gute Beute betrachten, das Vermögen des Prinzen Friedrich durchbringen, den jungen, ſchwächlichen Neffen zu Tode quälen und das Land behalten— Ihr ſollt es erleben!“— „Fürchtet das nicht—“ ſagte Knoke——„das leiden die Lüneburger Herzöge nicht und wenn es der Quade zu ſchlimm macht, ſo findet der Friedrich auch noch gute Freunde. In der Stadt Braunſchweig halten Viele auf ſeinem guten Rechte, um die Lüneburger vom Lande abzuwehren.“— „Iſt denn die Heirath der Herzogin Catharina ſo ge⸗ wiß?“— fragte ein Tiſchgenoß. „Lieber Himmel!“— ſeufzte der alte Bedenkliche— „noch kaum drei Vierteljahre, daß der Magnus bei Leveſte fiel und ſchon muß ſie einem anderen Manne ihr Herz zu⸗ wenden, der des Magnus' Todfeind war!“— „Das iſt Politik—“ verſetzte ein Bürger, den die Anderen vorhin Meiſter Specht genannt hatten und der ein Goldſchmied war.—„Die Herzogin iſt eine kluge Frau, und was hat eines Fürſten Weib Anderes zu erleben, als ein Opfer für Land- und Erbtheil zu ſein? In meinen Laden auf dem Kohlmarkte kommen viele vornehme Leute vom Rathe, von den Patriziern und den alten Geſchlech⸗ tern und da erfährt man oft, wenn die Herrſchaften war⸗ ten, daß ich ihnen ein Ringlein anpaſſe, oder ein Kettlein einrichte, und ſie die Zeit verplaudern, ausführlich und zu⸗ verläſſig, wie es draußen und in den Köpfen der Regie⸗ renden hergeht. Daß der Quade von Göttingen in das — 57 Wolfenbütteler Schloß wie ein Räuber eingefallen iſt und ſich, als nächſter Verwandter des Magnus, zum Vormunde aufgeworfen und die Landesregierung angeblich bis zu Friedrich's Volljährigkeit in acht Jahren angemaßt hat, konnte man nicht verhindern, aber das Land behält er doch nicht, wenn er es ſich auch einbildet. Da den Prinzen Friedrich, Bernhard und Heinrich das Land rechtlich zufällt, der Otto aber für den geiſtlichen Stand erzogen wird, ſo traten ſchnell kluge Männer zuſammen, um das Erbe und die Anſprüche der Herzöge von Sachſen, die noch mit Magnus im Kriege lagen, zu einer friedlichen Uebereinkunft zu führen. Dem Biſchofe Gerhard gelang die Verſöhnung; in ſeiner Gegen⸗ wart wurde, wie Ihr wol wiſſet, vorigen 29. September in Hildesheim der Friede abgeſchloſſen, wonach die Herzogin Wittwe Catharina den ſächſiſchen Herzog Albrecht zu Celle heirathen ſoll und ihre beiden Söhne Friedrich und Bernhard die beiden Töchter des Herzogs Wenceslaus, Anna und Margarethe, zum Gemahl bekommen werden. Die Lüne⸗ burgiſchen Lande mußten den Herzögen und den Söhnen des Magnus zugleich huldigen, Albrecht und Wenceslaus haben die Regierung Lüneburgs erhalten, aber nach ihrem Tode ſollen die Braunſchweigiſchen Prinzen Bernhard und Heinrich zur Regierung über das Lüneburgiſch⸗Celliſche Herzogthum gelangen und wenn dieſe ſterben, wieder der älteſte Sohn der ſächſiſchen Herzöge und ſo Eins um das Andere, Geſchlecht um Geſchlecht.“— „Welch' ein Miſchmaſch!“— rief der Brauer und Herr der Gaſtſtube, der während der Mittheilung des Goldſchmieds hereingetreten und ein aufmerkſamer Zuhörer geweſen war.—„Das artet ſich nicht einmal in einem Bürgerhauſe;— da bin ich in Voraus ſicher, daß wir nicht lange Frieden behalten!— Aber was denkt der Quade dabei?“— „Ei, den geht das nichts an— der hat Braunſchweig⸗ Wolfenbüttel für den Friedrich allein zu bewirthſchaften und ſich an deſſen Erbe zu bereichern.“ „Verdammt!“— rief der Lohgerber Knoke;—„wenn der Quade das wirklich im Sinne hätte— ich möchte des Friedrich's Rathgeber ſein! Lieber drei Magnuſſe, als einen Otto!“— „Er ſoll ein ſehr tugendſames, friedliebendes Gemahl an der Margarethe von Berg haben“ meinte Jemand. „Mag auch ſo ein Opferlamm von Prinzeſſin ſein, das der Politik hat gehorchen müſſen!— Na, wenn dieſe Mixtur, die da in Hildesheim zuſammengerührt iſt, nicht zu Galle wird, dann ſoll mein Bier ſauer werden!“— ſagte der Brauer. 8 „Und doch“— fiel der Goldſchmied ein—„hat der Lüneburger Rath ſeine Zuſtimmung zum Vertrage gegeben und die ſeit dem Ueberfalle des Magnus' noch gefangen ge⸗ haltenen Ritter und Junker gegen 20,000 Mark löthigen Silbers aus der Haft freigelaſſen! Herzog Albrecht hat die Lüneburger ganz auf ſeiner Seite; ſie zogen mit ihm vorigen Herbſt gegen das Hochſtift Bremen, um des Herzogs Magnus Bruder, dem Erzbiſchof Albrecht, Eins zu verſetzen, aber der hat ſich nicht übel gerächt, machte einen unvor⸗ hergeſehenen Ausfall, ſtürmte und verbrannte die Stadt Walsrode, nahm Drakenburg und erſt, nachdem ihm der 59— Lüneburger das halbe Bederkeſa abtrat, haben ſie ſich am letzten heiligen drei Königstage im Kloſter Lüne, bei dem Turnier, das der Herzog veranſtaltete, verglichen und auch der Herzog Erich von Lüneburg legte hier ſeine alte Zwiſtig⸗ keit mit dem ſächſiſchen Albrecht bei.“— „Wenn wir nur Frieden in unſerer eigenen Stadt hätten!“ ſagte der alte bedenkliche Graukopf neben dem Lohgerber Knoke.—„Die Gildemeiſter ſind ſehr böſe. Die Bürger⸗ meiſter aber, lauter Leute aus vornehmen Geſchlechtern, dünken ſich die Herren der Stadt und ſind trotzig.“— „Unſere Stadt iſt die anſehnlichſte in der ganzen Gegend auf funfzig und mehr Meilen ringsum, und weltberühmt“— ſagte der Tuchmacher Haſſelbrink;—„ſie iſt durch Gewerb⸗ fleiß und Handel unſerm Fürſten immer überlegen geweſen und im Grunde ganz unabbängig; im Bunde mit der mäch⸗ tigen Hanſa brauchen wir uns vor dem Neide der adligen Burgherren und den Fürſten nicht zu fürchten, aber darum ſollen wir den Feinden unſeres Wohllebens keine Schwäche zeigen und nicht unter uns ſelbſt hinter den eigenen Mauern uneins ſein.“— „Ihr habt gut reden, Gevatter“— ſagte der Goldſchmied; —„wenn nur die reichen und vornehmen Geſchlechter, die meiſt ſelbſt von Adel und in die Stadt gezogen ſind, da ſie auf den Burgen und Landſitzen nicht ſicher waren, ſich nicht die Herrſchaft über uns angemaßt hätten!— Je wohlhabender aber die Bürger mit der Zeit wurden, deſto mehr forderten ſie eine Stimme bei den öffentlichen An⸗ gelegenheiten der Stadt zu haben; die Zünfte verlangten durch ihre Gildemeiſter, daß Rechenſchaft von der Verwal⸗ — 60— tung abgelegt werden ſolle und nach jahrelangem Wider⸗ ſtande und unzähligen Zwiſten iſt es denn endlich vor Jahren dahin gekommen, daß die Zunftvorſteher, die zugleich der Bürgerſchaft Wortführer ſind, von dem Rathe zugezogen werden, wenn es etwas Wichtiges zu verhandeln giebt.“— „Ei, das werden ſie uns doch nicht wieder nehmen wollen?“— fragte Knoke;„der Rath einer Stadt iſt nicht Herr und Gebieter der Bürgerſchaft, über die er ſchalten und walten darf, wie ein Welfe über ſein Land, ſondern er iſt nur der Bürger Werkzeug, das deren Willen aus⸗ führen und die Bürgerſchaft vertreten ſoll.“— „Ganz recht, aber es handelt ſich jetzt bei uns um eine andere Frage“— ſagte der Goldſchmied;—„Ihr wißt leider ſo gut, wie ich, wie unſere Fehde mit dem Magde⸗ burger Hochſtifte ausgefallen iſt; wie am Elm viele Ritter, 1 Bürger und Reiſige unſerer Stadt gefangen genommen und in Magdeburg eingekerkert ſind. Ihr habt heute Vormittag eine große Aufregung in unſerer Stadt bemerkt; es iſt nämlich die Kunde verbreitet, daß wir zu unſerer alten hohen Steuerlaſt noch eine neue Auflage haben ſollen und, wie es heißt, um die Gefangenen auszulöſen, wofür der G Biſchof ein großes Löſegeld fordert. Das hat die Gilde⸗ meiſter in große Hitze verſetzt, denn zwiſchen Rath und Ge⸗ meine herrſcht ſehr lange eine üble Spannung wegen der übermäßigen Beſteuerung, und es iſt ſchon laut die Rede davon geweſen, daß ſie ſich nicht länger brandſchatzen laſſen und über die Verwendung der Steuern genaue Kenntniß und Abrechnung haben wollten.“— „Das iſt auch in der Ordnung“— rief Einer;— — 61— „wenn dieſe Bürgermeiſter aus adligem Geſchlechte glauben, daß ſie der Bürger Herren und Meiſter und nicht Diener ſind, ſo muß ihnen einmal die Lection gegeben werden, daß uns ihr Wappen keinen Heller werth iſt! Aber ſo machen es die meiſten Bürgermeiſter, wenn ſie auch aus dem Hauſe des Handwerkers oder Krämers ſtammen;— ſind ſie erſt zur Macht gelangt, dann dünken ſie ſich'was, hofiren nach Rittergunſt und Adelsfreundſchaft und möchten Burg⸗ herren ſein!“— „Wenn es nur friedlich abläuft!“— ſeufzte der Gold⸗ ſchmied;—„als ich hierher nach der Gildenſtraße kam, ſtanden auf dem Altſtadtmarkte vor dem Rathhauſe viele Leute und ich hörte, daß die Gildemeiſter ſich im Brüderkloſter verſammeln und nach der Berathung eine Deputation auf's Rathhaus ſchicken wollten.“— „Glaubet mir“— ſprach Knoke—„der Tile von Damm und der Hans von Himſtedde ſind den Bürgern über den Kopf gewachſen und werden den Gildemeiſtern und Haupt⸗ leuten trotzen, wie immer.“— „Nun— der Ambroſius von Sonnenberg und Tile Döring werden nicht beſſer ſein, als der Hermann und der Guſtav von Guſtedde, der Hans von Göttingen und Hen⸗ nig Lusken!“— „Aber ſie haben auch ihren Anhang“— meinte ein Anderer;—„die Bürger in der Altſtadt, der Neuſtadt, dem Hagen und Sack ſind freimüthig und gegen ihre Bürger⸗ meiſter feindlich, aber alle diejenigen, welche zur Altewyk gehören, halten es mit dem Rathe, weil dieſer hier am Mildeſten verfährt und viele gute Freunde dort hat.“— — 62— In dieſem Augenblicke wurde die Thür aufgeriſſen und eine Stimme rief haſtig und athemlos herein:—„Heda— ſind Gerber und Schuhmacher hier?“— „Ja wohl!“— antwortete Knoke—„Was giebt's? Es ſind der Gerber hier drei— vier!“— Der in die Thür Rufende war ein vom Laufen erhitzter Gildebote.—„Die Zuchtmeiſter laſſen alle Gerber und Schuhmacher zu einer Verſammlung in's Gildehaus, den Schuhhof auf der Gördelingerſtraße, zuſammenrufen, zur Berathung einer gemeinſchaftlichen Angelegenheit!“— ſagte der Bote;—„eilet, daß Ihr hinkommt, ich werde in anderen Häuſern die Zunftgenoſſen ſuchen!“— Er lief fort— die anweſenden Gerber und Schuhmacher griffen nach ihren Hüten. Das Oſterfeſt war ſtill und feierlich vorübergegangen; der zweite Montag nach Oſtern war gekommen; dem Drän⸗ gen der Gildemeiſter und Hauptleute der Gewerke ſowol, wie der Gährung der Gemüther in den Bürgerhäuſern glaubte der Rath doch einige Rechnung tragen zu müſſen und er hatte am heutigen Morgen die Gildemeiſter zu einer Beſprechung in den Kreuzgang des Brüderkloſters entbieten laſſen, um die Zünfte zu überzeugen, daß eine Steuererhöhung durchaus nothwendig ſei. Während im Kloſter die Bera⸗ thung ſtattfand, ſtanden zahlreiche Gruppen auf dem freien, mit Linden bepflanzten Platze des Brüderkloſters, vor den Eingängen auf der Brüder⸗ und Kannengießerſtraße, und erwarteten den Erfolg der Verſammlung, die eine nicht ſehr friedfertige zu werden drohte, da die Gildemeiſter und Hauptleute ſehr aufgeregt hineingegangen und die Bürger⸗ — 682— meiſter bei ihrem Erſcheinen mit böſen Mienen und Reden des verſammelten Volkes empfangen waren. In der That kam es im Kreuzgange des Brüderkloſters zu heftigen Auftritten zwiſchen dem Rathe und den Gilde⸗ meiſtern; letztere warfen den Bürgemeiſtern vor, die Ange⸗ legenheiten der Stadt ſchlecht zu verwalten und die Gelder der Abgaben und bürgerlichen Gefälle zu ihrem Privatnutzen zu verwenden, auch die Intereſſen der Bürger an die Ad⸗ ligen verrathen zu haben. Die Bürgermeiſter, eine ſolche Sprache der Einwohner nicht gewohnt, droheten, ſich auf ihre Stellung und ihr Anſehen ſtützend, die unruhigſten Köpfe verhaften zu laſſen, aber dadurch wurde der Tumult nur noch erhöht und die Stimmung des Haders in die Ge⸗ müther der draußen verſammelten und horchenden Volksmaſſe getragen. Ein Schmied vom Mainhardshofe, welcher ſich ſo weit Bahn in die inneren Kloſterräume verſchafft hatte, daß er Ohrenzeuge werden konnte, wie die Gildemeiſter in großer Erbitterung riefen:—„Was? Ihr wollt uns ge⸗ fangen nehmen laſſen?“— war ſofort, in der Hitze ſeiner lebhaften Phantaſie und von der Feindſchaft gegen den Rath und die Steuererhöhung getrieben, hinaus auf die Gaſſen geſtürzt und erhob ein lautes Geſchrei, daß der Rath die Gildemeiſter im Brüderkloſter gefangen halte und ſie heimlich hinrichten laſſen wolle. Alsbald entſtand ein wilder Auflauf. Die heißeſten Köpfe riefen:„Zu den Waffen!“ man machte Miene, das Kloſter zu ſtürmen. Als die Bürgermeiſter von der Aufregung draußen Kenntniß erhielten, und ſie die Ge⸗ fahr erkannten, ſendeten ſie Rathsknechte hinaus, um das Volk beruhigen zu laſſen, und da es eben Mittag geworden — 64— war, ſo hofften ſie, daß die Bürger nach Hauſe zu Tiſche gehen nnd ſich beruhigen würden, wenn ſie die Gildemeiſter unbedroht hinausgehen ſähen. Sie ſelbſt ſuchten ihre Woh⸗ nungen zu erreichen und erwarteten, daß der Nachmittag die Bürger wieder an Haus und Geſchäft feſſeln werde. Unterdeſſen waren in den verſchiedenen Gildehäuſern die Zünfte verſammelt und erwarteten die Rückkehr der Vorſteher aus dem Brüderkloſter. Vorzüglich waren es die Gerber und Schuhmacher, welche am Unruhigſten und Erhitzteſten in ihrem Zunfthauſe, dem Schuhhofe auf der Gördelingerſtraße, die Meldung ihrer Gildemeiſter ver⸗ nahmen und über das Benehmen des Rathes in Zorn ge⸗ riethen. Wie wenig aber die Bürgermeiſter an einen weiteren Auflauf in der Stadt glaubten, gaben ſie dadurch zu erkennen, daß ſie ſich gemächlich der gewohnten Tages⸗ ordnung ihres Wohllebens hingaben. Als Tile von Damm, deſſen Haus, die ſieben Thürme genannt, in der Nähe des Schuhhofes an der Mündung der Gördelingerſtraße, auf dem Altſtadtsmarkte ſtand, die Kunde erhielt, daß die Gerber und Schuhmacher in der Nachbarſchaft großen Lärm machten und viele Gruppen bewaffnet durch die Straßen zögen, ſandte er den Frohnboten an den Collegen Tile Döring, wo ſich eben der Stadthauptmann befand und anfragte, ob er die Glocke anziehen laſſen und die bewaffneten Bürger gegen den aufrühreriſchen Pöbel aufbieten ſolle; es kam aber gleichzeitig ein anderer Bote vom Rathhauſe, der be⸗ richtete, daß die Volksmaſſe auf dem Markte immer größer werde und man ſich im Rathszimmer verſammeln möge, um Maßfregeln zu ergreifen. 65 Es war in dieſer Unruhe die Nachmittagsdämmerung eingetreten; der Abend brach früh heran, da der Himmel bewölkt war. In der Nähe der Jakobikirche befand ſich eine Gaſtſtube, welche ſeit Alters her der gewohnte Sam⸗ melplatz der Bürger und Gildemeiſter war; heute, beſonders gegen Abend, ging es hier aber laut her und man ſah die Zunftleute und ihre Vorſteher miteinander mehr reden, als trinken, es miſchten ſich drohende Worte zwiſchen die aus⸗ geſprochenen Beſorgniſſe, ſtatt der Trinkbecher klirrten Waffen und ſtatt friedſamer Lieder, welche man hier ſonſt zu hören pflegte, erdröhnten Flüche, heftige Schläge auf den Tiſch und Verwünſchungen der Bürgermeiſter. Eben war ein kräftiger, bewaffneter Mann hereinge⸗ kommen und ſchnell drängten ſich die anweſenden Gilde⸗ meiſter und Bürger um ihn.—„Wie ſteht's mit den Gerbern und Schuhmachern?— Sind ſie noch im Schuh⸗ hofe verſammelt? Habt Ihr auf dem Rathhauſe was aus⸗ gerichtet?“— ſo wurde er von vielen Stimmen mit Fragen beſtürmt. Der Eingetretene war einer der Hauptleute aus der Gerbergilde; Herr Claus von Vöde;— er reckte die rie⸗ ſigen Glieder aus und ſprach:—„Der Haß iſt mit jeder Minute gewachſen; der Tile von Damm ſoll's büßen, er iſt der Verhaßteſte, trotz ſeiner weißen Haare, und der Nächſte am Gildehauſe; helft uns, ſammelt ſchnell Eure Zünfte, es muß auf allen Märkten zugleich losgehen; Ecker⸗ mann aus dem Hagen führt die Gerber und Schuſter gegen die ſieben Thürme, ziehet Ihr vor das Haus des Tile Dö⸗ ring— wir wollen es den hochnaſigen Fettwämmſern zeigen, Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 5 — 36— daß wir Braunſchweiger uns keinen Poſſen reißen laſſen; eine Eule müßte ich ſein, wenn ich nicht den Sinn der Ant⸗ wort verſtehen könnte!“— „Was haben die Bürgermeiſter denn den Hauptleuten, die vor drei Stunden auf das Rathhaus gingen, geant⸗ wortet?“— fragte der ängſtliche, ſpitzköpfige Meiſter Köp⸗ V pelte, ein Schneider.—„Glaubet Ihr, daß die Beſteuerung und Schatzung nicht über unſer Vermögen kommen wird?“ „Bei dem heiligen Jacobus!“— verſetzte Claus— „ich will mit meinen Zähnen dieſen Klotztiſch zernagen, wenn ich's nicht verſtanden habe. Als wir vor der Däm⸗ merung auf das Rathhaus zogen, um die Bürgermeiſter um ein letztes Wort der Beruhigung zu fragen und noch einmal eine verſtändige Vorſtellung wegen der Schatzung zu machen, da lächelte der Döring ſpöttiſch und der dicke, alte und vornehme Tile von Damm ſagte:—„Gebt Euch zur Ruhe, Meiſter und Hauptleute, es ſoll Euch auf ge- bührende Art und zu geeigneter Zeit auf Eure Anmeldung Beſcheid werden“— damit wieſen ſie uns hinaus; verſteht Ihr nicht, was die liſtige und höhniſche Antwort heißt? Wir Gerber haben ſie begriffen und wollen nicht auf die rechte Zeit warten, wo ſie uns die Fauſt auf's Haupt ſchlagen.“— „Ja, die Gerber haben Recht“— ſtimmten mehre Gewerksmeiſter bei—„laſſet uns Vorſicht gebrauchen und auf guter Hut ſein.“— „Eilet, daß Ihr Eure Zünfte ſammelt!“— fuhr Claus fort;— ich muß ſogleich nach dem Schuhhofe zurück; als wir vorhin am Rathhauſe vorbeikamen, ſahen wir, daß der — 67— Hans von Himſtedde unter die ſteinerne Laube der Gallerie heraustrat, und dem Anführer der Rathsknappen Befehle gab;— der Rath ſinnt auf Gewalt.“— „Habt Ihr denn den Jürgen Hilſe nicht geſehen?“— fragte der Krempelſetzer, Meiſter Wantzelius;—„der Burſche hält's insgemein mit dem Rathe, wie Alle aus der Altewyk, und arbeitet faſt nur für die Patrizier.— Abends ſchleicht er, wie eine Maikatze, in die ſieben Thürme und bringt wol gar heimliche Kundſchaft von unſerem Vorhaben zu dem alten Tile. Warum geht er nicht mit uns, wie früher?“ „Schmähet den Jürgen nicht!“— fiel Claus von Vöde ein;—„er iſt ein braver, junger Meiſter und ver⸗ ſteht die Sämiſch⸗Gerberei aus dem Grunde; ſein Hirſch⸗ leder iſt das beſte im ganzen Reiche und wird in aller Welt nach gefragt, weil es die ſchönſten Koller und Stulphand⸗ ſchuhe giebt. Er meint es ehrlich, aber er hat einen Flecken an ſich, den die Oker in hundert Jahren nicht abwäſcht; es iſt ſchade um ihn, daß ihn der alte gichtbrüchige Tile von Damm aus der Taufe gehoben hat. Das macht ihn bei den Bürgern, die des Rathes Feinde ſind, mißliebig.“— Dieſe Worte, welche der Hauptmann aus der Gerber⸗ gilde mit der Unruhe der Eile geſprochen hatte, da er ſchon die Thürklinke in der Hand hielt, fand eine ſchnelle Unter⸗ brechung, da die Thür aufgeriſſen wurde, ein athemloſer Bürger hereinſtürzte und bei Vöde's Anblicke rief:—„Eilet, daß Ihr auf den Markt kommt, Eckermann iſt losgezogen, die Eunrigen ziehen mit Feuerbränden auf, die Hagener haben ſich bewaffnet und ziehen durch den Sack, wo ſie den 5* Bürgermeiſter, der ihnen auf dem Papenſtiege entgegentrat, todt niedergeſchlagen haben!“— Dieſe Nachricht brachte in die zahlreiche Geſellſchaft der Gaſtſtube eine große Aufregung,— Claus von Vöde rief:— „Hinaus! Jeder auf ſeinen Platz!“— und wollte eben fort⸗ eilen, als der Wirth vom Hofe aus eine Fenſterſcheibe einſchlug und in die geräumige Gaſtſtube ſchrie:—„Bei dem heiligen Franziskus! rettet Euch, die Bürgermeiſter überfallen uns, mein Haus iſt von Frohnknechten beſetzt, ach! Gott ſei mir gnädig!“ Im Nu waren die Bürger auf den Beinen und hatten die Klingen zur Hand; die Feigen und Aengſtlichen drängten in den Hintergrund, um hier einen Ausweg zu ſuchen; be⸗ waffnete Rathsknechte drangen ein und riefen:„ergebt Euch als Gefangene, oder Ihr werdet nieder gemacht!“— Claus von Vöde ſtellte ſich ihnen entgegen und hieb mit kräftigem Arme zwiſchen die Eindringenden; er warf dem Anführer, der ihn feſthalten wollte, einen bleiernen Krug in's Geſicht, daß Beide abgeplattet niederſanken; als ihm das Schwert zerſprang, ſchleuderte er Stühle, Schemel, Krüge auf die Angreifer und packte den ohnmächtigen Anführer beim Schopfe, um ihn als Schild gegen die Klingen der Gegner zu benutzen. Der Uebergewalt der Rathsknechte konnten aber doch die beſtürzken und überfallenen Bürger nicht wider⸗ ſtehen; nur mit Lebensgefahr gelang es dem kräftigen Claus mit einigen ſeiner Freunde einen Weg durch die Fenſter zu bahnen und in der Dunkelheit des unterdeſſen vorge⸗ rückten Abends zu entkommen, während die Uebrigen theils gefangen genommen, theils ſchwer verwundet wurden. 69— Auf derſelben Stelle am Altmarkte, unweit der Görde⸗ linger Straße, wo noch heute ein Haus im Giebel das Bild der ſieben Thürme trägt, wohnte zur Zeit dieſer Be⸗ gebenheiten Tile von Damm, ein zwar alter, gichtiſcher, aber wegen ſeines despotiſchen Benehmens und feigen Hoch⸗ muthes von den Gilden verhaßter Mann, der ſich vor dem Haſſe der Bürger ſchon lange nicht ſicher fühlte und des⸗ halb ſein Haus mit einer feſten Mauer umbaut und auf dem Dache ſieben Thürmchen errichtet hatte, um ſich nöthigen⸗ falls wie ein adliger Burgherr vertheidigen zu können. Man wußte auch in der Stadt, daß er in ſeinem Hauſe ein geheimes Kämmerchen beſaß, deſſen Zugang nur ihm bekannt und wo er, ſeiner Meinung nach, vor perſönlicher Gefahr in etwaiger Noth ſicher war. An dieſem Abende, als Tile von Damm vom Rath⸗ hauſe gekommen war, wo man beſchloſſen hatte, die un⸗ ruhigen Bürger in den Gaſtſtuben und Gildehäuſern zu überfallen und in Verwahrſam zu bringen, ſaß derſelbe in ſeinem befeſtigten Hauſe am Fenſter und horchte mit wach⸗ ſender Unruhe und Sorge nach dem Geräuſche auf dem Markte und dem Geſchrei, das ſich von der Görder⸗ lingerſtraße her immer lauter und drohender erhob. Ein hübſches Mädchen war bei ihm, ſein Mündel Klärchen, dem er ſchon einige Male befohlen hatte, auf ihre Schlafkammer zu gehen, die aber immer noch gezögert hatte und aus Furcht vor dem Lärm draußen und der Unruhe des alten Oheims nicht fortzugehen wagte, ſo gern ſie zu anderer Zeit um dieſe Stunde entſchlüpft und mit heimlicher Herzens⸗ luſt an das Hofpförtchen geeilt wäre, wo ein treuer, geliebter — 70— Freund ihrer zu warten pflegte. Der alte Tile war ſo ſehr mit ſeinen Gedanken beſchäftigt und hatte ſeine Auf⸗ merkſamkeit ſo ausſchließlich auf das gegenüber, neben der Kirche liegende Rathhaus und den Tumult auf dem Markte gerichtet, daß er Klärchen auf ihrer Kammer wähnte, ſie ſchnell vergaß und ausrief:—„Ei! Ei!— der Stadt⸗ hauptmann wollte mir ein Zeichen geben, wenn er die Ger⸗ ber überfallen und in Sicherheit gebracht hätte— aber ich ſehe ja immer noch nicht das Windlicht auf der Gallerie!“— Klärchen fuhr zuſammen, griff in der Beſtürzung den Oheim an die Schulter und rief:—„die Gerber? O mein Gott, was geſchieht in der Stadt? Was haben die Gerber gethan?“— „Biſt Du noch hier?“— ſchalt Tile und ſein hitziger Sinn funkelte aus den grauen Augen;—„geh' auf die Kammer, wie ich Dir befohlen habe!“— „Lieber Oheim“— ſprach das Mädchen ſchüchtern— „Ihr wollt Bürger gefangen nehmen laſſen? Ach! was be⸗ deutet der Auflauf vor dem Hauſe? Wenn Ihr nur ſicher ſeid!“— „Schweig— gehorche!“— rief Tile zornig. In dem⸗ ſelben Augenblicke warf ein Licht von der Rathhausgallerie ſeinen flackernden Strahl herüber; Tile lächelte, ſeine Miene wurde ſiegreich, er faßte das bange Mädchen au's Kinn und ſprach freundlich:—„geh', liebes Klärchen, geh' ſchlafen!“ — Dieſe plötzliche Milde ängſtigte die ſcheu nach dem Fenſter Schauende nur noch mehr; ſie reichte aber dem Oheim die zitternde Hand und entfernte ſich. Sie ging, aber nicht auf ihre Kammer, ſondern ſchlüpfte — 71— an der unruhig nach dem Markte hinausſpähenden und das Hausthor bewachenden Dienerſchaft vorüber in den ſicheren Hof, wo ein Hinterpförtchen in der feſten Mauer in einen ſchmalen Gang des Nachbarhauſes führte. Hier klopfte ſie ſchüchtern und hielt das Ohr horchend an die verriegelte Pforte. Kaum war Klärchen vom Bürgermeiſter fortgegangen, als ein Frohnbote zu ihm in das Zimmer kam und in großer Aufregung meldete, daß der Ueberfall der Gerber und Schuhmacher im Zunfthauſe mißlungen, die Gilde völlig bewaffnet ſei und mit Feuerbränden in der Hand vom Schuhhofe auszöge; der Stadthauptmann ſei zu dem Bürger⸗ meiſter Döring gelaufen, um die Erlaubniß zu fordern, Sturm läuten zu laſſen und mit Hülfe der Bürger von der Altewyk, die dem Rathe ergeben ſeien, die aufrühreriſchen Gilden und die Hägener zur Ruhe zu bringen, aber Herr Döring ſei unſchlüſſig und habe den Kopf verloren; jetzt wolle der Stadthauptmann die ſieben Thürme beſetzen und das Haus vertheidigen, falls die Gerber es auf den Tile von Damm abgeſehen hätten. „Mein Haus iſt, Gott Lob feſt und gegen einen Handſtreich ſicher“— antwortete Tile;—„ich gebe dem Stadthaupt⸗ manne Befehl, Sturm läuten zu laſſen und die Straßen zum Markte abzuſperren.“— Der Frohnknecht eilte fort; der alte Bürgermeiſter ſetzte ſich in ſeinen Seſſel und erwartete im Gefühle größerer Sicherheit das Sturmgeläut. Klärchen hatte kaum an die heimliche Pforte geklopft, als eine Stimme draußen in großer Aufregung flüſterte: „Mache auf, bei allen Heiligen, Klärchen, ich bin's!“— —z2 Das Mädchen ſchob den Riegel auf, ein junger Mann drang in die Pforte, ſchloß ſie ſchnell wieder, umfing das zitternde Mädchen mit dem Arme und zog ſie unter das Bretterdach eines kleinen Holzſchuppens.„Es iſt Aufruhr in der Stadt“— ſprach er;—„ich bin nicht in der Gilde geweſen, erfuhr eben erſt, daß die Gerber gegen den Rath Gewalt gebrauchen wollen, der mehre Bürger in der Gaſt⸗ ſtube bei der Jakobikirche hat überfallen laſſen. Fürchte Dich nicht, liebes Mädchen, dies Haus iſt feſt und ſicher, die Knechte des Rathes bewachen es. O, Klärchen, ſieh' mich an, habe keine Angſt, zittere nicht, ich bin ja bei Dir, Dein Jürgen!“— „Ach!“— ſeufzte Klärchen—„wenn man Dich hier träfe;— es iſt ſo unruhig hier— höre die vielen Stimmen und Schritte;— der alte Tile hat Dich aus dem Hauſe gebannt, weil Du zur Gerberzunft gehörſt, und er hat ſeit dem Oſterfeſte neuen Groll gegen Dein Handwerk gefaßt.“ Sie ſchmiegte ſich, zuſammenſchauernd, wie im Vorgefühle eines ſchlimmen Schickſals, an die jugendliche Geſtalt ihres Freundes Jürgen Hilſe. Dieſer faßte das Mädchen plötzlich mit zuckendem Arme feſter und hob den Kopf horchend auf. „Gott ſteh' uns bei!“— ſchluchzte Klärchen—„man kämpft auf dem Markte; welch' ein Geſchrei,— man ruft des Oheims Namen— ſieh', den rothen Feuerſchein an dem Dache— man ſchlägt mit Aexten oder Keulen an das Hausthor— höre!— O Gott, man fordert Einlaß!“— Jürgen ließ das Mädchen fahren und eilte in das Haus. —„Aufgemacht!“— riefen wilde Stimmen—„oder wir legen Feuer an!“— 3 „Das iſt die Stimme des Claus von Vöde!“— ſprach Jürgen; Klärchen ergriff des Jünglings Arm und zog ihn gegen die Treppe.—„Hülfe!“— rief ſie—„rettet den alten Mann!— Ach! man ſtürmt das Haus!“ Betäubt, ſelbſt nicht wiſſend, was er thun ſollte, folgte er der von Angſt gekräftigten Hand des Mädchens, das ihn durch die bewaffneten Knechte in das erſte Stock hinauf nach dem Gemache des Oheims fortriß, wo dieſer, von zwei Knechten beſchützt, kaum die eiligen Schritte draußen hörte, als er die Thür zu verriegeln befahl und durch ein Seiten⸗ gemach entfliehen wollte, um ſeine geheime Kammer zu er⸗ reichen. Aber ehe er den Befehl vollendet hatte, war die Thür aufgeſtoßen und die Knechte traten vor dem erregten Mädchen zurück, das, einen Jüngling nachziehend, auf den Bürgermeiſter zu ſtürzte und in höchſter Angſt rief:— „Oheim! man will uns morden, man zündet das Haus an— Jürgen wird uns beiſtehen und Euch retten!“— Als Tile ſich von der erſten Beſtürzung ermannt hatte, fuhr er den Bürger heftig an:—„Ihr ſeid ein Auf⸗ wiegler! Wie ſeid Ihr in mein Haus gekommen? Er⸗ greift ihn, er iſt ein Spion der Gerber, der ſich an mir rächen will, weil ich ihm mein Haus verwieſen habe!“— „Die Knechte faßten den Jüngling, aber Klärchen hing ſich an ihn und machte die Knechte ſtutzig.—„Bei allen Heiligen!“— rief ſie weinend—„er iſt durch mich heraufgeführt, zu unſerer Rettung!“ „Herr“— ſprach Jürgen—„ich bin dem Beginnen meiner Gilde fremd; laßt mich Euer Führer ſein, höret, wie man das Thor ſprengt und die Waffen gegen die Raths⸗ = 74— knappen gebraucht; fliehet— ich will Euch durch den Hof in das Nachbarhaus bringen!“ Tile war unſchlüſſig— er ſchleppte ſeinen gichtiſchen Körper nach dem Fenſter, durch das ein rother Feuerſchein drang— ein furchtbares Gewühl von Stimmen und Waffen⸗ getöſe erfüllte den Platz vor dem Hauſe, ein ſchwerer Stein flog in das Gemach und zertrümmerte den koſtbaren Pokal, der im Schranke ſtand. „Verrath!“— rief Tile mit aller Kraft, welche die Angſt ſeinem Alter leihen konnte—„dieſer Burſche, den ich einſt aus Mitleid über die Taufe gehalten habe, hat mein Mündel durch Liebe gewonnen, um in böſer Abſicht in mein Haus zu ſchleichen und mich den Aufrührern, unter liſtigem Vorwand der Hülfe, in die Hände zu liefern;— haltet ihn gefangen!“— Hiermit wollte er durch eine Seitenthür entweichen, um ſeine heimliche Kammer aufzuſuchen. Klär⸗ chen hielt ihn zurück, hing ſich an ſeinen Arm und flehte ver⸗ zweiflungsvoll:—„So wahr ich an Gott glaube, Oheim, laſſet den Jürgen frei, daß er Euch und mich in Sicher⸗ heit bringe; ich habe ihn hier heraufgebracht, er hat keine Gemeinſchaft mit den Bürgern!“— Tile ſah mißtrauiſch das Mündel an, warf einen dro⸗ henden, liſtigen Blick auf den jungen Bürger und ſprach: —„Wollt Ihr Euch mein Vertrauen und meinen Dank verdienen, ſo geht hinunter und bringt die Gildemeiſter zur Ordnung; aber wiſſet, die erſte Hand, die ſich an mir ver⸗ greifen will, halte ich für die Eurige und ich ſtoße mein eigenes Mündel, als eines Spions Genoſſin, nieder, wenn Ihr ſeid, wofür ich Euch halte.“ Mit dieſen Worten, die — 25— ihm nur die Liſt in höchſter Gefahr eingab, um Jürgen zum Aeußerſten zu treiben, des Bürgermeiſters Sicherheit mit Klärchen's Leben zu erkämpfen, zog er das Mädchen mit ſich fort durch die Seitenthür. Die Knechte ſchleppten den Bürger, der, in Schreck und Schmerz auf die Thür ſtarrend, wo die Geliebte ihm den letzten, verzweiflungsvollen Abſ chieds⸗ blick zugeworfen hatte, und der in dieſem Momente wehr⸗ los und ſtumm war, die Treppe hinunter in den Hof, ſtießen ihn durch das heimliche Pförtchen in der Mauer, durch das ihn Klärchen's zärtliche Hand eingelaſſen hatte, und verrammelten es hinter ihm. Die Wuth der Gilden ſteigerte ſich unterdeſſen auf das Höchſte, als die Frohnknechte das Haus des verhaßten Bürgermeiſters ernſtlich vertheidigten und das Thor nicht öffnen wollten. Aus den ſtädtiſchen Weichbilden Hagen, Neuſtadt, Sack und Altſtadt hatten ſich die bewaffneten Bürger der Gerber⸗ und Schuhmachergilde angeſchloſſen, auf dem Hagenmarkte und Schuhhofe hatten ſie den Bür⸗ germeiſtern den Tod geſchworen. Aus tauſend Kehlen erſcholl dieſer Ruf vor den ſieben Thürmen wieder und der rieſige Claus von Vöde führte mit blankem Schwerte die Gerber an. Eben hatte man an das Thor des Hauſes Feuer ge⸗ legt, als Claus einen bangen Mann erblickte, der aus dem ſchmalen Gange der Mauer mit wilder Miene hervorſtürzte. —„Ha! iſt das der Jürgen Hilſe!“— rief Einer;— „der kennt die Wege im Hauſe.— Heda! nun zeige uns den Eingang zu dem geheimen Kämmerlein Deines Ge⸗ vatters Tile!“— „Nun?“— fragte Claus, den Verwirrten vor die Bruſt — 76— greifend—„zögerſt Du? Gehörſt Du auch zu den Raths⸗ freunden der Altewyk, die hinter der lieben Frauenkirche die Brücke aufzogen und die Thore St. Magni und Aegi⸗ dii ſchloſſen, um ihren Rath zu ſchützen? Friſch, fauler Junge! Biſt Du ein Gerber, ein ehrlicher Bruder der Gilde?“— „Ha!“— ſtöhnte Jürgen—„ein Schwert, ein Schwert!“ Claus riß einem am Boden liegenden, erſchlagenen Frohnknechte die blutige Klinge aus der ſtarren Fauſt und ſtieß das Korbgefäß dem Hilſen in die zugreifende Hand. Kaum fühlte ſich dieſer bewehrt, als er ſich wie ein Löwe gegen Claus kehrte und ſeine Waffe hob.—„Nicht in dieſes Haus!“— rief er begeiſtert—„das Heiligthum meines Lebens liegt auf der Schneide dieſes Schwertes, ich bewache dieſes Thor, wie ein Engel das Paradies!“— Claus von Vöde brach in ein helles Gelächter aus.— „Der Burſche iſt toll! Machet ihn wehrlos!“— rief er, als Jürgen in der That eine feindliche Stellung annahm; ein kräftiger Schlag von eines Nebenſtehenden Klinge lähmte den erhobenen Arm Jürgen Hilſe's. „Habe ich's nicht gedacht, der Pathe des alten Tile iſt ein Verräther an der Bürgerſache!“— rief Eckermann aus dem Hagen;„werft ihn in den Keller des Schuh⸗ hofes, bis er berichtet, wo das Kämmerlein in den ſieben Thürmen iſt!“— Dieſer Einfall fand eine ſchnelle Ausführung; man ſchleppte den Ueberwältigten fort und die Anführer achteten nicht weiter darauf, weil gleichzeitig ein wilder Jubel am Hausthore entſtand, welches die Flammen ſoweit verkohlt — 7— hatten, daß ein Schleuderſtein die Eiſenhespen löſte und die eichenen Füllungen zerbrach. Claus von Vöde war neben Eckermann einer der Erſten, welche in das geöffnete Haus eindrangen, die Knechte niederſchlugen und blut⸗ dürſtig die Räume durchſuchten, um den alten Tile von Damm zu treffen. Dieſer aber hatte ſich ſelbſt in ſeiner geheimen Kammer nicht mehr ſicher gefühlt, als er erfuhr, daß die Flammen an der Hausthür leckten; das ohnmächtige Klärchen zurück⸗ laſſend, war er auf geheimem Wege in das Nachbarhaus geflüchtet und hier, von Gichtſchmerz und Todesfurcht über⸗ wältigt, in einen Seſſel gefallen. Vergebens ſuchten die Eingedrungenen nach der geheimen Kammer;— da kam ihnen ein Mädchen entgegengeſtürzt, um Erbarmen flehend und nach Jürgen Hilſe rufend. Claus faßte ſie beim weißen Bruſttuche, daß dieſes zu Boden ſiel und die Spuren ſeiner blutigen Hand im zarten Stoffe haften blieben;— „Mädchen!“— rief er—„wo iſt Dein Vormund? Ge⸗ ſtehe! Jürgen Hilſe befiehlt es Dir durch mich!“ „Bringet mich zu ihm— ach, ich weiß es nicht— habet Erbarmen!“— ſtöhnte die Kraftloſe. Claus über⸗ ließ ſie ſeinen Begleitern und befahl, ſie in Verwahrſam zu nehmen; dann drang er weiter und ertappte einen Knecht des Bürgermeiſters, der eben aus einer Seitenthür ſchlüpfen wollte. Mit der Schwertſpitze auf deſſen Bruſt preßten ſie von ihm die Vermuthung heraus, daß Tile von Damm in das Nachbarhaus entflohen ſein könne. Er wurde gezwungen, ihnen den Weg dahin zu zeigen. Ehe jedoch Claus von Vöde das Verſteck im Nachbarhauſe erreichte, war Eckermann bereits von der Straße hineingedrungen und begegnete den Ankommenden mit dem alten Manne, der erſchöpft auf einem Seſſel lag, auf welchem man ihn im Triumphe und mit heftigen Drohungen und Schmäh⸗ reden fortſchleppte. Man trug ihn einſtweilen nach dem Hauſe Eckermann's im Hagen, wo man ihn an einen Pfeiler feſtband, eine Wache dabei ſtellte, und forteilte, um auch die anderen Bürgermeiſter einzufangen. Ein gleiches Schickſal hatten die übrigen Bürgermeiſter und viele Männer aus vornehmen Geſchlechtern, die aus ihren Häuſern geriſſen und in das Gefängniß geworfen wurden. Viele entflohen aus der Stadt noch zur rechten Zeit, Manche ſuchten Verſtecke, um bei weniger Gefahr ihr Leben in Sicherheit zu bringen. Der alte Bürgermeiſter Tile Döring flüchtete, mit drei anderen Herren vom Rathe, auf den feſten Thurm des Michaelisthores, um ſich gegen die herandrängenden, leidenſchaftlichen Volkshaufen zu ſichern dieſe aber ſtürmten gegen das Thor und der alte Mann zeigte auch hier dieſelbe Unentſchloſſenheit zur Flucht, wie einige Stunden früher zur Vertheidigung des Rathes. Er unterhandelte mit den Anführern des ſtürmenden Volkes, daß man ihm und ſeinen Freunden Leib und Leben un⸗ gefährdet laſſen ſolle, und als man es ihm zuſagte, ſtieg er aus dem Thurme hinab, wurde dann ſofort ergriffen, geknebelt und in das Gefängniß gebracht. Jürgen Hilſe hatte in dem Keller des Schuhhofes all⸗ mälig Beſonnenheit erhalten; er verſprach, die Sache der Gilde zu theilen und man ließ ihn frei; es grauete bereits der Tag nach der blutigen, verhängnißvollen Nacht.— Er — 79 ſtürzte auf den Markt, über den die am Boden ausbren⸗ nenden Fackeln und das hereinbrechende Morgenlicht eine ſchauerliche Beleuchtung warfen. Er hatte nur Klärchen und ihr Schickſal im Sinne; die Thür der ſieben Thürme war verkohlt und zertrümmert, die Gemächer ſtanden offen, die Räume verödet; der Stumpf einer Pechfackel lag auf der Schwelle eines Zimmers und wollte eben im Rauche erlöſchen; Jürgen ergriff ſie; mit neuer Helligkeit ſchlug ihre Flamme auf, der erſte Blick des Spähenden fiel auf ein weißes, blutiges Tuch am Boden. „Gott! o Gott’““— ſchrie er—„Klärchen's Buſen⸗ tuch! Der alte Tile hat ſeine Drohung erfüllt! Klärchen! Klärchen!“— So rief er verzweiflungsvoll durch das öde, unheimliche Haus; ſeine Augen rollten wild; er ſtolperte über ein am Boden liegendes Schwert, nahm es gierig auf und blieb, unſtät, ſtarr, nach einem Entſchluſſe lechzend, oder von der eigenen Stimme ſeines Rachegefühls erſchreckt, unbeweglich ſtehen. Plötzlich ſtürzte er fort, nach der Gegend, wo der lärmende Volkshaufe mit dem eingefangenen Bür⸗ germeiſter Hennig Lusken eben vorüberzog, und ſein im Morgenwinde verhallender Ruf war: Rache an Tile von Damm! So ging der entſetzliche Montag mit ſeiner unheimlichen Nacht vorüber. Der nächſte Mittwoch, der erſte Mai, ſollte die Rache des Volkes in ihrer blutigſten Geſtalt ver⸗ wirklichen; ein ſchneller Urtheilsſpruch der Volksjuſtiz hatte die ſämmtlichen Bürgermeiſter der Stadt zum Tode ver⸗ dammt. Auf dem Hagenmarkte waren weiße Leintücher am Boden ausgebreitet; der alte Tile von Damm und — 80— ſein College im Rathe, Hans von Himſtedde, wurden hier öffentlich enthauptet; daſſelbe Loos traf am heutigen Tage noch vier Andere: Ritter Hermann von Guſtedde und Hennig Lusken wurden vor dem Neuſtädter Rathhauſe, die beiden Bürgermeiſter Guſtav von Guſtedde und Hans von Göttingen vor ihren eigenen Wohnungen hingerichtet. Die einmal entfeſſelte Volksrache wollte aber noch einen zweiten Tag haben, um den lange eingeſogenen Groll gegen die Unterdrücker des Bürgerthums in ihrem Blute zu er⸗ ſticken; Tile Döring und Ambroſius von Sonnenberg hatte man bis zum Freitage aufgeſpart, wo ſie von dem, durch die Gildemeiſter gebildeten Gerichte ihr Todesurtheil er⸗ fuhren. Der Altſtadtmarkt, mit Sand überſchüttet, wurde ihr Richtplatz; das Haupt des Ambroſius' von Sonnen⸗ berg fiel zuerſt— nun trat Tile Döring vor, ſah mit weinenden Augen die verſammelten Bürger an und ſprach mit freundlichen Worten:—„Seid einträchtig; iſt etwa noch einiger Haß unter Euch, ſo laſſet es jetzt dabei be⸗ wenden, denn es iſt mehr als zuviel an uns gerächt. Unterlaſſet nicht, von Stunde an einen neuen Rath zu wählen, deſſen die Stadt nicht entbehren kann; hütet Euch vor der Gewalt der Herzöge ebenſo, wie vor dem Regi⸗ mente der Gemeinen, denn an Beiden iſt kein Glaube.“— Nun wendete er ſich zu den Anführern der Gilden, die um ihn ſtanden, und fragte:—„Saget mir, was Ihr mir Schuld gebt, daß ich ſterben ſoll?“— Alle ſchwiegen.— Darauf wendete er ſich an das zum Schauſpiel ſeiner Hinrichtung zuſammengelaufene Volk und ſprach weich:—„Iſt Jemand unter Euch, den ich V — 81— im Turnier, Spiel oder Tanz beleidigt habe, ſo vergebe er mir um Gottes Willen.“— Als die Anführer bemerkten, daß die verſammelten Männer, Weiber und Kinder anfingen gerührt zu werden und die Augen trockneten, fiel ein Gildemeiſter ein:— „ſchlagt ihm doch den Kopf ab!“— Tile Döring ſprach: —„So geſchehe es!“ knieete nieder, und ſein Haupt rollte in den Sand. Wir laſſen den Vorhang über Scenen fallen, die uns nicht angenehm berühren und uns ein erſchütterndes Bei⸗ ſpiel geben, wie die Juſtiz eines rachedurſtigen Volkes das richtige Maaß zwiſchen Vergehen und Strafe nicht kennt.— Jürgen Hilſe fand ſein Klärchen ſchon am anderen Tage nach der Gefangennahme bei mitleidigen Nachbar⸗ leuten des Damm'ſchen Hauſes wieder; die Liebe ihrer nunmehr entfeſſelten Herzen gab ihnen zwar Troſt in der Schreckenszeit und Standhaftigkeit während der Scenen der Gewalt und der bald folgenden Leiden, die ſie als Folge der Begebenheiten mit der ganzen Stadt erdulden mußten, aber in Jürgen Hilſe's Seele hatte ein tiefer Ab⸗ ſcheu gegen die Urheber der Empörung und mörderiſchen Rache Wurzel gefaßt, der in Klärchen's Thränen und Schmerze über das Schickſal des Oheims eine kräftige Nahrung fand. Jürgen Hilſe verachtete Claus von Vöde und deſſen blutgierige Gehülfen, aber er durfte es nicht wagen, in der Zeit, wo die Aufrührer die Macht mit dem blutigen Schwerte in Händen hatten, ſeine feindliche Ge⸗ ſiunung offen auszulaſſen, um nicht Klärchen in die furcht⸗ bare Lage zu bringen, ſein Schickſal mit dem der Genpfeten Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. zu vereinigen. Als Bürger der Altewyk hatte er freilich Schutz bei dem Rathe und den beſonnenen Bürgern dieſes Weichbildes der Stadt, denn ſie waren keine Theilnehmer des Aufſtandes geweſen, hatten bei der erſten Kunde von dem Auflaufe in der Alt⸗ und Neuſtadt, dem Hagen und Sacke, ihren Rath zuſammengerufen und ſich mit ihm dahin ſchnell geeinigt, ſich gegen die anderen Weichbilder der Stadt zu rüſten, die unruhigen Köpfe in ihrem eigenen Bezirke niederzuhalten und das Eindringen der Empörer dadurch zurückzuhalten, daß ſie die zu ihrem Weichbilde führenden Wege, die Stobenbrücke, die Liebfrauenbrücke und das Frieſen⸗ thor, das in den Hagen führte, ſo wie die beiden äußeren Stadtthore Sanct Magni und Sanct Acgidii ſchloſſen.— Jürgen brachte ſein Klärchen in die Altewyk, wo ſie bei einem der Rathsmänner Schutz und Aufnahme fand, er vermied jede Verbindung mit der Gerbergilde und, als die erſte Aufregung in der Stadt vorüber, die Rache abgekühlt und es nun an der Zeit war, durch einen neuerwählten Rath die Ordnung und Verwaltung in den aufrühreriſchen Bezirken wieder herzuſtellen, da ſtand Jürgen Hilſe auf der Seite der beſonnenen Bürger der Altewyk und führte nach einigen Wochen ſein Klärchen als Frau in ſein wohlbeſtell⸗ tes Haus ein. Es war folgerecht, daß die aufrühreriſchen Gilden aus der Zahl der wildeſten Anführer auch die neuen Bürgermeiſter erwählten; anfangs war man froh über die erzwungene Gewalt, bald aber erkannte man, daß die neuen Machthaber nicht den Rathsgeſchäften gewachſen waren und ſich bequemen mußten, die wenigen noch übrig gebliebenen Mitglieder des alten Rathes heranzuziehen und — 83— zu bitten, ſie in den Verwaltungsangelegenheiten zu unter⸗ richten und ihnen Beiſtand zu leiſten. So gewann auch der Rath der Altewyk neuen Einfluß auf die ſtädtiſche Re⸗ gierung, zumal die neuen Machthaber mit beſchämender Verlegenheit erfuhren, daß die Steuerlaſten, gegen die ſie ſich erhoben hatten, noch lange nicht ausreichten, den öffent⸗ lichen Verwaltungsbedürfniſſen zu genügen, und ſie ſich nun ſelbſt genöthigt ſahen, noch größere Summen aufzuſchlagen und nicht nur die Bürger noch höher zu beſteuern, ſondern auch die Schulden der Stadt durch Anleihen zu vermehren.— Die üblen Folgen dieſes Bürgeraufſtandes ſollten aber noch mit ſchwererem Gewichte auf die Stadt Braunſchweig fallen. Ein allgemeiner Schrei der Entrüſtung erſcholl durch die Welt; die Adligen in der Nähe und Ferne ſan⸗ nen auf furchtbare Vergeltung, da ſie längſt der reichen Stadt feindlich geſinnt und nur von ihren Thätlichkeiten gegen dieſelbe durch die Macht zurückgehalten waren, welche die Stadt im gewaltigen Bunde der Hanſa hatte. Die aus der Stadt entflohenen adligen Familien und Patrizier, und diejenigen, welche ergriffen, gefangen ge⸗ nommen und zum Schwure gezwungen waren, die Stadt nicht wieder zu betreten und ihr auf zehn Meilen nicht nahe kommen zu wollen, und die einen großen Theil ihres Vermögens als Löſegeld für ihr Leben hatten opfern müſſen, waren überall, wohin ſie flüchteten, in Magdebug, Halber⸗ ſtadt, Hildesheim, Hannover, Lüneburg, Hamburg, Lübeck und Bremen, bereitwillig aufgenommen, mit Theilnahme angehört, und die Städte vereinigten ſich, um den Vertrie⸗ benen die geraubten Güter wieder erſetzen zu helfen, auf 6* — 84— alle Braunſchweigiſchen Kaufmannswaaren Beſchlag zu legen, und die Burgritter im Braunſchweigiſchen Lande und in den Nachbargegenden lagerten kühner als je, und ſich auf des Herzogs Otto in Wolfenbüttel Schutz verlaſſend, auf allen Wegen, um den Braunſchweigern aufzulauern, ihre Güter zu rauben, Bürger fortzuſchleppen und ſie gegen hohes Löſe⸗ geld wieder heimzuſchicken. Hieraus erwuchs den Braunſchweiger neuen Gewalthabern im Rathe eine nicht geringe Verlegenheit, denn Handel und Gewerbe geriethen in Nachtheil und Stocken und die doch nothwendigen Abgabelaſten wurden um ſo ſchwerer gefühlt und oft gradezu unmöglich, da die Kauf⸗ und Gewerksleute nicht mehr ihre Artikel auszuführen wagten und viele Werk⸗ ſtätten ruhten, viele Kaufmannsmagazine geſchloſſen wurden. Der heftigſte und nachhaltigſte Schlag kam aber jetzt über die Stadt; von Lübeck traf der Bannſtrahl ein, wo⸗ mit die mächtige Hanſa, welche die Beſchützung und Ge⸗ währleiſtung der Ordnung in ſeinen Bundesſtädten zur erſten Befugniß machte, die Stadt Braunſchweig ehrlos aus ihrem Bunde ſtieß und ſie vom Handel und Comtoir der übrigen Mitglieder des Bundes ausſchloß. Damit war Braunſchweigs Handel, dieſe vornehmſte Quelle des Wohl⸗ ſtandes, und die achtunggebietende Stellung der Stadt, welche bisher alle Feinde auf Thronen und Burgen abge⸗ halten hatte, Gewalt an dem Eigenthume und Leben der Braunſchweiger zu üben, weil ſie die Rache der Hanſa fürchteten, mit einem Schlage vernichtet. Hiermit wurde denn das Signal für die Ritter gegeben, den lange ge⸗ nährten Groll zur That zu machen, die hülfloſe, geächtete — 85— und von allem Verkehr ausgeſchloſſene Stadt als freige⸗ gebene Beute zu betrachten, den Mord und Frevel an adligen Geſchlechtern zu rächen und den hochmüthigen Stolz der Braunſchweigiſchen Bürger zu demüthigen. Die Lage der neuen Bürgermeiſter war ſchwierig; das Volk ſchrie nach Verſöhnung und Brot, die Stadt mußte ſich gegen Ueberfall rüſten, wodurch neue, große Koſten ver⸗ urſacht wurden, die Bürger erlagen unter dem Drucke der Laſten, der Rath häufte Schulden auf Schulden. In ſolchen Zeiten gemeinſchaftlicher Noth, allgemeiner Rathloſigkeit und Furcht ſtumpfen ſich die ſchroffen Gegen⸗ ſätze ab, die gleiche Empfindung des Elends verſöhnt und führt zur Einigkeit. So auch in Braunſchweig; Rath und Volk, Feinde und Freunde, Schuldige und Unſchuldige fühlten, daß ſie ſich zur Rettung wie ein Mann vereinigen und der ⸗Uebermacht der Feinde Muth, Ausdauer und die letzte Kraft entgegenſetzen müßten. Es traten beſonnene, einfluß⸗ reiche Männer an die Spitze, um der öffentlichen Calamität möglichſt entgegenzuwirken, die Wohlhabenderen und Raths⸗ herren beſteuerten ſich ſelbſt, um die Koſten des gerüſteten Vertheidigungszuſtandes zu beſtreiten, man war auf das Aeußerſte gefaßt, als die Verſuche in Lübeck, den Bannſtrahl der Hanſa rückgängig zu machen, ſcheiterten, und es war eine große Aufgabe der neuen Bürgermeiſter, bei der wachſenden Nahrungsloſigkeit der allgemeinen Entmuthigung entgegenzu⸗ arbeiten und noch obenein zum ausharrenden Widerſtande gegen Elend und äußere Feinde zu beſeelen. Der abſchlägige Beſcheid der entrüſteten Hanſa hatte noch darin ſeinen unverſöhnlichen Grund, daß es bekannt — 86— geworden war, wie die aufrühreriſchen Gildemeiſter an Bür⸗ ger, denen ſie gleiche Geſinnung beimaßen und welche an⸗ deren Hanſaſtädten angehörten, heimlich Sendſchreiben ge⸗ richtet und ſie aufgefordert hätten, den Beiſpielen in Brau⸗ ſchweig zu folgen; als ſie darauf ſich in einem Aktenſtücke rechtfertigen wollten, wurden ſie ſchmählich abgewieſen und die Hanſa erklärte, die Stadt ſo lange mit allem Ver⸗ mögen zu ſtrafen, bis die aufrühreriſchen Buben wieder um Leben, Ehre und Gut geſtraft wären.— Dieſer Beſcheid der zürnenden Hanſa war wohl geeignet, die Rädelsführer, welche nun an der Spitze des Rathes ſtanden, der Volks⸗ juſtiz zu überliefern, aber es geſchah nicht, man war zu ſehr von äußeren Feinden bedrängt, um einen neuen Zwieſpalt innerhalb der eigenen Mauern zu wagen.— Claus von Vöde und Eckermann waren bereits beſeitigt und hielten ſich in ihren Häuſern, den anfänglichen Trotz in ſtille Furcht wandelnd, daß ſie ſelbſt ein Opfer ihrer That werden könnten, dagegen hatte man mehr und mehr beſonnenere Bürger in den Rath genommen und ſo war auch Jürgen Hilſe ge⸗ nöthigt worden, der Stadt ſeinen guten Sinn und ſeine Kräfte in der Zeit der Noth zu widmen. Brittes Kapitel. Auf dem Schloſſe zu Wolfenbüttel hatte Herzog Otto von Göttingen ſeit länger als einem Jahre ſein Hoflager gehalten; als Vormund des älteſten Sohnes des Vetters Magnus, herrſchte er über das Land, als ob es ein erobertes —2 — 87— wäre, und die Ritter des Herzogthums waren damit recht wohl zufrieden, da er ihnen allen erdenklichen Vorſchub leiſtete, ſie in ihrem räuberiſchen Handwerke gewähren ließ, ſelbſt mit ihnen auf Beute ging und alle Tage ein luſtiges Leben mit verſchwenderiſcher Gaſtfreundſchaft führte. Die Adligen, welche ohnehin im Braunſchweigiſchen den Ruf der größten Wegelagerer und Strolche hatten, befanden ſich unter dem neuen vormundſchaftlichen Regenten äußerſt wohl, da ihnen Herzog Magnus nur zu oft ſeinen Fürſtenſtolz fühlbar gemacht hatte, und ſie vergaßen ganz, daß der Her⸗ zog Otto von der Leine nur ein zeitweiſer Vormund und der junge Herzog Friedrich der wahre Herr des Landes an der Oker ſei, ja, ſie achteten den jungen Erben um ſo weniger, je mehr ſie die Genüſſe theilten, welche Otto aus dem Vermögen des jungen Erben in verſchwenderiſcher Weiſe ſeiner ritterlichen Genoſſenſchaft darbot. Otto ſchien ſich ſelbſt als wirklichen Herrn Braunſchweig⸗Wolfenbüttels zu betrachten und an eine Abgabe ſeiner guten Beute nicht im Mindeſten zu denken. Seine Ritter aus Oberwald, die Sterner und die durch gleichen Sinn und Hang zu ihm hin⸗ gezogenen Adligen aus den Hochſtiften Hildesheim und Mag⸗ deburg, aus dem Lüneburgiſchen, Celle'ſchen und Hanno⸗ ver'ſchen gaben dem Hoflager auf dem Wolfenbüttel'ſchen Schloſſe einen geräuſchvollen Pomp; Jagden, Gelage, Tur⸗ niere, Streifzüge und Feſte wechſelten täglich, Otto befand ſich ſo recht in ſeiner heiterſten,„übermüthigſten Laune und ſchien Göttingen und den Verluſt Heſſens ganz vergeſſen zu haben. Ebenſowenig dachte er an ſeine Gemahlin Marga⸗ rethe, die ſtill anf dem Bollrutz reſidirte und ſich der Mut⸗ — 88— terpflicht gegen den Sohn, der Wohlthätigkeit gegen Noth⸗ leidende, dem Gebete und frommen Werke an Gott, der Unterhaltung über Leben und Schickſal mit Henricus und Hanna, aber auch ganz im Stillen dem Andenken an eine Erſcheinung widmete, die freilich nur plötzlich und flüchtig in ihr Leben eingetreten war, aber in ihrem Herzen ein Gefühl geweckt hatte, das ſie an die höhere Beſtimmung des Weibes mahnte, mit der Pflicht der Gattin in quälenden Anſtoß gerieth und nunmehr verklärt, dem Himmel ange⸗ hörend, ihre Seele mit einem Schmerze füllte, der ihr wie ein Glück erſchien, das ſie ſtill hegte und pflegte und ihr Muth und Kraft gab, die Kränkungen beſſer zu ertragen, welche der Herzog ihr verurſachte. Zu dieſen Kränkungen gehörte nicht allein die letzte Scene im Bollrutz, wo der Gemahl ihre demüthige Bitte um Gerechtigkeit mit Hohn abgewieſen, aber einer Frau gewährt hatte, deren ver⸗ zweiflungsvolle Schönheit die ſinnliche Natur des Mannes berührte. Im ſittlichen Gefühle der Verachtung war ſie damals fortgegangen, aber der Anblick des Kindes hatte ihr entrüſtetes Gefühl gebrochen und beſchämt.—— Obgleich Margarethe kein Verlangen trug, das wüſte, ungerechte Leben in Wolfenbüttel, von dem zu Zeiten Kunde über Gewalt, Frevel, Schwelgerei und Gelage zu ihr drang, auch nur einen Tag zu theilen, ſo mußte ſich doch die Ehre der Herzogin und das Gefühl der Gattin gekränkt fühlen, daß Otto ſie weder in Göttingen beſuchte, noch an ſein Hoflager rufen ließ. Die Hofdame, welche er ihr einſt auf— gedrungen hatte und, bei Margarethe's Abneigung gegen ihre Geſellſchaft, endlich ſelbſt zu dem Entſchluß gekommen — 89— war, die Burg des Vaters zu Wansleben im Braunſchwei⸗ giſchen aufzuſuchen— Fräulein Olga von Weferlingen führte im Schloſſe zu Wolfenbüttel das muthwillige, ſchel⸗ miſche Regiment weiblicher Herrſch⸗ und Gefallſucht zur größten Befriedigung der herzoglichen heiteren Laune; ſie vertrat die Damenwelt am luſtigen, ſchwelgeriſchen Hoflager und ihr Einfluß auf den Herzog war um ſo größer, als ihr Vater, Ritter Johann von Weferlingen, der beſte Freund Otto's geworden war und gewiß von allen Adligen am Meiſten der Meinung lebte, daß der Herzog das Land des Vetters Magnus nie wieder herausgeben und den jungen Friedrich ſchon beſeitigen werde.— Wie er zu dieſer Anſicht berechtigt ſein konnte, wird bald aus den Begebenheiten klar werden. Herzogin Catharine, des Magnus Wittwe, hatte der politiſchen Combination des Hildesheimer Biſchofs Genüge geleiſtet und den ſächſiſchen Herzog Albrecht von Lüneburg geheirathet; ſie lebte jetzt mit ihren jüngeren Söhnen in Celle und ſchien nach dem, was ſie aus Wolfenbüttel er⸗ fuhr, keine geringe Sorge zu fühlen, daß Herzog Otto das Erbe verpraſſen, das Land ſich aneignen und ihren älteſten Sohn beſeitigen werde. Es gab auch in Wolfenbüttel verſtändige Leute genug, welche das Treiben des Vor⸗ mundes mit Angſt und Bedenken anſahen, den jungen, ſchwächlichen Prinzen bemitleideten und auf die Zeit hofften, wo er die Jahre der Selbſtſtändigkeit erreicht haben und der Lüneburgiſche Stiefvater die Endſchaft der vormund⸗ lichen Regierung fordern werde. In einer ſolchen Stimmung von Muttergefühl und — 90— Bedenken hatte Catharine letzthin einen vertraulichen Brief an Margarethe geſchrieben, worin ſie ſich darüber aus⸗ ſprach, wie ſie für ihren geliebten älteſten, an Körper ſchwächlichen Sohn, den ſie unter des Vormunds Gewalt in Wolfenbüttel habe zurücklaſſen müſſen, ebenſo ſehr müt⸗ terliches Weh, wie für die Erbſchaft deſſelben Sorge em⸗ pfinde; es bekümmere ihr Herz, daß der Sohn nur unter wüſten Männern, ohne die ſanftere Hut eines Weibes auf⸗ wachſe, daß er von Otto und deſſen Rittern wie ein ge⸗ meiner Knappe gehalten, geſchmäht und ſelbſt mißhandelt und nicht wie ein Herzog und Herr des Landes, ſondern wie ein Gefangener gehalten werde, dem man den Ver⸗ kehr mit der Mutter unterſagt habe und den man geiſtig ſtumpf und dumm machen wolle. Die trauernde Mutter bat Margarethe, ſich zu Zeiten ſelber an das Hoflager nach Wolfenbüttel zu begeben, des jungen Friedrich's Gemüth anzufriſchen und ſeinem Körper Pflege angedeihen zu laſſen. Dieſe Aufforderung traf Margarethe's Herz und auf⸗ opfernden Sinn am rechten Flecke; ſie redete mit Henricus darüber und ließ ihrem Gemahl melden, daß ſie ſein Hof⸗ lager in Wolfenbüttel zu beſuchen wünſche und ſie das Be⸗ dürfniß fühle, ihm den nunmehr fünfjährigen Sohn zu zeigen, der ſeinem Vater fremd werde. Die Nachricht des Herzogs blieb lange aus, war aber eine abſchlägige, indem er vorſchützte, daß es im Braunſchweigiſchen Lande ſeit der Empörung in der ehemaligen Hanſaſtadt unſicher ſei, man ſtets gerüſtet und auf ſeiner Hut ſein müſſe und es beſſer ſei, daß das fromme Gemahl mit dem Sohne im ruhigen, ſicheren Bollrutz bleibe, wo er für die Winterzeit ebenfalls — — 941— eintreffen werde. Dieſe Antwort war eine Einflüſterung Olga's von Weferlingen, die es um keinen Preis geſchehen laſſen konnte, daß ihre Rolle, welche ſie am Hoflager zu Wolfenbüttel ſpielte, durch der Herzogin Gegenwart beein⸗ trächtigt werde; ihr ſchelmiſcher Muthwille, die Luſt an ritterlichen Vergnügungen, die muthige Behendigkeit, womit ſie ſich auf der Jagd benahm, oder auch einmal einen Degen ergriff, um ſich im Fechten zu üben, der Stolz auf ihre Geburt und die Freude an den Erzählungen von Fehden und Ueberfällen hatten ihr die Gunſt des Herzogs in einem ſo hohen Grade erworben, daß derſelbe ihre fröhliche Gegenwart ungern vermißte, ſich an ihren Späßen und den Balladen ergötzte, welche ſie zur Cither ſingen konnte, und mit Wohlgefallen dem kühnen Trunke zulächelte, den ſie aus ſeinem Becher muthwillig zu thun vermochte. „Die Olga iſt ein rechtes Rittermädchen!“— hatte er einige Male in guter Laune gerufen— und Johann von Weferlingen wußte ſeiner Tochter Eigenſchaften zu benutzen, um ſich ſelbſt zum unentbehrlichen Genoſſen des Herzogs zu machen. Dieſer war überhaupt noch nie ſo vergnügt geweſen, wie auf dem Schloſſe zu Wolfenbüttel; er hatte für nichts zu ſorgen, lebte von dem Vermögen und Erbe des jungen Friedrich, wirthſchaftete munter darauf los und jeder Tag brachte fröhliche Gäſte, Genuß und Abwechſelung. Ein prächtiger Septembertag des Jahres 1374 hatte die Gegend weit und breit mit den warmen, goldenen Strahlen der Sonne erfüllt; friedliche Ruhe beherrſchte Fluren und Wälder, die Burg zu Wolfenbüttel lag unter — 92— dem hohen Gewölbe des glänzenden blauen Himmels hell und feierlich im Scheine der Nachmittagsſonne, und unter den feſten Mauern trieben die ſtillen Wellen der Oker vorüber, auf welchen ein Fiſcherkahn müßig ſchaukelte. Oben auf einer offenen Gallerie, die den Blick nach den nahen Harzbergen geſtattete, lehnte eine kleine, ſchwächliche Geſtalt auf der ſteinernen Bruſtwehr; es war ein dreizehn⸗ jähriger, die einfache Kleidung eines Edelknappen tragender Menſch, anſcheinend mehr Knabe als Jüngling, mit einem großen, ernſten, leidenden Geſichte, ſanft gebogener Naſe, kleinem, gewölbten Munde, langem, braunen Haar, kurzem Halſe und etwas hochgewachſenen Schultern. Er hatte den Kopf auf die Hände, die Ellbogen auf die Brüſtung ge⸗ ſtützt, ſah unverwandt in die Ferne nach den Gebirgen, aber ſchien mehr zu träumen, als zu ſpähen. Die ſtarke, hervortretende Unterlippe, mit dem unfreiwilligen Zuge des leidenſchaftlichen Trotzes, verrieth ſeine Abſtammung vom Braunſchweigiſchen Welfenhauſe, den Typus der Söhne und Enkel Albrecht's des Feiſten. Die Burg ſchien heute ausgeſtorben zu ſein, denn wäh⸗ rend ſonſt das lärmende Geräuſch der Knappen die Um⸗ gebung, Wälle und Gänge des Schloſſes füllte, aus den Gemächern Becherſchall und fröhliches Zechgetöſe ſcholl, in den Lauben und Luſtgärtchen ausgelaſſene, üppige Frauen- geſtalten ruhten oder promenirten, oder neckiſche Spiele trieben, herrſchte heute eine faſt lautloſe Stille; die wacht⸗ habenden Reiſigen an Zugbrücken und Thoren lungerten gelangweilt, die Wächter auf der Thurmwarte ſchienen im Gefühle der Sicherheit zu träumen. Herzog Otto war ſeit — 93— geſtern nicht zu Wolfenbüttel, ſondern mit ſeiner Ritter⸗ ſchaar, zur Ehre und Beluſtigung der mit ihrem Gemahl, dem Grafen von Ziegenhain, zum Beſuche eingetroffenen Schweſter Agnes, geſtern nach der Harzburg aufgebrochen, wo Graf Schwiecheldt eine große Jagd veranſtaltet und die Gäſte zu fröhlichen Gelagen auf ſeine, von Otto zum Geſchenk erhaltene Burg eingeladen hatte. Die geräuſch⸗ vollen Luſtbarkeiten, welche die Tage vorher im Wolfen⸗ büttler Schloſſe und der Umgebung ſtattgefunden hatten, machten die jetzige Ruhe um ſo fühlbarer. Der Jüngling auf der Bruſtwehr der Burg ſchaute immer noch nach den Harzbergen, über deren bewaldetem Kamme der Himmel allmählig einen gelblichen, durchſichtigen Nebel ausbreitete; die Luft war ſo klar, daß man den kegel⸗ förmigen Berg an der Ecke der Bergkette, am Einſchnitte des Radauthales deutlich erkennen konnte, auf dem ſich die Harzburg hinter dem vortretenden, höheren Eich⸗ und Sach⸗ ſenberge den Blicken entzog; weiter zur Linken hob der Brocken ſein kahles Haupt über die grünbelaubten Vorgebirge und im Mittelgrunde ſtieg die Warte der Vienenburg aus dem Hügellande empor, während in der Nähe der Thieder Lin⸗ denberg und an der entgegengeſetzten Seite die Aſſeburg auf dem dunklen Waldberge die anmuthige Ebene unter⸗ brachen. In der Richtung gegen Braunſchweig hoben ſich die Thürme jener Stadt über das Lechelnholz und die Dörfer traten mit ihren grauen Strohdächern und hohen Linden im Schein der ſinkenden Nachmittagsſonne auf dem Grunde der hellen Stoppelfelder hervor. Ein alter, weißbärtiger Knappe, der ſchon einige Zeit — 94— am Eingange der Gallerie den ſtillen, hinträumenden kna⸗ benhaften Jüngling mit wehmüthigen Blicken betrachtet hatte, kam jetzt langſam näher und als jener noch immer nicht auf ihn aufmerkſam wurde, trat er, nach vorſichtigem Umſchauen, und als er Niemanden weiter in der Gallerie und auf dem darüber liegenden Mauergange gewahrte, zu ihm und ſprach:—„Ich habe Euch geſucht, junger Herr— habt Ihr Euch beruhigt?“ Der Angeredete blickte auf und als er den alten Mann erkannte, griff er mit beiden Händen nach ihm, ſah lebhaft in das theilnehmende Geſicht, ließ plötzlich den Alten los und ſprach:—„Guter Rupert, erzähle mir etwas von meinem Vater— es thut mir ſo wohl!“— „Lieber Herr! habe ich Euch nicht ſchon viele Male Alles erzählt, was ich mit ihm erlebt habe? Aber das Jahr, wo er in der Gruft unter der Domkirche in Braun⸗ ſchweig liegt, iſt mir länger geworden, als die funfzehn, die ich mit ihm in Fehde und Gefangenſchaft verlebte. Gott erhalte Euch!“— „War mein Vater nicht ein ſtarker Mann?“— fragte der Jüngling, Herzog Friedrich, mit einer Lebhaftig⸗ keit, wobei ſeine Augen funkelten und ſeine leidende Miene zu trotzigem Muthe ſich wandelte.—„War mein Vater nicht ein unverſöhnlicher Feind des Oheims?“— „Ja, Herr— aber denkt jetzt nicht daran, verſchmerzt im Stillen, was Euch wiederfährt, aber wartet Eure Zeit ab.“— „In ſieben Jahren bin ich volljährig? Ha! eine Ewig⸗ keit!— Bei dem Geiſte meines Vaters und der Liebe meiner Mutter! Rupert, ich muß früher ein Mann werden — meines Vaters Blut ſiedet in mir!“— — 95— „Ihr ſeid ſeit geſtern, wo Euch der Vormund vor den Augen der Ritter mit der Peitſche drohte, als Ihr ver⸗ langtet, mit nach der Harzburg zu reiten, aufgeregt; Herr, nehmt Alles geduldig hin, ich bitte Euch, reizt den Quaden nicht.“ „Ha! der Quade! Den Tod habe ich ihm geſchworen, ich, der verachtete, betrogene Knabe! Iſt's nicht mein Erbe, das er mit ſeinen Rittern verſchwelgt, iſt's nicht mein Bo⸗ den, worauf er hauſt? Und er will mich nicht davon das Billigſte genießen laſſen, was ſeine Edelknappen mit ihm theilen? Wie ein gemeiner Reiterbube verweiſt er mich zwiſchen die Knechte; ſeine Ritter, die Schmarotzer ſeines Raubes an mir, die mir künftig huldigen ſollen, ſpotten und kränken mich, nennen mich einen Dummkopf und Träumer— ich finde kein Recht und Anſehen bei dem Vor⸗ munde, wenn mich ein gemeiner Knecht mißhandelt— ja, wie können ſie in mir den Herzog erkennen, wenn der Oheim mir ſelbſt die Reitpeitſche vor allen Gäſten zeigt, wenn ſeine Schweſter mich auslachen, die Weferlinger mich aus ihrer Nähe verjagen dürfen! O mein Gott, das ertrage ich keine ſieben Jahre mehr— ich will entfliehen zu meiner Mutter nach Lüneburg, will ihr erzählen, daß ich ihr nichts ſchreiben darf, daß man Lug und Trug von meinem Wohl⸗ ſein berichtet, ich will den Herzog Albrecht aufrufen, dem Stiefſohne das Land zu reiten!— „Beſter Herr; wollt Ihr meinen Rath hören? Bleibt ruhig— laßt Euch einen Dummkopf ſchelten, verleugnet das Blut Eures Vaters, es iſt beſſer!“— „Und Du biſt ein treuer Diener meines Vaters geweſen und kannſt mit feiger Ruhe zuſehen, daß man ſeinen Sohn gefangen hält, mißhandelt, einen Blödſinnigen ſchimpft, den Reiterbuben zum Spott überläßt?“— fiel Friedrich im Aufglühen ſeines Unwillens ein.—„Leben meine Brüder nicht in Lüneburg oder Celle, wie es ihnen gebührt? Wa⸗ rum mißhandelt Albrecht ſie nicht?— Rupert, Du biſt in des Vormunds Dienſten, Du haſt Dein Alter mißbrauchen laſſen, den Sohn Deines Herrn wahnſinnig zu machen. O!l ich durchblicke das Complot, aber ich will ihm zuvor⸗ kommen!“— „Herr— lieber Prinz— laßt mich reden— Eure un⸗ gewöhnliche Leidenſchaft macht mich beſorgt um Euch— hört mich!“— „Ungewöhnliche Leidenſchaft?— Ja, ſeit geſtern, wo es einmal ſtill im Schloſſe und mein Peiniger fort iſt, da bin ich mir in einſamer Ruhe bewußt geworden, daß ich der Herr dieſes Schloſſes bin, da hat mich Keiner geſchmäht, fortgewieſen, da bin ich durch die Burg gegangen, unge⸗ hindert, ungekränkt, wie es ſein ſoll, da iſt es mir gewiß geworden, daß ich meines Vaters Erbe bin, auch ſeines Blutes und ſeiner Kraft. Und nun kommſt Du, um mich wieder zum gemeinen Knechte zu erniedrigen, mich aus meinem muthigen Traume zu verjagen!“— „Sprecht nicht ſo laut— es iſt dieſe Rede nicht für fremde Ohren! Hört mich doch!“— „In die ganze Welt will ich es ſchreien, die Feinde des Otto will ich anrufen! Biſt Du es nicht, der mich immer mahnt, Alles geduldig wie ein Vieh zu erdulden, ſtill und ſtumm zu ſein, wenn mein Sinn gekränkt, meine — 97— Ehre verſpottet wird? Biſt Du nicht der Gehülfe meiner Räuber und Peiniger, daß Du meinen Unwillen ſtets nie⸗ derhälſt, mich überredeſt, gefühllos zu ſein, wenn man mir die Peitſche zeigt, mich zwingen willſt, keinen Widerſtand zu leiſten, mich dumm machen möchteſt, indem ich ruhig die Zeit abwarten und darüber von innerem Groll erſticken oder an der Qual der Demüthigung hinſterben ſoll, um dem Vormunde den ruhigen Beſitz meines Erbes zu ſichern?“ „Herr— ich habe Euch geſucht;— ehe der Herzog mit ſeiner Geſellſchaft heimkehrt, muß ich Euch wieder ruhig und fügſam wiſſen; ich ſchwöre Euch bei dem Allmächtigen, in deſſen Namen ich mein letztes Sakrament zu empfangen hoffe, daß ich Euer treueſter Diener bin. Hört mich an, ſtellt Euch ganz unter meinen Willen, folgt mir in Allem — es iſt zu Eurem Glücke.“— Friedrich lachte:—„Ei, was hat Dir der Quade denn befohlen?“— „Warum ſeid Ihr auf ein Mal ſo mißtrauiſch gegen mich? Wenn das die Frucht Eures einſamen Grübelns ſeit geſtern iſt, ſo hat es Euch übel berathen. Kommt, gnädiger Herr, dort in jene Steinlaube, ich will Euch über mich und Euer Schickſal aufklären.“— Zögernd folgte Friedrich der Hand des alten Knappen.— „Herr“— ſprach dieſer mit gedämpfter Stimme, als ſie auf der Steinbank unter einem Spitzbogen Platz ge⸗ nommen hatten—„Ihr werdet eine andere Meinung von mir faſſen, wenn ich Euch anvertraue, daß ich es bin, der Eure Frau Mutter in Lüneburg heimlich mit Eurer wahren Lage bekannt gemacht hat.— Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 7 — 98— „Sie weiß? Und ſie hilft mir nicht?“— „Ihr folget noch dem blinden Eifer der Jugend, Herr; nur mit Klugheit kommt man zum Ziele, wenn ſie die Ge⸗ walt leitet. Dieſe Klugheit müßt ihr erſt lernen mit den reiferen Jahren; darum wartet die Zeit ab. Aus kluger Vorſicht für Euer Recht bin ich Euch zweifelhaft geworden, man hat mich nach des Herzogs Magnus Tode hier auf dem Schloſſe gelaſſen, weil ich dem Vormund und neuen Herrn meine Ergebenheit bezeigte; er gab mich Euch als Diener oder vielmehr Aufpaſſer bei, als er bemerkte, daß ich nach ſeinem Sinne verfuhr. Darum forderte ich von Euch Gehorſam, ruhige Duldung, ich machte den Herzog aufmerkſam darauf, daß Ihr dumm und geiſtesſchwach ſeid.“ Friedrich ſprang von der Bank auf und ließ ſich an der Hand des Alten wieder niederziehen, indem er ihn funkelnd und ſtolz anſah. „Wenn der Herzog Euch nicht für einen halben Blöd⸗ ſinnigen hielte, würde er Euch nicht ſo frei gehen laſſen und Euch nicht der Hut eines alten Mannes anvertrauen. Hätte er nur eine Ahnung davon, daß in Euch das Blut des Vaters, der kühne, muthige Trotz des Magnus, die ſtille Grübelei des racheſüchtigen Haſſes, die Kraft des Mannes aufwüchſe, er würde mich entfernen, Euch unter eine heftige Folter bringen, Euch erdrücken unter ſeinen böſen Abſichten, mit Euch auf Leben und Tod um ſeinen Raub ſtreiten; aber er hält Euch für einen ungefährlichen Knaben, einen kranken Schwächling, einen geiſtesarmen Menſchen, der keine Zukunft hat; darin beſtärke ich ihn.— O Herr! ich flehe Euch an, bleibet vor ſeinen Augen der dumme Bube, der ſich die Peitſche zeigen läßt, ohne zu erröthen, der durch keinen Blick verräth, daß er Herzog iſt, der an nichts Arges denkt, wie ein Knabe ſpielt, gehorcht, träumt! Aber laſſet ganz in's Geheim den Mann und Ritter und Herzog in Euch reifen, den Rächer in der ſcheinbar ſchwächlichen Ge⸗ ſtalt, bis die rechte Zeit gekommen iſt; dann handelt mit Liſt, Klugheit, Gewalt!“— Der Jüngling hatte den Arm auf des Alten Schulter gelegt, ihm jedes Wort vom Munde abgelauſcht und mit heißer, gerötheter Wange, wogender Bruſt und blitzenden Augen das ſtolze, muthige Haupt aufgerichtet.—„Rupert! — ſprach er jetzt, die Hand auf des Alten Stirn drückend und deſſen Geſicht gegen den Himmel aufrichtend—„ſieh', dort die Sonne; ſieh', das ſchöne Land meines Vaters— iſt es wahr, was Du mir ſagſt? Hal ſo iſts, was ich dachte, was ich wollte; mein Erbe mir erkämpfen!— Du glaubſt nicht daran, daß der Vormund mir rechtlich giebt, was mir gehört, daß der eingeſchlichene Räuber gutwillig abzieht in ſein Göttinger Land?— O! wie ertrage ich noch Jahre! Sieh' mich an, ich bin ein Mann, ich kann heute ſchon kämpfen, meine Empörung macht mich zum Manne!“— „Das wünſche ich, Herr, aber die Klugheit ſoll Euch noch zum Knaben und Knechte machen“— verſetzte Rupert, der den kühnen Muth des Jünglings, der in dieſem Augen— blicke älter, weniger klein und ſchwächlich erſchien, mit Be⸗ friedigung gewahrte.—„Ihr habt Hülfe, Freunde, Kampf⸗ genoſſen nöthig, die wartet ab; der Herzog Otto wird ſelbſt dafür ſorgen;— es iſt klug, des Feindes Waffen gegen ihn ſelbſt zu kehren.“— 72 — 100— Wird mein Volk, werden die Braunſchweiger, die In⸗ ſaſſen von Stadt und Land, die mit meinem Vater nach Lüneburg und Schaumburg zogen, werden ſie für den Sohn ihres alten Herrn aufſtehen? Von den Rittern erwarte ich keinen Beiſtand.“— „Es giebt auch Ritter, die dem Treiben des Quaden von der Leine mit heimlichem Grolle zuſehen; das Volk muß aber den rechtmäßigen Herrn zu ſeinem Erbe bringen.“ „Ja, die Braunſchweiger!“— „Jetzt können ſie ſich kaum ſelber helfen; die Stadt iſt aus der Hanſa geſtoßen, geächtet wegen Mordes an ihrem Rathe, bedrängt von den Rittern und dem Herzog Otto, die dieſe Zeit ausbeuten, auf allen Wegen lagern, um zu rauben, Löſegeld für Gefangene zu erwerben, den Bürgern zu vergelten, was ſie an den Gemordeten und vertriebenen adligen Geſchlechtern gethan haben; aber die Stadt wird ſich wieder ſtark machen, die Bürger rüſten ſich gegen die Raubritter, die bis vor ihre Thore kommen, und glaubt mir, es wird die Zeit früher oder ſpäter zutreffen, wo ſie auch gegen den Räuber des Landes ſich auflehnen werden, wenn er ſeinen Haß gegen die Stadt in täglichen Gewalt⸗ thaten fortſetzt. Als er die Kunde des Aufruhrs gegen die adligen Geſchlechter und Bürgermeiſter erhielt, hat er gelobt und ſeinen Rittern zur Pflicht gemacht, die Bürger wie Jagdwild, ihre Waaren für Freibeute und ihre Gefangenen für ſchweres Silber werth zu halten und der Stadt allen erdenklichen Abbruch und Schaden anzuthun.— Des Herzogs Reiſige lauern auf allen Straßen und wo ſie eines Bürgers anſichtig werden, ſchleppen ſie ihn hier in die Wolfenbütt⸗ — 101— lerer Verließe und da alle gefüllt ſind, läßt er die reicheren Bürger nach den Burgen in Oberwald bringen. Der We⸗ ferlingen rühmte ſich neulich, ein Dutzend Braunſchweiger auf Wansleben gefangen zu halten, der Stadt nahe vor dem Thore eine gute Beute durch Ueberfall abgenommen und auf der Landwehr am Wendenthurm den ertappten Braunſchweigern die Füße und Hände abgehauen zu haben.“ „Das thun der Herzog und ſeine Freunde?“— fragte Friedrich nachſinnend. „Ja, Herr, noch Aergeres.“— Plötzlich griff der junge Fürſtenſohn nach der Schulter des Alten, ſeine Augen blitzten muthig und mit dem Un⸗ geſtüm ſeines Gedankens ſprach er:—„Dann können die Braunſchweiger ſeine Freunde nicht ſein, dann müſſen ſie mir helfen, den Räuber zu vertreiben!“— „Sprecht leiſer; jetzt und vielleicht in zwei und drei Jahren können ſie Euch nicht helfen, denn ſie haben ſelber Hülfe nöthig. Darum ſeid klug, ſtellt Euch gegen Herzog und Ritter wie ein Knabe, verhehlt Enres Geiſtes und Muthes Aufwuchs, nehmt Kränkung und Mißhandlung, Spott und Geringſchätzung geduldig hin, laßt Euch dumm ſchelten— vertrauet mir, es iſt der einzige Weg zu Eurer rechtmäßigen Herrſchaft und zum rechten Erbe; darum, mein Prinz, verſteht mich recht und faſſet kein Mißtrauen gegen mich, wenn ich vor den Augen des Herzogs deſſen Willen an Euch übe.“— Waren es Braunſchweiger, die heute Mittag in die Burg gebracht wurden?“— fragte Friedrich, hierdurch zu erkennen gebend, daß ihn der Gedanke an eine Hülfe, die er in der — 102.— Entrüſtung der Stadt gegen den Herzog Otto erwartete, noch vorherrſchend beſchäftigte. „Es ſind Braunſchweiger, ja; ich glaubte anfangs auch, daß es aufgegriffene Gefangene ſeien, denn die Reiſigen, die im Lechelnholze und bei Groß⸗Stöckheim lauern, brachten ſie in's Schloß. Ich ſtand im Hofe und hörte, daß ſie erklärten, Abgeſandte der Stadt an den Herzog zu ſein, um ihm ein Geſchenk und gutes Wort zu bringen. Das glaubten die Knechte nicht und man hat ſie bis zur Wieder⸗ kehr des Herzogs im Geſindehauſe eingeſperrt.“— „Ein Geſchenk und gutes Wort?“— ſprach Friedrich halb laut und mit verdüſterter Miene— und lauter fuhr er fort:—„Rupert, wenn die Braunſchweiger ſo denken, dann ſind ſie mir feindlich.“— Eure Zeit iſt noch nicht gekommen, gnädiger Herr; Ihr ſeid noch ein halbes Kind und ich wollte, Ihr erſchienet wie ein ganzes Kind, das Jedem als Freund oder Feind gleich⸗ gültig iſt. Die Bürger, die heute Mittags eingebracht ſind, ſcheinen zu dem Rathe und den Vornehmen der Stadt zu gehören und wollen wahrſcheinlich um Freilaſſung der Ge⸗ fangenen bitten und ein Löſegeld bringen.“— Der alte Rupert ſtand ſchnell, noch während er dieſe letzten Worte ſprach, auf, hielt die Hand über die Augen, um die ſchrägen Strahlen der tiefer geſunkenen Sonne abzuhalten, und ſpähete in die Ferne nach der Gegend, wo die Berge der Harzburg den Hintergrund der Ausſicht bildeten.—„Seht Ihr dort, auf der Straße, die nach Goslar führt, wol die Staubwolke im gelben Schein der Sonne?“— fuhr er lebhafter fort;—„der Herzog kehrt mit ſeiner Geſell⸗ — 103— ſchaft von der Harzburg heim— es blitzen die Rüſtungen und Eiſenhauben der Knappen im Widerſcheine des Lichtes— ſie kommen;— geht auf Euer Revier, Herr, Ihr wißt, wenn der Herzog fröhlichen Sinnes iſt, begegnet er Euch am Wenigſten mit freundlicher Miene— bergt Euch vor ihm, ſeid ein dummer Knabe— theilt Euer Loos mit den gemeinen Reiterbuben— Gott wird Euch helfen!“— Der alte Rupert hatte recht geſehen. Von Vienenburg her wälzte ſich die Staubwolke auf der Landſtraße näher und näher hinter den zahlreichen, im Galopp fortſprengen⸗ den Reitern. Als ſie das Schloß Wolfenbüttel in Sicht hatten, ritten ſie langſamer, lenkten auf einen weiten, grünen Anger, der mit ſeinem weichen Graſe den Huftritt der Pferde unhörbar machte und die Damen der Geſellſchaft einlud, die Thiere im langſamen Schritte ausruhen zu laſſen. Herzog Otto, in der Tracht des Jägers, im Federhute, grünem Sammetkleide, das Hüfthorn an der Seite, nur mit Schwert und Doſch bewaffnet, ritt heiteren Sinnes zwiſchen dem Grafen Ziegenhain und dem Ritter Johann von Weferlingen; auf hohem Roſſe ſaß die Gräfin Agnes, des Herzogs Schweſter, im Federbaret, violettrothem, gold⸗ geſtickten Mieder und langem, wehenden Rocke von dunkel⸗ grünem Tuche, auf der Hand den Jagdfalken tragend, den ſie ſich eben von einem Edelknappen hatte reichen laſſen; neben ihr ritt die rothblonde, muthwillige Olga von Wefer⸗ lingen, ebenfalls im Jagdkoſtüm und einen Falken auf der Hand; Ritter Breido von Ranzau, ſchäkerte mit ihr, während ein hübſcher Junker, der ſich durch den ſpringenden, ſchwarzen Steinbock auf goldenem Schilde im Wappen auf — 104— dem geſtickten Bruſtlatz ſeines reichen Kleides als Sohn des von Steinberg verieth, der herzoglichen Schweſter behülflich war, den abgerichteten Jagdfalken ſteigen zu laſſen, um eine hoch in blauer Luft ſchwärmende, wie Silberflocken im Sonnenlichte glänzende Truppe wilder Tauben anzugreifen. Viele Herren und Damen, darunter die Ritter von Münch⸗ hauſen, von Bardeleben, von Kerſtlingerode, von Hagken, von Bodenhauſen, von Campen, von Adelebſen, von Heym, von Höldingshauſen, von Miningerode, von Winzingerrode, von Mayſenburg, von Reden, von Oberg, von der Decken, von der Aſſeburg mit ihren Frauen oder Töchtern, ſämmt⸗ lich Adel des Braunſchweigiſchen Landes, nebſt einer Anzahl Ritter aus Oberwald und Heſſen, fämmtlich den Stern des Bundes als Zierrath in den Kleidern und als Agraffe an Hut und Baret tragend, hielten ihre Pferde an, um dem Steigen des Falken und ſeiner Jagd in hoher Luft unter blauem, ſonnenglänzenden Himmel zuzuſchauen und ſich an dem ängſtlich in Verwirrung gerathenen Taubenſchwarme und dem wilden Angriffe des von der Höhe aus niederſchießenden Raubvogels zu beluſtigen. Die Jagdbegleitung der Herr⸗ ſchaften, aus den berittenen Trägern der Spieße, Armbrüſte und ſonſtigen Jagdgeräthe und einer Anzahl gerüſteter Knappen zum Schutze beſtehend, machte gleichfalls Halt, während die noch zurückgebliebenen Fußknechte mit den Hunden ſich in der Ferne der Landſtraße anſtrengten, die Reiter einzuholen. Herzog Otto, dem der Kampf des Falken mit Feldtauben kein Intereſſe ablockte, da dieſes Spiel weiblicher Jagdluſt ſeinem Sinne nicht genug Wildheit und Gefahr darbot, ritt mit ſeinen beiden Begleitern langſam über den weichen Gras⸗ — 105— anger weiter und war überhaupt in eine Unterhaltung ge⸗ rathen, welche ihn mehr intereſſirte. Er lachte eben, als der Falke zwiſchen die Tauben ſchoß, laut auf, aber ſein Wohlgefallen galt nicht jenem Schauſpiele, ſondern der Er⸗ zählung des Ritters von Steinberg, welcher, im Hochſtifte Hildesheim zu Hauſe, ſeinen herzoglichen Freund, deſſen Gunſt er ſchon beim großen Turnier zu Göttingen erworben hatte, mittheilte, wie er ſich die Noth der Stadt Braunſchweig zu Nutzen mache und von der Hildesheimer Grenze aus Bürger und Waaren aufhebe und ſeine Luſt habe, den hoch⸗ müthigen, ehemaligen Hanſakaufleuten die Frevel an den edlen Geſchlechtern zu vergelten.„Fürwahr“— hatte er eben geſagt—„es iſt eine vogelfreie Stadt, ſo recht für uns umliegende Burgmänner als Beute Preis gegeben!— War mein Einfall nicht gut, daß ich einen Boten mit einem Briefe, angeblich von den Hildesheimiſchen Kaufleuten, in die Stadt ſchickte, für zweitauſend Mark Tuch und Hirſch⸗ leder beſtellte, ſicheres bewaffnetes Geleit zuſagte, meine eigenen verkleideten Knechte als Schutz der Waaren hinſandte und das Geſchäft ſchnell abmachte? Wenn Ihr einmal gutes, feines Sämiſchleder und Purpurtuch nöthig habt, Herzog, ſo gebe ich es Euch billiger, als Ihr es auf der Braunſchweiger Meſſe erkaufen könnt!“— Hierüber hatte der Herzog herzhaft gelacht, ſeinen langen Bartſchweif geſchwenkt und in der Luſt über den echt ritter⸗ lichen Streich ſogar die Sporen unfreiwillig in des Pferdes Bauch gedrückt, ſo daß es ſich bäumte!—„Ha! ha! ha! Fürwahr, Steinberg“— rief er—„Du haſt ein Werk gethan, das mich ergötzt— aber ich danke Dir für den — 106— Handel mit Tuch und Leder, ich kann es noch billiger haben. Bei Eiſenbüttel, hinter der Landwehr haben die Braun⸗ ſchweiger eine Lohmühle, wo ſie auch das Rindleder in Gruben graben und in der Oker waſchen, das nehme ich ihnen morgen weg, und ſie ſollen es mir für den gleichen Werth Sämiſchleder wieder einlöſen. Ha! ha!“— Und zu Weferlingen gekehrt, drohete er mit dem Finger und fuhr lachend fort:—„hörſt Du wohl, alter Packan! daß Du mir dieſe Nacht nicht zuvorkommſt und den Handel mit den Braunſchweigern verdirbſt!“— „Habt keine Sorge, Herr, ich ziehe um ein Schock Kuh⸗ häute nicht aus, kann beſſere Beute machen. In der Stadt ſteckt noch viel Werth und die Bürger können doch ihrer Gewerke Producte nicht liegen laſſen; ſie müſſen Handel treiben und auf die Landſtraße. Aber mir beſagt es beſſer, mich an dem Blute der Bürgerhallunken zu rächen, denn ich kann es ihnen nicht vergeben, daß ſie Leute vom Ge⸗ ſchlechte zum Schilde geborener Männer und Patrizier meuchlings abgethan, oder um ihr Vermögen beraubt und ausgetrieben haben. Wo ich einen Bürger packe, da haue ich ihn zuſammen, und wenn er um Gnade für Löſegeld fleht, ſo nehme ich ihn mit und er muß herausgeben, was er zu Hauſe zuſammengeſcharrt oder den Bürgermeiſtern und ver⸗ jagten Geſchlechtern geſtohlen hat.“—„Du biſt ein braver Mann und ein guter Ritter!“— ſagte Otto, in ſeinem eigenen Bürgerhaſſe befriedigt;—„ich wollte, ich könnte es mit den übermüthigen Göttingern ebenſo machen, und ich warte nur auf eine Gelegenheit oder einen Vorwand. Wir dürfen die Städte nicht zu ſtark, reich und hochmüthig — 107— werden laſſen und der Bund der Hanſa iſt ſchon ein Be⸗ weis, daß wir ein gutes Theil gegen ſie verloren haben. So lange Braunſchweig im Hanſabunde war, mußten wir uns vorſehen— nun aber müſſen wir die Zeit gebrauchen und den Städtern zeigen, wer ihr Herr iſt. Die Göttinger möchten auch in die Hanſa, aber ich halte ſie mit Liſt zurück.“ „So wiſſet Ihr noch nicht, daß Eure Stadt Göttingen vor wenigen Tagen in den Schutz⸗ und Trutzbund eingetreten iſt, den die Städte Hildesheim, Hannover, Lüneburg, Hal⸗ berſtadt, Magdeburg und Quedlinburg miteinander ge⸗ ſchloſſen haben?“ Dieſe Aeußerung des Ritters von Steinberg hätte beinahe die gute Laune des Herzogs getrübt; ſeine Augen blitzten, die dicke Unterlippe drängte vor.—„Und das meldet mir mein Schulze zu Göttingen nicht?“ rief er;— „iſt der Kerl von ſeinem Kopfhiebe ganz dumm geworden?“ „Da habt Ihr ja ſchon einen Vorwand, der Stadt beizukommen“ ſagte Weferlingen;—„denkt an den Raths⸗ mann Werner Roden, der Euch vor länger als Jahresfriſt in meiner Gegenwart mit frecher Rede die gute Lehre gab, Euch auf die Kraft der Bürger zu ſtützen.“ „Das ſollen ſie mir büßen!“ rief Otto und ließ im Eifer das Pferd galoppiren. In dieſem Augenblicke erſcholl ein frohes Geſchrei hinter ihm auf dem Anger. Der Falke war mit einer Taube zu der Gräfin Agnes niedergeſtoßen, aber gleichzeitig hatte ein Volk Rebhühner das hohe Gras verlaſſen und floh gegen den nächſten Fichtenhain. Die muthige Olga ſchickte — 108— ihren Falken nach und ſprengte den Fichten zu, um mit einer Pulverbüchſe zwiſchen die vom ſteigenden Falken nieder⸗ geſcheuchten Hühner zu ſchießen.“ Der Herzog hielt ſein Pferd, kehrte ſich um und be⸗ trachtete die kühne Jägerin mit lachender Miene. „Ein köſtliches Mädchen, Deine Olga!“— rief er dem Weferlingen zu—„ſolche Weiber liebe ich über Alles! Die wiſſen eines ritterlichen Mannes Herz zu wecken— wie ganz anders, als die frommen Büßerinnen!“ Die gute Laune des Herzogs war wiedergekehrt; er ſah der Olga zu, wie ſie die Pulverbüchſe führte, ein Huhn traf und froh, unter den Huldigungen der Ritter, den Falken auf ihre erhobene Hand herablockte, und winkte ihr vergnügt mit dem Arme zu. Sie ſetzten im ruhigen Tritte der Roſſe ihren Weg nach Wolfenbüttel fort. Der Herr von der Aſſeburg, der Nachbar des Herzogs auf dem Schloſſe, deſſen Burgzinnen bereits jenſeit Wolfenbüttels über den Waldberg der Affe am hellen Himmel mit grauem Gemäuer ſichtbar geworden waren, geſellte ſich zu den Dreien. Er war in Schwarz und Gelb gekleidet, ein liegender, ſchwarzer Fuchs auf goldenem Felde bezeichnete das Wappen auf ſeiner Bruſt. „Nun, Herzog?“— begann er—„habt Ihr nicht Luſt den Kaiſer zu ſehen? Karl der Vierte iſt in Lübeck eingeritten mit ſeiner Gemahlin, begleitet von dem Erz⸗ biſchofe Friedrich von Köln, dem Markgrafen Otto von Brandenburg, dem Markgrafen Wilhelm von Meißen, den Herzögen Albrecht von Mecklenburg, Juſt von Mähren, Albrecht von Lüneburg, Nicolaus von Holſtein, dem Grafen — 109— Günther von Stettin und vielen Bannerherren und Rittern. Es ſind große Feſtlichkeiten in Lübeck.“— Otto ſah den Frager mit einer ſpöttiſch lächelnden Miene an, die zweifelhaft zu fragen ſchien, ob der Ritter ſpaße oder es ernſtlich meine.—„Was geht mich der Kaiſer an“ ſprach er darauf in ſeiner derben Weiſe—„die Fürſten im römiſchen Reiche ſind ſich ſelbſt genug und fragen wenig nach des Kaiſers Willen und Herrlichkeit. Mag er ſelbſt zuſehen, wie er mit den welſchen Pfaffen und den Fürſten im Reiche fertig wird.“ „So denke ich auch, Herr,“ ſprach der Aſſeburger;— „unſere Vorfahren waren Thoren, daß ſie um des Kaiſers Anſehen und Macht in den Krieg zogen und ihm Geld und Leute zubrachten.“ „Die Kaiſer ſind der Fürſten Gegner und ſinnen darauf, deren Gewalt zu ſchwächen“— ſagte Otto—„darum müſſen wir ſie nicht zu Anſehen und zu Macht kommen laſſen; ihre Reichsacht iſt ein hohler Schall, und wir thuen, was uns ſelber gut dünkt. Ich würde nie auf einem Reichs⸗ tage erſcheinen und mich dem Richterſpruch des Reichsober⸗ hauptes unterwerfen; darin würde ich es meinem ſeligen Vetter Magnus gleich thun, der ſich um des Kaiſers Acht und Bann wenig kümmerte. Drohen mögen die Kaiſer uns, aber ſie ſind zu machtlos, um uns zu zwingen. Weil die Städte im Wahne leben, daß der Kaiſer unſer Herr ſei, ſo ſtreben ſie nach Reichsunmittelbarkeit, um ſich der Gewalt ihres Landesfürſten zu entziehen, aber ich wollte es den Göttingern zeigen, wer ihr rechter Herr iſt.“ Die übrige Geſellſchaft der Ritter und Edeldamen ſprengte — 110— jetzt heran und unterbrach dieſes Geſpräch. Olga ritt zu dem Herzoge, einige Flügelfedern des erlegten Huhnes am Baret, und hielt ihm die Beute entgegen; dieſer belobte ſie, küßte ihr die Hand und ſchäkerte mit ihr faſt aus⸗ ſchließlich. Nach einiger Zeit, als die Sonne bereits in einem prächtigen Abendrothe über dem weſtlichen Horizonte ſtand, die entfernten Waldberge dampften und die Staare in nie⸗ deren Wolkenzügen auf die Schilfufer der Teiche ſich ſenkten, erreichte die von der Harzburg heimkehrende Jagdgeſell⸗ ſchaft das Schloß Wolfeubüttel. Die Ritter und Damen ritten, eines reichen, gaſtlichen Nachtmahles gewiß, laut und fröhlich über Zugbrücken, durch Thorgewölbe und Vorhöfe in den inneren Burgraum ein, ſtiegen unter galanten Scherzen von den Roſſen und verbreiteten ſich in den Sälen und Gemächern des Schloſſes, um zu ruhen oder ihre Toilette zu wechſeln. Der Herzog war in ſein Gemach gegangen, hatte ſich von ſeinem Leib⸗-Edelknappen Kurd die Waffen abnehmen, mit Wein erquicken laſſen und ſich behaglich, mit dem Beſuche auf der Harzburg zufrieden, in denſelben Seſſel ausgeſtreckt, worin Magnus Torquatus oft über die Pläne ſeines kriegeriſchen Sinnes nachgegrübelt hatte. Der Burgvogt trat ein; gleich hinter ihm folgte Breido von Ranzau, der als beſitzloſer Edelmann die Stelle eines Vertrauten und Geſellſchafters bei der Perſon des Herzogs eingenommen hatte und die Neigungen und Sinnesart deſe ſelben nicht nur theilte, ſondern auch förderte, und dadurch ſich unentbehrlich zu machen wußte. „Herr“— ſagte der Burgvogt—„ſeid Ihr in Gnaden — 111— gewillt, Bericht anzunehmen, was ſeit geſtern, daß Ihr entfernt waret, geſchehen iſt?“ „Sprich!“— befahl der Herzog, dem Ritter Breido einen Wink gebend, ſich am Tiſche niederzulaſſen und, gleich ihm, den Becher zu nehmen. „Geſtern und letzte Nacht ſind auf den Straßen und der Oker köſtliche Waaren aufgegriffen, die die Braun⸗ ſchweiger nach Goslar und Magdeburg unter ſtarker Be⸗ deckung verſenden wollten; wir haben am Thieder Linden⸗ berge einen von den neuen Bürgermeiſtern, den Heinrich Bock, eingefangen und ihn am Leben geſpart, da er, wie ſeine Knechte ſagten, ein reicher Mann ſei.“— „Reich, weil er die gerichteten und verjagten Geſchlechter der Stadt beſtohlen hat“— ſagte Otto, gemächlich den Becher nehmend;—„der Spitzbube ſoll es büßen! Tau⸗ ſend Mark Silber— oder er wird vor dem Thore der Stadt aufgeknüpft!“— „Die Knechte, die in Groß⸗Stöckheim lagern, haben heute vier Braunſchweiger Bürger, die des Weges nach Wolfenbüttel in einem Rollwagen fuhren und mit Degen und Amtskleidung des Rathes verſehen waren, angehalten und Mittags hier eingebracht. Da alle Thürme und Zwinger voll ſind von Gefangenen, ſo habe ich ſie einſtweilen im Geſindehauſe bewachen laſſen. Sie geben vor, von der Stadt an Eure Gnaden abgeſandt zu ſein, um Euch ein Geſchenk und gutes Wort darzubieten.“— „Ei“— lachte Otto—„bringen die Burſchen ſchon Geld und Bitte für den geſtern eingefangenen Bürgermeiſter? Der muß ihnen viel werth ſein, dann ſoll er mir auch ein 112 werthvoller Mann ſein und 2000 Mark löthigen Silbers koſten. Bewahre ihn mir wie eine Perle, daß er nicht entwiſcht, gieb ihm Wein und Fleiſch, daß er nicht zu mager wird.“— „Oho— entwiſchen!“— verſetzte der Burgvogt im Gefühle der überlegenen Sicherheit—„er liegt an der Kette.“— „Laßt die Abgeſandten kommen“— befahl Otto;— „ſie ſollen ihre Amtstracht anlegen, damit ſie im Namen des Rathes ſprechen dürfen, aber keine Degen;— Bürger⸗ volk ſoll nicht das Zeichen des Edelmannes tragen— jeder Städter in Wafſen ärgert mich ſchon.“— Der Burgvogt ging.— „Ihr ſeid zu gelegener Zeit Vormund geworden, Herr“ — ſagte Breido von Nanzau ſcherzend;— in Göttingen mußtet Ihr Briefe und Privilegien um ſechshundert Mark ausſtellen und wie mit Juden darum feilſchen; hier aber fallen Euch die Tauſende wie Hagelwetter zu und die Noth hat ein Ende.“— „Die Braunſchweiger konnten mir keinen beſſeren Dienſt leiſten, als ihre Bürgermeiſter umzubringen, adlige Ge⸗ ſchlechter zu verjagen und dafür des Schutzes der Hanſa ledig zu werden! Ja, Breido, wir ſind in ein gelobtes Land eingezogen, hier lebt man erſt ordentlich, das wiegt Dein Heſſenland fünffach auf. Ich denke in Wolfenbüttel alt zu werden und zu ſterben.“— „So denke ich auch; man gibt ein Land, wo Milch und Honig aus allen Quellen fließt, nicht für ein altes Pergament fort, das noch obenein der Hildesheimer Biſchof — 113— ausgedacht hat. Ihr ſeid ſtark genug, im Nothfalle den Lüneburgern die Zähne zu weiſen, die Ritter hier im Lande und Sterner halten mit Euch und die Braunſchweiger Bürger können weder dem Einen noch dem Anderen helfen. Und wenn es noch ein Jahr ſo fortgeht, iſt die ſtolze Stadt arm, ausgehungert und liegt zu Euren Füßen.“— Otto hatte den Specher ſtarr, liſtig, beherrſchend an⸗ geſehen.—„Schlauer Fuchs“— ſprach er zwiſchen den Zähnen weg mit Grinſen—„Du ſtiehlſt Dich wol in meine eigenen Gedanken, um ſie mir als guten Rath feil zu bieten?— Trink' darauf, Fuchs— Du haſt's getroffen— wir bleiben im Lande.“— „So ſeid Ihr über den Friedrich mit Euch einig?“— „Pah— der Junge iſt dumm, blödſinnig— ein Schwäch⸗ ling an Körper, kann im Leben keinen Harniſch tragen. Wie kann ein Waſſerkopf Landesherr ſein?— Erſt will ich mich an der Stadt Braunſchweig, am Bürgerthum rächen, dann mit dem Vetter bald fertig werden. Er bleibt ein Knabe und wird nicht alt; ſchon jetzt träumt ihm das Siechthum aus den Augen; ſollte aber ein Wunder an ihm geſchehen, ſollte er leben bleiben und gar Willen bekommen, ſo findet ſich auch ein Weg. Er iſt mein Gefangener— bleibt er dumm, dann laſſe ich ihn ſpäter laufen zur Mutter.“ Der Burgvogt öffnete die Thür, hinter welcher mehre bewaffnete Knappen ſichtbar wurden, zwiſchen denen vier Männer, drei von ihnen in ſchwarze Mäntel gekleidet, das Baret in der Hand, den weißen Kragen und die Kette der Rathswürde am Halſe, der vierte aber im Patrizieranzuge, mit Wamms, Mäntelchen, Federhut und Wehrgehäng, lang⸗ Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 8 — 114— ſam und mit feierlichem Ernſte hervortraten, die Schwelle überſchritten und ſich vor dem Herzoge verbeugten, der ſich im Seſſel überlegte, den Fuß auf das Knie des anderen Beines warf und, mit dem Sporn ſpielend, geringſchätzend auf ſie herablächelte. Der Mann im Patrizierkleide hatte, bei allem Ernſte ſeiner Miene und Haltung, doch ein ent⸗ ſchloſſenes Geſicht und ein feſtes, ſtolzes Auge, womit er den Herzog fixirte; die Rathsmänner waren dagegen mehr demüthig, niedergeſchlagen und ſichtlich bedrückt. „Ihr ſeid Braunſchweiger?“— redete Otto ſie an, behaglich den Kopf auf die Lehne ſeines Seſſels legend und mit dem Barte auf der Bruſt ſpielend;—„was habt Ihr mir zu bringen?“— Einer der Rathsmänner, der jüngſte von ihnen, ein fünfundzwanzigjähriger, blondbärtiger Mann, deſſen Miene edel, ſanft, aber von großem Leid getrübt ſchien, nahm das Wort:—„Herzogliche Gnaden— ſchenket uns Gehör und Gunſt; wir ſind Braunſchweiger Rathsverwandte und jener ein Mann aus gutem Geſchlechte;— Ihr wißt, was unſere Stadt“... Otto fiel höhniſch lächelnd ein:—„Ich weiß;— Ihr ſeid Leute vom neuen Rath, welche die alten Bürgermeiſter ermordet und ſich an deren Stelle geſetzt, die edlen Geſchlechter verjagt und deren Eigenthum geſtohlen haben— dafür ſollte ich Euch ſammt und ſonders aufhängen laſſen.“— „Verzeihet, Herr, nicht wir ſind die Schuldner einer That, für welche die ganze Stadt ſchwer büßen muß. Seht, dieſe beiden älteren Männer ſind Rathsleute der Altewyk, die keinen Theil an der Schuld genommen hat, gleich den — 115— Bürgern dieſes Weichbildes, deren ich einer bin und erſt kürzlich in den Rath gewählt wurde. Es wird Euch ver⸗ ſtändlich werden, daß ich die Vorfälle tief im Gemüthe be⸗ klage, wenn ich Euch zuvor melde, daß des Tile von Damm Mündel mein eheliches Weib iſt und er mich aus der Taufe gehoben hat.“— Dieſe Mittheilung ſchien eine verſöhnliche Wirkung auf Otto zu üben, wenigſtens blickte er die Leute prüfend an, den Mann im Wamms und Wehrgehäng, dem das Schwert gleich den Uebrigen abgenommen war, mit weniger Gering⸗ ſchätzung und fragte:—„Ihr ſeid ein Patrizier?“— Der gedrungene, kräftige Mann, mit feſt ausgeprägten Geſichtszügen und Entſchloſſenheit im Ausdrucke, erwiderte den abſchätzenden Blick des Herzogs durch ein offenes An⸗ ſchauen, indem er ſagte:—„Ja, Herr, ich bin der zum Stadthauptmann gewählte Hermann von Vechelde. Die Gildemeiſter, welche in letzter Oſterzeit für das Wohl der Stadt zu handeln glaubten, fühlen nun, daß ſie derſelben ein großes Unglück gebracht haben, und es ſind mehre der friedlichen Bürger, die Oſtern keinen Theil an dem Auf⸗ ruhr hatten, in den Rath eingetreten, um der Stadt die alte Ehre und Macht wieder zu erringen, welche ſie ver⸗ loren hat.“— „Ei“— lächelte Otto ſpöttiſch—„dazu wünſche ich Euch Glück. Es wird Euch aber nicht gelingen!“— „Vernehmet meine Rede, Herr, die ich vor dieſen Zeugen im Namen des ganzen Rathscollegiums der Stadt vor Euch zu richten beauftragt bin“— nahm der jüngere Rathsmann Jürgen Hilſe das Wort—„Wir ſind durch den ſchimpf⸗ 8* — 116— lichen Bannſpruch der Hanſa ohne Freund, Schutz und Wehr, Ihr ſowol wie die Burgmänner im Lande und der Nachbargauen haben uns den Zorn im vollen Maaße fühlen laſſen, wir ſind Freibeute geworden und unſer Wohlſtand iſt vernichtet. So kann es nicht länger bleiben, wenn die einſt ſo mächtige Stadt, die dem Herzog Magnus die beſte Hülfe an Geld und Mannen war, nicht zu einer Hunger⸗ ſtätte werden ſoll. Freude, Vertrauen und Fleiß ſind dar⸗ aus entwichen, Furcht, Reue, Schreck und Verzweiflung ſind eingezogen; ohne einen Bundesgenoſſen werden wir Eure und der Ritter Beute an Leben und Eigenthum. Als wir hörten, daß der Kaiſer Karl IV. in Lübeck ſei, ſandten wir vor zwölf Tagen eine Deputation zu dem Oberhaupte des deutſchen Reiches und flehten ihn an, uns zu vergeben und bei der Hanſa unſere Verzeihung zu bevorworten. Der Kaiſer antwortete, daß er nichts ſehnlicher wünſche, als das Emporkommen der Städte und nichts ſchmerzlicher empfinde, als die That und den Verfall der Braunſchweiger; er wolle der Stadt aber im Namen des Reichs vergeben und ſich herablaſſen, die Hanſa zu erſuchen, die ausgeſtoßene Stadt wieder in ihren Bund aufzunehmen.— Getröſtet und neuer Hoffnung froh kehrte die Geſandtſchaft heim, aber geſtern traf die Nachricht der Hanſa aus Lübeck ein, daß auch das Vorwort des Kaiſers ihren Zorn nicht mildern könne und die Stadt geächtet bleiben ſolle.— In dieſer verzweiflungs⸗ vollen Noth müſſen wir nun anderweitig Schutz, Freund⸗ ſchaft und Sühne ſuchen und da ſeid Ihr, Herzog, uns der Nächſte und, als Vormund des Landesherrn, uns auch der natürlichſte Schützer.“— — — — 117— Otto hatte bei dieſer Rede abwechſelnd mit Hohn und innerſtem Frohlocken gelächelt und den Ritter Breido an⸗ geblinzelt, der den Spott ebenfalls in ſeinen Mienen trug; Alles, was der ehrliche Rathsmann ſagte, war gerade die directeſte Herausforderung der herzoglichen Abſichten und Ge⸗ lüſte, ſeines unverſöhnlichen Bürgerhaſſes. Hätte Otto ſeine Gedanken laut werden laſſen, ſo würde er bei dem kaiſer⸗ lichen Wunſche für das Emporkommen der Städte geſagt haben:„glaub's wohl, der Kaiſer will uns Reichsfürſten ſchwächen durch die Städte!“— und bei der Beharrlichkeit des Hanſeatiſchen Zorns würde er gerufen haben:—„das iſt mir lieb, denn ich will Euch ganz vernichten.“— Er begnügte ſich aber zu lächeln, ſich höhniſch an der Demüthi⸗ gung und Argloſigkeit der Bürger zu weiden. „Nun?“— rief er—„und was bittet Ihr von mir?“ „Herr— Ihr ſeid der Stadt gefährlichſter Feind— Ihr nehmt Leute und Waare und brandſchatzt die Stadt durch Vernichtung alles Handels und großes Löſegeld; geſtern noch habt Ihr den Bürgermeiſter Heinrich Bok aufgehoben und ſeine Familie ſchwimmt in Thränen; Herr“—— „Ei“— fiel Otto ein—„die Thränen könnt Ihr der Familie ſchnell trocknen— zweitauſend Mark Silber werdet Ihr doch wol für einen Bürgermeiſter aus der Stadtkaſſe geben?“— 1 Der Schreck machte die Rathsmänner eine Zeit lang ver⸗ ſtummen; Otto weidete ſich gemächlich an ihrer ſtarren Miene, nur Ritter Breido bemerkte, daß der Patrizier ſeine Fauſt auf dem Rücken ballte und dann mit unruhiger Be⸗ — 118— wegung und funkelnden Augen in ſein leeres Wehrgehäng griff. Jürgen Hilſe aber trat plötzlich vor, warf ſich vor dem Herzog auf ein Knie nieder und ſprach mit dem weh⸗ müthigen Muthe der höchſten Noth:—„Herr, ſeid ein gnädiger Fürſt und überlaßt es Gott, mit uns zu richten! Erbarmt Euch über unſere Stadt; wir wollen Euch ſchadlos halten im Frieden, was Ihr als unſer zorniger Feind jetzt von uns nehmt; es kann Euch nicht werthlos ſein, den Dank einer Stadt zu beſitzen, die unter Eurem Schirme und Frie⸗ den Hülfsquellen genug hat, durch Gewerbefleiß und Handel bald wieder aufzublühen und Euch dann ergeben und willig zu ſein. Wandelt Euren Zorn in Gnade, befehlt Enren Reiſigen, nicht gegen uns, ſondern mit uns zu ſtreiten, haltet die Ritter von dem Morde unſerer Bürger und dem Raube unſeres Eigenthums ab; bei dem heiligen Bruno! ſo kann es nicht länger dauern. Es iſt ſo weit gekommen, daß ſich kein Bürger mehr außerhalb der Ringmauern blicken laſſen darf, ohne von Reiſigen erſchlagen oder gefangen zu werden. Eure Ritter dringen bis an die Thore der Stadt, überfallen unſere Landwehren, verſtümmeln unſere Bürger und werfen ſie höhniſch an die Hecken und Gräben. So fanden wir am Wendenthurme neulich mehre Bürger mit abgehauenen Händen und Füßen.“— „Iſt's nicht eine gerechte Strafe“— fiel Otto ein— „die noch viel zu milde iſt gegen das Verbrechen, wenn Bürger Aufruhr machen und adliges Blut meuchlings ver⸗ gießen? Ihr habt zu Gericht ſitzen wollen über edle Ge⸗ ſchlechter und wundert Euch nun, wenn dieſe über Euch richten?“— — 119— „Vergeſſet und vergebet!“— flehete Jürgen Hilſe, ſich auch auf das andere Knie werfend und des Herzogs Füße berührend. Hermann von Vechelde ließ den hohnlächelnden Fürſten nicht aus den Augen, ſeine Wangen waren roth geworden, ſeine Miene ſtolzer.—„Herr!“— bat der knieende Rathsmann weiter—„wir haben Vollmacht, Euch ein großes Geſchenk anzubieten!“— Otto horchte auf. „Ihr wiſſet, daß Herzog Magnus dieſes Schloß zu Wolfenbüttel der Stadt für 3800 Mark Feinſilber verpfändet hat; er löſte es bei Lebzeiten nicht wieder ein und es iſt Eigenthum der Stadt geworden, das der Erbe des Landes, Herzog Friedrich, nicht beanſpruchen kann. Die Stadt will es Euch zum Geſchenk machen, Herr— nehmt es als Pfand des Friedens an!“— Otto lachte ſo herzhaft auf, daß Ritter von Ranzau ſeiner eigenen Heiterkeit keinen Zwang mehr anthat und mitlachte.—„O!“ rief der Herzog—„Ihr ſeid ſchlaue Krämer und liſtige Juden— Ihr verſchenkt einen Faſan, der Euch längſt entflogen iſt und einen anderen Herrn gefunden hat!— Nun kenne ich Euren guten Willen; wahrhaftig! Ihr möchtet meine Gnade und Ausſöhnung ſpottbillig kanfen!“ „Herr, es ſind 3800 Mark Feinſilber!“ ſagte einer der älteren Rathsmänner. Hermann von Vechelde, der ſchon mit geſteigerter Un⸗ geduld auf den Knienden geblinzelt und nur mühſam ſein Geſicht vor dem Ausdrucke des Unwillens und ſeinen Mund vor ſcharfer Rede bewahrt hatte, trat jetzt vor, zog den — 120— Jürgen Hilſe vom Boden auf und ſah ihn ſtolz in die Augen. „He!“— rief Otto—„was wollt Ihr damit ſagen?“ „Daß der Rathsmann Euch nicht beläſtigen ſoll, da es Euch unangenehm ſcheint“— antwortete Vechelde feſten Blickes. Der Herzog ſprang auf und ſchritt gegen ein Fenſter; er ſchien unſchlüſſig zu ſein, was er thun ſolle. Breido von Ranzau folgte ihm dahin und flüſterte ihm zu: Nehmt ſie doch feſt; es ſcheinen reiche Leute zu ſein, die ſich ſo erbärmlich ſtellen, um ihr Geld zu verheimlichen. Schlaue Juden ſind dieſe Braunſchweiger, ſie wollen Euch dieſes Schloß ſchenken, ha, ha! das Loth Silber, das ich in meiner Taſche habe, nehme ich nicht mehr geſchenkt.“ Otto ſah den Flüſternden ſpöttiſch überlegen an; jetzt kehrte er ſich gegen die Braunſchweiger und ſprach lächelnd: —„höret meinen Beſcheid!— Ich will Euch meine Gnade beweiſen.“ Die Rathsherren wollten mit Geberden der Freude und Dankbarkeit nach ſeiner Hand greifen, um ſie huldigend zu küſſen, er aber winkte ſie mit verächtlicher Armbewegung zurück und fuhr fort:„Ich will Euch unter Geleit heim⸗ ſchicken und Euch ohne Löſegeld frei geben. Gerathet aber nicht zum zweiten Male in meine Hände. Das Schloß habt Ihr nicht mehr zu verſchenken, das iſt mein— aber ich werde Euch Schaden thun, ſo viel ich vermag— nun gehet!“ Die Rathsmänner erbleichten, ſahen ſich ſtumm an, verneigten ſich und näherten ſich mit ſchmerzlicher Geberde — 121— der Thür. Hermann von Vechelde blieb ruhig und ſtolz: er warf dem Herzoge einen flammenden Blick zu und ging feſt und ungebeugt hinaus. Der Burgvogt trat ein, empfing den Befehl, die Braun⸗ ſchweiger mit Geleit frei ziehen zu laſſen und ging mit hinaus, um den Willen des Herzogs auszuführen. Das frohe Getöſe der Ritter und Edeldamen, die im Burggarten den ſchönen Abend und Sonnenuntergang ge⸗ noſſen, ermahnte den Herzog an ſeine Gäſte. Als er aus dem Fenſter blickte, gewahrte er Olga im Garten, einen Degen in der Hand mit einem jungen Ritter fechtend, der ſich bemühte, die zarte Gegnerin nicht zu verletzen, aber plötz⸗ lich einen Klingenſchlag auf den Arm empfing, worüber ein lautes Gelächter der Umſtehenden entſtand; Gräfin Agnes ließ ihren Lieblingshund ſeine Kunſtſtücke im Sprin⸗ gen machen, während ihr Gemahl mit mehren Rittern auf der Bruſtwehr ſtand und in die üppige Gegend ſchauete. Wohlgefällig lachend trat Otto vom Fenſter zurück, um die Gäſte, nach dem ſcharfen Ritt von der Harzburg, beim fröhlichen Nachtmahle zu verſammeln. Am ſpäten Abend waren die Braunſchweiger in ihrem Rollwagen, von zwei herzoglichen Reiſigen zu Roß be⸗ gleitet, ſicher und nach mehren Unterbrechungen durch wegelagernde, aus ihren Schlupfwinkeln hervorbrechende Knechte des Wolfenbütteler Schloſſes, in der Stadt ein⸗ getroffen; ſchon mit Sorge, Ungeduld und Erwartung hatte man hier ihrer Wiederkunft entgegengeſehen; der Rath wurde noch zuſammengerufen und die Nachricht, welche die Abgeſandten brachten, erfüllte die Gemüther mit neuem Schreck — 122— und erhöhter Rathloſigkeit. Hermann von Vechelde, der unterwegs, wegen der feindlichen Ohren der Reiſigen, ſeinen Zorn in ſtilles Grollen hatte einzwängen müſſen, ließ jetzt uf dem Rathhauſe der Altſtadt ſeine zornige Auf⸗ regung in Worten aus.—„Ich hätte ihn erwürgen mögen“ rief er—„wenn ich ſeinen Hohn ſah, womit er des Hilſe blutheißes Flehen erwiderte;— mehr als die Hanſa hat uns dieſer Quade gedemüthigt; der Magnus war ein Ehrenmann gegen dieſen! Laſſet uns bis zu dem letzten Athemzuge und zum letzten Schilling mit ihm einen Kampf auf Leben und Tod beginnen— opfert Alle Geld und Gut, um Waffen, Rüſtungen, Pulver und Büchſen dafür zu ſchaffen, verlaſſet Weib und Kind, daß wir in den Kampf gegen den Quaden und die Räuber auf den Burgen ziehen; — wenn wir dann untergehen, ſo iſt's ein Troſt, nicht als Feiglinge, engherzige Krämer und Kopfhänger, ſondern als muthige Bürger zu ſterben, die ehrenvoll geſühnt haben, was Uebles geſchehen iſt. Die Burg Wolfenbüttel hat er uns geſtohlen, der Räuber von der Leine, er wird dem Friedrich das Land ſtehlen!— O, ſteckte doch in dem Sohne des Magnus muthiger Sinn— wir wollten ihm Schloß und Erbe erkämpfen!“ Dieſe kriegeriſche, muthige Rede fand allerdings in den Gemüthern Wiederhall, aber die ruhigeren Männer, na⸗ mentlich die älteren Bürgermeiſter der Altewyk, riethen zur Klugheit. Es ſiegte über die Leidenſchaft das Gefühl der wirklichen Ohnmacht und das Bedürfniß nach Bundesgenoſſen, denn nicht nur der Herzog Otto, ſondern viele andere Fürſten und Biſchöfe hatten der Stadt allen Verkehr gekündigt. — 123— „Vernehmet meinen Rath!“— ſagte Jürgen Hilſe— „Zur Zeit, als Tile von Damm überfallen wurde, waren ſeine beiden Kinder zur Erziehung nach Halberſtadt gethan und nur ſein Mündel, meine Hausfrau, war bei ihm, um ſein Alter zu pflegen. Den Kindern habet Ihr das Erbe vom Vater, den Ort Hornburg genommen; laßt uns den Biſchof von Halberſtadt zu gewinnen ſuchen, daß er unſer Schutzherr werde, und ihm Hornburg abtreten, um ihn durch dieſes Geſchenk willig und genehm zu machen.“ Der Vorſchlag fand, nach mancherlei Einwürfen und muthloſen Bedenken, allmählig Beifall; ein anderer Raths⸗ mann meinte, daß es zweckmäßig ſei, ſich mit einem Herrn zu verſöhnen und zu einigen, der des Quaden Feind ſei; es wäre gewiß von Nutzen, den Herzog Wenceslaus von Lüneburg zu gewinnen und, um ihn geneigt zu machen, mit dem Orte Gifhorn, der der Stadt gehöre, zu beſchen⸗ ken. Auch dieſer Vorſchlag fand Anhang und Fürſprache. Man einigte ſich noch bis Mitternacht, daß man beide Pläne morgen mit den Hauptleuten der Gilde überlegen wolle. Die Abweſenheit des Bürgermeiſters Heinrich Bok ver⸗ mehrte die ſchmerzliche Stimmung über die Hülfloſigkeit der Stadt und ihrer Bürger und die unerhörte Forderung Otto's zur Auslöſung des an ſeinem Leben bedrohten Ge⸗ fangenen rief eine ebenſo große Entrüſtung wie Ent⸗ muthigung hervor. Dieſe ungeheure Summe konnte die Familie des Geraubten nicht aufbringen und man dachte daran, wie die Stadt das Löſegeld möglich machen könne, man erzählte, wie Weib, Kinder und Verwandte des Ge⸗ fangenen in Verzweiflung geſtern und heute von Haus zu — 124 Haus, Rath zu Rath gelaufen ſeien und um die Rettung des Bürgermeiſters geweint und gefleht hätten.—„Löſet ihn aus, durch eine Steuer auf jeden Kopf!“— rief Vechelde—„wir wollen unſer Blut obenein zugeben und, ſo Gott will, büßen und wieder büßen, bis die Zeit der Abſolution kommt, die wir uns ſelber geben! Verlieret den Muth nicht, verſchenkt nichts an Fürſten und Biſchöfe, denn ſie danken nicht, weil ſie der Bürger Geſchenk für eine Schuldigkeit halten;— nehmt ein Exempel an den alten Spartanern, ſie waren auch Bürger einer Stadt.— Zieht das Schwert, vergeltet Gleiches mit Gleichem! Ge⸗ lingt es uns, erſt einen Strolch, wie den grauſamen Wefer⸗ lingen, mit Burg und Leib zu vertilgen, ſo werden die Anderen ſich erſchrecken; denn ſeid gewiß, die Ritter unſerer Zeit ſind feige und ungeſchickt, wenn ſie nicht auf Raub ausgehen, ſondern mit entrüſteten Bürgerſchaaren zu thun haben. Der rothe, dreiſchwänzige Löwe unſerer Stadt ſollte ſich vor der goldenen Katze des Göttingers fürchten? Seht hier, mein Wappen— drei Roſen auf ſchrägem Balken — ſeht dort die Lilie in des Nachbars Schilde— laßt uns einen Bund, unter dem Feldzeichen der Roſe oder Lilie, ſtiften, zur Vertheidigung der Stadt, zur Vernichtung unſerer Feinde und Räuber! Bürger! werdet Krieger, um in Frieden freie Bürger zu ſein!“ Es fanden ſich, von der Begeiſterung des Vechelde fortgeriſſen, Stimmen für den kriegeriſchen Aufruf zur verzweiflungsvollen Nothwehr. „Es iſt wahr!“— ſagte der Rathsmann Grote— „Hilf Dir ſelbſt— iſt der Spruch des Fauſtrechts und — 125— wir müſſen uns auch ſ elber helfen. Den kleinen Reichsfürſten traue ich auch nicht, am wenigſten in ihrer Freundſchaft zu den Städten;— laßt uns gegen die Ritter ziehen, Ge⸗ fangene machen und gegen unſere Bürger auswechſeln! Da hat der Herr von Steinberg mit ſeinen Geſellen vorgeſtern wieder bei Lehndorf die Kühe vom Felde geraubt und als wir ihnen von der Stadt nachſetzten, mehre achtbare Männer erſchlagen und noch mehr mit nach ſeiner Höhle geſchleppt.“— Mitternacht war vorüber; man kam nur zu dem Ent⸗ ſchluſſe, morgen mit den Gilden zu berathen. Als Jürgen Hilſe in ſein Haus heimkehrte, fand er ſein junges Weib Klärchen in Angſt und Thränen um ihn, da ſie ſich mit dem entſetzlichen Gedanken gequält hatte, daß ihr Mann Unglück gehabt haben und in des Quaden Gefangenſchaft gerathen ſein könne. Sie hatte am Fenſter auf ihn bis tief in die Nacht gelauſcht, Boten nach den Häuſern der anderen nach Wolfenbüttel abgeſandten Männer ausgeſchickt, und auch hier Sorge über die Ausbleibenden vernommen. Daß der Rath noch ſo ſpät im Rathhauſe der Altſtadt zu⸗ ſammengekommen war, wußte ſie nicht. Um ſo größer war daher des jungen Weibes Freude, als ſie den Klepper der Hausthür anſchlagen und, bei ſchleunigem Oeffnen des Fenſters, die Stimme des Gatten hörte. Sie flog ihm entgegen, ſchloß ihn in die Arme, aber Jürgen ſah die Thränen in ihren Augen und die Angſt noch hinter den Zügen der Freude zittern.— — 126— Viertes Kapitel. Die Pfingſtzeit des Jahres 1376 ſtreuete Blüthen und Sonnenſtrahlen über das Land Oberwald; die Stadt Göttin⸗ gen war in einer fröhlichen Stimmung, denn heute, am dritten Tage, nach dem Feſte, feierte die Stadt ihr jährliches Schützenfeſt und Vogelſchießen.— Die Volksfeſte in dieſem Jahrhundert, in welches wir uns hier zurückverſetzt haben, waren die eigentlichen Aus⸗ drücke des bürgerlichen Lebens der Städte und des gemüth⸗ lichen Bedürfniſſes der Freude nach Fleiß, Arbeit und Sorge; ſie hatten immer einen ſinnigen, heiteren Charakter und zeug⸗ ten von der deutſchen, auch in wenig friedlichen Zeiten bewahrten geſelligen und gemüthlichen Natur des Bürger⸗ thums, das nach mühſeliger Betriebſamkeit gern auch einen Theil des Erwerbes dem öffentlichen Vergnügen opferte. Nicht, wie in unſeren Zeiten, wo die, als alte über⸗ kommene Sitte, noch beſtehenden Volksfeſte nur Namen ohne Wahrheit und von Luxus, Standesſcheidung und Wohl⸗ leben beherrſchte Schwelgereien ſind, wo das eigentliche Volks⸗ feſt nur dem Pöbel überlaſſen bleibt, während die Wohl⸗ habenderen und Gebildeten in ihren, wiederum durch un⸗ zählige Rückſichten getrennten Kreiſen ſich dem Genuſſe ihrer verwöhnteren Sinne und Neigungen hingeben— nicht ſo war es damals, wo dieſe öffentlichen Volksbeluſtigungen die Gemeinſchaft im Leben und Schickſale einer Stadt auch in der Freude kund gaben und ſich in ſinnreicher und natür⸗ licher Weiſe an den Wechſel der Jahreszeiten, an fromme — 127— Feſte oder die Anforderungen der Zeit knüpften. Das Mai⸗ feſt oder der ſogenannte Maientag, der eine ſymboliſche Freude des Volkes über die neu erwachte, den Winterſchlaf beſiegte Natur war, die Oſterfeier zur Begrüßung des Frühlings, das Schützenfeſt zur Pfingſtzeit, wo der Bürger die eigene Freiheit in der Sprengung aller Knospen und Banden, welche die Lebensentfaltung hemmte, fühlte und das Freiheitsgefühl des Mannes ſich im kühnen Schuſſe nach Scheibe und Vogel ergötzte, der Mummenſchanz zu Weihnacht und Neujahr, wo die Natur und das Menſchen⸗ leben ſich unter die ſchützende Verhüllung des Winters birgt und die dunklen Tage, langen Nächte und trüben Nebel die Phantaſie für unheimliche Geſtalten empfänglich machen— alle dieſe Feſte, welche auch die Kirchen mit Maien, Ty⸗ mian, Roſen oder Fichtenzweigen ſchmückten, waren in allen Städten mehr oder weniger der Mittelpunkt der bürgerlichen Gemeinde geworden.— Die Ergötzlichkeiten waren von ſo ſinniger, naiver und kindlicher Natur, daß ſie auch den ernſthafteſten und ver⸗ ſchloſſenſten Sinn zu der unſchuldig menſchlichen Freude mit fortriſſen und den Charakter eines religiös⸗geſelligen Freuden⸗ cultus annahmen. Daß in dieſer Zeit der nüchterne Bürger auch einmal dem Eſſen und Trinken Beſcheid that, wie die Ritter täglich mit geſtohlenem Gute ſich ſättigten und in ihren Gelagen ſchwelgten, lag ganz im Geiſte der Zeit begründet, aber dieſe Ausſchweifungen waren nur Ausnahmen und fanden in den luſtigen Schau⸗Aufführungen der Brüder⸗ ſchaften einen verſöhnlichen und heiteren Hintergrund. Zur Weihnachtszeit war es das Laufen der Schauteufel, — 128— eine Verſinnlichung der Demüthigung des böſen Feindes der Menſchheit durch die Geburt des Heilands, welches von angeſehenen Bürgern und deren Söhnen veranſtaltet und von dem Rathe durch beſondere öffentliche Verkündigung geſchützt wurde, und wobei die durch Glockengeläut oder ein anderes Rufzeichen vor dem Rathhauſe verſammelte Bürgerſchaft gewarnt zu werden pflegte, keine Gewalt an den verkleideten Teufeln zu gebrauchen, oder ſonſtigen böſen Frevel daran auszuüben. Die Vorſteher kleideten dann die Schauteufel in Roth und Grau, gaben ihnen einen Filzhut mit drei Straußfedern, deren mittlere verſibbert war, und einen langen Schleier, und an den linken Aermel hing man zwölf Loth Silberſparren. Am erſten Chriſt⸗ tage Nachmittags zogen ſolche Schauteufel paarweiſe, von Spielleuten angeführt und von ihren Freunden, Knechten und dem fröhlichen Volke begleitet, durch die Stadt in ernſter Proceſſion. Gegen Abend aber, wenn die Däm⸗ merung eingetreten war, wurde von den öffentlichen Aus⸗ rufern und Pfeifern verkündigt, daß jeder Schauteufel ſich in ein beliebiges Haus begeben und dort ſeine Scherze treiben dürfe, wo man dann die Familien zu erſchrecken, ihnen einen Schabernack zu ſpielen ſuchte, aber auch meiſt muthwillig vertrieben wurde. Am nächſten Tage endete der Scherz dieſer religiöſen Mummerei mit einer nochma⸗ ligen Proceſſion in eine Kirche und Beiwohnung der heiligen Meſſe.— So war der unſchuldige Kindertag ein Freifeſt für Knechte und Mägde, die gehen konnten, wohin ſie wollten, aber auch als Tag der Ablohnung und des Dienſtwechſels — 129— galt; das Göttinger Popanz⸗ und das Lüneburger Kope⸗ laufen theilte den Knechten Ruprecht und Klages eine Rolle zu; die Faſtnacht⸗Aufzüge mit Muſik und abenteuer⸗ lichem Mummenſchanze gaben aber auch Gelegenheit, die Kleiderpracht der Wohlhabenderen zu zeigen und nament⸗ lich tanzte man drei Tage auf offener Straße, wo manches Mädchen ſeine körperlichen Reize zur Geltung brachte und Jedermann in Waffen erſcheinen, auch auf der Stelle den Streit mit dem Schwerte entſcheiden durfte. Die höchſte und vornehmſte Volksbeluſtigung beſtand indeſſen im Schützenfeſte, das namentlich zu Göttingen, Eimbeck und Hannover eine beſondere Ausdehnung und einen großen Glanz ereicht hatte. Es war der Culminationspunkt der Städte, wo die bewaffneten Bürger Gelegenheit fanden, ſich, gleich den Rittern, im Turnier zu üben, mit Armbruſt und der von den Städtern eifrig ſich angeeigneten neuen Pulverbüchſe nach einer Scheibe oder einem Adler⸗, Falken⸗ oder Papageibilde zu ſchießen und den ausgeſetzten Preis, werthvolles Tuch und Gewand zu einem Kleide, zu er⸗ werben.— Hier fanden ſich alle Stände gemeinſchaftlich ein, es wurden die Bürger befreundeter Städte dazu feier⸗ lich eingeladen, und ein heiteres Gaſtmahl folgte den Waffenübungen, die in ihrer ernſteren Bedeutung wohl be⸗ kannt waren, da ſie den Bürger wehrfähig machen ſollten gegen Ritter und Fürſten. Der Schützenhof, nahe vor der Stadt Göttingen, zwiſchen dem Stadtgraben und der Leine, war am heutigen Tage feſtlich geſchmückt; die Gärten am anderen Leineufer prankten in Blüthen, die große Maſch bot hinter dem mit Linden Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 9 — 130— beſetzten Platze eine weite, ſaftig grüne Ebene dar, während andererſeits der Hainberg, Nicolaiberg und Wehnder Wald freundlich herüberwinkten. Der hoch aufgerichtete Upſtall⸗ Baum trug unter blauem Himmel den Adler, welcher als Zielpunkt der Schützen dienen ſollte, andere Maſten hatten an ihrer Spitze Flaggen, Stern⸗ und Flatterſcheiben mit verſchiedenen Kartenbildern auf ſtrahligen Holzſtäben. Die Gilden hatten hier ihre Zelte aufgeſchlagen, Wirthe ihre Buden, Krämer und Marketender ihre Bierfäſſer, Würfel⸗ ſpiele, Näſchereien und Kinderſpielſachen aufgeſtellt; Gezelte für Rath, Bürger und Damen zum Eſſen, Trinken und Tanzen zogen ſich im Kreiſe unter den grünen Linden hin und umſchloſſen den Platz, auf deſſen einer Seite die Schranken für Turnierluſtige auf eine ernſtere Uebung deuteten. Am Morgen waren die bewaffneten Bürger, viele in ganzer Rüſtung, andere im Kleide der Schützengeſellſchaft, alle mit grünen Eichenzweigen am Hute oder an der Sturm⸗ haube geſchmückt, unter Vortritt der Stadtpfeifer, Trom⸗ peter und Poſauniſten und von Weibern, Kindern, ärmeren und alten Leuten gefolgt, vom Rathhauſe aus durch die Straße gezogen, über welche die Hausbeſitzer Guirlanden gehängt hatten; aus Thüren und Fenſtern ſchaueten fröh⸗ liche Frauenköpfe und winkten Tücher den Männern und Liebſten Willkommen und frohen Sinn zu. Aus Eimbeck, Hannover und Nordheim waren die Schützengeſellſchaften eingetroffen. Wagen voll berühmten Eimbecker Bieres hatten die Bürger von dort zum Geſchenk mitgebracht, und ſie führten es hinter ſich durch die Straßen in bemalten Tonnen mit luſtig ausgekleideten Knechten. Der Rath gab dem beſten Schützen des vergangenen Jahres, den man an einer vergoldeten Kette mit großer Schaumünze erkannte, das Ehrengeleit; wir erkennen ſofort den jungen Brauherrn Berthold Helmold in ihm, der, als der Zug durch die Gotmargaſſe zog, aus dem mit Blumen und Laub gezier⸗ ten, im reichgeſchnitzten Balkenwerk prangenden Hauſe den glücklichen Gruß Gertrude's und das Lächeln und Winken ſeiner beiden Kinder am Fenſter, und von den feſtlich ge⸗ ſchmückten Brauknechten, die in den Bruſtlatz ihres Leder⸗ ſchurzes Blumenſträuße geſteckt hatten, ein lautes Hurrah empfing. Aber es waren auch benachbarte Ritter und Patrizier mit Frauen und Töchtern in den Herbergen und befreun⸗ deten Familien der Stadt eingetroffen, um den bürgerlichen Waffenübungen zuzuſchauen. Der feſtliche Zug hatte ſeinen Weg nach dem Bollrutz genommen, wo die Herzogin immer noch einſam, aber um ſo ruhiger und vom rohen Rittertreiben nicht unmittelbar berührt, in dem Schloſſe reſidirte und die Liebe aller Göt⸗ tinger Einwohner in täglichen Beweiſen empfing. Sie war ſo heimiſch in der Stadt geworden, daß ſie in den Straßen ohne irgend eine andere Begleitung als Hanna von Kehl oder Henricus ſich bewegte, befreundete Bürger⸗ familien beſuchte, oder dieſelben zu ſich auf das Schloß lud und überall Wohlthat, Hülfe und Liebe ſpendete. Man war längſt gewohnt geworden, die edle, ſchöne, von ſtillem Leid verklärte Frau, an der Hand den einzigen, nunmehr bald ſiebenjährigen Sohn Otto, deſſen Erziehung zu einem S9- — 132— milden, gerechten Manne ſie zur Aufgabe ihrer Pflicht als Mutter und Herzogin gemacht hatte und mit Henricus theilte, über Wälle und Straßen wandeln und in eine Kirche oder in Werner Roden's, Berthold Helmold's und anderer Bürger Haus eintreten zu ſehen; wo ſie ſich blicken ließ, begegnete man ihr mit Verehrung, wie einer Heiligen, und es war dem Volksmunde ſchon geläufig geworden, von der„heiligen Margarethe“ zu ſprechen. Wie hätte die Bürgerſchaft heute, am lauten Freuden⸗ tage, ihrer geliebten Herzogin vergeſſen mögen! Schon ohne eine ausgeſprochene Andeutung bewegte ſich die Spitze des Schützenzuges vom Rathhauſe nach dem Bollrutz, um der edlen Frau, die man als eine Schutzpatronin der Stadt betrachtete, einen Freudengruß zu bringen. Die Muſik ſpielte unter der Mauer, wo das Herrenhaus ſich mit der Her⸗ zogin Gemächern über die Bruſtwehr erhob und die offene Terraſſe ſich befand, die in einen hängenden Garten führte, eine ſanfte Melodieweiſe, wie die Herzogin ſie liebte, rief ihr den Morgengruß hinauf und der Zug ſchwenkte Hüte und Fahnen, als ſie am Fenſter erſchien und mit dem weißen Schweißtuche hinabwehte.— Jeder wußte, daß ſie, auf die geſtern geſchehene Einladung, am Nachmittage auf dem Schützenhofe erſcheinen und das Feſt durch ihre Ge⸗ genwart verſchönern würde. Auf dem Feſtplatze begannen die Waffenübungen bald nach dem Eintreffen der Bürger; Turnier mit Schwert und Lanze, zu Roß und Fuß, Ningſtechen, Rennen um Ziel und Preis, Uebungen im Gebrauche der Streitaxt und des Spießes, Ringen in der Rüſtung und andere Kraft⸗ 133— ſpiele waffenfähiger Männer füllten den Morgen bis zum Mittagstiſche aus, den die meiſten Bürger in ihren Häuſern zu ſuchen pflegten, da das große Gaſtmahl erſt mit der Abendzeit begann und mit großem Feuerwerke enden ſollte. Der Nachmittag aber war dem eigentlichen Schießen und Volksfeſte gewidmet; hier ſchwirrte der Bolzen nach dem Vogel, der Pfeil des Bogens nach der Flatterſcheibe; es ſchoſſen in einer beſonderen Bahn am Leineufer unter einem Standhäuschen und der Aufſicht des ſtädtiſchen Büchſen⸗ meiſters Caspar Hinke, die mit den Pulvergewehren ver⸗ trauten und eingeübten jüngeren Bürger nach der Scheibe vor einer aufgeworfenen Erdſchanze. Um dieſe Zeit war die Stadt faſt menſchenleer; außer den Wachen der Thore, den Thürmern oder den Kranken und Krüppeln verſäumte Niemand, den lärmenden, buntwogenden Platz der Freude aufzuſuchen.— Hier war Gertrude, die Hut der Kinder der Großmutter überlaſſend, die wegen der Nähe der Maſch⸗ mühle und aus Scheu vor zu unmittelbar angefriſchten Erinnerungen dieſen Theil der Stadtumgebung mied;— hier ſtrahlte die ſchöne Frau des Brauers in der vollen Herrlichkeit ihrer Geſtalt und weiblichen Reize, im Anſchauen des fröhlichen, muthigen, gewandten und überall befreun⸗ deten Gatten, der auf ſeine Gertrude ſtolz war und in ihre Erſcheinung ſich mit jedem Tage auf's Neue verliebte, da ſie zu den wenigen bevorzugten Weibern zählte, welche aus jedem Wochenbette ſchöner, verklärter und ſtrahlender, wie ein Schmetterling aus der Puppe, auferſtehen.— Gertrude galt bald für das ſchönſte Weib Göttingens, eine ſtegreiche Nebenbuhlerin der ſchönen Frau Brigitta, die heute nicht auf dem Schützenplatze zugegen war, da ſie, nachdem ſie Weihnacht vor einem Jahre ihr erſtes Kind, ein Töchterchen, geboren hatte, nunmehr vor vierzehn Ta⸗ gen von einem Knaben geneſen war und das Kämmerlein hüten mußte. Der Rathsmann Werner Roden war des⸗ halb heute ganz gegen ſeine Gewohnheit, mitten im Volks⸗ jubel vereinſamt, da ihm ſeine geliebte Brigitta fehlte und ſeine Gedanken daheim bei Weib und Kindern weilten. Um die vierte Nachmittagsſtunde fuhr die Herzogin Margarethe mit dem Sohne, Hanna und einem Pagen, in einem Fenſterwagen aus der Burg gegen das Wehnder Thor. Obgleich der Herzog ſeinem Schulzen befohlen hatte, die Herzogin zu ſchützen, ſo war Hans Druchtleif doch ſehr bald überzeugt worden, daß ſein Waffenſchutz höchſt unnöthig ſei, und in ſeinen ſtillen, vor Menſchen ſich ſchämen⸗ den Anwandelungen von frommen Gefühlen, die ihn auch zu Henricus getrieben hatten, um dem Bedürfniſſe der Meſſe und des Sakramentes zu genügen, war ihm einſt⸗ mals der Gedanke aufgeſtiegen, daß es eine Thorheit ſei, wenn ein Sünder einen Engel oder eine Heilige behüten wolle. Er hatte bisher ſtreng jeder Begegnung Helmold's und deſſen Gattin auszuweichen gewußt, obgleich ſie zu Zeiten im Bollrutz bei der Herzogin erſchienen, und wenn man ihm genauer in's Geſicht ſah, ſo konnte man nicht verkennen, daß er, trotz ſeiner wieder aufrechten und ſchein⸗ bar kräftigen Erſcheinung, doch ſehr verfallen, aſchgrau und leidend, mit einem Worte: gehirnkrank, ausſah. So war denn auch heute die Herzogin ohne irgend eine bewaffnete Begleitung mitten unter die bewaffnete — 135— Bürgerſchaft getreten; der Rath empfing ſie unter Muſik auf dem Schützenhofe und führte ſie, von den angeſehenſten Frauen und Mädchen begleitet, welche ihr durch Gertrude einen Blumenſtrauß überreichten, in das Gezelt, wo ihr, dem Prinzen und der Hofdame Erfriſchungen dargeboten und die Sieger des vormittägigen Turniers von ihr be⸗ ſchenkt wurden. Andere Preiſe hatte ſie für die beſten Männer beim Armbruſt⸗, Bogen⸗ und Büchſenſchießen aus⸗ geſetzt; der Page trug einen ſilbernen Vogel an gleicher Kette, einen Becher und einen Ring, und die Schießluſt wurde darf die Ehrbegierde geſteigert, von der Herzogin ein ſolches Zeichen zu erwerben. Unterdeſſen hatten ſich auch viele Adlige und Patrizier, welche theils in der Stadt wohnten, theils dort Edelhöfe beſaßen, oder zum Feſte in die Stadt gekommen waren, bei der Herzogin eingefunden, die nunmehr, dem kindlichen Drängen des Sohnes nach dem Anſchauen der Spiele und Luſtbarkeiten folgend und von dem Rathe und den Frauen und Jungfrauen begleitet, einen Gang durch das wogende, der Freude hingegebene Volk unternahm. Der Sohn, welcher an dem Schießen, Spielen, Tanzen und Zechen der Leute ein großes Wohlgefallen fand, blieb oft bei Würfeltiſchen, Trinkzelten, Schießſtänden und lärmenden Gruppen weilen. Ein Würfeltiſch, wo um Schmuckſachen, Geſchirre, Eßwaren, Hühner, Pferde, Schaafe, aber auch um Geldeinſätze geſpielt wurde und der Zufall des Glücks die Gemüther in Spannung oder Freude verſetzte, war von einem großen Kreiſe Menſchen umgeben, die einem luſtigen Junker zuſahen, der zur Ergötzung der Mitſpielen⸗ — 136— den und Zuſchauer hohe Summen auf geforderte Gegen⸗ ſtände ſetzte, die ſchwer oder gar nicht zu haben waren, wie zum Beiſpiel Mückentalg, Jungfernmilch; endlich rief er im Uebermuthe:„Seht mich an, Mädchen, wer hat Luſt an mir? Ich begehre einen Wurf um eine ſchöne Jung⸗ frau zu thun!“— Man lachte, ſah die Damen an, welche den Tiſch umſtanden, neckte ſie und verſpottete den Innker, einen hübſchen, lebhaften und muthwilligen Rittersmann, als ſich Keiner fand, der um den Wurf mit ihm ſpielen wollte. Dieſer bot immer höher ſeinen Einſatz aus. Da trat ein Greis in der Tracht eines Edelmannes, aber mit der Miene des Kummers im düſtern, ernſten Geſichte, an den Junker und hielt ein ſtattliches, ſchönes Mädchen, ſauber, aber ohne Schmuck und Reichthum gekleidet, an der Hand. —„Ich ſetze meine Tochter zum Wurfe ein“ ſprach er, ohne durch die luſtige Miene des Junkers irgend in ſeinem Ernſte geſtört zu werden—„ich biete Euch mein einziges Gut, eine unbeſcholtene Jungfrau, an, aber unter der Be⸗ dingung, daß, wenn Ihr gewinnt, Ihr das Mädchen ehe⸗ licht und Euch ehelich gegen ſie haltet auf Ritterwort.“ Der Junker blinzelte dem hübſchen jungen Mädchen in das ängſtlich und gezwungen heitere Geſicht und auf die weiße, wogende Bruſt; die Kraft der Selbſtverſtellung war aber nicht ſo ſtark, wie ein tiefes, heimliches Gefühl von Schaam und Schmerz, das ihre Augen wehmüthig auf des Vaters Angeſicht lenkte und dann mit plötzlichem Schreck über den Ernſt des Vaters und über die verrätheriſche Thräne, welche die langen, ſchwarzen Wimpern nicht mehr zurückzu⸗ halten vermochten, unter lieblichem Erröthen niederſchlug. — 137— „Ei,“— rief der luſtige, von Wein und Natur er⸗ hitzte Junker,—„Alter, Euer Töchterchen iſt den Wurf werth, und ich will Euch die Bedingung gern zuſagen;— ſeht mich an, liebes Kind— es iſt einmal Fröhlichkeit in und außer mir und qulce est, desipere in locol.— Es ſei— hier ſetze ich fünfhundert Mark gegen Euch— werft Ihr mehr als ich oder Paſch, ſo ſind ſie Euer— im Gegentheil ſeid Ihr mein und ich führe Euch nach Har⸗ degſen!“ „Tauſend Mark müßt Ihr ſetzen“ ſprach der Greis mit finſterer Miene—„mein Kind iſt mehr werth!“— „Ei, alter Geizhals, Ihr fordert einen hohen Preis, mehr als ich leiſten kann, ſo lange ich noch kein eigener Herr bin— aber ich will mein Gebot um hundert Mark erhöhen.“— „Tauſend Mark,“— erwiderte der alte Edelmann grämlich, ohne vom Würfeltiſche aufzublicken, als wollte er die hier ruhenden Schickſals⸗ und Glücksſteine mit heim⸗ licher Gewalt in ſeinen Dienſt bannen. „Sechshundert!“— rief der Junker, indem er das Kinn des Mädchens ergriff, ihr Geſicht hob, daß ſie ihn anſehen ſollte, und, als ſie ſchüchtern und ſtumm die feuch⸗ ten Wimpern vom dunkeln Auge aufrichtete, die Geſtalt mit heimlichen Blicken überflog und wie ein edles Pferd abzuſchätzen ſchien. Dieſer Blick mußte das Gefühl der Jungfrau gekränkt haben;— hatte ſie ſich bisher bezwun⸗ gen, Schmerz und Schaam zu verbergen und dem Scherze des kühnen Spieles eine billigende Miene zu bieten, ſo ſtieß ſie jetzt die Hand des Junkers zurück, faßte des Vaters — 138— Arm und wollte den düſter auf die Würfel blickenden Mann zurückziehen. Das umſtehende, gaffende Volk, welches be⸗ fürchtete, durch Verzicht auf das Glücksſpiel um ein hüb⸗ ſches Schauſpiel zu kommen, redete dem Junker in Spott⸗ reden zu, ſeinen Einſatz aufzuſchlagen und nicht wie ein Großprahler und Herr von Habenichts das hübſche Mädchen zu foppen, oder rief dem alten Manne und der Tochter zu: —„Feilſcht nicht, Alter, der Junker ſchlägt ſonſt um!— He, Jüngferchen, ſchauet ihn erſt recht an, gebet ihm Muth, tauſend Mark zu wagen, und werfet ſo wenig wie möglich!“ Dieſe Scenen hatten in damaliger Zeit weder Auffäl⸗ liges noch Ehrenrühriges, denn die Tochter hatte überall nicht über Herz und Hand zu verfügen, und der Vater das alleinige Recht, ihr den Mann zu beſtimmen, mit dem er auf irgend eine Weiſe über den Vertrag einig geworden war. Die Herzogin hatte dieſer Scene im Rücken der handeln⸗ den Perſonen zugehört, aber das Mädchen beobachtet, das nunmehr die tiefe Kränkung ihres Gefühls nicht mehr zu bemeiſtern vermochte und dem Vater, unter hochwogendem Buſen und mit heißer Erregung durch das kecke, taxirende Anlachen des Junkers und die Spottreden der Leute, einen verzweiflungsvollen Blick zuwarf; aber der Vater hatte die magere Hand um das Kinn gelegt, die grollenden Blicke gegen den lachenden Junker erhoben, der ihm einen Beutel mit Geld vorhielt, und murmelte:„legt auf— tauſend muß ich haben!“— In dieſem Augenblicke durchbrach der Page auf einen Wink der Herzogin den angewachſenen Kreis und rief:— — 139— „Platz für Ihre herzogliche Gnaden!“— Die Volksgruppe um den Tiſch öffnete ſich, der alte Edelmann erſchrak, blickte düſter umher, ergriff ſeiner Tochter Hand und wollte ſich hinter die Leute verlieren; der Junker war wenig über⸗ raſcht, lachte, trat zur Seite und ſteckte ſein Geld bei. Gertrude nahm auf ein Zeichen der Herzogin das Mädchen, welches in Schaam und Verlegenheit dem Vater folgen wollte, bei der Hand und hielt ſie zurück; der Alte ſtarrte ſie mit ſeiner hypochondriſchen Miene fragend an. Die Begleitung der Herzogin hatte ſchnell Vater und Tochter von dem Volke abgeſperrt und der Greis trat mit ruhiger Ehrerbietung vor die hohe Frau, welche ſich aber mit ſtrafen⸗ dem Blicke von ihm ab, gegen die ſchöne Jungfrau wendete und ſie mit der Frage anredete:—„Wer ſeid Ihr? Es redet Eure Miene und Thräne, daß Eurer Würde eben eine ſchwere Wunde geſchlagen wurde!“ Auf dieſe, ihrem Herzen harmoniſch klingende Stimme horchte die Jungfrau; ſie wollte antworten, der Fürſtin mit dankbarer Offenheit in die milden, blauen Augen ſehen, aber ein plötzlicher Gedanke ſchien ſie zu demüthigen und zu verſchließen, denn ſie ſuchte des Vaters Anblick und Antwort. „Gnädige Herzogin“— begann dieſer—„ich bin ein Edelmann.— Ihr werdet mich einen Greis nennen, aber meine Haare ſind weniger durch Alter, denn Kummer gebleicht;— vielleicht heißt Ihr mich einen harten, lieb⸗ loſen, geldgierigen Mann, deſſen Blick menſchenfeindlich, deſſen That ohne Gefühl iſt;— o! Herzogin, es giebt Schickſale und Stimmungen, die meine That eine Handlung der verzweiflungsvollen Liebe erſcheinen laſſen. Sehet 140— meine Tochter, mein einziges Lebensgut, das ich eben dem Spiele der Würfel preisgeben wollte— aber es war der letzte Verſuch zu ihrem Glücke.“— „Ihr nennt es Glück, ein Kind, das die Thräne der Selbſtopferung im Auge zu verſtecken ſucht, an einen fremden, halbberauſchten Junker zu verſpielen?“ „Hätte er das Spiel gewonnen, ich wäre raſend ge⸗ worden— aber die Verzweiflung macht kühn, ich hoffte zu gewinnen, ich— ja die Würfel haben in jüngeren Jahren Glück in meiner Hand gehabt.“— „Wer ſeid Ihr?“— „Erſpart mir, mein finſteres Schickſal hier heiteren Menſchen zu verkünden, gnädige Frau;— warum Wolken⸗ ſchatten über eine ſonnige Landſchaft werfen?“— Margarethe ſah ſich um, winkte Helmold, der unter den Männern ſtand, und ſprach zu Gertruden:—„Ich vertraue Dir und Deinem Gatten meinen Sohn an; führet ihn über den Platz, daß er ſich ergötze,— der Page ſoll Euch begleiten.“ Sie legte des Prinzen Otto Hand in die Helmold's und kehrte ſich nun gegen den greiſen Mann und deſſen Tochter mit den Worten:—„Eure Rede und That ſind durch ein Räthſel zu verſtehen;— ich wünſche Euer Schickſal zu erfahren, folget mir!“— Der finſtere Mann zögerte; die Tochter ſah ihn leuch⸗ tend und ermuthigend an, flüſterte ihm zu:„Vater, ver⸗ traue ihr, ſie hat Gott geſendet,“— ergriff ihn am Arme und erwartete dankbar der Herzogin Wink. Dieſe, von Hanna und Werner Roden begleitet, den ſie erwählt hatte, um ihr Beiſtand zu leiſten, ſchritt gegen das Gezelt, das — 141— ſie vorhin verlaſſen hatte. Auf dem Wege dahin redete ſie das junge Mädchen an:—„SIhr kanntet den Junker, der um Euch würfeln wollte?“— Als jene verneinte, die Herzogin aber einen ſtrengen Blick auf den Vater richtete, der bei der Frage an die Tochter aufgeſehen hatte, ant⸗ wortete dieſer:—„Ich kenne ihn dem Namen nach; ich ſah ihn heute, hörte ihn nennen und von ſich reden; er ſprach von Hardegſen, ſeinem Schloſſe; er iſt einer der Söhne des alten und reichen Herrn von Roſtorf und darum faßte ich den Entſchluß, Alles um tauſend Mark zu wagen, denn elender, als ſie iſt, kann meine Tochter nicht werden.“ Ihr thut meiner Kindesliebe Unrecht, Vater“— fiel die Tochter ein;—„Euer Kummer, Euer Schmerz um das verlorene Gut und der Groll über die ſchlimme Gegen⸗ wart, ſind allein mein Elend und Leid; darum hätte ich mich gern geopfert für Eure beſte Zukunft; Euer Anblick machte mich bereit— aber das Gefühl des Mädchens war ſo verrätheriſch an mir, daß ich die Thränen der Ent⸗ heiligung nicht bezwingen konnte.“— Die Herzogin gewann durch dieſe Worte der Jungfrau ſchnell Wohlgefallen an ihr, was ſie durch freundlichen, mit⸗ fühlenden Blick auf ſie, die neben dem düſter brütenden Vater fortſchritt, kund gab. „Kennet Ihr die Roſtorfer?“— fragte ſie den Raths⸗ mann Roden;—„ich habe ſie nie am Hoflager geſehen.“— Es ſind die Roſtorfer ehemals dicht an unſerer Stadt begütert geweſen,—“ berichtete der Rathsmann;—„ihre Burg wurde, weil ſie vor fünfzig und mehr Jahren die — 142— Bürgerſchaft beläſtigte, abgebrochen; ſie ſind auch die Herren von Gladebeck, Hardegſen, einen Theil des Dorfes Harſte und halb Moringen; der alte Ritter Ludwig der Sechste, iſt mit ſeiner Gattin hochbetagt und ſie kommen ſelten von der Burg nach Göttingen, wo ſie einen adligen Hof beſitzen. Die Söhne kenne ich nicht, doch erzählen Leute, die aus der Gegend zu Markte kommen, daß drei Söhne vorhanden ſind und der älteſte ein luſtiger Schwelger, Brauſewind und Verſchwender ſei, der mit ſeinem zweiten, ſtilleren Bruder in ewiger Feindſchaft lebe, daß man dieſen ſchon vor den Drohungen des älteſten habe bergen und nach Moringen bringen müſſen.“— „Habt Ihr das Alles von jenem Junker gewußt?“— fragte Margarethe den alten Mann. „Nein,— ich erfuhr nur heute auf dem Schützenfeſte von ihm;— ſein tolles Wagen und Einſetzen im Spiel und ſeine Forderung reizte mich, mein Würfelglück um hohen Preis zu verſuchen.“— „Ihr ſeid fremd in Göttingen?“— „Ja, ich bin ein unglücklicher Mann und ein ſolcher iſt unter frohen Menſchen überall ein Fremder.“— „Herzogliche Gnaden“— fiel die Tochter ein—„ach, wir haben viel Unglück ſeit zwei Jahren, wo wir aus Braun⸗ ſchweig flüchteten, um nichts, als das nackte Leben aus der Gewalt der Wütheriche zu retten.“— Margarethe fühlte einen geheimen Schreck bei dem Worte Braunſchweig, da ſie an die Gewaltthaten des Her⸗ zogs dachte, und der Himmel ihr hier in einem unglücklichen Manne nebſt Kinde Menſchen⸗Opfer entgegengeführt haben — 143— könnte, an denen ſie mit fühlendem Herzen eine Pflicht der Verſöhnung üben ſollte. Sie waren eben im Gezelte an⸗ gekommen, und es währte längere Zeit, ehe Margarethe mit etwas unſicherer Stimme und nachdem ſie Vater und Tochter ohne Zeugen bei Seite gewinkt hatte, die Frage an ſie richtete:—„Ihr ſeid Flüchtlinge aus Braunſchweig? So erzählt mir;— ſo Gott will, kann ich Euch tröſten.“— Jetzt, ohne weitere Zeugen, ſchien der Mann ſein ver⸗ ſchloſſenes, düſteres Weſen zu lüften; er blickte ſein Kind mit großer Wehmuth in die dunklen Augen, drückte ihr flüchtig, aber mit Heftigkeit die Hand, ermannte ſich durch einen gewaltſamen Athemzug und richtete ſeine weicher ge⸗ wordene Miene auf die Herzogin. „Edle Herrin!“— ſprach er—„das ganze Land preiſt Eure Güte und Frömmigkeit, darum hört meine Geſchichte.“ „Wenn Ihr von meiner Güte gehört, ſo wundert es mich, daß Ihr nicht zu mir gekommen ſeid.“— „Es giebt Schmerzen und unglückliche Gefühle, welche ſo heftig ſind, daß ſie an dem Troſte der Menſchen ver⸗ zweifeln und ſich in grollendes oder trotziges Schweigen hüllen; das iſt der Stolz des Unglücks, welcher aus Lebens⸗ und Menſchenfeindſchaft entſprießt.“— „Wie iſt Euer Name?“— „Ich heiße Philipp von Kalm; ich gehöre zu den Patriziergeſchlechtern der Stadt Braunſchweig, war dort reich begütert und ein glücklicher Ehemann, ein froher Vater zweier lieben Kinder, eines Sohnes und einer Tochter, meiner Angila, die hier vor Euch ſteht. Die aufrühre⸗ riſchen Gilden, welche nach Oſtern 1374 die Bürgermeiſte — 144— gefangen nahmen und hinrichteten, viele adlige Geſchlechter tödteten, verjagten und deren Güter einzogen, fielen auch „über mein Haus her, ergriffen mich, als ich friedlich mit meiner Familie die Vesper las; mein Sohn, der ſeinen Vater vertheidigen wollte, wurde vor meinen Augen nieder⸗ geſchlagen, mein Weib, mein theures Weib, ſtürzte über den blutenden Sohn her— ich habe ſie nicht wieder geſehen, denn als ich das Gefängniß verließ, war ſie ſchon begraben. Meine Tochter Angila hatte ſich an mich geklammert und ließ ſich mit mir in den Kerker ſchleppen. Man wollte auch mich zum Tode verurtheilen, weil ich ein Freund der enthaupteten Bürgermeiſter geweſen war, aber man hörte auf das Flehen meiner Tochter, ſchenkte mir das nackte Leben und ſtieß mich aus der Stadt, erklärte mein Haus, mein Eigenthum, mein ganzes Vermögen für verfallen, man geſtattete mir nur ſo lange Zeit, daß ich auf der friſchen Gruft meines Weibes beten konnte, dann ſtieß man mich und meine Tochter auf die Landſtraße. Wohin mein Sohn gekommen, habe ich nie erfahren— ſeine Gebeine liegen gewiß zwiſchen denen der vielen Erſchlagenen, die man in großen Gruben verſcharrte.“— „Unglücklicher Vater!“— ſeufzte die Herzogin, deren Gemüth von den Schreckensbildern dieſes Schickſals er⸗ ſchüttert war, und die im Mitleid die Hand des jungen, ſchlanken Mädchens faßte und wehmüthig in deſſen thränen⸗ feuchte Augen ſah.— „So iſt es gekommen“— fuhr Kalm fort—„daß dieſe einſt braunen Haare in wenigen Nächten bleichten und der Schmerz mich zum Greiſe machte. Ich floh in — 145— das Hildesheimiſche, wie ein Bettler; es nahmen mich dort adlige Leute barmherzig auf, ich lebte dort bis vor ſechs Monaten, wo eine Krankheit meine Wohlthäter hinraffte. Ich kam nach Oberwald und fand, des Mitleids überdrüſſig, bei einem gichtbrüchigen Manne von Geſchlecht ein Unter⸗ kommen als Verwalter des Hofes, eine Stunde von hier auf dem Wege nach Duderſtadt.— Menſchenſcheu vermied ich jeden Umgang, jede Begegnung; mein täglicher Begleiter war der dumpfe Schmerz, mein Freund war der Groll, meine tägliche Quelle woraus ich ſchöpfte, war der Anblick meiner Tochter. Ich kam nach Göttingen heute, hoffend, hier unter den Feſtgäſten einen Mann aus Braunſchweig zu finden. Ich habe keine Zukunft mehr, aber meiner Tochter Leben iſt noch länger und auf deſſen beſſere Wand⸗ lung war mein Sinn, mein Dichten und Trachten Tag und Nacht gerichtet. Ich hörte die Rede des Junkers, ich riß in Verzweiflung meine Tochter an den Tiſch— ich hoffte den höchſten Wurf zu thun.“— „Und warum beſtandet Ihr auf tauſend Mark! Es iſt eine hohe Summe, aber immer noch zu gering gegen die Gefahr, Euer Kind zu verſpielen.“— „Ihr werdet mich nicht grauſam und leichtfertig nennen, Herzogin, wenn ich Euch die Urſache meiner That ſage. In der Verzweiflung hat man Hoffnung und Muth auf Das, was glückliche und zufriedene Menſchen für unwahr⸗ ſcheinlich halten; man ſetzt Alles auf einen Wurf des Glücks, um dieſe launige Göttin herauszufordern, Demjenigen ein⸗ mal zuzulächeln, dem ſie den Rücken zukehrte.— Als ich erfahren hatte, daß Braunſchweig aus dem Bunde der Maltitz Herzog. 2. Abtheil. I. 10 — 146— Hanſa geſtoßen und die Reue bei den Aufrührern eingekehrt ſei, wendete ich mich durch Freunde, einen Rathsmann der Altewyk und den jetzigen Stadthauptmann von Vechelde, an die Machthaber der Stadt, um mein Vermögen zurück⸗ zufordern und die Heimkehr zu bevorworten; es iſt allen Braunſchweigern eigen, daß ſie ſich außer Landes nicht heimiſch machen können und ſich nach ihrer Vaterſtadt ſehnen. Es iſt meinen Freunden gelungen, den Rath und die Gilden zu gewinnen, daß ſie mir mein Haus, Grundeigenthum und Feld bei Oelper zurückerſtatten wollten, wenn ich, zur Sühne und Auslöſung meiner Verbannung auf Lebenszeit meines Geſchlechtes, tauſend Mark Silber an die Stadtkaſſe ein⸗ ſendete; auf meine Forderung, dieſes Geld von meinem eingezogenen Vermögen abziehen zu wollen, bekam ich zur Nachricht, daß mein baares Vermögen verausgabt, die Stadtkaſſe in große Schulden gerathen, mein Haus ver⸗ pfändet, mein Feld von den Rittern genommen ſei, und ich für achthundert Mark mein Eigenthum einlöſen und zweihundert Mark als Steuer bieten müſſe. Um dieſe tauſend Mark Silber zu gewinnen, um damit in meine Vaterſtadt heimkehren zu können, dort unter Freunden weitere Hülfe und für meine Tochter einen jüngeren Schützer ihres Lebens zu finden— darum, Herzogin, wollte ich würfeln; hätte der Junker den Einſatz gewonnen, dann wäre er doch vor Gott und Zeugen gezwungen geweſen, ſie als eheliches Weib vor Elend und Verwaiſung zu ſchützen.“— Margarethe hatte bei dieſer Mittheilung mehr die Tochter, als den Vater im Auge gehabt; deshalb richtete ſie jetzt auch an Angila ihre Worte.—„Armes Kind“— — 147— begann ſie, die Hand auf die weiße Schulter des Mädchens legend, das bei des Vaters Erzählung mit ihrem Schmerze gekämpft hatte—„Du wareſt in einer großen Gefahr, ein noch herberes Loos zu erfahren, als Du bereits haſt; einem Manne anzugehören, den Du nicht liebſt, deſſen Charakter Dir ſchon durch die That, durch welche er Dich gewinnen wollte, als Bürgſchaft ſeiner Geringſchätzung des Weiber⸗ herzens und edelſten Jungfrauengefühls verſtändlich werden mußte— ach! dieſes iſt härter und empfindlicher, als Armuth, Elend und Vereinſamung. Ich will Dein beſſerer Troſt ſein.— Und zum Vater gekehrt, fuhr ſie fort:—„Euer Schickſal läßt mich Euch verzeihen, was Ihr an Eurer Tochter Herzen ſündigen wolltet.“— „Herzogin!“— fiel Kalm betroffen ein—„iſt der Vater nicht Herr über ſeiner Tochter Herz und Hand?“— „Ja, dem Gebrauche nach, das unſere Zeit Recht nennt und das die Männer ſich ſelber gegeben haben, ohne das Weib und ſeine beſſere, edle Natur zu befragen. Das Herz des Weibes hat aber von Gott Rechte, und die Liebe allein ſoll nach höherer Beſtimmung ſein Schickſal leiten; zwingt Eure Tochter nicht, einen Mann zu nehmen, den ſie ſich nicht ſelber erwählt hat;— Ihr gebet ihr nur ſchwere Pflichten ſtatt Glück, nur ſtille Thränen ſtatt der Freude, die das Weib dem Geliebten in Leben und Haus zu bringen beſtimmt iſt!“— Ein Wink der Herzogin hieß Hanna und Werner Roden, welche in einiger Entfernung geblieben waren, näher treten. „Hanna“— ſprach ſie—„dieſe Jungfrau ſoll heute . 10*° — 148— Abend mit ihrem Vater zu mir auf den Bollrutz kommen; gefällt es Euch, Herr Werner, unſere Geſellſchaft zu theilen? — Warum zögert Ihr in der Antwort?“— „Hohe, edle Frau— wollt Ihr daran denken, daß daheim ein geliebtes Weib ſehnſüchtig auf meine Rückkehr wartet, daß der Anblick eines Knäbleins mich an mein häusliches Glück erinnern will?“— „Hal daran dachte ich nicht!“— ſagte Margarethe, die Hand über die Augen legend und ſinnend das Antlitz ſenkend, als vergegenwärtige ſie ſich das Bild der Mutter mit dem neugeborenen Kinde und den Gatten, von Liebe in ihr Kämmerlein getrieben. Als ſie die Hand ſinken ließ, blickte ſie Roden mit einer träumeriſchen Freude an und ſprach:„Ja, Ihr müßt daheim ſein;— es wäre eine Ge⸗ Zaltthat am Herzen Eurer Brigitte, wenn ich Euch fern hielte.“— In dieſem Augenblicke kam Otto, der herzogliche Sohn, an Gertrude's Hand und von Helmold begleitet, in das Zelt gehüpft und rief: „O, was habe ich geſehen! Ein Junker hat mit einem Bürger gefochten, hat ihn geſtochen und iſt gefangen genommen.“— Margarethe ſah Gertrude fragend an, Werner Roden wendete ſich an Helmold. Dieſer nahm das Wort:—„Leider, herzogliche Gnaden, iſt durch den Uebermuth des Junkers, der vorhin am Würfeltiſche war, die Feſtfreude auf freventliche Art ge⸗ ſtört worden.“ 1 Margarethe ſah den greiſen Vater an, der ſeine geballte — 149— Hand vor die Stirn legte, ſinſter zu Boden ſah, dann plötzlich ſeine Tochter in die Arme ſchloß und ihr Haupt an ſein Geſicht drückte. „Was geſchah?“— fragte Margarethe ſchnell, als der Sohn mit heiterer Stimme erzählen wollte, was ihm ſo viel Vergnügen gemacht hatte. Helmold fuhr fort:— Der Junker, der ſchon etwas berauſcht erſchien, als er würfelte, forderte den Schuß nach dem Vogel; da er dem zielenden Bürger die Armbruſt wegſchlug, ſo kam es zum Streite, es wurden, da er den Degen zog, die Waffen gebraucht, und er verwundete den jungen Bäckermeiſter Wigand gefährlich, wurde aber von dem Metzger Bolenhuſen niedergeſchlagen und von den Rathsfrohnknechten als Gefangener in die Stadt einſtweilen nach dem Pauliner Kloſter gebracht, weil ein Medicus ihm vielleicht Noth thut.“ „Es war ein Roſtorf?“— ſprach Roden.— „Ja, er wurde als der älteſte Sohn Chriſtoph erkannt“ — ſprach Helmold.—„Leute aus der Gegend von Har⸗ degſen nennen ihn einen ſchlimmen Junker, der muthwillig in der Freude, jähzornig im Streit und voll toller und böſer Streiche ſei.“— „Ol mein Gott!“— ſeufzte der alte Philipp von Kalm, indem er ſeiner Tochter bittend in das verzeihende, liebevolle Auge ſah;— dann die Umgebung ſcheu über⸗ fliegend, der Herzogin die Arme entgegenſtreckend, trat er vor ſie hin, wie vor ein Muttergottesbild, und ſprach:— „Ihr ſeid mein und meines Kindes Engel— Gott hat Euch erſcheinen laſſen, um den Teufel zu vertreiben, der — 150— mir in des Junkers Geſtalt erſchien und mein grollendes Gemüth lockte— o verſchmähet die Reue und die dank⸗ bare Anbetung eines Vaters nicht!“— „Begleitet mich“— verſetzte Margarethe, die gern der perſönlichen Verherrlichung auswich und dabei von demüthiger Empfindung zu Schweigen oder liebreicherer Herablaſſung gebracht zu werden pflegte,— begleitet mich auf das Schloß, Philipp von Kalm, mit Eurer Tochter; ich will noch weiker mit Euch reden. Ihr, Helmold, habt noch bei den Schützen und dem Gaſtmahle zu thun— bewähret auch dieſes Mal Eure Kunſt mit der Armbruſt und ſeid froh mit Gertruden;— grüßet Eure Brigitte, Werner Roden, es erwartet Euch Glück im Hauſe.“— Die Herzogin winkte überall Güte und empfing von allen Seiten die Zeichen der Liebe, als ſie das Gezelt verließ, ſich vom Rathe und den Göttinger Frauen und Jungfrauen, die ſie alsbald begleiteten, verabſchiedete und in ihren Fenſterwagen ſtieg, wo nun auch Vater und Tochter Platz fanden. In dem adligen von Roſtorf'ſchen Hofe, der faſt immer verödet und nur von einem alten Hofmeiſter bewohnt war, und welcher in einem entlegenen Theile der Stadt lag, waren heute ungewöhnlicher Weiſe die verhüllten Fenſter gelüftet, die Wege gefegt und die Räume von Dienerſchaft und Knappen belebt. Der alte Herr Ludwig von Roſtorf, ein Greis, viel zu ſchwach, um noch eine Rüſtung tragen zu können, war heute Mittags mit ſeiner früh gealterten, aber edel gebildeten Gattin und dem dritten, jüngſten Sohne, — — — 151— einem blühenden Jünglinge von ſechszehn Jahren, Namens Idan, dem Lieblinge der Eltern, auf ſeinem Göttinger Hofe eingetroffen, ſowol um dem Sohne die Freude am Schützenfeſte zu gewähren, als auch einmal wegen des Hofes ſelbſt Geſchäfte in Einnahmen, Ausgaben und Ablöſungen mit dem Rathe zu erledigen. Dieſes alte adlige Paar ſtellte das Bild eines aus⸗ nahmsweiſe friedlichen, ſtillen, gemüthlichen und frommen Burglebens dar; Ritter Ludwig war nicht, wie ſeine Vor⸗ fahren, die einſt die von den Göttingern zertrümmerte Burg zu Roſtorf beſaßen und die Gegend gefährdeten, ein Wege⸗ lagerer oder Raufbold; obgleich in ſeiner Jugend ein muthiger Mann, hatte er wol bei Hofe des Herzogs Ernſt, der bereits das Schloß Harſte bewohnte, während das Dorf gleichen Namens dem Roſtorfer angehörte, die Eigen⸗ ſchaften des Ritters nicht verleugnet, auch in Fehden mit⸗ gefochten, aber doch das Handwerk des Herzogs Otto, die Räuberei, nie ausgeübt, theils nicht aus Abneigung und Edelſinn, theils nicht, weil er ein reicher Mann war. Beides hatte ihn bei dem Sohne des Herzogs Ernſt nicht beliebt gemacht; Otto ſchätzte des Roſtorfer's Friedensſinn eben ſo gering, wie deſſen Reichthum hoch und er hätte gern dem Herrn auf Hardegſen den Fehdehandſchuh zu⸗ geſchleudert und ſich das ſchöne Schloß ſelber zugeeignet, wenn er nur irgend eine Gelegenheit gefunden hätte, mit ihm anzubinden, was bei der ſtillen Zurückgezogenheit des Roſtorfer's nicht ohne Schein der Gewaltthat hatte gelingen wollen. Aber auch das innere Burgleben dieſer Familie war — 132— jahrelang ein glückliches geweſen; Mann und Frau liebten ſich treu, ihre Ehe war lange Zeit mit zwei Söhnen, Chriſtoph und Friedrich, geſegnet geweſen und erſt in der Scheideperiode des Weibes zur Matrone war Frau Lyſa von einem Spätlinge, dem Idan, geneſen, der nun ein Herzens⸗ und Lieblingskind der Eltern wurde, das ſie mit glücklichen Augen hüteten, mit weichen und ſchonenden Händen pflegten und das ſie keinen Augenblick mehr ent⸗ behren konnten. Idan, ein ſchöner Knabe, wurde indeſſen kein Weichling; er entfaltete ſich im warmen Sonnenſcheine der Elternliebe ſchnell und kräftig zu einem Knaben und Jünglinge von Muth, Geiſt, Fleiß und Liebenswürdigkeit; ſeine Anhänglichkeit an die elterlichen Herzen war groß, aber er überhob ſich nie gegen ſeine älteren Brüder, von denen der zweite, Friedrich, ihm noch am Nächſten ſtand, da er die Liebe des Vaters mit ihm theilte, während der älteſte, Chriſtoph, ſich immer mehr dem Gefühle des Knaben entfremdete, je mehr er das Herz der Eltern betrübte und die Mutter zu Thränen, den Vater zu bangen Sorgen zwang. Chriſtoph war ein ausgelaſſener, muthwilliger Knabe geweſen, ein leichtfertiger, ſchwelgeriſcher, jähzorniger Jüngling, geworden, der oft von dem Schloſſe entwich, viele böſe Streiche verübte und jedesmal heimkehrte, um ſeinem Vater die Sorge zu geben, das angerichtete Unheil mit Opfern und Sühnen wieder auszugleichen. Der Zug ſeines Charakters, welcher aber die Eltern am Empfindlichſten traf und in ihr friedliches Land⸗ und Burgleben immer mehr Sorge und Gram heimiſch machte, war die mit öfterem Hader begonnene und in offenen Haß ausgeartete Feindſchaft, womit Chriſtoph ſeinen Bruder Friedrich verfolgte, und dieſen, trotz ſeiner milderen Natur, endlich zwang, Haß mit Haß zu vergelten. Der Jähzorn des Aelteſten hatte Friedrich ſchon einige Male in Lebens⸗ gefahr gebracht, es war ſogar zu Zweikämpfen mit dem Schwerte gekommen und die Eltern hatten deshalb ihren zweiten Sohn nach Moringen zu Bekannten geſchickt, um ihn dann in ihre Arme eilen zu laſſen, wenn der böſe Chriſtoph ſich zu neuen luſtigen oder ſchlimmen Streichen aus dem Schloſſe entfernt hatte. Es war am heutigen Schützenfeſte nach der ſechsten Stunde Nachmittags, als der alte Herr Ludwig von Ros⸗ torf mit ſeiner Gattin, ſich in dem herrſchaftlichen Gemache ſeines adligen Hofes in Göttingen in ſteigender Unruhe befand. Sie waren am Tage vorher in einem Wagen mit dem jüngſten Sohne Idan, von Hardegſen aufgebrochen, deſſen Wunſch, das Schützenfeſt zu ſehen, von den elter⸗ lichen Herzen nicht abgelehnt werden konnte, aber doch die⸗ ſelben antrieb, den Lieblingsſohn zu begleiten, obgleich die Angelegenheiten des Göttinger Hofes und deſſen Gefälle erſt nach dem Feſte verhandelt werden konnten. Als daher Ritter Ludwig mit ſeiner Gemahlin am Morgen dem Schützen⸗ zuge, und auch auf dem Maſchplatze den vormittägigen Waffenſpielen der Bürger zugeſehen hatte, war es Beiden genug, und während Idan von der Erlaubniß Gebrauch machte, auch Nachmittags ſich auf dem Schützenhofe zu beluſtigen, ſaß der alte Herr mit ſeinem Hausmanne bei Rechnungen und Regiſtern, um ſich über den Stand ſeiner finanziellen Angelegenheiten zu unterrichten, und Frau Lyſa — 154— drehte die Spindel, was im Alter ihre Lieblingsbeſchäf⸗ tigung war. Dieſe ſtille Zurückgezogenheit wurde aber ſchon gleich in den erſten Nachmittagsſtunden durch die Nachricht eines Dieners geſtört, welcher auf dem Schützenhofe den Junker Chriſtoph geſehen hatte, der bereits vor einer Woche, nach einem Zwiſte mit dem Vater trotzig von dem Schloſſe entwichen und ſeitdem nicht wiedergekommen war. Der Diener hatte auf weitere Frage noch berichtet, daß der Junker ſehr luſtig ſei, viel trinke und würfle, viel Geld bei ſich führe, ein Pferd am Würfeltiſche gewonnen und ſogleich wieder gegen einen Mädchenkuß eingeſetzt und verloren habe, daß er viel Thorheit zur Beluſtigung des Volkes treibe, aber auch ſchon in Händel und Streit durch Muthwillen und Neckerei gerathen ſei. Das alte Paar erſchrack über dieſe Nachrichten ſehr, ſowol wegen des Geldes, das der älteſte Sohn ausgab, da er auf der Burg nichts bekommen hatte, als auch wegen der Vorausſicht, daß er in üble Händel fallen und ſeinem Namen Unehre machen könne; der Vater befahl dem Knechte, wieder hinauszugehen, ihn zu beobachten und ſich an ihn zu machen, um ihm die Anweſenheit der Eltern zu melden und ihn nach dem Hofe in der Stadt einzuladen; die Mutter aber rief:—„Achte auf den Idan, daß er nicht mit dem böſen Bruder zuſammentrifft, denn ſeinetwillen iſt der letzte Zwiſt mit dem Vater entſtanden und er hat dem Jüngſten gedroht und wird ihm im aufgeregten oder trunkenen Sinne Leid anthun.“— Sie ſandte zu ihrer eigenen Be⸗ friedigung auch noch einen reiſigen Knappen nach dem Schützenhofe, um den Idan zu bewachen. * — 155— Es war die Verabredung getroffen, daß Idan um die fünfte Stunde heimkehren ſolle; die Mutter war an den pünktlichen Gehorſam ihres Sohnes ſo ſehr gewöhnt, daß ſie bereits unruhig die Spindel weggelegt und durch das Fenſter geſpäht hatte; als er aber um ſechs Uhr noch nicht erſchien, war die Unruhe der Frau auch auf den Vater übergangen und die Angſt um den Sohn ſteigerte ſich von Minute zu Minute. Die Beſorgniß, daß der Chriſtoph dem jüngſten Bruder begegnet ſein und eine rachſüchtige That an ihm begangen haben könne, öffnete der Eltern Herz zur lauten Klage über den Ungerathenen, um deß willen ſie den Sohn Friedrich vom heimiſchen Schloſſe entfernt halten mußten, und der alte Hausmann glaubte nun in die Sorge der Herrſchaft mit einſtimmen zu dürfen, als Frau Lyſa rief:—„Ach! hätte ich dieſen Sohn nie geboren! Er wird unſeren Namen, unſer Vermögen und Geſchlecht zu Grunde richten!— Hausmeiſter habt Ihr denn nichts von dem Un⸗ gerathenen erfahren?“— „Gnädige Frau“— ſagte dieſer—„der Junker, der Euch ſo viel Sorge macht, ſoll ſchon vor ſechs Tagen in der Stadt geſehen ſein; der Knecht des Hofes will ihn mit vielen verdächtigen Genoſſen im Wirthshauſe geſehen und dort gehört haben, wie ſie üble Reden geführt und“— Der Alte zögerte;— die Frau hatte aber einmal das in ſolchen Stimmungen natürliche Bedürfniß, ihr unruhiges Herz mit weiteren Nachrichten zu quälen, und forderte den Hausmann auf, Alles zu ſagen, was er wiſſe und glaube. „Gnädige Frau“— fuhr dieſer fort—„ich glaube, es wäre gut, wenn der Junker weit fortgeſchickt würde, — 456— in ein Kriegsland, oder an den kaiſerlichen Hof, wo er ſeinen unſtäten, zügelloſen Sinn im Kampfe oder Waffen⸗ ſpiele abkühlen könnte.— Ich will es Euch nicht verhehlen, daß vor drei Tagen bei Nordheim ein Kaufmannszug auf⸗ gehoben iſt, der viel Geld führte, und daß Euer Junker der Anführer der vermummten Räuber geweſen ſein mag.“— Frau Lyſa legte mit tiefem Seufzen die Hand über das Geſicht; Ritter Ludwig horchte finſter auf.—„Wie könnt Ihr das glauben?“— fragte er, ſeinen Schmerz in die Barſchheit des Tones verbergend. „Ein Göttinger Bürger, der Krämer Johann Frieſen, der nach der Gegend dort handelt, hat ausgeſagt, daß ein Junker von Roſtorf einem Heſſiſchen Kaufmanne viel Tuch und Edelſteine verkauft habe.“— „O!“— weinte Frau Lyſa—„er wird Hardegſen zu einem Raubneſte machen, wie es der Hanſtein iſt.“— Ritter Ludwig ſtand auf und ſchritt durch das Gemach. In einer ärgerlichen Aufwallung murmelte er:—„dann will ich ihn nach Wolfenbüttel ſenden, der Quade braucht ſolche Leute!“— Jetzt eilte Frau Lyſa an das Fenſter, denn der aus⸗ geſchickte Diener kehrte mit dem reiſigen Knappen vom Schützenhofe zurück. Sie ſtieß das Fenſter auf und rief:— „Wo habt Ihr den Idan? Ihr ſolltet ihn mitbringen!“— „Iſt der Junker denn nicht heim?“— antwortete der Diener;—„wir haben ihn auf dem ganzen Schützenplatze bei dem großen Gedränge wie eine Maus geſucht, aber er iſt nicht zu finden.“— „Er iſt verloren, er iſt todt’ der Kain hat ihn getroffen!“ — 157— — rief die erregte Mutter, in der Heftigkeit des Schmerzes das Fenſter zuwerfend und dann ſchluchzend in einen Seſſel ſinkend. Ritter Ludwig war einen Augenblick betroffen und ſtarrte ſeine Gattin an; er faßte ſich aber ſchnell, ging zu der ſchluchzenden Frau, faßte tröſtend ihre Hand und befahl, daß der Diener hereinkomme. Als dieſer erſchien, ſprach er ernſt und raſch:—„Saheſt Du meinen älteſten Sohn?“ „Ja, Herr— leider zu ſpät, wir konnten ihm nicht mehr beiſtehen.“— „Was? Beiſtehen? Hatte er Streit?“— „Ja— er ſchien im Rauſche; die Leute ſagten, er habe ſchon viel Thorheit begangen, um ein Mädchen gewürfelt, das er zum Weibe nehmen wolle, und welches die Herzogin, die auf dem Schützenfeſte iſt, vereitelt habe.“— „Entſetzlich!“ weinte Frau Lyſa—„er will unſer Geſchlecht beſchimpfen!“ „Es war ein großer Lärm unter der Vogelſtange ent⸗ ſtanden; als wir dort anlangten, führte man den Innker geknebelt hinweg— erſchreckt nicht, er hat üblen Gebrauch von ſeinem Degen gemacht.“ „Den Idan ermordet!“ ſchrie die verzweiflungsvolle Mutter, indem ſie auffuhr und händeringend durch das Zimmer ſchwankte, während Ritter Ludwig mit der Hand auf eine Stuhllehne griff. „Nicht ſo“— fuhr der Diener ſchnell fort—„er ver⸗ langte den Schuß, ſchlug dem zielenden Bürger die Armbruſt weg und im Streite ſtieß er einem jungen Bäckermeiſter Wigand den Degen in den Leib.“ — 158— „Gott ſei mir gnädig!“ rief Frau Lyſa, die der Rede in höchſter Spannung gehorcht hatte und, von dem furcht⸗ baren Gedanken des Brudermordes entlaſtet, die gefalteten Hände aufrichtete. „Wir müſſen aufbrechen!“— ſagte Ritter Ludwig:— „hier, in der Mitte der aufgeregten Bürger iſt unſeres Bleibens nicht länger! Man wird Rache an uns nehmen, wenn man erfährt, daß wir hier ſind.“ „Man hat den Idan erkannt, hat Rache an ihm ge⸗ nommen, o, ich unglückliche Mutter!“— Ritter Ludwig wurde durch das Wort der Gattin erſt auf dieſen entſetz⸗ lichen Gedanken geführt; er ſchien erſchüttert, faßte ſich aber ſchnell, ging auf Lyſa zu, ſah ihr mitleidig in das verzweiflungsvolle Geſicht, faßte ihre Hände, wollte ſprechen, aber blieb ſtumm. Plötzlich kehrte er ſich zum Hausmanne und ſprach:„Sendet alle Knechte und Reiſige, die im Hofe ſind, aus, daß ſie meinen Idan ſuchen— ſchnell!— Ich will zum Rathe fahren, man wird einen alten Mann ſeiner weißen Haare wegen ehren und nicht kränken; ſpannt den Wagen an, ich will zum Bürgermeiſter wo ich ihn finde!“ Während Frau Lyſa im Seſſel mit bedecktem Angeſichte weinte und der alte Mann den Degen in das Gehäng ſteckte, das Sammetmäntelchen umhing und den Federhut auf das weiße Haupt ſetzte, wurden die Roſſe im Hofe vor den Wagen geſchirrt, die reiſigen Knappen, die von Har⸗ degſen mitgekommen waren, ſtiegen zu Pferde, die Knechte eilten zu Fuße fort, um den Junker Idan aufzuſuchen. Eine peinliche Stunde brachte Frau Lyſa mit dem alten Hausmanne zu; ſchon dämmerte der Nachmittag, das — 159— Abendroth färbte Dächer, Fenſter und Wände. Endlich rollte der Wagen in das gewölbte Thor des Roſtorf ſchen Hofes. Die Frau ſprang auf, öffnete das Fenſter, um an der Miene ihres Mannes die erſte gute oder ſchlimme Kunde abzuleſen, und bebte zurück, als Ritter Ludwig langſam und mit wolkenſchwerem Angeſichte aus dem Wagen ſtieg. „Was haſt Du von Idan erfahren?“ war ihr erſter Ruf, als der Gatte eintrat. „Es kann ihm nichts Schlimmes widerfahren ſein“ verſetzte Ritter Ludwig, den Hut auf den Tiſch ſchleudernd; aber dieſe ungewöhnliche Heftigkeit ſeines Benehmens deutete doch auf eine innere Erregung.„O, über den Chriſtoph“ rief er jetzt, ſeinem Kummer freien Lauf laſſend—„er wird uns Alle noch verderben! Ich mußte nach dem Schützen⸗ hofe hinausfahren, wo der Bürgermeiſter und der Rath ſich im Zelte zum Gaſtmahl verſammelten; ich bot Reue und Löſegeld, aber der Rath fordert Geſetz und Recht; der Bäckermeiſter iſt nicht todt; ſtirbt er, ſo wird die Bür⸗ gerſchaft in große Wuth gerathen.— Nun ja— mögen ſie thun, was der Zorn ihnen eingiebt, ich habe noch zwei gute Söhne!— Bleibt der Bäckermeiſter am Leben, ſo wird es mir eine große Summe koſten, den Mann zu ent⸗ ſchädigen und den Böſewicht, der meinen Namen trägt, aus dem Rathhauskerker loszukaufen.— Von den Zeiten meiner Vorfahren her iſt den Göttingern noch eine alte Abneigung gegen die Roſtorfer geblieben: ſie iſt heute von Neuem angefriſcht.“ Frau Lyſa hörte die ſchlimme Kunde mit der dumpfen Hingebung und Reſignation an, welche einer längern Qual — 160— gewöhnlich zu folgen pflegen; das größere Leid, die Angſt um Idan, ließ ſie den Kummer um den böſen Sohn leichter ertragen. Plötzlich aber war dieſer in den Hintergrund ihrer Seele zurückgedrängt, als des Hausmanns Stimme im Hofe unter dem Fenſter erſcholl und die Worte:— „Junker Idan! wo ſeid Ihr geweſen? Ihr habt viel Angſt gemacht!“ in ihr Ohr ſchlugen.—„Idan! Idan!“ rief ſie aufſpringend und das Fenſter aufreißend und beide Arme dem friſchen, mit leuchtenden, lebendigen Augen und heißen, gerötheten Wangen heraufwinkenden Jünglinge ent⸗ gegenſtreckend. Bald lag er an der Bruſt der Mutter und in den Armen des Vaters, er empfing die ſeligen Blicke und Töne der Mutterliebe, den ſtrafenden, ernſten Blick des väterlichen Unwillens.—„O, mein Gott!“ ſeufzte die Mutter—„was für Seelenſchmerz haſt Du mir gemacht!“ — Der Vater ſprach mit liebreicher Strenge:—„Wo warſt Du? Was konnte Dich bewegen, zum erſten Male gegen der Eltern Wunſch zu handeln?“ Idan war in der That ein liebenswürdiger Jüngling; er erſchien älter als ſechszehn Jahre, ſeine ſchlanke Geſtalt war kräftig, edel und friſch, ſein Angeſicht glich zwar dem eines hübſchen, feſten Mädchens, ſeine großen, braunen Augen ließen tief in ein offenes Leben ſchauen, ſein rother Mund war lieblich, wie zu Liebe und Kuß geſchaffen, ſein braunes Haar hing in Locken über den Nacken nieder, aber der Frohſinn und die Kindlichkeik waren mit Muth, Entſchloſſenheit und geſundem Sinne gepaart. Er ſah die Mutter bittend, den Vater beſchämt an.. 7 — 161— „Idan!“— ſprach dieſer—„Du biſt heiß, erregt, athemlos, Deine Wange glüht, Dein Auge weicht mir zum erſten Male aus, Dir iſt etwas begegnet, Du warſt nicht auf dem Schützenhofe?“— „Doch— doch— Vater, aber ich ging früh fort“ „Du haſt dem Bruder ausweichen wollen“ ſagte die Mutter ſchnell, um ſogleich eine Entſchuldignng für den Liebling ſich ſelber einzureden. „Mein Sohn“— nahm der Vater das Wort“— „Du kannſt nicht mit offnen Augen der Mutter Antwort geben, Du biſt um Ja und Nein verlegen.— Idan! warum willſt Du das Herz Deiner Eltern betrüben, die um Dich ſich ängſtigten? Deine Wahrheit und offene Seele waren immer der Spiegel unſeres Glücks, der Troſt in unſerem Leid.“ „Ol ſo rede doch, wo biſt Du geweſen?“ bat die Mutter, indem ſie des Sohnes Haupt an die Bruſt drückte, und unſäglich liebevoll in die braunen Augen ſah, die unruhig im Sonnenſchein der Mutterliebe wurden. Nun ſchloß er die Mutter und dann den Vater in die Arme und ſprach gerührt:—„Ihr wiſſet ja, wie ich Euch liebe;— verzeihet mir, daß ich es zum erſten Male vergeſſen konnte, wie Ihr um mich in Sorge und Unruhe gerathen müßtet— daß ich die Stunde verſäumen konnte, wo Ihr mich erwartet habt. Wollt Ihr mir nicht zürnen, wenn ich Euch ſage, was ich lieber ganz ſtill für mich be⸗ hielte und wofür ich kein rechtes Wort habe?“ „Idan!“— fiel Frau Lyſa ein—„ein Geheimniß möchteſt Du haben? Ein Geheimniß entfert Dich vom Herzen der Eltern!“ Maltiitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 14 — 162— „Nein, ich will kein Geheimniß vor Euch haben, es iſt ja ein ſo ſchönes Gefühl, das ſich vor Euch nicht zu fürchten braucht und doch ſich ſo gern in mir verborgen hielte;— habe keine Furcht, Mutter, ſieh nicht ſo ernſt, Vater, ich that gewiß nichts Böſes. Hört!— Der Lärm des Schützenhofes war mir bald zuwider; Ihr wißt, daß ich eine große Freude daran habe, auf grünen Wieſen zu gehen; ich folgte dem Ufer der Leine, kam an einer Mühle vorbei und entfernte mich ſo weit, daß ich das Knallen der Feuerbüchſen kaum mehr vernahm. Ein Kahn ſchwamm die Leine herab, der Stadt zu; ein Mann, eine Frau und ein junges Mädchen ſaßen darin; ich ſah ihnen nach, wie ſie ſo fröhlich auf dem Waſſer fortglitten.— Da entflog dem Mädchen eine zahme Taube, die ſie im Schooße ge⸗ halten und womit ich ſie ſpielen geſehen hatte; ſie ließ ſich bei mir nieder, ich erhaſchte ſie, der Mann ruderte den Kahn an das Ufer, wo ich ſtand; da ſtieß er an einen Pfahl unter dem Waſſer, der Kahn ſchlug dicht am Ufer um. Der Mann griff nach ſeiner Frau, das Mädchen ſank; ich erfaßte ſie und trug ſie in das weiche Gras der Wieſe. Während der Mann noch ſein Weib tröſtete, ſchlug das ſchöne Mädchen die Augen zu mir auf, der ich vor ihr knieete und ihr Angeſicht und Haar trocknete. Es war ein ſeltſamer Blick, ich konnte ihr gar nichts ſagen und als ſie die Bruſt bedeckte, half ich ihr dabei.“— „O, mein theures Kind!“— fiel die Mutter ein, welche ſchon längſt die Freude und Luſt am Sohne in Geberden kund gegeben hatte,—„mein Idan, Du haſt ein Menſchen⸗ leben gerettet? Komm an mein Herz, daß ich es dir danke!“ — 163— „Reiche mir die Hand, mein theurer Sohn!“— rief der alte Vater;„Dein böſer Bruder hat eines Menſchen Leben in Todesgefahr geſtürzt, du haſt ein Leben aus der Gefahr gerettet— Gott laſſe es dem Chriſtoph als Sühne gelten!“— Die Eltern Beide umarmten den Liebling. „Was wurde aus dem jungen Mädchen? Wer war ſie?“— fragte die weibliche Neugier der Frau Lyſa. „Hat der Dank, oder der Zuſtand der Geretteten Dich ſo lange bei ihr zurückgehalten?“— fragte der Vater. Idan ſah die Eltern glühend an.—„O! es war ſo ſchön“— ſprach er—„doch vernehmt! Der Mann hatte genug mit ſeiner Frau zu thun, die ſich vor Schreck nicht faſſen konnte, weinte und ſchnell nach Hauſe verlangte; ich ſah, wie das junge Mädchen zitterte, und als ich ſie aufrichtete, ihr meinen eigenen Mantel umhing und ſie weiterführte, ſah ſie mich abermals wunderbar an und lächelte mir einen unausſprechlichen, ſtummen Dank zu. Der Mann, welcher ſeine Frau zu beruhigen ſuchte, empfing mich freundlich, reichte mir die Hand und ſagte:—„Ihr habt das Fräulein gerettet; Gott und die Eltern werden es Euch hoch anrechnen, bleibet bei uns— ſeht, dort iſt die Maſchmühle wo ich wohne.“— Auf dem kurzen Wege hin erfuhr ich, daß es der Müller mit ſeiner Frau war, bei welchen das junge Mädchen ſich ſeit geſtern zum Be— ſuche aufhalte, und ſie eine Luſtfahrt auf der Leine gemacht hätten, eben auf der Rückkehr begriffen und in der Abſicht geweſen wären, am Abend nach dem Schützenhofe zum Tanz zu gehen. Das junge Mädchen nannte ſich Bertha, 11* war die einzige Tochter eines verarmten Edelmannes, Hans von Waake, der im Dorfe Weſthuſen einen kleinen Hof hat und vom Feldbau lebt. Während auf dem Wege nach der Mühle die Frau klagte, daß ſie in der Mühle faſt immer Unglück hätten, ſie möchten beginnen, was ſie wollten, da im Hauſe ein Fluch wohne und es nicht geheuer ſei, ging Bertha, ſtill und in meinen Mantel gehüllt, neben mir her und ſchien verlegen über mein freundliches Anlächeln und Zureden zu ſein. O! ich kann es Euch nicht ſagen, wie lieblich das etwa vierzehnjährige Mädchen war, wie ihre Augen mich belauſchten und ihre Wangen ſich rötheten, wenn ich ihren Blick auffing und ihr ſagte, daß er mir ſo wohl thue. Ich kehrte in die Mühle ein; der Knappe wurde fortgeſchickt, den Kahn zu holen, ich blieb bei dem Müller, um die Zeit abzuwarten, bis Bertha und die Müllerin ſich umgekleidet haben würden. Die Zeit wurde mir unendlich lang; endlich erſchien ſie im blauen Mieder und weißen Kleide, wie die Engel auf dem Altarbilde zu Hardegſen, ſo ſchön, ſanft, lächelnd, daß ich mich andächtig und fromm fühlte und der Mantel, den ſie mir zurückgab, mir ſo geweiht vorkam, als hätte er dazu gedient, den Leib des Herrn zu bekleiden.“— „Idan!“— fiel die etwas unruhig gewordene Mutter ein—„ſchweife mit Deinen Gefühlen nicht in eine Welt, in welche Dein Alter und Stamm Dir gebieten, mit der Vernunft einzutreten; die Freude an der guten That, ein junges Mädchen aus Todesgefahr, mitten im Sonnenſchein des Tages und dem Lärm der Volksluſt gerettet zu haben, hat Dich für den Gegenſtand Deiner That begeiſtert. Mein — 165— Herz allein unter allen Weibern macht Anſprüche an Deine Liebe!“— Und der Vater ſagte:—„Ein edler Retter entzieht ſich ſchnell dem Danke und macht dadurch ſeine That noch größer vor Gott und Menſchen. Ich will Dir danken, mein Sohn, daß du eines Kindes Engel geworden biſt; denn in derſelben Stunde, wo man in einem Hauſe der Stadt den Namen Roſtorf verflucht, ſegnet man ihn an anderer Stelle wieder. Das danke ich Dir, mein Idan.— Der Ritter küßte des Sohnes Stirn und fuhr dann, gegen die Frau gekehrt, fort:—„Laß uns heimkehren nach Hardegſen— ich muß meine Hofangelegenheiten zu ſpäterer Zeit vornehmen, wenn man den Namen Roſtorf nicht mehr mit friſchem Groll nennt. Ja, mein Sohn, Dein un⸗ gerathener Bruder hat einen Bürger ſchwer verwundet und ſitzt im Kerker der Stadt! Ein Edelmann als Ge⸗ fangener des Rathes!“— Ddan erſchrak über dieſe letztere Nachricht weniger, als über die Aufforderung zur ſchleunigen Abreiſe nach Har⸗ degſen.—„Vater, Du kennſt ja den Chriſtoph, laß ihn!“ — ſprach er ſchnell;—„aber willſt Du mir eine Liebe erweiſen, dann bleibe dieſe Nacht in Göttingen und geſtatte mir, daß ich nach der Mühle noch einmal zurückkehre und Abends mit Bertha von Waake im Zelte der Schützen verweile.“— Als die Eltern ſich bedenklich anſahen, fuhr Jdan lebhafter und in ſchnell ſich ſteigernder Leidenſchaft fort:—„O, Ihr müßt ſie ſehen, dieſe holdſelige Jung⸗ frau— ich ſaß länger als eine Stunde lang vor ihr und ſah wie ein Träumender in ihre braunen, wunderbaren — 166— Augen wie in einen Zauberſee, in den mich eine heim⸗ liche Gewalt hineinzog— ſie erduldete es, daß ich meinen Blick in ſie einſenkte, ſie lächelte, als fühle ſie ſich durch mich leidend, und doch war ſie glücklich;— als ich ihre Hand feſthielt, zuckte es durch ihren ganzen Körper, ich hätte ihr Alles ſagen mögen, was ich fühlte und wußte, aber ich konnte kein Wort finden, ich träumte mit ihr. Da ließ man uns kurze Zeit allein durch den Mühlgarten gehen — ich hielt ihren Gang auf, ſah ſie ſo ſtark an, daß ihr die Thränen in die Augen traten, ſagte ihr, daß ich in ihrem Anſchauen glücklich wäre; ſie wehrte mir nicht, daß ich ſie in meine Arme ſchloß und ihre Lippen küßte. Jetzt war ich plötzlich dreiſt, geſprächig, unausſprechlich heiter geworden, ich überredete ſie mit dem Müller und mir nach dem Schützenhofe zu gehen, ſie willigte ein;— da gedachte ich Eurer, Vater, Mutter, daß ich die Stunde verſäumt hatte, eilte hierher, um noch einmal nach der Mühle zu⸗ rückzukehren. O, bleibet bis morgen!“— Dieſes offene, freimüthige Bekenntniß des lockigen, un⸗ ſchuldigen Jünglings machte auf die Eltern gerade die, ſeiner Erwartung entgegengeſetzte Wirkung. Beim Vater war es die Sorge, daß ſein Lieblingsſohn ſich mit dem Schickſale eines armen, fremden Mädchens enger verbinden und ſeine wie ihre Jugend in Gefahr bringen könne, viela leicht auch der Stolz ſeines alten, reichen Geſchlechtes, der ſich gegen den Gedanken erhob, von der Tochter eines armen, adligen Ackerbauers in den höher gehenden Plänen künftiger Verwandtſchaft gefährdet zu werden. Bei der Mutter war es, neben ähnlichen Bedenken, noch die Eifer⸗ — 167— ſucht des liebenden Mutterherzens, das die Liebe des Sohnes allein beanſprucht und in der Geliebten eine Nebenbuhlerin ihres höchſten Glückes erblickt. Frau Lyſa umarmte ihren Sohn mit einer Heftigkeit und einem ſo überwältigenden Blicke, als wollte ſie den Sohn behüten und von der übrigen Welt eiferſüchtig abſchließen.„Idan!“ rief ſie, faſt weinend —„Deine Jugend hat Dich geblendet, kehre an mein Herz ganz und freiwillig zurück! Erſt werde ein Mann— noch biſt Du nicht fähig, allein unter Menſchen zu treten!“ Idan entwand ſich erſchrocken den Armen ſeiner Mutter und trat dem Vater entgegen, der dem an der Thür er⸗ ſchienenen Hofmeiſter ziemlich verdrießlich zurief:—„der Wagen ſoll ſogleich beſpannt werden und meine Knappen ſollen aufſitzen, wir wollen abreiſen!“ „O, nur bis morgen, Vater!“— flehete Idan— „vergönne mir noch eine Stunde auf dem Schützenplatze!“ „Mein Sohn!“— verſetzte Ludwig ſtreng, wobei er die Hand auf deſſen Haupt legte—„das junge Mädchen hat Dir reichlich gedankt, Du würdeſt unritterlich ſein und Deiner That die Ehre ſchmälern, wollteſt Du den Dank noch weiter fordern. Deine Zudringlichkeit hat das junge Mädchen verlegen und Dich dreiſter gemacht, als es Deiner Geburt und der Sitte des Mädchens ziemt. Du fährſt mit Deinen Eltern nach Hardegſen zurück und ſiehſt das Mädchen nicht wieder.“ Idan blickte den Vater betroffen an; ſeine Augen wurden feucht; da eilte die Mutter zu ihm, um ihrer Liebe zu ge⸗ nügen und den Kampf des kindlichen Gehorſams mit der erſten, heftigen Liebesregung des Jünglings durch Zärtlich⸗ 168 keit zu erleichtern.— Schweigend, mit tiefem Schmerze in der Miene, fügte ſich Idan dem elterlichen Willen. Schon nach einer Viertelſtunde ſtieg er mit den Eltern in den Wagen und die bewaffneten Reiſigen begleiteten zu Roß die Abreiſenden. Die Burg Hardegſen lag nahe bei dem Orte gleiches Namen, nicht weit von Göttingen und drei Wegſtunden von Nordheim, auf einer Anhöhe, unter der das Flüßchen Espel fließt. Das Thal, durch welches dieſes ſeinen Lauf nimmt, trennte die Burg einſt, die„harte Ecke“ oder Har⸗ deck genannt, von einer gegenüberliegenden Burg, die ſich auf einem Felſen erhob und„neue Ecke“ oder Niedeck hieß. Das alte Hardeck, deſſen Namen man in Hardecks⸗ hauſen und dann in Hardegſen verwandelte, gehörte in früheren Zeiten dem adligen Geſchlechte der Herren von Hardeck; die nahe gegenübergelegene Burg Niedeck gab bald Veranlaſſung zu Fehden zwiſchen den beiden Ritterfamilien; die Hardecker beſiegten endlich die Niedecker, ſetzten ſich in den Beſitz aller Güter derſelben und gelangten dadurch zu Reichthum, Glanz und Macht. Unter dem Schutze der Hardecks⸗Burg baueten ſich bald viele Familien an und gründeten den Ort Hardeckshauſen oder Hardegſen. Im dreizehnten Jahrhunderte aber erloſch das Geſchlecht der Ritter von Hardeck im männlichen Stamme, die einzige, noch übrig gebliebene Erbtochter heirathete einen Herrn von Roſtorf, und ſo gelangte die Burg mit allem Zubehör an dieſe Familie, welche aber ihren Namen vom Stammſitze zu Roſtorf bei Göttingen beibehielt. Die nächſten Vorfahren des Ritters Ludwig waren, d 5 — 169— durch Macht und Glanz begünſtigt, immer große Herren in Oberwald geweſen, die ſich in Fehden und Turnieren hervorthaten; Ludwig dagegen liebte ein ſtilles Burgleben, fand ſchon im reiferen Mannesalter kein Vergnügen an den wilden Beluſtigungen der Ritter und mied jede Berührung mit dem Herzoge Otto, den er verachtete und der ſeiner⸗ ſeits nicht nur mit ſcheelen Augen auf den ſtillen Reich⸗ thum des Roſtorfer blickte, ſondern ihm auch gern einmal etwas angethan hätte, wenn ſich nur die Gelegenheit dazu bieten wollte, zumal er es ihm nicht vergeſſen konnte, daß er einſt vergeblich den Herrn auf Burg Hardegſen um ein Darlehen gebeten hatte. Fünftes Kapitel. Noch ehe Margarethe, in Begleitung des Sohnes, der Hanna von Kehl und dem Braunſchweigiſchen Patrizier von Kalm nebſt deſſen Tochter Angila, auf ihrer Heimfahrt vom Schützenfeſte die Stadt und Burg erreicht hatte, war hier in letzterer ein unerwarteter Gaſt eingezogen. Plötz⸗ lich hatte der Thürmer auf der Warte des Bollrutz ein Hornſignal gegeben; ein Knappe ſuchte in großer Eile den Schulzen und fand ihn endlich in der Zelle des alten Hen⸗ ricus im ernſten Geſpräche. Hans Druchtleif war nämlich erſt kürzlich wieder von einem Anfalle von Beſinnungs⸗ loſigkeit geneſen, der eine Folge der einſt erhaltenen Kopf⸗ wunde war, und ſich während der Reſidenz des Herzogs in Wolfenbüttel ſchon zwei Male wiederholt hatte. Bei — 170— ſolchem Anfalle leiſtete ihm Henricus als Arzt treue Hülfe und, da die Geneſung jedes Mal mit großer Niedergeſchlagen⸗ heit des Gemüthes begleitet war, ſo trat der alte Mönch dann auch der beklommenen Seele des Mannes mit geiſtlicher Pflege näher, und es hatte ſich dadurch eine ſtille Zunei⸗ gung zu Henricus bei ihm angeſponnen, die wiederum jenem einen Einfluß gewährte, welcher dem Charakter und der Amtsthätigkeit des Schulzen und damit den Burg⸗ und Stadtbewohnern zu Gute kam. Der einſt wilde, grauſame, gefürchtete Vogt zu Grone war ein zwar finſterer, ein⸗ ſilbiger und ſcheinbar menſchenfeindlicher, aber durchaus milder, nachſichtiger Schulze, und wer ihn und ſeine ſtille Wandlung nicht kannte, hielt ihn für einen liſtigen Mann, dem man gern auswich. Er durfte dem Herzoge, ſeinem Herrn, nicht merken laſſen, daß er von Krankheit befallen werde; denn dieſer haßte alle kranken und milden Leute; es blieben daher ſeine Anfälle von Gehirnleiden ein Ge⸗ heimniß in der Burg, wo man unter den Reiſigen die Meinung begünſtigt hatte, daß er an Trunkfälligkeit und heimlichem Rauſche leide.— Der Knappe, welcher in größter Eile den Schulzen ſuchte und bei dem Mönche fand, rief in die Zelle:— „Sputet Euch, Schulze— der Herzog reitet in's Nicolai⸗ thor ein!“. „Der Herzog? Du biſt toll!“— rief Druchtleif. „Doch, ſchauet hinaus— höret das Signal— er muß vom Himmel gefallen oder auf dem Winde geritten ſein!“ Der Schulze ſtürzte hinaus, fand eben noch Zeit genug, in ſein Amthaus zu laufen, Baret und Degen zu ergreifen ——— 9-— —— — — 1714— und in den Hof an das Thor zu eilen, als Herzog Otto, von Rittern und Reiſigen begleitet, mit gebräuntem, heißen Geſichte und völlig gerüſtet, über die Zugbrücke einritt. Der Schulze trat ihm entgegen und ſprach:—„Seid will⸗ kommen, Herr!— Der Bollrutz hat lange nicht Eure Gnaden beherbergt;— ich wußte nichts von Eurer Ankunft, darum verzeihet, wenn Ihr nicht feſtlich empfangen werdet.“— „Ein guter Diener hält ſeines Herrn Haus immer eingerichtet!“— antwortete Otto:„was für ein Lärm iſt draußen an der Leine? Ich hörte Schießen mit Feuerbüchſen.“ „Die Bürger haben ihr Schützenfeſt, Herr— „Das ſoll ihnen der Teufel lohnen! Die Göttinger möchten es wol den Braunſchweigern nachthun! Sie üben ſich nur, um deſto fertiger gegen Edelmann und Landes⸗ herrn zu ſein.— Wartet, Ihr ſtädtiſchen Hallunken, das will ich Euch abgewöhnen!“— Man merkte bald, daß der Sinn des Herzogs während ſeines Aufenthaltes in Wolfenbüttel noch feindſeliger gegen das Bürgerthum und überhaupt ſtreitſüchtiger geworden war. Er ſchwang ſich vom Pferde, winkte ſeinem nächſten Begleiter, dem Ritter Breido von Ranzau, rief den übrigen Sternern, die mit ihm gekommen waren, zu:„Ruhet Euch nach ſcharfem Ritt bis zum Abend!“— hing ſich in Breido's Arm und ſchritt in das Herrenhaus nach ſeinem gewohnten Gemache.— Hier angekommen, ließ er ſich von dem Edel⸗ knappen Schwert und Helm abnehmen, warf ſich auf den Seſſel und ſprach, etwas erſchöpft:—„Das war ein Ritt, Breido, wie ihn uns Keiner nachthut.— So, nun können wir in der Nähe beobachten, was der Ziegenhain vermag. 172— Hätte der Eckhard mich nicht wie ein Teufel beſchlichen, ſo zöge ich heute ſchon in Caſſel ein.— Verdammt! Ich hatte es ſchon vergeſſen, aber des Landgrafen Tod bringt mir die alte Wunde wieder in's Gefühl!“ „Der Eckhard iſt der Satan ſelber geweſen, glaubt mir, Herzog“— erwiderte Ranzau;„ich habe es geſehen, wie ihn der Hans von Heringen mit der Streitaxt niederſchlug und um ſeine Leiche der wüthendſte Kampf begann.— Nie⸗ mand hat erfahren, wo ſein Leib geblieben iſt, und man will ihn lebend bei dem alten Landgrafen auf der Wartburg geſehen haben. Wahrſcheinlich hat er des Alten Seele ab⸗ gewartet und nun mitgenommen.“— „Acht Tage iſt mein Großvater todt und noch erhebt ſich der Ziegenhain nicht;— der Landgraf Hermann ge⸗ winnt meiner Freunde Güter durch Pfand und Vertrag— die Edlen von Schonenburg haben ihm die Aemter Trendel⸗ burg, Immenhauſen und den Reinhardswald abgetreten, die Waldecker ſchließen Freundſchaft mit ihm und werden mit Freienhagen belehnt; der Hanſteiner hat dem Hermann gehuldigt; der Hanſteiner!— Hölle und Teufel! Ueberall ſchwört man dem Landgrafen Burgfrieden— das macht mich wild!“— „Herzog, Euer Schwager Gottfried kann nicht ſo ſchnell, wie Ihr wollt, ſeine Partei ſtärken; als Ihr die Kunde vom Abſterben des alten Landgrafen erhieltet, hattet Ihr keine Geduld mehr in Wolfenbüttel und Ihr wäret gern ſpornſtreichs nach Caſſel geritten.— Was wollt Ihr hier in Göttingen? Iſt's im Braunſchweigiſchen nicht gut zu leben? Ihr ſeid Herr dort— Ihr braucht kein Geld mehr 3 zu borgen— die Braunſchweiger haben noch was und löſen die Gefangenen immer ſehr anſtändig ein.“— „Ich muß den Brauſchweigern aber beſſer beikommen; die Ritter müſſen mir ihre Mannen geben, die Stadt wird in der höchſten Noth gefährlich. Da haben ſie Ausfälle gemacht, die Burgen angegriffen, Ritter gefangen genommen und Löſegeld gefordert.— Das will ich den Bürgern ge⸗ denken; ich habe gelobt, wo ich einen Braunſchweiger faſſe, kein Pardon zu geben— zehn Bürgerhunde für einen Ritter, fünf für jeden Knecht! Ich will es ihnen beſſer beweiſen, als mein Vetter Magnus— der verpfändete ihnen ſeine, wie ich den Göttingern meine Güter in und vor die Stadt— ich will ſie mit Gewalt nehmen, und die alte Wuth auf die Buben dort, die da an der Leine ſchießen, gelegentlich mit abkühlen.“— Der Schulze trat ein, den Edelknappen folgend, welche dem Herzoge Wein brachten. 3 „Hans!“— rief Otto, ſich im Seſſel dehnend—„haſt Du gut Haus gehalten und dein Amt ſcharf verwaltet?“ „Treu, wie es ſein muß, Herr; Ihr habet nichts ver⸗ nommen, daß hier eine Unruhe geweſen wäre.“— „Recht, Hans; die Furcht regiert allein das Bürger⸗ volk. Haſt Du meiner Gemahlin gemeldet, daß ich ein⸗ getroffen ſei?“— „Die gnädige Frau iſt mit dem Herrn Sohne aus⸗ gefahren.“— „Wohin? Etwa nach einer Kirche?“— Es lag ſo viel Ironie in dieſen Worten und in der Miene des Herzogs, daß der Schulze glaubte, der Stim⸗ mung deſſelben mehr zu genügen, wenn er antwortete: „Nein, Herr, die gnädige Frau iſt weltlicher Luſt nach⸗ gegangen und um dem Herrn Sohne eine Ergötzung zu machen.“— „Ha! ha!“— lachte Otto—„werden Engel zu Menſchen?“ „Die Herzogin iſt auf dem Schützenhofe.“— Otto entflammte.„Was? Bei den Bürgern?“— Er ſprang auf und ſah durch das Fenſter.—„Darum wird das Volk übermüthig— höre, Breido, ſie üben ſich mit Feuerbüchſen— das gilt den Adligen und Fürſten!“— „Herr!“ begann Breido von Ranzau, der nun ebenfalls dem Fenſter näher trat—„laßt die Göttinger in Ruhe, bedenkt, daß Ihr nach Wolfenbüttel heimkehrt und fern vom Lande ſeid. Habt Ihr erſt die Braunſchweiger zahm gemacht, dann fahret hier fort, wo Ihr jetzt aufhören müßt, wenn Ihr meinem Rathe folgen wollt. Ihr habt ſchon oft hinterher mein ruhigeres Blut gelobt— thut es auch jetzt.“— Der Herzog wühlte ſich im Barte, ſah mürriſch aus, that einen Trunk aus dem Becher, den ihm auf raſchen Wink der Edelknappe reichen mußte, ſchritt einige Male durch das Gemach und kehrte ſich dann gegen den Schulzen. —„Was giebt es Neues hier?“— Dieſer, noch von den Nachklängen ſeines Geſpräches mit Henricus zu milderen Stimmungen geneigt, ſagte:— „Eure herzogliche Gnaden können ein altes Wort löſen; des Rathsmannes Roden hübſch es Weib iſt neulich von dem erſten Sohne geneſen.“ „Hm— eine Botſchaft, die mir bezeugt, daß hier nichts — 175— Wichtiges ſich ereignet hat. Der Roden hat mein Wort, aber— war es nicht Weihnacht vor zwei Jahren einlösbar?“ „Es ward ein Mädchen;— Ihr, Herr, hattet auf einen Buben gelobt.“— Da Otto ziemlich gleichgültig fortſchritt und abermals mit finſterer Miene auf das Knallen der Feuerbüchſen hörte, begann Breido von Ranzau liſtig:—„Es iſt ein ſchönes Weib, des Rathsmannes Gattin!“— Es ſchien, als ob Otto ſich der vor ihm Knieenden er⸗ innerte, die durch ihre Erſcheinung ſeine Sinnlichkeit zur Beherrſcherin des Zorns gemacht hatte; er ſah einige Secunden lang auf den Boden nieder, wo Brigitte da⸗ mals vor ihm gelegen hatte, und fragte dann weniger verdrießlich:—„Iſt Dein Bericht zu Ende?“— Der Schulze gab nun Rechenſchaft über richtigen Ein⸗ gang der Steuern und Zehnten, über Gefälle, Amtsver⸗ richtungen und über Dinge, die Otto kaum anhörte, denn er ließ den Schulzen ſprechen und ſah durch das Fenſter oder redete mit Breido. Plötzlich aber horchte er,— denn unten im Hofe rief ein Knecht dem anderen zu:—„ſie haben einen Edelmann gefangen genommen!“— Das war für Otto's Ohr ein ſchnell einſchlagender Laut; er befahl dem Schulzen, ſofort nachzufragen. Unterdeſſen war die Herzogin in der Burg eingetroffen; die Reiſigen im Hofe, die fremden Geſichter, die Unruhe überall verriethen ihr früher, ehe der ſie erwartende Hen⸗ ricus ſie benachrichtigte, daß der Herzog unvermuthet an⸗ gekommen ſei. Sie erſchrak, aber ſie beherrſchte ſich, befahl ihrer Begleitung, in die Gemächer zu folgen und blickte den — 176— Sohn, der die Kunde vom Vater theilnahmlos hörte und kein Verlangen nach ihm verrieth, wehmüthig an. Der Schulze kehrte ſowol mit der Nachricht vom Ein⸗ treffen der Herzogin, als mit dem Refultate ſeiner Er⸗ kundigung über den gefangenen Edelmann zurück. Die erſtere Nachricht überhörte der Herzog, die zweite erweckte ſeine ganze Aufmerkſamkeit.—„Wie kann die Stadt einen freien Edelmann mitten im Frieden gefangen nehmen? Ei, das fängt ja ebenſo an, wie an der Oker.“— „Es iſt ein Roſtorf von Hardegſen“— berichtete der Schulze;— er war auf dem Schützenhofe und verwundete einen Bäckermeiſter in ungerechtem Streite ſchwer.“ „Ein Roſtorf?“— rief Otto mit frohlockender Leb⸗ haftigkeit, und ſeine Augen leuchteten kampfluſtig!—„Den will ich ſelber richten, das kommt mir gelegen!“ „Vergeſſet nicht, Herr, die Urkunde, wonach jedes Ver⸗ gehen an Bürgern vom Rathe gerichtet werden ſoll.“— „Feige Memme!“— rief Otto dem Schulzen ent⸗ gegen—„biſt Du auch ſchon von langer Ruhe und faulem Wohlleben zum Hans Narren geworden, der ſich eine papierne Mütze über den Kopf ziehen läßt?— Den Roſtorf will ich richten, dieſe vornehmen Herren auf Har⸗ degſen habe ich mir ſchon lange auf den Weg des Rechtes gewünſcht!“— Breido lachte;— Otto ſah ihn verwegen an. Als jener den Becher nahm, hineinſah und trank, ſtampfte Otto mit dem Fuße auf und rief:—„lache noch einmal, ich will's!“— Breido ſchielte zweifelhaft den Herzog an. — 177— „Warum lachſt Du?“— rief Otto. „Es klang mir ſo luſtig, daß Ihr das alte römiſche Recht kennt und eines Edelmannes Klinge darnach abmeſſen wollt. Iſt unſer Schwert nicht unſer Recht? Und Ihr wollt einen Edelmann richten, weil er ſein Schwert an einem Bäckermeiſter gebraucht hat? Dann laßt alle Eure Freunde und Ritter, den Weferlingen zuerſt, hängen von Rechtswegen, denn wir Alle haben ſo viele Braunſchweiger Bürger geſpießt, daß wir nicht deren Zahl kennen.“ „Cs iſt ein Roſtorf!“— verſetzte Otto, freilich mit herriſcher Miene, aber doch nicht ohne unſichere Stimme. „Ich habe einen Roſtorf noch nie bei Euch geſehen und kaum davon gehört.“— „Ich habe ihnen den Untergang geſchworen, weil ſie meine ſtillen Gegner ſind.“— „Nun, ſo macht einen Zug gegen die Burg; ich und die Sterner ſind dabei;— oder findet Ihr keinen landes⸗ herrlichen Grund zum Fehdebriefe, ſo macht Euch die Bürger zu Dank verpflichtet, daß Ihr ein gerechter Herr ſeid und die Frevel gegen ſie ſelbſt bei einem Edelmanne züchtigt. Das Letztere lobe ich mir; der Wolf raubt nie, wo er lagert, der Fuchs geht beim Huhne zu Gaſte und ſchützt es gegen den Habicht.“— Der Herzog beſann ſich etwas, dann ſprach er zum Schulzen:„Der Werner Roden ſoll morgen früh zu mir kommen!“— Und zu Breido fuhr er fort:—„rufe die Ritter, welche mit mir dekunumen ſind, in den Speiſeſaal; ich will bald dort eintreffen.“ Ein Page der Herzogin trat ein und ſrah.—„Herr, Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 2 Euer Gemahl, meine gnädigſte Gebieterin, wünſcht Euch willig zu finden, mit ihr zu reden.“— Otto antwortete ſchnell und zerſtreut:—„Ich werde ſogleich in ihrem Gemache erſcheinen— meldet das der Herzogin!“— und wendete ſich dann zu Breido zurück, um ihn aufzufordern, die Ritter im Speiſeſaale zu empfangen.— Als Otto allein war, ſchritt er mit ſichtlicher Verdrieß⸗ lichkeit auf und nieder, als ob ihm das Begegnen ſeiner Gemahlin nach langer Zeit— denn er war wol ſeit einem Jahre nicht auf dem Bollrutz geweſen— unbehaglich ſei, und als ob er ſich erſt in die rechte Stimmung zwingen müſſe. Es mochte ihm dabei wol der Gedanke durch den Kopf kreuzen, daß Margarethe manche Gerüchte über ſeine Wolfenbütteler Hofhaltung erhalten haben und vielleicht ſelbſt in einer ſtrafenden Geſtalt ihm entgegentreten könne; er wollte jeder ſolchen Anſprache an ſeine Vernachläſſigung der Gemahlin zuvorkommen, indem er von vornherein ſtreng und Furcht erweckend zu erſcheinen gedachte. So vorbereitet, ging er nach den Gemächern der Herzogin. Dieſe erwartete ihn ohne Zeugen, nur den Sohn an der Hand; Hanna von Kehl öffnete dem mit gewaltigen, lauten Spornſchritten herankommenden Herzoge die Thür und zog ſich ſchnell zurück. Als er Margarethe, die das ſchwarze Gewand, das Otto haßte, für dieſen Empfang mit einem weißen Kleide und himmelblauen, ſilbergeſtickten Leibchen vertauſcht und ein Diadem in das blonde Haar genommen hatte, mit dem Sohne auf ſich zukommen ſah, ſtutzte er einen Augenblick vor der Macht dieſer edlen, feierlichen Erſcheinung; das ſanfte Auge und die milde b 179 Anrede Margarethe's, das neugierige Anſchauen des an die mütterliche Hand ſich ſchmiegenden Knaben ſchienen ihn in ſeiner beabſichtigten, jeden Vorwurf zurückſcheuchenden Strenge ſchwankend zu machen; er hörte die Worte Mar⸗ garethe's:—„Ich begrüße Euch, mein Gemahl— Ihr habt mich auf dieſe Stunde lange hoffen laſſen“— mit horchender, prüfender Miene an, und als ſie ſchwieg, den Sohn gegen den Vater führte und ihm zuflüſterte:— „ſiehe, Otto, das iſt Dein Vater, küſſe ihm die Hand!“— ergriff er den Knaben, hob ihn auf die Arme, legte ihn auf die geſtählte Bruſt, ſah ihn, von dem natürlichen Gefühle der Blutsverwandtſchaft beſchlichen, lachend an und ſprach:—„ſo gefällſt Du mir, Bübchen— recht ſo, ſchau' mich trotzig an, Du ſollſt ein Mann werden wie ich, eine Rüſtung tragen lernen;— haſt du denn ſchon einen Degen in der Hand gehabt?“— Und als der Knabe zur Antwort gab:—„ei ja, Vater, aber ich möchte ſchießen lernen, wie ich es heute auf dem Schützenhofe geſehen habe,“ — da liebkoſete ihn der Herzog und rief vergnügt;—„brav, mein Sohn, das ſollſt Du, ich will Dir eine kleine Armbruſt machen laſſen und der Schulze ſoll es Dich lehren.“— Er ließ, wohl befriedigt, den Knaben auf den Boden niedergleiten, klopfte ihm die Backe, bot Margarethen, die mit wehmüthigem, leidenden Lächeln das erwachende Vatergefühl beobachtet hatte, die Hand, küßte dieſe flüchtig und ſprach, indem er ſie gegen einen Seſſel führte, freund⸗ lich zu ihr:—„Ihr habt den Sohn gut erzogen, Mar⸗ garethe;— das danke ich Euch— ſetzen wir uns— wir haben uns lange nicht geſehen, leider iſt meine Handthierung 12* — 180— eine ſehr unruhige, die ſich mit Euren ſanften Neigungen nicht verträgt, aber Ihr werdet es anerkennen, daß ich Euch Muße und Freiheit laſſe, Eurem weichen, frommen Gemüthe ungeſtört nachzuhängen.“— Er hatte einen Seſ⸗ ſel dicht neben den ihrigen gezogen, ſich niedergeſetzt und den Sohn zwiſchen ſeine Kniee genommen. „Ja, Otto, das danke ich Euch“— verſetzte Marga⸗ rethe, die ſich anſtrengte, die unfreiwillige Thräne zurück⸗ zuhalten, weil ſie wußte, daß der Herzog die Weiberthräne floh;—„am Sohne übe ich meine Pflicht gegen Euch, die Ihr mir an Euch ſelbſt zu bethätigen verſagt; im Ge⸗ bete bin ich bei Euch und vergeſſe, daß ich einſam bin.“ „Das ſagt Eurer Natur auch mehr zu, Marggrethe“, fiel Otto ein, um einer weiteren Andeutung über ſeine Trennung von der Gattin ſchnell zuvorzukommen;—„ich habe Euren Wunſch, mein vormundſchaftliches Hoflager auf Wolfenbüttel zu theilen, nicht gewähren mögen, nicht, wie Ihr etwa wähnen könntet, aus Gleichgültigkeit gegen Euch, ſondern weil das Leben dort nicht für Euch iſt. Ihr müßt in Frieden ſein, dort leben wir in ſtündlicher Fehde;— hier ſeid Ihr ohne Gefahr, dort iſt kein Weg ſicher; die Braunſchweiger ſind ein Volk, das nur mit Schwert und Furcht beherrſcht werden kann; ſie überfallen Ritter und Burgen, wir vergelten es ihnen; die Hanſa hat ſie für vogelfrei erklärt und wir leben in ewiger Jagd. Seht, Margarethe, das iſt nicht für Euren weichen, bürger⸗ freundlichen, mitleidigen Sinn.“ Die Herzogin hörte dieſe Rede mit einer gewiſſen Zer⸗ ſtreutheit an, als kämpfe ihr beſſeres Gefühl und Gewiſſen — 181— mit der unwahren Vorſicht und der Furcht vor dem Zorne des Gemahls, als drängten ſich Gedanken in ihre erzwun⸗ gene Selbſtbeherrſchung, die die Banden der Vorſicht durch⸗ brechen wollten. In dieſer Stimmung ergriff ſie plötzlich ſeine Hand, ſah ihn flehend in die ſchnell ſtrenger werdende Miene und ſprach:—„Otto! O, ſeid menſchlich, höret den Engeln, die ich im Gebete auf Euren Weg ſende.“ „Menſchlich?— Was dünkt Euch?“ erwiderte er hitzig,— doch er beſann ſich ſchnell, lachte dem Sohne, der mit des Vaters langem Barte ſpielte, ſchelmiſch zu und fuhr heiter fort:—„Ihr habt ſo viele Verdienſte bei Gott, frommes Weib, daß ich das erſte Anrecht beſitze, den Ueberfluß mit Euch zu theilen. Was ich thue, iſt menſchlich, ein Heiliger bin ich nicht und Ihr ſeid ja jeder⸗ zeit befliſſen, gute Werke zu thun.“ Margarethe fühlte nur zu ſchneidend die Ironie dieſer Rede; es war ihr zu Sinne, wie einem Menſchen, der neben einem Löwen ſitzt, der ſeine Natur zeitweiſe ver⸗ leugnet und vor dem man ſich hüten muß, eine blutende Stelle, einen Tropfen Herzblut blicken zu laſſen. „Otto“— ſagte ſie ſanft und ſcheu—„Ihr legt mir große Buße und Opfer auf, wenn es Euer Gedanke iſt, daß ich durch gute Werke Eurer ewigen Seligkeit ge⸗ nug thun ſoll. Otto, erleichtert mir die Sühne, obgleich mein ganzes Leben Euch geweihet und geopfert iſt; ſeid barmherzig gegen Feinde!“ „Laßt uns von etwas Anderem ſprechen— meine Zeit i*ſt kurz, ich wollte Euch froh und zufrieden finden.“ „Hat ein Weib eine andere Sprache, als Liebe?“— fuhr Margarethe mit einem Muthe fort, der ihre Wangen röthete;—„ich denke, jede Begegnung des Mannes mit ſeinem Weibe, ſoll eine milde, verſöhnliche Empſindung zur Blüthe treiben und zur Frucht im Leben des Mannes reifen laſſen.— Die vielen Braunſchweigiſchen Bürger, welche in Münden, Friedland und Harſte als Gefangene eintref⸗ fen, weil die Kerker und Thürme Wolfenbüttels für ſie keinen Platz mehr bieten, erfüllen mich mit Trauer und treiben mich zum Gebet für Euch; täglich laſſe ich eine Meſſe für Euer Heil leſen, damit Gott das Wehklagen der Gefangenen mit den Gebeten für Euch gnädig abwiegt.“ „Nun, ſo iſt ja die Wagſchaale ausgeglichen, beruhigt Euch dabei!“— ſagte der Herzog lächelnd;—„aber ich übe nur Gerechtigkeit auf Erden, wie Gott im Himmel; jene Gefangenen ſind Mörder, die ihre adligen Bürger⸗ meiſter und viele edle Geſchlechter gemordet oder vertrieben haben und darum von mir gezüchtigt werden.“ „So habt Ihr Mitleid mit den Vertriebenen?“ fragte Margarethe ſchnell, von einem Gedanken durchflogen, der den Gatten zu einer guten That beſtimmen konnte. „Für jeden Vertriebenen nehme ich zeyn Geſangene antwortete Otto gleichgültig, indem er dem Sohne zuſah, der ſich in der blanken Rüſtung des Vaters fpiegelte „Dann bin ich eines guten Werkes von Euch gewiß“ — fuhr Margarethe lebhaft fort;—„gewährt mir eine Bitte— zum Andenken an dieſe Stunde— helfet einem Vertriebenen!“ „Einem vertriebenen Adligen aus Braunſchweig? Ei, iſt Einer zu Eurem guten Herzen geflüchtet? Warum iſt — 183— er nicht zu mir gekommen? Ich hätte ihm Gelegenheit ge⸗ geben, ſeine Rache zu nehmen.“ Margarethe wagte jetzt, die Geſchichte mit dem Vater und der Tochter von Kalm zu erzählen. „Ein armer Teufel iſt er geworden?“— fiel Otto gelegentlich in ihre Mittheilung ein.—„Was? Er will dem Rathe Löſegeld geben? Er will in der Stadt leben und alſo wieder gut Freund werden?— Dann iſt er mein Feind!— Er iſt ein Spion, der tauſend Mark von Euch abſchwindeln will, die ich vielleicht einem ſeiner Sippſchaft als Löſegeld abgenommen habe— ha! trauet den Bürgern an der Oker nicht! Es kann kein Edelmann ſein; ich will ihn ſprechen; iſt er nicht ſtädtiſch geſinnt, ſo ſoll er mir nach Wolfenbüttel folgen und mir die Wege zeigen, wie ich am Leichteſten in die Stadt einfallen kann, um ihm ſeine Habe zu erbeuten.“ 3 „Iſt es nicht ein natürlicher Wunſch, wieder friedlich in die heimathlichen Stätten zurückzukehren? Der Mann war in Verzweiflung, denn er wollte ſeine Tochter unter das Loos der Würfel ſetzen.“ „Und wer hatte Luſt, gegenzuſetzen?— Was? Wer? Höre ich recht! Ein Junker von Roſtorf? Derſelbe, den die Göttinger gefangen genommen haben? Der Burſche⸗ könnte mir ſchon gefallen, wenn er kein Roſtorfer wäre. Aber noch ein Wort, Margarethe; ich erfahre mißfällig, daß Ihr Euch als mein Gemahl herabgelaſſen habt, auf der Bürger Schützenfeſt zu gehen; das macht die Göttinger übermüthig und irre an mir; ſie ſollen ſich aber nicht in mir täuſchen!“— Bei dieſem Worte war der Herzog, — 184— deſſen Geduld zu Ende und deſſen Natur nicht länger die weiche, ſittliche Atmoſphäre Margarethe's ertragen zu können ſchien, aufgeſprungen und ſchritt, mit dem Sohne an der Hand, durch das Gemach. Margarethe ſah ihm mit ſcheuen Blicken nach.—„Trauet den Bürgern nicht“, fuhr er fort, ſie ſind der Fürſten ewige Feinde;— aber wo ſie ſich zur Unterthänigkeit verſtellen, um Gewinn daraus zu ziehen, da verſtellen wir uns zur Gnade, bis einmal die rechte Stunde kommt.“ „Vater!“— rief der Knabe—„ich kenne recht gute Männer aus der Stadt, den Roden, den Helmold, ſie ſpielen oft mit mir, wenn ſie kommen.“— „Immer beſſer!“— rief der Herzog, mit drohendem Blicke auf die Gemahlin—„die Freundſchaft zwiſchen Euch und den Bürgern iſt eine Verſchwörung gegen mich!“ Margarethe erhob ſich, ſchritt mild auf den bereits hitzigen Mann zu, legte ſchmeichelnd Hand und Haupt an ſeine Bruſt und ſprach liebreich:„Otto, reget Euch nicht durch eine gewaltſame Einbildung auf;— trauet Ihr dem Weibe ſo wenig Treue und Pflichtgefühl zu! Ach! Otto, Eure Liebe zu entbehren habe ich ſchmerzlich dulden lernen müſſen, aber Euer Vertrauen fordere ich bis zum letzten Lebenshauche. Soll ich denn ohne alle Freundſchaft und zur Gefangenen verurtheilt ſein? Laßt mir den Verkehr mit Menſchen, die ich achten muß. O! Ihr waret vorhin ſo mild, es that mir ſo wohl, ich träumte mich Eurem Herzen näher— blickt den Sohn an— ſeht, er umarmt ſeine Mutter.“— „Wenn Ihr mit Bürgern Verkehr habt, ſo vertraue — 185— ich zu Euch, als der Herzogin, daß es Freunde des Herzogs ſind, auf die ich mich verlaſſen kann. Den Roden, der im Rathe ein einflußreiches Wort führt, will ich ſelber zu meinem willigen Diener machen, indem ich zu ſeinem Sohne Pathenſtelle nehme;— den Helmold kenne ich nicht, aber ich will ihn zu mir beſcheiden— doch, meine Ritter er⸗ warten mich; komm' mein Sohn, ſieh mich an, daß Du Deinen Vater nicht vergißt; denn er muß wieder nach Wolfen⸗ büttel zurück.“— Mit dieſen Worten zog er den Knaben gegen den Seſſel, in welchem er ſich niederließ. „Wird Eure Vormundſchaft noch lange währen?“— fragte die Herzogin. „Nicht lange“— antwortete Otto, der den Sohn vor ſich hatte und ihn betrachtete. „So kehret Ihr bald nach Oberwald heim?“— „Wenn meine Gegenwart dort im Braunſ chweiger Erb⸗ theil nicht mehr nöthig iſt, wenn die Stadt gezüchtigt, die Ritterſchaft befriedigt iſt.“ „Und der Friedrich?“— „Nun der wird wol zeitlebens einen Vormund behalten, der iſt dumm im Kopfe.“ „O, mein Gott! weiß das Catharina?“ „Mit Frauen habe ich keine Regierungsgeſchäfte.— Aber, Junge, ſieh' mich einmal mit beiden Augen zugleich an;— wißt Ihr nicht, daß er ein weißes Wölkchen in dieſem Auge ſchwimmen hat? Sieh' dort auf die Wetterfahne, — wohin ſteht ſie?“— So prüfte der Herzog die Seh⸗ kraft des verdächtigen Auges, indem er das andere mit der Hand bedeckte.— Der Sohn zögerte etwas, dann beſtimmte — 186— er die Richtung der Fahne richtig. Der Herzog war da⸗ durch wieder ruhiger geworden. „Es hat mir ſchon ſeit Jahren viel ſtillen Kummer gemacht“, ſprach Margarethe;—„das Licht iſt ſchwankend im Auge, oft heller, oft dunkler. Ich bitte Gott, daß er den Blick des Kindes aufkläre und die Wolke zerſtreuen möge, durch die Sonne ſeiner Gnade.“ „Oho, ſchießen kann ich doch lernen!“ rief der Knabe. Dieſe Außerung, verbunden mit einer muthigen Miene und der Geberde, die heute die Bürger unter der Vogel⸗ ſtange gemacht hatten, erfreueten den Herzog; er nahm den Sohn zwiſchen die Kniee, hielt ſeinen Kopf zwiſchen den Händen und ſprach:—„Du ſollſt Deinem Vater ähnlich werden, Bübchen;— werde muthig, trotzig, ſtolz; lerne die Waffen lieben— dann wirſt Du dem Welfenblute treu bleiben. Nicht zu weich, nicht zu weibiſch, nicht zu fromm— das geziemt dem Ritter nicht; in einem Jahre nehme ich Dich zu mir, dann ſollſt Du unter einem guten Edelknabenzüchter reiten, fechten und ſtechen, dann will ich Deine Erziehung fertig machen;— Du wirſt einſt meine Herzogskrone tragen— das ſeint Dein liebſter Gedanke!“— Margarethe fühlte recht wohl, daß dieſe Anrede an den Sohn zugleich ein Wort an ſie ſelbſt war; ſie erſchrak, als der Vater an die nach einem Jahre beabſichtigte Tren⸗ nung des Knaben von der Mutter mahnte. Als er ge⸗ endet hatte, blinzelte er ſeitwärts auf Margarethe und fragte unwillig:—„Macht Euch das traurig? Herzöge können nicht von Weibern erzogen werden und dieſer Otto ſoll es mir nachthun.“— ——yy ————ÿ— 187— Als Margarethe leidend niederblickte, ſtand er raſch auf und machte Miene, ſich zu verabſchieden. Er unterbrach ſich aber und ſagte:„Ach, der Braunſchweiger Flüchtling! Wo finde ich ihn?“— Margarethe zögerte; als Otto's Augen zu flammen und ſeine Unterlippe zu ſchwellen begann, ſprach ſie ſanft bittend: „Er ſteht unter meinem Schutze, ol laßt mich Barmherzig⸗ keit an ihm üben.“— „Und doch empfahlet Ihr ihn meiner Gnade?“— „Ich dachte nicht, daß Ihr Jeden haſſet, der zur Stadt gehören will.“— „Ich will ihn ſehen— ich befehle es!“— „Verſprecht mir, die Herzogin nicht zu kränken, daß Ihr den Unglücklichen wehe thut, denen ich Mitleid erwies.“ „Ich will ſelber prüfen, ob Ihr das Mitleid nicht an Spione und verſtellte Feinde vergebt. Er kann mit dem Roſtorfer ein verſtecktes Spiel getrieben haben, um Eure Aufmerkſamkeit zu xeizen und Eure Güte zu mißbrauchen.“ „O!l gewiß nicht! Lernet die Menſchen lieben und ihnen vertrauen und Ihr werdet weniger betrogen werden und mehr guten Menſchen begegnen.“— „Wo iſt der Braunſchweiger?“— „Hier im Schloͤſſe; ich ſelber führte ſie herein, Vater und Tochter.“ „Sie ſollen kommen, auf der Stelle, oder ich laſſe ſie gefangen nehmen!“—— „Verweilet, ich werde gehorchen“— ſagte Margarethe mit einem Blicke voll Würde und Hoheit;— ſie nahm den Sohn bei der Hand und führte ihn durch eine Seitenthür mit ſich. 188— Otto ſchritt auf und nieder, die Arme über dem Bart⸗ ſchweife gekreuzt, ungeduldig auf die Thür und durch die Fenſter blickend. Nach wenigen Minuten öffnete ſich die Thür des Vor⸗ ſaales; die Herzogin trat ein, einen Greis an der Hand. —„Hier iſt mein Schützling“— ſagte Margarethe feier⸗ lich—„ich bitte meinen Gemahl, mir in der Hülfe dieſes Mannes, deſſen Haar in wenig Tagen bleichte, beizuſtehen.“ Der finſter blickende Mann machte unverkennbar auf den Herzog keinen guten Eindruck; als jener ſich vor ihm verbeugte, beide Hände auf die Bruſt gelegt, drehte ſich Otto ab, kehrte dann zu ihm zurück und fragte:—„Ihr heißt?“ „Philipp von Kalm, herzogliche Gnaden!— Mein Schickſal hat durch eines Engels Mund Eingang bei Euch gefunden.“— „Ihr ſeid ein Edelmann? Ha— zeigt Euer Wappen!“ Der Mann zog einen Ring vom Finger und reichte ihn dem Herzoge dar. Ein ſpringender Löwe auf dem Schilde und Helme bot ſich dem Auge als Wappen dar. —„Ihr ſeid doch kein Löwe im Schaafsfelle!“— fuhr Otto fort, den Ring gleichgültig zurückgebend.—„Als ein von den Braunſchweiger Gilden und Empörern vertrie⸗ bener und beraubter Edelmann ſehnt Ihr Euch in die Stadt zurück? Seltſam, Ihr müßt gute Freunde dort haben!“ „Herr, es iſt meine Vaterſtadt, meine Heimath; dort liegen die. Gebeine meiner Gattin, meines Sohnes, dort wohnen meine ſchönſten und ſchlimmſten Erinnerungen.“ „Ihr wollt mit den Bürgern gemeinſchaftliche Sache — — 189— machen und wißt doch, daß ich der Stadt unverſöhnlichſter Feind bin!“— „Ich bin zu ſchwach und lebensmüde, um zu kämpfen; mein Sohn iſt ermordet, meiner einzigen Tochter Zukunft wollte ich durch das große Opfer des Sühngeldes einen heimiſchen Frieden erkaufen.“ „Ha! ha! Frieden! In einer Stadt, die ich belagere, wo ihr in ein Gefängniß einzieht! Fordert Ihr von einem Fürſten und Herzoge von Braunſchweig⸗Wolfenbüttel Gehör und Gunſt, ſo müßt Ihr Edelmann ſein und die Bürger verachten.“— „Herr, zweifelt Ihr an meinem Adel?“— „Zum Teufel! ein echter Edelmann ſehnt ſich nicht nach der Freundſchaft der Stadt Braunſchweig, ſondern bietet ſeine Dienſte zu Wolfenbüttel an. Wo iſt Eure Tochter?— „Befehlt, daß ich ſie Euch vorſtelle, ſie befindet ſich in der gnädigen Herzogin Gemächern.“— „Holt ſie— ſputet Euch!“— Kaum war Kalm hinausgegangen, als Margarethe ſich dem Herzoge näherte und ſprach:—„Ich flehe Euch an, ſeid gegen das Unglück nicht grauſam; ſchonet traurige Herzen und mein Gefühl. Ich ſehe ſchon, daß Ihr nicht geneigt ſeid, dieſen Unglücklichen Troſt zu geben, nehmet ihnen nicht, was ich ihnen bereits gab, eine tröſtliche Hoffnung.“ Otto antwortete nicht. Als Margarethe ihn ſtolz an⸗ ſah und dann, als ſie vergeblich auf Antwort gewartet hatte, ſich abkehrte, ſprach er:„Euer Mitleid unterſcheidet nicht Freund und Feind;— dieſe Prüfung überlaßt mir.“ Philipp von Kalm kehrte mit ſeiner Tochter zurück, die in ihrer ſchamhaften Verlegenheit unausſprechlich ſchön und unſchuldig ausſah. Margarethe bemerkte, nicht ohne innerſtes Gefühl der Entrüſtung, das ihre Wangen erhitzte und ihrer Haltung einen noch ſtolzeren Ausdruck gab, wie des Herzogs Augen beim Anblicke des Mädchens mit ſinnlichem Glanze leuchteten und ſein Blick nicht von ihr abwich. „Hier, Herr, iſt meine Tochter Angila“— ſprach Kalm;—„ihr Schickſal allein liegt mir am Herzen und leitet meine Schritte.“— Der Herzog faßte die verlegene, ſcheu die langen Wimpern gegen die Herzogin aufſchlagende Jungfrau an das Kinn und richtete ihre offenen, tief glühenden Augen auf ſich. „Mein gutes Kind“— begann er—„Ihr ſolltet mich dauern, wenn ich Euch behülflich wäre, in eine Stadt heimzukehren, wo Angſt und Reue, Noth und Verzweiflung vor meiner Feindſchaft Euer gewiſſes Loos wäre; ſeht nicht ſo zaghaft nieder, ſchauet Euren Helfer an; Ihr ſollt eines ſchmucken Ritters Liebe gewinnen und aus aller Noth kommen.“ Und zum Vater gekehrt, fuhr er freundlich fort:— „Alter Graukopf, ich müßte Euch nach Ritterſitte das Mädchen nehmen und unter eines anderen Mannes Schutz ſtellen, weil Ihr eine ſo ſchöne Menſchenroſe am Würfel⸗ tiſche habt einſetzen mögen um tauſend Mark Silber; Ihr ſollt mehr gewinnen, Alter; meldet Euch in kommender Woche bei mir mit Eurer Tochter in Wolfenbüttel, dann will ich ſie einſetzen um den höchſten Preis. Und was 151 Eure Güter in Braunſchweig betrifft, ſo gebe ich Euch Vollmacht, den Bürgern an Waaren und Löſegeld abzu⸗ treiben, ſo viel Euch dünkt, daß es den Schaden erſetzen kann!“— Als Angila zu der Herzogin flüchtete und der Vater eine Einwendung auf den Lippen trug, brach Otto ſchnell ab und ſprach im befehlenden Tone, einen liſtigen Seitenblick hinter Angila herwerfend:—„ Sch erwarte Euch, Edler von Kalm, in meinem Trinkſaale; Ihr gehört in die Geſellſchaft der ritterlichen Männer, dort findet Euch ein; Euer Kind laſſet hier bei der Herzogin; — Ihr ſollt mir von der Stadt Braunſchweig erzählen.“ — Er machte ſeiner Gemahlin eine begrüßende Handbe⸗ wegung zu und entfernte ſich. Jetzt gewann Angila wieder Muth und Stimme; ſie ſah den Vater daſtehen, finſter zu Boden ſtierend, die Hände verſchränkt; ſie eilte zu ihm, ergriff ſeine Hand, ſah ihn herausfordernd an, daß er ſeine Augen gegen ſie aufſchlagen ſolle; er that es mit dem Ausdrucke des Ver⸗ druſſes. Angila eilte zur Herzogin zurück, ließ ſich vor ihr nieder und brach in die Worte aus:—„O, erbarmt Euch über uns, holde Frau— rettet uns vor der Gunſt des Herzogs!“— Margarethe fühlte die tiefere Bedeutung dieſes Angſt⸗ rufes der ahnungsvollen Mädchenunſchuld; ſie war nicht weniger in innerſter Seele leidend und bewegt; ſie hatte nur zu gut Blick und Wort des Herzogs verſtanden. Wie eine Schickſalsgenoſſin des Mädchens zog ſie daſſelbe zu ſich herauf, ſchloß ſie in die Arme und eine Thräne fiel heimlich auf Angila's Buſen herab. Philipp von Kalm — 192 ſah, ſtill beobachtend, dieſe Scene an; jetzt näherte er ſich, erwartete der Herzogin Blick und ſprach:—„Hohe Frau, was befehlt Ihr mir zu thun?“— Auch der tiefere Sinn dieſer Frage traf Margarethe's Herz; es bedurfte gar nicht des Ausrufes Angila's:— „Nicht nach Wolfenbüttel! Nein! Nein!“— Margarethe machte dem Mädchen eine beſchwichtigende Geberde zu und begann:—„Ich laſſe Euch die Wahl zwiſchen der Rück⸗ kehr nach der Stadt Braunſchweig, oder dem längeren Verbleiben unter meinem Schutze in dem Orte, wo Ihr zur Zeit ein Aſyl gefunden habt. Ihr habt eben aus dem Munde des heftigſten Feindes Eurer Heimath ver⸗ nommen, wie es in der Stadt Braunſchweig ſteht; dort ſeid Ihr nicht ſicher.— Wartet in Oberwald ſtill ab, bis ſich die Stadt Frieden und Sicherheit erkämpft hat. Eure äußere Noth will ich beſeitigen und, wenn ihr dereinſt heimkehren könnt, Euch das Sühngeld geben.“— Vater und Tochter wollten der Herzogin zu Füßen fallen, aber dieſe kam ihnen zuvor, indem ſie ſprach;—„Gehet in des Herzogs Trinkſaal, wie er befohlen hat; Angila bleibt bei mir. Reizet meinen Gemahl nicht, indem Ihr nicht willig erſcheint, von ſeinem günſtigen Willen Gebrauch zu machen.“ Jeder wußte, warum es ſich hier handelte, aber Keiner mochte es ausſprechen.— Als Philipp von Kalm ſich ent⸗ fernt und Margarethe die Jungfrau fortgeſchickt hatte, um Hanna von Kehl zu rufen, ſchritt die Herzogin gedanken⸗ ſchwer durch ihr Gemach. Mit feuchten Augen blieb ſie vor einem Spiegel ſtehen.—„Ach!“— ſeufzte ſie— „bin ich denn ſo arm an Reizen und den Eigenſchaften 193 „was mangelt mir, daß ich nicht des Mannes Sinn befrie⸗ digen, nicht ſein Herz bewegen kann? Was haben Gertrude, die Brigitta, dieſe Angila vor mir voraus, daß ſie gegen ihren Willen des Mannes zärtliche Leidenſchaft entzünden, nach der ich vergebens ſchmachte! Ach! wie gedemüthigt fühle ich mich als Weib, wie reizlos! Aber bin ich nicht ſeine Gattin, bin ich nicht die Mutter ſeines Sohnes?— Hat er mich nie⸗ mals geliebt? War die Huldigung, die man meiner Schön⸗ heit brachte, nur Lüge und heuchleriſche Schmeichelei?“— Sie bedeckte das Geſicht mit einem Tuche, wendete ſich vom Spiegel ab und ſchritt langſam gegen das Innere des Gemaches. Hier ſah ſie mit träumeriſchen Augen in die Luft, als tauche ein geiſterhaftes Bild ſanft und huldigend vor ihr auf, ihre Lippen öffneten ſich zum Lächeln, wie im Schlafe, die Arme ſtrebten unwillkürlich nach einem Weſen, das nur ſie allein ſah. Mit kaum hörbarer, innerlich ver⸗ hallender Stimme flüſterte ſie:—„Nein, nein, ich bin nicht das Geringſte der Weiber— ein edler Mann hat mich bis in den Tod geliebt— hier, hier knieete er vor mir, hier brannte mir ſeine Seele aus den treuen Augen entgegen! — O!— ol— Eckhard, Du zeugſt bei Gott von mir!“— Die Ausſprache des Names ſchien ſie plötzlich aus ihrem Traumleben aufzuſchrecken, das geiſterhafte Bild ihrer Seele ſchien vor dem materiellen Tone zerronnen zu ſein; ſie wendete das heiße Geſicht ängſtlich umher, floh nach dem „Betpulte und barg die geſchloſſenen Augen auf den ge⸗ kreuzten Händen.— So traf ſie Hanna, von Henricus begleitet.— Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 13 — 194— Am nächſten Tage, als Herzog Otto, nach nächtigem Gelage erſt ſpät das Lager verlaſſen hatte und eben den Rittern, welche ihm von Wolfenbüttel her gefolgt waren, die Einladung zum Ritt nach Harſte ſenden wollte, erinnerte ihn der Schulze daran, daß auf herzoglichen Befehl der Rathsmann Werner Roden im Schloſſe erſchienen ſei, was der Herzog im Rauſche ganz vergeſſen hatte. Er befahl dem Schulzen, den Rathsmann ſo lange warten zu laſſen, bis er ihn rufen laſſen würde.— Bei dem Herzoge befand ſich Breido von Ranzau, ſein Freund, Rathgeber und Geſell⸗ ſchafter; obgleich ſich Otto ſtellte, als handle er nur nach eigener Willkür, ſo folgte er doch, ſelbſt noch im Wider⸗ ſpruche mit ihm, deſſen Eingebungen, da er fühlte, daß ihm die Leidenſchaft ſeines heftigen Charakters oft den beſonneneren Blick der Klugheit und Liſt getrübt hatte, Breido von Ran⸗ zau aber dieſe ſchlaue Berechnung und kaltblütige Fernſicht bei denſelben Neigungen und Geſinnungen des Herzogs beſaß. So war denn, ſeit der Zeit der Erbanſprüche auf Heſſen, allmählig dieſer beſitzloſe, muthige, kriegskundige und ſchlaue heſſiſche Sternritter zum vollſten Vertrauen Otto's gelangt, aber ſein Rath war an kalter Ueberlegung zu böſen Zwecken und an Ironie in der Art, wie er Otto's herrſch⸗ ſüchtiges Temperament bemeiſterte, ein ſataniſcher, mephiſto⸗ pheliſcher Rath zu nennen, und die Leute, welche durch ihn irgend ein Leid erfahren hatten, pflegten, wenn ſie Otto mit Ranzau reiten ſahen, zu ſagen:„da reitet der Teufel mit ſeinem Quaden hin!“— E Gewöhnlich nach einem Rauſche war Otto am bereit⸗ willigſten, ſeines Teufels Rath zu hören, da er der Regu⸗ — 195— lirung ſeiner Gedanken bedurfte; er würde aber nie um einen Rath gefragt haben, das hätte ſein eigenwilliger Welfen⸗ ſtolz nicht zugelaſſen, ſondern er pflegte irgend einen Wil⸗ len kund zu geben, und dann zu horchen, was Ranzau ſagte. So ſaßen ſie auch heute Vormittags beiſammen, wo Breido von der Luſtpartie nach Harſte ſprach und eben, ehe der Schulze den Rathsmann meldete, die Unterhaltung auf den Braunſchweigiſchen Patrizier von Kalm gebracht hatte, der vom Herzoge auf heute zum Ritt nach Harſte eingeladen war und über deſſen finſteren Ernſt und ver⸗ zweifelten Schritt am Würfeltiſche er ſeine Gloſſen machte, nur um Otto auszuhorchen, was es mit der Gnade gegen ihn für eine ſtillere Bewandniß habe. „Was wollt Ihr denn in Wolfenbüttel mit ihm machen?“ — fragte Breido ſpöttiſch—„ihn etwa zum Hofmeiſter des Prinzen Friedrich machen?“— „Ein jeder echte Edelmann holt ſich ſelbſt ſeine Genug⸗ thuung; haben ihm die Braunſchweiger das Vermögen geſtohlen und Weib und Sohn getödtet, ſo muß er den Spitzbuben ebenſo viel, wo möglich noch mehr wieder nehmen und ein paar Dutzend Hägener abthun, denn auf dem Hagen zu Braunſchweig wohnt das Hauptvolk der Uebelthäter und ihnen ſowol wie den Gerbern gebe ich niemals Pardon.“ „Ganz recht, Herr; aber der alte Kalm ſieht mir nicht danach aus, auch nur einen einzigen Hägener oder Lohgerber auf die Spitze des Degens nehmen zu können; das Unglück hat ihn zum Greiſe gemacht. Wenn ſeine Tochter nicht hübſcher iſt, als er, ſo laßt ſie mit ihrem Vater die Mänſe 13* — 196— im Schloſſe zu Wolfenbüttel wegfangen, denn daran haben wir dort einen hartnäckigen Feind.“— „Das ſoll ſie nun doch nicht, und wenn Dich die Mäuſe lebendig auffräßen!“— fiel Otto ein;—„das Mädchen ſoll in Wolfenbüttel gut gehalten werden, wenn ſie eintrifft; ich gebe ſie unter Deinen Schutz, Du ſollſt ihr galanter Ritter ſein— aber bei meinem Zorn, Breido, Du rührſt ſie nicht an, oder der Teufel fährt über Dich!“— Breido lachte.—„Fürwahr, Herzog, das Braunſchweiger Mädchen muß ſchön ſein, denn Ihr werdet ſchon eiferſüchtig auf mich, ehe ich Euer Kleinod kenne. Aber bindet der muthwilligen Tochter des Weferlingen die Augen zu, denn die leidet keine Zweite im Schloſſe.“— „Du biſt der Angila galanter Ritter, haſt Du mich nicht verſtanden?— Zunächſt aber ſoll ſie mich nach Münden begleiten— doch was geht's Dich an! Still davon!— Nun will ich den Rathsmann kommen laſſen und mir den Roſtorfer fordern.“— „Ich forderte mir lieber das Rathhaus“,— ſagte Breido anſcheinend gleichgültig. „Willſt Du mich mit Späßen beluſtigen? Was wollteſt Du mit dem Rathhauſe beginnen? Ich kenne Deine Manier zu reden.“ 2 77 zünden und die Briefſchaften vertilgen, welche Ihr mit dem Rathe ausgefertigt habt, namentlich ſo ein Pergament aus dem Jahre 69 oder 70.“ „Erinnere mich nicht immer an Verträge, Briefe, Per⸗ gamente;— das iſt Spott von Dir, Du achteſt ſie nicht.“ Ei— dann könntet Ihr das Ding zur Kurzweil an⸗ — — 197— „Aber Ihr habt ſie doch gemacht.“, „Und Du ſelber haſt mich verleitet, den Pfandbrief für die ſechshundert Markhinzuzufügen, als ich nach Wolfenbüttel auf⸗ brechen wollte und nach der heſſiſchen Fehde kein Geld hatte.“ „Ganz recht; aber jetzt braucht Ihr kein Geld mehr, die Braunſchweiger haben Euch reich bezahlt. Hätte aber Euer Vetter Magnus die Stadt nicht reich werden laſſen, ihr nicht verkauft, verpfändet, die Bürgermeiſter nicht die Bürger auspreſſen laſſen, ſo hätten ſie ihm kein Geld und keine Leute für die Fehde in Lüneburg geben können oder wollen und Ihr könntet weder Löſegeld für Gefangene for⸗ dern, noch Waaren auf der Straße finden; ſeht, Herr, das iſt die Frucht des guten Einvernehmens mit den Städten, auf die ein Fürſt es abgeſehen hat. Man ſchlachtet keinen Ochſen, man mäſtet ihn denn vorher, und macht ihn willig, daß er ſich anfaſſen und abthun läßt. Ihr habt einmal eine Wuth auf die Göttinger, weil ſie ſich bereichern und hervorthun— ſo mäſtet ſie doch erſt, macht ſie zutraulich, willig, zahm. Es wird dem Roſtorfer ein hübſches Sümmchen koſten, wenn er ſich vom Rathe loskaufen will— das Geld bleibt in der Stadt, Ihr fin⸗ det es ſpäter in irgend einer Rathsherrn⸗Truhe.“ „Und wenn die Stadt ſo mächtig geworden iſt, daß ſie mir trotzen kann?“ „Herzog— Euch trotzen? Steigert ſich Eure Macht nicht von Jahr zu Jahr? Die geſammte Ritterſchaft, die Sterner, die Braunſchweiger Burgmänner ſind bereit für Euch. Aber erſt wartet ab, bis Ihr das Braunſchweigiſche Land ſicher und den Friedrich als Blödſinnigen in einem 198— Kloſter untergebracht oder abgethan habt;— die Stadt Braunſchweig muß Euch endlich huldigen, dann ſind ihre Bürger Eure Mannen und ſie müſſen Euch dienen.“ „Vortrefflicher Rath;— was ich heute, jetzt gleich in dieſer Stunde zu thun brenne, das ſoll ich unter die Aſche bergen und nach Jahren der Ungeduld wieder entzünden? Nein, Breido, Du biſt ein Menſch ohne Hitze und Fluß, ich bin Feuer und Strom!“ „Beliebt es Euch, von einem Manne, der nicht ſo viel Land beſitzt, daß eine Ameiſe darauf bauen könnte, die Grundſätze der Landesherrſchaft zu hören? Ich möchte Euch einen Fürſtenſpiegel vorhalten.“ „Du machſt es wie die Pfaffen, die den Himmel und ſeine Regierung genau zu kennen vorgeben und doch nicht einen Fuß breit von der himmliſchen Wieſe geſehen haben. Ich aber ſage Dir, daß ein Fürſt nur den einen Grundſatz hat, ſeinen Willen zu behaupten und der Mächtigſte im Lande zu ſein, um jeden Widerſacher zu werfen.“ „Das iſt ein richtiger Grundſatz, aber wer herrſchen will, muß ſeinen Willen zu rechter Zeit zu verbergen wiſſen, wie der Wucherer, der reich werden will, ſich arm und ehrlich nennt. Ein Fürſt findet ſeine Macht in den Edel⸗ leuten, ſo lange dieſe von ihm Nutzen ziehen; werden ſie übermüthig, ſo muß er ſie bezwingen, und das geſchieht nur durch die geborenen Feinde der Adligen, die Bürger und Bauern. Das, Herzog, iſt die Weisheit aller Re⸗ gierungskunſt. Merkt es wohl— Ihr müßt es alſo mit den Rittern halten, ohne ſie zu mächtig werden zu laſſen, —, —, — — 199— Ihr müßt die Städte ſtark werden laſſen, bis zu dem Grade, daß Ihr ihr Meiſter bleibt, aber zu guten Freunden machen, falls Ihr ſie gebrauchen wollt, um den Adel nicht über den Kopf wachſen zu laſſen. Was Ihr auf einer Seite ſtärkt, ſchwächt Ihr auf der anderen; dieſes rechte Gleich⸗ gewicht iſt die Macht des Fürſten. Die eine Macht hält die andere unter Eurem Willen.“ 3 „Du ſprichſt nicht wie ein Edelmann.“ „Aber als Euer Freund, als ein treuer Diener des Fürſten. Ich habe nichts weiter zu gewinnen oder zu ver⸗ lieren als Eure Gunſt. Laſſet Göttingen mächtig werden; es kommt eine Zeit, wo Ihr ſtark an Vaſallen und Ritter⸗ freunden ſeid, dann beweiſet der Stadt Eure Obergewalt; eine Gelegenheit wächſt auf jedem Baume— rächt Euch an dem Trotze der Bürger, kühlt Euren alten Haß und eignet Euch zu, was ſie ſtolz und trotzig machte— Geld und Wald, Feld und Pfand.“ „Du magſt Recht haben, Breido— aber ich muß mir etwas von Deiner Ruhe in's Blut tröpfeln laſſen; Dein Rath ſchmeckt mir wie Waſſer nach glühendem Wein. Ge⸗ nug davon; ich thue, wie es mir beliebt;— der Rathsmann ſoll kommen— dann wollen wir zu Pferde nach Harſte.“ Breido von Ranzau lachte innerlich, als er an die Thür ſchritt und dem Edelknappen zurief, daß der Raths⸗ mann erſcheinen ſolle. Dann ſtellte er ſich in den Hinter⸗ grund des Zimmers, während der Herzog hin und herſchritt. Werner Roden trat ein, mit der Rathsherrnkette und dem Degen angethan. Otto ſah ihn mit flammenden Blicken an, als wollte er ihn feindſelig anreden.—„Werner!“ — 200— — rief er ihm entgegen—„Ihr habt meinen Unwillen auf Euch geladen!“ Der Rathsmann ſtutzte, ſah den Herzog fragend an und antwortete würdig:—„Herr, das müßte ohne Ab⸗ ſicht geſchehen ſein; hat es etwa das herzogliche Mißfallen erregt, daß wir geſtern einen Edelmann gefangen nehmen mußten, um das Geſetz der Stadt zu erfüllen?“ „Ihr habt meine Gunſt verachtet;— durch Zufall erfahre ich, daß Ihr Vater eines Knaben ſeid.“ Breido grinſete im Rücken des Herzogs liſtig, da er merkte, wie derſelbe dem eben gehörten Rathe, trotz ſeines Widerſpruchs, Folge leiſtete. „Herr“— verſetzte Roden—„es iſt ein neugeborenes, noch ungetauftes Kind,— ich glaubte, der Gunſt des Her⸗ zogs verluſtig und des Wortes entlaſſen zu ſein.“ „Ich habe es Eurem Weibe verheißen, das meinen Zorn gegen Euch zu brechen wußte, und einem Weibe zürne ich nicht. Euer Sohn ſoll Otto heißen; ich will damit meiner Stadt Göttingen, von der ich zur Zeit fern leben muß, eine Ehre und den Willen guter Freundſchaft er⸗ weiſen; führet heute Abend zur Vesperſtunde Euer Weib, Kind und guten Freunde in meine Kapelle hier in der Burg, dann will ich Euren Sohn über die Taufe halten.“ „Ich nehme dieſe Ehre und Gunſt nicht für mein Theil allein an, Herr; laſſet es mich offen verkünden, daß es der Stadt, allen Bürgern gilt, daß der Herzog ſeinen Göttingern einen heiligen Bund der Freundſchaft darbietet.“ „Ja, ſaget das den Leuten.“ — 201— Breido kehrte ſich nach dem Fenſter, um ſein Lachen zu verbergen. „Herr“— ſagte Roden—„die Stadt feiert ihr jähr⸗ liches Schützenfeſt;— die Nachricht von Eurer unver⸗ mutheten Anweſenheit hat den Wunſch geweckt, daß es Euch gefallen möge, den Ehrenſchuß zu thun, um den Euch der Rath in einer beſonderen Deputation anſprechen möchte.“ „Ein anderes Mal, Roden, will ich den Bürgern einen Schuß und Treffer thun. Ihr habt wol gute Meiſter in Armbruſt und Feuerbüchſe— Ihr übt Euch wol ſehr und da könnt Ihr mir einmal gute Dienſte leiſten.“ Die Ironie, worin ſich Otto's heimlicher Aerger über der Bürger Waffenkunſt kleidete, fühlte der redliche Raths⸗ mann weniger, als Breido, der mit höhniſchem Lächeln ſich vom Fenſter abkehrte und den Rathsmann anſah. „Wer iſt denn Euer beſter Schütze?“— fragte Otto, ſich mit lauernder Miene im Barte wühlend. „In der Armbruſt war es geſtern wieder der Brauherr Helmold— auch in der Feuerbüchſe that er es geſtern Abends dem ſtädtiſchen Büchſenmeiſter nach.“— „Helmold?“— wiederholte Otto, als wollte er ſich den Namen eines Mannes einprägen, der ihm durch ſeine Schießfertigkeit als ein Gegner erſchien, den er haßte.— „Iſt er Euer Freund?“— „Ja, Herr; ich wurde Pathe bei ſeinem Knaben, ich bin ihm jetzt ſchuldig, meinem Kinde auch ſeinen Namen beizu⸗ geben.“— 4 Otto wühlte ſich heftiger im Barte, lächelte, ſchritt einmal — 202— gegen Breido zurück, ſah ihn feſt und finſter an, als wollte er jegliche Ironie aus deſſen Mienen verſcheuchen, und ſagte dann zu Roden zurückkehrend:—„So werde ich Euren Schützenkönig heute Abend kennen lernen;— nun zu einer anderen Sache— was wollt Ihr mit dem Roſtorfer be⸗ ginnen?“— „Da der Bäckermeiſter heute nach Ausſage der Medici nicht lebensgefährlich verwundet iſt, ſo mildert ſich das Rechtsgeſetz gegen den Thäter.“ „Was für Recht habt Ihr in der Stadt? Etwa ein anderes, als was ich in meinem Lande gelten laſſe?“ „Das heilige römiſche Recht, Herr; Euer Recht iſt das Fauſtrecht, dem Ihr einige Privilegien gnädigſt zur Sicherheit der Stadt bewilligt habt. Würde der Edelmann nach Eurem Privilegium gerichtet, ſo würde er nicht ohne ſchweres Löſegeld abkommen, es iſt aber die Anſicht des Rathes, ihn nur den Schaden am Bäckermeiſter tragen zu laſſen und dann aus der Stadt zu weiſen.“— „Gut— dann verfällt er meinem Rechte! Er ſoll mir ausgeliefert werden und es durch ein Sühngeld büßen.“— „Dagegen können wir nichts ſagen, Herr; wenn Ihr ein ſo gerechtes Beiſpiel geben und einen Edelmann wegen Vergehens an einem Bürger ſtrafen wollt, ſo erkennen wir darin nur Enern guten Sinn für die Stadt.“— „Uebergebt ihn meinem Schulzen;— nun grüßt Euer liebes Weib;— heute zur Vesper!“— Roden entfernte ſich mit frohen Gefühlen über die ver⸗ meintliche Umwandlung der herzoglichen Geſinnung gegen — 203— die Stadt und den nie ſo bereit geweſenen gerechten Willen. Als der Herzog ihm lächelnd nachgeſehen hatte, wendete er ſich gegen Breido und ſah ihn herausfordernd an, als ob er ſagen wollte:—„Habe ich es Dir recht gemacht?“ — Als er aber bemerkte, daß jener eine Antwort geben wollte, rief er plötzlich mit heftig befehlendem Tone:— „Die Freunde ſollen aufſitzen— fort nach Harſte!“— Die Vesperglocke ſendete ihren Andachtsruf durch die ſtille Luft des blauen, ſonnigen Tages der Pfingſtwoche; um dieſe Zeit war die Kapelle des Bollrutz mit Wachs⸗ kerzen erleuchtet, vor dem Altare ſtand ein koſtbares Tauf⸗ becken von Silber auf einem ſteinernen Säulenſtuhle; die Strahlen der ſinkenden Sonne, welche die bunten Fenſter durchdrangen, fielen mit rothem Lichte auf das Taufbecken und färbten das darin befindliche Waſſer wie Blut. Es waren in der Kapelle der Rathsmann Werner Roden, der Brauherr Helmold und Henricus anweſend, welche um eine weiß gekleidete, ältere Frau ſtanden, auf deren Arme ein, wie in Schnee gebettetes, fünfzehn Tage altes Kind in weißem Kleide und Häubchen mit reichem Silber⸗ und Spitzenbeſatz lag. Die Kunde nämlich, daß der Herzog des Werner Roden neugebornen Knaben ſelbſt aus der Taufe heben und ihm ſeinen Namen Otto geben wolle, verbreitete ſich ſchnell durch die Stadt; die Herzogin ſelbſt hörte es von Henricus mit Erſtaunen, aber nicht ohne das ſtille Gefühl der Trauer da ſie an den ſinnlichen Blick denken mußte, welchen einſt der Gemahl auf die ſchöne Brigitte gerichtet hatte. Berthold — 204— Helmold war wol der Erſte, welcher dem Rathsmann offen herausſagte, daß er auf dieſes Zeichen der fürſtlichen Huld nicht mehr gebe, als auf die Freundlichkeit eines Fuchſes, und es koſtete erſt einige Zurede, daß er ſich, bei ſeinem tiefen Haſſe gegen den Herzog, willig zeigte, der Freund⸗ ſchaft ein Opfer zu bringen und mit ſeinem größten Gegner dem heiligen Sacramente beizuwohnen und ſeinen Namen mit dem des Herzogs unzertrennlich an das Leben eines Täuflings zu ketten. „Er kennt Euch nicht“— hatte Roden geſagt—„er weiß nicht, daß Ihr der Mann Gertrudens ſeid; es liegen ſechs Jahre dazwiſchen, er hat das Mädchen der Maſch⸗ mühle und die Ereigniſſe längſt vergeſſen, und wenn er daran erinnert würde, ſo wird er ſich ſtellen, es nicht zu wiſſen.“— So war Helmold dem Freunde mit dem Kinde nach dem Schloſſe gefolgt, während Gertrude der Brigitte Ge⸗ ſellſchaft leiſtete, die, wenn ſie auch nicht mehr als Wöchnerin an das Zimmer gefeſſelt worden wäre, doch nicht vor dem Herzoge ſich eingeſtellt hätte. Henricus hatte, da der Herzog noch nicht heimgekehrt m war, die im Schloſſe An⸗ gekommenen zu Margarethe geführt, die das Kind küßte, ſegnete und beſchenkte, indem ſie eine goldene Kette auf des Säuglings Bruſt legte. Dann entließ ſie die Männer und bat ſie, in der Kapelle die Ankunft ihres Gemahls zu erwarten. Dieſe Bitte war eine aus ſchmerzlicher Empfindung hervorquillende, denn Otto hatte ihr nichts von ſeiner Abſicht anzeigen und nur dem Henricus befehlen laſſen, zur Vesperzeit ein Kind in der Kapelle zu taufen. — — —— Hier, in der, vom Scheideblicke der Sonne und der Wachslichte feierlich beleuchteten Kapelle ſtand Helmold mit ſtillen, feierlichen Gefühlen; er ſah nach der Prieche hinauf, von wo herab er einſt die vermißte Gertrude zuerſt wieder erblickt hatte; er betrachtete den Stein mit dem Bildwerke des Jakobstraumes, wo er mit den geflügelten Engeln die Leiter hinabgeſtiegen war, um ſeinen Himmel auf Erden zu finden! Er ſtarrte träumeriſch auf die Stelle nieder, wo er Gertrude glückſelig an ſeine Bruſt gezogen und wo die Liebe ihre Herzen für immer vereinigt hatte; er ging, noch einmal die Minuten der ängſtlich frohen und muthig er⸗ glühten Empfindungen durchlebend, nach der kleinen Sakriſtei, wo er Gertrude's Vertrauen und ihr Schickſal erfahren und ſeinen innerlichſten Zorn gegen den Herzog entzündet hatte. Nur die ſtillen, ſanften Blicke des Henricus' verfolgten und verſtanden ihn. Jetzt rief die Frau, welche das Kind trug, mit plötz⸗ lichem Entſetzen:—„O mein Gott, ſeht doch in das Becken, das Waſſer hat ſich in Blut verwandelt!“— Werner und Henricus wurden aufmerkſam und folgten mit den Augen dem Sonnenſtrahle zum bunten Fenſter hinauf. Henricus deutete auf das rothe Glas, das im Fenſter⸗ gemälde den rothen Mantel des als König ausgekleideten, verſpotteten und gegeißelten Chriſtus' darſtellte, und zog das Taufbecken etwas weiter von der Stelle; alsbald er⸗ ſchien das Waſſer wie ein blauer See unter heiterem Himmel im blauen Lichtſtrahle, der neben dem rothen niederfiel. 4 Helmold hatte dieſen Ruf der Frau aus der Ferne ge⸗ hört, als er in der Sakriſtei, ſeinen ſtillen Empfindungen hingegeben, eben des Augenblickes gedachte, wo er den Mord des Knappen Sperber mehr errathen, als von Gertrude's Munde erfahren hatte.—„Ha!“— grollte die Stimme des Haſſes in ihm—„die Hand des ungeſtraften Mörders will ein unſchuldiges Kind über die Taufe halten— Gott ſei der Unſchuld gnädig!“— Ein Knappe trat in die Kapelle und ſuchte den Schulzen. Dieſer aber entzog ſich der Begegnung Helmold's und war in ſeiner Wohnung geblieben.—„Der Herzog iſt eben eingeritten“— ſagte der Knappe und eilte fort. Es währte nicht lange, ſo wurde die Thür der Kirche aufgemacht, zwei Hellebardiere ſtellten ſich auf und der Herzog, im Jäger⸗ kleide, erhitzt, heiter, lebhaft, von Breido von Ranzau be⸗ gleitet und einigen Dienern gefolgt, trat geräuſchvoll ein; er überflog die Verſammelten mit raſchem Jägerauge, wendete ſich gegen Roden und fragte ſtreng:—„Wo iſt die Mutter?“ „ Herr“— verſetzte Roden—„Ihr wollet gnädigſt bedenken, daß mein Sohn heute funfzehn Tage alt iſt.“— Otto machte eine flüchtige, verdrießliche Miene, lächelte aber wieder, antwortete nichts darauf und fixirte die muthige, faſt trotzige Erſcheinung des Helmold. Roden ſtellte ihn vor; der Herzog maß ihn mit ſo ſtrenger Miene und o ſtolzen Augen, als wollte er den freien Blick des Bür⸗ gers niederdrücken und deſſen aufrechte Haltung beugen; als Helmold aber des Herzogs Auge und Strenge muthig aushielt, begann dieſer:—„Ihr ſeid der gerühmte Schütze?“ „Herr!“— antwortete Helmold— nes giebt viele gute Schützen in der Stadt!“ — 207— Otto ſah ihn nun noch ſtrenger, ſtolzer und, wie es ſchien, mit heimlichem Hohnlachen an, wendete ſich von ihm ab und trat zu dem Kinde.—„Iſt es Eurer Frau ähnlich?“— fragte er den Rathsmann. „Man behauptet es, Herr; möchte es der Mutter an Tugend gleich werden!“— Otto lächelte gleichgültig und rief dem Henricus zu:— „Beginne, Pater!“— Dieſer ſchritt zur heiligen Handlung. Als der Akt kam, wo der Herzog das Kind über die Taufe halten ſollte und Henricus in das Becken griff, um das Waſſer zu ſchöpfen, war die Sonne ſo viel weiter gerückt, das der rothe Strahl vom Fenſter abermals das Waſſer blutig färbte, und es den Anſchein hatte, als würde das Kind mit Blut getauft. Die Frau, welche den Täufling gebracht hatte, bemerkte es mit Schreck, faltete die Hände vor dem Angeſichte, ſah den Herzog ſcheu an und machte im ſtillen Gebete ihrer Be⸗ klemmung Luft. Der Herzog hielt das Kind nur wenige Augenblicke, ließ es ſich von der Frau abnehmen und trat zurück, als jene es dem Brauherrn in die Arme legte. Für die übrige heilige Handlung hatte Otto kein Intereſſe, er ſetzte ſich auf einen Stuhl und unterhielt ſich mit Breido. Auf der Prieche aber, geborgen hinter dem Gitterwerk, ſaß Margarethe mit Hanna, und wohnte mit Andacht und Wehmuth der Taufhandlung als ſtille Zeugin bei. Als Henricus geendet hatte und Roden ſich dem Her⸗ zoge näherte, um für die Gnade zu danken und ihm zu verſichern, welche Theilnahme die ganze Stadt an der Gunſt des Fürſten nehme, ſtand dieſer ſchnell auf und ſprach:— „Ihr ſeht, daß ich Wort halte und daß Ihr auf mein Wort bauen könnt; das verkündigt den Bürgern! Sie ſollen aufrichtig ſein, keinen Hinterhalt haben und ſich nicht über meinen Willen täuſchen. Eurem Sohne Otto gebe ich zum Angebinde an dieſe Stunde meiner Gnade den Zehnten von der Fiſcherei in der Grohnde, von ihrem Springe an bis zum Ausfluß in die Leine— und um mich an mein Wort zu erinnern, ſollt Ihr mir alljährlich fünf gewichtige Forellen am vierten Tage nach Pfingſten in meine Küche liefern.— Allen weiteren Gegenreden ausweichend, ſah er noch einmal Helmold mit feſtem Blicke an, als wollte er ſich deſſen Miene ſchärfer einprägen, winkte mit der Hand dem Rathsmanne zu und entfernte ſich ſchnell, vom liſtig lächelnden Breido begleitet. Die Ritter erwarteten ihn bereits im Trinkſaale; ſie wußten nicht, was der Herzog im Fluge, zwiſchen Abſitzen vom Pferde und ſeinem Eintreten abgethan hatte, und er verſchwieg es ihnen auch jetzt. Man redete von dem Ritt, den Ergötzlichkeiten auf Harſte, den muthwilligen Streichen, welche man unterwegs an Reiſenden und Landleuten ver⸗ übt hatte. „Wo iſt denn heute der alte Kalm geblieben?“— rief Otto, als er daran erinnert wurde, daß derſelbe dem Be⸗ fehle nicht nachgekommen war, Morgens mit den Rittern nach Harſte zu reiten.— Da Otto am nächſten Tage nach dem Schloſſe Münden aufbrechen wollte, ſo hatte er den ſtillen Plan gefaßt, ſich dort einen Zeitvertreib zu verſchaffen, Angila ſich zur Geſellſchafterin zu machen und den gräm⸗ — 209— lichen Vater, der ſeine Tochter hatte verwürfeln wollen, ge⸗ neigt zu finden, die Gunſt des Herzogs für höher zu ſchätzen, als den Einſatz des Roſtorfer Junkers. Er ſchickte ſofort einen Knappen fort, nicht um Angila, ſondern dem greiſen Edelmanne nachzufragen, den er vor allen Dingen feſthalten wollte, um dann der Tochter ſicher zu ſein. Der Knappe kam nach längerer Zeit mit der Nachricht wieder, daß Nie⸗ mand den Herrn von Kalm geſehen habe. Dieſes ſetzte Otto ſchnell in eine leidenſchaftliche Stimmung und er glaubte ſeine heimlichen Pläne verrathen, wol gar von Mar⸗ garethen durchſchaut; er ſandte einen Edelknaben zur Her⸗ zogin, ſich nach dem Braunſchweiger zu erkundigen. Auch hier erhielt er keine andere Auskunft, als daß die Herzogin ihn am Tage nicht geſehen habe. Alle dieſe Nachforſchungen geſchahen, ohne daß, außer Breido, die anweſenden Ritter etwas Weiteres erfuhren, als die zunehmende, verdrießliche Stimmung, die ſich beim Herzoge kund gab. Zum Glück war demſelben der Wohnort des Flüchtlings unbekannt ge⸗ blieben und er wußte nicht, daß ſchon bei Tagesanbruch Vater und Tochter, mit Geldmitteln der Herzogin verſehen, ihren Weg nach dem, eine Stunde von Göttingen, auf der Straße nach Duderſtadt gelegenen, ſtillen Schlupfwinkel ihrer unſcheinbaren Wohnung angetreten hatten, um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und in Hildesheim die Auslöſung ihrer Güter mit der Herzogin Hülfe, und die Zeit abzuwarten, wo ſie mit Sicherheit nach Braun⸗ ſchweig aufbrechen könnten. Die üble Stimmung des Herzogs wollte aber nun irgend ein Object haben, um ſich daran auszulaſſen. Der Maltitz, Herzog. 2. Abtheil. I. 14 — 210— Junker Chriſtoph von Roſtorf lag Otto's Gedankenfolge und der Verknüpfung der Begebenheiten am Nächſten. Er verließ mit Breido die Geſellſchaft der Ritter und forderte den Schulzen in ſein Gemach. „Iſt der Roſtorfer abgeliefert?“— rief er dem Hans Druchtleif zu. Dieſer, die üble Laune des Herzogs bemerkend, ant⸗ wortete etwas verlegen:„nein.“— Jetzt tobte der leidenſchaftliche Mann auf, eiferte gegen die Stadt, den Rathsmann Roden, und hätte nicht wenig Luſt gehabt, den vor Kurzem noch mit der höchſten, wenn auch heuchleriſchen Gunſtbezeigung ausgezeichneten Raths⸗ mann ſelbſt mitten in dem ſtillen häuslichen Familienfeſte der Taufhandlung aufgreifen und in die Burg bringen zu laſſen. Er befahl dem Schulzen, augenblicklich mit einer Anzahl Knappen aufzubrechen und den Junker vom Rath⸗ hauſe zu holen.— Der Schulze ging gehorſam. Der Herzog ſchritt zornig in ſeinem Gemache auf und nieder. „Da haſt Du die Frucht Deiner weiſen Lehre von fürſtlicher Huld!“ ſprach er vorwurfsvoll—„das Bürger⸗ volk gehorcht nur der Furcht vor ſeinem Herrn, wie Roß und Hund. Freundſchaft aus Gnade halten die Städter für Schwäche und macht ſie kühn und trotzig. Ich hätte den Helmold niederſchlagen mögen, ob ſeines frechen Blickes, als er mir mit Hochmuth antwortete, daß es viele gute Schützen in der Stadt gebe.— Dieſen Brauer habe ich meinem Gedächtniß eingeprägt und er iſt der Erſte, der mich als ſeinen Herrn kennen lernen ſoll. Der Teufel — — 211— hole die Großmuth, die Gnade, die Freundſchaft mit den Bürgern!— Zahm will ich ſie machen, ſobald ich wieder⸗ kehre. Dieſer Braunſchweigiſche Patrizier iſt mehr Bürger als Edelmann, er hat meine Gnade mit Ungehorſam und Geringſchätzung meines freundlichen Willens erwidert und iſt entflohen;— dieſe Göttinger ſpotten meiner Gnade, indem ſie liſtig hinnehmen und dabei meiner Befehle unein⸗ gedenk ſind.“— „Seid Ihr fertig, Herr?“— verſetzte Breido ruhig und den Aufgeregten mit vorſichtigen Blicken beſchleichend. —„Der Kalm iſt mit ſeiner hübſchen Tochter entflo hen, weil Ihr Eure heiße Abſicht nicht in mitleidige Kälte ge⸗ kleidet habt; wollt Ihr Jungfern fangen, ſo thut das nicht mit heißem, ſondern mit gefrorenem Speck.“— „Der Schurke iſt ein Spion der Stadt Braunſchweig!“ — fiel Otto ein;—„ſein Wappen war ein ſpringender Löwe, wie ihn die Stadt in Roth führt; ich werde einen Boten nach Wolfenbüttel ſenden, daß der Weferlingen, mein Schloßhauptmann, auf ſeiner Hut iſt.“— „Ihr eifert auf die Göttinger, Herr;— die hochweiſen Rathsmänner ſind überall fein langſam und bedächtig, weil das Wohlleben ihr Bäuchlein ſchwerfällig macht und das feiſte Fett ſie leicht in Schweiß ſetzt. Was Ihr in eines Gedankens Schrelligkeit ausrichtet, bedarf im Rathe erſt der mehrtägigen Ueberlegung und auch wol eines Eſſens auf Stadtkoſten. Freuet Euch deſſen; die faulen Herren müſſen ſich erſt beſinnen, wenn Ihr ſchon die Stadt über⸗ rumpelt habt, falls es einmal die rechte Zeit iſt. Wenn ich Fürſt wäre, ich ließe mir alle Magiſtrate gehörig mäſten — 212— wie Decemberſchweine, denn dann ſind ſie ebenſo gutmüthig, wie unbeholfen.“ Der Schulze trat ein, die Blechhaube auf dem Kopfe. „ Iſt er da?“— fuhr Otto ihn an. „Herr“— antwortete der Schulze,—„wir haben nicht weit zu gehen brauchen; vor dem äußeren Thor trafen wir ſchon auf Abgeſandte des Rathes, von Frohnknechten begleitet— wollt Ihr's von dem Rathsmanne, dem Dietert Hartwig, hören, wie der Roſtorfer Junker durch den Schorn⸗ ſtein aufgeflogen iſt?“ Otto ſchlug mit der geballten Hand in die andere und rief im Zorn:—„das haben die Göttinger mir zum Trotz geſchehen laſſen— der Teufel ſoll ſie holen! Herein mit dem Hartwig!“— „Hört den feiſten, gutmüthigen Mann nur an, Herr; der lügt nicht, er ſchwitzt ſchon von Angſt und Treppen⸗ ſteigen.“— „Otto erwiderte dieſe begütigende Bevorwortung ſeines Schulzen mit drohendem Blicke, indem er befehlend auf die Thür wies. Der alte Rathsmann, ein corpulenter, an Bauch und Hängekinn ſchwer tragender Mann, dem die Schweißtropfen auf Stirn und breiten Wangen glänzten, trat, ſeine be⸗ hagliche Geſtalt zur geſchmeidigen Unterwürfigkeit zwingend, über die Schwelle; er war noch einer von den alten Mit⸗ gliedern des Rathes aus der guten, friedlichen Zeit des Herzogs Ernſt, der das Wohlleben ſeines langjährigen Amtes unfreiwillig zur Schau trug. Der Bürgermeiſter ſchien dieſen Mann abgeſandt zu haben, um den voraus⸗ — 213— ſichtlichen Zorn des Herzogs in ähnlicher Weiſe zu mildern, wie man ein wogendes Waſſer, oder einen ſchreienden Wagen mit Fett beruhigt. „Ihr habt den Gefangenen abſichtlich entwiſchen laſſen! — herrſchte Otto ihn an—„darum muß ich mich an Euch ſchadlos halten.“ Die zwar furchtſame Miene des Feiſten verlor durch dieſe Anrede nichts von dem gutmüthigen Schmunzeln, das ihm unbewußt eigenthümlich war.—„Herr— gnädigſter Herr!“— antwortete er bittend und langſam, indem er ſich anſtrengte, den Bauch auf die Kniee zu legen und eine gebeugte Haltung zu erzwingen,—„ſeid nicht böſe— der Teufel hat den ſchlimmen Burſchen geholt.“ „So ſoll er Euch auch holen!“— rief Otto, mitten in ſeinem Zorn den komiſchen Eindruck, den der Mann auf ihn machte, durch ein Spottlächeln verrathend, zumal Breido ſich zwingen mußte, nicht aufzulachen. „Nein, geſtrenger Herr!“ ſchmunzelte der Rathsmann, indem ſeine eingeſchwollenen Augen treuherzig glänzten und mit gutmüthiger Schlauheit zum Herzoge aufblinzelten; —„der Teufel wird mich nicht holen, ich bin ein frommer Chriſt. Und abſichtlich konnten wir den Uebelthäter ſchon deßwillen nicht entwiſchen laſſen, weil wir uns über die hohe Gerechtigkeit herzlich freueten, die Eure Herrlichkeit, ganz nach Dero hochſeligen Herrn Vaters Sinne, an einen Edelmann wegen Crimens gegen einen ſchlichten Bürger zu üben intentirten.“ „Ihr redet, wie ein Rechtsgelehrter aus Rom; aber Eure Schlauheit und der Polſter Eures Fettes ſollen Euch 214 nichts nützen, ich werde Euch ſchon treffen; ich will den Junker haben!“ „Aber gnädigſter Herr, habe ich Macht über den Teufel? Bedenkt doch, durch den Rauchfang hat er ihn geholt; es ging ſchon das Gerede, daß der Junker geſtern auf dem Schützenhofe allerlei kurioſes, gottesläſterliches Gerede, und beim Würfelſpiele allemal den höchſten Wurf gethan und dann die Pferde, Ochſen und Werthſachen, die er gewonnen, ſogleich verſchenkt habe. Einer, der mit ſolchem geſchenkten Pferde davongeritten iſt, hat einen ſchlimmen Fall gethan und das Bein gebrochen, ein Anderer, dem der Junker eine gewonnene Gans geſchenkt hatte, iſt beim Nachhauſetreiben in den Sumpf gerathen und heute Mittag todt gefunden; — ein junges Mädchen, das er hat durch Würfelſpiel ge⸗ winnen wollen, iſt noch zur rechten Zeit durch die Frau Herzogin gerettet, vor deren frommer Erſcheinung der Junker geflohen iſt. Glaubt mir, gnädiger Herr, was ich Euch ſage, der Junker war kein anderer, als der Teufel ſelber, der des ungerathenen, böſen Roſtorfer's leibhafte Geſtalt angenommen hatte; das glauben nunmehr alle verſtändigen Leute in der Stadt, und ich habe daher ſchon im Rathe den Vorſchlag gemacht, das Gefängiiß, worin der Satan geſeſſen, neu weißen und durch einen Prieſter mit Weih⸗ waſſer beſprengen zu laſſen.“— „Ihr ſeid ein Narr, oder ein alter, wammſtiger Fuchs!“ rief Otto, der ſchon einen großen Theil ſeines Zorns ver⸗ loren hattte, da der Eindruck des natürlich Komiſchen oft mehr als die geſchickteſte Ueberredung oder hingebendſte Ge⸗ laſſenheit im Stande iſt, heftige Leidenſchaften zu mildern. — 215— — Ich fürchte mich vor dem Teufel nicht und werde den Junker ſelber ſuchen; ich kenne der Bürger Geiz und Hab⸗ ſucht— geſteht es nur ein, der Roſtorf hat Euch Geld geboten und Ihr habt ihn entwiſchen laſſen.“ „Herr— ich bin wol der Einzige im Rathe, der die Angeeegenheit richtig begreift; der Bürgermeiſter wollte dem Entflohenen nachſetzen laſſen, aber ich redete dagegen; der Gefangnenwärter iſt mit dem Junker verſchwunden, der Teufel hat ihn mitgenommen.“ Otto blickte zweifelhaft den lachenden Breido an, da er ungewiß geworden war, ob er es mit einem teufels⸗ ſcheuen, ehrlichen Narren, oder einem verſchmitzten Schlau⸗ kopfe zu thun habe. In demſelben Augenblicke flatterte etwas am Fenſter draußen und ein heiſeres Gekrächze er⸗ ſcholl unmittelbar hinter den Scheiben; der alte Rathsmann Hartwig erſchrak, bekreuzigte ſich und zog einen Roſenkranz aus der Taſche; Otto ſtutzte einen Moment lang, trat heftig an das Fenſter, ſtieß es auf und ſah herausſordernd in die dämmernde Luft. Breido lachte.—„Will der Herzog gegen eine Krähe kämpfen?“— fragte er ſpöttiſch. Otto warf verdrießlich das Fenſter zu und ſchien ſich in einem ſtillen Schaamgefühle über ſeine augenblickliche Hingebung an den Gedanken des Teufels zu ärgern.— „Ich möchte dem Teufel zeigen, daß ich mich nicht vor ihm fürchte“ ſprach er, durch das Gemach ſchreitend. „Herr!“— flehte der Rathsmann, die Hände gefaltet, „fordert den Satan nicht auf Eure Wege— man hat Beiſpiele— Gott ſchütze Euch!“ — 216— „Geht!— rief Otto befehlend—„ſagt dem Rathe, daß ich der Stadt ein beſſeres Gefängniß bauen laſſen wolle— nun geht!“. Als der ſchwerfällige Rathsmann, unter vielen Be⸗ theuerungen der Wahrheit ſeiner Anſicht und der Ergeben⸗ heit ſeines guten Eifers, fortgegangen war, blieb Otto plötzlich vor Breido ſtehen und ſprach:—„Glaubſt Du nicht, daß der Teufel unſer Widerſacher ſei?“ „Einmal glaubte ich's, als wir um die Leiche des Eck⸗ hard unter dem Dornberge kämpften, und noch heute halte ich dafür, daß der Teufel des Verräthers Geſtalt ange⸗ nommen hat, um uns mit leidenſchaftlicher Kampfwuth um einen Todten zu entzünden, während die Feinde die feſte Burg erſtiegen.— Ei, und wenn der Teufel wirklich mit dem Roſtorfer ſo gut Brüderſchaft hält, daß er deſſen Ge⸗ ſtalt borgt, ſo verſucht einmal Euer Glück gegen Hardegſen — holt Euch den Junker ſelbſt und ſeht zu, ob der Teufel ihm beiſteht.“ „Ja, ich will's“— ſagte der Herzog mit einem Trotze, der errathen ließ, daß er in ſeiner Seele eine ungewiſſe, dunkle Mahnung an einen Mächtigeren fühle, von dem er nicht wußte, ob er ein Freund oder Feind ſei. Vielleicht war dieſer Trotz die erſte, unheimliche Regung eines Ge⸗ wiſſens, das er zum Verſtummen bringen wollte.— — Ende des erſten Bandes zweiter Abtheilung. —— Fffffff Ffffſfſſſnſſſin 5 6 12 1 14 15 7 838 9 10 1 3 —,—