Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr oſſen. R2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b f45 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:„ 4 4 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Am erſten Sonntage nach Lichtmeſſen, im Februar des Jahres 1370, war die Stadt Göttingen der Schauplatz eines ungewöhnlichen, glänzenden und geräuſchvollen Feſtes.— Der bis zur Verſchwendung gaſtfreie, fehdeluſtige, in den ritterlichen Uebungen der Stechbahn aufgewachſene, und nur Waffenſpiel und Kampf liebende Herzog von Göttingen, der Herr des Fürſtenthums Oberwald, Otto, mit dem Beinamen: der Quade oder Böſe— hatte auf den heutigen Tag die nahe und ferne Ritterſchaſt eingeladen, um ein großes feierliches Tournier auf dem Freudenberge in Göttingen abzuhalten, wie ein gleich großes Kampfſpiel. noch nie hier geſehen worden war. Die Göttinger kann⸗ ten die Leidenſchaft ihres Fürſten für dergleichen ritterliche Uebungen nicht nur aus ſeinen früheren Jugendjahren, in denen ſein Lieblingsort von jeher die Stechbahn gewe⸗ ſen, und ein Jeder als Freund und Kumpan ihm allezeit willkommen geweſen war, der ein Reiterlied ſingen oder das Schwert führen konnte, ſondern auch aus mancher⸗ lei ernſtlichen Fehden letzter Zeit, welche nur begonnen I. waren, um ſeiner Luſt an Streit und Waffengebrauch zu dienen.— Als einziger Sohn des Herzogs Ernſt, der 1367 auf dem Schloſſe Harſte verſchied, gelangte Otto in demſelben Jahre zur Herrſchaft über die Göttinger Lande, und ſein ebenſo muthiger, wie feuriger Geiſt, der ſchon im Knaben durch die glänzende Außenſeite des Ritterthums gelockt und mit Luſt an jeder Fehde erfüllt worden war, trieb ihn auch als Jüngling und Mann auf die Stechbahn und in das kriegeriſche Spiel, worin er es bald vielen Anderen zuvorthat, und reizte die Kraft und Selbſtſtän⸗ digkeit des regierenden Fürſten, ſeine Waffenluſt nun auch bei jeder Gelegenheit im Spiele oder blutigen Ernſte an⸗ zuwenden. Der damalige Geiſt der Zeit, die Gültigkeit des Fauſt⸗ rechts, die kriegeriſch erzogene Ritterſchaft, der Uebermuth derſelben auf wohlbefeſtigten Burgen, der Zuſtand einer ſtets gerüſteten Nothwehr und die von Beute lebenden, dem Fleiße und Handel des Bürgerthums gänzlich fremden Adligen, die kaum mehr vor der Gewalt der römiſchen Kirche Achtung hatten und ſelbſt die Biſchöfe zu waffen⸗ führenden Freunden oder Gegnern zwangen, alles dieſes hatte den Herzog Otto ſo lebhaft ergriffen und in die Richtungen ſeiner Zeit hineingeriſſen, daß er ſchon als junger Fürſt, vor der Zeit ſeiner eigenen Selbſtſtändigkeit als Landesherr, mit der Ritterſchaft der Umgegend ge⸗ meinſchaftliche Sache machte, an ihren Streifzügen und Gewaltthätigkeiten Antheil nahm, und ſpäter als regie⸗ render Fürſt, wo er hätte Richter und Gegner der rohen, gewaltſamen und übermüthigen Handlungen des Adels d0 ſein ſollen, ihr Theilnehmer, Anführer und Schutzherr wurde.— Nur ſchwach und auf kurze Zeit hatte einſt Rudolph von Habsburg das rohe Fauſtrecht durch wiederholte und immer neu gebrochene Landfrieden zu unterdrücken ge⸗ ſucht; mit der Zeit der Kreuzzüge und Minneſänger war die edlere Blüthe des Ritterthums abgeſtorben, der Adel war in hohem Grade verwildert, und ſeine ritterliche Kraft, welche, nicht wie früher, große Kaiſer für allge⸗ meine bedeutende Unternehmungen forderten und bethä⸗ tigten, ſuchte ſich in räuberiſchen Fehden, Wegelagerungen, in einem Kampfe Aller gegen Alle, in rohen Ueberfällen und Angriffen auf Burgen, Städte und Felder zu bethä⸗ tigen und ſelbſt die beſſeren und edleren Adelsgeſchlechter, die das Leben und die Geſinnung der Raubritter nicht theilten, konnten ſich doch nicht von demſelben ungerechten und wilden Handwerk frei machen, da ſie ihre Anſprüche auf freie, adlige Selbſtſtändigkeit nur auf ein vorgebliches Befehdungsrecht ſtützen konnten, und dem Beiſpiele der Fürſten folgten, die nur durch Waffen und Gewalt zur Macht, Herrſchaſt und zum Beſitz gelangten. Die übermüthigen Ritter würden ihre Anmaßungen noch weiter getrieben haben, wenn ſie nicht die Eiferſucht der Fürſten erregt und an dieſen einen Gegner gefunden hätten, da dieſelben nicht nur ihre Hoheitsrechte gefährdet ſahen, ſondern auch am mächtigen Adel oft Widerſtand in ihren eigenen Gelüſten der Selbſtſucht fanden. Die Städte und ihre durch Handel, Gewerbefleiß, rechtlichen Kauf und Pfandbrief ſich bereichernden Bürger, waren dem Adel beſonders Gegenſtand der übermüthigen Ge⸗ 3 1 1* waltthätigkeiten und Beraubungen; die Ritter und Städte lebten in einer ununterbrochenen Feindſchaft und Fehde miteinander, und die Fürſten würden an den Städten einen mächtigen Beiſtand gegen die Uebermacht und die Uebergriffe der Ritterſchaft gefunden haben, wenn ſie nicht ſelbſt geheime oder offene Feinde der Städte und eifer⸗ ſüchtige Beobachter der aufblühenden, bürgerlichen Wohl⸗ habenheit geweſen wären, die ihnen ſelbſt um ſo gefähr⸗ licher drohete, als mit dem Emporblühen der Städte auch ihr Trotz und, mit der Kraft des Vermögens auch das Verlangen wuchs, ſich der Hoheit der Fürſten zu ent⸗ ziehen, nach Reichsunmittelbarkeit zu ſtreben und ſelbſt⸗ ſtändig zu werden. Herzog Otto der Quade, der Herr an der Leine, war mit dem Ritterthum ſeiner Zeit zu ſehr durch Neigung und Fehdeluſt befreundet, um nicht mit ihr auch ein ge⸗ borner Feind der Städte und Bürger zu ſein, aber er blieb auch als regierender Fürſt ein Genoſſe der Ritter⸗ ſchaft, deren Leben und Gelüſte er theilte und deren Freund⸗ ſchaft ihm nützte, um ſie ſeiner eigenen, unerſättlichen Streitluſt und Ausübung des Fauſtrechts behülflich und willfährig zu machen.— Dies iſt das allgemeine Bild der Zeit, in welcher die Perſonen und Ereigniſſe, welche wir hier zu ſchildern be⸗ abſichtigen, vor der Phantaſie des Leſers und dem Hin⸗ tergrunde der Geſchichte, auftreten werden.— Das heutige, feierliche Turnier hatte eine große Zahl von Rittern und Edelfrauen auf dem Bollrutz, der fürſtlichen Burg in Göttingen, und in den Adelshöfen und Gaſthäuſern der Stadt verſammelt. Die feſte Burg Bollrutz, auch Boller⸗ oder Ballerhaus genannt, Benen⸗ nungen, die auf Bollwerk und prunkendes Geräuſch deuten, lag in der Nähe des vor der Stadt befindlichen feſten Nicolaithors, dicht an dem noch beſtehenden Hardenberger Hofe, wo bis vor nicht langer Zeit der Pleſſer Hof ſtand, und zwar auf dem freien Platze der gegenwärtig Plan, Burg⸗ oder Ritterplan heißt. Damals war ſie ein ſtolzes, befeſtigtes Schloß mit hohen Schanzmauern, Gräben, Zugbrücken, Thürmen und Warten, und reiſige Knechte hielten auf Thoren, Brücken und Zinnen Wache über Burg und Stadt. Den Herzog Otto, den nur ſeine Gegner mit dem Beinamen des„Quaden“ Böſen oder Malus zu charak⸗ teriſiren wagten und den ſeine ritterlichen Freunde lieber als Armipotens oder Bellicoſus bezeichneten, während er gemeinhin als„Herzog an der Leine“ weit und breit im Lande bekannt war, liebte es, zuweilen den Göt⸗ tinger Bürgern ſeinen Glanz, ſo wie die Macht zu zeigen, welche durch die, auf ſeinen Ruf ſich um ihn einfindende Ritterſchaft den Städtern am Meiſten imponirte, da dieſe daran die Gehülfen des fürſtlichen Willens recht gut ab⸗ zuſchätzen vermochten. Obgleich die früheren Herzöge, Otto der Milde und Ernſt, beide Söhne des im Jahre 1318 verſtorbenen Herzogs Albrecht des Feiſten, mit der Stadt Göttingen im Allgemeinen im guten Einvernehmen geſtanden hatten, namentlich der milde Otto, als Freund der Städte, ihnen in Bewilligung mancher Privilegien gewogen geweſen war, ſo hatte doch Herzog Ernſt, der Vater des Herzogs an der Leine, mancherlei kleine Zwiſte mit der Stadt gehabt und war nicht immer mit ihr im guten Einvernehmen geweſen, namentlich wegen Münze und Wechſel, Mühlenkauf, Anlegung eines Zolls vor den äußeren neuen Thoren, und wegen Pfandrechts, und der lebhafte, bürgerfeindliche Otto hatte dieſe bei ſeines Vaters Tode noch nicht erledigten Streitpunkte mit einer, ſeinem Temperamente und ſeiner Geſinnung entſprechenden Hitze fortgeſetzt, und obgleich dieſelben zur Zeit geſchlichtet und beſeitigt waren und Otto ſich gern und oft auf dem Bollrutz aufhielt, ſo hatten die Göttinger doch eine gewiſſe Vorſicht gegen den Fürſten, und eine ſtille Abneigung gegen ſeine Freundſchaft mit den Rittern bewahrt, die in der Burg fleißig einkehrten und dort laute und verſchwen⸗ deriſche Beluſtigungen mit ihrem fürſtlichen, gaſtfreien Freunde trieben. Zur Zeit war das Einvernehmen der Stadt mit dem Fürſten ein äußerlich gutes; Otto hatte den Göttingern ſeine Gnade bereits dadurch bezeugt, daß er im Jahre 1368, alſo vor kaum zwei Jahren, ſein Beilager mit der ebenſo ſchönen, als frommen, damals ſechszehnjährigen Margaretha von Jülich⸗Cleve⸗Berg auf dem Bollrutz hielt und die Stadt an den vieltägigen Feſtlich⸗ keiten Theil nehmen ließ, die bei jener Gelegenheit eine große Fürſten⸗ und Ritterzahl in Göttingen verſammelt hatte. Auch das heutige große Turnier in der Stechbahn der Stadt ſollte eine Gunſt ſein, die der Fürſt den Bür⸗ gern erwies, die durch die große Menge der herbeigezo⸗ genen Fremden mancherlei Vortheil fanden.— Obgleich ein Februartag, ſo war derſelbe doch dem Feſte nicht weniger günſtig, als die heitere Stimmung des Herzogs; ein weicher Südoſtwind erwärmte die Luft und wenn er auch den Himmel mit einer leichten Wolkenſchicht bedeckte und den Sonnenſchein abhielt, auch die Linden und Ulmen des Waldes nicht mit Grün zu ſchmücken ver⸗ mochte, ſo war doch der Tag mild und hell und das heiße, bewegte Blut der Ritter, Edeldamen und Bürger machte vergeſſen, daß die Winterzeit noch nicht verſtri⸗ chen war. 3 Schon am frühen Morgen des Feſttages wehten von den Zinnen der Burg, außer der herzoglichen mit dem Löwen gezeichneten Fahne, viele Banner und Fähn⸗ lein herab und die Trompeten blieſen, nach dem üblichen Choral, ein luſtiges Morgen⸗ und Wecklied vom Thurme in die ungewöhnlich früh belebte Stadt nieder. Am vergangenen Abend vor dem heutigen Turnier⸗ tage hatten die Göttinger bereits das Schauſpiel der Turnier⸗Vesper gehabt, ein herkömmlicher Gebrauch, wo die Knappen, das heißt, die noch nicht zum Ritter ge⸗ ſchlagenen Adelsſöhne, mit leichten Waffen in der Stech⸗ bahn kämpften und die Sieger von den Rittern und Damen ihre Preiſe empfingen. Derjenige Knappe, der ſich am Meiſten hervorgethan hatte, pflegte dann zum Ritter geſchlagen zu werden und durfte am anderen Tage dem Turnier beiwohnen und mit kämpfen. Die Stunde des öffentlichen Feſtes war nahe; die Stech⸗ und Rennbahn auf dem Freudenberge, an der⸗ ſelben Stelle, wo jetzt die Univerſitäts⸗Reitbahn ſich be⸗ findet, war mit Bannern und Wimpeln geſchmückt, der länglich viereckige Platz rings um mit einem, in Stufen ſich erhebenden Gerüſte für die zugelaſſenen Zuſchauer erbaut, deſſen mittlere und höchſte Reihen bereits gedrängt beſetzt, die vorderen Stufen, für die eingeladenen Edel⸗ damen und älteren oder nicht kämpfenden Adligen, aber noch größtentheils leer waren. Beſonders zeichneten ſich zwei Balkone mit köſtlichen, goldgefranzten Scharlachdecken und gleichen Baldachins aus, deren fürſtliche Wappen ſo⸗ gleich andeuteten, daß hier die Plätze der Herzogin mit ihrem Gefolge vorbereitet waren. Reiſige Knappen und Söldner hielten an den Eingängen und fürſtlichen Sitzen ſchon lange in glänzendem Waffenſchmuck Wache; die Turniervögte ſtanden, des Feſtes wartend, vor der Bahn, deren beide Enden, die Schranken genannt, mit geſpannten Seilen geſchloſſen, von den Grieswärteln, den Aufſehern des Kampfplatzes, beſetzt waren, während die Prügel⸗ knechte mit ihren Stäben den ausgelaſſenen Pöbel zur Ruhe brachten und die Wege nach den Schranken von der andrängenden Volksmenge frei erhielten. Unter der Zahl der Einheimiſchen und Fremden, welche aus Häuſern und Herbergen hervorbrachen, um dem Kampfſpiele zuzuſchauen, bemerken wir drei Männer, denen wir unſere beſondere Aufmerkſamkeit widmen wollen. Ihrer Tracht nach gehören ſie zu den angeſeheneren und wohlhäbigen Bürgern der Stadt und ſie gehen langſam, die eiligeren Gruppen der Neugierigen und auf einen guten Zuſchauerplatz Bedachten, an ſich vorüberſtreifen laſſend, als ob ſie, als eingeladene Gäſte des Feſtes, ihres Platzes auf der Tribüne ſicher waren. Der eine dieſer Männer war etwa ein Fünfunddreißiger an Jahren, von kräftiger Geſtalt, entſchloſſener, edler Miene, einem feſten, aber leutſeligen Blicke und einem dunklen, lockigen Barte; die Kette, welche er am Halſe über dem ſchwarzen, mit violetter Seide reich gebauſchten Wammes trug, die breite Spitzenkrauſe, der mit Pelz verbrämte braune Mantel, der Degen am geſtickten Gürtel und der Klapp⸗ hut mit der weißen Feder verriethen nicht nur den ange⸗ ſehenen, vornehmen Bürger, ſondern auch das Mitglied des Rathes. Er war der reiche Rathsmann und Kauf⸗ herr Werner Roden. Sein Begleiter zur Rechten war ein jüngerer Mann; ein friſches, muthiges Geſicht, ein lebhaftes, hellblaues Auge, ein röthlich blondes Kopf⸗ und Barthaar deuteten auf Jugend und Frohſinn, ſeine Kleidung war einfach aber fein und von dem Schnitte der Wohlhabenden; die Hand lag auf dem eiſernen Korbgriffe eines tüchtigen Schwertes und während der Rathsherr in hohen Klapp⸗ ſchuhen neben ihm ſchritt, trug er braune, ritterliche Stiefel mit übergeſchlagenen Stulpen. Er war der junge dreiundzwanzigjährige Bürger Berthold Helmold, eines Brauers Sohn, ein Freund der Waffenkunſt und der Jagd, beliebt in der Gilde wegen ſeines frohen Sinnes und muthigen Wortes, ein Meiſter der Armbruſt beim Vogel⸗ ſchießen, und bei Nothwehr und Schutz der Stadt einer der erſten unter den waffenfähigen und kampfluſtigen Bürgern. V Der etwa fünfundvierzigjährige, enſte, etwas finſter blickende Mann, welcher dem Rathsherrn zur Linken ging, war der Bürger Tile Freitag, angeſehen in der Stadt und befreundet mit den erſten Einwohnern und Patri⸗ ziern; er beſaß ein ſtattliches Haus und ein großes Ver⸗ mögen, er hatte mancherlei Gutes und Schlimmes erlebt, war dadurch feſt und vorſichtig in ſeiner Geſinnung ge⸗ worden, redete in allen Fällen, wo er das Wort führen durfte, für die Gerechtſame der Bürgerſchaft, hielt ſtreng auf die Privilegien der Stadt und war durch Anſicht und Erfahrung ein ſtill grollender Feind der Ritter und in allen Fragen des Gemeindewohls ein mißtrauiſcher Gegner des Herzogs Otto geworden.— Ein paar Mönche des Paulinenkloſters, welche ihnen begegneten, gab dem munteren, aber ſeinen Bekannten ſeit einiger Zeit kopfhängeriſch erſchienenen Berthold Helmold zu der Frage Veranlaſſung:„Ob die ehrwürdigen Väter wohl dem Tourniere zuſchauen werden? Ich glaube nicht, daß ſie es wagen, heute dagegen zu eifern.“— „Glaubt mir, junger Freund“ erwiderte Tiele Freitag— „die Ausſöhnung des Quaden mit der Kirche iſt nur eine Freundſchaft zwiſchen Hund und Katze; es hat Mühe und Opfer genug gekoſtet, den Kirchenbann von ihm abzuthun, als er die ſchöne, fromme und junge Margarethe zum Beilager führen wollte.— Die milde Engelsſeele thut mir im Herzen leid, das Gemahl eines ſo wüſten und ſtreitluſtigen Herrn zu ſein;— ſo wenig wie er das gute Recht der Ritter und Städte achtet, wird er auch der frommen, edlen Herzogin Sitte und Frauenrecht für gültig genug halten, um ſeinen Eigenwillen und wüſten Sinn an ihrem ſanften Herzen zu beugen. Man erzählt ſich, daß die gütige Frau viel Kummer in ſich verbirgt und mancherlei üble Behandlung von ihrem Gemahl erdulden, auch eine höhere Sendung ihres Schickſals darin erken⸗ nen ſoll, die Unbill des Herzogs in's Geheim an Denen wieder gut zu machen, die ſeinen und ſeiner Genoſſen Uebermuth und böſen Sinn erfahren haben.“— „Eine gute, edle Frau“— ſagte Werner Roden;— „aber der Herzog ſcheint in ſich gekehrt zu ſein, die wil⸗ den Züge mit den Rittern abgethan und den guten Willen zu haben, mit uns Bürgern fernerhin in gutem Einver⸗ nehmen zu leben.“— „Laßt Euch nicht durch des Herzogs Gunſt und Gnade beſtechen, Werner“— verſetzte Freitag;—„weil er ein liſtiger Kopf und Ihr ein angeſehener Rathsverwandter unſerer Stadt und Geſponſt eines ſchönen Weibes ſeid, ſo hat er Euch neulich auf dem Hagen durch ein herab⸗ laſſendes Wort und durch die Zuſage gewonnen, Euren nächſt geborenen Sohn aus der Taufe zu heben. Aber trauet ihm nicht, ſeine Abſichten gehen weiter als in Euer Haus, ſeine Ritter ſind uns gram und er hört auf ihre Rathſchläge, wenn es nur was zu raufen oder zu rauben giebt.“— „Schuldigt mich nicht an, daß ich die Sache der Stadt und Gemeine aus eitler Verblendung von der Gunſt des Herzogs verließe und der Ritter williger Freund ſei; ich ſage Euch, ſo lange die Welt ſteht, ſind der Bürger rechtliche Sache und der Ritter Sinn und Handwerk un⸗ verſöhnliche Feinde mit einander und werden es ſein in— alle Zukunft; und ich bin gewiß, daß die Fürſten jeder⸗ zeit in Anſehen und guter Regierung verlieren werden, wenn ſie nicht mit den Städten und Bürgern halten, ſondern der Ritter falſcher Freundſchaft leben und mit ihnen gemeinſchaftliche Sache machen. Ich halte aber dafür, daß man dem Herzoge mit gutem Willen entgegen⸗ kommen ſoll, wenn er der Bürger Vertrauen und gutes Einvernehmen ſucht und, wenn der Herzog mir die Ehre — 12— anthut, mein Haus zu betreten, ſo weiß ich recht gut, daß ſeine Ritter und Amtleute mir das mit Scheelſucht nicht gönnen und darauf bedacht ſind, des Herzogs Gunſt eine böſe Deutung zu geben und ſeinen Sinn von den Bürgern abzulenken.“— „Ja, Euer ſchönes, junges Weib ſtach dem Herzoge in die Augen und es wäre vielleicht an Euch, ſich für des Herzogs Gnade vor der Zeit zu bedanken.“— „Sprecht das nicht, Tiele! Bei dem heiligen Pankra⸗ tius, Ihr bringt mich auf!“— rief Werner Roden, und ſeine Augen blitzten und ſeine Hand ſchlug faſt auf das Wehrgehäng;—„ich habe ein ehrſam Weib und wer meines Hauſes Schwelle in ſündigem Wohlgefallen an meines Weibes Geſtalt betreten würde, dem würde ich mit meiner guten Streitaxt ein erſtes und letztes Will⸗ kommen geben, einerlei, ob Herr oder Knappe.— Nein, Freund, der Herzog will mit uns hinfort in Frieden leben, unſere Privilegien achten, die Ritter unter das gute Landrecht zwingen und uns durch das hier veranſtaltete Tournier beweiſen, daß er die Stadt ehren und begün⸗ ſtigen möchte. Wohnt er doch ſchon ſeit länger als vier⸗ zehn Tagen in Göttingen, jagt mit den Bürgern nach Herzensluſt und verkehrt die blutige Fehde in ein ergötz⸗ lich Waffenſpiel.“— „Gott gebe es! Ich wünſche, Werner, daß Ihr nicht irret; denkt an die von Hanſtein— an die Harzburg;— ich will's glauben, daß er der frommen Herzogin milden Einfluß erfährt und ſich vor neuem Bannſtrahl der Kirche hüten mag, da er inne geworden iſt, wie ſchwer es hält, in die chriſtliche Gemeinſchaft wieder aufgenommen zu — 13— werden,— auch will ich glauben, daß er, bei ſeinem gutem Verſtande und lebhaften Temperamente, vielleicht einer der vortrefflichſten Prinzen des Hauſes Braunſchweig und Lüneburg geworden wäre, wenn ſein Leben nicht in die Zeit fiele, wo Streit, Raub, Mord und Willkür adlige Tugenden geheißen werden— aber ein Mann, der die Farbe ſeiner Zeit und Umgebung annimmt, nicht eigene Wege und Ziele verfolgt, ſondern der Strömung, die ihn ergreift, folgt und der fortgeriſſen wird, wo er lenken und ſelbſtſtändig ſein ſollte, ein ſolcher Mann iſt nur ein ge⸗ wöhnlicher Menſch, der nur dann gut und tüchtig ſein kann, wenn ſeine Zeit eine gute und glückliche iſt.“— Tiele Freitag blickte, da Werner Roden ſchwieg, auf den ſchon längere Zeit ſtumm nebenan fortgeſchrittenen jüngeren Bürger, der, obgleich er dieſes Geſpräch ange⸗ regt hatte, doch keinen Antheil daran zu nehmen ſchien; und als Tiele bemerkte, daß jener gedankenvoll niederſah und kaum des Begleiters Anſchauen gewahrte, ſo hub dieſer an:„Was tragt Ihr denn im Sinn, Berthold?— Eure Miene ſagt mir, daß Ihr in Eurem Feuergeiſte den Groll gegen unſere unechten Freunde ſtill weiter brütet.“—— „Ja,“— rief Berthold Holmold mit kühnem Blicke das Geſicht erhebend und die Hand ballend, als ſuche er einen Gegner—„ja ich bin in eigene Gedanken gera⸗ then; nennt ſie Groll oder mit einem andern Namen, es bewegt ſich in mir ein Gefühl, das nicht weniger kampf⸗ luſtig iſt, als das der Tournier⸗Ritter. Ihr habt der Herzogin und ihres Strebens gedacht, das Unrecht ihres Gemahls an Anderen wieder zu ſühnen, Ihr habt den — — 14— Hanſtein genannt, wundert es Euch nun, wenn ich da⸗ ran denke, daß mir ein zweifaches Unrecht geſchehen iſt?“— „Seid kein Schwärmer“— ſprach der Rathsherr— Ihr denkt an des Maſchmüllers ſchöne Tochter;— da ſie in der Herzogin Schutz und Dienſt gekommen und die hohe Frau geſtern Abend eingetroffen iſt, ſo werdet Ihr ſie heute vielleicht ſehen.“ „Iſt es denn eine Gnade der Herzogin, daß ſie das Mädchen in Harſte feſthält und ſich zum Dienſte befiehlt, um ſie etwa einem Diener zum Lohne zu geben? Ich hätte die Gertrude ſchon ſelber ſchützen wollen, wenn ich ihrer nur hätte anſichtig und habhaft werden können; und hätte dem Amtsvogte oder dem Junker von Hanſtein oder einem andern Herrn Heckenritter jemals wieder nach dem füßen, friſchen Bürgerblut des Mädchens von der Maſch⸗ mühle gelüſtet, ſo hätte er ſie mitten aus Göttingen heraus⸗ holen müſſen!“ „Ich ſage ja, wir leben in unglücklichen Zeiten“— fiel Tiele Freitag ein—„ein Jeder lebt mitten im Kriege, trotz Landfrieden und Schutzbrief.“— „Habt Ihr denn die Tochter des Maſchmüllers ſchon früher gekannt?“— fragte Werner Roden mit aus⸗ horchender Zurückhaltung eines beſonnenen Mannes;— „Erzählt mir die Geſchichte, ich hörte nur davon gerücht⸗ weiſe ſprechen und der Müller iſt nicht Euer Freund; auch iſt er mit der Tochter Dienſten bei der Herzogin völlig einverſtanden, wie man mir ſagte.“— „Einverſtanden? Ja, weil er nicht ehrlichen Gewer⸗ kes Freund, weil er ein hochfahrender, eigennütziger Mann iſt, der von den Bürgern lebt und nach Gunſt der Ritter und Höflinge trachtet nnd einen von des Herzogs Amt⸗ leuten zum Schwiegerſohn haben möchte, den Vogt zu Grone, durch den er die Mühle dort vom Herzoge für einen Kuppeldienſt zu erwerben trachtet.“— „Leider vergeſſen ſich die Bürger oft in ihrer ange⸗ borenen Natur, Pflicht und Ehre, daß ſie die gemeinſame Sache der Stadt verlaſſen und um Ritter⸗ und Fürſten⸗ gunſt buhlen, des leidigen Vortheils und gemeinen Ge⸗ winnes wegen“— murmelte Freitag. „Laßt am heutigen Feſte keine üblen Gedanken und Stimmungen aufkommen“— fiel Roden ein—„wie ſteht Ihr mit dem Müller und der Tochter, Helmold?“— „Ich will Euch die Sache erzählen; ich habe ſelber nur wenig darüber geſprochen, weil ſich zwiſchen meinen Groll noch ein anderes Gefühl miſcht, das zu empfind⸗ lich iſt, um in der Gilde und vor den Leuten preis ge⸗ geben und begutachtet zu werden. Aber vielleicht könnt Ihr mir helfen;— ſeht die Rennbahn iſt noch leer gleich den Altänen, laßt uns hier noch ein wenig am Schanz⸗ graben gegen das Nicolaithor hinabgehen; den Auszug von der Burg können wir an dem Trompetenzeichen hören und ich ſchaue dem Spiele der Ritter nur zu, um meinen Groll gegen die übermüthigen Tagediebe zu näh⸗ ren, denen ich noch einmal eins anthun muß, früher oder ſpäter— und um— nun ja, um nach Gertruden zu ſpähen.“ 3 „Ihr liebt das Mädchen?“— fragte Werner mit einem prüfenden, aber zugleich warnenden Blicke auf den jungen Bürger,—„dann fangt keine Händel mit den Adligen und Amtleuten an; aus kleinen Liebesaffai⸗ ren entſtehen oft Fehden mit der ganzen Stadt und der Herzog läßt auf ſeine Ritter und Vögte nichts kommen.“— „So vernehmt und beſinnt Euch, was Ihr mir rathet. Es ſind etwa vier Wochen, als ich bald nach Neujahr, mit einigen Genoſſen von der Gilde und an einem Ne⸗ beltage, auf die Haſen⸗ und Hühnerjagd ging; wir waren luſtig und guter Dinge, hatten gute Beute gemacht und ſtreiften weit über die Landwehr in's Feld. Da hörte ich vom Hohlwege her einen Hülferuf von Weibesſtimme; ich ſah im Nebel nichts, hörte aber Hufſchlag und Ge⸗ räuſch wie von Waffen. Ich ſtürzte hin, meine Gefähr⸗ ten mir nach, aber ich kam ihnen weit voraus, ſo daß ich ſie kaum mehr im Nebel hinter mir ſah und nur ihren Ruf vernahm. An einer Hecke hielt ein reiſiger Knappe ſein Pferd an, um zu horchen und mich und die Zahl der Heraneilenden zu erkennen, dann ſprengte er auf die Höhe des Weges, wo aus dem Nebel das Geräuſch eines den Boden ſchlagenden und nicht weiter von der Stelle kommenden Roſſes ſich mit dem Angſt⸗ und Hülfeſchrei eines Weibes miſchte und verſtärkte. Ich dachte nicht anderes, als daß eine Unthat an einem Weibe unſerer Stadt geſchehe, wartete nicht auf das Sammeln meiner Genoſſen und ſtürzte mit Schwert und Armbruſt fort; der Knappe kehrte zurück, um mir den Weg zu verlegen, ich richtete die Armbruſt auf ihn, er war ungepanzert und wendete ſein Pferd, um im Nebel auszuweichen. Ich eilte weiter— da erblickte ich einen jungen Ritter oder Edelknappen, mit einem Mädchen ringend, das er müh⸗ ſam auf dem Pferde zu halten ſuchte; das Mädchen hatte die Zügel gefaßt und dieſe feſt angezogen, der Reiter die Sporen in die Weichen des Thieres gedrückt, das, nicht wiſſend, ob es Zügel oder Sporen gehorchen ſollte, ſich bäumte und den Boden ſchlug.—„Räuber!“— rief ich und richtete den Bolzen auf ihn; auf meinen Ruf er⸗ ſcholl meiner Jagdgenoſſen Geſchrei:—„Wo iſt der Räuber! Nieder mit ihm!“— Der Burſch ſah ſich nach mir um, horchte, ſchien unſchlüſſig, ob er ſich gegen Viele wehren ſolle oder das Weite ſuchen— da ließ er das am Roſſe ſchon halb niedergeglittene Mädchen fallen und ſprengte davon. Dem Knappen, der das Mädchen auf⸗ greifen wollte, ſchoß ich einen Bolzen zu, ich hörte ihn aufſchlagen, das Pferd fuhr zur Seite und brauſete ſchnaubend hinter dem im Nebel verſchwindenden Junker her. Ein himmliſch ſchönes Mädchen lag am Boden;— vom Ringen erſchöpft, aber ſchnell ſich faſſend, das her⸗ abgefallene Haar zurückwerfend und mich ebenſo muthig, wie lieblich anſtarrend, erwartete ſie meine Anrede nicht, ſondern ſprang auf, eilte mir entgegen und rief:—„Seid Ihr ein Göttinger Bürger, ſo ſchützt mich ferner, Ihr ſeid mein Retter, führt mich heim nach der Maſchmühle, dort war ich allein, da mein Vater in der Stadt und meine Mutter zur Taufe in Bovenden iſt; der Ritter kam von der Stadt; ich ſtand vor der Thür, er hielt an, forderte ein Glas Milch, als ich ſie ihm brachte, riß er mich auf's Pferd und ſprengte mit mir feldwärts. Der Mühlknappe hörte im Lärm der Räder meinen Hülfe⸗ ſchrei nicht.“— Ich war erſtaunt über die Schönheit und edle Geſtalt des Mädchens, ich konnte ihr nur in die brannen Augen ſchauen und kein Wort finden— meine 1. 2 — 18— Genoſſen riefen mich, da ſie im Nebel bei dem Verfolgen des Hufſchlages weiter hinausgerathen waren; ich ant⸗ wortete ihnen nicht, ich war in des Mädchens Anblick ſo verloren und ſo wunderbar zu Muthe, daß ich durch eines Andern Nähe oder ein lautes Wort meine Seligkeit zu verlieren glaubte. Sie mußte erkennen, was mich erfüllte, ſie ſah mich groß an, anfangs mit ängſtlicher Miene, dann ſo dankbar und geheimnißvoll lächelnd, daß ich meine Hände auf ihre Schultern legte, mein Geſicht nahe vor das ihrige hielt und ſie anſah, wie ein heiliges Muttergottesbild. Auch ſie war ſtumm geworden und ſchauete ſo tief in meine Augen, als ob ſie in meine Seele lauſche; plötzlich erſchrack ſie, ſandte die Blicke ängſtlich umher und flehte, daß ich ſie ſchnell heim be⸗ gleiten möge. Aus der Ferne erſcholl das Jagdhorn meines Jagdgefährten Hans Gieſeler durch den Nebel, der mit jeder Minute ſtärker wurde; ich gab dem Freunde kein Gegenzeichen, denn ich wollte mit der holden Maid allein bleiben.„Kommt,“ ſagte ich,„der Weg nach der Maſchmühle geht dort hinaus, fürchtet nicht des Ritters Rückkehr, meine Jagdgenoſſen werden ihn vollends ver⸗ ſcheucht haben.— Ihr könnt mir vertrauen, ich bin eines Göttinger Bürgers Sohn. Aber kanntet Ihr den jungen Frevler nicht?“— Sie antwortete im Weitergehen:„er kam von der Stadt, konnte höchſtens zwanzig Jahre alt ſein, und trug auf dem Wappen drei ſchwarze Mond⸗ ſicheln von einander abgekrümmt.“—„Das ſind die Hanſteiner“ rief ich,„die größten Räuber und Wegela⸗ gerer der ganzen Gegend an der Werra, des Herzogs beſte Freunde.“—. 19— „Ja, der alte Rabe iſt des Herzogs Freund und wilder Kumpan“ fiel Tiele Freitag ein,„um deſſen Freund⸗ ſchaft willen er vor ſechs Jahren vom Mainzer Erz⸗ biſchof in den Kirchenbann gethan wurde, weil ſie das ganze Eichsfeld überfielen und plünderten. Ein nichts⸗ würdiges Handwerk und eine Schande, daß der Herzog mit ihnen gemeinſchaftliche Sache machte. Was ſoll man gegen die Ritter zürnen, wenn die Fürſten ſelber rauben, ſengen und brennen.“ „Darum eifert nicht zu laut und frei gegen die Han⸗ ſteiner!“— ſagte Werner Roden.—„Das iſt mein guter Rath, denn der Herzog hält noch immer mit ihnen und ſie werden auch wol beim Tourniere ſein!“ Tiele Freitag ſchien dieſen Rath unwillig zu vernehmen und fiel ſchnell in Roden's Rede mit der Frage ein;„Aber wo bliebet Ihr mit dem befreiten Mädchen und was habt Ihr gethan, daß der Müller ſein Kind in der Herzogin Schutz gab?“— „Ich wollte das herrliche Mädchen heimführen und durch meines Herzens kühnere Rede vertraulich machen und mir des Vaters Ja ſelber holen; ſie faßte Muth und Zutrauen und geſtattete mir, ſie an der Hand zu führen.“ „Ihr entbranntet in Liebe zu ihr;— das ſchlagt Euch aus dem fröhlichen Sinne, denn es könnte eine üble Wen⸗ dung nehmen!“ ſagte Roden.—„Möglich, daß der Han⸗ ſteiner das Mädchen vergeſſen hat, aber er wird nicht den Groll auslöſchen, daß er vor einem jungen Bürger hat die Flucht ergreifen müſſen. Hätte er Euch in dem Nebel erkannt oder erführe er, wer Ihr ſeid, ſo möchte es Eure Perſon und wol gar die Stadt vergelten müſſen.“ — 2* — 20— „Ja, ich liebe Gertrude Blote und kann nicht ruhig werden!“ rief Helmold,—„und wenn ich das Mädchen von der Herzogin ſelber fordern ſollte, oder dem Groner Vogte und der ganzen adligen Sippſchaft den Abſage⸗ brief hinwerfen müßte.“ „Nicht zu eifrig junger Freund!“ ermahnte der Raths⸗ herr mit erhobenem Finger;—„es giebt in Göttingen vieler guter Bürger hübſche Töchter, die beim Bolzen⸗ ſchießen und am Meiertage die blanken Augen auf Ench richten. Es iſt ein gefährlich Ding, um ein Mädchen zu ſtreiten, das die Adligen, die Amtsleute und gar der Her⸗ zog für einen ihrer Vaſallen und Gehülfen beſtimmt haben; ſie ſind die Gewalthaber und die Herzogin iſt nicht Herrin über ſie. Erzählt Eure Geſchichte zu Ende, dann will ich Euch ſagen, was ich davon weiß.“ Berthold Helmold ſah finſter zu Boden; der alte Tiele Freitag aber ſprach:„Ihr ſeid zu beſorgt, Werner, daß irgend ein neuer Zwiſt mit dem Herzoge und der Stadt ausbrechen könne,— aber eines Mädchens wegen wird Otto nicht den Frieden brechen, er ſinnt nur auf Vortheil und Gewinn.“ „Kann er nicht aus jeder kleinen Urſache Händel an⸗ fangen?“ fiel Roden lebhafter ein,„kann er bei ſeinem Starrſinn, der jedes Bürgers eigenen Willen für Trotz hält, nicht leicht unſere Privilegien und Verbriefungen angreifen? Ich danke dem Himmel, daß er ſeit zwei Jah⸗ ren Ruhe hält und das Privilegium achtet, das er uns, auf unſer anſehnlich Geſchenk von 450 Mark löthigen Silbers, am Donnerstage vor dem heiligen Margarethen⸗ tage 1368 brieflich gegeben hat und durch ſein heutiges großes Tournier als ein Zeichen der Gunſt neu beſiegeln will. Wie leicht kann er die Mühlen, die wir gebraucht haben, die Landwehren, die wir baueten, den Zoll am äußeren neuen Thore, unſere eigene Gerichtsbarkeit, wo⸗ nach jeder Bürger nur vom Rathe gerichtet werden und kein herzoglicher Amtsdiener ferner einen Bürger mehr aufgreifen, wegführen oder verurtheilen, oder Laud und Dorf pfänden darf, durch böſen Willen umwerfen, ſchmä⸗ lern und uns in neuen Streit treiben! Was helfen uns die Zeugen, die unſer Privilegium urkundlich mit unter⸗ ſchrieben haben, der Hermann von Colmar, der Ritter von Gladebeck und der Mündener Bürger Hans Helm⸗ brecht, wenn der Herzog willkürlich handeln will? Die vielen Ritter, die heute zum Tournier in unſere Stadt gezogen ſind, ſtehen ihm mit Reiſigen und Mannen jeder⸗ zeit bei und ſeine Gunſt, die er der Stadt durch dieſes Feſt erweiſet, iſt zugleich ein Schauſpiel, das uns an ſeine Macht und Uebergewalt mahnt.“ „Ja, Werner, das letztere glaube ich; auf die große Gunſt gebe ich nichts; dem Privilegium und dem ganzen Landfrieden traue ich nicht und des Herzogs gnädige Zu⸗ ſage, künftig Euer Haus ehren, über Eure Schwelle tre⸗ ten und Euren Sohn, wenn Gott Euch damit ſegnen möchte, aus der Taufe heben zu wollen, bleibt wol nur zur Ehre Eures Hauſes und Weibes ein geſprochenes Wort und er hat, wo es ihm nicht nach dem Sinne ging, ſchon manchmal ſein Wort nicht gehalten.“ „Haltet mich nicht für einen Verräther an meinem Hauſe und an der Bürgerſache, eitler Fürſtengunſt und gemeiner Ehre eines begnadigten Knechtes wegen!“ ver⸗ 3 4 ſetzte Roden faſt beleidigt;„hat es dem Herzoge gefallen, mir ſeine Gnade darzubieten, ſo nehme ich ſie in Ehr⸗ barkeit als ein Geſchenk für Rath und Stadt an, nim⸗ mer aber würde ich auf Seiten des Quaden ſtehen, wenn er unſeren bürgerlichen Rechten auch nur um eines Mäd⸗ chens wegen und um eines Schillings willen Abbruch thun möchte. Ich halte aber dafür, daß friedliches Ein⸗ vernehmen das größte Glück der Stadt iſt, denn unſer Handel und Gewerk ſind nur im Frieden gedeihlich und wer vor der Hölle wohnt, muß mit dem Teufel gut Freund ſein; Ihr, Tiele, ſeid ein geſchworner Gegner des Herzogs und der Ritter; ich ehre Euren Siun für Bür⸗ gerfreiheit und gutes Recht der Städter, Ihr ſagtet ſelbſt, daß unſere Zeit eine ſchlimme ſei; nun ſo laßt uns die Zukunft beſſer machen, indem wir in kluger Ruhe und mit mancherlei kleinen Opfern für den Frieden, unſeren Wohlſtand im Stillen mehren, unſere Macht verſtärken und unſeren Boden durch Kauf⸗ und Pfandbrief vergrö⸗ ßern, denn nur diejenige Zeit nenne ich glücklich, wo die Städter frei und ſtark ſich ſelbſt regieren nnd die Bür⸗ ger mächtiger als die Ritter ſind. Und wenn die Städ⸗ ter ſtark und reichsunmittelbar werden, dann fallen die Burgen der Adligen wie Strohhäuſer, und was das Schwert der Bürger nicht ſtürzt, das bringt die Armuth der Ritter einſt gewiß zu Ende. Aber nun laßt uns das heutige Feſt nicht mit argen und finſteren Gedanken trü⸗ ben; beendigt Eure Geſchichte, Helmold, ich kann Euch dann vielleicht darauf mit gutem Rathe dienen.“ „Ich freue mich Eures Wortes, Werner, wir ſind — 23— gleicher Meinung!“ ſagte Tiele Freitag befriedigt, die Hand des Freundes drückend. „Und ich merke,“ begann Berthold Helmold,—„daß Ihr mehr von meiner Sache wiſſet, als Ihr vorhin ſcheinen wolltet; ſo hört das Ende und dann rathet mir. Genug, es war ein Hanſteiner, der des Müllers ſchöne Tochter als gute Raubbeute heimführen wollte. Ich redete weiter mit der neben mir Schreitenden, deren Eile ich durch meine Rede und Hand auflhielt, ich fragte nach ihrem Namen, bot mich an, ſie fernerhin zu ſchützen, auf der Mühle öfter einzukehren und forderte in kühner Luſt an ihrem Anblicke, den Lohn meiner rettenden Hülfe, in⸗ dem ich ſie bat, mich freundlich und aus dem Herzen an⸗ zuſchauen. Ach! ſeufzte ſie, ich möchte Euch zwar ver⸗ trauen, daß Ihr mich ferner ſchütztet, ich befinde mich in großer Noth, aber———. Sie hatte noch nicht aus⸗ geſprochen, als aus dem Nebel Pferdegetrapp näher und näher ſcholl.„O Gott! er kehrt zurück, das ſind mehr als zwei Pferde!“ rief Gertrude zum höchſten erſchrocken und wußte nicht, ob ſie ſich an mich klammern oder da⸗ von ſtürzen und im Nebel ſich verbergen ſollte. Ich hielt ſie feſt, um ſie hinter ein Haſelgeſträuch zu ziehen und mich dort mit ihr zu bergen. Das Horn meines Jagd⸗ gefährten Gieſeler erklang aus der Ferne, viel weiter als vorhin. Die Reiter waren ganz nahe heran gekom⸗ men, ich hörte ſie ſprechen; da tauchte ein ſchwarzer Rappe mit einem gewaffneten Manne vor uns aus dem Nebel hervor. Er ſtutzte, ſein Pferd ſcheuete und that einen Seitenſprung von der Haſelhecke abwärts; ſchnell warf der Reiter das Thier herum und als ſeine finſter⸗ — 24— glänzenden Augen uns trafen, waren wir auch ſchon von Reiſigen umringt. Ich erkannte den Vogt von Grone, den wilden Hans Druchtleif, der dem Herzoge einſt auf der Jagd das Leben gerettet und in ſeiner beſonderen Gunſt ſtehen ſoll.—„Was ſehe ich? des Maſchmüllers Tochter!“ rief er—„heda, faſſet den Burſchen, hebt mir das Mädchen auf's Pferd!“— Da zog mich, noch ehe die Knechte des Vogts Befehle ausführen konnten und einer von ihnen vom Sattel ſtieg, das Mädchen an des Vogts Pferd und rief:„Thuet ihm kein Leid, Herr, er iſt eines Göttinger Bürgers Sohn; er hat mich aus des Räubers, des Hanſteiners Händen befreit, danket ihm dafür in des Herzogs Namen!“— Der Vogt ſah das Mädchen mit liſtigem, wohlgefälligen Lächeln an, dann ſchleuderte er einen flammenden Blick auf mich, ach⸗ tete meiner Rede nicht und rief höhniſch:„Der Burſch trägt Armbruſt und Jagdgeräth und iſt über die Land⸗ wehr der Stadt hinaus auf herrſchaftlichem Revier be⸗ troffen;— wenn ich ihn mitnehme und in das Hunde⸗ loch zu Grone ſtecke, ſo thue ich nach des Herzogs Be⸗ fehl und meines Amtes Pflicht. Da Ihr aber, ſchöne Gertrude, für ihn bittet, ſo will ich Euren Liebesdank ver⸗ dienen und ihn laufen laſſen.“— Und mit einem Winke zu den Knechten rief er:„Nehmet ihm das Jagdgeräth und die Armbruſt weg, ſuchtelt ihn und laßt ihn laufen.“ Es entſtand ein Kampf; ich ſetzte mich zur Wehr, rief des Herzogs Landfrieden an und behütete dabei das flehende, händeringende Mädchen; ich erkannte an ihrer Rede und Angſt um mich, daß ich ihr nicht gleichgültig geworden ſei; da ritt mich ein rieſiger Knecht nieder und — 25— ich fühlte einen Schlag im Nacken; ich mußte betäubt ge⸗ weſen ſein, denn als ich wieder zu mir ſelbſt kam, waren Reiter und Mädchen verſchwunden, Armbruſt und Jagd⸗ geräth fort und das Horn meiner Genoſſen erſcholl in der Ferne. Ich raffte mich auf, folgte dem Tone und traf mit ihnen mitten auf dem Felde zuſammen. Ich er⸗ zählte ihnen die Ereigniſſe, hatte aber ein ſeltſam Gefühl, das mich zwang, meine Freude und Unruhe über das Mädchen zu verſchweigen. Sie waren entrüſtet über meine Behandlung und den Raub meines Geräthes und woll⸗ ten Klage führen bei Gilde und Rath, aber ich beſchwich⸗ tigte ſie, es nicht zu thun, da der Vogt doch Recht be⸗ halten würde und ich allerdings jenſeits der Landwehr auf herrſchaftlichem Jagdrevier betroffen worden ſei— im eigentlichen Grunde aber konnte ich es nicht über mich gewinnen, mein Gefühl zu dem Mädchen mit dem öffent⸗ lichen Gerede der Leute zu vermiſchen und ich dachte, im Stillen eine glücklichere Jagd auf fremdem Felde nach Gertrudens Herzen zu wagen.“ Tile Freitag hatte mit geſteigerter Aufmerkſamkeit und der Geberde des Unwillens zugehört und den Raths⸗ mann herausfordernd angeblickt. Er wollte eben ein eifriges Wort bei lebhaft funkelnden Augen und rötheren Wangen beginnen, aber Helmold fuhr fort:—„So ge⸗ ſchah es, daß ich keine Klage erhob und nur meine Ge⸗ fährten davon im Gildehauſe und Bierſtübchen ſprachen. Ich verließ ſie vor der Stadt, um nach der Mühle zu gehen;— Der Vogt war dort, ſeine Kuechte ſtanden neben den Pferden draußen an der Leine. Am nächſten Tage machte ich mich abermals auf den Weg, ich wollte dem — 26— Müller die Geſchichte erzählen und Gertrude ſehen; ich traf ſie nicht; der Müller ſtand vor der Thür und ſchritt mit mir ins Freie, um meinen Eintritt in das Haus zu verhüten; er hörte die Begebenheit mit liſtiger Miene an, dankte gleichgültig und ſagte:„Machet kein Aufſehen von des Vogtes That, er ſteht dem Mädchen durch ſeine Freundſchaft zu mir näher als Ihr, und auch dem Her⸗ zoge.— Laſſet Euch mit dem Geſchehenen genügen, der Vogt war in ſeinem Rechte und reizet nicht der Amts⸗ leute Sinn gegen die Bürger. Meine Tochter kann Euch ſelber nicht für Euren guten Eifer danken, da ſie in der Stadt iſt, um für ihre Hochzeit einzukaufen.“— So mußte ich wieder gehen.— Ich wollte ſie mir aus dem Sinne ſchlagen, aber ich mußte immer wieder an ſie denken und wurde verdrießlich, was ich mir als Aerger über des Vogts Gewaltthat einreden wollte.— Ich ſchweifte einige Male in der Gegend der Mühle umher, hoffend, ich werde der ſchönen Gertrude begegnen, aber ich ſah ſie nicht wieder. Zwei Wochen ſpäter erfuhr ich dann, das der Vogt das Mädchen zum Weibe begehrt und dem Müller als Lohn zugeſagt habe, ihm beim Herzoge die ſchöne Amtsmühle bei Grone zu verſchaffen; da habe der habſüchtige Mann ſchnell einen Handel mit dem Vogte um das Blut ſeiner Tochter abgeſchloſſen und die Hochzeit befohlen. Gertrude aber ſei, in Abneigung gegen den wilden Vogt, entflohen und dieſer habe durch ſeine Er⸗ zählung des Herzogs Sinn, der keinen fremden Willen eines Unterthanen leiden kann, ſo gereizt, das er Be⸗ fehl gegeben habe, das Mädchen aufzutreiben, nach Hauſe zu bringen und dem Vogte anzutrauen. Daſſelbe ſei — 27— auch ſchnell bei ihrem Gevatter, dem Schmidt in Roſtorf angetroffen, nach Hauſe gebracht und eingeſperrt; die Herzogin aber habe Kunde davon vernommen, das Mäd⸗ chen ſich vorführen laſſen und ein ſo großes Wohlgefallen daran gefunden, daß ſie es in ihren Schutz geſtellt und in Dienſte bei ihrer Perſon befohlen habe. So hörte ich von einem Weibe aus Grone, das in unſerem Brau⸗ hauſe kauft. Dieſe Nachricht richtete alle meine Gedanken auf das Mädchen und ich konnte unicht ruhig über ihr Schickſal werden. Ich bildete mir gewaltſam ein, mein Gemüth ſei nur über das Unrecht bewegt, das ihr wider⸗ fahren, aber ich fühlte mich an ihr Schickſal ſeltſam ge⸗ bannt.— Ich konnte mir nicht denken, daß die Herzogin gegen ihres Gemahls Befehl ein Mädchen im Schloß vor der Ritter⸗ und Knappen⸗Gewalt zu ſchützen ver⸗ möge; ich machte mich auf den Weg nach Harſte und horchte bei Reiſigen, Küchenleuten nnd denen, die in der Burg aus⸗ und eingingen, aber man nannte die Geſchichte eine Mähr, das hübſche Mädchen habe ſich ſelbſt der Herzogin angeboten und möge wohl eher um eines ſchmucken Junkers freundlichen Blick buhlen, als ſich vor eines Vogtes Neigung fürchten. Ich fühlte mein Herz zwiſchen Liebe und Enttäuſchung bald heiß, bald kalt werden, ich klagte und zürnte in mir über das Mädchen, ich eilte nach Roſtorf zum Schmid, der die gewaltſame Aufhebung Gertrudens beſtätigte, ich eilte nach der Maſch⸗ mühle, um hier entweder meine Liebe zu ſtärken oder zu begraben. Der Müller empfing mich freundlich, die Frau jammerte nach ihrer Tochter, er verſicherte, daß es ihm nie in den Sinn gekommen ſei, ſein einziges Kind zu — 28— zwingen und das eine andere Liebe zu einem Manne des Hoflagers das Mädchen heimlich fortgetrieben und nach Harſte in die Dienſte der Herzogin gebracht haben müſſe; er belobte meinen guten Eifer für ſein Kind, verſicherte, keine Macht zu haben, gegen den Willen der Herzogin aufzuſtehen und ſtimmte in die Bitten ſeiner weinenden Frau ein, es mir zu danken, wenn ich es wagen und ver⸗ mögen ſollte, ihm die Tochter wieder aus der Herzogin Obhut in's Haus zu führen.— Seht, Freunde, das iſt meine Geſchichte; ich liebe die Gertrude um ſo heftiger, je mehr ich mich um ſie beängſtige und über ihren Willen und ihr Schickſal ungewiß bin.— Die Herzogin iſt geſtern mit großem Gefolge auf dem Bollrutz eingetroffen, ich gehe eigentlich nur zum Turnier, um nach Getruden zu ſpähen und, wenn ich ſie erkenne und ihr Blick nach mir ſucht, ſie um jeden Preis zu erbeuten, oder, wenn ſie ſich im Blicke eines Anderen gefällt, meine Liebe eine Thor⸗ heit zu nennen und mich wieder in meinen alten Frohſinn zu verſetzen.“— Werner Roden blieb ſtehen und ſah ſeinen jungen Begleiter zur Rechten mit freundlichem Ernſte an.„Ich will Euch Beſcheid und Rath geben“— ſprach er, die Ungeduld zum Aeußern ſeiner Gedanken, die der ältere Tile Freitag durch Geberden und Mienen kund gab, durch eine ſanfte Handbewegung beſchwichtigend.—„Hört mich, Berthold; ich ſetze voraus, das Ihr die Bürgertugend der Ruhe und Beſonnenheit auch in Eurer zärtlichen Leidenſchaft üben wollt. An der Geſchichte mit dem Vogt iſt viel Wahres; ich weiß daß der Maſchmüller um die Groner Amtsmühle mit dem Vogte gefeilſcht hat und ſeiner Tochter Schönheit verhandelt ſein mag. Daß der Vogt den Handel abgebrochen, der Müller gern durch Euren Liebesmuth die wirklich entflohene Tochter wieder in die Gewalt haben und ſie dem Vogte unter des Her⸗ zogs Gunſt und Willen überliefern möchte, glaube ich auch;— ſeht Euch vor, der Herzogin Schutz zu ver⸗ ſcherzen; gegen ihre ſanfte Gewalt iſt auch die rohe Macht des Herzogs oft ohnmächtig;— erſt erfahret, ob das Mädchen Euch oder einen Andern liebt, dann ſucht ſie von der Herzogin zu gewinnen. Ich hörte von unſerem Patrizier von Uslar, der mit im Rathe ſitzt, daß die Her⸗ zogin des Müllers Tochter gewaltſam dem Herzoge ent⸗ nommen und in ihre Gemächer gebracht und mit ſich auf die Reiſe nach Caſſel genommen habe, weil Otto beim An⸗ blicke des Mädchens ſelber in Gluth entbrannt und der Abſicht geweſen ſei, ſeinem Vogte die Blüthe wegzunehmen und ihn dann ſpäter mit der Frucht zu begnadigen.“ —„Ha! Teufel und“——— „Mäßigt Euch“— fiel Roden dem mit geballter Fauſt auffahrenden Helmold würdig in das begonnene Fluchwort,—„die Herzogin iſt ſchon Vielen eine milde Tröſterin geworden, wo ihres Gemahls unruhiger Sinn und ſeine ſchnelle Hand Wunden geſchlagen haben.“— —„Zur Buhlerin hat er das Mädchen machen wollen?“ begann Tiele Freitag hitzig;—„hat er doch nicht An⸗ ſtand genommen, zwei ſeiner natürlichen Söhne öffentlich als ſein Blut anzuerkennen, den Heinrich von der Linden, und den Johann Worſtenacker, wie er ſie genannt hat und die er ſogar für ſeine Dienſte aufwachſen laſſen will;— welch' eine Schmach für die Herzogin!— Aber — 30— Ihr rühmtet vorhin das gute Einvernehmen der Stadt mit dem Quaden und daß er unſere Verſöhnungsurkunde in Achtung halte;— ſagt, iſt es nicht ein Bruch und willkürlicher Frevel an unſerem Privilegium, daß ein Hanſteiner eines Müllers Tochter aufgreift, der Groner Vogt einen Göttinger Bürger mißhandelt und ihm ſein Jagdgeräth raubt, und der Herzog ein Mädchen, das unter dem Schutze des Rathes ſteht, gewaltſam nach ſeinem Schloſſe Harſte ſchleppen läßt? Seit die Göttinger vor ſechsundſiebenzig Jahren den Muth hatten, die Burg der Ritter von Grone zu zerſtören und der Erde gleich zu machen, ſcheint der Muth gegen die Adligen auch ein⸗ gefallen zu ſein.“— —„Ihr möchtet wol, daß die Stadt wegen des Groner Vogtes und des Mädchens einen Fehde⸗ und Abſagebrief an den Herzog ſchriebe?“ verſetzte Roden;—„habt Ihr vergeſſen, daß die Stadt für ihren Zug gegen Grone einen fünfunddreißigjährigen Proceß geführt, anderthalb⸗ hundert Mark löthiges Silber für den Sühnbrief an die Herren von Grone zahlen gemußt und, wegen einer zer⸗ ſtörten Kapelle an der Burg, einen geiſtlichen Proceß und Bann von Propſt und Official zu Nordheim oben⸗ ein erlitten und endlich den Frieden und die Abſolution theuer errungen hat, daß ſie dem Erzbiſchof von Mainz den Aufbau einer neuen und ſchönern Kapelle gelobte? Nein Tiele; Rath und Bürgerſchaft ſind des Haders und der weltlichen und päpſtlichen Proceſſe müde;— ſeht, wie das Volk fröhlich und wohlgemuth nach der Renn⸗ bahn zieht und um den Bollrutz ſteht; hätten wir nicht Frieden, ſo hätten wir nicht im letzten Jahre unſer Rath⸗ —:—— — 31— haus auf dem Markte in Quaderſtein zu bauen beginnen und die dreizehnhundert und etliche Mark Silber nicht haben können, die es, wie unſere Baumeiſter Ellinghauſen und Albrecht Holzhauſen taxiren, koſten wird. Wir haben unſer neues Rathhaus im Zeichen des Löwen begonnen, ſowol weil er das Wappen der Stadt iſt, als um anzu⸗ denten, daß unſere Bürgerſchaft dereinſt ſtark und ge⸗ fürchtet werden ſolle. Wohin Ihr blickt, da trefft Ihr auf Zeichen friedlichen Segens;— ſeht das neue Bäcker⸗ gildehaus an der Ecke des Marktes an, das die Gilde⸗ meiſter Johann Decken und Johann Billinghauſen von Grund aus neu aufrichteten und wo täglich Weizen⸗ nnd Roggenbrod feil und im Keller eine Garküche iſt, wo jeder Göttinger alle Tage und allezeit außer Freitag und Mittwoch Brot und Fleiſch haben kann.“ —„Man läßt uns erſt die Wirthſchaft gut einrich⸗ ten, um dann eine beſſere Beute zu finden“— ſagte Tile Freitag;—„ich traue dem Landfrieden nicht; ein Wolf kann ſich plötzlich nicht in ein Schaaf wandeln.“— „Ihr verderbet Euch durch Mißtrauen und böſe Pro⸗ phezeiung die Freude an der Gegenwart, Tiele,— daß der Herzog ſeinen Jugendübermuth ausgeſtürmt und unter der ſanften Margarethe einen milderen Sinn gewonnen hat und ſich vor neuem Bannſtrahl hüten wird, glauben viele Göttinger mit mir; er hat es ruhig geſchehen laſ⸗ ſen, daß wir einen eigenen Büchſenmeiſter angenommen haben, der uns Schießpulver zu machen lehren und nöthi⸗ genfalls mit dem Rathe in den Krieg ausziehen ſoll und er hat über unſere gute Kriegsverfaſſung gegen den Herrn von Uslar ſein Wohlgefallen geäußert.“ „Glaub's!— ja, er wäre nicht der Quade, wenn er anders thäte; ich traue ihm auf keine drei Schritte; er wird die Stadt ſchon gebrauchen und, ohne eigene Unko⸗ ſten gerüſtet, zu ſeinem Dienſte rufen, wenn es einmal mit den Hildesheimern, Braunſchweigern und Eichsfel⸗ dern auf's Neue losgeht.“- Berthold Helmold hatte ſich um dieſes Geſpräch nicht bekümmert, er war gedankenvoll nebenher geſchritten, da ihn ſeines Herzens eigene Angelegenheit zu ſehr beſchäf⸗ tigte. Er war eines reichen Brauers einziger Sohn, ſein Vater war vor Jahresfriſt geſtorben und er verwaltete ſein Geſchäft und Erbtheil völlig unabhängig. War er früher ſchon der Waffenfähigſte und der Kampfluſtigſte in der Stadt geweſen, ſo war ſein Sinn durch das neu⸗ liche Ereigniß nur noch begieriger geworden, ſeinen Groll gegen Ritter und Vögte bei irgend einer Gelegenheit zur That werden zu laſſen. Daß er ſich in dieſer Stim⸗ mung mehr zu dem älteren, unzufriedenen Tiele Freitag, als zu dem vermittelnden und verſöhnlichen Werner Roden hingezogen fühlte, war natürlich. Ein Trompetenſignal, das von den Zinnen des Boll⸗ rutz über die Stadt ſchmetterte, und dem eine geräuſch⸗ vollere Bewegung in den Gaſſen und ein eiligeres Drängen der feſtlich frohen Leute folgte, unterbrach Freitags Rede und den langſamen Gang der drei Bürger, die vom Walle wider die Richtung gegen die Rennbahn eingeſchlagen hatten. — Der Herzog zieht aus!“— riefen die Stimmen der Vorübereilenden, die einen Platz auf dem Zuſchauer⸗ raume der Rennbahn, oder an einer Straßenecke, um den — 332— feſtlichen Zug vorüberziehen zu ſehen, noch zu erreichen ſuchten. —„So laßt uns nach der Bahn gehen,“— nahm Werner Roden das Wort;—„das Tournier beginnt weit ſpäter, als es angeſetzt worden iſt.— Ah! Hennig Rauſchenplaten! Kommt ihr vom Bollrutz? Was heißt's, daß der Herzog ſo lange auf der Burg weilt?“— Der Angerufene, ebenfalls ein angeſehener Vürger der Stadt und Gildemeiſter der Krämer, trat heran; ein rieſig großer Mann, mit langem Knebelbarte, muthigem, großen ſtark gebauetem Geſichte, in reichem Wammes von Sammet, hellgrünem, verbrämten Mantel und mit langem Schwerte an der Seite.„Kommt“— ſprach er—„laßt uns die für Rath und Gilde beſtimmten Plätze ſuchen, die ganze Stadt iſt auf den wetren. die durch's Loos beſtimmten Rathsmänner und Gildemeiſter erwarten am Bollrutz den Herzog, die Frauen und Jungfrauen harren am Thore der Burg, um die Herzogin zu begrüßen; Eure ſchöne, junge Frau, Werner, ſticht den Rittern ſehr in die Augen und wird Euch ein gnädiges Wort der Herzogin zuwenden; wie ich wohl geſehen habe, trägt ſie den Teppich, den die Göttinger Weiber gefertigt haben und der Margarethe hauf den Weg breiten wollen, wenn ſie auf dem Zelter das Burgthor paſſirt und von der Zugbrücke auf ſtäd⸗ tiſches Erdreich tritt.“— Der Rathsmann hatte kein Wahlgefalen an der ebenſo ſchmeichelnden wie ſpöttiſchen Rede des rieſigen Gilde⸗ meiſters genommen, aus der wir entnehmen dürfen, daß doch der Rathsmann bei den Freunden und vielleicht in weiteren, bürgerlichen Kreiſen im Rufe ſtehe, als ſtrebe Maltitz, Herzog. 1. 3 — 32— er ehrgeizig oder aus beſonderem Hange zu gutem Ein⸗ vernehmen, nach der Hof⸗ und Rittergunſt, oder daß die Zuſage des Herzogs, des ſchönen Weibes künftigen Sohn aus der Taufe heben zu wollen, Neid in der Stadt er⸗ regt habe. Mit einem ernſten Blicke, der eine ſchnelle Wolke des Unwillens durchflog, hörte er nicht weiter auf die Aeußerung des Gildemeiſters, ſondern fragte ſchnell und entſchieden:„Was wißt Ihr davon, warum das Tour⸗ nier ſo lange zögert?“— — Es ſind viele Ritter und Edeldamen auf den Bollrutz befohlen; in dem Ritterſaale iſt viel Bewegung und man ſagte, daß der Herzog einen Knappen, der geſtern Abend bei der Tournier⸗Vesper den Preis gewonnen habe, mit dem Ritterſchlage in ſeiner eigenen Hofburg aus⸗ zeichnen wolle.“ —„Wieder ein neuer Gegner des Bürgerthums“— murmelte Tiele Freitag. —„Man ſagt, ein Junker von Hanſtein ſei der Be⸗ günſtigte,“— fuhr Rauſchenplaten im Weitergehen fort. —„Hanſtein?“— rief Helmold, aus ſeiner ſchein⸗ baren Theilnahmloſigkeit ſich lebhaft aufrichtend. —„Ja, ein ſolcher mußte es ſein,“— ſagte Freitag mit lächelndem Groll—„der Hanſtein iſt ja das Raub⸗ neſt lange genug geweſen, wo die Ritter der Gegend ihre Beute zuſammen ſchleppten und der Herzog mit ihnen theilte. Ihretwegen iſt er in den Bann gethan und es iſt die Ehre, welche er dem Hanſteiner Hauſe erzeigt, ein ungünſtig Merkmal für die Wahrheit ſeines Landfriedens.“ —„Hört die Muſik,“— rief Roden—„der Zug hat begonnen, ſeht, die reiſigen Knappen ordnen ſich in der Bahn und die Grieswärtel machen Platz vor den Schranken. Nun laßt uns fröhlich ſein mit den Fröh⸗ lichen und daran feſthalten, daß uns die Ritter heute ein Schauſpiel geben und wir die Zuſchauer ſind, die ſich darob ergötzen und den Beſiegten auslachen dürfen.“— Man gelangte an die Stechbahn. Helmold's Blicke ſuchten die mit rothen Decken und Baldachinen geſchmückten Altane für die Edeldamen und deren Begleitung, und indem er nur von dem einen Gedanken getrieben wurde, ſo nahe als möglich jenen Plätzen zu kommen, drängte er in der Menge des verſammelten Volkes vor, verlor ſeine Begleiter und erklomm einen Raum auf der oberen Tribüne, von wo er die Zeltſitze der Herzogin ſchauen konnte.— Zweites Kapitel. In der herzoglichen Burg zu Göttingen ging es an dieſem Morgen laut und glänzend her. Ritter und Knappen hielten bereits zu Roß mit Bannern und Waffen im in⸗ nern Schloßhofe, um den fefſtlichen Zug zum großen Tournire zu erwarten und ſich zum Spiele der Waffen mit Pracht und heiterem Muthe zu rüſten; eine andere Zahl von Rittern weilte in den Räumen des Schloſſes und ihre Streitroſſe, an der Hand der Reiſigen, ſtampften ungeduldig den Boden; blanke Rüſtungen, geſtickte Waffen⸗ röcke mit dem heraldiſchen Zeichen des Familienſtammes, 3 1 3 — 36— köſtliche Schabracken, ſchöne Rappen, wehende, farbige Helmfedern und blitzende Schilde feſſelten das Auge der von den Fenſtern niederſchauenden Damen, vor denen manche Lanze und manche eiſerne Hand ſich im Gruße huldigend neigte; Schwerter, Speere, Kolben, Streitäxte und Schilde ſchlugen von Zeit zu Zeit im klingenden Geräuſche zuſammen, wenn vom Fenſter des Ritterſaales ein Zeichen gegeben wurde, daß dort irgend eine Bege⸗ benheit den draußen harrenden Rittern angezeigt und von ihnen getheilt werden ſollte. Hier im Burghofe harrten nämlich diejenigen Ritter mit ihrem Geleite, welche auf das ausgeſchriebene, große Tournier, aus der Nähe und Ferne herbeigezogen waren, um, nachdem ſie ihre Tournir⸗ fähigkeit bekundet haben würden, ihr Glück in der Renn⸗ bahn und ihre Luſt am Waffenſpiele zu üben, während in den Feſtſälen des Schloſſes diejenigen Grafen und Ritter Herberge und Gaſtfreundſchaft genoſſen und auch heute im Ritterſaale verſammelt waren, welche der Herzog Otto als ſeine beſonderen Freunde und Günſtlinge zum Feſte eingeladen hatte. Die erſteren Ritter, die bereits geſtern in Göttingen eingezogen und in Gaſthäuſern und Edelhöfen der Stadt abgeſtiegen waren, hatten ſchon zur frühen, feſtgeſetzten Zeit ihre Herbergen im beſten Schmucke ihrer Rüſtungen und Wappen, und mit Fähnlein tragen⸗ den Knappen begleitet, verlaſſen und ſich auf dem innern Schloßhofe geſammelt, um ſich dem feſtlichen Zuge an⸗ zuſchließen und denſelben zu vervollſtändigen. Sie hatten aber bereits über die beſtimmte Stunde gewartet, als ein Herold des Herzogs im Schloßhofe erſchien und öffentlich verkündigte, daß der Herzog den verſammelten, zum Schilde geborenen Herren zu Roß ſeinen gnädigen Gruß entbieten und ſie einladen laſſe, noch eine Zeit lang zu ſäumen, da der Herzog gewillet ſei, dem Edelknappen Hermann von Hanſtein, der ſich geſtern Abend in der Tournier⸗Vesper männlich hervorgethan und ſeiner Waffe und ſeinem Wappen Ehre angethan habe, eigen⸗ händig den Ritterſchlag zu ertheilen, um ihn fähig zu machen, auch heute beim Herren⸗Stechen mit in die Schranken reiten zu dürfen.“ Dieſe Nachricht erregte, obgleich ſie das Tournier ver⸗ zögerte, eine frohe Stimmung bei den harrenden Rittern, da ſie nicht nur von des Herzogs guter Laune und Liebe zum Ritterthum Kunde gab, ſondern auch auf eine weitere Ausdehnung des Feſtes und der Gaſtereien zur Ehre des neuen Ritters hoffen ließen. Bei manchem anweſen⸗ den Ritter mochte ſich auch bei des Herolds Worten noch ein anderes Gefühl der Befriedigung regen, denn die Han⸗ ſteiner, auf der feſten Burg an den ſteilen Ufern der Werra, waren als die gefürchtetſten Raubritter bekannt, welche ihre Kunſt der Waffen, die ſie auf Stechbahnen und in Tournieren übten, nicht immer in ehrlichem Kampfe oder ritterlichem Ehrenſpiele, ſondern vielmehr gegen den Handel⸗ und Gewerbefleiß der Städte des Eichsfeldes und des benachbarten Thüringens anwendeten und der feſte Hanſtein war der Platz, von dem aus ſie, mit an⸗ deren Rittern, ihre Raubzüge gegen Nordhauſen, Erfurt Mühlhauſen, Heiligenſtadt und Witzenhauſen begingen, von wo aus ſie auf der Landſtraße den Wagenzügen auf⸗ lauerten, die Wagen und Taſchen plünderten, die ſtäd⸗ tiſchen Bedeckungen niederwarfen, die Kaufleute und Bürger mit ſich fort in das Burgverließ ſchleppten und ſo lange gefangen hielten, bis ſie mit ſchwerem Löſegelde losgekauft wurden. Daß nun der Herzog Otto, trotz des Landfriedens, den er, von Städten und kirchlichem 1 Bannſtrahl bedrängt, mehr gezwungen als freiwillig ge⸗„ geben hatte, heute öffentlich und im Beiſein vieler Ritter, dem Hauſe Hanſtein eine ſo große Ehre erwies und einem Sohne des berüchtigtſten aller Raub- und Heckenlagerer eigenhändig den Ritterſchlag geben wollte, war für viele 5 der anweſenden Edelleute ein Zeichen, daß es der Herzog mit dem Landfrieden nicht ſo ernſthaft meine und man das Raubhandwerk nur um ſo kühner und ungefährdeter 1 fortſetzen dürfe. Um die Sitten und Zuſtände dieſer eigenthümlichen Zeit zu verſtehen, ſenden wir den Begebenheiten des heu⸗ tigen Tages eine kurze Schilderung voraus. Das Ritteralter charakteriſirt ſich durch die beiden Dinge, welche Voltaire beſpöttelt und verachtet, durch das Ritterthum und die Religion. In dieſen beiden 4 Elementen lag das damalige Leben begründet, das von den Zauberfäden der galanten und ſchwärmeriſchen Minne und den groben Zügen der materiellſten Roheit durch⸗ woben war. Während das bürgerliche Leben ſich in fanfter Sitte und ſtillem Fleiße abmühete, durch Fami⸗ b lienglück und ehrlichen Beſitz einen geſicherten Boden zu gewinnen, wurde es von Ritterthum und Kirche beherrſcht und willkürlich behandelt, denn was die Raubgier der, aller ehrlichen Arbeit entfremdeten Ritter nicht mit roher Luſt und Gewalt und mit uſurpirten Rechten an ſich riß, das wußten die nicht weniger Habgierigen und trägen Geiſtlichen durch Angriffe auf die Gewiſſensruhe der in religiöſen Vorurtheilen erzogenen Gemüther, durch Liſt, Vorſpiegelung und Androhung kirchlicher Strafen zu er⸗ reichen.— Daß auch die Stadt Göttingen nicht nur von den Rittern, ſondern auch den Geiſtlichen gelitten und mancherlei Beeinträchtigungen erfahren haben muß, erhellt ſchon aus dem Umſtande, daß Rath und Bürgerſchaft bereits den Herzog Otto den Milden angingen, ſie von der Laſt der vielen geiſtlichen Müßiggänger und faulen Mönche zu befreien, die innerhalb der ſtädtiſchen Ringmauern, als Franziskaner in dem Baarfüßer, als Dominikaner im Pauliner Kloſter, als Calandsbrüder in Sanct Jürgen, als deutſche Ritter im Comthur⸗Hofe und als eine große Zahl von Nonnen und niedrigen Geiſtlichen, dem Gemeinweſen der Stadt ſchädlich wurden, indem ſie nicht arbeiteten, ſich von den Bürgern ernähren ließen, unbewegliche Güter von den ſich bereichernden Pfaffen angekauft, dagegen aber Wohlſtand, Kaufhandel und Gewerbe der Bürger von den Bettelmönchen beein⸗ trächtigt wurden, indem jene beſtändig von den Kanzeln dagegen donnerten und die Göttingiſche Meſſe immer mehr aus der Stadt hinaus nach Caſſel predigten.— Die zarteren Züge jener Zeit in dem Zauber der Liebesſchwärmerei und des galanten Minnedienſtes, in der Freiheit des Ritterſtandes und den geheimnißvollen Schau⸗ ern des Aberglaubens, hat die romantiſche Poeſie bis zur Unwahrheit erſchöpfend ausgebeutet. Halten wir uns in dieſem Romane treu an die geſchichtliche Wahr⸗ heit und treten wir in das Leben einer Zeit ein, die, ohne künſtliche, magiſche Beleuchtung, uns ihre Menſchen 40— geſtalten und Ereigniſſe in ihrem wahren Charakter zei⸗ gen ſoll.— Die Ritter waren die adligen Streiter zu Roß und wurden für dieſen Beruf ſchon früh ausgebildet. Mit dem ſiebenten Jahre wurde der Sohn als Edelknabe auf die Burg eines Ritters oder an den Hof eines ritterlichen Fürſten gebracht, der ihn durch einen beſonders dafür an⸗ geſtellten Zucht- und Hofmeiſter, Bubenzüchter genannt, für das Waffenhandwerk erziehen ließ. Es lag aber ſchon im Inſtincte des Zeitgeiſtes, dieſem materiellen, ro⸗ hen Berufe eine edlere ſanftere Beimiſchung zu geben und die Ausbildung gemeiner Kraft und rohen Muthes durch die Erweckung milderer Gefühle zu veredlen; um irgend einen Gegenſtand zu haben, an dem ſich die ſanf⸗ tere Empfindung üben und die geſellige Tugend ausbil⸗ den konnte, ſtellte man das edle Weib als die Gebieterin männlichen rohen Kraft hin, und die galante Minne gewiſſen Schwärmerei des Gefühls, der Dame, ſeiner Ge⸗ bieterin, liebreich hinzugeben, im Winke ihrer Augen ſeine heiligſten Pflichten zu erkennen und ſie durch ſein ganzes Benehmen zu vergöttern. Dabei lernte er aber auch früh den eingebildeten Un⸗ terſchied zwiſchen einem adlig geborenen und einem bür⸗ gerlichen Weibe kennen und ſeinen höhern Geburts⸗ und Berufsſtand darin begreifen, das nur das adlige Fräulein und die Edelfrau die eigentlichen Gegenſtände der ritterlichen Galanterie und feinen Sitte ſeien, und wäh⸗ rend er dieſe übte, betrachtete er das bürgerliche Weib nur als gute Beute ſeiner Luſt und hielt ſie der ſanften Ritterdienſte, falls nicht wirkliche Liebe ihr Naturrecht geltend machte, nicht für würdig. 3 War der Edelknabe in das vierzehnte Jahr getreten, dann wurde er zum Edelknappen erhoben; es fand eine feierliche Meſſe in der Burgkapelle oder der Kirche des Ortes ſtatt, wo auf dem Altare das Schwert lag, das dem, von ſeiner Familie hingeführten Knaben, nachdem es geweiht war, vom Prieſter angelegt wurde.— Als Edelknappe hatte er das Amt, die Waffen ſeines Ritters, dem er untergeben war, zu bewahren, ihm die Rüſtung anzulegen, das Handroß vorzuführen, die Steigbügel zu halten, bei Tiſche aufzuwarten, hohen Gäſten das Waſch⸗ waſſer zu überreichen und auch ſeinen Herrn in Tournier und Fehde zu begleiten. War der Edelknappe einundzwanzig Jahre alt, nach Gunſt und Umſtänden auch früher, ſo wurde er zum Ritter geſchlagen, eine feierliche Ceremonie, der wir bald in üblicher Weiſe und mit beſonderem Glanze im Ritter⸗ ſaale des Bollrutz beiwohnen werden, da der zwanzig⸗ jährige Edelknappe Hermann von Hanſtein am Hofe — 42— Otto's auf Harſte die Dienſte eines Knappen ſeither ge⸗ übt und des Herzogs perſönliches Wohlgefallen gefunden hatte.— Nur ausnahmsweiſe erhielten Edelknappen als Preis der Tapferkeit den Ritterſchlag auf dem Schlachtfelde. Die Tracht der Ritter war eine bevorrechtete und ziem⸗ lich gleichmäßige; über einem gefütterten, nach Ort und Abſicht reicher oder einfacher geſchmückten oder gebauſch⸗ ten Wammes, auch wohl, namentlich im Kampfe, über einem ledernen Koller, trug er die Rüſtung, entweder Panzer oder Harniſch, und Arm- und Beinſchienen deckten ſeine Glieder. Ueber der Rüſtung befand ſich der Waf⸗ fenrock mit dem geſtickten Wappen ſeiner Familie auf der Bruſt. Jede Waffe hatte eine ſymboliſche Bedeutung; der Helm, ausſchießlich dem Ritter eigen, da jeder nicht zum Ritter geſchlagene Mann nur Sturmhauben tragen durfte, war das Symbol der Demuth; die Rüſtung der Bruſt deutete auf Standhaftigkeit, das Schwert war ein Bild des Kampfes für das Kreuz, der Schild, meiſt von Holz, mit Leder und eiſernen Bändern überzogen, mahnte ihn an Beſchirmung; in ſeinem Gürtel trug er faſt im⸗ mer einen kleinen Dolch, allgemein Miſericorde genannt, da er als Symbol der Barmherzigkeit galt; die Sporen bezeichneten Anfeuerung zu edlen Gedanken und guter That. Zog der Ritter in die Fehde, ſo waren die Lanze, das Symbol des geraden Sinnes im Denken und Thun, die Streitaxt, nebſt Streitkolben, Symbole des Muthes und der Stärke, ſeine Waffen neben dem Schwerte. Es waren allerdings ſchöne und gut gemeinte Symbole, de⸗ nen es aber ebenſo erging, wie allen anderen, alter und neuer Zeit; ſie waren todte Worte ohne Lebensthat.—— Die Ritter maßten ſich zu allen Zeiten große Privi⸗ legien an; ſie waren gänzlich abgabenfrei, erhoben aber Steuern von allen Inſaſſen ihrer Beſitzungen und wo dieſe für ihre Bedürfniſſe nicht ausreichten, da raubten und plünderten ſie. Ueberall hatten ſie freien Durchzug durch Stadt, Land, Barre, über Brücken und Zollſteg— ſie ſpeiſeten nur mit ihres Gleichen an der Tafel, bean⸗ ſpruchten allein den Titel„Herr,“ und für die Söhne „Junker,“ hielten große Stücke auf das Wappen, das ſie über dem Burgthore, auf Schildern, Waffenröcken, Ban⸗ nern und Fähnlein zur Schau trugen und die Echtheit der Wappen ſtand unter ſtrenger Prüfung der Herolde, welche ein beſonderes Studium daraus machen mußten. Aber auch die Ritter unter ſich hatten verſchiedene Grade; diejenigen, welche auf dem heiligen Grabe, auf Wallfahr⸗ ten, bei Kaiſerkrönungen in Rom oder auf dem Kampf⸗ felde zu Rittern geſchlagen waren, hießen„würdigſte“— diejenigen, welche dazu gelangten, weil ſie auf eigene Ko⸗ ſten eine Streiterſchaar von mindeſtens zehn Fähnlein dem Fürſten geſtellt hatten, hießen„Bannerherren,“— unver⸗ mögende oder verarmte Ritter bekamen den, übrigens durchaus nicht entehrenden Titel„Baccalaureus,“ lebten von Beute, Preisgeldern, Löſegeld und Geſchenken, oder traten bei Wittwen reicher Ritter in Dienſte als Burg⸗ voigte und Beſchützer. Es gab auch eine große Zahl umherirrender adliger Abenteurer, die als„fahrende Rit⸗ ter“ von Ort zu Ort zogen, um Beute, Ehre und Ruhm zu ſuchen. Wie der Edelknappe ſeiner Herrin, ſo diente jeder Ritter der Dame ſeines Herzens, und oft nur in einge⸗ bildeter Liebe. Im Gegenſatze des Mönchordens, der in der Verehrung der Frauen eine Entwürdigung des Man⸗ nes ſehen wollte, trieben die Ritter die Anbetung des weiblichen Geſchlechtes bis zum Götzendienſte. Jeder Rit⸗ ter hatte eine Dame des Gedankens oder Herzens und ſuchte eine ritterliche Tugend darin, ſich ihren weiblichen Launen unbedingt hinzugeben, ihr zu Ehren zu kämpfen und der galanten oder von natürlichen Gefühlen eingege⸗ benen Minne einen phantaſtiſchen Charakter zu verleihen. Erwählte der Ritter ein adliges Fräulein zu ſeiner Ge⸗ bieterin, ſo erforderte die gute Sitte, das die Dame an⸗ fangs ſtreng gegen ihn war, ihm Abenteuer auferlegte, um durch Muth und Tapferkeit ihre Liebe erſt zu ver⸗ dienen, und der Ritter ſchlug ſich für ihre Schönheit und Vortrefflichkeit auf Leben und Tod. Nicht ſelten wurden auch bereits verheirathete Damen zu Herzensgebieterinnen gewählt, die oft heilig gehalten, oft aber auch den ſinn⸗ lichen Gelüſten nicht fremd waren. Hatte ein Ritter die Liebe einer Dame in der Art erworben, daß er ſie laut und öffentlich als ſolche bezeichnen konnte, dann führte er beſtändig ein Zeichen ihrer Gunſt bei ſich, eine Hals⸗ krauſe oder Leibbinde von ihrer Hand gearbeitet, einen Ring am Finger und ihr Bildniß oder eine Kette oder irgend ein geweihtes Amulet von ihr auf der Bruſt, und ſie gab ihm eine Parole oder Deviſe, welche ihn zur Ritterthat begeiſterte und in Gefahren ermuthigte. Die⸗ ſer Minnedienſt war namentlich bei den franzöſiſchen und italieniſchen Rittern in einem hohen phantaſtiſchen Grade ausgebildet und von den deutſchen nachgeahmt.— Die Ritter lebten, wenn ſie nicht in die Fehde, in Zweikämpfe, Tourniere oder auf Raub und Abenteuer auszogen, müßig und genießend auf ihren befeſtigten Burgen; ihre Wohngemächer und Säle waren verhält⸗ nißmäßig nur klein und unregelmäßig, finſter und eintö⸗ nig gebauet, aber um ſo größer, und oft tief und weit in den Erdboden ausgehöhlt, waren die Kellergewölbe und Bodenräume; Wendeltreppen führten in die oberen Eta⸗ gen und Gallerien, ein hoher Wartthurm, eine beſondere Feſtung innerhalb der befeſtigten, mit Gräben, hohen Mauern und Zugbrücken in ihren Zugängen erſchwerten Burg, erhob ſich aus ihrer Mitte als letzter Zufluchts⸗ ort des Beſitzers, wenn die übrigen Burgräume vom Feinde erobert waren. Jeder Ritter hatte in ſeiner Burg eine Kapelle, worin der Kapellan oder Burgpfaff, der ne⸗ benbei auch alle Schreibereien des Ritters verſah, der ſelten ſelbſt ſchreiben konnte und gewöhnlich mit einem Kreuze oder anderen Zeichen, nebſt dem Wachsabdrucke des Wappens auf ſeinem Schwertknaufe die Schrift ſei⸗ nes Burgpfaffen ſignirte— den Gottesdienſt hielt und die religiöſen Pflichten der Bewohner befriedigte. Das eintönige, müßige Leben des Ritters im Frieden fand nur in der Jagd, in Wegelagerung, übermüthigen Angriffen auf bürgerliche Männer und Weiber, und in Gelagen eine Zerſtreuung, wo Meth, Bier und Wein in Ueber⸗ fluß getrunken wurden, die durch Wegelagerung erbeutet oder, wenn der Ritter ein Schirmmherr irgend eines Kloſters war, von dieſem geliefert zu werden pflegten. So zart und poetiſch nun aber auch der öffentliche Min⸗ nedienſt vor den Augen der Welt war, ſo wenig zart und rückſichtsvoll erſchien das Verhältniß der Männer zu den — 46— Frauen im engeren und ſtilleren Familienleben der Burg;— die Heirath des Fränleins war nur höchſt ſelten eigene Wahl, ſondern meiſtens der Befehl und die Beſtimmung der Eltern, und die verheirathete Frau mußte ihren Gat⸗ ten als unbeſchränkten Gebieter achten und mit dem Worte „Herr“ benennen. In keiner Gegend war das deutſche, edlere Ritterwe⸗ ſen mehr und allgemeiner in ein ehr⸗ und ſittenloſes Raubritterthum ausgeartet, als in den Gegenden der Leine, der Werra, der Oker und überhaupt im Braunſchweigi⸗ ſchen, Hannoverſchen und Heſſiſchen Lande. Die Ritter⸗ burgen Hanſtein, Hohnſtein, Weferlingen, Danneberg, Brakenberg, Harzburg, Twiflingen, Hardenberg Schlie⸗ ſtedt, Steinberg, Linnevörde, Ambleben, Aſſeburg und viele andere Ritterſitze waren, trotz der von Kaiſern, Päpſten und deutſchen Fürſten gegebenen Landfrieden⸗Geſetze zur Steuerung dieſes adligen Unweſens, berüchtigte und von allen benachbarten Städten und vorüberziehenden Rei⸗ ſenden ſehr gefürchtete Raubneſter, die ſich namentlich in der Zeit, wo unſere Geſchichte ſpielt, um ſo ſicherer fühl⸗ ten, als Fürſten ſelbſt auf Raub und Mordbrennerei aus⸗ gingen und gerade im vierzehnten Jahrhundert war es ein allgemein bekanntes Wort: „„Streiten und Rauben iſt keine Schand, Das thun die beſten Hofleut' im Braunſchweigerland, Und ſtehlen wie die Diebe.““ Dies iſt das ſkizzirte Lebensbild jener adligen Men⸗ ſchen, deren Handlungen uns nunmehr in ſchärferen Zügen vor das Auge der Geſchichte und Phantaſie treten ſollen. Im Ritterſale der fürſtlichen Burg zu Göttingen waren — 47— die Ritter und Damen verſammelt, welche vom Herzoge beſonders zum großen Tournier Gruß und Einladung er⸗ halten hatten. Eine ungewöhnliche Pracht herrſchte in den Anzügen der Anweſenden, welche an einer, den beiden Thronſeſſeln gegenüberliegenden Seite des Saales vor den hier befindlichen Reihen hochlehniger und gepolſterter Stühle ſtanden und das Eintreten des Herzogs und ſeiner Gemahlin erwarteten. Diejenigen Ritter, welche perſön⸗ lich am Kampfe in der Rennbahn Theil nehmen wollten, waren in blanker Eiſenrüſtung, mit koſtbaren Waffen⸗ röcken von Sammt und Seide, auf denen farbige, mit Gold und Silber gewirkte Wappen prangten, oder feines Pelzwerk den Wohlſtand des Trägers verkündete; nicht weniger glänzend waren die Damen in ſammetne und ſeidene, reich mit Gold und Silber geſtickte Gewänder gekleidet. Dem Geſchmack der Zeit gemäß, machte das enganſchließende, weit ausgeſchnittene Mieder die Form der weiblichen Büſte geltend, die Taille war eng, der lange Rock ſchlug einen wallenden Faltenwurf um die Füße, die Farben der Schärpen entſprachen den Farben der Wappen oder minnenden Ritter, und ihr köſtlicher Schmuck an Schildereien, Ketten, Spangen, Glöcklein Perlen und Borten erklang bei jeder Bewegung zwiſchen das Rauſchen der ſchweren, langſchleppenden Purpurge⸗ wänder, und das Geklirre der gerüſteten Männer. Hier ſah man auch die Bürgermeiſter von Göttingen, Caſſel, Eimbeck, Nordheim, Duderſtadt, Fritzlar, Goslar und Uslar als eingeladene Gäſte hinter den Reihen der Ritter und Edelfrauen ſtehen, als ein Zeichen, daß Herzog Otto mit den genannten Städten gut Freund ſei. Auch Geiſt⸗ — 16— liche in ihrer einfachen Prieſter⸗ und Mönchstracht hatten ſich eingefunden und bezeugten, daß der Herzog ſeit Auf⸗ hebung des Bannſtrahls, vor ſeiner Vermählung mit der Prinzeſſin von Julich⸗Cleve⸗Berg, auch mit der Kirche ausgeſöhnt ſei, denn Jahre lang hatte kein Auge das geiſtliche Gewand in der Nähe des Fürſten geſehen und die Kapellen ſeiner Burgen und Hoflager waren verödet geweſen.— Das Gemurmel der Anweſenden verſtummte plöͤtzlich, als die an der Saalthür aufgeſtellten Trabanten ihre Hellebarden aufrichteten, die Thür geöffnet wurde und der erſte Herold, der Wappenkönig genannt, von zwei Herolden begleitet, welche jeder ein rothes Banner mit goldenem Löwen trugen, eintrat, ſeinen Stab gegen die a nweſenden Feſtgäſte erhob und zugleich ein Trompeten⸗ ſtoß ankündigte, das eine herzogliche Botſchaft ausgerufen werden ſolle. Der Wappenkönig trug, wie die anderen Herolde und Ceremonienmeiſter, einen rothen, mit ſchweren Borten und Metallſtickereien geſchmückten Wappenrock, auf der Bruſt und dem Rücken mit dem blitzenden Wappen des Herzogs, ihres Herrn. Er begann:—„Würdigſte, theuerſte, beſte und ſtrengſte Grafen, Bannerherren und Ritter, ehrenfeſte, edle und vortreffliche Frauen und Fräulein! Seine herzogliche Gnaden, der erlauchte Herr und Fürſt Otto, Herr von Oberwald und des Landes an der Leine, entbietet Euch ſeinen Gruß und gnädigen Willen, heute vor dem Tournier in beſonderer Gunſt und Feſtlichkeit dem Hauſe des edlen Hanſteiner eine Ehre zu erweiſen und den Sieger der Tournier⸗Vesper den Edelknaben und Pagen des herzog⸗ lichen Hoflagers, Junker Hermann von Hanſtein, nach altem Recht und Brauch zum Ritter zu ſchlagen und Euch einzuladen, Zeugen dieſer edlen Handlung zu ſein!“— Der Wappenkönig ſenkte den Stab und ent⸗ fernte ſich; die Ritter ſchlugen mit den Schwertern auf ihre Schilde als Zeichen der Anerkennung des fürſtlichen Willens; die Damen verneigten ſich, und manches jugend⸗ liche Mädchenauge blinzelte freundlich in ein anderes, die Luſt am ſchmucken, wohl bekannten Junker verrathend, deſſen Auszeichnung man gern beiwohnte. Nach einigen Minuten öffnete ſich die Flügelthür von Neuem und eine Anzahl von Trabanten trat ein, ſich mit gemeſſenem Schritte neben und hinter den Thronſeſſeln und den mit rothem Tuche bedeckten Stufen des fürſtlichen Sitzes, ſowie in der Thür aufſtellend; ihnen folgten Banner⸗ und Fahnenträger, von gewaffneten Reiſigen mit gezogenen Schwertern begleitet, hinter ihnen die Trompeter mit reich ver⸗ zierten Wappentüchern an den langen Inſtrumenten, deren ſchmetternder Feſtmarſch den Saal erfüllte. Der im Ritterſaal ſich geordnet aufſtellende Zug von Bannerträgern und gerü⸗ ſteten Trabanten führte immer vornehmere und glänzendere Perſonen über die breite Schwelle; der Wappenkönig mit meh⸗ reren Herolden ſchritt herein, ihnen folgten weiß⸗ und roth gekleidete Edelknappen und unmittelbar dahinter erſchien in Begleitung zweier völlig gerüſteter Ritter, deren einer zur Rechten drei ſchwarze, von einander abgekehrte Mond⸗ ſicheln in weißem Felde auf dem Wappenrocke trug, wäh⸗ rend der andere zur Linken drei Löwenköpfe im Wappen führte, eine hohe, kräftige und ſtolze Geſtalt in voller blanker Rüſtung, im Helm mit aufgeſchlagenem Viſir, Maltitz, Herzog. I. 4 — 30— mit feſtgebautem, entſchiedenem Geſichte, deſſen lebhafte, große und flammende Augen ſtolz und herausfordernd die Ritterſchaft überflogen, die ſich ehrerbietig verneigte. Schon am Hermelin⸗Mantel, welcher von ſeinen Schultern niederwallte, konnte man den Herzog Otto erkennen, der zwiſchen zwei guten Freunden, zweien der gefürchtetſten Raubritter, dem Herrn Rabe von Hanſtein zur Rechten und dem vom Herzoge mit der alten Harzburg beſchenkten Herrn von Schwiecheldt zur Linken, feſtlich in den Saal einzog, gefolgt von Edelknappen, Bannerherrn, Hofrittern Prieſtern, Herolden und Trabanten. Er nahm ſeinen Platz auf den rothen Stufen der erhabenen Seſſel und ließ den Zug, welcher noch nicht zu Ende war, an ſich vorüberziehen, ſeinen feurigen Blick bald über die Ver⸗ ſammlung, bald nach der Thür richtend, in welche unter fortdauerndem Trompetenmarſche von Neuem Banner⸗ träger, Edelknaben, Herolde und Ritter einzogen. Betrachten wir zunächſt den Herzog genauer. Seine Geſtalt war ſtark, aber ſchlank, man ſah ihm die Kraft und Feſtigkeit an, die ſeine Uebung in Waffen⸗ und Turnſpiel von Jugend auf dem Körper gegeben hatte. Das Geſicht hatte eine längliche Form, von feſtem Kno⸗ chenbau;— ſtark von der Naſenwurzel aufwärtsſteigende Brauen gaben den flammenden Augen eine finſtere, drohende Ueberwölbung, eine große, fleiſchige, gebogene Naſe, ein entſchloſſener, dicklippiger Mund, deſſen vielleicht gutmü⸗ thiger Zug von der Strenge des Ernſtes und der befeh⸗ leriſchen, geſchloſſenen Haltung der ſtarken, hervortreten⸗ den Unterlippe verdrängt wurde, ein ſtarker Bart von hellbraunem Haar, der die Oberlippe deckte und vom — 51— Kinn lang und im wallenden Schweife bis über die Bruſt herabhing, eine aufgerichtete Haltung und ſichere, ſchnelle Bewegung deuteten auf das Selbſtgefühl der Kraft und auf Leidenſchaft des Temperaments.— Der Helm war mit feinen Reliefzeichnungen geziert, eine weiße und rothe Feder wehten auf ſeiner Spitze, eine Schuppenſchiene ſtieg von ihm tief hinab in den Nacken, und an den Schläfen befanden ſich runde Schilder, welche in lange ſpitze Stacheln ausliefen.— Ueber einem Panzer⸗ hemde trug er die glänzende Rüſtung, an dem Gürtel ſteckte rechts der Dolch, links hing an feſter vergoldeter Kette das Schwert, und von den eiſernen Schultern wallte der koſtbare Hermelinmantel bis zur Erde nieder. Arme und Beine waren mit polirten Schienen bedeckt, ſeine Hände mit Schuppenhandſchuhen bekleidet. Der Herzog hatte kaum eine halbe Minute lang von ſeinem erhöheten Platze herab die Ritterſchaft und den Zug, der ihm folgte, überblickt, als die jugendliche Her⸗ zogin Margarethe an der Hand des Grafen Hein⸗ rich VI. von Hohnſtein, des Freundes Kaiſer Karls des IV. und kaiſerlichen Vogts in Nordhauſen, in den Saal eintrat, gefolgt von Edelknaben, Hofdamen, Geiſt⸗ lichen und Rittern, die wieder mit feierlichem Anſtande ihre Damen führten. Da ſah man zunächſt die Schwe⸗ ſter des Herzogs, die Prinzeſſin Agnes, an der Hand des heſſiſchen Grafen Gottfried VII. von Ziegenhain, eine hohe, muthige Erſcheinung, auf dem Helm und Wappen⸗ ſchilde der Bruſt einen Stern tragend, ein Schmuck der noch dedurch beſondere Aufmerkſamkeit verdient, daß auch andere, namentlich heſſiſche, wetterrauiſche und weſtphä⸗ 8 4* — 52 liſche Ritter neben ihrem Familienwappen, einen ähnlichen Stern auf dem Helme, und kleinere Sterne in ihre Klei⸗ der gewebt trugen;— da ſah man die Gräfin von Hohnſtein, Sophia, Tochter des Herzogs Magnus des Aelteren, an der Hand des Grafen von Stolberg, da folgten die Grafen von Regenſtein, von Bent⸗ heim, von der Aſſeburg, von Eberſtein, von Pleſſe, die Ritter von Weferlingen, von Bothmer, von Ade⸗ lebſen, von Kerſtlingerode, von Stockhauſen, von Bodenhauſen, von Minningerode, von Ber⸗ lepſch, von Bovenden, von Oldershauſen, n Steinberg, von Gadenſtädt, von Spiegel, von Gladebeck, von Hardenberg, von Alten und viele andere der Edelleute, die, aus der Zahl der Eingeladenen, von den beſonders gefeierten Damen des Hofes und Adels ausgewählt worden waren, ſie im feſtlichen Aufzuge in den Ritterſaal zu führen. Kaum hatte der Herzog Otto ſeine Gemahlin an der Schwelle des Saales erblickt, als er von den Stufen herabſtieg, ihr entgegenſchritt, ihre Hand aus der des Grafen von Hohnſtein empfing, ſie mit einem beherr⸗ ſchenden, ſtechenden Blicke flüchtig fixirte und mit ſtolzer Galanterie auf die mit rothen, goldgefranzten Teppichen belegten Stufen vor den vergoldeten Stuhl führte, der zur Rechten des herzoglichen ſtand. Die junge, achtzehn⸗ jährige Margarethe war ein Bild der Schönheit und Sanftmuth; ein edles, ovales Geſicht, mit hoher, weißer Stirn, weichen, blauen Augen, kleinem, edlen Munde, ſtillen, leidenden Zügen und holder Milde in Blick und Bewegung, war von der Fülle des blonden Haares ma⸗ donnenartig umfloſſen und die Würde ihrer Miene war mehr der Ausdruck einer frommen, edlen Seele, als die bewußte Empfindung fürſtlicher Hoheit. Als ſie da auf erhöhter Stelle vor ihrem Seſſel ſtand, den blauen, wei⸗ chen Blick, wie ſanftes Himmelslicht, über die Ritter und Damen ſtrahlen ließ und dann ſanft niederſchlug, als fühle ſie ſich von dem Glanze geblendet; als ſie dann faſt ſcheu und bittend den Gemahl anſah und mit einer träu⸗ meriſchen Ruhe, wobei das blaue Licht ihrer Augen ſich mit leichter flüchtiger Wolke zu trüben ſchien, den Blick über die gerüſteten Männer ſchweifen ließ, welche die Stufen des Herzogsſitzes zunächſt und als beſondere Freunde umſtanden, einen Hanſtein, Schwiecheldt, Zie⸗ genhain, Hohnſtein, als ſie namentlich letzteren längere Zeit mit einem unbewußten Lächeln betrachtete und, vom Trompetenſtoße, der vom Herolde veranlaßt war, ſchnell aus geheimer Wehmuth aufzuſchrecken ſchien und ſich mit ſichtbarer Abſicht in die Stimmung des Feſtes und die Haltung der Fürſtin vor den zahlreichen Blicken, denen ſie preisgegeben war, zu verſetzen ſuchte, da würde jeder ſtille Beobachter, der in den Seelen der Menſchen zu leſen verſteht, bemerkt haben, daß die hohe Frau ſich im Glanze dieſer Schauſtellung nicht heimiſch fühle und, nur dem Zwange der Etiquette und des herzoglichen Willens nachgebend, die Männer, welche heute im Glanze des Adels den Herzog umſtandem, nicht nach dem Maaße der Freundſchaft zu ihrem Gemahle ſchätzte, ſondern einen anderen Adel, der, ſtatt auf dem Wappenſchilde der Bruſt, tief in derſelben wohnt, mit ſtillem Bedürfniſſe ſuche und heimlich entbehre. 54— Mitten in überladener Pracht der Toiletten, neben dem prahleriſchen Glanze der Schweſter ihres Gemahls und der Gräfinnen und Edeldamen, war ſie einfach und dennoch in eigener, natürlicher Schönheit ſtrahlend, ge⸗ kleidet; freilich trug ſie das ſammetene Purpurkleid des Hofes, aber, ſtatt aller metallenen und geſtickten Zierra⸗ then, welche blendeten und erklirrten, war der breite Saum ihres Gewandes nur einfach mit Hermelin reich und ge⸗ räuſchlos verbrämt; die einzigen Zeichen ihrer fürſtlichen Würde waren das herzogliche Diadem, von weißen Ro⸗ ſen ſinnreich durchwoben, und der Hermelinmantel.— Daß dem prachtliebenden Herzoge die Einfachheit dieſer feſtlichen Toilette ſeiner Gemahlin unangenehm aufſtieß, hatten die ſcharfen Blicke der Damen ſofort bemerkt, denn trotz der ſtolzen, ceremoniellen Galanterie, womit jener die Gemahlin empfing und an ihren erhöheten Stuhl führte, hatte er doch einen abſchätzenden Blick über Marga⸗ rethe geworfen, die Oberlippe ſpöttiſch gehoben, die Brauen tiefer über die flammenden Augen gezogen und ſeiner Schweſter Agnes eine, von dieſer wohl verſtandene und durch ein kaltes Lächeln erwiderte, finſtere Miene zugekehrt. Der Trompetenſtoß, der plötzlich durch den hochge⸗ wölbten Ritterſaal ſchmetterte, war die Folge eines flüch⸗ tigen Winkes, den der Herzog dem erſten Herolde, dem Wappenkönige gegeben hatte; alsbald trat der letztere her⸗ vor, erhob den mit goldenem Löwen geſchmückten Stab und rief:—„Im Namen unſeres gnädigen Herzogs! Seid zur Stunde treue Gehülfen und Zeugen, wie im Hauſe Hanſtein das Geſchlecht durch einen ſtreitbaren und würdigen Ritter vermehrt wird!“— Jetzt erhob der Herzog ſeine Stimme; man ſah ihm das heiße ungeduldige Blut an, ſeine Sprache war haſtig, leidenſchaftlich und kurz abgebrochen; ſein Mund bewegte ſich dabei ſtark und die Augen blitzten, als redete er im Zorn und doch gaben Gunſt und gute Laune ihm jetzt das Wort ein. „Liebe Getreue und Feſte!“— begann er—„das große Tournier, wozu ich meine Freunde, ſo wie jeden würdigen Ritter von nahe und fern eingeladen und wo⸗ mit ich meine Stadt Göttingen vor vielen andern Städ⸗ ten des Landes ausgezeichnet habe, ſoll beginnen. Außer Euch harren unten im Schloßhofe noch viele Ritter, die meinen Ruf vernommen haben und gekommen ſind, nach Prüfung ihres Wappens, in die Schranken unſerer Stech⸗ bahn auf dem Freudenberge einzureiten. Seit dem Jahre 1119 iſt hier in der Stadt, wo damals unſer Ahn, Hein⸗ rich der Löwe ein großes und berühmtes Tournier ab⸗ hielt, nicht wieder ein ſolches Schauſpiel aufgeführt wor⸗ den. Es iſt mein Wille, zur Ehre und Erhaltung des ritterlichen Sinnes, die Tourniere nicht nur wieder auf den alten Glanz zu bringen, wie ſie unſere Urväter in Paris, Beaucaire, Worms und Neuß in Niederlothringen erlebten, ſondern es an Pracht und Feſtlichkeit allen an⸗ deren zuvorzuthun.— Um nun das erſte große Tournier beſonders zu verherrlichen, will ich ſelbſt mit meinem rit⸗ terlichen Schwerte der„Erhörer“ ſein und meinen Edel⸗ knappen, Hermann von Hanſtein, der geſtern in der Ves⸗ per den Preis des Geſellenſtechens davon trug, zum Rit⸗ ter ſchlagen und uns einen neuen, ſtreitbaren Mann erſchaffen, ſo wie dem Hauſe Hanſtein unſere Gunſt und Gnade erweiſen.— Gebet Bericht erſter Herold, ob der Knappe nach rechtem Brauch vorbereitet iſt!“— Der Wappenkönig trat vor die Stufen, neigte den Stab und ſprach:—„Eure herzogliche Gnaden wollen richten, ob der Brauch erfüllt iſt. Der Knappe hat das gerechte Alter von zwanzig und einem halben Jahre, iſt aus ritterbürtigem, zum Schilde geborenen Ge⸗ ſchlechte, hat als Knappe am Hofe Eurer herzoglichen Gnaden, als Page, Bereiter, Waffenträger und im Dienſte der Damen ſich bewährt. Er hat ſeit geſtern zur Ves⸗ perzeit vorſchriftsmäßig gefaſtet, die Nacht unter Faſten und Gebet mit dem Kaplan zugebracht, heute am frühen Morgen ein Bad genommen, um ſich von Sünden rein zu waſchen und ohne Fehler in Ehrbarkeit und Ritter⸗ ſitte herauszuſteigen; er iſt darauf in das köſtliche Bett gelegt, das er inne werde, wie er durch ritterliches Kämpfen und Leben eine Stätte im Paradieſe gewönne, er hat das heilige Abendmahl genoſſen und iſt in weiße und rothe Gewänder und in ſchwarze Schuhe gekleidet, um die beiden Ritter zu erwarten, welche Eure herzogliche Gnaden ihm ſenden wollen zur Erhörung.“— Auf ein Zeichen des Herzogs, welcher dieſen Bericht mit großem Ernſte angehört hatte, entfernte ſich der Ritter Rabe von Hanſtein, der Vater des Edelknappen, und der Ritter von Schwiecheldt, um den Harrenden zu holen. Die Verſammelten bildeten einen großen Halbkreis um die Stufen, die Banner gruppirten ſich hinter und neben den fürſtlichen Seſſeln, ein Herold öffnete ein, nach dem Burghofe hinausgehendes Fenſter, um den Rittern unten das Zeichen zu geben, ihre Mitbetheiligung am feierlichen Akte durch Aneinanderſchlagen der Waffen bethätigen zu können. Die Herzogin Margarethe ſah ſtill und ſchwei⸗ gend in das glänzende Schauſpiel nieder. Nur einmal redete der Herzog ein paar Worte mit ihr, die ihre weiße Wange flüchtig färbten und ein lebhafteres Bewegen ihrer blen⸗ dend reinen, jugendlichen Bruſt zur Folge hatten. Die Saalthüren wurden geöffnet; unter dem Vortritte zweier Herolde erſchienen die beiden Ritter, den Edel⸗ knaben in ihrer Mitte und gefolgt vom Burg⸗Kaplan des Hanſtein in Dominicanertracht. Es war ein ſchöner blondlockiger Jüngling, mit muthig blitzenden Augen, krauſem Bärtlein und friſchen rothen Lippen; ſein Wamms war nebſt dem engen Beinkleide von weißem Stoffe, Bruſt und Aermeln mit purpurnen Seidenblouſen gebauſcht, ſeine Füße waren mit hochhackigen, ſchwarzen Schuhen bekleidet; am rothen Gürtel trug er das Schwert, der Kopf war unbedeckt. Als er vor die Stufen geführt wurde, verneigte er ſich vor dem Herzoge und der Her⸗ zogin, und bog das linke Knie auf die erſte Stufe nieder. Herzog Otto ſenkte ſeine Augen mit ſichtbarem Wohl⸗ gefallen auf den hübſchen, muthigen Junker nieder, auf dem gleichzeitig manches Frauen⸗ und Fräulein⸗Auge mit ſtiller Freude oder warmem Blicke ruhte; die Herzogin blickte ihn mit ungewöhnlichem Ernſte an und es ſchien faſt, als ob ein Gefühl der ſanften Beherrſchung im blauen Blicke auf den Knieenden niederſtrahlte. —„Hermann von Hanſtein“— begann der Herzog, —„da Du vorbereitet biſt, von mir in beſonderer Gunſt und Gnade erhöret zu werden, ſo ſollſt Du, Angeſichts dieſer großen Verſammlung edler Männer, Frauen und Jungfrauen, zur Ehre Deines Geſchlechts und Namens und zur Verherrlichung des heutigen Tourniers, zum Ritter durch meine Hand geſchlagen werden.“ Der Herzog machte eine Armbewegung und der Wappen⸗ könig trat zu dem Knieenden. —„Guter und reiner Knappe“— begann dieſer;— „es ſind Euch weiße und rothe Kleider angelegt, welche Euch zur Reinheit des Wandels und zur Vergießung Eures Blutes für Gott und die heilige Kirche ermahnen ſollen. Ihr traget dunkle Schuhe, die Euch an den Tod und das Herabſinken des Körpers in die dunkle Erde er⸗ innern; thuet nunmehr das Gelübde und ſeid dann Gott und dem Erhörer empfohlen!“— Jetzt trat der Dominicaner mit zwei Geiſtlichen heran, ließ den Knappen die Hand auf das Krucifix legen und nahm ihm das Gelübde ab, der Religion treu zu ſein, die Kirche und die Frauen zu ſchützen, und treuen und gerechten Lebenswandel zu führen. Die Herzogin ließ bei dieſem Gelübde den Jüngling nicht aus den Augen und als dieſer verlegen und flüchtig, als prüfe er das Be⸗ nehmen der Gemahlin ſeines Gönners, den Blick zu ihr aufſchlug, ſchien ſie dieſen durch ein ſtrengeres Mahnen der Augen feſthalten zu wollen, während der Herzog dieſer religiöſen Scene wenig Aufmerkſamkeit ſchenkte und mit dem Grafen von Ziegenhain einige Worte wechſelte. —„Er hat gelobt!“— ſprach der Wappenkönig und hob den Stab. Jetzt ſtand der Herzog auf, trat hart an die Stufen, wo die beiden Ritter ſich neben dem Knieenden aufgeſtellt hatten, zog ſein Schwert und be⸗ gann:—„Im Namen Gottes, des heiligen Michael und des heiligen Georg mache ich Dich zum Ritter! Sei tapfer, unverzagt und treu. Zu Gottes und Mariä Ehr Empfange dies und ſonſt keinen mehr, Sei tapfer, bieder und gerecht, Beſſer Ritter, denn Knecht!“ Bei dieſen Worten, welche bei jedem Ritterſchlage der damaligen Zeit gebräuchlich waren, that der Herzog mit der flachen Klinge ſeines Schwertes drei leichte Schläge auf Rücken und Nacken des Knieenden, ſteckte dann die blanke Waffe in die Scheide zurück, gab dem Aufſtehen⸗ den einen leichten Backenſtreich, mit den Worten:„das ſei Dir ein Zeichen, daß dem Ritter mancherlei Leiden und Strapatzen bevorſtehen“— ſchloß dann den Jüng⸗ ling flüchtig in die gewappneten Arme und ſprach:— „Sei ein guter Ritter!“— Der Herzog ſetzte ſich nieder, die anweſende Verſammlung gab durch Geberden ihre frohe Theilnahme an der Handlung zu erkennen. Nun⸗ mehr führten die beiden Ritter von Hanſtein, der Vater, und von Schwiecheldt den neuen Standesgenoſſen einige Schritte zurück, ſchlugen mit den Fingern ein Kreuz über ihn, und legten ihm die, von einem Herolde dargereichten goldenen Sporen an. Es war keine Sitte, daß der neue Ritter ſofort nach der Aufnahme ſeinem Erhörer, das heißt Demjenigen, der ihm den Ritterſchlag ertheilte, ſeinen Dank auszuſprechen pflegte; auch hierin mußte die alte Form ſtreng beobachtet werden. Nur der Vater umarmte ſeinen Sohn, führte ihn der Mutter zu, welche ſich in dem Damenkreiſe neben der Herzogin befand, und ihrem Sohne einen Kuß auf die — 60— Stirn drückte, nachdem er ihre Hand an ſeine Lippen gebracht hatte. Die Beglückwünſchungen, welche den El⸗ tern und ihrem Sohne nunmehr dargebracht wurden, fan⸗ den eine Unterbrechung durch das Erheben des Herzogs, der ſeiner Gemahlin die Hand bot und damit das Zei⸗ chen zum Aufſtehen gab. Er ſprach:—„Das übliche Gaſtmahl, welches dem Ritterſchlage folgen muß, wollen wir nach dem Tourniere begehen; aber nehmet zuvor den Imbiß, und folgt mir in den Speiſeſaal.“— Die Trabanten, Trompeter und Bannerträger ſetzten ſich alsbald in geordnete Bewegung, um den Zug in formeller Weife zu eröffnen, der Herzog führte ſeine Ge⸗ mahlin die Stufen hinab und ſchritt, von Rittern und Damen begleitet und gefolgt, aus dem Ritterſaale. Zu⸗ rück blieben nur einige Perſonen, unter dieſen der junge Ritter, ſeine Eltern und Verwandte.— —„Mein Sohn“— ſprach der alte Ritter, Graf Rabe von Hanſtein, indem er ſeine eiſerne Hand auf die weiche, ungerüſtete Schulter des Sohnes legte—„der Herzog hat unſerem Geſchlechte eine große Ehre erzeigt vor der ganzen Ritterſchaft des Landes und ſeine alte Freundſchaft zu unſerem Hauſe neu beſtärkt, wie er es einſt vor wenigen Jahren mit dem Schwerte in der Hand gethan hat. Halte ſtets zu dem Herzoge in Frieden und Fehde, er iſt ein edler Fürſt, der Ritter Freund und ein gütiger Herr.— Auf deine jugendlichen Schultern lege ich die künftige Macht und Ehre meines Namens.“— Der Sohn blickte ſeinen Vater, deſſen bleiches, wildes Geſicht mit herriſch funkelnden Augen aus dem offenen Helmviſir hervor grinſete, mit einem lächelnden Muthe 2 — 68— an und ſchien eben auf der kecken, ſpöttiſchen Lippe eine muntere Antwort zu tragen, als die Gräfin mit einer ge⸗ wiſſen Haſt herantrat, den Sohn an ihr reich behangenes Mieder zog, bittend in ſeine lebhaften, braunen Augen ſah und in flüſternder Heimlichkeit zu ihm ſprach:— „Sei ein guter Ri r, lieber Herman, ſo redete der Her⸗ zog zu dir— Rene Gott und der Kirche, und ſchütze ehrlich die Weiber— wie du auf das Kruzifix gelobt haſt— trage die Sporen mit Ehren— mein Herz war beklommen, als ich den Blick der Herzogin bemerkte— ſöhne dich mit dem Gefühle der edlen Frau aus, indem du die Tugend übſt, der du heute für würdig gehal⸗ ten biſt.“— —„Fürchtet nichts Mutter“— verſetzte der Sohn leicht, und des Vaters lauernder, der Gattin Worte un⸗ geduldig abwartender Miene, durch ein heiteres, übermü⸗ thiges Lächeln, den Ausdruck der wohlgefälligen Luſt am Sohne abzwingend;—„ſforget nicht, daß ich vergeſſe, was ich dem Rechte und den Pflichten eines Edelmannes ſchuldig bin; die Herzogin iſt eine fromme, in der Geiſt⸗ lichen weichen Seelenpflege lebende Frau und dem bür⸗ gerlichen Knechte mehr als dem ritterlichen Herrn gewo⸗ gen— ſie möchte einen milden Geſellen an mir gefunden haben, der dem Vater unähnlich ſei, aber ich bin ein Hanſteiner, der des Edelmannes Blut in ſeinen Adern mäch⸗ tig fühlt, als die ſanfte Milch ſeiner bürgerlichen Amme.“— —„So recht mein Sohn“— fiel Ritter Rabe ein, indem er mit ſeinen Panzerhänden des Jünglings Schul⸗ tern herzhaft ſchüttelte;— aber nun kommt, es erſchallt die Muſik bereits aus dem Speiſeſaale— ſiehe der Ober⸗ koch harret an der Thür;— wo ſind die alten Knappen⸗ ſporen, die du abgelegt haſt?“— Die Gräfin war ſtill einige Schritte zurückgetreten und ein entfernter ſtehender Ritter, der ſich durch einen ſchwarzen, ſpringenden Bock auf goldenem Schilde im Wappen als ein Herr von Steinberg verrieth, glaubte an der Gräfin Weiterſchreiten das Zeichen zu erkennen, daß ſie fortzugehen beabſichtigte; er bot ihr die Hand zum galanten Dienſte und ſie entfernte ſich, einen ſchwe⸗ ren ernſten Blick auf Vater und Sohn zurückwerfend, aus dem Feſtſaale. Unterdeſſen hatte ein reiſiger Knecht aus dem Hauſe Hanſtein, der ſchon des Winkes gewärtig, an der Thür mit dem Oberkoch des Herzogs geſtanden hatte, die vom jungen Herren geſtern Abend abgelegten eiſernen Sporen demſelben zurückgegeben, da noch eine Ceremonie zu er⸗ füllen war, die dem eben zum Ritter Geſchlagenen beim Verlaſſen des Feſtſaales oblag. Als daher der junge Rittter in Begleitung ſeines Vaters und der noch zurück⸗ gekbliebenen Verwandten an die Schwelle des Saales ge⸗ langte, übergab er dem zu dieſem Zwecke bereits wart⸗ tenden Oberkoch ſeine alten Sporen, die dieſer mit den vorgeſchriebenen und gebräuchlichen Worten empfing:— „Wenn Du jemals Deine Ritterehre befleckſt, ſo werde ich Dir das Ehrenzeichen von der Ferſe abhauen.“— Man ſieht, daß es nicht an Mahnungen und Sym⸗ bolen zur Tugend und Würde eines Edelmannes bei ſol⸗ chen Gelegenheiten gefehlt hat und diejenigen Männer, welche einſt dieſes Ritual zur Ritterpromotion erdacht und zu einer Norm für das geſammte Mittelalter erhoben — 63— haben, weit edlere Vorſtellungen von Adel und Ritterthum in ſich trugen, als die Wirklichkeit und namentlich das vierzehnte Jahrhundert zur Schau brachten. Es erging dieſen ſchönen Symbolen, Worten und Gelübden ebenſo wie allen anderen, die Menſchen zu einer gemeinſamen Tugendverbrüderung verbinden und erheben ſollen, ſie wer⸗ den gedankenlos, oft mit Spott und Widerſpruch im Her⸗ zen geſprochen und empfangen und anſtatt zu veredlen, werden ſie nur eine feierliche Lüge, deren nächſte That bereits dem Symbole und Gelübde Hohn ſpricht. Und wenn die verſammelten Ritter auch nicht Luſt und Stim⸗ mung hatten, den Widerſpruch ihres Lebens mit ihrem Gelübde und den Symbolen ihrer Waffen zum Gegen⸗ ſtande des Nachdenkens zu machen, ſo waren doch die zum Feſte eingeladenen und anweſenden Bürgermeiſter der Städte und alle Bürger des Reiches ohne Zweifel durch tauſendfältige Erfahrungen überzeugend belehrt worden, daß die Rittertugend in Uebermuth, Fechten, Reiten, Lie⸗ ben, Rauben, Wegelagern und Mordbrennen beſtand, die Achtung vor Gott und der Kirche, namentlich bei dem Herzoge Otto und ſeinen Freunden, nur gedankenloſe Worte und die Unbeflecktheit ſeiner Ehre nur darin ge⸗ dacht wurde, daß man dem ritterlichen Unweſen und ſeiner Willkürherrſchaft nichts vergebe.— Wir begleiten nunmehr den jungen Ritter in den Speiſeſaal, um den letzten Akten des Ceremoniells bei⸗ zuwohnen, das wir hier, gleich dem bald folgenden Tour⸗ niere, mit hiſtoriſcher Treue etwas ausführlich mittheilen, um den Leſern ein wahrhaftes Bild jener Zeitgebräuche 64— zu geben, die in vielen vomantiſchen Dichtungen nur Phan⸗ taſiegemälde ohne hiſtoriſche Wirklichkeit ſind.— Im Speiſeſaale des Bollrutz ſaß der Herzog Otto bereits beim Imbiß zwiſchen ſeinen Rittern. Die Damen hatten ſich um die Herzogin eingefunden und der Wein funkelte in ſilbernen Bechern. Der junge Ritter mußte ſich neben ſeinen Vater ſetzen, ſteif und bewegungslos zuſehen, wie rings um ihn gegeſſen und getrunken wurde, und durfte, obgleich er ſeit der geſtrigen Vesper gefaſtet hatte, ſo lange ſelbſt nichts genießen, als der Erhörer, hier der Herzog, von der Tafel nicht fortgegangen war. Dies geſchah, da das Tournier beginnen ſollte, ſchon nach kaum einer halben Stunde;— jetzt erſt hatte der neue Ritter die Pflicht, dem Erhörer aus dem Saale nachzu⸗ eilen und ihm außerhalb deſſelben den Dank für den Ritterſchlag abzuſtatten. Herman von Hanſtein folgte dem Herzoge, erfüllte ſeinen ceremoniellen Pflichtdank und kehrte nun in den Speiſeſaal zurück, um ſich an Eſſen und Trinken nach der ungewohnten Entbehrung zu entſchädigen. Ein Trompetenſignal im Hofe der Burg verkündigte den an der Frühſtückstafel Zurückgebliebenen, daß der Herzog gewillt ſei, den ſolennen Auszug aus der Burg nach dem Tournierplatze auf dem Göttinger Freudenberge zu beginnen.— Im Hofe raſſelten Rüſtungen und Waffen, ſtampften Roſſe und erſchollen laute und fröhliche Stimmen. Die Ritter eilten hinunter, führten ihre Damen an die koſtbar behangenen Zelter oder Paradepferde mit reichen Decken, Satteln, Geſchirren und Federbüſchen, und be⸗ ſtiegen die Kampfroſſe, das Viſir ſchließend, und von den Knappen Lanze und Schild empfangend. Der Herzog erſchien gerüſtet auf gewaltigem Rappen, umgeben von der blanken Ritterſchaar, den Trompetern, Trabanten und Bannerträgern folgend, welche den Zug aus dem Burghofe über die Zugbrücke eröffneten; die Herzogin, auf weißem, mit rothen, goldgeſtickten Scha⸗ bracken behangenem Pferde, von zwei Edelknappen am Zaume geführt, ſchloß ſich, umgeben und gefolgt von glänzenden und klirrenden Damen, der Gruppe des Her⸗ zogs an und ihr folgten die Ritter, welche ihr als Ehren⸗ begleitung und Schutz beſtimmt waren, ſo wie die An⸗ zahl der gerüſteten, auf Schild und Bruſt das Wappen ihres Geſchlechts tragenden Edelmänner, die, auf den öffentlichen Ruf zum Kampfſpiele herbeigekommen, die Ehre ſuchten, in die Schranken eingelaſſen zu werden.— Trabanten und Knappen beſchloſſen den feſtlichen Pracht⸗ zug, der durch den Glanz der Rüſtungen, die ſtrahlenden Wappen, die prahlenden, bunten Banner und Fahnen, die reiche Pracht der Damen und die ſchmetternde Trom⸗ petenmuſik eines kriegeriſchen Marſches, Tauſende von Neugierigen herangelockt hatte, welche ein ſolches Schau⸗ ſpiel noch nicht erlebt, eine ſo große Zahl von Rittern aus der Nähe und Ferne noch nie zu ſehen Gelegenheit gefunden und ſich in großen Schaaren um die Burg ge⸗ lagert und die Straßen beſetzt hatten, die nach der Stech⸗ bahn führten.— Ein lautes Hurrah empfing den Herzog bei ſeinem Einreiten in die Stadt, wo die nächſten Häuſer am Wege mit Flaggen und bunten Tüchern geſchmückt waren. Aus offenem Viſir blickte Otto's flammendes Auge in froher Befriedigung in die jauchzende Volksmenge hinein, Maltitz, Herzog. I.. 5 ſeiner Hoheit und Gnade ſich bewußt; mit dem wohl⸗ wollenden Niederlächeln des Herrn empfing er am äußern Thore die Deputirten des Rathes und der Gilden, welche ihm reiche Geſchenke darboten. An der Stadtſeite der Zug⸗ brücke harrten Frauen und Mädchen Göttingens, mit grünen Fichtenzweigen, wehenden Seidenbändern und ſin⸗ nigen Geſchenken auf ſammetnen Kiſſen, auf die Herzogin und als dieſe erſchien, trat ein ſchönes, jugendliches Weib aus der Reihe der Frauen hervor, einfach aber reich ge⸗ kleidet, des Rathsmanns Werner Roden ehrſame Gattin, die vom Herzog bereits einen freundlichen Handgruß empfangen und den vorüberziehenden Rittern bereits viele funkelnde und heiße Blicke durch die Spalten des Viſirs entlockt hatte, ohne darauf Acht zu geben. Sie breitete den köſtlichen Teppich, welchen Göttinger Frauen und Jungfrauen gearbeitet hatten, um die Gegenwart der ge⸗ wöhnlich im Schloſſe Harſte reſidirenden Herzogin in Göttingen zu ehren, auf dem Wege aus, überreichte der hohen Frau, die das Zelterthier anhielt, einen Blumen⸗ ſtrauß aus künſtlichen, mit Gold und Silber geflochtenen Blumen, und hieß die geliebte Herzogin willkommen. Dieſe nahm den Strauß, dankte mit weicher Stimme und ſanften Blicken, befahl, den Teppich aufzunehmen und in ihr Ge⸗ mach auf die Burg zu bringen, wünſchte, die Frauen und Jungfrauen in ihrer Nähe beim Tournier zu ſehen und zog eine koſtbare Nadel, in Form eines Kreuzes mit einem Herzen, aus dem Buſen, um ſie der ſchönen Frau zu übergeben. „Gedenkt dabei meiner“— ſprach ſie faſt mit weh⸗ müthiger Milde—„Herz und Kreuz ſind die Symbole des Weibes— ich liebe die Göttinger und den ſittſamen Fleiß des Bürgerthums.“ Sie ritt weiter. Die rothen glühenden Wangen der ſchönen Frau Brigitta Roden und ihrer Begleiterinnen wurden von manchem hohen Damenblicke aus der herzog⸗ lichen Begleitung mit geringſchätzendem Niederlächeln ge⸗ kühlt; des Herzogs Schweſter warf einen ſpöttiſchen Blick über die bürgerlichen Weiber und flüſterte der Gräfin von Aſſeburg, die neben ihr ritt, zu:—„Wie gnädig iſt meine Schwägerin; wenn mein Bruder dieſem Bürger⸗ volke nicht die Stange hielte und ſeine Sporen zeigte, ſo würde es uns heute lieber wie morgen, die Schlöſſer mit gemeinem Arbeitsgelde abkaufen oder mit Gewalt nehmen. Seht, wie die Bürgerweiber ſich ſchon mit Gold und Silber ſchmücken, als wären ſie Edelfrauen.“— Eine Hofdame in hochrothem Haar und grellen Augen rümpfte die aufgeworfene, ſchelmiſche Lippe, indem ſie einer Andern zuraunte:—„die gute, fromme Frau Her⸗ zogin! Iſt's nicht die Roden, der ſie Herz und Kreuz gab? Das Herz giebt des Rathsmanns Frau dem Her⸗ zoge, das Kreuz giebt ſie der Herzogin zurück.“— —„Iſt es nicht daſſelbe Weib, welches dem Herzog in die Augen leuchtet?“— fragte dieſe mit leichtem Sinne, während ſie den verächtlichen Blick flüchtig auf die Gruppe der Bürgerinnen zurückſchweifen ließ.— —„Er hat ſie neulich auf dem Hagen geſehen, wo die Bürger eine Jagd hielten, dem Herzog zu Ehren; er hat ſie angeredet, nach ihrem Namen gefragt, ihr einen Becher Wein angeboten und verſprochen, wenn ſie ein Kind gebären werde, daß er es aus der Taufe heben wolle.“ 5* —„Wie er den Johann Worſtenacker auch aus der Taufe gehoben hat“— kicherte die Andere—„ja, ja, wir verſtehen.“— 3 —„uUnd er hat einige Tage darauf des Rathsmanns Haus beſucht und der Frau die Gnade wiederholt; dem Manne wird an der großen Ehre genug ſein, und was will das Bürgervolk mehr!“— —„Aber der Herzog iſt ja in Liebe zu dem Mädchen entbrannt, das er dem Groner Vogte weggenommen hat,“— verſetzte die Andere;„wie man ſich zuflüſtert, hat die Herzogin das Mädchen in Schutz genommen und zur Leibdienerin gemacht.“— —„Ei“— lachte die ſchelmiſche, rothhaarige Hof⸗ dame—„das Mädchen Gertrude hat der Herzog längs bei der ſchönen Rathsfrau vergeſſen; nun er in Göttingen iſt, wird er ſich an ihr ſchadlos halten, und der Herzogin fromme Hut unnöthig machen.“ Und mit liſtigem Seiten⸗ blicke auf die hübſche, ſchlanke Begleiterin fuhr ſie im neckiſchen Tone fort:„der Hanſtein ſoll auch ſein mun⸗ teres Auge darauf gerichtet haben und von der Herzogin übel empfangen ſein.“— —„Ach! ſag' ihm das nicht nach“— flüſterten die hübſchen Lippen des Fräuleins, indem ſie im Gefühle der Luſt am Jünglinge den ſchlanken Körper im engen Sammetleibchen auf dem langſam ſchreitenden Noſſe empordehnte und das heimliche Durchſchauern des heißen Blutes durch einen tiefern Athemzug mäßigte—„Ob er heut am Tournier Theil nehmen wird?“— Die Rothhaarige rümpfte die muthwillige, neckiſche Lippe und ſprach:—„Er wird für ſeine Ritterfahrt — 69— nicht von Dir die Parole fordern;— das bürgerliche Mädchen ſteckt ihm im Kopfe;— er hat mit meinem Bruder, dem herzoglichen Pagen, darüber geſprochen, den er gewinnen wollte, die Gertrude aus den Gemächern der Herzogin zu locken und zur Entführung behülflich zu ſein. Die Herzogin hat's erfahren, iſt ſehr unwillig auf meinen Bruder Kurd und den Hanſtein geweſen, und hat bei dem Herzog Beſchwerde geführt in dem Glauben, dieſer habe den Hanſtein aufgeboten, ihm das Kind aus der Herzogin Hut zu holen. Daß der Herzog ihn heute zum Ritter geſchlagen hat, iſt eine That gegen die Gemahlin, und haſt Du nicht bemerkt, wie der Herzog ſie einige Male ſtechend und höhniſch anſah und ſie ſtill und leidend er⸗ ſchien?“— —„Ach, die gnädige Frau macht ſich zu viel Sorgen; — alle Rittertugenden erſcheinen ihr Sünde, alle unſere Freiheiten als Unrecht. Der fromme Engel möchte uns lieber im Kloſter dem frommen Heilande, als einem ſchmucken Ritter vermählen. Und einen friedfertigen, frommen und heiligen Rittersmann nach der Herzogin Geſchmack, wie die Pleſſer, möchte ich all' mein Lebtag nicht lieben. Haſt Du nicht gehört, was die Herzogin mit der Gräfin von Hanſtein redete? Du ſtandeſt im Ritterſaale nicht fern von ihr.“— —„Die Gräfin Hanſtein!“— ſeufzte die Rothhaarige mit ſpöttiſchem Munde;—„ſie iſt ſeit der Belagerung ihrer Burg durch die Eichsfelder Städte und den Grafen von Hohnſtein in Schreck und Angſt fromm geworden und erbebt bei dem Gedanken, d aß ihres Gemahls Leben ein ungerechtes ſei und ihr Sohn in des Vaters Fußtapfen — 70— trete. Und jemehr ſie des Herzogs Freundſchaft zu ihrem Gatten mit Sorge erfüllt, deſto größeren Troſt ſucht ſie in der neuen Freundſchaft zu der frommen Herzogin.“— Dieſes Geſpräch der beiden Edeldamen im Gefolge der Herzogin Margaretha von Göttingen fand eine plötz⸗ liche Unterbrechung, indem der Zug in der Gegend des Freudenberges anhielt, und die Ritter zu beiden Seiten eine glänzende, eiſerne Mauer bildeten, zwiſchen welcher die Herzogin mit ihrem weiblichen und männlichen Ge⸗ folge fortritt, um die feſtlich geſchmückten Ehrenplätze auf rorhbehangenen Altanen zu erreichen. Drittes Kapitel. Die Stechbahn auf dem Freudenberge unweit der Burg war vom Volke enggedrängt umringt; auf erha⸗ benen Gerüſten hatten bereits die vornehmeren Bürger⸗ leute, die Männer des Rathes und der Gilden, mit Frauen und Töchtern Platz genommen; der nicht von ihnen be⸗ ſetzten Plätze hatte ſich das Volk bemächtigt, das im Kampfe mit den amtlichen Prügelknechten, welche den Pöbel zu⸗ rückdrängten uud die anſtändigeren Leute nach Gunſt und Anſehen paſſiren ließen, ein Plätzchen zum Schauplatze errungen hatte. Die Gerüſte in der Nähe der Balkone, welche für die Herzogin und die Edeldamen beſtimmt waren, ſtrahlten längſt von Frauen und Mädchen aus der — 71— Stadt und Ferne, und die noch ſichtbaren Lücken war⸗ teten auf die Göttingerinnen, welche, unter Führung der ſchönen Frau Brigitta Roden, der Herzogin den Teppich überreicht und ſich dem Zuge nach der Stechbahn zu Fuß angeſchloſſen hatten. Wir miſchen uns als Zuſchauer unter eine Gruppe von jüngeren und älteren Bürgern, welche, ziemlich nahe dem Balkone der Hof⸗ und Edeldamen, auf einem hohen Brettergerüſte Platz gefunden hatten und hinter denen wir den jungen Göttinger Brauherrn Berthold Helmold bemerken, der, wie wir bereits wiſſen, ſeine beiden Be⸗ gleiter auf dem Hinwege im Gedränge und in einer ſtill⸗ hinträumenden Stimmung verloren und ein Plätzchen ſo nahe als möglich dem Balkone der Herzogin geſucht hatte.— —„Sie kommen!“ rief der junge Bürger Thomas Bode, ein Tuchmacher;—„da reitet der Wappenkönig im Galopp auf die Turniervögte zu— die Muſik tönt näher— da ſind ſie!— ſeht den Herzog!“— —„Wo? Wer? der mit der weißen und rothen Feder?“ —„Der den Helm trägt und das Viſir allein offen hat.“— —„Und den Hohnſteiner Grafen hat er neben ſich; — ich kenne ihn am Schilde und Helme— ein roth und ſilbern getäfeltes Schachbrett mit zwölf Feldern und ein ſchwarzer, zum Laufe geſtellter Hirſch auf ſilbernem Grunde;— auf dem Helme den rothen, mit Hermelin umgeſtülpten Fürſtenhut, darüber ein rothes Hirſch geweih auf goldener Kugel und die ſpiegelnde Pfauenfeder da⸗ zwiſchen! Den Helm führt er, ſeitdem der Klettenberg an die Hohnſteiner gefallen iſt.“ —„Wie Ihr das Alles ſo genau kennt, lieber Stadt⸗ ſchreiber Helmicus“— ſagte der alte Bäckermeiſter Heinrich Fiſcher—„Ihr wiſſet von den Wappen Beſcheid und könnt uns daran die Ritter bezeichnen; ich kenne nur die Geſchichten der Herren von den Burgen, die meine Großväter, mein Vater ſeliger und ich erlebt haben.“— —„Es iſt ein wahres Wort, Meiſter Fiſcher“— ſagte der Krämer Johann Frieſen, ein Mann in mitt⸗ leren Jahren;—„eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus. Vor ein paar Jahren fiel der Herzog wohl⸗ gerüſtet über den Hohnſteiner Grafen her, um ihn vor dem Hanſteiniſchen Raubneſte zu vertreiben, was ihm noch den Kirchenbann zuzog; jetzt ſind ſie die beſten Freunde von der Welt.“— —„Ja, und der Hanſtein mit dem Hohnſtein auch; — ſeht die drei ſchwarzen Mondſicheln dort auf dem Schilde, das der große Ritter neben dem Grafen trägt. Sie rauben und ſtehlen Alle.“— —„Nun“— entgegnete der Stadtſchreiber—„die Hohnſteiner mögen ehedem wohl rechte Schnapphähne ge⸗ weſen ſein, weshalb ſie in alten Zeiten„Schnabelburg“ hießen, wie ich im Stadtarchiv geleſen habe. Seitdem aber der Graf Heinrich der Sechste kaiſerlicher Vogt von Nordhauſen geworden iſt und die Städte zu ſchützen hat, muß er das Raubhandwerk ſchon der Ehre wegen aufgeben, und gegen die Hanſteiner war es doch vor ſechs Jahren ernſtlich gemeint.“ —„Das kann ich bezeugen“— fiel ein Göttinger Büchſenmeiſter ein;—„ich war mit vielen Anderen aus der Stadt mit dabei und es war zum Erbarmen, daß der Herzog uns zwang, die Hanſteiner Raubveſte zu retten, und die davor liegenden Bürger aus den Eichs⸗ felder und Thüringiſchen Städten zu überfallen. Aber der Herzog hat früher, als er noch nicht die Regierung hatte, mit den Hanſteinern gemeine Sache gemacht und aus Luſt und Uebermuth mit ihnen gewegelagert und ge⸗ raubt, und es verdroß ſeinem Stolze und ſeiner Ritter⸗ freundſchaft, daß die Städte, die er haßt, gegen ein adlig Geſchlecht auf Tod und Leben zogen, und daß der Hohn⸗ ſteiner die Städter ſelbſt anführte.— Nun, er hat's thun müſſen— als kaiſerlicher Vogt— denn aus freien Stücken wird kein Ritter dem anderen das Raubhandwerk legen, wenn es ihm nicht ſelber ſchadet.“— —„Es iſt unſerem Herzoge theuer zu ſtehen gekommen“ — meinte der Stadtſchreiber Helmicus;—„es iſt uns genugſam bekannt, daß er die verbündeten, ſtädtiſchen Ge⸗ meinen nicht mit gutem Auge anſieht, und daß er blind und taub iſt, wenn die Leute im Fürſtenthum Oberwald ihm klagen, wie ſie von Rittern beraubt, gegen Löſegeld gefangen, ihre Dörfer verbrannt, und auf den Landſtraßen überfallen ſind;— wie er auch die landesherrliche Ge⸗ walt verleugnet, wenn ein Vaſall vom andern in der Einzelfehde beraubt und gemordet wird. Streiten und Ueberfallen iſt ſein Element; aber es war ihm doch das Mal ſchlecht bekommen.“— —„Was fragte er nach Kirchenbann und Prieſter?“ — meinte der Schmid Kurd Meiſen;—„wenn er — 24— die fromme Margarethe nicht hätte zum Gemahl genommen und vorher ihr Gemüth und die Kirche beruhigen müſſen, er würde kein Wort und kein Achtel⸗Mark Silber darum ausgelobt haben. Gebeſſert iſt er doch nicht.“— —„Der Erzbiſchof von Mainz hatte Recht, denn der Quade hat dem Geſchlechte der Welfen keine Ehre gemacht, und das fürſtliche Wort gebrochen; ſagte Cas⸗ par Hinke, der ſtädtiſche Büchſenmeiſter;—„weil die Ritter bis in das Eichsfeld und nach Thüringen hinein auf Raub ſtreiften und auf dem Hanſtein ihre Beute, die ſie den reiſenden Kaufleuten abgenommen hatten, theilten, ſo gingen die Bürger von Erfurt, Nordhauſen, Mühl⸗ hauſen und Heiligenſtadt mit ihrer Klage an den kaiſer⸗ lichen Vogt, und obgleich dieſer lange müßig zugeſehen hatte, ſo mußte er doch ſeines Amtes wegen, und um nicht Freundſchaft und Anſehen beim Kaiſer Karl IV. einzubüßen, eine gute Miene zum böſen Spiele machen, ſeine Knappen und Hinterſaſſen mit den Söldlingen der Städte vereinigen und vor ſechs Jahren vor die Burg Hanſtein ziehen. Vorher hatte er unſerm Herzog das Verſprechen, kraft des urkundlichen Landfriedens, abge⸗ nommen, dem Hanſteiner nicht beizuſtehen. Aber ſchnell und insgeheim rüſtete dieſer, fiel dem Hohnſteiner und den Städtern in den Rücken, ließ die Gefangenen auf die Schlöſſer Münden, Friedland und Brakenberg ſchleppen und durch zwanzig Mark löthigen Silbers loskaufen. Dafür that ihn der Mainzer Biſchof in den Bann.“ —„Und der Hohnſteiner?“ —„Ihr ſeht, Meiſter, er reitet eben mit dem Her⸗ zoge vor die Schranken und ſtellt ſich mit ihm neben dem Balkone der Damen auf.“— Während dieſer halblauten Unterhaltung war der feſtliche Tournierzug auf dem Platze vollends eingetroffen; die Herzogin beſtieg ihre, an der Stechbahn übergebaute Tribüne, die Edeldamen nahmen ihre Plätze ein, um an dem Preiſe ihrer Ritter ſich galant und auch vielleicht geheim mit dem Herzen zu bethätigen, während die Ritter zu Roß und in geſchloſſenem Viſir, nur an ihrem Wappen erkennbar, ſich um den Herzog ſammelten. Vom Kopfe bis zu den Füßen in Eiſen, waren auch ihre Pferde mit Blechen und Panzern bedeckt.— Die Aufſeher des Kampfplatzes, die Grieswärtel, nahmen ihre Stellen innerhalb der Bahn ein, da ſie das Amt hatten, die etwa zu große Hitze der Kämpfenden oder den Uebergang des Spieles in Ernſt zu beſchränken; ſie ſaßen zu Roß, mit Schwert und Lanze bewaffnet, den goldenen Löwen des Herzogs als Zeichen ihrer amt⸗ lichen Function tragend; die zahlreichen Banner wurden rings um die fürſtlichen Perſonen und den Kampfplatz aufgepflanzt, eine ſchmetternde, kriegeriſche Freudenmuſik erſcholl in das Geklirr der Rüſtungen, das Stampfen der Roſſe und das Getöſe des Volkes. Die Tourniervögte und Herolde hielten jetzt die Wappenſchau. Nur Ritter von mindeſtens vier Ahnen wurden überhaupt als tournierfähig zugelaſſen. Die vom Herzoge perſönlich eingeladenen Ritter, die nach den An⸗ ſtandsgeſetzen, bei Vermeidung einer feſtgeſetzten Strafe, immer auf die Einladung zu erſcheinen gezwungen waren, brauchten ſich nicht erſt der Wappen⸗ und Tournierſchau — 76— der Vögte und Herolde zu unterwerfen und ſammelten ſich deshalb ſogleich um den Herzog und an den Schranken des Kampfplatzes. Die Ritter hingegen, welche ſich aus freien Stücken auf den allgemeinen Ruf zum großen Tourniere zu Göttingen eingefunden hatten, mußten ſich einer Prüfung ihres Wappens und ihrer Tournierfähigkeit unterziehen; erſteres mußte einem edlen Geſchlechte mit genügender Ahnenzahl angehören, letztere beſtand in dem Beweiſe eines ritterlichen Lebens und Glaubens ohne Tadel, nämlich im Sinne der Zeit nnd des Ritter⸗ thums. Jeder nicht eingeladene gerüſtete Edelmann mußte vor den Tourniervögten und drei Herolden ſeinen Namen in das Tournierbuch ſchreiben oder, falls er nicht ſelbſt ſchreiben konnte, einzeichnen laſſen; aus den vorhandenen Tournierregiſtern wurde nun nachgeforſcht, ob der Kampf⸗ luſtige zuläſſig und ſein Wappen echt und ehrenhaft ſei, und fand man Alles in Ordnung, dann erhielt er den Tournierbrief, welcher ihn berechtigte, mit auf den Kampf⸗ platz zu reiten. —„Seht, jetzt geht's an!“— rief Thomas Bode, der jüngſte der bezeichneten Bürgergruppe unter den Zu⸗ 1. ſchauern, und von dem ungewohnten Schauſpiele zu froher Aufmerkſamkeit gereizt;—„der Herzog reitet mit den tournierfähigen Rittern hart an die Schranken und giebt ein Zeichen!“ Alsbald erſchien ein Herold in der Stechbahn, mit einem Pergamente in der Hand, und gebot mit ſeinem Wappenſtabe Ruhe. Er las nach altem Brauch und Recht die Ehrengeſetze vor. In dem Geräuſche, welches trotz der gebotenen Ryuhe, durch Roſſe, Waffen und viel Volk unvermeidlich war, erhorchen wir nur einzelne Worte des Herolds, aus denen wir verſtehen, daß im Kampfe nur die Schneide, nie aber die Spitze des Schwertes ge⸗ braucht werden ſolle, daß Niemand ſich auf dem Sattel feſtbinden laſſen dürfe und der Zweikampf geendet ſei, ſobald einer den Helm abnehme; auch, daß die Pferde nicht verwundet werden ſollten.— Nunmehr ordneten ſich die Paare der Kämpfer, die theils das Loos, theils der Rang oder eine beſondere Herausforderung zu einander geführt hatten. Der He⸗ rold rief jedes Paar, das an die Reihe des Kampfes kam, laut bei Namen auf, nur unbekannte, mit verſchloſſenem Viſir angekommene Ritter, deren Namen aber den Tournier⸗ vögten anvertraut worden war, wurden nicht genannt. Nach dem Aufrufe des Heroldes ritt jedes Paar in glän⸗ zendem Aufzuge, von Bannern, Knappen und Gries⸗ wärteln begleitet, und unter einer kriegeriſchen Muſik, in die Schranken, deren abſperrende Seile auf ein gegebenes Zeichen des Herzogs abgehauen wurden. —„Wer ſind die beiden Ritter?— fragte der junge Tuchmacher, vor Freude glänzend;—„ſie wollen mit den Lanzen einander zu Leibe— das wird ein Spaß werden!“— —„Ganz recht“— erklärte der ſtädtiſche Büchſen⸗ meiſter,—„das Lanzenſtechen kommt zuerſt; früher war's das Kolbenſchlagen, aber es iſt dabei zu viel Unglück vorgefallen, ſo daß es vom Tournier der Ritter ausge⸗ ſchloſſen iſt.“—— —„Kommt doch genug Unglück dabei vor, mit Lanze und Schwert“— fiel der Bäckermeiſter Heinrich Fiſcher — 23— ein;—„mein Großvater hat's erzählt, wie in Sachſen ſechszehn Ritter, und bei dem Tournier zu Neuß in Nie⸗ der⸗Lothringen zweiundvierzig Ritter mit ebenſe viel Knap⸗ pen umgekommen ſind, die im Eifer aus dem Spiele in ſchlimmen Ernſt gerathen waren.“ —„Da kann ich Euch dienen“— ſetzte der Stadt⸗ ſchreiber hinzu;—„in dem Tournierbuche, das im Archiv unſeres Rathes aufbewahrt liegt, iſt zu leſen, daß der Sohn des Königs Heinrich des Zweiten von England, der Herzog Gottfried von Bretagne, 1185 im Tournier zu Paris ſein Leben verlor, und gerade vor hundert Jahren blieb Otto des Dritten Sohn, der Markgraf Johann von Brandenburg, todt auf dem Platze. Auch iſt zu leſen, daß des Markgrafen Dietrich von Meißen Sohn, Konrad, einen tödtlichen Lanzenſtich im Tournier erhalten und der Erzbiſchof Wichmann von Magdeburg dem Leichnam ein chriſtliches Begräbniß verweigert und alle Theilnehmer am Tournier in den Bann gethan hat. Und erſt als ein Prieſter den Eid geleiſtet hatte, daß der Getroffene vor ſeinem Tode gebeichtet, die Abſolution er⸗ halten und gelobt habe, niemals, wenn er leben bliebe, einem Tourniere beizuwohnen, hat der Erzbiſchof den Bann von ihm aufgehoben.“— —„Daran erkennt Ihr den Quaden“— flüſterte der Schmid Kurd Meiſen;—„er achtet weder des Papſtes noch der Prieſter Wort; der Guardian vom Pauliner Koſter hat, als er das Aufgebot zum großen Tournier erfahren, ihm im Namen des Papſtes vorgehalten, die Kirche nicht von Neuem zu kränken und nicht gegen des heiligen Vaters und der Biſchöfe Verbot zu thun, die ——— 79— das Tournier mit Strafen bedroht haben. So weiß ich's von meinem Beichtvater aus dem Pauliner Kloſter. Es ſoll mich nicht wundern, wenn der Herzog noch einmal in den Bann gethan würde.“— —„Was die Päpſte nicht überwinden können, das wird unſere Büchſenmeiſterkunſt thun“— meinte Caspar Hinke;—„wir wiſſen das Schießpulver zu bereiten und die Städter lernen es begierig durch unſere Dienſte kennen und üben ſich mit den Büchſen. Und wenn es erſt herausgekriegt ſein wird, mit dem ſchwarzen Pulver in weite Ferne ſicher zu treffen und ſchnell zu laden und abzubrennen, dann ſind die blanken Rüſtungen keinen Schuß Pulver mehr werth, und die feſten Burgen können ihre Mauern und Thürme nicht mehr halten.“ „Sie legen die Lanzen ein“— rief Thomas Bode;—„ha, wie ſie die Pferde ſcharf anſpornen und aufeinander rennen!— Da—— der Eine ſchwankt im Sattel— des Anderen Lanze ſpringt an des Gegn v's Bruſtharniſch in Sglitter, ha! ha! wie die Pferde ſtehen! — Wer iſt der Ritter, der ſich eine neue Lanze geben läßt, der da, mit den drei Löwenköpfen im Schilde?“— Wie der Herzog luſtig winkt— möchte gern ſelbſt mit⸗ ſtechen;— ſie reiten von einander, ſie wollen noch ein⸗ mal aufrennen.— Die Lanze des Andern muß nicht mehr feſt ſein, er läßt ſich vom Knappen eine andere reichen.— —„Das iſt der Hans von Schwiecheldt, der luſtige und derbe Kumpan des Herzogs, biſchöflicher Vogt auf Liebenburg und dabei der größte Wegelagerer des Landes, ſeit er die geſtohlene Harzburg vom Herzoge für eine Martinsgans geſchenkt bekommen hat“— ſagte der Stadtſchreiber.—„Aber ſein Gegner dort, mit dem ſechsfeldrig blau⸗ und weiß getheilten Schilde, und den gleichfarbigen Kuhhörnern auf dem Helme, iſt ihm nicht minder gewachſen im Fechten und Rauben, es iſt der Werner von Adelebſen, der ſein Schloß an der Schwülme hat und deſſen Vater früher die Burg Grone beſaß, die er für zwölf Mark Silber verkaufte.“— —„Er iſt auch ein guter Waffenbmnder des Her⸗ zogs“— meinte der Bäckermeiſter.—„Aber der Schwie⸗ cheldt thut's ihm doch zuvor nicht nur im Stechen, ſondern noch mehr in dem Räuberhandwerk.“— —„Sie rennen auf einander!“— rief Thomas Bode, der ſeine Augen nicht von dem Kampfplatze ablenkte, wenn er auch dem Geſpräche der Nachbarn horchte.— „Da— da— beide prallen zurück— hu, wie die Roſſe ſich heben!— Sie bleiben im Sattel und in den Bügeln feſt— ſie ſchwenken die Pferde, ſie legen noch einmal die Lanzen ein— hu!— ſeht! ſeht!— da— der Ade⸗ lebſen bricht hinten über— er ſtürzt— nein, wie er Sattel und Bügel hält, wahrhaftig, er läßt nicht los, er reißt das Pferd rücklings mit nieder— hal ha! da liegt er mit dem Thiere!“— So nahm der junge Bürger mit Wort und Geberde den lebhafteſten Antheil an dem eben beendigten Zweikampfe. Der Adelebſen erhob ſich unter Beihülfe der Grieswärtel und Knappen, der Schwie⸗ cheldt ritt ſtolz, unter Trompetenſchall vor der Herzogin und den Damen vorüber, neigte Lanze und Schild und ſprengte dann dem Herzoge entgegen, der ihn ſchon von Weitem die Hand bot und ſelbſt ſo ungeduldig und er⸗ — 81— füllt von Kampfluſt war, daß er unwillkürlich dem Pferde die Sporen eindrückte und daſſelbe, feſt im Zügel, zum muthigen Aufbäumen trieb, nicht gewohnt, ſeinen Herrn zu tragen und dem Waffengeräuſche müßig zuzuhören. Den Sturz des Ritters Werner von Adelebſen begleitete ein lautes faſt höhniſches Geſchrei des Volkes, und der Ritter ritt ſtill aus den Schranken. —„Das wird der Adelebſen dem Schwiecheldt nicht ſchenken“— ſagte der Krämer;—„es miſcht ſich doch immer der Groll und Neid in die Niederlage;— ſchauet einmal hin, reitet er nicht auf den Schwiecheldt zu? Wahrhaftig, er reicht ihm ſeinen Handſchuh— das wird Ernſt!“— —„Sie werden noch einen Gang machen wollen“— meinte Helmicus, der Stadtſchreiber.—„Da reiten zwei Andere auf;— der dort, mit dem ſchwarzen ſprin⸗ genden Bock auf goldenem Felde, dem rothen ſpitzen Hut mit dem Pfauenſpiegel und den ſchwarz goldenen Adler⸗ flügeln als Helmzier, iſt der Steinberg,— er will's mit dem Weferlingen aufnehmen, der in ſeinem, der Länge nach in Blau und Weiß getheilten Schilde, vier weiße Roſen ſchräg von rechts nach links trägt;— ſie rennen an— ha!“— In demſelben Augenblick erſcholl bereits das Trom⸗ petenzeichen der Beendigung dieſes kaum begonnenen Kampfes, zwiſchen das laute Getöſe der jubelnden Menge; beide Ritter waren ſo heftig auf einander geſtoßen, daß ſie gleichzeiig aus Sattel und Bügel in den Sand ſtürzten und ihre Roſſe ſich vor einander bäumten.— Alsbald folgte ein neues Kämpferpaar, das der Stadt⸗ Herzog, Maltitz. I.. 6 — 82— ſchreiber als Wappenkenner mit den Namen: Berlepſch und Minnigerode bezeichnete, da der erſtere auf einem grünen Schilde fünf Vögel, der andere auf rothem Schilde einen Keſſelhaken trug. —„Es ſoll mich wundern, ob der Schwiecheldt noch einmal mit der Lanze oder mit dem Schwerte kämpfen wird“— ſagte Kurd Meiſen, der Hufſchmied.—„Es könnte gewiß nicht ſchaden, wenn er den Hals bräche, damit die Straße nach Goslar, Halberſtadt und Braun⸗ ſchweig ſicher würde, denn vor acht Tagen hat er wieder die Kaufleute angefallen, trotz ihrer Bedeckung vom Goslar'ſchen Rathe, die nach Hauſe von der Braun⸗ ſchweiger Meſſe reiſen wollten.“ —„Das ſei Gott geklagt“— ſprach der Krämer Johann Frieſen;—„es iſt erſt ſeit Martini vorigen Jahres, daß er die Harzburg hat und ſchon wagt ſich kein Bürger mehr auf dem Goslarſchen Wege vorüber, wie man es ſchon lange nicht bei Liebenburg und dem Schloſſe Wallmoden, wo er bislang ſein Weſen trieb, gewagt hat. Aber unſer Herzog hat einmal Wohlgefallen an ihm gefunden und läßt ihn gewähren.“ —„ZJa, der Biſchof Gerhard von Hildesheim iſt übel dabei gefahren.“— meinte der Bäcker—„aber er iſt mit dem Schwerte nicht weniger ſtark, als mit dem Krummſtocke, und er iſt ein ſehr gerechter Herr, dem es gleich iſt, ob er gegen die Stola oder das Panzerhemde das gute Recht vertheidigt.“— —„Aber wie kam es denn, daß der Herzog es auf die Harzburg abgeſehen hatte, da er doch ſonſt mit dem Herrn von Wernigerode im Einvernehmen ſtand, und ich — 83— geſehen habe, daß dieſer vor drei Jahren mit dem Herzoge auf den Bollrutz einritt?“ fragte der Schmid. —„Ihr werdet unter den Tourniergäſten das Wer⸗ nigeroder Wappen, mit dem ſchreitenden Hirſche, ver⸗ geblich ſuchen“— fiel der Stadtſchreiber ein;—„das iſt eine große Feindſchaft zwiſchen dem Herzoge und dem Dietrich von Wernigerode geworden,— eine Feindſchaft zwiſchen Hund und Katze;— beide ſind ſich in's Revier ge⸗ rathen und der Eine hat erbeutet, was der Andere gern ſelber genommen hätte. Als der Herzog in den Bann gethan war, hat's ihn der Wernigeroder einmal fühlen laſſen und das vergißt der Otto nicht.“ —„Ich will's Euch weiter erzählen“— nahm Heinrich Fiſcher das Wort, der in der Hiſtorie vor vielen andern Bürgern bewandert war.„Es iſt in der Gegend be⸗ kannt, daß der Kaiſer Friedrich der Zweite, der auf der Harzburg ſeinen Lieblingsort gefunden hatte, und 1218 dort ſtarb, die Grafen von Woldenberg als Herren auf die Veſte ſetzte; aber vor hundert Jahren, 1269 verpfän⸗ deten die beiden Grafen Hermann und Ludolph von Woldenberg die Harzburg angeblich auf zwei Jahre an den Grafen Conrad von Wernigerode, für 400 Mark löthigen Silbers und ſo hatten die Wernigeröder die. Burg bis voriges Jahr als Pfand behalten. Das wurmte unſerem Herzoge ſchon lange und da der Dietrich von Wernigerode in offene Feindſchaft mit ihm gerieth, ſo wartete der Herzog nur auf eine Gelegenheit, ihm beizu⸗ kommen. Aber die Harzburg iſt ſo feſt, daß er wol wußte, wie er ſich den Schädel daran einrennen würde, wenn ihm danach gelüſten und er auf den Ettersberg, Sachſen⸗ 6* — 84— berg und Burgberg, über dem Krodothale hinaufkommen ſollte. Nun traf es ſich, daß im vorigen Frühjahr der Graf Dieter einen ſeiner reiſigen Knappen heftig belei⸗ digte, und dieſer, der ein rachſüchtiger Menſch war, ſchnur⸗ ſtracks zum Herzoge nach Göttingen kam und ihm ver⸗ rieth, auf welcher Seite und in welcher Weiſe die Harz⸗ burg ohne große Mühe genommen werden könne. Das war Waſſer auf des Quaden unruhige Mühle; er brach ſogleich mit ſeinen Reiſigen auf, folgte dem Knappen, der ihn führte, und verſteckte ſich in den Wald des Eich⸗ und Sachſenberges und im Thale. In der Nacht ſtieg der Knappe auf bekanntem Wege über die Ringmauer, öffnete das Thor, der Herzog drang in die Burg ein und verjagte die beiden Grafen, Dieter und den Bruder Konrad. Es war aber zur ſelben Zeit, daß der Hildesheimer Biſchof, der ein Aergerniß an dem räuberiſchen Treiben der Ritter nimmt, und ſchon früher manchen adligen Hecken⸗ und Strauchreiter ſtreng gezüchtigt hat, mit ſeinen Reiſigen und Söldnern vor der Burg Wallmoden lag, und den Hans von Schwiecheldt, denſelben, der jetzt an des Herzogs Seite hält und den Adelebſen aus dem Sattel hob, belagerte, um deſſen ſchändlich Handwerk des Raubens zu ſteuern und ihm das geſtohlene Vieh und Geld wieder abzutreiben. Als er erfuhr, daß der Quade auf ſo liſtige Art ſich zum Herrn von Harzburg gemacht hatte, fürchtete er, daß derſelbe dem hildesheimiſchen Lande gefährlich werden und von der Harzburg herab Gewalt und Frevel an den Einwohnern des Hochſtifts üben könne, und da er ein gerechter Mann iſt, ohne Furcht vor Uebermacht, und auf der heiligen Marie Troſt vertraut, ſo gab er die Belagerung des Schloſſes Wall⸗ moden ſchnell auf, zog vor die Harzburg und wollte ſie dem Quaden wieder abnehmen. Da er aber nicht die ſteilen Mauern erſtürmen konnte, ſo wollte er die von Otto zurückgelaſſene Beſatzung durch Hunger zwingen; es begab ſich, daß der Herzog eben Reiſige abgeſchickt hatte, um der Harzburg Proviant zu ſchicken, die aber nun in die Hände des Biſchofs fielen, der ſie gefangen nach Hildesheim bringen ließ. Unſer Herzog wurde es kaum gewahr, als er geſchwind, wie der Wind, mit ſeinen Reiſigen in das Hildesheimer Gebiet einfiel, in der Nacht die Stadt Alfeld überrumpelte, und nicht eher wieder abzog, bis der Biſchof ihm verſprochen hatte, ſelber die Harzburg mit Proviant auf eigene Koſten zu verſorgen.“ —„Ein guter Freund, der Quade, aber ein böſer Feind,“— ſagte der Büchſenmeiſter;—„er ſinnt immer auf Streit und es nimmt mich Wunder, daß er heute dem Raufen, Hauen und Stechen ſo ruhig zuſehen kann, da es ſich für einen regierenden Herrn nicht ſchicken würde, in die Gefahr zu kommen, vor allem Volke von einem Vaſallen in den Sand geſetzt zu werden. Aber er iſt nicht habſüchtig, wie ſeine Ritter, er giebt ſeine Beute wieder weg, das Streiten allein iſt ihm ge⸗ nug Freude.— Die ſchöne Harzburg für eine Martins⸗ gans!“—. —„Aber ſo iſt es letzten Martinstag in Wahrheit geſchehen“— fuhr der Bäcker fort.—„Den letzten Herbſt wohnte der Herzog auf der Harzburg; ich habe die Kunde von meinem Vetter, der die Mühle an der Radau be⸗ treibt, die dem Harzburger gehört. Und da hat der Herzog — 36— mit ſeinen Freunden, dem Hanſteiner und andern guten Wegelagerern, Raubzüge von der Harzburg herunter in die Altmark gemacht, Dörfer und Heerden geplündert, daß die fromme Margarethe auf Harſte über ihres Ge⸗ mahls wildes, ſündhaftes Beginnen heftig geweint, mit den Geiſtlichen gebetet und Meſſen für ihn leſen gelaſſen, auch Altar und Stifte reichlich beſchenkt hat.— Da iſt er auf dem Heimzuge aus der Altmark am letzten Martini⸗ abend auf Liebenburg, bei dem Hans von Schwiecheldt, mit ſeinem reiſigen Gefolge und allen Raubgeſellen ein⸗ getroffen, und dieſer, ein derber, fröhlicher Kumpan, nach des Quaden Wohlgefallen, hat denſelben mit Mann und Thier tüchtig bewirthet, und ſie haben zum Märtens⸗ gänſemahle weidlich gezecht. Als aber am andern Morgen. der Ritter hat keine Bezahlung nehmen wollen, und der Herzog ausnehmend zufrieden mit ſeinem Gaſtfreunde ge⸗ weſen iſt, ſo hat er ihn beim Abſchiede zum erbgeſeſſenen Herrn und Amtmanne zu Harzburg ernannt, und ihn für alle Zeit die geſtohl'ne Feſte geſchenkt, auch einen großen Theil der Beute aus der Altmark, um der Kirche Zorn zuvorzukommen, den Kloſterjungfrauen zu Wiebrechts⸗ hauſen gegeben, wofür ihm dieſe das Verſprechen erwi⸗ dert haben, ihm in ihrer Kirche ein Grab graben zu wollen.“— —„Sollte man es dem Herzoge dort, wie er da ſo froh und vergnügt zu Pferde hält, wol anſehen, daß er vorigen Jahres ſolche Raubzüge gemacht hat? Und den blanken, vornehmen Rittern dort, daß ſie das ſchändlichſte Handwerk treiben, und ihre Weiber ſich mit geſtohlenem Schmucke zieren? Seht dort die Rittersfrau von Schwie⸗ — 87— cheldt, wie ſie voll goldner Glöcklein am Gürtel hängt, daß ſie bei jeder Bewegung läutet wie ein Meſſner oder Vesperglöcklein; aber lieber Gott, wie viel Thränen mö⸗ gen an dieſem Prunke hängen, und an dieſen luſtigen Glöcklein, die wie Perlen glänzen und doch nur Thränen ſind, und wie viele Verwünſchungen mögen vor dem Ge⸗ klimper dieſer artigen Herrlichkeit verſtummen!“— —„Ihr habt wol Recht, Curd Meiſen“— fiel der Krämer ein;—„ſeit der kurzen Zeit, daß dieſer Schwie⸗ cheldt auf der Harzburg ſitzt, wohnt ein geheimes Grauen in der ganzen Gegend, Keiner iſt mehr ſicher, und die Goslarer und Braunſchweiger wagen ſich nicht mehr ohne ſtarke Bedeckung auf die Landſtraßen. Und ſo lange der Herzog lebt, wird ſein beſter Freund wol der berüchtigſte Raubritter bleiben dürfen.“— —„Hol ho!“— rief der junge Tuchmacher Tho⸗ mas Bode, der mit großer Aufmerkſamkeit dem Tourniere und ſchnell aufeinander folgenden Lanzenſtechen zugeſehen hatte—„das war ein Stoß! Da fliegt er wie eine Rübe in den Sand!— Hal hal hal ſo liebe ich's;— bravo! Er rührt ſich nicht— ſie nehmen ihm den Helm ab— er hat Schaden genommen— die Grieswärtel heben ihn auf— die Edeldame dort hinter der Brüſtung ſtreckt die Hände aus— wer iſt's, Herr Helmicus?“—. Das Ereigniß hatte auch die übrigen Bürger von ih⸗ rer Privatunterhaltung abgelenkt und ihre Aufmerkſamkeit auf die Stechbahn gerichtet, wo ein Ritter, der, nach Ab⸗ nahme des Helms, ein jugendliches Geſicht zeigte, vom heftigen Stoße auf den Boden regungslos liegen geblie⸗ ben war, und während ſich die Grieswärtel, die Knappen — 88— und ein herbeieilender Mönch um ihn eingefunden und ihn aufgehoben hatten, ſuchten die Damen auf dem Bal⸗ kon eine ſchlanke, edle Dame, in Blau und Silber geklei⸗ det, die Geberden des Schrecks und Schmerzes machte, zu beruhigen und zu tröſten. —„Das iſt“— begann der Stadtſchreiber—„wahr⸗ haftig, Schild roth und ſilbern, in vier Felder getheilt, auf dem blauen neun Sterne, auf dem ſilbernen viele kleine Kugeln— das iſt wahrhaftig der Oldershau⸗ ſen, des alten Ritters Sohn!— Er erholt ſich— ſein Gegner iſt vom Pferde geſtiegen und reicht ihm die Hand;— das iſt der Dietrich von Mandelsloh, der auf Ricklingen ſein Weſen treibt— ich kenne ſein Wappen, das Jagdhorn auf blauem Schilde, auf dem Helme den Todtenkopf mit Dolchen in den Augenhöhlen.“— Und wenn der geſtürzte Ritter todt auf der Stelle geblieben wäre, ſo würde das Kampfſpiel und die Luſt der Tournierritter nicht im Geringſten dadurch eine Stö⸗ rung erlitten haben. Der Herzog nahm kaum eine wei⸗ tere Notiz davon, als daß er dem Sieger eine heitere, ſalutirende Bewegung zuwinkte;— nicht ſo die Herzo⸗ gin, welche eine ihrer Damen zu der Erſchrockenen,— die ohne Zweifel des geſtürzten Ritters Dame war, de⸗ ren Farben er trug— ſandte und einem Pagen befahl, ſich nach dem Befinden des Ritters zu erkundigen. Dem Lanzenſtechen folgte, nach einigen folgenden Aufrennen verſchiedener Paare, nunmehr der Kampf mit dem Schwerte; daſſelbe war weniger gefährlich, da die Rüſtungen den Hieb auffingen und man ſich vorzüglich bemühete, gegenſeitig die Zierrathen von den Rüſtungen — — — 89— zu ſchlagen, oder den Gegner waffenlos zu machen oder ſeinen Arm zu ermüden. —„Da kommt der Adelebſen wieder“— ſagte Fi⸗ ſcher—„jetzt will er dem Schwiecheldt den Lanzenſtoß vergelten!“— —„Da iſt auch der Schwiecheldt ſchon;— wie er den Gegner mißt!— Sie ſtellen ſich auf;— die Tour⸗ niervögte theilen Licht und Luft;— da— ſie fallen einander an;— Schlag auf Schlag;— wie die Funken anffliegen;— Keiner weicht;— der Herzog reitet näher hinan;— ha! da fliegt dem Schwiecheldt ein blankes Stück vom Schilde weg!“—„Nein es iſt ſeine Zier⸗ ſchilderei von der rechten Schulter;— Blitz, wie hauen ſie auf einander ein;— das iſt Ernſt g geworden— die Vögte ſehen ſich an;— o weh! Da fallen die Streiche dem Adelebſen wie Hagel auf den Helm— er wird zu⸗ rückgedrängt, die Feder fällt herunter— Gott bewahre uns vor dieſem Schwiecheldt!“— —„ZJetzt ſoll er's aber fühlen; Bravo, der Schild iſt dem Schwiecheldt in zwei Stücke gehauen; recht ſo, Ade⸗ lebſen— hau' d'rauf, damit der Weg von Goslar frei wird; die Kaufleute werden's dir danken!“— —„Verdammt, das war ein Hieb!— Dem Adeleb⸗ ſen iſt das Viſir abgehauen!— Wie er mit den Augen funkelt;— es iſt vorbei, die Grieswärtel und Kampf⸗ richter treten dazwiſchen; Beide möchten von Neuem an⸗ fangen!“— Das Tourniergeſetz ſetzte dem Eifer des gereizten Ehr⸗ gefühls beider Ritter Schranken; die Kampfrichter erklär⸗ ten ſie als gleich an Sieg und Verluſt. Mit luſtiger — 390— Muſik, unter dem Jubel der Menge und dem Schwenken der Tücher ſeitens der Edeldamen, verließen ſie den Kampfplatz, den alsbald zwei andere Gegner im vollen Glanze der Waffen und mit muthiger Begrüßung der Damen einnahmen. So wiederholte ſich das Spiel der Schwerter, Paar auf Paar, wie ſie von den Tourniervögten laut aufge⸗ rufen wurden. Auch mancher anonyme Ritter mit ge⸗ ſchloſſenem Viſir und angenommenem Wappen gelangte in die Schranken. Allmälig waren die vom Herzoge und den fürſtlichen Damen ausgeſetzten Preiſe der Zahl nach abgekämpft; der Herzog gab Befehl, daß ſich die Ritter nun ſelber bemühen möchten, von den Damen ihres Her⸗ zens einen Preis zu gewinnen.— Dieſer Akt des Tour⸗ niers war der eigentliche Kampf der Galanterie, welchen die jüngeren Ritter mit Ungeduld erwartet hatten und der ſie nun muthig in die Stechbahn trieb, um ihre Tap⸗ ferkeit durch zarte Pfänder der Liebe und galanter Wei⸗ berverehrung lohnen zu laſſen. Während die jüngeren Ritter, mit den Farben ihrer Damen angethan, unter die Balkone und Gerüſte ritten, wo die Frauen und Fräu⸗ lein, nunmehr einen directeren Antheil am Glücke der Waffen nehmend, die Streiter um Herz, Parole, Schön⸗ heitspreis und zärtliche Ehre, mit Blick und Wort begei⸗ ſterten, fand vor dem Altane der Herzogin die Verthei⸗ lung der vom Herzoge ausgeſetzten Preiſe ſtatt. Die Herolde riefen laut die Namen der Sieger im Lanzen⸗ ſtechen und Schwertkampfe aus; Ritter von Schwiecheldt empfing aus den Händen der Herzogin den erſten Preis, den ſogenannten Dank, in Geſtalt einer goldenen Kette, — 91— die er mit entblößtem Haupte empfing, und wobei man⸗ Icher Blick aus dem Volke neugierig das trotzig luſtige, wild funkelnde Geſicht deſſelben, das Jedem auf der Land⸗ ſtraße Schreck und Furcht eingejagt haben würde, mit geheimer Scheu betrachtete.— Prinzeſſin Agnes, des Herzogs Schweſter, überreichte den zweiten Preis, ein köſtliches Wehrgehäng, dem Ritter von Mandelsloh, der es ſofort anlegte; die Gräfin So⸗ phie von Hohnſtein, Tochter des Herzogs Magnus des Aeltern, bekleidete nach dem Ausſpruche der Kampfrichter den Werner von Adelebſen mit einer geſtickten Schärpe; die hohe Frau von Betheim hatte die Aufgabe, dem Grafen von Ziegenhain, welcher mit mehreren Rittern aus dem heſſiſchen Lande beim Tonrnier eingetroffen und im Lanzenſtechen über ſeinen Gegner, den Herrn von Bockelhagen, Meiſter geworden war, ein verziertes Schwert zu überreichen, wogegen das Fräulein von Gadenſtädt dem Ritter von Spiegel einen koſtbaren Ring auf die Hand ſtecken mußte. Die Ritter, welche dieſe Preiſe aus den Händen der Edeldamen empfingen, hatten dem alten Tourniergebrauche gemäß, das Recht, die Hand, oder nach Umſtänden die Lippen zu küſſen. Als endlich die beiden üblichen Preiſe der Zier⸗ und Aelteſtendank, einen ſilbernen Kranz dem Ritter, der die ſchönſte Rü⸗ ſtung trug, ein Becher demjenigen, welcher der Aelteſte unter den anweſenden Gäſten war, unter Muſik und Volks⸗ jubel von weiblichen Händen geſpendet waren, begann der Minnedienſt des ritterlichen Waffenſpieles; die jün⸗ geren Edelleute traten für die Farben, die Parole, die Schönheit und den zärtlichen Lohn ihrer angebeteten oder erſt jetzt zu ihrer Herzenspatronin erwählten Dame, in die Schranken und forderten den Gegner heraus; die Frauen und Jungfrauen bekamen röthere Wangen und glühendere Augen, denn es galt den Kampf mit Lanze und Schwert um den Preis ihrer Ehre, Schönheit und Eitelkeit. Die Edeldamen gaben dabei ſelbſt aus eigenem Vermögen die Preiſe aus, die Ritter warfen ſich als Pa⸗ ladine der von ihnen bevorzugten oder aus Galanterie erwählten Damen auf, ließen ſich von ihnen Schmuck⸗ ſachen als Amulette oder Siegeszeichen geben, und die Kampfluſt um ſolche Liebespfänder war ſo lebhaft, daß manche ſchöne oder anmuthige Dame nach einiger Zeit faſt von Schmuck und Bändern entblößt daſaß. Aber auch der phantaſtiſche Geiſt dieſer Rittergalanterie fehlte nicht; zur größten Ergötzlichkeit des zuſchauenden Volkes ließ ſich ein Ritter, zum Zeichen ſeiner Selaverei, von ſeiner Herzensgebieterin an einem goldenen Kettlein in die Schran⸗ ken führen, und ein fremder, franzöſiſcher Ritter, der von Land zu Land abenteuerte, um Kampf und Kampfſpiel zu ſuchen, bot ein noch auffälligeres Beiſpiel des Minne⸗ dienſtes dar. Der Ritter, glänzend gerüſtet mit geſchloſ⸗ ſenem Viſir, ritt mit ſeiner Lanze, und mit einer langen, goldenen Kette, die um Arm und Fuß geſchloſſen war, unter Trompetenmuſik und Knappengefolge in die Schran⸗ ken ein und ließ, mitten auf der Stechbahn haltend, durch einen Herold laut verkünden, daß er das ſchönſte und edelſte Weib zur Gebieterin und er ihr das Gelübde ge⸗ than habe, dieſe goldene Feſſel fünf Jahre lang zu tra⸗ gen, wenn er bis dahin nicht von einem tapferern Ritter überwunden würde; er ließ durch den Herold alle Ritter —— —e— — 93— zum Kampfe auffordern, die ſeine Geliebte nicht als das ſchönſte Weib der Welt anerkennen wollten. Dieſe herausfordernde Verkündigung erregte unter den anweſenden Rittern und Damen eine große Bewegung; die Blicke manches, ſeiner Reize bewußten Fräuleins ſuch⸗ ten ihren Ritter und die Galanterie wurde plötzlich zur Frage der Ehre und des Herzens. Viele Ritter eilten auf ihre ſchönen Gebieterinnen zu, forderten von ihnen das Zeichen ihres Willens, um für ihre Schönheit, An⸗ muth und Vortreffllichkeit und um die Ehre der Tapfer⸗ keit ihres Huldigers kämpfen zu laſſen, und es währte nicht lange, ſo hatte der fremde, franzöſiſche Prahler faſt alle jüngeren Ritter als Gegner ſich gegenüber ſtehen und viele Weiberaugen blickten beleidigt und erwartungsvoll auf ihn hinab.— Das ſtolze und kühne Auftreten des fremden Ritters war aber durch ungewöhnliche Waffenkunſt, Tapferkeit und Glück begünſtigt; eine Anzahl Ritter hatte er bald mit Leichtigkeit und überlegener Kraft des Armes und ſchwarzen Roſſes aus dem Sattel in den Sand geſetzt, die glänzenden Augen manches ſchönen und ſtolzen Mäd⸗ chens ſenkten ſich mit erröthenden Wangen, beſchämt oder grollend nieder, mancher Blick aus dem Volke haftete wohlgefällig oder befangen auf dem fremden Kämpen, der einen rothen Hahn auf ſchwarzem Schilde trug, und man hörte nicht nur bei den Zuſchauern, ſondern auch unter den Rittern die unheimlichen Worte:„Gott ſei bei uns, das iſt der Teufel!“— In der That ritt der nächſte, zum Kampfe um die Ehre der deutſchen Frauen und Jungfrauen ſich ſtellende — 94— Ritter, mit einem weiß und roth getheilten Schilde, ei⸗ nem weißen Sterne vor dem Helme und einem gleichen auf der Bruſt, an den ſiegreichen Kettenträger hinan, zog ſein Schwert, hielt ihm das Kreuz deſſelben entgegen und ſprach durch das geſchloſſene Viſir:—„Seid Ihr ein gu⸗ ter Chriſt und ein Menſch, wie wir, ſo ſchwört auf die⸗ ſes Kreuz im Namen des heiligen Michael und Georg, daß Ihr keine böſen Künſte gebraucht, daß Eure Waffen nicht gefeiet ſind und Ihr nach ehrlichen Tourniergeſetzen kämpft?“— Der fremde Ritter legte die Hand auf das Kreuz des Schwertes und antwortete:„ich gelobe es, ſo wahr mir Gott und meine Gebieterin helfen ſollen!“— Der Ritter mit dem Sterne ſtieß ſein Schwert in die Scheide, legte die Lanze ein und ſtellte ſich mit dem Pferde zum Aufrennen bereit. Der Herzog Otto, den jede un⸗ gewöhnliche Tapferkeit und Kühnheit lebhaft mit Wohl⸗ gefallen erfüllte, hatte bereits dem fremden Ritter, trotz⸗ dem, daß es die Niederlage ſeiner Freunde und die Ehre der deutſchen Frauen betraf, mit flammender Luſt zuge⸗ ſehen und ritt nunmehr in die Stechbahn, um ſelbſt des Kampfes Schiedsrichter zu ſein.—„Ich achte Eurer Dame Schönheit und Tugend nicht ſo hoch, als die der Unvergleichlichen, welche ich im Herzen trage nnd der an Schönheit und Tugend kein anderes Weib gleichkommt!“ — rief der Ritter mit dem Stern laut. Der Graf von Ziegenhain, welcher neben dem Herzoge hielt und einen gleichen Stern auf Helm und Bruſt, aber auch in ſeinem Wappen auf dem Schilde trug, wollte eben auf die An⸗ rede des Herzogs:—„Es iſt Einer von Eurem Stern⸗ bunde, Gottfried;— die heſſiſchen Ritter ſind wackere — 95— Männer— wer iſt dieſer?“— eine Antwort geben, als ein lauter Volksjubel losbrach und von den Balkonen der Damen Schleier und Tücher weheten; beide Ritter waren aufeinander geſtoßen; ſie prallten ab, die Lanzen ſplitterten, Beide blieben im Sattel. Man forderte neue Lanzen;— der Anlauf begann von Neuem, der Anprall war ſo heftig, daß Beide rück⸗ wärts überſchlugen und die, mit Bügel und Zaum feſt⸗ gehaltenen Roſſe auf die Hinterbeine niedergeriſſen wur⸗ den. Der Fremde ſchien zu merken, daß er mit der Lanze ſeinem Gegner nicht beikommen werde, ſprang ſchnell aus dem Sattel, zog das Schwert und ſtellte ſich zum Kampfe zu Fuß. Der heſſiſche Ritter that es ihm nach; der Kampf auf Hieb begann mit ungewöhnlicher Leidenſchaft, die Schwerter fielen Schlag auf Schlag auf die Rüſtung; die Schilde erklangen laut, die Füße wühlten den Sand auf;— ſchon flogen die Zierrathen vom Harniſch und Helm, von den wuchtigen Klingen getroffen, zu Boden, ſchon waren die Schienen hier und da geſprungen und die Schilde zerhauen, da ſchlug ein Hieb des Heſſen dem Franzoſen das Schwert aus der Eiſenfauſt; dieſer wollte es im Entgleiten ſchnell wieder erfaſſen, aber mit Be⸗ hendigkeit packte der Heſſe den Gegner beim Viſir und überrannte ihn ſo gewaltig, daß jener rücklings zu Boden ſank. Ein ſtürmiſcher Jubel miſchte ſich mit dem Trom⸗ petenſignal; die Damen weheten dem ritterlichen Kämpfer der deutſchen Frauenehre Dank ihrer, am Gefechte leiden⸗ ſchaftlich betheiligten und ſiegreich befriedigten Herzen zu, heiße Blicke aus ſchmachtenden und begeiſterten Augen weideten ſich am heſſiſchen Ritter, der die Spitze ſeines Schwertes auf das Biſir ſeines niedergeworfenen Gegners geſetzt, und ſein Knie auf deſſen Bruſt gekrümmt hatte. Jetzt warf er ſein Schwert zu Boden, öffnete dem Ueberwundenen das Viſir und blickte in ein blaſſes, verzweiflungsvoll wehmüthiges Geſicht, deſſen ſchwarze leidenſchaftliche Augen mit einer wilden Ergebung ihn anfunkelten. —„Ihr ſeid ein tapferer Ritter und meiner Freund⸗ ſchaft werth“— rief der heranſprengende Herzog dem Sieger zu, der jetzt ſein Viſir aufſchlug und dem Fürſten ein edles, nicht ſchönes, aber von einem feſten Ernſte und etwas ſchwärmeriſchen Augen beherrſchtes, blondbärtiges Antlitz zukehrte.—„Entfeſſelt den Paladin der fran⸗ zöſiſchen Dame von ſeiner Kette“— rief der Herzog vergnügt—„daß er ſehe, wie das deutſche Weib, das Ihr im Sinne traget, nach ritterlichem Rechte Euch mit dieſer goldenen Kette lohne. Aber empfanget auch den Dank der Frauen und Fränulein, der Euch gebührt.“— Der heſſiſche Ritter löſete dem Franzoſen die Kette von Arm und Fuß, was dieſer unter dem ſchmerzlichen Seufzer:„O Garobalde!“ und mit der Miene eines körperlich und ſeeliſch Niedergeſchlagenen, ſtill erduldete. Dann ſprang er empor, beſtieg ſein Roß und ritt ſchnell mit ſeinen Knappen davon. Graf Ziegenhain und die übrigen, mit ihm gekom⸗ menen heſſiſchen Ritter, die ſämmtlich an dem Sterne auf Helm und Bruſt, dem Schildzeichen im Wappen des Grafen, erkennbar waren, beglückwünſchten den Landsmann, und der Herzog, welcher, nicht ohne ſtille Eiferſucht der Oberwalder, Braunſchweigiſchen und Hannoverſchen Edel⸗ leute, ſeine große Luſt an den Heſſen zeigte, führte den — 97— Sieger, der ſich als Ritter Eckhard von Rönfurt zu erkennen gegeben hatte, ſelbſt gegen die Tribünen der Damen, die ihn bereits mit Blicken, Geberden und Zei⸗ chen willkommen hießen. —„Er iſt nicht ſchön“— flüſterte ein Fräulein,— „aber edel!“— —„Wem mag er in Minne dienen? Wer iſt die Schönſte, die es uns zuvorthut?“— fragte die Andere, mit ſtrahlendem Auge ſich der Aufmerkſamkeit des jungen Ritters durch Haltung und Handgruß preisgebend. —„Iſt es eine Heſſin?“— meinte eine Dritte, in⸗ dem ſie die Lippe verächtlich hob. —„Nein, ſieh, er will Einer von uns die Huldigung darbringen;“ flüſterte voll heimlichen Siegesgefühls, die ſchöne Nachbarin—„er blickt wähleriſch in unſern Kreis — es weiß die Welt, daß die Frauen und Mädchen des Oberwaldes die ſchönſten der Gegend ſind.“— In dieſem Augenblicke hielt ſich jedes jüngere Weib für die Preiswürdigſte; der Ritter Eckhard wurde vom Herzoge, dem die vornehmſten Gäſte folgten, an den Rei⸗ hen der Damen vorübergeführt, die ſich beeiferten, ihm die Zeichen ihres Dankes darzubringen; hier ward dem Glücklichen ein Band, eine Schleife, eine Haar⸗ oder Buſennadel, dort ein Medaillon, ein Ring, oder ein künſt⸗ licher Kranz im Vorüberſchreiten zu Theil. —„Wo iſt die Gebieterin Eures Herzens, die Köni⸗ gin der Schönheit und Tugend?“— fragte der Herzog, ſelber einen flüchtigen Blick über die Edeldamen werfend. Ritter Eckhard hatte, reich ausgeſtattet mit den Lie⸗ bespfändern der Damen, und die erbeutete, goldene Kette Maltitz, Herzog. I. 7 — 98— im Arme, die Altanſtufen der Herzogin erreicht und blieb hier ſtehen. Die hohe Frau, der man es längſt anſehen konnte, daß dieſes Waffenſpiel ihrem innerſten Sinne nicht entſprach und ſie nur dem Befehle des Gemahls, der Pflicht fürſtlicher Repräſentation und der Sitte der Zeit ein Opfer brachte, ſprach einige ſchmeichelhafte Worte zu dem Ritter, der ſie mit ſchwärmeriſchen Augen an⸗ ſah und deſſen Miene an Entſchloſſenheit verlor, als er das Auge zu der ſanften Frau aufſchlug.— Die Hof⸗ damen der Herzogin erwarteten mit heißerem Buſen und herausfordernden Blicken das Anſehen des Ritters; die rothhaarige Dame, die im Feſtzuge hinter der Herzogin ritt, hatte ihre hellen Augen auf ihn geheftet und den ſpöttiſchen Zug des rothen, muthwilligen Mundes ver⸗ geſſen; die Nachbarin horchte, die ſchönen Kirſchenlippen halb geöffnet, und mit glühender Wange, auf des Her⸗ zogs Wort, der eben in guter Laune rief:—„Nun, Freund— iſt Eure Gebieterin nicht unter den Anwe⸗ ſenden, ſo macht kein Hehl daraus, bringet ihr die Kette und die Liebespfänder der Damen heim, aber der übliche Lohn der Frauen und Fränulein, die Euch haben ſiegen ſehen, ſoll Euch dennoch werden. Wählt Euch die Schönſte aus, Ihr habt das Recht, ihre Lippen zu küſſen!“— Eine große Bewegung entſtand unter den Damen; eine jede Jungfrau, die um die Anerkennung der Schön⸗ heit wetteiferte, und eiferſüchtig auf den Vorzug der An⸗ deren war, glaubte des Ritters Blick auf ſich lenken zu dürfen, der aber mit einem faſt andächtigen, bittenden Ernſte auf die ſanfte Herzogin gerichtet blieb. Jetzt ſchien er plötzlich zu einem Entſchluſſe gekommen zu — 99— ſein;— nach muthigem Aufblick zum bereits ungeduldig werdenden Herzoge, der den Fortgang des Tourniers wollte, nahm er die goldene Kette, legte ſie der Herzogin zu Füßen, beugte das Knie vor ihr und ſprach:— „Euch, edle Frau, gebühret der Preis, feſſelt mich mit dieſer Kette zu Eurem Dienſte.“— Enttäuſchung, Spott, Kälte, Unbefriedigung und be⸗ leidigtes Selbſtgefühl ſchlich über die Mienen der jün⸗ geren Frauen und Jungfrauen; mancher grollende oder ſtolze, mitleidige Blick flog auf den Ritter nieder, an deſſen Geſicht, Haltung und Benehmen jetzt plötzlich man⸗ cher eiferſüchtige Sinn und ſchmollende Mund der Jung⸗ frauen Dieſes und Jenes auszuſetzen hatten. Der Her⸗ zog ſtrich mit der gepanzerten Hand den langen Schweif ſeines Bartes uund ſagte lachend, und einen ſchelmiſchen Blick über die Damen werfend, zum Grafen Ziegen⸗ hain:—„Fürwahr, Ihr kennt in Eurer Sterngeſell⸗ ſchaft die kluge Sitte;— er hat es mit keiner Schönen verderben wollen und in der Gefahr der Eiferſucht des Fuchſes Liſt gewählt. Wohlan, junger Fuchs, ich halte mein fürſtlich Wort, Ihr dürft meines Weibes Lippen küſſen.“— Da erhob ſich die Herzogin mit einer Würde, welche durch ſanfte Hoheit und Milde, mächtiger als Diadem und Hermelin, zur Ehererbietung zwang; wie der heilige Schein einer Himmelskönigin ſtrahlte ihr weicher, from⸗ mer Blick zum Ritter nieder und leuchtete dann umher über den Gemahl und die umſtehenden Männer.— Kein lebendiger Mann ſoll mich küſſen, er ſei denn mein Gemahl!“— ſprach ſie feſt und ernſt;—„ich nehme . 77 — 100— die Huldigung des ſiegreichen Ritters für deutſche Schön⸗ heit und Tugend im Namen aller edlen Frauen und Jungfrauen an, welche ihre wahre Schönheit und Tu⸗ gend im Adel der Seele, im ſanften Gefühle des Wei⸗ bes und chriſtlicher Demuth ſuchen, und deren Liebe durch die heiligſte Pflicht des Weibes, die wilde Leidenſchaft des Mannes zu leiten und zu mildern, freudig in Gott bethätigen.“ Der Herzog ſtrich ſeinen langen Bart heftiger und hörte ſeiner Gemahlin Rede mit ſtechenden, blitzenden Au⸗ gen an.—„Fürwahr, Ihr möchtet mein Fürſtenwort zu Schanden machen vor Edelleuten und Volk“— rief er unwillig und ſein heftiges Temperament, das nie Wi⸗ derſpruch dulden konnte, kündigte ſich bereits durch die anſchwellende Stirnader und das Hervordrängen ſeiner Unterlippe an. Der milde, verſöhnliche Blick Margare⸗ thens hatte aber ſo viel Majeſtätiſches und Himmliſches in ſeiner ruhigen Würde, daß der Herzog mit kluger Beherrſchung ſeine Miene in die gute Laune zurückzwang, und nicht ohne ſpöttiſche Beimiſchung ausrief:—„Rit⸗ ter Eckhard, mir habt Ihr genügt, daß Ihr mein Ge⸗ mahl als der deutſchen Frauen erſte zu Eurer Gebieterin erkieſet habt; wenn Ihr ein ebenſo frommer als tapferer Ritter ſeid, ſo wird Euch der Herzogin heiliger Sinn zu guten, ſanften Dienſten aufnehmen und Ihr werdet viele tugendſame Werke thun.“— Ritter Eckhard, der mit einer andächtigen Ehrfurcht in Margarethens blauen Augenhimmel aufgeblickt hatte, richtete ſich empor, ſah den Herzog mit entſchloſſener, faſt ſtolzer Miene an, und begann:—„Herr, wenn ich — 101— außer meiner Tapferkeit noch einer anderen Tugend werth bin ſo rechnet mir den Freimuth an, womit ich ohne Furcht und Anſehen für Dasjenige rede und fechte, was meiner Ueberzeugung Pflicht und Recht iſt. Ich erlaſſe Euch des gegebenen Wortes und halte meine Lippen für zu unwürdig, Eurer tugendhaften Gemahlin Mund zu berühren. Aber ich widme mich ihrem ſanften Befehle zum treuen und ehrbaren Diener!“— Und ſich von Neuem vor der Herzogin auf das Knie niederlaſſend, fuhr er fort:—„Nehmt dieſe erfochtene Kette von mir an, hohe und holde Frau— im Namen der heiligen Maria!— Ein Blick des Wohlwollens und Dankes ſtrahlte aus der jugendlichen Herzogin Augen; ſie ließ ſich die Kette zu ihren Füßen von einem Pagen reichen, hing ſie dem Ritter um den Hals und ſprach:—„Empfanget von mir das Zeichen, welches Euch freiwillig an mich kettet; vielleicht habe ich Eure Dienſte von Nöthen— meldet Euch nach dem Feſte bei mir.“— Der Ritter gelobte ihr Ergebenheit, küßte die ihm dargebotene feine Hand, nahm ſein Schwert und ſprach:—„es ſei hinfort Eurer Ehre und Geſinnung geweiht, das helfe mir Gott!“— —„Gut, Eckhard!“— rief der Herzog—„ſo. werdet Ihr mein Hoflager hinfort fleißig beſuchen und auch mir ein guter Geſellſchafter ſein; ich liebe tapfere Leute, und Euer Freimuth, den Ihr preiſet, ſoll mir als Muth und Unerſchrockenheit werth ſein.“— Ritter Eckhard von Rönfurt hatte ſich erhoben und dem Herzoge gegenüber geſtellt.—„Ich nehme Eure gnädige Einladung an Euer Hoflager an, inſofern Ihr* — 102— mich zu Zeiten willkommen heißen wollt; aber höret erſt die Probe meines Freimuthes und urtheilet, ob ich Euch etwas werth ſei. Ich bin ein heſſiſcher Edelmann und Eurem Großvater, dem alten Herrn Landgrafen Hein⸗ rich, den man, ſeines feſten Sinnes wegen, den Eiſernen nennt, treu und ehrlich zugethan in allen Stücken. For⸗ dert nicht mehr, als was ich Euch ſein kann.“— —„Wer ſeinem Fürſten allezeit zugethan iſt, der iſt meiner Achtung und Freundſchaft würdig“— erwiderte Otto;—„was hättet Ihr zu fürchten, zweien Herren zu dienen, da Euer fürſtlicher Herr gleich mir, die Waf⸗ fen über Alles liebt und ich ſeiner Tochter Jutta leib⸗ hafter Sohn bin? Dient Ihr doch auch dem Großvater wenn Ihr mit dem Enkel haltet.“— —„Ich lebe am Hoflager des Landgrafen zu Caſſel, und weiß, daß der alte, tapfere Herr große Stücke auf Euch ſetzt und Euch ſeinen wahrhaften Sohn aus ſeinem Blute nennt. Ich bin zum Tournier gekommen, um den Fürſten kennen zu lernen, den das Gerücht im ganzen Heſſenlande und Thüringen als den muthigſten und rit⸗ terlichſten rühmt, und deſſen Tournier zur Ehre des Rit⸗ terthums und der Waffen eine angenehme Stunde für den Landgrafen war, der ſelber zu Gaſte gekommen ſein würde, wenn er nicht fühlte, daß ſein Arm mit dem Al— ter ſchwächer als ſein Muth und eiſerner Wille gewor⸗ den ſei. Aber er hat mich geſandt, um Euch ſeinen Gruß zu entbieten und ich bin als ein fremder Ritter zum Tour⸗ nier eingeritten, um zuvor, ehe Ihr mich in der Burg em⸗ pfangen möchtet, den Waffen, die zu des Landgrafen Freund⸗ ſchaft und Dienſte ſtehen, Anerkennung zu verſchaffen.“ — 103— —„Ihr ſeid mir nunmehr zwiefach willlommen“— verſetzte der Herzog, dem Heſſen die Hand bietend.“— Schon weil Ihr das Zeichen der Sterner tragt, ſchätze ich Euch als einen Rittersmann, der die Waffen und den Kampf mehr liebt, als die müßige Ruhe des fried⸗ fertigen Tagediebes. Was Ihr am Hofe meines Groß⸗ vaters an Luſtbarkeit entbehrt, könnt Ihr bei mir genie⸗ ßen, und ich lade Euch ein, meine Jagden, Gelage und Fehden zu theilen, wie es Eure Landsleute von der Werra, die Hanſteiner gern thun. Nach dem Tourniere kommt zu mir auf den Bollrutz, mir den Gruß des Landgrafen zu bringen.“— Und zu den Rittern ſich wendend, fuhr er fort:—„Nun aber will ich noch ein Gefecht in Schaaren ſehen, wie es einer guten Fehde gleichkommt; es iſt mir doch ein ungewohntes und un⸗ bequemes Ding, dem Stechen und Hauen zuſehen zu müſſen; hätte ſelber Luſt die Waffen zu führen;— halloh! Herolde! Verkündigt den Rittern ein Haufenſtechen! Dann wollen wir nach der Burg heimziehen, um uns beim fröhlichen Mahle an der Tafel zu ergötzen, derweil die Knappen in die Schranken reiten und zur Uebung ein Geſellenſtechen halten dürfen!“— Dieſer Befehl des Herzogs ſollte vom Herolde eben durch Trompetenſignal und Aufruf in Ausführung ge⸗ bracht werden, als ein ſchlanker, der Geſtalt nach ju⸗ gendlicher Ritter, in einfacher Rüſtung, mit geſchloſſenem Viſir, wappenloſem Schilde, und auf gepanzertem Roſſe, eine ſchwarze und weiße Feder auf dem Helme, durch— die Rennbahn ſprengte und die Kreiſe der Ritter durch⸗ hrechend, ſich vor dem Herzoge aufſtellte. Daß er ein — 104— ebenbürtiger, tournierfähiger Ritter war, durfte man vor⸗ ausſetzen, da ihn die Tourniervögte am Eingange der Schranken geprüft hatten. —„Wer ſeid und was begehrt Ihr?“— fragte der Herzog, den Zaum des Pferdes anziehend, da er eben die Sporen in die Weichen des Thieres gedrückt hatte, um dem befohlenen Haufenſtechen Platz zu machen und von ſeinem früheren Standpunkte aus zuzuſehen. —„Herr“— erſcholl, die aus dem Viſir unkenntlich tönende Stimme—„ich bin ein fahrender Ritter, der Abenteuer ſucht.“— —„Was nennt Ihr, Abenteuer ſuchen?“— —„Herr, ich bin des Sinnes, daß ich ſuchend aus⸗ reite, um einen Mann zu finden, der mit mir ſtreitet und wie ich gewappnet iſt. Schlägt er mich, ſo wird er geprieſen, beſiege ich ihn aber, ſo hält man mich für einen Mann, und ich werde dadurch würdiger, als ich bisher war.“— —„Wohlan— es ſei“— rief der Herzog—„meine Ritter werden es Euch lehren.“— Damit ſprengte er davon, einer anderen Gegend der Rennbahn zu, während der Herold laut des fahrenden Ritters Begehr verkün⸗ digte, die Frauen und Fräulein, neugierig horchend, den ſchlanken in Eiſen vermummten Herausforderer mit leb⸗ haften Augen muſterten und die Ritter ſich mit einander beredeten, oder ſtill ihren Muth und Willen zum Kampfe überlegten. —„Hört, Gottfried“— ſprach der Herzog im Rei⸗ ten zu dem ihn begleitenden Grafen Ziegenhain.—„Ihr habt an dem Eckhard einen eiſernen und doch weichen — —— — — 105— Mann;— wie kommt's, daß er zu Eurem Sternenbunde gehört und doch des Landgrafen treueſter Diener zu ſein vorgiebt? Habt Ihr mir nicht geſagt, daß mein Groß⸗ vater Euch Gewalt anthut und ſcheel auf der Edelleute ſelbſtſtändige Macht ſieht?“— —„Wahr iſt's, daß ich den Bund der Sterner ge⸗ gründet und ihm den Stern meines Geſchlechtswappens als Zeichen gegeben habe, um eine Macht zu ſtiften, die es dem Ritterthume möglich macht, gegen Reichsober⸗ haupt und Fürſten ſein Anſehen und Privilegium zu be⸗ haupten. Es gelüſtet den Fürſten, unſere eigene Herr⸗ ſchaft zu ſchwächen und uns zu Vaſallen zu machen— ſo auch der Landgraf.— Ihr, Herzog, ſeid anderen Sinnes; Ihr haltet mit den Rittern und darum ſtehen ſie mit Schwert und Mannen zu Euch in allen Euren Händeln mit den Braunſchweigiſchen und Lüneburgiſchen Verwandten und den Städtern des Oberwaldes, Eichs⸗ feldes und der„Altmark.— Aber unſer Bund iſt gewal⸗ tig, angewachſen, wie Sterne am Himmel, und an feſten Burgen und Dienſtmannen ſtärker geworden als die Falk⸗ ner, die Hörner, die Bündner vom grimmigen Löwen im Heſſenlande, die Adelsbunde am Rhein und in Schwa⸗ ben— und es würde Euch in allen Euren Fehden gute. Genoſſen zuführen, wenn Ihr ſelber den Stern auf En⸗ ren Helm und Schild ſetzen möchtet.“— Der Herzog ſah ſeinen Begleiter groß an, als prüfe er die gute Abſicht ſeines Vorſchlages, antwortete aber nicht darauf, ſondern fragte nach kurzem Beſinnen:— Und wie vereint ſich das mit dem treuen Dienſte, den der Eckhard von Rönfurt ſeinem Landgrafen ſchuldig iſt?“— — 106— Graf von Ziegenhain zögerte einen Augenblick, dann erwiderte er:—„Was er dem Bunde gelobt, wird der Eckhard halten; aber bedenket, daß unſer Bund eine politiſche Natur hat, und es uns nützlich iſt, am Hofe zu Caſſel gute Freunde zu haben. Der alte, eigenſinnige Herr hat dem Ritter ſein gutes Vertrauen geſchenkt und es iſt der Klugheit angemeſſen, daß die Sterner nicht ohne Noth den Landgrafen reizen, ſie als Gegner zu betrachten. Ich ſage Euch das, weil ich weiß, daß Ihr an den Sternern mehr Freude findet als an des Groß⸗ vaters Eigenwillen, und Ihr die gute Freundſchaft und Hülfe der Sterner nicht verſchmäht habt, wo Ihr den Muth kühlen oder gegen Eure Feinde ziehen wolltet.“— —„Ich fühle, daß ich mehr Ritter, als Fürſt bin— Gottfried“— verſetzte Otto;—„der Hanſteiner hat mir's auch ſchon gerathen, den Stern zu nehmen, aber vergeßt nicht, daß ich des Landgrafen Enkel bin.“— —„Eben darum erinnere ich Euch daran, daß der Landgraf kinderlos iſt und ſeines Bruders Sohn ein beſſerer Gelehrter, als Ritter, dem wir heſſiſchen Edelleute nicht zugethan ſind. Und wenn Ihr von Eurem Schloſſe zu Münden die Werra und Fulda zuſammenfließen ſeht, hättet Ihr nicht Luſt, Eure Augen und Gedanken dem Waſſer entgegen zu ſchicken?“— Otto hielt plötzlich ſein Pferd an, ſtierte herausfor⸗ dernd und ſtolz in des Grafen Geſicht und als dieſer den Blick mit gleicher ſtolzer, lächelnder Miene erwiderte, ſprengte Otto davon und ſtellte ſich zum Schauen des Kampfes an der Spitze der Ritter auf. Graf Ziegenhain folgte ihm mit einem finſterem, lauernden Blicke.— — 107— Wir kehren zu der Bürgergruppe zurück, welche auf dem Zuſchauergerüſte den vorhin beſchriebenen Begeben⸗ heiten die größte Aufmerkſamkeit gewidmet hatte. Das ungewöhnliche Erſcheinen des franzöſiſchen Galanterie⸗ Ritters war namentlich für den jungen Thomas Bode ein ſpannendes Schauſpiel geweſen und der ſiegreiche Kampf des fremden Sternritters ſo wie ſein Lohn von Seiten der Herzogin, hatten das ganze verſammelte Volk lebhaft erregt und befriedigt. Freilich hatte keiner von den Bürgern die Reden und einzelnen näheren Umſtände erfahren, welche wir oben in unmittelbarer Nähe der Perſonen belauſchten. Niemand wußte etwas von dem Benehmen des Ritters, des Herzogs und der Herzogin, man hatte nur geſehen, wie die hohe Frau den Sieger mit der goldnen Kette belohnte. Um ſo mehr aber ſtachelte die Neugier zur Frage nach dem fremden Stern⸗ ritter, und auch des Stadtſchreibers heraldiſche Kennt⸗ niſſe reichten nicht aus, das einfache, rothweiße Wappen⸗ ſchild des Siegers zu entziffern. Die neue Erſcheinung des jungen Ritters ohne Wappen verhieß den Zuſchauern eine abermalige Ueber⸗ raſchung:—„Helmicus“— rief der von Aufmerkſamkeit und Vergnügen roth erhitzte Tuchmacher—„kennt Ihr den Ritter, welcher herausreitet um dem Fremden in der ſchwarzen und weißen Feder das Gegenpart zu halten? Seht, ſie legen die Lanzen ein— die Grieswärtel thei⸗ len Licht und Boden.“ —„Ei, daß iſt ja einer von Spiegel, mit den drei blanken runden Spiegeln im rothen Felde“— antwor⸗ tete der Stadtſchreiber;—„wenn übrigens das Turnier — 108— bald vorbei wäre, ſollte es mir recht ſein, denn ich bin des Stechens und Hauens müde. Der Berthold Hel⸗ mold, der hinter mir ſaß, iſt ſchon lange fort; gegangen.— —„Das wundert mich, da er doch waffenkundig und ein Freund vom muthigen Spiele iſt“— meinte der Büch⸗ ſenmeiſter.—„Im Bolzenſchießen gewinnt er faſt immer den Preis, und er hätte nicht übel Luſt, es mit der Feuer⸗ büchſe zu verſuchen, wenn ihm nur das Häslein nicht früher davon liefe, ehe das Pulver in Brand geräth.“ —„Er ſprach ja kein Wort heute, hielt den Kopf in die Hand geſtützt nnd ſchauete mehr nach den Weibern, als in die Stechbahn“— ſagte der Hufſchmied Curd Meiſen. —„Kann es uns wund ern, wenn der junge, hübſche und wohlhabende Brauherr in verliebte Grillen fällt?“— verſetzte der Krämer Frieſen;—„der Hans Gieſeler hat erzählt, daß der Brauer ar ſchönes Wild auf der Jagd erbeutet und wieder verloren habe, und es ſeitdem in ſeinem fröhlichen Sinn etwas wolkig geworden ſei.“— „Poſſen!“— fiel der alte Bäckermeiſter ein,—„die Geſchichte mit des Maſchmüllers Tochter hat der Gieſeler erfunden, um in der Gilde die Zeit beim Biere zu ver⸗ treiben. Der Franz Blote iſt nicht damit zufrieden, daß ſeine Tochter in der Herzogin Dienſte als Kammerjungfer gegangen iſt, da ſie einen guten Mann hätte heirathen können. Vorgeſtern war ich auf der Mühle, um meinen Weizen mahlen zu laſſen und es kam die Rede darauf. Er ſagte, daß ſeine Tochter hoffährtig ſei, g gern einen Ritter haben möchte und einer von des Bea zogs Amt⸗ leuten ihr viel zu gering ſei. Da habe der junge⸗Bür⸗ — 109— ger Helmold zufällig auf dem Wege ſeine Tochter einem Ritter abgejagt, mit dem ſie hätte entwiſchen wollen, und er wollte es dem jungen Brauer herzlich danken, wenn er ihm das wilde Maͤdchen zum zweiten Male heim— brächte.“ —„Oho!l glaubt dem Maſchmüller nicht“— lachte der Krämer;— den kenne ich, der lügt, wie ein fürſt⸗ licher Knecht auf dem Bollrutz.“— —„Herr Gott!“— erſcholl Thomas Bodens Stimme, wobei er halb auffuhr—„das war ein Stoß, davor ſei ihm zum zweiten Male der heilige Michael gnädig!“— —„Da liegt der Spiegel im Sande, wie eine gehauene Fichte— das ſoll er fühlen!— Ha! der junge Ritter ſprengt auf den Herzog zu und hebt das Viſir!“— —„Der alte Rabe von Hanſtein kommt ſpornſtreichs heran— der Hohnſtein, der Schwiecheldt— wie ſie lachen— die Frauen winken und wehen— was iſt das!“ der Herzog ſchüttelt dem jungen Sieger die Hand;— wie er ſich in den langen Bart greift!— der alte Rabe umarmt den Sieger— wenn er ſich nur hierher wendete, daß man ihm ins offene Geſicht ſehen könnte:— da— da— er wirft ſeinen gemeinen Knappenſchild weg, die Hanſtein'ſchen Knappen reiten heran— ſie reichen ihm einen Schild— drei ſchwarze Mondſicheln— richtig, ſeht ihm in's Geſicht, es iſt der Herrmann von Hanſtein, der Liebling des Quaden!— Sie reiten nach den Damen — wie die Fräuleins ſich geberden, ihm den Dank zu ſpenden!“— — 110— So äußerten die beiſammenſitzenden Bürger ihre Auf⸗ merkſamkeit und Ueberraſchung, die bald auf ein noch größeres Schauſpiel gelenkt wurde, da die Ritter ſich in zwei große Haufen trennten und ein Lanzenſtechen in Schaaren ausführen wollten.— Man hatte ſich ſchnell geordnet, der Herzog war ſo vergnügt, daß er durch den Herold ausrufen ließ, einem jeden Ritter, welcher ſieg⸗ reich aus dem Scheingefechte herausreiten würde, einen ſilbernen Trinkbecher und goldenen Ring verehren zu wollen.— Das Geräuſch der auf das Trompetenſignal in Bewegung gerathenen Roſſe und Rüſtungen, die Hef⸗ tigkeit des Rennens, die aufgetriebene Staubwolke, das Anprallen und Splittern der Lanzen, das Stürzen von Roß und Mann, das erneuerte Aufeinanderſtoßen der ſattelfeſt und ſtichfähig gebliebenen Ritter, das abermalige Stürzen, Zerkrachen der Lanzen und Einhüllen in Staub, dabei das luſtige Kriegsgeſchmetter der Trompeten und das ſtolze Niederlächeln der Edelfrauen, das ſich ſchnell in unruhige, ängſtliche Blicke und Geberden verwandelte, wenn ſie aus der verwehenden Staubwolke nicht mehr ihren Ritter hervorſprengen, oder wenn ſie ihn im Sande liegen oder ſein Pferd wild und herrenlos an die Schran⸗ ken flüchten ſahen— machte auf die anweſenden bürger⸗ lichen Zuſchauer einen Eindruck, der ſie mit furchtſamem Schauer erfüllte. Als die Staubwolke, welche die Hufe der Thiere aufgewühlt hatten, ſich verzog, waren nur noch wenige Ritter von dielen ſattelfeſt geblieben, welche in geſchloſſener Reihe vor den Herzog ritten und von dieſem mit heiterem Geſicht und Handgruße willkommen geheißen wurden. Die Herzogin hatte ſich bereits zurück⸗ —, — 111— gezogen und man ordnete ſich nun zum feſtlichen Heim⸗ zuge nach der Burg. Die Zuſchauer geriethen in lär⸗ mende Bewegung, die Edeldamen beſtiegen ihre Zelter, die Herolde und Bannerträger ſtellten ſich auf, die Trompeter begannen, den fröhlichen Marſch zu blaſen.— Viertes Kapitel. Der junge Brauherr Berthold Helmold hatte, ohne Luſt zu ſpüren, ſich mit den unfern vor ihm ſitzenden Göttinger Bürgern in ein Geſpräch eingelaſſen, weniger auf das Kampfſpiel als auf die eigenen Gedanken acht gehabt, welche ihn, nach der Unterhaltung mit dem Raths⸗ manne Werner Roden und dem Gildemeiſter Tile Freitag, mehr als je in eine unbefriedigte Stimmung verſetzt hatten. Wie ein von Liebe berauſchter Sinn leicht geneigt iſt, ſeinen Wünſchen und Gefühlen einen gegenſtändlichen, wirklichen Ausdruck zu geben, ſelbſt wenn der Verſtand oder das äußere Verhältniß des Lebens mit ihren Ein⸗ würfen oder Mahnungen des Unmöglichen oder Unwahr⸗ ſcheinlichen ſich vor dem verlangenden Herzen und der Phantaſie ungefragt zurückziehen müſſen, ſo hatte auch der junge Mann in ſeinem feurigen Temperamente ſich dem Gedanken hingegeben, daß er das Mädchen, nach dem ſein Herz verlangte, in der dienenden Begleitung der Herzogin beim Tourniere ſehen würde.— — 112— Die beſonnenen Worte des befreundeten Rathsmannes: —„erſt prüfet, ob das Mädchen Euch liebt und dann ſucht ſie von der Herzogin zu gewinnen“— hallten lau⸗ ter in ſeinen Ohren nach, als das geräuſchvolle Waffen⸗ geklirr und Trompetengeſchmetter, das ihn umgab; die Andeutung des beſonnenen Werner Roden, daß der Müller von der Stadtmaſch ſeine Tochter dem Groner Vogte mit in den Kauf für die herrſchaftliche Mühlenpacht ge⸗ geben habe, hatte des jungen Helmold Groll gegen den gleißneriſchen Müller in gleich hohem Grade angefacht, wie ſein Haß gegen den Herzog und ſeine Liebe zu dem Mädchen durch die Andeutung geſteigert waren, daß der Quade in ſinnlicher Luſt und zur Kränkung ſeiner edlen Gemahlin, die köſtliche Mädchenblüthe wie eine gute Beute für ſich nehmen und dem Groner Vogte vielleicht in Gna⸗ den ſpäter als entblüthete Frucht übereichen wolle. Er hätte, Angeſichts des Herzogs, die ſtill im Schooße geballte Fauſt gegen ihn öffentlich erheben mögen, wenn er dieſen Gedanken weiter ſpann und die bereitwillige Phantaſie ihm dabei Gertrudens reizende Geſtalt, ihren dankbaren Blick, ihre bittende Geberde vor dem wilden Vogte, vor die Augen führte; aber die Wirklichkeit war ihm nicht ſo bereitwillig entgegengekommen, um ſein Ver⸗ langen nach dem Anblicke des ſchönen Mädchens zu ſtillen. So eifrig und ſcharf ſeine guten Jägeraugen auch ſuchten und zielten, er konnte in der großen Zahl der anweſenden Frauen und Mädchen nicht Gertrudens Geſicht finden, und die Umgebung der Herzogin beſtand nur aus reichgeſchmückten Edeldamen, Pagen und Edel⸗ knappen, und nicht, wie der junge Bürger ſich gedacht — 113— hatte, auch aus den Dienerinnen und Zofen der hohen Frau. Als der unbefriedigte Blick des Suchenden aber auf der Herzogin haften blieb, die er noch nicht ſo genau und lange zu ſehen Gelegenheit gehabt hatte, ſchöpfte er für ſeine unruhigen Wünſche und ſinnenden Gedanken einen Troſt aus der ſanften, anmuthigen Erſcheinung und dem milden, blauen Blicke der ſchönen und jugend⸗ lichen Frau. Es war ſeinem aufmerkſamen Auge viel⸗ leicht deutlicher, als jedem anderen, am Kampfſpiele ſich beluſtigenden Zuſchauer bemerklich geworden, daß die Her⸗ zogin nur eine erzwungene Theilnahme an dem wilden und gefahrvollen Vergnügen der Ritter nahm, indem ſie oft die ängſtlich behütenden Blicke vom Kampfplatze ab⸗ wendete, oder mit einer älteren Dame redete, während die übrigen Frauen und Fräulein gerade die lebhafteſte Theilnahme am Tourniere zeigten. Er hatte bereits ſeiner beſonneneren Natur ſo viel Gehör geſchenkt, daß er ſich im Stillen ſagte, wie un⸗ möglich und unverſtändig es ſei, in dieſer vornehmen Um⸗ gebung der Herzogin ein Mädchen zu ſuchen, das doch nur eine Dienerin war und welches die Herzogin gewiß nicht den Blicken des Gemahls und der Ritter hier öffent⸗ lich ausſetzen werde, wenn ſie es zu hüten gedächte. Die⸗ ſer verſtändige Gedanke wirkte aber zugleich von Neuem beunruhigend auf des jungen Bürgers regſame Einbil⸗ dung ein, indem er ſich vorſtellte, daß das Gerücht doch eine Wahrheit und Gertrude vielleicht von ihrer hohen Beſchützerin verborgen gehalten werde.— Bei ſolchen Vorſtellungen und Grübeleien war ihm Maltitz, Herzog. I. 8 — 114— das Tournier völlig gleichgültig geblieben, auch war es ihm lieb geweſen, daß die unfern von ihm ſitzenden Göt⸗ tinger Bürger zu ſehr mit den Kämpfern und der eigenen Unterhaltung beſchäftigt waren, um ihn anzureden und in ſeiner ſtillen Gedankenwelt zu ſtören.— Er hatte in⸗ deſſen wohl bemerkt, wie ſeine früheren Begleiter einen Platz auf dem Gerüſte der Rathsmänner gefunden hat⸗ ten, und die ſchöne Frau Roden unter den Göttinger Weibern, nahe an dem Altane der Edeldamen, durch ihre Geſtalt und Miene hervorleuchtete und, als Herzog Otto ihr einige Male gegenüber anhielt, ſie mit ſeinen Feueraugen fixirte und die Wangen der ſchönen Frau zum Erröthen und die Blicke zum Niederſchlagen brachte, die Herzogin dieſelbe in ihre Nähe befohlen und ſich mit ihr lange unterhalten hatte.— Plötzlich war auch Berthold Helmold von der Zu⸗ ſchauertribüne verſchwunden. Hatte er die Geſuchte er⸗ blickt, oder wollte er von einer anderen Seite des Platzes ſein Ziel verfolgen?— Allerdings war ſein ungeduldi⸗ ges Auge plötzlich auf die Geſtalt des Maſchmüllers ge⸗ troffen, der jenſeit der Stechbahn im Volke aufgetaucht war; er hatte bemerkt, wie jener ebenfalls die Herzogin beobachtete und von einem gepanzerten Reiter, in wel⸗ chem Helmolds Phantaſie den Groner Vogt zu erkennen glaubte, einen Wink erhielt und dann den Platz ver⸗ ließ.— Ohne eigentlich eine klare Abſicht zu haben, war der junge Brauherr aufzeſprungen und durch die ge⸗ drängte Volksmaſſe hindurch aus den Zuſchauerräumen auf den freieren Platz hinter die Gerüſte gerathen, wo der Pöbel mit den Prügelknechten in beſonderer Fehde — 115— lag. Als er ſich hier im Rücken der Leute befand, un⸗ terbrach er ſeine Eile und ſpähete ungewiß umher. —„Was wollte ich?“— fragte er ſich,—„was ſoll ich beginnen?— Wo iſt der Maſchmüller geblieben, und war es nicht ſein Verſchwinden, das mich aufſcheuchte? Wenn er eine geheime Abſicht hätte, mit Hülfe des Vog⸗ tes ſeine Tochter liſtig oder gewaltſam in ſeine Macht zurückzubringen? Wenn Getrude in Gefahr wäre? Aber — haſt du ein Recht an ihr, da du nicht weißt, ob ſie dich liebt? Kann ſie ſich nicht im Blicke eines Anderen gefallen?— O! wäre ich doch gewiß darüber— es iſt eine Höllenqual, nicht zu wiſſen, ob das Herz um ein Phantom oder einen köſtlichen Preis ringt!“— Ein von Liebe getriebenes Gemüth folgt lieber einem dunklen Drange, als der Ueberlegung, ſo trieb auch der Zug der Sympathie den jungen Bürger fort und der⸗ ſelbe befand ſich bereits auf dem Wege nach dem Boll⸗ rutz, als er erſt die Frage an ſich richtete, was er be⸗ ginnen wolle?— In einem Hauſe, unfern der Burg, ſtanden mehre Leute, die in Thür und Fenſter gafften; es war eines unbemittelten Bürgers Haus, dem Helmold wohlbekannt, da der Mann das Böttcher⸗Handwerk trieb, und für die Brauer arbeitete. Als der junge Brauherr durch das Fenſter ſah, bemerkte er im niedrigen Stübchen einen Mann in glänzender Rüſtung auf einem Schemel ſitzen, von einem Knappen gehalten, und eine ſchlanke in Blau und Silber reich gekleidete Dame war über das bleiche Antlitz des helmloſen Hauptes gebeugt, mit ſchmerzlichem, geſpannten und feuchten Blicke in des Ritters matte Au⸗ . 8⸗ b— 116— gen ſtierend, und die Hand auf die Stirn deſſelben hal⸗ tend. Helm und Schild lagen am Boden; Helmold war aber ein zu unaufmerkſamer Zuſchauer beim Tourniere geweſen, um den Ritter als denſelben wieder zu erken⸗ nen, der vom heftigen Lanzenſtoße des Dietrich von Man⸗ delsloh ſo gewaltſam in den Sand geworfen war, daß er anfangs regungslos am Boden gelegen, und ſich dann, mit Hülfe der Knappen und eines Mönchs, vom Kampf⸗ platze entfernt hatte. Der Mönch befand ſich noch bei ihm und war bemüht, ihm die Rüſtung zu lüften.— Der Böttcher, welcher beſtürzt über den vornehmen, unvermutheten Beſuch und den Unfall des Ritters, eben einen ängſtlichen Blick nach dem Fenſter gerichtet und ſich demſelben genähert hatte, um die Gaffer zurückzu⸗ weiſen, erkannte des Brauherrn Geſicht und eilte ſofort aus der Stube an die Hausthür, wo er des jungen Man⸗ nes Gegenwart mit den Worten bewillkommnete:— „Ach! Herr Helmold, Euch ſchickt der Himmel! Tretet ein, Ihr könnt beſſer mit den Leuten reden; ich bin ganz allein im Hauſe, Weiber, Geſellen und Burſchen ſind auf dem Freudenberge!— Ach was iſt doch das Tournier ein böſes Spiel;— der Ritter hier hat einen ſchweren Sturz gethan; er hat's verſucht, wieder zu Pferde zu ſteigen, und nach ſeiner Herberge zu reiten, aber iſt vor meinem Hauſe ohnmächtig geworden; zum Glück war ich nicht mit nach dem Freudenberge gegangen, weil ich des Streitens Feind bin; alle Nachbarhäuſer ſind verſchloſſen und ſtehen leer;— aber kommt herein, tröſtet die ſchöne Ritterfrau; des Mönchs Gebet ſcheint dem Schwachen nichts zu nützen; die Pferde hat ein Knappe fortge⸗ — 117— bracht und man wartet, daß er mit einer Sänfte rück⸗ kehre.“— Unter dieſen Mittheilungen war Helmold mit dem Böttcher an die Schwelle der Stube gekommen; als er eintrat und den Ritter begrüßte, der ſeine matten Augen auf die neue Erſcheinung richtete, erhob ſich die ſchöne Frau und fragte bewegt:—„Iſt die Sänfte da?— O!l ſchafft meinen Gemahl ſchnell fort, daß er eines Medicus Hülfe ſinde!“— —„Kann ich Euch nützen?“— ſprach Helmold;— „eine Sänfte werdet Ihr wol ſo ſchnell nicht in der Stadt finden, da die vornehmen Leute, die dergleichen haben, beim Tourniere ſind. Aber laſſet uns Hand an⸗ legen, den Ritter auf die Burg zu tragen.“— —„Nein, kein Aufſehen“— rief der Ritter mit plötzlichem Zuſammenraffen ſeiner Kraft und mit einem Stolz in der Miene, der um ſo reizbarer erſchien, als dieſer bereits heftig durch die Niederlage ſich gekränkt fühlte.— —„Wenn eine Sänfte in der Nähe iſt, ſo muß ſie auf dem Bollrutz ſein“— meinte Helmold—„ich gehe, um ſie für Euch zu fordern.“— Die Edelfrau hatte im Schmerze um den erſt kurz mit ihr vermählten Gatten, nur die Sehnſucht nach Her⸗— berge und Hülfe für den Ermatteten und wenn ihre Ungeduld nach Entfernung von hier auch dem Verlangen des gedrückten Stolzes entſprungen wäre, ſo ſchnell als möglich den Blicken des gaffenden, ſpöttiſchen Volkes und der gemeinen Stube des Böttchers entrückt zu ſein, ſo hatte ſie doch in der Angſt und Sorge ihrem Schmerze — 118— in Thränen und Wehklagen Luft gemacht und jede dienſt⸗ bare Hand und Theilnahme der Leute mit dankbaren Blicken erwidert. Trotz der beruhigenden Zuſprache, welche ihr die Herzogin, die Nachwirkung des Sturzes im Kampfe nicht ahnend, vorhin durch eine Hofdame hatte zukommen laſſen, war doch die junge, erſchrockene Gattin ihrem Gemahle nachgeeilt und mit ihm in dem Hauſe des Böttchers zuſammengetroffen. —„Ja— ja“— rief ſie in Haſt und Rathloſig⸗ keit—„eilet hinauf in den Bollrutz, fordert der Herzo⸗ gin Sänfte— ſchnell! da habt Ihr ein Zeichen, daß Ihr von mir kommt, es wird Euch zu der Dienerſchaft der Herzogin führen!“— Damit hielt ſie ihr köſtliches Spitzentuch, womit ſie des Ritters Stirn eben gefächelt hatte, ohne die Blicke von ihm abzuwenden, dem Näch⸗ ſten der Umſtehenden hin. Helmold ergriff es;— ein Gedanke blitzte durch ſeine Augen, ein freudiger Entſchluß belebte ſeine Miene;—„ich eile!“— rief er ſchnell und ſtürzte aus dem Hauſe. —„Ein vortrefflicher Herr— unſer junger Brauer“ — ſagte der Böttcher, welcher ſeine Verwunderung über die Willfährigkeit des vornehmen Bürgers dadurch aus⸗ drücken, aber auch der Edeldame zu verſtehen geben wollte, wem ſie den Dank ſchuldig ſei. Dieſe hörte aber nicht darauf und hatte ihre ganze Aufmerkſamkeit auf den Gemahl gerichtet, der tief aufathmete, während der Mönch betete.— Berthold Helmold war kaum in das Freie gelangt, als er, von einem kühnen Gedanken getrieben, das ihm nachgaffende Volk kaum bemerkend, mit ſchnellem Schritte — 119— und entſchloſſener, als er es ohne die Gunſt des Zufalls gewagt haben würde, den Weg nach der Burg einſchlug, die Zugbrücke und Wachen der reiſigen Knappen ohne Aufenthalt paſſirte und in den inneren Burghof vor⸗ drang; hier erſt trat ihm unter dem Thorgewölbe des Herrenhauſes ein alter Knappe entgegen und hielt ihm die Hellebarde vor.—„Wo ſind die Gemächer der Her⸗ zogin?“— fragte Helmold kühn. —„Ihr werdet doch nicht dahin verlangen, junger Bürgersmann?“— verſetzte der Thorwächter;—„die Göttinger möchten wol ſpioniren!“— —„Ich habe eine Botſchaft zu bringen, von einer Edeldame aus der Herzogin Begleitung— da ſeht, die⸗ ſes Paßzeichen gab ſie mir mit.“— Der Knappe beſah das Tuch, das in einer Ecke ein blaues mit ſilbernen Sternen durchſticktes Wappen trug. —„Ha, Ihr kommt von des Oldershauſen ſchmucker Dame, die heute früh der Herzogin aufwartete“— ſagte der Knappe vertraulicher;—„was begehrt ſie denn?— —„Ich kann es nur einer vertrauten Dienerin der Herzogin ſagen“— verſetzte Helmold in der Kühnheit ſeiner Leidenſchaft, indem er das Tuch aus des alten Knappen Hand zog und in ſeinem Wamſe barg;—„aber habt Ihr keine Sänfte in der Burg?“— —„Befiehlt die Herzogin, in der Sänfte heimzu⸗ kehren?“—. —„Nein, die Frau von Oldershauſen begehrt un⸗ ruhig darnach— ſendet ſie ſogleich hinab, es iſt ein Un⸗ fall dem Ritter begegnet, Ihr werdet ihn und ſeine Dame unten im Hauſe des Böttchers finden.“— — 120— —„O, Du lieber Gott!“— rief der alte Knappe, Beſtürzung und Theilnahme in ſeiner Miene,—„der Oldershauſen? Er war früher auf Harſte Edelknappe beim ſeligen Herzoge Ernſt und die Frau Jutta hatte ihn vor allen Andern gern.— Im Böttcherhauſe ſagt Ihr? Wer hat's ihm angethan? Heda, Casper Wenzel! die Sänfte heraus, ſchnell, nach dem Hauſe des Böttchers unten!“— Dieſe letzten Worte hatte der alte, wachthaltende Knappe in eine Thür gerufen, die, neben dem Eingange in das Herrenhaus, in einen thurmartigen Ausbau führte, deſſen vergittertes, tief in der Mauer liegendes Fenſter dem Wachtlokale der Reiſigen ein ſpärliches Licht zuleitete. Auf den Ruf des Knappen wurde es in dieſem Lokale ſofort laut und unruhig; Helmold aber wartete das Heraustreten der gerufenen Knechte nicht ab, ſondern eilte mit den Worten:„nehmt Euch des Ritters an, ich werde meine weitere Botſchaft ausrichten,“— die ſteinerne Treppe hinan, welche ſich im Thurme über der Wachtſtube ziem⸗ lich breit hinaufwand. Der junge Bürger war noch nie im Bollrutz geweſen, da Herzog Otto und ſeine Burg⸗ vögte den Eintritt der Göttinger in das feſte Schloß nur ausnahmsweiſe ſolchen Perſonen geſtatteten, deren gute Geſinnung ſie vertraueten;— eine gewölbte Halle, welche rechts und links in lange Gallerien auslief, öffnete ſich vor dem jungen Eindringlinge, der zu keiner gün⸗ ſtigeren Zeit, als während des großen Tournieres, ſeinen kühnen Weg hätte wagen können, da außer den wenigen Dienſtmannen, welche als reiſige Knechte die Burgwache hatten, oder als Köche und Mägde der Küche das große Gaſtmahl vorbereiten mußten, das geſammte Dienſtper⸗ — 121— ſonal nach dem Freudenberge geſchlüpft war, um dem un⸗ gewöhnlichen Schauſpiele beizuwohnen. Selbſt dem Hel⸗ mold erſchien es auffällig, daß er in den langen, mit Hirſchgeweihen, alten Rüſtungen, Waffen⸗Trophäen und Jagdbildern geſchmückten Corridoren Niemandem begeg⸗ nete. Er erinnerte ſich, die Herzogin einmal auf der Gallerie der Nordoſtſeite der Burg geſehen zu haben und glaubte auf dem Wege zu ihrer Wohnung ſich zu befin⸗ den, als er den langen, gewölbten Gang rechter Hand einſchlug, deſſen buntgefärbte, heraldiſch aus Glas und Blei gearbeitete Fenſter in dicken Mauerausſchnitten ein ſeltſames, von der Welt draußen unheimlich abſchließen⸗ des Licht verbreiteten. Sein Schritt hallte auf dem Stein⸗ getäfel des Bodens vom Gewölbe zurück und veranlaßte ihn, leiſer aufzutreten. Er ſtand vor mehreren Thüren ſtill, um nach einem Geräuſche zu lauſchen, das ihm die Nähe irgend eines Menſchen verrathen könnte, aber auch hinter den ſchweren, geſchnitzten und mit ehernen Löwenköpfen gezierten Eichen⸗ thüren wohnte tiefe Ruhe. Das Einſamkeitsgefühl an einem ſo fremden, verbotenen Orte fing allmählig an, ihm ſein Unternehmen als Tollkühnheit erſcheinen zu laſſen und ſeinen Muth etwas ſchwankend zu machen. Als er weiter vordrang, gerieth er an eine Wendeltreppe, die von unten auf lief, und von wo das entfernte Ge⸗ räuſch redender Stimmen heraufſcholl. Zögernd hielt er ſeinen Schritt an und horchte. Es war ſeinem Ohre, als nähere ſich unten ein langſamer Gang der Mündung der in gewundener Wölbung liegenden Treppe und in der Abſicht, ſich vor einer ſein Ziel hemmenden Begegnung — 122— zu bergen, eilte er vorüber, um eine, durch die Matker laufende, niedrig gewölbte Oeffnung zu erreichen, die aber, als er davor ankam, zu ſeiner Ueberraſchung in die freie Luft führte. Eine offene Gallerie mit ſteinerner Balu⸗ ſtrade, auf dem conſolenförmigen Vorſprunge der hohen Mauer fortlaufend, machte ihn ſtutzig, da er fürchtete, ſich draußen den Blicken der Thurmwache oder der im Burghofe und an den Zugbrücken befindlichen Reiſigen auszuſetzen. Vorſichtig trat er hinaus, aber ſchuell fuhr er in die Maueröffnung zurück, als er hinter der Krüm⸗ mung der Gallerie einen ſcheinbar alten, mit dem Geſichte abgekehrten Mönch erblickte, der auf die ſteinerne Brüſtung gelehnt, über die Stadt weg nach der Gegend des Freu⸗ denberges ſchauete, von woher der Lärm des verſammel⸗ ten Volkes und die Trompetenmuſik erſcholl. Kaum hatte der kühne Eindringling einen geränſch⸗ loſen Sprung auf den inneren Corridor der Burg zurück⸗ gethan, als er gewahrte, wie die Wendeltreppe herauf, langſam und keuchend eine alte Frau emporſtieg, das faltige, mürriſche Geſicht mit einem weißen Kopftuche umgeben, am Gürtel eine Taſche und ein Bund Schlüſſel, in der Hand eine kleine Schaale mit dampfendem Inhalte tragend und vor ſich hin murmelnd:—„Keine Hülfe heute— alle Mädchen fort— das Schloß wie ausge⸗ ſtorben;— wenn die Herzogin mit ihren Damen zurück⸗ kehrt, findet ſie nichts in Ordnung— das Tournier hat Allen den Kopf verrückt— und wo ſteckt die Gertrude? Habe das Aufpaſſen ſatt, ein Glück, daß ſie morgen fort⸗ kommt— die Herzogin hat doch keine Dienſte von ihr.“— Helmold war ohne weitere Ueberlegung in eine tiefe, — 123— von zwei kurzen Säulen getragene Mauerniſche geſchlüpft, in deren Kragſteine ſich das herzogliche Wappen befand; ein Lichtſtreif im Grunde derſelben reizte ihn, weiter hin⸗ einzudringen, aber ſein geſpanntes Ohr wurde von der murmelnden Rede der alten Frau gefeſſelt, die ohne den Fremden zu bemerken, vorüberſchlich und durch die Wand⸗ öffnung auf die freie Gallerie hinaustrat, wo der Mönch weilte. Der Name Gertrude hatte das Blut in des jungen Mannes Bruſt heftiger in Bewegung geſetzt, ſeine Wan⸗ gen heißer und ſeinen ſchon ſchwankend gewordenen Muth von Neuem angefacht; er wußte nun, daß er der Ge⸗ ſuchten nahe ſei, er fühlte bei der Nachricht, daß die Geliebte, die er unter der Herzogin Schutz noch ſicher glaubte, morgen entfernt werden ſolle, daß er ſie jetzt auf ſeinem kühn bis hierher überwundenen Wege um jeden Preis finden, ihr Schickſal ſelber in die Hand neh⸗ men und nach ſeines Herzens Sehnſucht geſtalten müſſe. Um ſich bis zur Rückkehr der Frau zu bergen, trat er gegen die leichte Spalte ſeines Verſtecks vor und eine angelehnte Thür wich vor ſeiner prüfenden Hand zurück; Tageslicht drang über ihn ein und erhellte die Mauer⸗ niſche, in der er ſtand; zweifelhaft, ob er die Thür wie⸗ der ſchließen oder über ihre Schwelle eindringen und ſich hinter ihr bergen ſolle, blickte er hindurch und gewahrte, daß er ſich auf der Prieche der Schloßkapelle befand, die in der Nähe des Hochaltars, der Kanzel gegenüber, in halber Höhe des, mit Pfeilern und Spitzgewölben auf⸗ ſtrebenden Kirchenraumes lag. Hier ſtanden Seſſel, von rothem Tuche, mit dem goldenen Löwen des fürſtlichen — 124— Wappens auf den hohen Lehnen bezeichnet, ein feines Holzgitter mit Schiebfenſtern ſchützte die Prieche vor den Blicken der im unteren Kirchenraume ſich Einfindenden; Gebetbücher mit dem verbundenen fürſtlichen und Jülich⸗ Bergiſchen Wappen ließen keinen Zweifel mehr aufkom⸗ men, daß ſich Helmold im Kirchenſtuhle der Herzogin befand und er den Eingang von den nahegelegenen Ge⸗ mächern derſelben in die Kapelle gefunden hatte.— Schnell zog er die Thür hinter ſich in das Schloß, ſicher, daß heute nach dem Tourniere und beim feſtlichen Gaſt⸗ mahle Niemand in der Burg an einen frommen Gang in die Kapelle denken werde. So verſichtig als möglich ſpähete er durch das Gitter in den tieferen Raum des Gotteshauſes nieder; der Hoch⸗ altar war mit heiligen Gemälden auf hölzernen Thüren geſchmückt, ein Nebenaltar mit dem Muttergottesbilde in einem ſeitlichen Kreuzgange war mit Blumen, Schleiern, Bändern, goldenen und ſilbernen Koſtbarkeiten behangen, als fromme Gaben an den Himmel und Zeichen guter Gelübde oder andächtiger Wünſche; ein Pfeiler verbarg dieſen Altar zur Hälfte den Späherblicken des jungen Mannes. Der Beichtſtuhl, die Altäre, die ganze Kirche erſchienen menſchenleer; ein ſchwaches, bläuliches Licht, das von der Höhe herab der helle Tag durch ein be⸗ maltes, vergittertes Spitzfenſter warf, erleuchtete nur den oberen Theil der Kapelle und fiel gerade auf den Stuhl der Herzogin, während unten Dämmerung vorherrſchte und die heilige Lampe einen röthlichen Schein verbreitete, der die Räume unbeſtimmt erweiterte und unſichere, im nieder⸗ dämmernden Tageslichte verſchwimmende Schatten warf. — 125— Ein von Liebesſehnſucht erfülltes und zwiſchen Muth und Zweifel ſchwankendes Herz iſt geneigt, ſeine Gefühle auf den Himmel zu richten und ſeine heißeſten Wünſche unter höheren Schutz zu ſtellen, feſt überzeugt, daß die Liebe, mit allem Guten und Heiligen verwandt, des Höchſten Schutzes ſich erfreuen dürfe. So empfand auch der junge Bürger in ſeiner ungewöhnlichen Lage, und in der Befangenheit, die ſeine wachſende Rathloſigkeit und das Einſamkeitsgefühl am feierlichen Orte bei aller Selbſt⸗ ermuthigung ihm doch abnöthigten, eine andächtige Re⸗ gung und faſt unfreiwillig knieete er vor dem Gebetpulte der Herzogin nieder, faltete die Hände, neigte ſein Ge⸗ ſicht darauf und betete in Gedanken:— Heilige Maria! Als ein flüchtiger Mann und gleich einem Diebe bin ich in dies Haus gerathen!— Thue ich Unrecht, daß ich hier auf heimlichem Wege dem Drange meines heißeſten Ge⸗ fühles folge, ſo vergieb dem ehrlichen Manne, was ſein Herz fündigte;— ich gelobe Dir zur Ehre die köſtlichſten Wachslichte, womit ich Deine Altäre im Paulinerkloſter und zu Sanct Johannis ſchmücken will. Nimm das Mädchen, deſſen mein Sinn voll iſt und das meine Augen am hellen Tage und im Traume erblicken, in Deinen himmliſchen Schutz und ſende ſie mir auf meinen gefähr⸗ lichen Weg, den ich ihretwegen gewagt habe, damit ich erfahre, ob ich meine Gedanken an ein wirkliches Glück, oder nur ein Trugbild meines leichtgläubigen Herzens ge⸗ kettet habe!“— Unbewußt hatte der junge Mann dieſe Gebetworte, von Liebe und Rathloſigkeit eingegeben, um ſich ſelber zu ermuthigen, und die er anfänglich nur lautlos gedacht — 126— hatte, zu leiſem Flüſtertone anwachſen laſſen.— Plötzlich fuhr er mit dem Geſichte empor; ſein Gebet ſtockte; die hellen, blauen Augen flohen ſpähend umher; er richtete ſich mit horchender Miene länger auf, um durch das Gitter in den unteren Raum der Kapelle ſehen zu können, von wo herauf ihm ein Geräuſch bemerkbar geworden war, als bewege ſich ein, plötzlich aus tiefer Gebetruhe ſich aufrichtender Menſch. Er glaubte, nicht allein in der Kirche geweſen zu ſein, vielleicht eines Andächtigen oder Geiſtlichen Aufmerkſamkeit erregt zu haben und nun als fremder Eindringling verrathen zu werden. Unwillkürlich griff die Hand, an Gegenwehr gewohnt, wenn das Herz ſich in Gefahr fühlte, an den Eiſenkorb ſeines Schwertes, und er kehrte ſich gegen die Thür, durch die er von dem Corridor aus in die Kapelle eingedrungen war, mei⸗ nend, daß von hier aus ihm eine feindliche Begegnung bevorſtehe. Da entſtand ein neues Geränſch, als ob ein leichter, flüchtiger Schritt und ein weibliches Kleid ſich zögernd fortbewege;— der Laut kam von unten her, aus der Gegend des vom Pfeiler halb verdeckten Nebenaltars; Helmold ſpähete ſchnell in das Zwielicht hinab, und be⸗ merkte, vom Gitter geborgen, eine dunkle Geſtalt halb auf die Kniebank des Altars gelehnt, halb mit horchen⸗ der Stellung aufgerichtet, und mit furchtſamer Unruhe das Haupt nach verſchiedenen Seiten wendend. Jetzt kehrte ſie das Geſicht nach der Prieche auf, das Tages⸗ licht fiel hell genug in das Geſicht, ſo daß Helmold, der bereits mit klopfendem Herzen eine weibliche Geſtalt er⸗ kannt und, in Erwartung und Aufregung alle Vorſicht — 127— vergeſſend, ſich an das offene Schiebfenſter des Gitters gewagt hatte, mit freudigem Erſtaunen Gertruden in's ängſtlich horchende Angeſicht blickte. Das Mädchen ſchien zu erſchrecken, zweifelhaft zu werden und gegen den Hochaltar fliehen zu wollen, aber ehe ſie dem hülfeſuchenden Blicke nach dem unantaſtbaren Zufluchtsorte der heiligen Stätte in zögernder Ungewiß⸗ heit folgen konnte, hatte Helmold, ganz wieder muthig und von Leidenſchaft durchglüht, ſich vollends aus dem Gitter gebeugt und laut geflüſtert:—„Gertrude, ich bin's, der Dich ſeit Wochen ſucht und den der Zufall und der Schutz der Himmelskönigin hierher führten!“— Das Mädchen blieb zwar muthiger, aber doch unru⸗ hig nach dem Eingange der Kapelle blickend, ſtehen, als horche ſie hier auf die Nähe eines Menſchen. —„Gertrude!“ fuhr Helmold kühner, lauter und flehender fort—„ich habe Gerüchte von Deinem Schick⸗ ſale vernommen, die mich in Verzweiflung ſetzten, ich hatte keine Ruhe um Dich, ich habe Dich in Harſte ge⸗ ſucht, ich drang in den Bollrutz ein, der Himmel hat meinen Weg geleitet, ich erkenne daran, daß er uns zu einem gemeinſamen Schickſale erkoren hat.“— Das Mädchen horchte ſeinen Worten wie einer Stimme, die in ihre Seele Freiheit und Muth flüſterte; es leuch⸗ teten ihre braunen Augen anfangs lauſchend, allmählig entſchloſſener zu dem Manne hinauf, der in Miene und Stimme einen Sonnenſchein voll Liebe auf ſie nieder⸗ ſtrahlte. —„Ihr ſeid's!“— flüſterte ſie haſtig, und die Hand horchend auf die erröthende Wange legend—„Ihr habt — 128— mich damals vom Hanſteiner befreiet;— ich vertraue Euch, ich habe nur kurze Zeit Euren Schutz genoſſen, aber er that mir ſo wohl und ich fühlte mich ſo ſicher— o! wenn Ihr mir doch zum zweiten Male helfen könntet!“ —„ZJa, geliebtes Mädchen, das gelobe ich Dir, Du ſollſt nimmer meines Schutzes entbehren, aber ſage mir, wie kann ich Dir helfen? Iſt es wahr, daß Du in Ge⸗ fahr lebſt und, vom Vater, Vogt und Herzog gegen Deinen Willen gezwungen, der Herzogin mächtige Hut als ihre Dienerin genießeſt?“— —„Redet nicht ſo laut;— ja, ſo iſt es— ich danke der Herzogin meine Ehre und das Heiligſte was ein Mädchen beſitzt— aber ich kann nicht länger ihre Dienerin bleiben, ſie ſelber wünſcht mich zu entfernen, meiner Sicherheit willen. Ach! Ihr wiſſet es nicht und ich kann es Euch nicht ſo ſchnell ſagen. Aber lieber will ich ſterben, ehe ich eines Mannes unreine Magd oder eines Vogtes liſtiger Kaufpreis würde.“— —„So hat das Gerücht mich nicht betrogen, armes, geliebtes Mädchen!— O! wenn Du mir Dein ganzes Vertrauen ſchenken und mich lieben könnteſt, wie ich ſeit dem Tage, wo ich Dich befreiete, Dein ſüßes Bild im Herzen und vor Augen trage! Wenn Du erfährſt, wer ich bin, daß ich, eines guten Bürgerhauſes Sohn, ein ehrlich Gewerbe mit Segen treibe, daß ich eines Weibes ſanfte Empfindung zu meiner Arbeit und heiteren Seele bedarf, daß ich Dich zur Herrin meines Hauſes machen möchte, Dich, ohne mehr, als Deine Geſtalt, Dein lie⸗ bes Angeſicht zu kennen— dann kannſt Du mir Glau⸗ ben ſchenken!“— — 129— —„Redet nicht zu laut;— ol ich habe mich wohl nach Euch erkundigt und nach Euch verlangt, um Euren Rath und Muth zu fordern!— Kenne ich Euch doch auch nicht in Euren Gewohnheiten, Eurem inneren We⸗ ſen; aber Euer Blick und Muth flößten mir eine un⸗ ausſprechlich ſüße Unruhe ein und ich hätte vergehen mö⸗ gen, als ich Euch von des Vogtes Knechten niederge⸗ ſchlagen ſah; ich war ſo befriedigt, als ich anderen Ta⸗ ges erfuhr, daß Ihr vor der Mühle geſehen wäret.“— —„Ich muß mit Dir über Alles ſprechen; ſind wir ſicher hier in der Kapelle? Ich ſteige hinab!“— Gertrude blickte ſcheu nach dem Eingange und dem dämmerigen Grunde der Kapelle, aber verhinderte durch eine Geberde den kühnen, alle Gefahren vergeſſenden Freund, der die Gitteröffnung überſtieg, das ſteinerne Schnitz⸗ und Bilderwerk eines hohen Gedenkſteins, der unter der Prieche ſtand, und den Traum Joſeph's ver⸗ ſinnlichte, als feſten Stützpunkt des Fußes ſuchte, dann an den Vorſprüngen des Steins, auf Köpfen und Flü⸗ geln der die Traumleiter herabſchwebenden Engel, nieder⸗ kletterte und auf den Boden hinabſprang. Der ſchallende Ton des Sprunges fuhr erſchreckend durch des Mädchens ſcheu umher ſpähende und horchende Geſtalt, die plötzlich zurückwich, die Hände ſchützend auf beide Schläfen legte und mit zurückgehaltener Stimme flüſterte:—„Gott! was wagt Ihr! Wenn man uns hier träfe, wir wären Beide unglücklich!“— —„Komm, wo bergen wir uns vor zufälligen Blicken?“ — erwiderte Helmold ſchnell, indem er die eine Hand von des Mädchens Schläfe nahm und ſie, ohne ein be⸗ Maltitz, Herzog. I. 9 — 130— ſtimmtes Ziel, aus dem niederfallenden Tageslichte in den ſichereren Schatten des Nebenaltar's zog;—„komm, daß wir Dein Schickſal beſprechen, ich will es zu dem meinigen machen!“— Gertrude blieb plötzlich ſtehen, ſah den erregten Mann groß, fragend, ſtreng— dann aber mit weicheren Blicken an und ein dankbares, befriedigtes Lächeln durchbrach den bangen Ernſt ihrer ſchönen Lippen. War es ihr doch, als wäre auf der Leiter ihres einſamen Traumlebens ein Engel zu ihr herabgeſtiegen, um ihr Troſt und Freiheit zu verkündigen. —„Wie rieſelt es aus Deiner Hand in mein ganzes Weſen über, Gertrude“— ſprach Helmold, in zärtlicher Gluth ſein Geſicht nahe vor das ihrige drängend und tief in die braunen, immer weicher und empfangender gewordenen Augen ſeinen glänzenden, blauen Sonnenblick ſenkend;—„o! Mädchen, wie reizt mich Deine Geſtalt, Deines warmen Lebens Berührung!— Von dieſer Mi⸗ nute an biſt Du mir, wie mein eigenes Blut, verwandt, und ich laſſe Dich nicht wieder aus meinem Leben ſchei⸗ den!“— Im Uebermaße ſeiner Leidenſchaft drückte er beide Hände Gertrudens auf ſeine Bruſt und er wollte ſie eben zum verlangenden Munde erheben, als das Mäd⸗ chen aus träumeriſcher Willenloſigkeit und Verſenkung, im Anblicke des jungen Mannes, der Freiheit, Kraft und Kühnheit ihrem Schickſale widmete, plötzlich zu erſchrecken ſchien, die edle Geſtalt ſtolz aufrichtete, die Bruſt durch heftiges Einathmen zu ermuthigen ſtrebte und mit dem Stolze einer ſchönen Jungfrau gebieteriſch auf den Mann ſah, den ſie durch ihre Erſcheinung beherrſchte. Als ob — 131— es die letzte, ſchwere Anſtrengung ihres freien und ſtolzen Mädchengefühls, der letzte Kampf des Beſiegten um die eigene Freiheit ſei, ſo feſt, würdig und behütend ſchien ſie die Leidenſchaft des jungen Mannes bemeiſtern zu wollen, dieſer aber, von der Hoheit des ſchönen Mäd⸗ chens in der eigenen männlichen Empfindung der Ueber⸗ legenheit gereizt, legte die Hände auf Gertrudens Schläfen, drückte den Mund in das ſchöne Haar ihres Scheitels, ſchlug dann die Arme um ihren ſchlanken Leib, legte ſiegreich ihr Haupt an ſeine Bruſt und ſprach laut, daß es vom Gewölbe ſanft und geiſterhaft wiederhallte:— „hier am Altare und Angeſichts der Himmelskönigin ge⸗ lobe ich Dir mein Herz, meinen Arm, mein Vermögen! — Ich fordere Dich vor Gott und Menſchen zu mei⸗ nem getreuen Weibe und will Dich erkämpfen mit Gut und Blut!“— Und als er des Mädchens Geſicht aufrichtete, und die in ſeiner Umarmung willenlos gewordene Jungfrau den Blick zu ihm aufſchlug, da hatte dieſer allen Stolz und jegliche Strenge verloren, er empfing des Mannes flam⸗ mendes Augenlicht wie ein ſtiller, geheimnißvoller See, der das Licht der Sonne einſaugt und wiederſpiegelt und in deſſen Tiefe es ſich neubelebt regt; dankbar, bittend und mit vertrauungsvollem Lächeln ſah ſie empor in ſein— heißes Geſicht, empfing ſeinen Kuß auf die nicht mehr widerſtrebenden Lippen, neigte hold verſchämt die lang⸗ bewimperten Augenlider und ihre Wangen färbten ſich mit Roſen. Helmold hatte ſie noch in ſeinen Armen und ſah ſelbſtvergeſſen auf die beſiegte, ſich ſeinem Herzen und Muthe ſanft hingebende Jungfrauengeſtalt herab, 9⸗ — 132— als ſie ſchnell die bittenden Augen zu ihm aufſchlug, ſich emporrichtete, ſcheu umherblickte, ihn mit ſich fort gegen die kleine Thür einer Wandvertiefung zog und dieſe öff⸗ nete. Helmold trat ſchnell die Steinſtufe hinauf über die Schwelle, und hatte eben nur Zeit, die enge Zelle als eine Sakriſtei zu erkennen, als Getrude bereits die eichene Thür geſchloſſen hatte und mit heißer, unruhiger Miene auf ihn zu trat.. —„Ihr habt mich zu Eures Schickſals Gefährtin gemacht,“— hub ſie an—„ja, ich will es ſein, und .Euch mit treuem Herzen dienen und danken; wäret Ihr kein muthiger Mann, ich würde erſchrecken vor der Ge⸗ fahr und den Kämpfen, die unſere Liebe begleiten. Ihr habt mich in Euren Armen machtlos und ſchwach geſe⸗ hen, aber ich bin es nicht der Welt gegenüber; gaben mir früher Ehre und Mädchenwürde den Muth, gegen Vater, Vogt, Junker und Herzog zu handeln, ſo wird ihn mir jetzt meine Liebe zu Euch geben und ich bin Eu⸗ rer Hülfe gewiß, denn Ihr habt viel gewagt um mich und Ihr ſeid der erſte Mann, der meine Lippen geküßt und damit ſich zu meines Schickſals Herrn und Gehül⸗ fen gemacht hat.“— Helmold wollte in zärtlicher Umarmung ſeine Be⸗ theuerungen wiederholen, ſie aber wehrte ſeinem Arme und Kuſſe und ſprach:—„Wir ſind an einem geweihe⸗ ten Orte, wo das Auge der Himmliſchen auf uns blickt und die heilige Mutter Gottes, die Beſchützerin aller wahrhaften Liebe, unſere Worte hört. Unter ihrem Schutze ſind wir hier, aber die Zeit iſt kurz, meine Unruhe iſt groß, wie Ihr aus der Burg wieder ent⸗ — 133— kommen werdet und was aus mir bis morgen wer⸗ den ſoll.“— —„Darüber ängſtige Dich nicht;— Dich ſuchte ich in der Burg, unter den Dienerinnen der Herzogin; der Zufall, die Nothwendigkeit, mich vor einem Mönche und einer alten, grämlichen Frau zu verbergen, trieb mich in dieſe Kapelle. Siehe, hier habe ich ein Paßzeichen, das mich frei in das Haus führte und mir den Rückweg öffnen wird.“— Er zog das Tuch hervor, welches ihm die Edeldame gegeben hatte, und erzählte mit wenigen Worten die Be⸗ gebenheit mit dem Ritter.— Gertrude hatte aber das Tuch entfaltet, das Wappen erblickt und überraſcht in des Freundes glückliche Miene geblickt.— —„Nun zweifelſt Du an der Kraft dieſes Amulets?“ — fragte er mit ermunternder Heiterkeit. —„Seltſam!“— verſetzte das Mädchen,—„es gehört derſelben Frau von Oldershauſen, die auf den Wunſch der Herzogin am heutigen Morgen mich zu ihrer Dienerin angenommen hat und der ich nach dem Feſte folgen ſoll.“— —„Du, Gertrude, Du, die Braut eines freien Bür⸗ gers, einer Edelfrau Magd?“— —„Eure unwillige Miene thut mir wohl, Ihr fühlt wie ich— ol es quält mich peinlich, daß ich dienen ſoll, und es nicht ablehnen durfte, da die Herzogin es aus Sorge für meine Ehre ſo forderte. Ich war ſeit heute Morgen in Verzweiflung, zwiſchen Dankbarkeit gegen die gütige Frau, die ich von allen Weibern am Höchſten liebe, und dem Widerſtreben meiner Natur rathlos — 134— ſchwankend; der Herzogin könnte ich dienen mein Leben lang, aber ich haſſe den Stolz der Ritterdamen, die ſich edler dünken, als eines bürgerlichen Mädchens Blut und Ehre und Liebe, und ich verabſcheue die Ritter und Alles, was ihrem Willen und Gelüſte freiwillig dient, denn ſie verführen und kränken im Bürgerweibe, was ſie an den adligen Frauen und Fräulein verehren und anbeten.“— —„Du redeſt aus meiner Seele; auch im Haß ge⸗ gen die adligen, übermüthigen Menſchen, die jetzt auf dem Freudenberge ſich ihrer ſtolzen Wappen freuen, ha⸗ ben wir uns gefunden. Aber erzähle, damit ich zu Rathe gehen kann, was ich thun muß.“— —„Wie fange ich es an, Euch und mir zu genügen und den Schutz der Herzogin nicht zu verlieren? Sie iſt in ſtiller Weiſe mächtiger, als es die Welt weiß.“— —„Iſt es denn wahr, daß Dein Vater Dich dem Vogte verkauft hat?“— —„Höret mein Schickſal und ſinnt, wie Ihr das Eurige damit zu verknüpfen vermöchtet, auf daß ein gu⸗ tes Ende daraus hervorgehe. Mein Vater iſt ein heim⸗ licher, ſchweigſamer Mann, der nur auf Gewinn und Vortheil denkt und dem nichts Lebendiges theuer genug wäre, um es für todtes Silber auszutauſchen. Er hat meiner Mutter ſchon viele harte Stunden gemacht und ſie durch Furcht zur ſtillen Ergebung gezwungen. Der herzogliche Vogt vom Amte Grone, der ungeſtüme und den Göttingern feindlich geſinnte Hans Druchtleif, der in des Herzogs beſonderer Gunſt und Gnade ſteht, iſt vorigen Herbſt in der Mühle eingekehrt, da er dort das Korn mahlen laſſen wollte, ſo lange die Amtsmühle in 1 — 135— Grone reparirt und vergrößert würde; daraus iſt eine gute Freundſchaft zwiſchen ihm und dem Vater entſtan⸗ den, er hat mich mit großen Augen angeblickt, und mir Worte geſagt, die er für ſchoͤne Rede und zärtliche Schmei⸗ chelei hielt, aber mich mit Widerwillen erfüllten. Er kehrte ſeit dieſem Tage öfter ein, der Vater konnte ihn nicht genug ehren und gegen mich rühmen, er hatte bald viel Heimliches mit ihm zu ſprechen und ich hörte, daß es ſich um die Amtsmühle in Grone handele, die viel mehr abwirft, als die kleine Maſchmühle. So ging es den Herbſt und Winter hindurch; der Vogt kam öfterer, und redete dreiſter mit mir von ſeiner Luſt an mir.“ Helmold hatte, geſpannten Ohres, ſich auf die Pol⸗ ſterbank der Sakriſtei niedergelaſſen und Gertrude zu ſich niederziehen wollen; ſie aber war vor ihm ſtehen geblie⸗ ben und hatte ſich, nach einem lauſchenden Blicke durch die kleine Thür, vor ihm auf den Boden niedergelaſſen; ſo, die Arme auf ſeine Kniee ſtützend, ihre Hände in den ſeinigen bergend und zuverſichtlich zu ihm aufblickend, lag ſie vor dem lebendigen Altare und Schutzpatrone ihres Herzens und beichtete ihrer Seele Bedrängniß.— —„So geſchah es, daß vor vier Wochen der Jun⸗ ker von Hanſtein, der des Herzogs Edelknappe war, vor die Mühle ritt und einen Trunk Milch begehrte, mich gewaltſam auf ſein Thier zog und im dichten Nebel mit mir davon jagte. Euch ſchickte eine höhere Macht mir zur Rettung auf den Weg. Ol ich hätte Euch an die Bruſt ſinken und Euch meines Herzens Noth und Dank in heißen Worten ausſprechen mögen; Euer Blick drang mir wunderſam in die Seele und Eure kühne That gab — 136— mir ein raſches Vertrauen zu Euch;— aber je mehr ich Euch reden hörte und den Druck Eurer Hand fühlte, um ſo beklommener wurde meine Seele und ich trieb zur Eile nach der Mühle.— Ich hätte vor Schreck in die Erde ſinken mögen, als ich des Vogtes anſichtig wurde; ich ſah Euch mit dem Knechte kämpfen und vor dem Pferde zu Boden fallen, ich verlor das Bewußtſein und als ich die Augen wieder aufſchlug, lachte mich der Vogt ſieg⸗ reich an und ſprach:—„Ihr ſeid meine gute, rechtliche Beute, Gertrudchen— Euer Vater wird mir's danken und Ihr ſelber könnt mir's am Beſten vergelten, daß ich Euch aus eines Wilddiebes liſtiger Fährte gerettet habe.“ — Seine Rede war Hohn für mein Herz, ich litt un⸗ ſägliche Pein in ſeinem Arme; Schreck und Sorge um Euch machten mich willenlos; vergebens klagte ich ihn an, meinen wahrhaften Retter mißhandelt zu haben; er lachte ob meines Verlangens, Euch wieder aufzuſuchen und einem Göttinger Bürger nicht Unrecht zu thun. Des Hanſteiner's Gewaltthat an mir wollte er nicht Glauben ſchenken und es kränkte meine Ehre, daß er mich für fä⸗ hig hielt, mit einem jungen Manne einen heimlichen Weg in's Feld gemacht und nun ein Mährchen erdacht zu haben.“— —„Hal ſo machen ſie es Alle, die erſten und letzten Knechte der Adligen!“— rief Helmold im Aufſprühen ſeines Zorns ſo laut, daß das Mädchen erſchrak und er leiſer fortfuhr:— ehe ſolche Leute, die das Wappen ihres Herrn als einzige Ehre am Rocke tragen, eines Junkers Schurkerei eingeſtehen, machen ſie ehrliche Bürgerrede zur Lüge!“— — 137— —„Ich habe nie eine größere Abneigung gegen den Vogt empfunden, als in dieſem Augenblicke“— fuhr Gertrude fort;—„wir trafen vor der Mühle ein, mein Vater, vom Mühlknappen bereits benachrichtigt, daß ich verſchwunden ſei, war eben heimgekehrt und im Begriff, mich zu ſuchen; der Vogt rief ihm lachend zu:— da Meiſter, bringe ich Ench das flüchtige Mädchen wieder, ich fand ſie eine Stunde Weges im Felde mit einen Wild⸗ jäger im Haſelbuſch, vom Nebel geborgen; jetzt iſt's Zeit, daß Ihr das Mädchen ehrlich macht; erkennt meine recht⸗ mäßige Beute an, denket an die Amtsmühle in Grone!“ — Als ich mich empört vom Pferde zu Boden geſchwun⸗ gen hatte, ſtrafte ich mit muthiger Gegenrede der Aus⸗ ſage des Vogtes Lügen, erzählte meinem Vater, was mir begegnet war, und daß der Vogt ein Räuber an mir und ein Frevler an meinem wirklichen Retter geworden ſei. Mein Vater aber hielt mit dem Vogte, wies mich barſch auf meine Kammer, und redete mit ihm lange in der Stube, während ich vor innerſter Entrüſtung heftig weinte und an Euer Schickſal dachte.“— Helmold hatte, erhitzten Angeſichts, in der Aufregung die Hand auf ſeinen Degenkorb geſchlagen; ein bittender Blick Gertrudens mäßigte ſeine Wallung, er legte die kampffertige Hand ſchmeichelnd auf des Mädchens Schei⸗ tel und ſprach:„Fahre fort, ich will Dich ruhig anhören, aber wenn mein Zorn aufwallt, ſo ſieh mich ſo weich an, wie eben— fahre fort!“— Mit dankbarem Blicke und eiligerer Rede fuhr Ger⸗ trude fort:—„die Zeit drängt; wie faſſe ich alles Erlebte in die wenigen Minuten, die uns noch vergönnt ſind, — 138— zuſammen— ich habe ſo viel auf dem Herzen für Euch; Ihr ſeid der Erſte, dem ich anvertraue, was ich der Her⸗ zogin ſelber nicht zu ſagen wagte.“— —„Der Herzogin?“— —„Sie iſt eine vortreffliche Frau und alle meine Hoffnung iſt auf ihre Güte gerichtet, ſie hat an mir des Engels Dienſt gethan.— Ich ſaß weinend auf meiner Kammer, hörte des Vogtes Knechte unten vor der Mühle lachen und die Pferde ſtampfen, meine Gedanken waren bei Euch und mit banger Unruhe ſtarrte ich in den Nebel draußen.— Der Vogt brach nach einer Stunde auf; da kam mein Vater zu mir, theilte mir mit, daß mich der Vogt ſchon früher zum Weibe verlangt und er ihm die Zuſage gegeben habe; als ich mich deſſen weigerte, fuhr er mich hart an, nannte mich eine böſe Dirne, die Schande und Feindſchaft über ſein Haus bringen wolle, drohte mir mit Gewalt und nugt mir, die Mühle zu verlaſſen. Am Abend kehrte meine Mutter von Boven⸗ den zurück; ſie hörte des Vaters Rede über mich mit derſelben Ruhe an, wie ſie ſeinen Eigenwillen und böſen Sinn zu erdulden gewohnt iſt; dann ſah ſie mich fragend an und ihr behütender Blick ſagte mir, daß ſie mich tröſten wolle.— Auf meiner Kammer ließ ſie ſich den Vorfall von wir erzählen und ſie ſelber empfand eine ſolche Abneigung gegen den Vogt, daß ſie mir verſprach, in der Stadt Erkundigungen nach dem jungen Bürger anzuſtellen, um ihn zu finden und des Vogts Angabe zu Schanden zu machen. Ihr hattet mir Euren Namen nicht geſagt, oder ich war in der Aufregung nicht achtſam darauf geweſen.— Am andern Tage, als ich auf meiner — 139— 41 Kammer ſann, wie ich dem Willen des Vaters entfliehen könne, eilte die Mutter zu mir und ſagte, daß ein junger Bürger mit dem Vater lebhaft rede, und mit ihm am Leinufer hinabgegangen ſei. Ich ſprang hinaus an das Fenſter, das den Blick nach der Leine geſtattete, aber ich ſah nur meinen Vater, welcher an der Weide des Ufers ſtand, und in's Waſſer ſah. Daß er in dieſem Augen⸗ blicke auf Böſes ſann, war mir gewiß, denn er ſchauet jedesmal tief und einſam in das Waſſer, wenn er heim⸗ liche Gedanken in ſich trägt, deren That meiner Mutter Glauben und Ehrlichkeit kränkt. Er war den ganzen Tag ſtill, geheimnißvoll und mürriſch. Am nächſten Mor⸗ gen weckte mich die Mutter in großer Aufregung; der Vater war früh nach Grone gegangen und in der Nacht, als meine Mutter in Sorge um mich ihm vorgehalten hatte, daß er nicht ſein eigenes Blut für des Vogtes Freundſchaft und um eigene Habſucht feil bieten ſolle, in großem Zorn gegen ſie ausgebrochen und darin ſeiner ſtillen Abſichten nicht Meiſter geblieben, ſo daß er im Aerger geſagt hat: wenn ich ſie dem Vogte nicht in guter Freundſchaft gebe, ſo wird er ſie mir in Feindſchaft mit Gewalt nehmen und es iſt beſſer, ich profitire dabei; ſie wird des Vogtes eheliche Magd, ſo wahr das Leine⸗ waſſer nicht rückwärts fließt.“— —„Ha, der Gleißner!“— unterbrach Helmold ent⸗ rüſtet—„als ich Dich vergeblich in Harſte ſuchte, kehrte ich bei Deinem Vater ein, um ihn aufzufordern, ſein Kind von der Herzogin zurückzuholen, aber er ſtellte ſich, als ſei er unglücklich über Dein Schickſal und daß er es mir danken wolle, wenn ich es vermöchte, Dich wieder in ſein — 140— Haus zu bringen. Deine Mutter weinte und beſchwor mich, Dich zum zweiten Male aus der Gefahr zu retten, ſie dankte es mir und ſah mich mit widerſprechenden Blicken an, als Dein Vater behauptete, daß Du aus heimlicher Liebe zu einem Maune am Hoflager zu Harſte dorthin geflohen ſein müßteſt.— O, der Heuchler!“— —„Er hätte mich gewiß gern wieder in ſeiner Ge⸗ walt gehabt; aber der Herzogin Schutz war ihm ein zu mächtiger Gegner.— Meine Mutter war rathlos, ich dagegen zur Flucht entſchloſſen. Aber wohin? Wie gern wäre ich zu Euch geflohen, wenn ich Euch hätte erreichen können und es nicht gegen des Mädchens Sitte geweſen wäre. Ich dachte an meinen Gevatter, den Schmied zu Roſtorf, meiner Mutter Schwager; er hatte mich immer lieb gehabt und es iſt mein einziger Verwandter. Meine Mutter begünſtigte meine Flucht; ehe mein Vater von Grone heimkehrte, war ich auf dem Wege nach Roſtorf. Mein Zufluchtsort ſollte mir nur zwei Tage einer beäng⸗ ſtigten Verborgenheit gewähren; am Abende, als ich in dämmriger Kammer vergeblich auf eine heimliche Bot⸗ ſchaft von meiner Mutter gewartet hatte und dem Ham⸗ merſchlage in der Schmiede gedankenvoll zuhörte, erſcholl plötzlich der eilige Huftritt von Pferden; es waren Rei⸗ ſige, die vor der Schmiede anhielten und ein Eiſen feſt⸗ ſchlagen laſſen wollten. Plötzlich ſtürzte der Schmied in die Kammer, ergriff meine zitternde Hand und rief:— „Gottes Barmherzigkeit über Dich und mich. Die Reiter ſind des Vogtes Reiſige und ſuchen Dich, des Göttinger Maſchmüller's verſteckte Tochter! Sie drohen, mir die Schmiede über'm Kopfe anzuzünden und mich mitzuſchlep⸗ — — 141— pen, wenn ich nicht eingeſtände, ob das Mädchen, das ſeinem Vater freventlich entflohen ſei, ſich hier verſteckt halte!“— Ich war vor Schreck betäubt, ich konnte keinen andern Gedanken faſſen, als daß der Vogt mich in der Gegend ſuchen laſſe, um mich entweder nach der Mühle zurückzubringen, oder als ſeiner Luſt und Rache Beute zu betrachten; ich hätte mir das Leben nehmen, mich in den nahen Teich ſtürzen mögen. Es blieb mir nur die Zeit, aufzuſpringen, das Fenſter aufzuſtoßen und ver⸗ zweiflungsvoll in den ſtillen, unheimlich ſchimmernden Teich niederzuſtarren. Eure Geſtalt trat mir plötzlich vor die Seele, ich fühlte einen Schauder vor dem Gedanken an den Tod, eine unſägliche Liebe zum Leben. Der Schmied hielt mich feſt und horchte unbeweglich und ſtumm auf das Geräuſch der Knappen, die mit wilden Stimmen die niedere Treppe herauflärmten und jetzt in die Kammer drangen. Die Verzweiflung gab mir den Muth, ihnen entgegenzutreten und zu ſprechen: Hütet Euch, mir Ge⸗ walt anzuthun, ich bin eines Göttinger Bürgers Kind!“ Helmold zeigte die Aufwallung ſeines Gemüthes durch flammenden, umherſprühenden Blick und raſches, wie zur Gegenwehr ſich anſchickendes Aufrichten ſeines Körpers, doch ein ſanfter Druck von Gertrudens Hand zog ihn wieder enger und inniger zu ihr herab;— er legte ſeine Hand auf ihren Nacken, ſah ihr tief in die Augen und ſprach ſchnell und ungeduldig:—„weiter, weiter!“— —„Die reiſigen Knechte ergriffen mich, ſuchten mein Geſicht zu erkennen und einer von ihnen ſprach:—„Be⸗ hüte uns der Himmel, daß wir unſeres Herren ſchmuckes Bräutlein nicht wie eine köſtliche Beute heimbrächten!— — 142— Aber macht uns die Sache leicht, Ihr müßt mit!“— Ich will nicht reden von meiner ſchwachen Gegenwehr; ich wurde unter Hülferuf und Widerſtand hinunter ge⸗ tragen, auf's Pferd gehoben und ſah das Feuer der Schmiede ſchnell hinter den Büſchen verſchwinden. Man brachte mich nach Harſte und hielt mich in einem Vor⸗ werke gefangen; Reiſige bewachten mich, eine alte Frau kam, um mir Muth einzuſprechen, da ich zu großer Ehre beſtimmt ſei. Mein betäubter Sinn hörte nicht darauf.— Plötzlich erſchien der Groner Vogt; er lächelte wie ein Schelm, ſah mich mit ſinnlichen Augen an und hörte meine Drohungen und Vorwürfe mit heiterem Sinne an, ohne eine harte Gegenrede.—„Du biſt ein edles Wild, das ich mir habe erjagen müſſen“— hub er an, indem er mir, die ich vor ihm zurückwich, folgte;—„was Du nicht gutwillig mir zu Dienſte bieteſt, ſollſt Du nun auf gutes Recht meiner Gewalt. Mein Sinn iſt für Dich entbrannt und es wäre Schade um Dich, wenn Du eines gemeinen Mannes Weib würdeſt.“— Als ich ihm ſein Unrecht und ſeinen Frevel an mir vorwarf, ihm drohte, daß des Herzogs Leute keine Gewalt an den Göttin- gern hätten und der Rath es erfahren und Gerechtig⸗ keit fordern ſolle, lachte er laut und rühmte ſich, des Herzogs Vogt zu ſein.—„Schmücke Dich zur Hochzeit, Gertrude,“— ſagte er—„ich werde Dir Kleider und Zierrath ſenden, wie es der Liebſten eines herzoglichen Vogtes geziemt; dieſe Nacht wohnſt Du bei mir in des Landesherrn Burg und morgen ziehſt Du als mein ſchmuckes Weib in das Amtshaus zu Grone.“— Als ich ſeiner Zärtlichkeit mit Abſchen widerſtand, und ihm ſchwur, daß er nur mit meinem Leichnam beiſammen wohnen werde, ging er lächend von mir, aber ſeine wil⸗ den Blicke und Worte:„Girre nur, Täubchen; Du wirſt zur Einſicht kommen und nach einer Stunde Bedenken ruhiger geworden ſein; weigerſt Du Dich dann noch, ſo wirſt Du meine Magd!“— warfen mich betäubt nieder. Eine alte Frau brachte mir ſpäter Kleider und Schmuck— ich wies es zurück; ein Mönch trat gegen Mittag zu mir, mich zur Kapelle abzuholen; ich flehte ihn an, im Namen Gottes, mich zu retten. Er ſchien verwundert, von mir zu vernehmen, daß ich nicht des Vogtes freiwillige Genoſſin, daß ich geraubt und mit Gewalt bedroht ſei; er ließ ſich mein Erlebniß erzählen und ſeine Miene wurde theilnehmend.—„Folgt mir,“ ſagte er nach kurzem Sinnen,„der Vogt iſt in der Ka⸗ pelle, um zu opfern; eilet zum Herzoge, der eben in die Burg eingeritten iſt, mahnet ihn an den Landfrieden und fordert den fürſtlichen Schutz.“— Ohne Ueberlegung folgte ich dem Mönche weniger, als ich ihn mit mir fort⸗ zog; auf einem ſicheren Wege durch das Vorwerk gelangte ich in die Burg— der Mönch fand ungehemmten Ein⸗ gang, er führte mich auf eine Gallerie und ich vernahm daß er auf ſeine Anfrage von einem Knappen die Ant⸗ wort erhielt:„der Herzog iſt noch bei ſeinen Pferden.“— Ich mußte mich hinter einem Pfeiler bergen, während der Mönch vor ihm ſtehen blieb. Plötzlich erſcholl ein klirrender Schritt— der Herzog im grünen, goldgeſtickten Wamms, ein Federbaret auf dem Haupte, in hohen, braunen Jagdſtiefeln, erſchien am Eingange der Gallerie; ſeine Begleiter mit ihm;— der Mönch erwartete ſein — 144— Vorüberſchreiten, beugte ſich vor ihm und ſprach:„Gnä⸗ diger Herr, im Namen des heiligen Georg!“— Der Herzog ſah ihn finſter an und fragte barſch:—„Was willſt Du?“ Ich erbebte hinter dem Pfeiler und vernahm des Mönchs Worte:—„Seid Ihr geneigt, eines Mäd⸗ chens Noth zu hören?“— Der Herzog erwiderte wei⸗ tergehend;„rede ſchnell, was willſt Du?— Ich war zweifelhaft, ob ich hinter dem Pfeiler hervortreten und dem Herzoge zu Füßen ſtürzen ſollte, da die Begleitung eben in meine Nähe gelangte. Ich hörte im klirrenden Schritte der Ritter nicht, was der Mönch mit dem Her⸗ zoge ſprach; dieſer aber blieb plötzlich ſtehen, kehrte ſich gegen die Begleitung und rief mit heiter befehlender Stimme:—„Erwartet mich im Trinkſaale, Freunde; be⸗ ginnt nur!“— Er begleitete dieſe Worte mit einer Arm⸗ bewegung, griff an ſeinen langen Bart und ſprach gleich⸗ gültig:—„Was für ein Mädchen? Der Vogt von Grone? Er hat's Recht gemacht, Pater, thue was Dei⸗ nes Amtes iſt!“— Als der Mönch erwiderte:—„Gnä⸗ diger Fürſt, mein Amt verbietet mir, Gewalt im Namen Gottes zu gebrauchen“— da fuhr der Herzog zornig auf und rief, die Augen funkelnd auf den Mönch rich⸗ tend:—„Ich befehle es Dir! Wer iſt Herr in Ober⸗ wald, Gott oder ich? Der Vogt ſoll das Mädchen zum Beilager haben, ſo gab ich ihm in fröhlicher Jagdſtunde mein Wort und da er mir geſagt hat, daß das Mäd⸗ chen von einem Göttinger aufgehetzt iſt, ſo will ich den Bürgern zeigen, daß ich keinen Widerſpruch dulde und es in meiner oberherrlichen Gewalt liegt, Mann und Weib zu trennen und zuſammen zu binden. Und das Bürger⸗ — 145— volk ſoll klug werden, daß es eine Ehre iſt, wenn ein herzoglicher Amtmann und Diener eines gemeinen Man⸗ nes Kind zur Genoſſin begehrt.“— Der Herzog ſchritt weiter gegen eine Thür; der Mönch faltete die Hände und ſein troſtloſer Blick ſuchte mich. Ich hielt mich nicht länger; ſchon war ich, ohne es zu wiſſen, hinter dem Pfeiler hervorgetreten; jetzt ſtürzte ich dem Herzoge nach und warf mich zu ſeinen Füßen.—„Gnade!“— rief 6) Se„Gnade, rettet mich, Herr!“— Er ſah mich groß n, ſeine ſtrenge Miene wurde freundlicher, er ließ das Daan ſeines Bartes durch die Hand ſtrahlen und fragte: „Wer biſt Du, ſchönes Kind?“ Muthig antwortete ich: —„des Göttinger Maſchmüller's Tochter; Euer Vogt, der mir nachſtellt und dem ich entflohen war, hat mich gewaltſam aufgreifen laſſen und will mir in meiner Ehre und Freiheit Gewalt anthun!“— Der Mönch wollte hinzutreten und ſprechen, aber der Herzog winkte ihm Schweigen und Entfernung zu. Dann blickte er mit ſeltſamem Lächeln zu mir herab und ſchien ſich an meiner flehenden Miene zu weiden.„Fürwahr“— ſprach er— „mein Vogt weiß die ſchönen Vögel zu ſinden! Wenn alle Göttinger Weiber Dir glichen, ſo wollte ich meine Lebtage mit der Stadt gute Freundſchaft halten.“ Und gnädig reichte er mir die Hand, ſprach:„ſtehe auf, wie nennſt Du Dich?“ und zog mich mit ſich in die Thür eines Gemaches, wo er mit mir ſtehen blieb, mich lächelnd betrachtete und mir die Wange kniff.—„Möchteſt wol einen vornehmeren Genoſſen haben he?“— fragte er, indem er mir das niedergefallene Haar von der Schläfe mit ſeinem Handſchuh zurückſtrich—„Deine Augen ſind Maltitz, Herzog. I. 10 — 146— Edelſteine und verdienen einen Rittersmann;— wenn ich Dich von dem Vogte losmachte, das wäre Dir wol recht, aber er hat mein Wort und ich will's überlegen, wie ich Deiner Schönheit und dem Vogte genüge.“— Zum erſten Male in meinem Leben wurde ich zum Glau⸗ ben an meine Geſtalt überredet und doch wünſchte ich in dieſer Stunde, häßlich zu ſein. Der Herzog warf die Handſchuhe auf einen Stuhl, fuhr ſich durch den Bart und ſchritt, die Arme gekreuzt, gegen ein Fenſter; ich dachte, daß er über mein Schickſal mit gerechtem Herzen nachſinne, und faßte Muth.“— —„O, Gertrude!“— unterbrach Helmold—„eine Taube wareſt Du, in der Hut eines Falken— ein Wun⸗ der konnte Dich nur befreien;— ich möchte jedes Wort und doch das Ende erfahren!“— —„Plötzlich wendete ſich der Herzog um, ſchritt in weitem Kreiſe um mich herum, blieb in einiger Entfer⸗ nung ſtehen und betrachtete mich mit ſtechenden Blicken, die ich kaum ertragen konnte; er ſchien ſich an meiner Verlegenheit zu ergötzen, denn er lächelte und wiegte ſich auf den Füßen.—„Dir gefällt der Vogt nicht?“— hub er an, indem er langſam herantrat—„hälſt Dich für ein zu edles Blümlein, um von eines Dieners Hand ge⸗ brochen zu werden— es ſoll Dein ſchönes Geſicht zu Ehren kommen— ſchlag ein, Gertrudchen, ich will das Blümlein ſchätzen, was es werth iſt.“ Er hielt mir die Hand hin, aber ich wagte nicht ſie zu berühren. Er ſtützte ſich mit dem Arme auf meine bebende Schulter und ſah mir mit Wohlgefallen in's Geſicht. Plötzlich ſchritt er an einen Tiſch, ließ eine eherne Glocke erſchallen — — — 147— und es trat ein alter, liſtig mich anblinzelnder, weißbär⸗ tiger Knappe herein.„Sperber!“— ſprach der Herzog — Du hafteſt mir für dies Mädchen; bringe es in das Gemach unter der Warte, verſorge es mit Speiſe und Wein und friſcher Kleidung und halte es geheim vor Jedermann!“— Dann befahl er mir, dem Alten zu fol⸗ gen und guter Dinge zu ſein.“— Gertrude ſtockte plötzlich in ihrer Erzählung, und auch Helmold fuhr aus ſeiner, horchend über das Mädchen gebeugten Lage empor, hob das Haupt, ſchlug den linken Arm um die vom Boden Aufgeſprungene, und griff mit der Rechten auf den Degenkorb. In der Kapelle war ein ſchleppender Gang hörbar geworden, eine heiſere, helle Stimme rief:—„Gertrude! Gertrude!“— —„Das iſt die alte Wärterin des Prinzen“— flü⸗ ſterte das Mädchen, deſſen von der Erzählung hochroth gewordene Wangen plötzlich blaſſer erſchienen;—„ſie wird mich ſchon vermißt haben, ſie iſt immer mürriſch gegen mich und ſcheint zu grollen, daß ich der Herzogin diel Leid verurſacht habe;— bleibet hier, o Gott, ſie nähert ſich der Sakriſtei!“— Gertrude machte ſich von dem Freunde los, ihr flehender Blick hieß ihn ſich ruhig zu verhalten und mit ſchnell erzwungener Faſſung trat ſie aus der Thür in den ſchattigen Kreuzgang der Kapelle. Helmold legte ſein Ohr an die Thür und lauſchte. —„Was wollt Ihr, Frau Oelbecken?“ fragte Ger⸗ trudens etwas unſichere Stimme. —„Du willſt es wol allen Frommen zuvorthun“— antwortete ganz in der Nähe die Frau;—„ich ſuche Dich nun ſchon eine halbe Stunde lang, in der Herzogin 10* 18= Gemächern, in der Küche, auf der Gallerie oben; glaubte ſchon, Du wäreſt heimlich nach dem Freudenberge gelaufen; der Pater Henricus, der von der Gallerie herab dem Lärm zuſieht, hat Dich in die Kapelle gehen ſehen, aber ich ſah Dich nicht von der Herzogin Prieche, weder vor dem Altare, noch dem Betſtuhle.“— —„Doch, Frau Oelbecken, ich habe gebetet und meine Seele vor Gott aufgeſchloſſen— was habt Ihr mir zu ſagen?“— —„Du biſt ja ſo heiß und unruhig!“— Hätte Hel⸗ mold durch die Thürſpalte, durch welche er ſpähete, die Frau, welche Gertrude durch ſchnelle Entfernung aus der Gegend der Sakriſtei zum Folgen zwang, erblicken kön⸗ nen, ſo würde er dieſelbe erkannt haben, welche früher die Wendeltreppe herauf in den Corridor geſtiegen war und ihn zur Flucht in die herzogliche Prieche veranlaßt hatte; auch würde er bemerkt haben, wie ſie mit den grauen, enggeſchlitzten, ſtechenden Augen bei den letzten Worten mißtrauiſch in Gertrudens erhitztes, die Farben wechſelndes Geſicht geblickt und dann in der Kapelle vor⸗ ſichtig umhergeſpähet hätte. —„Ach! Ihr kennt mein Geſchick, und ſollte mich der neue Dienſt nicht befangen machen?“— ſagte Gertrude. —„Deine leidende Miene iſt ſchnell wieder klar ge⸗ worden— Du kannſt es der Herzogin nicht genug dan⸗ ken, daß ſie Dich aus aller Anfechtung frei macht und der edlen Frau von Oldershauſen als Leibdienerin ab⸗ getreten hat. Aber eben höre ich, daß der Ritter, ihr Gemahl, im Turnier Schaden genommen und nach einer — 149— Sänfte auf die Burg geſchickt hat; ein junger Bürger ſoll in den Bollrutz gekommen ſein, die Botſchaft gebracht, und ein Tuch der Frau von Oldershauſen der Wache am Hausthore vorgezeigt haben, um in der Herzogin Wohnung Eingang zu finden, da er eine beſondere Bot⸗ ſchaft für die Dienerin zu verrichten habe. Außer uns Beiden ſind ſie alle nach dem Turnier gegangen, und der Bote ſoll das Haus bis jetzt nicht verlaſſen haben. Hüte Dich, daß der Herzog, der Deine Gegenwart er⸗ fahren haben kann, nicht einen neuen Häſcher nach Dir ausſchickt. Henricus läßt den Menſchen in der Burg überall ſuchen. Dem Hanſteiner iſt nicht zu trauen.“— Helmold wurde unruhig; er hätte in ſeinem Liebes⸗ muthe hervorbrechen und ſich offen als Gertrudens ehr⸗ licher Freund bekennen mögen, aber des Mädchens Ant⸗ wort hielt ihn geſpannten Ohres hinter der Thür zurück. Mit befangener, nach Sicherheit ſtrebender Stimme ver⸗ ſetzte ſie:„kommt wir wollen hinaufſteigen, ich will Hen⸗ ricus aufſuchen.— Die Rede wurde für Helmold's Ohr um ſo undeut⸗ licher, je weiter ſich der Schall der Schritte verlor; der junge Mann wagte in die halbgeöffnete Thür zu treten, das hervorgezogene Tuch der Edelfrau in der Hand und von dem Gedanken erfüllt, die Rolle des Boten fort zu ſpielen; aber was ſollte er ſagen, welchen Auftrag er⸗ ſinnen, der nicht ihn und Gertrude in neue Verlegen⸗ heiten bringen könnte? Er ſchlich bis an einen Pfeiler der Kapelle vor, und gewahrte eben noch im Zwielichte des Mädchens Geſtalt, wie ſie mit der Frau die Pforte der Kapelle verließ und noch einen ängſtlich behütenden — 150— Blick in den Raum zurückwarf. Helmold glaubte ihn ver⸗ ſtanden zu haben und begab ſich ſtill in die Sakriſtei zurück. Hier brachte er eine peinliche Viertelſtunde zu; was ſollte er beginnen, um Gertrudens Schickſal vor der Welt mit dem ſeinigen zu vereinigen, wie den Schutz der Herzogin auch für ſich erſtreben? Noch kannte er der Geliebten Erlebniſſe nicht ganz, in der Schilderung der gefährlichſten Lage war ihre Mittheilung plötzlich unter⸗ brochen. Was that der Herzog, wie beruhigte ſich der Vogt, wie ward es möglich, daß Gertrude im Schloſſe zu Harſte, in der Dienerſchaft der Herzogin, bei der miß⸗ trauiſchen Stimmung der Frau Oelbecken und auf dem Bollrutz, der von Rittern, Edelknappen, herzoglichen Knechten und gewiß auch dem Vogte willfährigen Men⸗ ſchen ſeit geſtern gefüllt war, ohne Gefahr und Anfech⸗ tung leben konnte.— Es waren allerdings unvermuthete und beſondere Um⸗ ſtände eingetreten, die Gertrude ſelbſt nicht alle kannte, und dem Freunde nicht zu erzählen vermocht hätte. Wir wollen die Zeit, in welcher der junge Bürger Göttingens in der ſtillen Sakriſtei auf die Rückkehr der Geliebten harrt, damit ausfüllen, daß wir die Ereigniſſe, die auf des Mädchens Schickſale einwirkten, in ihrem geſchicht⸗ lichen Hergange erzählen, zumal ſie wol geeignet ſind, auf die Charaktere der Perſonen, das Verhältniß des Herzogs zu ſeiner jungen Gemahlin und den Geiſt und die Sitten der Zeit ein Licht zu werfen, das ſpätere Handlungen und Begebenheiten weniger ungewöhnlich er⸗ ſcheinen läßt. Fünſtes Kapitel. Der Vogt von Grone war dem Herzoge beſonders dadurch angenehm geworden, daß er nicht nur ein ge⸗ treuer Vollſtrecker jeder Laune und Willkür ſeines Herrn, ſondern auch im verwichenen Jahre vom Zufalle begün⸗ ſtigt worden war, ihm auf der Jagd, wo der Fürſt in großer Lebensgefahr ſchwebte, und im Eifer von ſeiner Geſellſchaft getrennt, einem wilden Eber nachſetzte, in's Stürzen gerieth und, dem Zahne des wüthenden Thieres preisgegeben, einen ungleichen Kampf wagen mußte, da⸗ durch beizuſtehen, daß er rechtzeitig hinzuſprang und den Eber abfing. Jede muthige, unerſchrockene That mit be⸗ waffneter Hand erweckte des Herzogs Wohlgefallen und er verſprach dem Vogte, der einſt ein gemeiner reiſiger Knecht bei ihm geweſen war, die That zu gedenken. Als Gertrude aus der Mühle entflohen war, hatte der Vogt geſchworen, daß er ſie nun als gute Beute, wie ein Wild im Walde auffangen und ausweiden wolle und ſelbſt der Müller war, von den Thränen ſeiner Frau gepeinigt, in ſich gegangen und in Furcht, daß der mäch⸗ tige Vogt ſeine zornige Aeußerung wahr machen, aus Rache ein übel Werk an der Tochter und ihm ſelber üben, und ſie zu Schanden bringen möge, darauf bedacht geweſen, ſelbſt das Kind zu ſuchen und in der Stadt in Sicherheit zu bringen. Die Frau hatte ihm in ihrer Angſt entdeckt, daß Gertrude beim Schmid in Roſtorf ſei. Als⸗ bald war der Müller nach Grone zum Vogte geeilt, hatte ihm erklärt, daß er ihm die Tochter zwar zum Weibe ge⸗ lobt, nicht aber gegen Schande und Gewaltthat an ihrer Ehre feil geboten habe und daß der Vogt kein übles Auf⸗ ſehen machen und die Bürger nicht wegen des Landfrie⸗ denbruchs aufbringen möge. Darauf hatte jener geant⸗ wortet, daß er ſich vor den Amtleuten und ſeinen eigenen Knechten zum Spott machen werde, wenn er des Mäd⸗ chens und ihrer Liebesdienſte nicht Meiſter würde, da er ſich ſeiner ſchönen Braut ſchon offen beim Trinkgelage gerühmt und gewettet habe, daß vor Lichtmeß das ſchönſte Weib im Groner Amtshauſe wohnen ſolle. Sie waren denn des Handels einig geworden, daß der Müller die Amtsmühle in Grone zu mäßiger Pacht erhalten, der Vogt aber das Mädchen aufbringen und ſich zum ehe⸗ lichen Weibe antrauen laſſen ſolle; der Müller hatte nach dieſem das Verſteck zu Roſtorf verrathen und war ge⸗ wiß, daß das Mädchen ſich fügen, und die Ehre, das Weib eines herzoglichen Vogtes zu ſein, allmählig die Ab⸗ neigung beherrſchen und die Erinnerung an den jungen Brauherrn, von dem ihm der Müller geſagt hatte, tilgen werde. Der Müller glaubte ſchlau dabei zu verfahren, da er die Feindſchaft der Göttinger gegen alle herzog⸗ lichen Amtsleute recht gut kannte, und den Schein an⸗ nehmen konnte, der Gewalt eine friedliche Hand geboten zu haben. Der Vogt hatte übrigens nichts Eiligeres zu thun gehabt, als mit ſeinen Knechten nach Harſte aufzubrechen, dem Herzoge ſeine Angelegenheit vorzuſtellen und ſich deſſen Schutz auszubitten, wenn er das Mädchen, gegen die beſtehende Urkunde des Landfriedens, den der Herzog 4 4 mit der Stadt abgeſchloſſen hatte, aufheben und ſofort in der Harſter Kirche ſich zum Weibe verbinden laſſe; um den herzoglichen Sinn, der ohnehin das Fauſtrecht liebte, um ſo ſicherer für ſich zu ſtimmen, hatte er nicht verſäumt, die Widerſpenſtigkeit des Mädchens als eine Aufwiegelung von Seiten der Bürgerlichen gegen die Amts⸗ leute zu deuten und der Herzog hatte im Gefühle ſeines reizbaren Eigenwillens, der ſich am Liebſten im Befehle über Leib und Gut ſeiner Unterthanen gefiel, und ſeiner Vögte Macht gern begünſtigte, zur Antwort gegeben:— „Ich will Dir das Mädchen zum Weibe geben— hole es Dir und beſtelle den Pfaffen.“— Wir wiſſen, wie Gertrude aus der Schmiede zu Ro⸗ ſtorf aufgehoben, in das Vorwerk zu Harſte gebracht und vom Mönche zum Herzoge geführt wurde. Der Vogt hatte nämlich dem Bettelmönche, welcher zeitweiſe beim Terminiren im Dorfe Harſte das geiſtliche Amt übte, er⸗ klärt, daß er ſich mit des Herzogs Willen in der Stille und Eile einem Mädchen antrauen laſſen müſſe und der Pater war in der Meinung zu Gertrude gekommen, daß dieſe mit dem kirchlichen Sacramente der Ehe einverſtan⸗ den ſei. Der Geiſtliche hatte bald Gertrudens Lage von ihr ſelbſt erfahren und ſeiner Pflicht eingedenk, nicht mit Gewalt eine Ehe mit den unzertrennlichen Ketten der Kirche zu binden, ſowie in dem Argwohne, daß der Her⸗ zog einen ſolchen Befehl nicht gegeben haben könne, und von des Mädchens Verzweiflung und Anflehen um Hülfe zu muthigem Entſchluß getrieben, dieſelbe in die Burg geführt und hatte hier dem Herzoge auf dem Heimgange in ſeine Gemächer aufgelenerte— — 154— Gertrude hatte bereits dem Freunde ihres Herzens die Ereigniſſe mitgetheilt, welche ſie in des Herzogs Ge⸗ genwart erlebte; ihre Seele war zu arglos geweſen, in dem plötzlich veränderten Benehmen des Fürſten mehr als den Eindruck ihrer Erſcheinung auf ſein Mitleid und ſeinen guten Willen zu verſtehen, und mit dem lebhaf⸗ teſten Dankgefühle hatte ſie des Herzogs Befehl erwidert, ſeine Hand geküßt, die er ihr lächelnd dargeboten, und unter dem Schutze des alten, weißbärtigen Knappen Sper⸗ ber den Weg nach einem entfernten Gemache des äußer⸗ ſten Flügels der Burg angetreten. Die fürſtliche Bequem⸗ lichkeit dieſes Thurmzimmers, die freundliche Zurede und Aufmerkſamkeit des Alten, der ihr erklärte, daß ſie ihn als ihren willigen Knecht anſehen möge, gaben dem von Angſt und Aufregung abgeſpannten Mädchen ein wohl⸗ thuendes Sicherheitsgefühl, das ihre ermüdete Seele et⸗ was beruhigte.—„Was wird der Herzog thun, was wird mein Schickſal ſein?“— ſeufzte ſie, in der frem— den Umgebung des fürſtlichen Gemaches umherſchauend und den Blick durch das Fenſter aus anſehnlicher Höhe über die weite Gegend ſchweifen laſſend.—„Ihr ſeid unter dem Schutze des Mächtigſten im Lande“— ſagte der Alte ſchmunzelnd;—„tauſend Mädchen Eures Stan⸗ des und viele Edeldamen werden Euch beneiden.“— Als der Knappe fortgegangen war, hörte Gertrudens reizbares Ohr, daß er die Thür des Vorſaales ſchloß; die daraus erwachſende Befangenheit wurde von dem Gefühle überredet, daß ſie hinter Schloß und Riegel vor den Nachſtellungen des Vogtes ſicherer und geborgener ſei. Das runde Gemach, worin ſie ſich befand, gewährte — 155— durch ſein farbiges Fenſter mit runden Bleiverzierungen nur ein gedämpftes Licht, aber einen weiten Blick auf Feld, Wald und Berge;— es ſchien ein Sieſta⸗Platz des Herzogs zu ſein; auf dem rothbehangenen Tiſche ſtanden Becher und Weinkrüge, als ob hier kurz vorher getrunken worden ſei, bequeme Polſterſtühle an Fenſter und Tiſch, Wappenmalerei und Hirſchköpfe mit natürli⸗ chen Geweihen, eine Armbruſt an der Wand, ein Paar wildlederne Stulphandſchuhe auf einem Stuhle und ein kleines Jagdhorn am Fenſterknopfe zeugten davon, daß hier ein ritterlicher Mann die flüchtige Stunde der Raſt und Ruhe zu ſuchen pflege. Eine kleine Thür mit dem herzoglichen goldenen Löwen im rothen Glasfenſter mahnte an die fürſtliche Gaſtfreundſchaft, worin ſich Gertrude be⸗ fand.— Dieſe, welche die ganze Nacht nicht geſchlafen und den Tag in Angſt und Verzweiflung begonnen hatte, ließ ſich erſchöpft auf einen Seſſel nieder; ihr einziger Wunſch war, den Mönch wieder zu ſehen, dem ſie ihre Rettung zu danken hatte. In dem träumeriſch wachen Zuſtande der Ermattung hörte ſie die Thür des nach dem Kreuzgange führenden Vorſaales aufſchließen; er⸗ ſchrocken ſprang ſie auf, es war ihrem Ohre als ob Waffen zuſammen klirrten; zur Beruhigung ſah ſie aber den alten Knappen hereintreten, eine ſilberne Weinkanne, zwei Becher, eine ſilberne Schüſſel mit Wildfleiſch, Brot und anderem Imbiß tragend.—„Nun erquickt Euch, ſchönes Kind— Ihr ſeid des Vogtes ledig; habet Muth und luſtigen Sinn; Jungfer Worſtenacker hat's nie be⸗ reut, hier des Herzogs Gnade genoſſen zu haben.“— Gertrude verſtand ſeine Rede nicht.—„Wen meint — 156— Ihr? Was wiſſet Ihr von dem Vogte?“— fragte ſie ſcheu—„wer ſoll aus dem zweiten Becher trinken?“— —„Nun, nun, wen der Herzog einmal hier logiren läßt, der hat Macht über Vieles— der Vogt iſt eben mit wüthendem Geſichte in den Stall gekommen, hat ſei⸗ nen Knechten das Aufſitzen befohlen und wird jetzt wol auf dem Wege nach Grone ſein.“ Gertrude athmete im Gefühle der Freiheit von der drohenden Nähe ihres Peinigers tief ein und rief, den Blick freier und muthiger durch das Fenſter ſendend:— „Er iſt fort? Gott ſei gelobt! O! der edle Herzog!“— —„Ja, ſchönes Kind, er iſt ein echter Fürſt, eigen⸗ genwillig, freigebig, ſtolz, gnädig, aber er duldet keinen Widerſpruch; das merkt Euch.“— —„Was ſoll ich thun, um ihm zu danken?“— fragte Gertrude arglos. —„Seine gehorſame Dienerin ſein, in Allem, was er begehrt, dann weiß er fürſtliche Gnade zu geben. Doch Ihr ſeid matt; eſſet, trinket und dann ſchlaft, und wenn Ihr geſtärkt ſeid, ſo leget die beſſeren Kleider an, die Ihr im Vorzimmer finden werdet.“— —„Was ſoll ich darin? Hat das der Herzog be⸗ fohlen?“— —„Ja, thut in Allem, was er will; es wird Eure Schönheit noch herrlicher in einem Kleide glänzen, das ſich für Euch ſchickt. Aber nun erquickt Euch durch Im⸗ biß, Trunk und Schlaf.“— Gertrude ſah träumeriſch und verwirrt den Knappen gehen; ſie begriff nicht, was der Herzog mit ihr im Willen haben könne, ihr Dankgefühl gegen ihn für die — 157— Rettung ihres Herzens aus ſchmachvoller Gewalt war überwiegend mächtiger, als der Argwohn. Anblick und Duft des Wildbratens und Weines reizten ihren Hunger nach vielen Stunden angſtvollen Faſtens; die Natur for⸗ derte auch ihr Recht des Schlafes; ehe ſie aber den niederen Trieben des Lebens Genüge leiſtete, folgte ſie dem Drange der Seele, Gott um ſeine, über alle Herzöge und Fürſten mächtige Gnade anzuflehen, ihm ihr Schick⸗ ſal und Herz zu empfehlen und der heiligen Gottesmutter Fürſprache durch frommes Beten des Paternoſters, das ſie in einer rothen Schnur am Halſe trug, zu verdienen. So geſtärkt aß und trank ſie ein Weniges und horchte darauf erwartungsvoll auf männliche Schritte, welche abermals im Vorſaale erſchollen und ſich wieder entfern⸗ ten. Aber ſie vermochte die müden Augen dem Schlafe nicht anzuvertrauen; die Einſamkeit machte ſie allmählig beklommen, ſie ſetzte ſich an das Fenſter und blickte in die Gegend. Doch auch hier trieb die ſeltſam wachſende Unruhe ſie bald wieder auf, nicht wiſſend, daß es der Kampf der müden Natur mit ihrer Anſtrengung wach zu bleiben war, welcher ihre Nerven fieberhaft erregte. In dieſer Unruhe, durch das Gefühl der Gefangenſchaft gefördert, öffnete ſie die Thür, die in den Vorſaal führte, den ſie bei ihrem Eintritte und Durchſchreiten vorhin nicht betrachtet hatte. Es war ein ſchmuckloſer Raum, deſſen weiße Wände nur vom lebensgroßen Bilde eines gerüſte⸗ ten, düſteren Ritters unterbrochen waren; um ſo mehr wurde ihr Auge durch einen Tiſch mit rother Gardine angezogen, auf welchem ſich ein Spiegel, eine köſtliche Schaale mit Waſſer, ein Glas wohlriechenden Oeles und andere Toilettengegenſtände vornehmer Damen befanden. Daneben ſtand ein Seſſel mit weiblicher Leibwäſche, ge⸗ ſtickten Kleidern und Schmuck.— Mit einer unwillkürlichen Scheu floh Gertrude davon zurück; der Gedanke, daß hier vielleicht die Gemächer der Herzogin nahe ſeien, oder zu anderer Zeit hier eine Hof⸗ dame wohne, war nur ein Beruhigungstroſt, den ſie, wie ſie ſich nicht verbergen konnte, ſich ſelber aufzwang. — In das Thurmgemach zurückgekehrt, ſetzte ſie ſich er⸗ ſchöpft auf den Seſſel am Fenſter und ſtrengte ſich an, wachend zu bleiben und die nächſten Befehle ihres hohen Beſchützers abzuwarten, der ſie vielleicht nur ſo lange gefangen halten wollte, bis der Vogt die Gegend ver⸗ laſſen habe.— Der Herzog hatte kaum das Mädchen mit dem alten Knappen fortgehen heißen und ihr nachgeſehen, als er ſich auf den Beinen wiegte und ſeinen langen, bis zum Gürtel niederreichenden Bartſchweif hin⸗ und herſchwenkte, eine Gewohnheit und ein Zeichen, das jedesmal verrieth, daß er ſich in einer behaglichen Stimmung befand, oder irgend einem angenehmen Gedanken ſich hingab. Plötz⸗ lich ſchritt er an die Glocke und ließ ſie mit einer ge⸗ wiſſen Heftigkeit erſchallen, als wollte er ſich ſelbſt aus ſeiner milderen Stimmung aufläuten; ſeine Augen leuch⸗ teten, wie es der Fall war, wenn er ungeduldig die Zeit nicht erwarten konnte, ſeine Gedanken verwirklicht zu ſehen, ſeinen Mund umſpielten wechſelnd Spott und be⸗ herrſchende Strenge. Ein Knappe trat ein.—„Wo iſt der Groner Vogt?“ — fragte er barſch. — d59— —„Er iſt eben mit haſtigen Schritten in die Burg gekommen, hat einen Mönch, den er auf der Treppe an⸗ traf, hart angelaſſen und verlangt, Eure herzogliche Gna⸗ den zu ſprechen; er hat den Weg nach der Trinkſtube genommen, wo die Ritter verſammelt ſind.“— —„Er ſoll ſogleich hierher kommen“— befahl der Herzog. Nach wenigen Minuten trat der Vogt ein; der Her⸗ zog blickte ihm lächelnd in das erregte, von Mitheilungs⸗ eifer erhitzte Geſicht und erwartete ſeine Anſprache.— „Herr“ begann dieſer—„ein nichtsnutziger Pater will ſich erkühnen, den fürſtlichen Befehl und eines herzogli⸗ chen Amtsvogtes Anſehen und Ehre zu Schanden vor Knechten und Bürgern zu machen;— der Pfaff hat das Mädchen, welches mir Euer Gnaden zum Weibe befoh⸗ len haben, während ich in der Kapelle des Dorfes reich⸗ liche Opfer für den Ablaß brachte, entführt und, wie ich erfahren, in die Burg zu Euer Gnaden gebracht, um mir zuwider, zu ſein. Aber ich danke meinem Herrn, daß er das Mädchen ſelber in Verwahrſam genommen und mir das ſchöne Pfand ſeines fürſtlichen Wortes aus eigener Hand zu geben beſchloſſen hat.“— Der Herzog lachte ſo laut auf, daß der Vogt ſtutzig wurde und ſein Blick finſter lauſchend die Antwort er⸗ wartete. —„Fürwahr“— ſprach der Herzog—„Du haſt ein ſchönes Wild erjagt und mein Wort oben ein, daß Du es heimführen ſollſt in mein Amthaus zu Grone,— aber kann ich der Kirche in ihren Dienern gebieten, einem Mädchen mit dem Sakrament Gewalt anzuthun?“— 160— —„Herr! Ihr redet; wie ich das von Euch nicht zu hören gewohnt bin— befehlet dem Mönche!“— —„Das möchteſt Du wohl, Hans!“— erwiderte der Herzog, ſich mit ſchelmiſcher Miene wiegend;—„habe nicht Luſt, Deiner Liebesbrunſt wegen, die Biſchöfe auf mich zu hetzen; hat erſt Geld und Worte genug gekoſtet, dem Mainzer Krummholze ein grünes Reis der Verſöh⸗ nung abzutreiben.“— —„Der mächtige Herzog an der Leine fürchtet ſich vor dem Biſchofe?“ fragte der Vogt in der Kühnheit ſeines inneren Grimmes und des Vertraueus auf die gute Laune des Fürſten. —„Hölle und Teufel! Ich mich fürchten?“— rief der Herzog plötzlich und ſtampfte mit dem Fuße ſo heftig auf den Boden, daß der Sporn klirrte und die gläſernen Becher im Schranke erklangen— dabei ſah er den be⸗ ſtürzten Vogt mit rollenden, beherrſchenden Augen an und kreuzte die Arme auf der breiten Bruſt über dem langen Barte.—„Sage Keiner, daß ich mich fürchte; er ſoll's erfahren!“— Der Vogt, welcher glaubte, daß er gegen den Herzog zu kühn geredet und deſſen guter Laune zu viel zuge⸗ trauet habe, ſchlug plötzlich einen anderen Ton an; er gehörte zu der Klaſſe von Herrendienern, die ſelber den Herren ſpielen möchten und gegen ihre Untergebenen her⸗ riſche Willkür üben, aber vor ihrem eigenen Herrn, in deſſen Gunſt ſie allein mächtig ſind, den gemeinſten und unterwürfigſten Knecht ſpielen, und Willen und Geſin⸗ nung bereitwillig opfern, um nur die hohe Gunſt nicht zu verſcherzen, durch die allein ſie exiſtiren. Vornehme Herren, namentlich Fürſten, wie Otto von Göttingen, haben ſolche Beamten und Diener nöthig, die ſie, als fügſame Werkzeuge ihrer Launen und Willkür, gern mit der Gunſt belohnen, ſie in unteren Kreiſen wiederum ſchalten und walten zu laſſen. Herzog Otto mußte ſei⸗ nen Groner Vogt, der dieſer Gunſt Amt und Anſehen verdankte, kennen, denn er blickte höhniſch auf ihn nieder, als jener ſich vor ihm bückte, die Hand auf die unter⸗ würfige Bruſt legte und unter heuchleriſchem, liſtigen Augenſpiele anhub:„verzeihet, herzogliche Gnaden, Eurem getreueſten Knechte; befehlet, was mit meiner erkorenen Braut fürder geſchehen ſoll, doch denket dabei an meine Reputation vor den Dienſtleuten und Göttingern; es iſt mir die Unfehlbarkeit des Befehls meines Herzogs wich⸗ tiger vor den Leuten, als mein eigenes Verlangen.“— —„Du biſt ein treuer Diener“— ſagte der Herzog mit einer ſchnell wiederkehrenden guten Laune, aber mit ſpöttiſchem Lächeln und ſchlauen, überlegenen Blicken; er legte ſeine Hand auf des Vogtes Schulter, wühlte ſich mit der andern Hand behaglich im Barte, und fuhr fort: —„Du weißt, daß Du die ſchönſten Rehe, die Du er⸗ beuteſt, in meine Küche liefern und mir von Korn und Wald den Zehnten eintreiben mußt; dem Herrn des Lan⸗ des gehören Holz, Feld, Thiere und Menſchen darin;— nun geh zurück nach Grone, mein Wort werde ich Dir halten, ich will Deines Weibes Erſtgeborenen aus der Taufe heben, dieſe Ehre wird Dir mehr werth ſein, als eines Mädchens Blume;— ich entlaſſe Dich in Gnaden und wenn ich Deiner guten Dienſte gewiß bin, ſollſt Du herzoglicher Schulze in Göttingen werden.“— Maltitz, Herzog. I. 11 — 162— Der Vogt bückte ſich mit dem Kopfe, wie ein demüthi⸗ ger Knecht, um ſeinem Herrn die wilde, mühſam zurück⸗ gehaltene Wuth der Geſichtszüge zu verbergen, da es in ſeinem Innern pochte. Er kannte den Herzog als ein⸗ ſtiger Leibknappe und Gehülfe ſeiner Gelüſte zu gut, um nicht deſſen Abſichten zu verſtehen. Als er ſich hinreichend mächtig fühlte, ſein bärtiges Geſicht in die Miene der Ergebung zu zwingen, hob er es zum Herzoge empor und ſprach:—„Meine Pflicht iſt gehorchen, was habt Ihr mir noch zu befehlen?“ Herzog Otto lächelte ihm wohlwollend zu, drehte ſich dann plötzlich, als wolle er dem lauernden Blicke des Vogtes entweichen, von ihm ab, ſchritt gegen das Fen⸗ ſter, wendete ſich ſchnell wieder und rief:—„Eile in das Amthaus zurück, Hans, nach dem Turnier im näch⸗ ſten Mond will ich zu Grone mit meinen Gäſten jagen und Deiner hübſchen Wirthin Imbiß vorlieb nehmen. Ich entlaſſe Dich in Gnaden.“— der Vogt verbeugte ſich, murmelte ſchnell:„Eure Gnaden werden meine Dienſtwilligkeit zu Gunſten halten“ — und entfernte ſich. Der Herzog zog ſein Schwert aus dem Gehänge, warf es auf den Tiſch und ſchritt durch eine Seitenthür davon, um ſich nach der Trinkſtube in das Gelag der Ritter zu begeben, die mit ihm einen Jägerritt in der Umgegend gemacht hatten.“ Kaum hatte der Vogt den Corridor von den herzog⸗ lichen Gemächern erreicht, als er mit erhitzter Stirne, den grollenden, verbiſſenen Aerger freier in ſeine Geſichts⸗ züge und Geberden überſtrömen laſſend und lautloſe Flüche und Verwünſchungen zwiſchen den Zähnen zerknirſchend, — 163— hinab in das Stallgebäude der Burg eilte, wo ſeine Knechte lagen und würfelten.—„Halloh!“— rief er zornig—„faule Buben! Auf die Pferde, Sattel und Waffen her! Es geht ſpornſtreichs nach Hauſe!“— Die Knappen ſprangen überraſcht auf, erkannten ihres Herrn wilde Miene und eilten an die Pferde, während der Vogt über den Hof ſchritt und ſich in einer Pforte des Hauſes verlor.—„Was mag ihm in den Sinn gefahren ſein?“ fragte der eine Knecht den andern—„glaubten wir doch heute Ruhetag zu haben und Abends zu zechen!“— Und ein Anderer hub an:—„das ſchmucke Mädchen, das wir vorige Nacht von Roſtorf holten, iſt ihm wol wieder entwiſcht und er will ihr nachſetzen!“ —„Da kommt er ſchon wieder!“— rief ein Knecht; —„ſeid Ihr Alle fertig? Seht, wie ſeine Augen rollen, — tummelt Euch.“— Der Vogt ſtürmte auf den Stall zu, lenkte aber plötz⸗ lich wieder ſeitwärts gegen die Wache am Brückenthore. —„Heda!“— rief er den Reiſigen an—„haſt Du nicht einen Mönch aus der Burg gehen ſehen?“— Der Knappe verneinte und abermals ſchritt der aufgeregte Vogt in das Haus zurück. Er ſuchte den Mönch, der ihm Gertrude entführt hatte;— als er ſeiner in den Gängen und Gemächern der Dienerſchaft nicht anſichtig wurde, näherte er ſich der Zelle, wo der Burgpfaff wohnte; er traf ſie leer— aus der nicht weit davon entfernten Kapelle drang jetzt der Ton der Meſſnerglocke in ſein horchendes Ohr; er öffnete die Thür der kleinen Kirche und ſah die Herzogin mit einer Hofdame in betender Stellung am Altare, während der Burgpfaff die Meſſe 11* — 164— las; den Mönch, den er ſuchte, erblickte er in andächtiger Geberde neben einem Pfeiler, die Augen auf die Herzo⸗ ogin gerichtet. Die Meſſe war eben zu Ende, die Herzo⸗ „gin erhob ſich, ließ ſich den Segen ertheilen und bewegte ſich mit ihrer jugendlichen Begleiterin gegen den Eingang der Kapelle. Der Vogt trat hinter eine Säule und ließ die fromme Frau vorübergehen. Der Mönch ſchien mit ſich zu ſtreiten, ob er ſie anſprechen ſolle, oder nicht; er wagte es nicht in der Kirche, folgte ihr zögernd nach, um ihr auf dem Wege nach den Gemächern im Seiten⸗ flügel der Burg nahe zu kommen, während der Burgpfaff noch auf dem Hochaltare ſtand, das heilige Gefäß mit Chriſti Leib in das Tabernakulum ſetzte und betete. Der Vogt hatte nicht weniger als der Mönch mit ſich ge⸗ ſtritten, was er thun ſolle;— zwei Gedanken kämpften in ihm, ſeine wilde Miene war einer liſtigen, lauernden Unruhe gewichen, ſeine Begier nach dem Blute des Mäd⸗ chens wogte in ſeiner Seele wie ein leidenſchaftliches Meerr, auf dem ſeine ehrgeizige Knechtsnatur ſich, wie ein vom Sturme fortgeriſſener Schiffbrüchiger, zu retten ſuchte.— Was ſollte er ergreifen, um die ſichere Fährte ſeiner Wünſche zu finden, die ſelber mit einander uneins waren?— Er hätte das Mädchen gern aus den Hän⸗ den des Herzogs, dem er mit eiferſüchtigem Herzen feind⸗ lich geworden war, durch eine kühne Liſt befreit, aber die Gunſt des Herrn, die Ausſicht, für den Preis des geopferten Schatzes einer köſtlichen Blume, die er ſelbſt brechen wollte, höher in des Herzogs vertraulicher Gunſt zu ſteigen und die wichtige Stelle eines Schulzen der „Stadt Göttingen zu erlangen, wirkten ſo ſtark auf ſeine — 165— Knechtsnatur, daß er unſchlüſſig, damit aber auch um ſo⸗ grimmiger und wilder wurde. Er eilte dem Mönche nach und ergriff ihn bei der Kaputze, als dieſer eben zögernd: kehen geblieben war und der Herzogin nachſah. „Der Teufel danke Euch die Narrheit,—“ redete. er ihn an—„was ſchleicht Ihr hinter der Herzogin her?. Iſt's nicht ſchon genug Pfaffenwerk, daß Ihr mir die Braut entführt und den Rittern zur Beute gebet?“— —„Schmähet nicht das Sakrament, das Ihr zum dienſtbaren Knechte Eurer gewaltthätigen Lüſte machen, wolltet“— verſetzte der Mönch;—„ich habe gethan, was meine Pflicht iſt und das Mädchen iſt unter des Herzogs Schutze.“ Der Vogt grinſete höhniſch:—„und worauf larere öhr n noch! Was wollt Ihr von der Herzogin?“— „Das Mädchen dem frommen Sinne der hohen Fran empfehlen.“— Der Vogt lachte und ging ſchnell davon. Eine ge⸗ meine Befriedigung lagerte ſich in höhniſchen, ſchaden⸗ frohen Zügen zwiſchen die rohen Falten ſeines wilden Geſichtes; der gute Eifer des Mönchs ſollte ihm ein un⸗ freiwilliges Werkzeug ſeines neidiſchen und eiferſüchtigen Wunſches werden, daß, ohne eigenes Zuthun, ſogar mit dem Scheine des Widerſpruchs gegen des Mönchs Ein⸗ miſchung, dem Herzoge die Abſicht und Luſt an dem Mädchen verleidet werden möge, und der Vogt ſelbſt da⸗ bei weder unfügſam erſcheine noch in Gefahr laufe, die Gnade des Gebieters zu verſcherzen. Jetzt durfte er aber den Verlauf nicht abwarten, ſondern mußte dem Befehle zufolge, ſchnell die Burg verlaſſen. Er eilte nach dem. — 166— Stalle hinab, wo ſeine Knechte bereits beritten und reiſe⸗ fertig waren, ſtieg zu Pferde und ſprengte in wildem Un⸗ geſtüm hinaus auf die Landſtraße. Der Mönch, ein Franciscaner, welcher dem Barfüßer⸗ Kloſter in Göttingen angehörte, und als terminirender Bruder nach Harſte gekommen war, wo er bei den Dorf⸗ bewohnern und Inſaſſen zeitweilig die geiſtlichen Func⸗ tionen verrichtete, hatte des Vogtes Lachen mit unheim⸗ lichen Gefühle gehört und dem Forteilenden einen angſt⸗ vollen Blick nachgeſandt. Er war ſchon einige Zeit in den Räumen der Burg, wo er als Bettelmönch freien Eingang hatte, umhergeirrt, von des Herzogs barſchen Worten und plötzlicher Leutſeligkeit gegen Gertrude beun⸗ ruhigt, in Corridoren und auf Treppen ſtehen geblieben, um des Mädchens Rückkehr abzuwarten; er hatte aus ſcheuer Entfernung geſehen, wie ein alter Knappe ſchnell mit der willig und muthig folgenden Gertrude in einem Gange verſchwand. Er wünſchte ihr Schickſal zu ver⸗ folgen und einen milderen Hüter, als der Herzog war, für das Mädchen zu finden. Von dieſer Sorge erfüllt, ging er in die Kapelle zurück. Der Burgpfaff kam eben vom Hochaltare her durch den Kreuzgang; kaum wurde dieſer des Mönchs anſichtig, als er ihm entgegen rief:—„Gelobt ſei Gott, Bruder Martinus! Was führt Dich hier her?“— —„In Gottes Namen, Amen!“— antwortete dieſer, das Zeichen des Kreuzes ſchlagend;—„Du kannſt ein gutes Werk ſtiften, Bruder Henricus; Du biſt der Her⸗ zogin ergeben und ihr getreuer Beichtvater; willſt Du —.— 167— meine Sorge mit mir theilen und eines jungen Mädchens geiſtlicher Hüter ſein?“ —„Eines Mädchens?“— fragte der Burggeiſtliche befremdet,—„ſucheſt Du etwa eine Gnade der Herzogin für eine Hülfloſe? Dann kann ich Dir Deiner Bitte Er⸗ füllung im Voraus verkünden.“— Der Mönch führte den Henricus, einen Dominikaner mit treuem, ehrlichen, aber entſchloſſenem Geſichte, vom langen Silberbarte umfloſſen, in den Kreuzgang der Ka⸗ pelle zurück und theilte ihm die Begebenheit mit. „Er nahm das Mädchen freundlich in ſein Gemach?“— fragte Henricus im Tone, als ſuche er ſich ſelber die richtigſte Antwort darauf zu geben;—„hm! hm! der alte Sperber ging mit ihr tiefer in die Burg hinein?— Habe Dank, Bruder, ich werde mich darum bekümmern.“ —„Darum bitte ich Dich— thue es ſo bald als möglich, ehe es Abend wird; ich habe eine böſe Ahnung; der Herzog wird das Mädchen für den Vogt gefangen halten und ihm ausliefern; der Vogt ging vorhin zum Herzoge und trat eben hohnlachend an mich heran, um meine That eine Narrheit zu nennen und mich auszuhorchen, ob ich etwa der Herzogin etwas zu ſagen habe.“— Henricus ſchüttelte den Kopf, hob die blaſſen, blauen Augen empor und kniff die Lippen feſt zuſammen, als müſſe er ſeinen Gedanken und Gefühlen das laute Wort verſagen. —„Meine Zeit iſt abgelaufen, Bruder”“— ſprach der Franciskaner; ich muß heute Abend in mein Kloſter heim⸗ kehren, handle, wie ich's begonnen und gemeint habe.“— — 168— Henrieus trat ſchnell aus ſeiner aufblickenden Stellung und ſtillen Gedankenrichtung heraus, ergriff des Bruders Hand, blickte ihn mit freundlicher Wehmuth an und ſprach:—„Ich werde thun, was ich vermag; ziehe in Frieden, rede nicht von dem Vorfalle; wenn ich in Be⸗ gleitung der Herzogin nach dem Bollrutz kommen ſollte, wo ein großes Turnier ſtattfinden wird, dann will ich Dich im Barfüßer⸗Kloſter zu Göttingen ſuchen; im Na⸗ men des Heilands ſcheide ich jetzt von Dir; meine Pflicht ruft mich zur Herzogin, um die milden Gaben in Em⸗ pfang zu nehmen, die ſie nach jeder Meſſe an die Armen ſpendet.“— So ſchieden die beiden Geiſtlichen. Pater Henricus ſchritt, die Hände über dem weißen Barte gefaltet, das Geſicht geneigt, in ſeine Zelle, ein einfaches Kreuzgewölbe mit bunten, rundglaſigen Fenſtern, worin ein Eichentiſch, mit Crucifix, Stundenglas, Schä⸗ del, offener Poſtille und einem gegen die Wand gelehn⸗ ten Bilde der heiligen Margaretha, und ein Schemel nebſt Ruhebett das beſcheidene, ſelbſtgewählte Mobiliar im Schloſſe des fürſtlichen Ueberfluſſes darſtellten; ein Brett über der ſpitzen Thür war mit Büchern und Fla⸗ ſchen gefüllt, deren Inſchriften verriethen, daß Henricus neben der geiſtlichen Function auch Arzneiwiſſenſchaft trieb. Und in der That war er nicht nur der Beicht⸗ vater der Herzogin, ſondern auch der Medicus, der noch im vorigen Jahre der hohen Frau nach ihrer Niederkunft von einem Prinzen in ſchwerer Krankheit nicht nur geiſt⸗ lich, ſondern auch ärztlich treu und glücklich beigeſtanden hatte. Er war ſchon früher in der Bergiſchen Heimath — 169— ihr Erzieher geweſen und das vollſte Vertrauen der from⸗ men und dankbaren Fürſtin hatte ſich allmählig in ein edles, von gegenſeitigen Gefühlen der Verehrung ihrer ſeltenen Tugenden und der Achtung ſeiner treuen Geſin⸗ nung und Ehrbarkeit begründetes Freundſchaftsverhältniß geſteigert. Hierdurch hatte auch der Herzog, obgleich er ſich wenig um Geiſtliche bekümmerte, ſie nur für die nöthi⸗ gen Abſolutionsacte, mehr der Form als dem Inhalte nach, in flüchtigen Anſpruch nahm, und es der frommen Werkthätigkeit ſeiner Gemahlin überließ, für ſein eigenes, wenig beachtetes Seelenheil zu beten und zu opfern, eine gewiſſe Rückſicht gegen den Burggeiſtlichen angenommen, dem er ohnehin die ſanfte Vermittelung und Ausgleichung mancher, dem engſten Eheleben augehörigen Zerwürfniſſe um ſo freiwilliger dankte, als er bei der gänzlichen Ver⸗ ſchiedenheit ſeines Charakters, doch in Momenten ruhigerer Seelenſtimmung einen unwillkürlichen Reſpekt vor der ſanften Gewalt Margarethens fühlte, die ſelbſt im Stande war, die wilde Leidenſchaft und den trotzigen Widerſpruch des Herzogs durch mildes Wort, ſanft ſtrafenden, oder thränenfeuchten Blick oder eine mitleidige, beſchämende Würde zu beherrſchen. Als Henricus ſeine, im einſamſten Theile der Burg, unweit der Kapelle gelegene Zelle erreicht hatte, trat er an ſeinen Tiſch, ſtützte die gefalteten Hände auf die offene Poſtille und blickte ernſt, umwölkten Auges, auf das Oel⸗ bild der heiligen Margaretha, der Schutzpatronin ſeiner hohen, angebeteten Frau; ſein Mund ſprach innerlich ver⸗ hallende Worte, die allmählig lauter und verſtändlicher klangen:—„Nur das nicht— holde Frau, nur das. — 170— nicht! Das würde nicht nur Dein Herz, ſondern Deine Ehre kränken, das darfſt Du nicht erleben!— O! wie mild und ruhig war Dein Loos, als ich noch in Deiner zarten, jungfränlichen Seele den wolkenloſen Himmel ſonnenhell, wie Morgenröthe anſchauete, als noch keine rohe Hand im Paradieſe Deines Mädchenglücks die hei⸗ ligen Blumen der irdiſchen Freuden zerſtörte, die der Himmel bethauete und ſprießen ließ. Warum mußte Dich der Herzog Wilhelm, Dein Vater, dieſem Welfen opfern, der nur Deine äußere Schönheit erkannte und ſich von dem friedlichen Genuſſe des Lebens, dem Du in Liebe und chriſtlicher Demuth die herrlichſten Gaben dargebracht hatteſt, verächtlich abwendet und das ſchönere Ziel des Daſeins und weltlicher Hoheit verſpottet! Schöne, holde Himmelsblume! Einem Manne verlobt, den die Kirche wegen Frevel am Heiligen mit dem Fluche des Bannes geächtet hatte, war Dein erſtes Werk der vom Schickſale gebotenen Liebe, durch Gebet, Opfer, Meſſe, thränenvolle Sorge und tauſend ſchwere Gelübde die erzürnte Kirche zu verſöhnen, die Dir immer nur lächelte und Dein Ueber⸗ maß an guter That dem Geächteten verzeihend zur Sühne gereichen ließ. Das ſollte er Dir, ſeinem Engel, auf den Knien danken, denn Du haſt durch Dein Opfer ſeine Seele entlaſtet von der Strafe des zürnenden Himmels. O! Du zarte Jungfrau von ſechszehn Jahren! Wie theuer haſt Du des Gemahls Ehre erkauft und wie gering ſchätzt er die Deine!— Lebt er nicht mit ſeinen Rittern nach wie vor in ſündiger Luſt und Ungerechtig⸗ keit? Hätte ſein Zug gegen die Harzburg und den Biſchof von Hildesheim ihm nicht von Neuen den Zornſtrahl — 171— der Kirche zuziehen können und war es nicht der ſanften Margaretha fromme, ſtille Altarſühne, daß man ihm ſtill verzieh?— Zwei Jahre ſind's, daß ich mit ihr die Bergiſche Heimath verließ— zwei Jahre! Und wie viele Stunden ſind darin, wo ich ſie in Thränen fand, die ſie zu bergen ſuchte, wo ſie mit angſtvollem Eifer betete, opferte, Mildthätigkeit übte, in die Hütten der Armen eilte, und verſchwieg, daß es die Sorge um ihres Ge⸗ mahls ungerechte Handlungen, um ſein Seelenheil, daß es der Eifer ihres liebreichen Herzens war, die von dem Gemahl Beraubten zu tröſten, das erlittene Leid durch heimliche Gabe zu erleichtern!“— Henricus ſchritt in lebhafter Geberde durch die enge Zelle und blieb ſinnend vor dem Fenſter ſtehen, das einen Fernblick in die Gegend geſtattete; er ſah aber nur das Bild der jugendlichen Herzogin vor ſeinem bewölkten Auge.—„Ein Mädchen hat er in ſeinen Gemächern geborgen?“ fuhr der Geiſtliche im Selbſtgeſpräche fort— „nein, nein, ſo weit darf er nicht kommen, die gekränkte Frau ſoll nicht zu Schanden werden vor den Blicken der Ritter und Edelfrauen, ſie ſoll nicht der bürgerlichen Weiber Ehre entbehren und ihr gemeines Mitleid erdul⸗ den!— Sie hat keine Ahnung davon, daß des Gemahls Sinn auf Untreue gerichtet iſt— ſie weiß es nicht, daß er ſchon als Jüngling Söhne zeugte, die er in heiterer Laune, ſich der That rühmend, als Sprößlinge ſeines Blutes anerkannte. Was ſoll ich thun, um des Herzogs Schritte zu belauſchen und die edle Frau nicht durch ſchlimmen Verdacht zu kränken?— Wie inbrünſtig betete. ſie heute für des Herzogs Seelenheil und Gnade vor — 172— Gott, wie flehete ſie Frieden in Schloß und Land, wie verrieth ihr feuchter Blick zum Erlöſer, daß ſie ſtill innerlich Gott anrief, des Gatten Herz mit milden Ge⸗ fühlen und Freudigkeit an ſanfteren Sitten zu füllen— ah! vielleicht in derſelben Stunde, in welcher er auf Böſes, auf Kränkung der Gattin ſann!— Drei Tage lang hauſet er jetzt mit den wildeſten ſeiner Ritter in Burg und Umgegend, bei Trinkgelag und Jagen, lacht dazu, wenn ſeine Genoſſen eines Bauern Eigenthum ver⸗ nichten, oder Frevel auf der Straße an friedfertigen Leuten üben— drei Tage lang hat er ſich von Marga⸗ rethens Blicke fern gehalten, um ihrer ſanften Mahnung zu entgehen, und ſie ſendet heimlich Boten auf ſeine Spur, um an Gut und Leib zu heilen und zu ſühnen, was er in wildem Uebermuthe zerſtörte und verwundete. — Schon weiß es das Land, daß ſie die milde Tröſterin und Schützerin deſſelben iſt.“— Der alte Mann, welcher ſchon in der Herzogin Hei⸗ math von dem Leben des Göttinger Fürſten Kunde er⸗ halten hatte und mit ſchwerem, anhänglichen Herzen ſeiner jungen Fürſtin an die Leine gefolgt war, legte die Hand auf ſeine Stirn und Augen und verſtummte.— Plötzlich rieb er ſich die Stirn, horchte auf den dumpfen Glockenton der Thurmuhr, der aus hoher Luft nieder⸗ ſummte, und blickte mit unruhigen Augen umher. Dann verließ er ſeine Zelle, um den Weg nach demjenigen Theile des Schloſſes einzuſchlagen, wo des Herzogs Gemächer lagen; hier hoffte er über des Paters Martin Mitthei⸗ lung und Argwohn weitere Nachforſchungen anſtellen zu können. Seine Gegenwart erregte der wacheſtehenden — 173— Hellebardiere Aufmerkſamkeit nicht mehr, man war ge⸗ wohnt, den alten Mann zu achten und ihm gelegent⸗ lich den Reſpect zu zeigen oder einen geiſtlichen Segen abzubitten. Ein Knappe, der am Eingange zu des Her⸗ zogs Gemächern ſtand, ſah dem hin- und hergehenden Alten nach und redete ihn beim Vorüberſchreiten mit der Frage an:—„Ihr wollt Euch wol etliche Bewegung machen, Pater?“ —„Wo iſt der Herzog?“— fragte Henricus. —„Hört Ihr nicht den Klang der Becher und das Lachen? Er iſt in dem Trinkſaale mit den Freunden, und es wird wol noch ein Ritt gemacht werden.“ Dieſe Antwort beruhigte Henricus, da er nun Zeit zu gewinnen hoffte, dem Mädchen und des Herzogs Abſichten nach⸗ ſpüren zu können. —„Wo iſt Sperber?“— fragte er. —„Der Graukopf ging vorhin mit einem guten Imbiß und einer Weinkanne dort hinunter nach der Warte zu, er wird ſich wohl von dem Koch⸗ und Keller⸗ meiſter ein Frühſtück erbeutet haben— man kennt das.“— —„Nach der Warte?“— wiederholte Henricus mit beſonderem Nachdruck. —„Ei, wo des Herzogs Lug⸗ und Raſtſtübchen iſt!“— Henricus richtete ſeinen Ganz nach dieſer Gegend. Er hatte kaum die im äußerſten und feſteſten Theile des Schloſſes befindliche Wölbung des Gallerieganges erreicht, als er den alten Leibdiener gewahrte, welcher eben eine Thür verſchloſſen hatte, und mit heiterer Miene aus der Dämmerung des Hintergrundes hervortrat; er ſchien bei des Geiſtlichen Anweſenheit zu ſtutzen, ſetzte aber ſeinen — 174— Weg fort und rief:—„Wie kommt Ihr einmal in unſer Revier, ehrwürdiger Pater?“— —„Ich ſuchte Euch, Sperber; was hat der Herzog heute ſich vorgenommen.“— —„Ei, wie es ſich ſchickt; er wird auch heute nicht mit der Herzogin ſpeiſen, es wird eine Fuchshetze im Oſtfelde gehalten, um die Ritter zu ergötzen.“— —„Was wißt Ihr von dem Mädchen, welches der Minoritenbruder heute unter des Herzogs Schutz ge⸗ ſtellt hat?“— —„Weiß ich's?“ —„Ihr habt das Mädchen in Verwahrung gebracht; wo iſt es?“ —„Ach, Pater, ich habe jetzt nicht Zeit zur Beichte.“— —.„Denkt an Euren Bart, er iſt weiß geworden vor Alter— ſchon könnt Ihr die Waffen nicht mehr führen und die ſchwachen Lenden nicht mehr um den Sattel ſchließen; was Ihr dem Herrn nicht mehr in Streit und Jagen nützet, müßt Ihr ihm jetzt durch kleine Leib⸗ dienſte verrichten— aber Ihr werdet noch ſchwächer wer⸗ den und der Herr wird Euch abthun; denkt an Euer ſeliges Ende, die Beichte iſt dem Alter nöthiger, als der Welt williger Dienſt!— Wo habt Ihr das Mädchen, das vor dem Groner Vogte den Schutz des Herzogs ge⸗ funden hat?“— —„Wenn Ihr's denn wiſſen und dem Vogte nichts verrathen wollt, ſo habe ich das Mädchen auf des Her⸗ zogs Befehl heimlich aus der Burg geführt, damit es den Weg nach Hauſe finden könne.“—* Henricus blickte mit ſeinen milden Augen den alten — 175— Knappen ſo forſchend und überführend an, daß dieſer in unwillkürlichem Gefühle der Unbehaglichkeit über das Ge⸗ ſicht ſtrich, und durch die Finger blinzelnd, des Geiſtli⸗ chen feſten Blick belauſchte.—„Denket nichts Arges“— ſprach er, ſich ſchnell eilig ſtellend;—„der Groner Vogt hat an dem Mädchen Gewalt geübt und der Herzog hat's ihm verwieſen und ihn nach dem Amthauſe heim⸗ geſchickt.“— —„Sperber!“— ſagte Henricus, den Finger dro⸗ 4 hend erhebend—„Ihr kennt des Herrn gute und ſchlimme Wege— aber er iſt nicht Euer höchſter Gebieter. Dort oben giebt es einen Höheren und Mächtigeren, der uns erſt recht in Anſpruch nimmt, wenn wir alt und lebens⸗ müde werden. Deſſen Gebote ſollen über Alles gehen und wenn Euch der Herzog in Gnaden entlaſſen hat, dann tretet Ihr vor den oberſten Herrn, der Euch fra⸗ gen wird, ob Ihr ihm auch, als des Herzogs Knecht, ein treuer Diener geweſen ſeid. Denkt an Euer Alter; berichtet, denn des Herzogs Gnade iſt zeitlich, des höch⸗ ſten Herrn Ungnade aber ewig;— hat Euch Gott noch einige Jahre zur Buße geſchenkt, ſo füllet ſie aus, denn Eure ſiebenzig Jahre des irdiſchen Knechtes wiegen ſchwer an Schuld.“— Des Knappen Miene war ernſter und bedenklicher ge⸗ worden, das Lächeln, welches unter dem weißen Barte ſeine Lippen umſpielte, ſchien ein erzwungenes; die Wir⸗ kung der ſanften, aber ſeine Seele berührenden Mahnung glich einem Tropfen heiligen Oeles, das in die geiſtige Subſtanz ſeines Lebens getröpfelt, ſich nach kurzer Zeit ſpurlos auflöſte. Sperber war in den Jahren, die er — 176— dem herzoglichen Jünglinge und Manne gedient hatte, und in denen er jederzeit ein wilder Gehülfe aller Feh⸗ den, Raubzüge und ritterlichen Streiche ſeines Gebieters geweſen war, ſelbſt demſelben ähnlich geworden und nur das Alter, welches ſchnell die lange behauptete Kraft des rüſtigen Mannes zu brechen begonnen hatte, milderte die rohere Natur zu einer ſtilleren, heiteren Willigkeit in Allem, was einſt ſein Dienſt in gewaltſamer Weiſe von ihm forderte. —„Pater“— ſprach er—„wenn's ſo weit iſt, werde ich Eurer guten Mahnung gedenken— kommt, folgt mir, Ihr müßt kein Mißtrauen ſäen;— hört des Her⸗ zogs Stimme— kommt!“ Der Knappe zog den Pater faſt gewaltſam mit ſich aus dem gewölbten Gange; Henricus hatte umſonſt auf des Herzogs Stimme gehorcht, blickte den Begleiter mit ſtrafendem Mißtrauen an und ſchritt freiwillig fort, als Sperber an den Gemächern des Herzogs ſtehen blieb.— „Der Pfaff will ſpioniren“— murmelte der Alte in den Bart, den er mit der Hand rieb;—„möchte wol der Herzogin rapportiren— hat ſchon oft böſen Samen in des Herrn Luſt ausgeſtreuet.“—— Er wollte in die Thür, vor der er ſtehen geblieben war, eintreten, beſann ſich aber, rieb ſich bei verdrießlicher Miene und ſcheu umher ſpähenden Augen, den weißen Bart, brummte ungeduldiger:„Hm Hm“— und ging langſam, den Blick ſuchend vor ſich her über den Boden gerichtet, aber⸗ mals den Weg zurück, den er gekommen war. Seine Schritte zögerten, er ſchien kein gewiſſes Ziel zu haben. Als er ſich umgeſehen und überzeugt hatte, daß er in — 177— dieſer Gegend allein ſei, legte er das Knie auf die Hand, ſtützte den Ellbogen auf den andern Arm und blieb ſte⸗ hen.—„Was für Augen hatte der Pfaff!“— murmelte er;— aber ſie waren ja blau und mild wie die eines Weibes;— ſie blendeten mich, wie Spiegelglas— ich konnte nicht hineinſehen.— Von meinem Alter redete er— von Buße— hm!— Das Weib im Dorfe Ro⸗ ſtorf, das den Leuten aus der Hand künftige Dinge vor⸗ herſagt, hat mir vor zwei Jahren, als wir vom Beilager auf dem Bollrutz zurückkamen, aus der linken Hand ge⸗ geleſen, daß ich im Teiche umkommen würde, unvermu⸗ thet ohne Abſolution;— ich lohnte es dem Weibe da⸗ mals, daß ich ſie mit der Klinge fuchtelte und ihren Kram in Stücken ſchlug;— ich habe nicht wieder daran ge⸗ dacht;— dem wilden Kuno hat ſie geweiſſagt, daß er von einer Gans umgebracht würde; er hat gelacht, alle Gänſe, die ihm in den Weg kamen niedergeritten und zuſammengehauen, aber— es iſt eingetroffen, zu Lieben⸗ burg, als wir die Martinsgans des Ritters Schwiecheldt verzehrten, hat der Kuno in trunkenem Zuſtande eine Gänſerippe verſchluckt und iſt jämmerlich daran umge⸗ kommen;— aber er hat noch die Abſolution und letzte Zehrung mit in's Fegefeuer genommen!— Beichten ſagte der Burgpfaff?— Beichten— hm! warum blendeten mich ſeine blauen Augen?“— —„Sperber! Sperber!“— rief eine rauhe Stimme, das es im gewölbten Gange wiederhallte. Der Geru⸗ fene ſchreckte aus ſeinen ungewohnten Selbſtbetrachtungen auf und rief in der erſten Ueberraſchung:—„Ha, ja, was giebt's!“— Er ſtrich ſich ſchnell, wie ein aus ſchwe⸗ Maltitz, Herzog. I. 12 — 178— rem Traume Erwachender, über das Geſicht, warf einen behütenden Blick in den Corridor hinab, der nach den Gemächern unter der Warte führte, und eilte dem Rufe entgegen.— —„Wo ſteckſt Du alter Eisbär denn?“ rief ihm der harrende Hellebardier entgegen—„der Herzog verlangt nach Dir— ſchnell, in's Trinkgemach!“— Sperber verdoppelte ſeine Schritte, trat in die Ge⸗ mächer des Herrn ein und erreichte den Trinkſaal, aus welchem fröhlicher Lärm und Becherklang erſcholl. Hier ſaß der Herzog, mitten zwiſchen mehreren Rittern in heiterſter Laune am Tiſche, den Weinkannen und Becher und ein reichlicher Imbiß bedeckten. Junge Edelknappen ſtanden hinter den Zechenden, um ſie zu bedienen und ihren Geſprächen zu horchen. Hirſchgeweihe, Rüſtungen, ein geſchnitzter Schrank mit vielen metallenen, gläſernen und thönernen Trinkgefäßen, Schach⸗ und Kugelſpiele, ein gezähmter Falke auf der hohen Lehne eines leeren Stuhles, Gemälde mythologiſcher, halb nackter Geſtalten des griechiſchen Götterlebens, Fenſter mit bunten Glas⸗ bildern, Weinlaub und Trauben darſtellend, gaben dieſem Saale den Ausdruck ſeiner Beſtimmung. Der Herzog ſaß vergnüglich auf dem Seſſel, die Arme auf den Tiſch, die Hände um den Becher gelegt, ſeine Augen leuchteten und er hörte mit Lachen der Erzählung eines Ritters zu, der von der Schlacht bei Dinklar hart vor dem Thore der Stadt Hildesheim berichtete, welcher er vor drei Jah⸗ ren beigewohnt hatte, und wo der Herzog Magnus mit der Kette vom Biſchofe Gerhard von Hildesheim geſchla⸗ gen war. Als Sperber hinter ſeines Herrn Stuhl trat, 179— um deſſen Befehl zu erwarten, erzählte gerade der Ritter Buſſo von der Aſſeburg, wie Magnus, dem Anſtif⸗ ter der Fehde, dem Biſchofe Albrecht von Halberſtadt verbunden, bei der Gelegenheit ſeine ſchöne Tochter Agnes dem Sohne des Rittes Mansfeld verlobt habe.“ —„Fahre in der Sache ſelbſt fort!“— unterbrach ihn Otto—„mich erfreuet weit mehr, vom Kampfe zu hören. Niedergebrannt hat doch der Magnus Dörfer und Erndte, als er in's Hochſtift einfiel?— Das hätte ich dem Biſchofe nicht glimpflicher gethan, aber er hat's voriges Jahr erfahren, wie ich mich geberde, wenn er mal wieder Gelüſt verſpüren ſollte, mit mir anzubinden. Ha! ha! ha! Du biſt ihm ein Dorn im Auge, lieber Schwiecheldt, aber ich ſage Dir, halte die Harzburg feſt, daß ich ſie nicht zum zweiten Male erbeuten muß und vielleicht bei einem Anderen zu Martini eſſe.“— Schwie⸗ cheldt erwiderte die launige Drohung mit luſtiger Rede. —„Ja, Herr“— fuhr der Aſſeburger fort—„es war ein Zug in's Hochſtift, daß Aſche, Rauch und Lei⸗ chen den Weg bezeichneten. Der Halberſtädter Biſchof that es dem Herzoge noch zuvor; er ließ Kirchen und Klöſter in Brand ſtecken, die Gewölbe der Friedhöfe er⸗ brechen, den Leichen die köſtlichen Schmucke nehmen, und Weiber, Jungfrauen und Männer niedermachen.“— —„Da ſeht Ihr nun“— fiel Otto ein und ſeine Augen ſchoſſen Flammen—„da wüthen Biſchöfe gegen Biſchöfe am Heiligthume, deren Diener und hochmüthige Hüter ſie ſein wollen, und mir thaten ſie den Bann an, weil ich beim Hanſtein ein Kapellchen daraufgehen ließ; — der Teufel hole die Biſchöfe! Und ihr Bann wäre mir 12* — 180— nicht mehr Leid geweſen, als ein Löchlein im Regendache, oder eine Narbe am Finger der linken Hand, wenn ich's nicht dem Sacrament der Ehe ſchuldig geweſen wäre. Aber erzähle, wie es Dir ſelber erging! Die Fehde kenne ich.“— —„Ihr wißt, daß der Biſchof Gerhard alle Stifts⸗ junker und Hildesheimer aufrief; der Graf Gebhard von Mansfeld ſandte mich verkleidet in die Stadt, um aus⸗ zukundſchaften, und ich fand den Biſchof im Dome vor dem Altare um Gottes Schutz beten. Als ich dem Gra⸗ fen die Rüſtungen des Biſchofs verrieth, mahnte er den Herzog Magnus, von der Fehde friedlich abzuſtehen, aber der Herzog hörte nicht darauf und ſo kam es am dritten September dicht vor der Stadt zur Schlacht. Aber da hättet Ihr den Bodo von Oberg, den Abt zu Sanct Michael, ſehen ſollen! Wie im Spiegelglanze ſtrahlte ſeine Rüſtung im Sonnenſcheine, er führte die Biſchöflichen an, von ſeinem Helme herab flatterte im Winde das Scapu⸗ lier, das, bis zum Gürtel reichend, uns Alle in Erſtaunen ſetzte; mit Schwert und Lanze kämpfte er an der Spitze aller übrigen Streiter.“ —„Hal ich hätte dabei ſein mögen!“— rief Otto, die Hand ballend, als führe er ein Schwert—„ich liebe die Tapferkeit auch bei meinem Gegner; ich habe ihn ein⸗ laden laſſen, zum großen Turnier nach Göttingen zu kommen; ob er's als geiſtlicher Ritter und des Hildes⸗ heimers Freund annehmen wird?“— —„Er hat viele aus edlem Geſchlechte mit eigener Hand erlegt, brave Ritter aus dem Braunſchweigiſchen, Halberſtädtiſchen und Magdeburgiſchen; Funfzehnhundert Mann lagen unſererſeits auf dem Kampfplatze, darunter — 184— Fürſt Woldemar von Anhalt, Albrecht von Mansfeld, Hans von Hadmersleben, der Letzte ſeines Geſchlechts; — der Volrad von Querfurt, Hennig von Berge. Ihr wißt, Herr, wie der Herzog Magnus, Euer Verwandter, und der Biſchof von Halberſtadt mit vielen Rittern und Junkern ſchmählich von den Stiftsgenoſſen gefangen ge⸗ nommen wurden. Mir ſelbſt traf das Loos mit Hennig von Steinfurt, dem Magdeburger Stadthauptmann, den Brüdern von Wansleben und von Alvensleben. Ich war mit Hans von Hondelage in der wüthenden Stiftsbauern Hände gerathen; da ſprengte der tapfere von Spörke mit ſeinen Knappen heran, um uns zu befreien. Es war ein verzweiflungsvolles Gefecht; mir wurde von einem Mor⸗ genſtern das Schwert aus der Fauſt geſchleudert, der Schild zertrümmert; ich wurde ergriffen und vom Roſſe geworfen; indeſſen hatte Spörke den Hondelage aus der Bauern Händen gehauen und ich ſah ſie die Flucht nach den Lichtenbergen zu nehmen, während viele Flüchtige in der Fuſe ertranken.“— —„Es hat Dir viel Geld gekoſtet, Buſſo, aus des Biſchofs Gefangenſchaft zu kommen“— ſagte Otto;— „aber meinem Vetter Magnus noch mehr. Mein Vetter Albrecht von Braunſchweig wollte ihm zu Hülfe kommen und war von Eimbeck ausgezogen; als er aber unterwegs Kunde von der verlorenen Schlacht erhielt kehrte er wie⸗ der um und es hat ihn ein Gewitter verfolgt, wie Kei⸗ ner ſich eines gleichen hat erinnern können.“— —„Im ganzen Sachſenlande ſagt man von der Schlacht, daß hier die Logik die Rhetorik überwunden habe“— bemerkte ein Ritter. —„Ganz recht“— fuhr Buſſo fort;—„der Bi⸗ ſchof Albrecht von Halberſtadt iſt zwar eines Bauern Sohn, aber ein gelehrter Mann und Meiſter in der Dis⸗ putirkunſt— der Hildesheimer aber iſt durch ſeine Be⸗ redſamkeit berühmt.— Es iſt bekannt, daß der Magde⸗ burger Erzbiſchof Theoderich nicht ſelbſt in der Schlacht war; er hatte aber kaum vernommen, daß Hans von Hadmersleben gefallen ſei, als er ſchon den dritten Tag nach der Schlacht die Herrſchaft Hadmersleben in Beſitz nahm; ſeine gefangenen Leute mußte er aber für 6000 Mark loskaufen.“— —„Wenn ich daran denke“— rief Otto—„daß Magnus, meines Vaters Bruderſohn, die ſchönen Län⸗ der, die der Großvater Albrecht erworben und unter ſeine drei Söhne getheilt hatte, ſo ſchmählich verlieren und um ſein nacktes Leben an den Hildesheimer für Löſegeld hin⸗ geben mußte, dann kocht mir die Galle auf und ich hätte nicht übel Luſt, mir ſelber ein gut Stück davon zu er⸗ beuten. 13000 Mark Silber hat der Biſchof für meinen gefangenen Vetter verlangt— freilich nicht zu viel für einen Herzog— aber ſchwer für den Vetter. Um nur endlich aus jahrelanger Gefangenſchaft frei zu werden, hat er ſeiner Mutter Heirathsgift, die ſchönen Herrſchaf⸗ ten Landsberg und Sangershauſen verkaufen müſſen. Sein alter Vater iſt darüber vor Gram geſtorben.“ —„Und wißt Ihr denn, was der Hildesheimer mit den 13000 Mark begonnen hat?“— fragte Schwiecheldt; —„denkt Euch, er hat einen goldenen Kelch zur Ehre der heiligen Maria anfertigen laſſen, bauet eine Kar⸗ thauſe in Hildesheim, läßt die Kuppel des Doms mit — — 183— feinem Goldblech belegen und hat die Schlöſſer Coldin⸗ gen und Steinbrück angekauft.“— „Hölle und Teufel!“— rief Otto, den Becher ſo feſt auf den Tiſch ſchlagend, daß der Wein herumſpritzte, und vom Seſſel emporſpringend—„das müſſen wir ihm ge⸗ denken! Das ſchöne Sangershauſen, meines alten Oheims Kleinod und Heiligthnm wird auf die Kuppel des Doms genagelt!“— Der Herzog war in böſer Laune an ein Fenſter getreten und trommelte mit heftigem Fingerſchlage an den bemalten Scheiben. —„Ihr habt ihm die Laune verdorben, Buſſo“— flüſterte Schwiecheldt—„laßt uns etwas Anderes be⸗ ginnen, der Tag iſt noch lang, und wir ſind des Ver⸗ gnügens wegen hier.“— —„Wir wollen ihn an die Fuchsjagd mahnen; wenn ſein hitziges Blut Bewegung hat, wird es leicht und fröh⸗ lich“— meinte Ritter von Bovenden. Schwiecheldt trat zum Herzoge an das Fenſter und ſprach:—„Beliebt es Euch, daß wir aufbrechen? Die Hunde bellen, ſie ſind jagdluſtiger als der Herr.“— Otto hatte den Blick durch das Glas feſt auf einen Punkt im Felde nahe unter der Burg geheftet; plötzlich ſtieß er das Fenſter auf und ſagte haſtig:—„der neue Treibhund, den mir der Hanſtein geſchenkt hat, ſitzt im Teich und hetzt mir die Hechte zu Grunde;— er kann nicht wieder an's Ufer— was iſt ihm— er kläfft, als hätte er ein Rudel Hühner über dem Kopfe!— He— Sperber! Sperber! Wo ſteckt der alte Schuft?“— Der Leibknappe, welcher hinter des Herrn Stuhle ge⸗ ſtanden und an der Erzählung von der Schlacht bei — 184— Dinklar ein ſo lebhaftes Wohlgefallen gefunden hatte, daß er mäuschenſtill geblieben und, in ſeiner Luſt an ſolchen Erzählungen, ſelber von dem Muthe und der Er⸗ innerung ſeiner Jugendthaten in eine unternehmende Stimmung gerathen war, ſprang ſchnell herbei. — Ich habe Dich ſchon einmal gerufen, alte Schnecke“ — rief der Herzog;—„hinunter auf den Teich, bringe den Hund heraus— ſpute Dich, oder ich laſſe die Hechte mit Deinem faulen Wamms füttern!“— Sperber kannte ſeinen Herrn, daß er oft zornige Re⸗ den im Eifer führte, aber ſeines alten Knappen Dienſte nicht weniger werth hielt.—„Ich ſtand ſchon lange hinter Eurem Stuhle, Herr, Eures Befehls gewärtig“— verſetzte er;—„Ihr wiſſet, was Ihr mir vorhin gehei⸗ ßen habt.“— Otto ſah ihn groß an, packte ihn am weißen Kinnbarte und ſagte:—„es iſt gut, alter Fuchs, aber nun hole mir den Hund heraus.“— Die Ritter hatten ſich an die Fenſter begeben, um den Hund im Teiche zu beobachten, der mit emporgeſtrecktem Kopfe, heulendem Kläffen und ſichtbarer Anſtrengung im Teiche hin und her ſchwamm und jedesmal in der Ufer⸗ nähe umkehrte, obgleich er ſich kaum mehr oben erhalten konnte. Sperber war hinausgeeilt.— Es verſtrich, unter raſch geſteigerter Ungeduld des Herzogs, einige Zeit, ehe unten am Teiche mehre Knechte erſchienen, welche dem weniger flinken und mühſam fol⸗ genden Leibknappen vorausgeeilt waren; der Hund floh aber vor den Knechten und ihren Stangen und Wurfſtricken zurück, oder ſchnappte nach ihnen, während er Sperbers Nähe weniger zu fürchten und auf deſſen Rufen zu hören ſchien. — 185— —„Der Hund iſt wahrhaftig toll“— meinte Schwiecheldt. —„Nicht möglich, ich halte große Stücke auf ihn: — der Sperber iſt der Einzige, der ihn hat füttern müſſen, er hört auf ihn— wie ſteif und ungeſchickt be⸗ nimmt ſich der alte Spitzbube— als ob er waſſerſcheu wäre— ſchickt er wahrhaftig die Knechte hinein, die das Thier vollends aufbringen;— ködere ihn doch in's Schilf, alter Maulwurf.— Blitz! gebt mir die Armbruſt, ich will den Schuft in's Waſſer treiben!“ Es war ein Glück für Sperber, daß der Hund, er⸗ mattet bis zum Untergehen, in das Schilf ſich quälte, mit heißer Zunge und offenem Rachen ſich ruhete und bei Sperbers vorſichtiger Annäherung von Neuem durch Bellen zu erkennen gab, daß er ſeine Beute im Teiche nicht im Stiche laſſen wollte. Ein Knecht, der ſich tief in das Waſſer gewagt hatte, hob jetzt einen zappelnden Gegenſtand heraus, den er weit an das Ufer ſchleuderte. Der Hund fuhr darauf los, ergriff grimmig das Thier, zerrte es mit den Zähnen und ſtürzte dann in das Feld, um ſein triefendes Fell warm zu laufen. Der Herzog war befriedigt vom Fenſter zurückgetreten; der Zwiſchenfall hatte ſeine üble Laune über des Vetters ungeheures Löſegeld an den Biſchof auf andere Dinge geleitet. Man ſetzte ſich wieder an den Tiſch und trank. Sperber trat herein, eine todte Fiſchotter in der Hand. —„Seht, herzogliche Gnaden“,— ſprach er freundlich— „der Hund hat den Räuber ausgewittert und ihm den Reſt gegeben.“— Otto nahm das Thier, hob es empor und ſchlug — 186— damit nach kurzem Bedenken den Leibknappen an den Kopf.—„Warum ließeſt Du die Knechte verrichten, was ich Dir geheißen?“ ſagte er mit einer Miene, die halb Spott halb Strenge erſchien;—„wäre es nicht bald zu Ende geweſen ſo hätte ich Dich vom Fenſter aus in den Teich gelegt. Biſt Du ein ſo feiges Kaninchen ge⸗ worden, daß Du den Fuß nicht näſſen magſt? Ich werde Dich zum Füttern der Fiſche gebrauchen und damit Du's gewohnt wirſt, ſollſt Du heute bei meiner Rückkehr drei Male zu Pferde durch den Teich reiten.“— Die Ritter lachten.—„Glaubt Ihr's nicht?“ fuhr der Herzog da⸗ durch gereizt fort—„auf mein Wort!“ Der alte Knappe bekam einen Schreck; er kannte die Scherze ſeines Herrn in ſolchen Worten; ſtumm ſah er ihm nach, als dieſer ſich von ihm gegen die lachenden Ritter kehrte und ihnen zurief:„Wir wollen aufbrechen, Freunde, der Sperber ſoll die Pferde ſatteln laſſen.“ Der Herzog warf ſich auf den Stuhl und trank. Sperber näherte ſich ihm in der Abſicht, den Herrn durch Erinne⸗ rung an andere gute Dienſt wieder zufriedener zu ſtimmen, und flüſterte:—„Was befehlt Ihr? Das Mädchen habe ich geborgen.“— Ohne daß der Herzog ſich zu ihm wendete, antwortete er, den Becher etwas von den Lippen entfernend:„Zur Veſperzeit will ich danach fragen— jetzt die Pferde!“ Der alte Knappe befand ſich, als er das Trinkgemach verließ und in den Hof hinabſtieg, um die Beſtellung im Stalle auszurichten, in einer ungewöhnlichen Stimmung, welche, bei der Rückkehr in die mittleren Räume der Burg, ſeiner langſam fortſchreitenden Geſtalt den Ausdruck 1 — 187— des gedankenvollen Nachſinnens gab. Die Geſellſchaft der andern Dienſtleute, welche ihm begegnen konnten, vermeidend, ſchlich er in ein kleines Gemach neben des Edelknappen Schlafſtelle, ſetzte ſich auf ein Lager und ſtützte die Hände niederblickend auf die Kniee. Die Mah⸗ nungen, welche der Pater Henricus an ſein Gewiſſen ge⸗ richtet hatte, waren in dem Trinkgemach des Herzogs durch die Erzählungen des Ritters ſchnell vergeſſen und die kurze Reflexion, die jene geiſtliche Anſprache in ihm geweckt hatte, ſchwand wie ein Wölkchen, als er von Fehde, Schwert und Lanze hörte, was, ſo lange ſeine Körper⸗ kraft dauerte, ſein liebſtes Handwerk geweſen war. Der Greis fühlte ſein Alter nicht, indem er ſich in die Schlacht bei Dinklar verſetzte.— Gleich einem Blitzſchlage aus heiterem Himmel traf ihn der Befehl, nach dem Teiche hinunter zu eilen und einen vielleicht wüthend gewordenen Lieblingshund des Herzogs an das Ufer zu bringen. Die vorhin angeregte Erinnerung an die Prophzeiung und des Knechtes Kuno Schickſal war doch in ſeiner Seele wie ein Fleckchen ſitzen geblieben, deſſen Wieder⸗ hervortreten nur eines leiſen Anhauches bedurfte; in ſeiner Vorſtellung verknüpften ſich vereinzelte, leicht vorüber⸗ gezogene Gedanken und Gefühle zu einem ernſten Ganzen, das jetzt ſein Gemüth bedrückte. —„Alter zerbrechlicher Kerl!“— ſprach er mit ſich ſelbſt;—„diene einem Herrn bis zum letzten weißen Haare— er wird dir es nicht danken und lohnen. Vielleicht, wenn er ſelber alt und ſtumpf iſt;— aber dann haſt du ſchon des Teufels Lohn, alter Narr, für deine treuen Dienſte in der Hölle empfangen.— Durch — 188— den Teich ſoll ich reiten?— Der Kuckuck hole ſeine gute Laune!— Wenn der Hund der Teufel ſelber wäre, um mir meine Dieuſte zu lohnen?— Habe ich doch ſeit Martini eine Furcht vor jedem Teiche gefühlt, als wäre es mein offenes Grab!— Warum mahnte mich der Burgpfaff gerade in derſelben Stunde, wo mich der Her— zog rufen ließ, an mein Alter, meine letzte Stunde, an die Beichte und Abſolution? Warum blendeten mich ſeine Augen, die doch weich und bittend waren? Habe ſchon manchem Geierauge unter Helm und Sturmhaube Stand gehalten. Was habe ich denn zu beichten? Geht's nicht auf des Herzogs Rechnung, was ich auf ſein Geheiß that?— Sei kein Narr, Sperber, denke an dich ſelbſt! — Als ich vor der Burg Hanſtein das Weib niederſtieß, das der Nordhäuſer Hinterhalt im Walde nicht verrathen wollte, da war ihr letztes Wort: du wirſt wie ein Hund ſterben.— Wenn ich beichtete— wenn ich Abſolution nähme— es gäbe neuen Muth— der Weg ins Feuer i*ſt lang, eine gute, letzte Zehrung iſt von Nöthen.“— Der Alte verſank in ſchweigendes Sinnen. Plötzlich weckte ihn ein fröhliches Jagdhorn— er horchte auf den Pferdehufſchlag, das Raſſeln der Ketten an der Zug⸗ brücke.— Er ſprang auf, als gelte es ihm, dem ſon⸗ ſtigen geſchwinden Begleiter des jungen Herzogs zu Leb⸗ zeiten ſeines Vaters Ernſt.— Er ſpähete durch das Fenſter nieder und ſah den Herzog mit ſeinen ritterlichen Gaſtfreunden durch das Thor auf die Straße reiten.— — 189— Sechstes Kapitel. Henricus hatte, nach der Unterredung mit dem alten Knappen, ſeinen Weg in denjenigen Theil der Burg ge⸗ nommen, wo die Herzogin reſidirte. Die fromme Frau hatte ihn ſchon erwartet, um wie gewöhnlich nach der angehörten Meſſe und gottesdienſtlichen Andacht, die natürliche Neigung ihres mildthätigen, opferfreudigen Herzens durch wohlthätige Spenden zu befriedigen, deren Austheiler der Geiſtliche war, wenn ſie nicht perſönliche Anregungen empfand, mit eigener Hand und eigenem Munde wohlzuthun. Die Leute weit und breit um Schloß Harſte nannten ſie bereits nur die heilige Margarethe und jemehr ſie den Herzog fürchteten, um ſo vertrauungs⸗ voller ſuchten ſie die Begegnung der jungen ſchönen Fürſtin. Ihre Gemächer waren im Gegenſatze zu dem Theile der Burg, wo der Gemahl ſein ritterliches Leben und Treiben führte, ſtill, faſt klöſterlich abgeſchloſſen und nur von Ferne drang das Geräuſch von drüben in ihre ſtillere Welt. Ueber dem Eingange zu ihren Gemächern glänzte das Bergiſche Wappen, drei goldene Sporen, neben dem Göttingiſchen ſchreitenden Löwen; zwei Helle⸗ bardiere hielten hier Wache.— Als Henricus den hoch⸗ gewölbten Spitzbogengang, welcher an den Wohn⸗ und Empfangsräumen der Herzogin hinunter lief, erreicht hatte, trat ihm eine alte, etwas mürriſch ausſehende Frau — 190— entgegen, die ehemalige Wärterin der jugendlichen Fürſtin und jetzt die treue und anhängliche Pflegerin des jungen Prinzen Otto, des faſt einjährigen Sohnes Marga⸗ rethens. —„Wo iſt die Herzogin, Frau Oelbecken?“— fragte Henricus. —„Sie hat ſich den Prinzen bringen laſſen; ich komme eben von ihr aus dem blauen Gemache.“— Der Burggeiſtliche nahm ſeinen Weg dorthin, trat in einen Saal ein, in dem zwei Damen aus dem kleinen Hofſtaate der Fürſtin ſich mit einem Falken ergötzten, den ein hübſcher Page auf der Hand trug, und ſchritt, von den ſchäkernden Edelfräuleins kaum bemerkt, durch eine Seitenthür und zwei anliegende Räume in das blaue Gemach, das ſtillere Boudoir der Herzogin. Betrachten wir dies ſtille Aſyl einer ſanſten, edlen Frau etwas näher.— Das Gemach war niedrig und ſpitz gewölbt, von wei⸗ ßen Pfeilern und Rippen getragen, deren Felder auf himmelblauem Grunde mit goldenen Sternen gefüllt wa⸗ ren. Die Fenſter ließen durch blau und ſilbern bemalte Scheiben ein weiches, bläuliches Licht einfallen, welches ſich mit dem grünen Scheine der Teppiche harmoniſch miſchte und dem weißen Getäfel am Kamine einen mil⸗ deren Glanz gab. Der goldene Löwe auf rothem Felde, der über den Thüren und im Geſimswerke, ſowie in den geſchnitzten Lehnen der Stühle und Glastafeln der Schränke ſich überall den drei goldenen Sporen des Ber⸗ giſchen Familienwappens beigeſellt hatte, erſchien faſt wie ein harter unharmoniſcher Eindringling in das ſanftere — 191— Farbenlicht dieſes Raumes Ein kleiner Hausaltar, blau und weiß, mit köſtlicher Sammetdecke, ſilbernen Arm⸗ leuchtern, elfenbeinernem Kruzifix und dem Bilde der jung⸗ fräulichen Mutter Maria, mit dem heiligen Kinde im Schooße, war mit einem ſeidenen Gardinenzelte umgeben; ihm gegenüber hing das Bild des Herzogs Wilhelm von Cleve⸗Berg, daneben die in Stahl gehüllte Geſtalt des Herzogs Otto. 3 Auf einem Seſſel, vom blauen Scheine des nächſten Fenſters überfloſſen, ſaß Margarethe, die jugendliche Her⸗ zogin, den Sohn im Schooße, das milde Antlitz, im Ge⸗ fühle ſtiller Mutterſeligkeit, auf das lächelnde Geſicht des Kindes niedergerichtet; das blonde, volle Haar wallte vom Scheitel, der himmliſchen Madonna ähnlich, über die weißen Schultern und deckte ſittſam die ſchöne, jung⸗ fräuliche Bruſt; das weiße Kleid, das blaue, mit ſilber⸗ nen Sternen und ſchmaler Hermelin⸗Verbrämung beſetzte Mieder hoben die ſchlanke, jugendlich⸗zarte Geſtalt in edlen Formen noch mehr hervor. Henricus war geräuſchlos eingetreten. Margarethe hatte im Anſchauen des Kindes und in der Verſenkung ihres Gefühles, den Kommenden nicht bemerkt. Dieſer blieb an der Thür ſtehen, faltete, vom Anblicke der Frau andachtsvoll gefeſſelt, und das Bild der heiligen Ma⸗ donna unwillkürlich mit ihr vergleichend, die Hände und betrachtete ſie mit der Miene ſtiller Anbetung, zögernd, die ſelige Ruhe ihrer, von Mutterliebe erfüllten Seele durch ſeine Gegenwart zu ſtören, und doch drängte ihn die Unruhe ſeiner Theilnahme, in das ſtille Glück der holden Frau behütend einzutreten. Des Kindes Auge hatte ihn bemerkt und dem Blicke deſſelben folgte das Auge der Mutter. —„Ha“— Henricus— rief ihre ſanfte, wohlklin⸗ gende Silberſtimme—„komm heran, blicke in dieſes Kin⸗ des Angeſicht— ol es erfüllt mich mit Glück und Wehe zugleich.“ Der Geiſtliche trat näher.—„Wahrlich, gnädige Fürſtin.— Ihr habt mich mit Andacht erfüllt,— glaubte ich doch den Heiland auf dem Schooße der Madonna zu ſchauen; Gott behüte das Kind Eures Blutes, daß es ein Heiland ſeines Landes werde und ein Wohlthäter vieler Leidenden.“ —„Du fühlſt wie ich, guter Henricus;— das dachte ich auch und betete ich eben inbrünſtig zu Gott; v, wie unſchuldig iſt dieſes Gefäß, in welches das Leben ſeinen gemiſchten Stoff von Gutem und Böſem ausgießen ſoll. Wie behüte ich es in ſeiner ſchuldloſen Reinheit und wie vermag ich es ſelber mit den heißeſten Wünſchen meiner Seele zu füllen?“ —„Was eine Reine geboren hat das iſt aus edlerem Stoffe, als der Welt trüber Lebensfluth; ein Kind iſt weiches Wachs, das ſich unter der Hand der Pflege formt und deren Eindrücke annimmt; es iſt eine Blume, die im Sonnenſcheine und Himmelsthau prächtig gedeiht, aber bei verdecktem Himmel und auf wildem Felde verküm⸗ mert und verwildert. Seht, holde Frau, wie das Kind ſich im blauen Lichte Eures Mutterblickes ſonnt, wie es mit Eurer Hand ſpielt, die es ſchützt und ſchmeichelt, wie es an Eure Bruſt ſtrebt gleich dem Eiſen zum Magnete.“— — 193—„ —„Henricus— Du wirſt nicht über die Sorge des Mutterherzens lächeln, wenn ſie, der Zeit unruhig vor⸗ auseilend, Dir thöricht erſcheinen ſollte— ich bebe vor der Stunde, wo mir dieſes Kind aus zärtlicher Hut ent⸗ riſſen, unter Männern erzogen und zum Manne werden ſoll;— es iſt dem Herzen der Mutter bei dem Gedan⸗ ken ſo wehe, daß dieſe zarte Knospe ihres Lebens ein Baum werden wird, der hoch über andere emporragen, darum um ſo feſter und ſelbſtſtändiger ſein und Früchte tragen ſoll. Wird Herzog Otto's Sohn dann ſeine Mut⸗ ter verleugnen— wird er nur drohend in ſeinen Aeſten rauſchen und nicht einladen, im Schatten ſeines Stam⸗ mes friedlich zu weilen?“— —„Wie kommt Ihr auf dieſes Bild einer noch fer⸗ nen Zukunft? Bis zum ſiebenten Jahre habt Ihr mir die künftige Erziehung des Prinzen in Voraus aufgetra⸗ gen— läßt mich Gott am Leben, ſo werde ich den Sohn in der edlen Mutter frommem Sinne und im Schutze Eurer Liebe mit den echten Tugenden des Chri⸗ ſten, den Pflichten eines Fürſten und den Kenntniſſen eines Gebildeten bekannt machen; ſeid überzengt, daß die erſten Eindrücke des Knaben unaustilgbar im Menſchen bleiben;— kein Mann vermag Gott zu leugnen, wenn er als Knabe aus inbrünſtiger Seele zu ihm betete, kein Fürſt kann ungerechte Herrſchaft üben, wenn er als Knabe mit Begeiſterung die Lebensbilder edler Fürſten bewunderte, kein Mann vermag der rohen Geſellſchaft Luſt zu theilen, wenn er in ſeiner Jugend Wiſſenſchaft und Kunſt achten lernte und Kenntniſſe mit in das Le⸗ ben bringt. Wie Frömmigkeit vor Gott rechtfertigt, edle Maltitz, Herzog. I. 13 Begeiſterung an menſchlichen Tugenden das eigene Le⸗ ben läutert, ſo adelt auch Wiſſen Herz und Sinn für die Welt. Aber ſeht doch das liebliche Kind an— es hat die blauen Augen der Mutter, ſein Lächeln iſt Eures Mundes Wiederſchein; vertrauet der Natur und dem Himmel, daß auch ſein Herz ein edles Samenkorn Eures Blutes iſt.“— —„Man ſagte mir, daß Söhne, welche der Mutter an Miene gleichen, des Vaters Sinn und Neigungen theilen. Blicke dem Kinde einmal ſcharf in die Augen, Henricus— ſiehſt Du nichts?“ —„Wahrlich, holdſelige Frau— ich ſehe einen blauen See, worin ſich der Himmel ſpiegelt.“ —„Ach! ſo bilde ich mir ein; aber ſieh' hier,— ſchwimmt nicht in der blauen Tiefe dieſes reinen Auges ein Wölkchen, als ob eine lichte Sternblume vom See⸗ grunde auftauchte und ſich wieder ſenkte?“ —„Ich ſehe nichts, gnädige Frau; ängſtigt Eure Liebe nicht mit zu empfindlichen Sinnen.“— —„Es hat mir ſcheinen wollen, als ob dies Auge nicht ſo blickte, wie das andere— als wäre es zerſtrent, während jenes tief in meine Seele lächelt.“— —„In der That, ich erkenne das nicht.“— —„Ach! Henricus, ich habe ſeit einigen Tagen recht ſchwere Gedanken; meine Seele hat vor Dir kein Hehl, und doch zögerte ich, Dir meine ſtillen Grübeleien zu offenbaren.“ —„Herrliche Frau! Ihr liebet ſeit einiger Zeit die Einſamkeit mehr, als es einem jungen Herzen zu⸗ kommt. Ihr erfüllet die Sendung eines Engels im — 195— Lande— das kann Euch nicht zu trüben Gedanken kom⸗ men laſſen.“— —„Ich habe meinen Gemahl ſeit mehren Tagen kaum geſehen, und bei Tafel erſchien ich den Rittern, die er jetzt in der Burg bewirthet, eine Feſſel ihrer Luſt an Geſprächen, die ſich vor meinem Ohre ſcheueten. Ich ſandte ihm heute früh ehe er ausritt, mein Kind zu, um ihn an mich zu erinnern, aber er hat es ſeinen Rittern gezeigt und geſagt:„ſeht, das iſt meines Herzogthums Erbe, der mir gleich werden ſoll;— wenn er nur erſt aus der Weiber Hände in die eines guten Bubenzüchters gekommen iſt, reiten lernen und einen Degen halten kann, dann will ich mit ihm ſpielen.“ Und als das Kind von ihm ſich abgewendet, ſich vor ſeinem Geſichte und derben Worte gefürchtet und in der Oelbecken Arm verlangt hat, da iſt er unwillig geworden und“— die Herzogin ſtockte und ſah erſchrocken in die Augen des Kindes. Plötzlich fuhr ſie fort:—„Henricus bei Gott, ſieh die Wolke im Auge— es iſt ein böſes Zeichen, Niemand kennt meine Sorge— Du biſt ein Arzt, ſage mir ohne Rückhalt, ob dies Auge blind iſt?— Sie hielt das Kind gegen das Licht und ihr bittender Blick auf den geiſt⸗ lichen Freund zwang dieſen, eine Prüfung vorzunehmen. Henricus erſchien zweifelhaft und es entging dem for⸗ ſchenden Blicke der Mutter nicht. —„Sorget nicht vor der Zeit, gnädige Frau“— ſprach Henricus beruhigend;—„das Auge trägt oft in ſeiner Tiefe Bilder, die das Licht hineinſpiegelt.“— In dieſem Momente trat die Wärterin ein, um das Kind abzuholen. Margarethe erhob ſich, ſchritt mit dem 13 — 196— Söhnchen gegen den Altar und preßte es innig an die Bruſt; ihre Seele ſchien zu beten. Dann küßte ſie das Kind, das ungeſtüm von der Mutter nach der Wärterin verlangte, ſah es wehmüthig an und übergab es zögernd der Frau, welche ſich damit eilig entfernte. —„Guter Henricus“— nahm Margarethe das Wort—„ich habe eine doppelte Pflicht, Gott zu bitten, daß er meine Opfer gnädig aufnehmen möge.“— —„Es hat Euch das Wort der Bäuerin geſtern zu ſehr erſchreckt— aber wo Euer Gemahl gewaltſam Fur⸗ chen in der Menſchen Lebensboden zieht, da ſtreuet Ihr den Segen der Liebe hinein und es wächſt der Dank aus den Furchen auf.“— —„Ja, Henricus— noch zittert das Wort in mei⸗ ner Seele nach;— ich fühlte eine tiefe Beſchämung, das Weib eines Mannes zu ſein, den zu ehren meine Pflicht, den zu lieben mein Bedürfniß iſt und den die Welt den Böſen nennt;— ich empfand die heilige Mahnung, ihm dieſen entſetzlichen Beinamen zu nehmen. Wie fange ich es an, meines Gemahls Sinn von ſeiner Wildheit abzulenken, ſeine Leidenſchaft, ſeine Luſt an Streit und Gewalt in ſanftere, friedlichere Sitte zu wandeln?“— —„Eure Milde wird ihn endlich erweichen, Eure Tugend ihn beherrſchen.— O! ſeid ſtark in Gott und gewappnet mit der Sanftmuth des Friedensengels— ich bitte Euch!“—— Henricus hatte bemerkt, wie die ſchönen Augen der jungen Herzogin von Thränen glänzten. —„Den„Quaden“ nennen die Leute meinen Ge⸗ mahl? Weiß er es ſelber, haben ſeine Ohren jemals die⸗ — 197— ſen Namen gehört, ſeine Ritter ihn ſo nennen hören? Henricus hat man ihn ſchon ſo bezeichnet als ich ihm auf Befehl meines Vaters meine Hand reichen mußte, die eben im Gebete gefaltet war, da er ſie forderte? Geſühnet und gereinigt vom Bann ſchwur er mir, daß ich hinfort die Dame ſeiner ritterlichen Tugend ſein ſolle. Er hat ſich von mir entfernt, meine Milde war ihm drückend, meine fromme Gewohnheit ward ihm langweilig, ſtolz auf mein Geſicht vor der Welt, gilt es ihm nichts mehr in ſtiller Ruhe des Hauſes. Niedriger als die Bäuerin, die geſtern mir, der ungekannten, verſchleierten Wanderin, als ich ſie um ihren Schmerz befragte, in Entrüſtung zurief:„der Quade mit ſeinen böſen Geſellen iſt vorübergeritten wie die wilde Jagd, und hat meine Kuh aus Uebermuth mit dem Wurfſpieß getödtet“— niedriger, demüthiger, als des geringſten Knechtes Weib ſtand ich vor der Anklägerin, als ſie auf meine Frage: „wen meint Ihr mit dem Quaden?“ in Thränen und Verzweiflung über den Tod ihres einzigen Nährthieres, 3 g) zig 9 antwortete:„Ihr kennt ihn nicht, den alle Welt bei dieſem Namen wie den Satan ſelber fürchtet?— Den böſen Herzog?“— O Henricus— wie ertrage ich das?“— —„Ihr habt den Fluch der Frau in Segen ver⸗ wandelt und ihr doppelt gegeben, was der Herzog ihr nahm.— Als ſie von mir erfuhr, wer mich ſandte, be⸗ reuete ſie ihre Rede und ging in die Kirche um auf Euer Haupt Gottes Segen herab zu flehen, Seid gewiß, daß die Wagſchaale der Gerechtigkeit ſchwer auf Seite Eurer Sühne niederfällt.“— — 198— In dieſem Augenblicke erſcholl ein fröhliches Trompe⸗ tenſignal im Burghofe; der muthige Hufſchlag von Pfer⸗ den und luſtige Stimmen wurden hörbar. Margarethe horchte, trat an das Fenſter, kehrte aber ſchnell wieder zurück und blickte den Beichtvater ſchweigend und leidend an.— Dieſer ſprach:—„Ihr habt mir befohlen, ein Werkzeug Eurer Barmherzigkeit zu ſein— gefällt es Euch, mir die ſelige Freude zu gönnen, die Blicke dank⸗ erfüllter Herzen und die Segenswünſche in Empfang zu nehmen die Euch Gott in der Fülle guter Werke für dieſe und jene Welt anrechnet?“ Margarethe mußte in tiefen Gedanken ſein, denn ſie ſchien des Geiſtlichen ablenkende Worte ſchwächer als die Stimme ihrer Seele gehört zu haben. Das ſchöne Ma⸗ donnengeſicht gegen die Fenſter wendend, ſagte ſie halb⸗ laut:—„Der Herzog zieht aus mit ſeinen Freunden.— Hörſt Du es wohl?“ Und das ſcheue Auge auf das Bild des Gemahls richtend, fuhr ſie fort:—„Henricus, es liegt wol an mir, daß der Herzog lieber mit den fröhlichen Rittern, als mit der ſtilleren Gattin verkehrt; — er liebt das frohe, leidenſchaftliche, muthwillige Weib; wenn es mir gelänge, mein Herz zu wandeln und die Kunſt zu lernen, womit das Weib ſich zur Gebieterin ihres Herrn macht, wenn ich ihm meine Angſt um ſein Heil, mein Mitleid mit Denen, die er kränkte, meine Empfindlichkeit gegen ſeine harte Natur verbergen könnte, wenn ich mein Ohr abſtumpfte gegen ſein fluchfertiges Wort, wenn ich mein Auge anſtrengte, die Blitze ſeines Blickes zu empfangen ohne zu ſcheuen, wenn ich mich zwingen könnte, eines Mannes Leidenſchaft zu dienen, — 199— die nichts mehr als Genuß ſucht und in gewitterhafter Abkühlung vor den ſanfteren Feſſeln der Liebe flieht— o Gott! erleuchte mich über meinen Beruf, was forderſt Du von mir als Otto's Weib?“— Margarethe hatte, im geſteigerten Gefühle des Zwei⸗ fels an ſich ſelbſt, die Hände gefaltet und mit betendem Blicke emporgehoben. Henricus faltete gleichfalls ſeine Hände und ſah die trauernde Frau mit glänzenden Augen und bittender Miene an.—„Herzogin!“— ſprach er—„theuerſte Herzogin! Euer edles Gemüth möchte ſich ſelbſt mit Schuld kränken, um auf des Gatten Wege die Lilien der Verzeihung zu ſtreuen; aber beleidigt nicht Eure beſſere Natur durch ſolche Gedanken, bleibet was Ihr ſeid, der milde Engel des Landes. Das Schickſal hat Euch den Beruf auferlegt, den Euer Herz ſchon im natürlichen Drange gefunden und geübt hat. Euer Schick⸗ ſal ſoll ein ſchöneres ſein, als das Glück, welches Mann und Weib in zärtlicher Ruhe mit einander genießen und das in ſelbſtſüchtiger Liebe befriedigt. Eurer frommen Seele iſt ein höheres Maaß von Liebe zugemeſſen, die eine Liebe, deren Pflichten die edelſten Tugenden des Weibes ſind. Des Himmels Fügungen ſind nie ohne gute Zwecke. Gott hat Euern Gemahl, den Herzog, in ſeine gnädige Obhut genommen und ihm in Euch einen Engel geſandt, um durch ſanfte, himmliche Mächte ſein Leben zu behüten. Des Engels Beſtimmung iſt Dulden, Lieben, Wohlthun, Beten und Opfern; ſeine Macht iſt Tugend, ſeine Mahnung iſt Milde, ſein Lohn die Seg⸗ nung der Welt. Der in Sünde forttreibende Knecht T — 200— erkennt ſeinen Engel nicht ſo bald; er flieht, kränkt und verleugnet ihn, aber er kann doch früher oder ſpäter der milden Begegnung nicht ausweichen; es giebt Stunden im Menſchenleben, wo das Herz ſich mitten im Ge⸗ räuſche einſam fühlt und Niemand zu ihm tritt, als der Schutzengel.— Dieſe Stunden werden kommen, ſie werden Euch zu Eurer Pflicht rufen.— Ihr werdet das ſchöne, heilige Amt des Engels üben, gewaltig in ſanfter Tugend beglückend durch Liebesthat. Bleibet Euch treu edle Frau, Ihr ſeid nicht Meiſterin über Euer Herz, ſondern Dienerin ſeines Inhaltes nach Gottes Willen. Seid froh und muthig Eurer ſchönen, wenn auch ſchwe⸗ ren Beſtimmung; ſehet, wie Ihr auf einem Felde ſteht, wo Ihr für den Himmel ſäen und erndten ſollt. Seit der Stunde, wo Ihr einſt in der Heimath zu mir in den Beichtſtuhl eiltet, gerötheten Angeſichts, die Thräne gewaltſam zerdrückend, und mir mit bewegter Seele offen⸗ bartet, daß Ihr dem Göttinger Herzog zum Gemahl beſtimmt ſeiet und nicht mehr wüßtet, ob Euer verwor⸗ renes Gefühl Liebe, Gehorſam, Angſt oder Furcht ſei, ſeit jener Stunde rede ich heute zum erſten Male wieder vertraulicher über Euer Verhältniß zum Manne. Da⸗ mals ſagte ich Euch, daß ein Weib auch ohne den ſelbſt gewählten Mann zu umarmen, ſeine Beſtimmung dennoch in der Liebe finde und vor allen die Fürſten und Mütter eines Landes. Dieſe Liebe iſt nun Euer Theil. O! ſetzet fort, was Ihr begonnen habt und füllet den hohen, wichtigen Platz aus, auf den Gott Euch hingeſtellt hat. An Eurer Milde und Frömmigkeit wird des Herzogs weltlicher, rauher Sinn endlich erweichen, wie ein Lau⸗ — 201— genſtein an warmer Luft. Ihr habt einen Sohn zum Regenten zu erziehen, der einſt auf des Vaters Spuren neu und ſchöner aufbauen möge, was jener niedergetre⸗ ten, Ihr thuet wohl Allen, denen der Gemahl wehe thut— Ihr ſeid mildthätig und barmherzig, helfet den Armen, tröſtet die Leidenden, ſpendet Segen in Haus und Volk— opfert dem Höchſten und thut Himmels⸗ werke für die, welche es ſelber verſäumen— giebts ein ſchöneres Loos für ein Weib, für eine Fürſtin? Schon nennt das Land Euch die heilige Margaretha— o! Her⸗ zogin, welcher himmliſche Laut für das Ohr eines irdi⸗ ſchen Menſchen.“— —„Gott ſteh' mir bei!“— rief Margaretha in höherer Begeiſterung ihrer frommen Seele und in beten⸗ der Haltung;—„helft mir, Heilige des Himmels, daß ich es vollbringe!“— dann ſchritt ſie, die Hand auf das Herz gedrückt, langſam durch das Gemach. Henricus folgte ihr mit gerührtem Blicke. Die Herzogin hatte in Harſte die Einrichtung ge⸗ troffen, daß jeder Hülfsbedürtige freien Zutritt zu ihr finden konnte; gewöhnlich auf dem Heimgange aus der Kapelle nach dem Morgengottesdienſte pflegte ſie die Leute, welche eine Bitte an ihre Barmherzigkeit zu richten hatten, in einem Kreuzgewölbe am Eingange ihrer Ge⸗ mächer zu ſprechen. Dem Einem ließ ſie Geld, dem Andern Speiſe und Trank verabreichen; arme Wöchne⸗ rinnen im Dorfe fanden durch ihre Hand Pflege; Man⸗ cher, der von des Herzogs Hochmuth, oder muthwilliger Despotie Schaden erlitten, von ſeinen Rittern mißhan⸗ delt, beraubt, oder von Knappen an Leib und Eigenthum — 202— beſchädigt worden war, empfing unmittelbar, oder in's Geheim eine ausſöhnende Ausgleichung durch ihre Hand. Henricus war ihr dabei ein gleichgeſinnter und ſtiller Gehülfe; er ging oft hinab in die Umgegend, zu den Inſaſſen, theilte die Gaben der Herzogin aus, heilte Kranke, ſpendete ihnen geiſtliche Hülfe und Sacrament, und unterrichtete die Gebieterin über die Noth und Seg⸗ nungen der Geholfenen; auch die Herzogin liebte es, auf den Spaziergängen durch Dorf und Feld, in die Hütte der Noth einzutreten, oder unerkannt unter Schleier und einfacher Kleidung, nach den Stimmen zu hören, welche über Härte und Unbill des Herzogs und ſeiner Amtleute klagten, da es nicht ſelten vorkam, daß der Vogt in die Wohnung der Steuerpflichtigen eindrang und ihnen an Vieh und anderem Eigenthum pfändete, was ſie an Arbeit, Feldfrucht und Zehnten nicht zu leiſten vermochten. Hier ließ ſie heimlich das Genommene erſetzen und ein ſolcher Fall war es geweſen, wo Otto von ſeinem Vogte über der Herzogin Einmiſchung unter⸗ richtet, zum erſten Male die zornige Heftigkeit gegen ſeine junge Gemahlin, eben zur Zeit ihrer Mutterhoffnung, rückſichtslos hatte walten laſſen.— Auch heute verließ Henricus das Gemach Margare⸗ thens mit mancherlei Spenden und Aufträgen für Noth⸗ leidende. In dem Saale ſchäkerten noch die Ehrendamen mit den Pagen; eine derſelben mit rothem Haar und waſſerblauen Augen, ſah dem Mönche muthwillig nach und flüſterte, die Lippe ſpöttiſch aufwerfend:—„da bringt der alte Knecht Ruprecht wieder den heiligen Chriſt unter die Leute!“— Nicht wie gewöhnlich entfernte ſich der — 203— alte Mann aus der Burg, um ſofort Thränen, Schmerz und Hunger zu ſtillen;— ſeine Gedanken weilten noch bei der frommen Geberin, die ihm heute wie eine Hülfs⸗ bedürftige erſchien, die ſeine vorzüglichſte Theilnahme in Anſpruch nahm. In ſeinem Kopfe kreuzten ſich helle und dunkle Vorſtellungen; das in der Burg verheimlichte Mädchen beunruhigte ihn jetzt, in dem friſchen Eindrucke der argloſen, von edelſter Hingebung an ihre Gattin⸗ pflichten beſeelten Margaretha, quälender als zuvor;— das furchtbarſte, demüthigendſte Unglück für ſie wäre die ſinnliche Neigung des Herzogs zu einem Mädchen gewe⸗ ſen, deſſen gewaltſame Entehrung noch obenein ein Fluch für den Herrn des Landes und ein gefährliches Beiſpiel für Andere werden mußte. Die Treue war noch der einzige edle Faden, an dem Henricus den Gatten an die Gattin gefeſſelt glaubte. Des Geiſtlichen Gefühle gegen den Herzog waren in Wirklichkeit weit düſterer, als er der frommen Frau jemals hätte verrathen mögen, um nicht die Wolken ſeiner eigenen Bruſt in Margarethens Seelen⸗ himmel zu treiben— Mit gedankenſchwerem Gange war er in ſeine Zelle getreten. Hier ſetzte er ſich an den Tiſch, ſtützte das überfüllte weiße Haupt und grübelte; ein unbewußtes Lächeln, das ſeine umwölkte Miene etwas klärte, war der äußere Widerſchein eines Phantaſiebildes, das er in ſich zurückgerufen hatte; er ſah Margaretha, einer Madonna gleich, mit dem Kinde auf dem Schooße; ſein Gefühl war zu bewegt, um nicht in der Stimme einen leiſen Wiederhall ſeiner Gedanken anzuregen.—„O!“— ſprach er—„o, wie glücklich iſt ſie in dem Kinde!— — 204— Wie ihre Liebe ſich zur Selbſtqual ſteigert und ihre Sinne ſchärft, im Kindesauge ein Wölkchen zu entdecken, das etwa den Himmel ihrer Liebe überziehen und des Sohnes Lebensſonne verdunkeln könnte; barmherziger Gott, behüte das Kind und ſein offnes Augenlicht!— Es iſt wahr, es ſchien mir einmal ſo, als ſchwämme in dem einen Auge ein Tröpfchen, aber wer vermag das zarte Gebilde, das nur des Himmels Licht berühren darf, mit rohen Händen und Stoffen anzutaſten?— Blind— blind— ein Fürſt blind?— unglückliches Land Oberwald— noch unglücklichere Mutter!—— Ich darf es nicht denken!— Aber iſt ſein anderes Auge nicht hell und ſonnig glänzend? Iſt's nicht beſſer als Mann und Landesherr dereinſt Otto Cocles, als Otto Malus zu heißen? Fort, Phantaſie, wohin treibt mich dein aufgeſcheuchter, nach einem rettenden Halme ſuchen⸗ der Flug?“— Der Mönch war, von ſeiner eigenen Gedankenaus⸗ ſchweifung erſchreckend, vom Stuhle aufgefahren. Unru⸗ hig blickte er in dem Spitzgewölbe ſeiner Zelle umher, als würde ihm der Raum für die bewegte Fluth ſeiner bewegten Seele zu eng; Sorgen und Befürchtung ließen ihn nicht, wie zu anderer Zeit, mit freudigem Sinne den Weg in die Hütten der nothleidenden Leute antreten. Ein dunkler Drang trieb ihn in denjenigen Theil der Burg, wo der Herzog reſidirte, und mit ſcheuem Schritte, als befinde er ſich auf die Fährte böſer Geiſter, lenkte er in den Corridor ein, der zu den Gemächern unter der Warte führte. Er wußte, daß ſich an dieſe entlege⸗ nen Räume, in denen der Herzog zuweilen einſame Sieſta — 205— hielt, um vom wilden Treiben des Tages zu ruhen, oder den Rauſch nach fröhlichem Gelage auszuſchlafen, eine Sage im Munde der Leute knüpfte, die das Ohr der jungen Herzogin mied und ſich vor ihrem ſanften Auge ſchämte. Henricus hatte erfahren, daß Otto als Prinz in dieſem Theile der Burg, mit Hülfe des Knappen Sperber, ſeinem feurigen Temperamente ſinnliche Opfer gebracht, Weiber hier gefangen gehalten und nach abge⸗ kühlter Leidenſchaft in ein ſtilles, ehrloſes Leben entlaſſen habe; es war dem Mönche nicht unbekannt geblieben, daß zur Zeit, als der Herzog die Regierung antrat und um Margarethen's Hand freiete, in dieſen Gemächern unter der Warte eine Jungfer Worſtenacker gewohnt habe, die einer Jungfer von Linden hatte Platz machen müſſen und Beide Söhne geboren hatten, die der Herzog als ſein Blut anerkannt und zu ſeinen Knappen zu machen verheißen habe, um ein im ſinnlichen Rauſche gegebenes Gelübde nicht auf ſeiner ſtolzen Fürſtenehre unerfüllt haften zu laſſen; Henricus hatte ſagen hören, daß der Herzog auf vieler ſchöner Weiber Blüthe lüſtern geweſen und ſchnell ſeine Leidenſchaft abgekühlt ſei, wenn das Muttergefühl ſeines Opfers ihn an die gebrochene Blüthe ſeiner Luſt gemahnt habe. Und was das ganze Land wußte, war bis zur Stunde nicht in die reine, ſittliche Welt der jungen Herzogin eingedrungen, ſelbſt der ro⸗ heſte Mund hatte eine Scheu empfunden, vor dem Ohre der edlen Frau Thatſachen dieſer Art anzudeuten, ſelbſt wenn er ſich anderswo ergötzlich darüber ausgeſprochen oder ſelbſt das Geſchehene gut geheißen hätte... Unter ſolchen Umſtänden war es nicht zu verwundern, daß — 206— Henricus, der treue Freund ſeiner Herzogin, und der ſorgſamſte, empfindlichſte Hüter ihrer reinen Gemüths⸗ welt, nicht nur ſtille Vorwürfe gegen den Herzog in ſich verbarg, ſondern bei der heutigen Nachricht von der myſteriöſen Einſperrung eines geraubten, ſchönen Bürger⸗ mädchens und dem Benehmen des alten Sperber, von dem mißtrauiſchen und aufregenden Gedanken gequält wurde, daß die Scene im Gemache unter der Warte ſich wiederholen, des Herzogs Sinn und Pflicht von ſeiner Gemahlin ſündlich abgelenkt, das Herz derſelben gekränkt, ihre Ehre vor der Welt geſchmäht und die Leidenſchaften des Herzogs neues Unheil herbeiführen könnten.— Vor⸗ zubeugen wo möglich zu retten, das war des Mönchs unruhigſter Gedanke, der ihn auch jetzt mit rathloſem Blicke in dieſe Gegend des Schloſſes trieb, und um ſo kühnere Pläne erſinnen ließ, je weniger er über ſein Thun ſelbſt klar war. Niemand begegnete ihm hier; er horchte an der ver⸗ ſchloſſenen Thür, kein Laut von jenſeits drang in ſein geſpanntes Ohr; er wagte zu rufen, aber keine Antwort erfolgte. Das beruhigte ihn etwas, er ſuchte ſich zu über⸗ reden, daß das Mädchen fortgeſchafft, vielleicht von Sper⸗ ber, auf des Herzogs Geheiß, auf heimlichen Wegen dem Groner Vogte überliefert ſei, da deſſen ſchneller Aufbruch von der Burg nur ein verſtelltes Spiel mit dem Herzoge geweſen ſein könnte.— So ging er denn, dieſen Vor⸗ ſtellungen ſich hingebend, aus der Burg, um der Herzo⸗ gin barmherzige Spenden zu beſorgen. Im Dorfe ſuchte er aber noch einmal den Bruder Martinus aus Göttin⸗ gen auf, den er beſchäftigt fand, eines Bauern Söhnchen — 207— Gebete zu lehren; ſie gingen eine Strecke mit einander.— „Haſt Du nichts weiter von dem Mädchen erfahren?“— fragte Henricus,—„in der Burg iſt ſie wol nicht mehr, wenn nicht im Verließ“—— —„Doch— ſie muß drinnen ſein“— antwortete Martinnus—„die Bauern haben den Vogt mit wilder Miene die Straße nach Grone im Galopp reiten ſehen und ich bin um die Burg viele Male gegangen, aber nichts bemerkt, was einer heimlichen Fortbringung ähn⸗ lich war.“— Als Henricus in das feſte Schloß zurückgekehrt war, ließ er ſich in ſeine Zelle nieder, um ſein Gebet zu ver⸗ richten; er hatte ſeine Hände um den Geißelſtrick ſeines Gürtels gefaltet, deſſen Knoten das Paternoſter erſetzten, und das Geſicht vor dem Kruzifix auf die Hände nieder⸗ gebeugt. Er hörte nicht wie eine zögernde Hand die Thür ſeiner Zelle öffnete, ein weißbärtiges, verdrießliches Geſicht die lauſchenden Augen auf ihn richtete und das Ende des Gebetes abzuwarten ſchien; die Hände des Harrenden ſuchten ſich zögernd, um ſich gleichfalls zu falten, die kleinen, verſchmitzten Augen blieben ſcheu auf dem Todtenkopfe und Stundenglaſe haften, die auf dem Tiſche vor dem Betenden ſtanden, und wo ein Lichtſtrahl, durch die rothglaſige Scheibe des Fenſtergemäldes fallend, die Knochenwangen des Schädels mit einem Scheine des rothen Lebens unheimlich beleuchtete.— —„Pater“— flüſterte nach einiger Zeit eine ſcheue Stimme—„ich möchte mit Euch reden.“— Henricus richtete die blaßblauen Augen auf und ſtutzte; ſeine Miene erhielt den helleren Ausdruck einer freudigen — 208— Erregung; ein dankbarer Blick nach Oben, ein ſanfter, ermuthigender Blick in das ungewiſſe Auge des Einge— tretenen, das Entgegenſtrecken der Hände, um ihn zu empfangen, die weiche, herzliche Frage:—„In Gottes Namen heiße ich Euch willkommen!“ zeugten davon, daß Henricus in ſeiner innerſten Seele dachte:—„das iſt Gottes Werk— der Herr ſei gelobt!“— —„Pater“— fuhr der weißbärtige Alte fort, deſſen ſonſt heiteres, liſtiges Geſicht von unruhigen, zerſtreuten Zügen beherrſcht war und deſſen Blick dem Auge des Mönchs mit einem erzwungenen Trotze Stand zu halten ſuchte und doch ſcheu abwich—„ Ihr habt mich heute mit ſeltſamen Worten an mein Alter gemahnt— habt Ihr vielleicht üble Ahnungen?“— —„Wenn das Haar weiß, und der Leib dem Willen und der Lebensgewohnheit ungetreu geworden iſt, dann, Sperber, dann mahnt jede Stunde, jede That, die wir begehen, an das Gericht, das der Herr über Leben und Tod halten wird. Wohl dem, der ruhig ſterben kann und für ſeiner Sünden Buße des Himmels Vergebung empfing.“— —„Warum ſagt Ihr mir das? Es hat meinen Sinn beſchäftigt, daß Ihr mir vorgehalten habt, wie Herren⸗ gunſt nur des Dieners Leib und Kraft verbraucht und nichts nach der Seele frägt. Als ich noch Pferd und Schwert führen konnte, war ich einer der Erſten bei dem Herzoge— jetzt bin ich alt und ſchwach und es gelüſtet ihm, mich dem Teufel zu geben. Was haltet Ihr davon, daß ich des Herzogs Fiſchhüter werden ſoll?“— —„Wenn das der Lohn Eurer Dienſte iſt Sperber, —— — 209— dann habt Ihr den rechten Lohn zu erwarten;— wer ohne Gott lebte, von dem freſſen die Aale und Hechte am Liebſten.“— Der Knappe fuhr ſich mit der ſchwieligen Hand über das Geſicht, blinzelte ſcheu nach dem Todtenkopfe, der eben ſtärker in dem rothen Scheine des Lebens glühte, und ſuchte vorſichtigen Blickes dem ſanft aber ernſt be⸗ herrſchenden Auge des Geiſtlichen zu begegnen.—— „Ja, der Teich“— murmelte er,— der böſe Teich for⸗ dert alle Jahr einen Menſchen.— Ich weiß, den Kno⸗ chenkopf, den Ihr da ſtehen habt, hat vor zwei Jahren der Fiſchmeiſter aus dem Teiche aufgefiſcht, und er iſt neulich ſelber darin umgekommen.— Was denkt Ihr davon, Pater?“— —„Wer mit Gott geht, und in Gottes Namen Her⸗ rendienſte verrichtet, an dem hat böſe Macht keine Ge⸗ walt; es wäre gewiß Eure ſchlimmſte Arbeit nicht, Fiſche zu fangen. Wehe aber dem Menſchen, der die Unſchuld und Ehre gefangen und verborgen hält, um ſie ſeines Herrn ſündiger Begier bereit zu halten. Des Himmels Zornſtrahl wird ihn treffen, wo er es am Wenigſten erwartet.“— —„Ihr habt ſonderliche Kenntniſſe vom Himmel, von der Menſchen Krankheiten, von mancherlei Geheim⸗ niſſen— ſagt mir, lauert etwa der Tod auf meinem Wege? Es iſt mir ſeltſam zu Muthe, wie noch nie.“— Henricus blickte den Knappen ſo ſtreng und durch⸗ dringend an, daß ſein ſanfter, blauer Augenglanz unge⸗ wöhnlich vor dem Funken erbleichte, den ſeine Seele ſte⸗ chend in den fragenden und ſcheuen Blick des Knappen Maltitz, Herzog. I. 14 * — 210— bohrte; er ſchwieg, ſeine Lippen drückten ſich feſt zuſam⸗ men als zwängen ſie das Wort, welches hervorbrechen wollte zum Schweigen; er wendete ſich um und blickte ſinnend auf die Gegenſtände ſeines Tiſches. —„Sagt, ſagt, was iſt's?“ rief der greiſe Knappe, beſtürzt und unbewußt die Hände faltend. Henricus kämpfte mit ſeiner Ueberzeugung und Wahr⸗ heitsliebe; nie hatte er in ſeinem geiſtlichen Berufe das Gewiſſen Anderer durch Vorſpiegelung, ängſtigende Dro⸗ hungen oder faſche Angaben zur Unterwerfung gezwun⸗ gen. Was ſollte er beginnen? Hier galt es, einen ver⸗ ſtockten Sünder zum Bekenntniß zu bringen, hier galt es die Ruhe, Ehre und Zukunft ſeiner angebeteten Her⸗ zogin— hier hatte Gott ſelbſt den Mann getrieben, an ſein Seelenheil zu denken, und noch rang der ängſtlich nach Abſolution Verlangende mit den Feſſeln der Schaam und Klugheit, welche ſeine reuige Beichte in der Noth des angeregten Gewiſſens nicht zum freiwilligen Erguſſe kommen laſſen wollten. Henricus richtete ſich auf; ſeine Miene verrieth, daß er einen Entſchluß gefaßt hatte. —„Was nennt Ihr Leben und Tod?“— begann er.—„Seht dieſen Schädel;— der Lichtſtrahl, welcher vom rothen Glaſe des Fenſters die Farbe des friſchen Blutes geborgt hat, bemalt dieſe grauen Knochenbacken mit dem Scheine des Lebens, als glühe Leidenſchaft im Gehirn oder Schaam im Herzen;— ſo kleidet auch das Leben unſeren Schädel mit verweslichem rothen Fleiſche im Lichte des Tages, es gähren Gelüſte, Pläne, Leiden⸗ ſchaft und Schmerz in dem Hirn, und treiben Feuer und —— — 211— Froſt auf das Antlitz— aber all unſer Wollen und Thun iſt nur eines Lichtſtrahls Dauer gegen die Ewig⸗ keit, wo wir entkleidet von Blut und verweslicher Hülſe, den inneren Menſchen vor Gericht ſtellen. Seht! ein Ruck macht dieſen Schädel erbleichen zu dem, was er iſt, ein leiſer Stoß von Gottes Hand, wirft uns plötzlich aus dem rothen Scheine dieſes Lebens in die graue Starr⸗ heit des Todes.“— Henricus hatte den Schädel aus dem farbigen Lichtſtrahle gerückt und dieſer, von einem blauen Scheine des Fenſters getroffen, ſtierte aus weiten Höhlen und in unheimlicher Färbung den Knappen an. Dieſer hatte eine weinerlich grinſende Miene erhalten, die ſtruppigen weißen Brauen hoch aufgezogen, das Auge gläſern und nachdrücklich auf den Schädel geheftet;— unwillkürlich fuhr er ſich mit der Hand zu Kopfe und rieb ſich das Genick, als fühle er hier eine verſengende Berührung. Als er den vorſichtigen Blick auf Henricus gleiten ließ, ſchien er ſich vor dem ſtrengen, mitleidigen Auge deſſelben ſeines Kleinmuthes zu ſchämen, er zwang ſich, ſeine liſtige Freundlichkeit auf das Geſicht zu ban⸗ nen und ſprach:—„Habe ſchon viele Male todte Men⸗ ſchenköpfe hart und lachend angeſchauet, auch Manchen vor Jahren für immer aus Sattel und Rüſtung gejagt; — es iſt ſonderbar, daß der Knochenkopf dort ein ſo un⸗ heimlich Weſen in mir aufrührt, als ſchaueten mich die verweſten Geſichter aller meiner Feinde an.“— —„Laßt es Euch eine Mahnung ſein— Ihr habt die längſte Zeit gelebt, auf Euren Fußtapfen ſchleicht der Tod und hinter Euch lauert der Teufel. Ihr habt das Beten verlernt, die Knie ſind nicht gewohnt, ſich vor 14 — — 212— dem Altare Gottes zu beugen, die Schuld vieler Jahre hat kein Sacrament geſühnt;— wo iſt Euer Opfer, Eure Reue, wenn der Herr Euch zu Gericht ruft?“ Entſetz⸗ lich ſind die Qualen der Verdammten!“— —„Ich will ein gutes Werk thun, Pater— leſet mir zehn Meſſen, die mich ein gut Stück leichter machen an Seele und Vermögen— ſeht hier, dieſes Goldkettchen, das ich einmal von einem Weibe erbeutete, das meiner Klinge zu nahe kam— ich will's Ench geben— ver⸗ richtet die Abſolution an mir.“— —„Eine reuige Beichte allein giebt dem guten Werke Bedeutung vor Gott.“— —„Dieſe vier Loth Silber gebe ich Euch Pater, für den guten Willen— ſie ſollen Euer ſein.“— —„Vermehrt nicht Eure Schuld, indem Ihr das prieſterliche Werkzeug Gottes verunreinigen wollt. Ar⸗ muth iſt meines Ordens Gelübde vor dem himmliſchen Vater und dem Stellvertreter Chriſti auf Erden;— nicht mir gebührt Euer Opfer; erſt thut Buße mit reuiger Seele, faſtet, peinigt Euren ſündigen Leib und martert das Gewiſſen, bekennet Eure Sünden und dann hänget das goldene Kettlein mit frommer Abſicht zur Rechtfer⸗ tigung an das Kreuz des Heilands in unſerer Kapelle und betet inbrünſtig dabei für Eure Vergebung und auch für Euren Herrn, daß Gott ihm die Dienſte, die Ihr ihm habt leiſten müſſen, verzeihe;— dann ſpendet dieſe vier Loth Silber unter die Armen, daß ihr Dank mit in die Wage Eurer Sühne falle. Euer weißes Haar macht mich grauen— am Rande des Fegfeuers erbebt Euer Gewiſſen und doch habt Ihr nicht den Muth, den lan⸗ — 213— gen Weg zurück zu ſchauen, auf dem Ihr gewandelt ſeid in Feindſchaft mit Gott. Dreimal ſeliger iſt Der, welcher in den braunen Locken und rothen Wangen der Jugend hinſtirbt, als grau und alt zu werden in verſtockter Miſſethat.“— —„Ich will thun, was mir Noth iſt— ich bekenne meine Sünden— abſolvirt mich, leget die Hand auf mein Haupt, damit es ruhig darin wird.“— Henricus, welcher die Hand bei ſeinen Worten aus⸗ geſtreckt hatte, zog dieſelbe zurück, als Sperber ſich unter ſie niederbeugen wollte.—„Wollt Ihr des Allmächtigen ſpotten?“— rief er unwillig.—„Wollt Ihr dem All⸗ wiſſenden ein unreines Gemüth ſtatt wahrhaftiger Reue bieten? Gott blickt in die geheimſten Falten und Schlupf⸗ winkel Eurer Seele und jede heuchleriſche oder liſtige Re⸗ gung iſt eine neue Schuld vor ihm. Er fordert Eure Beichte nicht, um von Euch Geheimes zu erfahren, er kennt Eure Sünden, Gedanken und was Ihr künftig thun werdet, aber die aufrichtige Beichte iſt ihm ein Zei⸗ chen der Reue und eine Bedingung ſeiner Verzeihung.“— —„Pater, gelobt mir, daß kein Wörtlein über Eure Lippen gegen eines Sterblichen Ohr kommen ſoll— dann will ich beichten und die Abſolution verdienen.“— —„Heilig iſt das Geheimniß der Beichte, das habe ich als Prieſter bei der Salbung geſchworen; das helfe mir Gott!“— Sperber ſchien mit ſich zu Rathe zu gehen; wehmü⸗ thige und mürriſche Züge durchkreuzten ſein Geſicht; er betrachtete den Mönch bald mißtrauiſch, bald bittend.— „Noch eins,“— ſagte er zögernd und vorſichtig—„wenn — 214— ich Sünde beging, ſo that ich ſie für meinen Herzog— Bedenkt das wohl Pater.“— —„ZJeder hat für ſein eigenes Seelenheil zu ſor⸗ gen“— verſetzte Henricus;— die Tugenden und from⸗ men Werke der Herzogin möge Gott auch dem Gemahl anrechnen.“ Sperber blinzelte von unten auf— dann ſah er ſcheu nach der Thür und ſprach ſchwach:—„Ich empfehle meine Seele Gott dem Herrn— ich will beichten!“— Ein Strahl leuchtender Freude flog über des Mönchs Geſicht; er ſetzte ſich nieder, ſchob die Kniebank, die un⸗ ter dem Tiſche ſtand, vor ſich und lud mit ausgeſtreckten Armen und milden, ernſten Blicken den Knappen ein, näher zu kommen. Verſchließen wir unſer Auge und Ohr, um das Ge⸗ heimniß der Beichte nicht zu belauſcheu und die in plötz⸗ lich erregter Gewiſſensnoth aufthauende Seele eines Grei⸗ ſes und weltlichen Knechtes gegen einen greiſen Diener der Kirche ausſtrömen zu laſſen.— Eine halbe Stunde war verſtrichen; die feierlichen Worte des Mönchs:„Ich abſolvire Dich im Namen Gottes, welcher kommen wird, zu richten die Lebendigen und Todten!“— verhallten in der ſtillen Zelle; die Thür wurde bald darauf geöffnet, Sperber, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen und unſicherem Schritte, trat heraus, ſchlich den Gang hinunter und verlor ſich in der Gegend der Kapelle. Henricus ſchritt erregt durch ſeine Zelle. Die blaſſen Wangen waren leicht geröthet, die Hände auf der Bruſt gefaltet, das Haupt geſenkt, die Augen ſuchten unruhig — 215— am Boden einen feſten Punkt. So ſchritt er mehre Mi⸗ nuten durch den engen Raum.— Jetzt hob er die Hände mit dem ſchmerzlich bewegten Antlitze empor und ein ſtilles Gebet ſtieg aus der übervollen Bruſt zum Unſicht⸗ baren. Nach und nach klangen Gefühle und Gedanken in einzelnen und zuſammenhängenden Worten von ſeinen Lippen.—„Gott! welche Thränen und Flüche bezeichnen den Lebensweg dieſes Dieners, welche Verhöhnung von Recht und Sitte den ſtürmiſchen Schritt eines gewaltigen Herrn! Unglückſelige Margarethe! Was wird dein Loos ſein! Hat Gott mit Fürſten eine gnädigere Nachſicht, als mit gewöhnlichen Menſchen? Er hat auch dieſen Otto begnadigt, daß er ihm eine Heilige beigeſellte, deren fromme Werke ſegensreicher ſind, als ſie ſelbſt zu ihrer Heiligung bedarf, und die ſie Gott anheimſtellt, um ſie dem Gatten wie Himmelsblumen der Sühne und des Friedens in ſeine letzte Stunde zu ſtreuen! O! was habe ich erfahren müſſen aus dieſes ſchuldbeladenen Knech⸗ tes Bekenntniß! Was könnte ein Fürſt ſeinem Lande ſein, wenn er in Gottes Gnaden Herr ſein wollte! Sie rühmen ſich, vom Himmel die Gewalt zu haben und trei⸗ ben übermüthig der Hölle zu! Unglückliche Margarethe!“— Henricus war aus ſeiner betenden Haltung allmählig in die eines rathlos Sinnenden zurückgeſunken. Die Hände unter das niedergebeugte Geſicht gedrückt, fuhr er plötz⸗ lich aus ſtummer, unbeweglicher Betrachtung ſchreckhaft auf und ſetzte ſeinen Gang durch die Zelle fort.—„Wie helfe ich, ohne das Beichtgeheimniß zu verrathen?“— flüſterte ſein Mund kaum hörbar;—„ein neues Opfer der gemeinen Luſt ringt in dieſem Augenblicke mit dem — 216— Gedanken ſeines Verderbens— auf Untreue ſinnt der Herzog, während die edle Frau im Anblicke ſeines Kin⸗ des ſich ſonnt und für den Gatten Gebete auf den Lippen trägt! Margarethe! Du weinſt über des Gatten Unge⸗ rechtigkeit gegen die Welt— weine, weine über deine Schmach, die er deinem Herzen, deinem heiligſten Frauen⸗ rechte, deinem Sohne anthut.— Nein— nein, du darfſt es nicht erfahren, die böſe Abſicht darf nicht zur That werden!— Gott, heiliger Gott! Erleuchte mein ſchmerz⸗ haftes Hirn, daß es mir einen lichten Gedanken gebiert!“— Der Nachmittag ging hin, die Dämmerung lagerte ſich mit grauen Nebeln über die Berge, der weſtliche Himmel erblich mehr und mehr in trüben, gelblichen Streifen des Horizontes; Margarethe war nach der Ta⸗ fel, die ſie mit ihren Damen und dem ſchweigſamen Beichtvater gehalten hatte, in einem Wagen nach dem benachbarten Kloſter Nicolausberg gefahren, um hier dem Altare zu opfern, da jenes Kloſter in großem Rufe ſtand und von Nähe und Ferne viele Wallfahrer dorthin pilgerten. Hier hatte ſie für das Heil ihres Sohnes, deſſen Augenlicht ihrer zarten, leicht empfänglichen Mut⸗ terliebe ſeit geſtern beunruhigende Sorge machte, reiche Geſchenke an das Kloſter geſpendet und ihrer Gegenwart zu Ehren war vom Vorſtande eine feierliche Meſſe ver⸗ anſtaltet, die der Herzogin Rückkehr bis zur Vesperzeit verzögerte.— Henricus, der ſie ſonſt bei ihren Wall⸗ fahrten nach Nicolausberg oder Kloſter Wehnde zu be⸗ gleiten pflegte, hatte heute einen Vorwand geſucht heim zu bleiben; er vermochte bei ſeiner inneren Unruhe, die ihn antrieb, eine verbrecheriſche That zu überwachen und — 217— zu vereiteln, nicht die Burg zu verlaſſen, er war zum Aeußerſten entſchloſſen und lag mit gereizten Sinnen auf der Lauer, um nach des Herzogs Rückkehr und den Vor⸗ gängen in jenem Theile der Burg zu ſpähen. Neben der Warte befand ſich eine offene Gallerie, zu welcher der Eingang im Thurme ſelbſt auf einer Schneckentreppe führte— hier kauerte der alte Mann trotz des rauhen Januarwindes, der von den Bergen herüber ſtrich und die hohen Burgmauern umpfiff, hinter einem Pfeiler des Spitzgewölbes;— Raben und Falken unkkeiſeten die Warte, aus deren oberer Oeffnung von Zeit zu Zeit der wachthabende Reiſige lugte, um die Straße zu beobachten. Dämmerung machte bereits die Gegenſtände der Um⸗ gegend unkenntlicher, als Pferdehufſchlag auf der vom Walde begrenzten Landſtraße erſcholl— es konnte die Herzogin nicht ſein mit ihrer Begleitung von berittenen Reiſigen— ſo raſch und im Galopp pflegte der Herzog zu reiten;— ein Horn ertönte von Ferne, ein anderes antwortete von der Burg— die Zugbrücke raſſelte nie⸗ der, der Herzog ſprengte herein. Henricus erkannte von ſeiner Gallerie aus nur flüchtig die ſchnellen Reiter auf dämmerndem Grunde und unter dem blattloſem Zweig⸗ werke der Eichen und Linden, welche die Burg umſtan⸗ den;— mit klopfendem Herzen eilte er in die dunkeln Corridore, welche von der Warte zu des Fürſten Gemä⸗ chern führten; ein Rachegeiſt für dieſen, ein Engel für deſſen aufgeſpartes Opfer, kämpfte er mit Entſchlüſſen und Bedenken. Plöͤtzlich fiel ein Lichtſtrahl am Ende des Bogenganges von unten herauf gegen Pfeiler und Ge⸗ wölbe; der alte Sperber mit einer Wachsfackel in der — 218— Hand, tauchte auf der Wendeltreppe empor, der Herzog, ein Reiterlied trällernd, die Reitgerte auf die hohen Le⸗ derſtiefel ſchlagend, folgte ihm; Henricus barg ſich in eine Mauervertiefung, worin eine lebensgroße Puppe in voller Eiſenrüſtung, mit gewaltigem Kampfſchwerte und geſchloſſenem Viſir aufgeſtellt war, wie deren mehre auf den bedeckten Gallerien ſich befanden, um alte Rüſtungen, die in der Rüſtkammer nicht mehr Platz fanden, noch zur Ausſchmückung der Wände zu benutzen. Der Herzog ſchritt näher, der Schein der Wachsfackel erleuchtete ſein Geſicht, welches geröthet, muthwillig keck ausſah und deſſen Augen ſtark glänzten; hinter ihm folgte ein Edel⸗ knappe. Sperber ging gebückt und ſchnell als ſei er be⸗ müht, dem feſten und klirrenden Schritte und den pfei⸗ fenden Gertenhieben des Herrn vorauszukommen. Plötz⸗ lich blieb der Herzog ſtehen, um mit ſeinem Edelknappen zu reden; Sperber bemerkte das nicht und eilte mit der Wachsfackel weiter.. —„Sieh' Einer den alten, abſtrapazirten Kerl!“— rief der Herzog—„nicht einmal zum Leuchter taugt er mehr; er wird ſteif in meinem bequemen Stalle! Licht her! Mache Dich fertig alter Bär, daß Du mein ritter⸗ liches Wort nicht zu Schanden machſt; ſattle den ſteifen Rothbraunen; der Mond geht auf, wenn meine Ritter nach Hauſe kommen, ſollſt Du drei Male durch den Teich reiten, daß es was zu Lachen giebt!“— Sperber, der bei des Herzogs erſtem Rufe ſchnell zu⸗ rückgekommen war, hörte mit Entſetzen in Miene und Geberde deſſen luſtig betonte Worte an, hob die Wachs⸗ fackel höher, um des Herzogs Geſicht zu prüfen, warf — 219— ſich dann auf die Knie vor ihm nieder, faltete die Hände um den Fackelſtock und flehte:—„Erbarmen, Herr, Er⸗ barmen mit meinem Alter;— habe ich's doch nicht ver⸗ ſchuldet, ſind doch meine Glieder ſteif in Eurem treuen Dienſte geworden— gönnet mir, daß ich Euch meine letzten Tage, wie's Gott gefällt, zu friedlicher Arbeit ſchenke!— Der Herzog, der ſichtlich einen Anflug von Wein⸗ rauſch hatte, lachte laut auf, ſchlug dem Alten mit der Reitpeitſche über die Schulter und rief:— Auf, alter Finkenhabicht!“— Und zum Edelknappen gekehrt, fuhr er fort:—„Schau, Hermann, wie der frühere Stoß⸗ falke ſo ſchnell eine feige Memme geworden iſt! Der Teufel hole die Feiglinge; dieſer war mein beſter Knappe und es ärgert mich ſein weißer Bart und ſteifer Rücken! — Vorwärts, Sperber— ich will's erproben, was Du mir an friedlicher Arbeit zu leiſten vermagſt!“— Henricus hatte mit traurigem Herzen dieſe Zwiſchen⸗ ſcene belauſcht;— der halbberauſchte Zuſtand des Her⸗ zogs, der ſeine luſtige Laune nur zu leicht auf ſchlimme, übermüthige Dinge lenkte, erfüllte Henrieus mit Sorge für das Loos des eingeſperrten Mädchens. Der Herzog ſchritt in ſeine Gemächer. Sperber zün⸗ dete hier die bereit ſtehenden Wachskerzen auf zwei Arm⸗ leuchtern an und der Edelknappe gürtete dem Herrn, wel⸗ cher Reitgerte, Handſchuhe und Federhut auf einen Tiſch ſchleuderte, den Degen ab und empfing das kleine Jagd⸗ horn, das der Herzog an ſilberner Schnur trug und von ſich nahm.—„Ich will eine Stunde allein ſein“— ſagte Otto zum Edelknappen Hermann;—„wenn die —.220— Ritter eintreffen ſollten, ſo melde ihnen, daß ich Sieſta hielte— zum Nachtgelag will ich ſie wieder um mich ſammeln.“— Der Edelknappe entfernte ſich. Als er eine Strecke auf dem Vorgange fortgeſchritten war, trat ein junger Page zu ihm.—„Was heißt's, daß der Herzog allein heimgekehrt iſt?“— fragte dieſer.—„Sendet Dich etwa die Herzogin?“— erwiderte Hermann mit ſpöttiſcher Betonung.—„Nein, ſie iſt nach Nicolausberg gefahren.“—— Der Edelknappe fuhr fort:—„Wir kehrten bei dem Ritter Johann auf Gladebeck ein und dieſer machte die Fuchshetze bei guter Zeche vergeſſen. Auf einmal forderte der Herzog, allein aufzubrechen, da er bis zum Nachtmahle ſchlafen wolle; wir ſind nach Harſte geſprengt, als ſäße der Teufel oder ſeine wilde Jagd hin⸗ ter uns. Sag' mir Kurd, iſt Deine Schweſter mit der Herzogin?“— Der Page lächelte.—„Nun, Milchbart, willſt Du nicht antworten?“— Kurd nahm die ſcher⸗ zende Drohung, womit Hermann ihn angriff, munter auf, blinzelte ihn ſchelmiſch an, rang ſich aus des Stär⸗ keren Händen los und entfloh mit den Worten:—„Olga iſt in ihrem Gemache und ſpielt mit des Schwiecheldt Tochter Federball.“— Der Edelknappe folgte dahin, um, wie er oft that, die Abweſenheit der Herzogin und die Sieſta des Herrn zu nützen, um mit den Edelfräuleins zu ſcherzen. Der Herzog, welcher, bis auf den Dolch im Gürtel, von allem kriegeriſchen Geräthe entkleidet, den Edelknap⸗ pen fortgeſchickt hatte, blieb nach einigen geſpreizten Schrit⸗ ten durch ſein Gemach, wo das Kerzenlicht ſich mit dem Scheine des aufgehenden Mondes an den farbigen Fen⸗ — 221— ſtern austauſchte, plötzlich vor Sperber ſtehen, blickte ge⸗ mächlich ſpöttiſch, ſich mit der Hand im langen Barte wühlend, auf den Knappen nieder und rief, nach kurzem Anſehen:—„Zum Teufel, ſteh' nicht da, wie ein altes Weib, das um den Kupplerlohn feilſcht! Sieh nicht ſo unſicher, wie aus einem mürben Gewiſſen—— ich liebe feſten Blick und Stand!— Du ſollſt mir friedliche Dienſte leiſten, Alter“— fuhr er vertraulicher und milder fort; —„habe nur einmal prüfen wollen, ob Du's ehrlich mit mir meinſt, denn Deine Augeu ſind liſtig— alter Weihe!“ — Er zupfte hierbei Sperbers weißen Bart und dieſer bekam mit einem Male wieder verjüngtes Leben; ſeine Geſtalt hob ſich, ſeine Augen funkelten, wie ein Hund auf ſeines Herrn Befehl, lauernd den Herzog an; ſein Mund lächelte ſo ſeltſam, als ſpotte er ſelbſt über ſeinen Kleinmuth, der ihn in ungewöhnlicher Stimmung, von unfreiwilligen Betrachtungen und zudringlichen, geſpen⸗ ſtiſchen Schatten beherrſcht, zum Burggeiſtlichen getrie⸗ ben hatte. —„Höre, alter Junge“— nahm Otto in guter Weinlaune das Wort—„Du haſt mir ſchon gute, heim⸗ liche Dienſte geleiſtet, wie ich ſie von Neuem begehre und Deinem Alter angemeſſener finde, als nach Stall, Keller und Küche meine Befehle zu rapportiren.— Du ſollſt mir ein ſüßes Blümchen und meiner Sieſta Zeitvertreib hüten. Du ſollſt mir ein gefangenes Fiſchlein hüten und füttern, das ſei die gnädige Erfüllung meines im Zorn gegebenen Wortes. Iſt das ſchöne Mädchen geborgen und weiß Niemand im Schloſſe davon?“— Als Sperber ſcheu nach der Thür blinzelte, fuhr der —— —. 222— Herzog, ſchnell leidenſchaftlich, mit drohendem Tone fort: —„Ich ſchließe Dir Deine Lippen für immer, wenn ſie in des Alters Geſchwätzigkeit die gewohnte Verſchwiegen⸗ heit vergeſſen hätten!“ —„Herr!“— verſetzte Sperber keck—„wenn ich's beichten müßte, um ſelig zu werden, ich würde lieber ohne Abſolution ſterben.“— —„So pflege das Mädchen ſorgſam, wie Du es der Worſtenacker gethan haſt;— es ſoll Keiner im Lande ſich rühmen, eine ſchönere Blume gebrochen zu haben, als der Herzog;— wenn das Mädchen mir gefällt, ſollſt Du es heimlich Morgen früh nach dem Schloſſe Fried— land bringen;— die Hanſteiner haben dort einen adligen Hof und es ſoll heißen, daß ich dort zur Jagd bin. Du bleibſt in Friedland.— Jetzt aber halte Wache am Ein⸗ gange meiner Gemächer, bis ich wiederkehre; ſage, daß ich ruhe; Niemand ſoll mich ſtören, hörſt Du! Bei Dei⸗ nem weißen Barte!“— Er ergriff einen der ſilbernen Leuchter mit zwei Wachs⸗ kerzen, und ſchritt durch eine Seitenthür ab. Sperber ſah ihm nach, horchte ſo lange, als er den Sporntritt vernehmen konnte, dann verſchränkte er die Hände, ſenkte das Haupt und verblieb einige Zeit in dieſer Haltung; mit muthiger Keckheit blickte er auf.—„Poſſen!“ mur⸗ melte er—„ich habe ja Abſolution,— ſo lange ich lebe, iſt mir des Herzogs Gnade ſchwerwichtiger, als des Teufels Freundſchaft. Geht's mich an, was der Herr befiehlt?“— Sperber wußte, wohin der Herzog gegangen war. Durch eine Reihe von Gemächern führte deſſen Weg in — 223— ein Lokal, deſſen Thür von rothem Glaſe und mit einem ſpringenden goldenen Löwen geziert, in die kleine Ro⸗ tunde ſich öffnete, worin Gertrude ſich befand.— Als Sperber aus der herzoglichen Thür auf die bedeckte Gal⸗ lerie trat, um hier die Schwelle ſeines Herrn wie ein treuer Hund zu bewachen, prallte er zurück, denn die graue Geſtalt des Mönchs ſchwankte ihm entgegen, mehr beleuchtet vom Mondſcheine, als von der, an entfernter Wendeltreppe anfgeſteckten, im Zugwinde flackernden Wachsfackel. Als nämlich Henricus des Herzogs halbberauſchten Zuſtand erkannt und hinter dem gerüſteten Bilde die Scene mit Sperber belauſcht hatte, floh er rathlos in die Gegend des nach der Warte führenden Kreuzganges zu⸗ rück, aber hier trennten ihn Thür und Wand von dem Opfer, das er retten und zur Ehre und Ruhe der Her⸗ zogin aus den begierigen Krallen eines Geiers befreien wollte. Er ſchwankte.— In zunehmender Hülfloſigkeit ſchlich er in den Gallerien auf und nieder, um Sperber's Rückkehr zu erwarten. Eine Ewigkeit wurde ihm die Viertelſtunde. Es trat der Edelknappe Hermann von Hanſtein heraus; endlich nach faſt ebenſo langer Zeit er⸗ ſchien des Knappen Geſtalt.— Der Mönch eilte ge⸗ räuſchlos auf ihn zu, packte den Zurückprallenden am Arme und ſprach mit Haſt und Eindringlichkeit:—„Ich beſchwöre Euch bei Eurer reuigen Seele— wo iſt der Herzog?“— Der Knappe beſann ſich einen Augenblick, ſchien unſchlüſſig zu ſein und antwortetete:—„Der Herr will ſchlafen, der Ritt hat ihn ermüdet— aber was wollt Ihr denn?“— — 224— —„Gebt mir den Schlüſſel zu der äußern Thür, die von den Gemächern der Warte auf den freien Kreuz⸗ gang führt.“— Sperber ſah ihn verdutzt an; ſo weit es das Mond⸗ licht und der ſchwankende Schein der entfernten, wehenden Wachsfackel geſtattete, erkannte er die große Aufregung in des Mönchs ſonſt ruhiger und klarer Miene. Er faßte Mißtrauen und flüſterte ihm zu:—„Pater, Ihr geht mit ſchlimmen Gedanken um; was nicht Eures Amtes iſt, laßt hinter Euch liegen; wenn Ihr meiner Beichte Geheimniß verrathet, ſo iſt's mein letztes Stündlein, aber ich erwürge zuvor Euch.“— —„Ich kenne meine Pflicht, Schurke“— erwiderte Henricus, den Arm des Knappen, den er noch immer mit krampfhafter Hand gefaßt hielt, verächtlich wegſtoßend. —„Fahret zur Hölle— es iſt eines Engels Frieden und eines Mädchens Ehre tauſend ſolcher Opfer werth, wie Ihr ſeid!“— Hiermit ſtürzte Henricus davon. Sperber ſtarrte ihm nach— er wäre ihm gerne nachge⸗ laufen, aber der Befehl des Herzogs bannte ſeine hün⸗ diſche Natur an die Schwelle, um den Eingang zum heimlichen Schauplatze der Sünde zu bewachen. Als ob der Himmel ſeine mahnenden Engel, die Hölle ihre lockenden Geſtalten des Böſen ausgeſandt habe, um die Seele des Alten zu gewinnen, ſo tauchten in ihm wider⸗ ſtreitende Gefühle, Beklommenheit, Hohn, Trotz und endlich die beſchwichtigende, ſtumpfe Gewiſſenloſigkeit des ſeinem Herrn unterthänigen Knechtes auf. Henricus war in Verzweiflung— das reine, tugend⸗ hafte Bild der Herzogin ſtand madonnengleich vor ſeiner — 225— Seele, es war ihm zu Muthe, als würde eine Heilige an ihrer Würde und Hoheit freventlich geſchändet und er mußte unthätig es geſchehen laſſen. In ſeiner dunk⸗ len Zelle warf er ſich auf die Kniee, um Gott anzuflehen, in dieſer Zeit ſeines inbrünſtigen Gebetes keine Schmach über der Herzogin reines Herz und weltliche Ehre kom⸗ men zu laſſen, über ſie, die in dieſem Augenblicke vielleicht am Altare zu Nicolausberg für des Gemahls Heil opfere.— Die Unruhe ſchreckte den Betenden auf, er glaubte einen Schrei zu hören— er eilte hinaus in die Gegend der Treppe.— Wie auf eine vom Himmel ge⸗ ſandte Erſcheinung ſtarrte er die Stufen hinab auf das Bild des Friedens und der Tugend, das ſeine unſtäten Augen plötzlich feſſelte.—„Gott hat mein Gebet erhöret und will es ſo,“— klang es in ſeiner unruhigen Seele —„da ſendet er den Engel, den ich erflehte!“— Unten an der Treppe erſchien ein blau und weißgekleideter Page, eine Wachsfackel tragend,— hinter ihm Margarethe, im einfachen weißen Gewande, einen langen, bis zu den Füßen reichenden Schleier vom edlen, ſchönen Antlitze zurückſchlagend und aus großem, reinen Blicke den Frieden der Frömmigkeit ſtrahlend. Sie ſtieg langſam die Stufen herauf, ihr folgte die ihr vertraute Geſpielin ihrer Kind⸗ heit, die aus der bergiſchen Heimath mit ihr gekommene Hofdame Hanna von Kehl, ein ſanftes, neunzehnjäh⸗ riges Edelfräulein. Als Henricus dieſes Bild eines vom Himmel gekom⸗ menen Engels erblickte, wurde er in ſeinem von Angſt und Rathloſigkeit ermuthigten Entſchluſſe ſchwankend, es ergriff ihn Andacht und Schmerz, dieſen Frieden der Maltitz, Herzog. I. 15 — 226— Tugend und Reinheit durch die finſtern Schatten ſei⸗ ner Sorge trüben zu wollen. Während die Herzogin, die eben von ihrer frommen Wallfahrt heimgekehrt war, die Treppe heraufſtieg, war Henricus zurückgewichen, hatte ſich, wie ein Frevler am Heiligthum, hinter einen Pfeiler verborgen, das Geſicht in die Hände gedrückt und ſich dem Kampfe der Sorge und höchſten Gefahr mit dem Gefühle der behütenden Liebe und ſanften Schonung hin⸗ gegeben. Er hörte das Rauſchen des Gewandes nahe bei ſich, er horchte der Stimme der Herzogin, welche fragte:—„iſt mein Gemahl heim? Es iſt ſo ſtill im Schloſſe.“— Jetzt hielt ſich Henricus nicht mehr, in ſei⸗ ner ſtürmiſchen Seele redeten Treue, Pflicht und höchſte Noth lauter als zuvor:—„die Stille der geheimen Sünde wohnt im Schloſſe— ſie, die Engelsgeſtalt muß den Sünder beſchämen, ſie, die Gattin den Gatten an Ehre und Gewiſſen mahnen— unbelauſcht, vor keines fremden Menſchen Auge und Ohr— ſie muß ihn ſtören, ihn rufen, ohne gekränkt zu werden, von dem Anblicke ſeiner ungetreuen Abſicht;— wenn er ſie anſchauet, einen Engel des Himmels, er muß, ſtill reuig und voll Schaam vor ihrem Blicke wie ein Sünder erröthen und ſeiner Untreue Gelüſt erſticken;— es ſei, Gott helfe mir!“— Henricus eilte der Herzogin nach und erreichte ſie auf der Schwelle ihrer Gemächer und ſprach:—„Im Namen der Heiligen, vergönnt mir ein Wort!“— Die Herzogin ſah dem Pater überraſcht in das Geſicht und erſchrak.— „Was iſt Dir, Henricus— iſt mein Sohn erkrankt?“— ——„Nein, hohe Frau— o vergönnt mir, mit Euch allein zu reden.“ — 227— —— Ein ſchneller unruhiger Blick entfernte die Be⸗ gleiterin; der Page trat mit der Wachsfackel weit zurück; die Herzogin ergriff des Paters Hand und ſah fragend, beängſtigt in ſeine erregte Miene. —„Zürnet mir nicht, ich bin von einer Angſt erfüllt, die mich nicht ſchweigen läßt; ich flehe Euch an, um Gottes Gerechtigkeit willen, fordert ſogleich eine Unter⸗ redung mit dem Herzoge— laßt ihn rufen, Euch bei ihm melden.“— —„Mein Gemahl! Iſt ihm ein Unglück begegnet? Ich will ſofort zu ihm— ſprich, was Du weißt!“— —„Ich habe eine Ahnung, als könnte Euer Anblick eine Wolke im Gedanken des Herzogs zerſtreuen, als hättet Ihr eines Engels Dienſt zu leiſten.— Der Her⸗ zog iſt ohne ſeine Ritter vor einer halben Stunde heim⸗ gekehrt und es hat mich eine furchtbare Sorge um ihn ergriffen.“— —„Ich eile zu ihm— ich werde ihn wecken, wenn er ſchläft, anreden wo er weilen mag, ich will ſeine Stirne küſſen, mich an ſein Herz legen— Gott! ſei mein Schutz! Sinnet er auf Fehde, Kampf, Ungerechtigkeit, ich will ihm den Frieden Gottes bringen!“— Mit dieſen Worten eilte ſie fort, den Corridor nach dem andern Flügel des Schloſſes entlang. Der Page ſuchte ſie mit der Wachsfackel wieder zu erreichen; Henricus ſah ihr mit gefalteten Händen nach, wie ihre weiße Engelsgeſtalt im Zwielichte des Mondes und der wehenden Fackel ver⸗ ſchwand.— Jetzt aber trat die Sorge um die Herzogin zu dem Gefühle der höchſten Gefahr;— er hatte die kühne That nur im letzteren Gefühle vollbracht, die 15* — 228— Herzogin war ſeiner ſchonenden Sorge aber vorausgeeilt, es lag die Folge nicht mehr in der Leitung ſeiner Hand. — Mit beklommener Bruſt, Gebete auf den Lippen, ſchlich er der Spur der Herzogin nach; er gelangte auf die Gallerie, wo des Fürſten Gemächer lagen; am Ein⸗ gange ſtand Sperber nicht mehr, aber der Page weilte hier mit der Wachsfackel, die Hellebardiere, welche hier Wache hielten, ſchritten theilnahmlos und ſtumm auf und nieder.— Die Herzogin war eiligen Schrittes an den Eingang der Gemächer gekommen, wo Sperber wachte. Die un⸗ gewöhnliche Erſcheinung der hohen Frau in dieſem Theile des Schloſſes und um dieſe Zeit hatte den Alten nicht wenig ſtutzig und verlegen gemacht.—„Wo iſt mein Gemahl?“ rief die Herzogin, während der Page bereits die Thür öffnete und Sperbers hindernde Bewegung kaum beachtete.—„Verzeiht, fürſtliche Gnaden“— ſtam⸗ melte Sperber—„der Herzog ſchläft und hat mir bei meinem alten Barte ſtreng befohlen, ihn durch Keinen ſtören zu laſſen.“— —„So will ich ihn wecken“— erwiderte die Her⸗ zogin mit dem Muthe der eigenen Aufregung—„bleibe hier— und auch Du, Kurd, ich will allein gehen!“— Der Page ſtellte ſich mit der Wachsfackel vor der Thür auf, Sperber aber drängte ſich der Herzogin nach und ſprach!—„Ich flehe Euch an, fürſtliche Gnaden— der Herr iſt übler Laune voll, ſetzet Euch nicht einem ver⸗ drießlichen Worte oder Blicke aus, erbarmet Euch meines Kopfes, ihr kennet des Herzogs Zorn gegen Alles, was ſeinem Befehle zuwider iſt!“— — 229— Ein abweiſender Blick der Herzogin, ſtolz und doch voll ſanfter Gewalt, ſcheuchte den alten Knappen zurück; verzweiflungsvoll war ſeine Miene, drohend ſein Blick auf die weiterſchreitende Herzogin, die eben auf die Thür des zweiten Gemaches zuſchritt. „So weilet hier, ich bitte Euch,“— begann er mit unſicherer Stimme—„laßt mich zuvor erſpähen, ob der Herzog ſchon eingeſchlafen iſt, ich will Euch melden, des Herrn Sinn iſt heute ſehr leicht gekränkt.“— —„Wer ſteht ihm näher, die Gattin oder der Knecht?“— fragte Margarethe mit dem edelſten Stolze ihres liebreichen, der Frauenwürde bewußten Herzens und zugleich durch des Dieners Benehmen zu größerer Sorge um des Gemahls Beginnen getrieben.—„Hier bleibe zurück— ich habe mit meinem Gemahl ohne Zeugen zu reden.“— —„So ſei mir Gott gnädig!“— rief Sperber hände⸗ ringend und floh der Herzogin vorauf, durch die Reihe der Gemächer, in die nur ein bleiches Mondlicht herein dämmerte. Das Forteilen des Knappen zeigte der Her⸗ zogin den Weg, wo der Gemahl ſich befinden mußte; ſie kehrte, die nicht erleuchteten Räume vor ſich ſehend, noch einmal in das Zimmer zurück, wo die Wachskerzen auf ſilbernem Armleuchter brannten, ergriff dieſen und ſchritt ſchnell, wie ein zur Rettung herbeiſchwebender Himmelsbote, durch die nächſte offene Thür. Wir haben den Herzog vorhin, mit einem Armleuchter in der Hand, ſein Gemach durch eine Seitenthür verlaſſen ſehen. Durch eine Reihe kleiner und großer Wohnräume, — 230— die den Bedürfniſſen oder Liebhabereien des Beſitzers dienten, gelangte er an die Thür, deren rothes Glas mit dem Wappen des goldenen Löwen ihn etwas anfhielt, um zu horchen. Es herrſchte eine lautloſe Ruhe in dem Thurmgemache; er ſtellte den Armleuchter auf einen Mar⸗ mortiſch vor einen Spiegel, daß die beiden brennenden Kerzen ein doppeltſtarkes Licht verbreiteten, dann horchte er wieder und glaubte langſame und tiefe Athemzüge zu vernehmen. Er öffnete die Thür; der Kerzenſchein fiel in die Rotunde und machte augenblicklich den Mondſchim⸗ mer, der hier geherrſcht hatte, erbleichen. Mit glänzendem Auge, wie ein über der Taube kreiſender Habicht, beobach⸗ tete er, in einem Kreiſe die Beute der Gier umſchleichend, die edle Geſtalt Gertrudens, die der müden Natur, nach dem nächtigen Ritte und den Aufregungen des Tages, unterlegen, auf dem Seſſel am Fenſter in einen tiefen Schlaf der Abſpannung geſunken war. Das Haupt auf die Polſterlehne übergelegt, die weißen Arme am Körper niedergefallen, das dunkelbraune üppige Haar, der Nadel entſchlüpft und in gelockerten Flechten und Schweifen von Schläfen und Schultern fluthend, einem dunklen Strome der Leidenſchaft gleich, der die weiße, heiße Haut überfloß und auf der drängenden, die Enge des Mieders überquellenden Bruſt auf⸗ und abwogte; die ſchönen, ſtolzen Glieder, widerſtandslos weich gedehnt, unbehütet von dem Gefühle der Jungfrau, über die weichſammtnen rothen Polſter des Seſſels hingegoſſen; die Augen wie ein verhülltes Geheimniß der ſüßen Viſionen eines Mäd⸗ chentraumes, von Lid und langen Wimpern geſchloſſen; den Mund halb geöffnet, einer Kirſche an Erquickung — 231— verheißender Röthe gleich, hatte ſeine ſtolze Form der Lippen in ein weiches Ermattungslächeln gemildert; das ſchlanke warme Leben war in der unbewußten Bewe⸗ gung des Schlafes zum eigenen Verräther über die Hut des ſittſamen Gewandes geworden. Der Herzog fühlte und genoß mit Gier den Eindruck der ſchlafenden Mädchengeſtalt; er ſtützte ſich auf die hohe Lehne über ſie, und blickte auf die wogende Bruſt, die hauchen⸗ den Lippen, die verhüllenden Wimpern, wie ein Ha⸗ bicht mit ſtechenden unbeweglichen Augen nieder. Das Lächeln befriedigter Sinnlichkeit erweichte den ſtren⸗ gen übermüthigen Trotz, der gewöhnlich ſeinen Mund beherrſchte, unwillkürlich ſchwankte er, ob im Halbrauſche oder in beutegieriger Unruhe eines Raubthiers ließen die erhitzte Röthe des Geſichts, der feuchte Augenglanz, die geſchwollene Stirnader unentſchieden; aber er ſchien in dieſer Augenweide an ſeinem Opfer die Leidenſchaft für daſſelbe abſichtlich zu ſteigern.— Des ſicheren Genuſſes und Sieges gewiß, ſpähete er nach dem Tiſche, um zu prüfen, ob Gertrude von dem Weine getrunken und etwa dieſes glühende Traubenblut der Gehülfe ſeiner Abſicht geworden ſei. Gertrude ſeufzte, bewegte ſich, dehnte die ſchönen Glie⸗ der, lispelte mit den Lippen, legte die Hände in den Schooß und ſchlief weiter; jetzt war des Herzogs Leiden⸗ ſchaft zum Höchſten geſteigert; er trat mit feſteren Schrit⸗ ten an die Schlafende zurück, faßte ihre Hand, neigte ſein heißes Geſicht nahe vor ihre halbgeöffneten Lippen und ſchien zur That entſchloſſen. Der warme, weiche Hauch ihres Athems, der feine Duft ihres Buſens ſteigerte — 232— ſeine Begier bis zum ſtieren Angrinſen. Er wollte eben an die Thür treten, um dieſe zu ſchließen, als Gertrude mit einem plötzlichen Schrei erwachte, das Haupt auf⸗ richtete, die Geſtalt des Mannes und den Lichtglanz im Nebengemache betroffen anſtarrte, vom Seſſel aufſprang und zurückweichend, und mit der Geberde der Flucht gegen die andere Thür, durch welche ſie eingeführt war, in Schreck und Angſt ausrief:—„Wo bin ich?— Hülfe! Gott ſtehe mir bei.“— Der Herzog hatte ſich ihr ſchnell genähert, ſie mit kräftigen Armen ergriffen und an ſeine Bruſt gelegt.— „Fürchte Dich nicht Täubchen— Du ſtehſt unter mei⸗ nem Schutze“— redete er haſtig—„ſchönes Blümchen meines Landes, ich habe das erſte Recht an Dir!“— —„Was wollt Ihr! Ach! Ihr ſeid der Herzog, ich flehe Euch an, habt Mitleid mit mir.“— —„Mehr als Mitleid, warmes, weiches Hühnchen; — ich will Dich lieben, wie Du es verdienſt; Kaſtanien⸗ Auge— ſieh mich dreiſter an; komm, wir wollen uns ſetzen und mit einander koſen— ſüßes Blut— ſträube Dich nicht— Du biſt ohne Willen, wenn Dein Herr Dich zu ſeiner Luſt erkieſet;— Mädchen!— Willſt Du ungehorſam ſein? Mache mich nicht heftig!— Laß Deine Gegenwehr, komm, Du ſollſt auf einem Schloſſe le⸗ ben, wie eine Edeldame, ſchöne Kleider tragen— ſtill— ſchweig— zum Teufel, ſei willig!— Täubchen, ſüßes Blut— komm— komm!“— Bei dieſen hier zuſammengedrängten Worten hielt der Herzog das anfangs befangene ängſtlich horchende Mäd⸗ chen feſt mit den Armen an ſeine Bruſt, auf den langen — 233— Bart gedrückt, feſſelte ſie mit heißen, glänzenden Blicken und küßte ſie auf Stirn und Hals; jetzt erkannte Ger⸗ trude ihre Lage und begann zu ringen und unter Bitten und Abweiſung einen ſchnellen Widerſtand zu leiſten. Dieſer reizte des Herzogs Leidenſchaft zum höchſten, er bezwang ſie mit kräftigen Händen, hob ſie empor und wollte ſie nach dem weichen Polſter tragen. Sie ſchrie um Erbarmen und Hülfe;— die im Ringen enthüllten Reize ſteigerten ſeine Begier; bald ſchmeichelnd mit zärt⸗ licher Liebesgluth, bald in zornigen Worten auffahrend, kämpfte er mit der Nothwehr und muthigen Verzweiflung der Schönheit und Unſchuld, die er als gewiſſe Beute begierig mit den Blicken verſchlang. Er hatte ſie jetzt, in ſeinen Armen die Kraft des Mädchens beherſchend, und ihren Mund mit ſeiner darauf gedrückten bärtigen Wange ſchließend, in brennender Begier vom Boden ge⸗ hoben, um ſie auf die Polſterbank zu tragen, als ein ei⸗ liger Gang im hellen Nebenzimmer erſcholl; der Herzog hörte es nicht, ebenſo wenig die halb ohnmächtige Ger⸗ trude. Sperber war es, der mit erregter Miene und wie ein Fliehender herbei lief, den Herzog mit dem Mäd⸗ chen erblickte, zurückprallte, die Geberde der Verzweiflung machte und dann abermals hinzutrat und rief:—„Herr! Herr! Ich bitte Euch um Alles in der Welt, laßt ab— kommt!“— Der Herzog, vor den Blicken des Knappen ſich be⸗ ſchämt fühlend, ließ das Mädchen ſinken und packte den alten Diener im heftigſten Zorne in die Halskrauſe.— „Schurke! was belauſcheſt Du mich hier? Warum haſt Du Deinen Poſten verlaſſen?“ — 234— —„Die Herzogin! die Herzogin!“— ſtammelte Sperber, den furchtſamen Blick durch die Thür in das erhellte Nebengemach werfend.— Otto ließ den wilden Blick über das entweichende Mädchen flammen, doch in⸗ dem er ihr folgen wollte, ſah er im Hintergrunde des Vorgemaches die Herzogin, mit einem Armleuchter in der Hand, in ängſtlicher Haltung hervortreten.—„Verrath!“ knirſchte er in der wilden Stimmung ſeines von Natur, Wein, plötzlicher Störung, unbefriedigter Sinnengluth, Widerſtand und Beſchämung vor Mädchen und Gattin zum höchſten Ausbruche des Jähzorns getriebenen Cha⸗ rakters—„Schurke, Du haſt mich verrathen! Fahre hin, zu allen Teufeln!“— — Ein erſtickender Schrei:„Gott ſei mir gnädig!“ — ein Niederſtürzen und leiſes Winſeln folgte dieſem Zornausbruche des Herzogs;— Sperber, vom Dolche ſeines Gebieters durchbohrt— lag zuckend am Boden.— Gertrude hatte es nicht mehr geſehen,— kaum hatte ſie die weiße Lichtgeſtalt in der Ferne erblickt, die einem ret⸗ tenden Himmelsboten gleich, der in der letzten Minute der Gefahr erſchien, als ſie hinausſtürzte, mit offenen Armen und wehendem Haar ſich ihr entgegen warf, zu den Füßen der betroffen und erſchrocken ſtehen bleibenden Herzogin die flehenden Hände emporhielt und athemlos rief:—„Erbarmen! Gott ſendet Euch zu mir, ſchützt meine Ehre, mein Leben!“— —„Woher kommſt Du?“ fragte Margarethe, den auch in der Beſtürzung ſanften Blick auf das ſchöne Mädchen ſenkend, deſſen Hitze, aufgelöſtes Haar, hochwo⸗ gender Buſen, zerriſſenes Mieder, und von Thränen und Angſt glänzendes Auge die Zeugen erlittener Gewalt⸗ that waren. —„O! Wenn Ihr die Herzogin ſeid, erbarmt Euch der Unſchuld eines Mädchens, kommt, o, kommt, brin⸗ get mich in Sicherheit, ich flehe Euch an, Ihr ſeht ſo fromm, heilig und wohlthuend aus, Gott wird es Euch vergelten!“— —„Steh auf“— ſprach die Herzogin mit zitternder Stimme, wobei ſie Gertrude bei der Hand nahm und aufrichtete;—„ſie heftete einen langen, ſcheuen Blick nach der Thür des Gemaches, woraus das Mädchen ent⸗ flohen war; ſie wollte dahin ſchreiten, ſchien zu ſchwan⸗ ken, athmete krampfhaft ein und trat dann entſchloſſener vorwärts. Gertrude hielt ſie zurück.—„Kehret um!“ bat ſie in Angſt und Verlegenheit—„bringet mich in Sicherheit, es iſt ſo unheimlich hier!“— Die Furcht, daß die Her⸗ zogin durch das Antreffen des Herzogs tief gekränkt wer⸗ den und dieſer vor den Augen der Gattin, in Gegenwart Gertrudens, eine Demüthigung erfahren müſſe, die ſeine Rache anreizen und ſie dem Vogte preisgeben könne, er⸗ füllte Gertrude mit dem Gefühle der Schonung gegen die edle Frau und den ſtolzen Herzog. Die Herzogin zögerte, ſah das erregte ſchöne Mäd⸗ chen prüfend an, legte einen Augenblick die Hand, welche ſie von Gertruden losgemacht hatte, auf die Augen als ſcheue ſie ſich vor der Wahrheit, dann aber ſchritt ſie gegen die rothglaſige, halb geöffnete Thür. Gertrude folgte ihr ſchen und mit auf der Bruſt gefalteten Hän⸗ den.— Muthig befahl Margarethe der zögernden Be⸗ — 236— gleiterin, den Armleuchter zu tragen und trat über die Schwelle.— Niemand war hier.— Da erblickte ſie eine menſchliche Geſtalt hinter dem Tiſche am Boden auf dem Geſichte liegen; ſie erſchrak und ſchwankte zurück.—„Wer iſt das?“— fragte ſie mit bebender Stimme—„tritt mit den Kerzen näher— iſt es dieſer, welcher Dich ängſtigte?“— Gleichzeitig fuhren die Herzogin und Gertrnde zurück. —„Der Knappe des Herzogs?“— rief Margarethe, mit erbleichendem Antlitze und innerem Schauder den Blick auf Gertrude heftend, die ſtarr auf den regungs⸗ loſen Stummen am Boden niederſah;—„eben noch eilte er vor mir her— er iſt todt— ein furchtbares Ver⸗ brechen iſt geſchehen— ſage mir, wer war hier vor die⸗ ſem in dem Gemache? War es dieſer, der Dir Gewalt anthat? Unglückliche, biſt Du in der Verzweiflung der Gegenwehr etwa ſeine Mörderin geworden?“— Gertrude ſchüttelte mit dem Kopfe; bewegungslos, ſtarren Blickes war ſie keiner Sprache mächtig.— —„Bei Gottes Allwiſſenheit!“— rief die Herzogin — die Hand feierlich hebend—„haſt Du dieſe That vollbracht?“— Gertrude hob die Augen wehmüthig dem ernſten Blicke der Herzogin entgegen, ſah ſie bittend an, ſchüttelte das Haupt und ſprach mit leiſer Stimme:— „Gott iſt mein Zeuge, ich that nichts Böſes!“— —„So bekenne, wer war bei Dir, wem entfloheſt Du, gegen wen kämpfte Deine Tugend?“— —„O, Herzogin, dringet nicht in mich— verlaßt mit mir dieſen fürchterlichen Ort; wollt Ihr mir gnädig ſein, ſo behütet mich vor dem Groner Vogte, dem mein — 237— Vater mich zum Weibe beſtimmt hat, dem ich entfloh und der mich in letzter Nacht raubte;— ich ſitze ſeit Mittag in dieſer Burg gefangen, wo ich des Herzogs Schutz ſuchte. Fraget nicht nach der letzten Stunde— mein Siun iſt verwirrt— kommt, verlaßt dieſe Gemächer, helft mir, ſchützet mich, ich bin ein ehrliches Mädchen— Ihr ſollt mein Leid erfahren!“— Margarethe legte die Hand auf Gertrudens Scheitel und ſah ihr mit Wehmuth und dankbarer Milde in die braunen, unruhigen Augen.—„Ja, liebes Mädchen, ich will Dich ſchützen, Gott helfe uns Beiden!“— ſprach ſie leiſe und wie in ſchweren Gedanken.—„Laß uns beten, daß Gott dieſem Todten Erlöſung gewähre und den Mör⸗ der zur Buße leite— Gott! nimm mein Gebet gnädig auf und rechne meine guten Werke Dem an— der ſie ſelber verſäumt!“— Bei dieſen Worten kniete die Her⸗ zogin mit gefalteten Händen nieder. Gertrude folgte ihr, aus Herzensgrunde dem Himmel für die Wendung ihres Schickſals dankend. Als ſich die Herzogin erhob, waren ihre Augen feucht.— Henricus ſtand im Nebengemache, das Geſicht ſchmerzlich auf die Betende gerichtet; er war, da Sperber nicht wiederkehrte und die Gemächer offen ſtanden, ſtill und behütend der durch ihn erregten Frau nachgeſchlichen und eben in das Vorgemach getre⸗ ten, als ſie ſich zum Gebete niedergelaſſen hatte. Jetzt erblickte ſie ihn, eilte auf den Näherkommenden zu, legte ihr Geſicht auf ſeine Schulter und ſeufzte:—„Freund, meine Seele iſt tief verwundet— o mein Gott— Hen⸗ ricus, Du weißt, was dieſes Mädchen mir verſchweigt— ach! wie ertrage ich mein Loos!“—— Plötzlich richtete — 238— ſie ſich auf und fragte, nach Muth und Faſſung ringend: —„Wo iſt der Herzog?“— Als Henricus ſie überraſcht anſah und dann die entfernt in ſcheuer Erwartung har⸗ rende Gertrude mit fragender Miene ſuchte, fuhr ſie ſchnell fort:—„ein Mord von geheimer Hand bezeichnet dieſe Stunde— Henricus, ſieh jenen dort— bete für ihn und den Thäter!“— Der Mönch folgte dem Zuge ihrer zitternden Hand in die Rotunde;— als er die Leiche erkannte, fuhr er erſchrocken zurück, zog der Her⸗ zogin Hand mit ſich und bat:—„Kommt, o, eilet weg von hier, dies iſt kein Anblick für Eure Augen!— Gott hat dieſen Menſchen getroffen, durch die Hand der Sünde, der er diente,— vor wenigen Stunden hat er bei mir gebeichtet und das Sakrament em⸗ pfangen.“— —„Gebeichtet?“— fragte Margarethe und ſah den Mönch eindringlich an.—„Ha! nun begreife ich Dich!“ flüſterte ſie ſeufzend und ſchlug den Schleier über das Geſicht, um Schmerz und Thräne zu bergen. Hen⸗ ricus führte ſie hinweg; Gertrude, mit dem Armleuchter drängte ſich, auf einen Wink der Herzogin furchtſam und befangen an die Seite des Mönchs. Die Gemächer des Herzogs waren leer.— Die Herzogin ſchritt matt und ſtumm mit ihrer Begleitung in den von ihr bewohnten Flügel der Burg.— Herzog Otto hatte kaum ſeine raſche leidenſchaftliche That vollbracht, als er ſah, wie Gertrude zu den Füßen ſeiner Gemahlin lag. Sogleich enfernte er ſich durch die andere Thür der Rotunde, riegelte ſie hinter ſich zu und blieb hier ſtill verborgen. Hier hörte er die Stimme — 239— Margarethens, die Fragen an Gertrude und die Verleug⸗ nung ſeiner Perſon. Dieſes Benehmen des Mädchens reizte ſeine Neigung zu ihr; hatte deren Widerſtand be⸗ reits ſeinen Eigenwillen geſtachelt, ſo erfüllte ihn jetzt der Heroismus, womit ſie ſeine Perſon gegen die Gemah⸗ lin nicht preisgeben wollte, mit neuem Wohlgefallen, neuem Verlangen, dieſes Mädchen, ganz nach ſeinem Geſchmacke, zu beſitzen.— Als die Herzogin ſich entfernt hatte, trat er in die Rotunde zurück, warf einen geringſchätzenden Blick auf die Leiche, ſtieß ſie mit dem Fuße an und ſagte: —„Alte Ratte, warum biſt Du hitzig in die Falle ge⸗ laufen?— Alſo gebeichtet haſt Du? Nun, ſo biſt Du ja zeitgerecht meines Dienſtes entlaſſen und Dein Mund wird nicht zum zweiten Male meine Angelegenheit dem Pfaffen verrathen. Alter Spitzbube, Du haſt gebeich⸗ tet?“— Der Herzog ſchritt eilig fort, ergriff im Neben⸗ zimmer den Armleuchter, welchen er ſelbſt auf den Mar⸗ mortiſch vor dem Spiegel geſtellt hatte und entfernte ſich, ſpähend vor ſich hinleuchtend, in ein entferntes Gemach, das jenſeit des Trinkſaales lag.— Er horchte,— draußen auf den Gallerien wurden die Wachen abgelöſt, der ſchwere Tritt der Hellebardiere erſcholl vor der Thür. Der Her⸗ zog rief nach einem Diener; alsbald trat durch eine Sei⸗ tenthür ein ſtämmiger, ſchwarzbärtiger Knappe in ledernem Koller ein.—„Der Edelknappe Hermann von Hanſtein ſoll kommen“— befahl der Herzog, deſſen Geſicht erhitzt, deſſen Rede haſtig war und deſſen Blicke unſtät umher⸗ ſchweiften. Als er dem Knappen nachſah, rief er ihn noch einmal zurück.——„Biſt Du nicht der Burſche, der über den Holzgraben ſetzte, um den Hirſch mir vor — 240— den Spieß zu treiben.“— Der Knappe bejahte mit der kühnen Miene, ſich einer kecken That bewußt zu ſein.— „Du ſollſt fortan mein Leibknappe ſein— nun geh!“— Der Herzog winkte den zum Danke Zögernden heftig hinweg, kreuzte die Arme über der breiten Bruſt und ging auf und nieder. Bald erſchien der blondlockige, kecke Edelknappe; der Herzog trat vor ihn, legte die Hand auf deſſen Kopf, blickte wohlgefällig in die braunen, mu⸗ thigblitzenden Augen, zupfte ihn ſpielend am krauſen Bärtchen und ſprach:—„Möchteſt Dir wol die Ritter⸗ ſporen verdienen, mein Hermann?“ —„Ei, Herr, heute lieber als morgen,— gebt mir Arbeit!“ antwortete er ſo keck und entſchloſſen, daß Otto lächelte und ihm die Backe kniff.—„Du biſt ein ſchmucker Burſche— trotzig, tollkühn— kann dieſer rothe Mund auch ſchweigen und zur Noth ein Mährchen erzählen?“— —„Wie Ihr's fordet, Herr;— ich müßte Eures beſten Freundes Sohn nicht ſein.“— —„Mag's nun gelingen oder nicht, ich ſchlage Dich zum Ritter für Deine Probe des guten Willens— ver⸗ nimm,— der Sperber iſt wie eine Ratte in die Falle gerannt— er liegt im letzten Gemache unter der Warte mäuschenſtill— laß ihn durch ein Paar der beſten Knechte gegen Mitternacht verſcharren, er iſt vom Schlage ge⸗ troffen, ſoll es heißen.“ —„Weiter habt Ihr keine Rechnung auf meinen Muth gemacht, Herr?“— —„Höre weiter;— der Groner Vogt hat ein Mädchen geſtohlen, um es ſich zum Weibe zu zwingen, des Göttinger Maſchmüllers hübſche Tochter.— Was — 241— wunderſt Du Dich? Warum ſiehſt Du mich ſo unge⸗ wiß an?“— —„Ihr wollt mich wol zu einem Geſtändniß auf die Folter ſpannen, Herr? Ich habe nicht mehr gethan, als der Groner Vogt für Recht hielt.“ —„Was ſoll das heißen? Junge, ſäßeſt Du etwa dem Mädchen im Kopfe und reizteſt ſie zum Widerſtande gegen Andere?“— —„Ich möchte es wohl, aber es gelang mir nicht. Als Ihr mich neulich nach dem Bollrutz geſandt hattet, um zu beſtellen, daß man den Freudenberg zum Turnier einrichten ſolle, kam ich auf dem Heimritt an der Maſch⸗ mühle vorbei; der Nebel war ſo ſtark, daß man keine fünf Schritte vorausſehen konnte; ich forderte einen Trunk, ein hübſches Müllermädchen reichte ihn mir, ich ergriff es, zog es auf's Pferd und ſprengte davon. Es mußten aber Göttinger Bürger in der Nähe auf der Jagd ſein; plötzlich hörte ich im Nebel Stimmen, Schritte, Signale; — ein junger Bürger mit Armbruſt und Spieß ſprang an mein Pferd, das die ſchöne, nach Hülfe ſchreiende Magd an den Zügeln hielt und im Laufe hemmte. Ich hatte nur einen Knappen bei mir, wußte nicht, wie ſtark die Zahl der Gegner war, mein Knappe erhielt einen Bolzenſchuß in den Arm, ich ließ das Mädchen im Stiche und ſuchte im Nebel das Weite.“— Der Herzog hatte mit Wohlgefallen zugehört.— „Du kannſt daſſelbe Mädchen noch einmal ſtehlen, aber nicht für Dich, ſondern für einen Anderen;— haſt Du Muth und Geſchick?— —„Befehlt, das ſoll mir eine Luſt ſein.“— Maltitz, Herzog. I. —„Das Mädchen iſt für eines Vogtes bürgerlich Blut zu ſchön— es hat meinen Schutz angerufen und ich hatte es in meinem Gemache unter der Warte gebor⸗ gen. Dort fand es die Herzogin eben durch eines Ver⸗ räthers Hülfe und nahm es im Argwohn mit in ihre Gemächer. Stehle das Mädchen dieſe Nacht, bringe es wohlbehalten nach Friedberg, aber, bei meinem Zorn, rühre ſie nicht mit lüſterner Hand an!“—— —„Das gefällt mir ſchon, Herr;— ich verſuche es, es muß gelingen. Hier iſt Liſt nöthiger als Muth.“— —„Der Pfaffe meiner Gemahlin wird das Mädchen behüten— ſorge, daß es nicht heimlich fortgeſchafft und in ein Kloſter geborgen wird.— Nun weißt Du genug, mein lieber Junge— es ſoll heißen, Du habeſt das Mäd⸗ chen heimlich unter der Warte gefangen gehalten.“— —„Verlaßt Euch auf mich.“— Der Edelknappe entfernte ſich bald; Otto ſchritt ſin⸗ nend durch ſein Gemach. Wenige Minuten ſpäter trat ein Page ein, verneigte ſich und ſprach, auf die offen gebliebene Thür zeigend:—„Die Herzogin.“— Otto blieb mit verſchränkten Armen ſtehen und blickte ſpöttiſch auf die Thür, in welche die weißgekleidete, verſchleierte Margarethe langſam eintrat. Der Page wich zurück und entfernte ſich auf eine Handbewegung ſeiner Gebieterin. Dieſe ſchlug den Schleier zurück und ſah mit leidender, bleicher und flehender Miene den Gemahl an, der ſie, in ſeiner Stellung beharrend, mit lächelndem Uebermuthe betrachtete.— —„Herr und Gemahl!“— ſprach Margarethe mit ſanfter, den Schmerz nur wenig beherrſchender Stimme— — 243— „Herz und Gewiſſen führen mich zu Euch— ich ſuchte Euch in Euren Gemächern bis an das äußerſte Ende der Burg— und fand ein um Hülfe flehendes Mädchen und eine friſche Leiche;— genüget der Pflicht des Gatten und entlaſtet mein Gemüth von furchtbarer Pein; ich frage Euch bei Gott, bei Eurem und meinem Sohne— wer iſt der Mörder, wer der Uebelthäter an der Tugend eines Mädchens?“— Der Herzog lachte ſo roh auf, das Margarethe mit der Hand auf die Bruſt griff, als fühle ſie ein Schwert durch das Herz ſchneiden, und die Thränen floſſen auf die Wangen herab.—„Schön Gemahl!“— fuhr Otto etwas ſanfter fort, indem er die Hand ſchmeichelnd an ihr Kinn legen wollte, wovor ſie aber zurückwich;— das reizte ſein heftiges Temperament ſo ſchnell, daß er ſeine 1 Antwort unterbrach und in ſtrengerem Tone und mit blitzenden Augen fortfuhr:— Was geht es Euch an? Ueberlaßt mir, in meinem Hauſe nach Recht und Unrecht zu fragen. Was hier geſchieht, findet nur an mir ſei⸗ nen Richter.“— —„Otto— bei Eurer Seligkeit, Ihr lebet nicht mit Gott! Ihr laſtet auf mein liebend Herz Berge von Sorge und ſtillen Schmerzen, Ihr fliehet mein ſanfteres Gefühl, und mein Loos iſt es geworden, Gott ſtündlich zu opfern, um Eures Lebens Sünden an meinem eignen Leben zu büßen. Mildert Euren leidenſchaftlichen Sinn, betet und beichtet, lebet wie ein Fürſt von Gottes Gnaden, Otto — Gemahl— ich flehe Euch an, beruhigt meinen Arg⸗ wohn— mein Herz erliegt dem entſetzlichen Gedanken, daß Ihr meine Gattenehre freventlich gekränkt, das Sa⸗ 4 16* — 244— krament, das uns bindet und verpflichtet, verletzt;— o ich bebe— daß Ihr in jähzorniger Leidenſchaft eine That be⸗ gangen habt, die jetzt vor Gott ſchwer angeklagt wird.“— Der Herzog hatte ſeinen Bart geſtrichen, ſich hin und her gewiegt, als müſſe er ſeine Ungeduld dadurch verlar⸗ ven, und ſprach jetzt mit höhniſchem Tone:—„Hat Euch das der Pfaff eingegeben, fromme Seele?“—— Margarethe zuckte.— —„Hal der möchte wol ſpioniren, um Mann und Weib zuſammen zu hetzen?— Eurer heiligen Neigung kann ich nicht folgen, das wißt Ihr;— laſſet Euch ge⸗ nügen, wenn ich mich Eurer Schönheit freue,— und was brauche ich zu opfern, wenn Ihr es zu Eurer Be⸗ friediguug thut auf meine Rechnung?“— —„Iſt das die Sprache eines chriſtlichen Fürſten? Eines Gatten Antwort auf die Sorge und Angſt des Herzens ſeiner Gattin?“— —„Schöne Heilige“— fiel Otto ein und blinzelte it ſinnlichen Augen die Gattin an, deren leidende Schön⸗ ſelbſt einen überwältigenden Eindruck auf ihn machte; — wwerdet doch etwas weltlicher fröhlicher, lebensluſtiger wie ich's gern habe;— mich ärgern Eure empfindſamen Thränen, lehet auf Erden und nicht im Himmel; vor der Welt bin ich ſtolz auf mein ſchönes Weib, aber im Hauſe ſinde ich nur einen frommen Engel. Auf Erden ſollen wir irdiſch leben, das heißt ſündiger und wenn's genug iſt, macht man mit dem habſüchtigen Himmel bald die Rechnung ab. Die Pfaffen wollen nur Geld und Macht über die Gemüther haben— der Teufel ſoll ſie bei mir holen!“— — 245— Margarethe hatte den Gemahl ruhig leidend, mitlei⸗ dig und wehmüthig angehört;— mehr und mehr war der Zug der Verachtung unfreiwillig in ihre Miene gekommen. Einmal war ſie unbewußt einen Schritt zurückgewankt. Jetzt ſenkte ſie das Geſicht nieder und preßte die Hände auf die Bruſt. —„Sieh' mich an und vergieb Deine Würde nicht“ — ſagte Otto, die Hand ausſtreckend, um ihr Kinn auf⸗ zurichten. Kaum aber fühlte ſie ſeine Berührung, als ſie erſchrak, zurückwich und in der Höhe des Schmerzes aus⸗ rief:—„ehe dieſe Hand mein reines Leben entweihe, will ich lieber in einem Kloſter mich vor Eurem Frevel ber⸗ gen! Otto— der Argwohn eines Weibes an des Man⸗ nes Treue und Tugend iſt ein Gift, das ſchmachvoll tödtet;— rettet mich vor dieſem Elend, ſeht, ich bin zu Euch gekommen, wie eine treue Magd zu ihrem Herrn— reinigt Euch vor Gott und meinem Angeſichte;— iſt dieſe Hand rein von gemeinem Mord, iſt Euer Mund nicht an mir zum Lügner geworden, Euer Herz nicht zum Verräther an der Mutter Eures Sohnes?“ —„Das Beten und Grübeln hat Euch zur Thörin gemacht;— bringet mir friſches Blut, Lebensluſt, mun⸗ teren Sinn, lachende Lippen und ein Verlangen, das nicht fragt, ob es ſündig iſt, wenn es ergötzt— und ich werde Euch willkommen heißen. Fromme Weiber ſuche ich nicht, das merkt Euch und findet Euch darin.“— Nach dieſen Worten drehte ſich der Herzog um, ſchritt gegen das Fenſter und pfiff ein Reiterlied. Margarethe athmete mühſam, ſchwankte und bedeckte das Geſicht mit den Händen. — 246— Plötzlich kehrte ſich der Herzog wieder her, betrachtete ungeduldig die leidende, weiße Geſtalt und begann mit heiterer Stimme:—„was wollt Ihr noch? Der junge Hanſteiner hat ein Mädchen geſtohlen und in meinem Hauſe geborgen— ich habe es ihm verziehen, das iſt Alles;— der Helfer dabei hat ſeinen Lohn empfangen.“— Die Herzogin ließ langſam die Hände von den Augen niederfallen, dih den Gemahl ſtarr an und eine ſtolze Würde ſtrahlte aus Miene und Haltung;— als er geen⸗ det hatte und ſie beherrſchend, als wolle er ihren ſtolzen Blick bezwingen, mit erhobenem Kopfe anfunkelte, ließ ſie den Schleier über das Geſicht fallen und näherte ſich langſam, mit fürſtlicher Würde einer Glocke. In dem— ſelben Augenblicke erſcholl das Trompetenſignal der zurück⸗ kehrenden Ritter und der Gegenruf von der Warte. Mar⸗ garethe ſchlug mit einem Hammer an die Silberglocke, die Thür wurde von draußen geöffnet, der Page erwar⸗ tete ſeine Gebieterin. Dieſe wendete ſich noch einmal gegen den Gemahl, richtete durch den Schleier ihr Ge⸗ ſicht auf ihn, dann ging ſie ſchnell hinweg.— Der Herzog ſah finſter auf die Thür. Jetzt erſcholl der luſtige Hüfthornruf der in die Burg einreitenden Freunde;— ſeine Miene lichtete ſich, er ſchritt ſingend durch das Gemach.— Ende des erſten Bandes. RRNDC Q— —,-———y——— Im Verlage von Otto Janke in Berlin ſind ferner er⸗ ſchienen: Neue Romane von Janny Lewald. 4 Bände. Erſter Band: Der Seehof. Zweiter Band: Schloß Tannenburg. Dritter Band: Graf Zaachim. Vierter Band: Emilie. Geh. 6 Thlr. Dieſe Sammlung der neueſten Arbeiten der Verfaſſerin ent⸗ hält vier Erzählungen, die, obgleich ohne jeden unmittelbaren Zuſammenhang untereinander, doch durch ein Band der Ver⸗ wandtſchaft verſchlungen ſind und ſich gegenwärtig zu einem ſchö⸗ nen Geſammtbilde einer eigenthümlich ſchaffenden dichteriſchen Kraft ergänzen. Die Verfaſſerin ſteht im vollſtändigſten Gegen⸗ ſatze zu der realiſtiſchen Richtung, welche in neuerer Zeit in der Roman ⸗Literatur die Oberhand gewonnen hat, und die, indem ſie dem Pulsſchlag der Zeit zu lauſchen unternimmt, die Poeſie meiſtens in die Proſa des alltäglichen Lebens einſchnürt. Sie ſteht eben ſo fern der reinen Romantik, ihre Dichtungen bewegen ſich vielmehr in einer mittleren Sphäre, wo die Anknüpfungs⸗ punkte für die Ideen nicht fehlen, welche das Publikum des Tages bewegen und wo doch die Fäden zerriſſen ſind, welche den Flug der Phantaſie hemmen. Ueberall iſt es ein ethiſches Problem, welches ſie beſchäftigt, und vor Allem die Liebe in der ernſten Geſtalt, wo nicht die Leidenſchaft allein, ſondern geſell⸗ ſchaftliche Combinationen, geiſtige Verwandtſchaften, mannigfaltig anziehende und abſtoßende Kräfte das einfache Spiel verwickeln. Gewiſſermaßen als Pendants ſtehen die letztgenannten beiden Nomane in dieſer Beziehung da. Graf Joachim beruht auf dem Conflict des Standesvorurtheils mit der Liebe, und löſt denſelben, bei höchſt anziehender Zeichnung der handelnden Perſonen, des Grafen Joachim, der Gräfin d'Altremont, ihrer Tochter Engenie und des bürgerlichen jungen Arztes, in faſt dramatiſch wirkſamer Weiſe, während„Emilie“ die paſſive Kraft zarter, verſtändiger Weiblichkeit den Prüfungen des Lebens gegenüber darſtellt. Der „Seehof“ iſt eine ergreifende Erzählung, welche zum Theil in die Zeit der franzöſiſchen Revolution hinüberſpielt und deren an⸗ muthigſte Seiten von den letzten Strahlen des alten Frankreichs beleuchtet ſind, während die Form der Familiengeſchichte unge⸗ mein glücklich gewählt iſt. Das Mädchen von Hela. 2 Von Fanny Lewald. 2 Bde. Geh. 3 Thlr. 10 Sgr. Die Verfaſſerin ſchreibt zwar viel, aber Phantaſie und Geiſt verſiegen ihr nicht, es iſt wirklicher Produktionstrieb in ihren Schriften. Man legt keines ihrer Bücher ohne Ausbeute aus der Hand, denn mit wirklichem Gewinn hat ſie die Welt geſehen und die verſchiedenen Geſellſchaftsklaſſen beobachtet. Es iſt außer⸗ dem ein ſtarker Zug männlicher Durchdringungsgabe in ihrem Weſen, die Fähigkeit, die Dinge zu ſchauen, wie ſie ſind. Daher glückt es der Verſaſſerin in hohem Grade, nicht nur weibliche, ſondern auch männliche Charactere mit Wahrhaftigkeit zu zeichnen. Alle die angedeuteten Vorzüge, wozu noch ein ſehr gebildeter Styl kommt, begegnen uns auch in dieſem Romane. —— Guunnuuuuummnunannumaammaaunnn 8 9 10 11 13 14