L deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhyr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 14 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für oachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 11— I 1— I nI.— 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Erſtes Kapitel. 2 Berthold Helmold hatte in wachſender Unruhe über eine Viertelſtunde in der Sakriſtei geſeſſen, ungewiß, was er bei Gertrude's längerem Ausbleiben beginnen könne, um ſich und der Geliebten nicht Gefahr zu bringen. Je rathloſer, deſto kühner werden bei einem muthigen Menſchen die Entſchlüſſe, und Helmold dachte ſchon daran, ſich der Herzogin ſelber als Gertrude's ehrlichen Liebhaber vorzu⸗ ſtellen. Der Trompetenmarſch des vom Freudenberge heim⸗ kehrenden Feſtzuges erſcholl bereits von Ferne her, es wurde unruhig in der Burg, es war ihm, als würde eine Thür hinter dem Hochaltare aufgeſchloſſen, als kämen Schritte in der Kapelle näher und näher. Zur Gegenwehr im Noth⸗ falle bereit, legte er die Hand an den Degen und ſtellte ſich der Thür gegenüber auf. Noch kannte er Gertrude's Schickſal nicht genügend, um danach in ſeiner gegenwärti⸗ gen Lage handeln zu können; der wichtigſte Theil war ihm noch ein Geheimniß, denn Gertrude war mit ihrer Erzäh⸗ lung nur bis zu dem Momente gekommen, wo der Herzog das flüchtige Mädchen einem alten Knappen zur ſicheren Bergung und erquickenden Speiſung Perwieſtn hatte. Maltitz, Herzog. II. 2 Der Schritt in der Kapelle näherte ſich geradesweges der Sakriſtei.— Helmold's Augen blieben geſpannt auf die Thür geheftet, die Hand griff feſter in den Degenkorb. Die Sakriſtei wurde von langſamer Hand geöffnet; ein alter Dominikanermönch, mit weißem Barte, milden, blauen Augen und ſanfter Miene trat auf die Schwelle— Hel⸗ mold ſpähete über ihn weg, herzogliche Knechte hinter ihm vermuthend. Der Mönch machte eine beſchwichtigende Hand⸗ bewegung, ſah dem jungen, erwartungsvollen Manne prü⸗ fend und freundlich in das Geſicht und ſprach:„Laſſet Euren Degen in der Scheide, Herr Helmold— ich komme in Frieden zu Euch, mein Gruß iſt Gertrude!“ —„„Ehrwürdiger Vater! Ihr wiſſet?⸗— —„Folget mir— hier iſt nicht der Ort, weltliche Dinge mit menſchlicher Klugheit zu verhandeln; hört, die Ritter kehren vom Turnier heim— das Mädchen, welches Ihr liebt, hat mir Eure Begegnung erzählt, es wird Euch meinen Namen Henricus genannt haben.“— —„„Nein, daß ich nicht wüßte— aber eine alte Frau, die Gertrude abrief, nannte ihn; ſie ſagte, daß derſelbe nach dem eingeſchlichenen Bürger in der Burg ſuchen laſſe.““ —„Ihr werdet nicht mehr geſucht, ſeit Gertrude in glücklicher Aufregung zu mir eilte, mir ihre Liebe zu Euch, dem erſten Befreier aus des Hanſteiners räuberiſchen Hän⸗ den, eingeſtand und mich anrief, auch Euer Schützer und Freund zu ſein. Folgt mir, ich werde Euch zu der Lieb⸗ ſten geleiten.“— In der glücklichſten Stimmung folgte Helmold dem Mönche; dankerfüllt gegen die Vorſehung, beugte er am —— 3— Altare neben der Sakriſtei ſein Kniee und betete. Der Geiſt⸗ liche blieb ſtehen, beobachtete den jungen Bürger mit wohl⸗ gefälliger Miene und wartete ſtill die Dauer des kurzen Dankgebetes ab; als Helmold ſich erhob, eilig nach dem Begleiter umblickte und deſſen Hand erfaßte, um den Ver⸗ zug durch ſchnellere Entfernung wieder auszugleichen, ſprach jener:—„Ich ſehe, Ihr ſeid ein guter Chriſt— dann ſeid Ihr auch ein ehrlicher Mann; Ihr habt große Ur⸗ ſache, Gott Eure Sache anheimzuſtellen, denn ſeine Hand hat merklich das Schickſal Gertrude's geleitet. So folgt mir denn!“— Henricus trat in eine kleine, hinter dem Hochaltar verborgene Pforte, die zu einer dunklen Treppe führte; als er die Thür wieder hinter dem Begleiter ſchloß, befand ſich dieſer in tiefſter Finſterniß.„Gebet mir Eure Hand“— ſagte der Mönch—„wir werden gleich wieder Tageslicht ſehen.“— Helmold folgte die ſteinernen Stufen einer Wendeltreppe hinauf, der Mönch leitete ihn dann eine Strecke auf ebenem Boden, öffnete eine eiſerne, niedere Pforte und das Licht des Tages blendete ſchnell vorüber⸗ gehend die Augen des Geführten; er hatte kaum den Blick gegen das Licht gerichtet, als ein freudiger, ſanfter Ton erſcholl, Gertrude's ſchlanke Geſtalt auf ihn zutrat und ſich in ſeine ausgebreiteten Arme ſchmiegte.—„O Pater!“ — rief Helmold in der Leidenſchaft ſeines Glücks—„ſegnet uns, damit kein böſer Feind Macht an uns habe!“— Henricus legte die Hand auf Beider Scheitel und ſprach: —„Die heilige Mutter Gottes ſei mit Euch! Ueber der Liebe geheimes Walten und guter Herzen Entſchluß und Wahl ſollen Menſchen nicht richten; Ihr habt Euch gefun⸗ 1* 4— den und ſelber auserwählt, um das Leben miteinander in Freude und Leid zu theilen— Gott ſei mit Euch!“— —„O, meines Herzens Freund!“— ſprach Gertrude im geſicherten Gefühle des Beſitzes und im leuchtenden An⸗ ſchauen des Mannes, dem ſie vertraute—„Du weißt noch nicht mein ganzes Leid um meines Lebens Reinheit und Freiheit;— ſieh' dieſen ehrwürdigen Prieſter,— er hat mich wie ein Vater behütet, ihm danke ich der Herzogin Gnade!“— —„„So helfet auch mir, ehrwürdiger Pater““— ſprach Helmold—„„was ſoll ich beginnen, dieſes heißgeliebte Mädchen, um das ich ſeit vier Wochen trauerte, zu meines Hauſes Ehre und meines Herzens Befriedigung als ſittſa⸗ mes Weib vor aller Welt mein nennen zu können?““— —„Weilet hier und theilet Euch mit, was der Liebe und für fernere Ereigniſſe zu wiſſen noth iſt; Ihr be⸗ findet Euch hier in meiner Klauſe, von wo es nicht gar weit zu den Gemächern der Herzogin iſt. Ich werde jetzt gehen, um der Herzogin Heimkehr abzuwarten und, wenn ſie allein iſt, ihr mittheilen, was ſich mit Euch ereignet hat. Eure Augen reden ſchneller miteinander, als der Mund— ich will Euch Zeit laſſen, dem Verlangen Eurer Blicke Worte zu geben.“— Henricus ſah Beide mild und mah⸗ nend an, dann entfernte er ſich durch eine Spitzbogenthür. Der Raum, worin ſich das liebende Paar befand, war ein hohes, von Kreuzrippen getragenes Spitzgewölbe; ein farbiges Fenſter gab ihm helles Licht, eine Lagerſtätte, ein geſchnitzter Lehnſtuhl, ein eichener Tiſch und ein Kruzifix in einer kleinen Wandniſche über einer Kniebank zeugten von der einfachen Ausſtattung einer Mönchswohnung. Kaum hatte Henricus die Thür geſchloſſen, als die Liebenden, in ſeligem Anſchauen ſtumm und doch mächtiger redend als mit Worten, ſich von Neuem in die Arme fielen.— Das Trompetengeſchmetter des eben in die Burg einreitenden Tournierzuges, das Geräuſch der Stimmen und Pferde, das entferntere Getöſe des Volkes mahnten ſie an die Zeit und den Ort ihres ſtillen Aſyls. —„„Fahre fort!““— ſagte Helmold, den ſchönen Leib des Mädchens auf ſeine Schenkel niederzwingend, indem er ſich auf den Stuhl ſetzte—„„die grämliche Frau Oelbecken iſt mürriſch gegen Dich, ſagteſt Du, weil Du der Herzogin großes Leid verurſacht habeſt?““— —„Ja, großes Leid, das ich ihr Zeit meines Lebens nicht vergelten kann, wenn ich auch bis zu ihrem Tode die treueſte Dienertn bleibe; höre mein ferneres Schickſal.“— Gertrude erzählte nun ihr Abenteuer im Zimmer unter der Warte auf Schloß Harſte, die Erſcheinung der Herzo⸗ gin, den Anblick der Leiche.—„Ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß der Herzog an mir gefrevelt habe; der Anblick der edlen, erregten Frau erfüllte mich mit der gleichen Andacht, als ſtände ich vor einer Heiligen; es wäre mir unmöglich geweſen, die himmliſche Würde dieſes Engels durch eine Thatſache zu trüben, die deſſen Ehre und Herz tief gekränkt haben würde. Sie ſchien zu fühlen, was ich empfand, als ich den Herzog verleugnete, und ſie fragte mich nicht mehr; aber ein Blick, der ebenſoviel Schmerz,„ wie Dankbarkeit war, redete mehr als jegliche Frage. Ich folgte ihr und dem hinzugekommenen Pater Henricus in 6 ihre Gemächer; hier befahl ſie ihm, mich ſicher zu hüten und zu bergen. Ich wurde der Frau Oelbecken als eine Schutzbefohlene und Dienerin der Herzogin übergeben, die mich in ein Gemach brachte, wo ſie mir Aufmerkſamkeit und Bequemlichkeit erwies; ihre Neugier befriedigte ich nicht, das ſchien ſie verſtimmt und einſilbig zu machen. Als ſie nach einer Stunde wieder zu mir trat, ſah ſie mich prüfend und mißtrauiſch an, ſeufzte und ſprach:—„„Bringe kein Unglück in's Haus, Mädchen— was haſt Du der Herzogin gethan?““— Ich wußte nicht darauf zu antworten.— „„Du haſt das Leben meiner Herrin getrübt““— fuhr ſie mürriſcher fort—„„die edle Frau zerfließt in Thränen, der Pater ſucht ſie zu tröſten, ich hörte Deinen Namen nennen. Haſt Du des Herzogs Augen bethört und zur Ungerechtigkeit verführt?““— Ich ſah ſie beſtürzt an.— „„Führt mich zur Herzogin““, bat ich,„„daß ich ihre Thrä⸗ nen auffange und über mich nehme— o Gott! was habe ich verſchuldet, daß ein Engel über mein Schickſal weint!“— Sie ſchwieg, ſah mich zweifelhaft an und ging. Bald darauf kam Henricus zu mir. Er ſah leidend, ernſt aus, ich eilte auf ihn zu, flehete ihn an, der Herzogin zu ſagen, daß es nicht der Herzog geweſen ſei, der Gewalt an mir geübt habe. — Der Pater ſchloß mich in ſeine Arme, küßte meine Stirn, ſah mir ſo ſanft und doch ſo tiefeindringend in die Seele, daß ich die Augen niederſchlug, und ſprach unendlich mild: —„„Ich ehre Dein ſchonendes Gefühl, liebes Kind— die Herzogin wird es Dir danken; aber ich weiß, was Du ver⸗ ſchweigſt und leugneſt; wir wollen morgen nachſinnen, wie Du behütet werden kannſt und wo Du bleibſt;— einſtweilen gelte vor der engeren Dienerſchaft der Herzogin als eine Gehülfin der Wartefrau des Prinzen.““— „Ich war die Nacht im Zimmer allein; die Wärterin ſchlief nebenan bei dem Kinde,— meine Aufregung erlaubte mir nicht, zu ſchlafen, ich hörte aus der Ferne durch die nächtige Stille das Lachen, Singen und Rufen der zechenden Ritter im gegenüberliegenden Flügel der Burg. Da horchte ich nach einem Geräuſch ganz in der Nähe, als ob eine Maus in der Wand nage; der Mondſchein erleuchtete mein Gemach hell, die Kerze hatte ich ausgelöſcht, um mich dem Fenſter nähern zu können, ohne von Unten erkannt zu werden; ich war ſchreckhaft, denn der Anblick der Leiche eines Menſchen, der noch kurze Zeit vorher lebendig vor mir ſtand, wich nicht von mir und ich bebte bei dem Ge⸗ danken, daß er ein Opfer meiner Rettung geworden ſei. Plötzlich lüftete ſich ein Getäfel in der Wand; eine geheime Thür, die ich nicht bemerkt hatte, bewegte ſich, ein er— wachſener Knabe trat ein— ich erkannte einen Pagen der Herzogin.— Er flüſterte meinen Namen und ſagte:„Die Herzogin verlangt nach Euch, folgt mir!“ Er nahm meine Hand und führte mich gegen die enge Thür, durch die er getreten war. Im Nebenzimmer der Wärterin begann der Prinz zu weinen— ich hörte der Oelbecken Stimme. Ich fühlte, wie die Hand des Pagen mich eiliger fortzog. Ein Saal that ſich vor mir auf, das Mondlicht beleuchtete alte Ritterbilder mit bleichen, geiſterhaften Geſichtern an den Wänden; eine zweite Thür ſchien ſich von ſelbſt zu öffnen und ich glaubte im Halbdunkel eine blitzende Bewe⸗ gung zu ſehen. Plötzlich ergriff mich eine große Angſt, ich — 3— riß mich von der Hand des Knaben los und ſtürzte zurück durch den langen Saal gegen mein Gemach. Aber ſofort hörte ich Sporentritte hinter mir, ein Tuch fiel über mein Geſicht und brachte mich zum Stillſtehen, eine Hand drückte ſich feſt auf meinen Mund, ein Arm ſchlang ſich um meinen Leib. Im Kampfe mit dem Gegner gelang es mir, einen gellenden Schrei auszuſtoßen.— Ich wurde ohnmächtig, aber, meiner Lage bewußt, fortgeſchleppt; ein heftiges Ge⸗ flüſter vernahm mein vom Schreck brauſendes Ohr— eine Stimme rief:„Halt!“— ich erkannte des Henricus Ton; der Arm, der mich hielt, ließ mich gleiten, ich ſank in die Kniee, riß das Tuch vom Geſichte und ſah Lichtglanz, der mich blendete— die Herzogin, im weißen, langen Nachtkleide, aufgelöſtem Haar, einen Pagen mit brennender Kerze neben ſich, eilte herbei— eine Hand hob mich empor, ich blickte in des Paters erhitztes Angeſicht.—„„Was iſt hier vorge⸗ fallen?““ rief die Herzogin, in großer Aufregung, mich und den Pater anblickend.—„„Ein neuer Raubverſuch““— ſprach Henricus;—„„eben, als ich von Eurer Gnaden nach dem mitternächtigen Gebete fortging, ſah ich die Thür offen, die zu der jahrelang verſchloſſenen Gallerie führt, die Eure Gemächer mit dem Altane über dem Burggraben verbindet; der Hellebardier, der hier gewöhnlich ſeinen Poſten hat, war nicht da;— ich folgte im Mondlichte der Rich⸗ tung der Gallerie, hörte den Hülferuf, und ſah einige Per⸗ ſonen über den Altan ſteigen und im Schatten verſchwinden. Eben gelange ich hier an.““— Die Herzogin war lange ſtumm und unbeweglich— dann ſah ſie mich gedankenvoll an. Ihr Anblick that mir ſo weh, daß ich mich vor ihr —õ— —— — — — — 9— nieder warf und ſie anflehte, mich weit fortzuſchicken, damit ich ihre Ruhe nicht mehr kränke.— Sie antwortete nicht— ihr Blick haftete am Boden. Ein Gegenſtand feſſelte ſie, ſie befahl dem Pagen, ihn aufzuheben; es war das Tuch, das ich vom Geſichte geriſſen hatte;— ſie beſah es, ein Zeichen war darin geſtickt, ſie zuckte, athmete ſchwer, gab einen Wink und entfernte ſich langſam. Die alte Wärte⸗ rin, mit einer brennenden Kerze, war unterdeſſen ebenfalls angekommen, die Herzogin antwortete ihr nicht; unwillig eilte die Alte auf mich zu, warf mir vor, die Ruhe der Fürſtin zu ſtören, und wünſchte mich fort an das Ende der Welt. In einem wehmüthigen Gefühl ſuchte mein Btick den Pater und ſeine Milde gab mir Troſt.—„„Arme““, — ſagte er—„„kehre in Dein Gemach zurück, dieſe Nacht wird ruhig vergehen.““— Ich folgte an ſeiner Hand der mürriſchen Wärterin; die Thür im Getäfel wurde verriegelt, Henricus blieb draußen im Saal zurück.“— Helmold hatte nicht gewagt, die Mittheilung Gertrude's durch irgend ein Wort zu unterbrechen; geſpannten Ohres horchend, hatte er die Geliebte feſter umarmt und ſeinen Blick tief in ihre braunen Augen gebohrt. Wir wollen die Ereigniſſe auch in denjenigen Begeben⸗ heiten und inneren Zuſtänden weiter berichten, wovon Ger⸗ trude nicht Zeuge geweſen war, und die ſie ſpäter nur durch Ahnung, Nachdenken und Erfolge im Allgemeinen kennen lernte. Henricus hatte auf ſeinem Rückwege durch Saal und Gallerie die Thüren zum Altane und Corridore ſorgfältig wieder geſchloſſen, dann einen Hellebardier im Namen der 10= Herzogin aus der Wachtſtube der Reiſigen geholt, als Wacht⸗ poſten an den Eingang geſtellt und jetzt erſt den Weg nach der Herzogin Zimmer genommen, wo er kurz vorher im mit⸗ ternächtigen Gebete mit ihr für den Mord und die Untreue des Gemahls Gottes Verzeihung erfleht hatte, denn Marga⸗ garethe war, nach der Rückehr vom Gemahl, in einem Zu⸗ ſtande tiefſten Seelenſchmerzes, in Thränen ausgebrochen und von der leichtfertigen Unwahrheit, womit der Herzog ihre heiligſten Gefühle gekränkt hatte, in ihrer Gattinnenehre und ſittlichen Würde auf's Aeußerſte gedemüthigt worden.— Henricus fand ſie auch jetzt vor ihrem Betpulte auf den Knieen in heftigſter Bewegung. Als ſie den Beichtvater und Vertrauten bemerkte, ſchien ihr ſonſt ſo ſanfter Blick be⸗ ſchämt vor der ſchmerzlichen Miene des Freundes; auf ſeine tröſtenden Worte ergriff ſie das Tuch und zeigte es ihm ſchweigend. Er verſtand ihren Blick— es trug dieſes rothe Tuch das Zeichen des Löwen und gehörte zu denen, welche als Behang der Stuhllehnen in des Her⸗ zogs Gemächern dienten.—„O!“— ſeufzte ſie, als Hen⸗ ricus mit gefalteten Händen auf das Tuch niederſah— „er hat Liebe und Achtung gegen mich verloren, ich bin nicht mehr ſein Weib, was mir theurer war, als ſeiner Krone Genoſſin; er übt nicht mehr die gemeinſte Rittertugend an mir, die das Weib eines Edelmannes mit dem wilden Trei⸗ ben der Männer allein noch zu verſöhnen vermag— er hat meines Herzens Angſt und gerechte Forderung mit unwahren Lippen verſpottet, hat mich vor dem Mädchen, das ihn, den ich als Gattin ehren ſoll, verachtet und es mir nicht aus Mitleid einzugeſtehen wagt, erniedrigt!— Mein Schickſal — 11— iſt ſfit heute entſchieden— mein Beruf iſt nicht Gatten⸗ liebe, ſondern Buße, Gebet, Opfer;— darin will ich meine Liebe bethätigen, daß ich ſeinen Sohn an mein Herz drücke, ihn zu einem guten Menſchen erziehe, daß ich mein Leben ingebe zu guten Werken für des Herzogs ewiges Heil und zur Sühne ſeiner Sünden!“—„„Zerſtreuet Euch““,— ſagte Henricus,—„heilet das verwundete Gemüth durch den Anblick anderer guter Menſchen.“— „Meines Bleibens iſt nicht länger hier, wo das friſche Blut des Mordes am Boden klebt, dieſes Haus iſt entweiht. — Ich bedarf des Erguſſes meines Herzens an einer weib⸗ lichen Bruſt, aber wo finde ich dieſe, ohne beſchämt zu ſein?“— —„„Befehlt Ihr, daß ich das Fräulein Hanna von Kehl, Eure Jugendgeſpielin, wecke?““— —„Nein— ich will nicht, daß meine Damen mich in meiner Erniedrigung ſehen, mein Schmerz ſoll ein Ge⸗ heimniß bleiben vor Land und Leuten, daß ſie den Herzog nicht meinetwegen verachten müſſen;— ich kann auch nicht an Hanna's, meiner Jugendgeſpielin, Herzen das Echo mei⸗ nes Schmerzes finden, nur ein Weib, das eines Mannes Leidenſchaften kennt und darunter ſtill litt, kann mich ver⸗ ſtehen. Noch lebt Otto's Mutter Jutta auf Schloß Mün— den, ſie floh unwillig vor ihres Sohnes wilder Natur in ein ſtilles Leben zurück, dorthin will ich eilen, dort am Mutterherzen horchen, was meine Pflicht, was eines ge⸗ kränkten Weibes Loos iſt.“— Der eigene Schmerz, die Hut Gertrude's und die Scho⸗ nung, womit ſie dem Gemahl die fernere Verſuchung zur — 12— Sünde entziehen wollte, hatten ſie beſtimmt, das Schloß Harſte zu verlaſſen. Am anderen Morgen rief ſie die Pagen einzeln zu ſich, um denjenigen zu ſtrafen, der Gertrude aus ihrem Gemach gelockt und den Namen der Herzogin miß⸗ braucht hatte.— Kurd von Weferlingen, der Bruder der rothhaarigen, muthwilligen und weltluſtigen Hofdame Olga, welche der Herzog ſeiner Gemahlin beigegeben hatte, um den frommen Sinn derſelben in eine, ſeinem Geſchmack entſprechende muntere Weltluſt zu kehren, Kurd, ein kaum vierzehnjähriger Knabe, war ehrlich und befangen genug, ſeine Schuld einzugeſtehen und den Edelknappen Hermann von Hanſtein als Urheber zu verrathen. Das leicht ver⸗ zeihende, ſo gern an der Menſchen Tugend glaubende Herz Margarethe's ſchwankte einen Augenblick, ſich überredend, daß der Gemahl wahr geſprochen und der Edelknappe des Mädchens eigentlicher Uebelthäter geweſen ſei; ſie überredete ſich durch gewaltſame Gründe, durch die Vorſtellung, daß der Herzog unmöglich ſo leichtfertig ihre Frage an ſeine Ehre und Pflicht hätte beantworten können, wenn er vor dem eigenen Gewiſſen hätte lügen müſſen, an die Unſchuld des Gemahls zu glauben, zumal Gertrude erzählt hatte, daß derſelbe Hanſteiner es geweſen ſei, der ſie räuberiſch aufgehoben und entführt habe. Henricus widerſprach nicht, aber ſein Schweigen und Gertrude's Verleugnung des Mannes, der ihr im Schloſſe Gewalt angethan habe, machte ihre angeſtrengte Selbſtüberredung verſtummen.— Am anderen Morgen, ehe Otto mit ſeinem ritterlichen Gaſtfreunde ausritt, ſandte Margarethe das Söhnchen zum Vater, um ihm im Anblicke des Kindes melden zu laſſen, — 13— daß ſie, zur Ausübung einer bußfertigen Handlung, ſich in das ſtillere Schloß Münden zu begeben wünſche; der Herzog willigte ein, vielleicht um ſo bereitwilliger, als er ſelbſt dem Blicke Margarethe's ausweichen wollte, und ſchon am Mittag fuhr dieſe, von Henricus, der Hofdame Hanna von Kehl, Gertruden, als Leibdienerin, und einigen reiſigen Knappen als Schutz begleitet, nach der Herrſchaft Münden ab. Hier weilte ſie in der theilnehmenden Nähe der Her⸗ zogin Jutta drei Wochen, als des Herzogs Befehl eintraf, ſich bereit zu halten, am erſten Sonntage nach Lichtmeſſen beim großen Turnier in Göttingen zu erſcheinen und vor Ritterſchaft und Volk die fürſtliche Würde zu repräſentiren. Jutta hatte auf Margarethe's Gemüth einen beruhigenden Einfluß geübt, das Loos des Weibes als Dulden, das der Fürſtin als Dulden und Selbſtbeherrſchung dargeſtellt; ſie hatte die junge Schwiegertochter angefleht, vor der großen Welt des Herzogs Stolz und Willen zu theilen, in der ſtilleren Welt des Hauſes aber nicht müde zu werden, beſänftigend auf ſeine Leidenſchaft und Heftigkeit einzuwirken und nicht zu vergeſſen, daß die hingebende, opferfreudige Liebe des Weibes allmählig des ungeſtümſten Mannes Cha⸗ rakter überwinde, wie eine weiche Luft unmerklich den Eis⸗ block ſchmelze, und daß der ſtolze Uebermuth des Mannes nur unbeugſamer werde, wenn er ſich vor des Weibes ſchwacher Natur gedemüthigt fühle. Jutta hatte Margare⸗ then gerathen, auszuharren, nicht zu ermüden in ſanfter Ausgleichung ſeines, des Gemahls, heftigem Sinne, gehor⸗ ſam zu erſcheinen, wo ſie auf Beherrſchung abſehe und durch zu große Frömmigkeit nicht die Brücke zwiſchen ihrer Welt und dem weltlichen Sinne des im wilden Strome des Ritter⸗ thums forttreibenden Mannes unzugänglich zu machen. Margarethe gelobte, dem Looſe der Fürſtin die heiligere Welt des Weibes ſoweit zu opfern, wie es ihr vor Gott und Gewiſſen möglich würde, und rüſtete ſich zur Abreiſe nach Göttingen. Der Herzog, welcher, bald nach ihrer Entfernung nach Münden, gleichfalls Schloß Harſte ver⸗ laſſen und bereits ſeit vierzehn Tagen auf dem Bollrutz reſidirt hatte, ſchickte ihr die Hofdamen und einen großen Hofſtaat nach Münden, womit ſie in Göttingen einziehen ſollte, um der Welt zu zeigen, daß die ihr zu Ohren gekommenen Gerüchte über eine Entzweiung der fürſtlichen Gatten unwahr ſeien. Margarethe zögerte mit ihrer Ab⸗ reiſe bis zur letzten Stunde, und zog erſt am Abend vor dem Turniertage in Göttingen ein, wo Otto ſie mit for⸗ meller Galanterie empfing, ſie mit feſten, beherrſchenden Blicken unter ſeinen Willen zwang, ſich der Welt als Fürſtin zu zeigen, und in einem Zwiegeſpräche ſagte:—„Seid froh und wie's ſich gebührt, daß ich nicht hinter dem ge⸗ ringſten Edelmanne zurückſtehe, der für die Schönheit und Tugend ſeiner Dame jedweden Kampf beſteht. Ich will, daß Ihr dem Lande durch Euer Benehmen widerlegt, was Ihr ſelber in's Gerede gebracht habt und daß Ihr dem erſten Ritter vom Oberwald nicht die Schande anthut, daß es heißt, er habe ein Gemahl, dem das Pfaffenthum beſſer gefalle, als das Ritterthum.“ Margarethe hatte ihn ſo bittend und mit ſo mitleids⸗ vollen himmliſchen Augen angeblickt, daß er ſelber die himm⸗ liſche Gewalt der Schönheit fühlte und ihr einen Kuß auf —— — 15— die Wange drückte. Damit glaubte er das Weibergemüth, deſſen tiefere empfindſamere Natur er nicht kannte, völlig verſöhnt zu haben.— Im Gefolge der Herzogin befanden ſich Henricus und Gertrude. Die edle Frau hatte das ſchöne, ſtille, traurige Mädchen lieb gewonnen und mit nach Göttingen gebracht, um mit deren Mutter, wonach ſie verlangte, zu reden und dann das Mädchen aus der Gegend weg, in eine Lage zu verſetzen, wo es, bis ſein Herz ſich etwa ſelbſt einen männ⸗ lichen Beſchützer gewählt habe, vor den Augen des Herzogs, des Hanſteiners und Groner Vogtes geſichert ſein würde. Am heutigen Morgen vor der beginnenden Feſtlichkeit, als die befreundeten Ritterdamen der Herzogin ihre begrüßenden Beſuche abſtatteten, fand ſich eine Gelegenheit für Verwirk⸗ lichung ihrer Abſicht. Die junge Frau von Oldershauſen, die Margarethe wegen ihrer ſanften, reinen Seele ſchätzte, deren äußere ſtolze Haltung nur der unwillkürliche Aus⸗ druck weiblicher Würde, und die ſchon früher bei Marga⸗ rethe's Hochzeit als Fräulein zugegengeweſen und ſeit kur⸗ zer Zeit verheirathet war, hatte, durch Flucht mit einem braunſchweigiſchen Bürgerſohne am Tage der Abreiſe nach Göttingen, ihre Kammerzofe verloren;— die Herzogin dachte an Gertrude und ließ ſie rufen; Ritterfrau und Dienerin gefielen ſich ſchnell, Gertrude wurde in Dienſt genommen, von der Herzogin beſonderer Gunſt empfohlen und dieſe ſollte nach Beendigung des Feſtes der neuen Herrin folgen.— Mit welchen Gefühlen heute Margarethe dem geräuſch⸗ vollen Turniere beigewohnt, wie wenig der Glanz ihren, — 16— Sinn ergötzt, wie ſtark ſie ſich beherrſcht hatte, der Fürſtin die ſtilleren Gefühle des ſanften Weibes zum Opfer zu bringen, und wie abgeſpannt an Geiſt und Seele ſie im Lärm der Waffen, im Geſchmetter der Trompeten und im Geräuſch der Luſt am wilden Spiele und galanten Rit⸗ terdienſte, auf reichbehangenem Zelter in die Burg einzog, brauchen wir nach den vorhergegangenen Ereigniſſen nicht be⸗ ſonders zu ſchildern. Wie auf den Sturm in der Natur, und auf Leidenſchaft in der Menſchenſeele die Ruhe der Ermü⸗ dung folgt, ſo verlangt auch die Feſtfreude eine Pauſe.— Dies war nun auch in der Burg und Stadt zeitweiſe ein⸗ getroffen. Die Ritter, welche theils im Bollrutz, theils in den Adelshöfen und Herbergen der Stadt logirten, ruheten vom Waffenſpiele aus und legten die Rüſtungen ab, um ſich für die Stunde des großen Gaſtmahles, das der Her⸗ zog ſeinen Gäſten geben wollte, in die ſeidenen und reichen Wammſe und den friedlichen Glanz ihres Standes zu klei⸗ den, denn das Gaſtmahl nach einem Turniere war ein ritterliches Spiel ſiegreicher und beſiegter Herzen. Die Sieger der Rennbahn ſaßen bei ihren Damen und Preis⸗ geberinnen, durften ſie küſſen und zum Tanze führen und manche Dame gewährte dem Schmeichler oder Anbeter ihrer Schönheit und Anmuth einen Schmuck von ihrem Buſen oder das Anlegen ihrer Farben und Schärpe. Dem Geräuſche entflohen, ſaß Margarethe im Bou⸗ doir erſchöpft auf einem Seſſel, das blonde Lockenhaupt auf den weißen Arm geſtützt, den blauen Blick träumeriſch geſenkt; Hanna ſtand hinter ihr, das ſtrahlende Diadem, welches Margarethe's Haupt mehr zum Abbilde der — 17— Himmelskönigin, als weltlichen Herrin vollendete, von ihrem Scheitel nehmend.—„Du biſt ſo ſtill, Margarethe“— hub die Jugendgeſpielin, die ihr als Geſellſchafterin von Jülich gefolgt und vom Herzoge zur Hofdame ernannt war, an, indem ſie das Diadem auf den Tiſch niederlegte und die dunkeln, melancholiſchen Augen auflauerten, den blauen weichen Blick der Sinnenden zu empfangen. Margarethe ſchlug die Augen auf, ſah, wie aus einem Traume gewalt⸗ ſam aufgeſchreckt, die Freundin betroffen an und ſprach in zerſtreuter Haſt:—„Wie ergeht es dem Ritter Olders⸗ hauſen? Hat ſich die gute Irmengard getröſtet?“ „Der Bote iſt eben heimgekehrt vom Pleſſe'ſchen Hofe, wo der Ritter abgeſtiegen iſt; er hat ſich erholt, der Medicus vom Pauliner Kloſter hat's für eine Erſchütterung des Kopfes erklärt, doch ſoll er nicht am Gaſtmahle theil⸗ nehmen.“— —„Arme Frau— wie wird Dir dies wilde Freuden⸗ ſpiel zur Pein! Wenn ſie den Gatten nicht verlaſſen kann, ſo will iih ſie nach dem Gaſtmahle im Pleſſe'ſchen Hofe Lnffnch en.“— „Wird es der Herzog gern ſehen, wenn Du Deinem Gefühle allein folgſt? Er nennt das ſeine Hoheit vergeſſen. Befiehl, und die Ritterfrau wird Dir am Abend ge⸗ horchen.“— Margarethe ſchwieg und ſah die Freundin mit einem wehmüthigen Lächeln an. —„Frau Irmengard hat dem Boten beſtellt, daß ſich ein junger Bürger angeboten habe, die Sänfte aus der Burg zu holen; ſie habe ihm in der Auſregung ihr Maltitz, Herzog. II. —18 geſticktes Tuch mit dem Wappen als Zeichen mitgegeben, um ſich damit als ihr Bote bei den Wachen und der Diener⸗ ſchaft der Herzogin zu legitimiren. Er ſei nicht wieder⸗ gekehrt und man ſolle das Tuch im Schloſſe nachfragen. Frau Oelbecken ſagte mir, daß die Wachen den jungen be⸗ waffneten Mann in's Herrenhaus eingelaſſen hätten, aber derſelbe nicht wieder herausgekommen ſei. Sie laſſen ihn jetzt ſuchen.“—: Margarethe war von ihrer ermattenden, träumeriſchen Haltung horchend zu geſpannter Aufmerkſamkeit erweckt; ſie richtete ſich, die Rede Hanna's mit Unruhe abwartend, auf und fragte jetzt lebhaft:—„Kennt man den Mann nicht? Ein Bürger? Bewaffnet? Er ſoll ſofort geſucht und ge⸗ fangen gehalten werden!— Laß Henricus rufen!— Wo iſt Gertrude?“— —„Frau Oelbecken kann ſie nirgends finden— ſie kam von der Kirche und hatte ſie in der Kapelle im Gebete zu finden gehofft.“—„Rufe Henricus!“— fiel Margarethe, aufſpringend, ein;—„ſchnell!“— Hanna eilte hiuaus; Margarethe ſchritt in großer Un⸗ ruhe durch das Zimmer, die Hand auf den beklommenen Buſen gepreßt.„Hält man eines Weibes Schutz für ſo gering?“— ſprach ſie bewegt;—„hat man Gertrude's Gegenwart ausgekundſchaftet? Wer ſendet den Spion in mein kleines Gebiet, das ich zu beherrſchen mir einbilde? Weſſen Sinn gelüſtet nach dem gehetzten, unter meiner Macht ſchutzloſen Reh? Iſt es mein Gemahl? Gerechter Gott! Hätte er mir geſtern Abend mit unlauterem Herzen den Judaskuß gegeben?— Der junge Hanſtein?— Ha! — 19 wäre das die erſte That der heute gelobten Rittertugend, die erſte Frucht der glänzenden, ceremoniellen Lüge, die heute mein Ohr anhören mußte? Die Probe ſeines heuchleriſchen Gelübdes nach der Gott gewidmeten Faſtennacht und dem Sacrament?— Wäre es der Groner Vogt, der unter ſeines Herrn Gunſt der Herzogin zu trotzen wagt?— Gertrude muß fort, ſie vernichtet meine Ruhe, ſie lehrt mich Männer in ihrer gemeinen Schwäche kennen, ſchwächer als ein Weib! Einen Mann möchte ich finden, der männlich und edel genug iſt, ein Mädchen der Tugend wegen zu ſchützen; — der Oldershauſen iſt ein ſtolzer Mann, aber er betet ſein Weib an, er ſoll es mir auf ſein ritterliches Schwert geloben, Gertrude als mein Eigenthum zu behüten.“— Hanna von Kehl blieb lange fort;— Margarethe's Unruhe wurde dadurch geſteigert. Sie läutete mit der Glocke und ein feſtlich geſchmückter Page trat ein.—„Henricus ſoll kommen!“— befahl ſie ungewöhnlich heftig.—„Er wird geſucht, Herzogliche Gnaden“— erwiderte der Edelknabe— „ich habe wol gehört, daß man ihn nirgends finden kann.“— —„Eile, ſucht ihn überall, in der Kapelle, in den Gallerien, in der Stadt!“— rief Margarethe, mit den Armen den Pagen hinausſcheuchend; dann warf ſie ſich in den Seſſel und ſtützte die heiße Stirn auf die brennende Hand.„Ich habe es Gott gelobt, dieſes Mädchens reine Seele zu ſchützen, ich——;¹“ ſie ſtockte, den Gedanken vor ihren eigenen Ohren hörbar zu machen, daß ſie dem Gatten die verbrecheriſche That an dem auserſehenen Opfer ſeiner Luſt und an ihrer eigenen Ehre und Liebe erſchweren und unmöglich machen wolle.— 2* — 20— Jetzt trat Henricus ein; ſie eilte ihm entgegen und ſtutzte. —„Du haſt ein heiteres Geſicht? Du lächelſt ſorglos? Henricus, ein verkleideter Bürger iſt in die Burg geſchli⸗ chen, Gertrude iſt verſchwunden— mein Gott Du biſt ſo ruhig— haſt Du mir eine gute Nachricht zu bringen?“ —„Beruhigt Euch, Herzogin;— der eingeſchlichene Bürger iſt gefangen, in meinem Verwahrſam, Niemand weiß es— Gertrude iſt unter ſeinem Schutze— die Oelbecken fand ſie in der Kapelle; Gertrude eilte zu mir in froher Herzensbewegung, um mir zu entdecken, daß ſie eines Man⸗ nes Schutz gefunden habe für das ganze Leben.“— —„Wie verſtehe ich das?“— —„Ein junger Bürger und Brauherr aus Göttingen, derſelbe, welcher Gertrude vor vier Wochen aus des Han⸗ ſteiners räuberiſchen Händen befreit und ſeitdem mit verwun⸗ detem Herzen ihre Spuren ſuchte, hat ſie hier in der Sa⸗ kriſtei der Kapelle aufgefunden und Beide ſind ſelig in ihrem Anſchauen.“— —„Gertrude liebt? Und das konnte ſie mir geheim halten?“— —„Sie liebte den jungen Mann in der Erinnerung ſeiner That an ihr; erſt jetzt, beim erſten Wiederſehen, ver⸗ ſtanden die Herzen den geheimen Zug, der ihre Gedanken miteinander kreuzte;— die Liebe hat ihre eigene Sprache und Botmäßigkeit, ein Funke unter der Aſche der Hoff⸗ nungsloſigkeit, wird er ſchnell zur lichten Flamme, wenn er durch den rechten Mund angeblaſen wird; das Herz braucht ſeines geheimen Zuges Gegenſtand nur einmal zu erblicken und das iſt ihm genug, ohne weitere Frage demſelben ſein — — 21— Glück anzuvertrauen. Befehlet Ihr, daß Gertrude Euch den Mann ihres Herzens vorführe?“— Margarethe war bei des Geiſtlichen Worten ſtill und ernſt geworden, hatte den Blick geſenkt, die Hand auf das Herz gelegt und antwortete nicht ſofort auf die Frage. Nun hob ſie mit raſcher Be⸗ wegung das Haupt und ſah den Freund unruhig, zer⸗ ſtreuten Blickes an, als würde ſie jetzt erſt deſſen Gegenwart gewahr und als fühle ſie ſich erſchrocken, das ihre ſtillen Gedanken einen Zeugen gehabt haben könnten.—„Rufe Gertrude“, ſprach ſie ſo ſchnell, daß es faſt ſchien, als beun⸗ ruhige ſie des geiſtlichen Freundes klarer Blick. Henricus ging. Margarethe ſah ihm nach, blieb unbeweglich ſtehen und ſeufzte; ihre Lippen hauchten dieſe Worte, wie ein weiches Echo der Bewegung ihrer Seele.—„Ach!“ ſprach ſie kaum hörbar,„es wird mir ſo wohl thun, aus einem natürlichen, reinen Herzen die Sprache der Liebe zu vernehmen— von ihm zu hören, was meinem Herzen geboten iſt, ewig zu verſchweigen. O! wie glücklich iſt ein Mädchen, das nach eigener Wahl dem Herzen genügen darf— wie frei und bevorzugt iſt eine gemeine Bürgerin gegen die arme Tochter eines Fürſten! Was ſind hier die Mädchenherzen Anders, als Edelſteine oder Kaufpreiſe, womit man ſich Freunde, Vaſallen und liſtige Vortheile erkauft!— Welcher Fürſt hätte jemals ſtatt ſeiner ſelbſtſüchtigen Pläne, das Herz ſeines Kindes befragt?— Nicht Liebe iſt unſer Loos, ſon⸗ dern das eitle Blendwerk galanter Etikette;— ach! Mar⸗ garethe— du biſt keine Fürſtin, denn du haſt ein Herz, das nach Liebe dürſtet!“— Die Herzogin ſchritt langſam gegen den Tiſch. Hanna — 22— von Kehl trat ein.—„Henricus war bei Dir?“— ſprach ſie—„er begegnete mir.— Es hat ſich der Ritter Eckhard von Rönfurt melden laſſen und bittet, ſeiner hohen Turnier⸗ dame die dienſtfertige Aufwartung machen zu dürfen.“— Margarethe erſchien unruhig.—„Laß ihn noch warten“ — antwortete ſie mit einer Haſt, als wollte ſie den Ritter abwehren;—„ich habe Gertrude zu mir rufen laſſen.“— Als die junge Hofdame ihre fürſtliche Jugendfreundin fragend und vielleicht nicht ohne einen Zug der Befremdung anſah, trat Margarethe auf ſie zu, blickte ihr freundlich bittend in die dunkeln Augen, legte ſchmeichelnd ihre Hand auf deren Wange und ſprach mit überredendem Tone:—„Iſt es dem Herzen eines Weibes nicht Erquickung, aus dem reinen Born der Liebe zu ſchöpfen und Theil zu nehmen, wo er aus fremdem Herzen quillt? Iſt unſer natürliches Gefühl nicht Liebe und Sympathie? Und iſt es nicht mit allen Herzen verwandt, die in Unſchuld und Weiblichkeit empfin⸗ den, was uns ſelbſt glücklich macht, oder wir entbehren? Gertrude liebt;— ich will am friſchen Strome ihres hei⸗ lichſten Gefühls mein eigenes Herz erfriſchen; die Herzogin iſt arm gegen dieſes Bürgermädchen!“— Hanna umarmte die Freundin, blickte tief in deren Augen und flüſterte:—„Sieh' nicht ſo leidend aus, Margarethe — ſei heute ganz des Herzogs Gemahlin— das Volk blickt auf Dich— Du haſt einſame Tage genug, wo Du dem Gefühle des Weibes nachhängen kannſt.“— Margarethe lächelte.—„Das Volk blickt auf mich! Fürſtin, verleugne das Weib!— Liebe Hanna, gönne mir dieſe Stunde, wo Ritter und Edelfrauen Sieſta halten, um 9- mir ganz zu leben;— laß mich allein, Hanna, geh' zu meinem Kinde und bringe ihm dieſen Kuß.“— Sie drückte ihre Lippen auf der Freundin Wange und kehrte ſich ab. Die Hofdame entfernte ſich. Margarethe blieb abgekehrt ſtehen und barg eine ver⸗ rätheriſche Thräne ihrer weichen Gefühlsbewegung. Henricus öffnete die Thür;— Gertrude trat ſchüchtern ein, ſchritt zögernd näher und erwartete, daß die Herzogin ſich umwenden würde. Dieſe kehrte ſich gegen die Eingetretetene in edler Hoheit und Würde einer Fürſtin; durch die feſte, herzogliche Haltung ſchien ſie die eigene, weiche Stimmung beherrſchen zu wollen.— Gertrude warf ſich ihr zu Füßen, ſchlug ihre leuchtenden Blicke zu dem ruhig auf ſie nieder⸗ ſtrahlenden Auge der Herzogin empor und ſprach:—„Hohe, gnädige Frau— rechnet es mir nicht als Undank an, wenn ich Euch anflehe, meinem Herzen zu gewähren, was Ihr demſelben gerettet habt;— Ihr ſeid mir als Herzogin ein Schutzengel geworden, ſeid es auch in der ſchönen Eigen⸗ ſchaft des Weibes! Vor Eurer Hohheit würde ich mit meiner Bitte verſtummen, aber vor Eurem Herzen fürchte ich mich nicht, einzugeſtehen, was ich der Herzogin nur mit Zagen und Beſchämung zu ſagen vermöchte;— ich bin Eure Dienerin, Euch zum Danke und mir zur Sicherheit; Ihr habt mich einer edlen Dame als Zofe anvertrauet, o! beſtimmet, was aus mir werden ſoll, wenn Ihr erfahret, daß meines Herzens heißeſtes Gefühl nicht Euch allein mehr angehört — wenn ich einen ehrbaren Mann liebe, der mir von Gott beſchieden iſt.“—. —„Und das konnteſt Du mir verbergen?“— er⸗ — 24— widerte die Herzogin mit erzwungener Ruhe. Gertrude ließ ſcheu und hülfeſuchend ihren Blick nach dem Mönche ſchweifen, der im Hintergrunde ſtand und die Scene be⸗ obachtete. —„Fraget den ehrwürdigen Pater“— ſprach ſie— „er hat den Mann geſehen, ihm, dem Geiſtlichen, hat mein Herz nach friſcher That gebeichtet, ihm entdeckte ich im wogenden Gefühle des Glücks meine Liebe.“— —„Deine Liebe? Iſt dieſes Gefühl die Frucht eines Augenblicks?“— —„ZIch vermag darüber nicht zu ſinnen, ich weiß nur, daß ich glücklich bin, muthiger, geſchützter.“— —„Geſchützter? So wenig fühlteſt Du Dich unter meinem Schutze ſicher?“— —„Verzeihet mir, ich habe keinen Namen für meine Empfindung— wenn mir Helmold, der Göttinger Bürger und Brauherr, auch nicht vor dem Heiligſten und bei ſeiner Seele Heil gelobt hätte, meines Lebens Schutz und treuer Gefährte zu ſein, ich müßte ihm doch vertrauen und glauben. Bei ihm fühle ich kein Bangen, ihm kann ich meine Ehre und Unſchuld zur treuen Hut anheimſtellen— es iſt mir, als müßte ich ihm in Allem gehorchen und nur ſeinem Willen leben.“— —„Steh' auf, Gertrude“— ſagte die Herzogin zwar mit befehlendem Tone, aber mit ſanfter Hand das ſchöne Mäd⸗ chen aufhebend.—„Hohe, himmliſche Gefühle dürfen nicht zu meinen Füßen um eine irdiſche Gnade flehen; Deine Liebe iſt ſtärker als Deine Treue zu mir.“— —„Nennet das nicht ſo— gnädige Herzogin;— Euch — —————J—— verdanke ich, daß ich in Liebe glücklich ſein kann;— was Ihr behütet habt, iſt der Preis, um deßwillen ich einem ehrbaren Manne werth und lieb bin;— wie könnte ich ihm in's Auge ſehen, ſeines Herzens edelſten Trieb in meiner Bruſt empfangen, ſein Leben mit dem meinigen vereinigen, wenn ich ihm nicht bieten und mit reinem Herzen verheißen könnte, was Ihr mir behütet habt! Ihr ſeid meiner Unſchuld Engel, o ſeid es auch meiner Liebe!“— —„So ſchnell iſt Deine Unſchuld bereit, der Liebe ſich zum Opfer zu geben? Kennſt Du die Ehrbarkeit des Mannes, ſeine Sitte, ſeinen guten Willen? Iſt er ein Mann, ebenſo muthig wie empfindſam?“— —„Ja, ja— Ihr ſolltet nur ſein Auge ſehen, ſein Wort hören, ſeine kühne Stirn ſchwellen ſehen, wenn er von meinem Leide hört.“ —„Haſt Du ihm Alles erzählt? Kennt er Deine Schickſale?“ fiel Margarethe mit ſtrengerem Tone ein. —„Ol konnte ich Demjenigen etwas verſchweigen, der mein Leben als ſein eigenes Schickſal empfängt und vor dem meine Seele kein Geheimniß haben darf?“ —„Du haſt ihm erählt?“ Mit dieſen Worten fiel die Herzogin plötzlich, mit beleidigtem Blicke und gerötheter Wange in des erſchreckenden und verſtummenden Mädchens Geſtändniß— doch ſie unterbrach ſich, blickte flüchtig auf Henricus und wendete ſich ab. Gertrude floh gegen den Mönch, dieſer führte ſie der Herzogin wieder zu und ſprach: —„Ich bitte Euch, peinigt nicht das eigene und des Mäd⸗ chens Herz;— laßt uns dem Gefühle vertrauen, das Ger⸗ trude beherrſcht; ſehet das Glück, das in ihren Augen um Euren Segen fleht!“— Margarethe wendete ſich herum, ſah Henricus feſt, inhaltsſchwer und mahnend an, ſchlug dann das Auge auf Gertrude nieder, die ſich von Neuem zu ihren Füßen geworfen 6 hatte, und ſchwieg. Wie in tiefen Gedanken ſprach ſie dann halblaut:„Ach! die Liebe iſt die höchſte Macht! Was iſt das Diadem der Welt gegen die ſüße Dornenkrone im liebenden Herzen!“— —„Jhr zürnet mir nicht?“—— begann Gertrude, „vom milderen Blicke der Herzogin ermuthigt;—„Wenn Ihr meine Liebe anerkennt und ſie für des Weibes Loos im Himmel und auf Erden haltet, o! ſo helfet mir!“— Die Herzogin reichte der Knieenden die Hand.— „Kniee vor Gott und danke ihm; bete für mich— er iſt mächtiger als irdiſche Herrſcher!— Was kann ich Dir thun?“— —„Nehmet mich ſo lange in Schutz, bis ich des Man⸗ nes rechtmäßige Gattin bin;— entfernet mich nicht von Göttingen, daß ich dem Manne meines Herzens nahe bleibe; o! ſegnet mich und ihn! Er hat eben zu mir geſprochen, noch höre ich in meiner wogenden Seele ſeine Worte, die mir verkündeten, daß er mich ſchnell unter ſeines Hauſes ſicheres Dach führen und Euch bitten wolle, aus Eurer 0 Hand ihm das Weib zu geben, das er Eurer Gnade in treuer Unterthänigkeit zeitlebens danken werde.“— —„Das Sacrament der Ehe“— nahm Henricus das Wort—„iſt ein unzerreißbares Band, das die Anfech⸗ tungen des Mädchens zurückſcheuchen und zugleich kirch⸗ — 27— lichen Schutz gewähren wird. Der junge Brauherr iſt in der Lage, jede Stunde ſein Weib in ein wohlbeſtelltes Haus einführen zu können.“— —„Man ſoll mir nicht vorwerfen, der Sitte und Ge⸗ rechtigkeit durch meinen Willen vorausgeeilt zu ſein“— erwiderte die Herzogin nach kurzer Ueberlegung;—„die Tochter ſteht unter dem göttlichen Geſetz der Eltern und nur, wenn ſie ungerecht an ihrem Kinde handeln, iſt es der Mächtigeren Pflicht, die elterliche Gewalt zu brechen.— Ich werde meinen Boten nach der Maſchmühle ſenden und Vater und Mutter heute Abend zu mir gebieten. Nun geh', Gertrude, heiße deinem Liebſten, daß er die Burg verlaſſe; Henrieus, geleite ihn ſicher hinaus; er ſoll mir das Tuch der Frau von Oldershauſen zurücklaſſen; kehre ſogleich zu mir zurück.— Gertrude küßte im lebhafteſten Dankgefühle der Herzo⸗ gin Hand— dieſe winkte ſie ſanft hinweg— der Mönch führte die Glückliche fort. Margarethe ſah noch auf die Schwelle, wo Gertrude verſchwunden war.—„Wie wahr und ſelig iſt dieſe Liebe! Wie gekünſtelt die Ritterminne, worunter ſich die Selbſtſucht des Mannes verbirgt, um das Weib durch Galanterie und Phraſe über ſeine Sclaverei zu täuſchen! Und wie gern täuſcht ſich das Weib, indem es dem Gebieter über ſein Schickſal Tugenden beimißt, die es mehr fürchtet, als achtet! Nicht des Weibes Gemüth ſuchen jene ſtolzen Edelmänner, ſondern nur ſeine Schönheit, ſeinen Dienſt; nicht theilen ſie des Weiberherzens Neigung und Beſtimmung, ſondern zwingen es in ihr Schickſal und ihre Laune.— Ach! wie 28 natürlich und ſeligen Muthes voll ſtrömte mir die Liebe aus dieſem Mädchen entgegen— wie beſchämend ſtand ich da, ſie glücklicher heißen zu müſſen, als mich— ihr nicht den vollen Lebensſtrom des Gefühls wiedergeben zu kön⸗ nen in Blick und Wort!“— Dies waren die Gedanken, welche Margarethe an die Stelle bannten, wo ſie bei Gertrude's Entfernung unbe⸗ weglich ſtehen geblieben war. Jetzt wendete ſie ſich gegen den Tiſch, heftete den Blick auf das Diadem, welches Hanna ihr vorhin abgenommen hatte, und ſeufzte.— Nach einiger Zeit trat Henricus ein, ein Spitzentuch in der Hand.— Als ſie ihn erblickte, eilte ſie auf ihn zu und lehnte ſich auf ſeine Schulter.„Ihr ſeid ſo bewegt, theure Frau“— ſagte dieſer ſanft—„ſammelt Euch, Ihr habt noch beim Feſtmahle die Herzogin zu zeigen, des ſtolzen Otto's ſchöne Gemahlin!“— —„Nur die Schönheit fordert mein Gemahl, ach! ſie iſt leicht verwelkt und dann habe ich ihm nichts mehr zu bieten, das ihm werth iſt!“ —„Eure Tugend, Euer ſanftes Gemüth, doch, doch, Herzogin, er wird ſie einſt ſuchen, wie den erquickenden Schat⸗ ten nach heißem Tage— heget dieſe Güter für ihn— Gott hat Euch nicht ohne Abſicht zur Mutter des Erben von Oberwald berufen.“— Margarethe blickte den Freund mit holdſeliger An— muth an.— „In dem Vorgemache harrt der Ritter Eckhard— er hat eine Botſchaft an den Herzog zu beſtellen und hofft zuvor Euch aufwarten zu dürfen.“— —„Iſt der Bürger fort?“— fiel Margarethe ſchnell ein, als ſei es ihr ein Bedürfniß, ſchnell ihre Gedanken abzulenken. —„Ich geleitete ihn an das Thor;— er dankt Euch mit freudigem Muthe;— er will ſeine Freunde ſammeln, ſein Haus feſtlich einrichten und heute Abend die Liebſte zum Altar führen, wenn Ihr es ihm gewähren wollt. Vernehmet meinen Rath:— Gebet die Liebenden ſchnell zuſammen, ein Eheweib hat einen mächtigen Schutz am Manne, Ihr ſeid Eures Schutzes ledig, der Vogt und der junge Ritter werden ihre Nachſtellungen aufgeben, das Sacra⸗ ment ſtellt Gertrude unter die Hut der Kirche, des Göttinger Bürgers ehelich' Weib iſt unter des Rathes Schutze.“— Margarethe hörte den geiſtlichen Freund gedankenvoll an.—„Und der Herzog?“— begann ſie in der Haſt ihrer ſtillen Reflexionen, hielt aber, von des Mönchs mahnen⸗ dem Blicke getroffen, ſchnell ein und fuhr fort:—„Ja, Henri⸗ cus, thue, was Du für gut findeſt; überlege; nachdem Feſt⸗ mahle rede mit mir, was mit Getruden geſchehen muß.“— —„Ich werde Euch die letzte Sorge abnehmen— be⸗ befehlt, das der Ritter eintrete, und dann ruhet bis zum Zeichen des Feſtmahles.“— —„Geh'’— treuer Henricus— geh'— ich wollte, es wäre die Vesper ſchon gekommen.“— Als der Geiſtliche ſich entfernt hatte, ſchritt Margarethe am Spiegel vorüber, ſtrich ſtch mit leichter Hand über die Augen, ließ dann die Glocke ertönen und nahm im Seſſel Platz. Dem eintretenden Pagen befahl ſie, den Ritter vor⸗ zulaſſen. Als bald darauf die Thür geöffnet wurde, zwang ſich Margarethe, die Haltung wiederzugewinnen, die ſie — 30— bei der Stechbahn vor Ritterſchaft und Volk behauptet hatte.—„Des ſtolzen Otto fürſtliche Gemahlin ſollt Ihr ſein,“— hatte ihr der Herzog heute Morgen beim Empfange im Ritterſaale zugeflüſtert, und ſie hatte ſeinen gebieteri⸗ ſchen Blick wohl verſtanden; gehorchen war des Weibes Pflicht und Sitte der Zeit. Zweites Kapitel. Ritter Eckhard von Rönfurt trat ein; er hatte ſeine Rüſtung gegen ein einfaches Feſtkleid vertauſcht, ein rothes Wamms mit weißen Seidenbauſchen und ſilbernen Sternen beſetzt; ein weißes ledernes Beinkleid, das, eng anſchließend, im niedern umgeſtülpten Stiefel ſich verlor; ein freier, kräf⸗ tiger Hals, von geſtickter Krauſe umgeben; ein Barret mit rother und weißer Feder in der Hand und ein blitzendes Schwert am ſchwarzen, mit Sternen geſchmückten Gehäng; das feſte, mehr mänulich entſchiedene, als hübſche, vom blonden Barte und kurzgeſchnittenen Haupthaare umlockte Geſicht, deſſen Züge von einem etwas düſteren Ernſte be⸗ herrſcht, aber von großen, ruhig blickenden, ſchwärmeriſch glimmenden Augen erwärmt und belebt wurde, ehrfurchts⸗ voll auf die Herzogin gerichtet; die im Kampfe erworbene goldene Kette als Bruſtgehäng tragend— das war die Erſcheinung des Ritters, welcher dem vor ihm eintretenden Hoffräulein Hanna von Kehl folgte und, während dieſe — 31— ſich hinter den Seſſel der Herzogin begab, mit edler, ſtolzer Haltung jener näherſchritt, ſein Knie beugte und ſein Haupt vor der Fürſiin neigte und ſprach:—„Ihr habet mich, herzogliche Gnaden, mit dieſer Kette zu Eurem Ritter ge⸗ macht und mich nach dem Kampfſpiele hierher beſchieden; hier bin ich, mich Eurem Dienſte zu widmen; gebietet über meinen Arm, ſo ihr deſſen bedürfet, aber noch mehr über mein Gefühl und meine Geſinnung.“— —„Stehet auf, Ritter Eckhard“— erwiderte Mar⸗ garethe, das Wohlgefallen an dem Manne, der Kraft, Ent⸗ ſchloſſenheit und männliche Sicherheit mit edler, ernſter Ruhe und Gefühl vereinigte, durch die Milde verrathend, die un⸗ willkürlich die ſtrengere Miene der Fürſtin verwiſchte;— ſtehet auf, Herr Ritter— ein ſtarker, tapferer Mann ge⸗ hört nicht zu den Füßen einer ſchwachen Frau; ich heiße Euch in Göttingen willkommen und bewunderte Euren Muth, den Preis der kühnen Waffenthat, den Ihr einem Edelfräulein ſchuldig waret, zu meinen Füßen zu legen; Ihr habt gewiß manchen Stolz damit beleidigt und man⸗ ches wohlgefälligen Blickes Erwartung getäuſcht;— was Ihr an eiferſüchtigen Herzen etwa gegen mich herausgefor⸗ dert habt, das wird mir Euer Ritterdienſt wieder aus⸗ gleichen.“— —„Mein Herz iſt nicht entzündet von der Gewalt, welche des Mannes Leidenſchaft zum Handeln in galante, weiche Rittertugend wandelt;— dieſe goldene Kette, die ein Sclave der unmännlichen Liebe trug, empfing ich von Euch als freier Mann zu Eurem freien Dienſte. Es geziemt mir nicht, mit Euch zu reden, wie es dem Ritter nach dem — 32— Turniere geſtattet iſt, ſeine Dame anzuſprechen, aber ſo Euch meine Verehrung ebenſo viel gilt, wie dem edlen Weibe die Liebe ihres Erwählten, ſo darf ich mich rühmen, von Euch aufgenommen und Eures Vertrauens zu meiner Pflicht gewiß zu ſein.“— —„Euer Anblick in der Stechbahn überraſchte mich; — ſind es doch kaum acht Tage, daß ich Euch in Caſſel ſah und Ihr mir vom Landgrafen, meines Gemahls Großvater, zum Ehrenritter beigegeben und zum Rückgeleit nach Schloß Münden beſtimmt wurdet. Damals wußtet Ihr noch nicht, ob Ihr zum Turniere kommen würdet.“— —„Ich wäre vielleicht nicht gekommen, denn der Land⸗ graf entbehrt nicht gern den gewohnten Verkehr mit mir in ſeinen alten Tagen. Ihr habt geſehen, wie der alte, eiſerne Herr in eines Neunziger Jahren noch rüſtig iſt, gern Schwert und Lanze ſchwingen möchte, wie er's gewohnt iſt, und, der Fehde müde und nachdem ſich das Blut des jüngeren Mannes gekühlt und des Alters friedlicherer Sinn ſich wie Abendroth nach ſtürmiſchem Tage über ſeine Seele ausgebreitet hat, gern noch dem Waffenſpiele ſein munteres Auge zukehrte, wenn er nicht ſeit einigen Tagen bettlägerig wäre und ſeine Gedanken auf ernſtere Dinge gerichtet hätte. Geſtern ſandte er mich von Caſſel ab, um dem großen Turniere, das ſeine ritterliche Neigung mit Luſt erfüllt, beizuwohnen, um ihm erzählen zu können von Kampf und Feſt. Unterwegs fand ich die Fulda vom Thauwaſſer der Gebirge ausgetre⸗ ten, ich mußte außerdem im Schloſſe Münden bei der Her⸗ zogin Jutta verweilen, die mir auftrug, mich nach Eurem heiteren Sinne zu erkundigen, und traf in Göttingen heute zur Stunde ein, wo eben der Turnierzug begann. Es blieb mir nichts übrig, als nach kurzer Ruhe, als ſtiller Ritter nach der Stechbahn zu reiten. So hielt ich unbemerkt und unerkannt in Eurer Nähe, bis der Uebermuth des fran⸗ zöſiſchen Ritters mein Blut erhitzte und es die Ehre deutſcher Frauen galt. Euch anblickend, aus Euren Augen Begeiſte⸗ rung ſaugend, war es mein Verlangen, Eurer Ehre und Tugend Kämpfer zu werden, es galt mehr noch, als das, ich ſtritt für den Preis meines Vaterlandes, für den Ruhm, daß Heſſens künftige Landesmutter die erſte Frau der deut⸗ ſchen Frauen ſei.“— Margarethe erröthete flüchtig.—„Wie verſtehe ich Eure Rede?“— fragte ſie ſinnend. —„Herzogin! Haltet meinem Intereſſe an dem, was ich bei dem Herzoge zu verrichten habe, das verrätheriſche Wort zu Gute; laſſet mich Euch zuerſt verkünden, was Euer Ge⸗ mahl erſt aus des Großvaters Briefe erſehen ſoll!“— Ritter Rönfurt ſah vorſichtig auf die Hofdame und ſchwieg. —„Thut, was Eure Pflicht gebeut, es i*ſt nicht gut, dem Weibesgefühle Geheimniſſe anzuvertrauen, die Männer beſchäftigen.“— —„Darf ich als Euer Ritter nicht von Liebe mit Euch reden, ſo gewährt mir, Euch zur Theilnehmerin deſſen zu machen, was mich lebhaft bewegt.“— —„Hanna von Kehl iſt meine Vertraute“— ſprach Margarethe, ſich im Gefühle der Unruhe erhebend—„Ihr müßt wiſſen, was Ihr mir ſagen dürft.“— —„Was die Welt in Kurzem erfahren wird, iſt heute Maltitz, Herzog. II. 3 — 34— mein Geheimniß. In Euch begrüße ich die Fürſtin der ver⸗ einigten Lande Göttingen und Heſſen.“— —„Nicht die ehrgeizige Regung nach weltlicher Macht und irdiſchem Beſitze regt mich auf“— ſagte Margarethe, die wohl fühlte, wie ſie dem Blicke des Ritters nur müh⸗ ſam widerſtand, und ihre Wangen heiß wurden;—„Ihr erſchreckt mich, da Ihr mich an die Zeitlichkeit eines Man⸗ nes erinnert, der meinem Gemahl in ritterlichem Weſen ſo vielfältig ähnlich iſt.“— —„Verzeiht, Herzogin; Euer Gemahl iſt ein ganzer Ritter und hält zu Rittern— mein Landgraf iſt ein ganzer Fürſt und viele Ritter ſind ſeine Gegner, die nur ſeinen eiſernen Sinn fürchten, wo ſie ſeinen Arm nicht mehr fühlen. Ihr habt Recht, der alte Herr iſt keck, unternehmend, wie ein Jüngling, freundlich gegen tapfere Männer, barſch gegen Städter und Geiſtliche, gefürchtet von ſeinen Feinden, leicht zornig und eigenſinnig;— das ſind die Eigenſchaften, die er an ſeinem Großſohne lobt.“— —„und Ihr ſeid dieſer Eigenſchaften Lobredner und treuer Gehülfe bei dem Landgrafen?“ fragte Margarethe mit einem Blicke, der dem Ritter das Blut auf das Ge⸗ ſicht trieb. Im Tone der leicht erregten, aber beherrſchten Leiden⸗ ſchaft, worin der tief im ruhigen Auge glimmende Lichtfunke, der ſonſt dem Blicke eine ſtille Schwärmerei beimiſchte, flam⸗ mender hervorbrach, erwiderte Eckhard:—„Einen Feigling und Mann, ohne Trotz auf ſeinen Willen, würde Heinrich der Zweite niemals zu ſeinem Freunde machen— und ich möchte keinem weibiſchen Manne meine Treue widmen.“— 35— „Ihr ſcheint gekränkt“— ſprach Margarethe ſchüchtern.— Sofort kehrte Ritter Eckhard wieder in ſeine ruhige, ernſte Würde zurück und mit edlem Tone, der ebenſo feſt, wie herzlich klang, fuhr er fort:—„Achtet in mir die Lei⸗ denſchaft des Mannes, wenn ſie Zeuge ſeiner Geſinnung und ſeines Freimuthes iſt. Damit Ihr mir, als Träger dieſer Kette, die mich Euch verbindet und mir das Recht giebt, Eure Farben zu tragen und für Eure Ehre die Waffen zu gebrauchen, das rechte Vertrauen ſchenken könnt, will ich Euch eingeſtehen, das ich Gott im Herzen, wenn auch nicht auf der Lippe trage, daß ich jeden Augenblick ſelig zu ſter⸗ ben bereit bin und meine Pflicht darin ſuche, den Frieden meines Landgrafen zu vermitteln, wo es Recht und Ehre ihm und mir geſtatten!“ —„Ihr traget den Stern des Ziegenhain'ſche Wap⸗ pens in Euer Kleid geſtickt und ich ſah auf Eurer Rüſtung und dem Helme den Stern;— man hat mir geſagt, daß die Ritter, welche dies Zeichen tragen, einen Bund ge⸗ ſchloſſen haben, um ſich gegen Fürſten, Städte und jedweden Widerſacher in ganzer Treue gegenſeitig zu unterſtützen.“— —„Ja, edle Frau— ich bin ein Sternritter ſeit Kur⸗ zem; die Noth hat den Bund hervorgerufen, wie im Heſſi⸗ ſchen und Thüringiſchen Lande andere Rittervereine, die Falk⸗ ner, die Hörner, die Geſellen der alten Minne, die Män⸗ ner vom grimmigen Löwen in der Wetterau, ſich verbunden haben, um den einzelnen Schwächeren gegen den Mächtigeren zu ſchützen und die Fehden der Fürſten gegen die Ritter und dieſer gegeneinander zu beſchränken und den Städte⸗ 3* 36— Bunden zur Noth gewachſen zu ſein. Aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich dieſen Stern in derſelben Stunde von Helm und Bruſt reißen würde, wo der Bund ſich vermeſſen ſollte, des alten Landgrafen Rechte und Beſitzthümer zu gefähr⸗ den, ohne von ihm trotzig zur Gegenwehr herausgefordert zu ſein.“— —„Ehre dem Manne, der auch in Pflicht und Treue ſeine eigene gute Geſinnung bewahrt und muthig iſt, ſie zu ver⸗ treten; Ehre ihm, der Hingebung und Ueberzeugung zu ſcheiden weiß!“ —„Herzogin! Ihr belohnt mich überreich durch Euren Blick, der mir Achtung verheißt; ich ſtehe vor Euch als ein Bote Aller, die es treu mit dem Heſſiſchen und Thü⸗ ringiſchen Lande meinen und des ſanften Schutzes eines edlen, weiblichen Herzens begierig ſind. Mein heſſiſches Vaterland entbehrte dieſes ſanften Einfluſſes auf den Sinn des Fürſten— es mangelt ihm der weibliche Engel, der die Wunden heilt, welche ein herriſcher Arm geſchlagen hat. Von Eurem ſanften Bilde erfüllt, begab ich mich auf den Wunſch des Landgrafen hierher; in Ort und Land Oberwald, wohin mich mein Weg führte, hörte ich die heilige Marga⸗ rethe mit himmliſcher Andacht nennen, die jugendliche Für⸗ ſtin, welche wie ein weiſer, milder Friedensbote das Gemüth des Herzogs mäßigt und ſeine Leidenſchaft in unſichtbare Bande der Liebe feſſelt! Einen ſolchen Engel möchte ich meinem Vaterlande gönnen!“— —„Ich bitte Euch, vermeidet am Weibe, das Ihr achtet, die Schaam der Verlegenheit“— ſiel Margarethe ſanft ein und blickte ernſt nieder.“—„Das Loos eines Weibes 7 — 32 iſt Gefühl— aber Männer und Fürſten handeln nach Willen, Muth und Leidenſchaft; das Weib findet ſeine Ehre in ſanfter Sitte und ſtiller Tugend, der Mann in That und Freiheit.“— —„Herzogin! In Euch begrüße ich meines Vaterlandes künftige Schutzpatronin, die auf den, ſeit lange von edler Frauenſitte verwaiſten Thron zu Caſſel die ſanfteren Tu⸗ genden des frommen Herzens zurückführen wird, welche mit Jutta's Mutter zu Grabe getragen wurden. Wo des Fürſten Sinn und Eigenwille durch Kraft, Furcht und Ge⸗ walt herrſcht, um ſich und ſeinen Beſitz zu behaupten, da ſoll der Fürſtin Hand Blumen der Verſöhnung auf die Spuren der männlichen That ſtreuen; wo der Herrſcher, von politiſchen Gründen geleitet, Wunden ſchlägt, den Unter⸗ thanen ungerecht erſcheint und Herzen beängſtigt, da ſoll das weiche Gemüth der Fürſtin durch Liebe heilen, durch Mitleid Liebe erwecken, durch Frömmigkeit Gottes Segen in Land und Volk bringen und durch ihren himmliſchen Blick jeglichen Groll löſchen. O, Herzogin, wird dieſes das künftige Schickſal meines Vaterlandes ſein?“— —„Ihr redet in ſeltſamem Eifer, Herr Ritter,“ ver⸗ ſetzte Margarethe ſichtbar verlegen, als Eckhard ſeine, mit ſchnell wachſender Begeiſterung geſprochenen Worte durch herausfordernde Blicke und erhobenen Arm verſtärkte.— „Noch faſſe ich den Sinn Eurer Anforderung an mich nicht;— beinahe glaube ich, es ſei Euch des Herzogs, meines Gemahls, Herrſchaft, falls ſie ſich über Fulda und Werra aufwärts erſtrecken koͤnnte, ein drohendes Geſpenſt, das Ihr durch die Gewalt der Tugenden bannen möchtet, 38— die Ihr von mir fordert, indem Ihr ſie ſchmeichleriſch oder in Selbſtüberredung mir zuſchreibt. Fürchtet Ihr etwa, daß mein Gemahl ſchlimme Abſichten gegen Euer Vaterland habe? Iſt es nicht ſeiner Mutter alter Vater, der dort herrſcht und den er liebt? Hat der Landgraf nicht einen Erben, den Sohn ſeines Bruders Ludwig, dem Heſſen von Gott und Rechtswegen gebührt?“— —„Iſt es Euch entgangen, als Ihr vor acht Tagen mit der Herzogin Jutta am Hoflager zu Caſſel verweiltet, daß der alte Herr von ſtiller Sorge bedrückt und ſein immer noch funkelndes Auge umwölkt war? Seit 1366, wo ſein ein⸗ ziger Sohn, Otto, genannt der Schütz, in der Kraft ſeiner Jugend eines plötzlichen Todes erblich, iſt er in ſeinem hohen Alter aller Leibes⸗ und Landeserben beraubt worden, und es hat ihm viel Schmerz und Gram gemacht. Daher ſtammte ſein verdrießlicher Sinn, ſein oft leidenſchaftlicher Zorn, ſein gewaltſamer Eigenwille. Ihr wiſſet, der Landgraf iſt ein Freund der Waffen, der muthigen und tapferen Leute, ein Feind der Geiſtlichen, der Gelehrten. Er kann ſich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß ſein Land unter einem Mönchsfreunde ſchwach und eine Beute entſchloſſener Nach⸗ barfürſten werde; dieſe Vorſtellung regt ihn oft mitten in froher Laune und im ſtillen Schlafe zu böſer Leidenſchaft auf und er hat beſchloſſen, ſich bei Lebzeiten ſelber einen Nach⸗ folger zu beſtimmen, der ihm gefällt.“— —„Ihr ſetzt mich in Erſtaunen, Ritter Eckhard“— ſprach Margarethe, indem ſie ſich wieder auf den Seſſel niederließ—„Ihr redet dem Landgrafen, Eurem vertrau⸗ ten Herrn, das Wort, dem Neffen Hermann das gerechte — 39— Erde zu rauben? Haltet Ihr einen Fürſten für einen Schwächling und ſchlechten Regenten, der mit Gott und Heiligen ſeinen Sinn erfüllt und ſeinen Geiſt, anſtatt mit wilden Streit⸗ und Jagdbildern, mit der Wiſſenſchaft edlen Gedanken und der Kunſt ſchönen Empfindungen ergötzt?“ —„SHerzogin, ich bin ein Ritter; die Waffe iſt mein Werkzeug, die Tapferkeit meine Tugend, Fechten meine Ge⸗ ſchicklichkeit; Mannesſtolz, Geſinnung und Muth ſind meine Ehren. In einer vertraulichen Stunde ſagte der Landgraf zu mir:„ein Fürſt, der mit Gelehrſamkeit verkehrt, das Buch ſtatt des Schildes, die Feder ſtatt des Schwertes, das geiſtliche Gewand ſtatt der Rüſtung trägt, der ver⸗ ſäumt ſein Land und es regieren Kirche und Vaſallen nach eigenem Gutdünken und Vortheile. Mag er Wiſſenſchaft und Kirche fördern, es wird ihn auf Erden und im Him⸗ mel zieren, aber er ſelber ſoll als regierender Herr kein Gelehrter oder Geiſtlicher ſein.— So ſprach der Landgraf und ich ſchwieg, ein Widerſpruch hätte ihn zu einer eigen⸗ ſinnigen, raſchen That gereizt und— ich hatte ihm nichts zu erwidern, als: handelt gerecht!“— —„Nennet Ihr die Biſchöfe ohnmächtig? Iſt das Stift Hildesheim ein Land, das die Schwächen zeigt, welche Ihr meinet?“— —„Wenn der Biſchof unter der Stola den Harniſch und neber dem Krummſtabe das Schwert trägt, ſo gebe ich Euch Recht.— Ich achte des Landgrafen Neffen, Her⸗ mann, als einen redlichen Mann; freilich hat er noch nichts gethan, wodurch er ſich dem Oheim als Rittersmann, Fürſt und Nachfolger empfohlen hätte; der Landgraf haßt ihn —40— ſeines Treibens und ſeiner Neigungen wegen; Hermann iſt nooch ein Jüngling und dieſen ſähe der Landgraf lieber in der Stechbahn, als am Altare, wo er als Domherr und Mitglied des Stifts zu Magdeburg und Trier, Hora und Vesper abhält, ſich um die höhere Kirchenweihe bewirbt, ſich an den ernſten Studien der Vorzeit und am Leben hei⸗ liger Männer erfreut, anſtatt an tapferen Männern ein Vorbild zu nehmen.— Jetzt, da der Landgraf plötzlich er⸗ krankt und von der Natur und den neunzig Jahren unge⸗ wohnter Weiſe gemahnt wird, daß auch ein eiſerner Körper und Wille der Zeitlchkeit und Gewalt irdiſcher Vergänglich⸗ keit unterworfen iſt, hat ſeine Sorge neues und finſteres Gewölk aufgetrieben, ſeine Gedanken mit vermehrter Qual und ängſtlicherer Noth um ſeines Landes Schickſal erfüllt und das lange, verdrießliche Grübeln zu einem raſchen Ent⸗ ſchluſſe gebracht. So hat er geſonnen, das Land dem Sohne ſeiner Tochter Jutta zuzuwenden, der ihm gefällt, ſofern er ihm ähnlich iſt an kühner Unternehmung, Freude am Waffen⸗ gebrauche, Abneigung gegen Städter und Pfaffen, gefürchtet von allen Gegnern.— Ihr habt es nicht erfahren, als Ihr kürzlich mit des Herzogs Mutter, der Wittib Jutta, von Münden nach Caſſel herübergekommen waret, was Vater und Tochter mitſammen geredet und erwogen haben. — Der Landgraf gedachte ſelber zum Turniere zu ziehen, froh und rühmend, daß ein Fürſt ſeiner Blutsſippſchaft lebe, der den Glanz des Ritterthums in deutſchen Gauen zu alter Pracht bringe; und er wollte ſich ſelber den Nach⸗ folger in Göttingen ſuchen— aber als er plötzlich die Schwäche der Krankheit fühlte, rief er mich an ſein Lager — Q—— — 411— und ſprach:„Eckhard, ich fürchte, daß mein Herzſchlag raſcher abläuft, als die Stunden meines Grübelns; wo ich geſtorben bin, ſoll kein frommer Weichling beten und ſich unterdeſſen ſtehlen laſſen, was ich mit Mühe erwarb;— ziehe hin nach Göttingen zum Turniere, kehre unterwegs auf dem Schloſſe Münden ein und verkünde meiner Tochter, daß ich ihrem Sohne ein Ehre anthun wolle— rede dann zu meinem Tochtermanne in Göttingen, daß er ſogleich nach dem Turniere gen Caſſel aufbreche, damit ich ihm meinen letzten Willen kund gebe— gieb ihm dieſen Brief — er iſt der rechte Erbe und wird ſich ſelber vertheidigen, was Andere ihm mißgönnen möchten.“ Dieſes, Herzogin, iſt meine Miſſion;— begreifet Ihr nun, was mich be⸗ ſtimmte, Euch als die Schutzpatronin meines Heimathlandes zu begrüßen und was Ihr mir geworden ſeid, indem ich von Euch dieſe Kette empfing?“— Margarethe war bereits bei den letzten Worten des Ritters vom Seſſel aufgeſprungen und dem Sprecher mit muthigem, faſt zum Schweigen gebietenden Blicke entgegen⸗ getreten; plötzlich hob ſich ihre Geſtalt in der vollen Würde der Schönheit und ſanften Beherrſchung, ihr Auge wurde weich, ihr Blick ſtolz, ihr Lächeln mitleidig. Eckhard von Rönfurt verſtummte und beugte ſich, prüfenden Blickes ihre Antwort abwartend. —„Ritter!“ begann ſie mit einer Stimme, welche Schmerz und Wärme zu einem unwiderſtehlichen Glocken⸗ tone der Mahnung an den inneren Menſchen machten— „Ritter! Ihr verkündet meinem Hauſe ein Erbtheil, das mich mit Trauer erfüllt; ich verliere dabei mehr, als Ihr — 42— bietet; es erfüllt mich mit Bangen, ein Erbtheil an meines Gemahls Seite zu genießen, das vor Gott und Gerechtig⸗ keit einem Anderen gehört, der ſein weltliches Recht büßen ſoll, weil er Gott und Himmel höher liebt, als Oheim, Stechbahn und irdiſchen Beſitz.— Euch aber, Ritter Eckhard, frage ich, wo iſt der tapfere, edle Mann, der Gott im Herzen und nicht auf der Lippe trägt, der Ehrenmann, welcher ſeiner Hingebung nicht die Ueberzeugung opfert, der Mann des gerechten Gefühles, der meine Sitte des ſanften Weibes anrief, Wunden zu heilen, die eines Fürſten harte Hand ſchlug, Blumen zu ſtreuen auf die Spuren der Un⸗ gerechtigkeit, Herzen zu verſöhnen, die beleidigt ſind?— Welch' ein Widerſpruch kreuzt ſich auf Euren Lippen? Wie könnt ihr mir die Botſchaft einer Gewaltthat als eine Freudenkunde darbieten, wo Ihr ſelbſt für nöthig findet, mir die Buße für ungerechte Handlungen aufzuerlegen?“— —„Hohe Frau— ol redet weiter— ich bitte Euch — haltet nichts gegen mich zurück, was Euer edles Gefühl mit Unwillen bewegt!“— verſetzte der Ritter mit freudiger Aufregung. Margarethe ſah ihn zweifelhaft an. —„Herzogin!“— fuhr Eckhard lebhafter, glühender fort;—„Ihr habet meine Treue zum Landgrafen, meine pflichtmäßige Botſchaft erfahren;— redet weiter, ich flehe Euch an, warum verlanget ihr nicht, meine Ueberzeugung zu fragen? —„Ihr ſeid mir räthſelhaft;— ich fange an, über die Gründe ungewiß zu werden, welche Euch veranlaßten, mir das Geheimniß einer Botſchaft zu enthüllen, die Ihr dem Herzog ſchuldig ſeid.“— — 13— —„Edle, herrliche Frau— nicht ohne Abſicht ſuchte ich heute mein Glück in der Stechbahn, als den Weg zu Euch; ich brannte vor Verlangen, Euch zu ſprechen. Das Glück der Waffen war mir günſtig; Ihr habt mich mit dieſer Kette zu Eurem Ritter gewählt— gebet mir Muth und Erlaubniß, Eurem Herzen mit meiner Ueberzeugung zu dienen, wenn meine Sendung an den Herzog nur mei⸗ ner Pflicht gegen den Landgrafen gilt. Laßt den Unmuth, welchen Eure edle Seele durch meine Mittheilung empfin⸗ det, frei gegen mich ausſtrömen; Euer Gefühl iſt Wahr⸗ heit und Recht, fordert es von Jedem, der ſich im Strahle Eurer Augen ſonnen darf— befehlt über mich!“— —„Mir könnte es ſcheinen, als ob ihr den Boten des Landgrafen in Eurer Perſon von dem Ritter Eurer Turnier⸗ dame ebenſo ſcheidet, wie in mir die Gemahlin des Her⸗ zogs von dem Weibe, das Ihr mit Eurer ritterlichen Huldigung ſuchtet und ehrt“— ſprach Margarethe, indem die blauen Augen hell wie Sonnenſchein in des Mannes feſten, geheimnißvollen Blick ſtrahlten, als wollten ſie deſſen Gewalt beherrſchen und ſchmelzen.—„Seid ihr ein ehr⸗ licher Mann, wofür ich Euch achte, ſo verſuchet mich nicht, daß Ihr mein Gefühl des Weibes mit der Antwort der Herzogin in Streit bringet. Ihr nanntet mich fromm, gerecht, mild;— ſprechet ihr dieſen Eigenſchaften nicht Hohn, wenn ihr erwartet, daß ich mich über eine That freuen ſoll, die mein Gefühl ungerecht nennt? Wollt Ihr nicht die Herzogin mit ſich ſelber in Noth bringen, daß ſie ſich über ihres Gemahls ungerechtes Erbe freuen und ein Gut theilen ſoll, was einem Anderen gehört? Iſt es — 44— eines Mannes, der mein Ritter zu ſein begehrt, würdig, für ein Weib zu ſtehen, das er nicht in ihrem Gefühle kennt? Habt Ihr nicht bedacht, daß ein frommes Weib einen Mann achtet, der die Kirche und den ſanften Trieb der Wiſſenſchaft für höher ſchätzt, als das geiſtloſe Hand⸗ werk der Waffen, der den Frieden in Gott lieber ſucht, als den Streit mit Menſchen? Will der Landgraf gerecht. ſein, ſo ſoll er ſeinen Neffen rufen und prüfen, ob er fähig iſt, ein Ritter neben dem Gelehrten und Geiſtlichen zu ſein, einem Hildesheimer Biſchofe gleich, der das Schwert nur zieht, wo das friedliche Wort nicht gehört wird!“— Margarethe war von ihren Gefühlen ſo fortgeriſſen, daß Hanna hervortrat, ihre Hand faßte und ihr erſchrocken und beſchwichtigend in die Augen ſah. Hiervon ſelbſt betroffen, verſtummte ſie plötzlich, blickte erhitzt und befangen den Ritter an und ſprach ſanft:—„was Ihr mir entlockt habt, iſt ewig in Eurer Bruſt verſchloſſen!“— Margarethe's Eifer ſchien nicht allein von dem finſteren Gedanken erregt zu ſein, daß eine Machtvergrößerung des Gemahls deſſen Uebermuth noch ſteigern, ſeine Streitluſt und damit die Ueberfälle, Ungerechtigkeiten und Gefahren des Volks vermehren und ſeinen Leidenſchaften einen grö⸗ ßeren Spielraum geben würde, ſondern es ſchien ſie auch die Perſon des Ritters zu beunruhigen und derſelbe ihr innerſtes Leben gekränkt zu haben; ſie ſah ihn bei ihren letzten Worten, welche ihr die plötzliche Beſorgniß ein⸗ gab, daß dem Herzoge zu Ohren kommen könne, was ſie in der ungewöhnlichen Aufregung geredet hatte, mit ſtolzem, gebietendem Ernſte an, der aber ſchnell einer Geberde der — 45— Beſtürzung und bald einem weichen, hingebenden, verzeihenden Blicke wich, als ſich Ritter Eckhard plötzlich vor ihr auf das Knie warf, ihre Hand küßte, mit der ganzen, aus dem Hintergrunde ſeiner dunklen Augen hervorbrechenden, ſchwär⸗ meriſchen Leidenſchaft ihren weichen, ängſtlich fragenden Blick einſog und wie ein glühender Libhaber zu den Füßen ſeiner „Geliebten mit veränderter, weicherer Stimme begann:— „Gebieterin meines Lebens! verzeiht, das die Pflicht und der Ort, wo ich mich befinde, mir die qualvolle Aufgabe abnöthigten, durch eine, meinem Herzen fremde Rede Eure Geſinnung zu prüfen und Eure ſtärkſte Tugend auf eine Probe zu ſtellen, das Gefühl des edlen Weibes ſo heftig zu bewegen, daß es den Hermelin vergaß, der die Herzogin bekleidet. Hier zu Euren Füßen, wo ein anderer Ritter an anderem Orte ſeiner Turnierdame ſein Herz voll Liebe dar⸗ bieten und den ſeligen Blick der Erhörung erwarten möchte, biete ich Euch ein Herz voll Verehrung, aber auch voll ſchwe⸗ rer Sorge an; erhöret mich, heilige Margarethe, die ich nach der Himmelskönigin am Andächtigſten anbete; wie ein bedrängtes Herz ſich offen und erleichternd vor der Heiligen erſchließt, ſo empfanget auch meines Herzens dringendes Verlangen, zu Euch ohne menſchliche Klugheit und ohne Hinterhalt zu ſprechen.“— —„Stehet auf, Ritter— knieet vor dem Heiligen, nicht vor einem fündigen Menſchen;— was wollt Ihr von mei⸗ ner Schwäche? Was bedeutet Eure Aufregung, Euer Blick? Ihr erkennt mein Herz, ich habe Euch nichts zu erwidern!“ — Dieſe Worte hatte Margarethe in großer Unruhe ge⸗ ſprochen; Hanna bemerkte die rothen Wangen und den 5 416 ungewiſſen Ton der Stimme, ſie zog unwillkürlich die fürſtliche Freundin einen Schritt rückwärts und trat behütend an deren Seite.— Margarethe blickte den Knieenden mit einem Blicke an, der Feſtigkeit und ſtolze Beherrſchung zu erzwingen ſtrebte;— dann machte ſie eine Bewegung mit der Hand und ſprach mit fürſtlicher Würde:—„erhebt Euch, Herr Ritter!“— Dieſer gehorchte.—„Hohe, edle Frau“— begann er, ſich beherrſchend—„verzeihet dem Manne die Leiden⸗ ſchaft, wenn ſie der Sturm eines Gefühles iſt, das in ſanf⸗ teren Wellen durch Eure Bruſt wogt; höret mich und dann prüfet Euch, ob Ihr mich dieſer Kette noch für würdig haltet; als Preis des Kampfes um die ſchönſte und edelſte der deutſchen Frauen habe ich ſie verdient— hier gebe ich ſie Euch zurück;— ich will ſie zum zweiten Male verdienen, als der Ritter Eurer geheimſten Gefühle, als ein Mann von Geſinnung, als der Preis Eurer Sympathie.“— Er nahm die goldene Kette von Hals und Bruſt und legte ſie zu Margarethe's Füßen auf den Teppich nieder.— Dieſe ſtand mit ſelbſtbehütender Hoheit vor ihm, unbeweglich, aber ihr Blick war träumeriſch, ihr Mund von einer lei⸗ denden Milde. —„Was ich hier ſage“— fuhr der Ritter fort,— „was ich hier beichte, kommt aus dem Herzen mit gleichem Drange nach Erleichterung und Troſt, wie ein bedrängtes Gemüth am Altare einer Heiligen ſich in andächtigem Be⸗ kenntniſſe ergießt— laßt es unter uns ein Geheimniß blei⸗ ben, wie zwiſchen Beichtenden und Gott.— Mit ſchwerem Herzen bin ich nach Göttingen gekommen, die Botſchaft — 47—. meines Landgrafen lag wie Blei auf meiner Seele.— Ich habe meinem Herrn Treue gelobt und ich bin ſie ihm ſchul⸗ dig;— ich bin ein Freund des Domherrn Hermann und die Pflicht der Freundſchaft mahnt mich an ſein gutes Recht. Wohl hörte ich in Caſſel von des Herzogs an der Leine gewaltigen Thaten, von ſeinem Charakter und ſtreit⸗ fertigem Weſen;— was der alte Landgraf an ſeinem Toch⸗ terſohne rühmte, erfüllte mich mit ſtillem Widerſtreben. Ich hörte von Euch, von Euren edlen Tugenden des ſanften Weibes, meine Phantaſie malte mir Euer Bild wie eine heilige Margarethe, ſegnend, behütend, Liebe ausgießend in die ſchmerzhaften Wunden des Landes. Da erſchienet Ihr in Caſſel!— wie ſchwach war das Bild meiner Einbildung gegen die Wirklichkeit!“— Margarethe wendete ſich ſeitwärts; dann ſprach ſie mit niedergeſenkten Augen:—„habt Ihr mir nichts Anderes zu ſagen?“— —„Wenn Euch meine Verehrnng kränken könnte, hold⸗ ſelige Frau, ſo würde ich lieber Eure Ungnade verdienen, als meinem freimüthigen Bekenntniſſe die heuchleriſche Maske des Schweigens oder tändelnder Schmeichelei aufzwingen. Seit ich in Caſſel Euer Ehrenritter war, Eurer Augen Licht empfand, Euer frommes Gebet belauſchte, ſeit ich die Perlen Eurer Seele in ſtillen Thränen aufſteigen ſah— da fühlte ich zum erſten Male im Leben, daß ein Weib mächtiger ſein könne, als Trotz und Geſinnung des Man⸗ nes;— ich gelobte bei der heiligen Eliſabeth, der Pa⸗ tronin meines Herrn, daß Ihr meine Gebieterin ſein V V — 48— müßtet, daß ich Euren ſanften Gefühlen mit meiner Kraft und meinem Herzen dienen wolle.“ —„Ihr redet zu der Gemahlin des Herzogs“— ſprach Margarethe mit unſicherer Stimme und kaum mehr unter die gewaltſame, fürſtliche Haltung zu zwingender Unruhe. —„O! Ihr ſeid zu edel, um dem Herzoge Eure Ge⸗ ſinnung opfern und das weichere Gemüth widmen zu kön⸗ nen— es blutet unter den Streichen ſeiner Herrſchaft.“— —„Ritter!“— rief Margarethe, ſich ſtolz aufrichtend —„Ihr ſchmähet das Weib, wenn Ihr den Gatten ver⸗ achtet!“— —„Herrliche Frau— warum wollt Ihr gegen den Mann, der Euch vor Gott ſeine Achtung gelobt und ſich Eurem frommen Herzen zum Ritter gewidmet hat, verleug⸗ nen, was das ganze Land weiß?“— Margarethe erſchrak; ihre ſtolze Haltung brach zuſam⸗ men, ſie zwang ſich, den kühnen Mann ſtrafend, verwei⸗ ſend anzuſehen, aber unwillkürlich perlte die Thräne aus den blauen Augen;— ſie wendete ſich gegen Hanna und ſprach—„Hanna, hilf mir von dieſem ſeltſamen Manne!“— Die Hofdame wollte vortreten, aber Margarethe's Hand hielt ſie zurück. Der Ritter hatte die Herzogin mit bohrenden Blicken verfolgt und, plötzlich einen ruhigeren Ton anſchlagend, fortgefahren:—„Ihr könnt meiner freimüthigen Rede nicht gram ſein; ich wollte Euch nicht mit mir betrügen; meine Geſinnung iſt zu feſt und mein Gefühl zu wahr, um zu heucheln und Euch glücklich zu nennen. Ich will enden— dann gebietet, dann urtheilt, ob ich Eurer Achtung ——. 49— würdig bin, oder ob Ihr es für gerechter haltet, die belei⸗ digte Herzogin antworten und das edle Weib verſtummen zu laſſen. Der Landgraf iſt ein ſtrenger, eigenſinniger Mann, aber ich ehre ſein Alter, ſeine männliche Kraft des Geiſtes; ſo lange ich neben ihm ſtehe, ſuchte ich für das Heſſenland im Stillen daſſelbe zu wirken, was Ihr im Lande Ober⸗ wald mit reicheren Mitteln ausrichten möchtet; ſo wenig es Euch gelang, des Herzogs Sinn von dem Zuge gegen die Harzburg abzubringen, ſo wenig gelang es mir, die Abnei⸗ gung des Landgrafen gegen ſeinen Neffen zu wandeln;— Ihr, hohe Frau, habt Bitten, Thränen und ſanfte Gewalt, ich habe nur Schweigen, denn der Widerſpruch reizt bei meinem alten Herrn die ſchnelle That des Eigenſinns. So hat er denn beſchloſſen, ſeinen Neffen zu enterben und dem Herzoge, Eurem Gemahl, das Land zu geben. Ich bin dem Landgrafen Treue ſchuldig, ich gelobte ſie ihm, ich bin dem Neffen Freundſchaft ſchuldig, denn er tauſchte ſeine Neigung mit mir aus; ich würde an Einem zum Verräther und ehrloſen Manne werden, wollte ich dem Anderen gleichzeitig dienen, ich möchte Euch als ſegnende Patronin des Heſſen⸗ landes begrüßen, aber ich ſehe von des Herzogs Gewalt über daſſelbe nur Schrecken und Streit, Willkür und Unrecht. Was ſoll ich thun? Ich muß ihm die Botſchaft beſtellen — vielleicht ſind des Landgrafen Tage bald zu Ende;— ich möchte mich auflehnen gegen die That, hineilen zu Her⸗ mann und ihn von Buch und Altar rufen, ihm Schwert und Speer geben— aber was kann er thun, gegen die Macht des Oheims? Wie bönnte ich den alten Mann be⸗ trügen, der mir vertraut?— Es wird ſo konumden, wie ie ich Maliitz, Herzog. II. als Bote beſtellen ſoll. Otto, der die jähzornigen Leiden⸗ ſchaften ſeines Oheims in einem höheren Grade beſitzt, mit den heſſiſchen Rittern, die des Landgrafen ſtille Feinde ſind, in Freundſchaft lebt und deren Gelüſte theilt, wird den Frieden in Heſſen bald in Streit und der Städte Eigen⸗ thum in Raubgut verwandeln.— Ol edle Frau, die Ihr mit Eurem weichen Herzen im ſchroffſten Widerſpruch zu des Herzogs wildem Sinne ſteht, Ihr habt dann die ſchöne Miſſion der Liebe und Barmherzigkeit, welche Euch zur Heiligen dieſes Landes macht, auch auf mein Heimathsland auszudehnen; groß, unſäglich groß iſt Eure Arbeit, reich und unerſchöpflich wird Euer Herz ſein, groß und gewaltig Eunere Trauer.— Dieſem Herzen, ſeiner Liebe und ſeinem Schmerze habe ich mich zum Ritterdienſte gewidmet; laßt mich dann Eurer Barmherzigkeit Gehülfe, Eures Schmerzes Kreuzträger ſein; darin genüge ich meinem eigenen Gefühle, meiner Verehrung zu Euch. Nun urtheilt, edle Frau, was gelte ich Euch? Was habt Ihr mir zu antworten?— Hier ſtehe ich, ein Mann, muthig, treu, voll Liebe und Eifer, Gott und Euch im Herzen, wahrhaftig in Allem, was auch mein Mund verſchließen muß!“— 4 Margarethe hatte den Ritter ausſprechen laſſen; der ſcheue Seitenblick auf ihn wich oft zurück, oder ſuchte den Schutz der geſenkten Wimper— jetzt ſah ſie ihn mit Würde, Wärme und Ernſt an; ihr Blick fiel wie ein Sonnenſtrahl durch bewölkten Himmel über ſeine Geſtalt hin.—„Eckhard!“ ſprach ſie mild und mit leiſer Stimme—„Ihr ſeid des Herzogs größter Gegner— ol wie ergreift es mich, daß ich Euch nicht antworten kann, daß Ihr mich kränkt. Aber — 51.— wie wollt Ihr des Herzogs freundliches Wohlgefallen er⸗ widern, wenn Ihr im Herzen grollt? Erſparet mir den Anblick, einen Mann wie Euch, heuchleriſche Gaſtfreund⸗ ſchaft genießen zu ſehen.“— —„Nimmermehr kann ich heucheln“— rief Eckhard lebhaft;—„wo es die Wahrheit meiner Geſinnung gilt, da wird mich der Herzog kennen lernen.“— —„Was gedenkt Ihr zu thun?“— fragte Margarethe, die Hand gegen den Ritter ausſtreckend, als wollte ſie ihn bannen. —„Meine Botſchaft erfüllen, des Gaſtes Anſtand beobachten, an Eurem Blicke mich ſtärken und“—— —„Geht, Ritter, geht— ich danke Euch für Euren Freimuth, Eure Gefühle, für die mir gewidmete Huldigung. — Bedarf ich Eurer Hülfe, Eures Rathes, ſo will ich Euch gern hören.“— —„Und weiter hat mir die Dame meines Herzens nichts zu ſagen? Erſcheinen ſoll ich vor Rittern und Frauen des Turnierfeſtes als ein Abgewieſener?“— Margarethe ſah ihn zerſtreut an. —„So lebt wohl!“— ſprach er feſt, mit bohrendem Blicke und ſchmerzlicher Miene. Da ergriff, auf eine Bewegung der Herzogin, Hanna die auf dem Teppich liegende Kette, Margarethe bemächtigte ſich ihrer, trat auf den Ritter zu, hing ſie dem ſchnell ſich vor ihr Neigenden um den Hals, ſah ſtolz und doch bittend auf ihn herab, als er ihre Hand an ſeine Lippen führte, riß dann plötzlich ſchreckhaft und mit ſtrenger, vorwurfs⸗ voller Miene ihre Hand los, wendete ſich ab und bewegte . 4* — 52— ſich langſam gegen das Fenſter. In demſelbeu Augenblicke ſchmetterte die Trompete, die den Rittern und Edeldamen den Willen des Herzogs verkündigte, das Mahl nach der Turnierruhe zu beginnen. Eckhard von Rönfurt ſah eine kurze Weile der fortſchrei⸗ tenden und am Fenſter weilenden Herzogin mit flammenden, leidenſchaftlichen Blicken nach; Hanna beobachtete ihn mit behütendem Ernſte, dann legte er die Hand auf das Herz, verneigte ſich und entfernte ſich ſchnell. Hanna eilte auf die Herzogin zu, und da dieſe ihre Nähe nicht zu bemerken ſchien, ſo berührte jene ihre Schulter und ſah ihr ängſtlich in die, bei der Berührung ſchreckhaft auf⸗ geſchlagenen Augen.—„Margarethe— was iſt Dir? Wie ängſtlich blict du? Du haſt eine Thräne in den Augen? Faſſe Dich, wenn jener ungewöhliche Mann Dich ge⸗ kränkt hat.“— Margarethe ſchien dem forſchenden, theilnehmenden Blicke ihrer Jugendfreundin ausweichen zu wollen; unruhig und nach einer Antwort ſuchend, ſagte ſie mit plötzlicher Haſt:—„Was hälſt Du von dem Manne? Hanna! ſage mir, was denkſt Du?“— „Ich meine, daß es gewiß ein edler, achtungswer⸗ ther Nitter iſt“—— —„Za, edel, achtungswerth!— fiel Margarethe leb⸗ haft ein und blickte muthiger und dankbar in der Freundin Gelicht „Aber ich meine auch, daß er in Euch die Herzogin mit demr Weibe gekränkt habe.“— Margarethe ſchien zu erſchrecken.—„Was hat die — 53— Herzogin als Weib ihm vorzuwerfen?“— ſagte ſie mit horchender Geberde;—„ich fühle, daß es Kränkungen giebt, die man verzeihen möchte— daß Kränkungen ganz verſchie⸗ dener Natur von einem Manne kommen können. Hanna, ich bitte Dich, was hat dieſer Mann von mir gewollt?“— Die Freundin ſah ihr treuherzig, faſt mitleidig in die bittenden, beunruhigten Augen.—„Deine Hand zittert, theure Margarethe, Du haſt in Deinem Blicke den Frieden nicht, Du erſcheinſt mir ſo leidend.“—— —„O, bemerke das nicht, Hanna! Es peinigt mich, wenn Du mir verbergen möchteſt, daß jener Mann Deinen Vorwurf verdient, daß Du es mir nicht offen zu ſagen wagteſt; Du haſt Recht, er hat mich gekränkt.“— —„r er hat es gethan durch ſeine Liebe“— ſagte Hanna entſchieden. Margarethe erſchrak, ſchlug die Augen nieder, athmete ſchwer und ſprach, mit Feſtigkeit Hanna's beide Hände er⸗ greifend:—„Seine Liebe?— ſagſt Du, ſeine Liebe?— Um Gottes Willen, ſprich das nicht!“— Die Freundin ſchwieg und als ſie Margarethe eine kurze Weile mit großer Herzlichkeit angeblickt und dieſe unruhig den Blick ertragen hatte, ſchlug ſie im überquillenden Ge⸗ fühle der Schweſterliebe die Arme um der Herzogin Schul⸗ ter, legte ihren Mund an deren Wange und flüſterte, den Ernſt ihres Wortes in ſchmeichelnden Ton kleidend:— „Liebe Margarethe, Dein Herz iſt beunruhigt— Du em⸗ pfindeſt etwas, was Du noch nicht kannteſt und mächtiger iſt, als der Wille.“— 6 Margarethe riß ſich los, ſah die Freundin vorwurfsvoll — 534 und beleidigt an, aber der ſtrenge Blick zerſchmolz bald wieder in ein um Schonung flehendes Anſchauen; doch Hanna's weibliches Auge hatte wohl bemerkt, daß im Hinter⸗ grunde des blauen Seelenſpiegels eine ungewöhnliche, früher noch nie beobachtete Leidenſchaft leuchtete. Margarethe ſchritt gegen das Fenſter und wieder zurück, die Freundin ſcheu umgehend;—„bringe mir mein Kind!“— ſprach ſie mit plötzlicher Eile—„ich muß mein Kind ſehen, eine Mutter hat nur eine allmächtige Liebe— mein Kind, Hanna— bringe es mir, ohne Zeugen— ſchnell!“— Ermunternd, freudig leuchtend ruheten die dunkeln, me⸗ lancholiſchen Augen Hanna's auf der Freundin.—„Gott helfe Dir!“ ſprach ſie dann mit Nachdruck und eilte hinweg. Margarethe ſah ſich kaum allein, als ſie heftig, wie von einem drohenden Schatten verfolgt, durch das Gemach ſchritt, aber plötzlich an der Stelle, wo der Ritter geknieet hatte, ſtehen blieb und auf den Boden mit einem ſo träumeriſchen leidenden Lächeln niederblickte, als ſehe ſie den Mann vor ſich.—„Ach! wie iſt mir!“ ſeufzte ſie kaum hörbar, die Hand auf den Buſen preſſend;—„warum kann ich nicht die Kränkung im eutrüſteten Herzen empfinden, die dieſer Mann mir, der Gattin des Herzogs, dem ehrbaren Weibe angethan hat? Was iſt's, das ſich in mir ſträubt, dieſen Mann mit ſtrafendem Blicke fortzuweiſen, ſeine Kühnheit mit Verachtung zu vergelten? Warum bin ich ſo beklommen, ſo unruhig, ſo gedemüthigt vor mir ſelbſt und doch— ſo muthig,— ſo glücklich?— Ich möchte mich vor der Welt verbergen und doch fürchte ich mich vor der Einſamkeit, ich möchte weinen, recht inniglich weinen, und weiß nicht, ob aus Freude oder Schmerz! O! welch' ein ſchwaches Geſchöpf iſt das Weib; das Herz iſt ſein Schickſal!— Gott! ge⸗ rechter Gott! bin ich vor dir ſchlechter geworden, habe ich in Gedanken, in dem natürlichen Gefühle eines Weibes ge⸗ ſfündigt an Ehre, Pflicht und Sitte? Hilf mir, heilige, un⸗ befleckte Jungfrau Maria, daß ich mein Kind ohne Schuld im Herzen anſchauen, an meine Bruſt drücken kann; rette mich aus meiner Angſt, Verwirrung und ſündigen Regung!“ Die anfängliche Selbſtbetrachtung Margarethe's war in ein Gebet übergegangen; an der Stelle, wo der Ritter vor ihr geknieet hatte, war ſie vor Gott und der heiligen Marie auf die Kniee geſunken und die Hände, welche das beun⸗ ruhigte Herz gepreßt hatten, waren gefaltet emporgehoben. Hanna war unterdeſſen zu dem Kinde Otto geeilt; ſie hatte der Herzogin Zuſtand mit weiblicher Sympathie richtig erkannt; was die jugendliche, achtzehnjährige Frau noch nicht in ihrem Gemüthe erfahren hatte, und deshalb ihre Seele verwirrte, das natürliche Gefühl der Liebe, das Schickſal des Herzens, die magiſche, unfreiwillig erwachende Gewalt, welche plötzlich Seelen wie Blitzfunken mit einander entzün⸗ det und verſchmilzt— das hatte der Ritter zum erſten und einzigen Male in ihr zum beängſtigenden Bewußtſein ge⸗ bracht. Wäre dieſes blitzähnliche Gefühl einſt, vor mehr als zwei Jahren, in das Herz der Jungfrau eingeſchlagen, ſo würde es daſſelbe zum glücklichen, leidenſchaftlichen Auf⸗ glühen entzündet haben— jetzt aber ſchlug es in ein, von fremdem Willen aufgezwungenes, von duldſamer Hin gebung an ein liebloſes Schickſal empfangenes Pflichtverhältniß ein und verwirrte beängſtigend, ſtatt zu beglücken. Margarethe — 56— hatte zum erſten Male die Gewalt eines Mannes über ihr Herz erfahren, aber die fromme Seele erbebte und rang nach Rettung; das innere Weib ſollte verſtummen vor der Gemahlin des Herzogs. Hanna erſchien mit dem fürſtlichen Kinde; Margarethe erhob ſich, eilte mit ausgebreiteten Armen auf ſie zu, nahm das Kind, ſchauete ihm tief und lange in die Augen, küßte es ſtürmiſch, drückte es an Bruſt und Wangen, und die erregte Miene wurde weicher, ſeliger, lächender, der Blick feucht und träumeriſch.—„O! um Dich habe ich gelitten, Dich hat mir Gott gegeben, als mein Loos auf Erden, über Dich muß ich Rechenſchaft ablegen vor dem Allgegen⸗ wärtigen!“— ſprach ſie.—„O, Mutterliebe iſt mäch⸗ tiger und edler, als jegliche andere Forderung des Weiber⸗ herzens;— wie klärt ſich vor des Kindes Blicke, vor ſei⸗ nem Anlächeln, ſeinen nach mir greifenden Händchen, das unheimliche, finſtere Gewölk in mir auf— Gott! wie danke ich Dir, daß Du mir dieſes Kind, dieſes Zeichen meines Schickſals, meiner heiligſten Pflicht gegeben haſt!— Hanna! erinnere mich durch Nichts wieder an meine Schwachheit!“— Im ſeligen Anſchauen des friedlich lächelnden Kindes, dem auch Hanna mit gerührter Seele gedankenvoll ihre Blicke zugekehrt hatte, waren Beide nicht aufmerkſam ge⸗ weſen, daß die Thür geöffnet wurde und die Hofdame, welche der Herzog ſeiner Gemahlin befohlen hatte, eintrat. — Fräulein Olga von Weferlingen, eine etwa zwanzig⸗ jährige Dame, mit hochrothem, kräftigen, lockigen Haar, grellen, waſſerblauen Augen, die Witz und Laune verriethen, mit einem kleinen ſpöttiſchen Munde, deſſen ſchelmiſche, 5 1— 57— aufgeworfene Oberlippe allezeit bereit war, eine muth⸗ willige oder luſtige Rede zu geben; eine hohe, ſtolze Stirn, die das Bewußtſein des Adelſtandes trug, und ein hoch⸗ müthig auf kühnem Nacken getragenes Haupt verriethen, daß die ſpöttiſche Lippe und das muthwillig ſtechende Auge nur Zeugen ihres übermüthigen Selbſtgefühls waren. Sie war ein Weib nach dem Geſchmacke des Herzogs, gleichwie ihr Vater, der im heutigen Turniere mit dem Steinberg eine Lanze brach, ſein guter Freund bei Fehde, Jagd und Gelag war; der Herzog liebte luſtige, witzige Weiber, die auch einmal mit der Armbruſt zu ſchießen oder eine Lanze zu führen, auf der Jagd eine Beute zu erringen verſuchten, auch wol einmal fluchen und einen kühnen Trunk thun konnten; er pflegte zu ſagen, daß er die gottloſen Weiber mehr liebe, als die frommen— und er hatte abſichtlich ſeiner frommen, ſanftweiblichen Margarethe die gottloſe Olga als Ehren⸗ und Hofdame befohlen, um, wie er ſagte, das zaghafte, himmliſche Weſen mit etwas Weltſinn zu miſchen und etwas gottloſer zu machen.— Olga von Weferlingen hatte denn auch ihre Rolle, ihrem Charakter gemäß, zu ſpielen geſucht; muthwillig, luſtig, witzig bei Margarethen, ſpöttelnd, höhniſch und übel⸗ redend hinter deren Rücken; Margarethe fühlte ſich in We⸗ ſen, Geſinnung und Manier von ihr abgeſtoßen, öffnete ihr nie Vertrauen und Gefühl, und nur Hanna, ihre Ju⸗ gendgeſpielin aus der Bergiſchen Heimath, und Henricus, ihr Erzieher und Beichtvater, waren ihre einzigen Ver⸗ Dtrauensparſonem, die ihr Herz nicht entbehren mochte. So hatte ſich denn auch bald Olga's Verhältniß zu ihr m * — 58— geſtaltet, als der Herzog beabſichtigte; ſie war nur bei öffentlichen Repräſentationen der Herzogin deren Begleiterin und Ehrendame geworden, ſie haßte die ſanfte, verſchloſſene und fromme Hanna, lebte freilich vorzugsweiſe am Hof⸗ lager zu Harſte, aber war doch oft auf der elterlichen Burg Wansleben oder bei Adligen zum Beſuche. Als ſie eben, rauſchend und klirrend im feſtlichen Schmucke, in Margarethe's Gemach trat und die Herzogin mit dem Kinde erblickte, ergoſſen Auge und Mund den vollſten Spott ihrer frivolen Natur über die andächtige Gruppe. Hochmüthig lächelnd, ihren Hohn in affectirte Ueberraſchung kleidend, rief ſie, in einiger Entfernung ſtehen bleibend:—„Was ſehe ich, herzogliche Gnaden? Ihr ver⸗ ſenkt Euch in ein ſtilles Muttergefühl, während die Edel⸗ damen im Ritterſaale Eures Erſcheinens harren, um der ungeduldigen Galanterie der Herren Befriedigung zu geben und unter Eurem Vortritte ſich zum Gaſtmahl führen zu laſſen?— Habt Ihr nicht das Zeichen der Trompete ver⸗ nommen, das der Herzog befahl? Er würde ſchon längſt in übler Laune Eure Abweſenheit bemerkt haben, wenn nicht Ritter von Rönfurt, Euer galanter Kettenträger, zum Herzoge gegangen wäre. Er muß Wichtiges mit ihm zu reden haben, denn der Herzog, der ſchnell den Aufbruch in den Speiſeſaal befahl, weilt noch in ſeinem Gemache und ſtellt ſeiner Gäſte Hunger und Durſt auf eine harte Probe.. Margarer e ſah die im üppigen Kleiderſtaate blitzende Olga an, ſchie ſchien von deren grellem, muthwilligen Vlices 8 tehm berührt, ſenkte den Blick in des Kindes Auge . — 59— zurück, küßte die kleinen Lippen und reichte das Kind an Hanna.—„Wenn der Herzog, mein Gemahl, mich ver⸗ mißt haben ſollte“— ſprach ſie ſanft—„ſo ſaget ihm, daß ich ſeiner im Anblicke ſeines Sohnes mit Hingebung und Pflicht gedacht habe.“— —„Kläret Eure Miene auf, Herzogin; die gute Laune des Herrn fordert fröhliche Augen und Herzen; die Prin⸗ zeſſin Agnes ſendet mich, um Euch zu erinnern, daß die Gäſte Eure Gegenwart fordern. Ihr habt Urſache, Euch den Frauen und Jungfrauen heute in der Schönheit zu zeigen, die der Ritter von Rönfurt der erſten, deutſchen Frau öffentlich zuerkannt hat.“— Margarethe erröthete flüchtig, nicht ſowol im Gefühl der Beſchämung, als des innerſten Betroffenſeins vom ſpöt⸗ tiſchen Worte und Blicke eines neidiſchen Weibes.— „Beſtellet der Schweſter meines Gemahls, daß ich ſogleich erſcheinen werde,— rufet mich ab, wenn der Herzog mich zur Tafel führen will,“— antwortete ſie mit ruhiger Würde. —„Ei— herzogliche Gnaden“— verſetzte Olga von Weferlingen mit einer ſpöttiſchen Wichtigkeit—„würdet Ihr ſo wenig die Turnierrechte achten, die der Herzog um nichts verletzen will, daß ihr dem Ritter, der um Euch ſiegreich kämpfte, und der von Eurer Hand die Kette empfing, die er Euch zu Füßen legte, die Ehre und die Gerechtſame ver⸗ ſagt, Euch zur Tafel zu führen? Ihr habt ihm ſchon den ührenden Ehrenkuß verſagt; er ſcheinet ein frommer kitter zu ſein; aber der Herzog wird ihm ken Wort. — 60 Margarethe hatte nur anfänglich auf die Rede der Hofdame gehört; ſchnell wendete ſie ſich von ihr ab, da ſie vielleicht fühlte, daß ihre Wangen heißer wurden, und ſagte zu Hanna, welche mit behütenden Blicken ſie verfolgte: —„Bringe meinen Sohn zu der Wärterin zurück— kehre ſchnell wieder!“— Hanna entfernte ſich langſam. —„Geſtattet mir, daß ich Euch das Diadem auf's Haupt ſetze“— ſprach Olga näherkommend;—„Ihr truget es heute Morgen zu beſcheiden hinter dem ſilbernen Roſenkranze; laſſet das Zeichen der Hoheit nicht in der Fülle Eures weichen Haares ſich bergen, das auch andere Damen mit Euch gemein haben.“— —„Zwingt mir nicht Euren Geſchmack auf“— er⸗ widerte Margarethe zerſtreut;—„Gott gab dem Weibe das Haar zum Schmuck; Diadem, Feder und Blume flicht ihm die eitle Menſchenhand hinein; mein herzogliches Diadem ſoll nicht den natürlichen Schmuck des Weibes beſchämen; — nun ſehet nach dem Herzoge und rufet mich, wenn er nach mir verlangt.“— Die rothhaarige Hofdame machte eine ſtolze übermüthige Geberde, die mit den Worten des Gehorſams:—„Wie herzogliche Gnaden befehlen“— im ſchneidenden Gegen⸗ ſatze ſtand.—„Darf ich den Ritter, der Euch vorhin ver⸗ ließ, zu Euch ſenden, um Euch zu holen?“— fragte ſie, unter lauerndem Blicke. —„Wie mein Gemahl es beſtimmt“— erwiderte Margarethe kurz. In demſelben Angenblicke trat Hanna wieder durch eine Rehneſ ein. Die Hofdame ging mi liſtigem Lächeln. Kaum war Margarethe allein, als ſie at — 61— der Freundin Bruſt eilte, durch tiefe Seufzer ſich von dem Drucke, der ihr Gefühl belaſtete, zu erleichtern ſucge und in krampfhafter Weiſe die Worte hervorſtieß:—„O! Hanna! ich bin unwürdig geworden vor Gott! wäre es doch erſt Vesperzeit, daß ich beten könnte!“— —„Sei ſtark, Margarethe“— tröſtete Hanna, indem ſie die Freundin aufrichtete, ermunternd in ihr Geſicht ſah, dann an den Tiſch trat und das Symbol der weltlichen Hoheit ergriff, um es ihr auf's Haar zu ſetzen; Margarethe ließ ſich im Seſſel nieder und beugte ſich ſchweigend unter das herzogliche Diadem.— Brittes Capitel. Als Henricus die glückliche Gertrude in das kleine, mit der Hauskapelle in Verbindung ſtehende Spitzgewölbe, das ihm zur Klauſe diente, zurückgeführt hatte, war das freudig erregte Mädchen an die Bruſt ihres mit liebender Unge⸗ duld harrenden Freundes geeilt und deſſen Herzen ein Freu⸗ denbote der Gnade geworden, welche die edle Fürſtin auch der Liebe ihres Schützlings angedeihen laſſen wollte. —„Mir iſt es nun überlaſſen“— nahm Henricus das Wort—„für Euch zu handeln; da die Herzogin bis zur Vesper dem Feſtmahle beiwohnen muß, ſo will ich meine Zeit, da ich kein Theilnehmer des Jubels bin, der dieſes Schloß durchtönt, dem Werke widmen, welches ich vor drei Wochen in Harſte begonnen habe— die Sicher⸗ ſtellung Eurer Zukunft, meine gute Gertrude. Ich habe G — 62 Euch lieb gewonnen, wie eine theure Schweſter und auch die Herzogin liebt Euch. Ihr aber, Herr Helmold, müßt nun erklären, ob es vorhin männlicher Ueberlegung ver⸗ trauenswerthes Wort und nicht der Leidenſchaft kühner Gedanke war, daß Ihr gewillet und in der Lage ſeid, ein ehelich Geſponſt in Euer Haus aufzunehmen.“ —„NJa, bei dem heiligen Dominicus, deſſen Ordens⸗ kleid Ihr traget!“— rief Helmold, die Hand erhebend. —„Ich bin Herr meines Hauſes, eines der größten auf der Gotmargaſſe; nichts fordere ich zur Mitgift; in wenig Stunden habe ich zum Empfange meines Weibes alles ein— gerichtet, was der Hausfrau geziemt.— Handelt ſchnell, wie meine Liebe zum Ziele ihres Glückes drängt. Laßt mich forteilen zu meinen Freunden, daß ich ſie von meines Herzens Geheimniß benachrichtige, mit meiner Hochzeit über⸗ raſche, ſie heute Abend in meinem geſchmückten Hauſe ver⸗ ſammle, daß ich für Gertrude den Hochzeitsſchmuck kaufe, ihr Gemach und meines Glückes Kämmerlein einrichte und Muſik beſtelle.— Wenn es der Herzogin gnädiger Wille iſt, ſo ſegnet uns, während Herzog, Ritter und Vögte ſich im Rauſche laben, in Gegenwart einiger meiner getreuen Freunde am Altare zu Sanct Pauli ein, dann wollen wir in mei⸗ nem Hauſe bei Wein und Geſang Hochzeit feiern und alle Sorge iſt überwunden.“ „Nicht ſo ſtürmiſch, junger Mann“— fiel Henrieus ein, nachdem er Helmold eine Weile ſtill beobachtet und ſeiner Rede zugehört hatte, die dieſer anfangs an ihn, dann aber an Gertrude richtete, welche er mit ſiegreichen Blicken in die Arme ſchloß, und die, bei ſeinem Verlangen nach ſchneller 4 — 63— Hochzeit, den liebeleuchtenden Blick, womit ſie ihn anlächelte, ſchaamhaft niederſchlug und die jungfräulich erröthenden Wangen an ſeiner Bruſt barg.—„Nicht zu ungeſtüm, Freund! Euer Herz iſt ſchneller als der Kopf; ſeht Ger⸗ trude an, wie ſie ihr Schickſal mit verſchämter Hingebung Euch überliefert, und erkennt an ihrem verſchämten An⸗ ſchmiegen, daß Ihr mit Eurem Glücke eine ſchwere, heilige Pflicht, mit dem Kleinode ihrer Unſchuld auch ihrer Ehre und Sitte Hut und Pflege übernehmet.— Was würde die Bürgerſchaft von Eurem Weibe denken, wenn es, ein den Eltern entflohenes Mädchen, in eines Mannes Hauſe und Bette ſich vor des Vaters Willen bergen möchte? Nicht ſo will es die Herzogin, die ihre Gewalt über Gertrude nicht ungerecht über die des Vaters ſetzen mag.“— Helmold ſtutzte und blickte den Mönch betroffen an. „Rede mit dem Vater, Berthold, rede mit ihm im Namen der Herzogin und unſerer Liebe“— bat Gertrude mit unwiderſtehlicher Innigkeit in Blick und Stimme;— „ich möchte Dir folgen, wie Du es verlangſt, Dir nichts ver⸗ ſagen, mich Dir hingeben als Dein Weib, aber es ſpricht in mir ein heimliches Gefühl, das mich mitten in meinem Glücke beſchämt. O, der treue Henricus redet aus der Tiefe meiner Seele— es fühlt ſich ein Stolz in meiner Bruſt gekränkt, wenn ich Dir folge, ohne die Sitte der Jungfrau gerechtfertigt zu wiſſen.“— —„Was ſoll ich thun? Wird Dein Vater mich anhö⸗ ren? Wird er mir nicht Liſt und Verſtellung bieten? Kann er nicht den Vogt hinter ſich haben, der mir den Rückweg 64 verlegt und Dich hier im Bollrutz auskundſchaftet? Bindet uns das Sacrament der Kirche, dann ſind wir jeder böſen Abſicht zuvorgekommen.“— „Ihr habt Recht, Herr Helmold“— nahm Henricus das Wort;—„ſo dachte ich auch und empfahl es der Herzogin. Laſſet mich überlegen und handeln, aber nun trennt Euch, ehe die Sieſta der Ritter vorübereilt und die Wege in der Burg lebhafter werden. Gebt mir das Tuch der Frau von Oldershauſen, die Herzogin verlangt es. Gehet nach Hauſe, redet mit Euren vertrauten Freunden, höret deren verſtändigen Rath und tauſchet ihn mit mir aus; bereitet ſie vor für den Fall, daß es uns gelingt, heute noch Freude in Euer Haus zu bringen. Berget Euch, Gertrude, in der Frau Oelbecken Nähe; im Gemache des Prinzen wird heute Niemand Eure Sicherheit gefährden; — nun folgt mir, junger Freund, ich will Euch aus der Burg geleiten, wie die Herzogin es mir befahl, und im Laufe des Tages zu Euch kommen.“— Helmold übergab dem Pater das Tuch, nahm herzlichen Abſchied von Gertruden, die er viele Male von Neuem in ſeine Arme ſchloß, als gelte es einen Abſchied auf Jahre — dann folgte er der Hand und dem gebietenden Blicke des Geiſtlichen, während Gertrude ihm mit offenen Armen und ſeliger Selbſtvergeſſenheit nachſah. Nachdem Henricus den jungen Bürger ſicher aus dem Ge⸗ bäude, über Höfe und Brücken bis an das äußere Thor be⸗ gleitet und bei ſeiner Rückkehr Gertrude nicht mehr in ſeiner Klauſe angetroffen hatte, war er zur Herzogin gegangen.— Wir wiſſen bereits, welchen Rath er hier gab und wie Margarethe — 65— ihm antwortete:„thue, was Du für gut findeſt; überlege; nach dem Feſtmahle rede mit mir, was mit Gertruden ge⸗ ſchehen muß.“ Als Henricus fortging, benachrichtigte er die Hanna von Kehl, daß der Ritter eintreten möge; dann ſchlug er den Weg nach ſeiner Klauſe ein, um hier zu überlegen, wie er ſeinem Herzen und Verſtande zu gleicher Zeit durch eine richtige That zu genügen vermöge. Die Liebe des jungen Bürgers war ihm ſehr erwünſcht gekommen, denn er ſah darin das natürlichſte Mittel, die Herzogin der Sorge um Gertrude zu überheben, dem Herzoge das ſchöne Mädchen für immer aus den Augen zu rücken, die Anſprüche des Vogtes ziellos zu machen und Gertruden ſelbſt ein ſicheres Leben und glückliches Schickſal zu vermitteln. Er fühlte aber gleichzeitig, daß eine gewaltſame Ehe, ohne elterliches Wiſſen und Wollen, ſowol gegen das Gerechtigkeitsgefühl der frommen Margarethe, die durch Milde zu erreichen liebte, was ihres Herzens Bedürfniß war, als auch gegen Gertruden's jungfräuliches Gefühl ſtreite, das ſich ſträubte, heimlich und gleich einer gefallenen Magd, eines Mannes Weib zu werden; die Myrte und weiße Roſe im Haar, dieſer ſchönſte Symbolſchmuck jungfräulicher Ehre auf dem Wege zum Altare, mußte frei und offen Gertruden's Locken zieren, wenn die Frauenwelt der Göttinger Bürger ſie als eine Ebenbürtige anſehen und nicht übles Gerücht des jungen Brauers Haus ſchmähen und ſein Weib durch Ver⸗ einſamung und Argwohn kränken ſollte.— Auf dem Bollrutz in des Herzogs Nähe unter demſelben Dache konnte Gertrude nicht bleiben— das hatte auch de Herzogin Maltitz, Herzog. II. — 66— empfunden, als ſie der Frau von Oldershauſen die Dienerin empfahl;— eine ſchleunige Hochzeit am heutigen Abend wurde dem Henricus, ſo gern er auch ſogleich zwei liebende Herzen mit göttlicher Kraft für Erde und Himmel ver⸗ bunden hätte, um ſo widerwärtiger in der Vorſtellung, je länger er nachgrübelte. Endlich war er zum Handeln entſchloſſen, er wollte den weiten Weg vom Bollrutz durch die weſtlichen Stadttheile nach der zwiſchen Wehnder⸗ und Brüner Thor gelegenen Maſch an der Leine antreten, in der Mühle die Stimmungen erforſchen und die Gemüther zum Frieden gewinnen. Er verrichtete ſein Gebet, las noch die Hora und ging fort. Als er über die Zugbrücke des äußerſten Grabens kam, ſah er eine Frau in wohlhäbig bürgerlicher Tracht, welche an den wachthaltenden Reiſigen des Burgthors eindringliche Fragen zu richten ſchien, die dieſer mit Barſchheit und Gleichgültigkeit beantwortete, oder auch nicht beachtete, und welche mit ängſtlicher, ſcheuer Miene die ſuchenden Blicke gegen die Burg aufrichtete; ſie wich der rohen Abwehr des Reiſigen aus, der ſie mit der Hellebarde zurückſtoßen wollte, gewahrte jetzt den Mönch herankommen, ſchien unſchlüſſig, ob ſie ihn anreden ſollte oder nicht, und wollte eben den Muth faſſen, ihm näher zu treten, als dieſer ſtehen blieb und ſie fragend anſah. „Ehrwürdiger Pater“— begann die Frau mit unver⸗ kennbarer Aufregung, die ſich hinter eine vorſichtige Scheu verbarg—„ſeid Ihr in der Burg bekannt?“ „Das bin ich— wen ſucht Ihr— was habt Ihr auf dem Herzen?“ „Die Herzogin iſt geſtern Abend angekommen.“ . 657 „Ja, Ihr hättet ſie beim Turniere ſehen können. Habt Ihr ein Anliegen an die edle Frau?“ „Ach ja, ich möchte ſie ſprechen— man hat mir geſagt, daß ſie in Harſte jeden Hülfsbedürftigen annimmt; ich wäre dort hingegangen, aber ich lag drei Wochen ſchwer krank.“— „Was iſt Eure Noth? Ihr ſeht nicht arm, wenn auch leidend aus;— habt Ihr irgend ein Unrecht erfahren, eine Gewalt, iſt Euer Gemüth verwundet? Seid Ihr eine ehrliche und gottesfürchtige Frau, ſo könnt Ihr von der edlen Herzogin barmherziger Milde für Eure Sorge Troſt und Hülfe erwarten.“ „Ehrwürdiger Vater— ſegnet mein Beginnen, ich bin in Gottes Namen gekommen, denn mich treibt Mutter⸗ liebe. Es iſt ihr große Gewalt angethan; meine Augen haben mehr geweint in vier Wochen, als ſonſt in Jahren, ich habe große Noth gehabt, auf dem Krankenbette liegen zu müſſen, während meine Seele ungeduldig antrieb, den Weg nach der Herzogin zu ſuchen.“ Henricus hatte bei Erwähnung der Mutterliebe geſpannt aufgehorcht.—„Was iſt's denn?“ fragte er vorſichtig, da er an Gertrude dachte und nicht ſicher war, daß irgend eine Liſt dieſe Frau zu ihrem Werkzeuge auserſehen haben könne.. „Seid Ihr bei der Herzogin bekannt? O Ihr habt ein gutes Geſicht, Euer Auge iſt mitleidig— in Eurem weißen Barte kann kein falſches Haar wachſen; ich bin ſchon ſeit frühem Morgen in der Stadt, ſpähete beim Turniere nach der Herzogin, ſuchte den Weg in die Burg, ging 68 viele Male um die Gräben, aber Brücken und Thore blieben für mich geſchloſſen, Keiner wollte mir Einlaß oder nur Antwort geben.“ „Wer ſeid Ihr denn? Kommt, begleitet mich— laßt uns den Weg gegen das Wehnder⸗Thor einſchlagen— ich habe Eile.“— „Sagt mir, ehrwürdiger Vater— iſt unter der Diener⸗ ſchaft der Herzogin ein junges Mädchen, das dem Eltern⸗ hauſe entflohen iſt?“ Henricus blieb ſtehen, griff unwillkürlich nach der Hand der Frau und ſah ſie forſchend an.—„Wie heißt das Mädchen?“ fragte er eifrig.„Und Ihr, wer ſeid Ihr?“ „Gertrude, meine unglückliche Tochter; ich bin des Maſch⸗ müllers Blote Ehefrau, die unglückliche Mutter!“ Dabei traten die Thränen in ihre Augen und ſie fuhr ſchreckhaft zuſammen, als der Mönch ihre Hand feſter drückte und, den Blick zum grauen Himmel aufſchlagend, feierlich flüſterte: „Gott! Du haſt die rechten himmliſchen Mittel, wo Men⸗ ſchenweisheit nur dieſer Erde ſchwache Hülfe erſinnt; ja, Mutterliebe iſt unüberwindlich!“ „Was ſagt Ihr?“ fragte die horchende Frau, die des Mönchs Flüſterlaute nicht verſtand.„Ihr kennt meine Tochter? Wo iſt ſie? Lebt ſie noch, iſt ſie noch unſchuldig, iſt ihr Herz noch nicht gebrochen? Sehnt ſie ſich nicht nach mir, daß ſie meine Angſt und Thränen ſtille?“ „Ja gute Frau, ſie ſehnt ſich nach Euch, ſie iſt rein und ſchuldlos, ſie hat unter Gottes und der Herzogin Schutze geſtanden.“ Die Frau rief in glücklichem Auf⸗ leuchten ihrer Miene,„Gott ſei gelobt!“ Henricus fuhr indeſſen fort:„ſeit heute aber ſehnt ſich ihr Herz, dem Manne zu gehören, der ein gutes Recht auf ſie hat.“ „Barmherzige Mutter Gottes!“ jammerte die Frau, „ſie iſt ſchlecht geworden, ſie will des böſen Vogtes Weib werden? Nein, ſie opfert ſich nur um meinetwillen, ſie hat des Vogtes furchtbare Drohung erfahren, daß er uns die Mühle über dem Kopfe anzünden werde, ſie iſt nichts mehr werth, ſie hat dem Herzoge gedient und will ihr ge⸗ ſchändetes Leben dem Vogte hingeben!— O! unglückliches Kind, es wäre beſſer, ſie ſtürbe in dieſer Stunde.“ Die Frau hatte die gefalteten Hände vor die Augen gedrückt und hörte nicht, wie der Mönch ſich bemühte, ſie zu beruhigen und ihr begreiflich zu machen, daß ſie ihn mißverſtanden habe. Er zog ihre Hände von den Augen weg und ſie ſtarrte beſtürzt in ſeinen milden, ruhigen Blick. „Eure Tochter iſt rein und edel, wie eine Lilie,“ ſprach er,—„und darum war ich eben auf dem Wege nach der Maſchmühle, um den Eltern zu verkünden, daß ſie die Pflicht hätten, dieſe Lilie zu ehren und zu pflegen, wie es ihr gebührt und der Herzogin Wille iſt.“ „Der Herzogin? O, beruhigt mich zuerſt über meinen fürchterlichſten Gedanken; iſt es nicht wahr, iſt es nur ein Gerücht, daß der Herzog“—— Henricus unterbrach ſie ſchnell:—„Redet nicht davon, ſie iſt unbefleckt an Seele und Leib.— Folgt mir, unſere Angelegenheit erfordert einen ſtilleren Ort— ich habe keine Eile mehr,— Gott hat Euch mir entgegengeſandt. Ger⸗ trude war mit der Herzogin in Münden und Caſſel, und es war mein Werk, daß die Sünde von ihr nicht in Euer freiete und ihre Spuren mit gleicher Sorge wie Ihr ſuchte — 70— Haus kam, da die Tochter den Vater fürchtet, der mit dem Vogte hält. Heute hat ſie den jungen Bürger, der ſie vor vier Wochen aus eines frevelnden Junkers Hand be⸗ wieder erkannt— ihre Herzen haben ſich gefunden und ausgetauſcht, die Herzogin hat den Bund geſegnet, ich, der Beichtvater der hohen Frau, bin gewillt, die Ehe durch das Sacrament zu heiligen und für dieſes und jenes Leben zu befeſtigen, ſobald die Eltern der glücklichen Braut ihre Einwilligung gegeben haben. Dieſe als Bedingung der Kirche zu fordern, ſandte mich die edle Schutzpatronin dieſer Liebe aus.“ Die Frau hatte unter den Geberden der höchſten Ueber⸗ raſchung dieſe Mittheilungen angehört; der Contraſt zwiſchen glücklicher Aufregung und dem ſchmerzlichen Durchbruche ihrer lange in ſich getragenen, erdrückenden Sorge war ſo groß und plötzlich, daß ſie betäubt den Mönch anlächelte. „Nun ſagt mir, wo iſt Euer Mann, wie iſt er jetzt geſinnt?“ fragte Henricus. Dieſe Frage rief die Frau Blote aus ihrer Betäubung; aber ſie hatte nur Laute gehört, deren Inhalt nicht bis zu ihrer Gedankenwelt gedrungen war.„Den Brauherrn Helmold, meint Ihr den?“ fragte ſie lebhaft;„als er vor der Mühle geweſen war, verſchwieg mir mein Mann ſeinen Namen, ich ſuchte ihn heimlich in der Stadt, aber wo ſollte ich ihn finden. Er kam ſpäter in unſer Haus, ich beſchwor ihn unter Thränen, mein Kind zu ſuchen und zu mir heimzuführen; mein Mann verlangte gleichfalls da⸗ nach, aber ſein Blick war falſch und ſein Wort ſtach mir — „— in das Herz. Das Gerücht über mein Kind machte mich elend, der Vogt kehrte auf der Mühle ein und lachte über meiner Gram und drohte meinem Manne, daß er ihn in Verdadht habe, eine falſche Freundſchaft mit ihm zu ſpielen und er das Mädchen lieber den Junkern zu Harſte Preis geben wolle, als von einem Müller überliſtet und von einem Göttinger Bürger ausgeſtochen zu ſein. Meine Gedanken ſtanden auf den muthigen jungen Brauherrn gerichtet; ich wollte bei ihm Troſt und Hülfe ſuchen, aber die Sorge und meines Mannes Mißhandlung warfen mich in ein Fieber. So habe ich gelegen, in Phantaſie, Schlaf und angſtvollem Wachen bis vor wenig Tagen. Ich verſuchte zu gehen, um den Helmold zu ſuchen, aber ich war noch zu matt und brach zuſammen; geſtern Abend kam der Mühl⸗ knappe von der Stadt und erzählte, daß die Herzogin ein⸗ gezogen ſei; heute hielt mich keine Schwäche mehr ab, den Weg zu machen; mein Mann ging ſchon früh in die Stadt, um dem Turnire zuzuſehen und ſich nach Gertruden zu erkundigen, ich folgte ſpäter, langſam meinen Weg nach dem Brauhauſe der Gotmarſtraße richtend. Der junge Herr war ſchon ausgegangen, ich ſchleppte mich nach dem Freudenberge, um Helmold zu finden und die Herzogin zu ſuchen; die Turnierknechte ſcheuchten mich zurück. In einer Freundin Hauſe, die das Feſt aber aus ihrer Wohnung entfernt hatte, raſtete ich etwas, dann kam ich hierher nach der Burg; ich wollte die Herzogin ſprechen. O, barmher⸗ ziger Gott! Mein Kind iſt rein und unſchuldig, ſagt Ihr. So wäre Alles nicht wahr, was man uns an ſchlimmer Mähr zubrachte?“ — 72— „Ihr ſollt ſie ſehen, liebe Frau, und Euch an ilren glücklichen Augen weiden; aber wie denkt Euer Mann? Hält er noch immer mit dem Bogte?“— „Seit ein paar Tagen hat er faſt kein heftiges Wort geſprochen, iſt am Ufer allein hin- und hergegangen, hat lange in's Leinewaſſer geſchaut und ſich dann in der Stube an's Fenſter geſetzt, den Kopf auf die Hand gelegt und mürriſch gegrübelt; ich konnte ihn von meinem Lager aus beobachten.— Er hat nicht geflucht, wie ſonſt ſeine Art iſt, und als ich ihn rief und er mir Antwort geben ſollte, ſagte er mit ſeltſamer Stimme:„ich bin auch krank, es ſitzt mir hier im Kopfe wie Feuer— laß mich.“ Ich merkte es ihm an, daß er Reue fühlte über ſein böſes Werk an der Tochter. Er war in Roſtorf beim Schmied geweſen und hatte ſchreckliche Dinge erfahren, die man ſich dort heimlich erzählte;— er war nach Harſte in's Dorf ge⸗ gangen und hatte, ohne ſich bekannt zu machen, nach Gertruden gekundſchaftet. Seit der Zeit iſt er ſtill und geheimnißvoll, und ich flehte ihn vorgeſtern an, mir zu ſa⸗ gen, was er von unſerem armen Kinde wiſſe. Da ſagte er dann, daß er gehört habe, der Herzog habe ſein Kind gewaltſam geſchändet und der Vogt ſich an dem Mädchen gerächt, daß er es den Knechten preisgegeben und einer von dieſen ſie in gemeiner Luſt ermordet habe; es ſei heimlich um Mitternacht eine Leiche aus dem Schloſſe ver⸗ ſcharrt und das könne nur das Mädchen geweſen ſein.— Da iſt meines Mannes Gewiſſen aufgerührt, er hat ſich Vor⸗ würfe gemacht und der Mühlknappe ihn heimlich beten geſehen. Geſtern Abend, als er mich weinen ſah und — 73— ich meine Kräfte verſuchte, um nach der Herzogin zu gehen, ſagte er:—„morgen will ich den Weg thun;— ich habe geſündigt an meinem Kinde, aber ich that's des Vortheils wegen und weil ich mein Kind angeſehen machen wollte; ich hielt's mit dem Vogte, da er mir mit Rache gedroht hatte und ich ihn fürchten mußte. Er wird morgen beim Turnier in der Stadt ſein und er ſoll mir auf ſeine Ehre die reine Wahrheit ſagen; hat er mein Kind ein's Verderben gebracht, ſo weiß ich was ich thue— wie einen Hund ſteche ich ihn nieder!“— Ich ſuchte ihn von allem böſen Vorhaben abzubringen, mahnte ihn, daß der Herzog nicht ungerächt laſſen werde, daß man einen ſeiner Amt⸗ leute kränke oder gar anfalle, beſchwor ihn, den Herzog lieber ſelber um Gnade und Recht anzuflehen, aber er winkte mit der Hand und ſagte:„noch glaube ich's nicht — aber ich will's erfahren und kann mit mir ſelber zu Rathe gehen.“ Geſtern Abend iſt er noch in ſpäter Stunde am Leineufer hin⸗ und hergegangen, hat dem Mühlknappen geheißen, zu Bette zu gehen und iſt ſelber die Nacht über in der Mühle aufgeblieben. Heute früh ging er in die Stadt— ich hatte keine Ruhe, ich machte mich auch auf den Weg.“ 1 „Und ſeid Ihr dem Manne nicht begegnet?“— fragte Henricus. „Nein— aber ich glaube den Vogt zwiſchen vielen anderen Reitern erkannt zu haben, obgleich' er gerüſtet war.— „Eures Mannes Gewiſſen iſt aufgewacht, liebe Frau; ſo tritt Gott in der Menſchen Seele ein, um ſie zum Guten n— 714— zurückzuführen. Wir wollen ihn ſuchen, damit er erfahre, daß ſein Kind lebt, daß es ſich ſeit einigen Stunden glück⸗ lich fühlt. Dann mag er ihr vergelten in Reue und Vater⸗ pflicht, was er ihr Unrecht that.“— „Wo ſollen wir ihn finden? O, ehrwürdiger Pater, 1 bringet mich zu meiner Tochter, mein Herz dürſtet nach ihrem Anblick, vergönnt mir, daß ich in die lieben braunen Augen ſehe, daß ich ihren Herzſchlag an meiner Bruſt fühle, daß ich's der Herzogin auf den Knieen danke!“— „Ihr ſollt Euer Kind umarmen, der Herzogin danken, aber jetzt iſt's nicht Zeit; das Feſtmahl beginnt, Ritter und Amtleute ſammeln ſich auf dem Bollrutz— wartet, bis die Vesper läutet; folgt mir nach des Helmold Hauſe, dort ruhet Euch, dort ſegnet den Sohn, der Euch Ger⸗ trude heimführt und der ihr künftiger und ſicherſter Be⸗ ſchützer ſein wird; dort wird auch Euer Mann ſich ein⸗ finden, wenn er, vom rechten Gefühle der Angſt um ſein Kind getrieben, keinen Troſt anderswo empfängt.“—— „Und der Brauherr, ſagt Ihr, fordert Gertrude zum Weibe?“ fragte die Mutter in glücklicher Selbſtermunterung. —„Ja ich habe es ihm angeſehen, als er in der Mühle war, daß er das Mädchen liebt, ich merkte es Gertruden an, daß ſie ſeit dem Morgen, wo ſie der Hanſteiner ſtahl, den jungen Bürger aus der Stadt im Sinne trug, denn* von der Stunde an war ſie muthig, gegen Vater und Vogt Alles zu wagen.“— Henricus hörte im Weiterſchreiten über den Platz, wo die Sanct Jacobi⸗Kirche im Bau begriffen war, durch die Buckgaſſe nach der Gotmargaſſe, wo, unfern ihrer Oeffnung — 75ß gegen das Pauliner Kloſter, das Brauhaus Helmold's lag, der an ſeiner Seite gehenden Frau ruhig nnd freundlich zu, da das Muttergemüth in der frohen Aufregung ſich in der Rückerinnerung aller kleinen Begebenheiten wohl fühlte, welche auf Gertruden's und Helmold's ſtille Liebe hingedeutet hatten, und die jetzt bei der glücklich erregten Frau alle erduldeten Leiden und finſteren Verzweiflungs⸗ bilder zurückdrängten. Frau Blote war des Begleiters Führer nach der Wohnſtätte des jungen Brauherrn; ſie deutete ſchon von Ferne auf das ſtattliche Haus hin, wo zu anderen Zeiten Tonnen und Knechte den Fußſteg zu verſperren, die Schornſteine des Hintergebäudes zu rauchen und Bürgerleute aus⸗ und einzugehen pflegten, die das Trinkſtübchen hofwärts anzog. Heute ruhete das Geſchäft, da der Herzog jegliches Gewerk am Tur⸗ nierfeſte in der Stadt durch ſeinen Schulzen unterſagt hatte und Knechte wie Gäſte nach dem Freudenberge geeilt waren. Als ſie in das große Thor des Hauſes, deſſen Balken⸗ köpfe mit Schnitzbildern und deſſen Querbalken mit from⸗ men Bau⸗ und Gebetſprüchen geziert waren, eintraten, kam ihnen ein ältlicher, rieſiger und ſtarkbäuchiger Knecht ent⸗ gegen, der die Frau Blote bereits kannte, ihr mit dem ro⸗ then, bärtigen Geſichte freundlich zunickte, die müßigen Hände unter dem Bruſtlatze des großen und ſchweren Lederſchurzes wegzog, in die feiſten Seiten ſtämmte und den Mönch groß an ſah. „Wo iſt der Herr?“— fragte Frau Blote mit einem Muthe, den ſie früher in dieſem Hauſe nicht gezeigt haben —— mußte, denn der Knecht horchte auf und ſah den alten Dominikaner Mönch neugierig an. „Seid Ihr etwa aus dem Pauliner Kloſter?“ fragte er behaglich. „Sagt mir, wo iſt Herr Helmold?“ wiederholte die Frau in der Ungeduld ihres erregten Herzens und in natürlichem Gefühle, daß die Liebe Gertruden's hier ein heimathliches Recht auch für ihr Glück erworben habe. „Wo ſollte er anders ſein, als auf dem Freudenberge?“ verſetzte der Brauknecht;—„es wird ihm gut thun, damit ſeine Kopfhängerei wieder in die alte Fröhlichkeit umſchlägt; — weint ihm nur nichts wieder vor, wie neulich, vor bald drei Wochen; der junge Herr ſah ſo ſauer aus, daß uns die Biermaiſche umſchlug und der Brau mitten im Januar verdarb. Wäret Ihr es nicht geweſen, Frau Blote, ich hätte meiner Seel' gedacht, es wäre eine Hexe durch's Haus gelaufen.“ Henricus hatte des Knechtes Rede wenig beachtet, fondern ſeine Aufmerkſamkeit auf die ſichtbare Wohlhaben⸗ heit des Hauſes, namentlich aber im Hintergrunde des von leeren Fäſſern und Säcken beengten großen Flurraumes auf ein Fenſter gerichtet, das über dem Eingange des Kellergewölbes lag und hinter dem ſich bewaffnete Männer b am Tiſche mit hohen Krügen bewegten.— 3 „Kehren bei Euch auch Reiſige und Knappen ein?“ fragte Henricus vorſichtig, da er ein bekanntes Geſicht zu erkennen glaubte. „Gewöhnlich nicht— unſer Herr liebt ſolche Geſell⸗ ſchaft nicht;— es ſind Knechte, die mit irgend einem Ritter 1 — 7 oder Amtmanne zum Turnier eingeritten ſein werden; ſie ſind nach dem Heimzuge auf die Burg hier hereingekommen, um zu trinken, da ſie der Herzog nicht auf dem Bollrutz bewirthet.“ „Führet uns ſchnell in ein Zimmer, wo wir allein ſind“ ſprach Henricus—„dann ſendet Leute aus, den Herrn zu ſuchen, daß er ſofort nach Hauſe komme.“ „Nun“— verſſetzte der ſchrötige Brauknecht, verwundert den Mönch anſehend und dann flüchtig nach den über kleinen Treppen liegenden Thüren und der hochgelegenen Gallerie aufſpähend—„was giebts denn? So große Eile hat's mit meinem jungen Herrn nicht, wenn Ihr um ſein Seelen⸗ heil beſorgt ſein ſolltet; was habt Ihr denn Frau Blote? Störet meinem Herrn den Tag nicht!“ „Thut, was ich Euch heiße, im Namen Eures Herrn!“ — fiel Henricus ein, wobei er die behütenden Blicke unruhiger vom Fenſter der entfernten Trinkſtube ablenkte. Der Brauknecht ſtutzte, trotz ſeines Phlegmas. „Seid Ihr ein treuer Diener Eures Herrn?“ fragte Henricus mit ſtarker Betonung und eindringlichem Blicke. „Ei, da kommt Ihr mir eben recht, Pater“— er⸗ widerte der Brauknecht, ſich mit behaglichem Stolze auf⸗ richtend;—„habe dem ſeligen Herrn ſchon achtzehn Jahre das Brauhaus verwaltet, dem jungen Herrn das Brauen gelehrt und hoffe ſelber im Hauſe ſelig zu werden. Es iſt mir ſchon Gram genug, daß der Herr Berthold mit Eurer Tochter in's Gerede gekommen iſt, Frau Blote, weil er Eurer Klage Gehör gegeben'und ſich um Euch bemüht hat.“ Die Frau blickte ungewiß in das etwas unruhige Ge⸗ — 78 ſicht des Geiſtlichen und erſchrak, als dieſer zum Knechte ſprach:—„hört meinen Rath, trauet den Reiſigen dort in der Trinkſtube nicht, es ſind böſe Geſellen; gebet ihnen nicht Rede und Antwort, horchet vielmehr nach ihren Ge⸗ ſprächen und ſchafft ſie bald aus dem Hauſe.“ „Die Burſchen da?“— ſagte der Brauknecht, indem er mit dem rieſigen Daumen über die Schulter weg rück⸗ wärts gegen das Fenſter deutete—„oho, und wären's deren dreimal mehr, ſo fürchten wir uns nicht; böſe Ab⸗ ſichten gegen meinen Herrn? Meint Ihr das? Wollt Ihr deswegen den Herrn Helmold ſo eilig ſprechen? Ei, Pater, habt Dank; das heilige Kleid, welches Ihr tragt, wird das Haus vor dem Teufel ſchützen, mit böſen Geſellen will ich's ſchon aufnehmen. Bald müſſen unſere Knechte heim⸗ kommen, denn es ſoll vor der Vesper noch gemaiſcht werden — aber kommt, weilet und raſtet, wenn Ihr's wünſcht; tretet in dies Gemach ein.“— Er zog unter dem Leder⸗ ſchurze einen Schlüſſel vom Gürtel, öffnete eine Thür in der Höhe einer etwa ſechsſtufigen Vortreppe und ſagte— „raſtet hier, es iſt Herrn Helmold's Stube, ich will einmal zu dem Gildemeiſter Tile Freitag ſchicen— mit dem iſt er heute Morgen gleiches Weges fortgegangen;— böſe Abſichten, meint Ihr, Pater? Da fällt mir ein, die Burſchen kicherten und fragten den Schenkjungen, ob er noch von dem Hochzeitsbiere habe, das Herr Helmold für ſich gebrauet hätte; ich verſtand die Rede nicht, münzte ſie auf das Gerede in der Stadt, daß mein Herr ein Bräut⸗ chen auf der Jagd erbeutet und der wilde Jäger, der Herzog, ihm ſelber abgetrieben habe;— dummes Mähr⸗ —— — 79— chen;— der Herr iſt, weil er auf der Jagd in das herrſchaftliche Revier gerathen war, um ſeine Armbruſt gepfändet;— müſſige Mäuler haben das Andere dazuge⸗ logen, weil er ſich um Eure geſtohlene Tochter bekümmert hat, Frau Blote.“ In der That war es dem feiſten, rieſigen Brauknechte doch etwas unruhig im Kopfe und ihm die Geſellſchaft im Trinkzimmer verdächtig geworden; ſeine Miene hatte mehr den Ausdruck der Schlauheit als Bedenklichkeit angenommen, aber er ſcheuerte ſich unter dem Lederkäppchen das graue Haar und ging mit den Worten fort:—„ZIch will den Jungen ausſchicken und die Burſchen in der Trinkſtube einmal ſelber bedienen.“ „Um des Himmels Willen, Pater— was glaubt Ihr, was hat Euch ſo bedenklich gemacht?“ rief Frau Blote, die Arme auf des Henricus' Bruſt legend;—„wir dachten in ein Freudenhaus zu treten und ich ſehe, daß Eure Miene mehr ernſt als froh iſt. Wer ſind die Leute, die Euch beunruhigen?“ „Seid ohne Sorge, gute Frau— überlaßt es mir, die Vorſicht in Sicherheit zu kehren; vielleicht bin ich zu ängſt⸗ lich;— ſeht dieſes Hauſes Wohlſtand, dieſes Gemaches ſinnige Einrichtung— Waffen, Gebetbuch, Arbeitstiſch, Almoſenbüchſe und Jagdgeräth— ſo theilt der junge Mann ſeine Zeit wie ein braver Bürger.— Welch' ein Glück für Gertrude und Euch!“ „Was meint Ihr, Pater— ſind jene Leute etwa des Vogtes verſchmitzte Knechte?“ „Meine Beſorgniß iſt nur eine Frucht der Liebe zu — 30— Eurem Kinde;— der eine der bewaffneten Reiſigen ſcheint mir ein Knappe zu ſein, der auf Harſte diente;— es kann ja ſein, daß er nur des Trunkes wegen hier iſt, der⸗ weilen der Herr ſeiner Dienſte nicht bedarf— regt Euch nicht auf, Ihr ſeid noch zu ſchwach, ſetzt Euch, es ſteht Euch noch große Freude bevor; denkt an Gertrude, ich will Euch erzählen, was ſich heute mit ihr und Helmold begeben hat.“ Der Schenkbube trat herein, ſetzte zwei große Krüge voll ſchäumenden Bieres auf den Tiſch und ſprach:„nun will ich den Herrn ſuchen— trinkt unterdeſſen, es iſt vom beſten Brau!“ Henricus führte die Frau, welche eine ſanfte, zierliche Erſcheinung war, die Gemüthsleiden, Duldung und Krank⸗ heit verklärt und für jedes theilnehmende Auge mit dem Zuge jenes anmuthigen Schmerzes begabt hatte, welcher ſchnelles Mitgefühl erweckt, beruhigend auf einen Seſſel, nahm ihr gegenüber Platz, beſtrebte ſich ſelbſt unbefangen zu erſcheinen und erzählte ihr die Begebenheiten des Vor⸗ mittags, die Gertrude und Helmold zum Wiederfinden und Bündniſſe ihres Lebens geführt hatten. Mit andächtiger Geberde vernahm Frau Blote die beſchützende Gnade, welche die Herzogin dem Schickſale Gertruden's zu Theil werden ließ, und die Sehnſucht, ihre Tochter zu umarmen, ſtei⸗ gerte ſich mit dem Bedürfniſſe, der Herzogin den Dank eines überquellenden Mutterherzens zu ſpenden. Es entſtand ein Geräuſch— viele Stimmen erſchollen unter den Fenſtern, vor dem Thore und auf dem Haus⸗ flur;— die Brauknechte waren vom Freudenberge heim⸗ EEVVWT — 81— gekehrt, wo ſie noch dem Kampfe der reiſigen Knappen zu⸗ geſehen hatten, der nach dem Ritterturniere Statt fand. Henricus verbarg der Frau, daß er bei der Gegenwart der ſtarken Knechte im eben noch ziemlich öden Hauſe ein erhöhetes Sicherheitsgefühl empfinde. Frau Blote, welche dem Geräuſch gehorcht hatte, rief plötzlich, als die Wand⸗ uhr in der Stube die vierte Nachmittagsſtunde anſchlug— „ach! wo mag mein Mann ſein! Mich ergreift eine ſelt⸗ ſame Angſt um ihn— er ſah ſo finſter und verſchwiegen aus, als er fortging; er hatte gewiß ſchlimme Gedanken. Wenn er nur dem Vogte nicht von Neuem vertraut, oder mit ihm in Händel geräth— der wilde, rachſüchtige Menſch wird uns die Mühle abbrennen, denn ſein böſer Blick ver⸗ räth, daß er zu Allem fähig iſt;— ſagt mir, ehrwürdiger Pater— iſt die Herzogin auch mächtig gegen des Herzogs Amtleute?“ „Was die edle Frau nicht vermag, das hilft Gott aus“, antwortete Henricus, als plötzlich eine laute Stimme draußen, deren Ton den Mönch verſtummen machte und vom Stuhle emporriß, ungeſtüm rief:—„Wo? wo iſt er? wo?“— Ein haſtiges Hinaufſpringen der kleinen Treppe, ein heftiges Aufſtoßen der Thür ließen Henricus nicht Zeit, die aufſchreckende Frau anzuſehen.— Helmold, athemlos, heiß, mit glücklich leuchtenden Augen, den Hut mit der Feder auf dem Kopfe, den Degen am Gürtel, ſo wie er vor anderthalb Stunden den Bollrutz verlaſſen hatte, ſtürzte mit offenen Armen an des Mönchs Bruſt.—„Geſegnet ſei Euer Eintritt in mein Haus!“ ſprach er—„was habt Ihr mir von Gertruden und der Herzogin zu ſagen? Habt Maltitz, Herzog. II. 6 — 32— Ihr den Müller geſprochen?“— Dieſe ungeſtümen Fragen konnte Henricus nicht ſo bald beantworten, als Frau Blote auf den jungen Bürger, der nur den Mönch im Auge hatte, zugetreten war und jetzt mit der vollen Stimme ihres Mutterherzens rief:—„Herr Helmold! Gott ſegne es Euch nebſt der Herzogin— Ihr habt Gertrude geſehen, Ihr könnt ſie noch für gut und werth halten, Ihr“— „Ja“— fiel Helmold in ihre Rede, nachdem er die Frau angeſehen, ſchnell erkannt und an ſeine Bruſt gezogen hatte—„freuet Euch mit mir, Mutter, alle Leiden ſind vorüber, Gertrude wird in mein Haus als ehrſames Weib einziehen; Mutter, weinet nicht mehr, Ihr ſeid gekommen, um mir Euer Kind ſelber an das Herz zu legen, ich will Euer getreuer Sohn ſein. Wo habt Ihr den Vater? Wird er in Frieden kommen und ſein Kind bei mir ſuchen und ſich des Wiederſehens freuen? Ich habe mich nicht geirrt, daß ich ihn auf dem Freudenberge geſehen— ich glaube auch den Vogt erkannt zu haben, wie er ihm einen Wink gab.“ Durch die Erinnerung an den Mann wurde die glück⸗ liche Wirkung von Helmold's Anrede bei der Frau merk⸗ lich getrübt;„ach! wenn er doch hierher käme“ ſeufzte ſie —„wenn er von dem Pater erführe, was geſchehen iſt, Eure Frende ſähe— das Herz müßte ihm aufgehen.“ „Nun gebt mir Kunde, Pater;— Euer Auge verräth mir, daß Ihr mir mein Glück zu berichten habt.— Wie habt Ihr Gertrude verlaſſen? Ich konnte mich nicht halten, mein Glück wie ein Verbrechen in mir zu bergen; als ich Euch am Thore der Burg verließ, ſtürzte ich fort nach der EEEEEEEEEEEEEEEE — 83— Grohnder Gaſſe in das Haus meines Freundes Tile Freitag um ihm meine Liebe anzuvertrauen und ihn zum Zeugen meiner Hochzeit einzuladen. Eben komme ich her von ihm, um nach meinem Hauſe zu ſehen;— an der Johanniskirche begegnete mir mein Schenkbube, er ſagte mir, ein Domi⸗ nikaner Mönch ſei im Hauſe und laſſe mich ſuchen; ich dachte an Euch und ſtürzte herbei;— kommt, laßt uns überlegen, redet von Gertruden, daß ich die Zeit nicht fühle, bis ich ſie wiederſehen werde!— Mutter, Euer Kind iſt meines Lebens höchſter Schatz und Troſt geworden, ſegnet ſie in meinen Armen; von nun an iſt alles Leid vorbei!“ In dieſer Weiſe machte Helmold ſeinen aufgeregten, glück⸗ lichen Gefühlen Luft, wobei er bald den Mönch, bald die zwiſchen Glück und Befangenheit ſchwankende Frau mit den Armen umſchloß und ſie nach den Stühlen führte. „Ich werde zu Tile Freitag ſenden“— fuhr er fort—„er ſoll mit uns ſein, denn er iſt in der Bürgerſchaft ſtark und geſinnt wie ich.“ Als Helmold hinauseilte, um den Buben fortzuſchicken, rief die Frau im Durchbruche ihrer glücklichen und ſchmerzlichen Empfindungen:„O! wenn mein Mann dieſes jungen Bürgers Freude und Herzens⸗ wonne ſähe, er müßte ſich ſchämen, ſein Kind verhandelt zu haben um gemeinen Gewinn; er müßte erkennen, was ſein Kind werth iſt vor Gott und guten Menſchen.— Ich will den Helmold bitten, daß er ihn in der Stadt ſuchen läßt, daß er hier ſelber ſein Kind an den rechten Herrn ihres Herzens abtrete. Wenn er kommt, ſo redet ihm in's 8 Gewiſſen, Pater, ach! er hat Gott vergeſſen in habſüch⸗ tiger Gier, iſt ſeit Jahren nicht zur Beichte gegangen und 6* — 84— hat nichts geopfert.— Sagte Helmold nicht, daß er einen Zeugen der Hochzeit eingeladen habe?— Was hat er beſtimmt? Was denkt Ihr davon, Pater?“ Helmold kehrte während dieſer letzten Frage in das Gemach zurück.—„Mein erſter Brauknecht ſagte mir eben, daß Ihr den reiſigen Knappen hinten in der Schenkſtube nicht trauet“, ſprach er beim Eintreten;„er hat ſie beob⸗ achtet und ausgefragt;— ſie gaben nur ungewiſſe Ant⸗ worten, daß Sie mit einem Ritter aus dem Thüringiſchen gekommen wären, keine Luſt am Knappenturniere hätten und lieber Göttinger Bier tränken.“ „Wiegen wir uns nicht in Sicherheit“— antwortete Henricus;„glückliche Herzen halten ſich für gefahrlos; die Liebe fühlt ſich im Himmel und denkt nicht an den rauhen Boden der Erde, auf dem ihr Weg läuft. Ich kann mich irren und vielleicht zu mißtrauiſch ſein, aber wir ſollen nicht vergeſſen, daß wir in ſchlimmer Zeit der Willkür leben. Fürchtet Euch nicht, liebe Frau— es ſchien mir nur, als ſei mir das Geſicht des einen Knap⸗ pen dicht am Flurfenſter ſchon in Harſte begegnet.“ Helmold horchte auf.—„Wollte der Herzog“—— begann er eben in unwilliger Hitze, aber Henricus machte ihm die Geberde des Schweigens zu.—„Ihr ſeht, Pater“ — fuhr Helmold fort—„wie nöthig es thut, heute noch durch das Sacrament das Band zu ſchließen, das auch Fürſten und Amtleute reſpectiren müſſen;— laſſet uns einen feſtlichen Abend begehen; ich werde mein Haus ſchließen, meine Gemächer oben, wo meine Eltern ihre Sonn- und Feſttage feierten, öffnen, an meiner Mutter —— S Platz will ich Gertrude ſetzen, ich will meine Freunde und die wenigen meiner Sippſchaft rufen, daß ſie uns begleiten zum Altare der Pauliner und dann in dieſes Haus zum fröhlichen Hochzeitsſchmauſe heimkehren;— ſchmücket Euer Kind als Braut, Mutter; ehe ich Gertrude nicht als Weib in meinen Armen ſicher weiß, finde ich ſelbſt keine Ruhe!“— „Wenn Ihr über Nacht ein Weib in's Haus bekämet, wenn die Göttinger Weiber ſie drob ſchnöde anſähen, wol gar böſe Deutung laut werden ließen, wenn Euer höchſtes Kleinod in ſeinem Werthe mißachtet und ſein Glanz trüb angehaucht würde“— „Ja!“— fiel Helmold ein—„die ganze Stadt ſoll ſie ehren; wer ſie mit einem Blicke kränkt, der bringt mich auf— die Leute ſollen's erfahren, was der Herzog“— „Halt!“— rief Henricus aufſpringend und die Hand gegen des leidenſchaftlichen Mannes Mund richtend;— „nennet nicht den Herzog— Ihr kränkt die Ehre der Herzogin! Verſtummt vor dem Gedanken an die edle Schützerin Eurer Liebſten und Eures Glückes. Gertrude ſelber hat im richtigen Gefühle des beleidigten Weibes der Herzogin verſchwiegen, was ſie Euch zum Zeugniß ihrer Ehre anzuvertrauen ſchuldig war.“— „O, Herr Helmold“— rief Frau Blote—„ich übergebe Euch mein Kind— handelt nach Enrem Herzen, aber höret dieſem ehrwürdigen Manne!“ „Ein in Liebe leidenſchaftliches Herz iſt ein ſchlechter Rathgeber“— fuhr Henricus fort;—„höret gute Freunde, iſt Herr Freitag ein verſtändiger Mann, ſo mag er mir ſeinen Rath geben. Mir liegt größere Sorge am Herzen, — 86— als die, eine Jungfrau ſchnell zum Weibe zu machen; auf dem Bollrutz iſt Gertrude nicht ſicher, in der Maſchmühle noch weniger— wohin ſoll ſie, wenn wir den Vater nicht finden und ſeines willigen Wortes nicht gewiß werden, da Ihr ſelber nicht wünſcht, daß Gertrude der Frau von Olders⸗ hauſen folgt?“— Frau Blote horchte, während Helmold ſinnend den Pater anſah, beſtürzt auf.—„Die Herzogin wollte ſie fortgeben?“— ſagte ſie feuchten Blickes;—„o erbarmt Euch meiner, laßt ſie mich nur einmal anſchauen, an meine Bruſt drücken; ach, hat ſie denn gar keine Liebe mehr für die Mutter, gar keine Sehnſucht, nun ſie dieſem Manne gehören will?“— Die Thür wurde etwas geöffnet und die Stimme des feiſten Brauknechtes rief herein:—„Herr Helmold, kommt einmal heraus.“— Der Gerufene folgte ſogleich.—„Die Kerle dahinten werden immer mauſiger“— ſagte der Brauknecht—„ſie ſpioniren und ſchleichen im Hofe herum, haben den Friedrich im Maſchhauſe angeredet und gefragt, ob nicht bald Hochzeit im Hauſe wäre, und er hat ihnen geantwortet, um ſie zu äffen und los zu werden,„heute noch.“— In der Trinkſtube hat der Eine gemeint, daß vorhin ein Pater mit einem Frauenzimmer in's Haus ge⸗ kommen und daß es wol das Vögelein ſei, das aus dem Neſte geflogen wäre und nun im Brauhauſe niſten wolle. — Es ſind kurioſe Reden, Herr; die Burſchen wußten nicht, daß ich's hörte. Eben ſind Bürgerleute in die Trink⸗ ſtube gegangen und ſie ſuchen Händel mit ihnen, um die Knappen zum Aufbruch zu treiben, weil ſie mit reiſigen —— —& Knechten nicht zuſammen ſein wollen. Meint Ihr nicht, daß ich ſie wegbringe? Es ſind alle Knechte zu Hauſe.“ Helmold hatte dieſe behaglich geſprochene Mittheilung mit Ungeduld und unverwandtem Blicke auf das Flurfenſter im Hintergrunde angehört; erregt, wie er war, eilte er jetzt in die Trinkſtube; die eingetroffenen Bürger, welche ſich an einen beſonderen Tiſch geſetzt und den Knappen, derer vier waren, den Rücken zugekehrt hatten, bemerkten den jungen Brauherrn nicht und führten anzügliche Reden über die Edelmannsknechte. „Nehmt Euch in Acht!“ rief ein junger Knappe, indem er aufſprang und den Blechhandſchuh ſchwang— aber der ältere, ſchwarzbärtige, unter der Eiſenhaube liſtig blickende Reiſige packte ihn beim Arme und raunte ihm zu:„Schweig, wir wollen's ihnen ein anderes Mal gedenken.— Trink' und verdirb die Zeche nicht!“— Helmold hatte dieſe Worte vernommen; ſeine Natur war zu muthig und ſchnell zur That bereit, um nicht, wenn er auch nicht die ſtäm⸗ mige Geſtalt des erſten Brauknechts hinter ſich gehabt hätte, den Schwarzbärtigen rücklings auf die Schulter zu ſchlagen; dieſer blickte ſchnell auf und Helmold fragte:„haben wir uns nicht ſchon geſehen? Mich dünkt, Ihr ſeid von des Herzogs Reiſigen“.— Der Knappe blinzelte den jungen Mann 4 und deſſen tüchtiges Schwert am Gürtel an, ſchien ihn vom Kopf bis zu Füßen zu meſſen und abzuſchätzen und lachte auf. „Ihr ſolltet des Herzogs Reiſige beſſer kennen, als wir“— verſetzte er—„tragen ſie doch den Löwen auf dem Harniſch; Ihr ſeid wol der Göttinger Büchſenmeiſter?“ — 88 den Sprecher zu ſehen; als ſie den Brauherrn erblickten, wollten ſie reden, aber Helmold ſprach:—„Es iſt ein alter Brauch, daß reiſige Knappen nicht in Brauhäuſern zechen, wo die Bürger zum Trunke gehen; auch hat's der Herzog und der Rath verboten, um Streit zu verhüten. Zechet mit den Knappen in den Herbergen der Ritter oder wo ihr ein Recht habt;— wenn Ihr des Herzogs Leute nicht ſondern fremd ſeid, ſo lernet das Gebot und nun geht!“ Die Knappen lachten und riefen nach neuem Bier; da der rieſige Brauknecht nicht darauf hörte, ſondern die Hände gemächlich in den ledernen Bruſtlatz ſeines Schurzfells ſchob, ſo wollten ſie drohen und trotzen, aber die Bürger erhoben ſich und ſahen ſie mit feindlichen Geberden an.— „Es iſt Recht, Herr Helmold“— riefen ſie—„ſchicket ſie fort.“ „Ei“ ſagte der Schwarzbärtige, indem er den jungen Mann ſcharf auf's Korn nahm:—„Ihr ſeid der Brau⸗ herr,— nun, da Ihr heute Hochzeit macht, ſo wollen wir Each den Frieden nicht ſtören. Ihr ſeid ein ſchmucker Mann, habt Euch ſicherlich ein ſchönes Weib auserwählt; aber Ihr ſeht mir nicht hochzeitsmäßig aus, darum ſputet Euch und bringt die Zeit nicht mit uns hin. Kommt Jungen, wir wollen gutwillig aufbrechen.“ Die Bürger horchten auf, als ſie von Hochzeit ver⸗ nahmen, aber der erſte Brauknecht machte ihnen eine liſtige, heimliche Geberde zu und flüſterte mit ihnen. Die Knappen nahmen ihre Blechhandſchuhe, warfen Geld auf den Tiſch und gingen langſam, ſpöttiſch lächelnd und ſpähend fort. — — — 89— Helmold folgte ihnen. Als ſie in den vordern Theil des Hausflurs kamen, blinzelte der Schwarzbärtige nach der Thür über der kleinen Stiege, nahm noch einmal den Brauherrn mit finſterem Raubvogelblicke auf's Korn und ging. Aber noch auf der Straße ſpähete er nach den Fenſtern und ſuchte hier Jemand zu erkennen. Helmold trat mit den Worten:„die Burſchen habe ich fortgebracht“ — in die Thür, rief aber plötzlich:„ha! da ſeid ihr ja, lieber Freund!“ als er Tile Freitag erblickte, der kurz vorher eingetroffen und mit dem Mönche bereits in's Geſpräch ge⸗ kommen war.—„Seht!“ fuhr Helmold fort, als er ſich deſſen Hand bemächtigt hatte—„dieſer ehrwürdige Mann iſt Pater Henricus, von dem ich Euch erzählte— hier Gertrude's Mutter;— es iſt heute ein unruhiger Tag, wo ich mir den Preis meines Herzens erkaufe— verzeihet, wenn ich Euch mit in meine Unruhe hineinziehe und Euch bitte, zu helfen, damit ich Euch lohnen kann, meines Glückes hui nehmer zu ſein.“ Der ernſte, etwas finſter blickende Tile Freitag ſcha jungen Freunde einige Secunden ſchweigend in die wenn den hellblauen Augen, legte die Hand auf deſſen Schulter und ſprach dann:—„Der ehrwürdige Pater hat mir ſchon mit kurzen Worten mitgetheilt, warum es ſich handelt. — Hört meinen Rath: Ihr wiſſet Berthold, daß ich ein mißtrauiſcher Gegner des Herzogs und der Edelleute bin und in meinem Leben ſo viel Gutes und Schlimmes er⸗ fahren habe, daß ich in Glück und Unglück meiner kälteren Anſicht von Menſchen und Leben nicht mehr ungetreu werde. Ihr liebt und das iſt mir genug, nichts gegen Eure Wahl un — 960— zu ſagen, denn ihr ſeid ein freier Mann und anſäſſiger Bürger wie ich; Ihr liebt ein ſchönes, von gottloſen ge⸗ waltigen Frevlern gierig verfolgtes Mädchen, das fordert mich auf, Euch und dem guten Bürgerrechte beizuſtehen und nicht zu dulden, daß einer von den Wegelagerern und privilegierten Räubern, die ſich zu unſeren Herren aufge⸗ worfen haben, zum Hohn des Landfriedens, Gewaltthat übe an irgend Einem, der zur Stadt und Bannmeile gehört. Ihr habt heute Morgen auf dem Wege nach der Stechbahn gehört, wie ich, gegen des Rathsmannes Roden guten Glauben geſonnen bin und ich halte dafür, daß ein Mädchen und eines Bürgers Liebſte nicht zu gering iſt, um dem Herzoge zu zeigen, daß er zwar herrſchaftliche Ge⸗ walt über Land und Stadt hat, aber nicht über Recht und Eigenthum der Bürger; der Rath muß auftreten gegen den Vogt und deſſen Schützer und ſie des Landfrieden⸗ bruches anklagen. Die ganze Stadt muß es erfahren, wie ſchnöde Herr und Diener an einem Göttinger Mädchen gehandelt haben, damit die Stunde näher rücke, wo die Entrüſtung Bürger endlich muthig genug werde nach Reichsunmittelbarkeit zu ſtreben und den Raubfürſten, mit ſammt ſeinen Gehülfen zu zwingen, ſich vor dem gött⸗ lichen und irdiſchen Rechte zu beugen!“— Henricus hatte anfangs mit Ruhe zugehört, dann aber eine immer horchendere und unruhigere Miene bekommen, bald wehmüthig wie in Gedanken, bald behütend und ſtreng auf Helmold und Freitag geblickt; jetzt trat er ſchnell heran, ſtreckte die Hand zwiſchen Freitag und Helmold, der ſeinen anfragenden Blick eben ungewiß auf ihn lenkte, — 91— aus, ſah dem Gildemeiſter würdig ernſt in die ſchwarzen, düſter ſinnenden Augen und rief:——„Nicht ſo, Herr Freitag! Spielet die Angelegenheit zwiſchen einzelnen Leuten, die ohnehin beſſer ein Geheimniß vor der Welt bleibt, nicht in Euren Haß gegen Herzog und Edelmänner, nicht in Eure Anſichten über Land, Regierung und Bürger⸗ thum hinüber: ich bitte Euch! Bedenket, daß Ihr in eben dem Grade, wie Ihr den Herzog vor der Welt herausfordert, die hohe edle Frau kränkt, welcher Herr Helmold und ſeine Geliebte mit großem Danke verpflichtet ſind. Fraget hier Euern jüngeren Freund, was ſein Gefühl zu Eurem Eifer ſagt— vertrauet mir, dem Beichtvater der Herzogin, daß die edle Frau Dulden und Verzeiheu viel höher achtet als Rache, auch wenn ſie gerecht wäre. Redet nicht vom Herzoge Uebles, das die Ehre der tugendreinen Margarethe vor der Welt herabſetzen müßte!“—— „Ja— Freitag“— rief Helmold—„ich habe es ja nur mit dem Vogte zu thun— laſſet den Herzog aus dem Spiele, daß wir ihn nicht reizen, und eine Ge⸗ wahltthat nicht der Herzogin gute Abſichten mit Gertruden und mir ſchwächt.“ „O!l ich bitte Euch“— fügte Frau Blote ängſtlich hinzu—„rathet nichts, wodurch meinem Kinde neue Ge⸗ fahr bereitet wird;— ich erſchrecke, wenn ich mir denke, daß ich meine Tochter in der einſamen Mühle außer der Stadt vor böſen Feinden hüten ſollte, wo ſie nicht ſicher iſt, abermals geraubt zu werden; nun ich weiß, daß ſie unſchuldig und rein geblieben und dem Herrn Helmold werth iſt, ſein Weib vor den Augen aller Bürger zu wer⸗ — 92— den, finde ich keinen beſſeren Troſt und Schutz, als bei ihm; o, Herr Helmold, behütet mein Kind! Ehrwürdiger Vater, ſegnet Beide, daß ſie Mann und Weib werden, ehe der böſe Feind ſeine Hand ausſtreckt; ich bin ſo angſt, und es iſt mir, als ſtände ein neues Unglück bevor; helfet Herr Freitag;— nun mein Kind ohne Schande iſt, habe ich nur das eine Verlangen, es dem Manne zu geben, den es liebt.“— „Die Zeit eilt“— hub Henricus an,—„zur Ves⸗ per wird die Herzogin die Tafel der Gäſte verlaſſen und die gewohnten Gebete auch auf Gertrude's Heil erſtrecken; bis dahin muß ich ihr Beſcheid geben, was geſchehen kann; mir übertrug ſie, in ihrem Sinne zu prüfen und zu han⸗ deln. Laſſet uns zum Beſchluſſe kommen, was ſoll ge⸗ ſchehen?“— Tile Freitag hatte die Sprechenden ruhig angehört; ſeine Hand ſtrich zuweilen über das grau werdende, glatte ſchwarze Haar, als ob er zugleich die grollenden Gedanken glätten und verwiſchen wollte—„Helmold“— begann er jetzt—„heute Morgen dachtet Ihr wie ich, und es ſtieg bas Bürgergefühl auf Eure Wangen, als Werner Roden die kluge falſche Freundſchaft mit unſeren ewigen Feinden für beſſer hielt, als offene Geſinnung; die Liebe hät Euch umgeſtimmt; ſie macht den Mann zum ſelbſtſüch⸗ tigen Behüter ſeines Glücks und läßt ihn die öffentlichen Angelegenheiten vergeſſen.“ „Erſt helft mir, mein Haus und Herz zu befriedigen, das iſt Jedem das Nächſte;— dann fordert von mir die Bürgerpflicht, für Stadt und Geſinnung einzuſtehen!“— fiel Helmold ein, dem wohlwollenden, weiſen Blicke des Mönchs mit muthiger Miene begegnend. „So höret meinen Vorſchlag“— ſprach der Gilde⸗ meiſter.—„Opfert dem Bürger und Brauherrn die alten Gebräuche und Ehren einer feierlichen Hochzeit; ich weiß, daß tauſend Männer und Jungfrauen unſerer Stadt nicht ehrlich Mann und Weib zu werden glauben, wenn ſie nicht im Schmucke des Brautſtaates vor den Augen der Welt am Altare und an der Hochzeitstafel, im Aufzuge der Gil⸗ den und nach einer luſtigen Vornacht mit Tanz und Muſik ihr Beilager halten könnten. Eure Liebe iſt wie ein Dieb in der Nacht gekommen und ihr habt das Mädchen wie ein Dieb in Eures Feindes Hauſe gewonnen;— führet nun auch in ſtiller Abendſtunde Euer junges Weib in das Haus ein, ohne Prunk und Feier; und wenn die Bürger ſich anderen Tages drob wundern, ſo laſſet ſie ſich in Ver⸗ muthungen ergehen;— iſt der Herzog mit ſeinen Rittern wieder aus der Stadt weggezogen, dann ladet die Freunde ein, laſſet trinken, tanzen und aufſpielen und verkündiget ihnen, was Ihr am Turniertage erkämpft habt.“— „O, ſo dachte ich es mir“— rief Helmold;— „höret dieſem Rathe, Pater, wenn Ihr meiner leidenſchaft⸗ lichen Bitte früher nicht folgen mochtet. Mein Haus iſt wohl beſtellt, die Gemächer meiner Mutter im oberen Stock, die der Tod verwaiſ't und verödet hat, ſind an Bequem⸗ lichkeit und Wohlſtand reich, ich will ſie herrichten laſſen, ich werde Euch und den Werner Roden und meinen Freund Gieſeler bitten, meiner Ehe Zeugen zu ſein.— Pater, ver⸗ richtet das Sacrament, Mutter, legt mir Euer Kind an die — 94— Bruſt für die Ewigkeit!“— Bei dieſen Worten glücklicher Leidenſchaft umarmte Helmold den Pater, die Frau und den Gildemeiſter. Henricus blickte die Umſtehenden gedankenvoll an. „Gut denn“— ſagte Freitag—„überlaßt es mir, die genannten Freunde einzuladen; meine Frau iſt unpaß und kann nicht ausgehen, aber ich will Werner's Frau bewegen Eurer Braut das Ehrengeleit zu geben; das wird künftig jegliche üble Deutung niederſchlagen und das ſtill gefreite Weib bei den Göttinger Frauen in Ehren halten.“ „Vergeſſet nicht zwei Dinge“— nahm Henricus das Wort;—„Gertruden's Vater hat ſein Wort zu geben, damit es nicht einem Raube gleiche, was Ihr an ihm begeht; ſuchet ihn, wo er ſich befinden mag, dann aber laſſet mich zuvor mit der Herzogin reden, denn ſie iſt die erſte Beſchützerin des Mädchens.“ „Den Müller habe ich auf dem Freudenberge geſehen“ — ſagte Tile Freitag;—„er ging einſam und mit nieder⸗ geſenkten Blicken zwiſchen der fröhlichen Menge; es iſt an Euch, Helmold, ihn zu ſuchen.“ 3* „Ich will Knechte ausſenden nach der Mühle und in die Stadt; ſagt mir, Mutter, wo pflegt er einzukehren?“ „Beim Wirthe zum ſtumpfen Beil und in der Gaſtſtube der Bäckergilde— auch auf der Caßmühle beim Freuden⸗ b berge“— erwiderte die Frau. Als aber Henricus ſeine Schritte gegen die Thür richtete, eilte ſie ihm nach, um⸗ klammerte ſeinen Arm und flehte:—„laſſet mich mein Kind ſehen, Pater, daß ich ſein warmes Leben fühle und erkenne, daß es auch noch Liebe für mich hat! O! meine 95 Thränen und Sorgen ſind gewiß werth, daß mir dieſer Troſt und dieſe Erquickung werde!“ „Ja, Ihr ſollet ſie ſehen“, antwortete Henricus— „folget mir:“ Sie entfernten ſich; Tile Freitag blieb noch im Gemache; Helmold rief ſeine Knechte. In der Stadt herrſchte ein lautes, fröhliches Leben auf den Gaſſen; aus den Wirthshäuſern und Herbergen erſcholl Geſang; Fremde und Heimiſche feierten heute mit dem Herzog und ſeinen Gäſten. Still und ernſt bewegte ſich der Dominikaner Mönch mit ſeiner bleichen, zierlichen, von Hoffnung und Beklommenheit erregten Begleiterin durch die belebten, bereits dämmerden Gaſſen nach der Gegend der hell erleuchteten Burg, aus welcher Muſik, Lärm und verworrenes Getöſe erſcholl; die Zinnen des Bollrutz ragten grau und geheimnißvoll in den bewölkten Abend⸗ himmel empor und der friſchere Wind machte die aufge⸗ ſteckten Flaggen und Wimpel lauter flattern. Henricus führte die Frau ohne Aufenthalt in die inneren Räume der Burg, gelangte mit ihr in den ſtilleren Flügel, wo die Herzogin ihre Wohnung hatte, und brachte die furchtſam umher ſchauende Frau in ſeine Zelle, unweit des Eingan⸗ ges zu der fürſtlichen Prieche der Burgkapelle. Hier hieß er ſie weilen und entfernte ſich. Es währte nicht lange, ſo öffnete ſich die Thür— Gertrude, in weißem Kleide und ſchwarzem Mieder eilte herein, warf ſich mit offenen Armen an die Bruſt der vor Schreck und Glück aufſtöhnenden Mutter. Beide ſahen ſich ſtarr, wie zum Wiedererkennen an, Keine war eines Wortes mächtig, ihre Augen ergoſſen 96 Thränen, dann drückten ſie das Geſicht gegenſeitig auf die Schultern und ſchluchzende Laute miſchten ſich mit dem ſchnellen Athmen der wogenden Bruſt.— Henricus war auf der Schwelle ſtehen geblieben, betrachtete einige Secunden lang Mutter und Tochter, die ſich ſo feſt umſchlungen hatten, als fürchteten ſie vom Sturme des Lebens für immer voneinander geriſſen zu werden, dann zog er ſich ſtill zurück, ſchloß geräuſchlos die Thür und nahm ſeinen Weg in die Gemächer der Herzogin.— Hier war Alles ſtill; nur der gemeſſene Schritt der Hellebardiere, welche vor dem Eingange zur Wohnung der Herzogin Wache hielten, unterbrach die Ruhe dieſer Gegend, wo ſelbſt das Feſtgeräuſch vom entfernten Ritterſaale und Gaſtmahle verſtummte. Henricus ging in das Gemach, wo das fürſtliche Kind unter der Hut und Pflege der Frau Oelbecken war; es war ſo eben eingeſchlummert und die Wärterin wollte ſich neben dem Bettchen niederlaſſen, um die gewohnte Augen⸗ ruhe der Dämmerſtunde bis zum Vespergebet zu halten; Henricus ſchritt leiſe an das Lager, betete über dem Kinde ein ſtilles Gebet, wobei die Wärterin die Hände mitfaltete, und als er zu Ende war, zog ſie ihn in eine entferntere Fenſterniſche, die den Blick über die Stadt gewährte, und begann mit grollendem Eifer:—„Saget mir, Henricus, was iſt's mit dem Mädchen, das Ihr ſo ſorgſam heget und der guten Margarethe ſo viel Sorge macht? Die Herzogin iſt ſeit der Turnierruhe immer ſtiller und leidender, das Mädchen immer munterer und fröhlicher geworden; da hat es die beſten Kleider angelegt, die ihr die Herzogin — 97— geſchenkt hat, als gehörte ſie mit zu den Ritterdamen, ſpricht verworrenes Zeug von Glück und Liebſten und daß ſie nicht nach Oldershauſen gehen, ſondern eines angeſehenen Bürgers Weib werde— was haltet Ihr davon, Pater?“ „Gute, ehrliche Oelbecken“, erwiderte Henricus„gönnt dem herrlichen Mädchen die Freude nach langen Leiden; — wenn Gott will, wird Gertrude bald eines Mannes ſittſames, rechtmäßiges Weib.“— Die Frau ſtutzte.—„Weiß das die Herzogin?“— fragte ſie. Henricus verſetzte:—„Ja, es iſt beſſer, wenn die Sorge um das Mädchen einem ehrlichen Manne über⸗ tragen wird.“— „Gott Lob!“— fuhr Frau Oelbecken fort—„ſo lange das Mädchen nach Harſte gekommen iſt, hat die Herzogin viele trübe Stunden gehabt, darum bin ich ihm im Herzen gram, daß es mit ſeinen braunen Gluthaugen den Herzog reizte, an der edlen Frau zu freveln und den Frieden für immer zu ſtören. Gertrude iſt zum Unglück nach Harſte gekommen.“— „Grübelt nicht darüber nach, aber wenn Ihr ein letztes, friedliches Werk thun wollt, ſo ſeid herzlich gegen Gertrude, ſchützt ſie noch bis Ihr der Pflicht überhoben ſeid.“— „Ja, keine Ruhe hat man des Mädchens wegen;— es muß etwas Beſonderes haben, daß die Männer wie Habichte hinter dem Täubchen kreiſen.“ „Ja, die Unſchuld, die Blüthe der Jungfrau, iſt eine köſtliche Beute für gierige Augen und Hände; aber hat man nach Gertruden geforſcht?“ „Ei ja— der junge Hanſteiner wollte wiſſen, ob ſie Maltitz, Herzog. II. 7 — 98— mit der Herzogin gekommen, oder in Münden bei Frau Jutta geblieben ſei; die Wachen vor der Herrin Gemächern ſind von einem reiſigen Knappen ausgehorcht, ob nicht in der Dienerſchaft ein hübſches Mädchen ſei, das ſie ebenſo beſchrieben haben, wie ſie ausſieht. Der Kellermeiſter ſagte mir, daß die Wache an dem Thor des Hauſes vor zwei Stunden von dem Groner Vogte angeſprochen ſei, wer der Bürger geweſen wäre, der die Sänfte für den Ritter von Oldershauſen beſtellt habe, und daß der Vogt einen Knappen nach dem Böttcherhauſe unten in der Straße ab⸗ geſandt habe. Ihr ſeht, Pater, das Mädchen ſäet Unheil, der Herzog will ſeinen Willen und ich laſſe mich darauf kreuzigen, daß der alte Sperber von dem Mädchen umge⸗ bracht iſt, denn ſie will nichts davon erzählen und wird ängſtlich;— das will ihr der Herr vergelten. Unglücklich iſt ſie doch, glaubet mir's;— als ſie ſich mit muthigem Sinne putzte und wie eine Braut ankleidete, als ſei das Turnier ihretwegen gehalten, da flogen drei kohlſchwarze Raben an das Fenſter und ſtießen ſo feſt an die Scheiben, daß ich vor Schreck nach dem Paternoſter griff und drei Vaterunſer obenein beten mußte, ehe ich mich erholen konnte. — Sie hat's auch dem Prinzen angethan, der im einen Auge ſeitdem ein Zeichen hat, wie eine Kuckucksblume. Ich ſage es Euch, Pater, das Mädchen iſt eine Hexe, die der Böſe geſchickt hat, um es der frommen Margarethe an⸗ zuthun.“ Henricus hatte die Frau zwar ausſchwatzen laſſen, aber ſeine Gedanken weilten bei den Begebenheiten, die der Abend noch bringen ſollte. Die Mittheilungen über — 99— die heimliche Nachſpürung Gertrude's hatten ihn die weitere Rede der Frau nicht mehr beachten laſſen, aber ſeine Ueberzeugung gekräftigt, daß Gertrude nicht länger im Bollrutz verborgen bleiben, auch nicht in der Nähe von Rittern ſicher weilen könne, und Tile Freitag's Vorſchlag, ſie ſchnell zu Helmolds kirchlich verbun⸗ denem Weibe zu machen, den Umſtänden am Angemeſſen⸗ ſten ſei. Er ſtand am hochgelegenen Fenſter, vor ihm lag die dämmernde Stadt.— Blick und Gedanke ſuchten die Gegend der Gotmargaſſe und hier das Dach des Aſyls für ein bedrohtes Mädchenherz. Plötzlich fiel ſchwer der Ge⸗ danke in ſeine Stimmung, daß er Gertrude mit der Mutter allein gelaſſen habe; er wollte hineilen, während Frau Oelbecken noch ſchwatzte; da läutete von den Thürmen St. Pauli, der Johanniskirche und dem Barfüßerkloſter der mahnende Ton der Vesperglocken. Die Frau verſtummte, Henricus ging langſam fort, um ſeine Andacht zu halten. Leiſe öffnete er die Thür ſeiner Zelle;— hier lagen Mut⸗ ter und Tochter auf den Knieen im Gebete, die Blicke nach dem letzten Scheine des Tages am Horizonte der Abendſeite gerichtet, als empfingen ſie von dem ſcheidenden Tage den letzten Verſöhnungsblick des Friedens. Die Glocken der Stadt verklangen noch in fernen, weichen Ak⸗ korden. Henricus trat hinter ſie, legte ſegnend die prieſter⸗ lichen Hände auf ihre Häupter und betete mit ihnen.— Still und langſam ſtieg am Himmel unterdeſſen ein ſchwar⸗ zes verfinſterndes Gewölk auf. 7* — 100— Viertes Kapitel. Im Ritterſaale an der Gaſttafel war es laut und fröhlich hergegangen. Der Herzog Otto hatte, nachdem er in Begleitung des Ritters Eckhard von Rönfurt mit der Geberde eines ſtolzen, lachenden Uebermuthes aus ſeinem Gemache in den Kreis der Ritter getreten war, die ſeiner ſchon längſt harrten, eine ſo offene Luſtigkeit mitgebracht, daß ſie den Gäſten eine heitere Feier verſprach, aber in einem ſeltſamen Gegenſatze zu dem ſtillen, feierlichen Ernſte ſeines Begleiters ſtand.—„Ihr habt gewartet, Freunde!“ rief der Herzog, mit den Armen auf ſich zuwinkend—„ſollt aber keines Glockenſchlages Länge an der Luſt verloren haben; es iſt mir eine frohe Botſchaft geworden, deren Vergnügen alle meine guten Freunde weidlich und nach Herzensluſt in Bälde mit mir genießen ſollen. Der Land⸗ graf Heinrich, mein guter Großvater, läßt den Turnier⸗ rittern ſeinen Gruß entbieten, und da er nicht ſelber hat er⸗ ſcheinen können, ſo ſendet er eine Noahstaube in eiſerner Rüſtung gen Göttingen aus, um mir das grüne Blatt eines ſchönen Landes zu bieten. Ich gedenke morgen nach der Fulda aufzubrechen und mein nächſtes großes Turnier zu Caſſel zu veranſtalten. Nun kommt; wo ſind die ſchönen Frauen und Mädchen? Rufet die Herzogin zum Gaſtmahle!“ Dieſe Worte Otto's, begleitet von der heiterſten Miene und von ſtillen Seitenblicken des mit ihm erſchienenen Ritters Eckhard, erregten bei den Gäſten eine muntere Bewegung und vielfache Zwieſprache; der Sinn der herzoglichen Worte — 101— war zwar hindeutend genug, aber doch nicht völlig klar; man fragte ſich, was der Landgraf mit dem Großſohne im Sinne haben könne. Graf Gottfried von Ziegenhain drängte hervor, um den Herzog in vertraulicher Weiſe nach der Botſchaft zu fragen, und kaum war Ritter Eckhard von Otto's Seite gewichen, als er von Heſſiſchen und Oberwalder Edelleuten angeſprochen wurde, aber mit Ernſt erwiderte:„es geziemt mir nicht, aus dem verſiegelten Briefe zu ſprechen, deſſen Bote ich nur bin; mag's der Herzog ſelber thun, wie er bereits begonnen hat.“ Otto war aber nicht gewöhnt, ſeiner leidenſchaftlichen, heftigen Natur irgend einen Zwang der Klugheit oder Vorſicht aufzulegen; Freude, Wohlgefallen, Haß, Verdruß und Zorn ſtrömten gleich leicht von ſeinem Munde; als daher Graf Ziegenhain zu ihm trat und fragte:— „Was iſt's mit Eurer Rede, Herzog? Hätte der alte Land⸗ graf ſeinen Eigenſinn in Offenheit gewandelt und über ſein Erbtheil entſchieden?“— antwortete ihm Otto ver⸗ gnügt:—„Du biſt auf dem rechten Wege, Gottfried; er hat mir einen Brief geſchrieben, der mich zu Eurem Landes⸗ herrn machen ſoll; der pfäffiſche Hermann zu Magdeburg oder Trier, dem Ihr im Heſſenlande nicht übler gram ſein könnt, als der Heinrich, will ſein Landerbe nicht an Biſchöfe und Pfaffen kommen laſſen, ſondern lieber ſeinem Tochter⸗ ſohne zuwenden.“ „Das gönne ich Euch, Herzog“— verſetzte Ziegenhain freudig—„da könnt Ihr auf die Sterner vertrauen, die es Euch halten helfen, was der launige Alte in Caſſel verſpricht.“ — 102— „Ja, Gottfried— es ſoll der Ritter Schaden nicht ſein; wenn ich des reichen Großvaters Erbe haben werde, ſoll alle Tage Feſtgelag ſein und es ſoll kein luſtigeres Hoflager geben, als in Caſſel.“ „Wollt Ihr's nicht verkündigen, daß die vielen Heſſiſchen Ritter, die zu Gaſte ſind, und nicht des Landgrafen beſte Freunde heißen, ſich der Botſchaft freuen?“ „Blitz! ich habe wol ſchon zu viel geſagt; da fällt mir ein, der Alte will erſt die Erbſchaftsangelegenheit mit mir beſprechen und unterhandeln; er hat mich ſchleunigſt, da er krank iſt, nach Caſſel eingeladen und wenn wir nach ſeinem Sinne des Handels einig geworden ſind, will er mir als Unterpfand ſeines Teſtamentes die Burgen Windhauſen und Allerburg übergeben.“ „So werden Euch die Heſſiſchen Dynaſten und Ritter willkommen heißen, Herzog; jeder Edelmann, der die Waf⸗ fen über Alles ſchätzt, und die Städte und Geiſtlichen als Blutsfeinde anſieht, wird mit Euch ſein. Ihr thut eine fette Erbſchaft, aber macht's ſchnell ab mit dem Alten, er iſt voll eigenſinniger Laune und ebenſo eiſern an Sinn, wie ehedem an Armkraft; er hat viele Edelleute in Heſſen gekränkt, die Sterner ſind ſeine Freunde nicht, wir haben uns längſt das Wort gegeben, dem frommen Hermann das Land ſtreitig zu machen. Euch gönnen wir's, denn Ihr ſeid ein echter Ritter und ein Fürſt der Ritterſchaft.“ Unter dieſem Geſpräche waren ſie an der Spitze der zahlreich folgenden Ritter, welche, gleich dem Herzoge, die Rüſtungen abgelegt und ſich in reiche, koſtbare Wämmſe und Mäntelchen gekleidet, den Helm mit leichtem geſchmückten — 103— Barett und das Kampfſchwert mit reichverziertem Degen vertauſcht hatten, in den Saal gekommen, wo die Damen ſich um des Herzogs Schweſter Agnes, die Gräfin Hohnſtein und andere vornehme Damen verſammelt hatten und be⸗ reits die Herzogin wie die Ritter erwarteten. Das längere Ausbleiben der Herzogin war auch hier ſchon Veranlaſ⸗ ſung muthwilliger oder ſpöttiſcher Zuflüſterungen geworden, namentlich hatte Prinzeſſin Agnes, die in vielen Stücken die Eigenſchaften ihres Bruders theilte und deſſen Streitluſt bei ihr die weiblichere Form der ſpitzigen, herausfordernden und ſpöttiſchen Rede angenommen hatte, ſchon ihre beißen⸗ den Bemerkungen über die himmliſche Schwägerin und den frommen Engel von Göttingen und deren Lilienträgerin Hanna in einzelnen Flüſterworten gegen gleichgeſinnte Edeldamen ausgelaſſen und Aeußerungen, wie:„ſie betet für unſere heutige ſündige Luſt— ſie ſpeiſet wol erſt den Pöbel oder läßt Meſſe für die guten Göttinger leſen— oder: ſie hat des Schlafes nöthig, weil ſie das ſchwergeſtickte Purpurkleid und Diadem nicht gewohnt iſt“, machten endlich anderen Be⸗ merkungen Platz, als Olga von Weferlingen berichtete, daß der Ritter Eckhard ſchon lange bei ihr ſei und gewiß um den, in der Stechbahn derweigerten Ehrenkuß unterhandle, deſſen Ver⸗ ſagung jedem andern Ritter ein Schimpf erſchienen wäre. Als die muthwillige und lauernde Olga endlich zur Prinzeſſin mit der lachenden Nachricht gekommen war, daß der Ritter eben in Aufregung und mit glühendem Geſicht aus den Gemächern der Herzogin geeilt und den Weg nach des Herzogs Zimmern gegangen ſei, ſchickte Agnes vie Hofdame ab, um die Her⸗ zogin an ihre Pflicht mahnen zu laſſen, ſich den verſammelten — 104— Frauen und Fräuleins nicht länger zu entziehen und der Turniergeſetzen nach des Herzogs Willen Genüge zu thun. „Was glaubt Ihr, Gnädige, was die Landesmutter treibt, während wir ſie erwarten?“ hatte Olga bei ihrer Rückkehr zu Agnes geſagt—„ſie wartet ihr Kind, das Symbol des Landes!“ Das Trompetenſignal verkündigte bald darauf das Er⸗ ſcheinen des Herzogs. Als dieſer an der Seite des Grafen von Ziegenhain in den Saal der Damen trat, ſuchten ſeine lebhaften Augen die Herzogin, während der Graf mit zärtlicher Galanterie ſich der Herzoglichen Schweſter Agnes näherte.—„Wo iſt mein Gemahl?“— rief Otto heftig und ſeine Blicke wurden befehlender; die Un⸗ geduld, womit er jedes Verſäumniß ſeiner Erwartung wahr⸗ zunehmen pflegte, würde faſt ſeine beſte Laune in Un⸗ willen verwandelt haben, wenn nicht alsbald zwei Pagen eingetreten wären, denen die verſchleierte Herzogin, von Hanna begleitet, folgte.— Als Otto ſeine Gattin er⸗ blickte, heftete er ſein Auge forſchend auf ſie, aber die himm⸗ liſche Erſcheinung übte einen geheimen Zauber über ihn aus, ſo daß ſein ſtrenger Blick ſich unwillkürlich milderte und das, auf vordrängender Lippe drohende Wort des Vorwurfs ſich in die Anrede wandelte:—„Iſt mein Gemahl nicht wohl? Hebet den Schleier von Eurem Auge, laßt es leuchten wie Sonnenſchein; ich will nicht, daß der erſte Herr in Oberwald ein traurig' Gemahl zur Schau ſtelle;— fügt Euch der Pflicht und Sitte einer Edelfrau, befehlt Euren Ritter, der mir vor vielen Anderen heute ein lieber Gaſt iſt;— ſeht meine frohe Laune, ich werde — 105— bald ein reicher Fürſt ſein, das Heſſenland iſt mein, nun freuet Euch— viele Augen ſchauen Euch an.“— Margarethe blickte den Gatten mit ſolcher himmliſchen Ergebung und doch mit ſolcher ſittlichen Würde an, daß jener das Auge ablenkte, als blende ihn das Licht aus eines mahnenden Engels Augenhimmel; er mochte an den Abend im Schloſſe Harſte erinnert werden und an den ernſten, leidenden Blick, womit Margarethe ihm geſtern Abend zum erſten Male nach der vierzehntägigen Trennung wieder begegnete.— Schnell kehrte er ſich gegen die Ritter und ſprach:„Man thue nach Turnierbrauch— die Sieger des Tages ſollen den Lohn ihrer Damen empfangen!“ Es war nämlich Gebrauch, daß die Damen, denen die Ritter zu Ehren gekämpft, oder deren galantes Zeichen ſie empfangen hatten, nunmehr den Sieger entwaffneten, ihm einen prächtigen Mantel, oder irgend ein anderes feſtliches Kleidſtück umhingen und ihn zur Tafel an der Hand geleiteten, wo ſie neben ihnen ſitzen mußten. Ritter Eckhard von Rönfurt nahete ſich der Herzogin mit ehrerbietiger Ver⸗ beugung und überreichte ihr ſein Schwert; Margarethe blickte ihn ernſt, gebietend, ſchweigend an, empfing ſeine Waffe und übergab ſie der Hanna; der Herzog ſah es, mit welcher ruhigen Kälte ſie die Ceremonie übte, vielleicht bemerkte es Eckhard allein, daß hinter dem kalten, blauen Strahle ihrer Augen ein unruhiges, warmes Leben zitterte, das ſich zwang, nicht über den blauen Spiegel der Seele fortzuleuchten.„Ehret mir dieſen Ritter“— ſagte der heran⸗ tretende Herzog;—„er iſt mir ein angenehmer Bote ge⸗ worden und er ſoll unter meinen Gäſten als ein Geſandter — 106— angeſehen werden. Verkündigt meinem Gemahl, Ritttr, was Ihr mir vom Landgrafen zu beſtellen hattet— wir wollen drob heute doppelt fröhlich ſein!“— Die Ceremonie war beendet; Herzog Otto gab das Zeichen zum Einzuge in den Speiſeſaal, indem er die Gräfin Hohnſtein, die Tochter des Herzogs Magnus des Aelteren, bei der Hand nahm. Ihm folgte die Herzogin; als ſie des Ritters Hand ergriff, zitterte die ihrige, und trotz des Handſchuhes fühlten Beide das Brennen ihres erregten Blutes. Graf Ziegenhain führte die Prinzeſſin Agnes, und die ſchöne achtzehnjährige Bertha von Eberſtein, dieſelbe, welche am Morgen beim Ausritte aus der Burg, neben der ſchelmiſchen goldha arigen Olga von Weferlingen, auf ihrem Zelter den ſchlanken Körper ſehnſüchtig dehnte und mit den hübſchen Lippen flüſterte:„Wie ſchön ſah der Hermann aus, ich wollte, daß er mich zu ſeiner Dame erwählte!“— hatte den, aus Blick und Haltung ſtrahlenden Triumph, den jungen Ritter von Hanſtein zur Tafel führen zu können. Die Gaſterei nahm ihren üblichen Verlauf; die Ritter folgten dem Beiſpiele ihres fürſtlichen Wirthes im Trinken und fröhlichen Sinne; die Galanterien der Männer wurden kühner, die Reden freier; kein Paar an der glänzenden und geräuſchvollen Tafel verhielt ſich aber ſtiller und ernſter, als Margarethe und Ritter Eckhard; ſie redeten mit Blicken, die Hanna ängſtlich mit ſcheuen Augen behütete; in ſeine, zu Zeiten heißer werdende Augenſprache der Anbetung ſenkte ſich Margarethes ſanfter Blick mit bannendem Zauber beſänf⸗ tigend nieder; die ſtille, ernſte Selbſtbeherrſchung des Mannes — 107— empfing aus ihren Blicken den Lohn eines ſtummen Dankes der Achtung. So kam die Vesperzeit heran;— längſt ergoſſen die zahlreichen Wachskerzen ein blendendes, ſich im Gold und Silber der Kleider und Tiſchgeräthe ſpiegelndes Lichtmeer durch den Saal und der Tag erbleichte früher vor ihm und zog ſein Licht von den gemalten Fenſtern zurück. Es war die Zeit gekommen, wo die Frauenſitte ſich aus der Geſellſchaft der berauſchten Männer zurückziehen durfte; nur das kühnere Weib hielt aus— manches Frauen⸗ und Jungfrauen⸗Auge wartete auf das Zeichen der Herzogin, die, des Winkes ihres Gemahls gewärtig, ſich hinwegſehnte. Jetzt erhorchte ihr Ohr die Töne des Vespergeläutes von den Thürmen der Stadt durch die zeitweiſen Pauſen des Becher⸗ klanges; die Sitte gab ihr das Recht ſich zu erheben und die fromme Pflicht der Abendmeſſe zu erfüllen. Manches alte Ritter⸗ oder heitere Frauengemüth, dem zufällig die Vesperglocke in das Geräuſch der Becher klang, fertigte ſeinen Gott und ſeine Pflicht durch ein kurzes Stoßgebet an der Tafel ab; Otto war nicht gewohnt, ſich von der Vesper mahnen zu laſſen und ſprach lachend fort; Mar⸗ garethe erhob ſich, Hanna mit ihr;— die Hofdame Olga wollte ſie begleiten, aber Margarethe winkte ſie zurück; Ritter Eckhard führte ſie an die Thür, küßte ihre Hand und folgte ihrem Blicke, der ihn an die Tafel zurückwies, wo dem Beiſpiele der Herzogin viele Damen folgten, die dem Rauſche der Männer ſich entzogen oder die Ruhe ſuchten.— Als Margarethe in ihre Gemächer eingetreten und der Page, der zwei Armleuchter mit brennenden Kerzen vor — 108— ihr hergetragen und auf den Tiſch geſtellt hatte, fortgegangen war, eilte ſie an ihren kleinen Betaltar und vertiefte ſich in ein langes Gebet; Hanna war im Nebengemache ge⸗ blieben, um die Vesperandacht zu halten. Als Margarethe ihr Gebet vollendet hatte, blieb ſie noch auf der Kniebank mit gefalteten Händen liegen und ihre Augen flohen ſcheu durch das Gemach, um von Neuem vor dem Bilde der Himmelskönigin zu ſinken!—„Heilige Jungfrau Maria!“ — flüſterte ihr Mund—„ol ich bin unwürdig vor Dir! Das Gefühl, welches in eines armen Weibes Bruſt Selig⸗ keit iſt, des Herzens natürlicher, einziger Strom des Glückes, ach! es ſchleicht durch meine Bruſt wie ein Feuer der Sünde, dem ich entfliehen will und das mich übereilt in jäher Flucht, das aufſteigt, um mich zu erreichen, wenn ich mich mit Stolz und Hoheit waffne!— O, gebenedeite Maria! Du blickſt in mein Herz— reinige es von der unlauteren Empfindung, die mich zur Sünderin an meinem Gemahl macht; rein, rein, ohne eines Gedankens Trü⸗ bung muß ich vor ihm ſtehen; ein gefallner Engel hat keine Himmelsmacht mehr über Menſchenherzen;— iſt's möglich, daß eines Mannes Weib empfinden kann, wie eine Jung⸗ frau! O! wie dieſer Mann mich demüthigt; Eckhard, Du biſt mein böſer Feind, der meinen Frieden, meine Tugend auf ſchwere Prüfung ſtellen will!— Mein Herz darf nicht wärmer für Dich ſchlagen, als für Den, welchem ich von Gott gegeben bin;— fliehe vor meinem Angeſichte — ach! ich möchte verzweifeln, ich weiß nicht mehr, was gut und böſe iſt!“— / — 109— Sie bedeckte die Augen mit den Händen und legte das Geſicht auf das Gebetbuch. So fand ſie Hanna; da die Herzogin nicht aufblickte, ſo glaubte die Freundin, daß ſie noch im Gebete begriffen ſei und entfernte ſich geräuſchlos wieder.—„Ach!“ ſeufzte ſie wortlos,„ſie liebt den fremden Mann und ringt mit ihrer frommen Seele um Pflicht und Schickſal. Liebe iſt ein Samenkorn im Weiberherzen, über das dieſe Welt keine Macht hat; es ſprießt auf zur Rieſenblume, wenn die Sonne aus des rechten Mannes Auge daraufſcheint. Arme Mar⸗ garethe!— wie glücklich könnteſt Du durch Liebe ſein und machen, wenn dieſer gottloſe Welfe“—— Sie unterbrach ihren Gedanken, bei dem ſie unwillkürlich die kleine Hand geballt hatte, denn Henricus trat ein.— Er erſchien heiter, ſeine Augen ſtrahlten Glück und frohe Botſchaft aus.— „Iſt die Herzogin im Gemache?“— fragte er eifrig.— „Ja, ſie betet;— ach, Henricus, hilf ihr— ſie iſt ſo lei⸗ dend!— Henricus ſtutzte.—„Ja, guter Pater“— fuhr Hanna fort,—„helft ihr!— es iſt etwas in ihre Seele gekommen, womit ſie ringt.“— „Hätte der Herzog?“——— „Nein“— fiel Hanna ſchnell in die heftige Frage des Mönchs ein—„ſagt mir, guter Henricus, was denkt Ihr von dem Herzen eines Weibes? Giebt es darin Ge⸗ walten, die mächtiger ſind, als Gebote der Erde und Kirche und doch vor Gott gerechtfertigt?“— „Es giebt nur eine Gewalt, die ihren eigenen Geſetzen gehorcht und vor Gott beſteht— das iſt die reine, un⸗ — 110— vermiſchte Liebe der Seelen, wie der alte heidniſche Weiſe Plato ſchon lehrte.“— „Helft ihr— Henricus— ſagt ihr das—— geht!“ Henricus blickte überraſcht und fragend Hanna an;— dieſe aber wiederholte, ſcheuen Auges auf die Thür zu der Herzogin Gemach weiſend—„ich weiß nichts, helft ihr— ſie hat kein Geheimniß vor Euch!“— Die frohe Miene des Mönchs war etwas ernſter ge⸗ worden; er ſchritt zögernd und leiſe über Margarethe's Schwelle. Die junge Frau hatte ſich eben mit erhitztem Geſichte erhoben; als ſie den Freund erblickte, eilte ſie auf ihn zu und ſtützte ſich auf ihn. „Ihr habt gebetet“— ſprach Henricus, indem er ihr forſchend in die unſicheren Augen ſah;„Ihr ſcheint ermattet von der ungewohnten Anſtrengung und den Begebenheiten des Tages; ich fürchte, Euch noch mit neuen Dingen zu kommen.“— „Einziger Freund meiner innerſten Welt!“— ant⸗ wortete Margarethe bewegt und indem ſie die Hand auf ſeine Stirn legte und ihm herzlich in's Geſicht ſah:— „wie oft habe ich in Deiner Augen blauen Friedensſee meine Schmerzen verſenkt!— Morgen will ich beichten und um Abſolution bitten;— O, Henricus, ich bin eine Sünderin vor Gott und doch“—— hier hielt ſie faſt ſchreckhaft inne, griff unwillkürlich auf die Bruſt und nach einem tiefen Athemzuge fragte ſie mit veränderter Stimme:„was haſt Du ausgerichtet? wo iſt Gertrude?“— „Eben komme ich von ihr; ich habe mit ihr und der Mutter die Vesper gemeinſchaftlich gebetet.“— — 111— „Ihrer Mutter?— O! ich will das liebende Herz glücklich machen, ſo weit Menſchenwille in das Paradies der Liebe reicht, die ja in ſich ſelbſt glücklich iſt! Es muß ein unausſprechbares, reiches Gefühl ſein, zu lieben und in des Geliebten Blicke zu leben.— Ich will mich in Gertrude's Seele verſenken, mit ihr fühlen, lieben, glück⸗ lich träumen und vertrauen;— ich möchte mit dieſem Mädchen, das glücklicher iſt als eine Herzogin, das Weib in ſeinem natürlichen Strome des Herzens mitempfinden! — O! Henricus, wie ſchön muß doch eine ſolche Liebe ſein!“—. Der alte Mönch beobachtete Margarethe mit vorſichtigen, behütenden Forſchblicken. Daß ein Sturm in der Seele, die er im Kinde und der zarten Jungfrau ſchon zu durch⸗ blicken gewohnt war, ungewöhnliche Wogen aufgetrieben hatte, war ihm nicht fremd geblieben, auch wenn Hanna ihn nicht darauf vorbereitet hätte.—„Liebe iſt Euer gan⸗ zes Weſen, edle Frau“— antwortete er;—„Ihr liebet Gott, die Heiligen, die Menſchen;— Liebe iſt Gott ſelbſt im Herzen ſeiner Gläubigen.“— —„uUnd iſt eines Weibes Liebe zu einem Manne auch Gottes Werk?“— —„Ja, wenn dieſe Liebe edel und auf Tugend be⸗ gründet iſt; keine Gewalt im Himmel und auf Erden iſt ſo mächtig, einem Menſchenherzen zu perwehren oder zu gebieten, daß es liebe.“— Mit einem tiefen Seufzer und einem heftigen, erleich⸗ ternden„Ha!“ richtete ſich Margarethe auf und aus ihren Augen ſtrahlte ein mildes, träumeriſches Glück.—„Nun — 112— berichte mir von Gertruden“— ſprach ſie gefaßt und im natürlichen Stolze ihres Seelenadels. Hanna öffnete in dieſem Augenblicke die Thür.—„Komm, Hanna!“ rief Margarethe—„wir wollen Gertrude glücklich machen;— ſie ſah heute ſo ſelig und muthig aus, daß ich mich an der Liebe dieſes Mädchens noch ferner weiden muß, an einem Herzen, das den geliebten Mann erwartet und em⸗ pfängt.“— Henricus berichtete nun, was er ſeit ſeinem nachmit⸗ tägigen Ausgange aus der Burg auf der Gaſſe und in Helmold's wohlhäbigem Hauſe erlebt hatte und wie des Bürgers älterer Freund eine ſchnelle Verbindung durch das Sacrament für klug halte, wenn auch die ſtille, heimliche Hochzeit eine üble Rede auf des jungen Weibes Ehre an⸗ regen könne; er erzählte, daß man den Müller ſuchen laſſe, um gerecht gegen ſein Kind zu werden, und Tile Freitag, der reiche Gildemeiſter der Brauer, des Raths⸗ manns Werner Roden jugendliches Weib einladen wolle, Zeuge des Sacramentes zu ſein, um Gertrude's Ehre zu wahren. Die Herzogin hatte dieſe Mittheilung mit aufmerkſamer Miene, aber zerſtreutem Blicke angehört; als Henricus ge⸗ endigt hatte, ſchritt ſie durch das Gemach und ſchien einem ſtillen Gedanken nachzuhängen; jetzt kehrte ſie ſich gegen Henricus und ſprach mit leuchtender Miene:—„Ger⸗ trude ſoll durch nichts in ihrer Ehre beleidigt werden— ſie iſt ein reines Gemüth, das ich achte und deſſen Tugend ich Dank ſchuldig bin; ach! entbehrt ſie auch des ſchönen jungfräulichen Brautſtandes, treiben die Verhältniſſe ſie — 113— doch ſchnell, nach dem Erkennen des geliebten Mannes, in das Loos des Eheweibes! Aber ſie ſoll keine unehrenhafte Hochzeit feiern, wie ein gefallenes Mädchen, nicht in's Ge⸗ heim ohne Ehre;— keine böſe Zunge ſoll an ihrer ſchnellen Heirath übel deuten und ihr das Glück der Liebe ver⸗ giften; Unbeſcholtenheit iſt der Jungfrau wie des Weibes unverwelklicher Lebenskranz, Achtung anderer Weiber fordert der brave Mann für ſeine Gattin. Gertrude ſoll eine Hochzeit feiern, wie ſich keines anderen Göttingers Weib rühmen kann, ich ſelbſt will ſie zum Altar führen, die Herzogin will Zeuge ihrer Ehre ſein;— das ſei mein Dank!“ Margarethe hatte bei dieſen letzten Worten mit edlem Stolze das Haupt erhoben, den Finger hinweiſend auf die Bruſt gerichtet, und ſchien ſich befriedigt zu fühlen von den frohen Blicken des Mönchs und der Freundin. „Das vergelte Euch Gott!“ ſprach Henrieus.—„O, Ihr ſeid eines Engels Geſtalt im Freudenhauſe des glück⸗ lichen Bürgers!“ „Nur meinem eigenen Herzen thue ich Genüge“— ſprach ſie weich und niederblickend;— dann ſuchte ſie des Beichtvaters Auge und fuhr leiſer fort:—„Henricus— ich muß zu Ende bringen, was ich begonnen habe— ich muß mich an Menſchen weiden, die in Liebe glücklich ſind!“ — Plötzlich brach ſie in ihrem weichen, faſt wehmüthigen Flüſtertone ab, blickte muthig auf den alten Freund und die junge Freundin und fuhr fort:—„Heute Abend, wenn die Glocke auf Sanct Johannis Neun ſchlägt, werde ich bereit ſein; ſammele in der Kirche des Pauliner Kloſters den Vater und die Mutter mit ihrer Tochter;— des Maltitz, Herzog. II. 8. — 114— Rathsmanns Werner Roden ſchöne Frau, die mir heute Morgen beim Auszuge den Teppich übergab, hoffe ich dort zu finden; ſegne dann die Braut und verbinde ſie mit dem Manne ihres Herzens durch die heiligen, unzertrennlichen Bande des Sacramentes.“— Und zu Hanna ſprach ſie: „Du begleiteſt mich; ich hörte an der Tafel, daß Ritter Oldershauſen ſich erholt habe; ſende zu Irmengard, daß ich ihr das Tuch zurückgebe und ſie mich meines Wortes wegen ihrer neuen Zofe entbinde.— Nun eile, Henricus, bereite Alles vor, um Neun gehen wir nach Sanct Pauli.“— „Edle Frau“— verſetzte der Mönch zögernd,„beliebt es Euch nicht, Gertrude's und ihrer Mutter glücklichen Dank anzunehmen? Beide brennen vor Ungeduld, die Thränen der Mutterliebe und des Mädchenglücks vor Euren Füßen auszuweinen.“— „Nein, nein“, fiel Margarethe haſtig ein—„ich bin abgeſpannt und bedarf der Erholung; Gertrude ſoll nicht wiſſen, daß ich ſie zum Altare führen will; ich möchte ihres Herzens Muth ſehen, ſich dem geliebten Manne freudig anzuvertrauen. Thränen kann ich jetzt nicht ertragen — Gertrude's Thränen ſind ſchwere Mahnungen an mein Herz!“— Dann wendete ſie ſich gegen Hanna und ſprach: „Ich will heute Niemanden mehr ſprechen, beſtelle dem Pagen, daß ich ermüdet ſei— entkleide mich!“— Das war für Henricus das Zeichen für ſeine Ent⸗ fernung.—„Gott und die Heiligen mögen den Abend zu einer ſtillen, aber ſchöneren Feier machen, als der unruhige Tag ſie uns zu bieten vermochte“— ſagte er zum Ab⸗ ſchiede.— Margarethe lächelte ihm träumeriſch nach. — 115— „Ach, nun fühle ich mich leichter!“— ſeufzte ſie, als Hanna ihr das Diadem aus den blonden Locken löſte;— „befreie mich von dieſem Purpur und Hermelin, meine Bruſt fühlt ſich ſo beklommen darunter;— wie ärmlich iſt ein Herz unter dem falſchen Scheine ſeiner Hoheit!— Faſt ſchäme ich mich vor Gertrude's ſtolzerem Gefühle— ja, Hanna, Liebe iſt des Weibes Hoheit und edelſter Schmuck!“— Hanna fühlte den Drang nach Mittheilung ihrer Ge⸗ danken, aber ſie konnte das rechte Wort nicht finden, und in dieſer heimlichen Beklommenheit entſchlüpfte ihren Lippen gerade dasjenige, was ſie vermeiden wollte, aber deſſen ihre Seele übervoll war——„Margarethe“, ſprach ſie, „o, wie Du mit Dir ſelbſt im Kampfe liegſt! Haſt Du nicht gehört, was Henricus ſagte: Keine Gewalt des Himmels und der Erde kann über Liebe gebieten!— Was geht es den Andern an, wenn ich ihn liebe?“— Die Herzogin blickte horchend in Hanna's dunkle, me⸗ lancholiſche Augen. Muthiger fuhr dieſe fort:—„Der Ritter iſt ein beſonderer Mann, ein braver, ehrlicher Mann.“— „Schweig!“ fiel Margarethe unwillig und erröthend ein und berührte Hanna's Lippen mit flüchtiger Hand— „nenne ihn nicht mehr— die Gemahlin des Herzogs Otto verbietet es Dir!“ Hanna ſchwieg, küßte ihr die Hand, ſah ſie bittend an und Margarethe wich ihrem Blicke ſcheu aus.— Henricus war zu Gertruden und deren Mutter zurück⸗ gekehrt.„Rüſtet Euch zur Hochzeit“, ſprach er;—„die Herzogin wünſcht ſie zu Eurer eigenen Sicherheit. Heute 8* — 116— Abend neun Uhr werdet Ihr, ſo Gott will, des Helmold ehrlich' Weib am Altare zu Sanct Pauli.“— Hätte in des Mönchs Zelle nicht bereits tiefe Dämmerung geherrſcht, ſo würde Henricus bemerkt haben, wie die glückliche hor⸗ chende Gertrude plötzlich bis tief in den Buſen roth ge⸗ worden und ihre Hand auf die beklommene Bruſt gefahren wäre; ſie warf ſich der Mutter in die Arme, barg ihr Geſicht in der ſüßen Schaam des Jungfrauengefühls an deren Halſe und weinte Thränen des Glücks, der Ueber⸗ raſchung und Angſt; denn eine ſchnelle Wandlung des Schickſals erfüllt auch den Glücklichen mit dem unklaren Schauer der Furcht und Beſtürzung.— Gertrude war bereits durch die Mutter ausführlich unterrichtet, was ſich im Hauſe Helmold's zugetragen hatte, aber die Ungewißheit der nächſten Zukunft hatte ihren Gedanken an den Geliebten noch nicht an die Vorſtellung gewöhnt, ihm in wenigen Stunden die Blüthe ihres Lebens und die jungfräuliche Ehre ihres Leibes gegen das Glück ſeines ewigen Beſitzes zu überliefern. Dieſe plötzliche Gewißheit überwältigte das Mädchengefühl und daſſelbe bedurfte erſt der Freuden⸗ laute der Mutter und des freundlichen Zuſpruchs des geiſt⸗ lichen Freundes, um ſich aufzurichten, die Furcht zu be⸗ meiſtern und mit weinendem Glücke und ſchluchzender Dank⸗ barkeit das über ſie verhängte Loos zu empfangen.— „Ja“,— rief ſie—„mein Herz trügt nicht, Berthold ſoll mein Herr ſein, ihm will ich mein Leben anvertrauen, ihm als die treue Magd ſeines Herzens dienen und darauf ſelig werden!“— „Rüſtet Euch denn, während ich in die Stadt gehe“ — 117— — ſagte Henricus;—„führet Eure Mutter in Euer Ge⸗ mach, bündelt Alles, was die Herzogin Euch an Kleidern und Bedarf gegeben hat, zuſammen und laßt es Frau Blote in meiner Begleitung in des Sohnes Haus tragen. Uuterdeſſen ſchmückt Euch als Braut und betet!“— Henricus geleitete Mutter und Tochter aus ſeiner Zelle über die erleuchteten Gänge in das ſichere Gemach, wo Gertrude ſeit geſtern Abend untergebracht worden war. Nach kurzer Zeit ſah man die Geſtalt des Mönchs, von einer Frau, welche ein Bündel trug, begleitet, durch die dunkeln Thore und über die Zugbrücken der Burg hinab in die Stadt wandeln; ſie nahmen ihren Weg nach der Gotmargaſſe; in dem Hauſe Helmold's waren die oberen Fenſter erleuchtet; Tile Freitag und Werner Roden be⸗ fanden ſich im unteren Zimmer. Helmold war beſchäftigt, die Gemächer ſeiner ſeligen Mutter feſtlich herzuſtellen und ſein junges Weib zu empfangen; der erſte Brauknecht ſchritt vergnügt auf der Hausdiele umher, die Hände im Bruſtlatz ſeines Schurzes, und empfing den Mönch mit der heiteren An⸗ ſprache:—„Herr Helmold hat's mir anvertraut, Pater;— hätte es mein Lebtag nicht geglaubt, daß der reiſige Burſche heute in der Schenkſtube beſſer im Hauſe Beſcheid gewußt hätte, als ich;— wo iſt denn das Bräutchen, das wie ein Nachtvogel in's Beilager fliegt?“ „Rufet den Herrn!“— verſetzte Henricus. „Der Herr hat ſeine Trinkſtube heute geſchloſſen, die Bürger ſind weggegangen und der Eine oder Andere meinte, mit dem Brauer ſei es ſchon ſeit Wochen nicht richtig, er hätte wol einer Hexe in's Auge geſchaut. Aber Ihr ſeid — 118— ja ein frommer, prieſterlicher Mann, aus Sanct Pauli, und müßt es beſſer wiſſen. Aus dem Einmaiſchen iſt heute auch nichts geworden, die Knechte ſind nach dem Maſchmüller ausgeſchickt, als ob er alles Korn von Göt⸗ tingen geſtohlen hätte, und heute Abend ſollen ſie luſtig ſein und auf des Herrn Hausſegen trinken, ſo viel ſie mögen. — Geht nur in die Stube, da werdet Ihr Herrn Tile Freitag und den Rathsherrn Roden finden!“— „Wo iſt der Brauherr?“— fragte Henricus, der be⸗ reits, ohne des Knechtes Rede abzuwarten, tiefer in das Haus gegen die auf die Gallerie führende Treppe geſchritten, und vom redſeligen Brauknechte gefolgt war—„ich ſah oben Licht im Hauſe.“— „Ganz recht— der Herr läßt die Prunkgemächer der ſeligen Frau Gildemeiſterin herausputzen und ſieht nach den Mägden, daß ſie hichts verſäumen;— da kann eine Bürgermeiſterin wohnen.“ Henricus ſtieg hinauf, ran Blote folgte; die Gallerie führte an Thüren— Helmold's Stimme erſcholl hinter einer derſelben, Henricus öffnete:—„Ha, ſeid Ihr da, Pater?“— rief Helmold, der ſich feſtlich in ſeinen koſt⸗ barſten Rock gekleidet hatte und zweien Mägden aufpaßte, die ein reich ausgeſtattetes Frauengemach vom Staube ge⸗ reinigt und eben einen Teppich über den Boden gebreitet hatten;—„ſeht, hier ſoll Gertrude wohnen;— was bringt Ihr da, Mutter?“— Frau Blote wollte das Bündel verbergen, aber Hel⸗ mold hatte es ſchon ergriffen.„O, das ſchickt mir Gertrude!“ — ſprach er gerührt„das kündigt mir ihre Nähe an!“— — 119— In der Müllerfrau rührte ſich die Beſchämnung mit dem Gefühle des Wohlſtandes, als ſie das ärmliche Bündel in das reiche Frauengemach getragen hatte.—„O, Herr Helmold“— ſagte ſie verlegen—„denket nicht, daß dieſes meiner Tochter Brautſchatz und einzige Habe iſt;— der Pater hat mir befohlen, es Euch zu bringen;— in der Mühle hat Gertrude noch Kleider und Leinen die Fülle, ach! es möchte mir das Herz brechen, daß wir ſo arm erſcheinen!“— „Ich begehre nur Euer Kind“, erwiderte Helmold heiter, indem er das Bündel an die Bruſt drückte;„in dieſen Kleidern hat Gertrude ihre Leidenſtunden erlebt, ſie ſind von ihren Thränen benetzt, was könntet Ihr mir Werthvolleres bringen?— Das ſendet mir Gertrude, um mir zu ſagen, daß ihr Leid abgethan und ihr Schickſal unter meines Hauſes Schutz gegeben ſei.“— Henricus klopfte der Frau verſchämte, geröthete Backe, und ſprach:—„Ihr habt ein natürliches Gefühl, gute Frau, das Euch Keiner übel deuten kann;— aber denkt daran, daß Herr Helmold Euer Kind aus der Herzogin Händen empfängt.“— Der junge Brauherr zog Beide aus dem Gemache auf die Gallerie, um die Mägde nicht zu Zeuginnen ſeiner Worte zu machen, und begann:— „Tile Freitag hat den Rathsmann mitgebracht, mein Jugend⸗ freund, der Gieſeler, wird auch kommen; Roden's Frau hat eingewilligt, meiner Braut die Ehre zu geben, und ihr Mann will ſie holen, wenn es Zeit iſt. Aber wo ſteckt der Müller, Euer Mann?— Die Knechte ſind unverrichteter Sache heimgeſchickt, man hat ihn nicht im„ſtumpfen Beil“, — 120— nicht in der Bäckergilde und Caſſmühle geſehen, der Mühl⸗ knappe hat dort ausgeſagt, daß ihm Herr Blote mit zor⸗ niger Stimme, laut mit ſich redend und heftigen Schrittes am Wehnder Thore begegnet ſei; ich ſandte einen Boten nach der Mühle, aber ſie iſt verſchloſſen geweſen, die Räder haben ſtill geſtanden, kein Stein oder lebend' Weſen hat ſich darin bewegt.“ „O, barmherziger Gott!“— jammerte die Frau— „als ich heute Morgen fortging, trug ich dem Knappen auf, Haus und Mühle in Acht zu nehmen;— die Räder ſtehen Tag und Nacht nicht ſtill;— wenn nur kein neues Unglück hereingebrochen iſt!— Ach! der Vogt, der böſe Vogt!“— „Ich werde noch einmal hinſchicken“— ſagte Hel⸗ mold, während Henricus zerſtreut in der Frau angſt⸗ volles Geſicht ſtarrte;—„was könnte der Vogt beginnen, der ohne Zweifel mit den andern Herzoglichen Amtleuten in einem Gaſthauſe oder Gemache des Bollrutz am Becher ſitzt!— Beim Turnier iſt er geweſen; mein Freund Gieſeler hat ihn mit ſeinen Reiſigen heute früh einreiten und auch gegen Mittag auf dem Freudenberge geſehen, wie ich es ebenfalls zu gewahren glaubte, daß er dem Müller zugewinkt habe.“— „Laſſet mich hinaus nach der Mühle gehen“— ſagte Frau Blote;— ach! wie iſt mir angſt und unruhig!— Ich muß ihn ſelber ſuchen, und wenn er hört, was uns bevorſteht, wird er mit mir kommen; denn glaubt mir, er hat es heimlich bereuet, was er an ſeinem Kinde ge⸗ fündigt hat, er hat's nur nicht eingeſtehen mögen, weil er mit ſich ſelbſt grollt. Ach! der ſchreckliche Vogt! Er hat — 121— gedroht, uns das Haus anzuzünden und uns in die Leine zu jagen.— Heilige Maria! wenn er da geweſen wäre und Uebles verübt hätte!“ „Darüber beruhigt Euch“— nahm Henricus das Wort, obgleich ſeine Miene verfinſtert erſchien;—„er wird es nicht wagen, offenen Landfriedenbruch zu begehen unmittel⸗ bar vor der Stadt, wo der Herzog mit ſeinen Rittern aus Nähe und Ferne ein Feſt feiert, das die Göttinger ehren ſoll. Ich will ſelbſt mit einem Knechte nach der Mühle gehen, der Knappe wird eingeſchlafen ſein oder die Ab⸗ weſenheit der Herrſchaft bennt haben, heimlich in der Stadt zu feiern.“ „Nein, das thut er nicht, er iſt treu“— fiel Frau Blote ein.—„Laßt mich, ich habe keine Ruhe.“— „Es iſt kein Weg für Euch“— ſagte Helmold—„die Dunkelheit iſt unſicher— laßt uns den glücklichen Abend nicht verderben— der Müller wird irgendwo zechen oder einen Rauſch verſchlafen,— wenn er auch nicht aufzu⸗ finden iſt, ſo können wir getroſt den Abend begehen;— da er ſelber Reue in ſich hegt, wie Ihr gewahrt habt, ſo iſt's nach ſeinem beſſeren Willen, was wir beginnen. Ich will meinen zuverläſſigſten und rüſtigſten Knecht nach der Maſchmühle ſenden, er iſt nur ausgeſchickt, um die großen Wachslichte zu kaufen, die ich heute in der Burgkapelle vor Gott den Altären zu Sanct Pauli und Johannis ge⸗ lobt habe, wenn ich Gertrude finden ſollte. 4 „Nein, ich muß ſelber hinaus“— verſetzte die Frau; —„ſeht mich an, wie ich nicht gekleidet bin für meines Kindes Hochzeit;— laßt mich!“ — 122— Henricus blickte die unruhige Frau wehmüthig an, da er erkannte, wie ſie für ihre Angſt den freundlichſten Vorwand ſuchte, um ihrer geheimen Beklommenheit nach⸗ zukommen; er ſelbſt fühlte einen Druck auf der Seele. „Kommt unten in das Gemach“— ſprach Helmold— „wir wollen Freitag und Roden um Rath fragen.“— Er nahm der Frau zitternde Hand und zog ſie die Treppe hinab;— Henricus folgte gedankenvoll. Auf der weiten Hausdiele trat hinter einem Faße her der ſtarkbeleibte, erſte Brauknecht zu ſeinem Herrn.—„Es muß ſich doch ausgeſprochen haben“— ſagte er—„was hier vorgeht; da ſchleichen Leute in Bürgertracht vor dem Hauſe auf der finſteren Gaſſe, ſpähen in Fenſter und Thür und thun geheimnißvoll; wenn ich an das Thor trete, weichen ſie zurück und ſind weg, wie die Ratten im Keller. Sie werden Euch Töpfe werfen, oder einen Poſ⸗ ſen reißen wollen; denn es wird's Euch Keiner vergeſſen, daß ein Brauherr die Nachbaren und Gildeleute um Muſik, Tanz und luſtigen Aufzug bringt.“ „Laßt ſie“, antwortete Helmold zerſtreut und eilte mit der Frau vorüber. Henricus blieb noch einige Augenblicke zurück um dem Knechte zuzuflüſtern:—„Bewahret das Haus, ſchließet die Thür, ſpähet zuweilen auf die Gaſſe, ob Ihr einen Bekannten darunter findet; es ſoll ſtill im Hauſe bleiben.“— Dann ſchritt er ſchnell den Anderen in die Stube nach. Tile Freitag und Werner, Roden hörten bereits Hel⸗ mold's Mittheilungen an; als Henricus eintrat, erzeigten ſie ihm die Ehre des Geiſtlichen und Beichtvaters der Her⸗ — 123 zogin, und der Rathsmann ſprach:—„Ich grüße Euch, ehrwürdiger Pater; ich glaube Euch ſchon früher in Göt⸗ tingen geſehen zu haben und Ihr waret in der ſchönen und edlen Margarethe Geleite, als ſie vor zwei Jahren als des Herzogs Braut in Göttingen einzog. Eure Ge⸗ genwart in dieſem Hauſe zeugt mir davon, daß Ihr der Bote eines Engels ſeid, der unſerem jungen Freunde ein glückliches Schickſal bringt. Die Herzogin hat Großes gethan an des Maſchmüllers Tochter und ſich das Recht der Eltern über ſie erworben. Um den Frieden in Hel⸗ mold's Gemüthe herzuſtellen und des ehrbaren Mädchens Bedrängniß ſchnell zu Ende zu bringen, ſowie der hohen, edlen Frau die fernere Sorge abzunehmen, halte ich es auch für rathſam, beide junge Leute kirchlich miteinander zu binden, daß Helmold die Auserwählte in ſeinem eigenen Hauſe bergen könne; denn es iſt der Mann der mächtigſte Schutz für des Weibes Leben und Tugend. Meine Haus⸗ frau wird auch erſcheinen, um der Braut beizuſtehen; aber ſagt mir, wo findet ſie dieſe?“ „Habt Dank, Herr Rathsmann“, erwiderte Henricus; —„laſſet uns dem Befehle der Herzogin Folge leiſten, die der Braut Ehre noch eine beſondere Verherrlichung angedeihen laſſen will. Gertrude ſoll es nicht zuvor er⸗ fahren, an weſſen Hand ſie zum Altare geführt wird.“ „Iſt's möglich“, jubelte Helmold—„die Herzogin wird ihre Gnade ſo weit ausdehnen? Freuet Euch, Mutter, macht eine frohe Miene— denket nicht mehr an den Mann!“ „Um neun Uhr findet Euch in der Kapelle zum Kloſter Sanct Pauli ein“, fuhr Henricus fort;—„ich werde — 124— Gertrude dorthin geleiten und die Herzogin dürft Ihr dort erwarten.“ „O mein Gott!“— rief die Frau, die ſich nicht mehr in der Angſt, welche ihr Gemüth befallen hatte, vor den fremden Männern beherrſchen konnte—„laßt mich nach Hauſe eilen, daß ich meinen Mann hole.“ „Ich weiß, der Maſchmüller iſt voll feindlicher Ge⸗ danken gegen ſein Kind und ein tyranniſcher Herr über deſſen Schickſal geweſen“— ſprach Roden;„es wäre beſ⸗ ſer, wir ſuchten ihn auf, als ohne ihn den Abend zu be⸗ gehen. Was denkt Ihr, Tile?“ Dieſer hatte bisher, etwas finſter blickend, dem Ge⸗ ſpräche zugehört und erwiderte jetzt mit der Haſt ſchnell ſich ſammelnder Gedankenzerſtreutheit:„Jedem Bürger muß ſein Recht werden; ich liebe keine Gewalt, auch die der Gnade nicht, wenn ſie irgend eines Bürgers Rechte verletzt; aber der Müller hat ſein Recht an dem Kinde vergeben und damit ſeine Macht verloren, wie es gleichfalls recht iſt.“ „Ich werde ihn ſuchen!“ rief Frau Blote und wollte das Gemach verlaſſen; Helmold hielt ſie auf und ſprach: —„Nicht allein in der Dunkelheit, ich will ſelbſt mit Euch gehen.“ „Das Prieſterkleid iſt ſicher“, fiel der Mönch ein— „kommt, wir wollen in Gottes Namen den Weg antreten!“ In dieſem Augenblicke trat der Knecht herein, mit mehren Altarlichten von weißem Wachs im Arme.—„Ueberlaßt es Dieſem“, ſagte Helmold;„es giebt Trunkene heut Abend in der Stadt und ein ſtarker Arm iſt gegen ſolche eine beſſere Waffe als ein heiliges Gewand. Mache Dich fer⸗ — 125— tig, Dietert, nimm ein Beil mit zur Vorſicht, Du ſollſt dieſe Frau nach der Maſchmühle begleiten und wieder hier⸗ her bringen.“ „Wie Ihr wollt, Herr“— antwortete der muskulöſe Knecht.—„Draußen auf der Gaſſe redete mich ein Mann an und wollte mich ausforſchen, ob die Wachslichte zur Hochzeit des Brauers brennen ſollten; als ich ihm keine Ant⸗ wort gab, kicherte er hinter mir her und rief:—„vergeßt nicht, mich zum Schmauſe einzuladen!“ Als Henricus horchte, ſagte Helmold unbefangen:— „Es ſind die Gäſte meiner Schenkſtube, die heute grollen, daß nicht gezapft wird; ſie wiſſen nirgend hin, da ſie an mein Gebräu gewöhnt ſind; ich werde ihnen morgen freies Bier geben.— Aber nun eilt, es iſt bald acht Uhr.“— Der Knecht eilte hinaus, die Frau faßte in ihrer wachſenden Unruhe des Mönchs Hand und dieſer ſegnete ihren Weg. Helmold führte ſie Muth zuſprechend hinaus; Henricus folgte. „Was denkt Ihr“, begann Tile Freitag, als beide Bürger allein waren;—„es ſind mir abſonderliche Ge⸗ danken aufgeſtiegen;— ſollte der Quade noch auf das Mädchen ſpioniren und die Herzogin in Angſt und Eifer⸗ ſucht die gefährliche Nebenbuhlerin ſo ſchnell als möglich an den Mann bringen wollen? Sie will ſelbſt der Trau⸗ ung beiwohnen— hm— das wird ſeltſam.“— „Der Herzog?“— fragte Werner Roden geſpannt auf den kopfſchüttelnden Braugildemeiſter blickend,—„ich meine, der Groner Vogt ſei des Herzogs Schützling, wie Helmold der Herzogin?“ — 126— Tile Freitag fixirte den Rathsmann mit ſchärferem Blicke und geheimnißvollem Lächeln.—„Hm“— ſagte er—„ein Gerücht fällt nicht wie Mehlthau nieder—— doch ich will nicht davon ſprechen.“— „Unmöglich, Tile— unmöglich! Habt Ihr nicht ſelbſt mit angeſehen, wie die Herzogin heute bei der Rennbahn voll Güte und Frieden erſchien, wie der Herzog ſich ihrer Schönheit freuete, als der fremde Ritter ihr die Kette zu Füßen legte?“— „Oho, Werner— trauet dem Quaden nicht! Wann wollt Ihr endlich einmal überzeugt werden, daß er unſer Blutfeind iſt? Er iſt uns nur ſo lange ungefährlich, als er mit ſeinen Rittern und Räubern den Rauſch trinkt; lieber unter des Teufels Botmäßigkeit, als unter einen Menſchen, der des Teufels iſt. Ihr meintet heute Morgen, ob es etwa klug ſei, eines Mädchens wegen dem Quaden die Fehde anzukündigen— warum nicht, wenn wir uns ſtark im beleidigten Recht befinden? Die Herzogin hat mehr Freundſchaft im Lande, als er mit ſeinen Rittern; wenn wir Bürger und Bauern im Lande und auf dem Eichsfelde uns zu einem Bündniſſe vereinigten und unſere Parole„Margarethe“ hieße.“— „Ich bitte Euch, Tile, ſinnt nicht auf Fehde und Auf⸗ ruhr“— fiel Roden ein—„denkt lieber an Frieden. Die Herzogin ſchenkte meinem Weibe heute eine Buſen⸗ nadel mit Herz und Kreuz, die Ihr nachher an ihrer Bruſt ſehen werdet; ſollen wir ſchlechter ſein, als die hohe Frau, der Ihr ſelbſt ſo viel Herz und Kreuz als Gattin bei⸗ meßt?“. — 127— Helmold trat mit Henricus in das Zimmer zurück und unterbrach dieſe Unterhaltung mit dem Rufe:—„Sie ſind fortgegangen! Die gute Frau hält ihre Ermattung nach der Aufregung und Krankheit für eine ängſtliche, beklemmende Ahnung;— ich ſehne mich eben nicht nach dem Müller.“— „Macht's kurz, Pater“— ſprach Freitag mit einer etwas verdrießlichen Stimme, die noch ein Nachklang ſeiner Stimmung aus der Unterredung mit Roden war—„laſſet uns dem Wunſche der Herzogin ſchnell willfahren, das Mädchen an den Mann trauen und Amen dazu ſprechen; dann finden die Herzen Ruhe, es wird Oben und Unten Hausfrieden und der langſchweiſige Fuchs muß ſich eine andere Fährte ſuchen!“ Henricus ſah den Sprecher groß und ſtrafend an, ließ das Auge mit wehmüthigem, fragenden und bittenden Blicke auf Helmold gleiten und antwortete dann:—„Ich will gehen und in Sanct Pauli die Meldung machen, daß man die Kirche für die heilige Handlung erleuchte; um neun Uhr treffen wir uns dort wieder.— Führet Euren Freund und Mitbürger an den Altar, ich werde die Braut begleiten.“ „So will ich nach Hauſe gehen und mit meiner Gattin in Sanct Pauli eintreffen“— ſagte Roden, nach dem Hute greifend.„Kommt, Pater, wir gehen eine Strecke gleiches Weges.“— 3 Tile blieb zurück;— Helmold warf ſich auf einen Stuhl, ſtützte den glühenden Kopf auf die Hand und rief bewegt aus:—„O! wie wandelt ein einziger Tag des Menſchen Schickſal! Heute früh mit Groll und Trauer — 128— im Herzen, heute Abend von Lieb und Glück erfüllt!— Gott iſt doch aller irdiſchen Menſchen Meiſter!“— Er überließ ſich einer andächtig frohen Selbſtbetrachtung, worin ihn Tile Freitag nicht ſtörte, da er mit finſteren Augen am Fenſter lehnte und, ſeinen eigenen Gedanken folgend, auf den jungen Freund herabſah. Plötzlich, wie im Eifer eines Phantaſiebildes, hob Freitag den Blick an die Wand, wo Armbruſt, Schwerter, Spieße, Kolben, Streitäxte und Dolche hingen,— auf ſie heftete er das verfinſterte Auge und ſeine Miene wurde heiß. Fünftes Kapitel. Gehen wir in der Tageszeit einſtweilen um mehre Stunden zurück, um den Müller zu verfolgen, der am Morgen vor ſeiner Frau die Mühle verlaſſen hatte, um, wie er kurz und mürriſch geantwortet, dem Turniere zu⸗ zuſehen. Frau Blote hatte ſich in ihrer Meinung über den veränderten Gemüthszuſtand ihres Mannes nicht ge⸗ täuſcht, wenn ſie bemerkt zu haben glaubte, daß er über das Schickſal ſeiner Tochter, das er ſelbſt aus gemeinen, gewinnſüchtigen Beweggründen heraufbeſchworen hatte, in eine ſtille Unruhe und Gewiſſensnoth gerathen ſei, die ihn ſchweigſam, grollend, geheimnißvoll und einſam mache. In der That war er mit ſeiner Stimmung ſo weit gerathen, daß er die Rache des wilden Vogtes weniger als ſeine Gewiſſensmahnung fürchtete, und auch bereits bei ſeiner letzten Begegnung mit dem Vogte, demſelben Vorwürfe ge⸗ 129— macht und die Erklärung gethan hatte, ſein Kind unter der Herzogin Schutze laſſen und einem Bürger zum Weibe auf⸗ ſparen zu wollen. Die Antwort des Vogtes war ein über⸗ müthiges Hohnlachen und eine rohe Drohung von Rache und Gewaltthat an dem Mädchen und der Mühle geweſen.— Wirklich war der Müller mit der ſtillen Abſicht nach der Stadt gegangen, bei Dienſtleuten der Herzogin nach Gertruden zu ſpioniren und ihr, wenn er ſie zurückgefordert und wieder erhalten haben würde, einen ſicheren Aufenthalt in der Stadt zu vermitteln. Er hatte wenige Freunde in der Stadt. Der Caßmüller wohnte der Stechbahn viel zu nahe, um Gertrude hier vor den Blicken der Ritter und Knappen ſicher zu wiſſen; er dachte an Helmold, aber er ſchämte ſich vor deſſen Begegnung und ehrlichem Charakter, und trug ſich mit dem Gedanken, die Tochter irgendwo in einem Bürgerhauſe zu verbergen, bis der Vogt ſie ver⸗ geſſen haben würde. Seine Nachforſchungen nach Ger⸗ truden waren erfolglos geblieben, der Eingang in die Burg war ihm verſperrt, Niemand gab ihm Kunde von Gertrude's Ankunft mit der Herzogin. Mürriſch, menſchen⸗ ſcheu hatte er ſich durch das Gewühl der lärmenden Volksmenge auf dem Frendenberge fortgeſchlichen und eben die Abſicht gehabt, einſame Wege zu ſuchen, die ſeiner vorwurfsvollen und ſinſteren Stimmung mehr entſprachen, als er den Groner Vogt hoch zu Roß an der Stechbahn gewahrte; er wollte ihm mit Wuth im Herzen entgehen, dieſer aber hatte ihn bereits mit ſeinem Habichtsblicke erkannt, ihm gebieteriſch zugewinkt und ihn mit dem Roſſe bald eingeholt. Das Volk hatte nur offene Sinne für das Maltitz, Herzog. II. — 130— Kampfſpiel und achtete nicht auf den Müller, der vom Roſſe des Vogts fortgedrängt und in eine ſtillere Ecke im Rücken der Leute genöthigt wurde.—„Ei“— ſpottete der Vogt, indem ſeine Zähne unter dem ſchwarzen Barthaar raubgierig glänzten—„Ihr führt wol Euer ſchuldlos Töchterlein zum Feſte, damit ſich noch ein letzter Knappe darüber erbarme?“— Des Müllers Wuth hatte keine Furcht mehr, der lang auf⸗ gehäufte Groll kochte in der Hitze ſeiner Gewiſſensnoth über.—„Wo habt Ihr mein Kind, Räuber?“ fragte er ihn, zornig in den Zügel des Pferdes greifend, ſo daß es Kopf und Bruſt aufwarf;—„ich fordere mein Kind— Ihr habt nur Eure Schandluſt daran haben wollen, Ihr lügt, wie Alle, die dem Herzoge dienen und es ihm in Rauben und Stehlen gleich thun!“— Der Bogt, welcher ſein aufgeſchrecktes Pferd zu bändigen hatte und jetzt erſt zu Worte kommen konnte, war in eine nicht minder zornige Leidenſchaft gerathen.—„Was?“— rief er.—„Ihr wagt, den Herzog und ſeine Amtleute zu ſchmähen! Schurke, das ſollt Ihr damit büßen, daß Ihr vor der ganzen Stadt in der Luft reiten und ſo hoch, wie der höchſte Aſt, zwiſchen zwei Hunden aufgehenkt werden ſollt! Euer Mädchen möchte ich nicht mehr anrühren, wenn ſie auch ihre faulen Glieder auf Scharlach und Seide mir anböte— hi, hi, hi! Die Tugend iſt keines Hundes Gebell mehr werth— die Knechte haben ſie zu Schanden gemacht; das iſt Euch recht, weil Ihr ein doppeltes, liſtiges Spiel getrieben habt;— Euer Mädchen hat einen Knappen ermordet und iſt dafür lebendig unter den Todten begraben.“— „Ihr lügt— Verfluchter!— Ihr habt mich betrogen 4 4 — 131— — ich erwürge Euch vor aller Leute Augen, ich will's in die Stadt ſchreien, daß Ihr den Landfrieden gebrochen habt, der Räuber und Mörder meines einzigen Kindes ſeid!— Gott ſteh' mir bei, ich weiß nicht mehr, was ich thue!“ Der Müller ſchüttelte des Vogtes Fuß im Steig⸗ bügel ſo verzweiflungsvoll, als wollte er ihn vom Pferde reißen, dieſer aber ſchlug mit dem Sporn heftig nach ihm aus, daß jener ächzend auswich.—„Lauft nur nach Hauſe, Hallunke!“— rief ihm der Vogt zu, indem er die gepanzerte Fauſt drohend erhob—„beſtellt Eure Habe — Ihr ſollt Euer Mädchen wiederſehen, daß ſie Euch in der Hölle das Herz ausſengt;— Ihr habt den Herzog beſchimpft und Euch an ſeinem Amtmann vergriffen— Ihr werdet gehenkt werden von Rechtswegen!“— Der Müller entfloh wie ein Wahnſinniger; der Vogt ſah ihm mit teufliſchem Lachen nach, ſchwenkte dann ſein Pferd und ritt gegen die Stechbahn zurück. Im fröhlichen Jubel des gaffenden Volkes, im Geräuſche der Waffen und Geſchmetter der Trompeten hatte Niemand auf die heftige Scene zwiſchen dem Bürgersmanne und dem berittenen Amtsvogte geachtet. Der Müller lief wie ein von Furien getriebener Verbrecher aus der Stadt in das menſchenleere Feld.—„Mein Kind! Mein Kind!“ jammerte er hier, die Hände ringend und ſich die Stirn ſchlagend—„ich habe es gemordet!— Barmherzigkeit! Gnade! Ich bin des Todes!“— Er verlor ſich auf unwegſamen Spuren des Wildes in den Wald, floh vor dem Geräuſche der Aeſte und der aufgeſcheuchten Raben auf Feldwegen in die Stadt zurück, drang in die offene öde Johanniskirche ein, warf 9* — 132— ſich vor das Muttergotteskind, verſuchte zu beten, floh aber wie ein Dieb davon, als ein Mönch in der Kirche erſchien. Er ſchlich abgemattet, die Menſchen meidend und vom fernen Jubel und Trompetengeſchmetter unheimlich durchrieſelt, wieder aus der Stadt, irrte am Leineufer auf und nieder, ſtierte in das Waſſer, murmelte unverſtändlich oder brach in laute Klagen und Selbſtverwünſchungen aus. Mit verwirrter Miene, zerrauftem Haar, ängſtlich umſchauen⸗ dem Blicke und gebeugtem Körper kam er bei ſeiner Mühle nahe vor der Dämmerung an. Der Mühlknappe, der eben neues Korn in den Rumpf ſchütten wollte, unterbrach ſein Geſchäft, da er durch das Geräuſch der Räder⸗Stein⸗ und Waſſerbewegung plötzlich die Stimme ſeines Herrn vernahm, die ihm ſeltſam verändert klang.—„Stelle das Waſſer ab— die Mühle ſoll ruhen!“— rief der Herr—„gehe in die Stadt, alle Leute ſind froh, mache Feierabend, trinke— geh'!“ Der Knappe ſah den Müller in die Stube taumeln und dachte—„der hat ſich einen Rauſch gezeugt— das muß ein luſtiges Feſt in der Stadt ſein, daß der Gries⸗ gram auch einmal angebiſſen hat.“— Er folgte dem Schwankenden in die Stube; dieſer aber kehrte das wüſte Geſicht von ihm ab und rief, mit den Händen rückwärts abwehrend:—„geh',— ich will allein ſein, will ſchlafen — geh', thue was ich ſage— es ſoll Feierabend ſein!“— Der Knappe zögerte, aber der Müller wurde zornig.— Da ging jener, ſtellte das Waſſer ab, meinte, der Herr ſchäme ſich ſeines Rauſches, kleidete ſich ſonntäglich an und wanderte vergnügt nach der Stadt. —.— im Bollrutz oder in der Stadt verborgen halte und der junge 133— Der Müller hatte ihn fortgehen hören, ihm nachgeſehen; nun verriegelte er die Hausthür, rang die Hände, ſtarrte in den ſtillen, dämmernden Raum der Mühle, horchte und erbebte bei dem Scharren eines Sperlings auf der Stein⸗ bank des Fenſters. Er floh in die Stube und wieder in die Mühle zurück; er warf ſich zu Boden, in verzweiflungs⸗ voller Abſicht zu beten, aber Schreckgeſtalten und Töne, die nur ſein Inneres ſah und hörte, trieben ihn wieder zu irrer Flucht.—„Henken, henken wollen ſie mich!“— rief er.—„Gertrude! Ich habe Dich gemordet— henkt nicht den Läſterer des Herzogs, ſondern den Mörder ſeines Kindes!“— So ſtürzte er hinauf in Gertrude's ver⸗ ödete Kammer, küßte ihre am Nagel hängenden Kleider, ihr Bett, drückte ſein Geſicht in das Kopfkiſſen und winſelte. Ob des Vogtes zornige Drohung wirklich Ernſt und Racheluſt an der vermeintlichen Hinterliſt des Müllers, oder nur der Ausbruch ſeiner gewohnten Roheit geweſen war, verrieth er nicht ſogleich. Nach der Begegnung mit dem Müller hatte er ſich nach der Stechbahn zurückbegeben, mit anderen Vögten und guten Freunden gelacht, dem Kampfe zugeſehen und war mit dem Zuge wieder in die Burg geritten. In ſeinen Gedanken tobte aber doch die Erinnerung an den Müller fort; denn nachdem die Sieſta der Ritter und Damen eingetreten war, legte er ſich auf das Spioniren, ob Gertrude mit der Herzogin etwa nach Göttingen gekommen ſei; bald hatté er durch Wachen, Stallmeiſter, Trabanten und Mägde genug erfahren, um „ nicht mehr daran zu zweifeln, daß Gertrude ſich entweder — 134— Bürger, der in der Burg geſucht und vom Mönche be⸗ ſchützt, hinausgegangen ſei, kein Anderer als der Brauer geweſen ſein könne. Um ſich deſſen ſicher zu machen, ſandte er einige Knechte nach des Brauers Schenkſtube ab, die aushorchen ſollten, ob wirklich Gertrude in der Stadt, wol gar in Helmold's Hauſe ſei. Die Knechte kehrten zu ihm zurück, als er eben mit den nicht adligen, herzoglichen Amtleuten in einem beſonderen Gebäude des Burghofes, dem Amt⸗- und Gerichtshauſe, zu Tiſche gegangen war; der ſchwarzbärtige, liſtig blickende Kasper trat hinter ſeinen zechenden Herrn, der ihn kaum hörte und ſah, als er vom Weine erhitzt aufſprang, den vertrauten Knappen in einen Winkel des Saales zog und deſſen liſtigen Blick mit der Frage erwiderte:——„Haſt Du Witterung?“— Der Knappe antwortete:—„Mehr als das!— das Mädchen iſt in Göttingen und heute Abend wird der Brauer, der uns aus ſeiner Trinkſtube wies, Hochzeit machen;— der Mönch der Herzogin, den ich von Harſte kannte, war dort im Hauſe und wird wol den Bund einſegnen. Wir gingen, nachdem wir genug ſpionirt hatten, ſtill weg, da Ihr uns befahlet, keinerlei Streit anzufangen.“— „Soll mir jeder Becher Wein zu Gift werden!“— knirſchte der Vogt—„wenn ich dem Bürgerburſchen nicht die Hochzeit verderbe! Habe ich's doch früher beim Teufel geſchworen, daß ich des Mädchens Blüthe brechen wolle, die unſere fromme Frau Margarethe ſeitdem wie eine Hoſtie verwahrt hat! Laßt das Haus nicht aus den Augen, kleidet Euch mit mehreren Anderen in die Tracht der Bürger, berget die Waffen unter Rock und Mantel; die Dämmerung † — 135— und der Abend werden Euch vollends unkenntlich machen; — forſchet genau nach der Stunde der Hochzeit, nach der Kirche, wohin ſie ziehen wollen— dann rufet mich;— ich will ihnen die Hochzeit zu Schanden machen; der Her⸗ zog wird mir's gut heißen und dem Müller will ich zeigen, daß ich ihm heute nichts gelogen habe!“— Kaspar verſprach den Befehl pünktlich zu vollführen und der Vogt kehrte an den Tiſch der fröhlichen Gäſte zurück. Seine Wuth gegen den Müller und ſein Rache⸗ durſt ſtiegen mit der Meinung, daß jener ſich gegen ihn heute nur verſtellt habe, um ihn irre zu führen und wol gar zu verhöhnen, da jener um die Hochzeit wiſſen müßte. Er wußte nicht, daß eine Nachforſchung Gertrude's unterdeſſen auch von einer anderen Seite ſtattgefunden hatte. Die Hofdame Olga von Weferlingen hatte mit ihren hellen, muthwilligen Augen bemerkt, daß Gertrude mit Henricus in großer Aufregung aus der Herzogin Gemächern ge⸗ kommen war; als ſie ſpäter im neckiſchen Geſpräche mit dem jungen Ritter von Hanſtein beiläufig und in ſchel⸗ miſcher Abſicht äußerte, ob er nicht Luſt habe, die ſchöne Gertrude noch einmal zu ſtehlen, horchte dieſer geſpannt auf, ſtellte ſich aber ſchnell gleichgültig und führte das ſchäckernde Geſpräch auf andere Dinge. Kaum war er von der Hofdame frei geworden, als er Erkundigungen nach Gertruden einzog und auch ſo viel erfuhr, daß dieſelbe als Zofe der Frau von Oldershauſen morgen aus der näch⸗ ſten Hut der Herzogin entlaſſen werde. In dem jungen Ritter regten ſich lebhaftere Gedanken; der frühere Be⸗ fehl des Herzogs, deſſen mißglückte Ausführung den gnädigen — 136— Herr nicht beſtimmt hatte, das gegebene Wort zum Ritter⸗ ſchlage zurückzunehmen, ferner die jugendliche, kecke und übermüthige Luſt an Abenteuern und der hrgeizige Drang, jetzt, im Geräuſche und Rauſche des Burglebens, der Her⸗ zoglichen Neigung vielleicht einen glücklicheren Dienſt zu leiſten, als zu Harſte, und ihm den Dank für den ſolennen Ritterſchlag durch die nachträgliche That zu vergelten— alles das reichte hin, um dem j jungen, übermüthigen, in der Auszeichnung des Tages ſich überſchätzenden Sohne eines berüchtigten Raubritters den Kamm zu ſchwellen und zu einem kecken Abenteuer anzuſtacheln. Er befahl zweien ſeiner beſten Knappen, ſich auf die Lauer zu legen und nach dem Mädchen zu ſpähen. Es war eine Viertelſtunde vor Neun;— der Herzog befand ſich mit ſeinen älteren Rittern noch im Speiſeſaale ziemlich berauſcht; die jüngeren Ritter hatten den Tanz mit den Damen in einem anderen Saale begonnen und die luſtige Muſik drang bis in Margarethes ſtillere Ge⸗ mächer; dieſe hatte ſich wegen Ermattung bei den Damen entſchuldigen und dieſelben bitten laſſen, auch ohne ihre Anweſenheit das Feſt bis zu Ende zu begehen.—„Laßt ſie beten für unſere Sünde“;— hatte ein weltluſtiges Fräulein ihrem heißen Ritter zugeflüſtert.— Im ſtillen Gemache Margarethe's wurde nun zwar nicht gebetet, aber die Herzen waren nicht weniger mit hohen und himmliſchen Gefühlen erfüllt. Gertrude war von Henricus in der Herzogin Zimmer geführt;— als Braut weiß gekleidet, in's ſchöne Haar einen grünen Myrten⸗ zweig geflochten, auf der weißen Bruſt ein goldnes Kreuz, — 137 ein Andenken von Hanna's Hand, trat ſie, verſchämt, ſeli⸗ ger Vorahnungen voll, alg ein Bild höchſter Schönheit vor die edle Beſchützerin ihrer Liebe und Tugend.—„Gehe mit Gott!“— ſprach Margarethe—„ich werde Dich nie⸗ mals verlaſſen!“— „O, meine hohe, edle Gönnerin!“— rief Gertrude und warf ſich auf die Kniee nieder—„wie ſchmerzlich iſt es mir, Euch zu verlaſſen! Wie klopft mein Herz ſo beklommen, daß ich nicht mehr weiß, ob es Glück oder Furcht iſt!“— Thränen brachen hervor und ſie barg ihr erregtes Geſicht in der Herzogin Kleid. Dieſe ſuchte ſtark zu erſcheinen.—„Du eilſt in die Arme eines geliebten Mannes“— ſprach ſie—„das höchſte Glück iſt dem Schmerze verwandt;— ſei denn Manne Alles, leg' Dich mild und ſanft an ſein ſtärkeres Herz;— ich will Dich künftig in Deinem Hauſe aufſuchen und mich an Deinem Glücke erfreuen;— geh' mit Gott!“ — Margarethens Augen wurden feucht; ſie ſchwieg ſchnell und wendete ſich ab, um die Augen zu trocknen; dann nahm ſie aus Hanna's Hand einen koſtbaren Schleier, be⸗ feſtigte ihn auf Gertrudens Haupte mit goldenen Nadeln und ſprach:—„das ſei der Schmuck Deiner Keuſchheit!“ Sie küßte des Mädchens Stirn und indem ſie Henricus einen Wink gab, ſagte ſie zu der Knieenden, welche ihr Gewand küßte:—„ſtehe auf. Gott mit Dir und uns!“— Jeetzt trat aus der Ecke des Gemaches eine hohe, ſtolze Dame hervor; es war die Frau Irmengard von Olders⸗ hauſen.—„Du biſt meines Dienſtes ledig“ ſprach ſie, indem ſie Gertruden ein duftiges, köſtliches Spitzentuch — 138— reichte;—„dieſes Tuch hat dem Manne Deines Herzens den Weg zu Dir gebahnt, bewahre es zum Angedenken an dieſen Tag.“ Gertrude trennte ſich nur mit Selbſtüberwindung von der Herzogin; Schmerz und Freude machten ſie zögern, Henricus faßte ſie bei der Hand und ſchien ebenfalls zu zögern.—„Herzogliche Gnaden“ begann er—„es ſind viele erhitzte Köpfe in der Burg— die Wege ſind finſter und unſicher, mein Arm ſchwach,— weinberauſchte Augen achten auf das geiſtliche Gewand nicht;— gefällt es Euch, uns eine zuverläſſige Begleitung mitzugeben?“ Die Herzogin ſtutzte; daran hatte ſie in ihrer höhe⸗ ren Gefühlswelt nicht gedacht; ſie ſah den Mönch, Hanna, die Frau von Oldershauſen an; plötzlich ſprach ſie zu Gertruden:—„Ich will mit Dir gehen— nicht wie ein gefallenes Mädchen über Nacht eines Mannes Weib wird und in deſſen Haus einſchleicht, nein, ausgezeichneter als alle Frauen Göttingens ſollſt Du Deinen heiligſten Bund ſchließen— ich will Deiner Ehre Zeugin ſein.“ Gertrude war ſo mächtig überraſcht, daß ihr die Stimme verſagte; mit ausgebreiteten Armen, glühenden Wangen, ſchluchzen⸗ dem, hochwogenden Buſen ließ ſie ſich langſam auf die Kniee nieder, wie vor der Erſcheinung der himmliſchen Kö⸗ nigin;— dann ſprang ſie auf, wollte die Herzogin be⸗ rühren, erſchrak aber vor der Hoheit, womit jene ſie an⸗ lächelte und fiel dem Henricus weinend in die Arme, in⸗ dem ſie rief:—„O, mein Gott! das Uebermaaß meines Glückes macht mich erzittern!“ — 139— „Wer wird uns begleiten?“ fragte Irmengard—„wir können nicht ohne ritterlichen Schutz gehen.“ Margarethe ſah gedankenvoll auf Hanna,—„Ritter Eckhard von Rönfurt iſt ein ſtarker, zuverläſſiger Mann und Euves Dienſtes pflichtig“— ſagte dieſe. „Rufet ihn“— befahl Margarethe ſchnell;—„er wird im Speiſeſaale ſein.“— Hanna ging, um einen Pagen fortzuſenden. Schon nach wenigen Minuten trat Ritter Eckhard ein.—„Ich mache von Euren guten Dienſten Gebrauch“— redete Margarethe ihn an;— „ich will dieſer Jungfrau Trauung beiwohnen, ohne Auf⸗ ſehen im Hauſe; begleitet uns als ritterlicher Beſchützer, wie Ihr es mir ſchon in Caſſel und Münden geweſen ſeid, nach Sanct Pauli.“ Freudig ſtellte ſich der Ritter zum Dienſte, blickte neugierig Gertrude an, rückte Schwert und Dolch am Gürtel feſt und erwartete mit leuchtendem Blicke ſeiner Ge⸗ bieterin Wink.— Hanna holte mehre große ſchwarze Mäntel hervor. Die Herzogin ließ ſich in einem derſel⸗ ben einhüllen, Hanna und Irmengard thaten desgleichen, Gertrude wurde von Henricus in gleicher Weiſe verhüllt. Die drei Frauengeſtalten waren in ihrer gleichartigen, auch den Kopf bedeckenden Verhüllung kaum an verſchiedener Größe zu unterſcheiden; Eckhard reichte der Herzogin die Hand und auf einem Umwege durch ſtillere Gallerien traten ſie den Gang aus der Burg an. Da um dieſe Zeit mehre Edeldamen, von ihren Rittern begleitet, ihren Heimweg in die Quartiere nahmen, ſo kamen ſie ohne weitere Störung durch die inneren und äußeren Schloßräume und das letzte Thor in die Stadt; — 140— es war übrigens den Dienſtleuten des Hoflagers nichts Ungewöhnliches, die Herzogin in Begleitung ihrer Damen oder auch allein mit dem Mönche Abends in eine Kirche zur Meſſe gehen zu ſehen.— Die Gaſſen waren finſter, in der Umgebung des Bollrutz faſt unheimlich ſtill. Der Weg nach Sanct Pauli, dem dicht am Walkenrieder Hofe gelegenen Dominikanerkloſter, war ziemlich weit, er führte vom Bollrutz über den wüſten Bauplatz der im Entſtehen begriffenen Jakobikirche, die Buck⸗ und Mühlenpfortengaſſe; die ſchnell Schreitenden hatten nicht bemerkt, daß drei dunkle Geſtalten aus der Burg ihnen nachgegangen waren; auch ſie hatten ſich verhüllt und ſuchten bei geeigneter Ge⸗ legenheit die Perſonen zu unterſcheiden; ſie waren ihnen, durch die Stein⸗ und Schutthaufen und Bauwerkshütten des Jakobikirchplatzes begünſtigt, voraufgeeilt, hinter eine Bretterwand getreten und warteten das Näherkommen der fünf Perſonen ab. „Haſt Du ſie denn aus der Herzogin Gemächern kommen ſehen“, flüſterte eine Stimme, wie in leichtem Rauſche etwas zungenſchwer.—„Verlaßt Euch darauf— der Mönch der Herzogin iſt dabei,— ich laſſe mich darauf todtſchlagen, Herr, wenn die große, ſchlanke Dame nicht die Oldershauſen iſt. Das Mädchen, welches ich noch genau kenne von dem nebligen Tage vor vier Wochen her, wird heimlich fortgebracht in der Oldershauſen Quartier; ſeht, da kommen ſie um die Mauer,— das iſt ſie, die der Mann führt— merkt Ihr nichts?— Wahrhaftig, wenn mich die Dunkelheit nicht täuſcht— ſieh', ſeine ſchwarze Geſtalt vor der weißen Kalkmauer— das iſt der Burſche, 141— der junge Bürger;— Poſſen, das iſt die Oldershauſen nicht, das ſind Mägde der Burg, oder Bürgerweiber, das i*ſt eine heimliche Entführung aus der Burg; das Mädchen entweicht mit einem Liebſten— der Pfaff' begünſtigt ſie; — jetzt nur dreiſt— kommt, ehe ſie vom ſtillen Bau⸗ platze gehen;— mit dem feigen Bürgerburſchen wird es nicht viel Arbeit geben,— aufgepaßt: ich ergreife das Mädchen, Du Hans ſchlägſt den Burſchen nieder, Du, Kunz, ſtopfſt ihr den Mund zu— dann ſchnell auf die Pferde vor das Nicolai⸗Thor, daß die Ritter allein nach dem Herzog paſſiren dürfen;— kommt!“ Die ſtillen Wanderer hatten eben den weſtſüdlichen Theil des Kirchenbaues am Thurmende erreicht, als die Herzogin aufſchrie, indem ſie ſich hinterwärts von zwei Händen gepackt und fortgeriſſen, auch eine andere Hand am Geſichte fühlte; in demſelben Augenblicke aber fuhr das blanke Schwert des Ritters, noch ehe eine hinter ihm ſtehende Geſtalt den verfehlten Schlag auf ihn wiederholen konnte, über die Angreifenden; in der Angſt hatte Henri⸗ cus Gertrude und die Herzogin mit den Armen umſpannt und die Frau von Oldershauſen in Schreck ausgerufen: —„Hülfe, Hülfe, die Herzogin!“ Die fremden Hände, welche die Herzogin gefaßt hatten, waren ſchnell zurückgewichen, zu gleicher Zeit aber auch verhallende, ſtöhnende Laute hörbar geworden; als die Herzogin ſich umſah, bemerte ſie nur, daß zwei Schatten einen Dritten fortriſſen und in der Dunkelheit verſchwan⸗ den.—„Eckhard!“ fragte ſie beſorgt—„es iſt unſer Weg doch nicht mit Blut benetzt?“ Der Ritter, welcher ſchnell ſein Schwert in die Scheide geſteckt hatte, faßte der Herzogin zitternde Hand und ſprach beruhigend:—„Erholt Euch, edle Frau, fürchtet nicht, es waren Berauſchte, die das heutige Feſt in den Gaſſen zurückgelaſſen hat; ſie erſchracken bei dem Namen der Her⸗ zogin und entflohen; ſtützt Euch auf meinen Arm, ſeht, dort haben die Leute noch Licht in den Häuſern, beruhigt Euch!“— So tröſtete er auch die Frau von Olders⸗ hauſen und Hanna von Kehl; nur Gertrude bedurfte noch der beſonderen Zuſprache des Henricus, da ſie ſich über den Unfall der Herzogin nicht ſogleich beruhigen konnte, und ſich vorwarf, Veranlaſſung zu dem unſicheren Wege der hohen Gönnerin geweſen zu ſein und durch ihr ver⸗ hängnißvolles Schickſal den Frieden der edlen Frau ſo vielfach geſtört zu haben. Die Herzogin tröſtete ſie ſelbſt darüber, da ſie ſich vom Schreck bald erholt hatte und ihr frommes Gemüth ſich vertrauensvoll auf den Himmel ver⸗ ließ, indem ſie fühlte, daß ſie auf gutem Wege wandelte. Um aber einem ähnlichen Begegniſſe vorzubeugen, befahl ſie dem Mönche, einen Wagen vom Walkenrieder Hofe, der unmittelbar an das Kloſter ſtieß, für den Rückweg nach dem Schloſſe kommen zu laſſen. Sie langten ohne weitere Störung am Pauliner Kloſter an; eben ſchlug es oben im Thurme mit langſamen, feier⸗ lichen Tönen neun Uhr, der Pförtner hatte ſie ſchon er⸗ wartet; der Kloſterhof, Gänge und Säle waren feſtlich er⸗ leuchtet, die Fenſter der Kirche verriethen, daß auch hier die Kerzen für die heilige Handlung brannten. Prior und Kloſterbrüder empfingen die Herzogin, welche ſchon früher 4 — 143— dieſes Kloſter beſucht und manche Meſſe hatte leſen laſſen, auch den Altar mit reichlichen Opfern der Frömmigkeit be⸗ ſchenkt hatte, mit einer ſo großen Ehrerbietung und Liebe, daß Margarethe ſich in ihrem Gemüthe wohl und heimiſch fühlte und ſprach:—„Ich komme nicht als Herzogin zu Euch, lieben Väter; wir wollen gemeinſchaftlich die Mutter Gottes preiſen, daß ſie zwei Menſchenherzen glücklich ge⸗ macht hat, deren Bund für dieſe und jene Welt hier das Sacrament beſtätigen möge. Wo iſt der Bräutigam?“ „Er wartet bereits im Refectorium“— antwortete der Prior und wollte einen Mönch abſenden, die Ankunft der hohen Frau zu melden; dieſe aber ſchritt dem be⸗ zeichneten Saale zu, wo Helmold mit Werner Roden, deſſen Gattin und Tile Freitag ſich befanden. Helmold hatte kaum die Herzogin erblickt, als er auf ſie zueilte, ſich vor ihr auf die Kniee niederließ und ſein Gefühl des Dankes und des Glückes in heißen Worten ausſtrömen ließ, während Gertrude ſchüchtern zurücktrat, die Anweſenden mit furcht⸗ ſamen Augen überflog und die Mutter ſuchte. Die Her⸗ zogin ſchien Wohlgefallen an dem jungen Manne zu finden, deſſen dankbarer, leuchtender Blick ſelig von ihr ab nach der Braut ſchweifte; ſie nahm Gertrude an die Hand, legte dieſe in die des Bürgers, und indem das ſtille, glückliche Mädchen neben dem Geliebten ſich niederließ und Beide, im Begegnen ihrer Blicke und Seelen, die vor ihnen ſtehende Herzogin zu vergeſſen ſchienen, ſprach dieſe nach einer ſtummen Pauſe eigener Rührung, die in ihre Stimmung überfloß:—„Helmold! Ich anvertraue Euch ein köſtliches Gut, das reine, unbefleckte, liebgefüllte Gefäß eines Jung⸗ 144— frauenherzens; behütet es als Eures Lebens heiligſten Schatz, denn er iſt nicht von dieſer Welt allein und Ihr ſeid Gott Rechenſchaft ſchuldig, ob ihr das Himmliſche im Herzen des Weibes auch in des Erdenlebens trüber Welt heilig gehalten habt. Des Weibes reine Liebe iſt des Mannes Friedensengel, des Mannes Treue, edle Geſinnung und Kraft fordert des Weibes Liebe zum Glücke.“— „O, hohe, herrliche, gnadenreiche Frau!“— rief Hel⸗ mold, den Arm kühn um die verſchämte Braut ſchlingend— „bei Gottes Allgegenwart und meiner Seele ewigem Heil gelobe ich Euch, daß, gleichwie ich die heilige Gnadenmutter des Himmels, als aller Welt Königin, und Euch, die hohe Fürſtin, als unſeres Landes ſegnenden Engel anbete, ich auch Euer köſtliches Geſchenk, dieſes Mädchen als meines Hauſes und Herzens Königin und Friedensbote lieben und achten werde!“— Gertrude ergriff, in dem ſüßen Sch auer dieſer Laute, muthig der Herzogin Hand mit beiden Händen, bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen und konnte kein Wort hervorbringen, das ihrem ſeligen Gefühle genügt hätte.— „Ich ſegne Euch mit weltlicher Hand“— ſagte die Herzogin—„die Hand des geweihten Prieſters wird Euch in Gottes Geiſte vereinigen. Stehet auf!— Wo iſt Deine Mutter, Dein Vater, Gertrude?“— Margarethe blickte in den Kreis der ehrerbietig in einiger Entfernung ſtehenden Perſonen. Gertrude, welche ſchon im Eintreten die Mutter geſucht hatte, blickte Helmold betroffen an.—„Gnädige Herzogin“ — antwortete dieſer—„die Mutter verlangte nach Hauſe, um ſich für dieſe feſtliche Stunde vorzubereiten und den 15 Mann zu holen.— Ich habe, ehe ich meine Wohnung ver⸗ ließ, meinen Freund Gieſeler hinausgeſchickt, der ſie hierher führen wird; ich erwarte ſie in jedem nächſten Augenblick.— Wollt Ihr genehmigen, Euch unterdeſſen meine Freunde, den Rathsmann Werner Roden und den Gildemeiſter Tile Freitag bekannt zu machen?“— Noch ehe Helmold dieſe Frage beendet hatte, war die Herzogin bereits zu der ſich vor ihr neigenden Frau Brigitte getreten, in welcher ſie die ſchöne Ueberreicherin des Feſtgeſchenkes der Göttin⸗ gerinnen ſofort erkannt hatte, und auf deren Buſen ſie mit Wohlgefallen die Schmucknadel bemerkte, die ſie ihr heute gegeben.—„Frau Brigitte“— redete ſie die junge Frau an—„es iſt mir lieb, Euch zu treffen; was wir heute Abend hier in ſtillerer Feier begehen, iſt dem weiblichen Herzen verwandter und wohlthuender, als das geräuſchvolle Vergnügen ſtreitluſtiger Ritter; ſeht hier die Braut; ſeid Zeugin ihrer Ehre und Sitte, führet die junge Frau des Brauers bei den beſſeren Weibern der Stadt ein, machet ſie das Leiden und die Entbehrung des ſchönen Brautſtandes vergeſſen und ſchützet ſie vor übler Deutung.“— Frau Brigitte umarmte und küßte Gertrude, während der Raths⸗ herr zu der Herzogin trat und ſprach:„Was Euch, hohe, edle Fürſtin, theuer und wünſchenswerth iſt, iſt es auch der ganzen Stadt und allen ehrenhaften Leuten; ich verſpreche Euch, des Brauers Helmold Gattin unter den Schutz des Rathes zu nehmen und ſie als ein Geſchenk zu achten, welches Ihr, herzogliche Gnaden, der Bürgerſchaft als ein Zeichen Eures edlen Sinnes gemacht habt.“— In dieſem Augenblicke ertönte aus der Ferne der helle, Maltitz, Herzog. II. 10 — 146— haſtige Meldeton der Glocke an der Kloſterpforte. Gleich darauf erſchien ein junger, muthig und friſch ausſehender Bürger und führte Frau Blote an der Hand in das Re⸗ fectorium. Beide ſtutzten und zögerten, als ſie die un⸗ bekannten Damen und den fremden Ritter erblickten; Gertrude aber eilte auf die verlegene, ſchüchterne Mutter zu, die im Anblicke und in der Umarmung der Tochter ihre Furcht zeitweiſe vergaß und das freundliche Geſicht des Henricus neben ſich erkannte, während Helmold, nach vergeblichem, erwartenden Blicke auf die Thür, ſchnell zu dem Freunde Gieſeler trat und fragte:„Wo iſt der Müller? Haſt Du ihn nicht mitgebracht?“ „Er iſt nicht zu finden“— flüſterte dieſer haſtig;— „ich fand die Frau mit einem ihr mitgegebenen Knechte an der Mühle, die von Innen verriegelt war; vergebens ſuchten wir mit dem Beile des Knechtes das Thor zu er⸗ brechen. Es hat mir große Ueberredung gekoſtet, ſie mit ierher zu führen; ſie hatte eine ſeltſame Furcht und Un⸗ ruhe vor ihrem Manne, der ſicherlich in der Stadt ſeinen Nauſch verſchläft.“— Als Helmold's unbefriedigter Blick ſich nach Gertruden und der Mutter umſah, hatte Henricus ſie eben Beide vor die Herzogin geführt. Die liebreiche 1 Anrede derſelben gab der Frau Muth und Wort.—„Ihr ſeid Gertrude's Mutter?“ fragte Margarethe ſo freundlich und herzlich, daß man die Herzogin vergaß;—„Wo iſt Euer Mann? Will er ſeines Kindes ſchönſtes Glück nicht gutheißen?“— Die Frau berichtete mit wenigen, ſchonenden Worten, was Helmold bereits vom Freunde erfahren hatte; der engelsgleiche Eindruck Margarethe’'s 147— übte aber eine ſo überwältigende Macht auf das Gemüth der Frau aus, daß dieſe ſich in betender Geberde vor der, Herzogin niederwarf und in einer überfluthenden Empfin⸗ dung von Schmerz, Glück, Rathloſigkeit, Andacht und Vertrauen mit flehender Stimme anhub:—„O, himm⸗ liſcher Bote Gottes! Dir übergebe ich mein einziges Kind!“ Sie wollte noch weiter reden, aber die Stimme verſagte ihr im hervorbrechenden Thränenſtrome, ſo daß ſie ihren Gefühlen nur dadurch Ausdruck geben konnte, daß ſie den Saum des Kleides der Herzogin heftig küßte. Ger⸗ trude und Helmold richteten ſie auf, ſie ſah Beide ſelig an und ſank auf Gertrude's Schulter, um hier das Geſicht zu bergen. Margarethe redete vertraulich mit Henricus und ihren Damen; nach einem betroffen zurückweichenden Blicke auf den Ritter, der in einiger Entfernung, in das Anſchauen der Herzogin verſunken, daſtand und träumeriſch ſie an⸗ lächelte, ſprach ſie plötzlich mit fürſtlicher Hoheit, als wollte ſie ſich und den Ritter ermannen:—„So geſchehe es denn in Gottes Namen; folgt mir!“— Der Prior öffnete die Thür des Refectoriums; draußen ſtanden die Kloſterbrüder mit brennenden Wachskerzen, heiligen Bannern und Prozeſ⸗ ſionszeichen; ſie ſetzten ſich in Bewegung; N Margarethe, von Henricus und dem Prior begleitet und von ihren beiden Damen gefolgt, trat in den Zug; Helmold, Gertrude an der Hand, die Mutter von dem Rathsherrn und Tile Freitag, Brigitte von Gieſeler geführt, ſchloſſen ſich an; Ritter Eckhard ſchritt ſtill und gedankenvoll, wie ein Ein⸗ „ſamer hinterher; unter Anſtimmung eines heiligen Geſanges, 10 4 — 14s8 der mit gedämpften Stimmen ſanft und erhebend die ſtillen Kloſtergänge durchtönte, bewegte ſich der Zug nach der erleuchteten Kirche, deren Altäre feſtlich geſchmückt und deren hohe, feierliche Räume von leichtem bläulichen Weih⸗ rauchduft erfüllt waren.— Die Herzogin knieete vor dem Altare der heiligen Maria zum ſtillen Gebete und gab damit für ihre Begleitung das Beiſpiel, es ihr gleich zu thun. Weiche, präludirende Orgeltöne ſangen wie Engelſtimmen ihre heitere Melodie ein die Stille der andächtigen Beter.— Es wurde dann auf der Herzogin Wunſch eine feierliche Meſſe gehalten, das Sacrament zur Vergebung der Sünden empfangen und von Henricus das Bündniß der Herzen eingeſegnet und durch die Weihe der Kirche unauflöslich befeſtigt. In heiliger Empfindung legte Helmold ſein junges Weib an ſeine Bruſt und ſah ihr glücklich in die braunen, zu ihm aufleuch⸗ tenden und in lieblicher Beſchämung vor ſeinem Alles ver⸗ heißenden Blicke ſich ſenkenden Augen. Dann aber eilten ſie zur Herzogin, ließen ſich vor ihr nieder und küßten deren Hände. —„Gott und die Heiligen ſchützen Euch“— ſprach dieſe —„ich weiß Dich geborgen, Gertrude,— lebe glücklich!“— Schnell wendete ſie ſich ab, um nach einem nahen Heiligenbilde zu gehen und ein letztes Gebet zu verrichten; Keiner außer dem Ritter Eckhard bemerkte, wie der jugendlichen Herzogin Augen Thränen zu verbergen ſuchten; er ſtand, ohne daß ſie es bemerkte, neben ihr und ſeine Heilige, zu welcher er andächtig betete, war Margarethe. Als dieſe ſich erhob und des Ritters ſanftem, träumeriſchen Blicke begegnete, ſah ſie ihn eine Weile mit bittendem Ernſte an und ſchritt 19— dann raſch, die anweſenden Bürger und Mönche zum Ab⸗ ſchiede begrüßend, gegen den Ausgang der Kirche. Der Wagen vom Walkenriederhofe, den die Herzogin früher befohlen hatte, harrte am inneren Kloſterthore; dieſen Wagen, deſſen ſich der Abt bediente, wenn er nach Göttingen kam, hatte ſie ſchon früher einmal benutzt, als ſie im Pauliner Kloſter einer Meſſe, während des Zuges des Herzogs gegen den Hildesheiner Biſchof, beigewohnt und ein Regenwetter ſie verhindert hatte, den beſcheidenen Weg zu Fuße, wie ſie gekommen war, wieder zurück zu legen. Der Rathsherr hatte gewünſcht, daß auch die Neu⸗ vermählten heimfahren und den vom Bollrutz heimkehrenden Wagen abwarten möchten. Man ging deshalb in das Refectorium zurück, wo die Freunde dem jungen Paare ihre Glückwünſche darbrachten, Gertrude bald an des Gatten, bald an der Mutter Bruſt weinte und lächelte und herz⸗ liche Gefühle des Dankes und der Bewunderung die Heim⸗ kehr der Herzogin begleiteten. Der Wagen kehrte nach kurzer Zeit zurück, die Neu⸗ vermählten und ihre Begleiter ſtiegen ein und bald hielten ſie auf der Gotmargaſſe vor Helmold's Hauſe. Die Knechte und Mägde empfingen ihren Herrn und die neue Herrin mit feſtlichem Spruche, Helmold führte ſeine Gattin in die erleuchteten Gemächer des oberen Stockwerkes, zeigte ihr das neue Beſitzthum, umarmte ſie und rief überglücklich:—„Hier, geliebtes Weib, waltete einſt eine fromme, gute Frau, meine Mutter;— ſei Du ihre Erbin, in Allem, was ſie hier mit Fleiß und Freude ſammelte, ſei die Erbin ihrer 1 — 150— vielen und glücklichen Stunden, welche ſie hier verlebte. Sie brachte Segen in dies Haus, Du bringſt Frieden in mein Leben.— Komm, hier ſiehſt Du die Bilder meiner Eltern— ſie lächeln Dir Willkommen zu— ol Gertrude, laß uns vor ihrem Andenken beten und uns Liebe und Treue geloben bis in alle Ewigkeit!“— Und als Beide in ſüßer Seelenverſchmelzung, Auge in Auge, Arm in Arm, die Freunde vergaßen, welche ent⸗ fernt des jungen Paares harrten, bemerkten die Glücklichen nicht, daß der rieſige, erſte Brauerknecht in die Thür ge⸗ ſpäht und nach den Anweſenden mit unſtäten Blicken ge⸗ ſucht hatte; endlich winkte er dem Gildemeiſter heimlich zu und flüſterte dem Nähergekommenen in's Ohr:—„Wollt Ihr nicht einmal hinuntergehen, Herr Freitag— da iſt der Mühlknappe unten von der Maſch; er ſucht die Meiſterin, i*ſt heiß im Geſichte und geberdet ſich wie Einer, der auf der Flucht iſt.“— Freitag folgte ſchnell und hörte mit Unruhe den ihn begleitenden Knecht beim Hinabſteigen ferner ſagen:„Er jammert nach der Meiſterin, möchte laut aus⸗ rufen, was er will und thut doch geheimnißvoll, als ob er's Keinem ſagen dürfte.— Es ſchleicht heute Abend ver⸗ dächtiges Volk um das Haus; ich dachte anfangs, daß es die Gäſte der geſchloſſenen Schenkſtube wären, aber ich habe Einen gepackt und ein wildes, fremdes Geſicht und einen Harniſch unter dem bürgerlichem Rocke bemerkt, ehe er mir wieder entwiſchte; auch der Kutſcher vom Wagen, worin Ihr gekommen ſeid, iſt, derweilen er hier vor dem Hauſe hielt und einen Trunk Feſtbier annahm, von einem Kerl angeredet, der ihn gefragt hat, ob eben das Bräut⸗ — 151.— lein vom Schloſſe eingeholt wäre? Der Wagen ſei ja eben vom Bollrutz heruntergekommen.“— Lauter curioſe Reden; ich habe den Knechten befohlen, die Beile in den Schurzriemen zu ſtecken und nicht zu viel zu trinken. Es iſt viel Geſindel in die Stadt gekommen und die Knappen der Raubritter möchten in der Stadt das gewohnte Hand⸗ werk probiren.“— Tile Freitag erblickte auf dem Hausflur einen jungen Menſchen, der mit ängſtlich ſcheuer Miene und unruhiger Geberde umherſpähete. Auf Freitag's Anrede zögerte er mit der Antwort und fragte nur noch ängſtlicher, ob ſeine Meiſterin, die Frau Blote, nicht hier ſei, ſie müſſe ſogleich mit ihm nach Hauſe gehen.—„Iſt der Müller daheim“ — fragte Tile;—„ſo bringt ihn ſofort hierher, wir er⸗ warten ihn.“— Der Müllerburſche antwortete mit kläg⸗ licher Stimme:„Ja, er iſt daheim, er wird nicht hierher kommen, o, mein Gott, wo iſt die arme Meiſterin!“— Der von Ungeduld und übler Ahnung verdrießlich gewor⸗ dene Freitag zog mit kräftiger Hand den Burſchen in die Stube an der Diele, wo noch von früher die Lampe brannte, und ſagte:—„Sage mir, was es mit dem Müller iſt, die Frau ſoll Deine üble Botſchaft jetzt nicht erhalten, ich will's wiſſen!“ Der Burſche ſah ſich um, ob auch der Brau⸗ knecht nicht hinter ihm ſtehe, und rief mit plötzlicher Heftigkeit:„Ach! Herr, es iſt ein ſchreckliches Unglück geſchehen, der Meiſter, der böſe Meiſter iſt vom Teufel geholt!“ Freitag fuhr zurück;— ſchnell faßte er ſich und ſhrac. „Sprich, Du biſt nicht recht bei Sinnen!“ — 152 —„Doch— hört— ach meine arme Meiſterin! Hört; der Meiſter kam in der Dämmerung nach Hauſe, er ſchien viel getrunken zu haben; er trieb mich fort nach der Stadt, um Feiertag zu machen; ich mußte das Waſſer abſtellen und ihn allein laſſen. Als ich vor einer halben Stunde wieder vor die Mühle kam, war ſie zugeſchloſſen, der Riegel von inwendig vor die Thür geſchoben; ich klopfte, aber es blieb Alles ruhig; ich dachte, der Meiſter ſchliefe ſeinen Rauſch aus, und ſtieg in das Waſſerrad hinauf nach einer kleinen Luke, die in's Mühlwerk führt; um den Meiſter nicht zu ſtören, ſchlich ich in meine Bodenkammer, aber es wurde mir hier ganz unheimlich, ich hörte in der dunklen Mühle flattern und fliegen, das Waſſer hatte einen ſo ſeltſamen Schlag an der Mauer, daß ich hinunterging in die Küche, die Lampe anſteckte und zuſehen wollte, ob der Meiſter und die Meiſterin ſchliefen. Eine ſchwarze Fledermaus flog mir dicht an dem Geſichte weg; die Stube und Kammer waren leer; ich ſtieg durch das Mühlwerk auf den Boden— gerechter Gott! am Balken, neben meiner Schlafſtelle— da hing der Meiſter am Stirick, mit ſchrecklichen, blutigen Augen— hul! er hängt noch da— ich bin fortgelaufen— ach, wo iſt die Meiſterin?“ Tile Freitag hatte dieſe Mittheilung mit ſcheinbarer Ruhe und finſterer Miene vernommen; er ſchwieg noch eine Weile, als der Burſche geendigt hatte und ihn er⸗ wartungsvoll anſtarrte. Jetzt faßte er ſich, richtete den brütenden Blick auf und ſprach:—„halte das Unglück geheim— gehe zurück, bewahre die Mühle bis Morgen, die Meiſterin ſoll es nicht eher erfahren.“— A 153 „Ich fürchte mich, allein in der Mühle zu ſein— der Teufel iſt darin— ich bleibe lieber im freien Felde dieſe Nacht.“— Freitag ſann düſter nach. Er öffnete die Thür und rief den Knecht, welcher die Hausdiele bewachte.— Rufet ſchnell, aber in's Geheim den Rathsmann herunter“— ſagte er ihm.— Nach wenigen Minuten trat dieſer in die Stube. „Was beſchäftigt Euch, Tile?“— fragte Roden;— „wir vermiſſen Euch bereits, das Nachtmahl ſoll be⸗ ginnen.“ Freitag theilte ihm die Begebenheit mit und ſetzte hinzu:—„Wir dürfen Helmold und ſeinem Weibe die glück⸗ lichſte Stunde nicht vergällen, und der armen Mutter, deren Augen noch nicht trocken geworden ſind, das Herz zerſchneiden, wo ſie eben einen ſeligen Pulsſchlag em⸗ pfindet;— es iſt früh genug, wenn ſie morgen trauern, ſie haben doch einen frohen Abend gehabt.“— Werner Roden ſtimmte ihm bei.„Ich will einen ver⸗ ſchwiegenen Mann von der Rathsnachtwache mit dem Burſchen nach der Mühle ſenden;— es ſoll der Müller abgenommen, und das Haus bewacht werden;— es iſt ein entſetzliches Jawort, das der Vater ſeiner Tochter zur Hochzeit giebt;— wie erzwingen wir uns die fröhliche Miene, wenn wir die Freude in dem Geſichte der Glücklichen ſehen.“ Der Mühlknappe verſtand dieſe Rede nicht und war von ſeinem Erlebniſſe zu erfüllt, um einen anderen Ge⸗ danken, als den der Rückkehr nach der unheimlichen Mühle zu hegen. Der Vorſchlag des Rathsmannes ſchien ſeine Angſt etwas zu erleichtern.— Roden ſchickte ihn mit einem flüchtig niedergeſchriebenen Briefe an den Stadtſchreiber — 154— Helmicus, dem er die Mühle als Rathseigenthum empfahl und auftrug, unter Verſchwiegenheit einen Rathsnacht⸗ wächter ſofort mit dem Mühlknappen dorthin zu ſenden. Als der Burſche fortgeeilt war, blickten ſich beide Männer fragend an.—„Kommt hinauf“— begann Tile Freitag, mit der Hand über das düſtere Geſicht fahrend— „der Menſch hat der glücklichen Stunden viel zu wenig, um ihm nicht das Unglück zu bergen, das hinter ihm lauert; wir wollen unſere ſchlimme Stimmung in uns ver⸗ ſchließen und als Helfer hinzutreten, wenn es Zeit iſt“.— Als die Herzogin auf dem Bollrutz wieder eingetroffen war, erſcholl noch die Muſik aus dem Tanzſaale; der Herzog Otto war in einem fröhlichen Rauſche ebenfalls mit ſeinen älteren Rittern und Trinkkumpanen dahin auf⸗ gebrochen und hatte ſehr bald die Gemahlin vermißt. Die Hofdame Olga, welche er in der erſten Heftigkeit ſeines Temperamentes in die Gemächer der Gemahlin geſandt hatte, um ſie, zur Ehre des Anſtandes und der Gäſte, in den Tanzſaal zu beſcheiden, war mit der ſpöttiſchen Nach⸗ richt wiedergekehrt, daß die Herzogin ſo eben in das Schloß zurückgekommen ſei; ſie müſſe eine fromme Wallfahrt nach irgend einem Kloſter der Stadt, oder einen barmherzigen Weg zu einer Göttinger armen Wöchnerin gemacht haben. Der Spott in der ſchelmiſchen Olga Blicke und Worte brachten den Herzog, der ohnehin in ſeiner Weinlaune gar zu leicht die Galanterie des Ritters vergaß und ſeinem ſtürmiſchen Willen folgte, ſo auf, daß er den Saal ver⸗ — 155— ließ und in der Herzogin Zimmer ſchritt. Das vorwurfs⸗ volle Wort ſtockte auf ſeiner bereits zornig hervorgedrängten, ſtarken Unterlippe, als er die einfach weiß gekleidete Ge⸗ mahlin in erſchöpfter Haltung auf einem Seſſel ſitzen und die Frau von Oldershauſen, Hanna von Kehl, Henrieus und den Ritter Eckhard in ihrer Geſellſchaft ſah. Wie ſein flammender Blick den Ritter bemerkte, machte er eine ſtutzige Bewegung, maß den Ritter mit ſtolzem Ernſte, ging langſam an ihm vorüber und rief ſeiner Gemahlin zu:—„Was bedeutet dieſe Scene? Ihr ſeid nicht in der Burg geweſen!“— „Ja, mein Gemahl“— antwortete Margarethe, ſich erhebend—„ich war im Pauliner⸗Kloſter und wohnte einer Meſſe bei“. „Verfluchte Pfäfferei!“— rief der Herzog mit drohen⸗ dem Blicke auf Henricus—„da laßt Ihr Euch von Pfaffen was ſingen, wo Ihr in den Kreis der munteren Edeldamen, in den Tanz der Ritter gehört! Hat Herzog Otto eine Heilige zur Herzogin gemacht? Zum Beten habt Ihr Zeit genug, wenn die Herzogin ihre Schuldigkeit gethan hat. Ich bin ein Herr auf der ſündigen Erde und mit dem Himmel will ich ſchon fertig werden. Die Pfaffen dünken ſich ſchon größere Herren, als die Ritter, weil Ihr die Herzogin vergeßt und als fromme Magd vor jeder Kaputze das Haupt beugt, worauf eine Krone ſtrahlen und Ehr⸗ furcht gebieten ſoll!“— Margarethe hörte die Rede des im Rauſche polternden und ſchwankenden Gemahles ſtill, ernſt und mit niederge⸗ ſchlagenen Augen an; als ſie hörte, daß Ritter Eckhard näher trat, ſchlug ſie den Blick gegen ihn auf und bemerkte, wie er mit glänzenden, herausfordernden Augen und der unverhohlenen Miene der Verachtung den Herzog anſah, dann den Blick zu ihr lenkte und tiefes Mitleid und warmes Gefühl über ſie in Blick und Miene ausgoß; da erröthete ſie, ſenkte den Blick nieder und wendete ſich ab. „Ei, Ritter“— fuhr der Herzog mit ſpöttiſcher Rede fort, als er den weichen Blick Eckhard's bemerkte—„was für Dienſte ſucht Ihr hier? Sind die Sterner ſo fromme, gottſelige Leute geworden, daß ſie mit den Weibern beten und ſie wol gar in die Meſſe führen, anſtatt unter Män⸗ nern vom Ritterhandwerke zu reden und zu trinken, oder die Erwählte zum Tanze zu führen?“— „Herr!“— verſetzte Eckhard, ſtolz und mit feſtem Auge des Herzogs ſtechenden Blick aufnehmend—„dieſe Kette giebt mir die gerechte Pflicht, der Herzogin zu dienen; ich erwarb ſie im Kampfe für die edelſte Frau der deutſchen Gauen, der Ihr dieſen Preis am letzten ſtreitig machen werdet; was aber Gott und Andacht betrifft, ſo gedenket an die Symbole und Gelübde des Ritterſchlages“. Des Herzogs Miene verfinſterte ſich anfangs und die Augen ſprühten ſtärker, als beleidige ihn des Ritters ſtolze Ruhe; ſchuell ſchien er ſich jedoch anders zu beſinnen, denn er lächelte ſpöttiſch, glättete ſeinen Bartſchweif auf der Bruſt und ſprach:—„Hätte ich Euch nicht als einen braven Ritter kennen gelernt und als Freudenboten will⸗ kommen geheißen, ſo würde ich Euch unter meinen beſten Gäſten nicht vermißt haben; verabſchiedet Euch von meinem Gemahl und folget mir in den Tanzſaal.— He, was hat — 157 der Pfaff da zu maulen und zu glotzen?“ Dieſe letzten, heftig und haſtig betonten Worte richtete der Herzog plötz⸗ lich an Henricus, der bemerkt hatte, wie die abgekehrte Margarethe die Hand auf die Bruſt drückte, um einen Seufzer zu erſticken, und eben zu ihr getreten war, um ſie zu beruhigen. Es mochte weniger die mitleidige Miene des Geiſtlichen ſein, die ihn ärgerte, als vielmehr der heim⸗ liche Groll, welchen er ſeit dem Ereigniſſe in Harſte gegen Henricus und deſſen Einfluß auf die Herzogin fühlte. Der Mönch ſah den übermüthig beherrſchend und drohend auf ihn blickenden Fürſten ſo mild und friedlich mit ſeinen blauen Augen an, daß jener ſich abwendete, dem Ritter winkte und ſagte:—„verabſchiedet Euch— folgt mir!“— Eckhard von Rönfurt näherte ſich ſchnell der Herzogin, verneigte ſich vor ihr und eergriff ihre Hand, um ſie zu küſſen; da fiel eine Thräne ihres Auges auf des Ritters Hand;— er ſog ſie küſſend und begierig auf, ſah bedeutungs⸗ voll, glühend in ihren feuchten, unſicheren Blick und eilte dem Herzoge nach, der bereits die Thür erreicht hatte. Margarethe wendete ſich halb um, verfolgte den Ritter mit ſcheuem Auge und legte ſich dann auf die Bruſt der hinzugetretenen Hanna. Im Tanzſaale herrſchte ein fröhliches Leben; die jün⸗ geren Ritter waren unermündlich, die bevorzugten Frauen und Fräulein zum Tanze zu führen; Galanterie und Her⸗ zensneigung waren muthiger in dem von Wein erweckten Gemüthern geworden; Graf Ziegenhain tanzte eben mit Agnes, der Schweſter des Herzogs, und dieſer forderte jetzt die Hand der Gräfin Hohenſtein, um ſeinen Unmuth . — 158— über das Zurückziehen ſeiner Gemahlin zu verbergen und das Zeichen zu geben, daß die Fröhlichkeit bis tief in die Nacht fortdauern ſolle. Es war bereits Elf geworden; die Stadt ſchlief, die Burg erglänzte weit über ſie hin und in den Nebengebäuden lagen die Knappen berauſcht auf den Bänken, oder würfelten mit ſchwerfälligen Händen und Blicken. Im Tanzſaal der Ritter entſtand eine Un⸗ ruhe; der Ritter Rabe von Hanſtein hatte ſchon ſeit län⸗ ger als zwei Stunden ſeinen Sohn nicht bemerkt, der Her⸗ zog fragte nach ſeinem Lieblinge Hermann, die Frau von Hanſtein, welche in großer Unruhe fortgegangen war, um ihren Sohn ſuchen zu laſſen, kam jetzt in großer Gemüths⸗ bewegung in den Saal zurück, holte ihren Gemahl aus der Geſellſchaft guter Freunde und überraſchte ihn mit dem Schmerzrufe:—„Eile zu unſerem Sohne— heilige Maria! er ſtirbt, er iſt tödtlich verwundet!“— Die wilden Augen des alten Rabe blitzten furchtbar auf;— er folgte der fortreißenden Hand ſeiner Gattin aus dem Saale in einen entlegenen Flügel des Schloſſes. Fluchend und racheſchnau⸗ bend erreichte er das von hanſteiniſchen Knappen behütete Gemach, drang hinein und ſah im Scheine einer Lampe eine Mönchsgeſtalt und zwei Reiſige über ein Lager ge⸗ neigt, auf welchem Hermann ausgeſtreckt lag, bleich, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, das glänzende Feſtkleid von Blut geröthet, die Bruſt entblößt; der Mönch drückte ein in Waſſer ge⸗ tauchtes Tuch auf eine Stelle. Die Mutter warf ſich mit einem gedämpften Schrei des Entſetzens auf den Sohn, Ritter Rabe fuhr mit der kräftigen Hand auf deſſen Ge⸗ ſicht und fühlte nach dem Pulzſchlage der Schläfen.— 3. 159 „Wer hat ihm das gethan!“— rief er wild—„es iſt noch Leben in ihm— wer hat meinem Sohn das gethan? Er ſoll zur Hölle fahren!“— „Die Wunde iſt nicht tödtlich“— ſagte der Mönch— „es iſt nur eine Ohnmacht durch Blutverluſt entſtanden— es iſt zu ſpät Hülfe gekommen.“— „Redet!“— fuhr Rabe die beiden Knappen zornig an—„wie iſt mein Sohn in einen Zweikampf gerathen? Wer hat ihm den Stoß gegeben?“— Die Knappen ſahen ſich verlegen an und zögerten mit der Antwort. Ritter Rabe wollte im Zorn die Knappen angreifen, aber der Mönch hielt ihn an und ſprach:— „Mäßigt Euch, Herr; vor zwei Stunden brachten dieſe hier den jungen Ritter vor die Thür des Barfüßer⸗Kloſters und forderten Einlaß für einen Verwundeten; wir nahmen ihn auf; er war noch auf den Füßen und forderte nur einen Verband, um dann ſein Quartier zu ſuchen. Ein Schwert iſt ihm hier zwiſchen den Rippen eingedrungen, aber hat das Herz nicht berührt; doch wir konnten das Blut einer hinter dem Rippenknochen zerſchnittenen Ader nicht ſo ſchnell ſtillen, und er wurde ohnmächtig. Als er wieder zu ſich kam, verlangte er heimlich in's Schloß ge bracht zu werden; ich weigerte mich, ihn ſo ſchnell zu trans⸗ portiren; er wurde um ſo ungeſtümer, je matter er ſich fühlte. Vor einer halben Stunde brachten wir ihn in einer Sänfte hier ganz geräuſchlos her, aber die Blutung begann von Neuem und er iſt ohnmächtig geworden.“— „Auf der Gaſſe iſt er verwundet?“— rief Rabe; „wie kommt er in die Stadt, mit wem hatte er zu thun? Ein Ueberfall!— Ein Angriff von Bürgerhand? Das ſoll der Herzog rächen! Kerle! ſprecht, oder ich laſſe Euch als die Mörder meines Sohnes aufknüpfen!“— „So vernehmt denn, Herr;— wir haben nur gethan, was der junge Ritter uns geheißen hat“— begann der jüngere der eingeſchüchterten Knappen;—„er wollte ein Mädchen, das heimlich aus der Burg entwiſchte, unter⸗ wegs auffangen— auf dem Jacobiplatze glaubte er es zu erkennen; es waren ihrer fünf Perſonen; er griff zu und plötzlich rief eine Stimme:„„Hülfe, die Herzogin!““ Ehe wir aber entfliehen konnten, hatte der junge Ritter eine Wunde erhalten; wir fingen ihn auf, trugen ihn hinter eine Bauhütte und verſuchten, ihm beizuſtehen, aber er ſprang auf die Füße und forderte, nach dem Barfüßer⸗Kloſter ge⸗ leitet zu werden, da Niemand erfahren ſolle, daß er dabei geweſen ſei.“— Rabe von Hanſtein ſtierte mit unheimlichen Blicken den Sohn an; die Mutter, welche ängſtlich der Mittheilung gehorcht hatte, rang die Hände und jammerte:—„o, barm⸗ herziger Gott, das hat ihm der Herzog aufgetragen— mit einer Schandthat hat mein Sohn ſeine Ritterſporen ein⸗ geweiht!“—. „Schweig!“— herrſchte der Mann ſie an.—„Kein ehrlicher Ritter hat meinen Sohn verwundet, ein Hund aus der Stadt, eine Bürgercanaille hat ihn überfallen auf ritterlichem Abenteuer;— das will ich den Städtern ge⸗ denken.— Die Herzogin war nicht in den Gaſſen, das iſt ein Schelm⸗ und Trugwort des Buben geweſen;— wo — 161— ich einen Göttinger vor den Thoren begegne, mache ich ihn nieder!“— Die Frau von Hanſtein fühlte die Wahrheit des Er⸗ eigniſſes und ſuchte weinend durch Geberden und Flüſtern ihren Gemahl zu beruhigen, als Hermann die Augen öffnete, verwundert ſeine Eltern anblickte und mit den Händen auf das Lager griff, um ſich aufzurichten: der Schmerz machte ihn aber kraftlos. Die Mutter beugte ſich klagend, in Liebe und Vorwurf, über ihn und der Vater trat mit der wilden Frage zu ihm:„kennſt Du den Elenden, der Dich überfiel?“ Hermann wollte ſprechen, aber die Stimme verſagte bei der ſtechenden Bewegung der Bruſt; er gab durch Geberden kund, daß man nicht fragen möge.— „Der Herzog ſoll es wiſſen“— rief Rabe. Hermann ſchüt⸗ telte ſo eifrig mit dem Kopfe, daß er mit einem ſchmerzhaften Stöhnen zuſammenſank und der Mönch beſorgt um Ruhe bat. Indeſſen hatte doch das verſtörte Eintreten der Frau von Hanſtein in den Tanzſaal, die ſchnelle wilde Entfer⸗ nung des Ritters und das längere Ausbleiben deſſelben bei den Gäſten Aufmerkſamkeit erregt; der Herzog ſelbſt rief:—„wo ſind die Hanſteiner?“ Ehe aber der alte Rabe zurückkehrte, war eine neue Kunde in die gute Laune des Herzogs wie ein Blitzſtrahl eingeſchlagen, die alle ſeine Leidenſchaft und ſchnell entzündliche, jähzornige Natur zum hellen Auflodern entflammte. Einer ſeiner Vögte war zum Herzoge gekommen und hatte ihm gemeldet, daß ein Ver⸗ brechen an der Hoheit des Landesherrn und der Ehre ſeiner Amtleute geſchehen ſei, denn eben ſei der Groner Vogt in der Stadt von einem Bürger mit einem Beile niederge⸗ Maltitz, Herzog. II. 11 2* 8 — 1625 ſchlagen und in den Walkenrieder Hof gebracht! Der Herzog, welcher am Leichteſten in Wuth gerieth, wenn er irgend eine Kühnheit der Städter gegen Amtsleute und Ritter erfuhr, hatte eben ſeiner Leidenſchaft erſtem Durch⸗ bruche in dem Ausrufe Luft gemacht:—„Bei meinem„ Barte— das ſollen ſie mir büßen. Für meinen Vogt laſſe ich zehn Bürger morgen das Neſt im höchſten Aſte bauen und zehn Weiber im Sacke Leinewaſſer ſaufen!“— als Rabe von Hanſtein eintrat, die Aufregung des Herzogs und die Beſtürzung der Umſtehenden ſah und im eigenen Eifer rief:„So wiſſet Ihr's ſchon? Wenn der Hermann darauf und mein Geſchlecht zu Grunde geht, ſo ſoll jeder Tag meines Lebens durch einen Göttinger Bürger blutig bezeichnet ſein!“— Dieſe neue Nachricht ſteigerte des Her⸗ zogs Wuth auf eine drohende Höhe.„Aufruhr in der Stadt?“— rief er—„Angeſichts meiner Gegenwart und meiner Freunde und Vaſallen? Die Waffen zur Hand! Hinunter in die Stadt, ſchlaget die Thüren ein, zündet die Häuſer an— rüttelt meine Reiſigen aus dem Feſtrauſche, ich will Euch noch zur löpion 8 Feier des Tages ein Feuer⸗ werk geben!“— Graf Hohnſtein trat zu dem Jähzornigen heran und ſprach:—„Mäßigt Euch— Ihr dürft den Landfrieden nicht brechen; fordert den Rath auf, daß er die Urheber— 6 ſuche und ſelber richte;— was haben der junge Hanſteiner und der Vogt in ſpäter Stunde in der Stadt gethan?“— Der Herzog Otto pflegte in ſeiner hitzigen Natur nicht nach Recht und Pflicht zu fragen, ſondern ſeinem Willen und Zorn durch Gewalt zu genügen; es war daher ſchwer, — 163— die einmal erwachte Begier nach Rache und Wiederver⸗ geltung in eine beſonnenere Bahn einzulenken. Er faßte den Freund Hanſtein bei der Hand, verließ drohend den Tanzſaal und ſchritt nach ſeinen Gemächern.——„Sprich — was iſt's mit dem Hermann?“ fragte er im Fortgehen. „Er hat ein unſchuldiges Abenteuer geſucht, ein Mädchen, das aus der Burg mit anderen Weibern und einem un⸗ kenntlichen Bewaffneten entwiſcht iſt, in muthiger Luſt ein⸗ holen wollen, da hat er die Flüchtigen erreicht, ein Ruf: „Hülfe, die Herzogin!“ hat ihn irre gemacht und in der Dunkelheit iſt ihm die Waffe in die Bruſt gedrungen.“ Der Herzog ſah den Sprecher groß an, unterbrach ſeinen Gang und ſagte plötzlich:„Gehe in den Saal zurück— ich werde Dich rufen laſſen.“— Dann ſchritt er nach den Gemächern ſeiner Gemahlin. Hier wohnte ein ſtiller Friede; er fand Margarethe nicht in ihrem Zimmer, ſtürmte durch die Thüren von Gemach zu Gemach und blieb, vom An⸗ blicke, der ſich ihm darbot, überraſcht ſtehen. Margarethe ſaß, mit aufgelöſtem Haar, einer heiligen Madonna gleich, am Lager des Kindes; den Blick träumeriſch auf das ſchlafende Geſicht gerichtet, die Hände gefaltet im Schooße.— Sie befand ſich allein. Dieſes Bild eines höheren Friedens übte auch auf die rohe Natur des friedeloſen, ſtreitſüchtigen Mannes eine Gewalt aus, die er zwar nicht erkannte, aber ihn doch mit unfreiwilliger Scheu erfüllte, in das Friedens⸗ reich dieſes Mutterherzens die Gewitterwolke ſeiner wilden Leidenſchaft zu entladen.— Er blieb an der offenen Thür weilen und erwartete Margarethe's Aufblick. Dieſe ſchreckte zuſammen und fuhr auf. 11* — 164— „Nun?“— ſprach er mit erzwungener Ruhe—„Ihr erſchreckt vor dem Gemahl! Bin ich Euch ſo entſetzlich?“— Margarethe ſah unſicher in ſeine unſtäten Augen.— „Was führt Euch in dieſer ſpäten Stunde zu mir?“— fragte ſie mild. „Eine Frage— Margarethe“— antwortete er, die Schönheit der Frau, im weißen Nachtkleide und nieder⸗ wallenden Haar, mit ſinnlichen Augen empfindend;— „habt Ihr auf dem Wege nach Sanct Pauli einen Unfall erlebt?“— Margarethe blieb ruhig.—„Ja Herr; rohe Hände ergriffen mich; noch ehe Ritter Eckhard ſein Schwert nö⸗ thig hatte, verſcheuchte Irmengard's Ruf:„„Hülfe, die Her⸗ zogin!““ die erſchrockenen Angreifer.“— Otto ſah ſeine Gemahlin forſchend an; ſeine zurück⸗ gehaltene Leidenſchaft, die noch im Auge glänzte, war ſchnell einer ruhigeren Reflexion gewichen.—„Was wiſſet Ihr vom Groner Vogte?“ fragte er vorſichtig. „Nichts— was denkt Ihr dabei?“ „Gebt mir offenen Beſcheid— Ihr wiſſet, was uns ſeit vierzehn Tagen ſchied;— wo iſt das Mädchen, das ich dem Vogte zuſagte?“— 1 Margarethe erſchrack und faßte ſich. Dieſes Erſchrecken trieb ſchon wieder das weinheiße Blut in das Geſicht des Herzogs, ſeine Stirnader ſchwoll, er that einen heftigen Schritt vorwärts. „Giebt Euch dieſe Frage ein guter oder böſer Geiſt ein?“— fragte Margarethe mit der ſtolzen Würde des Gefühles, daß ſie in dieſem Augenblicke das gekränkte Weib — 165— verleugnen und die Herzogin geltend machen müſſe.„Otto, ich fordere vom Gemahl, daß er meine Ehre achte!“— Der Herzog lachte.—„Ihr habt Einbildungen, Mar⸗ garethe— höret dem Pfaffen nicht; ich frage Euch, um zu wiſſen, was ich thue; der junge Hanſteiner und der Vogt ſind Beide in den dunklen Gaſſen der Stadt verwundet.“— Margarethe horchte betroffen auf. „Es geziemt Euch nicht, in den nächtigen Gaſſen um⸗ herzuſtreifen; Ihr habt's erfahren, wie Ihr für gemeines Raubgut angeſehen ſeid. Euer Gang nach dem Kloſter erregt mir Verdacht, wenn Ihr mir nicht offenbart, was Euch dazu bewog; laſſet mich nicht den Eckhard 97 ſein Ritterwort anreden, um Euch zu überführen. Wo iſt das Mädchen?“ „Seit länger als zwei Stunden eines ehrbaren Bürgers angetrautes Weib;— das war mein Werkz glückliche Menſchen habe ich geſehen, Herzen voll Liebe und Selig⸗ keit. O! das that mir ſo wohl!— Ol es macht mich muthig, Euch dies zu ſagen. Jene Herzen ſind von Gott zuſammen⸗ geführt, brechet nicht ihren Frieden, ich beſchütze ihn, und was Ihr Arges an ihnen erſinnen möchtet, das thut Ihr gegen mich! Achtet Ihr die Mutter Eures Sohnes und Nachfolgers, ſo ehret auch die Stätten des Glücks, welche ich baue, um meinem Herzen zu genügen, das voll Liebe dir Frieden iſt und dem Ihr den Weg zu Eurer Bruſt verſperret.“— Der Herzog lächelte, aber es war mehr ein Lächeln der Zerſtreutheit und Verlegenheit, als Abſicht oder Hohn. —„Ich weiß genug“;— ſagte er ſchnell—„die Stadt kann — 166— es dieſer Unterredung mit Euch danken, daß ich nicht aus⸗ führe, wozu ich bei der Nachricht vom mörderiſchen Angriffe auf einen meiner treueſten Amtsleute entſchloſſen war. Gute Nacht!“— Margarethe antwortete nicht, aber ſie ſah ihn unwider⸗ ſtehlich weich und bittend an; er blieb ſtehen, mit heraus⸗ fordender Miene ihren Nachtgruß erwartend.—„Otto!“— rief ſie, liebreich zu ihm eilend und die weißen Arme ſcheu und weich um ihn legend—„Otto! es iſt die erſte Be⸗ gegnung ohne Zeugen, ſeit ich Euch in Harſte mit ſchwerem tiefgekränkten Herzen verließ;— ol wenn der Tod eines Vogtes, den die Unſchuld flieht und die Tugend verachtet, Veranlaſſung wird, Euch zu mir zu führen und meinem traurigen Herzen Verſöhnung und Troſt zu bringen, ſo wäre das ein nicht zu hartes Opfer; mein Herz dürſtet nach Liebe, nach dem Gefühle der Achtung vor Euch!— Seht,— kommt, blicket in das Antlitz dieſes ſchlafenden, ſchuldloſen Engels, es iſt Euer Blut, mein Blut;— wie könntet Ihr bei dieſem Kinde der Mutter vergeſſen; ſtunden⸗ lang ſchaue ich in dieſen Himmel der Kinderſeele, um des Vaters dabei zu gedenken; dieſes Kind iſt mein heimlichſter Altar, an dem ich Gott bitte, Euch zu leiten, Eurem Ge⸗ müthe Frieden, Eurem Willen Gerechtigkeit zu geben!— Zerſtreuet das ſchwarze Gewölk von meiner Seele, aus dem drohende Geſtalten des Argwohns und der Furcht hervor⸗ blicken!— Otto— Gemahl!— ſchauet mir offen in's Auge— laſſ't mich in Eurem Angeſichte leſen, daß ich Euch vertrauen darf!“— Der Herzog wich anfangs dem blauen Engelsblicke und — 167— weichem Arme der Gattin unruhig aus und ſagte:—„Ihr ſeid ein Weib, das weicher fühlt, als ein Mann; Ihr haltet füj Sünde, was des Mannes Beruf, Werk und Luſt iſt; Ihr ſeid zu fromm, zu empfindſam;— ein Ritterweib denkt und fühlt freier, als ein bürgerliches Weib, eine Herzogin noch mehr— theilet das fröhliche Leben mit mir, ſeid Freund mit meinen Freunden, Feind vor meinen Feinden— Ihr werdet mein Gemahl ſein, wie es ſich ſchickt.“— „Was des Mannes Sinn in Leidenſchaft und Strenge will und begeht, das ſoll des Weibes ſanftere Seele nach Gottes Beſtimmung mäßigen und mit dem Worte der Liebe, der Wohlthat, der Milde miſchen; danach ſteht mein Ver⸗ langen;— zu Eurem Herzen möchte ich reden, während Männer zu Eurem Muthe und Eurer Leidenſchaft ſprechen. Ol das gewährt mir, verſchließt Euch nicht vor des Weibes Gefühlen über Recht und Unrecht, glaubt mir, Gott ſchuf das Gemüth des Weibes zu einer empfindlichen Waage für das Gute und Schlechte.“— „Was begehrt Ihr von dem Herzoge?“— „Otto— wie ich den Gemahl mir wünſche, denke ich mir auch den Herzog, als einen Mann der Liebe und Ge⸗ rechtigkeit; ach, man fürchter Euch im Lande!“— „Das ſoll man, das will ich!“— „Man liebt Euch nicht— man achtet Euch nicht ſo, wie ich meines Sohnes Vater geachtet wiſſen möchte.“ —„Beim heiligen Michael!“— rief Otto aufbraufend mit dem Fuße aufſtampfend und die geballte Hand hebend; —„wer verachtet mich? Der ſoll die längſte Zeit das Licht — 168— des Tages geſehen haben!“ Margarethe erſchrak, aber ihr Gefühl der Wichtigkeit dieſes Augenblicks war ſo mächtig in ihr, daß ſie ſich inniger an ſeinen Arm ſchmiegte und flehender in ſein ſprühendes Auge aufſah.—„Otto“— flüſterte ſie— ach, es hat mir Ohr und Herz zerſchnitten, daß man Dich im Lande den„Quaden“ nennt.“— Der Herzog ſah ſie groß an; er ſchien den Muth zu bewundern, daß die ſanfte Margarethe ihm das offen ſagen mochte;— er lächelte geringſchätzend.— Margarethe glaubte, daß ſie das Gefühl des Gatten getroffen habe und fuhr begeiſtert fort:—„Ihr ſeid auserſehen, Herr eines größeren Landes zu werden, den Platz des Landgrafen zu erben— neue Unterthanen werden Euch erwarten— ol nehmet die Furcht von ihnen, damit ſie Euch mit Liebe huldigen.“—— „Die beſten heſſiſchen Ritter huldigen mir heute ſchon als meine Gäſte“— antwortete Otto lachend;—„aber bekümmert Euch nicht um Land und irhiemß— gute Nacht!“— Er küßte ihre Stirn und ſchob ihre Arme von ſich. „So gelobt mir, zum Andenken an dieſe Stunde, daß Ihr mir eine Bitte gewähren wollt“— ſprach Margarethe muthloſer und ergebener;—„gelobt es bei dem ſchlafenden Kinde, das Euren Namen trägt;— beginnet nichts Feind⸗ liches gegen die Bürger dieſer Stadt; rächet nicht den Hanſteiner und den Vogt!“- Der Herzog ſah ſeine Gattin ſcharf und forſchend an. Mit liſtigem, hinter dem Barte verſteckten Lächeln fragte er:—„Ihr kennet wohl die Thäter? Hm? Es ſcheint mir ſo, als ſtändet Ihr den Freveln nicht ſo ganz fern.“— — 169— Margarethe bekam einen Anflug von Röthe.—„Ehret die Ritterhand, die Eure Gemahlin vor den frevelnden Händen eines Jünglings ſchützte, der dem Ritterſchlage Schande machen wollte“— ſprach ſie, den Gemahl ſtolz anblickend. Dieſer wühlte ſich im langen Bartſchweife, wiegte ſich hochaufgerichtet auf den Füßen und betrachtete Margarethe von oben herab mit überlegenem Lächeln.— „Die Hand, welche den Vogt traf“— fuhr ſie fort— „hat in gerechter Nothwehr gehandelt, das ſagt mir mein Gewiſſen.— Herr! Herzog! Gemahll ich fordere Ge— rechtigkeit— gelobt mir, was ich im Namen des Rechts bitte!“—. Otto faßte ihre Hand und ſah ihr mit liſtiger Behag⸗ lichkeit in das erwartungsvolle, erhitzte Geſicht.—„Ich verſtehe Euch“— ſagte er—„ich will Gnade vor Recht ergehen laſſen, um die Herzogin nicht vor der Welt in Verlegenheit und Verantwortung zu bringen; aber miſcht Euch nicht wieder in die Angelegenheiten der Bürgerhäuſer und ſchleicht nicht wieder in unpaſſender Geſellſchaft durch die finſteren Gaſſen.— Schlaft wohl!“— Margarethe wollte ihm mit einer Umarmung danken, er aber ſchob ſie unter ſtechendem, faſt drohenden Blicke zurück und entfernte ſich ſchnell. Als er im Speiſeſaal wieder eintraf, hatten ſich be⸗ reits mehrere Ritter bewaffnet und ſtanden um den alten Rabe von Hanſtein, die Rückkehr des Herzogs erwartend; die ruhigere Miene deſſelben ſetzte ſie in Erſtaunen, noch mehr aber ſein Ruf:„Laſſet die Schwerter ruhen, wir wollen den ſchönen Tag vergnügt beſchließen; trinket, tanzet, es iſt — 170— nicht unſere Sache heute Gericht zu halten. Ruft mir den Ritter Eckhard von Rönfurt!“— Niemand konnte ihn finden; ein Herold berichtete, daß der Ritter ſchon ſeit länger als einer Stunde die Burg verlaſſen habe. Nicht ſo leicht, wie die übrigen Ritter, beruhigte ſich Rabe von Hanſtein; er trat zum Herzoge, ſeine ſchwarzen Augen funkelten herausfordernd und mit ſchneidender Stimme ſagte er:—„Soll ich Euch an das Lager meines Sohnes führen, um Euren Sinn zu gerechter Rache zu reizen?— Iſt Euch mein Geſchlecht nichts mehr werth?“— Otto erwiderte den wilden Grimm des Freundes mit Lächeln:—„Alter Rabe“— ſprach er, indem er die Hand auf deſſen Schulter legte—„laßt es gut ſein, die gerechte Strenge könnte den Hermann und auch andere Leute ſchlimmer treffen, als den Thäter— Euren Sohn hat ein gutes, ehrenhaftes Ritterſchwert gezeichnet— ſchweigt davon und helft den munteren Jungen wiederherſtellen, daß er ſelber ſeinen Gegner mißt, wenn er Luſt darnach verſpüren ſollte.“— Rabe von Hanſtein blickte den Herzog erſtaunt an— dieſer aber beherrſchte ihn mit gebietender Miene und ging in den Kreis der übrigen Ritter.— Sechstes Capitel. Zwiſchen dem großen Turnierfeſte zu Göttingen und dem heutigen Tage liegt ein Zeitraum von neunzehn Mo⸗ naten.— — —— — — 171— Im Schloſſe zu Caſſel blicken wir zur Abendzeit in ein hohes, in Spitzbögen gewölbtes Gemach;— das Mond⸗ licht erleuchtet die mit Wappen und Sinnbildern bemalten Fenſterſcheiben und beherrſcht den Lichtſchein einer hohen Metalllampe, welche zwei Flammen auf niedergebogenen und zur Höhe des, mit Fürſtenkrone und Namenszuge gezierten, urnenförmigen Oelbehälters wieder aufſteigen⸗ den Armen trägt. Dieſe Lampe ſteht auf einem Tiſche, der mit einer, bis auf den Boden herabhängenden Sammet⸗ decke bekleidet iſt und auf der ein Schwert, ein Dolch, ein Stundenglas, ein Baret mit ſchwarzer Feder, ein Paar Stulphandſchuhe nebſt mehren Pergamenten liegen. Der Schein der Lampe iſt trübe, die Dochte glühen, aber man erkennt doch im geräumigen Zimmer die Rüſtungen und Waffen, welche an Wänden und auf Marmortiſchen rings⸗ um aufgehängt und niedergelegt ſind. Außer einigen un⸗ gepolſterten, hochlehnigen und reich geſchnitzten Eichenholz⸗ ſtühlen und einem hinter dem Tiſche befindlichen Lederſeſſel, den eine grüne, herabhängende Gardine gegen Sonnen⸗ und Mondlicht des nächſten Fenſters ſchützt, erkennt man nichts, was auf Bequemlichkeit oder fürſtlichen Luxus ſchließen läßt, und doch ſehen wir das heſſiſche Wappen, den ſpringenden Löwen, über Thüren und in Fenſterbildern glänzen und draußen im Vorgemache und an den Eingängen halten Hellebardiere und Knappen in ſteifer, unbeweglicher, lautloſer Haltung Wache.—. Auf einem Lederſeſſel, vom Lichte abgekehrt, ruht eine menſchliche Geſtalt; ſie iſt in ſich geſunken, der umhüllende, weite, faltenreiche Mantel von ſchwarzer Farbe läßt nicht er⸗ 8 8 6 — 172— kennen, ob der gebückte Körper klein und zierlich oder ſtark und lang gebaut iſt; ein kahler, glänzender Schädel, ein vom Lichte abgewandtes, auf die Bruſt geſunkenes, vom Schatten verſchleiertes Geſicht, mit ſilberweißem, langen Barte, ein Fuß mit gewaltigem ſchweren Eiſenſporn, eine große, ner⸗ vige, aber magere Hand, die auf der Lehne des Seſſels liegt, das iſt Alles, was die faltige Mantelumhüllung er⸗ kennen läßt. Schläft oder brütet der einſame Mann? Das kann man nicht errathen; er muß aber ſchon längere Zeit ſo verharrt ſein, da die Lampe anfing an den glimmenden Döchten trüber zu brennen.— Der dumpfe, ſummende Ton der Schloßuhr ſchlug die neunte Stunde.— Bald darauf wurde die Thür geöffnet und ein Mönch in Dominikanertracht, unter dem Arme und in der Hand Pergamentrollen und offene Schriften tragend, trat ein; er ſpähete nach dem ſtillen Manne im Seſſel, der unbeweglich ſaß, ſchritt gegen den Tiſch vor, kehrte das Stundenglas um, ſtocherte die Flammen der zweiarmigen hohen Metalllampe höher und ſo wie der Schein des Lichtes heller gegen die Wand leuchtete, richtete ſich der kahle, ſilberbärtige Kopf langſam von der Bruſt empor; das Geſicht wendete ſich gegen den Mönch, der Oberkörper richtete ſich höher und höher auf und wuchs zu einer langen, mageren, breitſchul⸗ trigen Geſtalt heran. Ein großes, langes, knochenſtarkes Geſicht, vom ſchneeigen Barte umfloſſen, grau und mit vielen Falten tief gefurcht, ein Paar Adleraugen unter lang nieder⸗ hängenden weißen Brauenhaaren, ſtechende, lauernde Funken des Blickes, wie Blitze in einem drohenden Gewölke zurück⸗ haltend, ſo trat der eben noch Zuſammengekauerte, ſchein⸗ ———V—V———— 3 f . 4 — 173— bar Machtloſe, aus ſeiner abgekehrten Lage gegen den hellen Schein des Lichtes hervor. Ein hohes Alter mit jugend⸗ licher Leidenſchaft im Auge, ein magerer Körper, der, das Gefühl der Kraft gewohnt, ſein Silberhaar vergaß, eine feſte Bewegung und ein entſchloſſener Mund gaben dieſer Erſcheinung etwas Ehrenwürdiges und doch Furchtbares. „Gefällt es Euch, Herr Landgraf?“— begann der Mönch, deſſen Bart erſt zu grauen anfing.— Heinrich der Eiſerne, Landgraf von Heſſen, der neunzigjährige Greis, kehrte ſeine hohe, magere und knochenſtarke Geſtalt vollends gegen den Tiſch, warf einen ſchnellen Blick auf die Sanduhr und ſprach:—„Wo iſt Eckhard?“— „Der Herzog von Göttingen hält eine große Jagd auf dem Wilsberge und hat viele Ritter verſammelt.“— „Immer Gaſterei, immer der verſchwenderiſche Wirth für große Geſellſchaft!— Hm!— Ich fürchte, der Sohn meiner Tochter wird das Land verpraſſen!“— „Die Jagd dauert nun ſchon acht Tage und die Zahl der Ritter wird immer größer“— ſagte der Mönch.— „Was denkſt Du davon, Bruno?“— fragte der Land⸗ graf, finſter in die Lampenflamme blinzelnd. „Ich denke, wie Ihr ſagtet, Herr.“— „Er wird das Land verpraſſen! Bei der heiligen Eli⸗ ſabeth! das könnte mir bei Lebzeiten den Tag zur Folter machen.— Sauer habe ich die Stückchen Land, Burg, Stadt und Gau zuſammengebracht— hat mir viel Mühe, Sorge, Kampf und manchen Mann gekoſtet;— meiner Tochter Sohn mag es zuſammenhalten und mehren mit — 174— der Fauſt, aber er ſoll nicht die Ritter mit ſeinem Lande und Erbtheil füttern. Es verdrießt mich, daß er in Heſſen wirthſchaftet, als ob er ſchon allein der Herr wäre, daß er mit meinen Feinden, die nur ſo lange Freundſchaft mir, dem alten Löwen, heucheln, als ſie mich lebendig wiſſen, wie der beſte Kumpan verkehrt;— ja— ſo lange der Alte lebt, läßt er ſich nicht um eines ſeiner weißen Haare bringen.“— „Iſt's Euch genehm, Herr?“— fragte der Mönch, der den Blitz in des Greiſes Auge kannte und ablenken wollte, indem er die Pergamente auf den Tiſch legte. „Da mache ich Verträge, Stiftungen, Urkunden, um mein Beſitzthum und meine Rechte zu wahren, das Erbe zu vermehren, dem Nachfolger zu ſichern;— bei meinem Schwerte! ich möchte lieber alle Pergamente eigenhändig zerhauen, ehe ich ſie als Erbſchaft hinterließe, damit der Otto mit den liſtigen Freunden, dem Katzenellenbogen, Ziegenhain, Dornberg, Bilſtein, Eppenſtein und den meiſten der Sterner, über meinem Grabe jubelten!“— Der Land⸗ graf warf den Mantel ab, ſtand ſchnell vom Seſſel auf und ſchritt mit feſtem, ſpornklirrenden Tritte durch das Gemach; jetzt erſt erkannte man ganz die Heldengeſtalt und ungebeugte Geiſteskraft des neunzigjährigen Greiſes, der ſelbſt ſeine leibliche Abnahme der gewohnten Armſtärke durch ſeinen eiſernen Sinn überwinden wollte.— Nach dieſem heftigen Gange gegen das mondhelle Fen te er wieder an den Seſſel zurück und ſprach:—„gieb, was Du geſchrieben haſt!“ 4ℳ Der Mönch breitete ſeine Pergamente aus, holte aus — ̈⏑———— r kehrte —— — 175— einem Wandſchranke ein großes, bleiernes Dintenfaß nebſt Feder und begann die einzelnen, theils in deutſcher, theils in lateiniſcher Sprache geſchriebenen Urkunden zu bezeichnen und vorzuleſen. „Hier, Herr, iſt die Erneuerung des vor zwölf Jahren mit dem Grafen Johann von Sayn abgeſchloſſenen Abkom⸗ mens, wonach er Euch ſein Schloß Vroyſpracht und alle andern Schlöſſer, die er noch gewinnen mag, öffnet und dafür Euer Erbburgmann zu Marburg geworden iſt.“— Nach der Vorleſung ergriff der Landgraf die Feder und unterzeichnete ſeinen Namen„Heinrich“; dann erwärmte der Mönch die bereits am Pergamente befeſtigte Blechbüchſe, um das Wachs darin zu erweichen, und hielt ſie dem Land⸗ grafen vor, der ſein Schwert ergriff und mit dem Wappen⸗ knopfe deſſelben auf das Wachs ſtieß. „Hier, Herr, iſt Euer Wille, wonach Ihr dem Grafen Heinrich von Solms drei von ihm verpfändete Zehnten wieder zu löſen gebet, den Dillenheimer, den Vert⸗ und Blaspecher Zehnten.“— „Schreibe das Datum darunter— heute September, den heiligen Michaelstag anno Cbristi 1371.“— „Hier iſt das Verſprechen des Hans von Spangenberg er den Eichenberg im Gericht Bilſtein weder verkaufen, 2u verſetzen wolle, und hier iſt der Nachtrag zu dem Berſpruch des Burggrafen Friedrich zu Nürnberg und des Landgrafen Johannes von Leuchtenberg, als Vor⸗ münder der Grafen Henrich und Berthold von Henneberg wegen des verkauften Theils von Schmalkalden und Schar⸗ fenberg.. — 176— In dieſer Weiſe verging noch einige Zeit mit Vorleſen und Unterzeichnen; es war die Sanduhr abgelaufen und der Mönch ſtellte ſie um, da eben die Glocke auf dem Schloßthurme Zehn ſchlug. Die Thür wurde geöffnet, ein Ritter trat ein, blieb, ſeine anfängliche Haſt plötzlich unterbrechend, einige Augenblicke ſtehen, betrachtete mit einer offenen Rührung den alten Mann vor den Pergamenten ſitzen, und näherte ſich dann lauter, als Heinrichs Augen vom Leſen auf nach dem Eingetretenen funkelten.„Herr!“ — ſprach der Ritter—„ich mußte Euch noch in ſpäter Stunde ſprechen.“— „Kommſt Du mit dem Herzoge von dem Wilsberge, Eckhard?“— fragte der Landgraf.—„Nennſt Du dieſe Stunde ſpät? Habe ich Dir nicht ſchon vor Wochen auf dem Schloſſe zu Gießen geſagt, daß das Alter lange Tage und kurze Nächte hat und mit der Zeit des Wachens geiziger iſt, als die Jugend? Ich darf noch nicht ſchlafen.“ „Gott gebe Euch noch lange Tage und offene Augen, Herr!“— „Was willſt Du denn Eckhard? Du haſt ein heißes Geſicht, Dein Auge iſt weich, wie das eines Weibes; Du weißt, ich liebe keine Sorge um mein Alter.“— „Es war mir ein ſo rührender Anblick, Euch hier arbeiten und um des Landes Angelegenheiten bemüht zu ſehen, während man auf dem Wilsberge zecht und ſchwelgt. Ihr habt gewiß die Erbſchaft geordnet?“ „Iſt der Herzog, mein Großſohn, mit ſeinen Genſſen heimgekehrt nach Caſſel?“— „Nein, Herr; ich bin allein gekommen, der Herzog 1— zecht mit ſeinen Freunden im Freihofe am Wilsberge;— ich hatte es ſatt und ſehnte mich nach Eurem Anblicke.“ „Was willſt Du von mir? Du biſt heiß und un⸗ ruhig.“ „Ich bin ſcharf geritten; es war eine wilde Jagd; Thiere und Menſchen wurden nicht geſchont;— der Herzog, Euer Großſohn, iſt ſehr munterer Laune und hat den Boden mit Wein ſprengen laſſen.“ Der Landgraf blickte den Ritter finſter an. Der Mönch nahm ſeine Pergamente zuſammen und erwartete weitere Befehle.—„Geh'— ſchreibe die Urkunde wegen der Burg Windhauſen und des Schloſſes Allerburg und bringe ſie mir morgen früh zur Unterzeichnung;— der Herzog dringt auf eine Schrift, die ihm mein Wort ſichert!“— „Herr!“— rief Eckhard indem er mit kühner Bewegung den Mönch zurückhielt—„wo iſt Euer Stolz,— daß Ihr eine Schrift höher achtet, als das Wort? Hat der Herzog nicht ſchon ſeit Jahr und Tag die Burgen in Be⸗ ſitz genommen? Was fordert er mehr von Euch? Warum habt Ihr ihn jetzt nach Caſſel beſchieden?“— „Er fordert einen Erbſchaftsvertrag in üblicher Form, die beiden Burgen übergab ich ihm als Pfand, daß ich mein Wort ganz erfüllen würde; was kann Dich das be⸗ fremden?“ „O Herr— wenn Ihr von Eurem Erbe redet, ſo wird mir das Herz ſchwer;— es mahnt mich an Euren Tod, und wenn das Teſtament gemacht iſt, dann lebt man dem Erben zu lange.“ „Bei meiner Seligkeit! Bei dieſem noch kräftigen Arme! Maltitz, Herzog. II. 1 12 — 178— Ich will Jeglichen zu Schanden machen, der ſich an meinen neunzig Jahren und dieſem weißen Barte verſieht! Wer wartet auf meinen Tod? Der iſt mein Feind hier und in Ewig⸗ keit! Geh', Bruno— ſchreibe das Document!“— Der Mönch entfernte ſich; Ritter Eckhard ſah ihm mit bannenden Blicken nach und ließ dann das große, unge⸗ wöhnlich ſchwärmende Auge mit dem unverhohlenen Aus⸗ drucke der Rührung auf dem Landgrafen ruhen. Dieſer hatte kaum den wehmüthigen Blick bemerkt, als er erzürnt ausrief:—„Wenn es nicht Liebe zu mir iſt, die Dich zum Weibe macht, ſo iſt es die Abneigung gegen den künftigen Herrn des Landes;— erzähle mir von der Jagd;— hat Dich mein Großſohn etwa gekränkt? Hat der Han⸗ ſteiner Dich übel angeredet? Er iſt feindlich auf Dich und verſchweigt den Grund“.— „Eine Kränkung, die mich trifft, macht mich nicht weich, ſondern ſtählt mir Arm und Schwert; aber Euch— Euch, Herr, kann ich nicht ſchmähen hören von einem Munde, den ich nicht mit meinem Schwerte für immer zum Schweigen bringen darf!“— „Mich? Schmähen? Zum Teufel! das duldet mein gutes Schwert nicht!“— Der Landgraf ſchlug die Hand ſo kräftig auf das vor ihm liegende Schwert, daß es er⸗ klang. Ritter Eckhard ſchien den aufwallenden Zorn des Alten mit ſtiller Befriedigung zu bemerken.—„Daran erkenne ich Euch“, ſprach er;—„Ihr ſeid ſelber Mann genug, um nicht eines fremden Beſchützers oder Fürſprechers zu bedürfen“.— 4 — 179— „Setze Dich zu mir, erzähle mir von der Jagd— der Herzog iſt vieler Ritter Freund— er hat kaum Zeit, mit mir zu verkehren. Erzähle mir von der Jagd, warum Du allein fortgeritten biſt“.— „Er ſollte an Eurer Regentenſorge ein Beiſpiel nehmen; im Lande Oberwald verrichten die Schulzen und Vögte die Arbeit, und ſtatt der Verbriefungen und Urkunden be⸗ ſtimmt ein launiger Wille“. „Eckhard, Du redeſt von meiner Tochter Sohne und dem künftigen Landesherrn“— fiel der Landgraf ein;— „werde ſein Freund, wie Du der meine biſt; er iſt ein wilder Kopf, aufbrauſend wie ich, entſchloſſen wie ich— tapfer— er thut's mir noch zuvor gegen die Städter und Mönche“.— „Verzeiht, Herr; ich kann ſein Freund nicht ſein, ich kann ſeiner Freunde Genoſſe nicht mehr ſein“.—. „Eckhard, was ſagſt Du da?“— rief der Greis, in⸗ dem er ſeinen Körper aufrichtete, mit den Händen auf die Lehne ſeines Seſſels griff und ſich auf die Arme ſtützte; ſeine Augen blitzten, ſeine faltige Miene war feſt auf den Ritter gerichtet.—„Sprich, was iſt Dir begegnet? Du haſt Streit gehabt. Um was? Mit wem?“ „Um Euch, Herr“— erwiderte Eckhard von Rönfurt im Drange ſeiner Erregtheit;—„ja, um Euch!“— „Mit meiner Tochter Sohne?—. Ich meine, er hält ſeit dem Göttinger Turnier große Stücke auf Dich!“— „Herr, mögt Ihr mir danken oder zürnen, ich muß ein ehrliches, getreues Wort zu Euch reden; ich kann nicht länger ein ſtillgrollender Zeuge ſein, wie Ihr Plänen nach⸗ 12* — 180— hängt, die Euch ſelber zu Schlangen werden und dem Lande zum Verderben! Ihr habt den Herzog auf ſein Drängen nach Caſſel gerufen, um die vor Jahr und Tag ihm angetragene Erbſchaft Eurer Macht und des Heſſen⸗ landes durch Urkunden und Pergament gegen jegliche Ein⸗ rede zu befeſtigen. Morgen vielleicht iſt's zu ſpät, was ich Euch zu ſagen habe, womit ich nicht länger zurückhalten kann; ich ſprach draußen am Wilsberge ein heftiges Wort, welches mein entrüſtetes Herz, meine Liebe und Treue zu Euch meinem Munde abnöthigten und das es ferner un⸗ möglich macht, in des Herzogs Begleitung zu erſcheinen. Gebet Ihr mir Unrecht in Dem, was ich that, ſo iſt auch hier meines Bleibens nicht länger und ich muß andere Freunde ſuchen“.— „Berichte und dann überlaß es mir, Dich mit meinem Tochterſohne auszuſöhnen“.— „Das iſt Euch nicht möglich, Herr; wäret Ihr mit dem Herzoge einig, ſo müßtet Ihr mich verdammen; ich aber habe ihm meine Freundſchaft offen vor allen ſeinen Rittern aufgekündigt und, wie es mir Ehre und Anhäng⸗ lichkeit zu Euch eingaben, in Eurem Namen!“ „Wie kannſt Du Freundſchaft kündigen an meiner Statt, ohne mein Wiſſen und Wollen?“— „Ich that's, weil ich fühle, wie Ihr fühlen werdet!— Ihr habt es mir bald abgemerkt, daß ich, als der Herzog Otto mit mir am zweiten Tage nach dem Turnier in Caſſel eintraf, mit unheimlicher Zurückhaltung nicht Theil an der Liebe nahm, die Ihr ihm erwieſet. Ich hatte in Göttingen von des Herzogs Charakter und Treiben eine — 181— Meinung erhalten, die mich im Stillen zu ſeinem unver⸗ ſöhnlichſten Gegner machte“.— „Ja, ich wittere Dein Verſteck, Fuchs!“ rief Heinrich zornig;—„der fromme Pfaffenknecht, mein weibiſcher Neffe, hat Dir's angethan!— Wareſt Du es doch, welcher mich überreden wollte, daß der Hermann ein ritterlicher Mann ſei, der das Schwert ebenſo gut zu führen ver⸗ ſtände, wie das Meßbuch; glaube es wohl, daß er über meinen ſelbſtgewählten Erben in Aerger gerathen iſt und nach guten Freunden ſucht, meinen Willen ſchwankend zu machen. Kein Wort mehr davon, Eckhard, bei meiner Un⸗ gnade! Der Herzog wird mein Erbe und er hat mein Wort“.— „So erfüllt ſeinen Wunſch und legt Euch bald in's Grab“— ſagte Eckhard im höchſten Unmuthe. Der greiſe Landgraf richtete ſich auf den geſtützten Armen höher im Seſſel auf und ſtierte den Ritter mit bohrenden, weitgeöffneten Augen an. „Soll ich Euch ferner berichten?“ fragte dieſer mit wachſender Zuverſicht auf des Greiſes aufſteigende Leiden⸗ ſchaft. „Sieh' mich an!“— rief Heinrich;—„noch lebe ich, noch fühle ich die Kraft, Denjenigen niederzuſtoßen, der mich unter die Todten wünſcht— beim heiligen Michael! Sieh', wie meine Arme lebendig ſind!“— Er ſchüttelte die Arme und Hände, welche die Lehne des Seſſels um⸗ faßt hielten, ſo heftig, daß der Boden drühnte. Ruhig, faſt ſtolz, den erzürnten Greis betrachtend, ſprach Eckhard:—„So dachte ich auch und darum ver⸗ — 182— darb ich es mit dem Herzoge und ſeinen Freunden, um Euch treu zu ſein“. „Was? Redeſt Du Wahrheit? Mein Tochterſohn hätte meinen Tod verlangt?“— fragte der Landgraf, indem ſein Geſicht ſich horchend vordrängte und die Augen unter den weißbuſchigen Brauen lauernde Blicke ſchoſſen. „So vernehmt. Was meine Abneigung gegen den Herzog weckte und nährte, war zuerſt ſeine ſchnöde Roheit, womit er das edelſte, ſchönſte und tugendhafteſte Weib, ſeine Gemahlin, behandelte; das thut kein Mann, der ſich rühmt, ritterliche Tugenden zu beſitzen; wer das Heilige im Weibe nicht achtet, der hat auch keine Ehrfurcht vor Gott und keine Liebe zum Guten!“— „Thorheit! Die Margarethe iſt ein empfindſames Kind, eine Pfaffenmagd, der ich auch nicht hold ſein könnte; es redet der Turnierritter aus Dir— die Kette hat Dir eine Feſſel an's Herz gelegt;— hüte Dich, Eckhard, daß Du nicht auf Wegen eines Minneknechtes ertappt wirſt!“ Die Röthe der Begeiſterung ſtieg in des Ritters Miene. „Herr!“— ſprach er kühner—„es war dem Herzoge eine gefundene Goldgrube, als er Euren Willen erfuhr; ſeine Laune ſtieg im Rauſche des Feſtes zu der offenſten Redſeligkeit; Euer Tochterſohn iſt ein Verſchwender, der die Einnahmen ſeines Landes mit ſeinen Kumpanen ver⸗ praßt und der ſeine Städter nicht ſchont, wenn es ihm an Geld gebricht; er iſt immer in Geldnoth und ſchuldet vielen Rittern, denen er abborgt, wie und wo er vermag. Ich hörte, daß er dem Grafen Ziegenhain ſagte: wenn ich erſt das ſchöne Heſſen und des Alten zu Caſſel gutes — — — 183— Erbe habe, will ich ſchon beſſer leben, und meine guten Freunde ſollen einen fröhlichen Wirth an mir haben“.— Der Landgraf verharrte in ſeiner lauernden Stellung und der Ritter fuhr, die Wirkung ſeiner Worte für ſich günſtig deutend, fort:—„Wiſſet Ihr nicht, warum der Herzog jetzt auf einmal die Urkunden über ſein heſſiſches Erbe von Eunch fordert, als ob er fürchte, daß Ihr den Sylveſtertag nicht mehr erlebtet? O nein, er fürchtet weit eher Euer eiſernes Leben. Hört!— Er iſt in großer Noth— die Ritter in Oberwald wollen ihm nichts mehr borgen, der beſchworene Landfrieden hindert ihn, nicht offnen Raub an den Städten zu üben, es findet ſich keine Ge⸗ legenheit, unter irgend einem Vorwande einen Burgmann oder Vaſallen in ſeinem Beſitzthum zu überfallen und das eroberte Gut einem reichen Freunde zu verpfänden, oder angeblich zu Lehen zu ſchenken. Warum ſieht er, trotz Landfrieden und Vertrag, dem Raubhandwerke des Schwie⸗ cheldt auf der Harzburg zu? Weil er ſein Geldſchuldner. iſt. Jetzt borgt er ſchon auf Euer Erbe.“— Der Landgraf ſaß, den Oberkörper auf den geſtützten Armen hoch aufgerichtet, die Schultern emporgezogen, das. Haupt mehr und mehr vorgedrängt, die Miene düſter, der Blick unheimlich funkelnd, unbeweglich da, wie ein lauern— der Adler. Als Eckhard inne hielt, forderte ihn ein aus des Alten Augen hervorſchießender Blitz zum Fortreden auf. „ ſt's Euch nicht aufgefallen, Herr, daß die Ritter Enres Landes, die Euch nur fürchten und nicht lieben, an Eurem Hoflager nie oder nur als falſche Gäſte erſcheinen, ſich um den künftigen Herrn des Heſſenlandes ſchaaren und 4 — 184— ſeine beſten Freunde ſind? Die Katzenellenbogen, der Ziegen⸗ hain, Dornberg, die Hanſteiner, der Cleefeld, der Hanauer! Es hat ihnen der Herzog verheißen, aus dem guten Erbe reiche Lehen und Pfänder zu geben, und darauf borgen ſie ihm jetzt Wuchergeld, das ſie mit ihm in Luſt und Schwel⸗ gerei verzehren. Heute, als die Jagd zu Ende war, und der Herzog ſeine Oberwalder Ritter, die ihn nach Caſſel begleitet haben, und die heſſiſchen Grafen und Edelleute, die Euch verlaſſen und mit dem Nachfolger halten, am Abhange des Berges bewirthete, gab der Wein dem Her⸗ zen Offenheit und dem Munde leichtfertige Redſeligkeit. Die Sterner ſind mit dem Grafen Gottfried von Ziegen⸗ hain ſeine nächſten Freunde;— ſie glaubten unter ſich zu ſein, denn auch ich trug den Stern des Bundes. Da vernahm ich Reden, die mich empörten; der Herzog ſpaßte mit ſeiner Noth und forderte vom Ritter von Pleſſe eine Borgſumme, wofür er ihm Schloß Bovenden zum Pfande anbot; der Ziegenhain überredete ihn, in den Bund der Sterner zu treten, der dem alten Landgrafen heimlich feind⸗ lich ſei und ſich gegen ſeinen Eigenwillen verbunden habe. Wohl weiß ich, daß die Sterner ſich vor Euch fürchten, aber die Deutung des Ziegenhain war mir neu.„Tretet zu uns, nehmt den Stern, Herzog!“— ſprach der Graf— „dann habt Ihr im Heſſenlande, Thüringen, am Rhein viele Bündner, die mit Euch gemeinſchaftliche Sache machen und Euer Erbe ſichern. Der Spiegel zum Deſenberge, der zu Paderborn Biſchof iſt, hat auch den Stern genommen, die Grafen der Mark, die Naſſau⸗Dillenburger desgleichen.“ — Der Herzog lachte und antwortete, daß er es ſich über⸗ — 185— legen wolle— ſie möchten ihm etwas dafür bieten, er forderte, daß die Sterner ihm in allen Fehden beiſtehen und ihm zur Noth ihre Säckel und Schlöſſer öffnen ſollten, er wolle ſie dafür mit heſſiſchen Städten, Burgen und Landgebieten aus des Landgrafen Erbe bedenken. Mit kochendem Grimme hörte ich es an, wie ſie um Eure Kleider looſten. Als aber der Herzog dem Ziegenhain gegen ein Darlehn das Land im Niedgau und die Herrſchaft zu Gießen und das Dorf Linden anbot, alſo Euer Eigenthum bei Lebzeiten verpfändete, als läget Ihr ſchon in der Gruft und hättet weder Wort noch Arm mehr zu rühren, da trat ich hinzu und ſagte:—„Herr, thuet dem Landgrafen, Eurer Mutter Vater, kein Leid an, er lebt noch, und was er will, hat noch Recht und Macht im Lande!“ Die Ritter verwun⸗ derten ſich ſehr über meine Rede und der Ziegenhain ſah mich zornig an und rief:—„Wie kommt ein Sterner zu ſolcher Rede?“— Der Herzog aber ſtellte ſich vor mich hin, ſchwenkte gemächlich ſeinen langen Bartſchweif und ſagte lachend:„Was wollt Ihr Eckhard? Bin ich nicht ſchon Herr im Heſſenlande? Wenn nur erſt zwei Augen todt wären, dann käme ich aus aller meiner Noth und wollte ein reicher Fürſt ſein!“ Der Landgraf lies den Ritter nicht weiter ſprechen; wie ein aufgeſcheuchter Adler fuhr er aus ſeiner lauernden, horchenden Stellung und reckte ſeine Rieſengeſtalt kräftig empor, als wollte er ſeine Kraft und das ungeſchwächte Leben zeigen, hob den Arm mit der geballten Hand auf, trat ſo mit klirrendem Schritte vor den verſtummenden Ritter und rief:—„Eckhard, bei meinen neunzig Jahren! — 186— Ich haſſe alle feige Hinterliſt und heimliche Angebereien, was antworteteſt Du, wie biſt Du geſchieden?“— „Der Zorn brannte mir im Geſichte, ich konnte nicht mehr ſchweigen. Wäre es nicht der Herzog, Eures Kindes und Blutes Sohn geweſen, ich hätte das Schwert gegen ihn gezogen und auf Tod und Leben mit ihm gekämpft; ich konnte aber die Schmach auf den rechtmäßigen Herrn meines Landes nicht ertragen, rief dem Herzoge drohend entgegen: Herr dafür lohne Euch der Teufel! Gott behüte uns den alten Herrn lange!“— und ging davon. Der Herzog lachte hinter mir her, der Ziegenhain wollte mir nach, ich aber beſtieg mein Pferd und langte hier bei Euch an. Ihr ſeht, ich bin kein heimlicher Ankläger, ſondern ein offner Gegner des Herzogs und der Sterner geworden; — heute Abend reiße ich den Stern von Helm und Schild. Nun urtheilt, ob Ihr noch Luſt ſpüret, den Herzog mit mir zu verſöhnen.“— Der alte Landgraf war in unverändeter Stellung vor dem Ritter ſtehen geblieben, das Haupt hoch aufgerichtet, die drohende Hand, der gewohnten Kraft gehorchend, erhoben; die Blicke ſchoſſen leuchtende Pfeile.—„So helfe mir die heilige Frau Eliſabeth!“— rief er, die Finger zum Schwur entfaltend—„Das Wort ſoll meinem Tochterſohne das Land ſchaden!“— Ritter Rönfurt blickte begeiſtert den hohen Greis an, der wie ein Held aus der Gruft ſeiner ſtillen Ruhe zu neuem Leben hervorgeſtiegen zu ſein ſchien. Derſelbe ſchritt jetzt mit feſtem Schritte, als wollte er von ſeinem Leben und ſeiner Kraft Zeugniß geben, durch das Gemach, die Arme auf der breiten Bruſt gekreuzt; plötzlich blieb er ſtehen und ſprach mit unwilliger Stimme:„Mein Schrei⸗ ber Bruno ſoll kommen!“— Der Ritter brachte den Be⸗ fehl in die Vorgemächer zu den Trabanten. Der Mönch trat nach kurzer Zeit, in welcher der Landgraf ſchweigend auf⸗ und niedergeſchritten war, in das Gemach. „Bringe mir alle Pergamente, die über die Erbſchafts⸗ ſache meines Tochterſohnes geſchrieben ſind“— befahl Henrich. Dann ſetzte er ſeinen Gang ſchweigend fort. Der Mönch kam wieder, mit Schriften und Rollen beladen. „Wirf ſie dahin!“— befahl der Greis, unter den Tiſch zeigend.—„Schreibe flugs einen Brief an meinen Neffen Her⸗ mann, worin ich ihn auffordere, unverzüglich nach Caſſel zu kommen, daß ich ihm meinen letzten Willen verkündige!“— Der Mönch ſtutzte und ſein, um Aufklärung fragender Blick ſuchte den Ritter Eckhard, welcher in glücklicher Ueberraſchung aus der Ferne den Landgrafen betrachtete, der den Mönch ungeduldig fortwinkte und ihm nachrief: —„Spute Dich!“— Eckhard von Rönfurt näherte ſich dem Greiſe, der ge⸗ dankenvoll ſtehen geblieben war.—„Herr!“— ſprach er —„Ihr thuet ein gerechtes Werk;— Ihr werdet dereinſt zufriedener ſterben, wenn es Gottes Wille iſt. Aber Ihr habt mit einem böſen Gegner zu thun— trauet dem Otto nicht und den Sternern.“— „Mit den Sternern will ich ſchon fertig werden;— der Otto ſoll morgen das Land räumen.— Wehe ihm, wenn er mir trotzt!“— „Euer Neffe hat auch gute Freunde im Lande, die mit — 188— Euch zürnten, weil Ihr den Hermann haßtet; ſeid Ihr gegen Eures Bruders Ludwig Sohn gerecht, ſo ſind ſeine Freunde auch die Eurigen. Die markgräflichen Brüder Balthaſar und Wilhelm von Thüringen in Eiſenach und Eſchwege werden ſich mit Euch verſöhnen, der Ruprecht von Naſſau iſt Eures Neffen Freund; der Herzog Albrecht von Grubenhagen lebt in Feindſchaft mit dem Otto und wird ſich zu Hermann ſchlagen.“— „Warum dieſes Alles?“— fragte der Landgraf;— „hälſt Du meinen Tochterſohn für fähig, mir mit Gewalt zu trotzen? Bin ich nicht Herr über mein Erbe und mein letztes Wort? Fürchte nicht, daß der Göttinger gegen ſeinen Großvater ſich auflehnt, der zwar alt, aber noch eiſern iſt, und den er kennt!“— „Der Anhang, den er im Lande hat, iſt ſchon lüſtern geweſen, von Otto beim Becher Wein zu erbeuten, was ſeither Euer gefürchtetes Schwert behütete. Wollt Ihr dem Lande, das mit Euch hält, eine Freude machen, wollt Ihr ſelber ſehen und froh werden, wie man Euere gerechte Willensänderung mit Jubel in Stadt und Land aufnimmt, ſo verkündigt laut und ehe die Entrüſtung ſich in Eurer Bruſt kühlt, den Landgrafen Hermann von Thüringen zu Eurem Nachfolger. Laſſet ihn ſich ſelber, bei Euren Lebzeiten und vor Euren Augen ſein Erbe behüten, rufet ihn von den Büchern in das Leben und zur That, damit er Euch ſeine Rittertugend beweiſe; er vereinigt frommen Sinn, Gelehrſamkeit und friedliches Herz mit Muth und Männ⸗ lichkeit. Er ſteht uns näher, als der Welfe, er iſt ein natürlicher, angeborener Sprößling Eures Stammes, den —P — 189— wir als treue Heſſen für unſeren Herrn erkennen und achten. Dem gebt das Land und nicht dem Braunſchweiger, mit dem wir nichts zu ſchaffen haben wollen! So, Herr, denken Eure beſten Freunde!“— „So reite mit dreien meiner Reiſigen, ehe der Tag grauet, gegen Thüringen, bringe meinem Neffen den Brief und geleite ihn hierher. Der Otto ſoll morgen aus dem Lande ſcheiden, er wird ohne Erbe heimkehren und nicht mit meinem Eigenthum Schulden bezahlen.“— Ritter Eckhard ergriff des Landgrafen Hand und wollte ſie küſſen; dieſer erlaubte es nicht und rief unwillig: Er⸗ ſcheine ich Dir in meiner Sinnesänderung wie ein Weib, daß Du mir als einem ſolchen den Dank zollen willſt?— Dann könnte es mich reuen.“— „Eure Hand wollte ich küſſen, daß ſie das Schwert. nicht ſcheuet.“ „Und wenn das ſein müßte— ich würde in meinem Willen beſtärkt werden; wenn er mir krotzte, ich würde ihm Antwort geben!“— Der Mönch trat mit dem geſchriebenen Briefe ein; Henrich ſetzte ſich in den Seſſel, hörte dem Vorleſen des Schreibens ſtill zu und ergriff aus des Mönchs Hand die vorgehaltene Feder. In demſelben Augenblicke erſcholl ein fröhliches Hüfthorn vor dem Schloſſe; Roſſeshufe ſtörten die mitternächtige Ruhe; der Landgraf horchte auf und ſeine Miene verfinſterte ſich. Das Hüfthorn klang lauter und luſtiger, die Pferde lärmten im Burghofe. Als der Landgraf noch mit der Feder zögerte, ſprach Eckhard:— „Der Herzog kehrt heim von der Jagd!“— — 190— Schnell unterzeichnete Heinrich ſeinen Namenszug und der Mönch ſchloß den Brief in einen Beutel, den er mit einer Schnur ſchloß, und deren Enden er durch eine Blech⸗ kapſel zog, um ſie mit Wachs zu verbinden; als dieſes über der Lampenflamme erweicht war, hielt er die Kapſel den Landgrafen vor; dieſer drückte ſein Wappen des Schwertknopfes auf das Wachs und übergab den Beutel dem Ritter Eckhard.—„Nun geht— geht!“— ſprach er, mit beiden Händen fortwinkend—„laſſ't mich allein“, — Ritter und Mönch entfernten ſich, erſterer mit ſiegreicher glücklicher Miene, letzterer mit ſtiller Verwunderung. Als Heinrich allein war, ſank er allmählig wieder in die zuſammengefallene Lage zurück, worin er ſich vor des Mönchs erſtem Eintreten befunden hatte; ſein faltiges Geſicht kehrte ſich vom Lichtſcheine ab, die magere, knochige Hand wühlte im weißen Barte. Er redete langſam, in abgebrochener Weiſe, mit ſich ſelbſt, man vernahm die Worte:—„Wer auf meinen Tod lauert, den will ich ſterben ſehen!— Otto! — böſer Otto, Du haſt Dich um ein ſchönes Land gebracht!“ Am anderen Tage ſchon in der erſten Stunde nach dem Aufgange der Septemberſonne, trat ein Edelknappe zu dem adligen Leibknappen des im Caſſelſchen Schloſſe ſeit zwei Tagen abgeſtiegenen Herzogs von Göttingen, mit der Meldung, daß der Landgraf den Herzog erwarte, um dringende Angelegenheiten zu bereden.—„Oho!“ lachte der Leibknappe—„mein Herr ſchläft noch, iſt erſt um Mitter⸗ nacht von der Jagd heimgekehrt, hat bis gegen Morgen mit dem Ziegenhain, Hanſtein und anderen Rittern ge⸗ trunken und das heſſiſche Land hoch leben laſſen; wie — 191— kommt's, daß Dein alter Herr ſchon ſo früh dem Schlafe entſagt?“ „Beſtelle die Botſchaft— geh', wecke Deinen Herzog!“ Das werde ich wol bleiben laſſen, er würde mir ſeinen ſchweren Becher, den er auf dem Nachttiſche ſtehen hat, an den Kopf ſchleudern.“— „Und ein ſolcher Mann ſoll unſer Herr werden 2 Unſer Landgraf it hitzig und kein Fuß ſchnell genug, um mit ſeinem Willen und Worte gleichen Schritt zu eilen, aber er geht nüchtern zu Bette und ſteht früh und nüchtern auf. Er hat die größte Zeit der Nacht in ſeinem Seſſel zuge⸗ bracht.— „Glaub's;— alte Leute wachen, um keine Stunde des Lebens im Schlafe zu verlieren, da ſie den Tod fürchten.“ „Wecke den Herzog!“— „Ich will horchen, ob er etwa wacht;— er iſt in übler Laune von der Jagd gekommen und der Trunk mit ſeinen Freunden hat ihn wieder luſtig gemacht. Iſt der Ritter Eckhard von Rönfurt im Schloſſe?“ „Er iſt bei Tagesanbruch mit drei Reiſigen fortgeritten.“ „Ein kühner Mann;— hat geſtern den Herzog und die Freunde beleidigt; wäre der nicht flugs in der Dämmerung davon geſprengt, ſo hätte es Kampf gegeben; der Herzog war wild über deſſen Rede geworden und nur der Ziegenhain hat ihn wieder luſtig ſtimmen können. Ich hörte nicht, was er ſagte, ſah aber, wie er dem Herzoge drohend entgegentrat, ihn herausfordernd und verächtlich an⸗ blitzte und wie dieſer anfänglich ſtutzte, dann auflachte und dem Ritter mit wüthendem Blicke nachſah.“— „Geh'— wecke den Herzog— daß der Landgraf nicht ungeduldig wird!“— Beide Edelknappen trennten ſich. Der alte Landgraf ſtand am Fenſter ſeines Gemaches und ſah die Sonne über dem Berge emporſteigen; der rothe Frühſchein gab ſeinem Geſichte eine ungewöhnliche Friſche; er war völlig bewaffnet, wie zum Kampfe; Rüſtung, Schwert und Dolch blitzten auf ſeiner hohen, ehrwürdigen Helden⸗ geſtalt. Als er eine Weile ſo geſtanden hatte, wurde ſeine Miene unruhig, das große, tief in der Höhle liegende, über⸗ buſchte Auge funkelte lebhafter; er ſchlug mit heftiger Eile die Hände zuſammen. Auf den klatſchenden Laut trat der Edelknappe herein.—„Warum kommt mein Tochterſohn nicht?“— fragte Heinrich ungeduldig—„haſt Du nicht geſagt, daß ich warte?“— „Herr, der Herzog ſchlief noch.“— „Gehe nochmals hin— ich gebrauche nur fünf Minuten, um mich zu kleiden und zu rüſten.“ Als der Bote wiederkehrte und ſagte:—„Der Herzog ſchläft noch; ſein Leibknappe fürchtet ſich, ihn vor der Zeit zu wecken“— da rief der alte Landgraf:—„Ja, ja, es iſt vor der Zeit! Er ſoll aber vor der Zeit wach werden aus ſeinem Traume;— ſo will ich ihn ſelber wecken— ich fürchte mich nicht. Führe mich vor ſein Gemach, wo er Quartier genommen!“— Mit feſten Schritten ging der gerüſtete, hohe Greis gegen die Thür. Der Edelknappe eilte ſcheu vorauf nach einem anderen Flügel des Schloſſes und blieb vor einer Thür ſtehen, die zwei heſſiſche Hellebardiere bewachten. — 193— Als dieſe ihren Herrn erblickten, richteten ſie ſich an den Lanzen ehrerbietig auf; der Edelknappe öffnete die Thür, Heinrich trat ein. Der Leibknappe des Herzogs erſchrak— einige andere adlige Göttinger Knappen lagen ſchlafend auf Stühlen und dem Boden.—„Wo iſt der Herzog?“— fragte Heinrich barſch und mit ſo befehlender Miene, daß der Leibknappe nicht zu antworten wagte, ſondern furchtſam nach einer Thür im Hintergrunde zeigte. Der Alte ſchritt feſten, klirrenden Schrittes auf die Thür zu, ſchlug mit kräf⸗ tiger Hand auf die Klinke und trat über die Schwelle. Nach einem ſchnellen Blicke in das dämmernde Gemach und einem Rückblicke in das Vorzimmer, der einem Jeden das Nachfolgen und Eintreten verbot, warf er die Thür hinter ſich zu. Er ſchritt an das Fenſter, zog die herab⸗ gelaſſene grüne Gardine zur Seite und trat an das Bett, auf das der rothe Morgenſtrahl des Tages fiel und des unruhig ſchlafenden Herzogs Geſicht erleuchtete, deſſen Züge wüſt, heiß und ſchwülſtig waren und der die Hand in den langen Bart eingewühlt hatte. Der Landgraf betrachtete den Schläfer, deſſen ſchweres Hirn den mitternächtigen Rauſch verdunſtete, einige Sekunden lang mit finſterem Ernſte, dann ergriff er deſſen Hand, warf ſie aus ihrer Lage im Barte auf eine andere Stelle und rief:„Holla! Herr Otto! wache auf, das Land iſt in Gefahr!“— Der Herzog fuhr mit tiefem Athemzuge zuſammen, ſchlug die Augen wild auf, fühlte ſich geblendet, griff über das Geſicht, richtete ſich mit Heftigkeit und einem Fluche auf, tappte nach dem Dolche an der Wand, ſtarrte die hohe, gerüſtete Geſtalt, die vor dem Lager ſtand, betroffen an, kam Maltitz, Herzog. II. 13 — 194— noch nicht vollends zum Erwachen und rief:—„Was giebt's? Was wollt Ihr? Ha! Ihr ſeid's? Iſt es Euer Geiſt? Wollt Ihr mir ankündigen, daß es Eure letzte Stunde ſei?“— Erſt jetzt, als er erkannte, daß das Tageslicht in ſein Auge ſcheine, daß er eine lebende Geſtalt vor ſich habe, wurde er ſich ſeines Erwachens völlig bewußt und fuhr fort:— „Was führt Euch ſo ungewöhnlich hier her, gerüſtet, erregt, finſteren Blickes? Könnt Ihr die Nacht keine Ruhe finden, daß Ihr in Waffen umhergeht?“— Der Landgraf ſah gebieteriſch auf ihn nieder und ließ ihn ausſprechen; es waren Worte, die Otto ſelbſt nur geredet hatte, um ſich aus den letzten Nebeln ſeines ſchweren Schlafes frei zu machen. Der greiſe Held packte mit feſtem, ſchnellen Griffe des Herzogs Hand, ſchüttelte ſie zornig und rief:— „Fühle— iſt dieſes Fleiſch und Bein eines Todten oder Lebendigen, der noch ein Recht hat, zu befehlen und zu ſtrafen?“— Otto wollte überraſcht aufſpringen, aber die ſtarke Hand drückte ihn mit rieſiger Gewalt nieder.—„Zum Teufel! Was iſt Euch?“— rief er—„Habt Ihr den Verſtand verloren?“ „Ich hatte ihn verloren, aber er iſt mir über Nacht wiedergekommen!“— antwortete Heinrich mit höhniſchem Ernſte;—„das Land war in Gefahr— während Du ſchläfſt, muß ich für mein Erbe wachen und gerüſtet ſein.“ „Gefahr? Warum laſſet Ihr mich nicht zur Hülfe rufen? Hat der Hermann es verſucht, ſich aufzulehnen? Ich bin ihm Mann genug,— er hat geheime Anhänger geworben, die Euch und mir nach dem Leben trachten.— — 195— Laſſet den Ritter Eckhard ergreifen, er hält's mit dem Thüringer.“— Heinrich ſah verächtlich auf den Großſohn nieder.— „Ja, nach meinem Leben trachtet ein Sprößling meines Blutes, dem die Zeit zu lange währt, daß er mein Erbe bekommt und verpraſſt! Wenn zwei alte Augen erſt ge⸗ ſchloſſen wären, dann würde er ein reicher Fürſt ſein! Sieh' mich an, in dieſen alten Augen blitzt der Zorn, der für zehn und mehr Jahre Leben verräth— ſieh' mich an, falſcher Erbe, in meinen Adern kocht Blut, das Lwih lange nicht abkühlt!“— Otto's Ueberraſchung war ſchnell in Leidenſchaft um⸗ geſchlagen; er wollte ſich von der im Zorne rieſenkräftigen Greiſenhand losreißen, aber ſie hielt ihn auf das Lager gebannt!—„Ha!“— rief er—„Ihr haltet Spione am Hofe, feige Verräther und Läſterzungen!— Liefert mir den Rönfurt aus, den die Sterner aus ihrem Bunde ſtoßen wollen, ſtellt mir den Ohrenbläſer entgegen, daß ich ihm gebührenden Beſcheid gebe— der Schurke iſt vogelfrei in Heſſen und Oberwald!“— „Stehe auf!“— rief Heinrich zornſprühend, indem er die bislang bewältigte Hand des Herzogs fortſchleuderte— „dieſes Bett im Schloſſe zu Caſſel iſt nicht für Dich be⸗ reitet— es ſoll mein Neffe darin liegen; wer auf meinen Tod lauert, ſoll an meinem eiſernen Herzen übel zu Schan⸗ den werden! Auf und rüſte Dich zur Reiſe nach Hauſe— dein Gepäck iſt leicht, die Erbſchaft haſt Du verloren; ehe die Sonne im Mittag ſteht, habe ich es laut und feierlich verkündet, daß Hermann, meines Stammes natürlicher 13* — 196— Sproß, meines Landes rechtmäßiger Erbe iſt! Das helfe mir die heilige Eliſabeth!“ „Hölle und Teufel! das lohn' Euch die Feindſchaft Eures Tochterſohnes in alle Ewigkeit!“— rief Otto, der, vom Lager aufgeſprungen, in die Stiefel gefahren war und einen weiten Mantel um den Körper geſchlagen hatte. Ich habe Euer Wort und darauf trotze ich; ich habe die Burgen Windhauſen und Allerburg als Pfand und ſie ſoll mir kein launiger Greis rauben, der, wie ein altes Weib, nach jeder feigen Zunge hört. Bringet mich nicht auf, oder ich vergeſſe, daß ich Eurer Tochter Sohn ſei!— Achtet das Blut des Welfen in mir, das ſich nicht höhnen läßt!“ Otto hatte in der Hitze ſeines heftigen Temperamentes die Hand gegen den Greis geballt, der ſeine hohe, ehrwürdige Geſtalt ſtolz gegen ihn aufrichtete. „Du möchteſt Dich an Deiner Mutter Vater vergreifen?“ — rief er mit Blick und Stimme eines Jünglings;— „ſind Dir dieſe weißen Haare nicht werth genug, daß Dn ſie achteſt? Du kennſt meinen Sinn und nun ziehe be⸗ ſchämt ab nach Deiner Heimath und laß Dich nicht gelüſten, den Blick nach Heſſen zu richten. Spute Dich, ehe die Leute Dich abziehen ſehen und mit Fingern nach Dir zei⸗ gen!“— „Die Edelleute Eures eigenen Landes ſollen es Euch lehren, was Ihr mir ſchuldig ſeid. Ich ziehe ab, aber ich kehre wieder!“— Der Landgraf warf ihm einen ſtrafenden Blick zu, ſchritt nach der Thür und rief hinaus:„Sattelt die Pferde! der Herzog will nach Göttingen aufbrechen!“ — 197— Die Edelknappen eilten davon, den Befehl weiter zu tragen; der Landgraf wendete ſich auf der Schwelle gegen den Herzog zurück, der wüthend hin⸗ und herſchritt und zweifelhaft ſchien, ob er dem Großvater Gewalt anthun, oder den Rath ſeiner Freunde hören ſolle; der Greis er⸗ hob die Hand zum Schwure und ſprach:—„So gelobte ich es der heiligen Eliſabeth— ſo halte ich es!“— Dann ging er ſchnell davon. In ſeinem Gemache wieder angelangt, forderte er, daß der Mönch Bruno komme. Dieſer erſchien mit einem Per⸗ gamente.—„Setze Dich und ſchreibe, was ich Dir ſage“— redete er zu ihm. Der Mönch gehorchte.— Heinrich dic⸗ tirte:„„Wir, Heinrich, von Gottes Gnaden, Land⸗ graf zu Heſſen, bekennen hiermit vor Gott und Men⸗ ſchen, daß Wir, nach gerechter Sache und in Betracht Unſerer Zeitlichkeit und da Uns Gott den geliebten Sohn genommen, nunmehr Unſeren lieben Vetter, Unſeres lieben Bruders ſeligen leiblichen Sohn, Hermann von Thürin⸗ gen, zu Unſerer irdiſchen Gewalt Nachfolger und zum Herrn und Landgrafen Unſeres Landes Heſſen und Unſerer ſonſtigen Beſitzthümer und zeitlichen Güter erwählt haben, und befehlen, daß Jeder ihn dafür anſehe, achte und will⸗ kommen heiße. Gegeben am heiligen Michaelistage 1371.““ Der Landgraf achtete nicht auf die Zeichen der freudigen Ueberraſchung, welche der Mönch beim Schreiben nicht unterdrücken konnte; als jener aber ſeinen Namen unter⸗ zeichnete, küßte der Mönch die Hand des Landgrafen und ſprach mit Begeiſterung:——„Gelobt ſei Gott, der Euch das eingegeben hat! O! Herr, Ihr werdet dem Lande eine — 198— große Freude machen— Gott erhalte Euch noch viele Jahre!“— „Die Herolde ſollen das ſofort in Caſſel und flugs im Lande verkünden“— befahl der Landgraf.—„Ja Bruno, ich halte dafür, daß es die guten Heſſen mir ſegnen wer⸗ den.“— Etwa eine Stunde nach des Landgrafen Rückkehr in ſein Gemach, ſprengte Herzog Otto von einigen Rittern und ſeinen Knappen begleitet, wuthſchnaubend aus dem Schloßhofe; er warf drohende Blicke nach dem Flügel hin⸗ auf, wo der Landgraf wohnte und nahm ſtill fluchend ſeinen Weg gegen die Grenze. Erſt als die ſtürmiſchen Reiter den ſchäumenden Pferden einige Ruhe vergönnen mußten, machten ſie am Abhange eines Waldberges Halt. Otto kochte; er konnte zum Lagern keine Ruhe finden, ſondern ging in leidenſchaftlichſter Aufregung mit ſeinen Rittern, dem alten Rabe von Hanſtein, dem Ritter von Stockhauſen, dem Ritter Breido von Ranzau und dem Ritter Brenner von Lahnſtein auf und nieder, während die Knappen mit den Pferden ruheten. „Sinnet auf Rache!“— ſprach er— die Fauſt nach der Gegend von Caſſel drohend erhebend;—„dieſe Schmach ertrage ich nicht!— Den Eckhard will ich wie einen Dieb an die höchſte Eiche hängen laſſen an der Kette, die der Schurke ſich rühmt, zu meines Gemahls Ehre zu tragen!“— „Ueberlaſſet mir's oder meinem Sohne, ihn abzuthun, wie er's verdient;“— ſagte Rabe von Hanſtein;—„wenn wir nur wüßten, wohin ihn der alte Eiſenfreſſer ſo früh geſandt hat, ich würde ihm auflauern.“— — 199— „Wohin anders, als nach Thüringen, zum frommen Beter, um ihm des Alten Thorheit zu verkünden“— meinte Ritter Ranzau.—„Ich habe einige tüchtige Kerle des Weges geſchickt.“—. „Rache allein genügt mir nicht!“— fiel Otto ein;— „das Land Heſſen, das er mir verſprochen hat, will ich haben, mit Gewalt will ich nehmen, was mir der Alte verweigert. Jetzt beweiſet mir Eure Freundſchaft, Ihr heſſiſchen Edelleute!— Habt Ihr Boten an den Ziegen⸗ hain, den Katzenellenbogen, an die Sterner geſandt, die geſtern nach Caſſel gekommen waren, um mit mir zu jagen?“—— „Sie werden ſchon aus ihren Quartieren aufgebrochen ſein“— antwortete Ritter Stockhauſen.„Sie wiſſen, daß Ihr ſchleunigſt nach einem Wortwechſel mit dem Landgrafen von Caſſel abgeritten ſeid und in meiner Burg auf dem Bramberge abſteigen wollt. Wir ſind dort an der Grenze des Landes, mitten im Walde nahe der Weſer, und Ihr könnt die Sterner dort verſammeln, ohne daß es Aufſehen macht.“— „Wir wollen weiter“— rief Otto, deſſen Blut durch die Adern jagte und die Augen unheimlich röthete—„ich muß trinken, die Zunge klebt mir vor heißem Groll am Gaumen— fort!— fort!“ Er ſtürzte einen ihm gereichten Becher Wein hinunter, ſchwang ſich auf das Pferd und ſprengte davon— der Bramburg zu, die mitten in einem hohen Walde, unweit des Schloſſes Münden, auf dem hohen Bramberge lag und deren Thurm man von der Weſer und der Landſtraße — 200— weit über den Wald hervorragen ſehen konnte. Ein ſcharfer Ritt führte die Ungeduldigen nach einigen Stunden ihrem Ziele näher. Der Ritter von Stockhauſen, der auf ſeinem Wappen einen ſchwarzen, zweiblättrigen Eichenzweig auf ſilbernem Schilde, und auf dem Helme zwei ſchwarze Adlerflügel, neben dem Stern des Bundes, führte, war an der Weſer nicht weniger gefürchtet, als der Hanſteiner an der Werra; die Bramburg war ein feſtes Raubſchloß und den Kaufleuten und Schiffern, welche ihre Waaren auf der Weſer fortbrachten, im hohen Grade gefährlich und verhaßt. Die Klagen der Beraubten bei dem Landgrafen hatten den Ritter zum Feinde deſſelben, aber um ſo leichter zu Otto's Freunde gemacht, der den Raub für ein ehrliches Gewerbe der Adligen hielt. Er konnte deshalb für ſeine landräuberiſchen Pläne keinen geeigneteren Sammelplatz der Genoſſen und keinen wür⸗ digeren Gaſtfreund finden. Man wußte, daß der Ritter Stockhauſen mit ſeinen Knappen auf Pferden zum Beute⸗ machen ritt, denen die Hufeiſen verkehrt untergeſchlagen waren, um die Spur ihres Weges zu fälſchen, daß ſie die Schiffe auf der Weſer anhielten, plünderten und, um dieſelben nicht zu verfehlen, eine Leine von einem Ufer des Fluſſes zum anderen unter dem Waſſer ausgeſpannt hatten, die mit einer Glocke auf der Burg in Verbindung ſtand, auf deren Läuten Ritter und Reiſige hinauseilten, um ſich über die friedlichen Schiffer und die Beute zu ſtürzen. Die Burg lag einſam, ringsum war kein bewohnter Ort. — Hier raſtete Herzog Otto, um ſeinem Grolle und Rache⸗ gefühle weitere Folge zu geben und die mächtigen Bundes⸗ — 201— Genoſſen zu erwarten; er war nicht der Mann, die ſo plötzlich getäuſchten Erwartungen ungerächt zu laſſen und die Demüthigung, welche er von ſeinem Großvater erhalten hatte, ruhig hinzunehmen. Die Burgfrau auf Bramburg war nicht wenig über⸗ raſcht, zur Nachmittagszeit, als ſie eben im hochgelegenen Luſtgarten mit ihren beiden Töchtern luſtwandelte, einen Haufen Reiter aus dem heſſiſchen Rheinhardswalde gegen⸗ über hervorſprengen zu ſehen. Sie glaubte anfangs, daß es der Herr der nahen, in jenem Walde gelegenen Saba⸗ burg mit ſeinen Knappen ſei, erkannte aber bald zu nicht geringer Verwunderung am langen wehenden Barte den Herzog Otto und glaubte nichts anderes, als daß dieſer von dem Schloſſe Münden aus auf der Jagd befindlich ſei. Als der voranſprengende Herzog aber ſeinen Weg die Bramburg hinauf nahm, ſprach ſie:„O, wie empfange ich den Herzog? Mein Herr iſt in Caſſel!“— Das ſchärfere Auge der älteſten Tochter aber hatte ſchnell den Vater erkannt, und ſie rief freudig:—„Siehſt Du nicht die ſchwarzen Adlerflügel auf dem Helm? Auch den Han⸗ ſteiner erkenne ich— hörſt Du des Vaters Hüfthornzeichen?“ Es währte auch nicht lange, ſo raſſelte die Zugbrücke über dem breiten Außengraben nieder und die Reiter ritten in das Burgthor ein. Die Burgfrau ſtand auf dem Altane des hohen Gartens und blickte in den Hof hinunter, wo Herzog Otto mit heftiger Geberde vom dampfenden Roße ſprang und unruhig hin und her ſchritt. Ritter Stockhauſen führte den Ehrengaſt in ſeine beſten Gemächer und als die Burgfrau ihm mit einem ehrerbietigen Will⸗ — 202— komnen auf der Gallerie entgegentrat, hatte er in ſeiner inneren Aufregung kaum ſo viel Zeit und Geduld, die Höflichkeit gegen die Gemahlin des Gaſtfreundes zu beob⸗ achten. Als die Männer im Prunkgemache der Burg an— gelangt waren, warf ſich Otto, vom Ritte weniger, als von der Leidenſchaft ſeines Zornes erſchöpft, in einen Seſſel, ließ ſich von ſeinem Edelknappen gleichgültig Helm und Schwert abnehmen und wühlte ſich im Haare. Plötzlich prang er auf, ſtürzte einen ihm kredenzten Humpen Wein huude⸗ trat an das Fenſter und ſah über den Wald und Fluß hinüber in das Heſſenland. „Das ſollte ich verloren geben?“— rief er, den Flammenblick, wie ein Habicht über ſeiner Beute, auf die Fluren kreiſen laſſend,—„beim Teufel, nein! nein!“— Er ſtampfte mit dem Fuße auf und ballte die Hand.— Jetzt will ich erfahren, wer mein Freund iſt! Jetzt heißt's Kampf; Gewalt gegen Gewalt, Enkel gegen Großvater! Wo nur der Ziegenhainer, der Katzenellenbogen bleiben!— War ich den Sternern nur bei der Jagd ein guter Freund? Haben ſie mich reiten laſſen und wol gar dem Hermann ein Willkommen zugedacht?“ „Herr“— ſprach der zum Herzoge tretende Breido von Ranzau—„ſchmähet Eure beſten Freunde nicht; ſeht, wir tragen den Stern und er ſoll Euch heller wie der Stern im Morgenlande an die rechte Krippe führen. Gehabt Euch in Geduld— die Freunde werden bald ein⸗ treffen.“— 1 „Laſſet uns indeſſen ruhen und mit Speiſe und Trank erfriſchen“, nahm Ritter Stockhauſen das Wort;„die — 203— Grafen wiſſen, daß Ihr im Böſen vom Landgrafen ge⸗ ſchieden ſeid und ſie auf der Bramburg erwarten wollt; höret erſt den Gottfried von Ziegenhain, er iſt des Land⸗ grafen erbittertſter Gegner und der Erſte und Mächtigſte im Bunde der Sterner, deſſen Wappen wir tragen als ſeiner Freundſchaft Diener. Bedürft Ihr des guten Willens und Muthes, ſo rechnet auf jeden Sterner.“ „Freund“— ſagte Rabe von Hanſtein—„wenn ihr Herr zu Heſſen ſeid, ſo wird die gute Zeit wiederkehren, wo dem Edelmanne ſein Recht wird, das der alte Landgraf gern allein behaupten möchte;— mögen Städter und Bau⸗ ern mit ihm halten, ſeine Vaſallen, die ſämmtlich arme Teufel ſind, ihn ihr ärmliches Häuflein zuführen— die Burgherren und reichen Geſchlechter, die Land und Reiſige haben, ſind des Landgrafen offene oder ſtille Gegner und viele warten auf Gelegenheit und Zeichen, um ihm den Abſagebrief zu ſenden.“ „Allein, ohne Hülfe bin ich dem Landgrafen nicht ge⸗ wachſen“— ſprach Otto—„es i*ſt keine Fehde gegen ein Schloß, es muß ein ganzes Land erobert werden— es muß zu einer Feldſchlacht kommen.“ „Glaubet nicht, daß der Landgraf viele Freunde hat; ſein Eigenſinn und Trotz, der Euch heute beleidigte, hat auch Andere mit Groll erfüllt; er hat Fürſten und Va⸗ ſallen von ſich abwendig gemacht und er iſt ein zu trotzi⸗ ger Mann, um ihnen das erſte Wort zur Verſöhnung zu bieten oder ſie in der Noth um Hülfe anzuſprechen. Die Sterner ſind die Mächtigſten im Lande, ſie haben ſich Hülfe in gemeinſamer Sache gelobt; redet den Ziegenhain — 204— darauf an, daß er die Bündner, deren Hauptmann er iſt, zu den Waffen rufe— und wir ziehen mit Euch.“— Dieſe Worte hatte der ſtreitluſtige, wilde Breido von Ran⸗ zau ſo muthig und zuverſichtlich geſprochen, daß Otto ihm die Hand ſchüttelte und ausrief:—„Du biſt mein Freund, Breido— ich will Dir's gedenken!“ Beim Mahle und guten Weine und in der Unterredung mit den Genoſſen, welche ſeiner rachedürſtigen Stimmung eine befriedigende Nahrung boten, vergaß der Herzog die leidenſchaftliche Ungeduld, womit er ſich in der friſchen Aufwallung nach ſchnellem Handeln und dem Eintreffen der erwarteten Freunde ſehnte. Endlich gegen Abend, als die Kerzen bereits im Burgſaale leuchteten, erſcholl unten vom Walde her ein Jagdhorn— der Thürmer antwortete 3 Otto ſprang vom Seſſel und rief:—„Da find ſie!“ und ſtieß ein Fenſter auf. Die Meldung des Knappen, daß mehre Ritter und Reiſige an der Burg hielten, blieb unbeachtet, da Otto in ſeiner lebhaften Haſtigkeit aus dem Fenſter in die mondhelle Gegend, wo Helme und Schilde blitzten, laut hinabrief:—„Biſt Du es, Gottfried?“— und eine kräftige Stimme antwortete:—„Holla, da ſind wir; das war ein Ritt, wie die wilde Jagd!“— und eine andere Stimme rief lachend:„das Waſſer der Fulda, das mit uns zur ſelben Zeit von Caſſel abrann, kann erſt morgen Abend in der Weſer anlangen!“ Der Herzog ließ in der Ungeduld, womit er die Freunde erwartete, das Fenſter offen und ſchritt, die Augen viele Male nach der Thür richtend, hin und her. Endlich wurde das Gemach aufgeſtoßen und Graf Ziegenhain eilte — 205— mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu; hinter ihm folgten Graf von Katzenellenbogen, Graf Nidda, die Ritter Dietz, Weilnau, Winzenburg, Schonenburg, Bilſtein, Daſſel und Iſenburg. „Gottfried“— rief Otto—„Du weißt noch nicht, was mich in Zorn von Caſſel vertrieben hat;— Rache! Rachel heißt mein beſter Freund!“ „Ich weiß es!“ antwortete Graf Ziegenhain;—„wir ſind ſpäter von Caſſel aufgebrochen, um uns als Zeugen mit Haß und Rache zu ſättigen; heute Mittag wurde laut verkündigt, daß der Landgraf ſeinen Neffen, den Betbruder und Pfaffen, zum Erben des Heſſenlandes eingeſetzt habe.“ „Hal ſo ſchnell iſt der alte Eiſenfreſſer?“— fiel Otto ſprühend ein.—„Und wie gefällt Euch dieſe Kunde, Ihr heſſiſchen Männer?“ 3 „Wir laſſen es uns nicht gefallen!“— rief Graf Eberhard der Fünfte von Katzenellenbogen.—„Wenn das meine Brüder Wilhelm und Diether hören, ſo werden ſie den neuen Landesherrn zu allen Teufeln wünſchen. Mor⸗ gen reite ich nach Dornberg, wo ich den Wilhelm zu fin⸗ den gedenke!“ „Nein, wir erkennen Euch als Erben an!“— riefen die Ritter, welche ſämmtlich den Stern trugen.—„Und Ihr, Otto“— begann Ziegenhain—„was ſagt Ihr? Was habt Ihr uns zu bieten?“ „Ich will dem Alten zeigen, daß ich mich nicht wie einen Knaben beſchenken und züchtigen laſſe!— Das Land fordere ich mit Gewalt, den Alten will ich zwingen, den Rönfurt hängen ſehen und den Hermann in ein Kloſter — 206— jagen. Helfet mir; kann ich mich auf meine Freunde, auf die Sterner verlaſſen?“ „Heftet den Stern ſelber auf Helm und Schild und wir ſind es dem Gelübde ſchuldig, Euch beizuſtehen“— ſagte Graf Ziegenhain. „Wohlan!“— rief Otto—„ich will der Eurige ſein!— Den Stern will ich tragen, helfet mir das Land gewinnen, ich will jeden Ritter, der auf meiner Seite ſteht, einen Antheil an der Eroberung geben, Landgebiet und Silber— ich will des Sternbundes Hauptmann ſein, und die Sterner ſollen das erſte Recht im Lande haben.“ „Das läßt ſich hören“— antwortete Ziegenhain;— „nun habt Ihr viele und mächtige Freunde— alle Gegner des Landgrafen und ſeines Neffen werden offen zum Stern⸗ bunde ſchwören, wenn dieſer ſich für Euch erkläͤrt. Was könnt Ihr zur Fehde ſtellen?“ „Meine welfiſchen Vettern kann ich nicht um Hülfe an⸗ ſprechen! Albrecht von Grubenhagen iſt mein Freund nicht, Magnus der Jüngere hat ſelber genug mit ſeinen An⸗ ſprüchen an das Lüneburger Land zu ſchaffen; ich will mir andere und neue Verwandte verbinden, die Sterner ſollen mir mit dem Blute meines Stammes befreundet werden. — Werbe für mich, Gottfried, in Heſſen, Thüringen, in der Wetterau und im Fuldaiſchen; ich will meine Ritter an der Leine aufrufen, den Stern zu nehmen! Wer dem Bunde angehört, nun ich deſſen Hauptmann bin, ſoll ein ſelbſtſtändiger Herr in ſeinem Beſitzthum ſein, ſoll Recht und Gewalt über die Städte haben; ich will nicht ihr Landesherr, ſondern ihr Rittergenoß ſein!— Gottfried, — 207— wir wollen unſer Bündniß befeſtigen durch friedliches und feindliches Blut zugleich;— Du haſt meine Schweſter Agnes im Turnier und bei Jagden ausgezeichnet, ſchlag ein zur Verwandtſchaft, unter dem Zeichen des Sternes; — ich gebe Dir meine Schweſter zum Gemahl und tau⸗ ſend Mark Silber Göttinger Währung aus meinem künfti⸗ gen Antheile Heſſens als Mitgift zur Heirath!“ „Ich nehme es an, mit Herz und Hand!“— rief Graf Ziegenhain ſchnell;—„ſo laßt uns Brief und Siegel da⸗ rauf austauſchen. Freunde! Ihr habt dem Bunde, den ich ſtiftete, Geſinnung und Schwert gewidmet und meines Wap⸗ pens Stern auf Helm und Schild genommen, wie eines Stammes Brüder;— meinem herzoglichen Schwager trete ich hiermit feierlichſt die Hauptmannſchaft des Bundes ab, ſchwören wir ihm Freundſchaft und Treue, und daß ſeine Sache auch die unſrige ſei!“— Er zog ſein Schpert, die Ritter folgten ihm und neigten die Klingen vor dem Herzoge. Otto griff an das Wehrgehäng, fühlte, daß er das Schwert abgelegt habe, nahm das des Grafen Ziegenhain und hielt es hoch empor.—„Beim heiligen Michael! bei meiner Schweſter Ehre! Ich will Euer Freund und Anführer ſein und wie Ihr mir beiſteht, auch Eurer Sache meine Hand widmen!“ So hatte Otto, deſſen heißes, heftiges Temperament in Leidenſchaft Alles auf den Schwerpunkt ſeines ungeſtümen Willens warf, im überbrauſenden Gefühle nach Rache und gewaltſamer Beſitzergreifung eines ſo unerwartet verlore⸗ nen, reichen Erbes, jedes Mittel benutzt, um die mächtigen Sterner für ſich zu gewinnen und ſie an ſich zu feſſeln, — 208— indem er ihnen den eigenen Vortheil zeigte und ihren Eigen⸗ nutz und Ehrgeiz anregte. Wenn er auch die Ausſchwei⸗ fungen und Anmaßungen der Ritterſchaft theilte und für die Klagen über deren Raub⸗ und Gewaltthaten im eigenen Lande taub war und den Fürſten verleugnete, ſo wußte er doch auch, daß der Sternbund die weiter greifende Tendenz hatte, bei der Machtloſigkeit des deutſchen Reichsoberhauptes, die Gewalt der Landesfürſten zu brechen und das Ritter⸗ thum zur unumſchränkten Herrſchaft kleiner Dynaſten her⸗ aufzubringen. Eben weil der Landgraf bei ſeinem eiſer⸗ nen Charakter der Herr über die Ritter und Vaſallen ſein wollte, waren ſie ſeine Gegner und der Sternbund galt namentlich gegen ihn, obgleich jener ſich als eine Adels⸗ verbindung gegen die Macht der emporſteigenden Städte und als Schutz der Bündner zueinander gegen Einzel⸗ fehden kund gab. Otto hatte aber jetzt um jeden Preis Männer nöthig, die ebenſo feindlich gegen den Landgrafen, als begierig nach eigenen Vortheilen und Unabhängigkeit waren; dieſe hatte er an den Sternern gefunden und ob⸗ gleich er im eigenen Lande nach Laune und Stimmung den Herrn auch über ſeine Ritter ſpielen wollte, ſo kann⸗ ten dieſe doch zu ſehr die Schwächen des Fürſten, um ihn nicht durch Anreizung und Befriedigung ſeiner Leidenſchaf⸗ ten mit ſich fortzureißen und ihn zum leichtentflammten Genoſſen ihrer Intereſſen, Raubzüge und Gewaltthätig⸗ keiten zu machen. Ob dieſe neu geſchloſſene Freundſchaft mit den Sternern von beiden Seiten eine aufrichtige war, iſt zu bezweifeln; denn der Graf Ziegenhain hatte ihn wahrſcheinlich nicht ohne ſtille Gedanken gefragt, was er b 3 — 209— dem Bunde bieten wolle, und Otto hatte es für klug ge⸗ halten, den mächtigen Grafen an ſeinem Ehrgeize und Eigennutze zu faſſen, indem er ihm die Schweſter Agnes, die Großtochter des Landgrafen, zum Gemahl antrug. Hätte auch nicht Liebe den Grafen von Ziegenhain beſtimmt, dieſen Ehevertrag ſo ſchnell einzugehen, ſo würde ſchon die Ausſicht, durch dieſe Heirath ſelbſt in Heſſen Anſprüche geltend machen zu können, ihn am heimlichen Gedankenfaden der Klugheit geleitet haben. Ritter Stockhauſen hatte ein ſolennes Abendmahl im Speiſeſaale auftragen laſſen, was er um ſo reichlicher dar⸗ bieten konnte, da er erſt vor wenigen Tagen eine werthvolle Kaufmannsladung der Eichsfelder erbeutet und ein Schiff, das mit Wein die Weſer von Bremen herauf gegen Mün⸗ den gefahren war, ausgeleert hatte. Bei der Tafel, an welcher die Burgfrau fern gehalten wurde, berathſchlagte man nun weiter, wie man dem Land⸗ grafen die Kränkung ſeines Großſohnes vergelten und dem Heſſenlande beikommen möchte. Die Sterner verſprachen, ſich im Lande mit Feuer und Schwert auf den landgräfli⸗ chen Beſitzungen auszubreiten, ſobald Otto von der Grenze aus in Heſſen eindringen werde. Die feſte Burg Dornberg, welche dem Grafen Wilhelm von Katzenellenbogen gehörte und von gewaltiger Höhe herab die Gegend beherrſchte, ſollte eine ſtarke Beſatzung erhalten und Breido von Ranzau, als ein kriegskundiger Freund Otto's, der Hauptmann dieſer Burg werden; die alte Ruine der Veſte Sichelſtein, auf einem noch ſtreitigen Gebiete zwiſchen Heſſen und Ober⸗ wald, wollte Otto ſofort wieder aufbauen laſſen; Schloß Maltitz, Herzog. II.— 14 — 210— Reichenbach, ebenfalls Eigenthum des Grafen Wilhelm von Katzenellenbogen, wurde als ein Punkt auserſehen, von wo aus Ritter von Lahnſtein, als Amtmann des Schloſſes, ſeine feindlichen Operationen unternehmen ſollte; Eberhard der Fünfte, der kein eigenes Schloß beſaß, ſondern mit ſeinem Bruder Wilhelm gemeinſchaftlich die Stammburg Katzenellenbogen oder Burg Reichenſtein bewohnte, unter⸗ nahm es, im Lande Thüringen und Rhein zum Sterner⸗ bunde zu werben, und er hoffte, den Johann von Naſſau auf Dillenburg zu gewinnen und deſſen Verwandten Ru⸗ precht, Herrn der Stadt Hadamar, der ein Freund Hermann's war, mit dieſem zu entzweien. Herzog Otto ſollte ſeine Ritter an der Leine zum Sternbunde führen, die Göttinger aufbieten, gegen den Landgrafen zu ziehen und dann, wenn Alles vorbereitet ſei, von den Burgen Münden, Bramburg, Friedland, Brackenberg und Sichelſtein in die heſſiſchen Länder an der Weſer, Fulda und Werra einfallen.— Bis tief in die Nacht hinein ſaßen die Verbündeten auf der Bramburg am Trinktiſche und brüteten gefährliche Pläne gegen das Heſſenland aus, das indeſſen im hellen Mondſcheine und ſtillen Frieden jenſeit des ruhig vorüber⸗ fließenden Weſerſtromes lag; der Vollmond ſtand hoch über dem Rheinhardswalde und lächelte heiter und klar auf das Heſſenland und die hohe Bramburg hernieder; er machte alle Sterne des Himmels vor ſeinem Lichte erbleichen, und warf ſeine Strahlen auch in die Fenſter der Burg, als lächelte er über das Sinnen der Menſchen in jenem Ge⸗ mache, deſſen röthlicher Fenſterſchein wie ein Glühwurm auf hohem Felſen ſich vor dem Nachtglanze des Himmels verkroch. — 211— Breizehntes Kapitel. Im Anfange des Jahres 1372, an einem kalten Februar⸗ tage, faſt um dieſelbe Zeit, in welcher vor zwei Jahren das große Turnier auf den Freudenberge abgehalten war, befanden ſich die Göttinger Bürger in einer ungewöhnlichen Aufregung. Am Morgen waren drei Ritter, der Herr von Hardenberg, der Herr von Kerſtlingerode und der Herr von Weferlingen in die Stadt eingeritten, hatten auf dem Bollrutz, der im vergangenen Jahre größtentheils verödet geweſen und auf den erſt vor drei Monaten die Herzogin Margarethe wieder⸗ um eingezogen war, Quartier genommen, den Rath der Stadt zu ſich beſchieden und demſelben eine herzogliche Botſchaft gebracht, welche wichtig genng erſchienen war, ſofort die Gildemeiſter auf das Rathhaus zu rufen und die angeſehenen Bürger zu einer Verſammlung einzuladen. Schon zur Mittagszeit hatte ſich die Kunde der herzog⸗ lichen Botſchaft in der Stadt von Haus zu Haus verbreitet, es ſtanden lebhaft redende Gruppen auf den Gaſſen und vor den Häuſern; das gemeinere Volk lärmte vor dem Rathhauſe und auf dem Frauenmarkte zwiſchen dem Rath⸗ hauſe und der Johanniskirche; die in der Nähe gelegenen großen Gildehäuſer der Bäcker und Schuſter waren von Leu⸗ ten angefüllt; im Kaufhauſe, an der Ecke des Marktes und der Rothenſtraße, berathſchlagten die Krämer miteinander, und während die Mienen der wohlhabenderen Bürger ernſt und nachdenklich waren, verrieth der Pöbel eine fröhliche, muthige Stimmung und man hörte auch wol ſagen, daß 14 — 212— die Arbeit ſauer, das Beutemachen leicht ſei und man nun auch einmal gemeinſchaftliche Sache mit den Rittern machen könne. Schauen wir zur Zeit des Frühabends in das bekannte, große, mit Balkenſchnitzwerk und frommen Bauſprüchen gezierte Brauhaus, auf der Gotmargaſſe: vor dem Thore des Gebäudes und auf der geräumigen Diele liegen Fäſſer; fleißige Knechte ſind beſchäftigt, dieſelben zu rollen oder Säcke mit Gerſte im Hauſe aufzuwinden; das Trinkſtüb⸗ chen verräth durch ſein Flurfenſter über dem gewölbten Kellereingange, daß es von bürgerlichen Gäſten angefüllt iſt, welche laut durcheinander mit lebhaften Geberden reden; der vierſchrötige, erſte Brauknecht bewegt ſeine, trotz der unter dem Lederkäppchen hervorhängenden grauen Haare, noch kräftige Geſtalt über den Flurraum und beherrſcht die jüngeren Knechte. Eine Lampe mit drei ſchwalchigen Flammen hängt an eiſerner Kette in der Mitte der Haus⸗ flur von einem Querbalken herab und erleuchtet die Gallerie, welche in die Gemächer des eine Treppe hoch gelegenen Stocks führt, der dem, bis zu den Malzböden aufreichenden, weiten Flurraume einerſeits abgewonnen iſt.— Vor zwei Jahren waren dieſe oberen Gemächer nicht des Abend erleuchtet; ſeit dem Abend des Turniertages aber war hier ein ſtilles, häusliches Glück eingezogen, hier lebte Gertrude mit ihrem frohen, heiteren Gatten und die fleißige Hand der jungen Hausfrau fand im großen Getriebe der Wirthſchaft weit beſſere Hülfe als die treueſten und willigſten Mägde zu leiſten vermögen,— die Mutter, die gewaltſam und mitten in der Freude des glücklichen Wieder⸗ — 213— findens ihrer Tochter verwittwete Müllerfrau, ſtand der jungen Hausfrau zur Seite mit That und Erfahrung, und vertrat ihre Stelle in den Zeiten, wo ſie der glücklichen Gertrude eine Stunde des Herzens und des zärtlichen Gattenblicks ungeſtört gönnen wollte. Freilich war die ſo plötzliche Wendung von Gertruden's Geſchicke durch die unverſehens, aber in glücklicher Betäu⸗ bung die Gemüther fortreißende, ſtille und vom Segen der Herzogin und der Liebe geweihte Hochzeitsfeier nicht ohne ein ſchweres Erwachen aus dem Traume des Glückes geweſen; Helmold und ſeine noch jungfräuliche Gattin hatten den Abend im Rauſche des Anſchauens und Gefühles untrenn⸗ baren Beſitzes gefeiert, die Mutter war von dem ſtillen, bangen Bewußtſein des ſie umgebenden und in ihrem Herzen wiedertönenden Glückes mehr bedrückt, als erleichtert ge⸗ weſen, und der beklemmende Gedanke an den Mann zitterte wie ein drohender Schatten durch das lichtere Dämmerbild der frohen Gegenwart; die ernſte Miene, welche die Freunde Tile Freitag und Werner Roden zuweilen austauſchten, wenn ſie die ſtille Frau mit bangem Lächeln in der Tochter ſelige Augen hineinträumen ſahen, hatte ſie nicht bemerkt und die herzliche Theilnahme, welche ihr die Männer widmeten, war ihr nicht als das ſchmerzliche Mitleid be⸗ kannt geworden, das jene bei ihrem Anblicke empfanden und verſchwiegen. Aber ſchon am anderen Tage mußte der tückiſche Freudenbecher des Glückes bis auf ſeinen letzten, bitteren und furchtbaren Inhalt geleert werden; Frau Blote, welche nur mit Mühe bis zum Morgen in Helmold's Hauſe zu⸗ — 214— rückgehalten wurde, mußte von Werner die erſte Nachricht von dem Ereigniſſe in der Maſchmühle erfahren, nachdem Helmold eingeweiht worden war; Gertrude erfuhr die Thatſache unter ſchonender, allmählig ſich lüftender Um⸗ hüllung; ſie konnte ihren Vater nur bedauern, nicht lieben, aber ihr Herz wendete die ganze Fülle des ſchmerzlichen Mitgefühls der erſchütterten Mutter zu und dieſe fand in Helmold's Hauſe bald eine neue Heimath und die Ruhe des ſtilleren Schmerzes. Der Rath der Stadt hatte die Maſchmühle anderweitig verpachtet und Helmold Seelen⸗ meſſen für das ewige Heil des ohne Abſolution geſtorbenen Selbſtmörders veranſtalten laſſen. Da Herzog Otto ſchon am anderen Tage nach dem Turniere nach Caſſel aufge⸗ brochen, die Herzogin aber noch einige Wochen auf dem Bollrutz zurückgeblieben war, ſo hatte dieſe edle Beſchützerin das Haus Helmold's mit ihrer Gegenwart ausgezeichnet und dadurch nicht allein das Gefühl des Glückes und der Sicherheit in den Gemüthern befeſtigt, ſondern auch Gertruden eine Stellung unter den Weibern Göttingen's bereitet, die dieſelbe ſchnell in den angeſehenſten Verkehr führte und den beſten Familien der Stadt befreundete. So hatte Margarethe wieder am Leben eines Mädchens ausgleichen und heilen wollen, was der Herzog daran geſündigt hatte! Die ſtille Hochzeitsfeier im Brauhauſe, am Spätabend des Turniertages ſollte aber noch durch ein anderes Ereig⸗ niß getrübt werden, was indeſſen einen Ausgang nahm, der nicht bis zu den Verſammelten in dem oberen Stocke hinaufreichte. Erſt am anderen Tage erfuhr Helmold, was ihn bedroht hatte.— Gertrude war nie davon be⸗ — 215— nachrichtigt worden. In der Stunde zwiſchen zehn und elf Uhr waren, als die Brauknechte ſich im Wein gütlich thaten, den ihnen Helmold freigegeben hatte, vier vermummte Geſtalten vor dem Thore des Brauhauſes erſchienen, mit Flöten und Cithern in den Händen, und ohne von den zechenden und ſingenden Knechten bemerkt zu werden, bis an die Treppe gelangt, wo ſie ſpähend nach der Gallerie aufblinzelten und nach den Stimmen horchten, die aus den Gemächern erſchollen. Der erſte Brauknecht gewahrte einen dieſer Eindringlinge, der eben im Begriff war, in die Kellerwölbung zu ſchauen. Raſch ſprang er auf, ſteckte ſein Handbeil feſter im Schurzriemen und trat hinaus.— „Heda! was ſucht Ihr hier?“— rief ſeine drohende Stimme und die fremden Schleicher traten ihm vorſichtig entgegen.—„Vergunſt!“— antwortete eine Baßſtimme —„wir ſind arme Spielleute aus dem Eichsfelde, ſind zum großen Turnier nach Göttingen gekommen, um den Reiſigen und Zechenden in der Herberge aufzuſpielen;— wir hörten hier ſingen und die Leute ſagten, es wäre Hochzeit hier;— wollt Ihr uns nicht ein Stückchen vor der Braut geſtatten und uns einige Heller Zehrgeld gönnen?“— „Ei was“— verſetzte der erſte Brauknecht„hier iſt keine Hochzeit; geht in die Wirthshäuſer.“— „Iſt hier nicht auch eine Trinkſtube? Wir wollen den Gäſten ein Lied ſpielen— für einen Trunk Bier.“— Sie drängten dabei gegen die Trinkſtube vor; der Knecht wollte ſie zurückwerfen, aber ſie hatten bereits die Stube geöffnet und Einer rief hinein, mit blitzenden Augen die etwas — 216— trunkſchweren Knechte überfliegend:—„Spielleute ſind wir, wollt Ihr ein Lied hören?“— „Ja— ja“— riefen einige Knechte—„das Lied vom König Gambrinus!“— „Hinaus! ſage ich!“— rief der nachdrängende erſte Knecht und faßte den Nächſten mit kräftiger Hand vor die Bruſt, ſo daß dieſer ihn grimmig anſah, aber ſich ſchnell beſann und ſagte:—„So gebt uns einen Trunk— iſt Euer Herr ſo geizig, daß er zur Hochzeit nichts ſpenden mag?“ „Oho!“— rief ein etwas berauſchter Brauknecht— „ſeht Ihr nicht, daß wir edlen Wein trinken? So trinkt einmal, Hungerleider, auf das Wohl des Herrn Helmold und ſeiner hübſchen jungen Frau!“— „Fahre Dir der Teufel in's Maul!“— fuhr der alte, erſte Knecht auf und ſchlug dem Knechte das erhobene Trinkgefäß ſo heftig aus der Hand, daß der Wein weit umherſpritzte;—„auf Jungens— bringt die Kerle hinaus, oder Ihr lauft morgen hinaus!“— Dieſe Rede hatte die Brauknechte ſchnell nüchtern gemacht; ſie ſahen ſich an, faßten die Fremden in's Auge, ſprangen auf und rückten ſich das Schurzfell zurecht. Die angeblichen Spielleute ſchienen mit liſtig glühenden Augen die Zahl der Knechte und deren Widerſtandskraft abzuſchätzen und ſich mit ver⸗ ſtohlenen Blicken zu fragen.—„Donnerſchlag!“— rief plötzlich der erſte Knecht—„es waren ihrer vier— wo iſt der eine Schuft geblieben? Diebe, ſeid Ihr— haut ſie hinaus!“— Er ſtürzte aus der Stube, ſuchte auf dem Flurraume, ſchloß die Kellerthür, ſtieß hinter die Fäſſer — 217— und ſtieg die Treppe hinan; hier kauerten zwei verhüllte Geſtalten, die bei des kräftigen Knechtes Annäherung in eine dunkle Ecke verſchwanden, um eine Nebentreppe auf den Boden zu erreichen. Der Knecht ſah ſie nicht ſogleich, ſchritt über die Gallerie, um die Thür des Herrn zu hüten, deſſen fröhliche Stimme beim Gläſerklange erſcholl; — jetzt aber entſtand unten im Flurraum ein Lärm; die Knechte waren mit den drei Eindringlingen in's Handge⸗ menge gerathen, die, der Ueberzahl weichend, unſchlüſſig im Hauſe aufſahen; plötzlich fuhren die Beiden, auf der Bodentreppe verſteckten Geſtalten hervor, ſprangen hinunter gegen den Flur, aber der erſte Knecht ſetzte ihnen nach und rief:„haltet ſie— ſchlagt ſie nieder!“ Unterdeſſen aber hatten die Knechte ihre Beile zur Hand genommen, denn dem einen Spielmanne war die Cither entfallen und als er ſie wieder aufgreifen wollte, blitzte ein Schwert unter ſeiner Verhüllung hervor. In dieſem Augenblicke ſtürzte der eine der von der Treppe Fliehenden, die der erſte Knecht mit dem Beile verfolgte, hinzu, zog ein blankes Schwert unter dem Mantel hervor, um einem der Knechte, der den nach der Cither greifenden Spielmann beim Kopfe gepackt hatte, einen Hieb zu verſetzen, doch das Beil eines anderen Knechtes kam ihm zuvor und ſchlug den Angreifen⸗ den ſo gewaltig auf den Kopf, daß dieſer lautlos zuſammen⸗ ſtürzte und das Blut herabfloß. Nun aber griffen die übrigen vier Burſchen nach dem Verwun deten, rafften ihn auf und entflohen mit ihm aus der Thür. Einige Knechte wollten ihm nach, aber ſie prallten zu rück, als ſie mehre gerüſtete Leute erblickten, die ihnen den Weg auf die finſtere — 218— Gaſſe vertraten. Alles dieſes war das Werk weniger Secunden geweſen; eben hatte der Verwundete die Thür paſſirt, als oben auf der Gallerie Helmold's Stimme rief: —„Was giebt's da? Was bedeutet der Ruf, der Lärm?“ — Auch Tile Freitag erſchien auf der Gallerie und ſprach: —„Rief nicht eben Einer:„haltet ſie?“— Der erſte Knecht ſchleuderte einen befehlenden Blick auf ſeine erhitzten und betroffenen Cameraden, ſchob ſich das Lederkäppchen auf dem glühenden Kopfe zurecht und antwortete hinauf:—„Es hat keine Gefahr, Herr; laßt Euch nicht in Eurer Luſt ſtören. Spielleute, diebiſches Volk, war in's Haus gekommen, wollte den Knechten auf⸗ ſpielen und da ſie nicht gutwillig gehen wollten, ſo haben wir ſie hinausgetrieben!“— Helmold war in ſeinem Glücke ſchnell beruhigt und verlangte nach ſeiner Gertrude zurück.— Tile Freitag blickte auf den Knecht zweifelhaft hinab, richtete das Geſicht mit ſchweigendem Ernſte auf den heiteren Freund und folgte ihm in die Geſellſchaft zurück.— Jetzt trat der erſte Knecht mit den übrigen an die von fremder Hand zugeworfene Thür, öffnete ſie muthig und ſah auf die Gaſſe; hier war Alles ſtill und menſchenleer; er verriegelte dann die Hausthür und winkte die Knechte in die Trinkſtube zurück.—„Wir wollen unſerem Herrn nicht die Hochzeitsluſt verderben“— ſagte er,—„das waren Schelme und Schnapphähne, von denen der eine gewiß nicht wiederkommt!“— 3 „Die Burſchen trugen Harniſche unter dem Mantel“ — meinte ein Knecht;„als ich ihn mit dem Beile auf — 219— Bruſt und Rücken klopfte, klang's, als ob man ein volles Faß zuſpundet.“— „Es ſind gewiß die Kerle, die heut in der Trinkſtube nicht weichen wollten und nun gekommen ſind, uns einen Schabernack zu ſpielen“, ſagte der erſte Knecht,—„haltet es geheim, der Schelm ſelbſt wird's nicht anzeigen.“ So verging auch in dieſer Hinſicht die Brautnacht Helmold's ohne eine Störung ihrer frohen, glücklichen Ge⸗ müther. Erſt am anderen Mittage erzählte der erſte Knecht die Begebenheit dem ſorglos erwachten und mit dem jungen Weibchen in der Wirthſchaft erſcheinenden Brauherrn, als er ihn allein hatte.— Gleich darauf erſchien Tile Freitag, um dem Freunde mitzutheilen, was er geſtern Abend verſchwiegen hatte, den Selbſtmord des Müllers. Ueber dieſes wichti⸗ gere Ereigniß, welches auch Gertrude erfahren mußte, und die erſten Schmerzensthränen unter des Gatten ſchirmen⸗ dem Dache in ihre Augen trieb, und über den Schreckens⸗ ſchrei der erſchütterten Mutter vergaß man die minder wichtige Begebenheit mit den angeblichen Spielleuten. Henricus erſchien, um ſich nach der letzteren Begebenheit zu erkundigen, aber er fand eine wichtigere Pflicht im geiſt⸗ lichen Troſte der Mutter und Tochter.— Erſt als ihn die Sorge um Helmold ſelbſt und die Rückkehr auf den Bollrutz mahnten, zog er den jungen Gatten und Tile Freitag auf die Seite und ſprach:—„höret ein vertrau⸗ liches Wort; die Herzogin ſendet mich zu Euch— es hat ſich geſtern Abend ſpät im Schloſſe das Gerücht verbreitet, der Vogt von Grone ſei gegen die elfte Stunde beim Heimritt aus der herzoglichen Burg in hieſiger Stadt überfallen und“— — 220— „Gegen die elfte Stunde?“— fiel Helmold ein— „überfallen? Mit einem Beile verwundet, am Kopfe?“ „So iſt es entſetzliche Wahrheit, was ich fürchtete, was die Herzogin beunruhigte! Eure Hochzeitsſtunde iſt geſtört, die Hand, die das junge Weib behütete, mußte mit Menſchenblut befleckt werden?“ ſprach Henricus. Helmold rief ſeinen erſten Knecht und dieſer mußte den Vorfall erzählen.—„Gott ſei gelobt!“— ſprach Henricus—„das wird der Herzogin frommes Herz er⸗ leichtern. In der ſtillen Ahnung, daß der Vogt durch Eure Hand getroffen ſein könne, hat ſie dem wildauftoben⸗ den Herzoge, der ſeinen Vogt an der ganzen Stadt rächen wollte, das Wort abgezwungen, nichts Gewaltthätiges zu thun, ſondern, nach der Urkunde, dem Rathe der Stadt die Unterſuchung anheimzugeben.“ „Und iſt der Vogt todt? Gott hätte ihn auf gerechte Weiſe über böſer That ereilt“— ſagte Helmold im erleich⸗ ternden Gefühle, einen Gegner ſeines Glückes los zu ſein. — Nicht ſo leichten Herzens fühlte ſich der erſte Brau⸗ knecht, da er fürchtete, daß es dem eigentlichen Thäter und auch ihm übel vergolten werden würde, daß der Vogt in dieſem Hauſe den Reſt ſeines Sündenlohnes erhalten hatte; Tile Freitag bemerkte die bedenkliche Miene des alten, getreuen Knechtes und redete zu ihm:—„die Stadt wird es Euch und Euren Genoſſen lohnen, daß Ihr einen Wolf abgefangen habt; der Rath ſoll, bei meiner Seligkeit! Euch d'rob kein Haar krümmen!“—⸗ Henricus berichtete, daß der Vogt noch lebe und in dem Geſindehauſe der Burg liege, daß er ihn als Arzt 4 — 221— beſucht habe, aber an dem Aufkommen hatte doch der Herzog vor ſeiner ſch Caſſel den Befehl gegeben, dem Ra ſtrengſte Beſtrafung aufzulegen. Wern der Angelegenheit mit Eifer und Gerech Unterſuchung ergab, daß der Vogt mummung in Helmold's Haus eingedr junges Weib noch vor dem Beilager der Herzog nach vierzehn fröhlich verlebd und mit der angenehmen Zuſage des heſſiſes auf den Bollrutz heimkehrte, war er in zu guter Laune, u nicht einmal Gerechtigkeit, oder, wie er es nannte, Gnade vor Gewalt geſchehen zu laſſen, nachdem der Bürgermeiſter ihm die Sachlage vorgeſtellt und angedeutet hatte, daß der Vogt, wenn er leben bleiben ſollte, ſelber ſtrafbar ſei. Der Herzog hatte geantwortet:—„Ich glaube nicht daran, daß mein Vogt gethan hat, weſſen Ihr ihn beſchuldigt, aber ich will's Euch nicht weiter gedenken, wenn Ihr mir ſonſt nach Willen gehorſam ſeid und die Sache geheim haltet, auch ſelber dem Gerüchte Lügen ſtraft, daß mein Vogt in eines Bürgers Haus geſchlichen ſei.“— So war die Angelegenheit ſcheinbar beſeitigt und Helmold's Hausfrieden nicht weiter geſtört worden. Von dem Vogte hörte man nichts mehr, in Grone wurde ein neuer Vogt beſtellt und Gertrude's Ruhe nicht einmal durch die Kenntniß des Vorganges getrübt. Hans Druchtleif aber genaß ſehr langſam; als er nach vielen Wochen ſo weit fähig geworden war, transportirt zu werden, wurde er heimlich nach der Burg Friedland gebracht, wo er noch — 222— uchte, um wieder frei umher zu gehen, be konnte er noch lange nicht tragen. hhn einmal zu Friedland ſah und ſich eibe den Trunk reichen zu laſſen, ſo mit meinem anderen Worte helfen und vergelten, was ſie Dir angethan haben; wenn Du die Eiſenhaube wieder tragen kannſt, ſo will ich Dich zum Schulzen von Göttingen machen.“— Der Herzog, der nie eine zeitweiſe Beſchränkung ſeines Willens oder Rachedurſtes vergaß, glaubte den verhaßten Bürgern keinen größeren Poſſen ſpielen zu können, als wenn er den Hans Druchtleif zum Schulzen über Göttingen mache; er wußte nicht, daß in dem wilden, rohen Menſchen indeſſen eine ſtille, geheime Veränderung vorgegangen war. Die lange Betäubung, der Schmerz, die Erſchütterung des Hirns, der lange Kampf mit dem Tode, das Erwachen ſeines Gewiſſens, die beängſtigenden Drohgeſtalten ſeiner Vergangenheit und der vor ihm ſich öffnenden Ewigkeit und endlich die Nach— richt von des Müllers Selbſtmorde hatten die Seele des Mannes erweicht, den Sinn gebrochen; er verſuchte zu beten, ließ den Geiſtlichen rufen, um zu beichten und Ab⸗ ſolution zu empfangen, und als er wieder aufſtehen konnte und ſich für ein neues Leben gekräftigt fühlte, hatte er ſeine Wildheit verloren und der Augenblick, wo in der Todesangſt Gott zu ihm getreten war, hatte ſein verſtocktes — 223— Herz geſchmolzen und die Spuren der Gegenwart des Ewigen in milderen Empfindungen zurückgelaſſen. Er hielt ſeine Wandlung vor Jedermann verborgen, ſeine Milde hielt man für Geneſungsſchwäche und Nachwirkung der Kopfwunde, deßhalb hatte ihm auch Otto geſagt:„Raffe Dich auf, Hans— daß Du die Eiſenhaube bald wieder tragen kannſt.“— So war die Zeit gekommen, die wir jetzt in ihren Begebenheiten weiter zu verfolgen haben.— Seit dem Michaelistage, wo der Herzog in größter Wuth Caſſel ver⸗ laſſen und auf der Bramburg ſich dem Sternbunde als Anführer hingegeben hatte, war ſein einziger Gedanke die ſtille Rüſtung gegen den Landgrafen geweſen; alle ſeine Ritter und Vaſallen an der Leine mußten ſofort, wenn ſie ſeine Freunde bleiben wollten, den Stern auf Helm und Schild heften, der Sichelſtein an der göttingiſch⸗heſſiſchen Grenze wurde mitten im linden Winter zu bauen begonnen, die Ritter rüſteten in Oberwald und Heſſen geräuſchlos und als Otto mit ſeinen Vaſallen ſo weit vorbereitet war, hielt er es an der Zeit, die Städte aufzufordern, ſich unter ſeinem Kriegsbanner zu ſammeln. An dem kalten Februar⸗ tage des neubegonnenen Jahres 1372 ſandte er vom Schloſſe Münden aus,— wo er ſich meiſtens aufhielt, um hier an der heſſiſchen Grenze mit den Sternern jenſeit der Weſer beſſer verkehren, die Rüſtung der Grenzburgen und den ſchnellen Aufbau des Sichelſteins betreiben zu können und auch ſein gieriges Auge an der gewiſſen Beute des Landes zu weiden, wenn er den ungeduldigen Adlerblick von der Höhe des Schloſſes hinab, der Werra und Fulda — 224— entgegen, über Wald, Flur und Hügel ſchweifen ließ,— die Ritter von Hardenberg, von Kerſtlingerode und Wefer⸗ lingen nach Göttingen, um die Bürger aufzufordern, dem Landgrafen von Heſſen den Abſage⸗ und Fehdebrief zu ſenden. Margarethe lebte um dieſe Zeit in großer Traurigkeit und frommer Einſamkeit; nach dem Turniere war ſie noch mehre Wochen auf dem Bollrutz zurückgeblieben, bis Otto ſie nach Harſte befahl, wo ſie den größten Theil des verfloſſenen Jahres wohnen mußte. Die unruhige, kriegeriſche Thätig⸗ keit des Gemahles, deſſen Grund er ihr verſchwieg, beun⸗ ruhigte ſie, da ihr friedliebendes Herz fürchtete, daß die Unruhe des Herzogs eine neue, große Ungerechtigkeit zur Folge haben werde, denn er war nie leidenſchaftlicher, ſtürmiſcher und gegen ſeiner Gattin milde Zuſprache gleich⸗ gültiger oder abweiſender geweſen, als ſeit ſeiner Rückkehr vom letzten Beſuche in Caſſel. Als er aber Harſte wenig und dann nur auf kurze Zeit berührte, ſondern in Münden lebte ohne ſeine Gemahlin dorthin zu rufen, ſo verließ dieſe das Schloß Harſte, das ihr ſeit jener Begebenheit, bei welcher der alte Knappe Sperber ſein Leben einbüßte, unleidlich geworden war, und nahm ihre Reſidenz auf dem Bollrutz, wo ſie die Winterzeit in Gebet, frommem Wirken, Wohlthun und im Mitgefühle des Glückes, das ſie in Helmold's Hauſe begründet hatte, ſtill verlebte. Mit ſtum⸗ mer Trauer hatte ſie bemerkt, daß der Herzog einen Stern hoch über dem Viſir am Helme trug und ſein Kleid damit geſchmückt hatte, daß ſeine Freunde daſſelbe Symbol trugen; dieſes erinnerte ſie an Ritter Eckhard von Rönfurt, der — 225— ihr das Sternzeichen gedeutet hatte, und deſſen Geſtalt oft in ſtiller Träumerei einſamen Sinnens tröſtlich vor der Seele erſchien. Er war ſeit dem Turniere mehre Male am Hoflager Otto's wieder erſchienen, hatte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit nur ihrem Dienſte gewidmet, ſie mit Gluth und Wehmuth angeblickt, ihr Herz beunruhigt und beängſtigt, wo er ſie anlächelte oder dem Herzoge mit finſterem Auge nachſah. Seit Michaelis war er nicht wieder erſchienen; ſie wagte nicht, nach ihm zu fragen, ſie wußte nichts von dem Vorfalle am Wilsberge. Die unerwartete Verlobung der Schwägerin Agnes mit dem Grafen Gottfried von Ziegenhain war ihr als eine Thatſache mitgetheilt worden, und ſie erklärte ſich hieraus die Freundſchaft mit dem Sternbunde, die Otto ſo ſchnell zur Schau trug. Ihr Herz war aber in dem verfloſſenen Jahre noch auf andere Weiſe bekümmert; die Nachricht, daß ihr Vater Wilhelm von Jülich in einen Krieg mit dem Herzoge Wenzel von Brabant, dem Bruder Kaiſers Karl IV., gerathen war, lenkte ihre Gedanken oft nach dem Heimathlande und Henricus mußte viele Briefe dorthin ſenden, bis endlich vor Kurzem die Kunde eingetroffen war, daß Frieden geſchloſſen ſei. Der Umſtand, daß der Gegner ihres Vaters mit dem Grafen Eberhard von Katzenellenbogen verbündet war, hatte ſie an dem geheimen, kriegeriſchen Treiben Otto's ſelbſt irre gemacht und mit Sorge erfüllt. Am heutigen kalten Februartage des Jahres 1372 ſollte Margarethe aber Aufklärung über die Zuſtände erhalten, die ſie umgaben und wie ein geheimnißvolles Gewölk den blauen Friedenshimmel ihres Auges umdüſterten. Maltitz, Herzog. II. 15 Als am frühen Morgen die drei Ritter, welche ſämmtlich den Stern des Bundes führten, auf den Bollrutz eingeritten waren und einen Boten an den Rath der Stadt geſandt hatten, ließen ſie ſich bei der Herzogin melden und der Herr von Kerſtlingerode, welcher vor vielen Anderen immer eine freiwillige Achtung für die ſanfte, jugendliche Mar⸗ garethe bewieſen hatte, redete zu ihr:—„Herzogliche Gnaden! Wir kommen im Auftrage unſeres Herrn, Eures Gemahls; er hat Euch frohe und ſchlimme Kunde zu melden und Euer frommes Herz nicht vor der Zeit mit der Männer Sache beläſtigen wollen. Vernehmet zuvor die frohe Botſchaft, daß Ihr Euch einrichten möget, Eurer edlen Schwägerin Beilager feſtlich zu begehen, das am vier⸗ zehnten Tage nach Lichtmeſſe, am Tage des heiligen Va⸗ lentinus, mit dem mächtigen Grafen Gottfried VII. von Ziegenhain auf dem Schloſſe Münden feierlich begangen werden ſoll. Da der Herzog, Euer Gemahl, ſeine Schweſter Agnes zur Ehre des Tages zur Aebtiſſin vom Kloſter Wiebrechtshauſen ernannt hat, ſo wird Euer frommer Sinn daraus um ſo eher Gelegenheit nehmen, den Himmel anzuflehen, dem Bunde Segen zu ſchenken. Betet auch für Euren Gemahl, den Herzog, denn er iſt es ſeiner Ehre und ſeinem Sohne ſchuldig, der böſen Laune eines alten Großvaters Gewalt entgegenzuſetzen, um ſein Erbtheil zu fordern, das man ihm ſtreitig ge⸗ macht hat.“— „Barmherziger Gott!“— rief Märgarethe—„Kampf, Gewalt gegen den Großvater? Das wird Gott nicht dulden, das rathet meinem Gemahl ab, das bringt Unglück — 227— über ihn und das Land;— wie mögen ſich die Zweige eines Stammes untereinander empören!“— „Es fordert die Ehre; ein feiger Verräther und fal⸗ ſcher Freund hat dem Landgrafen did heiteren Worte des Herzogs auf einer Jagd mit giftiger Deutung überbracht, ein Spion des Hermann von Thüringen, der des eigen⸗ ſinnigen Greiſes Trotz angefacht und zur ſchmählichen Kränkung Enres Gemahls überredet hat.“— „O, glaubt dem nicht, der Landgraf hat ſeinen Groß⸗ ſohn nimmer geliebt— er iſt zu ſehr ein gerechter Mann, um einem Elenden ſein Ohr zu leihen!“— „Der Eckhard von Rönfurt,“ rief der derbere Har⸗ denberg, deſſen ſchwarzer Eberkopf auf dem goldenen Felde ſeines Wappens nicht wilder die Zähne zeigte, als er ſelbſt —„dieſer ungetreue, aus dem Bunde der Sterner ausgeſto⸗ ßene Schurke, hat den Herzog um ſein Erbe gebracht.“— Margarethe ſchwankte, erbleichte und ſuchte mit der un⸗ ſicheren Hand die Lehne ihres Seſſels, um ſich zu ſtützen. Stolz und beherrſchend ſah ſie den Hardenberg an und mit aller Kraft ſuchte ſie ſich zu faſſen und das flammende Auge des Mannes zu überwinden, als dieſer fortfuhr: —„Sch erkenne Eure Entrüſtung, Herzogin; Ihr ſeid er⸗ ſchrocken, aber beruhigt Euch, es wird doch nichts verloren ſein; derſelbe iſt's, der dem Herzoge die erſte Botſchaft des Landgrafen mit feindlichem Herzen brachte und ſich im Turnier in Eure Gunſt ſtahl.“ „Und er ſteht bei dem Landgrafen?“— fragte Mar⸗ garethe betäubt und mit ſchwacher, aus krampfhaft be⸗ klommener Bruſt hervorgepreßter Stimme.— 3 15* — 228— „Ei— er will den Lohn des Spions verdienen“— ſagte Weferlingen;„er hat den Hermann vom gelehrten Buche abgerufen, ihm ein Schwert in die Hand gezwungen, ihn nach Caſſel gebracht, mit dem Oheim verſöhnt und will ihm gegen uns das Land halten. Aber wir Sterner haben uns das Wort gegeben, ihn aufzujagen, wo wir ihn treffen und ihn lebendig zu fangen, um ihn, als einen Schelm, an die höchſte Eiche zu henken.“— „Genug— genug!“— fiel Margarethe ein, mit ab⸗ wehrender Armbewegung und die Augen mit der Hand bedeckend, während Hanna, die ſtumm und mit der Geberde höchſter Unruhe und Sorge um die Herzogin ſeitwärts geſtanden hatte, der von der Nachricht erdrückt Erſcheinen⸗ den zur Hülfe eilte. Dieſe aber hatte ſich ſchnell gefaßt, ließ die Hand von den Augen fallen, blickte die Ritter mit einem faſt geringſchätzenden Lächeln an und rief:—„Pei⸗ niget das Gemüth eines ſchwachen Weibes nicht mit zu ſchrecklichen Bildern!— Handelt, Ritter, wie Ihr es ver⸗ mögt in Ehre und Pflicht!— Nun vergönnt mir die Muße, mich an die Nachricht des Krieges gegen den Landgrafen zu gewöhnen.“— Als die Ritter ſich entfernt hatten, warf ſich Marga⸗ rethe in Hanna’s Arme und ſeufzte tief. Beide hatten für ihre Gedanken und Gefühle keine Worte, aber ſie verſtanden ſich doch. Plötzlich richtete ſich Margarethe auf, ſah der Freundin bittend, für ihre ſtumme, ſchonende Theilnahme dankend in die melancholiſchen Augen und rief dann un⸗ geduldig drängend:—„Rufe Henricus— doch nein— Hanna, ich bitte Dich, laß mich einige Zeit allein!“— — 229 Die Freundin antwortete durch einen Blick, dem Marga⸗ rethe ängſtlich auswich, und entfernte ſich ſchnell. Die Her⸗ zogin ſah ihr nach;— jetzt, ohne Zeugen, traten die Thrä⸗ nen in ihre Augen;— ſie faltete die Hände, warf ſich vor dem Betſtuhle auf den Teppich nieder und ihre Gedanken und Empfindungen drängten zu Worten:—„O, Gottes⸗ mutter und alle Ihr Heiligen! Rettet! Schützet! Ein Fre⸗ vel ſoll geſchehen! Du haſt eine edle, gute That geübt, Eckhard!— O! ich muß Dich darum höher achten, daß dieſe Ritter Dich haſſen und beſchimpfen, um meines Ge⸗ mahls Freund zu heißen! Du ſtehſt dem alten Landgrafen treu zur Seite, Du haſt dich nicht durch mich beſtechen laſſen, meinem Gemahl zu nehmen, was ich mit ihm theilen ſollte, Du haſt mein Gefühl verſtanden!— O! Ihr himmliſchen Mächte! ſteht ihm und dem Landgrafen bei, laſſet das Recht ſiegen— gebet mir Kraft, das Schlimmſte zu ertragen; ich will beten und opfern für die gerechte Sache!“— Während die Herzogin durch die Nachrichten der drei Ritter in ihrem Gemüthe heftig bewegt war, brachten jene Boten Otto's auch in die Stadt eine große und ſchnell ſich verbreitende Aufregung. Der Rath, der vom Bollrutz nach dem Rathhauſe mit erhitzten und bedenklichen Geſichtern zu⸗ rückgekehrt war, hatte ſogleich die Gilden zuſammengerufen und die Botſchaft, daß der Herzog Otto von der Stadt fordere, ſich zu bewaffnen, dem Landgrafen von Heſſen den Abſagebrief zu ſenden und mit dem Herzoge das Nachbar⸗ land erobern zu helfen, brachte ſämmtliche Bürger in große Bewegung. Wir kennen nun die Urſache, weshalb am heu⸗ tigen Tage die Gildehäuſer angefüllt waren, Volksgruppen — 2320 vor dem Rathhauſe und auf dem Markte ſtanden und der immer kriegsluſtige, beutegierige Pöbel ſeinen Jubel zwiſchen den Ernſt miſchte, welchen die wohlhabenden Bürger zur Schau trugen. Wir blickten bereits flüchtig zur Zeit des Frühabends in das Brauhaus der Gotmargaſſe und ſahen der rührigen Arbeit der Knechte auf der Hausdiele und vor der Thür zu; die dreiarmige Hängelampe erhellte den inneren Flur⸗ raum, die Fenſter im oberen Stock, zu dem die Gallerie führte, waren erleuchtet. Hier im Gemache ſaß die edle, ſchöne Geſtalt Gertrude's, auf dem Schooße ein halbjäh— riges Kind haltend und mit Selbſtvergeſſenheit in das ſchlummernde Angeſicht des lieblichen Kleinen niederſchauend; ihre Mutter war im Hauſe beſchäftigt, es herrſchte tiefe Stille im Gemache, nur das Geräuſch der arbeitenden Knechte unten, das hohle Rollen der Fäſſer, das Schnarren der Seilwinde tönte von draußen herauf. Als Frau war Gertrude noch ſchöner geworden; das befriedigte Herz, der ſichere Beſitz, die Ruhe des Gemüths hatten alle Züge der Angſt und Noth aus ihrem Antlitze verwiſcht und ihrem Auge eine anmuthige, zufriedene Milde gegeben; heute aber lag eine ſtille Wolke in ihrem träumeriſchen Blicke, wie früher, vor zwei Jahren; ſie ſchien an jene Zeit, an die bereits vergeſſenen Tage der Angſt und Verzweiflung er⸗ innert zu ſein, denn das Lächeln, das ihr das Anſchauen des Kindes abnöthigte, war wehmüthig und als plötzlich die Thür geöffnet wurde, erſchrak ſie faſt, wie im gewalt⸗ ſamen Erwachen aus dem träumeriſchen Verlorenſein in weite, ferne Gebiete des Lebens. 3 231— „So“— rief Helmold's muntere Stimme—„nun bin ich gerüſtet, liebes Weib— aber nicht für den Qua⸗ den, ſondern für den Frieden unſerer Stadt!“— Er ſchlug dabei an ſein Schwert und beugte ſich über Gattin und Kind.—„Du biſt traurig, Trudchen“— fuhr er fort, als ſie die Augen gegen ihn aufgeſchlagen und er einen Kuß darauf gedrückt hatte.—„Fürchte nichts für unſeren Frieden; es denken die Meiſten wie ich und zwingen laſſen wir uns nicht; ich gehe jetzt in's Kaufhaus und da wollen wir uns einigen und dem Herzoge eine Antwort ausſinnen.“ „O Berthold!“— ſprach Gertrude—„ſieh dies Kind an— wenn du mit dem Herzoge in die Fehde ziehen müßteſt!:— „Dieſer Anblick meines Glückes und Hausfriedens giebt mir den Muth, offen der Bürgerſchaft die ungerechte Sache des Herzogs vorzuſtellen und ihr zur Einſicht zu bringen, daß er uns nur zur Hülfe ſeines Raubzuges ver⸗ langt; das mögen ſeine Ritter ihm leiſten, wir Bürger ſind zu ehrlich dazu in unſerem Gewerbe und Fleiße. Sei ohne Sorge, liebes Weib— ich kehre mit guter Nachricht zu⸗ rück.“— Er küßte Weib und Kind, warf mit trotzigem Muthe den Hut, mit der kecken, auf der Jagd erbeuteten Feder aus dem Flügel eines Raubvogels, auf das röthlich blonde Haar und ging fort. Im Kaufhauſe am Markte hatten ſich um dieſe Zeit die angeſeheneren Bürger der Stadt, die Rathsleute, Pa⸗ trizier und Gildemeiſter zu einer Beſprechung verſammelt; als Helmold eintrat, redete man bereits in großer Auf⸗ regung über die Forderung des Herzogs. Der Bürger⸗ — 232— meiſter hatte eben das Wort genommen, um Tile Freitag, der ein heftiger Gegner des herzoglichen Anſinnens war, auf die Gefahr einer Weigerung hinzuweiſen, da die An⸗ forderung des Fürſten einer Drohung gleich ſei und die Ritter erklärt hätten, daß die Stadt es in der Gewalt habe, Gunſt oder Zorn über ſich zu laden. Er meinte, daß der Fehdezug gegen den Landgrafen nicht ſo gefährlich ſei, wie ein Angriff des Herzogs gegen ſeine ungehorſame Stadt, und daß es dem Lande doch nur Nutzen bringe, wenn Heſſen mit zu Oberwald komme. Der Gildemeiſter der Krämer, Hennig Rauſchenplaten, hatte ſeinen rieſigen Körper auf ſtämmigen Armen über den Tiſch gelegt und aus ſeinem großen, knochigen Geſichte den Bürgermeiſter mit Falkenblicken angeblitzt; er fuhr ſich in ungeduldiger Er⸗ wartung des Wortes durch den langen, buſchigen Knebel⸗ bart und ſchlug jetzt ſein breites Schwert, das er unter den geſtützten Händen hielt, ſo laut auf den Tiſch, daß der Bürgermeiſter verſtummte.—„Redet, was Ihr wollt!“— rief er—„Ihr ſeid der Erſte der Stadt und was Ihr denkt, kann Euch Keiner verargen, aber was Ihr thut, das ſoll nur der Bürger Wille ſein! Und wenn Ihr alle Kniffe eines Rechtsſtudirten in ein künſtliches Gewebe ſpinnen könntet, um Euch beim Herzoge ein Gunſt- und Gnadenmäntelchen daraus ſchneiden zu laſſen, ſo werdet Ihr nicht die Schmach wegleugnen, die uns der Herzog abver⸗ langt, und Ihr werdet nie ein anderes Ehrenkleid tragen, als das, was Euch die Bürgerſchaft durch ihren einmü⸗ thigen Dank und Willen zuſchneidet. Unſere Stadt lebt mit dem Landgrafen in Freundſchaft und es iſt unſere — 233— Sache nicht, dem Herzoge und ſeinen Sternern die Ehre und Haut zu Markte zu tragen, damit ſie ihren räuberi⸗ ſchen Gelüſten dienen. Helft nur dem Quaden und den Rit⸗ tern, damit ſie noch übermüthiger und die Wege noch un⸗ ſicherer, die Städte noch mehr geplündert werden!“— Dieſe kräftige Sprache des angeſehenen, reichen Man⸗ nes, der zugleich ein muthiger Anführer der Bürger in früheren Fehden und um den Wohlſtand der Stadt verdient war, gab der Berathung ſchnell einen leidenſchaft⸗ lichen Charakter und die Meinungen traten offener, aber auch ſchroffer einander gegenüber.—„Was iſt die Aufgabe der Städte?“— fragte Tile Freitag, als der Bürgermeiſter geäußert hatte, daß die Stadt Göttingen von der Gunſt des heftig geſinnten Otto Alles zu gewinnen, von ſeinem Zorn Alles zu verlieren habe—„was ſollen die Bürger anſtreben, wenn ſie ihre Zeit, ihre Rechte, ihren Vortheil begriffen haben? Knechte und Beute für fürſtliche und adelige Herren ſind die Bürger und Bauern lange genug geweſen, Narren, die unter eines Mächtigeren Friedens⸗ briefe ſo lange arbeiten und erwerben, bis es ſich der Mühe lohnt, ihnen den Beutel und das Haus auszuleeren, um dann einen neuen Kainspact zu ſchließen. Fürſten und Ritter ſind unſere geborenen Feinde und ſie ſehen unſeren Wohlſtand mit ſcheelen Augen an, halten uns für ſchlechter, weil wir durch Fleiß und Gewerbe, ehrlichen Kauf⸗ und Pfandbrief unſere Güter mehren, während jene nur Stehlen, Rauben und Schwelgen verſtehen! Seid Ihr blind gegen den Stern, den der Herzog mit ſeinen Rittern auf Helm und Schild geſteckt hat? Iſt er nicht ein Zeichen des Bundes, der — 234— die Städte anfeindet, die Bürger unterjocht und die Ade⸗ ligen zu Herren der Welt, und aller nicht zum Schilde geborenen Leute Eigenthum zu ſeiner Beute machen will? Die Städte müſſen ſtark werden, müſſen ſich gegen Ritter und Raubherzöge behaupten, ſich untereinander verbinden, für Frieden und Fehde;— das Bürgerthum muß ſich in ſeiner eigenen Gemeinde ſelbſt regieren, durch Wohlhaben⸗ heit und Schwert mächtig machen, den Rittern, die hungrig werden, wenn ſie nicht mehr ungeſtraft Beute ſuchen kön⸗ nen, Land und Gut abkaufen und abpfänden, die Städte müſſen durch Landwehren und Zwinger Feſtungen werden, woran ſich die Schnapphähne in Helm und Wappen die Stirn einrennen, die fürſtlichen Burgen müſſen nicht mehr in den Städten und deren Umgegend geduldet werden, Reichs⸗ unmittelbarkeit ſollen wir erzielen, keinem anderen Herrn Steuer und Gehorſam geben, als dem kaiſerlichen Ober⸗ haupte; laßt uns dem Bunde der Hanſa ſchleunigſt bei⸗ treten, daß wir Schutz und Trutz haben, laßt uns dem Herzoge melden, daß wir mit dem Landgrafen in Frieden leben wollen, ſein Streit ſei nicht unſer Streit— und wenn er dann mit ſeinen Rittern kommt und uns zwingen will, dann laßt uns das Schwert faſſen in Gottes Na⸗ men. Lernet das Schießpulver gebrauchen, Mann für Mann; kaufet in jedes Haus Zündbüchſen, übt Euch bei den Büchſenmeiſtern nach der Scheibe ſchießen und trefft Ihr hier, ſo könnt Ihr auch von der Mauer hinunter auf einen Bürgerfeind zielen!“—. Hennig Rauſchenplaten hatte ſich noch mehr über den Tiſch gelehnt, jedes Wort von Freitag's Munde begierig — 235— abgelauſcht und die funkelnden Augen nicht von ihm ab⸗ gewendet; Helmold, der ſich herangedrängt hatte, ſtand neben dem Freunde, ſchlug ihn auf die Schulter und rief: „Ihr ſeid der rechte Mann; ich ſtehe bei Euch; wo iſt einer von den jungen Bürgern, der nicht nach Dem ver⸗ langte, was eben unſer Ohr als unſere eigene Sprache hörte?“— „Laßt Euch umarmen, Tile!“ rief Rauſchenplaten— „Zum Teufel mit Herzog und Rittern!“— „Halt!“ erſcholl eine Stimme von der Seite der Rathsmänner und Werner Roden ſtand auf, hob die Hand empor und machte ſich durch die ineinander redenden Stimmen vernehmbar.—„Halt! Ihr predigt Aufruhr! — Wie möchtet ihr das Schickſal unſerer Stadt von Eurer Leidenſchaft und Eurem umgeſtümen Haſſe abhängig machen? Ihr wollt ohne Beſonnenheit einen Feind reizen in einer Zeit, wo wir am Schwächſten und er am Mäch⸗ tigſten iſt? Hört mich!— Ich liebe nicht Aufruhr; der Herzog iſt unſer Herr von Gottes Gnaden und wir ſollen ihn dafür ehren; ich liebe aber den Frieden, als der Bür⸗ ger und unſerer Stadt einziges Mittel zur Macht und Freiheit;— laßt uns mit dem Herzoge vernünftig reden; — macht er durch Krieg unſere Stadt arm, ſo ſchadet er ſich ſelbſt; iſt aber ſeine erſte Stadt im Herzogthume reich, mächtig und an Freundſchaft ſtark, ſo iſt es ihm ein eigener großer Gewinn. Ich fürchte den Krieg, denn er wird uns viel Geld koſten und unſere großen Neubauten, das begon⸗ nene Rathhaus und die Jakobikirche werden in's Stocken gerathen; was ſagt Ihr aber, wenn der Herzog in Heſſen — 236— geſchlagen wird, wenn der Landgraf Heinrich und ſein Neffe Hermann in das Land eindringen und uns plündern? Glaubt Ihr, daß er uns ſchonen werde, weil wir dem Herzog nicht dienen wollten? Der Krieg hat ſeine eigenen Rechte und Freundſchaften— bedenket das! Und ſollen wir weniger unſerm Herrn treu ſein, wie die heſſiſchen Städte ihrem Landgrafen? Ich habe erfahren, daß ſie ihm treue Hülfe ſenden und die Bürger in Gießen, Caſſel, an der Lahn, Nidda, Itter ſich rüſten.“— 3 —„Ihr möchtet Eurem künftigen Herrn Gevatter wol die Taſche für's Pathengeſchenk füllen helfen?“— rief Hennig Rauſchenplaten zornig. Werner Roden erglühte und ſein feſter, ſonſt leutſeliger Blick funkelte; er griff ſich, auf die Lippe beißend, in den dunkellockigen Bart und ſchien mit ſeinem eigenen Zorne zu kämpfen und ſeine Faſſung zu behaupten; aber ſein Ehrgefühl war zu mächtig herausgefordert von einem Manne, der in der Stadt An⸗ ſehen und Anhang hatte.—„Beim heiligen Pankratius!“ — rief er, ſein Schwert ziehend, das Kreuzgriff hoch emporhaltend und die Finger der anderen Hand ſchwur⸗ mäßig darauf legend,—„das Wort des Herzogs, das er meinem Weibe einſt in guter Laune bei der Jagdvesper auf den Hagen gab, hat mir ſchon ſo viel Verdruß ge⸗ macht, daß ich wünſchen möchte, mein Weib würde nicht geſegnet und der Herzog wäre ſeines Ehrenwortes ledig! Ihr haltet mich für einen Zwiſchenträger und eitlen Mann, aber Gott iſt mein Zeuge, daß ich nur der Stadt Beſtes will und der Erſte ſein würde, der dies Schwert ziehen wollte, wenn es der Stadt und Bürgerfreiheit Nutzen — 237— brächte.— Verflucht iſt die Hand, welche dem Herzoge beiſteht, wo es ſich um Gefahr unſerer Rechte handelt, aber verflucht der Mund, der ſie muthwillig auf's Spiel ſetzt und dem Haſſe Worte und Rath leihet, verflucht die That, die einen leidenſchaftlichen Feind aus einem gezwun⸗ genen Freunde macht und ihn herausfordert, wo wir ihm nicht widerſtehen können, oder den Schein des Unrechts und gebrochener Urfehde gegen uns haben!“— Ein Bravo erſcholl von vielen Stimmen; der Bürger⸗ meiſter eilte auf den Rathsherrn zu, um ihn zu umar⸗ men, Tile Freitag und Rauſchenplaten reichten ſich unter bedeutſamem Blicke die Hände. Jetzt hielt ſich Helmold nicht länger; er zog ſein Schwert, ſchwang es hoch durch die Luft und rief:—„Verflucht iſt meine Hand und Waffe, wenn ſie jemals des Herzogs und ſeiner Ritter räuberiſche Gelüſte vertheidigen! Was er mit den Sternern theilen will, mag er mit ihnen auskämpfen; ſoll ich Euch in's Gedächtniß rufen, was er und ſie an uns und unſerem theuerſten Gute gefrevelt haben? Mein Blut kocht, wenn ich von ihm höre, Haß, tödtlichen Haß habe ich ihm ge⸗ ſchworen, ſo oft ich ihn ſah oder von ſeinem Daſein er⸗ fuhr; Haß tobt in mir auf, ſobald ich von einer frommen Opferſpende der Herzogin höre, denn es iſt jedesmal ein Zeichen, daß er das himmliſche Gemüth der edlen Frau durch einen Frevel an ihr oder dem Lande gekränkt hat!“— Helmold!“— rief Werner Roden mit ſtrafendem 7, — 238— die Herzogin, indem ihr den Vater ihres Kindes ſchont und nicht kränkt, was ſie achten muß!“— „Ha!“— fiel Helmold ein, als er Freitag's zufrie⸗ denen Blick empfing—„für die Herzogin laſſe ich mein Leben und es iſt Keiner im Lande, der nicht denkt wie ich! — Suchet ihrem Blicke zu begegnen und lauſchet, ob er hell oder trübe iſt; fraget ihr Auge, und ihr werdet gewiß, ob Ihr Recht oder Unrecht thut. Ziehet in den Krieg, ich bleibe heim— rüſtet gegen unſeren wahren Feind— ich rüſte als der Erſte!“— Der Gildemeiſter der Tuchmacher nahm das Wort: —„Mit Leidenſchaft kommen wir nicht zu Ende; zum Glück iſt kein falſcher Mann unter uns, der dem Herzoge oder ſeinen Amtleuten hinterbrächte, was hier geredet iſt. Der Herzog iſt mit ſeinen braunſchweigiſchen Vettern ge⸗ ſpannt und er hat eher Fehde als Hülfe von ihnen zu er⸗ warten; aber der Magnus mit der Kette iſt ein noch ſchlimmerer Herr als der Otto, und da er jetzt die Lüne⸗ burger nicht zwingen kann und von Hannover verjagt iſt, ſo könnte er die Fehde des Quaden mit dem Landgrafen benutzen, ſeiner Eroberungsgier zu folgen und vom Harze aus in Oberwald einbrechen. Rüſten müſſen wir uns je⸗ denfalls— und das Heſſenland iſt auch nicht zu ver⸗ achten.“— Da ſich die Meinungen nicht einigen konnten und die meiſten Bürger dieſer Verſammlung zweifelhaft zwiſchen Abneigung und Furcht blieben, ſo verlaſſen wir das Kaufhaus und lauſchen einer Geſellſchaft anderer Bürger aus dem Mittelſtande, welche im Keller des benachbarten — 239— Rathhauſes beim Weine ſitzen und, da ſie weniger zu ver⸗ lieren hatten, mit größerer Gemüthlichkeit die Frage des Tages beſprachen. Wir finden hier den alten Bäckermei⸗ ſter Heinrich Fiſcher, den Stadtſchreiber Helmicus, den Schmied Curd Meiſen, den Krämer Johann Frieſen und den Büchſenmeiſter Caspar Hinke wieder. „Was habt Ihr heute im Bäckergildehauſe beſchloſſen?“ — fragte der eben angekommene und ſich neben Fiſcher ſetzende Stadtſchreiber. „Wir wollen nicht“— antwortete jener. „Das wird ſeine, Schwierigkeiten haben, lieber Mei⸗ ſter“— verſetzte Helmicus, die Augenbrauen bedenklich aufziehend;—„es ſoll mich wundern, was ſie heute Abend drüben im Kaufhauſe beſchließen; man ſieht viele Schatten mit lebhaften Geberden an der Wand ſich be⸗ wegen; der Bürgermeiſter und die Rathsverwandten ſind oben.“ „Was geht uns die Fehde der Herzogs an? Wir ſind mit den Landgrafen gut Freund“— meinte Curd Meiſen;—„unſer Gilden hat heute auch für den Frieden geſprochen.“ „Lieben Leute“— ſagte der Stadtſchreiber,—„ſprecht was Ihr wollt, Ihr müßt am Ende doch mit dem Herzoge halten. Der Rath ſieht das auch ein und ſtimmt für Freundſchaft mit dem Herzoge.“— „Schöne Freundſchaft, Hund und Katze, Fuchs und Huhn, glaube das!“— rief Frieſen. „Ganz richtig, lieben Freunde— ganz richtig, Hund und Katze; aber laßt Euch das einmal expliciren. Die — 240— Freundſchaft zwiſchen Herzog und Stadt iſt nur allein auf gegenſeitigen Eigennutz gegründet;— ſeht, der Herzog hat die Stadt, dieſe hat den Herzog nöthig— Beide ſind gute Freunde aus Vortheil. Der Herzog hat niemals Geld— darum will er ja auch des Landgrafen Erbſchaft nicht verſchmerzen; verſteht mich richtig— wer kein Geld hat, muß borgen— die Ritter haben ſelbſt nur, was ſie den Bürgern ſtehlen— alſo wendet ſich der Herzog gleich direct an die rechte Quelle. Es haben ihm die Herren von Pleſſe freilich Geld zum Kriege geliehen und dafür Schloß Bovenden in Pfand genommen, aber er muß auch Arme und Waffen zum Kriege haben. Nun ſeht, Freunde— der Herzog verpfändet und verkauft in ewiger Geldnoth ſeine in der Um⸗ gegend unſerer Stadt gelegenen Beſitzungen an die Bür⸗ gerſchaft— unſer Rath iſt ſchlau genug, die Geldnoth des Herzogs auszunützen, ihm ein Privilegium nach dem an⸗ deren, einen Wald, ein Feld, eine Mühle, eine Fiſcherei, Jagd, Dorfſchaft, kurz ein Stück nach dem anderen abzu⸗ kaufen;— er wird ärmer, wir werden reicher dabei.— Seht, das iſt unſere Freundſchaft, und darum dürfen wir es nicht mit ihm verderben. Wie macht's ſein braun⸗ ſchweigiſcher Vetter, der Magnus mit der Kette?— Hm! Gott behüte uns vor ſolchem Heißblut und Störrenfried!“— „Warum heißt er denn Torquatus, der Magnus mit der Kette?“— fragte ein jüngerer Bürger. Hierauf wußte der alte Fiſcher zu antworten.—„Sein Bater hatte ihm vor länger als zwanzig Jahren das ſchöne Sangershauſen, eine Mitgift der Agnes von Landsberg, ſei⸗ ner Mutter, als Vogtei anvertraut.“— — 241— „Daſſelbe, welches er verkaufen mußte, um ſich aus der Gefangenſchaft des Hildesheimer Biſchofs loszumachen“— ſetzte Helmicus hinzu. „Nun wurde der junge Magnus übermüthig, üppig, trieb mit wüſten Genoſſen tolle Streiche, fing Händel und Fehden an, die dem Lande ſchadeten, und ſein Vater rief im Zorne, als alle Bitten und Drohungen nichts fruch⸗ teten, daß er ſeinen eigenen Sohn bekriegen und mit eige⸗ ner Hand hängen wolle. Da ließ ſich der Sohn, um ſeinem Vater zu ſpotten, eine ſilberne Kette machen, die er immer am Halſe trug, damit ihn der Vater daran, und nicht an einen gemeinen Strick, hängen möge. So wurde er Magnus mit der Kette geheißen.“ „Auf lateiniſch: Torquatus“— fügte Helmicus hinzu. „Iſt er denn mit den Lüneburgern fertig und zur Ruhe gebracht?“— fragte Frieſen—„Ihr habt ja einen Vetter in Celle, Meiſter Fiſcher, erzählt uns einmal die Geſchichte.“— „Ja, von dem Ueberfall“— rief der ſtädtiſche Büchſen⸗ meiſter,—„man kann immer was daraus lernen.“ „Ihr wiſſ't, daß der Herzog Wilhelm von Lüneburg des Kaiſers Friedrich II. Verfügung, daß die Braunſchweig⸗ Lüneburgiſchen Lande auf die weibliche Linie als Kunkel⸗ Lehen übererben ſollten, nicht achtete, da er den unruhigen Sinn ſeiner Braunſchweigiſchen Vettern fürchtete, und den Kaiſer Karl IV. anging, falls er ohne männliche Nach⸗ kommen ſterben ſollte, den Herzog Albrecht von Sachſen damit zu belehnen; dieſer ging mit ſeinen Vettern Wences⸗ laus und dem Reichsmarſchall Rudolph an des Kaiſers Hof Maltitz, Herzog. II. — 242— nach Prag und erhielt die feierliche Belehnung mit dem Herzogthum Lüneburg. Später aber änderte Wilhelm ſeinen Sinn, ſetzte Ludwig von Braunſchweig, den Gemahl ſeiner jüngſten Tochter Mathilde, zum Erben ein und, falls dieſer ohne Nachkommen ſterbe, deſſen Bruder Magnus mit der Kette. Der Kaiſer that ihn dafür in die Reichsacht, worin er auch ſtarb, aus Kummer über des Magnus' Treiben, was er noch erleben ſollte. Der Rath von Lüneburg for⸗ derte von Magnus Verzicht auf das Land und huldigte erſt dann, als jener brieflich gelobte, der Landſchaft ihre alten Rechte und Freiheiten treu zu halten. Nun aber erſchien ein kaiſerlicher Befehl, der den Rittern, Bürgern und Un⸗ terſaſſen des Landes bei Strafe aufgab, keinem Anderen, als dem Herzog Albrecht von Sachſen zu huldigen. Magnus achtete nicht darauf, fing mit Albrecht Händel an, ſchickte ihm den Ritter Sievert von Salder, ſeinen beſten Freund, mit einer reiſigen Schaar entgegen, Albrecht überfiel ſie aber 1369 bei Winſen an der Aller und nahm ſie faſt Alle ge⸗ fangen. Magnus mußte ſeine gefangenen Junker für 600 Mark Silber auslöſen, forderte von Lüneburg das Geld, aber die Stadt ſchlug es ihm ab. Der Herzog gerieth in Zorn, zumal er jetzt vom Rathe zu Braunſchweig 300 Mark borgen und dafür Alles verpfänden mußte, was er noch in der Stadt, der Vogtei und Münze daſelbſt beſaß. Nun aber peinigte er die Lüneburger, zerriß ihre Verbriefungen und Privilegien, forderte die Stadtſchlüſſel, ließ auf ſeinem Schloſſe, auf dem Kalkberge, Wurfgeſchütze anbringen und im Giebel des Michaeliskloſters, am Fuße des Kalkberges, Scharten für Büchſen und Armbrüſte durchbrechen, lockte einige — 243— Rathsherren auf das Schloß und ließ ſie gefangen halten. So zahlte die Stadt die 600 Mark gegen Auslieferung der gefangenen, angeſehenen Bürger und Abgabe der Schlüſſel, aber es grollte furchtbarer Haß gegen den Herzog in den Gemüthern, und als deßhalb voriges Jahr Magnus in Celle war, brach das Gewitter los. Am Abende vor Lichtmeſſe füllte ſich das Michaeliskloſter unter der Burg mit Frauen und Mädchen, um Ablaß zu nehmen, es kamen viele Bür⸗ ger zur Beichte. Unterdeſſen gingen zwei Männer in ge⸗ wöhnlicher Hauskleidung nach den Schloſſe hinauf und baten um Einlaß, da ſie den Schloßhauptmann ſprechen müßten. Kaum hatten ſie Eingang bei dieſem gefunden, ſo ſtießen ſie ihn nieder, warfen ſeine Leiche in den Graben und in demſelben Augenblicke verwandelten ſich in der Klo⸗ ſterkirche die Frauen und Mädchen in gerüſtete Männer, drangen in die Burg und machten alle Knechte nieder. Der. Schloßvogt Siegbrand vom Berge, der eben gemächlich unten in der Zelle des Abtes im Kloſter Michael ſaß, die Kunde vernehmend, ſtürzte in das Schloß, ſchalt und drohete, aber der Fleiſcher Rodewaldt verſetzte ihm mit der Axt drei Hiebe auf den Kopf und erſt um Mitternacht warfen ſie den böſen Schalk in eine Grube.“— „Das lobe ich mir“— ſagte Frieſen—„ſolche Ves⸗ per bringt den Bürgern die beſte und ſchnellſte Abſolution; aber der Herzog iſt doch bei der Nachricht des Teufels ge⸗ worden?“—. Es hatte kaum den andern Morgen gedämmert, ſo erſchien ein Knappe aus Celle vor der Burg, um den Schloßhauptmann vor den Lüneburgern zu warnen, aber 16* — 244— die Bürger, die die Burg ſchon inne hatten, warfen ihm einen Stein hinunter und riefen:„bringe dieſe Nachricht dem Herzoge.“ Schon am andern Tage ritt Albrecht von Sachſen mit ſeinem Vetter Wenceslaus in Lüneburg mit großer Pracht ein, nahm das ganze Land in Beſitz und eroberte ſchnell Harburg, Lüdershauſen und Winſen; aber die Burg bei Winſen hielt ſich und als Magnus herbei kam, mußte Albrecht weichen; er warf ſich aber nach Han⸗ nover, wo die Bürger ebenfalls dem Herzoge Magnus feind⸗ lich geſinnt waren, beſtürmte die Burg Lauenrode an der Leine, hart vor der Stadt, und ſchenkte ſie den Bürgern, welche ſie bis auf den Grund niederriſſen und mit den Stei⸗ nen eine Stadtmauer aufrichteten. „Ich wollte, wir könnten es auch ſo machen“— flü⸗ ſterte der Büchſenmeiſter dem Frieſen in's Ohr. Fiſcher fuhr fort:—„Nun könnt Ihr Euch die Rachewuth des Magnus' denken; am 21. October vorigen Jahres, am Abend, zogen in aller Stille kleine Haufen Ritter und Reiſige über die Haide und ſammelten ſich, unter den Anführern Heinrich von Homburg und Sievert von Salder mit dem Kruck, an einem heimlichen Orte nahe bei Lüneburg; die Bür⸗ ger ahnten nichts Böſes, hatten die Wälle verlaſſen und ruhe⸗ ten von den vielen Anſtrengungen. Da ſtiegen in der Nacht die Herzoglichen auf Leitern zwiſchen dem Kalkberge und der Sülze, wo die Mauer am niedrigſten war, ihrer 700 an Zahl, in den von Eſtorf'ſchen Hof und ſo in die Stadt. Erſt bei Tagesgrauen brachen ſie über die Bürger los, ſtießen Jeden, der ihnen in den Weg kam, nieder und zündeten einige Häuſer an. Der Bürgermeiſter Heinrich Viskule — 245 fuhr mit den erſchrockenen Bürgern in die Rüſtung, aber war einer der Erſten, die fielen, mit ihm ſeine Genoſſen Garlop und von der Mölen, nachdem ſie ſich tapfer auf die Braunſchweiger geworfen hatten, die ſchon Herren des Marktplatzes geworden waren; Sievert von Salder for⸗ derte ſchon die Schlüſſel des Rathhauſes und Unterwerfung; der Stadthauptmann Ulrich von Weiſſenburg ließ durch einen Trompeter um eine Unterredung bitten; er erklärte, daß ſie ſich ergeben wollten, man möge mit Mord und Brand einhalten, damit er Zeit finde, dem Rathe die Be⸗ dingungen der Braunſchweiger zu verkünden; er ließ den Braunſchweigern viel Wein aus dem Rathskeller reichen, und während dieſe ſich übermäßig gütlich daran thaten, und der Stadthauptmann zwiſchen Feind und Rath hin- und hereilt, ſammelten ſich die Bürger hinter dem Rathhauſe, brachen mit Weiſſenburg an der Spitze plötzlich hervor und ſchlugen die nächſten Braunſchweiger nieder. Als er aber ſelbſt einen tödtlichen Schlag erhielt, gingen die Lüneburger Mann gegen Mann auf die Feinde los, die Weiber ſchleu⸗ derten Steine von Dächern und Fenſtern, viele braun⸗ ſchweigiſchen Ritter blieben todt; auf dem Johanniskirch⸗ hofe fielen ihnen neue Bürgerhaufen in den Rücken, ſie ſuchten das Thor, aber es war verſchloſſen; in der heili⸗ gen Geiſtſtraße, die man jetzt die rothe Straße genannt hat, weil das Blut in Strömen hindurchfloß, bekam auch Sievert von Salder, ſein Sohn und die beſte braunſchwei⸗ giſche Ritterſchaft den letzten, kläglichen Tod; gefangen wurden Manold von Eſtorf, Hans von Homburg, der Ban⸗ nerherr; der Heinrich von Homburg wurde erſt fünf Tage — 246— ſpäter von einer Magd in einem Keller gefunden und auf ſein flehentliches Bitten von ihr befreit; die Gefangenen mußten ſchweres Löſegeld zahlen,— Magnus aber ſchnob Wuth und Verzweiflung; neulich, vor wenig Tagen, ſtieß er bei der Wolfsburg mit dem Herzoge Albrecht von Meck⸗ lenburg, der mit Albrecht von Sachſen befreundet iſt, zu⸗ ſammen, aber er wurde auch hier geſchlagen und ſitzt jetzt hülf⸗ und waffenlos auf dem Schloſſe Wolfenbüttel, um auf künftige Rache zu ſinnen.“— „Habt Dank, Meiſter Fiſcher“— ſprach der Stadt⸗ ſchreiber,„für Eure Geſchichte, die ſehr lehrreich iſt.“— „Ja“— meinte Frieſen—„man kann viel daraus lernen.“— „Aber nur Friedfertiges“— fiel der Stadtſchreiber ein;—„wir können mit unſerem Otto zufrieden ſein, ſo ſchlimm iſt er doch nicht, obgleich er aus braunſchweigiſchem Blute ſtammt und ein Welfe iſt, die heißes, welſches Blut haben, welches dem Süden eher, als dem Norden ange⸗ hört.“— „Wir kennen den Herzog Otto noch nicht“— meinte der Büchſenmeiſter;—„wenn die Stadt es den Lüneburgern gleich thäte, was würde er anders handeln? Und wir haben den Bollrutz in der Stadt, das Nicolaithor gehört dem Herzoge allein— wir können uns gar nicht ver⸗ theidigen.“ „Denkt nicht daran, Hinke“— ſagte Fiſcher;— Ihr ſeid zwar des Waffen⸗ und Schießhandwerkes Mei⸗ ſter, und Jeder ſucht in ſeinem Fache das Meiſterſtück zu machen, aber wir älteren Bürger, die wir Haus und —— — 247— Kinder zu verlieren haben, halten's mit friedlichem Ge⸗ werke.— „Glaubt mir, die jungen Leute freuen ſich auf eine Fehde. Als ich heute früh die drei Ritter in das Nicolai⸗ Thor einreiten ſah, flogen drei weiße Tauben über ſie hin nach Südweſten— das bedeutet Frieden zwiſchen Heſſen und Göttingen.“ In dieſem Augenblicke eilte ein Bürger in den Raths⸗ keller und rief mit Lebhaftigkeit:—„Wißt Ihr ſchon, was ſie drüben im Kaufhauſe eben abgeſtimmt haben?— Der Helmold hat geredet, wie noch Keiner, der Bürgermeiſter und Werner Roden konnten ihm nichts anhaben— die Stadt will dem Herzoge die Hülfe gegen den Landgrafen ab⸗ lehnen.“— „Da haben wir das Unglück!“ rief Fiſcher—„nun kann es uns ergehen wie den Lüneburgern.“— „Merkt Ihr denn nichts“— ſagte Helmicus, den Fin⸗ ger liſtig an die Naſe legend;—„der Rath iſt nicht ſo dumm, eine ſchöne Gelegenheit unbenutzt zu laſſen und ſeine Hülfe umſonſt einzuwilligen; das wird erſt einige neue Pri⸗ vilegien einbringen, die Erlaubniß, mehr Wartthürme und Landwehren zu bauen, Schutzbriefe für Weg, Verkehr und Gerichtsbarkeit.“—— Vierzehn Tage waren vergangen. Es verließ zur Zeit der Dämmerung, während der Vollmond über den Hügeln der Oſtſeite der Göttinger Landſchaft emporſtieg, Herzogin Margarethe, ſchwarz gekleidet, tief verſchleiert und von Hanna und Henricus begleitet, den Bollrutz, nahm ihren ſtillen Weg innerhalb der befeſtigten Stadtwälle am Albanithore vorbei und trat in das älteſte Gotteshaus der Stadt, die Albani⸗ kirche, um hier die Vesperandacht abzuhalten. Ihr Gemüth war bewegt, ihr verſchleiertes Auge ſchwer bewölkt und feucht. Der Herzog war geſtern auf dem Bollrutz mit einer großen Begleitung von Sternrittern und vielen Reiſigen eingetroffen, hatte kaum Zeit gehabt, Gemahl und Sohn zu ſehen, aber viel mit dem Rathe verkehrt, eine heftige Aufregung gezeigt und heute Mittags wieder gegen Münden ſeinen ſchnellen Abzug genommen. Henricus hatte die erſte Kunde von dem Zwecke des Herzogs zu Margarethen gebracht; entrüſtet über die wirklich erfolgte Ablehnung der Stadt, ihm im Kriege gegen den Landgrafen beizuſtehen, war er nach mehrtägigen Verhandlungen, Drohungen und Verſprechungen endlich in ſo ungeduldigen Zorn gerathen, daß er ſich perſönlich und mit kriegeriſchem Gefolge auf den Weg nach Göttingen gemacht hatte, um die zögernde Stadt einzuſchüchtern und unter ſeinen Willen zu zwingen. Als hätte er ein Vorbild an ſeinem Vetter Magnus genommen, ſo redete er den Rath an, drohte ihm, alle verbrieften Privilegien zu ver⸗ nichten, Fiſcherei und Jagd zu nehmen und, um ſeinen Drohungen Nachdruck zu geben, hatte er den in Göttingen gefürchteten, ehemaligen Groner Vogt, Hans Druchtleif, mitgebracht, ihn zum herzoglichen Schulzen der Stadt Göt⸗ tingen und Vogt des Bollrutz eingeſetzt, in der Meinung, daß dieſer den Bürgern ſchon⸗ ſeine langen Kopfſchmerzen vergelten werde. Die Bürgerſchaft wurde ſo ſehr in Furcht geſetzt, daß der Rath, trotz der heftigſten Gegenrede Frei⸗ ͤͤͤͤͤ — 249— tag's, Helmold's, Rauſchenplaten's und anderer einflußreichen Männer, dem Herzoge nachgeben und vor deſſen Abzuge den Abſage⸗ und Fehdebrief an den Landgrafen aufſetzen mußte. Margarethe, von dieſer Kunde erſchreckt, war zum Herzoge gedrungen, hatte ihn mit Thränen beſchworen, von jeder ungerechten Sache abzuſtehen, den alten Großvater zu ehren und ſeinen Zorn durch edles Handeln zu verſöhnen; Otto aber hatte ſie mit höhniſchem Lächeln abgewieſen und ſie beſchuldigt, ſeiner Feinde Genoſſin zu ſein. Erſchüttert war ſie in ihre Gemächer zurückgekehrt, weinend ſah ſie bald darauf den Gemahl mit ſeinen Sternern, ohne Ab⸗ ſchied von ihr, aus dem Schloſſe reiten.— Ihr bedrängtes Herz hatte nur Gott und die Heiligen zum Beiſtande— ſie fühlte ſich vom frommen Geiſte getrieben, in der Sanct Albanikirche, wo einſt Bonifacius die erſte Kapelle zur Ehre des Heilands und des Märtyrers im Glauben, des heiligen Albanus, errichtet hatte, vor dem Altarbilde des jüngſten Gerichtes die himmliſchen Mächte anzuflehen, des Gemahles Sinn zum Guten zu lenken, Ungerechtigkeiten und Mord zu verhüten und ſeine Sünden durch ihre guten Werke zu erleichtern. In ſolcher Stimmung hatte ſie in der Dämmerung, ehe die Vesperglocke läutete, den Bollrutz verlaſſen. Der neue Schulze, Hans Druchtleif, ſah ihr nach und ſandte heimlich zwei Knappen des Weges hinab, um die Herzogin ungeſehen zu hüten und nöthigenfalls zu ſchützen. So wenig wie der Herzog und die Stadt, kannte auch die Her⸗ zogin die ſtille Wandlung im Charakter des ehemaligen wil⸗ den Vogtes— zwar funkelten noch ſeine Augen, zwar hatte ſein bleichgewordenes Angeſicht noch die rohen, dro⸗ henden Züge, aber die finſtere Miene war mehr der unbe⸗ wußte Ausdruck einer geheimen Seelennoth, ſein befeh⸗ leriſches Wort die unfreiwillige Sprache innerer Gewiſſens⸗ unruhe und Selbſtverdruſſes. Er dachte nicht mehr daran, Rache zu üben, aber er war ein zu treuer Diener ſeines Herrn, um nicht deſſen Befehle pünktlich zu befolgen und wenigſtens in menſchlicher Weiſe deſſen Intereſſen zu ver⸗ treten. Zu dieſen Befehlen gehörte auch der, die Herzogin zu ſchützen, den Bollrutz zu hüten und den Zehnten einzutreiben. Margarethe hatte in der Albanikirche, die heute völlig menſchenleer war, da die Einwohner der Stadt von dem Kriegszuge der Bürger erregt, die Männer in den Ver⸗ ſammlungen oder im Hauſe mit der Tröſtung ihrer Weiber beſchäftigt waren, einen einſamen Altar aufgeſucht und, um ihren heftigen Gefühlen keinen anderen Zeugen, als Gott und die Heiligen zu geben, Henricus nnd Hanna veranlaßt, in einem Kreuzgange der Kirche auf ihre Rückkehr zu warten. Der Mond ſchien durch die Kirchenfenſter in die feierliche Halle, der trübe Schimmer einer Lampe, die über dem Altare brannte, fiel auf die ſchwarze Schattengeſtalt der demüthig knieenden fürſtlichen Beterin nieder und unterſchied ſie kaum von der ungewiſſen Dämmerung, welche ſie umgab. Hier ſpendete Margarethe reiche Opfer auf dem Altar, hier weinte und flehte ihre ringende Seele, hier erhob ſie die Hände zum heiligen Bilde und ihr Seufzer verhallte matt im weiten, feierlichen Gewölbe. Ein lautes„Ach!“ ſchien von einer nahen Säule zurückgeworfen zu werden; ſie blickte — 251— dorthin, da es ihr war, als antworte ein geiſterhaftes Weſen klagend auf ihren Schmerz; eine undeutliche Geſtalt, einem Mönche ähnlich, lehnte am dunkeln Pfeiler; ſie glaubte Henricus zu gewahren, erhob ſich und wollte ſich ihm nähern. Da trat die Geſtalt heran— ein Streif des Mondlichtes verrieth, daß ſie größer war, als Henriens;— ehe Mar⸗ garethe zurückweichen konnte, fühlte ſie ihre Hand ſtürmiſch ergriffen und ſich in den Schatten der Säule gezogen.— „Ich bitte Euch, ſchweigt!“ flüſterte eine männliche, erregte Stimme—„vergönnt mir dieſen Augenblick— ich mußte Euch ſehen, ſprechen!“— Der Menſch, in eine Franzis⸗ kanerkutte gehüllt, das Geſicht mit der Kaputze halb bedeckt, fiel auf das Knie vor der Herzogin nieder, preßte ihre Hand an ſeine Bruſt und flüſterte in Leidenſchaft:—„Ich ſah und hörte Euch beten; verzeiht mir, herrliche, holdſelige Frau— ich habe Euch in großes Leid gebracht, gönnt mir Euren Blick— ich könnte nicht ſterben, ohne Euren ver⸗ zeihenden Blick—. ach die Thränen, die eben auf die Altar⸗ ſtufen fielen, habe ich veranlaßt!“— Margarethe befreiete ſich von den fremden, brennenden, kühnen Händen und fragte überraſcht:„Wer ſeid Ihr? Vergreift Euch nicht an der Herzogin!“— „Wie eine heilige Madonna habe ich Euer Bild in meinem Herzen bewahrt, bei Eurem Namen habe ich gebetet, in Gedanken an Euch habe ich gehandelt.“ „O, mein Gott! Welche Stimme!“— rief Margarethe aus faſt tonloſer, beklommer Bruſt, und zog in Beſtürzung den Mann aus dem Schatten der Säule in das weiche Mondlicht. Jener hatte die Kaputze fallen laſſen, die Kutte — 252— gelüftet;— ein Paar glänzende, ſchwärmeriſch heiße Augen waren auf die Erſchrockene gerichtet; eine goldene Kette ſchimmerte am Halſe des unter dem geiſtlichen Gewande Gerüſteten.—„Ja, ich bin's!“ ſprach er—„ich konnte nicht dem Streite um Ehre und Recht entgegengehen, ohne noch einmal Enren Blick gefühlt, ohne Eure Verzeihung, Euren Segen empfangen zu haben! Angebetete Margarethe, Herzogin! Wendet das Auge nicht von mir ab— ich war's, der Eurem Herzen Sorge, Eurem Auge Thränen verurſacht, hört meine Rechtfertigung, und dann ſegnet, oder verdammet mich.“ „Eckhard! Ritter! Was wagt Ihr? Ihr wäret ver⸗ loren, wenn man Euch in Göttingen erkennen würde— ach! warum macht Ihr mir dieſe Angſt?“— „O! Angſt fühlt Ihr um mich? So bin ich Eurem Herzen etwas werth? Das war es ja, was ich erfahren wollte; Ihr durftet mir nicht zürnen!“— „Ihr ſeid hier in Gefahr— mein Gemahl zürnt auf Euch— Ihr wiſſet wol nicht— „Ja, ich weiß, daß die Sterner und ihr Anführer mich für vogelfrei erklärt haben— aber müßte ich auch hier vor Euren Füßen ſterben, ich habe ehrenhaft gehandelt, deß' müßt Ihr gewiß ſein.“— „Eckhard was wollt Ihr? O, wie ängſtigt Ihr mich — wenn man uns hier belauſchte, überraſchte, Ritter, um Gottes Willen! man würde mich ſchonungslos anklagen, das Land verrathen zu haben!“ „Ich mußte von Eurem Munde hören, ob Ihr mich — 253— noch achtet, da ich den Herzog eben ſo tief verachte, wie ich Euch anbete.“— ⸗„Ihr redet mit der Gemahlin des Herzogs 14 „Ja, mit der edlen Frau, der ich mein Herz und meine Ritterehre gewidmet habe; durch mich verlor der Herzog ſein Erbe, durch mich hat Euer Haupt die Landgrafenkrone Heſſens eingebüßt; dieſe Kette trage ich als ein Zeichen Eures Vertrauens, Eurer Sympathie; ich kann ſie nicht mehr mit Ehren beſitzen, wenn Ihr meine That verurtheilt. Nehmt ſie hin— ich ſehe Euren Blick finſter in mein Leben weinen.“— Margarthe griff haſtig an ſeine Arme, um zu ver⸗ hindern, daß er die Kette vom Halſe nähme;—„traget ſie“— ſprach ſie ſchnell—„Ihr ſeid ein Ehrenmann!“ — Ritter Eckhard bemächtigte ſich in Begeiſterung und Liebesgefühl ihrer Hände, bedeckte ſie mit ſtürmiſchen Küſſen und preßte ſie ſelig vor ſeine Augen.—„Entfernet Euch“ — bat Margarethe—„ich höre in der Ferne Schritte— verhüllt Euch— ich flehe Euch an im Namen des Himmels, rettet Euer Leben— ängſtigt mich nicht zum Höchſten!“ „Ol noch einen Blick des Segens— ich bin ein Glück⸗ licher, da ich weiß, das Euer Herz meine That nicht ver⸗ dammt; nun ſcheide ich leichter, nun fürchte ich Kampf und Tod nicht; auf der Burg ſuchte ich Euch in dieſer Kleidung, indem ich nach Henricus fragte— ich erfuhr, daß er Euch hierher geführt habe; ich drang durch eine Nebenthür in dieſe Kirche ein, hörte Euch beten, weinen, ſeufzen. Lebet wohl!— Euer Bild, Euer Name, Euer Blick werden mich bis in den Tod begleiten; ſegnet mich — 254— — ſegnet mein Schwert!“— Er ließ ſich auf ein Knie nieder und ſah ſchwärmeriſch zu ihr auf. Das Mondlicht ſchien ſie mit einem Heiligenſcheine zu umgeben. „Ritter!“— ſeufzte ſie—„Eckhard, ach! wie qual⸗ voll prüft Ihr mein Herz!— O! Königin des Himmels ſteh' mir bei! Lebet wohl! Wir dürfen uns niemals wiederſehen.— Gott ſei mit Euch und mir— ich will für Euch beten.— Lebet wohl!“— Sie hatte die Hand auf ſein Haupt gelegt— mit klopfendem Herzen, glühenden Wangen, ſcheuem Blick neigte ſie ſich und ihre heißen Lippen berührten flüchtig ſeine Stirn.— Dann floh ſie zurück, winkte den Ritter mit der Hand fort und eilte auf die Altarſtufen zurück, wo ſie das verſchleierte Geſicht auf das Kiſſen des Betſtuhles barg. Eckhard ſah ihr nach, ſtreckte die Arme hinter ihr her, warf einen leuchtenden Blick zum Mondhimmel empor, hob die gefalteten Hände, ſah noch einmal nach der dämmernden Geſtalt vor dem Altare und verſchwand im Schatten des Kreuzganges. Gleich darauf erſchien Henricus mit Hanna; er ſpähete nach der ſtill am Altare Liegenden, näherte ſich unruhig zögernd und rief:—„Durchlauchtige Frau, verzeiht, daß ich Eure Andacht unterbreche.“— Margarethe ſprang er⸗ ſchrocken auf und blickte ſcheu nach der Säule, wo eben der Ritter geknieet hatte.— Hanna eilte hinzu und ſchloß behütend ihren Arm um die Freundin. „Verzeiht“— fuhr Henricus fort—„es ſind Reiſige vom Bollrutz vor den Eingängen der Kirche— ſie ſuchen einen heſſiſchen Spion, der in Mönchsverkleidung vor der Burg und in der Gegend dieſer Kirche geſehen iſt— man — 255— hat in dem Gaſthofe auf dem Wege nach Geismar ein Pferd gefunden, worauf ein bürgerlicher Mann gekommen i*ſt, der ein Geſchäft in der Stadt zu haben vorgegeben hat; des Schulzen Knechte, die zufällig am Gaſthofe geraſtet und die Pferde in den Stall geführt haben, wollen das Pferd des Fremden als ein heſſiſches aus des Landgrafen Stalle erkennen, das der Herzog vor einem Jahre mit vielen anderen dem Landgrafen geſchenkt hat. Es iſt ſo⸗ gleich Verdacht entſtanden, daß ein Spion in der Stadt ſei, der die Sache des Herzogs und den Willen der Bürger auskundſchaften wolle; man hat einen Mönch, der nicht barfuß iſt, vom Bollrutz nach dem Albanithore ſchleichen ſehen;— der Schulze hat Reiſige geſandt, um Euren Rückweg zu ſichern— laſſet uns aufbrechen— es iſt eine Zeit der Fehde und die Dunkelheit des Feindes Gehülfin.“ Margarethe hatte dieſe Mittheilung mit ſtummem Schreck und angſtvollem Umherſchauen angehört; ſie wollte dem furchtſamen Gedanken, der ſie erfüllte, folgen und den Weg hinuntereilen, wo der Ritter verſchwunden war, aber Henriecus hielt ſie zurück.—„Kommt dort hin“— ſagte er—„ich glaubte vorhin ein Geflüſter in der Kirche zu hören, es iſt auch unruhig in der Stadt geworden.“ Margarethe ſah in die von Mondlicht und ſchwarzen Schatten unheimlich vergrößerten Räume der Kirche und ihre Hand zitterte, als ſie den Schleier zurückwarf.— „Was wollt Ihr beginnen?“ fragte Henricus beſorgt, als ſie in den dunklen Kreuzgang trat.—„Da man im Hauſe Gottes keine Gewalt gebrauchen darf, ſo haben die Häſcher die Thüren beſetzt— begebet Euch nicht in Gefahr!“— „In dieſer Kirche lauert nichts Böſes“— antwortete Margarethe mit lauter Stimme, die vom Gewölbe wieder⸗ hallte— ich ſuche den Mann, dem man den Weg ver⸗ legt hat.“— Das Erſtaunen des Henricus über das muthige, un⸗ verſtändliche Benehmen der Herzogin und die Angſt Hanna's, welche ſich an die Weiterſchreitende drängte, wandelten ſich in Beſtürzung, als plötzlich eine Geſtalt aus dem Schatten trat und ſich tief verhüllt vor der Herzogin neigte. Schnell wendete ſie ſich gegen ihre Begleiter und ſprach befehlend, mit heftiger Betonung:—„Erwartet mich am Weihwaſſer⸗ Becken!“— Die in Ueberraſchung Zögernden folgten einem glänzenden, ungewöhnlich gebietenden Blicke der erregten Frau. „Eckhard!“ flüſterte ſie—„O, mein Gott! Eure An⸗ hänglichkeit an mich hat Euch in Gefahr gebracht!“— „Ich hörte, was Henricus Euch mittheilte;— ich ſinne auf eine kühne That, ängſtigt Euch nicht um mich, mit Eurem Segen ſtehe ich unter höherem Schutze; ich bin nur hervorgetreten, um Euch zu beruhigen.“— Margarethe hob die gefalteten Hände vor den Mund und ſah wehmüthig, unſäglich liebevoll in die muthigen, leuchtend auf ſie gerichteten Augen.—„Heilige Maria“— ſprach ſie gedankenvoll und kaum hörbar—— verzeihe mir, wenn ich ſchwer fündige!— Ach— ich kann nicht anders!“— Plötzlich warf ſie den Schleier über das Ge⸗ ſicht und ſprach:—„Verhüllt Euch— führet mich— Ritter! wir dürfen uns nie wiederſehen?“— Sie faßte des Mannes Arm und ſchritt nach der entfernten Gegend, wo am Eingange der Kirche das geweihte Waſſerbecken ſtand, — 252— und wo Henricus mit Hanna auf ſie zueilten.—„Dieſer iſt ein Diener Gottes!“ ſagte ſie—„folgt mir!“— Vor der Kirchenthür ſtanden Reiſige, die den Peraus- tretenden die Hellebarden vorſtreckten und die beiden Mönchs⸗ geſtalten ſcharf anſahen.—„Zurück! die Herzogin!“— rief Margarethe, den Schleier hebend und das heiße Geſicht dem hellen Mondlichte ausſetzend. Die Reiſigen ſtutzten und wichen ehrerbietig zurück. Schweigend gelangten die ſchnell Schreitenden an den Bollrutz; Niemand wagte ſeine Ge⸗ danken laut werden zu laſſen. Zwiſchen Burg und feſtem Nicolaithor blieb Margarethe ſtehen und blickte mit ver⸗ ſchleiertem Antlitze den Führer an; dieſer wollte ihre Hand drücken, ſie lähmte ſeinen Willen durch eine ſtolze, abweiſende Haltung.“—„Henricus“— ſprach ſie—„weilet hier mit dieſem Manne; ich werde ein Pferd ſenden— die Wache am Nicolaithore ſoll ihn als einen Boten von mir hinauslaſſen!“— Dann ſah ſie den Verhüllten feſt und lange an— wendete ſich ſchweigend ab und ſchritt mit Hanna den Weg gegen das Schloß hinauf. Hier angekommen befahl ſie dem Pagen, ein Pferd nach dem Nicolaithore bringen zu laſſen; Hanna ſah den Pagen forteilen, die Herzogin an das Fenſter treten und in den Mondhimmel ſtarren. Wehmüthig nahete ſie ſich der Schweigenden, legte den Arm um ſie und dieſe ſchreckte auf. —„Margarethe!“— ſprach Hanna theilnehmend—„Dein Herz iſt ſo bewegt!“— „Schweig!“— fiel Margarethe heftig ein—„laß, mich allein— Dein Blick demüthigt mich!“— lind ſanfter, Maltitz, Herzog. II. 258— bittender fuhr ſie fort:—„Hanna— könnteſt Du meinen Kampf fühlen— laß mich allein, ich muß allein ſein!“— Hanna entfernte ſich.— Nach einer Viertelſtunde trat Henricus ein; ſein Blick ruhete ernſt auf der, im Seſſel träumenden Herzogin; er blieb an der Schwelle ſtehen und auf ſeiner Miene trat das Mitleid hervor. Als Margarethe, die ihn nicht beachtet hatte, heftig aufſchluchzte und mit be⸗ tender Stimme flüſterte:—„Ach, ich habe des Herzens Schickſal erfahren— Gott! gieb mir Kraft, es durch treue Pflicht der Herzogin zu fühnen!“— da trat Henricus ſchnell an ſie heran und wollte reden; ſie aber kam ihm zu⸗ vor und ſprach:—„morgen— dann will ich beichten und Dich um Abſolution bitten!— Habe ich Sünde gethan, ſo will ich ſie büßen— der Himmel ſei mir gnädig!“— Es war ein heiterer Märztag. Der alte Landgraf Hein⸗ rich ſaß in ſeinem Seſſel am Tiſche, wo er am vorigen Michaelistage bis tief in die Nacht finſter gegrübelt und gegrollt und den Entſchluß gefaßt hatte, der in ſeinen un⸗ vermutheten Folgen ihn heute noch finſterer ſtimmte, als jemals; neben ihm ſaß ein jugendlicher Mann mit hellen, klugen Augen, blaſſem Geſichte, geiſtigem, gutmüthigen Munde, von blondem kurzen Barte umkräuſelt; in der Tracht eines Ritters, im violetten, mit Hermelin verbrämten Wamms und Miäntelchen, zeigte ſeine Geſtalt einen edlen, faſt zierlichen Bau, ſeine Hand war weiß und weich, als ſei das Schwert an ſeinem Gürtel nur Schmuck. Der alte, greiſe Landgraf ſah ihn mit ſeinen Adleraugen ſtechend an und hörte deſſen Rede. —— — 259— „Wie wäre es, Oheim“— ſprach der junge Mann, ſeinen Blick aus einigen Schriften aufſchlagend—„wenn wir darauf bedacht wären, Eurem Alter den Frieden zu geben, den ihr im Leben nur wenig genoſſen habt? Unſere Sachen ſtehen ſchlecht; zürnt mir nicht, wenn ich Euch den Vorſchlag zu machen wage, den heißen Sinn Eures Groß⸗ ſohnes abzukühlen, ſein gereiztes Gefühl der Rache zu ver⸗ ſöhnen und ihm einen Theil des Heſſenlandes gutwillig als Erbtheil zuzuſchreiben; dann genügt ihr Eurem Willen, dem erſten und letzten, und ſeid beiden Zweigen Eures Stam⸗ mes gerecht. Ich habe Thüringen und kann den Theil Heſſens an der Weſer leicht verſchmerzen.“— „Biſt Du ſo ſchnell kleinmüthig geworden“— ant⸗ wortete der alte Landgraf verdrießlich.—„Ha! Möchteſt wol an die Bücher und in die Hora zurück? Der Sinn des eiſernen Heinrich ſollte noch zuletzt ſo zu Schanden werden, daß er ſich vor ſeiner Tochter böſem Sohne und den aufrühreriſchen Sternern fürchtet und ſich weibiſch wan⸗ delt, wie das Aprilwetter? Soll ich alter Greis den jungen Mann beſchämen und für ihn das Schwert ergreifen, um mein Erbe zu halten? Ich habe Dich einmal zu meinem Nachfolger eingeſetzt— Hermann, Hermann! daß ich nicht im Grabe den Schimpf erdulde, wie mein Land ein Raub des Otto, eine Beute der treuloſen Ritter wird!“ „Oheim! Nennet meinen friedlichen Vorſchlag nicht Feigheit, Muthloſigkeit, Kleinmuth; wollt Ihr den Krieg, ſo i*ſt's gut und ich werde ihn führen und das Schwert zu Ehren bringen, das Ihr in meiner Hand mißachtet; Ihr habt Eure Ritter und Vaſallen aufgeboten, aber nur we⸗ 17» — 260— nige ſind gekommen, die Sterner haben offne Partei für ihren neuen Hauptmann Otto genommen, der Graf Zie⸗ genhain hat ſich, um Euch ſeine Feindſchaft zu erklären, mit Agnes von Göttingen vermählt, die noch ſchwankenden Dynaſten im Lande treten ſchaarenweiſe in den Sternbund. Wo ſind unſere Freunde? Wo Eure Lehensleute? Nur die Städte, die Ihr nie recht geachtet habt, ſind Euch treu ge⸗ blieben und ſammeln ſich unter unſerem Banner. Wohlan, ich fürchte den Kampf nicht, wenn Ihr ausharren wollt. Da kommt Ritter Eckhard— fraget ſeine Meinung.“— Eckhard von Rönfurt, in voller Rüſtung war eingetreten. „Sieh', Hermann“— rief der alte Landgraf—„der geharniſchte Mann gefällt mir mehr, als deine Klage. Was haſt Du zu berichten?“— „Herr“— ſprach Eckhard—„der Herzog iſt von Mün⸗ den, Bramburg, Friedland, Brakenberg und dem ſchnell aufgebaueten Sichelſtein in's Land eingedrungen, hat Dörfer angezündet, Vieh weggetrieben und Gefangene fortgeſchleppt; der Graf Katzenellenbogen hat, weil Ruprecht von Naſſau auf Eurer Seite ſteht, die Stadt Hadamar genommen; von der Burg Dornberg aus verwüſtet der Breido von Ranzau das Land— die Mitgift zur Heirath des Ziegenhain hat der Herzog aus dem Raubantheile aus Eurem Erbe im Voraus beſtimmt.“— „Das ſoll ihm der Teufel geben!“ rief der alte Land⸗ graf, indem er zornig auf den Tiſch ſchlug;„nun, Eckhard, Du bitteſt mich nicht um Frieden?“ 3 Mit ſtolzem Blicke ſah der Ritter den Greis an, der flammend ſeinen Neffen fixirte. — 261— „Herr“— antworrete Eckhard—„drei adlige Män⸗ ner aus Göttingen ſind eingetroffen, der Hildebrand von Uslar, der Dietrich von Ludolphshauſen und der Bodo von Schneen, um Euch die Fehde der Stadt Göt⸗ tingen anzukündigen und den Abſagebrief zu überbringen.“ Der alte Landgraf ſprang entrüſtet auf, ſchritt durch ſein Gemach und rief:„Auch das noch? Meine Freunde und meines Gegners Feinde kehren das Schwert gegen den alten Mann, den ſie ſchwach und weibiſch glauben?“ Jetzt blieb er vor ſeinem, ebenfalls aufgeſtandenen Neffen ſtehen, ſah ihn bitter lächelnd an und ſprach:—„Nun, Landgraf von Thüringen, wollt Ihr nicht ein gutes Theil von meinem guten Heſſen opfern, oder lieber dem Otto das Erbe abtreten?“— 1 „Bei dieſem Schwerte, Oheim!“— rief Hermann er⸗ glühynd—„Ihr ſollt mich nicht wieder kleinmüthig nen⸗ nen— verabſchiedet mich, daß ich mich an die Spitze mei⸗ ner Streiter ſtelle, und hier ſiege oder falle.“— Der Greis legte die Hand auf des Neffen Schulter, lächelte ihn an und ſprach:—„So gefällſt Du mir;— keine Scholle Land gebe ich dem trotzigen Göttinger, ohne daß ſie mit dem Blute ſeiner Beute getränkt iſt.“ „Ewige Schande jedem Heſſenfürſten, der auch nur eine Seele ſeiner Unterthanen an einen fremden Herrn verkaufen möchte!“— rief Ritter Eckhard. „Da Freunde ſich gegen mich in Feinde wandeln, ſo will ich Feinde zu Freunden machen“— ſagte der alte Landgraf;—„laſſ't mein Pferd ſatteln! Ich will nach Eſchwege reiten, die alte Feindſchaft mit dem Markgrafen — 262— Balthaſar und ſeinem Vruder, dem Landgrafen Wilhelm, zur Verſöhnung führen— das helfe mir die heilige Eli⸗ ſabeth! Dort will ich eine Erbverbrüderung mit ihnen ab⸗ ſchließen, die den Otto für ewige Zeiten um das Heſſen⸗ land bringt. Sie müſſen die Grafen von Schwarzburg und Beichlingen gewinnen, und mir das Werrathal gegen die Feinde ſchützen, während ich gegen die aufrühreriſchen Rit⸗ ter im Lande ziehe und ſie einzeln angreife, ehe ſie ſich in's Feld ſtellen können!“— „So will ich auch Freunde gewinnen“— nahm Hermann das Wort—„und mir mein Erbe treulich erkämpfen helfen! Albrecht von Grubenhagen iſt Otto's bitterer Feind, er wird mir beiſtehen; mit den Heſſen und Thüringern will ich bei der bald vollendeten Veſte Senſenſtein auf der Höhe zwiſchen Caſſel und dem Kauffunger Walde mich ſammeln, über die Werra gehen und in das Göttinger Land einfallen, derweil Ihr, Oheim, die Sterner in Heſſen auf ihren eigenen Bur⸗ gen züchtigt.“—. „So recht!“— rief Eckhard muthig—„Gott helfe mir, daß ich dem Herzoge begegne!“”“— Der Landgraf blickte finſter auf den Ritter, der an das Fenſter trat, um dem ſtechenden Auge auszuweichen. „Zu Pferde!“— rief Heinrich plötzlich;—„auf nach Eſchwege!— Die Göttinger mögen den Abſagebrief abge⸗ ben;— ich will ſie nicht ſehen, aber ſie ſollen ſchnell und ungefährdet heimkehren!— Fördert den Senſenſtein, Her⸗ mann, daß er dem Sichelſtein die Stirn biete und dem trotzigen Otto die Erndte in meinem Lande vorwegnehme!“ Eckhard ſtand gedankenvoll am Schloßfenſter und blickte — — —— — 263— dem Laufe der Fulda nach; in ſeiner Seele läutete heimlich eine Vesperglocke des Friedens zwiſchen den Kampfruf ſeiner Ehre und Pflicht.—„Margarethe!“— tönte eine Geiſter⸗ ſtimme durch ſeine ſtillen Gedanken. Er ſchreckte auf, er⸗ mannte ſich am kriegeriſchen Blicke des Landgrafen und folgte ihm, um ihn nach Eſchwege zu begleiten. Ende des zweiten Bandes. — —— — “—— - Mſnnſnnſnni˖ Vnſnſanmmm 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17