——n d wird. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von Eduard Otimann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 4 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— Briefe uͤber Italien. . 2 8 2 4. 2 5 25 . 2 S 8 2* 2 7 3 ⁸ b 2 5 6 *.* 5 5 — -— —— Briefe uͤber Italien. — Aus dem Franzoͤſiſchen des Herrn Fr. Lullin von Chateauvieux von H. Hirzel. In zwey Theilen. Erſter Theil. Mit einem Titelkupf er. Leipzig, b e y E. H. Reckl am. 4 82 1. *—— —y4-—— Seinem verehrungswuͤrdigen Freunde, d em Herrn Kammerrath Ploß, Ritter des Königl. Sächſ. Civil⸗Verdienſtordens, Senior der Handlungs⸗Deputirten u. ſ. w. in Leipzig zum Denkmahle inniger Hochachtung und Liebe von dem Ueberſetzer. Vorrede. Die Briefe uͤber Italien, welche hier in deutſcher Sprache erſcheinen, fanden ſich zuerſt, dem groͤßern Theile nach, einzeln in der Be- bliothègue universelle abgedruckt. Spaͤ⸗ terhin ließ der Verfaſſer ſie in ſehr veraͤn⸗ derter und verbeſſerter Geſtalt unter dem Ti⸗ tel:„Lettres écrites d Italie en 7872 „er 787 g M. Charles Petet, Vun des „reclacteurs de la bibliothèegue Bri- „kannigue, par Fréderie Lullin de Cha- „keauvteluo. Paris et Genèeve. 2 Vol. „72. 7876.“ an's Licht treten. In Deutſchland ſind dieſelben, ſo viel der Ueberſetzer hat in Erfahrung bringen koͤnnen, ſehr wenig bekannt geworden. Nichts deſto weniger moͤchten ſie unter mehr als Einem Titel den reichhaltigern Reiſewerken uͤber Ita⸗ vII lien mit vollem Rechte beyzuzaͤhlen ſeyn. Denn neben den vielen darin vorkommenden land⸗ wirthſchaftlichen Beobachtungen und Beſchrei⸗ bungen von Cultur⸗Syſtemen, wie ſich nur ſelten ein Reiſender ſie mit ſolcher Genauig⸗ keit und in dieſem Umfange zu erforſchen die Muͤhe nimmt, empfehlen ſie ſich auch durch mancherley neue und umfaſſende Anſichten des bereiſeten Landes und ſeines dermahligen, zum Theil hoͤchſt verſunkenen Zuſtandes; ſo wie auch durch eine einſichtsvolle Darſtellung und Entwickelung der Urſachen, warum in verſchie⸗ denen Gegenden Italiens, und nahmentlich im Kirchenſtaate, jener Zuſtand kein anderer ſeyn kann, als er wirklich iſt. Noch ein andrer Umſtand gereicht Herrn Lullins Briefen zu einem nicht unbe⸗ deutenden Vorzuge. Der Verfaſſer iſt naͤhm⸗ lich, im Gegenſatze mit ſo manchen Reiſebe⸗ ſchreibern, die ſeit zwey Jahrzehenden ihr Thun und Treiben in Italien, ohne je einen Fuß breit von der großen, allbetretenen Heerſtraße gewichen zu ſeyn, oͤffentlich bekannt gemacht, und ſich darauf beſchraͤnkt haben, dem Publi⸗ —— ſ I ——— IX kum eitel alten Stoff in erneuerten Formen wieder vor Augen zu legen, vielmehr darauf bedacht geweſen, ſeinen Weg, wie ſolches un⸗ ter vielen andern die merkwuͤrdige Reiſe von Sarzana nach den Genueſiſchen Kuͤſten hinab, und die Ausfluͤge nach San-Roſſore, Campo morto u. a. m. bezeugen, durch weniger be⸗ kannte und ſolche Gegenden zu nehmen, in welche zur aͤußerſten Seltenheit der Fuß eines Auslaͤnders eindringt; was ihn denn auch in den Stand geſetzt hat, mehrere Natur⸗ und Landesbeſchreibungen ſowohl, als feldwirthſchaft⸗ liche Nachrichten von Revieren zu liefern, de⸗ ren in ſo vielen Italiaͤniſchen Reiſewerken von gewoͤhnlicher Gattung und Form nicht ein⸗ mahl dem Nahmen nach Erwaͤhnung geſchieht. In dieſen und andern Ruͤckſichten laͤßt ſich mit Grund hoffen, daß eine nicht unbetraͤcht⸗ liche Anzahl von Leſern, die ſich fuͤr das Auf⸗ und Untergehen der Nationen, fuͤr jene großen, durch den Verlauf der Zeiten bewirkten, in den allgemeinen Weltenplan wunderſam ver⸗ flochtenen, Umgeſtaltungen der Laͤnder nicht weniger, als fuͤr landwirthſchaftliche Inſtitutio⸗ X nen und ſchoͤne Naturanſichten intereſſiren, an dieſen Briefen einiges Vergnuͤgen finden werde. Was die deutſche Bearbeitung dieſes Wer⸗ kes betrifft, ſo hat der Ueberſetzer, bey ſeinem unausgeſetzten Beſtreben, eine dem Genius bey⸗ der Sprachen einiger Maßen angemeſſene Arbeit zu liefern, mit um ſo groͤßern Schwierigkeiten zu kaͤmpfen gehabt, da er einerſeits ſelbſt in agronomiſchen und botaniſchen Wiſſenſchaften nur wenig bewandert iſt, anderſeits aber, in Be⸗ treff mancher ſich auf die Landwirthſchaft bezie⸗ henden Ausdruͤcke, in den vorhandenen, ſich le⸗ diglich auf die ſo geheißenen claſſiſchen Redens⸗ arten beſchraͤnkenden Woͤrterbuͤchern, auch die beruͤhmteſten derſelben nicht ausgenommen, we⸗ nig oder keine genuͤgende Auskunft zu finden war. Es ſind ihm indeß die bedeutendſten je⸗ ner Zweifel, zu deren Löſung auch der Rath ge⸗ lehrter Freunde nicht ausreichen wollte, durch die Gefaͤlligkeit des Herrn Lullin ſelbſt, an den er ſich dießfalls zutrauensvoll wandte, auf eine ſehr verdankenswerthe Weiſe aufgeklaͤrt, und von dieſem Gelehrten zu gleicher Zeit mehrere Ver⸗ beſſerungen ſeines Textes, nebſt einem noch un⸗ XI gedruckten, ſich an den letzten des zweyten Ban⸗ des anſchließenden Briefe, mit dem Wunſche mitgetheilt worden, daß auch dieſer der Ueber⸗ ſetzung moͤchte einverleibt werden. Dieſem Ver⸗ langen iſt, wie leicht zu erachten, gern entſpro⸗ chen, und dadurch der deutſchen Bearbeitung we⸗ nigſtens ein Vorzug vor dem Franzoͤſiſchen Ori⸗ ginale verſchafft worden. Fuͤr alle ſeine Anſtrengungen aber hat der Ueberſetzer ſchon dadurch allein ſich mehr als hin⸗ laͤnglich entſchaͤdigt gefunden, daß gerade unter dieſer Arbeit ſich ſeiner Einbildungskraft jenes Land, das ſeine Seele liebt, wieder in tauſend angenehmen Geſtalten, und bisweilen ſogar mit der Lebhaftigkeit der fruͤheſten Jugendbilder ver⸗ gegenwaͤrtigte; jenes Land, unter deſſen ſchoͤ⸗ nem Himmel er, damahls noch durch ſehr we⸗ nige und einfache Bande und Verhaͤltniſſe an dieß Leben gekettet, und noch von keinerley Sor⸗ gen belagert, einige ſeiner ſchoͤnſten Juͤnglings⸗ jahre verbracht hat, waͤhrend welcher ihm, ver⸗ moͤge eines Zuſammentreffens der guͤnſtigſten Umſtaͤnde, vergoͤnnt war, in unmittelbarer Naͤhe einer, ihre reichen Kunſtſchaͤtze aller Zeiten und XII Laͤnder in hoͤchſter Glorie zur Schau legenden Koͤnigsſtadt, ſich an ein koͤſtliches Leben, im Schooße der reizenden Toscaniſchen Natur, und an die Betrachtung der maͤßigen, eingezogenen und mit der baͤueriſchen Lebensart von gewoͤhn⸗ lichem Schlage gar ſehr contraſtirenden Lebens⸗ weiſe der dortigen Landbauer hinzugeben; jenes Land endlich, deſſen Wiederſehen unter die Zahl der fantaſtiſchen Traͤume gehoͤrt, die etwa zu⸗ weilen noch die allmaͤhlich alternde Einbildungs⸗ kraft necken koͤnnen, die aber eine bald mit je⸗ dem Tage unſicherer werdende Zukunft wohl kaum mehr zur Wirklichkeit bringen wird. — Zurich, den 1. Naͤrz 1820. Heinrich Hirzel, Profeſſor der Philoſophie und Canonicus. Briefe des erſten Theils. 1I. Turin, 12. May 1812....... Seite, a II. Aſti, 10. Juli ͤ......— 19 III. La Mandria de Chivas, 20. Juli 1812..— 42 IV. Parma, 10. Sepyrember 1812.....— 52 V. Sarzanna, 20. Septemd er—— 63 VI. Florenz, 4. May 4813.......— 91 VII. Piſa, 15. May—.....— 114 VIII. Siena, 25. May-......— 124 IX. Rom, 10. Juni--......— 142 X. Rom, 20. Juni ͤ-.—— 1359 XI. Albano, 4. Juli ͤ-— 178 XII. Velletri, 6. Juli-— 207 XIII. Terracina, 43. Juli ͤ-..— 228 Brieſe uͤber Italien. Erſter Theil. Erſter Brief. Turin, 12. May 1812*). Dwanzig Jahre, mein Freund, ſind verfloſſen, ſeit⸗ dem mein Auge das ſchoͤne Italien zum erſten Mahle erblickt hat. Damahls hatte es ſich meiner Fan⸗ taſie im voraus als ein durch faſt unzugaͤngliche Ab⸗ gruͤnde von dem uͤbrigen Erdboden abgeſondertes Zau⸗ berland dargeſtellt. Es ſchien mir, als muͤßten jen⸗ ſeits der Alpen, Nationen, Sitten und eine Natur von ganz eigenthuͤmlichem Charakter und Ausſehen zu finden ſeyn, und am Tage der Abreiſe ſchied ich von allem was mir lieb war, mit eben den Empfin⸗ dungen, die meine Seele erfuͤllt haben wuͤrden, wenn es ſich um eine Reiſe zu unbekannten Voͤlkerſchaften gehandelt haͤtte. In dieſen Tagen habe ich die Alpen zum zwey⸗ ——O—— ») Der Leſer beliebe nicht unbemerkt zu laſſen, daß dieſe Briefe zur Zeit der Franzöſiſchen Herrſchaft uͤber Italien geſchrieben ſind. A. d. Ueb. Briefe b. Italien. 1. Thl. 1 2 ten Mahle uͤberſchritten; aber nicht mehr unter den gleichen Gefuͤhlen und Regungen des Gemuͤthes, die ihr Anblick auf meiner erſtern Reiſe in mir erweckt hatte. Ueber den majeſtaͤtiſchen Heerſtraßen, die ſich, eine nach der andern, in ihren Abgruͤnden eroͤffnen, ſind jene Scheidewaͤnde, welche die Natur vor Ita⸗ lien hingeſtellt hatte, zuſammengeſunken. Ueber den unermeßlichen, zwar allerdings als die herr⸗ lichſten Zeichen unſerer ſteigenden Civiliſirung ſich ankuͤndenden, Arbeiten und den Ausebnungen der Felſen ſind die Alpen niedriger geworden, und jener Zauber, welcher die Felſen von Meillerie uͤberſchwebt hatte, iſt verſchwunden. Der Nahme jener Gebirge floͤßt keinen Schrecken mehr ein; die Voͤlker haben aufgehoͤrt, durch dieſelben von einander getrennt zu ſeyn, und nehmen, in Folge der Erleichterung ihrer gegenſeitigen Gemeinſchaft ſich naͤher gebracht, all⸗ maͤhlig die gleichen Sitten an, und auch ihre Ge⸗ wohnheiten und Beduͤrfniſſe werden dieſelben. Ueber dieſer durchgaͤngigen Gleichfoͤrmigkeit der Sitten aber und der geſellſchaftlichen Gebraͤuche geht nach und nach der Nationalgeiſt verloren; die Eigenthuͤmlich⸗ keit jedes einzelnen Volkscharakters verwiſcht ſich, und nicht lange, ſo wird man ganz Europa durchreiſen und glauben koͤnnen, unter einem und demſelben Volke zu wandeln. Gerade dieß Gefuͤhl war es, von dem ich mich gleich bey meiner Ankunft zu Turin ergriffen fuͤhlte. 3 Ich fand daſelbſt ruͤckſichtlich auf alles, was mir nur in die Augen fiel, eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit Frankreich, daß ich mich in eine große und ſchoͤne Stadt dieſes Reiches verſetzt waͤhnte. In der That haͤtte man glauben koͤnnen, Kleidertrachten, Decora⸗ tionen, Krambuden, Spaziergaͤnge, kurz alles, bis auf die Straßenanſchlaͤge, waͤre, mit Einſchluß der Spei⸗ ſewirthe und des Moden⸗Journals, von Paris aus uͤber die Alpen heruͤber geſchafft. Gleiche Bewandt⸗ niß hat es mit allen den Intereſſen, welche die Thaͤ⸗ tigkeit des Lebens in Bewegung ſetzen; denn die Ge⸗ ſetze, welche uͤber das Leben verfuͤgen, die Anſtalten und Einrichtungen, durch welche dasſelbe ſeine Rich⸗ tung erhaͤlt, gehen nicht weniger als ſeine Hoffnun⸗ gen und Furchten insgeſammt von jenem großen Brennpunct aller Bewegung aus, welcher die Grund⸗ ſtoffe, aus denen die Civiliſation unſers Jahrhun⸗ derts zuſammengeſetzt iſt, ohne Unterlaß an ſich zieht und von ſich aus wieder nach allen Richtungen verbreitet. Was wird aber das Reſultat dieſer Verſchmel⸗ zung aller Nationen in eine, dieſe Gleichfoͤrmigkeit der Sitten und einer ſolchen gemeinſchaftlichen, alle Intereſſen auf den naͤhmlichen Punct hinlenkenden Cultur ſeyn, und wird in der gleichen Zeit, da ſich die National⸗Geſichtszuͤge auf dem ganzen Feſtlande verwiſchen, auch die Nebenbuhlerſchaft je eines Volkes gegen das andere, und mit ihr jenes tief liegende 1* 4 Gefuͤhl, vermoͤge deſſen ſich jeder Staat und jedes Volk ihm ſelbſt kennbar macht, und das jedem ſo eigen iſt, wie ſein eigener Athem, erloͤſchen? Letzteres kann ich kaum glauben. Es findet ſich in dieſem Bilde etwas, das mein Auge beleidigt; und wenn ich am Ufer der Tiber Beſchluͤſſe des Staatsraths an den Straßenecken und Pfeilern angeklebt ſehe, ſo mahnt eine innere Stimme mich laut genug, daß ich auf Roͤmiſchem Boden wandle, und nicht im Lande der Celten, an den Ufern des Indre oder des Adour. Wohl koͤnnen Nationen, die weder Geſchichte noch Ueberlieferungen haben, ſich eine in die andere ver⸗ ſchmelzen: von Seite ſolcher Voͤlker hingegen, welche den Jahrhunderten der Vorzeit einen lange dau⸗ ernden Ruhm verdanken, bleibt jenen Jahrhunderten fortwaͤhrend und unwillkuͤrlich ein Dienſt geweiht, welcher die Seele ihrer National⸗Geiſter ausmacht, und den Regierungsbeſchluͤſſe eben ſo wenig zu zer⸗ ſtoͤren vermoͤgend ſeyn duͤrften, als ſie im Stande ſind, die Geſchichte ſelbſt zu vernichten. Da indeß jene, beynahe auf alle Laͤnder ſich er⸗ ſtreckende, Zertruͤmmerung des geſammten Feudal⸗ ſyſtems, und jene Abſchaffung der Privilegien und Kaſten, mit welcher zugleich auch eine vollkommene Gleichheit der Rechte fuͤr alle Buͤrger proclamirt wurde, den Einfluß der individuellen Kraͤfte aufheben muß, um ebendemſelben in dem Geſetze, das heißt, in der allgemeinen Kraft ſeine Stelle anzuweiſen, 5 ſo muͤſſen zu gleicher Zeit auch die Auszeichnungen des Ranges und der Geburt wegfallen, und alles, was Auszeichnung heißt, ausſchließlich den Stellen, dem Reichthume und den Talenten zu Theil werden, welches die einzigen Hebel ſind, vermittelſt derer un⸗ moͤglich bleibt, ſich aus der allgemeinen Gleichheit heraus zu arbeiten. Leicht laͤßt es ſich voraus ſehen, daß von eben dem Augenblicke an alle Intereſſen und Beſtrebun⸗ gen der handelnden Menſchen dahin zielen werden, ſich in den Beſitz von Auszeichnungen der erwaͤhnten Art zu ſetzen, und da die Mittel zur Erreichung die⸗ ſes Zweckes uͤberall die gleichen ſind, ſo wird ſich die ganze Bevoͤlkerung von Europa, gleichſam ohne es ſelbſt zu wiſſen, von dem naͤhmlichen Geiſte beſeelt finden. Nicht weniger wird ſich auch die politiſche Ord⸗ nung und die Geſetzgebung, obwohl ſie ihrer Natur nach beyde ihren Stand unveraͤnderlich behaupten ſollten, genoͤthigt ſehen, ſich der gewaltſamen Ein⸗ wirkung jener neuen, durch den Secular⸗Gang der Civiliſirung erzeugten Sitten zu fuͤgen. Erſt nach Beendigung dieſer allgemeinen Staaten⸗Revolution wird man im Stande ſeyn, die aus dem allen ſich ergebenden Folgen zu wuͤrdigen. Auf jeden Fall aber mag es der Muͤhe werth ſeyn, in dem Gange der Zeit die Thatſachen, durch welche jene gewaltige Veraͤnderung in der geſellſchaftlichen Ordnung ſich ankuͤndet, noch etwas naͤher zu bezeichnen. 6 Es gibt wenige Laͤnder in Europa, wo jene all⸗ gemeine Tendenz unſers Zeitalters ſo bemerkbar iſt, als in Italien. In dieſem Lande war die Zer⸗ ſtoͤrung des Feudal⸗Weſens bis auf ſeine letzten Spuren, nicht, wie in Frankreich, das Werk der furchtbarſten Gewaltthaͤtigkeit: vielmehr hatten da⸗ ſelbſt Zeit, hellere Einſicht und der Drang der Um⸗ ſtaͤnde eben die Anſichten vorbereitet, die dann ſpaͤ⸗ terhin durch das Recht der Eroberung ihre Sanction erhielten. Es haͤlt nicht ſchwer, dem Gange der Entwicke⸗ lung, die der Zeitgeiſt in Italien bewirkt hat, zu folgen, und gerade dieß iſt ein Geſichtspunct, unter welchem jenes Land noch in unſern Tagen ſich von einer ſehr anziehenden Seite vor Augen ſtellt. Die Gebaͤude ſeiner alten Ariſtokratien ſind auf den erſten Hauch eingeſtuͤrzt, und ſeine kleinen Lan⸗ desherrlichkeiten mit ihrem prunkenden, ihrer Ohn⸗ macht einen gewiſſen glaͤnzenden Anſtrich verleihen⸗ den Gefolge verſchwunden. Die Eintheilung des Landes in groͤßere Gebiethe erweckte bei den Italiaͤ⸗ nern auf einen Augenblick die Hoffnung, ſich nach Verfluß von zwanzig Jahrhunderten zu einem ein⸗ zigen Volke vereinigen zu koͤnnen. Sie erhielten eine gleichfoͤrmige Geſetzgebung, und wurden alle durch die gleichen Triebfedern in Bewegung geſetzt. Trotz der Widerſetzlichkeit der alten Gewohnheiten, ſchaffte man ihnen alles vom Halſe, was den allge⸗ 7 meinen Gang jener Revolution des geſellſchaftlichen Lebens hemmen konnte. Dann wurden ſie in die Armee⸗Corps des furchtbarſten aller Heere hineinge⸗ worfen. Erſtaunt, hier zu figuriren, griffen ſie, zwar vielleicht mehr aus Zwang, als aus eigener Wahl, zu den Grenadiermuͤtzen und kaͤmpften ohne Nahmen, oder vielmehr unter dem Nahmen von Franzoſen mit einem Muthe, der ihnen die Achtung ihrer Mitſtreiter erworben und ſie ſelbſt uͤberzeugt hat, daß ſie unter den Gefahren des Krieges eben ſo gut als unter den Genuͤſſen ihres vormahligen Ruhe⸗ ſtandes zu Hauſe ſeyen. Durch dieſen gewaltigen Wechſel in dem Schickſale des Italiaͤniſchen Volkes wurden ruͤckſichtlich auf ſeine Gebraͤuche und In⸗ tereſſen nicht minder wichtige Veraͤnderungen herbei⸗ gefuͤhrt. Theils als Conſcribirte in Maſſe aus dem Lande geſchafft, theils mit der Beſorgung der allge⸗ meinen Kriegs⸗Intereſſen und mit der Verwaltung eines großen Staates beauftragt, fingen nunmehr die Italiaͤner an, alle Laͤnder von Europa zu durch⸗ reiſen und, auf dieſen Zuͤgen in's Ausland, ſich mit bisher unbekannten Sitten und Uebungen, ſo wie mit neuen Reihenfolgen von Kenntniſſen bekannt zu machen; waͤhrend hinwieder die Auslaͤnder ebenfalls neue, jenſeits der Alpen gaͤnzlich unbekannte Einrich⸗ tungen und Verwaltungsformen nach Italien hin⸗ uͤberbrachten. Eine Regierung, deren Wille auf Extreme ging, und die alles, was ſie wollte, mit aͤußerſter Schnel⸗ ligkeit durchſetzte, fuͤhrte in Italien aus eigenem An⸗ ſehen eine Ordnung, eine Polizei und eine Genauig⸗ keit ein, die mit allen alten Gewohnheiten des Lan⸗ des im Widerſpruch ſtand. Mittlerweile die Con⸗ ſcription jene muͤßige und uͤberzaͤhlige, die Straßen verſperrende Claſſe der Geſellſchaft hinwegnahm, ſahen ſich die hoͤhern Staͤnde, welche der Krieg aus⸗ geraubt und in Armuth geſtuͤrzt hatte, genoͤthigt, einen Geſchmack fuͤr das zuruͤckgezogene Leben und einen Geiſt der Haͤuslichkeit anzunehmen, an wel⸗ chem es ihnen, auf ihrem moraliſchen Standpuncte, gaͤnzlich gefehlt hatte. Die Aufhebung der Kloͤſter, vermoͤge welcher die Sorge der Kindererziehung auf die Muͤtter zuruͤckfiel, floͤßte dieſen jenes Gefuͤhl fuͤr Anſtand und Schicklichkeit ein, das fuͤr den Inſtinct der muͤtterlichen Liebe Beduͤrfniß iſt, und welchem jene Sitten⸗Toleranz nach und nach weichen mußte, die man den Frauen Italiens ſo haͤufig zum Vor⸗ wurfe gemacht hat, und gegen deren Unſittlichkeit die Gewohnheit allein das Gleichgewicht hielt; ein Um⸗ ſtand, in Folge deſſen der Geiſt des haͤuslichen Le⸗ bens vielleicht vollends in Italien Fuß faſſen duͤrfte. Freilich iſt dieſe Sittenveraͤnderung bis jetzt noch nicht zur allgemeinen, keinen Vermuthungen des Gegentheils mehr Raum geſtattenden Gewohn⸗ heit erwachſen: denn eine ſolche Radical⸗Umſchaf⸗ fung der Sittlichkeit eines ganzen Volkes iſt nicht 9 das Werk eines Augenblicks: immerhin aber kann man einer ſolchen Veraͤnderung als bevorſtehend ge⸗ denken, weil ſie durch die Umſtaͤnde herbeigerufen wird. Etwas, das jetzt ſchon, als neu hervorgegan⸗ gen aus jenem Wechſel der Dinge, ganz deutlich be⸗ merkt wird, iſt eine, in Italien vormahls nicht ge⸗ kannte, zur Stunde aber bereits ſehr weit verbrei⸗ tete Claſſe von Menſchen, die ſich ſowohl in wiſſen⸗ ſchaftlicher als in landwirthſchaftlicher Hinſicht nicht weniger, als im Fache der Verwaltungen und der öͤffentlichen Geſchaͤfte, einem thaͤtigen Leben widmen. Es ſind dieß junge, regſame, wißbegierige Leute, die Belehrung ſuchen und erhalten, und nicht mehr, gleich ihren Vaͤtern, in einen engen Kreis eingeengt, ſondern Mitarbeiter an dem Werke der Civiliſirung von ganz Europa ſind. Zu eben der Zeit haben die ſchoͤnen Kuͤnſte ſo⸗ wohl als die Poeſie ganz und gar aufgehoͤrt, von den Italiaͤnern geuͤbt und gepflegt zu werden. Leute von Talent geben ſich mit ſolchen Gegenſtaͤnden durchaus nicht mehr ab— ſondern verlegen ſich einzig auf die Naturwiſſenſchaften und auf das Studium der Politik. Die zwey einzigen Mahler, deren Nah⸗ men noch einiger Maßen bekannt ſind, haben Ge⸗ maͤhlde geliefert, deren wir nicht einmahl erwaͤhnen moͤchten. Fuͤr die Erhaltung des Ruhmes der dra⸗ matiſchen Schriftſteller kaͤmpft, obwohl mit ſchlechtem Erfolge, Federici allein noch. Monti hat als Dichter 10 die letzte Palme davon getragen, und Velutis Toͤne ſind die letzten, an denen ſich Neapels Geſtade ver⸗ gnuͤgen. Gleich einem ausgeſogenen Erdreiche, das ſich weigert, forthin Blumen und Fruͤchte zu tragen, ſcheint Italiens alter Boden des Hervorbringens von Gedichten und Denkmaͤhlern muͤde. Nur ein großer Mann iſt noch uͤbrig, der fuͤr ſich allein den Ruf jener alterthuͤmlichen Beruͤhmtheit, ihrem gan⸗ zen Umfange nach, zu behaupten weiß. Dieſer Mann iſt Canova: das Werk aber, an welchem er ar⸗ beitet, iſt das Grabmahl, das ſeine Aſche umſchließen ſoll; und in dieſe Ruheſtaͤtte, die ſeine eigne Hand ſich bereitet, wird der Genius der Kuͤnſte, der zwan⸗ zig Jahrhunderte hindurch Italien verherrlicht hat, zugleich mit ihm hinabſteigen. Und ſo geht der all⸗ gemeine, jetzt bemerkbare Zielpunct des Italiaͤniſchen Volkes, fern von dem Gebiethe der Fantaſie, auf ei⸗ nen Geiſt der Ordnung und Regelmaͤßigkeit in den Geſchaͤften, auf ein Verlangen, ſeine Lage durch Einſicht und Sparſamkeit zu verbeſſern, mit einem Worte, auf ein Beſtreben, ſeine Kraͤfte im geſell⸗ ſchaftlichen ſowohl als im Privat⸗Leben auf nuͤtzliche Gegenſtaͤnde zu verwenden. Das Princip, welches dieſe Thaͤtigkeit in Bewegung ſetzt, iſt uͤberall ver⸗ breitet. Es beſteht in dem mit einer gewiſſen Selbſt⸗ achtung verbundenen Bewußtſeyn eigener Kraͤfte, auf welches Italiens Voͤlker vor Alters eingewilligt hatten, zu verzichten, das ſie aber ſeit zehen Jahren 11 auf Unkoſten ihrer Arbeit und ihres Blutes wieder herzuſtellen bemuͤht ſind. Eben dieſe Regſamkeit zu Gunſten des Geiſtes der Ordnung und der Vervollkommnung in den oͤf⸗ fentlichen und Particular⸗Anſtalten hatte ſich aller⸗ naͤchſt auch auf den Landbau hingewandt: denn ei⸗ nem Lande, das, wie Italien, nur wenig Fabriken hat, blieb, nachdem der Krieg ſeine Haͤfen dem Tauſch⸗ handel einmahl verſchloſſen hatte, beynahe kein an⸗ deres Mittel zur Erweiterung ſeiner Induſtrie mehr uͤbrig, als die Vermehrung ſeiner landwirthſchaft⸗ lichen Producte. Sehr bald war indeß die dießfaͤl⸗ lige beſchraͤnkte Verbeſſerungsbahn durchlaufen; denn in jenem alten Vaterlande der Civiliſtrung, das be⸗ reits alle Wechſelerſcheinungen des oͤffentlichen Wohl⸗ ſtandes durchgegangen hatte, war jene wohl ausge⸗ dachte Wechſel⸗Cultur und ein umfaſſendes Waͤſ⸗ ſerungs⸗Syſtem nebſt den vorzuͤglichſten Methoden der Guͤterbewerbung laͤngſt eingefuͤhrt. Die vortreff⸗ lichen Eßwaren, die das Land im Ueberfluſſe hervor⸗ bringt, werden zu einem Preiſe verkauft, der zwar fuͤr die verzehrende Claſſe nichts weniger als laͤſtig, immer aber altzu hoch iſt, als daß der Landbauer Luſt bekommen ſollte, auf betraͤchtliche Ausfuhren bedacht zu ſeyn. Und ſo ſcheinen die Grundlagen der allge⸗ meinen Oekonomie jenes Landes durch ein bereits er⸗ reichtes Maximum feſtgeſetzt, und wer das dermah⸗ lige Gleichgewicht dieſer Induſtrie zerſtoͤren wollte, 12 um Warenlager von neuen Erzeugniſſen einzufuͤhren, denen es vielleicht an Abſatz ſowohl als an Kaͤufern fehlen wuͤrde, der duͤrfte von ſolchem Thun ſchwerlich große Vortheile zu gewaͤrtigen haben. Ungleich weſentlicher als eine Erneuerung der Dinge in Italien war eine Wiedergeburt des Men⸗ ſchengeſchlechts. Sie ſelbſt, mein Freund, werden dieß am beſten beurtheilen koͤnnen, wenn es mir ge⸗ lingen ſollte, Ihnen die laͤndliche Lebensart in den verſchiedenen Gegenden jenes Landes, nicht allein durch Aufſtellung der Thatſachen, welche auf den Reichthum des Gemeinweſens hinweiſen, ſondern auch durch Entwickelung ihrer Folgen auf die Be⸗ voͤlkerung und ihren Wohlſtand zu ſchildern. Vor allem andern werde ich verſuchen, Ihnen die man⸗ nigfaltigen und hoͤchſt mahleriſchen Anſichten, welche Italien in ſich ſchließt, ihrem oͤrtlichen Ausſehen nach, zu beſchreiben: denn in derjenigen Periode der Weltgeſchichte, in welche unſere Lebenstage ge⸗ fallen ſind, iſt der Grund der Schoͤnheit der Natur nicht weniger als des Mangels daran, was man ſonſt beydes fuͤr Spiele der Schoͤpfung zu halten pflegt, ungleich mehr, als man dafuͤr haͤlt, in den Verfahrungsweiſen der menſchlichen Induſtrie ſelbſt zu ſuchen, die im Verlaufe der Zeiten die Oberflaͤche des Erdbodens gar verſchiedentlich theils verſchoͤnert, theils entgaͤſtet und ihrer Zierden beraubt hat. In keinem Lande der Welt aber faͤllt jene 13 furchtbare Uebergewalt der Menſchen uͤber die Schöͤ⸗ pfung mit ſolcher Staͤrke in die Augen, wie in dem vormahligen Auſonien, dem alle Zeitalter der Civili⸗ ſation ihre Opfer dargebracht und ihren Stempel aufgedruͤckt zu haben ſcheinen. Hier ſieht man mit Ulmen umzogene Felder, die der Weinſtock, als waͤre er bloß zur Feyer eines Bacchus⸗Dienſtes gepflanzt, mit ſeinen Ranken uͤber⸗ ſchattet. Dort hat der Oehlbaum, erſt ſpaͤterhin aus Griechenland oder Aſien eingefuͤhrt, mit dem Immergruͤn ſeines Laubwerkes einen duͤrren Huͤgel⸗ abhang in einen Luſthain verwandelt, den keine Jah⸗ reszeit ſeines Schmuckes zu berauben vermag*). In *) In der That fällt der Oehlbaum, was auch etwa ein hypochon⸗ driſcher Reiſender zu deſſen Nachtheile geſagt haben möchte, zu⸗ mahl wenn ſeine dunkelblaue, ſchimmernde Frucht anfängt zwiſchen den Zweigen hindurch zu ſcheinen, ſehr angenehm und wohlthuend in's Auge, und trägt auch ſeinerſeits dazu bey, den Anblick einer ſolchen Gartenlandſchaft zu verſchönern und zu vermannigfachen. Lebhafter glänzt unter den Olivenbäumen der in gleicher Reihe mit ihnen gepflanzte, hier und da an ihre Stämme hinaufrankende Weinſtock. Des Feigenbaumes breites Laubwerk färbt, neben der Olive aufgrünend, ſich dunkler, und noch dunkler, ja beynahe ſchwarz, erſcheint, beſonders aus eini⸗ ger Entfernung geſehen, aus der Olivenpflanzung ſich erhebend, die ſchlanke, pyramidaliſche Cypreſſe. Deſſen zeugt unter den ſchönern und bebautern Gegenden Italiens nahmentlich die reitzende, einem weitläufigten Luſtgarten gleichende Umgegend der Etruriſchen Hauptſtadt, oder auch, Falls der Leſer im Nor⸗ den nicht Luſt hätte, ſich ſo weit nach Süden zu verſteigen, mancher herrliche Erdſleck am Comer⸗See, z. B. in der Nähe von Menagio; dergleichen die Hügelufer des lieblichen Lauiſer⸗ — 44 andern Gegenden hat man durch Abſondern und Theilen das Gewaͤſſer eines Fluſſes in unzaͤhlige kleine Baͤche abgeleitet, waͤhrend hinwieder der Ver⸗ lauf der Jahrhunderte Roms Umgegend entooͤlkert, ſeine Gebuͤſche in Waͤlder, und ſeine Gefilde in Wuͤſteneyen verwandelt hat. Die Kunſt hat uͤberall die Natur umgeſtaltet, und dieſe letztere ſich einzig ihre Feuerberge vorbehalten, deren Zugaͤnge ſie, als wollte ſie allen Arbeitsfleiß der Menſchen von ihnen entfernt halten, und dieſen eine gewiſſe heilige Ehr⸗ furcht einfloͤßen, mit ringsum alles verſengenden Flammenſtroͤmen verſperrt hat. Sees, vornähmlich zwiſchen Porlezza und Lugano, wo man ſich, Drotz der Nähe der Alpen, und jener Schnee⸗ und Eis⸗Co⸗ loſſe, die auch die glühendſte Sommerſonne nicht mehr zu ſchmelzen vermag, ganz unter Italiſchen Himmel und in Ita⸗ liäniſche Umgebungen verſetzt ſieht. Auch dem Verfaſſer der bekannten„Reiſe durch das Latium“ gewährte, wie er in einem unlängſt in der„Bi- pliothéque universelle“ erſchienenen Bruchſtücke eines noch ungedruckten Reiſewerkes über das ſüdliche Frankreich ſich äu⸗ bert, in dieſen Gegenden der Oehlbaum einen gefälligen An⸗ blick.„Nahm ich,“ ſagt er,„meinen Weg von der Stadt „(Hyeres) nach der Seite der Inſeln, ſo hatte ich Gehölze von „Olivenbäumen zu durchwandern, die zwiſchen langen Reihen „ſchön aufgrünenden Weitzens nach der Schnur gepflanzt ſind, „und mit der braunen, gerade in dieſen Tagen ſich entblättern⸗ „den Weinrebe abwechſeln. Das Blaßgrün der Oehlbäume, ihr „leichtes Schattenwerk, ganz beſonders aber die leiſe Beweg⸗ „lichkeit ihrer Zweige, die, von jedem Winde gebogen, ſich ge⸗ „räuſchlos umherwiegen; dazu die milde Wärme einer nur „ſelten verſinſterten Sonne, u. ſ. w.— das aules mahnte mich „an Elyſiums Fluren.“ A. d. Ueb. 15 Am ſeltenſten werde ich Sie von allen denjeni⸗ gen Partien Italiens unterhalten, die am haͤufigſten ſind beſchrieben worden. Von Gebaͤuden und Denk⸗ maͤhlern ſollen Sie nichts zu hoͤren bekommen, noch von Staͤdten und den Kunſtbemuͤhungen, die zu ih⸗ rer Verſchoͤnerung beygetragen. Deſto mehr werde ich Ihnen dagegen aus der Cultur⸗Geſchichte Ita⸗ liens erzaͤhlen, und von der Art, wie da der Feldbau getrieben, und das Erzeugniß der Grundſtuͤcke ein⸗ geſammelt wird. Auch die Lagen und Gegenden dieſes ſchoͤnen Landes moͤchte ich Ihnen ſchildern: ſo ſchildern, wie meine Geſichts⸗Organe dieſelben geſchaut oder zu ſchauen geglaubt haben; denn man⸗ cher Reiſende taͤuſcht ſich, auch dann, wenn er bloß von ſolchen Gegenſtaͤnden redet, die er mit eigenen Augen geſehen hat. Um aber in meine Berichterſtattungen eine ge⸗ wiſſe Ordnung hinein zu bringen, fange ich damit an, Italien als Land in ſo viel Reviere abzuthei⸗ len, als ich ruͤckſichtlich auf Lage, Ausſehen und Land⸗Oekonomie Verſchiedenheiten darin habe wahr⸗ nehmen koͤnnen. Solcher Verſchiedenheiten, die ſich dem Beſchauer und Beobachter auf ſeinen Wande⸗ rungen, in Bezug auf Temperatur, Producte, Sitten der Einwohner und Cultur⸗Syſteme, darbiethen, gibt es vornaͤhmlich drey, und nach dieſen moͤchte Italien ſich folgender Geſtalt in drey Bezirke theilen laſſen. 3 16 Die erſte Region nimmt bey den Alpen der Stadt Suſa und des Berges Cenis ihren Anfang, und erſtreckt ſich bis an das Ufer des Adriatiſchen Meeres. Sie umfaßt das ganze, durch den Lauf des Po in zwey beynahe gleich große Haͤlften ge⸗ theilte Flachland der Lombardie.. Dieſer reichen Ebene entkeimt aus uͤppig frucht⸗ barem Schooße ohne alle Unterbrechung und in groͤß⸗ ter Mannigfaltigkeit eine Reihe der vortrefflichſten Producte: ſie mag wegen dieſes preiswuͤrdigen Ge⸗ miſches von Ernten und Einſammlungen das Land der Cultur durch Eintheilung in Schlaͤge heißen. Die zweyte Gegend begreift die ſaͤmmtlichen ſuͤdlichen Abhaͤnge der Apenninen vom Anfange der Provence bis an die Grenzen Calabriens. Dieſe moͤchte ich die Region der Oehlbaͤume oder der Ca⸗ nanaͤiſchen Cultur genannt wiſſen. Sie beſteht bloß aus Huͤgelabhaͤngen und Bergruͤcken. Eine morgenlaͤndiſche Cultur erhebt ſich ſtufenweiſe in ei⸗ ner Reihenfolge kuͤnſtlicher, durch Raſenmauern feſt⸗ gehaltener Terraſſen, und beſetzt dieſen angenehmen Erdſtrich uͤber und uͤber mit mancherlei, durchgehends mit Fruͤchten belaſteten Baͤumen. Da hier weder Wieſen noch Getreidefelder zu finden ſind, ſo werde ich Ihnen von dieſer zweyten Gattung des Italiaͤ⸗ niſchen Landbaues um ſo weniger zu melden haben, da ſchon Herr Sismondi, in ſeinem Gemaͤhlde der 17 Toscaniſchen Landwirthſchaft, dieſelbe auf eine anzie⸗ hende Weiſe beſchrieben hat*). Eben dieſem Schriftſteller wuͤnſchte ich es ruͤck⸗ ſichtlich auf diejenigen Nachrichten gleich zu thun, die ich Ihnen in Betreff der Land⸗Oekonomie des dritten Revieres mitzutheilen habe. Dieſer Bezirk, den wir das Land der patri⸗ archaliſchen Cultur, oder auch der verpeſte⸗ ten Luft, nennen wollen, erſtreckt ſich dem Mittel meere entlang von Piſa bis Terracina, und umfaßt das ganze, zwiſchen dem Meere und der erſten Apen⸗ ninen⸗Kette ſich dehnende Flachland. Dieſe Gegend, gluͤcklicherweiſe an Umfang die kleinſte, und ihrer Bevoͤlkerung beraubt durch die Geißel einer toͤdtlichen Atmoſphaͤre, hat ihren vor⸗ mahligen Wohlſtand zugleich mit ihren Doͤrfern, Weibern und ihrem Feldbau verſchwinden geſehen. In dieſem mit unuͤberſehbaren Weideplaͤtzen bedeck⸗ ten Landſtriche finden einzig die Heerden ihr Futter, die, wie zur Zeit der erſten Bewohner des Erdkreiſes, den einzigen Reichthum des ſie beſitzenden Hirten⸗ volkes ausmachen. Neben den drey erwaͤhnten Abtheilungen ſchließt Italien in ſeinen hoͤhern Gebirgen noch wilde Ge⸗ *) In der bekannten Schrift:„Tableau de l'agriculture Tos- Cane etc.“ die der D. Johann Burger in's Deutſche überſetzt und mit Anmerkungen und Zuſätzen(Tübingen bey Cotta 1805. 8.) begleitet hat. A. d. Ueb. Briefe üb. Italien, 1. Thl. 2 18 genden in ſich, deren Bewohner ausſchließlich von dem Ertrage der Waͤlder leben, ſo wie denn auch laͤngs den Ufern des Po gar manche Striche Landes zu finden ſind, in denen unzaͤhlige Canaͤle immer gruͤne, zahlreiche Heerden ernaͤhrende Wieſen bewaͤſ⸗ ſern, und in denen ſich die Islaͤndiſche und nordiſche Cultur unter Italiens ſchoͤnem Himmel zu erneuern ſcheint. 4 In meinem naͤchſten Briefe will ich verſuchen, Ihnen den Landbau, ſo, wie er in Piemont betrieben wird, zu beſchreiben. Sie werden ſehen, wie bedeu⸗ tend noch durch denſelben die urſpruͤngliche Schoͤn⸗ heit jener, von den Alpen umkraͤnzten und von der Natur durch Zutheilung ihrer herrlichſten Geſchenke beguͤnſtigten, Gegend erhoͤht wird. Zweyter Brief. Aſti, 10. Julius 1812. Es erſtreckt ſich alſo, mein Freund, die erſte jener Ackerbau treibenden Regionen von Italien, deren mein voriger Brief erwaͤhnt hat, vom Fuße der Al⸗ pen, auf jener unermeßlichen von den Gewaͤſſern ver⸗ laſſenen Ebene, die bey dem Paſſe von Suſa ihren Anfang nimmt, und erſt an den oͤſtlichen Grenzen Italiens endet, bis zum Fuße des Apennins. Dieſer weite Strich Landes kann mit Recht fuͤr den Gar⸗ ten unſers Welttheiles gelten, und iſt ohne allen Zweifel diejenige Partie von Italien, welche die Natur vor allen andern beguͤnſtigt hat. Der Boden, den die Gewaͤſſer angeſchwemmt haben, iſt uͤppig; das gute Erdreich geht tief, und laͤuft faſt uͤberall vollkommen wagerecht fort. Einzig naͤher gegen das Gebirge hin finden ſich Baͤnke Ge⸗ ſchiebes; die ganze uͤbrige Ebene beſteht aus ſchwar⸗ zer, ungemein fruchtbarer Erde. In dieſen Flaͤchenraum gießt ſich von der Hoͤhe 4 2* 20 der die ganze Lombardie beherrſchenden Gebirge eine uͤberſchwaͤngliche Menge von Waſſerſtroͤmen herab, deren Gewalt die Kunſt bis jetzt zwar noch nicht zu baͤndigen, wohl aber ſie durch Vervielfaͤltigung der Waͤſſerungscanaͤle in unzaͤhlige kleine Theile zu ver⸗ fuͤhren gewußt hat, ſo daß nur ſelten eine Wieſe oder ein Pachthof zu finden iſt, die nicht einen Ca⸗ nal oder eine Schleuſe in ſeiner Naͤhe haͤtten. Ein ſolcher Bewaͤſſerungsaufwand, unter dem ſchoͤnſten Himmelsſtriche entwickelt, bringt, in Ver⸗ bindung mit der Einwirkung der ſuͤdlichen Sonne, die mannigfaltigſten Erſcheinungen einer ungemein kraͤftigen Vegetation hervor. Von der Natur in einem ſo hohen Grade be⸗ guͤnſtigt, hat dieſe gluͤckſelige Lombardie ſchon ſeit langem eine unermeßliche Volksmenge in ihrem Schooße getragen. Was eine ſolche Bevoͤlkerung in der Regel zu begleiten pflegt, iſt ihr auch hier auf dem Fuße nachgefolgt. Eine Stadt an der andern ſtieg aus den Ebenen empor; die Marktplaͤtze ver⸗ mehrten ſich; die aus allen Gegenden der Landſchaft zu ihnen hinfuͤhrenden Wege wurden verbeſſert und verſchoͤnert, die Felder ſelbſt in eine Menge kleiner Grundſtuͤcke abgetheilt, im Mittelpuncte jeder Be⸗ ſitzung ein Pachthof erbaut, um von dieſem aus das Land zu bewerben, und endlich der Grund und Bo— den dieſer Laͤndereyen ſehr kunſtreich und auf eine Art benutzt und zu Rathe gehalten, daß weder ruͤck⸗ 21 ſichtlich auf Raum, noch auf Zeiteintheilung fuͤr den Feldbau das mindeſte verloren ging. Die Kornfelder ſind in dieſen Gegenden mit regelmaͤßig angelegten Reihen von Fruchtbaͤumen aller Art eingefaßt. Zwiſchen ein gruͤnender Maul⸗ beerbaum, die Pappel und die Steineiche, und damit auch das Daſeyn ſolcher, keine Fruͤchte ſpendender Baͤume ſich nicht bloß auf ein muͤßiges Schatten⸗ werfen beſchraͤnke, muͤſſen dieſelben dem Weinſtocke zur Unterlage dienen, der, ſeine Schoſſe nach allen Seiten hinſchleudernd, uͤber denſelben gleichſam eine Dachung bildet, und von dieſer in Feſtons ſich wie⸗ der niederwaͤrts ſenkt. Faſt uͤberall in der ganzen Lombardie herrſcht in den Pflanzungen eine ſolche uͤppige Fuͤlle, und das Gewaͤchs ſteht ſo dicht in ein⸗ ander, daß der Wanderer es umſonſt mit ſeinem Blicke zu durchdringen bemuͤht iſt. Er reiſ't unter einem fortwaͤhrend verhuͤllten Horizonte, der ſich nur theilweiſe ſo, wie er ſelbſt weiter vorruͤckt, vor ihm aufthut. Dieſe Reihenfolge mannigfacher, der Fan⸗ taſie immer wieder neue und unerwartete Genuͤſſe bereitenden Gemaͤhlde, dieß friſche Gruͤn, dieſe zahl⸗ loſen Wohnungen, in denen Bequemlichkeit ſich mit einer gewiſſen Zierlichkeit gepaart findet, dieſe Ge⸗ filde, in deren Schatten ſich etwas Laͤndliches aus⸗ ſpricht, waͤhrend ihre Cultur einen ungewoͤhnlichen Reichthum der Wirthſchaft verkuͤndet, das alles bil⸗ det Gegenſaͤtze ſolcher Art, und zugleich eine Har⸗ 22 monie, die, wenigſtens in dieſem Grade, ſchwerlich irgend anderswo anzutreffen ſeyn duͤrfte. Jene weite Einfoͤrmigkeit des Pflanzenwuchſes, wie Indiens Flachland dieſelbe zur Schau legt, iſt zwar in der Lombardie nicht zu finden, noch kommt hier eine ſolche Cultur vor, wie ſie ſich in unabſeh⸗ baren Raͤumen uͤber des Nordens abwechslungsloſe Ebenen ausdehnt, und eben ſo wenig trifft man auf ſolche wilde Lagen, wie die ſind, in denen die Schwei⸗ zer⸗Thaͤler ihre Friſchheit entwickeln; wohl aber durchwandelt man hier eine Natur, die, aus jenen Himmelsſtrichen allen gleichſam zuſammengemiſcht, an ſie alle mit einmahl erinnert.. So iſt die Flaͤche beſchaffen, welche die Lom⸗ bardie der Kunſt des Landbauers ſo guͤtig und milde zur Bearbeitung uͤberliefert. Es erſcheint aber dieſe Kunſt hier zu Lande in deſto einfacherer Geſtalt, weil ſie auf einen ſehr hohen Grad der Vollkommen⸗ heit gediehen iſt, und weil ja die vortrefflichſten land⸗ wirthſchaftlichen Uebungen und Kunſtgriffe unter den hieſigen Pflanzern allgemein bekannt, und ihnen zur Gewohnheit geworden ſind. Inzwiſchen hat das Ueber⸗ maß der Bevoͤlkerung und die Mannigfaltigkeit der An⸗ pflanzungen auch hier, wie in allen Laͤndern von ausgezeichneter Fruchtbarkeit, wo die Cultur der Grundſtuͤcke eine taͤgliche, einzig durch das Familien⸗ Intereſſe zur hoͤchſten Vollkommenheit ſich emporhe⸗ bende Pflege und Wartung erfordert, die Zerſtuͤcke⸗ 23 lung der groͤßern Pachthoͤfe in mehrere Unterabthei⸗ lungen zur nothwendigen Folge gehabt, und wirklich gibt es in der Lombardie ſelten einen Pachthof von mehr als ſechzig, ſo wie hinwieder wenige von min⸗ der als zehn Morgen Landes, den Morgen zu 43,000 Quadrat⸗Fuß gerechnet. In Folge eines Ueberfluſſes von Capitalen, be⸗ finden ſich dieſe Grundſtuͤcke ſeit langem her in den Haͤnden der vornehmern Claſſe und der Staͤdtebe⸗ wohner. Zur aͤußerſten Seltenheit iſt ein Bauer zu⸗ gleich auch Grundherr, und die geſammte Ackerbau trei⸗ bende Claſſe beſteht aus Paͤchtern, welche um die Haͤlfte des Ertrages die Guͤter bewerben. Dieſe Art von Vermiethung iſt allgemein; von fixen Pachtzin⸗ ſen hingegen weiß man ſo viel als nichts. Eine Ordnung der Dinge und ein Zuſtand der Geſell⸗ ſchaftseinrichtung, vermoͤge welcher die Lombardie, Trotz dem, daß ſie von der Natur dazu beſtimmt ſchien, unter den Laͤndern der großen Cultur aufzu⸗ treten, nun im Gegentheil ſich an die Erdtheile der kleinen Cultur anreiht. Um Ihnen die Art und Weiſe, wie man in den erwaͤhnten Gegenden dem Feldbau obliegt, noch etwas anſchaulicher zu machen, will ich verſuchen, Ihnen die reizende Beſitzung von Santenas in landwirthſchaftlicher Hinſicht zu beſchreiben. Dieſes Pachtgut liegt zehn Meilen von Turin, jenſeits der Huͤgel, welche den Po einfaſſen, und um 24 zu denſelben zu gelangen, hat man vorher die An⸗ hoͤhe von Montcellier zu paſſiren, auf deren Gipfel der Weg bey dem, vormahls von der koͤniglichen Fa⸗ milie bewohnten, Schloſſe gleichen Nahmens vorbey⸗ fuͤhrt. Dieß Schloß iſt gegenwaͤrtig nicht mehr be⸗ wohnbar, und ſeine alte Groͤße verſchwunden; einzig die Schoͤnheit ſeiner Umgegend iſt und bleibt fort⸗ dauernd dieſelbe. Von ſeiner Terraſſe hat man die zahlreichen Umriſſe und Kruͤmmungen des mitten durch die Landſchaft ſich ſchlaͤngelnden Fluſſes, im Geſichte. Unzaͤhlige Pflanzungen bedecken ſeine Ufer, und verhuͤllen dem Auge einen Theil der Meie⸗ reyen und Weiler, womit dieſelben bevoͤlkert ſind. An der aͤußerſten Graͤnze dieſer Ebene erhebt ſich als ein majeſtaͤtiſches Amphitheater die Kette der Apenninen und Alpen. Dieſe Gebirge ſcheinen da zu ſtehen, um die an ihrem Fuße ſich ausbreitenden gluͤckſeligen Thaͤler auf ewige Zeiten in ihrer Huth zu erhalten. Es iſt uͤbrigens eine bloße Taͤuſchung, daß ſie der Fantaſie die Idee eines natuͤrlichen Boll⸗ werkes vorhalten: ſie dienen vielmehr dazu, uns zu belehren, daß auf dem ganzen Erdkreiſe auch nicht ein Bollwerk fuͤr das Genie und die Kuͤhnheit des Menſchen mehr unuͤberſteiglich ſey. In Santenas, im Schatten ſeiner Gehoͤlze und Obſtgaͤrten, habe ich einige Tage zugebracht, und uͤber die Kunſt, welche dieß alles hervorbrachte und foͤrderte, nicht weniger, als uͤber die Art und Weiſe, —— 25 wie hier die Land⸗Oekonomie geuͤbt und betrieben wird, meine Beobachtungen angeſtellt. Was hier landwirthſchaftlicher Gebrauch und Sitte iſt, wird auch in ganz Piemont auf gleiche Weiſe gehalten: demnach muß es Ihnen ein Leichtes werden, ſich von dieſer kleinen Muſterbeſchreibung eine allgemeine Vorſtellung von der Landwirthſchaft der Lombarden uͤberhaupt abzuziehen. Die Beſitzung von Santenas iſt in vier an einander ſtoßende, eine große Weite umfaſſende Be⸗ werbungen oder Meiereyen eingetheilt. Das zu der⸗ ſelben gehoͤrige Land zieht ſich einem Canal nach, der ſein Waſſer wechſelsweiſe bald aufbehaͤlt, bald uͤber die Grundſtuͤcke weggießt. Die dieſe Gewaͤſſer einfaſſenden Daͤmme ſind von langen Reihen von Erlen, Pappeln und Baͤumen aller Art beſchattet, welche, hoch in die Luft emporragend, der ganzen Beſitzung Sicherheit gegen die Wuth der Sturm⸗ winde zu gewaͤhren ſcheinen. Unter dieſen Gehoͤlzen wachſen in die Wette zahlloſe Geſtraͤuche und Blu⸗ men, die, eben als ich dieſe Gaͤnge durchwandelte, ſich dem Abend eines ſchoͤnen Maytags entfalteten, und von Thautropfen belaſtet, die noch ſchwerer ſind, als in Frankreich, ihre duftenden Haͤupter nieder⸗ waͤrts ſenkten. In den Wieſen war man eben mit dem Trocknen des Heues beſchaͤftigt, deſſen lieblicher Geruch ſich mit den Duͤften der Orangen und Roſen 26 vermengte, und der Schoͤnheit dieſer Gruͤnde einen noch unbeſchreiblichern Reiz verlieh. Das Schloß Santenas ſelbſt liegt an einem der Grenzpuncte der Beſitzung. Vor demſelben deh⸗ nen ſich uͤppige, durch den Canal bewaͤſſerte und mit Gruppen von Baͤumen und Geſtraͤuchen beſetzte, Ra⸗ ſenplaͤtze. Dieſen Theil des Gutes hat der Eigen⸗ thuͤmer ſeiner Perſon vorbehalten. Am entgegenge⸗ ſetzten Ende der Beſitzung findet ſich die erſte der Meiereyen, deren Dachungen mitten aus dem ſchoͤ⸗ nen Baumgarten, welcher den Wieſengrund einfaßt, und macht, daß dieſe Wohnung zugleich als Spazier⸗ gang beſucht wird, hervorragen. Dieſer Pachthof begreift, wie jeder andere der Lombardie, einen in den meiſten Laͤndern von Europa unbekannten Reich⸗ thum und Umfang von Gebaͤuden. Er iſt von Zie⸗ gelſteinen eben ſo dauerhaft als zierlich gebaut, und hat, der Regelmaͤßigkeit ſeiner Form ungeachtet, ein laͤndliches, man moͤchte ſagen, etwas baͤuriſches Aus⸗ ſehen. Das ganze iſt ein viereckiges, gleichſeitiges, einen weiten Hofraum umſchließendes Gebäude. Mitten aus einem ſeiner Fluͤgel ſteigt ein Pavillon von zwey Stockwerken empor, der, vermoͤge der Rich⸗ tigkeit ſeiner Verhaͤltniſſe, eine gefaͤllige Wirkung thut. Das Erdgeſchoß dient als Wohnung fuͤr den Paͤchter und zum Aufbewahren der Vorraͤthe: der obere Stock iſt zu Kornmagazinen beſtimmt. Zu beyden Seiten des Pavillons erſtrecken ſich zwey 27 Hauptgebaͤude, die zuſammen mit jenem eine ganze Seite des Hofes einnehmen, mit dem erſten Stock⸗ werke gleiche Hoͤhe haben und die Stallungen, das eine die fuͤr die Ochſen, das andere die fuͤr die Kuͤhe, enthalten. Zu beyden gelangt man aus dem In⸗ nern des Hauſes. Dieſe Staͤlle, welche zwoͤlf Fuß in der Hoͤhe haben, ſind gewoͤlbt, ſorgfaͤltig geweißt, daß kein Staub auf das Vieh fallen kann, dabey in jeder Ruͤckſicht außerordentlich reinlich und gut ge⸗ halten, und mit einem Ueberfluſſe von Streuſtroh verſehen. In dieſes eingeſenkt, ſcheinen die ſich da aufhaltenden Thiere ſelbſt durch Verlaͤugnung ihrer ſonſtigen Ungeſchlachtheit ihr Wohlbehagen an einer ſo ſorgfaͤltigen Behandlung zu Tage zu legen. Die drey uͤbrigen Seiten des Hofraums faßt eine zwanzig bis vier und zwanzig Fuß breite, und funfzehn bis ſechzehn Fuß hohe Halle ein, deren Dachung inwendig auf eine Reihe eben ſo weit aus einander ſtehender, als von der Mauer entfern⸗ ter, Saͤulen alſo geſtuͤtzt iſt, daß die Colonnade durch die einzelnen Saͤulenabtheilungen in eben ſo viele vollkommene Quadrate getheilt wird. In den weiten, durch dieſe Halle gebildeten, Raͤumen werden, in gleicher Linie mit dem Boden, alle Erzeugniſſe des Pachthofes: Stroh, Futter u. ſ. w., imgleichen die Karren und Ackergeraͤthſchaften niedergelegt und auf⸗ behalten. 3 Die eine Haͤlfte des Hofes iſt gepflaſtert; die 28 andere bildet eine Tenne zum Austreten des Ge⸗ treides. Die Niederlage fuͤr den Duͤnger befindet ſich außerhalb des Hofraumes, ſo daß dieſer ſelbſt immer rein bleibt, und zwiſchen ſeine ſymmetriſchen Saͤulen eingeſchloſſen, ein regelmaͤßiges und beque⸗ mes Ganze darbiethet, uͤber welches ein Geiſt wohl⸗ gefaͤlliger Ordnung und Nettigkeit waltet, wovon unſere von Schmutz und Unordnung beherrſchten Pachthoͤfe durchaus keine Idee zu geben vermoͤgen. Nach dem jetzt beſchriebenen Modelle ſind, zwar nach verſchiedenem Maßſtabe, alle Pachthoͤfe der Lombardie geformt, und ſollten alle von ganz Europa geformt ſeyn. Nicht nur iſt dieſe Bauart ſehr oͤkonomiſch, und jedes nach derſelben angelegte Gebaͤude der Feuersgefahr weniger als ein anderes ausgeſetzt, ſondern es iſt auch unmoͤglich, mit weni⸗ gen Bauten mehr leeren Raum zu gewinnen. Fut⸗ ter und Lebensmittel laſſen ſich in ſolchen Gebaͤuden ganz vortrefflich aufbewahren, und uͤber den ganzen Vorrath kann bey eben dieſer Einrichtung mit der groͤßten Leichtigkeit verfuͤgt werden. Freylich wird zur Einrichtung einer ſolchen Meierey eine ungeheure Menge von Ziegelſteinen er⸗ fordert. Dergleichen laͤßt aber jeder Guͤterbeſitzer ſelbſt fabriciren.— Alles zur Verfertigung dieſes Artikels Erforderliche wird im voraus zurecht ge⸗ macht, und alsdann die Ziegel durch kunſterfahrne Leute in Bauſch und Bogen gemodelt; und ſo iſt dieſe 29 Vorrichtung weder ſo koſtſpielig, noch ſo laͤſtig, als man vermuthen moͤchte, zumahl ſie auch nur zur Seltenheit Statt findet. Die aͤußern Mauern des Pachthofes ſind uͤber und uͤber mit Weinreben be⸗ kleidet, deren große Trauben einen Wein liefern, der zwar keinesweges preiswuͤrdig iſt, jedoch von den Paͤchtern verbraucht, und in Kraft einer langen Ge⸗ wohnheit, als trinkbar erfunden wird. Von der Außenſeite des Pavillons geht eine Thuͤr nach dem Garten, welcher durch einen Zaun von dem Acker⸗ felde abgeſondert, und mit einigen Feigenbaͤumen, Geſtraͤuchen und Blumen geſchmuͤckt iſt. Unter den Hallen ſind ebenfalls große Thore angebracht, mit denen die fuͤr das Beduͤrfniß des Pachthofes dienen⸗ den und die Unterabtheilungen desſelben bildenden Transport⸗Wege zuſammenſtoßen. Derjenige Theil des Gutes, welcher zunaͤchſt an dem Canale liegt, iſt und bleibt fortwaͤhrend ein Wie⸗ ſengrund, der durch Ueberſchwemmung gewaͤſſert wird, und deſſen ſtets lebendige Vegetation ein dreymahli⸗ ges Abmaͤhen des Graſes geſtattet. Vorzuͤglich ge⸗ deihen hier die avena elatior, die Poa, das Roygras, der Wegerich mit lanzettenfoͤrmigen Blaͤttern, und verſchiedene Kleearten. In der Regel macht eine ſolche Wieſe ein Viertel des Pachtgutes aus: die drey uͤbrigen Viertel benutzt man zu Ackerland. Dieſe Ackerfelder ſind von Baumreihen durchſchnit⸗ ten, welche groͤßten Theils aus Maulbeer⸗, mitunter 30 auch aus Ahorn⸗ und Kirſchbaͤumen beſtehen, die, den Weinſtoͤcken zur Stuͤtze dienend, die Zahl der Ernten vermehren helfen, ohne daß viel Raum daruͤber ver⸗ loren geht. Die Geſammtheit der zu dieſem Gute gehoͤri⸗ gen Laͤndereyen betraͤgt ungefaͤhr ſechzig Morgen. Hat man dieſe ihrer ganzen Ausdehnung nach durch⸗ wandert, ſo gelangt man auf einem von Maulbeer⸗ baͤumen beſchatteten Pfade zu dem zweyten, jenem erſten in jeder Hinſicht gleichenden, Pachthofe, und von dieſem zum dritten. Alle drey zuſammen in Verbindung mit dem, welchen der Eigenthuͤmer ſich vorbehalten hat, bilden eine der ſchoͤnſten Beſitzun⸗ gen, die in Piemont zu finden ſind. In jedem die⸗ ſer Meierhoͤfe lebt eine Paͤchterfamilie. Nicht ſel⸗ ten wird in einer ſolchen Meierey von einem Ge⸗ ſchlechte zum andern, wie in einem alten Stamm⸗ hauſe, fortgelebt, ohne daß von irgend einer Veraͤn⸗ derung oder Erneuerung des Pachtzinſes die Rede wird. So wie man einmahl uͤberein gekommen iſt, geht es, ohne daß weiter etwas in Schrift verfaßt oder einregiſtrirt wird, von Vater auf Sohn fort, Vermoͤge dieſer Uebereinkunft hat der Grundherr fuͤr den Ankauf des Viehes und ſaͤmmtlicher Ackergeraͤth⸗ ſchaften zu ſorgen. Beydes bleibt ſein Eigenthum. Der Paͤchter aber genießt den Ertrag des Viehes gegen eine fixe Abgabe, die fuͤr die Haͤlfte des reinen Wieſenertrags, d. h. auf 40 Francs fuͤr den Mor⸗ — 31 gen, geſchaͤtzt wird, und die er baar zu entrichten hat. Ihm kommen auch ohne alle Gegenbeſchwerde die Klee⸗Ernten zu. Die uͤbrigen Erzeugniſſe des Bo⸗ dens, als da ſind: Korn, Tuͤrkiſcher Weizen, Wein, Hanf, Seide u. ſ. w. werden alle in der Natur zwiſchen ihm und dem Gutsherrn, in Gegenwart eines Bevollmaͤchtigten dieſes letztern, in gleiche Theile getheilt. Solche Mieth⸗Contracte ſind fuͤr den Grund⸗ herrn ungemein vortheilhaft. Denn ohne daß die⸗ ſer, die Auflagen ausgenommen, irgend einen Vor⸗ ſchuß zu machen im Fall iſt, bezieht er eine fixe Ein⸗ nahme von ſeinem Wieſenlande, und koſtenfrey die Haͤlfte der ſaͤmmtlichen rohen Producte ſeines Gu⸗ tes. Auf dieſe kann er ſpeculiren, und den guͤn⸗ ſtigſten Augenblick zu ihrem Verkaufe abwarten: denn da er fuͤr die Bewerbung ſeiner Grundſtuͤcke keine Auslagen zu machen hat, ſo befindet er ſich, was ſeine Naturalien betrifft, in der Stellung eines Kaufmanns, die er auch meiſt wohl zu benutzen weiß. Inzwiſchen kann eine ſolche Art von Oekono⸗ mie einzig in ſolchen Gegenden Statt finden, wo der geringe Umfang der Pachthoͤfe und das Beyſammen⸗ liegen der dazu gehoͤrigen Grundſtuͤcke das Land ver⸗ mittelſt der Arme der eigenen Familie zu bauen ge⸗ ſtatten; wo man die Feldarbeit mit Ochſen verrichtet, die nicht, wie ſolches bey den Pferden der Fall iſt, in einen jaͤhrlichen Verluſt verſetzen, ſondern an de⸗ 32 nen der Paͤchter durch Maͤſten und Großziehen et⸗ was gewinnen kann, und wo das Klima und die Fruchtbarkeit des Bodens eine ununterbrochene Be⸗ nutzung des Erdreichs ſowohl, als eine große Man⸗ nigfaltigkeit der Ernten und einen etwas hohen Ge⸗ treideertrag beguͤnſtigen. Der Paͤchter, der in dieſem Falle keine fixe Abgabe zu bezahlen hat, und ſein Gut mit den Seinigen bearbeitet, hat keine Vor⸗ ſchuͤſſe an baarem Gelde zu machen: ſeine Familie iſt er im Stande mit demjenigen, was die kleinern Nebenernten ihm liefern, durchzubringen, und neben⸗ bey weiß er aus dem Ertrage des Hausgefluͤgels und durch den Verkauf des ihm gebuͤhrenden Kornan⸗ theils ſich ſo viel klingende Muͤnze zu verſchaffen, als fuͤr ſeine jedesmahlige Lage erforderlich iſt. Eben dieſe Art von Oekonomie iſt(was ich gegen Arthur Young zu behaupten wage, nach deſſen Meinung dieſer Vortheil einzig durch große Pacht⸗ hoͤfe erhaͤltlich ſeyn ſoll,) auch geeignet, den groͤßten Ueberfluß an Lebensmitteln auf die Maͤrkte herbey⸗ zufuͤhren. Denn bei etwas genauerer Anſicht der eben beſchriebenen Bewerbungsmethode der Guͤter, muß es allervorderſt einleuchten, daß durch die Ver⸗ mehrung der Meiereyen ſich zugleich auch die Zahl der Pflanzungen, Gaͤrten, Huͤhnerhoͤfe, vermehrt, und dem Boden mancherley kleinere Erzeugniſſe gleichſam abgenoͤthigt werden, von denen die großen Meier⸗ hoͤfe nichts zu Tage foͤrdern. Fuͤr's zweyte erman⸗ 33 gelt der Paͤchter, der ſich im Falle befindet, ſeine Tage durch einen ſparſamen Haushalt friſten zu muͤſſen, nicht, zur Ernaͤhrung ſeiner Familie alles, was der Hof an kleinen Artikeln zum Lebensunter⸗ halte liefert, auf das ſorgfaͤltigſte zu benutzen, damit er, was er von groͤßern Artikeln verkauft hat, d. h. ſein Getreide, zu Markt bringen könne. Der Be⸗ trag dieſes Getreides mag ſich ungefaͤhr auf ein Viertel des Geſammtertrages des Pachthofes belau⸗ fen. Der Gutsherr hinwieder erſcheint auch als Verkaͤufer ſeines ganzen Kornantheils, ſo daß, nach dieſem die Maſſe des Erzeugniſſes vermehrenden und den Verbrauch im Innern vermindernden Syſteme, drey Viertel des rohen Gutsertrages zum Verkaufe ausgebothen werden. Vielleicht, daß kaum ein Land verhaͤltnißmaͤßig ſo viel von ſeinen Producten zu Markte bringt, wie Piemont. In Frankreich duͤrfte dieß Verhaͤltniß, aus der zwiſchen den Einwohnern der Staͤdte und der Land⸗ ſchaft Statt findenden Proportion zu ſchließen, nicht uͤber ein Drittel gehen, und in England ſich vielleicht auf die Haͤlfte beſchraͤnken. In der Schweiz iſt dasſelbe ſo gering, daß es ſich gar nicht beſtimmen laͤßt, daher auch in letztgenanntem Lande ſo theuer zu leben iſt. Piemont, ſo ſehr es mit Staͤdten uͤberſetzt iſt, und ungeachtet ſein ohnehin nahe zuſammengehen⸗ des Gebieth durch große Gebirgsgegenden noch mehr Briefe üb. Italien. 1. Thl. 3 34 beengt wird, verſieht gleichwohl auch noch die Kuͤſte von Genua, Nizza, und die ganze Gegend bis zum Hafen von Toulon, mit Getreide und Vieh; woraus, wenn ſich auch dießfalls keine genauen Berechnungen ſollten anſtellen laſſen, ſattſam erhellet, daß in dieſem Lande ein uͤberſchwaͤnglicher Ueberfluß an Lebensmit⸗ teln vorhanden ſeyn muͤſſe; ein Umſtand, der, da das Korn nicht einmahl voͤllig einen ſechsfachen Ertrag liefert, nicht ſo faſt der Fruchtbarkeit des Bodens an ſich, als aber der Art und Weiſe zuzuſchreiben iſt, wie derſelbe durchgehends bebaut wird. Bey alle dem kann man nicht in Abrede ſeyn, daß dieſe Art von Land⸗Oekonomie nur fuͤr ſolche Gegenden paſſe, wo, in Folge gemachter Geldvor⸗ ſchuͤſe, das Marimum des moͤglichen Eultur⸗Er⸗ trages ſchon laͤngſt wirklich erreicht, die Eintheilung der Grundſtuͤcke auf den vortheilhafteſten Fuß feſtge⸗ ſetzt, und eine vortreffliche, auf Erfahrung gegruͤn⸗ dete, Ordnung des Fruchtwechſels eingefuͤhrt iſt. Laͤndern hingegen, die erſt noch der Verbeſſerung, und zu dieſer bedeutende Vorſchuͤſſe an Capitalen, be⸗ duͤrfen, kann einzig durch fixe, auf einen langen Ter⸗ min hinaus feſtgeſetzte, Grundzinſe ausgeholfen, und ihnen auf kuͤnftige Zeiten ein gewiſſer Wohlſtand bereitet werden. Doch es iſt Zeit, daß ich wieder zu unſerm Pachthofe, deſſen Cultur ich Ihnen zu ſchildern un⸗ ternommen habe, zuruͤckkehre. 35 Die ganze Meierey haͤlt, wie ſchon bemerkt worden, ſechzig Morgen Landes. Unter dieſen be⸗ finden ſich funfzehn Morgen Wieſen. Das uͤbrige iſt Ackerfeld, welches groͤßten Theils bebaut, und wovon ein Stuͤck von ungefaͤhr zehn Morgen mit Klee angeſaͤet iſt. Mit dieſem Klee und dem Heu zuſammen, werden acht Ochſen und dreyzehn Stuͤck Kuͤhe oder Rinder, worunter ſich zwey junge Stiere befinden, und endlich ein ſtoͤrriſches Pferd gefuͤttert, das nichts weiter zu thun hat, als zu Markte zu gehen, und Korn auszutreten. Der ganze Vieh⸗ ſtand belaͤuft ſich demnach auf zwey und zwanzig Stuͤcke, oder ungefaͤhr auf ein Stuͤck auf jeden Mor⸗ gen Futterlandes. Das Hornvieh iſt von der im ganzen fuͤdlichen Frankreich, im Dauphins und in Savoyen verbrei⸗ teten Rage von Querci, bloß etwas ſchmaͤchtiger und kleiner gehoͤrnt, ſonſt hat es dieſelben Unterſchei⸗ dungszeichen. Die Haare haben das naͤhmliche Hellfalb; auch ſindet dieſelbe Verſchiedenheit des Wuchſes zwiſchen dem maͤnnlichen und weiblichen Geſchlechte Statt, vermoͤge welcher die Kuh klein bleibt und haͤßlich ge⸗ ſtaltet iſt, waͤhrend der, zwar auch nicht mit ſchoͤnen For⸗ men ausgeſtattete, Ochs ſehr groß wird und ſtarke Muskeln bekommt. So uͤbergroß die Menge des Viehes in Piemont iſt, ſo verſtehen es gleichwohl in dieſem Lande die 3* 36 Bauern nicht, von der Milch und ihrer Zubereitung, nach dem Beyſpiel ihrer Nachbaren im Maylaͤndiſchen, bedeutenden Nutzen zu ziehen. Die hieſigen Kuͤhe geben wenig Milch; und weit groͤßern Werth, als auf die Milch, ſetzt man auf den Ochſenduͤnger und auf das Faſelvieh. So wer⸗ den z. B. in dem eben beſchriebenen Meierhofe jaͤhr⸗ lich ein Paar Ochſen groß gezogen. Im dritten Jahre faͤngt man an, dieſelben einzuſpannen und zu den leichtern Arbeiten im Pachtgute zu gebrauchen. Im vierten und fuͤnften Jahre muͤſſen ſie ſchwerere Werke verrichten. Sind ſie einmahl fuͤnfjaͤhrig, ſo faͤngt man an, ſie zu maͤſten, wodurch ſie nicht ſelten ei⸗ nen Werth von tauſend bis eilf hundert Francs er⸗ halten, und fuͤr den Paͤchter zu einem der eintraͤg⸗ lichſten Artikel ſeines Gewerbes erwachſen. Das Maͤſten geſchieht mit trockener Maſtung(Pouture) und wird mit Mehl von Tuͤrkiſchem Weizen be⸗ endigt. Zur Bearbeitung der ganzen fuͤnf und vierzig Morgen gebraucht man zwey Joche vier⸗ bis fuͤnfjaͤhri⸗ ger Ochſen, die zwey Pfluͤge zu ziehen haben, ein Joch dreyjaͤhriger, die alle minder bedeutende Ar⸗ beiten verrichten muͤſſen, und zwey Paar junge Fa⸗ ſelochſen, nebſt dem Hengſte, der auf den Markt zu gehen, und das Getreide auszutreten hat. Sie ſelbſt, mein Freund, haben vor einigen Jahren von dem ſchoͤnen Piemonteſiſchen Pfluge, und 37 der Kunſt, womit ſich die geſchickten dortigen Pflan⸗ zer desſelben zu bedienen wiſſen, eine ſo vortreffliche Beſchreibung gemacht, daß ich nicht wohl daran thun wuͤrde, mich dießfalls in Wiederhohlungen einzulaſſen. Einzig kann ich nicht umhin, noch jener beſondern Gewandtheit zu gedenken, womit die hieſigen Bauern mit dem beſagten Pfluge, und mit ſeiner Huͤlfe allein, alles, was auf den ſchon angeſaͤeten Grundſtuͤcken vorzunehmen iſt, nebſt der Arbeit des Zweybrechens, zu vollbringen wiſſen, zu deren Behufe man in Eng⸗ land eine Menge von Ackergeraͤthſchaften erfunden hat. Man muß ſich uͤber die Nettigkeit und Ge⸗ nauigkeit verwundern, womit, vermittelſt eines mit zwey Ochſen beſpannten Pfluges, die Maisfelder, wenn ſie bereits in voller Vegetation ſind, geruͤhrt und gewendet, und alle Schmarotzerpflanzen gaͤnzlich aus denſelben vertilgt werden, ohne daß eine einzige Maispflanze dadurch die mindeſte Beſchaͤdigung er⸗ leidet. Und mit Wahrheit kann ich bezeugen, daß jene Kartoffelpflanzungen, denen ich einſt zu Hofwyl meine Bewunderung gezollt habe, nicht beſſer behan⸗ delt waren, als ein Feld von zwanzig Morgen, das ich in der Meierey la Mandria des Genauern beſich⸗ tigt, und deſſen Anbau ausſchließlich vermittelſt des Pfluges bewerkſtelliget war. Allgemein angenommen iſt in dieſen Gegenden die Eintheilung der Felder in vier Schlaͤge, und zwar nach folgender Ordnung. Im erſten Jahre 38 werden in friſch geduͤngtem Boden Tuͤrkiſcher Wei⸗ zen, Schminkbohnen und Hanf gepflanzt. Im zwey⸗ ten Jahre folgt Korn, im dritten Klee, der nach dem erſten Schnitte umgeackert, und alsdann das Feld brach gelaſſen wird. Im vierten Jahre folgt wieder Korn. Ohne Zweifel gehoͤrt dieſe Art von Wechſel⸗ wirthſchaft zu der ergiebigſten, und daß der Boden ſich in ſeiner Fruchtbarkeit forterhaͤlt, iſt ein Be⸗ weis, daß dieſelbe, der Wiederhohlung der Cerealien ungeachtet, auch fernerhin auf unbeſtimmte Zeit ſich wird treiben laſſen. Im Grunde ſind dieſe erfreulichen Reſultate dem Duͤnger zuzuſchreiben, den ein Wieſenland, das drey Mahl abgemaͤht wird, im Ueberfluſſe liefert, und der, ſeinem ganzen Beſtande nach, wieder auf das Ackerland zuruͤckgeht. Der Bau des Tuͤrkiſchen Weizens wird, nach dieſer Methode, als eine Vorbereitungsmaßregel be⸗ trachtet. Fuͤr Pflanzungen ſolcher Art pflegt man den Duͤnger vorzugsweiſe aufzuſparen. Das Jaͤten und Anhaͤufeln erhaͤlt den Boden aͤußerſt rein, auch iſt die Ernte, zu welcher ſolche Pflanzungen gedeihen, ſo wie die darauf folgende, ungemein ſchoͤn. Dieſe Gewaͤchſe, die in vollkommen geregelter Ordnung neben einander ſtehen und ihre gelblichen Kolben ma⸗ jeſtaͤtiſch emportragen, verſchaffen den Italiaͤniſchen Feldern ein prachtvolles, ihren Reiz noch mehr er⸗ 39 hoͤhendes Ausſehen. Der Ertrag des Tuͤrkiſchen Weizens iſt ſehr bedeutend, und gewaͤhrt um ſo er⸗ heblichere Vortheile, da er beynahe das einzige Nah⸗ rungsmittel des Piemonteſiſchen Volks ausmacht, von welchem ſeine Frucht unter den mannigfaltigſten Geſtalten verſpeiſet wird. Zwiſchen das Tuͤrkiſche Korn werden Bohnen von mehrern Arten, und auch Hanf, in Menge hineingepflanzt. Im September geht die Maisernte zu Ende. Alsdann werden die Felder unverzuͤglich zur Korn⸗ ausſaat zugeruͤſtet. Zu dieſem Behufe muß der Boden wohl ausgereinigt und im Fruͤhjahre reichlich geduͤngt worden ſeyn. Das Korn wird in ſehr enge Schmalbeete geſaͤet, und ohne daß man von der Egge Gebrauch macht, vermittelſt eines leichten Pflug⸗ ſtriches hinlaͤnglich mit Erde bedeckt. Iſt der Acker einmahl angeſaͤet, ſo hat man bis zur Ernte, die mit Anfang des Julius eintritt, wei⸗ ter nichts auf demſelben vorzunehmen. Sobald das Korn unter den Hofhallen, in die man es in große Haufen zuſammentraͤgt, waͤhrend der heißen Au⸗ guſt⸗Tage trocken und duͤrre geworden iſt, wird es auf der im Innern des Hofes zugeruͤſteten Tenne ausgekoͤrnt. Dieß geſchieht nicht, nach der dummen Provencer⸗Manier, dadurch, daß man ganze Scha⸗ ren elender Ackerpferde auf demſelben umher ſtam⸗ pfen laͤßt, noch befolgt man die verderbliche Gewohn⸗ heit der Landbauer von Paris, die ein ganzes Jahr 40 lang die Maͤuſe von ihren Vorraͤthen nagen laſſen: man laͤßt vielmehr, ohne fernern Aufſchub, mit Huͤlfe eines Pferdes, und unter der Leitung eines einzigen Kindes, eine Walze uͤber die Garben hinweggehen, welche, indeß jene in Bewegung iſt, durch die Ar⸗ beitsleute des Pachthofes mit Gabeln von Zeit zu Zeit umgekehrt werden. Dieſe Operation, welche hoͤchſtens vierzehn Tage dauert, erſpart ungemein viel Zeit und Koſten, und macht das Getreide bis auf das letzte Koͤrnchen ausfallen. Den Klee, der im Fruͤhjahr auf die geduͤngten Kornfelder geſaͤet wor⸗ den, treibt Italiens kraͤftige Vegetation ſchon im erſten Herbſte in Bluͤthen. Im October liefert er eine ergiebige Ernte, nach welcher dieſe Kleefelder, nebſt den Wieſen, fuͤr das Vieh als Herbſtweide be⸗ nutzt werden. Im naͤchſtfolgenden Fruͤhlinge be⸗ kleidet der Kleeacker ſich mit friſchem Gruͤn, bluͤht neuerdings, und wird abermahl abgemaͤhet. Alsdann beeilt man ſich, da der großen Hitze wegen keine Hoffnung zu einer nochmahligen Klee⸗Ernte vorhan⸗ den iſt, das Feld zu ackern, welches, dieſem Verfah⸗ ren zu Folge, vor der Ausſaat des Kornes brach ge⸗ legen, und gleichwohl zu drey verſchiedenen Mahlen benutzt worden iſt. Nach der jetzt erwaͤhnten Methode des Frucht⸗ wechſels, wird demnach in Zeit von vier Jahren drey Mahl zum Unterhalte des Menſchen, zwey Mahl fuͤr das Vieh eingeſammelt, und ein Mahl bleibt das à 41 Feld brach liegen. Neben den ſchon angefuͤhrten Pro⸗ ducten muß auch noch der oft nicht unbetraͤchtliche Er⸗ trag des Hanfes, der Seide, des Weins, der Gartenge⸗ waͤchſe und Baumfruͤchte, des Hausgefluͤgels, des Faſel⸗ viehs, der Milch mit ihren Zuthaten, und des von den Herden gelieferten Duͤngers in Anſchlag gebracht werden. Aus dieſem allen ergibt ſich, daß ein Pachthof von ſechzig Morgen Landes vermoͤgend iſt, nicht allein eine aus acht bis neun Perſonen beſtehende Haushaltung zu ernaͤhren, ſondern daß in demſelben uͤberdieß zwey und zwanzig Stuͤcke großes Vieh gefuͤttert, alljaͤhrlich zwey Ochſen und eine Kuh, nebſt ein bis zwey Schweinen, aus⸗ gemaͤſtet werden koͤnnen; daß er fuͤr wenigſtens fuͤnf und zwanzig Louisd'or Seide, und an Wein mehr, als man zum Hausbedarf noͤthig hat, liefert, und daß jene Vorbe⸗ reitungsernte von Tuͤrkiſchem Weizen und Schminkboh⸗ nen den Paͤchter beynahe allein ſchon hinlaͤnglich mit Nahrung verſieht, indeß faſt alles gewonnene Getreide, nebſt noch einer Menge kleinerer Eßwaaren⸗Artikel, zum Handelsverkehr benutzt werden kann. Und ſo laͤßt ſich das Phaͤnomen der ſtarken Bevoͤlkerung dieſes Lan⸗ des, und der ungeheuern Ausfuhr von Lebensmitteln aus demſelben, erklaͤren, und es wird begreiflich, wie man habe behaupten koͤnnen, daß vielleicht in keinem Lande der Welt die Land⸗Oekonomie und die Bewerbung des Bodens beſſer und zweckmaͤßiger eingerichtet ſey, als in Piemont. Dritler Brieff. La Mandria bey Chivas, 20. Julius 1812. Obgleich Sie, mein Freund, vor einigen Jahren ſelbſt eine vortreffliche Beſchreibung von la Mandria geliefert haben, ſo kann ich dennoch von Piemont nicht ſcheiden, ohne auch meinerſeits noch jener An⸗ ſtalt, gegenwaͤrtig vielleicht der ſchoͤnſten in Europa, zu erwaͤhnen, und Ihnen zu melden, was fuͤr eine Art von Wechſel⸗Cultur daſelbſt betrieben werde. Sie kennen die Anlage und den Umfang jener weitlaͤufigen, in einem regelmaͤßigen, laͤnglichen Vier⸗ ecke, 2600 Morgen Landes in ſich begreifenden, Be⸗ ſitzung, welche, durch Feldwege in ſechs und zwanzig gleich große Quadrate getheilt, und ihrer ganzen Ausdehnung nach durch einen Canal bewaͤſſert, im Verhaͤltniſſe von ein und zwey Drittel, als Wieſen und Ackerland benutzt wird. Es iſt Ihnen ebenfalls nicht unbekannt, daß der Zweck jener Geſellſchaft zu Befoͤrderung der Viehzucht, welche die Verwaltung des erwaͤhnten praͤchtigen Gutes uͤbernommen hat, dahin ging, eine Herde von ſechs tauſend Mérinos auf demſelben zu unterhalten und zu veredeln. Eine ſolche Unterneh⸗ mung war eine Neuerung in der Landwirthſchaft von Piemont: denn da dieß Land auf ſeiner Ober⸗ flaͤche weder Brachfelder noch leere Triften, ſondern eitel gewaͤſſerte Wieſen traͤgt, ſo iſt es auch kein Schaf⸗ oder Hammelland. In der That ſcheint fuͤr eine Beſitzung, die auf ſolche Art beworben wird, die Schafzucht eben nicht zweckmaͤßig zu ſeyn; auch wuͤrde ſie ſich daſelbſt ſchwerlich erhalten koͤnnen, wenn nicht die Nachbarſchaft der Alpen das Woll⸗ vieh fuͤr die fuͤff Sommermonathe auf die Gebirge zu ſchicken geſtattete. Bey ihrer Ruͤckkehr finden die Schafe auf den weiten Laͤndereyen von la Mandria noch fuͤr ſechs Wochen Graſung; den uͤbrigen Theil des Jahres aber bleiben ſie an der Krippe ſtehen. Hieraus erſehen Sie, daß dieſe Thiere keinen weſent⸗ lichen Beſtandtheil eines Gutes, deſſen uͤberfluͤſſiges Futter zur Winterszeit von ihnen verzehrt wird, ausmachen, und daß ſie ſich gar fuͤglich durch eine andere Gattung von Vieh muͤßten erſetzen laſſen. Inzwiſchen hat der Reichthum jener Gebirgs⸗ weiden, und der Ueberfluß und die Beſchaffenheit der Winterfuͤtterung, in Verbindung mit der thaͤti⸗ gen und ununterbrochenen Ordnung und Sorgfalt des Grafen Lodi, bedeutend auf jene Mérinos⸗Nage ein⸗ gewirkt, und dieſe ſich zu ganz vorzuͤglichen, ſie von 44 allen andern Schafgattungen unterſcheidenden, For⸗ men entwickelt. Das Schaf von la Mandria iſt ſchmaͤchtiger als das von Rambouillet, faͤllt aber eben ſo ſehr in's Ge⸗ wicht, und hat ſchoͤnere und abgeruͤndetere Formen. Die Widder ſind nicht ſtark mit Hoͤrnern belaſtet, haben auch kein ſehr wildes Ausſehen, und liefern ungeheure Felle, deren Wolle, ſo viel ſich aus einem etwas geglaͤnzten Muſter ſchließen ließ, der Saͤch⸗ ſiſchen ziemlich nahe zu kommen ſcheint. Dieſe ſchoͤne Herde, mit welcher jedoch in Piemont ſelbſt die der Herren von Laval und von Colegno um den Preis ringen, iſt bis zum Jahre 1811 ganz vor⸗ trefflich gediehen; von da an aber hat ſich die Schaf⸗ zucht von la Mandria bedeutend verſchlechtert. In das Ganze trat eine Art von Laͤhmung ein; die Wolle ward weniger preiswuͤrdig erfunden; der gaͤnz⸗ liche Mangel an Abſatz jeder Art noͤthigte den Be⸗ ſitzer, von ſeiner Herde alles, was ſich nicht uͤber das Mittelmaͤßige erhob, ſo wie auch alle nicht von dem Kern der Herde abſtammenden Laͤmmer, an die Schlaͤchter abzuliefern. Dieſe fuͤr das Ganze der Anlage ſo hoͤchſt nachtheiligen Umſtaͤnde gewaͤhrten jedoch den Vortheil, daß, durch die gezwungene Ent⸗ fernung aller Thiere vom gemeinern Schlage, die ur⸗ ſpruͤngliche Rage verſchoͤnert und veredelt wurde. Ein ganz beſonderes, von Genie zeugendes, mich in nicht geringe Verwunderung ſetzendes Verfahren 45 habe ich in der Verwaltung und Oekonomie von la Mandria wahrgenommen, das noch genauer beachtet zu werden verdiente, und werth waͤre, als Beyſpiel fuͤr andere Guͤterbewerbungen im Großen aufgeſtellt zu werden. Sie wiſſen aus meinem naͤchſt vorher⸗ gehenden Briefe, daß Piemont ein Land iſt, wo die kleine Cultur getrieben wird und die Pachthoͤfe in Abtheilungen zerſtuͤckelt ſind. Nun both ſich die Beſitzung la Mandria, vormahls eine Stuterey des Koͤnigs, als eine ungeheure, ganz huͤgelloſe, da⸗ bey regulaͤre, zuſammenhaͤngende, und mit einer ein⸗ zigen, im Mittelpuncte des Gutes gelegenen, Behau⸗ ſung verſehene Flaͤche von 2600 Morgen Landes mit allen den Eigenſchaften dar, welche die Anwen⸗ dung der großen Cultur, wie ſie in vorigen Zeiten wirklich Statt gefunden hatte, hervorrufen und nothwendig machen. Der Graf Lodi aber, wohl wiſſend, was fuͤr Vortheile dem Anbau im Kleinen, wie ſolcher in Piemont getrieben wird, im Gefolge gehen, unternahm es, eben dieſe Klein⸗Cultur auf den unermeßlichen Flaͤchenraum von la Mandria uͤberzutragen. Sein Kunſtſtuͤck iſt ihm gelungen. Die Mittel, derer er ſich dazu bedient hat, ſind eben ſo ſinnreich als einfach. Sie beſtehen in einer Un⸗ tereintheilung der ganzen Beſitzung, und in einer bewundernswuͤrdigen Ordnung im Vollbringen der Arbeiten. Da der Boden von la Mandria durchgehends 46 von gleicher Beſchaffenheit iſt, ſo konnte derſelbe auch ſeiner ganzen Ausdehnung nach einer und derſelben Wechſel⸗Cultur unterworfen werden. In dieſer Hinſicht befolgt der Graf, ohne die mindeſte Veraͤn⸗ derung, die in ganz Piemont eingefuͤhrte Mode, und läßt ſeine Grundſtuͤcke im erſten Jahre mit geduͤng⸗ tem Mais, im zweyten mit Getreide, im dritten mit Klee, worauf eine Brachzeit folgt, und im vierten nochmahls mit Getreide bepflanzen. Bloß von der Maiszelge, und dieß iſt die einzige Neuerung, die er geglaubt hat, einfuͤhren zu muͤſſen, bleiben zwanzig Morgen zum Bau von Kartoffeln, mit denen die Haäͤmmel gefuͤttert werden, vorbehalten. Um aber bey dieſer regelmaͤßigen und ſyſtematiſchen Ordnung deſto eher verbleiben zu koͤnnen, hat der Eigenthuͤ⸗ mer, anſtatt durch einen nicht ungewoͤhnlichen Miß⸗ griff den weiten, ihm zu Gebothe ſtehenden, Flaͤchen⸗ raum zur Vergroͤßerung ſeiner Felder zu benutzen, im Gegentheil ſein ganzes Gut in gleiche und regu⸗ laͤre Abtheilungen von zwanzig Morgen zerſtuͤckelt. Jede dieſer Abtheilungen iſt mit einer Linie von Er⸗ len eingefaßt, und die Alleen, durch welche je zwey Reihen jener Eintheilungsvierecke von einander ab⸗ geſondert ſind, dienen zum Behufe der Arbeiten und Ernten. So wie jene Eintheilung einmahl gemacht war, hoͤrte die Beſitzung von la Mandria auf, ſich der Fantaſie unter dem Bilde der Unermeßlichkeit darzu⸗ 47 ſtellen, und erſchien jetzt bloß noch als eine Vereini⸗ gung mehrerer kleinerer Pachthoͤfe, und dieſe Cate⸗ gorie iſt es auch, unter welcher der Graf Lodi die⸗ ſelbe in's Auge gefaßt und behandelt hat. Nachdem er, ruͤckſichtlich auf das in ſeinem Gute einzufuͤhrende Fruchtwechſel⸗Syſtem, einmahl ſeinen Entſchluß ge⸗ faßt hatte, machte er, was das Perſonal der Arbei⸗ ter und des Geſindes betrifft, und mit Hinſicht auf die nachlaͤſſge Beſorgung, welche die dießfalls ge⸗ woͤhnliche Einrichtung in allen, entweder nicht ſehr vorzuͤglichen, oder entlegenen Theilen der Pachthoͤfe zur Folge hat, ſeinen Ueberſchlag nach einer ganz an⸗ dern Methode, als man denſelben in den großen Pachthoͤfen zu entwerfen pflegt. Er ſuchte naͤhm⸗ lich allererſt die Summe der, in jeder Unterabthei⸗ lung ſeiner Beſitzung, zur genauen Handhabung der Wechſelwirthſchaft, ſo wie er ſie betrieben haben wollte, erforderlichen Arbeit heraus zu bringen, zaͤhlte dieſe einzelnen Summen zuſammen, und be⸗ ſtimmte dann erſt, auf dieſe Grundlage hin die Zahl der anzuſtellenden Arbeiter und Knechte. So weit beſchraͤnkte ſich alles auf eine ganz einfache Berech⸗ nung; ungleich ſchwieriger aber blieb die Aufgabe, eine ſo ungeheure Maſchine, die mit der vereinten Kraft von zwanzig gewoͤhnlichen Guͤterbewerbungen arbeiten und wirken ſollte, in Thaͤtigkeit zu ſetzen. Es gelang dem Grafen, auch dieſe Aufgabe, und zwar dadurch zu loͤſen, daß er ſeine ganze Wirth⸗ 48 ſchaft auf einen militaͤriſchen Fuß einrichtete, und ſeine Dienerſchaft in Claſſen eintheilte, ſo daß jeder Arbeiter feſt und unabaͤnderlich weiß, was er zu thun hat, und zugleich fuͤr das, was er leiſten ſoll, ver⸗ antwortlich bleibt. Das geſammte Arbeiter⸗Perſonal beſteht theils aus ſolchen, die im Jahrgelde dienen, theils aus Tageloͤhnern, welche den Wochenlohn beziehen. So wie ein Mann gedungen wird, muß er ſich auch ver⸗ pflichten, die beſtehende Ordnung zu befolgen. In den erſten Anfaͤngen der Anſtalt koſtete es einige Muͤhe, die Erfuͤllung dieſer Bedingung zu handha⸗ ben; jetzt aber hat die Gewohnheit laͤngſt jeden Wi⸗ derſtand uͤberwunden. Mit der Sorge fuͤr den Unterhalt des Geſindes befaßt die Gutsverwaltung ſich nicht. Arbeiter und Knechte treten mit einander in Koſtgeſellſchaften zu⸗ ſammen, und erhalten ihren Lohn fuͤr alle ihre Dienſte in baarem Gelde. Nur wer im Jahrlohn angeſtellt iſt, erhaͤlt, nach Maßgabe ſeines Grades, etwas Gar⸗ tenland, zu deſſen Bearbeitung ihm auch ein ge⸗ wiſſes Zeitgemaß angewieſen wird. Die Knechte ſind, nach den verſchiedenen Zwei⸗ gen der landwirthſchaftlichen Beſorgung, in eben ſo viele Compagnien abgetheilt, deren jede einen Chef oder Hauptmann an ihrer Spitze hat. Dieſer Haupt⸗ mann, unter deſſen Verantwortlichkeit die Arbeiten verrichtet werden, empfaͤngt ſeine Befehle von dem 49 Oberaufſeher, vertheilt ſeine Leute in Rotten und hat Lieutenants und Corporale unter ſich. Solche beſondere Compagnien bilden die Schafhirten, die Fuhrleute, die Ochſenhuͤther und die Feldarbeiter. Die Tageloͤhner haben ſich, je nach den Umſtaͤnden, an dieſe oder jene einzelne Rotte anzuſchließen, und ſtehen dann jedes Mahl unter den Befehlen der fuͤr dieſelbe geordneten Officiere und Corporale. Dieſe letztern muͤſſen bey der Arbeit immer gegen⸗ waͤrtig ſeyn, und die Ordnung und Dauer der⸗ ſelben beaufſichtigen. Eine Glocke, die regelmaͤßig gelaͤutet wird, gibt das Zeichen zum Anfange des Tagewerkes, und eben dieſelbe iſt es, die auch den Feyerabend verkuͤndet. Um die vorbeſchriebene Ordnung feſt und un⸗ abaͤnderlich in ſeinen Feldarbeiten zu behaupten, hat ſich's der Graf zum Grundſatze gemacht, ſeine Arbeiter des naͤhmlichen Gewerbes durchaus nie und unter keinem Vorwande bloß einzeln, oder theil⸗ weiſe, Hand an ein Werk legen zu laſſen. Da ſeine Felder alle gleich groß ſind, ſo muß ein, von der Geſammtheit aller Arbeiter auf Ein Mahl unter⸗ nommenes, Werk auf jedem derſelben auch in der gleichen beſtimmten Zeit beendigt ſeyn. Um dieß deſto leichter zu bewerkſtelligen, laͤßt man die ganze Schar der Feldbauer nicht weniger, als die Pfluͤge, gleichſam nach der Schnur arbeiten. Ich kann mich nicht erinnern, eine ſchoͤnere laͤndliche Scene geſehen Briefe üb. Italien. 1. Thl. 4 50 zu haben, als zwanzig, in gleichen Zwiſchenraͤumen von einander, auf dem naͤhmlichen Felde und voll⸗ kommen in einer und derſelben Linie ſich bewegende, auf ein Wort des Corporals mit Einem Mahle ſich umwendende, und ihren gravitaͤtiſchen und gewiſſer Maßen feyerlichen Marſch alſobald wieder in aller Stille neu beginnende, Pfluͤge mir in la Mandria darbothen. Ein nicht minder angenehmes Schau⸗ ſpiel gewaͤhrten anderthalb hundert, in eine ſchiefe Linie geſtellte, ein uͤppiges Gras faͤllende Maͤher, denen eine gleich ſtarke Linie, die thautriefenden Schwaden aus einander ſchlagender, Heuerinnen voll⸗ kommen parallel im Gefolge ging. uUnd ſo hat es der Graf Lodi, in Folge einer preiswuͤrdigen Ordnung, dahin gebracht, daß er ſeine Feldarbeiten fortwaͤhrend nach derſelben, ein Mahl fuͤr alle feſtgeſetzten Methode, ohne die mindeſte Abaͤnderung, kann vollfuͤhren laſſen. Durch die gleichen, zur Erreichung dieſes Zwecks angewand⸗ ten, Mittel hat er auch alle die Details, welche die kleine Cultur erheiſcht, und alle bey derſelben erforderliche Sorgfalt und Genauigkeit, auf den un⸗ geheuern Flaͤchenraum von zwey tauſend ſechs hun⸗ dert Morgen Feldes uͤberzutragen gewußt. Kein Zoll breit Landes auf dieſer ganzen Weite, der ſei⸗ nen Dienſt nicht leiſtete. Der Pachthof iſt, ſeinem ganzen Beſtande nach, in dem von dem Beſitzer ge⸗ machten Entwurfe begriffen. Jeder einzelne Theil 51 erhaͤlt an Cultur und Duͤnger gerade ſo viel, als er noͤthig hat; und einer ſo ſorgfaͤltigen Behandlung entſprechen die ſaͤmmtlichen Abtheilungen durch Ern⸗ ten, wie man ſie von einem ſo mittelmaͤßigen Bo⸗ den und einer ſo weitſchichtigen Bewerbung nicht erwarten ſollte. Ein Beweis, daß nichts in der Welt ſo viel auszurichten vermag, als der feſte und beharrliche Wille des Menſchen. VBierter Brief. Parma, 10. September 1812. J. weiter man, in oͤſtlicher Richtung, dem Laufe des Po⸗Fluſſes nach, vorruͤckt, deſto tiefer und frucht⸗ barer wird die Schichte von Pflanzenerde: auch die Stroͤme, deren Betten am Fuße der Alpen noch tief und enge eingezwaͤngt ſind, fließen, naͤher gegen das Adriatiſche Meer hin, in gleicher Hoͤhe mit der Erd⸗ flaͤche fort. Aus dieſer Urſache iſt in dieſen Gegen⸗ den der Boden feuchter und beſſer bewaͤſſert; daher man auch die Getreidepflanzungen ſich vermindern, den Wieſenbau hingegen ſich uͤber ausgedehntere Raͤume verbreiten ſieht. Beſonders ſpuͤrbar wird dieſe Veraͤnderung der Cultur von der Umgegend der Stadt Piacenza an. Zwar finden auch hier noch eben ſolche Unterabtheilungen der Pachthoͤfe Statt, wie in Piemont, und die Verwaltungsweiſe iſt noch die naͤhmliche; das Wirthſchafts⸗Syſtem hingegen veraͤndert ſich, und auch die Einkuͤnfte des Landbaues ſind nicht mehr dieſelben. Es iſt nicht ſo faſt das 53 Getreide, als das Vieh, welches den Hauptreichthum dieſes Theiles der Lombardie ausmacht. Die Land⸗ ſchaft wird hierdurch in den Augen der Reiſenden noch ſchoͤner, und gewinnt ein noch groͤßeres Leben. Das ganze rechte Po⸗Ufer iſt in jenem Bezirke mit praͤchtigen Eichen bepflanzt, von deren hoch erhabenen Staͤmmen ſich ein majeſtaͤtiſches Laubwerk verbreitet, das der ganzen Gegend eine Friſche und ein Gruͤn verleiht, wie man es in Italien kaum anzutreffen gewaͤrtigen wuͤrde. Dieſe Baͤume liefern eine Ernte von Eicheln, welche fuͤr den Landbauer ein nichts weniger als unbedeutendes Product ſind, weil ſie einer gewaltigen Menge von Schweinen zur Maͤſtung dienen muͤſſen. Mit Erſtaunen habe ich wahrge⸗ nommen, daß von dem Schatten jener Eichen fuͤr die in demſelben aufwachſenden Feldfruͤchte kein ſpuͤr⸗ barer Nachtheil erwaͤchſt; ein Umſtand, der ohne Zweifel auf die dreyfache Rechnung, der Fruchtbar⸗ keit des Bodens, ſeiner Waͤſſerung und der Italiäͤ⸗ niſchen Sonne, zu ſchreiben iſt. 1— Bekanntlich gehen aus den Sennereyen jener Ebenen, in der Naͤhe des Po⸗Fluſſes, die Parme⸗ ſaner⸗Kaͤſe hervor, die in ganz Italien in ſo unge⸗ heurer Menge verbraucht werden. Die Wieſen hier herum ſind die fruchtbarſten auf dem Erdboden, und liefern, vermoͤge einer ununterbrochenen Waͤſſerung, drey, mitunter auch vier Futterſchnitte. Da ſie je⸗ doch in eine unendliche Menge kleiner, wiederum 54 einer großen Anzahl von Meiereyen angehoͤriger, Un⸗ terabtheilungen zerſtuͤckelt ſind, ſo kann nur auf wenigen derſelben, einzeln genommen, ein Kaͤſehaus unterhalten werden, indem zu einer Kaͤſe⸗Fabrika⸗ tion der Geſammtertrag der Milch von wenigſtens funfzig Kuͤhen erfordert wird. Die Lombarden ha⸗ ben ſich daher, um gemeinſchaftlich zu Stande zu bringen, was uͤber die Kraͤfte jedes Einzelnen hinaus⸗ geht, ſchon von langem her, zum Behufe der Kaͤſe⸗ verfertigung, in Nachbarſchaften zuſammengethan. Von dieſen wird taͤglich zwey Mahl die Milch von funf⸗ zig bis ſechzig Kuͤhen nach einer, der ganzen Geſellſchaft zuſtehenden, Behauſung hingetragen, wo der Senn jedem der Intereſſenten fuͤr die von ihm zugebrachte Portion Rechnung haͤlt, auch jedem derſelben einen Conto⸗current eroͤffnet, welcher von ſechs zu ſechs Mona⸗ then ſaldirt und mit einer verhaͤltnißmaͤßigen Quan⸗ titaͤt Kaͤſe bezahlt wird. Dieſe ſehr zweckmaͤßige Methode iſt auch nach der Schweiz uͤbergegangen. Ueberhaupt wuͤßte ich keine Localitaͤt zu nennen, fuͤr welche dieſelbe nicht ungemein vortheilhaft ſeyn ſollte; daher es zu wuͤnſchen waͤre, daß ſie noch viel weiter verbreitet werden moͤchte. Eine umſtändliche Beſchreibung derſelben findet ſich in der vortrefflichen Schrift des Herrn Carl Lullin:»Des associations »„rurales connues en Suisse sous le nom de Frui- „tières.« Auch das Hornvieh gewinnt in der Naͤhe von 55 Piacenza ein veraͤndertes Ausſehen. Solche große Ochſen, mit falben Haaren und kleinen Hoͤrnern, wie man ſie in Piemont antrifft, ſind hier nicht zu finden. Dagegen iſt die Landſchaft mit ſchoͤnen ſchiefergrauen Kuͤhen, von feinen Beinen, eylinder⸗ foͤrmigem Leibe, lebhaften Augen und langen, regel⸗ maͤßig abgeruͤndeten Hoͤrnern, bedeckt. Dieſe Thier⸗ gattung iſt offenbar das Product einer beſtaͤndigen Kreuzung zwiſchen der Ungariſchen⸗ und der Schwei⸗ zer⸗Rage aus den kleinen Cantonen. Jene praͤchtige Ungariſche Rage findet ſich zur Stunde noch unvermiſcht in dem ſuͤdlichen Theile von Italien. Sie liefert die ſchoͤnſten und vorzuͤg⸗ lichſten Ochſen, die man ſich denken kann. Die Kuͤhe aber ſind ſchlechte Milchkuͤhe, und die Lombar⸗ den haben ſich laͤngſt uͤberzeugt, daß, um dieſem Uebel abzuhelfen, und zugleich von ihren Wieſen ei⸗ nen dem Grade der Empfaͤnglichkeit des Bodens ent⸗ ſprechenden Nutzen zu ziehen, die Ungariſche Rage durchkreuzt werden muͤſſe. Zu dem Ende hin gehen ſeit langem— das Datum der Epoche weiß man nicht genau anzugeben— alljaͤhrlich zwey tauſend Kuͤhe uͤber den St. Gotthard nach Italien uͤber, die ſich in der Lombardie verbreiten, und ein Princip der Gattungserneuerung mit ſich bringen, welches allein die Italiaͤniſchen Ragen bey ihren preiswuͤrdigen, ihnen einen ſo hohen Werth verleihenden Eigenſchaf⸗ ten zu erhalten vermag. 56 Was jene Schweizer⸗Kuͤhe ſelbſt betrifft, ſo ſind ſie nicht von jener, in Frankreich bekannten, ſich durch ihre lebhaften Farben und ſchoͤnen Formen auszeich⸗ nenden, Berneriſchen Gattung. Vielmehr ſcheinen die Kuͤhe aus den kleinen Cantonen, ſo viel ſich aus ihren truͤben Farben, langen Hoͤrnern und zarten Formen abnehmen laͤßt, ein durch Nahrung, Cli⸗ ma und Behandlung ſehr verbeſſertes Erzeugniß der Ungariſchen Rage zu ſeyn. Sie paſſen alſo ganz vortrefflich zu der Italiaͤniſchen Gattung, die mit ihnen eines Urſprungs iſt. Die Verwaltung der Pachthoͤfe beſteht auch hier, wie in Piemont, in einer Vermiethung um den halben Natural⸗Ertrag: hingegen iſt die Einthei⸗ lung der Schlaͤge in den hieſigen Meiereyen etwas verſchieden. Die Wieſen nehmen einen groͤßern Raum ein, und das Tuͤrken⸗Korn muß eine anſehn⸗ liche Portion Boden zum Behufe des Hanfbaues und der Winterbohnen abliefern. In der Regel wird uͤbrigens im erſten Jahre, und zwar nach vor⸗ genommener Duͤngung, Tuͤrken⸗Korn und Hanf, im zweyten Getreide, im dritten die Winterbohne, im vierten, nach abermahliger Duͤngung, Getreide, im fuͤnften Klee, den man nach dem erſten Schnitte umackert, und im ſechsten nochmahls Korn gebaut. Auch hat man in der Umgegend von Parma ange⸗ fangen, ſich mit dem beſten Erfolge auf die Tabaks⸗ Cultur zu legen. Wo dieſe Pflanze gebaut wird, 57 geſchieht ſolches, waͤhrend des erſten Jahres, ſtatt des Hanfes und Tuͤrkiſchen Weizens. Die erwaͤhnte Zelgeneintheilung iſt noch ein⸗ traͤglicher, als die in Piemont uͤbliche; ſie wird aber nur durch die ungemeine Fruchtbarkeit des Bodens und durch den großen Ueberfluß an Duͤnger moͤglich, welchen die Kuͤhereyen liefern, und vermittelſt deſſen die Felder alle drey Jahre geduͤngt werden koͤnnen, was der Piemonteſiſche Bauer nur alle vier Jahre zu thun im Stande iſt. Ich ſage Ihnen nichts weiter von jener ſchoͤnen und ſchnellen Reihefolge von Anpflanzungen, die in Zeit von ſechs Jahren vier Korn⸗ oder kornartige Ein⸗ ſammlungen, eine Hanfernte und eine Ernte fuͤr das Vieh liefert, und welche, was Ihrer Beob⸗ achtung wohl nicht wird entgangen ſeyn, mit ſolcher Geſchicklichkeit angeordnet iſt, daß durch dieſelbe die Fruchtbarkeit des Bodens nicht bloß im mindeſten nicht erſchoͤpft, ſondern zugleich auch dem Landbauer die noͤthige Zeit verſchafft wird, ruͤckſichtlich auf ſein Land, die erforderlichen Zuruͤſtungsmaßregeln zu tref⸗ fen, und dasſelbe durch Anpflanzungen, die zu ge⸗ wiſſen beſtimmten Zeiten gegaͤtet werden muͤſſen, rein zu erhalten. Einzig die Cultur der Winterbohnen ſcheint mir von ſo beſonderer Wichtigkeit zu ſeyn, daß ich bey dieſer noch einige Augenblicke verweilen will. Sie wiſſen, daß dieſe Pflanze ſeit einigen Jah⸗ 58 ren in die Umgegend von Genf in ein Clima ver⸗ ſetzt iſt, wo der Winter ſich uͤberaus rauh erzeigt. Aus dem vortrefflichen Erfolge, den dieſe Verſetzung gehabt hat, laͤßt ſich abnehmen, daß jene Bohne die Kaͤlte ohne Schwierigkeit ausdauert und in die Nordlaͤnder eingefuͤhrt werden kann. In der That waͤre dieſelbe geeignet, in der Land⸗Oekonomie eine bedeutende Rolle zu ſpielen; denn ſie taugt bey jeder Art von Wechſel⸗ Cultur ganz vortrefflich zum Aus⸗ fuͤllen der Leeren. Ddie Winterbohne hat, was Gewaͤchs, Bluͤthen und Korn betrifft, Aehnlichkeit mit der Fruͤhlings⸗ bohne. Man ſaͤet ſie zu Anfange Septembers, und ſie muß noch vor dem Winter etwas ſtark werden, um gegen den Andrang dieſer Jahreszeit deſto beſſer Stand halten zu koͤnnen. Ihr Stengel verwelkt und geht durch den Froſt und unter dem lange dau⸗ ernden Schnee zu Grunde; aber gleich bey'm erſten Erwachen des Fruͤhlings treibt ſie aus dem Halſe der Wurzel zwey bis drey neue Stengel hervor, die gegen Ende des Maymonaths reiche Bluͤthen ſchießen, und Ende Juli zeitige Fruͤchte bringen. Der Bau der Winterbohne iſt uͤberaus einfach. Nachdem das gedüngte Getreide eingeſammelt iſt, wird der Boden ein einziges Mahl umgeackert, Zu Anfange Septembers, wenn die Einwirkung der Luft das Erdreich zerbroͤckelt hat, werden die Bohnen an⸗ geſaͤet. Solches geſchieht entweder, indem man ſie 59 unterpfluͤgt, oder vermittelſt der Egge mit Erde be⸗ deckt, oder auch mit Huͤlfe der Saͤemaſchine, durch welche die Bohnen in Reihen zu liegen kommen, ſo daß ſie im Fruͤhjahr mit der Pferdehacke gegaͤtet werden koͤnnen. Wenn man nicht die letztgenannte Methode befolgt, ſo muß man ſie im Laufe des Aprils von Hand gaͤten. Da die Einſammlung der Winterbohnen ſchon im Julius Statt findet, ſo hat der Landbauer Zeit genug, um ſein Feld zum Empfang der nun folgen⸗ den und meiſt recht gut gedeihenden Kornausſaat in Bereitſchaft zu ſetzen. Zudem taugt die Boh⸗ nen⸗Cultur auch fuͤr lehmigen Boden und Damm⸗ erde, in welcher die Wurzelgewaͤchſe weniger gut fort⸗ kommen: auch laͤßt ſie ſich mit den verſchiedenen Epochen der Feldbeſtellung und des Saͤens ſehr be⸗ quem in Verbindung ſetzen, ſo daß ſie alle nur wuͤnſchbare Eigenſchaften in ſich vereinigt, und ſich ohne Zweifel auch mit großer Schnelligkeit weiter verbreiten wird. Und hiermit haͤtte ich Ihnen ein gedraͤngtes Gemaͤhlde des Feldbaues und der Wechſel⸗Cultur entworfen, wie ſolche in einem Theile der erſten, zu Anfange meiner Briefe erwaͤhnten, Ackerbau treiben⸗ den Gegend von Italien, naͤhmlich in demjenigen Theile der Lombardie geuͤbt wird, welcher ſich laͤngs dem rechten Po⸗Ufer hinzieht. Sie ſehen aus dem⸗ ſelben, daß das ganze Wirthſchafts⸗Syſtem in dieſen 60 Gegenden auf die Cultur der Nahrungspflanzen und Gewaͤchſe abzielt, zum Behufe des Kunſtfleißes hin⸗ gegen, außer dem Hanf und der Seide, nichts weiter gebaut wird. Der daher entſtehende Ueberfluß an allem, was zum Lebensunterhalte dienen mag, hat eine ungeheure Bevoͤlkerung zur Folge, die ſich, da, aus Mangel an Urſtoffen, ſich kein Zweig derſelben auf Manufaktur⸗Arbeiten verlegt, in nicht mehr als vier Claſſen theilt. Dieſe ſind: die oͤffentlichen Be⸗ amten und das Militaͤr; ſodann die Grundeigen⸗ thuͤmer des geſammten Bodens, welche von den Renten ihrer Pachthoͤfe leben; ferner die Hand⸗ werker und Handelsleute, und endlich die landbau⸗ enden Paͤchter, die nicht Selbſtbeſitzer ſind, und einzig durch ihren landwirthſchaftlichen Kunſtfleiß ihren Lebensunterhalt zu gewinnen ſuchen. Die letztgenannte Claſſe wohnt ausſchließlich in den auf dem Flaͤchenraume der Lombardie zer⸗ ſtreuten Pachthoͤfen, indeß die drey uͤbrigen in den Staͤdten und Marktflecken ihre Wohnſitze aufge⸗ ſchlagen haben; daher auch in dieſer ganzen Gegend keine Weiler, keine ſolche Vereine von Guͤter beſitzen⸗ den Bauern, wie ſie in Frankreich ſo haͤufig vor⸗ kommen, zu finden ſind. Dagegen iſt, in Folge des Umſtandes, daß der Grund und Boden ſich ſeinem ganzen Beſtande nach als Eigenthum in den Haͤnden der Capitaliſten befindet, die Claſſe der Rentner hier zahlreicher, als irgendwo, und darum haben ſich —— 61 auch in dieſem Lande die Staͤdte, die uͤbrigens lieb⸗ lich zu ſchauen ſind und Wohlſtand verrathen, in ſo großer Anzahl zuſammengehaͤuft. Dieſe Ordnung der Dinge, welche dem Auge den oͤffentlichen Wohlſtand in vervielfaͤltigter Geſtalt erſcheinen macht, fuͤhrt nichts deſto weniger den be⸗ deutenden Nachtheil mit ſich, daß ſie die ganze wohlhabende Claſſe der Grundeigenthuͤmer fortwaͤh⸗ rend in einem Zuſtande von Sorgloſigkeit erhaͤlt, welcher geeignet iſt, dieſelbe, aus Mangel an In⸗ tereſſe fuͤr irgend einen ernſthaften Gegenſtand, in jenes muͤßige Leben und jene moraliſche Laͤhmung, welche man den Italiaͤnern ſo oft zum Vorwurfe gemacht hat, hinein zu werfen. Eben dieſe Ordnung verſenkt zugleich auch die ganze Claſſe der, bloß aus Nutznießern beſtehenden, Landbauer in eine allzu große Gleichguͤltigkeit für das Gemeinweſen, an welches dieſelbe durch kein eigenes Beſitzthum ge⸗ knuͤpft iſt. Die Individuen dieſer Claſſe bekuͤmmern ſich, bey der fortwaͤhrenden Sicherheit, Beſchaͤfti⸗ gung fuͤr ihre Arme, die allein ihr Capital⸗Vermoͤ⸗ gen ausmachen, zu finden, durchaus nicht um Ereig⸗ niſſe, von denen ſie nicht beruͤhrt werden koͤnnen; da⸗ bey ſind ſie, wegen des fortdauernden Mangels an Capitalen, nicht im Falle, ſich aus ihrem Stande her⸗ auszuheben, und dieß verſetzt ſie in einen Zuſtand von Gleichguͤltigkeit, welchem einzig das Beduͤrfniß, zu le⸗ ben, ſie von Zeit zu Zeit zu entreißen vermag. 62 Nicht weniger fehlt es der Geſammtheit der Handelsleute und Handwerker, welche in ihren Un⸗ ternehmungen lediglich auf dasjenige beſchraͤnkt ſind, was unmittelbar an Ort und Stelle verbraucht wird, und die auch von der Zukunft wenig Anderes zu er⸗ warten haben, an jedem kraͤftigern Antriebe zur Thaͤ⸗ tigkeit. Ueberhaupt biethet ſich in allen dieſen Ge⸗ genden die Geſellſchaftseinrichtung ſeit geraumer Zeit in einer Geſtalt dar, die zu gut iſt, als daß es der Muͤhe werth ſeyn ſollte, eine Veraͤnderung mit der⸗ ſelben vorzunehmen, zumahl ſie auch mit einer ge⸗ wiſſen, Zukunft und Gegenwart verbuͤrgenden, und fuͤr beyde Achtung einfloͤßenden Sicherheit des eige⸗ nen Daſeyns begleitet iſt. Dieſe Sicherheit hatte der Krieg auf einige Au⸗ genblicke gefaͤhrdet; mit dem Frieden aber iſt auch ſie wieder zuruͤckgekehrt; denn ſie hat ihre Wurzeln in den örtlichen Anordnungen des Bodens ſowohl, als in der Eintheilung und der Beſchaͤftigungsweiſe der geſammten Einwohnerſchaft. Fuͤnfter Brief. Sarzana, 20. September 1912. In meinen bisherigen Briefen habe ich Ihnen ein gedraͤngtes Gemaͤhlde des Lombardiſchen Landbaues, und zwar der erſten jener drey Ackerbau treibenden Regionen, in welche ich Italien eintheilen zu muͤſſen geglaubt habe, vor Augen gelegt. Nun ich auf meinen Wanderungen einen der oberſten Graͤthe des Apennins uͤberſchritten habe, will ich verſuchen, Ih⸗ nen durch eine Beſchreibung auch dieſer Reiſe die Natur dieſer Gegenden ſowohl, als den Zuſtand ihrer Cultur und die Lebensart ihrer Einwohner zu ſchildern. In der Abſicht, die weniger bekannten Thaͤler der Apenninen, nebſt der Oekonomie der Hirten auf den dortigen Gebirgshoͤhen, kennen zu lernen, reiſ'te ich, in Begleitung der Herren Ortali und Succhi, die Beyde ſelbſt Merinos⸗Herden beſitzen, von Parma ab, um die ganze hohe, die Staaten von Modena von denen von Toscana und Genua abtrennende, Bergkette zu durchreiſen. 64 Die Reiſe quer uͤber dieſes Gebirge laͤßt ſich zu Pferde machen, wird aber meiſtentheils zu Fuße unternommen, indem die Pfade, welche auf und aͤber dasſelbe fuͤhren, noch rauher und ſteiler ſind, als die meiſten Alpenwege. Parma liegt vom Fuße des Gebirges drey Stunden entfernt. Hart an dieſem erhebt ſich das ehemahlige Schloß Sala, wo wir unſer erſtes Nachtlager aufſchlugen. Dieſes Schloß, einſt der Lieblingsaufenthalt der letzten Großherzoginn, der Schweſter Maria An⸗ tonia's, iſt jetzt das Eigenthum eines Lieferanten, der alle demſelben zuſtehende Grundſtuͤcke, nebſt den aͤbrigen Zubehoͤrden, an meine Reiſegefaͤhrten ver⸗ pachtet hat. Stallungen, Reitſchule und Kutſchen⸗ haͤuſer ſind in Schafſtaͤlle umgewandelt, in denen zwey tauſend Mérinos den Winter verleben. Den Sommer bringen dieſe Herden in den Gebirgen zu, wo wir ſie eben jetzt beſuchen wollten. Große, un⸗ terhalb des Schloſſes gelegene, Wieſengruͤnde brin⸗ gen das zu ihrem uUnterhalte erforderliche Futter hervor. Die Lage von Sala i*ſt eine der ſchoͤnſten auf dem Erdboden. Das Schloß, auf der letzten der durch den Gebirgsabhang gebildeten Terraſſen gelegen, beherrſcht die ganze Flaͤche der Lombardie; mittlerweile es ſelbſt einzig von einem alten Kaſta⸗ nienwalde beherrſcht wird. Die Wohnung iſt uͤbrigens hoͤchſt mittelmaͤßig, und ihr einziges Verdienſt beſteht in der Herrlichkeit der ſie umgebenden Natur. 65 Wir brachen mit Anbruch des Tages aus un⸗ ſerm Nachtquartier auf, und marſchirten etwa zwey Stunden dem Fuße der Huͤgel entlang, in paralleler Richtung mit dem Laufe des Po, auf Fußwegen, die jetzt in einer Linie mit der Ebene fortliefen, dann unter gruͤnen Bogengaͤngen, Lauben und Kaſta⸗ nienbaͤumen ſich etwas hoͤher hinaufzogen: ſo daß man bald einer bezaubernden Ausſicht genoß. Die Huͤgel, welche die Apenninen begrenzen, ſind mit Baͤchen durchfurchet und mit zahlreichen Wohnun⸗ gen beſetzt. Am haͤufigſten wird in dieſen Gegenden der Weinſtock gebaut, und wo fuͤr dieſen der Boden nicht milde genug iſt, da verbreitet das weit ſich aus⸗ dehnende Laubwerk des Kaſtanienbaumes ſeine kuͤh⸗ lenden Schatten. Bey dem Dorfe Berzola verließen wir die fruchtbaren Flaͤchen der Lombardie, und wandten uns nun auf Einmahl gerade nach Suͤden hin. Nicht lange, ſo traten wir in das verſchuͤttete Thal ein, welches von der Parma periodiſch verheert wird. Indem wir bis zu der Quelle dieſes Fluſſes hinauf⸗ ſtiegen, fingen wir zugleich an, in die wildern Par⸗ tien dieſer Berggegenden einzudringen. Sieben Stunden lang ging es in dieſem Thale aufwaͤrts, und immerfort in dem Bette des Fluſſes, das gerade jetzt in einen ausgetrockneten, mit Truͤmmern bedeck⸗ ten und, in der Breite von einer halben Stunde, zwiſchen zwey Gebirgsketten ſich hinziehenden Steich Briefe üb. Italien, 1. Thl. 5 66 Geſchiebes verwandelt war, ſo daß auch nicht der kleinſte Fleck Landes mehr zum Anbau, ja nicht ein⸗ mahl mehr Raum genug zu einem Fußſteige uͤbrig blieb. Zu unſern Seiten erhoben ſich zwey parallel laufende Ketten von Anhoͤhen, die uns anfaͤnglich bloß in der Geſtalt lachender Huͤgel erſchienen, dann aber, ſo wie wir weiter vorruͤckten, ſich zu einer bedeutendern Hoͤhe emporhoben, und endlich ſich an die hohe Apenninen⸗Kette ſelbſt anſchloſſen, von der ſie gleichſam als Nebenarme zu betrachten ſind, welche von Suͤden gegen Norden hinlaufen, waͤhrend die Central⸗Kette ſich von Weſten gegen Oſten er⸗ ſtreckt. Dieſe Veraͤſtungen ziehen ſich ununterbro⸗ chen der ganzen Laͤnge der Apenninen nach fort, und ſind offenbar Graͤthe, welche dem heftigen Andrange der Gewaͤſſer widerſtanden haben. Waͤhrend der erſten Stunde unſers Aufſteigens waren jene Huͤ⸗ gelabhaͤnge von zahlreichen Wohnungen belebt; Weinberge wechſelten mit bebauten Gruͤnden, und von Zeit zu Zeit ſah man mitten aus den Umſchat⸗ tungen der Kaſtanienwaͤlder ſich einen Kirchthum herausheben: ſo wie aber der Wanderer weiter in dem Thale vorruͤckt, werden auch dieſe Lebenszeichen alle ſeltener. Bald verſchwinden Weinreben und Ulmen. Die Abhaͤnge, allzu ſteil, als daß ſie bebaut werden koͤnnten, biethen dem Auge nur hier und da noch einen Weideplatz und einige Baͤume und Truͤmmer dar. Zur Seltenheit trifft man noch auf eine ein⸗ 67 zelne, kleine und dunkle, mit Steinplatten bedeckte Wohnung, deren zugeſpitztes Dach auf die Naͤhe der Schnee⸗Region ſchließen laͤßt. Auch die ſchoͤnen Kuͤhe des flachen Landes ſucht man in dieſer Ge⸗ gend umſonſt mehr, und die magern Raſenplaͤtze wer⸗ den von ziemlich elendem Vieh, von gefleckten Haͤm⸗ meln und einigen Ziegen, abgenützt. In den letzten Stunden unſers heutigen Mar⸗ ſches ſahen wir auch dieſe einzig noch uͤbrigen S ren von Leben verſchwinden. Das Thal ward auf Einmahl viel ſchmaͤler; ungeheure Felſen drängten die Parma in ein enges Bett zuſammen. Die Ge⸗ birge bekleideten ſich mit einem groͤßern Charakter, und ſtellten ſich dar in breiten Maſſen von Felſen und Waͤldern; mit Einem Worte, unſere geſammten Umgebungen gewannen das Ausſehen der Alpen. Der Fußpfad, welchem wir folgten, zog ſich ploͤtzlich uͤber eine große Felſenmaſſe hinauf, von deren Hoͤhe uns im gleichen Augendlicke ein Abgrund, deſſen Tiefe die ſchaͤumenden Fluthen durchwuͤhlten, eine uͤber denſelben kuͤhn und ſchmal geſchlagene Bruͤcke, jenſeits aber, auf einem mit Waldung bedeckten Huͤ⸗ gel, das Ziel unſerer heutigen Reiſe, der Kirchthurm von Bosco, in die Augen fiel. Das Dorf Bosco, der Hauptort dieſes Berg⸗ bezirkes, gewaͤhrt einen hoͤchſt ſonderbaren Anblick. Es hat durchaus keine Aehnlichkeit mit andern Doͤr⸗ fern, und mahnt eher an einen Weiler in Denheit⸗ 5 82 68 als an eine Europaͤiſche Ortſchaft. Von Gaſſen oder an einander gereiheten Haͤuſern iſt keine Rede, und eben ſo wenig von Gaͤrten oder bebauten Grund⸗ ſtuͤcken. Auf einem mit feinem Raſen bewachſenen Platze erheben ſich ungeheuer große Kaſtanienbaͤume, und umfangen die in dieſer Naturanlage zerſtreuten Woh⸗ nungen mit ihrem zu Schattengewoͤlben in einander verſchlungenen Laubwerke. In einer Lichtung des Kaſtanienwaldes ſteht die Kirche, deren Vorderſeite nicht ohne Eleganz iſt, und hart an derſelben die Behauſung des Pfarrers. Eben hatte, als wir an⸗ kamen, die Angelus⸗Glocke die Einwohner alle in den Tempel zuſammenberufen, in deſſen Vorhallen ſie auf den Knieen lagen; und wenn auch der An⸗ blick unſerer Reiſe⸗Karavane ſie einiger Maßen in ihrer Aufmerkſamkeit ſtoͤrte, ſo hatte gleichwohl dieſe religioͤfe Scene mitten in einer Wildniß fuͤr uns et⸗ was ungemein Anziehendes. Wirthshaͤuſer, um Reiſende zu beherbergen, gibt es in dieſen Berggegenden keine. Der Fremde lebt auf Koſten der Gaſtfreundſchaft, welche zumahl von den Pfarrherren mit ſeltenem Eifer geuͤbt wird. Der dienſtfertige Pfarrer von Bosco riß uns, als ſein Angelus zu Ende war, gleichſam von unſern er⸗ muͤdeten Pferden herunter, um uns in ſeine Woh⸗ nung einzufuͤhren, wo er unſere Geſellſchaft— ein Theil derſelben waren Bekannte von ihm— mit der — 69 groͤßten Herzlichkeit willkommen hieß. Da wir ihn indeß unverſehens uͤberraſcht hatten, ſo gerieth er, uͤber ſeinem Eifer, uns einen recht feſtlichen Em⸗ pfang zu bereiten, in nicht geringe Verlegenheit. Bald wollte er ſein ganzes Taubenhaus abſchlachten; bald ſchalt er ſeine Koͤchinn aus; bald lief er aus dem Keller auf den Kornboden hinauf, und ſchlug ſeine Eyer, Glaͤſer und Flaſchen in Stuͤcken. Als endliches Reſultat dieſes unruhigen Eifers erfolgte ein die muͤden Wanderer erquickendes Nachteſſen, an deſſen Schluſſe wir einen Beſuch von den Vorge⸗ ſetzten des Ortes erhielten, die uns in die Wette ihre Dienſte, als Fuͤhrer fuͤr die Reiſe des morgenden Tages, anbothen. Aus dem Munde dieſer ſachkun⸗ digen Maͤnner erhielt ich nachſtehende, die Lebensart und den Nahrungsſtand dieſer Bergbewohner betref⸗ fende, Notizen. Das Erdreich wird in dieſer ganzen Gegend all⸗ zu oft und zu heftig vom Waſſer durchwuͤhlt, als daß hinlaͤnglicher Raum zum Anbau von Cerealien vorhanden ſeyn ſollte. Auch fuͤr das Gedeihen des Weinſtockes, des Tuͤrkiſchen Weizens und des Gemuͤ⸗ ſes iſt das Clima zu rauh. Es beſchraͤnken ſich demnach die Einwohner darauf, jedes auch noch ſo kleine Plaͤtzchen, auf welchem Gras waͤchſt, zum Heu zu benutzen, welches, nebſt den Blaͤttern der Buchen, den Wintervorrath fuͤr das Vieh ausmacht. Dieſes Vieh beſteht aus einigen kleinen Pferden, die zum Transporte dienen muͤſſen, aus gefleckten Haͤmmeln und Ziegen; auch zieht man viele Schweine von vor⸗ trefflicher Art, die mit Kaſtanien und Molken ge⸗ maͤſtet werden. Im Sommer durechſtreifen dieſe Thiere die Berge zunaͤchſt um das Dorf; im Winter werden ſie in die Staͤlle zuſammengeſperrt. Aus der Ziegen⸗ und Schafmilch verfertiget man kleine, harte und ſaure Kaͤſe, die ein Hauptnahrungsmittel der Einwohner ausmachen. Die Wolle von den Schafen wird waͤhrend des Winters von dem weiblichen Geſchlechte zu einem Zeuge verarbeitet, an welchem der Aufzug von Leinengarn iſt, und den man zu Kleidern fuͤr die ganze Familie gebraucht. So ernaͤhrt dieſe Gegend ohne allen Anbau ihre Be⸗ wohner durch diejenigen Erzeugniſſe, welche die Erde von freyen Stuͤcken aus ihrem Schooße hervorbringt, naͤhmlich durch die Kaſtanienbaͤume. Dieſe ſind denn aber auch an den Bergabhaͤngen von Bosco in uͤber⸗ großer Anzahl vorhanden, von aͤußerſt kraftvollem Wuchſe, und tragen weit groͤßere und ſchmackhaftere Fruͤchte, als die Kaſtanienbaͤume des Nordens. Ihre Fruͤchte werden hier zu Lande unter allen Geſtalten verſpeiſet, am haͤufigſten unter der eines flachen, nicht ſehr ſchmackhaften Kuchens, dem man den Nah⸗ men Brot beyzulegen pflegt. Von eigentlichem Brote, welches von Parma hergeſchafft werden muß, wird nur zur Seltenheit, etwa bey feſtlichen Anlaͤſſen, Gebrauch gemacht. 71 Ohne Zweifel muͤßte auch der Kartoffelbau in dieſen Gegenden von ausnehmend großer Wichtigkeit ſeyn. Der Boden waͤre zu dieſem Zweige der Cul⸗ tur vorzuͤglich geeignet, und die Summe der Lebens⸗ mittel wuͤrde dadurch fuͤr das ganze Land einen um deſto betraͤchtlichern und ſicherern Zuwachs erhalten, da die Kartoffelernte ſelten mißraͤth. Allein bis jetzt iſt dieß Product gaͤnzlich unbekannt. Der Pfarrer allein wußte vom Hoͤrenſagen etwas davon. Ich rieth ihm ſehr angelegentlich, einige Verſuche mit Anpflanzung desſelben zu machen. Befolgt er mei⸗ nen Rath, ſo wird er ſich fuͤr alles, was er an mir gethan hat, reichlich entſchaͤdigt finden. Neben den Kaſtanien, deren Ertrag ziemlich un⸗ ſicher iſt, muß auch noch etwas Weniges von animali⸗ ſchen Producten mithelfen, dieſen Apenninen⸗Be⸗ wohnern, welche ausſchließlich von dem leben, was die Natur thut, ihre Tage zu friſten. Sie halten ſich naͤhmlich viele Tauben, die, ich weiß ſelbſt nicht, wovon, leben, und eine große Anzahl Bienenſtoͤcke. Indeſſen iſt die Bevoͤlkerung nicht unbetraͤchtlich, und der Boden ziemlich zerſtuͤckelt. Auch an In⸗ duſtrie fehlt es nicht. Zu dieſer gehoͤrt allererſt, daß ſie ſich einer außerordentlichen Sparfamkeit befleißen, ihre Moͤbeln und Kleider ſelbſt verfertigen, und außerdem, ſo zu ſagen, keine Beduͤrfniſſe kennen. Kohlen werden in Menge gebrannt, und dieß iſt die einzige Art, wie dieſe Leute ihre Waͤlder benutzen; 72 kbrigens ziehen ſie ihre betraͤchtlichſten Einkuͤnfte von der Auswanderung. Es verlaͤßt naͤhmlich alles, was vom maͤnnlichen Geſchlechte arbeiten kann, in der ſchoͤnen Jahreszeit die Heimath, um in der Lombar⸗ die, und nahmentlich in Toscana, ſeinen Unterhalt zu ſuchen, und ſich uͤberdem noch eine bedeutende Summe zuſammen zu ſparen, die dann nach Hauſe zuruͤckgebracht wird, und den groͤßten Theil der unter dieſer Voͤlkerſchaft umlaufenden Barſchaft ausmacht. Die Bewohner der Apenninen ſind gleichſam die Auvergnaten Italiens. Gerade jetzt ſtand ein nicht geringer Theil der Einwohner von Bosco im Begriffe von Hauſe abzureiſen, um an den neuen Straßen von Genua und Spezzia zu ar⸗ beiten, wo ſie ſich ebenfalls ein Betraͤchtliches ver⸗ dienen koͤnnen. Die Franzoͤſiſchen Ingenieurs ſtehen bey ihnen in beſonderer Achtung; ſo weit erſtreckt ſich der Einfluß der polytechniſchen Schule. Es iſt leicht zu begreifen, warum ein Land, das ſeine Einwohner nur kuͤmmerlich zu naͤhren ver⸗ mag, und keine Ernten von verkaͤuflichen Erzeugniſ⸗ ſen, mithin keinen reinen Ertrag liefert, von den Ca⸗ pitaliſten ſich ſelbſt und ſeiner eigenen Bevoͤlkerung iſt uͤberlaſſen worden; und wirklich iſt auf allen die⸗ ſen Apennin⸗Ketten der Landmann Grundherr des Bodens, den er unter ſeinen Fuͤßen hat, was ſich ſonſt in ganz Italien anders verhaͤlt. Die Sonne war bereits aufgegangen, als wir 73 unſern gefaͤlligen Pfarrer verließen, um weiter gegen den hohen Grath der Apenninen hinaußzuſteigen. Unſere Karavane hatte ein recht ſtattliches Ausſehen. Das ganze Dorf hatte mit der ruͤhrendſten Gaſt⸗ freundſchaft dazu beygetragen, uns mit Mundvor⸗ rath zu verſehen, die angeſehenſten Einwohner woll⸗ ten uns begleiten, und wir fuͤhrten bey unſerer Ab⸗ reiſe aus dem Pfarrhauſe nicht weniger als funfzehn Pferde mit. Bald leitete der Weg uns tief in ei⸗ nen dichten, den erſten Abſatz des Gebirges, welches wir zu erſteigen hatten, bedeckenden Kaſtanienwald hinein, bald uͤber Grasplaͤtze; bald, und oͤfter noch, uͤber moosbekleidete, mit den ungeheuern, aus der Erde hervorſtechenden, Wurzeln der Kaſtanienbaͤume verſetzte Felſenſtuͤcke. Unter dieſen Schattengewoͤl⸗ ben, in welche nie ein Sonnenſtrahl eindringt, herrſcht ewige Kuͤhlung. Zwey Stunden bedurften wir, um den Wald, der eine herrliche Zierde des Be⸗ zirkes von Bosco ausmacht, und nebenbey fuͤr das Manna der Wuͤſte gelten kann, zu durchreiten. Jetzt befanden wir uns am Fuße eines Felſen⸗ grathes, und als wir uͤber dieſen hinweg waren, ſo traten wir in die Region der Buchen ein. Nun mußte man immer ſteiler hinaufſteigen, ſo daß un⸗ ſere Pferde Muͤhe hatten, vorwaͤrts zu klimmen. Nach Verlauf von zwey Stunden riefen endlich un⸗ ſere Fuͤhrer, ſie erblicken das„heilige Waſſer“ (TAcqua Santa). In der That befanden wir uns, 74 nachdem wir einen letzten Berggipfel erſtiegen hat⸗ ten, auf dem Horizonte eines kleinen, mit reinem, lebendigen Waſſer angefuͤllten Sees, der eine runde, dem Krater eines Vulkans gleichende Form hat, und mit einer zwey bis drey hundert Fuß hohen, ordent⸗ lichen Randeinfaſſung umgeben iſt. Der mit Bu⸗ chen bedeckte Abhang dieſer Einfaſſung reflectirte ſein Gruͤn in der klaren Fluth des Waſſerbeckens; und waͤre an dieſer Stelle die Vegetation etwas weniger reich, ſo wuͤrde man ſich an die Ufer der hoͤchſten Alpenſeen verſetzt glauben⸗ Die Einwohner ſchreiben dem Waſſer dieſes, keinen ſichtbaren Abfluß habenden, Sees von Acqua Santa mancherley vortreffliche Eigenſchaften zu, und die Reiſe dorthin wird als eine Art von Wallfahrt betrachtet. Ich wußte nicht, auf was fuͤr einer Hoͤhe wir uns gerade befinden mochten; inzwiſchen mußte ſie, aus den Schneemaſſen zu ſchließen, die um uns her lagen und den Winter uͤberlebt hatten, ziemlich betraͤchtlich ſeyn. Jenſeits des Sees von Acqua Santa beginnen die großen Sommerweideplaͤtze der Apenninen, „Macchie“ genannt, welche ſich von dem Magra⸗Thale an, das die niedrigern Berge von Genua von denje⸗ nigen von Toscana, Parma und Modena ſcheidet, uͤber alle Gebirgsgruppen hinziehen. Die Einthei⸗ lungen dieſer Weiden werden durch Felſenſpitzen be⸗ ſtimmt, von denen jedoch die meiſten in ihre eige⸗ 75 nen Grundfeſten zuſammengeſunken und in lange Schutthaufen verwandelt ſind. Einige ziemlich gut gebaute Sennhuͤtten gewaͤhren den Hirten eine Zu⸗ flucht; die Herden aber halten ſich fortwaͤhrend unter freyem Himmel auf. Die Berge in dieſen Gegenden ſind meiſt Ei⸗ genthum der tiefer liegenden Thalgemeinden, von de⸗ nen das Weiderecht fuͤr eine ganze Jahreszeit, gegen eine Abgabe von jedem Stuͤcke Vieh, verliehen wird. Von einem Pferde wird ein Piaſter, von einem Hammel werden fuͤnf Sous, und von einer Ziege drey Sous bezahlt. Alle dieſe Herden kommen aus Toscana herauf, wo ſie den Winter in den Weide⸗ plaͤtzen der Maremmen zubringen, und gehoͤren ei⸗ nem nomadiſchen Hirtenvolke an, das, gleich Spa⸗ niſchen Hirten, ſonſt kein Vermoͤgen beſitzt, und kei⸗ nen beſtaͤndigen Wohnort noch Aufenthalt hat. Be⸗ merkenswerth iſt, daß dieſe Hirten die verſchiedenen Gattungen von Vieh immer genau von einander ab⸗ geſondert halten: die einen ſind Inhaber von Ge⸗ ſtuͤten; andere halten Schafe, und noch andere Ziegen.. Dieſe Leute nehmen die Toscaniſchen Weide⸗ plaͤtze fuͤr die Winterszeit miethweiſe in Empfang, und bezahlen fuͤr ein Pferd drey Piaſter, zwoͤlf Sous fuͤr einen Hammel, und fuͤr die Ziegen acht Sous vom Stuͤcke. Vermittelſt eines ſolchen Bodenwechſels wird 76 der gedoppelte Vortheil erzielt, daß einerſeits der Graswuchs der hohen Gebirge ſich als Futter ver⸗ braucht, anderſeits die ungeſunden Gegenden mit den einzigen Einwohnern, die, vermoͤge ihres dorti⸗ gen Winteraufenthalts, die ohne menſchliches Zuthun hervortreibende Vegetation zu benutzen im Fall ſind, bevoͤlkert werden. Hierzu kommt, daß durch dieſes Verfahren, und durch dieſes allein, die ſaͤmmtlichen Pflanzenerzeugniſſe dieſer Gegenden in Wolle und Kaͤſe verwandelt werden koͤnnen. Und ſo wird aus dieſer herumziehenden Lebensart der Herden, deren Wanderzuͤge in beſſer angebauten Laͤndern von den verderblichſten Folgen ſeyn koͤnnten, in dieſen Men⸗ ſchen und Cultur verſcheuchenden Gegenden eine koſt⸗ bare Land⸗Oekonomie. Die erſte Herde, auf die wir trafen, beſtand aus Wollvieh von der gewoͤhnlichen Toscaniſchen Rage. Dieſe Thiere waren nicht von beſonders hohem Wuchſe, aber vortrefflich geſtaltet, weiß, und wohl mit Wolle verſehen. Sie ſchienen mir eine vollkommene Aehn⸗ lichkeit mit jener Gattung wandernder Provencer⸗ und waͤgen, vor der Schur gewaſchen, ein Kilogramm das Stuͤck. Vormahls wurden ſie uͤber Livorno nach England ausgefuͤhrt; gegenwaͤrtig gehen ſie nach dem Dauphins. Indeſſen iſt der Ertrag der Schafkaͤſe betraͤchtlicher, als derjenige der Wolle. Nicht weit von den Schafherden befand ſich eine Schafe zu haben; doch ſind ihre Felle etwas feiner, 77 Stuterey. Hier hielt es ſehr ſchwer, nahe hinzu zu gelangen. Das Geſtuͤte beſtand bloß aus zwey⸗ bis dreyjaͤhrigen Fuͤllen, weil die Mutterpferde im flachen Lande verbleiben. Unter dieſen Pferden herrſcht, was in allen wilden Stutereyen der Fall iſt, eine auffallende Aehnlichkeit der Formen. Dieſe Formen ſind zierlich, die Glieder ungemein fein und ſehr richtig gezeichnet; insgeſammt aber haben dieſe Pferde Mauleſelskreuze, einen ſtark herabhaͤngenden Bauch und den langen und ſteifen Kopf der Italiaͤ⸗ niſchen Roſſe. Die hieſigen Pferde legen, bey aller ihrer Klein⸗ heit, und ungeachtet ſie ſehr ſchlecht genaͤhrt, und noch ſchlechter gewartet werden, gleichwohl große Strecken zuruͤck, ohne daß ihnen der Athem aus⸗ ginge, oder ſich eine Abnahme ihrer Lebhaftigkeit verſpuͤren ließe. Allein weil es ihnen an Schultern und an Kraft im Halsſtuͤcke gebricht, ſo taugen ſie beſſer zu Sattel⸗ als zu Zugpferden. Da uͤbrigens alle groͤßere Verſendungen in Italien durch Ochſen geſchehen, ſo kann die kleine, ſchwaͤchliche Rage den uͤbrigen Dienſt, wozu ſie beſtimmt iſt, gar wohl leiſten. In einer Dornen⸗ und Felſengegend, in die wir im Verfolge unſerer Wanderung eintraten, be⸗ kam ich eine mir bis dahin ganz unbekannt gewe⸗ ſene Gattung der Induſtrie zu Geſichte; es war dieß eine Herde von mehr als zwoͤlf hundert Wan⸗ derziegen. Dieſe Thiere leben immerfort in den Gehoͤlzen, und kennen weder Stall noch Obdach. Verwildert, wie ſie ſind, naͤhern ſie ſich ſelbſt den Hirten bloß zwey Mahle des Tages, um das Salz, welches zur Zeit, da ſie gemolken werden, unter ſie ausgetheilt wird, in Empfang zu nehmen. Uebrigens ſind ſie ſehr ſchoͤn, aber ſcheu, wie die Gazellen, ſo daß wir, um ſie zu beſichtigen, uns in die Huͤtte verſtecken mußten, um die ſie ſich zu einer gewiſſen Stunde verſammelten. Einen Bock fand ich, ſeines Wuchſes wegen, vorzuͤglich bemerkenswerth. In ei⸗ niger Entfernung von dieſen Ziegen weidete auf uͤp⸗ pigem Grunde die meinen Reiſegefaͤhrten zugehoͤrige Morinos⸗Herde. Sie mochte etwa aus drey tau⸗ ſend Stuͤcken beſtehen. Nirgends, ſelbſt nicht zu Rambouillet, habe ich eine ſo ſchoͤne und wohlunterhaltene Herde geſehen. Dieſe Schafe werden aber auch anders gehalten, als das Toscaniſche Wollvieh. Denn anſtatt daß ſie den Winter damit zubringen, die Maremmen zu durchziehen, werden ſie zur Herbſtzeit in die Schaͤfe⸗ reyen von Sala hinabgetrieben, wo das vortrefflichſte Futter ihrer wartet. So fuͤhren ſie nur zur Haͤlfte eine wandelnde Lebensart, und bleiben gleichwohl vor den Anfechtungen des Winters geſichert. Wohl mag dieſe Lebensordnung fuͤr die Mori⸗ nos die einzig dienliche ſeyn; denn von tauſend Stuͤcken, welche die Eigenthuͤmer, durch die Wohl⸗ 79 feilheit der Winterung in den Maremmen angelockt, im Jahr 1311 dort hingeſchickt hatten, gingen ſieben hundert vor Hunger und Elend zu Grunde. Auch ſcheint aus mehrern aͤhnlichen Thatſachen klar hervor⸗ zugehen, daß unter allem Schafvieh die Mérinos diejenige Gattung ausmachen, welche die ſorgfaͤltigſte und koſtbarſte Unterhaltung erfordert. Wir brachten den ganzen Nachmittag damit zu, unter den Huͤtten dieſer Hirten herum zu wandern, und ihre Herden ſowohl, als ihre ganze Nomaden⸗ Wirthſchaft in Augenſchein zu nehmen, die, wie ich Ihnen ſchon bemerkt habe, das Syſtem, welches in Toscana befolgt wird, vervollſtaͤndigt. Auch die Nacht ward unter einem ſolchen Hirtendache ver⸗ ſchlafen. Mit Tagesanbruche verabſchiedete ich mich von meinen Reiſegefaͤhrten, und zog nun mit mei⸗ nem Fuͤhrer allein gegen das Mittellaͤndiſche Meer hinab. Bis jetzt hatte ich nur noch die mitternaͤchtliche Seite der hohen Gebirgskette durchwandert, deren Gipfel erſt noch in der Entfernung von einer halben Stunde Weges vor mir lag. Auf dieſer Hoͤhe iſt die Waſſerſcheide und der Grenzpunct zwiſchen den Gebiethen von Toscana und Parma. Um auf die⸗ ſelbe zu gelangen, mußte noch ein mit dichtem und friſch bethauten Raſen bekleideter Abhang erſtiegen werden. Schon dieſer beherrſcht die ſaͤmmtlichen Ketten der Apenninen; vollends aber in dem Augen⸗ 80 blicke, wo der oberſte Gipfel erreicht iſt, entfaltet ein grenzenloſer Horizont ſich vor des Wanderers Blicken. Noch nie war mein Auge durch einen ſo hehren An⸗ blick entzuͤckt worden: ganz Italien lag ausgebreitet zu meinen Fuͤßen. In wolkenloſer Ferne ſchnitt die lange Kette der Alpen, von Frankreich bis nach Illy⸗ rien, ſo weit nur das Auge reichte, in den Horizont ein, und umfing, als mit einem Silberrahmen, die unermeßliche, von dem Po durchſchlaͤngelte Flaͤche; indeß ich das Erdreich— von dem hohen Ruhe⸗ puncte, auf dem ich mich befand— gleichſam ſtu⸗ fenweiſe, bis an das Ufer des Meeres hinab, immer niedriger werden und zuletzt in den duͤnſtigen Mor⸗ gen⸗Horizont verſinken ſah. Deutlich ließen ſich die Meerbuſen und die Schloͤſſer von Spezzia unter⸗ ſcheiden, und begierig verfolgte mein Blick die praͤch⸗ tige Linie, welcher entlang das Meer von Toscana's Kuͤſten ſich gleichſam ehrfurchtsvoll beugt, um ſich alsdann wieder zu entfernen, und tiefer hinab die Geſtade von Neapel zu verſchoͤnern. Hier, bey'm Ueberblicke dieſes im Alterthume beruͤhmten Landes, befand ich mich gleichſam im Angeſichte der ganzen Geſchichte, von der Landung des Aeneas an den Ufern der Tiber, bis zu den V Bluttagen von Marengo und Lodi. In meinen Gedanken wohnte ich allen jenen Ereigniſſen mit bey, und bey der Betrachtung dieſer großen, gleich einem Panorama offen vor mir liegenden Weltbuͤhne, 1 81 verdraͤngte ein Eindruck den andern in dem Gemuͤthe. Kein Reiſender durch Italien wird es bereuen, den Nebenausflug nach dem hier beſchriebenen Stand⸗ puncte, der allerdings zu den merkwuͤrdigſten in ganz Europa gehoͤrt, unternommen zu haben; beſonders, da jetzt von Parma bis Pontrémoli eine fahrbare Straße angelegt iſt, und man von dem letztgenann⸗ ten Orte bis auf die oberſte Hoͤhe nicht laͤnger als drey Stunden zu reiten hat, ſo daß man am glei⸗ chen Tage wieder bis Pontrémoli zuruͤckkehren kann. Uebrigens laͤßt dieſe Reiſe, die vielleicht noch intereſ⸗ ſanter iſt, als diejenige durch die Eisgebirge Sa⸗ voyens, ſich einzig zur Sommerzeit unternehmen. Die meiſten Reiſen aber durch Italien werden im Winter gemacht, wo man dann zwar wohl mit Kir⸗ chendenkmaͤhlern und Graͤbern bekannt wird, hinge⸗ gen nichts von allen den großen Reichthuͤmern der Natur, womit jenes ſchoͤne Land ausgeſtattet iſt, zu Geſichte bekommt. Jetzt befand ich mich an den Grenzen von Tos⸗ cana, was ſich ſchon daraus zeigte, daß ſich ein nied⸗ licher, ſechs Fuß breiter, laͤngs der Gebirgsabhaͤnge kuͤnſtlich angelegter, Weg zum Hinabſteigen vorfand, der von Berge zu Berge bis an das Thal hinunter⸗ fuͤhrt, das die Magra durchfließt, und in welchem Pontrémoli liegt. Dieſer Weg, welcher als Muſter fuͤr Alpenſtraßen dienen koͤnnte, iſt, wie ſo manches Nuͤtzliche in Toscana, ein Werk Leopolds, deſſen Briefe üb. Italien, 1. Thl. 6 82 Sorgfalt fuͤr ſein Land ſich bis auf die Herden er⸗ ſtreckte: denn der einzige Zweck jener Straße geht dahin, dieſen den Zugang zu ihren Bergweiden zu erleichtern.. So wie man auf dem erwaͤhnten Pfade tiefer gegen das Mittellaͤndiſche Meer hinabſteigt, faͤngt auch die Natur an, in veraͤnderter Geſtalt zu er⸗ ſcheinen. Jene fruchtbaren Felder und Getreidepflan⸗ zungen, und jene Wieſen mit ihren Canaͤlen, jene Eichen und Weidengebuͤſche verſchwinden; man be⸗ findet ſich unter ſuͤdlichem Himmel, und durchwan⸗ dert Gehoͤlze von Oliven und Steineichen, von Cy⸗ preſſen und Lorbern; und ſtatt der kleebewachſenen Wieſengruͤnde ſieht der Wanderer Hyacinthen und Tuberoſen unter ſeinen Fuͤßen bluͤhen und treiben. Es ſind dieß die Genueſiſchen Gebirge. Jenſeits der Magra, welche die niedrigern Berg⸗ ketten von den hohen Apenninen, die wir jetzt durch⸗ reiſet hatten, ſcheidet, betraten wir den Grund und Boden von Genua, mit aller ſeiner Pracht, ſeinem Elende und ſeiner Verlaſſenheit. Jetzt fuͤhrte der Weg, uͤber unfruchtbare, mit Zwerg⸗Kaſtanienbaͤu⸗ men beſetzte Hoͤhen und Abhaͤnge, durch einige von den Waldſtroͤmen zur Haͤlfte ausgewuͤhlte Thaͤler, und durch Doͤrfer von elendem Ausſehen, deren Ein⸗ wohner das Gepraͤge des Verbrechens auf der Stirne zu tragen ſchienen, nach Compiano, einem Flecken, der ganz Europa mit Affen⸗ und Wildthierfuͤhrern 83 verſieht; und endlich langte ich auf einem ſchmalen Pfade, das Karnieß(la cornice) genannt, bey der Poſt⸗Station von Bracco an. In Betreff der Cultur dieſer Gebirge bleibt mir nur weniges zu be⸗ merken. Da es an Weiden fehlt, ſo wuͤrde man hier auch die Induſtrie der Hirtenvoͤlker umſonſt ſuchen. Der ganze Viehſtand iſt auf Ziegen und etliche Haͤmmel beſchraͤnkt. Die Kaſtanienbaͤume, wenn gleich von duͤrftigem Wuchſe, liefern die Haupt⸗ nahrung der Einwohner. Einige Aushuͤlfe verſchaf⸗ fen die in den Thaͤlern wachſenden Olivenbaͤume und Weinreben, ſo wie auch der Tuͤrkiſche Weizen. Was aber den Haupterwerb dieſes Volkes ausmacht, iſt die See-Induſtrie und das Auswandern. In den Umgebungen von Bracco faͤngt man auch hin und wieder an, Kartoffeln zu pflanzen, was ganz vortrefflich von Statten geht. So bemerkte ich nahmentlich bey der Poſt von Bracco einen ganz neuen, mit viel Einſicht veran⸗ ſtalteten, Aufbruch mit einer ſchoͤnen Erdaͤpfelpflan⸗ zung, uͤber die ich dem Poſtmeiſter, als dem ver⸗ meinten Beſitzer derſelben, meine Freude bezeugte. Er aber ſagte mir, daß dieſelbe den Gendarmen der Nation zugehoͤre, mit Beyfuͤgen, daß eben dieſe Gendarmen, deren Zahl man in dieſen Kuͤſtenlaͤn⸗ dern aus begreiflichen Gruͤnden bedeutend habe ver⸗ mehren muͤſſen, den Kartoffelbau daſelbſt eingefuͤhrt, und dieſer durch die ihr Beyſpiel nachahmenden 6* 84 Bauern in den verfloſſenen Theuerungsjahren unge⸗ mein große Fortſchritte gemacht habe. Ich konnte nicht umhin, dieſem ganz eigenen Wege, deſſen die Vorſehung ſich bedient hat, um dieß Land mit jenem Producte, vermuthlich dem ein⸗ zigen, das ſich mit ſeiner elenden natuͤrlichen Be⸗ ſchaffenheit haͤtte vertragen koͤnnen, bekannt zu machen, meine Bewunderung zu zollen. Dieſen Weg haͤtte wohl keine landwirthſchaftliche Geſellſchaft ausgedacht. So hatte ich denn die ganze Kette der Apenninen durchreiſ't, und befand mich nun an der Kuͤſte von Genua. Dieſer entlang ſetzte ich meinen Weg fort bis oben an den Meerbuſen, wo jene beruͤhmte Stadt den Thron, von dem ſie dieſe Meere beherrſcht, ſcheint aufgeſchlagen zu haben. Ich will Ihnen nichts von Genua's Glanze erzaͤhlen, noch von ſeinen Pallaͤſten, noch von den Trophaͤen ſeines vormahligen Ruhmes: uͤber dieß alles haben ſich bereits unzaͤhlige Reiſebeſchreiber aus⸗ geſprochen. Einzig den ſonderbaren Anblick der un⸗ fruchtbaren und dabey prachtvollen Natur, welche die Umgebungen jener Stadt bildet, moͤchte ich Ihnen noch ſchildern; was durch die Fortſetzung meines ein⸗ fachen Reiſeberichtes am fuͤglichſten wird geſchehen koͤnnen. Es war Abends um ſechs Uhr, als ich wieder von Genua abreiſ'te, um mich laͤngs dem Meere auf dem ſo geheißenen Karnieße nach Toscana zu bege⸗ „— 85 ben. Dieſer Weg iſt zur Stunde noch nichts wei⸗ ter, als ein laͤngs dem Ufer oder an den Gebirgsab⸗ haͤngen angelegter Fußſteig, der aber binnen weni⸗ gen Jahren in eine praͤchtige, ſich rings um den Golf ziehende, Italien mit Frankreich vereinigende Terraſſe umgeſchaffen ſeyn wird. Theilweiſe iſt dieſe neue Straße ſchon wirklich fertig. Da aber dieſe Wegſtrecken nicht zuſammenhaͤngen, ſo konnte ich mich derſelben nicht bedienen, und zog vor, den Cou⸗ rier, welcher die Reiſe nach Toscana ebenfalls zu Pferde zu machen pflegt, zu begleiten. Es war gerade ein Feſttag, und die ganze Ein⸗ wohnerſchaft von Genua hatte ſich in die Umgebun⸗ gen der Stadt ausgegoſſen, um in dieſer ſchoͤnen Jahreszeit die friſche Meeresluft und die Wohlge⸗ ruͤche der Orangenbaͤume einzuathmen. Die Sonne ſtand im Begriff, hinter den Saum der Gebirge zu verſinken, und die Luſthaͤuſer an den Abhaͤngen der Berge begannen, ſich in ein magiſches Helldunkel zu huͤllen, ſo daß ſich die Fresko⸗Gemaͤhlde auf ihren Nordſeiten kaum mehr unterſcheiden ließen. Zierlich gekleidete Frauen, deren Neugierde ſich durch den Galopp unſerer Pferde gereizt ſah, kamen herange⸗ laufen unter die den Weg einfaſſenden Lauben. Je⸗ ner, die Geſtalt und den Wuchs verhuͤllende Schleyer, in den ſie ſich in fruͤhern Zeiten zu huͤllen pflegten, war jetzt verſchwunden, und eben ſo jener Schawl, Mezzaro genannt, deſſen ſich etwa die Coquetterie 86 zu ihren Unternehmungen bedient haben ſoll. Da⸗ gegen trugen ſich dieſe Damen ſo, wie es in Frank⸗ reich und in andern Laͤndern Sitte iſt. Nach einer Stunde Weges hoͤrte die neue Straße auf, und wir waren genoͤthigt, etwas lang⸗ ſamer zu reiſen. Mit einbrechender Nacht hatten auch unſere kuͤnſtlich decorirten Umgebungen ein Ende, und die gebahnte Straße verwandelte ſich in einen ſteinigen Fußpfad, deſſen Kruͤmmungen uns bald durch Olivengehoͤlze, bald an das Ufer des Meeres hinfuͤhrten. Nicht lange, ſo herrſchte ein tiefes naͤchtliches Dunkel. Die Einwohner hatten ſich aus der laͤnd⸗ lichen Natur in ihre Wohnungen zuruͤckgezogen. Die Pflanzen, der Straße entlang, hauchten mancherley liebliche, mir unbekannte Wohlgeruͤche aus. Nach⸗ tigallen, verborgen im Schatten der Nacht und der Baͤume, ſtimmten zu unſern Fuͤßen ihr Lied an. Ganze Schwaͤrme von Glanz⸗Inſekten flatterten von Blume zu Blume, und glichen, alle Staubfaͤden und Kelche mit fluͤchtigem Lichte erleuchtend, einem, um die Erdennaͤchte mit ſeinem Zauber zu erhellen, vom Himmel gefallenen Sternenheer. Im Vertrauen auf die Gewohnheitsfertigkeit meines Pferdes, hatte ich ihm den Zaum uͤber dem Halſe zuſammengeknuͤpft, und uͤberließ mich ganz ruhig ſeiner Fuͤhrung. Waͤhrend des Reitens athmete ich die friſche, aber immer noch milde und laue Abendluft 87 ein, und hoͤrte das Murmeln der am Ufer erſterbenden Meereswogen. Der Himmel war ſo heiter und das Wetter ſo ſtille, daß jene, obgleich aus weiter Ferne kommenden, Wellen ſich nicht lauter vernehmen ließen, als das Plaͤtſchern eines Baches. Ich uͤberdachte meine vor weniger Zeit angetretene Reiſe, und ver⸗ gnuͤgte mich an den lachenden Bildern der reizenden Gegenden, die mich erwarteten. Auch meine Jugend⸗ jahre, in denen ich das ſchoͤne Italien auf eben die⸗ ſem Wege zum erſten Mahle bereiſet hatte, ſtellte meine Fantaſie mir aus einer Entfernung von zwan⸗ zig Jahren vor Augen. Damahls hatte mich ein Freund meiner fruͤheſten Kindheit begleitet. Dieſer Freund iſt nicht mehr, und hat, gleich vielen andern, ſein Grab in fernen Laͤndern gefunden. Mit ihm waren eben meine Gedanken beſchaͤftigt, als ich durch die Stille der Nacht einen ſehr entfernten Kanonen⸗ donner daherrollen hoͤrte. Die Schuͤſſe, deren ich nicht mehr als ſechs zaͤhlte, toͤnten vom Meere her. Vermuthlich war es ein Engliſches Fahrzeug, das auf ein Kuͤſtenſchiff feuerte, um es die Segel ſtrei⸗ chen zu machen. Bald wallete dann uͤber Meer und Ufer wieder die vorige Stille. Gern haͤtte ich Halt gemacht, um alle die Eindruͤcke dieſer fuͤr mich aus Ruhe und Regungen der Unruhe zuſammenge⸗ ſetzten Nacht ungehindert aufzufaſſen. Die ganze Natur ſprach zu mir in einer noch nie vernommenen, mit der Reinheit des Himmels und der Stille des 88 Meeres im Einklange ſtehenden Sprache. Unter Blu⸗ menduͤften und dem milden Einfluſſe des Clima ſchuf ſich um mich her eine fantaſtiſche Welt, welche zu ver⸗ ſchoͤnern meine Einbildungskraft ihre Luſt fand. Wie gern haͤtte ich den Zeitpunct des Erwachens aus die⸗ ſen Fantaſien, und das auf den Anbruch des Tages bevorſtehende Ende dieſes Traumes voll entzuͤckender Taͤuſchung, noch weiter hinausgeſchoben Der Horizont erſchien mir bey'm Wiederauf⸗ gange der Sonne in vollendeter Pracht. Ich befand mich in der Naͤhe von Seſtri, auf einer der, vor we⸗ niger Zeit, zum Behufe der projectirten Straße in die Felſen eingehauenen Terraſſen. Das Meer, uͤber welches von hier aus eine weite Ausſicht ſich aufthut, war unruhiger als geſtern Abends. Ein von Afrika her ſich erhebender Wind bewegte die Flaͤche. Brechend ſchlugen die Wogen tief unter mir an das Ufer. Ein feiner Staubregen benetzte die Felſen und befeuchtete die in den Spalten der⸗ ſelben wachſenden Geſtraͤuche. In Silbertinten ver⸗ breitete die Kuͤhle des Morgens ſich uͤber die Ab⸗ haͤnge der Gebirge. In einigen der Bergſchluchten waren im Schatten von Weinſtoͤcken und Feigen⸗ baͤumen Haͤuſer zu ſehen. Die Vorderſeiten dieſer Wohnungen, in Fresko bemahlt, hatten das taͤu⸗ ſchende Ausſehen zierlicher, in edelm Geſchmacke auf⸗ gefuͤhrter Gebaͤude. Um die flachen Daͤcher zogen ſich mit Jasmin und Waldreben gekroͤnte Gelaͤnder. — — — 89 Mit Ausnahme dieſer Wohnungen und ihrer Umge⸗ bungen, erſchien die ganze Gegend entweder in duͤrrer Nacktheit, oder in unnuͤtzem Schmucke. Ueberhaupt ſcheinen die Genueſiſchen Gebirge geſchaffen zu ſeyn, um die Menſchen zu lehren, daß die Natur zuweilen Gefallen daran finde, mit Beyſeitſetzung nuͤtzlicher Zwecke, bloß ein eiteles Prunkgewand zur Schau zu legen. Denn von allen dem, was zum Lebensun⸗ terhalte dient, bringt ſie in dieſen Gegenden durch⸗ aus nichts hervor, waͤhrend eine Menge bloß zur Zierde dienender Erzeugniſſe des Pflanzenreichs rings um den Wanderer aufbluͤhen. Baunfruͤchte findet man hier auch keine, noch reift dem Reiſenden eine Ernte entgegen: denn in dieſem Felſenlande iſt jeder Halm eine Blume, und jedes Geſtraͤuch ein Lorber⸗ baum. Den ganzen Tag uͤber ſetzte ich, umgeben vom Glanze dieſes unfruchtbaren Landes, meinen Weg auf Fußſteigen fort. Kaum daß ich in den armſeli⸗ gen Huͤtten, wo wir die Pferde wechſelten, etwas zu eſſen bekommen konnte. Auch die Pferde fanden auf dem ihnen zum Weideplatze angewieſenen Berge nicht hinlaͤngliche Nahrung. Dieſe Thiere, die aus den Toscaniſchen Maremmen gezogen werden, waren hager und klein; doch ſah man ſie mit bewunderungs⸗ wuͤrdiger Herzhaftigkeit die Gebirgsabhaͤnge erklet⸗ tern. Man laͤßt ſie frey und wied aufwachſen: da⸗ her ihr außerordentlicher Muth und ihr ſtoͤrriſcher 90 Charakter. Nachdem ich eine der oberſten Hoͤhen erreicht hatte, entdeckte ich das weit ausgebreitete, von Olivenhuͤgeln umkraͤnzte, Waſſerbecken von Spez⸗ zia. Gegen das Thal hinab wurde der Weg breiter, und von der Ebene bis nach Sarzana ging es wieder auf der neuen, bis jetzt noch von keinem Fuhrwerke befahrenen, mit Sand uͤberſchuͤtteten Straße. Da in dieſer Gegend noch kein Wagen zu finden war, ſo ſetzte ich meine Reiſe zu Pferde fort bis nach Sar⸗ zana, wo ich mit Anbruch der Nacht anlangte. Morgen, mein Freund, geht es weiter fort nach Toscana, von welchem Lande aus ich Ihnen dann Schilderungen anderer Art zu machen, eine ganz an⸗ dere Natur und Induſtrie zu beſchreiben habe. — Sechster Brief. Florenz, 13. May 1813. Dieß Mahl, mein Freund, moͤchte ich Ihnen, nicht zwar in landwirthſchaftlicher Hinſicht, denn wer ſollte nach Sismondi ſich noch deſſen erkuͤhnen, ſondern lediglich als Ortsbeſchreibung, eine Schilderung jener reizenden Gegenden, die unter dem Nahmen Tos⸗ cana bekannt ſind, nach Maßgabe der Art und Weiſe, wie mich mein Reiſeplan ſelbſt in dieß Land ein⸗ und durch dasſelbe hindurch gefuͤhrt hat, entwerfen. Toscana begreift drey einander ſehr ungleiche Gegenden in ſich. Der Arno, ſeinen lachenden Thal⸗ grund durchfließend, zeichnet mitten in den Gebirgen ein Becken, von welchem Florenz den Mittelpunct ausmacht, und das ſich ſuͤdwaͤrts bis nach Cortona, und weſtlich bis nach Piſa erſtreckt. Dieß hier und da allzu eingeengte Becken verwandelt ſich naͤher gegen das Meer hin in eine ſpiegelglatte, waſſerfreye Ebene, von ſehr weitem Umfange. Das rechte Ufer des Arno wird von der hohen 92 Gebirgskette des Apennins begrenzt. Das linke Ufer erſtreckt ſich bis an das Meer und die Grenze des Kirchenſtaats. Letzteres biethet einen ziemlich unfruchtbaren, unebenen, muͤhſam bearbeiteten Bo⸗ den von groͤßten Theils ungeſunder Luft dar, deſſen hoͤchſte Puncte insgeſammt mit Ruinen aus allen Zeitaltern gekroͤnt ſind. Die Apenninen⸗Gegend umfaßt zwey Sechstel des ganzen Flaͤcheninhalts von Toscana. Nicht mehr als ein Sechstel nimmt das uͤberaus fruchtbare Ar⸗ no⸗Thal ein, wogegen man drey Sechstel fuͤr die Maremmen, oder das Land rechnet, in welchem die ungeſunde Luft herrſcht. Siena kann als die Hauptſtadt dieſes Theiles von Toscana betrachtet werden. Demnach wuͤrde ſich der fruchtbare und lachende Theil von Toscana auf ein Sechstel der Ausdeh⸗ nung des ganzen Landes beſchraͤnken, und dieſe Ge⸗ gend iſt es ausſchließlich, von welcher bis jetzt alle Reiſende geſprochen haben. Ich werde dieſelbe zwar auch nicht unerwaͤhnt laſſen; zugleich aber moͤchte ich Sie auch mit jenen weniger bekannten, ungeſunden und wilden Revieren bekannt machen, welche die Natur vor der Zeit ihres Lebens beraubt und zur Unfruchtbarkeit verdammt zu haben ſcheint, und die uͤberall Spuren gluͤcklicherer Zeiten und ei⸗ nes verſchwundenen Wohlſtandes zur Schau tragen. Zwey Mahl iſt Toscana der Schauplatz der hoͤchſten * 93 Civiliſirung geweſen, und die Einwirkung des Men⸗ ſchen auf die Urkraͤfte der Natur duͤrfte ſich vielleicht in keinem Lande beſſer beobachten laſſen, als in dieſem. In meinem naͤchſt vorhergehenden Briefe habe ich Ihnen die Beſchaffenheit und das Ausſehen der Apenninen beſchrieben, dieſer Gebirgswelt, die dem Auge nichts Anderes mehr darbiethet, als Thaͤler, durch Waſſerſtroͤme verwuͤſtet, Haufen von Geſchiebe und Truͤmmern, beholzte Abhaͤnge und unbebaute, zu Weideplaͤtzen dienende Triften. Auch die Tosca⸗ niſchen Apenninen liefern Zuͤge zu einem aͤhnlichen Gemaͤhlde, und ich gedenke mich dießfalls in keine Wiederhohlungen einzulaſſen. Es iſt jedoch dieſe Florentiniſche Gebirgsnatur, gleich als ob ſie den freundlichen Einfluß der Naͤhe jenes irdiſchen Ely⸗ ſiums verſpuͤrte, mit etwas mildern Beſtandtheilen verſetzt. Die Berggipfel ſind etwas niedriger, ihre Abhaͤnge weniger ſteil, die Weideplaͤtze friſcher und die Thalgegenden ſtaͤrker bewohnt. Die Einwohner aber ſind, wie in der ganzen uͤbrigen Apennin⸗Ge⸗ gend, arm, nähren ſich von Kaſtanien, und leben von den Vortheilen, welche ihnen das Auswandern nach Florenz, Livorno, in das fruchtbare Arno⸗Thal und nach den Bergwerken der Inſel Elba, durch die Ar⸗ beit, die ſie da finden, gewaͤhrt. Der Arno durchſtroͤmt, oberhalb der Stadt Flo⸗ renz, das Chiana⸗Thal. Dieſes Thal gleicht in al⸗ len Beziehungen dem ſich von der Hauptſtadt bis 94 nach dem Meere hinziehenden Arno⸗Thal. Eine Beſchreibung dieſes letztern wird demnach fuͤr eine Schilderung des ganzen, von jenem Fluſſe durch⸗ ſtroͤmten, Thalgrundes gelten koͤnnen. Mein Ausflug ging von Florenz aus. Ganz allein verfolgte ich meinen Weg, laͤngs dem Fuße der Apenninen, am rechten Ufer des Arno, uͤber Piſtoja und Lucca bis Piſa hinab. Den Fuß dieſer Gebirge bedecken Olivenwaͤlder, durch deren Laubwerk dem Auge der Anblick einer zahlloſen Menge kleiner, alle dieſe Grundflaͤchen bevoͤlkernder, Pachthoͤfe entzogen bleibt. Die hoͤher gelegenen Bergruͤcken ſind mit Kaſtanienbaͤumen bewachſen, deren kraͤftiges Gruͤn mit der blaſſen Faͤrbung des Oehlbaums einen Ge⸗ genſatz bildet und einen gewiſſen Glanz uͤber dieß Amphitheater verbreitet. Der Weg, welchen ich zu dnteſwandeen hatte, war zu beyden Seiten mit laͤndlichen, nicht uͤber hundert Schritte von einander entfernten, von Zie⸗ gelſteinen aufgefuͤhrten, und insgeſammt mit einer in unſern Himmelsſtrichen unbekannten Richtigkeit der Verhaͤltniſſe und Eleganz der Formen ausgeſtat⸗ teten, Wohnungen eingefaßt. Dieſe Haͤuſer, die in einem einzigen, auf der Vorderſeite oft nicht mehr als zwey Fenſter und eine Thuͤre habenden Pavillon beſtehen, liegen alle etwas zuruͤck von der Straße, und ſind von dieſer durch eine Bruſtmauer und eine etliche Fuß breite Terraſſe abgetrennt. Auf dieſer 95 Mauer ruht in der Regel eine Anzahl Vaſen von antiker Form, aus denen Aloen, junge Orangen⸗ baͤume und mancherley Blumen emporſproſſen. Die Haͤuſer ſelbſt ſind von oben bis unten mit Wein⸗ ranken bezogen, ſo daß man zur Sommerszeit kaum zu unterſcheiden im Stande iſt, ob man zwiſchen Laubhuͤtten von natuͤrlichem Gruͤn, oder zwiſchen Wohnungen wandle, deren Einrichtung auch fuͤr den Winter taugt. Vor dieſen Haͤuſern erblickt man ganze Scharen junger, in weiße Leinwand gekleideter, Baͤuerinnen mit ſeidenen Corſetten und Strohhuͤten, die mit Blumen geſchmuͤckt ſind und ſich uͤber den Kopf herabbeugen. Dieſe Frauen und Naͤdchen ſind fortwaͤhrend mit Verfertigung jener feinen Strohge⸗ flechte beſchaͤftigt, woraus die Florentiner⸗Strohhuͤte fabricirt werden, und welche den Hauptreichthum die⸗ ſes Thales ausmachen. Die Verfertigung dieſer Strohhuͤte iſt zur vor⸗ nehmſten Wohlſtandsquelle des Arno⸗Thales er⸗ wachſen, und bringt alljaͤhrlich drey Millionen ein, die ſich, da die Maͤnner ſich mit dieſem Zweige des Kunſtfleißes nicht befaſſen, ausſchließlich unter das weibliche Geſchlecht vertheilen. Jedes junge Maͤd⸗ chen kauft fuͤr einige Soldi das benoͤthigte Stroh; biethet alle ihre Kraͤfte auf, um dasſelbe ſo fein, als immer moͤglich, zu flechten, und verkauft dann die von ihr verfertigten Huͤte in eigener Perſon und fuͤr * 96 ihren eigenen Vortheil. Aus dem auf dieſe Weiſe gewonnenen Gelde bildet ſich nach und nach ihr Hei⸗ rathsgut. Inzwiſchen kommt dem Hausvater das Recht zu, von dem weiblichen Theile ſeiner Familie ein gewiſſes Maß von Feldarbeit in ſeiner Meierey zu fordern. Um dieſen Forderungen ein Genuͤge zu leiſten, laſſen ſich die Maͤdchen des Flachlandes Ar⸗ beiterinnen vom Gebirge her kommen, welche an ih⸗ rer Statt die verlangten Dienſte auf dem Felde leiſten, und dafuͤr von den Flaͤchenbewohnerinnen, aus dem Gelde, welches dieſe mit ihrem Hutflechten verdienen, entſchaͤdigt werden. Dieſe Maßregel ge⸗ waͤhrt den Toscaniſchen Strohflechterinnen einen ge⸗ doppelten Vortheil. Einmahl gewinnen ſie mit ihrer Arbeit taͤglich dreyßig bis vierzig Soldi, waͤhrend ſie ein armes Weib aus den Apenninen mit einem Ta⸗ gelohn von nicht mehr als acht bis zehn Soldi be⸗ zahlen muͤſſen; und zweytens behalten auf dieſe Weiſe ihre Finger fortwaͤhrend die zu einer ſo feinen Arbeit erforderliche Gelenkſamkeit, die ſie, wie mich die Maͤdchen ſelbſt veeſichert haben, durch Verrich⸗ tung der, ihre Haͤnde verhaͤrtenden, Feldarbeiten in kurzer Zeit verlieren wuͤrden. Und dieß, mein Freund, waͤren denn die von ſo manchen Reiſenden, ihrer Grazie und Scwoͤnheit wegen, ſo hochgefeyerten Baͤuerinnen des Arno⸗ Thals, deren Mundart Alfieri zu ſeinem beſondern Studium machte, und die in der That dazu geboren — —,— 97 ſcheinen, um die Kuͤnſte zu veredeln und ſelbſt ihnen als Modelle zu dienen. Sie ſind wahre Schaͤferin⸗ nen Arcadiens, ſind es aber darum, weil ſie nicht zu der Claſſe der eigentlichen Baͤuerinnen gehoͤren: denn ſie leben zwar ſo geſund und ſorglos als dieſe, wiſſen aber nichts von brennender Sonnenhitze, noch etwas von den Strapazen und Muͤhſalen, die dem Leben des Landbauers im Gefolge gehen*). *) Auch der Ueberſetzer, deſſen Fantaſie nahmentlich dieſe Beſchrei⸗ bung des lachenden Arno⸗Thales eine lange Reihe anmuthiger, im Schooße eben dieſer Natur verlebter, vom Strome der Zeit längſt fortgeriſſener Jugendtage in voller Lebhaftigkeit wieder vergegenwärtigt, hat an dem Anbiick dieſer eleganten, oft ſehr hübſchen und dabey meiſt beſcheidenen Bewohnerinnen der Um⸗ gegend von Florenz, in Geſellſchaft mehrerer, zur Stunde theils in alle Welt zerſtreuter, theils längſt aus den irdiſchen Zonen entwichener Freunde, ſich gar manchmahl ergetzt. Der, den hier beſchriebenen nicht unähnliche, jedoch mit einigen luftigen Zim⸗ mern zum Vermiethen verſehene, in einen Wald von Oliven und Feigenbäumen und Weinreben begrabene Pachthof(podere), in deſſen Mauern ihm zwey heitere, ſorgenfreye Sommer, gleich einem ſchnell entfliehenden Traume, verſloſſen ſind, liegt zwey Italiäniſche Meilen nordwärts von Florenz, ganz nahe an dem Großherzoglichen, vom Berge Morello beherrſchten Luſtſchloſſe Caſtello, unweit von dem Dorfe gleichen Nahmens und nahe bey dem anſehnlichen Damenſtiſte von Quiete. Wer die weibliche Welt dieſer Landgegend in ihrem höchſten, durch die Nähe der Hauptſtadt vielleicht etwas zu ſehr erhöheten Glanze und Putze, wovon der Strohhut von eigener Arbeit ei⸗ nen nicht unbedeutenden Beſtandtheil ausmacht, ſehen und be⸗ trachten wollte, hatte ſich, um ſeines Zieles nicht zu verfehlen, an einem Sonn⸗oder Feſttage nach der Dorfkirche von Caſtello, oder nach dem Stiftstempel von Quiete, oder auch, wenn er, vermittelſt eines etwas weitern Ganges, ſich zugleich einen herr⸗ lichen Ueberblick des Thalgrundes von Florenz und der Stadt ſelbſt verſchaffen wollte, nach den etwas höher gelegenen Kloſter⸗ Briefe üb. Italien, 1. Thl. 7 98 Man hat mich verſichert, ein Flaͤchenraum von nicht mehr als zwey Morgen Landes reiche hin, um alles zu der Toscaniſchen Hut⸗Fabrication erforder⸗ liche Stroh zu liefern. Es iſt dies das Stroh von einer unbaͤrtigen Art von Weizen, den man in un⸗ fruchtbarem Boden abſichtlich zu duͤnnen, magern Pflanzen gezogen und vor ſeiner voͤlligen Reife abge⸗ hallen der Benedictiner von Caſtellino, oder endlich in die Nähe einer Ballſpiel⸗Partie(giuco di pallone), wie ſolche meiſt unmittelbar unter den Stadtmanern von Florenz, oft vor Tau⸗ ſenden von Zuſchauern, gegeben werden, hin zu begeben Auch zu Fieſole konnte er, an den weit umher berühmten Jahrmarkts⸗ tagen, ſicher ſeyn, die ſchönen, in der Niedlichkeit der Kleidung und des Putzes, und in der bis zu Coketterie geſteigerten Kunſt, den reich bebänderten Hut auf dem beweglichen Köpfchen in die vortheilhafteſte Lage zu ſetzen, mit einander wetteifernden Tos⸗ caniſchen Bäuerinnen und Landmädchen zu ganzen frohſinnigen Geſpielſchaften vereinigt zu ſehen. — Wenn eine ſolche, von der Glücksgöttinn auch nur einiger Maßen bedachte Toscanerinn auf dem Lande Branut wird, ſo pflegen ihre Aeltern, nach allgemeiner, auch in der Hauptſtadt häufig befolgter Sitte, ihre ganze Ausſtattung, vom Brautrocke, mit welchem angethan ſie den wichtigen Gang zum Altare zu thun gedenkt, bis zur letzten Stecknadel und der kleinſten Parti⸗ kel ihres Bänderreichthums hinab, für Nachbaren und Nachba⸗ rinnen, für Jung und Alt, für Verwandte, Freunde und Ge⸗ ſpielinnen der Verlobten, ja für die ganze Dorfgemeinde, in welche das väterliche Haus eingepfarrt iſt, in einem eigenen 4 Zimmer auf mehrere Tage, in der Regel die letzten vor der Hochzeit, zu beliebiger Einſicht und in ſchönſter Ordnung zur Schau zu legen, bey welchen Antäſſen nicht ſelten ein Aufwand zum Vorſchein kommt, der mit der übrigen, in den meiſten die⸗ ſer Pachthöfe herrſchenden Eingezogenheit, mit der Einfachheit des Hausgeräthes nicht weniger, als mit der Sparſamkeit im Eſſen und Trinken, deren der Verfaſſer in dem vorliegenden Briefe ebenfalls Erwähnung thut, einen ſehr auffallenden Con⸗ traſt bildet. 3 A. d. Ueb. ———— 99 hauen hat. Der Boden zu ſolchen Pflanzungen wird auf den Kalkhuͤgeln ausgeſucht, durchaus nicht geduͤngt und der Weizen ſehr dicht angeſaͤet. Daß die Wohnhaͤuſer in dieſen Gegenden ſo nahe beyſammen ſtehen, fuͤhrt auf die natuͤrliche Vermuthung, daß auch der Umfang der Beſitzungen, zu deren Bewerbung ſie dienen, ſehr beſchraͤnkt, und der Grund und Boden in dieſen Thaͤlern in uͤberaus kleine Portionen zerſtuͤckelt ſeyn moͤchte. Wirklich haͤlt ein ſolches Gut oft nur drey, und nie uͤber zehn Morgen Landes. Die Grundſtuͤcke liegen um die Behauſungen herum und ſind durch kleine Canaͤle oder Baumreihen in Felder getheilt. Dieſe Baͤume ſind zum Theil Maulbeerbaͤume, groͤßten Theils aber Pappeln, deren Blaͤtter dem Vieh zur Nahrung dienen. Jeder derſelben traͤgt einen Weinſtock, deſ⸗ ſen Ranken der Paͤchter in zahlloſen Richtungen zu verſchlingen weiß. Inzwiſchen ſind die oblongen Vierecke, in welche jene Pachthoͤfe getheilt ſind, doch geraͤumig genug, um vermittelſt eines mit zwey Ochſen beſpannten Pfluges ohne Raͤder umgeackert werden zu koͤnnen; daher denn auch zehn oder zwoͤlf Paͤchter zuſammen ſich ein Paar ſolcher Thiere halten, die dann von ihnen der Reihe nach zur Bewerbung der ſaͤmmt⸗ lichen Meiereyen gebraucht werden. Dieſe Ochſen werden aus dem Kirchenſtaate und den Maremmen gezogen. Sie ſind von Ungariſcher Rage, ungemein 7 P 100 gut genaͤhrt und tragen Ueberdecken von weißen Tuͤ⸗ chern, die mit allerley Stickereyen und andern Zier⸗ rathen von rother Farbe ausgelegt ſind. Mit ſehr wenigen Ausnahmen wird auf jedem Pachthofe ein Pferd unterhalten. Dieſe Pferde ſind ſehr fein und zierlich geformt. Man ſpannt ſie vor kleine, kuͤnſtlich verfertigte und roth bemahlte Karren mit zwey Raͤdern. Alle Transporte werden durch ſie gemacht. Auch iſt es ihr Geſchaͤft, die Toͤchter des Paͤchters in die Meſſe und auf den Ball zu fuͤh⸗ ren; daher man an Feſttagen alle Straßen mit ſol⸗ chen kleinen Wagen bedeckt ſieht, die mit jungen, mit Baͤndern und Blumenſchmuck prangenden Maͤdchen beladen, hundertweiſe nach allen Himmelsgegenden hinfliegen. Die Meiereyen des Arno⸗Thals erzeugen nicht Futter genug, um Kuͤhe ernaͤhren zu koͤnnen; daher die Paͤchter auf den Gedanken gerathen ſind, ſich auf das Auffuͤttern von jungen Rindern zu beſchraͤnken. Sie kaufen die Kaͤlber, wenn ſie drey Monathe alt ſind, ziehen dieſelben groß, und verkaufen ſie als an⸗ derthalbjaͤhrig an den Fleiſcher, um alsdann eben dieß Gewerbe mit juͤngern Thieren von neuem anzu⸗ fangen. Dieſe Rinder werden von den Viehhaͤnd⸗ lern ob den Weideplaͤtzen der Maremmen nach dem Arno⸗Thale zu Markte getrieben. Daß der Toscaniſche Landmann ſich auf einen ſo hoͤchſt unbedeutenden Viehſtand beſchraͤnken muͤſſe, 101 wird um ſo begreiflicher, wenn man bedenkt, daß es in dem Arno⸗Thale keine natuͤrliche Wieſen gibt, und daß Baumblaͤtter, Ueberreſte von Kuͤchengewaͤch⸗ ſen und etwas wilder Klee die einzigen Futtergat⸗ tungen ſind, welche dem Vieh zu Theil werden. Alles Uebrige bleibt fuͤr die Menſchen aufbehalten, die ſich, in Folge einer ſich von dem fernſten Alter⸗ thum her datirenden Civiliſirung, in dieſen Gegen⸗ den uͤber alle Maßen angehaͤuft haben. Was uͤbrigens die Eintheilung der Felder in Schlaͤge betrifft, ſo wird dießfalls hier zu Lande nach keiner unabaͤnderlich feſtgeſetzten Methode verfahren. Jedoch iſt die gewoͤhnlichſte Manier, dabey zu Werke zu gehen, die zugleich von dem ſchnellen Aufeinan⸗ derfolgen der Ernten einen Begriff verſchaffen kann, folgende: Im erſten Jahre werden im geduͤngten Boden Tuͤrken⸗Korn, Bohnen, Erbſen oder anderes Gemuͤſe gepflanzt; im zweyten Jahre wird Korn gebaut; im dritten folgen Winterbohnen; im vierten Korn, und im fuͤnften wilder Klee, der nach dem Korn ange⸗ ſaet, im Fruͤhjahr abgeſchnitten wird, und auf wel⸗ chen dann Mohrenhirs folgt. Ein Zeitraum von fuͤnf Jahren liefert demnach ſechs Ernten, unter de⸗ nen ſich eine einzige fuͤr das Vieh befindet. Der Mohrenhirs(Sorgho) iſt, wie Sie wiſ⸗ ſen, eine Art von großer Paſtinake. Er gibt kein anderes als, grobes Mehl, aus welchem eine nichts 102 weniger als gute Suppe und eine eben ſo ſchlechte Polenta bereitet wird. Obgleich das Erdreich waͤhrend jener fuͤnf Jahre nur ein einziges Mahl geduͤngt wird, ſo gedeihen gleichwohl jene Ernten, jede in ihrer Art, zu ſehr vorzuͤglicher Schoͤnheit. Dieß mag dem Umſtande zuzuſchreiben ſeyn, daß der angeſchwemmte Boden tief, fruchtbar, friſch, und mit einer ſich bis auf das Kleinſte erſtreckenden Sorgfalt angebaut iſt; daß bey dieſer Art von Fruchtwechſel die Ernten uͤberaus zweckmaͤßig mit einander abwechſeln, und endlich, daß durch das ſo ganz nahe Beyſammenſtehen der Woh⸗ nungen dem Lande jener chemiſche Duͤnger bereitet wird, deſſen Einwirkung ſich zwar ſinnlich nicht wahr⸗ nehmen laͤßt, deſſen Vorhandenſeyn aber die Erfah⸗ rung anzunehmen gebiethet. Von den Producten nun dieſes in ſo kleine Stuͤcke zertheilten Bodens lebt die ganze uͤber die Maßen zahlreiche Landesbevoͤlkerung: ſie lebt aber von denſelben mit der äußerſten Sparſamkeit. Auf keinen Fall wird ſo viel eingeſammelt, daß man ei⸗ nen Vorrath fuͤr die Zukunft zuſammenlegen und ſich gegen Jahre des Mißwachſes in Sicherheit ſetzen koͤnnte. In Zeiten dieſer Art muͤſſen die Markt⸗ plaͤtze der Romagna und der Hafen von Livorno huͤlf⸗ reiche Hand leiſten, und was aus den Weinen, dem Oehle und den Strohhuͤten erloͤſt wird, ebenfalls die Noth abwenden helfen. Der Reiſende wuͤrde ſich —,— — —1 irren, wenn er aus der urſpruͤnglichen Fruchtbarkeit des Bodens und aus dem Ueberfluſſe, welchen der⸗ ſelbe vor ſeinen Augen zur Schau legt, auf einen eigentlichen Wohlſtand ſeiner Bewohner ſchließen wollte. Er wuͤrde ſich vielmehr, wenn der Geſammt⸗ ertrag des Bodens in die Zahl der Einwohner ge⸗ theilt, und durch dieſe Theilung der Antheil an jenem Ertrage, zu deſſen Genuß jeder Einzelne berufen iſt, herausgebracht werden koͤnnte, uͤberzeugen, daß dieſer Antheil ſehr klein ausfallen muͤßte. Bis jetzt, mein Freund, habe ich Ihnen ein reizendes, gut gewaͤſſertes, fruchtbares, und mit ei⸗ ner nie verwelkenden Vegetation bekleidetes Land ge⸗ ſchildert: ich habe es Ihnen beſchrieben, als abge⸗ theilt in unzaͤhlige kleine Bezirke, aus denen ſich, als aus eben ſo vielen Gartenbeeten, eine uͤberaus große Mannigfaltigkeit von Producten entwickelt: Sie haben mit mir bey jenen zierlichen, mit Wein⸗ ranken tapezirten und mit Blumen geſchmuͤckten Wohnungen verweilt, die vor jede jener Landesab⸗ theilungen hingebaut ſind. Wollen Sie nun auch noch mit mir in das Innere eben dieſer Wohnungen eintreten, ſo finden Sie daſelbſt einen gaͤnzlichen Mangel an allen Bequemlichkeiten des Lebens, ei⸗ nen mehr als einfachen und maͤßigen Tiſch, und al⸗ les verraͤth einen Zuſtand, der an Duͤrftigkeit zu grenzen ſcheint. Alle dieſe Haͤuſer werden von Bauern bewohnt, welche nicht ſelbſt Grundeigenthuͤmer, ſon⸗ 104 dern bloß Paͤchter ſind, und dem Grundherrn die Haͤlfte der ſaͤmmtlichen Ernten in Natur zu entrich⸗ ten haben. Dieſe Grundeigenthuͤmer haben ihren beſtaͤndi⸗ gen Aufenthalt in den zahlreichen Staͤdten, womit Toscana's fruchtbare Thaͤler in großer Anzahl beſetzt ſind. Sehr viele derſelben beſitzen zehn, zwanzig, dreyßig, einige bis auf hundert Pachthoͤfe. So theilt ſich die Bevoͤlkerung in zwey, fortwaͤhrend von ein— ander abgeſonderte Claſſen; in die der Stadtbuͤrger, welche zugleich Grundbeſitzer, und die der Pflanzer, welche Paͤchter ſind. Da, neben den Gutsbeſitzern, auch noch die ſaͤmmtlichen Kaufleute und Handwer⸗ ker in den Staͤdten wohnen, ſo wird es um deſto begreiflicher, warum es in dieſem Lande ſo viele Staͤdte gibt, und warum ſie ſo ſtark bevoͤlkert ſind. Man geraͤth in Erſtaunen, wenn man bedenkt, was fuͤr ungeheure Capital⸗Summen auf dieſes Arno⸗Thal haben verwandt und vertheilt werden muͤſſen, bis eine ſolche Eintheilung der Grundſtuͤcke bewerkſtelliget, eine ſolche zahlloſe Menge von Pacht⸗ hoͤfen gebaut und das ganze Material derſelben auf den Grad vervollkommnet war; noch mehr aber muß man erſtaunen, wenn man auch noch jene Maßre⸗ geln etwas genauer betrachtet, die man hat ergreifen muͤſſen, um jene Thaͤler, ſo weit als ſie ſich erſtrek⸗ ken, vor den Verheerungen des Waſſers ſicher zu ſtellen. — 27 Zwiſchen zwey Bergketten, von denen die eine ſehr hoch iſt, gelegen, wurde das Arno⸗Thal ſonſt periodiſch von einer Menge ſich aus den Gebirgen herabſtuͤrzender, mit Steinen und Geſchiebe belaſte⸗ ten Waldſtroͤme verwuͤſtet. Es entſtand hieraus fuͤr die Landeseinwohner die ſchwierige Aufgabe, jene Stroͤme zu zaͤhmen, ihren Verheerungen Einhalt zu thun, und gleichwohl ſie ſelbſt zur Waͤſſerung, und das Erdreich, welches ſie mit ſich fuͤhren, fuͤr die Fel⸗ der zu benutzen. Zu dieſem Ende hin, gerieth man auf den Ge⸗ danken, den Lauf aller jener Waldſtroͤme zwiſchen ſtarke Mauern einzudaͤmmen, und ſie ſelbſt hierdurch in eben ſo viele Canaͤle zu verwandeln. Man gab ihnen ferner eine gerade Richtung, damit die Wuth ihrer Fluthen keine Landecken mehr mit ſich fort⸗ reißen koͤnne, und um ſie zu zwingen, ihr Geſchiebe in ihr eigenes Bett niederzulegen. Ueberdieß wur⸗ den in gewiſſen Entfernungen von einander und in mittlerer Hoͤhe des Stroms Einſchnitte gemacht, um dem Waſſer Seitenabfluͤſſe zu verſchaffen, vermittelſt welcher es ſich auf die Felder vertheilen und den Schlamm, den es mit ſich fuͤhrt, nach und nach auf dieſelben abſetzen konnte. Vermittelſt einer Menge ſolcher Ableitungsgraͤben, in welche das Waſſer fort⸗ waͤhrend ausfließt, wird der Hauptſtrom nicht bloß vertheilt, und ſeine Heftigkeit einiger Maßen beſaͤnf⸗ tigt, ſondern er kann auf ſolche Weiſe zugleich auch 106 zur Waͤſſerung der Umgegend benutzt werden. Die Unterabtheilung jener Canaͤle geht in's Unendliche. Sie ſind alle mit perpendikulaͤr abgeſchnittenen Mauern von Backſteinen verkleidet, und es iſt nicht ein einziges Stuͤck Land zu finden, das nicht damit eingefaßt waͤre. Jeder jener Stroͤme wird fuͤr ſich allein nach ei⸗ nem beſondern Syſtem in Schranken gehalten und in Unterabtheilungen abgeleitet, ſo daß die Geſammt⸗ heit der Thaͤler, durch welche jene Gewaͤſſer fließen, ſich von kleinen, uͤberall Friſche und Feuchtigkeit ver⸗ breitenden, Waſſerarmen wie von einem Netze um⸗ fangen findet. Auch erfordert dieß Verfahren eine Menge Bruͤcken und Bruͤckenbogen, um jene Inſel⸗ chen alle mit einander in Verbindung zu ſetzen und die erforderlichen Communicationen zwiſchen den⸗ ſelben zu erhalten. Um dieß alles zu Stande zu bringen, iſt ohne Zweifel eine ungeheure Capital⸗ Summe erforderlich geweſen. Noch ungleich groͤßere Summen aber muͤſſen auf die Erbauung der zahlreichen, laͤngs den Ufern des Arno zerſtreuten, Staͤdte und Burgflecken ver⸗ wandt worden ſeyn. An dieſen Staͤdten und Flecken offenbart ſich ein Glanz, welcher ſonſt nur Staͤdten von groͤßerm Umfange angehoͤrt. Ihre Kirchen, Springbrunnen, Spaziergaͤnge und uͤbrigen Gebaͤude verbinden mit der hoͤchſten Eleganz eine Achtung ge⸗ biethende Majeſtaͤt und Groͤße. Alle Capitale von —,—— 107 ganz Toscana wuͤrden heut zu Tage nicht hinreichen, um nur die Kirchen, die ſich von ſeinem Boden er⸗ heben, mit allem ihren Marmor, Porphyr und uͤbri⸗ gen Zierathen aufzubauen. Ganz vorzuͤglich wird der Reiſende, wenn er nach Piſtoja kommt, durch den daſelbſt herrſchenden architectoniſchen Luxus und die Verſchwendung, womit die Denkmaͤhler ange⸗ bracht ſind, in Erſtaunen geſetzt. Man geraͤth in Verſuchung, Piſtoja fuͤr eine Stadt zu halten, die erbaut worden ſey, um fuͤr andere Staͤdte als Mo⸗ dell zu dienen, und in der ſich bloß von ungefaͤhr eine Anzahl Einwohner eingefunden habe. Denn wirklich zaͤhlt Piſtoja, deſſen Einwohnerzahl ſich ehe⸗ mahls auf 40,000 Seelen belief, ihrer gegenwaͤrtig nicht uͤber acht tauſend. Ueberhaupt hat in jenen Staͤdten allen die Bevoͤlkerung ungefaͤhr in dem naͤhmlichen Verhaͤltniſſe abgenommen, und gleich⸗ wohl iſt dieſelbe, im Ganzen betrachtet, auch noch gegenwaͤrtig außerordentlich groß. In den bluͤhen⸗ den Zeiten des Landes muß ſie wohl alle bekannten Verhaͤltniſſe uͤberſtiegen haben. In unſern Tagen verleihen alle die weilaͤufigen und dabey menſchen⸗ leeren Bauanlagen jenen Staͤdten ein oͤdes Ausſehen, das mitten unter ihren Pallaͤſten an erloſchenen Glanz erinnert. Weiter uͤber Piſtoja hinaus wird die Landſchaft noch lachender und fruchtbarer, weil in jenen Ge⸗ genden die Waſſerſtroͤme mehr Erdreich angeſchwemmt 108 haben, und das Thal, ſo wie es mehr Breite ge⸗ winnt, ſich auch weiter vom Gebirge hinwegzieht und eines mildern Climas theilhaftig wird. In dieſer Gegend wird der Graswuchs dichter, die Ernten wurden ergiebiger, und der Horizont faͤngt an, ſich zu er⸗ weitern. Bey Peſcia zieht der Weg ſich wieder naͤ⸗ her gegen den Fuß des Apennins hin. Dieſe nied⸗ liche Stadt lehnt ſich an die Abhaͤnge eines mit Oli⸗ venbaͤumen beſetzten Thalgrundes. Mitten unter dieſen Olivenpflanzungen, an dem Huͤgel, deſſen Fuß ſie umſchatten, ſteht ein frohmuͤthiger Landſitz, zu welchem man einzig auf einem mit Dickungen von Feigenbaͤumen, Weinranken und Aloeſtraͤuchen ver⸗ wahrten Fußpfade gelangen kann. Hier ſtattete ich unſerm gemeinſchaftlichen, eben mit den letzten Baͤnden ſeiner Geſchichte Italiens beſchaͤftigten Freunde, Herrn Sismondi, einen Beſuch ab. Er ſieht in dieſem ſeinem Aſyle einen weiten Horizont, den Schauplatz ſo mancher geſchichtlichen Scenen, vor ſich ausgebreitet, ſieht in der Ferne, nach den Gebirgen von Volterra hin, die Ruinen jener Staͤdte und Schloͤſſer emporſteigen, deren Geſchichte er be⸗ ſchrieben hat, und die ſich ihm gleichſam als bejahrte Zeugen jener Ueberlieferungen aus fernen Zeiten vor Augen ſtellen. Ein von dem Apennin abgeſonderter Huͤgel bil⸗ det hier allein einen Vorſprung gegen die Muͤndung des Arno hin, und trennt das Thal dieſes Fluſſes 2 109 von der Ebene von Lucca. Das Becken, in welchem dieſe Stadt liegt, iſt noch ungleich fruchtbarer, als das Arno⸗Thal. Die Cultur iſt ungefaͤhr die naͤhm⸗ liche, wie an den Ufern des Arno; erzeugt aber ei⸗ nen weit groͤßern Ueberfluß an Producten. Die Natur hat in der Gegend von Lucca ſchoͤnere Arbeit geliefert: deſto weiter iſt der Kunſtfleiß daſelbſt zuruͤck⸗ geblieben. Umſonſt ſucht man da jene Eleganz der Bauerhaͤuſer, umſonſt jene Sorgfalt in Anlegung der Canaͤle: vielmehr iſt alles baͤueriſcher, vernach⸗ laͤſſigter und weniger fleißig bearbeitet. Die Weiber gehen ſchlecht gekleidet einher, und ihre Sprache hat eben ſo ſehr an Grazie, als ihre aͤußere Geſtalt an Reizen verloren. Das alte Lucca liegt mitten in der erwaͤhnten Ebene, nicht weit von dem Fluſſe Serchio. Dieſe Stadt hat, was in der That eine ſeltſame Erſchei⸗ nung iſt, in Betreff derer ich mir durchaus keinen Aufſchluß habe verſchaffen koͤnnen, und die ich auch ſelbſt nicht zu erklaͤren wußte, in ihrem Ausſehen durchaus nichts Italiaͤniſches. Vermoͤge ihrer krum⸗ men Gaſſen, ihrer ſpitzigen Daͤcher, und ihrer unre⸗ gelmaͤßigen Bauart uͤberhaupt, gleicht ſie eher einer Flamaͤndiſchen Stadt. Um von Lucca nach Piſa zu gelangen, bedient man ſich einer neu angelegten Straße. Sie geht durch einen Einſchnitt des Huͤgels, welcher jene bey⸗ den Staͤdte von einander abſondert. Auch der Ser⸗ chio verfolgt ſeinen Lauf in derſelben Richtung, und nimmt zugleich mit dem Reiſenden ſeinen Ausweg nach der weiten Ebene von Livorno und Piſa. Naͤher gegen dieſe letztere Stadt und gegen das Meer hin, nimmt jene Gemuͤſe⸗Cultur, die ſo viel Leben in die Umgegend von Florenz bringt, ein Ende. Die Baͤume werden ſeltener; die Haͤu⸗ ſer liegen weiter aus einander; auf Feldern von wei⸗ tem Umfange zieht die Pflugſchar hier laͤngere Fur⸗ chen. Umſonſt ſucht man jene zahlloſen Paͤchterfa⸗ milien; im Gegentheil wird die Landſchaft von we⸗ nigen großen Paͤchtern beworben: mit Einem Worte, man befindet ſich an den Grenzen des Landes, wo die ungeſunde Luft regiert und die Paſtoral⸗Cultur die herrſchende iſt. Nun haͤtten wir, mein Freund, jenes reizende Arno⸗Thal, vielleicht die herrlichſte Gegend auf dem Erdboden, zuſammen durchwandert. In keinem Lande ſind die Beſitzungen auf den Grad zerſtuͤckelt, und nirgends hat der Menſch, zu dem, was die Na⸗ tur that, aus dem Seinigen ſo viel hinzugefuͤgt. Er hat es in jenem Thale nicht bey einem einzigen Fluſſe bewenden laſſen, ſondern Canaͤle zu Tauſen⸗ den gezogen und ausgegraben. In eben dieſem Thale iſt nicht ein einziger Raſenplatz, nicht eine einzige jener von freyen Stuͤcken gruͤnenden Wieſen zu finden, deren Ertrag der Landbauer als ein groß⸗ muͤthiges Geſchenk der Natur in Beſitz nimmt. Und 111 alle die Baͤume, welche jene Thaͤler in ihrem Schooße tragen, bis auf das kleinſte Gebuͤſch? Es iſt nicht die Natur, die auch nur einen derſelben gepflanzt haͤtte; nicht ſie iſt es, unter deren waltenden Sorge ihre bejahrten Aeſte mit Gruͤn ſich bekleiden. Hier hat der Menſch alles gepflanzt und Jeſchnitten: ſeine Gegenwart iſt uͤberall ſtaͤrker, und in's Unend⸗ liche haben ſich ſeine Kraft- und Thaͤtigkeitsaͤußerun⸗ gen vervielfaͤltigt. Einzig von der am Horizonte ſichtbar werdenden Bergkette ſcheint er ſeine Hand abgezogen zu haben: ſie allein hat er, wie es ſcheint, ſeinem Zepter nicht unterwerfen wollen. In Folge dieſer kuͤnſtlichen Cultur, welche die ganze Landſchaft mit regelmaͤßigen, mit Weinranken verſetzten Pflanzungen bekleidet, iſt alles, was zur urſpruͤnglichen Vegetation des Bodens gehoͤrt, von demſelben verdraͤngt worden, und mit dieſer Vege⸗ tation ſind auch alle jene pittoresken Formen und alle jene Abſtufungen der Tinten, die ſo viel Har⸗ monie und Abwechſelung in die Natur hineinbrin⸗ gen, gaͤnzlich verſchwunden. Die Faͤrbung der Na⸗ tur iſt hier einfoͤrmig und lebhaft: die Formen ſind ſich alle aͤhnlich. Es iſt, als laͤge die Landſchaft fort⸗ waͤhrend in einer Camera obſcura vor Augen, und nie wuͤrde ſich Pouſſin in dieſer Gegend einen Ge⸗ genſtand zu ſeinen Gemaͤhlden gewaͤhlt haben. Im⸗ merhin aber bleibt Toscana der Wohnſitz der vervoll⸗ kommnetſten Civiliſation und das Land, wo der 112 Menſch die urſpruͤnglichen Kraͤfte der Natur ſeinen Beduͤrfniſſen, wie in keinem andern, anzupaſſen ge⸗ wußt hat. Eine ſolche Veredlung aber der Natur durch menſchliches Zuthun wird nicht nach und nach be⸗ wirkt, noch iſt dieſelbe ein Werk der Tage, in wel⸗ chen wir leben, ſondern ſie muß einer viel fruͤhern, ſehr ſchwer zu beſtimmenden Epoche angehoͤren. Und was nahmentlich jenes Bau⸗Syſtem betrifft, welches man in Toscana auf einen ſo umfaſſenden Fuß aus⸗ gefuͤhrt ſieht, ſo kann es, da alles in demſelben mo⸗ dern und hhriſtlich iſt, nicht dem Zeitalter jener alten Roͤmiſchen Civiliſirung angehoͤren. Der Griechiſche Geſchmack, welcher in jener Architectur wieder zum Vorſchein kommt, verweiſ't ſie in die Zeit nach dem Wiederaufleben der Wiſſenſchaften in Italien. Der friedlichen Regierungs⸗Epoche der Medicaͤer aber kann ſie eben ſo wenig angehoͤren, weil die meiſten jener Monumente mit einer fruͤhern Zeitangabe be⸗ zeichnet ſind. Demnach duͤrfte jene Periode, in welcher der menſchliche Kunſtfleiß ſeine oberſte Hoͤhe erreicht hat, ungefaͤhr als gleichzeitig mit jener ſtuͤr⸗ miſchen, und was das Geſchichtliche betrifft, ſchrecken⸗ vollen, in ihren Reſultaten aber, ſo weit ſich dieſe durch den Verlauf der Zeiten bis auf unſere Tage erhalten haben, nichts deſto minder herrlichen Epoche der Bluͤthenzeit der Toscaniſchen Republiken zu ſetzen ſeyn. 3 113 Zu welcher Hoͤhe aber der Bevoͤlkerung, der Han⸗ delſchaft und des Reichthums mußten ſich nicht jene Staͤdte emporgeſchwungen haben, um auf einem Flaͤ⸗ chenraume von wenigen Stunden in ſo großer Anzahl neben einander beſtehen, und mehr Tempel erbauen und Pallaͤſte auffuͤhren zu koͤnnen, als ihrer⸗heut zu Tage in manchen großen Reichen zu finden ſind. Bloß als eine hiſtoriſche Aufgabe, deren Loͤſung ich, anſtatt mich ſelbſt an dieſelbe zu wagen, Ihnen uͤberlaſſen will, be⸗ merke ich noch, daß jenes Bau⸗Syſtem gerade in der⸗ jenigen Gegend zu ſeiner voͤlligſten Ausfuͤhrung gedie⸗ hen iſt, in welcher hinwieder die Thaͤtigkeit des Hafens von Livorno ſeit achtzig Jahren nicht einmal die Ur⸗ barmachung der zunaͤchſt um denſelben herliegenden Felder hat bewirken moͤgen. In meinem naͤchſten Briefe werde ich Sie von denjen gen Gegenden unterhalten, wo einzig noch Truͤmmer eines vormahligen civiliſirten Zuſtandes zu finden ſind, waͤhrend ſich eben derſelbe in dem Arno⸗ Thale bis auf die gegenwaͤrtigen Zeiten forterhalten hat; aber erhalten nach Art eines Naturalien⸗Cabi⸗ nettes, in welchem zwar Formen und Farben den natuͤrlichen durchgehends aͤhnlich ſind, die Bewegung hingegen gaͤnzlich vermißt wird, und alles fortwaͤhrend ſo bleibt, wie es von Anfang geweſen war. Briefe üb. Itatien. 1. Thl. 8 Siebenter Brief. Piſa, 15. May 1813. Bervor wir, mein Freund, unſere Reiſe nach den Maremmen von Toscana antreten, moͤchte ich Sie noch in eine der merkwuͤrdigſten landwirthſchaftlichen Anſtalten von Europa, die ſelten ein Reiſender un⸗ beſucht laͤßt, einfuͤhren. Der Nahme dieſes, aller⸗ naͤchſt vor den Thoren von Piſa gelegenen Pachtho⸗ fes, der ſeine erſte Anlage den Medicaͤern zu ver⸗ danken hat, und gegenwaͤrtig von dem Herrn Ba⸗ tiſtini mit ſeltener Einſicht und Geſchicklichkeit ver⸗ waltet wird, heißt San Roſſore. Zwiſchen Piſa und dem Meere, von der Muͤndung des Serchio an, bis zu derjenigen des Arno, ſind die Gewaͤſſer von einer uͤber eine Quadrat⸗Meile haltenden Ebene zu⸗ ruͤckgewichen. Dieſe mit einem feinen Raſen beklei⸗ dete und mit Steineichen bewachſene Flaͤche, deren mit Meerſand verſetzter Boden allzu unfruchtbar iſt, als daß er haͤtte urbar gemacht werden koͤn⸗ nen, bildet die Beſitzung von San⸗Roſſore. 115 Mein Ausflug dahin wurde, da ſich die Reiſe nicht wohl zu Fuße machen laͤßt, auf einem der Pferde des Herrn Batiſtini unternommen, der uͤberdieß noch die Gefaͤlligkeit hatte, mich in Perſon zu begleiten. So wie man aus Piſa heraus, und bey dem beruͤhm⸗ ten, ſeit Jahrhunderten haͤngenden Fhurm vorbey iſt, tritt man unmittelbar in einen Baumgang von jungen Ulmen ein, welcher bis zu dem Jagdhauſe oder Caſino von San Roſſore hinfuͤhrt. Nicht lange, ſo faͤngt man an in dem Gebiethe des Pachtgutes ſelbſt zu wandeln. Auf beyden Seiten der Anfahrt liegen Wieſen, mit deren Heu das Vieh des Pacht⸗ hofes im Winter gefuͤttert wird. Bald aber verlie⸗ ren ſich dieſe Wieſen in bloße, hin und wieder mit Steineichen und wilden Roſenſtoͤcken bepflanzte Ra⸗ ſenplaͤtze, die das Ausſehn eines nicht zum Beſten gehaltenen Parks haben. Solche unbebaute, zu gleicher Zeit als Weideplaͤtze und als Holzboden die⸗ nende Striche Landes werden von den Italiaͤnern Macchie genannt. Das Caſino, bey dem wir dann bald anlangten, iſt ein niedliches viereckiges Gebaͤude, welches außer dem Erdgeſchoſſe nur ein Stockwerk, und durch Zuthun des Groß⸗Herzogs Leopold man⸗ cherley Verzierungen von Jagdſtuͤcken in Fresko⸗Ar⸗ beit erhalten hat. Von dieſem Hauſe verfolgten wir abermahl uͤber Raſenplaͤtze und in ſchuͤtzendem Eichen⸗ ſchatten unſern Weg weiter nordwaͤrts nach demjeni⸗ gen Theil der Beſitzung hin, der vom Serchio beſpuͤlt 8* — 116 wird. In einiger Entfernung von dem Caſino fuͤhrte der Weg uns bey einem weitlaͤufigen, auf Saͤulen ruhenden Schoppen vorbey, deſſen Erdgeſchoß zu Raufen, die in Faͤcher abgetheilt ſind, benutzt iſt, in⸗ deß uͤber den Saͤulen ſich ein Heumagazin hinzieht. Zu dieſem Gebaͤude nehmen die Pferde der Stuterey bey uͤbler Witterung ihre Zuflucht, und bringen in demſelben die Nacht zu. Fehlt es an gruͤnem Fut⸗ ter, ſo wird Heu in die Raufen geworfen. Etwas weiter hinaus machten wir Halt bey ei⸗ ner in einer offenen Lichtung neu angelegten Schaͤ⸗ ferey, die beſtimmt iſt, eine vor Kurzem in die An⸗ ſtalt eingefuͤhrte Herde von zweyhundert Mérinos zu beherbergen. Dieſe Thiere bringen den Winter auf dieſen ſandigen Weideplaͤtzen, den Sommer hinge⸗ gen auf den Gebirgen zu; eine Lebensart, welche vollkommen derjenigen gleicht, die das Schafvieh in Spanien fuͤhrt, und dieſen Herden ſehr wohl zu bekom⸗ men ſcheint: denn ſie befinden ſich in gutem Stande, und einzelne Stuͤcke ſind von vorzuͤglicher Schoͤnheit. An den Ufern des Serchio, wo der Graswuchs ergiebiger iſt, traf ich ſofort auf eine Stuterey, welche in dieſer Abtheilung des Wieſenlandes von San Roſſore ihren gewoͤhnlichen Weideplatz hat. Das Geſtuͤte beſtand aus zwanzig Mutterpferden nebſt ihrem Gefolge und einem Hengſte. In einiger Entfernung weidete eine zweyte, je⸗ ner erſtern aͤhnliche Herde, und die ganze Stuterey beſteht aus acht ſolchen Abtheilungen. Alle dieſe Pferde leben, ſowohl in der Ebene, wo ſie ſich den Winter uͤber aufhalten, als auf den Bergen, wo ſie zur Sommerzeit weiden, im Zuſtande einer voͤlligen Freyheit und Wildheit, und einzig auf ihrem Zuge von einem Aufenthaltsorte zum andern bekommen ſie etwas von menſchlicher Pflege zu verſpuͤren. Was ich in dieſer Stuterey einzig bemerkenswerth fand, iſt die Eintheilung der Mutterpferde in eine gewiſſe Anzahl von Staͤmmen, deren jeder durch ſeinen Hengſt regiert wird. Zwiſchen dieſen Staͤmmen fin⸗ det nie eine Vermiſchung Statt, und wenn ſolches etwa einmahl geſchehen ſollte, ſo erfolgen daraus Kaͤmpfe auf Leben und Tod zwiſchen den Hengſten: denn der Charakter dieſer Thiere, ihr Despotismus und ihre gluͤhende Eiferſucht haben etwas voͤllig Aſiatiſches, das den nordiſchen Pferden gaͤnzlich un⸗ bekannt iſt. Jeder jener Staͤmme hat, in Folge einer von ihnen ſelbſt, und ohne Dazwiſchenkunft der Hirten, gemachten Eintheilung, ſeinen beſondern Weidebezirk. Dieſe Eintheilung, auf welche mit der groͤßten Genauigkeit gehalten wird, iſt ſo zweckmaͤßig veran⸗ ſtaltet, daß jeder Stamm in dem ihm angewieſenen Weideraume gerade ſo viel Futter findet, als jeder der uͤbrigen in dem ſeinen. Alle dieſe Pferde ſehen ſich einander ungemein aͤhnlich; ihre Glieder ſind ſehr fein, ihre Gelenke hingegen ſchwach und allzu 118 biegſam. Dazu haben ſie niedere Huͤften, platte Schenkel, ein hervorſpringendes Kreuz, bewegliche Schultern, Haͤlſe wie die Hirſche, und uͤber alle Maßen ſteife Koͤpfe, und ſind, mit einem Worte, häͤßliche Thiere. Zu leicht, um als Kutſchenpferde zu dienen, zu groß fuͤr den Sattel, und uͤberhaupt mit zu vielen Fehlern behaftet, taugen ſie hier zu Lande gar nichts; auch werden ſie einzig zum Ge⸗ brauche der Kohlenhaͤndler und der Poſten verkauft: fuͤr die leichte Cavallerie duͤrften ſie indeſſen nicht undienlich ſeyn. Um dieſen, ihm wohl bekannten, Fehlern und Maͤngeln ſeiner Pferde⸗Rage abzuhelfen, hat Herr Batiſtini in eigner Perſon in der Normandie ſechs ſehr ſchoͤne Pferde angekauft. Die einzigen Sproͤß⸗ linge dieſer Ragen-Vermiſchung, welche ich zu Ge⸗ ſichte bekommen habe, einige zwey Monath alte Fuͤl⸗ len, ſchienen ſehr vorzuͤglich zu ſeyn, und hatten keine ſo ſteife Koͤpfe mehr. Von dem beſchriebenen Pferdebezirke weg, nah⸗ men wir unſern Weg nach dem Meere hin, und hat⸗ ten durch einen Wald von Steineichen zu reiſen. In dieſem Walde bemerkte ich, daß das Laubwerk durchgehends wie nach der Schnur und in gleicher Hoͤhe, naͤhmlich ungefaͤhr zwoͤlf Fuß vom Boden, ab⸗ geſchnitten ſchien, ohne daß auch nur ein einziges Blatt uͤber dieſe Linie hinausging. Es waͤren, ſagte man mir, die Kamele, welche das Laubwerk jener Baͤume ſolcher Geſtalt nach der Schnur, und zwar in der Hoͤhe ihres eigenen Halſes, abaͤtzten: ich werde, ſetzte man hinzu, alſobald eine Herde ſolcher auslaͤndiſchen Thiere zu Geſichte bekommen. Wirklich fand ich mich, nachdem wir kaum den Weg durch das Gehoͤlz zuruͤckgelegt, auf ein weites, durch einen Wald, ein endloſes Meer und unuͤber⸗ ſehbare Ebenen begrenztes Kuͤſtenland, und zugleich in eine Wuͤſte, in ein eigentliches Arabien verſetzt; denn ſo wie ich mit meinem Reiſegefaͤhrten etwas vorruͤckte, ſahen wir einige im Sande gelagerte Ka⸗ mele ſich auf die Fuͤße heben, indeß andre, laͤngs dem flachen Ufer nachlaͤſſig weidend, ihre beweglichen Koͤpfe und ſtupiden Blicke gegen uns hinwandten. Die Zahl der geſammten, der Kuͤſte nach zerſtreuten, Kamele belief ſich uͤber zweyhundert. Ohne einen Laut von ſich zu geben, ſchlenderten ſie umher und erwarteten die heißere Tageszeit, um ſich wieder in den Wald hinein zu begeben. Etwas weiter hinaus erblickten wir auch noch eine Gruppe von Muͤttern in Begleitung ihrer Jungen: ſie ergriffen aber bey unſerer Ankunft die Flucht, und zwar in einem ſo eilfertigen Trotte, daß unſere Pferde, im ſtaͤrkſten Galoppe, Muͤhe hatten, ſie einzuhohlen. Waͤhrend dieſes ſchnellen Laufens legten die Kamele durch Spruͤnge und Saͤtze einen Grad von Lebhaftigkeit zu Tage, den ich ihnen nicht zugetraut haͤtte, und der, vermoͤge der ſeltſamen Geſtaltung jener Thiere, einigermaßen ins Laͤcherliche fiel. Die Sonderbarkeit dieſes Schauſpiels, die Ueber⸗ ſicht der einſamen Gegend, der Anblick einiger Engli⸗ ſchen, vor Livorno ſtationirten und laͤngs dem Ufer des Meeres kreuzenden Fahrzeuge, und dieſer Hori⸗ zont uͤberhaupt fuͤhrte etwas Fremdes und Orienta⸗ liſches mit ſich, das wohl ſchwerlich irgendwo in Eu⸗ ropa ſeines Gleichen finden duͤrfte. Ein Groß⸗Prior des Johanniter⸗Ordens, von Geburt ein Piſaner, war es, der jene Aſiatiſche Thier⸗ gattung zu den Zeiten der Kreuzzuͤge in dieß Kuͤſten⸗ land von Toscana einfuͤhrte, wo ſich dieſelbe unun⸗ terbrochen erhalten hat. Sie macht noch gegenwaͤr⸗ tig mehr eine oͤrtliche Merkwuͤrdigkeit aus, als daß ſie bedeutenden Nutzen gewaͤhrte. Das einzige, wo⸗ zu man ſich ihrer bedient, ſind die verſchiedenen Ar⸗ beiten, welche die Bewerbung des Gutes von San Roſſore erfordert: ſie anderweitig zu gebrauchen, hat man bis jetzt noch nicht verſucht. Die Marktſchreyer aus allen Laͤndern, die ſolche Thiere von einer Stadt zu der andern herumfuͤhren, kaufen ihren Bedarf hier ein, und erhalten ihn zu dem maͤßigen Preiſe von ſechs bis ſieben Louisd'or das Stuͤck. Inzwiſchen waren wir auf unſerm Ausfluge auf der mittaͤglichen Seite des Pachthofes bis an die Muͤndung des Arno vorgeruͤckt. In dieſer Ge⸗ gend iſt das ganze Jahr hindurch eine Herde von 121 achtzehnhundert wilden Kuͤhen, die noch ungeſchlach⸗ ter ſind, als die Kamele und Pferde, eingelagert. Dieſe Thiere, denen man oft nicht ohne Gefahr, und nie ohne Schwierigkeit nahe kommen kann, haben ſchiefergraue, ſehr feine Haare, eben ſo feine Glie⸗ der, einen walzenfoͤrmigen Leib, und gefaͤllige und richtig gezeichnete Formen. Dabey tragen ſie den Kopf mit einer Art von Grazie und Stolz, und le⸗ gen gleichſam zum Staate die ungeheuren Hoͤrner zur Schau, womit die Natur ihre Stirne geſchmuͤckt hat. Dieſe Kuͤhe geben keine Milch, und es waͤre auch kaum moͤglich, ſie zu melken. Es wuͤrde ſich aber wirklich nicht der Muͤhe lohnen, ſolches zu thun; denn nach Verfluß von drey Monathen, und ſobald ſie ihre Kaͤlber entwoͤhnt haben, vertrocknet ihre Milch. Die Kaͤlber werden, ſobald ſie nicht mehr geſaͤugt werden, an die Klein-Paͤchter des Arno⸗ Thales verkauft, die Kuͤhe ſelbſt aber, wenn ſie ſieben bis acht Jahre alt ſind, der Haut und des Fleiſches wegen getoͤdtet. Gewoͤhnlich ſucht man dieſe Metze⸗ ley dadurch etwas zu veredeln, daß man ſie in eine Jagdpartie verwandelt. Eine ſolche Jagd, bey wel⸗ cher die Toreadors die Kuͤhe mit Lanzen verfolgen, iſt ein Feſt, das jedoch ſelten ohne einen Unfall ſeine Endſchaft erreicht. Dieſe Anſtalt nun, deren ganze Kunſt darin be⸗ ſteht, daß man ausſchließlich die Kraͤfte und den Trieb der Natur wirken laͤßt, befindet ſich in unmit⸗ 122 telbarer Naͤhe derjenigen Gegend, welche ich in mei⸗ nem naͤchſt vorhergehenden Briefe beſchrieben habe, und in welcher im aufſallenden Gegenſatze mit dem, was in San Roſſore geſchieht, die Natur durch die Ciyiliſirung auf einen ſolchen Grad umgeformt iſt, daß auch nicht ein Zug mehr von ihrer urſpruͤng⸗ lichen Geſtalt uͤbrig bleibt. Dieſe beyden Extreme ſind einander unentbehrlich: denn jene Tartariſche Cultur liefert dem arbeitſamen Florentiniſchen Land⸗ mann das Vieh, welches dieſer ſelbſt nicht groß zu ziehen im Stande iſt, und deſſen er zu ſeinen land⸗ wirthſchaftlichen Verrichtungen bedarf; waͤhrend hin⸗ wieder gerade dieſer Verbrauch dem Hirtenvolke in jener Wuͤſte fuͤr die ſich gleichſam von ſelbſt erzeu⸗ genden Producte ſeiner Induſtrie einen Ausweg verſchafft. Solche, auf gegenſeitiges Beduͤrfniß ge⸗ gruͤndete Buͤndniſſe, knuͤpfen ſich uͤberall an, und ver⸗ mehren den Wohlſtand des Gutes, weil ſie den Paͤch⸗ ter in den Fall ſetzen, ſich mit ſeiner ganzen Thaͤtig⸗ keit ausſchließlich an diejenige Gattung von Cultur hinzugeben, zu welcher die Hand des Schoͤpfers ſei⸗ nen Feldern ein Vorrecht ertheilt zu haben ſcheint. In ſeiner hoͤchſten Vollkommenheit iſt dieß Gleich⸗ gewicht in denjenigen Gegenden anzutreffen, wo eine gluͤckliche Miſchung von natuͤrlichen und kuͤnſtlichen Cultur⸗ Zweigen jene Umtauſchungen innerhalb der Grenzen eines und desſelben Pachthofes zu machen geſtattet, je einer jener Cultur⸗Zweige zur Vermeh⸗ 123 rung der Fruchtbarkeit eines andern dient, und beyde ſich gegenſeitig nachhelfen; wie ſolches in der Lom— bardie, in Belgien und in allen den Gegenden der Fall iſt, wo die Kunſt die natuͤrliche Vegetation des Bodens nach und nach zu einem reichlichern Ertrage derjenigen Producte, zu welchen der Landbauer ſeine Grundſtuͤcke nach eigener Wahl zubereitet hat, zu benutzen weiß. Achter Brief. Siena, 25. May 1813. Den ſchon fruͤher entworfenen Plan, meinen Weg nach Siena uͤber Volterra zu nehmen, und die ſo geheißenen Maremmen, d. i. das Land, wo die ver⸗ peſtete Luft herrſcht, zu durchwandern, habe ich nun wirklich ins Werk geſetzt. Die Maremmen erſtrecken ſich laͤngs dem Mit⸗ telmeere von Livorno bis Terracina, und reichen landeinwaͤrts bis an die erſte Kette der Apenninen. In dieſen Gegenden eroͤffnet ſich dem Reiſenden ein weiter Schauplatz von Ruinen der alten Welt und ihres laͤngſt voruͤbergegangenen Heldenruhms. Das Land, welches ſeinen Blicken ſich aufthut, iſt zur Stunde einzig noch ein Land der Erinnerungen und Truͤmmer. Die Natur, durch eine Reihe von An⸗ ſtrengungen erſchoͤpft, iſt muͤde geworden, ſich friſch zu bekleiden und neue Erzeugniſſe in ihrem Schooße zu ſchaffen. Oede und unfruchtbar liegen die Fel⸗ der, keine laͤndliche Wohnungen ſchmuͤcken die Land⸗ — 125 ſchaft; Faͤulniß bruͤtet uͤber dem vom Schwefel gelb gefaͤrbten Gewaͤſſer, und die Waldgegenden ſind ein⸗ zig noch hier und da mit alten, aus den Stuͤrmen ganzer Jahrhunderte geborgenen, Eichen bevoͤlkert. Doch beſſer, als durch bloßes Wortgepraͤnge, hoffe ich, mein Freund, Ihnen durch eine einfache Be⸗ ſchreibung meiner Reiſe ein Bild dieſes Landes der Vergangenheit zu entwerfen. Von Piſa nahm ich meinen Weg bis Empoli, dem linken Ufer des Arno nach, aufwaͤrts. Hier ver⸗ ließ ich den Heerweg von Florenz, um die Straße uͤber Volterra und Piombino einzuſchlagen. Dieſe Straße, ein Werk Leopolds*), iſt die einzige, die *) Außer dem, daß Toscana in dem Regenten, deſſen in dieſen Briefen mehrmahls gedacht wird, einen eifrigen Beförderer der Künſte verehrte, war Leopold auch, ſo lange er ſein Großherzog⸗ thum regierte, ein glücklicher und beglückender, ſeine Untertha⸗ nen liebender und von ihnen geliebter Fürſt. In den Gegenden von Caſtello, deren wir früher Erwähnung gethan, wo er ſich in den Pinien⸗ und Cypreſſen⸗Hainen eines der vielen, in ver⸗ ſchiedenen Entfernungen um Florenz zerſtreut liegenden herzog⸗ lichen Luſtſchlöſſer, für die heißeſten Sommermonathe in der Re⸗ gel ſeinen Aufenthalt gewählt hatte, ſah man ihn oft in ſehr einfacher bürgerlicher Kleidung, niemanden, als wer ihn von Perſon kannte, erkennvar, mit keinen Orden behangen, als un⸗ ſichtbarer Weiſe mit den köſtlichen Inſignien der offenſten Hu⸗ manität und Leutſeligkeit, in dieſen oder jenen Pachthof nunver⸗ ſehens eintreten, durch die Grundſtücke wandeln, und in zwang⸗ loſer Unterhaltung ſich bey den Landbauern über dieß und jenes erkundigen, und, einzig aus Intereſſe für ſeine Unterthanen und für die Aufmunterung ihrer Landwirthſchaft geleitet— denn die Beſitzungen gehörten nicht ſein— über wohl geordnete oder ge⸗ lungene Arbeiten ſein Wohlgefallen bezeugen und ſtill wieder 126 nach den Maremmen hinfuͤhrt. Sehr kunſtreich zieht ſie ſich an den Huͤgelabhaͤngen hin, und iſt, ob⸗ wohl bey einer Breite von nicht mehr als neun Fuß, mit ſolcher Sorgfalt unterhalten, daß man eher in den Luſtanlagen eines Gartens, als auf einer großen Landſtraße zu wandeln glaubt. Von Empoli aus fuͤhrte der Weg uns in gerader Richtung nach Suͤden und naͤher an die Huͤgel hin, deren Kette die Einfaſſung des Arno⸗Thales bildet. Eine Weile noch ging es zwiſchen dem gruͤnenden Laubwerk, das die Ufer des Fluſſes verſchoͤnert, und alsdann hinan auf den Huͤgel, der den Anblick die⸗ ſes reizenden Thales von Toscana nun bald wieder unſern Blicken entreißen ſollte. So wie wir mehr aufwaͤrts gelangten, ward auch das Pflanzenleben duͤrftiger und ſeltener. Zwar gruͤnten noch in unſrer Naͤhe der Oehlbaum und der Weinſtock; dieß Gruͤn aber war blaß, wie der Boden, aus dem es hervor⸗ ging. Jenſeits des Huͤgels hatten wir mehrere kleine, auch noch durch Doͤrfer, Weinberge und Fel⸗ der belebte, und von einigen Canaͤlen bewaͤſſerte, Thalgruͤnde zu durchreiſen. Hier haben jedoch die entweichen nach der Fürſtenwohnung, ohne Geräuſch, wie er gekommen war. Auf mehr als einen ſeiner Söhne, von denen einige der ältern, gerade in den Jahren, von denen hier die Rede iſt, in angehender ſchöner Blüthe des Jünglingsalters ein⸗ herwandelten, haben ſich dieſe und andere ſeiner preiswurdigen Eigenſchaften fortgeerbt. A. d. Ueb. 127 Wohnungen ſchon ein minder gefaͤlliges Ausſehen, als in der Tiefe. Sie ſtehen zuſammengedraͤngt um die Kirchen. Kein Blumenflor, keine niedliche Baͤue⸗ rinnen und Maͤdchen erheitern hier mehr das Gemaͤhlde. Noch erblickte ich einige Schloͤſſer und Landhaͤuſer, die von ferne her ſich durch lange Cypreſſen⸗-Pflan⸗ zungen ankuͤnden, uͤbrigens einſam und verlaſſen ſtehen. Der Boden iſt in dieſer Gegend noch in ein⸗ zelne Beſitzungen abgetheilt, und wird von Paͤchtern beworben. Das Land bringt gute Weine, etwas Oehl, Mais, Mohrhirſe und Getreide hervor; dieſe letztern Erzeugniſſe ſind aber nicht von der preiswuͤr⸗ digſten Beſchaffenheit, und die Kornausſaat liefert nur einen dreyfachen Ertrag. Auch Spaniſcher Klee wird gebaut. Dieſe Gattung von Futter, deren Gebrauch jedoch ſehr beſchraͤnkt iſt, dient fuͤr die Pferde, deren es hier, da alle Dransporte auf dem Ruͤcken gemacht werden, ſehr viele gibt. Vier Mei⸗ len uͤber Empoli hinaus, bis nach dem Burgflecken Caſtel Fiorentino, bleibt die Natur ſehr mahleriſch. Caſtel Fiorentino ſelbſt liegt an den Grenzen der Wuͤſte. Von da an hat aller Anbau ein Ende, und man tritt in die Maremmen ein. Hier iſt die Ober⸗ flaͤhe des Bodens mit großen wellenfoͤrmigen Fur⸗ chen durchſchnitten, die den ungeheuern Wogen eines tiefen Ozeans gleichen, vermoͤge des Verlaufes der Zeiten aber, und in Folge der Anſtrengungen fruͤ⸗ 128 herer Geſchlechter, insgeſammt etwas mildere For⸗ men angenommen haben moͤgen. Auf den hoͤchſten Puncten dieſes Bezirkes ſind hin und wieder Ein⸗ faſſungen von altem Gemaͤuer zu ſehen, zwiſchen deſ⸗ ſen zuſammengefallenen Waͤnden hindurch, unter dem Schutze einiger alten Thuͤrme, hier und da eine Wohnung hervortritt. Auch in der Tiefe dieſes Furchenlandes kom⸗ men in weiten Zwiſchenraͤumen von einander zer⸗ ſtreute Haͤuschen zum Vorſchein, in deren Naͤhe weder ein Garten bluͤht, noch ein Wieſengrund auf⸗ gruͤnt; ſondern hoͤchſtens etwa ein kleiner Strich Mais oder Mohrhirſe, als Andeutung, daß von den ungluͤckſeligen Einwohnern wenigſtens einige den Un⸗ tergang ihres Vaterlandes uͤberlebt haben, bepflanzt und beworben wird. Die uͤbrigen Anhoͤhen ringsum beherrſcht ins⸗ geſammt der Berg, von welchem die Truͤmmerſtadt Volterra emporſteigt. Von weitem ſchneidet dieſe alte Stadt mit einer ungeheuern Maſſe von Glocken⸗ und andern Thuͤrmen in den Horizont ein. Man glaubt, den Hauptort des Mittelalters, eine Stadt zu erblicken, die ſich ſelbſt durch eine Einoͤde von al⸗ len ihren, den Sitten ihrer Vorfahren und der Achtung fuͤr die Vergangenheit untreu gewordenen, Umgebungen getrennt habe. Nachdem ich meine Reiſe bis nach Sonnenun⸗ tergang fortgeſetzt, beſchloß ich, in einem einzeln 129 ſtehenden Hauſe, Caſtaneo genannt, mein Nachtlager aufzuſchlagen. Schon hatte die ungeſunde Luft an⸗ gefangen, ihren verderblichen Einfluß verſpuͤren zu laſſen. Die Eigenthuͤmer der Beſitzungen waren aus denſelben entwichen und hatten ſich nach San Gimi⸗ gnano zuruͤckgezogen. Ein einziger Menſch, von blaſſem Angeſichte, und ſchon ſeit langen Jahren ein Ebenbild des Todes, dabey von hohem Wuchſe, war auf Befehl ſeines Herrn in dem Hauſe zuruͤckgeblie⸗ ben, um allffaͤlligen Durchreiſenden mit den noͤthigen Huͤlfleiſtungen an die Hand zu gehen. Mein einziger Reiſegefaͤhrte war mein Fuͤhrer. Meinem Pferde ward Sattel und Gebiß abgenommen; alsdann mochte es auf gut Gluͤck um das Haus herum weiden. Kaum daß ich unter dieß Dach, wo mir die Gaſt⸗ freundſchaft mit ſo viel als leeren Haͤnden entgegen⸗ trat, eingegangen war, ſo noͤthigte mich eine durch ein dreymahliges Erdbeben verurſachte Erſchuͤtterung der Mauern, wieder das Freye zu ſuchen. Dieſe Stoͤße waren hier eben nicht ſtark, ließen ſich aber anderwaͤrts weit heftiger verſpuͤren, und bewirkten zu San Caſciano den Einſturz eines Hauſes und eines Theiles der Kirche. Ich hatte mich auf den Stamm eines Baumes niedergeſetzt. Von dieſer Stelle aus konnte ich die wilde, mich umgebende Natur mit Muße betrachten. Dieſe ganze Beſitzung gehoͤrt zu denjenigen Bezir⸗ ken, welche die Italiaͤner le Macchie nennen. Hier Briefe üb. Italien. 1. Thl. 9 und da erhebt ſich eine Buche von einem Gewaͤchſe, das die jetzige Zeit nicht wieder erneuert; denn da dieß Land dem Viehe zur Weide dienen muß, ſo wird, was immer von jungen Baͤumen emporſproßt, ſofort wieder abgeaͤtzt. Jene Baͤume aus dem Al⸗ terthume aber, die einzigen noch uͤbrigen Spuren vormahliger Waͤlder, weiſen durch ihre Gegenwart auf eine Epoche hin, da der Menſch ſein Eigenthum zu vertheidigen noch im Stande war, was er heut zu Tage unverſucht laͤßt. Ich ſaß noch an dem naͤhmlichen Plaͤtzchen, und war in ein trauriges Betrachten der duͤſtern Natur verſunken, als ich ein kleines Fuhrwerk, von der im Arno⸗Thale gebraͤuchlichen Gattung, ankommen ſah, das, wie ich, zu Caſtaneo eine Nachtherberge ſuchte. In dem kleinen Karren lagen zwey Kinder, welche die Mutter, ein zwar noch ſchoͤnes, aber blaſſes und abgemattetes, und, wie es ſchien, von der Laſt der Schmerzen danieder gedruͤcktes Weib, neben dem Wagen herſchreitend, nicht einen Augenblick aus dem Geſichte verlor. Mit Sorgfalt hob ſie ihre Kinder aus dem Wagen und verlangte Milch fuͤr dieſelben. Da keine zu finden war, ſo mußte ſie, um ihnen den Durſt zu ſtillen, zu gelbem Schwefelwaſſer ihre Zu⸗ flucht nehmen. Nicht ohne Unruhe ſah ſie die Kin⸗ der jenes Getraͤnk zu ſich nehmen, und zaͤhlte jeden Tropfen, den dieſelben davon einſchluckten. Dieſe ihre Kinder, erzaͤhlte mir die ungluͤckliche Mutter, ſeyen von einem tollen Hunde gebiſſen worden, und nun ſtehe ſie im Begriff, dieſelben nach Volterra zu bringen, wo ein Nagel von dem aͤchten Kreuze Chriſti aufbewahrt werde, der, mit ſolchen Wunden in Be⸗ ruͤhrung gebracht, die Kraft in ſich ſchließe, gegen die Folgen des Biſſes wuͤthender Thiere zu verwahren. Auf meine, gegen die Wirkſamkeit dieſes Heilmittels geaͤußerten Zweifel, verſicherte ſie mich, daß man ſich jenes Nagels in Toscana ſchon ſeit undenklichen Zei⸗ ten mit gutem Erfolge bedient habe. Und alts ich ihr hinwieder bemerkte, daß es Leute gebe, welche das Brennen ſolcher Wunden fuͤr ein noch untruͤg⸗ licheres Heilmittel halten, ſo erklaͤrte ſie, daß auch jene heilige Reliquie, bevor man ſie an die Wunde bringe, in's Feuer gelegt und darin gehalten werde, bis ſie gluͤhend ſey. Nun hatte ich nichts weiter einzuwenden, und zweifelte nun auch nicht laͤnger, daß man ſich des Kreuznagels bey jenen gebiſſenen Kindern mit Erfolge bedienen werde. Demnach waͤre eines der allerneueſten Geheimniſſe der Arzeney⸗ kunſt, das Brennen mit gluͤhendem Eiſen, in Tos⸗ cana ſchon von langem her bekannt und geuͤbt gewe⸗ ſen, und die Entdeckung, daß dem alſo ſey, einem Zufalle und einer Reiſe nach Volterra, wo ſo ſelten ein Menſch hinreiſ't, zu verdanken! Der Verfall der Maremmen⸗Bewohner ſchreibt ſich von der Epoche der Peſt des ſechzehnten Jahr⸗ hunderts her, deren verheerende Wuth einen bedeu⸗ 9* tenden Theil der damahligen Bevoͤlkerung hinweg⸗ raffte. Von da an iſt die Volksmenge nie wieder ſo bedeutend geworden, daß ſie einen Damm gegen den Einfluß der ungeſunden Luft haͤtte abgeben koͤn⸗ nen, der nun mit jedem Jahre ſtaͤrker und in eben dem Maße uͤberhand nimmt, in welchem der Wider⸗ ſtand, den Civiliſirung und Bevoͤlkerung leiſten koͤnn⸗ ten, ſich mindert. So wie die Einwohnerzahl abnahm, und die Concurrenz aufhoͤrte, fingen auch die Preiſe der Grundſtuͤcke an zu ſinken. Dieſen Zeitpunct benutz⸗ ten die Toscaniſchen Reichen, um ſich in den Beſitz derſelben zu ſetzen, und von eben dieſem Augenblicke an hat ſich auch, und zwar allem Anſcheine nach un⸗ wiederbringlich, alle productive Thaͤtigkeit von dieſem Boden verloren. Die wiederhohlten, von Leopold angeſtellten Verſuche, um Colonien in den Marem⸗ men zu begruͤnden, blieben insgeſammt ohne Erfolg, und die Angeſiedelten verſtarben, noch ehe ſie feſten Fuß in ihren Niederlaſſungen hatten faſſen koͤnnen. Aus dem Erdreiche will keine Frucht mehr hervorge⸗ hen, und durch die lange Bearbeitung von Menſchen⸗ haͤnden ſcheint ſeine Kraft und Fruchtbarkeit ſich er⸗ ſchoͤpft zu haben. Der Boden hat ſich in eine reine Thonerde verwandelt, deren Weiße bloß mit einer Beymiſchung von Schwefel verſetzt iſt, dergleichen diefe Regionen in uͤberſchwaͤnglicher Menge erzeugen. Mit eigenen Augen kann der Wanderer dieſe Schwe⸗ 133 felquellen der Erde entſpringen ſehen. Durch ihren Geruch und einen das ganze Ausſehen der Landſchaft verduͤſternden Rauch kuͤnden ſie ſich ſchon von fern an. Der Anblick dieſer Solfataren hat etwas Schauerliches. Sie ſcheuchen alles, was Menſch heißt, aus ihren Umgebungen weg. Zugleich mit den Rauchwirbeln lodern aus denſelben uͤbelriechende Flammen empor. Die kleinen Trichterſchluͤnde ſind mit ſchwefeligen Cruſten umgeben, zwiſchen deren Ritzen ein ſchwarzgelbes Waſſer hervorſprudelt. Das einzige noch uͤbrige Mittel, von dieſem Bo⸗ den, nachdem derſelbe einmahl durch die Natur ent⸗ voͤlkert und Eigenthum der großen Guͤterbeſitzer ge⸗ worden war, noch eine Partie zu ziehen, beſtand darin, daß der Ertrag desſelben auf das, was er von ſelbſt und ohne fernern Anbau erzeugen wuͤrde, be⸗ ſchraͤnkt, und einer nomadiſchen Voͤlkerſchaft zum Aufenthalte angewieſen wurde, welche bloß die ge⸗ ſunde Jahreszeit auf demſelben verbrachte, und was durch das Zuthun der Natur allein an Graͤſern und Kraͤutern hervorwuchs, durch ihre Herden verzehren ließ. Die Vegetation wird hier den ganzen Winter hindurch durch ein herrliches Clima beguͤnſtigt. Dieſe Zeit uͤber findet zwiſchen den Ebenen der Maremmen und den Gebirgsgegenden der Apenninen ein Menſchen⸗ tauſch Statt, vermittelſt deſſen beyde Gegenden ſo gut benutzt werden, als es unter dem Vorwalten ſol⸗ cher Umſtaͤnde noch moͤglich iſt. 134 Es waren naͤhmlich die weitlaͤufigen Bergwei⸗ den dieſes Reviers Eigenthum von Gemeinden, de⸗ ren Intereſſen es nicht zuſagte, ein Mobilien⸗Capi⸗ tal zu beſitzen. Den großen Guͤterbeſitzern in den Maremmen war mit Capitalen ſolcher Art eben ſo wenig gedient. Dieß hatte zur natuͤrlichen Folge, daß nomadiſche Hirtenvoͤlker und herumziehende Schaͤ⸗ fer, die kein anderes Eigenthum hatten als ihre Her⸗ den, und dieſe, je nachdem es die Jahreszeit erfor⸗ dert, von den Gebirgen in's flache Land hinunter⸗ ruͤcken laſſen, in's Mittel traten. Von dieſen Leu⸗ ten wird zu Stuͤckpreiſen ſo viel von jenen Weide⸗ plaͤtzen miethsweiſe erſtanden, als ſie zum Unterhalt ihrer Herden beduͤrfen. Viele der großen Grund⸗ herren in den Maremmen haben die, ſich zwar ledig⸗ lich auf ein Wiederausleihen der Weiden beſchraͤn⸗ kende, Bewerbung ihrer Guͤter an Paͤchter uͤbergeben. Einige halten ſich neben dem Paͤchter auch noch ei⸗ nen Verwalter, der ihnen uͤber die Wirthſchaftsbe⸗ ſorgung Rechnung abzulegen hat. So viel von dem Zuſtande der Induſtrie in den Maremmen. Eine andere Induſtrie, als die eben beſchriebene, duͤrften weder die Natur der Dinge, noch auch die oͤrtlichen Verhaͤltniſſe geſtatten. In der Geſtalt aber, in welcher dieſelbe gegenwaͤrtig be⸗ ſteht, wird ſie ſich ohne Zweifel forterhalten. Allge⸗ meine und beſondere Umſtaͤnde verbuͤrgen dieß in gleichem Grade. Das vereinte Beduͤrfniß der ge⸗ 135 ſammten Umgegend verſchafft der ganzen Maſſe von animaliſchen Erzeugniſſen der Maremmen einen un⸗ unterbrochenen Abſatz, und wuͤrde einmahl dieſe Art von Erwerb aufhoͤren, ſo muͤßte die Gegend ſich vol⸗ lends veroͤden. Vier Mahl hundert tauſend Häͤm⸗ mel und dreyßig tauſend Pferde finden, nebſt einer großen Anzahl von Kuͤhen und Ziegen, in dieſem Landſtriche ihr Futter, und kommen dem gaͤnzlichen Mangel an Viehzucht in dem Thale des Arno wohl⸗ thaͤtig zu Huͤlfe. Es hat zwar freylich dieſe Art von Land⸗Oeko⸗ nomie zur Folge gehabt, daß aus dem Herzen von Italien eine Wuͤſte hervorgegangen, und daß dieſe Wuͤſte die eine Haͤlfte des Jahres hindurch mit einer Art halb wilder Weſen bevoͤlkert iſt, die man, mit langen Lanzen bewaffnet, und mit Kleidern von gro⸗ bem Wollenzeuge und unverarbeiteten Haͤuten ange⸗ than, nach der Weiſe des Tartaren, dieſe Einoͤden durchkreuzen ſieht. Man darf jedoch nicht vergeſſen, daß dieſe Oekonomie nicht ſo faſt ein Werk des menſch⸗ lichen Willens, als der Natur ſelbſt war, und es be⸗ durfte verſtaͤndiger Maßregeln, um ſich eines Landes, gleichſam trotz ſeiner eigenen Einſprache, zu bemeiſtern, das fuͤr alle kuͤnftigen Zeiten ausſchließlich der Ge⸗ richtsbarkeit des Todes anheim gefallen ſchien. Wenn aber auch dieſer Boden der Maremmen aufgehoͤrt hat, Pflanzen und Kraͤuter zur Nahrung der Menſchen hervorzubringen, ſo hat er ſich dagegen 136 in eine chemiſche Werkſtaͤtte verwandelt, aus welcher immerfort eine gewaltige Menge Schwefel, Salz und Alaun hervorgeht.⸗ Und dieſer Induſtrie⸗Zweig, obgleich er nur waͤhrend der Jahreszeit betrieben wird, in welcher man von dem Einfluſſe der ungeſunden Luft nichts zu gefahren hat, iſt es, der einem bedeutenden Theile der Landeseinwohner ſeinen Unterhalt verſchafft. Nicht ohne Verwunderung bemerkten wir, daß unweit Volterra der Weg eine weiße Farbe annahm, welcher das Sonnenlicht gerade zu der Zeit einen blendenden Glanz verlieh. Bey naͤherer Anſicht zeigte es ſich, daß man die Straße mit Alabaſter uͤberſchuͤttet hatte. Das Innere dieſes Berges be⸗ ſteht naͤhmlich ganz aus dieſem Steine, und auch die Bloͤcke, deren ſich die Bildhauer und Modellirer be⸗ dienen, werden aus ſeinen Eingeweiden hervorgezo⸗ gen. Eine ſolche mit Alabaſter gepflaſterte Straße ſchien die Anfahrt zu einem Feen⸗Pallaſte zu ſeyn, und verſchaffte der ganzen, ohnehin etwas ſonderba⸗ ren, Umgebung ein fantaſtiſches Aussehen. Nach einem beynahe ſtuͤndigen Klettern hatte ich die oberſte Hoͤhe des Berges, auf welcher Vol⸗ terra gebaut iſt, erſtiegen. Im Schutte liegende Kloͤſter, verlaſſene Gaͤrten, einzelne Olivenbaͤume, altes Gemaͤuer und Pallaͤſte, denen es an Dachung fehlt, erinnern an den Glanz einer Stadt, in deren Mauern zur Stunde kaum noch drey tauſend Men⸗ 137 ſchen, groͤßten Theils Landleute oder Alabaſterarbeiter, ihr Leben dahinſchleppen. Nirgends liegen die Spuren jener dumpfen, die Werke der Schoͤpfung ihrer ganzen Zierde berauben⸗ den, Zerſtoͤrung auf eine ſo auffallende und zugleich ſo unfreundliche Weiſe vor Augen, als in und an den Mauern von Volterra. Blaß wie Schattenbilder irren die Einwohner umher unter den Truͤmmern einer majeſtaͤtiſchen Groͤße. Durch den Anblick einer ſolchen Maſſe von Ruinen entmuthigt, laſſen ſie es ſogar unverſucht, von ihren eigenen Wohnungen das gleiche traurige, auch ſie bedrohende Schickſal abzuwenden; ſie uͤber⸗ laſſen ihre Haͤuſer den Elementen zur Beute, und erwarten mit ruhiger Ergebung jenes periodiſche Strafgericht, durch welches die Natur den ihr gebuͤh⸗ renden Zehnten allaaͤhrlich von ihnen einfordert. In der ganzen Stadt fand ſich kein Gaſthof. Eben war ich beſchaͤftigt, mich nach einer Nachther⸗ berge umzuſehen, als ich auf einen wohlgekleideten Mann ſtieß, der mich in Franzoͤſiſcher Sprache anre⸗ dete. So wie auch er durch meine Antwort die ihm befreundete Mundart erkannte, fuͤhlten wir uns, ei⸗ ner dem andern, durch dieſe Uebereinſtimmung der Sprache, dieſes großen Vereinigungsmittels der Na⸗ tionen, naͤher gebracht, und aller zwiſchen ſo neuen Bekannten ſonſt Statt findende Ruͤckhalt war ſofort verſchwunden. Von dieſem Manne vernahm ich, 138 daß es zu Volterra wirklich keinen Gaſthof gebe, weil jeder Wirth daſelbſt Hungers ſterben muͤßte.— Mit Dank ward demnach ſeine Einladung, mich bey ihm einzuquartiren, angenommen. Mein freundlicher Gaſtwirth war Steuereinneh⸗ mer des Bezirkes, und da er ſich mir einzig in die⸗ ſer Eigenſchaft zu erkennen gegeben hatte, ſo war ich nicht wenig verwundert, ſo viel Leben und Regſam⸗ keit in ſeiner Wohnung wahrzunehmen, und eine ſo große Zahl ſtark beſchaͤftigter, ab⸗ und zugehender Arbeiter in ſeinem Hauſe, einem vormahligen Kloſter⸗ gebaͤude, deſſen vier Fagaden einen weiten Hofraum mit Hallen in ſich ſchloſſen, zu erblicken. Dieſer Um⸗ ſtand aber klaͤrte ſich, zu Folge der eigenen Erzaͤh⸗ lung meines Wirthes, dahin auf, daß er neben ſei⸗ nem Berufe auch noch Beſitzer einer Fabrik war. Vor wenigen Jahren war er naͤhmlich einmahl ſpa⸗ zieren gegangen, um in den Umgebungen der Stadt ein Paar Stunden ſeines wenig beſchaͤftigten Lebens hinzubringen. Auf ſeinem Wege naͤherte er ſich ei⸗ ner der Solfataren, und bemerkte die Menge Schwe⸗ fel, welche das Ausſieden des Waſſers auf den Rand derſelben hinwarf. Er wußte, daß dieſe Subſtanz niemanden angehoͤrte, auch gerade damahls ſeltener zu werden anfing, weil Sicilien und Aegypten auf⸗ gehoͤrt hatten, Schwefel nach Frankreich zu verſchicken; ließ ſich, ſchon vorher im Beſitze einiger chemiſchen Kenntniſſe, uͤber Livorno Chaptals bekanntes Werk 4 herbeyſchaffen, und legte mit Huͤlfe desſelben eine Schwefelſtangen⸗Fabrik an. Sein Unternehmen hatte den gewuͤnſchten Erfolg. Er verſandte Muſter ſeiner Arbeit nach Marſeille; bald gingen betraͤcht⸗ liche Beſtellungen ein; die Arbeit wurde mit groͤße⸗ rer Luſt fortgeſetzt, die Anſtalt immer mehr erwei⸗ tert, und gegenwaͤrtig werden woͤchentlich funfzig Zentner jener Waare fabrizirt, die portionenweiſe nach der Provence abgehen. Abends beſuchten wir das Schauſpiel. Auch das armſeligſte Italiaͤniſche Staͤdtchen iſt mit einem Thea⸗ ter verſehen. Die Buͤhne von Volterra war groß genug; allein aus Mangel an Beleuchtung mußte man bey'm Hineingehen im Finſtern tappen. Dafuͤr koſtete der Platz auch nicht mehr als fuͤnf Sous. Spaͤterhin wurden indeß vor der Buͤhne einige Lich⸗ ter angezuͤndet, und alsdann der Vorhang aufgezo⸗ gen. Der Saal war mit Zuſchauern angefuͤllt. Man gab ein Melodrama des Ambigu⸗Comique, die„Minen von Polen“ betitelt, in Italiaͤniſcher Ueberſetzung. Original⸗Stuͤcke werden in Italien ſelten mehr verfertigt; man begnuͤgt ſich mit Ueber⸗ ſetzungen von Stuͤcken, welche auf den Pariſer Bou⸗ levards und im Theater Feydeau aufgefuͤhrt werden. Kleidungen und Decorationen waren recht ſchoͤn. Die Acteurs ſpielten mit ungemein viel Natur und Wahrheit, und wußten meine ganze Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Noch einen ungleich lebhaftern Eindruck 140 brachten ſie bey dem baͤueriſchen und leicht aufzure⸗ genden Parterre hervor, deſſen Sprecher weinten, von ihren Sitzen aufſtanden, die Heldinn des Stuͤcks durch ihr Geſchrey im voraus die Gefahren, welche ſie zu beſtehen hatte, ahnen ließen, in die Haͤnde klatſchten, und ſich gegenſeitig uͤber das erfreuliche Ungefaͤhr, wodurch es der Gewandtheit des Herrn Pixérécourt gelungen war, die Prinzeſſinn zu retten, begluͤckwuͤnſchten. Italien duͤrfte das einzige Land ſeyn, wo es ſich der Muͤhe lohnte, Melodramen auf⸗ zufuͤhren. Von Volterra's Thuͤrmen eroͤffnet ſich eine weite Ausſicht uͤber ein oͤdes Steppenland und einen Bo⸗ den, deſſen einfoͤrmige Nacktheit einzig etwa durch ei⸗ nen Cypreſſenhain oder ein Gehoͤlz von Steineichen unterbrochen wird, das beſtimmt ſcheint, der großen Trauerſtaͤtte gleichſam ihre Weihe zu verſchaffen, und deſſen dunkeles Gruͤn mit dem gelblichen Boden der Landſchaft einen grellen Gegenſatz bildet. Aus der Tiefe der Thalgruͤnde ſteigt ohne Unterlaß der Rauch der Solfataren empor, der bald ſich umherwaͤlzt, wie Meereswogen zur Zeit des Orkanes, bald ſaͤulen⸗ foͤrmig, gleich einem Opferrauche, zum Himmel em⸗ porwallt. Ueberhaupt iſt alles uͤberraſchend und ſonderbar in einer Gegend, die den Kelch ihres Lebens bis auf den Grund ausgeleert zu haben ſcheint, und langſamen Schrittes zu jenem Zuſtande der Ver⸗ öͤdung zuruͤckkehrt, in welchem zuletzt der ganze Erd⸗ 141 kreis das Ende ſeiner Beſtimmung ſcheint finden zu muͤſſen. Wer weiß naͤhmlich, ob nicht eine Zeit kommen wird, da der Boden, durch eine wiederhohlte Bearbeitung von Menſchenhaͤnden gaͤnzlich erſchoͤpft, nicht laͤnger vermoͤgend ſeyn wird, die zur Bildung des Pflanzennahrungsſaftes erforderlichen Grund⸗ ſtoffe zu erzeugen; waͤhrend hinwieder aus ſeinen chemiſchen Zuſammenſetzungen fortwaͤhrend bloß un⸗ thaͤtige und ſchaͤdliche Subſtanzen hervorgehen wer⸗ den, welche geeignet ſind, die Quellen des Lebens in ihrer Reinheit zu truͤben, und die Gegenden, welche die Vorſehung ſolcher Geſtalt dem verheerenden Zahn der Zeit Preis gibt, langſam zu entvoͤlkern. Es ſind zwey im hoͤchſten Grade contraſtirende Geſtalten der Natur, die dem Wanderer hier mit Einem Mahl vor Augen liegen. In der einen erſcheint ſie ihm als durch Civiliſirung gebaͤndigt, in der an⸗ dern als von ſelbſt zu ihrem Urzuſtande zuruͤckkeh⸗ rend, gleich als ob ſie ſich der Sorge, das Menſchen⸗ geſchlecht durch die ihr angeborene Fruchtbarkeit zu ernaͤhren, hinfort nicht mehr beladen wollte. Die Gottheit aber ſcheint dieſe beyden Bilder darum ſo nahe zuſammengeſtellt zu haben, damit der Menſch der Schranken ſeiner Macht ſowohl, als ſeiner Ohn⸗ macht fortwaͤhrend eingedenk bleiben moͤge. N. Neunter Brief. Rom, 10. Juni 1813. I Es iſt eine allgemein verbreitete Meinung, daß jene ungeſunde Luft, deren Einwirkung die Land⸗ ſchaften Italiens laͤngs den Geſtaden des Mittelmee⸗ res entvoͤlkert, von den Moraͤſten und ſtehenden Waſſern herruͤhre, welche ſonſt durchgehends ſolche Verſchlimmerungen der Atmoſphaͤre erzeugen. In den Pontiniſchen Suͤmpfen mag dieſes vielleicht der Fall ſeyn; was hingegen die Maremmen von Rom und Toscana betrifft, ſo muͤſſen daſelbſt jener Ver⸗ peſtung der Atmoſphaͤre ohne Zweifel andere Ur⸗ ſachen zum Grunde liegen; denn dieſe Maremmen ſind, wie ich Ihnen in meinem letzten Briefe gemel⸗ det habe, eine hoch gelegene Gegend, die weder Suͤmpfe noch ſtehende Waſſer in ſich begreift, und wo fuͤr Winde und Luft freyer Zug iſt; auch habe ich ſelbſt jene Landplage auf den hohen Berggipfd von Radicofani ſich mit eben ſo großer Heftigkeit, als in den Waͤldern des Soractes aͤußern geſehen. V Man kann beynahe nicht umhin zu glauben, jene Verpeſtung der Luft habe ihren Urſprung in der chemiſchen Beſchaffenheit des Bodens ſelbſt, ſo wie dieſe durch einen den Menſchen verborgenen Gang der Natur, und durch andere uns eben ſo wenig be⸗ kannte Ereigniſſe, nach und nach erzeugt worden ſeyn moͤchte; und es laͤßt ſich nicht ohne Wahrſcheinlich⸗ keit annehmen, daß ſich der geſchwefelte Waſſerſtoff, kraft der ſeine Beſtandtheile ausmachenden Elemente ſelbſt, und unabhaͤngig von einer fuͤrdauernden An⸗ weſenheit des Waſſers, auf der Oberflaͤche des Erd⸗ reichs entwickle. Sollte dieſe Vermuthung gegruͤn⸗ det ſeyn, ſo mußte es auch unmoͤglich bleiben, jenem Uebel jemahls wieder Einhalt zu thun. Auf jeden Fall muß es befremden, daß die Ur⸗ ſache ſo beharrlicher und ſo furchtbarer Wirkungen noch nicht hat ergruͤndet werden koͤnnen, und daß bis auf den heutigen Tag die Aerzte nicht weniger, als die Scheidekuͤnſtler, ſich in ihren dießfaͤlligen Vermu⸗ thungen getaͤuſcht haben. Wirklich ſind ihre Hypo⸗ theſen, eine nach der andern, durch Thatſachen wider⸗ legt worden, und bis auf den heutigen Tag iſt es noch keinem derſelben gelungen, die Quelle jener ge⸗ heimnißvollen, ſich als eine unſichtbare, ihre Ankunft durch nichts kundthuende Fluͤſſigkeit, verbreitenden Naturkraft ausfindig zu machen. Der Himmel bleibt, nach wie vor, gleich rein, das Wieſengruͤn nicht weniger friſch, die Luft gleich ruhig und ſtille: 144 und alles vereinigt ſich zu einem Anblicke, deſſen Heiterkeit geeignet waͤre, ein unbedingtes Vertrauen einzufloͤßen, und dennoch wird man, gleichſam wider Willen, bey'm Einathmen dieſer eben ſo angenehmen als verderblichen Luft von einer Art von Entſetzen ergriffen, das ſich kaum mit Worten beſchreiben laͤßt, Von der Einwirkung dieſer langſamen Zerſtoͤ⸗ rung auf die Menſchennatur iſt nur der im Stande ſich einen Begriff zu machen, welcher in eigner Per⸗ ſon jene Gegenden waͤhrend der gefaͤhrlichen Jahres⸗ zeit durchreiſ't hat. Die niedergeſchlagenen Einwoh⸗ ner dieſes Landſtriches verlieren nach und nach die Farben, welche das Leben verkuͤnden; ihr Teint wird gelb und bleyfarbig; mit jedem Tage ſchwinden ihre Kraͤfte mehr; die Einen und Andern von ihnen ſter⸗ ben, noch ehe die ungeſunde Jahreszeit zu Ende iſt, und ſelbſt diejenigen, denen die Vorſehung ihr Leben noch um einige Jahre zu friſten beſchloſſen hat, be⸗ halten kaum Muth genug, um eine ſolche Verlaͤn⸗ gerung zu wuͤnſchen. Auch ſie verſinken allmaͤhlig in den Zuſtand einer ungewohnten Erſchlaffung und Muthloſigkeit, die das Ende auch ihres, wer weiß, ob nicht eben ſo ſehr in Folge dieſer moraliſchen Schwaͤche, als des Einfluſſes der verpeſteten Luft, ſo ſchnell erloͤſchenden Lebens beſchleunigt. Dieſe phyſiſche und moraliſche Erſchlaffung der geſammten Einwohnerſchaft hat ein periodiſches Auf⸗ hoͤren aller geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſe, und aller — 7 der Thaͤtigkeitsaͤußerungen, wodurch ſich der menſch⸗ liche Kunſtfleiß zu Tage legt, zur Folge. Um deſto mehr wird, wer dieſe ungeſunden Gegenden beſchrei⸗ ben wollte, ſich auf diejenigen Thatſachen beſchraͤnken muͤſſen, welche die Induſtrie der Pflanzer und Feld⸗ bauer an die Hand gibt. Ich habe mich mit dieſer etwas näͤher bekannt gemacht, und will Ihnen meine dießfaͤlligen Bemerkungen um ſo eher mittheilen, da die Anſichten der meiſten fruͤhern Reiſenden in Be⸗ treff dieſes Punctes eben nicht die richtigſten ſeyn duͤrften. Die große Landſtraße von Florenz nach Rom geht durch die Toscaniſchen Maremmen bis nach Aquapendente, wo man in das Roͤmiſche Gebieth eintritt. Hier veraͤndert ſich mit Ein Mahl die Na— tur des Bodens, und die ganze Landſchaft gewinnt eine neue Geſtalt. Jene Abhaͤnge von Thonerde, deren Weiße und Nacktheit das Auge ermuͤden, ver⸗ ſchwinden, und in ſchwarzem vulkaniſchen Sande ſieht man den Boden durch die Pracht eines wilden Pflan⸗ zenwuchſes ſeine Fruchtbarkeit zu Tage legen. Meh⸗ rere Meilen weit erhebt und ſenkt ſich wechſelsweiſe der Weg gegen die Ufer der Seen von Bolſena*) *) Der Anblick des Sees von Bolſena, in Verbindung mit den dunkeln Wäldern, zwiſchen deren Schatten ſein Becken zu ruhen ſcheint, hat etwas Düſteres, das Gemüth(welches ſich in keinem Lande ſo häufig und ſo gern, wie in Italien, mit Zeiten und Geſchlechtern beſchäftigt, die nicht mehr ſind) zu melancholiſchen Gefühlen Stimmendes. Aber indeß das Auge umſonſt in die Briefe üb. Italien. 1. Thl. 10 146 und Vico. Nings um dieſe Waſſerbecken her ſind waͤhrend einer Reihe von Jahrhunderten unermeß⸗ liche, von den Apenninen bis an die Geſtade des Meeres ſich erſtreckende, Waͤlder aufgewachſen. In der Tiefe dieſer Waldungen, deren die menſchliche Induſtrie gaͤnzlich vergeſſen zu haben ſcheint, trifft man auf weite, offene Plaͤtze, die, gleich den Savan⸗ nen Amerika's, mit natuͤrlichem Raſen bewachſen und mit Pflanzen uͤberkleidet ſind, deren ſeltſame Geſtalten dieſer verlaſſenen Natur ein Afrikaniſches Ausſehen verleihen. Von Strecke zu Strecke zieht ſich der Weg durch Flecken und Staͤdte, deren Nahmen in hiſtori⸗ ſcher Beziehung die Einbildungskraft anſprechen; die aber gegenwaͤrtig nichts Anderes mehr ſind, als Mau⸗ ſolaͤen voruͤbergegangener Geſchlechter, in deren Naͤhe die blaſſen Landeseinwohner jetzt noch verweilen, als finſtern Dickungen jener Seeumkränzung einzudringen bemüht iſt, eilt der Wanderer, auf den Flügeln einer raſchen, bald alle Augenblicke durch einen neuen und ungewohnten Anblick er⸗ wärmten Fantaſie, wieder zurück aus dieſer öden Stille nach den lebendigen Gefilden und den lachenden Gartengründen, aus deren Schooße die ſchöne Florentia, die er ſo eben verlaſſen hat,— in mehr als Einer Hinſicht eine Königinn unter den Italiſchen Städten— majeſtätiſch hervorgeht, und freut ſich jener Bilder des Lebens, welche von dort aus eine noch ganz nahe Vergangenheit dem, in dieſer Gegend und bis unter und in die Mauern Roms ihm in ſo mancherley niederſchlagenden Ge⸗ ſtalten erſcheinenden, Tode der Gegenwart entgegenſetzt. A. d. Ueb. 147 wollten ſie das Andenken derjenigen feyern, die nicht mehr ſind. Die Einfaſſungen jener Staͤdte ſind durch Gaͤr⸗ ten und Weinberge gebildet, deren Ranken ſich aber hier nicht mehr, wie in Toscana, an den Baͤumen hinaufſchlingen, ſondern zwiſchen Gitkerwerke von Schilfrohr verflochten ſind. Auf den Ruinen ſproßt uͤberall der Feigenbaum und die Aloe. Dieſe beyden Gewaͤchſe gereichen, vermoͤge ihrer dunkelgruͤnen Farbe und ihrer morgenlaͤndiſchen Formen, den Stel⸗ len, an denen ſie aufwachſen, im eigentlichen Sinne zur Zierde. In der Ferne erblickt man hier und da Getreidefelder, die mitten in dieſer wilden Natur, in den Lichtungen der Waͤlder, als die einzigen Spu⸗ ren der Gegenwart menſchlicher Weſen und ihrer Thaͤtigkeit zerſtreut liegen. Die Ernten, welche dieſe Felder liefern, ſind unvergleichlich ſchoͤn. Ein ſolcher Boden hat, bevor er angeſaͤet wird, ſieben Jahre lang als Weideplatz ausgeruhet, und iſt ſo fruchtbar, daß er ſich unmit⸗ telbar nach der Ernte ohne menſchliches Zuthun mit einem kraͤftigen Graswuchſe bekleidet, der dann ſehr zahlreichen Herden von Hornvieh, Pferden und Haͤm⸗ meln zum Futter dient. Nach Verfluß einiger Sommer aber faͤngt der ſchoͤne Raſen an, aus der Art zu ſchlagen. Stachelige Pflanzen, der Wun⸗ derbaum, das Schilfrohr und breitblaͤttrige Gewaͤchſe aller Art uͤberfluͤgeln das Erdreich, das von den 10*† 148 Landbauern, nachdem ſie jene Wucherpflanzen ver⸗ brannt haben, umgeackert wird. Sieben Mahl wen⸗ det im Laufe eines einzigen Brachjahres die Pflug⸗ ſchar den Boden, und erſt, wenn dieſe Arbeit, die er⸗ fordert wird, um jene Gewaͤchſe mit Keim und Wur⸗ zel auszureuten, beendigt iſt, wird die Ausſaat des Weizens vorgenommen. So zubereitet liefert der Boden eine achtfache Ernte, und kehrt dann unmit⸗ telbar wieder in eben den Zuſtand eines unangebauten Weideplatzes zuruͤck, welchem er mit ſo großer Muͤhe war entriſſen worden. Dem zu Folge kann man annehmen, daß in der Gegend, von welcher Viterbo die Hauptſtadt iſt, nicht mehr als ein Siebentel des Bodens zum An⸗ bau benutzt werde: alles Uebrige mag als Weide von den Herden durchzogen werden, und hervorbringen was es will. Uebrigens nimmt dieß freye Land an ſich ſchon einen ſehr beſchraͤnkten Raum ein, und zwey Drittel des Bodens ſind fuͤrdauernd mit Wal⸗ dungen bedeckt. In dieſen majeſtaͤtiſchen, der Sorge der Natur uͤberlaſſenen, Waͤldern iſt der Pflanzenwuchs allzu uͤppig, als daß der Boden, ſo wie in Toscana, von dem Viehe geaͤtzt werden koͤnnte. Das Auge ver⸗ mag nicht, in die Tiefe ſolcher Waldungen einzudrin⸗ gen. Die Fantaſie erblickt in ihrem Dunkel die Schatten jenes Volkes, welches im Alterthume dieſe Einoͤden beruͤhmt gemacht. Der Wanderer ehrt das 149 Andenken jener Nation, und ihm iſt in dieſen Ein⸗ ſamkeiten wohl zu Muthe. Nur ſelten hoͤrt man in dieſen Waldgegenden die Schlaͤge der Art ertoͤnen: denn das Holz hat einen allzu geringen Werth, als daß es die Muͤhe und Koſten des Faͤllens lohnen wuͤrde. Der einzige Gebrauch, der ven demſelben gemacht wird, iſt zu Verarbeitung der Eiſenerze, die man von der Inſel Elba nach Bracciano und in die dortige Gegend hinuͤberbringt. Uebrigens ſind jene Waͤlder durchgehends allzu weit von den Marktplaͤtzen entfernt, als daß es der Muͤhe werth ſeyn ſollte, das Holz aus denſelben heraus zu ziehen. Was aber im Lande ſelbſt an dieſem Materiale verbraucht wird, iſt ſo unbedeutend, daß es ganz und gar nicht in An⸗ ſchlag kommt. Dieſe ganze Landſchaft, ſo wie ich Ihnen die⸗ ſelbe in einigen Hauptzuͤgen zu ſchildern verſucht habe, iſt mit Ausnahme derjenigen Gegenden, die in der Naͤhe von Städten liegen, und deren Gebieth Gaͤr⸗ ten und Weinberge in ſich begreift, in Beſitzungen von ungeheuerm Umfange abgetheilt. Dieſe weit⸗ laͤufigen Beſitzungen, die man zu gleicher Zeit als Grund und als Folge der verpeſteten Luft zu betrach⸗ ten hat, ſind Schuld, daß das Landvolk, und mit ihm die ganze Bevoͤlkerung, ſchon ſeit langem von dieſem Erdflecken entwichen iſt. In der ganzen Gegend umher iſt weder Dorf, noch Weiler, ja man duͤrfte ſagen, nicht einmahl ein Pachthof zu finden; denn 150 die ganze laͤndliche Bevoͤlkerung haͤlt ſich ausſchließ⸗ lich in den Staͤdten und Flecken auf, wo Grundei⸗ genthuͤmer, Paͤchter, Tageloͤhner, Handwerker und Kraͤmer alle zuſammen ein und dasſelbe Pflanzenle⸗ ben hinbringen. Einzig erblickt man hier und da auf dem Lande, in großen Entfernungen von einan⸗ der, iſolirte Gebaͤude, Caſali genannt, von welchen man bey Bewerbung der Guͤter Gebrauch macht, in denen aber weder Familien wohnen, noch ein Haus⸗ halt Statt findet, und die einzig als Zufluchtsoͤrter fuͤr die Hirten, und zur Zeit der Feldarbeiten den Landbauern zum Obdache dienen muͤſſen. In dieſe Behauſungen ſieht man des Abends die Feldarbeiter und Viehhuͤther zur Sicherheit vor der Nachtfeuch⸗ tigkeit eingehen, und verzehren, was ihnen aus der zunaͤchſt gelegenen Stadt an Nahrungsmitteln ge⸗ reicht wird. Uebrigens haben dieſe Gebaͤude nichts Laͤndliches oder Patriarchaliſches; man hoͤrt da keine geſchaͤftige Hausfrau ihre Kinder zum Abendeſſen zu⸗ ſammenrufen: kein Hahnengeſchrey weckt die Ar⸗ beiter zu ihrem Werke auf, noch baut unter einem ſolchen Dache eine Schwalbe ihr Neſt. Der einzige Laut, den man vernimmt, iſt das Kraͤchzen der Kraͤhe, die als ein Wahrzeichen uͤber dieſen Wohnſitzen der Traurigkeit ihre Fittige luͤftet. Die Herden, welche unter der Aufſicht einiger Hirten dieſe ungeheuern Pachtguͤter durchſtreichen, ſind von weit vorzuͤglicherer Beſchaffenheit, als diejenigen, welche Toscana auf ſeinen unfruchtbaren Weideplaͤtzen zu ernaͤhren hat. Die hieſigen Ochſen haben einen ſehr anſehnlichen Wuchs und uͤberaus ſchoͤne Formen. Ihre ausge⸗ zeichnet großen Hoͤrner geben ihrer Stellung etwas Edles und Stolzes. Dazu kommt ein gewiſſes ſtutziges, von ihrer halb wilden Lebensart herruͤhren⸗ des Ausſehen. In allen ihren Bewegungen herrſcht Leichtigkeit und ein gewiſſer Gleichgang: auch beſitzen ſie eine Gelenkſamkeit, durch welche ſie ſich, nicht weniger, als durch ihren Gang, von den nordiſchen Ragen unterſcheiden. Wirklich werden hier zu Lande die Ochſen zu Arbeiten aller Art, ſelbſt zum Trans⸗ porte von Kaufmannsguͤtern gebraucht, in welch letz⸗ terer Ruͤckſicht ſie ſogar die Pferde an Brauchbarkeit uͤbertreffen ſollen. Zu Ronciglione, am Fuße der Gebirge von Vi⸗ terbo, nimmt jene beruͤhmte Ebene, aus deren Schooße die Stadt Rom ſich emporhebt, ihren An⸗ fang. Sie wird einzig vom Meere und von einer, von dem Berge Circello*) an, bis zu den Gebirgen des al⸗ *) Auch der in dieſen Briefen mehrmahls erwähnte Berg, oder das Vorgebirge Circello, iſt, ſo ſelten ein Ausländer ihn in ſeine Reiſe durch Italien aufnimmt, ein Punet dieſes Lan⸗ des, an den ſich mancherley Erinnerungen aus mehr als Einer denkwürdigen Epoche der Vorzeit anknüpfen. Er liegt etwa zwölf Meilen rechts von Terracina. Ihn hat im Verlaufe der Zeiten theils das von den Flüſſen herangeſchwemmte Erdreich, theils der Meerſand aus einer Inſel in ein Vorgebirge verwan⸗ delt. Von ſeiner Höhe biethet ſich, hauptſächlich in Bezug auf eine ferne Vergangenheit, eine ſehr reichhaltige, Land und Meer 1⁵² ten Etruriens, ſie amphitheatraliſch umſchließenden Bergkette begrenzt. Dieſe dreyßig Stunden lange umfaſſende Ausſicht dar. Landeinwärts erblickt der Wanderer das Gebirge von Albano, hinter welchem, am Nande alter Kra⸗ ter, einſt die Städte Alba longa, Aricia und Gabium geſtanden haben; ſodann denjenigen Theil der Apenninen, der unter dem Nahmen des Lepiniſchen Gebirges, mit Oliven und Weinreben bepflanzt, und mit Eichen, Fichten und Kaſtanien bekleidet, ſich über Frascati und Albano nach dem Hafen von Derracina hin⸗ abzieht, die Ueberreſte der älteſten befeſtigten Ortſchaften Ita⸗ liens, der Städte Kora, Norba, Sueſſa Pometia und Priver⸗ num an ſeinen Abhängen tragend; ferner, die geſchichtlich ſo merkwürdige Appiſche Straße, und endlich jene ſumpfige Ebene, die eine ganze Reihe von Zeitaltern nicht zu trocknen und urbar zu machen vermocht hat. Gegen das Meer hin überſchaut das Auge auf und an der grenzenloſen Waſſerfläche, Etruriens Küſte, Sardinien, Corſica, Iſchia, Procida und die Ponza⸗Inſeln, und findet zuletzt ſeinen Ruhepunct in der Gegend von Neapel, Italiens herrlichſter Landſchaft, wo die Natur alle ihre Reichthümer in überſchwäng⸗ licher Fülle zur Schau legt, und die Töne des reinſten Geſan⸗ ges ſich mit den lieblichſten Wohlgerüchen vermiſchen. Dem großen Gemählde leiht des Meeres dumpfes, aus der Tiefe herauftönendes Brauſen eine melancholiſche, das Gemüth er⸗ greifende Färbung. Die einzige bewohnte, und zugleich auch bey weitem die lieblichſte Partie des Circello iſt derjenige ſeiner Gipfel, auf wel⸗ chen der kleine, etwa neunthalb hundert Einwohner zählende Marktflecken San Felice hingebaut iſt. Die übrigen auf und an dem Berge zerſtreuten Wohnungen enthalten, nach einer An⸗ gabe vom Jahre 1812, nicht viel über hundert Seelen. Auf dieſem Berge ſtand einſt die uralte Stadt Circeji, in deren Mauern Octavius ſeinen Veteranen ihren Aufenthalt anwies, Lepidus ſein ſchändliches Leben beſchloß und Diberius Lagerſpiele feyerte, bey denen er ſelbſt mit dem Wurfſpieß auf einen Eber losging. Das feſte, noch jetzt ſtehende, Schloß von Circeji hat in Zeiten der Verwirrung den Päpſten mehr als Ein Mahl zum Zufluchtsort dienen müſſen. 153 und zehn bis zwoͤlf Stunden breite Gegend erſcheint keinesweges als eine ebene, durch die Gewaͤſſer abge⸗ Auf der Meerſeite des Vorgebirges bilden hohe, ſteil abge⸗ ſchnittene Felſen mit zerriſſenen Seitenwänden breite und tiefe, mit Epheu und Scolopendern bekleidete, über friſchen Quellen ſich wölbende Grotten, von denen die oberſte noch heut zu TDage die Grotte der Zauberinn(Grotta della Maga) heißt. Noch zu Gordians Zeiten war am Fuße des Berges ein berühmter Meerport. Noch jetzt ſind an dem Hafendamme die Ringe zu ſehen, an denen die Schiffer der Vorwelt ihre Fahrzeuge be⸗ feſtigien. Die Nachbarſchaft der Pontiniſchen Sümpfe abgerechnet, liegt der Circello unter dem ſchönſten Himmelsſtriche, den man ſich denken kann; auch iſt ſein Boden ungemein fruchtbar. An ſeinen Abhängen grünte und blühte die erſte, aus Griechentand herübergebrachte Myrte, und verbreitete ſich von da aus durch ganz Italien. Nicht minder berühmt ſind auch ſeine Feigen, und der, zwar wenige, rothe Wein, den er liefert, iſt den vorzüg⸗ lichſten Weinen Etruriens und Campaniens an die Seite zu ſetzen. Der hier zu außerordentlicher Größe gedeihende Lattich⸗ ſalat wird in Rom begierig aufgekauft. Ueberhaupt zeichnet ſich der Circello durch einen ungemein reichen und mannigfattigen Pflanzenwuchs aus, der mehr als Einer ſeiner Gegenden einen beſondern Reiz verleiht, und die düſtern, auch hier dem Reiſenden ſich in großer Anzahl auf⸗ dringenden, Erinnerungen an vergangene Zeiten wenigſtens ei⸗ niger Maßen zu erheitern geeignet iſt. Nicht ohne Erſtaunen ſieht man am Fuße bejahrter, mit zahlloſen Armen längs den Felſen ſich hindehnender Eichen und Maſtixbäume, mitten unter Citronen⸗, Cedrat⸗ und Orangen⸗ ſtämmen, die Cactus quentia, die Amerikaniſche Agave und andere ſchöne Pflanzen wachſen und ſich mehren. An der Seite des Schaflinſenbaumes miſcht der Granatbaum den Purpur ſei⸗ ner Bluͤthe zuſammen mit der beſcheidenen Traube der Jung⸗ fernrebe, und über dem wilden Apfelbaum, an dem dieſe auf⸗ rankt, ſieht man den Mannabaum ſich wölben. Zwiſchen der immergrünenden Steineiche, dem Johannisbrot⸗ und Korkbaum erheben ſich bejahrte Spierlings⸗, Buchs⸗ und Lorberſtämme 154 —— glichene Flaͤche, ſondern vielmehr als eine ununter⸗ brochene Folge wellenfoͤrmiger, keine beſtimmte Rich⸗ tung nehmender Huͤgel, von denen keiner hoch genug iſt, um bedeutend uͤber die andern hervor zu ragen, durch deren Geſammtheit aber der Geſichtskreis ſol⸗ ——— von ſolcher Höhe und Dicke, daß vor Alters die Etrusker ſich ihrer zum Schiffsbaue bedienten. Anderer vorzüglich ſchöner und nützlicher, dieſem Boden in Menge entkeimender Pflanzen und Sträuche nicht zu gedenken. Eine Art Auſtern, mit ſchwarzem Fleiſche, dergleichen die Küſte vormahls in Menge lieferte, ſchmückte einſt die Tafeln des leckern Römers als ein koſtbares Gericht. Die Hirſche, die zu Homers Zeiten ſich in der Gegend des Circello vorfanden, ſind ausgeſtorben. Dagegen enthalten die Wälder ein buntes Gemiſch nordiſcher, Morgenländiſcher und Afrikaniſcher Vögel⸗ Hier hauſen der Isländiſche und der ſo geheißene Schweizeriſche Kiebitz, die roſenfarbige Amſel und das melodiſche Blaukehlchen zuſammen mit dem prächtig gefiederten Bienenfänger, dem gel⸗ ben Reiher, dem Gold⸗Ibis und dem einſamen Sperling. Der Jäger findet wilde Schweine, Krammetsvögel, Schnepfen, Waſſerſchnepfen und Regenvögel zur Herbſtzeit, ferner, wilde Enten, Tauchenten, Rebhühner, Feigendroſſeln und eine an⸗ dere Menge Geflügels. Neben mancherley ſchönen Schmetter⸗ lingen haben ſich auch Legionen, zum Theil läſtiger, Inſecten auf dem Circello eingeniſtet. Unter dieſen iſt eine Art von Leuchtkäfern, die den gewöhnlichen Scheinwärmern nicht un⸗ ähnlich ſind, vorzüglich bemerkenswerth. Ganze Schwärme dieſer Thierchen fliegen von der Küſte hinauf auf die oberſte Höhe des Berges, laſſen ſich auf den Sand, auf die Baumblät⸗ ter und das Gras nieder, und beginnen alsdann auf mannig⸗ faltige Weiſe ihr Lichtſpiel, ſo daß der Berg des Nachts zuwei⸗ len ringsum in leuchtende Wolken gehüllt ſcheint. Noch nie iſt in der Gegend des Circello ein Erdbeben ver⸗ ſpürt worden. Neiche und herrliche Waſſerquellen liefern ein geſundes Getränk. Die ganze Thätigkeit der Einwohner be⸗ ſchränkt ſich auf ein wenig Feldbau, das Einſammeln des Man⸗ chergeſtalt eingeengt wird, daß man fortwaͤhrend nur einen kleinen Theil des Flaͤchenraums, den man durchwandern ſoll, im Geſichte behaͤlt. Dieſe, der Gegend, von welcher ich ſpreche, ganz eigenthuͤmliche, Beſchaffenheit der Localitaͤt iſt, was ſich auf den erſten Blick ſattſam ergibt, keinesweges durch das Waſſer hervorgebracht; indem dieſes Ele⸗ ment jederzeit Geſetze und gleichmaͤßige Richtungen befolgt. Vielmehr ruͤhrt ſie von einer vulkaniſchen Einwirkung her, deren Vorhandenſeyn ſich durch alle Umſtaͤnde kund thut, und die ſich auf eine durchaus regelloſe Weiſe aͤußert. Die Thalgruͤnde, welche die Huͤgel der Campagna di Roma von einander abſon⸗ dern, ſind weder tief, noch ſehr abſchuͤſſig: vielmehr ſind es Abhaͤnge, die ſich, in Folge des Verlaufes der Zeiten, der Cultur und des Zuſammenſinkens des Bodens, ganz ſachte niederwaͤrts ziehen. Die Huͤgel ſelbſt ſind mit keinen Waͤldern gekroͤnt, ihre Gipfel kahl und nicht ſelten von allem Erdreich entbloͤßt, die Abhaͤnge und Niederungen hingegen groͤßten — na, das Holzfällen, den ſehr ergiebigen Fiſchfang und die Zu⸗ bereitung eines Getränkes aus geronnener Milch, das mit ge⸗ kochten Kaſtanien verſpeiſet wird †). 1 1)„Castaneae molles et pressi copia lactis.- Virg. Eecl. I. v. 32. (Neben andern Erinnerungen aus M. A. Thiébaut⸗ de⸗Berneauds, im Jahre 1814 erſchienenem:„, Coup d'oeil bistorique, agricole, botani- que et pittoresque sur le Monte Circello. 64.) A. d. Peb. 156 Theils ſehr fruchtbar. In der ganzen Ebene, welche heut zu Tage mit dem Nahmen„Agro Romano“ bezeichnet wird, trifft man ſehr wenige Baͤume an. Bis gegen Monte Roſi ſind die Wieſen noch mit praͤchtigen Eichen eingefaßt, von da an aber, und bis nach den Bergen von Albano hin, bekommt man bloß noch einzelne Steineichen zu Geſichte, deren Wipfel der Wind umherwirft, und die einzig der Zufall vor dem Untergange bewahrt hat; oder auch hier und da eine Reihe von Meertannen, die allein noch den Herden Schatten gewaͤhren und der oͤden Landſchaft zu einer vorzuͤglichen Zierde gereichen. Die ganze Ebene iſt anzuſchauen wie eine Tartariſche Steppe. Wie dieſe, iſt ſie mit Raſen bedeckt, der kein Ende nimmt, und aus welchem hier und da ein Buͤſchel Dornen, oder eine Heckenroſe hervorſproßt*). Die *) Solche Gegenden ſind es, von denen Byrons Pilgrim alſo ſingt:„Einſt warſt du, o ſchönes Italien, der Garten des „Weltall, und biſt es noch heute! Alles, was Kunſt und Na⸗ „tur verleihen können, ſindet ſich in dem Umfange deines Ge⸗ „biethes vereinigt. Dir iſt nichts zu vergleichen, ſelbſt in dei⸗ „nen Einöden und Wüſten. Deinen wilden Pflanzen und Kräu⸗ „tern ſogar gebricht es nicht an Schönheit, und dein unbe⸗ „bauter Boden iſt ergiebiger, als der übrigen Erdſtriche frucht⸗ „barſte Geſilde. Auch in deinem Verfalle noch biſt du mit ei⸗ „nem glänzenden Kleide angethan, und ein unverwelklicher „Reiz iſt über deine Ruinen ausgegoſſen.“ Und weiterhin: „O Italien, dir ward das unglückliche Geſchenk der Schön⸗ „heit zu Theil. Dieſe verderbliche Mitgabe iſt in allen Zeital⸗ „tern die Quelle deines Unglücks geweſen. Deine herrliche „Stien trägt das Gepräge der Schande und vielfachen Kums —4— 157 Grundſtuͤcke ſind durch große, grob ausgehauene Zaͤu⸗ ne von duͤrrem Holze, von welchem die Rinde weg⸗ gefault iſt, von einander abgetrennt. Dieſe gewal⸗ tigen Einhegungen dienen zur Abſonderung der fuͤr die verſchiedenen Herden beſtimmten Weideplaͤtze, und die Kornfelder, wo ſolche etwa an der Stelle eines vormahligen Grasplatzes aufgruͤnen, vor den Einfaͤllen des Viehs ſicher zu ſtellen. Dieſe Gehaͤge, welche nicht ſelten Stuͤcke Landes von dreyßig bis vierzig Morgen umfaſſen, gehoͤren oft zu einer einzigen Be⸗ ſitzung, deren mehr zur Verduͤſterung, als zur Ver⸗ ſchoͤnerung der Landſchaft dienendes Caſale aus der Ferne in die Augen faͤllt. Die einzigen Wohnungen, die man auf dieſer ganzen Straße antrifft, ſind einige Wirths⸗ oder Poſt⸗ haͤuſer, unter denen die, den Fuͤrſten Chigi und Borg⸗ heſe zugehoͤrigen, von Baccano und la Stortä, mit einem gewiſſen Aufwande gebaut ſind, welcher allein dem Reiſenden, mitten in der rings um ihn ausge⸗ breiteten Wuͤſte, es kund thut, daß er in der Naͤhe „mers, und die Geſchichte deines Jammers iſt mit flammen⸗ „den Zügen auf dieſelbe gegraben. Ach, daß du nicht ſtärker „warſt, oder weniger reizend! Warum vermagſt du deine Rechte „ nicht gelten zu machen, und das Raubgeſchlecht abzutreiben, „das herbeyſtrömt, um dein Blut zu vergießen und ſich mit den „Thränen deiner Noth zu tränken!“ Childe Harold's Pilgrimage. Vierter Geſang, London 1818. 4 A. d. Ueb. „r 158 von Rom ſey. Außerdem erblickt er nahe und fern nicht das Mindeſte, das ihn eine ſolche Nachbarſchaft koͤnnte ahnen laſſen; bis er von der Hoͤhe des Monte Mario herab der Tiber anſichtig wird, und der ſieben Huͤgel mit ihren Pallaͤſten und Kuppeln ohne Zahl, uͤber welche alle ſich das Kreuz der Baſilica von Sanct Peter, als das geheimnißvollſte und erhabenſte aller Sinnbilder, emporhebt*). ²) Aus der Nähe ſowohl, als auch aus weiter Ferne geſehen, hat dieſe Baſilica, das herrlichſte Denkmahl der neuern Baukunſt, etwas ungemein Impoſantes, und gewährt einen Anblick, mit dem ſich von allen den architectoniſchen Wunderwerken, welche Frankreich, Deutſchland und Italien dem Auge des Reiſenden darbiethen, kaum eines vergleichen läßt. Von ſo manchen Standpuncten in und um Rom, von denen aus ſich die ganze, ungeheure Maſſe von Thürmen, Häuſern, Palläſten, Kuppeln, Säulen, Obelisken, Hallen, Klöſtern und Monumenten alter und neuer Welten überblicken läßt, ſieht man die Baſilica von St. Peter hehr und majeſtätiſch über die Geſammtheit ih: rer Umgebungen hervorragen. Und wenn der Fremdling, in Tiburs Schatten gelagert, über den Ruinen der Villen Horazens und Mäcens, und an dem Rauſchen des alten Anio ſich ergetzend, mit Fantaſie und Auge gleich ſchnell über die ſchweigende Ebene unter ſeinen Füßen hinwegſtreift, bis hin an die Mauern der jetzt ſelbſt von der Zerſtörung beherrſchten Weltköniginn: dann iſt es abermahl die prächtige Kuppel der St. Peterskirche, die, in gefälliger Form ſich aus der verwor⸗ renen Steinmaſſe erhebend, ſeinen Blick von den übrigen Ge⸗ genſtänden allen ab, und ausſchließlich auf ſich zieht. A. d. Ueb. Zehnter Brief Rom, 20. Juni 1813. Einen der erhabenſten Anblicke in der Natur ge⸗ waͤhren die Truͤmmer der Vorwelt. Sie ſtimmen, wie ſo manche andere Erinnerung, zu wehmuͤthigen Gefuͤhlen, und auf ihren vor Alter zuſammenſinken⸗ den Waͤnden ſtellt ſich eine Vergangenheit dar, die zu keinen Zeiten wiederkehrt. Roms alte Ruinen ſind ſchon von vielen Schriftſtellern beſchrieben wor⸗ den, und Mahler in Menge haben dieſelben zum Gegenſtande ihres Kunſtpinſels ausgewaͤhlt. Daher gedenke ich, mein Freund, Ihnen dieß Mahl einzig von neuern Ruinen jener Stadt, von denjenigen zu ſprechen, durch welche heut zu Tage Fantaſie und Auge des Reiſenden am ſtaͤrkſten ergriffen wird. Weder vom Capitol ſoll meine Feder Sie unterhalten, noch vom Coloſſaͤum; wohl aber will ich verſuchen, Ihnen Rom im Ganzen zu ſchildern, jenes Rom, welches von Ruhm und Jahrhunderten belaſtet, am Ziele ſeiner Beſtimmung zu ſtehen ſcheint, und ge⸗ 160 genwaͤrtig ſchon ſich nur als eine einzige, Ehrfurcht gebiethende Ruine vor Augen ſtellt. In der Hoff⸗ nung, aͤhnliche Gefuͤhle bey Ihnen erregen zu koͤn⸗ nen, werde ich Ihnen die Eindruͤcke beſchreiben, die der Anblick jener Stadt auf mein Gemuͤth gemacht hat. Sie ſollen ſie mitanſehen jene große Scene der Zerſtoͤrung, die Rom bald alle Tage innerhalb ſeiner Mauern ſpielen ſieht. Sie zu beſchreiben, reicht jedoch die menſchliche Sprache nicht aus: denn ſie iſt trauriger als die Traurigkeit des Menſchen, und feyerlicher, als alles Ceremoniengepraͤnge; es iſt das Feſt der abgeſchiedenen Geiſter, welches durch nichts wuͤrdiger gefeyert werden kann, als durch Stimmen aus der Wuͤſte und durch das Wellenge⸗ murmel der Tiber. Mein erſter Aufenthalt zu Rom fiel in das Jahr 1791. Die Stadt zaͤhlte damahls 166,000 Einwohner. Mit Kutſchen, Pferden und Livréen wurde großer Aufwand getrieben. Es gab viele an⸗ geſehene Haͤuſer, die ſich's zur Freude rechneten, Fremde bey ſich aufzunehmen: kurz, alles trug das Gepraͤge einer großen und beguͤterten Stadt. Vor wenigen Tagen bin ich zum zweyten Mahl, und zwar auf demſelben Wege in Rom eingefahren. Wie das erſte Mahl mit Equipagen, ſo fand ich jetzt die Straßen mit Herden von Ziegen, Ochſen und halb⸗ wilden Pferden bedeckt. Schwarzaͤugige Hirten, im Ausſehen den Tartaren aͤhnlich, und gleich dieſen mit 161 langen Piken bewaffnet und in Maͤntel gehullt, trie⸗ ben das Vieh vor ſich her. Unter den Fuͤßen der Herden wirbelten Staubwolken empor, welche die Luft verdunkelten. Jeden Abend kommen dieſe Hir⸗ ten ſammt ihren Herden in die Stadt hinein, um in ihren Mauern einen Zufluchtsort gegen den auf dem Lande ſie bedrohenden Tod zu ſuchen. So wie ſich nun die ſtaͤdtiſche Bevoͤlkerung entweder ver⸗ mindert, oder der ungeſunden Luft wegen immer naͤher gegen den Mittelpunet der Stadt zuſammen⸗ draͤngt, ſo werden die, in Folge dieſes Umſtandes erledigten, Quartiere und Pallaͤſte von jenem noma— diſchen Hirtenvolke und ſeinen wandernden Herden in Beſitz genommen. Gegenwaͤrtig ſchon ſteht das Revier von Porta del Popolo, nebſt einem Theile des Corſo, ſo wie das ganze Quartier des Quirina⸗ liſchen Huͤgels, die Bezirke von Trastevere und Tri⸗ nita al Monte unbewohnt, und uͤberall hat da das Landvolk ſich eingeniſtet. Die geſammte Bevoͤlke⸗ rung von Rom belaͤuft ſich dermahl nur noch auf 100,000 Seelen, unter denen man uͤber 10,000 Hir⸗ ten, Gaͤrtner und Rebleute zaͤhlt. Ganze große Quartiere der Stadt ſind zu eigentlichen Doͤrfern herabgeſunken, und muͤſſen in dieſer Eigenſchaft nichts als Bauern beherbergen, welche die ungeſunde Luft aus ihren Wohnungen auf dem Lande vertrieben hat. Eine ſo ungeheure Abnahme der Bevoͤlkerung in einem Zeitraume von nicht mehr als zwey und Briefe üb. Jtalien. 1. Thl. 11 162 zwanzig Jahren iſt etwas beynahe Unerhoͤrtes. Wohl moͤgen die politiſchen Ereigniſſe der zwey letztverfloſ⸗ ſenen Jahrzehende zu dieſer außerordentlichen Volks⸗ verminderung auch das Ihrige beygetragen haben: die Haupturſache derſelben aber iſt theils in der Lage und den Umſtaͤnden, in denen die Stadt ſich befin⸗ det, uͤberhaupt, theils in dem Einfluſſe der ungeſun⸗ den Luft zu ſuchen. Mit jedem Jahre breitet jene Landplage ſich weiter aus; alljaͤhrlich werden wieder einige Straßen, Plaͤtze oder Quartiere von derſelben auͤberfluͤgelt, und mit jedem Jahre muß ſich ihr furcht⸗ barer Einfluß verſtaͤrken: denn ſie wirkt gerade im umgekehrten Verhaͤltniſſe mit dem Widerſtande, wel⸗ chen ihr die Bevoͤlkerung entgegenſetzt. Je kleiner die Einwohnerzahl iſt, deſto groͤßer wird die Anzahl der Schlachtopfer, und ein Leichenbegaͤngniß iſt alle Mahl der Vorbothe von mehrern andern. Bey einer ſolchen Lage der Dinge duͤrfte der Zeitpunct nicht mehr fern ſeyn, wo jene Koͤniginn der Staͤdte ihren Glanz ausziehen, und von ihrem ehemahligen Ruhme nichts weiter beybehalten wird, als einen Nahmen, den kein Verlauf der Jahrhun⸗ derte in Vergeſſenheit zu bringen vermoͤgend iſt. Zu Rom wird, eben ſo wie in Volterra's Mauern, nichts mehr zu ſehen ſeyn, als eine ungeheure Maſſe von Pallaͤſten, Denkmaͤhlern und Truͤmmern aller Zeitalter. Duͤrftige Winzer, Ziegenhuͤther und an⸗ deres Hirtenvolk wird man ihr Pflanzenleben unter 163 den Saͤulengaͤngen der Stadt verbringen ſehen. Evanders Grotte wird man in ihren Mauern nicht mehr ſuchen: denn es wird ſcheinen, als ſollte er ſelbſt wieder aufleben, um Koͤnig jenes baͤueriſchen Volkes zu ſeyn. Und ſo wird die Geſchichte der Stadt Rom ein Ende nehmen. Ihre Nebenbuhle⸗ rinnen wird ſie zwar lange uͤberlebt haben; nichts deſto weniger aber muß eben das Loos, das allem bevorſteht, was je aus Menſchenhaͤnden hervorging, auch ſie treffen, wie es Athen und Perſepolis getrof⸗ fen hat: auch ſie muß ein Raub der Zerſtoͤrung werden. Jenes Gepraͤge des Verfalles und einer durch den Zahn der Zeit bewirkten Zerſtoͤrung findet ſich zu Rom uͤberall aufgedruͤckt. Da ungleich mehr Wohnungen vorhanden ſind, als die Zahl der Ein⸗ wohner erfordert, ſo iſt von keiner Ausbeſſerung der Haͤuſer die Rede. Iſt eine Wohnung ſchadhaft ge⸗ worden, ſo zieht der Beſitzer aus und hauſet ſich an⸗ derswo ein. Thuͤren, Dachungen, Treppen, alles bleibt unausgebeſſert. So faͤllt eines nach dem an⸗ dern in Stuͤcken, oder ſtuͤrzt zuſammen, und bleibt an eben der Stelle liegen, wohin es der Zufall ge⸗ worfen hat. Eine Menge Kloͤſter haben durch ſol⸗ ches Verfahren das Anſehen von altem Gemaͤuer gewonnen. Sehr viele Pallaͤſte ſind nicht einmahl mehr bewohnbar, und ſelbſt kein Pfoͤrtner iſt mehr vorhanden, um den Eingang zu huͤthen, ſo daß zur 11* 164 Stunde ſchon dieſe ſich uͤber alles erſtreckende Ver⸗ nachlaͤſſigung, dieſe Tartariſche, die Stadt erfuͤllende Bevoͤlkerung, dieß Vieh, welches herdenweiſe die Straßen durchzieht, einen das Gemuͤth ergreifenden und mit Bildern der Zerſtoͤrung und des Verfalles erfuͤllenden Anblick gewaͤhrt. Mitten unter dieſer Sorgloſigkeit, womit man in Betreff der Privat⸗Wohnungen zu Werke geht, ſind um alle von dem Zahne der Zeit verſchont ge⸗ bliebenen Ueberreſte aus dem Alterthume ſehr leb⸗ hafte Bewegungen zu ſehen. Vor kurzer Zeit hat naͤhmlich die Regierung einen weitſchichtigen Plan genehmigt, in Folge deſſen der, jene Ruinen verſper⸗ rende, Schutt hinweggeſchafft, ſie ſelbſt aber, dieſe koſtbaren Ueberreſte aus ferner Vergangenheit, auf eine, ſie aus einem eben ſo gefaͤlligen, als pittoresken Geſichtspunct darſtellende Weiſe, mit einander in Verbindung gebracht und gruppirt werden ſollen. Die Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens iſt wirklich ſchon ſo weit vorgeruͤckt, daß von dem ganzen ehrwuͤrdi⸗ gen Flaͤchenraume zwiſchen dem Capitol, dem Frie⸗ denstempel, dem Coloſſaͤum und der Tiber*), alle *) Das ſonderbarſte Gemenge von Stadt und Land, die auf⸗ fallendſten Gegenſätze zwiſchen Einſt und Jetzt, zwiſchen fortdauerndem Elende und verſchwundener Größe, ſinden ſich in der Gegend des Campo Vaccino, wovon ein Theil das ehemahlige Forum Romanum ausmacht, und das ſeinen jetzigen Nahmen eigentlich von den auf dieſem Platze gewöhn⸗ Gebaͤude neuerer Zeit, alle Baracken und alles um den Palatiniſchen Huͤgel zuſammengehaͤufte, dem Be⸗ ſchauer und dem Wanderer gleich hinderliche, Ge⸗ maͤuer weggeraͤumt iſt. Der Platz ſoll mit einer gedoppelten Allee von Baͤumen eingefaßt, und das Ganze in einen zuſammenhaͤngenden Spaziergang, in einen in ſeiner Art einzigen Garten umgeſchaffen werden. In dieſer Anlage wird man die Truͤmmer lich weidenden und auf demſelben gelagerten Kühen und Nin⸗ dern erhalten hat. Dieſe höchſt anziehende Gegend, ungefähr der Mittelpunet des alten Rom— wo ſich die Ueberreſte des Jupiters⸗ und Friedens⸗Tempels, die Tri⸗ umphbogen des Conſtantin und Ditus, das Coloſ⸗ ſäum, die Ruinen der Kaiſerpalläſte u. ſ. w., zum Theil zwiſchen ſchlechten Gebäuden neuerer Zeit eingeklemmt und umringt von Kirchen und Klöſtern beyſammen ſinden— habe ich oftmahls zum Ziele meiner Fußwanderungen durch Roms Ebenen und Hügel gemacht. Ich nahm meinen Weg gewöhn⸗ lich vom Spaniſchen Platze, den Corſo hinauf, bis auf die Höhe des Tarpejiſchen Felſens, über den Capitoliniſchen Hügel hin⸗ weg, unter dem Triumphbogen des Ditus hindurch nach dem Coloſſäum, und von da über den ganzen Campo Vaccino zurück nach der majeſtätiſchen Rotunda. Auch verweilte ich etwa in dieſer Gegend allein, in einſamer Morgenſtunde; und mir war, a ich kann nicht beſchreiben, wie, zu Muthe, wenn unter allen dieſen, die Wahrheit deſſen, was hier einſt geſchah, unzweifel⸗ hafter, als keine Geſchichte es thun kann, beurkundenden Mo⸗ numenten und Trümmern ſich weit und breits nichts regte, und kein Laut zu vernehmen war, als das Blöken der Schafe, oder das Brüllen der unter einzelnen Bäumen gelagerten Rin⸗ der; wenn die Tauben aufflogen vom Architrabe der Ehren⸗ pforte Conſtantins, und die Morgenſonne ihren erſten Strahl zu gleicher Zeit auf jenen Driumphbogen hinſenkte, und auf die ſich an ſeine ehrwürdigen Mauern anlehnende Bude eines arm⸗ ſeligen Haarkräuslers. A. d. Ueb. 166 der Triumphbogen und Tempel zwiſchen Bosketen und gruͤnen Raſenplaͤtzen ruhen, und einen Engli⸗ ſchen Park erſtehen ſehen, welchen der Palatin und Aventin als Huͤgel, das Capitol aber und das Coloſ⸗ ſaͤum als Gebaͤude bezeichnen werden. Dieſe Idee iſt eben ſo ſchoͤn, als gluͤcklich ausge⸗ dacht. Den Ueberreſten aus den wichtigſten Jahr⸗ hunderten der Weltgeſchichte wird durch dieſelbe auf eine ihrer hoͤchſt wuͤrdige Weiſe gehuldigt. Ich ſelbſt habe die Groͤße jenes Planes auf's lebhafteſte em⸗ pfunden, als ich an einem Abend, den ich in den Farneſiſchen Gaͤrten zugebracht, in die Baͤder der Livia hinabſtieg, und dann aus dem Dunkel ihrer Gewoͤlbe wieder an das Licht des Tages hervortrat. In dieſen Augenblicken ſah ich ein glaͤnzendes Licht ſich in Purpurwellen am ganzen Horizonte verbrei⸗ ten. Dieſe Erſcheinung war nichts weiter, als der Untergang der Sonne; aber ein Sonnenuntergang zu Rom und an einem ſchoͤnen Abend*). Es war, *) Ueber Wind und Wetter zu Rom, ſo wie in Betreff des dorti⸗ gen Clima äußert ein neuerer, wenig bekannter Reiſender unter andern ſich alſo:„der Himmel zu Rom iſt faſt immer ſchön „und heiter; kaum daß zuweilen die Regenzeit in dieſer Rück⸗ „ſicht einigen Wechſel herbeyführt. Indeß iſt das Clima oft „allzu feucht und warm. In der Regel ſind es die Monathe „November, December und Jenner, welche den Römern zwey „furchtbare Feinde über den Hals jagen. Der eine iſt die Tra⸗ „montana, der andere der Sirocco. Die Tramontana iſt ein „auf jeden Fall friſcher, zuweilen ſehr kalter Nordwind; der „Sirocco ein zur Winterszeit warmer, im Sommer aber er⸗ 167 als wollte der Herr des Lichts die letzten Tage der Weltbeherrſcherinn verherrlichen, und von der Hoͤhe ſeiner Marmorſaͤule ſchien der Schatten Trajans auf dieſen Schauplatz der Zerſtoͤrung hernieder zu ſchwe⸗ ben, wenigſtens noch dieſe Ruinen, das einzige von ſeiner Herrſchaft noch Uebrige, beſchuͤtzend. So ſehr indeß jener edle und weit ausſehende Plan von einem Gefuͤhle der Achtung fuͤr Alterthum und Vergangenheit zeugen mag, ſo bleibt es doch immerhin eine Huldigung, welche bloß lebloſen Ueber⸗ reſten aus jenen Zeiten erzeigt wird, die aber uͤbrigens „ſtickender Südoſt, dem Ungewitter und Erdbeben im Gefolge „gehen, und auf welchen meiſt ein durchdrinaender Nordoſt „folgt, der, wenn man nicht ſehr auf ſeiner Huth iſt, heftige „Krankheiten verurſacht. Roms Horizont begrenzt ein Halb⸗ „zirkel von Bergen, an denen die Dünſte, welche der Winter⸗ „Sirocco herbeyführt, Halt machen und manch Mahl ſehr „dicke Nebel bilden. Die Dramontana allein iſt im Stande, „dieſe Nebelbinden von ihrer Stelle zu bewegen. Widerſtehen „dieſelben ihrem erſten Andrange, ſo erwächſt aus dieſem „Kampfe für die Römiſchen Elegants ein eigentliches Schau⸗ „ſpiel. Nicht ohne Unruhe blicken ſie alsdann von ihren Bel⸗ „vederen nach dem Sabiniſchen Himmel. Umwölkt dieſer ſich „wieder, nachdem er geſchienen hatte, ſich erheitern zu wollen, „ſo iſt dieß ein Zeichen, daß der Sirocco triumphiren werde: „bekommt man hingegen in eben der Gegend Tivoli und den „Berg Soracte zu Geſichte, ſo gewinnt die Tramontana die „Oberhand.“„Er iſt Meiſter!“ ertönt es alsdann von Warte „zu Warte, und jeder eilt nach Hauſe, um ſich in ſeinen Man⸗ „tel zu hüllen und den Wärmetopf(1o0 Scaldino) hervor zu „langen.“ 4 4 Tableau de Rome vers la fin de l'an 1814. 2 par Guinon Lasureins, Bruxelles 1816. 8. 4 A. d. Ueb. 168 auf den Zuſtand des geſellſchaftlichen Lebens in dem heutzutaͤgigen Rom durchaus keinen Einfluß hat. In dem modernen Rom ſcheint alles von Altem ver⸗ fertigt worden zu ſeyn; es wird daſelbſt nichts Neues mehr geformt. Jeder nutzt und braucht aus, was er beſitzt; von jeder neuen Unternehmung aber und jedem neuen Verſuche ſcheint eine Art von geheimer Ahnung abzuſchrecken. Dieſe Erſchlaffung des ge⸗ ſammten Social⸗Syſtemes und uͤberhaupt jedes Ver⸗ kehres, iſt ein kraͤftiges Befoͤrderungsmittel des all⸗ gemeinen Verfalles, indem der Trieb zur Arbeit und Wiedererzeugung durch ſie gaͤnzuch erſtickt wird. Handwerker und Arbeiter ſterben vor Hunger, und ſchwinden ſchnell, einer nach dem anbern, dahin. Die ganze active Bevoͤlkerung tritt nach und nach ab, und ſo wird dadurch, daß die verzehrenden Claſſen alles Preis geben, hinwieder auch den erzeugenden ihr Untergang bereitet. Wirklich gibt es auch keine Stadt, wo alles, was zur Erhaltung des animali⸗ ſchen Lebens erfordert wird, ſo wohlfeil zu bekommen waͤre, als in Rom. Die Lebensmittel, deren Ge⸗ ſammitbetrag in fruͤhern Zeiten auf eine Bevoͤlkerung von 166,000 Seelen berechnet war, vertheilen ſich gegenwaͤrtig auf nicht mehr als 100,000. Die durch dieſen Umſtand bewirkten niedrigen Preiſe gewaͤhren den einzigen Vortheil, daß durch ſie die Bevoͤlkerung laͤnger erhalten wird, da mancher ſich durch einen ſolchen Koͤder verleiten laͤßt, zu bleiben. Es iſt da⸗ 169 her auch nicht unwahrſcheinlich, daß noch eine geraume Zeit eine, zwar beſchraͤnkte, aus Gutsbeſitzern beſte⸗ hende, Bevoͤlkerung um den Mittelpunct der Stadt concentrirt bleiben, und von da aus gegen die Ein⸗ wirkung der ungeſunden Luft kaͤmpfen werde; mitt⸗ lerweile das ganze uͤbrige Rom den Elenfenten zum Spiele und nichts weiter ſeyn wird, als ein gewaltig großer, mitten aus einer Einoͤde emporſteigender Schutthaufe. Von Bildern ſolcher Art wird das Gemuͤth des Reiſenden nie ſtaͤrker ergriffen, als wenn er die ſchon ſeit laͤngerer Zeit nicht mehr bewohnten Quartiere der Stadt durchwandert. In dieſen Revieren er⸗ blickt er ein ſeltſames Gemenge von Stadt und Land, von Saͤulengaͤngen und verfallenem Gemaͤuer. Einſt verweilte ich des Abends bey der Betrachtung dieſes eben ſo ſonderbaren, als erhabenen Schauſpiels, ſte⸗ hend zwiſchen dem Coloſſaͤum und dem Friedenstem⸗ pel, in dem verwuͤſteten Garten eines nicht mehr vorhandenen Kloſters. Meine Blicke verloren ſich nach dem Thal hin, welches den Palatiniſchen Huͤgel vom Berge Caͤlius abtrennt*). Im Hintergrunde —O— *) Der Verfaſſer dieſer Bemerkung hat auf ſeinen Wanderungen durch Alt⸗ und Neu⸗Rom— wenn er aus dem Getümmel des Corſo, oder etwa an einem großen Feſttage aus dem Volksge⸗ dränge von Sanct Peter, von dem, was da iſt, nach demjenigen, was da war, ſich zurückziehen, und, was mit ſolcher Schnelligkeit und ſo ſtark contraſtirend wohl ſonſt nir⸗ 170 dieſes Thales zeigte ſich der Triumphbogen Conſtan⸗ tins und die ehemals ſo geheißene„heilige Straße.“ Auf der oberſten Hoͤhe des Kaiſerhuͤgels erhob ſich, aus Afrika heruͤber geſandt, ein Palmbaum, deſſen Gruͤn, als eine letzte Trophaͤe entſchwundenen Ruh⸗ mes, in das Azur des Himmelsgewoͤlbes einſchnitt, indeß auf dem andern Huͤgel eine Reihe von Cypreſ⸗ ſen um jenen Ruhm trauerte, und als eine Leichen⸗ binde ſich bis an die Grenze des Geſichtskreiſes hinzog. Auch auf dem jenſeitigen Ufer der Tiber, gegen die Baſilica von Sanct Peter und die Porta Ange⸗ lica hin, habe ich Straßen durchwandelt, die gaͤnzlich verlaſſen und in denen keine andere Einwohner mehr zu finden waren, als die Hirten, welche hierher kom⸗ men, um die Nacht an dieſen, auch fuͤr ſie keines⸗ weges gefahrloſen, Zufluchtsoͤrtern hinzubringen*). gends in der Welt geſchehen kann, abſichtlich, aus einer lebendi⸗ gen Gegenwart übergehen wollte— in die Reviere todter Vergangenheit, in der Gegend des ehemahligen Mons teſtaceus, der Pyramide des Caeſtius, gegen S. Paut außerhalb den Mau⸗ ern u. ſ. w., ſo wie auch in mehrern andern Quartieren, mehr als eine halbe Stunde lang gehn können, ohne eines lebendigen Geſchöpfes anſichtig zu werden; und wenn ſich ihm zuweilen eine Menſchengeſtalt näherte, ſo war es meiſt ein widrig aniu⸗ ſchauendes Zerrbild von Elend und Faulheit. A. d. Ueb. „) Dieß iſt der Hügel, den Byron in dem angeführten Gedichte alſo ſchildert:„Cypreſſen und Epheu, wilde Kräuter und Blu⸗ „men dem Gemäuer entſproſſen, alles wächſt, ein einziges Gan⸗ . 171 Die ganze Umgegend des Vatikans iſt ſomit dem Hirtenvolke Preis gegeben. Am ſtaͤrkſten aber fuͤhlte ich mich von dem Anblicke dieſer oͤden Verlaſſenheit ergriffen, als ich einſt mit Anbruche des Tages nach der Peterskirche ſelbſt hinging. Die Sonne war eben aufgegangen, als ich auf dem Pläͤtze vor der Baſilica anlangte. Noch waren die Pforten des „ze bildend, durch einander. Hügel ſteigen empor in vormahls „bewohnten Sälen. Die Bogen ſind eingeſunken, die Säuten „ liegen in Stücken umher. Verſchüttet ſind die Gewölbe. Die „Mauergemählde tauchen ſich in die unterirdiſche Feuchtigkeit „der Höhlungen, in denen die Eule ſich zeigt, wähnend, daß „es Mitternacht ſey. Alles iſt durch einander gemenat, Tempel „ und Bäder und Palläſte. Umſonſt forſcht hier die Wiſſen⸗ „ſchaft; nur Mauern ſind noch erkennbar. Dieß iſt der Pa⸗ „latiniſche Berg! Dieß der Hügel der Kaiſer; der Macht „Ende dieß! „Es iſt die Geſchichte aller Völker, die unter dieſen Trüm⸗ „ mern ſich ausſpricht. Erſt Freyheit, dann Ruhm, ſpäterhin „Reichthum, endlich Laſter, Sittenverderben und Barbarey. „Die Jahrbücher aller Nationen haben nur Ein und dasſelbe „Blatt: aber dieß Blatt iſt mit kräftigern Zügen beſchrieben, „hier wo die Tyrannen, mit Reichthümern überſättigt, alle „Genüſſe, alles, was die menſchliche Zunge verlangen, was „den Geiſt vergnügen und den Sinnen Luſt gewähren konnte, „auf Einen Punct vereinigt hatten.“ „Schwach und eitel ſind die Worte. Tritt herzu und be⸗ „wund're; erhebe und verachte; lache und weine; denn da iſt „Stoff für alle Gefühle.... du ſchwankeſt zwiſchen Lächeln „und Thränen! In dieſen beengten Raum ſind Königreiche „und Jahrhunderte eingeſchloſſen. Dieſe Erhöhung trug Pyra⸗ „ miden von Reichen, und die hier aufgehäuften Symbole des „„Reichthums verliehen den Strahlen der Sonne einen erhöhe⸗ „ten Glanz. Wo ſind ſie hingekommen, dieſe Goldpalläſte? „ Und ihre Erbauer, wo find ſie: A. d. Ueb. 17⁰2 Tempels verſchloſſen, und rings umher herrſchte eine tiefe Stille, welche durch nichts, als das Geklingel der wieder nach der Landſchaft auswandernden Her⸗ den unterbrochen wurde. Der Obelisk ruhte auf ſei⸗ nem ehernen Fußgeſtelle, und die beyden Fontainen*) ſah man ihre unverſiegbaren Quellen ergießen. Weder von eines Reiſenden, noch von eines Vor⸗ uͤbergehenden Fuß war die Straße betreten, und ich gelangte bis in den Vorhof der Baſilica, ohne ein menſchliches Weſen zu Geſichte zu bekommen. Die Kuͤhlung der Fruͤheſtunden und die Tinten der Mor⸗ *) Die zwey Fontainen, von denen der Verfaſſer hier ſpricht, ſind vielleicht die ſchönſten in der Welt. Unter allen den berühmten Waſſerkünſten von Verſailles kommt nichts vor, das, rück⸗ ſichtlich auf einfache Schönheit und Größe, mit ihnen zu ver⸗ gleichen wäre. In ſtiller Nacht und bey'm hellen Mondſcheine, wenn aus den höhern Vorhallen von Sanct Peter und aus dem Heiligthum des Dempels ſelbſt der letzte Beter entwichen iſt, wenn der Rieſendom mit ſeinen dem Auge wohlthuenden For⸗ men in das Sternengewölbe einſchneidet, und die Aegyptiſche Granitſäule in der Mitte des Platzes ihren langen, ſchmalen Schatten gegen den Eingang der Kirche hinaufwirft: dann machen jene zwey gewaltigen Waſſerarme auf Auge und Ohr den ſtärkſten Eindruck Einſt ſoll ein berühmter, jetzt verſtorbe⸗ ner, Monarch jene zwey Springbrunnen mit Erſtaunen betrach⸗ tet, und— nachdem er dem Wellen⸗ und Farbenſpiele eine Weile zugeſehen, in der Meinung, daß Waſſerarme von ſolcher Höhe und Dicke nur auf beſondere Veranlaſſung ſpielen kön⸗ nen— ſich geäußert haben,„das möge genug ſeyn; man „ſolle das Waſſer nun wieder abſtellen.“ Nicht ohne große Verwunderung hörte er dann, daß die Kraft, Höhe und Maſſe jener Waſſerſtrahlen immer und ununterbrochen die⸗ ſelbe ſey. A. d. Ueb. genroͤthe goſſen uͤber dieſe herrliche Einſamkeit den ſanfteſten Reiz aus. Mit Einem und demſelben Blicke ſchaute ich zu dem Tempel, ſeinen Saͤulen⸗ gaͤngen und zu dem Himmel auf, und noch nie hatte jenes feyerliche Gepraͤnge, womit die Natur uns das Tageslicht zutheilt und wegnimmt, auf mein Gemuͤth einen ſo lebhaften Eindruck gemacht. Endlich oͤffne⸗ ten ſich die Pforten des Tempels, und in majeſtaͤti⸗ ſchen Toͤnen verkuͤndeten die Glocken den Anbruch des Tages. Aber umſonſt, daß dieß Angelus die Chriſtenſchar zum Gebete zuſammenrief; auch nicht Einer erſchien, um den Segen des Himmels herab zu flehen. Jetzt ſchon ſteht dieſer Tempel— die ſchoͤnſte Huldigung, welche der Erdkreis je dem wah⸗ ren Gotte dargebracht hat— in einer Einoͤde, und zur Stunde ſchon ſieht man an ſeinen Seitenwaͤn⸗ den Moospflanzen, und Gras ſeinen Vorplaͤtzen ent⸗ keimen. Ich befand mich jetzt am Eingange jenes Ehr⸗ furcht einfloͤßenden Denkmahls, und nachdem ich den vor dem Hauptportale der Baſilica haͤngenden Vor⸗ hang geluͤftet, ſo lenkte ich meinen Schritt unter den Kuppeln vorwaͤrts, bis nahe an den noch mit einigen Wachskerzen beleuchteten Altar. Eine, in dieſen heiligen Hallen von langer Zeit her angeſiedelte, Frau trat zu mir hin und bat um ein Almoſen, dergleichen ſie nur noch zur Seltenheit ſich zu erbit⸗ ten Gelegenheit hat. Das Geraͤuſch meiner Tritte 1 174 unterbrach allein des Heiligthums Stille. Nur Ver⸗ ſtorbene ruhen in den Gruͤften, aber von den Leben⸗ den naͤhert ſich ihnen niemand mehr. Umſonſt, daß die geweiheten Mauern die Wunder der Kunſt dem Blicke zur Schau legen: es ſind keine Augen mehr vorhanden, die ſie beſchauten; umſonſt, daß ihre ſieben Altaͤre auf Gebete und Opfergaben warten: das einzige Opfer, welches die Menſchen noch auf dieſelben niederlegen, iſt, daß ſie von ihnen ent⸗ weichen. Ergriffen von der heiligen Einſamkeit dieſer Tempelgewoͤlbe, ſetzte ich mich unweit vom Hochaltar auf die Stufen eines Beichtſtuhls, unwillkuͤrlich mit Abnern ausrufend: als mich ein leiſes Geraͤuſch in meiner Naͤhe auf ei⸗ nen greiſen Prieſter aufmerkſam machte, der, ſeine Morgenandacht zu verrichten, nach Sanct Peter ge⸗ kommen war. Seine Kleider verriethen Armuth, und aus ſeinen mit Staub bedeckten Schuhen mußte man ſchließen, er waͤre vom Lande hereingekommen. Er ſetzte ſich neben mich. Es kam mir vor, als wollte er mich anreden, und waͤre zu ſchuͤchtern dazu. Ich nahm daher ſelbſt das Wort.„Ehrwuͤrdiger „Pater,“ ſagte ich zu ihm in Italiaͤniſcher Mund⸗ art,„das iſt ein praͤchtiger Tempel.“„Ja wohl,“ erwiederte er,„aber wie gut iſt es, daß er in aͤltern I 175 „Zeiten gebaut worden iſt: in unſern Tagen wuͤrde „er es nimmermehr werden!“ „Das denke ich auch nicht,“ erwiederte ich. Der alte Mann, der an meiner Ausſprache einen Auslaͤnder zu erkennen glaubte, fragte mich, ob ich wirklich ein ſolcher waͤre. Ich antwortete, mit Ja. „So werden Sie,“ fuhr er dann fort,„mir viel⸗ „leicht wohl ſagen koͤnnen, wo ſich unſer Heiliger „Vater befinde.“ „Allerdings. Er befindet ſich zu Fontainebleau, „in Frankreich.“ „Zu Fontainebleau? Das iſt wohl ſehr weit „von hier?“ „Freylich, ſehr weit.“ „ Und lebt er wirklich noch? Iſt er geſund und „hat man ihm kein Leid zugefuͤgt?“ „Bis jetzt nicht. Er bewohnt einen großen „Pallaſt, und ohne Zweifel wird ſein Leben geſchont „werden.“ „So ſey“— fuhr dann der ehrwuͤrdige Greis fort, auf meine Verſicherung, daß alles, was ich ihm geſagt, buchſtaͤbliche Wahrheit ſey—„ſo ſey Gott „gelobt und geprieſen! Ich bin arm und alt, und „wohne weit von Rom, auf einem Dorfe. Um noch „ein Mahl an dieſem Altare fuͤr unſern Heiligen „Vater zu beten, bin ich hierher gekommen. Der „Herr hat mein Gebet erhoͤrt. Kaum daß dasſelbe „beendigt war, ſo bekam ich Sie zu Geſichte. Ein 176 „guter Geiſt gab es mir ein, mich Ihnen zu naͤhern, „und die Hand Gottes hat Sie hierher gefuͤhrt, um „mich durch Sie mit Troſte, dem einzigen, der mir „ſeit einer Reihe von Jahren zu Theil ward, zu „erquicken.“ „Ich kenne, ehrwuͤrdiger Vater“— entgegnete ich, ihn bey der Hand faſſend,—„einen noch ſiche⸗ „rern Troſt,“ und lenkte ſeinen Blick auf das ewige Wort hin, welches im Innern der Peters⸗Kuppel mit goldenen Zuͤgen im Kreiſe geſchrieben ſteht:„Du „biſt Petrus, und auf dieſen Fels will „ich meine Kirche erbauen, und die Pfor⸗ „ten der Hoͤlle ſollen ſie nicht zu entwe⸗ „gen vermögen.“ Schwachen Trittes verließ jetzt der Greis mich und die geweihete Staͤtte, und auch ich ſagte dieſem Heiligthume, das ſich, außer dem ſchuͤtzenden Arme der Allmacht, ſonſt keines Schutzes mehr zu erfreuen hat, mein Lebewohl. Sie moͤgen nun ſelbſt entſcheiden, mein Freund, in wie fern es mir gelungen ſey, Ihnen jenes Ge⸗ fuͤhl von ganz eigener Art zu ſchildern, welches durch den Anblick des heutigen Roms in dem Gemuͤthe erweckt wird: das Gefuͤhl naͤhmlich, Augenzeuge zu ſeyn, wie die beruͤhmteſte aller Staͤdte, zwar lang⸗ ſam, aber in immer ſteigendem Fortſchreiten, ſich ih⸗ rem Untergang naͤhert. Es iſt dieß zwar lange nicht das einzige Ereigniß ſolcher Art, welches in der Ge⸗ 177 ſchichte vorkommt: allein gerade in unſerm Zeitalter, wo man uͤberall aufbaut, muͤſſen ſolche Zerſtoͤrungen von Seite der Zeit, ohne irgend einen Widerſtand von Seite der Menſchen, um deſto mehr in Erſtau⸗ nen ſetzen. Noch ungleich merkwuͤrdiger aber muͤſſen Roms letzte Tage uns darum erſcheinen; weil wir von unſerer Kindheit an, ſo zu ſagen, an ſeiner Wiege verweilt, im Latium mit Aeneas gelandet, mit Numa zu dem Born der Egeria gewallfahrtet, bey dem Bau des Tempels der Veſta mit Hand an⸗ gelegt, und mit Scipio das Capitol erſtiegen haben. Aber nur eine kleine Zeit noch, ſo werden dieſe Tem⸗ pel, und dieß Capitol, ſo werden die Saͤulen Jupi⸗ ters und die des heiligen Petrus, in Einem und demſelben Wirbel des Zeitſtroms durch einander ge⸗ worfen, ſich durch nichts mehr von einander unter⸗ ſcheiden laſſen, als durch die ebenfalls dahin ſchwin⸗ denden Ueberreſte ihrer Inſchriften, welche allein noch dem Wanderer in's Klare werden ſetzen koͤnnen, welche jener Denkmaͤhler Antonin ſeiner Fauſtina, und welche hinwieder die Chriſten dem ewigen Gotte er⸗ richtet haben*). *) Um eben dieſe Roma, deren Grablied der Verfaſſer hier ſingt, hören wir jenen begeiſterten Britten alſo trauern:„Was die „frühern Jahrhunderre zerſtört haben, iſt nicht wieder in's Le⸗ „ben gekehrt, und Rom, die Kaiſerſtadt, ach, auch ſie hat ſich „„beugen müſſen unter den Sturm. Sie auch iſt in Staub und Briefe üb. Italien. 1. Thll. 12 Eilſfter Grie f. Albauo, 4. Juli 1813. Dießmahl, mein Freund, gedenke ich Ihnen einen kleinen Ausflug, den ich ſo eben nach der Meierey „Unberühmtheit verſunken. Wir aber wandeln einher auf ih⸗ „rem Rieſengerippe, auf den Trümmern einer andern Welt „und ihrer noch rauchenden Aſche.“ „O Rom, meine Auserwählte unter den Städten, mein „eigentliches Vaterland! Sie kommen zu dir, die verwaiſe⸗ „ten Herzen, du Mutter der untergegangenen Reiche! Sie „verſchließen in ihre Seele ihren vorübergehenden Kummer. „ und wirklich, was iſt unſer Schmerz? Kommt her, die ihr „euch über Leiden eines Tages beklaget, kommt her und be⸗ „trachtet dieſe Cypreſſen, und vernehmt das klägliche Geſchrey „der Vögel der Nacht, und ſucht euern Weg über die zerſchla⸗ „genen Stufen der Thronen und Tempel. Eine Welt liegt „unter euern Füßen, aus eben dem Stoffe gebildet, aus dem „es auch ihr ſeyd.“ „Die Ueberreſte der Scipionen ſind aus ihren Grüften ent⸗ „wichen, und die Grabmähler des koſtbaren, ihnen anvertrauten „Schatzes verluſtig geworden. Und du, alte Diber, die du in „unſern Tagen eine Marmorwüſte durchflurheſt, warum thürmſt „du dein gelbes Gewäſſer nicht höher noch auf, damit Roms „Elend ſich unſern Blicken entrücke?“ „Gothen und Chriſten, die Zeit und der Krieg, Feuers⸗ „„ brünſte und Ueberſchwemmungen ſind gegen die ſtolze Sieben⸗ —— — 179 von Campo morto unternommen habe, in pittoresker ſowohl, als landwirthſchaftlicher Hinſicht, mit moͤg⸗ lichſter Treue zu beſchreiben. Schon der bloße Nahme jener Beſitzung ſoll Sie darauf hinweiſen, daß ich Ihnen weder lachende Gefilde, noch uͤppige Thalgruͤnde, ſondern ein Land zu ſchildern habe, in welchem die Roͤmer ausgeſtorben ſind. Der Weg, den ich, um nach Campo morto zu gelangen, zu durchreiſen hatte, iſt zum Theil der naͤhmliche, den Herr von Bonſtetten in ſeiner Reiſe durch das La⸗ tium beſchrieben hat, und es iſt eine Art von Ver⸗ meſſenheit, von dieſer feſtlichen Natur, von welcher durch ſeine Feder ein ſo getreues und reizendes Ge⸗ maͤhlde entworfen worden, zum zweyten Mahle er⸗ zaͤhlen zu wollen. Da jedoch jener Gelehrte mit der Aeneide in der Hand gereiſet iſt, und dieſe ihm als Fuͤhrerinn gedient und ihm die Stelle, an welcher die Stadt des Turnus und das Feldlager der Troer zu ſuchen ſey, bezeichnet hat; ich hingegen denſelben Pfad in den Fußſtapfen Columella's und des Saͤn⸗ gers der Hirten und Ernten durchſchreiten, ſo duͤrften wir „ hügelſtadt zu Felde gezogen. Einen nach dem andern hat ſie „die glänzenden, ihre Krone bildenden Sterne erlöſchen, und „barvariſche Könige auf eben dem Capitole geſehen, deſſen Hö⸗ „ hen einſt ihre ſiegreichen Bürger erſtiegen und ihre Triumph⸗ „wagen befuhren. Tempel und Thürme ſind zuſammengeſtürzt, „und bilden ein Chaos von Trümmern, in dem ſich Keiner „mehr zu erkennen im Stande iſt—“ u. ſ. w. A d. Ueb. 42* auf dieſem von Landbauern und Kriegern gleich haͤuffg betretenen Wege wohl ſchwerlich auf einander ſtoßen, und ich kann es um ſo eher wagen, eine Schilderung der gleichen Gegend zu entwerfen, als dabey ganz andere Gegenſtaͤnde, als die, auf welche mein Vorgaͤnger ſein Augenmerk gerichtet hat, in's Auge gefaßt werden ſollen. Die Meierey von Campo morto iſt es, auf welche ausſchließlich die Kirche von Sanct Peter heut zu Tage ihre Ausſtattung beſchraͤnkt ſieht, und aus deren Ertrage allein die Unterhaltung derſelben be⸗ ſtritten werden muß. Dieſe ſehr weitlaͤufige Be⸗ ſitzung liegt in der ungeſundeſten und verlaſſenſten Gegend des ſo geheißenen Agro Romano, zwiſchen Velletri und Nettuno. Einfoͤrmig und bloß auf Weiden und Herden beſchraͤnkt, wie in dieſen Gegen⸗ den der Landbau iſt, muß die Agricultur⸗Geſchichte einer einzelnen Beſitzung zugleich auch die aller uͤbri⸗ gen ſeyn. So wie Sie demnach mit dem Cultur⸗ Syſteme, welches in dem Pachthofe von Campo morto befolgt wird, bekannt ſeyn werden, iſt Ihnen zugleich auch eine getreue Darſtellung des Land⸗ baues im ganzen Erbgute des heil. Petrus, wie ſoicher heut zu Tage betrieben wird, geliefert. Mein Reiſegefaͤhrte von Rom aus war Herr Trucci, der Paͤchter jenes Gutes. Er ſelbſt wollte nachſehn, wie ſeine dortige Ernte von Statten gehe, und mir hatte er verheißen, mich mit den landwirthſchaftlichen 181 2 Uebungen und Details ſeines Pachthofes etwe naͤl bekannt zu machen. Bey unſerer Abre g eben die Daͤmmerung an, den Himmel zu roͤthen, und die erſten Strahlen des Tageslichts ſich wagerecht auf die Denkmaͤhler der Stadt und die Saͤulen⸗ gaͤnge, womit ihre Anfahrt geſchmuͤckt iſt/ zu ſenken. Bald betraten wir die Heerſtraße von Neapel. Die Landſchaft, durch welche dieſelbe ſich bis an den Fuß der Berge von Albano hindurchzieht, iſt ziem⸗ lich unfruchtbar, der Horizont beengt und traurig. Gegen Morgen begrenzt denſelben eine in langen Linien ſich dehnende, als Waſſerleitung dienende, Co⸗ lonnade von maſſiver Bauart, welche die Zeit ver⸗ ſchont und mit Mooſen und Haarpflanzen bekleidet hat. Weſtwaͤrts bleibt die Fernſicht durch eine lange Reihe von Huͤgeln beſchraͤnkt, auf denen nichts als Ruinen aus dem Mittelalter zu ſehen ſind. Dieſer große Truͤmmerhaufe traͤgt den Nahmen Alt-Rom. Gegen Suͤden iſt es der Berg von Albano, der, ſei⸗ nen pyramidaliſchen Gipfel bis hoch in die Wolken erhebend, dem Geſichtskreiſe Grenzen ſetzt. So wie man naͤher an den genannten Berg hinkommt, und ſeine Natur und Beſchaffenheit ſich dem Auge deutlicher entwickelt, uͤberzeugt man ſich auch bald, daß dieß eine in ihrer Art einzige, mit dem Flachlande, auf dem der Berg aufliegt, durch⸗ aus nichts gemeinhabende Natur ſey. Wirklich macht der Albaniſche Berg fuͤr ſich allein eine Welt Weltall geſchaffen worden, und als habe ſie durch die⸗ ſelbe dem Menſchen das erhabene Bild eines gleich⸗ ſam aus eigener Kraft ſeinen Feuerthron zum Him⸗ woollen. . Man ſollte denken, ein Berg, der auf eine ſo gewaltſame Weiſe hervorgebracht und das Erzeugniß eines zum Zerſtoͤren beſtimmten Elementes iſt, muͤßte hinwieder ſelbſt auch die Merkmahle eines fruͤhzeiti⸗ gen Todes auf ſeinen Seitenwaͤnden an ſich tragen; dem iſt aber keinesweges ſo. Dieſe Seitenwaͤnde gehen vielmehr in ſanfte Abhaͤnge uͤber, die nichts anders zu Tage legen, als den abgemeſſenen Lauf eines jeden der Lavaſtroͤme, die in verſchiedenen Epochen dem Gipfel des Vulkanes entfloſſen ſind. Dieſe Lava⸗Maſſen haben allererſt die Leeren jener Abhaͤnge erfuͤllt und ihre Unebenheiten ausgeglichen, und alsdann, nachdem ſie durch den Verlauf der Jahrhunderte erkaltet und in Staub verwandelt worden, die durch die Sturmwinde auf dieſen frucht⸗ baren Aſchengrund hingetragenen Keime der Pflan⸗ zen und Gewaͤchſe in's Leben gerufen. Juͤnger als die uͤbrige Erde, erfreut dieſe Natur ſich ihrer ganzen urſpruͤnglichen Fruchtbarkeit. Dieſe verleiht ihr eine lebendigere Faͤrbung und eine gewiſſe Ueber⸗ ſchwaͤnglichkeit des Pflanzenwuchſes, der an die erſten mel aufthuͤrmenden Vulkanes vor Augen legen Tage der Schoͤpfung, an Tage erinnert, wo der Kunſtfleiß noch unbekannt war, und noch keine Waͤ der gefaͤllt, keine Gewaͤſſer von ihrem Laufe abgelei⸗ tet, noch fremde Pflanzen dem Erdreiche anvertraut hatte. Fortwaͤhrend ſcheint alles in dieſem vulkani⸗ ſchen Reiche das Gepraͤge einer ganz einzigen, ohne menſchliches Zuthun aus dem Schooße der Erde her⸗ vorgehenden, durch Lava ⸗Erguͤſſe zu wiederhohlten Mahlen zerſtoͤrten und durch ſie jedes Mahl ſich wieder erneuernden Schoͤpfung. Stolz auf die Herr⸗ lichkeit ihrer Vegetation, bedarf dieſe Welt zur Er⸗ haltung des wilden Glanzes derſelben keiner menſch⸗ lichen Huͤlfe, und hinwieder gewaͤhrt dieſe Nachbar⸗ ſchaft dem Menſchen den einzigen Vortheil, daß er ihre von tiefem Schweigen beherrſchte Schoͤnheit be⸗ trachten kann. In den Zeiten, da man in dem Wahne ſtand, ſich dem Dienſte der Gottheit nicht anders als durch eine gaͤnzliche Abſonderung von der Welt der Unge⸗ weiheten widmen zu koͤnnen, war es der Albaniſche Berg, der ſolchen Dienern des Herrn dunkle Zu⸗ fluchtsoͤrter fuͤr ihre Gottſeligkeit darboth. In der Tiefe der jenen Berg bedeckenden Waͤlder wurden Wohnungen fuͤr dieſe Freunde der Einſamkeit ange⸗ legt. Selbſt das Oberhaupt der Kirche pflegte waͤh⸗ rend der ungeſunden Jahreszeit hier ſeinen Aufent⸗ halt zu nehmen. Seine Wohnung, die noch zu ſe⸗ hen iſt, both ihm keine andere Herrlichkeit dar, als 184 die einer reinen Luft und einer grenzenloſen Fern⸗ ſicht. Alle dieſe geweiheten Wohnungen ſtehen heut zu Tage unbewohnt, und die Mauern und Daͤcher derſelben liegen in Truͤmmern. Die Appiſche Straße hatte ſich in der Ebene um den Berg herumgezogen. Die neue Straße nach Neapel hingegen trennt ſich am Fuße des Ber⸗ ges von der alten, und nimmt uͤber einen ſanften Abhang und nach der Schnur ihre Richtung auf⸗ waͤrts bis nach der Stadt Albano, von welcher, ver⸗ moͤge ihrer Lage in der Mitte des Gebirgruͤckens, die Umgegend von Rom und das Revier der ungeſun⸗ den Luft beherrſcht wird. Verſchiedene, nach dem Nahmen geſchichtlich beruͤhmter Maͤnner, die auf dieſen Höhen ihr Leben beſchloſſen haben, benannte Mauſolaͤen kuͤnden die Naͤhe der Stadt an. Eines derſelben traͤgt den Nahmen des Ascanius, ein an⸗ deres den der Horazier. Die Fantaſie ergreift dieſe Benennungen, und wiederhohlt ſich dieſelben noch bey der Ankunft zu Albano. Nahe am Eingange der Stadt, auf der Seite gegen das Meer hin, liegt ein aus alten Zeiten ſich herſchreibender Garten, deſſen Beſitzer dermahl der Fuͤrſt Doria iſt. Seit geraumer Zeit ſind die Blu⸗ men in dieſem Garten verwildert, und die Baͤume, die man ſich ſelbſt uͤberlaſſen und nicht mehr ge⸗ ſchnitten hat, haben ihr Laubwerk nach allen Rich⸗ tungen ausgebreitet. In dieſem alterthuͤmlichen, 3 gleich der ihn umgebenden Natur vernachlaͤſſigten, Garten traͤumt man von nichts als von Erinnerun⸗ gen an eine Vergangenheit, deren Bild der Geſichts⸗ kreis wieder auffriſcht. An dem entgegengeſetzten Ende von Albano zieht ſich der Weg, durch einen purpurfarbigen⸗Felſen ge⸗ hauen, im Schatten von Ulmen bis an die Tiefe ei⸗ nes Thalgrundes hinab, welcher Albano von der al⸗ ten Stadt Aricia, heutigen Tages la Riccia genannt, abtrennt. Der Fuͤrſt Chigi hat dieſen Thalgrund, als wollte er die natuͤrliche Schoͤnheit desſelben aus⸗ ſchließlich ſeiner Perſon zueignen, mit einem Gehaͤge einfaſſen laſſen; dieſe Einhaͤgung aber iſt in einen ſolchen Verfall gerathen, daß der Wanderer ohne große Muͤhe in die innerſte Tiefe dieſes Natur⸗Aſy⸗ les eindringt. Schon ſeit geraumer Zeit hat der Prinz dieſen Park, der gegenwaͤrtig nichts weiter mehr iſt, als ein Wohnſitz der Ruhe, der Natur und den Jahreszeiten zur Beſorgung uͤberlaſſen. Der⸗ ſelbe iſt von Felſen umkraͤnzt, von einem Bache be⸗ waͤſſert und von dichten Schatten umdunkelt. Eine einzige Hindinn bewohnt ihn, und ſucht daſelbſt in ungeſtoͤrter Sicherheit ihr Futter. Um eben dieſer Sicherheit willen haben auch Voͤgel zu Tauſenden in demſelben ihren Wohnort aufgeſchlagen. So weit ich bis jetzt auf meinen Wanderungen gekommen bin, habe ich, einzig etwa mit Ausnahme der rei⸗ zenden Wieſenufer des Flaon, in der Naͤhe von Lau⸗ ſanne, noch nirgends eine ſo ſchoͤne Natur angetrof⸗ fen, als in dieſem Thal⸗Reviere von la Riccia. Auf die Wurzeln einer bejahrten Linde gelagert, blieb ich eine Weile damit beſchaͤftigt, die Eindruͤcke aufzufaſſen, welche die großen Formen der mich um⸗ gebenden Waͤlder und die ſtille Ruhe dieſer Einſam⸗ keit in mir hervorbrachten. O daß ich nicht laͤnger in der Tiefe eurer Gebuͤſche verweilen konnte, ihr Gaͤrten von Aricia und du Thal von Albano! Ei⸗ nen Tag nur habe ich in eurem Schooße zugebracht. Moͤchte er zum zweyten Mahl anbrechen, dieſer Tag, deſſen Andenken mit unausloͤſchlichen Zuͤgen in meine Seele gegraben bleibt! Aber, o des eitelen Wun⸗ ſches! Geht doch die Welt mit allen ihren Erſchei⸗ nungen und auf ein Mahl der Zukunft entgegen, ohne daß irgend etwas in der Natur ſich wieder zur Vergangenheit wendete, als allein das Herz des Menſchen, der ſich zuruͤckſehnt nach den Tagen, die nicht mehr ſind. So mußte ich denn von dem Parke von la Riccia ſcheiden. Langſamen Schrittes verfolgte ich den Weg, der von der Thalflaͤche ſich wie eine Terraſſe um den Huͤgel windet, auf welchem das Dorf ſteht. Bevor man in dieſes eintritt, zieht ſich der Pfad auf einen Abgrund hinaus, vor wel⸗ chem eine Lehmmauer den Reiſenden ſichert. Von dieſer Stelle aus erblickte ich zu meiner Linken das Merr, und gegen die Grenzen des Horizontes hinaus den Berg der Circe. Der ganze Raum, der mich 4 187 von dieſen Gegenſtaͤnden geſchieden hielt, erſchien mir als eine zuſammenhaͤngende, haͤuſerloſe Ebene, de⸗ ren einfoͤrmige Goldfaͤrbung nur hier und da durch das dunkle Gruͤn eines Waldes unterbrochen ward. Gegen den Fuß des Berges hin zeigten ſich mehrere Huͤgel, die ihren Urſprung vermuthlich insgeſammt dem gleichen Vulkane zu verdanken haben. Neben den Ruinen tragen dieſe Anhoͤhen auch noch Woh⸗ nungen, die ſich jedoch kaum unterſcheiden ließen, ſo dicht waren dieſelben in Gebuͤſche und Weinranken eingehuͤllt. Unter den Ortſchaften, die man hier im Geſichte hat, zeigte man mir auch eine, die jetzt noch den Nahmen Lavinia fuͤhrt. Ueberhaupt fuͤhlte ich mich durch einen geheimen Zauber an dieß Plaͤtzchen gefeſſelt, von wo aus jene, in Virgil's Erdbe⸗ ſchreibung, von der unſere Kindheit ſtammelt, und welche zu wiederhohlen auch fuͤr unſere aͤltern Tage noch eine Luſt iſt, geſchilderte Gegend ſich ohne irgend eine Anſtrengung ihrem ganzen Umfange nach uͤber⸗ ſchauen laͤßt. Noch bemerkte ich in der Tiefe auf dem erſten Flachlande der Landſchaft einen weiten, von der Na⸗ tur ſelbſt eingezaͤunten, durch einen Felſenkranz in einen abgerundeten Rahmen gefaßten Garten. Der Boden dieſes Grundſtuͤcks, welches eben der Bach bewaͤſſert, der durch den Park von la Riccia fließt, war aſchgrau, vollkommen eben und mit einer unglaub⸗ lich großen Menge von Baumfruͤchten und Garten⸗ 488 K gewaͤchſen in bunter Unordnung belaſtet. Von mei⸗ nem Reiſegefaͤhrten vernahm ich, daß dieß Stuͤck Land, uͤber deſſen Fruchtbarkeit ich nicht wenig er⸗ ſtaunte, der Krater eines erloſchenen Vulkans ſey. Zur Zeit der allgemeinen Erduͤberſchwemmung hatte ſich dieſer Krater mit Waſſer angefuͤllt und den See von Aricia gebildet, von deſſen Ufern, nach Virgil's Erzaͤhlung, einſt die Kriegstrompete des Turnus er⸗ toͤnte, als er, um gegen die Trojaner zu ſtreiten, zu den Waffen griff. Der Papſt Alexander VII. ließ dem See einen Abzug verſchaffen und verſchenkte das gewonnene Land an ſeinen Neffen, den Fuͤrſten Chigi, von wel⸗ chem her es bis auf jetzt Eigenthum jener Familie geblieben iſt. Dieſe Stelle nun, von der aus ſich mit einem einzigen Blicke die Natur in ihrem tiefſten Schwei⸗ gen ſowohl, als in ihrer ganzen Alterthuͤmlichkeit und Unendlichkeit uͤberſchauen laͤßt, und bey welcher ſo mancher, ohne ſich aufzuhalten, vorbeygeht, liegt, was ich um kuͤnftiger Reiſenden willen glaube be⸗ merken zu muͤſſen, wenn man die oberſte Hoͤhe von la Riccia erſtiegen hat, oberhalb der Gehoͤlze vor dem Thore des Marktfleckens. Es war Zeit, von unſerm Belvedere zu ſcheiden. Der Weg geht mitten durch den Flecken an dem, die Thalgruͤnde umher beherrſchenden, Pallaſte des Prinzen Chigi vorbey; worauf man ſich ſofort wieder ————— ——— 189 in eine wildere Gegend verſetzt ſieht. Waͤlder, die ſich an den Abhaͤngen des Berges bis nach der Stadt Genzano hindehnen, verhuͤllten uns Reiſenden den Anblick der Landſchaft, die wir fuͤr ganz menſchenleer haͤtten halten muͤſſen, wuͤrden wir nicht eine Kirche bemerkt haben, das einzige Aſyl, das in dießer Ein⸗ ſamkeit dem frommen Sinne des Landmannes ſich oͤffnet. Die Bauart an dieſem Denkmahle der Chriſtenheit iſt eine Nachahmung des Styls der Griechiſchen Tempel, und wohl kann bey ſeinem An⸗ blicke die Fantaſie einen Augenblick zweifeln, welchem Dienſte dasſelbe geweihet ſey. Mich ſelbſt begleite⸗ ten ſolche unſichere Zweifel und Erinnerungen an eine nicht chriſtliche Vorwelt, bis hin an das Ufer des nahe bey jenem Tempel gelegenen, und gleich dieſem den religioͤſen und erhabenen Gefuͤhlen des Herzens geweiheten See, von Nemi. Wir erreichten, nachdem wir die Haine von Nemi durchwandert, die Stadt Genzano. Noch eine Strecke uͤber dieſe Stadt hinaus ging es fort auf der Straße von Nea⸗ pel; dann aber wandten wir uns weiter von dem Berge Albano hinweg, in der Richtung des Hafens von Nettuno, gegen Weſten. Nach anderthalbſtuͤndigem Marſche auf einem auf dem Raſen nur in leichten Spuren bemerkbaren Pfade, gelangten wir zu dem Wirthſchaftsgebaͤude von Campo morto. Getreidefelder und Herden von Ochſen waren das Einzige, woraus ſich auf die Naͤhe 190 eines Wohnhauſes ſchließen ließ. Und wirklich iſt dieß weitlaͤufige Gebaͤude in der ganzen, vom Fuße der Gebirge bis an das Meer hin ſich erſtreckenden, Beſitzung das einzige Haus. Dasſelbe iſt zwar von edler Bauart, aber durch den Verlauf der Zeiten ſchwarz geworden, und dabey von allem entbloͤßt und ſehr ſchlecht unterhalten. Der Faktor oder Verwalter dieſer Anſtalt em⸗ pfing uns mit hoͤflichen und zuvorkommenden Ma⸗ nieren, welche nicht weniger als ſeine aͤußerſt reine Sprache auf einen Mann von Erziehung ſchließen machten. Eben dieſe Urbanitaͤt bemerkte ich auch an allen andern Aufſehern uͤber Viehſtand und Gewerbe, die ich in der Meierey von Campo morto zu Ge⸗ ſichte bekam. Sie bildete mit dem ungeſchliffenen Weſen und der Verworfenheit der in dem Pachthofe ſelbſt theils arbeitenden, theils ſonſt ſich umhertrei⸗ benden Werkleute und Viehhirten einen hoͤchſt auf⸗ fallenden Gegenſatz. Herrn Trucci's Aeußerungen zu Folge, haͤtte dieſe große Ungleichheit jener Leute ihren Grund darin, daß in der ſo geheißenen Cam⸗ pagna di Roma die ſaͤmmtlichen Faktore und Auf⸗ ſeher nicht Landleute, ſondern Staͤdter ſind, deren Familien theils zu Rom, theils in den benachbarten kleinen Staͤdten ihren bleibenden Sitz haben; das Tageloͤhner- und Hirtenvolk hingegen aus den Ge⸗ birgen des Sabiner⸗Landes und den Abruzzen her⸗ ſtammt. Denn mit Ausnahme einiger armen, in 191 den Truͤmmern der kleinen Staͤdte des Agro Ro⸗ mano angeſiedelten Familien, gibt es in den Roͤmi⸗ ſchen Maremmen durchaus keine Eingeborne mehr, ſo daß ſelbſt die Roͤmer in Rom's eigenen Gefilden Fremdlinge ſind. Indeß der Faktor zu einem Ritte durch den Pachthof Pferde fuͤr uns in Bereitſchaft ſetzen ließ, nahm ich die, ihres ſtattlichen Ausſehens ungeachtet, traurige Wohnung noch etwas naͤher in Augenſchein. Sie beſteht aus einer ſehr geraͤumigen Kuͤche und zwey großen Seitenſaͤlen. Tiefer hinein folgen noch drey andere Zimmer von gleicher Groͤße, wie jene erſtern, und wie ſie, ſo ganz ohne Moͤbeln, daß ſie nicht einmahl Fenſter haben. Dieß alles zuſammen macht das Erdgeſchoß des Hauptgebaͤudes aus. Sechs aͤhnliche Saͤle im obern Stocke ſind zu Kornmaga⸗ zinen beſtimmt. Ein einziger derſelben, in welchem die Oberaufſeher ihre Herberge haben, iſt mit Haus⸗ geraͤthe verſehen. Die beyden Seitenfluͤgel des Hau⸗ ſes enthalten weitlaͤufige gewoͤlbte Stallungen, die kuͤhl und wohl durchluftet ſind. Ueber denſelben ſind die Heuboͤden angebracht. Die Staͤlle dienen in 3 dieſen Meiereyen mehr zum Staate, als fuͤr das Beduͤrfniß: denn einzig etwa zur Zeit der Feldar⸗ beiten wird das dienſtthuende Vieh, das ſich die ganze uͤbrige Zeit an der freyen Luft und auf den Weideplaͤtzen herumtreibt, die mittaͤgliche Raſtzeit uͤber in dieſelben eingeſtellt und auch da gefuͤttert. 192 In dem ganzen Umfange dieſer Behauſung war nicht mehr als eine einzige, eben ſo alte als haͤßliche, Frau zu finden, deren ganzes Geſchaͤft darin beſteht, den Aufſehern, die zwar dem groͤßten Theile nach verheirathet ſind, deren Weiber und Kinder aber ſich fortwaͤhrend in den Staͤdten aufhalten, die Kuͤche zu beſorgen. Die Viehhuͤther richten ihre Speiſen ſelbſt zu. In dem ganzen Pachthofe von Campo morto und ſeiner Umgegend iſt keine Spur von Fleiß und Reinlichkeit anzutreffen. Man findet weder Baͤume, noch Gemuͤſe, noch Gaͤrten. Das Vieh, hieß es, als ich uͤber ſolche Nachlaͤſſigkeit mein Befremden aͤußerte, wuͤrde jede junge Anpflanzung zu Grunde richten und die Gartengewaͤchſe, falls man verſuchen ſollte, dergleichen anzuſaͤen, niedertreten; auch ſey es ohnehin bequemer, das Gemuͤſe in den Staͤdten der Nachbarſchaft einzukaufen, und in eben den Wagen, auf denen das Brot ohnehin zugefuͤhrt werden muͤſſe, herbeyzuſchaffen. In der That ſind jene Staͤdte ringsum mit Weinbergen und ergiebigem Garten⸗ lande umgeben. Zudem iſt in ſolchen Beſitzungen, wie Campo morto, wo man ſich mit Auffuͤttern und Großziehen des Viehes abgibt, immerfort ein ſo großer Ueberfluß an Zugvieh und Laſtthieren vor⸗ handen, daß die Transport⸗Koſten, auf deren Er⸗ ſparung man in unſern kleinen Pachthoͤfen ſo ge⸗ fliſſentlich bedacht iſt, hier durchaus nicht in Anſchlag kommen. Man ſchiebt ein Bund Heu auf den Kar⸗ ren und ein Brot fuͤr den Fuͤhrer, der alſo ausge⸗ ruͤſtet nicht ſelten einen Weg von ſechzig Meilen, ohne irgend eine Auslage zu machen, zuruͤcklegt. Dieſe uͤberſchwaͤngliche Menge von Vieh iſt der einzige Aufwand, der in den Meiereyen von Campo morto gemacht wird. Nie wird es ſich hier zu Lande ein Factor oder Aufſeher, oder auch nur ein Vieh⸗ huͤther beygehen laſſen, irgend einen Weg zu Fuße zu machen. Alles ohne Ausnahme will reiten. Die Aufſeher mit Flinten, und die Viehhuͤther mit Lan⸗ zen bewaffnet, durchjagen auf ihren Pferden in vollem Galloppe die Ebenen. Im Stalle finden ſich jeder⸗ zeit geſattelte und marſchfertige Pferde vor. Jedem, der zum Perſonale des Pachthofes gehoͤrt, ſind deren zwey zu ſeinem Gebrauche angewieſen. Einige die⸗ ſer Thiere ſind alte Diener, die als Muſterpferde fuͤr die juͤngern und zum Abrichten dieſer letzten ge⸗ braucht werden; die meiſten aber ſind ſelbſt jung, werden von den Aufſehern zum Zeitvertreibe zuge⸗ ritten und ſind, ſobald ſie Sattel und Gebiß kennen, zum Verkaufe beſtimmt. Diejenigen, aus denen man Zugpferde machen will, verkauft man in ihrem wilden Zuſtande; in Rom fehlt es, um dieſe Claſſe zuzureiten, nicht an ſehr geſchickten Kutſchern. In fruͤhern Zeiten war die Stuterey⸗Induſtrie eine ſehr bedeutende Intereſſe⸗Sache fuͤr die Roͤmi⸗ ſchen Großen. Dieſe ließen naͤhmlich damahls ihre Briefe üb. Italien. 1. Thl. 13 194 Guͤter auf eigene Rechnung durch Schaffner bewer⸗ ben, und waren Eigenthuͤmer von Pferderagen, die man nach ihren eigenen Familien⸗Nahmen zu be⸗ nennen pflegte. So ſah ich ſelbſt noch im Jahre 1791 von jenen erzfarbigen Pferden, welche den Nanhmen Borgheſe trugen. Sie glichen der Rage von Xeres, und mußten den zu Rom ſtudierenden Kuͤnſtlern als Modelle dienen. Eben dieſe Pferde hatte fruͤherhin Guido vor den Wagen ſeiner Au⸗ rora hingemahlt. Dieſe adelichen Pferdegeſchlechter ſind heut zu Tage theils erloſchen, theils durch Ver⸗ miſchungen verloren gegangen; die Roͤmiſchen Großen haben ihre Guͤter verpachtet, und die Paͤchter, denen das Vieh als Capital angehört, erziehen jetzt einzig noch ſchwarze Pferde, die ſehr wohl geſtaltet ſind und ohne Unterſchied als Sattelpferde und vor die Kutſchen gebraucht werden koͤnnen, zu keinem dieſer Dienſte aber beſonders gut taugen. Unter Anleitung unſers⸗Factors nahmen wir, ſobald wir unſere Pferde beſtiegen hatten, unſern Weg nach den Kornfeldern hin, wo die Ernte gerade begonnen hatte. Aus der Ferne und gegen das Meer hin erſchienen mir dieſe Felder wie große, dunkelgelbe, ſich uͤber ein wellenfoͤrmiges Erdreich hindehnende Streifen. Zuletzt glaubte ich ein in voͤlliger Schlachtordnung ſtehendes Heer vor mir zu ſehen, deſſen berittene Fuͤhrer mit der Lanze in der Fauſt eine unbewegliche Stellung zu behaupten ſchie⸗ 195 nen. Noch ritten wir bey mehrern, mit ſtaͤmmigen Ochſen beſpannten, Brotwagen vorbey, die ſich eben auf dem Wege befanden, um jene Truppe zu ver⸗ proviantiren. Bald erblickte ich dann gerade vor mir eine lange, ungefaͤhr aus tauſend Schnittern be⸗ ſtehende Menſchenreihe, die, ein unermeßliches Feld uͤberfluͤgelnd, mit ihren Sicheln in aller Stille ihre Kornſaaten faͤllte. Hinter dem Schnittervolke, und um dieß mit wachſamen Auge zur Arbeit anzuhal⸗ ten, waren etwa zwoͤlf Aufſeher zu Pferde poſtirt. Bey unſerer Annaͤherung erhob die ganze Schar ein lautes Geſchrey, von welchem die Luft wiederhallte und die einſame Gegend gleichſam erbebte. Es war dieß ein Gruß, womit die Feldarbeiter ihren Herrn bewillkommten. Bald nach uns erſchienen auch jene Proviant⸗ Wagen. Sie machten Halt bey einigen Eichen, welche die Vorſehung, um die Schnitter mit Schat⸗ ten zu verſehen, in dieſer Ebene erhalten hat. Auf ein gegebenes Zeichen wurde die Arbeit auf einige Zeit eingeſtellt, und nun ſahen wir die ganze lange Truppe bey uns voruͤberziehn. Maͤnner und Wei⸗ ber mochten ungefaͤhr gleich viel ſeyn; insgeſammt waren ſie aus den Abruzzen gekommen. Sie troffen von Schweiße; denn die Hitze war ſchrecklich. Die Naͤnner waren gar nicht uͤbel geſtaltet; deſto haͤßlicher hingegen die Weiber. Schon ſeit mehrern Tagen hatten dieſe Leute ihren Gebirgsaufenthalt 13 † 496 mit den Maremmen vertauſcht, und daher fing auch die ungeſunde Luft bereits an, den einen und andern von ihnen zu ergreifen. Zwar hatten zur Stunde noch nicht mehr als zwey von ihnen das Fieber; ſpaͤ⸗ terhin aber, ſagte man uns, werde taͤglich eine be⸗ deutende Anzahl derſelben von jener Seuche befallen werden, und am Schluſſe der Ernte die Truppe wohl auf die Haͤlfte zuſammengeſchmolzen ſeyn. Und als ich fragte, was denn aus dieſen Ungluͤcklichen werde, und wo ſie zuletzt hinkommen, erhielt ich zur Ant⸗ wort: man gebe ihnen ein Stuͤck Brot und ſchicke ſie weiter. Auf meine zweyte Frage aber, wo ſie alsdann hingehen, hieß es: ſie wandern dem Gebirge zu; einige bleiben auf dieſem Gange liegen und ath⸗ men auf der Straße ihr Leben aus; andere langen halb todt vor Elend und Erſchlaffung in ihrer Hei⸗ math an, um im Jahre darauf die gleiche Laufbahn von neuem zu beginnen*). Das heutige Mittags⸗ *) In Betreff dieſes in der That bemitleidenswerthen Schnitter⸗ volkes läßt der ſchon erwähnte Herr Guinon Laſureins in ſei⸗ nem Gemählde von Rom zwar etwas abweichend von Herrn Lullins Berichten ſich alſo vernehmen.„unter den Leuten, „welche das Land in der Gegend von Rom bearbeiten helfen, „iſt niemand mehr zu bedauern, als die armen Schnitter. Wö⸗ „chentlich zwey Mahle wird dieſen Dagelöhnern von den Ober⸗ „aufſehern über die Feldarbeiten Brot, Käſe und ſcheechter „Wein ausgetheilt. Unter ihnen gibt es junge Leute von ſech⸗ „zehn bis achtzehn Jahren, welche, vermöge des ihrem Alter ei⸗ „genen Leichtſinns, oft an Einem Tage die ganze erhaltene Ra⸗ „„tion verzehren und dann gleich den andern Tag darben müſ⸗ —— 197 mahl war fuͤr die Schnitter ein beſonderes Feſt, in⸗ dem der Meiſter, zur Verherrlichung ſeines Beſuches, zu Genzano zwey Karren voll Waſſermelonen hatte kaufen laſſen, um ſie zugleich mit dem Brote, das in der Regel der Schnitter einzige Speiſe ausmacht, unter ſeine Leute auszutheilen. Mit den ausdruck⸗ vollſten Blicken wurden dieſe großen Waſſermelonen von dem ganzen ungluͤcklichen Schnittervolke in's Auge gefaßt, und eine unbeſchreibliche Freude mahlte ſich auf allen Geſichtern in dem Augenblicke, da man die langen Meſſer in jene ſchoͤnen Fruͤchte ein⸗ ſchneiden, ihre blutrothen Eingeweide zum Vorſchein kommen und von einem erfriſchenden Safte und lieblichen Wohlgeruͤchen uͤberſtroͤmen ſah. „ſen. Dieſer einsmahlige Wechſel von Hunger und gierigem „Verſchlingen der gereichten Lebensmittet führt in Verbindung „mit der mörderiſchen Hitze des Tages ſowohl als mit den „friſchen und feuchten Nächten ein Drittel dieſer Lente vom „Fieber zur Schwindſucht und von dieſer zum Grabe hin. Für „alle dieſe Feldarbeiter gibt es weder ein Obdach noch einen „erquickenden Schattenplatz, noch friſche Wäſche, wenn ſie mit „Staub und Schweiß bedeckt ſind. Nicht ſelten ſinken ſie vor „Mattigkeit hin und laſſen ſich unvorſichtiger Weiſe vom „Schlummer beſchleichen, der unter dieſem unfreundlichen Him⸗ „mel tödtlich wird. Wen ſolche Strapazen nicht wegraffen, „der findet ſeine letzte Zuſluchtsſtätte in dem Hoſpital. Ganze „Scharen blaſſer und entſtellter Bettler, die man gleich Geſpen⸗ „ſtergeſtalten ſich in der ehemahligen Kaiſerſtadt umherſchleppen „ſieht, ſind Ueberreſte dieſes Schnittervolkes, und ſo wie dit „Sorgloſigkeit der Grundherren immerfort die nähmliche bleibt, „ſo iſt auch die Sterblichkeit unter jener Menſchenclaſſe faſt „alle Jahre dieſelbe.“— A. d. Ueb. 198 Die Schnitter nehmen täͤglich drey Mahl Nah⸗ rung zu ſich, wodurch die Arbeit in zwey Abtheilun⸗ gen zerfaͤllt. Zur Mittagszeit ſind ihnen zwey Stun⸗ den zum Ausruhen geſtattet. Der Schlaf um dieſe Zeit iſt keinesweges gefaͤhrlich; aber auch dann, wenn Thau und Nacht den Erdboden abgekuͤhlt haben, iſt dieſer ihre einzige Ruheſtaͤtte, und mitten unter den Schwefelausduͤnſtungen ſchlummern ſie auf dem be⸗ netzten Raſen. Sie wuͤrden, hieß es, allzu viel Zeit verlieren, wenn ſie in einem Pachthofe von ſo unge⸗ heuerm Umfange alle Abende nach dem von den Korn⸗ feldern oft ſehr entlegenen Wohnhauſe zuruͤckkehren und da ſchlafen wollten. Bevor man das Korn in Garben bindet, laͤßt man es zwey Tage hindurch an der Sonnenhitze trocknen. Alsdann wird es mitten auf dem Felde und in gewiſſen Entfernungen von einander in Hau⸗ fen zuſammengeſchoben. Vierzehn Tage ſpaͤter laͤßt man dasſelbe, da die Lombardiſche Walze hier zu Lande nicht bekannt iſt, von den Pferden austreten. Bis auf wenige Jahre pflegte man das ausgetretene Stroh dem Spiele der Winde Preis zu geben; ge⸗ genwaͤrtig aber muß es, zufolge einer von dem Herrn Degerando getroffenen Verfuͤgung, ebenfalls aufge⸗ ſchobert werden, damit man es bey Annaͤherung der, dieß Land ſo haͤufig verheerenden, Heuſchreckenzuͤge din Brand ſtecken koͤnne. Bey dieſer Maßnahme be⸗ findet man ſich ſo wohl, daß ſie ſchwerlich je wieder * 199 außer Uebung kommen duͤrfte. Dieſe von Strecke zu Strecke auf den Feldern zerſtreuten und insge⸗ ſammt auf den wellenfoͤrmigen Erhoͤhungen des Erd⸗ reichs aufgerichteten Strohſchober haben Aehnlichkeit mit Afrikaniſchen Doͤrfern, und verſchaffen der Land⸗ ſchaft ein noch wilderes Ausſehen. Das Korn wird ſpaͤterhin nach Rom geſchafft; zur Seltenheit bleibt es in den Pachtgebaͤuden liegen. Nachdem wir uns von jener Ernteſcene wieder entfernt hatten, ſetzten wir unſern Weg fort nach einem ſich wie ein Vorhang vor unſern Augen aus⸗ breitenden Wald hin. Dieſer Wald, durch welchen die Fernſicht auf das jenſeits desſelben gelegene Meer dem Auge entzogen wird, erſtreckt ſich beynahe un⸗ unterbrochen laͤngs der ganzen Toscaniſchen Kuͤſte bis zum Circaͤiſchen Vorgebirge hinab, und iſt mit ungeheuer großen weißen Eichen bepflanzt, welche die Naͤhe des Meeres zu verfuͤhren geſtattet. In den Steppen zwiſchen den Kornfeldern und jenem Walde trafen wir auf eine Herde von hundert, mit großen Hoͤrnern verſehenen, Ochſen von grauer Farbe. Es waren alte Diener des Pachthofes, die ſich durch un⸗ ſern Anblick in ihrer Ruhe keinesweges ſtoͤren ließen. Dieſe Thiere halten ſich fortwaͤhrend auf den Weide⸗ pläͤtzen auf, ausgenommen zur Zeit der Feldarbeiten, wo ſie dann reichlich mit Heu gefuͤttert werden. Einige hundert Kuͤhe, die wir etwas weiter hin⸗ aus antrafen, ſchienen, als ſie uns zu Geſichte beka⸗ 200 men, anfaͤnglich unentſchloſſen zu ſeyn, ob ſie einen Angriff auf uns wagen, oder aber ſich nach den Waͤldern zuruͤckziehen ſollten. Bald waͤhlten ſie die letztere Partie, und mit der Schnelligkeit von Hin⸗ dinnen ergriff die ganze Herde die Flucht; das Jung⸗ vieh voran, und hinterher muͤhſelig und ſchwerfaͤlligen Trottes die Stiere. Dieſe machten zuerſt Halt, wandten ſich trotzig, und als ob ſie ſich ihrer Flucht ſchaͤmten, aus ihren breiten Naſenloͤchern ſchnau⸗ bend, gegen uns um, wie wenn ſie uns zum Kampfe herausfordern wollten. Indeſſen kamen ihre Huͤther herangaloppirt, deren bloße Gegenwart, in Folge der großen Achtung, welche die Thiere fuͤr den Menſchen haben, die Ruhe unter der geſammten Herde alſo⸗ bald wieder herſtellte, und ſie ſo zutraulich machte, daß ſie uns unſern Weg unangefochten verfolgen ließ. Die Kuͤhe dieſer Gegenden werden nicht als Milchkuͤhe benutzt. Der ganze Vortheil, der von denſelben gezogen wird, beſteht in dem Verkaufe der Kaͤlber, und haben ſie einmahl ein Alter von ſechs bis ſieben Jahren erreicht, auch der Mutter. Da uͤbrigens die Huth dieſer Thiere nur nir ns de ringen Unkoſten begleitet iſt, ſo werfen ſie dem Pacht⸗ hofe auf jeden Fall einen bedeutenden Gewinn ab. Der Ertrag einer Mutterkuh wird auf vierzig Francs geſchaͤtzt, und es gibt viele Meiereyen, die uͤber tau⸗ ſend Stuͤck Kuͤhe unterhalten. 201 Als wir naͤher gegen den Wald hinkamen, machte man uns auf eine gewaltige Menge, zum Theil im Schatten verborgen liegender, zum Theil in der Ebene graſender, Schweine aufmerkſam. Dieſe Thiere, die ebenfalls der Meierey von Campo morto angehoͤren, und deren Zahl ſich auf zweytau⸗ ſend belaufen mag, ſieht man das ganze Jahr hin⸗ durch in dem weiten Landſchaftsraume, der an das Meer ſtoͤßt, umherſtreifen. Auch ſie gehoͤren, ob⸗ gleich ſie ſo ſtoͤrriſch und menſchenſcheu ſind, daß ſie fuͤr wilde Schweine gelten koͤnnten, dennoch zum Hausvieh. Sie ſind von ſchwarzer Rage, und ihr Fleiſch ſchmeckt, wenn ſie ſich im Walde mit Eicheln gemaͤſtet haben, uͤberaus gut. 3 Man ließ uns, um zu dem Wohngebaͤude des Pachthofes zuruͤck zu kommen, einen andern Weg einſchlagen, auf dem wir erſt auf die Stuterey, und alsdann auf das Wollvieh trafen. Die Meierey von Campo morto beſitzt etwa vierhundert Pferde. Unter dieſen befinden ſich wenigſtens hundert zuge⸗ rittene, deren ſich die Huͤther und Aufſeher bedienen; die uͤbrigen alle— es ſind Thiere von allen Altern— werden einzig zum Austreten des Getreides gebraucht. Wenn auch dieſe Pferde nichts Ausgezeichnetes haben, ſo gehoͤren ſie doch insgeſammt nicht zur ge⸗ meinen Rage. Sie ſind von ſchoͤnem Wuchſe, ſtark, muthig und kommen nicht leicht außer Athem. Zum Reitereydienſt gebraucht, fallen ſie ſehr gut aus; mir 202 ſelbſt ſind welche zu Geſichte gekommen, die mehr als einen hitzigen Feldzug heldenmaͤßig ausgedauert hatten. Im Gegenſatze mit den groͤßten Theils buntſcheckigen Neapolitaniſchen Pferden, ſind die hie⸗ ſigen ſchwarz. Die, deren ſich die Viehhuͤther be⸗ dienen, ſind ungemein gelehrig und duldſam. Ganze Stunden lang bleiben ſie, den ſengenden Stichen der Fliegen ausgeſetzt, auf der Wache ſtehn, und im ſtrengſten Galoppe verlaſſen ſie ihren Poſten, ſobald der Waͤchter ſeine Herde, oder einen Theil derſelben, zur Ordnung zu weiſen hat. Sie ſind auch weit weniger wild, als die Toscaniſchen Pferde, zugaͤng⸗ licher fuͤr die Hand des Menſchen und leichter abzu⸗ richten. 1 Was die Lebensweiſe der uͤberall in den Ma⸗ remmen in ziemlicher Anzahl ſich vorfindenden Vieh⸗ hirten betrifft, ſo iſt mit derſelben etwas Einſiedle⸗ riſches und zugleich eine gewiſſe Unabhaͤngigkeit ver⸗ bunden, die, ſo wie jenes, nicht ohne Reiz iſt. Es iſt eine gedoppelte Sorge, die eine fuͤr die ihrer Huth anvertraute Herde des Meiſters, die andere fuͤr das ihnen ſelbſt eigenthuͤmlich zugehoͤrige und ohne Un⸗ terſchied unter den uͤbrigen Thieren gemiſcht gehende Vieh, welche ihr Intereſſe fortwaͤhrend in Anſpruch nimmt. Mit einem Feuergewehre und einer Lanze bewaffnet, ſieht man dieſe Hirten in dem Steppen⸗ lande unter dem Schirme einiger Eichen Poſto faſ⸗ ſen, und von da aus von ihren Pferden herab ſich 203 umſchauen und Acht haben, in welcher Richtung die Herden bey der Behuͤthung der Triften ihren Weg nehmen. So verweilen ſie Stunden lang, ohne ſich zu ruͤhren, den ganzen Geſichtskreis mit ihren ſchwar⸗ zen Augen durchlaufend, und alles, was, ſo weit der Blick reicht, vorgeht, wird, waͤre es auch noch ſo un⸗ bedeutend, von ihnen augenblicklich ausgeſpaͤht. Bald iſt es ein Haſe, bald ein Kaninchen, das im Begriffe ſteht, ſich in der Schußweite eines ſolchen Hirten zu lagern. Schnell wirft ſich dieſer alsdann von ſeinem Pferde herunter, legt die Lanze beyſeit, ergreift ſein Gewehr und begibt ſich mit einem In⸗ ſtinete, den kein noch ſo vortrefflich abgerichteter Hund feiner beſitzen kann, auf die Jagd, wo er ſeine Beute nach Art der Fuͤchſe, belauert und ihrer in der Regel habhaft wird. Oefter noch muß er ſein Pferd in Bewegung ſetzen, um die Herde von dem Wege, den ſie eingeſchlagen hat, abzubringen. Zuweilen ſieht man ihn auch mit Blitzesſchnelle auf ein Paar im Kampfe gegen einander begriffene Bullen losſtuͤr⸗ zen. Wenn naͤhmlich zwey dergleichen wilde Beſtien auf ihren Streifzuͤgen durch die Wuͤſte auf einander ſtoßen, fangen ſie an, ein dumpfes Gebruͤll zu erhe⸗ ben. Unter ihren Fuͤßen ſieht man Staubwolken wie aus Vulkanen in die Luͤfte emporwirbeln, und es beginnt zwiſchen ihnen ein blutiger Zweykampf. Kaum aber iſt ihre eiferſuͤchtige Wuth zum Aus⸗ bruche gekommen, ſo dringt im Galoppe und mit ge⸗ 204 ſenkter Lanze der Waͤchter auf ſie ein und ſchreckt ſie unter Schlaͤgen, Verwundungen und lautem Ge⸗ ſchrey aus einander. 3 In dem am hoͤchſten gelegenen Theile des Pacht⸗ hofes weidet das Schafvieh. Die Zahl der Schafe belaͤuft ſich auf viertauſend; gerade jetzt aber war, da ſich die Hauptherde auf den Bergen befand, nur ein kleiner Theil derſelben ſichtbar. Immerhin wa⸗ ren ihrer ſo viele zugegen, daß ich ihre Rage genauer unterſuchen konnte. Es gibt in den Roͤmiſchen Ma⸗ remmen zwey von einander ganz verſchiedene Gat⸗ tungen von Schafen; die ſchwaͤrzlich braunen, oder ſo geheißenen Negretti, und die Apuliſchen. Die er⸗ ſtern ſind kleine, kraͤftige, kurzbeinige, mit Wolle wohl verſehene Thiere, mit aufrechten Koͤpfen, aͤhn⸗ lich in jeder Hinſicht den Schaf-Ragen im Dau⸗ phiné; mit der einzigen Ausnahme jedoch, daß ihre Wolle, obgleich von vortrefflicher Qualitaͤt, die Farbe der Chocolade hat. Die Geſammtheit dieſer Ne⸗ gretti-Schafe in den Roͤmiſchen Maremmen belaͤuft ſich auf achtzigtauſend. Aus ihrer Wolle werden alle Bettelmoͤnche Italiens gekleidet und alle Kaputroͤcke der Hirten verfertigt; auch geht gegenwaͤrtig ein be⸗ traͤchtlicher Theil derſelben nach den Fabriken des Dauphiné, wo ſie mit andrer vermiſcht und zu Sol⸗ daten⸗Ueberroͤcken verarbeitet wird. Die Apuliſchen Schafe, deren man uͤber ſechshundert tauſend Stuͤck zaͤhlt, ſind ohne anders die ſchoͤnſte Rage von Wol⸗ vieh, die ich jemahls geſehen habe. Sie ſind hoch, ungemein weitſtellig, haben viel Feſtigkeit in den Gliedern, einen abgemeſſenen Gang und in ihren Be⸗ wegungen etwas Geſetztes und Langſames. Dieſe Thiere beaͤtzen in Ruhe die ihnen angewieſenen Wei⸗ deplaͤtze. Ihr Ruͤcken iſt breit und gerade, ihr Leib cylinder-foͤrmig, und von ihrem uͤber alle Maßen ſteifen Kopfe hangen zwey lange, ihnen um die Wan⸗ gen ſchlagende, Ohren herab. Ihre blendend weiße Wolle kommt an Feinheit beynahe der Arragoniſchen zu. Uebrigens haben dieſe Thiere den Fehler, daß ſie nur an der obern Haͤlfte des Koͤrpers mit Wolle bekleidet ſind; dagegen liefern ſie außerordentlich viel Milch. Da das Hammelkleiſch in Italien ſchlecht iſt, und man dasſelbe nicht zu verſpeiſen pflegt, ſo wer⸗ den alle maͤnnlichen und ſelbſt ein Theil der weibli⸗ chen Laͤmmer umgebracht, die Muͤtter aber als Milch⸗ ſchafe benutzt. Nicht ſelten belaͤuft ſich der Milcher⸗ trag von einem einzigen Schafe eine Jahrszeit uͤber auf drey Piaſter. Aus dieſer Milch wird Kaͤſe ver⸗ fertigt. Schon um die Mitte des Maymonaths ziehen die Herden nach den Norciſchen und Abruzzi⸗ ſchen Gebirgen, woher ſie mitten im October wieder zuruͤckkommen. Von da an und den ganzen Winter uͤber ſind dieſe unermeßlichen Steppen von Vieh al⸗ ler Art und von den dasſelbe unter ihrer Obhuth haltenden Hirten bewohnt. Schafe und Hirten irren, 206 in tiefes Stillſchweigen verſunken, umher in den weiten Einoͤden, in die weder ein Dorf, noch eine Huͤtte Leben hineinbringt, und in denen uns die Vorſehung ein großes Beiſpiel deſſen, was das Schick⸗ ſal der Welt ſey, ſcheint vor Augen legen zu wollen. 4 Zwoͤlfter Brief.⸗ Velletri, 6. Juli 1313. Zur Abendzeit uͤberzieht ſich die Campagna di Ro⸗ ma regelmaͤßig mit einem dichten froſtigen Nebel, der, obgleich er nur einige Fuß hoch auf dem Boden ſchwebt, allgemein als eine Urſache des die Einwoh⸗ ner verzehrenden Fiebers betrachtet wird. Dieſer Nebel iſt ſo kalt, daß, nachdem wir unſern Durch⸗ flug durch die Meierey von Campo morto, von wel⸗ chem Ihnen mein naͤchſt vorhergehender Brief Nach⸗ richt gibt, vollendet hatten, wir den Reſt des Abends in der weitlaͤufigen Kuͤche des Pachtgebaͤudes am Ka⸗ minfeuer zubrachten. Dieß geſchah den 24. Juni, am Johannis⸗Feſte. An dieſem Kaminfeuer, auf einen Stuhl hin⸗ geſtreckt, der ſich zum mindeſten aus dem Pontificate Sixtus des Fuͤnften herſchreiben mochte, zog ich bei Herrn Trucci in Betreff ſeines Pachthofes noch ei⸗ nige landwirthſchaftliche Erkundigungen ein. Seine Antworten auf meine Anfragen ſchienen mir ſo viel 208 Intereſſe zu gewaͤhren, daß ich verſuchen will, meine Unterhaltung mit ihm in der Meinung nieder zu ſchreiben, daß Sie durch dieſelbe eine richtigere Vor⸗ ſtellung von der Cultur der Umgegend Roms, als durch ſo manche andere bertinatoriſihe Reiſeberichte erhalten ſollen. „Ich habe, ſagte Herr Trucci, ſchon mehrere Auslaͤnder geſprochen und auch wohl einige Reiſe⸗ werke uͤber Italien geleſen. Wie es ſcheint, ſind alle dieſe Wandersmaͤnner bey ihrer Durchreiſe durch unſere weiten Ebenen und Buſchgegenden (macchie) in dem Wahne geſtanden, als waͤren fuͤr jene Einoͤden nicht einmahl Grundherren vorhanden, und als koͤnnte je der erſte der beſte dieſelben nach Belieben in Beſitz nehmen, ſie urbar machen, Haͤu⸗ ſer darauf bauen u. ſ. w., ungefaͤhr auf eben die Weiſe, wie Abraham ſich in den Beſitz der Weide⸗ plaͤtze von Canaan geſetzt hat. Aus den Aeuße⸗ rungen jener Leute zu ſchließen, waͤren die ſaͤmmt⸗ lichen Einwohner Moͤnche geworden, zur Bearbei⸗ tung des Bodens niemand mehe uͤbrig, und dieß alles eine nothwendige Folge der paͤpſtlichen Re⸗ gierung. Allein es waltet dießfalls ein bedeuten⸗ der Irrthum ob. Nicht nur ſind naͤhmlich die ſaͤmmtlichen Laͤndereyen in der Umgegend von Rom Privat⸗Beſitzungen, die theils Capitaliſten, theils einer todten Hand angehoͤren, ſondern ſelbſt dieſer ſo vernachlaͤſſigt ſcheinende Boden und alle dieſe 209 Weidepläͤtze ſind Beſtandtheile von Partikular⸗Pacht⸗ guͤtern und Meiereyen, und einem regelmaͤßigen Wirthſchafts⸗Syſteme unterworfen, deſſen Weiſe und Uebungen ich Ihnen noch etwas naͤher be⸗ ſchreiben will.“. „Allerdings iſt unſer ungluͤckliches Land, das durch eine alljaͤhrliche Peſt verwuͤſtet wird, und dem es an Doͤrfern und laͤndlicher Bevoͤlkerung fehlt, in Beſitzungen von ſo uͤbergroßem Umfange abgetheilt, daß es unmoͤglich iſt, auf den Anbau der einzelnen Grundſtuͤcke jene auf Induſtrie hin⸗ weiſende Sorgfalt zu verwenden, die das Auge des Reiſenden entzuͤckt, indem ſie ein Bild des Ueber⸗ fluſſes und der Gluͤckſeligkeit vor ihm aufſtellt. Sie werden erſtaunen, wenn ich Ihnen ſage, daß das ganze Gebieth der Roͤmiſchen Maremmen, deſ⸗ ſen Laͤnge vierzig Meilen betraͤgt, in nicht mehr als einige hundert Beſitzungen abgetheilt iſt, und daß die geſammte weitſchichtige Bewerbung derſel⸗ ben von achtzig Paͤchtern, denn mehr ſind unſer nicht, beſorgt wird. Man nennt uns Guͤterhaͤnd⸗ ler(Mercanti di tenute), und in der That ſind wir weit eher Handelsleute, als Landbauer, denn wir leben allerſeits zu Rom, wo wir unſere Regiſter fuͤhren und das Ganze leiten, indeß unſere Schaff⸗ ner die Guͤterverwaltung beſorgen. Dabey ſind wir auf keinerley Neuerungen oder Verbeſſerungen bedacht; denn wer wollte, bey dem herrſchenden Briefe üb. Italien. 1. Thl. 14 210 Mangel an arbeitenden Haͤnden, und auf einem Flaͤchenraume von ſo ungeheurem Umfange, etwas von der Art zu Stande bringen? Auch koſtet un⸗ ſere Methode, die Guͤter zu bewerben, eben nicht viel Kopfbrechen. Uns iſt es am liebſten, eines Vortheils, den wir kennen, und der uns durch das einmahl auf⸗ und angenommene Cultur⸗Syſtem verbuͤrgt wird, verſichert zu bleiben. Dieſen ſichern Gewinn durch Erweiterung des Umfanges unſerer Laͤndereyen zu vergroͤßern, iſt wohl die einfachſte Maßregel, die wir befolgen koͤnnen, und gerade in dieſer Hinſicht iſt uns der allmaͤhliche Ruin unſerer großen Guͤterbeſitzer außerordentlich zu Statten gekommen. In fruͤhern Zeiten wurde kein Pacht⸗ hof anders vermiethet, als mit Inbegriff einer be⸗ traͤchtlichen Mitgabe von Vieh und Geſtuͤte. Nach und nach aber haben die Eigenthuͤmer dieß Capi⸗ tal veraͤußert, und lediglich den nackten Boden zu verpachten geſucht. Von dieſer Zeit an gab es keine große Vieheigenthuͤmer mehr, die ſich mit jenen Guͤterbewerbungen haͤtten befaſſen koͤnnen, und gegenwaͤrtig findet ſich die Geſammtheit der⸗ ſelben auf die oben erwaͤhnten achtzig Perſonen beſchraͤnkt. Unſer Handel iſt durch den Drang der Umſtaͤnde eine Art von Alleinhandel geworden, der aber in ſeinen Reſultaten erſprießlich genug iſt, daß wir uns ſchmeicheln koͤnnen, in kurzer Zeit den groͤßten Theil des Roͤmiſchen Grundeigenthums in 211 unſere Haͤnde uͤbergehen zu ſehen. Uebrigens kann dieſe Veräͤnderung, obgleich vermoͤge derſelben das Eigenthum der Herden ſowohl, als der Anbau der Grundſtuͤcke fleißigen und thaͤtigen Leuten anver⸗ traut wird, keine andere Wirkung haben, als dieſe, daß das Capital des Bodens neuerdings mit dem zur Bewerbung desſelben dienenden Mobiliar⸗Ca⸗ pitale wird zuſammengeſchmolzen werden. Deſſen ungeachtet wird unſere Cultur, nach wie vor, die⸗ ſelbe bleiben. Sie hat ihren unabaͤnderlichen Grund in der Natur der Dinge ſelbſt, und noch heut zu Tage iſt das Wirthſchafts⸗Syſtem im gan⸗ zen Umfange der Roͤmiſchen Maremmen das gleiche.“ „Vielleicht daß Sie zu vernehmen wuͤnſchten, welchen Urſachen jene große Ausdehnung der Be⸗ ſitzungen nicht weniger, als jener gaͤnzliche Mangel an laͤndlicher Bevoͤlkerung in einer ehemahls ſo wohl angebauten und ſo ſtark bewohnten Gegend, zuzuſchreiben ſeyn moͤchte; ich will Ihnen meine dießfaͤlligen Vermuthungen ebenfalls mittheilen.“ „Es liegt außer allem Zweifel, daß zur Zeit des hoͤchſten Flors des Roͤmiſchen Reichs die Um⸗ geb ungen der Hauptſtadt der Welt ſich ſammt und ſonders in den Haͤnden reicher Capitaliſten befan⸗ den, welche dieſelben in eben ſo viele Villen, Park⸗ Anlagen und Luſthaͤuſer umgeſchaffen hatten. Eine unmittelbare Folge hiervon war, daß die ſaͤmmt⸗ 14* 212 lichen Landbauer, die zugleich Grundeigenthuͤmer waren, aus jener Gegend vertrieben, und dieſe mit Sclaven, welche allein jene Landſitze zu bearbeiten und zu beſorgen hatten, bevoͤlkert wurden. Das Geſchlecht der Sclaven aber faßt in dem Lande, das von ihm bebaut wird, keine Wurzeln. Je das unbedeutendſte Ereigniß entwegt dasſelbe von ſei⸗ ner Stelle und macht es verſchwinden. Durch den Sturz des Reiches, durch die Verlegung ſeines Sitzes nach Conſtantinopel nicht weniger, als durch die Einfaͤlle der Barbaren und die Einfuͤhrung des Chriſtenthums, mußten in kurzer Zeit die Grundei⸗ genthuͤmer ſowohl, als die Sclaven, und auch die Capitale, vermittelſt derer man dieſe letztern kaufte, zu Grunde gehen. Da es dann aber, um die Scla⸗ ven zu erſetzen, allenthalben an arbeitſamen Bau⸗ ern fehlte, ſo blieben jene Guͤter fortwaͤhrend das Eigenthum verarmter, oder ſolcher Capitaliſten, die nach dem Oriente ausgewandert waren, und muß⸗ ten daher in ihrem Werthe außerordentlich ſinken. Dieß hatte zur Folge, daß diejenigen, welche ſich im Beſitze ihres Vermoͤgens erhalten hatten, jene liegenden Gruͤnde deſto leichter kaͤuflich an ſich bringen und ihr Eigenthumsrecht weiter ausdehnen konnten. Auch in ſpaͤtern Zeiten fuhren die paͤpſt⸗ lichen Familien fort, unermeßliche Guͤter unter Ein Beſitzthum zu vereinigen, und in Kraft dieſer Reihenfolge von Veraͤnderungen hat ſich jene ſelt⸗ ſame Erſcheinung verwirklicht, vermoͤge welcher gerade derjenige Theil von Europa, der ehemahls der bluͤhendſte und bewohnteſte war, in den Zuſtand einer eigentlichen Wuͤſte verſunken iſt.“ „Mit Recht, mein Herr, muß Sie der Umſtand befremden, daß gerade in den letzt veefloſſenen Jahrhunderten, waͤhrend welcher Italien eines tie⸗ fen Friedens genoſſen hat, jene neue, ſo thaͤtige, den Kunſtfleiß nicht weniger, als die Bevoͤlkerung befoͤrdernde, Europaͤiſche Landes⸗Cultur ſo ganz ohne alle Wirkung auf unſere Wuͤſteneyen geblie⸗ ben iſt, obgleich dieſe in der Naͤhe einer großen Stadt und des Meeres liegen, alle Auswege ihnen offen ſtehen, und der Boden, deſſen ſich dieſelben erfreuen, ruͤckſichtlich auf Fruchtbarkeit, in Europa kaum ſeines Gleichen findet.“ „In der That ſollte man glauben, die paͤpſt⸗ lichen Staaten haͤtten von jener allgemeinen Be⸗ wegung, zu der ſich das letzt verfloſſene Jahrhun⸗ dert aufgerafft hat, um eine Verbeſſerung der land⸗ wirthſchaftlichen Inſtitutionen vorzunehmen, we⸗ nigſtens auch einiger Maßen angeregt werden ſol⸗ len; allein ſie ſind im Gegentheil jenen Neuerun⸗ gen ganz fremd geblieben, und noch zur Stunde kennt man im Kirchenſtaate keine andere Agricul⸗ tur, als die der Patriarchen, mit welcher die Ge⸗ ſchichte dieſes Landes, ſo wie ſie mit derſelben be⸗ gonnen hat, ſich auch ſchließen wird.“ 214 „Der Grund dieſes Zuſtandes eines ununter⸗ brochenen Stilleſtehens iſt ohne Zweifel vorerſt in der, den Fortgang der laͤndlichen Bevoͤlkerung ſo ſehr hemmenden, Vertheilung des Landes in große Beſitzungen, und hiernaͤchſt in dem Einfluſſe der ungeſunden Luft zu ſuchen. Dieſe furchtbare Land⸗ plage iſt vielleicht bloß eine Folge der Entvoͤlke⸗ rung; ſie wird aber hinwieder auch eine Urſache der⸗ ſelben, und zwar eine Urſache, die immer fortwirkt und um ſo weniger gehoben werden kann, als, um den Verheerungen jener verpeſteten Luft Einhalt zu thun, in einem und demſelben Zeitpunkt, durch Zerſtuͤckelung der dermahligen Beſitzungen, neue Pachthoͤfe zu Tauſenden muͤßten geſchaffen und alle auf ein Mahl mit einigen hunderttauſend Einwohnern bevoͤlkert werden koͤnnen. Ungluͤckli⸗ cher Weiſe aber iſt es auf keine andere Art moͤg⸗ lich, Colonien zu gruͤnden, als durch Befolgung des Syſtems einer ſucceſſiven, ſich ſelbſt alle erforder⸗ lichen Huͤlfsmittel in immer ſteigendem Maße an die Hand gebenden Vermehrung.“ „An Erfindung von Plaͤnen zur Verbeſſerung des Roͤmiſchen Gebieths hat man es freylich nicht fehlen laſſen; allein dieſe Plaͤne ſind insgeſammt ohne Ruͤckſicht, einerſeits auf die zu einer ſolchen Verbeſſerung erforderlichen Capital⸗Summen, und anderſeits auf die Eigenthuͤmer jener Laͤndereyen ſelbſt, deren Befinden doch auf jeden Fall zuerſt ein⸗ 215 gehohlt werden muͤßte, bevor ſich uͤber ihre Guͤter etwas verfuͤgen ließe, abgefaßt. Was die Capitale betrifft, welche zur Umgeſtaltung der Roͤmiſchen Steppen, und um ihnen gleichſam einen zu dem des uͤbrigen Europa paſſenden Schnitt zu geben, erfor⸗ dert wuͤrden, ſo waͤre wohl niemand im Stande, die⸗ ſelben herbeyzuſchaffen, als entweder der Staat, oder die Guͤterbeſitzer, oder die Paͤchter. Von dieſen aber iſt niemand im Beſitze ſolcher Capital⸗Summen. Bloß allmaͤhliche Verbeſſerungen finden der ungeſun⸗ den Luft wegen nicht Statt, und eine einsmahlige Umſchaffung der ganzen landwirthſchaftlichen Verfaſ⸗ ſung eines Bezirkes von ſolchem Umfange wuͤrde eine ſo ungeheure Summe Geldes erheiſchen, daß es bis zur Stunde noch keiner jener Oekonomiſten, die zu einer ſolchen Verbeſſerung rathen, gewagt hat, dießfalls in eine Berechnung einzugehen.“ „Dennoch duͤrfte jener Zuſtand von Enkkraͤf⸗ tung und Verlaſſenheit, in welchen unſere großen Beſitzungen in den Maremmen verſunken ſind, weit eher einer andern, unablaͤſſig wirkenden Urſache, als aber der Traͤgheit und Unerfahrenheit der dortigen Landbauer zuzuſchreiben ſeyn; zumahl auch in allen geſunden Gegenden des Kirchenſtaates die Cultur eben ſo lebhaft betrieben wird, und nicht minder er⸗ giebig iſt, als in Toscana. So ſieht man z. B. vielleicht in ganz Europa nirgends einen ſo ſchoͤnen Rebbau, wie in der Umgegend von Albano und Vel⸗ 216 letri; auch auf den Anbau der Kuͤchengewaͤchſe wird um unſere Staͤdte her eine Thaͤtigkeit und ein Fleiß verwandt, die nichts zu wuͤnſchen uͤbrig laſſen.“ „Und dieß— fuhr Herr Trucci fort— waͤre denn eine Ueberſicht der Agricultur⸗Geſchichte unſers Landes. Sie zeigt Ihnen zuvoͤrderſt, in welcher Epoche dasſelbe von ſeinen Grundherren nicht weni⸗ ger, als von den Sclaven, die es bebauten, der Ver⸗ laſſenheit iſt Preis gegeben worden; ſodann wie die Barbaren und die Erdbeben ſeine Staͤdte zerſtoͤrt haben, ohne daß wieder Doͤrfer aufgebaut wurden, und endlich wie eben dieſe Felder und Guͤter einigen wenigen, von allen zum Anbau derſelben erforder⸗ lichen Huͤlfsmitteln entbloͤßten, Beſitzern als Eigen⸗ thum zugefallen ſind; was aber jene, das Menſchen⸗ geſchlecht aus dieſen Einſamkeiten vertilgende, Land⸗ plage betrifft, ſo liegen ihnen die unſeligen Spuren derſelben allernaͤchſt vor den Augen.“ „Hiermit waͤren zugleich auch die Umſtaͤnde in's Klare geſetzt, unter denen die großen Paͤchter der Campagna di Roma ſich genoͤthigt geſehen haben, Beſitzungen von einem Flaͤcheninhalte von mehrern Quadrat⸗Meilen bewerben zu laſſen. Wir ſelbſt ſind dieſe Leute, an welche man jene Wuͤſteneyen ver⸗ miethet, in denen es weder Staͤdte noch Weiler, und außer einer einzigen, nicht einmahl von einer Familie von Bauersleuten bewohnten Behauſung, kein Ob⸗ dach gibt, weder Herden noch Ackergeraͤthſchaften zu 217 finden ſind, und der Wanderer nicht einmahl einen Hund bellen hoͤrt; denn wem wollten dieſe Thiere ihre Liebe und Treue bezeugen?“ „Bey alle dem ſind jene Grundſtuͤcke fruchtbar und reich mit Raſen bekleidet. Dazu liegen ſie un⸗ ter dem ſchoͤnſten Himmel, und das Genie des Land⸗ bauers bemuͤhte ſich, die Maßnahmen aufzufinden, welche geeignet ſind, vermittelſt der ihm zu Gebothe ſtehenden Huͤlfsmittel, ihm von dem urſpruͤnglichen Reichthum des Bodens einen moͤglichſt großen Vor⸗ theil zu verſchaffen. In Betreff jener Maßnahmen aber fand im Grunde nicht einmahl Auswahl Statt, und wir ſahen uns gezwungen, das Cultur⸗Syſtem der nomadiſchen Voͤlkerſchaften und der veroͤdeten Erdſtriche, mit denen wir uns in den gleichen Umſtaͤn⸗ den befanden, auch bey uns einzufuͤhren.“ „In Folge dieſer Wirthſchaftsart mußten wir damit anfangen, Herden von Schafvieh auf unſere Weideplaͤtze hinzutreiben, weil dieſe Thiergattung ſich unter allen am ſtaͤrkſten vermehrt, und keine an⸗ dere dem Landbauer einen ſo bedeutenden Gewinn verſchafft. Einige wenige Hirten reichen hin, um Tauſende von Schafen zu huͤthen; und an den Ge⸗ birgsbauern des Sabiner⸗Landes und der Abruzzen haben wir Leute gefunden, die ſich, nicht zwar um einen Lohn in baarem Gelde, ſondern unter der Be⸗ dingung, ſelbſt eine Anzahl von Schafen halten, ſie unter den unſrigen weiden laſſen und den Ertrag 218 derſelben ſich zueignen zu duͤrfen, um ſo eher dazu verſtanden, unſer Wollvieh unter ihre Huth zu neh⸗ men, da ſie ſich in ihren Felſen⸗Revieren bereits an ein einſames Leben gewoͤhnt hatten. Da der Raſen auf unſern Weideplaͤtzen den ganzen Winter uͤber fortkeimt, ſo finden die Schafe auch dieſe ganze Jahrszeit hindurch auf denſelben hinlaͤngliche Nah⸗ rung. Im Sommer hingegen werden eben dieſe Plaͤtze der Trockne und des Fiebers halber unbrauch⸗ bar und nicht wenig gefaͤhrlich; daher wir in dieſen Monathen unſere Herden nach den Apenninen ſchicken, damit ſie auf ihren Gipfeln eine ſchaͤrfere Luft und friſche Kraͤuter ſuchen moͤgen.“ „Da fuͤr das Wollvieh nicht alle Weideplaͤtze dienlich ſind, und unſer Handel und Unterhaltsbe⸗ darf es erfordert, daß wir auch Hornvieh halten, ſo haben wir Herden wilder Kuͤhe von jener ſchoͤnen in Ungarn noch vorhandenen Rage auf unſere Pacht⸗ hoͤfe zuſammengetrieben. Dieſe Thiere, von weniger zarter Natur als die Schafe, dauern die Hitze und das Klima des Sommers aus. Die mit ihrer Huth beauftragten Hirten ſetzen ſich der Gefahr der boͤſen Luft(aria cattiva) aus. Einige koſtet dieſe Luft das Leben; alle werden blaͤſſer davon; ein Theil haͤlt es denn doch darin aus und gewoͤhnt ſich an die Ge⸗ fahr, weil die Gewohnheit dem Menſchen alles er⸗ traͤglich macht.“ „Auf dem unermeßlichen Flaͤchenraume, den 219 wir zu bewerben haben, konnten die Hirten, als Fuͤh⸗ rer und Waͤchter der Herden, ihre Dienſte zu Fuße nicht thun; auch mußte mit der auf jeden Fall ſehr weit entlegenen Nachbarſchaft einiger Verkehr unter⸗ halten werden. Aus dieſen gedoppelten Gruͤnden ſa⸗ hen wir uns genoͤthigt, Stutereyen anzulegen. Un⸗ ter allen Zweigen unſerer Induſtrie bringt dieſer am wenigſten ein; unentbehrlich iſt er aber gleichwohl. Endlich hatten wir auch noch Waͤlder und Suͤmpfe; jene haben wir mit Schweinen; dieſe mit Buͤffeln bevoͤlkert.“ „In Folge der Vervielfaͤltigung aller dieſer Racen haben unſere Ebenen ſich in kurzer Zeit mit lebendigen Geſchoͤpfen angefuͤllt und unſere Capitale ſich vermehrt. In dieſem einzigen Gute belaͤuft mein Eigenthum ſich auf mehr als vierhundert tau⸗ ſend Francs, und hoͤher noch in zwey andern Beſitzun⸗ gen, die ich ebenfalls in Pacht genommen habe.“ „Unſere Hirten bekommen keinen Lohn; dage⸗ gen ſind wir gehalten, ſie zu ernaͤhren, und mit ih⸗ nen die kleine Herde, die ihren Unterhalt ausmacht. Alle dieſe Hirten ſind in den Gebirgen zu Hauſe und le⸗ ben in den Maremmen als Fremdlinge. Auch bringt nicht ein einziger von ihnen ſein Weib und ſeine Kinder mit ſich dahin, und daher iſt auch keiner je⸗ mahls im Falle, den Stamm einer oͤrtlichen Bevoͤl⸗ kerung, die nicht mehr nomadiſch waͤre, zu gruͤnden.“ „Sobald das Capital unſerer Herden einmahl 220 beyſammen war, hat man natuͤrlicher Weiſe darauf bedacht ſeyn muͤſſen, die Arbeit des Viehs, den Duͤn⸗ ger und die Fruchtbarkeit des Bodens, alles mit Ei- nem Mahle, zum Anbau des Getreides zu benutzen, der darum hier Statt findet, weil das Korn ein Pro⸗ duct iſt, deſſen Transport und Bewachung wenig Muͤhe, und deſſen mechaniſche Cultur keine beſondere Sorgfalt oder Umſtaͤndlichkeit der Bearbeitung ver⸗ langt; alles, was dergleichen erfordern wuͤrde, muß aus einem wilden, den Weidezuͤgen des Viehs uͤber⸗ laſſenen, Lande ohne anders verbannt bleiben.“ „Zum Getreidebau haben wir die vorzuͤglich gut gelegenen Plaͤtze unſers Flachlandes auserſehen. Um die Saaten vor Beſchaͤdigungen zu verwahren, bleibt das Wollvieh, ſo lange es noͤthig iſt, in ein beſtimm⸗ tes Revier eingepfercht. Im Fruͤhjahr werden un⸗ ſere auf den Weiden umherſtreifenden Ochſen zuſam⸗ mengetrieben und jochweiſe vor den Pflug geſpannt. Da es uns aber in dem Pachthofe an Arbeitern fehlt, um die Pfluͤge zu leiten, ſo muͤſſen wir aber⸗ mahl unſere Zuflucht zu Tageloͤhnern nehmen. Dieſe kommen uns woͤchentlich von Rom her, wo die Paͤch⸗ ter ſie auf ſechs Tage zur Arbeit zu dingen pflegen. Dieſe Menſchen ſind groͤßten Theils Gebirgsleute, doch haben auch manche von ihnen ihre haͤusliche Niederlaſſung zu Rom und in den umliegenden klei⸗ nern Staͤdten.“*) *) Dieſe Leute, die großen Theils der Hunger von den Apenninen 221 „Der Tagelohn eines ſolchen Arbeiters belaͤuft ſich uͤber vierzig Sous, ohne das Brot, welches der Meiſter ihm liefern, und da in der Meierey ſelbſt durchaus keine Backanſtalten vorhanden ſind, von Rom aus herbeyſchaffen muß. In der Regel pflegt man ſo viele Tageloͤhner anzuſtellen, als man Paare Ochſen hat, um die Arbeit, um deren Beaufſichti⸗ gung es ſich handelt, wo immer moͤglich, im Laufe einer einzigen Woche zum Ziele zu bringen. Ich ſelbſt laſſe hier manchmahl hundert Pfluͤge auf ein⸗ mahl in's Feld ziehen. So lange das Ackern dau⸗ ert, werden die Ochſen, weil ſie dieſe Zeit uͤber un⸗ gewoͤhnlich ſtark arbeiten muͤſſen, mit Heu gefuͤttert; ſobald aber die Pflugſchar die letzte Furche gezogen hat, erhalten die Tageloͤhner ihren Abſchied und die Ochſen werden nach ihren Weideplaͤtzen zuruͤckge⸗ fuͤhrt.“ „Vermittelſt dieſer erſten Feldbeſtellung wird der Raſen bloß zerriſſen und ſeine Wurzeln kommen an die Sonne zu liegen. Nach Verfluß eines Mo⸗ vertrieben hat, pflegen ſich am frühen Morgen theils auf dem Platze Montanara theits bey der Madonna de Monti zu ver⸗ ſammeln und da zu harren, bis etwa ein Gartenaufſeher oder ein Weingärtner(oder zur Saat⸗ und Erntezeit ein Pächter) heran kommt, um ihnen für einen geringen Taglohn Arbeit an⸗ zubiethen. Oft liegen dieſe Weinberge und Gemüſegärten über eine Stunde weit von der Stadt entfernt, ſo daß ſchon über dem Hinwandern nicht wenig Zeit verloren geht. A. d. Ueb. 222 naths iſt er verſengt. Man faͤngt zum zweyten Mahle an, die Pfluͤge zu beſpannen, und der Boden wird nochmahls, jedoch in umgekehrter Richtung, um⸗ geackert. Durch dieſe zweyte Bearbeitung gehn die Raſenſchollen in Stuͤcken, und in die umgeruͤhrte Erd⸗ lage wird noch etwas tiefer eingefahren. Auf dieſes zweymahlige Umpfluͤgen folgt in gleichen Zwiſchen⸗ zeiten noch ein drittes und viertes, wodurch die im erſten und zweyten Mahle gezogenen Furchen in der 3 Richtung ihrer Diagonal⸗Linien durchſchnitten wer⸗ den, ſo daß um die Mitte Septembers das Erdreich in vier verſchiedenen Directionen umgeruͤhrt iſt.“ „Nunmehr wird, was die Sonnenhitze von Ra⸗ ſen und Wurzelwerk nicht hat verſengen moͤgen, zu⸗ ſammengerafft und verbrannt, hierauf der Same ausgeſtreut und vermittelſt eines leichten Pflugſtri⸗ ches wieder zugedeckt; durch welche letztere Vorkeh⸗ rung die Erdſchollen ſich vollends zerbroͤckeln und die Ackerbeete ſich in regelmaͤßige Huͤgelchen ordnen muͤſſen. Auf dieſe Arbeiten erfolgt nun im naͤchſt⸗ folgenden Jahre die Ernte, nach deren Einſammlung der Boden neuerdings mehrere Jahre hindurch un⸗ angebaut liegen bleibt. Schon im Herbſte bekleidet er ſich mit neuen Pflanzen und Graͤſern, und bleibt Raſen, bis ihn die Reihe trifft, von neuem urbar ge⸗ macht zu werden. Der Mittelertrag unſerer Korn⸗ felder iſt ſechs fuͤr Eins; in den Pontiniſchen Suͤm⸗ pfen ſteigt ihr Ertrag bis auf das Zwoͤlffache.“ 223 „Aus dem bisher Geſagten, mein Herr, koͤnnen Sie erſehen, was fuͤr ein Wirthſchafts⸗Syſtem ge⸗ woͤhnlich in unſern Pachthoͤfen befolgt wird. Der Boden biethet, weil er durchgehends wellenfoͤrmig iſt, Abhaͤnge, Graͤthe und Niederungen dar. Die einen und andern jener Huͤgelgraͤthe, deren Gipfel der Ver⸗ lauf der Zeiten ihrer Bekleidung von Pflanzenerde beraubt hat, werden nicht mehr umgeackert, und die Haͤmmel allein ſuchen auf denſelben noch ihr kraft⸗ loſes Futter. Hinwieder iſt ein Theil der Niede⸗ rungen fuͤr den Getreidebau zu feucht. Dieſe laͤßt man als Wieſen liegen, von denen je die beſten Stuͤcke das Heu, deſſen man in dem Pachthofe be⸗ noͤthigt iſt, liefern muͤſſen. Endlich iſt von dem baubaren Felde der geſammte Holzboden und alles das Land abzuziehn, welches mit Eichen in allzu großer Anzahl beſetzt iſt, als daß der Pflug freyen Durchpaß haben ſollte. Demnach eirculirt unſere Wechſelwirthſchaft bloß in dem ebenſten und offenſten Theile des Gutes. Man ſchaͤtzt den Betrag der an⸗ geſaͤeten Kornfelder in der Regel auf ein Neuntel der geſammten Beſitzung. Ein zweytes Neuntel liegt brach, und die ſieben uͤbrigen bleiben zu Vieh⸗ weiden beſtimmt.“ „Nur von dem Umfange des baubaren Landes ſeiner Meierey hat der Paͤchter einen Zins zu ent⸗ richten. Dieſer Pachtzins beſteht aus ſieben Pia⸗ ſtern von jedem Rubbi Landes, d. h. in achtzehn 224 Francs fuͤr den Pariſer Morgen. Die uͤbrigen Grundſtuͤcke der Beſitzung, ſo viel ſich ihrer nicht ur⸗ bar machen laſſen, werden ihm obendrein gegeben, und ſie ſind es, von denen er ſehr oft ſeinen bedeu⸗ tendſten Gewinn zieht; denn auf denſelben findet ſowohl ſein ſaͤmmtliches Hornvieh, als auch ſeine Schweine und Buͤffel ihre Nahrung.“ „Ein Rubbi Landes, der fuͤr ſechs und dreyßig Francs verpachtet iſt, liefert den Winter uͤber entwe⸗ der ſieben Schafen und ihren Laͤmmern, oder auch einem Pferde oder Stuͤcke Hornvieh ſein Futter. Nun rechnet man, daß das Stuͤck Wollvieh an Wolle, Milch und Laͤmmern ungefaͤhr funfzehn Francs ab⸗ werfe; folglich liefern ſieben Stuͤcke einen Ertrag von wenigſtens hundert Francs rohen Erzeugniſſes. Von dieſer Summe muͤſſen abgezogen werden ſechs und dreyßig Francs als Miethzins fuͤr den Winter⸗ weidgang, funfzehn Francs fuͤr Bergfahrtsunkoſten 8 und ungefaͤhr eben ſo viel fuͤr Huth und Nebenaus⸗ gabe. Es bleiben alſo dem Paͤchter auf der Unter⸗ haltung von ſieben Schafen etwa dreyßig Franes rei⸗ nen Gewinnes, was auf den Kopf fuͤnfthalb Francs betraͤgt, dem Ertrage des Wollviehes in Spanien ziemlich gleichkommt, und ſich hoͤher belaͤuft, als der Gewinn, der in der Gegend von Camargue von eben dieſen Thieren gezogen wird. Ungleich weniger tra⸗ gen die Kuͤhe ein. Der Unterhalt einer Kuh koſtet ſechs und dreyßig Francs; dagegen beſchraͤnkt ſich der —— ganze Vortheil, den man von ihr zieht, auf ein Kalb, das, wenn es etwa drey Monathe alt iſt, um vierzig Francs verkauft wird. Man kann ſich alſo einzig dadurch aus der Sache ziehen, daß man die Kuͤhe auf dem Buſchlande(macchie), von wel⸗ chem der Paͤchter keinen Miethzins zu zahlen hat, ihr Futter ſuchen laͤßt. Die Pferde, die ruͤckſicht⸗ lich auf ihre Fuͤtterung ſchwieriger zu behandeln ſind, kommen, wenn ſie groß gewachſen ſind, dem Paͤch⸗ ter das Stuͤck ungefaͤhr auf zwey hundert Francs zu ſtehen. Zu dieſem Preiſe wurden ſie ehemahls auch verkauft; ſeitdem aber des Krieges wegen die Nach⸗ frage nach denſelben ſtaͤrker geworden, gelten ſie zwiſchen drey und vier hundert Francs. Den vor⸗ theilhafteſten aller unſerer Wirthſchaftszweige ma⸗ chen, in Betrachtung, daß ſie faſt gar keines Un⸗ terhaltes beduͤrfen, die Schweine aus. Sie leben bloß in Waͤldern und Sumpfgegenden; es ſind aber aauch wenige Meiereyen ſo gelegen, daß ſie derglei⸗ chen Thiere halten koͤnnen.“ „Um Ihnen einen allgemeinen Begriff von dem Beſtande unſerer Pachthoͤfe zu geben, will ich Ih⸗ nen ſagen, daß ich von dem meinigen einen Mieth⸗ zins von zwey und zwanzig tauſend Piaſtern entrich⸗ te, eine Summe, die einen Flaͤchenraum von drey tauſend Rubbi, oder ſechs tauſend Morgen bauba⸗ ren Landes vorausſetzt. Hierzu kommt ungefaͤhr eben ſo viel unangebauter Boden, und auf dieſem Briefe üb. Italien. 1. Tꝛhhx. 15 226 leben großen Theils meine Kuͤhe und Schweine. Meine drey tauſend Rubbi ſind in neun ungefaͤhr gleich große Theile, jeder von drey hundert und dreyßig Rubbi, eingetheilt. Eine dieſer Abtheilungen liegt brach; eine zweyte iſt mit Getreide bepflanzt; auf den uͤbrigen zwey tauſend drey hundert Rubbi, die man, mit Ausnahme derjenigen Grundſtuͤcke, welche das Heu liefern muͤſſen, und nicht abgeaͤtzt werden, mit dem Viehe behuͤthet, unterhalte ich vier tauſend Stuͤcke Wollvieh, vier hundert Pferde und zwey hundert Ochſen, waͤhrend daß in dem Buſchlande auch noch ſieben hundert Kuͤhe und nicht ſelten bis auf zwey tauſend Schweine ihr Futter finden.“ „Die Vorſchuͤſſe und Auslagen, welche ich bey dieſer meiner Wirthſchaft zu machen habe, ſind fol⸗ gende: Ich muß den Pachtzins entrichten, den Ar⸗ beitern ihr Brot und meinem geſammten Heere von Hirten, Aufſehern und Faktoren ihren ganzen Un⸗ terhalt liefern; den uͤbrigen Werkleuten, Schnittern u. ſ. w. ihre Tageloͤhne bezahlen, die mit den Wan⸗ derzuͤgen der Herden verbundenen Unkoſten, ſo wie auch alle ſo geheißenen, bey einem ſo ausgedehnten Guͤtergewerbe ſich immer auf eine ſehr bedeutende Summe belaufenden, Nebenausgaben beſtreiten. End⸗ lich iſt von dem rohen Ertrage meiner Herden noch ungefaͤhr ein Zehntel abzuziehen, der in ungleichem Verhaͤltniſſe meinen Aufſehern und Viehhuͤthern an⸗ 227 gehoͤrt, deren Thiere ih auf meine Unkoſten ernaͤh⸗ ren muß.“ „Bey alle dem, und un zechtet wir bey unſerm Wirthſchafts⸗Syſteme dann auch noch manchen nicht unbetraͤchtlichen Verluſt an unſerm Vieh zu erleiden haben, kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß unſer Gewerbe ſehr eintraͤglich iſt, und neben einem In⸗ tereſſe von fuͤnf Procent von meinem Vieh⸗Capital, einen jaͤhrlichen Gewinn von ungefaͤhr fuͤnf tauſend Piaſtern einbringt. Uebrigens ſehen Sie, mein Herr, daß dieſe ſo wuͤſten und ſo gering geſchaͤtzten Laͤnde⸗ reyen der Campagna di Roma zu achtzehn Francs der Pariſer Morgen verpachtet werden. In Frank⸗ reich gibt es unendlich viel Land, das keinen ſo be⸗ traͤchtlichen Miethzins einbringt. Waͤren unſere Grundſtuͤcke abgetheilt und bevoͤlkert, ſo wuͤrden ſie ſich zu einem noch hoͤhern, allein auch dann nicht zu einem ſo hohen Preiſe verpachten laſſen, als man⸗ cher dafuͤr haͤlt, denn das, was das Geheimniß ei⸗ ner im Großen betriebenen Landwirthſchaft ausmacht, iſt ihre innere Oekonomie, und nichts iſt in Betreff des Ertrages des Feldbaus taͤuſchender, als die Ge⸗ ſtalt, in welcher ſich derſelbe dem Beſchauer vor Augen legt, indem jener Ertrag einzig von der Ge⸗ ſammtheit und dem Ineinandergreifen der wirth⸗ ſchaftlichen Einrichtungen abhaͤngt, und keineswegs von dem Reichthume der zur Schau liegenden Produkte.“ 15*† Dreyzehnter Brief. Terracing, 13. July 1813. Dießmahl, mein verehrteſter Freund, komme ich von einem Wanderzuge durch die Pontiniſchen Suͤm⸗ pfe zuruͤck. Ich habe dieſe merkwuͤrdige Gegend mit hinlaͤnglicher Muße beſichtigen koͤnnen, da ich Gele⸗ genheit hatte, den General⸗Inſpector des Genie⸗ weſens zu begleiten, der eben dahin reiſete, um die neuen Austrocknungs⸗Canaͤle in Augenſchein zu neh⸗ men, welche die Landesregierung, um, wo immer moͤglich, jene großen, von Pius VI. begonnenen, Ar⸗ beiten zum Ziele zu bringen, eroͤffnen laͤßt. In der Geſellſchaft dieſes Mannes ließ ſich ge⸗ rade in dieſem Augenblicke um ſo vortrefflicher rei⸗ ſen, weil den Genie⸗Officieren zum Schutze wider die Banditen, durch welche der Zugang zu dem Sumpflande noch gefaͤhrlicher wird, als durch die verpeſtete Luft ſelbſt, eine Bedeckung mitgegeben zu werden pflegt. Schon ſeit undenklichen Zeiten hat jenes Ban⸗ 229 diten⸗Volk in den Gebirgen des Sabiner⸗Landes und den Abruzzen ſeinen Spuk getrieben; auch iſt dasſelbe um ſo weniger auszurotten, weil es in der Einwohnerſchaft des Landes ſelbſt ſeine Wurzel hat. Es ſind jedoch dieſe feindſeligen, die Grenzen des Koͤnigreichs Neapel gefaͤhrdenden, Horden keineswegs bloß Raͤubergeſellſchaften ohne Heimath und Eigen⸗ thum, die unter unzaͤhligen Verkleidungen umher⸗ ſtreifen, immer auf der Flucht begriffen ſind, im Dunkeln ſich fortwaͤhrend zu Ueberfaͤllen ruͤſten, nach vollfuͤhrter That aber ſich in weite Entfernungen zu⸗ ruͤckziehen, um den Raub zu theilen, und denen als Leuten, die keinem Wohnorte angehoͤren, uͤber⸗ all, wo ſie hinkommen, ein Signalement von Seite der Polizey voranlaͤuft: ſondern es beſteht dieß Raͤu⸗ bervolk vielmehr aus eigentlichen, die benachbarten Berge bewohnenden Landleuten, die Eigenthum und Familie haben, und einen Theil des Jahres ſich mit Feldarbeiten beſchaͤftigen; die aber, weil der Er⸗ trag der Arbeit in einem unfruchtbaren Felſenlande weder fuͤr ihr Fortkommen, noch fuͤr ihre Vergnuͤgun⸗ gen ausreicht, neben dem Feldbauer⸗Stande auch noch das Raͤuberhandwerk ergreifen, und durch ei⸗ nen faſt unwiderſtehlichen Reiz und ein nicht minder ſtarkes Beduͤrfniß nach Mord und Pluͤnderung ge⸗ trieben, ſich in Geſellſchaften zuſammenthun, und mit bewaffneter Hand auf die Reiſenden und nicht ſelten auch auf die Bewohner und Haͤuſer des Flachlandes losgehen In Folge deſſen, daß jene Gebirgsleute dem groͤßern Theile nach unter die Fahnen einiger Haͤupt⸗ linge eingeſchrieben ſind, haben dieſe jederzeit eine kleine Armee zu ihrer Verfuͤgung, die jeden Augen⸗ blick bereit iſt, zu Felde zu ziehen, und mit eben der Schnelligkeit, womit ſie ſich zuſammengethan hat, auch wieder auseinander ſtiebt. Zu keinem der Raubzuͤge werden mehr Leute gebraucht, als dazu erforderlich ſind, und wer der Polizey nicht unmit⸗ telbar auf dem Schlachtfelde in die Haͤnde faͤllt, der bleibt vor ihren Nachſtellungen geſichert; denn ſo⸗ bald die Raͤuber in ſchnellem Laufe ihre Bergwoh⸗ nungen wieder erreicht haben, ſo ſtecken ſie ſich wie⸗ der in ihre gewoͤhnlichen Kleider, nehmen wieder ihre laͤndlichen Arbeiten zur Hand, und ſind von nun an keine Banditen mehr, ſondern friedliche und, unter dem Schutze ihres, wie man behaupten will, aus guten Gruͤnden eine unglaubliche Nachſicht ge⸗ gen ſie uͤbenden Pfarrers und Maire, beyſammen le⸗ bende Landleute. Inzwiſchen ſind einige ihrer An⸗ fuͤhrer von der Polizey gar wohl gekannt, und auf dieſe wird von den Gendarmen unaufhoͤrlich Jagd gemacht. Seit fuͤnf Jahren ſind mehrere derſelben eingebracht und hingerichtet worden, ohne daß um deßwillen der Eifer der Ueberlebenden im mindeſten erkaltet waͤre. Viele von jenen Banditen haben in den Kaͤmpfen, die ſie mit den Gendarmen und Be⸗ deckungen der Reiſenden zu beſtehen hatten, ihr Le⸗ 231 ben eingebuͤßt; eben ſo viele ſind auf ihren Zuͤgen eingeſchloſſen und gefangen worden. Durch die Hin⸗ richtung dieſer letztern glaubte man die uͤbrigen zu ſchrecken, erzweckte aber nichts weiter, als daß ſie anfingen, mit etwas mehr Vorſicht zu Werke zu ge⸗ hen. Denn jenes Straßenraͤuberleben iſt fuͤr ſie nichts anders, als ein Gewerbe, mit welchem, wie ſie wohl wiſſen, die Gefahr des Schaffottes verbun⸗ den iſt; vor dieſer Gefahr aber graut ihnen nicht ſtaͤrker, als dem Seemann, der ſich in Sturm und Wellen hinauswagt. Der furchtbarſte unter jenen Raͤuberhaͤuptlin⸗ gen, der ſeit fuͤnf Jahren allen Nachforſchungen der Franzoͤſiſchen Polizey zu entgehen gewußt hat, iſt vor kurzer Zeit gefaͤnglich eingebracht worden, und heißt Peter, der Calabreſe. Das gemeine Volk zu Rom nennt ihn ſchlechtweg den Calabreſen, und un⸗ ter dieſem Titel figurirt er gar haͤufig in den Volks⸗ geſaͤngen der nach jeder ungewohnten Erſcheinung haſchenden Roͤmer. Dieſer Calabreſe legte ſich, um eine weniger gemeine Rolle zu ſpielen, einen politi⸗ ſchen Charakter bey, und wollte ſich fuͤr den Chef der Roͤmiſchen Vendee gelten machen. Er titulirte ſich Kaiſer der Gebirge, Koͤnig der Waͤlder, Beſchuͤtzer der Conſcribirten und Vermittler der Straße von Flo⸗ renz nach Neapel; was aber ſeinen Ruhm vermindert, iſt, daß er unter Pius VII. nicht mehr und nicht weniger Bandit war, als waͤhrend der Herrſchaft der Franzoſen. Abgeſehen jedoch von dem Ruhme, den er ſich als Haupt einer Partey hatte zueignen wollen, blie⸗ ben ſeine Verdienſte in der Rolle eines Raͤuberhaupt⸗ manns nichts deſto weniger entſchieden. Wilrklich ſpielt dieſer Mann, der doch nichts weiter als ein Bauer vom Gebirge iſt, jene Rolle mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit. Sein Charakter iſt aus Raubgier und Froͤmmigkeit, aus Grauſamkeit und rechtlichem Sinn ſonderbar zuſammengemiſcht. Vorzuͤglich groß weiß er ſich mit ſeiner Menſchlichkeit. Er ſoll, ſeiner Behauptung zu Folge, außer dem Treffen nie einen Tropfen Blutes vergoſſen, und jede von ſeinen, zum Morden nur allzu geneigten, Leuten begangene Grau⸗ ſamkeit ſcharf beſtraft haben. Die Wahrheit dieſer Ausſage laͤßt ſich um ſo weniger bezweifeln, da, wie ich als Augenzeuge verſichern kann, ſeine Verhaf⸗ tung bey den ſaͤmmtlichen Einwohnern der Umge⸗ gend, die ſich von nun an gleichſam ihres Schutzes gegen die Mordluſt und Grauſamkeit ſeiner Unter⸗ gebenen beraubt glaubten, ein großes Bedauern ver⸗ urſacht hat.. Gegenwaͤrtig iſt die Regierung damit beſchaͤf⸗ tigt, mit ſeinem Nachfolger Gaetano eine Ueberein⸗ kunft, aͤhnlich derjenigen abzuſchließen, vermittelſt welcher es einſt Sixtus V. gelang, den vor ſeinem Pontificate im Schwange gehenden Raͤubereyen Ein⸗ halt zu thun. Vermoͤge dieſes Tractates wurden die verſchiedenen Raͤuberbanden ſelbſt gegen einander un⸗ ter die Waffen geſtellt, und ſollten ſo mit eigener Hand je eine die Ausrottung der andern befoͤrdern helfen. Es hatten naͤhmlich die Soldaten des Ca⸗ labreſen, aus Betruͤbniß uͤber ſeine Verhaftung, und in der Abſicht, ihm ſein Leben zu jedem Preiſe zu retten, in der Perſon einer Obſtverkaͤuferin von Rom einen Parlementaͤr an die Polizey mit dem An⸗ erbiethen abgehen laſſen, daß ſie ihrerſeits ſich un⸗ terwerfen, und, gegen einen taͤglichen Sold von drey⸗ ßig Sous auf den Mann, es uͤber ſich nehmen wollten, die Straße vor allen andern Raͤuberbanden ſicher zu erhalten. Das Anerbiethen ward angenom⸗ men und hinwieder verſprochen, den Calabreſen, ohne ihm den Prozeß zu machen, bloß nach Corſika zu deportiren. Wenige Tage nach Abſchluß dieſes Vertrages ließ Gaetano dem Gendarmen ⸗Officier von Sermo⸗ netta die Anzeige machen, daß er ihm eine Garan⸗ tie fuͤr ihr Verkommniß zuzuſtellen habe, und nannte ihm zugleich einen Ort im Gebirge, wo er dieſelbe in Empfang nehmen koͤnne. Der Officier begab ſich dahin, und ſiehe, Gaetano uͤberlieferte ihm vier Menſchenkoͤpfe, mit der Verſicherung, es ſeyen ſol⸗ ches die Koöpfe von vier durch ſeine Leute getoͤdteten Raͤubern. Doch kaum war der Abgeſandte wieder in Sermonetta eingetroffen, ſo vernahm er, es ſeyen vier Leichname von eben ſo vielen Landbauern aus jener Ortſchaft zum Vorſchein gekommen, denen man 234 in den Olivenwaͤldern die Koͤpfe abgehauen habe. Dieß bewog ihn, eine zweyte Unterredung mit Gae⸗ tano zu begehren, bey welcher er ihn mit großer Heftigkeit uͤber ſein treuloſes Benehmen zu Rede ſtellte. Der Raͤuberhauptmann gab zwar zu, nicht eben mit dem feinſten Zartgefuͤhl gehandelt, und in dieſer Hinſicht Vorwuͤrfe verdient zu haben, fuͤgte aber bey, daß er, Koͤpfe fuͤr Koͤpfe, geglaubt habe, es ſey beſſer, vier Unbekannten die ihrigen abzu⸗ ſchneiden, als eine gleiche Anzahl von Banditen zu ermorden, die er im Grunde als ſeine Freunde zu betrachten haͤtte. Obgleich dieſe Entſchuldigung nicht ganz ohne Schein war, ſo erklaͤrte ihm dennoch der Officier, man werde, wofern die Raͤuber den Trak⸗ tat auf ſolche Weiſe zu halten gedaͤchten, dem Cala⸗ breſen ſeinen Prozeß machen. Dieß jagte dem Haupt⸗ mann und ſeiner Truppe eine ſolche Furcht ein, daß ſie verſprachen, die Bedingungen der Uebereinkunft von nun an treu und aufrichtig zu halten. Wirklich begaben ſich bald nach dieſem Ereigniſſe einige von ihnen nach Terracina, um uͤber die Sicherheit der Straße zu wachen. Dieſes habe ich ſelbſt geſehen, und ihr bloßer Anblick iſt geeignet, jeden Reiſenden, der ſich ihrer Huth anzuvertrauen gedaͤchte, mit Schrecken zu erfuͤllen. Die letzte Stadt, welche man vor dem Eintritt in die Suͤmpfe zu paſſiren hat, iſt Velletri. Sie liegt an dem ſuͤdlichen Abhange des Albaniſchen 235 Berges. Von der Höͤhhe dieſer Stadt uͤberſieht man die weiten Einoͤden der Suͤmpfe. Gegen Morgen ſind es die Gebirge des Sabiner⸗Landes, und gegen Abend des Meeres unuͤberſehbare Fluthen, welche die Ausſicht begrenzen. Die Umgebungen von Vel⸗ letri beſtehen aus vortrefflich angelegten und unter⸗ haltenen Weinbergen. Ranken, genau nach der Schnur angelegt, ſind kuͤnſtlich an Gitterwerke von hohem Schilfrohr aufgebunden, und zu Spalieren gezogen, die ſich in eine nicht zu ermeſſende Laͤnge verlieren. Jede beſondere Abtheilung dieſer Wein⸗ gärten iſt mit einem niedlichen Rebhaͤuschen ge⸗ ſchmuͤckt, und uͤberhaupt ſind in dieſer Gegend, ob⸗ gleich ſie ebenfalls dem, von den Freunden der Land⸗ wirthſchaft ſo verſchrienen Kirchenſtaate angehoͤrt, ſo⸗ bald man die Regionen der ungeſunden Luft verlaſ⸗ ſen hat, wieder haͤufige Spuren der lebhafteſten Cul⸗ tur und der regſten Betriebſamkeit anzutreffen. Dieß gilt jedoch einzig von Velletri's unmittelbarer Nach⸗ barſchaft; denn kaum, daß man ſeinen Weg eine halbe Stunde weit durch die Weinberge hinab fort⸗ geſetzt hat, ſo tritt man wieder in das Flachland und in die Wuͤſte ein. Bis nach Ciſterno geht die Straße durch eine nichts weniger als milde, von Lavaſtroͤmen gebildete, unebene Landgegend, in wel⸗ cher eine Menge Korkbaͤume mit geborſtenen Staͤm⸗ men wachſen, und die hin und wieder noch durch ein Getreidefeld oder einen Pachthof verſchoͤnert wird. ——— —— 4 236 Ueber Ciſterno hinaus aber ſieht man jede Spur von Menſchenleben verſchwinden. Eine unermeßliche, dem Fuͤrſten von Cajetan zugehoͤrige, Beſitzung er⸗ ſtreckt ſich von jenem Burgflecken bis nach der zwey und ein Viertel Poſten entlegenen Ortſchaft Torre tre Ponti, wo die Pferde gewechſelt werden. Die⸗ ſer Strich Landes gehoͤrt eigentlich noch nicht zu den Suͤmpfen, und iſt eine pittoreske Waldgegend, wo man in den weiten Lichtungen der Gehoͤlze wechſels⸗ weiſe jetzt uͤppige Weiden, und dann reiche Saaten zu Geſichte bekommt. Hier und da ſieht man auch zirkelfoͤrmige, von Hirten bewohnte Huͤtten, mit Daͤ⸗ chern von Schilfrohr, ſich in der Ebene gleich den Kraals der Hottentotten gruppiren, und in der Naͤhe dieſer Kraals, mitten in dem, vermoͤge der Friſch⸗ heit des Bodens in dieſen Savannen hoch aufſproſ⸗ ſenden, Graſe etwa einige Buͤffelochſen umherirren, die ſich ſchwerfaͤlligen Trittes, und ihrem Inſtinkte gehorchend, auf getriebenen Fußſteigen nach moraſti⸗ gen Teichen hin begeben, in deren Geyaͤſſern ſie mit Luſt die heißeſten Stunden des Tages dahin⸗ bringen. In dieſe Waſſerbehaͤlter ſinken die Buͤffel, kraft ihres gewichtigen Koͤrpers, nach und nach ſo tief ein, daß das Seegras, ſie mit Haut und Haar be⸗ deckend, uͤber ihrem Ruͤcken zuſammenſchlaͤgt, und der wilde Kopf allein noch aus dem Waſſer hervor⸗ guckt. Gegen Abend kommt einer der Hirten heran⸗ geritten, und thut mit ſeiner Lanze unter lautem 237 Geſchrey einige Schlaͤge in's Waſſer. Dieſem Rufe antworten die Buͤffel mit dumpfem Gebruͤlle, fan⸗ gen an ſich zu ruͤhren und aus dem Teiche heraus zu arbeiten, Haupt und Schlaͤfe, gleich den Flußgoͤttern der Fabel, mit Seegras und langem Geſtruͤppe be⸗ hangen, das ſie, wie die Baecchantinnen ihre Kraͤnze, uͤber die Wieſengruͤnde nachſchleppen. Erſt etwas herwaͤrts von Torte tre Ponti neh⸗ men die eigentlichen Suͤmpfe ihren Anfang. Der Weg verwandelt ſich in eine Chauſſee, ſchlaͤgt wieder in die alte Appiſche Straße ein, von der man un⸗ terhalb Albano abgeſchlagen hatte, und zieht ſich dann in gerader Linie fort bis nach Terracina. Zur Rechten und in einiger Tiefe von der Straße nimmt der Canal, Naviglio grande genannt, ſeinen An⸗ fang. Dieß iſt eben der Canal, welchen Horaz auf ſeiner Reiſe nach Brunduſium beſchifft, und Pius VI. zugleich mit der Straße wieder hergeſtellt hat. Der Plan dieſes eben ſo einſichtsvollen als ungluͤcklichen Fuͤrſten ging naͤhmlich dahin, einen Fall von ſieben Fuß, welchen die Suͤmpfe ihrer Oberflaͤche nach von ihrem hoͤchſten Puncte bis an das Ufer des Meeres machen, zur Eroͤffnung von Parallel⸗Canaͤlen zu benutzen, in welchen die Gewaͤſſer ſich ſammeln ſoll⸗ ten. Nach dieſen, in gewiſſen Entfernungen von einander angebrachten, Parallelen gedachte er, unter einem Winkel von 450, und ebenfalls mit einander gleichlaufend, Nebencanaͤle hinzuleiten, und ver⸗ 238 mittelſt dieſes Syſtems den Vortheil jener Senkung des Bodens auf der ganzen Oberflaͤche der Suͤmpfe zu benutzen. Von jenen großen Parallelen ſind je⸗ doch nicht mehr als zwey, nebſt den nach ihnen hin⸗ zielenden Canaͤlen, vollendet worden. Dieſe aber ſind ſo gut ausgefallen und haben ihrer Beſtimmung ſo vollkommen entſprochen, daß die Franzoͤſiſchen In⸗ genieurs ſich bald uͤberzeugten, daß man, um den geſammten Boden der Suͤmpfe fuͤr die Cultur wie⸗ der zu gewinnen, lediglich die angefangene Arbeit nach der gleichen Methode fortzufuͤhren habe, und mit dieſer Fortſetzung iſt man gegenwaͤrtig wirklich beſchaͤftigt. Uebrigens ziehen ſich jene Parallel⸗Canaͤle alle von Norden nach Suͤden der Laͤnge nach durch die Suͤmpfe, um ſich bey Bocca di Fiume, unweit Ter⸗ racina, in das Meer zu ergießen, nicht aber quer durch die Sumpfebene von den Gebirgen nach dem Meere hin, weil das Ufer mit einem, aus Truͤm⸗ mern gebildeten, zwar nicht ſehr hohen, und unge⸗ faͤhr eine Stunde breiten, Grathe eingefaßt iſt, der den Gewaͤſſern den Abfluß verſperrt. Dieſer mit Waͤldern bewachſene Erdſtrich ſcheint im Angeſichte des Seefahrers dieſer ganzen Kuͤſte nach einen ge⸗ heimnißvollen Guͤrtel zu bilden, durch welchen der Anblick jenes Landes jedem ungeweiheten Auge ſoll entzogen bleiben. Auf der Appiſchen, heut zu Tage mit einem feinen Sandſtaube bedeckten, Straße reiſet man un⸗ unterbrochen unter Ulmenlauben fort. Dieſe Baͤume ſind nicht durch Kunſt hingepflanzt, ſondern man hat ſie, als Pius VI. den Weg anlegen ließ, zu beyden Seiten desſelben ſtehen laſſen, und gegen⸗ waͤrtig uͤberſchatten ſie, in unregelmaͤßigen Reihen emporſtrebend, Canal und Straße mit Einem Mahle. Durch ſie verwandelt ſich der Raum von einem Poſt⸗ hauſe zum andern in einen langen Spaziergang, uͤber welchen es ſo leicht und mit ſolcher Schnellig⸗ keit weggeht, daß der Reiſende bey ſeiner Ankunft zu Terracina nicht ohne Verwunderung auf die von ihm durchfahrne Weite zuruͤckblickt. In dem ganzen Umfange dieſer Sumpfflaͤche war vor Pius VI. nicht ein einziges Dorf, ja nicht einmahl ein einzelnes Haus zum Dienſte der Poſten oder fuͤr die Bequemlichkeit der Reiſenden zu finden. Jener Papſt aber hat ungefaͤhr in gleichen Entfer⸗ nungen von einander weitlaͤufige Karavanſerais an⸗ legen laſſen, die man mitten in dieſen Einoͤden als eben ſo viele Denkmahle ſeines Pontificats ſich erhe⸗ ben ſieht. Dieſe Gebaude haben in ihrer Architectur etwas Edles und Eigenthuͤmliches, das ſich nicht leicht mit etwas anderm vergleichen laͤßt. Sie ent⸗ halten ſehr geraͤumige Stallungen, Wohngemaͤcher und Kaſernen; von Hausgeraͤthe hingegen findet ſich nicht das Mindeſte vor. Es iſt alles groß, und dabey in einem klaͤglichen Zuſtande; nicht ohne Aufwand 240 gebaut, aber von allem entbloͤßt. Die menſchlichen Weſen, welche dieſe Pallaͤſte bewohnen, ſind blaſſe, halbnackte, vom Fieber abgezehrte Geſtalten, die kaum Kraͤfte genug beſitzen, um die halb wilden Pferde, deren man ſich zum Fortſchaffen der Reiſe⸗ wagen bedienen muß, vorzuſpannen. Dieſe Pferde, die man ab den Weideplaͤtzen herbeyhohlt, ſcheinen ſich uͤber die Sclaverey, welche ihnen hierdurch auf einige Augenblicke aufgelegt wird, nicht wenig zu entruͤſten. Sie wiehern, ſtampfen und hoͤren nicht auf, in den Zaum einzubeißen, bis man ihnen ge⸗ ſtattet, ihren Lauf anzutreten. Alsdann aber bre⸗ chen ſie mit einer Wuth los, die nicht ſelten gefaͤhr⸗ lich, und um ſo gefaͤhrlicher wird, wenn ſie etwa mit einem auf den Wieſen laͤngs der Heerſtraße frey wei⸗ denden Geſtuͤte zuſammentreffen. Dieſer Charakter iſt den Pferden der Pontiniſchen Suͤmpfe eigenthuͤm⸗ lich, daher man ihnen auch den Nahmen Scampa⸗ tori(Ausreißer) beygelegt hat. Die Pontiniſchen Suͤmpfe, ſo weit als ſie zu beyden Seiten an die Heerſtraße angrenzen, ſind zwar ausgetrocknet; allein fuͤr das Geſundſeyn der Luft iſt durch dieſe Austrocknung, ſo viel als ſich bis jetzt hat bemerken laſſen, nicht das Mindeſte ge⸗ wonnen worden, und dieſelbe, nach wie vor, und wie in den uͤbrigen Theilen der Maremmen, gefaͤhrlich. Inzwiſchen hat ſich das trocken gewordene Erdreich, ſtatt eitel Rohr und Schilf zu erzeugen, theils mit 241 ſchoͤnem Raſen bekleidet, theils treibt es Ernten her⸗ vor, welche das Zwoͤlf⸗ bis Fuͤnfzehnfache der Aus⸗ ſaat einbringen. Schoͤneres Getreide, als hier, iſt, Belgien ausgenommen, nirgends zu finden. So viel indeß Pius fuͤr die Ausfuͤhrung ſeines vortreffli⸗ chen Austrocknungs⸗Syſtemes leiſtete, ſo hat er hingegen gaͤnzlich verabſaͤumt, in eben denſelben Ge⸗ genden zugleich auch ein Syſtem der Cultur und Be⸗ voͤlkerung einzufuͤhren. Vielmehr hat er es dabey bewenden laſſen, jene unermeßlichen Strecken Lan⸗ des zu Schenkungen an ſeinen Neffen, den Herzog von Braſchi, und einige andere reiche Grundeigenthuͤ⸗ mer zu verwenden. Dieſe haben ſich darauf be⸗ ſchraͤnkt, in ihren neuen Beſitzungen eben die Art von Wirthſchafts⸗Syſtem einzufuͤhren, welches von allen großen Gutsbeſitzern in den Maremmen befolgt wird. Von einer gemeinſchaftlichen Behauſung aus wartet man naͤhmlich die großen, aus Hornvieh, Pferden und Buͤffelochſen beſtehenden Herden. Die letzt genannten Thiere muͤſſen in dem auch fuͤr ſie noch zu feuchten Boden die Haͤmmel erſetzen. Je die trockenſten Grundſtuͤcke werden fuͤr den Getrei⸗ debau aufbehalten. Oefter als im Latium muͤſſen die Aecker hier brach liegen. Denn der Boden iſt, wie das Erdreich von Amerika, ein ganz neuer Auf⸗ bruch, und ſolcher friſch angebauter Stuͤcke Landes bemaͤchtigen ſich die Schmarotzerpflanzen mit ſolcher Uebergewalt, daß der Pflug alle zwey Jahre wieder Briefe üb. Italien. 1. Thl. 16 242 einmahl anfahren, den Boden ausreinigen und ihn zum Anbaue der verſchiedenen Getreidearten berei⸗ ten muß. 8 Einzig in demjenigen Theile des ausgetrockne⸗ ten Landes, der an das Gebirge grenzt, trifft man auf reiche Pflanzungen von Hanf, Mais und Kuͤ⸗ chengewaͤchſen. In dieſen Gegenden werden naͤhm⸗ lich von den Einwohnern von Piperno, Sermonetta und den uͤbrigen am Abhange der Gebirge liegenden Doͤrfern, ſolche Grundſtuͤcke, die ihnen nahe genug liegen, um ſie von ihren Wohnungen aus bewerben zu koͤnnen, in Pacht genommen. Ich ſelbſt habe hier⸗Maisſtengel gemeſſen, die ſechszehn Fuß in der Hoͤhe hatten, und Hanfſtengel, die auch nicht viel niedriger waren. Hingegen herrſcht laͤngs den Ufern des, die Suͤmpfe bis nach Terracina durchſchneiden⸗ den, Canales ein Pflanzenleben, deſſen Kraft, wie in Indien, in eben dem Maße zuzunehmen ſcheint, in welchem die Menſchengattung ſich vermindert und dahin ſchwindet. Dieſer Umſtand muß um ſo mehr auffallen, da eben dieſe Gegenden dem Menſchen al⸗ les darbiethen, was ſein Leben zu erhalten und zu ver⸗ ſchoͤnern geeignet iſt. In der voͤlligſten Flaͤche ſieht er den Boden ſich vor ſeinen Augen ausdehnen; nir⸗ gends ein Hinderniß, das ſich ſeinen Tritten in den Weg ſtellte. Vom Himmelsgewoͤlbe glaͤnzt ihm fort⸗ waͤhrend eine reine Sonne entgegen, deren Strah⸗ jen ſich in den Maſſen des Laubwerks verlieren. Ein 243 dichtes, uͤppiges Gruͤn ſieht man in dieſen Wohn⸗ ſitzen der Fruchtbarkeit auf allen Seiten der Erde entkeimen, und einen hoͤchſt mannigfaltigen, mit den ſchoͤnſten Farbenmiſchungen prangenden Blumen⸗ flor ſich im Schatten der Ulmen entfalten. Die Ufer des Canals ſind mit ungeheuer großen Feigen⸗ baͤumen beſetzt, deren biegſame Aeſte ſich uͤber den Waſſerarm hinneigen und den Schiffer zum Ge⸗ nuſſe ihrer zuckerſuͤßen Frucht einladen. Zwiſchen dieſen Feigenbaͤumen wachſen Orientaliſche Aloen, deren Staͤmme in die Hoͤhe ſtehn, wie Wachskerzen in geweiheten Leuchtern. Weidenbaͤume, Buchen und Ulmen ſchuͤtzen dieſe Blumen und Fruͤchte vor dem Ungeſtuͤm der Orkane, und um ihr Laubwerk noch mehr zu verdichten, ſchlingen ſich Weinreben, welche von einem Menſchenalter zum andern fort⸗ dauern, um die Staͤmme jener Baͤume bis hoch an ihre Gipfel hinauf, von wo aus die Rebſchoſſe noch weiter in die Laͤnge wachſen, bis ſie die Aeſte eines zweyten benachbarten Baumes erreicht haben. Nicht ſelten ranken auch dieſe Weinreben, nach Art der Amerikaniſchen Lianen, von einem Ufer des Canales zum andern hinuͤber, und bedecken ihn wie eine Tapete. Zur Herbſtzeit hangen von dieſen Feſtons unzaͤhlige Trauben herab, und locken die Voͤgel herbey, denen ſie eine willkommene Speiſe ſind. Umſonſt aber, daß die Natur ſo vielen Auf⸗ wand an dieſe Gegenden verſchwendet; er dient ei⸗ 16* L 244 ner Wuͤſte zum Schmucke, und wird von niemanden bewundert, als von dem Stillſchweigen. Die Thiere der Wildniß ſind die einzigen Geſchoͤpfe, denen das Recht zukommt, ſich dieſe Reichthuͤmer der Schoͤpfung zuzueignen. Herden von wilden Schweinen wuͤhlen hier das Erdreich auf, um die Wurzeln der Ge⸗ waͤchſe zu zerreißen. Buͤffel, ſcheußlich anzuſehn, ſtreifen auf den Triften umher, oder lagern ſich im Schatten der Gehoͤlze. Der Sperber verlaͤßt ſeinen Felſenwohnſitz, um ganz ungeſtoͤrt uͤber dieſen Flaͤ⸗ chenraum, den er als ſein Eigenthum anſieht, da⸗ hin zu ſchweben. Zu gewiſſen Jahreszeiten kommen auch ganze Scharen von Zugvoͤgeln herangeflogen, um hier auszuruhen, und dieſe Ruhetage ſcheinen fuͤr ſie Tage des Feſtes. Mitten unter dieſen thie⸗ riſchen Bewohnern der Wildniß erblickt man von Zeit zu Zeit etwa auch ein menſchliches Weſen; aber ſelbſt der Menſch kommt in dieſen Wohnſitzen der Gefahr nicht anders als in feindſeliger Geſtalt zum Vorſchein. Bald iſt es ein Hirt, der mit ſeiner Lanze einen grimmigen Buͤffel verſcheucht; bald ein Raͤuber vom Gebirge, der, unter Blumen und Fei⸗ genbuͤſchen verſteckt, mit ſpaͤhendem Auge und gela⸗ denem Feuergewehre dem Durchreiſenden auflauert. Und der arme Fremdling, wenn er auch dieſer Ge⸗ fahr entrinnen ſollte, wer weiß, ob nicht gerade in dieſer Stunde die eben ſo milde als verderbliche Luft ſich mit ihrem geheimen Gifte in ſeine Adern ein⸗ ————— 245 ſchleicht? Ich fuͤhle mich nicht im Stande, Ihnen den ſeltſamen Eindruck zu beſchreiben, den dieſer fortwaͤhrende Contraſt zwiſchen der belebten und der Pflanzennatur in dieſer vielleicht auf dem ganzen Erdboden ihres Gleichen nicht habenden Gegend auf mich gemacht hat. Schrecken und Wonne geſellten ſich zuſammen in meinem Gemuͤthe. Ich erblickte in jenen Erſcheinungen gewiſſer Maßen ein großes Bild des menſchlichen Lebens, welches an Einem fort von verborgenen oder verkannten Gefahren be⸗ droht wird, indeß nur die Fantaſie unſere Umgebun⸗ gen alle in das ſchoͤnſte Licht zu ſtellen bemuͤht iſt, um die Gefahr jedes einzelnen Augenblicks unſern Augen zu entruͤcken. Auch vergeſſen wir dieſer Ge⸗ fahren beſtaͤndig; hier aber liegen dieſelben offen und mit ſtummen Schrecken erfuͤllend vor Augen. Noch war ich mit ſolchen Gedanken beſchaͤftigt, als wir einen Punct der Straße erreichten, wo man einen Einſchnitt in die Chauſſee gemacht hatte, um fuͤr einen der neuen Ausleerungs⸗Canaͤle einen Durchgang zu oͤffnen. Hier machten unſere Inge⸗ nieurs Halt, um die Straßenarbeiten in Augen⸗ ſchein zu nehmen; ich aber benutzte dieſe Zeit, um die vermoͤge jenes Straßendurchſchnittes vor Augen liegende Vertical⸗Flaͤche etwas genauer zu betrach⸗ ten. Dieſe Flaͤche, in welcher der Wanderer, ſo zu ſagen, die Vorzeit ſelbſt aufgedeckt vor ſich liegen ſieht, iſt die Appiſche Straße, und wirklich erblickte 246 ich in einer Tiefe von ungefaͤhr drey Fuß unter der dermahligen Wegesflaͤche, auf einer Grundmauer ruhend, das alte, breite, von Appius ſelbſt gegruͤn⸗ dete Pflaſter. Etwas mehr als einen Fuß uͤber demſelben bemerkt man Spuren eines zweyten, eben⸗ falls gemauerten, von Trajan neu erbauten Pfla⸗ ſterweges. Dieſer muß einer Ladung von Kieſelſtei⸗ nen zur Unterlage dienen, und auf dieſe zwey Fuß hohe Kieſelſchicht iſt die neue, von Pius VI. wieder hergeſtellte, Straße gegruͤndet. Ueberhaupt iſt man zu Rom der aus dem Alterthum ſich herſchreibenden Gewohnheit treu geblieben, die gepflaſterten Stra⸗ ßen nicht, wie bey uns, auf Unterlagen von bloßem Sande, ſondern auf eigentliches, mit Moͤrtel und Kieſelſteinen wohl zuſammengefuͤgtes, Mauerwerk ſol⸗ chergeſtalt zu gruͤnden, daß dergleichen Pflaſterwege fuͤr eigentliche, auf der Oberflaͤche des Bodens ſich hinziehende, Mauern gelten koͤnnen. Wir ließen nicht weit von dem oben erwaͤhnten Straßenabſchnitte unſern Reiſewagen zuruͤck, und ritten alsdann von der Landſtraße ab, bis gegen die Mitte der Ebene hinein, in der Abſicht, die dorti⸗ gen neuen Canal⸗Arbeiten zu beſichtigen. Dieſe Arbeiten waren zwar durch die Jahrszeit unterbro⸗ chen, die Arbeiter ſelbſt aber auf den heutigen Tag zu einer Muſterung zuſammenberufen worden. Un⸗ ſer Fuͤhrer war Hr. Zaccaleone, Deputirter bey der geſetzgebenden Verſammlung und Unternehmer der 247 geſammten Canal⸗Arbeiten. Der Weg fuͤhrte uns durch unermeßliche Savannen, wo die Pferde bis an die Kniekehle im Graſe waden mußten. Um Schatten zu finden, hielten wir uns ſo viel moͤglich in der Naͤhe der Baͤume; denn es war Mittag vor⸗ bey, und eine brennende Hitze. So wie wir weiter vorruͤckten, jagten wir auch eine Anzahl Buͤffel vor uns her. Die Thiere flohen weiter und weiter, bis ſie ſich zuletzt in der Naͤhe eines friſch ausgegrabe⸗ nen Canales ſolchergeſtalt in die Enge getrieben fan⸗ den, daß ſie nicht mehr vorwaͤrts konnten, worauf ſie ſich ſofort enger an einander ſchloſſen und eine drohende Stellung annahmen. Nunmehr wurde von den ſaͤmmtlichen Canal⸗Arbeitern auf einmahl ein gewaltiges Geſchrey erhoben; die Buͤffelochſen aber durch ſolchen, in dieſen Einoͤden unbekannten, Laͤrm in Schrecken geſetzt, ergriffen alle mit einmahl die Flucht, und ſchwanden uns, dem Canale nach auf⸗ waͤrts, aus den Augen. Mittlerweile unſere Ingenieurs die Canal⸗Ar⸗ beiten in Augenſchein nahmen, verweilte ich ſelbſt mit Sinnen und Gedanken bey dem Anblicke der uns umgebenden Gegend. Die Thaͤtigkeit einer ſo gro⸗ ßen Menge von Arbeitern, ſodann dieß zu Paris von Hrn. Prony berechnete, und von ihm aus ſo weiter Entfernung geleitete Werk des menſchlichen Genies ſelbſt, deſſen Reſultat im Verfolge der Zeit dieſe tiefen Einoͤden in Elyſiſche Gruͤnde verwandeln 248 ſollte, und endlich jene unglaubliche Macht der Ci⸗ viliſirung, die groß genug iſt, um auf ſolche Weite erfinden, berechnen und vollfuͤhren zu koͤnnen,— dieß alles zuſammen verſetzte mich in einen Zuſtand des Erſtaunens, der mich dieſe, an ſich ſonderbare, Gegend noch aus einem ganz neuen Geſichtspuncte erblicken ließ. Derjenige Theil der Suͤmpfe, den wir zu durchreiten hatten, war noch nicht ausgetrocknet, und ſtatt Wieſen und Fruchtfeldern, fanden wir nichts vor, als Schilfrohr, mit Weidengebuͤſchen und wei⸗ ßen Hoͤlzern untermengt. Das Gruͤn war blaß, die Natur graulich und einfoͤrmig. Vor uns nach dem Meere hin erhob ſich jener Vorhang von Waͤldern, von dem ich Ihnen bereits geſprochen habe. Und dieſen zu erreichen, hatten wir noch beynahe eine volle Stunde zu reiten. Der Boden war weich, und von den Tritten der Pferde hoͤrte man nichts. Indeſſen hatte das Erdreich Feſtigkeit genug; und um ſich vor der Gefahr des Einſinkens voͤllig zu ver⸗ wahren, durfte man ſich bloß an die Fußpfade hal⸗ ten, welche die, aus den Waͤldern nach dieſen Sa⸗ vannen ziehenden, Buͤffel und wilden Schweine durch das Schilfrohr eingetreten haben. Endlich erreichten wir den Wald. Ploͤtzlich veraͤnderte ſich die Atmo⸗ ſphaͤre, und mit ihr die ganze Geſtalt der Natur. Der Boden ward lebendiger, und wir bekamen wie⸗ der Moos und Eichen zu Geſichte. So gewaltig 249 groß die Baͤume waren, ſo rankten die wilden Wein⸗ ſtoͤcke dennoch bis an ihre oberſten Wipfel hinauf. Dieſe Waͤlder von Weinreben erhielten unter den Schattengewoͤlben eine immerwaͤhrende Kuͤhlung, und dienten beyneben einer ganzen Welt von Voͤgeln und Inſecten zum Zufluchtsorte. Dieß bewirkte ⸗ein ge⸗ wiſſes, Leben verkuͤndendes und Erhohlung von je⸗ ner tiefen Stille des Sumpflandes gewaͤhrendes Ge⸗ ſumſe. Zuletzt gelangten wir an einen Huͤgel, auf welchem man eine lange Tafel aufgeſtellt hatte, die mit Aufſaͤtzen von Blumen geſchmuͤckt und mit Ita⸗ liaͤniſchen Fruͤchten aller Art, ſo wie auch mit Fran⸗ zoͤſſchen Weinen, Eis und Sorbetten beſetzt war. Es war Hr. Zaccaleone ſelbſt, der mit zuvorkommen⸗ der Gefaͤlligkeit dieß Erfriſchungsfeſt fuͤr uns veran⸗ ſtaltet hatte. Noch nie habe ich einer ſo ſonderba⸗ ren Luſtpartie beygewohnt. Keine Decoration ver⸗ herrlichte dieſelbe, als jene weite Naturhalle mit ih⸗ ren Lianen⸗Gehaͤngen; keine andere Harmonie, als der Voͤgel melodiſche Weiſen und die ſtille Ruhe des Waldes. Es war ein Druiden⸗Feſt, gefeyert in Roms, zu der Wildheit der Tage Evanders zuruͤck⸗ gekehrten Gefilden. Der Huͤgel, auf welchem wir ausruhten, war aus den Truͤmmern einer zierlichen Villa gebildet. Vielleicht daß ſie einſt einem jener NMaͤnner zugehoͤrte, welche die Civiliſirung des Erd⸗ kreiſes mit haben befoͤrdern helfen. Zur Stunde iſt ſie nichts weiter mehr, als ein Gemaͤuer in der Tiefe — 250 eines Waldes, und ſchon zum dritten Mahle haben, ſeitdem der Zahn der Zeit die Roͤmiſchen Villen zer⸗ ſtoͤrt hat, die ihre Ueberreſte umſchattenden Eichen ſich wieder erneuert. Noch ehe wir von der großen Straße abgegan⸗ gen waren, hatte ſich ein kleines, vor Hitze halb todtes Maͤnnchen, in ſchwarzer Kleidung, mit gro⸗ ßer Begierde an unſere Reiſegeſellſchaft angeſchloſſen. Dieſer Menſch war ein Franzoſe, ein Pariſer in je⸗ dem Sinne des Wortes, der ſich, um zu uns zu gelangen, an die Gendarmen, welche man uns von Velletri her als Bedeckung zugeſchickt, und die an jener Stelle der Heerſtraße, wo wir aus dem Wa⸗ gen geſtiegen waren, unſer hatten warten muͤſſen, angehaͤngt hatte, und nicht weniger erſtaunt war, ſich in der groͤßten Sommerhitze mitten in den Pon⸗ tiniſchen Suͤmpfen zu befinden, als wir ſelbſt, ihn hier zu Geſichte zu bekommen. Ich konnte nicht um⸗ hin, ihm hieruͤber meine Verwunderung zu bezei⸗ gen, und er hinwieder ermangelte nicht, mir die Gruͤnde ſeiner Anweſenheit in unſerm Kreiſe um⸗ ſtaͤndlich genug auseinander zu ſetzen. Er habe, er⸗ zaͤhlte er mir, im lebhaften Gefuͤhle, daß er nicht dazu geſchaffen ſey, ſeine Tage in Unberuͤhmtheit verfließen zu laſſen, ſich ſchon ſeit geraumer Zeit nach einer oͤffentlichen Stelle umgeſehen. Nach lan⸗ gem vergeblichen Harren ſey ihm endlich kund gewor⸗ den, daß man ihn zum Polizey⸗Commiſſaͤr von 251 Velletri ernannt habe. Auf dieſe Nachricht hin ſey er unverzuͤglich zu einem ſeiner Freunde, einem ſehr kenntnißreichen Manne, hingegangen, um ſich zu erkundigen, was dieß fuͤr eine Stadt ſey. Auf die Verſicherung jenes Freundes, daß Velletri im De⸗ partement von Rom liege, und daß er, um dahin zu kommen, ſich des Poſtwagens von Lyon bedienen muͤſſe, habe er dieß alſobald gethan, und ſey ſo von einem Poſtwagen zum andern, zuletzt an dem Orte ſeiner Beſtimmung angelangt. Velletri gefalle ihm nicht uͤbel, und er wuͤrde noch mit groͤßerer Luſt in ſeinen Mauern verweilen, wenn nicht da⸗ ſelbſt eine Sprache geſprochen wuͤrde, von welcher er ſchlechterdings kein Wort zu verſtehen im Stande ſey. Anfaͤnglich habe er gedacht, dieß haͤtte nicht gar viel zu bedeuten; Uebung mache auch hierin den Meiſter, und ein Mann gewoͤhne ſich an alles; allein je laͤnger es daure, deſto weniger wolle ihm jene Sprache behagen. Ich ſelbſt, ſagte er, muͤſſe es gar wohl merken, welche große Freude es ihm mache, wieder einmahl einen Franzoſen ſprechen zu koͤnnen, der ihn verſtehe und ihm zu antworten im Stande ſey. Uebrigens, ſetzte er hinzu, muͤſſe er dem Benehmen der Einwohner von Velletri gegen ſeine Perſon voͤllige Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Ueberall habe man ihn mit ſehr viel Hoͤflichkeit auf⸗ genommen, allein das geſellſchaftliche Leben ver⸗ ſchaffe in jener Stadt nur geringen Genuß, und an 252 Zerſtreuungen fehle es ihm ſo ſehr, daß, als er, was man ihm kaum glauben werde, einmahl ſich in der Umgegend der Stadt, die ſehr mahleriſch ſey, habe umſehen wollen, die Gendarmen ihm gerathen haben, ſolches zu unterlaſſen, indem man nicht ſicher vor Raͤubern ſey, und dieſes Volk ge⸗ rade auf Polizey⸗Commiſſaͤre, denen ſie ohne wei⸗ teres den Dolch in die Bruſt ſtoßen, ganz vorzuͤg⸗ lich Jagd machen. Solcher Gefahr habe er ſich nun freylich nicht bloß ſtellen wollen, und ſey da⸗ her jetzt fuͤr immer auf den Aufenthalt in ſeinem eigenen Hauſe beſchraͤnkt. Deſto groͤßere Freude habe ihm die Ankunft der Herren Aufſeher vom Ge⸗ nie⸗Weſen verurſachen muͤſſen, und deſto ſchneller ſey auch die Gelegenheit, mit ihrer Bedeckung zu reiſen, von ihm benutzt worden, um friſche Luft zu ſchoͤpfen, und uns allen ſeine Aufwartung zu machen. Das Commiſſaͤrchen, voller Freude, ſich mit Franzoſen aus Frankreich, wie er uns zu nen⸗ nen beliebte, zuſammen zu finden, ermangelte nicht, an unſerm Waldfruͤhſtuͤcke Theil zu nehmen. Bey der Tafel aß der Mann, ſprach und lachte, als waͤre er in einer Kneipe der Boulevards, un als haͤtte es kein Velletri und kein Raͤubervolk 1 mahls auf dem Erdboden gegeben. Gern haͤtte ich in dieſer hehren Einſamkeit mich laͤnger verweilt; allein ich mußte meinen Reiſage⸗ faͤhrten folgen, mußte mit ihnen durch den Fuß⸗ 253 pfad des Sumpfes zu unſern Wagen zuruͤckkehren, um dann, und vielleicht auf ewig, von dieſen Wald⸗ einſamkeiten zu ſcheiden. Meine Gefaͤhrten nahmen ihren Weg wieder nach Rom zu; ich aber wandte mich ſuͤdwaͤrts nach Neapel hin, und wir ſchieden zu Bocca di Fiume, nicht wiſſend, ob der⸗Wechſel des Lebens uns je wieder zuſammenfuͤhren werde. —— 8 ſſſ Taannmnnmnmmmmnnunnnn Trnamnmmnn ſſnn 1 15 1 6 17 7 8 9 10 11 12 13 14 4 8 S 3 — ¹ 4 8 85 155* 3 8„·— f—