58— Lei deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von„ Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen.. 3 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 1 V 1 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— auf 1 Monat: 4 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 5. Auswörtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — Briefe uͤber Italien. Druck und Papier von Friedrich Vieweg in Braunſchweig. Briefe uͤber Italien. — Aus dem Franzoͤſiſchen des Herrn Fr. Lullin von Chateauvieux von H. Hirzel. Zweyter Theil. MNiteinem TKielkupfer. Leipzig, b e y C. H. Necha m. 3— 1 82 1. Briefe des zweyten Theils. Neapel, Neapel, Portici, Rom, Perugia, Ferrara, Vellenz, Genf, Genf, Genf, Florenz, 18. Julius 25. Julius 2. Auguſt 10. September 25. September 5. Oktober 20. Oktober 1. November 10. November 15. November 10. Oktober 18135. Seite 1 -—-õr.— 153 -....— 133 -......— 218 1816.......— 249 —ö—————-———————— ———— Briefe uͤber Jtalien. Zweyter Theil. Vierzehnter Brief. 4 Neapel, 18. Julius 1813. Etwas uͤber Terracina hinaus geht der Kirchen⸗ ſtaat zu Ende, und man gelangt nach Fondi, der erſten, in dem vormahligen Campanien gelegenen Stadt des Koͤnigreichs Neapel. Was dem Reiſen⸗ den an dieſer Stadt vor allem Andern in die Augen faͤllt, iſt ihre unregelmaͤßige Bauart und das elende Ausſehen ihrer Einwohner. Sie hat Aehnlichkeit mit den Staͤdten des mittaͤglichen Frankreichs, und ruft durch ihre alterthuͤmlichen Thuͤrme jene Zeiten der Feudal⸗Herrſchaft in's Gedaͤchtniß zuruͤck, in welchen die Bevoͤlkerung ſich hinter die Mauern und Verſchanzungen der Staͤdte zuſammendraͤngte, um da den Schutz und die Sicherheit, welche die Land⸗ ſchaft ihren Bewohnern nicht mehr gewaͤhrte, zu ſu⸗ chen. Demnach bemerkt man gleich bey'm Eintritte in das Koͤnigreich in der Art, wie ſich die Doͤrfer auf die Gipfel der Huͤgelabhaͤnge hingebaut finden, etwas Gothiſches und Lehnherrſchaftliches. Dieſel⸗ Briefe üb. Italien. 2. Thl. 1 2 ben ſind naͤhmlich mit alten Mauern umgeben, auf deren Zinnen man allerley Paraſiten⸗Pflanzen, von der Natur ſelbſt dazu beſtimmt, um Ruinen zur Zierde zu dienen, die Ueppigkeit ihres Wuchſes zur Schau legen ſieht. Die Staͤdte ſowohl als die Landſchaften, durch welche der Weg fuͤhrt, weiſen, gleich auf den erſten Blick, deutlich genug darauf hin, daß das Koͤnigreich Neapel an jenem Zeitalter des Ruhmes keinen Theil gehabt habe, in welchem man den Genius der Kuͤnſte zugleich mit dem Geiſte der Unabhaͤngigkeit, der allein den Charakter der Na⸗ tionen dadurch veredelt, daß er ihnen Liebe fuͤr alles Große und Erhabene einfloͤßt, in ſeiner ſchoͤnſten Bluͤthe prangen ſah. Im ganzen uͤbrigen Italien ſind mancherley aus jener Glanzepoche uͤbrig gebliebene Spuren bemerk⸗ bar, und eine der Schoͤnheiten, welche der Anblick jenes Landes darbiethet, beſteht in der Eleganz und dem edeln Geſchmacke der Architectur⸗Arbeiten, die dasſelbe den Jahrhunderten der Vergangenheit zu verdanken hat. Ein reiner Geſchmack iſt uͤberhaupt an allen Italiaͤniſchen Gebaͤuden vorherrſchend, und eben der Vollkommenheit, die man an der Verzie⸗ rung der oͤffentlichen Denkmaͤhler dieſes Landes ge⸗ wahr wird, erfreut ſich auch die einfache Zuſammen⸗ fuͤgung jedes Wohnhauſes auf dem Lande. Eben dieſes allgemein verbreitete Syſtem der Eleganz und des Geſchmackes dient, in Verbindung 3 mit den Urformen der Natur, nicht weniger, als mit dem Syſtem der Feldarbeiten dazu, den Ge⸗ ſammteindruck, welchen dieſe Landſchaft hervorbringt, zu vervollſtaͤndigen. Wirklich geht aus dieſem allen ein Ganzes hervor, das nicht allein die Einbildungs⸗ kraft des Wanderers mit einer Reihe mahleriſcher Gruppen bereichert, ſondern ihm auch ein fuͤhlbares Gemaͤhlde des Lebens und der Gluͤckſeligkeit, welche die Einwohner jener von ihm durchreiſeten Gegend genießen, vor Augen legt. Ob die Idee, welche er von jenen Gegenſtaͤnden auffaßt, richtig ſey oder nicht; auf jeden Fall behauptet ſie das Recht, auf eine bald mehr, bald minder angenehme Weiſe auf ihn einzuwirken. 3 In den ſchoͤnern Gegenden von Italien bekommt man keine ſolche ſchmutzige und winkelige Doͤrfer zu ſehen, in denen nichts als Duͤrftigkeit hauſet; keine jener duͤſtern Huͤtten, unter deren Daͤchern ſich Fa⸗ milie, Vieh und Hausvorraͤthe an Eine Stelle zu⸗ ſammengepfropft finden. Eben ſo wenig ſind hier, und dieß mag wohl der einzige Reiz ſeyn, der den erwaͤhnten Doͤrfern abgeht, wie in Frankreich, ſolche von Lindenbaͤumen uͤberſchatte te Dorfkirchen anzu⸗ treffen, die ein einfacher Sinn und der Kunſt wenig erfahrene Haͤnde dem Ewigen geweiht haben. Die unbedeutendſten Dorfkirchen Italiens wuͤr⸗ den anderwaͤrts Staͤdten zur Zierde gereichen. Selbſt jede am Wege oder einſam im Walde ſtehende Ka⸗ 4 ¾ 4 pelle faͤllt, vermoͤge ihrer gefaͤlligen Formen, ange⸗ nehm in die Augen. Jeder Weiler, bis zum ge⸗ woͤhnlichſten Pachthof hinab, iſt mit einer Art von baͤueriſcher Eleganz aufgebaut, auf welche die Italiaͤ⸗ ner eben keinen beſondern Werth ſetzen, weil ihr Auge an ſie gewoͤhnt iſt, und durch dieſelbe bloß die allgemeine Landesſitte befolgt wird. Dieſer uͤberall verbreitete Sinn fuͤr das Schick⸗ liche in der Baukunſt kann ſich einzig von der lang⸗ wierigen Herrſchaft von Gewohnheiten herſchreiben, fuͤr welche ſich waͤhrend des Verlaufes ſo mancher Jahrhunderte in Italien gleichſam ein Nationalge⸗ ſchmack gebildet hat. Das erſte Volk, bey welchem jener Sinn ſich zu Tage legte, waren die Roͤmer. Unter der Regierung Leo X. begannen die Tage je⸗ nes fruͤhern Gluͤckes von neuem zu leuchten, und von ſeinem Jahrhundert an hat ſich in dem alten Vaterlande der Kuͤnſte gleichſam durch Uebergabe von einem Geſchlecht an das andere, jenes edle Vorrecht, das Land durch architectoniſchen Schmuck verſchoͤnern zu duͤrfen, erhalten. Denn die Baukunſt iſt, wie Sie wiſſen, eine poſitive Wiſſenſchaft, deren Mei⸗ ſterwerke nach Belieben koͤnnen nachgeahmt und ver⸗ ewigt werden; waͤhrend hinwieder Raphael das Ge⸗ heimniß ſeines Pinſels allein gebannt und beſeſſen, auch nicht vermocht hat, dasſelbe irgend Jemandem als Erbtheil auf der Welt zuruͤck zu laſſen. Das Koͤnigreich Neapel iſt den Zeiten, welche 5 den Geſchmack fuͤr die ſchoͤnen Kuͤnſte in Italien wie⸗ der erſtehen geſehen haben, fremd geblieben. Schon im eilften Jahrhundert von den Normaͤnnern ero⸗ bert, ward jenem Staate von Seite der Sieger keine andere Frucht ſolcher Eroberung zu Theil, als un⸗ feine Sitten und die Einfuͤhrung des Feudal⸗Sy⸗ ſtems nach allen ſeinen Beſtandtheilen. In Kraft eben dieſes Syſtems hatte ſich auch der geſellſchaft⸗ liche Zuſtand des Mittelalters unveraͤndert in jenem Reiche erhalten, und noch vor kurzem war Neapel der Ort, wo ſich die Inſtitutionen ſowohl, als die Fol⸗ gen jenes Zuſtandes am beſten ſtudieren ließen. Sehr langſam hingegen iſt unter den Schwie⸗ rigkeiten, die jene Gothiſchen Einrichtungen in den Weg legten, die neuere Sittigung von Europa in jenes Koͤnigreich eingedrungen. Noch jetzt traͤgt da⸗ ſelbſt alles das ſichtbare Gepraͤge einer Epoche an ſich, die dieſen Uebungen und Sitten der neuern Tage, der Zeit nach, voraus geht, und ſo ſuͤdlich das Land liegt, ſo hat es gleichwohl, vermoͤge deſſen, daß die menſchliche Induſtrie eine kraftvolle Natur noch nicht hat bemeiſtern moͤgen, ein wildes Ausſehen und biethet ein Gemaͤhlde dar, dergleichen der Erd⸗ boden wenig aͤhnliche liefert. Es leben naͤhmlich mitten in den fruchtbaren Auen von Neapel ganze Familien in verfallenem Mauerwerk. In den Um⸗ gebungen dieſer Haushaltungen herrſcht eine ſolche Unordnung und Nachlaͤſſigkeit, daß ihr Zuſtand an 6 Duͤrftigkeit zu grenzen ſcheint. Dieſe anſcheinende Armuth aber, ſo widrig dieſelbe zu ſchauen iſt, hat ihren Grund weit weniger in wirklichem Elende, als in einer langen, durch das Clima beguͤnſtigten Sorg⸗ loſigkeit. Unter dieſem ſchoͤnen Himmelsſtriche koſtet es ſo wenig Muͤhe, ſich zu kleiden und ſeine Tage zu friſten, daß der Mangel nie druͤckend, noch auch der Vermehrung der Familie hinderlich wird. Fuͤr dieſe letztere Behauptung gibt die ungemein ſtarke Bevoͤlkerung des Koͤnigreiches, die ſich, den neueſten Zaͤhlungen zu Folge, auf 6,345,000 Seelen belau⸗ fen hat, den unwiderſprechlichſten Beweis an die Hand. Denn die Richtigkeit dieſer Volkszaͤhlung laͤßt ſich um ſo weniger bezweifeln, da ſie von dem Maire jeder Gemeinde in der Abſicht iſt vorgenom⸗ men worden, um vermittelſt derſelben eine Norm fuͤr Recruten⸗Aushebungen und Steuern zu erhalten, und alſo dießfalls kaum irgendwo ein willkuͤrliches Ueberſetzen Statt gefunden haben duͤrfte. Eine ſo gewaltige Zunahme der Bevoͤlkerung der Neapolitaniſchen Lande iſt ohne Zweifel auf Rech⸗ nung jenes langwierigen Friedens zu ſetzen, deſſen dieſelben unter der Dynaſtie der Bourbone genoſſen haben, und der auch das Innere des Koͤnigreiches nicht weniger als die Hauptſtadt beherrſchte. Es hatte naͤhmlich die Regierung ſelbſt ein gewiſſes ver⸗ weichlichtes Weſen in alle Zweige der Verwaltung hineingebracht. In dem ganzen Reiche ging heute 3 7 wie morgen alles ſeinen gleichmaͤßigen Gang fort; niemand wurde beunruhigt, und eben ſo wenig trat jemand von freyen Stuͤcken aus dem Zuſtande ſeiner Ruhe heraus: kurz jeder uͤberließ ſich nach ſeinem Sinne einer uͤbungsmaͤßigen, durch Zeit und Ge⸗ wohnheit zum Geſetze erhobenen Sorgloſigkeit. Eine unter dem Einfluſſe einer ſolchen friedli⸗ chen Erſchlaffung aufgewachſene Nation muß jeder Art von aͤußerer Anregung fremd bleiben, und kann die Bruſt von keinem Verlangen, ihre Beſtimmung zu veredeln, erwaͤrmt fuͤhlen. Dieß war auch der Fall der Neapolitaner. Bis auf die allerneueſten Zeiten ſchien es, als haͤtten ſie ſich gern aller und jeder Anſpruͤche auf Beruͤhmtheit begeben, und als faͤnde ihr Ehrgeiz darin allein hinlaͤngliche Befriedi⸗ gung, unter engerm Anſchließen an die einfache Na⸗ tur, fuͤr die unentbehrlichſten Beduͤrfniſſe des Lebens zu ſorgen, hingegen alles, was zur Verſchoͤnerung ihres Daſeyns gehoͤrt, von den ſinnlichen Eindruͤcken zu gewaͤrtigen, welche die reichen, ihrem Vaterlande vom Himmel beſcherten Geſchenke fortwaͤhrend in ih⸗ ren Gemuͤthern erwecken.* Aus jener ganz natuͤrlichen Richtung, welche Geſetze und Sitten dem Charakter der Neapolitaner gegeben haben, wird es begreiflich, warum von allen Kuͤnſten der Ackerbau die einzige iſt, welche noch mit einiger Anſtrengung von ihnen betrieben wird. Frey und unangefochten von Ehrgeiz und Eitel⸗ 8 keit, ſtreben ſie durchaus nicht nach jenem Prunke, ja nicht einmahl nach jenem Scheine aͤußern Wohl⸗ ſtandes, durch welchen man anderwaͤrts ſo haͤufig den Neid in Bewegung zu ſetzen verſucht. Alle freyen, ſelbſt die bloß mechaniſchen Kuͤnſte ſind ih⸗ nen unbekannt. Mit allen Verbrauchsartikeln des Luxus werden ſie, ſo wie mit dem groͤßten Theile ihrer unentbehrlichſten Lebensbeduͤrfniſſe, aus der Fremde verſehen. Hinwieder wird alles, was ihr eigener fruchtbarer Boden Ueberfluͤſſiges an Eßwa⸗ ren hervorbringt, von den Auslaͤndern aus dem Lande geſchafft. Dieſer Ueberſchuß aber iſt bedeu⸗ tend: denn in Neapels uͤppigen Gefilden beſchert der Himmel dem Landmann fuͤr ſeine Arbeit, die nichts weniger als druͤckend und deren Ertrag uͤberſchwaͤng⸗ lich iſt, einen vielfaͤltigen Lohn. In den Ebenen und Thaͤlern baut man Getrei⸗ de, das oft einen acht⸗ bis zehnfachen Ertrag liefert. Das Erdreich, in welchem dasſelbe zu ſeiner Zeiti⸗ gung gelangt iſt, wird, ſtatt, der alterthuͤmlichen Gewohnheit der Roͤmer gemaͤß, ein Jahr lang aus⸗ zuruhen, unverzuͤglich wieder umgeackert, um Sa⸗ men von einer andern Gewaͤchsgattung aufzuneh⸗ men. Dieſe verſchiedenen Ernten keimen und gedei⸗ hen, in vulkaniſchem Aſchengrunde, in unerhoͤrter Kraftfuͤlle. So erneuert jeder Herbſt und jede Fruͤh⸗ lingszeit die Hoffnung des Pflanzers, und an den Jahrszeiten wird man hier zu Lande zur Seltenheit 9 irre. Haͤufig beſtellt man nach der Ernte den Acker mit wildem Klee. Wer dieſe im Suͤden einheimi⸗ ſche Pflanze bluͤhen ſieht, glaubt einen uͤber das Gruͤn der Felder, gleichſam um ſie mit einem frem⸗ den Schmucke zu verzieren, ausgebreiteten Purpur⸗ teppich zu erblicken. Solche Grundſtuͤcke ſind mit jungen Ulmen und Maulbeerbaͤumen umkraͤnzt, die das Land uͤberſchatten und zugleich dem Weinſtocke zur Stuͤtze dienen, der, an ihre Aeſte ſich anklam⸗ mernd, auch ſeinerſeits die Ernten vervielfachen hilft. Inzwiſchen nehmen den groͤßern Theil des Koͤ⸗ nigreichs hohe Gebirge ein. Einige dieſer Berge haben eine ſolche Hoͤhe, daß der Winterſchnee das ganze Jahr hindurch auf ihren eiſigen Gipfeln lie⸗ gen bleibt. Im Ganzen genommen ſind ſie zwar niedriger, als die Alpen, aber faſt eben ſo wild. Nur haben ſie ſich, vermoͤge deſſen, daß die Zeit ihre urſpruͤngliche Fruchtbarkeit beſſer geſchont hat, bey jenem vegetabiliſchen, von dem Schoͤpfer ihnen verliehenen Reichthum bis auf unſere Tage erhalten. Selbſt ihre oberſten Graͤthe ſind mit Weideplaͤtzen bekleidet, auf welchen den Sommer uͤber zahlloſe Herden ihr Futter finden, und deren dichtes Gruͤn auch die brennendſte Hitze nicht zu verſengen vermag. Unterhalb des Gras⸗ und Kraͤuterbezirkes be⸗ ginnen Kaſtanienwaͤlder, welche die Seitenwaͤnde der Berge in ihre Schatten verhuͤllen. Dieſe Baͤume wachſen zu einer ſolchen Groͤße empor, daß es ihrer 10 nur wenige braucht, um einen weiten Raum zu uͤberdecken. Ich ſelbſt habe mehr als Einen derſel⸗ ben, mit ſeinen bis zur Erde herabhaͤngendrn Ae⸗ ſten, fuͤr fich allein ein vollkommenes, kuppelfoͤrmi⸗ ges Gewoͤlbe bilden geſehen. Die Gebirge, auf de⸗ nen ſie thronen, in ihrer Huth haltend, faſſen dieſe hundertjaͤhrigen Baͤume das Brauſen und Blaſen der Winde auf, ohne zu zerſplittern, und halten das Erdreich, welches die Stuͤrme und Ungewitter ſonſt mit ſich fortreißen wuͤrden, feſt zwiſchen ihre Wur— zeln zuſammengeklammert. Eben dieſe Gebirge ſind an ihren tiefer liegen⸗ den Abhaͤngen mit Olivenwaͤldern bekleidet. Als in ihrem Mutterlande keimen und wachſen dieſe Baͤume gleichſam von ſelbſt, ohne anderweitige Nachhuͤlfe, und geben dem Landbauer, das Einſammeln der Fruͤchte ausgenommen, die er eine ganze Jahreszeit hindurch, ſo wie ſie zeitigen und abfallen, zu leſen hat, durchaus nichts zu thun. Zunaͤchſt um die Doͤrfer ſproßt zwiſchen Schutt und Truͤmmern der Feigenbaum auf, die Citronen wachſen in den Gaͤr⸗ ten; die Obſtbaͤume aber als Einfaſſung der uͤbrigen liegenden Gruͤnde. Die erſten Pomeranzenbaͤume erblickt der Reiſende, welcher von Rom kommt, in der Naͤhe von Fondi, und zwar ſind dieſelben hier weder in Spaliere verzogen, noch in Gefaͤße hinein⸗ gepflanzt, oder in ſteife Reihen und Glieder geſtellt, ſondern ſie wachſen frey und wild, wie der Eichbaum im Walde. Gleich als in Waͤldern ſind auch in die⸗ ſem Orangenwalde Baͤume jedes Alters zu finden. Die einen wachſen, als Schoͤßlinge einer Wurzel, zuſammen um einen alten Stamm her; andere, die von ungefaͤhr aufkeimen, treiben ihre jungen Zweige zwiſchen dem Laube hervor. Ein Bach, als haͤtte er von ſeiner urſpruͤnglichen Bahn ſich verloren, be⸗ ſpuͤlt in duͤnnen Silberfaͤden den Fuß dieſer Baͤume, und verſiegt, ihre Wurzeln befeuchtend, in die Erde. In dieſem lieblichen Haine kann der Wanderer mit Luſt eine geraume Zeit bald umher ſtreifen, bald ausruhen. Auch an Fruͤchten iſt dieſer Orangenwald ſo reich, daß unter ihrer Laſt die Aeſte ſich beugen, und vermuthlich iſt es gerade dieſe uͤberſchwaͤngliche Menge von Fruͤchten, durch deren Anblick ſich jenes unwillkuͤrliche Gefuͤhl von Ehrfurcht wieder ausloͤſcht, das der erſte Anblick dieſer Wald⸗Partie, dergleichen unſer Himmelsſtrich noch keinen gruͤnen ſah, im Ge⸗ muͤthe erweckt hat*). *) Wo die Pomeranzen⸗Bäume ohne menſchliche Kunſt und Zu⸗ thun in der Freye gedeihen, bey ihrem natürlichen Wuchſe ge⸗ laſſen werden können, und nach Art gewöhnlicher Obſtgärten in großer Anzahl beyſammen ſtehen, wie in den reizenden Gründen von Fondi, von denen hier die Rede iſt, da gewähren ſie ei⸗ nen überaus angenehmen und zumahl für den Nordländer, der zum erſten Mahle in die milden Gärten des Süden eintritt, und eines ſolchen Schmuckes der Natur, eines ſolchen Farbenſpieles und ſo kräftiger Wohlgerüche nicht gewohnt iſt, ſehr überra⸗ ſchenden Anblick. Zur Zeit, als der Ueberſetzer in eben den Gegenden verweilte, 12 Solche der Natur der ſuͤdlichen Zonen eigen⸗ thuͤmlichen Reichthuͤmer machen fuͤr ſich allein ſchon die er im letzt abgewichenen Winter an der Hand des Verfaſſers dieſer Briefe nicht ohne Vergnügen nochmahls durchwandert hat, war ein, ebenfalls unter freyem Himmel, in einer Gartenecke zu Fondi aufgewachſener Palmbaum für ihn eine noch unge⸗ wohntere, auf ein ſchon weiteres Vorgerücktſeyn im Süden hin⸗ deutende Erſcheinung. Ganz anders verhält es ſich mit den Po⸗ meranzen⸗Pflanzungen, wenn Schneemaſſen, Schnur, oder Kübel, ſo groß ſie auch ſeyn mögen, der Natur auf irgend eine Weiſe Gewalt anthun. Die nach der Schnur angelegte und etwas beſchnittene Oran⸗ gen⸗Anlage der Iſola Bella hat und behält, des kraftvollen 8 Wuchſes ihrer Bäume, von denen einige wohl einen Juß im Durchmeſſer halten mögen, ungeachtet, ein ſteifes und gezwunge⸗ nes Ausſehen. Deſto ſchöner fällt auf eben dieſer Inſel, wie⸗ wohl ebenfalls künſtlich gezogen, die Citrone in's Auge, und er⸗ ſcheint in weiten, vortrefflich gewölbten Bogengängen, von der röthlichen, noch unentfalteten Blüthenknoſpe an, durch alle Pe⸗ rioden ihres Wachsthums, und in unzähligen Abſtufungen der Farben bis zum Glanze der gereiften, in vollendeter Schönheit ſich über dem Haupte der Luſtwandelnden wiegenden Frucht. Den frappanteſten Eindruck jedoch machen dieſe ſchönen Gewächſe des ſüdlichen Himmelsſtriches da, wo ſie, was zwar ſelten der Fall iſt, unmittelbar mit den kalten Pyänomenen der Eiszone zuſam⸗ menſtoßen, ſo daß es dem Wanderer beynahe zweifelhaft wird, ob ihn ſein Weg nach Norden oder nach Süden hinführe. Von einer verwunderlichen Erſcheinung ſolcher Art, nähmlich von einer ſchönen hart am Fuße der hohen Alpen wohl angeleg⸗ ten Pflanzung von Citronen Bäumen, erzählt Herr von Bon⸗ ſtetten in ſeiner Beſchreibung von Hieres und deſſen Umgebun⸗ gen.„Ich fuhr,“ ſagte er,„den(in der Lombardie gelegenen) „Garda⸗See hinauf: vor mir die ungeheuren Rieſenmaſſen der „Alpen; zur Rechten den Berg Baldo. Links war der Geſichts⸗ „kreis von hohen Gebirgen beengt; und wer vor den Felſen den „Himmel ſehen wollte, mußte eigentlich den Kopf in die Höhe „ſtrecken. Dieß mahnte mich an die Schweiz, und ich ſah mich „nach Schnee und Gletſchern um; als auf ein Mayl die herr⸗ 13 den Zauber begreiflich, der die muͤßige Sorgloſigkeit des Einwohners an ſie feſſelt. In dieſen milden Gegenden zeigt die Natur ſich dem Landmanne nir— gends karg oder unfruchtbar. Keine Blume pfluͤckt er hier, aus der ihm nicht ein Wohlgeruch entgegen „lichſten Düfte zu mir herſtrömten, und ein Citronen⸗Wald, „der längs dem abſchüſſigen ufer amphitheatraliſch ſich erhob, „und aus welchem in gewiſſen Entfernungen von einander weiße „Säulen emporſtiegen, mir in's Auge fiel. Dieſe, auf einem „weiten Raume unter einander gemengten Bäume und Sänten, „dazu ein das ufer beherrſchender Pallaſt im ſchönſten Geſchmacke, „und die batſamiſche Luft, die ich einathmete;— das alles ſchien „mir ein Feen⸗Land zu verkünden. Dieſe ſchöne Gegend heißt „Boliago, und der Pallaſt ſelbſt gehört einem gaſtfreundlichen und „achtungswerthen Greiſen, dem Grafen Bettoni von Brescia. „Der ganze Wald beſteht aus zwanzig bis dreyßig Fuß hohen Ci⸗ „tronen⸗Bäumen, und die aus demſelben hervorragenden Gneiß⸗ „Säulen haben das Dach zu tragen, womit im Winter die ganze „Anlage vor dem Froſte geſchützt wird.“ „Auch die ganze Umgegend iſt reichlich mit Citronen⸗Bäumen „beſetzt.“ „Nichts Prächtigeres als dieſe Citronen⸗Bäume am Fuße der „Alpen. Der ſchöne Wuchs der Bäume beweiſ't, daß, ungeach⸗ „tet die Citronen⸗Bäume nordwärts von den Apenninen nur „kümmer ich gedeihen, und ſelbſt in der Lombardie und im ſudli⸗ „chen Frankreich, mit Ausnahme einzelner, vorzügtich günſtiger „Lagen, nicht zum beſten fortkommen wollen, ſie ſich dennoch „hier, ungefähr unter dem 460, bey der Art, wie ſie behandelt „werden, recht wohl befinden. Da ſie in Form eines Amphi⸗ „theaters geſetzt ſind, ſo wird die Ausſicht durch ſie nur wenig „beſchränkt. Ueberall ſieht man die Fluthen des Sees zwiſchen „ihrem dunkeln Laube hindurchblinken, und von eben den Ter⸗ „raſſen, von denen ihr Gezweige herabgrünt, erblickt man im „Norden die Hochgebirge, ſüdwärts die ſchönen Ufer des Garda⸗ „Sees und die ſeinen funkelnden Waſſerſpiegel verzierenden In⸗ „ſeln.“ A. d. Ueb.— 14 dufte, keinen Baumzweig, von welchem herab nicht eine Frucht ihm winke, und er kann nicht anders, als ſich einheimiſch fuͤhlen in einem Lande, wo fort⸗ waͤhrend eine laue Luft ihn ſchuͤtzend umfaͤngt, die Geſammtheit der Erzeugniſſe der Erde ihm zu ſeinem Unterhalte zu Gebothe ſteht, die Schaͤtze der Schoͤ⸗ pfung und die Unermeßlichkeit der Meere ihm als liebliche Bilder vor Augen liegen. Wenn der Reiſende uͤber die Ebene von Fondi hinweg iſt, ſo gelangt er an den Fuß einer Huͤgel⸗ kette, welche jene Gegend von der Ebene von Capua abtrennt. Eine lange, dem Saume eines Abgrun⸗ des nach, ausgehauene Auffahrt fuͤhrt nach dem Dorfe Itri. Dieſer Abgrund iſt es, in welchem vor wenigen Monathen der Dichter, deſſen Leyer die Meere und die Schiffe beſungen hat, ſeinen Tod fand. Wohl ihm, wenn außer den Thraͤnen der Muſen, welche allein das Recht, ſein Andenken zu ehren, behauptet haben, auch noch andere Thraͤnen ſeine Grabſtaͤtte haͤtten benetzen koͤnnen*)! *) J. A. Esmenard, geb. 1770, geſt. 1811, Verfaſſer des be⸗ kannten, erſt 180s in acht, und dann 1806 in einer zweyten Ausgabe in ſechs Geſängen erſchienenen Gedichtes,„die Schif⸗ fahrt“, und mehrerer anderer Gedichte, auch Mitarbeiter an der Biographie universelle. Er hatte im Jahr 1811 im Journal des Débats eine Satyre gegen einen Geſandten des Kaiſers Alexander im Drucke erſcheinen laſſen, über welche der Ruſſiſche Geſchäftsträger mit Klagen einkam, Bonaparte, 15 Unweit von Itri zieht ſich die Straße in man⸗ nigfachen Kruͤmmungen, zwey Stunden lang, im Umkreiſe mehrerer, durch den Lauf einiger kleinen Fluͤſſe und durch Gehoͤlze von Steineichen gleichſam an einander gebetteter Thalgruͤnde herum. Nach dem Meere hin erblickt man die einſamen Felſen, auf welche die Citadelle von Gasta gegruͤndet iſt. Am Fuße ihrer Verſchanzungen beginnt, in der Naͤhe von Capua, jene vom Garigliano bewaͤſſerte, von den Fluthen des Meeres beſpuͤlte, fruchtbare und lachende Ebene, von den Italiaͤnern noch heut zu Tage Cam- pagna felice genannt, wo Marcus Tullius das Licht welcher glaubte, es wäre noch nicht Zeit, ſich mit Rußland ab⸗ zuwerfen, ſtellte ſich böſe über Esmenard, und beſchloß, un⸗ geachtet er ſelbſt ihm den Gedanken zu jenem Pamphlet an die Hand gegeben, ihn dafür zur Strafe zu ziehen. Esmenard ward angewieſen, Frankreich zu verlaſſen, und wählte zum Orte ſeiner Verbannung Italien. Sein Exit dauerte drey Monathe. Dann wollte der Dichter von Neapel aus wieder nach ſeinem Vaterlande zurückreiſen, als ihn auf der Straße von Fondi ſcheu gewordene Pferde mit Einem Mahle über einen Abgrund hinaus riſſen, wo er an einem Felſen den Kopf zerſchmetterte und nach wenigen Tagen ſtarb. Eine Gattinn und drey Töchter weinten ihm aus der Dürftigkeit nach. „Esmenards Leben“, ſagt ſein Biograph, Herr Michaud— „iſt mancherley Glückswechſeln unterworfen geweſen, und aus „dieſem Grunde er ſelbſt ungleich beurtheilt worden. Kaum hat „jemahls ein Schriftſteller mehr Feinde gehabt, als er: aber auch „alle ſeine Feinde haben einmüthig zugegeben, daß er ein talent⸗ „reicher Schriftſteller geweſen ſey.“ Biographie universelle, Tome treizième, p. 311. A. d. Ueb. 16 des Lebens erblickte, und wo er hinwieder ſeinen Tod fand. In der That ſind dieß gluͤckſelige Gefilde, wenn anders die Gluͤckſeligkeit in einem einfachen, nicht ſo faſt durch Gedanken, als durch Empfindungen Ge⸗ nuß gewaͤhrenden Leben zu finden iſt, bey welchem der Menſch, an die fluͤchtigen Empfindungen der Außenwelt hingegeben, auf der Erde nichts als Bil⸗ der erblickt, noch in ſeinem Herzen etwas Anderes findet, als natuͤrliche Triebe... Es ſind gluͤckſelige Gefilde, wenn naͤhmlich die Wonne des Lebens in jener leichten Art des Seyns zu finden iſt, bey wel⸗ cher der Menſch niemahls gegen ſein eigenes Ich im Kampfe liegt, allem fremd bleibt, was Opfer und 3 Ruhm heißt, und gleichſam als ein Kind, mit des Kindes fluͤchtigem Sinne die Gaben annimmt, welche die Natur ihm darbiethet, und der Luſt ſich erfreut, welche er ſich in der Erfuͤllung ſeiner Wuͤnſche ver⸗ heißen ſieht!.. Herrliche Gefilde, die der Himmel beſtimmt hat, um die Fantaſie zu vergnuͤgen, und denjenigen, die keine andere, als die Sprache der Fantaſie ſprechen, zum Aufenthalte zu dienen! Ueber einen Wieſengrund hin fuͤhrt die Straße unter die Mauern von Capua. Die Erinnerun⸗ gen, welche ſich an den Nahmen dieſer Stadt an⸗ knuͤpfen, laſſen nicht weniger als der Anblick dieſer Gegend uͤberhaupt, den Wanderer vermuthen, er werde ganz nahe bey Capua noch laͤndlichere Scenen, 47 eine noch laͤndlichere Natur zu Geſichte bekommen; allein er wird von ſeinem Wahne zuruͤckgefuͤhrt, wenn die Thore der Stadt ſich vor ihm aufthun: denn jetzt erblickt er eitel Baſtionen und Graͤben. Wirklich iſt Capua gegenwaͤrtig nichts weiter als eine Feſtung, zu welcher man eine Anzahl von Schild⸗ wachen den Eingang verwahren ſieht. Briefe üb. Italien, a. Thl. 2 Funfzehnter Brief. Neapel, 25. Julius 1813. Der Reiſende, welcher die naͤchſten Umgebungen von Neapel durchwandert, kann auf die Einwohner dieſer Stadt, wegen des ſorgloſen, muͤßigen Lebens, das ſie fuͤhren, nicht zuͤrnen. Eben ſo wie in jenen, vor nicht gar langer Zeit mitten in den Meeren zwiſchen Aſien und Amerika entdeckten, Eilanden, hat auch in der Umgegend von Neapel der Schoͤpfer alles das vereinigen wollen, was, ohne dem Menſchen Muͤhe zu verurſachen, zum Unterhalt ſeines Lebens und zur Verherrlichung der kurzen Dauer desſelben geeignet iſt. In der That iſt das oft ſo kummer⸗ volle Leben des Menſchen in dieſem Lande, wo die Vorſehung allein ſich mit der Fuͤrſorge fuͤr alle ſeine Beduͤrfniſſe beladen hat, von Noth und Muͤhſalen frey. Die Sonne, indem ſie Luft und Erdreich er⸗ waͤrmt, bringt die Fruͤchte zur Reife. Das Meer ſendet jeden Abend einen erfriſchenden Wind, als einen Tribut von ſeinen Gewaͤſſern, hinein an das 19 Ufer, um die brennende Hitze des Tages zu mildern, und eine friſche und reine Luft, wie man ſie in der Regel nur unter noͤrdlichen Himmelsſtrichen einath⸗ met, mit des Suͤdens balſamiſchen Luͤften zu ver⸗ miſchen. Die Gebirge, mit Duͤnſten belaſtet, laſ⸗ ſen aus dem Schooße ihrer Wolken unzaͤhlige Baͤche herabfließen, daß ſie ſich durch die Ebene hinſchlaͤn⸗ geln und ihre Pflanzen und Kraͤuter bewaͤſſern. Das Ufer des Meeres hat durch ſeine Kruͤmmungen, gleichſam um die Stadt und ihre Umgegend vor Stuͤrmen zu ſichern, eine Bucht und zwey Vorge⸗ birge gebildet, und die Huͤgelabhaͤnge, welche den Geſichtskreis begrenzen, legen in ihrem weiten Um⸗ fange alle die mannigfaltigen Formen, womit die Natur ſich zu ſchmuͤcken pflegt, in buntem Gemenge vor Augen. Die Stadt Ne apel ſelbſt, welche aus dem Hintergrunde jenes Seebuſens emporſteigt, ſcheint bloß als eine neue Verzierung, und einer noch groͤ⸗ ßern Mannigfaltigkeit wegen, zu dem uͤbrigen Reich⸗ thume des Amphitheaters hinzu zu kommen, damit eine große Scene des unſtaͤten Getreibes ſich mit der Achtung gebietenden Ruhe der Meere und ihrer Ufer vereine. Das Vorgebirge, welches nordwaͤrts von der Bay von Neapel in's Auge faͤllt, traͤgt zur Stunde noch eben den Nahmen, den es von Aeneas erhalten hat, und heißt, gleich als ob Virgils Vorherſagung 2* 20 auch jetzt noch nicht unerfuͤllt bleiben ſollte, heut zu Tage noch das Vorgebirge von Miſenum. Da es von der Meerſeite her leicht zugaͤnglich iſt, ſo hat man aufgehoͤrt, den dazu hinfuͤhrenden Landweg zu unterhalten. Zu Wagen laͤßt ſich nicht weiter ge⸗ langen, als bis nach Puzzuolo. Die andere Haͤlfte des Weges, die ſich laͤngs dem Ufer nach den Rui⸗ nen von Bajaͤ hinzieht, geht uͤber Felſen, und kann bloß zu Fuß oder zu Pferde, und auch auf dieſe Weiſe nicht ohne Beſchwerde zuruͤck gelegt werden. Ich zog vor, die Umgebungen des Meerbuſens, allen ſeinen Kruͤmmungen nach, zu Fuße zu durchwan⸗ dern, um in gaͤnzlicher Unabhaͤngigkeit der, in die⸗ ſem, durch Himmel, Witterung und Dichtkunſt ver⸗ ſchoͤnerten Revier, mich erwartenden Eindruͤcke zu genießen. Als ich Neapel verließ, brach eben der Tag an. Einzig von Erinnerungen aus vergange⸗ ner Zeit begleitet, gelangte ich ohne Anſtrengung bis an den Eingang der Hoͤhle von Poſilippo. In dieſem langen unterirdiſchen Gewoͤlbe fand ich nichts, als eine Nacht, gleich dem Dunkel der Graͤber, und vollendete den Gang nicht ohne eine peinliche Em⸗ pfindung; denn dieſer Durchpaß durch die Tiefen der Erde, obwohl er einer der großen Werke der al⸗ ten Roͤmer iſt, hat nichts Geheimnißvolles, und ſpricht zur Fantaſie einzig, um ſie zu verduͤſtern. Nicht ohne ein Freudengefuͤhl trat ich wieder an das Licht des Tages hervor, und lenkte nun, um fuͤr die 21 Zeit, da der dichte Thau mit ſeinen Feuchtigkeiten nicht mehr auf dem Staube laſten wuͤrde, vor die⸗ ſem geſichert zu bleiben, eine Strecke vom Haupt⸗ wege ab. Die Pflanzen, traͤufelnd vom Thau, wo⸗ mit die Kuͤhle der Nacht ſie getraͤnkt hatte, erſchie⸗ nen jetzt noch im friſcheren Gruͤn, und die Schatten, hervortretend im Lichte der dem Horizonte erſt noch entſteigenden Sonne, bewahrten dem Raſen noch eine Weile ſeine Morgenfaͤrbung. In dieſem Bezirke wachſen die Erzeugniſſe des Bodens im Schatten von Ulmen auf, die groß ge⸗ nug ſind, daß ſich von einer zur andern eine Anzahl von Weinranken ziehen laſſen, die ſich an den Aeſten derſelben hinaufſchlingen, ſo daß man mehrere mit Trauben beladene Reihen von Rebengehaͤngen ſich eine uͤber der andern wiegen ſieht. Unter dieſen Schatten ſah ich junges, erſt ſeit der Ernte geſaͤetes, Bohnengewaͤchs kraͤftig hervor⸗ treiben. Dieſer keimende Pflanzenwuchs mahnte mich an den Fruͤhling der Heimath. Weiter hinaus erhoben ſich Mais⸗Stengel, deren nahe Reife durch eine leichte Purpurfaͤrbung ſich kund that. In ei⸗ nem der zunaͤchſt gelegenen Grundſtuͤcke verbreiteten lange Reihen von Melonen ihre lieblichen Duͤfte. Läͤngs der Einfaſſung dieſer Felder ſtanden ganze, von freyen Stuͤcken hervorgewachſene Gebuͤſche von Feigen⸗, Pfirſichbaͤumen und Aloen, und ſchienen ihre Fruͤchte gefaͤllig dem Pflanzer zu biethen. In⸗ 22 dem ich eine Weile ſtehen blieb, um mich an der Betrachtung dieſer laͤndlichen Scene zu ergetzen, ſah ich eine Schar junger Landmaͤdchen auf mich zukom⸗ men, die unter der Muſik der Mohrentrommel zu ihren Feldarbeiten auszogen, und, ſich bey der Hand haltend, eine hinter der andern dahertanzten, eben den Fußpfad, den ich mir auserſehen hatte, verfol⸗ gend. Gern haͤtte ich dieſen Toͤchtern des Suͤdens den Anzug und die Friſchheit der Toſcaniſchen Baͤue⸗ rinnen mittheilen moͤgen; denn ihre Unbefangenheit und ihren froͤhlichen Sinn abgerechnet, hatten ſie mit dieſen nichts gemein. Eben die Natur, welche den Neapolitanerinnen ſo mannigfaltige Befoͤrde⸗ rungsmittel ihrer Gluͤckſeligkeit an die Hand gab, hat nicht fuͤr gut gefunden, daß ſie auch noch durch naive Grazie und anziehende Friſche gefallen ſollten. Ihre Geſichtszuͤge haben etwas Rauhes, ihr Teint iſt olivenfarbig, und was einzig an ihnen gefallen moͤchte, iſt jenes wunderſame Naturgefuͤhl, vermit⸗ telſt deſſen ſie jene geheime Harmonie zwiſchen den Bewegungen des Koͤrpers, den muſikaliſchen Toͤnen und den Gedanken zu errathen wiſſen. Mittlerweile war ich unvermerkt von meinem Pfade abgekommen: ſtreifte aber, da ich eben keine Eile hatte, mich wieder auf den rechten Weg zuruͤck zu begeben, noch eine Weile unter leichten Ueber⸗ ſchattungen in der Gegend umher. Mein einziger Leitſtern war die Richtung, welche die Baumſchatten 23 nahmen; denn in dieſen mit Ulmen bepflanzten Fel⸗ dern hat man keinen Horizont im Geſichte. Zuletzt traf ich auf einige Ackersleute, die mir den Weg, welchen ich einzuſchlagen hatte, wieſen. Ich ergriff den Anlaß, um bey dieſen Leuten einige Erkundi⸗ gungen in Betreff ihrer Feldarbeiten einzuziehen. Von ihnen vernahm ich, daß der Boden, auf wel⸗ chem wir wandelten, vormahls Eigenthum eines Camaldulenſer⸗Kloſters geweſen, bey'm Ausbruche der Revolution aber von Speculanten gekauft wor⸗ den ſey, ohne daß der Wechſel des Beſitzers eine Aenderung in der Bewerbungsart der Guͤter bewirkt habe. Sie, die Erzaͤhlenden ſelbſt, hatten die Grundſtuͤcke zu nicht ſehr großen Abtheilungen in Beſitz genommen und bebaueten ſie. Der Verſtaͤn⸗ digſte derſelben machte mir von dem in dem Aſchen⸗ lande um Neapel uͤblichen Wirthſchafts⸗Syſteme nachfolgende Beſchreibung. „Wir unbeguͤterten Paͤchter,“ ſagte er,„mie⸗ „then nur ſo viel Land, als wir mit unſern Fami⸗ „lien zu bewerben im Stande ſind, naͤhmlich vier „bis fuͤnf Morgen. Unſere Lage iſt eben keine der „preiswuͤrdigſten; denn fuͤr alle unſere Muͤhe und „Arbeit kommt uns nicht mehr als ein Drittel der „Ernten zu gut; die beyden uͤbrigen Drittel gehoͤren „dem Grundherrn und muͤſſen an ſeinen Factor in „der Natur abgeliefert werden. Pfluͤge haben wir „keine; das Land wird durchgehends mit der Schau⸗ 24 „fel bearbeitet. Ein ſolches mit Aſche vermiſchtes „Erdreich ruͤhrt ſich freylich leicht um, und ſelbſt „unſere Kinder koͤnnen uns bey dieſer Arbeit an die „Hand gehen. Von Zeit zu Zeit gießt auch der „Berg“— er meinte den Veſuv—„einen Regen „von Aſche auf unſere Felder hernieder, um ſie zu „befruchten.“ „Die Baͤume, welche Sie da auf unſere „Grundſtuͤcke gepflanzt ſehen, ſind nichts weniger „als uͤberfluͤſſig. Nicht nur dienen ſie den Weinre⸗ „ben zur Stuͤtze und tragen Fruͤchte, ſondern auch „ihr Laub wird, als die letzte der Herbſternten, ſorg⸗ „faͤltig eingeſammelt, und muß den Winter uͤber dem „Vieh zum Futter dienen. Zwiſchen dieſen Reihen „von Ulmen pflanzen wir unmittelbar nach einander erſt Melonen, die ſich in der Stadt abſetzen laſſen, „ſodann Korn, und ſobald dieſes eingeſammelt iſt, „und wir mit Huͤlfe unſerer Familie das Stoppel⸗ „feld mit dem Spaten umgegraben haben, Bohnen, „oder Klee mit der purpurnen Bluͤthe. Sechs Mo⸗ „nathe lang wandern unſere Kinder alle Morgen „nach dieſen Kleefeldern hin, um mit der Sichel heine Ladung davon zum Futter fuͤr unſre Kuͤhe ab⸗ „zuſchneiden. Den Buͤffelkuͤhen geben wir vor den „gewoͤhnlichen den Vorzug, weil ſie mehr Milch lie⸗ „fern, als dieſe. Wir halten auch Ziegen, und zu⸗ „weilen etwa einen Eſel oder ein Pferdchen, welches „nach der Stadt wandern und die Laſten fortſchaffen 25 „muß. Indeß iſt dieß ein Vortheil, deſſen ſich ein⸗ „zig die wohlhabendern unter uns Paͤchtern zu er⸗ „freuen haben.“ „Im naͤchſtfolgenden Fruͤhlinge wird auf die „Stoppeln des Klees, oder der Bohnen, Tuͤrkiſcher „Weitzen gepflanzt. Da dieſes Gewaͤchs der ganzen „Haushaltung zur Nahrung dienen muß, ſo wird „dießmahl der Boden geduͤngt. Auch hat der Mais⸗ „Bau mehr Intereſſe fuͤr uns, als jede andere Cul⸗ „tur, und der Tag der Einſammlung desſelben iſt „in der ganzen Gegend umher ein Feſttag, an wel⸗ nchem die ſaͤmmtlichen Bewohner des Dorfes ſich „zuſammenthun, und, die Maͤdchen zwar in luſti⸗ ngen Reigen, wir Aeltern aber etwas langſamer, „weil wir mit unſern Ackergeraͤthſchaften beladen „ſind, nach unſern Pachtguͤtern hinziehn, und dann „uns familienweiſe auf die beſondern Grundſtuͤcke „vertheilen. Die Aecker liegen indeß alle ſo nahe „bey einander, daß man ſich gegenſeitig errufen und „antworten kann. Oft werden von einem Maisſten⸗ „gel bis auf ſieben Kolben gepfluͤckt, von denen meh⸗ nrere eine Laͤnge von drey Palmen erreichen. Iſt „die Sonne etwas hoͤher geſtiegen, ſo geht der „Hausvater in eines der benachbarten Felder, um „Melonen zu hohlen; die Kinder aber pfluͤcken indeß „von den zunaͤchſtſtehenden Feigenbaͤumen Fruͤchte. „Dieſe Fruͤchte werden unter einen Ulmbaum zuſam⸗ „mengetragen, um den ſich die ganze Familie in 26 „einen Kreis hinſetzt und Mahlzeit hält. Iſt dieſe „beendigt, ſo wird mit der Arbeit fortgefahren, und „nicht wieder ausgeſetzt, bis der Tag zu Ende iſt. „Alsdann geht jede Familie auf Beſuch zu ihren „Nachbaren, und erzaͤhlt ihnen von den Schaͤtzen, „in deren Beſitz ſie durch ihre Ernte gekommen ſey.“ „Kaum iſt unſere Mais⸗Ernte zu Ende, ſo „wird der Boden zum Behufe einer friſchen Korn⸗ „ausſaat neuerdings umgegraben. Nach dieſer zwey⸗ „ten Ernte pflanzen wir auf unſern Feldern nichts „weiter an, als verſchiedene Arten von Gemuͤſen. „Und ſomit traͤgt unſer Land Wein und Baunfruͤch⸗ „te, Getreide und Gartengewaͤchſe, Laub und Gras „fuͤr das Vieh. Wir beſchweren uns keinesweges „daruͤber, daß unſer Boden nicht fruchtbar genug „ſey; wohl aber ſind die Bedingniſſe, die man den „Paͤchtern auflegt, druͤckend; fuͤr alle ihre Muͤhe „und Arbeit kommt ihnen nur wenig zu gute; und „iſt das Jahr etwa weniger geſegnet, ſo ſind ſie im „eigentlichen Sinne ſehr beklagenswerth.“ Solche Klagen, mein Freund, hoͤrte ich im Schooße der reichſten Landſchaft von Europa ausgie⸗ ßen, und alles uͤberzeugte mich, daß ſie gegruͤndet ſeyen. Elend iſt die unablaͤſſige Gefaͤhrtinn eines ergiebigen Erdreichs; denn eben dieſe Fruchtbarkeit macht die Bevoͤlkerung ſo ſehr ſteigen, daß der Bo⸗ den, in unendlich kleine Theile zerſtuͤckelt, fuͤr ſich allein bald nicht mehr im Stande iſt, fuͤr dieſe ſich 27 allzu ſehr vervielfaͤltigenden Menſchenarme Rath zu ſchaffen. So viel ich aus den, von dem gutmuͤthigen Paͤchter mir mitgetheilten Berichten habe abnehmen koͤnnen, waͤre das Aſchenland um den Veſuv her ei⸗ nem beſtimmten Syſteme der Wechſelwirthſchaft un⸗ terworfen, und zwar nach folgender Ordnung: Erſtes Jahr... geduͤngter Tuͤrkiſcher Weitzen. Zweytes— Korn. Drittes—.. Zwiebeln u. Gartengewaͤchſe. Viertes... Korn, und nach dieſem Boh⸗ nen oder wilder Klee. Fuͤnftes— Melonen. Dieſer Fruchtwechſel liefert demnach, ohne den Ertrag an Fruͤchten und Laub von den Weinreben und Baͤumen, der von dem naͤhmlichen Boden ge⸗ zogen wird, in Anſchlag zu bringen, in fuͤnf Jah⸗ ren ſechs, naͤhmlich zwey getreide⸗ und vier gemuͤſe⸗ artige, Ernten. Beynahe ausſchließlich wird bey die⸗ ſen Ernten auf das Beduͤrfniß der Menſchen Ruͤck⸗ ſicht genommen, und hoͤchſtens etwa die ſechste Ernte, um welche ein gluͤckliches Clima die Jahrs⸗ zeiten zu beruͤcken geſtattet, fuͤr das Vieh beſtimmt. Mit etwas Duͤnger kann nach dieſer Methode, ungleichartige Gewaͤchſe mit Einſicht auf einander folgen und mit Cerealien abwechſeln zu laſſen, der Boden bey ſeiner urſpruͤnglichen Fruchtbarkeit erhal⸗ ten werden: es hat aber auch die Natur, indem ſie 28 dieſen Gefilden einen Vulkan zum Nachbar gegeben, eine nie verſiegende Quelle der Fruchtbarkeit in die⸗ ſelben hineingelegt; was ſich ſchon daraus klar ge⸗ nug ergibt, daß dieſes vulkaniſche Land eine Familie von fuͤnf Perſonen mit dem Drittel des Ertrages von fuͤnf Morgen Landes zu ernaͤhren vermag. Frey⸗ lich wird in dieſen Haushaltungen ſehr maͤßig gelebt; man verſpeiſ't ungleich mehr Baumfruͤchte und Ge⸗ muͤſe, als Korn; immerhin aber lebt man, und das Hausweſen gedeiht. Oſtindien moͤchte wohl das ein⸗ zige Land ſeyn, wo Beyſpiele eines ſolchen Reich⸗ thumes, bey einer ſo ſtarken Bevoͤlkerung, zu finden ſeyn duͤrften; denn in demjenigen Landſtriche, uͤber welchen der Veſuv ſeinen Aſchenregen ausgießt, be⸗ läuft ſich die Bevoͤlkerung auf 5000 Seelen auf die Quadrat⸗Meile. Nachdem ich mich von meinen Landbauern, un⸗ ter Anwuͤnſchung froher Tage und ergiebiger Ernten, getrennt hatte, beeilte ich mich, aus den Ulmenfel⸗ dern wieder nach der Hauptſtraße einzulenken. Auf einem Felſenhuͤgel, auf den ich nun bald gelangte, bekam ich wieder den Horizont zu Geſichte. Der Huͤgel beherrſchte das Meer, und die Ausſicht von demſelben umfaßte den ganzen Golf. Unten an den Felſenriffen zu meiner Rechten erblickte ich die Stadt Puzzuolo, und weiter hinaus die Rauchwolken der Solfatara, die Huͤgel des Avernus, die Ruinen von Bajaͤ und das Vorgebirge von Miſenum. 29 Das Kuͤſtenland rings um den Buſen von Bajaͤ iſt durch die Vulkane und den Verlauf der Zeiten ein Raub der Verwuͤſtung geworden, ſo daß gegen⸗ waͤrtig eitel Schutt und Truͤmmer daſelbſt zu finden ſind. Eine fruchtbare Natur hat dieſe Ruinen mit einem wilden Pflanzenwuchſe bekleidet. Mitten un⸗ ter dieſem Gewaͤchſe erkennt man hier und da, in ein⸗ zelnen hervorſproſſenden Schoͤßlingen, die letzten Ue⸗ berreſte der Geſtraͤuche, die vor zwey tauſend Jah⸗ ren Campaniens Gaͤrten verſchoͤnten. Nachdem ich die heißeſten Stunden des Tages zu Puzzuolo, einer aus Huͤtten und Gemaͤuer beſte⸗ henden Stadt, zugebracht, und eben daſelbſt auch mein Nachtquartier beſtellt hatte, verweilte ich bis zum Einbrechen des Abends an der Kuͤſte, nahe bey den Ruinen des Serapis⸗Tempels. Hier erblickte ich unter dem Waſſer die Ueberreſte einer Straße, welche Domitian angelegt hatte, um eine leichte Verbindung zwiſchen den beyden Armen des Golfs zu bewerkſtelligen. Im Verfolge meiner Wanderung fuͤhrte mich ein im Sande gezogener Fußpfad der Kuͤſte entlang weiter. Die Cigalen ſchwangen ihre Fluͤgel, und die Meereswellen, von einem leichten Winde angehaucht, trieben ſich eine um die andere herbey und erſtarben am Ufer. Ich wollte den von hier aus nicht ſichtbaren See Avernus beſuchen. Man hat, bevor man ihn zu Geſichte bekommt, eine Huͤ⸗ gelreihe zu uͤberſteigen. Auf ſteinigem Wege ge⸗ 30 langte ich auf eine wilde, mit mancherley lieblich bluͤhendem und duftendem Strauchwerk bekleidete Anhoͤhe. Von dem Gipfel dieſes Huͤgels erblickte ich in der Tiefe eines zirkelfoͤrmigen Thalgrundes ein friedliches Gewaͤſſer und eine von tiefem Schwei⸗ gen beherrſchte Einſamkeit. Hier machte ich Halt, um dieſes Anblicks mit Ruhe zu genießen. Die un⸗ tergehende Sonne vergoldete noch gerade das öͤſtliche Ufer des Sees; das entgegengeſetzte Geſtade aber war bereits in Schatten gehuͤllt. Wie zu Virgils Zeiten, und ungeachtet der Schoͤnheit des Abends, war in dieſen Gegenden weder der Geſang der Voͤ⸗ gel, noch das Schwirren der Cigale zu hoͤren. Auch iſt in der ganzen Umgebung des Sees weder eine Menſchenwohnung, noch ein bebauter Acker zu finden; das Land iſt eine Einoͤde, der Fantaſie und der Er⸗ innerung anheim gegeben. Aber eben dieſe Faͤhig⸗ keit der Erinnerung und des Gefuͤhls findet in dieſer Einſamkeit um ſo mehr Nahrung, weil dieſelbe durch die ſtille Ruhe der Gewaͤſſer und das Schweigen des Gehoͤlzes in ihren Traͤumen nicht geſtoͤrt wird, und ſich ſelbſt ausſchließlich uͤberlaſſen bleibt. Es koſtete mich Muͤhe, die Ufer des Avernus zu verlaſſen, und ich ſah mich auf meinem Ruhe⸗ pläͤtzchen von der Nacht uͤberraſcht. Es war eine je⸗ ner hellen, beydes durch den Himmel und die Erde verſchoͤnten, Naͤchte des Morgenlandes, die mir nach Hauſe leuchtete. An einem wolkenloſen, durchſichti⸗ 31 gen Himmel glaͤnzte im hoͤchſten Schimmer das Sternengezelt. Die Pflanzen dufteten Wohlgeruͤche aus ſich eben entfaltenden Kelchen. Die Inſecten begannen ihre wirbelnden Taͤnze; alles athmete freyer, und das Licht des Lebens, weit entfernt, bey einbrechender Nacht zu erloͤſchen, ſchien jetzt viel⸗ mehr heller zu zuͤnden, um den Menſchen mit Ge⸗ nuͤſſen zu berauſchen, und ihn einer Seligkeit theil⸗ haftig zu machen, zu der ihm die Helle des Tages nicht hatte verhelfen moͤgen. Mit Anbruche des folgenden Morgens ſetzte ich, ohne mich laͤnger aufzuhalten, meine Wanderung fort, bis an den Eingang der Grotte, von welcher die Sibylle von Cumaͤ einſt ihre Orakel⸗Spruͤche hat ausgehen laſſen. Ich erwartete, als ich mich dieſen Felſen naͤherte, das Bild ſich erneuern zu ſehen, wel⸗ ches Virgil von dieſem Flecke der Erde entworfen hat, und ſah mich um nach dem„horrenda procul „Secreta Sibyllae“ und dem„antrum immane,“ fand aber eben ſo wenig etwas Großes, als etwas Schauer⸗ liches oder Geheimnißvolles. Ein Fuͤhrer, der mich begleitete, zuͤndete ſeine Fackel an und trat mit mir in einen unterirdiſchen, in die Tiefe der Felſen ſorgfaͤltig gehauenen Gang ein. An den Seiten die⸗ ſer Gallerie oͤffnen ſich kuͤnſtlich angebrachte Aus⸗ gaͤnge, durch die man in Saͤle gelangt, deren zier⸗ liche Bildſchnitzerey noch gegenwaͤrtig deutlich zur Schau liegt. Nicht einmahl die erſte Anlage dieſer 32 unterirdiſchen Welt iſt ein Werk der Natur, und es gebricht ihr an jenem erhabenen Charakter, den dieſe allen ihren Arbeiten aufdruͤckt. So mahlt uns die Fantaſie den Aufenthalt der Propheten nicht, noch alſo die Grotten, aus denen die Spruͤche der Orakel ertoͤnten. Auch haͤtte es wohl nichts weniger als ſchwer gehalten, in dieſem Lande ungewohnter Er⸗ ſcheinungen alterthuͤmliche Hoͤhlen ausfindig zu ma⸗ chen, die finſter, duͤſter und regellos genug ausge⸗ ſehen haͤtten, um ſich ungleich beſſer als jene Sibyl⸗ lenhoͤhle zu einem ſolchen religioͤſen Gebrauche zu eignen. Bey'm Anblicke jener in's Kleinliche gehenden Kunſt, welche die Alten auf den Bau ihrer Tempel und Wohnungen zu verwenden pflegten, geraͤth man in Verſuchung, zu glauben, ſie haͤtten, dem ur⸗ ſpruͤnglichen Zuſtande einer wilden Natur naͤher, als wir, einen vorzuͤglich hohen Werth auf ſolche Ar⸗ beiten geſetzt, die ihnen den Kunſtfleiß der Civili⸗ ſirung am deutlichſten vor Augen legten, waͤhrend wieder wir in unſern Tagen, durch die unsausge⸗ ſetzte Wiederhohlung aller dieſer Werke der Induſtrie gewiſſer Maßen ermuͤdet, unſere Luſt vielmehr dar⸗ an haben, ſie verſchwinden zu ſehen, und dagegen wieder hier und da eine Spur von den Urformen der Schoͤpfung heraus zu finden. Weiter vorwaͤrts, auf der Seite des Miſeniſchen Vorgebirgs, ſtoͤßt man abermahl auf Ruinen. Einige —— — 33 derſelben ſind ſo beſchaffen, daß ſich aus denſelben auch jetzt noch auf verſchwundene Schoͤnheit ſchließen laͤßt; die meiſten aber ſtehen im Waſſer begraben. Es gibt wohl kaum einen Ort in der Welt, wo die zerſtoͤrende Hand der Zeit ſich mit ſo kraftvollen Zuͤ⸗ gen angeſchrieben findet, wie in dieſer ehemahls ſo beruͤhmten Gegend. Die ganze Kuͤſte von Bajaͤ und die Schutthaufen, womit dieſelbe bedeckt iſt, ſchei⸗ nen nicht einmahl eines Wiedererſtaͤndniſſes faͤhig, und werden ſchwerlich zum zweyten Mahl eine Rolle auf der großen Weltbuͤhne ſpielen koͤnnen. Selbſt kein Pfad iſt mehr vorhanden, der uͤber ſie wegfuͤhr⸗ te, und wer ſie ſehen will, muß ſich ſeinen Weg uͤber Felſen erklettern. Ungleich erfreulicher iſt die Geſtalt, in welcher uͤber dieſen Felſenriffen die Natur ſich dem Wanderer vor Augen legt. Eine verjuͤngte Erde breitet ſich aus an ſanften, aber un⸗ ebenen Abhaͤngen, denen Baͤche entſprudeln. Die Wieſen, durch dieſe Gewaͤſſer befeuchtet, kleiden mit jedem Morgen ſich in ein friſcheres Gruͤn; auf die⸗ ſen Raſenplaͤtzen aber wachſen hier und da Aloen und Orangen⸗Buͤſche zu Bosketen empor, die eine Huͤtte uͤberſchatten, und in deren Kuͤhlung das heranwach⸗ ſende Geſchlecht Blumen pfluͤckt und Pomeranzen lieſ't. Faͤngt etwa um den Mittag die Hitze an be⸗ ſchwerlich zu fallen, ſo laden unterirdiſche Grotten ein, Erquickung und Friſche in ihren Gewoͤlben zu ſuchen. Nur ſchwach ſind dieſe Grotten beleuchtet, Briefe üb. Italien. 2, Thl. 3 34 dabey reich an Cascaden und Waſſerſtreifen, vermit⸗ telſt deren die Luft fortwaͤhrend friſch bleibt. Im Dunkel dieſer Gewoͤlbe, und unter dem Plaͤtſchern ihrer Gewaͤſſer, kehrt die durch ſo viele Scenen und Erinnerungen aufgeregte Fantaſie des Reiſenden zur Ruhe zuruͤck, und mit erneuertem Verlangen tritt er dann wieder hinaus auf das merkwuͤrdige Truͤm⸗ mer⸗ und Kuͤſtenland. Der Anblick aller dieſer im Alterthume ſo hoch gefeyerten Staͤtten uͤberraſcht heut zu Tage beſonders durch das Mißverhaͤltniß zwiſchen ihrem Umfange und der Beruͤhmtheit, deren ſie ſich in Roms ſchoͤ⸗ nen Tagen zu erfreuen gehabt haben. Unter dem Leſen der Geſchichte jener Zeiten kommt es uns vor, als haͤtten die Ufer von Bajaͤ, um allen jenen Prunk liebenden Roͤmern, welche ſich dieſelben zum Lieb⸗ lingsſitze erkoren hatten, zum Aufenthalte zu die⸗ nen, ein gar weites Gebieth einnehmen muͤſſen. Wer aber in eigner Perſon jene Ruinen durchwandert, er⸗ ſtaunt nicht nur daruͤber, ſondern er kann es wirk⸗ lich faſt nicht begreifen, welch' einen kleinen Raum die Alten fuͤr ihre Luxus⸗Wohnungen beſtimmten. Dafuͤr brachten ſie aber auch ihre Zeit groͤßten Theils im Freyen und in ihren Gaͤrten zu. Solch' ein Gar⸗ ten aber beſtand in nichts weiter, als in einem ſorg⸗ faͤltig verzierten, uͤberaus knapp zugemeſſenen Par⸗ terre, und in jedem Park von mittlerer Groͤße, wie man ſie in Frankreich und England findet, wuͤrde 35 mehr als genug Platz fuͤr den ganzen Flaͤchenraum, den vormahls die ſaͤmmtlichen Villen von Bajaͤ ein⸗ genommen haben, vorhanden ſeyn. Es iſt unſerer Einbildungskraft ſo ſehr zur Ge⸗ wohnheit geworden, mit Allem, was Alt⸗Roͤmiſch heißt, die Idee von etwas Rieſenhaftem zu verbin⸗ den, daß man ſchlechterdings nicht weiß, was man von jener an's Armſelige grenzenden Kleinheit aller der Spuren, welche die Zeit uns von jenem Volke aͤbrig gelaſſen hat, halten ſoll. Man muß ſie mit Augen geſehen haben, um daran glauben zu koͤnnen. In allem, was von buͤrgerlicher und kirchlicher Bau⸗ kunſt noch uͤbrig iſt, laͤßt das Genie der Roͤmer ſich unausgeſprochen. Auch dieſe Werke ſind zwar ſymme⸗ triſch gezeichnet, und mit Kunſt ausgefuͤhrt: Spu⸗ ren aber von eigentlicher Groͤße habe ich nirgends ge⸗ funden, als an den Ruinen der Waſſerleitungen und Amphitheater. Die Roͤmer liebten das Gigantiſche in der Ar⸗ chitectur ganz und gar nicht. Die Geſammtmaſſe aller Tempel des alten Roms mag ſchwerlich ſo viel betragen haben, als die Baſilika von St. Peter al⸗ lein betraͤgt. Die Appiſche Straße war nicht uͤber neun Fuß breit, und die Alten ſetzten ihre Eitelkeit weit weniger darin, ihre Wohnungen zu vergroͤßern, als aber mannigfache Verzierungen in denſelben an⸗ zubringen. Von dem Ziele meiner Reiſe, dem aͤußerſten 3* Puncte des Miſeniſchen Vorgebirges, zwiſchen dem Avernus und den Eliſaͤiſchen Feldern, unweit der Ruinen von Bajaͤ und der Grabſtaͤtten der Roͤmer, ward mir auf ein Mahl die ſchoͤnſte Fernſicht zu Theil, die in dieſer Welt moͤglich iſt. Von den Felſen des Vorgebirges herab erblickte ich Schiffe, die mit guͤnſtigem Winde nach dem Ha⸗ fen von Neapel hinſteuerten. Kleinere Fahrzeuge ohne Zahl durchfurchten den Golf. Die Sonne war im Untergehen begriffen, und ſchien, indeß ſie ver⸗ ſank, einen goldenen Teppich am Himmel zu entfal⸗ ten, waͤhrend, von Ruhe und Stille beherrſcht, die ermuͤdete Erde ſich zu den Myſterien der Nacht in Bereitſchaft ſetzte. Nachdem ich zwey ganze Tage lang alle die ſinn⸗ lichen Eindruͤcke, deren ein ſolches Land empfaͤnglich macht, in ihrer Fuͤlle genoſſen, kehrte ich an einem Abend, ſo ſchoͤn, wie ich mich keines aͤhnlichen zu erinnern weiß, zu Schiffe, unter den froͤhlichen Ge⸗ ſaͤngen der Matroſen, nach Neapel zuruͤck. Sechszehnter Brief. Porticl, 2. Auguſt 1813. So eben komme ich von einem Ausfluge nach dem Veſuv zuruͤck. Von dieſem Berge ſind bereits ſo viele Beſchreibungen vorhanden, daß es beynahe auͤberfluͤſſig ſeyn moͤchte, hiervon noch weiter zu ſpre⸗ chen. Inzwiſchen ſind die Ausbruͤche dieſes Vulkans Naturerſcheinungen von einer ſo großen und erhabe⸗ nen Gattung, daß ich vielleicht Ihre Neugierde nicht unbefriedigt laſſen werde, wenn ich Ihnen, mein verehrter Freund, in moͤglichſt getreuer Dar⸗ ſtellung erzaͤhle, was auch ich an dieſer hoͤchſt merk⸗ wuͤrdigen Stelle des Erdbodens geſehen und erfah⸗ ren habe. Es hat ſich zwar jene furchtbare Scene ſeit ge⸗ raumer Zeit nicht mehr erneuert, gerade als haͤtte die Erde, ermuͤdet von den politiſchen Stuͤrmen, welche auf ihrer Oberflaͤche gewuͤthet, es fuͤr uͤber⸗ fluͤſſig erachtet, das Menſchengeſchlecht auch noch durch die convulſiviſche Erſchuͤtterung ihrer Einge⸗ 38 weide zu ſchrecken. Allein im Jahre 1791 hatte ge⸗ rade zur Zeit meiner Anweſenheit in Neapel ein Ausbruch Statt gefunden. Einen Bericht, den ich damahls in einer von mir herausgegangenen Zeit⸗ ſchrift erſtattet habe, erlaube ich mir, in der Hoff⸗ nung, daß er Ihnen vielleicht einiges Intereſſe ge⸗ waͤhren koͤnnte, dieſem Briefe einzuverleiben. Wir waren im Maͤrzmonath, und ich ſtand ge⸗ rade im Begriffe, nach Rom abzureiſen, um da⸗ ſelbſt die Oſterfeyertage zuzubringen. Es mochte eilf Uhr des Abends ſeyn, als ich in's Hotel von Vene⸗ dig, wo ich logirte, zuruͤckkam. Ich war nicht ſo bald in mein Zimmer getreten, als die Leute im Hauſe herangelaufen kamen, mir zu verkuͤnden, daß der Veſuv anfange, Aſchenwolken aus ſeinem Schlun⸗ de hervor zu treiben, und daß ſich aus ſeinen Flam⸗ men auf einen nahe bevorſtehenden Ausbruch ſchlie⸗ ßen laſſe. Die Luft war warm, wie im Julius, und die Stille eines ſchoͤnen Sommertages beherrſchte die Natur*). *) Um dieſelbe Zeit, von der hier Herr L. ſpricht, hat auch der Ueberſetzer mehr als Ein Mahl den Anlaß gehabt, dieſe Naturer⸗ ſcheinung von ganz eigener Art, zwar unter minder furchtbaren Formen, als die in dieſem Briefe erwähnten, beydes, in der Nähe und aus der Ferne, zu betrachten. Eine beſonders vortheilhafte Stelle, jenen Wunderberg, wiewohl aus einiger Entfernung zu betrachten, war der Hafendamm zu Neapel, in der Nähe des Molo. Von da aus konnte man Stunden lang Zeuge ſeyn, wie nächtlicher Weile der Berg mit 39 Ich beſtieg unverzuͤglich die Terraſſe unſers Hauſes. Ein Aſchenregen, deſſen Fallen man ver⸗ ſpuͤrte, aber mit den Augen nicht wahrnahm, hatte bereits die Atmoſphaͤre verdichtet. Ganz unmerklich und langſam ſielen die Aſchenflocken herab, und ſchichteten ſich nach und nach auf dem Boden alſo auf einander, daß das Geraſſel der Wagen in ihnen erſtickte, und die Landſchaft mit einer dunkeln Faͤr⸗ bung, als mit einem Trauergewande, ſich anthat. Zwiſchen dieſem Dunkel hindurch konnten wir Flammen unterſcheiden, welche, langen Blitzſtrahlen ſeinem vom Gipfel hell auflodernden Feuer, gleichmäßig und ohne Ungeſtüm, zu des Himmels lichtem Gewölbe emporſtrebte. Dieſer Anblick, als der einer Opferſlamme, die aus der endlichen Welt, vom erhabenſten ihrer Altäre, zu der unendlichen aufſtieg, in Verbindung mit dem lauen„hier zu Lande oft ſchon. in den Wintermonathen die Atmoſphäre erfüllenden Frühlings⸗ hauch, mit dem Wellenſpiele der unüberſehbaren Fluthen, dem Funkeln der Sterne, dem Geſange des von ferner Fahrt zurück⸗ kehrenden, die heimathliche Bucht mit Jubel begrüßenden Schif⸗ fers, und dem leiſen Wehen des Lüftchens, das freundlich, als käme es aus der Heimath, Gewäſſer und Locken durchſpielte, dieß alles, geſehen, gehört und verſpürt an der Seite eines ſympathiſirenden Freundes, in einſamer Nachtſtunde, nachdem die Schauſpiethäuſer ſchon ihre ſchauluſtigen Scharen nach allen Quartieren der Stadt ausgegoſſen hatten, das Menſchengewirre, das Wagengeraſſel, und Fackelgeſlimmer erſtorben war, und den Mond im Gefolge, die Nox intempesta ihre feyerliche Stille gleichſam mit Gewalt über die aller Ruhe feindſelige Stadt ver⸗ breitet hatte, rührte, wunderſam einwirkend, je die zarteſten Saiten der Seele, und ließ in dem Gemüthe einen, ſich lange Jahre bey gleicher Friſche und Lebhaftigkeit erhaltenden, Eindruck zurück. A. d. Ueb. 40 gleichend, aus dem Krater des Berges hervorſchoſ⸗ ſen. Mit Einem Mahl fing an ſeinem Seitenabhange, etwa hundert Klafter unterhalb ſeines Gipfels, ein lichter Punct an zu glaͤnzen. Es war dieß ein neuer Krater, welchen die Laven ſich in dieſem Augenblicke durchgebrochen hatten. Jetzt hoͤrte man ein lautes Geſchrey die Straßen der Stadt vielfaͤltig durchtoͤ⸗ nen.„Seht dort,“ hieß es,„die Lava! „Das iſt der neue Krater! Der Berg hat „ſich von dieſer Seite geoͤffnet! Helfe „nur Gott und der heilige Januarius! „Kommt, laßt uns hingehen, ſeinen „Schutz auf uns herabzubitten!“ Wirklich eroͤffneten ſich auf Ein Mahl, und als geſchaͤhe es in Folge einer getroffenen Abrede, die ſaͤmmtlichen Kir⸗ chen; alle Glocken begannen zu ertoͤnen, und die geſammten Einwohner von Neapel begaben ſich auf die Plaͤtze und Straßen hinab. Auch ich ging gegen den Molo hinunter, und miſchte mich, beydes, ihre Unruhe und ihre Neugierde theilend, unter die Men⸗ ſchenmaſſe. Das Schauſpiel, ſo groß es war, hatte gleich⸗ wohl kein feſtliches Ausſehen. Die Blicke aller An⸗ weſenden druͤckten Bangigkeit aus, und waren auf jenen, mit jedem Augenblicke an Breite zunehmen⸗ den Lichtpunct gerichtet. Schon hatten die Prieſter ſich an den Altaͤnen verſammelt, und um ſie draͤng⸗ ten ſich der Glaͤubigen Scharen. Aus Andacht begab 41 ſich das Volk in die Kirchen, und aus Zaghaftigkeit verließ es ſie wieder, und wartete mit Ungeduld auf den Auszug der Prozeſſionen, von denen es ſeine Rettung gewaͤrtigte. Mitten unter religioͤſen Ge⸗ ſaͤngen wurden jetzt die geweiheten Fahnen aus einan⸗ der geſchlagen, und bald ſah man die gottesfuͤrchti⸗ gen Zuͤge ſich zu den Pforten der Tempel hinausbe— wegen. Ueber dem ſie ankuͤndenden Gemurmel zer⸗ theilte ſich, ihnen den Weg bahnend, die Menge, und ſo wie eine ſolche Prozeſſion vorruͤckte, ſchloſſen die Voruͤbergehenden ſich an ſie an. Selbſt die Da⸗ men ſah man aus ihren Wagen ſteigen und mit den Glaͤubigen zu Fuße die Aſche durchwaten. Von allen Straßen her bewegten die Zuͤge ſich nach dem Platze vor dem großen Pallaſt hin, auf deſſen Bal⸗ kon ſich der Koͤnig und die koͤnigliche Familie befan⸗ den, die von dem voruͤberwogenden Volke mit lau⸗ tem Rufen begruͤßt wurden. Auf dem unermeßli⸗ chen Platze ſtießen die frommen Scharen auf einan⸗ der, durchkreuzten ſich, kamen, gingen, und wur⸗ den an Einem fort zahlreicher; bis ſie zuletzt durch ihren eigenen Schrecken erſchoͤpft, ſich entſchloſſen, auf langen Umwegen nach eben den Baſiliken, von denen ſie ausgegangen waren, zuruͤckzukehren. Indeſſen fing gegen Anbruch des Tages das Aſchengewoͤlk an, ſich zu zertheilen, und ſchon die erſten Strahlen des Morgenlichts zerſtreuten den Glanz jenes Feuers, welches die ganze Nacht hin⸗ 42 durch nach der Stadt hinabgeſchimmert hatte. Das Volk faßte nun augenblicklich wieder Muth, und glaubte, als es die Morgenroͤthe heraufziehen ſah, den Himmel beſaͤnftigt. Die große Scene, der man ſo eben beygewohnt hatte, wurde ſofort vergeſſen, und niemand dachte auch nur von ferne daran, daß ſich eben dieß Nachtſtuͤck noch am Abend desſelben Tages wieder erneuern werde. Ich kehrte nun, da das erhabene Schauſpiel, welches die Vulkane gewaͤhren, ſeine Wirkung ein⸗ zig in der Dunkelheit thut, ebenfalls nach Hauſe zuruͤck, und nahm mir vor, dasſelbe in der naͤchſt⸗ folgenden Nacht des Naͤhern in's Auge zu faſſen. Dem zu Folge ging ich gegen ſieben Uhr Abends nach dem Veſuv ab. Mich begleitete ein junger Lieflaͤnder, deſſen Nahmen ich nicht mehr weiß. So wie der Tag zu ſinken begann, fing auch die Flamme des Vulkans wieder an, in hellerm Glanze hervorzutreten. Als wir nach Portici kamen, lehrte uns der Augenſchein, wie viel Weges der Lava⸗ Strom geſtern zuruͤckgelegt habe. Auch erſchien uns jene Lava ſelbſt jetzt nicht mehr als ein flammender Punct, ſondern als ein breiter, ſich langſam dahin⸗ ziehender und nach Willkuͤhr einen Weg vorzeichnen⸗ der Feuerſtrom. Wir ließen unſere Kaleſche zu Por⸗ tici und mietheten uns Fuͤhrer. Dieſe bedienten uns mit Maulthieren zum Hinaufreiten, und trugen Fackeln vor uns her, um unſern Tritten zu leuch⸗ — 43 ten. Letzteres haͤtten wir entbehren koͤnnen, indem die Flammen hinlaͤngliche Klarheit uͤber den Hori⸗ zont ausgoſſen. Jetzt ging es auf rauhem, aus Aſche und Ge⸗ ſtein zuſammengemiſchten Pfade, mitten durch Wein⸗ berge, aufwaͤrts nach der Einſiedeley San Sal⸗ vadore. Unſere Maulthiere, dieſes Weges ge⸗ wohnt, gingen leichten Schrittes einher, ſo daß wir des großen, rings um uns ausgebreiteten, Gemaͤhl⸗ des ganz ungehindert genießen konnten. San Salvadore fanden wir von zwey Ein⸗ ſiedlern, einem Genueſer und einem Pariſer, be⸗ wohnt. Jeder hatte eine beſondere Zelle inne: denn wegen eines unter ihnen entſtandenen Zerwuͤrfniſſes, war ſchon ſeit mehrern Jahren alle und jede Ge⸗ meinſchaft zwiſchen ihnen aufgehoben. Wir nahmen unſere Einkehr bey dem Pariſer, der uns Datteln und Orangen vorſetzte. Der Tag des Feuerſpeyens war ihm ein feſtlicher Tag, nicht weil jene Natur⸗ erſcheinung ſeine Neugierde rege machte, ſondern weil zu ſolchen Zeiten eine große Anzahl von Fremd⸗ lingen ſeine Zelle zu beſuchen pflegt, mit denen er ſich dann nach Herzensluſt unterhalten kann.„ Von der Einſiedeley kehrten unſere Maulthiere, die uns hinfort keine Dienſte mehr leiſten konnten, nach Portici zuruͤck. Nur zwey Fuͤhrer blieben von nun an noch bey uns, um uns den Weg nach dem⸗ jenigen Theile des Berges zu weiſen, uͤber welchen 44 die Lava ſich einen Durchgang gebahnt hatte. Be⸗ vor wir uns wieder auf den Weg begaben, blieben wir noch eine Weile vor der Huͤtte der Einſiedler ſitzen, und vertieften uns in die Betrachtung der feurigen Wolken, welche der Berg rings um ſich her in den weiten Himmel verſchickte. Nach langem Zoͤ⸗ gern wurde aufgebrochen. Wir gedachten, uns dem Lava⸗Strome zu naͤhern, deſſen Richtung jetzt ſchon die ungluͤckliche Stadt Torre del Greco bedrohte. Be⸗ kanntlich wurde ſie damahls gerettet, und fand ih⸗ ren Untergang erſt drey Jahre ſpaͤter. Jetzt ging es auf wenig gebahnten Fußſteigen uͤber Aſche und Schlacken, Anfangs quer durch einen breiten, die Einſiedeley vom obern Theile des Ber⸗ ges ſcheidenden, Thalgrund. Dieſes Thal, in dem weder ein Gebuͤſch gruͤnt, noch ein Graͤschen em⸗ porkeimt, erſtreckt ſich oͤſtlich vom Berge in entge⸗ gengeſetzter Richtung von der Gegend, wo der Aus⸗ bruch Statt fand. Es war einzig vom Wiederſcheine der Feuergewoͤlke beleuchtet. Eine duͤſtere Ruhe herrſchte hier; es war ein Thal des Todes, und ein Wohnſitz ewigen Schweigens. In der heutigen Nacht aber durchwanderten dasſelbe ganze Scharen durch Neugierde herbeygezogener, von der Einſiede⸗ ley nach dem Krater hin⸗ und hergehender Reiſen⸗ den, deren Geſichtszuͤge Fackelſchein erhellte, und die nicht unterließen, ſich, wo ihrer welche zuſammen⸗ trafen, im Vorbeygehen zu gruͤßen. Da man nicht ———— —— 45 wiſſen konnte, zu welcher Nation jeder dieſer Reiſe⸗ zuͤge gehoͤrte, ſo wußte man auch nicht gleich, in welcher Sprache der Gruß jedem derſelben zu biethen ſey. In dieſer Ungewißheit redete man ſich immer zuerſt Franzoͤſiſch an. Fremdlinge, um Mitternacht, an den Abhaͤngen des Veſuvs, bedienten ſich der Sprache des drey hundert Stunden weit entlegenen Frankreichs, um ſich gegenſeitig Gluͤck auf die Reiſe zu wuͤnſchen. Kaum iſt wohl jemahls dem Genius jenes Landes und ſeinem Einfluſſe eine ſchoͤnere Huldigung gebracht worden: war es doch in dieſen Tagen noch nicht die Uebergewalt ſeiner Krieger, welcher es jenen Sieg zu verdanken hatte. Nach einem Marſche von einer Stunde, fingen wir an, mit ziemlicher Beſchwerde uͤber Haufen von Schlacken hinwegzuklettern. Wir ſahen uns genoͤ⸗ thigt, uns uͤber Wege eine Bahn zu brechen, die ſelbſt unſern Fuͤhrern nicht bekannt waren, weil die Lava ſich bey jedem Ausbruche neue Durchgaͤnge aus⸗ wuͤhlt. So traten wir bald in eine durch das Feuer zerſtoͤrte, und einzig durch dasſelbe geſchaffene Welt ein. Die Luft fing an brennend zu werden; ſelbſt in den Steinen unter unſern Fuͤßen ließ ſich Waͤrme verſpuͤren, und uͤber unſern Haͤuptern ſahen wir Purpurwolken, eine blutrothe Straße am Himmel bezeichnend, von dannen ziehen. Wir mochten noch ungefaͤhr eine halbe Meile vom Ziele unſerer Reiſe entfernt ſeyn, als wir einer 46 weiblichen Geſtalt anſichtig wurden, welche mit zwey Fuͤhrern allein auf dem Berge geblieben war. In einen Shawl gehuͤllt ſaß ſie auf einem Felſen, und war mit ihren Begleitern in einem lebhaften Ge⸗ ſpraͤche begriffen. Ihre Ausſprache ließ auf eine Englaͤnderinn ſchließen. Ich redete ſie an, fragte ſie um die Urſache ihrer heftigen Gemuͤthsbewegung, und anerboth ihr meinen Beyſtand. Sie antwortete mir in Franzoͤſiſcher Sprache mit jener Beredſam⸗ keit, welche die Dunkelheit und die Zerruͤttung des Weltalls eingibt. Sie ſey, ſagte ſie, in Begleitung ihres Gemahls und einer ganzen Schar ihrer Lands⸗ leute, bis zu dieſem Felſen gelangt; alsdann haben die Fuͤhrer ihrem Manne weiß gemacht, der uͤbrige Theil der Bergreiſe ſey fuͤr ſie mit zu großen Ge⸗ fahren verbunden. Umſonſt habe ſie Alles verſucht, um die Erlaubniß zur Vollendung des Ganges von ihm auszuwirken; ob ſolchem Thun aber ſey die Ka⸗ rawane, ihrer Bitten und Thraͤnen ungeachtet, wei⸗ ter gezogen, und habe ihr zwey Fuͤhrer zur Bedek⸗ kung zuruͤckgelaſſen. Auch dieſe habe ſie auf keine Weiſe vermoͤgen koͤnnen, ſie vollends hinaufzufuͤh⸗ ren; der Eine ſey ſo unbeweglich geblieben als der Andere. Dem zu Folge hatte die gute Dame die Hoff⸗ nung, ihres Wunſches gewaͤhrt zu werden, wirklich aufgeben muͤſſen, war aber dadurch in einen Zuſtand eigentlicher Verzweiflung verſetzt worden;z denn um 47 jeden Preis wollte ſie eine Naturerſcheinung mit Augen ſehen, von der ſie den außerordentlichſten Eindruck auf ihr Gemuͤth gewaͤrtigte. Ich wagte es, ihr meine Huͤlfe und die Stuͤtze meines Armes fuͤr die kleine noch zuruͤckzulegende Strecke Weges anzubiethen. Sie nahm meinen Vor⸗ ſchlag mit einem Zutrauen an, das mich etwas uͤber⸗ raſchte, obgleich es durchaus in nichts Anderm, als in dem Verlangen, die prachtvolle, durch den Ve⸗ ſuv uns vorzufuͤhrende, Scene mit anzuſehen, ge⸗ gruͤndet war, und trotz der feyerlichen Verwahrung von Seite ihrer Fuͤhrer, wurde der Marſch ange⸗ treten. Ich half der Unbekannten im Gehen etwas nach; ſie ſtuͤtzte ſich auf meinen Arm, und weil wir mit jedem Schritte tief in die Aſche eintraten, und die Schlacken noch dazu unſere Fuͤße verwunde⸗ ten, ſo ging es nur langſam vorwaͤrts. Indeß wa⸗ ren wir der Lava jetzt naͤher gekommen. Bald war es ihr Strom ſelbſt, der unſere Pfade erhellte, und deutlicher bekam ich nun bey dem Scheine des Vul⸗ kans meine Gefaͤhrtinn zu Geſichte. Sie war jung und ſchoͤn; in ihrem blaſſen Antlitze ſprach ſich die Bewegung ihres Gemuͤths aus, und es ſchien, als ſtaͤnde ihr Enthuſiasmus mit der in der Natur herr⸗ ſchenden Verwirrung im Einklang. Je naͤher wir zu dem Hauptbrennpuncte des Lichts gelangten, deſto groͤßer ward auf dem Boden und in dem Ounſtkreiſe die Hitze, und dieſes Symp⸗ 48 tom hatte etwas Schauerliches, das ſich nicht beſchrei⸗ ben laͤßt. Dazu kamen uns ganze Wolken von Rauch entgegengeflogen, vor deren Andrange wir uns dadurch zu verwahren ſuchten, daß wir uns uͤber den Bereich des Windes zu verſetzen trachteten; allein es ſtuͤrmte ſo heftig, daß wir zwey Mahl nicht ohne Lebensgefahr in dieſes brennende Gewoͤlk einge⸗ huͤllt wurden. Auch fing der Boden an, unter un⸗ ſern Tritten zuſammenzuſinken, und unter jedem Stuͤcke Schlacken, das ſich von unſern Fuͤßen in die Abgruͤnde hinabrollte, ſah man helle Flammen her⸗ vorlodern. Nicht ohne große Muͤhſale gelangten wir an das Ziel unſerer Reiſe. Die Befreundeten meiner Gefaͤhrtinn waren ſchon fruͤher dort eingetroffen; allein das ergreifende Schauſpiel, welches ſich vor ihren Augen eroͤffnete, hielt ſie ſolcher Maßen ge⸗ feſſelt, daß ſie unſere Ankunft nicht einmahl be⸗ merkten. Inzwiſchen mußten wir ſie doch anreden, und nicht ohne einige Unruhe gewaͤrtigte ich die Vorwuͤrfe, die ſie uns zu machen berechtigt ſeyn mochten. Da jedoch unſer Wageſtuͤck einen gluͤcklichen Ausgang ge⸗ wonnen hatte, und der Erfolg alle Dinge rechtfer⸗ tigt, ſo hielt man uns unſere Unvorſichtigkeit zu gute, und von nun an blieben wir ausſchließlich an den ſtillen Genuß des erhabenen, unſern Blicken ſich darbiethenden Gemaͤhldes hingegeben. 49 Der Gemahl meiner Begleiterinn auf dieſen brennenden Hoͤhen nannte ſie Florinde. Einen an⸗ dern Nahmen konnte ich nicht in Erfahrung brin⸗ gen. Seit dieſem Ereigniſſe ſind zwey und zwanzig Jahre verfloſſen. Wer weiß aber, ob Florinde nicht gleichwohl dieſe Zeilen zu leſen bekommen wird? In dieſem Falle wird ſie nicht ermangeln, jenes Ber⸗ ges, jener Nacht und jenes Fremdlinges zu geden⸗ ken, der ihre Tritte nach dieſem Feuer⸗Oceane ge⸗ leitet hat. Wir betrachteten gemeinſchaftlich den flammen⸗ den Strom, deſſen Fluthen vor unſern Augen vor⸗ uͤberwogten. Sie floſſen nicht wie die Wellen eines gewoͤhnlichen Fluſſes; vielmehr rollten ſie, wie Truͤm⸗ mer von Felſen, eine uͤber die andere hinweg. Je weiter der Feuerſtrom vordrang, deſto mehr erwei⸗ terte ſich ſein Bett; denn deſto groͤßer wurde die Maſſe alter Schlacken, die er neuerdings in Flam⸗ men ſetzte: ſo daß zuletzt der Berg, ſeinem ganzen Umfange nach, zu brennen ſchien. Bereits hatte der brennende Lava⸗Fluß eine Breite von einigen hundert Fuß gewonnen, und nä⸗ herte in ſeinem furchtbaren Laufe ſich dem Rande eines Abgrundes. In dieſen ſollte er ſich vor Ta⸗ gesanbruch verſenken, und wir wollten den Augen⸗ blick, wo der Sturz erfolgen wuͤrde, abwarten. Wir verſuchten, es mit dem Auge zu ermeſſen, welche Weite der Feuerſtrom noch zu durchlaufen Briefe üb. Italien, a. Thl. 50 habe. Man ſah ihn langſam, aber ohne einigen Unterbruch, naͤher ruͤcken. Vor ihm her geriethen die Schlacken in Flam⸗ men und ſchienen ihm ſeinen Weg zu bereiten. Endlich erreichte er den Rand der Felſen, und ſtuͤrzte mit fuͤrchterlichem Getoͤſe in den Abgrund hinunter. Dann wirbelten Rauchwolken aus der Tiefe herauf; die Winde, von allen Seiten herblaſend, verjagten dieſelben in die Luͤfte, indeß die Laven ſich in jenem Abgrunde auf einander haͤuften und ihn mit ihren Truͤmmern erfuͤllten. Dieſer natuͤrliche Behaͤlter that der Wuth des Stromes Einhalt, und brachte den bereits von ihm bedroheten Wohnſitzen Rettung. Es waͤren mehrere Tage erforderlich geweſen, um ihn mit jener Gluthmaſſe auszufuͤllen, und gluͤckli⸗ cher Weiſe hatte der Ausbruch vor dieſem verhaͤng⸗ nißvollen Augenblicke ſeine Endſchaft erreicht. Drey Jahre ſpaͤter nahm der Lava⸗Strom, dem ſich nun nicht mehr dieſelben Hinderniſſe in den Weg ſtellten, ſeine Richtung nach dem Meere hin, woruͤber die Stadt Torre del Greco unwiederbringlich zu Grunde ging. Jetzt zog der Tag am Horizonte herauf. Der Schimmer der Nacht begann, wie durch eine ſanfte, magiſche Kraft, von ſelbſt zu verſchwinden, und ver⸗ ſchwebte bald vor der Klarheit des Morgenlichts. Auch das Feuer ward blaͤſſer, und bleicher die Duͤnſte. Und was fuͤr unſere Augen allein noch uͤbrig blieb, 51 war der Anblick eines Berges, der ſich ohne gewalt⸗ ſame Anſtrengung in Bewegung erhielt und uͤber ſich ſelbſt hinwegrollte. Es war Zeit nach Hauſe zu kehren; denn die Gegenwart eines durch die Sonne verſchleyerten Feuers iſt hoͤchſt gefaͤhrlich, weil man davon verzehrt werden kann, ohne ſeine Annaͤherung zu verſpuͤren. Wir ſchlugen wieder denſelben Weg ein, auf dem wir den Veſuv erſtiegen hatten, und kamen zuruͤck nach San Salvadore, und von da nach Portici, wo die Wagen unſer warteten. Hier ſchied ich von der ſchoͤnen Unbekannten. Seither i*ſt ſie mir nicht wie⸗ der zu Geſichte gekommen. Siebzehnter Brief. * 1 Rom, 10. September 1813.* Ich erinnere mich, einmahl von Ihnen gehoͤrt zu haben, daß jene Schweizeriſchen Kuͤher, welche Sie in Ihre Beſitzungen nach der Krimm abgeſchickt hat⸗ ten, um dort ihre Heerden zu warten, nach einem nicht gar langen Aufenthalte in jenen fernen Gegen⸗ den, ſich wieder nach Hauſe begeben, und als den einzigen Grund ihrer beſchleunigten Nuͤckkehr nach den heimathlichen Thaͤlern die traurigen Gefuͤhle angegeben haben, womit der Mangel an Baͤumen in den Tartariſchen Steppen ihre Gemuͤther erfuͤllt habe. Ohne dieſen Umſtand— ſollen jene Leute noch ferner hinzugeſetzt haben— wuͤrden ſie gern in der Krimm geblieben ſeyn, indem ihnen durchaus nichts abgegangen ſey, um daſelbſt ein in jeder Hin⸗ ſicht gluͤckſeliges Leben zu fuͤhren. Und ſo waͤren denn, mein verehrter Freund, auch ſolche Menſchen, von denen es ſcheint, als ſollten ſie ausſchließlich mit der Sorge fuͤr ihren leib⸗ lichen Unterhalt beſchaͤftigt ſeyn, einem geheimen Einfluſſe der Fantaſie unterworfen. Ich bin auf meinen Reiſen bemuͤht geweſen, ein zuverlaͤſſiges Reſultat in Betreff dieſes Einfluſſes aufzufinden, das ſich nicht ſelten weit uͤber die Grenzen des Fel⸗ des, das man ihm anweiſen will, hinauserſtreckt, weil ſeine Thaͤtigkeit ohne unſer Wiſſen und ganz ungehindert auf uns einwirkt. Und in der That gibt es unzaͤhlige nicht zu erklaͤrende Stimmungen unſers Gemuͤthes, die wohl einzig durch eben dieſen geheimnißvollen Einfluß, den die lebloſe Natur auf uns ausuͤbt, hervorgebracht werden. Bey den Land⸗ leuten indeß, welche hauptſaͤchlich die Macht der Ge⸗ wohnheiten beherrſcht, ſind uͤberhaupt nur leiſe Spu⸗ ren einer ſolchen Reizbarkeit wahrzunehmen. Einzig bey den herumziehenden Hirtenvoͤlkern bin ich im Falle geweſen, eigentliche, durch den Anblick der laͤndlichen Natur erzeugte, Eindruͤcke zu entdecken. Dieß hat ſeinen Grund darin, daß gerade dieſe Menſchen ein beſchauendes und von Ruhe beherrſch⸗ tes Leben fuͤhren, in deſſen einfoͤrmigem Gange je⸗ des Naturereigniß einen gewiſſen Grad von Wich⸗ tigkeit gewinnen muß. So wie es dieſen Leuten nicht an Zeit fehlt, jene Ereigniſſe zu beobachten, ſo wird es ihnen auch zum Beduͤrfniſſe, dieſelben, um ſich davor in Sicherheit zu ſetzen, vorauszuſehen. Dabey leben ſie mitten in jener Natur, ſo zu ſagen, vereinzelt, und ſuchen in den Eindruͤcken, die ſie von 54 ihr empfangen, die Gefuͤhle und Worte, die keine Geſellſchaft ihnen mittheilt. Auch iſt bey jenen nomadiſchen Hirten in der Regel unter einer rauhen Huͤlle ein Verſtand und eine Art von Gleichguͤltigkeit in Betreff der Angele⸗ genheiten des Lebens zu finden, deren Originalitaͤt mich jedes Mahl in Erſtaunen ſetzte. Aber auch auf die eigentlichen Landbauer ſcheint der Anblick der Gegenden, die ſie bearbeiten, einen merklichen Einfluß zu haben, der, wenn er auch nicht im eigentlichen Sinne des Wortes ſichtbar iſt, gleichwohl auf ihren Charakter nicht ohne Wir⸗ kung bleiben mag. Iſt dieſe Vorausſetzung einiger Maßen gegruͤndet, ſo muͤſſen unter allen Landbauern die des Koͤnigreichs Neapel das guͤtige Wohlwollen der Vorſehung am lebhafteſten verſpuͤren, indem die Gegenden, in deren Schooße ſie ihre Tage verbrin⸗ gen, die ſchoͤnſten auf dem Erdboden ſind. Die Fruchtbarkeit dieſer Landſchaften vermindert die An⸗ ſtrengungen des Landmanns und verſuͤßt ihm ſein Leben, indeß, vermoͤge des nahen Beyſammenſeyns von Bergen, Meeren und Thaͤlern, ihm uͤberall die mannigfaltigſten Bilder der Schoͤnheit dieſes Erd⸗ ſtriches vor Augen liegen. Je weiter hinab man nach Suͤden gelangt, deſto reicher und groͤßer erſcheint dieß Land, welches die Vulkane wechſelweiſe zerſtoͤren und neu ſchaffen. Auch habe ich mich eben aus dieſer Urſache nicht ent⸗ ſchließen koͤnnen, ſo ſchnell und auf dem aus mei⸗ nen Briefen Ihnen bereits bekannten Wege nach Rom zuruͤckzukehren. Lieber wollte ich noch etwas tiefer in das Koͤnigreich Neapel eindringen, um je⸗ ner morgenlaͤndiſchen Temperatur und des Anblik⸗ kes jener herrlich laͤndlichen Lagen noch laͤngere Zeit und nach Herzensluſt genießen zu koͤnnen. In einem leichten, auf ein Fahren uͤber unge⸗ ſchlachte Wege eigens berechneten, Fuhrwerke verließ ich Neapel, ohne uͤber meinen Reiſeplan etwas Be⸗ ſtimmtes mit mir ſelbſt ausgemacht zu haben. Schon begann die Sonne minder heftig zu brennen; die Naͤchte waren bereits laͤnger geworden, und ein rei⸗ ches Maß von Regen hatte ſowohl die Luft abge⸗ kuͤhlt, als den Staub niedergeſchlagen. Unmoͤglich haͤtte ich eine guͤnſtigere Jahrszeit zu meinem Aus⸗ fluge waͤhlen koͤnnen. Ich ſchlug die Straße von Portici ein, und machte erſt zu Pompeji Halt, wo ich die uͤbrige Zeit des Tages zubrachte. Ich will Ihnen nicht wieder⸗ hohlen, was Andere mit beredter Zunge von dem einsmahligen Eindrucke geſagt haben moͤgen, den der Anblick der dortigen ſchoͤnen Ueberreſte aus dem Alterthum in dem Gemuͤthe der Reiſenden hervor⸗ bringt. Unter ihrer Aſchendecke ſind die Gebaͤude von Pompeji gleichſam wie neu geblieben, und menſchliche Weſen, die darin wohnten, ſind das Ein⸗ zige, was ihnen abzugehen ſcheint. Ungemein ha⸗ 56 ben ſich ſeit vier Jahren die Nachgrabungen in die⸗ ſer Stadt erweitert. Ein ganzes Quartier iſt aus⸗ gegraben worden, deſſen Bauart und Eleganz auf Wohnungen reicherer Beſitzer hinweiſ't, als in den fruͤher aufgedeckten Haͤuſern vermuthlich gewohnt haben. Auch ein zweytes Stadtthor hat man her⸗ ausgefunden. Noch einige Jahre Arbeit,— und Pompeji wird ſeinem ganzen Umfange nach aus dem Grabe, worin es ſo manche Jahrhunderte hindurch gelegen hat, wieder an das Licht des Tages hervor⸗ gehen. Unter allen Ruinen Italiens, und vielleicht des ganzen Erdbodens, nehmen wohl dieſe das In⸗ tereſſe des Wanderers am lebhafteſten in Anſpruch. Von allem, was ihm hier vor Augen liegt, beruht nichts auf bloßen Vermuthungen. Die Fantaſie hat durchaus nichts weder herzuſtellen, noch vorauszu⸗ ſetzen. Alles iſt ſo verblieben, wie es die Roͤmer gelaſſen haben; ſo wie auch Alles auf Roͤmiſche Sit⸗ ten und Gewohnheiten hinweiſ't. Man lebt mit und unter den Roͤmern, bedient ſich ihrer Geraͤth⸗ ſchaften, ſitzt mit ihnen zu Tiſche, betrachtet ihre Gemaͤhlde und Zeichnungen, und lieſ't ihre Hand⸗ ſchriften. Der ganze, ſeit dem Tage, da Plinius ſeinem Tode hierher entgegenkam, verfloſſene Zeit⸗ raum ſcheint verwiſcht zu ſeyn, und es iſt, als ſchriebe ſich alle, was man vor Augen hat, von geſtern her. Lange verweilte ich dabey, den Nachgrabenden ——-—— —.— 57 bey ihrer Arbeit zuzuſchauen. Sie waren eben in das Innere eines Hauſes eingedrungen, und gerade jetzt ſollte jeder neue Schaufelwurf eine neue Ent⸗ deckung an's Licht foͤrdern.. Nichts von allem, was im menſchlichen Leben vorkommt, hat fuͤr mich ein ſo lebhaftes Intereſſe, als ein ſolches Nachgraben in einem beruͤhmten Erd⸗ reiche. Hoffnung und Neugierde bewegen das Ge⸗ muͤth, und durch die Erinnerung an all' das Hiſto⸗ riſche, welches ein ſolcher Augenblick der Entdeckung wieder vergegenwaͤrtigt, wird die Einbildungskraft aufgeregt. Unwillkuͤrlich bleibt der Blick auf die Kelle geheftet, deren der Arbeiter ſich bedient, um mit Vorſicht, und nicht ohne Beſorgniß, daß die Ge⸗ genſtaͤnde, welche das Ungefaͤhr ihm in den Wurf bringt, zertruͤmmern moͤchten, die Aſchendecke aus einander zu ſchieben. Ich ſtand mit unverwandten Augen bey den Grabenden. Noch waren ſie damit beſchaͤftigt, die Aſche mit ihren Schaufeln auf Schubkarren zu la⸗ den. Bald aber kam eine in Fresco bemahlte Mauer zum Vorſchein, und niedliche Arabesken fingen eine nach der andern an, aus ihrem Aſchengrabe hervor⸗ zugucken. Wir hofften, durch ihre Medaillons uns, wer weiß, welches Geheimniß des Alterthums ent⸗ huͤllt zu ſehen, aber unſerer Hoffnung entgegen, fan⸗ den ſich bloß Liebesgoͤtter und Bacchantinnen auf denſelben abgebildet. 58 Inzwiſchen ward durch die ununterbrochene Ar⸗ beit jenes Gemach der Aſche, womit es von oben bis unten angefuͤllt geweſen war, allmaͤhlich entla⸗ ſtet, und man naͤherte ſich bereits ſeiner untern Re⸗ gion. Jetzt verdoppelten die Grabenden ihre Vor⸗ ſicht, weil man Geraͤthſchaften und andere Gegen⸗ ſtaͤnde von Werthe zu finden vermuthete. Wirklich ſtieß die Mauerkelle auf einen harten, Widerſtand leiſtenden Koͤrper. Langſam ſchob der Arbeiter die Aſchendecke aus einander und traf auf einen Zierath von Erz. Bald ſah man niedlich gearbeitete Blaͤtter der Erde entſteigen. Dieſe Blaͤtter hingen an Zwei⸗ gen, und von dieſen ſchimmerten Orangen herab. Der Stamm des Baumes ruhte in einem ihm als Fußgeſtell dienenden Gefaͤße von demſelben Metall. Dieſes mit den geſchmackvollſten Farben ausgeſtat⸗ tete Stuͤck war nichts weiter, als ein eherner Leuch⸗ ter, deſſen Fruͤchte Lampenſchnaͤbel trugen und den Glanz von zwanzig Lichtern verbreiteten. Es laͤßt ſich kein natuͤrlicheres und gefaͤlligeres Kunſtwerk denken, als dieſer Leuchter, den ich nach zweytau⸗ ſend Jahren, ſo rein und glaͤnzend, als er einſt aus der Hand des Kuͤnſtlers hervorgegangen, wieder an die Tageshelle treten ſah. Neben dieſem ehernen Kunſtwerke und auf dem gleichen Geſtelle ward auch noch ein Bruſtbild des Marius vorgefunden. Ich ſchmeichelte mir, von noch anziehendern Entdeckungen Zeuge zu ſeyn, al⸗ 2 59 lein die Nacht machte dem Nachgraben fuͤr heute ein Ende. Arbeiter und Antiquare kehrten nach Hauſe, 1 und ungern folgte ich ihnen. Die kurze Zeit, die ich hier zubrachte, machte es mir begreiflich, wie man, ohne irgend etwas von Ermuͤdung oder langer Weile zu verſpuͤren, ſein ganzes Leben an einem ſolchen Orte verbringen koͤnne. Den andern Tag fuhr ich fort, den Umriſſen des Golfes, gegen das Vorgebirge von Sorrent hin, nachzugehen. So wie ich mich weiter vom Veſuv und ſeinem ſchlackenbedeckten Fuße entfernte, trat ich wieder in eine reizende Gegend ein, deren Grund und Boden aus Aſche beſteht. Den Weg faßten Wohnungen ein, die groͤßten Theils beguͤterten Nea⸗ politanern als Land⸗ und Luſthaͤuſer dienen. Die Kunſt hat dieſelben mit mancherley Zierathen ausge⸗ ſtattet, und die meiſten waren in Fresco bemahlt und mit Statuen nach Antiken ausgeſchmuͤckt. Die Dachungen dieſer Gebaͤude ſind mit Dockengelaͤndern eingefaßt, von denen mancherley Stauden und Strauchwerk herabgruͤnen. In dieſe Luftgebuͤſche be⸗ gibt ſich der Neapolitaner, um der Kuͤhle des Abends und des Hinblickes auf die lachende Umgegend zu ge⸗ nießen. Um dieſe Pavillons her ſieht man eben nicht ſehr weitlaͤufige, aber durch Gaͤrtnerſorgfalt auf einen hohen Grad verſchoͤnerte Gaͤrten, auf deren Portalpfei⸗ lern, in großen aus Lava⸗Bloͤcken ausgehauenen Ge⸗ faͤßen, breite Aloepflanzen ihre Blaͤtter entfalten. 60 Der Anblick dieſer ſo ſorgfaͤltig geordneten Land⸗ ſitze, in denen Alles an den ausgeſuchten Geſchmack der Alten erinnert, hat etwas Wohlgefaͤlliges, und jenes Gemenge regelmaͤßiger, mitten in einer laͤnd⸗ lichen und fruchtbaren Natur aufgeſtellten Kunſt⸗ werke iſt nicht ohne Schoͤnheit. Nachdem ich eine geraume Zeit ein reiches und ſtark bevoͤlkertes Ufer verfolgt hatte, gelangte ich nach Caſtellamare. Die Vulkane, gleich als woll⸗ ten ſie den Landeseinwohnern wenigſtens einen entzuͤckenden Landaufenthalt unbeſchaͤdigt erhalten, haben dieſer oͤſtlichen Kuͤſte der Bucht von Neapel bis jetzt noch nicht die mindeſte Beſchaͤdigung zuge⸗ fuͤgt, und uͤber Pompeji hinaus findet ſich in der ganzen Landſchaft von dem durch den Veſuv ver⸗ urſachten Unheile nicht die mindeſte Spur mehr. Die Natur erſcheint jung und jugendlich kraͤftig, und der Boden, der in unmerklichen Senkungen ſich laͤngs der Kuͤſte des Meeres hinzieht, traͤgt in buntem Gemenge Oliven, Orangen, den Maulbeer⸗ baum und den Weinſtock. Dieſer vom Himmel vor⸗ zuͤglich beguͤnſtigte Erdſtrich nimmt die ganze Weite zwiſchen Sorrent und Salerno ein, und wird mit dem Nahmen Piave di Sorrento bezeichnet. Die Ebene von Sorrent ſelbſt iſt, ſo zu ſagen, der einzige Theil des Koͤnigreichs Neapel, in welcher ſich der Einfluß eines zweckmaͤßigen und thaͤtigen Gewerbfleißes verſpuͤren laͤßt. Eben dieſe ſchoͤne Ge⸗ 61 gend iſt es auch, in welcher die Landbauer mit dem erwuͤnſchteſten Erfolge verſucht haben, die, vermöge der immer allgemeiner werdenden Beduͤrfniſſe des geſellſchaftlihen Lebens, unentbehrlich gewordene Baumwollen⸗Cultur einzufuͤhren. Es war zwar dieſe Cultur ſchon fruͤherhin im Koͤnigreiche Neapel bekannt geweſen; indeſſen hatte ſie ſich bis auf die letzten Jahre auf ganz kleine Strecken Landes be⸗ ſchraͤnkt erhalten; weil ſie fuͤr den keinesweges in's Große gehenden oͤrtlichen Verbrauch hinreichte. So wie man aber, in Folge des Continental⸗Sy⸗ ſtems, den Werth jener Pflanze ſich erhoͤhen ſah, fing man auch an, den Anbau derſelben, je laͤnger, je mehr, in's Große zu treiben: und nahmentlich haben es die Landbauer dieſer Gegenden, indem ſie die natuͤrlichen Vortheile ihres Klimas benutzten, ſchon im Jahr 1812 dahin gebracht, nicht weniger als 60,000 Ballen Baumwolle fuͤr die Fabriken von Europa zu liefern. Die Gegenden, durch welche mich meine dieß⸗ mahlige Wanderung fuͤhrte, verſprachen auch fuͤr das laufende Jahr eine reichliche Ausbeute, und mir machte der Gedanke, daß jenes Erzeugniß allein, in kurzem, manche Familien, die ſich in ihrem ganzen Leben nicht haͤtten ſchmeicheln duͤrfen, zu einem auch nur mittelmaͤßigen Grade von Wohlſtand zu gelan⸗ gen, in recht gute Umſtaͤnde verſetzen werde, den An⸗ blick dieſer Landſchaften ſelbſt noch um deſto intereſſanter. Ich habe nicht ermangelt, theils in Betreff der Methode, deren ſich die Paͤchter von la Piave di Sorrento bedienen, um die Baumwolle im Großen zu pflanzen, theils uͤber die Art und Weiſe, wie ſie dieſen Zweig des Anbaus in ihr uͤbriges Cultur⸗Sy⸗ ſtem zu verflechten gewußt haben, Erkundigung ein⸗ zuziehen. Aus dieſen Berichten ergibt ſich, daß die hieſi⸗ gen Bauern ſich darauf beſchraͤnken, den Boden im Monath Maͤrz mit der Schaufel umzugraben, und die Baumwolle in Linien, die drey Fuß weit von einander abſtehen, anzuſaͤen. Die Pflanzen laͤßt man, der Laͤnge jener Linien nach, in Zpiſchenraͤu⸗ men von zwey Fuß, aufwachſen. Der Boden iſt fett genug, um keines Duͤngers zu beduͤrfen: nur muß er fortwaͤhrend rein gehalten werden; auch ſind die Weiber, ſo lange die Jahrszeit der Baumwolle dauert, beſchaͤftigt, die mit dieſem Producte be⸗ pflanzten Felder zu gaͤten und die Schmarotzerpflan⸗ zen zu vertilgen. Sobald die Bluͤthenzeit voruͤber iſt, und die Kapſeln ſich ſo weit gebildet haben, daß ſie zur Zeitigung einzig noch der Sonne beduͤrfen, werden die Zweige an den Enden abgeknickt, und dadurch der geſammte Saft nach den Fruͤchten hin⸗ gezogen. Die Baumwollenernte dauert eine geraume Zeit, und beſteht darin, daß man die Kapſeln nach Maß⸗ gabe ihrer Zeitigung abbricht. Dann darf die Baum⸗ 63 wolle einzig noch geſaͤubert, d. h. ſie ſelbſt von ihren Koͤrnern geſondert werden. Dieß aber iſt eine lang⸗ wierige, ſehr in's Kleinliche gehende Arbeit, die man, ich weiß nicht, mit welchem Erfolge, bereits auch durch Maſchinen zu vereinfachen verſucht hat. Was das Aſchenland betrifft, ſo geſtattet das auf demſelben eingefuͤhrte Cultur-Syſtem, in Be⸗ treff deſſen einer meiner fruͤhern Briefe das Na⸗ here enthalten hat, nicht, den Baumwollenbau auf irgend eine Art in dasſelbe einzuſchieben. Man mußte vielmehr, um ihm eine Stelle anzuweiſen, in der bisher befolgten Ordnung eine Abänderung treffen, und aus dieſer entſtand die nachſtehende Cultur⸗Folge, die Ihrer Aufmerkſamkeit, mein ver⸗ ehrter Freund, um ſo mehr werth iſt, da man ſich ſchwerlich eine beſſer eingerichtete und ergiebigere denken kann. Die Landbauer konnten die verſchiedenen Ern⸗ ten, die das bisher befolgte Syſtem ihrer Land⸗Oe⸗ konomie ihnen lieferte, zu ihrem Unterhalte nicht entbehren. Sie fuhren daher fort, ihre Koppel⸗ wirthſchaft mit dem Anbau des Tuͤrkiſchen Weizens zu beginnen, der eine beſondere Duͤngung des Erd⸗ reichs erfordert. Hierauf folgt Korn, unmittelbar aber nach der Ernte werden Bohnen angeſaͤet. Dieſe Pflanze, die bloß zu Winterfutter fuͤr das Vieh be⸗ ſtimmt iſt, wird zeitig genug verbraucht, daß ſich, ohne irgend ein Hinderniß, der Boden Ende Maͤrzes, 64 zum Empfange des Baumwollenſamens bereiten laͤßt. Nach Einſammlung der Baumwolle wird in dem naͤhmlichen Herbſte noch Getreide angeſaͤet, worauf man unmittelbar Klee mit purpurfarbiger Bluͤthe folgen laͤßt. Auf den Klee wachſen Melonen. Ha⸗ ben dieſe ihre Frucht geliefert, ſo werden alſobald Huͤlſenfruͤchte gepflanzt, welche den Boden bis zum naͤchſten Fruͤhjahre beſetzt halten, wo man dann dieſelbe Wirthſchaftseintheilung von vorn wieder an⸗ faͤngt. Ein nach der erwaͤhnten Cultur⸗Ordnung bebautes Grundſtuͤck liefert demnach: Im erſten Jahr: Tuͤrkiſchen Weizen;(mit Duͤn⸗ ger.) — zweyten— Korn, und dann Huͤlſenfruͤchte; — dritten— Baumwolle; — vierten— Korn, nebſt wildem Klee; — fuͤnften— Melonen, und hierauf aber⸗ mahls Huͤlſenfruͤchte; folglich in Zeit von fuͤnf Jahren acht Ernten, wo⸗ von zwey aus Cerealien, drey aus Huͤlſenfruͤchten beſtehen, zwey zum Unterhalte fuͤr das Vieh be⸗ ſtimmt ſind, und eine ein Handels⸗Product abgibt. Es waͤre durchaus unmoͤglich, die verſchiedenen Ernten zweckmaͤßiger an einander zu reihen. Vermoͤge der verſchiedenen Anbauungsweiſen, welche jene Gewaͤchſe erfordern, und der Ungleichheit ihrer Vegetation, erhaͤlt das Erdreich wechſelweiſe Zubereitung und Ruhe, und iſt in Kraft dieſes Wechſels im Stande, ————COCOCO—CQCQCOQOQ—CQCQCQC—CQOꝭ—OBñB—BQOC:YQNůXoãQ—— ſeine, alles, was der Erdboden zum Behufe der menſchlichen Induſtrie zu liefern vermag, hervor⸗ bringende Fruchtbarkeit zu behaupten. Das eben beſchriebene Wirthſchafts⸗Syſtem ſcheint mit ſo viel Einſicht ausgedacht, und der Baum⸗ wollenbau ſo geſchickt in dasſelbe eingereiht und mit ſolcher Sparſamkeit angeordnet, daß dieſe Cultur vermuthlich auch nach dem Frieden im Koͤnigreiche Neapel weiter betrieben werden, und im Stande ſeyn duͤrfte, die Concurrenz mit der Amerikaniſchen Baumwolle, nicht ohne Vortheil, auszuhalten. Die Landes⸗Cultur wird in den Colonien noch mit ſo geringen Kenntniſſen betrieben, und iſt noch ſo we⸗ nig durchgefuͤhrt, daß die Europaͤer, wenn das Clima ſie auch nur einiger Maßen beguünſtigen ſollte, ohne anders den Vorſprung vor den Coloniſten be⸗ haupten muͤſſen, deren Wiſſen ſich zur Stunde le⸗ diglich darauf beſchraͤnkt, den Boden durch wieder⸗ hohlte Ernten der naͤhmlichen Gattung auszuſaugen, ohne auf irgend eine Maßregel zu Wiederherſtellung der verbrauchten Kraͤfte bedacht zu ſeyn. Der bedeutende Werth der Baumwolle, welche der kleine Sorrentiniſche Bezirk liefert, hat mich auch darauf aufmerkſam gemacht, was fuͤr ein klei⸗ ner Raum erforderlich waͤre, um ganz Europa mit den zum Behufe ſeines Handels erforderlichen Pro⸗ ducten zu verſehen; vorausgeſetzt naͤhmlich, daß der Anbau jener Erzeugniſſe nach einer beſtimmten Me⸗ Briefe üb. Italien. 2. Thl. 5 thode, und nach dieſer allein, betrieben wuͤrde. Wo der Boden bloß mittelmaͤßig iſt, und das Brach⸗ Syſtem geuͤbt wird, verſchlingt der Local⸗Verbrauch den groͤßten Theil der Ernten; nur der kleinere Theil des Ertrags wird auf die Maͤrkte gebracht, und die Cultur geht ohne Unterlaß auf ſich ſelbſt zu⸗ ruͤck. Ein ſolches Wirthſchafts⸗Syſtem liefert im⸗ mer den gleichen, noch dazu ſehr beſchraͤnkten Er⸗ trag, und nichts weiter. Und da nach demſelben nur eine ſehr geringe Quote der Landeserzeugniſſe zum Behufe des Kunſtfleißes disponibel bleibt, ſo kann es zwar wohl den National⸗Wohlſtand einiger Maßen erhalten helfen; auf keinen Fall aber zur Vergroͤßerung desſelben beytragen. In den Brach⸗ laͤndern herrſcht in allen Beziehungen ein fortwaͤh⸗ render Stillſtand. Hinwieder erſtaunt man uͤber den ungeheuern Werth desjenigen, was ſich nicht ſelten an Handels⸗Producten alljaͤhrlich in einem Boden erzeugen laͤßt, der an ſich zwar beſchraͤnkt iſt, dagegen aber mit ſolcher Einſicht und Thaͤtigkeit be⸗ baut wird, daß ſeine Producte den Bedarf des oͤrt⸗ lichen Verbrauches weit uͤberſteigen, und ein be⸗ traͤchtlicher Vorſchuß zum Gebrauche fuͤr den aus⸗ waͤrtigen Handelsverkehr uͤbrig bleibt. Um ſolche Gegenden her geraͤth alles in Bewegung und Leben, und es wird ſchnell eine Maſſe von Tauſchhandel ge⸗ bildet, wodurch der allgemeine Wohlſtand ſich un⸗ verſehens hoͤher hebt. 67 So erzeugte vormahls ein nichts weniger als bedeutender Theil von Saint Domingue ſo viel Zuk⸗ ker, als in der Haͤlfte von Europa verbraucht ward. Eben ſo geht aus einem einzigen ausgetrockneten Sumpfe der Flachs hervor, dem Belgien ſeinen Reichthum zu verdanken hat. Ein enger, zwiſchen zwey mit Tannen bewachſenen Gebirgen eingeſchloſ⸗ ſener, Thalgrund befindet ſich im ausſchließlichen Beſitze der Fabrikation der Gruyères⸗Kaͤſe, deren Ausfuhr ſich bis nach Indien erſtreckt, und eben ſo bin ich uͤberzeugt, daß das Koͤnigreich Neapel leicht, und ſeinem eigenen Verbrauche unbeſchadet, den groͤßten Theil der Baumwolle, den die Beduͤrfniſſe von Europa fordern, wuͤrde liefern koͤnnen. Die Ebene von Sorrent, gleich einer Halbinſel vom Meere umfloſſen, erſtreckt ſich bis nach Sa⸗ lerno. Weiter hinaus, in geringer Entfernung von dieſer Stadt, tritt man ſchon wieder in eine Ma⸗ remme, d. h. in ein Land ein, wo die verpeſtete Luft herrſcht. Auch das Koͤnigreich Neapel iſt von dieſer Landplage nicht gaͤnzlich frey. Dieſelbe er⸗ neuert ſich in noch mehrern aͤhnlichen Gegenden laͤngs dem Ufer des Mittelmeers: hingegen die Kuͤ⸗ ſten des Adriatiſchen Meerbuſens bleiben davon gaͤnz⸗ lich unangefochten. Solche ungeſunde Gegenden thun durch das Aufhoͤren aller Cultur, und durch den Mangel an laͤndlicher Bevoͤlkerung, ihr Vorhandenſeyn von ſelbſt 5.* kund. Der Boden iſt daſelbſt in große Beſitzthuͤmer vertheilt, welche das Ausſehen von Wuͤſteneyen ha⸗ ben. So wie man in ein ſolches Stuͤck Land ein⸗ tritt, verlieren die Pfade ſich in der Raſenbeklei⸗ dung, und es bleibt vom Wege nur hier und da eine ſchwache Spur uͤbrig, die kaum hinreicht, den Wanderer vor dem Irregehen ſicher zu ſtellen. Steineichen, Aloepflanzen und Cypreſſen ent⸗ wachſen hier und da einzeln dem Kraͤuterwerke dieſer Maremme; denn je tiefer hinab man nach Suͤden ſich wendet, deſto uͤppiger und kraftvoller wird auch der Pflanzenwuchs. Aus der Umkraͤnzung von Fei⸗ genbaͤumen ſah man von fern, bald da bald dort, einige Roͤmiſch⸗Gothiſche Ruinen emporſteigen. Auch bekam man neben dieſen Truͤmmern etwa Hirten zu Geſichte, die, mit Lanzen bewaffnet, von dort aus den Gang ihrer Herden beobachteten. Oft ſah man dieſe Leute auch, auf einem raſchen Pferde, hinaus galoppiren an die aͤußerſte Grenze des Geſichtskrei⸗ ſes, als beſtrebten ſie ſich, einer Gefahr zu entflie⸗ hen; indeß die Herden, welche ihrer Sorge anver⸗ traut ſind, nicht weniger wild als ihre Huͤther, die Umgegend durchſtreiften. Mit ſtupidem Erſtaunen betrachteten dieſe ſcheuen Thiere jeden neuen Gegen⸗ ſtand, den das Ungefaͤhr in ihre Beſitzthuͤmer ein⸗ fuͤhrt. Wohl bekannt und eingehauſ't in dieſen Ebenen, deren alleinige Bewohner ſie ſind, wollen ſie nicht dulden, daß irgend jemand dieſen von der — Vorſehung ihnen angewieſenen Wohnſitz mit ihnen theile. 4 Die wilden Weideplaͤtze der Neapolitaniſchen Maremmen, haben nicht einmahl, gleich denen in der Campagna di Roma, ein Caſale im Mittelpunct einer jeden Beſitzung, noch gehoͤren, wie dort, alte Ueberreſte noch bewohnbarer Burgflecken dazu.— Eben ſo wenig erfreuen ſie ſich des Vorrechts jenes beruͤhmten, alles adelnden Nahmens. Die Hirten haben in dieſen Einoͤden keinen andern Zufluchtsort, als Huͤtten von Schilfrohr, und ihre Herden, in der Umgegend gelagert, wiederkaͤuen daſelbſt friedlich in naͤchtlicher Stille. Der Wanderer, nachdem er eine geraume Zeit ſeinen Weg durch dieſe Maremmen verfolgt hat, wird endlich am aͤußerſten Horizonte einige einſame, aber wohl erhaltene und von den Verheerungen der Zeit verſchont gebliebene Gebaͤude gewahr, die im⸗ mer groͤßer werden, je mehr er ſich ihnen naͤhert, und zuletzt in rieſenhaften Formen vor ſeinen Augen ſtehen. Das Ganze entwickelt ſich endlich zu einem maſſiven Saͤulengange und regelmaͤßigen architecto⸗ niſchen Geſtalten. Dieſe Denkmaͤhler, deren Archi⸗ tectur auf eine weite Entfernung in's Auge faͤllt, und deren Umriſſe in das azurne Himmelsgewoͤlbe einſchneiden, ſind die drey Tempel von Paͤſtum, das aͤußerſte Ziel, welches der nach Italien reiſende Aus⸗ laͤnder in der Regel ſich vorſetzt. Von allen Ruinen Italiens ſind dieß die aͤlteſten und impoſanteſten. Das Zeitalter, aus welchem ſie ſich herſchreiben, iſt unbekannt; man nennt es das Zeitalter der Heroen, weil es nicht ſchwer haͤlt, Heroen da ihren Platz an⸗ zuweiſen, wo die Geſchichte des Menſchengeſchlechtes nicht mehr hinreicht; dieſe Tempel ſind von Roms langer Geſchichte Zeugen geweſen; ſie haben auch das Ende derſelben mit angeſehen, und ſcheinen be⸗ ſtimmt, einſt auch an dem letzten aller Tage zur Schau zu ſtehen. In welche Periode der Geſchichte, in welches der Weltalter muß man die Epoche des Daſeyns jener unbekannten, aber in Erſtaunen verſetzenden Nationen verweiſen, die ſolche koloſſaliſche Mauern in Italien auffuͤhrten, waͤhrend ſie in Afrika die Pyramiden von Gize und die Anfahrt der Sphinpe erbauten? Hieruͤber ſchweigt die Geſchichte, und gibt uns von den Wundern eines Zeitalters nichts zu vernehmen, deſſen Denkmaͤhler, weil ſie die Kraͤfte irdiſcher Weſen zu uͤberſteigen ſcheinen, un⸗ ſere Vernunft, und ſelbſt unſere Fantaſie in Ver⸗ wirrung bringen. Kein Menſch und nichts in der Natur iſt bis zur gegenwaͤrtigen Stunde vermoͤgend geweſen, den Schleyer von den wunderſamen Ge⸗ heimniſſen jener in Denkmaͤhlern ſich ausſprechenden Sittigung hinwegzuziehen; einer Sittigung, die groß genug war, um heut zu Tage noch die Welt durch ihre Truͤmmer in Erſtaunen zu ſetzen, und 2 einſt religioͤs genug, um ihren Goͤttern Koloſſen zu Altaͤren, und ihren Abgeſtorbenen Berge zu Graͤ⸗ bern zu weihen. Wie iſt es aber moͤglich geweſen, daß alle und jede Spuren ſolcher Giganten⸗Staͤmme haben erloͤ⸗ ſchen koͤnnen, bey denen der Mammuth als Haus⸗ thier einheimiſch war, und die ſich ihre Verſchanzun⸗ gen aus Felſen auffuͤhrten? Von den Ruinen, die ſie uns uͤbrig gelaſſen, wird das Gemuͤth um deſto ſtaͤrker ergriffen, weil wir den Genius jener Jahrhunderte, die ſolche Voͤl⸗ ker entſtehen ſahen, weder begreifen noch ahnen koͤnnen. Es iſt dieß eine Welt, deren Geheimniſſe nicht bis auf unſere Tage hindurchgedrungen ſind, und alles, was uns uͤbrig bleibt, iſt, vor den hehren Monumenten jenes Weltalters, welche die Zeit uns dadurch erhalten hat, daß ſie denſelben ihren Platz in einer Wuͤſte anwies, in das Gefuͤhl unſerer Ohn⸗ macht zu verſinken und zu ſchweigen. Die Ruinen, wovon ich Ihnen geſprochen habe, ſind ſo maſſiv, daß die Natur in unſern Tagen nicht einmahl Kraft genug zu beſitzen ſcheint, um ſie zu zerſtoͤren, und durch die Laͤnge der Zeit hat die Erde ſich ſo ſehr daran gewoͤhnt, dieſelben in ihrem Schooße zu tragen, daß ſie eigentlich als ein Werk der Schoͤpfung ſelbſt da zu ſtehen ſcheinen. Dieſe ungeheuren, mitten unter Einoͤden und Jahrhunderten unbeweglich thronenden Saͤulengaͤnge, 72 haben gegenwaͤrtig keine andere Beſtimmung mehr, als die Jahrszeiten, eine nach der andern, voruͤber⸗ gehen zu ſehen, und die Thiere des Feldes in ihre Huth aufzunehmen. Wirklich näͤhern ſich dieſe zur Zeit des Ungewitters, Schutz ſuchend, jenen heili⸗ gen Hallen. Oft ſieht man einen bejahrten Buͤffel herankommen, daß er hinter der Saͤule, die er ſeit zwanzig Jahren zu ſeiner naͤchtlichen Lagerſtaͤtte er⸗ koren hat, das Wiederaufgehen der Sonne erwarte. Der uͤbrige Theil der Herde achtet ihn als den Herrn der Wuͤſte, und nie wird ihm der Platz, welchen er ſich auserſehen hat, ſtreitig gemacht. Das Gemuͤth des Reiſenden, der auf dieſen Truͤmmern der Vorwelt ausruht, ſieht ſich von un⸗ gewohnten und unbeſchreiblichen Regungen ergriffen. Ihn daͤucht, ais wohne er einer Scene bey, die von Anfang bis zu Ende in Welten und Zeiten ge⸗ ſpielt werde, die den unſrigen fremd ſind. Die ein⸗ ſame Natur, welche die Umgebung jener Tempel ausmacht, iſt in keiner Ruͤckſichr geeignet, jene voll⸗ endete Taͤuſchung verſchwinden zu machen. Eine lange Zeit geht ſie dem Wanderer zur Seite, und in ihrem Begleite gewaͤhren ihm alle uͤbrigen Ge⸗ genſtaͤnde der Welt einen froſtigen und kleinlichen Anblick. Dieſer gewaltige Eindruck, den der Anblick je⸗ ner Denkmaͤhler eines heroiſchen Zeitalters verur⸗ ſacht, iſt gerade das Gegentheil von demjenigen, 73 welcher bey einer fortgeſetzten Betrachtung der Ue⸗ berreſte Roͤmiſcher Civiliſirung verſpuͤrt wird. Waͤh⸗ rend jene erſtern dadurch in Erſtaunen ſetzen, daß ſie auf Zeiten und Jahrhunderte hinweiſen, die mit denjenigen, in welchen wir leben, nicht die mindeſte Aehnlichkeit haben, ſo laͤßt hinwieder dasjenige, was von den Noͤmern noch uͤbrig iſt, auf eine durchgaͤn⸗ gige Uebereinſtimmung zwiſchen ihren Sitten und den unſrigen ſchließen. Und in der That findet dieß⸗ falls in jeder Ruͤckſicht die vollkommenſte Analogie Statt. Eben die Intereſſen, welche die Thaͤtigkeit der alten Roͤmer aufregten, ſind es, auf die auch wir einen beſondern Werth legen. Geſetze, Gewohn⸗ heiten und alle, den einzelnen Menſchen ſowohl, als ganze Geſellſchaften, in Bewegung ſetzende Triebfe⸗ dern haben wir mit ihnen gemein; und wenn wir es, ruͤckſichtlich auf die in der Tiefe unſers Gemuͤ⸗ thes verborgen liegende Eitelkeit, in der Verſtel⸗ lungskunſt weiter gebracht haben, als ſie, ſo iſt dieß auf Rechnung der Zeit zu ſetzen, die uns gelehrt hat, weniger naiv und weniger natuͤrlich zu ſeyn. Billig haͤtte ich, bevor ich die Maremmen ver⸗ ließ, mich auch mit einigen Hirten in ein Geſpraͤch einlaſſen und, in Betreff ihrer Lebensart und wirth⸗ ſchaftlichen Ordnung, etwelche Erkundigungen einzie⸗ hen ſollen; allein in der Naͤhe einer ſo erhabenen Vergangenheit kam mir alles, was das gegenwaͤr⸗ tige Leben betrifft, abgeſchmackt vor, und ich durch⸗ wanderte dieſe Einſamkeit ohne irgend eine andere Erinnerung, als diejenige an jene Jahrhunderte, deren Geſchichte ſich in ein zu keinen Zeiten mehr zu erhellendes Dunkel verliert. Doch habe ich wenig⸗ ſtens im Vorbeygehen die unbekannten Pflanzenar⸗ ten, deren Bluͤthen den Schmuck dieſer Einoͤde aus⸗ machen, ſo wie auch die daſelbſt gelagerten Herden beſichtiget. Dieſe Herden beſtanden groͤßten Theils aus Buͤffeln, deren truͤbe Farbe der Landſchaft ein noch duͤſterers Ausſehen verleiht. Ich kann nicht unbemerkt laſſen, daß den Colonien, unter allen Gat⸗ tungen von Hausthieren, ſchwerlich eine ſo große Vortheile gewaͤhren wuͤrde, wie dieſe Buͤffelochſen. Sie leben am liebſten in einem warmen Clima und auf feuchtem Boden; ſind eben ſo maͤßig als arbeit⸗ ſam; koͤnnten demnach, ruͤckſichtlich auf den Land⸗ bau, erſprießliche Dienſte leiſten, und wuͤrden ver⸗ muthlich unter jenen Himmelsſtrichen weniger, als die uͤbrigen Europaͤiſchen Vieharten, aus der Art ſchlagen. Neben den Buͤffeln bekam ich auch Herden an⸗ derer Ochſen zu Geſichte. Dieſe praͤchtigen Thiere ſind von einer ganz andern Race, als die Ungari⸗ ſchen Ochſen. Sie ſind nicht grau, ſondern hellfalb, die Hoͤrner nicht eben beſonders groß, aber zierlich geſchweift, und mit einem hohen Wuchſe verbinden ſie Formen von vorzuͤglicher Schoͤnheit. Aus mir bekannten Beſchreibungen zu ſchließen, duͤrfte dieſe Gattung aus Afrika heruͤbergekommen ſeyn. 75 Auch Pferde ſah man in Menge ſich auf den Triften von Paͤſtum herumtreiben. Ihre Geſtalt war edler und zierlicher, als die der uͤbrigen Italiäͤ⸗ niſchen Pferde⸗Racen, obgleich ſie auf jeden Fall zu lange und ſteife Koͤpfe hatten. Die Farben ihrer Haare waren ſeltſam nuancirt. Vermoͤge ihrer For⸗ men und ihres Ganges hatten dieſe Pferde auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit denen der Barbarey, welche Art zwiſchen den Spaniſchen und Arabiſchen unge⸗ faͤhr das Mittel haͤlt. In der Naͤhe der Apenninen gehen die Marem⸗ men zu Ende, und die Natur ſcheint wieder aufzu⸗ leben. Die Landſchaft, in minderm Grade ange⸗ baut, aber faſt eben ſo fruchtbar, als in der Nach⸗ barſchaft von Neapel, wird nun nicht mehr durch die Ausſicht auf das Meer verſchoͤnert, noch belebt dieſelbe, ſo wie in Toscana's und Umbriens Fluren, der Anblick unzaͤhliger, an den Huͤgelabhaͤngen zer⸗ ſtreuter laͤndlicher Sitze. Die Cultur iſt mangel⸗ hafter, und die Haͤuſer ſtehn auf ſolche Plaͤtze, die ſich in Vertheidigungszuſtand ſetzen laſſen, in Burg⸗ flecken zuſammengebaut. Den bedeutendſten Wirth⸗ ſchaftszweig des an die Apenninen angrenzenden Huͤgellandes machen die Olivenbaͤume aus, die in dieſem vulkaniſchen Boden ſich eines praͤchtigen Wuch⸗ ſes erfreuen, und den Bergen ein reiches Ausſehen verſchaffen. 4 Ich verließ, als ich einmahl uͤber Salerno hin⸗ aus war, die Straße von Neapel, und ſchlug in oͤſtlicher Richtung vom Veſuv den Weg nach Nola ein. Von hieraus ließ ſich nicht anders als in einer leichten Kaleſche vorwaͤrts gelangen. Das Erdreich iſt in dieſer Gegend, vermoͤge der gedoppelten Ein⸗ wirkung der Gewaͤſſer und der Vulkane, mit Fur⸗ chen durchzogen; uͤbrigens uneben, bewaͤſſert, von mahleriſchem Ausſehen, und einer ergiebigen, doch keinesweges ſorgfaͤltigen, Cultur unterworfen. Ue⸗ berall wachſen Fruchtbaͤume, die niemand gepflanzt hat; Baͤche durchmurmeln die Vertiefungen des Bo⸗ dens, und aus jedem Thalgrunde bildet ſich ein laͤndlicher, ſchattenreicher Aufenthalt. Ueber Nola hinaus laͤßt ſich von keinem Fuhr⸗ werke mehr Gebrauch machen. Ich ſchickte daher meinen Wagen nach Neapel zuruͤck, und ſetzte meine Reiſe zu Pferde fort. Pferde von guter Beſchaffen⸗ heit ſind hier ſehr leicht zu haben. Ich ſuchte mit den Eigenthuͤmern jedes Mahl um eine Station uͤberein zu kommen. Oft begleiteten ſie mich, um ihre Thiere wieder zuruͤck zu nehmen, perſoͤnlich, und ſolche Fuͤhrer aus dem Lande ſelbſt, welches durch⸗ reiſ't wurde, kamen mir um ſo beſſer zu Statten, da gerade ſie eher, als ſonſt niemand, im Falle wa⸗ ren, mir uͤber alles Vorkommende die gruͤndlichſte Auskunft zu ertheilen. Von Nola wandte ich mich gegen Alifi. Im⸗ mer mehr naͤherte ich mich jetzt der hohen Kette der 77 Apenninen; immerfort ſtand mir dieſelbe am Hori⸗ zonte vor Augen, und doch blieb ſie unerreicht, weil ſich die Straße in einer ſo viel als parallelen Rich⸗ tung mit dem Gebirge dahinzog. Jetzt ging es von Thale zu Thale, zuweilen durch wilde Schluchten hindurch; haͤufig waren auch mehr und minder ſteile Abhaͤnge zu erklettern. Die Straße verlor ſich in einen ſchmalen Fußſteig, aber die Gegend, durch welche dieſe Pfade ſich ſchlaͤngelten, war reizend. Auf gut Gluͤck hin, und dem Zufalle, der mich meiſt gut zu bedenken pflegt, mich uͤberlaſſend, drang ich ohne Unterlaß vorwaͤrts. In den Ort⸗ ſchaften, wo ich Halt machte, nahm ich mein Quar⸗ tier bey dem Pfarrer: ehemahls wurden die Reiſen⸗ den auf ſolchen Querſtraßen in den Kloͤſtern beher⸗ bergt. Heut zu Tage ſind es allein die Dorfgeiſt⸗ lichen, welche die Pflicht der Gaſtfreundſchaft aus⸗ uͤben, und es iſt unmoͤglich, derſelben mit mehr Freundlichkeit und Einfachheit, als ſolches von ihnen geſchieht, ein Genuͤge zu leiſten. Auch zweifelten meine jedesmahligen Fuͤhrer nur gar nicht, daß ich gut wuͤrde aufgenommen werden: ſie fuͤhrten mich vielmehr geraden Weges nach dem Pfarrhofe hin, und noͤthigten mich oft, vom Pferde zu ſteigen, ehe ſich nur jemand von den Leuten im Hauſe hatte blicken laſſen. In dieſen Gegenden iſt man den An⸗ griffen der Raͤuber ungleich weniger ausgeſetzt, als in der Naͤhe der Hauptſtraßen. Es geſchieht ſo ſel⸗ 78 —— ten, daß jemand hier durchreiſ't, daß die Banditen mit Aufpaſſen nur ihre Zeit verlieren wuͤrden. Zu⸗ dem iſt es nicht Sitte, im Innern des Landes An⸗ griffe auf Reiſende zu machen, oder ſie zu berau⸗ ben, und wie denn in der Geſchichte des menſchli⸗ chen Herzens alles auf Meinungen und Gewohnhei⸗ ten beruht, ſo laͤßt derſelbe Bandit, auf welchen zu ſtoßen in der Gegend von Terracina hoͤchſt gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, hier zu Lande den Wanderer unange⸗ fochten ſeinen Weg fortſetzen, weil er von Jugend auf gewohnt iſt, das Gebieth dieſer Thaͤler zu re⸗ ſpectiren. 3 Inzwiſchen hoͤrten in der ganzen Gegend, durch welche mich meine Wanderung fuͤhrte, Huͤgel und Thaͤler nicht auf, mit einander zu wechſeln. Die Cul⸗ tur iſt ſehr zerſtuͤckelt; die Beſitzungen ſind in klei⸗ ne Unterabtheilungen zerſplittert, Erdreich und Cli⸗ ma aber fuͤr unzaͤhlige Producte ungemein guͤnſtig. Der Kaſtanienbaum, der Weinſtock und die Olive erfreuen ſich des kraͤftigſten Wuchſes, und gruppiren ſich, trotz aller Unebenheiten des Bodens, ſehr ſchoͤn. Das Erdreich iſt uͤberall, wo die Senkung nicht zu einsmahlig wird, mit Getreide, Tuͤrkiſchem Weizen, Bohnen oder Huͤlſenfruͤchten angepflanzt. In der Jahrszeit, in welcher ich meine Reiſe unternahm, both dieſe ganze Gegend nur ein Bild des Reichthums dar. Die Gewaͤchſe nicht weniger, als die Straͤuche und Baͤume, waren mit Fruͤchten belaſtet, die durch ihre Groͤße und Farben⸗Nuancen das mannigfaltigſte Schauſpiel gewaͤhrten. Die ei⸗ nen derſelben vertreten, ihrer mehligen Beſchaffenheit wegen, bey den aͤrmern Familien die Stelle des Brotes; andere liefern das den Voͤlkern des Mor⸗ genlandes ſo unentbehrliche Oehl; noch andere, die in unſern Himmelsſtrichen bloß eine Zierde der Gaͤr⸗ ten ausmachen, dienen hier als Nahrungsmittel, und die frugale Tafel des Landbauers iſt mit Baum⸗ fruͤchten beladen, denen der Herbſt eine Faͤrbung und eine natuͤrliche Schoͤnheit verleiht, welche alle Kunſt des Nordens umſonſt nachzuahmen verſuchen wuͤrde. Durch Alatri trat ich endlich wieder in den Kirchenſtaat ein. Gern haͤtte ich im Vorbeygehen das nahe gelegene Kloſter von Monte⸗Caſſino be⸗ ſucht; aber ſchwierige Wege und unbekannte Berge trennten mich von demſelben; zudem war dieſe Wiege moͤnchiſcher Inſtitutionen jetzt oͤde und menſchenleer. In dieſem ſo wenig bekannten Theile des Kirchen⸗ ſtaates fand ich eine nicht minder bergige und mah⸗ leriſche, dabey aber weit weniger fruchtbare Natur, als im Koͤnigreiche Neapel. Die Bergruͤcken ſind nackt, nicht mehr mit Aſchenhaufen bedeckt; auch tragen ſie keine ſolche unermeßliche Kaſtanienwaͤlder mehr. Nur verkruͤppelt und einzeln wachſen die Ka⸗ ſtanienbaͤume noch an den Gebirgsruͤcken, die ſie in keine ſchuͤtzende Schatten mehr einhuͤllen. Die Oli⸗ 80 venbaͤume allein erhalten ſich, nach wie vor, in ih⸗ rer Schoͤnheit, denn ſie wachſen gerade am liebſten in den halb zerborſtenen Gebirgsfelſen. So kahl und duͤrr die Gipfel dieſer Berge erſcheinen, ſo rie⸗ ſeln gleichwohl unzaͤhlige Baͤche von denſelben her⸗ unter. Die Jaͤhe der Abhaͤnge beſchleunigt ihren Fall, und macht ihre Gewaͤſſer ſchaͤumen. Die Weinreben erſcheinen hier auch nicht mehr in Feſtons an die Ulmen hinaufgezogen, oder, dem Boden eben, nach der Schnur gepflanzt, wie bey Albano, ſon⸗ dern ſie werden an gewaltig große, aus dicken Baum⸗ aͤſten zuſammengefuͤgte, Gelaͤnder aufgebunden, ſo daß ſie, in einer Höhe von 10 bis 12 Fuß, lange, den ganzen Sommer hindurch mit dem herrlichſten Gruͤn bekleidete, Lauben bilden, von denen die Wein⸗ trauben herabhangen, und die den Boden ſo dicht uͤberſchatten, daß unter denſelben kein Gewaͤchs mehr gedeihen mag. In dieſen Revieren iſt der Boden ſolcher Ge⸗ ſtalt zermartert, daß ſo zu ſagen kein Raum mehr fuͤr die Cultur uͤbrig bleibt. Kleine Flecke Landes, durch ihre Lage und durch die Nachbarſchaft eines Baches beguͤnſtigt, dienen zum Anpflanzen von Me⸗ lonen, Tuͤrkiſchem Weizen und Huͤlſenfruͤchten, und ſind mit Feigenbaͤumen und Aloepflanzen eingefaßt. Auf den Bergen waͤchſ't kein Gras mehr, und das Auge erblickt einzig noch Felſen, auf denen wohlrie⸗ chende Kraͤuter keimen, und Haͤmmel, mitunter auch 4 81 einige Ziegen ihr Futter ſuchen. Pferde wuͤrden auf einem ſo duͤrren Erdreiche ſchwerlich ihre Nah⸗ rung finden koͤnnen, daher die Landbauer ſich in ih⸗ ren Arbeiten der Nachhuͤlfe der Eſel bedienen, die freylich den unſrigen einzig ruͤckſichtlich auf ihre Maͤ⸗ ßigkeit gleichen, uͤbrigens wohl gebaut und von ho⸗ hem Wuchſe ſind, und in dieſem Berglande weſent⸗ liche Dienſte leiſten. So ſehr uͤbrigens dieſe Gegend durch den Ver⸗ lauf der Zeit und fortgeſetzte Cultur ausgenutzt iſt, ſo haben ſich doch bis jetzt noch einige Ueberreſte ih⸗ rer urſpruͤnglichen Schoͤnheit erhalten. Auch gegen⸗ waͤrtig ſind noch Olivenbaͤume, Steineichen und Re⸗ bengelaͤnder vorhanden. Die Berge haben auch noch im Zuſtande der Zerſtoͤrung ihre kuͤhnen und gefaͤlli⸗ gen Formen beybehalten, und ſchneiden in ſo ſchoͤ⸗ nen, ſo angenehm auf einander folgenden und in einander verſchlungenen Kruͤmmungen in den aͤußer⸗ ſten Horizont ein, daß ſelbſt die Kunſt der talent⸗ vollſten Mahler dieſe Umriſſe nicht geſchickter zu waͤh⸗ len vermoͤchte. Indeſſen iſt, ihrer wilden Schoͤn⸗ heit ungeachtet, dieſe Gegend, in welcher Himmel und Luft gleich rein ſind, dennoch nicht fruchtbar genug, um ihre Einwohner mit dem noͤthigen Un⸗ terhalte zu verſehen. Sie nehmen daher zum Aus⸗ wandern nach den Maremmen von Rom ihre Zu⸗ flucht, wo ſie als Huͤther der Herden, und zur Ern⸗ tezeit als Schnitter Dienſte thun, und die Einwoh⸗ Briefe üb. Italien. 2. Thl. 6 82 ner erſetzen helfen, von denen dort die verpeſtete Luft jaͤhrlich in der Regel das Zehntel dahinrafft. Nicht ſelten thun ſich dieſe Leute, um waͤhrend ih⸗ rer Freyheit zwiſchen den Ernten nicht unbeſchaͤftigt zu bleiben, mit den Truppen der Banditen zuſam⸗ men, und unternehmen gemeinſchaftlich mit dieſen Angriffe auf die Reiſenden durch die Pontiniſchen Suͤmpfe. 3 Faſt an Einem fort zieht der Weg ſich entwe⸗ der unter Weinlauben oder durch Olivenwaͤlder da⸗ hin, es iſt aber nichts weiter als ein rauher und ſchwieriger, uͤbrigens an Abwechſelung immerfort reicher Fußpfad, der von einem Thalgrunde zum an⸗ dern unerwartete Wendungen nimmt. Ich folgte ihm bis nach Subiaco, und fand die Natur fort⸗ waͤhrend dieſelbe. Von Subiaco haͤtte es ſich uͤber Palaͤſtrina auf einem beſſern und brauchbarern Wege nach Rom zuruͤckkehren laſſen: allein das Gefuͤhl der Unabhaͤngigkeit, deren Licht mir in dieſen Ta⸗ gen leuchtete, und die, ſo zu ſagen, unbekannte Natur, die ich durchreiſ'te, hatten beyde einen ſol⸗ chen Reiz fuͤr mich, daß ich vorzog, den etwas laͤn⸗ gern Weg uͤber Licenza und Tivoli einzuſchlagen. Die Reiſe von Subiaco nach Tivoli betraͤgt zwar nicht mehr als ſechs Meilen, geht aber lang⸗ ſam von Statten, weil ſich der Weg laͤngs den Ge⸗ birgsabhaͤngen, in kaum bemerkbaren Andeutungen uͤber ſteinige Pfade dergeſtalt hinzieht, daß die Pferde 83 mit großer Vorſicht zu Werke gehen muͤſſen. Die Natur wird wilder; man erblickt keine Einwohner mehr, ſondern einzig noch Lorbeerbaͤume und Stein⸗ eichen. Große Aloen ſtanden auf den Felſen in Bluͤthe, und verliehen dieſen Einoͤden ein gewiſſer Maßen koͤnigliches Ausſehen. Ich befand mich jetzt in dem Thale des Anio, an den einſt ſo lachenden und ſo bevoͤlkerten Ufern des Fluſſes, den Horaz be⸗ ſungen, und an welchem ſein Landhaus geſtanden hat. Zu Licenza machte ich Halt, um deſſen Rui⸗ nen aufzuſuchen: ich konnte aber nichts weiter be⸗ merken, als Fundamente von Backſteinen, die mit ihren Truͤmmern auf diejenigen Stellen, wo Ge⸗ baͤude geſtanden haben, hinwieſen. Wer ſollte ſich aber auch ſchmeicheln duͤrfen, die Ruinen von bloßen einfachen Roͤmer⸗Wohnungen wieder hervor zu fin⸗ den? Waren ſolche Gebaͤude doch lediglich von Back⸗ ſteinen und nach einem ſo kleinen Maßſtabe aufge⸗ fuͤhrt, daß der Verlauf der Zeiten ſie ohne anders laͤngſt in Staub verwandelt haben muß. Von Ho⸗ razens Landhauſe ſind zwar ebenfalls nur noch unzu⸗ verlaͤſſige Spuren bemerkbar, aber mit ſtarkem Zuge fuͤhlt in dieſen, durch jenen Dichter verherrlichten Gegenden, die Fantaſie ſich zu ihm hingezogen. Sein Andenken lebt uͤberall in dieſer Natur, und durch ihn erhaͤlt ſie ein Intereſſe, das nur den claſ⸗ ſiſchen Stellen des Erdbodens eigen iſt. Empfindun⸗ gen ſolcher Art begleiteten mich laͤngs den Ufern des 6* 84 Anio, und auf dem ganzen Reſte meiner heutigen Reiſe. Nach einem dreyſtuͤndigen Marſche ſah ich den Geſichtskreis ſich aufthun, und die Berge, allmaͤh⸗ lich niedriger werdend, verkuͤndeten die Naͤhe von Tivoli. Jetzt trennte mich nur noch ein letzter Huͤ⸗ gelabhang von dem weiten Horizonte, durch den die Campagna di Roma begrenzt wird. Waͤhrend ich um den Grath desſelben herum ritt, hoͤrte ich das Geraͤuſch eines Waſſerfalles. Wenige Schritte noch, und die Tempel, Dachungen und Felſen von Tivoli lagen nebſt den Thalgruͤnden der Umgegend mir wie⸗ der vor Augen. Nun ging es uͤber die Anio⸗Bruͤcke in die Stadt hinein. Durch einen Umweg gelangte ich in eine enge Straße, und nahm im Gaſthofe zur Sybille, wo ich ſchon ſo manche Stunde meines Lebens zugebracht habe, mein Abſteig⸗Quartier. Den folgenden Tag verblieb ich in Tivoli, ruhte unter dem Rauſchen ſeiner Waſſerfaͤlle von meinen Strapazen aus, und erwartete den Abend, um noch einmahl in den Gaͤrten der Villa Adriana anzuſpre⸗ chen. Um mich in die Ebene hinab zu finden, be⸗ durfte ich keines Fuͤhrers. In ziemlicher Entfer⸗ nung von der Hauptſtraße, und ohne, außer einigen ab⸗ und zugehenden Feldarbeitern, weiter eines Menſchen anſichtig zu werden, ging ich unter den Olivenwaͤldern durch, bis an den Fuß des Berges, von wo aus ich die, laͤngs den Feldern durch Lichtun⸗ 85⁵ gen von Oehlbaͤumen ſich hinziehenden Fußpfade wei⸗ ter verfolgte. Dieſe zwar angebaute Landſchaft war gerade jetzt ganz menſchenleer, weil um dieſe Jahrszeit die verderbliche Luft ihren Einfluß bis mitten an den Abhang des Berges von Tivoli verſpuͤren laͤßt. Bald bekam ich mitten in den Feldern Ruinen zu Geſichte. Es waren die der Villa Adriana. Ein ſchlecht ſchlie⸗ ßender Zaun ſondert ſie von der uͤbrigen Landſchaft. Innerhalb der Umzaͤunung war kein lebendiges We⸗ ſen zu finden, kein Arbeiter, ja nicht einmahl ein voruͤbergehender Wandersmann. Cigalen allein und Voͤgel bewohnten den Ort. Ganz ungehindert ſchritt ich fort von einer der Ruinen zur andern, und beob⸗ achtete ſchweigend ihr ehrwuͤrdiges Alterthum. Nie⸗ mand war vorhanden, dem ich die Eindruͤcke, die ihr Anblick auf mein Gemuͤth machte, haͤtte mit⸗ theilen koͤnnen. Sie waren aber darum nichts deſto minder tief, noch auch die Scene darum weniger feyerlich, weil ſie keine Zeugen hatte. Indeſſen be⸗ gann die Sonnenſcheibe ſich in's Meer zu verſenken; ſchon goſſen ſich ihre letzten Strahlen uͤber die Natur hin, und faͤrbten jene einſamen Ruinen mit Purpur. Den Truͤmmern des Gartens der Villa Adriana hat man das Geheimniß, die Gaͤrten zu verſchoͤ⸗ nern, abgelernt. In der That iſt dieſe Villa heut zu Tage nichts weiter mehr, als das vollendete Mo⸗ dell jener Gaͤrten, welche die Nachahmung nach Eng⸗ 86 land hinuͤber verſetzt, und mit einem ſie bezeichnen⸗ den Nahmen belegt hat. Ueberall ſieht man in dieſem verlaſſenen Aufent⸗ halte Ruinen zerſtreut liegen. Sie beſtehen in Ue⸗ berreſten von Pallaͤſten, Naumachien und Tempeln, welche Hadrian an dieſer Stelle hatte erbauen laſſen. Auf den ſie umgebenden Boden iſt von Seite der Kunſt nichts verwandt worden; er iſt ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen geblieben, und daher hat er ſich nach und nach mit Strauchwerk und Raſen bekleidet. Ganze Grup⸗ pen von Baͤumen haben Zeit genug gehabt, in die⸗ ſem Erdreiche groß zu werden, und den laͤndlichen Einfang in einen Hain zu verwandeln. Epheu und Moos bekleiden die Seitenwaͤnde des alten Gemaͤuers, indeß einige Gebuͤſche ſeine Giebel umkraͤnzen. Nichts verkuͤndet in dieſen Gaͤrten die Gegenwart des Men⸗ ſchen; und doch iſt es eben der Menſch, der ſich durch dieſe Einſamkeit, deren wilde Unordnung und edle Alterthuͤmlichkeit er nachzuahmen verſucht, ſo vielfaͤltig angezogen und in Entzuͤcken verſetzt ſieht. Um den Gaͤrtner, unter deſſen Aufſicht die Villa ſteht, aufzuſuchen, naͤherte ich mich ſeinem unweit der großen Eingangspforte befindlichen Wohnhauſe. Zwey Kinder, blaß wie der Tod, ſaßen vor der Thuͤre desſelben, und hatten nicht einmahl Kraͤfte genug, um mit einander zu ſpielen. Ihren Vater, ſagten ſie mir, als ich nach ihm fragte, wuͤrde ich drinnen im Hauſe finden. Wirklich ſaß der arme 87 Mann, vom Fieberſchauer ergriffen, und an allen Gliedern zitternd, am Kaminfeuer, indeß ſeine Frau, noch ſchwaͤcher als er, im Bette lag, ſo daß ich nicht einmahl durch das große Eingangsthor wieder heraus⸗ gehen konnte, weil keines von beyden ſich ſtark ge⸗ nug fuͤhlte, dasſelbe zu oͤffnen und wieder zuzu⸗ ſchließen. Mit den letzten Strahlen des Tageslichtes nahm ich von der Villa Adriana Abſchied. Nach einem zweyſtuͤndigen Marſche war mein langer Reiſeausflug beendigt, und mit demſelben Freudengefuͤhle, das bey'm jedesmahligen Anblicke der erſten Stadt in der Welt in mir rege wird, trat ich durch die Salari⸗ ſche Pforte wieder in Rom ein. — Achtzehnter Brief. Perugia, 25. September 1815. Was auch andere Reiſende bey ihrem Scheiden von Roms Mauern empfunden haben moͤgen; ich fuͤr meine Perſon fuͤhlte, ſo oft ich dieſer Haupt⸗ ſtadt der Welt mein Lebewohl ſagte, um meine Schritte wieder naͤher gegen den Norden zu lenken, mein Gemuͤth mit Traurigkeit erfuͤllt und mit Em⸗ pfindungen ſehnſuͤchtiger Wehmuth. Es mag in die⸗ ſem Gefuͤhle etwas von jenem geheimen Triebe lie⸗ gen, der den Menſchen ſo gern nach den Fluren des Morgenlandes, nach jenen Himmelsſtrichen hinzieht, welche die Fantaſie mit allen erdenklichen Gaben der Natur auszuſtatten und zu ſchmuͤcken pflegt. Aber auch die Annehmlichkeit der Lebensart, welche dem Auslaͤnder in Rom zu fuͤhren vergoͤnnt iſt, traͤgt nicht wenig dazu bey, ſeinen Aufenthalt in dieſer Stadt fuͤr ihn hoͤchſt anziehend und reizend zu ma⸗ chen. Alle die Menſchen, welche er in ſeiner Naͤhe erblickt und mit denen er Verbindungen unterhaͤlt, 89 haben gefaͤllige und zuvorkommende Manieren, und erzeigen ſich gegen ihn ungemein wohlwollend und guͤtig. Ihre Sprache iſt rein und harmoniſch: es liegt etwas Naives und ungemein Grazioͤſes darin. Die ganze Lebensart iſt zwang- und feſſellos. Man lebt zu Rom nicht weniger frey, als auf dem Lande, und befindet ſich gleichwohl im Mittelpuncte der Be⸗ wegung einer Stadt von hundert tauſend Ein⸗ wohnern. Jeder Schritt, den man zu Rom thut, floͤßt ein Intereſſe und eine Neugierde ein, welche die Einbildungskraft unablaͤſſig beſchaͤftigt erhaͤlt. Ohne daß man Plaͤne zu machen, oder ſich anderweitig an⸗ zuſtrengen braucht, finden ſich alle Stunden des Ta⸗ ges gleichſam von ſelbſt ausgefuͤllt. Nicht ein einzi⸗ ges Mahl bin ich ausgezogen, um Roms beruͤhmtes Huͤgelland zu durchſtreifen, ohne neuerdings ganz unerwartete, nicht ſelten tiefe Eindruͤcke in meinem Gemuͤthe erweckt zu ſehen. Oft war es lediglich der Einfluß jener Nahmen, auf denen einſt der Ruhm der Welt beruhte, der jene Regungen in mei⸗ nem Innern hervorbrachte. Die Denkmaͤhler ſelbſt, deren Ueberreſte uns heut zu Tage noch durch ihre Eleganz und Schoͤnheit entzuͤcken, zeugen fuͤr jene Traditionen, welche an der Hand der Zeit bis auf uns uͤbergegangen ſind. Im Angeſichte jener Mo⸗ numente zweifelt man an nichts mehr, und ver⸗ trauensvoll gibt das Gemuͤth ſich an eine Art von 90 Leichtglaͤubigkeit hin. Dieſer Glaube aber und dieſe Ueberzeugung verſchaffen den Berichten, welche die Geſchichte erſtattet, einen Grad von Intereſſe und Leben, der denſelben ſonſt nirgends in der Welt zu Theil werden kann. Das Alterthum ſtellt uns Rom als eine Stadt dar, die, ſtolz und groß, hoch uͤber alle Staͤdte her⸗ vorragt; die neuere Zeit aber zeigt uns dieſelbe in einem noch weit erhabenern Lichte. Der Thron ih⸗ res weltlichen Ruhmes iſt in Truͤmmer gegangen: aber zu einem hoͤhern Zwecke war ſie von der Gott⸗ heit aufbehalten, deren Altaͤre ſich mitten unter Er⸗ innerungen und Truͤmmern in ihren Mauern erhe⸗ ben ſollten. Dieſe Gottheit hat ihre Umgebungen 3 durch eine ohne Unterlaß den Tod bringende Land⸗ plage entvoͤlkert, als wollte ſie die Chriſten lehren, daß es nicht die Luſt und Wonne dieſes Lebens ſey, die ihnen verheißen iſt, ſondern vielmehr die Hoff⸗ nung eines kuͤnftigen Zuſtandes, der jenſeits des Grabes ſeinen Anfang nimmt. Auch iſt es wirklich eine heilige Ergebung, die bey'm Eintreten in Roms Tempel ſich unwillkuͤrlich der Seele bemaͤch⸗ tigt. Der Geiſt Gottes allein thront heut zu Tage in jenen Tempelgewoͤlben; denn alles reli⸗ gioͤſe Gepraͤnge iſt abgeſchafft. Durch das Erha⸗ bene dieſer Einſamkeit wird die heilige Ehrfurcht vielleicht noch hoͤher gehoben, und eine Art von wehmuͤthiger Stimmung hervorgebracht, die den 91 Gottesdienſt an dieſen heiligen Staͤtten noch feyerli⸗ cher macht. Noch habe ich, mein verehrter Freund, vor meiner Abreiſe von Rom Ihnen einige Nachrichten in Betreff der dortigen Landwirthſchaft mitzutheilen, und den an die Apenninen grenzenden Theil des Kirchenſtaats zu beſchreiben. Auch die Roͤmiſchen Landbauer haben jenem all⸗ gemeinen Beſtreben nach einer Vervollkommnung der landwirthſchaftlichen Kuͤnſte und Uebungen, das ſich ſeit zwanzig Jahren in ganz Europa hat verſpuͤ⸗ ren laſſen, nicht ganz und gar fremd bleiben wollen. An eine allgemeine Umaͤnderung des in dem ſo ge⸗ heißenen Agro Romano eingefuͤhrten Cultur⸗Sy⸗ ſtems ließ ſich ihrerſeits freylich nicht denken; dazu waͤren allzu gewaltige Summen erforderlich geweſen, man haͤtte in die Landſchaft eine neue Bevoͤlkerung einfuͤhren, und vor allem ihr eine andere Atmoſphaͤre verſchaffen muͤſſen. Vernuͤnftiger Weiſe wurde dem⸗ nach auf den Gedanken an eine gaͤnzliche Umaͤnde⸗ rung der landwirthſchaftlichen Ordnung Verzicht ge⸗ than. Da aber Rom gleichwohl, durch die Breite, unter welcher es liegt, als eine zu ſolchen Neue⸗ rungsverſuchen vorzuͤglich bequem gelegene Gegend bezeichnet war, ſo wurde jener damahls alle Land⸗ bauer beſeelende Eifer, die Erzeugniſſe Indiens in Europa einheimiſch zu machen, wenigſtens zu man⸗ cherley Privat⸗Verſuchen angewandt. Man machte 92 Proben mit dem Anbau des Indigo, der Baum⸗ wolle und des Zuckers. In der Gegend von Terra⸗ cina waren mehrere Felder mit Zuckerrohr bebaut worden. Die Ernte hatte, als ich jene Pflanzun⸗ gen zu ſehen bekam, noch nicht Statt gehabt; die Pflanzen aber waren groß und von kraͤftigem Ausſe⸗ hen. Auch den Indigo ſah man in jenen Seeſtri⸗ chen recht gut gedeihen. Was die Baumwolle be⸗ trifft, ſo iſt es ausgemacht, daß ſie das veraͤnder⸗ liche Clima von Rom nicht vertragen kann. Zu Neapel allein hat dieß Gewaͤchs die Luft und die Sonne ſeines Vaterlandes wiedergefunden. Gleich⸗ wohl ließ man es zwey Jahre nicht unverſucht, in den fruchtbarſten Partien der Umgegend von Rom Baumwolle zu pflanzen; allein im Jahr 1311 wur⸗ den die Setzlinge von den Heuſchrecken verzehrt, im naͤchſtfolgenden Jahre aber waren die um die Mitte des Septembers erfolgten Regenguͤſſe Schuld daran, daß die Kapſeln vor ihrer Zeitigung platzten, und die Baumwolle ſich in den Wind zerſtreute. Dieſe ge⸗ doppelte, ſehr laͤſtige Erfahrung hat den Roͤmern eine Abneigung vor aller Cultur der Colonial⸗Waa⸗ ren beygebracht, und vermuthlich duͤrfte es ſehr lange anſtehen, bis ſie ſich wieder mit aͤhnlichen Verſuchen oder Neuerungen abgeben werden. Den Roͤmern iſt und bleibt, ich wiederhohle es, ihr Cul⸗ tur⸗Syſtem durch die Beſchaffenheit der oͤrtlichen Umſtaͤnde vorgeſchrieben. Dieſes Syſtem iſt das Re⸗ —— 93 ſultat von Roms langer Geſchichte; es iſt den Um⸗ wandlungen des Reiches im Gefolge gegangen, mit Rom ſelbſt hat es einſt dem menſchlichen Gewerbs⸗ fleiße als Muſter gedient, mit Rom geht es gegen⸗ waͤrtig zu Grunde, und wenn die Hauptſtadt der Welt ſich in eine Einoͤde umwandelt, ſo kann auch ihre Umgegend nichts weiter mehr als eine Wuͤſte ſeyn. Wenn der Wanderer ſeine Schritte von Rom weg und, der Tiber nach, aufwaͤrts wieder nach Nor⸗ den wendet, ſo hat er bis Monteroſi auf der großen, nach Florenz fuͤhrenden, Straße zu verbleiben. Eine Meile von dieſem Marktflecken aber ſchlaͤgt man oͤſtlich den Weg ein, der beydes, uͤber Tolentino nach Ancona, und uͤber Perugia nach Florenz fuͤhrt. Ich waͤhlte die letztere Richtung, und bediente mich eines Pferdes, um mich von Monteroſi nach dem Pachthofe von Torre in Pietro bringen zu laſſen, wo ich einige Zeit zu verweilen gedachte. Dieſe Be⸗ ſitzung liegt in der Naͤhe von Citta Caſtellana, und ich hatte, um dahin zu gelangen, eine der ſchoͤnſten Gegenden der Welt zu durchreiſen. Der Weg fuͤhrt mitten durch eine Reihe von Wieſen, die von Ei⸗ chen uͤberſchattet ſind, unter deren Dickungen die Herden ihr Futter ſuchen. Die Landſchaft, obgleich mit Waldungen bekleidet, hat ein mildes Ausſehen. Denn zwiſchen den Baumaͤſten hindurch haben Luft und Licht den freyeſten Spielraum: die Baͤume 94 ſelbſt ſtehen in den Vertiefungen des Bodens in Gruppen beyſammen, wie ſie in Pouſſins Gemaͤhl⸗ den, der ſelbſt hierher kam, ſich die Gegenden zu ſeinen Landſchaften auszuſuchen, zu finden ſind. Mein Begleiter durch dieſes Revier war Herr Georgi, Paͤchter der Beſitzung von Torre in Pietro. Auf eben dem Boden, den er jetzt bewirbt, hat vor⸗ mahls die Stadt Veji geſtanden. Dieſer Umſtand, in Verbindung mit einigen andern Anzeigen, hatte Herrn Georgi bewogen, in ſeinen Guͤtern Nachgra⸗ bungen anſtellen zu laſſen. Durch Herrn Millin, den ſein eigner Unterſuchungsgeiſt in eben dieſe Ge⸗ genden gefuͤhrt hatte, war er in ſeinem Vorhaben beſtaͤrkt worden; und ſchon ſeine allererſten Arbeiten haben einen außerordentlich guͤnſtigen Erfolg gehabt. Herr Georgi, den ich in Rom kennen gelernt, war ſo gefaͤllig, mich an Ort und Stelle, wo jene Nach⸗ grabungen Statt gefunden hatten, zu fuͤhren. Wir verließen, ſo bald wir ein wenig uͤber die alte Stadt Nepi hinaus waren, die Hauptſtraße, und langten bald zu Torre in Pietro an. Die dor⸗ tige Wohnung iſt nichts weiter als ein Caſale, von der Gattung, wie man ſie in großer Anzahl in der Campagna di Roma zerſtreut findet. In dieſem Hauſe aber wurden gerade jetzt die bey den neuerli⸗ chen Nachgrabungen in der Naͤhe des Pachthofes aufgefundenen Gegenſtaͤnde aufbewahrt. Unter den⸗ ſelben befand ſich eine Statue des Tiberius, der hier r r —— r r 95 ein Landhaus gehabt hat. Dieſe Statue zeigt den Kaiſer in der Stellung eines Commandirenden, ob⸗ gleich er auf einem Curuliſchen Seſſel ſitzt. Canova legt einen großen Werth auf dieſe Antike, und traͤgt kein Bedenken, ſie den vorzuͤglichſten, aus dem Al⸗ terthume auf unſere Zeiten heruͤbergeretteten Kunſt⸗ werken beyzuzaͤhlen. Eine zweyte Entdeckung, die zwar die Bewunderung der Kuͤnſtler in keinem ſo hohen Grade erregt haben mag, iſt diejenige eines vollkommen wohlerhaltenen, obgleich in die Erde vergrabenen Tempels. Dieſer Tempel hat freylich keinesweges die Groͤße derer von Paͤſtum, oder des Friedenstempels: ja er iſt ſogar kleiner, als derje⸗ nige der Veſta, indem ſein Durchmeſſer ſowohl, als ſeine Hoͤhe nicht uͤber zehn Fuß betraͤgt. Er hat Aehnlichkeit mit dem Tempel des Amor, in den Gaͤrten von Trianon, und ſehr wahrſcheinlich ging ſeine Beſtimmung lediglich dahin, den Gaͤrten des Tiberius zur Zierath zu dienen, nicht aber ſeine Al⸗ taͤre zum Empfange von Opfergaben, wie ſie die Roͤ⸗ mer ihren Gottheiten darzubringen pflegten, in Be⸗ reitſchaft zu halten. Zu welchem Zwecke er aber auch erbaut worden ſeyn mag, ſo biethet er auf je⸗ den Fall eine in den Jahrbuͤchern der Architectur bis jetzt noch unbekannte Eigenthuͤmlichkeit dar. Es iſt naͤhmlich unter den acht Saͤulen, von denen ſein Giebel getragen wird, nicht eine einzige zu finden, die einer der fuͤnf architectoniſchen Hauptordnungen 96 angehoͤrte, auf deren Gebieth man bis jetzt alle von Seite der Kunſt aufzufindenden gluͤcklichen und ge⸗ ſchmackvollen Verhaͤltniſſe beſchraͤnkt glaubte. Viel⸗ mehr hat das Talent des Baumeiſters fuͤr jede jener acht Saͤulen einen abſonderlichen Styl auszudenken gewußt, und trotz der Seltſamkeit einer ſolchen Er⸗ findung, ſind die Saͤulen alle im reinſten Geſchmacke ausgefuͤhrt, und die Arbeit an denſelben aͤußerſt vollendet. Man ſollte denken, dieſe Gebaͤude waͤren die Schoͤpfung einer Indiſchen Fantaſie, die, um Roms Mauern zu erreichen, vorerſt Griechenand durchzogen haͤtte. Ohne Zweifel wird dieß Denkmahl des Alter⸗ thums unverweilt in Kupfer geſtochen werden, in welchem Falle die Kuͤnſtler neue Zuſammenſtellungen mahleriſcher Effecte darin finden, und, geſtuͤtzt auf das Anſehen der Vorwelt, nicht ermangeln werden, auch ihrem eigenen Genie von nun an Neuerungen zu erlauben, die niemand wird tadeln koͤnnen, ohne zugleich die Alten ſelbſt eines Fehlers zu bezuͤchtigen. Eben dieſes Muſeum, deſſen Schaͤtze die Erde ſo lange Zeit in ihren Tiefen bewahrt hat, enthielt auch noch mehrere Statuen von minderm Intereſſe und weniger ausgezeichneter Schoͤnheit. Nachdem ich alles beſichtigt hatte, trat ich gleichſam unwill⸗ kuͤrlich vor zwey Kiſten hin, in welche man eine Menge Gegenſtaͤnde, die man von keinem beſondern Werthe zu ſeyn erachtete, in bunter Unordnung zu⸗ 97 ſammengeworfen hatte. Sie beſtanden in Acker⸗ werkzeugen, kleinen, bronzenen Zimmergeraͤthſchaf⸗ ten, allerley Zierathen von demſelben Metalle, Huf⸗ eiſen, Gebiſſen und Beſchlaͤgen aller Art. Dieſe ganz gewoͤhnlichen und zum taͤglichen Gebrauche be⸗ ſtimmten Gegenſtaͤnde hatten insgeſammt gerade dieſelbe Form und Groͤße, in der man zur Stunde noch, und zu den naͤhmlichen Zwecken, in Italien Ge⸗ brauch davon macht, und glichen dieſen vollkommen; ſo daß der Verlauf der Zeiten, in dieſer Hinſicht, in den Uebungen und Gewohnheiten der Roͤmer wirklich nicht die mindeſte Veraͤnderung bewirkt hat. Ich konnte von dieſen Kiſten nicht wegkommen, und fand, ich weiß nicht was fuͤr ein Intereſſe daran, alles zu durchſtoͤbern, und dieſe Saͤcular⸗ Kleinigkeiten, in denen das Roͤmiſche Alterthum ſich in ſeinem buͤrgerlichen Aufzuge zur Schau legt, ſtuͤckweiſe zu unterſuchen. Herr Georgi gedenkt ſein Muſeum nach Rom zu verſetzen, wo es ohne Zwei⸗ fel bald zu dem verdienten Rufe gelangen wird. Mir ſelbſt gewaͤhrte es aber ſehr viel Vergnuͤgen, die Sammlung in ihrem Entſtehen und auf eben dem Boden zu betrachten, der dieſe Gegenſtaͤnde alle ſo lange und ſo ſorgfaͤltig bewahrt hat. Mit Dank fuͤr ſeine liebenswuͤrdige Gefaͤlligkeit ſchied ich von Herrn Georgi, und ſetzte meinen Weg nunmehr in der Richtung von Florenz fort. In der Umgegend von Citta Caſtellana iſt das Briefe üb. Italien. 2. Thl. 7 98 Erdreich durch tiefe, einen ſeltſamen Anblick gewaͤh⸗ rende, Schrunden zerriſſen, in Betreff derer es ſich nicht beſtimmen laͤßt, ob ſie das Werk des Waſſers, oder aber vulkaniſcher Gewalt ſeyn möͤgen. Es iſt jedoch kaum glaublich, daß die Gewaͤſſer, denen der Boden hier keine ſteile Abhaͤnge darbiethet, ſolche Abgruͤnde in dem Schooße der Felſen haben auswuͤh⸗ len koͤnnen: dieſelben ſcheinen vielmehr von einer beſondern gewaltſamen Kataſtrophe herzuruͤhren. Wal⸗ dungen kroͤnen dieſe Abgruͤnde, als wollten ſie das Schauerliche derſelben dem Wanderer aus den Augen ruͤcken; aber nicht ſelten bekommt der Boden eins⸗ mahlige„Riſſe; man ſieht purpurfarbige Felſenſtuͤcke von ungeheurer Groͤße in jene mit Epheu und wil⸗ den Roſen bekleidete Schrunden herabſtuͤrzen; aus den Eingeweiden jener Hoͤhlen aber ſteigt eine feuchte Friſche empor, welche in jenen Tiefen einen ewigen Thau, und das Kraͤuterwerk immerfort bey ſeinem Gruͤn erhaͤlt. 3 Im Mittelpuncte dieſes Naturbollwerkes ſieht man unter Moosbekleidungen und rankendem Eppich die alten Feſtungswerke von Caſtellana ſich dehnen. Von der oberſten Hoͤhe ſeiner Baſtionen erheben ſich ſteinerne Schilderhaͤuschen, als ſollten ſie uͤber die durch Zeit und Graswuchs verunſtalteten Schief⸗ ſcharten wachen. Es iſt jedoch nicht eben ein hohes Alterthum, aus dem ſich dieſe Feſtungswerke her⸗ ſchreiben: ſie hat Julius II. aufgefuͤhrt; allein auf 99 Roͤmiſchem Boden iſt nichts modern; alles gewinnt daſelbſt ein alterthuͤmliches Ausſehen. Bis nach Otricoli iſt die Landſchaft durchge⸗ hends in weitlaͤufige Beſitzungen abgetheilt, und die Cultur bleibt, ſo zu ſagen, ausſchließlich auf die Viehzucht beſchraͤnkt. Die Herden ſtreifen in dieſen Triften umher, ziehen wechſelsweiſe von den offenen an die bedeckten Plaͤtze, gehen nach Belieben bald ihrer Nahrung nach, bald legen ſie ſich nieder, um auszuruhen, ſind in allen ihren Bewegungen frey, und wiſſen ſo viel als nichts von dem Zwange, den der Menſch in andern Gegenden der Erde ihnen anthut. Sobald man die Hoͤhe der erſten Bergkette er⸗ reicht hat, gewinnt alles ein veraͤndertes Ausſehen. Die Luft hoͤrt auf, ungeſund zu ſeyn und die Zahl der Wohnungen vermehrt ſich. Man trifft nicht mehr auf ausgeraͤumte Pachtgebaͤude von großem Umfange, ſondern auf kleine Haͤuschen von Land⸗ bauern und Weingaͤrtnern. Unter den Reblauben, welche dieſe Wohnungen umſchatten, ſieht man ſpie⸗ lende Kinder, hoͤrt Muͤtter, welche dieſe bey'm Nahmen rufen, findet wieder eine Familie, einen Haushalt, Leben und wohl auch Gluͤckſeligkeit. Rings um dieſe Behauſungen her erblickt man Pflan⸗ zungen von Oehlbaͤumen, Weinreben, Getreide und Tuͤrkiſchem Weizen. Der Boden iſt uneben und bergig, traͤgt aber durchgehends das Gepraͤge von 7* 100 Induſtrie, und iſt uͤberall auf's beſte benutzt. Weiter hin, im Hinabſteigen von den Hoͤhen von Narni, hat man ein von der Pflugſchar durchfurchtes Flachland zu durchreiſen, das abwechſelnd mit Korn und Tuͤr⸗ kiſchem Weizen bepflanzt wird. Dieſe Ebene fuͤhrt bis an die Thore von Terni, wo ſchoͤne Olivenwaͤl⸗ der ihren Anfang nehmen und den nach dem praͤch⸗ tigen Baſſin von Perugia hinfuͤhrenden Thalgrund bekraͤnzen. Dem Wanderer liegt dieß Becken, bevor er in dasſelbe hinabſteigt, ſeinem ganzen Umfange nach vor Augen. Rechts wird dasſelbe von der hohen Apenninen⸗Kette, die es von dem Buſen von Adria abtrennt, zur Linken aber von einer niedrigern Berg⸗ reihe begrenzt, von welcher weſtlich die Maremmen von Toscana ihren Anfang nehmen. Mitten in die⸗ ſem Baſſin erſcheinen von fern die Glockenthuͤrme von Fuligno; noch weiter hinaus laſſen ſich die al⸗ ten Thuͤrme von Perugia unterſcheiden, und aus naͤhern Raͤumen ſieht man das antike Schloß des Herzogs von Spoleto mit ſeinen halb zerfallenen Thuͤrmchen und gekerbten Mauern hervorgehen. Die hohen Gebirge, deren ſchneebedeckte Gipfel das Adriatiſche Meer beherrſchen, biethen dem Blicke nichts dar, als Waͤlder und tiefgehende Schluchten, aus denen ſich Baͤche hervordraͤngen, die von Falle zu Falle ſich ſenkend, in ſilbernem Staubregen den Thalgrund erreichen, der durch ſie von einer nim⸗ 101 mer weichenden Kuͤhle beherrſcht wird. Von der ent⸗ gegengeſetzten Seite entwickeln die Huͤgelabhaͤnge ſich zu einer langen Reihenfolge von Rundbuͤhnen, die mit zahlloſen, zwiſchen dem Laubwerke der ſie um⸗ zingelnden Nebengehaͤnge und Olivenbaͤume hindurch kaum zu unterſcheidenden Wohnungen beſetzt ſind. Die Ebene ſelbſt iſt, gleich derjenigen von Toscana, in eine gewaltige Menge kleiner Pachthoͤfe zerſtuͤk⸗ kelt, die mit Ahorn⸗, Maulbeer⸗ und Pappelbaͤumen bepflanzt ſind, an denen der Weinſtock hinaufrankt und ſeine Gehaͤnge verbreitet. Unter dieſen Weinre⸗ ben wird Korn und Mais gebaut; dazu kommen Huͤlſenfruͤchte, etwas weniges Esparſette und wilder Klee. Nur darin unterſcheidet ſich dieſe Landſchaft von den Toscaniſchen Feldern, daß ſie, obwohl eben ſo fruchtbar als dieſe, doch mit weniger ge⸗ nauer Sorgfalt geformt, die Baͤche bey ihrem na⸗ tuͤrlichen Lauf laͤßt, ſo daß hohe Baͤume ihre Ufer umkraͤnzen, und jene gefäͤllige Miſchung von natuͤr⸗ lichem und kuͤnſtlich angeordnetem Pflanzenwuchſe wieder zum Vorſchein kommt. In dieſen Gegenden ſind weder Weidepläͤtze noch zahlreiche Herden mehr zu finden. Was man von Vieh zu Geſichte bekommt, beſchraͤnkt ſich auf einige Ochſen zum Anbau der Felder, auf eine große An⸗ zahl kleiner ſchwarzer Pferde, zum Behuf der Trans⸗ porte, und auf Wollenvieh. Zur Sommerszeit wer⸗ 102 den die Weideplaͤtze, welche die hohen Gipfel der Apenninen kroͤnen, von den aus den Maremmen heraufkommenden Wanderherden in Beſitz genom⸗ men. Es gibt viele Roͤmer, welche in dieſem Thale Pachthoͤfe beſitzen, und ihr Vergnuͤgen daran finden, zur Herbſtzeit hierher zu kommen, um uͤber ihre Ernten Aufſicht zu halten und die uͤbliche Theilung der Producte mit ihren Paͤchtern vorzunehmen. Die uͤbrigen Meiereyen ſind Eigenthum der in den drey Staͤdten, Spoleto, Fuligno und Perugia wohnen⸗ den Capitaliſten. Unter den genannten drey Staͤdten liegt Spo⸗ leto am naͤchſten bey Rom, und iſt auch ihrer Lage halber die bemerkenswertheſte. Abgetrennt von der Stadt durch einen Waldſtrom, deſſen Fluthen die Tiefe eines Abgrundes durchbrauſen, und vereinzelt in der Ebene, ſteht hier ein ganzer Berg, der von weitem der hohen Apenninen⸗Kette ſelbſt anzugehoͤ⸗ ren ſcheint. Dieſen Berg hatte man einſt zu einer Citadelle auserſehen. Es geſchah dieß in Zeiten, an welche die Geſchichte nicht hinaufreicht: denn noch gegenwaͤrtig iſt jene Citadelle mit den Ueberreſten ei⸗ ner jener Mauern umgeben, die man, um ihre Be⸗ nennung verlegen, Cyelopiſche genannt hat. Spaͤ⸗ terhin hatte Trajan auf dieſe ungeheure Grundfeſte neue Mauern errichten laſſen. In noch juͤngerer Zeit hatte eine Familie von Herzogen, die Tyrannen von Spoleto genannt, auf der hoͤchſten Spitze jener 103 4 Felſen ein Schloß aufgefuͤhrt, von deſſen Hoͤhe her⸗ ab ſich das ganze Thal, ohne daß man ſelbſt etwas zu befuͤrchten hatte, beherrſchen ließ. Um das Waſ⸗ ſer nach dieſer faſt unzugaͤnglichen Felſenſpitze hinzu⸗ leiten, haben jene Herzoge ein Bruͤckengewoͤlbe von ſchauerlicher Hoͤhe erbauen laſſen, das, gleich dem Pont du Gard, dazu dient, jenes Element von ei⸗ nem Berge auf den andern hinuͤber zu befoͤrdern, und das, wenn ſchon in einem weniger edeln und geſchmackvollen Style, als die letztgenannte Waſſerlei⸗ tung, zuſammengeſetzt, auf die Landſchaft gleich⸗ wohl eine noch auffallendere Wirkung thut. Der Abhang des Berges von Spoleto iſt mit Haͤuſern, Gaͤrten, Olivenbaͤumen und Terraſſen be⸗ deckt, die ſich bis in die Ebene hinaberſtrecken. Die Berge um die Stadt her haben durch eine Menge frommer Stiftungen gleichſam eine Weihe erhalten. Mitten in den Steineichen⸗Gehoͤlzen erblickt man hier eine Vorderſeite eines alten Kloſtergebaͤudes, dort eine Reihe von Kapellen, die vormahls von eben ſo vielen Einſiedlern bewohnt waren; weiter hinaus, als ein altes Denkmahl glaͤubiger, einſt ihre Opfer⸗ gaben zur Errichtung eines ſolchen Gebaͤudes hier zuſammenlegender Pilger, eine Kirche, zu der man unter einem langen Saͤulengange hinanſteigt. An die Landſtraße ſelbſt ſtoͤßt eine beſcheidene Kapelle, in welcher vor einem Madonnen⸗Bilde ein Wachs⸗ licht brennt. Zum Schutze dieſes Bildes iſt ein 104 Gitterwerk angebracht, und dieß mit Recht; denn dasſelbe iſt eine Arbeit von Raphaels Pinſel, ge⸗ mahlt, als er noch in zarter Jugend zu Perugia bey Pietro Perugino ſeinen Studien oblag. Ueber Fuligno hinaus, mitten in den Feldern, an einer Stelle, wo der Thalgrund etwas mehr Breite gewinnt, wird man einer weitlaͤufigen, ganz iſolirt ſtehenden Kirche, von edler Bauart, anſichtig. Sie heißt degli Angeli, und iſt die Mutterkirche des Franziskaner⸗Ordens. In einiger Entfernung von derſelben liegt am Abhange eines Berges die Stadt Aſſiſi. Die Fantaſie fuͤhlt ſich vom An⸗ blicke jenes Tempels ergriffen; beydes, ſeine Einſam⸗ keit und ſeine Groͤße, ſtimmen das Gemuͤth zu reli⸗ gioͤſen Gefuͤhlen: denn die Froͤmmigkeit allein iſt es, welche die Glaͤubigen an jene verlaſſene Staͤtte zu⸗ ſammenfuͤhrt. In einiger Entfernung von der Kirche degli Angeli faͤngt der Reiſende an, auf langwierigem Pfade einen Berg zu erklettern, welcher den Thal⸗ grund ſchließt, und von deſſen Gipfel das alte Pe⸗ rugia herabſchaut. Dieſer Berg ruͤndet ſich in ſanf⸗ te Abhaͤnge ab, und vereinigt ſeine beyden Arme mit den zwey Ketten der Apenninen. Auf der entge⸗ gengeſetzten Seite verliert ſich der Blick in die Thal⸗ gruͤnde von Traſimene, die ſich unter vielen Kruͤm⸗ mungen bis nach den Becken von Arezzo und Flo⸗ renz hinwinden. 105 Dieſe unebenen und ungleich geformten Ab⸗ haͤnge ſind, ſo wie die Zugaͤnge der Stadt ſelbſt, in unzaͤhlige Gaͤrten zertheilt, in denen ein großer Reichthum von Blumen und Fruͤchten vorhanden iſt. Weinlauben und Baͤume uͤberſchatten dieß Garten⸗ land, Canaͤle bewaͤſſern dasſelbe, und eine friſche Luft hilft das Gruͤn ſeines Gewandes erhalten. Die Natur hat hier uͤberall ein jugendlich lachendes Aus⸗ ſehen. Erſt fuͤhrt die Straße durch alle dieſe Frucht⸗ haine hindurch, dann aber gelangt man an den Fuß großer, die Schutzwehr der Stadt bildender Mauern. Mit Ein Mahl befindet man ſich nun wieder mitten unter voruͤbergegangenen Zeitaltern, in breiten, von alten Pallaͤſten eingefaßten Straßen. Eine edle und alterthuͤmliche Architectur verziert dieſe Gebaͤu⸗ de; gewaltige Baſiliken reichen mit ihren Kuppeln hoch in die Luft empor, und von den Terraſſen der Stadt uͤberſchaut man das ganze Flachland der Um⸗ gegend. Die Lage von Perugia iſt eine der reizend⸗ ſten, die mir jemahls zu Geſichte gekommen ſind. Noch ſchattenreichere und pittoreskere Thaͤler fuͤhren bis an die Ufer des Sees von Traſimene, deſſen Anblick noch ſtaͤrker ergreifen wuͤrde, wenn man nicht kurz vorher die Seen von Nemi und Al⸗ bano bewundert haͤtte. Die Gewaͤſſer von Traſi⸗ mene ruhen in einer Einfaſſung von einem auf ihrer ſtillen Oberflaͤche ſich ſpiegelnden Gruͤn, und rings um dieſelben ziehen ſich waldbekleidete Abhaͤnge alſo 106 empor, daß kein Punct vor dem andern hervorſticht, und die Aufmerkſamkeit immerfort gleichmaͤßig auf das Ganze gerichtet bleibt. Nicht lange, nachdem man neben dem See hinweg iſt, tritt man wieder in das Toscaniſche Gebieth ein. Und ſo haͤtte ich Ihnen, mein Freund, mit moͤglichſter Genauigkeit das Ausſehen und die Wirth⸗ ſchafts⸗Syſteme des vormahligen Kirchenſtaates ge⸗ ſchildert. Meine Abſicht, ich will es Ihnen nicht verhehlen, ging dabey zugleich auch, und zwar im Gegenſatze mit ſo manchen Schriftſtellern, die ſich gegen die kirchliche Verwaltung ereifert haben, da⸗ hin, eine Art von Rechtfertigung jenes Landes zu ſchreiben. Es haͤtte freylich mehr Einſicht und Thaͤtig⸗ keit in jene Verwaltung hineingelegt, es hatten beſſere Grundſaͤtze der Staatswirthſchaft bey Anordnung der⸗ ſelben befolgt werden koͤnnen. So wenig ſich die⸗ ſelbe uͤbrigens auf der einen Seite von Maͤngeln freyſprechen laͤßt, ſo einleuchtend bleibt es auf der andern Seite fuͤr den geſunden Menſchenverſtand, daß unter der mildeſten Regierung auf dem Erdbo⸗ den, unter einem herrlichen Himmel, und unter der Aegide eines ewigen Friedens, der individuelle Ge⸗ werbsfleiß bloß aus eigener Kraft ſchon laͤngſt dar⸗ auf haͤtte verfallen muͤſſen, von allen dieſen Vor⸗ theilen Partie zu ziehen, wenn nicht durch ein furchtbares Naturgeſetz jenes Land dazu verurtheilt geblieben waͤre, eine Wuͤſte zu bleiben. In einem 140 ſolchen Lande wird keine Verwaltung preiswuͤrdigere Reſultate erzwecken koͤnnen, und eine Adminiſtra⸗ tion, wie die Franzoͤſiſche, in der Campagna di Roma nicht mehr ausrichten, als ſie bis jetzt in den Landes von Bordeaux und den Genets von Bretagne zuwege zu bringen vermocht hat. Auch das ſchoͤne Thal von Fuligno ſtand einſt, nicht weniger als das Latium, unter der Verwal⸗ tung der Kirche, ohne daß unter ihr das Land ſeine Bevoͤlkerung eingebuͤßt haͤtte, oder ſeine Weinreben und Olivenbaͤume zu Grunde gegangen waͤren. In eben dem Augenblicke, wo man aus dem Gebiethe der ungeſunden Luft heraustritt, kehrt im Kirchen⸗ ſtaate ſo gut, wie in Toscana, die Natur ſofort wieder in's Leben zuruͤck, und das Land wird wie⸗ der bevoͤlkert. Es kann alſo einzig noch in die Frage kommen, ob die Paͤpſte Schuld an der verpeſteten Luft ſeyen, was vor zwanzig Jahren die meiſten Reiſenden zu bejahen ſich nicht geſcheut haben wuͤrden. In unſern Tagen hingegen ſind die vorzuͤglich⸗ ſten Chemiker von dem Gegentheile um ſo feſter uͤberzeugt, als man weiß, daß jene Schaͤdlichkeit der Luft weder von den Suͤmpfen, noch von der Nacktheit des Bodens herruͤhre: denn eben dieſe Luft iſt auf den Bergen nicht minder gefaͤhrlich, als in der Tiefe der Waͤlder. Wohl haͤtte ſich vielleicht in fruͤhern Zeiten 108 durch eine aufgeklaͤrtere Verwaltung dem verderbli⸗ chen Umſichgreifen jener Landplage zuvorkommen laſ⸗ ſen; gegenwaͤrtig aber iſt an keine Rettung mehr zu denken, und auch die kommenden Geſchlechter werden Roms Wohlſtand nicht wieder erbluͤhen ſehen. Neunzehnter Brief. Ferrara, s. Oktober 1813. Uater allen Laͤndern unſers Welttheils, ja des ge⸗ ſammten Erdkreiſes, iſt vielleicht keines zu finden, das ſo mancherley und ſo hoͤchſt ungleiche Anſichten gewaͤhrte, wie Italien. Der Reiſende, der ſich mit den verſchiedenen Gegenden dieſes Landes bekannt machen will, hat nach einander jetzt rauhe Gebirge zu uͤberſteigen, und alſobald wieder ſorgfaͤltig be⸗ baute Huͤgelreviere, fruchtbare Thaͤler und wuͤſtes Flachland zu durchwandern. In unmittelbarer Naͤhe lachender, die ſchoͤnſten und mannigfaltigſten Bilder geſellſchaftlicher Gluͤckſeligkeit liefernder Gruͤnde, auf denen hier und da ſein Auge mit Wohlgefallen ver⸗ weilt, erblickt er hinwieder auch Gegenden ganz an⸗ derer Art, von denen die Vorſehung ihre Hand ge⸗ fliſſentlich ſcheint abgezogen zu haben, auf daß ſie zu einem Grabe des Menſchengeſchlechts dienen moͤgen. Dieſer unendlichen Mannigfaltigkeit der For⸗ men, unter welchen die Natur ſich in Italien dar⸗ 110 ſtellt, liegen zwey in gleichem Grade bemerkenswer⸗ the Urſachen zum Grunde. Die eine derſelben liegt in der Hand des Schoͤpfers; die andere iſt in jener Oberherrſchaft zu ſuchen, welche der Menſch uͤber den Erdboden, deſſen urſpruͤngliche Schoͤnheit er nach Belieben hoͤher ſteigern oder vertilgen kann, ausuͤbt. In keinem andern Lande hat das Menſchenge⸗ ſchlecht eine ſo langwierige Herrſchaft uͤber die Natur behauptet, wie in Italien, und gerade darum iſt auch der Einfluß der Sitten und Verhaͤltniſſe des geſellſchaftlichen Lebens auf die Werke der Allmacht nirgend anderswo in ſolchem Grade bemerkbar. In Folge der verſchiedenen Formen ſeiner Civiliſation hat dieß praͤchtige Land die mannigfaltigſten Wechſel des Verfalles und des Wohlſtandes, einen nach dem andern, erfahren muͤſſen, und ſeine Geſchichte ver⸗ wandelt ſich in eine, man moͤchte ſagen, Experi⸗ mental⸗Geſchichte, in welcher ſich ohne große An⸗ ſtrengung erforſchen laͤßt, was fuͤr Veraͤnderungen die verſchiedenen Verhaͤltniſſe des geſellſchaftlichen Lebens in den Urformen des Erdballs zu bewirken im Stande ſind. Eben ſo leicht laͤßt ſich auch in jeder der ver⸗ ſchiedenen Landesherrlichkeiten, unter welche der Bo⸗ den ſowohl, als die Geſchichte Italiens getheilt war, unterſcheiden, was fuͤr ein Geiſt jeden der Staaten, denen jene einzelnen Abtheilungen zugehoͤrt hatten, beſeelt habe. So findet man in dem Florentiniſchen 111 Feldbau das Jahrhundert der hoͤchſten Civiliſation wieder. In Genua's Umgebungen athmet der Geiſt einer auf ihre mehrmahls gefaͤhrdete Unabhaͤngigkeit eiferſuͤchtigen Regierung, die ihre Gewalt dadurch zu behaupten bemuͤht war, daß ſie den Zugang zu ih⸗ ren Perſonen mit einer Menge von Schwierigkeiten und Gefahren verzaͤunt hielt. Volterra's Schutt⸗ haufen erzaͤhlen von der Vernichtung der Unabhaͤn⸗ gigkeit dieſer Stadt, und die oͤde Verlaſſenheit der Campagna di Roma, worauf anders deutet ſie hin, als daß es andere denn irdiſche Gegenſtaͤnde ſeyen, welche die Regierung des Kirchenſtaates mit ihren Sorgen umfaſſe. Durch ſolche hiſtoriſche Zeugniſſe muß das In⸗ tereſſe einer Reiſe durch Italien bedeutend erhoͤht werden, und auch die Staatswirthſchaft iſt im Falle, aus denſelben, an der Hand der Erfahrung, manche nuͤtzliche Lehre zu ziehn. Als Beleg zu dieſer letztern Behauptung laſſen Sie mich einer landwirthſchaftlichen Anſtalt erwaͤh⸗ nen, die mir, ihrer geſammten Einrichtung nach, einer Beſchreibung nichts weniger als unwerth ſcheint. Dieſe Beſitzung liegt unterhalb der Stadt Cortona, im Thale von Chiana. Die Tiefe dieſes Thales erfuͤllte vor Alters ein See von unbedeutendem Umfange, deſſen Umgebun⸗ gen aber aus Moraͤſten beſtanden. Durch dieſe Suͤmpfe wurden in der Umgegend verderbliche Aus⸗ 112 duͤnſtungen verbreitet, und der reiche Thalgrund blieb fuͤr den Anbau gaͤnzlich verloren. Auch der St. Stephans⸗Orden, welchem man die ganze weit⸗ laͤufige Beſitzung als Eigenthum uͤberlaſſen hatte, ließ dieſelbe unbenutzt liegen, bis endlich der damahls in Toscana vorherrſchende Geiſt, der ſeine Luſt dar⸗ an hatte, alles, worauf ſeine Bothmaͤßigkeit ſich erſtreckte, zu verſchoͤnern und fruchtbarer zu machen, auch den St. Stephans⸗Rittern es eingab, auf eine Austrocknung jenes Sees und der ihn umzingelnden Moraͤſte zu denken. Der Plan zu dieſer Austrocknung ward mit eben ſo viel Geſchicklichkeit entworfen als ausgefuͤhrt. Die ganze urbar zu machende Strecke Landes, be⸗ trug ungefaͤhr drey tauſend Morgen. Ein Canal wurde eroͤffnet, deſſen Beſtimmung dahin ging, al⸗ les uͤberfluͤſige Waſſer nach dem Arno abzufuͤhren. Von der ganzen Waſſermaſſe ließ man nur ſo viel unabgeleitet, als erforderlich war, um nach Belie⸗ ben jenes Flachland waͤſſern zu koͤnnen, das zu dem Ende mit einer großen Anzahl von Nebencanaͤlen durchſchnitten wurde. Nachdem dieß geſchehen war, haͤtte man fuͤr das Naturlichſte halten ſollen, im Mittelpunct des gewonnenen Landes einen ſtattlichen Pachthof zu erbauen, und alles zuſammen in ein einziges großes Gut zu verwandeln. Allein die Tos⸗ caner befanden ſich damahls in Betreff der wahren Intereſſen ihrer Land⸗Oekonomie allzuſehr im Kla⸗ 113 ren, als daß ſie ein ſo koſtbares Erdreich, durch die Art der Bewerbung ſelbſt, der Entkraͤftung haͤtten Preis geben ſollen: daher denn der St. Stephans⸗ Orden den erhaltenen Raum, anſtatt eine einzige Beſitzung darauf zu gruͤnden, in ſiebenzig Pachthoͤfe vertheilte. Man legte Wege an, welche, ſich unter rechten Winkeln durchſchneidend, zur Bewerbung ſo⸗ wohl, als zur Abtheilung jener Meiereyen dienen mußten. Dieſe Wege wurden mit Canaͤlen einge⸗ faßt, in jedem jener Guͤter eine Wohnung fuͤr eine Haushaltung von Landbauern, und zwar nach Tos⸗ caniſcher Sitte in geſchmackvollen Formen und nach regelmaͤßigen Verhaͤltniſſen gebaut und eingerichtet, das Erdreich nach und nach zu Wieſengruͤnden und Ackerfeld tuͤchtig gemacht, und uͤberall Baͤume ge⸗ pflanzt, die theils Fruͤchte tragen, theils auch bloß Schatten verbreiten, insgeſammt aber mit Wein— ranken belaſtet ſind und dieſen zur Stuͤtze dienen. Ich ermangelte auf meiner Reiſe nicht, in dieſe Beſitzungen einzutreten, um mich mit der dortigen Cultur und der dabey waltenden Eintheilung naͤher bekannt zu machen. Es waren Raſenpfade, auf de⸗ nen dieſer mein Luſtgang vollfuͤhrt wurde. Unter Weinlauben, von der Hand der Natur gebildet, ſah man unzaͤhlige Canaͤle durchfließen, und Schleuſen ihre Gewaͤſſer uͤber die Wieſengruͤnde verbreiten; vermittelſt dieſer Muͤhwaltung aber hatte die ganze Landſchaft, der brennenden Sonnenhitze ungeachtet, Briefe üb. Italien. a. Thl. 8 114 fortwaͤhrend ein Gruͤn und eine Friſchheit behalten, auf denen Sinne und Fantaſie nicht ohne Wohlge⸗ fallen verweilten. In jeder dieſer Meiereyen lebt eine, mit der Bearbeitung von etwa 40 Morgen Landes beauf⸗ tragte Paͤchterfamilie. Jeder Pachthof beſitzt Ein bis zwey Paar Ochſen und einige Kuͤhe. Die Pro⸗ ducte beſtehen, neben dem Getreide, in Seide, Baumfruͤchten, Wein und Gartengewaͤchſen. Die Oekonomie theilt ſich in ſo viele eintraͤgliche Neben⸗ zweige, daß auf jedem der Hoͤfe eine Familie von Landbauern nichts weniger als kaͤrglich leben kann. Man war, als ich dieſe Grundſtuͤcke beſichtigte, ge⸗ rade mit der Ausſaat des Kornes beſchaͤftigt. Der Tag war zu dieſer Arbeit gar nicht unguͤnſtig, in⸗ dem ein ſanfter Nachtregen die Oberflaͤche der Erde erweicht hatte, ſo daß jetzt die Schollen unter den Zaͤhnen der ſich daruͤber wegſchiebenden Ege mit leich⸗ ter Muͤhe in Stuͤcke gingen. Die geſammten Bewohner des Pachthofes fan⸗ den ſich mit Feldarbeiten beſchaͤftigt. Einige um⸗ brachen, die Pfluͤge leitend, die Brachfelder in ruͤ⸗ ſtiger Eile. Ein Kind regte die Ochſen aus ihrer Langſamkeit auf, indeß die Vaͤter Furchen zogen, und die Weiber das aus dem fruchtbaren Boden, der Sorgfalt des Landbauers ungeachtet, hervortreibende Unkraut hinwegſchafften. Hinter dieſen Frauen ſah man in gleichen und abgemeſſenen Schritten den 1 115 Saͤemann hin und her gehn, und mit gleichfoͤrmi⸗ gem Wurfe und in gleich großen Zwiſchenraͤumen den Samen in die Furchen ſtreuen. Sein Korn trug er in einem Stuͤck um den Hals gelegten Weißzeu⸗ ges, deſſen aͤußerſtes Ende ihm, gleich einer kuͤnſtli⸗ chen Draperie, von dem Ruͤcken wehte. Ein gewiſſer Frohſinn war uͤber dieſe Landleute verbreitet. Der⸗ ſelbe gruͤndete ſich auf die Hoffnung, dieſe ein⸗ zige Vergelterinn der Muͤhſeligkeiten des Lebens. In der That iſt der Tag fuͤr den Landbauer ein Feſt, an welchem er, voll Zuverſicht auf die Guͤte der Vorſehung, ſeinen ſo mancherley Zufaͤllen unter⸗ worfenen Samen dem Schooße der Erde anzuver⸗ trauen wagt. Einzig die Reihenfolge der Zeiten und Jahrhunderte iſt es, die ihn zu beruhigen vermag; denn ſie verheißt ihm, daß er gleich ſeinen Vaͤtern und Vorvaͤtern und von ebendemſelben Boden werde ernten koͤnnen. Die Ebenen von Cortona biethen einen der ſchoͤnten Schauplaͤtze menſchlicher Thaͤtigkeit dar. Von Natur waren ſie ein See: die Induſtrie aber hat die Waſſerflaͤche in Wieſen verwandelt, und jene, ehemahls von der verpeſteten Luft beherrſchten, Ebe⸗ nen ſind nunmehr geſund. Vormahls verlaſſen und oͤde, werden ſie jetzt von einem Geſchlechte bewohnt, welchem Wohlſtand ſeine Gluͤckſeligkeit ſichert. Frey⸗ lich iſt es ausſchließlich die Kunſt, welche in dieſer Gegend alles angeordnet und bewirkt, ja ſelbſt die 8* 116 Bewegung der Waſeerſtroͤme geregelt hat; und hier⸗ aus ſollte man denken, muͤßte fuͤr das Ganze eine zu große Einfoͤrmigkeit erwachſen. Allein dieſe ganze Landſchaft iſt mit Baͤumen ſo reichlich beſetzt, des Gruͤnen findet ſich ſo viel, das Summen der Inſec⸗ ten und der Geſang der Voͤgel toͤnen dem Reiſenden ſo laut und vielfach in's Ohr, daß er alles deſſen, was die Kunſt hier geleiſtet hat, ungeachtet, einen Hain zu durchwandeln glaubt, deſſen Boden wohl eine Menſchenhand moͤge umgebrochen und mit Pfa⸗ den durchſchnitten haben, der aber uͤbrigens ganz und gar ein Werk der Natur ſey. Wenn der Wanderer uͤber dieſe ſchoͤnen Thal⸗ gruͤnde hinaus iſt, ſo gelangt er bald nach Arezzo. Hier bekommt er die in den zerfallenden Burgflecken des Neapolitaniſchen Gebiethes und des Kirchenſtaa⸗ tes ihm fremd gewordene Toscaniſche Bauart und Florentiniſche Eleganz auf einmahl wieder zu Ge⸗ ſichte. Mit Sorgfalt werden zu Arezzo die Gebaͤude in ihrer jugendlichen Schoͤnheit erhalten. Vermoͤge eines breiten Steinpflaſters, das von Zeit zu Zeit erneuert wird, ſind die Straßen ungemein reinlich, und das Wandeln auf denſelben iſt bequem. Ueber⸗ haupt werden in Toscana die oͤffentlichen Spazier⸗ gaͤnge, Fontaͤnen und alle andere Gemeinguͤter nicht minder ſorgfaͤltig unterhalten und eben ſo ſehr geſchont, als das Eigenthum des Privat⸗Mannes. Arezzo liegt in dem fruchtbaren Thale von Chiana, 117 in der Naͤhe des Arno: nicht weit von der Stadt aber kruͤmmen ſich Thalgrund und Fluß, und ma⸗ chen, bevor ſie Florenz erreichen, einen gewaltigen Umweg. Bernde ziehn ſich laͤngs dem Fuße der gro⸗ ßen Apenninen hin, und der Arno beſpuͤlt auch noch die Gehoͤlze von Vallombroſa, indeß die Hauptſtraße durch das, die Mittelgegend von Toscana einneh⸗ mende, Kalkhuͤgel⸗Revier in geraderer Linie nach Florenz geht. Dieſe Kalkhuͤgel bilden eine foͤrmliche Reihe und bedecken mit ihren pyramidenfoͤrmigen Geſtalten die ganze Oberflaͤche des Landes bis nach Siena und Montepulciano. Auf ihnen erzeugen ſich die vor⸗ trefflichten Weine Italiens, und an ihren Abhaͤn⸗ gen gruͤnt faſt durchgehends der Oehlbaum. Uebri⸗ gens ſind eben dieſe Anhoͤhen an manchen Stellen allzu unfruchtbar und mager, als daß ſie zu ander⸗ weitigem Anbau tauglich ſeyn ſollten. An ſolchen Plaͤtzen iſt die Meertanne der einzige Baum, der noch auf ihnen ſchattet. Mit gutem Erfolge iſt in dieſem Huͤgellande der Bau der Esparſette mit der roſenfarbigen Bluͤthe verſucht worden. Schoͤne Pflan⸗ zungen dieſer Art ſind mir ſelbſt in einem Gute des Oberſten Ricci zu Geſichte gekommen. Von ſeinen weiten Reiſen hat dieſer eben ſo geiſtvolle als kennt⸗ nißreiche Mann mancherley Beobachtungen, die er zu machen im Falle war, nach Toscana zuruͤckge⸗ bracht. Unter andern hat er auch eine Herde Spa⸗ * 118 niſcher, von dem Herrn Laſterie in Toscana einge⸗ fuͤhrter, Wanderſchafe an ſich gekauft. Dieſe Thie⸗ re bringen den Sommer auf dem Apennin zu, fuͤr den Winter aber hat er ihnen durch Aufbrechen von Stuͤcken unfruchtbaren Erdreiches, auf den Huͤgeln zwiſchen San⸗Casciano und Inciſa, einen Aufent⸗ haltsort bereiten laſſen. Von den Hoͤhen von San⸗Donato geht es end⸗ lich laͤngs einem reißenden, zwiſchen eine Menge Garten⸗ und Terraſſen⸗Mauern eingeengten, Wald⸗ ſtrome nach Florenz hinab. Hier kommt das Aus⸗ geſuchte der Florentiniſchen Landes⸗Cultur wieder zum Vorſchein, und das Auge vergnuͤgt ſich neuer⸗ dings an der gefaͤlligen Volkstracht. Eine ſchoͤne Natur biethet, zu beyden Seiten des Arno, mancherley Gemaͤhlde dar, die zwar das Herz nicht ungeruͤhrt laſſen, immerhin aber als bloße Gouache⸗Gemaͤhlde erſcheinen, denen jene, die Landſchaften des ſuͤdlichen Italiens veredelnde, Zuͤge ganz und gar abgehen. Dem Reiſenden gewaͤhrt es nicht wenig Ver⸗ gnuͤgen, auf ſeinem Ruͤckwege eben die Oerter wie⸗ der erſcheinen zu ſehen, die er vor kurzem ſchon ein Mahl beſucht hatte. Ganz unvermerkt hat ſich zwi⸗ ſchen ſeiner Perſon und den Ortſchaften, wo ihm dieſe oder jene Lebensfreude zu Theil geworden, eine Art freundſchaftlichen Verhaͤltniſſes angeknuͤpft. Mit allen ſich ihm darbiethenden Gegenſtänden ſteht er 119 bey ſeiner zweyten Ankunft ſchon in etwas vertrau⸗ terer Bekanntſchaft, und ihm iſt, als komme ihm wirklich das Recht zu, an ſolchen Orten ſeinen Wohnſitz aufzuſchlagen. Dergleichen angenehme Em⸗ pfindungen waren es, unter denen auch ich jetzt wie⸗ der in Florenz eintraf, und eben dasſelbe auf den Arno hinausgehende Zimmer wieder bezog, welches ich auf meinen fruͤhern Reiſen inne gehabt hatte. Von den Fenſtern dieſes Zimmers glaubte ich eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Quartiere von Florenz und der Gegend des Louvre wahrzuneh⸗ men, die mich aber um ſo weniger befremdete, wenn ich bedachte, daß es gerade zwey Koͤniginnen aus dem Stamme der Medicaͤer geweſen, denen die Ver⸗ ſchoͤnerung jenes Quartiers der Stadt Paris zu ver⸗ danken ſey. Damahls war naͤhmlich Italien aus⸗ ſchließlich das Vaterland der Kuͤnſte, der Moden und des Geſchmackes, nach welchem man ſich hinbegab, um Modelle zu allem aufzuſuchen, was in andern Laͤndern eine verſchoͤnerte Geſtalt erhalten ſollte. Auch die Tribune ließ ich waͤhrend meines zwey⸗ ten Aufenthaltes zu Florenz nicht unbeſucht. Hier erblickte ich die Venus wieder, womit Canova die Stadt beſchenkt hat. Die Maͤnner finden dieſe Ve⸗ nus ſchoͤner als die Medicaͤiſche, die Damen hinge⸗ gen gaben dieſer letztern, und wie mich beduͤnken will, nicht mit Unrecht den Vorzug; denn ihre Con⸗ currenz duͤrfte wohl minder gefaͤhrlich ſeyn. So⸗ 120 dann beſuchte ich auch das Muſeum wieder, und in demſelben den Baron Bardi und die ſchoͤnen, ſeiner ſchuͤtzenden Aufſicht anvertrauten Sammlungen. Von dieſem wurde ich noch am naͤhmlichen Abend in eine feyerliche Sitzung der Akademie der Georgofili einge⸗ fuͤhrt, in welcher eine Preisaustheilung Statt ha⸗ ben ſollte. Dieſe Akademie, der aͤlteſte unter den landwirthſchaftlichen Vereinen Italiens, haͤlt ihre Sitzungen in dem ſehr geraͤumigen Saale eines praͤch⸗ tigen Pallaſtes. Die Zugaͤnge dieſes Saales hatte man mit Gruͤn und Blumen bekraͤnzt, als ſollten die Wieſen und Felder den Gelehrten, die ſich mit ihrer Urbarmachung beſchaͤftigen, durch Vorlegung ihrer Erzeugniſſe ihre Huldigung darbringen. Den Akademikern, und unter ihnen auch mir ſelbſt, wa⸗ ren um einen Auftritt herum, auf welchem der Praͤ⸗ ſident ſaß, ihre Plaͤtze angewieſen. Einen zahlrei⸗ chen Kreis bildeten um ſie die Zuſchauer. Von ei⸗ nem Secretaͤr wurde der Jahresbericht uͤber die Ver⸗ richtungen der Akademie mitgetheilt. Hierauf las einer der Akademiker eine in angenehmer und lebhaf⸗ ter Schreibart abgefaßte Denkſchrift auf ein, zum großen Leidweſen der Geſellſchaft kuͤrzlich verſtorbe⸗ nes Mitglied, die mit beſonderer, fuͤr die Achtung, in welcher der Verſtorbene geſtanden hatte, zeugen⸗ der Theilnahme vernommen wurde. Nicht ohne große Verwunderung hoͤrte ich in dieſer Leichen⸗ und Lobrede den verſtorbenen Greiſen unter andern auch daruͤber ruͤhmen, daß er fuͤnfzig Jahre lang ein treuer und zaͤrtlicher Liebhaber geweſen ſey, und ſo⸗ mit auch die Pflichten dieſes Standes auf eine exem⸗ plariſche Weiſe erfuͤllt habe. Dieſer einzige Zug ſchildert die Italiaͤniſchen Sitten, wie ſie in den neueſten Zeiten noch waren, treffender, als es kein la Bruyère oder la Rochefoucault haͤtte thun koͤnnen. Ein Abbatino las in der Verſammlung auch noch eine Abhandlung uͤber den Runkelruͤbenzucker. Sein Aufſatz uͤberfloß von Grazie und Ironie, und war das vollendeteſte Muſter einer Attiſchen Scherzrede, erntete auch den lebhafteſten Beyfall ein. In Fran⸗ zoͤſiſcher Sprache duͤrfte ſich ein ſolcher Gegenſtand wohl ſchwerlich ſo komiſch und zugleich mit ſo viel Witz abhandeln laſſen. Schließlich wurde auch ich (eine Ehre, der ich ſehr wuͤnſchte, mich wuͤrdig ma⸗ chen zu koͤnnen) der Akademie der Georgofili ein⸗ verleibt. Den andern Tag machte ich einen Ausflug nach Poggio a Cajano, einem Lieblingsaufenthalte der Toscaniſchen Fuͤrſten, der einen ganz beſondern Cha⸗ rakter von Pracht und Einfachheit an ſich traͤgt. Dieſer koͤnigliche Wohnſitz hat ein edles und gleichwohl baͤuriſches Ausſehn, iſt groß und doch laͤndlich. Auf einem nahe am Arno gelegenen Huͤgel haben naͤhm⸗ lich die Medicaͤer in einer ſchwerfaͤlligen Bauart, dem nachgehends ſo geheißenen baͤuriſchen Style, ein Haus auffuͤhren laſſen, deſſen viereckige Dachung einen 122 weitlaͤuſigen, ſich um alle vier Seiten des Gebaͤu⸗ des herumziehenden Balcon uͤberfluͤgelt. Von der Hoͤhe dieſes Balcons ſtellen ſich dem Wanderer nach allen Richtungen hin, zu Berge und Thal, die la⸗ chendſten Gemaͤhlde vor Augen. An der Mittags⸗ ſeite des Schloſſes liegt ein mit Mauern eingefaßter, mit Spalieren und Weingelaͤndern beſetzter Gemuͤſe⸗ garten. Die drey uͤbrigen Seiten des Gebaͤudes ge⸗ nießen die Ausſicht uͤber weite, mit Canaͤlen durch⸗ ſchnittene und von Baͤumen verſchiedener Art uͤber⸗ ſchattete Wieſengruͤnde. Sehr ausgeſucht ſind zu Poggio a Cajano die Verzierungen des Innern; uͤbrigens iſt bey dieſem ganzen Lokale nicht mehr Pracht und Aufwand angebracht, als es bey der Wohnung eines reichen, aber das Einfache liebenden Particularen der Fall ſeyn wuͤrde, deſſen Beſtreben dahin ginge, ſein Haus und ſeine Guͤter moͤglichſt bequem und productiv einzurichten, und der von al⸗ lem Fruͤchte ziehen moͤchte, ſelbſt von den Baͤumen ſeiner Anfahrt. Eben dieſen Charakter tragen die Schoͤpfungen der Medieaͤer insgeſammt an ſich. Derjenige Theil der Apenninen, den man, um von Florenz nach Bologna zu gelangen, zu durch⸗ wandern hat, biethet wenig Merkwuͤrdiges dar. Da ſich der Weg gerade uͤber diejenige Gegend des Ge⸗ birges hinwegzieht, wo dieſes am niedrigſten iſt, ſo bekommt man von dem Schauerlichen der Gebirgs⸗ welt nur wenig zu ſehen, und noch weniger von den —.,— 123 4 Schoͤnheiten der Thaͤler. Ein einziger Gegenſtand hat auf dieſer Durchreiſe mein Intereſſe in Anſpruch genommen, naͤhmlich die Arbeiten, mit denen man beſchaͤftigt iſt, um die Straße fuͤr die Reiſenden gangbarer zu machen. Es iſt zum Erſtaunen, wie viele Werke ſolcher Art ſeit fuͤnf Jahren durch die Franzoͤſiſche Regierung in Italien theils angefangen, theils wirklich zu Stande gebracht worden ſind. Sollte nur noch drey Jahre lang auf demſelben Fuß fortgefahren werden, ſo muͤßte man alle Verbindun⸗ gen durch ganz Italien eroͤffnet, die ſaͤmmtlichen Bruͤcken vollendet, allen Bergabhaͤngen ihre Jaͤhe benommen, und den Aufenthalt in jenem Lande ſelbſt mit allen in dieſer Hinſicht erhaͤltlichen Vor⸗ theilen verbunden ſehen. Wenn der Reiſende unweit der Filigaren, an der Grenze des Bologneſiſchen Gebiethes, die ober⸗ ſte Hoͤhe der Apenninen erreicht hat, ſo ſieht er mit einem Mahle die Ebenen der Lombardie, das Adria⸗ tiſche Meer, Illyrien und die Alpen ſich vor ſeinen Blicken entfalten. Jetzt eroͤffnet ſich ihm ein neuer Geſichtskreis, der ihn auf großen Reichthum des Bodens, auf Pracht und Fuͤlle der Landſchaft ſchlie⸗ ßen laͤßt. Aber verſchwunden iſt der poetiſche Reiz jener Thaͤler, welche die Tiber und der Arno durch⸗ fluthen; er iſt verſchwunden mit dem Zauber ihrer Nahmen ſelbſt und mit dem Gruͤn der Cypreſſen. Die Farben des Orients verlieren ſich mit der Herr⸗ 124 lichkeit des Landes und dem Glanze des Himmelsbo⸗ gens. Nordwaͤrts von den Apenninen ſind die Wie⸗ ſen wieder mit Weiden, Erlen und Espen umkraͤnzt, die Klee⸗ und Kornfelder umfaſſen. Zu gleicher Zeit findet man die in den mitternaͤchtlichen Erdzo⸗ nen einheimiſchen Pflanzen wieder, und die Faͤrbung iſt ſo, wie jene Zonen ſie uͤber die Landſchaft ver⸗ breiten. Selbſt das Vieh ſieht nicht mehr ſo wild aus, und iſt in ſeinen Bewegungen weniger unge⸗ ſchlacht, als da, wo es in voͤlliger Freyheit lebt. In dem Gebiethe von Bologna ſieht man aͤußerſt wohlbeleibte Kuͤhe, die ganz gemaͤchlich auf uͤppigem Wieſengrunde weiden, oder von Kindern, die bey denſelben ihre Spiele treiben, gehuͤthet werden. Die Natur, gleichſam in Schlummer gewiegt, biethet in dieſen Gegenden dem Menſchen nichts mehr dar, als einen fruchtbaren Boden, der gern und im Ue⸗ berfluſſe Getreide und Fruͤchte hervorbringt. Hier ſieht man die Saat, unter ihrem eigenen Gewichte ſich beugend, in ſich ſelbſt zuſammenſinken; dort ſchießt mit ſeinen orangefarbigen Kolben das Waͤlſch⸗ korn bis zu einer Hoͤhe von zwanzig Palmen empor. Weiterhin gießt ein umſchatteter Canal einen Schwall von Waſſer auf einen duͤrre gewordenen Wieſengrund hin, der in einer Nacht ſich wieder mit Gruͤn be⸗ kleidet, indeß in einem benachbarten Grundſtuͤcke Melonen und Waſſermelonen, in lange Reihen ge⸗ pflanzt, den Boden mit ſchoͤnen Fruͤchten uͤberdecken. 125 Da ſieht man dann etwa des Abends den Paͤchter herbeykommen, um die Melonen zu pfluͤcken. Er ſucht die zeitigſten Stuͤcke aus, und die muntere Schar ſeiner Kinder traͤgt ſie in Haufen zuſammen, in Erwartung des aͤltern Bruders, der, nachdem er erſt ſeine gewaltigen Ochſen vom Pfluge abge⸗ ſpannt, nun mit dem Wagen herbeygefahren kommt, und unter dem Jubel der geſammten Familie die Haufen alle nach dem Pachthofe einfaͤhrt. Im Schooße dieſer wunderſam fruchtbaren Na⸗ tur ſieht man uͤberall von den Baumaͤſten lange Weintrauben herabhangen, deren Purpurroth ange⸗ nehm von dem Gruͤn des Laubwerkes abſticht, und den Reichthum der Landſchaft und ihrer Anbauer vermehren hilft. Dieſe Cultur, wie ſie jetzt iſt beſchrieben wor⸗ den, erſtreckt ſich laͤngs dem rechten Po-Ufer bis nach Parma. Hingegen trifft man, an der Muͤn⸗ dung des genannten Fluſſes, gegen das Adriatiſche Meer hin, auf eine ganz ſonderbare und wuͤſte Ge⸗ gend, das Poleſiniſche genannt(Polesino). Dieſe Gegend nimmt oberhalb der Stadt Ferrara ihren Anfang, und reicht, indem ſie in Triangel⸗Form, gleich einem Delta, immer breiter wird, bis nahe an das Ufer des Meers hin. In dieſe Ebene ſieht man den Po, belaſtet mit dem Waſſer aller, von den Hoͤhen der Apenninen und Alpen ihm zufließen⸗ den Stroͤme, eintreten. Vermoͤge der aͤußerſten Lang⸗ 4 126 ſamkeit, mit welcher der Fluß ſich zwiſchen den Wie⸗ ſen hindurchſchleppt, iſt der Schlamm, den er mit ſich fuͤhrt, nach und nach in der Tiefe ſeines Bettes ſitzen geblieben, und vermittelſt dieſes allmaͤhlich an⸗ wachſenden Bodenſatzes das Bett des Fluſſes ſelbſt hoͤher geworden, als der Boden, uͤber den er hin⸗ wegfließt. Es wuͤrde demnach der Po dieſe Ebenen ſchon laͤngſt unter Waſſer geſetzt haben, wenn nicht die Einwohner der Umgegend, um ſein Austreten zu verhuͤthen, nach und nach Daͤmme angelegt und aufgefuͤhrt haͤtten, durch welche der Fluß in ſeinem Laufe geregelt wird, und bey ſeinem ſich uͤber das Uferland erhebenden Stande in ein kuͤnſtliches Bett eingeengt bleibt. Auf gleiche Weiſe iſt man genoͤ⸗ thigt geweſen, auch die einzelnen Nebenarme des Po mit Muͤhe und Arbeit in kuͤnſtliche Betten ein⸗ zuzwaͤngen. Nicht ohne Schaudern denkt man an die Gefahr, womit ſich die Einwohner der angren⸗ zenden Gegenden, von einer ſo ungeheuern Waſſer⸗ maſſe, die jeden Augenblick im Begriffe ſteht, die ihr entgegengeſtellten Daͤmme zu durchbrechen und das ganze Land zu uͤberſchwemmen, bedroht ſehen. Wirklich treten auch von Zeit zu Zeit furchtbare Ueber⸗ ſchwemmungen ein, die weit umheralles zu Grunde rich⸗ ten; denn in dieſem Delta iſt kein Zufluchtsort, ſelbſt nicht einmahl ein Huͤgel zu finden; ja man hat ſogar dar⸗ auf Verzicht gethan, durch Kunſt etwas anzulegen, das im Nothfalle Schutz oder Rettung gewaͤhren koͤnnte. 127 Durch das Poleſiniſche fuͤhrt der Weg, wenn man von Bologna nach Venedig geht. Es lag zwar nicht in meinem Plane, dieſe letztere Stadt zu be⸗ ſuchen; hingegen wollte ich jene merkwuͤrdige Ge⸗ gend nicht unbeſichtigt laſſen, und nahm daher von Bologna meinen Weg nach Ferrara. Fuͤnf Stunden lang geht die Reiſe durch die fruchtbare Umgegend jener erſtern Stadt, und als⸗ dann naͤhert man ſich dem oͤſtlichen Arme des Po. Von da an wird die Landſchaft allmaͤhlich baumloſer, und nimmt ein fades, einfoͤrmiges Colorit an. Des bebauten Landes, der Einzaͤunungen und Pachthoͤfe werden nach und nach weniger, und zuletzt iſt von all dieſem keine Spur mehr zu ſehen. Nur hier und da verlaͤngert etwa ein Landbauer von kuͤhne⸗ rem Sinne ſeine Furchen bis in die veroͤdete Flaͤche hinein. Die Straße, die bis jetzt feſt war, und unter den Tritten des Wanderers wiederhallte, wird erdig und ſtumm. Man hat einzig noch einen unermeßlichen, aber einfoͤrmigen Horizont im Ge⸗ ſichte, der ſich in eine unbeſtimmte Entfernung hindehnt, ohne daß man im Stande waͤre, zu ſagen, wo ſeine Grenze ſey. Der einzige Ge⸗ genſtand, der ſich noch deutlich unterſcheiden laͤßt, ſind die einem gruͤnenden Walle gleichenden, in eine unabſehbare Ferne ſich erſtreckenden Daͤmme. Ue⸗ ber dieſen Waͤllen ſieht man die Maſten und das Tauwerk der mit majeſtaͤtiſcher Langſamkeit ſtrom⸗ 128 auf⸗ und abwaͤrts gehenden Schiffe hin und wie⸗ der paſſiren. In dieſen Gegenden traͤgt das Land weder Doͤr⸗ fer noch Weiler. Selbſt jene langen Pflanzungen von Weidenbaͤumen, deren Reihen in den feuchten Nordlaͤndern die Wieſen einfaſſen und von einander abſondern, finden ſich nicht mehr. Das Land im Poleſiniſchen iſt nackt und kahl. Einzig erblickt man hin und wieder große, meiſt hoͤhzerne, zur Selten⸗ heit von Stein aufgefuͤhrte Gebaͤude, welche zu Heumagazinen und Stallungen dienen muͤſſen. Um dieſe Schoppen herum treibt ſich das Vieh, welchem breite, mit Seeroſen bedeckte Graͤben die Grenzen ſeiner Gras⸗ und Weideplaͤtze anweiſen. Das Vieh, welches in dieſen Wieſen aufgefuͤt⸗ tert wird, beſteht in Pferden, Kuͤhen und Schwei⸗ nen. Die ſaͤmmtlichen Herden tragen jenen eigen⸗ thuͤmlichen Charakter an ſich, der die in moraſtigem Boden groß gezogenen Thiere unterſcheidet. Sie ſind groß, duͤnn und abgemergelt, haben niedere Huͤften, lange und abel gefeſſelte Glieder; ihre Ge⸗ ſichtszuͤge ſind ſanft und ohne Ausdruck; in ihren Bewegungen zeigen ſie ſich traͤge und langſam. Dieſe traurige und einfoͤrmige Natur erſtreckt ſich bis an die Thore von Ferrara. Hier ſieht der Wanderer durch ein neues und unerwartetes Schau⸗ ſpiel ſeine Blicke gefeſſelt. Er tritt in eine regel⸗ maͤßig gebaute, ſehr weitlaͤuſige und praͤchtige Stadt — 129 ein; aber in eine Stadt, aus welcher ihre Einwoh⸗ ner ſo eben, einer allgemeinen Verabredung zufolge, und zwar, da hier nirgends Ruinen oder Spuren von Zerſtoͤrung zu ſehen ſind, ohne eine beſondere Veranlaſſung ausgezogen zu ſeyn ſcheinen. In ei⸗ nem nahe am Hafen gelegenen Quartiere trifft man noch auf einige von Schiffsvolk und Handwerkern be⸗ wohnte Haͤuſer. Hingegen ſind alle diejenigen Par⸗ tien und Straßen der Stadt, wo Pallaͤſte ſtehen, menſchenleer und verlaſſen. Die Straßen ſind groͤß⸗ tentheils mit den Fagaden dieſer Pallaͤſte eingefaßt; dazu regelmaͤßig und nach der Schnur angelegt, Al⸗ lein das Steinpflaſter iſt mit Gras uͤberwachſen, und hier und da ſieht man etwa Kuͤhe, die der An⸗ blick des ihnen eine reichliche Weide verheißenden Ra⸗ ſens herbeylockt, ſich in der vollkommenſten Ruhe und Sicherheit in dieſen Gaſſen umhertreiben. Wenn man, wie es gerade mein Fall war, ge⸗ lockt durch die Schoͤnheit der Architektur, in den ei⸗ nen oder andern jener Pallaͤſte hineingeht, ſo findet man da keine Fenſter mehr, kein Hausgeraͤth, ja nicht einmahl Thuͤren; wohl aber ſind die Treppen noch vorhanden, ſo wie auch die Saͤulengaͤnge und Bildhauerarbeiten. Den Waͤnden des Mauerwerkes entlang ranket der Eppich bis zu oberſt an die Ge⸗ baͤude hinauf, und umſchlingt, windenartig, die Pfeiler der die Giebel jener Pallaͤſte ſchmuͤckenden Dockengelaͤnder. Auf den, einſt dieſe Gebaͤude be⸗ Briefe üb. Italien, 2. Thl. 9 130 kroͤnenden, Terraſſen hat etwa ein in ſeinem Topfe ſtehen gebliebener Jasmin⸗ oder Granatbaum die Zeit und ſein Vergeſſenſeyn dazu benutzt, ſeine Zweige deſto weiter zu verbreiten, und mit Bluͤthen reich⸗ lich behangen, ſieht man jetzt ſolches Laubwerk ſich uͤber die Marmor⸗Karnieße, dieſe alten Verzierun⸗ gen jener verwuͤſteten Pallaͤſte, herabſenken. Noch weit uͤber Ferrara hinaus, und bis man uͤber alle Nebenarme des Po⸗Fluſſes hinweg iſt, behaͤlt die Landſchaft das naͤhmliche Ausſehen. Die Poleſiniſchen Wieſengruͤnde haben einige Aehnlichkeit mit dem Steppenlande der Campagna di Roma. Beyde ſind Plagen ausgeſetzt, welche in dem einen Lande, wie in dem andern, die Einwohner genoͤ⸗ thigt haben, die Cultur der Hirtenlaͤnder daſelbſt einzufuͤhren. Inzwiſchen iſt mit den Gefahren, von denen ſich der Roͤmer bedroht ſieht, etwas Geheim⸗ nißvolles und Unausweichliches verbunden, welches der Fantaſie Nahrung verſchafft, und alles iſt duͤſter und brennend in jenem Lande der Vulkane, das von Zeit zu Zeit in Aufruhr geraͤth, wie wenn es ſich das Menſchengeſchlecht, als eine Laſt, vom Halſe ſchuͤtteln wollte, oder ſeinen Schlund aufthut, um dasſelbe zu vernichten; wo hingegen die Gefahren, welche das Waſſer herbeyfuͤhrt, gewiſſer Maßen pe⸗ riodiſch, und weder mit Geheimniſſen verbunden noch unerwartet ſind. In Folge einer langen Gewohn⸗ heit, iſt jeder Einwohner der Gegend auf das Ein⸗ 131 brechen ſolchen Waſſerjammers vorbereitet. Jedes Haus iſt mit Schiffen verſehen, und wenn durch ge⸗ waltige Regenguͤſſe die Ueberſchwemmung ſich ankuͤn⸗ digt, ſo entflieht alles, was Athem hat, mit ſei⸗ ner beſten Habe auf die Fahrzeuge, und eilt auf den Fluthen, die der uͤberfließende Strom weit umher ausgießt, von dannen, um, gleich Ausgewanderten, neue Freunde und eine neue Heimath zur Erleichte⸗ rung ſolcher Drangſale zu ſuchen. Gluͤcklicher Weiſe iſt dieſer Jammer bloß vor⸗ uͤbergehend. Denn wenn auch ſelten drey Jahre vergehen, ohne daß ſich ſolche Ungluͤcksſcenen wieder erneuern, ſo kann man ſich doch im Voraus auf die Stunde, die ſie herbeyfuͤhrt, gefaßt machen; auch ſind dieſelben in ihren Folgen weniger bedeutend, als man denken ſollte. 9* Zwanzigſter Brief. Bellenz, 20. Oktober 1813. Weiter uͤber das Poleſiniſche hinaus, und auf dem linken Ufer des Po, ſieht man das Erdreich den ſtaͤrkſten Grad von Fruchtbarkeit in einem Thale er⸗ reichen, welches am Fuße der hoͤchſten Gebirge von Euynropa gelegen, gleich neben den Abgruͤnden derſel⸗ ben die mannigfaltigſten Gaben der Vorſehung und alle Reichthuͤmer der Schoͤpfung zur Schau legt⸗ Nicht ohne Ehrfurcht blickt der Reiſende hinauf zu jenen Alpenketten Tirols, die, naͤher bey dem Him⸗ mel und durch den Verlauf der Zeiten ihres Schmuk⸗ kes beraubt, einzig noch fuͤr das beſchauende Leben Nahrung darbiethen, und wandelt indeß gemaͤchlich auf einer Ebene fort, in der ſich durch die Kraft beydesz, der Kunſt und der Natur, die angenehmſten Empfindungen, deren der Menſch hienieden faͤhig iſt, in ſeinem Gemuͤthe zuſammendraͤngen. Rein und brennend erſcheint ihm in dieſen Thaͤlern das Licht der Sonne; aber große, das Land uͤberſchattende 133 Baͤume verwahren ihn vor ihren Strahlen. Unter einem ohne Unterlaß ſo heitern Himmel muͤßte der Boden vertrocknen, wenn nicht unzaͤhlige Canaͤle ihn bewaͤſſern und ihm ſein unverwelkliches Gruͤn erhal⸗ ten wuͤrden. Unter dergleichen guͤnſtigen Auſpicien ſieht man die Ernten dem Boden entkeimen und die Wieſen ſich mit Bluͤthen bekleiden. Jeder Pacht⸗ hof iſt in dieſer Gegend ein laͤndlicher Pallaſt, in deſſen Mauern ſich der hoͤchſte Luxus des Landlebens zu Tage legt. Um aber auch die Gefahren, welche das Herabfallen der Gewaͤſſer von den Gebirgshoͤhen in die Thaͤler zur Folge haben koͤnnte, abzuwenden, hat eben die ſchaffende Hand, aus der einſt das Weltall hervorging, am Fuße jener Berge natuͤrliche Waſſerbehaͤlter angelegt, daß ſie die von den Alpen herunterſtuͤrzenden Waldſtroͤme in ſich aufnaͤhmen. In dieſen Seen muͤſſen jene Stroͤme erſt eine ge⸗ wiſſe, ſich gleichbleibende Hoͤhe gewinnen, bevor ſie ſich in friedlichen Fluthen in ihre Betten von abge⸗ meſſener Weite und vorgezeichneter Richtung ergie⸗ ßen. Alles, bis auf die Luft, welche man einath⸗ met, iſt hell und rein in dieſen Revieren, die einzig von der hohen Kette der Alpen und von den fuͤnf Seen des obern Italiens beherrſcht werden, durch deren Anblick die Schoͤnheit der Landſchaft noch be⸗ deutend erhoͤht wird. Naͤher gegen Lodi hin, auf der Straße von Cremona, durchreiſ't man den ſchoͤnſten Theil des 134 Maylaͤndiſchen Gebiethes. In dieſer, unter dem Nahmen des Lodeſaniſchen bekannten, Provinz iſt der Boden ſo fruchtbar und wird ſo zweckmaͤßig ge⸗ waͤſſert, daß man auf den Getreidebau jeder Art groͤßten Theils Verzicht gethan hat, um dagegen allerley einheimiſche Pflanzen wachſen zu laſſen, die das uͤppige Erdreich in Menge und ohne Anſtrengung hervortreibt. Dieſe einer ununterbrochenen Waͤſſe⸗ rung genießenden Wieſengruͤnde werden in einem Jahre zu verſchiedenen Mahlen abgemaäͤht, und eben ſo oft keimen ſie wieder. Nirgends habe ich das Gras ſich zu ſolcher Hoͤhe erheben und ſo dicht in einander ſtehen geſehen, und was eine ſolche Wieſe liefert, iſt mehr werth, als der Ertrag des ergiebig⸗ ſten Kornfeldes. Die Bekleidung dieſer Grasplaͤtze iſt aus Graͤſern, Klee, breitblaͤttrigen Pflanzen und einem ziemlichen Theile nach aus Hahnenfuß zuſam⸗ mengemiſcht, deſſen gelbe Bluͤthen eine glaͤnzende Tinte von ganz eigener Art uͤber die Landſchaft ver⸗ breiten. Einer gewaltigen Menge von Kuͤhen liefert dieß Wieſenland ihr Futter. Den Sommer uͤber findet die Stallfuͤtterung Statt, wozu der zweymah⸗ lige Ertrag des Graſes als gruͤnes Futter verwandt wird. Der dritte und vierte Schnitt wird gedoͤrrt und fuͤr den Winter aufbehalten. Zur Herbſtzeit laͤßt man die letzten Keime, welche die Jahreszeit noch hervortreibt, durch das Vieh abaͤtzen. Die Maylaͤndiſchen Pachthoͤfe ſind zwar auch —— — 135 nicht ſehr weitlaͤufig; denn wo der Boden ſo ergie big und koſtbar, wie hier, iſt, muß er nothwendig auch in deſto kleinere Portionen vertheilt ſeyn; im⸗ merhin aber haben dieſelben einen groͤßern Umfang, als in Toscana. Haͤufig werden hier Stuͤcke Landes von fuͤnfzig bis hundert Morgen von denſelben Haͤn⸗ den beworben. Dafuͤr iſt aber auch der Wieſenbau mit weniger Detail⸗Arbeit und Muͤhwaltung ver⸗ bunden, als die Cultur der verſchiedenen Getreide⸗ arten, der Baumfruͤchte, Garten- und Huͤlſenge⸗ waͤchſe; auch erfordert derſelbe nicht ſo bedeutende Vorſchuͤſſe, und ſeine Erzeugniſſe ſind nicht ſo vielen Zufaͤlligkeiten ausgeſetzt; daher denn auch im Lode⸗ ſaniſchen der Grundeigenthuͤmer und der Paͤchter in gleichem Grade beguͤtert ſind. Einer der betraͤchtlichſten Vorſchuͤſſe, die der Wieſenanbau hier zu Lande erfordert, iſt der alle Jahre ſich wiederhohlende Viehankauf. Denn zu Folge einer unerklaͤrlichen Eigenheit der Natur hoͤren die Kuͤhe, eines uͤberſchwaͤnglichen Ueberfluſſes an Futter ungeachtet, ſchon in der dritten Generation auf, gute Milchkuͤhe zu ſeyn, und muͤſſen daher all⸗ jaͤhrlich aus der Schweiz friſch eingefuͤhrt werden. Eben ſo werden alle zum Dienſte des Landes erfor⸗ derliche Pferde aus den Gebirgen Helvetiens gezogen. Das in dem Viehſtande liegende Capital iſt Eigen⸗ thum der Grundbeſitzer; die Unterhaltung derſelben geht auf Koſten des Paͤchters. 136 — In dieſer ganzen Gegend iſt, je nachdem die Zwiſchencanaͤle weiter oder weniger weit von einan⸗ der entfernt ſind, und damit durch ein bloßes Her⸗ unterlaſſen der Schleuſen das vollkommen flache Erd⸗ reich bewaͤſſert werden koͤnne, der Boden in Ab⸗ ſchnitte von zwey bis drey Morgen eingetheilt. Die Waͤſſerung iſt in ſolchem Ueberfluſſe vorhanden, daß das Gras binnen wenigen Jahren ſeine gute Be⸗ ſchaffenheit verlieren wuͤrde, wenn man nicht die Erde vermittelſt eines dichten Duͤngers, womit ſie, ſo lange ſie als Wieſe dienen ſoll, alle drey Jahre belegt wird, erwaͤrmte. Allein dieſes ſehr wirkſa⸗ men Verbeſſerungsmittels ungeachtet, ſieht man die Wieſen nach und nach aus der Art ſchlagen, und die Graspflanzen nebſt dem Klee werden von den Doldengeſchlechtern der Engelwurz und dem Hahnen⸗ fuße uͤberfluͤgelt. Wo dieß der Fall iſt, wird die Waͤſſerung abgeſchnitten, und der Boden zur Herbſt⸗ zeit zugeruͤſtet, damit er im naͤchſten Fruͤhlinge mit Hanf angeſaͤet werden koͤnne. Die Hanf⸗Cultur iſt es allein, welche dem Ueberhandnehmen der Schma⸗ rotzerpflanzen Einhalt zu thun vermag. Die Sten⸗ gel dieſes Hanfes ſchießen zu einer erſtaunlichen Hoͤhe empor. Wenn ſie ausgezogen ſind, ſo wird in der Zwiſchenzeit, bis zum naͤchſten Fruͤhjahr, wo das Hanfland mit Hafer angepflanzt werden ſoll, die Fruchtbarkeit des Bodens auch noch zum Anbau von Herbſtgemuͤſen benutzt. Auch die Haferſtengel errei⸗ 137 chen eine Hoͤhe von ſechs bis ſieben Fuß, und bie⸗ gen ſich in beweglichem Wellenſpiele jedem Andrang des Windes. Iſt der Hafer eingeſammelt, ſo wird endlich auch noch Getreide angeſaͤet, in der Hoff⸗ nung, daß das durch die vorhergehenden Ernten er⸗ ſchoͤpfte Erdreich fuͤr das Korn nun nicht mehr allzu nahrhafte Saͤfte liefern werde. Im naͤchſtfolgenden Fruͤhling wird der Acker in der Regel mit Tuͤrki⸗ ſchem Weizen bepflanzt, worauf noch eine zweyte Kornernte folgt, mit welcher die ganze Reihe der Einſammlungen beendigt iſt. Der Boden, von nun an ſich ſelbſt uͤberlaſſen, bekleidet ſich, ohne daß ir⸗ gend etwas geſaͤet werden darf, unverzuͤglich mit neuen Pflanzen, wird im Wintermonath mit Duͤn⸗ ger uͤberlegt, und erſcheint dann bald durch eigene Kraft als eine jung aufgruͤnende Wieſe. Sobald der Raſen eine gewiſſe Feſtigkeit gewonnen hat, werden die Schleuſen heruntergelaſſen, und die Wieſe vermittelſt des zunaͤchſtgelegenen Canales uͤberwaͤſ⸗ ſert. Die Dauer einer ſolchen Wieſe erſtreckt ſich gewoͤhnlich auf fuͤnfzehn Jahre, die Reihenfolge der Ernten aber umfaßt nicht mehr als fuͤnf Jahre. Demzufolge waͤre, nach der im Maylaͤndiſchen ein⸗ gefuͤhrten landwirthſchaftlichen Ordnung, der Bo⸗ den in zwanzig Schlaͤge eingetheilt, und zwar auf nachſtehende Weiſe: 138 is Jahr... Hanf; alsdann Kuͤchengewaͤchſe, Guͤlſenfruͤchte). 2s Jahr. Hafer. 38 Jahr... Korn, hierauf Kuͤchengewaͤchſe. 4s Jahr Tuͤrkiſcher Weizen. 58 Jahr. Korn. 68 u. ff. bis auf zwanzig: Natuͤrliches Wieſen⸗ land, das von drey zu drey Jahren geduͤngt, und jaͤhrlich vier Mahl abgemaͤht wird. 20 Jahre. 67 Einſammlungen. Solchergeſtalt liefert ein und dasſelbe Erdreich in einem Zeitraume von 20 Jahren 67 Ernten, wovon 61 als Futter fuͤr das Vieh, 5 zur Nahrung fuͤr den Menſchen benutzt werden, und eine zu ſei⸗ ner Kleidung dienen muß. Kaum duͤrfte auf dem ganzen Erdboden ein Fleck Landes zu finden ſeyn, der ſeine Agricultur⸗Erzeugniſſe in aͤhnlichem Ver⸗ haͤltniſſe liefern ſollte.. Bey alle dem darf, damit der Landbauer ſol⸗ chen Reichthumes theilhaftig werde, das Erdreich im Laufe von vollen zwanzig Jahren nicht mehr als fuͤnf Mahle geduͤngt werden. Dieß Duͤngen jedoch ge⸗ ſchieht dann mit großer Verſchwendung, und der Duͤnger wird, der allgemeinen Uebung entgegen, ein⸗ zig auf die Wieſen, auf keinen Fall aber auf die angebauten Aecker verfuͤhrt. Dieſer letztere Umſtand, 139 der das Unterſcheidungszeichen der hieſigen Cultur⸗ Methode ausmacht, laͤßt ſich einzig aus der uͤber⸗ ſchwaͤnglichen Fruchtbarkeit dieſes vortrefflichen Bo⸗ dens erklaͤren. In einem ungefaͤhr hundert Morgen haltenden Pachthofe, den ich in der Naͤhe von Marignan be⸗ ſichtigte, fand ich das Verhaͤltniß zwiſchen den be⸗ bauten Aeckern und Wieſen ungefaͤhr wie dreyßig zu ſiebenzig. Auf dieſen ſiebenzig Morgen Wieſen hielt der Paͤchter hundert Kuͤhe und einiges Zugvieh. Er berechnete den Mittelertrag jeder Kuh auf 200 Francs, und war demnach im Falle, von ſeiner ganzen Herde ein reines Einkommen von 20,000 Francs zu beziehen. Den Ertrag ſeiner dreyßig Morgen bebaueten Feldes hingegen ſchaͤtzte er nicht uͤber 6000 Francs. Demnach mochte ſich der reine Jahresertrag des geſammten Pachthofes auf 26,000 Francs, oder auf 260 Franes auf den Morgen be⸗ laufen. Dieſe Summe theilt ſich zwiſchen dem Grundeigenthuͤmer und dem Paͤchter zu gleichen Theilen. Der Gutsherr iſt gehalten, von ſeinem Antheile die Abgaben zu entrichten und die durch die Vermiethung der Waſſer verurſachten Unkoſten zu beſtreiten; von dem Paͤchter werden auf ſeiner Haͤlfte die geſammten Bewerbungskoſten vorwegge⸗ nommen. Aus dieſer Ueberſicht ergibt ſich, daß die Lan⸗ des⸗Cultur in dieſem Theile der Lombardie nichts weniger als muͤhſam ſey, ſondern hauptſaͤchlich in der Kunſt beſtehe, die außerordentliche Fruchtbarkeit des Bodens ihrem ganzen Umfange nach zu benutzen, um der ungeheuern Ernte, die derſelbe liefert, ohne große Anſtrengung habhaft zu werden. Der Erfin⸗ der jener weitlaͤufigen, die ganze Strecke Landes zwiſchen dem Teſſin und der Etſch umfaſſenden Waͤſ⸗ ſerungs⸗Syſteme iſt es, dem das Verdienſt der jetzt beſchriebenen Cultur⸗Methode zu gute kommt. Es iſt faſt nicht zu begreifen, wie man ein ſo erſtaunenswuͤrdiges Netz von Canaͤlen und Waſſer⸗ graben nach einem einzigen Plane habe in einan⸗ der ſchlingen und ihm die erforderliche Richtung ertheilen koͤnnen. Gleichwohl aber hat, wenn an⸗ ders das Ausfließen und die Vertheilung der Gewaͤſ⸗ ſer den Richtungen, die das Erdreich nimmt, durch⸗ gehends anpaſſend gemacht werden ſollte, jedes Waͤſ⸗ ſerungs⸗Syſtem das Reſultat eines einzigen Ent⸗ wurfes ſeyn muͤſſen. Solcher von einander unabhaͤngigen Canal⸗Sy⸗ ſteme gibt es mehrere, nach Maßgabe der verſchiede⸗ nen Seen, aus denen ſie einzeln ſich herleiten. Aus jedem dieſer Seen geht ein Hauptcanal hervor, welchen man den Oberlehensherrn nennen koͤnnte, und der den gedoppelten Zweck hat, einerſeits zur Schiffahrt im Innern zu dienen, und anderſeits in den erforderlichen Zwiſchenraͤumen das Waſſer nach allen, gleichſam als Filial⸗Canaͤle von ihm abgelei⸗ 141 teten, Waſſergraben zu vertheilen. Die verſchiedenen Canaͤle gehoͤren theils der Regierung, theils den Ca⸗ pitaliſten zu. Die anſtoßenden Landbeſitzer hingegen koͤnnen nie Eigenthuͤmer davon ſeyn, indem keiner derſelben in ſeinem Laufe zerſtuͤckelt werden darf. An die Grundeigenthuͤmer wird vielmehr von den Canalbeſitzern die Nutznießung des Waſſers zu ein⸗ mahl angenommenen Preiſen und Verhaͤltniſſen ver⸗ liehen, und letztern das freye Beſitzrecht, ſo wie er⸗ ſtern die Benutzung durch Geſetze und eine zu die⸗ ſem Zwecke eigens niedergeſetzte Behoͤrde verbuͤrget. In der Lombardie ſind die Canaͤle nicht, wie in Toscana, mit Ziegelſteinen ausgelegt; auch hat man ſie, wegen des Ueberfluſſes an Waſſer, nach einem brei⸗ tern Maßſtabe gezogen, und, um dem Ufergrunde mehr Feſtigkeit zu verſchaffen, mit Reihen von Korbweidengebuͤſchen eingefaßt, hinter dieſen Ein⸗ faſſungen aber Steckreiſer von Erlen und Weiden in die Erde gelegt, zwiſchen denen zahlreiche Pappeln emporwachſen. Dieſe Pappeln muͤſſen in großen Zwiſchenraͤumen von einander gepflanzt werden: denn ſie wachſen hier nicht in Pyramiden⸗Form auf, wie die Cypreſſen; noch bildet ihr Stamm ſich ſo wie der Stamm der in Frankreich einheimiſchen Pap⸗ pelart. Sie wachſen vielmehr zu einer ungeheuern Hoͤhe empor, gleich der Birke, und ſchießen, wie dieſe, gewaltige, ſich nach allen Seiten verbreitende Aeſte. Uebrigens iſt ſeit der Anlegung aller dieſer 142 Canale ſchon ein ſo langer Zeitraum verfloſſen, daß auch jene Pflanzungen hinlaͤngliche Muße gehabt haben zu wachſen und alt zu werden. Eben ſo hat durch den Verlauf der Zeit das beſtaͤndige Anſpuͤlen des Waſſers an jenen Canaͤlen mancherley kleine Ufereinſchnitte und Kruͤmmungen hervorgebracht, ſo daß ſie gegenwaͤrtig, ruͤckſichtlich auf ihren Lauf, na⸗ tuͤrlichen Fluͤſſen gleichen. Von den laͤngs ihren ufern gepflanzten Weiden ſind hier und da nur noch die zerriſſenen, mit Moos bedeckten Staͤmme vorhan— den, die mit Convolvulus und Epheuranken belaſtet, ſich uͤber die Betten jener Waſſerarme hinbeugen. Hoch uͤber dieſe gruͤnen Dickungen ſieht man die Pappeln, gleich einer weitlaͤufigen Colonade von un⸗ gleichen, aber ungeheuern Verhaͤltniſſen, ihre ſym⸗ metriſchen Stämme emporheben. Weſtwaͤrts von dem Gebiethe von Lodi und an den Ufern des Teſſins gewinnt dieſe, ihrer Geſammt⸗ anlage nach eben ſo edle, als im Einzelnen lachende und gefaͤllige Natur, ein veraͤndertes Ausſehen. Das ſchoͤne Wieſen⸗ und Schattenland verſchwindet, und weite, offen daliegende Ebenen ſieht der Reiſende ſich am Horizonte entfalten. Der Wohnungen gibt es hier wenige, und eben ſo wenig Bewegung und Leben. Die Landſchaft iſt mit einem einfoͤrmigen, verſchoſſenen Blaßgruͤn bekleidet, und zu Reißpflan⸗ zungen beſtimmt, die vortrefflich gedeihen. Es fan⸗ den ſich naͤhmlich in dieſer ſich ganz unmerklich ſen⸗ 143 kenden Gegend, durch welche die Gewaͤſſer ſich aus den Seen nach dem Bette des Po⸗Fluſſes hinabzie⸗ hen, einige Niederungen, in denen das Waſſer ſei⸗ nen Abfluß nicht hatte. Nun machte ein erfinderi⸗ ſcher Kopf, man ſagt, es ſey ein Hollaͤnder geweſen, den Vorſchlag, dieſen Stillſtand des Waſſers in je⸗ nen niedrigen Gruͤnden zur Verpflanzung des Reiß⸗ baues an dieſe Stelle zu benutzen; die Sache wurde in's Werk geſetzt, und der Verſuch mit einem uͤber Erwarten guten Erfolge gekroͤnt.. Die zu dieſer Art von Cultur beſtimmte Ebene iſt von einer zahlloſen Menge von Canaͤlen durch⸗ ſchnitten, die mit beraſeten Daͤmmen eingefaßt ſind. Das Waſſer hat hier keinen freyen Umlauf mehr, ſondern es ſteht, ſo zu ſagen, unbeweglich unter der Laſt der Seeroſen, welche den unnuͤtzen Prunk ihrer weißen Bluͤthen auf ſeiner Oberflaͤche zur Schau legen. Die nach der Regel gegrabenen Canaͤle ſchlie⸗ ßen viereckige und ringsum eingedaͤmmte Stuͤcke Landes von zwey bis drey Morgen ein. In dieſe tritt mit Huͤlfe von Schleuſen das Waſſer alſo zu⸗ ruͤck, daß ihm, ſobald es einmahl eingelaſſen iſt, jeder Abfluß gaͤnzlich verſperrt bleibt. In ſolchem, einige Zolle tief unter Waſſer ge⸗ ſetzten, Erdreiche waͤchſt der Reiß auf. Die Reiß⸗ pflanze hat Aehnlichkeit mit der Fruͤhlingsgerſte, und gleich dieſer einen knotigen Stengel, duͤnne, ſchmaͤch⸗ tige Aehren und einen laͤnglichen Bart. Ihr Stroh, 144 von niedrigerm Wuchſe, als das des Kornes, iſt von einem weniger ſaftigen Gewebe und blaſſerer Faͤr⸗ bung. Es beugt ſich nicht, noch faͤllt es jemahls zu Boden, und der Wind, wenn er uͤber eine ſolche Reißſaat hinwegſpielt, bringt einen ſchneidenden, ſich dehnenden Ton hervor, dergleichen ſich etwa bey Stuͤrmen aus dem Schilfrohre vernehmen laͤßt. Keine Cultur iſt ſo einfach, wie die des Reißes. Das Feld, worauf er gewachſen, wird nach der Ernte und bis zum naͤchſten Fruͤhjahr des Waſſers entledigt, alsdann der Acker ein einziges Mahl um⸗ gepfluͤgt, und hierauf, ohne irgend eine fernere Zu⸗ ruͤſtung, abermahls Reiß angeſaͤet. Erſt wann die Pflanzen die Hoͤhe von einigen Zollen erreicht haben, läßt man, um die Waͤſſerung des Bodens zu be⸗ werkſtelligen, die Schleuſen herunter. In dieſem Boden, der von nun an unter Waſſer geſetzt bleibt, waͤchſt der Reiß nach Art der Meergewaͤchſe fort, und erreicht ſeine hoͤchſte Groͤße. Erſt um die Zeit ſeiner Reife werden die Schleuſen wieder aufgezogen, damit einerſeits das Erdreich Zeit gewinne, um zu trocknen, und anderſeits die Schnitter in ihrer Ar⸗ beit nicht gehindert werden. Der Reiß, wenn er abgehauen iſt, wird in kleine Garben gebunden, die man, bevor ſie ausgedroſchen werden, einige Zeit auf einander geſchichtet liegen laͤßt; der Boden aber hat in ſeinem trockenen Zuſtande zu verbleiben, bis er wieder umgeackert und neuerdings mit Reiß an⸗ 145 geſaͤet wird. Drey Jahre nach einander pflegt man dieſelben Grundſtuͤcke mit Reiß anzupflanzen. Dieſe ganze Zeit uͤber wird das Erdreich nicht geduͤngt, weil das auf demſelben liegende Waſſer dem Duͤnger ſeine Wirkſamkeit benehmen wuͤrde. Zudem iſt das Vorhandenſeyn des Waſſers fuͤr ſich allein ſchon zur Befoͤrderung der Vegetation hinreichend. Nach je⸗ nen drey unmittelbar auf einander folgenden Ernten aber will der entkraͤftete Boden Sonne, Luft und Ruhe haben; daher man ihn dann unbebaut liegen läßt. Die Feuchtigkeit indeß macht, daß gewiſſe Pflanzengattungen, fuͤr die er ſeiner Natur nach vorzuͤglich geeignet iſt, bald wieder von ſelbſt aus demſelben hervorkeimen; erſt dann wird der friſche Raſen mit Duͤnger belegt, und zwey Jahre hin⸗ durch ſammelt man von ſolchen Grundſtuͤcken einen großen Reichthum von, zwar mittelmaͤßigem, Futter ein. Demnach waͤren die Reißfelder in fuͤnf Schlaͤ⸗ ge getheilt; drey Jahre wuͤrden ſie als Reißpflan⸗ zungen, und zwey Jahre als natuͤrliche Wieſen be⸗ nutzt, und waͤhrend dieſer ganzen Zeit nicht mehr als ein einziges Mahl geduͤngt, naͤhmlich in jener Zwiſchenzeit, wo der Boden aufhoͤren ſoll, Reiß zu tragen, und ausgetrocknet wird. Sie werden es kaum glauben koͤnnen, wenn ich Ihnen ſage, daß es eine Art Wollenvieh gibt, wel⸗ ches von der Natur ſo organiſirt, oder vielmehr an das Klima dieſer feuchten Gegenden ſo ſehr gewoͤhnt Briefe üb. Italien. 2. Thl. 10 146 iſt, daß es keiner andern Nahrung bedarf, als der waͤſſerigen Pflanzen, welche die Reiß⸗Stoppelfelder und die Raſenſtreifen, womit die Daͤmme ausge⸗ legt ſind, hervorbringen. Es iſt dieß eine ſtarke, kraͤftige und dabey ſo fruchtbare Race, daß die Mutterſchafe jedesmahl zwey bis drey Junge wer⸗ fen. Keine andere Gattung von Vieh konnte, ohne allzu tief einzuſinken, dieſes moraſtige Land durch⸗ laufen, und es iſt, als haͤtte die Vorſehung mit dieſer Erſcheinung andeuten wollen, daß es keinen Fleck der Erde gebe, der beſtimmt ſey, oͤde zu blei⸗ ben, noch eine Pflanze, die nicht irgend einer Gat⸗ tung von Geſchoͤpfen zur Nahrung zu dienen habe. Der Ertrag einer Reißernte wird auf das Dop⸗ pelte des Ertrages einer gleich ſchoͤnen Kornernte ge⸗ ſchaͤtzt; ein Umſtand, der um ſo bedeutender iſt, da dieſe herrliche Ernte drey Mahle nach einander von dem naͤhmlichen Boden bezogen wird; das Reißfeld auch waͤhrend der ihm geſtatteten Ruhezeit nicht auf⸗ hoͤrt, Futter fuͤr das Vieh zu liefern, und die Cul⸗ tur des Reißes einfach, mit wenigen Wiederhohlun⸗ gen der Arbeit und mit noch weniger Unkoſten be⸗ gleitet iſt. Auch haben die Landbeſitzer dieſe Art von Guͤ⸗ terertrag ſo vortheilhaft gefunden, daß ſie denſelben bis dahin noch nie mit den Paͤchtern haben theilen wollen. Vielmehr werden die Reißfelder um einen firen Zins, naͤhmlich zu ungefaͤhr 160 Francs der 147 Morgen, verpachtet, und, dieſer ungeheuern Taxe ungeachtet, haben ſich doch ſchon manche Paͤchter auf ſolchem Lande ein bedeutendes Vermoͤgen er⸗ worben. In der That waͤre der Beſitz ſolchen Reichthu⸗ mes ein allzu ſchoͤnes Erbtheil, wenn er ſich nicht auch mit dem einen und andern, ſeinen Genuß in etwas verkuͤmmernden Nachtheile, verbunden faͤnde. Eines ſolchen, nichts weniger als unbedeuten⸗ den, Nachtheiles wird man ſofort gewahr, wenn man die Gegend der Reißpflanzungen ſelbſt etwas naͤher in Augenſchein nimmt. Es ſind naͤhmlich die mit der Vertheilung des Waſſers beauftragten Arbeiter, welche man auf den Daͤmmen vorbeyziehen ſieht, nichts weniger als gluͤckliche Leute. Sie gehen, gleich Grubenarbeitern, in grobes Tuch gekleidet, und ir⸗ ren blaß, wie Schatten, umher im Schilfrohr und um die Schleuſen, welche zu eroͤffnen oder zu ver⸗ ſchließen es ihnen manchmahl beynahe an Kraͤften ge⸗ bricht. Nicht ſelten ſtuͤrzen ſie ſich, um uͤber einen Canal zu ſetzen, nach Art der Amphibien, in den⸗ ſelben hinein, heben ſich dann, von Waſſer und Schlamm triefend, wieder heraus, und ſo erzeugt ſich in ihrem Innern der Keim eines Fiebers, von dem ſie ſich nur allzu ſchnell ergriffen fuͤhlen. Von dieſem Fieber bleiben jedoch ſie nicht die einzigen Opfer. Auch der Schnitter fuͤhlt ſich oftmahls, noch ehe ſeine Erntearbeiten beendiget ſind, von aͤhn⸗ 10* 148 lichen Schauern ergriffen, und uͤberhaupt iſt die Luft dieſer ganzen Gegend, in Folge der auf ihrer Oberflaͤche gelagerten Waſſermaſſe, verdorben. Auch hat man der Habſucht der Reißpflanzer durch ein Verboth, dieſe Art von Cultur uͤber ihre dermahli⸗ gen Grenzen hinaus zu erweitern, Schranken ge⸗ ſetzt. Dieſe Grenzen aber umfaſſen einen Strich Landes, wo das Uebel bereits geſchehen und die Be⸗ voͤlkerung zerſplittert war, noch ehe man das Ge⸗ faͤhrliche jener Cultur ſeiner ganzen Groͤße nach einſah. Wenn der Reiſende im Begriffe ſteht, Italien wieder zu verlaſſen, ſo iſt es, als wollte dieß Land an ſeiner aͤußerſten Grenze ihm noch ein letztes Bild, beydes, ſeiner Schoͤnheiten und ſeiner Schreckniſſe, vorhalten. Nordwaͤrts von dem Maylaͤndiſchen Ge⸗ biethe, an den Ufern der dortigen Seen, gegen die Grenzen der Schweiz hin, vereinigt ſich die orien⸗ taliſche Natur mit derjenigen der Alpen, um die ſchoͤnſten und herrlichſten Anſichten, deren man hier auf Erden theilhaftig werden kann, durch den naͤhm⸗ lichen Horizont zu begrenzen. Wie durch eine ma⸗ giſche Kraft finden ſich hier fruchtbare Ebenen, des Lebens liebliche Bilder, mit hohen Gebirgen, den Wohnſitzen eines ewigen Winters, ganz nahe zu⸗ ſammengeſtellt. In einer unmerklichen Abſtufung durchlaͤuft der Blick alle Nuͤancen der Faͤrbung un⸗ ſers Erdenrundes, und alle die Formen, welche ——— 149 die Schoͤnheit desſelben ausmachen. In eben dem⸗ ſelben Thale miſchen die Gewaͤchſe des Nordens und Suͤdens ihr Gruͤn und ihre Wohlgeruͤche zuſammen; die Orangenbaͤume wachſen ganz nahe bey den Tan⸗ nen, und die Cedrate dem Geißklee zur Seite. Dieſe mit allen Geſchenken der Natur ſo reich⸗ lich ausgeſtatteten Ufer entfalten ſich laͤngs den Seen von Ober⸗Italien zu Huͤgeln, deren reizende Lage ſchon von Alters her eine große Menge Menſchen nach dieſen Gegenden hingelockt hat. Die Geſtade jener Seen ſind alle mit unzaͤhligen Wohnungen be⸗ deckt. Pallaͤſte koͤnnen zwar dieſe Behauſungen nicht heißen, denn wegen des geringen Umfanges der Be⸗ ſitzungen, waͤre es nicht der Muͤhe werth geweſen, der⸗ gleichen aufzufuͤhren: aber eben ſo wenig ſind es bloße Huͤtten; denn ihre Bewohner ſtehen ſich allzu gut, als daß ſie bey ihren Wohnungen nicht auch etwas auf den Luxus verwandt haben ſollten. Da⸗ her ſind ihre Haͤuſer zwar nicht ſehr groß und weit⸗ laͤufig, aber zierlich und mehr bequem als baͤuriſch eingerichtet. Laͤndliches haben ſie nichts, als ihre Lage und die Weinlauben, welche ihnen Schirm und Schatten gewaͤhren. Um dieſe Wohnungen her er⸗ heben terraſſenweiſe ſich Obſtgaͤrten, welche Europaͤi⸗ ſche und Aſiatiſche Fruͤchte mit Einmahl hervorbrin⸗ gen. Dieſe Obſtgaͤrten ſind von Baͤchen durchfloſſen, die, von den Gebirgen herabkommend, beydes beybe⸗ halten haben, die Klarheit des Alpeneiſes und das 150 Gemurmel ihrer Faͤlle in den Bergen. Das Gruͤn dieſer Huͤgel und Abhaͤnge reflectirt ſich in gebroche⸗ nen Bildern in den Fluthen der Seen, die von ih⸗ nen umkraͤnzt werden; und ſo entſteht ein bewegli⸗ ches Gemaͤhlde, das die Natur ſelbſt entworfen hat: gleichſam als Fingerzeig fuͤr uns Menſchen, daß die Werke der Schoͤpfung einer Nachbildung faͤhig ſeyen. Die Schoͤnheit des Tages bewog mich, um mei⸗ nen Weg nach der Schweizeriſchen Grenze zu verfol⸗ gen, mich auf dem Lauiſer⸗See einzuſchiffen. Je weiter unſer Fahrzeug vorruͤckte, deſto anſehnlicher erſchienen, naͤher gegen die Alpen hin, die Huͤgel. Die Haͤuſer wurden ſeltener, die Rebengehaͤnge durchſichtiger, und groͤßer die Baͤume. Bald waren dieſe nicht mehr mit Fruͤchten behangen, ſondern mit weit ſich verbreitendem, dem Winde ſich beugenden Gezweige. Die Baͤche ſtuͤrzten wie Waldſtroͤme her⸗ nieder, und ergoſſen ſich uͤber Felſen herab in den See. Stumm geworden, wiederhohlte die Natur kei⸗ ne Geſaͤnge mehr; was ich einzig noch vernahm, war ein fernes, die Naͤhe eines Orkanes oder einen Schneeſturz verkuͤndendes Getoͤſe. Ein wilder Tan⸗ nengeruch erfuͤllte die Luft ſtatt der balſamiſchen Orangenduͤfte. Endlich war die aͤußerſte Grenze des Sees erreicht, und das Schiff fuhr in einen mit Felſen umgebenen Golf ein, wo die Fluth nichts mehr zuruͤckwarf, als die Tinten des Schnees, wo⸗ mit die Alpen bedeckt ſind. Wenn ich hier vor mit 151 zum Himmel aufblickte, ſo ſah ich jene Gebirge ſich thuͤrmen, auf deren Scheitel die Krone des Erdkrei⸗ ſes, als auf ſeinen Beherrſcherinnen, zu ruhen ſcheint. Am Fuße des erwaͤhnten Felſen, unweit Lu⸗ gano(Lauis), ſtieg ich ans Land, und begann mit ei⸗ ner Art von Traurigkeit meine Wanderung nach je⸗ nen unfreundlichen Thaͤlern, aus denen kein Aus⸗ gang bemerkbar iſt. Was ich in dieſen Gegenden von Wohnungen wahrnahm, waren aͤrmliche Haͤus⸗ chen und einige an dem Gebirgsabhange zerſtreute Kaͤſehuͤtten. Aus der Ferne vernahm ich ein Glocken⸗ gelaͤute, deſſen, in den Ohren des Schweizeriſchen Hirtenvolkes, angenehm klingende Harmonie, die ein⸗ zige in dieſem Alpenreviere, die nahe Ankunft einer Herde verkuͤndete. Sie beſtand aus den, vor dem Winter von den Alpen wieder heimkehrenden Kuͤhen des Thales. Die Hirten hatten ihre Schlaͤfe jetzt nicht mit Blumen geſchmuͤckt, wie am Tage des Hinaufziehens nach jenen Gebirgshoͤhen: denn Flora war laͤngſt von den Bergen entwichen; dagegen aber hatten ſie ſich mit Baumzweigen ausſtaffirt. Die Bewohner des Thales kamen aus ihren Wohnungen hervor, und ließen ihre Arbeit im Sti⸗ che, um ihren Kuͤhen entgegen zu gehen; denn ſie erblickten in dieſen ihre Geſellſchaft fuͤr die Winters⸗ zeit, und die Ernaͤhrerinnen ihrer Familien. Den Kuͤhen hinwieder ſchien ein ſo freundlicher Empfang ebenfalls zu behagen; und ſo oft eine von ihnen den 152 Fußweg zu dem Stalle, wo ſie fruͤherhin war ge⸗ fuͤttert worden, wiedergefunden hatte, begruͤßte ſie mit einem Freudengebruͤll die Familie ihres Meiſters und das beſchirmende Dach, unter welches ſie jetzt wieder einging. Es war unmoͤglich, ſich uͤber den Anblick dieſes laͤndlichen Gemaͤhldes zu taͤuſchen: hier herrſchten Schweizer⸗Sitten und Schweizer⸗Natur, und ich befand mich wieder auf heimiſchem Boden. Doch konnte ich nicht umhin, mich nochmahls gegen Ita⸗ liens Fluren umzuwenden; und mit unausſprechli⸗ cher Beklemmung rief ich jenem ſchoͤnen Lande, das noch kein Menſch ohne Empfindungen des Schmer⸗ zes verlaſſen, noch einer ohne erneuerte Wonne wiedererblickt hat, mein letztes Lebewohl zu! Ein und zwanzigſter Brief. Genf, 1. November 1813. Es ſind, in Betreff der Statiſtik Italiens, unter der Franzoͤſiſchen Verwaltung mancherley fruͤherhin unbekannte Angaben und Thatſachen kund geworden, aus denen ſich die mit der allgemeinen Oekonomie dieſes ſchoͤnen Theils von Europa verbundenen Vor⸗ theile erſehen und wuͤrdigen laſſn. Man hatte naͤhmlich unter jener Verwaltung jeden Maire beauf⸗ tragt, eine Bevoͤlkerungstabelle von ſeiner Gemeinde aufzunehmen. Aus der Geſammtheit dieſer Tabel⸗ len aber, die man wohl ſchwerlich fuͤr uͤberſetzt hal⸗ ten kann, indem hieraus mehr als Ein Nachtheil fuͤr die Gemeinden ſelbſt haͤtte entſpringen muͤſſen, ergibt ſich fuͤr das feſte Land von Italien eine Be⸗ voͤlkerung von 17,329,621 Seelen. Dieſe Summe, vertheilt auf 14,000 Quadrat⸗ Meilen, welche Italien in ſich begreift, gibt 1237 Seelen auf die Quadrat⸗Meile. Eine Volksmenge, welche die Bevoͤlkerung Frankreichs und der Britti⸗ 154 ſchen Inſeln uͤberſteigt, und ſogar um mehr als drey Millionen uͤber die von aͤltern Statiſtikern fuͤr Italien angegebene Volkszahl hinausgeht. Die ſaͤmmtlichen, ſeit zwanzig Jahren in Eu⸗ ropa angeſtellten, Volkszaͤhlungen haben zur Genuͤge bewieſen, daß ſich die Bevoͤlkerung unſers Welt⸗ theils, im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts, mit großer Schnelligkeit vermehrt hat. Hieruͤber iſt ſich um ſo weniger zu verwundern, als dieſe Bevoͤlke⸗ rungszunahme, waͤhrend der erwaͤhnten Periode, theils eine natuͤrliche Folge eines allgemein verbreite⸗ ten hoͤhern Grades von Civiliſirung geweſen iſt, theils durch die allgemeine Entwickelung aller Gat⸗ tungen des Gewerbfleißes nothwendig hat bewirkt werden muͤſſen. Aus der productiven Handarbeit hat man, in Verbindung mit dem Tauſchhandel, dem Credit⸗Syſteme und der unendlichen Vervielfaͤlti⸗ gung gegenſeitiger Verhaͤltniſſe, zwiſchen den Indi⸗ viduen und Nationen zahlreiche Beſchaͤftigungswei⸗ ſen und Mittel, ſich ſeinen Unterhalt zu erwerben, hervorgehen geſehen. Schon ſeit geraumer Zeit trugen ſich die Oeko⸗ nomiſten mit Vermuthungen uͤber eine ſolche Zu⸗ nahme der Europaͤiſchen Bevoͤlkerung, ohne jedoch dießfalls zu beſtimmten Angaben gelangen zu koͤnnen. Es bedurfte, um dieſen Punct in's Klare zu ſetzen, einer neuen Verwaltungsmethode, eines Krieges und der Conſcriptionen. Gegenwaͤrtig iſt dieß Reſultat 155 der Sittigung außer allen Zweifel geſetzt; denn es iſt bekannt, daß auch die ſtaͤrkſten Truppenaushe⸗ bungen, welche Frankreich vorgenommen hat, doch nie uͤber Dritthalb vom Hundert von der Geſammt⸗ bevoͤlkerung des Landes weggenommen haben. Es bleibt demnach einzig noch die Frage zu eroͤrtern uͤbrig, ob eine ſolche Zunahme der Volksmenge die Gluͤckſeligkeit des Menſchengeſchlechts befoͤrdern helfe: eine Aufgabe, die ich um ſo weniger zu loͤſen ver⸗ ſuchen moͤchte, weil mir eben dieß bereits mit vor⸗ zuͤglicher Geſchicklichkeit geſchehen zu ſeyn ſcheint. Schon jene Thatſache allein, daß die Bevoͤlkerung von Italien ſich auf 1237 Seelen auf die Quadrat⸗ Meile belaͤuft, weiſ't dieſem Erdtheile in der Reihe der bluͤhendſten Laͤnder Europa's ſeinen Platz an. Und in der That verdient derſelbe um ſo eher in dieſe Claſſe gereiht zu werden, weil ſeine ungeſun⸗ den und entvoͤlkerten Gegenden nicht weniger als die Gebirge, die er in ſich begreift, als welche zu der Geſammtbevoͤlkerung nur einen wenig bedeuten⸗ den Beytrag liefern, eigentlich von ſeinem Flaͤchen⸗ inhalte ſollten abgezogen werden. Italien iſt weder ein Handels⸗, noch ein Ma⸗ nufactur⸗Staat. Denn es zieht den groͤßten Theil der Fabrik⸗Gegenſtaͤnde, deren es bedarf, aus dem Auslande, und in ſeinen Seehaͤfen wehen ungleich mehr fremde, als inlaͤndiſche Flaggen. Auch an den allgemeinen Handelsverhaͤltniſſen nimmt es nur un⸗ 156 bedeutenden Antheil; es ſucht dieſelben nicht an ſich zu ziehen, und hat auch aufgehoͤrt, fuͤr den Handel ein Stapelplatz zu ſeyn. Weil demnach die Quelle ſeines Wohlſtandes nicht in dem eigenen Gewerb⸗ fleiße enthalten iſt, ſo iſt dieſelbe in ſeiner Agricul⸗ tur zu ſuchen. Es mag daher nicht ohne Intereſſe ſeyn, mit einiger Sorgfalt das Verfahren und die Reſultate einer Feldwirthſchaft auseinander zu ſetzen, die bluͤhend genug war, um die Hauptquelle des Reichthums und der Bevoͤlkerung eines Landes, wie Italien, zu werden. Ein ſolches Gemaͤhlde kann als Vergleichungspunct dienen, und ſcheint wenig⸗ ſtens in dieſer Beziehung nicht ohne Nutzen zu ſeyn. Der bluͤhende Zuſtand des Feldbaues in Ita⸗ lien iſt in mancherley Umſtaͤnden gegruͤndet, die ſich alle vereinigen, um ein ſo erfreuliches Reſultat zu erzielen. Diejenigen derſelben, auf welche ich Ihre Aufmerkſamkeit hauptſaͤchlich hinlenken moͤchte, ſind: Die Schoͤnheit des Clima, die Fruchtbarkeit des Bodens und die Zertheilung der Grundſtuͤcke in klei⸗ ne Partikeln; ſodann das Wirthſchafts⸗Syſtem, wel⸗ ches bey Bewerbung der Felder geuͤbt wird, und die mannigfaltigen Arbeiten von Koppelwirthſchaften, denen die Guͤter unterworfen bleiben: weiterhin die ſorgfaͤltige Benutzung des Huͤgellandes, der Gebrauch, ſich zum Feldbau der Ochſen zu bedienen; und end⸗ lich die verſtaͤndige Art, auf welche man die Agri⸗ cultur in den Berglaͤndern mit derjenigen in den 157 Maremmen, um von beyden Revieren den moͤglich⸗ ſten Nutzen zu ziehen, in Verbindung ſetzt. Dieſe verſchiedenen Bedingniſſe der Italiaͤni⸗ ſchen Cultur nun gedenke ich in moͤglichſter Kuͤrze zu durchmuſtern. Das ſich hieraus ergebende Reſultat duͤrfte als der ſummariſche Inbegriff aller ſich in die⸗ ſen Briefen zerſtreut findenden umſtaͤndlichern land⸗ wirthſchaftlichen Nachrichten zu betrachten ſeyn. Schon mehrmahls, mein verehrter Freund, habe ich Ihnen von dem herrlichen Clima, deſſen ſich Italien zu erfreuen hat, geſprochen. Dasſelbe iſt allzu bekannt, als daß ich noͤthig haͤtte Ihnen die Reinheit und die milde Temperatur jenes Him⸗ mels nochmahls zu ſchildern. Auch moͤchte es bey⸗ nahe eben ſo uͤberfluͤſſig ſeyn, Ihnen die Vortheile auseinander zu ſetzen, die dem Landbau von einem Clima zufließen, das mild genug iſt, um die Ve⸗ getation der meiſten auf dem Erdboden wachſenden Pflanzen zu beguͤnſtigen. Einer der bedeutendſten dieſer Vortheile iſt eine erfreuliche Mannigfaltigkeit von Producten, aus denen die Landbauer nach ih⸗ rem eigenen Belieben diejenigen waͤhlen koͤnnen, die ſie ſelbſt fuͤr ihren Boden und ihre oͤrtliche Lage fuͤr die zutraͤglichſten halten. Da die Sonne den Wein⸗ reben, auf den Baͤumen zur Zeitigung zu gelangen geſtattet, ſo tragen die Einfaſſungen der Getreide⸗ felder, ohne Nachtheil der Ernten, Baͤume, die mit Weinranken belaſtet ſind, und einerſeits den Wein, 158 womit der Feldarbeiter ſeinen Durſt loͤſcht, ander⸗ ſeits das Holz zur Feuerung, und neben dieſen zwey Producten jenes koͤſtliche Laub liefern, das dem Sei⸗ denwurm ſeine Nahrung verſchafft. Auf ſolche Weiſe braucht man in Italien weder Waͤlder noch Wein⸗ berge anzulegen; denn das Land iſt ſolcher Geſtalt mit Baͤumen und Baumgaͤrten bepflanzt, daß man mit Wein und Holz hinlaͤnglich verſehen wird, ohne beſondere Plaͤtze zur Erzeugung dieſer beyden Pro⸗ ducte ausſetzen zu muͤſſen. Der Boden der großen, von den Alpen, dem Adriatiſchen Meere und den Apenninen begrenzten Ebene, iſt fruchtbar und pro⸗ ductiv, ohne jedoch an Ergiebigkeit den Landſchaften von Limagne und Belgien gleich zu kommen. Im ſuͤdlichen Italien bildet der vulkaniſche Boden eine zweyte noch fruchtbarere Maſſe von Erdreich, die ſich von den Ufern des Umbrone bis an die aͤußerſte oͤſtliche Grenze von Calabrien erſtreckt. Zwiſchen dieſen beyden Revieren nehmen unter den Erdſtri⸗ chen, welche den Fleiß der Landbauer nicht lohnen, die lehmigen Maremmen von Toscana und die Kalk⸗ gebirge des Apennins einen Platz ein. Es kann folglich nicht uͤber ein Fuͤnftel der ganzen Oberflaͤche von Italien als unfruchtbar betrachtet werden: ein Verhaͤltniß, das in groͤßern Laͤndern ſelten, und beynahe im umgekehrten Sinne in Frankreich Statt findet, deſ⸗ ſen geogoniſche Karte nicht mehr als ein Fuͤnftel ſeines ganzen Flaͤcheninhaltes als fruchtbar bezeichnet. 159 In ganz Italien, die Maremmen ausgenom⸗ men, iſt das Grundeigenthum des Bodens gar ſehr zerſtuͤckelt. Die großen Guͤterbeſitzer, anſtatt dar— auf bedacht zu ſeyn, ihre Grundſtuͤcke zuſammen zu ziehen und ſie einer und derſelben Bewerbungsme⸗ thode zu unterwerfen, haben vielmehr ſchon ſeit lan⸗ gem den guten Geiſt gehabt, ihre Beſitzungen in eine groͤßere Anzahl von einander abgeſonderter Pacht⸗ guͤter zu vertheilen. Sie haben ſo viele laͤndliche Gebaͤude aufgefuͤhrt, als erforderlich waren, um den Beduͤrfniſſen dieſer verſchiedenen Guͤtergewerbe zu Huͤlfe zu kommen. Vermittelſt dieſes Theilens und Bauens hat ſich die Landſchaft uͤber und uͤber mit Behauſungen bedeckt, deren jede mitten in die Be⸗ ſitzung hineingeſtellt iſt, zu deren Bearbeitung ſie dienen ſoll. Die Entfernung dieſer Pachthoͤfe von einander beſtimmte ſich durch die Gattung des in je⸗ der Gegend eingefuͤhrten Cultur-Syſtems. In den Kornfeldern der Lombardie betraͤgt ſie einige hundert Klafter, waͤhrend ſie ſich in dem Gartenlande von Toscana auf etliche hundert Fuß beſchraͤnkt. Durch dieſe ſo ſehr in's Kleine gehenden Unter⸗ abtheilungen der Grundſtuͤcke, iſt ein ungeheures Mobiliar⸗ und Induſtrie⸗Capital auf den Boden Italiens zu ſtehen gekommen. Die Zahl der Land⸗ bauerfamilien, und folglich der zur Agricultur brauch⸗ baren Arme, iſt bedeutend vermehrt, und dem Feld⸗ baue ſelbſt auch dadurch Vorſchub gethan worden, 160 daß jedem Paͤchter im Mittelpuncte ſeiner Meierey ſein Wohnort angewieſen iſt, von welchem aus er alle Theile des Gutes auf's bequemſte uͤberſchauen, mit leichterer Muͤhe und zugleich mit deſto groͤßerer Sorgfalt der Cultur desſelben obliegen, auf eine groͤßere Mannigfaltigkeit der Ernten bedacht ſeyn und uͤber ihr Gedeihen wachen kann. Mit den Pacht⸗ hoͤfen ſelbſt hat ſich auch die Zahl der Gaͤrten, Ge⸗ muͤſe⸗ und Baumgaͤrten, und das Hausgefluͤgel ver⸗ mehrt: lauter Erzeugniſſe, deren in's Kleinliche ge⸗ hende Cultur in den großen Pachthoͤfen vernachlaͤſ⸗ ſigt wird, und die einzig durch taͤgliche Wartung und Sorge von Seite einer thaͤtigen und ſparſamen Familie bedeutendere Vortheile gewaͤhren kann. Auf ſolche Weiſe hat ſich Italien, in Folge der Berechnungen und des Willens ſeiner Grundeigen⸗ thuͤmer, in ein Land der kleinen Cultur verwandelt, ungeachtet die Natur ſeine reichen Ebenen zu einem Lande der großen Cultur beſtimmt zu haben ſchien, und auf die angezeigte Weiſe hat man die gedoppel⸗ ten Vortheile beyder Syſteme mit einander zu ver⸗ binden, und dem einen durch das andere ſein Ge⸗ deihen zu verſchaffen gewußt. Da die Maremmen die einzige Gegend ſind, wo ſich noch große Meiereyen zu fipen Zinſen verpachtet finden, ſo laͤßt ſich annehmen, daß in fuͤnf Sechs⸗ teln von Italien die Wirthſchaft der kleinern Pacht⸗ hoͤfe eingefuͤhrt ſeyn muͤſe. Mit wenigen Ausnah⸗ ——— —— 161 men werden alle dieſe Klein⸗Meiereyen von Paͤch⸗ tern beworben, die den geſammten Gutsertrag in Natur mit dem Landbeſitzer zu theilen haben. Und gerade dieß Natural⸗Theilungs⸗Syſtem ſcheint fuͤr Italien unwiderſprechliche Vortheile mit ſich zu fuͤh⸗ ren. Es gibt dem Gutsbeſitzer eine Beſchaͤftigung an die Hand, und erhaͤlt bey ihm fortwaͤhrend ein fuͤrdauerndes Intereſſe fuͤr ſeine Beſitzungen, wel⸗ ches die großen, zu ſtipulirten Lehenzinſen verpach⸗ tenden Grundeigenthuͤmer nicht kennen. Durch eben dieſes Syſtem wird aber auch das gute Einverſtaͤnd⸗ niß zwiſchen Grundherrn und Paͤchter um ſo mehr beguͤnſtiget, da ihr Intereſſe bey demſelben das gleiche iſt. Dieſes gute Vernehmen zwiſchen beyden, und die fuͤr die ſittliche und poſitive Ordnung des geſell⸗ ſchaftlichen Lebens daraus herfließenden Vortheile, habe ich ſelbſt aus vielfaͤltiger Erfahrung kennen ge⸗ lernt. Da nach dem erwaͤhnten Syſteme das Intereſſe der Grundeigenthuͤmer ohne Unterlaß mit dabey im Spiel iſt, daß die Ernten wohl ausfallen, ſo wei⸗ gert derſelbe ſich nicht, die fuͤr die Cultur ſeines Landes erforderlichen Vorſchuͤſſe zu machen, wovon das Erdreich ſelbſt ihm im voraus die Zinſe zuzuſi⸗ chern ſcheint. Vermittelſt dieſer Vorſchuͤſſe, und da⸗ bey gereizt durch die Hoffnung, haben die reichen Guͤterbeſitzer die ganze Land⸗Oekonomie Italiens nach und nach zu einem hohen Grade von Vollkom⸗ Briefe üb. Italien. a. Thl. 11 menheit emporgehoben. Sie ſind es, denen das Land ſeine zahlreichen, den Feldern die gehoͤrige Feuchtigkeit verſchaffenden Waͤſſerungs⸗Syſteme, ſo wie auch die Einfuͤhrung der terraſſenfoͤrmigen Cul⸗ tur in den Huͤgellaͤndern, lauter allmaͤhliche, aber dauerhafte Verbeſſerungen, zu verdanken hat, die der bloße Bauer, aus Mangel an Mitteln, nie haͤtte in's Werk ſetzen koͤnnen, der Paͤchter aber nicht we⸗ niger als der große Guͤterbeſitzer, bey fixen Le⸗ henzinſen, aus Mangel an hinlaͤnglichem Intereſſe, nie haͤtte bewerkſtelligen wollen. So iſt demnach dieſe Art von Verwaltung, bey welcher auch der Grundherr intereſſirt bleibt, ihrer Natur nach geeignet, jene ſo hoͤchſt noͤthige Verbin⸗ dung zwiſchen dem Capitaliſten, dem der Boden an⸗ gehoͤrt, und der die erforderlichen Subſidien zu Ver⸗ beſſerung der Cultur an die Hand gibt, und den von demſelben Intereſſe mit ſeinem Herrn geleiteten Landbauer zu erzielen, deſſen Sorge und Arbeit da⸗ hin geht, jene Vorſchuͤſſe zu den moͤglichſt reichen Fruͤchten gedeihen zu machen. Schon unter den alten Roͤmern waren, was aus ihren Schriften und aus den zur Stunde noch erkennbaren Localitaͤten deutlich genug hervorgeht, die Laͤndereyen Italiens in kleine Pachtguͤter zerſtuͤk⸗ kelt. Dieſe Guͤter wurden aber keinesweges von Paͤchtern, ſondern von Sclaven beworben. Nach⸗ dem das Chriſtenthum der Sclaverey ein Ende ge⸗ —,— 163 macht hatte, ſollte die Claſſe der wohlhabenden Land⸗ bauer, welche die Paͤchter zu liefern hat, nicht dar⸗ um in Italien verweilen, um die Sclaven zu er⸗ ſetzen. Die Grundeigenthuͤmer ſahen ſich demnach genoͤthigt, die Bearbeitung ihrer Laͤndereyen an Freygelaſſene unter der einzigen Bedingung zu uͤber⸗ tragen, daß ſie jene Beſitzung durch Ablieferung der Haͤlfte des Natural⸗Ertrags der ſaͤmmtlichen Ernten verzinſen ſollten. 3 In einer uͤber die Colonien erſchienenen Flug⸗ ſchrift iſt auf eine ſehr gruͤndliche Weiſe dargethan worden, daß jenes Syſtem einer Bewerbung um die Haͤlfte des Productes das einzige geweſen ſey, von welchem ſich bey'm Heraustreten aus dem Zuſtande der Sclaverey Gebrauch habe machen laſſen; zugleich hat man das erwaͤhnte Syſtem fuͤr die Colonien, ſtatt des in Folge der oͤffentlichen Meinung abge⸗ ſchafften Sclavenhandels, in Vorſchlag gebracht. Ich bin auch uͤberzeugt, daß, wenn ſich etwa hier und da, in einer der Colonien, ein etwas vernuͤnftiger Coloniſt finden ſollte, derſelbe nicht ermangeln wer⸗ de, mit ſeinen Freygelaſſenen zu unterhandeln, und mit einer Methode eine Probe zu machen, durch welche ſich in den Colonien uͤberhaupt die Sclaverey ſehr ſchnell und ohne gewaltſame Anſtrengungen wuͤrde erſetzen laſſen. Nicht weniger bedeutende Vortheile muͤßte die Einfuͤhrung des beſagten Syſtems auch fuͤr Polen 11*† 164 und Rußland gewaͤhren, wo es gerade jetzt an der Tagesordnung iſt, die Leibeigenſchaft der Bauern aufzuheben, und gleich unumgaͤnglich nothwendig wird, einerſeits an die Stelle der vormahligen Be⸗ werbungsmethode etwas anderes zu ſetzen, anderſeits ein vernuͤnftiges und ergiebiges Agricultur⸗Syſtem einzufuͤhren. In unſern Tagen wird Italien nicht mehr, wie zu den Zeiten der Roͤmer, nach dem Brach⸗Syſte⸗ me angebaut. Man weiß nichts mehr von einer Drey⸗Felder⸗Wirthſchaft; uͤberall iſt das Syſtem der Eintheilung in Schlaͤge eingefuͤhrt. Von wel⸗ cher Epoche ſich dieſe Veräͤnderung herſchreiben mag, iſt ſchwer zu beſtimmen. Vielleeicht duͤrfte ſie ſich jedoch hoͤchſtens von den Zeiten der Kreuzzuͤge her datiren, indem es nicht unwahrſcheinlich iſt, daß um jene Zeit die Maispflanze zugleich mit der Ca⸗ nanaͤiſchen Cultur aus dem Oriente nach Europa heruͤbergekommen ſey; um welche Zeit auch jene Zu⸗ nahme der Induſtrie ſowohl, als des oͤffentlichen Wohlſtandes, welche dem Ende der Kreuzzuͤge im Gefolge ging, die Einfuͤhrung einer neuen Cultur, durch Eroͤffnung bisher nicht gekannter Auswege fuͤr die Producte nicht weniger, als durch Herbeyſchaf⸗ fung von Capitalien, auffallend beguͤnſtigen mußte. In den meiſten heut zu Tage in Italien uͤbli⸗ chen Koppelwirthſchaften, findet ſich der Tuͤrkiſche Weizen im Wechſel mit dem Getreide aufgefuͤhrt. — 165 Kein Gewaͤchs verſchafft ſo große und eigenthuͤmliche Vortheile wie der Mais, und die Vermehrung des Ertrags des Italiaͤniſchen Feldbaues iſt groͤßten Theils ſeiner weitern Ausbreitung zu verdanken. Die Koͤr⸗ ner des Tuͤrkenkorns vertreten die Stelle von Cerea⸗ lien, und es wird davon ein aͤhnlicher Gebrauch ge⸗ macht: die Cultur jenes Gewaͤchſes aber, anſtatt den Boden zu verdichten und auszuſaugen, erhaͤlt ihn vielmehr, ſo lange die Vegetation des Tuͤrki⸗ ſchen Weizens ſelbſt dauert, in einem lockern, dem Einfluſſe der Luft leicht zugaͤnglichen Zuſtande, ſo wie ihn die naͤchſtfolgende Anpflanzung, naͤhmlich das Korn, wenn es recht gut gedeihen ſoll, haben will.. An natuͤrlichen Wieſen hat Italien einen ſol⸗ chen Ueberfluß, daß wenig kuͤnſtliche Futterkraͤuter im Lande gebaut werden. Die gewoͤhnlichſten ſind in der Lombardie der Hollaͤndiſche Klee, und im Suͤ⸗ den eine Kleeart mit laͤnglichen Purpurbluͤthen. Auf den Huͤgeln von Toscana wird etwas Esparſette mit roſenfarbener Bluͤthe gepflanzt; hingegen iſt die von den Alten ſo hochgeſchaͤtzte Luzerne nicht mehr vor⸗ handen, und es befremdete mich, dieſe Pflanze nicht einmahl mehr in einzelnen Stuͤcken vorfinden zu koͤnnen. Das Wirthſchafts⸗Syſtem iſt groͤßten Theils auf ein moͤglichſt großes Quantum von Nah⸗ rungs⸗Subſtanzen fuͤr den Menſchen berechnet. Auf Ernten zum Behufe des Kunſt⸗ und Gewerbfleißes 166 wird, ungeachtet der Schoͤnheit des Clima, nur we⸗ nig Bedacht genommen: und alles, was ich, unter letztere Rubrik Gehoͤriges, habe bemerken koͤnnen, beſchraͤnkt ſich auf Seide, Hanf und einige Faͤrbe⸗ pflanzen, wozu in dieſen neueſten Zeiten auch noch die Baumwollen⸗Cultur in der Umgegend von Nea⸗ pel zu zaͤhlen iſt. Ich glaube behaupten zu duͤrfen, daß durch das dermahlige Eintheilungs⸗ und Agricultur⸗Sy⸗ ſtem der Geſammtertrag des Italiaͤniſchen Feldbaues ſich um ein Drittel vermehrt habe: weil vermoͤge jener Eintheilung das Korn zwar fortgefahren hat, regelmaͤßig je das zweyte Jahr in dem naͤhmlichen Boden aufzuwachſen, hingegen an die Stelle der bloßen Brache eine Ernte von Mais, Bohnen oder andern Huͤlſenfruͤchten getreten iſt, deren Nahrungs⸗ werth, ohne Uebertreibung, auf die Haͤlfte einer gleich großen Getreideernte geſchaͤtzt werden kann. Eine ſolche Vermehrung der Nahrungs⸗Pro⸗ ducte um ein Drittel muß ungefaͤhr in demſelben Verhaͤltniſſe in allen den Gegenden Statt finden, wo man die Cultur durch Eintheilung in Schlaͤge an die Stelle des Roͤmiſchen Ackerbau⸗Syſtems ge⸗ ſetzt hat. Sie ſelbſt, mein Freund, haben mehr als irgend jemand zur allgemeinen Einfuͤhrung eines Syſtems beygetragen, welches von nun an durch nichts mehr, als hoͤchſtens etwa durch das noch unſi⸗ chere Verfahren der Landbauer in ihrer Auswahl der 41,— 167 Gewaͤchſe, mit denen ſie ihre Grundſtuͤcke nach der neuen Eintheilung zu bepflanzen ſuchen, in ſeinem Aufſchwunge wird gehemmt werden koͤnnen. Eine bisher uͤblich geweſene Reihenfolge von Anpflanzungen und Ernten in einem einzigen Grund⸗ ſtuͤcke abzuaͤndern, haͤlt nichts weniger als ſchwer, und Probeſtuͤcke ſolcher Art ſieht man niemahls miß⸗ lingen. Ganz anders aber verhaͤlt es ſich, wenn es darum zu thun ſeyn ſoll, ruͤckſichtlich auf eine allge⸗ mein eingefuͤhrte Erntenfolge einer ganzen Provinz eine Aenderung zu treffen. Wer dieß in's Werk ſetzen will, hat mit faſt unuͤberwindlichen Hinderniſ⸗ ſen zu kaͤmpfen. Denn da in einem ſolchen Falle die Geſammtheit der Intereſſen gleichſam auf das Spiel zu ſtehen kommt, ſo ſieht man beyde Claſſen, die conſumirende nicht weniger, als die der Ackers⸗ leute, als erklaͤrte Gegner jener neuen Verfahrungs⸗ weiſe auftreten. Wie ſollte dieß aber anders ſeyn koͤnnen, da jede ſolche Neuerung von denen, die ſich zuerſt mit derſelben befaſſen, fordert, daß ſie ſelbſt Verſuche anſtellen und etwas auf's Spiel ſetzen, von den naͤchſtfolgenden aber, daß ſie auf ihre von Al⸗ ters her geuͤbten Gewohnheiten verzichten? Darum werden auch ſolche allgemeine Veraͤnderungen in dem Ackerhaushalte beynahe nie anders, als durch einen eigentlichen Drang und Uebergewalt der Umſtaͤnde in's Werk geſetzt. So waͤre z. B. ohne die beyden Theuerungen von 1795 und 1811 der Kartoffelbau 168 in Frankreich ſchwerlich jemahls fuͤr beſtaͤndig in das dortige Wirthſchafts⸗Syſtem aufgenommen worden. Eben ſo ſieht man auch jene elenden Provinzen des mittlern und weſtlichen Frankreichs, einer allgemei⸗ nen Entwickelung der laͤndlichen Induſtrie ungeach⸗ tet, bis auf den heutigen Tag jener nichts taugen⸗ den, von den Celten ererbten Cultur, durch Verbren⸗ nen des Raſens, getreu bleiben. Die geſunden und fruchtbaren Reviere Italiens bringen in unſern Tagen ein Drittel mehr hervor, als ſolches unter den alten Römern der Fall war. Dieſem Zuwachſe zu dem Producten⸗Ertrage, wel⸗ cher einzig der Eintheilung des Cultur⸗Syſtems zu verdanken iſt, haͤlt der Verluſt, den das erwaͤhnte Land in den neueſten Zeiten in den Maremmen da⸗ durch erlitten hat, daß auf alle dortige Cultur Ver⸗ zicht gethan wurde, gewiſſer Maßen, und um ſo mehr, das Gegengewicht, als dieſe Sumpfgegenden in der Naͤhe von Rom liegen, und in Roms ſchoͤnen Zeiten ohne Zweifel unermeßliche Ernten geliefert haben muͤſſen. Wenn man der Einfuͤhrung der Cananaͤiſchen Cultur in das Huͤgelland der Apenninen erſt unge⸗ faͤhr in der Zeit der Kreuzzuͤge ihren Platz anweiſ't, ſo duͤrfte man vielleicht ſogar finden, daß die Ein⸗ kuͤnfte des heutigen von denen des alten Italiens noch in einem ſtaͤrkern Verhaͤltniſſe als das angege⸗ bene iſt, uͤbertroffen werden. Denn gerade jenes 169 Cultur⸗Syſtem iſt es, welches vor allen andern, durch Umſchaffung des oͤdeſten und unfruchtbarſten Erdreiches in eigentliche Gaͤrten, das unbedeutendſte Ding in eine Quelle des Reichthumes zu verwan⸗ deln weiß. Auf jenen, ſich ſelbſt und ihren natuͤrlichen Senkungen uͤberlaſſenen, Kalkhuͤgeln in den ſuͤdlichen Breiten faͤngt, in Folge des Einſtuͤrzens des Bo⸗ dens, in kurzem die unfruchtbarſte Duͤrre zu laſten an. Es iſt dieß als eine Folge der in dieſen Him⸗ melsſtrichen ſehr heftigen Regenguͤſſe zu betrachten, durch deren Gewalt die Wurzeln der Vegetabilien der Oberflaͤche der Erde gleich zu liegen kommen, an den Sonnenſtrahlen aber nach und nach austrocknen und zu Grunde gehen, ſo daß als Schmuck dieſer Truͤmmer einzig noch etwa eine wohlriechende Pflanze zwiſchen den Felſen keimt, ſolches Land der Ver⸗ oͤdung zu ſchmuͤcken. Dasſelbe Bild ſieht man die Huͤgel Spaniens, der Provence und der Kuͤſte von Genua darbiethen. Einem ſolchen auf Zerſtoͤrung hinarbeitenden Beſtreben der Natur und der Zeit laͤßt ſich einzig dadurch entgegenwirken, daß man ſolchen Abhaͤngen eine andere Senkung verſchafft und ihre Geſtalt umwandelt. Dieſe Arbeit, welche erfordert, daß die ganze Oberflaͤche jener Huͤgelruͤcken umgegraben und friſch aufgeſchuͤttet werde, iſt uͤber alle Maßen weitlaͤufig, und wird um ſo bedeutender, je naͤher 170 der Felſengrund an die Oberflaͤche des Bodens hin⸗ aufreicht. In ſolchen Faͤllen muͤſſen naͤhmlich die Felſen geſprengt, und aus denſelben Lehnmauern, als Stuͤtzpuncte fuͤr die neu aufgefuͤhrten Terraſſen, er⸗ richtet werden. Zuweilen iſt es hinlaͤnglich, dieſe Mauern aus Raſen aufzufuͤhren; auf jeden Fall aber bleibt, ob man ſich dieſer oder jener Methode bediene, die Einfuͤhrung einer ſolchen ſich terraſſen⸗ fͤrmig erhebenden Cultur in Stuͤcken Landes von weiterm Umfange mit unglaublich großem Aufwande beydes, von numeraͤriſchen und phyſiſchen Kraͤften, ver⸗ bunden. Es kann demnach dieſe Cultur⸗Methode einzig das Reſultat einer gewaltigen Uebervoͤlkerung ſeyn, die, wenn es ihr an Raum gebricht, um ſich in dem Flachlande nieder zu laſſen, ſich lieber mit Muͤhe und Arbeit eine neue Beſitzung zuwege brin⸗ gen, und wohl gar aus einem Felſengrunde aushoͤh⸗ len, als aber auswandern will, um anderwaͤrts un⸗ bewohnte Erdſtriche aufzuſuchen. Solche, durch Kunſt erworbene und zu einem ſo theuren Preiſe erkaufte, Beſitzungen werden aus⸗ ſchließlich zum Anbau der koͤſtlichſten Gewaͤchſe ver⸗ wandt. In der Regel ſind ſolche Felſen⸗Terraſſen mit Obſtbaͤumen bekraͤnzt, die, in Folge des friſch herbeygeſchafften Bodens, in welchen ſie eingeſetzt ſind, und des vielfaͤltigen Zuruͤckprellens der Son⸗ nenhitze von den ſie umgebenden Mauern, einen . V 171 großen Reichthum der vortrefflichſten Fruͤchte er⸗ zeugen. Bey einer, dem Raume nach ſo beſchraͤnkten Cultur, wird auch nicht der kleinſte Fleck Landes unbenutzt gelaſſen. Die Weinrebe, ihre Ranken laͤngs jenen Mauern verbreitend, bekleidet dieſelben mit Trauben und Laubwerk. Um jede der Terraſſen bildet ein lebendiger, aus denſelben Weinranken auf⸗ gewachſener Zaun, eine gruͤne Einfaſſung. In den durch das Zuſammentreffen der Lehnmauern entſte⸗ henden Winkeln findet der Feigenbaum einen zu ſeinem Fortkommen auserleſenen, ihm Schutz ge⸗ waͤhrenden Standort. Auch jeden leeren Raum zwi⸗ ſchen den Olivenbaͤumen weiß der Landbauer zum Anpflanzen von Melonen und Gemuͤſen zu Rathe zu halten; ſo daß ihm eine aͤußerſt kleine Portion be⸗ bauten Erdreiches zur gleichen Zeit Oliven, Wein⸗ trauben, Granaten, Melonen und uͤberhaupt alle Arten von Baumfruͤchten und Gemuͤſen liefert, wel⸗ che zum Unterhalte ſeiner Familie erforderlich ſind. Der Ertrag der hier beſchriebenen Cultur wird, vermoͤge einer einſichtsvollen Behandlung des Bo⸗ dens, ſo bedeutend, daß eine Haushaltung von fuͤnf Perſonen ſich mit der Haͤlfte deſſen, was ein ſieben Morgen betragender, und oft in mehr als zwanzig Terraſſen abgetheilter Raum an Producten liefert, zu ernaͤhren im Stande iſt. Ein ſehr betraͤchtlicher Theil von Italien iſt 172 dieſem preiswuͤrdigen, den groͤßten Theil ſeiner Huͤ⸗ gelabhaͤnge, dem Fuß ſeiner Gebirge entlang, ver⸗ ſchoͤnernden Wirthſchafts⸗Syſteme beygetreten. Ver⸗ mittelſt der Geheimniſſe dieſer Cultur hat mehr als eine zahlreiche Bevoͤlkerung es dahin gebracht, ihren Lebensunterhalt lediglich in dem Ertrag der Olive, desjenigen Baumes zu finden, der auch noch in un⸗ ſern Tagen, eben ſo gut wie in der Vorzeit, als Sinnbild laͤndlicher Gluͤckſeligkeit und allgemeinen Weltfriedens aufgeſtellt zu werden verdiente. Indeſſen hat auch dieſe ſchoͤne laͤndliche In⸗ duſtrie, gleich allen andern menſchlichen Unterneh⸗ mungen, Epochen beydes, ihres Flores und ihres Verfalles, aufzuweiſen. Die Arbeit, welche jene Cultur erfordert, wird von einer bereits hoch ange⸗ wachſenen und unternehmenden Bevoͤlkerung begon⸗ nen, und erſt nach Verfluß mehrerer Jahrhunderte beendigt. Fuͤgt man zu der dann bereits verfloſſe⸗ nen Zeit noch einige Jahrhunderte hinzu, ſo findet man ſich meiſt an eine Periode der Geſchichte hin⸗ verſetzt, wo dasſelbe Volk, nachdem es alle Geſtal⸗ tungen ſeiner Prosperitaͤt durchgelaufen, in Folge eben ſo unerwarteter, als unausweichlicher Revolu⸗ tionen, zuletzt ſeinen Wohlſtand zugleich mit ſeinem Glanze verſchwinden ſieht. Iſt dieſer Zeitpunct einmahl eingetreten, ſo verzehren ſich ſeine Kraͤfte; ſeine Huͤlfsmittel erſe ⸗ pfen ſich, und Muthloſigkeit tritt an die Stelle des —,— — 173 Genies und eines kraͤftigen Unternehmungsgeiſtes. Alles wird vernachlaͤſſigt und Preis gegeben. Menſch⸗ liche Anſtrengungen ſind nicht im Stande, gegen. die uͤbermaͤchtige Einwirkung der Naturkraͤfte das Feld auf laͤngere Zeit zu behaupten, und eben dieſe Einwirkung iſt es, die, nachdem einmahl die Zeit den Hebel, welcher den Werken des Kunſtfleißes zur Stuͤtze diente, zertruͤmmert hat, durch unbewegli⸗ ches Laſten Zerſtoͤrung uͤber die Arbeiten desſelben herbeyfuͤhrt. Durch Ungewitter und Stuͤrme wird jener kuͤnſtliche Boden, den der Menſch mit ſo viel Sorgfalt zubereitet und geordnet hatte, von dannen getragen. Auch die Baͤume fallen mit ihm und ge⸗ hen zu Grunde. Das Erdreich aber kehrt wieder zu ſeinem urſpruͤnglichen Zuſtande zuruͤck, und von dem ganzen kuͤnſtlichen Gebaͤude ſind in kurzer Zeit bloß noch unfoͤrmliche, mit Brombeerſtraͤuchen bekleidete Spuren vorhanden, unter denen ſelbſt das Vieh kaum mehr ſein kärgliches Futter findet. In dieſer Geſtalt liegen heut zu Tage Palaͤſti⸗ na, Griechenland, Spanien, nebſt einem großen Theile des Huͤgellandes von Frankreich, dem Weltbe⸗ ſchauer vor Augen. Alles laͤßt vermuthen, daß das oben beſchrie⸗ bene Cultur⸗Syſtem ſich urſpruͤnglich von den Ge⸗ birgen des Libanon, aus Gegenden herſchreibe, in welche ſich das Menſchengeſchlecht, als um ſeine Wiege, zuſammendraͤngte, und wo die Beſchaffen⸗ 174 heit des Bodens und des Clima ſelbſt jene Gattung von Induſtrie hervor zu rufen ſchien. Mit den Arabern ging die Cananaͤiſche Cultur nach Spanien uͤber, wo ſie gegenwaͤrtig in einen Zuſtand der Erſchlaffung verſunken iſt. Mit den Kreuzfahrern kam ſie auf Italiens Boden. Schon lange vorher war ſie durch die Phocaͤer zu Marſeille eingefuͤhrt worden, und hatte damahls ſchon jenes Huͤgelland verſchoͤnert, welches das Thal der Rhone⸗ Muͤndungen einfaßt. In Ermangelung des Oliven⸗ baums hatten dort die Weinreben die Huͤgelabhaͤnge in Beſchlag genommen. Aus den genannten Ge⸗ genden zog jene morgenlaͤndiſche Cultur ſich mehr gegen Norden hin, und ruͤckte allmaͤhlich vor nach dem Lande der Druiden. Einen regelmaͤßigen Gang konnte ſie in ihrem Fortſchreiten um ſo weniger be⸗ folgen, weil ſie, um eingefuͤhrt werden zu koͤnnen, erſt auf ſolche Gegenden und Umſtaͤnde treffen mußte, die ſie in jeder Hinſicht beguͤnſtigten. So haben um das Ende des ſiebzehnten Jahrhunderts unſere Vor⸗ aͤltern dieſelbe, fluͤchtigen Fußes mit den auswandern⸗ den Proteſtanten an dem Ufer des Lemaniſchen Sees, auf jenen Hoͤhen erſcheinen geſehen, deren herrliches und lachendes Ausſehen die beredteſte aller ſterblichen Zungen geſchildert hat. Durch die erwaͤhnte Cultur wird der Territorial⸗ Werth der Guͤter ſolcher Maßen erhoͤhet, daß z. B. in der Umgegend von Vevay der naͤhmliche Bergbo⸗ —————:—— —— 175 den, welcher vor Ankunft der Proteſtanten durchaus keinen Capital⸗Werth hatte, gegenwaͤrtig zu dem ungeheuern Preiſe von 10,000 Francs der Morgen verkauft wird. Der ganze Flaͤcheninhalt dieſes, auf einen ſolchen Werth geſtiegenen, Bodens mag etwa zwey Quadrat⸗Meilen betragen. Eine ſolche In⸗ duſtrie iſt der untruͤglichſte Beweis fuͤr den Wohl⸗ ſtand der Gegenden, in denen dieſelbe zu Tage liegt. Sie laͤßt allemahl auf eine ſtarke Bevoͤlkerung und auf eine gewaltige Anhaͤufung von Capitalien, ſo wie auf voͤllige Unbeſorgtheit ruͤckſichtlich auf die Zu⸗ kunft ſchließen. Auch ſtellt ſie dem Auge ein Bild von Gluͤckſeligkeit dar, welches einen unwillkuͤrlichen, aber jederzeit angenehmen Eindruck macht, deſſen mein Gemuͤth, in welchem Theile der Erde ich den⸗ ſelben empfinden mochte, fortwaͤhrend um ſo em⸗ pfaͤnglicher geblieben iſt, weil er mir jedes Mahl die Voͤlker des Alterthums, denen man die Erfin⸗ dung jener Cultur zu verdanken hat, in's Gedaͤcht⸗ niß zuruͤckrief, und weil ich nicht ungern bey dem Gedanken verweilte, daß ſich denn doch etwas in der Welt finde, welches den Untergang der Nationen uͤberlebe, und daß wenigſtens die Kunſt, die Felder zu verſchoͤnern und dem Erdreiche ergiebige Ernten zu entlocken, ſich, als durch ein Vermaͤchtniß, von einer Nation auf die andere hinuͤber erbe. In Italien werden zum Ackerbau ausſchließlich Ochſen gebraucht, und ich erinnere mich nicht, je⸗ mahls ein Pferd vor einem Pfluge geſehen zu haben. Und in der That hat der Gebrauch der Ochſen zwey unwiderſprechliche Vortheile vor dem der Pferde zum voraus. Der Ochſe liefert, ſelbſt noch als ein durch Arbeit ausgenutztes Thier, ein Capital fuͤr den Ver⸗ brauch, und vollfuͤhrt dieſelbe Arbeit mit weniger Unkoſten, als das Pferd; er erſpart ſeinem Beſitzer die Unkoſten des Geſchirrs und des Hufbeſchlages, deſſen nicht zu gedenken, daß ſein Capital⸗Werth nicht, gleich demjenigen des Pferdes, alljaͤhrlich eine Verminderung ecleidet. Alle dieſe Erſparniſſe zuſammengenommen moͤgen ſich auf jedes Paar Ochſen jaͤhrlich auf wenigſtens 120 Franes belaufen, eine Summe, die in einem Lande, das um die Haͤlfte des Natural⸗Ertrages von lauter armen und geldloſen Paͤchtern beworben wird, von nicht gerin⸗ ger Bedeutung iſt. Ich will bey der Beleuchtung dieſes dem Ge⸗ brauche der Ochſen vor demjenigen der Pferde einzu⸗ raͤumenden Vorzuges nicht laͤnger verweilen: denn alle Land⸗Oekonomen der neueſten Zeit ſind hieruͤber einig; hingegen iſt ſelten einer von denen, die ſich mit dieſem wichtigen Zweige der Landwirthſchaft be⸗ ſchaͤftigt haben, darauf bedacht geweſen, die wahren und eigentlichen Beweggruͤnde aufzufinden, aus de⸗ nen man in den ſuͤdlichen Gegenden fortgefahren hat, ſich der Ochſen zu bedienen, waͤhrend man im ganzen Norden es vorzog, dem Landbauer das Pferd 177 als Gehuͤlfen bey ſeinen Feldarbeiten an die Seite zu ſtellen. Dieſe Auswahl iſt jedoch keinesweges die Wirkung einer blinden Gewohnheit: vielmehr hat die Natur ſelbſt den Bauer angewieſen, dieſelbe alſo zu treffen, indem ſie den Suͤden mit behenden, kraͤf⸗ tigen und genuͤgſamen, den Norden aber mit traͤgen, ſchwerfaͤlligen und phlegmatiſchen Ochſengattungen bevoͤlkert hat; wogegen in den ſuͤdlichen Breiten die Pferde zart und fein, und zu den groͤbern Arbeiten wenig geeignet bleiben, waͤhrend man ſie im Nor⸗ den nach einem weit groͤßern Maßſtabe aufwachſen und eine große Leibesſtaͤrke erlangen ſieht. Dem zu Folge waͤre in den noͤrdlichen Breiten der Ochs nicht im Fall, fuͤr den Feldbau andere als ſehr ſchlechte Dienſte zu leiſten: daher bedient man ſich in dieſen Gegenden der Pferde. Hinwieder wuͤr⸗ den in den ſuͤdlichen Laͤndern die Pferde fuͤr die Feldarbeiten zu ſchwerfaͤllig ſeyn; daher man Ochſen von ſtarkem Wuchſe und nerviger Leibesbeſchaffenheit an ihre Stelle treten laͤßt. Es ſind mir auf meinen Reiſen durch Italien, neben den Buͤffelochſen, vier verſchiedene Gattungen von Hornvieh zu Geſichte gekommen: naͤhmlich, die falben Piemonteſiſchen Ochſen, dergleichen man auch im ſuͤdlichen Frankreich antrifft; ſodann die Ungari⸗ ſchen mit uͤbergroßen Hoͤrnern. Dieſe ſind fuͤr die Arbeiten die vorzuͤglichſten, und am wenigſten gefraͤ⸗ ßig. Ferner die aus der Vermiſchung der Ungari⸗ Briefe üb. Italien. 2. Thl. 12 3 ſchen Stiere mit den Schweizer⸗Kuͤhen entſtandenen Lombardiſchen, und endlich eine hellfarbige Afrikani⸗ ſche Art, mit der ich die Neapolitaniſchen Marem⸗ men bevoͤlkert gefunden habe. Alle dieſe vier Racen liefern gleich gute Thiere zur Feldarbeit; von den Kuͤhen hingegen verſchaffen einzig diejenigen viel Milch und taugen zum Saͤugen, welche aus Kreu⸗ zungen mit der Schweizer⸗Gattung entſtanden ſind. Die Zahl von Kuͤhen und Ochſen, denen Ita⸗ lien Nahrung verſchafft, iſt uͤber die Maßen groß, und duͤrfte ſich zum wenigſten ſo hoch belaufen, als in der Schweiz oder in Holland, indem die Campagna di Roma allein 67,000 Stuͤcke Hornvieh zaͤhlt. Dieß mag daher ruͤhren, daß theils die gewaͤſſerten Wieſen in dieſem Clima ungleich mehr Futter lie⸗ fern, theils auch das Vieh weit weniger gefraͤßig iſt, als in andern Laͤndern. Gleichwohl wuͤrden ſich jene aͤußerſt kleinen Pachthoͤfe, die man in Italien in ſo großer Zahl antrifft, in der Verlegenheit befinden, alles benoͤ⸗ thigte Vieh ſelbſt groß ziehen zu muͤſſen, wenn nicht die Maremmen, mit ihren großen Herden huͤlfreich hinzutretend, die verſchiedenen Maͤrkte mit dieſem Artikel alſo verſaͤhen, daß die kleinen Paͤchter ihren ganzen Bedarf auf denſelben einkaufen koͤnnen. Dieſe Maremmen ſetzen nicht bloß viele junge Kuͤhe und Ochſen ab, ſondern ſie befinden ſich auch im ausſchließenden Beſitz der Geſtuͤte, in welchen 179 die zum Gebrauche von ganz Italien erforderlichen Pferde groß gezogen werden. Und in der That waͤre es, wegen der Untereintheilung der Grundſtuͤcke und ihrer Verzaͤunung, eigentlich unmoͤglich, in andern Gegenden Italiens Pferde zu ziehen. Was die Pferde und Ochſen von den Grasplaͤtzen der Marem⸗ men nicht beſetzt halten, dient zum Unterhalte des Wollenviehs. Zwey Millionen dieſer Thiere, nach Spaniſcher Sitte, in wandernde Herden abgetheilt, bringen in den Maremmen Roms, Toscana's und der Neapolitaniſchen Staaten den Winter zu. Die Beſtimmung derſelben beſchraͤnkt ſich nicht, wie in Spanien, einzig darauf, koſtbare Felle zum Behufe des Handels herzugeben: vielmehr iſt unter den von dieſen Schafen gelieferten Producten die Milch das⸗ jenige, worauf die Hirten den vorzuͤglichſten Werth ſetzen. Aus dieſer Milch werden Kaͤſe verfertigt, welche in einem Lande, wo es an guten Milchkuͤhen fehlt, nicht wenig geſucht ſind. So weiß die Natur unter jedem Himmelsſtriche die zum Dienſte der Menſchen beſtimmten Thiergattungen eine durch die andere zu erſetzen. Wo die Pferde im Abneh⸗ men ſind, da vergroͤßern und vermehren ſich die Racen der Eſel und Ochſen, und wenn in Folge des Clima die Kuh aufhoͤrt, Milch zu liefern, ſo kommt, als eine fruchtbare und beſſere Ernaͤhrerinn, das Schaf, den Hirten ſeine ſtrotzenden Euter zu biethen. Dieſe verſchiedenen Gattungen von Wanderher⸗ 12* 180 den gewaͤhren in jenen oͤden Gegenden den gedoppel⸗ ten Vortheil, daß ſie, je nach der Jahrszeit, ſowohl das Kraͤuterwerk der Maremmen, als auch das Gras der wilden Bergruͤcken der Apenninen verzehren. Nicht nur wuͤrden ohne jene Herden die genannten Weideplaͤtze alle unbenutzt ſtehen bleiben, ſondern eben dieſelben Thiere liefern zugleich auch alle ani⸗ maliſchen Producte, welche fuͤr die Beduͤrfniſſe der Agricultur und des Verbrauches erforderlich ſind. Ueberall weiß der Italiaͤner ſeinen Boden auf's vortheilhafteſte zu benutzen, und es wuͤrde ſchwer halten, einen auch noch ſo kleinen Fleck Landes zu finden, der nicht alles dasjenige lieferte, was ihm ſeine Lage ſowohl, als ſeine natuͤrliche Fruchtbarkeit hervor zu bringen geſtattet. Was aber die verſchie⸗ denen, bis auf unſere Zeiten auf dem Erdboden be⸗ kannt gewordenen Syſteme der Land⸗Oekonomie be⸗ trifft, ſo haben die Italiaͤniſchen Bauern zu ver⸗ ſchiedenen Epochen dieſelben in ihr Vaterland zu ver⸗ pflanzen, und dasſelbe damit zu verſchoͤnern und zu bereichern gewußt. Aus Holland wurden die Canaͤle und der Wie⸗ ſenbau, aus Belgien die Kunſt, durch fortgeſetzten Pflanzenwechſel die Ernten ohne Unterbrechung auf einander folgen zu laſſen, aus dem Oriente der Tuͤr⸗ kiſche Weizen, der Weinſtock und der Oehlbaum nach Italien hinuͤbergebracht; vor allem Andern aber ahmte man die ſich ebenfalls aus dem Morgenlande 181 herſchreibende Kunſt nach, den Boden fuͤr das Ge⸗ deihen jener herrlichen Gewaͤchſe zuzuruͤſten und tuͤch⸗ tig zu machen. Den Hirtenvoͤlkern endlich wurde die Sitte, zahlreiche Herden groß zu ziehen, und ſie, je nach Maßgabe der Jahrszeiten, von den Gebirgen nach dem Flachlande wandern zu laſſen, abgelernt. Spaͤterhin wurden nicht minder verſtaͤndige Verſuche angeſtellt, das feuchtere Land mit der aus Indien heruͤbergekommenen Reißpflanze zu bebauen, und dadurch jene Moraͤſte in Gaͤrten umzuwandeln. An⸗ derwaͤrts ließ man auch die Anpflanzung des Maul⸗ beerbaums nicht unverſucht, und in unſern Tagen hat man nicht ohne Erfolg angefangen, ſelbſt die Co⸗ lonial⸗Cultur nach Neapel hinuͤber zu verſetzen. Es wird demnach der ackerbauverſtaͤndige Rei⸗ ſende in Italien nicht minder vollkommene Muſter jener Paſtoral⸗Cultur der fruͤheſten Weltalter, als desjenigen Wirthſchafts ⸗Syſtemes antreffen, das vormahls in Palaͤſtina befolgt ward. Nicht minder wird er die verſchiedenen Gattungen der Koppelwirth⸗ ſchaft, und jede derſelben auf dem fuͤr ſie ſchicklichen Erdreiche, geuͤbt finden. Es hat aber auch der ganze Italiaͤniſche Feldbau, um ſich zu einem ſo bluͤhenden Zuſtande erheben zu koͤnnen, in allen ſeinen Theilen auf's zweckmaͤßigſte geordnet und berechnet ſeyn muͤſ⸗ ſen: denn an ſich iſt der Boden des Landes von kei⸗ ner auffallenden Fruchtbarkeit, indem der, auf einer großen Anzahl von Berechnungen beruhende, mittlere 182 Durchſchnitt ſeines Getreideertrages ſich nicht uͤber das Sechsthalbfache der Ausſaat belaͤuft. Gleichwohl bezahlt Italien uͤber das hinaus, was in ſeinem In⸗ nern verbraucht wird, alle fabricirten Artikel, die es vom Auslande bezieht, mit dem rohen Werthe ſeines Kornes, Reißes, Oehles, und der Wolle und Seide, die durch ſeine Ackerwirthſchaft erzeugt wird. Einer ſo bedeutenden Ausfuhr ungeachtet, ernaͤhrt der Boden dieſes gluͤckſeligen Landes, ohne Anſtren⸗ gung, eine Bevoͤlkerung von 1237 Seelen auf die Quadrat⸗Meile. Und hiermit, mein verehrter Freund, haͤtte ich Ihnen das Reſultat der zahlreichen, waͤhrend des Laufes meiner Reiſe Ihnen mitgetheilten, Beobach⸗ tungen vor Augen gelegt. Zwey und zwanzigſter Brief. Genf, 10. November 1813. Es muͤßte, mein verehrter Freund, nicht wenig Intereſſe gewaͤhren, zwiſchen Italien und England, ruͤckſichtlich auf die Oekonomie dieſer beyden Laͤnder, einmahl eine Vergleichung anzuſtellen. Dieſe bey⸗ den, unter den beyden Zonen, die unſern Welttheil unter ſich theilen, gelegenen Reiche, haben bis jetzt die zwey landwirthſchaftlichen Syſteme befolgt, wel⸗ che der Staatshaushalt eines dem andern entgegen⸗ ſetzt, und jedes derſelben hat es durch Ausuͤbung ſei⸗ nes Syſtemes dahin gebracht, auf gleichem Flaͤchen⸗ raume eine gleich große Bevoͤlkerung ernaͤhren zu koͤnnen. Es werden demnach durch die erwaͤhnten Laͤnder zwey verſchiedene Loͤſungen der naͤhmlichen Aufgabe an die Hand gegeben. Italien hat ſich fortwaͤhrend an die Zertheilung der Laͤndereyen in Pachthoͤfe von ſehr geringem Umfange, nach der von den Roͤmern geerbten Ord⸗ nung, gehalten. Aus Britanniens Schooße iſt die . 184 Kunſt hervorgegangen, weitlaͤufige Pachthoͤfe unter Befolgung des reiche Fruͤchte tragenden Princips der Theilung der Arbeiten, mit Vortheil zu bewerben. Beyde Methoden haben ſich eines gleich guten Er⸗ folges zu erfreuen gehabt, und die erſte, ſich aus dieſer Thatſache ergebende, Schlußfolge iſt dieſe, daß im Gebiethe der Staatswirthſchaft nichts Abſolutes zu finden ſey. Die Vorſehung hat es nicht zugeben wollen, daß in der Schoͤpfung eine durchgaͤngige Einfoͤrmig⸗ keit herrſche, oder alles von gleichartiger Natur ſey. Sie ſelbſt iſt es ja, die jene Formen, welche die Außenſeite des Erdbodens darbiethet, mit der aller⸗ groͤßten Mannigfaltigkeit ausgeſtattet, und jedes Volk, ja jeden einzelnen Menſchen mit einem eigenen Geiſte beſeelt hat. Der Zweck dieſer Verſchiedenheit der Climaten, des Erdreichs und der Vegetabilien ging keineswegs bloß dahin, dem Auge des Geſchoͤpfes durch ein ununterbrochenes Vorfuͤhren unzaͤhliger neuer Bilder eine fortgeſetzte Luſt zu verſchaffen: vielmehr leitet eben dieſe Mannigfaltigkeit jede ein⸗ zelne, den Erdball bewohnende, Voͤlkerſchaft dahin, ſich ſelbſt durch ſolche Geſetze zu regieren, die der Natur des ihr zum Wohnſitze angewieſenen Landes und des ihr den Unterhalt verſchaffenden Bodens an⸗ gemeſſen ſind. Die Staatswirthſchaft kann dem zu Folge nichts Anderes ſeyn, als eine Wiſſenſchaft, welche Anlei⸗ 185 tung gibt, wie der menſchliche Kunſt⸗ und Gewerb⸗ fleiß mit dem groͤßtmoͤglichen Vortheile auf jeden der, aus dem dauerhafteſten Stoffe aus der Hand des Schoͤpfers hervorgegangenen Theile unſerer Erdkugel anzuwenden ſey, und ihr unmittelbarer Zweck muß alſo dahin gehen, die Mittel zum Fortkommen des Menſchen ſowohl, als die Bevoͤlkerung und den Reich⸗ thum, d. h. die Macht der Staaten zu vergroͤßern und zu vermehren. Durch jene preiswuͤrdige Verſchiedenheit wird den ſich auf der Oberflaͤche unſers Erdenrundes dar⸗ biethenden Scenen mehr Mannigfaltigkeit und In⸗ tereſſe verſchafft. Auch die Sittlichkeit ſieht man un⸗ ter ihren Fittichen keimen: denn ſie iſt es, welche die Nationen ſelbſt einander vor Augen ſtellt, da⸗ mit ſie ſich gegenſeitig zum Beyſpiele dienen, und ſich durch wechſelſeitige Huͤlfleiſtungen nicht weniger, als durch die Ungleichheit ihrer Beduͤrfniſſe mit ein⸗ ander verbinden. Die Vorſehung ſendet alle Jahre die Fiſche des Meeres aus den Eis⸗Regionen der Polar⸗Laͤnder. gegen die Wendekreiſe hinab. Eben ſo ſcheint ihre Abſicht dahin gegangen zu ſeyn, daß auch die Men⸗ ſchen durch ihre Induſtrie alle Erzeugniſſe des Erdbo⸗ dens gegen einander austauſchen, auf daß ein gemein⸗ ſchaftliches Band ſich zwiſchen den Voͤlkern bilde, das je⸗ ner, durch Krieg und Politik unter ihnen erzeugten, Er⸗ bitterung das Gegengewicht zu halten beſtimmt iſt. 186 Es bleibt daher auch in dem Syſteme des Staatshaushaltes keine Gleichfoͤrmigkeit gedenkbar, weil in dem ganzen Beſitzthume des Menſchenge⸗ ſchlechts nichts Gleichfoͤrmiges anzutreffen iſt. Es findet ſich vielmehr der Erde, von ihrem Entſtehen an, ein anderer Charakter, naͤhmlich derjenige der Un⸗ gleichheit aufgedruͤckt, und fuͤr uns Menſchen gibt es nichts allgemein Guͤltiges, als etwa jenes Geſetz, welches uns gebiethet, Andern das auch ſelbſt nicht zu thun, wovon wir nicht wollen, daß es uns ge⸗ ſchehe. Die ſo geheißene Staats⸗Oekonomie iſt zwar eine Wiſſenſchaft, welche das Studium aller moͤgli⸗ chen Zweige des menſchlichen Gewerbfleißes umfaſſen ſoll: hier wird jedoch von derſelben nur in ſofern die Rede ſeyn, als ſie auf die Agricultur, d. h. auf die Kunſt Bezug hat, der Erde durch Arbeit die ver⸗ ſchiedenen Erzeugniſſe, deren Keim von der Hand der Natur in dieſelbe gelegt worden, abzugewinnen. Was nun aber dieſe Wiſſenſchaft der Agricultur betrifft, ſo ſcheinen mir die Schriftſteller jene zwey weſentlichen Beſtandtheile, aus denen dieſelbe zu⸗ ſammengeſetzt iſt, nicht ſcharf genug von einander geſchieden zu haben. Gleichwohl iſt dieſe Unterſchei⸗ dung gewiſſer Maßen als der Schluͤſſel anzuſehen, vermittelſt deſſen ſich in die Geheimniſſe der Staats⸗ wirthſchaft eindringen laßt. Dieſe zwey Beſtand⸗ theile ſind die Guͤterbewerbung und die Guͤterverwal⸗ 187 tung. Unter jener verſtehe ich die Kunſt, die Felder zu bauen, mit den Ernten gehoͤrig zu wechſeln, die Gattungen derſelben zu vermannigfachen und den Ertrag des Bodens zu ſteigern; unter dieſer die Ordnung, welche, ruͤckſichtlich auf die Unterabthei⸗ lung der Grundſtuͤcke, auf die Beſchaffenheit der Pacht⸗Contracte, und die, in Betreff der Art und Weiſe, wie die Paͤchter das Land anbauen ſollen, in denſelben feſtgeſetzten Bedingniſſe, ſo wie auch auf die bey Verwaltung der Domaͤnen uͤblichen Lo⸗ cal⸗Gewohnheiten, in den einzelnen Laͤndern einge⸗ fuͤhet iſt. Die naͤhere Kenntniß dieſer Rural⸗Verwaltung ſcheint mir von einer bis jetzt nicht genug beachteten Wichtigkeit zu ſeyn; denn eben ſie iſt es, mit wel⸗ cher weſentlich und innig der Wohlſtand der Staaten zuſammenhaͤngt, deſſen Quelle in dem Innern je⸗ des Pachthofes und jedes Weilers verborgen liegt. Da die Bevoͤlkerung auf dem Lande jederzeit am zahlreichſten iſt, ſo verſchafft ſie auch fortwaͤh⸗ rend allen arbeitenden Volksclaſſen ihren Unterhalt, und liefert der Nation ihre Vertheidiger. Eben die⸗ ſelbe gibt aber auch noch die Grundlage zur Einfuͤh⸗ rung jener geſellſchaftlichen Ordnung an die Hand, nach welcher ſich die verſchiedenen Staͤnde der Nation claſſificiren, und deren zweckmaͤßige oder auch uͤbel⸗ berechnete Verfuͤgungen in letzter Inſtanz uͤber den oͤffentlichen Wohlſtand entſcheiden. 188 Man iſt in der Kunſt des Feldbaues ſehr weit fortgeſchritten, und was von nun an allein noch die⸗ ſen Fortſchritten Einhalt thun koͤnnte, ſind die Hin⸗ derniſſe, die denſelben von Seite der beſtehenden Cultur⸗Syſteme in den Weg gelegt werden duͤrften. Dieſe Syſteme ſind ſolcher Geſtalt berechnet und zuſammengeſetzt, daß ſich durch dieſelben alle Verbeſ⸗ ſerungen hindern und laͤhmen, und die ſchlechteſten Cultur⸗Methoden bey ihrem Zuſtande eines voͤlligen Stilleſtehens erhalten laſſen. Dieſes erbaͤrmliche Reſultat haͤngt nicht ſelten nur von einer geringfuͤ⸗ gigen Kleinigkeit ab. Sie, zum Beyſpiel, mein hoch⸗ geſchaͤtzter Freund, wohnen, ſo wie ich, in einem Lande, wo die Notarien, welche die Pachtvertraͤge abfaſſen, dieſelben, gemaͤß der ſeit Jahrhunderten. befolgten Uebung, bloß einen von dem andern ab⸗ ſchreiben. Wirklich koͤnnen auch kluge und vorſich⸗ tige Grundeigenthuͤmer fuͤr die Erhaltung ihrer Be⸗ ſitzungen nicht zweckmaͤßiger ſorgen, als indem ſie ſich die naͤhmlichen Gewaͤhrleiſtungen, wie ihre Vor⸗ aͤltern, ertheilen laſſen. Dieß aber hat zur Folge, daß der Paͤchter, wenn er anders ein ehrlicher Mann bleiben will, die ihm anvertrauten Felder nach kei⸗ ner andern als derjenigen Methode bearbeiten darf, die vermaͤchtnißweiſe von den Roͤmern auf uns uͤber⸗ gegangen iſt; wohingegen alle die Paͤchter, welche das von Ihnen gegebene Beyſpiel befolgt, und ſich die durch Ihre Bemuͤhungen in unſere Agricultur = —i'— —,— 189 „ eingefuͤhrten Verbeſſerungen zu Nutze gemacht ha⸗ ben, ſich hierbey eines Betrugs haben ſchuldig ma⸗ chen muͤſſen. Ich wollte Ihnen gerade dieß Beyſpiel anfuͤh⸗ ren, weil es, ſo zu ſagen, fuͤr ganz Frankreich guͤl⸗ tig und geeignet iſt, die hohe Wichtigkeit der Ein⸗ fuͤhrung eines zweckmaͤßigen landwirthſchaftlichen Sy⸗ ſtemes fuͤr das Schickſal der Staaten in's Licht zu ſetzen. Es iſt dieß ein Zweig der Geſetzgebung, den man bis auf die allerneueſten Zeiten nicht bloß ver⸗ nachlaͤſſigt, ſondern vielleicht nicht einmahl gekannt zu haben ſcheint. Von unmittelbarem geſetzlichen Zwange kann hier zwar die Rede nicht ſeyn, wohl aber iſt dieß eine Sache, die mit den ſaͤmmtlichen,. den Codex der National⸗Sitten und Gewohnheiten bildenden, Inſtitutionen auf's genaueſte zuſammen⸗ haͤngt. Die Kraft dieſes Hebels hat noch niemand berechnet, und ſolches zu thun, moͤchte vielleicht dem XIX. Jahrhundert, unter andern preiswuͤrdigen Arbeiten, aufbehalten ſeyn. Keine Berechnungen eines Herrn von Prony, deſſen Gebiethe dieſer Punct nicht angehoͤrt, ſondern allein Erfahrung und That⸗ ſachen koͤnnen in Abſicht auf den Total⸗Betrag je⸗ ner Kraft zu einem zuverlaͤſſigen Reſultate fuͤhren. Es ſchien mir daher von einigem Intereſſe zu ſeyn, Ihnen eine Parallele zwiſchen den Reſultaten der beyden einander entgegengeſetzten Syſteme der Feld⸗ wirthſchaft von England und Italien vorzulegen. 190 Der Augenblick, um eine ſolche Vergleichung zu entwerfen, mag nicht ganz unguͤnſtig gewaͤhlt ſeyn. Es iſt gerade derjenige, wo dieſe beyden Nationen, die eine im Steigen, und die andere wenigſtens nicht im Sinken begriffen, auf gleich großem Flaͤchenrau⸗ me eine gleich ſtarke Bevoͤlkerung darbiethen, und dieß iſt eine Art von Uebereinſtimmungspunct, den man um ſo eher ergreifen muß, weil in fuͤnfzig Jahren, von jetzt an, dieſe Grundlage vermuthlich nicht mehr dieſelbe ſeyn, und es ſich dann zumahl der Muͤhe lohnen duͤrfte, neuerdings eine Parallele mit derjenigen, die ich Ihnen gegenwaͤrtig in ihren Grundzuͤgen vor Augen legen will, anzuſtellen. Die beyden erwaͤhnten Staaten ſind zu einer ſolchen Art von Experimental⸗Theorie um ſo eher geeignet, da ſie mancherley Aehnlichkeit mit einan⸗ der haben, und beyden die gleichen Vortheile zu Statten kommen. Italien, wie England, wird von den Fluthen des Meeres beſpuͤlt. Die Kuͤſten bey⸗ der Laͤnder ſind reich an Seehaͤfen und Rheden, wo die Schiffe leicht Schutz und Sicherheit finden koͤn⸗ nen. Beyde Reiche erfreuen ſich des Vortheils zweck⸗ maͤßiger Local⸗Verwaltungen, vermittelſt welcher man hier und dort die Landſtraßen und Canaͤle ver⸗ beſſert, und das ganze, auf Beguͤnſtigung der geſell⸗ ſchaftlichen Verhaͤltniſſe abzweckende, Syſtem zu hoͤhe⸗ rer Vollkommenheit emporgehoben hat. Beyde, der Italiaͤner nicht weniger, als der Englaͤnder, haben 191 ſeit geraumer Zeit eine Grundſteuer, das heißt, eine directe Abgabe von dem Ertrage des Feldbaues zu entrichten. Dieſe Auflage iſt zwar gegenwaͤrtig auf den Boden Englands ſehr ungleich vertheilt, aber die Achtung fuͤr die Beybehaltung der einmahl einge⸗ fuͤhrten Ordnungen iſt in dieſem Lande ſo groß, daß man ſich darauf beſchraͤnkt, jene Vertheilung tadel⸗ haft zu finden, ohne jedoch etwas an derſelben ver⸗ aͤndern zu wollen. Italien hinwieder, dieſer alte Schauplatz von adminiſtrativen Probeſtuͤcken, iſt ſchon ſeit langem dem Cadaſter unterworfen, und die daſelbſt eingefuͤhrte Grundſteuer verſtaͤndig und nach einem gleichfoͤrmigen Maßſtabe eingetheilt. End⸗ lich hat das eine jener Laͤnder, wie das andere, es dahin gebracht, ſeinen Feldbau auf ſolche Wirth⸗ ſchafts⸗ und Eintheilungs⸗Syſteme zu gruͤnden, die zwar nach der Ungleichheit des Clima jener zwey Reiche verſchieden, aber den urſpruͤnglichen Kraͤften ihres Erdreiches und ihrer Luftbeſchaffenheit mit Ein⸗ ſicht angepaßt ſind. Es findet ſich zwar durch jene beyden Syſteme der Boden nicht eben auf das Ma⸗ rimum deſſen, was er hervor zu bringen im Stand iſt, und welches immerfort eine unbekannte Groͤße bleiben wird, hinaufgetrieben, wohl aber erzeugt derſelbe unter ihrer Einwirkung ein Product, welches unter allen, in der Wiſſenſchaft des Feldbaues be⸗ kannten, das betraͤchtlichſte iſt. Man ſollte denken, die Gleichfoͤrmigkeit aller 192 dieſer, fuͤr den oͤffentlichen Wohlſtand ſo wichtigen Grundlagen haͤtte auch gleichartige Reſultate in beyden Laͤndern erzielen muͤſſen. Allein deſſen unge⸗ achtet findet zwiſchen der geſellſchaftlichen Verfaſ⸗ ſung Englands und Italiens die auffallendſte Ver⸗ ſchiedenheit Statt. Ich will es verſuchen, dieſe bey⸗ den Verfaſſungen etwas naͤher auseinander zu ſetzen; vielleicht daß ſich aus dieſem Verſuche mehr als Eine merkwuͤrdige, des Aufzeichnens nicht unwerthe, Schluß⸗ folge ergeben wird. England, durch die Voͤlker des Nordens geſit⸗ tigt, hatte von ihnen das Feudal-Syſtem und die dieſem im Gefolge gehende Eintheilung des Grund⸗ eigenthums in's Große angenommen. Die fortſchrei⸗ tende Zunahme ſeiner Capitalien hat dem Lande dieſe Eintheilungsmethode ſeines Bodens erhalten, und eine, ſo zu ſagen, allgemeine Verbreitung derſelben veranlaßt. Den Englaͤndern machten es ihre arith⸗ metiſchen Koͤpfe begreiflich, daß es zweckmaͤßig ſey, den fruchtbaren Grundſatz der Theilung der Arbeit auf die Bewerbung ihrer Laͤndereyen anzuwendenz ein Princip, das ohnehin bloß auf einem ausgebrei⸗ teten Flaͤchenraume geuͤbt werden kann, weil nur ein ſolcher es geſtattet, fortwaͤhrend von der Ge⸗ ſammtheit der Kraͤfte einer jeden Gattung von Ar⸗ beitern Gebrauch zu machen. Die Anwendung dieſes Princips auf den Feld⸗ bau hat zur Folge, daß bey Bewerbung der Grund⸗ 193 ſtuͤce weder an Zeit und Kraͤften, noch an Unkoſten irgend etwas verloren geht. Alles zielt demnach auf den gemeinſchaftlichen Zweck ab, den reinen Ertrag der Guͤter zu ſteigern, welche Steigerung einerſeits auf die Claſſification der Einwohner Englands einen unmittelbaren Einfluß gehabt, und anderſeits jene Ordnung und Stufenfolge der Staͤnde erzeugt hat, auf welche Britanniens uͤberſchwaͤnglicher Wohlſtand gegruͤndet iſt. Inzwiſchen hatte man einen ſo bedeutenden und ſichern Gewinn ſich mit der Bewerbung der Guͤter verbinden geſehen, daß ſich nach und nach eine ganze Claſſe von Landeseinwohnern berufen fuͤhlte, jenen Zweig des Gewerbfleißes zu betreiben, und ſich die davon herruͤhrenden Vortheile zuzueignen. Und ſo haben es die Paͤchter allmaͤhlich dahin gebracht, ſich zu einem eigenen Stande unter Englands Buͤrgern zu bilden, und in der Reihenfolge der Claſſen ſeiner Einwohner eine beſondere Stufe einzunehmen; und dieſe Menſchenclaſſe iſt um ſo bedeutender, weil die Wohlfahrt des Staats, einem großen Theile nach, auf ihr beruht. 3 Dieſen Paͤchtern liegt es ob, den Landbeſitzern die Renten von ihren Grundſtuͤcken, nach dem Zins⸗ fuße von ungefaͤhr vier vom Hundert, auszubezah⸗ len; ſodann die ganze tragbare Oberflaͤche von Eng⸗ land auf eigene Unkoſten zu bewerben, und endlich durch den reinen Gewinn ihrer Induſtrie einen Ue⸗ Briefe ſib. Italien. 2. Thl. 13 194 berwerth zum Behufe einer nach und nach zuſammen zu legenden Capital⸗Summe heraus zu ziehen. Um dieſen jaͤhrlichen, den einzigen Zweck ihrer Bemuͤhungen ausmachenden, Gewinn zu vergroͤßern, haben die Paͤchter zweyerley Mittel auf Ein Mahl in Ausuͤbung gebracht; das eine derſelben iſt die, durch eine immer mehr vervollkommnete Anwendung des Grundſatzes der Theilung der Arbeit, bewirkte Erſparniß, das andere beſteht in der ſtufenweiſen Verbeſſerung der Arbeit ſelbſt und der bey Einthei⸗ lung der Felder in Schlaͤge befolgten Methoden. Als in die Augen fallendes Reſultat dieſes all⸗ gemeinen Beſtrebens der Paͤchter ergibt ſich eine im⸗ mer ſteigende Verbeſſerung des Bodens von England und ſeiner Erzeugniſſe, eine vorzuͤgliche Schoͤnheit der Hausthiere aller Art, eine mehrere Vervoll⸗ kommnung des Ackergeraͤthes und der befolgten Cul⸗ tur⸗Methoden; das heißt, mit Einem Worte, eine betraͤchtliche Wertherhoͤhung der Grund⸗ und Indu⸗ ſtrie⸗Capitalien von England. Jene Theilung der Arbeit, indem ſie einer Claſſe von Handelsleuten, deren Induſtrie die Be⸗ werbung der Guͤter zum Zwecke hat, ihr Daſeyn gab, hat zu gleicher Zeit, als zweytes Reſultat, auch noch das bewirkt, daß ſie die Zahl der zum Feldbau zu gebrauchenden Menſchenarme vermindert, und dadurch einer großen Menge von Individuen die Freyheit verſchafft, ſich mit andern Gattungen von 195 Arbeit zu beſchaͤftigen. Von jener Zeit an wurden die muͤßigen Leute insgeſammt von der Manufactur⸗ Induſtrie in Beſchlag genommen, und hierdurch dem Syſteme der Induſtrie⸗Arbeiten eine weitere Aus⸗ dehnung verſchafft, als es in keinem andern Lande haͤtte gewinnen koͤnnen. Dasſelbe Princip wurde nach und nach auf alle Zweige der Manufactur⸗Induſtrie angewandt, und vermittelſt einer durch die Erfindung der Maſchinen bewirkten Erſparung an Handarbeit, bey jedem ein⸗ zelnen Zweige des Gewerbfleißes ein aͤhnlicher Ueber⸗ ſchuß an Menſchenarmen zuwege gebracht, der ſofort wieder von einer neuen Gattung der Induſtrie in Anſpruch genommen wurde, welche vermittelſt der⸗ ſelben ſelbſt auch nicht ohne Gedeihen blieb. Dieſe Wirkung jenes Princips erſtreckte ſich immer weiter, und verbreitete ſich nach und nach uͤber die ganze Maſſe des Engliſchen Volkes. Dieſes aber wurde dadurch in den Stand geſetzt, ſeinen Boden mit der moͤglichſt kleinen Anzahl von Leuten zu bewerben, und den daher ſich ergebenden Ueberſchuß an arbeitenden Kraͤften auf die geſammten Zweige der Manufactur⸗ und Handels⸗Induſtrie zu vertheilen. Auch nach⸗ dem dieß ungeheure Feld ſo viel von der Bevoͤlke⸗ rung verſchlungen hatte, als es zu ſeiner Bewerbung bedurfte, kam ein nochmahliger zahlreicher Ueberſchuß zum Vorſchein, welchen die See- und Colonial⸗In⸗ duſtrie zu ihrem Vortheile verwandt hat. 13* 196 Auf ſolche Weiſe hat ſich dieſe, gewiſſer Maßen durch die Agricultur wieder hergeſtellte, Bevoͤlkerung theils in die Werkſtaͤtte des Handels zuſammenge⸗ than, theils aber nach allen Gegenden der Welt zer⸗ ſtreut. Ueberall weiß ſie den Gewinn, der ſich durch die Arbeit erzielen laͤßt, zu vergroͤßern, und gleich⸗ ſam als einen Tribut bringt ſie denſelben zuruͤck in das Vaterland. Vermoͤge dieſer ohne Unterlaß fort⸗ ſchreitenden Vermehrung des Induſtrie⸗ Gewinns haben ſich ſelbſt in England die jaͤhrlichen Einkuͤnfte der Nation auf das Doppelte oder Dreyfache geſtei⸗ gert, und ihr Mobiliar⸗Capital iſt betraͤchtlicher ge⸗ worden, als das immobiliare. Von der Zeit an hat auch das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen den Claſſen und Staͤnden, aus denen die Ge⸗ ſammtheit der Nation zuſammengeſetzt iſt, bedeu⸗ tende Veraͤnderungen erlitten. Die Claſſe der Land⸗ bauer, die ſich in Italien auf vier Fuͤnftel der gan⸗ zen Nation belaͤuft, iſt in England ſo ſehr zuſam⸗ mengeſchmolzen, daß ſie nicht uͤber die Haͤlfte der Bevoͤlkerung ausmacht. Die zweyte Haͤlfte iſt aus conſumirenden und ſolchen Claſſen zuſammengeſetzt, die ſich mit Kunſt⸗ und Gewerbfleiß beſchaͤftigen. Und da die National⸗Kraͤfte ſich alle auf Ein Mahl in Einem großen Plane angewandt finden, in wel⸗ chem ſich jede Einzelne einen Platz, ſo zu ſagen, im voraus bereitet ſieht, ſo geht von allen dieſen Kraͤften, weder durch Reibungen, noch durch Zeit⸗ 197 verluſt, irgend etwas verloren, und am Ende des Jahres haben dieſelben die groͤßtmoͤgliche Summe von Arbeit hervorgebracht, die ſich von ihnen hof⸗ fen ließ. Dem allen zu Folge, macht die Engliſche Na⸗ tion groͤßern Gewinn, als kein anderes Volk der Erde, und iſt im Stande, mit jedem Jahre groͤßere Erſparungs⸗Capitalien zuſammen zu haͤufen, und daher iſt ſie denn auch gegenwaͤrtig bey weitem die beguͤtertſte Nation auf dem Erdboden. Wenn die nicht in die Augen fallenden Folgen der jetzt beſchriebenen Ordnung der Dinge eben ſo preiswuͤrdig waͤren, als diejenigen, deren Haupt⸗ Reſultate ſo eben ſind angegeben worden, ſo wuͤrde jene Ordnung einen ganz entſchiedenen Vorzug vor jeder andern verdienen; und es duͤrfte in dieſem Falle vielleicht nicht undienlich ſeyn, dasſelbe Sy— ſtem, dem wir England unterworfen ſehen, auch anderwaͤrts einzufuͤhren. Wir haben geſehen, daß jenes Syſtem gerade zu der Zeit anfing, in England vorherrſchend zu werden, als die Paͤchter den Grundſatz der Theilung der Arbeit bey der Bewerbung ihrer Laͤndereyen feſt⸗ geſetzt hatten; denn erſt damahls wurden von Seite der Agricultur die von ihr unnuͤtzer Weiſe in Be⸗ ſchlag genommenen Kraͤfte dem Gewerbfleiße zuruͤck⸗ geſtellt, und dadurch das Vorurtheil, als ob man dem Feldbau durch nichts groͤßern Vorſchub thun 198 koͤnne, als durch eine uͤberſchwaͤngliche Menge von Menſchenarmen, aus den Koͤpfen hinweggeſchafft. Uebrigens hat dieſes Syſtem, vermoͤge ſeines na⸗ tuͤrlichen Gaͤnges, durch das Schaffen neuer Capita⸗ lien und Eroͤffnung von Auswegen fuͤr den Kunſt⸗ und Gewerbfleiß, den Capitaliſten, denen fortwaͤh⸗ rend nichts ſo ſehr anlag, als durch ſolche Maßre⸗ geln irgend einen beſtimmten Theil ihres Vermoͤgens ſicher zu ſtellen, die ganze Oberflaͤche von England in die Haͤnde geliefert, und der Mitbewerber um den Beſitz dieſes Bodens wurden ſo viele, daß die ganze Claſſe der kleinern, ihre Guͤter ſelbſt bewerben⸗ den, Grundeigenthuͤmer aus ihrem Beſitze verdraͤngt ward, worauf dann der wohlhabendere und weniger zahlreiche Theil derſelben, mit Huͤlfe des eben in klingende Muͤnze umgeſetzten Capitales, den Stand der Paͤchter ergriff, indeß die zahlloſe Menge der uͤbrigen ſich genoͤthigt ſoh, zum Berufe bloßer Ta⸗ geloͤhner ihre Zuflucht zu nehmen. Dieſe letztere Claſſe, deren Wohnort oder Be⸗ ſtimmung durch keine eigenthuͤmliche Beſitzung feſt⸗ geſetzt iſt, und die ſich, nach Maßgabe der Erhoͤhung ihres Lohnes, bald zur Vertheidigung des Staates, bald an die Gefahren des Meeres, bald wieder an Feld⸗ oder Induſtrie⸗Arbeiten ohne Unterſchied hin⸗ gibt: dieſe Claſſe iſt im eigentlichen Sinne bloß productiv, indem der Geſammtertrag ihrer jaͤhrlichen Arbeit zu ihrem Unterhalte erfordert wird, und nie 199 ein Ueberſchuß des Erwerbes zum Vorſchein kommt, der ſie in den Fall ſetzte, einen Theil des Jahres, vermittelſt deſſen, was in andern gewonnen worden, zu feyern. Dieſe Claſſe wird demnach durch den Drang der Noth zu ununterbrochener Arbeit ange⸗ halten, und kann in dieſer Beziehung ohne Zweifel in einem ganz vorzuͤglichen Grade productiv heißen. Dagegen herrſcht bey ihr eine gaͤnzliche Gleich⸗ guͤltigkeit fuͤr das Gemeinwohl und ſelbſt fuͤr ihre Arbeit, die ſie bloß maſchinenmaͤßig betreibt. Das Leben haͤlt dem Tageloͤhner keine Hoffnungen vor, denn ſeine Zukunft erſtreckt ſich nicht weiter als auf acht Tage hinaus. Auch die Einbildungskraft hat ihm zu alfeaͤlliger Erhohlung bey ſeinen Arbeiten nichts darzubiethen, als etwa den Gedanken an ſeine Loͤhnung, die ſo unabaͤnderlich feſtgeſetzt iſt, daß auch die aͤußerſte Anſtrengung von ſeiner Seite die⸗ ſelbe um nichts erhoͤhen wuͤrde. Und da ihm alle die Ernaͤhrungsquellen abgehen, welche die Benutzung eines kleinen Stuͤck Landes ihm zuſichern wuͤrde, ſo reicht auch der Lohn, den er erhaͤlt, zum Unterhalte ſeiner Familie nicht mehr hin, beſonders ſeitdem die ungeheure Erhoͤhung des Abgaben⸗Tarifes in Eng⸗ land auch ruͤckſichtlich auf den Werth des Getreides, nach welchem ſich im allgemeinen der Preis der Ta⸗ geloͤhne richtet, eine Veraͤnderung bewirkt hat, und die Taxe des neuen Tarifes an die Stelle des vor⸗ mahligen Preiſes getreten iſt. 200 Von dem Augenblicke an, da ſich die zwiſchen den verſchiedenen, die geſellſchaftliche Ordnung aus⸗ machenden, Claſſen und Staͤnden ſowohl, als zwi⸗ ſchen Arbeit und Lohn, wie auch zwiſchen dem Wer⸗ the des Korns und dem Betrage der Abgaben beſte⸗ henden Verhaͤltniſſe geaͤndert hatten, trat auch die Nothwendigkeit ein, eine zu dieſer neuen Ordnung der Dinge paſſende Geſetzgebung einzufuͤhren. Von Seite des Geſetzgebers wurde dießfalls Vorſorge ge⸗ than, und, ſonderbar genug, ſah ſich derſelbe in den Fall geſetzt, beyden, den Tageloͤhnern, welche die Felder bewerben, und den Paͤchtern, in deren Dienſte ſie ſtehen, zu gleicher Zeit huͤlfreiche Hand leiſten zu koͤnnen. Zur Erreichung dieſes Zweckes aber mußten zwey ſich entgegengeſetzte, und in ganz umgekehrtem Sinne eins von dem andern wirkende, Geſetze gege⸗ ben werden. Kraft des einen derſelben wurden die Grundeigenthuͤmer mit einer, ſich gegenwaͤrtig auf ſieben Millionen Pfund Sterling belaufenden, Taxe belegt, und hierdurch ihre Mildthaͤtigkeit zwangs⸗ weiſe zu Huͤlfsleiſtungen fuͤr die im Tagelohn Arbei⸗ tenden in Anſpruch genommen. Vermittelſt des an⸗ dern wurde, durch das Verboth der Getreideeinfuhr unter einem beſtimmten Minimum, der Preis des Korns zu Gunſten der Paͤchter gewaltſam geſteigert, und ihnen hierdurch die Mittel zur Bezahlung jener Tageloͤhner zugeſichert, indeß das Verboth ſelbſt 201 das Brot, von dem die letztern ſich naͤhren, ver⸗ theuerte. Dieſe Geſetzgebung, ſo ſeltſam ſie auch ſcheinen mag, iſt nichts deſto weniger auf die Zeit ſowohl, als auf das Land, fuͤr welches ſie Statt gefunden hat, hoͤchſt verſtaͤndig berechnet. Es waͤre freylich un⸗ gleich beſſer, wenn die Staatswirthſchaft auf eine Weiſe gefuͤhrt und geleitet wuͤrde, die ſolcher gewaltſam herbeygerufenen Auskunftsmittel gar nicht beduͤrfte, allein nachdem das Uebel einmahl geſchehen war, ſo fehlte es wenigſtens nicht an ſehr einſichtsvollen Leu⸗ ten, um jene heilbringende Arzeney zu bereiten. Schon mehrmals habe ich fragen gehoͤrt, wozu eine Armen-Taxe dienen ſoll, und ob es nicht ein⸗ facher waͤre, den Tagelohn zu erhoͤhen, da ſich der naͤhmliche Zweck vermittelſt der letztern Maßregel ſchneller und auf eben ſo geradem Wege erreichen ließe. Solche an ſich ſehr natuͤrliche Aeußerungen habe ich ſelbſt Englaͤndern aus dem Munde gehen hoͤren, die aber nicht einzuſehen ſchienen, von wel⸗ cher Bedeutung die Claſſe der Tageloͤhner in der ge⸗ ſellſchaftlichen Einrichtung Englands iſt. Ihrer Meinung nach haͤtte man die Taxe unterdruͤcken, da⸗ gegen aber den Preis der Arbeit erhoͤhen ſollen. Al⸗ lein nicht nur waͤren dieſe geſteigerten Loͤhnungen einzig von muntern und kraͤftigen, einer vollkomme⸗ nen Geſundheit genießenden Arbeitern gewonnen worden, ſondern die Tageloͤhner haͤtten, wie ſie je⸗ 202 derzeit zu thun pflegen, nicht ermangelt, nach Maß⸗ gabe des Zuwachſes zu ihrer Bezahlung, auch mehr aufgehen zu laſſen; hingegen waͤre keinem von Al⸗ len, die ſich wegen Mangels an Kraͤften oder Ge⸗ brechlichkeit außer Stande befunden haͤtten, fuͤr die Beduͤrfniſſe ihrer Familien zu ſorgen, von jener er⸗ hoͤheten Beſoldung etwas zu gute gekommen. Es wird demnach durch die Taxe weder ruͤckſichtlich auf die alljaͤhrliche, fuͤr die Bearbeitung des Bodens zu verwendende Summe, noch auf den Betrag, welchen die Tageloͤhner beziehen, etwas veraͤndert, wohl aber wird jene Taxe, und zwar nach Maßgabe des Beduͤrf⸗ niſſes, nicht aber des geleiſteten Werkes, unter die arbeitende Claſſe ausgetheilt. Das erwaͤhnte Geſetz iſt um ſo weiſer, weil es, anſtatt von einem eigentlichen Geſetzgeber herzuruͤh⸗ ren, bloß ein Erzeugniß der Nothwendigkeit iſt. Auch hat man dasſelbe nicht mit Ein Mahl, ſondern allmaͤhlich und nach Maßgabe der Beduͤrfniſſe einge⸗ fuͤhrt, und es als einen unerlaͤßlichen Beſtandtheil der Geſetzgebung eines Staates betrachtet, in wel⸗ chem die Reichen die Armen aus dem Beſitze ihrer liegenden Gruͤnde verdraͤngt haben, und letztern, zur Friſtung ihres Lebens, neben dem fixen Ertrage ihrer Arbeit, keine andere Huͤlfsmittel zu Gebothe ſtehen. Ungleich ſchwerer haͤlt es bey dem Geſetze, wel⸗ ches die Einfuhr des Getreides verbiethet, aͤhnliche weiſe Abſichten heraus zu finden. Bey'm erſten Anblick ſcheint es, als haͤtte dasſelbe ſeine Einfuͤh⸗ rung lediglich dem lebhaften Wunſche der ſelbſt Guͤ⸗ ter beſitzenden Parlaments⸗Glieder zu verdanken ge⸗ habt, der dahin ging, daß ihre Paͤchter in den Stand geſetzt werden moͤchten, ihnen ihre Zinſe ge⸗ hoͤrig zu entrichten. War dieß wirklich ihre Hoff⸗ nung, ſo hat man dieſelbe mitten unter dem Spott und Hohne des Volkes, um nicht noch etwas mehr zu ſagen, ſich erfuͤllen geſehen. Bey alle dem aber laſſen ſich zu Gunſten dieſes in der Geſchichte ganz neuen Geſetzes Beweggruͤnde von weit groͤßerer Wichtigkeit anfuͤhren. 1 Ob die Paͤchter den Eigenthuͤmern ihre Lehen⸗ zinſe genau auf die verabredeten Termine bezahlen, oder nicht, moͤchte an ſich ziemlich gleichguͤltig ſeyn, weil letztern, als Beſitzern eines bedeutenden Capi⸗ tals, tauſenderley Mittel zu Gebothe ſtehen, um ſich fuͤr eine ſolche, durch die Nichtentrichtung der Zinſe von Seite der Paͤchter veranlaßte, voruͤberge⸗ hende Verzoͤgerung ſchadlos zu halten. So etwas koͤnnte dem Grundeigenthuͤmer taͤg⸗ lich begegnen, ohne daß daraus irgend eine nach⸗ theilige Folge fuͤr das Gemeinwohl erwachſen wuͤrde. Eine ganz andere Bewandtniß hingegen hat es mit den Urſachen, welche den Paͤchter veranlaſſen koͤnnen, mit den erwaͤhnten Zahlungen auszuſetzen; indem dieſer in ei⸗ ner ganz andern Cathegorie ſteht, als der Gutsbeſitzer, und im Staate eine ungleich wichtigere Rolle ſpielt. 204 Der Paͤchter, deſſen Contract auf einen fixen Zins lautet, geht in dem Augenblicke, da er den Vertrag unterzeichnet, eine poſitive Schuld ein, und wird zu gleicher Zeit Schuldner des Grundherrn ſo⸗ wohl, dem er ſich den Zins von ſeinem Lande abzu⸗ tragen verpflichtet, als auch des Bodens, gegen den er ſich anheiſchig macht, die zu ſeinem Anbaue er⸗ forderlichen Vorſchuͤſſe zu leiſten. Die Hoffnung, ſeine Schuld abzutragen, beruht auf Vortheilen, die nicht anders als zufaͤllig und ungewiß ſeyn koͤn⸗ nen, weil ſie einerſeits durch die Marktpreiſe des Getreides, anderſeits aber durch die Schoͤnheit der Jahrszeiten beſtimmt werden; ſo daß es moͤglich waͤre, daß entweder eine Reihe von Fehljahren, oder unverhaͤltnißmaͤßige Getreideeinfuhren das induſtrielle Capital der Paͤchter auffreſſen, und dieſe, da ſie ins⸗ geſammt geborne Schuldner ſind, alle auf Ein Mahl zu Grunde richten koͤnnte. Dieſe Gefahr iſt fuͤr die Paͤchter bedeutender, als fuͤr jede andere Claſſe von Handelsleuten, weil ſie ſich insgeſammt auf den gleichen Handelszweig verlegen, und die Quelle des Gewinns fuͤr ſie alle dieſelbe iſt. Von eben dieſer Gefahr muͤßte England darum um ſo mehr zu befuͤrchten haben, weil die Geſammt⸗ heit der landwirthſchaftlichen Induſtrie dieſes Reiches lediglich auf den Paͤchtern beruht; auch iſt Großbri⸗ tannien, meines Erachtens, das einzige Land, wo 205 jene Gefahr in Wirklichkeit uͤbergehen koͤnnte. Zwey Gruͤnde ſcheinen zu dieſer Beſorgniß zu berechtigen: Einmahl ſind die Erzeugniſſe der Brittiſchen Feld⸗ wirthſchaft ſehr gleichartig, und nichts weniger als mannigfach. Anderwaͤrts ſieht der Bauer, wenn das Korn nicht gerathen will, ſich durch den Wein entſchaͤdigt u. ſ. f. In England verhaͤlt ſich dieß keineswegs ſo. Hier gibt der Paͤchter einen bedeu⸗ tenden Theil ſeines Bodens an den Unterhalt ſeines Viehes und an den Hausverbrauch des Pachthofes hin; alle ſeine Sorge ſowohl, als ſeinen ganzen Vorrath von Duͤnger, verwendet er auf die Korn⸗ ernte, die er waͤhrend vier Jahren zu erwarten hat. Dieſes Korn ſteht unter ſeinen verkaͤuflichen Artikeln oben an: ſinkt der Preis dieſer Waare zu ſehr, oder mißraͤth die Ernte, ſo iſt fuͤr das, aus dem einen oder andern dieſer Umſtaͤnde entſtehende Deficit nir⸗ gends Erſatz zu finden. Es laͤßt ſich dann aber auch zweytens in einem Lande, wie Großbritannien, durch den Handel ganz außerordentlich auf die Kornpreiſe einwirken. Zwar erſtreckt ſich, was man nicht ge⸗ nug bedacht zu haben ſcheint, dieſer Handel nicht auf den Geſammtertrag des Getreides, welches in einem großen Staate gewonnen wird, indem durch den Verbrauch im Lande ſelbſt ein bedeutender Theil davon wieder aufgeht. In England wird dieſer ein⸗ heimiſche Verbrauch auf die Haͤlfte, in Italien auf vier Fuͤnftel geſchaͤtzt. Die Concurrenz von Seite 206 des Handels kann demnach einzig auf das Steigen oder Fallen derjenigen Portion einwirken, welche auf den Maͤrkten zum Verkaufe ausgeboten wird. Unſtreitig aber muͤßte der Handel in einem Lan⸗ de, das ihm, ſo wie England, von allen Seiten geoͤffnet iſt, und wo demſelben ſo ungeheure Capita⸗ lien und ſo außerordentliche Transport⸗Mittel zu Gebothe ſtehen, wenn er die Einfuhr des Getreides zum Gegenſtande ſeiner Speculation machen wollte, uͤber den Preis desſelben gebiethen, und gegen die Agricultur eine Concurrenz bewirken koͤnnen, die im Stande waͤre, die Paͤchter zu Grunde zu richten. Dem zu Folge iſt jenes Geſetz, kraft deſſen eine Taxe feſtgeſetzt iſt, unter welcher kein Getreide darf eingefuͤhrt werden, ein auf Englands Lage ſehr weislich berechnetes Geſetz, das nicht allein zum Zweck hat, die Landbeſitzer, welche zugleich Capitaliſten ſind, zu beguͤnſtigen, ſondern auch den Paͤchtern, in deren Haͤnden wir gegenwaͤrtig den feldwirth⸗ ſchaftlichen Wohlſtand Englands ausſchließlich liegen ſehen, ihr Daſeyn ſicher zu ſtellen. Dieß, mein verehrter Freund, ſind die uner⸗ meßlichen Vortheile jenes preiswuͤrdigen Syſtemes der politiſchen Oekonomie. Um in meiner Darſtel⸗ lung deſto genauer zu ſeyn, habe ich Ihnen auch die Nachtheile, oder vielmehr die Gefahren, welche demſelben im Gefolge gehen, keineswegs verhehlen wollen. Ich ſage die Gefahren, denn von eigentli⸗ 207 chen Nachtheilen kann, ſo lange jenes Raͤderwerk ohne Reibungen ſeinen Gang fortgeht, die Rede nicht ſeyn; wohl aber muͤßte das erſte zufaͤllige Ein⸗ greifen in jenes Naͤderſpiel von den ſchrecklichſten Folgen begleitet ſeyn. Gleichwohl duͤrfte, bis die Geſchichte ſich ſo weit wird auseinander gerollt ha⸗ ben, daß jene Gefahr offenkundig vor Augen liegt, das auf dieſe Grundlagen gebaute Syſtem der geſell⸗ ſchaftlichen Ordnung nicht aufhoͤren, den Blick des Beſchauers durch ſeinen Schimmer zu blenden. Durch Englands Regſamkeit wird die ganze Welt aufge⸗ regt und in Bewegung geſetzt. Es iſt das Land, welches den Erdboden durch den Ueberſchuß ſeiner Arbeit ernaͤhrt, und ihn uͤberdieß durch ſein Bey⸗ ſpiel unterrichtet. Italien, mit mehr Beſcheidenheit angethan, laͤßt den Erdball in Ruhe, und begnuͤgt ſich, der von der Natur ihm zugetheilten Geſchenke zu genie⸗ ßen. Es beguͤnſtigt die Entwickelung jener Guͤter durch eine Arbeit, die zwar mit nicht mehr als mit⸗ telmaͤßiger Anſtrengung verbunden iſt, welcher aber ein verſtaͤndiger Gewerbfleiß im Gefolge geht: dabey hat es jene Eintheilung des Bodens in ſehr beſchraͤnkte Beſitzungen, als ein Erbtheil von den Zeiten der Roͤ⸗ mer her, und als die Frucht eines republikaniſchen Syſtems und der ſtarken Bevoͤlkerung jenes Frey⸗ ſtaates, beybehalten, deſſen Zepter der Erdboden eine geraume Zeit unterworfen war. 208 Bekanntlich war die geſellſchaftliche Lebensord⸗ nung der Roͤmer auf die Grundlage der Sclaverey gebaut. Daher trat in Italien nach ſeinem Falle ein gaͤnzlicher Mangel an Landbauern ein, und zum Bearbeiten des Bodens war, außer einer Claſſe von Freygelaſſenen, niemand vorhanden. Bey dieſen aber fand ſich kein zuſammengelegtes Capital vor, und folglich waren ſie auch außer Stande, den Grundeigenthuͤmern, die ihre Laͤndereyen an ſie haͤt⸗ ten verpachten wollen, irgend eine Gewaͤhrſchaft zu leiſten. Grundherren und Freygelaſſene errichteten demnach mit einander einen beſondern Vertrag, ver⸗ moͤge deſſen die letztern ſich anheiſchig machten, den Boden mit ihrer Haͤnde Arbeit in der Meinung zu bewerben, daß am Ende des Jahres der Ertrag des⸗ ſelben in Natur mit den erſtern getheilt werde. Eine ſolche Art von Guͤterverwaltung aber kann, zumahl wenn ſie in einem beſchraͤnkten Raume Statt findet, dem Bewerbenden auf keinen Fall ſo viel einbringen, daß ſie ihn in den Stand ſetzen ſollte, ein ſelbſt erſpartes Capital zuſammen zu legen. Die Paͤchter ſind daher auch niemahls im Falle geweſen, ruͤckſichtlich auf ihre Lebensweiſe, oder auf die Me⸗ thode der Guͤterverwaltung, eine Veraͤnderung vor⸗ zunehmen. Sie ſind vielmehr bis auf die neueſten Tage Paͤchter geblieben, und werden ſolches, wer weiß, wie lange, noch bleiben; denn ſie ſind nicht im Stande, ſich zu hereichern, koͤnnen aber hinwie⸗ 209 der auch nicht zu Grunde gerichtet, noch aus dem Beſitz ihres Eigenthums vertrieben werden, weil ſie keine Schulden contrahiren, und uͤberhaupt nie irgend eines Menſchen Schuldner ſind. Vermoͤge der in dem Miethvertrage enthaltenen Bedingniſſe kommt dem Paͤchter die Nutznießung ei⸗ ner Wohnung zu gute; auch iſt er im Beſitze der Haͤlfte desjenigen, was an Fruͤchten und Eßwaaren in dem Gute, das er bearbeitet, erzeugt wird. Es bleibt ihm demnach fuͤr die Beduͤrfniſſe ſeines Haus⸗ haltes ein ſtattlicher Vorrath zugeſichert. Baares Geld geht ihm dabey freylich nicht viel durch die Haͤnde, und Capitalien zuſammenlegen kann er vollends nicht. Ein ſolcher Reichthum wuͤrde ihm aber auch keine bedeutende Vortheile gewaͤhren, weil er nichts abzutragen hat. Landbeſitzer, Boden und Staat verlangen von ihm nichts weiter, als Ar⸗ beit, und dieſe leiſtet er um ſo lieber, weil er ſelbſt ein unmittelbares Intereſſe dabey hat, die Fruͤchte derſelben gedeihen zu ſehen. Im Grunde haben die Paͤchter, und das iſt der groͤßte Nachtheil, der die⸗ ſem Syſteme im Gefolge geht, nur einen einzigen Zweck, naͤhmlich den, das Jahr hindurch die, ihrer Beſorgung anvertrauten Guͤter zu bewerben, und mit den Erzeugniſſen derſelben ihre Familie zu er⸗ naͤhren und zu kleiden. Sobald dieſer Zweck erreicht iſt, koͤnnen ſie um deſto eher feyern und ausruhen, da ſich einerſeits nirgends eine andere fuͤr ſie ſchick⸗ Briefe üb. Italien. a. Thl. 14 210 liche Arbeit in Bereitſchaft findet, und anderſeits ſich ihr jaͤhrliches Tagewerk ſchon vermittelſt einer, in der Regel durch den geringen Umfang der bewor⸗ benen Grundſtuͤcke ſelbſt, beſchraͤnkten Arbeit erfuͤl⸗ len laͤßt. Hieraus folgt, daß in Italien an Zeit ſowohl, als an Kraͤften, etwas Bedeutendes verlo⸗ ren gehen muͤſſe. Gegenwaͤrtig iſt indeß dieſer Ver⸗ luſt geringer, als ehemahls, weil das Land 300,000 Koͤpfe an die Armeen abgibt. Deſſen ungeachtet muß, ſo geſchickt und fleißig die Italiaͤner auch ſeyn moͤgen, durch die Natur und Beſchaffenheit der Ru⸗ ral⸗Verwaltung ſelbſt, ein betraͤchtliches Quantum von Zeit fuͤr die Arbeit unbenutzt bleiben. Dieſer Verluſt, der, wenn er ſich berechnen ließe, als ungeheuer erfunden werden muͤßte, hat auf den Flor der Agricultur nicht den mindeſten Ein⸗ fluß, weil unter allen Zweigen des Gewerbfleißes die Feldwirthſchaft in Italien zuerſt bedient wird. Ackerleute erzeugt das Land uͤberall in Menge, und allenthalben, wo die Geſetzgebung ſie nicht von ih⸗ rer Stelle ruͤckt, ſind ſie in großer Ueberzahl vorhan⸗ den. Somit werden in Italien, zum Behufe der Feldarbeit, ohne alle andere Ruͤckſicht, ſo viel Ar⸗ beiter in Anſpruch genommen, als dazu noͤthig ſind. Von Seite der Gutsbeſitzer hingegen, die ſich bey der Verbeſſerung ihrer Laͤndereyen, deren Ertrag zur Haͤlfte ihnen angehoͤrt, intereſſirt finden, werden die zu jenen Verbeſſerungen erforderlichen Capitalien, 211 uͤber welche ſie ausſchließlich die Hand geſchlagen hal⸗ ten, vorgeſchoſſen. Bey einer ſo großen Zahl von Menſchenarmen, welche die Feldwirthſchaft ſich allein fuͤr ihren Ge⸗ brauch zueignet, muß dagegen der Mangel an Ar⸗ beitern außerhalb des Gebiethes der Agricultur, und unter den uͤbrigen, ſich auf den Gewerbfleiß verle⸗ genden, Claſſen deſto ſpuͤrbarer werden, und wirklich ſind die der Induſtrie offen ſtehenden Werkſtaͤtten auf Italiens Boden etwas duͤnne geſaͤet. Es hatten zwar, angereizt durch die Geraͤumigkeit der, durch die Zerſtreuung der Moͤnchsorden leer gewordenen, Kloſtergebaͤude ſowohl, als durch den niedrigen Preis der Arbeit, einige unternehmende Koͤpfe es verſucht, Fabriken nach jenen Kloſtergebaͤuden hin zu verlegen. Alle dieſe Verſuche aber ſind mißlungen, und haben in Zeit von wenigen Jahren den Ruin der Unter⸗ nehmer nach ſich gezogen, und gleichwohl ſchienen alle zu einem gluͤcklichen Erfolge derſelben erforderli⸗ chen Bedingniſſe vorhanden zu ſeyn. Localitaͤten, niedrige Loͤhnungen, einſichtige Arbeiter, Naͤhe der Urſtoffe und Praͤmien zu Gunſten des Fabrikaten⸗ Verkaufes, waren eben ſo viele Vortheile, die je⸗ nen Fabrikanten zu Statten kamen, deren Wirkſam⸗ keit aber, theils wegen Unzulaͤnglichkeit der Arbeiter, theils wegen Mangels an gutem Willen bey den wirklich vorhandenen, verloren ging. Es konnte naͤhmlich jene Einfoͤrmigkeit der Hand⸗ 14* 212 griffe in den Werkſtaͤtten, jenes ununterbrochene Ar⸗ beiten in denſelben, jene ſich immer gleichbleibende, nur durch langwierige Anſtrengung zu verdienende Loͤhnung, jenes gaͤnzliche Beraubtſeyn einer Ausſicht auf gluͤcklichere Umſtaͤnde, wie ſie der Himmel dem Landbauer des gluͤckſeligen Italiens zu verheißen ſcheint; dieß alles konnte der allzu lebhaften Fantaſie jener Leute nicht genuͤgen. Der Feldarbeiter weiß, daß er von dem Ertrage ſeines Pachthofes leben kann, und daß dieſer ihn, neben den Producten, ſelbſt auch noch mit Hoffnung naͤhrt. Durch dieſe zwey Stuͤtzen haͤlt er ſeine Wohlfahrt fuͤr hinlaͤnglich ge⸗ ſichert. Nicht weniger iſt er auch gegen jedes un⸗ gluͤckliche Ereigniß, das etwa uͤber ihn einbrechen moͤchte, ſicher geſtellt. Denn in ſolchen Faͤllen er⸗ zeigt ſich ihm der Grundherr als ein wohlthaͤtiger Goͤnner, der, obgleich die nachtheiligen Folgen ſol⸗ cher Ungluͤcksfaͤlle zum Theil auch auf ihn ſelbſt zu⸗ ruͤckfallen, nichts deſto weniger bereit iſt, ihm in ſeiner Noth an die Hand zu gehen. Das zwiſchen den verſchiedenen Claſſen der Be⸗ voͤlkerung beſtehende Verhaͤltniß iſt in Italien ein ganz anderes, als in England. In Italien ſind die Tageloͤhner ſowohl, als die Paͤchter zu fixen Zinſen, keineswegs zahlreich, und vertheilen ſich mit weni⸗ gen Ausnahmen unter die Paͤchter um den halben Natural⸗Ertrag. Dieſe contrahiren unmittelbar mit den Grundeigenthuͤmern, welche, ſo zu ſagen, die — —— 213 einzige Claſſe von Capitaliſten ausmachen. Die Kunſt⸗ und Gewerbfleiß treibenden und conſumiren⸗ den Claſſen belaufen ſich nicht uͤber ein Fuͤnftel der ganzen Bevoͤlkerung. Der Feldbau, anſtatt fort⸗ waͤhrend einen Ueberſchuß an Leuten den uͤbrigen Claſſen zufließen zu laſſen, nimmt denſelben im Ge⸗ gentheil ſelbſt in Beſchlag, welches zur Folge hat, daß nach und nach alle Claſſen verſchlungen werden, und nie ein ſolcher Ueberſchuß von Bevoͤlkerung, wie in England, zum Vorſchein kommt, der jederzeit zu Gebothe ſtaͤnde, und, nach Maßgabe der Umſtaͤnde, jeden Augenblick bereit waͤre, etwas zu unternehmen, oder zu Schiffe zu gehen, oder auch auszuwandern. Zahl und Claſſification der Bevoͤlkerung haben in Italien, meines Wiſſens, ſeit geraumer Zeit keine Veraͤnderung mehr erlitten, und duͤrften ver⸗ muthlich noch lange ſo bleiben, wie ſie jetzt ſind: denn es iſt nichts vorhanden, das einer ſolchen Ord⸗ nung der Dinge den Untergang drohte; ſie kann auf unbeſtimmte Zeit fortdauern, ohne bey der Geſetz⸗ gebung irgend eine Beſorgniß zu erwecken. Eine ſehr zahlreiche, ja eine unermeßliche Claſſe iſt durch⸗ gehends, vermoͤge der Natur ihrer Subſiſtenz⸗Mit⸗ tel, mit Wohnung, Unterhalt und Kleidung derge⸗ ſtalt verſehen, daß es ihr daran niemahls gebrechen kann. Vermoͤge ihrer Sorgloſigkeit, der Schoͤnheit des Himmels und der Fruchtbarkeit des Bodens, fuͤhrt dieſe, auf die ganze Oberflaͤche des Landes, ſo 214 zu ſagen, gleichmaͤßig vertheilte, Menſchenclaſſe ein gluͤckliches Leben. Diejenige Claſſe, welche In⸗ duſtrie treibt, befindet ſich, obgleich weniger zahl⸗ reich, nicht ſelten in der duͤrftigſten Lage. Sie iſt ſo ungeſchickt, daß ſie, obwohl durch die Umſtaͤnde außerordentlich beguͤnſtigt, allzu wenig Arbeit lie⸗ fert, als daß die Nation die Einfuhr auswaͤrtiger Induſtrie⸗Producte unterſagen koͤnnte: dieſe aber ſind ſo beſchaffen, daß ihr bloßes Vorhandenſeyn die inlaͤndiſchen Fabrikate von aller Concurrenz aus⸗ ſchließt. Auf Verarbeitung ihrer Seide und ihrer feinern Gattungen von Wolle haben die Italiaͤner verzichtet. Nicht weniger haben ſie umſonſt verſucht, ihre Baumwolle im Lande zu Fabrik⸗Arbeiten zu be⸗ nutzen. Alles in Anſchlag gebracht, ziehen ſie es vor, das Ueberfluͤſſige ihrer rohen Producte zu ver⸗ kaufen, und ſich dagegen, was ſie von fabricirten Artikeln beduͤrfen, gegen bare Bezahlung anzuſchaf⸗ fen. In kurzem werden in Italien einzig noch Handwerksleute und Kleinkraͤmer zu finden ſeyn. Die Agricultur aber wird nach und nach zur einzi⸗ gen Fabrik werden, und, ſo zu ſagen, allein fuͤr die Unterhaltung des Gemeinwohlſtandes zu ſorgen haben. Die Begruͤndetheit dieſer Behauptungen muß jedem, der Italien durchwandert, alſobald einleuch⸗ ten. Ueberall erblickt man praͤchtige Landhaͤuſer ſo⸗ wohl, als Staͤdte, die ihrem Verfalle entgegen ge⸗ 215 hen. In dieſen letztern hat ſich ſeit der Mitte des XVII. Jahrhunderts die Bevoͤlkerung zuverlaͤſſig um die Haͤlfte vermindert. Mayland und Livorno ſind unter denſelben die einzigen, welche ſich bey ihrem ehemahligen Wohlſtande erhalten haben; waͤhrend man Rom, Venedig, Ferrara, Piſa und ſo man⸗ che andere Stadt ſich entvoͤlkern, vor Ermattung dahin ſinken und ihrem Ende entgegenruͤcken ſieht. In Italien ſucht weder die Agricultur, noch der Gewerbfleiß aus dem Gewinn, welchen die Arbeit einbringt, Capitalſummen zuſammen zu legen; auch haͤlt es nicht ſchwer, einzuſehen, daß der Geiſt des Syſtemes, von welchem jenes Land beherrſcht wird, darin beſtehe, daß mit den Einkuͤnften, wel⸗ che die Zinſe von den Capitalien verſchaffen, haus⸗ haͤlteriſch zu Werke gegangen werde, waͤhrend hin⸗ wieder der Geiſt des Brittiſchen Syſtems einzig und allein darauf abzweckt, den durch den Ueberſchuß der Arbeit hervorgebrachten Gewinn zu vermehren. In beyden Laͤndern traͤgt alles das Gepraͤge des er⸗ waͤhnten Charakters. In England herrſcht durchge⸗ hends Verſchwendung, weil ſie in dieſem Lande re⸗ productiv iſt; in Italien uͤberall Sparſamkeit, weil ſie allein es iſt, die fuͤr das Privat⸗Vermoͤgen Ge⸗ waͤhr leiſtet. Das eine dieſer zwey Laͤnder iſt fortwaͤhrend im Steigen; das andere beſtrebt ſich, wenigſtens nicht tiefer zu ſinken. Ueberall in Italien, wo die 216 Grundeigenthuͤmer ſich nicht der aͤußerſten Sparſam⸗ keit befliſſen haben, richteten ſie ſich zu Grunde, und mußten ſich zu Grunde richten, weil, ſo zu ſagen, keine Mittel und Wege, etwas zu gewinnen, vorhanden ſind. Dieß iſt in unſern Tagen das bey⸗ nahe allgemeine Loos der anſehnlichſten Roͤmer-Fa⸗ milien; und dieſem Schickſale koͤnnen ſie ſchlechter⸗ dings nicht entgehen, ſobald ſie die von dem Ge⸗ nius der Nation ihnen an die Hand gegebenen Vor⸗ ſichtsmaßregeln aus der Acht laſſen. Allerdings hat es eine Zeit des Wohlſtandes und regſamer Bewegung gegeben, in welcher Ita⸗ lien auf dem Erdkreiſe eben die Rolle ſpielte, die heut zu Tage England verherrlicht. Das war die Zeit— noch jetzt ruft man ſich dieſelbe an den Ufern der Tiber und des Arno mit Luſt in's Ge⸗ daͤchtniß zuruͤk— wo Italien dem Handel der Welt zum Stapelplatz diente, und ſeine Schiffe allein Aſiens Producte nicht weniger, als die aus den Florentiniſchen Werkſtaͤtten hervorgegangenen Wunder nach ganz Europa verfuͤhrten. Zu der Zeit waren es die Italiaͤner, von denen alle Voͤl⸗ ker mit Riſſen fuͤr ihre Kleidungen und mit Mu⸗ ſteru fuͤr ihren Schmuck verſehen wurden. Damahls waren aber auch Italiens Bewohner mit Reichthum und Macht ausgeruͤſtet, und die Schaͤtze der Welt lagen zuſammengehaͤuft in ihren Haͤnden. Preis je⸗ nen Geſchlechtern und Ruhm! Ruhm, der ſo lange 217 dauern wird, als die Denkmaͤhler fortdauern, auf welche derſelbe gegruͤndet iſt. Preis ihnen! denn ſie haben einen edeln Gebrauch von ihren ſchoͤnen Gluͤcksguͤtern zu machen gewußt, und dieſelben groß⸗ muͤthig zur Ehre ihres Vaterlandes verwendet! Drey und zwanzigſter Brief. Genf, 15. November 1813. Es iſt mir, mein hochgeſchaͤtzteſter Freund, ein altes Sprichwort bekannt, welches ſagt, daß die Agricultur nicht anders bluͤhen koͤnne, als im Ver⸗ haͤltniſſe der Zahl der ihr zu Gebothe ſtehenden Men⸗ ſchenarme. Durch Englands Beyſpiel iſt dieſer Wahn zerſtoͤrt, und durch eben dasſelbe ſind auch die Grundſaͤtze, auf denen die Staatswirthſchaft der alten Welt beruhet hat, groͤßten Theils wider⸗ legt worden. Es beweiſ't zwar der geſellſchaftliche Zuſtand Italiens allerdings klar genug, daß ein uͤberſchwaͤnglicher Ueberfluß an Armen der Agricul⸗ tur ein vorzuͤgliches Gedeihen zu verſchaffen im Stan⸗ de ſey; man hat aber auch geſehen, daß die Feld⸗ wirthſchaft jenen Ueberfluß entbehren kann, und daß es im Gegentheil fuͤr den Wohlſtand des Staates im Allgemeinen von Wichtigkeit iſt, jede der arbei⸗ tenden Claſſen der Geſellſchaft auf ihre moͤglichſt ge⸗ ringe Zahl zuruͤck zu fuͤhren. Vermoͤge dieſer Be⸗ . 219 ſchraͤnkung, die ſich durch die bloße Theilung der Arbeit erzielen laͤßt, wird der durch die Geſammt⸗ maſſe der Arbeit jeder Claſſe erzeugte Gewinn auf ſein Hoͤchſtes geſteigert, und zugleich fortwaͤhrend eine Anzahl disponibler Arme frey gelaſſen, von de⸗ nen ſich bey jeder jener neuen Gattungen des Ge⸗ werbfleißes, womit die Kuͤnſte die Civiliſirung be⸗ reichern, fuͤglich Gebrauch machen laͤßt. Die Claſſe der Ackerleute iſt die Quelle, aus der wir jenen Bevoͤlkerungsuͤberſchuß, der alle an⸗ dere Induſtrie⸗Zweige zu naͤhren beſtimmt iſt, ent⸗ ſpringen ſehen. Das in jedem Staat angenommene Syſtem der Guͤterverwaltung entſcheidet alſo uͤber die Richtung, nach welcher jene Bevoͤlkerung ſich vertheilen ſoll. In England fließt ſie von der Feld⸗ wirthſchaft nach dem Gebiethe des Gewerbfleißes hin⸗ uͤber. In Italien zieht ſie ſich naͤher zuſammen, und ſchreitet nicht uͤber die Grenzen der Agricultur hinaus. Die Folge hiervon iſt, daß England durch das Syſtem einer ununterbrochenen Anhaͤufung des erarbeiteten Gewinns, Italien hingegen durch ein Syſtem regiert wird, vermoͤge deſſen das Land fort⸗ waͤhrend auf demſelben Puncte ſtehen bleibt. Dieſes gedoppelte Beyſpiel belehrt uns, daß die Grundlage, auf welcher die geſellſchaftliche Oe⸗ konomie beruhet, in dem Elementar⸗Princip der Theilung der Laͤndereyen und des Syſtems ihrer Rural⸗Verwaltung zu ſuchen ſey; indem dieſe bey⸗ 220 den Umſtaͤnde es ſind, welche uͤber das Verhaͤltniß, in welches die verſchiedenen Volksclaſſen zu einander zu ſtehen kommen, entſcheiden. Bey der allgemeinen Stellung, welche jede Na⸗ tion annimmt, oder fuͤrdauernd behauptet, kommt es darauf an, ob dieſer oder jener Stand, dieſe oder jene Claſſe der Bevoͤlkerung bey ihr das Ueber⸗ gewicht habe. Die eine Nation macht fortwaͤhrend die Feldwirthſchaft zu ihrer Hauptbeſchaͤftigung. Sie beſitzt einen Ueberfluß an rohen Producten, und zahlt mit dem Werthe derſelben alles, was ſie von fabricirten Artikeln noͤthig hat. Bey der andern iſt Kunſt⸗ und Gewerbfleiß die Hauptſache. Dieſe rafft die rohen Erzeugniſſe allenthalben her zuſammen, um ſie zu verarbeiten, und dann mit dem ihrer Handarbeit gebuͤhrenden Gewinne wieder abzuſetzen. Ein drittes Volk treibt, in Ermangelung anzubauen⸗ den Landes, ſein Gewerbe auf dem Ocean. Unter den Nationen unſers Welttheiles hat Frankreich al⸗ lein, vermoͤge ſeiner Lage und Ausdehnung, ſo wie des Genies ſeiner Einwohner, es verſucht, ſich auf Ein Mahl mit jenem dreyfachen Charakter anzuthun, der die Ackerbau uͤbenden von den fabricirenden, und hinwieder dieſe von den Seehandel treibenden Voͤl⸗ kerſchaften unterſcheidet. Es hat ſich daher auf kei⸗ nen dieſer drey Induſtrie⸗Zweige ausſchließlich ver⸗ legt, aber auch in keinem derſelben ſich uͤber die Mittelmaͤßigkeit emporgehoben. Frankreich iſt min⸗ 221 der gut angebaut, als Italien, weniger geſchickt in Manufactur⸗Arbeiten, als England, und zur See nicht ſo gluͤcklich als Holland. Durch die Ereigniſſe der neueſten Zeiten hat ſich Frankreich genoͤthigt geſehen, auf ſeinen See⸗ handel fuͤr einmahl Verzicht zu thun, und es liegt außer Zweifel, daß ſeine Manufactur⸗Induſtrie hierdurch bedeutend gewonnen hat: auch koͤnnte, meines Erachtens, dieß Land ſeinen Vortheil nicht beſſer bedenken, als wenn es nie wieder verſuchen wuͤrde, jenen Wettkampf zur See von neuem zu beginnen, der zu nichts weiter dient, als dem Ackerbau und dem Gewerbfleiße die Capitalien, de⸗ ren beyde beduͤrftig ſind, zu entfremden. Zudem wird Frankreich, aller ſeiner Anſtrengungen unge⸗ achtet, auf dem Ocean jederzeit hinter den Ameri⸗ kanern, Hollaͤndern und Britten zuruͤckbleiben. Auf jeden Fall koͤnnen nur ſolche Induſtrie⸗Zweige einen betraͤchtlichen und wahrhaften Gewinn einbringen, in denen man es allen Mitbewerbern zuvorthut: und dieß allein iſt das Mittel, aller Concurrenz ein Ende zu machen, und ſich ſelbſt durch einmuͤthige Zuſtimmung ein ausſchließendes Vorrecht zuzuſichern. Die Erfahrung iſt Zeuge, daß eine Nation ihren Wohlſtand auch dann begruͤnden kann, wenn ſie ſich nur auf eine einzige Gattung der Induſtrie verlegt. So ſehen wir, und in der That nicht ohne ein gewiſſes Erſtaunen, daß die Bevoͤlkerung, bey welcher das feldwirthſchaftliche Syſtem die Laͤnder Italiens zu erhalten vermag, derjenigen gleichkommt, welche dem Brittiſchen Reiche, durch die Verbindung der Agricultur mit dem Gewerbfleiße, Nahrung ver⸗ ſchafft. Freylich hat das Syſtem, welches in Eng⸗ land befolgt wird, dieß Land zu einem hoͤhern Gra⸗ de des Wohlſtandes emporgehoben. Die Entwicke⸗ lung der allgemeinen Sittigung wird durch dasſelbe auf eine kraͤftige Weiſe befoͤrdert, und zu gleicher Zeit die Liſte der Induſtrie-Arbeiten immer mehr vergroͤßert. Hinwieder ſcheinen die Voͤlkerſchaften Italiens das Buch ihrer Geſchichte gleichſam unter Siegel gelegt, und ſich vorgenommen zu haben, auf demjenigen Puncte der Civiliſirung, auf welchen ſie von ihren Voraͤltern geſtellt worden, ohne weitere Fortſchritte zu verbleiben. Daß die Italiaͤner dem, ihre geſellſchaftliche Claſſification beſtimmenden, Syſteme mit ſolcher Be⸗ harrlichkeit treu geblieben, laͤßt ſich ihnen wohl ſchwerlich zum Verbrechen anrechnen: denn wenn man jenes Syſtem etwas genauer ins Auge faßt, und ſich mit den mannigfachen, mit ſeiner Anwen⸗ dung verbundenen, Vortheilen bekannt macht, ſo wird es begreiflich, warum ſie ſich ſo lange nicht haben entſchließen koͤnnen, es gegen irgend ein an⸗ deres umzutauſchen, und warum vielmehr das er⸗ waͤhnte Syſtem, weit entfernt in Abgang zu ge⸗ rathen, immer feſtern Fuß zu faſſen, und von ei⸗ 223 nem Tage zum andern vorherrſchender zu werden ſcheint. Noch glaube ich Ihnen, mein verehrter Freund, eine kurze Darſtellung jenes Syſtemes, auf welches die Rangordnung der Staͤnde in Italien ſich gruͤn⸗ det, vorlegen zu muͤſſen. Aus dieſem Gemaͤhlde werden Sie gewiſſer Maßen eine geheime Geſchichte der Italiaͤniſchen Nation hervorgehen, und in dem⸗ ſelben die Sitten, Gewohnheiten und Intereſſen jeder einzelnen Claſſe der Bevoͤlkerung figuriren ſehen. Dieſe Bevoͤlkerung beſteht aus fuͤnf Claſſen, die ſich in nachſtehender Ordnung auffuͤhren laſſen. 1. Die Claſſe der Landbauer,(die ſelbſt nicht Landbeſitzer ſind). 2. Die Claſſe der Landbeſitzer oder Grundei⸗ genthuͤmer(possidenti). 3. Die Kaufleute(mercanti). 4. Die Claſſe, welche von der Induſtrie lebt, zu der die Handwerker, Fabrikanten u. ſ. w. gehoͤren. 5. Die nicht⸗productive Claſſe(die Sala⸗ rirten aus dem Civil⸗ und Militaͤr⸗ Stande, die Geiſtlichkeit u. ſ. w.). 1. Was die bloß Feldwirthſchaft treibende Volks⸗ elaſſe in Italien betrifft, ſo habe ich. Ihnen ihre Sitten und Beſchaͤftigungen ſchon vielfaͤltig geſchil⸗ dert; ſo daß mir dießfalls nur weniges hinzuzufuͤ⸗ gen uͤbrig bleibt. Dieſe Claſſe allein belaͤuft ſich auf 224 mehr als 13,000,000 Individuen, d. h. auf unge⸗ faͤhr vier Fuͤnftel der geſammten Landesbevoͤlkerung. Allerdings iſt es der Muͤhe werth, einer ſolchen Menſchenmaſſe ihr Daſeyn und ihre Wohlfahrt zu ſichern: auch ſcheint mir durch die im Lande beſte⸗ henden Inſtitutionen fuͤr beydes geſorgt zu ſeyn. Freylich zeigt die Geſetzgebung dieſer Claſſe kein Offenes, um aus ihrer Kaſte heraustreten zu koͤn⸗ nen, und läßt ihren Ehrgeiz in allen Beziehungen ungeſpornt. Auch verheißt ſie ihr keine Schaͤtze, und geſtattet ihr kaum einen beſchraͤnkten Umlauf von klingender Muͤnze, dagegen aber verbuͤrgt ſie den Paͤchtern die unentgeltliche Nutznießung einer beque⸗ men Wohnung und den Beſitz mehr als hinreichen⸗ der Subſiſtenz⸗Mittel. Dem Landbauer, der fuͤr die Haͤlfte des Guͤterertrages arbeitet, gehen dem⸗ nach nie bedeutende Geldſummen durch die Haͤnde. Dafuͤr hat er aber auch keine Schulden, und der Nahme Glaͤubiger iſt ihm unbekannt. Er haͤuft kei⸗ ne Capitalien zuſammen, und kann daher auch nie aus ſeinem Stande heraustreten. Unter ſolchen Um⸗ ſtaͤnden iſt er frey von Kummer, und wird auch nicht vom Ehrgeize gepeinigt. Dabey verſpuͤrt er ein inniges und unausgeſetztes Intereſſe fuͤr die Ar⸗ beit, an die er gebunden iſt. Dieſe Arbeit iſt ihm nichts weniger als unbekannt, und wenn die Ernte kommt, ſo weiß er wohl, daß er den Ertrag der⸗ ſelben mit dem Grundherrn zu theilen hat. Auch 225 findet ſich bey ſeiner Handarbeit nichts Maſchinen⸗ maͤßiges, denn Hoffnung und Eigenthumsliebe ruͤ⸗ ſten den Ackersmann jeden Morgen mit neuem Mu⸗ the aus, und gewaͤhren ihm Zerſtreuungen von ſei⸗ nen Strapazen. Das junge Maͤdchen, indem es durch den Thau wandelt, um Maulbeerblaͤtter zu pfluͤcken, denkt jetzt ſchon an das ſeidene Tuch, wor⸗ aus es ſich einen Schmuck fuͤr feſtliche Tage bereiten will. Die Mutter, waͤhrend ſie den Hanf bricht, erblickt in demſelben ſchon im voraus das Weißzeug zur Ausſteuer der Tochter, und der Hausvater, wenn er ſich unter den, von ſeinen Weinlauben herabhaͤngenden, Trauben hinweg buͤckt, denkt be⸗ reits an den Wein, der ſeine alten Tage erfreuen ſoll. Eine unmittelbare Wirkung jener Unterabthei⸗ lung der Grundſtuͤcke, und ihrer Verwaltung um die Haͤlfte des Erzeugniſſes, beſtaͤnde demnach darin, daß man durch dieſes Verfahren 15,000,000 Indi⸗ viduen jener, von der Liebe zum Eigenthume herruͤh⸗ renden, Eindruͤcke und Gefuͤhle theilhaftig gemacht hat, die zwar oft mit Unruhe und Sorgen ver⸗ mengt, nichts deſto weniger aber von Anfang der Welt her ein Hauptgegenſtand menſchlichen Beſtre⸗ bens und Muͤhen geweſen ſind. Ohne Zweifel muͤſſen ſich die Landbauer bey ih⸗ rer Lebensart, bey der ſie kein eigentlicher Kummer druͤckt, und mancher Hoffnungsſtrahl ihnen entge⸗ Briefe üb. Italien. 2. Thl. 15 226 gen leuchtet, gluͤcklich fuͤhlen; ſonſt koͤnnte es un⸗ moͤglich der Fall ſeyn, daß von freyen Stuͤcken nicht ein Einziger von ihnen aus ſeinem Stande heraus⸗ treten wollte. Sie haben aber auch die Laſt der Ar⸗ beit zu tragen, und weiter nichts; alle von dem Grundeigenthume herruͤhrenden Verpflichtungen fal⸗ len auf den Gutsbeſitzer. Dieſen leitet ſchon ſein eigenes Intereſſe dahin, mit Unterſtuͤtzungen bey der Hand zu ſeyn, wenn ſeinem Paͤchter ein widri⸗ ges Ereigniß zugeſtoßen iſt. Auch find ſolche Unter⸗ ſtuͤtzungen keine Almoſen, ſondern Ermuthigungen zur Arbeit, oder Verbeſſerungen des Gutes, und fuͤr die kuͤnftigen Zeiten Huͤlfleiſtungen, mit denen der Feldbau ſich von einem Jahre zum andern be⸗ reichert. 2. Ich gehe zu der zweyten Claſſe uͤber, die aus den Landbeſitzern beſteht. Dieſe laſſen ſich auf dem geſammten Flaͤchenraume von Italien unter eine einzige Cathegorie bringen. Sie zerfallen zwar in Buͤrgerliche und Adeliche. Da aber der Italiaͤniſche Adel in der geſellſchaftlichen Ordnung keine beſondere Rolle ſpielt, und keiner andern Vortheile genießt, als derjenigen, die ihm Eigenthum und Vermoͤgen gewaͤhren, ſo glaube ich, dieſe Abtheilung der zweyten Claſſe mit jener der, gleiche Vortheile ge⸗ nießenden, buͤrgerlichen zuſammenſchmelzen zu muͤſ⸗ ſen. Zu der Zeit, als es in Italien noch oligar⸗ chiſche Republiken gab, bildete das Patriziat in die⸗ 227 ſem Lande eine durch Anſehen und Privilegien aus⸗ gezeichnete Kaſte: allein ſeit dem Falle jener Frey⸗ ſtaaten haben dieſe adelichen Familien ſich, gleich allen andern, mit der uͤbrigen Maſſe der Poſſidenti amalgamirt, und dieſer, durch die Revolution be⸗ werkſtelligte, Uebertritt des Adels in den Buͤrgerſtand, iſt in Italien, ſo zu ſagen, unmerklich geworden. Dieß laͤßt ſich aus drey Umſtaͤnden erklaͤren, welche den Adel Italiens dem Volke gegenuͤber in ganz andere Verhaͤltniſſe, als die zwiſchen dieſen bey⸗ den Claſſen in Frankre ich beſtehenden, geſetzt haben. Einmahl hatte in Italien der Adel nicht viel zu ver⸗ lieren, weil er, die Neapolitaniſchen Staaten aus⸗ genommen, ſo zu ſagen, keine Privilegien beſaß. Zweytens ſtand der von ihm abhaͤngige Theil der Volksclaſſe, d. h. die Landbauer, mit ihm im Ver⸗ haͤltniſſe des Paͤchters zu dem Grundeigenthuͤmer, keineswegs aber des Vaſallen zu ſeinem Oberherrn. Verhaͤltniſſe der erſtern Art koͤnnen nie feindſeliger Natur ſeyn; ſie bleiben vielmehr jederzeit wohlwol⸗ lend, weil beyde Parteyen dasſelbe Intereſſe verfol⸗ gen. Die Paͤchter, was auch Herr von Barante in Betreff der Vendee bemerkt, hatten bey der Revolu⸗ tion nichts zu gewinnen: ſie gab und nahm ihnen nichts; auch haben ſie nach wie vor ihre Anhaͤnglichkeit an die Adelichen beybehalten, weil ſie dieſelben nie unter dieſer Cathegorie, ſondern einzig als die Eigenthuͤmer ihrer Pachthoͤfe betrachtet hatten. 15* 228 Endlich findet ſich bey dem Italiaͤniſchen Adel etwas dem National⸗Charakter Angehoͤriges, das ihm zur Zeit der Revolution zum Vortheile gereicht hat. Er unterſcheidet ſich naͤhmlich in ſeinem Aeu— ßern durchaus nicht von dem uͤbrigen Theile der Na⸗ tion. Ueberhaupt haben ſich die Sprache und Sit⸗ ten dieſes Landes nie zu jener Feinheit des Ausdrucks und der Manieren, ruͤckſichtlich auf geſellſchaftliche Convenienzen, ausgebildet, wovon in Frankreich das geſellſchaftliche Leben der hoͤhern Staͤnde ein ſo voll⸗ kommenes Muſter vor Augen hat. Alle dieſe Nuͤancen ſind in Italien unbekannt. Jedermann druͤckt ſich auf die gleiche Weiſe aus. Es gibt nicht mehr als Eine Art, ſich zu gruͤßen und anzureden, und man ſcheint es nicht einmahl zu ahnen, daß, ruͤckſichtlich auf die Convenienzen des geſellſchaftlichen Umganges, nicht alles nach dem gleichen Takte gehen muͤſſe. Dieſe nicht zu beſchrei⸗ benden Schattirungen des geſellſchaftlichen Lebens ſieht man insgeſammt ſich in einen gleichfoͤrmigen, wie es mir ſcheinen will, etwas vertraulichen Ton verlieren.* Es kam demnach in den Verhaͤltniſſen des Adels zum Buͤrgerſtande nichts Unfreundliches zum Vor⸗ ſchein. Der letztere nahm es dem erſtern nicht uͤbel, daß er adelich war. Er war gewohnt, ihm die Ti⸗ tel, die er als einen Theil ſeines Eigenthums be⸗ trachtete, zuzutheilen, und hat ihm dieſelben auch 229 niemahls verweigert: ja als die Revolution allen Claſſen den Zwang auflegte, ſich Buͤrger zu heißen, nannte man den Adelichen Buͤrger Markis, um ei⸗ nerſeits das Geſetz nicht unerfuͤllt zu laſſen, und an⸗ derſeits dem eigenen Gewiſſen ein Genuͤge zu leiſten. In der Claſſiſication der Staͤnde kann demnach der Adel nicht als ein eigener Stand aufgefuͤhrt wer⸗ den, weil er mit der Claſſe der Grundeigenthuͤmer gaͤnzlich zuſammenfaͤllt. Von dieſer letztern Claſſe hingegen ſind die Ordensgeiſtlichen abzuziehen, die vor der Revolution als Beſitzer von der todten Hand einen bedeutenden Platz in derſelben einnahmen. Die Beſitzungen dieſer Gattung ſind bis auf weniges, ihrer Geſammtheit nach, verkauft, und dadurch die Zahl der Gutsbeſitzer weltlichen Standes deſto groͤßer geworden. Dem zu Folge befinden ſich die Immobiliar⸗Ca⸗ pitalien der Nation in den Haͤnden einer einzigen Volksclaſſe. Die Guͤterbeſitzer beziehen ihre Ein⸗ kuͤnfte nicht an barem Gelde, ſondern an Victualien, weil ſie die Fruͤchte der Erde mit den Paͤchtern zu theilen haben. Sie betrachten daher auch ihre Laͤn⸗ dereyen nicht als ſolche Capitalien, die einen fixen Zins abwerfen, ſondern als ein Gut, deſſen Er⸗ trag nach der Beſchaffenheit der Jahrgaͤnge und der Marktpreiſe, ſich ſteigern und vermindern kann. Bey allem was dem Landbauer vorfallen mag, iſt ihr Intereſſe mit im Spiel, und weit entfernt, 230 ihren Beſitzungen fremd zu bleiben, halten ſie fort⸗ waͤhrend ein ſorgfaͤltiges Augenmerk auf dieſelben gerichtet, und dieſe Sorge macht bey den meiſten Italiaͤniſchen Landbeſitzern die einzige Beſchaͤftigung aus. Auf dieſe Weiſe ziehen ſie aber von ihren lie⸗ genden Gruͤnden ein groͤßeres Intereſſe, als ein fixer Zinsfuß ihnen verſchaffen wuͤrde. Denn die ffixen Zinſe belaufen ſich nirgends auf die Haͤlfte des ro⸗ hen Productes. Um dieſe Einkuͤnfte zu verzehren, begeben ſich die Guͤterbeſitzer faſt alle nach den Staͤd⸗ ten, was als eine natuͤrliche Folge der Untereinthei⸗ lung der Domaͤnen und ihres geringen Umfanges zu betrachten ſeyn mag. In England iſt es ein ſehr er⸗ wuͤnſchter Umſtand, daß die Landbeſitzer auf ihren Guͤtern zu leben pflegen, weil dieß zu Vermehrung der laͤndlichen Bevoͤlkerung beytraͤgt, waͤhrend die Staͤdte durch den Kunſt⸗ und Gewerbfleiß bevoͤlkert genug ſind; wo ſie hingegen in Italien oͤde und leer ſtehen wuͤrden, wenn ſich nicht die Rentner zuſam⸗ men thaͤten, um ihre Wohnungen in ihren Mauern aufzuſchlagen. Aber auch die Sitten und der Geſchmack der Capitaliſten bringt es mit ſich, daß ſie nicht gern auf dem Lande leben. Sie begnuͤgen ſich, ihre Pachthoͤfe zu durchlaufen, wie man einen Spazier⸗ gang durchwandert, um dabey zugleich ihrem In⸗ tereſſe nach zu gehen. Auf ſolchen Gaͤngen ziehen —— ſie uͤber alles, was die wirthſchaftliche Behandlung des Gutes und das Wohlbefinden des Paͤchters be⸗ trifft, Erkundigungen ein, laſſen ihm ſeine Woh⸗ nung ausbeſſern, oder einen Canal ſaͤubern, und be⸗ zeichnen ihre Anweſenheit in der Regel mit einem Geſchenke oder einer Wohlthat. Wenn die Ernten eingeſammelt ſind, ſo hat der Factor ſich nach der Meierey hinzubegeben und die Theilung der Producte vorzunehmen. Der Paͤch⸗ ter iſt gehalten, dem Grundherrn ſeinen Antheil nach der Stadt zu fuͤhren, wo dieſer die Vorraͤthe in geraͤumigen, zu dieſem Zwecke in ſeinem Pallaſte angewieſenen, Magazinen verſchloſſen haͤlt, bis ſich ein Handelsmann zeigt, der alles, was ihm von ſei⸗ nen verſchiedenen Beſitzungen an Fruͤchten eingegan⸗ gen iſt, in Bauſch und Bogen an ſich kauft. Da eine ſolche Natural⸗Einnahme mancherley Wechſeln ausgeſetzt iſt, und der Guͤterbeſitzer uͤber⸗ dieß die Auflagen, die Ausbeſſerungen der Gebaͤude zu beſtreiten und mancherley zufaͤlligen Schadener⸗ ſatz zu leiſten hat, ſo muß er ſich der Sparſamkeit befleißen, und jederzeit eine gewiſſe Summe als einen Nothpfennig bey der Hand haben; denn wenn er zu Deckung allffaͤlliger Verluſte ſich genoͤthigt ſieht, Geld zu entlehnen, ſo zieht dieß in wenigen Jahren ſeinen Ruin nach ſich. Eine Schuld hat in England nichts zu bedeuten; in Italien bringt ſie den Untergang. In aͤltern Zeiten ſah man manchen 232 Italiäniſchen Landeigenthuͤmer ſich durch einen uͤbel angebrachten, in einer eben ſo ſchmutzigen als un⸗ nuͤtzen Dienerſchaft beſtehenden, Prunk zu Grunde richten. Auf allen dieſen Staat hat man in den neueſten Zeiten Verzicht gethan, und die Equipa— gen ſind das Einzige, womit auch gegenwaͤrtig noch Mißbrauch getrieben wird. Ich habe armſelige Staͤdt⸗ chen geſehen, wo dreyßig elende Fuhrwerke auf dem Curſe mit vorgeſpannten Schindmaͤhren zur Schau ſtanden. Den uͤbertriebenen Gebrauch, der in Italien von den Kutſchen gemacht wird, betrachtet man in dieſem Lande keineswegs als etwas zum Luxus Ge⸗ hoͤriges, ſondern als ein hoͤchſt unentbehrliches Be⸗ duͤrfniß. Auf aͤhnliche Weiſe hat jedes Land ſeinen beſondern Gegenſtand, an welchen es ſein Geld und ſeine Zuneigung hingibt, und der bloß da, wo man keinen Gebrauch davon macht, unter die Luxus⸗ Artikel gezaͤhlt wird. In Frankreich faͤhrt mancher Privat⸗Mann, der den praͤchtigſten Hausrath be⸗ ſitzt, nicht anders als in einem Fiaker aus: der Italiaͤner laͤßt ſich in der Kutſche fahren, und hat, um ſich niederzuſetzen, kaum vier Strohſeſſel im Zimmer ſtehen; denn in keinem Lande ſind die Ge⸗ maͤcher ſo ſchlecht moͤblirt, als in Italien, wie denn uͤberhaupt in den warmen Laͤndern Geraͤthſchaften und Zimmer keine der wichtigſten Stellen im Haus⸗ halte des Lebens einnehmen. Aus dem Geſagten erhellet, daß das Vermoͤ⸗ gen der Italiaͤniſchen Rentiers von uͤberaus ſolider Beſchaffenheit iſt, und daß ſie in Betreff der Er⸗ haltung desſelben ohne alle Sorge ſeyn koͤnnen, daß aber ihrerſeits mit den Einkuͤnften ſparſam muß zu Werke gegangen werden. Der Geiſt der Nation iſt einer ſolchen Sparſamkeit keineswegs abhold, aber als unmittelbare Folge derſelben fuͤr die geſellſchaft⸗ liche Ordnung ergibt ſich, daß wenig verzehrt, we⸗ nig gewonnen, hinwieder aber auch wenig verloren wird. Dieſe Analyſe fuͤhrt uns auf die Eroͤrterung der wichtigen, in unſern Tagen zwar vielleicht aus der Erfahrung zu loͤſenden, ſtaatswirthſchaftlichen Frage, ob die Aufhebung der Kloͤſter fuͤr das Ge⸗ meinwohl wirklich die Vortheile herbeygefuͤhrt habe, welche die Oekonomiſten des achtzehnten Jahrhun⸗ derts verkuͤndeten. Dieſe gruͤndeten ſich bey ihren Vorherſagungen auf das Beyſpiel der proteſtantiſchen Staaten, in welchen ſich in der That mehr Reich⸗ thuͤmer zuſammenhaͤuften, als in denen, die ſich zu dem katholiſchen Cultus bekannten. Dabey ſchei⸗ nen ſie aber nicht genug in Erwaͤgung gezogen zu haben, daß die Reformation neben dem, daß ſie die Moͤnche in alle Welt zerſtreute, zugleich auch fuͤnf⸗ zig Feyertage abgeſchafft hat, wodurch fuͤr die Ar⸗ beit ungeheuer viel iſt gewonnen worden. Fuͤr's zweyte war der Glaubensverbeſſerung uͤberall eine 234 Veraͤnderung in den wirthſchaftlichen Inſtitutionen im Gefolge gegangen, welche die Induſtrie keines⸗ wegs unbenutzt ließ. In Betreff der Aufhebung der Kloͤſter hat man in Italien und Frankreich ſchon ſeit vielen Jahren, und, wie mich duͤnkt, fuͤr immer, Erfahrungen gemacht, deren Reſultate ſich zur Stunde ſchon wuͤr⸗ digen laſſen, und die von ganz eigener Art ſind. Im erſtern jener zwey Laͤnder hat das erwaͤhn⸗ te Ereigniß ſchlechterdings zu keinen Reſultaten ge⸗ fuͤhrt. Die todten Haͤnde verwendeten ihre zahlrei⸗ chen Beſitzungen auf eben dieſelbe Art, wie alle an⸗ dern Grundeigenthuͤmer. Die naͤhmlichen Paͤchter ſind auf den Kloſterguͤtern geblieben, und bearbei⸗ ten ſie weder beſſer, noch ſchlechter, als vormahls. Der ganze Unterſchied beſteht darin, daß ſie den Miethzins an einen neuen Kaͤufer zu entrichten ha⸗ ben. Indeſſen laͤßt man die Kloſtergebaͤude groͤßten Theils in Ruinen zuſammenſinken, weil man durch⸗ aus keinen Gebrauch von denſelben zu machen weiß. Freylich hat hierdurch die Kaſte der Gutsbeſitzer einen gewaltigen Zuwachs kleiner, aus dem Han⸗ delsſtande und den Gerichtsſtuben heraustretender Rentenirer erhalten. Dieſe Veraͤnderung aber iſt dem Staate eher nachtheilig, als vortheilhaft gewe⸗ ſen, weil man, vermittelſt eines einzigen Geſetzes, das ganze, in der todten Hand liegende, Capital außer Curs brachte, um dasſelbe durch eine gleich — große Capital⸗Summe wieder zu erſetzen, welche aus einer Circulation, wodurch ſie dem Gewerb⸗ fleiße Nahrung verſchaffte, zuruͤckgezogen werden mußte, um ſie auf liegende Gruͤnde anlegen zu koͤnnen. Was jenen großen Gewinn betrifft, der aus dem Ruͤcktritte der Moͤnche in die Reihen der menſch⸗ lichen Geſellſchaft fuͤr dieſe letztere erwachſen ſeyn ſoll, ſo iſt dieſer bis jetzt durch einen andern Um⸗ ſtand, naͤhmlich durch die Conſcription aufgehoben geblieben, welche ein ungleich groͤßeres Quantum von Menſchen, als die Kloſtereinrichtungen verſchlun⸗ gen hat. In Frankreich iſt es nicht voͤllig auf gleiche Weiſe hergegangen. In dieſem Lande hatte man nicht noͤthig, ein Capital von großem Werthe aus dem Umlaufe zuruͤck zu ziehen, um die Ankaͤufe der National⸗Guͤter zu veranſtalten. Denn dieſe wur⸗ den zu einem aͤußerſt geringen Preiſe losgeſchlagen, und mit Aſſignaten bezahlt, die damahls ſo gemein waren, daß jedermann mehr derſelben beſaß, als er anzubringen wußte. Daher wurden ſie zu ſolchen Ankaͤufen verwandt, und hierdurch ein ſehr er⸗ wuͤnſchtes Mittel, ihren voruͤbergehenden Werth zu capitaliſiren, aufgefunden. An die Stelle der Moͤnche, deren Zahl an ſich nahe zuſammen ging, und die man in kurzer Zeit ſich in die uͤbrigen Reihen der Geſellſchaft verlieren 2 * 3 ſah, traten unzaͤhlige Gutsbeſitzer, die ihr Land groͤßten Theils mit eigener Hand und auf eigene Rechnung anbauen, und der in Frankreich ſo zahl⸗ reichen, in England hingegen, ſo wie auch in Ita⸗ lien, ganz unbekannten Claſſe derjenigen Landbauer angehoͤren, die zugleich Selbſtbeſitzer ſind. Es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß dieſe neue Claſſe von Grundeigenthuͤmern ſich nach und nach zu einem gewiſſen Wohlſtande erheben, und auch der Staat hiervon das Seinige zu genießen haben wer⸗ de; bis jetzt iſt von denſelben zur Verbeſſerung der Cultur noch nichts beygetragen worden, und die National⸗Beſitzungen haben in der oͤffentlichen Mei⸗ nung noch allzu wenig Credit, als daß ſie ſo viel induſtrielles Capital haͤtten an ſich ziehen ſollen, als erforderlich waͤre, um ſie wieder in vollkommen gu⸗ ten Stand zu ſtellen. Wer Frankreich durchreiſ't, wird dieß durchgehends bemerken. Die National⸗ Guͤter ſind vernachlaͤſſigt, die Gebaͤude ſchlecht un⸗ terhalten, die Verzaͤunungen im Abgange, die Obſt⸗ gaͤrten von jungen Baͤumen entbloͤßt, und die Wein⸗ ſtoͤke zu Schanden gehauen. Ueberall ſieht man, daß die Kaͤufer ſich beeilt haben, zu genießen, was eine natuͤrliche Folge der Bedingungen war, unter denen ſie jene Beſitzungen erſtanden hatten. Mit Einem Worte, es ſcheint mir außer al⸗ lem Zweifel, daß ſeit zwanzig Jahren die Guͤter von den Kaͤufern weltlichen Standes ungleich ſchlech⸗ ———ÿ—ÿ—ÿ—Z—õ— ter ſeyen bearbeitet worden, als ſolches von Seite der todten Hand der Fall geweſen iſt. Selbſt dann, wenn die Zeit, die uͤber alles ihre ewige Verjaͤhrung herbeyfuͤhrt, jenen Käufern eine vollkommene Sicherheit verſchafft haben wird, laͤßt ſich kaum erwarten, daß die Claſſe der ſelbſt⸗ beſitzenden Landbauer nuͤtzliche Verbeſſerungen in je⸗ nen Laͤndereyen einfuͤhren werde. Es fehlt ihnen, um dergleichen zu bewerkſtelligen, an allem; an Einſichten nicht minder, als an Capitalien. Solche Landbauer im Kleinen ſcheinen vielmehr in ihrem Lande als Grenzſteine da zu ſtehen, deren Beſtim⸗ mung dahin geht, den Lauf der Neuerungen zu hemmen und jede Verbeſſerung im Gebiethe der Ackerwirthſchaft zu hintertreiben. Gleichwohl haben bedeutende landwirthſchaftliche Verbeſſerungen, in Betreff derer kein Zweifel wal⸗ ten kann, in Frankreich Statt gefunden, die aber ausſchließlich ſolchen Maͤnnern, welche, durch die Re⸗ volution von ihrer Laufbahn hinweggeſchleudert, ihre Mußeſtunden und Bemuͤhungen der Agricultur ge⸗ widmet und, vermittelſt des guten Erfolges ihrer Verſuche, den Geſchmack fuͤr dieſelbe nach und nach weiter verbreitet haben, und keineswegs jener Zer⸗ ſtreuung der National-⸗Guͤter unter das Capital der Nation zu verdanken ſind. Der einzige Vortheil, den jene Maßregel ge⸗ waͤhrte, beſteht in dem Gebrauche, welchen die Ma⸗ 238 nufactur⸗Induſtrie, nach Vartreibung der geiſtlichen Orden, von den Kloſtergebaͤuden zu machen gewußt hat. In dieſe hat ſie ſich naͤhmlich auf eine beque⸗ me und wohlfeile Weiſe einquartirt, und der gute Erfolg, deſſen ſich jene Induſtrie zu erfreuen hat, mag großen Theils dieſem Umſtande zu verdanken ſeyn. 3. Mit der Benennung„Mercanti“ werden in Italien alle diejenigen Perſonen bezeichnet, die ſich mit irgend einer Gattung des Handelsverkehrs be⸗ ſchaͤftigen, d. h. die Banquiers, Kaufleute und Kleinkraͤmer. Dem Handel wird, wofern er ſich nicht durch ſeine Stellung die Vortheile, welche die Stapelorte gewaͤhren, zuzuſichern weiß, durch die Maſſe des oͤrtlichen Verbrauches ſeine aͤußerſte Grenze beſtimmt. Dieſer Verbrauch kann in einem Lande, wo die Sparſamkeit in dem Grade, wie in Italien, ge⸗ uͤbt wird, zumahl nachdem das Land des Vorrech⸗ tes, als Stapelplatz zu dienen, verluſtig gewor⸗ den, nicht anders als beſchraͤnkt ſeyn. Gleichwohl findet, da alles, was das Land an Conſumtions⸗ Gegenſtaͤnden uͤberfluͤſſig hat, nach dem Auslande verkauft, und hinwieder alles, was es von fabri⸗ cirten Artikeln bedarf, gekauft wird, in den Ita⸗ liaͤniſchen Seehaͤfen ein nichts weniger als unbe⸗ traͤchtlicher Waarentauſch Statt. In den Seehaͤfen Italiens iſt der Handel un⸗ — —— 7 gemein leicht und ſicher. Er beſteht darin, daß ge⸗ gen Colonial⸗Waaren und Fabrik⸗Artikel, nach einem ſich ziemlich gleichbleibenden Tarife, Korn, Reiß, Oehl, Seide, Wolle und Baumwolle umge⸗ tauſcht, und was man von dieſen Artikeln entbeh⸗ ren kann, nach dem Auslande verfuͤhrt wird. Die durch den Handel gewonnenen Capital⸗ Summen werden, ſo wie ſie zuſammengelegt ſind, zum Ankaufe liegender Gruͤnde verwendet. Da die Kaſte der Grundeigenthuͤmer vor der Claſſe der Kauf⸗ leute den Rang behauptet, ſo iſt es ganz natuͤrlich, daß dieſe letztern danach ſtreben, ſich, vermittelſt ihres geſammten Vermoͤgens, der erſtern einzuver⸗ leiben; und ſo iſt es in Italien die Agricultur, welche fortwaͤhrend alles an ſich zieht, daher denn auch ſie allein ſich daſelbſt in einem bluͤhenden Zu⸗ ſtande befindet. 4. Was diejenige Volkselaſſe betrifft, die ſich von den Arbeiten des Kunſt⸗ und Gewerbfleißes naͤhrt, ſo lebt dieſe groͤßten Theils in der Duͤrftig⸗ keit. Sie wohnt meiſt in den Staͤdten, wo die Beduͤrfniſſe der Conſumirenden den Maßſtab fuͤr ihre Arbeit an die Hand geben. Aus der Entvoͤlke⸗ rung der meiſten Städte und dem Verluſte verſchie⸗ dener Induſtrie⸗Zweige zu ſchließen, dergleichen bald jedes Jahr den einen oder andern uͤber Italien herbeyfuͤhrt, muͤſſen ſich jene Beduͤrfniſſe hoͤchſt wahrſcheinlich von einem Tage zum andern vermin⸗ — —— 240 * dern, und in eben dem Verhaͤltniſſe ſteigt auch die Armuth und Entvoͤlkerung derjenigen Claſſen, wel⸗ che von der Induſtrie leben. Uebrigens iſt es faſt nicht zu begreifen, wie alle dieſe Arbeiter, die von Natur ſo viel Einſicht und Geſchicklichkeit beſitzen, ungeſchickte, untaugliche Leu⸗ te, ohne alle Erfindungsgabe, geworden ſind. Ohne Zweifel iſt dieſer Umſtand auf Rechnung des allge⸗ meinen Verfalles der Kuͤnſte des Gewerbfleißes in Italien zu ſchreiben. Wenn dieſer Verfall einen ge⸗ wiſſen Grad erreicht hat, ſo hoͤrt die Nacheiferung auf, und mit ihr ſinkt auch der Muth und die Hoffnung. Wenn im Gegentheil die Induſtrie, wie in England, im Steigen iſt, ſo muß man uͤber die alle Erwartung uͤberſteigenden Fortſchritte erſtaunen, die man alle wirthſchaftlichen Kuͤnſte von einem Tage zum andern machen ſieht. Die meiſten Reiſenden haben den Wohlſtand Italiens nach dem Anblicke je⸗ ner Menſchenclaſſe beurtheilt, die ihnen in allen Staͤdten, wo ſie ſich eine Zeit lang aufhielten, al⸗ lernaͤchſt in die Augen fiel. Auf die Grundlage die⸗ ſes Anblicks hin haben ſie kein Bedenken getragen, Italien mit Spanien in die gleiche Categorie zu ſetzen, und es als ein Land zu ſchilden, das, ver⸗ moͤge ſeines Verfalles, im Begriffe ſtehe, aus der Zahl der Nationen geſtrichen zu werden. Dieſe Rei⸗ ſenden aber hatten ihr Augenmerk einzig auf die 241 Staͤdte, nicht aber auf die Landſchaft gerichtet, und ſich keine genauere Kenntniß der Fundamente ſeines geſellſchaftlichen Syſtems zu verſchaffen geſucht, ſonſt haͤtte es ihnen unmoͤglich verborgen bleiben koͤnnen, daß der Wohlſtand jenes Landes, indem er ſich den Staͤdten entfremdet, ſich ausſchließlich im Gebiethe. ſeiner Feldwirthſchaft feſtſetzt. Uebrigens iſt dieß ein Irrthum, in den Reiſende, die nichts als Staͤdte zu ſehen bekommen, gewiſſermaßen verfallen muͤſſen, weil tiefere Nachforſchungen dazu erfordert werden, um die verborgenen Schaͤtze einer Nation hervor zu finden, als um die Wunden gewahr zu werden, an denen dieſelbe darnieder liegt. 5. Zu der nicht productiven Volkselaſſe Italiens gehoͤren, wie bereits iſt bemerkt worden, alle Be⸗ ſoldeten des Staats, des Civil⸗ und Militaͤr⸗ Standes, die Geiſtlichkeit, die Rechtsgelehrten u. ſ. w. Dieſe nehmen nun freylich in der geſell⸗ ſchaftlichen Ordnung einen hoͤchſt ungleichen Rang ein; allein in Bezug auf die Staatswirthſchaft kommen die ſaͤmmtlichen, jene verſchiedenen Berufs⸗ arten treibenden, Individuen in die gleiche Linie zu ſtehen. Die Geiſtlichkeit, die einen Theil dieſer Claſſe ausmacht, und in Italien in der Rangordnung der Staͤnde, ſo zu ſagen, oben an ſteht, iſt durch die Revolution uͤber alle Maßen zuſammengeſchmolzen, waͤhrend hingegen der Militaͤr⸗Stand ſich bedeutend Briefe üb. Italien. 2. Thl. 16 242 vermehrt hat. Italien hat naͤhmlich auf Einen Schlag ein Heer von 300,000 Mann in's Feld ge⸗ ſtellt, wozu das Koͤnigreich Neapel 3⁰,000, das Koͤnigreich Italien eben ſo viel, und das Franzoͤſi⸗ ſche Italien 140,000 Mann hat liefern muͤſſen. Dieſe Armee, ſo ungeheuer ſie ſcheinen moͤchte, be⸗ traͤgt gleichwohl nicht uͤber zwey vom Hundert der Geſammtbevoͤlkerung des Landes. Immerhin bleibt die Errichtung derſelben und das Spiel, welches durch ſie geſpielt worden, das bedeutendſte hiſtoriſche Ereigniß, welches Italien ſeit zwey hundert Jah⸗ ren in Bewegung geſetzt hat, und eines, deſſen Fol⸗ gen von hoͤchſter Wichtigkeit ſeyn koͤnnen. In der That gewaͤhrte es ein ſeltſames Schau⸗ ſpiel, die Italiaͤner mit Ein Mahl die Aufhebung der Kloͤſter und die Aufſtellung einer Armee beſchlie⸗ ßen zu ſehen. Nicht weniger ſetzte jene Leichtigkeit in Erſtaunen, womit die Militaͤr⸗Geſetze gehand⸗ habt wurden, und ſelbſt die vortrefflichſten Krieger der Welt haben der Art, wie die Italiaͤner auf den Schlachtfeldern zum Vorſchein kamen, ihren Bey⸗ fall nicht verweigern koͤnnen. Die maͤnnlichen Kraͤfte der Nationen ſind bey den verſchiedenen Voͤlkern und unter allen Him⸗ melsſtrichen, gleichſam dieſelben; allein ſie muͤſſen durch Aufregung der Fantaſie, der Intereſſen und der Leidenſchaften in Thaͤtigkeit geſetzt werden. Die⸗ ſer Antrieb aber laͤßt ſich ihnen um ſo leichter geben, 243 da dem Menſchen ein Nachahmungstrieb inwohnt, der ſich, ihm unbewußt, auf eine Weiſe thaͤtig er⸗ zeigt, die eigentlich anſteckt und ſich eben ſo ſchnell als unvermuthet mittheilt. Ich befand mich im Jahr 1791 in Italien. Damahls haͤtte kein Menſch es zu ahnen gewagt, daß dieß Land zehn Jahre ſpaͤter 300,000 Soldaten auf die Beine ſtellen wuͤrde. Ein Prophet, der ſich erfrecht haͤtte, ſolche Dinge vorher zu verkuͤnden, waͤre, und nicht mit Unrecht, als ein Tollkopf er⸗ klaͤrt worden; und dennoch haben wir ein Phaͤno⸗ men in Wirklichkeit uͤbergehen geſehen, das aber⸗ mahl eine neue Vergeſtaltung Italiens zur unaus⸗ bleiblichen Folge haben duͤrfte, deren Geſchichte zu ſchreiben erſt den kommenden Jahrhunderten aufbe⸗ halten iſt. Die Geiſtlichkeit, deren eifriges Beſtreben un⸗ ablaͤſſig auf Beybehaltung der alterthuͤmlichen Inſti⸗ tutionen gerichtet bleibt, weil dieß die wuͤrdigſte Rolle iſt, welche Maͤnner ſpielen koͤnnen, die mehr Tugenden, als Leidenſchaften beſitzen, hat in Ita⸗ lien Unterwerfung mit Wuͤrde zu vereinbaren ge⸗ wußt. Mit ſtandhaftem Sinne ſah man ſie auf dem Pfade fortwandeln, welchen ihr Oberhaupt ih⸗ nen vorgezeichnet hatte, deſſen großer Charakter ſich im Gefaͤngniſſe noch in glaͤnzenderm Licht, als auf dem Throne gezeigt hat. Rechtsgelehrte und Advocaten gibt es in Ita⸗ 16 † — — 244 lien mehr als genug. Dieſer Ueberfluß ruͤhrt einer⸗ ſeits von den vielen kleinen, nahe bey einander lie⸗ genden Landesherrlichkeiten, und der Untereintheilung des Landes in eine große Anzahl Domaͤnen von ſehr beſchraͤnktem Umfange, anderſeits aber, und haupt⸗ ſaͤchlich, von der Einfuͤhrung aller jener Waͤſſerungs⸗ Syſteme her, vermoͤge welcher die Canaͤle in ihrem Laufe ſo viele verſchiedene Beſitzungen durchſchneiden. Dieſe Canal⸗Syſteme fuͤhren, bey aller ihrer Schoͤn⸗ heit, die einzige Unbequemlichkeit mit ſich, daß ſie eine Quelle mannigfaltiger Prozeſſe ſind. Nebendem iſt es leicht zu begreifen, daß eine große Anzahl reicher und muͤßiger Grundeigenthuͤmer ihre Luſt daran findet, Prozeſſe zu betreiben und ihren Gang zu verfolgen. Es iſt dieß eine Beſchaͤf⸗ tigung, die vielleicht mehr Unterhaltung, als man⸗ che andere gewaͤhren mag. Sie hat zu allen Zeiten, und in Italien mehr als irgendwo, ihre Liebhaber gefunden, weil ſie in jeder Hinſicht zu dem Geiſte der Nation paßt. Ueber die Rechtsgelehrten hat, wenn ich nicht irre, das Jahr 1808 eine Criſe verhaͤngt, nicht unaͤhnlich derjenigen, welche einſt die Bauleute an dem Thurme zu Babel in Verwirrung geſetzt hat; nur haben jene ſich geſchickter aus der Sache zu zie⸗ hen gewußt. Es erſchien naͤhmlich ein Geſetz, wel⸗ ches allen Rechtsgelehrten in den Departements jen⸗ ſeits der Alpen zur Pflicht machte, binnen vier und 245 zwanzig Stunden nicht mehr anders, als in Fran⸗ zoͤſiſcher Sprache, zu ſchreiben und vor Gericht zu ſprechen. Das hieß zum Lahmen ſagen, er ſolle ſein Bett auf ſeine Schultern laden und wandeln. Hier galt kein Zaudern, und es fragte ſich nicht, was man thun wolle. Wirklich fingen die Advocaten an, Franzoͤſiſch zu ſprechen: wie? kann man ſich den⸗ ken. Da wurden Italiaͤniſch, Franzoͤſiſch, Latein, Geſchlechter, Abfaͤlle und Wortendungen in ein bis⸗ her noch nie vernommenes Kauderwaͤlſch zuſammen⸗ gemengt. Inzwiſchen haben dieſe Italiaͤniſchen Sach⸗ walter, bey aller ihrer Verzweiflung, ſich bis an das Ende jenes Jahres durchgearbeitet, und fuͤr die Fuͤhrung der Geſchaͤfte iſt durch jene Veraͤnderung eben auch nicht viel verloren gegangen. Und ſo, mein verehrter Freund, haͤtte ich an Ihrer Hand die Hauptzuͤge der Geſchichte jener fuͤnf Volksclaſſen, in welche wir die Einwohnerſchaft Italiens getheilt haben, durchgangen. Sie werden nicht unbemerkt gelaſſen haben, daß, wenn ſich auch unter jenen Claſſen keine vor⸗ findet, von der ſich der Staat bedeutende Huͤlfs⸗ quellen verſprechen duͤrfte, es hinwieder unter ihnen auch keine gibt, die, wie in England, durch ihre eritiſche Lage den Geſetzgeber zu Beſorgniſſen veran⸗ laſſen koͤnnte. Jedem der Individuen, aus denen jene Kaſten zuſammengeſetzt ſind, iſt ſein beſtimmter Platz angewieſen und ſein Fortkommen zugeſichert. 246 Bey den zwey zahlreichſten Staͤnden, denen der Grundeigenthuͤmer und Landbauer, beſteht das Vermoͤgen in der Geſammtheit der Erzeugniſſe des Bodens. Des Genuſſes dieſer Producte ſind ſie bey⸗ derſeits ſicher; die einen durch das Recht des Be⸗ ſitzs; die andern durch die Befugniß, welche ihnen in Kraft der Beſtimmungen der Pachtvertraͤge er⸗ theilt wird. Das Loos dieſer beyden Claſſen iſt guͤnſtig genug, daß die eine derſelben alle Capita⸗ lien an ſich ziehen, die andere alle Arme ihrem Dienſte zueignen kann. Die Kaſten, welche ſich auf Kunſt- und Ge⸗ werbfleiß verlegen, ſind im Allgemeinen im Abneh⸗ men begriffen. Je mehr ſich die Induſtrie im Aus⸗ lande vervollkommnet, deſto mehr muß auch die auswaͤrtige Concurrenz den Voͤlkerſchaften Italiens verderblich werden. Dieſe Wirkung hat ſich ſeit zwey Jahrhunderten ununterbrochen zu Tage gelegt, und gegenwaͤrtig iſt in Italien einzig noch jener oͤrtliche Kunſtfleiß anzutreffen, deſſen Erzeugniſſe ſich nicht verfuͤhren laſſen und fuͤr die Bequemlichkeit des Le⸗ bens unentbehrlich ſind. Solcher Geſtalt iſt Italien ſeit zwey Jahrhun⸗ derten ein ſich weſentlich, man moͤchte ſagen, ein⸗ zig mit der Feldwirthſchaft beſchaͤftigendes Land ge⸗ worden, das in der allgemeinen Oekonomie der Eu⸗ ropaͤiſchen Staaten lediglich noch in dieſer Beziehung in Betrachtung kommt. Gleichwohl duͤrfte es in po⸗ 247 litiſcher Hinſicht unter einem neuen Geſichtspuncte zu beachten ſeyn, und wer weiß, ob nicht die Ita⸗ liaͤner dazu beſtimmt ſind, aus ihrer geſchichtlichen Nichtigkeit heraus zu treten, und ſich der Zahl der⸗ jenigen Voͤlker anzureihen, deren Nahmen in den Jahrbuͤchern der Welt nicht ohne Ruhm angeſchrie⸗ ben ſtehen. Es waͤre dieß weder etwas Neues, noch etwas Erſtaunenswuͤrdiges. Nichts hindert es, daß die Italiaͤniſche Nation neuerdings groß werde: denn ſie hat der Himmel vor allen andern beguͤnſtigt. Ihr kommt beydes, die Klugheit der Morgenlaͤnder und die Beweglichkeit der Europaͤiſchen Voͤlkerſchaften, zu Statten. Kein Volk iſt von der Natur in ſo hohem Grade mit jenem Geiſt der Nachahmung ausgeruͤ⸗ ſtet, vermittelſt deſſen die Regungen der Leiden⸗ ſchaften und die Schoͤnheiten der Natur ſich darſtel⸗ len laſſen; und keines hat jene Zuͤge, welche den Charakter der Menſchen uͤber die Erde emporheben, mit ſolchem Gluͤcke aufgefaßt und entwickelt. Italiens Bewohner ſind es, denen unſer Welttheil jene zwey Zeitalter verdankt, in welchen die Civiliſi⸗ rung ihren Einfluß uͤber denſelben verbreitet hat. Sie waren, ein Umſtand, den man gar zu leicht zu vergeſſen pflegt, vormahls Buͤrger von Rom, und ſie hinwieder haben den Europaͤern im XV. Jahrhundert neuerdings die Muſter zu allem, was ſie noch heut zu Tage Erhabenes und Gefaͤlliges beſitzen, mitgetheilt. 1 4 1 248 In den allerneueſten Zeiten ſind die Italiaͤner im Nahmen des National⸗Ruhmes und ihrer Unab⸗ haͤngigkeit aus einem langwierigen Schlummer wie⸗ der in den Zuſtand des Wachens uͤbergetreten, und ihre Handlungen alsdann groͤßer geweſen, als die Ge⸗ fuͤhle, die man ihnen zutraute. Es ſind zwar die von ihnen gefaßten Hoffnun⸗ gen bis jetzt noch nicht in Wirklichkeit uͤbergegangen; denn nichts haͤlt ſo ſchwer, als alle die Intereſſen, welche ſich auf den geſellſchaftlichen Zuſtand eines Volks ſtuͤtzen, mit Macht in Bewegung zu ſetzen: auf jeden Fall aber iſt ihr Nahme aus der Vergeſſen⸗ heit hervorgetreten; und dieß allein ſchon iſt ein be⸗ deutender Schritt fuͤr eine Nation, die auf ihre eigne Veredlung hinzielt. Mein Beſtreben in meinen bisherigen Briefen iſt dahin gegangen, Ihnen Landesanſichten von Ita⸗ lien vor Augen zu legen, und Sie mit den zur Be⸗ werbung der Guͤter in dieſem Lande getroffenen Vor⸗ kehrungen bekannt zu machen. Auch auf die Folgen jener Cultur⸗Methoden fuͤr Italiens politiſchen und geſellſchaftlichen Zuſtand habe ich hingedeutet. Erſt dann, wenn Sie, mein hochgeſchaͤtzteſter Freund, finden ſollten, daß dieſer Zweck, der einzige, den ich mir vorgeſetzt hatte, nicht unerreicht geblieben ſey, werde ich, was ich jetzt lange nicht bin, mit dieſer Arbeit zufrieden ſeyn. Vier und zwanzigſter Brief. Florenz, 10. October 1816. Ganze Nationen vermoͤgen eben ſo wenig, als ein⸗ zelne Menſchen, es zu errathen, was die Zukunft ihnen bringen, oder aus ihnen machen wird. Erſt in der Folge ertheilt die Geſchichte ihnen Rechen⸗ ſchaft von dem, was ſie einſt waren; daher es auch bloß Empfindungen des Bedauerns und Schmerzens ſind, die ſich an das Leſen derſelben anknuͤpfen. Un⸗ ter allen Voͤlkergeſchichten iſt indeß keine in ſolchem Grade geeignet, Muthloſigkeit zu erzeugen, als die Geſchichte des neuern Italiens. Der Schrift⸗ ſteller, deſſen beredete Feder uns ein Gemaͤhlde je⸗ nes Landes entworfen hat, ſtellt uns die Einwoh⸗ ner desſelben fortwaͤhrend als eine Nation, die ihre Beſtimmung verfehlt habe, vor Augen. Es faͤllt jedoch, wo dieſes der Fall iſt, die Schuld davon aͤußerſt ſelten der ganzen Maſſe des Volkes zur Laſt. Denn die Fehler ſpaͤterer Geſchlechter haben ihren Grund in dem, was die fruͤhern verſchuldeten; 250 weil jede Generation ihre Gewohnheiten, Meinun⸗ gen und Geſetze gleichſam vermaͤchtnißweiſe auf die naͤchſtfolgende uͤbertraͤgt. Der Menſch von Geburt an athmet in dieſer Athmoſphaͤre; ſeine Gefuͤhle werden mit derſelben geſchwaͤngert; und die Civiliſi⸗ rung kann daher nicht anders vorwaͤrts ſchreiten, als unter dem gedoppelten Einfluſſe der Gegenwart. und der Vergangenheit. Hierin iſt auch der Grund enthalten, warum eine ganze Nation niemahls mit Einmuth eine Ab⸗ aͤnderung des ganzen Syſtemes der Civiliſirung, un⸗ ter welchem ſie lebt, beſchließen wird. Nur Ver⸗ wuͤſtungen, wie ſie den Tritten des Eroberers im Gefolge gehen, Verzweiflung der Voͤlker, oder re⸗ ligioͤſer Fanatismus koͤnnen dergleichen große Abwei⸗ chungen vom gewoͤhnlichen Gange des Menſchenge⸗ ſchlechts bewirken. Die Roͤmer, als ſie vom Schauplatze Italiens abtraten, hinterließen ihren Nachkommen jene aͤu⸗ ßerſte Verdorbenheit, die ſie ſelbſt wehrlos gemacht und dem Schwerte Odoakers uͤberliefert hatte, zum Erbtheil. Dieſe ſpaͤtern Geſchlechter duldeten es, daß jene alten Wohnſitze glaͤnzenden Ruhmes von den Barbaren uͤberſchwemmt und uͤberwaͤltigt wur⸗ den, ohne an einen Widerſtand zu denken: denn ſie hatten es verlernt, ſich gegen den Feind zur Wehr zu ſtellen. Jene Barbaren verpflanzten demnach ihre Herr⸗ 251 ſchaft auf den Grund und Boden der alten Roͤmer, und vertrieben von demſelben die Civiliſirung, weil dieſe uͤber ihren Geſichtskreis hinausging. Dage⸗ gen fuͤhrten ſie als politiſches Syſtem eine Militaͤr⸗ Oligarchie; d. h. jenes bey ihren Heeren auf⸗ und angenommene, das einzige ihnen bekannte, Sy⸗ ſtem ein. So ward Italien unter die Haͤuptlinge der Voͤlker, welche es erobert hatten, zerſtuͤckelt. Ue⸗ bergewalt und Ungefaͤhr fuͤhrten bey dieſer Theilung allein den Vorſitz. In Frankreich wußte die Feudal⸗ Oligarchie ein foͤderaliſtiſches Band zu knuͤpfen, durch welches allein ſich die Einheit dieſes Koͤnigreichs er⸗ halten hat. Italiens Gefilde hingegen, mußten ei⸗ nem andern Looſe ſich beugen. Die Haͤupter der Barbaren, nachdem ſie die unumſchraͤnkte Gewalt an ſich geriſſen, verſtanden es nicht, ſich zu ver⸗ buͤnden, oder in Eintracht zuſammen zu treten. Wilder und eiferſuͤchtiger Gemuͤthsart, verfolgten ſie jeder ſeinen eigenen Vortheil, und befleckten mit ihrem brutalen Tyrannenſinne den Italiſchen Boden. Der Schutz, nach welchem ein Theil der Lan⸗ deseinwohner im Auslande ſich umſah, und die Schande, welche durch ſie ſich auf die Nation zu⸗ ſammenhaͤufte, legte den Grund zu jenem Buͤnd⸗ niſſe, deſſen lobenswerthen Abſichten die Nachwelt zur Stunde noch ihre Achtung nicht verſagen kann. Die Guelfen verſuchten es, ihr Vaterland wieder 252 in den Beſitz ſeiner Unabhaͤngigkeit und ſeines Ruh⸗ mes einzuſetzen, und in der gleichen Abſicht thaten ſich in Italien alle andere Gemuͤther und alles, was noch vergangener Zeiten gedachte, im naͤhmlichen Sinne zuſammen. Das Unternehmen ward zwar mit keinem vollkommenen Erfolge gekroͤnt, aber in⸗ dem ſich eine Oppoſition bildete, zeigte ſich zugleich auch ein neuer Strebepunct fuͤr die Anſtrengungen der Italiſchen Voͤlker. Dieſe Bewegungen bewirkten in dem politiſchen Syſtem Italiens eine Veraͤnderung, und jene Liebe zur Unabhaͤngigkeit rief in dem Lande, wenn nicht eine Nation, doch Republiken hervor, und durch dieſe Freyſtaaten ward die Sittigung in dasſelbe zu⸗ ruͤckgerufen. Dieſe zwar von Stuͤrmen bewegten, aber unab⸗ haͤngigen Staaten, erhoben ſich zu Muſterſtaaten fuͤr ganz Europa, und wußten ſich durch ihren Ge⸗ werbfleiß des Alleinhandels zu bemaͤchtigen, ver⸗ moͤge deſſen ſie unermeßliche Reichthuͤmer zuſammen⸗ jene Denkmaͤhler zu errichten, deren Groͤße zur Stunde noch mit Erſtaunen erfuͤllt. Kein Zeitalter der Welt hat ſo viel merkwuͤr⸗ jenes Jahrhundert, in dem man die Civiliſirung der Aſche, in die ſie ſich begraben hatte, neuer⸗ dings entſteigen ſah. Jedermann war jener Civiliſi⸗ haͤuften, die es ihnen hinwieder moͤglich machten, dige Dinge auf Ein Mahl hervorgehen geſehen, als 253 rung im hoͤchſten Grade empfaͤnglich geworden. Durch die politiſchen Stuͤrme hatten die Charaktere ſich zu einer gewiſſen Kuͤhnheit emporgehoben. Der Fantaſie war durch jene Zeiten Nahrung verſchafft worden, und den Genius der Kuͤnſte ſah man, un⸗ ter ſchmerzlichen Empfindungen uͤber ſeine lange Ver⸗ bannung, aber zugleich auch unter Wonnegefuͤhlen des Wiederſehens, neuerdings in ſein Vaterland ein⸗ gehen. In dieſen Tagen haͤtte man glauben ſollen, Italien wuͤrde die Hauptſtadt der Welt bleiben, und wenn auch nicht mehr durch kriegeriſche Uebergewalt, doch durch ſeinen claſſiſchen Einfluß den Erdboden beherrſchen. Allein ſeine Voͤlker verſtanden es nicht, eine Civiliſirung der Sitten anzunehmen: die Ver⸗ feinerung des Geiſtes und der Tatente war es, bey welchen ſie ſtehen blieben. Dieſer Art von Sitti— gung aber geht etwas Verfuͤhreriſches und Verweich⸗ lichendes im Gefolge, das den Voͤlkerſchaften Grie⸗ chenlands und Italiens ihren Untergang bereitet hat. Die vortrefflichſten Plaͤne und Unternehmungen ſind in Italien ohne Erfolg geblieben, weil es den Be⸗ wohnern dieſes Landes an der zur Ausfuͤhrung der⸗ ſelben erforderlichen ſittlichen Kraft fehlte. Sie ver— gaßen es, daß unter den Metallen das Eiſen das edelſte, das Silber aber das veraͤchtlichſte ſey. Von der Zeit an waren ſie nicht mehr im Stande, ſich durch ein edelmuͤthiges Anfraffen zu vereinigen, noch —— 254 jenen Voͤlkern, deren Civiliſirung ſich noch lediglich auf die Kriegskunſt beſchraͤnkte, Widerſtand zu lei⸗ ſten. Ihr Boden mußte dem Ehrgeize jener Na⸗ tionen zum Schauplatze dienen, und die Italiaͤni⸗ ſche Politik blieb einzig auf die Wiſſenſchaft beſchraͤnkt, dieſelben eine der andern kuͤnſtlich entgegen zu ſetzen. Auf dieſe Weiſe hat Italien bis auf den heuti⸗ gen Tag alle Gelegenheiten, ſeine Kraͤfte auf einen Punct zu vereinigen, und ſich dadurch, Europa ge⸗ genuͤber, in eine Achtung gebiethende Stellung zu verſetzen, ungenuͤtzt vorbeygehen laſſen; es hat ein⸗ zig dazu dienen muͤſſen, fuͤr ſeinen Welttheil als Beyſpiel einer Civiliſirung da zu ſtehen, deren die Voͤlker des Nordens ſich bemaͤchtigt haben, um ſie auf Kuͤnſte und Sitten nicht weniger, als auf das Studium der Poeſie und der Vernunft anzuwenden. Dieſe gedoppelte Herrſchaft hat den Bewohnern des Europaͤiſchen Nordens eine entſchiedene Ueberle⸗ genheit uͤber die Bewohner des Suͤdens zuwege ge⸗ bracht; indem jene nordiſchen Voͤlkerſchaften, ſtatt ihre Cultur auf die Ausſtaffirung ihrer Wohnungen und Verzierung ihrer Tempel zu beſchraͤnken, viel⸗ mehr dadurch, daß ſie die Fackel der Aufklaͤrung bis an die Quelle des Aberglaubens, der den menſch⸗ lichen Geiſt gefangen haͤlt, hintrugen, ihren Na⸗ tional⸗Charakter zu einer gewiſſen Groͤße zu erheben gewußt haben. Eine Folge dieſes Ganges der Sittigung war 255 die Glaubensverbeſſerung, zu deren Grundſaͤtzen man bald ganze Nationen ſich bekennen ſah. Ver⸗ muthlich wuͤrde die Reformation, d. h. die Einfuͤh⸗ rung eines philoſophiſchen Geiſtes in der Unterſu⸗ chung der Geheimniſſe des Weltalls, ihren Einfluß bis auf die Voͤlkerſchaften des Suͤdens erſtreckt haben, wenn einerſeits ihre Civiliſirung in ſittlicher Hinſicht weiter vorgeruͤckt geweſen, und anderſeits nicht Carl V. und Philipp II. ein politiſches Syſtem auf die Bahn gelegt haͤtten, das geeignet war, die Nationen im Zuſtande eines moraliſchen Geaͤchtet⸗ ſeyns fort zu erhalten. In jenen Zeiten ſchmolz die Kirche ihre Politik mit derjenigen der Fuͤrſten zuſammen. Mit verei⸗ nigten Kraͤften hoffte man, die Gefahren, durch welche ſich der Staat und die Kirche in gleichem Grade bedroht ſah, deſto leichter bekaͤmpſen zu koͤn⸗ nen, und ein Hauptzweck jener Verbindung ging dahin, den Aufſchwung der Voͤlker zu hemmen und, in Abſicht auf Einſichten und Aufklaͤrung, ihren fer⸗ nern Fortſchritten ein Ziel zu ſetzen. 3 Zwey Jahrhunderte hindurch iſt die Politik die⸗ ſen Maximen getreu geblieben, und wenn es moͤg⸗ lich geweſen waͤre, eben dieſe Grundſäͤtze gegen die Erfindung der Buchdruckerkunſt und gegen das freye Aufſtreben des menſchlichen Geiſtes zu behaupten, ſo wuͤrde ſich die Dauer jenes Interdictes, womit die Koͤnige von Spanien den Suͤden von Europa be⸗ — 256 legt hatten, ohne Zweifel, wer weiß, auf wie viele Generationen hinaus verlaͤngert haben. Inzwiſchen ging Italien, unter ſich ſelbſt zer⸗ theilt und unter das Joch auslaͤndiſcher Beherrſcher gefangen genommen, von jener Epoche, in welcher Factionen, Kuͤnſte und Fantaſie ſeinen Ruhm zu einer glaͤnzenden Hoͤhe erhoben hatten, unvermerkt zu jenen Jahrhunderten der Laͤhmung uͤber, welche ihm die ultramontaniſche Staatskunſt bereitet hatte, um es vor den Anſteckungen der Philoſophie und Moral zu verwahren. Von der Zeit an blieben Er⸗ innerungen und Sammlungen des ſchoͤnen, ſeinen Stolz in die Vergangenheit, ſeine Ruhe aber in die Gegenwart ſetzenden, Landes alleiniger Schmuck. Als etwas hoͤchſt Auffallendes kommt der Wi⸗ derſpruch zum Vorſchein, der ſich zwiſchen dem ur⸗ ſpruͤnglichen National⸗Geiſte der Italiaͤner und dem National⸗Charakter, zu welchem ſie ſelbſt ſich nach und nach gebildet hatten, fortwaͤhrend wahrnehmen ließ. Eine ſolche Disharmonie laͤßt ſich einzig aus der unveraͤnderlichen Fortdauer der Inſtitutionen, die man jenem Lande gegeben hatte, und aus je⸗ nem Zuſtande der Abſonderung erklaͤren, in welchen es den Regierungen gelungen war, die Bewohner desſelben zu verſetzen. Auch die Sitten und Gewohnheiten des Lebens hatten ſich nach dieſem Grundſatze der Einfoͤrmigkeit gemodelt, und der Verlauf der Zeiten denſelben ei⸗ 257 nen, ſo zu ſagen, geheiligten Charakter aufgedruͤckt. Es war fuͤr den Italiaͤner gewiſſer Maßen Pflicht geworden, jeden Tag dasſelbe zu thun, weil ſich die oͤffentliche Achtung an eine ſolche Gleichfoͤrmig⸗ keit der Lebensweiſe anknuͤpfte; denn dieſe Achtung traͤgt ſelbſt etwas Gezwungenes an ſich, das ſich in jener Einfoͤrmigkeit wohlgefaͤllt. Mittlerweile waren durch eben dieß unabaͤnderliche Feſthalten an Gebraͤuchen und Meinungen, Fantaſie, Kuͤnſte und Gewerbfleiß alle mit Ein Mahl aus Italien ver⸗ ſcheucht worden. Talente koͤnnen da nichts ſchaffen, wo man nichts Neues haben will. Und ſo verſank das ganze Land in den Zuſtand einer orientaliſchen, eben ſo antriebsloſen, als jedes Widerſtandes unfaͤhi⸗ gen Erſchlaffung. Durch die in den neueſten Zeiten uͤber Italien hereingebrochenen politiſchen Stuͤrme hat ſich der Zauber der alten Gewohnheiten geloͤſ't, das Inter⸗ eſſe des Volkes ſich auf andere Gegenſtaͤnde gewor⸗ fen und Verbindungen mit den uͤbrigen Laͤndern der Erde haben ſich demſelben eroͤffnet. Auf dem groͤßten aller Schauplaͤtze, die ſich jemahls dem Wechſel des Kriegsgluͤckes dargebothen haben, kaͤmpfte es ſich um die Entſcheidung von Italiens Schickſal. Der Kampf nahm einen ungluͤcklichen Ausgang, und zum zwan⸗ zigſten Mahle verfehlte jenes Land die Gelegenheit, ſeine Geſchichte wieder anzufangen. Seeine Civiliſirung hingegen wurde, nach einem Briefe üb. Italien. a. Thl. 17 ———j 4 — 258 Stillſtande von zwey Jahrhunderten, neuerdings und zwar ſolcher Maßen in Gang gebracht, daß von nun an kein Herkules mehr ſtark genug ſeyn wuͤrde, die⸗ ſelbe in ihrem Laufe aufzuhalten. Dieſe Sittigung wird ihre Fruͤchte tragen; der von neuem gruͤnende Baum des Wiſſens bedarf, um in Italiſchem Bo⸗ den tiefe Wurzeln zu ſchlagen, jetzt bloß noch einer verſtaͤndigen Wartung und Pflege. Gleichwohl ſteht zu befuͤrchten, Italien werde bey dieſem ſeinem friſchen Aufſchwunge, nach dem Beyſpiele Rußlands, anſtatt ſich eine neue, ſeinen Beduͤrfniſſen angemeſſene, Civiliſirung zu ſchaffen, ſich lediglich auf Nachahmung einer bereits vorhan⸗ denen beſchraͤnken. Eine ſolche, aus einem Lande in ein anderes verpflanzte, Sittigung aber raubt den Nationen ihren Saft und ihre Eigenthuͤmlichkeit. Es findet ſich gegenwaͤrtig in Italien des aus an⸗ dern Laͤndern dahin Verſetzten ungleich mehr, als des Selbſtgeſchaffenen, und den Maͤnnern von aus⸗ gezeichnetem Geiſte liegt es ob, dieſer immer mehr uͤber Hand nehmenden Nachahmungsſucht entgegen zu wirken. Allein gerade dieſe vorzuͤglichern Koͤpfe, auf welche ihr Vaterland ſtolz iſt, leben vereinzelt, unter ungleichen Regierungen, ohne Hauptſtadt und ohne irgend ein Band, das ſie unter einander zuſam⸗ menhielte. Sie ſind nicht im Stande, eine Behoͤrde zu bilden, der es zukäme, uͤber den Werth von Er⸗ zeugniſſen des Genies oder der Einbildungskraft zu wegen wenig bekannt. Nichts deſto weniger laͤßt ſich 259 entſcheiden. Gleichwohl tragen heut zu Tage die Schriften ungleich mehr zur Verbreitung der Civili⸗ ſirung bey, als alle Muſter und Vorbilder; dieſelben ſind alſo von ſehr bedeutender Wichtigkeit: zur Bil⸗ dung vorzuͤglicher Schriftſteller aber bedarf es auch verſtaͤndiger Critiker. Nun iſt aber die Critik in Italien nichts weiter mehr, als Satyre, weil die li⸗ terariſchen Beurtheilungen bloß das Werk einſiedle⸗ riſcher Schriftſteller ſind, die ſich zu Richtern auf⸗ werfen, ohne durch die oͤffentliche Meinung dazu be⸗ gewaͤltigt zu ſeyn. Die Satyre ſolcher Leute hat nichts Impoſantes, es gebricht ihr an Wahrheit, ſelbſt durch ihre Uebertreibungen verfehlt ſie ihres Zweckes, und ſcheut ſich nicht, alles, ohne Unter⸗ ſchied, Wiſſenſchaften, Literatur, Theater und ſchoͤ⸗ ne Kuͤnſte, aufzuopfern. Von aͤußerſter Wichtigkeit waͤre es demnach, eine Jury zu errichten, die ſich die Befugniß, im Reiche der Fantaſie Recht zu ſpre⸗ chen, ertheilen ließe. In der Schweiz fehlt es nicht an wiſſenſchaftli⸗ chen und literariſchen Inſtitutionen, die, ohne ſich des Nahmens oder des Glanzes von Akademien ruͤh⸗ men zu duͤrfen, gleichwohl mit dem Geiſte eines ſolchen aus Republiken zuſammengeſetzten Bundes⸗ ſtaates harmoniren. Dieſe in einem liberalen Geiſte angelegten geſellſchaftlichen Anſtalten ſind, ob ſie gleich niemanden etwas ſchaden, ihrer Beſcheidenheit —ÿõů 260 bereits ihr Einfluß auf das Land, dem ſie angehoͤ⸗ ren, verſpuͤren, und das Werk ſeiner Civiliſirung wird auch durch ſie ſachte befoͤrdert. Die Schweiz, in zwey und zwanzig Staaten zerſtuͤckelt, kann weder einen Hauptort, noch eine Hauptſtadt haben. Ihre Einheit beſteht lediglich in ih⸗ rer bundsgenoͤſſiſchen Verbindung und darin, daß ſie Schweiz heißt; ein Nahme, den die Bewohner der Alpen nie ausſprechen, ohne daß ihnen das Herz hoͤher ſchlaͤgt. Die Maͤnner, welche am Fuße der Gebirge die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte betreiben, haben ebenfalls keine literariſche Souveraͤnitaͤt eingefuͤhrt, wohl aber unter ſich freye, foͤderaliſtiſche Vereine gebildet, in denen ſie gemeinſchaftlich ihre Vaterlandsliebe zu Tage legen und die Fruͤchte ihrer Arbeiten darbringen. Dieſe, theils aus Kuͤnſtlern, theils aus Gelehr⸗ ten beſtehenden, Vereine tragen bloß den Nahmen von Geſellſchaften, haben keine Reſidenzen und kom⸗ men, nach und nach alle Gegenden des Vaterlandes durchwandernd, periodiſch, in kleinern oder groͤßern Zwiſchenraͤumen, wie die Rathsverſammlungen der nomadiſchen Voͤlkerſchaften, jedes Jahr an einem andern Orte und jedes Mahl fuͤr einige Tage zuſam⸗ men. Bald ſind es die Mahler, deren Pinſel die Welt der Hochgebirge in geſchickten Nachahmungen darſtellt, die eines jener Alpenthaͤler zu ihrer Zuſam⸗ menkunft waͤhlen. Jeder von ihnen bringt das vor⸗ zuͤglichſte Stuͤck ſeiner Arbeit mit ſich. Die Ge⸗ 261 maͤhlde bleiben, ſo lange die Verſammlung dauert, ausgeſtellt. Dieſe Zeit iſt hinreichend, um ſowohl die Verdienſte jener Kuͤnſtler zu wuͤrdigen, als auch ihre Fehler zu ruͤgen. Das von der Geſammtheit des Kuͤnſtlervereines uͤber jene Arbeiten gefaͤllte Ur⸗ theil iſt von nicht minderm Gewichte, als die oͤffent⸗ liche Meinung, kann, wie dieſe, zuweilen betruͤben, aber niemahls beleidigen. Bald ſieht man eine An⸗ zahl das Studium der Naturwiſſenſchaften betreiben⸗ der Gelehrten ſich an einem verabredeten Orte einfin⸗ den. Jeder derſelben legt die Fruͤchte ſeiner Unter⸗ ſuchungen als Gabe auf den gemeinſamen Altar. Solches geſchieht ohne alle Prahlerey, aber zugleich mit dem Verlangen, hinwieder ſelbſt auch von neuen Entdeckungen zu hoͤren. Die Geſellſchaft ernennt einen Praͤſidenten, deſſen Stelle ein Jahr dauert, und waͤh⸗ rend dieſer Zeit den Beruͤhrungs⸗ und Annaͤherungs⸗ punct zwiſchen den Mitgliedern des Vereines ausmacht. Eine dritte, nach denſelben Grundſaͤtzen errichtete, unter dem Nahmen der Helvetiſchen bekannte Geſell⸗ ſchaft, hat die Verbreitung der Vaterlandsliebe, des Wiſſens und der Literatur zum Zwecke. Ein Verein fuͤr Muſik iſt es endlich, welcher die Liebhaber dieſer, mit den Empfindungen des Herzens in ſo enger Verwandt⸗ ſchaft ſtehenden, Kunſt zu allgemeinen Harmonien zu⸗ ſammenfuͤhrt*). —*) Die Schweizeriſchen Kunſt⸗ und Literatur⸗Vereine, über welche ſich der Verfaſſer mit einem ſo wohlwollenden Enthuſiasmus 262 Alle dieſe Inſtitutionen dienen, ohne Eiferſucht zu erregen, der Nacheiferung zum Sporn. Das Band zwiſchen den ausgezeichnetern Mitgliedern der Nation wird durch ſie enger geknuͤpft, und zu Freund⸗ ſchaften unter ihnen der Grund gelegt. Sie druͤcken den Erzeugniſſen des Landes ein Gepraͤge von Natio⸗ nalitaͤt auf, und dienen vermittelſt deſſen dazu, das geheiligte Kleinod des National⸗Charakters zu be⸗ wahren. In nicht minderm Grade moͤgen ſie zur Erhal⸗ tung jener Einfalt der Sitten beytragen, welcher die verbreitet, ſind folgende: Erſtlich, die Geſellſchaft vor⸗ züglicher Schweizeriſcher Künſtler, die ihre Ver⸗ ſammlungen alljährlich zu Zofingen, im Canton Aargau, abhält, und zu welcher auch ausgezeichnetern Nichtkunſtgenoſſen der Zu⸗ tritt keinesweges verwehrt iſt. Sodann die erſt ſeit wenigen Jah⸗ ren errichtete Geſellſchaft der Freunde der Natur⸗ wiſſenſchaften, welche Deutſche, Franzöſiſche und Italiä⸗ niſche Zungen unter ihren Mitgliedern zählt, und abwechſelnd in einer der anſehnlichern Schweizer⸗Städte zuſammenkommt. Ferner, die aus den Drümmern der vormahls berühmten, im Jahr 1760 von zwey verdienſtvollen Schweizern, dem Rathsherrn Doctor Hirzel, aus Zürich, und Staatsſchreiber Iſe⸗ lin, aus Baſel, in Schinznach geſtiftete, und ſpäterhin nach Olten verlegte Helveriſche Geſellſchaft, die durch die Revolution in Trümmer ging, und ſeither noch nicht wieder in ein kraftiges Leben hat können zurückgerufen werden: und end⸗ lich die äußerſt zahlreiche, ebenfalls an keinen beſondern Ort, je⸗ doch, ihrer örtlichen und perſönlichen Bedürfniſſe wegen, auf jeden Fall an eine der geräumigern und gaſtfreundlichern Städte der Schweiz gebundene allgemeine Schweizeriſche Mu⸗ ſikgeſellſchaft, die ſich, ihrer urſprünglichen Einrichtung nach, alljährlich verſammeln ſollte, feit einiger Zeit aber mehr als Eine langwierige Unterbrechung erlitten hat. A. d. Ueb. 263 Schweiz einen Theil ihres Glanzes zu verdanken hat. Denn jede der Staͤdte, in denen jene Vereine wech⸗ ſelsweiſe zuſammenkommen, oͤffnet den Kuͤnſtlern ſo⸗ wohl, als den Gelehrten ihre Thore, um ſie unter den Formen der alterthuͤmlichen Gaſtfreundſchaft in ihren Schooß aufzunehmen. Man bewillkommt ſich als Bruͤder, und die Tage ſolcher Zuſammenkünfte werden den feſtlichſten des Jahres beygezaͤhlt. Man⸗ cher unternimmt eine ſolche Reiſe zu Fuße, und kehrt mit Kenntniſſen bereichert und unter wohlthuenden Regungen des Gemuͤthes nach Hauſe zuruͤck. Einer begleitet den Andern in ſeine Heimath, und gegen⸗ ſeitig begeiſtert man ſich zu dem Verlangen, bey der naͤchſten Verſammlung das Wohlgefallen der Geſell⸗ ſchaft neuerdings zu verdienen. Beſſer als keine andere, wuͤrden ohne Zweifel geſellſchaftliche Einrichtungen ſolcher Art fuͤr den gan⸗ zen Zuſtand von Italien paſſen. Auch dieß Land kann, ſo wenig als die Schweiz, eine Hauptſtadt oder einen Hauptort haben: aber auch die Italiaͤ⸗ ner tragen, ſo wie die Schweiz, nur einen Nah⸗ men, ſprechen dieſelbe Sprache; und da ſie alle ge⸗ meinſam fuͤr den literariſchen Ruhm ihres Vaterlan⸗ des verantwortlich ſind, ſo ſollten ſie ſich auch alle zur Behauptung desſelben vereinen. Und in der That, warum ſollten jene ausge⸗ zeichneten Koͤpfe Italiens, an denen es dem Lande bis auf den heutigen Tag keineswegs fehlt, warum ſollten nicht auch ſie, nach dem Beyſpiele der Schweiz, zu literariſchen Republiken ſich zuſammenthun, und in periodiſchen Ausfluͤgen ſich der Reihe nach in jeder jener Staͤdte, deren Nahmen der Verlauf der Zeiten ſo ſehr verherrlicht hat, verſammeln, und dadurch ganz Italien in ein gemeinſames Vaterland der Wiſ⸗ ſenſchaften, der Gelehrten und Kuͤnſtler verwandeln koͤnnen? Solche allumfaſſende Vereine muͤßten einen uͤber alle Einſprache erhabenen Gerichtshof bilden, deſſen Beſchluͤſſe das Verdienſt mit Lorbern bekraͤn⸗ zen, der Mittelmaͤßigkeit aber keine Gnade erthei⸗ len wuͤrden. Inſtitutionen ſolcher Art weiſen der Demokratie, in demjenigen Reiche, in welches die Natur der Dinge ſelbſt ſie verſetzt hat, naͤhmlich in dem Reiche der Fantaſie, ihren Platz an. Sie ſind geeignet, den National⸗Charakter in ſeinem Glanze darzuſtellen, weil durch ſie ja das Schoͤnſte und Edelſte hervor an das Licht tritt; aber eben ſie ſind es auch, die den⸗ ſelben bey ſeiner Identitaͤt erhalten, indem ſie ſich eine Ehrenſache daraus machen, zu bewirken, daß er fortwaͤhrend derſelbe bleibe. ſſnſſſnſnſſiſſe 12 13 10 11