— Leihbiblivt eihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſtſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit A. Nr. 26. Veih- und Leſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 Kinterl gen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet e wird.. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. 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Indem ich gegenwärtiges Heft, deſſen Inhalt meiſt Erinnerungen und Sagen meines Geburtsortes Heubach im Odenwalde, und der dortigen Gegend belangt, die ich, ausbildend, in beſſeren Zuſammen⸗ hang brachte, dem Publikum und insbeſondere den edleren Herzen daraus übermache, welche Gefühl und ächte Humanität vermocht, mein verwaiſtes Streben, oder, was gleichviel gilt, eine faſt iſolirt ſtehende Familie durch großmüthige Theilnahme zu unterſtützen, kann ich nicht umhin, hier ſolchen Menſchenfreunden meinen aufrichtigſten Dank öffentlich auszu⸗ ſprechen. Sie und alle ihnen Gleichgeſinnte unſeres 1* Volkes, denen meine Erzählungen zu Geſichte kommen mögen, achte ich auch allein für competent, über mich* und mein Werk zu richten, da Gerechtigkeit und Duldung ihr Urtheil leiten und kein dünkelhaftes Vor⸗ urtheil, von Eigenliebe ausgeheckt, ihre Anſicht ver⸗ rücken und täuſchen wird, wie es bei einer gewiſſen Klaſſe der Fall gewöhnlich zu ſein pflegt, die es nimmer verzeihen kann, daß ein Menſch auf eigenen Fuß und Rath und außer der breit getretenen Straße zu gehen verſucht. Gegen den ſcheelſüchtigen Tadel ſolcher Antipathiſten tröſte mich Schillers Wort: „Kannſt du nicht allen gefallen durch deine That und dein Kunſtwerk: Mach' es Wenigen recht; Vielen gefallen, iſt ſchlimm.“— Darmſtadt, im Herbſt 1849. Johann Luft. Die Belagerung Breubergs um 1672 oder: Krieg und Liebe im Bunde. Hiſtoriſche Novelle. Die uralte Burg Breuberg, ſeit mehr als dreihundert Jahren in gemeinſchaftlichem Beſitze der Häuſer von Löwenſtein und von Erbach, liegt an der Nordſeite von Neuſtadt im Odenwald, wo der Berg, auf dem ſie ragt, dicht an der Stadt ziemlich ſteil aufſteigt und mit Weinreben begrenzt iſt. Gegen Nordweſten von der Burg hängt jener dagegen mit Waldgebirgen zuſammen, die er etwas überragt, beſonders in der Nähe, welche gleichfalls den Hals bildet, mittelſt deſſen der feſte Kopf aus rothem Sandſtein ſich denſelben anreiht. Ein herrlicher Anblick bietet ſich dem Auge dar, wenn es von der Höhe herab nach Mittag und Abend auf die von der Mömling durch⸗ ſchlängelte Wieſenfläche ſchaut, die ſich nach Höchſt, links beugend, zieht, und rechtshin in einer Thalbucht Sandbach, mit der auf felſigem Hügel prangenden Kirche und dem ſchönen Thurm oben, zurückläßt. Zwiſchen Sandbach und Neuſtadt, etwas mehr nach letzterem her, liegt ein großes, mit Mauern nmſchloſſenes, terraſſenartiges Gelände, der Thiergarten genannt, worin eine mit Epheu überrankte — 3— Siedelei und an deſſen nordöſtlicher Ecke außen ein Wohn⸗ haus ſteht. In dem Garten ſelbſt zeigen ſich auf den erhöhten Räumen verſchiedene Becken aus Sandſtein, gleich Rieſentaſſen, deren Mitten, auf kurzen Säulen ruhend, durchlöchert ſind, was ſie als künſtliche Springquellen be⸗ zeichnet, obgleich die Najaden längſt daraus ſchieden, oder wohl niemals ihren Sitz darin hatten. Daß die Römer im Beſitze des Breubergs und der Gegend waren, geht aus längſt daſelbſt aufgefundenen Alterthümern und Inſchriften von ihnen hervor, wonach jene ſchon um's Jahr 236, als Severus zur Regierung kam, dort Gebäude errichtet hatten.*) Im dreißigjährigen *) Bei einer Nachgrabung 1543, als die Rentſchreiberei daſelbſt aufgeführt wurde, traf man auf mehrere unterirdiſche Ge⸗ mächer(Gewölbe). Die Mauer des erſteren war ganz ver⸗ brannt; im zweiten fanden ſich 49 Säulen; im dritten ſtan⸗ den Pilaſter auf Backſteinen; im vierten war ein Altar und der Boden wie ein Herd geformt, durch welchen vier Kanäle gingen. Ein Stein, in deſſen Vertiefung eine Kugel lag, hatte die Inſchrift: FORTV NAESAC RVMI. CVRIIIV VRSINVS —9— Kriege wurde Breuberg mehrmals, zuerſt von Tilly 1632, und dann von den Schweden beſetzt. Später, um's Jahr 1672, als König Ludwig von Frankreich im Kriege gegen Holland auch Deutſchland mit ſeinen Heerſchaaren überzog, rückte Türenne davor und belagerte daſſelbe. Damals fiel die Geſchichte vor, deren Verlauf ich, der Sage im Munde des Volks gemäß, hier erzähle, jedoch nicht alle darin vorkommenden Umſtände als ſtreng hiſtoriſch begründet verbürge. Monate lang hatten die Franzoſen ſchon vor dem Berg, oder vielmehr hinter demſelben, gelegen, und die durch Natur und Kunſt, wie durch Tapferkeit ihrer, obwohl geringen Beſatzung gleich gut beſchirmte Burg von der Schwedenſchanze*) aus, von wo aus Guſtav Adolph eh' Tilly's Schaaren vertrieb, beſchoſſen, und noch zeigte ſich keine Geneigtheit zur Uebergabe. Was half's jenen, daß Türenne die kunſtvolle Waſſerleitung, welche von dem gegen Sandbach hin gelegenen Thiergarten aus die Außerdem wurde noch ein Stein mit vier Figuren, fünf gebrannte Platten mit eingedrückten Inſchriften gefunden, aus deren einer das Angedeutete zu erſehen war. D. Verf. *) Platz auf der Höhe zwiſchen Sandbach und Hainſtadt, am Umſtädter Walde, unter jenem Namen volkskundig. — 10— Belagerten mit friſchem Trank verſorgte, zerſtören ließ?! Sie blieben trotzig und unerſchüttert, wie zuvor. Es mußte, allem Vermuthen nach, noch irgend ein anderer Weg offen ſein, auf dem man ſich mit dem Unentbehrlichen verſehen konnte. Darum ward beſchloſſen, die Burg enger einzuſchließen, und genauer auf deren ganze Umgebung zu achten. Zu dem Ende kam eine ſtarke Beſatzung auf den von Hainſtadt aus nach Breuberg zu gelegenen Hof, jetzt der Wolferhof genannt, und außerdem ein Bivouak um die Kehle des Bergkopfes, wie ſolche Eingangs bezeichnet iſt. Neuſtadt dicht unten am Fuße, war gleichfalls beſetzt. Aber noch geraume Zeit dauerte die alte Hartnäckigkeit der Burginhaber fort, oder ſetzten dieſe vielmehr, ihrer Pflicht eingedenk, der hartnäckigen Belagerung die ſtand⸗ hafteſte Vertheidigung entgegen. Jetzt machten die Franzoſen jedoch eine Entdeckung, die ſie auf anderem Wege, obſchon nicht dem der Ehre, zum Ziele führte. In Hainſtadt, das damals noch mehr, als jetzt, dieſen Namen verdiente, indem es faſt ganz im Walde verſteckt lag, bemerkte ein Söldner von der fran⸗ zöſiſchen Beſatzung, daß oft am Abend ein junger Förſter bei ſeinem Quartiergeber, einem angeſehenen Bürger, der zugleich Wirthſchaft betrieb, ſich einfand und bis ſpät in — 11— die Nacht daſelbſt verweilte. Daß derſelbe nicht blos des Trankes halber herkomme, ſchien dem aufmerkſamen Beobachter daraus hervorzuleuchten, daß er den Hausherrn nicht ſelten auf die Seite rief und mit dieſem insgeheim Unterhandlung pflog. Auch gingen ſie gewöhnlich dann, wenn Alles ſich zur Ruhe begeben, mit einander fort, und dabei glaubte der Franzoſe zuweilen ein Geräuſch zu ver⸗ nehmen, als ob ſie ein Fuhrwerk mitführten. Die Sache däuchte ihm der Mühe werth, ſie ſeinem Vorgeſetzten zu berichten, der darauf in aller Stille den Plan entwarf, dem Ganzen näher auf die Spur zu rücken, um vielleicht, wie er hoffte, eine gute Priſe für ſich dabei zu gewinnen. Eines Abends, als Jener wieder eingetroffen, ging der Franzmann aus, als ob er einen Kameraden beſuchen wolle. Er ging jedoch grades Weges zum Offizier und meldete dieſem die abermalige Ankunft des Jägers. Bald waren durch deſſen Veranſtaltung alle Päſſe beſetzt, wobei den Poſten anbefohlen wurde, ſich ja ganz ruhig und ver⸗ borgen zu halten, bis erſt die Ausgegangenen oder einer derſelben wiederkehre. Wie gewöhnlich verzog der Förſter auch diesmal bis zur Mitternacht. Der im Hauſe logirende Soldat war frühe von ſeinem Beſuche zurückgekommen und hatte ſich niedergelegt. Schlag Elf öffnete der Hausherr die Thür — 12— und trat mit ſeinem Begleiter, dem Jäger, den gewohnten Weg an. Sie nahmen, wie der ſie Belauernde richtig bemerkt hatte, einen Schiebkarren mit, was auf eine nicht wohl tragbare Laſt deutete, die in Sicherheit geſchafft werden ſollte. Wie ſchlug den beuteluſtigen Auflauerern vor Begierde da das Herz! Ueber eine Stunde verging jedoch, ohne daß Jemand belaſtet zurückkam, um ſich durch Abnahme derſelben erleichtern laſſen zu wollen. Schon wollte der Offizier, der die äußerſten Poſten eben in eigner Perſon viſitirt hatte, ſeine Leute abkommandiren, als er in einiger Entfernung Licht ſah, das aber, einem Irrwiſche gleich, ſchnell wieder verſchwunden war. Ein Knarren, wie das eines Schloſſes, ließ ſich darauf vernehmen, und ſtill war alles wieder, wie zuvor. Er hatte ſich jedoch genau die Gegend gemerkt, wo das Licht aufblitzte und verſchwand und woher auch der Schall gekommen zu ſein ſchien. Sofort zog er ſchnell alle Poſten an ſich und ſchritt mit einem Häuflein von 15 Bajonetten nach jener Richtung hin. Sie kamen vor einem Hügel an, der mit dichtem Geſträuch verwachſen war. Die Unterſuchung in Nacht und Nebel ſchien hier keinen ſonderlichen Erfolg zu verſprechen. Indeſſen glaubte der Franzoſe, der gemachten Wahrnehmung nach, ſeiner Sache ſo gewiß zu ſein, daß er ſogleich drei der Soldaten an abgemeſſenen Stellen um — ,—— — 15— den Platz her poſtirte, indeß die Uebrigen eine Poſtenlinie nach dem Orte zu bilden mußten, in deſſen vorderſtem Hauſe jener Wirth, der Quartiergeber des Anſpinners dieſer Aufpaſſerei, wohnte. Wiederum verſtrich eine Stunde unter keinerlei Anzeichen in Hinſicht der Verſchwundenen. Da mit einem Male kam es dem mittelſten Poſten, zunächſt dem bezeichneten Platze, vor, als ſchöben ſich Riegel und knarre ein Schloß. Leiſe verſtändigte er ſich mit den nahen Gefährten, und indem ſich eine Thüre im Verdecke des Gebüſches aufthat und Jäger und Landmann mit der Blendlaterne daraus hervortraten, waren ſie auch von drei und im nächſten Augenblicke von mehr Soldaten umringt und angegriffen. Mit Muth packte des Jägers nervigte Fauſt einen Soldaten, der eben nach ſeinem Büchſenriemen griff, und ſchleuderte ihn zu Boden. Aber jener hatte den Riemen haſtig erfaßt, und ſo riß ſeine Wucht im Nieder⸗ ſturz auch den Gegner mit darnieder. Grimmig ſchlug dieſer ihm die Laterne mit noch flammendem Dochte in das Antlitz, daß das Licht verloſch und der Soldat ihn losließ. Eilig ſprang er dann auf und wollte die Büchſe zum Schuß ergreifen. Da fuhren drei Hände zugleich auf ihn zu, und eine derſelben erwiſchte die Büchſe, die andere ſein Waidmeſſer, die dritte ihn ſelbſt, Ein raſcher Schnitt mit dem Meſſer löſte den um Rücken und Schultern — 14= liegenden Riemen des Jagdgewehres nahe am unteren Ringbügel, und ſo riſſen jene die Waffe an ſich. Aber auch entwaffnet machte der Jäger den Soldaten nicht wenig Arbeit, bis ſie ihn in Feſſeln brachten; und wäre nicht der Offizier zugegen geweſen, der Schuß und Hieb und Stich auf den Entwaffneten unterſagte, ſo hätte ſein raſender Widerſtand dem Kühnen ſicher den Tod gebracht. Mit leichterer Mühe hatte man unterdeſſen auch den Landmann, der gleich Anfangs zu entſpringen verſucht, in Feſſeln gelegt; und ſo zog die Truppe, nachdem drei Bewaffnete zu Bewahrung der entdeckten Gebirgsöffnung beordert wor⸗ den waren, mit den Gefangenen dem Orte zu. Während ſolches vor und bei Hainſtadt vorging, war man in der Kommandantenküche zu Breuberg mit Vorbe⸗ reitung von Wildbraten eifrig beſchäftigt, und es entſpann ſich zwiſchen den dabei rührigen Mädchen folgendes Ge⸗ ſpräch: Grethel. Höre, Gundel! Dein Jochem verdient ſich durch die Verſorgung der Burgmannſchaft mit immer friſchem Wildpret gewiß auch eine beſſere Verſorgung bei unſerer gnädigen Herrſchaft, als der Forſtwärterdienſt in Heubach iſt. Gundel. Ja Grethel! wenn der Lohn gerade aus der erſten Hand in die des Verdienſtes überging, und ——’— — 15— nicht, wie zwiſchen dem Daumen und Kleinfinger noch drei andere, auch hier ſogar viele Hände zwiſcheninne lägen. Doch daran denkt Jochem nicht einmal, wie er die Gefahren und Nachtwachen bei ſeinen Lieferungen für Nichts achtet, weil er ja auch zugleich ſo für mein Leben ſorgt. O daß er auch diesmal wieder glücklich durchkom⸗ men möchte! Mir graut, wenn ich daran denke, wie die Feinde ringsher Alles beſetzt halten und immer näher und näher anrücken. Grethel. Ei laß! Haben ſie das verfluchte Schießen doch eingeſtellt. Mit ihren Augen können ſie Mauern und Thürme nicht umgucken, wenn ſie auch noch ſo nahe da⸗ vor ſtänden. Oder meinſt du etwa, ſie möchten Umgänge um die Burg anſtellen, und die Ringmauern umblaſen, wie die Juden die Mauern von Jericho?! Das bringen ſie ſchwerlich fertig, da der Berg zu kegelig iſt und ſie nicht feſten Fuß faſſen läßt. Gundel. Wie du ſchwatzeſt, Grethel! Wär' ich nur draußen und mit meinem Jochem einmal am Wambol⸗ tiſchen Jagdſchlößchen. Ich wollte nicht nach dem Berge zurückſehen, wie Lot's Weib nach ihrem in Qualm ſtehen⸗ den Hauſe, ſondern, mich ſputend, den Schuhſtein*) *) Stein mit eingedrücktem Fußtritt, an der Heubacher Grenze. Siehe die Erzählung: Der Liebe Sehwur. — 16— vorbei nach Heubach wandern, wo ich beſſer aufgehoben wäre, denn hier. Grethel. Das glaub ich nun eben nicht; denn in 1 Heubach mögen am Ende doch auch von den ſüdlichen Strichvögeln ſein, die ihren Unterhalt nirgends lieber ſuchen, als an fremden Tiſchen. Da kämſt du ſchmuckes Dirnlein gar aus dem Regen in die Traufe. Sie laſſen dergleichen ſelten ungeheut. Ich möchte mich blos darum nicht zu meinem Vater nach Hainſtadt wünſchen, obgleich ich durch den Wölbengang, der dem Späherauge der Kaiſerlichen ſowohl, als dem der Schweden vor vierzig Jahren noch entging, indeß der andere nach Neuſtadt hinab zerſtört wurde, leichtlich dahin gelangen könnte. Be⸗ nutzt ihn ja mein Vater und dein Liebhaber ſelbſt bei ihren nächtlichen Zufuhren. Gundel. Du könnteſt durch den dunkeln unterirdiſchen Gang den mehr als viertelſtündigen Weg nach Hainſtadt gen und Molche ſähſt, wovon es darin wimmeln mag, ſo b wärſt du verloren; denn du ſchrieeſt ſo laut auf, daß 1 ſelbſt die Feinde ringsum ans dem Schlafe führen und mit . 5 b machen?! Freilich doch! Wenn du die Kröten und Schlan⸗ Wehr und Waffen heran eilten. Grethel. O, da irrſt du dich in mir. Wenn ich allenfalls allein wandeln müßte, dann vielleicht... Doch — 17— ſo, meinen Vater und einen hübſchen rüſtigen Jäger, mit Ober⸗ und Untergewehr, an der Seite, ging ich beherzt auch durch die Höhle des alten Drachen. Gundel. Dir gefällt alſo der Jochem gleichfalls wie ich merke. Nun, das iſt mir lieb; wenn du dabei nur nicht auf den Gedanken geräthſt, mir ihn abſpannen zu wollen. Doch da kenne ich dich und ihn zu genau;— Horch! hat nicht eben der Thurmwart geblaſen? Gib acht! der Sturm bricht endlich los! Wirklich! er ſtößt abermal in's Horn. Jeſus! Maria! was wird das geben! Auf allzugroße Windſtille folgt gern Sturm. Der plötzlich in der Burg entſtandene allgemeine Tumult hatte alſo das Zwiegeſpräch unter⸗ und zugleich abgebrochen, indem die Mädchen aus der Küche rannten, um wo möglich die Urſache des Lärmſignals ſelbſt zu er⸗ forſchen und zu ſchauen. Alles eilte zu den Geſchützen, oder mit Waffen in der Hand auf die Wälle. Grethel und Gundel ſtiegen die Thurmtreppe hinan, von wo herab ihnen im aufgehenden Morgenſtrahle die ganze Gegend vor Augen lag. Gegen Hainſtadt hin erblickten ſie eine feind⸗ liche Truppe, die mit abgemeſſenen Schritten ſich heran bewegte, und wie man deutlich genug bemerkte, zwei ver⸗ ſchieden gekleidete Gefangene in ihre Mitte ſchloß. Bei ihrer allmähligen Annäherung gegen den Hof, wo ſich ein 2 — 18— Theil der Beſatzung deſſelben ihr anſchloß, ſtieß auf einmal die ſtarr hinſehende Gundel einen lauten Schrei aus und mit den Worten:„Mein Jochem!“ ſank ſie, wie leblos, nieder. Faſt im gleichen Augenblick ſchrie ihre Begleiterin, die braungelockte Grethel:„Herr Jeſus! Mein Vater!“ und bewußtlos und bleich lag auch ſie an der Seite der an ihr dahin Geſunkenen. Zu allem Glück hatte die Scheu vor der ſchwindelnden Höhe beide Mädchen vom weiten Hinausbeugen über die Bruſtwehr zurückgehalten; ſonſt hätte der Fall gar leicht tödtlich für ſie werden können, indem ſie der Sturz über die hohen Zinnen hinunter zu reißen vermochte. Der Thurmwart ließ die 8 Ohnmächtigen ſchleunigſt an ſicheren Ort ſchaffen, wo ſie unter der Hand des Arztes bald wieder Leben fühlten. In feſter Haltung hatte die Schaar unterdeſſen das Joch des Berges paſſirt, wo ſie unter dem Geſchütze der Burg war, und verfolgte den Weg nach Neuſtadt, dem nunmehrigen Hauptquartier des Stabs, dem ſie die Gefan⸗ genen zuführte. Im Vorüberziehen ganz oben wollte ein Arkebuſier zwar den Doppelhaken anlegen, um ihnen eine Kugel zuzuſchicken. Allein im nämlichen Augenblicke fiel die Scene auf dem Thurme vor, die Alle bis in's Innerſte ergriff, und ſo die Aufmerkſamkeit großen Theils von den — 19— ziemlich gelaſſen und friedſam ihres Weges Ziahenden ab⸗ und auf die leidenden Mädchen lenkte. Die Eskorte war in Neuſtadt nicht ſobald angelangt, als ſie mit den Gefeſſelten, dem Landmann und Förſter, zum Generale gewieſen wurde, der im Hauſe des jetzigen Forſtmeiſters Oſtner, zunächſt der Kirche, Quartier genom⸗ men hatte. Türenne nahm dem Unteroffizier ſeine Depeſchen ab, und las ſie flüchtig durch, wobei Freude ſein Antlitz überflog. Darauf diktirte er einem anweſenden Federhelden in Eile die geeigneten Befehle für den Offizier in Hainſtadt, womit Jener ſofort ſammt ſeinen Begleitern davonzog, indeſſen die Gefangenen durch andere Mannſchaft auf das Rathhaus gebracht und hier zwar ihrer Feſſeln entledigt, aber dabei noch ſcharf bewacht wurden. Es mochte ungefähr eine Stunde oder darüber nach Abzug der Eskorte von Neuſtadt verſtrichen ſein, mittler⸗ weile zu Breuberg ziemlich die vorige Ruhe wieder einge⸗ treten war, als man mit einem Male durch mehrere kurz auf einander und, wie ſich dem Gehör nach ſchließen ließ, in verſchiedener Entfernung erfolgte erderſchütternde Explo⸗ ſionen in neuen Schrecken verſetzt wurde. Der Thurmwart blies auf's neue und heftiger, als vorhin, und Alles lief in der größten Haſt den Mauerzinnen zu. Welch' ein Anblick! Der ganze Raum zwiſchen Hainſtadt und dem 2* — 20— Wolferhof war in Pulverdampf gehüllt, der ſich, da kein Wind wehte, ganz langſam verzog, oder aufwärts ſtieg, worauf man hier und da ſchrecklich klaffende ſchwarze Oeffnungen im Boden wahrnahm. Wehe, da war alſo der Weg, auf dem die Bergbeſatzung noch allein mit dem Nöthigſten bisher verſorgt worden war, entdeckt und zum Theil zerſtört! Und konnte nicht durch Verfolgung dieſes Weges, die blos, durch den Hof unterbrochen, hier einige Hemmniſſe fand, übrigens aber auch von da her den Feinden gar leicht offen lag, das Verderben ſogar in die Feſtung dringen?⸗! Da mußte demnach ſchnell Rath geſchafft werden, oder es war Alles zu fürchten und die ſo lange behauptete Burg verloren. Solchen Betrachtungen zu ſchleuniger Folge ſchaffte man von der Burg aus ein großes Faß voll Pulver in den noch unverſehrten nahen Lauf des Geheimwegs, verſah daſſelbe mit einem langen, in den Schloßkeller reichenden Röhre, nachdem zuvor der weitere Gang nach dem Hofe zu mit großen Steinblöcken verſtopft und für den Augen⸗ blick unzugänglich gemacht worden war, und ſuchte dann die nach innen führende Thür, wie ſtark ſie auch von Eiſen und in Schloß und Riegel ſchon war, durch davor ge⸗ wälzte Felsmaſſen noch zu verrammeln. So war einer — 21— Ueberrumpelung von dieſer Seite vorgebeugt, uud ſelbſt eine Mine gegen die Angreifenden angelegt. Die beiden Gefangenen ſaßen unterdeſſen auf dem Rathhauſe in Neuſtadt, und obwohl es bei ihnen im Ge⸗ wiſſen richtig ſtand, waren ſie dennoch nicht wenig beun⸗ ruhigt wegen der ſchlimmen Wendung, die ihr Schickſal und das der Belagerten bereits genommen hatte und nehmen konnte, ja, allen vorliegenden Umſtänden nach, in Kürze nehmen mußte. Der feindliche General ließ ihnen jedoch nicht lange Zeit, ihren trüben Betrachtungen grübelnd nach⸗ zuhängen; denn mit der erſten Nachmittagsſtunde hieß er ſie zum Verhör in ſein Quartier bringen, wo der Stabs⸗ auditeur und mehrere andere Offiziere im Kriegsrathe verſammelt waren. Ihre Ausſagen wurden hier alsbald durch einen der deutſchen Sprache kundigen Sekretär nieder⸗ geſchrieben. Die erſten Fragen des Auditeurs, der, wie der General ſelbſt, auch deutſch verſtand, waren an den Forſtmann gerichtet, und betrafen Namen, Alter, Konfeſſion und Wohnort deſſelben. Die in abgemeſſenen Zeiträumen darauf fallenden Antworten gaben den Aufſchluß: Er heiße Joachim Böswald, ſei zwanzig Jahre alt, katholiſcher Konfeſſion, und wohne als Unterförſter in — 22— dem, eine Stunde von da, gegen Umſtadt hin gelegenen Dorfe Heubach. Auf die weitere Frage: was er mit dem Bauersmann nächtlicher Weile in dem unterirdiſchen Gange mit dem Fuhrwerk gethan habe? gab Jener zurück: Sie hätten ein geſchoſſenes Wildſchwein nach dem Hofe am Breuberg geſchafft, das der Pachter Wolf daſelbſt für ſeine Gäſte verlangt. Auf die Einrede: warum er denn ſolches nicht am Tage und auf dem gewöhnlichen offenen Wege gethan? erklärte er: Da ſeie zu fürchten geweſen, daß das Wild⸗ pret vor Anlangung am Beſtimmungsort von den umher kampirenden Soldaten nach Kriegsbrauch weggenommen werden möchte. Jetzt wurden verſchiedene Fragen geſtellt, die darauf hinausliefen: ob nicht der gedachte Gang ſich weiter, als nach dem Hofe, und am Ende gar bis hinauf zur Burg erſtreckte? und ob er nicht alſo zur Verproviantirung der daſigen Beſatzung benutzt worden ſeie? Alle wurden, unter Angabe gänzlicher Unkenntniß weiterer Zu⸗ und Umſtände als die bereits beſprochenen, verneinend beantwortet, indem der Befragte ſeinen ziemlich entlegenen Wohnſitz dabei vorſchützte. Hierauf wandte ſich der Auditeur an den Landmann mit gleichen Fragen, wie die erwähnten an den Förſter, — 23— deren erſtere hier das Reſultat ergaben: Er heiße Han⸗ dieter Old, ſei 45 Jahre alt, lutheriſcher Konfeſſion, und wohne in dem, eine halbe Stunde abſeits gelegenen Orte Hainſtadt. Während der weiteren Ausforſchung deſſelben, wobei nichts Weiteres, als das von ſeinem Mitgefangenen Aus⸗ geſagte, zum Vorſchein kam, hatte der General den jungen Waidmann, der ihm durch ſeine Unerſchrockenheit und freimüthige Antworten zu gefallen ſchien, auf die Seite gewinkt und war mit ihm in ein Nebenzimmer gegangen, wo ſich zwiſchen Beiden folgende Unterredung entſpann. Türenne: Ihr ſeid noch ſo jung, und habt ſchon eine Anſtellung, die Euch wahrſcheinlich hinlänglich nährt? Joachim: Ja, ſo lange ich als lediger Burſche durch die Wälder pirſche, und mein alter Vater noch bei des Herrn von Sartorius Jagden, die an die Wächters⸗ bach*) des Freiherrn von Wambolt ſtreifen, durch ſein ſicheres Auge Dienſte leiſten kann. Türenne: Wer iſt der Herr von Sartorius? Joachim: Churpfälziſcher Rath und ein reicher Gutsherr in Heubach, deſſen Beune an der Nordweſtſeite *) Gebiet eines Dorfes, das 1504 in der bayeriſchen Fehde zer⸗ ſtört wurde. — 24— des Dorfes liegt, und auf die ſein bis hinauf zur Um⸗ ſtädter und Wächtersbacher Mark ziehender Wald ſtößt. Türenne: Was bringt Eurem Vater die Jagdaus⸗ hülfe bei demſelben ein? 3 Joachim: Faſt ſo viel an Schußgeld ꝛc., als mir meine Unterförſterſtelle, die ſich kaum auf hunderi Gulden rheiniſch beläuft. Türenne: Wahrlich! eine ſehr ſohmale Gage! Wenn Ihr ein reiches Mädchen heimführen könntet, ſo ging's beſſer. Habt Ihr nicht eine Geliebte? Joachim: Die habe ich wohl; aber die Morgengabe beſteht bei ihr faſt einzig im Geſchenke der Grazien. Türenne: Wo iſt ſie denn, dieſe Geliebte? Joachim(verlegen und ſtotternd): Zu— zu— Breuberg. Türenne(ihn ſcharf anſehend): So! Habt Ihr vielleicht auch noch ſonſtige Verbündungen dort? Wohnen ihre Eltern etwa da? Joachim(wieder gefaßter): Nein! Sie iſt im Dienſte des Kommandanten. Türenne: Iſt Euch dieſer gewogen? Joachim: Das ich eben nicht wüßte. Türenne: Hört, mir fällt da etwas ein, das Euch 25— zu Eurem Mäͤdchen und einer tüchtigen Ausſteuer verhülfe, wenn ihr anders darauf eingehen wollt.. Joachim: Ja doch! wenn es kein Schelmenſtück iſt! Türenne: Das iſt es keineswegs; von Euch zumal gar nicht, da ihr die Geliebte dadurch von einem unver⸗ meidlichen Schickſale retten und außerdem noch manches Leben erhalten könnt, das über kurz oder lang dem Tode verfiele. Joachim(geſpannt): Wie wäre das möglich? Türenne: Sehr leicht! Wenn Ihr Eure Geliebte dahin vermögen könnt, daß ſie in einer beſtimmten Stunde der kommenden Nacht das Thor von Breuberg öffnet, um aus der bedrängten, nun doch nicht mehr haltbaren Burg zu entweichen und mit Euch nach Eurer Heimath zu gehen. Euch Beiden, nämlich Euch und Eurer Geliebten, ſage ich in dieſem Falle ungefährdeten Abzug zu, und Ihr empfangt noch aus meiner Hand hundert Louisd'ors zur Brautſteuer. Seid Ihr's ſo zufrieden? Joachim(nach einigem Beſinnen): Eure Excellenz verzeihen, wenn ich dieſen Vorſchlag nicht mit Ehre und Gewiſſen vereinbar finde. So würde, meiner Anſicht nach, die Liebe auf Dornen gebettet, wo ſich's nimmer weich und ruhig ſchläft. Türenne(eine ernſtere Miene annehmend): Dann — 26— mögt Ihr wohl bedenken, daß Ihr, als des Einverſtänd⸗ niſſes mit den Belagerten, ja, thätigen Vorſchubs derſelben durch Zuführung von Nahrungsmitteln verdächtig, in meiner Gewalt ſeid und es bei mir ſteht, Euch ſelbſt und Eure Liebe noch rauher zu betten; da die Burg ſich ſchwerlich mehr lange halten wird, und der erbitterte Krieger alsdann Eurer Liebſten ſelbſt nicht ſchonen dürfte. Joachim(trotzmuthig): Mags gehen, wie es kann und will! Eh' ich zum Schurken werde, möchte ich lieber mein Leben und mehr noch, meine Liebe ſogar verlieren. Als der General ſo die Entſchloſſenheit des Jägers bemerkte, ließ er von dem Antrag ab, in Hoffnung, ihn vielleicht in anderer Stunde zahmer zu finden, wenn er erſt den Verluſt der Freiheit länger und herber geſchmeckt habe. Jetzt traten ſie wieder in's Audienzzimmer, wo dem Landmann fortwährend mit mancherlei verfänglichen Fragen zugeſetzt wurde, und derſelbe eben darüber Auskunft geben ſollte: wie er mit dem etwas entfernt wohnenden Jäger in Verbindung gekommen ſei? Seine Erklärung hierauf: daß dieſer, ein geübter Schütze, der niemals des Zieles fehle, ihm ſchon lange vor ihrem Erſcheinen manches Wild für ſeine Küche und zu anderweitiger Verſendung gegen Baares überliefert habe; entlockte dem Generale ein ſchalkhaftes Lächeln, denn — 27— er gedachte ſogleich der Pirſche des Burſchen durch die wildreichen Wälder, wozu ſein ſpärlicher Gehalt ihn an⸗ ſpornen mußte. Türenne befahl nun, das Verhör vor der Hand auf⸗ zuheben und die Gefangenen zu trennen. Sie wurden demnächſt wieder in's Rathhaus zurückgeführt und daſelbſt in abgeſchiedenen Zimmern dem quälenden Nachdenken über ihre Lage hingegeben. Dem Bauersmann nagte die Sorge um ſein Haus⸗ weſen, das durch den kritiſchen Zufall ſeiner Aufſicht entbehrte, der es zur Zeit ganz beſonders bedurfte, mehr als ſein eigenes Schickſal am Herzen, und er wollte es faſt bereuen, ſich unaufgerufen in die Kriegsangelegenheiten gemiſcht zu haben. Doch da fiel ihm ſeine edelmüthige, Herrſchaft ein, und er tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß ſie wohl noch größere Opfer verdiene. Anders war es dagegen mit dem Förſter, der gleichſam durch zeitweiſe Hintanſetzung des ihm anvertrauten Poſtens, wenn auch zur Mitwirkung für einen nicht unedeln Zweck, in Gefangenſchaft gerathen war. Er mußte es ſich geſtehen, daß ſeine nächtlichen Ausflüge ziemlich außerhalb des Berufskreiſes eines Heubacher Forſtaufſehers lagen, und ihm wohl eher geziemt hätte, ſeines Waldes zu warten und den alten Vater zu unterſtützen, als ſich um die Verpfle⸗ 28— gung der Breuberger Beſatzung zu kümmern. Plötzlich trat ſeine Gundel ihm vor die Seele, und ein Seufzer hob die Bruſt, worin mit jener die Bilder einer ſeligen Vergan⸗ genheit erwachten, aber im nämlichen Augenblick auch das Geſpenſt naher grauenvoller Zukunft aufſtieg. Wie wird ſie erſchrecken bei der Kunde von meiner gegenwärtigen Bedrängniß, dachte er. Doch wer ſollte ihr dieſelbe um⸗ ſtändlich hinterbringen?! So mag ihr Kummer noch er⸗ träglicher ſein, da ſie wohl ſchwerlich ahnen kann, welche Zumuthung mir gemacht ward, und welchen Preis man auf unſere ſchönſten Hoffnungen ſetzt. O die Arme! Könnte ich nur helfen. Die Belagerten ſind jetzt aller⸗ dings in der bedenklichſten Lage, da ihnen jegliche Zufuhr abgeſchnitten iſt und bald der hohläugige Mangel am Mark ihres Lebens zehren wird. Aber daß ich, der noch kürzlich ihr Vertrauen beſaß, nun ſelbſt ihnen den wohl⸗ verdienten Lorbeer rauben ſollte, um meiner Liebe einen unzeitigen Feſtkranz daraus zu winden, zu ſolchem Buben⸗ ſtück fehlt es mir an— Verworfenheit. Doch Gundell Wenn ich ſie nur ſicher wüßte, an der meine Seele hängt. (Nach einer Pauſe.) Der feindliche General ſcheint doch noch Schwierigkeiten zu vermuthen vor Eroberung der Burg, obgleich er ihren Fall ſo nah und ſicher vorgibt. Hätte er wohl ſonſt für einen Judasſtreich ſo viel geboten?! 29— Das ließe ſich vielleicht benutzen, den Eingeſchloſſenen, ohne Beeinträchtigung ihrer Ehre, durch Ueberlieferung, ein angenehmeres Loos zu bereiten, als ihnen die Verthei⸗ digung bis auf's Aeußerſte bringen würde, da ſchleuniger Entſatz doch kaum zu hoffen iſt. Wie wär's, wenn ich wirklich, meine Gundel zu retten, ſie auf die vorgeſchlagene Art aus der Burg zu ſchaffen ſuchte, in der forthin ja doch der Schmalhans Küchenmeiſter ſeine und ihre Kunſt über⸗ flüſſig machen wird, die ſich nur durch meine Büchſe noch ſo lange bewähren konnte?! Für die Burgleute wären aber zuvor Bedingungen auszuwirken, wie ſie ihr bisheriges Benehmen in den Augen ihrer Herrſchaft verdiente, ohne jedoch in denſelben Augen einen böſen Schein auf ſie zu werfen. Letzteres gebe ſich leicht, wenn ich den böſen Schein auf mich nehme, der nach meinem Dazwiſchentreten ſicher allein auch auf mich fallen wird. Weiß ich jenen doch vor der Hand keinen anderen beſſeren Dienſt zu er⸗ weiſen, durch den nun zugleich der mißliche Stand meiner ausſichtsloſen Liebe ſich beſſer geſtalten dürfte. Allein das Gold, würde nicht eben dies meine That in allen Augen zum ſchwarzen Verbrechen ſtempeln? Solche Brautgabe taugt nimmer zu redlicher Erwerbung einer Frau, und wird der Rettung Gundels, die ich gern einzig auf Rech⸗ nung meiner Liebe ſetzte, mehr das Anſehen ſchmutziger 30 Geldgier geben. Hinweg alſo damit! Wir werden uns nähren können und zufriedener leben, als mit dem gleißen⸗ den Vorwurf im Hauſe. Nun ſchnell ans Werk, bevor weitere Entdeckungen von Seiten der Belagerer den Fall der Feſtung auf andere Weiſe herzuführen, und die Wuth eines Sturmes mein Paradies verwüſtet! Nach ſolchem Selbſtgeſpräch ſuchte Joachim der Wache ſein Verlangen, wieder vor den General geführt zu wer⸗ den, mitzutheilen, was ihm auch bald gelang. Der General lächelte bei ſeinem Eintritt und ſagte: Nun! habt ihr meinen Antrag erwogen und annehmbar gefunden? Mit gewohnter Freimüthigkeit erwiderte der Einge⸗ tretene: Ja, Eure Excellenz! Aber nur unter gewiſſen Bedingniſſen in Hinſicht auf das Loos der Burgbeſatzung, die ich nicht ſo geradehin umgehen kann. Türenne: Was wünſcht Ihr denn für dieſe? Joachim: Beſtmöglichſte Schonung und ehrenhafte Behandlung, welcher ſie ihrer Bravheit halber würdig iſt. Türenne: Wer die Wafeen ſtreckt und nicht hart⸗ näckig Widerſtand leiſtet, was ſollten wir den mißhandeln oder gar erwürgen!? Kurze Gefangenſchaft derſelben genügt und wird auch den Nahrungsentblößten nicht weher — 31— thun, als ihr gegenwärtiger Zuſtand, geſchweige denn die Fortſetzung ihrer Hartnäckigkeit. Joachim: Nächſt Jenem möchte ich beſonders um Freilaſſung meines Mitgefangenen bitten, deſſen Hausweſen gewiß bei ſeiner Abweſenheit leidet, der Sorge der Seinigen um ihn und ſeines eigenen Kummers nicht zu gedenken. Türenne: Das kann aber alsdann erſt geſchehen, wenn die Burg in unſern Händen iſt; denn ſonſt würde wohl ſchwerlich ein günſtiger Erfolg zu hoffen ſein. Joachim(achſelzuckend): Das freilich. Aber meine Freiheit iſt mir zum erfolgreichen Handeln jetzt nothwendig; und vor Allem Schreibzeug, um die Sache ſchriftlich einzu⸗ leiten, da mündliche Verſtändigung mit meinem Mädchen doch eben nicht angeht. Letzteres fand ſogleich Gewährung; aber ſtatt des Erſteren mußte ſich Joachim gefallen laſſen, noch fort unter Beobachtung zweier Soldaten mit ſcharf geladenen Gewehren zu agiren. In der nächſten Stunde darauf klomm ein junger Mann, dem zwei Soldaten immer in ſchußweiter Entfer⸗ nung folgten, von Roſenbach aus, das an der Oſtſeite Neuſtadts liegt, oft durch dichtes Haſelgeſträuch und Pfaffenkäppchengehölze ſchlüpfend, den Breuberg empor. Er war, wie der Leſer leicht errathen wird, der Jäger, — 32— der, ein in Eile geſchriebenes Briefchen in der Taſche nach ſchicklicher Gelegenheit ſpähte, es als eigener Poſtillon ſeiner Gundel zu übermachen. Lange ſchlich er hinter der Burg herum, ohne Jemand zu bemerken, da er die ſchärfer bewachten Partien derſelben klüglich vermied, um kein Aufſehen zu erregen. Endlich erſchien die Erſehnte mit verweinten Augen an einer mit Eiſenſtäben vergitterten Oeffnung und ſah betrübt und gedankenvoll hinaus. Sie erſchrack, als ſie auf einmal ihren Namen leiſe nennen hörte; aber die Röthe der Freude überflog ihre Wangen bei'm unvermutheten Erblicken des Liebſten in der Nähe. Ihr Schweigen zuwinkend, ſteckte dieſer behend ein auf⸗ gehobenes Steinchen in die Falten des Briefchens, und warf ihr daſſelbe ſo nach oben zu. Sie haſchte darnach, ergriff und erbrach es ſchnell, um den Inhalt zu erfahren, der in folgenden Worten beſtand: „Liebſte Gundel! Wir ſind nah' dem Ziele unſerer Wünſche. Komm nur um Eins nächſte Nachmitternacht mit dem Schlüſſel zum äußerſten Thore der Burg. Dort harret dan im Vorſatz, Dich heimzuführen, Dein getreuer Joachim Böswald. N. S. Aber ja fein behutſam und ſtille.“ 33— Nachdem ſie die Zeilen geleſen, nickte ſie dem Schreiber und gleichzeitigen Boten derſelben feierlich ein freudiges Ja zu, und Beide verſchwanden nach verſchiedenen Seiten hin; Gundel zu ihren Geſchäften eilend, denen ſie nun mit neuem Muthe oblag, ſo daß der Kommandant ſie wieder ſcherzweiſe die geſchäftige Martha, die Amalthea ſeiner Tafel nannte; Joachim dagegen zum Generale gehend, ihm das bereits Geſchehene zu melden, um ſich dadurch deſto eher wieder des Beſitzes ſeiner zuverläſſigen Freundin, der ihm von den Knabenjahren her vertrauten Büchſe, zu freuen. Jener eröffnete ihm: daß er nur ſogleich nach Befreiung der Liebſten mit dieſer nach dem Thiergarten kommen möge, um die hundert goldenen Lud⸗ wige, worauf er ihm hier eine auf ſie Beide ausgeſtellte Anweiſung übergäbe, vom Kriegszahlmeiſter daſelbſt in Empfang zu nehmen. Joachim lagen jedoch ſeine trauten Waffen näher am Herzen, und er bat, nach deren Ein⸗ händigung, nur nochmals dringend um ſchonende Behandlung der Burgmannſchaft und baldige Befreiung ſeines Mit⸗ gefangenen. Türenne, ſolches heilig und theuer zuſagend, verſicherte ihn wiederholt ſeiner herzlichen Gewogenheit, und darauf entfernte ſich der Jüngling bei herabſinkender Nacht in Begleitung von ſechs Soldaten, auf ſchmalem Fußſteige zwiſchen den Weinbergen emporkletternd, in deren 3 — 34— einem, auf den breiteren gewundenen Gang nach dem Schloſſe ſtoßend, ſie die zu dem Vorhaben beraumte Zeit abwarteten. Hier hatte nun der Harrende gehörige Muße, über den ſeltſamen Geſchickswechſel und das ihm gleichſam abgedrungene Beginnen ſtille Betrachtungen anzuſtellen. Er konnte ſich des innern Vorwurfs nicht entſchlagen, daß er eben, wie Coriolan, wiewohl aus minder freiwilliger Entſchließung, gegen das eigene Vaterland aufträte. Den Römer hatten erſt ſeine Mitbürger beleidiget und zur Rache gegen ſie gereizt; dann führte er aus freien Stücken die Volsker vor ſeine Vaterſtadt, worin alles ihm Theure, ſein Weib, ſeine Kinder und Mutter noch lebten. Unſeren Forſtmann hatte Niemand in der Burg beleidiget, er war im Gegentheil dort allgemein geachtet worden; und ſollte nun, von feindlicher Gewalt umſtrickt, dieſe Burg in die Hände fremder Willkür ſpielen. Sein Inneres ſträubte ſich dagegen. Allein unwillkürlich tauchte das Bild ſeiner Gundel aus dem tiefſten Herzen auf, als er die wilden Kdrrieger anſah, die, an eine Mauer gelehnt, da vor ihm ſtanden; und er ſah jene flehend ringen gegen die bar⸗ bariſche Luſt gieriger Ehrenräuber, wovor er ſie ſchützen und bewahren mußte und als mithandelnd beim Uebergang der Burg allein bewahren zu können hoffen durfte. Alles „ — 25— Andere entſchwand hier in den Hintergrund und muthige Liebe lebte forthin als Willenslenkerin allmächtig in ſeinem Innern, ſo daß er ſich ſtark fühlte, für ſie gegen eine Welt in die Schranken zu treten. Solcher Weiſe ſtand Krieg und Liebe, vom Schickſal in Bund gerufen, zuletzt gegen das lange muthvoll behauptete Schloß Breuberg auf. Was Wunder da, daß es endlich erlag. Während aber noch hoffnungsvolle Liebe mit entſchie⸗ dener Macht gegen den Zwang äußerer Verhältniſſe ankämpfte, waren die Burgbewohner, mit Ausnahme der Thorwache, des Thurmwarts und Gundels, die ſich der nöthigen Schlüſſel zu bemeiſtern gewußt hatte, vom über⸗ mächtigen Schlafe bewältigt, und ahnten nicht, welche Hand ſie demnächſt aufrütteln würde. Um dieſelbe Zeit war leiſe und loſe, wie Nebel, das Bivouak von dem Bergesjoch, ſowie die Beſatzung vom Wolferhof, näher an's Schloß hinauf, die Beſatzung von Hainſtadt aber aus⸗ und an deren Stelle gerückt. Letztere ſtand zum Theil in dem erhöhteren Raume vom Hof nach der Burg hin, darunter jener Soldat, welcher durch die Entdeckung der nächtlichen Wildfuhren Veranlaſſung zur Gefangen⸗ nehmung ſeines Hauswirths und des Jägers, ſammt allem darauf Erfolgten gegeben hatte, und der zu einſtweiliger 3* — — 36— Belohnung für ſeine Verdienſte ſogleich zum Unteroffizier ernannt worden war. Die wache Gundel hatte ſich nach Zwölf, als die Poſtenablöſung vorüber war, gleichfalls mit leiſen Tritten aufgemacht und war vor das innere Thor hinaus gegangen zur Schildwache, die dort hin und her ſpazierte. Erſtaunt, das Mädchen um ſolche Stunde hier zu ſehen, rief jene ihr zu: Ey! Jungfer Köchin, was treibt Euch denn eben jetzt heraus? Gelt! die Sorge um den Liebſten läßt Euch nicht ſchlafen? Gundel: Ja wohl! Ich möchte mich erſchießen, wenn es ohne Rumor abging, um im Geiſte bei ihm zu ſein. Wache: Ihr ſcherzt. Mit dem bloßen Geiſt würde ihm vielleicht wenig gedient ſein. Gundel: Meint ihr? Geiſt tröſtet doch in manchen Stunden, indem er den Trübſinn verſcheucht und die läſtigen Grillen in Vergeſſenheit ſenkt. Ich habe darum (ein Fläſchchen hervorziehend) hier einen Sackpuffer, mit Geiſt geladen, zu mir geſteckt, um ſo gegen die Geiſter der Nacht gewappnet zu ſein. Wache: Ah ſo! Das iſt wohl auch die Waffe, womit das Todtſchießen gemeint war? Da laß ich mir's gefallen, denn die Mädchen lieben am feurigſten, wenn ſie ſo ein Bischen angeſchoſſen ſind. — 37— Gundel: Auf Euer Wohlſein und glückliche Ab⸗ löſung vom Poſten!(Sie trinkt und reicht die Flaſche dem Wehrmann hin.) Wache(darnach greifend): Um baldige Heimführung für Euch und Glück zum Poſten, wo der Kuß täglich und nächtlich die Parole ſein wird.(Nach einem tüchtigen Zug die Flaſche zurückgebend.) Gundel: Es wird wohl noch mancher Tropfen Waſſer die Mömling hinabfließen, bis es dahin kommt. Wenn nur der gefangene Gefreite die Parole nicht unter⸗ deſſen gar verlernt. Nun! auf ſein gutes Gedächtniß! (die Flaſche zum Munde führend und darauf der Wache wieder hinreichend.) Wache: Das wird ihn doch nicht ſo leicht verlaſſen, wenn es auch einen oder mehrere Tage. unaufgefriſcht bleibt, wie eben jetzt. Der wackere Schütze ſoll leben und recht bald den Centrumſchuß vollführen!(trinkt.)— Das iſt aber ein gutes Tröpfchen, das ſelten an Unſereinen kommt. Gundel: Es iſt Arrak, der nicht umſonſt den Ruhm vor dem Rum ſelbſt und andern ſüßen Schächern hat. Das weiß der Herr Commandant genug, und ſucht darum auch zeitlich neue Begeiſterung für den Ruhm in ihm zu ſchlürfen. Ich will Euch das Reſtchen überlaſſen, — 38— trinkt unr nach Belieben, um die Mühe und Weile des Poſtens dadurch angenehmer zu finden, oder— zu ver⸗ geſſen. Der Wachmann, erſt noch einen Schluck nehmend, ſteckte darauf die noch halb angefüllte Flaſche zu ſich, indeß Gundel auf die Seite ging und gleichgültig in den Schloßgraben hinab zu blicken ſchien, dabei aber aufmerk⸗ ſam lauſchte, ob ſich außen noch nichts vernehmen laſſe. In ängſtlicher Erwartung ſchlug ihr das Herz. Eben hatte ſich unſer Jochem, wie wir ihn hier ein⸗ mal mit Gundel nennen wollen, aus ſeinen wechſelnden Gemüthsregungen zur Ruhe des Entſchluſſes geſammelt, als der Schlag Eins von dem alten viereckigen Burgthurm erſchallte. Schnell, aber ohne Geräuſch, machte er ſich auf, der Begleitung voran den breiten Weg hinauf dem Schloßthore zuſchreitend. Zu augenblicklicher Vertheidigung bei allenfalls erfolgendem Anfall auf dem ſeltſamen Pirſch⸗ gange trug er die Büchſe geſpannt unterm Arm. Alles blieb ſtill und ruhig; nur ſein Herz pochte gegen die Bruſthöhle, faſt hörbar. Jetzt hart an's Thor getreten, legte er das Ohr darwider, und vernahm alsbald inwendig nahende Tritte, die er in früheren Tagen oft vernommen und, ein geübter Lauſcher, für die ſeiner Gundel erkannte. Um ſich ihr bemerkbar zu machen, klopfte er dreimal mit — 39— dem Gelenke des Mittelfingers außen an, und ſogleich hörte er den Dietrich im Innern des Schloſſes knarren. Sie mochte jedoch ſeiner Anweſenheit außerhalb des Thores ſich im Augenblick nicht für ſo ganz verſichert halten, und etwa gar ein qui pro quo fürchten; denn vor dem wirk⸗ lichen Oeffnen derſelben rief ſie, ſich vergeſſend, etwas laut:„Wer iſt draußen?“ worauf er, ärgerlich, erwiederte: „Die Leckvitzern!“*) Joachims Stimme vertrauend ſchob ſie eilig jetzt den Riegel zurück, hob die Klinke und begann den ſchweren Thorflügel nach innen zu ziehen. Doch da taumelte die angeführter Weiſe mit arabiſchem Geiſt etwas ſtark regalirte Schildwache herzu, wollte dem Beginnen, eine Pflichtverletzung verworren ahnend, wehren und das Thor wieder ſchließen. Aber der Waidmann ſchob raſch ſeine Büchſe in die klaffende Spalte zwiſchen beide Thorflügel, und drückte von außen gegen den los⸗ gegangenen, der alſo weiter nach innen wich. Während des ſofort entſtandenen An⸗ und Abdrängens ſprangen nun haſtig Joachims Begleiter und eine Abthei⸗ lung der in der Nähe verſteckt geweſenen Franzoſen herzu, denen es ſo geringe Mühe machte, das halboffene Thor zu ſprengen, die Schildwache zu entwaffnen und weiter *) Wirklich gebrauchte, längſt dort umher übliche Abfertigung vorwitziger Frager. — 40— in die Burg zu dringen, deren inneres Thor gleichſalls ſchon erſchloſſen war. Bei dem wilden Vorgang hatte der muthige Joachim die erſchrockene Gundel in Schutz und eiligſt mit fort⸗ genommen, was ihm, der alle Tritte und Schliche umher genan kannte, ein Leichtes war, beſonders, da der feind⸗ liche General ſeinem Volke Schonung und Achtung gegen ihn anbefohlen hatte. Unſer Pärchen glaubte indeß nichts mehr beeilen zu müſſen, als ſeinen Heimzug. Im Gefühl höheren Glückes die ihm überwieſene Brautgabe verſchmä⸗ hend, führte der Bräutigam ſeine Cytherea dem Thiergarten vorüber, froh, daß ſie jetzt den Blicken der Mavorsſöhne verborgen blieb. Beide verfolgten ſchweigſam im Finſtern durch Sandbach den Weg nach Heubach, die durch eine dazwiſchen hinziehende Gebirgslette getrennt ſind. Als ſie auf der Höhe angelangt waren, wo ihnen beim Umſchauen im Tageslichte Sandbach, Neuſtadt und Breuberg vor Augen treten konnte, bebte plötzlich der Grund unter ihren Füßen und ein ſchrecklicher Knall machte ihr Herzblut ſtocken. Joachim erholte ſich am erſten wieder von dem paniſchen Schrecken, und ſtellte im Bergabwandeln nach dem Roſengarten*) zu Vermuthungen an über die *) Waldpartie, eine Viertelſtunde von Heubach entfernt. — 41— allenfalſige Urſache dieſes Schreckniſſes.„Vielleicht haben die Ueberrumpelten“, ſagte er,„das Pulvermagazin gar angeſteckt und ſich ſammt den Feinden in die Luft geſprengt. Oder ſollten dieſe, erbittert, die Feſtung von Grund aus zerſtören wollen, damit ſie Niemand künftighin mehr ſolche Arbeit mache?!— Das wäre doch ſchändlich.“ Allein weder das Eine, noch das Andere war hier wirklich der Fall, ſondern ein wunderbar verhängt geweſenes Drittes. Die mit Gundel oben erwähnte Grethel hatte ſich gleich im Eindringen der Franzoſen, aus Furcht vor ihren Liebkoſungen, in den Keller geflüchtet, in welchen der Wölbengang vom Wolferhof aus mündete, in Hoffnung ſo aus der Burg entweichen zu können. Die Thüre hinter ſich zuſchließend unterſuchte ſie darum, ein mitgenommenes Licht in der Hand, die zu ihrem Leidweſen verrammelt gefundene Thür am Ausgange von jenem ſehr genau, und kam nach vielfachem Hin⸗ und Herleuchten mit der Flamme des Talgs an die Oeffnung des bis vorn heraus mit Pulver angefüllten Rohres, das, wie oben geſagt, als Zündrohr mit der im Wölbengang befindlichen Pulver⸗ tonne zuſammenhing. Jenes entzündete ſich, und es erfolgte die Exploſion, die den außen ſtehenden Franzoſen, unter ihnen dem Urheber der Gefangenſchaft ihres Vaters, aber ach! auch ihr den jähen Tod gab, indeß die nach Heubach 42— Enteilenden mit dem gehabten großen Schreck davon und glücklich in's Brautbett kamen. Tief gerührt dachten dieſe manchmal in der Folge der Geſchiedenen, lebten lange glücklich und zufrieden miteinander, obgleich ihnen oft Fleiſch in die Rüben mangelte, wenn Joachim eben Nichts erpirſcht hatte. Breubergs Umtaufe. (Nach einer Volks⸗Sage.) Seht hoch ihr die alternden Mauern dort ragen, Sie zeugen des Mannſinns entſchwundener Zeit? Die Thürme, von ſteigenden Felſen getragen, Erſchimmern in graulichen Maſſen ſo weit? Da thronte die Freiheit in wolkigen Höhen Und ſpottete tobend erknirſchender Haft; Von feindlicher Schaar, die, gelagert in Nähen, Umſonſt ſie verſuchte, die feurige Kraft. Zwar drohte Freiberg's*) begeiſterten Helden Der Hunger mit Leben vertilgender Wuth; Doch ſollte dies draußen kein Athemzug melden, Damit es nicht Jenen erfriſche den Muth. *) So hieß, nach der Sage, Breuberg ehemals. — 44— Und täglich erhob, die Belag'rer zu täuſchen, Das letzte, zur Nahrung noch lebende Schwein, Gefeſſelt, die heiſere Stimme zum Kreiſchen.*) Nur Einer war würdig, Helote zu ſein. Der warf, ein Verräther, in's Lager der Feinde Hohlkugeln, mit Worten, ſtatt Pulver gefüllt; Wodurch er den drückenden Mangel der Freunde, Die Noth der Belagerten jenen enthüllt. Nebſt baarem Empfange drum ward er zur Feier Des Feſtes in Zelten geladen, um da Bewirthet zu werden. Dies kam ihm doch theuer, Denn hört, was indeſſen zu Hauſe geſchah! Gleich Orleans Heldin im Heere der Franzen Erhob ſich ein Mädchen, befeuert zum Kampf; Die ſcheute nicht Schwerter und blitzende Lanzen Und nimmer der Mörſer umwölkenden Dampf. Schon lange beſpähte ſie, einſam, verſchwiegen, Fruchtloſer Vertheidigung Mühen und ſann Auf Mittel, im rühmlichen Streite zu ſiegen, Bis völlig ſie Kunde der Waffen gewann. *) Ein Schweinskopf ziert darum jetzt noch das Thor. — 45— Kaum ſah die erſchütternden Schlünde ſie raſten, Verlaſſen von ihrem Beſteller, ſo lud In nächtlichen Mund ſie die eiſernen Laſten, Geſchwängert mit alles verderbender Gluth. Die Feinde, vom dunkeln Geſchicke nichts wähnend, Ergötzt' es indeſſen im munteren Kreis Um's wärmende Feuer. Bald dachten ſie, ſehnend An ſüßlichem Mus ſich zu laben aus Reis. Ja proſit! Eins mangelt dem Brei noch; die Würze, Die Köchin, ſie meiſtert gewöhnlich den Koch; Drum trug auch, ein Kind, ſie die magdliche Schürze Und freuet beim Clerus des Vorzugs ſich hoch. Puh! donnert's vom Schloſſe des Berges herüber, Und ſauſend erhebt ſich auf flammender Bahn Die Bolle, kein Bote mit Briefen, wie lieber Neugierige Lauſcher eh' ſteigen ſie ſah'n. Jetzt ſenkt ſie ſich jählings herab auf den Keſſel Und berſtet; wer braucht wohl die Nägelein ganz?— Drob purzeln die harrenden Gäſte vom Seſſel, Und Mancher war fürder nicht tauglich zum— Tanz. — 46— Doch unſerem Gourmand, der eben die Zunge Verlangend hinüber zur Wange gereckt, Fährt glühend vom harten Gewürz auf die Lunge, So, daß er ſeit dieſem nie wieder geleckt. uUnd wie er im Lecken den Geiſt aufgegeben, So ſtehet ſein Kopf jetzt, noch leckend, am Thor Von Breuberg, der alternden Burg, die im Leben Den erſten vielſagenden Namen verlor. Gertrude von der Wart, oder: Treue bis in den Tod. Von hoher Frauentugend, von Treue bis zum Tod Ertön' jetzt meine Laute. Der Liebe höchſt Gebot, Es fand einſt wohl Erfüllung in Gertrud von der Wart, Die auch am Marterpfahle des Gatten treu verharrt. In Kaiſer Albrecht's Buſen taucht ſich des Neffen Speer; Rudolph von Balm und Konrad von Tegernfeld, die Wehr Der Schneide grauſig ſchwingend, vollenden raſch die That, Von Eſchenbach Herr Walter, eh' das Gefolg ihm naht. — 48— Und ſchauderndes Entſetzen faßt Rudolph von der Wart; Er ſäumt, der Flucht vergeſſen, vor innerm Schreck erſtarrt. Ihn greifen drum die Häſcher, indeß die Andern flieh'n Und ſich auf nächt'gen Pfaden entflammter Rach' entzieh'n. In grauenhaftem Wüthen würgt tauſend Opfer fort Agnes, die Königin Ungarns, ob des Erzeugers Mord; Es blutet, weß Entſtammung an jene Mörder mahnt, Zur Sühne des Verbrechens, wovon er nichts geahnt. Doch der Ergriff'ne fühlet des Weibes ärgſten Grimm, Der Tieger, der gereizte, verfuhr noch kaum ſo ſchlimm. Zur Richtſtatt hingeſchleifet vom Roß, das Flammen blickt, Wird, Glied um Glied zerbrochen, er auf das Rad geſtrickt. Da hängt er nun, o Jammer! in düſt'rer Einſamkeit Des Wintertags, zerſchmettert, langſamem Tod geweiht, Dem heiß erbet'nen Freunde, der zaudernd doch verzieht, Indeß ein Heer von Raben zum Fraß ihn ſchon erſieht. Die Sonne ſinkt, und lebend verläßt ihr letzter Strahl Den Armen, faſt verſchmachtend vor Schmerz und Durſtes⸗ qual. Und horch! daher durch Dämmrung erſchallet leiſer Tritt; Was mag man jetzt noch wollen? Wer wagt hierher den Schritt? — 49— Es iſt die treue Gertrud; ſie naht dem Rabenſtein, Die liebevolle Gattin, zu lindern ſeine Pein. Der man, mit ihm zu ſterben, aus Grauſamkeit verſagt, Sie hatte, wie zum Kerker, auch hierher ſich gewagt. „Wart! treuer, lieber, lebſt du noch?“ So flüſtert ſie: Und aus dem Buſen ringet ein Ja ſich ihm, voll Müh'. O theure, ſüße Tröſtung, die letzte vor dem Grab, Heil jedem treuen Herzen, dem Gott dich da noch gab! Doch dreimal Heil dem Dulder, dem auf dem finſtern Pfad Die Liebe mit Erquickung vom Gott der Liebe naht! Hier klomm ſie zum Geliebten den Marterpfahl hinan Und küßte den Erleg'nen auf ſeiner Dornenbahn. Des Durſtes Brand zu kühlen reicht Gertrud ſelbſt im Schuh Den Labetrunk dem Gatten; ſchirmt ihn zu ſanfter Ruh' In ihres Mantels Falten vor kalter Nachtluft Grau'n, Und heißt, auch Troſt zu finden, ihn auf zum Himmel ſchau'n. Hin auf den größten Beter, der ſeinen Mördern eh' Vergebung noch erflehte vom Vater in der Höh', Weißt ſie den Jammervollen mit ſüß beredtem Mund, Und auf die heil'gen Märt'rer. Es iſt ihr Vieles kund. 4 — 50— So harrt ſie aus im Freien die lange Winternacht, Sein Herz mit Troſt erquickend, bis neu der Tag erwacht, Und hält den Pfahl umklammert, vom Gatten unverdient, Da Schergen, wegzureißen die Treue, ſich erkühnt. So harrt ſie aus zum Tage die andre Mitternacht, Ihm Leib und Seele labend, bis er, zur Freud' erwacht, Am Morgen ihr gelächelt.„Nun hat es keine Noth!" „O Gertrud! das iſt Treue, die Treu' bis in den Tod!“" Und als ſie von der Lippe das Leben ihm geküßt, Eilt ſie hinweg, zu laſſen dem Staub, was irdiſch iſt. Sie ſucht in ſtiller Zelle für ihren Schmerz ein Grab, Wo bald der Tod die Treuen einander wieder gab. Otzbergs Belagerung von 1621. oder: Noth und Gefahr bewähren die Braven. Hiſtoriſche Novelle. 4* Es war zu Ende Oktobers 1621, als die Truppen der Ligue und der Union, in gegenſeitigem erbittertem Kampfe begriffen, das Gebiet des Landgrafen von Heſſen, Lud⸗ wig V., trotz des am 2. April d. J. mit ihm abgeſchloſſe⸗ nen Neutralitäts⸗Vertrags, überſchwemmten, und beſonders die Gegend von Umſtadt zum Schauplatz unmenſchlicher Kriegsgräuel machten. Damals fiel die zum thatſächlichen Inhalt gegenwärtiger Novelle erkorene Belagerung vor. Die Feſtung Otzberg, auf einem im Norden, Weſten, und Südweſten ſteil aufſteigenden, gegen Südoſt und Oſt aber in fortlaufender, etwas geſenkter Hochebene mit ver⸗ ſchiedenen, nach Oſten und Süden ſtreichenden, Gebirgs⸗ ketten verknüpften, urweltlichen Vulkane gelegen, deſſen erloſchenen Krater wahrſcheinlich die Römer zuerſt durch Anlegung eines Caſtells oben mit einem Knaufe verſahen; dieſe Feſtung, ſage ich, welche die nach Nordweſt und Norden ſich weit ausbreitende Ebene, worin Dieburg und Babenhauſen ꝛc. liegen, beherrſcht, mußte natürlich die — 34— Aufmerkſamkeit jedes in die Gegend um genannte Städte rückenden Kriegsvolks ſogleich auf ſich ziehen. So wurde ſie auch jener Zeit, wiewohl aus ganz anderer Richtung her, von einem Bayeriſchen Corps und dem Würzburger Regimente des Obriſten Truchſes, jenes von Breuberg auf der geſchlängelten Hochſtraße, Sandbach, Hetſchbach und Nauſes zur Linken, dieſes von Erbach über die Böll⸗ ſteiner Höhe, Gumbersberg und Haſſenroth vorbei, kommend, zugleich zum Zielpunkte gewählt. Der Churpfälziſche Obriſt und Amtmann, Julius von Thann, der als Commandant mit einem Häuflein von 64 Mann die Feſtung und das Städchen Hering beſetzt hielt, bot bei überraſchender Kunde vom demnächſtigen Zuſpruch eiligſt noch den Cent⸗ ausſchuß umher auf, und verſandte darum Boten mit Briefen nach allen Richtungen hin, die Gefahr und ihre Schuldigkeit den Unterthanen an's Herz legend. Da kamen denn aus den umliegenden Ortſchaften Nauſes, Wiebelsbach, Heubach, Nalsbach, Lengfeld, Hupelnheim*) Nieder⸗ und Oberklingen, Haſſenroth und Unrod(Unterroda) ein Halb⸗ hundert Streiter heran, meiſt ſcharfe Schützen, die vor⸗ züglich zur Vertheidigung der Außenwerke und zu Beobachtung *) Ausgegangener Ort, vielleicht auch die jetzige Hippelsbach, gegen Lichtenberg zu gelegen? — 55— des Feindes benutzt werden konnten. Die Einwohner des letztgenannten ganz nahen Ortes, das nicht mehr exiſtirt, ſowie die von beiden Klingen und der unfern dem oberen geweſenen Eiſenſchmelze, dann die von Pfalz⸗Wiebelsbach zum Theil, flüchteten haſtig mit ihrer beſten Habe in die Ringmauern von Hering, das, gemäß ſeines Namens⸗ urſprungs, den Ring um die Höhe, am fortlaufenden Rücken derſelben, bildete, und mit der Feſtung durch ſeine bis zum äußeren Wall des Schloſſes reichenden, ſehr dicken Baſaltmauern zuſammenhing. Auf der Fläche des Herrn⸗ gartens, an der Südſeite des Städchens, ward ſchnell eine Wagenburg errichtet, welche ſich herein dem Stadtthor vor⸗ über, um die Nordoſtſeite des Berges, der ſogenannten Zinſelsgaſſe entlang, die nach Lengfeld führt, zog.— Innerhalb dieſer Wagenburg hielt das Vieh, das nicht im Städtchen mehr untergebracht werden konnte, zur Warte Knechten nnd Mägden vertraut, von denen letztere zur Nachtzeit in den Ringmauern bei ihrer Herrſchaft Obdach fanden, indeß die Knechte in Zelten und Hütten ſchlafen mußten, um zeitig bei der Hand zu ſein, wenn Gefahr oder Ueberfall nahe. Der im Stammſitz, einer Kemnade an der Nordſeite des Städchens, im Umfang der Ringmauern wohnhafte — 56— Ritter Ganß*) von und zu Otzberg, deſſen Geſchlecht ſich aus den Zeiten Kaiſer Heinrichs des Vogelſtellers herleitete, ſuchte zur Vertheidigung der Burg und Stadt auch das Seinige beizutragen, indem er die vom Geſchäft ermüßigte Mannſchaft aus ſeinen umher verbreiteten Be⸗ ſitzungen heran berief, ſo daß ein kühnes Häuflein von zwanzig Streitern ſich daraus geſtaltete, dem kaum ſo viele Frühling zählenden Junker Blikhard folgend, ſeinem Sohne und Erben jener Güter, die Einer der Ahnen, Diether Ganß, ſo reichlich vermehrt hatte. Der Junker nahm die ihm übergebene Schaar geübter Schützen, die ſelten ihres Zieles fehlten, und bezog damit einen Poſten vor der Schießmauer, die zu feſtlichen Preiserwerbungen für die Burg⸗ und Centmannſchaft in Büchſenſchußweite vor dem Städchen ſüdlich erragte und noch ſteht, wo zu beiden Seiten des Weges Blockhäuſer für die Außenpoſten ſtanden, ſowie dergleichen in ähnlicher Weite von dieſem am ſogenannten breiten Weg nach dem Lichtenbaum hin, einer rieſigen Eiche im Südoſten von Otzberg, an der Straße von Lengfeld über Zipfen herauf, und vor dieſer ſelbſt, für die äußeren und äußerſten Poſten vorhanden *) In Hering fand ſich von je Haus und Hof der Ganße, deren Nachkommen noch in ländlichem Wohlſtand blühen. — 57— waren. Um letztere lagerten auserleſene Centmannen von Heubach, Wiebelsbach, Nalsbach und Lengfeld; um die weiter herein ſolche von den übrigen Ortſchaften. Alſo ſtand es zu Anfang Novembers 1621 um Hering und die Feſte Otzberg, und war man mit jedem Augen⸗ blicke des nahenden Feindes gewärtig. Das Bayriſche Corps kam, wie Eingangs erwähnt, von Breuberg her, wo es unterwegs, nach damaliger Kriegsſitte, viel zu thun gab, indem bei jedem Orte im Vorüberziehen vom Haufen ein Häuflein abging, um Bedarf zu erheben, wobei mit⸗ genommen wurde, was man eben antraf und tragbar fand. Am ſogenannten Entenpfuhl, einem Waſſerbehälter in dreiviertelſtündiger Entfernung von Otzberg, auf dem Gipfel des Heidelbergs, wo ſüdwärts unten Nieder⸗, jetzt Schloß⸗Nauſes, und näher dem Hering zu Ober⸗Nauſes ein üppiges Thal umgrünt, wurde kurze Zeit Halt gemacht, um die Pferde zu tränken, und Nachzügler aufzunehmen, die zurück oder ſeitwärts nach Beute ſtreiften. Ein oberhalb Hetſchbachs aufgehaſchter Führer war auch wenige Minuten vorher wieder in's Gebüſch entſprungen, und man hatte denſelben, trotz nachgeſandter Kugeln, nicht wieder ein⸗ fangen können. Deßhalb war nun ein anderer nöthig, welcher beſonders der von hier aus abzuſchickenden Beobach⸗ tungsmannſchaft auf dem beſten Wege vorgehe. Der auf⸗ — 58— ſteigende Rauch von einem unfern ragenden Meiler ließ ſie in dem allenfalls dabei beſchäftigten Köhler einen hierzu wohl brauchbaren Mann vermuthen, der ſofort geholt und, ungeachtet ſeines Sträubens, alsbald jener beigeſellt wurde. Eine Korporalſchaft eilte, während das Corps am Entenpfuhl noch der letzten Streifzügler harrte, mit dem Köhler fort, erſt eine Strecke der offenen Straße folgend, die von Höchſt im Odenwald kommt, dann rechts einen ſtark betretenen Fußpfad einſchlagend, der durch hohes Gehölz zog und am Ausgang in eine Pappel⸗Allee führte. Bis dahin war Alles ruhig und ohne Störung vor ſich gegangen, und der Rottführer trat mit ſeinem Wegeleiter darum ganz ſicher der übrigen Begleitung voran in die Baumreihen, unterm Namen Höchſter Zeile bekannt, wo ihnen zur Rechten, in der Weite von fünfzig Schritten, eine ſich im Entfernen immer mehr erweiternde Schlucht bergab nach der Wiebelsbacher Mark hinzog. Da fiel FPlötzlich ein Schuß, und der beide Schläfe hindurch getroffene Rottmeiſter ſank lautlos nieder. Seine darüber nicht wenig betroffene Mannſchaft ſchaute nach dem Schützen umher, als ſogleich auch der zweite Schuß erfolgte und Einen derſelben, gerade die Stirn durchborend, niederſtreckte. Vor einer zu Anfang gedachter Schlucht ſprudelnden Quelle, das Fraubörnchen genannt, ſtand ein einzelner Jüng⸗ — 59— ling, und lud haſtig ſeinen Wender, eine Zwillingsbüchſe mit zwei Batterien, die vor einem Hahne umgedreht wurden, um dem Feinde vom ſichern Auge noch mehr Proben zu geben. Es feuerten zwar mehrere Soldaten auf ihn ab; ſie mochten aber ſchlecht gezielt haben, denn er hatte indeſſen ſeine Ladung vollendet, und ſchoß darauf den Dritten durch den Kopf. Dadurch gewann der Köhler Zeit, die wenigen Schritte zum Lichtenbaume hinan zu laufen und die dort poſtirte Centmannſchaft, die bei'm erſten Schuſſe ſich aufgerafft und zu Vertheidigung oder Angriff fertig gemacht hatte, vom Vorgefallenen zu unterrichten. Dieſe kam alsbald ihrem braven Genoſſen, einem Stephan Reiz aus Heubach, zu Hülfe, und machte den Reſt, den der vierte Schuß deſſelben vom Beobachtungshäuflein ge⸗ laſſen, vollends nieder, wobei blos Einige der Ihrigen leichte Wunden davon trugen. Der etwas laute Auftritt und namentlich die dabei gefallenen Schüſſe brachten Alles auf dem Schloſſe ſowohl, als in und vor dem Städtchen auf die Beine. Dort eilte man auf die Wälle zu den Geſchützen, indeſſen der Kom⸗ mandant den runden Thurm inmitten des Schloßraums, die Weißrüb genannt, erſtieg, um von da herab die Bewegungen des Feindes zu beſchauen. Er konnte jedoch weiter nichts wahrnehmen, als den allmälig verfliegenden — 60— Pulverdampf in der Nähe des Lichtenbaums, worauf die Centmannen ſich in ihre Stellung an die Blockhäuſer zu⸗ rückzogen, und bloß Einer aus ihrer Mitte, ſammt dem ihn begleitenden Köhler, mit der Meldung des Vorfalls und der demnächſtigen Herankunft feindlicher Maſſen an den Kommandanten abfertigte. Der Abgeſchickte war, wie jener kecke Schütze, der bei'm Schöpfen eines friſchen Trunkes aus dem Fraubörnchen dort ganz unvermuthet Arbeit für ſeine Doppelbüchſe gefunden, gleichfalls aus Heubach, ein Nikolaus Buchhammer, von ſeinen Ortsgenoſſen insgemein der böſe Nickel geheißen, weil er ſehr jähzornig und ſtark war, und jeder Aeußerung einen kernhaften Fluch voran⸗ ſchickte. Ihm hatte der kurze, aber hitzige Kampf eine kleine Quetſchung am linken Arme gebracht. Im Hinein⸗ gehen den breiten Weg und der Schießmauer rechts vorüber wurden Beide, der Köhler und Buchhammer, überall von Neugierigen angehalten und um die Urſache des Schießens befragt. Sie gaben jedoch nur den Wachen ausführlicheren Beſcheid und förderten eilends die Schritte weiter. Jetzt zum Beginne der Wagenburg, an den Herrngarten gelangt, kamen zwei Mädchen, den daſelbſt verſammelten Haufen durchbrechend, auf ſie zugeſprungen, und die ſtämmigſte davon, eine rothwangige Brünette, fiel Angeſichts aller Umſtehenden dem böſen Nickel freudig um dem Hals, indem . — 61— ſie ausrief:„Ach! ſo lebſt du noch, Nickel! Ich bin ſchon faſt vergangen vor Angſt um Dich.“ „Höllekrenk!“ gab dieſer zurück, ſich von der Umhal⸗ ſung frei machend.„So leicht wird der böſe Nickel nicht umgebracht. Ich habe Dir Einen zuſammengeknittert, Bärbel; der würde ſein Lebtag an mich denken, wenn ich ihm nicht das Denken ſelbſt dadurch eingeſtellt hätte.“ Bärbel(Blut an ſeinem Arm bemerkend): Du bluteſt ja; oder iſt das Feindesblut? Nickel: Himmelſackerment! Das hat mir der Kerl abgezapft durch einen Stoß in den Arm, der aber nicht tief eindrang. Schwerenoth! Ev!(zur Gefährtin ſeiner Liebſten gewendet, einer ſchlanken Blondine) Dein Steffen hatte ſchon Vier von der Rotte den Denkkaſten durchge⸗ büchſt, ehe wir zum Werk kamen, das zu vollenden uns dann nur noch eine Bachkatze war. Alle ſind mauſetodt. Hierauf ſchritten die Geſandten raſch weiter, die Stadtmauer zur Linken laſſend, nach dem ſogenannten Pful hin, einem ummauerten Waſſerbehälter vor dem Thore des Städtchens. Augenblicklich daſelbſt eingelaſſen, eilten ſie die etwas ſteile Brunneng aſſe, zunächſt am Eingangsweg befindlich, hinan, Tritt und Weile ſparend, darauf links hin zur Kirche, vor der ſie, rechts um eine Ecke beugend, den Schloßweg betraten und ſchräg aufwärts — 62— gingen. Ein Mann von der Schloßwache geleitete ſofort die oben Angekommenen weiter, über die während des Tags niedergelaſſene Zugbrücke zum ſchleunigſt geöffneten Thore hinein und rechts im Schloßhofe der Wohnung des Kommandanten zuſchreitend, der jedoch noch oben auf der⸗ Weißrüb ſtand und in die Ferne ſchaute. Jener führte daher Beide den Thurm hinauf, und ſtellte ſie dem Kom⸗ mandanten vor. Hier brachte der böſe Nickel die Botſchaft ganz in ſeiner gewohnten Weiſe vor.„Alle Krenk! Herr Amtmann!“ rief er aus;„wir haben an unſerm Lichten⸗ baum Beſuch gekriegt, mit dem wir aber kurzen Prozeß machten. Es wird keins der Kerlchen unſere Tiſchgeheim⸗ niſſe ausplaudern. Hol' mich der Teufel! dafür iſt ge⸗ ſorgt." „Wie ſtark war denn der Beſuch?“ fragte von Thann. Buchhammer: J, zum Donner! nicht anderthalb Dutzend Grundelchen, die uns eben für eine Morgenſuppe galten. Der rußige Teufel da mußte den Wegweiſer ab⸗ geben, wodurch ſie deſto eher in Lucifers Küche geriethen. Kommandant: Wenn die Mittags⸗ oder Abendtafel nicht derber ausfällt, ſo wird ſie unſere Zähne keineswegs abſtumpfen, ſondern nur den Appetit reizen. (Zum Köhler gewendet.) Wie weit iſt das Gefolge noch zurück, und wie ſtark mag es wohl ſein? — 63— Köhler: Es hält ein gewaltiger Haufen bei'm Enten⸗ pfuhl, der ſich immer mehr durch nachkommende Plünderer verſtärkt. Kommandant: Gut! Er bleibt hier bei uns im Schloſſe, indeſſen Buchhammer wieder an ſeinen Poſten geht, und alle auf ihn andringende Feinde niederwettert oder ſchießt, wie es am beſten gelingt. Laß er ſich nur von meinem Johann unten ein Glas Wein geben, Buchhammer. Das gibt Feuer. Damit drehte er ſich zur Bruſtwehr und ſah wieder in die Ferne, während Buchhammer im Abgehen von ſeinem Gefährten noch ausrief:„Hol alle Krenk! Herr Amtmann! Das läßt ſich hören und ſoll Augenblicks geſchehen!" Das drohende Feindeshalten am Entenpfuhl kannten vor dem Kommandanten bereits die außen haltenden Poſten ſchon und konnten ſich einſtweilen zum Kampfe anſchicken, der ihnen in nächſter Stunde von dorther bevorſtand. Aber die Kunde von einem anderen, zwar nicht von ent⸗ gegengeſetzter Seite drohend, aber doch geeignet, die Be⸗ ſorgniß zu verdoppeln, ſollte der Kommandant mit oder gleich nach der mündlich vernommenen erſten durch den Augenſchein erfahren, um ſie mittels der nämlichen Dienſt⸗ wache nach Außen ſchicken zu können. Wie von Ungefähr — 64— ſchweifte ſein Blick vom Punkte, wo die Straße von Höchſt in die von Lengfeld oberhalb Haſſenroths und Böllſteins nach Erbach ziehend mündet, etwas weiter rechts hinaus, als gälte es ſeinem grünen Waſen*), welcher doch eben, der ſmaragdenen Decke bar, dort ſicher zwiſchen Wald und Haide lag; und wie verſteinert blieb das Auge auf einmal haften. Siehe! dicht und immer dichter ergießt ſich's da in bewaffneten Haufen, welche ſich auf der vor⸗ liegenden Haide, dem ſogenannten Haideſtengel, aus⸗ breiten und den Marſch den Erzgruben vorbei, wo die Eiſenſtufe für die Oberklinger Schmelze aus tiefem Schacht geholt wurde, nach der lockenden Feſte einſchlagen, ohne zu bedenken, daß hier jetzt die aus jener Eiſenſtufe ge⸗ formten Kanonen und Mörſer zum lauten donnernden Empfange für ſolche ungeladene Gäſte ſchon bereit ſtehen. Es war der Würzburger Obriſt Truchſes, der mit ſeinen Truppen von Erbach her kam, und ſomit eher, als der Tilly'ſche Unterbefehlshaber, von Breuberg nahend, die beabſichtigte Burg erblicken konnte. Julius von Thann eilte auch im Augenblick der ge⸗ machten Wahrnehmung zur anderen Seite des Thurmes, *) Wieſenſtück, das dem Kommandanten gehörte, vor dem Wald gelegen, der nach Haſſenroth hinzieht. — 65— ſeiner Wohnung ſchräg gegenüber, wo Buchhammer eben heraustrat, um ſeinem Poſten zuzueilen. Dieſen nochmals hinaufwinkend theilte ihm der Kommandant, gemäß dem gegenwärtigen Zuſtand der Dinge, die Verfügung mit, daß ſich die forthin gefährdete und gleichſam in ihrer Stellung unnütz gewordene Mannſchaft an und vor dem Lichten⸗ baume herein nach der Schießmauer ziehen ſolle, wodurch daſelbſt in ſämmtlichen Centmannen und der Schaar des Junker Ganß ein Haufe von Siebenzig zuſammenſtoße, der eher plötzlichen Ueberfall abzuwehren vermöge. Unter'm Schock von kräftigen Donnerwettern, im vollſten Baſſe gegen die Feinde losgelaſſen, die aber noch nicht einſchlugen, ging jener ſeines Weges. Demnächſt wurden mehrere Kanonen auf einem an der Südſeite des Berges liegenden Ravelin aufgepflanzt, aus denen man ungeſäumt dem heranziehenden Feinde Paßkugeln in ſeine Reihen ſchickte, welche ihn bald zum Stehen zwangen. Dieſer erwiederte zwar den Gruß mit einem Dutzend gegen die Burg her abgeſchoſſener Kugeln, die jedoch hier geringe Wirkung hervorbrachten. Indeß man alſo von beiden Seiten in dieſer Richtung in eifrigem Kugeltauſche begriffen war, nahten die dadurch am Entenpfuhl aus ihrer Raſt unvermuthet aufgerüttelten Bayern, nachdem ſie daſelbſt der Wiederkehr des voraus⸗ 0 — 66— geſchickten Beobachtungshäufleins, das durch die Centmannen vernichtet worden, umſonſt geharrt, vom Heidelberg her, und ſchlugen, auf mehrerwähnte Höhenſtraße von Lengfeld gelangt, rechts wendend, die Richtung nach dem Lichten⸗ baume ein. Nach kurzem Marſche kamen ihnen die Würz⸗ burger, ihre Verbündeten, zu Geſicht. Sie folgten jedoch, dieſelben links laſſend, der angetretenen Straße, Höchſter Zeile, bis in die Nähe des Lichtenbaums. Da feuerten aber die auf dem oberen Burgwall bei den Mörſern ſtehen⸗ den Geſchützknechte ab, und es ſchlugen etliche Hohlkugeln in die dichten Reihen, zerplatzten und richteten gräuliche Verwüſtungen an. Dadurch gewarnt, wichen jene ſchleunigſt ſeitwärts und zogen ſich in die Nähe der Truchſeſiſchen Truppen zurück, mit denen ſie ſofort vereint das Feuer nach dem Ravelin eröffneten. Bald zeigte ſich, da ſolches hier aus kürzerem Abſtand von der Burg und etwas er⸗ höhterem Raume geſchah, die Wirkung deſſelben auf die Kanonen des Ravelins, die alſo zum Schweigen gebracht wurden. Jetzt begann aber, durch die nach ihrem Ver⸗ ſtummen zum Walle geſchafften Geſchütze verſtärkt, ein deſto lebhafteres Feuer mit Paß⸗ und Hohlkugeln von der Burg aus nach dem Bayeriſchen Corps, das ſich darum auch völlig auf die Würzburger zurückziehen mußte. Da — 67— ließ ſich ein Knall vernehmen, wie aus dem Bauch der Erde, und Ahnung des Todes durchbebte manches Ge⸗ müthe. Die aber hier zurückgedrängten Bayern waren bei ihrem Abzuge vom Entenpfuhl der Höchſter Fahrſtraße gefolgt, und hatten alſo, wie ſie aus dem Walde traten, deſſen unter dem Namen Heidelberg oben Erwähnung geſchah, Wiebelsbach, rechts unten in einem Thalgrunde liegend, erblickt, das zum Theil von ſeinen Bewohnern verlaſſen war, indem dieſelben ſich nach Hering und der Feſte Otzberg geflüchtet hatten. Die lebhaft anhaltende Kanonade rieth jenen zwar, ſich möglichſt aneinander zu halten und geſchloſſen vorzurücken, da ſie nicht wußten, ob ſie zunächſt auf Freund oder Feind ſtießen. Dennoch konnten es einige Nachzügler nicht über ſich gewinnen, dem lockenden Dörfchen in ſeinem Obſtbaumhaine keinen Beſuch zu widmen. Sie blieben in dieſer Abſicht ſo lange am Heidelberg zögernd zurück, bis das Hauptcorps, nach kurzem Marſche im Freien, wieder vom verbergenden Wald, dem herrſchaftlichen Forſt, der ſich in langer Linie von Zipfen bei Lengfeld bis zur Höhe von Haſſenroth erſtreckt, zu beiden Seiten umgeben war. Als ſie nicht mehr be⸗ merkt zu werden fürchteten, eilten ſie mit gieriger Haſt und auf dem kürzeſten Wege, d. h. über Rain und Stein, 2 5* — 68— Hag und Hecken, dorfan, und brachen ſogleich in's erſte Haus, das menſchenleer da ſtand. Die beſten Geräth⸗ ſchaften hatten die Bewohner wohl mit fortgenommen, was aber unſere Helden nicht abhielt, zu Befriedigung ihrer Raub⸗ und Beuteluſt auch die verborgendſten Winkel zu durchſtöbern. Sie zündeten mehrere aufgefundene Späne fetten Kiens an und drangen, Thür aufſprengend, in den Keller, worin einige Fäſſer voll Obſtwein lagen, der ihnen trefflich mundete, obwohl durch das Einſchlagen der Faß⸗ boden mehr verſchüttet wurde, als zum Genuſſe verblieb. In dem tumultuöſen Treiben beachteten die durſtigen Zecher kaum, daß ein nahes, mit Stroh gedecktes Aepfelgerüſte Feuer gefangen, und die raſch fortlaufende Flamme ihnen bald den Ausgang wehren werde. Erſt der qualmende Rauch, der in Kurzem das düſtere Gemach zum Erſticken anfüllte, weckte ſie zur Beſinnung und Flucht, wozu es aber bereits ſchon zu ſpät war; denn zu der einzigen Oeff⸗ nung, der Kellerthuͤr, die in die Küche aufwärts führte, ſchlug die fürchterlichſte Lohe empor. Sie rannten alle zugleich jetzt hinan, Rettung ſuchend; verrannten ſich jedoch in dem engen Ausgang wechſelſeitig den Paß und konnten darum nicht ſchnell genug durch die züngelnde Flamme hindurch kommen. Dieſe beleckte, zur Beſchleunigung ihres Verderbens, die umgehängten, friſchgefüllten Patrontaſchen, und es ſprangen etliche davon, wodurch zugleich mit ſchreck⸗ lichem Krachen gar die Decke borſt und einſtürzte. Der ausſtrömende Rauch und die eindringende Luft fachten das Feuer ſofort zu furchtbarer Wuth an, und alle fanden darin ihr plötzliches Ende. Die noch in Wippelsbach anweſenden Einwohner konn⸗ ten Anfangs gar nicht begreifen, wie das Feuer in dem verlaſſenen Hauſe ausgekommen ſein möge, da ſie ſich ſorgſam innerhalb ihrer vier Pfähle aufgehalten und darum das Eindringen der Soldatenrotte nicht bemerkt hatten. Der erfolgte Knall brachte Einige ſogar auf die Vermu⸗ thung, daß eine Brandkugel über die Grenze geflogen ſeie, daſelbſt eingeſchlagen und bei'm Zerplatzen das Un⸗ heil angerichtet habe. Sie geriethen daher in grauſe Beſtürzung, indem ſich ihnen die Möglichkeit und Wahr⸗ ſcheinlichkeit vor Augen ſtellte, daß demnächſt noch mehr ſolcher unwillkommenen Beſuche eintreffen könnten. Andere wollten darin ſelbſt einen abſichtlichen Angriff der nahen Feinde mit Geſchütz auf das offene Dorf ſehen, bis Kinder aus einem nachbarlichen Häuschen etwas von Flinten⸗ männern verlauten ließen, die den Berg herab gekommen und in ein Haus gegangen wären. Da verſchwand all⸗ mählig der Schrecken und gab einer Art Schadenfreude Raum, daß die Brandſtifter alſo in ihrem eigenen Werk — 70— den Untergang, zu gerechter Buße für die Unthat, gefunden. An Löſchung des Brandes dachte man um ſo weniger, weil das brennende Haus ziemlich abgeſondert von andern Gebäuden ſtand, und ein vorbeifließender Bach, der es vom übrigen Dorfe ſchied, noch überdies die Verpflanzung des Feuers auf jenes hinderte, mithin dieſe nicht ſehr zu fürchten war, zumal bei wehendem Nordweſtwinde. Auch auf der Feſte Otzberg und in Hering hatte man, wie oben geſagt, jenen Knall vernommen und ſahe bald von dorther die Rauchſäule aufſteigen, weßhalb Anfangs die Vermuthung entſtand, daß etwa gar noch ein dritter feindlicher Haufe im Anzuge ſeie, der einſtweilen im Vor⸗ beigehen das Dörfchen berennen und in Brand ſchießen wolle, damit ihm ſein Antheil an Ruhm und Siegesbeute nicht entgehe. Von Thann ſchickte deßhalb eine Ordonnanz an die Außenpoſten mit der Ermahnung, ja wohl auf der Hut zu ſein und genau auf alle Wege rings zu achten, um nicht umgangen oder überfallen zu werden. Doch ſolche Beſorgniß war dermalen unbegründet. Der bei Buchhammers Weggang noch auf der Weißrüb zurückgebliebene Köhler ſtand hier in der Nähe des Kom⸗ mandanten, wo er dem wechſelnden Kampfe zuſah und dabei Jenem unter Anderem folgende Fragen nach ſeiner Art beantwortete: — 71— Kommandant: Wo iſt Er denn zu Haus, Köhler? Köhler: In dem Dörfchen Niedernauſes, zunächſt des Ganßiſchen Hofes Heunichsnuſaſte. Kommandant: Wie nennt Er ſich? Köhler: Friedrich Graus. Die Leute heißen mich gewöhnlich den Gruſefritzel. Kommandant: War nicht ſeine Familie vor Zeiten im Mitbeſitz jenes Hofes ſelbſt? Köhler: Mein Urhärle ſagte es als manchmal vom Gruſegerme und Heunichshans, die den Hof ver⸗ kauft hätten. Vom Gruſegerme ſtammen wir her. Kommandant: Ganz recht! Germann Graus und Hans Heinrich verkauften ihren Hof an Diether Gans vor ungefähr dritthalbhundert Jahren. Sage Er mir aber: wie iſt Er denn heute zu dem Soldatentrupp gekommen, den Er an den Lichtenbaum geführt hat? Köhler: Sie haben mich, Meinad! von meinem Kohlhaufen in der Loſenkalbe*) mit Gewalt fortge⸗ ſchleppt und mitgenommen. Kommandant: Hat Er Frau und Kinder? Köhler: Meine Kattel, tröſte ſie Gott! iſt todt.— Aber die gut halbwächſige Bronich iſt mit den zwei *) Name eines Walddiſtrikts in der Nähe des Entenpfuhls. — 72— wilden Buben allein daheim; und die werden nach mir gucken. Kommandant: Getraut Er ſich wohl den Heim⸗ weg zu finden, wenn ich Ihn im Dunkeln bis an die Bienengärten dort unten bringen laſſe, wo der Pfad nach Heubach oder nach Wiebelsbach vorliegt? Köhler: O ja! Ich gehe dann, wenns Noth thut, den Pfaffenpfad über die Holzwieſe bis auf die Schnaiſe fort, über die ein Stück weiter oben der Pfad nach Wiebelsbach geht. So denke ich ungezupft wegzu⸗ kommen. Kommandant: Er iſt, wie ich höre, des Weges Meiſter. Ich werde Ihm einen tüchtigen Knittel zu einiger Wehr und zugleich Etwas für die Seinigen nach Haus mitgeben, und Ihn ſo, wenns ruhiger iſt, entlaſſen. Köhler(freudig): Wie der gnädige Herr Amtmann doch ſo gut iſt!(Nach einer Pauſe, während derſelben er das oben erwähnte Zurückweichen der Bayern bemerkt), Meinad! Es wird auch bald auf dem nächſten Wege zu gehen ſein; denn die Feinde putzen ſchon die Platte. Seht nur! wie ſie dort Pech geben, oberm Fuchsloch*) hin! *) Name einer Feldgegend, ſüdlich von der Schießmauer. — 73— Unterdeſſen brach aber auch die Nacht an, wo der erbitterte Kampf eingeſtellt werden mußte. Die Wachſam⸗ keit wurde dagegen mit ihr von Seiten der Burg⸗ und Stadtbeſatzung, beſonders nach dieſer Seite hin, verdop⸗ pelt, weil von dem nahe ſtehenden Feinde nächtlicher Weile Ueberfall zu fürchten war. Wie wohl man hierin that, lehrte der Erfolg ſehr bald. Es mochte ungefähr um die eilfte Stunde der Nacht ſein, mittlerweile der Köhler auf dem von ihm ſelbſt bezeichneten Umweg ſich nach Haus gefunden hatte, als die vor der Schießmauer gelagerte Feldwache nahende Tritte vom Feindeslager her zu ver⸗ nehmen glaubte, und ſich darum zu beſſerer Beobachtung vom glimmenden Wachtfeuer abſeits hinter einen Schwarz⸗ dornhag, neben dem Wege zum nahen Dörfchen Unterroda begab. Die Horcher hatten ſich nicht getäuſcht, denn ſie bemerkten von hier aus im Lichte der ſternenvollen Novem⸗ bernacht ſehr bald einen Haufen, der mit leiſen aber raſchen Schritten der Schießmauer zueilte, die ihm viel⸗ leicht für eine Schutzwehr dahinter ruhender Wachtmann⸗ ſchaft gelten mochte. Eine gut gerichtete plötzliche Salve von den zur Seite Lauernden belehrte die noch übrig bleibenden Waghälſe zu ihrem nicht geringen Erſchrecken doch eines Anderen, und ſie wichen darum ſchleunigſt zurück. Anf den Wällen hoch oben hatte man nicht ſo⸗ — 4α— bald das nahe Schießen vernommen, als auch ſchnell mehrere Pechkränze aus den dazu ſchon gerichtet geweſenen Möſern auf den vor dem Feinde noch offenen Feldraum geworfen wurde, die ſofort Alles weit und breit mit röthlichem Glanze beſtrahlten, ſo daß dort deutlich und klar das gleichzeitige Anrücken der Heeresmaſſen zu ſchauen war. Ein augenblicklich geöffnetes Feuer mit Hohlkugeln von der Burg aus hatte zur Folge, daß jene ſich zum Theil in das verlaſſene Dorf Unterroda warfen, das kurz darauf in Flammen aufging, um nimmer wieder zu er⸗ ſtehen, größten Theils aber ſich auf der Hochebene vor dem Lichtenbaume, entlang der Höchſter Zeile, aufſtellten, bis der Tag ihnen kräftige Erneuerung des Angriffs ge⸗ ſtatten würde. Mittlerweile ſich Solches hier zutrug, hatten einige der ſeitwärts Unterroda's haltenden Würzburger ein Licht in der Ferne wahrgenommen, das ihnen Anfangs von einem ſpäten Wanderer herzukommen, aber bei längerer Beobachtung doch etwas Anderes anzudeuten ſchien, da es immer von demſelben Fleck herſchimmerte. Mehr die dadurch gereizte Beuteluſt, als Beſorgniß für die Sicherheit ihrer allenfalls von dorther bedrohten Stellung gab ihnen den Gedanken ein, ſich nach jenem Orte zu begeben. Schnell riſſen ſie darum noch mehr Genoſſen an ſich, ſo daß die 75— Schaar auf Siebzehn anwuchs, und ſtürmten ihres Wegs, oder vielmehr keines Wegs, ſondern quer über Feld und Wieſen nach der Richtung hin. Beim raſchen Verfolgen des Zieles, wobei ſie bald zu Thal in einen Sumpf geriethen, verſanken zwar Mehrere davon im tiefen Moorgrund; allein die Uebrigen, dadurch nicht abgeſchreckt, kamen auch deſto eher vor dem einzeln ſtehenden Hauſe an, woraus gedachtes Licht ſtrahlte. Nachdem die Thür geſprengt war, wurden die durch den nächtlichen Sturm ſchon aufgeſchreckt gewe⸗ ſenen Hausbewohner unter ſcharfe Aufſicht genommen, und ſofort Kiſten und Kaſten erbrochen und ausgeleert. Während des gierigen Aufhaſchens der Beute nun ſchaute der An⸗ führer dem vor ihm ſtehenden Hausherrn etwas genauer in's Antlitz und erkundigte ſich dabei nach deſſen Namen. Auf die Antwort deſſelben: Johann Bullert fragte jener, erſtaunt, weiter: Habt Ihr noch Geſchwiſter? Bullert: Nein. Ich hatte wohl einen Zwillings⸗ bruder, Namens Konrad, der aber längſt in die weite Welt gegangen und wahrſcheinlich nicht mehr am Leben iſt. Anführer: Wie alt war dieſer Bruder, als er wegging? Bullert: Ungefähr achtzehn Jahre, denn es mag ſchon dreißig Jahre her ſein, daß er fort iſt und ich Nichts mehr von ihm hörte. — 76— Anführer: Konnte er ein Handwerk? Bullert: Er war Küfer. Anführer: Wißt Ihr Euch nicht irgend eines be⸗ ſonderen Merkmals zu erinnern, das er an ſich trug? Bullert: O Ja! ſein linkes Auge war von der blauaugigen Mutter und das braune rechte vom Vater geerbt, wie es bei den meinigen umgekehrt iſt. Anführer: Wie wunderbar! Es iſt ganz richtig; ſo müßte, den angegebenen Umſtand abgerechnet, gerade mein Vater ausſehen, ſtäcke er in ſolcher Kleidung.(Zu den Soldaten): Haltet ein! Hier klärt ſich mir ein ſon⸗ derbares Räthſel auf.(Alle ſind herzugetreten.) Seht! dieſer Mann iſt mein Oehm, der Zwillingsbruder meines leiblichen Vaters und deſſen entſprechendes Ebenbild. Bullert(verwundert): Wie? mein Bruder Konrad noch am Leben, und ſein Sohn als Feind hier in meinem Hauſe?! Warum hat er denn in ſo langer Zeit nicht Einmal Etwas von ſich hören laſſen, da ſein Aufenthalt demnach doch nicht gar ſo ferne ſein kann. Anführer: Davon wüßte ich keinen andern Grund anzugeben, als den, daß er wieder in den Schooß der alten Kirche zurückgekehrt iſt und alle Gemeinſchaft mit Ketzern abgeſchworen hat. —,.— —— Bullert(beleidigt): Da ſieht er alſo fürder den Bruder, der in gleicher Stunde mit ihm das Licht be⸗ grüßte, den eine Bruſt mit ihm zugleich tränkte, für ein verabſcheuungswürdiges Weſen an. Lehrt ihn das ſeine jetzige Kirche, die ſich doch mit, ja vor der unſeren vom Prediger der Liebe, und ſogar des Feindes Liebe ſelbſt herleitet? Anführer: Oehm! den im Bilde des Vaters als eigenen Vater zu ehren mich ein natürliches Gefühl an⸗ treibt. O deutet des Bruders Schweigen nicht allzuſchlimm. Verzeiht auch mir den voreiligen harten Ausdruck von der kirchlichen Scheidung zwiſchen Euch beiden, die ſich wohl äußerlich auf den geſchwiſterlichen Verkehr, aber gewiß nicht bis in's Innere der Herzen erſtreckt. Ohne Zweifel iſt mein Vater durch ſeine gegenwärtigen Verhältniſſe, die er als ungünſtig für brüderlich freimüthigen Schrifttauſch unter Euch erkannte, zu jenem Schweigen veranlaßt und gleichſam gezwungen worden. Er ſprach zwar höchſt ſelten von ſeiner Kindheit und, ſo viel mir bewußt, nie von einem noch lebenden Bruder; aber eine Regung, die er bei Erwähnung jener oft umſonſt zu verbergen ſuchte, ließ leicht vermuthen, daß noch ein theurer Gefährte ſeiner früheren Lebenstage vorhanden ſein möge, deſſen zu er⸗ wähnen er aus uns unbekannter Urſache ſich ſcheute. — 15— Bullert: Schon gut! Was treibt er aber eigentlich in ſeiner jetzigen Heimath, das ihn die vorige ſo ganz entrathen und vergeſſen läßt? Anführer: Er braut und ſchenkt Bier in dem mit meiner Mutter erheiratheten Hauſe, wobei ihm meine beiden Brüder, der Eine zwei Jahre vor, der Andere drei Jahre nach mir geboren, zur Hand gehen. Bullert: Eben ſollte er doch hier ſein und dem mittleren Sohne, dem Herztrieb ſeines Familienbaumes, über das wilde Aufräumen bei'm Oehm ein Bischen den Text leſen, falls er im Ketzer noch den Bruder erkennen kann und darf. Anführer: O der Kriegsfurien, der blind wüthen⸗ den! Ich werde das Geſchehene forthin gut zu machen ſuchen und für Eure künftige Sicherheit möglichſt ſorgen. (Zu Einigen des Gefolges): Du Wandinger, und du Klügle! bleibt hier im Hauſe und haltet dergleichen Auf⸗ tritte ab, ſo lange wir in der Nähe weilen.(Bullert die Hand reichend). Wenn's der Dienſt erlaubt, will ich zu⸗ weilen bei Euch einſprechen, Oehm, und nachſehen, wie es ſteht. Jetzt wieder zu unſeren Leuten, die unterdeſſen ein glühendes Morgenroth umleuchtet, eh' noch der Himmel tagt. Damit trat er raſchen Schrittes ſammt der Begleitung den Rückweg an, der leichter zu finden war, als der Her⸗ — 79=— weg, da das flammende Unterroda die weithin ſchrecklich aufleuchtende Fackel abgab. Kaum graute nun der Morgen, als auch die Stücke längs des oben erwähnten breiten Weges daher donnerten, ſo daß die Wagenburg am Herrngarten, obſchon etwas tiefer gelegen, in kurzer Friſt Lücken gab, weßhalb die nur kurz gegen plötzlichen Anlauf geſichert geweſenen Dorf⸗ „ſaſſen in größter Beſtürzung ſammt dem mitgeführten Vieh vor das Stadtthor hineindrangen, und um Einlaß ſchrieen. Solcher blieb ihnen aber vor der Hand verſagt, da das Städtchen ſchon faſt überfüllt war, und man den Feind noch in gehöriger Ferne zu halten gedachte. Allein ſchon flogen Kugeln in jenes ſelbſt, die Gebäude durchlöchernd, welche die Mauern überragten. Von der Burg herab flog dagegen auch Kugel auf Kugel in die trotzig immer näher rückenden feindlichen Heermaſſen, vor denen ſich unter dem heftigſten Büchſenfeuer die Centausſchußmänner zurückzogen. Durch das ſtete Vorrücken kamen die Feinde ſehr bald unter das Geſchütz der Burg, ſo daß die Kugeln über ihnen hinfuhren und für ſie unſchädlich wurden. Ihr eigenes Geſchütz dagegen mußte gerade um ſo unheilbrin⸗ gender für die in ſchrecklicher Bedrängniß ſchwebenden Land⸗ leute werden. Indeſſen hatte man aber das Stadtthor 2 — 80— geöffnet, und hinein ſtrömte, ſtürmte, ſtürzte, was Leben hatte in zügelloſeſter Verwirrung. Die braven Büchſen⸗ ſchützen zeichneten jetzt ſich beſonders aus, indem ſie mit jedem Schuß einen Feind zu Boden ſtreckten, der ſich den Andern vorauswagte, und auf Schuſſesweite zu nahen erkühnte. Alſo deckten ſie den mißlichen Einzug, indeſſen ſie ſelbſt, in gedehnter Linie daherziehend, vom feindlichen Feuer wenig litten. Ihnen zur Unterſtützung hatte der Kommandant auch den größten Theil ſeiner Mannſchaft, der in der Burg nicht ſo nöthig war, in das Städtchen geſchickt, wo ſie an der Süd⸗ und Oſtſeite durch die Schießlöcher in der Ringmauer manch' tödtliches Blei in die Reihen der Angreifer verſandte. Plötzlich erhob ſich da in der Zinſelsgaſſe, nach Leng⸗ feld zu, ein großer Tumult, wo doch Alles bisher, noch unerreicht von feindlichem Geſchoß, in ziemlicher Ruhe und Sicherheit lag, indeß es oben ſtürmte. Sogleich eilte der Junker mit den Seinen dahin. Eine Abtheilung der Bayern hatte ſich im Zwielichte vom Lichtenbaume aus, rechts wendend, durch einen Thalgrund hinab und über obengedachte Holzwieſe, um den Fuß des Berges heran⸗ geſchlichen, und fiel ſo zum nicht geringen Schrecken ganz unverhofft die in der Wagenburg Haltenden an, als ſie eben geſammt um einen Brunnen, das Vieh zu tränken, — 81— beſchäftigt waren. Letzteres im Stiche laſſend liefen Knechte und Mägde, unter entſetzlichem Geſchrei, bergaufwärts und ſuchten Zuflucht innerhalb des Thores, das kaum von den vor ihnen Hereingerannten, denen es nicht weit genug geöffnet werden konnte, geräumt war. Junker Blikhard warf ſich mit ſeiner Schaar beherzt den nachſtürmenden Soldaten entgegen und trieb ſie wieder bergunter. Einige derſelben waren an dem Brunnen, insgeheim der Zinſels⸗ brunnen genannt, geblieben und hatten ſich des Viehes zu bemächtigen geſucht. Die ſcharf treffenden Kugeln der Ganßi⸗ ſchen Schützen ließen ihnen jedoch nicht Raum und Weile daſſelbe weg zu führen, ſondern ſie mußten mit den auf ſie zurückprallenden Genoſſen zu eigner Rettung ungeſäumt aus der von ihnen kurz zuvor erſtürmten Wagenburg weichen. Ein Kugelregen, auf die zuſammen gedrängten Thiere ſchnell noch im Abziehen losgelaſſen, der jenen faſt ſämmtlich den Tod gab, ſollte die einſtweilige Rache für ihre bei dem verſuchten Ueberfall gefallenen Kampfesbrüder ſein. Da lagen nun Pferde, Laſteſel, Rinder und Menſchen zu Haufen im Brunnenweg und um den Zinſelsbrunnen*) her, ein *) Beim Aufgraben des Bodens daſelbſt 1830 fand man große und kleine Hufeiſen, je zwei und zwei in nahen Lagen bei⸗ ſammen, wie die Thiere dort verweſt ſein mochten. 6 — 82— blutiger Zins für den dort gehabten kurzen Aufenthalt und kühlen Trank. Unterdeſſen war aber auch der übermächtige Feind durch die Bienengärten, wo im Dunkel der Nacht jener Köhler, der Gruſefritzel, den einſamen Heimweg angetreten, in die Nähe des Thorwegs gekommen, und es ſtand zu befürchten, daß der kaum vertriebene Haufe, dadurch er⸗ muthiget, von neuem auſtürmen möchte, wo alsdann den außen Abwehrenden, in die Mitte gepackt, leicht der Ein⸗ gang in's Thor unmöglich werden, oder der Feind gar mit ihnen zugleich eindringen konnte. Darum hielten es jene für gerathen, ſich hinein zu ziehen, ehe derſelbe ſie allzunahe dränge, und hinter den Mauern ſofort wirkſameren Wider⸗ ſtand zu leiſten. Junker Blikhard Ganß zog deshalb mit ſeiner Schaar gleich innerhalb des Thores rechts dem väterlichen Hauſe zu, und übernahm es, von da aus die nahe liegende Zinſelsgaſſe von Feindestritten möglichſt ſauber zu halten, indeſſen die Centmannen ſich zur Vertheidigung des Städt⸗ chens inwendig vor’s Thor und an einzelne Stellen der Ringmauer poſtirten, deren zunächſt des Schloſſes gelegene Theile die Burgmannſchaft beſetzt hielt. Wie vorher befürchtet, kehrten die vom Zinſelsbrunnen verdrängten Bayern auch ſobald wieder, als ſie die Nähe — 83— des Hauptcorps oben gewahrten und alſo, genugſamer Beſchäftigung halben mit jenem, von den Vertheidigern des Städtchens keinen ähnlichen Empfang, wie den erſten, beſorgen zu müſſen glaubten. Begierig fielen ſie über die getödteten Thiere her, und wollten ſich Kochfleiſch an dem Klauenvieh ausſchneiden, was ihnen gerade recht will⸗ kommen däuchte. Allein wie hatten ſie ſich auch diesmal getäuſcht! Aus dem Ritterhauſe gegenüber kam blitzſchnell der Tod daher geflogen und ſtreckte jeden Wagling auf den ſchon zahlreich ihm geweihten Opfern nieder. Sie mußten alsbald das Vorhaben aufgeben und ſich den Ihrigen anſchließen, die unterdeſſen bemüht waren, Kanonen herbei zu ſchaffen, um das Stadtthor zertrümmern zu können. Solches gelang jedoch eben ſo wenig, als jenes Küchen⸗ projekt, indem die am tieferen Abhang mühſam heran⸗ gefahrenen Geſchütze jedesmal ſogleich die Bedienung ver⸗ loren, wie ſie zur Höhe gelangten, wo ihrem Schuſſe nach dem Thore, aber auch zugleich den Büchſenkugeln von dort her zum eigenen Herzen freie Bahn vorlag. Man gab daher auch dieſes Unternehmen vor der Hand hier auf und begnügte ſich damit, die Spitzen der Gebäude gehörig zu lichten, das Wirkſamſte, was dem Feinde ſein Mangel an Belagerungs⸗Geſchütz noch zuließ; denn dadurch wurden im überfüllten Städtchen alle Bewohner in die Erdgeſchoſſe 6* — 34— zuſammengedrängt und die furchtbaren Scharfſchützen auch einigermaßen niedergehalten. Die Würzburger hatten inzwiſchen an der Südſeite gleichfalls genugſam zu ſchaffen, da ihnen hier die Steile des Berges, aus hoch emporſtrebenden Baſaltſäulen ge⸗ bildet, und die hinter der Ringmauer haltende Burgmann⸗ ſchaft das Annahen wehrten, beſonders oben an der Kirche, wo in jener ein Rundthurm angelegt war. So verſtrich der Reſt des Tages unter raſtloſem Angriff und muthiger Abwehr, wobei die Beſatzung noch immer⸗ dar im Vortheil blieb, weil das Licht ihr den vollkommenen Gebrauch ihrer Waffen geſtattete. Allein mit der herab⸗ ſinkenden Nacht mußte es anders werden, und man war darum bei guter Zeit darauf bedacht, den vorhandenen Vorrath an Nahrungsmitteln und Anderem hinauf in die Burg zu bringen, deren geräumige Keller und Speicher damit angefüllt wurden. Der Schloßhof nahm Schlacht⸗ vieh und Fütterung auf, indeſſen die wehrloſen Greiſe und Mütterchen eine Zuflucht mit den Kindern in den Gebäuden daſelbſt fanden.— Alle waffenfähige Mannſchaft hielt jedoch das Thor und die Mauern des Städtchens, ſowie die äußeren Zugänge zur Brücke der Burg beſetzt, um den feindlichen Anlauf zurückzuſchlagen. — 85— Ruhig ſchwand indeſſen die Vormitternacht dahin und gab den Wachenden keine Veranlaſſung, ihren noch unge⸗ ſchwächten Muth zu zeigen. Zwar erhoben die Gänſe im Ganßhof, wie ihre Schweſtern einſt im Kapitol, um die andere Wache ein lebhaftes Geſchrei und Schnattern, was jenem in grauer Vorzeit den Namen und deſſen Be⸗ ſitzer die Gans zum Wappen gegeben haben ſoll. Allein die ſorgſam auf ihrer Hut haltenden Ganßiſchen Hübner konnten bei'm Forſchen nach der Urſache weiter nichts wahrnehmen, als ein Geräuſch um den Zinſelsbrunnen, das ſich bald entfernte, worauf wieder Alles ſtill war und blieb. Sie ſchloſſen daraus, daß die Bayern etwa das theuer genug bezahlte Fleiſch geholt haben möchten. Lauter wurde es dagegen nach Mitternacht hinter der Kirche draußen, wo zwiſchen dem ſie umragenden Berg⸗Vorſprung und dem mehr weſtlich gelegenen Ravelin eine Vertiefung lag, die den Würzburgern zum Erklettern des Walles und Ueberfall geeignet ſchien. Allein die Wachſamkeit der da⸗ ſelbſt poſtirten Burgſoldaten und beſonders der in dem Rundthurm an der äußerſten Spitze befindlichen Mann⸗ ſchaft vereitelte ſolch' Vorhaben und zwang jene wieder mit Verluſt in ihre Stellung unten am Fuße zurück. Der für die Belagerten daraus erwachſene Nachtheil ward dieſen RPerſt mit Anbruch des Tages klar; denn in der nämlichen — 26— Stunde, wo ein Theil der Thorwache den ungeſtümen Angriff oben abwehren half und die Aufmerkſamkeit der Uebrigen gleichfalls vorzüglich dahin gerichtet war, hatten die Bayern ihre zur Tageszeit umſonſt verſuchte Empor⸗ ſchaffung des Geſchützes auf den Thorweg bewerkſtelligt. Kaum ließ nun der Strahl des Morgens die Gegenſtände hier unterſcheiden, als auch das Feuer aus fünf Schlün⸗ den und zugleich der Sturm auf der ganzen Länge dieſer Seite begann. Solchem Kampf war die geringe Beſatzung für die Dauer nicht gewachſen, beſonders da das Thor ſehr bald in Trümmern lag, und jetzt noch gar die Würz⸗ burger ihren Angriff von der anderen Seite erneuerten. Man überließ daher das Städtchen ſeinem Schickſal, um die Burg deſto kräftiger vertheidigen zu können, die ja das Theuerſte der Braven forthin umſchloß. Der Rück⸗ und Einzug der Centmannen in die Feſtung ward in der⸗ ſelben Ordnung, wie der vorher in's Städtchen, angetreten, wobei die ſcharfen Büchſenkugeln wieder ihr Möglichſtes thaten und die Verfolger in Schranken hielten. Mit dem Städtchen mußte aber auch das Ritterhaus, das, obwohl mit Thor und Mauer verſehen, doch keine eigentliche Burg war, geräumt werden, indem es nach dem völligen Einſchluß der Feſte Otzberg durchaus nicht gegen die Feinde behauptet werden konnte, und über⸗— — 87— dies alsdann der Beſatzung deſſelben die Flucht dorthin abgeſchnitten blieb. Die Enge der Eingangsſtraße erlaubte dem Feind nicht, mit bedeutender Maſſe auf Einmal ein⸗ zudringen, und ſo gelang es dem Häuflein des Junkers leichter, den Abzug der Herrenfamilie zu decken, der etwas ſpät durch ein kleines Thürchen aufwärts nach der Burg angetreten wurde. Zur Unterſtützung hielt auch noch der Centausſchuß in der Nähe der Kirche, dabei vor Andern jener Buchhammer aus Heubach, deſſen Vater ein Ganßiſcher Hübner war, gleich dem Telamonier Ajax, im Kampfe der Schreck des Gegners. Mit eben abgeſchoſſener Flinte, der ein Feind fiel, kam er die Brunnengaſſe herab, als ſeine Barbara, die wir eben kennen gelernt, mit einem Korbe, unter und mit den Hausleuten ſeines Gutsherrn vorüber zog. Ihn ſehen und auf ihn zuſpringen war bei ihr Eins. Aber in demſelben Augenblicke rannten auch ſchon Drei aus dem Feindeshaufen ihr nach, aus deren Haſt, die ſtämmige Maid einzuholen und zu ergreifen, er auf die derſelben zugedachte nicht geringe Mißhandlung ſchließen mußte. Sofort beſchloß er eine ſchreckliche Züchtigung ihrer Verfolger, und ließ ſie darum bis vor den Brunnen heran⸗ kommen. Plötzlich ſtieß er dann dem Vorderſten mit dem Gewehrkolben auf die Bruſt, daß er auf ſeinen Nach⸗ folger zurückſtürzte, denſelben niederſchlug und ſelbſt das — 88— Aufſtehen auf immerdar vergaß. Grimmig faßte Buch⸗ hammer darauf den Andern mit der rieſigen Rechten, und hob ihn, gleich einem Knaben, über den Brunnenrand, wo er den Schreienden die Tiefe von zwanzig Lachtern hinab⸗ warf. Barbara war inzwiſchen die Brunnengaſſe hinauf⸗ geeilt, wo Reiz mit ſeinem Wender ſtand. Ein Wink von ihr auf die Gefahr des Ortsgenoſſen ließ dieſen nicht ſäumen, und ſo ſank der kaum wiedererſtandene Verfolger und ein neu herzugeeilter, der eben ſeine Muskete auf jenen anſchlug, mit durchbohrten Schläfen am Brunnen in den ewigen Schlaf, indeſſen Buchhammer mit wieder geladener Flinte ſich auf's neue den kühnen Kampfesbrüdern anſchloß. Nach eiligem Durchzug der kurzen Thorgaſſe wandten die Feinde zum Theil linkshin, wo fortan ein ſtattliches Haus die Blicke derſelben auf ſich zog und den Wahn erweckte, dort auch auf etwas Ritterliches zu ſtoßen, das ihnen bei'm weiteren Vordringen in den Rücken fallen könnte. Allein es war der zur Wohnung eines geiſtlichen Kämpfers, des reformirten Pfarrherrn Rübeck, hergerichtete Sitz der alten Ziſichin(Zeischen) von Otsberg*), von dem zeitigen Bewohner jetzt gleichfalls verlaſſen und *) An dem Thorbogen jenes Hauſes iſt noch Hartwig Ziſiſch zu lefen. —,— ——⏑ʒ——.—— r r — 89— in Eile mit dem Aufenthalte innerhalb des ſchirmenden Burgrings vertauſcht. Die leeren Gebäude nicht achtend ſtürmten daher Jene mit wilder Begier weiter hinauf nach der Kirche, hinter welcher indeſſen noch die Würzburger, ihre Genoſſen, den muthigen Vertheidigern des Vaterheerds und Heiligthums nicht wenig zuſetzten, und beinahe den unteren Feſtungswall vor dem Eingange der letzten Flücht⸗ linge iws Schloß gewonnen hätten. Da gab der Kom⸗ mandant, die Gefahr noch zu rechter Zeit bemerkend, einigen mit Einrichtung der Stätte für die überzähligen Gäſte beſchäftigt geweſenen Knechten Waffen, und ließ dadurch vom oberen Wall aus die hart Gedrängten unterſtützen und vor Ueberflügelung ſichern. Mehrere Handgranaten, unter die dichten Haufen geworfen, thaten ihre Wirkung, daß ſie ſchleunigſt wieder hinab wichen und ſo zur Auf⸗ nahme ſämmtlicher Mannſchaft, wie zum feſten Verſchluß der Burg Raum und Zeit geben mußten. Somit war die Feſtung Otzberg aber auch auf's engſte eingeſchloſſen und die Bewohner derſelben, die Beſatzung und dahin geflüchteten Landleute, von aller Gemeinſchaft mit der übrigen Welt abgeſchnitten. Wie lange dieſer Zuſtand dauern konnte, war nicht voraus zu ſehen, wohl aber von Seiten der Eingeſchloſſenen leicht einzuſehen, daß bei der Anzahl der Zehrer die vorhandenen Lebensmittel — 90= kaum über die Jahreswende reichen würden. Man ſchränkte ſich deßhalb auch hier möglichſt ein und ſchnitt die täg⸗ lichen Biſſen ziemlich mäßig zu, um den Mundvorrath auf die ungewiſſe Zeit zu ſtrecken. Beſonders ſuchte der Kom⸗ mandant durch reichliche Abſchlachtung des Maſtviehes den Mahlzeiten mehr Sättigung und Kraft zu geben, weil dadurch an den andern Speiſen geſpart und der Bedarf für den ohnehin etwas übermäßigen Viehſtand zugleich gemindert wurde. So verſtrich Woche auf Woche, ohne daß dabei Erhebliches vorfiel, der kleinen Neckereien nicht zu gedenken, die ſich manchmal zufällig oder abſichtlich zwiſchen den beiderſeitigen Poſten entſpannen, wobei immer die Belagerer den Kürzeren zogen, weßhalb es endlich ihr Chef nöthig fand, ſolche ſeinen Leuten, die meiſtens Urheber davon waren, ſtrenge zu unterſagen. Während des Stillſtands der Waffen nun hatte der Wachtmeiſter, Bullerts Neffe, Muße genug, ſeinen dort ſo martialiſch aufgeſtöberten Oheim und deſſen Töchter— Sohn hatte derſelbe keinen— näher in Augenſchein zu nehmen und kennen zu lernen. Er kam faſt täglich dahin, ſowie es nämlich ſein Dienſt erlaubte, der in abwechſelndem Verſehen der Feldwache beſtand und bei dem geringen Umfang des Städtchens und der Feſte keine ſehr zahlreiche Mannſchaft erforderte, mithin ihn nicht allzuhäufig in —— —— — 91— Anſpruch nahm. Die Schutzwache, welche er vom erſten Abend dagelaſſen hatte, war, wie ihm bald klar wurde, ganz familiär geworden, beſonders Wandinger, der aus der Nähe von Bayreuth ſtammte, wo deſſen Vater Be⸗ ſitzer eines bedeutenden Landgutes war und nebenbei die Brauerei betrieb. Unſer Aloys, der dritte Sohn des Vaters, verſtand ſich in Kurzem recht gut mit der älteſten Tochter des Hauswirths, der braunen Katharine, die dem lieben guten Mann, obgleich anderen Glaubens, als ſie, bis zum Ende der Erde zu folgen verſprach, ſobald er die Waffen mit dem friedlich ſtillen häuslichen Heerd ver⸗ tauſchen wollte und könnte. Klügle, in der Gegend von Ansbach zu Haus, konnte zwar bei Liſetten, der jüngſten Tochter Bullerts, nicht ſo leicht Gehör finden, da dieſelbe mehr auf ihre Freiheit und das angeſtammte Bekenntniß hielt. Aber zuletzt war auch ſie ſo ziemlich für den eben nicht unedel gebildeten Hausbeſchützer geſtimmt, und er durfte nur in andere Verhältniſſe zu kommen ernſtlich trachten, ſo konnte er auf ihre Mitfolge rechnen. Das waren alſo die Eroberungen zur Zeit des Waffen⸗ ſtillſtands, oder während des ſturmloſen Einſchluſſes einer Feſte, die ſich vor der Hand noch nicht zur Ergebung neigte. Zu Anfang des Chriſtmonats nun verſuchte man zweimal den Sturm, wurde aber jedesmal durch die Wach⸗ — 92— ſamkeit und den Heldenmuth der Beſatzung mit Verluſt abgewieſen, und die Feindeshaufen ſchienen dadurch ſelbſt zuletzt von den Qualen des Mangels an den nöthigen Nahrungsmitteln bedroht. Die Gegend umher war aus⸗ geplündert; und unternommene Streifzüge zur Erbeutung von Lebensunterhalt blieben darum ohne den gewünſchten Erfolg, oder konnten nur wenig zur Verſtärkung des kleinen Vorraths fruchten. Beſſer ſtand es in dieſer Hinſicht auf den Gedanken, daß jene allenfalls geheime Zuflüſſe haben möchten, um ſich ſo lange halten zu können. Dies war jedoch nicht der Fall, obgleich man von der Feſte aus einen unterirdiſchen Gang nach dem nahegelegenen Leng⸗ feld entdeckt und denſelben an etwas zerfallenen Stellen hergeſtellt, alſo wieder gangbar gemacht hatte. Derſelbe konnte bei der allgemeinen Leere auch des ſonſt ſo nahrungs⸗ reichen Lengfelds zu weiter nichts dienen, als zu einem Rettungswege der Waffenloſen auf den äußerſten Fall, wenn nämlich die bedrängte Feſte durch Sturm in Feindes⸗ hand gerathen und alſo Leben und Ehre derſelben allzu⸗ ſtark gefährdet werden ſollte. Doch der größte Theil der dahin Geflüchteten, gleich der Beſatzung von ungemeinem Muthe beſeelt, verwarf ſolche Rettung, die bei dermaliger Lage der Nachbarſchaft ja doch blos ein gewagter Tauſch mit den Belagerten noch, und die Belagerer geriethen — 93— der Gefahr ſein würde, und beſchloß, ſich lieber unter den Trümmern ihres jetzigen Zufluchtsortes begraben zu laſſen. Bei ſolcher Geſinnung ſeiner Schutzvertrauten durfte der Kommandant den aufgefundenen Wölbengang, von ſeinem Keller ausgehend, getroſt auf andere Weiſe zu benutzen ſuchen, und gab demnach Auftrag, denſelben für den nächſt bevorſtehenden Sturm todtbringend herzurichten. Unter dieſen Anſtalten rückte das Chriſtfeſt heran, und die Geburtsnacht des Herrn wurde von den Burgbewoh⸗ nern ſtill und feierlich durchwacht, wobei die Eingeſchloſſenen ſich an die Verſammlungen der erſten Chriſtengemeinden erinnern mochten, denen, gleich ihnen, das Schwert der Verfolgung Tag nnd Nacht über dem Haupte ſchwebte, War ihnen doch eben auch der Tempel verwehrt, und mußten ſie nicht mit jedem Augenblicke des unheilbringenden Ueberfalls gewärtig ſein?! In dieſem Gedanken, der ſie zu ſteter Wachſamkeit ſpornte, lag aber eben ihre Sicher⸗ heit und Rettung. Um die Mitte der zweiten Feſtnacht glaubte der Feind den wiederholt abgeſchlagenen Sturm mit beſſerem Erfolg, als früher, erneuern zu können, und rückte zu dem Ende in vollen Haufen, mit Leitern zum Erſteigen der hohen Wallmauern verſehen, an. Hatte man vorher an der Südſeite geſtürmt, wo große, zum Wiederaufwinden an lange Ketten gehängte, Eichenſtämme, — 94— auf ſtarken aus der Mauer hervorragenden Tragſteinen ruhend, zur Zermalmung der Sturmleitern nnd Stürmer herabgewälzt worden waren; ſo tobte diesmal der Drang der Feinde vorzüglich von der Nordſeite her, indeſſen das Schloßthor zugleich mit Kanonen beſchoſſen wurde. Schreck⸗ lich war hier das Gewühl des Angriffs und der verzwei⸗ felnden Abwehr; denn zu beiden Seiten des Thors inwendig lagen Haubitzen, die, mit Flintenkugeln gefüllt, aus ihren dunkeln Schlünden in jeder Minute hundertfachen Tod in die Maſſen der Stürmer ſpieen, indeſſen die Büchſenſchützen alle Schuß ihren Mann dem finſtern Reiche zuſchickten. Ringsher waren dabei ſelbſt Weiber und Mädchen bemüht, die aus dem Schloßhofe herzugetragenen Pflaſterſteine den Feinden auf die Köpfe zu ſchleudern. Als ſich aber an der Seite nach Lengfeld zu das Gedränge immer mächtiger erhob, ſchickte von Thann den böſen Nickel, der ſich unterdeſſen von dem ſogenannten Jägerſtübchen herab, einem kleinen Zimmer etwas ſeitswärts hinter der Kommandantenwohnung, den Feinden furchtbar genug gemacht hatte, in ſeinen Keller, nicht etwa eines kühlen Trunkes halber für ſich in der heftigen Kampfeshitze, ſondern zu eigener Abkühlung der allzuhitzigen Feinde. Nach Verlauf einer Minute, innerhalb welcher Buchhammer wieder zurück war und auß's neue die Flinte — 95— ergriffen hatte, ſchütterte der ganze Berg und ein Knall erfolgte, wie wenn eben der Erdball börſte, worauf Nacht und Stille augenblicklich Lärm und Feuerwerk verſchlang. „Kreuzhimmelſternſakkerment!“ war der erſte Laut, der die Todtenſtille unterbrach und aus Buchhammers Kehle kam, von einer Miene begleitet, welche genugſam deſſen Bekanntſchaft mit der Urſache des Knalls bezeugte.„Das war eine tüchtige Pillen, fuhr er fort,„die gewiß die Verſtopfung durchgetrieben und den größten Unrath abgeführt hat.“ „Jetzt geſchwind nur an Euren Poſten!“ ermahnte der Kommandant; ndamit die Feinde nicht wieder eher zur Beſinnung kommen, als unſere Leute, die, wie ich fürchten muß, jetzt auch beſtürzt ſind.“ Hiermit ging er rings um die Burg durch einen ſchmalen Gang, der ſich hinter den Zimmern herumzog, und brachte das in's Stocken gerathene Feuer wieder in lebhafteren Gang, als zuvor, indem er Allen die wahr⸗ ſcheinliche Wirkung der geſprungenen Mine vorhielt. Ehe der Tag aber mit röthlichem Schimmer den öſtlichen Himmel bemalte und das Städtchen Hering deutlicher wies, zogen ſich die Stürmer dahin zurück, nachdem ſie im nächt⸗ lichen Sturme mehr als die Hälfte ihrer Mannſchaft ein⸗ gebüßt hatten. Der zahlreichſte und tapferſte Haufe war durch die Mine auf einen Schlag umgekommen. — 96— Von Thann hatte nämlich in oben erwähnten Wölben⸗ gang, der unter dem oberen und unteren Wall hindurchzog, einen großen, ſtark mit Eiſen beſchlagenen Koffer voll Pulver ſchaffen, jenen ſodann von der äußeren Wallmauer hereinwärts mit feſten Steinen dicht vermauern laſſen, wodurch jedoch noch ein Rohr zum Anzünden der Mine bis in den Keller hineinreichte. Hier mußte Buchhammer ein Stück brennender Lunde einſtecken, was bei ſeinem Gang in den Keller geſchah. Die darauf erfolgte Exploſion hatte den unteren Wall, gerade wo die dichteſten Feindesmaſſen ſtanden, aufgeriſſen und mit dem vom erſtarrenden Froſte zuſammengebackenen Boden jene zerſchmettert oder in die Luft geführt. Daß die Wirkung davon innerhalb der Burg und auf dieſe nicht mehr ſo zerſtörend ſein könne, war richtig berechnet; denn das Pulver wirkte bei der weiteren Oeffnung des Ganges bergabwärts zum Theil dorthin, zumeiſt aber auf die Decke deſſelben gerade über dem Koffer, die als die dünnere natürlich auch am erſten nachgab und in die Höhe flog, ſomit der Gewalt des Vulkans hier Raum ſchaffend, dieſelbe für die Feſte unſchädlich machte. Dies war der letzte Verſuch von Feindes Seite, die herzhaft vertheidigte Burg mit Gewalt zu nehmen, und er hatte jenen belehrt, daß es alſo ſchwerlich angehen und gelingen möchte. Darum wurden gelindere Wege — 92— eingeſchlagen und mit den Belagerten Unterhandlungen angeknüpft, wobei man, des Verhaltens der Braven wür⸗ dig, ſehr ehrenwerthe Bedingungen zur Uebergabe vorſchlug. Mögen ſie ſich noch vor Ablauf des Jahres darüber gegen⸗ ſeitig verſtändigen; wir wollen indeſſen vor dem Ausgang gegenwärtiger Geſchichte, der dem Leſer kaum mehr zweifel⸗ haft erſcheinen wird, noch eine Nebenſache, worunter ich die im Raube gemachte Bekanntſchaft zwiſchen Neffe und Onkel und die daraus hervorgegangenen Liebſchaften von des Letzteren Töchtern rechne, mit einander beſprechen. Dieſe fielen ſehr tragiſch aus, woran aber keineswegs die Geſinnung der Liebhaber Schuld trug, welche beide es redlich mit ihrer Bewerbung meinten. Der Wachtmeiſter, Konrad Bullert, war in dem letzten Sturme gefallen, und konnte daher ſeine in Schutz genom⸗ menen lieben Anverwandten nicht mehr vor Unbill bewah⸗ ren helfen. Wandinger, den ſein Taufname Aloys, der Zermalmer, jedem Widerſacher treffend bezeichnete, und Klügle, ſein Quartiergenoſſe, hatten in dieſen Tagen ſchon manche Streifparthei abgewehrt, die ſich von ihren Leuten bei ihnen eingefunden, was in ihrem Vermögen und natürlich auch in ihrem Intereſſe lag. Am Sylveſter⸗ abend aber kam ein ſtarker Trupp Marodeurs, umherirrend von Höchſt daher, und verlangte Nahrungsmittel. Um ſie 7 — 98— in Güte zu beſchwichtigen, gab Bullert ihnen von ſeinem gleichfalls in's Kleine geſchmolzenen Vorrath, was ihm billig däuchte. Sie verlangten jedoch mehr, und immer mehr, und drohten zuletzt gar, den Hausherrn zu erſtechen, wenn er nicht Alles hergäbe. Das brachte Wandingern in Harniſch, und als nun vollends Einer der unverſchäm⸗ ten Forderer die Kammerthür ſprengte, worin die Mäd⸗ chen ſich verborgen hielten, ſpaltete er dem Trotzigen mit einem Hiebe den Kopf bis auf die Bruſt herab. Jetzt war das Signal gegeben zur wüthendſten Blutſcene, die ſich damit ſchloß, daß der Brave, nachdem er noch Fünf von der Raubrotte dem Erſten nach zur Hölle geſandt hatte, durch einen Bajonnetſtoß fiel, Klügle, der ſeinem Kameraden tapfer beigeſtanden, von Säbelhieben ſank, und darauf Bullert mit ſeinen Töchtern, welch' letztere von den Kannibalen erſt geſchändet wurden, unter den gräßlichſten Verſtümmelungen endete. Nach dieſer Heldenthat, der ſich jedoch die Thäter eben nicht laut rühmen mochten, übergab man das ausgeplünderte Haus den Flammen, um mit ihm den Anblick der darin verübten Gräuel zu ver⸗ tilgen. Das waren türkiſche Chriſten, oder bloß chriſtlich benamte, unvertraut mit Chriſti Geiſt getaufte Türken. In den erſten Tagen des Jahres 1622 wurde der endlich zur Uebereinkunft gediehene Tractat wegen Ueber⸗ — 99— gabe der Feſte Otzberg von beiden Theilen unterzeichnet, und die Beſatzung zog mit Wehr und Waffen unter klin⸗ gendem Spiel, das Landvolk aber mit ſtiller Freude zum Burgthor heraus und den nahen und fernen heimiſchen Schwellen zu. Manche, die hineingezogen waren, zogen nicht mehr aus, und die wieder auszogen, hatten eben noch wenig, was den Zug erſchweren konnte. Die Ein⸗ wohner des niedergebrannten Unterroda blieben in Hering zurück, wo ſie mit der Bürgerſchaft nach und nach ver⸗ ſchmolzen, ſo daß man jetzt von demſelben keine Spur mehr, wohl aber den Namen der Feldgemarkung noch kennt. Dietz und Max. Nach einer Sage. In einem anmuthreichen Thale wehnten, Bei Ruh' und glücklicher Zufriedenheit, Zwei Brüder, gleich an ächter Redlichkeit, — Womit ſie wechſelnd ſich die Treue lohnten. Sobald das junge Licht die Flur beſchien, Verbanden zu des Tagewerks Geſchäfte⸗ Sie beide die durch Fleiß geübten Kräfte, Und wohl gelang ihr eifriges Bemüh'n. Der Speicher bog ſich von des Feldes Segen, Die Kelter trof von ſonn'ger Hügel Wein, Und ſchimmernd füllte der gebleichte Lein Des Vorraths Kammern, und der Bäume Regen. Und kam der Arme flehend vor die Thür' Der ſtillen Wohnungen in's Thal gezogen: So ſtieg ein Dankgebet zum Himmelsbogen Für die aus Lieb' erhaltne Gabe hier. Doch ſtetes Glück wird keinem Erdenbürger Zu Theil, wenn er auch reinen Herzens iſt, Wie Dietz und Max. Des Tugendhaſſers Liſt „Ward nur zu bald der ſüßen Eintracht Würger. Der blies der Gattin Dietzens Eiferſucht, Die Hüterin verbundener Geſchlechter Unwahr genannt, der Geilheit Flammenwächter, Auf einmal ein, zu ihres Friedens Flucht. Ein Plagegeiſt ward Anne fort dem Gatten, Den drrum ſie ohne Rückhalt fühlen ließ, Und dem ſie Abends jedes Wort verwies, Das er und Dorothee geſprochen hatten Im Tagsgeſchäft, von Allen gleich geführt. Und wagt' er's nur, ſie freundlich je zu grüßen, So mußt' er ganze Wochen dafür büßen, Und ſcharf ward ſeinen Tritten nachgeſpürt. Da ſchwand ſie, ach! die Heiterkeit, im Kreiſe Des Brüderpaars; denn Mißtrautn ſcheuchte ſie, — 103— Das Allem des Verbrechens Farbe lieh'; Und kalt, wie an des Nordpols ſtarrem Eiſe, Verjährt kam jeder Laut aus Annens Mund, Wenn ihr die Freundin gleich mit treuen Blicken In's Antlitz ſchaute. Nimmer wollt es glücken Zu klären ihres düſtern Herzens Grund. Nach Kurzem ward ſogar das Band getrennet, Das ſie bisher noch in Geſchäftigkeit Vereinte; bis zu bitterm Haß entzweit Blieb ihnen kaum der Aufenthalt vergönnet In einem Thal. Getheilet ward das Gut, Und jeder baute nun die eigne Erde Für ſich und ſein Geſchlecht, mit mehr Beſchwerde Und minderm Glück, in faſt erloſch'nem Muth.. Allein, noch klimmte jetzt des Argwohns Zunder, Verſchwieg'ner nur, in Annens Buſen fort, Und liſtvoll ſpähte ſie, ob nicht ein Wort, Ob eine Mien' ihr was verrieth. Hinunter War einſt des Tages heißer Flammenblick Geſunken an des Himmels fernem Kreiſe, Da ſchlich ſie, forſchend nach gewohnter Weiſe, Zum nahen Hof, denn Dietz war noch zurück. — 104— Spät ward er heut' mit fleiß'ger Ausſaat fertig, Indem der Abend dämmernd niederſtie Und rings umher des Haines Loblied ſchwieg, Nur Philomele klagte, Luſt gewärtig Und als ſich Dietz genaht des Bruders Haus, Begegnet Dorothee dem Heimgewandten; Und Anne hält's gefügt, daß ſie ſich fanden: Schnell bricht des Eifers Gluth in Flammen aus. So zittert, unheilſchwanger, oft ein Funken Auf trockne Halmen, zündet weiter ſtets Im Stillen fort; des Windes Odem weht's Zum grauſen Brand dann, bis, in Schutt geſunken Des Dorfes Bauten ſeinem Strome flieh'n. „Wie trefft ihr euch ſo ſchön bei Sternenſchimmer?!“ Ruft Jene,„Durch ein Ungefähr wohl nimmer; „Gut, daß ich auf die Spur gerathen bin! „Beſtätigt ſeh' ich alſo, was ſchon lange „Mit bangem Zweifelmuth mein Herz geahnt! „Du haſt den Weg zur Hölle dir gebahnt, „Verführerin! Gel', tückenvolle Schlange, „Denn hin, wo ew'ge Nacht dein Aug' umzieht!“ — 105— So raſ't des Weibes Zorn; in wilder Hitze Stößt ſie des Eiſens ſcharf geſchliffne Spitze Tief in der Freundin Bruſt: ihr Athem flieht. Und auf den Gatten zuckt ſie dann das Meſſer. Zur Furie von blinder Wuth entſtellt; Auch dieſer fühlt des Stiches Wund' und fällt. „Dir geh' esn, brüllt die Raſende, nnicht beſſer! „Ereilt hat Euch das rächende Geſchick.— „Allein wozu das Leben mir noch friſten?! „Ich irre doch in freudenleeren Wüſten „Forthin!“ Sie ſprichts und taumelt bleich zurück. Da hatten Dreier Leben raſch geendet, Durch eine Hand, von Leidenſchaft beſiegt; Bald folgt auch Max, der ſeinem Schmerz erliegt Und mit ihm war das Grau'ngeſchick vollendet. Oft, wenn am Otzberg ſich der Strahl verliert, Tönt Klage leiſ' herauf aus jenem Thale: Vier Schatten wanken dort im Mondenſtrahle Zum Born*), der beider Brüder Namen führt. *) Gewöhnlich Dietzematzeborn genannt. — 6— Der Liebe Schwur oder: Siegbert Ganß von Otzberg und Adelgunde von Breuberg. Eine Sage aus der Ritterzeit. Geh, Arnhold! ſattle mein Roß, leicht, wie zum Luſtritt; denn ich gedenke heute dem Maienfeſte beizuwoh⸗ nen im Frohngrunde bei Heubach, wo mit der Schweſterſchaft der H. Magdalena von Roſenhain die St. Mariens von Höchſt, wie deren Hoſpiz in Lengenfeld, mit letzterem meine Schweſter Irdmunde einen Zug nach dem Heiligenbilde, dem wunderthätigen, unternehmen wird. So ſprach der Ritter Siegbert Ganß von Otz⸗ berg; und ſein treuer Knappe ſputete ſich, des Gebieters Wort zu vollſtrecken. Bald ſtieg dieſer, in bequemes Gewand gehüllt: ein Wamms von grünem Sammt, mit Otternpelz verbrämt; gelbe Beinkleider, weiland die Decke eines Sechzehnenders, den er im Bernhardshain*), unfern Unterroda, ſelbſt erlegt; mit kurzen Stiefeln, woran ſilberne Sporen, und einem Käppchen oder Barret aus Marderfell, den Schweif oben übergelegt, den muthigen Rappen, der, froh *) Wald, jetzt Feld, bei Hering, wo nahe das ausgegangene Dorf Unterroda lag. — 110— des leichteren Reiters, tanzend mii ihm dahin flog. Die wolluſtathmende Frühe des Tages, den ſchon die Väter feſtlich und unter Tanz und Opfer empfingen, ſtimmte zu wonniger Empfindung des Ritters Gemüth, beſonders wenn er ſich das Zuſammentreffen mit der geliebten Schweſter dachte, die zwar in örtlicher Nähe, doch, innerhalb umſchließender Mauern des Hoſpitiums des Kloſters Höchſt, in geiſtiger Ferne ſeinem Leben und Trei⸗ ben, ihre Kindheit verbrachte. So wollte es die Zeit und Sitte, daß beide Geſchlechter, als Hälften der Menſch⸗ heit zu wechſelſeitiger Begleitung im Leben beſtimmt, durch Erziehung und Bildung dennoch ſtrenge geſchieden waren. Während das männliche Geſchlecht frühe mit dem Gebrauche der Waffen,— ſelten mit etwas ſonſtigem, ausgenommen die Muſik, die dem kräftig galanten Zeit⸗ alter, nächſt jenem, allein noch zuſagte,— vertraut wurde und ſich für die oft mit unerhörter Anſtrengung verknüpf⸗ ten Kämpfe und Ritterſpiele, u. dgl. großartige Kraftan⸗ ſtrengungen abhärtete, wozu vorzüglich häufige Jagdübun⸗ gen das Ihrige beitrugen; blieb das zarte Geſchlecht, von allen jenen tobenden Vergnügungen des Jugend⸗ muthes, aber auch vom Leben, gleichſam ausgeſchloſſen, zur Aneignung ſanfterer Tugenden und der Erlernung mancher weiblichen Fertigkeiten, als Spinnen, Sticken, . — 111— Stricken ꝛc. meiſtens klöſterlicher Stille vertraut, bis das jungfräuliche Alter erſchien, wo die Tochter, dem elterlichen Hauſe zurückgegeben, der Leitung der Mutter anheim fiel, die ſie im Haushalt unterwies und ſo ihre Erziehung vollendete. Von nun an wohnte ſie den öffentlichen Ritter⸗ ſpielen bei, die üblichen Huldigungen zu empfangen und dem Sieger, der für ihre Ehre und Minne dort kämpfte, Dank zu ſpenden. Unſer Ritter ergötzte ſich, wie ſchon geſagt, im Vor⸗ aus an dem Zuſammentreffen mit ſeiner Schweſter, die er ſeit Monden nicht geſehen hatte, und welches Glück er heute einer religiöſen Feier verdankte. Die Reitenden konn⸗ ten, zur Vermeidung einiger Jähen, die der nächſte Weg nach Heubach, ein Fußpfad, nordoſtwärts durch den nahen Forſt ziehend, bot, einen Umweg über Wiebelsbach nehmen, zogen es jedoch, möglichſt raſch dem Ziele zueilend, vor, das Dörfchen rechts laſſend, jenem zu folgen. So gelangten ſie, nach kurzem, wiewohl etwas beſchwerlichem Ritt über den Katzenbuckel, die ſteilſte jener Anhöhen, auf dem halben Wege ragend, im Zeitraum von einer Viertelſtunde zu einem ſchönen Wieſenthale, die Wehr⸗ wieſen genannt, wo ſie auf die Prozeſſion von Lengen⸗ feld, die vorauszog, ſtießen. In den hinteren Reihen der⸗ ſelben befand ſich Martin Klebitz von Nalsbach, deſſen — 112— Vorfahren vor langer Zeit, wie Konrad Klebitz um 1263, Burgmänner von Umſtadt geweſen waren. Sein Stammſitz lag hier in der Nähe; denn Nalsbach blühte damals, nämlich zur Zeit dieſer Geſchichte, um 1400, noch als wohlhabendes Dorf zwiſchen Umſtadt und Wiebelsbach, in kaum viertelſtündiger Entfernung von Lengenfeld, jetzt Lengfeld, zu deſſen Gemarkung, nach der Zerſtörung jenes Dorfes im dreißigjährigen Kriege, ſeine Fluren gezogen wurden und noch heutigen Tages den Namen Nalsbüch tragen. Martin Klebitz war ein Mann von mittler Statur, mit abſchreckendem Angeſicht, aus dem tief liegende graue Augen, von ſtarken Augenbrauen überhangen, drohend hervorſtachen, ähnlich denen einer lauernden Katze. Sein Kopf, durch den dicken Hals ſtark auf die Schultern herabgezogen, war durch eine Wolfsfellmütze erhöht, woran das Antlitz des Wolfes mit den ſpitzen Ohren und Schnauze gleich einem zweiten Kopfe emporragend, ſich befand. Er erwiederte den Gruß des Ritters von Otzberg mit einem ſonderbaren Lächeln, worin Stolz und Spott ziemlich unverhalten lagen, die aber von dieſem nicht bemerkt, oder wenigſtens nicht ſonderlich beachtet zu werden ſchienen. Unter Anſtimmung des ambroſianiſchen Lobgeſanges ward die Wieſenfläche durchgewallt, und der Weg ging — — 113— ſodann eine kurze Strecke ziemlich ſteil aufwärts, worauf der Zug zu einer ſtark betretenen Straße gelangte, die mit ſchlängelnden Windungen über die Höhe der äußerſten Gebirgskette des Odenwaldes daherzog, und hier mit dem, von einer Raugräfin an die aus frühen Jahrhunderten unſerer Zeitrechnung ſtammende Burg Umſtadt ver⸗ ſchenkten, Rauwald in eine weite Ebene überging, wie ſie ſich aus der Ebene des Bachgau's zu beinahe kreis⸗ förmigen Lauf nach jenen Höhen aufgeſchwungen. Nachdem man eine kleine Strecke dieſer Straße gerade gegen Mittag hin gefolgt war, wurde vor einem alten Eichenhain Halt gemacht, in deſſen Umſchattung mehrere Hühnengräber aus altdeutſchen Zeiten erragten, und die noch heutiges Tages an dem aus Föhren beſtehenden Höhhölzchen*), wo dieſes das mit Rothbuchen be⸗ wachſene Heubacher Grenzgehäge, das ſoͤgenannte Eichels, berührt, zu ſehen ſind. Schon hörte man aus der Ferne Feſtgeſang, von einer Wallerſchaar herrührend, die das Kloſter Höchſt heute mit der Priorin, Agneſe von Wambolt, verlaſſen hatte, um der Feier des Maifeſtes mitverherrlichend bei⸗ zuwohnen. Sie war über Hetſchbach gezogen, wo ein *) Ein Walddiſtrikt, nach Wiebelsbach gehörig. 8 — 114— Wamboltiſcher Hausmeier mit nahrungsbeladenen Diene⸗ rinnen den Zug verſtärkt und ehrend bis zur Höhenſtraße geleitet hatte, der dann oberhalb Fraunauſes dieſe Straße bis zum Höhhölzchen verfolgte. Kaum waren dieſe beiden Züge, nach wechſelſeitiger Begrüßung, in der beſonders die Priorin ihr Herz gegen die ihrer Obhut vertrauten, doch dem täglichen Anblick entrückten Lengfelder Hoſpitalkinder ergoß, völlig in einem verſchmolzen, ſo kündete ſich auch das Annahen eines neuen Zuges von anderer Seite her an. Von Umſtadt aus über oben erwähnten Rauwald kam der Comthur der Johanniter von Moßbach daher gezogen in kleinem, aber deſto prächtigerem Gefolge. Jener war Eberhard von Wambolt, ein Bruder der Priorin des Kloſters Höchſt; dieſes Einige der Commendeglieder, an die ſich die Burgmänner der Stadt und Veſte Umſtadt, von Curti und Schelm von Bergen, ſammt begleitender Dienerſchaft, ſchloſſen. Letztere beide hatten Beſitzungen in Heubach, zum Theil in der Nähe des Wunderbildes gelegen, dem dieſe Wallfahrt mit ihrer hohen Solennität galt; und ſo hielten ſie es denn für geeigneter, den reli⸗ giöſen Act mitzufeiern. Die Freude des Wiederſehens hielt die Geſchwiſter vom eiligen Anrücken zum nahen Ziele ab, und ließ ſie — 115— einige Minuten hier verweilen, wo der Ueberblick eines ur⸗ alten Eichenhains, auf einem Bergabhange, ſüdweſtlich von Heubach, mit ſeinem Rieſenwuchs, in die Tage der Väter verſetzte. Noch trägt eine Gegend dieſes Abhanges den Namen Hain, erinnernd an ſeine Weihe als Heiligthum und Sitz einer Gottheit, deren Verehrung durch das Chriſtenthum erloſchen oder vielmehr durch prieſterliche Bemühung, die dem Volke dafür einen Gegenſtand chriſt⸗ licher Verehrung zu geben ſuchte, auf das wunderthätige Heiligenbild übergegangen war. Weiter herab nach dieſem zu führt ein kegelförmiger Bergvorſprung den Namen Eichelsberg, an deſſen Fuße gegen Mitternacht der Frohngrund(Heiligengrund) ſich in einer nicht gar breiten Fläche dem von einem klaren Bache durchſchlägelten Wieſenthale zuſtreckt, das durch ſeinen ergiebigen Heuab⸗ wurf dem daran erbauten Dorfe die Benennung verlieh. Durch eine Thalſchlucht hinabſchreitend, die ſich weiter abwärts um den Eichelsberg rechtshin öffnete, gelangten die Waller zu mehrerwähntem Frohngrunde, wo unter einer rieſigen, von vier Männern kaum zu umklafternden Eiche, beſchattet von deren überragenden Aeſten, das wun⸗ derthätige Bild ſtand. Es war der Ritter St. Georg, von koloſſaler Größe aus Sandſtein geformt, wie er, zu Pferde ſitzend, im Kampfe mit dem Lindwurm die Aja 8* — 116— befreite. Vielleicht ging ſpäter, nach Zerſtörung dieſes Bildes, wovon ſeit dem dreißigjährigen Kriege keine Spur mehr vorhanden iſt, die Erinnerung an deſſen Verehrung auf ein Gemälde mit ovaler Einfaſſung am Hochaltare in der Kirche zu Heubach über, wo der heilige Georg, als Sieger, ohne Rüſtung, im Purpurmantel auf ſeinem Schimmel prangt. Doch wieder zurück auf jene Zeiten, wovon die ſagenhafte Geſchichte handelt. In feierlicher Prozeſſion zur Begrüßung dreimal das Bild umkreiſend, das mit Blumenkränzen und feſtlichem Laubwerk geſchmückt war, bildeten die Jungfrauen an der Morgenſeite zuletzt einen Halbkreis, indeſſen die Priorin hin⸗ zutrat und einen Epheukranz, den Eine ihrer Begleiterin⸗ nen zu dieſem Zwecke mitgebracht hatte, um des Ritters Lanze warf. Jetzt erſchallte von neuem Geſang, und es kamen die Schweſtern aus Kloſter Roſenhain, das in einer Thal⸗ bucht hinter Heubach, der heiligen Magdalena zu Ehren geſtiftet, lag, von jenem Dorfe daher gewallt. An dieſen Zug hatte ſich ein großer Theil der Dorfbewohner, vor⸗ züglich des ſchönen Geſchlechts, hinten angereiht, und ſo bildete das Ganze eine ziemlich anſehnliche Reihe, welcher Kirchenfahnen vorausgetragen wurden. — 117— Nachdem auch die Letzten zur Stätte gelangt waren, vereinten ſich alle zu einem feierlichen Umgang um das Wunderbild, und es wurde im vollen Chore das Te deum abgeſungen. Alles ging mit der größten Feierlichkeit vor ſich, und die Andacht verklärte dabei ſichtbarlich manches ſchöne Angeſicht. Vor Allem aber ſtrahlte Adelgunda von Breuberg, die Tochter des Ritters Curd oder Conrad von Breuberg, im Seraphſchmucke des weißen Gewandes, das ihre vollen, im ſchönſten Ebenmaße pran⸗ genden Glieder umwallte, hervor. Im Kloſter Roſenhain erzogen, war ihr der heutige feſtliche Tag höchſt willkom⸗ men, ihrer dort genoſſenen Kindheitswonne wieder einmal recht lebhaft eingedenk zu werden, und ſie wohnte daher mit doppeltem Intereſſe dem Zuge bei. Fern und immer ferner trat ihr aber während des erwähnten Umgangs alles Irdiſche, und ſie ahnte, von himmliſcher Begeiſterung em⸗ porgehoben, nichts von dem rührenden Eindrucke, den ihre Erſcheinung auf die Gemüther der nahen Umgebung machte. Am mächtigſten und bleibendſten war dieſer Eindruck im Gemüthe des Ritters von Otzberg, der jeder Bewegung der Engelsgeſtalt mit Herz und Blicken folgte und, davon entzückt, Alles um ſich her vergaß. Wie die Sonnenblume immer den Kelch dem ſie belebenden Geſtirne zukehrt, oder wie der Magnet ſeine Richtung beſtändig zum Pole lenkt: — 118— ſo hing des Ritters Auge unverwandt an der Herrlichen, und ſein Inneres wurde mehr und mehr von der feurigſten Liebe zu ihr ergriffen und durchdrungen. Was war der feſtlich ſtrahlende Maitag ſelbſt gegen den Tag, der jetzt ſeinem Herzen aufging! Auch Klebitz fühlte beim Anblick der Breubergerin eine Regung, die bisher ſeinem finſtern Herzen noch fremd ge⸗ blieben war. Allein die beſeligende Liebe erhob ihn nicht ſo zur Entzückung, wie Siegbert Ganß, ſondern ließ ihn im erſten Entſtehen ſchon die Qual des Mißtrauens em⸗ pfinden, indem er ihren Gegenſtand zu ſehr der allgemei⸗ nen Bewunderung ausgeſetzt ſah und ſich darum nimmer eines ſicheren Beſitzes deſſelben getröſten zu dürfen glaubte. Nach Vollendung des erſten Umgangs trat eine Pauſe ein, während der die Bekannten und Geſchwiſter, beſon⸗ ders des Laienſtandes, die kein Gelübde in ceremonielle Feſſeln band, ſich begrüßten und in wechſelndem Geſpräch zuſammentraten. Irdmunde Ganß trat zu Adelgunde von Breuberg, die noch kaum aus ihrer geiſtigen Höhe zur Erdennähe herabgekehrt war, und redete ſie mit mäd⸗ chenhafter, doch beſcheidener Munterkeit an. a2Es freut michn, ſagte ſie,„Euch mein Fräulein heute hier zu ſehen; da ich ſonſt doch wohl ſchwerlich — 119— Jemand in unſerm Kreiſe finden dürfte, der die Bedeutung dieſes Feſtes ſo innig fühlte, als Ihr. Eure Seele ſchien dem Retter der Aja in die verklärten Höhen nachſchweben zu wollen.“ Adelgunde: Scherz oder Ernſt! wie Ihr es nun nehmen wollt, Fräulein! Ich glaube, wer ſolchen Arm für ſich zum Schutz bewaffnet wüßte, könnte ruhig durch alle Gefährniſſe des Lebens gehen. Siegbertcherzutretend): Zur Rettung zarter Frauen in dem härteſten Strauß mit Drachen anzubinden ziemt ächtem Ritterſinn; und Schmach dem Feigling, der für ſeine Liebe ſein Leben zu wagen ſcheute! Adelgunde: Solchen Sinn acht' ich, da er den Mann ziert. Doch pfui über des Wegelagerers Muth, den nur des Kaufmanns Schätze reizen, und der, ſelber ein Drache, das Land unſicher macht! Irdmunde: Dieſer Helden, die gern an wohlbe⸗ ſetzter Tafel Ehre ſuchen, werden immer weniger mit der Zeit; je mehr ſich das Volk in den Städten hebt und der Bürgerſtand ſich fühlen lernt. Zuletzt wird es ihnen gänz⸗ lich an Raum fehlen, vom Stegreif zu leben. Siegbert: Das Ende des Schlegelritterthums könnte weit früher eintreffen, wenn ein kräftiger Kaiſer auf dem deutſchen Throne ſäße, der ſich mehr um die Angelegen⸗ heiten des Reichs kümmerte, als dieſer Wenzeslav*) von Böhmen. Seit der Niederlage am Rhein hat er vollends die Fühlhörner ganz ein⸗ und ſich, gleich der Schnecke in ſein Haus zurückgezogen, wo es ihm ſelbſt nicht einmal wohl ſeyn ſoll. Doch wir gerathen ja unver⸗ merkt tief in die Politik hinein, und laufen am Ende Ge⸗ fahr, uns an den unerquicklichen Betrachtungen um die mailiche Gemüthsſtimmung zu bringen, die dieſes Feſt mir vor andern zu verherrlichen begann. Adelgunde: Da habt Ihr Recht, Ritter. Ein Blick in die camera obscura der Politik erheitert niemals. Da lob' ich mir den Anblick der ewig herrlichen Natur, die jetzt wieder ihr Prachtgewand um die Fluren zieht, und mit junger Liebe und Wonne die Weſen umher beglückt. Das war es auch beſonders, was mich aus den Wogen des Geſanges emporhob, ſo daß Euer Fräulein Schweſter meine Seele zum Glorienkreiſe des Feſtpatrons entrückt wähnte. Ehre und Ruhm ſeinem hohen Heldenmuthe! Aber Preis und Anbetung dem erhabenen Schöpfer des Weltalls, deſſen Geſchenk auch jener Heldenmuth war, der im Schutze der Schwachen ſeiner Beſtimmung getreu wirkte.— *) Römiſch⸗deutſcher Kaiſer von 1411, wo ihm Rupprecht von der Pfalz folgte. —— —— — 121— Siegbert: Von dieſem Geſichtspunkte aus betrachtet gewinnt das heutige Feſt ſehr an vernünftiger Bedeutung, obgleich ich geſtehen möchte, daß es noch einen andern gibt, wobei der Patron deſſelben zwar nicht als Heiliger, doch als Ritter in meinen Augen Bewunderung und Lob verdiente. Wer für die treue Geliebte in den tödtlichen Kampf geht und ihr mit ſeinem Herzblut Rettung erkauft; ſollte der nicht Ehre verdienen, wenn auch nicht gerade Verehrung!? Adelgunde: Allerdings, denn er vergißt ja in dem Gegenſtand ſeiner Liebe ſich ſelbſt, indem er mit ſeinem Leben den Beſitz der Geliebten auf's Spiel ſetzt. Solche Selbſtverleugnung iſt gewiß ehrender Anerkennung würdig, zunächſt und am meiſten aber von der Perſon, für welche ſie geſchieht. Durch Nichtbeachtung oder gar ſchnöde Ver⸗ achtung ſolcher aufopfernden Liebe würde dieſe Perſon nur ihren eigenen Unwerth an den Tag legen; der Großmuth ihres Beſchützers aber keineswegs etwas vom ächten Werthe benehmen. Siegbert: O daß es mir nur einmal eben ſo gelin⸗ gen möchte, Gelegenheit zur Bewährung ſolches Ritterſinnes aufzufinden, wie ſich der derſelben ganz würdige Gegenſtand zu meinem unendlichen Glücke gefunden hat! Irdmunde: Daß die Männer doch immer ſo gerne den Wahn hegen, unſere Liebe durch Großthaten unwider⸗ — 122— ſtehbar feſſeln zu können; als ob ſie dadurch zum ſchuldigen Tribut werden ſolle, unabhängig vom freien Herzenstrieb. Adelgunde: Laßt ihm doch dies Selbſtgefühl, das ihn vor Unwürdigem bewahren kann. Seine Rede zielte wohl auf nichts weniger, als ſolche Anmaßung; ſondern ſie ſchien mir vielmehr der freimüthige Erguß eines lieb⸗ erfüllten Herzens zu ſeyn.(Zu Siegbert gewendet) Hofft nur und vertraut getroſt auf edle Liebe, der ſicher die ſchöne Belohnung nicht entgehen wird!— Hier bemerkte die Sprecherin eben wieder den die Gruppe lauernd umkreiſenden Nalsbacher, der während des Geſprächs einige Mal, im Begriff mitzuſprechen, näher getreten war, aber bei der Aeußerung Adelgundens über die Stegreifsritter und der darauf folgenden Wendung der Unterhaltung ſeine Gedanken immer zu abweichend fand und ſie darum für ſich behielt. Auf die letzten Worte der Breubergerin, die ihm gleichfalls nicht entgingen, ſondern eiſenſchwer auf's Herz fielen, verzog er grimmig das Ge⸗ ſicht, daß es der Wolfsſchnauze oberhalb deſſelben nicht unähnlich erſchien, und ging, als er ſich bemerkt ſah, abſeits. Schon ordnete ſich unterdeſſen der Zug auf's neue, und die feſtlichen Geſänge ſchallten umher. In etwas ande⸗ rer Folge, als zuvor, hatte man den wiederholten Umgang angetreten, und mit merklich anderer Stimmung wallte — 123— Adelgunde in den veränderten Reihen, die ſie jetzt zwar noch verſchönte, aber nicht mehr gleich einem höhern Weſen überſtrahlte. So hatte die Weihe der Andacht zuvor ihre Geſtalt erhoben und gleichſam mit himmliſcher Verklärung umgeben, dahingegen jetzt die Wolken der Beſorgniß ihre Stirne etwas umdüſterten und irdiſche Dürftigkeit mehr hervorſchimmern ließen. Der Blick, mit welchem Klebitz auf ihre letzten Worte abſeits gegangen war, ließ ſie ahnen, daß Siegbert, der ihr beim erſten Anblick theuer geworden, hier nur zu bald den Drachen zum Kampfe finden werde. Siegbert hatte jedoch durchaus keine Ahnung hievon, und überließ ſich um ſo unverhaltener den Regungen des liebevollen freudigen Herzens, als er ſeine Schöne, kaum noch eine über jede Begehrlichkeit erhabene Göttin, ſich nun näher gerückt ſah und nach ihrer eigenen Verſicherung hoffen durfte. Das ſchnitt dem lauerſamen Klebitz eben um ſo tiefer in's Herz und füllte ihn mit deſto heißerem Groll, je weniger er ſich in geiſtiger und leiblicher Hinſicht mit dem beglückten Nebenbuhler meſſen konnte; und er beſchloß darum, das wahrgenommene Glück bei der erſten ſich darbietenden Gelegenheit zu zertrümmern. Nachdem man noch mehrmals das Heiligthum umkreiſt hatte, und ſomit die feierlichſte Feſtübung vorüber war, kam die Reihe nun an die Sänger und Künſtler, die bei — 124— dergleichen Feſtlichkeiten nicht fehlen dürfen, indem uraltes Herkommen und Gebrauch ihnen nicht die unerheblichſte— Rolle dabei angewieſen hat. Es traten Zitherſpieler auf, welche Balladen, in Bezug auf das Feſt, abſangen; Tänzer, welche religiöſe Feſtſpiele, Auftritte aus der heiligen Ge⸗ ſchichte pantomimiſch aufführten ꝛc. Vor Allem aber zogen die ſogenannten Georgs⸗Orakel die Aufmerlſamkeit der Menge auf ſich, welche ein von der Geiſtlichkeit dazu auto⸗ riſirter Magier ausgab. In der Nähe des Heiligenbildes nämlich floß ein Bächlein, auch heutigen Tages noch dort zu ſchauen, obgleich mit dem Bilde ſeine prophetiſche oder ſybilliniſche Weihe verſchwunden iſt. Das Waſſer dieſes Bächleins wurde bei den Orakeln, zum Erſtaunen des Volkes als Dinte benutzt, um mancherlei Anliegen dem Heiligen ſchriftlich vorzutragen, der dann ſeine Antworten gleichfalls ſchriftlich auf eine für die Fragenden höchſt wunderbare Weiſe ertheilte. Siegbert und Adelgunde, denen, wie allen Liebenden, ihre Zukunft beſonders am Herzen lag, wandten ſich deß⸗ halb auch an den Weiſen, der im Rufe großer Frömmig⸗ keit ſtand, und mit dem Heiligen, wie ehemals die Alrau⸗ nen mit dem Bilde des Hains, den lebhafteſten vertrau⸗ lichſten Frag⸗ und Antworttauſch unterhielt. Er ſchöpfte mit einem ſilbernen Gefäße Waſſer aus oben erwähntem — 125— Bächlein, und hieß in ſolches die das Orakel Verlangenden eine Feder vom weißen Schwan eintauchen und ihre Fra⸗ gen auf ein hierzu ihnen vorgelegtes Blatt weißes Papier ſchreiben, das er ſodann dem Heiligen zuſtellte. Die Schrift war hinter der Hand der Schreibenden in ſchwarzen Zügen ſichtbar geworden, was den Glauben der Frager an die Unfehlbarkeit der erbetenen Aufſchlüſſe ganz begreiflich nicht wenig beſtärken mußte. Unſer Ritter hatte die Frage niedergeſchrieben: „Seh' ich den ſchönſten Wunſch meines „Herzens bald mit Erfüllung gekrönt?“ Der Theophraſt ſteckte dieſelbe auf ein weißes Stäb⸗ chen, das auf dem Kopfe des Schimmels St. Georgs ſich befand, ſo daß die Schrift dem Heiligen augenfällig ent⸗ gegen ſtand. Hierauf mußte Siegbert auf die Spring⸗ feder einer Kapſel unterm Schilde deſſelben drücken. Dieſer entſchlüpfte ſofort ein weißes Blättchen, worauf, als der Orakelſuchende es nach Anweiſung des Magiers mit einem, in ſchwarzer, mit Georgiregen angefüllter, Urne getränktem Schwamme überfuhr, folgende Verſe deutlich zum Vor⸗ ſcheine kamen: „Wirſt du des Wolfes Tücke zwingen, „So mag dir Alles wohl gelingen.“ — 126— Der Otzberger ſtaunte und vor Verwunderung hätte er beinahe das geleſene Orakel aus den Händen fallen laſſen, obwohl er ſich den dunklen Sinn deſſelben vor der Hand eben ſo wenig erklären konnte, als die Art und Weiſe, wie er es empfangen*). Jetzt verſuchte auch Adelgunde das Glück mit einer Frage, ganz auf die vorerzählte Art. Sie drehte ſich, wie leicht zu denken, um denſelben Angel, wie die des Liebſten, und es war auf dem mit Bachesfluth überſchriebenen Blatte klar zu leſen: „Darf ich wohl der gedachten ſüßen „Vereinigung mich freuen?⸗ Ihr wurden darauf zur Antwort die auf dem zweiten *) Beide Arten Zauberſchrift, ſowohl des Frag⸗ als Antwort⸗ blattes, laſſen ſich leicht natürlich darſtellen. Erſteres Blatt war durch eine Miſchung von ſehr fein geſtoßenen Galläpfeln und Vitriol, mit Baumwolle auf demſelben gut eingerieben, zur Hervorbringung ſchwarzer Tintenzüge mit bloſem Waſſer präparirt.— Auf letzterem war die Antwort, im Style der Orakel, mit klarer Auflöſung von Eiſenvitriol und Waſſer vorher geſchrieben, nach dem Abtrocknen unſichtbar geworden, und trat durch die Anfeuchtung mit Galläpfelwaſſer, dem angeblichen Georgi⸗Regen, bleibend hervor. In beiden Fällen kamen die drei Species der Tinte zuſammen zur Wirkung. = 127— Blatte durch das Bad mit Georgiregen hervorgelockten Verſe: „Geneuß der Liebe Seligkeit, „Denn nahe liegt Verluſt und Leid!« Im Augenblicke dadurch um Nichts klüger, wohl aber beſorgniß⸗ und gedankenvoller geworden, nahm die Empfän⸗ gerin das Wunderblatt am pochenden Herzen auf, d. h. ſie barg es im Buſen, um daſſelbe zu gelegener Zeit ge⸗ nauer überdenken und ſich darnach berathen zu können. Trotz dem Argusblicke des argliſtigen Klebitz hatten die Liebenden Gelegenheit gefunden ſich vor ihrer heutigen Trennung über eine künftige und zwar baldige Zuſammen⸗ kunft zu verſtändigen, um ihre Herzensangelegenheiten, durch das Orakel noch um Vieles dringender geworden, ungeſtörter beſprechen zu können. Vor der ſcheidenden Sonne waren die verſchiedenen Feſtparthien auseinander gegangen und hatten nach man⸗ cherlei Richtungen hin den Heimweg angetreten. Siegbert hatte die Richtung über Wiebelsbach eingeſchlagen, da er durchaus keinen Beweggrund kannte, auf dem etwas kürze⸗ ren Herwege wieder zurückzukehren und alſo länger in der Geſellſchaft des übellaunigen Nalsbacher zu bleiben. Nächſten Tages blitzte der Helm unſers Ritters in der hohen Mittagsſonne vor der Einfahrt von Heunichsnu⸗ — 128— ſaſte, einem Hof, den ſein Ahnherr, Diether Ganß, etwa fünf und zwanzig Jahre früher von den Fuldaiſchen Erbleihern Hans Heinrich und German Graus erſtanden hatte, und gleichfalls von der Abtei Fulda zu Lehen trug. Dieſes Gut lag, nebſt anderen ſeines Beſitzes, in Neuſes (Schloßnauſes), und ward von Hübnern beſtellt, die außer dem jährlichen Pacht, ihrem Herrn noch in mancher Beziehung dienſtbar waren. Die menſchenfreundlichſte Be⸗ handlung machte jene aber demſelben nicht nur treu ergeben, und auf jeden Wink gehorſam, ſondern ſie verehrten ihn faſt wie ihren Gott. Beſonders hoch ſchätzte den oft bei ihnen einſprechenden jungen Gutsherrn der kleine Bert⸗ hold, das ſechsjährige Söhnchen des Hofbauers, Michael Scior. Sobald er ihn von fern erblickte, fing er ge⸗ wöhnlich an zu jubeln, und ſprang herzu, ſeines Junkers Reitgerte in Empfang zu nehmen und in's Zimmer zu tra⸗ gen. Selten ließ er dieſen Lieblingsdienſt einem Anderen zukommen, wenn er irgend bei der Hand ſein und deſſen Ankunft zeitig genug wahrnehmen konnte. Auch diesmal ſprang frohlockend das liebliche Kind dem Ankommenden entgegen und ſtreckte die kleinen Händchen dar, um die gewohnte Gefälligkeit zu erzeigen. Siegbert überließ dem Kleinen die Reitgerte u und rief einem Hausknecht, dieſem das Pferd zur einſtweiligen — — 129— Verpflegung anempfehlend, bis er wieder wegreiten würde. Darauf ging er in's Haus und ſprach mit dem Hof⸗ michel, wie man den Hausvater kurzweg nannte, über Mancherlei, was beſonders die Bewirthſchaftung und Ver⸗ beſſerung des Guts betraf. Dabei wurde denn ein Becher nach dem andern geleert, die Scior, wohl wiſſend, was dem Junker behagte und ihm als Wirth in ſeinem Verhältniß zu demſelben gezieme, aus dem gut beſtellten Keller immer wieder von neuem füllte. In dem wechſelnden Geſpräche verſtrichen die Stun⸗ den unvermerkt, und es mochte ungefähr um die fünfte des Nachmittags ſein, als der Ritter aufbrach und ſich des Weges zur Höhe, worauf die Höchſter Straße zog, erkun⸗ digte, um, wie er vorgab, von da nach einem Wäldchen zu reiten, das zu einem ihm gleichfalls zuſtehenden halben Hof in Habitzheim gehörte und hinter Kloſtex Roſenhain, von Heubach aus, lag. Sein Hübner, der vorerwähnte Hofmichel ſchickte den Knecht, der das Pferd beſorgt hatte, als kundigen Führer mit, und ſo gelangten ſie durch einen Buchwald, das Gründel genannt, etwas ſteil aufwärts zu jener Straße, die durchſchnitten wurde, worauf ſie, zwiſchen Hetſchbach und Frannauſes hinziehend, auch bald auf oben erwähnte Straße ſtießen, welche aus dem Bachgau kommend, zum 9 — 130— Höhhölzchen führt. Hier entließ Siegbert ſeinen Führer, da er nun ſelbſt kundig war, folgte dann eine kurze Strecke dem vorliegenden Wege gegen Morgen, worauf er, den⸗ ſelben rechts laſſend, gerade nordwärts zu Thal ritt, an deſſen ſüdweſtlichem Abhange ſein Habitzheimer Wäldchen lag. Er mußte, da die Paſſage über einen breiten Moor, unter'm Namen lederne Brücke bekannt, zur Linken den Untergang drohte, forthin ſich rechts halten, und kam ſo, dem Kloſterbrunnen, jetzt Raſſelbrunnen, wahrſchein⸗ lich ſeines lauten Geräuſches halber, genannt, vorüber reitend, zu einem reizenden Thalgrund, von einem Silber⸗ bach durchſchlängelt, der weſtwärts nach Heubach fließt. In demſelben Thalgrunde, der ſich gegen Abend in die weite Ebene nach Darmſtadt hin, eigentlich gerade dem Roßberg zu, öffnet, lag von hier nordoſtwärts zurück noch ein Dörfchen, Katzenbach genannt, deſſen Gebiet bis hervor reichte zum Thale des Münſters, dem es hörig war. Jetzt heißt die Feldgegend, eine Viertelſtunde hinter Heubach, Pfaffenhecken, und das ehemalige Kloſter⸗ gebiet Roſengarten. Zwiſchen dieſem und jenem weilte der Ritter, ſeiner Holden harrend, welche die Stelle, wo der weiter hinten aus verſchiedenen Waldquellen— die erſte derſelben ihres weißlich ſchimmernden Waſſers wegen Molkenborn genannt,— entſprungene Bach die kühlen — 131— Wellen des Raſſelsbrunnen aufnimmt, zu einem Stelldich⸗ ein bezeichnet hatte. Oben auf der Höhe ragte, dem Ritter wohl bewußt, das Wamboltiſche Jagdſchlößchen, wo Fräulein Adelgunde, deren Vaterſchloß, Breuberg, eine halbe Stunde ſüdöſtlich entfernt lag, oft einſprach, und von der Familie des Wildmeiſters Hugo allzeit gaſtlich aufgenommen, manchmal Wochen lang ſäumte, beſonders um die Zeit der hehren Jahresfeſte. Sie wohnte dann gemeiniglich auch von dort aus den täglichen Andachts⸗ übungen im nahen Kloſter, der Stätte ihrer Erziehung und ihr dadurch zur andern Wiege geworden, bei, weßwegen ihr alle Tritte und Stege umher genau bekannt waren. Das Roß des Ritters, ſeines Reiters entledigt, der ſich auf einen großen Stein, einige Schritte vom Wald⸗ ſaume, ſeitwärts liegend, niedergeſetzt hatte, ließ ſich die fette Weide gut ſchmecken, während der auf ſeinem Felſen⸗ thron in mancherlei Gedanken Vertiefte dem Murmeln des nahen Bächleins lauſchte, und dem allmählich laut und lauter werdenden Geſange der Droſſeln, die ihr Abendlied zum blauen Himmel empor flöteten. Es ward ihm dabei ſo wohl und ſo weh um's Herz, daß er vor Rührung und Wonne beinahe hätte weinen mögen, als er nun vollends die Vorfälle des geſtrigen Tages in ſeiner Seele zurückrief. Da fiel ihm das ſeltſame Orakel ein, und er zog das 9* — 122— Blättchen hervor, um es abermals durchzuleſen und viel⸗ leicht bei ſeiner jetzigen Stimmung tiefer in den dunkeln Sinn deſſelben einzudringen. Aber es wollte ihm eben ſo wenig, als bisher, gelingen, da er Alles zu buchſtäblich nahm. „Wie mag ich doch den Wolf zum Gegner bekommen?„ fragte er.„Auf meinem Wege und bei meinem Streben dürften, denke ich, nur Menſchen mir hinderlich ſein und entgegenwirken können. Oder ſollte ich Sie, die ich zur Krone meines Lebens erkor, wirklich einmal einem Wolfe abſtreiten und ſo ihr Leben retten müſſen?! Wünſchens⸗ werther Kampf! wenn ihr dabei der Schreck ſelbſt geſpart bliebe, und mich, nur mich allein, das Ungethüm berührte.“ Während dieſes Selbſtgeſprächs trat, ohne von dem tiefſinnigen Orakeldeuter bemerkt zu werden, Adelgunde, eine Begleiterin im Gebüſch zurücklaſſend, hart an ihn heran, und brachte durch ihren Gruß ſeine Gedanken plötz⸗ lich auf eine lichtere Bahn. „Was faſelt Ihr da,“ rief ſie lächelnd und bedeu⸗ tungsvoll, von Wölfen ohne Vernunft? Als ob es nicht ſolche mit Menſchenangeſichtern geben könnte, weit gefähr⸗ licher, als die Scheuſale der Wildniß. Ich ſollte meinen, wir ſahen geſtern Jemand, der über einem widrigen Menſchen⸗ geſicht die Wolfsſchnauze trug, gleichſam zum Beweiſe ſei⸗ — 133— ner Verwandtſchaft mit den urſprünglichen Beſitzern der letztern. Vor ihm ſich zu wahren rathe ich zunächſt, da ich aus ſeinem geſtrigen Benehmen ſchließen muß, daß er gewiß nichts Gutes gegen Euch im Schilde führt.“ Während dieſer Rede, die klarer war, als ſibylliniſche Orakel, hatte unſer Ritter allmählich die Deutung des ſeinigen mehr gewonnen, und gab der Warnerin alſo zurück: „Der Nalsbacher wird nicht ſo leicht an mich gehen, wenn er auch den Fuchs im Schilde führt und ich bloß die Gans. Darum macht er mir wenig oder gar keinen Kummer.“ Adelgunde: Wer die Fabel vom Adler und der Horniſſe kennt und beherziget, die ſich im Leben nur zu häufig bewährt, wird ſeinen Feind auch ſelten zu gering achten, und ſich daher weislich vor ihm zu ſichern ſuchen. Oft kann ein Schwacher uns mehr ſchaden aus Groll, als zwei Starke nützen mit aller Liebe. Siegbert: Laßt das jetzt. Wir könnten ſonſt unſere ſchönſten Stunden in kalter Philoſophie vergrübeln, indeſſen das Leben warm den frohen Genießer labt. Adelgunde: Eben den Genuß räth hier mein Orakel, das auf die Kürze und den Unbeſtand unſeres Glückes weiſet.(Ein Blättchen hervorziehend und es Siegbert zu⸗ reichend). Das leſ't und lernt leben. — 134— Siegbert(nachdem er es aufmerkſam durchgeleſen): Da müſſen wir demnach mit unſeren Stunden wuchern und ihren Freudenertrag möglichſt zu gewinnen ſuchen. Wie gehaltvoll erſcheint mir ſchon das Leben, ſeit ich in Euern Augen die Verwirklichung meiner ſeligſten Träume ſchaute! O Geliebte, die mich hoffend lieben und liebend vertrauen hieß, und dadurch in mein bloſes Daſein erſt Deutung und Leben legte. Ich fürchte forthin nicht Schickſal und Zukunft, da mein Bewußtſein mich über jeden neidiſchen Wechſel erhebt. Adelgunde: Ihr ſchwärmt, Ritter! O ruft die dun⸗ keln Mächte nicht zu zeitig in die Schranken, die weder Schwert noch Lanze zwingt, und vor denen nicht Schild und Harniſch ſichern. Im treuen Herzen wohnt das Glück Der Liebe, ſelbſt im Mißgeſchick. Doch wer zum Gotte ſich verſteigt, Sinkt gern', von ſeinem Blitz erreicht. Darum wappne die Ueberzeugung gegenſeitiger Treue uns nur gegen die Einwirkung menſchlicher Anſchläge, die unſerm Bund hindernd entgegen treten mögen. Sind un⸗ wandelbar und edel unſere Gefühle für einander, ſo genü⸗ gen wir uns zum Glücke, das dann auch bei'm Wechſel aller Dinge außer uns Stand halten wird. Siegbert: Ja, wohl ſind wir uns ſelbſt genug, um in treuer Herzenseinigung unſer ſchönſtes Lebensglück zu begründen. Nehmt hiermit von mir die heilige Verſiche⸗ rung, daß ich gewiß Nichts verſäuuten werde, was dieſes Glück ſchaffen und befeſtigen kann. Adelgunde: Auch von meiner Seite ſeid des Glei⸗ chen verſichert; und daß keine Gewalt mich je in Tod und Leben von Euch reißen ſoll. Siegbert(nach einem langen Kuß, den Adelgunde erwiedert, indem ſich Beide feſt umſchlungen halten): O in ſolcher Minute liegt der Werth und die Wonne einer Ewig⸗ keit, ſo daß mir beneidenswerth däucht, weſſen Seele mit dem Anſchluß der Lippen von hinnen flöge. Adelgunde: Süßer Schwärmer; Ihr vergaßt bei Eurer Annahme nur der billigen Vorausſetzung, daß, da noch ein Weſen jene Wonne mitfühlend ſchuf, wohl auch der Himmelsflug ſelbander geſchehen müſſe, um dieſelbe vollkommen mit hinüber zu nehmen, und nicht tieferen Schmerz dafür in des Zurückbleibenden Buſen zu hinter⸗ laſſen.. Siegbert: Verzeiht, Geliebte! Solcher Vorausſetzung geſchah darum von mir nicht Erwähnung, weil ich uns Beide in dem Augenblick als ein Weſen dachte und darum das ſelige Geſchick mit uns ſelbſt als untrennbar betrachtete. — 136— Adelgunde: So ſeien von nun an wir und alle unſere Begegniſſe im Leben. Seht jenen Berg, aus dem des Hungerborns kühle Wellen ſprudeln, und hier dem Kloſter rechts den Königskopf*), der majeſtätiſch ſich zur Wolke hebt. Sie ſtehen unerſchüttert und ſicher, ob auch Stürme und Wogen das Thal durchbrauſen; denn ihr Grund iſt Fels, vom Ewigen in die Unendlichkeit ge⸗ ſetzt. Mögen ſie, die ſtummen Zeugen unſeres Bundes, ein Bild von deſſen Dauer abgeben. Siegbert: Das iſt wie aus der Tiefe meiner eige⸗ nen Seele geſprochen, und ich ſtimme deßhalb um ſo freudiger von ganzem Herzen mit ein. Jeder Abend vereine fortan uns hier, bis die Kirche den Bund unſerer Herzen, unter'm Auge des Himmels geſchloſſen, feierlich einſegnen wird. Adelgunde: Möge nur recht bald die hohe Zeit der Beſtätigung dieſes Glückes eintreten. Alſo beſprach ſich unſer Pärchen heute zum Erſtenmal von ſeinen Hoffnungen und Ausſichten für die Zukunft, und ſchied erſt nach längſt verglimmtem Strahl, indem Adelgunde mit Agathen, ihrer vertrauten Zofe, die wäh⸗ *) Zwei einander gegenüber ragende Berge daſelbſt, wovon erſterer den Namen Hungerbornskopf führt, nach gedachter Quelle. — 132— rend der Unterredung bis zur Ungeduld im nahen Gebüſche geharrt, den Weg nach obengedachtem Schlößchen einſchlug, wo ſie hergekommen waren, und Siegbert den Rappen beſtieg und auf dem vorigen Wege wieder bis zur Höchſter Straße zurück ritt, dann aber, dieſe Straße einhaltend, alſo Heunichsnuſaſte(Nauſes) links unten laſſend, am ſo⸗ genannten Entenpfuhl, einem Waſſerbehälter auf jener Höhe, der vom Beſuche ſolcher ſchmackhaften Wandervögel den Namen trug, vorüber nach Hering kam. So heißt das Städtchen, hart an der Feſte Otzberg, worin der Ritter wohnte und als Burgmann von dieſer den Namen führte. Die Warnung der Liebſten hatte den eiſenfeſten kräf⸗ tigen Jüngling nicht furchtſam, wohl aber vorſichtiger ge⸗ macht, und er nahm deßhalb zum verſprochenen Liebesritt des nächſten Tages ſeinen getreuen und handfeſten Arn⸗ hold mit. Sie ſprachen diesmal nicht beim Hofmichel ein, obgleich es noch früh genug war, als ſie am Lichten⸗ baum*²) vorüber ritten, und alſo Mangel an Zeit ſie nicht gehindert hätte, dort einige Becher zu leeren. Am Entenpfuhl kam der kleine Berthold mit einem älteren *) Einer großen Eiche im Südoſten von Otzberg, an der Straße von Lengfeld nach Naufes ꝛc., oder gradaus nach Erbach. — 138— Bruder, hier ſich Erſtlinge von Erdbeeren ſuchend, heran⸗ gehüpft und jubelte:„Mein Junker! mein Junker!“ Siegbert beugte ſich herab, ergriff den Liebling bei der Hand und zog ihn zu ſich auf's Pferd. „Willſt du mit mir reiten?" fragte er den Kleinen. „Ja!“ rief dieſer freudig, in der Meinung, es ginge ſeinem Elternhauſe zu. Als ſie aber des Wegs, der dort hinab führte, vor⸗ über ritten, verlangte er wieder hinunter zu ſeinem Bruder, der unterdeſſen noch am Entenpfuhl geweilt hatte. Da ließ Siegbert den Knaben ſachte zur Erde gleiten, der darauf dem Bruder wieder zueilte. Kaum waren nun Beide, der Ritter und ſein Knappe, aus den Augen der Knaben, die ihnen nachſahen, ver⸗ ſchwunden und dieſe drehten ſich um, ſo erblickten ſie ein Häuflein Reiſiger, welche in ſeltſamer Vermummung daher trabten, und nach allen Seiten umſchauten, als ob ſie Jemand ſuchten. Die Knaben, furchtſam und neugierig, wie Kinder gewöhnlich zu ſein pflegen, zogen ſich auf der Seite gegen Schloßnauſes, wo ihr Hof lag, in's Geſträuch, doch nur ſo weit, daß ihnen die Ausſicht auf den Weg blieb, den die Schreckensmänner zogen. Dieſe mochten ſie vielleicht doch nicht bemerkt haben, oder allenfalls gänzlich — 139— entflohen glauben; denn ſie fingen an, ſich ziemlich ver⸗ nehmbar zu berathſchlagen. „Er kommt ſicher wieder hierher zurück;, ſprach Einer, der auf dem Helm ſtatt des Buſches die Wolfeslarve, mit der Schnauze hinterwärts, trug, und der Anführer zu ſein ſchien; denn die Uebrigen, an der Zahl vier, hatten Bickelhauben zur Kopfbedeckung.„Mag er nun,“ fuhr derſelbe fort,„über Höchſt oder auf der Sandbacher Höhe nach Breuberg reiten, ſo muß er doch auf dem Heimweg hier vorbei, wo wir ihm die Laterne zur blutigen Hochzeit halten werden.“ Ein Grauen befiel die Jungen, als ſie von Blut reden hörten und die gepanzerten und dabei ſchreckhaft und abentheuerlich mit Wolfsfellen überhangenen Männer be⸗ trachteten. Sie ergriffen darum eilig, doch in möglichſter Behutſamkeit und Stille, die Flucht bergabwärts, zum ſchirmenden Vaterhauſe. Dort erzählten ſie, ſobald es der Athem zuließ, die Schreckenserſcheinung und die vernom⸗ menen Aeußerungen. Der Hofmichel, dem kein Zweifel blieb, als er durch Berthold jetzt noch von des Junkers Ritt hörte, wem die Drohung galt, traf in aller Eile Anſtalten zur Unter⸗ ſtützung des Bedrohten, wobei ihm der Umſtand ſehr wohl zu Statten kam, daß er dort umher ganz genau lokalkun⸗ — 140— dig war und darum, nach Auswitterung der Wegelagerer, die vortheilhafteſten Stellen beſetzen konnte. Eben ſo ſehnſuchtsvoll hingeeilt, als ſehnlich erwartet, kam unſer Ritter mit ſeinem K knappen unterdeſſen auf dem bekannten Wege am vertrauten Orte der Liebe an, und genoß, während Arnhold die Roſſe unter Obhut hielt, in zärtlichem Liebesgekoſe, diesmal nicht von trüben Betrach⸗ tungen verdüſtert, ſelige Stunden, bis der Klang der Hora im nahen Kloſter an den, ach! zu frühen Abſchied mahnte. Sie mußten ſcheiden, die Liebenden. Aber Hoffnung ver⸗ klärte roſig die bittere Trennungsſtunde. Pflückten ſie ja, zum Pfande neuer Vereinigung mit dem nächſten Abend⸗ lichte, vom Strauche des Hains, wie in Paphos Heiligthum, die Blume der Liebe, die Roſe, und das holde Ver⸗ gißmeinnicht, am Steine, worauf der Ritter Abends vorher aus ſeinen Träumen durch die angenehmſte Ueberraſchung geweckt worden war, wie rings umher, ſo reichlich ſproſ⸗ ſend. „Kinder der verjüngten Sonne, Blumen der geſchmückten Flur, Euch erſchuf zu Luſt und Wonne, Ja, euch liebte die Natur. Leben, Sprache, Seelen, Herzen, Stumme Boten ſüßer Schmerzen, — 141— Gießt euch ſolch' Berühren ein, Und der mächtigſte der Götter Schließt in eure ſtillen Blätter Seine hohe Gottheit ein.“ Des Dichters Wort, das weihevolle, Anfang und Schluß von Schillers Lied an die Blumen, bewährte ſich hier auf's treffendſte; denn die wechſelſeitig ausgetauſchten Sträußchen ſagten dem verwandten Herzen mehr, als die ausdrucksvollſte Sprache zum Troſte zu ſagen vermocht hätte. Mit Freuden auf die Zukunft blickend, die ihnen bald lauter ſolche Stunden verſprach, durch kein Abſchied⸗ nehmen getrübt, wandten ſich die Scheidenden zum Rück⸗ weg nach den entgegengeſetzten Richtungen hin; Adelgunde gen Morgen dem Schlößchen zu, Siegbert gen Abend, zur Feſte Otzberg eilend. Dieſer war in Begleitung ſeines treuen Knappen ſon⸗ der Ahnung eines Ueberfalls in die Nähe des Entenpfuhls gekommen, als auf einmal ein durchdringender ſchrillender Pfiff ſcholl und zugleich von beiden Seiten her Reiter auf ſie anſprangen. Sie wandten ſich ſchnell auch nach beiden Seiten hin, um ſich gegen die fallenden Streiche möglichſt decken zu können. Wüthend war der Angriff, und die Angegriffenen, auf den Seiten und von vorn beſtürmt, hatten alle Gegenwart des Geiſtes und ihre volle Kraft — 142— aufzubieten, daß ſie nicht Blößen gaben und erlagen. Fürchterlich hallte das Waldgehäge vom Schlage der Streit⸗ kolben und Schwerter auf die gewölbten Rüſtungen, und trotz der verbergenden Wolfsfelle lockten des Otzbergers Hiebe jedesmal ſprühende Funken aus den Panzern ſeiner Gegner. Der behelmte Anführer drang am härteſten auf ihn ein, und ſein erſter Hieb, ſchräg auf die Halsberge Siegberts geführt, trennte dieſelbe aus der Fuge mit dem Schulterring, und traf tiefer abwärts in den Bruſtpanzer, die Schulter leicht verletzend. Grimmig holte Siegbert aus, und das wie ein Wetterſtrahl einfallende Schwert löſte dem Widerpart vom Helme linker Seite das Viſir, indem der Angel mit der Scheibe ſurrend hinwegflog. Der Stahl fuhr funkelnd herab drauf zur Schulter, den Panzerärmel vom Ringe trennend, daß der Blutquell die Armſtiefel zu durchrieſeln begann. Auch Arnhold hatte unterdeſſen Einem der Meuchler, der ihm einen Hieb auf die Gelenkringe des linken Ellenbogens verſetzte, den Panzerheftel an der Schulter durchgehauen, daß das Bruſtſtück vom Rückenpanzer losging und zugleich der obere Armſtiefel ſich herunterſchob, obwohl das um⸗ hüllende Wolfsfell noch keine Klaffe ſehen ließ. In dem⸗ ſelben Augenblicke vermehrte ſich der Kampfhaufe plötzlich um ein Dutzend, das, mit Heugabeln, Holzäxten und — 143— anderen im Bauernhauſe üblichen Waffen verſehen, aus dem Gebüſche hervor brach, und ſofort auf die triftigſte Weiſe kund gab, auf weſſen Seite ſich dieſe Diverſion beziehe; denn es begann ein allſeitiges Umdrängen der Vermummten, ſowohl ihrer Roſſe, denen die Holzäxte zwi⸗ ſchen die Rippen fuhren, als auf dergleichen Zuſpruch keineswegs gefaßten Wegelaurer ſelbſt, von denen Manchem eine Heugabelſpitze die weichenden Fugen der Rüſtung hin⸗ durch aufwärts in die Weichen drang. Die ſolcher Art bei dem meuchleriſchen Ueberfalle ſelbſt zu ſchmählicher Niederlage Ueberfallenen ſuchten ſich durch ſchleunige Flucht zu retten, was indeſſen nur Zweien voll⸗ kommen gelang, dem verwundeten Anführer und⸗Einem ſei⸗ ner Spießgeſellen, die allein noch unverletzte Pferde hatten. Ein Dritter, kaum aus dem Kreis des Kampfes herausge⸗ ſprengt, ſtürzte jählings vom Pferde herab, ihm nach der Sattel, deſſen Gurt entzwei gehauen war. Er wurde ge⸗ bunden und geknebelt, und mit den anderen Beiden, die unter den Hieben der Otzberger gefallen waren und bereits verathmet hatten, in den Entenpfuhl geworfen. Sein Pferd war den Entflohenen nachgerannt und ohne eingeholt zu werden aus dem Wald und den Augen der Nachſetzenden verſchwunden. — 144— Herzlich freute ſich Ritter Siegbert, der Anfangs aus dem zweiten Angriff noch weniger klar zu werden wußte, als aus dem erſten, da er nun erfuhr, auf welche Art ſein Hofmichel hinter den gegen ihn angelegten Schurken⸗ ſtreich gekommen war. Welcher Race die zerſtobenen Nacht⸗ geiſter angehörten, konnte man leicht aus den Haaren ab⸗ nehmen, die ſie auf dem Platze gelaſſen hatten, und die nicht allein wölfiſcher Natur und Abkunft waren, obgleich von ſolchen noch nach Wochen die wuthzerſtampfte Wahl⸗ ſtatt flockte. In der Hitze des Kampfes hatte Siegbert der erhal⸗ tenen Wunde gar nicht geachtet, die ihn zwar auf dem Heimweg ſchmerzte, aber doch nicht von ſonderlicher Be⸗ deutung zu ſein ſchien. Des andern Tages jedoch ſtellte ſich ein heftiges Wundfieber ein, das unſern Ritter zwang, das Bett zu hüten. Er phantaſirte ſogar am herannahen⸗ den Abend von ſeiner Liebe und dem Glücke vereinigter Herzen. Durch äarztliche Hülfe ward er indeſſen gegen Morgen wieder klarer Vorſtellungen fähig; allein noch keines Ganges aus dem Zimmer, am allerwenigſten eines Rittes zum verabredeten Stelldichein. Fräulein Adelgunde war am nächſten Abend, ihrem „Verſprechen treu, wieder an dem erwählten Ort der Zu⸗ ſammenkunft eingetroffen und hatte drei Stunden in ſehn⸗ —— — — 145— ſuchtsvollem, ängſtlichem Harren daſelbſt verbracht. Eine dunkle, laſtende Ahnung durchbebte öfters ihre Seele, die von der treueſten Liebe erfüllt, nur zu gerne zärtlicher Beſorgung für den geliebten, ach! heute vergeblich erwar⸗ teten Jüngling Raum gab. Trauervollen Herzens trat ſie den Rückweg an, und eine ſchlafloſe Nacht vermehrte durch trübes Gedankenſpiel ihre Beklemmung. War er der Liſt des tückiſchen Klebitz erlegen und hatte der Knappe das dunkle Loos mit dem Herrn getheilt, daß keine Kunde der Geliebten werden mochte?! Die Stunden des Tages ſchwanden ihr in gleicher Ungewißheit über das Schickſal der Fernen, und die Umgebung Adelgundens, des Wild⸗ meiſters Hugo Kinder und Gattin, welche letztere zwar von Ausgängen des Fräuleins in den Abendſtunden, aber nicht vom eigentlichen Zweck derſelben unterrichtet waren, ſondern ſie für gewöhnliche Andachtsbeſuche im Kloſter hielten, boten umſonſt Alles auf, ihre Schwermuth zu zerſtreuen, und die Wolken des Trübſinns von der Stirne zu verſcheuchen, die ſonſt ſo heiter und lieblich ſtrahlte. Welche martervolle Weile für das ſehnſuchtſchlagende Herz der Liebenden! Als die Sonne von Otzberg her den ſchrägen Strahl in das liebliche Thal ſandte, ergriff die Jungfrau ihre Laute, und ſchritt, dem Zuge ihres Herzens folgend, den Berg hinab, um am bewußten Steine die Klagen der Liebe 10 — 146— in horchende Lüfte auszuſtrömen und dadurch den gepreßten Buſen zu erleichtern. Unten angekommen, ließ ſie ſich auf den Felſenſitz nieder, nahm die Laute auf den Schooß und präludirte in weichen Tönen, wie das Herz es ihr eingab, das ſich ſo ganz in die Saiten geſenkt zu haben ſchien. Lange ſaß ſie ſo, in Wehmuth hingeſchmolzen, und zaube⸗ riſch klang das ſeelenloſe Werkzeug, wie mit ihr, der Spielenden, in ein Weſen verwoben, die Empfindungen ihres tiefſten Innern, bis ſie zuletzt dafür Worte fand und den aufgehenden Abendſtern mit folgendem Geſang be⸗ grüßte: Sei mir gegrüßet, ſchöner Stern, Du, treuer Liebe hold! Wie ſchau' ich, ſehnend, doch ſo gern' Hinfort dein Strahlengold! O führe den Geliebten mir Daher an dieſe Bruſt; Den trauten Tritten lauſch' ich hier, Bewegt von Schmerz und Luſt. Wo ſäumt er wohl? Das Abendlied Schickt längſt ein Sängerchor Vom ſchattenreichen Haingebiet Zum Himmelsblau empor. Schon ſcherzt dem Erlenbach entlang Vertraut das ſchlanke Reh, *) Hirſchkuh. — 147— Und auch die Hinde*) ſucht den Gang Zum ſüßbeblumten Klee. Nur ich, ich weile noch allein, Warum erſcheint er nicht? Verſprach er doch, bei mir zu ſein Im nächſten Abendlicht. Und ſchon zum Andernmale blinkt Dein Strahl mir einſam zu, Und abendliche Stille winkt Die laute Welt zur Ruh. Kein Fußtritt kündet nah' und fern Mir den Geliebten an, Und ach! kein Schimmer, holder Stern, Zeigt meines Wand'rers Bahn. Es iſt ſo leis, ſo kühl umher, Verrauſcht des Tages Drang; Doch mir, mir wird ſo ſchwül und ſchwer, So wehmuthvoll, ſo bang. Umfing ihn, ach! des Todes Arm Durch tück'ſchen Feindesſtrahl? Umſonſt die Klag', umſonſt der Harm, Verhallt durch's ſtumme Thal. Ich ſitze fort in meinem Schmerz Verlaſſen und allein. Die Thräne rinnt; bald ſinkt das Herz Ihm nach zum düſter'n Schrein. — 148— Von Schmerzgefühl überwältiget mußte hier die Sän⸗ gerin einhalten, und wie von Sympathie ergriffen riß mit tiefem, weinendem Nachhall eine Saite der Laute. Bewußt⸗ los ſank Adelgunde zurück und erwachte in den Armen ihrer treuen Agathe. Dieſe hatte ſie oben vermißt, und war ihr nachgeeilt, keineswegs zweifelhaft, wohin ſie die Tritte wenden ſollte, um die Gebieterin zu finden. Nach⸗ dem ſich dieſelbe wieder erholt hatte, bot Jene ihr die Hand, ſie aufwärts nach dem Schlößchen zu führen. Aber es koſtete der Zofe nicht wenig Ueberredungskunſt, bis ſich Adelgunde in dies Begehren fügte, da ſie aus der geſprun⸗ genen Saite von dem gewiſſen Tode des Ritters die Ueber⸗ zeugung gewonnen zu haben vorgab, und ihr darum dieſer Ort forthin vor allen im Himmel und auf Erden theuer ſeie. Solche an Wahnwitz ſtreifende Reden ſchreckten die treue Dienerin aber nicht ab, bis ſie es endlich über die Herrin gewann, ſie der ſichern Anfenthaltsſtütte zuführen zu dürfen. Den folgenden Abend fand ſich die Breubergerin mit ihrer Sehnſucht wieder am bewußten Steine ein, und die Klage begann zur Laute, wie geſtern. Ganz in ihre düſte⸗ ren Betrachtungen vertieft, wurde ſie des Ritters Annahen nicht gewahr, und als derſelbe am Schluß der dritten Strophe ganz, wie er lebte, vor ſie hintrat, durchfuhr ein — 149— freudiger Schreck ihr Innerſtes und die Laute entſank ihrer Hand. Sie ſprang auf und fiel dem Eiſenmann um den Hals, wobei der etwas bleich ausſehende Siegbert ſich kaum des Lachens enthalten konnte, wiewohl ſein Herz das volle Entzücken, geliebt zu ſein, auch unter'm Panzer zu fühlen vermochte. Adelgunde, ſolch Benehmen mißdeutend und für Kälte auslegend, fuhr betroffen zurück und rief im höchſten Schmerz verſchmäht geglaubter Liebe aus: „Nun ſehe ich, wie wenig mein Herz in Euren Augen gilt, und daß es keines auflauernden Feindes bedurfte, die feierlich gelobte Wiederkehr zu meiner Qual zwei lange Tage zu verſchieben.“ 4 „Gott!“ rief Siegbert, indem er ſeinen rechten Fuß auf den Stein ſetzte:„So möge mein Tritt hinfort von meiner treuen unwandelbaren Liebe zu Euch hier zeugen!“ Und ſiehe! der Fuß der Ritters ließ die vertiefte Spur in dem feſten Steine zurück, der von dieſem Tritte fortan den Namen Schuhſtein erhielt, und beides bis auf den heutigen Tag trägt. Adelgunde gewann durch dieſes Wunder die feſte Ueber⸗ zeugung von der Treue des Geliebten, oder vielmehr von der Unverbrüchlichkeit ſeiner Gelübde, eine Ueberzeugung, die Manche unſerer Schönen weit billiger und unter ge⸗ — 150— ringeren Umſtänden gewinnen mag. Zu ihrer Beruhigung für jetzt, aber auch zugleich zur unüberlegten Begründung neuer Beſorgniſſe für die Zukunft erzählte Siegbert der Angebeteten den Auftritt am Entenpfuhl; und die dabei vorgezeigte Wunde entſchuldigte mehr als genugſam ſein zweimaliges Ausbleiben im gläubigen Herzen der Liebenden. Nur hätte er, wie ſie meinte, mittlerweile Kunde von ſeinem Zuſtand geben ſollen. Hiergegen wußte er auf ſchmeichelnde Weiſe die Schonung gegen ſie als Urſache vorzuſchieben, indem er befürchtet habe, daß ſeine Gefahr in ihren Augen ſich zu ſehr vergrößern möchte. So ſtellte er ſie völlig zufrieden, und Beide ſahen, unter wiederholter gegenſeitiger Verſicherung ewiger Liebe, die Stunde des ſchmerzlichen Abſchieds nahen. Doch tröſtete ſie ſich durch den Gedanken der Wiedervereinigung mit dem nächſten Abendrothe. Unter ſolchen allabendlich erneuten Wonnegenüſſen floh dem beglückten Paare der Wonnemonat vorüber, und es rückte der Roſenmond heran, an deſſen zweiten Morgen ein feierlicher Umgang in Lengenfeld Statt fand, wobei die Priorin des Kloſters Höchſt mit ihren Jungfrauen, wie die Schweſtern aus Kloſter Roſenhain erſchienen. Auch Adelgunde kam mit Letzteren hergewallt. Siegbert, wie leicht zu erachten, blieb ebenfalls nicht aus, denn da ſah — 151— er ja wieder ſie, die Herrliche, wie die geliebte Schweſter, in dem Zuge wallen, und konnte nebenbei ſeinen Hübnern, denn er hatte zwei Höfe daſelbſt, einen Beſuch widmen, ein heiterer Himmel erhöhte das heutige Feſt insbeſondere für die fernher gekommenen Theilnehmer. Nachdem die Feierlichkeiten gänzlich vorüber, die from⸗ men Schweſtern der H. Magdalena nach Roſenhain, die St. Mariens aber in's Hoſpiz gezogen waren, verfügte ſich, noch trunken von Wort und Bilde der Geliebten, unſer Ritter zu ſeinen Hübnern, wo es unter Geſprächen auch manchen Becher zu leeren gab. Bis zur Mitternacht verzog Siegbert bei'm perlenden Galgenberger*), und ritt dann auf dem nächſten breiten Wege der heimiſchen Feſte zu. Es war dies eine Fahrbahn, die in verſchiede⸗ nen, die Steile mindernden Windungen mittagwärts empor ſteigend, nach Otzberg führte. Dieſer Weg zog an einer tiefen Schlucht hin, die theils das vom Gebirg herabſtürzende Regenwaſſer, theils auch und beſonders an einer Stelle vor ihrem Ausgang in die Ebene des Marktfleckens Lengenfeld die arbeitſame Hand des Menſchen zur Gewinnung von Baumaterial ausgehöhlt *) Dem Beſten dortigen Gewächſe, nach der Lage benannt, die in der Nähe des Hochgerichts iſt. — 152— hatte. Hier war der Boden zur linken Seite des Weges ſogar weit unterwühlt und bildete einen mehrere Schritte breiten Uebergang mit hohem Abſturz. Als Siegbert an jene Stelle kam, vernahm er plötzlich von der rechten Seite her Hufſchlag und aus dem Dunkel großer Wallnußbäume ſprengten zwei Reiter mit einge⸗ legten Lanzen auf ihn los. Schnell lenkte er das Pferd ſeitwärts, um ſie nach Gebühr zu empfangen. Allein in demſelben Augenblick traf der Stoß des Einen ihn ſchrägs her auf das Bruſtſtück, daß der Schaft der Lanze zer⸗ ſplitterte, indeſſen tief des Andern Speer in die Bruſt des Roſſes drang, das ſich hinfort bäumend erhob und mit dem Reiter umſchlug. Der gewichtige Fall, wovon rings der Boden erdröhnte, riß den Ueberhang der Erdhöhle von der ſtehenden Maſſe der Hinterwand los, und hinab zur gähnenden Tiefe ſtürzten Roß und Reiter und darauf die ungeheueren Bergtrümmer, ſie unter ihrer rieſigen Laſt begrabend*). Still und ſtumm ward Alles umher nach der grauſi⸗ gen Mordſcene, im Grauen der Mitternacht hier vorge⸗ gangen. Eilig, mit emporſtrebendem Haupthaar, verließen *) Vor einigen Jahrzehnten wurde in einer Lehmgrube daſelbſt ein geharniſchter Mann ausgegraben. 1 — 153— die Mörder den Schauplatz des Todes, und ritten, das Ohr der Schläfer ſelbſt ſcheuend, zwiſchen Lengfeld und dem daran grenzenden Zipfen hindurch auf weitem Umwege Nalsbach zu, wo ſie um die Zeit des frühen Hahnenrufs eintrafen. Am darauf folgenden Abend fand ſich Adelgunde wie⸗ der am Steine des Schwurs ein, und harrte bis zum ſpä⸗ ten Sternenſcheine des Liebſten daſelbſt.„Wo mag er doch bleiben, den ich im Herzen trage, wie den Gott meiner Tage du rief ſie endlich wehmüthig aus.„Kann er ſo leicht ſeines heiligen Verſprechens vergeſſen, und ſeiner Liebe, für deren ewige Dauer ſein Fußtritt in jenem Steine zeu⸗ gen ſoll?— Nein! ſagt mein Herz, für ihn allein im Buſen ſchlagend! aber die Tücke des Wolfes, den er wohl Einmal bezwungen, aber nicht erlegt hat, wird, ach! auf's neue und tödtlicher ſeine Pfade umlauern. Siegbert! deſſen Hand mir hier vom nahen Strauche, dem ich hier die Marienroſe, als Pfand der Liebe pflückte; wie bebt in bangen Gefühlen mir das Innerſte des Herzens! Horch! da flüſtert und liſpelt in leiſen Geiſtertönen um mich das Spiel der Weſte, und ſchüttelt ſo bedeutungsvoll das zarte Laub der Aeſte. Und ſieh'! im Flimmer des Abendſterns ſchwebt bleich ein Schatten um den Strauch, und mich weht es an, wie Geiſterhauch. Ja, du biſt's Geliebter! — 154— deſſen Gruß und Kuß ich hier empfinde; der auch noch im Tode ſeinen Schwur hält, und ſich mir am Orte der Liebe darſtellt. Du haſt vollendet und kommſt als Geiſt zu mir. O wäre ich ſchon dem Staub entrückt, auf ewig vereint mit dir. Ich komm', ich komme, vom Flügel der Liebe und Sehnſucht hinüber getragen, wo keine Trennung mehr ſein wird.“ In leiſe Liſpel erſtarb hier die Stimme, und das Bewußtſein verließ die Niedergeſunkene; aber noch nicht auf immer. Sie fand ſich wieder auf dem Ruhebett im Jagdſchlößchen, von der treuen Dienerin und der Familie des Wildmeiſters Hugo umgeben, die durch Wein und Eſſenzen das fliehende Leben in ihr zurück gerufen hatten, und mit zärtlicher Beſorgniß zu ihrer Wiederherſtellung um ſie beſchäftigt waren. Es gelang ihnen, und ziemlich munter brachte ſie in dem trauten Kreiſe die Nacht und den darauf folgenden Tag hin, an deſſen Abend man jedoch vergeblich ſie vom Gange nach dem Steine des Schwures zurückzuhalten ſuchte. Die Dienerin begleitete ſie dahin, und auch diesmal knüpfte ihre Phantaſie den Faden der Unterhaltung mit der Geiſterwelt an, wobei ſie aber nicht mehr der Heftigkeit ihrer Gefühle erlag. So ſchwanden nur, erhöht durch Geſang und Saitenklang, noch zwei Abende, bis am dritten, nach dem Frohnleich⸗ — 155— namsfeſte, mit ſämmtlichen Saiten der Laute das Leben der Dulderin riß, und die Seelen der Liebenden auf ewig ſich vereint fanden. Geſchwundener Zeiten Mund erzählte lange noch vom weißen Fräulein, das vom Schlößchen herab zu dem vor dem Umſtädter Waldſaume liegenden Schuhſtein wandelte, und vom ſpäten Mäher in dem zunächſt davor gegen Heu⸗ bach hin gelegenen Jägerwieſen, oder von dem aus gegenüber ragenden Bergkopf ſprudelnden Hungerborn her geſehen worden ſein ſoll. Die lederne Brücke. Eine Sage⸗ (Siehe die Erzählung: Der Liebe Schwur; darin Seite 107.) Ein Fußbekleider— lächelt nicht Des neugebacknen Titels! Bedienet ja manch' feiger Wicht Sich eben dieſes Mittels, Sein äuß'res Anſeh'n zu erhöh'n, Und herrlich vor der Welt zu ſtehn, Warum denn nicht der Schuſter?! Ein Fußbekleider ſchritt, bepackt Mit einer Laſt vom Gerber, Dem Wohnort zu. Der Pfad, gezackt, Und Furcht vor loſem Sperber*) *) Der Speer(Spieß) des Raubritters. — 158— Der Klepperſchaft verwirrten ihn, Und ach! umſonſt war ſein Bemüh'n, Sich neu zurecht zu finden. „Vielleicht auch hatt' er über'n Durſt „Getrunken?“— Seid bedeutet, Daß die verſalz'ne Leberwurſt Ihn blos dazu verleitet, Ein Gläschen Rüdesheimer mehr Zu trinken, als ihm ungefähr Erſprießlich werden mochte. „Wo bleib ich du ruft er darum aus, Den wilden Forſt durchirrend; Gefährten ſind ſchon Fledermaus Und Schubut, ihn umſchwirrend. „Wo bleib' ich“?! Hart, Fuß ritzend drückt Ihn ſandiges Geſtein; oft bückt Gezweig ſich auf ihn nieder. So irrt er lang im Düſterſchein Der Sterne, rings verbreitet; Und trifft bei einem Bächlein ein, Das beide Marken ſcheidet. — 159— Sogleich iſt ihm die Stelle kund; Doch dräut hier Untergang der Schlund Des Moors dem Schwerbeladnen. Was ſollt' er thun? er mußte ja Den AOcheron hinüber, Und Brücke nicht, noch Steg war da. Ei, denkt er, ſei doch lieber Die Bullenhaut beſchmutzt, als ich Verſunken, legt die Laſt von ſich Und ſchnürt ſie auseinander. Breit ſtreckt ſich ſo das Sohlenfell Zum anderen Geſtade; Der Wandrer drauf hinüber ſchnell, Enthoben trübem Bade, Zieht nach die Brücke, drob bequem Er ſich ſalvirt. Doch heißt ſeitdem Die Stelle:„Ledern' Brücke.“ Gelübde Philipps von Iſenburg-Büdingen, oder das Jeruſalemsthor zu Büdingen. Der Aufruf mahnte zum Grab des Herrn Von nah und fern' Die Edlen in chriſtlichen Landen; Und tapfere Schaaren, vereint mit Luſt, Des Glaubens Zeichen, das Kreuz auf der Bruſt Sich gegen Jeruſalem wandten. Und mit dem heiligen Banner zieht, Von Muth durchglüht, Graf Iſenburg auch von dannen: 11 — 162— Und herrliche Thaten geſchehen dort, Wo Chriſti Thaten und Himmelswort Die Märtyrerkrone gewannen. Und Ruhm verkündiget weit und breit, Der Moslem ſcheut Rings Philipps Namen aus Proben. Der Burg von Eiſen, ihr glich ſein Arm, Tod ſendend in naher Feinde Schwarm, Daß vor ihm die Kühnſten zerſtoben. Doch Groll räth' endlich zu ſchlauer Liſt; Es muß der Chriſt Durch Mahom's Gläubige fallen. Wo Muth nicht reichet noch Stärke ſiegt, Der Tapfere ſchleichendem Mord erliegt, Ihn faſſend mit hölliſchen Krallen. Und Laurer haben es bald erſpäht: Das Kreuzheer geht Oft hin zu Bethesda, dem Teiche. Da legt er vor'm Bade die Rüſtung ab! D'rum auf! er finde daſelbſt ſein Grab, Leicht ſchaff't ihr ihn alſo zur Leiche. — 163— Und Philipp nahet im Dämm rungsſchein, Nicht ganz allein, Gefolgt von dienenden Knaben, Dem Teich, deß heilſame Kraft zur Stund' Aufwallender Strudel dem Auge kund Sich gab, Siechhafte zu laben. Ein Engel hieß es vor Zeiten, fuhr Herab: die Spur In purpurner Wogen Erregung; Und wer, der Erſte, darauf mit Eil In's Waſſer tauchte, dem ward zu Theil Verjüngter Muskeln Bewegung. Ja ſelbſt für rüſtige Glieder ruht In jener Fluth Erhöhteres Leben und Kräfte. D'rum kohr der Graf ſie zu täglichem Bad, Wie heut' er mit ſinkendem Strahl betrat Die Halle zu ſolchem Geſchäfte. Und als er eben, der Rüſtung bar, Noch kaum Gefahr Erahnend, die leichter'n Gewande 11* — 164— Wegſtreifen will, da befallen ſchnell Drei Moslem ihn am erſeh'nen Quell, Zu betten den Starken im Sande. Und Philipp, einzig vom Penzerſemd Umſchirmet, ſtemm't Den Haſtenden kühn ſich entgegen; Und Streiche treffen, wie Wetterſtrahl, Und Zwei, geraff't von des Helden Stahl, Den Dritten zum Fliehen bewegen. Doch Blut aus klaffender Wund' auch quillt Dem Grafen, hüllt In Düſter die feurigen Blicke. Geführt vom Diener, dem treuen, kommt Er ſo, gewahrend, was Treue frommt, In Salems Mauern zurücke. Und Heimkehr wünſchend gelobt er dort Mit ernſtem Wort: „Es rag' am erblichen Sitze Das Schafthor, welches in heiliger Stadt Mir Rettung vom Tode gezeiget hat, Daß lang es Erinnerung ſtütze!« — 165— Und freudig ſieh't er am Seemenbach Schon allgemach Die Burg der Ahnen ſich heben, „Graf Philipp von Iſenburg!“ jauchzt es da,. „Ihm Heil und Segen! Er kommt uns nah, Geweiht hochherzigem Streben!« Und ſieh'! vor Büdingen raſch in die Erd' Er ſtößt ſein Schwert, Im heiligen Kampfe geführet. Und treu entworfenem Plan erbaut Die Werkſchaar eilend, daß fort man ſchaut, Jeruſalem's Thor, wie es zieret. Der Siechweiher bei Großen⸗ dorf, oder: Wilhelm und Klotilde. Gar Vieles decket der Jahre Kluft, Den Augen des Lebens entrücket, Und nur die ſchauende Muſe ruft Es neu herauf aus dem Moderduft, Vom jüngern Geſchlecht ſo erblicket. Enttauche heut' Der grauen Zeit Ein Bild denn vergangener Tage Im Mährengewande der Sage. Graf Iſenburg war vom heil'een Land Zum Sitze der Väter gekehret. Er pflog, mit Freuden und Leid bekannt, Wohl Manches gern', was, zum Heil geſandt, Den Uebeln der Sterblichen wehret. Bethesda's Teich In Salem gleich Fand bald er an heimiſcher Stelle Zu helfendem Bade die Quelle. Vor Großendorf aus des Berges Saum Voll Eiſens in röthlicher Stufe, Der Kreuzborn rann, noch beachtet kaum: Doch Philipp ahnt in der Welle Schaum Heilkräfte von ſeltenem Rufe. Denn grad' wie dort Gohr hier am Ort Verſchloſſen in ragendem Damme, Die Fluth von geröthetem Schlamme.*) Sofort ergrub man in naher Flur Ein tiefes geräumiges Becken, *) Wie bei Bethesda lag die Heilkraft in dem aufgeregten mine⸗ raliſchen Bodenſatze, der das Waſſer röthlich färbte. — 169— Und lenkte ſorgſam der Waſſer Spur Hinein, für Sieche, die Kraft der Natur Im Bado, verjüngend, zu wecken. Und Vielen gab, Schon nah' dem Grab, Geſundheit und friſcheres Leben Des Teiches aufſprudelndes Weben. Und als mit peſtigem Hauch der Tod Drauf Büdingens Bürger entraffet, Und alle, vom jähen Geſchick bedroht, Nach Rettung ſeufzten in banger Noth, Hat jenes allein ſie verſchaffet; Das rothe Bad Bot früh und ſpat Da Siechenden frohe Geneſung Und Leben, für dumpfe Verweſung. Doch allzu plötzlich ergriff im Haus Oft ſammte Genoſſen die Seuche, Und Hülf' und Warteo, ſie blieben aus, Denn jeder ſcheute, durchbebt von Graus, So frühe zu modern als Leiche. Drum ſank von fort Zum dunklen Port — 170— Manch' Leben in herrlichſter Blüthe, Weil Niemand darob ſich bemühte. Da liegt erhebender Hoffnung bar, Die Liebe Klotildens darnieder, Ihr trauter Wilhelm. Die Mutter gar Schwebt, ach! in ähnlicher Todesgefahr, Und Keines iſt mächtig der Glieder. Klotild' auch fühlt Sich ſchon erzielt Vom giftigen Pfeile der Schmerzen; Nur drang er ihr minder zum Herzen. Und ſieh' die Brave, ſie rafft ſich empor, Die leidenden Lieben zu retten; Sie ſchleppt ſie hin durch's Jeruſalemsthor*) An Liebe ſtark, die nicht Muth verlor, Und ſollte der Tod ihr dort betten. Und gern gelingt, Wie jene ringt, Zu löſen der Theueren Leben, Der Heldin beharrliches Streben. *) Siehe: Gelübde Philipps von Iſenburg. — 171— Und bald lebt neu ſie mit beiden auf, Geneſen im heilſamen Bade; Vereint beginnet ihr neuer Lauf, Geſundheit ſchaffend der Siechen Hauf' Umher nach des Ewigen Rathe Und Alles preiſt Den großen Geiſt, Durch deſſen allgütiges Walten Sie Viele der Welt noch erhalten. Drum hieß, dem Kranken geweiht und hehr, Siechweiher die Stätte der Heilung; Und weit erzählete Wundermähr Der Ruf dem gläubigen Volk umher Von himmliſcher Gnade Ertheilung. Und allgemein, Von Schmerz und Pein In ſtärkendem Bad zu geneſen, Ward ſie auch fortan nur erleſen. Doch längſt verſchollen zu dieſer Friſt, Verſunken im Strudel der Zeiten Das Angedenken des Wunders iſt, Und ſelbſt die zeugenden Namen wüß't Hinfort nicht der Enkel zu deuten. — 172— Das Auge trifft In alter Schrift*) Blos davon noch ſtammelnde Kunde, Willkommen begeiſternder Stunde. *) Ein altes Gerichtsbuch, auf der Bürgermeiſterei gelegen, ent⸗ hielt die Nachricht von der Wunderkraft des Siechweihers. 3 Die Ahnung, oder: Graf Albert von Iſenburg. Eine Volks⸗Sage. Graf Albert ſchrack von des Traumes Bild Um's Frühroth jach aus dem Schlummer. Ihm trübet die Blicke der Kummer: Denn fort angrauſt ihn der Eber ſo wild, Deß grimmigen Hauern ſein Blut nachquillt Aus weit aufklaffender Wunde, Geſchlagen in nächtlicher Stunde. Das Weſen der gräulichen Phantaſie Er ſah' es in wirklicher Nähe Jüngſthin auf einſamer Spähe — 174— Nach Fährten*) des Spießers**) im Thaue der Früh', Und heimiſches Bangen ergriff, wie noch nie, Seither des Grafen Gemüthe Zuweilen: es floh ihn der Friede. Ein Keuler**) hauſte von rieſiger Wucht In des Reichsforſts düſtern Gehegen, Ihn mochte kein Waidner erlegen, Wie mancher es auch mit Geſchicke verſucht: Unnahbar entriß ſich durch Dickicht und Schlucht Das Wild der verfolgenden Meute †), Und Niemand gewann es als Beute. Doch that ſich's im Dunkel der Mitternacht Laut kund in Verwüſtung der Fluren, Und Grauen bezeugte die Spuren. Was Fleiß und Mühe zu Stand gebracht, Auf künftige Monde mit Sorgen bedacht, Das ſank da dem gierigen Rudel, Gleich Seglern im wirbelnden Strudel. *) Fußtritte des **) Hirſches mit erſtem Geweihe, aus zwei Stollen beſtehend. *rs) Wilder Eber. †) Jagdhunde. — 175— Um ſicher zu fällen das Ungethüm Verſammelten darum in Tagen Des Herbſtes zum freudigen Jagen Ringsher ſich Genoſſen mit Büchſ' und mit Pfriem*). Willfährig dem Hauſe von Iſenburg, ihm In des Waldbanns weiten Bezirken Zu Nutz' und Vergnügen zu wirken. Allein Graf Albert, ihn hält es zurück, Mit unwillkürlicher Ahnung Gedenkt er der nächtlichen Mahnung; Der feurigſte Jäger, voll Muth und Geſchick, Geht heute, verzagend an Kraft und Glück, Aus der Burg umragenden Zinnen, Als wär's ſein letztes Beginnen. Halloh! wie tobet die laute Jagd Umher in verwachſ'nen Geſträuchen, Oft tauſchend mit rieſigen Eichen. Das Hifthorn ſchallet, die Büchſe kracht, Als rückten ſich Heer' entgegen zur Schlacht, Und es kommt zum ſchnellen Verenden*) Manch' ſcheues Gewild noch im Wenden. *) Leichter Jagdſpieß. **) Sterben, Verſcheiden. — 176— Da rennt auch der Paſcha des Hains heran Mit wuthdurchloderten Blicken Und borſtengeſtacheltem Rücken. Weit brach er, Entſetzen verbreitend, ſich Bahn, Hinwürgend die Rüden*) mit fletſchendem Zahn, Und man wähnt bei ſeinem Erſcheinen Sich in erymantiſchen**) Hainen. So nah't er der Reihe der Schützen am Saum Des Waldes, die, ſein gewärtig, Zum tödtlichen Schuſſe ſchon fertig, Vorſichtig durchſpähen den nahen Raum, Sie gedeckt von erleſenem Strauch und Baum; Und die funkelnden Augen, ſie zeigen Den Anlauf jetzt aus Gezweigen. Und kaum gewinnt er das Freie, ſo blitzt Auch die Tod hinſchmetternde Büchſe. Nicht als auf verſchlagene Füchſe Wird eben der leichtere Hagel verſpritzt, Nein, volles Gewicht auf den Ladungen ſitzt, Und enteilend gewundenen Zügen Macht rieſige Kraft es erliegen. *) Hunde. **) Wo Herkules den ſchrecklichen Eber einfing. — 177— Und gerad in's Auge, das feurige, dringt Die Kugel, durch's Feuer beflügelt; Doch der Grimme, von Schmerz nicht gezügelt, Dem plötzlichen, ungeheueren, ringt 1 Nach ſchleuniger Rach' am Gegner und ſchlingt Den Geifer der Wuth in die Kehle, Damit er das Ziel ſich erwähle. Jetzt raſ't er daher und der Haufen erbleicht Vor Schreck ob dunkelm Verhängniß, Und entmuthigt in ſolcher Bedrängniß Denkt Jeder nur eigener Rettung und weicht, Von des Anblicks Grauſen mit Beben geſcheucht, Indeß Graf Albert, der Kühne, Ausharret, entſchloſſener Miene. Was Alle, kleinmüthig, verzagen ließ, Ihm ruft es den Muth erſt zurücke; Drum ſchaut er mit männlichem Blicke, Wie, ſchnaubend, der Wütherich nah' ſich wies Und grimmig den Schweiß*) und den Giſcht zerblies Vor dem hauerumſchloſſenen Rachen, Gefuhlet in ſchlammigen Lachen. *) Blut, in der Waidmannsſprache. — 178— Und beherzt faſt Albert des Fängers Griff, Und ſtemmt ſich dem Keuler entgegen, Der alſo voll Wuth und verwegen Anſtürmt, trotz Meutegebell und Gekniff An harziger Schwart und die Hauer noch ſchliff, Zu des Gegners gewiſſem Verderben, Ertödtend im Tod auch zu ſterben. Und blindlings rennt er zum dräuenden Stahl In des Grafen erbebenden Händen, Und haſtig ſein Werk zu vollenden, Stößt Albert die Wund' ach! zur Angſt und Qual Des beſorgten Gefolges, nur ſeicht und ſchmal An des Unthiers borſtige Wangen, Statt glücklich es abzufangen. Und über ihn her in vermehrtem Grimm Fällt, rollendem Fels vergleichbar An Druck, und dem Kühnſten unleugbar Beſtürzung erzwingend, das Ungethüm, Und Sinn und Gedanken entweichen ihm, Und bevor ihn noch Hülfe zu retten Vermag, iſt in Staub er getreten. Und ein Schrei des Entſetzens wird ringsum laut. Und es eilen die zagen Genoſſen, 7 — 179— In jammernde Klagen ergoſſen, Herbei. Die verſammelte Schaar, ſie ſchaut Den Grafen im Blut, und der Eber zerhaut Zornfunkelnd ſein Eingeweide, Zu Aller unſäglichem Leide. Sieh'! plötzlich zur äußerſten Wuth entbrannt Ob des Herrn grauſamer Verletzung, Nicht darfs da befeuernder Hetzung, Erhebt ſich die Kuppel der Bracken gewandt Zu blutiger Arbeit, in ſtarkem Verband, Und ſo muß der Feind ihr erliegen, Bisher nur gewohnt, zu ſiegen. Und als das vernunftloſe Thier ſich erweiſt Ein Rächer des Freundes, voll Treue, Durchflammt auch den Menſchen auf's neue Thatkräftigen Muthes Gefühl und Geiſt, Und zur Sühne des Grafen Manen verheißt. Ausrottung der Sau'n in der Runde Der Waidnerverein noch zur Stunde. Und wie ſie beſchloſſen, erfüllten genau Sofort ſie die männliche Sühne, Und bald von ſchattiger Bühne . 12* — 180— Des Reichsforſts ſchwinden ſo Eber als Sau, Und kein Schwarzwild reget ſich fürder zur Schau An des Saufangs*) dichten Geſträuchen, So gräßlicher Jagdnoth Zeugen. *) Namen eines Walddiſtrikts in der Nähe von Büdingen, wo der beſprochene Vorfall ſich zutrug. Die Schlacht bei ndau 370 oder Salentins von Iſenburg Heldentod. Zum Kampfzuge rüſtet Kynſtutt' ein großes Heer; Es gilt der Mark der Preußen. Erhebet Euch zur Wehr, Ihr wackern Ordensleute! Der Letten wilder Muth, Der Tartar'n Raubeshorden bedräuen Euch voll Wuth. Burchard von Mansfeld ſchallet die Kunde kaum in's Ohr, So trägt er ſie dem Meiſter, dem Ordensmarſchall vor; Und bald erruft im Lande das Aufgebot die Schaar. Der ritterlichen Gäſte, zu ſchirmen vor Gefahr. 8 — 182— Doch unvermuthet ſtürzen, gleich jäher Wogen Fluth, Die Feind' aus and'rer Richtung heran: es flammt die 9 Gluth Der Ortelsburg, und Alles verheerend naht der Zug Kinſtuttens hier, dort Oljerds, wie wilder Wetter Flug. Und Winrich, hohen Muthes, wirft ſich dem Heidentroß Vor Rudau kühn entgegen. Es tobt da, Stoß auf Stoß, Der Streit bis zu Mittage, noch unentſchieden fort; Schon decken viele Tauſend den blut'gen Kampfesort. Da ſchaut der Ordensmeiſter, wie Oljerds Flügel wankt, Und Augenblicks iſt dieſer vom Reiterhauf' umrankt; Und Salentin, dem Braven von Iſenburg, erbleicht Von Weſewilte’s Mannen, wen nur ſein Speer erreicht. Unnahbar würgt ſo jener die Feindesreihen hin, Indeß von den Panieren von Kulm die Letten flieh'n; Und raſcher drängt gen Mülſen von Laptau ſchon hinab Der Marſchall Oljerds Schaaren, in ordnungsloſem Trab. Doch weh'! von ſtraffem Bogen verhängnißvoll geſchnellt Kommt her ein Pfeil geflogen: der tapfre Marſchall fällt. In's Angeſicht getroffen vom tödtlichen Geſchoß, Umſonſt um ihn die Treuen, zu heben ihn auf's Roß. — 183— In ihren Armen hauchet hier Schindekopf, der Held Des Siegestags, die Seele früh aus auf flachem Feld, Und feuriger entbrennet das blut ge Ringen d'rauf Und alle Recken regen der Rache Geiſter auf. Und Weſewilte ſchauet des Iſenburgers Stahl Entraffend all' die Seinen, den Raben fort zum Mahl: Er ſtürmet drum im Grimme gewaltig auf ihn an; Scharf treffen ſie zuſammen in kampfdurchtoſtem Plan. Vom Krachen rauher Eiſen erdröhnt der Lüfte Raum, Es keuchen ihre Roſſe, bedeckt mit Giſcht und Schaum, Und Lanzenſplitter ſchwirren umher und Funken ſprüh'n, Und blanke Schwerter klirren ſofort im Kraftbemüh'n. Doch gleich an Muth und Stärke weicht Keiner, ob, zerſtückt, Man auch durch Helm und Panzer der Wunden viel' erblickt, Bis mit des Blutes Purpur das Leben allgemach Entrinnt und Beider Odem verweht in einem: Ach! So zahlet noch manch' Edler des Ordens erſt den Preis, Eh' auf dem Leichenfelde ſie kränzt das Lorbeerreis. Heinrich von Stockheim, Kuno von Hattenſtein, ſonach Petzold von Kurwis meldet der Ruhm von jenem Tag. — 184— Und Win rich, ſieggekrönet, durchzieht die Wahlſtatt jetzt, Und Ehrenmale werden den Helden dort geſetzt, Aus deren Blut den Enkeln die Friedenspalm' ergrünt, Daß fürder keines Einfalls die Heiden ſich erkühnt. Die Zerſtrung der Zurg Hardeck bei Büdingen. Als Idylle im Geſpräche von Hirten dargeſtellt. Hermann: Theodor, ſieh'! Dort weidet die Färſ'*) an ſchlängelnder Seemen, Und ausleſend den Klee von allen gewürzigen Kräutern Geht ſie den Anderen vor, Triftleiterin unſerer Heerde. Ihr wird, denk ich, ein Preis am nah' uns winkenden Feſte an) Welchem die Vorkehr gilt in des waldentnommenen Laub⸗ werks Zeltengefüg'. Ich freue mich ſchon im Voraus der belebten *) Kalbin, von Farr. **) Landw. Feſt im Juli 1845. — 186— Tänze, des Zielwettſchuſſes und and'rer Beluſtigung. Iſt es Doch aufmunternd und ſchön, daß fort auch der Pfleger . des Ackers Achtung gewinnt und ſein Werk in feſtlichen Zügen zur Schau kommt. Theodor: Allerdings! Das erzeuget Erfindungen, die den Geſchäften Sichern den beſten Erfolg und ſie ſelbſt fortan noch erleichtern. Haſt du gehört, Hermann, vom Pfluge, durch den man die — Saat auch Gleich mitſtreut und dabei der Regelung immer vertrauen kann, Die das Zuviel und Zuwenig der Körner gefliſſentlich meidet? Hermann: Wohl! ich hab' ihn auch ſelber geſeh'n; doch allein zur Kohlſaat Schien er geeignet, die Zeil' auf Zeil am beſten gedeihet. Zwiſchen den Hörnern des Reh's ſaß ein mit Saamen ge⸗ füllter Trichter, der Sanduhr gleich, aus dem ſich die Körner er⸗ goſſen, Wie die Bewegung des Pfluges Erſchütterung wirkte, die ſtete. — 187— Theodor:. Welch vortrefflicher Fund! ſei's blos auch für jene der Kohlſaat, Wo ſich am leichteſten, nehm' ich den Mohn aus, irret des Sä'manns Griff. Doch mein' ich, zu dieſer, der Mohnſaat, taug er nicht minder, Wenn der beſämende Trichter nur, fein gelöchert, in zweiter Furche geöffnet wird, und die Schaar dabei nicht zu tief ſteht. Aber ich lenke davon, was unſerer Sorge ſo fern liegt. Schaue die Trift! hier wuchert die Herbſtzeitloſe, der edlen Milch. Vergiftung, ſowie bei Kraft anſchwellender Gerſte Tollkorn ſproßt und die Fülle des geiſtigen Lebens in Wahn⸗ ſinn Wirret. Verdrängt nicht jen' umher rings beſſere Kräuter, Da ſie den Saft einſchlingt, für Andere kräftigen Wachsthum! Hermann: Laſſet uns Hand anlegen, die Räuber von Grund aus zu tilgen, Oben am Schaft ſie faſſend entreißen dem lockeren Raſen, G'rad vom Regen erweicht. So führe die Fluth ſie von dannen. — 188— Dann erzähl ich dir auch ein ähnliches Reuten des Unkrauts, Eines gefährlichern noch, das hier in der Nähe gewuchert. Theodor: Wollen wir nicht, ſobald nun die läſtigen Dränger be⸗ ſeitigt Sind, am Rand uns ſetzen ds Maunzeborns*), in der Eichen Schatten, die dort ſo herrlich den ſonnigen Hügel bekrönen? Sieh'! da ſchau'n wir ſchräg hinauf zum grünenden Teich⸗ wall, Während der Seemenbach mit lautem Geplätſcher der Droſſeln Sang begleitet und ſo das Ohr melodiſcher Wechſel Letzt und den Horcher in Träume der ſüßen Erinnerung einwiegt, Welche der Blick in die Tag' ehrwürdiger Ahnen erwecket, Wo von kräftigen Armen die Waffe des Siegs noch ge⸗ führt ward. Komm! hier däucht es mir wonnig, in ſchattiger Kühle zu f 3 weilen, —— **) Einer Quelle unweit dem Hammer bei Büdingen, am Wege nach Rinderbügen. — 189— Während Bello von fern' die Heerde belugt und den Schweif⸗ . ling Augenblicklich ermahnt mit warnender Stimme zur Umkehr. Hermann: Wohl iſt Erinnerung ſüß; doch ſie nicht der ſchrecklichen Tage, Welche die Sag' aufhellet in ſchauervollen Berichten. Sicher jetzt wandelt der Ländner umher auf eignem Gefilde, Streuend die Saat und ärntend; der Hirt treibt über den 3 Triften Sicher die milchende Kuh und die Wollenheerd' und das Maſtſchwein; Sicher auch ſchreitet der Wandrer in Nacht und Dämme⸗ rung weiter Auf der breiteren Bahn und der Fuhrmann fördert das Frachtgut. Aber ſo war's nicht immer. Es gab einſt Zeiten, wo freche, Uebermüthige Ritter, verwilderte Knappen im Solde, Jedem Geſetz Hohn ſprachen und aus den gewaltigen Burgen, Wie raubgierige Wolf' aus Höhlen, der Schwächeren Leben Mit dem Beſitzthum tückiſch bedroht. So thaten der Har⸗ deck Alte Bewohner dem Volk oft unabwehrliche Drangſal, — 190— Sie in dem Reichsforſt hauſend um Büdingen her in den Tagen Barbaroſſa's, des Kaiſers, der nah' Gelnhauſen ſich manchmal Längere Friſt aufhielt in der Burg, wovon noch die Trümmer Zeugen. Bekannt war Kunz, ein fertiger Klepper, durch ſtete Wegelagerung längſt das Entſetzen des reiſenden Kaufmanns, Wie des ſäßigen Pflanzers, dem ſelbſt er nächtlich in's Haus drang. Doch es gehet der Krug ſo lang zum Brunnen, bis endlich Gar er bricht! So ging es auch hier. Des beſtändigen Unfugs Ruf kam auch vor den Kaiſer, als Kunz es gewagt, dem erſchrocknen Wallerzuge nach Fulda zum Grabe des Heiligen Winfried, Auch Bonifacius ſonſt genannt, die geweihten Geſchenke Weg zu nehmen: ein ſilbern, mit Steinen beſetztes Kreuz⸗ bild Drunter von hohem Werth. Da ſendete Friedrich der Rothbart Schleunig die Kriegsſchaar ab, den Habicht im Neſt zu be⸗ lagern — 191— Und es von Grund zu tilgen. Allein nicht klein war die Arbeit Welche dem Häuflein ward, und wäre dabei nicht der Liſt noch Auszuführen gelungen, was Muth umſonſt ſich bemühte, Nimmer hätte der Fall von Hardeck Jene verherrlicht. Denk! Ein Mädchen, das eh' der ſchändliche Räuber ge⸗ kapert Hatte, ſie auf der Burg ſich zur Luſt, der beliebten, zu halten, Fand verborgene Schlich', auf denen ſie ſelbſt ihm entweichen Konnt', und die nun auch dienten, um unvermerket in's Inn're Vorzudringen. Zur Seite des Abends war ein geheimer Ausgang, führend in Forſt, tief unter dem Boden gewölbet, Der in dichtes Gebüſch ausmündete. Dieſen entdeckte Bertha— ſo hieß das Mädchen,— den lagernden Mannen des Kaiſers, Ehe der Eingeſchloſſ'ne, zur äußerſten Enge getrieben, Selbſt ihn nutzte zur Flucht. Unfern vom Hügel der Burg ragt, Aehnlich dem erſten, ein Hügel, wodurch der erwähnte Gang zog, Offen an jener Seite, der Burg abſtehend, von wilden — 192— Ranken umwebt hier, etwas zurück nach Innen geſperrt nur Von verhangener Thür, die den Eintritt Fremden verſagte. Leicht gewannen ihn doch, im Gefolge von Bertha, die Kühnen, Und ſie ſtanden ſofort ganz unvermuthet im Hofraum, Wo ſich ein Kampf entſpann, muthvoller, als je die Ver⸗ zweiflung Einen geführt, der zuletzt nur damit endete, daß ſich Kunz, nachdem ihm alle die Seinen in blutiger Abwehr Schon vorangegangen, in's eigene Schlachtſchwert ſtürzte. Aber wie ſcharf man auch durchſtöberte jeglichen Winkel Drauf im geräumigen Schloß, nicht fand ſich die Spur der geraubten Heiligthümer: ſie mochte vielleicht, argliſtig, der Gaudieb Irgend verſcharrt ſchon haben, um leichteres Kaufs ſo der Unthat 4 Los zu werden, ereilt ihn plötzlich das rächende Schickſal. Hiermit iſt die Geſchichte zu End'. Auf! Geh'n wir nach Haus jetzt; Denn ich ſehe, der Himmel verhüllt ſich in düſtere Wolken, Die uns das Feſt wohl gar verſalzen mit ſtrömenden Fluthen. — 193— Cheodor: Hermann, glaube! ſo möcht' ich dir fort zuhören, den Tag durch Und die längſte Nacht; da würd' ich mein und der Heerde Rein vergeſſen. Doch Bello vergaß ſich, ſieh' nur! indeſſen Nicht bei unſerm Geſpräch. Er hält noch immer die Augen Starr auf die Rinder geheftet, und überwacht ſo den Weid⸗ gang. 13 8 Hernamn und Mathidd oder das Hiumelfahrtfeſt auf Hardeck*). In des Lenzes Feſtgewande Prangt Natur, voll Jugendzier; Und man wallt von Stadt und Lande Nach des Waldes Luſtrevier. Heiter ſtrahlt des Himmels Bläue, Die den Herrn der Erd' entrückt. Darum freut ſich, wer in's freie Prachtgewölb' des Himmels blickt. *) Ruine bei Büdingen. Siehe Zerſtörung von Hardeck; Seite 185. — 195— Und es irren Kinder, ſingend, Zwiſchen wogendem Geſträuch, Wo viel Kräuter, ſich verjüngend, Steh'n, an würzigen Düften reich. Ehrenpreis, Waldmeiſter binden Sie geſchäftig in das Tuch, Und ſo oft ſich neue finden, Schallet es:„Hier ſind genug!« Hermann und Mathilde trennen Sich vom lauten Haufen da, Hardecks Höhe, die ſie kennen, Zu beſuchen, eben nah'. Längſt in Schutt und Staub geſunken Lieget dort das Ritterſchloß, Wo, vom Siecgesjubel trunken, Schwelgten Herr und Dienertroß. Und die Kindlein ſchau'n die Trümmer Ehemal ger Herrlichkeit, Jetzt entblößt von eitelm Schimmer Beute der gewalt'gen Zeit. Sieh! und plötzlich ſind die Räume Wie durch Zaubermacht erregt, 13* — 196— Und es rauſchen rings die Bäume, Von des Zephyrs Hauch bewegt. Und nun kleiden ſich die Trümmer Augenblicks in Herrlichkeit, Und geſchmücket ſteh'n die Zimmer, Wie vor lang entſchwund'ner Zeit. Und mit engelgleichen Mienen Tritt ein Fräulein d'raus hervor: „Kommt ihr, mein Geſchick zu ſühnen?! Tretet nur getroſt in's Thor!“ Und die Kindlein nahen ſchüchtern Sich der lieblichen Geſtalt, In den Saal, durchſtrahlt von Lichtern Zieht ſie's nach mit Allgewalt. Welche Pracht iſt hier entfaltet! Gold und blinkendes Geſchmeid' In den Jahren unveraltet, Liegen, wie für ſie bereit. „Wählet nur nach Wohlgefallen⸗— So das weiße Fräulein ſpricht,— „Euch von dieſen Schätzen allen; — 197— Doch vergeßt das Beſte nicht!“ Und die Blicke ſchweifen gierig Auf dem bunten Schmuck umher; Und bedünkt die Wahl zu ſchwierig, Hilft Geſchmack und— Ungefähr. Hermann ſich vor allen Dingen Erſt die Schreibelad' erkießt, Die an gold'nen Siegelringen Einen ſelt'nen Werth umſchließt. Und Mathilde wählt dagegen Ein verziertes Arbeitszeug, Kunſtvoll ſich davor zu regen, An verſchied'ner Zuthat reich. Und ein Kreuzbild*) locket Beide, Mit Juwelen ausgelegt, 1 Mehr als prunkendes Geſchmeide, Das ſo leicht zum Stolz bewegt. Und indem ſie ſich entſchieden Um den heil'gen Gegenſtand, Neigt das Fräulein ſich, zufrieden Auf Mathilden hergewandt. *) Seite 190. — 198— Und ſie nimmt den Kranz der Myrthe Von dem blonden Lockenhaupt: „Trag ihn einſt zur ſchönſten Zierde, Wie es reine Lieb' erlaubt, Trug ich doch den Kranz, Mathilde, Und den Namen ſelbſt, wie du! Wohl! mein Loos iſt mit dem Bilde Nun gewendet, ich in Ruh!“ Sprach's und augenblicklich ſchwindet All' der zaubervolle Glanz, Und von Wirklichkeit blos kündet Das Gewählte, wie der Kranz. Und man ſchauet nur die Trümmer Ehemal'ger Herrlichkeit Fort, entblößt von eitelm Schimmer, Beute der gewalt'gen Zeit. Seſithak und Kamis. (Ein Sohn des Cheruskerfürſten Siegmar und die Tochter des Chaſſenfürſten Ukromyr.) Meld', o Muſe, mir grauer Zeit Thaten, wo ſich die Heldenkraft Stolzer Hünen um Minneſold Oft befehdet. Es zeugen hier Mooſ'ge Carn*) im gedehnten Forſt Von gewaltigem Lebensziel. Deß enthülle, geſchärftes Blicks. In die Tage der Ahnenwelt, Als des Chaſſen**) erprobter Speer *) Alte Grabhügel(Hünengräber) um Büdingen, wo nach⸗ ſtehende Geſchichte ſpielt. **) Alter Name der Heſſen. — 200— Sich den Waffen Cheruskiens Eng verbunden, entgegen Rom. Huldvoll rührete Löbna's*) Macht Zwei Gemüther, an Hochſinn reich. Siegmars blühender Sproſſe ſchweift' Auf des borſtigen Ebers Fährt' In den Hainen am Seemenwaag**). Schweigſam liegen Gebirg und Schlucht In der Stille der Abendruh', Und tiefwogende Sehnſucht glüht. Wer durchwandelt allein ſo ſpät Dort den felſigen Steig? Es iſt Ramis, ſiehe! des Ukromyr Tochter. Mädchen des blauen Augs, Suchſt du, liebebeſeelt die Spur Seſithaks, des Cheruskers, noch?! Fleuch! o traue nicht Loke's*um) Heerd! Ulf, der eifernde Sohn des Arp, *) Göttin der Liebe bei den alten Deutſchen. **) Seementhal, Thal der Seemenbach; vom Altdeutſchen Waag, d. i. Thal.(Binſenthal.) ***) Der Gott des Feuers bei den alten Deutſchen, unſicher und tückiſch, wie ſein Element, gedacht. 2 — 201— Schärft, gehäſſig, den Pfeil und ſinnt, Rache kochend, im dunklen Buſch Dir die Feſſeln und Jenem Tod. Doch nicht ahnet der Holden deß, Und die liebliche Stimme fleht: „Sende, ſanfter Genoß der Nacht, Deines Glanzes herab zu mir, Daß ich ſchaue des Trauten Nah'n, Wenn vom Treiben der Jagd er kehrt, Um ihn ſchnobender Hunde Spiel.“" Weither ſchimmert der gold'ne Stern Und die muntere Grille ſchwirrt Rings mit ſchrillendem Ton im Laub Düſtrer Buchen.„Wo ſäumt er wohl, Meines Herzens Erwählter, nun? Spend', o ſilberner Strahl der Nacht, Heiß erſehnte Kunde mir!« Ramis ruft es und tritt hinan Vor des gierigen Loke's Heerd, Der im Schatten der Traubach*) ragt. *) Eine alte Feuerſtätte, neulich daſelbſt aufgefunden, worauf oben angeſpielt iſt, der Schauplatz gegenwärtigen Bardiets. — 202— Weh'! da faßt ſie mit rauhem Arm Ulf der Grimme. Die Feſſel ſchnürt, Hart geſchlungen, des Mägdleins Hand, Und die Klage verhallt umher. Gleich auf Flügeln des Windes naht Seſithak, der Cherusker, da, Hergezogen vom lauten Ruf. Und mit nervigter Fauſt erfaßt Er den Räuber des ſüßen Strahls. Alſo raffet der Wetterſturm Schnell die Eſche, des Stroms Gewog Schlankes Röhricht, der Leu das Reh, Wie des Helden geſtreckter Arm Ulf an zackigem Aſt aufknüpft. Und in haſtiger Spute wallt Ramis mit dem Cheruskerhort Durch die Eichen der Hald' herab, Stumm bemooſeter Carn vorbei, Sigald's*) Schemen geweiht. Unfern Starret des rieſigen Wildenſteins**) *) Ein Hünengrab, dem ehemaligen Hammer gegenüber. Siehe folgendes Bardiet. **) Eine vulkaniſche Felſenmaſſe im Süden von Büdingen. — 203— Haupt in graulicher Nebel Flor, Unten ſtrömend der Seemenbach, Fetten Au'n und dem Hain entlang, Der den herrlichen Gau durchzieht, Fort hochherziger Fürſten Sitz. Sigald's Tod. Wer ſtürmt über die Haide dort, Laut vom Toſen der Wehr umrauſcht? Sigald*) iſt es, der Kühne, Sproß Ukromir's des gewaltigen Chaſſenhorts. Nicht geſcheuchtes Wild Späht ſein Auge, das funkelnde, Jetzt; an felſiger Halde blitzt Ihm entgegen der Schilde Glanz, Und er reget die Recken auf Zu vertilgendem Kampf. Es führt' Ulf die Menge der Streiter her, Dudo's Enkel, der Sohn des Arp. Heil wie fliegt der befiederte Pfeil vom Bogen die Lüfte durch! *) Siehe voriges Bardiet, Anmerkung, Seite 202. — 205— Und wie ſchallet der Wechſelruf, Feuernd blutiges Werk! Schon weicht Ulf's Geleite, da bricht die Wuth Erſt in raſende Flammen aus. Vor dem Haufen der Grimme ſelbſt, Tod im Blicke, verſendet Ulf Rings Verderben in Sigald's Volk; Und es wanket des Sieges Lauf. Sieh', da raffet ſich, Zorn entbrannt, Sigald kräftig zum Schwertſtreich auf, Und er ſtürzet entgegen wild Ulf, dem Gegner. Der Feinde Schwarm Staunt ob ſeinem gewalt'gen Gang, Wie erſchrocken die Heerde ſtutzt Vor des würgenden Wolfes Zahn. Jetzo treffen die Führer ſtraff Aufeinander; der Schilde Klang Weckt die Echo des Hains umher, Und es blitzt das gewichtige Schwert im Schwunge: der Funke ſprüht. Doch der waltenden Norneè*) Schluß —. *) Göttin des Schickſals. — 206— Wirft für Sigald das dunkle Loos: Ein geſchleuderter Speer durchſauſt Seitwärts her die getheilte Luft, Und im wogenden Buſen zuckt, Ach! ſein Herz, das erſterbende. Seine Recken, des Helden Fall Schnell gewahrend, ergreift der Schmerz, Spornt zu glühender Rache ſie All'. Voll feurigen Muthes ſtürmt Ihr vereinter Hauf' herzu, Thürmend rund um die Leiche fort Feindesleichen, zum Opfer ihm. Raſch entreißet ſich Ulf durch Flucht Der Vertilgung; und Sigald's Schaar Setzt mit thränender Klage d'rauf Des Geſchiedenen Urne, weih't Seinen Schemen des Liedes Zoll. Wen umraget der Haide Carn, Tief im Schlummer, dem eiſernen, Hier des blühendſten Lebens Ziel?! Sigald iſt es. Der Kühne ſchwand Früh' im Sturme der Zeit dahin. — 207— Doch es ſchwang ſich der Heldengeiſt Durch beglückender Freiheit Schirm Hoch empor zu Walhalla's*) Luſt, Schwelgt an Mahlen Enherion's**). *) Der Aufenthalt der Seligen, die ſich durch Tapferkeit aus⸗ gezeichnet. **) Der Helden⸗Verein im Walhalla. Nachſchrift: Der im erſten Bardiet vorkommende Seſithak und ſeine Gemahlin Ramis mußten als Gefangene im Jahr 17 nach Chriſto den Triumph des Germanikus in Rom mit⸗ verherrlichen. — 88S + — Anhang. Sängergruß zur Maiſtier. An die Freunde. Vernehmet, o Freund' in der Runde, Den Gruß, den in freudiger Stunde Die Muſe zum Maien euch bringt. Uns einet ja geiſtiges Streben, Und ſind wir getrennt auch im Leben, Der geiſt'ge Verein doch gelingt. Seht! wie ſich die Blumen erſchließen, Wie überall Wälder und Wieſen Sich kleiden in herrliches Grün. Es läßt ſich in feiernden Chören Idylliſcher Lobgeſang hören, Von Liebe dem Leben verlieh'n. Das ſind die gefiederten Sänger; Sie ſäumen hinfort auch nicht länger Dem Frühling die Jubel zu weih'n. 14* — 212— Er hat ſie der Trauer entrücket, Hat Fluren und Haine geſchmücket, Rings Speiſen und Freuden zu ſtreu'n. So halle von freudigen Klängen, Von Lob⸗ und von Liebesgeſängen Die Luft und der Wald und das Feld. Kurz iſt ja die Summe der Jahre, Gezählt von der Wiege zur Bahre, Wo Hain uns den Schatten geſellt. Nicht duftet dem Schlummrer im Schooße Des Grabes die liebliche Roſe, Nicht ſchallt ihm der Freude Geſang. Ihn laden nicht roſige Lippen Balſamiſche Küſſe zu nippen; Verhallt iſt ihm jeglicher Klang. Drum herzlich das Leben umfangen, Weil jugendlich Lippen und Wangen In prangender Friſche noch glüh'n; Und ſoll es vollkommen gelingen, Sucht Kränze der Liebe zu ſchlingen, Die über den Urnen auch blüh'n. —— Zeitlich und ewig. Wie prangſt du, Erd', in Frühlingstracht gekleidet, Ein Bild ſchon deß, das künftig iſt!— Doch mancher Schmerz, der hier die Bruſt durchſchneidet, Und manches Glück, das im Genuß verſcheidet,— Sie zeugen, daß du zeitlich biſt. Denn wo des Wechſels wandelvolles Walten Der Stunde dunkeln Gang umſchwebt, Da gleiten nicht des Lebens Huldgeſtalten Aus ew'ger Quelle; rein und ſtät entfalten Sie Höhen nur, von Licht durchwebt. Hier, wo die Lieb' um Urnen der Geliebten Die traurige Cypreſſe ſchlingt, Wo Thränenfluth, in Klagen des Betrübten, Der Gräber Moos bethaut, wenn Vollgeübten Im Schickſalskampf er Opfer bringt:. — 214— Hier ſtrahlt doch fort der Freude lichte Thräne Dem Angedenken hoher That, Und in verklärter, göttlich⸗ſchöner Schöne Erſchauen ſie der fernen Nachwelt Söhne, Zu gleicher Größe Trieb und Rath. Sei mir geſegnet, zeugende Geſchichte, Die auch der Kön'ge Leben wägt, Und furchtlos, gleich des Ewigen Gerichte, Der Unterdrückung laſtende Gewichte In ihres Urtheils Schaale legt. O welch' ein Blick! vom Anbeginn der Sprache, Bis zu der jüngſten Preſſe Bild, Zu ſchau'n, wie, dort in mährenhafter Sage, Hier ſcharf beleuchtet von des Forſchers Frage, Der Menſchheit Leben ſich enthüllt! Zwar ſchwindet mancher Name, werth der Dauer, Dahin im dunkeln Strom der Zeit, Verherrlicht nur von naher Mitwelt Trauer; Doch wandeln noch, zur Mahnung dem Beſchauer, Genug die Bahn der Ewigkeit. —— Betrachtungen über das Ofterfeſt. An Fv.. BW.. J.. In einer heitern Stimmung, wie ſeit lange Sie nicht mein innerſtes Gemüth bewegt, Weilt' ich, o Freund, an jenem Bergeshange, Der noch die Spuren unſrer Ahnen trägt. Ein Druidenbaum, vor Allen jenen heilig, Bot mir zum Sitz die rieſ'ge Wurzel dar; Und ſo bedacht' ich denn, was mir jeweilig Vor Aug' und Herzen juſt das Nächſte war. Des ew'gen Geiſtes Odem wob im lauen, Gelinden Frühlingsſäuſeln rings umher, Und füllte mir die Seele mit Vertrauen Und mit Gedanken, feierlich und hehr. — 216— Und von Gefühlen mancher Art durchdrungen, Für die auch keine Sprache beut das Wort, Wie ausdrucksvoll ſie ſei durch alle Zungen, Riß es zuletzt mich zur Betrachtung fort: „Es naht, das Auferſtehungsfeſt der Erde, Und jedes Weſen athmet Freud' und Luſt Und drückt es aus in Tönen und Geberde; Doch nur der Menſch iſt klar ſich deß bewußt. Ihm goß der Schöpfer ein den hohen Funken Von ſeinem Geiſt, den regen Aetherſtrahl. O daß Niemand, von Gier des Eiteln trunken, Die Kraft mißbrauchte zu der Brüder Qual! „Jedoch das Uebel kam zur Welt und lenkte Den Menſchen ab von ſeines Heiles Spur, Und der Begierden frevles Heer verdrängte Bei ihm das Abbild göttlicher Natur. Da gab der Weiſe, ſie zurück zu führen, Mit hohem Gottesmuth ſein Leben hin. Nicht konnt' es die barbar'ſche Rotte rühren, Durch Prieſterargliſt wüthend, toll und kühn. „Er ſtarb, ein Ueberwinder, und ſein Leben Iſt fort erhaben über jeden Tod. Du haſt, Allvater, Ewigkeit gegeben — 217— Der Lehre, die er uns zum Leben bot. Wie iſt doch deine Liebe groß und mächtig! Der Wahrheit Siegesfeier reihet ſich Kurz an den Tag, wo grauenhaft und nächtig Der Thaten ſchwärzeſte zur Hölle ſchlich! „O Dank dir! ewig Dank, der ſeinem Worte, Trotz Prieſtertyrannei, noch zum Gewinn Der Menſchheit Sieg verleiht! daß ſelbſt die Pforte Des Abgrunds nimmer raubt den wahren Sinn. Zwar ward mit Strömen Bluts es lang begoſſen, Weil oft Betrug ihm falſche Deutung gab, Und, ſelbſt in finſtrer Heimlichkeit verſchloſſen, Das Licht der Welt entzog, als wie im Grab. „Allein es drang, wie jetzt auf Winterſtürme Der Sonne neubelebend Licht, hervor, Und bald verkünden laut die Glockenthürme Sein Wunderwalten wieder neu dem Ohr. Laß nur die Geiſtesſonn' auch forthin ſteigen, Und düſtre Wahnesnebel rings zerſtreu'n; So werden wir das hohe Ziel erreichen, Wo alle Menſchen ſich als Brüder freu'n.“ —Á. 29— Der Munderbaum. Eine Parabel. Es prangt ein wundervoller Baum In lichtbeſtrahlten Auen. Er dehnet ſich durch weiten Raum, Die ſchärfſten Blicke mögen kaum Ein Theilchen überſchauen. Mit Blüthen, Laub und Früchten iſt Er längſt geziert zu gleicher Friſt, Und herrlicher ſtets kleiden Sie ihn im Flug der Zeiten. Einſt grünt' er blos, ein ſchwanker Sproß, Im Glanz der Morgenſonne, Bis ſeinem edeln Mark entfloß Saftfüll und ſich in Knospen ſchloß — 219— Zur Blüth', in ſüßer Wonne. Und üppig ſchmückt auch ſie allein Ihn lang mit gold'nem Zauberſchein, Eh' Frucht noch, ſein zu zeugen, Erglüht' an ſtolzen Zweigen. Und bei der Zeiten Flügelſchlag Allmählich fortgediehen, Ertrug er, kräft'ger nach und nach, Der Früchte mehr von Tag zu Tag, In ſtetem Wechſelblühen. Und aus den beſten häufte ſich Ein Schatz umher, der nicht verblich, Da ſeines Kernes Jugend Bewahrten Kunſt und Tugend. So ſteht er nun in Herrlichkeit, Des Gärtners Augenweide, Der ihn gepflanzt vor grauer Zeit, Zu wachſen durch die Ewigkeit, Voll Lieb' und Lebensfreude. Auch ward ihm ſelber Schutz und Hort In eignes Geiſtes Schrift und Wort, Daß er ſich rings verkläre Mit Götterglanz und Ehre. — 220— Wohl ſinken Blätter allgemach, Des Stamms jeweil'ge Nahrung, Zum Wurzelgrunde, welk und ſchwach; Doch immer neue dringen nach, Der Zeugkraft Offenbarung. Und ſinkt zuweilen gar ein Aſt, Ermorſcht von ſiechen Alters Laſt, Alsbald erſetzt die Stelle Ein andrer, jugendhelle. Und die geſunknen, Aſt und Laub, Sind darum, unverloren, Nicht gänzlicher Vernichtung Raub: Ihr Weſen bleibt, gelöſt vom Staub, Für höh're Form erkoren. Und fort in ew'gem Kreislauf geht, Wie lauer Frühlingsodem weht, Es anderweit in's Leben, Ein geiſterhaftes Weben. Und alles Neuentſproßte trägt, Nachdem es mit den Jahren, Durch mancher Stürme Braus erregt, Genugſam erſt ſich angelegt, Mehr Früchte, werth zu wahren. — 221— So mag der Baum in vollſter Kraft, Von keines Wetters Wuth gerafft, Auch in den ſpätſten Tagen Den reichſten Segen tragen.— Siehſt du der Menſchheit Wechſelbild Vor deinem Blick erſcheinen, Wie es den Erdenkreis erfüllt? Religion, der Völker Schild, Sie liebend zu vereinen?! Geſchaffen zur Vollkommenheit Wallt jene durch die Bahn der Zeit, Und wird, nach langem Steigen, Sie endlich noch erreichen. Nur darf ſie vor dem Nah'n zum Ziel Nie, laß, in Schlummer harren; Sie möchte, lacht ihr eben viel Des Glücks im Traum, der Täuſchung Spiel, Zur Mumie leicht erſtarren. Religion und Menſchheit thut Fortſchreitung, nimmer Stillſtand, gut, Eins für des Andern Weſen So von Beginn erleſen. — 222— Es folgt der Blüthe nach die Frucht, Auf Dämmerung die Klarheit. Wer jene feſtzubannen ſucht, Rückwinkend alter Stunden Flucht, Beherzige die Wahrheit: „Dem Knaben ziemt ein Steckenpferd, Da ſein des Roſſes Kraft ſich wehrt; Und kindiſches Bekenntniß Gnügt blos des Kind's Verſtändnißl⸗— —=— Die Lerche und die Spatzen. Eine Fabel. Im Roſenmonat war's, wo junge Liebe Durch den belebten Raum der Schöpfung webt, Und Alles rings dem neu erwachten Triebe Zur Freude das Gemüth zu öffnen ſtrebt; Da trieb ein Haufe Spätzinnen und Spatzen Sich mit Gelärm den Straßendamm entlang, Liebkoſend unter wunderſamen Fratzen. Auf Einmal ließ der Lerche Lobgeſang Sich nebenan im Roggenfelde hören. b Das ſchien dem Spatzenvolk die Luſt zu ſtören, Denn plötzlich hub der Rotte Frechſter an: „Hört doch! wie die ſich bläht im breiten Plan! Sie meint am Ende gar, ſie wär' an Fülle — 224— Und Harmonie des Liedes Nachtigall. Tönt ja von uns vereint der Stimme Schall Weit lauter oft durch reifer Saaten Stille.“ unJa wohl!an fiel hie und da ein Spätzrich ein, Und Alles kräht dem krittelnden Verächter Drauf Beifall zu mit höhniſchem Gelächter. Bardale ſchwang indeß im Abendſchein Sich hoch empor zur glanzumſtrahlten Wolke, Nichts ahnend von dem dummen Tadlervolke. Und als ſie wiederum hernieder kam, Nachdem ihr Lied allmählich war verklungen, Sprach auf die Kunde, die ſie hier vernahm, Sie blos:„Ich habe Spatzen nicht geſungen.“ Fürſtenwürde. Wie ſchwebt die Wolke durch den erhabneren Laſurnen Aether, vom Sonnenlicht Glänzend weiß, wie der jungen Lilie Kelche, bemalt. Ein Bild der Milde, tränkt ſie mit perligen Ergoſſnen Tropfen das Waizenthal, Träufelt goldenen Segen Auf die Gefilde herab. Ein Bild der Stärke, ſchnellt ſie auf trotziger Erhob'ne Eichen des Blitzes Strahl, Stürzt die prahlenden Wipfel Donnernd darnieder in Staub. 15 — 226— So ſei ein Fürſt! er helfe den Dürftigen In bangen Nöthen und tröſte ſie; Uebermüthigen Großen Setz' er im Handeln ein Ziel! Und lieblich lebt ſein Lob noch durch künftige Jahrhundert' in der Gerechten Mund; Seines Volkes Geſchichte Krönt ihn mit ewigem Ruhm. Unſterblichkeit. Hoch am Lichtquell thront der Geſchöpfe Schöpfer, Unergründbar ſtets auch dem hohen Seraph, Nur von ihm durchſchaut, den Unendlichkeiten Nimmer umfaſſen. Vater! Gott!! Weltherr!! aus der Urnacht Leere Riefſt das Sternheer du und des Alls Naturen, Die, ſich ſelbſt nicht Ziel, in gemeſſner Kreiſung Vor dir ein Nichts ſind. Denn das Glanzreich ſänk in Abyſſus Schlünde, Wärſt allein du nicht der Tangenten Stützpunkt, Welch' im Kreisgang dreh'n um des Lichtpfads Sonnen Alle Planeten. 15* — 228— Mich auch ſchuf dein Wink zu des Daſeins Freuden, Und du nimmſt mich einſt, nach vollbrachter Prüfung, Aus dem Staubthal auf in der Hoheit Himmel, Wo ich dich ſchaue. O Gedank an ſie, der Erhöhung Stunde, Wie erhebſt du mich vom Gedräng' des Grabes! Stillt den Geiſt ein Gut auf der Schöpfung Weiten, Derer, die Staub ſind? Hoffnung nur: im Tod nicht, getilgt, zu ſchwinden, Sondern ſiegreich ſelbſt, von des Leibes Feſſeln Fort befreit, mit Gott ſich vereinigt ſchauen,— Dieſe genügt ihm. Das Landleben. Selig! wen das Geſchick eng der Natur verband, Dem ſein ländliches Dach eigenes Feld umruht Und vom friedlichen Mahle Fern die hagere Sorge bannt. Wer den mäßigen Wunſch voll in der Ernte ſchaut Und im reifenden Herbſt, ihm, dem Zufriedenen, Wird die Erde zum Himmel Schon, die Flur ein Elyſium. Nimmer neidet er dich, der du im Goldſaal wohnſt Und dem leckeren Mund ſieben Gerichte beutſt, Dem beim blinkenden Becher Träg die nächtliche Weil' oft flieht. — 230— Wenn der ſegnende Strahl reger die Auen trifft Und aus wärmerem Oſt zwitſchernd die Schwalbe kehrt, Grüßt das werdende Frühroth Er am ackernden Pfluge ſchon. Froh durchfurcht er, vom Lied ſteigender Lerch' umſchwirrt, Den ererbeten Grund mit dem gezogenen Stier, Und vertrauet in Hoffnung Ihm die Körner der goldnen Saat. Oder, achtſam der Schaar folgend auf dritter Spur, Legt Amerikas Frucht— Drake, dir Dank dafür!— Ein geſchürzetes Mägdlein Dem noch dampfenden Boden ein. Bis mittägige Gluth, müdend, zum Schatten ruft, Wo Erholung und Koſt Allen die Stärk' erneut Zu ausharrendem Wirken In der längeren Tagesfriſt. Erſt wann perlender Thau auf die Gefilde träuft Und der ſanftere Mond ſilbern den Anger malt, Eilt er— eilender eilet Sein Geſpann jetzt, der Wohnung zu. — 231— Hier empfäht ihn der Kreis blühender Kinder, ſchmiegt, Vater! jauchzend, ſich ihm bald um die Knie und hüpft Bald mit traulichem Koſen In die Stub' ihm voran zu Tiſch. Liebe decket zum Mahl hier, und das Milchgericht b Letzt, von Hunger gewürzt, mehr ihn, denn Schwelgerkoſt, b Sie durch Indiens Staude Blos dem lüſternen Gaumen ſüß. Wie ihn Ruhe darauf, labend, in Schlummer küßt Und zur Jugend der Kraft läſſige Nerv erhöht, Bis am tagenden Himmel Bleich des Morgens Geſtirn erſcheint. Dann entwindet er leiſ' ihren Umarmungen Sich, die gleiches Gefühl ihm an die Seite ſchuf, Läßt die ſchlummernden Kleinen Und erneuet ſein Tagewerk. Bald beſucht er das Thal ſchlängelnd vom Erlenbach Sanft durchrieſelt, und fällt duftende Kräuter; laut Jubelnd bringt man am Abend Schon zur Scheune das trockne Heu. — 232— Bald umſchlingt er den Hut ſich mit dem Aehrenkranz, Und beim Ton der Schalmei tanzt mit der Schnitterin Dann der bräunliche Schnitter, Jauchzt am freudigen Aerntefeſt. Bald entpflückt er dem Baum, welcher dem Knaben noch Leicht zur Erde ſich bog, ſaftiges Obſt und denkt Froh der Zeit, als, ein Jüngling, Er ihm edleres Reis vermählt. So verrauſchet das Jahr ihm, durch Geſchäftigkeit Gleich, entfernet vom Drang quälender Sucht; es lehrt Rings aufblühende Jugend Ihn den Wechſel des Lebens nur. O des kindlichen Seins! Innigen Einklangs voll Mit der ganzen Natur, ſieht er der Tage Ziel Einſt ihm nahen und ſchlummert Sanft hinüber zu Glücklichen. — e8 Sommerbild. Seht dort ihr die Wogen der Roggenflur?! Das iſt Kornmütterchens Tritt und Spur; Sie leiht der Aehre Gehalt und Kraft, Sie iſt es, die reichlichen Segen ſchafft. Tief ſank hinab in der Erde Schooß Das Saamkorn, ſchlummernd und regungslos. Nicht wandelt' ihm Morgen⸗ und Abendroth; So lag's und erſtarb in geweihtem Tod. Doch aus der Verweſung erhob ſich jung Der zeugende Keim mit belebtem Schwung; Er ſteht, wie erwachet aus dunkelm Traum, Und dehnt ſich freudig im weiten Raum. — 234— Und grüßt das freundliche Himmelslicht, 1 Der Sonne verklärendes Angeſicht;; Das wärmt ihn behaglich, erfriſcht von Thau, Und blickt hernieder, ſo mild und lau. Und aufwärts ſtrecket der Halm ſich fort, Belauſchend der Lüfte Gekoſ' und Wort, Die um ihn weben im Lispel bald, Bald ſtürmiſches Athems und mit Gewalt. Nun prangen die Aehren im Schmuck der Braut, Kornmütterchen treu ſie zuſammen traut, Daß Eine die Andre, ſich neigend, küßt Und liebliches Segens die Füll' erſprießt. So iſt es, und wer es ſchon angeſehn, Wie wogend die Aehren im Wind ſich dreh'n, Der freut ſich herzlich der Segensſpur Und erkennt die waltende Mutter: Natur. Lieb' hegend ſie Menſchen und Aehr' umſchlingt Und hin zum herrlichen Ziele bringt. Für keins der Kinder zu hoch ſie thront; Traut feſt auf ſie, die Vertrauen belohnt. —eS— 41 Der Wald. Belaubter Wald, in deſſen heil'ger Stille Sich meine Phantaſie ſo gern' erhebt, Dir töne jetzt aus reger Herzensfülle Mein Lied, von edler Liebe Schwung belebt. Du weckſt es; denn in deinem grünen Kleide Seh' ich der Hoffnung Regenbogenglanz Sich ſpiegeln, Elfen tanzen, und die Freude Lacht mir durch dich im ſchönſten Feſttagskranz. In deinem Schatten laben ſich die Müden, Der Wand'rer eilet dir im Mittag zu; Du gießeſt in bedrängte Seelen Frieden, Und deine Einſamkeit ſchenkt Duldern Ruh'. — 236— Wenn ich in deiner wonniglichen Kühle Der Kreaturen Menge ſpielen ſeh', So ſchwindet jeder Kummer und ich fühle, Daß ich in Gottes Vaterſorge ſteh'. In dir vergeſſ' ich ſo der Erde Leiden, Du wiegſt in Ruhe jeden ſchwarzen Harm; Hier hat man mit der Mißgunſt nicht zu ſtreiten, Auch nicht mit falſcher Güter ödem Schwarm. Darum verbirg mich oft durch deine Hülle, Belaubter Wald, des Denkers Ernſt geweiht; O laß mich oft in deiner hehren Stille Erkenntniß ſammeln für die Ewigkeit. Gott, Schäpfer und Erhalter. Wie ſtrahlt durch der Schöpfung, Gebiet Sonnenglanz! Es erhebt umher, 1 In der Höh), feiernd, Gott, Schöpfer! dich das Heer Deiner Geſchöpf', in der Tief' ewigem Grund, Mit freudig verſchwebendem Lob. Selbſt wo Nacht mich umgiebt und Ruh', Iſt ſie doch, deiner Macht Zeugin, ganz erfüllt, Immer erfüllet von dir, der ſie erhält.. Umfleußt nicht des Sirius Gluth, Silbern, klar, nicht der Abendſtern, Unumwölkt unſre Welt nächtlich auf dein Wort? Blitzt nicht Orion herab flimmerndes Licht? — 238— Des Wagens beharrlicher Stand Hoch am Himmelsgewölbe zeugt Von der Hand, welche fort ihn im Gleichgewicht Träget, daß nimmer ſein Schein endlich verſiegt. Und blick' ich dann her auf mich ſelbſt: Da auch werd' ich gewahr, daß du, Du allein, gütig einſt mich zum Sein beriefſt, Und mir Verſtand und Vernunft, dieſes zu ſeh'n, Zu immer vollkommnerem Glück Schenkteſt. Ehre ſei dir und Ruhm, Und Geſang immerdar dir gebracht von mir, Daß du mich ſchufſt und mir gabſt dauerndes Heil. Die Jungfran. Als auf des Ew'gen Ruf, zur Luſt und Freude, Das Leben ſich der alten Nacht entwand, Und ach! zu bald, des graſſen Uebels Beute, Die Unſchuld aus der jungen Welt verſchwand: Da weihte ſie, die gottentſproſſ'ne Liebe, Der Jungfrau Buſen ſich zum Heiligthum, Zum Hochaltare reiner Himmelstriebe, Die uns erheben zu des Urbilds Ruhm. So iſt ſie fort des Paradieſes Blüthe, Des Schöpfers ſchönſtes Werk im Erdenthal, Ein lebend Bild von ſeiner ew'gen Güte, Von ſeiner Glorie der treuſte Strahl. — 240— Heil, Jüngling, dir! deß Auge Gottentzücken Aus ihrer Seele klarem Spiegel trinkt!. Du kannſt ſie nicht, die Himmelsblume, knicken, Die dir ein Strahl aus beſſern Zonen winkt. Erſtarken wird dein Arm zu hohen Thaten An ihrem Blick, der Tugend Kraftgewinn. Leicht wirſt du großes Erdenguts entrathen, 4 Beglückt in ihr durch heitern Kindesſinn. Zurück gekehret fühlſt du dich zur Wiege Der Menſchheit, ſelig ſo in Edens Flur, Erneut in dir der Gottheit hehre Züge, Ff Das Erbtheil deiner geiſtigen Natur. Doch fleuch, wenn die befleckende Begierde Bei ihrem Anblick nur in dir ſich regt! Wie ſankſt du tief ſchon unter ihre Würde! Du, deſſen Schmach die Unſchuld nimmer trägt! Dein Urtheil ſieh' in ihrer Wangen Röthe, Die, ſtolz, der Geilheit frechen Scherzen grollt! 5 Du fühlſt es, ach! nicht mehr und ſchiltſt ſie ſpröde! Für dich iſt Blei nur ihres Herzens Gold. — e— Iugendleben und Frohſinn. Die Iugend blüht, ſf Das Leben glüht; Es locket die Freude zum Tanz. Ein heitrer Muth Nimmt Alles gut Und windet ſich Blumen zum Kranz. Hoch wogt die Bruſt Und athmet Luſt, Trägt leichter ſo Schickſal und Müh'. Trüb' ſchaut Natur Ein Grämling nur, Nennt Grab der Lebendigen ſie. 16 — 242— Kühn webt und wallt, Ohn' Aufenthalt, Nach herrlichem Ziel ja die Welt. 3 O ſchließt euch an, Lauft froh die Bahn, Die hoher Vollendung geſellt. Jäh ſtürzt die Zeit, Ob Leid, ob Freud' Entſchieden zum Wohnſitz euch nahm. Kauft die drum ein, Erſäuft im Wein, Laut jubelnd, den düſteren Gram. — —— Nur froh geſcherzt, Geküßt, geherzt, Das blühende Leben umarmt. So will's ein Gott, Bis ſelbſt der Tod In Liebe zum Leben erwarmt. —— Des Glückes Schlüſſel. Wer reicht des Glückes Schlüſſel? Nie Der Mammon; denn er ſchafft gern' Müh'. Die Würden? Dieſe ſind nur Laſt Und rauben uns die ſel'ge Raſt. Der Becher? Er gebiert oft Gicht. Selbſt ſüße Minne wahrt ihn nicht. Ein Herz nur voll Zufriedenheit, Das keiner Stunde Flucht bereut. Wort und Gedanke. Was du redeſt, das denk erſt klar; doch hüte dich weislich, Alles zu reden auch ſtets, was du mit Klarheit gedacht. Reden und Schweigen. Wahr ſei jegliches Wort, das über die Lippen dir aus⸗ geht; Aber vertraue dem Mund jegliche Wahrheit nicht an. ——— Inhalts⸗Verzeichniß. Die Belagerung Breubergs Breubergs Umtaufe Gertrude von der Wart Otzbergs Belagerung Dietz und Max Der Liebe Schwur Die lederne Brücke. Gelübde Philipps von Iſenburg⸗Büdingen Der Siechweiher bei Grobenderf Die Ahnung.. Die Schlacht bei Rudau. Die Zerſtörung der Burg Hardeck bei idinde Hermann und Mathilde Seſithak und Ramis Sigald's Tod Anhang. Sängergruß zur Maifeier Zeitlich und ewig Der Wunderbaum Fürſtenwürde. Unſterblichkeit Das Landleben Sommerbild Der Wald Die Jungfrau. Jugendleben und Frohſinn Des Glückes Schlüſſel Wort und Gedanke Reden und Schweigen Betrachtungen über das Oſterfeſt Die Lerche und die Gpatzen Gott, Schöpfer und Erhalter . 223 . 225 227 229 . 233 235 237 . 239 . 241 243 . 244 . 245 ———— ———————, “ anênnſmnſnmnnſſſſſiſſſiſſſſſſſſſiſnſſſiſſmſrnſſſniſſ 1 12 13 14 15 16 17 18 10 1