F. 9 9 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzö iſcher Literatur † von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 6 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von„ jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und— eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf, 3 3 3 u 1 8 1„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8* auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufm erkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗⸗ d ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Valperga Leben und Abentheuer Castruccios Fuͤrſten von Luccea. Hiſtoriſcher Roman nach dem Engliſchen bvon „Georg Lotz. 1—= Zweiter Band. Hall e, in der n, Verlagsbuchhandlung 1 8.2 4.— V lpergläa oder Leben und Abentheuer CEaſtrucci o 3 Fürſten von Lucca. Caſtruccio's politiſche Plaͤne hatten ſich zu Ro⸗ vigo, im erneueten Umgange mit ſeinem Freunde Galeazzo Visconti, welcher raſtlos bemuͤht war, den Haß unſeres Helden gegen die Guelphen immer mehr und mehr anzufeuern und ſeinen Ehrgeiz zu ſteigern, zu einem voͤlligen Syſtem geſtaltet. Kaltbluͤtig dachte er an die Hinderniſſe, die ſich ihm entgegen ſtellten, und uͤberlegte, wie ſie aus dem Wege zu raͤumen waͤren. Er hatte jetzt nichts Geringeres zur Abſicht, als die Erobe⸗ rung Toskana's. Mit der voͤlligen Unterjochung ſeiner Vaterſtadt, wollte er den Anfang machen; und ſchon begann er, einem Uſurpator gleich, die Koͤpfe aufzuzeichnen, welche fortgeſchaft werden mußten, ſo wie die Hände zu zaͤhlen, die ihm da⸗ zu behuͤlflich ſeyn ſollten.— Kaum von ſeinem Beſuche bei Euthanaſta, zu der er am naͤchſten Tage wieder zuruͤckkehren ſollte, zu Florenz wie⸗ der angelangt, brachte ihm ein Eilbote die Kun⸗ de von einer Verſchwoͤrung, die zu Lucca auszu⸗ brechen drohe, und die zur Abſicht habe, die Zuͤ⸗ gel der Regierung ſeinen Haͤnden zu entwinden. Um dieſes zu verhindern, meinte er, ſey es durch⸗ aus noͤthig, ſich unverzuͤglich nach ſeiner Geburts⸗ ſtadt zu begeben. Anders, als er ſie verlaſſen hatte, betrat er eſe wieder; denn finſterer Ernſt ruhte auf ſeiner Stirn, und eine Entſchloſſenheit in ſeinem Ant⸗ litz verkuͤndete, daß Milde und Menſchlichkeit fuͤrder nicht im Stande waͤren, ihn von ſeinen, einmal gefaßten Vorſaͤtzen abwendig zu machen. — Ehrgeiz und Herrſchſucht, dieſe beiden Haupt⸗ zuͤge ſeines Characters, hatten nunmehr in ſeiner Bruſt jedes andere Gefuͤhl beſiegt, und er war entſchloſſen, Alles daran zu ſetzen, ſeine Macht zu vergroͤßeren. Nach Lucca zuruͤckgekehrt, muſterte er am naͤchſten Morgen ſeine Krieger. Sie waren ihm treu ergeben, und ſo hoffte er, mit ihrer 8 4 8 —— —— 3 * 4 Huͤlfe ſeinen Zweck zu erreichen. Er verſammelte den Senat, und ließ den Palaſt der Regierung von ſeinen Soldaten umringen. Er nahm den ihm gebuͤhrenden, oberen Sitz ein, mit dem Ant⸗ litz eines Mannes, der ſeine Feinde kennt und im Stande iſt, ſie zu beſtrafen. Er redete die Ver⸗ ſammlung mit wenigen Worten an, bemerkte: er habe die Regierung, auf ihren Wunſch, uͤbernom⸗ men, jetzt ſey es ihre Pflicht, ihm in der Aus⸗ fuͤhrung ſeiner Anordnungen beizuſtehn.„Ich weiß,“ ſprach er,„ich habe Feinde unter Euch; ſie moͤgen vortreten, wenn ſie anders Luſt dazu. haben, und erklaͤren, was ich dem Staate Boͤſes gethan— ich, der ich mein Blut fuͤr ihn ver⸗ goß— der ich Schlachten gewann der ich Luc⸗ ca's Wohl ſicherte— der ich dieſe Stadt, die bis⸗ herige Sclavin, zur Nebenbuhlerin des ſtolzen Florenz machte.— Nun, tritt Niemand vor? Wagt es Niemand, mich anzuklagen, jetzt, da ich ihm, Auge in Auge, gegenuͤberſtehe?— Ran⸗ dolfo Obizzi, Euch fordere ich auf, Euch, die Ihr mir die Zuͤgel, welche der Senat mir in die Haͤn⸗ K 8 4 de gegeben, zu entreißen gedenkt;— und Euch Aldino, der Ihr ſogar meinen Tod beſchloſſen habt;— kaͤnnt Ihr nur als Verraͤther verlaͤum⸗ den, nicht aber als Maͤnner reden?— Fort mit Euch! die Zeit der Gnade iſt nur kurz!— nach drei Stunden laſſe ich die Thore von Lucca ſchlie⸗ ßen! findet man Euch, oder Eure Anhaͤnger dann noch innerhalb derſelben: ſollt Ihr mir den Verrath mit Eurem Leben bezahlen!“ Der Senat wollte jetzt auseinander gehn; ſo wie aber Caſtruccio ſah, daß ſich ſeine Feinde ent⸗ 1 fernt hatten, gebot er den Uebrigen, zu bleiben, und ihm bei der Beſtrafung der Empoͤrer mit Rath und That beizuſtehn. Ein Geſetz ward nun erlaſſen, welches die Verſchwoͤrer verbannte, und die Schleifung von mehr als dreihundert, inner⸗ halb der Stadt gelegenen, feſten Schloͤſſern glei⸗ chenden, Palaͤſten gehot. Darauf ward der Se⸗ nat entlaſſen, Caſtruccio's Krieger reiheten ſich in den Gaſſen, und noch bevor der Abend zu daͤmmern begann, zogen mehr als dreihundert Familien, heimathlos und kummerbeſchwert, zum 4 Stadtthore hinaus. Ein Theil der Soldaten ward beſchaͤftigt, die feſten Thuͤrme niederzurei⸗ ßen, und die Steine nach der Oſtſeite der Stadt hin zu ſchaffen, wo eine neue Mauer aufgefuͤhre werden ſollte; und Caſtruccio, jetzt Herr von Lucca und Sieger uͤber ſeine Feinde, fuͤhlte, daß er den erſten Schritt zur Erreichung ſemns⸗ Ab⸗ ſicht gethan habe. Euthanaſia hatte unterdeſſen, auf ihrem Schloſſe Valperga, Caſtruccio angſtvoll erwartet. Er erſchien nicht; gegen Abend aber ward ihr Thereſe Obizzi, eine ihrer Uebſten; Freundinnen, gemeldet. „Warum ſo bleich, meine Thereſe? Was fehlt dir? Was iſt geſchehen?“ fragte Euthanaſia er⸗ ſchrocken. „Weiß ich es doch ſelbſt kaum!“ entgegnete die Freundin;„Wie ein Donnerſchlag aus heiterem Himmel, kam das Ungluͤck uͤber uns.— Unſere ganze Familie ward aus Lucca verbannt! Aber nicht uns allein traf das Entſetzliche— auch die Bernardis, Filippini's, Alviani's, und noch viele —y y=—=jÿ—— —— —— — — — 160— Andere wurden verwieſen, und ihre Guͤter ein⸗ gezogen! 4 „Wer, wer hat das gethan?“ „Caſtruccio!“ entgegnete die Befragte;„Moͤg⸗ lich, daß eine Verſchpoͤrung gegen ihn im Werke war, an der irgend ein Obizzi Theil hatte; ſtatt aber dieſen allein zu beſtrafen, hat er ungerechter Weiſe uns Alle elend gemacht, und, einem Wirbel⸗ winde gleich, uns hinausgejagt, Gott weiß, wo⸗ hin!— Mein armer, armer Vater! ich ſelbſt warf mich zu den Fuͤßen des Tyrannen,— ich — ich, das Weib des ſtolzen Galeotto Obizzi, ich flehte ihn an, ich beſchwor ihn, wenigſtens mei⸗ nen Vater von dem furchtbaren Urtheilsſpruch auszunehmen.“— „ Und er ſchlug es dir ab?“ „Ihr habt den Ausſpruch des Senats vernom⸗ men!“ war ſeine Antwort,“ Ich habe bei Gott und ſeinen Heiligen geſchworen, Lucca von den Guel⸗ phen zu reinigen! Euer Vater muß fort! Bleibt er: hat er es ſich ſelbſt zuzuſchreiben, widerfaͤhrt —— „. ihm Unheil! Nach drei Stunden iſt das Leben je des Obizzi verwirkt!“ „Das hat Caſtruccio geſagt? Das hat er Dir geſagt? Dir, meiner liebſten Freundin?“ fragte Euthanaſia. 1„So that er!“ entgegnete die Verbannte. „Aber ich muß fort! Ich kam, Abſchied von dir zu nehmen, Abſchied auf lange Zeit! Mein Vater und mein Gatte harren meiner. Flehe Gott an, daß er uns in ſeinen Schutz nehme! Lebe wohl!“ „Nicht ſo, Thereſe!“ ſprach die Florentinerin, „Dieſes Schloß iſt nicht das Seine, und ſoll ſeinen Opfern ein Zufluchtsort werden.— Kommt hie⸗ her zu mir! Raſtet hier wenigſtens eine Weile! Bringe deinen Vater her, deinen Gatten, und deine Kinder! Lerne von mir, den Sehſters mit Seelenſtaͤrke zu ertragen!“ Immer mehr und mehr Freunde Euthanaſia's langten an, und beſtaͤtigten Thereſens Ausſage. Die Graͤfin von Valperga konnte ſich kaum uͤber⸗ reden, daß es in der That Caſtruccio geweſen ſey, der all' dieß Unheil angerichtet habe.— Woher — 12— dieſe ploͤtzliche Veraͤnderung in ſeinem Character? Plötliche Veraͤnderung? War in der That eine Veraͤnderung, eine plötzliche mit ihm vorge⸗ gangen? Sie erinnerte ſich jetzt laͤngſt vergeſſe⸗ ner Worte und Blicke, welche ſie uͤberzeugten, daß Caſtruccio nur einen lange ſchon genaͤhrten Anſchlag ins Werk gerichtet habe. Sich aber nur ungern dem Glauben an die Grauſamtkeit ihres Geliebten hingebend, ſandte ſie einen Boten nach Lucga, mit einer Einladung an Arrigo Guinigi, ſie doch unverzuͤglich auf Valperga zu beſuchen. Arrigo befand ſich bei Caſtruccio, als Euthanaſta's Botſchaft anlangte. „Geh', mein junger Freund!“ ſprach der Letzte⸗ re;“ Ihr zartes, weibliches Herz bebt vielleicht ob der Arbeit dieſes Tages. Zeige ihr die Nothwen⸗ digkeit derſelben, und mache, daß ſie ſo wenig un⸗ freundlich als moͤglich von mir denke! Trotz ihrer uͤberſpannten Begriffe von Pflicht und Ehre, bin ich ihr dennoch mit inniger Liebe zugethan! Sie moͤge jede andere Mitgift verlangen, nur nicht mein Verſprechen, mit dem ſtolzen Florenz Frieden — 13— u halten: und ich bin jeden Augenblick bereit, ihr Alles, was ich beſitze, zu Fuͤßen zu legen.“ A Lriigo begab ſich nach Valperga. Bebend und faſt athemlos befragte ihn Euthanaſia, was den ſo ploͤtzlichen Wandel in Caſtruccio's Geſinnungen herbeigefuͤhrt habe, und ob ihm der fernere Plan 8 ſeines Freundes bekannt ſey? Der Juͤngling gab h alle nur erdenkliche Muͤhe, die Graͤfin zu be. ruhigen. Er behauptete, Caſtruccio ſey, um ſeinen 3 eigenen Sturz zu verhindern, genoͤthigt geweſen, ſo zu handeln; aber ſeine Worte gewaͤhrten der hochgeſinnten Euthanaſia keinen Troſt, und im⸗ naeer mehr und mehr ſtieg, als Arrrigo ſich wieder entfernt hatte in ihr die Ueberzeugung auf, wie es ihr durchaus die Pflicht gebiete, den Feind ih⸗ rer Vaterſtadt aus ihrem Herzen zu verbannen. Einige Tage darauf kam Caſtruccio ſelbſt nach Valperga. Es waren dort viele Gaͤſte vorhanden, von denen mehrere, wie unſer Held wußte, insge⸗ ³ heim ſeine Feinde waren; er nahm indeß keine Kunde hievon, ſuchte das Geſpraͤch nur auf gleich⸗ gultige Gegenſtaͤnde zu lenken, und harrte des 1— erſchien. Die beiden Liebenden ſtanden einander wieß, daß ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr Caſtruccio noch kei⸗ nesweges erkaltet war, ſondern daß ſie nur durch wurde. „Werdet Ihr es mir verzeihen,“ nahm ſie end⸗ und aufrichtig zu Euch rede? Es gilt Euer, es gilt mein Wohl, es gilt das Wohl vieler Tauſen⸗ de.“— Und nun begann ſie, mit hinreißender Beredtſamkeit, ein Bild des Elends zu entwerfen, welches ſein grauſamer Urtheilsſpruch uͤber die Verbannten, nunmehr heimathloſen, Lieteſet her⸗ beigefuͤhrt hatte. Caſtruccio laͤchelte bitter.„Ihr ſprecht da“ entgegnete er,„uͤber ein Mißgeſchick, das mir beſſer, als Euch bekannt iſt. Ward ich nicht auch verbannt? Glaubt Ihr, ich koͤnne jenes furcht⸗ Augenblicks, wo er ſich mit der Schloßherrin allein befinden wuͤrde. Der gewuͤnſchte Moment eine Weile nur ſchweigend gegenuͤber; doch das Wechſeln der Farbe auf Euthanaſia's Wange be⸗ das Gefuͤhl ihrer Pflicht in Sezranen dshalen lich ſanft, aber ernſt das Wort,„wenn ich offen — „ ſſ 6„ 8 — 415— baren Augenblick vergeſſen, in dem ich mit den Meinigen, vor ungefaͤhr zwanzig Jahren, der Va⸗ terſtadt den Ruͤcken wandte? Glaubt Ihr, die Guelphen haͤtten je in Lucca regiert, haͤtten ſie uns nicht fortgeſchickt? Wie koͤnnte ich alſo hoffen, je dort zu herrſchen, ſo lange es dieſer Horde frei ſtand, in meiner Naͤhe Anſchlaͤge gegen mich zu ſchmieden?— Aber laßt uns das Geſpraͤch uͤber dieſen Gegenſtand abbrechen, meine allzu mitlei⸗ dige Euthanaſia, und uns lieber von Dingen un⸗ terhalten, die auf uns ſelbſt Bezug haben! Seht, ich will offen gegen Euch ſeyn! Ich habe eben ſo wenig Luſt, Eremit zu werden, und mein Schwerdt gegen ein Crucifix zu vertauſchen, als dem Beiſpiel Eurer Freunde, der heiligen Kirchen⸗ vaͤter, zu folgen, und mit Gold und Argliſt, ſtatt mit meinem gepruͤften Stahl, ins Feld zu ziehn. Ich bin Herr von Lucca, und will es mit Gottes Huͤlfe bleiben. Ich bin das Oberhaupt der Ghi⸗ belinen in Toscana, und werde weder Worte noch Schwerdthiebe ſparen, die Todfeinde derſel⸗ ben zu vertilgen. Ihr ſeyd eine Anhaͤngerin der Guelphen; aber ich hoffe, Ihr werdet Euer und mein Gluͤck keinem thoͤrigten Pariheigeiſte auf⸗ opfern. 41 Euthanaſia erwiederte in einem ſanften, ſchwer⸗ mäͤthigen Tone:„Ich liebe Euch, Caſtruccio, aber ich liebe auch meine Vaterſtadt! Noch mehr aber, als Euch, als Florenz, ja als mich ſelbſt, liebe ich den Frieden! Ach, mein Herz blutet, wenn ich des Unheils gedenke, das der unſelige Krieg anrichtet! Ihr, Caſtruccio, Ihr jagt einem Schattenbilde nach. Wonach ſtrebt Ihr? Nach Ehre, Ruhm, Oberherrſchaft? Welchen Werth haben dieſe Guͤter, muß man ſie durch Tyrannei erkaufen? O, lernt Euch doch zuvor ſelbſt be⸗ herrſchen! Gebt der Vernunft, der Tugend Gehoͤr! Zuͤgelt Euren Ehrgeiz, Eure wilden Leidenſchaf⸗ ten! Dem Feinde meiner Geburtsſtadt, dem Moͤrder meiner Jugendfreunde, dem Zerſtoͤrer al⸗ les deſſen, was mir lieb und werth iſt, werde ich nimmer meine Hand reichen! Von dieſem Augen⸗ blick an iſt unſer Verhaͤltniß aufgehoben! Jeder von uns geht fortan ſeinen eigenen Weg! Moͤget — u12— Ihr es nie bereuen, den Eurigen eingeſchlagen zu haben!“ „Caſtruccio ward von der Waͤrme, mit der Eu⸗ thanaſia ſprach, bewegt; er verſuchte es, ſie zu einer Aenderung ihres Entſchluſſes zu bringen; jedoch vergebens. Thraͤnen perlten uͤber ihre Wange hinab, aber ſie ſchwieg; ihr Herz blutete, aber ihr Vorſatz ſtand feſt. Caſtruecio war ihre erſte, ihre einzige Liebe. Sie fuͤhlte, daß ſie, in⸗ dem ſie ihm entſage, auf jedes Gluͤck, auf alle Freu⸗ den dieſes Lebens verzichte; aber ihr Entſchluß war gefaßt; ſie ſchied von dem Geliebten, wollte gleich ihr Herz daruͤber vor Jammer brechen. Ruhig, aber ſchwermuͤthig ſchwand der Un⸗ gluͤcklichen der Winter dahin. Jeder Tag brachte ihr neue Kunde von Caſtruccio's Waffenthaten. Er war fortwaͤhrend in Kriegen begriffen. Zwar beſtand zwiſchen ihm und Florenz noch der Frie⸗ de; doch die Belagerung Genua's durch die Ghi⸗ belinen aus der Lombardei, gab ihm Gelegenheit, ſich dorthin zu wenden, wo er dann auf ſeinem Caſtruccio. 11. Band. 2 — 948— Zuge das Land verheerte, aber das errang, wo⸗ nnach ihn verlangte: Macht und Kriegesruhm! Mit jedem gluͤcklichen Erfolge ſtiegen ſeine Wunſche, jedes uͤberſtiegene Hinderniß machte ihn nach neuen begieriger. Gewohnt, Men⸗ aiſchen in der Schlacht, fuͤr ſeine Sache fallen zu ſehn, ward er mit jedem Tage kaͤlter gegen das Blutvergießen, ſo daß es ihm bald voͤllig gleich war, ob, um ſeines ehrgeizigen Zweckes willen, ein Haupt auf dem Blutgeruͤſte fiel, oder ob es im Gefecht vom Schwerdte getroffen ward. Jede Grauſamkeit, die er ausuͤbte, ſtaͤhlte ſein Herz zu neuen Handlungen der Tyrannei. Dennoch aber waren nicht alle edlen Gefühle in ſeiner Bruſt erſtorben! An die Stelle allgemei⸗ ner Menſchenliebe, war eine geſteigerte Waͤrme in der Freundſchaft getreten; und ſo dienten ihm die Seinigen mit Treue und Liebe.— Seine Gefuͤhle in Ruͤckſicht Euthanaſia's zu ſchildern, iſt kein leichtes Geſchaͤft. Er hatte ſie zaͤrtlich, ja leidenſchaftlich geliebt, und er betrachtete ihre Weigerung, die Seine werden zu wollen, immer —— — — 19— nur noch als ein Hinderniß, das er beſtegen wer⸗ de. Bald war er tief bekuͤmmert, wenn er ihrer gedachte, bald zuͤrnte er auf ſie; noch immer aber 2 hoffte er, daß ſie ſeinen Wuͤnſchen nachgeben wer⸗ de. Oft ſtieg auch das Bild der armen Bea⸗ trice in ſeiner Seele auf, bald in Engelsſchoͤnheit ſtrahlend, bald bleich abgehaͤrmt, dem Kummer erliegend; und dann war es ihm, als koͤnne er die Welt darum geben, ihren Schmerz zu lindern. Als er durch Belogna zog, ſandte er einen Bo⸗ ten nach Ferrara, und erhielt die Nachricht, daß ſie noch am Leben ſey, und daß ſich in ihrer Lage nichts veraͤndert habe. Hiedurch beruhigt, ſtellte her weiter keine Nachforſchung an. Ehrgeiz war jetzt zur herrſchenden Leidenſchaft in ſeiner Seele geworden; ihr mußte ſich alles beugen, wie das Kornfeld vor dem Winde; ſelbſt die Liebe hatte nur noch wenig Gewalt uͤber ihn; und wenn es ihn auch dann und wann ſchmerzte, ſeine Hoff⸗ nungen in Hinſicht auf Euthanaſia getaͤuſcht zu ſehen, war dieſe Kummer ſtets nur von kurzer 2* — 29— Dauer, und wich bald dem erſten Gefuͤhl, wel⸗ ches ihn zu neuen Waffenthaten antrieb. Die ganze Umgegend Lucca's mußte ſich ihm nach und nach unterwerfen. Sarzana, Pontre⸗ moli, Fucecchio und Foſedenovo, ja ſelbſt befe⸗ die Oberherrſchaft des Lucceſer Conſuls anzuerken⸗ nen. Waͤhrend des Winters verweilte er groͤßten theils in ſeiner Geburtsſtadt, wo er dann entwe⸗ der neue Anſchlaͤge zur Vertilgung ſeiner Feinde ſchmiedete, oder Plaͤne zu oͤffentlichen Gebaͤuden entwarf. Er ward von den Edelleuten ſeiner Parthey geliebt, ſo auch von dem gemeinen Manne, dem er die Abgaben erleichterte, und ſelbſt die Geiſtlichkeit war ihm nicht abhold; denn, obgleich ein Feind der Anmaßungen der Paͤbſte, ſchatzte er doch die Gelehrſamkeit, und zeigte dem Prieſterſtande ſtets perſoͤnliche Achtung. Alle Reichen aber, die nicht unmittelbar mit ſeiner Parthey oder ſeiner Perſon in Verbindung ſtan⸗ den, haßten ihn, wie einen Tyrannen, denn er bedruͤckte ſie, auf jede nur erdenkliche Weiſe. ſtigte Doͤrfer in den Apenninen, waren genoͤthigt, — 1 —-——— 2. Der Fruͤhling ruͤckte heran, und die Berge be⸗ gannen wieder, unter dem Schnee hervorzuſchauen, Straͤuche und Buͤſche ſchmuͤckten ſich mit friſchem Laube, und die Olivenbaͤume beſtreueten die Fel⸗ ſenpfade mit ihren Bluͤthen. Aus der Tiefe des Waldes erſcholl wiederum die Stimme des Ku⸗ ckuks, von ihrer Wallfahrt kehrten die Schwal⸗ ben zuruͤck, und in mondhellen Naͤchten ließen ſchon die Nachtigallen ihre Himmelsmelodieen wieder ertoͤnen, waͤhrend der junge Lenz die Ufer der Baͤche und Fluͤſſe mit bunten Blumen zu um, kraͤnzen, ſich bemuͤhte.— Euthanaſia aber ſtarrte in die erwachende Natur mit theilnahmloſen Bli⸗ cken: ihr Herz war nur von einem einzigen Bilde, von einem einzigen Gedanken erfuͤllt; was ſie auch ſah: ob den ſchneegekroͤnten Berg im Winter, ob den gruͤnenden Teppich der Fluren im Fruͤh⸗ ling, Alles, Alles ward ihr nur zu einem Ge⸗ fuͤhl, zu einer einzigen Erinnerung. Sie — 22=— hatte beſchloſſen, nicht mehr an Caſtruceio zu den⸗ ken, aunr immuna und immer trat⸗ ſein Bild wieder vor ihre Seelen 34 Im Laufe des vergangenen Winters, hatten ſie ſich mehreremal in den Palaͤſten einiger edlen Lucceſer getroffen; ja unſer Held hatte ſich ſogar dann und wann auf Valperga eingefunden, wo er bemuͤht geweſen war, das alte Verhaͤltniß mit Euthanaſia wieder herzuſtellen. Die Graͤfin von Valperga konnte in ihrer Lage dieſe Zuſammen⸗ kuͤnfte nicht vermeiden, haͤtte ſie auch, was in der That nicht ganz der Fall war, Seelenſtaͤrke genug gehabt, dem Anblick des Geliebten auf im⸗ mer zu entſagen. Jedesmal, wenn ſie Caſtruccio wiederſah, war es ihr, als ob der Kreislauf ihres Blutes ſtocke; Verzweiflung und Gram ergriffen ſte dann ſtets mit Allgewalt, und nagten, wie Nat⸗ tern, an ihrer Geſundheit. Sie ward bleich; der Schlummer mied ihr Lager; und einem Schatten aͤhnlich, ſchwankte ſie nur noch umher. Ihre Freunde gewahrten dieſe Veraͤnderung, ſie kann⸗ ten die Urſache, und ſuchten Euthanaſien zu uͤber⸗ ——ę—ę—ę—ę———ꝭCOꝭQO—C— —————Q—Bñ—— — 283— reden, ſich nach Florenz zu begeben, oder eine Reiſe zu unternehmen. Sie hofften, Zerſtreuung und eine Veraͤnderung des Orts wuͤrden die Kums merkette loͤſen, die ſie umwunden hielt. Sie fuͤhlte, daß ſie dieſem Rathe folgen muͤſſe; aber mit ihrer Koͤrperkraft ſank auch ihre Seelenſtaͤrke immer mehr und mehr dahin, und ſo blieb ſie, wußte ſie gleich, daß Bleiben pihe den Tod brin⸗ gen wuͤrde. Ein Umſtand, welcher ſich grade in dieſem Au⸗ genblick, in welchem ſie am Rande des Grabes ſtand, ereignete, fuͤhrte ſie indeß in das Leben zu⸗ ruͤck, auf daß ſie noch einige Jahre lang den Lei⸗ densbecher koſten moͤge, den ihr das Shcza ge⸗ reicht hatte. 3 Der Sommer kam, und Eaſtruteio war meh⸗ rere Monate lang entfernt geweſen, um ſeine Siege am Ufer des Magra zu verfolgen, von woe her jeder Tag eine Kunde des gluͤcklichen Erfolgs ſeiner Waffenthaten brachte. s war jetzt grade die Zeit der Wallfahrten na Monte San Pele⸗ grino, einem pohen end wilden, in der Naͤhe von Valperga gelegenen Berge. Man behauptet, daß ein Koͤnig von Schottland, welcher der Krone zu Gunſten ſeines Sohnes entſagte, und ſich ſelbſt aus ſeinem Reiche verbannte, ſeine letzten Tage unter Faſten und Beten auf dieſem Berge ver⸗ lebte. In Italien ward damals jeder unbekannte Wallfahrter gleich fuͤr einen Koͤnig oder einen Prinzen gehalten; dennoch aber iſt es nicht un⸗ glaublich, daß jener fuͤrſtliche Buͤßer, die Ebenen Welſchlands verſchmaͤhend, um wenigſtens ein Bild ſeines Vaterlandes vor Augen zu hahen, den nackten Berg zu ſeinem Aufenthalte erwaͤhlte. Wie dem nun aber auch geweſen ſeyn mag: ſein Andenken war hier geheiligt, und reichen Lohn hoffte man, wenn man ſein felſi ſiges Grab dreimal beſuchte; zahlreiche Wallfahrter zogen demnach jedes Jahr dorthin*). Der brennenden Sonnenhitze nicht achtend, ſtiegen die Pilger den rauhen Felſenpfad hinan, hoffend, durch dieſe Koͤr⸗ veranſternaune dagde i iprer Seele zu erkaufen. — 5„ Dieſe Wallfahrten ie a 9uc) noch jetzt ſna — 25— Viele derſelben kehrten auf ihrem Ruͤckwege in Valperga ein, und nahmen die Gaſtfreiheit die⸗ ſes Schloſſes in Anſpruch⸗ nshb ng Eines Abends ſaß Euthanaſia in ihrem Erker⸗ fenſter, ſchwermuͤthig uͤber das Thal hin nach Lucca ſchauend, deſſen Thuͤrme, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet, ſchmerzvolle Erinnerungen in ihrer Bruſt erreg⸗ ten. Da trat ein Diener zu ihr herein, berichtend, eine Pilgerin harre draußen an der Schloßpforte, und begehre, mit der Herrin zu reden.„Man ſoll ſie freundlich empfangen, und ihr ein Bad berei⸗ ten!“ entgegnete Euthanaſia. „Sie weigert ſich durchaus, das Schloß zu be⸗ treten;“ erwiederte der Diener,„nur mit Euch zu ſprechen, wuͤnſcht ſie; Herberge verlangt ſie nicht.“ Euthanaſia begab ſich hinab. Die Pilgerin ſtand in der Schloßpforte auf ihren Stab gelehnt; ein Hut mit breiter Krempe bedeckte ihr Haupt, und beſchattete ihr Antlitz, und ein grobes, wolle⸗ nes Gewand verhuͤllte ihre Glieder; doch verkuͤn⸗ dete die kleine, weiße Hand, welche den Stab ge⸗ 4 . 2 ————— ——õ———— ——— —— ————————— 8 ——y Wnͤ—ͤ— lre— faßt hielt, und das ſchneeige, mit ſchweren San⸗ dalen bekleidete Fuͤßchen, daß die Wallfahrterin der Koͤrperanſtrengung ungewohnt war. „Ich bitte Euch, kommt naͤher!“ ſprach Eu⸗ thanaſia,„Ihr ſeyd erſchoͤpft! genießt der Ruhe!“ Bei dieſen Worten reichte ſie der Fremden, einla, dend, ihre Hand hin. 4 „Ich darf nicht, edle Frau!“ entgegnete die Pilgerin.„Ich bitte Euch bloß um eine Gabe fuͤr eine nach Rom Wallfahrtende, welche nur die⸗ ſen Weg einſchlug, um in deſſen erhen ein Ge⸗ luͤbde zu erfuͤllen.“ „Mit Freuden!“ erwiederte Guchanaſa,„Ich meinerſeits aber habe auch ein Geluͤbde abgelegt, nehmlich, keinen muͤden Pilger vor meiner Pforte voruͤberziehen zu laſſen, ohne ihn durch Speiſe und Trank zu erquicken.— Wohin wollt Ihr noch dieſen Abend? Bis Lucca iſt es noch weit, und Ihr ſcheint ungemein erſchoͤpft.— Kommt herein— kommt i immer herein! Der ſtark fallende Thau köͤnnte Eurer Geſundheit ſchaden! Nun, wollt Ihr meine Bitte nicht erfäͤllen?u — 27— thraͤnenſchweres Auge zum Himmel empor.„Dein Wille, o Ewiger, geſchehe!“ ſprach ſie. Die Graͤfin von Valperga konnte jetzt zum Er⸗ ſtenmal das Antlitz der Fremden ſchauen. Es war Ddie Pilgerin ſchlug ihr großes, ſchwarzes, ungemein ſchoͤn, aber von der Sonne verbrannt, und Schwermuth ſprach aus allen ihren Zuͤgen. Die Pilgerin trat nun in das Schloß, war aber durchaus nicht weiter als bis in die Vorhalle zu bringen. Vergebens verſchwendete Euthanaſia ihre Beredtſamkeit. Sie war genoͤthigt, Erfriſchun⸗ gen dorthin ſchaffen zu laſſen. Auf die wieder⸗ holte Aufforderung der Schloßherrin, nahm end⸗ lich die Pilgerin Platz, legte ihren Hut bei Seite, und ungefeſſelt umwallten nun ihre ſeidenen, ra⸗ benſchwarzen Locken das holde, von Kummer ge⸗ bleichte Antlitz, waͤhrend Euthanaſia Brodt, Wein und Fruͤchte vor ſie hinſtelltel„Eßt!“ ſprach ſie,„Ihr beduͤrft der Staͤrkung.“ Die Fremde verſuchte, etwas zu genießen, aber ſie vermochte es nicht. Starr blickte ſie eine Weile⸗ in das blaue, milde Auge der neben ihr ſitzen⸗ —,—-———— ——————— ——————— ———— den Graͤfin von Valperga.„Ihr ſeyd die Herrin dieſes Schloſſes? Euthanaſia iſt Euer Name?“ fragte ſie dann in einem ſchwermuͤthigen Tone. „So iſt es!“ entgegnete die Graͤfin.„Nun aber moͤchte ich Euch auch fragen, wer Ihr ſeyd, die Ihr einſam und kummerbeſchwert daher wan⸗ dert? Glaubt mir, es wuͤrde mich freuen, woll⸗ tet ihr mir Euren Gram entdecken. Vielleicht waͤre ich im Stande, Euch Troſt zu ſpenden. Druͤckt Euch eigene Schuld: o ſo vertrauet Euch mir! Ich will Euer Beichtiger ſeyn, und Euch Hoffnung als Buße auferlegen.— Betrauert Ihr Eure Freunde: o dann weinet auch nicht! Das iſt ein Gram, den nur die Zeit zu lindern vermag.— Beruhigt Euch! Wie gern moͤchte ich, daß meine Worte Euch den Frieden gaͤben, der ach, ſchon laͤngſt aus meiner Bruſt gewichen iſt!“— „Wie?“ fragte die Pilgerin erſtaunt,„Ihr waͤ⸗ ret nicht gluͤcklich?“. „Ich war es,“ entgegnete Euthanaſia,„jetzt aber ſind truͤbe Wolken an meinem Lebenshori⸗ zonte aufgegangen. Ich bin es nicht mehr!— — 29— Ihr aber ſeyd noch ſo jung, habt vielleicht die Euch zugetheilten Leiden uͤberſtanden, und koͤnnt Euch noch mancher frohen Stunde erfreuen.— Weshalb wollt Ihr nach Rom?“— „Ach,“ entgegnete die Pilgerin tief aufſeuf⸗ zend,„das iſt eine lange, ſchwermuͤthige Geſchich⸗ te— und nicht gerne moͤchte ich ſie erzaͤhlen.— Ihr aber, daͤchte ich, muͤßtet gluͤcklich ſeyn— ich glaubte— ich hoͤrte— daß tauſend guͤnſtige Umſtaͤnde ſich vereint haͤtten, Euch vor allen An⸗ deren gluͤcklich zu machen.“ „Oft veraͤndern ſich die Umſtaͤnde!“ erwiederte die Groͤfin mit einem ſchmerzlichen Laͤcheln,„Das Gluͤck iſt wandelbar!“ „Wie das?“ fragte die Fremde.„Er iſt doch nicht todt? Nein! Nein, er kann nicht todt ſeyn!“ Hier unterbrach ſie ſich ploͤtzlich, und eine dunkele Gluth faͤrbte ihre bisher bleiche Wange. „Todt? Wen meint Ihr?“ forſchte Euthanaſia. „Euren Vater— Euren Bruder— oder ſonſt Jemand, den Ihr liebtet!“ ſtammelte die Pilgerin; —„Aber ich will Euch jetzt nicht laͤnger beſchwer⸗ lich fallen, edle Frau.— Hier im Schloſſe wird mir die Bruſt ſo enge! Es Wänf mich bin in adie freie Luft!“ —ͤͤſͤͤſn— 5 —.——*— —. 4 „Wie? Ihr wolltt hier nicht uͤbernachten?“ „Ich kann nicht! dringt nicht weiter in mich— mich kann nicht! ich muß meine Waüüdeühg ferd lusen 4 So ſprechend, ſtand ſie auf, barg ihre raben⸗ 3 ſchwarzen Locken wieder unter ihrem Hut, ergriff ihren Pilgerſtab, und ſprach, die kleine Schwanen⸗ hand zur Graͤfin hingeſtreckt, in einem kaum ver⸗ nehmbaren Tone:„Um eine Gabe, um ein Al⸗ moſen bat ich Euch, edle Frau.“ Die Graͤfin von Valperga zog ihre goldge⸗ fuͤllte Boͤrſe. Die Fremde aber laͤchelte ſchwermuͤ⸗ thig.„Mein Geluͤbde“ ſprach ſie,„verbietet mir, mehr als drei Soldi anzunehmen. Habt die Guͤte, Eure Wohlthat auf dieſe Summe zu beſchraͤnken.“ Euthanaſia fuͤhlte ſich durch das zuruͤckhaltende Benehmen der Pilgerin gewiſſermaßen beleidigt; und abgeneigt, ihre Freundlichkeit fuͤrder zuruͤck⸗ gewieſen zu ſehn, reichte ſie der Fremden die ver⸗ — 31— langten drei Soldi.„So nehmt dann“ ſprach ſie, „wenn Ihr es durchaus nicht anders wollt. Es duͤrfte indeß kaum hinreichen, mir von Fuch ein pater noſter zu erkaufen.“ „Eure Gabe ſichert Euch den ganzen Schatz meiner Gebete zu,“ verſetzte die Pilgerin,„von Gebeten, die ich einſt fuͤr wunderthaͤtig hielt, die aber jetzt vielleicht nicht mehr vermoͤgen, als das Lallen des Bettlers an der Landſtraße!— Lebt wohli So ſprechend, ſchwankte die Pilgerin zur Schloßpforte hinaus, und ſtieg die, in den Felſen gehauenen Stufen hinab. Kaum war ſie fort, gals auch Euthanaſta unverzuͤglich einen Diener, mit einem Korbe voll Lebensmittel, in das Kloſter St. Urſula ſandte, an dem die Pilgerin voruͤber mußte, wobei ſie zugleich die Nonnen dort erſu⸗ ſchen ließ, die ungluͤckliche Fremde freundlich auf⸗ zunehmen. Ihr Begehren ward erfuͤllt. Die Pilgerin erſchien, nahm, nachdem ſie in der Kir⸗ che andaͤchtig gebetet hatte, einige Nahrung zu ſich, und legte ſich dann, in der ihr angewieſenen — 32— Zelle, zur Ruhe. Die Aebtiſſin hatte beſchloſſen, ihrem Gaſte am naͤchſten Morgen troͤſtend zuzu⸗ ſprechen; doch die Pilgerin war ſchon vor To⸗ gesanbruch wieder aufgebrochen. Dieſe Begebenheit hatte auf Euthanaſia einen großen Eindruck zuruͤckgelaſſen. Der Beſuch der Pilgerin hatte ſo etwas Seltſames, ſo etwas Ge⸗ heimnißvolles, etwas das, wie ſie fuͤhlte, mit ih⸗ rem Schickſal durchaus in Verbindung ſtehen maͤſſe, konnte ſie gleich nicht entraͤthſeln, auf welche Weiſe dieß ſtatt finden koͤnne. Ungefaͤhr vierzehn Tage ſpaͤter, war ſie geno⸗ thigt, der Familie Fondi zu Lucca einen Beſuch zu machen. Auch Caſtruccio kam dorthin; und im Laufe des Geſpraͤchs, erzaͤhlte Euthanaſia den Vorfall mit der Pilgerin, wobei ſie der Schoͤnheit, zugleich aber auch des Kummers der Ungluͤcklichen erwaͤhnte, und ihre Geſtalt, ihre Geſichts⸗ zuͤge ausfuͤhrlich beſchrieb.— Caſtruccio horchte mit großer Aufmerkſamkeit; ploͤtzlich aber fuhr er zuſammen, und, ſich raſch von ihr abwendend, tbat er zu einem fernſtehenden Gaſte, mit dem er ein gleichgiltiges Geſpraͤch anknuͤpfte. Als Eu⸗ thanaſta indeß ſich erhob, um nach Valperga zu⸗ rüͤckzukehren, naͤherte er ſich ihr abermals.„Ich fuͤrchte,“ ſprach er,„Euch uͤber die Ungluͤckliche Aufklaͤrung geben zu koͤnnen. Erlaubt mir, Euch morgen zu beſuchen! Mich verlangt danach, alles zu erfahren, was ſich mit ihr zutrug.“ Euthanaſia verneigte ſich bejahend, und harrte am naͤchſten Tage ſeiner Antaufe mit Ungeduid entgegen. Er kam; und ſie erzaͤhlte, ſeine Bitte erfäl⸗ lend, auf das Genaueſte alles, was ſich zwiſchen ihr und der Pilgerin begeben hatte. Caſtruccio horchte, als fuͤrchte er, auch nur eine einzige 1 Sylbe zu verlieren. Als aber die Graͤfin ihren Be⸗ richt geendet hatte, rief er ploͤtzlich, von ſeinem Gefuͤhl uͤbermannt:„Ja, ja! ſie iſt es! es iſt die ungluͤrkliche Beatrice!“ „Beatrice! Wer iſ Beatrice?“ fragte die Graͤſin. Caſtruccio gab eine ausweichende Antövort, und hoffte, durch Erzaͤhlung einzelner Umſtaͤnde Eutha⸗ Saſtrueciv. 11. Band. 3 — 3356— naſia's aufgeregte Neugier zu befriedigen. Sie aber drang ſo ernſthaft in ihn, forſchte ſo ſtrenge nach der Wahrheit, daß ihr endlich, wenn auch nur aus ſeinen abgebrochenen Aeußerungen, die ganze traurige Geſchichte kund ward.— Die Graͤfin war gewaltig erſchuͤttert, aber Mitleid mit der Ungluͤcklichen war dennoch in dieſem Au⸗ 3 genblick das herrſchendſte Gefuͤhl ihres edlen Her⸗ zens.„O, man muß ihr nach— ſie zuruͤckbrin⸗ gen— ſie troͤſten!“ rief ſie lebhaft,„Ihr Elend iſt groß, aber es giebt ein Mittel dafuͤr.“ Und unverzüglich ſandte ſie Eilboten auf den Weg nach Rom, denen ſie große Belohnungen verſprach, falls es ihnen gelingen wuͤrde, die Pil⸗ gerin aufzufinden; andere wurden nach Ferrara geſchickt, um dort Erkundigungen uͤber den Auf⸗ enthalt der Ungluͤcklichen einzuziehn. Wochen⸗ lang dauerten dieſe Nachforſchungen, aber ſie blie⸗ ben fruchtlos. Von Ferrara hoͤrte man nur, daß ſie im vergangenen Fruͤhling dieſe Stadt verlaſſen habe, um nach Rom zu wallfahrten, ſeitdem habe man nichts weiter von ihr erfahren; die Graͤ⸗ ‧28ſſſſſſſſſſſ1 — 35— fin Marcheſana ſey, untroͤſtlich uͤber die Tren⸗ nung von ihrem geliebten Schuͤtzling, unterdeſſen geſtorben, der Biſchof Marſilio aber weile noch immer in Frankreich, wohin er als Cardinal be⸗ rufen worden. Die Nachrichten von Rom her, lauteten keineswegs befriedigender. Sie war von Lucca nach Piſa, Florenz, Arezzo, Perugia, Fo⸗ ligno, Spoleto ja ſelbſt bis Terni gewandert, dort aber war ihre Spur verloren. Indeß konnte— man faſt mit Gewißheit annehmen, daß ſt e gar nicht nach Rom gekommen ſey, denn dort wollte Niemand etwas von ihr gehoͤrt haben, wurden gleich in allen Kloͤſtern und Kirchen die ſorgfaͤltig⸗ ſten Nachforſchungen nach ihr angeſtelllt. Waͤhrend man ſo aͤngſtlich bemuͤht war, die Ungluͤckliche aufzufinden, war mit dem Seelenzu⸗ ſtande der Graͤfin von Valperga eine ungemeine Veraͤnderung vorgegangen. Je groͤßer, je inniger bisher ihre Liebe fuͤr Caſtruccio geweſen war, je groͤßer war auch ihr Schmerz, durch ſein Beneh⸗ men verhindert zu ſeyn, ihr Schickſal an das ſeine zu knuͤpfen. Sie war entſchloſſen, das Opfer zu 3* — — —,— ———ſd — 36— bringen, aber ſie fuͤhlte, daß ihr Herz daruͤber bre⸗ chen wuͤrde; denn mißbilligte ſie gleich den ehr⸗ geizigen, nur nach Eroberung und groͤßerer Macht verlangenden Sinn unſeres Helden: erſchien er ihr bisher in dem Zauberglanz, den ihm ihre Liebe verlieh, doch ſtets als ein uͤber alle gewoͤhnlichen Menſchen hervorragendes Weſen, zu dem ſie mit Bewunderung emporſchauete, ſich eben deshalb um ſo elender fuͤhlend, nicht die Seine werden zu eoͤnnen. Jetzt hatte ſich das Alles ganz anders geſtaltet. Caſtruccio war, nachdem ſie die Ge⸗ ſchichte der ungluͤcklichen Beatrice erfahren hatte, von der Hoͤhe, auf der ihn ihr Herz geſtellt hatte, herabgeſunken, und weniger ſchwer ward es ihr ſetzt, dem Entſchluſſe, ihre Liebe der Pflicht auf⸗ zuopfern, getreu zu bleiben. Zwar hatte der Kummer noch immer ſeinen bleichen Thron auf ihrer Wange aufgeſchlagen, aber es war nicht mehr jener verzehrende Gram, der wie eine Nat⸗ ter an ihrem Leben nagte. Sie betrachtete Ca⸗ ſtruccio als das Eigenthum Beatricens, als an dieſe gebunden durch die innige Liebe, durch die —— 8ͤſͤſͤͤſſͤſſͤſͤſſſ“ Tugenden, ja ſelbſt durch das Vergehen der un⸗ gluͤcklichen Seherin. Sie war uͤberzeugt, daß ihn die leidenſchaftliche, ruͤckſichtsloſe Liebe der Schwaͤrmerin weit gluͤcklicher machen wuͤrde, als ihr ruhigerer Sinn, welcher nicht im Stande war, der Neigung zu ihm jedes andere Gefaht auſtopkern 3. Caſtruceio's ehrgeizige Abſichten reiften indeß nun mit jedem Tage immer mehr und mehr. Die ganze Macht der Ghibelinen in Italien hatte ſich jetzt gegen Genua gerichtet, welches von Ro⸗ bert, Koͤnig von Neapel an der Spitze der Guelphen vertheidigt ward. Genua's Belagerung hatte jetzt ſchon zwei Jahre gewaͤhrt, welchen Zeit⸗ raum unſer Held benutzte, den Guelphen ſo viel Abbruch als moͤglich zu thun, und ſeine Herrſchaft — 38— immer mehr und mehr auszubreiten. Zur Errei⸗ chung ſeines Zwecks ſchien ihm jetzt jedes Mittel recht, ſo ſehr hatten Ehrgeiz und Eroberungs⸗ ſucht Gewalt uͤber ihn gewonnen. Im Sommer hegab ſich Koͤnig Robert gewoͤhnlich nach Genua, um dort die Vertheidigungsanſtalten zu leiten; und von dem ſchlauen Galeazzo Visconti ange⸗ , faßte jetzt Caſtruccio den Entſchluß, den FKänig von Neapel aus dem Wege zu raͤumen. Robert hatte eine Flotte ausgeruͤſtet, um den 5 Koͤnig von Sicilien zu bekriegen, der ein Beſchuͤ⸗ tzer der Ghibelinen war. Caſtruccio erfuhr es, und ſandte zwei tollkuͤhne, doch ihm treu ergebene Burſche aus, mit dem Auftrage, das Schiff, in dem ſich der Koͤnig befand, in Brand zu ſtecken⸗ Die Mordbrenner wußten es zu veranſtalten, daß ſie auf dem koͤniglichen Fahrzeuge zugelaſſen wur⸗ den, welches, ſchnellſeegelnder als die uͤbrigen Schiffe, raſch durch die Wellen dahin glitt, waͤh⸗ rend die Flotte noch, wie eine dunkele Wolken⸗ maſſe, am fernen Horizonte hing. In der Nacht glaubte man, auf dem Schiffe einen ungewoͤhnli⸗ — 39— chen Rauch zu bemerken, und aus einem der Feu⸗ ſter ſchlug eine Flamme. Die Verwirrung war allgemein, und ſchon glaubte man, hier auf offe⸗ ner See, fern von jeder Huͤlfe, verbrennen zu muͤſ⸗ ſen. Jedermann legte Hand ans Werk, das Feuer zu loͤſchen. Die Brandſtifter wurden entdeckt, als ſie eben an einer anderen Stelle des Schiffes ihr furchtbares Geſchaͤft begannen. Auch fand man ziemlich große Floͤße von Cork, mit denen ſie ich in Sicherheit zu bringen gedachten.. Das Feuer ward von dem Schiffe bemerkt, lig ſegelte es heran, um Beiſtand zu leiſten. Der Koͤnig und die Mannſchaft wurden gerettet, die Verbrecher aber zur verdienten Strafe auſge⸗ wahrt. 3 Die Kunde von dieſem verruchten Anſchlag ver⸗ breitete ſich ſchnell durch ganz Italien; Jeder⸗ mann fuͤhlte ſich darob empoͤrt; vor Allen aber Euthanaſia, welche ſich jetzt ſo recht aus vollem Herzen Gluͤck wuͤnſchte, ihre Neigung fuͤr Ca⸗ ſtruccio bekaͤmpft, und ſich von einem Maoͤrder t 3 dem ſich Koͤnig Roberts aͤlteſter Sohn befand; ei⸗ — 40— und Mordbrenner losgeriſſen zu haben. Sie ſchaͤmte ſich faſt, den ſeinem Ehrgeiz alles Auf⸗ opfernden je geliebt zu haben, und ihre Wange gluͤhte vor Unwillen, als ſie die Nachricht von ſei⸗ ner argliſtigen That empfing. Nur erzuͤrnt dar⸗ uͤber, daß ſein Anſchlag mißlungen war, kuͤm⸗ merte ſich indeß Caſtruecio wenig um das allge⸗ meine Urtheil; und, ſich laut als Urheber der Brandſtiftung bekennend, erklaͤrte er, daß alle ſeine Feinde ein gleiches Verfahren von ihm zu 4 erwarten haͤtten, wogegen er es ihnen frei ſtelle, äͤhnliche Mittel gegen ihn anzuwenden. 8 Unterdeſſen ſetzte er den Krieg mit großem Ei⸗ fer fort. Im Winter des Jahres 1320 wollten die Ghibelinen ihre Macht vor Genua verſtaͤr⸗ ken, und forderten demnach alle ihre Bundesge⸗ nooſſen auf, ihnen Beiſtand zu leiſten. Caſtruccio veſchloß, ihnen mit allen ſeinen Kriegern zu Huͤlfe zu ziehn. Die Guelphen aber waren ebenfalls nicht muͤßig. Florenz hatte bewaffnete Mannen nach Genua geſandt, die dortige Beſatzung zu verſtaͤrken, und that alles Moͤgliche, die Unterneh⸗ mungen der kaiſerlichen Parthei zu vereiteln, wo⸗ bei es indeß zugleich bemuͤht war, die Schrecken des Krieges von ſeinem eigenen Gebiete zu ent⸗ fernen, und den Frieden mit Lucca agfrecht zu zhalten Caſtruccio hatte alle ſeine bisherigen Thaten nur als Vorarbeit betrachtet; im Laufe des naͤch⸗ ſten Feldzuges aber hoffte er, ſeinem Plane naͤher zu kommen. Er ſuchte jetzt zuvoͤrderſt, ſein Anſehn und ſeine Macht in Lucca noch feſter zu begruͤn⸗ den. Der gluͤckliche Erfolg ſeiner Kriege ließ ihn nunmehr den Titel Conſul, den er bisher gefuͤhrt hatte, geringſchaͤtzen. Er verſammelte den Senat, der jetzt groͤßtentheils aus ſeinen Freunden beſtand, und der ihm nun die Regierung auf Lebenszeit ubertrug, und ihn zum Faͤrſten von Lucca er⸗ nannte. Bald nachher erhielt er ſogar, durch Ver⸗ mittelung ſeines Bundesgenoſſen Galeazzo Vis⸗ conti, von dem roͤmiſchen Koͤnig Friedrich die Be⸗ ſtallung als kaiſerlicher Statthalter in Toskana. * — 42— Der Friede zwiſchen Lucca und Florenz hatte jetzt drei Jahre gedauert, obgleich im Grunde zwiſchen beiden Staͤdten die Flamme der Feindſe⸗ ligkeit nie erloſchen war. Jetzt aber, ohne vor⸗ hergegangene Kriegserklaͤrung, ruͤckte Caſtruccio, deſſen Stolz und Herrſchſucht keine Graͤnzen mehr kannten, in das Gebiet der Nachbarſtadt, ver⸗ brannte und verheerte Doͤrfer und Schloͤſſer, machte eine unermeßliche Beute, und kehrte dann nach Lucca zuruͤck. Dieſe Verletzung jedes Voͤlkerrechts erfuͤllte die Florentiner anfangs mit Schrecken, dann mit gerechtem Unwillen. Sie hatten ihre beſten Krie⸗ ger nach Genua geſandt, und waren gaͤnzlich außer Stande, in der Eile Vertheidigungsanſtal⸗ ten zu treffen. Sie konnten demnach nichts thun, als ſich bitter gegen Caſtruccio beklagen. Statt al⸗ ler Genugthuung aber, erklaͤrte dieſer den Flo⸗ rentinern jetzt gradezu den Krieg, worauf er mit ſeiner ganzen Macht der Belogerunazarmnes von Genua zu Huͤlfe zog, — 43— Jetzt begannen die Florentiner, auf Rache zu ſinnen. Sie hoben aufs neue Truppen aus, und ſuchten zu Lucca eine Verſchwoͤrung anzuzetteln, um Caſtruccio's Herrſchaft zu ſtuͤrzen, welcher in⸗ deß hievon, ſo wie von dem Einfall der Floren⸗ tiner in das Lucceſer Gebiet, ſchnelle Kunde erhielt, und unverzuͤglich von Genua her mit ſeinen Trup⸗ pen aufbrach, um die Abſichten ſeiner Feinde zu vereiteln. Alle, viele Meilen in der Runde um Lucca ge, legenen Schloͤſſer, waren ſeit einiger Zeit ſchon dem Helden unſerer Geſchichte unterthan, Val⸗ perga allein ausgenommen. Oft zwar hatte er die Graͤfin aufgefordert, ihre Herrſchaft ebenfalls unter ſeinen Schutz zu ſtellen, jedesmal aber war ihm nur eine abſchlaͤgliche Antwort zu Theil ge⸗ worden. Das Schloß Valperga lag auf einem Felſen eines Gebirges, welches den noͤrdlichen Zu⸗ gang in das Lucceſer Gebiet begraͤnzte. Es war eine Feſte von ungemeiner Staͤrke, und konnte, in feindlichen Haͤnden, dem Heere des Gegners den Eingang in die Ebenen von Lucca erleichtern. 44— Die Florentiner, auf die freundſchaftlichen Geſin⸗ nungen der Graͤfin vertrauend, ſchickten Abge⸗ ſandte nach Valperga, und luden die Schloßher⸗ rin ein, ſich mit ihnen zu verbinden, und zu ge⸗ ſtatten, daß das Schloß von einer Anzahl ihrer Krieger beſetzt werde. Euthanaſia wollte indeß von dieſem Vorſchlag nichts hoͤren, gelobte aber, auf keine Weiſe mit dem Feinde ihrer Vaterſtadt ein Buͤndniß zu ſchließen. Die Abgeſandten muß⸗ 4 teen ſich hierein fuͤgen, aber ſie kehrten dennoch nicht gleich nach Florenz zuruͤck. Die Naͤhe von Valperga zu Lucca, und die zwiſchen beiden Plaͤtzen keinesweges unterbrochene Verbindung, gab ihnen Gelegenheit, von dem Schloſſe aus mit den Unzufriedenen in jener Stadt zu unterhan⸗ deln. Zu dieſen Letzteren gehoͤrte auch Leodino Guinigi, ein entfernter Verwandter Arrigo Gui⸗ nigi's. Er war von jeher den Guelphen zuge⸗ than, hatte ſich mit Lauretta Adimari, einer Nichte Euthanaſia's, vermaͤhlt, und beſuchte mit ſeiner Gemahlin oft die Graͤfin auf ihrem Schloſſe Valperga. Es war den ſchlauen Abgeſandten leicht, den lebhaften jungen Mann fuͤr ihre Sache zu gewinnen. Er verſprach, alles zu thun, was in ſeinen Kraͤften ſtand, um den Tyrannen zu ſtuͤrzen, und kehrte nach Lucca zuruͤck, wo er ſich alle erdenkliche Muͤhe gab, insgeheim Anhaͤn⸗ ger zu werben. Jetzt aber erſchien Caſtruccio, und, von Allem benachrichtigt, ließ er den Leodino Guinigi und ſechs andere Haͤupter der Verſchwoͤ⸗ rung einziehn und in einen Kerker werfen. Ver⸗ zweiflungsvoll eilte die Gemahlin des Erſteren nach dem Schloſſe Valperga, warf ſich an die Bruſt ihrer Freundin, erzaͤhlte dieſer, was vorge⸗ fallen, und beſchwor ſie, ihren Einfluß zu verwen⸗ den, um ihren Gatten zu retten. Die hochher⸗ zige Euthanaſia war anfangs ungemein erzuͤrnt, daß man die Gaſtfreundſchaft auf ihrem Schloſſe verletzt, und ihre friedliche Wohnung benutzt ha⸗ be, jene Verſchwoͤrung anzuzetteln; als aber die ungluͤckliche Lauretta mit Bitten nicht inne hielt, trat Mitleid an die Stelle ihes Unwillens; ſie ge⸗ ot, die Roſſe vorzufuͤhren, und faßte den Ent⸗ ſchluß, ſich nach Lucea zu begeben.„Iſt aber“ ſprach ſie zu der bekuͤmmerten Freundin,„der Fuͤrſt nicht ohnehin ſchon zur Begnadigung ge⸗ neigt: wird, fuͤrchte ich, meine Fuͤrſprache nur wenig helfen. Sey aber verſichert, daß ich thun werde, was in meinen Kraͤften ſteht, um deines Leodino's Leben zu retten.“ Schon hatte ſie den Mantel um ſich geſchlagem, ſchrn ihr reizendes Antlitz mit dem Schleier be⸗ deckt, da ward ihr ploͤtzlich gemeldet, daß Caſtruc⸗ cio ſo eben ſelbſt auf Valperga angelangt ſey. Sein unerwartetes Erſcheinen machte die Graͤfin erbleichen, ihre Glieder bebten— ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen.— Sie gab ihrer Freundin ein Zeichen, ſich zu entfernen. Caſtruc⸗ cio trat herein. Er war jetzt nicht mehr ihr Ge⸗ liebter, kaum noch ihr Freund; weder in ſeinen, noch in ihren Augen glaͤnzte Freude nach der mondenlangen Trennung. Sie hatte ihn geliebt, und noch oft dachte ſie mit Zaͤrtlichkeit an das, was er ihr einſt geweſen. Wie verſchieden aber war das Bild ihres Jugendgeſpielen von der ern⸗ ſten Geſtalt des Kriegesfuͤrſten, der jetzt vor ihr — 47— daſtand! Sie ließ ſich indeß durch ſein ſtolzes, an Uebermuth graͤnzendes Benehmen keineswegs einſchuͤchtern, ſondern ſprach, indem ſie ihm mit großer Ruhe und Wuͤrde entgegentrat:„Ich war ſo eben im Begriff, Euch, gnädiger Herr, in Lucea einen Beſuch zu machen. Ich ſehe, Ihr ſeyd mir zuvorgekommen, und beehrt mein Schloß mit Eurer Gegenwart. Ich wollte bei Euch, fuͤr ei⸗ nen theuern Freund, ein Fuͤrwort einlegen.“ „Mich, Graͤfin, fuͤhrt ein ernſteres Geſchaͤft hieher!“ entgegnete Caſtruccio, mit gerunzelter Stirn;„Vielleicht koͤnnt Ihr indeß daraus meine Entſcheidung ruͤckſichtlich Eurer Bitte abnehmen. Geruht deshalb, mich anzuhoͤren, bevor wir ein an⸗ deres Geſpraͤch beginnen.“ 28 Euthanaſia verbeugte ſich bewilligend, und der Fuͤrſt von Lucca fuhr fort:„Ihr werdet Euch er⸗ innern,“ ſprach er,„wie ich Euch oft freundlich erſuchte, Euer Schloß unter den Schutz meiner Herrſchaft zu ſtellen. Ihr gabt mir ſtets eine ab⸗ ſchlaͤgliche Antwort, und nachſichtsvoll drang ich nicht weiter in Euch. Alle Schlöſſer rings her⸗ um habe ich mir unterthaͤnig gemacht:; viele der⸗ ſelben ſind noch ſtaͤrker, als Eure Feſte; die von Euch gewuͤnſchte Unabhaͤngigkeit uͤberließ ich Euch ungeſtoͤrt; ich that es, weil ich Euren Worten trauete, daß Ihr, wenn auch nicht meine Ver⸗ buͤndete, denn doch auch nie meine Feindin wer⸗ den wuͤrdet;— jetzt aber bei meiner Ruͤckkehr von Genua erfahre ich, daß Ihr Euch an die Spitze meiner Gegner geſtellt, und Euer Schloß hergegeben habt, eine Verihmärnnd gegen mich anzuzetteln.“ GGher Juthum. hoher Hebr waͤre verzeihlich,“ entgegnete Euthanaſia mit großem Ernſte,„waͤre Euch mein Character weniger bekannt. Ihr kennt mich aber lange genug, um zu wiſſen, daß ich der Handlung, der Ihr mich anklagt, unfaͤhig bin. Ob Ihr gleich vergeſſen zu haben ſcheint, daß Verrath nnd Argliſt meinem Herzen eben ſo fremd ſind, als der Sonne die Finſterniß, werdet Ihr mir dennoch hoffentlich glauben, wenn ich Euch auf das Feierlichſte betheuere, daß ich an dieſem Mor⸗ gen zuerſt etwas von der gegen Euch ſtatt gehab⸗ ten Verſchwoͤrung erfuhr.“— „Wie iſt das moͤglich?“ fragte Eaſtruceio „Weilten nicht die Geſandten aus Florenz wochen⸗ lang auf Eurem Schloſſe?“ „Allerdings;“ entgegnete die Graͤfin;„ſie for⸗ derten mich auf, mich mit ihnen gegen Euch zu verbinden; ich wies aber ihren Antrag zuruͤck.“ 6 und dennoch blieben die Spaͤher hier wochen⸗ lang?— Doch genug davon.“ „Genug, und mehr als genug!“ erwiederte die Graͤfin entruͤſtet,„Ihr glaubt mich der Unwahr⸗ heit faͤhig, Ihr zweifelt an meinen Worten, das iſt eine Kraͤnkung, die ich von Euch nicht erwar⸗ tet haͤtte— die ich mir aber gefallen laſſen muß.— 3 4„Ich fuͤhre Krieg mit it Florenz;“ fuhr Caſtrue⸗ cio, ohne auf ihre Worte zu achten, fort,„Ihr lebt nicht allein in Frieden mit jener Stadt, ſon⸗ dern glaubt Euch ſogar berechtigt, meinen Feinden Vorſchub zu leiſten, damit ſie in den Stand geſetzt werden, mir meine Unterthanen zu verfuͤhren, Caſtruceiv. nI. Band. 4 — 50— Mͤglich, daß Ihr Eurerſeits keinen Theil an dem Verrathe nahmt; ich aber muß verhindern, daß etwas Aehnliches wiederholt werde. Habt Ihr auch nicht gradezu feindlich an mir gehandelt: habt Ihr wenigſtens bewieſen, daß Ihr zu ſchwach ſeyd, das Vertrauen zu rechtfertigen, das ich in Euch ſetzte. Ihr muͤßt mir demnach Euer Schloß übergeben. Die Vorſicht verbietet mir, Euch Euere Unabhaͤngigkeit käͤnger zu geſtatten. Wie ſchmerz⸗ haft es Euch auch immer ſeyn mag: J Ihr muͤßt Euch bequemen, meine Verbuͤndete zu werden!“ „Ein Buͤndniß mit mir duͤrfte Euch nur wenig nützen;;4 verſetzte Euthanaſia mit einem bitteren döcheln, bin ich des Verraths faͤhig: bin ich Euch z als Bundesgenoffe noch gefaͤhrlicher.“ „Keineswegs;“ entgegnete Caſtruccio,„es koͤmmmt ja nur auf die Bedingungen an. Zuvoͤr⸗ berſt muß hier Euer Schloß geſchleift werden, wo⸗ hegen Euch, als Erſatz, unten in der Ebene ein Platz, um einen Palaſt zu erbanen, angewieſen werden ſoll. Auch ſollt Ihr weder an Vermoͤgen, noch an Einküͤnften Werluſt erleiden; aber Ihr — 6— muͤßt zu dem Stande einer Privatperſon hinah⸗ ſteigen, und Euer Schloß und Eure Gewalt bier im Lande in meine Haͤnde geben.“ 1 „Ich fuͤrchte, uͤber dieſe Punkte moͤchten wir nicht einig werden!“ verſetzte die Graͤfin von Vat⸗ perga.„Ich will fuͤrder, wie bisher, weder fuͤr Euch, noch fuͤr Eure Gegner Parthey ergreifen; auch gelobe ich Euch, in der Folge noch vorſichtiger zu ſeyn, als ich bei der letzten, ungluͤcklichen Bege⸗ benheit war; mein Schloß aber kann ich Euch nicht uͤbergeben, noch darf ich dulden, daß der Wohnſitz meiner Vorfahren der Erde gleich ge⸗ macht werde.— Jetzt aber erlaubt mir, Euch, meine Bitte vorzutragen. Leodind Guinigt hat gegen Euch eine Verſchwoͤrung angezettelt; Ihr habt ſeinen Anſchlag entdeckt und ihn ins Ge⸗ fängniß geworfen. Ich weiß, Ihr betrachtet ſein Leben, als dem Geſetze verfallen; aber ich be⸗ ſchwoͤre Euch, ſeiner zu ſchonen! Kann weder Eure Großmuth, noch die Ohnmacht Eures Fein⸗ des Euch bewegen, ihn zu begnadigen: flehe ich Euch an, es um unſerer alten Freundſchaft willen 4„ — 52— zu thun. Seine Gattin iſt meine Verwandte, meine Freundin; Leodino, obgleich Euer Feind, zeichnet ſich uͤbrigens durch viele Tugenden aus. Wollt Ihr Euch einen treuen, aufrichtigen Freund erwerben: ſo verzeiht ihm! Seine Dankbarkeit wird ihn mit unaufloͤslichen Banden an Euch knuͤpfen. Koͤnnt Ihr es indeß nicht uͤber Euch ge⸗ winnen, Eurem bisherigen Gegner zu vertrauen: ſo verbannt ihn! Aber ich beſchwoͤre Euch: ſchenkt ihm das Leben.“ Caſtruccio ſchien von dieſer Rede einigermaßen bewegt, aber er erwiederte:—„Es kann nicht ſeyn! Es thut mir leid, gezwungen zu ſeyn, Euch Eure Bitte abzuſchlagen. Eine ſolche Milde waͤre gefaͤhrlich. Denkt nicht mehr daran, und laßt mich Euch erſuchen, meinen Antrag von vorhin zu uͤberlegen! Seyd uͤberzeugt, daß ich Euch dieſe Wahl, ob Krieg, ob Frieden zwiſchen uns ſeyn ſoll, nur nach reiflichem Nachdenken ſtellte!— Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ueberlegt, welche Folgen ein Widerſtand von Eurer Seite nach ſich ziehen wuͤrde! und ſendet mir morgen Eure Antwort.“ — — 53— „Morgen oder heute: ſie bleibt dieſelbe. Ihr aber, Caſtruccio, bedenkt das Elend, deſſen Urheber Ihr werdet, wenn Ihr das Leben meines ungluͤck⸗ lichen Freundes nicht verſchont.“—— „Verliert ſeinetwegen keine Worte mehrle unterbrach ſie der Tyrann,„Eure Fuͤrſprache iſt fruchtlos. Er hat ſeine Strafe bereits empfangen; noch bevor ich von Lueca ausritt, gab ich Befehl, ihn hinzurichten.— Aber Ihr werde büeich— was bewegt Euch ſo?“ 3 Euthanaſia vermochte keine Sylbe— ihre Lippen zu bringen. Der Schrecken uͤber den ge⸗ waltſamen Tod ihres Freundes, deſſen Hinrich⸗ tung der Moͤrder ihr ſo kaltbluͤtig anzeigte, feſ ſelte ihre Zunge. Sie nahm alle ihr Kraͤfte zuſam⸗ men, um nicht zu Boden zu ſinken, als aber Ca⸗ ſtruccio ſich ihr naͤherte, um ihre Hand zu ergrei⸗ fen, war dieſe kalt, wie Eis; nur ihre bebenden Glieder verkuͤndeten, daß noch Leben in ihr weile: Todtenblaͤſſe hielt ihre Wangen bedeckt, ihre Lip⸗ pen waren farblos, ſie ſaand da, wie ein in Mat⸗ mor gehauenes Bild. „Sprecht, Euthanaſia! ſprecht!“ bat Enſu sio. „Was, was ol ich ſagen?“— ſtammelte die Graͤfin zuſammenbebend.„Laßt mich los! Eure Hand iſt mit Blut gefaͤrbt!— Euer Gewand davon durchnaͤßt!— O Gott, Gott, daß ich das erleben mußte!— Geht, geht! Ihr ſeyd kein Menſch! Euer Herz iſt Stein! Eis fuͤllt Eure Adern!— O Leodino! Leodino!“ Thraͤnen entſtroͤmten jetzt ihren Augen, und. das Entſetzen, welches ſie ergriffen hatte, ging in unendlichen Schmerz uͤber. Nachdem ſie indeß durch Zaͤhren ihre Bruſt in etwas erleichtert hatte, ehrte ihre Faſſung wieder.„Wir ſahen uns jetzt 8 zum Letztenmal!“ ſprach ſie, zu Caſtruccio gewandt, „Belagert mein Schloß, wenn es Euch anders be⸗ liebt! Schleift es ſo, daß kein Stein auf dem an⸗ dern bleibe, um die Stelle zu verkuͤnden, wo es einſt geſtanden! Nimmermehr aber werde ich mich willkuͤhrlich einem Tyrannen, einem Moͤrder un⸗ terwerfen.— Thut, wie Ihr wollt!— Das Schlimmſte habt Ihr bereits gethan— Ihr habt — 55— jede Hoffnung meines Lebens zerſtoͤrt!— Geht, geht! Leodino's Mord werde ich Euch nimmex verzeihen!— Wir ſind jetzt Feinde! thut doher was Euch beliebt!“— So ſprechend wandte ſie ihm den Ruͤcken, und verließ das Gemach, um die ungluͤckliche Lauretta zu troͤſten; Caſtruccio ſprengte zornig von dannen Zu Lucca angelangt, perſammelte er unverzuͤg⸗ lich ſeine vertrauteſten Freunde, und nachdem er ſich mit ihnen berathen hatte, ward am naͤchſten Morgen Arrigo Guinigi nach Valperga geſandt. Euthanaſia empfing den jungen Mann, den ſie von jeher geſchaͤtzt hatte mit großer Freundlichtett ſo daß es Arxigo anfangs nicht uͤber ſich gewin nen konnte, der eigentlichen Urſache ſeines Beſu⸗ ches zu erwaͤhnen; endlich, nachdem er ſich eini⸗ ge Zeit mit der Graͤfin uͤber gleichgiltige Ge⸗ genſtaͤnde unterhalten hatte, begann er:„Ich habe eine Botſchaft an Euch, gnaͤdige Fran, von dem Fuͤrſten.“ Die Graͤfin veränderte die Farbe.„Was bo⸗ gehrt er von mir?“ fragte ſie lebhaft,„daßt Euch 2 kurz, damit wir ſchnell das Geſpräͤch auͤber einen muͤthsbewegung zu denken vermag.“ „Jch muß Eure Geduld in Anſpruch nehmen.“ fuhr Arrigo fort,„Mein Auftrag iſt weder kurz, noch unwichtig; auch wuͤnſche ich, Ihr moͤchtet dem Ueberbringer nicht zuͤrnen. Ihr wißt, welche Bande mich an Caſtruceio knuͤpfen; gehorche ich ihm: beurtheilt mich nicht zu ſtrenge!— Der Fuͤrſt thut Euch durch mich ku tund, daß er ſich mit ſeinen Freunden berathen habe, und daß man daruͤber einig geworden, wie es durchaus unmöͤg⸗ lich ſey, Euch Eure Unabhaͤngigkeit laͤnger zu ge⸗ ſtatten. Ihr wißt, wie maͤchtig Caſtruccio iſt, wie furchtbar ſein Kriegesheer. Blickt umher! Alle Schloͤſſer, die ganze Gegend hat ſich ihm unter⸗ worfen; an Widerſtand koͤnnt Ihr nicht denken, und wenn Ihr Euch dennoch weigert, ſeinen Wil⸗ len zu erfuͤllen, kann dieß nur geſchehn, weil Ihr hofft, er werde es mit Euch nicht bis auf das Aeußerſte treiben. Doch Ihr irrt! denn dieſes— Gegenſtand enden, an den ich Tiche ohne Ge —y — 57— ich bin leider genoͤthigt, ſie Euch zu ſagen,— ſind ſeine Worte:„Nimmer,“ ſprach er,„werde ich die Freundſchaft vergeſſen, die einſt zwiſchen der Graͤſin von Valperga und mir beſtand; und innig beklage ich, daß ihre Kaͤlte und ihre Hef⸗ tigkeit dieſes Band geloͤſt haben; jetzt aber iſt von dem Wohl des Staats die Rede, und unwuͤrdig waͤre ich des mir geſchenkten Vertrauens, wollte ich der Neigung meines Herzens das Intereſſe des Allgemeinen zum Opfer bringen. Die Lage der Dinge forderkbon mir, die Uebergebung des Schloſſes Valperga zu begehren, und ich kann demnach von dieſem Verlangen niat abaw Ich laſſe daher die Graͤfin erſuchen, meinem Wun⸗ ſche zu willfahren, mir aber, im Fall eines Wi⸗ derſtandes, das durch ihre Weigerung herbeige⸗ fuͤhrte Unheil und Blutvergießen nicht zuzuſchrei⸗ ben.“— Es waͤre thoͤrigt, wolltet Ihr an Verthei⸗ digung denken!“ fuhr Arrigo fort,„Um auch nur im geringſten auf einen guͤnſtigen Erfolg hoffen zu koͤnnen, muͤßtet Ihr fremde Huͤlfe in Anſpruch nehmen, und dann braͤchtet Ihr ja ſelbſt den Krieg — 46= uͤber dieſe friedliche Gegend. Denn der Fuͤrſt von Lucca iſt entſchloſſen, jedes Hinderniß zu beſiegen, und nicht eher zu ruhen, als bis dieſes Schloß ſi ic in Peinen Haͤnden befindet,“ uthanaſſa hatte dieſer Rede aufmerkſam zuge⸗ hoͤrt; bald laͤchelte ſie veraͤchtlich, hald leuchteten ihre Augen zornentflammt. Als Arrigo ſeine Re⸗ de geendet hatte, ſchwieg ſie noch einen Augen⸗ blick, um ihre Gedanken zu ſammeln; dann er⸗ wiederte ſie:„Ich weiß, Arrlhs, den Abgeſand⸗ ten von dem Sender zu unterſcheiden, und ſo ich ch den Antheil nicht zu, den Ihr ckſeligen Angelegenheit zu nehmen genoͤthigt ſeyde— Eurem Herrn aber hier mei⸗ ne Erklaͤrung, die ich Euch ebenfalls bitte, ihm woͤrtlich mitzutheilen.— Nie werde ich frei⸗ willig meine Gewalt in ſeine Haͤnde geben! dieß zu thun, verbietet mir die Pflicht gegen meine Unterthanen. Ich betrachte ihn als einen geſetz⸗ loſen Tyrannen, dem Jedermann nach beſten Kraͤf⸗ ten Widerſtand zu leiſten verbunden iſt.— Moͤg⸗ — 39— lich, daß ich nicht klug handele; aber das Recht iſt auf meiner Seite.— Greift er mich an: werde ich mich vertheidigen, und mich fuͤr berech⸗ tigt halten, den Schutz meiner Freunde in An⸗ ſpruch zu nehmen.— Dieſes Schloß iſt mir eben ſo theuer, als es dem Tyrannen ſeine geraub⸗ ten Beſitzungen ſeyn koͤnnen. Ich ererbte es von meinen Vorfahren. Wollte ich mich meiner Herr⸗ ſchaft entledigen: geſchaͤhe es gewiß nur, um mei⸗ ne Unterthanen frei zu erklaͤren, nicht aber, um ſie unter das Joch eines ehrgeizigen Eroberers zu bringen.— Mein Vorſatz ſteht feſt.— Ich bin weder jung noch alt genug, um von Drohun⸗ gen geſchreckt zu werden, noch bin ich gluͤcklich ger nug, um mein Leben unter irgend einer Bedingung, die mir Caſtruccio bieten koͤnnte, zu erkaufen.“ —— ½ 4. Arrigo kehrte ſchwermuͤthig nach Lucca zuruͤck. Er fand Caſtruccio mit einem ſeiner vertrauteſten — — — 60— — Krieg oder Frieden?“ „SDas ſteht bei Euch, edler Herr!“ erwiederte ſie will ſich nicht unterwerfen.“ ſich ſeine lange, magere Geſtalt von dem Seſſel er⸗ hob,„Das Weib iſt raſend! Ich ſehe, ich werde ihr wohl mit meinem Rathe zu Huͤlfe kommen muͤſſen.“ „Etwa ſo, wie Ihr mir damit zu Huͤlfe zogt?“ rathen, und habe zwei Springer und einen Thurm verloren!“ ei 28 „Ich wollte, er koͤnnte Euthanaſia erden, mir die Thuͤrme ihres Schloſſes zu uͤberliefern!“ be⸗ merkte Caſtruccio,„Sprich, Arrigo! iſt dazu keine Hoffnung verhanden?“ Arrigo wiederholte die Erklaͤrung der Graͤfin, wobei er ſich indeß bemuͤhte, ihre Ausdruͤcke zu FKeeunde Schach ziehend, waͤhrend ein Geiſtlicher, Namens Battiſta Tripalda, dem Spiele zuſchauete. „Nun, Arrigo,“ fragte der Fuͤrſt,„bringſt du Arrigo,„Die Graͤfin wuͤnſcht den Frieden, aber „Nicht unterwerfen?“ rief Tripalda, indem lachte Mordecaſtelli,„Ich that, wie Ihr mir ge⸗ ——— ——— —————— — 61— mildern. Caſtruccio's Scharfſinn aber bemerkte dieß, und er beſtand darauf, ihre Antwort eslich zu wiſſen. „Ein Moͤrder— ein Tyrann! Treffliche Titet in der That,“ ſprach er dann;„weil ich einen Ver⸗ raͤther zum Tode verurtheilte, der gern mein Haupt auf der Spitze einer feindlichen Lanze ge⸗ ſchauet haͤtte! Sie treibt mich auf das Aeußerſte! Ich gaͤbe alles drum, brauchte ich ihr nicht oͤffent⸗ lich den Krieg zu erklaͤren.— Und dennoch muß es geſchehn, und zwar raſch geſchehn, noch bevor ihr ihre Freunde von Florenz Huͤlfe ſenden koͤn⸗ nen! Welch ein feſter Sinn! Ich kann ihn nicht tadeln, aber ich muß ihn beugen. Ruft mir den Caſtiglione! Ich will ihm wegen der Belagerung meine Befehle ertheilen. Ich ſelbſt will nicht zuge⸗ gen ſeyn. Morgen breche ich auf, die Florentiner in Schranken zu halten.“ „Edler Herr,“ nahm endlich der Geiſtlche das Wort, indem er ſich mit einem ſelbſtgefaͤlligen Laͤ⸗ cheln in die Bruſt warf,„geſtattet mir zuvor, bei der Graͤfin von Valperga meine Beredtſamkeit zu — 82— verſuchen! Ich hoffe, Euch eine befriedigende Ant⸗ wort zuruͤckzubringen. Sie muß der Vernunft Ge⸗ hoͤr geben! Und wer verſthtan dieſe beſſer zu pre⸗ digen, als ich? 4 „Auch dieſer Verſuch ſey gewagt!“ ſprach Ca⸗ ſtruccio,“ Macht Euch morgen in aller Fruͤhe nach Valperga auf den Weg! Ich gebe unterdeſſen dem Caſtiglione die noͤthigen Befehle, damit er, falls Eure Beredtſamkeit erfolglos bliebe, gleich am folgenden Tage die Belagerung beginnen kann.“ Der Geiſtliche zog ſich zuruͤck, um ſich zur Reiſe anzuſchicken; der Fuͤrſt von Lucca aber ſprach zu dem getreuen Caſtiglione:„Waͤre ich auf Valperga nicht genau bekannt: ich wuͤrde glau⸗ ben, das Schloß ſey nur durch Hungersnoth zu erobern; ſo aber weiß ich andere Mittel und We⸗ ge, durch welche Ihr es noch vor Abend in Eure Gewalt bringen koͤnnt. Fuͤhrt die ſchwaͤchſte Ab⸗ theilung Eurer Krieger, den Hauptweg zum Schloſſe hinan! Laßt ſie die Belagerten beſchaͤff⸗ tigen, waͤhrend Ihr mit der groͤßeren Schaar zu einer Hinterpforte des Schloßgartens eilt, zu der —— — — 63— ein ſchmaler Felſenpfad fuͤhrt, auf dem man nur ſchwierig hinauf gelangt, der aber dennoch zu er⸗ klettern iſt! Ich ſelbſt ſtreifte dort ſtundenlang um⸗ her. Heute Abend, ehe der Mand aufgeht, will ich Euch den Weg zeigen! Kennt Ihr ihn: iſt das Schloß in Euren Haͤnden.“ Wer vermag in das Herz der Menſchen zu ſchauen? Wer vermag zu ſagen, was ſelbſt der harte, ehrgeizige Caſtruccio fuͤhlte, als er am Abend des ſchauerlichen Oktobertages, in ſeinen weiten Mantel gehuͤllt, an Caſtiglione's Seite, Lucca verließ, um ſeinem Getreuen den geheimen Pfad zu zeigen, den ihn einſt die Liebe finden lehrte, und auf dem er jetzt der einſt Geliebten Untergang und Verderben zu bringen gedachte. Der Tyrann bemuͤhte ſich indeß, die beſſeren Ge⸗ fuͤhle weg zu raiſoniren.„Soll die Falſche uͤber mich triumphiren?“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Sonl die Liebe, welche ſie verachtet, ſie vor dem Schick⸗ ſal ſchuͤtzen, welches ihre eigene Unvorſichtigkeit uͤber ſie herbeigefuͤhrt hat? Sie moͤge ſich nachgier big bezeigen: und ſie wird finden, daß Caſtrucciv⸗ — 64— den ſte verlaͤumdet, weder ein Tyrann, noch ein Ungeheuer iſt. Bleibt ſie aber hartnaͤckig: hat ſie ſich die Folgen allein zuzuſchreiben.“ Nachdem er ſeinen Begleiter den verzorgenen Felſenpfad hinangefuͤhrt, und ihm jede noͤthige Anweiſung gegeben hatte, kehrten ſie nach Lucca zuruͤck, wo er ermattet auf ſeinem Lager in einen tiefen Schlaf verſank. Beim Erwachen am naͤchſten Morgen empfing er die Kunde, daß ſei⸗ ne Krieger Lucca bereits verlaſſen haͤtten, und daß die Anfuͤhrer der Schaar nur noch ſeiner harrten, um an der Spitze ihrer verſchiedenen Addheilun⸗ gen gegen das Lager der Florentiner aufzubrechen. Caſtruccio ſchuͤttelte den bleiernen Schlaf von ſei⸗ nen Gliedern, ließ ſich wappnen, und beſtieg ſein Streitroß, indem er dem getreuen Caſtiglione im Vorbeigehen noch zurief:„Ihr wißt meinen Willen!“— Dann ſprengte er dem Zuge vor⸗ an, auf dem Wege nach Lucca hin. Euthanaſia ia harrte unterdeſſen ungeduldig des Erfolgs ihrer, dem Fuͤrſten von Lucca, durch Ar⸗ rigo, gemachten Erklaͤrung. Sie konnte nicht glau ben, daß Caſtruecio ſeine Drohung in Ausfuͤh⸗ rung bringen werde; im ſchlimmſten Falle aber war ſie feſt entſchloſſen, ihm nach allen moͤglichen Kraͤften Widerſtand zu leiſten, und alles anzu⸗ wenden, ihre Unabhaͤngigkeit zu behaupten. Gleich nach ihrer Unterredung mit Arrigo hatte ſie zu dem Ende an den Heerfuͤhrer der Florenti⸗ ner einen Boten abgeſandt, mit der Bitte, ihr eine Abtheilung von Kriegern mit einem erfahre⸗ nen Offizier zu ſenden, damit ſie im Stande ſey, ihr Schloß zu vertheidigen. Sie verſammelte darauf die geringe Mannſchaft ihrer Doͤrfer, und gab Befehl, ſo wie der Feind ſich nahe, alle Bruͤ⸗ cken zu zerſtoͤren und die Wege zu ſperren. Als — dieſes geſchehen war, zog ſie ſich in ihr einſames Gemach zuruͤck, um im frommen Gebet neuen Muth, neue Seelenſtaͤrke zu gewinnen. Ihre andaͤchtige Uebung blieb keineswegs ohne Erfolg; und ſo wird ſich der freundliche Leſer nicht wun⸗ dern, daß der geiſtliche Abgeſandte Battiſta Tri⸗ palda, den ſie ſchon laͤngſt wegen ſeiner Argliſt haßte, trotz des Vertrauens auf ſeine Beredtſam⸗ Caſtruccio. 11I. Band. 5 1 — 66— keit, unverrichteter Sache wieder nach Lucca zu⸗ ruͤckkehren mußte. Caſtiglione bereitete, dem Befehle ſeines Fürſten gemaß, alsbald Alles zu einem unverzuͤglichen Angriff vor. Ein Herold ward abgeſandt, die Uebergabe des Schloſſes zu verlangen, und als derſelbe eine abſchlaͤgliche Antworr zuruͤck brachte, der Krieg ſogleich erklaͤrt. Unterdeſſen waren die Florentiner ſchon bis in das Lucceſer Gebiet vor⸗ geruͤckt; als ſie aber von Caſtruccio's Annaͤherung hoͤrten, zogen ſie ſich wieder bis Fuccechio zuruͤck, und ſchlugen ihre Zelte am Ufer des Guisciana auf. Caſtruccio langte an der entgegengeſetzten Seite des Fluſſes an, und beide Heere ſtanden ſich nun einander gegenuͤber, ein jedes bereit, die erſte. Gelegenheit zu ergreifen, die ſich darbieten wuͤr⸗ de, mit Vortheil uͤber den Feind herzufallen. Der Anfuͤhrer der Florentiner hatte zwar die Bot⸗ ſchaft der Graͤfin von Valperga erhalten, aber er ſah ein, daß es ungemein ſchwierig ſey, ihren Wunſch zu erfuͤllen; denn die Krieger die er ihr — 62— zu Huͤlfe ſenden konnte, mußten durchaus den Guisciana paſſiren, und wie war ein ſolcher Uebergang im Angeſicht des Feindes zu bewerk⸗ ſtelligen? Er theilte demnach Euthanaſia's Ver⸗ langen der Regierung zu Florenz mit, welche ihr auch, unter Anfuͤhrung eines gewiſſen Bondei⸗ monti, eine kleine Kriegsſchaar ſandte, die auf ei⸗ nem Umwege uͤber das Modeneſer Gebirge gen Valperga zog. Auf den ſchwierigen Felſenpfaden aber verungluͤckten viele dieſer Soͤldner, und ſo langte Bondelmonti noch, bevor der Angriff ſtatt fand, zwar gluͤcklich auf Valperga an, aber er hatte unterwegs ſo viele ſeiner Mannen einge⸗ buͤßt, daß ſeine ganze Schaar jetzt nur noch aus funfzig Koͤpfen beſtand. — 5. Nachdem ſich Tripalda entfernt hatte, begab ſich die Graͤfin von Valperga auf die Zimmer ihres — 68— Schloſſes, von wo aus ſie die Arbeiter beobach⸗ tere, welche beſchaͤftigt waren, einige Außenwerke noch mehr zu befeſtigen. Als ſie ſo daſtand, hoͤrte ſie ploͤtzlich ganz in ihrer Naͤhe ein Geraͤuſch, und, ſich umblickend, gewahrte ſie an einem Fenſter, dicht hinter ſich, den im erſtem Bande dieſer Ge⸗ ſchichte erwaͤhnten Zwerg, welcher bemuͤht war, ei⸗ nen Helm fuͤr ſich in den Stand zu ſetzen. „Sind wir ſo arm an Mannen, daß du, mein armer Bindo, genoͤthigt biſt, den Waffenſchmidt zu machen?“ fragte ſie. „ Ich will keinen Waffenſchmidt, wohl aber ei⸗ nen Krieger abgeben, hohe Frau!“ verſetzte der Zwerg,„morgen guͤrte ich das Schwerdt um, zu Eurer Vertheidigung! „Du, und ein Schwerdt?“ laͤchelte Euthanaſt ſa, „Ei warum nicht gar? Weshalb dich der Gefahr ausſetzen, wo du nichts nuͤtzen kannſt?“ „Habt nur gute Hoffnung, Graͤfin!“ entgegnete Bindo,„Ich habe in den Sternen geleſen, daß der morgende Tag uns Gluͤck bringen wird; ich habe die heilige Quelle beſucht, habe dort dreimal — 69— Waſſer geſprengt, und die Heiligen zu unſerem Beiſtande aufgefordert. Morgen iſt ein gluͤckli⸗ cher Tag, und da will ich dann mit unter Euren Vertheidigern ſeyn.“ Er ſprach dieſe Worte in einem ſo ernſten, zu⸗ gleich aber auch ſo theilnehmenden Tone, daß ſich Euthanaſia ungemein bewegt fuͤhlte, ob ſie ſich gleich eines Laͤchelns, uͤber ſeinen ihr bekannten Aberglauben, nicht enthalten konnte.„Willſt du mich vertheidigen:“ ſprach ſie geruͤhrt,„bleibe we⸗ nigſtens in meiner Naͤhe! Ich will durchaus nicht, daß du dein Leben nutzlos aufs Spiel ſetzeſt.“ „Nutzlos?“ wiederholte der Zwerg laͤchelnd, „Und iſt denn mein Leben mehr werth, als das der tapferen Krieger, die morgen fuͤr Euch ſterben werden? Der Tod wird eine reiche Erndte ha⸗ ben; morgen wird manches Kind ſeinen Vater, manches Weib den Mann verlieren, dieſer kalten Steinmaſſe wegen, die ſo Vlahade iſt degen Sieg oder Niederlage!“— 2 Es giebt Augenblicke im Leben, wo das s zufäl⸗ lig hingeworfene Wort eines Wahnſinnigen, oder . eines Thoren uns unbeſchreibbar elend machen kann. Die Graͤfin von Valperga fuͤhlte ſich von den letzten Worten des Zwerges gewaltig ergrif⸗ fen; ohne auch nur ein einziges Wort uͤber ihre Lippen bringen zu koͤnnen, begab ſie ſich von der Zinne des Thurmes hinab, in ihr einſames Ge⸗ mach. Sie hatte es bisher fuͤr ihre Pflicht ge⸗ halten, ſich der Eroberungsſucht des Tyrannen zu widerſetzen; nachdem ſie aber jetzt der Zwerg auf eine ſo ergreifende Weiſe daran erinnert hatte, daß der von ihr gefaßte Entſchluß vielen Menſchen das Leben koſten wuͤrde, wollte ihr Herz vor Kum⸗ mer brechen. So in truͤben Gedanken verſunken, ward ihr Bondelmonti's und ſeiner Gefaͤhrten Ankunft ge⸗ meldet. Jener Anfuͤhrer verlangte eifrig danach, ſie zu ſprechen. Es ſchien der Graͤfin ein guͤnſti⸗ ges Zeichen, daß man dem Bondelmonti die Schaar anvertrauet hatte; er war der Freund ih⸗ res Vaters, ihr Vormund geweſen, und war ſie auch nicht immer ſeinem Rathe gefolgt, hatte es ihr doch jederzeit große Freude gewaͤhrt, wenn „ — ————— — — 2741.— ihre Meinung mit der ſeinigen uͤbereinſtimmte. Die Nachricht von ſeinem Erſcheinen beruhigte ſie einigermaßen, und gefaßter begab ſie ſich hin. ab in die Halle. „Wir haben ein ſchweres Werk vor uns, gnaͤ⸗ dige Frau!“ ſprach Bondelmonti nach der erſten Begruͤßung.„Caſtruccio beobachtet unſer Herr: darum konnte ich Euch nur funfzig Krieger zufuͤh⸗ ren. Seyd indeſſen gutes Muths! Die Mauern Eures Schloſſes ſind ſtark, und werden den Stei⸗ nen ſchon Widerſtand leiſten, welche der Feind mit ſeinen Wurfmaſchinen heraufzuſchleudern ver⸗ mag. Der kriegeriſche Tumult aber iſt nichts fuͤr Euch, ſchoͤne Graͤfin. Begebt Euch zur Ruhe! Wollte ich doch, Ihr waͤret in Sicherheit zu Flo⸗ renz, fern von dem Waffengeklirr, das morgen hier erſchallen moͤchte. Ich weiß indeß, Ihr habt Muth; ich ſehe die Seelenſtaͤrke Eures Vaters auf Eurer Wange thronen; Ihr ſeyd eine wa⸗ ckere Jungfrau!— Seyd aber auch verſichert, daß ich bereit bin, jeden Tropfen Blut in meinen Adern freudig fuͤr Euch zu vergießen.“ Euthanaſia dankte ihm mit großer Herzlichbeit, und Bondelmonti fuhr fort:„Ich habe Euch von Florenz ſo manches zu beſtellen, aber die Zeit iſt kurz, und deshalb fuͤr heute nur ſoviel: Alle Eure Freunde in Eurer Geburtsſtadt ſchaͤtzen, lieben und bewundern Euch. Unterliegen wir, was in⸗ deß mein gutes Schwerdt zu verhindern ſuchen wird: hat unſer Florenz wenigſtens den Vortheil davon, Euch, nach langer Abweſenheit, einmal wieder in ſeinen Mauern zu ſchauen. Jetzt aber an mein Geſchaͤft! Ich muß Euren Seneſchall aufſuchen, um ihn uͤber die im Schloſſe vorhan⸗ denen Vorraͤthe zu befragen, und um mich mit ihm uͤber die Mittel zu berathen, neue herbeizu⸗ ſchaffen; dann muß ich die Feſtungswerke in Au⸗ genſchein nehmen und alles zum morgenden Kampf anordnen.“ Euthanaſta wich bei allen Anſtalten, die er nun traf, dem vaͤterlichen Freunde nicht von der Seite, denn ihr Gemüͤth war allzuſehr bewegt, als daß ſie, der noch oft wiederholten Bitte Bon⸗ „——— delmonti's, ſich zur Ruhe zu coen, Hän. Folge leiſten koͤnnen. 1 Nachdem er Alles gehoͤrig in Augenſcheinh ge⸗ nommen hatte, rief er:„Trefflich! Trefflich! auf dem Hauptpfade, hier den Berg heran, ſollen ſie nicht zum Schloſſe gelangen! Eine Hand voll Krie⸗ ger vermag ſie abzuhalten. Aber ſind ſonſt keine Zugaͤnge vorhanden?“ „Keine, als eine kleine Hinterpforte,“ entgeg⸗ nete die Graͤfin,„hinter der ſich aber r lr Felſen ſo ſteil erhebt, daß von dorther kein Angriff zu befuͤrchten ſteht.“— „So iſt dann alles in Ordnung.“ ſprach Bon⸗ delmonti,„Ich will jetzt nur noch die Poſten ver⸗ theilen, und mich dann, nachdem ich einen Becher Wein geleert, zur Ruhe legen, um morgen mit dem Fruͤhſten bei der Hand zu ſeyn.“ In der großen Halle wurden nun die Tiſche reichlich mit Speiſe und Trank beſetzt, worauf ſich Euthanaſta, nachdem ſie ſich uͤberzeugt hatte, daß es ihren Gaͤſten an nichts fehle, in ihr Ge⸗ mach zuruͤckzog, von wo aus ſie die ganze Ebene bis Lueca uͤberſchauen konnte. Sie ſetzte ſich in den Erker; ſie konnte nicht ſchlafen, denn ſie be⸗ fand ſich in jenem fieberhaften Zuſtande, in dem man eine nahe, jedoch ungewiſſe Gefahr zu er⸗ warten pflegt. Endlich begann das Dunkel nach und nach zu ſchwinden, Euthanaſia ſah die Sterne erbleichen, und den Horizont ſich in Oſten purpurroth faͤrben. Da begann es unten im Schloßhofe lebendig zu werden, und aus den wachen Traͤumereien, in welche ſie verſunken war, auſgeſchreckt, ſchloß ſich nun ploͤtzlich der Abgrund der Wirklichkeit vor der Ungluͤcklichen auf. Sie nahm indeß ihre ganze Kraft zuſammen, ordnete ihre, waͤhrend der Nacht herabgeſunkenenen Locken, faltete ihre Haͤnde, und ſchlug ihre Blicke zum Himmel em⸗ por. Anfangs druͤckten ihre Geſichtszuͤge nur Schmerz aus, nach und nach aber begannen ihre Augen zu leuchten, die Wolken ſchwanden von ih⸗ rer Stirn, ihre ganze Geſtalt erhielt Wuͤrde und Feſtigkeit.„Ich thue meine Pflicht.“ rief ſie, „Dieſes Gefuͤhl wird mich aufrecht erhalten. Ich —— erfuͤlle meine Pflicht gegen mich, gegen meine Unterthanen, ja ſelbſt gegen Caſtruccio, dem ich nicht die Macht einraͤumen will, noch mehr Boͤ⸗ ſes zu thun. Mein Vertrauen ſteht auf Gott! So fuͤrchte ich nichts.“ So geſammelt, ſtieg ſie hinab in die Halle. Die meiſten Krieger hatten ſich ſchon auf ihren Poſten begeben, Bondelmonti und einige Hauptleute aber harrten noch des Erſcheinens der Schloßherrin. „Gott ſey mit Euch, meine Freunde!“ ſprach die Graͤfin, als ſich Jene zum Aufbruch ruͤſteten,„Ihr wagt Euer Leben fuͤr mich! Meine Ehre, meine Hoffnungen vertraue ich Euch an.“ Bondelmonti machte nun noch einmal die Runde in der Veſte, und nahm dann ſeinen Po⸗ ſten auf der Zugbruͤcke. Auf dem ſich ſchlaͤngeln⸗ den Pfade, welcher den Felſen hinab in das Thal fuͤhrte, waren an beiden Seiten im Gebuͤſch, oder in kleinen, eigens dazu erbauten, hoͤlzernen Thuͤr⸗ men, Bogenſchuͤtzen verſteckt, waͤhrend eine mit langen Speeren bewaffnete Schaar weiter unten aufgeſtellt war, das Vordringen des Feindes zu verhindern. Die vorderſten dieſer Reihen be⸗ ſtanden aus Euthanaſia's Unterthanen, unter de⸗ nen ſich auch Bindo befand, welcher, ſeine Gefaͤhr⸗ ten anzufeuren, raſtlos bemuͤht war. Die Graͤfin von Valperga hatte ſich unterdeß in das Gemach der beklagenswerthen Lauretta be⸗ geben. Die Ungluͤckliche hatte nach dem Tode ih⸗ res Gatten das Schloß nicht wieder verlaſſen, und ſo unendlich war ihr Schmerz, daß es Eu⸗ thanaſta fuͤr rathſam hielt, dieſen durch die Kun⸗ de von Caſtruccio's feindſeligem Benehmen nicht noch zu vermehren. Das Waffengeklirr aber und die laͤrmenden Stimmen im Schloßhofe hatten ſie jetzt erſchreckt, und von neuer Angſt erfaßt, fragte ſie nach der Urſache. Ihre Freundin er⸗ zaͤhlte ihr die Begebenheiten der letzten Tage, und ſuchte ſie zu beruhigen. Lauretta horchte mit bebendem Herzen. Der Gram hatte ihre Nerven ſo⸗ gewaltig erſchuͤttert, daß Alles ihr jetzt nur in dem ſchwaͤrzeſten Lichte erſchien. Krampfhaft ergriff ſie die Hand der Graͤfin, und beſchwor dieſe, ſich zu unterwerfen.„Ach, Ihr kennt das Furchtbare 3 . 9 I b * ——ð— — —— einer Belagerung noch nicht!“ jammerte ſte,„Ich, ich habe es erlebt! Meines Vaters Schloß ward geſtuͤrmt!— Ein gleiches Schickſal ſteht dem Eurigen bevor, und dann ſind wir verloren!’“?* Die Graͤfin ſuchte ihre Freundin zu troͤſten, jedoch vergebens. Da erſchien ein Bote Bondel⸗ monti's.„Der Befehlshaber,“ ſprach er,„laͤßt Euch bitten, guten Muth zu haben. Die Feinde ruͤcken vor, aber ihre Anzahl ſcheint nur gering und keineswegs der Kern des Heeres zu ſeyn.“ Euthanaſia laͤchelte unglaͤubig, denn ſie wußte, daß, wie zweifelhaft auch immer der Erfolg ſey, dennoch auf jeden Fall ein heftiger Kampf ſtatt fin⸗ den werde. Bald hoͤrte man nun auch von au⸗ ßen her das Kriegsgeſchrei der Ghibelinen er⸗ ſchallen. Es ward von der Beſatzung erwiedert; und die Graͤfin, begierig, das, was ſich begeben wuͤrde, mit ihren eigenen Augen anzuſchauen, eilte auf die Platform ihres Schloſſes, und verſuchte, uͤber die Bruſtwehr hinabzublicken. Hier aber konnte ſie nichts gewahren, obgleich das Waffen⸗ geklirr von unten zu ihr herauftoͤnte. Sie begab 46 ſich demnach hinunter in den inneren Hof, wo ſie mehreren Kriegern begegnete, welche Verwundete aus dem Gefecht in das Schloß trugen. Ihr Herz wollte bei dieſem Anblick vor Schmerz zer⸗ ſpringen, aber das Gefuͤhl ihrer Pflicht hielt ſie aufrecht.„Ich habe das Werk begonnen,“ rief ſie,„ich muß es vollenden. Geiſt meines Vaters, ſtehe mir bei!“ In einem geraͤumigen Gemach des Schloſſes waren Lagerſtaͤtten fuͤr die Verwundeten bereitet worden; und Euthanaſia begab ſich dorthin, um, gemeinſchaftlich mit den dazu beſtellten Frauen, fuͤr die Dulder zu ſorgen. Sie verband dieſe mit eigener Hand, ſpendete ihnen freundliche Troſt⸗ worte, und that ihr Moͤglichſtes, ihnen ihre Koͤr⸗ perſchmerzen zu erleichtern. Dankbar blickten die Verwundeten auf die guͤtige Herrin.„Fuͤrchtet nichts, hohe Frau!“ ſprach einer von ihnen,„Der Feind kam nur in geringer Anzahl; die Unſrigen werden ſchon mit ihm fertig werden! Seyd ge⸗ tuoſt! der Sieg iſt unſer„“ —* — 29— r Und in der That langte auch gleich darauf ein neuer Bote Bondelmonti's an, mit dem Berich⸗ te, daß Alles draußen nach Wunſch gehe, und daß man den Feind bald wieder den Felſenpfad hinabgedraͤngt haben werde. Durch dieſe Kunde ungemein beruhigt, begab ſich die Graͤfin wieder in ihr Gemach, wo ſie auf ihre Kniee niederſank, dem Ewigen fuͤr ſeinen Schutz zu danken. Da erſcholl ploͤtzlich ein wildes Kriegsgeſchrei zu ihr herauf. Sie flog ans Fenſter, blickte hin⸗ aus, und erblickte,— wer vermoͤchte ihr Ent⸗ ſetzen zu ſchildern?— den ganzen Schloßhof mit Kriegern angefuͤllt, welche Caſtruccio's Feldzei⸗ chen trugen. Sie ſtuͤrzte aus ihrem Zimmer, die Stiege hinab, in Lauretta's Gemach, wo hinein ſich ebenfalls ſchon mehrere feindliche Hauptleute gedraͤngt hatten. Lauretta ſtand todtenhleich in einem Erker, die Graͤfin aber, deren Geiſtesge⸗ genwart ſchnell zuruͤckkehrte, und die durch eine Seitenthuͤr eingetreten war, rief troͤſtend, zu ih⸗ rer Freundin gewandt:„Fuͤrchte nichts!— wir ſind verrathen— aber ſey unbeſorgt!“ unterdeſen hatte ſi ſich Caſtiglione, dem es ge⸗ zungen war ſeine Schaar auf dem verborgenen Felſenpfade in die Feſte zu fuͤhren, der Schloßher⸗ rin genaͤhert.„Die Feſte iſt unſer!“ ſprach er, „Ihr wuͤrdet wohl thun, gnaͤdige Frau, Euren Mannen zu gebieten, die Waffen niederzulegen. Jeder fernere Widerſtand waͤre nutzlos; unſer Fuͤrſt hat uns geboten, mit der groͤßten Maͤßigung zu verfahren.“ „Genug!“ entgegnete die Graͤfin mit groher Waͤrde„„Der Befehlshaber meiner Krieger wird dem Verrathe und der Uebermacht weichen muͤſſen. — Jetzt aber erſuche ich Euch, dieß Gemach zu verlaſſen! Meine kranke Freundin bedarf der Ruhe.„ „Ich erfüͤle Euer Begehren,“ erwiederte Ca⸗ ſtiglione, zuvor aber erlaubt mir, Euch zu verkuͤn⸗ den, daß mir der Fuͤrſt befahl, Euch noch dieſen Abend nach Lucca zu geleiten. Bis dahin ſoll Euch meine Gegenwart nicht beſchwerlich fallen.“ B ſprechend verbeugte er ſich, nnd begab ſich nans, von den Kriegern gefolgr. Euthunaß ĩa — 81— * aber fuhr fort, ihre Freundin zu troͤſten; und nach⸗ dem dieß ihr einigermaßen gelungen war, begab ſie ſich in ihr Gemach, um ſich durch ein from⸗ mes Gebet zu der harten Pruͤfung zu ſtaͤrken, die ihrer harrete. 6. . Die Schloßglocke rief zum Abendgebet, das Ge⸗ laͤute der verſchiedenen Kloͤſter in der Umgegend erwiedernd.„Das iſt meine Todtenglocke!“ ſprach die Graͤfin. Anfangs war es ihre Abſicht geweſen, die Wohnung ihrer Vaͤter in Trauerklei⸗ dern zu verlaſſen; aber ſie beſann ſich anders, und entſchloſſen, jedes Aufſehn zu vermeiden, bedeckte ſie ihr Haupt nur mit einem langen, weißen Schleier, ſchlug einen Mantel um, und begab ſich ſo wieder hinab, in Lauretta's Gemach. Bald darauf bat Caſtiglione um die Erlaubniß, Caſtruecio. 11. Band 6 erſcheinen zu duͤrfen; ſie ward ihm geſtattet, und er trat ein, berichtend, eine Abtheilung von Krie⸗ gern halte unten im Thale, die Graͤfin nach Lucca zu geleiten. Euthanaſia neigte ſchweigend ihr Haupt, zum Zeichen, daß ſie bereit ſey; und, ihre kranke Freundin mit der einen Hand unterſtuͤ⸗ tzend, hielt ſie mit der anderen Hand ihren Schleier feſt zuſammen, auf daß kein neugieriges Auge in ihrem Antlitz den Kummer ſchaue, der ihr Herz verzehrte.„Mein Gram gehoͤrt nur mir an!“ ſo dachte ſie,„er iſt der einzige Schatz, den ich mit von hinnen nehme! Sorgfaͤltiger, als ein Geiziger ſein Gold, will ich ihn vor Jeder⸗ manns Blicken bewahren.“ So ging ſie mit feſten Schritten durch die gro⸗ ße Halle hin, welche lange Zeit fuͤr ſie der Sitz reiner Freude geweſen war. Jetzt hatte ſich um den friedlichen Heerd eine Schaar wilder Krie⸗ ger verſammelt. Als ſie in den inneren Schloß⸗ hof trat, fand ſie dieſen mit den Weibern und Kindern ihrer Unterthanen angefuͤllt, welche, als ihre guͤtige Gebieterin erſchien, in ein lautes Weh⸗ klagen ausbrachen. Euthanaſia fuͤhlte ſich maͤch⸗ tig erſchuͤttert, und fragte in einem bewegten Tone, zu ihrem Begleiter gewandt:„Konnte man mir dieſe Seene nicht erſparen?“ „ Unmoͤglich,“ erwiederte Caſtiglione,„man haͤt⸗ te denn Gewalt anwenden muͤſſen.“ Die Weiber und Kinder draͤngten ſich jetzt um ſie, kuͤßten ihre Haͤnde, ihr Gewand, und riefen Gottes beſten Segen uͤber ihre theure, verehrte Gebieterin, und ſeinen verderbenbringenden Fluch uͤber ihre Feinde herab.„Der Himmel ſegne Euch, meine Kinder!“ entgegnete die Graͤfin, n„moͤget Ihr nie an meinen Verluſt erinnert wer⸗ den!“. So ſprechend machte ſie ſich ſanft von ihnen los, und ſchritt uͤber die Zugbruͤcke hin. Auf dem jenſeitigen Felſen angelangt, blickte ſie noch ein⸗ mal ſchwermuthsvoll auf das Haus ihrer Vaͤter! dann eilte ſie den Berg hinab. Am Fuße deſſelben half man Lauretta in einen fuͤr ſie bereitgehaltenen Tragſeſſel; die Graͤfin aber beſtieg ihr Roß, und langſam bewegte ſich 6* nun der Zug nach Lucca hin. Das Stadtthor war geſchloſſen; als ſich Euthanaſia's Begleiter aber zu erkennen gab, knarrten die Riegel, die Pforte that ſich auf, und hinein ritt die Schaar in die dunkeln, engen Gaſſen.„So habe ich denn meinen Kerker betreten!“ dachte die Graͤfin, welche ſich jetzt von ihrer Freundin trennen mußte. Lauretta ward auf ihr Verlangen in die Woh⸗ nung der Mutter Leodino's gebracht, waͤhrend man Euthanaſia in den, fuͤr ſie eingerichteten Palaſt fuͤhrte. Sie kuͤmmerte ſich wenig darum, durch welche Straßen ſie dahin zog, denn es galt ihr gleich viel, ob man ſie in ein prachtvolles Ge⸗ baͤude, oder in ein Gefaͤngniß brachte; uͤberhaupt war ihre Seelenſtaͤrke, wie ihre Koͤrperkraft, un⸗ terwegs bedeutend dahin geſchwunden, und kaum vermochte ſie noch, ſich auf ihrem Zelter aufrecht zu erhalten. 3 Man fuͤhrte ſie in ihr Gemach. Ihre Diene⸗ rinnen erſchienen; ſie aber ſandte ſie alle fort, und ſank dann erſchoͤpft auf ihr Lager, wo ſie auch — 85— bald ein feſter Schlaf in ſeine, Vergeſſenheit brin⸗ genden Arme ſchloß. Es war bereits Tag, als ſie ewachte, Sie er⸗ hob ihr ſchweres Haupt, und ſuchte Faſſung zu gewinnen. Der Palaſt, in den man ſie gefuͤhrt hatte, war ein praͤchtiges Gebaͤude, und fruͤher das Eigenthum eines der Opfer geweſen, welche unter Caſtruccio's Tyrannei gefallen waren. Von ihrem Gemache aus, konnte die Graͤfin in den, von einer hohen Mauer umſchloſſenen Garten ſchauen, der im italieniſchen Geſchmack angelegt worden war, jetzt aber nur veroͤdet dalag. Die Blumenbeete waren mit Unkraut, und die Fuß⸗ ſteige mit Gras uͤberwachſen; die Baͤume hatten, von der Gaͤrtnerſcheere verſchont, ihre Zweige in einander verſchlungen, und an den Mauern hatte ſich der Epheu mit ſeinem dunklen Laube hoch hin⸗ auf geſchlaͤngelt.„Das Bild meines Lebens!“ dachte Euthanaſta, als ſie hinab auf dieſen Schauplatz der Verwuͤſtung ſchauete; ſie wandte ſich vom Fenſter weg, und eine Thraͤne rollte uͤber ihre Wange. — 36— Ittzt trat ihre Zofe herein. Schweigend ließ ſich. die Graͤfin ankleiden, ſchweigend horchte ſie dem Bericht der Dienerin, welche ihr mit redſeliger 3 Zunge verkuͤndete, daß die ganze Beſatzung des Schloſſes Valperga gefangen abgefuͤhrt worden, 3 und es nur dem Zwerge Bindo gelungen ſey, ſich der, auch uͤber ihn verhaͤngten Haft durch eine be⸗ hende Flucht zu entziehn. Im Laufe des Tages ward der ungluͤcklichen Euthanaſia Arrigo Guinigi gemeldet. Er kam. mit einer Botſchaft von Caſtruccio, welcher die Graͤfin erſuchen ließ, bis zu ſeiner Ruͤckkehr nach Lucca ruhig in dem ihr angewieſenen Palaſte zu LLW weilen. In wenigen Tagen, verſicherte Arrigo, 4 wuͤrde der Fuͤrſt eintreffen, und dann ſofort vor ihr erſcheinen, um zu vernehmen, welche Wuͤnſche ſie fuͤr die Zukunft hege. Arrigo ſprach dieß Al⸗ les mit niedergeſenkten Blicken, denn er wagte es nicht, der Beleidigten ins Auge zu ſchauen, welche ihm indeſſen gelaſſen erwiederte, daß ſie ja jetzt gezwungen ſey, den Befehlen ſeines Herrn Folge zu leiſten; zwar wuͤnſche ſie, mit der Gegen⸗ wart des Letzteren verſchont zu bleiben, beſtoͤnde er aber darauf, ſie zu ſehen: muͤſſe ſie ſich auch darein ergeben. 89 Nach einigen Tagen, in welcher Zeit die Graͤ⸗ fin immer mehr und mehr Seelenſtaͤrke zu gewin⸗ nen ſich bemühte, kehrte Caſtruccio nach Lucca zu⸗ ruͤck. Der Fluß, der beide Heere trennte, war aus ſeinen Ufern getreten, und hatte, da ohnehin der Herbſt ſchon weit vorgeruͤckt war, dem Feldzuge fuͤr dieſes Jahr ein Ende gemacht. Kaum ange⸗ langt, ſandte er aufs Neue Arrigo zu Euthana⸗ ſia, um ſie auf ſeinen Beſuch vorzubereiten. Die Ungluͤckliche erbebte, als ſie hoͤrte, daß ſie Den, den ſie einſt ſo innig geliebt, und der ſie jetzt ſo namenlos elend gemacht hatte, wiederſehen ſollte; aber ſie nahm ihren ganzen Stolz, ihre ganze Seelenſtaͤrke zuſammen, und ſo erwartete ſie gefaßt ſeine Aukunft. Caſtruccio erſchien.„Verzeiht mir, wenn Euch meine Gegenwart beſchwerlich faͤllt,“ ſprach er in einem ſanften Tone;„aber ich hielt es fuͤr meine Pflicht, mich nach Euren Waͤnſchen fuͤr die Zu — 88— kunft perſoͤnlich zu erkundigen. Euer Friede iſt mir zu werth, als daß ich nicht wuͤnſchen ſollte, Eure Hoffnungen, Eure Erwartungen aus Eu⸗ rem eigenen Munde zu erfahren.“ „Ich habe nur einen einzigen Wunſch:“ ent⸗ gegnete die Graͤfin, aber ihre Stimme bebte, als ſie dieſe Worte ſprach;„ich bitte Euch um die Er⸗ laubniß, mich nach Florenz begeben zu duͤrfen.“ „Euer Wunſch iſt mir Befehl,“ verſetzte Ca⸗ ſtruccio;„doch haͤtte ich es gerne geſehn, haͤttet Ihr Euch entſchloſſen, noch eine Zeitlang in Lucca zu verweilen. Ich weiß, Ihr betrachtet mich jetzt als ein blutduͤrſtiges Ungeheuer, als einen geſetz⸗ loſen Tyrannen; ein laͤngerer Aufenthalt hier haͤtte vielleicht Eure Meinung uͤber mich geaͤndert, ja vielleicht— vielleicht kehrten dann in Eurer Bruſt Gefuͤhle zuruͤck, welche—“ „Kein Wort hievon!“ unterbrach ihn Euthana⸗ ſia.„Wir ſind auf immer geſchieden! Eine ewige Kluft hat ſich zwiſchen uns aufgethan. Ich kann nicht— ich will nicht mit Euch rechten!— Moͤ⸗ en die Geiſter der fuͤr mich Gefallenen, von Euch Ermordeten— die Thraͤnen ihrer Nachgebliebe⸗ nen— die Truͤmmer meines Schloſſes fuͤr mich das Wort reden!— Ihr kamt, wie Ihr ſagt, meine Wuͤnſche zu hoͤren: Ihr habt ſie vernom⸗ men. Jetzt laßt uns ſcheiden!— Das Boͤſe, was Ihr mir gethan, ſey Euch verziehn!“ a0 Caſtruccio war genoͤthigt, ſich zu entfernen; kaum aber war er fort, als auch Euthanaſia, von dieſer letzten Unterredung allzuſehr angegriffen, kraftlos auf ihren Seſſel zuruͤckſank, und von ih⸗ ren Dienerinnen auf ihr Lager gebracht werden mußte.. 4 7. Als es dem Zwerge Bindo gelungen war, ſich der Gewalt der Lucceſer Kriegerde entziehn, floh er uͤber Felder und Fluren zu dem einzigen menſch⸗ lichen Weſen, gegen welches er allein alle ſeine 7 zige, was an ihrem Koͤrper zu leben ſchien, flamm⸗ — 90— wahren Gefuͤhle ausſprach, und in das er allein ganz unumſchraͤnktes Vertrauen ſetzte. Noͤrdlich von Lucca, wo die Gebirge ſich am hoͤchſten erheben, die Gegend am wildeſten iſt, be⸗ fand ſich zu der Zeit, von welcher dieſe Geſchichte erzaͤhlt, ein großer, dichter Eichenwald, welcher ſich weithin uͤber die Berge dehnte. In dem Di⸗ ckigt dieſer Waldung hauſte eine vermeintliche Zauberin. Sie bewohnte eine, theils aus Baum⸗ ſtaͤmmen, theils aus Geſtein, theils aber auch aus dem Felſen, an den ſie ſich lehnte, geformte Huͤtte. Als Bindo nahte, ſaß die Eigenthuͤme⸗ rin auf einem Steine, vor ihrer einfachen Woh⸗ nung. Sie war ſchon ſehr alt, Niemand aber wuß⸗ te, wie alt; die aͤlteſten Leute erinnerten ſich, daß ſte ſich als Kinder ſchon vor ihr gefuͤrchtet haͤtten, damals aber, und auch noch ſpaͤter, ſey ſie ihnen weit aͤlter vorgekommen, als jetzt. Sie war bis zum Erſchrecken mager; uͤber Arme und Wangen hing die welke Haut nur loſe herab; ihr Haar war ſchneeweiß; ihr rothes Augenpaar, das Ein⸗ ——— —v te ſtechend aus zwei tief liegenden Hoͤhlen her⸗ vor; ihre Stimme war gellend und durchdringend. „Nun, Sohn,“ kreiſchte ſie, als ſie den Zwerg gewahrte,„was bringſt du Neues? Iſt deine, oder meine Wahrſagung in Erfuͤllung gegangen?“ Bindo warf ſich auf die Erde nieder, und zer⸗ raufte ſich das Haar, aber er erwiederte nichts. „Du wollteſt meinen Worten nicht glauben!“ fuhr die Alte mit einem ſchallenden, hoͤhniſchen Ge⸗ uaͤchter fort,„Dem Stern iſt ſein Lauf nicht be⸗ kannter, als mir die Kunde zukuͤnftiger Dinge! Morgen wird kein Stein des Schloſſes Valperga mehr auf dem anderen liegen.“ „Nein, nein, das kann nicht ſeyn— das darf nicht ſeyn!“ rief Bindv, wuͤthend emporſpringend; „Seyd Ihr denn nicht eine Zauberin? Habt Ihr Eure Seele dem Teufel verkauft: muß er ja Eu⸗ ren Willen thun?“ „Ja, ja! ich habe meine Seele dem Teufel ver⸗ kauft!“ ſchrie die Alte in einem furchtbaren Tone; ndennoch aber, ich ſage es dir, gluͤcklich waͤreſt du, waͤre deine Seele vor dem Verderber ſo ſicher, als die meine! Ich beherrſche die Geiſter,— aber ich diene ihnen nicht! Was vermag ein Engel mehr?— Etwas zu thun aber, liegt außer mei⸗ ner Macht.— Ich kann den Stern Caſtruccio's nicht hindern, emporzuſteigen. 4 8„Ja— ja! Ihr gleicht Euch alle!“— hohn⸗ lachte der Zwerg,—„Ihr koͤnnt das Vieh laͤh⸗ men— die Huͤhner wuͤrgen— den Kuͤhen die Milch vertreiben— gilt es aber eine wirkliche That: ſeyd Ihr ſchwach, wie ein Strohhalm!— Seyd Ihr eine Zauberin: nun ſo handelt auch, wie eine ſolche!“ „Was verlangſt du, das ich thun ſoll?“ fragte dee Alte;„Ich vermag den Himmel mit Wolken . zu umhuͤllen! Donner und Regen herabzubeſchwoͤ⸗ 3 ren! Der Strom muß mir gehorchen! Winde in 3 Norden und Oſten beugen ſich vor meinem Ruf! Die Eingeweide der Erde ſind mir unterthan! Todte kann ich aus den Graͤbern erſcheinen laſſen! Die Geiſter der Luft muͤſſen meinem Gebote fol⸗ gen!— Das Geſchick der Menſchen iſt mir be⸗ kan nt, aber den Menſchen ſelbſt vermag ich nicht — 93— zu beherrſchen. Caſtruccio's Stern ſteigt uͤber alle anderen Glanzgebilde empor! Ich kann ſeinen Lauf nicht hemmen!“ „So lebt dann wohl,“ rief Bindo,„und moͤ⸗ gen die Fluͤche der Hoͤlle fuͤrder Eure Geſellſchaft ſeyn!“— So ſollen Menſchen fuͤr mich thun, was der Teufel nicht vermag! „Halt!“ gebot die Alte,„Jetzt ſprichſt du die Wahrheit! Iſt gleich Caſtruccio's Stern ſo hoch geſtiegen: muß er dennoch wieder herunter! Die⸗ ſen Augenblick muͤſſen wir beſchleunigen! und da⸗ zu koͤnnen Menſchen behuͤlflich ſeyn. Fort, fort! beobachte alles, was ſich begiebt— und bringe mir genaue Kunde! Kein Wort, keine Sylbe muß dir entgehen!— Wir haben Beide dem Fuͤrſten von Lucca Verderben geſchworen— noch iſt der Augenblick ſeines Unterganges nicht da— aber er wird erſcheinen, und wir werden triumphiren! — Vor Allem aber laß deine Gebieterin von Lucca nicht fort! Ich weiß, ſie will nach Florenz— ſie muß aber in Lucca bleiben, bis die Zeit erfüͤlle iſt! Dein ſey die Sorge, ſie dort zuruͤckzuhalten!“ „Ich mag dieſe langſamen Maßregeln nicht!“ erwiederte der Zwerg muͤrriſch. „Gehorche!“ gebot die Alte;„Nur Zeit und Klugheit koͤnnen Caſtruccio's Fall bewirken.— Beobachte Alles, und bringe mir Kunde!— Vor Allem aber trage Sorge, daß die Graͤfin in Lucca bleibe!— Verlaͤßt ſie jene Stadt— iſt unſere Macht dahin.“ Bindo, der ſchon lange Zeit mit der Alten, einer Todfeindin aller Ghibelinen, Umgang ge⸗ habt hatte, und von ihr benutzt ward, den Ruf ihrer Zauberkuͤnſte immer mehr und mehr unter den aberglaͤubiſchen Bewohnern ver Gegend zu verbreiten, begab ſich nach Lueca, wo er erfuhr, daß Euthanaſia gleich nach ihrer letzten Unterre⸗ 5 dung mit Caſtruccio von einem heftigen Fieber be⸗ fallen worden ſey. Er wich nicht aus der Naͤhe ihres Krankenzimmers; die Furcht, ſie zu verlie⸗ ren, vermehrte noch ſeinen Haß gegen Caſtruecio; ſeine Gebieterin genas indeß, und ſeine Zeeude war graͤnzenlos. Der Sommer ruͤckte heran, und noch immer weilte Euthanaſia in Lucca. Ein Zuſammentreffen von Umſtaͤnden hatte ſie bisher dort zuruͤckgehal⸗ ten. Ihr Geſundheitszuſtand war noch immer be⸗ denklich, und ihre bleiche Wange und ihre mat⸗ ten Augen ſchienen zu verkuͤnden, daß ein leichter. Windſtoß im Stande ſey, die zarte Blume zu kni⸗ cken. Man ſah einen ſehr heißen Sommer voraus, und hielt es demnach durchaus nicht fuͤr gerathen, ſie der in Florenz noch mehr herrſchenden Hitze auszuſetzen. Dazu kam noch, daß Lauretta ihr verſprach, ſie nach Florenz begleiten zu wollen, wenn Euthanaſia bis zum Herbſt in Lucca verwei⸗ len wuͤrde. So willigte ſie alſo ein, zu bleiben, ob⸗ gleich ihr Lucca wie ein Kerker erſchien, obgleich ſie hoffte, in Florenz einige Erleichterung ihres Kummers zu finden. Aber auch der ſo ganz freu⸗ denloſe Zuſtand ihres Gemuͤths trug dazu bei, daß ſie nach keiner Veraͤnderung verlangte; denn ſie fuͤhlte ſich im Grunde weit mehr geneigt, uͤber ihren Leiden zu bruͤten, als ſich neuen Hoffnungen hinzugeben. Mehr ein Pflichtgefhl, als irgend — — 95— ein anderer Antrieb, ließ ſie wuͤnſchen, Lucca zu verlaſſen. Sie meinte, ſie ſey es ſich ſelbſt ſchuldig, die Feſſeln der Gefuͤhlloſigkeit von ſich abzuſchuͤt⸗ teln, und ein neues Leben mit neuen Erwartungen zu beginnen. Wir armen Sterblichen aber ſind ſolche Selaven der Gewohnheit, daß wir uns lie⸗ ber Leiden hingeben, welche lange unſere Ge⸗ faͤhrten waren, ſtatt neue, wenn gleich noch un⸗ bekannte Freuden aufzuſuchen. Euthanaſia konnte ſtundenlang in dem verwuͤ⸗ ſteren Garten weilen, und ſich in einem wehmuͤ⸗ thigen Gefuͤhle wohlgefallen, wenn ihre Blicke etwa eine zarte Roſe erſpaͤheten, um welche das ihr Verderben bringende Unkraut ſein wildes Ge⸗ ſtruͤppe geſchlungen hatte. Ein eben ſo ſchwermuͤ⸗ thiges Vergnuͤgen gewaͤhrte es ihr, ſich hinauf auf den Thurm des Palaſtes zu begeben, und hin nach der Stelle zu ſchauen, wo einſt Valperga ge⸗ ſtanden.— Der Schmerz ihrer Seele ward noch durch das vermehrt, was ſie faſt taͤglich uͤber Caſtruccio hoͤr⸗ te. Er war nun in der That ganz zum Tyrannen — = 97— geworden; der Keim des falſchen Ehrgeizes war in ſeiner Seele uͤber die Gebuͤhr zur Reife gediehen. Jeden, auf den ſein Argwohn fiel, uͤbergab er ge⸗ fuͤhllos dem Tode, ja er nahm keinen Anſtand, Qualen und Martern anzuwenden, um etwaige neue Anſchlaͤge gegen ihn, die er, wie jeder Ty⸗ rrann, ſtets befuͤrchtete, zu entdecken. Viele Vor⸗ faͤlle dieſer Art fanden im Laufe des Sommers ſtatt, welche Euthanaſia nahmenloſen Kummer verurſachten. Sah ſie ſeine Feinde: höͤrte ſie nichts als Fluͤche und Verwuͤnſchungen uͤber ihn ausſprechen; ſah ſie Die, welche fruͤher ſeine Freunde geweſen waren: hoͤrte ſie, wie Alles ſich, nur in den bitterſten Ausdruͤcken, uͤber ſeine Un⸗ dankbarkeit, uͤber die Kaͤlte ſeines Herzens beklag⸗ tte. Dieſes Herz war einſt der Garten jeder Tu⸗ gend; jetzt aber war darin der Ehrgeiz zum Gaͤrt⸗ ner geworden; und das Unkraut, welches hinter der Wohnung Euthanaſia's wild emporſchoß, bot nur ein ſchwaches Bild der verheerenden Lei⸗ denſchaften dar, die in der Bruſt des Chrſtgeſt ten Wurzel geſchlagen hatten. Caſtruccio. uI. Band. 7 Caſtruccio's kriegeriſche Thaten beſtanden in⸗ deſſen, in dieſem Jahre, mehr in der Grundlage zu kuͤnſtigen Unternehmungen, als in wirklichen Eroberungen. Das Heer der Florentiner zog ſich zuruͤck; er nahm noch mehr feſte Schloͤſſer, ſchloß mehrere Buͤndniſſe, und that ſo Alles, was er konn⸗ te, dem großen Ziele, das er ins Auge gefaßt hatte, immer naͤher und naͤher zu kommen. Der Wunſch nach Macht und Anſehen beſeelte ihn jetzt nur noch allein; Euthanaſia war vergeſſen, oder wenn er ihrer noch zuweilen gedachte, ge⸗ ſchah es nur, um ſie eine Thoͤrin zu ſchelten, und ſchnell ſchlug er ſich dann jedesmal ihr Andenken wieder aus dem Sinn.— Der Sommer war, wie man es vorausgeſehen hatte, ungemein heiß; die Fluren lagen da, von keinem Regen erfriſcht, und Alles ſeufzte unter der allgemeinen Duͤrre, welche einen naſſen Herbſt verkuͤndete; und kaum hatte auch in der That Euthanaſia die Anſtalten zu ihrer Reiſe nach Flo⸗ renz getroffen, als pluͤtzlich der Regen ſo gewaltig herabzuſtuͤrzen begann, daß nicht nur alle Wege und Landſtraßen, ſondern auch die Gaſſen von Lucca mit Waſſer angefuͤllt wurden. Bindo blickte auf dieſes, ſeine Abſichten beguͤn⸗ ſtigende Dazwiſchentreten der Natur mit großer Freude; er glaubte, die Zauberin im Walde habe den Regen veranlaßt, die Reiſe der Graͤfin zu verhindern. Ein fruͤher und kalter Winter folgte, und noch bevor die Fluͤſſe und Baͤche wieder in ihre Graͤn⸗ zen zuruͤckkehren konnten, gefror das Waſſer. Seit Jahren hatte man dergleichen in Italien nicht geſehn; beſonders in dem Lucceſer Gebiet, gingen viele Fruchtbaͤume und Weinreben verlo⸗ ren. Die Berge waren mit Schnee bedeckt, die Waſſerfaͤlle, durch des Winters eiſige Hand, in ih⸗ rem Sturz gehemmt, kurz es war ein ſeltſamer Anblick fuͤr ein italieniſches Auge. Bald erwach⸗ te indeß die Natur wieder aus ihrem ſtarren Schlummer; die Strahlen der Sonne ſprengten die Bande, welche der Winter um die Fluͤſſe und Stroͤme geſchlagen hatte; die Fluren belebten ſich aufs Neue, und der Geſang der Voͤgel ſchallte wie⸗ 7* — 100— der in den Hainen.„fEr kehrt zuruͤck, der Lenz mit ſeinen Wonnen!“ ſprach Euthanaſia, und mit einem Ausdruck des tiefſten Schmerzes in ihrem bleichen Antlitz, fuhr ſie fort:“ Nur in mei⸗ ner Bruſt will die Bluͤthe neuer Hoffnungen nicht aufkeimen! Doch Muth, Muth, armes Herz! Jenſeits giebt es einen ewigen Lenz; er, er wird mir Bluͤthen ſpenden, iſt nur erſt der rauhe Win⸗ ter meines Erdendaſeyns voruͤber.“ Sie beſchloß, nur noch zu warten, bis die beſ⸗ ſere Jahreszeit noch ein wenig vorgeruͤckt ſeyn wuͤrde, um dann unverzuͤglich die laͤngſt beſchloſ⸗ ſene Reiſe nach Florenz anzutreten. 7 8. Nachdem aber Euthanaſia ſchon alle Anſtalten zu ihrer Ahreiſe getroffen hatte, trat ploͤtzlich ein Umſtand ein, welcher ſie bewog, jene noch laͤnger — 101— zu verſchieben. Einſt, ſpuͤt in der Nacht, es war nahe an zwoͤlf Uhr, ward ihr der Beſuch eines Fremden gemeldet. Es ſey, berichtete der Diener, ein Mann, ſo dicht in ſeinen Mantel gehuͤllt, daß man ſein Geſicht nicht ſehen koͤnne. Weshalb klopfte bei dieſer Kunde Euthanaſia's Herz? Wes⸗ halb faͤrbte hohe Gluth ihre Wangen? Was konn⸗ te ſie hoffen, was hatte ſie zu fuͤrchten? Der Fremde trat ein, und ein einziger Blick auf ihn reichte hin, die Bebende zu beruhigen. Als er den Mantel zuruͤck ſchlug, ſah die Graͤfin, daß es ein ihr voͤllig unbekannter Menſch aus der geringeren Klaſſe des Volkes ſey; aus ſeinem Antlitz aber leuchtete eine ungemeine Gutmuͤthigkeit, und Euthanaſia fragte demnach in einem freundlichen Tone nach ſeinem Begehren. „Ich komme, edle Graͤfin, um ein barmherzi⸗ ges Werk zu verrichten!“ entgegnete der Fremde, „Ich waͤre ungluͤcklich, wuͤrde je mein Vorhaben meinen Oberen bekannt. Ich bin Kerkermeiſter in den Gefaͤngniſſen zu Lucca; heute fruͤh uͤber⸗ gaben mir die Inquiſitoren ein Weib, deſſen An⸗ — 102— blick Jedermann, nur jene hartherzigen Moͤnche nicht, mit Mitleid erfuͤllte. Sie hat mich durch ihre Thraͤnen geruͤhrt, ſie laͤugnet jede Ketzerei, und behauptet, Ihr koͤnntet die Wahrheit ihrer Worte beſtaͤtigen. Sie verlangt ſehnſuchtsvoll, Euch zu ſprechen, und ſo bin ich dann, trotz der dunkeln Nacht und der drohenden Gefahr, hergewandert, Euch, edle Frau, wenn Ihr anders der Bitte der Ungluͤcklichen Gehoͤr geben wollt, in ihren Kerker zu fuͤhren. Gewiß, Ihr werdet der Ar⸗ men dieſen Troſt gewaͤhren! Sie iſt noch ſo jung, ſcheint ſo gut, und liegt nun da in einem dum⸗ pfen Gefaͤngniß, auf der Erde, von Schrecken und Angſt gefoltert..— „Die Beklagenswerthe!“ ſeufzte die Graͤfin; „Und nannte ſie Euch nicht ihren Namen??“ „Er ſey Euch unbekannt, meinte ſie; jedoch bittet ſie Euch, Euch einer Pilgerin zu erinnern, welche einſt auf Eurem Schloſſe einſprach.“ „Dergleichen kehrten gar haͤufig auf Valperga ein;“ verſetzte Euthanaſia;„wenn ſie aber ungluͤck⸗ lich iſt, und mich zu ſprechen wuͤnſcht, reicht das volkommen hin.— Ich bin bereit, Euch zu folgen.“ Sie ſchlug ihren Mantel um ſich, und ging muthig hinter ihrem Fuͤhrer her, durch die dunk⸗ len engen Gaſſen Lucca's. Bei dem Gefaͤngniß angelangt, eroͤffnete der Kerkermeiſter eine kleine Pforte, welche er, nachdem ſie eingetreten waren⸗ ſorgfaͤltig wieder verſchloß. Darauf brachte er eine kleine Lampe in Ordnung, und voran ſchritt er nun, von Euthanaſia begleitet, durch mehrere Gaͤnge und Gewoͤlbe, und endlich eine kleine, hoͤl⸗ zerne Stiege hinan, wo er Halt machte, den Rie⸗ gel vor einer kleinen Thuͤr wegſchob, und der Graͤfin die Lampe hinreichte, ſprechend:„Da drin⸗ nen findet Ihr ſie— verſucht's, ſie zu troͤſten! bald komme ich, Euch wieder abzuholen.“ Nicht ohne Beben trat die Graͤfin in den Ker⸗ ker. Die Gefangene lag in einem Winkel des Ge⸗ faͤngniſſes, auf dem Boden ausgeſtreckt. So wie ſie aber die Eintretende erblickte, ſprang ſie empor, ſtuͤrzte zu Euthanaſia's Fuͤßen, und, ihre Knieen krampfhaft umklammernd, ſlehete ſie:„Rettet — 104— mich! Ich beſchwoͤre Euch: rettet mich! auf dieſer Erde vermoͤgt nur Ihr mich zu retten.“ Die Graͤfin fuͤhlte ſich bis zu Thraͤnen bewegt. Sanft hob ſie die Leidende empor, und, ſie in ihre Arme nehmend, bemuͤhte ſie ſich, ſie zu troͤſten⸗ Die Gefangene ſeufzte und lehnte ihr Haupt auf Euthanaſia's Hand.„Beruhige dich, arme Dul⸗ derin!“ ſprach die Graͤfin,„Sage, was willſt du von mir? Was kann ich fuͤr dich thun? Sey unbe⸗ ſorgt! du ſollſt in mir eine Beſchuͤtzerin finden.“ „Wollt Ihr mir in der That Euren Schutz ver⸗ leihn?“ rief die Gefangene,„O, ſo eilt zu ihm— zu ihm!— ſagt ihm, daß er mich rette!— Er vermag es— Euch wird er die Bitte nicht ab⸗ ſchlagen.“ „Zu wem ſoll ich gehen?“ fragte Euthanaſia; „Beruhige dich! faſſe Muth! ſammle Deine Ge⸗ danken!— ſieh, ich halte Dich in meinen Armen! Du biſt jetzt voͤllig ſicher.“— „Ihr erinnert Euch meiner nicht?“ fragte die Gefangene, tief aufſeufzend, indem ſie ſich die Locken aus dem Antlitz ſtrich,“ Ach, auch er wird mich nicht wieder erkennen! Ich bin dem, was ich war, ſo unaͤhnlich, wie das gelbe, dahingewelkte Blatt dem jungen, gruͤnen Laube im Lenze.— Erinnert Ihr Euch meiner nicht?“ Euthanaſia blickte forſchend auf die Ungluͤckli⸗ che.„Ja, ja, ich entſinne mich!“— rief ſie dann, „Wie? Waͤr's moͤglich? Ihr waͤret wirklich jene“ — der Name Beatrice wollie nicht uͤber ihre Lippen. —„Jene Pilgerin,“ fuhr ſie demnach fort,„die einſt auf Valperga einſprach, dort aber nicht ra⸗ ſten wollte?“— „Ich bin es!“ ſtammelte Beatrice,„Ach, Ihr waret damals ſo guͤtig gegen mich! Wollt Ihr es nicht auch jetzt ſeyn? Wollt Ihr nicht hineilen zu ihm, auf daß er mich rette?“ „Zu wem?“ fragte die Graͤfin forſchend. „Zum Antelminelli— zum Caſtruccio!“ ant⸗ wortete die Ungluͤckliche. Eine hohe Roͤthe uͤber⸗ flog ihre Wange, ſie bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, und Thraͤnen entſtuͤrzten ihren Augen. „Ich will hin zu ihm;“ troͤſtete Euthanaſia; ndoch waͤre es nicht gerathener, mich bei den In⸗ — 106— guiſitoren fuͤr dich Arme zu verwenden? Ich kenne ſie, und glaube, ſie eher bewegen zu koͤnnen, als den Fuͤrſten.“— n„O, nein, nein! zu ihm eilt!“ rief die Gefan⸗ gene,„ſagt ihm, ich ſey Beatrice,— die ungluͤck⸗ liche Beatrice,— die er einſt zu Ferrara gekannt habe.— Damals, ach damals war ich ſo gluͤck⸗ lich! ſeitdem aber habe ich gelitten, mehr als menſchliche Zungen es zu beſchreiben vermoͤgen. Man klagt mich der Ketzerei an! will mich ver⸗ brennen— o rettet mich! rettet mich!“ In die⸗ ſem Augenblick trat der Kerkermeiſter herein, um die Graͤfin zuruͤckzugeleiten; Beatrice aber um⸗ klammerte dieſe mit krampfhafter Angſt.„Nein, nein, ich laſſe Euch nicht!“ rief ſie,„ich ſterbe, laßt Ihr mich allein.— Bevor Ihr erſchient, wußte ich oft nicht, wo ich war!— Wahnſinn wollte mich erfaſſen!— Ihr verſteht es ſo gut, Troſt zuzuſprechen! nein, nein, Ihr duͤrft nicht fort!“ 1 „Haͤltſt du mich hier zuruͤck,“ erwiderte Eutha⸗ naſia,“ kann ich ja den Fuͤrſten nicht aufſuchen, — 8—— 7— — bin ich ja außer Stande, fuͤr deine Befreiung zu wirken.“ Die Ungluͤckliche, deren Verſtand wirklich et⸗ was gelitten zu haben ſchien, wollte indeß von dieſen Gruͤnden nichts hoͤren. Sie umklammerte die Graͤfin aufs neue, und noͤthigte dieſe, einige Gewalt anzuwenden, ſich von ihr loszuwinden. Von Mitleid tief bewegt, folgte Euthanaſia nun ihrem Fuͤhrer wieder durch die duͤſteren Gaͤnge und durch die engen Straßen, bis ſie ihre Woh⸗ nung erreichte. Hier angelangt, begab ſie ſich in ihr Gemach, um uͤber die Art und Weiſe nachzu⸗ denken, wie ſie am naͤchſten Morgen Caſtruccio die Sache vorzubringen habe. Der Gedanke an eine Zuſammenkunft, mit dem einſt Geliebten, machte ſie erbeben. Sie nahm in⸗ deſſen ihre ganze Faſſung zuſammen, und kaum grauete der naͤchſte Morgen, als ſie ſich auch un⸗ verzuͤglich zu dem Beſuch bei dem Fuͤrſten von Lucca anſchickte. Sie bedeckte ihr Haupt mit ei⸗ nem Schleier, huͤllte ſich in einen reichen Man⸗ tel, und machte ſich dann allein auf den Weg, denn — 108— ſie konnte es durchaus nicht uͤber ſich gewinnen, ir⸗ gend Jemandem etwas von dieſem ſeltſamen Gange zu ſagen. Vor dem Palaſte der Regierung ange⸗ langt, verſchaffte ihr ihre koſtbare Kleidung und ihr wuͤrdevolles Benehmen unverzuͤglich Einlaß; ſie ward in das Zimmer des Fuͤrſten gefuͤhrt. Ihr Herz pochte hoͤrbar, als ſie eintrat; aber ſie ge⸗ dachte der ungluͤcklichen Beatrice, und ihre Ent⸗ ſchloſſenheit kehrte zuruͤck. Caſtruccio ſaß an ſeinem Schreibtiſche und war mit Leſen von Papieren beſchaͤftigt. Als er aber eine reichgekleidete Dame eintreten ſah, erhob er ſich aus ſeinem Seſſel, und ſchritt ihr entgegen. Unterdeſſen hatte die Graͤfin ihren Schleier zu- ruͤckgeſchlagen.—„Ich komme,“ ſprach ſie,„als eine Bittende. Mitleid fuͤhrt mich her.“ Der Fuͤrſt von Lucca, uͤber ihr Erſcheinen er⸗ ſtaunt und erfreut, ließ ſie ihre Rede nicht vollen⸗ den.—„Was Ihr auch von mir begehren moͤgt:“ rief er,„Euer Wunſch iſt Euch im Voraus ge⸗ waͤhrt! Sprecht ihn aber jetzt noch nicht aus, denn ſobald Euch Erfuͤllung geworden, eilt Ihr wieder — 109— von hinnen; und ich moͤchte Euch gern noch ein Weilchen hier feſthalten. Habe ich Euch doch ſeit einem ganzen Jahre nicht geſehn!— Ihr wendet Euch weg von mir? Ihr zuͤrnt mir noch immer 24— „Laßt jetzt nicht von mir die Rede ſeyn!“ ent⸗ gegnete die Graͤfin,„Nicht meinetwegen kam ich her. In Euren Kerkern ſchmachtet eine Un⸗ gluͤckliche, die der Ketzerei angeklagt wurde. Ich bitte Euch: gebt ihr die Freiheit wieder! ſie hat ſchon ſo viel gelitten!“ „Eine Ketzerin?“ ſprach Caſtruecio,„Derglei⸗ chen ſteht nicht unter meiner Gerichtsbarkeit. Ich miſche mich nicht gern in kirchliche Angelegen⸗ heiten.“ „Ihr macht dieſes Mal gewiß eine Ausnahme, habe ich Euch nur erſt den Nahmen der Ungluͤck⸗ lichen genannt!“ entgegnete Euthanaſia mit gro⸗ ßem Ernſte;„Es iſt die arme Beatrice aus Ferra⸗ ra, die mich zu Euch ſendet.“ Waͤre der Geiſt der beklagenswerthen Seherin ploͤtzlich aus dem Grabe geſtiegen, der Schrecken haͤtte Caſtruccio nicht aͤrger erfaſſen koͤnnen, als es jetzt Euthanaſia's Worte thaten. Jahre wa⸗ ren dahin geſchwunden, ſeit er Beatricen zum letzten Mal geſehn hatte!— was mußte ſie ſeit⸗ dem gelitten haben! Die Graͤſin gewahrte den Sturm der Gefuͤhle, der Caſtruccio's Bruſt durchwuͤhlte. Sie ſchwieg; aber ihr Auge ruhte, mit einem Ausdruck des Mitleids, auf dem Einſtgeliebten, der erſt nach einer langen Pauſe wieder Worte finden konnte. „Eilt! eilt!“ ſtammelte er,„Befreiet ſie! gewaͤhrt ihr einen Zufluchtsort!— Ihr ſeyd ja ohnehin ein Engel der Barmherzigkeit! Ihr kennt ja ihre traurige Geſchichte!— Beruhigt ſie— troͤſtet ſie— fuͤhrt ſie wieder zuruͤck in das Leben, die arme Beatrice!“ „Ich fliege, der Ungluͤcklichen ihre Befreiung anzukuͤndigen.“ entgegnete die Graͤfin,„Gebt Ihr Eurerſeits nur die noͤthigen Befehle.“ So ſprechend verließ ſie das Gemach, und eilte unverzuͤglich zu Beatricens Kerker, wo der ehr⸗ liche Gefaͤngnißwaͤrter, uͤber ihre Kunde unge⸗ mein erfreuet, ſie zu der Ungluͤcklichen fuͤhrte, — 111— welche, von ihren Leiden ermattet, auf ihrem Strohlager entſchlummert war. Euthanaſia gab dem Kerkermeiſter ein Zeichen, ſich ruhig zu ver⸗ halten, und neben der Dulderin niederknieend, erweckte ſie dieſe ſanft.„Steh auf, arme Leiden⸗ de!“ ſprach die Graͤfin,„Ich bringe frohe Bot⸗ ſchaft! du biſt frei!“ Beatrice blickte eine Weile derſte um ſich, ſo, als wiſſe ſie nicht, ob ſie auch ihren Ohren trauen duͤrfe. Dann aber warf ſie ſich zu den Fuͤ⸗ ßen ihrer Befreierin, umklammerte die Kniee der⸗ ſelben, ſprang darauf empor, umarmte den Ker⸗ kermeiſter, kurz, wußte vor Freude nicht, was ſie beginnen ſollte. Mit ſanſter Gewalt entzog die Graͤfin ſie dem duͤſteren Kerker, und nahm ſie mit ſich in ihre Wohnung, wo ſie ihrem Schuͤtz⸗ ling ein Bad bereiten und Erfriſchungen reichen ließ. Kaum aber war Beatricens erſte Freude uͤber ihre Befreiung voruͤber, verſank auch die Ungluͤckliche wieder in ſchwermuͤthige Betrachtun⸗ gen; Euthanaſia ſuchte ſie zu troͤſten, aber ver⸗ gebens. — 112— Unterdeſſen empfing die Graͤfin mehrere Briefe von Caſtruccio, worin er ſie dringend erſuchte, doch ja ihre Hand nicht von der Beklagenswer⸗ then abzuziehn. 9. 1 Lange noch blieben Euthanaſta's raſtloſe Be⸗ muͤhungen, die ungluͤckliche Beatrice zu beruhi⸗ gen, fruchtlos; endlich aber ſchienen doch die Troſtworte der Graͤfin Eingang zu finden. Die Schwermuth der armen Seherin war zwar noch immer dieſelbe, aber ſie gab ſich doch nicht mehr, wie fruͤher, einer gaͤnzlichen Gefuͤhlloſigkeit hin. Und als die Graͤfin ſie einſt erinnerte, daß eine Mittheilung ihrer traurigen Geſchichte vielleicht ihr Herz erleichtern werde, erklaͤrte ſie ſich nach einigem Nachdenken dazu bereit, und begann die — 113— Erzaͤhlung der traurigen Begebenheiten ihres Lebens folgendermaßen:. „Ihr wißt, daß ich Caſtruccio liebte.— Wie ſehr ich ihn liebte, vermag ich Euch nicht zu ſchil⸗ dern.— Ich glaubte, in meiner thoͤrigten Traͤume⸗ rei, der Himmel habe unſeren Bund geheiligt. — Er verließ mich!— Stunden, Tage, Mon⸗ de ſchwanden mir bewußtlos dahin! Nur wenn der Name Caſtruccio genannt ward, erwachte ich aus meiner Starrſucht! dann weinte ich bitterlich. Endlich raffte ich die mir noch uͤbrigen wenigen Seelen, und Koͤrperkraͤfte zuſammen. Ich beſchloß, als eine Buße fuͤr meine Suͤnden, eine Wallfahrt zu unternehmen, und als Pilgerin Euch, Caſtruc⸗ cio's Geliebte, kennen zu lernen. Drei Monate vergingen, bevor ich mein Herz zu dieſem Ent⸗ ſchluſſe ſtaͤhlen konnte.— Endlich machte ich mich eines Morgens von Ferrara auf den Weg. Ich wanderte jetzt allein und verlaſſen daher. Die Sonne ſenkte ihre brennenden Strahlen herab, der Regen ſtuͤrzte auf mich nieder; ich achtete es nicht. Matt und erſchoͤpft langte ich auf Eurem Caſtruecio. 1I. Band. 8 — 114.— Schloſſe an. Was ich empfand, Die zu ſehen, der, wie ich glaubte, Caſtruccio's Herz gehoͤrte, vermag ich nicht, Euch zu beſchreiben. Ich hatte mir Euren Anblick als Buße auferlegt, aber ich fuͤhlte bald, daß ich mir eine zu harte Pruͤfung zuerkannt hatte. Schwermuͤthiger, als je zuvor, verließ ich Euer Schloß, und dahin ſchwankte ich auf der Straße nach Rom. „Mit jedem Tage aber ſchwanden meine Kraͤfte immer mehr und mehr dahin. Ohnmaͤchtig ſank ich endlich zu Boden; ich glaubte in dieſem Augen⸗ blick, mein Erdenleiden ſey geendet; aber der Himmel hatte es anders beſchloſſen. Nach einer langen Krankheit, welche, wie ich ſpaͤterhin er⸗ fuhr, mehrere Monate gewaͤhrt hatte, und die dann in einen, Jahre lang dauernden, wahnſinni⸗ gen Zuſtand uͤbergangen war, fand ich mich end⸗ lich in der Hoͤhle eines Waldbewohners wieder, der mich auf der Landſtraße liegend gefunden, in ſeine Wohnung getragen und gepflegt hatte. Es war ein von der Kirche als Ketzer Verfolgter, der ſich in jenem Walde vor der Wuth der Geiſtlichen verborgen hielt. Dankbarkeit bewog mich, ihn nicht zu verlaſſen. Ich theilte ſeine Einſamkeit — da ward er ploͤtzlich in ſeiner Hoͤhle von den Abgeſandten der Inquiſition uͤberfallen und dem Tode uͤbergeben! Auch ich ward gefangen genom⸗ men, und in den Kerker geſchleppt— Ihr wißt das Uebrige.— Mein Entſchluß fuͤr die Zu⸗ kunft ſteht feſt!— Ihr wolltet nach Florenz! Ich vermag mich von der Stadt nicht zu trennen, in der Caſtruccio lebt!— In der Naͤhe ſeines Pa⸗ laſtes beſindet ſich ein Nonnenkloſter; dort will ich meine Tage beſchließen. Ich habe ſchon nach dem Beichtvater jenes Stiftes geſandt; haͤlt er mich fuͤr wuͤrdig dazu, jene heiligen Mauern zu bewoh⸗ nen: bin ich bereit, ſogleich mein Noviziat anzu⸗ treten, und den Schleier zu nehmen. Ich bitte Euch, Eure Guͤte gegen mich zu vollenden, und ſo lange in Lucca zu verweilen, bis ich mein Ge⸗ luͤbde abgelegt haben werde; denn, ganz dem Him⸗ mel geweiht, wird mir die Trennung von Euch weniger ſchmerzhaft fallen.“ 8* — 116— Bei dieſen letzten Worten warf ſich Beatrice in die Arme ihrer Beſchuͤtzerin, welche den Ent⸗ ſchluß der Ungluͤcklichen nicht anders, als billigen konnte, und mit Freuden gewahrte, daß die An⸗ dachtsuͤbungen, welche Beatrice noch an demſel⸗ ben Tage, unter Anleitung des frommen Veicht⸗ vaters jenes obenerwaͤhnten Kloſters begann, auf das Opfer einer verirrten Phantaſie die ſe⸗ gensreichſten Folgen zu haben ſchienen. Unterdeſſen war der Sommer heran geruͤckt, jene fruchtreiche Jahreszeit, die der Erde geſchenkt ſcheint, auf daß ſie ſich freue, in welche aber ge⸗ meinhin der Ruhm⸗ und Ehrſuͤchtige ſeine kriege⸗ riſchen Thaten zu verlegen ſtrebt. Caſtruccio hatte ſich jetzt nicht allein das ganze Lucceſer Ge⸗ biet, ſondern auch einen großen Theil der Umge⸗ gend unterthaͤnig gemacht. Sein ganzes Augen⸗ merk aber war nunmehr auf Florenz gerichtet; ſein eifrigſter Wunſch ging dahin, dieſe Stadt zu demuͤthigen, wo nicht gar ſie zur Unterwerfung zu zwingen. Im Laufe dieſes Sommers ſuchte er demnach dieſem ſeinem Ziele, wenigſtens um ei⸗ — nen Schritt naͤher zu kommen. Der Abt von Pacciana, ein Liebling des Volks, und Caſtruc⸗ cio's Freund, hatte ſich in Pistoja großen Einfluß zu verſchaffen gewußt, und verſtand es, dieſen, zu Gunſten des Fuͤrſten von Lucca, ſo klug zu ver⸗ wenden, daß die Geſandten von Florenz aus Pis⸗ toja fortgeſchickt, und mehrere feſte Schloͤſſer die⸗ ſes Gebiets dem Caſtruccio uͤbergeben wurden⸗ Zu dieſen gehoͤrte auch die Veſte, welche auf dem Berge gelegen war, der die Stadt beherrſchte; und hier lauerte nun Caſtruccio, wie ein Habicht auf ſeine Beute, auf einen guͤnſtigen Zeitpunkt, ſich hinab auf den Feind zu ſtuͤrzen. Er hatte jetzt auch den Gedanken gefaßt, ſich zum Herrn von Piſa zu machen. Das Volk dort hatte die bisherige Regierung uͤber den Haufen geworfen, das Oberhaupt derſelben enthaupten laſſen, und ſich darauf in Partheien getheilt, wel⸗ che, ſelbſt innerhalb der Stadt, blutigen Zwiſt miteinander fuͤhrten. In dieſem Augenblick er⸗ ſchien Caſtruccio mit ſeinem Heer auf den Anhoͤ⸗ hen von Giuliano; dieſer Umſtand ſtellte in der — 118— Stadt plötzlich den Frieden wieder her; man er⸗ waͤhlte ein neues Oberhaupt, und vereinte ſich, dem gemeinſchaftlichen Feinde die Spitz e zu bieten. Caſtruccio zog ſich nach Lucca zuruͤck, wo er, durch den Sturz des Piſaer Oberhauptes gewarnt, zu ſeiner Sicherheit, und entſchloſſen, der Gunſt des Volkes ſich fuͤrder nicht anzuvertrauen, innerhalb der Stadtmauern eine ſtarke Feſte auffuͤhren ließ, die er Agoſta nannte. Bei ihrer Erbauung wur⸗ den weder Koſten noch Muͤhe geſpart, ſo daß Je⸗ dermann dieſes Schloß als das prachtvollſte Ge⸗ baͤude jener Zeit betrachtete. Es lag in dem, ge⸗ gen Piſa gekehrten Theile der Stadt, war von ei⸗ ner hohen und ſtarken Mauer umgeben, und durch dreißig Thuͤrme befeſtigt. Die Bewohner eines ganzen Stadtviertels wurden aus ihren Wohnun⸗ gen vertrieben, um dieſem neuen Denkmal der Tyrannei Platz zu machen, in welchem fortan Caſtruccio mit ſeinen Anhaͤngern in ſtolzer Si⸗ cherheit zu leben gedachte. Gegen Ende des Junius— bis dahin hatte Euthanaſia faſt ausſchließlich nur fuͤr ihren un⸗ . — 119— gluͤcklichen Schuͤtzling gelebt— erhielt die Graͤfin ploͤtzliich Nachricht aus Florenz, daß eine ihrer liebſten Freundinnen dort geſäͤhrlich erkrankt ſey, und ſehnlichſt ſie zu ſprechen verlange. Sie theilte das erhaltene Schreiben Beatricen mit, welche ſich den Lehren des ehrwuͤrdigen Vaters Lanfranco fortwaͤhrend hingab, und ſo nach und nach zu ei⸗ ner Seelenruhe gelangte, die ihr bisher fremd ge⸗ weſen war. „Geht, theuere Wohlthaͤterin,“ ſprach ſte ſanft, zu Euthanaſia gewandt,„geht! aber kehrt bald wieder zuruͤck!— Ihr habt mir verſprochen, mich nicht zu verlaſſen, bis ich mein Geluͤbde abgelegt haben wuͤrde: dann ſeyd Ihr frei.— Geht, geht, Ihr ſanfter Schutzengel der armen Bea⸗ trice, der Armen an Allem, nur nicht an Dank⸗ barkeit! Bei Eurer Ruͤckkehr ſollt Ihr mit mir zufrieden ſeyn. Ihr werdet, ſo hoffe ich zu Gott, in mir das ſtille, gelehrige Kind wiederfinden, das zu ſeyn, ich mich nun ſchon einen Monat lang bemuͤhte.“ — 120— Euthanaſia nahm von ihrem Schuͤtzling, kum⸗ mererfuͤllt, und mit einer wehmuͤthigen Ahnung Abſchied; aber ſte war genoͤthigt, dem Rufe der Freundſchaft zu folgen, und der kranken Jugend⸗ gefaͤhrtin den verlangten Troſt zu bringen; und ſo machte ſie ſich dann, wenn auch mit ſchwerem „Herzen, nach Florenz auf den Weg. Das Thal von Nicole bot ihr zu traurige Erinnerungen dar, als daß ſie es uͤber ſich haͤtte gewinnen koͤn⸗ nen, daſſelbe zu betreten; auch hatte Caſtruccio's Heer dort die Paͤſſe beſetzt; ſie mußte fuͤrchten, dem Einſtgeliebten zu begegnen, und ſeinen An⸗ blick wollte ſie durchaus vermeiden. Sie ſchlug demnach den Weg uͤber Piſa ein, und langte auch gluͤcklich in ihrer Geburtsſtadt an, wo ſie, zu ihrer großen Freude, ihre Jugendfreundin ſchon wieder in der Beſſerung fand. Dieſe aber, ſo wie alle ihre uͤbrigen Freunde und Bekannten, waren tief bekuͤmmert, als ſie aus dem Munde der ihnen nach ſo langer Trennung Wiedergegebenen, der ſo heiß Zuruͤckerſehnten, erfuhren, daß ſie nur auf kurze Zeit wiedergekehrt und entſchloſſen war, ſich —,— wieder nach Lucca zu begeben, an welche Stadt kein Florentiner ſeit geraumer Zeit ohne Haß, ohne Widerwillen zu denken vermochte. Eutha⸗ naſia aber nahm zu innigen Antheil an Beatri⸗ cens Schickſal, als daß ſie im Stande geweſen waͤre, das der armen Leidenden gegebene Wort zu brechen. Zwar verurſachte ihr die neue Tren⸗ nung von ihren Jugendfreunden unendlichen Schmerz; aber eingedenk, daß ihr Schuͤtzling auf dieſer Welt außer ihr keinen Troſt habe, machte ſie ſich, nachdem ſie einen Monat bei ihren Freun⸗ den zu Florenz verlebt hatte, wieder nach Lucca auf den Weg. 10. Es war Abend, als die Graͤfin wieder in Lueca anlangte. Ach! ſie wußte nicht, welch' ein Auftritt ihrer dort harrte! Die dem Thore zunaͤchſt gele⸗ 122— genen Gaſſen waren menſchenleer; ſo wie ſich aber Euthanaſia ihrer Wohnung naͤherte, wurden die Straßen volkreicher; vor ihrem Palaſte ſelbſt hatte ſich eine große Menſchenmenge verſammelt, und deutlich gewahrte ſie, wie alle Anſtalten zu einem Leichenbegaͤngniß getroffen wurden. Eine „furchtbare Angſt erſtieg bei dieſem Anblick in ih⸗ rem Innern; die ſchwermuͤthige Ahnung, welche ſie bei ihrer Trennung von Beatricen empfunden hatte, ward ploͤtzlich zur Gewißheit; ſie fragte nicht, weshalb man hier verſammelt ſey; wozu bedurfte es auch dieſer Frage? Sagte es ihr ihr Herz doch nur zu laut, daß die arme Beatrice ausgelitten habe, daß ſie hinuͤbergegangen ſey in die Ewigkeit, um fuͤr ihre Verirrungen Verzei⸗ hung, fuͤr ihre Leiden aber Vergeltung zu em⸗ pfangen. So war es in der That. Der Troſt gewaͤhrenden Naͤhe Euthanaſta's beraubt, hatte ſich, gleich nach der Abreiſe derſelben, neuerdings der Ungluͤcklichen eine tiefe Schwermuth bemaͤch⸗ tigt, welche auf ihren ohnehin ſchon geſchwaͤchten Koͤrper ſo nachtheilig einwirkte, daß ſie bald nicht v — 123— mehr im Stande war, ihr Lager zu verlaſſen. Sie verlangte durchaus, daß der Graͤfin keine Kunde von ihrem Erkranken gegeben werden ſolle, denn ſie wollte ihre Wohlthaͤterin nicht dem Kreiſe ihrer Freunde zu Florenz entziehn. Sie fuͤhlte, daß ſie ſterben wuͤrde; dieſe Ueberzeugung aber ſchien ihr große Freude zu gewaͤhren; denn, mit dem Himmel ausgeſoͤhnt, uͤberzeugt, jenſeits einen gna⸗ denreichen Richter zu finden, brachte ſie die weni⸗ gen, ihr noch uͤbrigen Tage im frommen Gebet mit dem ehrwuͤrdigen Vater Lanfranco hin. Den Segen des Ewigen erflehte ſie fuͤr ihre Beſchuͤ⸗ tzerin; dann ſchied ſie aus einer Welt, die ihr nur Schmerzen und Qualen gebracht hatte.— Als der Fuͤrſt von Lucca, der, in ſeinem ehrgeizigen Stre⸗ ben, der armen Beatrice laͤngſt nicht mehr ge⸗ dachte, die Kunde von ihrem Tode erfuhr, bebte er auf einen Augenblick gar maͤchtig zuſammen, und von einem ploͤtzlichen Gefuͤhl angetrieben, gab er unverzuͤglich Befehl, ihre irdiſchen Ueber⸗ reſte auf das Prachtvollſte zur Erde zu beſtatten, ein Gebot, welches man eben zu erfuͤllen im Be⸗ — 124— griff war, als Euthanaſia wieder zu Lucca an⸗ langte. Tief bekuͤmmert ritt die Graͤfin durch die Men⸗ ge, welche ihr ehrerbietig Platz machte, in das Thor des Palaſtes hinein, ließ ſich von ihren Die⸗ nern aus dem Sattel heben, und ſchritt dann ſchwermuthsvoll die breite, hell erleuchtete Mar⸗ morſtiege hinan, in das ſchwarzbehaͤngte Gemach, wo die Leiche ausgeſtellt war. Dieſe lag in koſt⸗ barer Kleidung, auf einer reichgeſchmuͤckten Bah⸗ re; Blumen, deren lebendige Farbe und Friſche der erblaßten Wange der Todten zu ſpotten ſchienen, waren uͤber die Leiche und rund um in dem Ge⸗ mache geſtreuet; zwei Knaben gingen auf und ab und ſchwangen Weihrauchfaͤſſer. Das Zimmer war mit Trauerweibern angefuͤllt; eine derſelben knieete in ſchwarzer Kleidung, mit aufgeloͤſtem Haar, an dem Oberende der Bahre, und ſtimmte grade, als Euthanaſia eintrat, den Leichengeſang an. Das Lied war einfoͤrmig, aber dennoch nicht unmelodiſch, beſchrieb die Leiden und die Schick⸗ ſale der Hinuͤbergegangenen, und endete mit den Worten:“ d „Weh! ſie liegt geſtorben auf der Bahre!“ Die uͤbrigen Trauerweiber wiederholten dieſe letzten Worte, worauf die Erſte ein anderes Lied zum Lobe der armen Beatrice anſtimmte. Die erſten Verſe deſſelben ſchilderten die Verſtorbene, in Jugendſchoͤnheit prangend, von ihren Mitbuͤr⸗ gern geliebt, angebetet.„Da aber,“ ſo ſang die Saͤngering weiter,„trat der Boͤſe zu ihr und er⸗ fuͤllte ihren Sinn mit thoͤrigten Phantaſieen, bis endlich der Tod ihren Leiden ein Ziel ſetzte.“ Nach beendigtem Geſange ward die Leiche und das Gemach von den Prieſtern mit Weihwaſſer beſprengt, und die Weihrauchfaͤſſer wurden aufs neue gefuͤllt. Vier Traͤger erhoben darauf die Bahre, und folgten dem Zuge der Prieſter, wel⸗ che mit dem Cruciſix voranſchritten, und ein feier⸗ liches Lied ſangen. In den Straßen, durch wel⸗ che ſich die Leichenprozeſſion dahin bewegte, war — 126— es hell, wie am Tage, denn uͤberall loderten Fa⸗ ckeln. Der Schaar der Prieſter folgte die Bah⸗ re, auf der die, mit Blumen beſtreuete, irdiſche Huͤlle der armen Beatrice lag. Viele Jungfrauen ſchritten, mit brennenden Wachskerzen in den Haͤn⸗ den, hintendrein; ein Trupp Reiter beſchloß den Zug. Es war Mitternacht, als man mit der Lei⸗ che in der Kirche anlangte. Die Schatten der ho⸗ hen Fenſter waren im Schimmer des Mondes auf dem mit marmornen Fließen bedeckten Fußboden ſichtbar; aber ſie erloſchen alsbald in dem Glanze der hereingetragenen Fackeln. Beatrice ward in die Friede gewaͤhrende Gruft geſenkt; eine Meſſe ward geleſen fuͤr die Ruhe ihrer Seele, und die Ce⸗ remonie war geendet. Euthanaſia war dem Zuge nicht in die Kirche gefolgt. Sie war daheim geblieben, um in ſtiller Einſamkeit ihrem Herzen durch Thraͤnen Luft zu machen; aber auch dieſes Troſtes ſollte ſie ſich nicht erfreuen, denn kaum war die Kunde ihrer Ruͤckkehr bekannt geworden, als auch viele edle Frauen Lueca's herbeilten, ihr ihre Theilnahme zu —— bezeigen. Euthanaſia war gensthigt, ſich dieſe wirklichen, oder erheuchelten Beileidsbezeigungen gefallen zu laſſen; aber ſie konnte nicht umhin, es in ihrem Innern aufs hoͤchſte zu mißbilligen, daß Caſtruccio ihren armen Schuͤtzling auf ſo Aufſehn erregende Weiſe hatte zur Erde beſtatten laſſen; ſie meinte, es waͤre paſſender geweſen, waͤre die Ungluͤckliche ſtill und anſpruchslos beer⸗ digt worden, waͤren, ſtatt der erkauften Thraͤnen der Trauerweiber, nur die Zaͤhren der Wenigen, die ſie genauer kannten, um ſie geſloſſen. Ca⸗ ſtrucccio's falſcher Stolz ließ ihn anders denken; und ſo thoͤricht war das Vorurtheil jener Zeit, daß die meiſten ſeiner Mitlebenden ſich uͤberzeugt hielten, er habe durch die Ehre, die er ihr nach ihrem Tode erzeigte, die Kraͤnkungen reichlich ver⸗ golten, die er ihr in ihrem Leben zufuͤgte. 1 Der Kummer der Graͤfin aber ſollte am naͤch: ſten Tage noch neuen Zuwachs erhalten. Bindo, welcher ſich, aus Liebe fuͤr ſeine Gebieterin, der vermeintlichen Zauberin im Walde voͤllig hingege⸗ ben hatte, und der, den Worten derſelben ver⸗ Stwauend, uͤber die Abreiſe der Graͤfin von Lucca, höͤchſt bekuͤmmert war, kehrte zu der Huͤtte der Alten zuruͤck, um Troſt bei ihr zu ſuchen. Ge⸗ rade aber, als er ſich dort befand, ward ihre narmſelige Wohnung auf den Befehl Caſtruccio's, dem ihre Betruͤgereien und ihre boͤſen Anſchlaͤge ggegen ihn verrathen worden waren, von einer Schaar ſeiner Krieger uͤberfallen, welche, von ei⸗ nem grauſamen Aberglauben angetrieben, die Al⸗ te nur fuͤr eine verderbenbringende Hexe hielten, den Ausgang ſperrten, und die Huͤtte in Brand ſteckten, ſo daß die Bewohnerin derſelben und Bindo ihren Tod in den Flammen fanden.— e Nach dem Dahinſcheiden der armen Beatrice war jetzt kein Band mehr vorhanden, welches Eu⸗ athanaſia an Lucca feſſelte. Sie ſehnte ſich danach, eine Stadt zu verlaſſen, in der ihr das Geſchick ſo manchen Leidensbecher gereicht hatte; und ſo sbegab ſie ſich bald nach dem Tode ihres Schuͤtz⸗ kings nach Florenz, wo ſie in dem Umgange mit ithren Freunden und in wiſſenſchaftlichen Beſchaͤf⸗ tigungen einigen Erſatz fuͤr das erduldete Mißge ſchick fand.— Caſtruccio war nun ſchon ſechs Jahre lang Fuͤrſt von Lucca. Er hatte ſein drei und dreißig⸗ ſtes Jahr erreicht, und ſeine Geſichtszuͤge trugen nunmehr voͤllig das Gepraͤge ſeines Charakters. Da er ſich ruͤckſichtlos jeder Witterung ausſetzte, war ſeine Wange braun gefaͤrbt, waͤhrend ſich auf ſeiner Stirn duͤſtre Falten gelagert hatten; ſeine Augen hatten zwar das ihnen eigenthuͤmliche Feuer keineswegs verloren, aber der Ausdruck von Sanftmuth, den ſie einſt beſaßen, war ver⸗ ſchwunden. Er war noch immer guͤtig und dankbar gegen ſeine Freunde, ſo lange er ſie als ſolche betrachten zu koͤnnen glaubte; aber er war ſtets bereit, ſich dem Mißtrauen hinzugeben. Kalte Blicke und entzogene Gunſt folgten dann raſch dem Arg⸗ wohne, ja er hatte ſogar unverſoͤhnlichen Haß in Bereitſchaft, wenn jene Aeußerungen eines unge⸗ rechten Verdachts nicht mit Geduld und Unterwer⸗ fung ertragen wurden; und dann war der Gegen⸗ Caſtruseio. n. Band. 9 — 130— ſtand ſeines Zornes verloren. Hatte Caſtruecio Argwohn gegen Jemanden gefaßt, war dieſes ihm oft vollkommen hinreichend, Dem, auf den er ei⸗ nen Verdacht geworfen hatte, ohne Weiteres das Gebot zu ſenden, ſich unverzuͤglich aus Lucca zu entfernen, wo dann die Guter des Verbannten zum Vortheil der Regierung eingezogen wurden. — Glaubte er nun aber gar, er habe Dieſen dder Jenen zu fuͤrchten: wat auch faſt eben ſo ſchnell das Urtheil uͤber den vermeintlichen Feind ge⸗ ſprochen. Er war uͤber alle Begriffe grauſam ge⸗ worden. Es genuͤgte ihm nicht, ſich von ſeinen Gegnern durch den Tod zu befreien; einige der⸗ ſelben mußten Hungers ſterben, und uͤber Andere verhaͤngte er noch furchtbarere Qualen. Dieſe barbariſche 4 Denkungsart kann allerdings, wenig⸗ ſtens; zum Theil, auf Rechnung der Sitten jener Zeit geſtellt werden; aber abgeſehn davon, machte Grauſamkeit jetzt einen Hauptzug in Caſtruccio's Charakter aus. Fuͤrchteten ihn ſeine Feinde i im offenen Kriege, ſcheueten ſie nicht weniger ſeine geheime Polittt — 131— Sein Anſchlag auf das Leben des Koͤnigs von Neapel bewies, weſſen er faͤhig ſey. In jeder Stadt hatte er ſeine Spaͤher, und faſt taͤglich be⸗ kam er geheime Kunde, von allen Hoͤfen in der Lombardei. Weiber und Prieſter dienten ihm oft zu Werkzeugen, ja nicht ſelten wußte er die vornehmſten Edelleute zu bewegen, zu Verraͤthern an ihrem Vaterlande zu werden. So ſehr hatte ſich der Charakter Caſtruceio's, des einſtigen Jugendgeſpielen Euthanaſia's, veraͤndert! Eine Umwandlung, welche fuͤr ihn die boͤſe Folge hatte, daß er nur von Wenigen geliebt, von den Meiſten gehaßt, von Allen aber gefuͤrchtet ward. Seine fortwaͤhrenden Kriege, welche uͤber alle benach⸗ barten Staaten Armuth und Elend herbeifuͤhrten, bereicherten den ſeinigen eben ſo wenig. Seine arg⸗ liſtige Politik war raſtlos bemuͤht, zwiſchen den aͤlteſten und liebſten Freunden den Saamen der Zwietracht auszuſtreuen, und nie gab es in Ita⸗ lien mehr Spaͤher und Verraͤther, als zu der Zeit, in welcher die Regierung von Lucca ſich in ſei⸗ nen Haͤnden befand. 4 9* die Ebene von Lucra, welche ſeit Jahren von dem — 132— Das Ziel, welches ſich Caſtruccio ganz beſon⸗ ders vorgeſteckt hatte, war, wie wir bereits fruͤ⸗ her erzaͤhlt haben, die Unterjochung von Florenz. Zwar ging er nur langſam zu Werke, aber er kam doch ſeinem Zwecke immer naͤher und naͤher, denn er war raſtlos bemuͤht, den Zuſtand ſeines Heeres zu verbeſſern, und alles anzuordnen, um den letzten, entſcheidenden Schlag zu wagen. Sein erſter Anſchlag war jetzt auf Piſtoja gerichtet, und es gelang ihm auch wirklich, dieſe Stadt durch Verrath in ſeine Haͤnde zu bringen. Die Florentiner wurden uͤber dieſen Unfall in große Angſt verſetzt; ſie wandten ſich an den Pabſt, und dieſer ſandte ihnen Raimond de Cardona, einen der beruͤhmteſten Feldherrn jener Zeit, den ſie auch unverzuͤglich an die Spitze ihres Heeres ſtellten. Cardona ging uͤber den Guisciana, und verwuͤſtete Feinde verſchont geblieben war; als er aber den Raͤckzug antreten wollte, gewahrte er, daß er von Caſtruceio durch meiſterhafte Maͤrſche umgangen worden ſey. Er ward voͤllig geſchlagen, und nach — 18s— einem kurzen, aber heftigen Kampfe ſammt ſei⸗ nem ganzen Heere zum Gefangenen gemacht. Auch der Fuͤrſt von Lucca, obgleich Sieger, hatte an dieſem Tage einen ſchmerzlichen Verluſt erlitten. Sein Liebling Arrigo Guinigi befand ſich unter den Todten. Caſtruccio fuͤhlte ſich tief ern ſchuͤttert; er hatte ſeinen juͤngeren Freund ſtets als einen, ihm von dem Vater deſſelben, anver⸗ trauten Schatz betrachtet; in dem wilden Getreibe ſeines Lebens war dennoch die Erinnerung an⸗ jes nen wuͤrdigen Greis nicht in ſeiner Seele erlo⸗ ſchen. Er hatte Arrigo, wie einen Bruder, wie einen Sohn geliebt; ſelbſt kinderlos, war oft der Gedanke in ihm aufgeſtiegen, ſeinen jungen Freund zu ſeinem Erben, zu ſeinem Nachfolger eine zuſetzen; und ſoergriff ihn denn der Schmerz all⸗ gewaltig, als er ſich nun genoͤthigt ſah, den Sohn ſeines einſtigen Lehrers mit den uͤbrigen Todten beerdigen zu laſſen, und die Staͤtte zu bezeichnen, wo ein aus Marmor gehauenes Denkmal verkuͤnden ſollte, daß hier die Gebeine Qirrigo Guinigi's ruhten. 11. Nachdem er die Schlacht gewonnen, und ſeinen, in der Bluͤthe der Jahre dem Tode zum Raube ge⸗ wordenen Freund, der muͤtterlichen Erde wieder⸗ gegeben hatte, fuͤhrte Caſtruccio ſein Heer bis vor die Thore von Florenz. Von Schrecken er⸗ faßt, flohen die Landleute vor ihm her, mit dem wenigen, von ihnen geretteten Eigenthum, in⸗ nerhalb der Stadt Schutz ſuchend. Alles Zuruͤck⸗ gelaſſene fiel dem Lucceſer Heer zur Beute, wel⸗ ches ſeinen Marſch durch Mord und Brand be⸗ zeichnete. Ueberall war die Erndte ſchon einge⸗ bracht worden, Caſtruccio's wilde Krieger aber verſchonten nichts; ſie ließen die vollen Scheuern in Flammen aufgehn, zerſtoͤrten die Weinreben und Olivenbaͤume, und brannten die friedlichen Wohnungen ihrer Eigenthuͤmer nieder. Rund um Florenz befanden ſich zahlreiche Villa's, die Sommerwohnungen der reichen Bürger; Alles, was nur zu dem Lurus jener Zeit gehoͤrte, war hier vorhanden. Herrliche Gaͤrten, in wel⸗ chen die ſeltenſten Baͤume, die koͤſtlichſten Blu⸗ men prangten, traten dem Auge freundlich ent⸗ gegen; alle hier befindlichen, ſo reichen Schoͤtze der Natur und der Kunſt aber wurden von den wilden Kriegern verwuͤſtet; und nach wenigen Tagen ſchon bot dieſes irdiſche Paradies nur noch einen Schauplatz greuelvoller Zerſtoͤrung dar. Das Heer ſchlug ſein Lager vor den Thoren von Florenz auf. Die innerhalb der Stadt be⸗ findlichen Krieger waͤren, vereint mit den waffen/ faͤhigen Buͤrgern, allerdings wohl im Stande ge⸗ weſen, dem Feinde die Spitze zu bieten; aber mehr, als die Staͤrke deſſelben, fuͤrchteten ſie, daß Verraͤtherei die Stadt in ſeine Gewalt bringen wuͤrde, denn unter Caſtruccio's Gefangenen be⸗ fanden ſich viele edle Florentiner, und es ſtand zu beſorgen, daß die Verwandten derſelben, um das Leben der Ihrigen ſicher zu ſtellen, mit dem Feinde in Unterhandlung treten wuͤrden. Tag und Nacht wurden demnach die Mauern und die Thoxe be⸗ wacht und Patrouillen durch die Gaſſen geſandts 3 — 136— Jeder detrachtere den Anderen mit argwoͤhniſchem Auge, Jeder horchte mit Schrecken dem wilden Jubel, der von Caſtruccio's Heer in die Stadt een Keſchsl. An Der ſiegreiche Fuͤrſt munterte, den Belagertsn zum Trotz, ſeine Krieger auf, ſich jeder Art von Beluſtigung hinzugeben; auch ſandte er mehrere⸗ male hoͤhniſche Aufforderungen an die in der Stabt befindlichen Krieger, ſich doch nicht feig⸗ herzig in ihrer Hoͤhle zu verbergen, ſondern ſich herauszuwagen und ihm im offenen Felde entge⸗ ‚genzutreten. Caſtruccio's Mannen, nur zu be⸗ reit, dem Wink ihres Heerfuͤhrers zu folgen, ſchleu⸗ derten mit ihren Wurfmaſchinen todte Hunde und andere Thiere in die Stadt. Wehe dem Flo⸗ rrentiner, der imihre Haͤnde ſiel! War es ein Weib, „rkonnten weder die Thränen der Unſchuld, noch udie reichſten Verſprechungen ſie vor ſchaͤndlicher „Behandlung ſchuͤtzen; war es aber ein Mann, ward er nackt auf einem Eſel durchs Lager gefuͤhrt, und dann nicht ſelten zu Tode gemartert. — 137— Wäͤhrend ſich nun ſo die Lucceſer einer tobenden Schwelgerei hingaben, wobei ſie ſich faſt taͤglich. in den koͤſtlichen, erbeuteten Weinen der Floren⸗ tiner berauſchten, und Vorraͤthe fuͤr Jahre in wenigen Wochen verſchlemmten, boten die armen Bewohner der belagerten Stadt einen um ſo trau⸗ rigern Anblick dar. Die aus ihren Wohnungen vertriebenen Landleute hatten, wie wir bereits erzaͤhlten, Schutz in der Stadt geſucht, deren Thore ſo ſorgfaͤltig bewacht wurden, daß es durch⸗ aus unmoͤglich war, Lebensmittel herein ſchaffen zu laſſen. Der Mangel an geſunder Nahrung führte demnach, im Verein mit der großen Men⸗ ſchenmenge, die hier auf einem kleinen Raum zu⸗ ſammengedraͤngt war, bald anſteckende Krankhei⸗ ten herbei, welche viele Einwohner dahin rafften. Ein Leichenzug folgte dem anderen, die Todten⸗ glocken laͤuteten unaufhoͤrlich; Angſt und Beſorg⸗ niß ſprachen aus jedem Geſicht. Von Haus zu Haus eilten die Moͤnche mit dem Crucifix, um den Sterbenden das heilige Sakrament zu ſpen⸗ den, waͤhrend die Armen, faſt verhungert, in den — 138— Straßen umſanken, oder der Sorge irgend einer milden Stiftung uͤbergeben wurden.— Eutha⸗ naſia ſchauderte, wenn ſie daran dachte, daß die⸗ ſes Alles Caſtruccio's Werk ſey; einem Engel gleich, folgte ſie indeß ſeiner Verderben bringenden Spur, bemuͤht, die Wunden zu heilen, die ſeine Grauſamkeit geſchlagen hatte. In ein grobes Gewand gehuͤllt, beſuchte ſie, der Gefahr der An⸗ ſteckung mit großmuͤthigem Herzen Trotz bietend, die Wohnungen der Armen und Kranken, um ihnen Troſt, Huͤlfe und Pflege zu ſpenden. Ein heldenmuͤthiger Geiſt heſeelte ſie; ſie mußte ja die Verbrechen Deſſen, den ſie einſt geliebt hatte, nach moͤglichſten Kraͤften wieder gut zu machen ſtreben. Bondelmonti, der bei der Einnahme von Val⸗ perga gefangen genommen worden war, ſich aber durch ein großes Loͤſegeld wieder losgekauft hatte, beſuchte ſie eines Tages. Sie war eben von einer Sterbenden zuruͤckgekehrt, die von ihrem Manne und ihren Kindern, aus Furcht vor der Anſtek⸗ kung, verlaſſen worden war. Euthanaſia hatte nur eben ihre Kleider gewechſelt, und ſich dann — 9139— auf ihr Ruhebett gelegt, denn waoͤhrend der beiden letzten Naͤchte, war kein Schlummer in ihr Auge gekommen. Bondelmonti naͤherte ſich ihr, und kuͤßte ihre Hand; ſie aber entzog ſie ihm.„Um Gotteswillen, was beginnet Ihr!“ rief ſie,„Ich war bei einer Kranken. Dieſe Beruͤhrung meiner Hand koͤnnte Euch den Tod bringen!“ 3 Bondelmonti machte ihr Vorwuͤrfe, uͤber die Sorgloſigkeit, mit der ſie ihre Geſundheit und ihr Leben in Gefahr ſetze. Euthanaſia aber er⸗ wiederte:„Ich danke Euch fuͤr Eure Beſorgniß um mich, theurer Vetter! aber Ihr kennt mich nun ſchon ſo lange, und wißt, ich laſſe mich nie abhalten, das zu thun, was mir die Pflicht ge⸗ bietet.— Was aber fuͤhrt Euch eigentlich zu mir? Euer ernſtes Geſicht laͤßt mich eine wich⸗ tige Kunde ahnen.“ 1 „Iſt auch irgendwo in Florenz jetzt ein heiteres Antlitz zu ſchauen?“ entgegnete Bondelmonti. „Ihr wißt es ja beſſer, als irgend Jemand von uns, welches Elend der Tyrann von Lucca uͤber uns gebracht hat.— Gewiß, Ihr habt Eure — 140— Vaterſtadt zu lieb, als daß Ihr nicht ſehnlichſt wuͤnſchen ſolltet, dem hier herrſchenden Jammer, ſo bald als möglich, ein Ziel zu ſetzen.“. 390⸗ mein theurer Freund, ſtaͤnde das in mei⸗ ner Macht: wie bald waͤre dem Uebel abgehol⸗ fen“ rief die Graͤfin,„Ich wuͤrde mit Freuden mein Leben dahin geben, koͤnnte ein ſolches Opfer meinen Mitbuͤrgern Nutzen bringen! Gott weiß am beſten, wie mir ihre Noth zu Herzen geht.— Was aber kann gethan werden? Ein Engel vom „Himmel nur vermoͤchte, unſern Kriegern den Muth einzuhauchen, ſich mit dem Heere des Feindes zu meſſen.“ 36 19 He⸗ 1 66 „Ihr habt Recht;“ verſetzte Bondelmonti, „aber es giebt noch ein anderes Mittel, den Fuͤr⸗ ſten zu ſtuͤrzen.— Bedenkt, Euthanaſia, er iſt nicht nur ein Eroberer, ſondern ein blutduͤrſtiger Tyrann.— Das Oberhaupt unſerer heiligen Religion hat den Kirchenfluch uͤber ihn ausgeſpro⸗ ſchen, er iſt gefuͤrchtet, gehaßt von Jedermann, die Kunde ſeines Todes wuͤrde uͤber Lam Jtalien Freude verbreiten.“ age — 141— „Die Kunde ſeines Todes? wiederholte die Graͤfin, und ihre Wange erblaßtte sgreet „Ihr ſeyd ein Weib,“ ſprach Bondelmonti, ich ſehe, daß Euch, trotz Eurer Seelenſtaͤrke, Worte zu ſchrecken vermoͤgen. Laßt uns daher nicht von ſeinem Tode, ſondern von ſeinem Sturze re⸗ den! Dieſen zu beſchleunigen, ſey unſer Bemuͤhn!“ Euthanaſia ſchwieg, und Bondelmonti fuhr fort:„Erinnert Euch, edle Frau, der vielen treff⸗ lichen und tugendhaften Menſchen, die er gemor⸗ det hat! Ich brauche weder Eures Freundes Leo⸗ dino, noch ſonſt eines Einzelnen zu erwaͤhnen. Wie zarte Bäͤume unter der Holzaxt, fielen unter ſeinem Henkerbeile die Opfer, uͤber deren Tod er eben ſo wenig Mitleid empfand, als der Holz⸗ hauer, wenn endlich der Baum unter ſeinem Streiche ſinkt. Bevor er erſchien, gehoͤrte Lucta den Guelphen an, und in Toskana herrſchte Frie⸗ de; jetzt ſind alle Edlen ſeine Selaven, oder auch genoͤthigt worden, Italien als Bettler zu durch⸗ wandern. Jeder Gute betet taͤglich zum Himmel - 142— um des Tyrannen Sturz!— Und der iſt auch nicht mehr fern! die Mittel dazu ſind bereit“— Zu ſeinem Tode?“ unterbrach ihn die Graͤfin lebhaft. „Seyd Ihr ſeine Fuͤrſprecherin: kann ſein Le⸗ ben gerettet werden; das aber kann nur unter ei⸗ ner Bedingung geſchehen.“ „Und unter welcher?“ „unter der, daß Ihr ein Mitglied unſerer Ver⸗ ſchwoͤrung werdet, und uns helft, unſeren Zweck zu erreichen. Auf dieſe Weiſe nur kann Antelmi⸗ nelli's Leben gerettet werden; im entgegengeſetzten Fall iſt er verloren. Ueberlegt dieſen Vorſchlag! Es ſey Euch eine Woche Bedenkzeit geſtattet.“ Mit dieſen Worten verließ Bondelmonti das Gemach. Der Schlaf, welcher Euthanaſia's Au⸗ „genlieder zu ſchließen im Begriff geweſen war, floh ſie jetzt, denn neue Angſt, neue Be⸗ ſorgniſſe hatten ihn fortgeſchreckt. Die Tyrannei und der eroberungsſuchtige Sinn Caſtruccio's ſtanden mit den Gefuͤhlen ihres eigenen Herzens ſo ſehr in Widerſpruch, daß es ihr moͤglich war, ſich ſeinen Sturz als fuͤr ſie wuͤnſchenswerth zu denken; denn dann konnte ſie als Troͤſterin ihm zur Seite treten, und wer wußte, ob es ihr nicht dann dielleicht gelingen wuͤrde, ihn zuruͤck auf den Pfad der Tugend zu fuͤhren?— Sich aber ſelbſt in eine Verſchwoͤrung gegen ihn einzulaſſen, eine Verbuͤndete Derer zu werden, die ſeinen Tod be⸗ ſchloſſen hatten, den Schlag fuͤhren zu helfen, der, wein auch nicht ſein Leben, doch die ihm zu ſei⸗ nem Lebensgluͤck als nothwendig erſcheinenden Verhältniſſe treffen ſollte, war ein Gedanke der ſie ſchaudern machte. Euthanaſia hatte ſich ſeit mehreren Wochen faſt ausſchließlich mit Pflegung der Kranken und mit Speiſung der Hungrigen beſchaͤftigt; eine Wohl⸗ thaͤtigkeitsuͤbung, welche, wie denn das Bewußt⸗ ſeyn einer edlen That dem Vollbringer jedesmal reichlich vergilt, ihr lohnend dafuͤr den Frieden ihrer Seele, wenigſtens einigermaßen wieder ge⸗ geben hatte.— Jetzt aber war dieſer aufs Neue ploͤtzlich verſchwunden; ſie war neuer Sorge, neuer Angſt hingegeben. — 144— Gelang es auch, Caſtruccio's Heer von den Tho⸗ ren von Florenz zu entfernen, waren dieſe zwar frei, und die Bewohner der Stadt von dem aaͤſti⸗ gen Zuwachs ihrer Bevoͤlkerung erloͤſt; wohin aber ſollten ſich die armen Landleute begeben? Ihre Huͤtten waren niedergebrannt, ihre Felder zer⸗ ſtoͤrt; die Vorraͤthe fuͤr das naͤchſte Jahr aufge⸗ zehrt— von allen Seiten traten ihnen nichts, als Noth und Elend entgegen! die Wohlthaten, wel⸗ che Euthanaſia zu ſpenden vermochte, waren nur ein Tropfen Balſam in dem Ocean des allgemei⸗ nen Elends. Da erfuhr ſie, daß neuerdings auf Befehl des Fuͤrſten von Lucea ein zu dem Gebiete von Florenz gehoͤrendes Dorf in Aſche gelegt wor⸗ den ſey. Das Vieh hatte man weggetrieben, die Erndte war ein Raub der Flammen geworden; und verzweiflungsvoll den Hungertod vor Augen ha⸗ bend, irrten die ungluͤcklichen Bewohner der nie⸗ dergebrannten Huͤtten umher. Euthanaſia hatte aufs Neue den Namen Caſtruccio mit Verwuͤn⸗ ſchungen begleitet ausſprechen hoͤren, mit Ver⸗ wuͤnſchungen, wie ſie den Lippen eines Vaters ent⸗ 1 — 445— ſtroͤmen, wenn ein geliebtes Kind zu ihm um Brodt jammert, und er es ihm nicht zu reichen vermag, weil ihmde ein hrann die⸗ Mittel dazu raubte. heis Aß Gott, forach ſie ſchmerzerfuͤllt,„die Fto⸗ ſche der Unterdruͤckten, der von ihm dem Elend Preisgegebenen in Erfuͤllung gehn, wie kann ſeine Seele dem Verderben entrinnen, da die Verwuͤnſchungen Tauſender auf ihr laſten?“ — Aber ich kann mich dennoch nicht uͤberwinden, die Hand zu ſeinem Sturze zu bieten.— Ich habe ihn einſt geliebt, und was, von jedem Ande⸗ ren gethan, nur als gerechte Rache erſcheint, waͤre, von mir ausgeuͤbt, Verrath und Undankbarkeit. — Undankbarkeit!— wofuͤr haͤtte ich ihm denn zu danken? fuͤr geraubte Hoffnungen— fuͤr ein zertruͤmmertes Lebensgluͤck?“— Das ſind die Wohlthaten, die ich von ihm empfing!— dennoch aber kann ich mich mit ſeinen Beinden nicht gegen ehn verbinden!“ eeienn ſlenrn eche Caſtrucciv. 11. Band. I0 — 146— Nach einer Woche kehrte Bondelmonti zu ihr zurüͤck.„Habt Ihr einen Entſchluß gefaßt?“ fragte er. „Jal ich bin entſchloſſen!“ entgegnete die Graͤ⸗ fin;“ Ich kann mich Eurer Verſchwoͤrung nicht beigeſellen.” „Bedenkt,“ ſprach Bondelmonti,„daß Ihr durch dieſe Erklaͤrung Caſtruccio's Todesurtheil unterzeichnet.“—„Ihr thut Unrecht, ſolche Rede gegen mich zu fuͤhren, Vetter!“ entgegnete Eu⸗ thanaſia,„wie vermoͤchte ich, ein ſchwaches Weib, den gegen ihn gezuͤckten Dolch der Verſchwoͤrer von ihm abzuwenden— ich muͤßte denn niedrig handeln, und ihm Euren Anſchlag verrathen.“ „So ſehr werdet Ihr nie vergeſſen, was Ihr ſetzte Bondelmonti;“ Uebrigens aber wuͤrde eine ſolche Kunde den Fuͤrſten von Lucca keineswegs uͤberraſchen.— Daß eine Verſchwoͤrung gegen ihn im Werke iſt— daß ich an der Spitze ſtehe — ſind ihm bekannte Dinge, Ihr wuͤrdet ihm nichts Neues ſagen;— denn er iſt in der Ge⸗ Euch und Eurer Geburtsſtadt ſchuldig ſeyd!“ ver, — 147— ſchichte zu gut bewandert, a als daß er nicht wiſſen ſollte, wie uͤber dem Haupte eines jeden Tyran⸗ nen ſtets das Schwert an einem Haare haͤngt. — Er weiß, daß er Feinde hat; aber er hat deren zu viele, als daß er ſie ſaͤmmtlich unſchaͤdlich ma⸗ chen koͤnnte; er weiß, daß ſeine Freunde zu Ver⸗ raͤthern werden koͤnnen, aber er wird es ſchwer⸗ lich erforſchen, wer bei dieſer Gelegenheit treulos an ihm handelt. Es kann ihn nicht wundern, mich an der Spitze der Verſchwoͤrung zu wiſſen. Ich war ſtets ſein erklaͤrter Feind, und es iſt ja nicht der erſte Verſuch, den ich unternahm, ihn zu ſtuͤrzen.— Caſtruccio's Tod, ſage ich Euch, iſt beſchloſſen; er kann ſeinem Schickſale nicht ent⸗ gehn.— Ich aber moͤchte ihm das Leben erhal⸗. ten— kann ſeyn, daß ich unrecht habe, dieß zu wuͤnſchen— und daß er, verſchont man ihn, noch manches Unheil anrichtet;— aber ich habe oft den Becher mit ihm geleert; er war mein Gaſt innerhalb der Mauern dieſer Stadt; er war Euch vormals theuer— und ſo moͤchte ich ſeines Le⸗ bens ſchonen, kann ohne ſeinen Tod Florenz ge⸗ 10* — 148— rettet werden. Zu dieſem Ende habe ich mich an Euch gewandt, denn da er durch Lucceſer Haͤnde fallen ſoll, kann ich nichts dazu thun.— Ich kann mich nicht nach Lucca begeben, um dort die Wuth ſeiner Feinde im Zaum zu halten; auch darf ich keinem Lueceſer das Geheimniß anver⸗ trauen, oder ihn beauftragen, die Perſon des Fuͤr⸗ ſten in Schutz zu nehmen. Dieß Geſchaͤft aber ſcheint fuͤr Euch paſſend; Ihr haßt die Tyrannei und Blutvergießen— Ihr ſeyd eine Anhaͤnge⸗ rin der Guelphen, und wuͤnſcht den Feind Eurer Geburtsſtadt, den Urheber des Elends, unter dem wir ſeufzen, der Herrſchaft, die er ſich angemaßt hat, beraubt zu ſehn; zugleich aber macht fruͤhere, wenn gleich von ihm laͤngſt mit Fuͤßen getretene Freundſchaft Euch ſein Leben theuer, und die Eu⸗ rem Geſchlechte eigenthuͤmliche Milde oder Schwaͤ⸗ che kommt jenem Gefuͤhle zu Huͤlfe. Euch ſteht es frei, Euch nach Lucca zu begeben; Ihr koͤnnt die blutigen Anſchlaͤge der Verſchwoͤrer durch die ſanfte Stimme der Menſchlichkeit mildern; Ihr, Ihr allein koͤnnt ihn retten.“ — 149— Euthanaſia fuͤhlte ſich durch Bondelmonti's Vorſtellungen maͤchtig erſchuͤttert, aber ihre Ge⸗ danken durchkreuzten ſich; ſie konnte zu keinem Entſchluſſe gelangen— keinen Faden aus dieſem Labyrinthe finden.— Sie ſchwieg eine Weile; dann bat ſie um noch einige Tage Bedenkzeit, welche ihr Bondelmonti uche wenn egleich un⸗ gern, zugeſtand. Unterdeſſen war Caſtruccio, teicher tefrch tend, die zu Florenz herrſchenden Krankheiten moͤch⸗ ten ſich auch unter ſeinen Kriegern verbreiten, die Belagerung jener Stadt vor der Hand aufgege⸗ ben hatte, beſchaͤftigt, alles zu einem prachtvollen Triumphzuge anzuordnen, der auch bald darauf mit großem Glanze ſtatt fand, und bei welchem Cardona und die uͤbrigen vornehmen Gefangenen, neben dem Wagen ihres uͤbermuͤthigen Beſiegers gefeſſelt einher zu ziehen, genoͤthigt waren. —— 12. Waͤhrend zu Lucca dieſe prunkvolle Feſtlichkeit ſtatt fand, herrſchten zu Florenz fortwaͤhrend Trauer und Elend. Der gaͤnzliche Untergang die⸗ ſer Stadt ward nur durch die Betriebſamkeit der dortigen Kaufleute verhindert, welche von den benachbarten Staaten Getreide herbei zu ſchaffen verſtanden, das dann von Obrigkeits wegen unter die Nothleidenden vertheilt ward. Euthanaſia hatte die Kunde von Caſtruccio's Triumphzug mit einem ſchmerzlichen Gefuͤhl ver⸗ nommen; es kam ihr vor, als habe er ſein Lei⸗ chenbegaͤngniß gefeiert. Empoͤrte ſie aber ſchon der Uebermuth, mit dem der ſtolze Sieger Car⸗ dona und die uͤbrigen Gefangenen behandelt hat⸗ te: ward ihr Unwille gegen den Tyrannen durch die Nachricht von den bald darauf folgenden Be⸗ gebenheiten noch mehr gereizt. Vier Tage ſpäter trat Bondelmonti in ihr Gemach; ſein Antlitz war verſtoͤrt, ſeine Wange bleich, er vermochte / anfangs keine Worte uͤber ſeine Lippen zu bringen. — Nachdem er ſich einigermaßen erholt hatte, brach er in furchtbare Wendünſchungsn gegen 2 An⸗ telminelli aus. „Höͤrt auf! hoͤrt auf!“ bat die Graͤfn;„Ihr haßt ihn und wollt ihn ſtuͤrzen! immerhin; aber wozu den Fluch des Ewigen uͤber den Verblende⸗ ten herabrufen?“ „Sagt, uͤber den Teufel aller Teufel!“ rief Bondelmonti,„Er hat etwas gethan, welches, waͤre er auch bisher ein Engel geweſen, ihn auf ewig mit Schande brandmarken wuͤrde. Er iſt der Aergſte aller Tyrannen, das grauſamſte Un⸗ geheuer, das je Gottes freie Luft einathmete. Aber bald ſoll die Erde von ihm befreiet werden! Hier leſ't dieſes Schreiben!“ Bei dieſen Worten uͤberreichte er ihr ein be⸗ ſchmutztes Blatt, worauf ſie, nicht ohne Muͤhe, folgende Worte las: „Um des heiligen Jeſus willen: rettet mich! Meine Mutter ſendet das Loͤſegeld nicht— heute 3 fruͤh ward ich auf die Folter geſpanm— am — 152— Donnerſtag harret meiner dieſelbe Qual, wenn Ihr bis dahin nicht ſechs Hundert Goldgulden ſchickt!— Habt Erbarmen mit Eurem Fran⸗ cesco Bondelmonti!“ Das Schreiben entſank der Hand der Graͤfin. „Dieſer Brief kommt von meinem Vetter Fran⸗ cesco!“ nahm Bondelmonti wieder das Wort, „ Viele edle Florentiner befinden ſich in derſelben be⸗ klagenswerthen Lage. Diejenigen, welche ſich nicht durch ein reiches Loͤſegeld loskaufen wollten oder konnten, hat Caſtruccio in tiefe Kerker wer⸗ ſen laſſen, wo er durch Hunger und ausgeſuchte Martern das Verlangen nach Freiheit noch mehr zu erwecken ſtrebt. Soll ein ſolcher Tyrann ſein Weſen noch laͤnger treiben?“ 1 „Nein!“ rief Euthanaſia, und ihre Wange gluͤhte vor Unwillen;„Nein, er darf nicht ferner herrſchen— er verdiente, zu ſterben, waͤre es nicht Pflicht, ihm Zeit zur Reue zu laſſen.— Hier, Bondelmonti, iſt meine Hand: ich bin die Eure— Schont ſeines Lebens! aber nehmt ihm die Macht, die er auf ſo furchtbare Weiſe mißbraucht.“ „Dank, dank, theuere Nichte! jetzt erkenne ich Euch wieder!“ entgegnete Bondelmonti erfreut, „Das, das ſind die wahren Gefuͤhle meiner Eutha⸗ naſia, die wohl eine Weile uͤber das, was ihr zu thun oblag, zweifelhaft ſeyn konnte, die aber bald einſehen mußte, wozu die Pflicht ſie aufforderte. Eure Entſchloſſenheit verdient mein ganzes Ver⸗ trauen: es ſoll Euch werden. Heute Abend ſehe ich Euch wieder; jetzt muß ich fort, muß ſuchen irgendwo Geld aufzutreiben, um den armen Francesco loszukaufen. Das fuͤr mich und meine drei Bruͤder gezahlte Loͤſegeld hat meine eigene Boͤrſe geleert, und die Barſchaft der Mutter des Uungluͤcklichen beſteht nur aus dreihundert Gold⸗ gulden.“—„Ich kann Euch mit dem Fehlenden aushelfen,“ ſprach Euthanaſia;„Der Ungluͤckliche! Sendet das Loͤſegeld unverzuͤglich, auf daß er ſobald als moͤglich der Gewalt Deſſen entriſſen werde, der gefuͤhlloſer iſt, als der marmorne Fußboden dieſes Palaſtes.— Ich erwarte Euch dieſen Abend.“ 42 — 154— Die uͤbrigen Stunden des Tages brachte die Graͤfin in ungemeiner Gemuͤthsbewegung hin. Zwar kam es ihr keinesweges in den Sinn, ihren Entſchluß zu aͤndern; ſie hatte ihr Wort gegeben, und ſie dachte nicht daran, es zuruͤck zu nehmen; aber ihr Innres ward dennoch von tauſend quaͤlenden Gefuͤhlen beſtuͤrmt; ihre Phantaſie fuͤhrte ihr die Bilder der Zukunft vor die Seele. Sie ſah Den, den ſie einſt geliebt hatte, geſtuͤrzt, durch ſie ge⸗ ſtuͤrzt;— dann aber troͤſtete ſie der Gedanke wieder, daß ſie, durch ihre Theilnahme an der Verſchwoͤrung, ihm ja das Leben rette— ſie hatte ſich aber doch ſeinen Feinden zugeſellt, Ca⸗ ſtruccio mußte es erfahren, und wuͤrde ihrer dann nur mit Haß und Abſcheu gedenken!— Bei dieſen ſchwermuͤthigen Betrachtungen perl⸗ tten Thraͤnen uͤber ihre Wangen herab; aber ſie ſchlug ihr großes, blaues Auge zum Himmel em⸗ por, und ſuchte ihre ganze Seelenſtaͤrke zu ſam⸗ meln. Der Abend erſchien, mit ihm die Stun⸗ de, in welcher ſie Bondelmonti erwarten konnte. Euthanaſia knieete nieder, und bat den Ewigen, ſie zu erleuchten, und ihr in dem Labyrinthe, in welchem ſie ſich befand, den rechten Weg zu zeigen. Sie ſollte an einem geftörlichen Unterneßinen deſſen Erfolg hoͤchſt zweifelhaft war, Theil neh⸗ men; aber, durch ihr Gebet geſtaͤrkt, ward der ge⸗ faßte Entſchluß bei ihr immer feſter und feſter. Sie liebte den Fuͤrſten von Lucca nicht mehr; ja 4 ſeine Grauſamkeiten hatten ihm auch den kleinen Platz geraubt, den er bisher noch in ihrem Her⸗ zen beſeſſen hatte. In ihrer Bruſt lebte indeß 3 eine ſchwache Hoffnung, daß ſie die fruͤheren Ge⸗ fuͤhle fuͤr ihn, wieder zu hegen im Stande ſeyn werde, ſobald er auf den Pfad der Tugend und Menſchlichkeit zuruͤck gekehrt ſeyn wuͤrde. Das Ungluͤck, glaubte ſie, koͤnne ſolchen Wandel in ſeinem Charakter hervor bringen. Bondelmonti erſchien. Mit einem zufriede⸗ nen, faſt freudigen Antlitz, mahnte er die Graͤ⸗ fin an das, ihm gegebene Verſprechen. Sie er neuete es aufs Feierlichſte. Ihre ernſten Geſichts⸗ zuͤge, und der bebende Ton ihrer Stimme ver⸗ kuͤndeten, wie ſie ſo ganz die Wichtigkeit des Schrittes fuͤhlte, den ſie zu thun beſchloſſen hat⸗ te.— Bondelmonti ſetzte ihr darauf den Plan der Verſchwornen ausfuͤhrlich auseinander. Die Familie der Quartezzani war dem Fuͤrſten von Lucca, zur Erlangung ſeiner Macht, ganz be⸗ ſonders behuͤlflich geweſen, und hatte ihm lange treu zur Seite geſtanden. So wie Caſtruceio aber immer mehr und mehr zum Tyrannen ward, fuͤrchtete er ihren Einfluß mehr, als er Werth auf ihren Beiſtand legte, und gab dem Verdachte Raum, daß ſie ihn nur als ein Werkzeug betrach⸗ teten, welches einige Zeit ihre Sache ausfech⸗ ten, dann aber von ihnen, als fuͤrder nutzlos, bei Seite geworfen werden ſolle. Er veraͤnderte dem⸗ nach ſein Benehmen gegen ſie; von der waͤrmſten Freundſchaft ging er zu dem kaͤlteſten Argwohn äber, und ergriff eifrig die erſte Gelegenheit, die ſich darbot, das Oberhaupt der Familie Quartez⸗ zani aus Lucca zu verbannen. Von dieſer Un⸗ dankbarkeit empoͤrt, zogen ſich die Anverwandten des Verwieſenen ganz vom Hofe des Fuͤrſten zu⸗ — 157— ruͤck, und verbanden ſich, von Bondelmonti s Ab⸗ geſandten dazu aufgefordert, zu einer Verſchwoͤ⸗ rung gegen Caſtruccio, den ſie mit Huͤlfe der Avogadii, der erklaͤrten Feinde des Fuͤrſten, ſeiner Macht, ja vielleicht ſeines Lebens berauben wollten. Bondelmonti erzaͤhlte nun auch, wie die Ver⸗ ſchwornen es anzufangen gedaͤchten, um die Stadt in ihre Gewalt zu bekommen. Das Oberhaupt der Regierung von Piſa, welches keineswegs den, durch Caſtruccio an ihm begangenen Verrath, vergeſſen hatte, ſollte, dem Anſchein nach, in feind⸗ licher Abſicht, gegen Ripafrata heranziehen, und wenn dann Caſtruccio ſein Heer ihm entgegen fuͤh⸗ ren wuͤrde, ſollte eine ſtarke Abtheilung der Piſager Krieger ſich uͤber die Anhoͤhe von St. Giuliano nach Lucca begeben, deſſen Thore ihnen von den Mitverſchwornen geoͤffnet werden wuͤrden. Die Florentiner aber ſollten zu gleicher Zeit den Guis⸗ cana paſſiren, und, die Verwirrung benutzend, ge⸗ radezu auf Lucca marſchiren, die Anhaͤnger des Tyrannen bekriegen, den Landleuten aber Frieden e und Freiheit verkuͤnden. Robert, der Koͤnig von Neapel, hatte bereits eine Flotte nach dem Golf von Specia geſandt, welche, ſobald die Verſchwoͤrung zu Lucca ausgebrochen ſeyn wuͤrde, die am Bord befindlichen Krieger, im Lucceſer Gebiet, ans Land zu ſetzen, und ſo die allgemeine Verwirrung zu vermehren beſtimmt war. Dies war der Plan im Allgemeinen; die kleinen Nebenumſtaͤnde wurden aber ebenfalls von Bondelmonti ausfuͤhrlich er⸗ zaͤhlt; dann nannte er ihr die Nahmen der Mitverſchwornen, zu denen auch Tripalda ge⸗ hoͤrte. „Wie? hoͤre ich recht? Tripalda?“ fragte Eu⸗ thanaſia erſtaunt;„Battiſta Tripalda, der Geiſt⸗ liche, den mir Caſtruccio nach Valperga ſandte, der mich zur Uebergabe des Schloſſes uͤberreden ſollte? Er gehoͤrt auch zu den Verſchwornen? „Allerdings!“ entgegnete Bondelmonti;„Tri⸗ palda iſt ein Mann von großen Talenten; ſein Rath war uns von großem Nutzen— ohne ihn waͤre unſer Plan ſchwerlich zur Reife gediehen. Mag ſein Charakter immerhin nicht der beſte — 159— ſeyn: bei einer ſolchen Gelegenheit fragt man wenig nach den Tugenden und Laſtern der Bun⸗ desgenoſſen. Wir gebrauchen nur Werkzeuge, ſcharfe Werkzeuge, gleichviel welchen Rahena ſie fuͤhren.“ „ Ich fuͤrchte, Ihr habt einen Fehlgriff gethan, mein wuͤrdiger Freund!“ ſprach die Graͤfin;„Ich habe verſprochen, Theilnehmerin Eures Vorha⸗ bens zu werden, und ich will mein Wort halten; aber ich zweifle an einem guten Erfolge, wenn ein ſo argliſtiger Menſch, als jener Tripalda, um Eure Anſchlaͤge weiß. Seine Verbrechen haben ſelbſt den tyranniſchen Caſtruccio empoͤrt! er hat ihn aus ſeiner Naͤhe verbannt, und dafuͤr ſucht ſich der Treuloſe jetzt zu raͤchen.“. 1 „Ihr hegt, wie ich glaube, zu großes Vorn⸗ theil gegen dieſen Prieſter, Nichte.“ erwiederte Bondelmonti.„Wie dem nun uͤbrigens auch ſeyn mag: wir muͤſſen ihn dulden. Er iſt nicht nur auf das Genaueſte mit dem Plan der Verſchwoͤrung bekannt, ſondern war auch ihr eifrigſter Befoͤrde⸗ rer. Viele unſerer vorzuͤglichſten Bundesgenoſſen 6 — 160— wurden nur durch ihn gewonnen; er iſt das Band, welches Diejenigen vereinte, die ſonſt aus perſoͤn⸗ licher Abneigung von einander entfernt geblieben waͤren.— Er verehrt, er bewundert Euch; er war der Erſte, welcher vorſchlug, einen Verſuch zu machen, Euch fuͤr die Verſchwoͤrung zu ge⸗ winnen.“ „Was Ihr da ſagt, vermehrt leider nur mein Mißtrauen!“ verſetzte Euthanaſia;„Habe ich aber, wie ich denn glaube, daß es der Fall iſt, meine Pflicht erfuͤllt, indem ich Euch meinen Beiſtand verſprach: ſoll mich Furcht nicht verhindern, mein Verſprechen zu halten, und mich dem Unterneh⸗ men mit ganzer Seele zu weihen. Moͤge der Him⸗ mel Alles zum Beſten lenken!“ 13. Seen m nach einigen Tagen machte ſich Eutha⸗ naſia von Florenz nach Lucca auf den Weg. Es war noͤthig, ſich einige Zeit vor Ausbruch der Verſchwoͤrung dorthin zu begeben, um ſich auf die Rolle vorzubereiten, die man ihr zugetheilt hatte. Sie verließ ihre. Geburtsſtadt mit ſchwerem Her⸗ zen. Es war gegen das Ende des Novembermo⸗ nats; drohende Wolken verkuͤndigten baldigen Re⸗ gen, und uͤber die des Sommerſchmucks beraubte Erde ſtuͤrmte der rauhe Herbſtwind dahin. Die Graͤfin fuͤhlte ganz das Gefaͤhrliche des Unterneh⸗ mens, dem ſie ſich hingegeben hatte. So wie ſie den Namen Tripalda nennen hoͤrte, war auch in ihrer Bruſt jede Hoffnung auf einen guͤnſtigen Erfolg des Vorhabens verſchwunden; aber ſi ſie e war uͤberzeugt, daß die Reinheit ihrer Abſt cht ſi ſie e in den Stand ſetzen werde, alles Unheil, welches der gefaßte Entſchluß uͤber ſie herbeifuͤhren koͤnne, mit Geduld und Standhaftigkeit zu ertragen. Dann und wann ſtieg freilich die Erinnerung an ihr ruhiges, friedliches Leben in Florenz in ih⸗ rer Seele empor; ſie gedachte ihrer menſchen⸗ freundlichen Beſchaͤftigungen dort, die ihr ſo man⸗ chen kraͤftigen Troſt geſpendet hatten; und wehe Eaſtruccio. II. Band. 11 — 162— maͤthig konnte ſie den Wunſch nicht unterdruͤcken, daß es doch dem Schickſal gefallen haben moͤchte, ſie, gleich den vielen andern Opfern der verheeren⸗ den Krankheit, aus dieſer Welt der Leiden hinweg⸗ zunehmen. Stets aber ſuchte ſie ſolche Gedanken von ſich zu bannen, und bemuͤhte ſich, nur in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit zu ſchauen. Ein tugendhafter Zweck trieb ſie vorwaͤrts; ſie wollte Caſtruccio's Leben retten; ohne ſie war er verloren! Ihre Hand ſollte den gehobenen Dolch feiner Feinde von ihm abwenden, ihre Stimme „Halt“ gebieten. Ihre Phantaſie fuͤhrte ihr die ganze Scene vor Augen. Sie ſah ihn ſchon, von ſeinen Gegnern ergriffen, des Todes harrend; da trat ſie als ſein Schutzengel dazwiſchen; man drachte ihn an Vord eines der neapolitaniſchen Schiffe, wo ſie dann gegenwaͤrtig war, uͤber ihn zu wachen— fuͤr ihn zu ſorgen. Anfangs ſtieß er ſie von ſich, blickte verachtungsvoll auf ſie— bald aber beſaͤnftigten ihn ihre Geduld, ihie Aus⸗ dauer— er ſah die Thraͤnen, die ihren Augen entſtroͤmten, lieh ihrer Rechtfertigung das Ohe — 165— — und ſöͤhnte ſich mit ihr aus.— Sie ſtieg mit ihm an der Inſel, wohin man ihn zu verban⸗ nen gedachte, ans Land;— hier, in der Einſam⸗ keit, hoffte ſie, Worte des Troſtes, der Belehrung in ſein Herz ſenken zu koͤnnen; er wuͤrde, ſo glaubte ſie, dieſe Stille nach und nach lieb gewin⸗ nen, und ſeines vergangenen Lebens nur in Neus und Buße gedenken. So traͤumte ſie, ſo ſuchte ſie ihr pochendes Hern zu beruhigen. Sie langte zu Piſa an, wo ſie den verbannten Orlando Quartezzani antraf, welcher ihr den Plan der Verſchwoͤrung wo moͤglich noch mehr auseinanderſetzte, und ſie dringend erſuchte, die Ausfuͤhrung deſſelben zu beſchleunigen.„Ich ſchmachte hier in der Verbannung; ſprach er,“ „und der Gedanke, daß der undankbare Tyrann noch immer auf dem Throne ſitzt, den wir fuͤr ihn ſchufen, vermehrt meine Qualen. Mich verlange danach, ihn zu ſtuͤrzen, wieder einzuziehen in der Stadt, in deren Schooß ich geboren.“ 3 Die Graͤfin verließ Piſa und ſetzte ihren— ſort; ſ ſie war ungemeim ſchwermüthes. Wie konnte 11* es aber auch andes ſeyn? Zu Anfang des Mo⸗ nats December langte ſie zu Lucca an, wo ſie in dem Palaſte abtrat, der ihr von der Lucceſer Re⸗ gierung, als Erſatz fuͤr ihr zerſtoͤrtes Schloß, ein⸗ geraͤumt worden war. Noch an dem Abend ihrer Ankunſt erhielt ſie einen Beſuch von Tripalda und Ugo Qaurtezzani, den beiden Haͤuptern der Verſchwoͤrung. Sie ſuchte den Widerwillen, den ſie gegen den Erſteren empfand, niederzukaͤmpfen, und ihren Abſcheu gegen den Verraͤther zu ver⸗ bergen, welcher, im Gefuͤhl ſeiner Wichtigkeit, jetzt noch anmahender auftrat, als ſie ihn je zuvor eih hatte. „Madonna,“ ſprach er, indem er ſich der Graͤ⸗ fin mit ſeinen halbgeſchloſſenen Augen naͤherte, welche, wenn er ſie auch nicht grade zu Boden ſenkte, dennoch ſtets den vollen Blick Deſſen zu vermeiden ſuchten, zu dem er ſprach;„ich preiſe Eure Klugheit, daß Ihr Euch entſchloſſen habt, Euch unſerem Bunde beizugeſellen. Wir freuen uns deſſen, denn wir wiſſen, was Ihr vermoͤgt.“ „Laßt uns“ unterbrach ihn die Graͤfin,„jetzt nicht die Zeit mit nutzloſen Hoͤflichkeirsbezeugun⸗ gen verſchwenden; wir haben uͤber wichtigere Dinge zu reden! Ich habe Eurem Gefaͤhrten eine Botſchaft von ſeinem Bruder Orlando zu uͤber⸗ bringen. 44 Das Geſpraͤch lenkte ſich nun auf ihre gemein⸗ ſchaftlichen Plaͤne; Tripalda aber ſchien entſchlof⸗ ſen, Wortfuͤhrer bleiben zu wollen. Mit großen Schritten ging er im Gemache auf und ab, wo⸗ bei er ſeine Meinung immer mit lauter Stimme ausſprach. „Sprecht leiſer, um des Himmels willen!“ warnte Ugo,„man koͤnnte Euch hoͤren, und wir alle waͤren verloren! 4 Dripaſta blickte ſpaͤhend um ſich, und ſich dauf den Zehen den Seſſeln naͤhernd, auf welchen Eu⸗ thanaſia und Ugo Platz genommen hatten, fuhr er in einem fluͤſternden Tone fort:„Ich ſage Euch, es wird gelingen. Schon habe ich den Dolch ge⸗ ſchliffen, der den Tyrannen durchbohren ſoll.. Ae — 166— „Heilige Mutter Gottes, beſchuͤtze ihn!“ rief Euthanaſia, und die Blaͤſſe des Todes bedeckte ihre „Wange.„Das iſt gegen die Abrede! Euch, Ugo, nehme ich zum Zeugen, wie ich der Verſchwoͤrung nur unter der Bedingung beitrat, daß man ſeines Lebens ſchonen ſolle.“ „SIch aber ſage Euch dennoch: er ſoll eszant läͤchelte Tripalda boshaft. „Ich, ich ſage Euch, es ſoll Niemand es wa⸗ gen, Hand an ihn zu legen!“ entgegnete die Graͤ⸗ fin in einem ſtolzen Tone,„Antelminelli's Leben wird von Maͤchten beſchuͤtzt, von denen ſelbſt das Daſeyn Euch unbekannt iſt. Uneigennuͤtzige Liebe und Tugend wachen uͤber ihm.— Ihr ſollt ihm nichts anhaben!“ „Ich ſehe aber nicht ein,“ hohnlachte Tripal⸗ da,„wie es einer uneigennüͤtzigen Liebe moͤglich war, ſich einer Verſchwoͤrung beizugeſellen, die den Sturz des geliebten Gegenſtandes zur Abſicht hat. Und was die Tugend anbetrifft: ſo kann uns dieſe nur gebieten, den Tyrannen aus der Welt zu ſchaffen!— er muß ſterben!“— — 167— „Shr, ein Prieſter— ein Mann des Friedens — hegt ſo blutduͤrſtige Gedanken?“ nahm Eutha⸗ naſia wieder das Wort,„Ihr ſchaͤndet Euren hei⸗ ligen Stand! Waͤre auch nur noch ein einziger Funke von Tugend in Eurer Seele vorhanden: Ihr muͤßtet, ob ſolcher Aeußerung, vor Schaam vergehen.. 4 „Ihr ereifert Euch, Madonna!“ fiel ugo begu⸗ tigend ein.„Sprecht in einen milderen Tone: und Tripalda wird Eurem Verlangen nachgeben.“ „Keinesweges!“ rief der Geiſtliche, und ſeine duͤnnen Lippen preßten ſich zuſammen und ſeine Augenbraunen zogen ſich in die Hoͤhe;„Ich habe ihn zum Tode verdammt! er ſoll ſterben!— ja, bei dem Heile meiner Seele: er ſoll ſterben!“ „So iſt Eure Seele unwiderbringlich verloren, denn er ſoll nicht ſterben!“ verſetzte die Graͤfin entſchloſſen, und ihre Augen flammten,„Ich trat der Verſchwoͤrung nur unter einer einzigen Bedingung bei; haltet Ihr mir dieſe nicht: bin auch ich an nichts gebunden; und leicht koͤnnte — 168— ein ſolcher Verrath Eurerſeits mich bewegen, eine Gegnerin Eurer Sache zu werden.“ Die Beſtimmtheit, mit welcher ſi ſe dieſe Wotre ſprach, die Drohung, welche darin enthalten war, ſchien auf den Geiſtlichen einen Eindruck zu ma⸗ chen. Seine Wange verfarbte ſich. Als bruͤte er uͤber etwas, ging er einige Male im Zimmer auf und ab; ploͤzlich aber ſchien er einen Entſchluß gefaßt zu haben, und, ſich der Graͤfin mit einem ganz veraͤnderten Weſen naͤhernd, ſprach er in ei⸗ nem faſt demuͤthigen Tone:„Wahrlich, Madon⸗ na, Ihr, die von dem Tyrannen ſo furchtbar Beleidigte, ſeyd mir ein unerklaͤrbares Raͤthſel.— Da Ihr aber ſo entſchloſſen ſeyd, das Leben Ca⸗ ſtruccio's in Schutz zu nehmen; mag's drum ſeyn.— Daß wir uns aber ſeiner Perſon ver⸗ ſichern, werdet Ihr doch geſtatten?“ „Ich habe,“ nahm die Graͤfin, ſich von dem Geiſtlichen veraͤchtlich abwendend, zu Ugo ge⸗ wandt, das Wort;„Ich habe mit meinem vaͤterli⸗ chen Freunde Bondelmonti einen Plan entwor⸗ — 169— fen, der, wie ich hoffe, Euren Beifall lau wird.“— „Meine Gegenwart ſcheint hier aberfiäfſig.“ ſprach Tripalda beleidigt,„Ihr werdet das Naͤ⸗ here ſchon mit unſerm Bundesgenoſſen hier ver⸗ abreden. Ich verſprach, mich um acht bei Ni⸗ colo dei Avogadii einzufinden, und ſchon iſt die ſiebente Stunde voruͤber.— Gute Nacht, Ma⸗ donna! Wenn wir uns wiederſehn, werdet Ihr hoffentlich mit meinen Bemuͤhungen, zu Gun⸗ ſten Eures Freundes, des Fuͤrſten von Lucca, u friedener ſeyn.“ 4 So ſprechend, verließ er das Gemach. Eutha⸗ naſia folgte ihm mit ihren Augen, bis ſich die Thuͤr hinter ihm geſchloſſen hatte; dann ſprach ſie, zu Ugo gewandt:„Ich traue dem Heuchler nicht, und rathe Euch, ein wachſames Auge auf ihn zu haben, bis das Werk, das ihr ehate vollbracht worden.“. „Ihr beurtheilt ihn zu trengez verſetzte u „er iſt Caſtruccio's geſchworner Feind. Bei dieſer Gelegenheit, denke ich, koͤnnen wir ihm trauen.— — 170— Antelminelli's Sturz hebt ihn empor, und daher duͤrfen wir auf ihn bauen.“ „Glaubt meinen Worten! Seyd auf Eurer Hut!“ warnte wiederholt die Graͤfin.„Doch jetzt zu unſerer Angelegenheit!“ Nach einer langen Unterredung, worin Alles feſtgeſetzt ward, der Tag ausgenommen, an wel⸗ chem die Verſchwoͤrung ausbrechen ſollte, entfern⸗ te ſich Ugo, um Eilboten nach Piſa und Florenz zu ſenden, auf daß die dortigen Verbuͤndeten Anſtalten traͤfen, in dem letzten Act des Trauer⸗ ſpiels die ihnen angewieſenen Rollen zu ſpielen.— Euthanaſia befand ſich jetzt allein, mannichfache Gefuͤhle beſtuͤrmten ihre Seele.— Sie war jetzt wieder in Lucca, und zahlloſe, ſchmerzvolle Er⸗ innerungen bemaͤchtigten ſich ihrer. Gedanken⸗ voll und langſamen Schrittes ſtieg ſie hinauf auf die Plattform ihres Palaſtes. Die ganze Umge⸗ gend lag da, vom Silberlicht des Mondes ma⸗ giſch beleuchtet; ja ſie vermochte ſogar, weithin in der Ferne den Felſen zu ſchauen, auf dem einſt ihr Schloß Valperga geſtanden hatte. Lucca mit ſei⸗ — 171— nen dunkelen, engen Gaſſen erſchien ihr, wenn ſie hinabſchauete, wie ein Labyrinth, wie ein Ker⸗ ker, und ſehnſuchtsvoll wuͤnſchte ſie den Augen⸗ blick herbei, in dem das große Werk, dem ſie ſich hingegeben hatte, vollbracht ſeyn wuͤrde. Waͤhrend ſie aber noch ſo, uͤber das, was zu thun ſey, nachſann, und, von froher Hoffnung ge⸗ raͤuſcht, einer beſſeren Zukunft gedachte, ward ihr Verderben beſchloſſen, und ſchon nahten die Begebenheiten, welche ihr den Untergang brin⸗ gen ſollten. Tripalda hatte ſie mit der Rachſucht eines bos⸗ haften Gemuͤths verlaſſen. Dadurch, daß ihn Ca⸗ ſtruccio aus ſeiner Naͤhe entfernte, hatte dieſer ſich ſeinen ganzen Haß zugezogen; er hatte den Tod des Fuͤrſten beſchloſſen, und Euthanaſia zur Theilnehmerin an der Verſchwoͤrung gewuͤnſcht, weil er glaubte, die von dem Tyrannen Beleidig⸗ te werde zu ſeinem Mordanſchlage willig die Hand bieten. Das ſo eben im Palaſt der Graͤ⸗ ſin ſtattgehabte Geſpraͤch aber uͤberzeugte ihn ei⸗ naes andern. Wie jeder Boshafte, meinte er, ſie — 12— ſey deſſen faͤhig, wozu er ſelbſt faͤhig war. Er befuͤrchtete, ja er war in ſeinem argwoͤhniſchen Sinne feſt davon uͤberzeugt, ſie werde die im Zorn ausgeſprochene Drohung, eine Gegnerin der Verſchwoͤrung werden zu wollen, in Ausfuͤh⸗ rung bringen; und ſo reifte in der racheduͤrſtenden Bruſt des, von Euthanaſia mit Verachtung be⸗ handelten Boͤſewichts ſchnell der Entſchluß, ihr zuvor zu kommen, die Verſchwoͤrung zu verrathen, und ſo Caſtruceio's Gunſt aufs Neue zu erlangen. Er konnte waͤhrend der ganzen Nacht keinen Schlummer finden; mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, uͤber das Verderben ſei⸗ ner bisherigen Bundesgenoſſen bruͤtend, und kaum grauete der Morgen, als er ſich auch alsbald nach der, innerhalb der Stadt erbaueten; feſten Burg begab, und mit Mordecaſtelli zu ſprechen begehr⸗ te, welcher, in Abweſenheit des Fuͤrſten, der ſich zu Pistoja befand, und erſt am naͤchſten Tage zuruͤck erwartet wurde, zum Statthalter ernannt worden war. MNordeeaſtelli ſaß mit ſeinem Geheimſchreiber in ſeinem Gemache, als Tripalda eintrat.* „Wie? Ihr noch zu Lucca, Tripalda?“ fragte der Statthalter, den Eingetretenen mit großen Au⸗ gen meſſend;“ Sagte man mir doch, wie ich glau⸗ be, Ihr wolltet Euch zuruͤck in Euer Kloſter be⸗ geben? Habt Ihr Etwas bei mir zu ſuchen: ſo faßt Euch kurz! Ihr ſeht, ich bin beſchaͤftigt.“ „Ich habe allerdings Geſchaͤfte bei Euch, doch kann ich EYnch nur unter vier Augen anvertranen, was mich herfuͤhrt!“ ſprach Tripalda.„Blickt nicht ſo veraͤchtlich auf mich! Ich habe Euch und dem Fuͤrſten ſchon fruͤher Dienſte geleiſtet, und will Euch jetzt wieder nuͤtzlich werden.“ „ Ich bin eben nicht ſehr geneigt, mit Euch all⸗ ein zu bleiben, denn es heißt, Ihr haͤttet allen Freunden des Fuͤrſten den Tod geſchworen;“ ver⸗ ſetzte der Statthalter;„indeſſen, ich bin bewaff⸗ net, wie Ihr ſeht.“— Hier zog er einen langen, breiten Dolch aus der Scheide, und legte ihn vor ſich auf den Tiſch; dann fuhr er, zu ſeinem Ge⸗ heimſchrelber gewandt, fort:„Laßt uns gäei Ubaldo!“ „So lieb Euch Euer Leben 1is::“ warnte eTripale da den Fortgehenden,„laßt es Niemanden erfah⸗ ren, daß ich mich hier bei dem Statthalter befin⸗ del Selbſt die Mauern ditſes Schloſſes duͤrfen nicht darum wiſſen.“ Der Geheimſchreiber entfernte ſich, und der Statthalter fragte:„Nun, was habt Ihr mir zu ſagen? Iſt es nichts von Wichtigkeit: ſollt Ihr fuͤr dieſe ungeziemende Stoͤrung buͤßen.“ „Ich habe eine Verſchwoͤrung von großer Bedeutung entdeckt,“ ſprach der Verraͤther;„eine Verſchwoͤrung, welche zu ihren Mitgliedern die Edelſten der Stadt zaͤhlt.— Bevor ich aber mehr ſage, muß ich Euch meine Bedingungen vorlegen. Ich hatte das Leben des Fuͤrſten in meinen Haͤnden; wenn ich dieſen Vortheil fahren laſſe, muß ich reichlich dafuͤr bezahlt werden.“ „Bedingungen!“ wiederholte der Statthalter⸗ „Belohnung! nun ja. Ihr ſollt ſie erhalten. Wenn — 175— Ihr Alles erzählt, was Ihr wißt: ſoll Euch die Folter erlaſſen werden, auf der wir Euch ſonſt ſchon die Zunge loͤſen wollen! Doch faßt Euch kurz! Iſt die Verſchwoͤrung, die Ihr zu entdecken habt, der Muͤhe werth: wißt Ihr es ja, daß der Fürſt empfangene Dienſte gern vergilt.— Zur Sache alſo! was wißt Ihr?“ Tripalda oͤffnete die Thuͤr des Gemachs, blickte hinaus, und verſchloß ſie wieder. Dann unter⸗ ſuchte er alle Winkel des Zimmers, und hob die Vorhaͤnge auf, um nachzuſehen, ob nicht irgendwo ein Lauſcher verborgen ſey. Endlich ſchob er einen Seſſel dicht neben den Mordecaſtellis, nahm. Platz darauf, und begann in einem leiſen Tone; „Die Avogadii's— „Nun, was ſoll's mit Denen?“* fragte Mordeca⸗ ſtelli.„Ich weiß es: ſie haſſen den Fuͤrſten; aber ſie ſind nicht maͤchtig genug, daß man etwas von ihnen zu befuͤrchten haͤtte.“ „Die Quartezzani's aber“ tahr d der Nens ther fluͤſternd fort. 1.829: — 176— 5„Das iſt ein anderes!“ ſprach der Statthalter; „Sind auch Die zu Nattern geworden? Die ha⸗ ben allerdings Gift zu verſpritzen.“ Tripalda theilte ihm nun in einem wichtigen Tone den ganzen Plan der Verſchwoͤrer mit. „Ohne einen einzigen Umſtand indeß“ fuͤgte er, als er faſt geendet hatte, hinzu,„haͤttet Ihr dieß Ales nicht von mir erfahren.“ „Und von welchem Umſtande ſprecht Ihr?¹ fragte Mordecaſtelli V„Etwa von Eeer Liebe zu dem Furſten? 2 4 —„Keinesweges!“ entgegnete Tripalda.„Der Antelminelli hat mich ſo behandelt, daß ich ihm lieber ein ganzes, paͤbſtliches Heer aͤber den Hals fuͤhren, als ihm einen gegen ihn entworfenen An⸗ ſchlag verrathen wuͤrde. Die Sache hat eine an⸗ dere Bewandniß. Ich hoͤrte, daß ſie auch ein Weib in die Verſchwoͤrung gezogen haͤtten; und da leuch⸗ tete es mir ein, daß doch nichts Kluges heraus⸗ kommen wuͤrde;— und ſo machte ich meinen Nuͤckzug bei Zeiten. 4 e „Ein Weib?“ fragte der Statthalter erſtaunt, „Wer iſts, von der Ihr ſprecht? Etwa Bertha Avo⸗ gadii?“ „Hoͤher hinauf! 1“ verſetzte Tripalda,„Eine Gri⸗ fin iſt's— die Groͤfin von Valperga.“ „So iſt Euer ganzer Bericht ein Maͤhrchen!“ rief Mordecaſtelli erzuͤrnt;„Die Graͤfin von Val⸗ perga iſt zu weiſe, zu erhaben, als daß ſie ſich je entſchließen koͤnnte, Theil an Eurer buͤbiſchen Verſchwoͤrung zu nehmen;— auch hat ſie einſt den Caſtruccio geliebt.“— 52 „ Heiße Liebe wandelt ſich oft in bitteren Haß!“ bemerkte der Verraͤther;„Denkt an Valperga! Glaubt Ihr, ſie habe das vergeſſen? Denkt an ihr Schloß, an ihre Macht, an ihr Anſehen, als ſie dort, wie eine Koͤnigin herrſchte! Meint Ihr, ein Weib koͤnne eine ſolche Kraͤnkung verzeihen?— Ich ſage Euch, ſie hat den Tod ihren onmaſgen Geliebten beſchloſſen.“ 8 „Ich wuͤrde dieſe Kunde nicht glaubene enwies derte der Statthalter,„und braͤchte ſie mir ein Engel— wie viel weniger kann ich ihr aus dem Caſtruccio. 1I. Band⸗ 12 — 178— Munde eines Teufels trauen? Nunzelt nur nicht Eure Stirn, ehrwuͤrdiger Herr! Der Satan haͤngt ja, wie die Sage geht, oft ein Prieſtergewand um, und auch unter dem Eurigen ſoll ſich zuwei⸗ len der Pferdefuß zeigen.“ „‚Ihr beliebt Euren Scherz mit mir zu treiben,“ verſetzte der Verraͤther;„doch um Euch zu uͤberzeu⸗ gen: kennt Ihr Orlando Quartezzani's Hand⸗ ſchrift?“ „Wie meine eigene..) „So leſ't dieſes Schreiben!“ Es war ein von Orlando an Tripalda gerich⸗ teter Brief, worin Jener den Letzteren beſchwor, jetzt raſch ans Werk zu gehn, da durch den Bei⸗ tritt der Graͤfin von Valperga nunmehr jedes Hin⸗ derniß beſeitigt ſey. Staunend ließ der Statthalter das Schreiben ſeiner Hand entſinken.„Und wen“ ſprach er, „Zöhlt Ihr noch ſonſt zu Euren Mitgliedern? Ich bin darauf gefaßt, von Euch zu vernehmen, daß irgend ein Heiliger, oder ein Maͤrtyrer, ja 8 — 179— ielleicht die heilige Jungfrau ſelbſt vom Himmel herabſtieg, ſich mit Euch zu verbinden.“ 1 „Hier iſt die Liſte der Verſchwoͤrer. entgegnete Tripalda,„Und hier dieſe Briefe Geceiſen die Wahrheit meiner Ausſage.“ „Gebt her!“ verſetzte Mordecaſtelli,„Glaubt aber ja nicht, daß ich Euch blindlings vertraue! Vor der Hand ſollt Ihrr unter Schloß und Riagel bleiben.“ „Ich hoffte, eine beſſere Behandlung verdiem zu haben.“ ſprach Tripalda. „Eine beſſere Behandlung?“ wiederholte der Suanhalter:„Ihr habt Euch ſelbſt zum Verraͤther geſtempelt, und, bei allen Heiligen! nur als ein ſolcher ſollt Ihr behandelt werden.— Dieß Nebengemach hier iſt ein beſſeres Gefaͤngniß, als Ihr es verdient. Begebt Euch gutwillig hinein, oder ich laſſe Euch eine Wohnung unter der trEnde anweiſen!“ „Ich gehe,“ murmelte der Geiſtliche, haber 6 hoffe, Ihr werdet mir ſpateehin Ee Danköas⸗ keit bezeigen.“— 2 12* — 180— „Wie Ihr ſie verdient!“ unterbrach ihn der Statthalter; und ſorgfaͤltig verſchloß und verrie⸗ gelte er die Thuͤr des Nebengemachs, in welches ſich der Geiſlich begeben hatte. 14. Nachdem ſich Mordecaſtelli auf dieſe Weiſe Tri⸗ palda's verſichert hatte, warf er ſich wieder in ſei⸗ nen Seſſel, um die von dem Verraͤher empfan⸗ gene Liſte der Verſchwoͤrer durchzuſehn.„Welch ein moͤrderiſches Ungeheuer iſt nicht dieſer Bube, dieſer Prieſter!“ rief er aus,„Da iſt auch nicht eine einzige edle Familie Lucca's, von der nicht wenigſtens ein Mitglied zu den Verſchwoͤrern ge⸗ hoͤrte.— Dem Fuͤrſten darf dieſe Liſte nicht vor⸗ gelegt werden! Es iſt genug, wenn er die Haͤupter des Anſchlags kennt. Die Uebrigen leicht zu be⸗ ſtrafen, behalte ich mir vor, hoffend, ſo dem Antel⸗ — 181— minelli manchen guten Unterthanen zu erhalten. Aber die Graͤfin von Valperga! Ich haͤtte eher ge⸗ glaubt, daß der Himmel einſtuͤrzen koͤnne, als daß es jenem Schandbuben moͤglich ſeyn wuͤrde, dieſe reine Seele von der erhabenen Hoͤhe, in der ſie glaͤnzte, zu ſich hinab in die ſchmutzige Tiefe zu ziehn.— Doch, wie ſie geſaͤet hat, moͤge ſie nun auch erndten! Ich haſſe ſie jetzt wegen ih⸗ rer Heuchelei. Sich gegen Caſtruecio zu verſchwoͤ⸗ ren!— es iſt wahr, Er hat ihr uͤbel mitge⸗ ſpielt;— aber ſie legte doch ſtets, wenn auch nicht durch Worte, doch durch Blicke und Beneh⸗ men ein ſanftes, jede Beleidigung verzeihendes Gefuͤhl fuͤr ihn an den Tag.— Du ſchoͤnge⸗ mahlte Heilige, biſt wie alle andern: bunt von außen und wurmſtichig von innen!— Aber dur ſollſt deiner Strafe nicht entgehen!— Ich haͤtte mein Leben fuͤr Euthanaſia verpfaͤndet— ich kannte ſie von Kindheit an.— Noch ſehe ich das Engelskoͤpfchen mit den blonden Locken und den blauen frommen Himmelsaugen;— jetzt aber, wie ganz anders tritt das Bild der Verſchwo 21 182— rerin mir entgegen!“— Undiin der That konnte Mordecaſtelli, der mit ganzer Seele an dem Fuͤr⸗ ſten hing, der Graͤfin von Valperga Benehmen nicht anders, als mit Abſcheu betrachten. Der rauhe Krieger kannte den zarten weiblichen Sinn ſo we⸗ nig, er hatte keinen Begriff von den Beweggruͤn⸗ den, welche ihr ihr Verfahren als eine edle, ihr von der Pflicht gebotene Handlung erſcheinen lie⸗ ßen— er konnte nicht in das Heiligthum ih⸗ res Herzens dringen.— Empoͤrt und hocherzuͤrnt traf demnach Morde⸗ eaſtelli ſeine Anſtalten, und noch bevor der Abend hereinbrach, waren alle Haͤupter der Verſchwoͤrung gefaͤnglich eingezogen. Fruͤh am naͤchſten Morgen kehrte Caſtruceio nach Lucca zuruͤck! Der Statthalter trat ihm mit einem Antlitz entgegen, in welchem das Falken⸗ auge des Fuͤrſten alsbald etwas Ungewoͤhnliches las.„Warum ſo feierlich, mein Freund?“ fragte Antelminelli,„Sagt mir, weshalb Ihr weder lacht noch weint, da es doch ſcheint, als ob Ihr zu Bei⸗ dem gleiche Luſt haͤttet?“ — 183— „So iſt es in der That.“ entgegnete der treue Diener,„Ich habe eine furchtbare Verſchwoͤrung, die gegen Euch im Werke war, entdeckt, und moͤchte Euch gern meine Freude daruͤber bezeigen, daß Ihr den Schlingen der Elenden abermals entgangen ſeyd; wenn Ihr aber die Namen der Verſchwoͤrer hoͤren werdet: wird Trauer auch Euer Herz erfuͤlen. Mehrere Eurer bisherigen Freunde befinden ſich unter ihnen. Namen, de⸗ rer Ihr vielleicht einſt in Eurem Gebet gedachtet, ſtehen auf der Liſte der Verraͤther!“ „Als ich den Fuͤrſtenmantel um mich warf,“ entgegnete Caſtruccio,„wußte ich, daß Gefahren aller Art in ſeinen Falten lauern; immerhin!— Als Knabe ſchon verlangte mich danach, eine Krone zu tragen, und ſollte ſie auch noch ſo ſchwer auf meinem Haupte laſten.— Wer aber hat ſich denn gegen mich verſchworen? Welcher von meinen bisherigen Freunden iſt ſo verblendet, ſeinen Vor⸗ theil in meinem Sturze zu ſuchen?“ Mordeca⸗ ſtelli üͤberreichte dem Fuͤrſten die von ihm auf ei⸗ nem Blatte verzeichneten Namen der Hauptver⸗ — 184— ſchwornen, und beobachtete, waͤhrend Caſtruccio las, das Antlitz ſeines Herrn. Anfangs laͤchelte dieſer nur ſorglos und veraͤchtlich; als ſeine Blicke aber auf den Namen der Graͤfin von Valperga ſielen, veraͤnderten ſich ploͤtzlich ſeine Geſichtszuͤge, und ein krampfhaftes Zucken verrieth die innere Bewegung, die er nur vergebens zu unterdruͤcken ſich bemuͤhte.— „Ja, ja! da ſteht ihr Name!“ ſprach der Statt⸗ halter,„So wahr die Sonne am Himmel ſcheint: die bisher engelreine Euthanaſta hat ſich mit Ver⸗ rath befleckt! Ich habe Bameiſe— hier ſind 4 74— Scweigend nahm Caſtruccio die Briefe, las, und nahm ſeine ganze Seelenſtaͤrke zuſammen, um waͤhrend des Leſens ſeine Faſſung wieder zu ge⸗ winnen. —„Was habt Ihr mit den Berſchwornen ange⸗ fangen?“ fragte er nach einer Pauſe. Sie befinden ſich ſaͤmmtlich im Gelinani 14 H „Die Graͤfin auch?“ — 185— „Allerdings, gnaͤdiger Herr! Haͤtte ich ihrer ſchonen ſollen?“ Caſtruccio ſchwieg, und ſinnend ging er einigemal im Zimmer auf und ab; ploͤtz⸗ lich aber hemmte er ſeine Schritte.„Ich will das Uebel mit der Wurzel ausrotten!“ rief er,„Die Strafe jener Elenden ſoll als ein warnendes Bei⸗ ſpiel Jedem dienen, der da Luſt verſpuͤren ſollte, ihren Weg zu wandeln!— Sie ſollen Alle ſterben.“ 3 „Wie Ihr gebietet, ſoll's geſchehen, gnaͤdiger Herr!“ entgegnete der Statthalter, aber ſeine Stimme zitterte, als er dieſe Antwort gab. „Kein leichter Tod aber werde ihnen zu Theil!“ fuhr der Tyrann fort,„Das waͤre nur eine armſe⸗ lige Rache!— Sie ſollen ſterben, wie ſie gelebt ha⸗ ben, als Verraͤther; auf daß jedermann erkenne, wie Caſtruccio ſeine rebelliſchen Unterthanen zu beſtrafen weiß!— Habe ich da rum mein Leben jeder Gefahr Preis gegeben? Bin ich da rum Tos⸗ cana's Furcht und Hoffnung geworden, um unter dem Dolche eines Meuchelmoͤrders zu fallen? — 485— Sorgt dafuͤr, Mordecaſtelli, daß mich ihre Todes⸗ art befriedige! Hoͤrt Ihr?“— „Ich werde thun, wie Ihr befehlt, gnaͤdiger Herr!— Und die Graͤfin.“— „Die uͤberlaßt mir— ich ſelbſt will ihr Richter ſeyn.“ „Ihr? Ihr ſelbſt?“ „Nun, erblaßt nur nicht!— In ein paar Stun⸗ den ſollt Ihr es erfahren— jetzt verlaßt mich!“ Der Statthalter verbeugte ſich und verließ das Gemach. Gedankenvoll ſchritt Caſtruccio eine Weile auf und ab. Endlich blieb er ſtehen. „Rache, Rache!“ rief er, und wuͤthend ballte er die Fauſt, und zornig ſlammten ſeine Augen. „Ja, ja! Rache, ſie allein giebt uns Erſatz fuͤr die vielen Uebel dieſes Lebens.— Sie ſollen Qualen, martervolle Qualen erleiden! Sie ſollen lernen, was es heißt, den Loͤwen geweckt zu haben! Sie ſollen ſterben! und die ganze Welt ſoll erfah⸗ ren, wie Caſtruccio, ſich zu raͤchen, verſteht!“— So ſprach er, ſo dachte er; aber er konnte das bei eine Stimme in ſeinem Innern nicht unter⸗ — 187— drücken, welche ihm mahnend zurief, daß es keine Ehre bringe, den gefallenen Feind mit Fuͤßen zu treten. Er bemuͤhte ſich indeß, dieſer Vorſtellung ſein Ohr zu verſchließen, und lenkte ſeine Gedanken auf einen Gegenſtand, der Gefuͤhle in ihm er⸗ weckte, welche ihm ſeit langer Zeit fremd gewor⸗ den waren. 1 „Sie alſo hat ſich auch gegen mich verſe ren! Der Bande, die aus fruͤher vereinten, v vergeſſend, beſchloß ſie meinen Tod! Sie wußte es— ja, ſie muß es gewußt haben, daß ihr An⸗ denken nicht in mir erſtorben war, daß die Erin⸗ nerung an meine Jugendliebe fortwaͤhrend in mei⸗ ner Bruſt lebte, hatten gleich Verhaͤltniſſe und ein feſter Wille alle meine uͤbrigen Gefuͤhle umge⸗ wandelt.— Sie aber hat nicht nur jene Liebe ganz aus ihrem Herzen verbannt— ſie hat auch ſogar meinen Untergang beſchloſſen— ſie hat ſich Verraͤthern beigeſellt, und ſo die bisherige En⸗ e udef ihrer Seele befleckt!— Aber ſteht es mir auch an, ſolche Rede zu nh⸗ ten— mir, dem, ſtatt der fruͤheren Tugenden, nur Rache, Haß und Eroberungsſucht innewoh⸗ nen?— Aber, obgleich ich das, was ich bin, aus eigener Wahl bin, ob ich gleich jene furcht⸗ baren Ungeheuer vor meinen Lebenswagen ſpann⸗ te, habe ich dennoch das Gefuͤhl fuͤr Recht und Unrecht nicht verloren; verehrte ich dennoch, trotz meines ehrgeizigen Strebens, ſtets Euthanaſia's himmliſche Tugend. Sie, der reine Engel, iſt ge⸗ fallen! Nun moͤge auch das Verderben immerhin die ganze uͤbrige Welt erfaſſen.“—— „Sie muß jedoch gerettet werden!“ fuhr er nach einer Weile fort,„Meine Hand ſoll ſich nicht mit ihrem Blute beflecken, meine Seele kein ſolches Verbrechen auf ſich laden! Sie darf aber weder hier, noch in Toscana bleiben! Sie ſoll fort von hier— weit, weit weg, auf daß ich nim⸗ mer wieder ihren Namen nennen hoͤre.— Au⸗ genblicklich will ich dazu thun; keine Nacht mehr ſoll ſie im Kerker zubringen.— Euthanaſia im Kerker!— Unmoglich! ich vermag dieſen Gedanken nicht zu ertragen.“—— Hier wollen wir den, von mannichfachen Gefuͤhlen — 489— beſtuͤrmten Caſtruccio ſeinem ferneren Selbſtge⸗ ſpraͤch uͤberlaſſen, um uns nach der ungluͤcklichen Graͤfin von Valperga umzuſehn. Als der Tag nach ihrer Ankunft in Lucca an⸗ brach, fand er Euthanaſia auf ihrem Lager wa⸗ chend; die ganze Nacht uͤber war kein Schlum⸗ mer in ihr Auge gekommen. Sie erhob ſich. Der Mittag kam heran, und eben war ſie im Begriff, ſich hinab in den Garten zu begeben, um in der friſchen Luft ihre Nerven zu ſtaͤhlen, als Quar⸗ tezzani zu ihr hereinſtuͤrzte. Sein Antlitz war todtenbleich, und Angſt ſchien ihm das Haar em⸗ porzuſtraͤuben: „Heilige Jungfrau! Was iſt geſchehn?“ ttagte Euthanaſia erſchrocken. „Wir ſind Alle verloren!“ rief Duartezzamt „Der Tod, oder noch etwas Schlimmeres, als der Tod, harrt unſer!— Wir ſind verrathen!“ „Von Tripalda?“ „Von ihm! von dem Laſterbuben!“ „und iſt keine Rettung?“ — 10— „Keine! Die Thore wurden geſchloſſen, und ſol⸗ len erſt, nachdem wir ſaͤmmtlich gefangen genom⸗ men worden, wieder geoͤffnet werden.“ „So iſt unſer Tod gewiß?“ fragte die Graͤfin. 1b„Gewiß, wie der des Heilands am Kreuze!“ erwiederte ihr Bundesgenoſſe. 4 .„So laßt uns Muth faſſen, mein Freund, 1 ſprach Euthanaſia,„und mit jeder irrdiſchen Hoff⸗ nung, auch jede irrdiſche Furcht von uns werfen! Ich habe es Euch vorher geſagt, Ugo, Ihr aber wolltet mir nicht glauben.— Jetzt bleibt uns nichts uͤbrig, als fuͤr die Sache der Freiheit eben ſo entſchloſſen zu ſterben, als wir fuͤr ſie zu leben gedachten. Laßt uns nicht durch Feigherzigkeit zum Geſpoͤtt unſerer Feinde werden; ſondern uns, in der Ueberzeugung, recht gehandelt zu haben, er⸗ gebungsvoll in den Willen des Ewigen fuͤgen.“ 6 ſprechend, ergriff ſie die Hand ihres Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten, und ihre Himmelsaugen leuchte⸗ ten voll frommer Verklaͤrung. Ugo aber vermoch⸗ te ihren Muth nicht zu theilen; der Schlag hatte ihn zu ploͤtzlich getroffen; Thraͤnen perlten uͤber ſeine Wange herab. „Ja, weint nur, weint!“ fuhr die Graͤfin fort, „Auch ich wuͤrde weinen, triebe nicht der Sturm in meinem Innern jede Thraͤnenwolke raſch hin⸗ weg.— Ihr weint, weil Ihr Die verlaſſen muͤßt, die Ihr liebt— ein hartes Schickſal in der That! — Iſt denn nicht wenigſtens fuͤr Euch Hoffnung vorhanden— vielleicht durch Flucht? ſinnt nach!— Haͤttet Ihr nur erſt die Stadt i im Rücken. koͤnnte Caſtruecio— „Caſtruccio!“ unterbrach ſie Quartezzani, „Sprecht den verhaßten Nahmen nicht aus! Fluch und Verderben uͤber ihn!“ „Ruhig!“ bat die Graͤfin,„Wißt Ihr dene nicht, daß der Fluch eines Sterbenden mehr die⸗ ſen ſelbſt, als Den trifft, auf den er den Zorn des Ewigen herabruft?— Faßt Euch, ugo!— Ihr ſeyd Gatte, Vater—— Berathet Euch mit den Eurigen— vielleicht gelingt es Euch, ein Mittel zu Eurer Rettung zu erſinnen.“ — 192— „o, mein armes, armes Weib! meine Kinder!“ ſammerte Quartezzani.„Gott ſchuͤtze Euch!“ fuhr er dann, zu Euthanaſia gewandt, fort,„Ich muß hin zu den Meinigen.“ So ſprechend, ſtuͤrzte er von dannen; die Graͤ⸗ fin von Valperga aber verlor keineswegs die we⸗ nigen, ihr noch uͤbrigen, koſtbaren Augenblicke in nutzloſen Klagen. Sie nahm ihre ganze Seelenkraft zuſammen, ergriff dann die Feder, und ſchrieb ei⸗ nen langen Brief an Bondelmonti. Ihr Schrei⸗ ben war mit großer Ruhe abgefaßt; ſie fuͤhlte ſich aͤber dieſe Erde erhaben, und ihre Worte ſprachen die Heiterkeit ihrer Seele aus.— Sie rief ih⸗ ren Freunden ein letztes Lebewohl zu.„Der In⸗ halt meines Briefes“ ſo ſchloß ſie,„mag Euch ſeltſam erſcheinen; und in der That, wenn ich ſo recht nachdenke, kommt es mir ſelbſt vor, als koͤnnten Antelminelli's Lippen das Todesurtheil nicht uͤber mich ausſprechen; aber es ahnet mir, als muͤſſe der ſtattgehabten Begebenheit eine furchtbare Cataſtrophe folgen, die mich auf im⸗ mer, von Euch trennen wird; und deßhalb ſage ich Euch hiemit ein ewiges Lebewohl.“ Sie hatte kaum dieſen Brief geendet, als auch ſchon ein, von Mordecaſtelli abgeſandter Bote bei ihr erſchien. Er berichtete ihr, daß der Statt⸗ halter die Verſchwoͤrung entdeckt habe, und daß ſie ſich in ein Gefaͤngniß begeben muͤſſe, um dort die Befehle des Fuͤrſten zu erwarten.— Bei dem Worte Gefaͤngniß bebte die Graͤfin zu⸗ ſammen; ſchnell ſich aber faſſend, gab ſie dem Bo⸗ ten durch ein Zeichen zu verſtehen, daß ſie ihm zu folgen bereit ſey, und ſchweigend, ja, auch nur ohne daß ein Seufzer ihrer Bruſt entſtieg, nahm ſie darauf Platz in ihrem Tragſeſſel, und ließ ſich nach dem Kerker bringen. Der kleine Zug be⸗ wegte ſich langſam hin, durch dieſelben duͤſteren Gaſſen, durch welche ſie einſt dem Gefangenwaͤr⸗ ter zu der ungluͤcklichen Beatrice folgte. Ein Heiligenſchein, mit dem Bildniß der heiligen Jungfrau, vor dem eine Lampe brannte, und an welchem Euthanaſia voruͤber getragen wurde, rief jene ungluͤckliche Begebenheit in ihr Gedaͤcht⸗ Caſtruccio. 11. Band 13 — 1494— niß zuruͤck.„Du, gluͤckliche Freundin, haſt die Ruhe bereits gefunden;“ ſprach ſie,„bald wird dieſe auch mir zu Theil werden.“ Der Gefangenwaͤrter, derſelbe, der ſie einſt der armen Beatrice zum Troſte hergefuͤhrt hatte, empfing ſie mit einem ſchwermuͤthigen Antlitz, und brachte ſie in das beſte Gemach, uͤber wel⸗ ches er zu gebieten hatte, und von wo aus man, da es hoch oben im Thurme gelegen war, das ganze Gebaͤude zu uͤberſchauen vermochte. Hier war ſie ſich nun allein uͤberlaſſen; ungeſtoͤrt konn⸗ te ſie uͤber ihre Lage nachdenken, und Muth ſam⸗ meln fuͤr die Pruͤfungen, die ihr bevorſtanden. Was ſie am meiſten ſchmerzte, war das Schickſal ihrer Bundesgenoſſen; fuͤr ſich ſelbſt fuͤrchtete ſie nichts. Aus dem Fenſter ihres Kerkers konnte ſie frei hinaus, auf die ganze Umgegend blicken. Tauſend mannichfache Gefuͤhle beſtuͤrmten ihre Seele, ſie vermochte ihre Gedanken nicht zu ord⸗ nen. Der Schlummer wollte ſich zwar nicht freundlich auf ſie niederſenken, aber ihre Betrach⸗ — 195— tungen wurden dennoch waͤhrend der Nacht mit jedem Augenblicke ruhiger. 48 84344 Der Tag brach an; es war ein heiterer, aber kalter Wintermorgen. Die Strahlen der Sonne drangen auch bis in ihren Kerker, und mit einem unendlichen Verlangen nach dem beſſeren Jenſeits, ſchauete ſie ſehnſuchtsvoll hinaus, auf die Koͤnigin des Tages, welche fern in Oſten majeſtatiſch en em⸗ porſtieg. NRiuhig verging ihr der Tag; die Sonne ſan hinab, aber am wolkenloſen Himmel glaͤnzte nun⸗ mehr hellfunkelnd der Abendſtern, der Euthana⸗ ſia'n ſtets wie der, ſeine ſchlummernden Kinder be⸗ wachende Schutzgeiſt der Welt erſchienen war; hoffnungsvoll blickte ſie auch jetzt zu ihm hinauf. „Stella alma, benigna, ora pro nobis!“ betete ſie, und eine himmliſche Ruhe ſenkte ſich in ihre Seele, und ſanft ſchloß ſie der Schlaf in ſeins wohlthaͤtigen Arme. 13. Kurz vor Mitternacht wurden die Riegel vor Eu⸗ thanaſia's Kerkerthuͤr weggeſchoben, und der Ge⸗ fangenwaͤrter trat herein, eine Lampe in ſeiner Hand, von einer hohen, majeſtaͤtiſchen, in einen Mantel gehuͤllten Geſtalt begleitet.„Sie ſchlaͤft!“ fluͤſterte der Kerkermeiſter. Der, welcher mit ihm gekommen war, legte, Schweigen gebietend, den Finger auf den Mund, und, dem Gefangenwaͤrter die Lampe aus der Hand nehmend, trat er zum aͤrmlichen Lager der Schlummernden, knieete nie⸗ der, und blickte eine Weile ernſt auf die ihm einſt ſo theueren, ſo wohlbekannten Zuͤge. Die Schlafende machte eine Bewegung, als ſtoͤre ſie das Licht der Lampe; Caſtruccio ſtellte dieſe ſogleich auf den Boden.— Ihr weißer Schwa⸗ nenarm ruhte auf ihrem ſchwarzen Gewande, und der Fuͤrſt von Lucca konnte ſich nicht enthalten, ei⸗ nen leiſen Kuß auf ihre Hand zu druͤcken.— Sie erwachte und ſprang raſch empor.„Was ſoll das bedeuten?“ fragte ſie erſchrocken. Caſtruccio's Geſichtszuͤge, deren Strenge der Anblick der Schlafenden gemildert hatte, wurden jetzt ploͤtzlich wieder ernſt und ſinſter.„Madon⸗ na,“ ſprach er,„ich komme, Euch von dieſem Orte wegzubringen.“ Die Graͤfin blickte ihm forſchend ins Antlitz, bemuͤht, aus ſeinen Mienen das, was er mit ihr vorhabe, zu erſpaͤhen; aber Caſtruccio's ernſtes Geſicht gab ihr keine Auskunft, und ſo fragte ſie: „Wohin gedenkt Ihr mich fuͤhren zu laſſen?“ „Das werdet Ihr ſpaͤterhin erfahren.“ erwie⸗ derte der Fuͤrſt von Lucca. Sie ſchwieg; und er fuͤgte mit einem demuͤthigenden Laͤcheln hinzu: „Die Graͤfin von Valperga hat, ſo lange es in mei⸗ ner Macht ſteht, ſie zu beſchuͤtzen, nicht das Schickſal zu befuͤrchten, was ſie mir zu bereiten gedachte.“ „Und das waͤre?“ „Der Tod!“ — 198— „Er ſprach dieſes Wort in einem dumpfen, ſchwermuͤthigen Tone, welcher, da er beſſere Tage in ihr Gedaͤchtniß zuruͤck rief, ungemein gut ge⸗ eignet war, Eindruck auf ſie zu machen; und in⸗ nig bewegt, rief ſie aus:„Ich wollte Euren Tod nicht.— Gott iſt mein Zeuge!“ „Wir wollen nicht um Worte ſtreiten.“ ver⸗ ſetzte Caſtruccio;„Ich komme, Euch aus dem Ge⸗ faͤngniß zu fuͤhren.“ „So nicht, gnaͤdiger Herr! So will ich nicht ge⸗ rettet werden!“ erwiederte Euthanaſia;„Da Ihr mir keinen Glauben ſchenkt: halte ich es unter meiner Wuͤrde, auch nur ein einziges Wort uͤber meine wahren Abſichten zu verlieren.— Sagt mir zuvor: ſoll i ch allein die Freiheit wieder erhal⸗ ten, oder ſind auch meine Freunde in Eurer Be⸗ gnadigung mit eingeſchloſſen?“ „Eure Freunde, wie Ihr ſie zu nennen beliebt,“ entgegnete Caſtruccio,„ſind dem allgemeinen Wohl zu gefaͤhrlich, als daß ich ſie dem Schickſale entziehen duͤrfte, das ihrer harrt. Euer Geſchlecht — vielleicht auch die Erinnerung an unſere fruͤ⸗ — 199— here Freundſchaft, reden das Wort fuͤr Euch; und ſo meine ich, Ihr wuͤrdet wohl thun, keine Be⸗ dingungen Dem vorzuſchreiben, der die Macht hat, das zu thun, was ihm gefaͤllt.“ „Und dennoch wage ich es, jene Bedingung zu wiederholen!“ verſetzte die Graͤfin;„Ich allein will nicht gerettet werden, ſollen meine Bundes⸗ genoſſen ſterben. Ich kann mein Schickſal nicht von dem ihrigen trennen.“ 8 „Verliert keine Zeit in nutzloſem Wortgepraͤnge! meine Augenblicke ſind koſtbar!“ ſprach Caſtruccio finſter. „Ich will— ich darf Euch nicht folgen!“ fuhr Euthanaſia fort;„Mein Herz— mein Gewiſſen gebieten mir, zu bleiben. Ich muß ihrer Stimme gehorchen.“ „Sind Herz und Gewiſſen jetzt bei Euch ſo ge⸗ ſchaͤftig: weshalb ſchwiegen ſie denn, als Ihr meinen Untergang beſchloſſet?“ fragte der Fuͤrſt. „Caſtruccio,“ entgegnete die Graͤfin nach einer kurzen Pauſe,„dieß iſt, aller Wahrſcheinlichkeit nach, das letzte Mal, daß ich in dieſem Leben Ge⸗ — 200— legenheit habe, zu Euch zu reden. Mein Herz liegt offen da vor den Augen des Ewigen; er ſieht einen jeden meiner Gedanken.— Ihr kennt mich zu gut, als daß Ihr glauben koͤnntet, ich haͤtte Euren Tod, oder den irgend eines Menſchen zur Abſicht gehabt.— Jetzt iſt nicht der Augenblick, Euch meine Beweggruͤnde aus einander zu ſetzen; ſeyd aber uͤberzeugt, daß ich keinen anderen Wunſch, als den hegte, Euch zu einem tugendhaf⸗ ten und friedlichen Leben zuruͤckzufuͤhren.“ Sie ſprach dieſe Worte mit großem Ernſte; der Geiſt der Wahrheit ſchien ihre Rede zu beleben. Caſtruccio glaubte ihr, und ſein Ton ward milder. „Arme Euthanaſia!“ rief er,„ſo hat Euch alſo wirklich nur der Verraͤther Bondelmonti zum An⸗ ſchlag gegen mich verleitet? Ich glaube Euch und verzeihe Alles. Als einen Beweis von der Rein⸗ heit Eurer Abſichten aber, fordere ich Euch auf, meine rettende Hand nicht von Euch zu ſtoßen!“ „Ich kann— ich kann nicht darein willigen!“ erwiederte die Graͤfin;„Setzt Eurer Großmuth keine Schranken! Begnadigt uns Alle— verhannt — 201— uns Alle nach einem Orte, wo wir Euch nicht ge⸗ faͤhrlich werden koͤnnen!— Ich kann meine Freunde nicht verlaſſen, kann mein Schickſal uſcht von dem ihrigen trennen.“ Der Gefangenwaͤrter, welcher bisher im Hin⸗ tergrunde unfern der Thuͤr geſtanden hatte, konnte ſich jetzt nicht laͤnger zuruͤckhalten; er trat naͤher, warf ſich nieder zu Euthanaſia's Fuͤßen, und beſchwor ſie, doch ja die Mittel zu ergreifen, die ihr Gott zu ihrer Rettung geſandt hatte. Caſtruccio ward durch die Waͤrme, mit welcher der wackere, alte Mann ſprach, noch mehr bewegt; ſanft ergriff er die Hand der Gefangenen.„Gebt meinen Bitten nach, theuere Euthanaſta!“ ſprach er,„Bei Eurer fruͤheren Liebe zu mir beſchwoͤre ich Euch: thut, wie ich wuͤnſche!“ In dieſem Augenblick fiel der Schein der Lampe auf Caſtruccio's Geſicht; ſeine Augen waren mit Thraͤnen gefuͤllt; nur einmal in ihrem Leben hatte ihn Euthanaſia weinen geſehn— es war da⸗ mals, als er von ihr Abſchied nahm, um in die Schlacht von Monte Catini zu ziehn. Jener ruͤhrende Moment, die vielen gluͤcklichen Stun⸗ den, die ſie mit ihm einſt verlebt, lebten, als ſie jetzt den Fuͤrſten weinen ſah, ploͤtzlich mit unend⸗ licher Gewalt in ihrer Erinnerung wieder auf. Sie fuͤhlte ſich erſchuͤttert— tief erſchuͤttert, und noch bevor ſie ihre Faſſung wieder gewinnen konnte, hatte ſie Caſtruccio's dringende Bitte bewilligt. Kaum war die Einwilligung uͤber ihre Lippen ge⸗ flogen, als auch der Fuͤrſt ihr unverzuͤglich den Mantel umwarf, und ſie die ſteile Treppe hinab⸗ fuͤhrte; der Gefangenwaͤrter ſchritt voran, mit der Lampe in der Hand, ſchob die ſchweren Riegel zu⸗ ruͤck, und oͤffnete die in ihren Angeln knarrende Pforte. Draußen vor derſelben hielt ein Reiter mit noch zwei anderen Pferden; es war Mordeca⸗ ſtelli. Caſtruccio half der Graͤſin das eine Roß be⸗ ſteigen, dann ſchwang er ſich auf das andere, und langſam bewegte ſich nun der kleine Zug durch das bereits geoͤffnete Thor zur Stadt hinaus. Vor derſelben angelangt, hielt Caſtruccio ſein Pferd —2ͤ—— —õyö— ᷣ— an.„Bleibt jetzt zuruͤck!“ ſprach er, zu Mordeca⸗ ſtelli gewandt,„Ich kehre bald wieder.“ Der Statthalter verneigte ſich ſchweigend ge⸗ gen die Graͤnſin, und dem Befehl des Fuͤrſten Folge leiſtend, wandte er ſein Roß. Eine kurze Strecke weiter aber harrete ihrer bereits ein Landmann zu Pferde.„Ihr ſeyd unſer Fuͤhrer!“ rief der Fuͤrſt,„Vorwaͤrts dann! zeigt uns den Weg!“ Es war eine kalte, wolkenloſe Nacht, und hell funkelten die Sterne am Himmelsgewoͤlbe. Eine Weile trabten ſie ſchweigend neben ein⸗ ander her; als ſie nun aber an eine Anhoͤhe ka⸗ men und langſamer zu reiten genoͤthigt waren, nahm die Graͤfin, zu dem Fuͤrſten gewandt, das Wort.„Ich habe“ begann ſie, Euren Wunſch erfuͤllt und den Kerker verlaſſen; thoͤrigt waͤre es auch in der That geweſen, haͤtte ich mich laͤnger Euch, der die Gewalt in Haͤnden hat, widerſe⸗ ſetzen wollen. Jetzt aber— da wir uns, fuͤr die⸗ ſes Leben, wahrſcheinlich zum letzten Male ſehn, beſchwoͤre ich Euch nochmals, mit meinen Ver⸗ buͤndeten Barmherzigkeit zu haben!— Nur um 1 — 204— ſie bin ich bekuͤmmert! Wird mein Leben erhal⸗ ten— wird es mir fuͤrder geſtattet, Kunde von dem zu empfangen, was ſich innerhalb der Mauern von Lucca begiebt: o, ſo bedenkt, wie die Nach⸗ richt von ihrem Tode mein Herz verletzen wuͤrde!“ „Madonna,“ erwiederte Caſtruccio,„ich wer⸗ de thun, was mir die Pflicht gebietet;— laßt uns aber nicht die wenigen, letzten Augenblicke unſeres Zuſammenſeyns im nutzloſen Wortſtreit verſchwenden 12 Euthanaſia ſchwieg, denn ſie fuͤhlte, es wuͤrde vergebens ſeyn, noch weiter einen Verſuch zu wa⸗ gen, das Marmorherz des Fuͤrſten zu bewegen. Nach einer kurzen Pauſe nahm dieſer wieder das Wort.„Ihr werdet“ ſprach er,„jetzt Toscana verlaſſen, und Euren Wohnſitz in einem fremden Lande auſſchlagen. Ich bin genoͤthigt, Euch aus Eurem Vaterlande zu verbannen; ſpaͤterhin aber werdet Ihr mir fuͤr dieſe Beſtimmung viel⸗ leicht danken. Ihr habt bisher Theil an den po⸗ litiſchen Streitigkeiten genommen, habt in der Mitte von Verſchwoͤrungen und Buͤrgerkriegen — r — 20 gelebt: eine friedlichere Zukunft wird ſich Euch hoffentlich eroͤffnen.“ Euthanaſia ſchwieg; ſie vermochte nichts zu er⸗ wiedern. Unterdeſſen hatten ſie die Landſtraße verlaſſen, und waren nun hinauf, auf eine An⸗ hoͤhe gelangt, von wo aus ſie nieder auf eine Ebene ſchauten, durch welche ſich der Serchio hinſchlaͤngelte, und die, in nicht gar weiter Ent⸗ fernung, von dem Meere begrenzt ward.— Ca⸗ ſtruccio hielt ſein Roß an.„Hier verlaſſe ich Euch,“ ſprach er, und fernhin auf die See deutend, fuhr er fort:„Dort iſt Eure Beſtimung.— Vergeßt Deſſen nicht ganz, mit dem Ihr einſt gluͤckliche Tage verlebtet!“ Vei dieſen letzten Worten er⸗ griff er ihre Hand, und druͤckte ſie an ſeine Lip⸗ pen. Was Euthanaſia in dieſem Augenblick em⸗ pfand, vermoͤgen wir nicht zu beſchreiben.— Caſtruccio wandte ſich nun zu dem Fuͤhrer, em⸗ pfahl ihm Eile an, richtete noch einen Blick auf die Graͤfin, und, raſch ſein Roß wendend, ſprengte er von dannen. Euthanaſia verweilte oben auf der Anhoͤhe, bis der letzte Hufſchlag ſeines Pfer⸗ des verhallte; dann ritt ſie, ihrem Fuͤhrer folgend, langſam den Berg hinab. Unten in der Ebene angelangt, bat ihr Ge⸗ leitsmann ſie, ihr Pferd anzutreiben.„Wir muͤſ⸗ ſen machen, daß wir an Ort und Stellege langen!“ ſprach er,„Ich ſehe dort Wolken am Himmel em⸗ porſteigen, und alles verkuͤndet einen Sturm in Weſten.“ ie So naͤherten ſie ſich dem Meere, und wirklich ward auch das Wetter mit jedem Augenblicke rau⸗ her und ſtuͤrmiſcher. Das Ufer war niedrig, und uͤber die ſandige Flaͤche brauſten die Wogen daher. Euthanaſia konnte anfangs nicht begreifen, wie hier der Ort ihrer Beſtimmung ſeyn koͤnne, denn ſie ſah nichts, als das weite Meer vor ſich dalie⸗ gen. Endlich aber erblickte ſie ein Boot am Ufer, mehrere Maͤnner ſtanden daneben, und ei⸗ ner von dieſen, dem Anſchein nach der Erſte der Mannſchaft, trat ihr, als ſie naͤher kam, entgegen. „Ich habe“ ſprach er,„von dem Fuͤrſten von Lucca Befehl erhalten, Euch, gnaͤdige Frau, an Bord aufzunehmen.“ — 207— „Und wohin gedenkt ihr mich zu bringen?“ fragte die Graͤfin. Der Seemann deutete auf 6 ein großes Schiff, welches mit ſeinen weißen Se⸗ geln jetzt in einer ziemlich weiten Entfernung vom Ufer Euthanaſia's Blicken ſichtbar ward. Sie erſtaunte, aber ſie wagte es nicht, weiter zu fragen, ſondern reichte das wenige Gold, was ſie bei ſich hatte, ihrem Fuͤhrer, und nahm freundli⸗ chen Abſchied von dieſem. Der Geleitsmann, von dieſer Guͤte geruͤhrt, kuͤßte ihr dankbar die Hand, und wandte ſich dann an den Seemann mit der Frage, wohin jenes Schiff mit der edlen Frau ſegeln werde? „Nach Sizilien.“ War die Antwort.— Sizi⸗ lien ſtand damals unter der Herrſchaft der Fami⸗ lie der Koͤnige von Arragonien, den Erben der Tochter Manfreds. „Die heilige Jungfrau beſchuͤtze Euch auf Eu⸗ rer Fahrt!“ nahm der Fuͤhrer, zu der Graͤfin ge⸗ wandt, wieder das Wort,„Ich fuͤrchte, Ihr wer⸗ det eine boͤſe Reiſe haben! Der Wind wird mit je⸗ dem Augenblick heftiger.“ Euthanaſta beſtieg das Boot; die Mannſchaft griff zu den Rudern, und hin ging es durch die Wogen mit Blitzesſchnelle dem Schiffe zu, wel⸗ ches ſich auch, ſo wie es die Verbannte an Bord hatte, in Bewegung ſetzte. Gegen Mittag legte ſich der Wind in etwas; als aber der Abend hereinbrach, begann es aufs Neue immer heftiger zu ſtuͤrmen, und hoch ho⸗ ben ſich die aufgepeitſchten Wogen, den feurigen Blitzen entgegen, die aus ſchwarzen, gewitter⸗ ſchwangeren Wolken auf ſie niederziſchten. Der Regen ſtuͤrzte in Stroͤmen herab, und alle Ele⸗ mente ſchienen den Kampf mit einander begonnen zu haben.——— So war dieſer Orkan vom Ufer anzuſchauen— von dem Schiffe aber, welches die ungluͤckliche Euthanaſia trug, ward nie wieder ein Wort vernommen! Es erreichte weder den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung, noch ward je Einer von Denen, die es an Bord hatte, wiedergeſehn. Die Schildwa⸗ ſchen unfern Vado, einem nahe am Ufer gelegenen Thurme, gewahrten am naͤchſten Tage, daß die —; — 209— Wellen die Truͤmmer eines Schiffes ans Land ge⸗ ſpuͤlt hatten. Unter dieſen befanden ſich mehrere Planken, und ein zerbrochener Maſt, an deſſen Tauwerk ein weißſeidenes Tuch, wie es die Graͤ⸗ fin von Valperga, bei ihrem Einſchiffen, um das Haar getragen hatte, geknuͤpft war. In einem Knoten des Tuchs befand ſich eine blonde Locke. Mir dem Tode Euthanaſia's enden die Blaͤt⸗ ter, aus welchen wir dieſe Erzaͤhlung unſern freundlichen Leſern mitgetheilt haben; nur in der Geſchichte koͤnnen wir demnach den Bericht uͤber die letzten Lebensjahre Caſtruccio's finden. Sie belehrt uns nicht, welchen Schmerz er empfand, als er erfuhr, daß Die, an der er einſt mit Liebe hing, den Tod in den Wellen gefunden habe; aber ſie ſagt uns, daß waͤhrend der zwei Jahre, welche er noch nach jener ungluͤcklichen Bege⸗ benheit lebte, ſein Ruhm und ſeine Macht noch weit hoͤher ſtiegen, als vorher.— Ludwig von Baiern, der roͤmiſche Koͤnig, kam im Monat Februar des Jahres 1327 nach Ita⸗ lien. Er fand Caſtruccio als eine Geißel der Guelphen, als den erſten Gewalthaber in Tosca⸗ na, als den kraͤftigſten Aufrechthalter ſeiner Wuͤr⸗ den und Titel. Caſtruecio. 1I. Band. 14 — 210— Ludwig ward zu Mailand mit der eiſernen Krone gekroͤnt; aber ſein Benehmen war tyran⸗ niſch und unvorſichtig. Er beraubte den Galeazzo Visconti aller Macht, warf ihn in ein Gefaͤngniß, und fuͤhrte eine Art von republikaniſcher Regie⸗ rung in Malland ein, an deren Spitze zwar Ghi⸗ belinen ſtanden, welche aber, durch ihre ewigen Uneinigkeiten untereinander, nur dazu beitrugen, ſeinen Einfluß zu ſchwaͤchen. 3 Er zog durch die Lombardey, ging bei Parma uͤber die Apenninen, und traf zu Pontremoli auf Caſtruccio, welcher mit einem glaͤnzenden Ge⸗ folge dem Monarchen entgegengeritten war, und in der Hoffnung, durch die Gnade des Kaiſers ſeine Gawalt noch mehr zu befeſtigen, nun alles that, Ludwigs Gunſt zu erwerben; ein Bemuͤhn, welches auch keineswegs fruchtlos blieb. Von dem Fuͤrſten begleitet, begab ſich der Kaiſer nach Lucca, wo er ein aus den Staͤdten Lucca, Piſtoja, Volterra und Lunigiana beſtehendes Herzogthum bildete, Caſtruccio zum Herzog ernannte, und laut erklaͤrte, wie er ihn als ſeinen beſten Freund, als die kraͤftigſte Stuͤtze der kaiſerlichen Macht betrachte. Kaiſer und Herzog begaben ſich darauf gemein⸗ ſchaftlich nach Rom, wo der Letztere die Ehre hatte, das Schwerdt zu tragen, als ſich der Zug vom Capitol nach der St. Peterskirche begab, in welcher Ludwig zum Kaiſer gekroͤnt ward. Ca⸗ ſtruccio ward zum Grafen des kaiſerlichen Pala⸗ ſtes und zum roͤmiſchen Senator ernannt. Er 4 2— 8 2 — 2141= ſtand jetzt auf dem Gipfel ſeines Ruhmes; denn er ward mehr gefuͤrchtet, als der Kaiſer ſelbſt.— Waͤhrend er ſich aber zu Rom der neuerrunge⸗ nen Hoheit erfreuete, und ſich allen Vergnuͤgun⸗ gen dieſer Hauptſtadt hingab, ward ihm ploͤtzlich die Kunde, daß die Florentiner Lucca in Beſitz genommen haͤtten. Ohne auch nur einen Augenblick zu zoͤgern, verließ er Rom, und erſchien grade, als man ihn am wenigſten erwartetete, in der Mitte ſeiner Feinde.. Hier traf er Galeazzo Visconti, dem der Kai⸗ ſer, auf des Herzogs Bitte, die Freiheit wiederge⸗ geben hatte, und der nunmehr kam, unter den Fahnen ſeines gluͤcklicheren Freundes zu dienen. Caſtruccio's Erſcheinen wandelte ſchnell die Lage der Dinge; er eroberte Piſa, erſtuͤrmte Piſtoja, und zog aufs neue in Lucca ein.— Jetzt aber rief das Geſchick:„Bis hieher und nicht weiter!“— Bei der Belagerung von Piſtoja hatte er ſich uͤbermenſchlich angeſtrengt; er war faſt immer unter den Waffen, bald zu Fuß, bald zu Roß, und hatte ſich raſtlos der brennenden Ju⸗ liushitze ausgeſetzt, um ſeinen Kriegern mit ruͤhm⸗ lichem Beiſpiele voranzugehn. Nachts goͤnnte er ſich keinen Schlummer, und ſo ward er denn auch gleich nach ſeiner Ruͤckkehr in ſeine Geburtsſtadt von einem heftigen Fieber befallen. Er fuͤhlte, daß er ſterben wuͤrde, und traf mit jener Geiſtes⸗ gegenwart, die einen Hauptzug ſeines Characters bildete, jede Anſtalt, die ihm zum Wohle Lucea's nothwendig ſchien, wobei er nicht unterließ, ſei⸗ 14* — 212— nen Hauptleuten die noͤthigen Befehle zur Fort⸗ ſetzung des Krieges zu geben.— Er ſtarb am Zten September im Jahre 1328. Seine Feinde jubelten; ſeine in große Beſtuͤr⸗ zung verſetzten Anhaͤnger aber ließen ihn mit fuͤrſtlicher Pracht zur Erde beſtatten. Er ward in der damals außerhalb, jetzt innerhalb der Mauern von Lucca gelegenen Kirche San Fran⸗ cesco beigeſetzt. Sein Grabſtein iſt noch bis auf den heutigen Tag dort zu ſchauen.— Ende des letzten Theils. Halle, gedruckt in der Ruffſchen Buchdruckerei. 3 — “ ſſ ſin Fſfſſſſſſſnſſnſn, 12 13 14 15 16 7 8 9 10 11