R— 2 1. 1 Leihbibliothek deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 9 Ar dn.. 1 Eduard Ottmann in Gießen, † ¹ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. —— Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von„ ſe jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 2 2 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 beträgt: 8 4. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf t Monat: 1 Mk.— Pf. 1Nr. 50 Pf. 2 Nk. Ff. e„„ 3„„ 1„„ 3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene Und defecete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 4 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —— ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——-⸗————— A — Falperga . Leben und Abentheuer Castruccio's Fuͤrſten von Lucca. Hiſtoriſcher Roman n ach dem Engliſchen . von Georg Lotz. —— Erſter Band. Halle, in der Rengerſchen Verlagsbuchhandlung 1824. r p a ——— oder Leben und Abentheuer Caſtrucci o 3 Fürſten von Luccg. Vorwort. Das Original dieſes Romans hat ſich von allen litterariſchen Inſtituten Englands der vortheilhafteſten Beurtheilungen zu erfreuen gehabt; und in der That zeichnet es ſich auch, vor den meiſten Werken aͤhnlicher Art, durch eine treffliche Schilderung der maͤchtigſten Lei⸗ denſchaften aus. Liebe, Ehrgeiz und Patrio⸗ tismus werden dem Leſer abwechſelnd mit leb⸗ hafter Phantaſie vorgefuͤhrt, wobei dem geiſt⸗ reichen Verfaſſer der Zeitpunkt, in den er dieſe Erzaͤhlung verlegte, gar herrlich zu ſtatten kam; denn welche Periode der Weltgeſchichte war der Entwickelung großer Charactere wohl Zunſtiger, als die, in der ſich Guelphen und Bhibelinen um die Oberherrſchaft in Italien — vV Alle Bande der Geſelligkeit wa⸗ ren aufgelöſt, jede tugendhafte Gewohnheit war vergeſſen, und offen und frei lag das menſchliche da, mit ſeiner ganzen Kraft, mit diner ganzen Schwaͤche.— Das gehaltreiche Buch der deutſchen Leſe⸗ welt ſo viel als möglich anzueignen, war mein Bemuͤhn. Da es auf hiſtoriſchem Grunde be⸗ ruht, mit dem der brittiſche Dichter die Vil⸗ der ſeiner Phantaſie gar lieblich zu durchweben verſtand: bin ich dem Original getreu gefolgt/ und habe mich begnuͤgt, nur hie und da Eini⸗ ges zu küͤrzen, was mir fuͤr meine Leſer nicht intereſſant genng ſchien. 1 Hamburg, im Januar 1824. Georg Lotz. ſtritten?— 8 —— 1. Die anderen Nationen Europa's waren noch von der Nacht der Barbarei umhuͤllt, als Italien, in welchem Lande das Licht der Civiliſation nie ganz erloſchen war, ſich aus der Finſterniß her⸗ vorzuarbeiten begann, um die von Oſten her wie⸗ derkehrenden Strahlen der Litteratur und der Wiſſenſchaften einzuſaugen. Aber waͤhrend ſo der menſchliche Geiſt, zumal in der Lombardei und in Toscana, ſeine maͤchtigen Schwingen entfaltete 2 wurden dieſe Provinzen zugleich von innern Un⸗ ruhen aufgerieben, von furchtbaren Parteiungen zerriſſen. Die fruͤheren Streitigkeiten zwiſchen den Guelphen und Ghibelinen entbrannten neuer⸗ dings, noch weit ſtaͤrker als zuvor, jetzt aber un⸗ Caſtruccio. 1. Band. 1 ter der Bezeichnung der Bianchi und Neri, oder der Weißen und Schwarzen. Die Ghibelinen oder die Bianchi waren Freunde des Kaiſers und entſchloſſen, die Herrſchaft deſſelben uͤber alle geiſt⸗ lichen und weltlichen Angelegenheiten geltend zu machen; die Guelphen oder die Neri aber waren Vertheidiger der Freiheit. Die Partheien der Bianchi und Neri bildeten ſich zuerſt, in Pistoja, einer zwiſchen Florenz und Lucca gelegenen Stadt; bald aber wurden die Neri aus Pistoja verbannt, und, ihrer Heimath den Ruͤcken wendend, begaben ſich die Verwieſenen nach Lucca, wo ſich die Zahl ihrer Anhaͤnger bald ſo ſehr vermehrte, daß ſie ſchon im Jahre 1301 im Stande waren, die Bianchi zu vertreiben. Zu dieſen Letzteren gehoͤrte auch Caſtruccio Caſtraca⸗ ni dei Antelminelli. Die Familie der Antelminelli's war eine der ausgezeichneteſten Lucca's. Sie hatte den Kai⸗ ſern in ihren Kriegen in Italien kraͤftigen Bei⸗ ſtand geleiſtet, und zum Dank dafuͤr Titel und reiche Belohnungen empfangen. Der Vater Ca⸗ — — — ſtruccio's war das Haupt ſeiner Familie; ein An⸗ haͤnger des unguͤlcklichen Manfred's, Koͤnigs von Neapel, hatten ſeine Gefuͤhle, als Ghibeline, durch die Bewunderung, mit der er auf ſeinen edlen Ge⸗ bieter ſchauete, neuen Zuwachs erhalten. Man⸗ fred war ein natuͤrlicher Sohn des letzten Kaiſers aus dem Hauſe von Schwaben; ſchon vor ſeinem zwanzigſten Jahre hat er die glaͤnzendſten Thaten vollbracht, die wunderbarſten Abentheuer beſtan⸗ den, bei welchen Caſtruccios Vater ſtets ſein treuer Gefaͤhrte war. Die raſtloſe Feindſelig⸗ keit, mit welcher die Paͤbſte ſeinen koͤniglichen Herrn verfolgten, hatte in Antelminelli's Bruſt gegen jene einen Haß geweckt, zu dem ſich auch noch die tiefſte Verachtung gegen ihre freie und argliſtige Politik geſellte. Als ſich demnach der Zwiſt der Guelphen und Ghibelinen unter der Benennung der Neri und Bianchi erneuerte, ward Ruggieri dei Antelmi⸗ nelli der Hauptgegner, aber auch das vorzuͤglichſte Opfer der paͤbſtlichen Parthei. Caſtruccio, der Held dieſer unſerer Erzaͤhlung, war damals nur elf 1* Jahre alt, aber auf ſeine lebhafte Phantaſie machten die Scenen um ihn her einen maͤchtigen Eindruck. Als die Bewohner von Lucca ſich an einem feſtgeſetzten Tage verſammelt hatten, ihren Podeſta, oder ihre erſten Magiſtratsperſonen zu waͤhlen, theilten ſich beide Partheien auf dem Platze, und mit drohender Gebehrde ſtanden ſie da einander trotzig gegenuͤber. Die Guelphen waren weit zahlreicher, als ihre Gegner; aber die Ghi⸗ belinen warfen ſich dennoch, ihres Nachtheils un⸗ eingedenk, mit dem Schwerdte in der Hand auf ihre Feinde. Sie wurden indeß zuruͤckgeworfen, unnd waren genoͤthigt, den Guelphen das Feld zu uͤberlaſſen, welche nun, von ihren Anfuͤhrern ge⸗ leitet, einſtimmig die Verbannung der Ghibelinen ausſprachen, und durch einen Herold alle Be⸗ wohner Lucca's und der dazu gehoͤrenden Umge⸗ gend aufforderten, ſich am naͤchſten Morgen un⸗ ter ihre Banner zu vereinen, um mit gewaffneter Hand diejenigen der Gegenparthei zu vertreiben, die ſich weigern wuͤrden, dem erlaſſenen Befehle Folge 3 zu leiſten. A 8 1— 2 — — 5— Ruggieri kehrte, von mehreren ſeiner Freunde begleitet, von dem Platze, wo der Kampf ſtatt ge⸗ funden hatte, in ſein Haus zuruͤck. Sein Weib, Madonna Dianora, harrte in großer Angſt ihres Gatten, waͤhrend der Knabe Caſtruccio, aus den ſorgenvollen Blicken ſeiner Mutter ihre Unruhe errathend, neben ihr am Fenſter ſtand und in die Straße hinabſchauete, ob der Vater noch nicht nahe. Endlich klatſchte er froͤhlich in die Haͤnde: „Sie kommen, ſie kommen!“— Ruggieri trat herein; ſein Weib richtete einen fragenden Blick auf den Gatten, ohne es zu wagen, ihre Lippen zu eroͤffnen. Aber ihre Wange erblich, als ſie vernahm, wie der Hausherr gebot, die Thuͤren des Palaſtes zu verrammeln, und Niemanden einzulaſſen, außer denen, die ſich, durch Nennung des verabredeten Wortes, als zu ſeiner Parthei gehoͤrig, zu erkennen geben wuͤrden. 3 „Sind wir in Gefahr?“ fragte Madonna Dianora mit leiſer Stimme einen der vertrau⸗ teſten Freunde ihres Hauſes. Ihr Gatte aber vernahm, was ſie ſprach und entgegnete:„Sey gu⸗ tes Muthes, mein wackres Weib, und vertraue mir, wie du mir bisher vertrauteſt!— Gern moͤchte ich dich an einen ſichern Ort ſenden, aber es duͤrfte nicht gerathen ſeyn, dich jetzt in den Straßen Lucca's zu zeigen, deßhalb mußt du ſchon mein Schickſal theilen.—„Habe ich es nicht ſtets mit dir getheilt?“ fragte das Weib, und nachdem ſich die Freunde ihres Gatten in ein anderes Gemach begeben hatten, fuhr ſie fort: „Ich kann mir kein beſſeres Loos wuͤnſchen, Rug⸗ gieri, als mit dir zu leben und zu ſterben; aber iſt denn auch fuͤr unſern Sohn keine Rettung?“ Caſtruccio ſaß zu den Fuͤßen ſeiner Eltern, und blickte mit ſeinen ſchoͤnen, großen Augen zu ihnen auf. Er hatte, waͤhrend die Mutter ſprach, auf dieſe geſchauet; jetzt richtete er den fra⸗ genden Blick auf den Vater, als erwarte er deſſen Antwort.„Man hat uns,“ ſprach Rug⸗ gieri„von dem Marktplatz vertrieben! wir haben keine Hoffnung mehr, den Sieg uͤber unſere Feinde davon zu tragen. Das Gelindeſte, was wir erwarten koͤnnen, iſt Confiscation unſerer — Guͤter, und Verbannung; moͤglich aber, daß man ſogar das Todesurtheil uͤber uns ausſpricht, und dann ſind die Mauern dieſes Palaſtes unſer ein⸗ ziger Schutz. Koͤnnte einer meiner Freunde den Knaben von hier fortſchaffen: wuͤrde ich zwiefachen Muth haben; aber es waͤre allzuviel gewagt.“ „Vater,“ nahm der Kleine das Wort,„ich bin nur noch ein Kind, und kann Euch keinen Bei⸗ ſtand leiſten, aber ich bitte Euch, ſchickt mich nicht fort.— Liebe, liebe Mutter, ich kann Euch nicht verlaſſen.“ 4 Jetzt ward Pferdegetrappel in der Gaſſe ver⸗ nehmbar; einer von Ruggieri's Freunden trat herein:„Die Wache begiebt ſich an die Thore,“ ſprach er,„das verſammelte Volk ging ausein⸗ ander.“ „Und was hat man dort beſchloſſen? „Keiner von uns hat ſich nahe genug hinange⸗ wagt, um danach zu fragen; aber Muth gefaßt, edler Herr!“ „Mir dieſen Zuruf, Ricciardo?— Aber ja, Ihr habt Recht! Gattin und Kind machen mich faſt zum Weibe.“—„Man laͤutet ſo eben zum Gebet,“ nahm der Freund wieder das Wort, „die Nacht wird bald hereinbrechen. Wollt Ihr mir vertrauen: will ich Madonna Dianora nach irgend einem ſichern Orte geleiten.“ „Ich danke Euch, wackrer Ricciardo,“ antwor⸗ tete die Frau des Hauſes,„der ſicherſte Ort fuͤr mich iſt an der Seite meines Gatten. Aber hier unſern Knaben— rettet ihn— und die Seg⸗ nungen einer Mutter— jede Belohnung, die ich zu ſpenden vermag, ſollen Euch zu Theil wer⸗ den!— Seyd Ihr auf Valperga bekannt?“ „Ihr meint das Schloß von Valperga. Iſt die Graͤfin jetzt dort?“—„Ja, und ſie iſt unſere Freundin. Wuͤßte ich meinen Caſtruccio hinter den Mauern jenes Schloſſes: waͤre ich gluͤcklich.“ Waͤhrend ſich Madonna Dianora ſo mit Ric⸗ ciardo beſprach, hatte Ruggieri eine Unterre⸗ dung mit ſeinen Bundesgenoſſen. Das freund⸗ liche Tageslicht war dahingeſchwunden, und die hereingebrochene Dunkelheit brachte neue Gefah⸗ ren und neue Beſorgniſſe mit ſich. Ruggieri's Ge⸗ ——————— — faͤhrten ſaßen in dem Speiſeſaale des Palaſtes, uͤber das, was zu beginnen ſey, berathſchlagend; aber ſie G ſprachen nur leiſe zu einander, denn ſie fuͤrchteten, ſie moͤchten ſonſt uͤberhoͤren, was ſich draußen in den Gaſſen zutruͤge, und jedes Geraͤuſch von dort her ward ſorgfaͤltig von ihnen behorcht. Ric⸗ ciardo begab ſich zu ihnen, Madonna Dianora und ihren Knaben allein laſſend. Die Mutter weinte, und hielt die Hand ihres Kindes in der ihrigen, waͤhrend der Kleine ſich bemuͤhte, ſie zu beruhigen und jene Seelenſtaͤrke zu zeigen, die er von ſeinem Vater ſo oft loben hoͤrte; ſeine kleine Bruſt aber ſchwoll dennoch, denn der Jammer 49 ſeiner Mutter erfuͤllte ſie mit Kummer; große I Zaͤhren rollten uͤber ſeine Wangen herab, er warf ſich in Dianorens Arme und ſchluchzte laut. In dieſem Augenblick ward heftig an die Pforte des Palaſtes gepocht. Die verſammelten Ghibelinen ſprangen raſch empor, ihre Schwerdter flogen aus der Scheide, und hin ſtuͤrzten ſie zur Stiege, wo ſie im furchtbaren Schweigen der Antwort horch⸗ ten, welche von außen her der fragenden Schild⸗ 3 8 8 4 6 7 V — 10— 8 wache gegeben ward. Ruggieri hielt ſein Weib in den Armen, er fuͤrchtete, zum letztenmal. Sie weinte jetzt nicht mehr, denn alle ihre Gedanken waren nur auf einen einzigen Punct gerichtet, auf die Rettung ihres Knaben.„Kommſt du mit dem Leben davon:“ rief ſie,„fliehe nach Valperga! Du kennſt den Weg dorthin.“ Der Knabe ſchwieg einen Augenblick, dann ent⸗ gegnete er, ſeine Mutter feſt umklammernd; „Ihr ſollt mir ihn zeigen.“ Die Stimme deſſen, der gepocht hatte, be⸗ ruhigte indeſſen die Ghibelinen und er ward ein⸗ gelaſſen. Es war Marco, der Diener des Anto⸗ nio dei Adimari, eines Guelphen und gebornen Florentiners. Antonio hatte ſeine Vaterſtadt ver⸗ laſſen, weil die Gegenparthei dort herrſchte, und lebte auf dem Schloſſe Valperga, von dem ſeine Gattin Graͤfin und Herrin war. Er war an Ruggieri durch die Bande perſoͤnlicher Freund⸗ ſchaft gebunden, und hatte beſchloſſen, den Freund zu retten. Marco brachte jetzt die Kunde von den Beſchluͤſſen der Verſammlung.„So iſt — 11— unſer Aller Leben gerettet!“ rief Dianora mit gro⸗ ßer Freude,„Alles Uebrige moͤgen ſie uns nehmen!“ „Die Nacht eilt raſchen Schrittes dahin!¹ ſprach Marco.—„Vor Tagesanbruch muͤßt Ihr pe Wollt Ihr mir nach Valperga folgen? „Nein,“ entgegnete Ruggieri,„man kann zum Bettler werden, aber man muß darum doch ſei⸗ nen Freunden nicht beſchwerlich fallen. Dankt Eurem Herrn fuͤr die mir ſo oft bewieſene Freundſchaft. Ihm bleibe es uͤberlaſſen, von mei⸗ 8 naen Guͤtern zu retten, was er vermag. Hat er Einfluß auf die Machthaber: moͤge er ſie bewe⸗ gen, die ſchuldloſen Mauern dieſes Palaſtes zu verſchonen. Er war die Wohnung meiner Vor⸗ fahren— hier habe ich als Knabe— als Juͤng⸗ ling— als Mann gelebt— dies Haus, das vormals auch dem edlen Manfred Obdach gab, iſt mir unendlich theuer. Mein Knabe kehrt vielleicht einſt zuruͤck. Ich moͤchte nicht gerne, daß er den Pallaſt ſeiner Vaͤter in Ruinen faͤnde. Wir duͤrfen nicht in Lucca's Naͤhe bleiben, ſon⸗ — 12— dern muͤſſen uns nach einem, unſerer Pakthei erge⸗ benen, Orte verfüge und dort zeſſere Tage erwar⸗ ten. Roſſe wurden vorgefuͤhrt; und als die Sterne nach und nach vor der Morgenroͤthe verſchwanden, ritt der Zug ſchon langſam durch die engen Gaſſen Lucca's dahin. Ungehindert paſſirten ſie die Thore, und eine Laſt ſank von Ruggieri's Herz, als er ſich nun mit Weib und Kind ungefaͤhrdet unter Gottes freiem Himmel befand. Seine Freude ward indeß durch den Gedanken ge⸗ ſchwaͤcht, daß ihnen, außer dem Leben, auch nichts uͤbrig geblieben ſey, und daß fortan Armuth und Dunkelheit die ſchwermuͤthigen Gefaͤhrten ſeines herannahenden Alters und die herben Begleiter der Jugend des auſbachenden Lnſeakai⸗ ſeyn ſollten. K Die Verwieſenen zogen nangſam gen Florenz. Dieſe Stadt bot damals ein furchtbares Bild buͤr⸗ gerlicher Unruhen dar. Die Ghieblinen hatten zwar die Oberhand, aber dennoch verging kein 7 Dianora traf eilig Anſtalten zur Abreiſe; die Tag ohne Kampf, ohne Blutvergießen. Un⸗ terwegs trafen die Verbannten auf viele ihrer Mitbuͤrger, welche, wie ſie, heimathlos, fremden Schutz ſuchten. Der kleine Caſtruccio erkannte unter ihnen mehrere ſeiner liebſten Freunde, und als er ihren Jammer, ihre Thraͤnen gewahrte, flammte ſein junges Herz racheduͤrſtend auf. Zu Florenz angelangt, wurden ſie von den An⸗ fuͤhrern der Bianchi's freundlich bewillkommt. Carl von Valois aber hatte grade Geſandte abge⸗ ſchickt, ſeine Vermittelung zur Beilegung der obwaltenden Streitigkeiten anzubieten, und eben jetzt hatten ſich die Ghibelinen verſammelt, um ſich uͤber ſeine Vorſchlaͤge zu berathen; und ſo wird man leicht begreifen, daß ſie dergeſtalt mit ihren eignen Angelegenheiten beſchaͤftigt, dem Schick⸗ ſal der verbannten Lucceſer keine ſo ausſchließ⸗ liche Theilnahme ſchenkten, als ſie in einem an⸗ dern Falle gethan haben wuͤrden. Ruggieri ver⸗ ließ demnach Florenz ſchon am naͤchſten Tage, und begab ſich mit den Seinigen nach Ancona.— Dieß war die Geburtsſtadt ſeiner Gattin, und — 14— hier wurden die Verwieſenen von ihren Ver⸗ wandten mit großer Gaſtfreundſchaft aufgenom⸗ men. Es war ungemein druͤckend fuͤr Ruggieri, von dem erhabenen Standpuncte des Haͤuptlings einer Parthei zu der unbedeutenden Lage eines ver⸗ borgen lebenden Individuums hinab zu ſteigen. Er war indeſſen ein Mann von ungebeugtem Muthe, und da er dieſen nicht mehr fuͤr die oͤffentlichen Angelegenheiten geltend machen konnte, legte er ihn durch Ausuͤbung bewundrungswuͤrdiger Ge⸗ duld an den Tag. Sein groͤßtes Vergnuͤgen be⸗ ſtand darin, ſich ganz der Erziehung ſeines Soh⸗ nes zu widmen. Caſtruccio war ein Knabe von ungemeinen Anlagen, raſch zur That, unbeſorgt wegen der Folgen, und nur von der Liebe für ſeine Eltern beherrſcht Ruggieri ermuthigte. 8 ſeinen kuͤhnen Sinn; und theilte er auch dann und wann die Beſorgniſſe ſeines Weibes, wenn Caſtruccio an einem ſtuͤrmiſchen Tage in einem leichten Boote hinaus auf die See ſchiffte, oder wenn er ſich auf ein wildes Roß ſchwang, um an der Spitze ſeiner Jugendgeſpielen hinein in den erſchuͤttert; ſchloß ſie ihr Auge in Friede, Wald zu ſprengen: erlaubte er es ſich doch nie, ſeine Furcht laut werden zu laſſen, oder den regen Geiſt ſeines Sohnes zu unterdruͤcken. So wuchs der Knabe heran, geſund und ſtark, und der eigenen Kraft vertrauend. alle Vorſicht bei Seite, ja er hemmte nicht ſelten die Tollkuͤhnheit ſeiner Gefaͤhrten, oder gab ih⸗ nen klug erſonnene Mittel an die Hand, den ge⸗ wuͤnſchten Zweck auf einem, wenn auch langſa⸗ mern, doch ſichrerem Wege, als durch raſche That, zu erlangen. Der Vater unterrichtete ihn ſelbſt in ritterlichen Uebungen; er ſchwang eine Lanze, ſeiner Groͤße angemeſſen, u Bogen und Pfeilen geſchickt umz B Schon waͤhrend des erſten Jahres ihrer Ver⸗ bannung ſtarb ſeine Mutter; Ungluͤck und Lei⸗ den hatten ihren zarten Koͤrperbau adhtane dem Gatten empfahl ſie ihren nit innigſten Ausdruͤcken zaͤrtlichſter Liebe; dann und Ruggieri be⸗ * Hielt er ſich aber auch uͤberzeugt, daß ihn ſein Muth ſtets aus der Gefahr retten wuͤrde, ſetzte er dennoch nicht — 16— weinte ſein treues Weib aufrichtig, und nur die Hoffnungen, die or auf ſeinen Sohn baute, vermoch⸗ ten den Niedergebeugten aufrecht zu erhalten. Bald aber ſollte er auch durch ihn Schmerz er⸗ leiden. Eines Morgens war Caſtruccio verſchwun⸗ den. Folgende, an ſeinen Vater gerichtete, Zei⸗ len waren die einzige Spur, die er zuruͤckgelaſſen hatte: „Verzeiht mir, mein theurer Vater! In we⸗ nigen Tagen kehre ich zuruͤck; ich bin voͤllig in Sicherheit; deshalb ſeyd unbeſorgt! zuͤrnt mir nicht!— Ob ich mich gleich mei⸗ ner eigenen Schwaͤche ſchaͤme, kann ich den⸗ noch nicht widerſtehen. Seyd verſichert, daß in weniger als vierzehn Tagen wieder bei Kauch ſeyn wird Euer ungehorſamer Wuhſe Caſtruceio.“ Dieß oechah im Sahre 1304, als Caſtruecio vierzehn Jahr alt war. Ruggieri's banges Va⸗ terherz hoffte, der Sohn werde ſein Verſprechen erfüllen, und zu der beſtimmten Zeit zuruͤckkehren. —————— — ͦ— ———— Seine Angſt war unendlich; Caſtruecio's Entfer⸗ nung aber hatte eine Urſache, welche die Sitten und Gebraͤuche jener Zeit und des Landes, in dem er lebte, bezeichnet, zugleich aber auch einen Be⸗ griff von der lebhaften Phantaſie des abentheuer⸗ lich geſinnten Knaben liefert. Ein Reiſender war nehmlich von Florenz zu Ancona angelangt, und hatte die Kunde mitge⸗ bracht, daß am erſten May in jener Stadt, ein gar ſeltſames Schauſpiel ſtatt finden werde. Dort war in allen Gaſſen durch einen, von den Bewohnern des Vierthels San Frediano abge⸗ ſandten Herold, bekannt gemacht worden, daß Alle, welche Nachrichten aus der andern Eaſtruccio. 1. Band. 2 — 18— Welt zu erhalten wuͤnſchten, ſich am erſten May auf der Bruͤcke Carraja, oder am Ufer des Arno einfinden moͤchten. Der Reiſende hatte hin⸗ zugefuͤgt, wie er glaube, daß eine Darſtellung der Hoͤlle ſtatt finden werde, wozu Dante's vor kurzem vollendetes, und zum Theil vorgeleſenes Gedicht Veranlaſſung gegeben habe. Dieſe Nachricht machte Caſtruccio's Neugier und ſeine ganze Phantaſie rege; der Gedanke kam ihm in den Sinn, er muͤſſe dieſe wunderbare Vorſtellung mit anſchauen; und kaum hatte er die Moglichkeit, dieſes zu bewerkſtelligen, erwogen, als auch ſchon ſein Entſchluß feſt ſtand. Er wagte es nicht, zu der Reiſe nach Florenz die Erlaubniß ſeines Vaters zu erbitten, denn er wußte, er wuͤr⸗ de eine abſchlaͤgliche Antwort erhalten; und ſo glaubte er, es ſey beſſer, ohne Bewilligung zu ge⸗ hen, als ſich, gegen ein beſtimmt erlaſſenes Verbot, ungehorſam zu zeigen. Er fuͤhlte zwar, daß er unrecht handle, aber ſeine Neugier beſiegte je⸗ des andere Gefuͤhl, und ſo ſchrieb er jene Zeilen⸗ * — 19— ſchwang ſich in einer mondhellen Nacht auf ſeinen kleinen Renner, und verließ Ancona, ufid dem Wege nach Jlorenz uaſch dahin ſpadinde Ar Am fuͤnften Tage ſchon langte er in dieſer Stadt an. Er fuͤhlte ein ungemeines Entzuͤcken, als er ſo, von den Gebirgen hinab, in Toscana einritt. Allein auf den nackten Apenninen, uͤber welche der ſcharfe Wind dahinſtrich, fuͤhlte er ſich frei; da war auch nicht Einer, der ihm gebieten, Nie⸗ mand, der ihm befehlen konnte, ſeine Schritte zu hemmen, oder ſie zu foͤrdern; nur ſein eigener Wille war ſein Lenker; er konnte dem Antriebe eines jeden Gedankens folgen, der in ſeiner Seele aufſtieg.— So langte er in dem ſchoͤnen Florenz an. Es war der erſte May, und unverzuͤglich be⸗ gab er ſich, aus ſeinem Gaſthofe, nach dem Orte hin, wo das Schauſpiel ſtatt finden ſollte. Dem Strome der Menſchenmenge folgend, erreichte er das Ufer des Arno. Der Fluß war mit Boͤten be⸗ deckt, auf denen Gerdſta errichtet waren, die man 2* — 20— mit ſchwarzem Tuche behangen hatte, damit die, ſonſt von dem Glanze des Tages verdunkelten Flammen, von der naͤchtigen Farbe gehoben wuͤrden. In der Mitte des Hoͤllenfeuers beweg⸗ ten ſich zahlloſe, mißgeſchaffene Geſtalten, von de⸗ nen einige mit feurigen Hoͤrnern, Pferdefuͤßen, oder ungeheuren Schwingen, verſehen waren; waͤhrend andere die Seelen der Abgeſchiedenen, voon Martern gefoltert, vorſtellten. Dieß Hoͤllen⸗ ſchauſpiel bot in der That einen furchtbaren An⸗ blick dar; Caſtruccio fuͤhlte ſich von Entſetzen ergriffen; die Scene vor ihm ſchien ihm, einen Augenblick lang, eine grauſenvolle Wirklichkeit, der Arno aber ein Abgrund, der ſich eroͤffnet hatte, um den Lebenden die Geheimniſſe der Hoͤllenwelt zu zeigen. Da machte ploͤttzich ein furchtbares Gekrache ſeinen Traͤumen ein Ende. Die Bruͤ⸗ cke Carraja, auf der eine ungeheure Menſchen⸗ menge ſtand, und hinab auf den Fluß ſchauete, brach zuſammen. Caſtruccio ſah, wie die Bogen auseinander wichen; und laut auf ſchrie er, und unwillkuͤhrlich ſtreckte er ſeine Arme aus, als wollte er die Hinabſtuͤrzenden auffangen, welche huͤlferufend in die Fluth verſanken. Die Verwirrung war uͤber alle Beſchreibung furcht⸗ bar. Hier ſtuͤrzte eine Menſchenſchaar von dan⸗ nen, dort draͤngte ſich eine andere dem Ufer zu, den Verungluͤckten Beiſtand zu leiſten; alle aber, Caſtruccio nicht ausgenommen, hielten ſich in ihrem Aberglauben uͤberzeugt, daß die Hoͤllenbe⸗ wohner das Unheil angerichtet hatten, um fuͤr die Entſchleierung ihrer Geheimniſſe an den Sterblichen Rache zu nehmen. Unſern jungen Helden verließ in dieſem Augenblicke ſein Muth; von Angſt erfaßt, draͤngte er ſich durch die Men⸗ ge, dem Orte, den er noch vor wenigen Stunden ſo begierig aufgeſucht hatte, eiligſt ent⸗ fliehend. Erſt als das Geſchrei der Ungluͤcklichen ſein HOhr nicht mehr erreichen konnte, hemmte er den Flug ſeiner Schritte. Sein erſter Gedanke war jetzt:„Gottlob! du biſt der Hoͤlle entgangen!“— und da er grade eine unferne Kirche offen ſtehen ſah, trat er raſch hinein. Wo konnte er vor dem Boͤſon maͤchtigern Schutz finden, als in einem, dem Ewigen geweiheten Tempel? Es war auch in der That, als habe er die Hoͤlle gegen den Him⸗ mel vertauſcht, denn noch vor wenigen Augenbli⸗ cken ſah er, in der Naͤhe teufliſcher, von rother Gluth umflammter Geſtalten, tauſende von Menſchen mit jammervollem Angſtgeſchrei hinab in die Fluth ſtuͤrzen— jetzt befand er ſich allein in der menſchenleeren Kirche, eine heilige Stille begruͤßte ihn, und Weihrauch dampfte ihm entgegen.— Caſtruccio fuͤhlte an dieſem heili⸗ gen Orte ſeine Bruſt von Ehrfurcht erfuͤllt, und jetzt machte ihm ſein Gewiſſen die bitterſten Vor⸗ wuͤrfe, ſeinen Vater verlaſſen zu haben. Thraͤ⸗ nen rollten uͤber ſeine Wange hinab, und er ſeuſſ te laut. 1 Ein Mann, welcher bisher in der nhe e⸗ Altars, von Caſtruccio unbemerkt, auf den Knieen gelegen hatte, erhob ſich, als er ſeufzen hoͤrte, und naͤherte ſich dem Knaben. „Weshalb weinſt du, Kleiner?“ fragte er. Ca⸗ ſtruccio ſah auf, und war nicht wenig erſtaunt, — 2382— denn der zu ihm geſprochen hatte, war niemand anders, als Marco, der Diener des Antonio dei Adimari, des Freundes ſeines Vaters. Marco erkannte den Knaben auf der Stelle— und wer, der ihn auch nur einmal geſehen hatte, haͤt⸗ te das holde Geſicht mit den dunklen, von langen Wimpern beſchatteten Augen, je wieder vergeſſen koͤnnen? Der Kleine warf ſich in die Arme ſei⸗ nes alten Bekannten, und heftig floſſen ſeine Thraͤnen. Als er in etwas ruhiger geworden war, erzaͤhlte er ſein Vergehen mit wenigen Wor⸗ ten. Marco troͤſtete ihn:„Es iſt Euch ja kein Leid geſchehen,“ ſprach er:„Die Sache hat alſo nichts weiter auf ſich. Mein Herr und ſeine Dame ſind in Florenz; Ihr koͤnnt die Nacht uͤber bei ihnen bleiben, und morgen ſchon zu Eurem, ge⸗ wiß ſehr bekuͤmmerten, Vater zuruͤckkehren.“ Caſtruccio's Augen leuchteten vor Freude.„Iſt Euthanaſia hier?“ rief er.—„Ja!“ erwiederte der Diener. „0, dann geſchwinde hin zu ihr!“ fuhr der Kna⸗ „ — 24— be fort,„Wie gluͤcklich trifft ſich's, daß ich nach Florenz kam!“ r Antonio dei Adimari hatte, waͤhrend des groͤß⸗ ten Theils ſeines Lebens, ſeinem Vaterlande als Krieger und Staatsmann gedient, und auch noch jetzt ward, obgleich Alter und Blindheit ihn noͤ⸗ thigten, ſich den Staatsgeſchaͤften zu entziehn, ſein guter Rath oft von ſeinen Nachfolgern erbe⸗ en und befolgt.— Er war mit der einzigen Tochter des Grafen von Valperga vermaͤhlt, ei⸗ nes Edelmannes, der innerhalb des Lucceſer Ge⸗ bietes große Beſitzungen hatte. Sein Schloß lag in den Apenninen, noͤrdlich von Lucca, und ſeine Guͤter beſtanden aus mehreren, auf den Bergen zerſtreut liegenden Doͤrfern. Nach dem Tode ihres Vaters wurde Adima⸗ ri's Gemahlin, Graͤfin und Herrin dieſes Di⸗ ſtricts; und die damit verbundenen Pflichten noͤthigten ſie oft, ſich mit ihrer ganzen Familie von Florenz, nach dem Schloſſe Valperga zu be⸗ geben. Bei dieſen kleinen Reiſen hatte Adimari die Freundſchaft erneuert, die ſchon fruͤher zwi⸗ — 25— ſchen ihm und Ruggieri beſtand. Antonio war ein Guelphe, und hatte unter dem Banner des Pabſtes gegen Manfred gefochten. Ruggieri fiel, waͤhrend eines Feldzuges, verwundet und gefan⸗ gen in ſeine Haͤnde; Antonio behandelte ihn mit großer Menſchlichkeit, und ſchenkte ihm endlich ſogar die Freiheit, als er gewahrte, daß der Kummer, von ſeinem Gebieter getrennt zu ſeyn, die Geneſung des Verwundeten unmoͤglich mache; hiedurch ward nun eine Freundſchaft begruͤndet, welche ſpaͤterhin gegenſeitige Dienſtleiſtungen noch verſtaͤrkten, und die, der ſich widerſtreitenden politiſchen Meinungen beider Maͤnner ungenchtet, immer mehr und mehr Wurzel faßte. Antonio, welcher ſich von den Staatsgeſchaͤf⸗ ten zuruͤckgezogen hatte, lebte jetzt nur den Wiſ⸗ ſenſchaften und ſeiner Familie. en Dieſe beſtand aus ſeiner Gattin, zweien Knaben, und einem Maͤdchen, nur zwei Jahre juͤnger, als Caſtruc⸗ cio, welcher mit Antonio's Tochter gewiſſerma⸗ ßen auferzogen worden war. Hand in Hand haiten ſie oft die wilden Berge und die Kaſta⸗ — 26— nienwaͤlder, welche das Schloß Valperga umga⸗ ben, durchſtrichen. Lehrſtunden und Vergnuͤgun⸗ gen hatten ſie miteinander getheilt, und ſo war die Verbannung des Antelminelli ein harter Schlag fuͤr Beide. Euthanaſia hatte ein tieffuͤh⸗ lendes Herz, und raſtlos klagte ſie uͤber den Ver⸗ luſt des theuren Jugendgeſpielen. Zur Zeit der Verbannung der Ghibelinen ward Antonio von einem großen Ungluͤck, von der Blindheit bedroht. Das Uebel wuchs mit jedem Tage, und bald hielt ein undurchdringlicher Schleier ſeine Augen bedeckt. In dieſem furcht⸗ baren Zuſtande war Euthanaſia ſein einziger Troſt. Außer Stand geſetzt, ſelbſt uͤber die Er⸗ ziehung ſeiner Knaben zu wachen, hatte er dieſe an den Hof von Neapel geſandt, wo ihm viele wuͤrdige Freunde lebten; und ſo war die Tochter faſt ſeine einzige Geſellſchaft, denn die Graͤſin, ſeine Gemahlin, fand an ſeinen ſitzenden, wiſſen⸗ ſchaftlichen Beſchaͤftigungen kein Vergnuͤgen. So bildete ſich der Geiſt Euthanaſia's, welche ihrem erblindeten Vater taͤglich vorlas, immer —— = 22— 1 mehr und mehr aus, waͤhrend ihr vormahliger Jugendgeſpiele ſich unter Ruggieri's Leitung in ritterlichen Uebungen vervollkommte. Nach einer Abweſenheit von drei Jahren fuͤhrte ſie der Zufall jetzt wieder in Florenz zuſammen. Als Marco mit dem Knaben in dem Palaſte Adimari's anlangte, hatten der Hausherr und ſeine Gemahlin ſo eben von einigen Anhaͤngern der Guelphen Beſuch empfangen, und ſo war der Augenblick nicht guͤnſtig, den jungen Ghibelinen einzufuͤhren. Als ſie aber durch die große Halle ſchritten, ſchwebte ihnen ploͤtzlich, wie ein Stern aus dunkler Wolke, eine Sylphengeſtalt entge⸗ gen.„Ich bringe Euch den verwieſenen Jugendge⸗ ſpielen,“ ſprach Marco;„Caſtruccio Antelminelli kam, Euch zu beſuchen.“ „Caſtruccio, Du hier in Florenz?“ rief Eutha⸗ naſia, den Knaben mit ſchweſterlicher Liebe umar⸗ mend.„Wie aber mochteſt Du Dich hieher wa⸗ gen? Kam Dein Vater mit Dir?— Aber hier iſt nicht der Ort, alles zu fragen, was ich zu fra⸗ gen wuͤnſche. Komm, komm in dieß Gemach!— — 28— Hieher kommt niemand, als mein Vater. So, hier ſollſt du mir Alles erzaͤhlen, was dir begegnet iſt, ſeitdem Du Lucca verließeſt.“ Caſtruccio blickte ſtarr auf die liebliche Spre⸗ cherin. Die drei Jahre der Trennung hatten ihre Reize wunderbar entfaltet, und aus ihren Augen leuchtete ein Geiſt, der ihrem Alter vorangeeilt war. Sie ſchien in ſeiner Seele zu leſen, und Freude ſtrahlte aus ihren Blicken. Er wuͤnſchte, ſie ſprechen zu hoͤren; ſie aber beſtand darauf, er ſolle ihr zuvor erzuͤhlen, wie es ihm zu Ancona ergangen ſey, und was ihn nach Florenz gebracht habe. Sie machte ihm ſanfte Vorwuͤrfe uͤber den Ungehorſam gegen ſeinen Vater.„Aber ich kann nicht heucheln,“ fuͤgte ſie dann hinzu, nich freue mich herzlich deines Hierſeyns.— Ich hoͤre die Schritte meines Vaters! Ich muß ihn fuͤhren, und ihm erzaͤhlen, welch' ein lieber Gaſt hier bei ihm eingeſprochen.“— Antonio nahm den Sohn ſeines Freundes mit großer Herzlichkeit auf. Auch er verwies ihm ſeine eigenmaͤchtige Reiſe, aber er lobte dagegen den — 29— ritterlichen Sinn, den der Knabe an den Tag legte.— So kam der Abend heran; und ernſter ward das Geſpraͤch, denn man gedachte, daß man ſich am naͤchſten Morgen ſchon wieder trennen muͤſſe. Caſtruccio ſaß gedankenvoll da, und blickte auf ſeine Jugendgeſpielin, wie auf einen Schatz, der ihm nun bald, vielleicht auf immer, entriſſen werden ſollte. Euthanaſia hatte ihre Augen zu Boden geſenkt, aber die wechſelnde Farbe auf ihrer Wange verkuͤndete, daß ſie uͤber einen Gedanken nachſinne, dem ſie keine Worte zu geben wage. Endlich ſchlug ſie ihre ſeidenen Wimpern empor: „Caſtruccio,“ ſprach ſie, und ihre Stimme bebte, „mit dem naͤchſten Fruͤhroth ſcheiden wir aufs neue, vielleicht auf lange— vielleicht auf im⸗ mer! Verſprich der Gefaͤhrtin deiner Jugend, ſie nicht zu vergeſſen— ihr Freund zu bleiben im⸗ merdar— und dich in jeder Noth an ſie zu wen⸗ den— ſie dagegen in jeder Roth zu beſchuͤtzen!“ „Ich“ erwiederte Caſtruccio, und eine große Thraͤne rollte uͤber ſeine Wange hinab,„bin nur ein Verwieſener!— Du biſt reich und gluͤck⸗ lich!— Ich kann dir kein Gutes thun— ſollte ſich aber je dein Schickſal wenden— will ich dein Ritter— der Felſen werden, auf den du bauen kannſt; dein Schutz, dein Schirm in jedem Mißgeſchick.“= Am naͤchſten Morgen verließ Ca⸗ ſtruccio Florenz, von Marco begleitet. In ſeiner Seele wogte eine Miſchung von Freude und Gram: von Freude, Euthanaſia wiedergeſehen zu haben, von Gram, ſie wieder verlaſſen zu muͤſ⸗ ſen. Jedes Wort, welches ſie geſprochen hatte, toͤnte noch in ſeinen Ohren. Auch Antonio hatte zaͤrtlichen Abſchied von ihm genommen, und ihn verſichert, daß er, in ſo weit ein armer blinder Mann dabei thaͤtig zu ſeyn vermoͤchte, alles Moͤg⸗ liche thun wolle, daß er und ſein Vater recht bald aus der Verbannung zuruͤckgerufen wuͤrden. u So kehrte Caſtruccio zu ſeinem Vater zuruͤck, welcher, erfreut uͤber die Ruͤckkehr ſeines Sohnes, dieſem ſeine Verzeihung nicht lange vorenthielt; und neuerdings verlebte nun der heranbluͤhende Juͤngling ſeine Tage in ritterlichen Uebungen. Von Euthanaſia's uͤberlegenem Geiſte angefeuert — 31— verſaͤumte er jetzt auch nicht das Studium der Wiſſenſchaften, und ſo bildeten ſich Seele und Koͤrper bei ihm auf gleiche Weiſe aus. Er er⸗ reichte das ſiebenzehnte Jahr, da ſtarb ſein Va⸗ ter; ein boͤsartiges Fieber, von einem Handels⸗ ſchiffe aus der Levante heruͤbergebracht, ver⸗ breitete ſich in Ancona, und Ruggieri ward eines ſeiner erſten Opfer. Er fuͤhlte, daß er ſterben werde, und blickte auf ſeinen Sohn mit unendli, cher Sorge. Anfangs hatte er ihn von ſich ent⸗ fernt, damit Caſtruccio nicht auch von der Krankheit erfaßt werde. Als dieſer aber durch⸗ aus das Lager des Sterbenden nicht meiden woll⸗ te, mußte es Ruggieri bei der Bitte, um An⸗ wendung aller moͤglichen Vorſichtsmaßregeln, zur Vermeidung der Anſteckung, bewenden laſſen; und ſo blieb dann der Sohn dem Vater in ſeinen letzten Stunden zur Seite. Das Fieber war zu ſtark, als das ein ununterbrochenes Geſpraͤch haͤtte ſtatt finden koͤnnen; Ruggieri aber nahm alle ſeine Kraͤfte zuſammen, dem Liebling ſeines Herzens ſeine fruͤheren Lehren in das Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen.„Ich habe,“ ſprach er dann,„ein Schreiben aufgeſetzt, welches du an Franzesco de Guinigi uͤbergeben wirſt. Er war einer meiner be⸗ ſten Freunde, ſtammt aus einer edlen Familie, und ſtand zu Lucca in hohem Anſehen. Jetzt aber iſt er, gleich mir, ein Verbannter, und hat, wie ich zu Ancona, in der, in der Lombardei gelege⸗ nen Stadt Eſte, Zuflucht geſucht. Bewahrt er auch jetzt noch im Ungluͤck die Großmuth, die ihn fruͤher auszeichnete, wird dir der Verluſt deines Vaters weniger fuͤhlbar werden. Zu ihm begieb dich, mein Caſtruccio— ſeinem Rathe folge— er wird dir ſagen, wie du deine Zeit am nuͤtzlich⸗ ſten anwenden kannſt, ſo lange du gezwungen biſt, fern von deiner Geburtsſtadt zu leben.— Beweiſe ihm dieſelbe Ehrfurcht, die du mir bezeig⸗ teſt. Er iſt einer der wenigen, weiſen Menſchen dieſer Welt, deren eitles Treiben mir jetzt erſt, am Rande des Grabes, ſo recht klar wird.— Bald nach dieſer vaͤterlichen Rede hauchte Ruggieri ſeinen letzten Athemzug aus. Caſtruc⸗ cio war von Gram tief niedergebeugt, koͤrperliche — 38— Leiden aber ſollten ſeine Qual noch vermehren; er hatte, von den bleichen Lippen ſeines ſterben⸗ den Vaters, den boͤsartigen Fieberſtoff in ſich ge⸗ ſogen, und auch er ward jetzt auf das Kranken⸗ lager geworfen. Er hatte aber nicht, wie Rug⸗ gieri, Jemanden um ſich, der ihn mit zaͤrtlicher Sorge pflegte; Jedermann floh ſeine Naͤhe, und ſo hatte er es nur ſeiner ſtarken Conſtitution zu danken, daß er dem Tode entging. Einen Monat nach dem Dahinſcheiden ſeines Vaters, ſchwankte er, bleich und ſchwach, einem dem Grabe Entſtiegenen aͤhnlicher, als einem Lebenden, zum erſtenmal wieder aus ſeiner Kam⸗ mer, um die ſtaͤrkende Seeluft einzuhauchen. Taͤglich aber nahmen ſeine Kraͤfte wieder zu, und mit der Geſundheit kehrte auch der raſche Sinn der Jugend zuruͤck. Das erſte lebhafte Gefuͤhl, das nun bei ihm rege ward, war der Wunſch, An⸗ cona zu verlaſſen; denn faſt alle ſeine Freunde waren von der Peſt hinweggerafft worden. Die regnigte Jahreszeit hatte zwar ſchon begonnen, aber er wollte dennoch ſeine Abreiſe nicht verſchie⸗ Caſtruccio. 1. Band. 3 — 34— ben, und ſo verließ er Ancona, nachdem er auf dem Grabe ſeiner Eltern, die er hienieden nun nicht wieder ſehen ſollte, und auf den Graͤbern ſei⸗ ner Freunde ſich noch einmal recht herzlich ſatt geweint hatte. Er zog durch mehrere Stabte, in denen ihm kein vertrautes Herz lebte, und in denen er auch keines ſuchte. Er war noch ſchwach, und konn⸗ te daher ſeine Reiſe nur langſam fortſetzen, aber auf ſeiner einſamen Wanderung fuͤhrte ihn, ſo wie ſeine Kraͤfte immer mehr und mehr zunah⸗ men, ſeine lebhafte Phantaſie die Bilder einer beſſeren Zukunft vor; er ſah ſich von Liebe be⸗ 4 gluͤckt, von Ruhm gekroͤnt, und hoch pochte ſein Herz voll freudiger Hoffnungen!— Hingeriſ⸗ ſen von dieſen frohen Betrachtungen, ſtreckte er ſeine Arme nach den verſchiedenen Himmelsgegen⸗ den aus.„Hier und dort— und dort und uͤber⸗ all,“ rief er,„wird mein Name hochberuͤhmt er⸗ roͤnen.“ Er ſprach dieß als ein ſretzehnjährigee Jäng⸗ ling.— Seine jugendlichen Traͤume traten ſpaͤY- terhin auf erſtaunenswuͤrdige Weiſe in Wirklich⸗ keit. Ob dieß zu ſeinem Gluͤcke beitrug, wird der Verlauf ſeiner Geſchichte lehren. 3. Caſtruecio langte endlich gluͤcklich zu Eſte an. Er fand Guinigi, den Freund ſeines Vaters, vor der Thuͤre ſeiner, außerhalb der Stadt, auf einem Huͤgel gelegenen, Wohnung ſitzen. Es war nur eine niedere Huͤtte, mehr geeignet, einem arm⸗ ſeligen Bauer, als einem Manne von ſeinem Range Obdach zu gewaͤhren. Guinigi war unge⸗ faͤhr vierzig Jahre alt, aber die Strapatzen des Krieges hatten ſein Haar vor der Zeit gebleicht, und in ſeine Wangen Furchen gezogen. Das Feuer ſeiner Augen war jetzt zu einem Ausdruck 3*† — 66— ſinnenden Nachdenkens umgewandelt, ja die krie⸗ geriſche Haltung ſeines Koͤrpers war ſogar in ſei⸗ ner jetzigen Beſchaͤftigung untergegangen, denn er hatte ſein Schwerdt gegen die Pflugſchaar vertauſcht, und ſich ſeinem nunmehrigen Stande mit ganzer Seele hingegeben. Er ſchloß den Sohn ſeines Freundes in ſeine Arme, und hieß ihn mit einer Herzlichkeit willkommen, die ihm unverzuͤglich Caſtruccio's Herz gewann. Auch Arrigo, Guinigi's ſiebenjaͤhriger Sohn, ſprang, als er hoͤrte, ein Fremder ſey angelangt, herbei, und bot dem Gaſte einen Korb mit Weintrauben und Feigen dar. Der zum Bauer gewordene Krieger bemerkte die ſtaunenden Blicke, mit welchen Caſtruccio ihn und ſeine Wohnung betrachtete.„Ihr kommt,“ ſprach er,„in die Huͤtte eines Landmanns, der kein anderes Brodt ißt, als das, was ſeine eignen Haͤnde ſaͤeten. Es iſt ein neuer Anblick fuͤr Euch; aber Ihr werdet ihn nicht unbelehrend finden.“ 9 Caſtruccio's lebhafter Sinn konnte ſich an⸗. fcangs in dieſem Auſenthalt der Ruhe nicht gefal, — 37— len, bald aber ging ihm in Guinigi's Naͤhe eine neue Welt auf, mit der er zwar nicht ſympathi⸗ ſiren, die er aber auch nicht verachten konnte; ja nach kurzer Zeit ſchon hing er an ſeinem wackeren Wirthe mit herzlicher Liebe. Der Zaͤngling wuͤnſchte, mit Guinigi uͤber ſeine kuͤnftige Beſtimmung Nuͤckſprache zu neh⸗ men.„Euer Vater hat Euch meiner Sorge em⸗ pfohlen;“ entgegnete dieſer,„ich muß Euch aber erſt kennen lernen, bevor ich Euch meinen Rath ertheile. Ihr ſeyd noch jung, und habt Zeit genug, einen Entſchluß zu faſſen. Gewaͤhrt mir ſechs Monate, Euch zu beobachten; wir wollen unterdeſſen nicht muͤſſig ſeyn, ſondern in der Nachbarſchaft umherſtreifen. Der Winter iſt der Raſttag des Landmannes; ich habe Muße, werde faſt immer um Euch ſeyn, und ſo nach und nach den Grund erforſchen, auf dem das Gebaͤnde Eures kuͤnftigen Lebens aufzufuͤhren iſt.“ Sie machten nun mehrere kleine Reiſen zuſam⸗ men, und ſtrichen an dem Seeufer umher, ohne — 38— ohne anderen Zweck, als die Schoͤnheiten der Na⸗ tur zu bewundern. Ueberall ſuchte Guinigi in dem Hetzen ſeines jungen Freundes die Liebe zum Landleben und zur friedlichen Ruhe zu erwecken.„Sieh,“ ſprach er eines Tages, als ſie von einem hohen Berge hinab in das Thal ſchaueten,„ſieh dort die gluͤck⸗ lichen Landleute, wie ſie ſo friedlich bei ihren Heerden weilen! Vor wenigen Jahren durchzogen wilde Krieger dieſe Fluren, und nur Mord und Verheerung bezeichneten ihre Schritte.“ „Wer aber“ unterbrach ihn Caſtruccio lebhaft, gmoͤchte dennoch nicht lieber ein Streitroß baͤndi⸗ gen, als ſo niedriger Beſchaͤftigung obliegen?“— Schnell ſich aber beſinnend, zu wem er ſprach, fügte er hinzu:„Mit Euch iſt dieß ein Anderes. Ihr habt den Becher des Lebens gekoſtet; und ſo begreife ich, daß Euch Ruhe gefaͤllt— ich aber habe noch nichts vollbracht, und lieber moͤchte ich lebend ins Grab ſteigen, als muͤßig ein thatenlo⸗ ſes Leben hinbruͤten.— Macht nicht der Ruhm den Sterblichen zum Gotte? Verlangt nicht von — 39— mir, meine Tage thatenlos zu verleben— ich muß handeln, ſoll ich das Gluͤck kennen lernen. Mein Vater wuͤnſchte, ich ſollte in ſeine Fußtap⸗ fen treten, ja wo moͤglich daruͤber hinausſchreiten. Das zu thun iſt auch mein Vorſatz, und ich wuͤrde ehr ſterben, als ihn aufgeben.“ Ein Jahr verging indeſſen, und noch immer weilte Caſtruccio unter Guinigi's niederem Dache; als aber die Traube ſich neuerdings ge⸗ fuͤllt hatte, und der nunmehr achtzehnjaͤhrige Sohn Ruggieri's eines Abends, neben ſeinem vaͤ⸗ terlichen Freunde, vor der Thuͤr ſeiner Huͤtte ſaß, begann er folgendermaßen:„Statt der verlangten ſechs Monate, habe ich ein ganzes Jahr geharrt, ohne uͤber meine kuͤnftige Beſtimmung Euren Rath zu verlangen; jetzt darf ich aber nicht laͤn⸗ ger ſaͤumen. Ihr glaubt es nicht, wie mir das Herz pocht, wenn dort unten im Thale Reiter⸗ haufen voruͤber ſprengen, waͤhrend ich hier in thatenloſer Ruhe weile.“ Guinigi laͤchelte und erwiederte:„Ich habe über deinen kuͤnftigen Lebensweg nachgedacht; ich habe — 40— deine tiefſten Gedanken erforſcht, ſchwieg gleich deine Zunge. Morgen ſchon wollen wir uns auf den Weg machen, und bald werde ich dich einem Manne uͤbergeben, der dich auf jene Bahn des Ruhms fuͤhren wird, welche ſo große Reize fuͤr dich hat. Sage dieſen Huͤgeln Lebewohl, du wirſt ſie erſt nach vielen Jahren wiederſchauen.“ Hoffnung raubte in der naͤchſten Nacht dem jungen, nach Thaten verlangenden Caſtruccio den Schlummer; ſeine Phantaſie ſchweifte uͤber die friedlichen Fluren um ihn her, hinaus in das, was er eine ruhmvolle Welt nannte. Kaum brach der Tag an, als er auch ſchon raſch von ſeinem Lager emporſprang. Er ſah die Roſſe vorfuͤhren, und ſein Herz pochte vor Freude. Bevor er ſich in den Sattel ſchwang, kuͤßte er noch einmal den ſchlafenden Arrigo.„Ich fuͤrch⸗ te,“ ſprach er,„deine freundlichen Augen werden ſich mit Zaͤhren fuͤllen, erfaͤhrſt du beim Erwa⸗ chen, daß ich nicht wiederkehren werde. Suͤßer Knabe, ich liebte dich, wie einen Bruder, und — 41— hoffe, dir einſt beweiſen zu koͤnnen, daß meine Ge⸗ fahle fuͤr dich nicht bloß in Worten beſtanden.“ Guinigi laͤchelte ob der Rede des Juͤnglings, der, ſelbſt noch des Schutzes beduͤrftig, Andere zu beſchuͤtzen gelobte. Schweigend ritten ſie nun auf der ihnen wohl⸗ bekannten Straße nach Padua hin. Hier goͤnn⸗ ten ſie ihren Pferden einige Ruhe; dann ſetzten ſie ihren Weg nach Venedig fort. Wer kennt Venedig nicht, mit ſeinen, von dem Ocean ge⸗ pflaſterten Straßen, den herrlichen Kirchen, und majeſtaͤtiſchen Palaͤſten? Zu jener Zeit hatte es den hoͤchſten Punkt ſeiner Groͤße erreicht, denn noch kaͤmpften die Venetianer um das, was ſie ſpaͤterhin verloren— um ihre Freiheit. Guinigi und ſein junger Gefaͤhrte hatten waͤh⸗ rend der Reiſe nur wenig mit einander geſpro⸗ chen. Der Gedanke, daß er nun bald ſeine vorma⸗ ligen Waffenbruͤder wiederſehen wuͤrde, erweck⸗ te bei dem Erſteren maͤchtige Erinnerungen aus ſeiner Jugendzeit. Caſtruccio aber traͤumte von der Zukunft, und ſah ſich im Geiſte ſchon Helden⸗ thaten vollbringen. Endlich erreichten ſte das Ufer der Lagunen, und unverzuͤglich beſtiegen ſie eine Gondel, um hinein in die Stadt zu gelangen. Jetzt nahm Guinigi das Wort.„Du haſt mir dein Schickſal anvertraut,“ ſprach er,„ich muß dir demnach offenbaren, welch' einen Plan ich fuͤr dich entworfen habe. Du weißt, daß das arme Italien von Buͤrgerkriegen zerriſſen wird, und daß ein Verbannter, wie du, zu welcher Parthey er ſich auch ſchlagen mag, hier nur we⸗ nig Ehre gewinnen kann. Du mußt deshalb deine ritterliche Laufbahn fern von Italien be⸗ ginnen. Ehrenvolle Auszeichnungen eines frem⸗ den Herrſchers werden deinen Namen, auch in den Augen deiner Landsleute, wieder geachtet ma⸗ chen, und dich in den Stand ſetzen, nach deiner Ruͤckkehr hier frei und kraͤftig aufzutreten. Ich will dich demnach bei einem meiner alten Freunde, einem Englaͤnder, einfuͤhren, welcher ſich wieder nach ſeinem Vaterlande zu begeben gedenkt. Ich kannte ihn ſchon vor vielen Jahren, als er Carl von Anjou nach Italien folgte. Eine geraume —— — Zeit verging, bevor Sir Ethelbert Atawel nach England wieder zuruͤckkehrte; bei Gelegenheit ei⸗ ner neuen Thronbeſteigung aber ward er, als ein, mit den Gebraͤuchen des paͤbſtlichen Stuhls, — wohlbekannter Cavalier, zum Oberhaupte ei⸗ ner Geſandtſchaft an den heiligen Vater ge⸗ waͤhlt. Nachdem er dieſe Sendung ausgerichtet, zog er uͤber die Alpen, um ſeinen Freunden in Italien das letzte Lebewohl zu ſagen, bevor er in ſein Vaterland zuruͤckkehrt, um dort eine bedeu⸗ tende Rolle zu ſpielen. Seinen Haͤnden, mein junger Freund, will ich dich uͤbergeben. In zwanzig Jahren haben wir uns nicht geſehn; aber meine Freundſchaft fuͤr ihn trotzte der Zeit, und auch ſeine Gefuͤhle fuͤr mich ſind hoffentlich nicht erkaltet. Auch lebt dir in England noch ein reicher Verwandter, Alderigo genannt, der den Atawel beauftragte, uͤber die Familie des ver⸗ bannten Antelminelli Erkundigungen einzuziehn; an ihm wirſt du hoffentlich eine Stuͤtze finden, denn ich glaube, er hat den Willen und die Macht, dir zu dienen.”“ — 4— Die Gondel ſchiffte mit unſern Reiſenden jetzt in den großen Kanal hinein, und legte vor der Marmorſtiege eines prachtvollen Palaſtes an. Guinigi ſchritt voran, und Caſtruccio folgte ihm ſchweigend durch mehrere, mit ſeidenen Teppichen koͤſtlich ausgeſchmuͤckte, Gemaͤcher in den Speiſe⸗ ſaal, wo ſich der Herr des Hauſes befand, von vielen Edlen Venedigs umgeben. Caſtruccio fuͤhlte ſich in ſeinem jugendlichen Sinne faſt von Schaam ergriffen, als er auf die goldgeſtickten, ſeidenen Gewaͤnder der verſam⸗ melten Gaͤſte, und dann wieder auf ſeinen Ge⸗ faͤhrten blickte, der in der einfachen Tracht eines italieniſchen Landmanns vor den glaͤnzenden Ge⸗ ſtalten daſtand; aber an die Stelle dieſer Schaam trat bald Stolz und Erſtaunen, als er ſah, wie Alles miteinander wetteiferte, ſeinen anſpruchloſen, vaͤterlichen Freund mit Ehrerbietung und Herz⸗ lichkeit zu bewillkommen. Man draͤngte ſich um ihn, denn faſt allen Anweſenden hatte er durch Rath und That große Dienſte geleiſtet. Er ſtellte Caſtruccio ſeinen Freunden vor, und nun 3 — 45— ward auch der Juͤngling von ihnen auf das Schmeichelhafteſte empfangen. „Ich kann nur wenige Tage in Venedig ver⸗ weilen,“ ſprach Guinigi,„aber ich werde Euch noch einmal beſuchen, bevor ich in meine Huͤtte zuruͤckkehre. Fuͤr jetzt bitte ich Euch, mir zu ſagen, wo ich Euren engliſchen Gaſt, Sir Ethelbert Atawel finden kann. Mit ihm habe ich Geſchaͤfte.“ Beei dieſen Worten trat aus einem entfernteren Theile der Halle ein Mann heran, deſſen Antlitz zu den, von der Sonne verbrannten Geſichtern, und den ſchwarzen Augen der Italiener, einen auffallenden Contraſt bildete. Blondes Haar umwallte ſeine edle, ſinnende Stirn, und aus ſei⸗ nem blauen Auge ſtahl ſich eine Thraͤne, als er ſich ſeinem alten Freunde naͤherte:„Du vergaßeſt meiner alſo nicht?“ „Nimmer— nimmer!“ rief Guinigi mit be⸗ benden Lippen. Die Herzen der Wiedervereinigten wollten faſt uͤberſtroͤmen. Sie nahmen Abſchied von der Geſellſchaft, und ſtiegen hinab zu der Gondel, 3 — 46— um ſich, ungeſtoͤrt gegeneinander ausſprechen zu koͤnnen. 4. Guinigi und Atawel waren in den naͤchſten Ta⸗ gen beſtaͤndig zuſammen; Caſtruceio aber ward in die Geſellſchaft vieler Edlen Venedigs eingefuͤhrt, ja ſogar dem Dogen vorgeſtellt. Endlich aber er⸗ ſchien der Augenblick, in welchem er ſich mit dem Sir Ethelbert Atawel nach England begeben ſollte. Beim Abſchiede bat ihn ſein vaͤterlicher Freund, ſich doch ja ganz der Fuͤhrung des Sir Atawel zu uͤberlaſſen. Hierauf trennten ſie ſich. Der Englaͤnder ſchlug mit Caſtruccio, von wenigen Dienern begleitet, den Weg nach Mailand ein. unterwegs erzaͤhlte Sir Atawel ſeinem jungen Gefaͤhrten viel von den Unruhen, welche in Eng. land herrſchten, und von dem Koͤnige Eduard, der, trotz dem Unwillen der Barone des Reichs, ſei⸗ nen, dem Volke verhaßten Guͤnſtling Gavaſton in den von ihm verliehenen Aemtern und Wuͤr⸗ den zu behaupten ſuche. Bei dieſer Kunde pochte Caſtruccio's Herz ungeſtuͤm, denn er hoffte, ſolche Seit wuͤrde ihm Gelegenheit darbieten, ſich auszu⸗ zeichnen; und kaum konnte er es erwarten, Eng⸗ land zu betreten, wo ſie dann auch gluͤcklich an⸗ langten. Alderigo, Caſtruccios Verwandter, der als be⸗ guͤterter Kaufmann dem Koͤnige große Dienſte ge⸗ leiſtet hatte, obgleich er ſein unmaͤnnliches Beneh⸗ men mißbilligte, nahm unſeren jungen Helden mit großer Herzlichkeit auf, und ſchien ſehr ge⸗ neigt, ſeinen Reichthum und ſeine Macht anzuwen⸗ den, um das Gluͤck des Juͤnglings zu foͤrdern. Sir Atawel fuͤhrte Caſtruccio bei Hofe ein, und wenn man dort im Allgemeinen nur veraͤcht⸗ lich auf den Heimathloſen blickte, ſchien doch der Monarch beſonderes Gefallen zu finden, Jemanden in ſeiner Naͤhe zu ſchauen, deſſen edle Geſtalt und ſchoͤne Geſichtszuͤge ihm ſeinen Guͤnſtling — 48— Gavaſton, den er endlich nach Irrland zu verban⸗ nen gezwungen worden war, vergegenwaͤrtigten. Er zeichnete den Juͤngling aus; und dieſer, von der koͤniglichen Gunſt geblendet, ward bald ein eifriger Anhaͤnger des, ſeiner Meinung nach, von den Baronen ungerechterweiſe unterdruͤckten Herrſchers. Atawel und Alderigo blickten a f die Vorliebe des Koͤnigs fuͤr ihren Schuͤtzling mit ſorgendem Auge; denn ſie fuͤrchteten den Neid der Hoͤflinge, welche indeſſen bei dieſer Gelegenheit dieſe gehaͤ⸗ ßige Leidenſchaft nicht an den Tag legten. Sie ſcheinen es im Gegentheil gern zu ſehen, daß der Koͤnig an Jemandem Gefallen faͤnde, deſſen Jugend und abhaͤngige Lage ihn unſchaͤdlich machte. Unterdeſſen wuchs die Neigung des Monar⸗ chen fuͤr Caſtruecio mit jeden Tage. Als er einſt, auf den Arm des Juͤnglings geſtuͤtzt, in einem Laubengange ſeines Parks auf⸗ und abſchlenderte, erſchloß er unſerm Helden ſein ganzes Herz. Er beſchrieb ihm Gavaſton als den liebenswuͤrdigſten, edelſten Ritter ſeiner Zeit; er ſprach mit ruͤhren⸗ — 45— dem Ernſte von ſeiner Liebe zu demſelben, Thraͤ⸗ nen entſtroͤmten ſeinen Augen, als er der Tren⸗ nung von ſeinem Guͤnſtling gedachte, und bitter beklagte er ſich uͤber die Anmaaßung der Barone, und uͤber den Zwang, den man ihm auferlegte. Caſtruccio war tiefbewegt; feurig bot er dem Koͤnige ſeine Dienſte an, ein Antrag, dem Eduard ein bereitwilliges Ohr lieh.„Ja, dir will ich vertrauen,“ ſprach der Monarch; und nun geſtand er dem Juͤngling, daß er von dem Pabſte ſo eben eine Dispenſation des von Gavaſton ge⸗ leiſteten Eides, nie wieder einen Fuß auf Eng⸗ lands Boden zu ſetzen, erhalten habe, und daß es nur eines zuverlaͤſſigen Boten beduͤrfe, um dem Gaͤnſtlinge nach Irland dieſe Kunde mit der Ein⸗ ladung zu uͤberbringen, unverzuͤglich zuruͤckzukeh⸗ ren, bevor es den Baronen neuerdings gelaͤnge, ihn fern zu halten.„Dieß Geſchaͤft will ich dir uͤbertragen, Caſtruccio!“ fuhr er fort,„Dir will ich das Gluͤck verdanken, Den wieder umarmen zu koͤnnen, mit dem mich die Bande innigſter Freundſchaft vereinen. Suche einen paſſenden Caſtruceio. 1. Band. 4 — 50— 1 Vorwand, England zu verlaſſen, und eile nach Dublin, wo Gavaſton ſehnſuchtsvoll auf Nach⸗ richt von mir wartet. Damit auch nicht der lei⸗ ſeſte Verdacht auf dich falle, will ich dir, ſtatt ei⸗ nes Schreibens, nur dieſen Ring mitgeben. Zeige ihn Dem, an den ich dich ſende, und mein Freund wird dir mit Vertrauen entgegenkommen.“ Caſtruccio nahm Abſchied von dem Koͤnig, und flog voll freudiger Hoffnung nach Alderigo's Wohnung. Jetzt war er in das Leben getreten, und, wie er glaubte, mit den glaͤnzendſten Ausſich⸗ ten: er war Vertrauter eines Koͤnigs geworden, ſein geheimer Bote; etwas Vorſicht nur— und an Vorſicht, meinte er, koͤnne es ihm nicht feh⸗ len— und ſein Gluͤck war gemacht. Seine Ge⸗ fuͤhle waren uͤbrigens nicht durchaus eigennuͤtzig, denn er beklagte den Koͤnig aufrichtig, und fand eine Freude darin, ihm zu dienen. Zufolge des Plans, den er entworfen hatte, blieb er nun mehrere Tage in dem Hauſe ſeines Verwandten, ohne ſich nach dem koͤniglichen Palaſte zu begeben. Einige von Frankreich eingegangene Briefe gat ben ihm bald Gelegenheit, Atawel und Alderigo zu erklaͤren, daß er durchaus eine Reiſe nach jenem Lande unternehmen muͤſſe. Die beiden Maͤn⸗ uer ſahen indeß leicht ein, daß er ſie nur zu taͤu. ſchen ſuche. Sie bemuͤhten ſich, ihn zuruͤckzuhalten; aber vergebens; und ſo mußten ſie ſich begnuͤgen, ihn zu warnen, und ihm Vorſicht anzuempfehlen. Caſtruccio verließ London, begab ſich aber kei⸗ nesweges nach Frankreich, ſondern eilte uͤber Bri⸗ ſtol und Cork nach Dublin, und uͤberbrachte Ga⸗ vaſton den willkommenen Befehl ſeines koͤnigli⸗ chen Freundes, unverzuͤglich nach England zuruͤck⸗ zukehren; der Ring, den er vorzeigte, verſchaffte ihm vollen Glauben bei dem Gaͤnſtling, deſſen liebreiche Guͤte bald Caſtruccio's ſich leicht hinge⸗ bendes Herz gewann. Gemeinſchaftlich kehrten ſie nach England zu⸗ ruͤck. Eduard hatte ſich nach Cheſter begeben, um Gavaſton einige Tage fruͤher willkommen zu hei⸗ ßen; er ſtuͤrzte in die Arme des Langentbehrten Zwiſchen Gavaſton und Caſtruccio fand von dieſem Augendlic an eine enge Freuneſchaft ſtatt. 4* — 52— Der Erſtere aber hatte im ungluͤck keinesweges Maͤßigung gelernt, er trat jetzt noch anmaaßender auf, als zuvor; Atawel war deshalb ſorgſam be⸗ muͤht, ſeinen Schutzbefohlnen aus des Lieblings Naͤhe zu bringen. Dieß aber wollte ihm nicht gelingen, denn zeigte ſich gleich Gavaſton ſtolz und hoffaͤrtig gegen Jedermann: behandelte er Ca⸗ ſtruccio doch ſtets mit zuvorkommender Guͤte. Es iſt leicht zu begreifen, daß die Barone und Hoͤflinge jetzt unſren Helden faſt eben ſo haßten, als den Guͤnſtling. Sie ſuchten, ihn auf alle Weiſe zu kraͤnken und zu beleidigen, wodurch denn nach einiger Zeit eine Begebenheit herbeigefuͤhrt ward, welche Caſtruccio's Anfenthalte in England ploͤtz⸗ lich ein Ende machte. Er begleitete den Koͤnig auf einer Jagdparthie nach Chelſea, und zeichnete ſich hier, wie ſtets, durch große Koͤrpergewandtheit aus; er war bald hier, bald dort, ſein Blut kam in Wallung; aber es begann zu kochen, als er mit einem anderen Cavalier uͤber einen Falken in Streit gerieth. Von perſoͤnlicher Feindſchaft angefacht, ward der —— , — 53— Wortwechſel immer heftiger; vergebens bemuͤhte ſich der Koͤnig, Frieden zu ſtiften. Caſtruccio's Gegner, von ſeinen Anhaͤngern angeregt, ward immer beleidigender, und fuͤhrte endlich ſogar ei⸗ nen Fauſtſchlag nach unſerm Helden, welcher, ob der erlittenen Schmach, raſch ſeinen Dolch zog, und ihn in die Bruſt des Hoͤflings bohrte, indem er, mit vor Zorn kaum vernehmbarer Stimme, in italieniſcher Sprache ausrief:„Nicht durch Worte nur, durch Blut raͤcht man Schlaͤge!“— Hundert Schwerdter flogen alſobald aus den Scheiden. Eduard ſelbſt warf ſich vor ſeinen jun⸗ gen Freund, ihn zu beſchuͤtzen, waͤhrend Gavaſton, Atawel und einige ſeiner Anhaͤnger ſich beeilten, unſern Helden aus dem Gedraͤnge fortzuſchaffen. Sie erreichten mit ihm das, unterhalb des Towers gelegene Ufer, wo ſie gluͤcklicherweiſe ein Schiff fanden, welches bereit lag, nach Holland abzuſe⸗ geln. Ohne ihm zu geſtatten, ſich zuvor nach Al⸗ derigo's Wohnung zu begeben, um ſich mit Geld oder Kleidungsſtuͤcken zu verſehn, brachten ſie ihn 54= an Bord, und gleich darauf trieb ein guͤnſtiger Wind das Schiff von dannen. Die Barone waren unterdeſſen, rachegluͤhend, nach Alderigo's Hauſe geſtuͤrzt. Da ſie dort Ca⸗ ſtruccio nicht fanden, ſielen ſie uͤber ſeinen Ver⸗ wandten her, und ſchleppten ihn in ein Gefaͤng⸗ niß. Es gab damals ein Geſetz in England, zu⸗ ſolge deſſen, wenn ein Fremder einen Einge⸗ vohrnen toͤdtete, und entfloh, die Anverwandten des Erſteren, bei denen er ſich aufgehalten hatte, fuͤr den Mord verantwortlich gemacht wurden. Alderigs ſchwebte demnach in großer Gefahr; der Koͤnig aber ſchlug ſi Hu ins Mittel, und rettete ſein Leben. 5. 6 Nach einer gluͤcklichen Farth von wenigen Stun⸗ den langte Caſtruccio zu Oſtende an; freundelos, —— — — 55— ja ohne ſelbſt das noͤthige Gepaͤck mit ſich zu fuͤh⸗ ren. Seine Gefuͤhle waͤhrend der Reiſe koͤnnen faſt nicht beſchrieben werden. Zorn und Gram durchwuͤhlten ſeine Bruſt, und tiefe Seufzer ent⸗ ſtiegen derſelben, wenn er ſeiner, nun ſo ploͤtzlich dahingeſchwundenen, goldenen Hoffnungen ge⸗ dachte. Am Ufer, an ein Felsſtuͤck gelehnt, ſtand er da, mit thraͤnenſchweren Blicken, hin⸗ aus auf das Meer ſchauend. Da ſtieg die Erinne⸗ rung an die Heimath in ſeiner Seele auf.„O mein Vaterland! o mein ſchoͤnes Italien!“ ſeufzte er in der Sprache ſeines Landes.—„Ja wohl, Italien! das ſchoͤne Italien!“— wiederholte auf gleiche Weiſe eine Stimme. Caſtruceio wandte ſich, und ſah nun ploͤtzlich einen Mann neben ſich ſtehn, den er bisher nicht bemerkt hatte.„Ita⸗ lien iſt auch mein Vaterland!“ ſprach der Frem⸗ de,„Wer aber ſeyd Ihr, der Ihr hier ſo einſam jenes herrlichen Landes ſeufzend gedenkt?“ „Ich bin ein Lucceſer,“ entgegnete Caſtruccio nein Vetter Alderigos, des reichen Handelsherren in England.“ ————————ͤhͤͤſͤſͤ — 36— „Ihr ſeyd ein Italiener: das reicht hin, mich zu beſtimmen, Euch gaſtfrei aufzunehmen,“ ver⸗ ſetzte der Fremde.„Da Ihr aber ein Verwandter meines verehrten Freundes Alderigo ſeyd, freuet es mich um ſo mehr, Euch meine geringen Dienſte anbieten zu koͤnnen. Kommt mit mir in meine Behauſung! Vielleicht vergeßt ihr Eure Sorgen in der Mitte einer italieniſchen Familie, welche, obgleich lange vom Vaterlande entfernt, dennoch der Olivenwaͤlder Italiens ſehnend gedenkt, und den Wunſch, zu ihnen zuruͤckzukehren, nie zu unter⸗ druͤcken vermochte.“ Caſtruccio nahm dieß freundliche Anerbieten dankbar an. Er erfuhr, daß ſein Wirth ein rei⸗ cher Kaufmann zu Oſtende ſey, welcher mit ſeiner Familie ganz nach italieniſcher Weiſe lebte. In der Abendunterhaltung mit ſeinem Wirthe erwähnte dieſer der Kriege, welche jetzt zwiſchen dem fraͤnkiſchen Koͤnig und den Flammlaͤndern ge⸗ fuͤhrt wurden; wobei er bemerkte, daß der be⸗ kannte Alberto Scoto unter den Fahnen des Er⸗ ſteren einen Trupp Italiener befehlige. Dieſe — 5. — 57— Kunde erweckte in Caſtruccio die Hoffnung, daß er vielleicht hier ein Mittel gegen ſein Mißge⸗ ſchick finden werde. Von ſeinem wackeren Wirthe mit Geld unterſtuͤtzt, machte er ſich demnach ſchon am naͤchſten Morgen nach dem, unfern Douai ſte⸗ henden fraͤnkiſchen Lager auf den Weg. Dort angelangt, drang er nicht ohne Schwierigkeit bis in Scoto's Zelt, an den ihn ſein neuer Freund zu Oſtende ein Empfehlungsſchreiben mit gegeben hatte. Alberto Scoto nahm ſeinen jungen Lands⸗ mann mit großer Freundlichkeit auf, lud ihn zur Tafel, und ſtellte ihn nach eingenommenem Mahle dem fraͤnkiſchen Koͤnig vor, welcher ihn ebenfalls mit Wohlwollen empfing, und ſeinem Begehren, unter Scoto's Schaar zu dienen, willfahrte. Caſtruccio unterrichtete nun unverzuͤglich Alderigo von ſeiner neuen Lage, und empfing auch bald von demſelben eine Summe Geldes, hinreichend ſin ſeine nunmehrigen Beduͤrfniſſe. Unſer Held war jetzt ganz ein Krieger. Scoto hatte ihm eine voͤllige Ruͤſtung geſchenkt; und ein herrlicher Anasede es, den ſchoͤnen Mann in — 58— dem ſpiegelblanken Harniſch, mit Lanze und Schwerdt bewaffnet, auf einem ſtattlichen Streit⸗ hengſt daher ſprengen zu ſehn. Bald darauf ſetzte ſich das Heer in Bewegung. Mit einer ausfuͤhrlichen Erzaͤhlung des Feldzugs aber wollen wir unſere Leſer nicht ermuͤden. Es wurden Schlachten geliefert, Staͤdte genommen. Ueberall blieben die Franken Sieger, und uͤberall zeichnete ſich Scotos Schaar aus, von der indeß kein Krieger mehr Tapferkeit, mehr Heldenmuth, als Caſtruccio, an den Tag legte. Seoto pries laut den Muth des jungen Mannes; ſein Ruf verbreitete ſich durch das Heer; und ſchon nach dieſem erſten Feldzuge ward er mit dem Lorbeer des Ruhmes gekroͤnt, den er laͤngſt zu erringen gewuͤnſcht hatte. Selbſt Koͤnig Philipp uͤber⸗ haͤufte ihn mit Lobſpruͤchen und Belohnungen, und laut pochte das Herz des jungen Helden vor Entzuͤcken. Sccoto nahm ſeine Winterquartiere in einer Stadt Flanderns. Caſtruccio aber ward eingela⸗ den, an den Feſtlichkeiten des Pariſer Hofes Theil 59= zu nehmen. Bereitwillig folgte er dem Rufe, und mehrere Wochen gab er ſich den Vergnuͤgun⸗ gen hin, welche Philipps Palaſt darbot. Seine Schoͤnheit und ſeine Anmuth zogen die Blicke der Damen auf ihn, waͤhrend ihn die Maͤnner wegen ſeiner Tapferkeit bewunderten. Gegen Ende des Winters kehrte er in Scoto's Lager zuruͤck. Dieſer General hatte den jungen Mann ungemein liebgewonnen; zu jeder Stunde ſtand demſelben ſein Zelt offen; ſie ritten mit ein⸗ ander aus; der aͤltere Krieger belehrte den juͤnge⸗ ren, unterhielt ſich mit ihm uͤber die politiſchen Verhaͤltniſſe Italiens, und ſo ward der Keim zu Dem gelegt, was Caſtruccio, nach ſeiner Ruͤckkehr in ſein Vaterland zu vollbringen, beſtimmt war. Der Fruͤhling ruͤckte heran, und jetzt nahm Scoto, zu ſeinem jungen Freunde gewandt, das Wort:„Ich haͤtte Euch, in dem bevorſtehenden Feldzuge, gern an meiner Seite, aber die Um⸗ ſtaͤnde wollen es anders; Ihr muͤßt jetzt zuruͤck nach Italien. Heinrich von Luxemburg, nun⸗ mehriger deutſcher Kaiſer, ruͤckt mit einem Heer — 69— gegen jenes Land vor; er will die zerſtreuten Ghi⸗ belinen ſammeln, und es verſuchen, ihre Rechte in Welſchland wieder geltend zu machen. Ihr ſe ein Ghibeline aus einer alten geachteten Familie, und duͤrft dieſe Gelegenheit, Euch wieder empor⸗ zuſchwingen, nicht voruͤbergehen laſſen. Begebt Euch nach Italien! Stoßt zu dem Heere des Kai⸗ ſers, und ich hoffe, Ihr werdet Eure Guͤter und Euren Rang in Lucca wieder erlangen! Geht, Caſtruccio! Ihr ſeyd fuͤr Heldenthaten gebohren! 4 Geht, aber vergeßt meine Lehren nicht! Nicht im⸗ mer fuͤhrt Tapferkeit allein zum Ziele; oft muͤſſen Schlauheit und Verſtellung ihr zur Seite ſtehn, ſoll der Erfolg gluͤcken.“ Caſtruccio folgte dem Rathe ſeines bisherigen Generals. Er nahm herzlichen Abſchied von ihm, und beurlaubte ſich bei dem fraͤnkiſchen Monar⸗ chen, der ihn mit wohlwollenden Verſicherungen und reichen Geſchenken entließ. Die Koͤnigin uͤber⸗ reichte ihm mit eigener Hand ein koſtbares Schwerdt, an deſſen Griff Juwelen prangten. — 61— Unſer Held uͤbergab dieß alles, ſo wie die Beute, die er ſich erkaͤmpft hatte, einem angeſe⸗ henen italieniſchen Handelsherrn, damit er es durch ſichere Gelegenheit nach Welſchland befoͤr⸗ dere; er ſelbſt aber machte ſich dorthin zu Roß auf den Weg, nur von einem einzigen Diener mit einem Maulthiere, weiches ſeine Ruͤſtung trug, begleitet. So nur langſam ſich fortbewegend, langte er erſt nach einigen Wochen an der ſuͤdoͤſtlichen Grenze von Frankreich an. Er naͤherte ſich den majeſtaͤtiſchen Alpen, den Grenzwaͤchtern ſeines Vaterlandes, deren Gipfel hoch hinauf bis in die Wolken ragten; und zwiſchen denen das Schwei⸗ gen eines Alpenwinters herrſchte.— Als er in ihre einſamen Pfade hineinritt, verlor ſich jede Spur der Menſchen, ja ſelbſt faſt die der Thiere; nur dann und wann zeigte ſich ein Adler hoch auf rieſigen Felſen, nur hie und da ſprang eine Gemſe uͤber gaͤhnende Schluͤnde. Die giganti⸗ ſchen Tannen bogen ſich unter der Laſt des Schnees, welcher neidiſch auch den Glanz der ge⸗ —— — 62— frornen Waſſ erfaͤlle bedeckt hielt. Es war faſt unmoͤglich, auf den ohnehin beſchwerlichen Wegen weiter zu gelangen, denn der Schnee hatte alle Pfade verſchuͤttet, und aus den Felſenhoͤhlen kreiſchte der Geier, gleichſam, als wolle er den Wanderer warnen, nicht vorwaͤrts zu ſchreiten in ſeinem Gebiet, damit er nicht ihm zur Beute wuͤrde. Ein Theil des Weges war beſonders ge⸗ faͤhrlich. Der Pfad war hier in die Seite eines ſteilen Felſens gehauen, an deſſen Fuß ſich ein un⸗ geheurer Abgrund hindehnte, ſo daß den Wanderer eben ſo ſehr ſchwindelte, wenn er hinab, als wenn er hinauf ſchauete zu dem tannengekroͤnten Gipfal Caſtruccio ſtieg von ſeinem Pferde, und fuͤhrte es behutſam uͤber die gefahrvolle Stelle hinweg. Da hoͤrte er ploͤtzlich hinter ſich um Huͤlſe ru⸗ fen; und ſein Roß an ein hervorſpringendes Fels⸗ ſtuͤck bindend, kehrte er zuruͤck, ſo ſchnell er nur konnte. Er gewahrte ein Maulthier ruhig auf dem Wege ſtehn; der Reiter aber, der es ohne Zwei⸗ fel gefuͤhrt hatte, war auf dem ſchluͤpfrigen Pfade ausgeglitten, und waͤre hinab in den Abgrund — geſtuͤrzt, haͤtte nicht eine ſtarke Tanne ſeinen Sturz verhindert. Dieſe hielt er nun umklammert, unfaͤhig, ohne fremde Huͤlfe wieder hinauf zu ge⸗ langen. Caſtruccios Diener war mit dem Maul⸗ thiere noch weit zuruͤck, und ſo war denn unſer Held nur allein da, dem Fremden beizuſtehn. Schnell dazu bereit, verlor er indeß keinen Au⸗ genblick; er loͤſte ſeine Schaͤrpe, warf das eine Ende derſelben dem Verungluͤckten zu, lehnte ſich gegen ein Felsſtuͤck, um nicht mit hinab zu ſtuͤrzen, und zog ſo, nicht ohne ungeheure Anſtrengung, den Fremden wieder herauf, welcher, von Schrecken erfaßt, die Todesangſt noch immer nicht abzuſchuͤt⸗ teln vermochte. Caſtruccio ſprach ihm beruhi⸗ gende Worte zu, verſichernd, der gefaͤhrlichſte Theil des Weges ſey jetzt zuruͤckgelegt, und bald wuͤrden ſie nun von den ſchaurigen Hoͤhen hinab⸗ ſteigen in Italiens reizende Thaͤler. Bei dieſen Worten uͤberflog ein hoͤhniſches Laͤcheln die Wange des Unbekannten.„Ich bin ein Italiener!“ ent⸗ gegnete er, und ſchweigend ritt er dann, als er ſich einigermaßen wieder erholt hatte, neben Ca⸗ — 64— ſtruccio her, welcher neugierig und forſchend in das Geſicht des Gefaͤhrten ſchauete, den ihm der Zufall in den Weg geworfen hatte. Der Fremde ſchien, den Falten auf ſeiner Stirn nach zu urthei⸗ len, ein Mann von ſechzig Jahren, waͤhrend das Kraͤftige ſeiner uͤbrigen Geſtalt kaum den Vierzi⸗ ger verkuͤndete. Armuth, und die Zeichen eines hohen Ranges waren auf ſeltſame Weiſe bei ihm vereint; er trug goldene Sporen, und vor ihm auf dem Sattel lag ein Mantel, mit reicher, goldener Stickerei, ſorgfaͤltig zuſammengelegt. Er ſelbſt 3 aber hatte nur eine Art von Kapuzinerkutte um⸗ geſchlagen, von grobem Zeuge, wie ſie zu jener Zeit die aͤrmere Klaſſe der Italiener zu tragen pflegte. Seine Fuͤße waren mit plumpen Stie⸗ feln bekleidet, welche zu den goldenen Spornen einen ſeltſamen Contraſt bildeten; auf dem Haupte aber trug er eine eiſerne Sturmhaube. Die Sonne war ſchon im Hinabſinken, als ſie in einiger Entfernung eine Huͤtte gewahrten. Der Fremde hielt ſein Maulthier an, und fragte, ob ſie hier nicht uͤbernachten wollten.„Nein!“ ent⸗ —— — 65— gegnete Caſtruecio, nder Mond wird bald auf⸗ gehn: ich bin geſonn 1 inen Weg fortzuſetzen.“ „Trauet dem Mo nicht!“ warnte der Unbe⸗ kannte,„Sein Licht taͤuſcht und bringt Gefahr. Ich wage es nicht, weiter zu reiten, moͤchte Euch aber gern zum Gefaͤhrten behalten; deshalb er⸗ zeigt mir den Gefallen, und uͤbernachtet mit mir in jenem Hauſe!“ „So mag's dann ſeyn,“ entgegnete Caſtrateis, „wenn das Ding dort anders ein Haus und nicht etwa ein unbedeckter Schaafſtall iſt. Es ſollte mich in der That wundern, ein ordentliches Gebaͤude hier in dieſer menſchenleeren Gegend zu finden.“ Es war in der That eine Huͤtte, aber ſie war ver⸗ ſchloſſen, und die Bewohner ſchienen im feſten Schlummer zu ruhn; von dem lauten Rufe des aͤlteren Reiſenden aber geweckt, erhob ſich ein Mann von ſeinem, aus trockenem Laube und Schaaffellen beſtehendem Lager und oͤffnete die Thuͤr. Er hieß die Fremden willkommen, ſchuͤrte in der Mitte der Huͤtte ein Feuer an, und bald war der ganze obere Theil derſelben von einem caſtruccio. 1. Band⸗ 5 dichten Rauche gefuͤllt, welcher ſich durch eine kleine Oeffnung im hinauswaͤlzte. Auf dem Lager von troe ube ruhten noch meh⸗ rere Maͤnner und Weiber, welche unter ihren Schaaffellen hervor neugierig auf die Ankoͤmm⸗ . linge ſchaueten. Eine Bank und ein Tiſch mach⸗ ten das einzige Geraͤth aus, und die nackten Wande waren von Rauch geſchwaͤrzt. Caſtruccio ollte wieder hinaus, denn er konnte es in dem erſtickenden Dampfe nicht aushalten; ſein Ge⸗ faͤhrte aber bat ihn, zu bleiben, verſichernd, es ſey dennoch hier beſſer, als draußen in der kalten Nachtluft. Unſer Held aber blieb entſchloſſen, und verließ die Huͤtte, worauf der Fremde verſprach, ſo wie er ſich nur ein wenig am Feuer gewaͤrmt, und durch einen Becher Wein, den er hier zu fin⸗ den hoffe, erquickt haben wuͤrde, unverzuͤglich mit ihm den Weg fortſetzen zu wollen. Er hielt auch Wort. Vom Schein des Mondes beguͤnſtigt ritten ſie weiter, und langten am andern Tage gegen Mittag gluͤcklich in Suſa an. Der Fremde fragte jetzt ſeinen Gefaͤhrten, wo er hier zu raſten ge⸗ waͤre aber dieſes nicht der Fall, wolle re Aager in irgend einem Kloſter ſuchen, Rihn ſchon mit Speiſe und Trank verſorgen wuͤrde. 3 Caſtruccio's Reiſegefaͤhrte.„Es lebt mir hier ein — 67— denke. Caſtruccio entgegnete, daß der Stadt eine gute Herberge z wo man 3 „Ich bin in Suſa kein Fremder,“ entgegnete guter alter Freund, Tadeo della Ventura genannt, wohlbekannt allen Florentinern und anderen I h lienern, die in Handelsgeſchaͤften hier uͤber dieſe Berge ziehn; dieſer wuͤrdige Mann wird mich, als einen alten Freund, herzlich willkommen heißen; Euch aber, meinen Lebensretter, kann ich meinen Dank nicht beſſer beweiſen, als wenn ich Euch in dem Hauſe des gaſtfreien Tadeo ein Zütes QAuar⸗ tier verſchaffe.“ „Ein weiches Lager und eine gut beſetzte Tafel werden mir nach der beſchwerlichen Reiſe wohl⸗ thun,“ erwiederte accio,„und ſo ſeht Ihr mich denn bereit, Euch zu Eurem Freunde zu fol⸗ gen. 21 8 5* ladeo della Ventura empfing ſeinen alten Be⸗ kannten mit großer Herzlichkeit, und hieß auch annſeren Helden hoͤflich willkommen. Darauf fuͤhrte er die Ankoͤmmlinge in eine geraͤumige Halle, wo die Reiſegefaͤhrten mit innigem Wohlbehagen die Tafel ſchon mit Speiſe und Trank beſetzt fanden. Tadeo nahm am oberen Ende Platz, und bat ſeine neuen Gaͤſte, ſich neben ihm niederzuſetzen, welches ſte auch unverzuͤglich thaten, waͤhrend eine Menge anderer, in der Halle ſchon vorhandener Freunde des Hausherrn, ſich Weifal⸗ um die Tafel rei⸗ heten. Nach beendigtem Male wies Ladeo dem jun⸗ gen Krieger ein Gemach an, wo Caſtruccio, von der Reiſe ermuͤdet, bald in einen feſten Schlum⸗ mer verſank, aus demsei Abends gegen ſechs Uhr wieder erwachte. Er kehrte nun in die Halle zuruͤck, wo er den Hausherrn und ſeinen Reiſege⸗ faͤhrten in einem ernſten Geſpraͤch vertieft, vor dem Kamine ſitzend fand; die uͤbrigen Gaͤſte har ten ſi ch entfernt. Als er eintrat, hoͤrte er, wie der Fremde zu Tadeo grade jenes geheime Wort ausſprach, an dem ſich Scoto's Krieger zur Nachtzeit zu erken⸗ nen pflegten. Er war jetzt uͤberzeugt, daß ſein Reiſegefaͤhrte, wie er, unter jenem General ge⸗ dient habe; und ſo flog, faſt unwillkuͤhrlich, die, auf jene Parole gehoͤrende Antwort uber ſeine Lippen. Ungemein uͤberraſcht fragte der Fremde: „Wie? Haͤttet Ihr unter Seoto's Banner gefog, ten? „Allerdings!“ entgegnete Caſtruccio,„Ich kaͤmpfte unter den Fahnen des edlen Alberto Sco⸗ to, und freue mich um ſo mehr, Euch das Leben gerettet zu haben, ſeitdem mir die Ueberzeugung ward, daß auch Ihr unter ſeinem Vanner dien⸗ tet.“ „Iſt Euer Name ein Geheimniß?“ nahm der Unbekannte wieder das Wort. „Keinesweges!“ antwortete unſer Held,„Ich — 70— ſtamme aus einer edlen Familie gucca und heiße Caſtruccio Caſtracani dei Antelminelli... 9* Biei dieſen Worten ſprang ſein Reiſegefährte von ſeinem Seſſel empor, und trat raſch auf un⸗ ſern Helden zu, ſchloß ihn in ſeine Arme, und ſprach dann, zu dem Hausherrn gewandt:„Ich ſtelle Euch in meinem Lebensretter einen Krieger vor, deſſen Name durch ganz Frankeich und durch die Niederlande ruhmvoll ertoͤnt.— Jetzt, mein jun⸗ ger Held, ſollt Ihr auch mich kennen lernen. Ich heiße Benedetto Pepi; ein gebohrner Cremoneſer, kehre ich in meine Vaterſtadt zuruͤck, nachdem ich mir unter dem Alberto Scoto die ritterliche Wuͤrde und manchen Lorbeer erkaͤmpfte, auch ſpaͤterhin vieler Herren Laͤnder durchzog. Nun, da wir wiſſen, wer Ihr ſeyd, koͤnnt Ihr unbeſchraͤnkten Antheil an dem Geſpraͤche nehmen, in welches wir uns bei Eurem Eintritt vertieft hatten; es betraf die politiſchen huſ dieſes Landes ſeit der Ankunft Heinrichs, des deutſchen Kaiſers in Italien. Zwei Florentiner, welche geſtern bei unſerem gaſtfreien Wirth hier einſprachen, er⸗ — — 1— zaͤhlten, wie ſie dem Einzuge des Kaiſers in Mai⸗ land beigewohnt haͤtten. Guido della Torre, der die Stadt im Beſitz hatte, war genoͤthigt, ſeine Mannen zu entlaſſen, und ſelbſt, unbewaffnet, an der Spitze einer unbewaffneten Menſchen⸗ menge, dem Monarchen entgegen zu ziehen, in deſſen Gefolge ſich die Visconti's und viele andere edle Ghibelinen befanden. Dieſe haben jetzt ſaͤmmtlich ihre Guͤter wieder erhalten; dabei aber hat der Kaiſer eine große Unpartheilichkeit gezeigt, und auf ſeinem Wege Jedermann, er ſey Guel⸗ phe oder Ghibeline, Gerechtigkeit wiederfahren laſſen. Ich halte dieß Benehmen indeß nur fuͤr eine Larve, und bin begierig, zu erfahren, wann er ſie ablegen wird. Ich bin uͤberzeugt, Heinrich wird in Welſchland Alles an einander hetzen, um ſeinerſeits die Fruͤchte dieſer Zwiſtigkeiten zu ernd⸗ ten. Er ruft alle Verbannten zuruͤck— koͤn⸗ nen aber wohl Guelphen und Ghibelinen in ei⸗ ner und derſelben Stadt zuſammenleben? Eben⸗ ſo gut wuͤrden ſich Waſſer und Feuer in einem und demſelben Gefaͤß vertragen. Haͤtte er den ————44— Herrſcher von Langusco, Pavia, Vercelli, geſand ten von allen Gegenden Italiens ange⸗ 8 fuͤllt.“ Caſtrucecio. E Siena und Bologna weigern ſich noch. Zieht — 12— Frieden wiederherſtellen wollen, mußte er eine von beiden Partheien vollig vernichten; ſie beide beguͤnſtigen, heißt beide aufreiben; mit nur noch⸗ groͤßerer Wuth werden ſie jetzt gegen einander ver⸗ fahren, Stroͤme Bluts werden ſließen, wie ſie fruͤher dieſes Land noch nicht geſchauet, und un⸗ ter der Larve der Freundſchaft wird der Friedens⸗ ſtifter die Beſitzungen Aller an ſich reißen,“ „Ihr moͤgt nicht Unrecht haben, Benedette entgegnete Tadeo,„traͤgt jetzt gleich nur alles das Gepraͤge von Frieden und Freundſchaft. D vara und Lodi haben ihrer tyranniſchen Ge entſagt, die Schluͤſſel jener Staͤdte dem Monar⸗ chen eingehaͤndigt und uberall ſind jetzt kaiſerliche Statthalter angeſtellt. Heinrichs Hof iſt mit Ab⸗ „Hat auch Florenz no wermertni⸗ fragte „Nein!“ entgegnete Tadeo,„Floreng, Lucca, der Kaiſer mehr ſuͤdwaͤrts: werden auch dieſe olzen Freiheitsvertheidiger ihre ſteifen Knieen eugen.“ Nie, nie, nimmermehr!“ rief Pepi lebhaft, ddie anderen Staͤdte moͤgen ſich unterwerfen: Flo⸗ 3. renz thut es nimmer— Dieſe Republikaner, ie ich von ganzem Herzen haſſe, haben die Ghi⸗ linen verjagt, und werden ſich bis auf den tzten Mann vertheidigen. Im ſchlimmſten Falle werden ſie dem Kaiſer zahlen, denn dieſe Freiheitsnarren werfen ihr Geld mit vollen Haͤn⸗ . den weg, gilt es, ſich ihr Goͤtzenbild, das ſie Frei⸗ heit nennen, zu erhalten.“ Saſtruccio that jetzt dem Benedetto und ſeinem Wirthe ſeine Abſicht kund, ſich unverzuͤglich zum Kaiſer zu begeben, und ſich deſſen Heer anſchlie⸗ ßen zu wollen, in der Hoffnung, dadurch wieder * zu dem Beſitz ſeiner Guͤter zu gelaggen. unter ſolchen Geſpraͤchen verging der Abend, und fruͤhzeitig begab man ſi ſich zur Ruhe.— Am naͤchſten Morgen aber erhoben ſich Caſtruccio und Benedetto zeitig von ihrem Lager, nahmen Ah⸗ * — 74— Malland auf den Weg. Mit mancherlei Geſpraͤchen ſich die Zeit 39 8 kuͤrzend, gelangten ſie gluͤcklich bis uͤber Turin hinaus, wo nun Benedetto die Straße uͤber Aleſ⸗ ſandrio nach Cremona einzuſchlagen hatte. Er nahm daher von ſeinem bisherigen Reiſegefaͤhrten Abſchied, ſagte ihm dafuͤr, daß er ihm in den Al⸗ pen das Leben gerettet habe, noch einmal Dank, und bat ihn, fals er je nach Cremona kommen ſollte, ſein Haus doch ja als das ſeinige zu be⸗ trachten.„Habt Ihr aber etwa andere Freunde dort,“ fuͤgte er hinzu,„und moͤchtet Ihr vielleicht lieber bei ihnen einkehren: muͤßt Ihr Euch ja kei⸗ nen Zwang anthun. Ich habe, wie ich Euch auch ſchon unterwegs erzaͤhlte, durch die Zeitum⸗ fände große Verluſte erlitten, und bin gensthigt, meinen Haushalt zu beſchraͤnken, um ſie durch große Sparſamkeit wieder einzubringen. Bei mir findet Ihr weder welche Betten noch koͤſtliche Weine; ich bin nur ein armer Mann, und koͤnnte Euch vielleicht kaum ein maͤßiges Mahl anbieten.“ 4 ſchied von ihrem Wirthe, und machten ſich nach n Caſtruecio dankte, und verſicherte leichthin, daß er, als ein Krieger, an Entbehrungen gewoͤhnt ſey; worauf ſie von einander Abſchied nahmen. Unſer Held trabte nun raſch auf Malland zu,. wo er denn auch ſchon nach einigen Tagen gluͤck, lich anlangte. Gleich nach ſeiner Ankunft begab. er ſich nach dem Palaſt des Matteo Visconti. Dieſer hatte ſich in den Senat begeben, um mit 4 den Edlen Mailands uͤber die Gelder zu berath⸗ ſchlagen, die zur Verfuͤgung des Kaiſers geſtellt werden ſollten; und ſo ward Caſtruccio zu Ga⸗ leazzo, dem Sohne Visconti's, gefuͤhrt, den er, voon vielen jungen Ghibelinen umgeben, in der Halle antraf. Sie waren ſaͤmmtlich im Begriff, den Kaiſer auf einer Jagdparthie zu begleiten, und hatten zu dem Ende koſtbare Kleider angelegt, die von goldenen Stickereien und Juwelen prang⸗ ten. Caſtruccio's Name, der bereits laͤngſt an dem kaiſerlichen Hofe ehrenvoll genannt ward, ver⸗ ſchaffte ihm unverzuͤglich die freundlichſte Aufnah⸗ me. Man draͤngte ſich um ihn, und bat ihn, an — 76— der vorhabenden Luſt Theil zu nehmen. Er wil⸗ ligte ein; ein trefflicher Renner ward vorgefuͤhrt, und dahin ſprengte er mit den Uebrigen, dem kai⸗ ſerlichen Palaſte zu, von woher der Monarch, ſeine Gemahlin und viele deutſche Edelleute aus dem kaiſerlichen Gefolge, ihnen bereits entgegen kamen. Der Jagdzug ging jetzt zum Thore hin⸗ aus. Galeazzo und Caſtruccio ritten neben einan⸗ der, denn beide junge Leute ſchienen, trotz ihrer kurzen Bekanntſchaft, bereits großes Gefallen an einander zu ſinden. Da gewahrte der Letztere ploͤtzlich ganz in der Kaiſerin Naͤhe einen Juͤng⸗ ling, deſſen Geſichtszuͤge ihm bekannt ſchienen. Er war prachtvoll in Seide und Sammt geklleidet, eine reich mit Perlen geſtickte Schaͤrpe hing ihm uͤber die Schulter hinab, und alles ließ in ihm ei⸗ nen Pagen der Monarchin vermuthen. „Wer iſt der holde Knabe?“ fragte Caſtrucelo ſeinen Begleiter, und eine Thraͤne draͤngte ſich ihm unwillkuͤhrlich in das Auge, denn liebliche Erinnerungen aus entſchwundenen Tagen erſtie⸗ gen in ſeiner Seele. „Er nennt ſich Arrigo, ſo viel ich weiß;“ entgeg⸗ nete Galeazzo,„die Kaiſerin wuͤnſcht, er moͤchte in ihre Dienſte treten; der Juͤngling aber zieht das Leben eines Kriegers dem Treiben eines Hofſchran⸗ zen vor.“ „Ich kannte den ſuͤßen Knaben;“ rief Caſtrue⸗ cio,„hat er auch meiner nicht vergeſſen, ging ſein edler Vater vielleicht ſchon hinuͤber in eine beſſere Welt: will ich halten, was ich gelobte. Er ſoll einen Freund, einen Beſchuͤtzer in mir finden.“ Nach beendigter Jagd kehrte der Zug in die Stadt zuruͤck; und ſo wie Arrigo ſich jetzt wieder unter das Gefolge miſchte, ritt Caſtruccio zu ihm hin. Einige Momente lang begnuͤgte er ſich, den Juͤngling anzublicken, und ſeiner wohlbekann⸗ ten Stimme zu horchen. Er fuͤhlte ſich auf ſelt⸗ ſame Weiſe bewegt, ja es kam ihm vor, als ob Guinigi's ehrwuͤrdige Geſtalt vor ihm ſtehe, freundlich zu ihm aufſchaue, und dabei auf ſeinen Sohn deute. Endlich nahm er ſich zuſammen, er ritt dicht an Arrigo's Seite, und fragte leiſe:„Hat Guinigi's Sohn meiner vergeſſen? Denkt er nicht — 29— mehr der ſtillen Huͤtte ſeines Vaters?“ Arrigo wandte ſich raſch zu dem Sprecher— ſeine Augen funkelten vor Freude:„O du, du mein Caſtruc⸗ cio!“ rief er aus. Beide trennten ſich von dem Zuge, und tehrten auf einem einſameren Wege zur Stadt zuruͤck. „Mein Bruder, mein theurer Bruder! denn ſo erlaubſt du mir doch, dich zu nennen!“— nahm Arrigo, als ſie ſich allein befanden, das Wort, „Seit einem Jahre ſchon bin ich eine Waiſe; ich ver⸗ ließ die ſtille Huͤtte, um in die Dienſte des pracht⸗ liebenden San Grande zu treten, der mich zwar mit Guͤte behandelt, mir aber doch den Vater nicht erſetzen kann!— Freudenleer ſchwinden jetzt meine Tage dahin, denn mir lebt Niemand, dem ich mich anzuſchließen, dem ich zu vertrauen wage!— O, mein theurer Bruder! wolteſ du mir doch eine Bitte erfuͤllen?“— „Ich leſe ſie in deinen Augen, mein Artigo⸗ 1 unterbrach ihn Caſtruccio,„Dein Wunſch ſey dir gewaͤhrt! wir trennen uns fortan nicht wieder.“ Arrigo's Blicke leuchteten voll froher Hoffnungen. — . * ** — . An demſelben Abend fand ein prachtvolles Feſt im Palaſt des Kaiſers ſtatt, Caſtruccio ward bei dieſer Gelegenheit dem Monarchen durch Galeazzo vorgeſtellt.— Die naͤchſten Tage waren eben⸗ falls den Feſtlichkeiten gewidmet; waͤhrend man aber alles ſo in Ruhe und Frieden glaubte, brach ploͤtzlich ein Sturm aus, den die Politiker laͤngſt ſchon vorausgeſehn hatten. Die Mallaͤnder, der ewigen Geldforderungen des Krieges muͤde, em⸗ poͤrten ſich gegen den Kaiſer und ſein Heer. Gewapp⸗ nete Ritter ſprengten durch die Gaſſen, unter dem wilden Ausruf:„Freiheit! Freiheit! Tod den Deutſchen!“ Ein Geſchrei, welches von der, durch die ihnen auferlegten Laſten, bedruͤckten Menge einſtimmig wiederholt ward. So ſchnell aber der Aufruhr entſtanden, ſo ſchnell ward er auch wieder gedaͤmpft; Visconti und ſeine Anhaͤn⸗ ger traten nach kurzem Bedenken auf die Seite des Kaiſers; della Torre und ſeine Verbuͤndeten waren genoͤthigt, zu entfliehen, ihre Haͤuſer wur⸗ den dem Boden gleich gemacht, ihre Guͤter einge⸗ zogen, und ſee ſelbſt oͤffentlich fuͤr Veraͤther erklaͤrt. Anhaͤnger mit großer Strenge, gebot, ſie in ein — 30— Die Empoͤrung zu Mailand hatte ſich indeſſen auch nach Crema, Cremona, Brescia, Lodi und anderen Staͤdten der Lombardei verbreitet, und da jetzt der Fruͤhling ſchon ziemlich vorgeruͤckt war, beſchloß Heinrich, den Feldzug mit der Einnahme dieſer Staͤdte zu beginnen. Caſtruccio hatte von dem Monarchen die Erlaubniß erhalten, eine Schaar Freiwilliger zu ſammeln, um mit ihnen in ſeinem Heere zu dienen; auch brachte der Ruf unſeres Helden ſchnell eine Anzahl muthiger Krie⸗ ger zuſammen, welche von der ganzen Armee bald als Muſter der Ordnung und der Tapferkeit be⸗ wundert wurden. Crema und Lodi unterwarfen ſich ſogleich bei Annaͤherung des Kaiſers, der nun mit ſeinem Heere gegen Cremona zog, welches anfangs hart⸗ naͤckigeren Widerſtand leiſten zu wollen ſchien. Bald entflohen indeß die Guelphen aus der Stadt, und jetzt oͤffneten die Ghibelinen die Thore; der erzuͤrnte Kaiſer aber ward dadurch keinesweges be⸗ ſaͤnftigt; er verfuhr ſelbſt gegen ſeine ſchuldloſen — 31— Gefangniß zu werfen, ließ die Mauern und Fe⸗ ſtungswerke der Stadt der Erde gleich machen, und gab den rohen Deutſchen, aus denen der groͤßte Theil ſeines Heeres beſtand, die Guͤter der Einwohner zur Beute. Caſtruccio ritt an der Spitze ſeiner kleinen Schaar in Cremona ein, und gewahrte mit Un⸗ willen, wie man gegen die arme Stadt verfuhr. Die deutſchen Krieger waren theils beſchaͤftigt, die Feſtungswerke niederzureißen, theils ſtuͤrmten ſie Haͤuſer und Palaͤſte, um das, was darin vor⸗ handen, raͤuberiſch mit ſich fortzuſchleppen. Un⸗ ter Wehklagen und Jammergeſchrei irrten die Be⸗ wohner in den Gaſſen umher, oder ſtuͤrzten zum Thore hinaus, im nahen Walde vor der Wuth ihrer Verfolger Schutz zu ſuchen. Als die Nacht hereinbrach, warfen ſich viele Krieger, des Pluͤn⸗ derns muͤde, in die Betten, deren Eigenthuͤmer ſie vertrieben hatten; andere aber fuhren noch fort, in die Haͤuſer und Palaͤſte zu dringen und ihre Bewohner zu mißhandeln. Caſtruccio. 1. Band,.. 6 Caſtruccio theilte ſeine kleine Truppe, und ge⸗ bot ihr, dem Unweſen ſoviel als moͤglich zu ſteuern; er ſelbſt und Arrigo kamen die ganze Nacht nicht von der Straße, wo ſie alles thaten, was in ih⸗ ren Kraͤften ſtand, dem Ungeſtuͤm der Soldaten Einhalt zu thun. So vergingen mehrere Tage. Caſtruccio fuͤhlte ſich ob des Jammers, den er mit anzuſchauen ge⸗ noͤthigt war, tief erſchuͤttert. Arrigo's Augen aber entſtroͤmten Thraͤnen, und ſo ſehr war der gefuͤhlvolle Juͤngling von dem, was rund um ihn geſchah, ergriffen, daß ſein vaͤterlicher Freund es fuͤr noͤthig hielt, ihn von dieſem Schauplatz des Schreckens zu entfernen, weshalb er ihn mit ei⸗ nem Schreiben an Galeazzo Visconti nach Mai⸗ land ſandte. Er hatte Arrigo eine kleine Strecke begleitet, und als er nun in die Stadt zuruͤckkehrte, dachte er ploͤtzlich eines Mannes, deſſen er bisher voͤllig vergeſſen hatte, naͤmlich ſeines vormaligen Reiſe⸗ gefaͤhrten Benedetto Pepi.„Ich rettete einſt ſein Leben,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„wie mag es — 83— jetzt um den armen Teufel ſtehn? Ich will wenig⸗ ſtens ſuchen, ihm dasjenige zu erhalten, was ihm die raubſuͤchtigen Krieger von ſeiner duͤrftigen Haabe vielleicht noch uͤbrig gelaſſen haben.“ Er erkundigte ſich nun bei einem Voruͤberge⸗ henden nach der Wohnung ſeines alten Bekann⸗ ten.„Wenn Ihr Benedetto den Reichen meint, falls anders noch irgend Jemand in dieſer armſe⸗ ligen Stadt reich zu nennen iſt:“ entgegnete der Befragte,„will ich Euch in ſein Haus fuͤhren.“ Caſtruccio wunderte ſich ob dieſer Worte, er⸗ ſtaunte aber noch mehr, als ihn ſein Geleitsmann zu einem, in einer der ſchoͤnſten Gegenden der Stadt gelegenen, Palaſte fuͤhrte, der, von maͤch⸗ tigen Quaderſteinen aufgefuͤhrt, im Stande ſchien, eine Belagerung auszuhalten. Nur wenige, tief⸗ liegende und vergitterte Fenſter waren darin an⸗ gebracht, und mehrere auf den Mauern vorhan⸗ dene Thuͤrme gaben dieſem Gebaͤude eher das An⸗ ſehen einer Feſte, als eines Palaſtes. Die Pforte ſtand offen, und ſo trat Caſtruccio ungehindert in die große untere Halle, die ganz mit deutſchen 6* — ÿ— Soldaten angefuͤllt war. In dem rieſigen Ca⸗ min loderte ein helles Feuer, und auf mehrere Tiſche, um welche ſich die Krieger zu reihen im Begriff waren, war Speiſe und Trank ſo eben im Ueberfluß aufgetragen worden. Benedetto Pept ſelbſt aber ſtand in einem Winkel, und fuͤllte aus einem Weinfaß große Kannen. Caſtruccio ſchritt auf ihn zu, und redete ihn mit Theilnahme an. Pepi wandte ſich mit ſeinen kleinen, blinzenden Augen und einem Gefuͤhl, aus dem eher Freude, als Kummer ſprach, zu ſeinem vormaligen Reiſe⸗ gefaͤhrten, und fuͤhrte denſelben, da er ſo eben die letzte Kanne gefuͤllt hatte, aus der Halle, eine enge, dunkele Stiege hinan.„Kommt mit hinauf, zu meinem Thuͤrmchen!“ ſprach er,„dort habe ich meine geringe Haabe aufbewahrt.— Es iſt ein ſtarker, wohlverwahrter Ort, und weder der Kai⸗ ſer, noch ſeine Teufel hier unter uns, ſollen dorthin gelangen.“ Als ſie das obere Ende der Wendeltreppe er⸗ reicht hatten, ſchob Benedetto einen ſchweren Rie⸗ —,—— —— — 35— gel zuruͤck, hob eine Fallthuͤr auf, und nun befan den ſie ſich auf der Plattform des Thurms. 1 „Ihr thut mir leid!“ nahm jetzt Caſtruccio das Wort,„Die Wuͤthriche haben Euren Palaſt ver⸗ wuͤſtet.“ „Sie fanden hier nichts zu verwuͤſten;“ entgeg⸗ nete Benedetto Pepi, ſich freudig die Haͤnde rei⸗ bend,„die Mauern ſind ſtark; die muͤſſen ſie wohl ſtehen laſſen. Alles Andere habe ich vor ih⸗ rer Ankunft weggeſchafft.“ „Sie zehren doch Eure Vorraͤthe auf.“ „Ich habe keine Vorraͤthe,— ich bin ein ar⸗ mer, einzeln ſtehender Mann.— Sie bringen ih⸗ ren Raub hieher,— ich ſende dann meinen Knecht aus, Holz zu ſammeln, wo er es finden kann, und zuͤnde ihnen ein Feuer an;— das iſt alles, was ſie von mir haben.“ „So habt Ihr alſo bei der Pluͤnderung nichts eingebuͤßt? Ihr ſeyd noch immer Benedetto der Reiche?“ fragte Caſtruccio. Pepi's Geſicht zog ſich bei dieſen Worten ploͤtz, lich in die Laͤnge:„Ich Benedetto der Reiche?“ —————— — 88— ſtammelte er,„Daß ſich Gott erharme! ich bin ein armer, geſchlagener Mann!“ Und dann, ſo als wuͤnſche er das Geſpraͤch auf einen anderen Ge⸗ genſtand zu lenken, fragte er:„Ihr aber, Ihr fuͤhrt, wie ich hoͤre, eine Schaar italieniſcher Reuter an; was wollt Ihr mit ihnen beginnen? Bleibt Ihr in der Lombardei, oder wollt Ihr dem Kaiſer weiter ſuͤdwaͤrts folgen?“ „Fuͤr jetzt muß ich mich noch von den Umſtaͤnden leiten laſſen;“ entgegnete Caſtruccio,„ich kann deshalb Eure Frage nicht beantworten.“ Pepi ſchwieg einen Augenblick, dann ſprach er halb vor ſich hin:„Nein, der Zeitpunkt iſt noch nicht gekommen— noch iſt das Korn nicht reif— die Belagerung hat zwar viel gethan, aber ich muß doch noch warten.“— Und zu unſerem Helden gewandt, fuhr er fort:„Ich kann Euch jetzt dasjenige noch nicht entſchleiern, woruͤber ich mich beim Anfange dieſes unſeres Geſpraͤchs mit Euch zu bereden gedachte. Wenn Ihr es aber am we⸗ nigſten erwartet, werden wir uns wieder begeg⸗ nen.— Kommt es Euch etwa ſo vor, als ob der ſſͤſͤſͤſ⁄ —,— — — — 87— Benedetto zu Cremona nicht das ſey, was er ſcheint: ſo bewahrt dieſe Bemerkung, als ein Ge⸗ heimniß, in verſchwiegener Bruſt, und ich werde mich Euch dafuͤr dankbar beweiſen.“ „So lebt dann wohl bis dahin!“ ſprach Caſtrue⸗ cio,„ich kam, Euch meine Huͤlfe anzubieten; ich ſehe aber, Ihr ſeyd derſelben nicht beduͤrftig.“ „Ich danke Euch nichts deſto weniger fuͤr Euren guten Willen!“ entgegnete der Geheimnißvolle, und voran ſchritt er wieder die Wendeltreppe hin⸗ ab, nahm im Hofe noch einmal von ſeinem vor⸗ maligen Reiſegefaͤhrten Abſchied, und kehrte dann zu den zechenden Kriegern in die Halle zuruͤck, waͤhrend Caſtrucccio dem kaiſerlichen Lager zu⸗ ſprengte. Unterwegs ſann er zwar daruͤber nach, was die letzten Worte des Cremoneſers bedeuten mochten, ſeine Neugier war rege gemacht; aber Veraͤnderung des Orts und der Tumult des Krie⸗ ges ließen ihn bald faſt gaͤnzlich das Daſeyn Bene⸗ detto's des Reichen vergeſſen. cia zu belagern, welche Stadt hartnaͤckigen Wi⸗ derſtand leiſtete, und ihm erſt im Monat Septem⸗ ber, und nur unter ehrenvollen Bedingungen ihre Thore offnete. Caſtruccio diente waͤhrend der Belagerung unter dem Kaiſer, aber die Grauſam⸗ keit und das undankbare Benehmen deſſelben em⸗ poͤrten ihn; denn waͤhrend Heinrich gegen ſeine Feinde mit der furchtbarſten Strenge verfuhr, be⸗ handelte er auch ſeine Freunde ſo, als ob ſie ſeine Gegner geweſen waͤren. Unſer Held beſchloß da⸗ her, ſich von dem kaiſerlichen Heere zu trennen, und blieb, als Heinrich von der Lombardei nach Genua aufbrach, bei ſeinem Freunde Galeazzo Visconti. Aller Augen waren jetzt auf den Kaiſer gerich⸗ tet; er zog gen Genua, verſuchte mehrere vergeb⸗ liche Unterhandlungen mit Florenz, und ging nach Piſa und Rom, wo er gekroͤnt ward. Sein Heer Kaiſer Heinrich verließ jetzt Cremona, um Bres⸗ —— — — 39— aber ward durch Krankheit aufgerieben; er kehrte nach Toskana zuruͤck, machte noch einen loſen Angriff auf Florenz, und zog ſich dann in die Nachbarſchaft von Siena zuruͤck, wo er am 18ten Auguſt 1313 ſtarb, Italien faſt in demſel⸗ ben, unruhigen Zuſtande hinterlaſſend, in dem er es vor ungefaͤhr zwei Jahren betreten hatte. Bis jetzt hatte ſich Caſtruccio bei ſeinem Freunde Galeazzo Visconti in Mailand ruhig verhalten, denn der Zeitpunkt, mit Kraft fuͤr ſeine Rechte aufzutreten, ſchien dem jungen Manne, der nun ge⸗ lernt hatte, ſeinen Muth zu zuͤgeln, noch nicht ge⸗ kommen. Da aber erhoben ſich zu Piſa, gleich nach Heinrichs Tode, die Ghibelinen neuerdings auf furchtbare Weiſe, unter der Anfuͤhrung eines gewiſſen Uguccione; ſie erklaͤrten dem, von den Guelphen beſetzten Florenz den Krieg, zogen ge⸗ gen Lucca, und zwangen dieſe Stadt, die verbann⸗ ten Ghibelinen zuruͤckzurufen. „Jetzt iſt der Augenblick da!“ rief Caſtruccio. Aber ſich mit der Zuruͤckgabe ſeiner Guͤter keines⸗ weges begnuͤgend, denn ſein Ehrgeiz und ſeine / — 90— Ruhmſucht waren in dem Umgange mit Galeazzo geſteigert worden, trat er unverzuͤglich in eine Unterhandlung mit Ugguccione's Schaar, und forderte ihren Beiſtand auf, die Guelphen gaͤnz⸗ lich aus Lucca zu vertreiben, und ihn zum Ober⸗ haupte ſeiner Geburtsſtadt zu machen. Caſtruc⸗ cio ſtieß mit einer Schaar muthiger Krieger zu Uguccione's Truppen, und zog triumphirend in Lucca ein. Sein Bundesgenoſſe ſchien jetzt aber nicht mehr geneigt, ſein gegebenes Verſprechen, unſerem Helden zu der Oberheerſchaft in ſeiner Vaterſtadt verhelfen zu wollen, in Erfuͤllung zu bringen, ſondern behielt alle Fruͤchte des Sieges fuͤr ſich; ein Benehmen, welches ſich Caſtruccio vor der Hand gefallen laſſen mußte, da ſeine Schaar weit kleiner, als die des werthloſen Verbuͤn⸗ deten war. Die Kunde von der Einnahme Luc⸗ ca's und von den Bedruͤckungen, die dieſe Stadt und ihre Umgegend erleiden mußten, war unter⸗ deſſen auch nach Florenz gedrungen, und hier ward jetzt Caſtruccio's Name mit Haß und Ab⸗ ſcheu genannt. —— —-— ——ͤ Nur ein einziges Herz zu Florenz fuͤhlte ſich von Schmerz und Wehmuth bewegt, wenn Schmaͤhungen gegen den jungen Antelminelli aus⸗ geſtoßen wurden. Euthanaſia dei Adimari hatte des vor vielen Jahren abgelegten Freundſchaftsges luͤbdes keinesweges vergeſſen; oft hatte ſie des Jugendgeſpielen gedacht, und jedesmahl, wenn von Reiſenden aus der Ferne her ſein Name ge⸗ nannt ward, faͤrbte ſich ihre Wange. Laͤngſt ſchon war ihr Vater geſtorben, und nach ſeinem Tode hatte ſie ſich mehr, als fruͤher dem ge⸗ ſelligen Leben zu Florenz hingegeben. Sie war jetzt zur vollkommenen Schoͤnheit herangebluͤht; aber gleichguͤltig und theilnahmlos horchte ſie den Lobpreiſungen, die ihr von allen Seiten geſpendet wurden, ſich nur dann gluͤcklich fuͤhlend, wenn ihr ihre Mutter zuweilen geſtattete, ſich auf kurze Zeit nach dem Schloſſe Valperga zu begeben, wo ihr einſt in Caſtruccios Umgange ſo manche frohe Stunde dahinſchwand, wo ſie des theuren Ju⸗ gendgeſpielen ſo recht ungeſtoͤrt gedenken konnte. 1 Vernunft, als die Meinung ihrer Mitbuͤrger, de⸗ So verlebte ſie ihre Tage bald zu Valperga, bald zu Florenz. Da raubte ihr der Tod ihre Mut⸗ ter und ihre Bruͤder, und ſie war nun alleinige Herrin der reichen Beſitzungen. Voͤllig unab⸗ haͤngig, wie eine Koͤnigin, herrſchte ſie jetzt auf Val⸗ perga und uͤber die dazu gehoͤrenden Doͤrfer, waͤh⸗ rend ſie zu Florenz als die erſte Buͤrgerin dieſer Stadt betrachtet wurde. Koͤnnten Macht und Reichthum allein Gluͤck gewaͤhren: ſie haͤtte ſich gluͤcklich fuͤhlen muͤſſen. Aber ſie ſtand allein da in der Welt; Alles, was ihr auf Erden theuer war, war ihr entriſſen worden, und ſo beugte ſie oft der Kummer tief, tief darnieder. Die ihr einwohnende Seelengroͤße erhob ſie indeß ſtets Aber ihr Mißgeſchick; ſie ſuchte Troſt in den Wiſ⸗ ſenſchaften und in Wohlthaͤtigkeitsuͤbungen; und ſo gelang es ihr dann, ſich eine Ruhe des Herzens zu eigen zu machen, wie ſie nur das Gefuͤhl erfuͤll⸗ ter Pflicht dem Tugendhaften zu verleihen vermag. Sie hatte keinen anderen Richter, als ihre eigene — C“ ren giebe und Achtung ſie auf alle moͤgliche Weiſe zu gewinnen ſuchte. So hatte ſie ihr zwei und zwanzigſtes Jahr er⸗ reicht, als Caſtruccio im Jahre 1314 nach Lucca zuruͤckkehrte, und, von ihm beguͤnſtigt, Piſa's Ty⸗ rann, Florenz aͤrgſter Feind, Herr der Nach⸗ barſtadt ward, und ihr Jugendgeſpiele nun mit den Waffen in der Hand gegen ſie und ihre Mit⸗ buͤrger heranzog. Der Sommer war ſchon weit vorgeruͤckt, und ihrer Gewohnheit gemaͤß, begab ſie ſich nun nach Valperga. Ihr Herz war tief bekuͤmmert: ihr Lieblingstraum war verſchwunden, ihr Glaube an Caſtruccio ſchwankte; aber ſie konnte ihn dennoch nicht haſſen. In ihren einſa⸗ men Abendſtunden fragte ſie ſich oft ſelbſt, wes⸗ halb die Nennung ſeines Namens noch immer ihr Herz pochen mache?— was ihren, bisher ſo ruhi⸗ gen Sinn jetzt ſo furchtbar bewege?— weshalb ſie ſich ſo fuͤrchte, den fruͤher ſo geliebten Jugendge⸗ ſpielen wiederzuſehn? Caſtruccio weilte unterdeſſen noch immer zu Lucca, begierig auf eine Gelegenheit wartend, ſei⸗ — 94 nen wortbruͤchigen Bundesgenoſſen zu ſtuͤrzen; noch immer aber ſchien ihm der Augenblick dazu nicht guͤnſtig, obgleich ſein Anhang ſich mit jedem Tage vermehrte. So ſtand er eines Tages auf der Plattform ſeines vaͤterlichen Palaſtes, dem er als Knabe den Ruͤcken kehren mußte, in den er jetzt aber ſieggekroͤnt wieder eingezogen war. Ar⸗ rigo und mehrere ſeiner treueſten Anhaͤnger befan⸗ den ſich in einiger Entfernung von ihm. Sin⸗ nend blickte er hinab in die dunklen, engen Gaſſen; dann hob er wieder das Auge empor, und weithin ließ er es ſchweifen uͤber die umliegende Gegend, mit ihren Doͤrfern, ſchneegekroͤnten Bergen und hochbethuͤrmten Schloͤſſern, bis er endlich auf ei⸗ nem der Letzteren verweilte. Laͤngſt vergeſſene Scenen aus ſeiner Jugendzeit erſtiegen jetzt in ſei⸗ nem Gedaͤchtniß; die ſanfte Stimme ſeiner Mut⸗ ter erklang wie vormals in ſeinen Ohren, Adima⸗ ri's ehrwuͤrdige Geſtalt mit dem augenloſen Ant⸗ litz trat wieder vor ihn, ja er fuͤhlte ſeine Hand, wie einſt, von Euthanaſia's Hand zaͤrtlich ge⸗ druͤckt.— Raſch wandte er ſich zu ſeinen Ge⸗ —— 96— fährten:„Lebt ſie noch immer dort?“ fragte er, auf das Schloß deutend. „Wen meint Ihr? die Graͤfin von Valperga?“ „Nun freilich, und ihre Tochter Euthanaſia.“ Jahre waren vergangen, ſeit er dieſen Name nicht ausgeſprochen hatte, und als er jetzt uͤber 4 Lippen flog, durchzuckte es ihm alle Glieder bei dem lieblichen Klange. „Die jetzige Graͤfin“ entgegnete Mardecatel einer ſeiner Anhänger, eiſt noch jung und unver⸗ heirathet.— „Sie heißt Euthanaſia,“ nahin ein Anderer das Wort,„iſt die Tochter Antonio Adimari's, und erbte jenes Schloß nach dem Tode ihrer Mutter.“ „So iſt's,“ bemerkte einer der juͤngeren Ge⸗ faͤhrten Caſtruccio's.„Man ſagt, Ranieri, der Sohn des Tyrannen zu Piſa, bewerbe ſich um ihre Hand.“ „Das iſt nur Geſchwaͤtz,“ rief ein Aelterer der Geſellſchaft,„ſie liebt ihre Unabhaͤngigkeit.“ „Iſt ſie wirklich ſo ſchoͤn, als man ſagt?“ tragte Arrigo Guinigi. „Kie iſt ſchoͤn, wie ein Engel; aber ihre Tugend uͤberſtrahlt noch ihre Schoͤnheit.— Schade, daß ſie nicht zu den Unſrigen gehört.“ 5 Das Geſpraͤch lenkte ſich jetzt auf andere Ge⸗ 9 ſtände. Caſtruccio hatte ſchweigend dem ſeiner Jugendfreundin geſpendeten Lobe gehorcht; jetzt zog er den jungen Arrigo bei Seite.„Du mußt einen Ritt fuͤr mich machen!“ ſprach er. „Bis ans Ende der Welt, wenn du es wuͤn⸗ ſcheſt,“ entgegnete Arrigo. „s iſt von keiner ſo weiten Reiſe die Rede,“ laͤchelte unſer Held.„Reite morgen mit dem fruͤ⸗ heſten nach dem Schloſſe Valperga, und erbitte mir von der Graͤfin die Erlaubniß, ihr einen Be⸗ ſuch abſtatten zu duͤrfen. Unſere Familien waren, trotz ihrer entgegengeſetzten politiſchen Meinungen, eng mit einander verbunden, und laͤngſt ſchon haͤtte ich mich hin zu ihr begeben ſollen.“ Am folgenden Tage harrte Caſtruccio ungedul⸗ dig der Ruͤckkehr ſeines Boten; dieſer langte kurz vor Mittag wieder an. —— „ch habe ſie geſehen!“ rief Arrigo,„und ſeit ſie meine Augen ſchaueten, nimmt es mich Wun⸗ der, daß nicht alle Maͤnner Lucca's auswandern⸗ ihr Schloß umringen und Tagelang zu ihr hin⸗ aufſtarren. Erſt ſeit ich ſie erblickt, glaube ich zu leben; ſie iſt ſo hold und liebenswuͤrdig! Oft hoͤrte ich dich der Weiber Schoͤnheit ſpotten! ziehe hin nach Valperga! ſchaue Euthanaſia: und du wirſt reuerfuͤllt dich deines Irrthums ſchaͤmen.“ „Zu Pferde dann, mein treuer Arrigo!“ ent⸗ gegnete lebhaft Caſtruccio.„Sie will mir alſo ei⸗ nen Beſuch geſtatten?“ „Sie wuͤnſcht ſogar, Euch zu ſehen;“ verſicherte der Abgeſandte,„ſie gebot mir, Euch zu ſagen, daß es ihr Freude machen wuͤrde, ihre Bekanntſchaft mit dem vormaligen Jugendgeſpielen, deſſen ſie, trotz der langen Trennung, keinesweges vergeſſen haͤtte, zu erneuen.“ Caſtrucciv. 1. Band. 7 8. „Das iſt mir ein wohlbekannter Weg,“ ſprach Caſtruccio vor ſich hin, als er uͤber die Ebenen von Lucca dem Gebirge zuſprengte; aber ſo wie er weiter und weiter kam, erwachten in ihm im⸗ mer mehr und mehr Erinnerungen, welche laͤngſt in ſeiner Bruſt entſchlummert waren. Die Straße von Lucca nach Valperga fuͤhrte grade zu dem Fuß jenes Berges, auf dem das Schloß gelegen war, und der ſich weit uͤber den Weg hinausdehnte, den unter ihm hinfluthenden Sechio beſchattend. Caſtruccio ritt nun den ſtei⸗ len, in den Fels gehauenen, und von Caſtanien⸗ baͤumen uͤberhangenen Pfad zur Schloßpforte hinan. Am Oberende dieſes ſchmalen Weges be⸗ fand ſich eine Zugbruͤcke, uͤber welche man zu der Plattform gelangte, auf der die Feſte gebauet war, hinter welcher ſich der nackte Fels ſteil emporhob; das Schloß ſelbſt war ein großes, herrliches Gebaͤude.— ——— Caſtruccio ritt uͤber die Zugbruͤcke, ward einge⸗ laſſen, von mehreren Dienern empfangen, und nach Euthanaſia's Zimmer gefuͤhrt.— Nach langjaͤhriger Trennung ſahen ſich die Jugendge⸗ ſpielen jetzt zum Erſtenmal wieder,— ſtaunend und mit ungemeiner Theilnahme blickten ſie ein⸗ ander an. Euthanaſia hatte der Ankunft Caſtruc⸗ cio's mit Ungeduld entgegengeharrt; ſie konnte ſich ihre innere Unruhe nicht erklaͤren; als ſie ihn nun aber ſah— als er in maͤnnlicher Schoͤnheit vor ihr daſtand,— fuͤhlte ſie ſich ploͤtzlich heiter und gluͤcklich. Caſtruccio war dagegen von ihren himmliſchen Reizen wie geblendet, und ſo vergin⸗ gen mehrere Augenblicke, bevor er Worte finden konnte, ihr die Wonne auszudruͤcken, die er em⸗ pfand, ſie wieder zu ſchauen. Die Stunden ihrer Zuſammenkunft ſchwanden mit Blitzesſchnelle da⸗ hin. Caſtruecio mußte zuruͤck nach Lucca; fortan aber ritt er nach Valperga, ſo wie er ſich nur von ſeinen Geſchaͤften abmuͤßigen konnte. Das Ent⸗ gegengeſetzte ihrer politiſchen Meinungen zog ihn und Euthanaſia nur noch naͤher zuſammen. Die 7* Letztere wuͤnſchte, den Jugendfreund, wenn auch nicht fuͤr ihre Parthei zu gewinnen, doch wenig⸗ ſtens zu uͤberzeugen, daß Friede und Ruhe fuͤr alle Theile das Vortheilhafteſte ſey; auch wollte ſie ſich gerne Gewißheit verſchaffen, ob Liebe fuͤr Freiheit in ſeinem Herzen wohne, fuͤr dieſes Gut, das ihr, als Anhaͤngerin der Guelphen, uͤber Alles ging. Caſtruccio war Ghibeline, er konnte in dieſer Ruͤckſicht ihre Gefuͤhle nicht theilen, aber 'es ſchien dennoch, als ob ihre Reden Eindruck auf ihn machten, denn mit lauſchendem Ohr hing er an ihren Lippen, wenn ihnen beredte Worte zum Lobe des geliebten Florenz entſtroͤmten. Aber nicht bloß uͤber politiſche Verhaͤltniſſe be⸗ ſprachen ſie ſich mit einander, auch Poeſie, Muſik und Wiſſenſchaften waren die Gegenſtaͤnde ihrer Unterhaltungen. Caſtruccio erzaͤhlte der Jugend⸗ gefaͤhrtin ſeine Abentheuer, und nimmer ward Euthanaſia des Zuhoͤrens muͤde.— Do wuchs ihre Zuneigung, mit jedem Tage ſtieg ihr gegenſeitiges Vertrauen; und als der knoſpenoͤffnende Lenz die Baͤume neuerdings be⸗ — 101— laubte, hielten ſich Beide, durch die Bande der Liebe, fuͤr dieſes Leben auf immerdar mit einander gebunden. Euthanaſia fuͤhlte ſich unbeſchreiblich gluͤcklich. Bisher hatte ſie in der Welt allein da⸗ geſtanden, ſie hatte Niemanden, der ſo ganz ihre Gefuhle theilte; jetzt aber war ihr in Caſtruccio's Liebe eine neue Welt aufgegangen. In dieſem ſeligen Verhaͤltniß ſchwanden den Liebenden meh⸗ reere Monate dahin; ſie hofften, ja ſie fuͤhlten, daß das Schickſal ſie fuͤr einander beſtimmt habe, und ihre Verbindung ward nur noch bis zu dem Au⸗ genblick verſchoben, in welchem es Caſtruccio ge⸗ lungen ſeyn wuͤrde, ſeine Vaterſtadt von der Ty⸗ ranney des Uguccione zu befreien. Der Sommer ruͤckte heran, und Caſtruccio zog mit dem Heere des Piſaer Tyrannen gegen Flo⸗ renz. Er nahm Abſchied von der Geliebten ſei⸗ nes Herzens, die ihm aber weder eine Schaͤrpe uͤber die Schulter hing, noch ihm Waffengluͤck wuͤnſchte; denn Florenz war ja ihre Vater⸗ ſtadt.— — 102— Uguccione ſelbſt begann die Belagerung des Schloſſes Monte Catini, waͤhrend die Florenti⸗ ner mit einer groͤßeren Macht, als ſie bisher ins Feld geſtellt hatten, ihm entgegen zogen. In dieſem Augenblick erkrankte der Tyrann, und war genoͤthigt, das Heer zu verlaſſen. Sein aͤlteſter Sohn, Francesco, uͤbernahm zwar die Fuͤhrung deſſelben, aber faſt Aller Augen ſahen nur auf Caſtruccio, als auf ihren eigentlichen Befehlsha⸗ ber. Die Florentiner ruͤckten indeſſen voller Hoff⸗ nung heran; die Lucceſer erwarteten ſie mit ent⸗ ſchloſſenem Muthe. Eine blutige Schlacht er⸗ folgte, Francesco ward getoͤdtet; ſo wie aber Caſtruccio gewahrte, daß bei dem Fall des Anfuͤh⸗ rers, die Krieger zu weichen begannen, ſprengte 3 er raſch vor die Fronte, ſchlug ſein Viſier zuruͤck, damit Jedermann ſein Antlitz ſchauen konnte, er⸗ muthigte das Heer, fuͤhrte es aufs neue gegen den Feind, ſchlug denſelben auf allen Seiten, er⸗ ſtuͤrmte das Schloß Monte Catini, und war der Erſte, der die Banner der Ghibelinen auf den Mauern aufpflanzte, waͤhrend ſein Blut aus den — 103— erhaltenen Wunden uͤber ſeinen Panzer dahin⸗ ſtroͤmte. Das Heer der Florentiner hatte einen ungeheueren Verluſt erlitten. Ihr Oberbefehlsha⸗ ber, der Sohn des Koͤnigs von Neapel, mehrere ſeiner Verwandten, und viele Ritter aus den edelſten Familien von Florenz waren gefallen. Bei der Kunde dieſer Schreckensereigniſſe er⸗ blich Euthanaſiens Wange. Seit Caſtruccio ihr Lebewohl ſagte, hatte ſie in ſtrenger Zuruͤckgezo⸗ genheit gelebt. Der Kampf der Gefuͤhle in ihrer Bruſt war furchtbar; ſie wagte, weder fuͤr die eine, noch fuͤr die andere Parthei Wuͤnſche zu he⸗ gen; und wenn ſie dann und wann fuͤr das Wohl ihrer Vaterſtadt zu beten im Begriff ſtand, ſchau⸗ derte ſie ploͤtzlich bei dem Gedanken, daß die Er⸗ fuͤllung ihrer Bitte das Verderben, ja den Tod ihres Geliebten herbeifuͤhren koͤnne. Als aber die Florentiner endlich gaͤnzlich geſchlagen waren, als Boten uͤber Boten ihr Trauerkunden brach⸗ ten, als der ihr ſo theuere Name Caſtruccio von ihren Mitbuͤrgern nur mit Fluͤchen und Verwuͤn⸗ ſchungen ausgeſprochen ward, kehrte der Strom — 104— ihrer Gefuͤhle in ſein urſpuͤngliches Bett zuruͤck. Sie war jetzt ganz Florentinerin, gedachte nur der Schmach, des Elends ihrer armen Geburts⸗ ſtadt, und in enthuſiaſtiſcher Vaterlandsliebe nie⸗ der auf die Kniee ſtuͤrzend, ſchwur ſie bei Allem, was ihr im Himmel und auf Erden heilig ſey, einen feierlichen Eid, dem Feinde von Florenz nie ihre Hand reichen zu wollen. So entſchloſſen harrte ſie der Ruͤckkehr Caſtruccio's nach Lucca, um zu erfahren, ob ſie ihn in der That als einen Feind ihrer Vaterſtadt zu betrachten habe. Hatte aber die Kunde von der Niederlage der Florentiner ihre Seele tief erſchuͤttert, milderte dennoch ſorgende Zaͤrtlichkeit ihr Entſetzen, als ſie erfuhr, daß Caſtruccio verwundet zuruͤck nach Lucca gebracht worden ſey. Jetzt fuͤhlte ſie zum Erſtenmal in ihrer Bruſt den Kampf zwiſchen Liebe und Pflicht; zum Erſtenmal fuͤrchtete ſie, daß ſie Caſtruccio nicht lieben duͤrfe. Sie dachte daran, ſich nach Florenz zu begeben, ihn aus ih⸗ rer Naͤhe, ja wo moͤglich aus ihrem Herzen zu verbannen; ſo wie aber ein ſolcher Gedanke in ihr 7 — 105— erſtieg, fuͤhlte ſie ſich unfaͤhig, ihn auszufuͤhren, und Thraͤnen entſtuͤrzten dann ihren Augen. Dieſer ſchmerzvolle Kampf dauerte, bis ſie Ca⸗ ſtruccio wieder ſah. Mit ſeinem Erſcheinen aber war, wie vormals, bei ihr jeder Gram, jeder Zweifel verſchwunden. Seine Wange war bleich und ſein Antlitz daher um ſo anziehender; aus ſeinen Augen leuchtete die zaͤrtlichſte Liebe.„Freue dich, mein Leben!“ ſprach er,„ich habe neuerdings den Lorbeer des Ruhms um meine Schlaͤfe ge⸗ wunden! Dir lege ich ihn zu Fuͤßen.— O, wen⸗ de dich nicht ab von mir! Der Sieg, den ich er⸗ kaͤmpfte, wird den von dir gewuͤnſchten Frieden zur Folge haben. Nicht einen Augenblick lang zweifle an mir, meine Euthanaſia! verbanne je⸗ den Argwohn! dieß Schwerdt hat mich zum Herrn von Krieg und Frieden gemacht! Brauche ich dir zu ſagen, daß ich gern deinem ſanften Rath gehoͤr geben, daß ich Ehre und Pflicht ſtets vor Augen haben werde?“ Konnte eine ſolche Rede wohl etwas anders, als Verzeihung und Ausſoͤhnung zur Folge haben?“ — 106— Caſtruccio's Wunde war nur leicht und bald ge⸗ heilt; jetzt warf er die Maske von ſich, und offen zeigte er ſich nun als einen Gegner des Tyrannen von Piſa. Die Pforte ſeines Palaſtes ward Je⸗ dermann geoͤffnet; die Zahl ſeiner Freunde und Anhaͤnger wuchs mit jedem Tage; wenn er durch die Gaſſen ſprengte, befanden ſich die vor⸗ nehmſten Edelleute Lucca's in ſeinem Gefolge. Francesco war, wie unſere Leſer wiſſen, in der Schlacht getoͤdtet worden; ſtatt ſeiner aber hatte Uguccione ſeinen zweiten Sohn Ranieri uͤber die Lucceſer geſetzt. Dieſer war erſt zwei und zwan⸗ zig Jahre alt, aber ſein rabenſchwarzes Haar wallte dennoch uͤber eine fruͤhzeitig gefurchte Stirn hinab. Ohne den Muth ſeines Vaters damit zu vereinen, beſaß er voͤllig deſſen Schlauheit und deſſen Ehrgeiz. Lange Zeit hatte er ſich um die Hand der Graͤfin von Valperga beworben, indeß ohne jede andere Hoffnung, als die, welche ſeine eigene Eitelkeit in ihm anfachte. Als er nun aber in Caſtruccio einen beguͤnſtigten Nebenbuhler er⸗ blickte, erſchien ihm dieſer nur als Raͤuber ſeines ‧‧‧‧‧‧‧— — 107— Eigenthums, und in gluͤhender Rache entbrannte er gegen unſeren Helden, den er, da er es nicht wagte, oͤffentlich gegen ihn aufzutreten, unfehlbar durch Meuchelmord aus dem Wege geſchafft ha⸗ ben wuͤrde, waͤre Caſtruccio nicht zu vorſichtig und nicht immer von ſeinen Getreuen umgeben geweſen. 3 8 In dieſem Moment des blutduͤrſtigen Zorns, empfing Ranieri aus Piſa eine Botſchaft ſeines Vaters, dem man von allen Seiten hinterbracht hatte, daß Caſtruccio's Anhang ſich mit jedem Tage verſtaͤrke, und der deshalb ſeinem Sohne gebot, ſich raſch, aber behutſam unſers Helden zu bemaͤch⸗ tigen, und ihm recht bald die Nachricht von deſſen Tode zu ſenden.. Ranieri jubelte ob des erhaltenen Befehls; die Falten auf ſeiner Stirn glaͤtteten ſich, und aus ſei⸗ nen Augen flammte tuͤckiſche Freude. Gern haͤtte er ſeinen Truppen geboten, Caſtruccio in der Mitte der Seinigen zu ergreifen, aber ſein argli⸗ ſtiger Sinn ließ ihn einen geraͤuſchloſeren und, wie er hoffte, um ſo ſicherern Weg einſchlagen. — 103— Als ſich am naͤchſten Tage Caſtruccio mit einem Theil ſeiner Freunde in die Kirche verfuͤgt hatte, begab ſich demnach auch Ranieri, von einem ſtatt⸗ lichen Gefolge begleitet, dorthin. So wie die Meſſe voruͤber war, naͤherte er ſich unſerem Hel⸗ den.„Ihr ſeyd,“ ſprach er, in einem heuchleri⸗ ſchen Tone,„ſeit einiger Zeit ein Fremder in mei⸗ nem Hauſe und an meiner Tafel. Glaubt Ihr, mein Vater haͤtte der Dienſte vergeſſen, die Ihr ihm geleiſtet? Im Gegentheil, er ſucht emſig eine Gelegenheit, Euch ſeine Dankbarkeit zu beweiſen. Zwar ſind manche boͤſe Geruͤchte von Euch im Um⸗ lauf, und daß Ihr Euch von meinem Palaſte fern haltet, ſcheint ſie zu beſtaͤtigen; aber ich ge⸗ be keinem Argwohn Raum, und traue Euch voll⸗ kommen. Herrſchen Mißverſtaͤndniſſe zwiſchen uns, und habe ich Euch je beleidigt: ſo bitte ich Euch von ganzem Herzen um Verzeihung! Erzeigt mir, als einen Beweis, daß Ihr nicht zuͤrnet, die Ehre, Theil an einem Gaſtmahle zu nehmen, das ich an dieſem Abend dem Adel Lucca's gebe.“ — 409— Caſtruccio war etwas beſtuͤrzt uͤber dieſe Rede, bei deren Schluſſe ihm Ranieri ſeine Hand hin⸗ reichte. Er entgegnete:„Meine geringen Dienſte, hoher Herr, wurden meiner Geburtsſtadt gelei⸗ ſtet. Von ihr, nicht von Eurem Vater, hoffe und erwarte ich Dankbarkeit. Es waͤre vielleicht beſ⸗ ſer, nicht den Verſuch zu machen, ſich widerſthe⸗ bende Elemente zu vereinen. Da Ihr mich aber gaſtfreundlich zu Euch einladet: ſchlage ich Eure Hoͤflichkeit nicht aus; denn wie wir auch immur entgegengeſetzter Meinung ſeyn moͤgen: ſeyd Ihr doch Ritter und Soldat, und ſo habe ich keinen Verrath zu fuͤrchten.“— Bevor er ſich nach Nanieri's Palaſt begab, ſprengte Caſtruccio nach Valperga, und machte ſeine Euthanaſia mit der empfangenen Einladung bekannt. Sie horchte aufmerkſam.„Ich fuͤrchte einen verraͤtheriſchen Anſchlag!“ ſprach ſie dann, nich kenne den Ranieri und ſeinen Anhang: ſey auf deiner Hut! Faſt moͤchte ich dich bitten, bei dem Mahle gar nicht, oder wenigſtens nur, von deinen Freunden begleitet, zu erſcheinen. Ich — 10— weiß es ſelbſt nicht, welche Gefahr ich dort fuͤr dich zu fuͤrchten habe; aber ſey uͤberzeugt, daß je⸗ des freundſchaftliche Entgegenkommen des Argli⸗ ſtigen nur eine Schlinge iſt, dich zu fangen.“ „Sey unbeſorgt, mein Leben!“ entgegnete Ca⸗ ſtruccio,„Nimmer wird er es wagen, ſeine Tuͤcke ſo offen an den Tag zu legen. Noch bevor die naͤchſte Mondesſcheibe ſich fuͤllt, ſoll er gezwungen ſeyn, Lucca's Mauern den Ruͤcken zu zu wenden, froh, ſein armſeliges Leben davon getragen zu haben.“ Unſer Held fand ſich auch wirklich zu dem Gaſt⸗ mahle Ranieri's ein, nur von ſeinem Freunde, dem Grafen Fondi, und dem jungen Arrigo Guinigi begleitet. Er hatte gehofft, ſeine uͤbrigen Anhaͤnger ebenfals dort zu finden, denn ſie wa⸗ ren ſaͤmmtlich eingeladen worden. Kurz vor An⸗ fang des Feſtes aber hatte der ſchlaue Ranieri den Einen hier, den Anderen dort zu beſchaͤftigen gewußt, ſo daß ſie nicht erſcheinen konnten; und ſo fand Caſtruccio, als er in die Halle trat, hier nur die Anhaͤnger ſeines Gegners verſammelt. — 111— Jetzt fuͤhlte er wohl, daß hier nicht Alles ſey, wie es haͤtte ſeyn ſollen, aber dennoch veraͤnderte ſich ſein Antlitz auch nicht auf einen Augenblick; keine Bewegung verrieth ſeinen Argwohn. Es war zu jener Zeit in Welſchland Sitte, ſich bei den Gaſtmaͤhlern unbewaffnet zu zeigen, und ſo trug Caſtruccio heute auch nur einen kleinen Dolch unter ſeinem Wamms verborgen. Das Mahl war prachtvoll; Speiſe und Trank ward im Ueberfluſſe aufgetragen. Endlich, gegen das Ende deſſelben, erhob ſich ploͤtzlich Ranieri aus ſeinem Seſſel, nahm einen gefuͤllten Becher, und rief mit lauter Stimme:„Hoch Uguccione! Untergang ſeinen Feinden!“ Dieſer Ausruf war das Signal fuͤr ſeine Man⸗ nen. Sie ſtuͤrzten herein, und ſuchten ſich unſeres Helden zu bemaͤchtigen. Zweimal ſchuͤttelte er ſie von ſich ab; und eben wollte er nach ſeinem Dolche greifen, als er endlich uͤberwaͤltigt und mit ſchweren Ketten belaſtet ward. Trotz der Feſſeln aber, ſtand er da, muthig und kuͤhn, den ver⸗ raͤtheriſchen Ranieri mit einem ſo verachtungsvol⸗ — 112— vollen Blicke meſſend, daß Jener den Hohn, mit dem er ſein Opfer zu uͤberſchuͤtten gedachte, nicht auszuſprechen vermochte, ſondern nur kurzweg ſei⸗ nen Soldaten gebot, den Gefangenen in einen Kerker zu werfen. 8 Darauf wandte er ſich zu den uͤbrigen Gaͤſten, erzaͤhlte, Caſtruccio habe, wie ein Verraͤther, an ſeinem Vater gehandelt, und ſo ſey er genoͤthigt, auf dieſe Weiſe gegen ihn zu verfahren; ſein Zweck ſey erreicht, und ſo haͤtten ſie ihrerſeits auch nicht das Mindeſte zu befuͤrchten. Arrigo's Blut kochte. Er wollte ſeinem Zorne Worte geben, aber ein bedeutender Blick des Grafen Fondi warnte ihn, daher entfernte er ſich mit dieſem ſchweigend von der Tafel, an der die Gaſtfreundſchaft ſo ſchaͤndlich verletzt worden war Der Gefangene und Der, der ihn eingekerkert hatte, erwachten am naͤchſten Morgen mit unge⸗ mein verſchiedenen Gefuͤhlen. Der Erſtere hatte ſich auf ſeinem Strohlager eines ruhigen, erqui⸗ ckenden Schlummers erfreuet. Waren ſeine Glie⸗ der gleich von Ketten beſchwert, erhob ſich den⸗ —— — 4113— noch ſein Geiſt frei und feſſellos; denn er vertraue⸗ te ſeinen Freunden, und fuͤhlte, daß ſein Stern vor dem des verraͤtheriſchen Ranieri nicht erblei⸗ chen werde. Der Letztere dagegen war von furchtbaren Traͤumen gefoltert worden, und kaum ſchlug er die Augen auf, als er auch unverzuͤglich einen ſei⸗ ner vertrauteſten Diener ausſandte, zu erſpaͤhen, welchen Eindruck Caſtruccio's Gefangennehmung in der Stadt hervorgebracht habe. Er ſchwankte hin und her, ob es nicht gerathen ſey, den Ein⸗ gekerkerten ſogleich dem Tode zu weihen; hiezu aber fehlte es ihm an Muth; ja er befuͤrchtete, der Befehl zu Caſtruccio's Hinrichtung koͤnne der zu deſſen Befreiung werden. So harrte er ungeduldig der Ruͤckkehr ſeines Abgeſandten, deſ⸗ ſen Kunde aber keinesweges geeignet war, ſeine Furcht zu zerſtreuen. Haufen von Buͤrgern hat⸗ ten ſich in den Straßen und auf dem Marktplatze verſammelt, und eifrig beſprachen ſie ſich mitein⸗ ander uͤber die Begebenheiten der letzten Nacht, waͤhrend die Freunde des Gefangenen von Ei⸗ Caſtruceio. 1. Bans⸗ 5 — 114— nem zum Anderen eilten, Jedermann auffordernd, Nache zu nehmen an ſeinem Feinde. In dieſer bedenklichen Lage wagte Ranieri nicht, zu handeln, ſondern begnuͤgte ſich, einen Eilboten an ſeinen Vater zu ſenden, dem er berichtete, was vorgefal⸗ len ſey und deſſen Beiſtand er zugleich aufforderte. Zu Piſa hatte ſich aber unterdeſſen die Lage der Dinge veraͤndert. Der Tyrann hatte neuerdings zwei angeſehene Edelleute hinrichten laſſen, und ſo begann das, durch ſeine fruͤheren Grauſamkei⸗ ten empoͤrte Volk jetzt laut zu murren, wodurch indeß Uguccione's blulduͤrſtiger Sinn nur noch mehr gereizt ward.„Narr!“ rief er mit don⸗ nernder Stimme, als er von dem Boten die Kunde von Caſtruccio's Gefangennahme und von der Beſorgniß ſeines Sohnes erfahren hatte, „Weiß Ranieri denn nicht, daß ſich ohne Haupt keine Glieder zu bewegen vermoͤgen?“— Und ohne ſich nur irgend einen Augenblick zur Beſin⸗ nung zu goͤnnen, gab er ſeiner, ungefaͤhr aus 400 Koͤpfen beſtehenden Leibwache den Befehl, aufzuſitzen, und fort ſprengte er an ihrer Spitze auf Lucca zu.— Kaum aber hatte er Piſa verlaſſen, als hier auch unverzuͤglich die Empoͤrung ausbrach und das Geſchrei:„Freiheit! Freiheit! Tod dem Ty⸗ rannen!“ von allen Seiten ertoͤnte. Uguccione's Palaſt ward geſtuͤrmt, ſeine Dienerſchaft ermor⸗ det; und als die Rache des Volks ſo einigermaaßen geſaͤttigt worden war, wurde Einer aus ſeiner Miitte, dem es vertrauete, erwaͤhlt, die Zuͤgel der Regierung in ſeine Hand zu nehmen. Uguccione fand Lucca in voͤlligem Aufruhr., Er ſprengte in die Stadt hinein, und bemuͤhte ſich, an der Spitze der Seinigen, die tobende Menge zu baͤndigen. Vergebens! Man hatte die Gaſſen geſperrt, die Roſſe konnten nicht durch; und ſo war der Tyrann endlich genoͤthigt, mit ſeinen Gegnern zu unterhandeln. Dieſe beſtanden auf Caſtruccio's Freilaſſung, der dann auch in Ketten herbeigefuͤhrt und ihnen uͤbergeben ward. Seine Feſſeln wurden geloͤſt; man hob ihn auf ein Roß, zund führte ihn ſo im Triumph nach ſeinem Palaſt, 8* deſſen in ſeinem Palaſte, um zu berathſchlagen, Soͤller, und von tauſend Stimmen ward er jetzt an deſſen Pforte die zerbrochenen Ketten, als ein Denkmal des Sieges uͤber ſeine Feinde, aufge⸗ haͤngt wurden.— uUguccione entfloh, denn er ſah voraus, daß ihn ſonſt das wuͤthende Volk vertrieben haben wuͤrde. Kaum aber hatte er Lucca's Mauern hin⸗ ter ſich, als ihm auch ſchon die Kunde von der, zu Piſa ausgebrochenen Verſchwoͤrung entgegen⸗ kam, ihn mit Entſetzen erfuͤllte, und den, noch vor wenigen Tagen maͤchtigen Herrſcher noͤthigte, mit ſeinem Sohne Ranieri heimathlos und ver⸗ bannt nach der Lombardei zu fuͤchten. Caſtruccio's Anhaͤnger verſammelten ſich unter⸗ wie es in der Zukunft mit der Regierung zu hal⸗ ten ſey. Da begehrte die Menge draußen, ihren Liebling zu ſchauen. Unſer Held trat auf den als der Herrſcher Lucca's, als Heerfuͤhrer gegen die Florentiner, begruͤßt. Caſtruccio gab durch ein Zeichen zu verſtehn, daß er zu reden wünſche, 3 und als darauf Alles ſchwieg, erklaͤrte er, daß er ——— ——— — 117— ſich durch das ihm geſchenkte Vertrauen zwar un⸗ gemein geehrt fuͤhle, daß er ſich aber zu ſchwach glaube, die Zuͤgel der Regierung allein zu halten, und daß er demnach wuͤnſche, man moͤge einen Mann ernennen, der dieß ſchwierige Geſchaͤft mit ihm uͤbernaͤhme. Man erfuͤllte ſein Begehren; und einſtimmig ward Pagano Quartezzano zum Theilnehmer ſeiner Wuͤrde und Macht, als Con⸗ ſul, erwaͤhlt. 9. 9 Am naͤchſten Abend ſchon ſaß Caſtruccio auf Valperga, zu den Fuͤßen ſeiner Euthanaſia, und mit ſeinen großen, ſchoͤnen Augen zu ihr auf⸗ ſchauend, erzaͤhlte er der theilnehmenden Horche⸗ rin die Geſchichte ſeiner Gefangennahme und ſeiner Befreiung.„Jetzt, da ich den Tyrannen geſtuͤrzt habe,“ ſo ſchloß er ſeine Rede,„bin ich be⸗ 6 — 118— reit, mich von deinem Rath, du Theure, leiten zu laſſen. Der von dir ſo ſehr gewuͤnſchte Friede mit deinen Freunden, den ſtolzen Republikanern, ſoll nun ohne Verzug geſchloſſen werden.“ Euthanaſia laͤchelte freundlich und entgegnete: „Wohl mir, daß ich ſchwaches Weib im Stande bin, auf dieſe Weiſe meinen Landsleuten zu nuͤtzen!“ und mit dem lebhaften Eifer einer Flo⸗ rentinerin fuͤgte ſie hinzu:„Du weißt nicht, mein Caſtruccio, wie auch mich ſtets dein Schwerdt traf, wenn du es gegen die Meinigen zogſt. Lieben muͤßte ich dich in jedem Verhaͤltniß; aber ſiehe, ich habe mein Herz gepruͤft! nimmer wuͤrde ich dir meine Hand reichen, ſaͤnneſt du auf Ha⸗ der und Zwietracht, ſtatt auf Frieden und Ruhe.“ „Du woͤgeſt deine Liebe auf einer genauen Waage!“ entgegnete unſer Held in einem ſanft verweiſenden Tone;„Waͤre deine Liebe der mei⸗ nigen gleich: ſie wuͤrde nur ihre eigenen Geſetze anerkennen, ſich aber keinesweges von aͤußeren Unſtaͤnden beherrſchen laſſen.“ — 119— „Ich liebe dich, mein Caſtruccio— der Ewige iſt mein Zeuge!“ antwortete Euthanaſia mit gro⸗ ßem Ernſte;„Florenz aber iſt meine Geburts⸗ ſtadt, ſeine Buͤrger ſind mir theuer und werth, ich wuͤrde verraͤtheriſch an den edelſten Gefuͤhlen der Menſchheit handeln, wollte ich den Feind meiner Vaterſtadt mir zum Gatten waͤhlen.“ Caſtruccio wiederholte die Verſicherung, den Frieden mit Florenz bald moͤglichſt zu bewirken; und von der Stirn der Geliebten wich die Wolke, die auf einen Augenblick lang darauf Platz ge, nommen hatte. Sein Herz aber ward dabei von den ſich widerſprechendſten Gefuͤhlen beſtuͤrmt⸗ denn dem Wunſche ſeiner Geliebten trat das in ihm rege Verlangen nach Groͤße und Macht feind⸗ lich entgegen. Er hatte beſchloſſen, die geſun⸗ kene Parthei der Ghibelinen in ganz Toskana wieder emporzuheben, und dieß konnte er nur durch eine voͤllige Demuͤthigung der ſtolzen Flo⸗ rentiner bewirken. Nach langer Berathſchlagung mit ſich ſelbſt, kam er dennoch endlich zu dem Entſchluß, vor der —ͤmn 8” 6 4 Hand mit Florenz Frieden zu ſchließen. Ein ganzes Jahr verging unter Unterhandlungen; Euthanaſia blieb waͤhrend dieſer Zeit auf ihrem Schloſſe, wo die Kunde, daß der Geliebte, ſtatt alles zu thun, was ein gegenſeitiges, gutes Ver⸗ nehmen herbeifuͤhren konnte, jede Gelegenheit be⸗ nutze, die Macht der Florentiner zu ſchwaͤchen, ihr manche truͤbe Stunde verurſachte. Euthana⸗ ſia liebte unſeren Helden, aber ſie beſaß einen un⸗ gemeinen Scharfſinn; und ſo gelang es ihr in die⸗ ſer Zeit, den Charakter ihres Geliebten, wenig⸗ ſtens zum Theil, zu ergruͤnden. Faſt konnte ſie ſich eines Schauders nicht erwehren, wenn ſie ge⸗ wahrt zu haben glaubte, wie er, mit der argliſti⸗ gen Schlauheit eines Hoͤflings, ſogar dann und wann die Grauſamkeit eines Tyrannen zu verbin⸗ den begann; wenn er aber dann wieder vor ſie trat, mit der Heldenſtirn und den leuchtenden Au⸗ gen, ſiegte ſchnell ihre Liebe uͤber jede Bedenklich⸗ keit; und ſo traf ſie dann, als endlich der Friede geſchloſſen worden war, mit frohem Herzen die Anſtalten zu einem feſtlichen Hof, den ſie zu hal⸗ —— ten gedachte, bei welchem ihr Jedermann zu Val⸗ perga, vor Allen aber eine zwergaͤhnliche Geſtalt, Nahmens Bindo, zur Hand ging, den der Vater Euthanaſia's, unfern Florenz, als verlaſſene Waiſe auf der Landſtraße gefunden, und zu ſich genom⸗ men hatte, und der, ſonſt feindſeelig und ſchweig⸗ ſam gegen Jedermann, ſeiner nunmehrigen Her⸗ rin, welche eben dieſer Anhaͤnglichkeit wegen ſein ſeltſames, geheimnißvolles Weſen ertrug, mit un⸗ gemeiner Liebe zugethan ſchien. So wie der Tag ſich naͤherte, an dem der Hof gehalten werden ſollte, ward das Schloß Valper⸗ ga immer mehr und mehr mit edlen Rittern und Frauen angefuͤllt, welche aus Toskana und der Lombardei herbeiſtroͤmten. Euthanaſia hatte zur Abſicht, durch dieſes Feſt die beiden ſtreitenden Par⸗ theien einander naͤher zu bringen; da man aber vermuthen konnte, daß viele Guelphen zugegen ſeyn wuͤrden, erſcheinen im Gefolge unſeres Hel⸗ den nur wenige Ghibelinen. Dagegen aber lang⸗ te eine große Anzahl von Improviſatoren, Saͤn⸗ gern und Gauklern an, welche durch ihre Kunſtfer⸗ chern gedachten. Der Hof ward am erſten May eroͤffnet, und ſollte vier Tage dauern. Am Vorabend that Eu⸗ thanaſia ihren Gaͤſten kund, welche Luſtbarkeiten ſtatt finden wuͤrden.„Den erſten Tag,“ ſprach ſie,„wollen wir der Jagd widmen. Meine Wal⸗ dungen ſind mit Wild reichlich angefuͤllt, und je⸗ der Ritter hat gewiß ſeinen Falken bereit. Antel⸗ minelli, der Befreier Lucca's, ſey an dieſem Tage Koͤnig des Feſtes; denn er war in fernen Landen, und hat an fremden Hoͤfen dieſer Luſt beige⸗ wohnt. 4 „Am zweiten Tage ſollen uns die Improviſato ren und Saͤnger Unterhaltung gewaͤhren, und die Preiſe verdienen, welche fuͤr ſie bereit liegen. Daß ich fuͤr dieſen Tag den beruͤhmten Borſiere*) zum Koͤnig beſtimme, wird gewiß keinen meiner Gaͤſte verwundern.“ *) ſiehe Boccaccio: Giornata 1. Novella 8. tigkeit das Feſt zu verherlichen, ſich ihrerſeits aber durch die Großmuth der Schloßherrin zu berei⸗ — — 183— „Am dritten Tage wird ein Turnier ſtatt ſin⸗ den. Die Ritter moͤgen dann zur Ehre ihrer Da⸗ men Lanzen brechen; der Sieger aber ſoll, zum Lohn ſeiner Tapferkeit, die Erlaubniß erhalten, die Koͤnigin fuͤr den folgenden Tag zu waͤhlen, welche dann die Vergnuͤgungen leiten wird, mit denen wir das Feſt zu beſchließen gedenken.“ Ein allgemeiner Beifallruf folgte dieſer Rede, und Alle geſtanden, daß man keine beſſere Wahl haͤtte treffen koͤnnen. Das Feſt begann. Fruͤh am naͤchſten Tage ſaß Alles zu Roß. Hinaus ſprengte man in den Wald, den Krieg mit den Bewoh⸗ nern deſſelben zu beginnen; und muͤde kehrte man Abends nach geſaͤttigter Luſt wieder heim.— Am folgenden Morgen wurden ſaͤmmtliche Da⸗ men durch die Saͤnger geweckt, und aufgefordert, ſich von ihrem Lager zu erheben und durch den Glanz ihrer Schoͤnheit die Strahlen der aufgehen, den Sonne zu verdunkeln. Auf dem gruͤnen Ra⸗ ſen gelagert, horchten dann die Frauen den Er⸗ zaͤhlungen und Liedern der Improviſatoren, unter denen, wie immer, auch heute Borſiere ſeinen laͤngſt erworbenen Ruhm behauptete. An der Luſtbarkeit dieſes Tages hatte Caſtruc⸗ cio nicht Theil nehmen koͤnnen, denn dringende Geſchaͤfte riefen ihn nach Lucca. So wie dieſe indeß beendigt waren, ſchwang er ſich wieder auf ſeinen Renner, und zur Stadt ſprengte er hin⸗ aus, dem Schloße ſeiner Geliebten zu. Kaum hatte er indeß Lucca verlaſſen, als er ploͤtzlich hin⸗ ter ſich ſeinen Namen rufen hoͤrte. Er wandte ſich, und ſah zu ſeinem Erſtaunen ſeinen geheimnißvol⸗ len alten Bekannten, Benedetto Pepi, den Rei⸗ chen aus Cremona, auf einem duͤrren Klepper auf ſich zutraben. Caſtruccio hielt ſein Roß an, und Pepi naͤherte ſich ihm mit einer demuͤthigen Begruͤßung, erklaͤrend, daß er dem Conſul von Lucca Etwas von Wichtigkeit mitzutheilen habe, und um eine Audienz baͤte. „Recht gern!“ erwiderte unſer Held,„ich reite nach jenem Schloſſe druͤben. Folgt mir dorthin! wir koͤnnen unterwegs mit einander ſchwatzen; ——— — 125— auch werdet Ihr zu Valperga gaſtfreie Aufnahme finden.“— „Da muͤßt Ihr Euer Roß ein wenig anhalten, ſoll ich mit meinem Klepper Euch zur Seite blei⸗ ben,“ verſetzte Pepi. Caſtruccio verſprach, dieß zu thun, und vorwaͤrts ritten ſie nun miteinander. Es ſchien, als ob die Bruſt des Cremoneſers von einem wichtigen Geheimniß belaſtet ſey, und als ob er ſelbſt nicht recht wiſſe, wie er ſich deſſelben entledigen ſolle. Er lobte die Befeſtigungen Luc⸗ ca's,— die Fruchtbarkeit ſeiner Umgegend,— und die hohen Berge, welche es vor jedem feind⸗ lichen Angriff ſchuͤtzten;— dann verſank er wie⸗ der in ein ſinnendes Schweigen. „Was war es denn eigentlich, das Ihr mir mitzutheilen habt?“ fragte Caſtruccio. „Ach, geſtrenger Herr Conſul!“ entgegnete Pepi,„die Sache iſt von ſo großer Wichtigkeit, daß ich wahrlich nicht weiß, wie ich meine Rede beginnen ſoll; auch ſcheint Ihr mir zu froͤhlich geſtimmt, um mir mit Aufmerkſamkeit zuzuhoͤren. Erlaubt mir deshalb, einen gunſtigeren Augenblick abzuwarten.“ „Immerhin! wie es Euch beliebt!“ verſetzte unſer Held,„auf Valperga aber werden wir nur wenig Gelegenheit haben, von Geſchaͤften zu ſpre⸗ chen; denn dort ſind jetzt nur Freude und Schenn an der Tagesordnung.“ „Es wird mir angenehm ſeyn, einmal wieder frohe Geſichter zu ſehn,“ antwortete Pepi,„habe ich doch, ſeit dem Ihr in Cremona bei mir waret, faſt kein heiteres Antlitz geſchauet. Wir haben uns noch immer nicht von der Belagerung wieder erholt; viele Palaͤſte liegen noch in Schutt und Aſche, viele Buͤrger irren noch heimathlos um⸗ her. Die Guelphen haben wieder die Oberhand! Schande und Schmach uͤber ſie!“ „Huͤtet Euch, auf Valperga ſolche Worte zu ge⸗ brauchen!“ warnte Caſtruccio,„koͤnnt Ihr aber Eure Zunge nicht zaͤhmen: ſo wendet Euer Roß, und ſchlagt den Weg nach Lucca wieder ein! Val⸗ perga iſt mit Guelphen angefuͤllt.“ — 127— Eine ſaubere Geſellſchaft, in der That!“ be⸗ merkte der Cremoneſer,„ſeyd Ihr aber dort unge⸗ faͤhrdet: bin ich es auch.“—„Es droht euch dort keine Gefahr,„laͤchelte Caſtruccio,“ im Gegen⸗ theil, Ihr koͤnnt Euch ungeſtoͤrter Freude hinge⸗ ben. Die Schloßherrin haͤlt Hof; morgen findet ein Turnier ſtatt, und wenn ihr anders Luſt habt, moͤgt Ihr ſelbſt mit einem Guelphen eine Lanze brechen.“ f „Schoͤnen Dank!“ verſetzte Pepi,„Ich waͤre aus dem Sattel geworfen, und haͤtte nur Spott und Schande davon. Nein, nein! ich weiß, mich auf andere Weiſe an ihnen zu raͤchen.“ Er beglei⸗ tete dieſe letzten Worte mit einem ſo haͤmiſchen Grinſen, daß Caſtruccio ihn jetzt zum Erſtenmal mit mißtrauiſchen Blicken betrachtete. Unterdeſſen waren ſie im Schloſſe angelangt; ſie ſaßen ab, uͤbergaben ihre Roſſe den Dienern, und ſchritten dem Raſenplatze zu, auf dem ſich die Frauen und Ritter um die Saͤnger gereiht hatten. — 128— Caſtruccio ſtellte ſeinen Reiſegeſaͤhrten der Schloßherrin und der uͤbrigen Geſellſchaft vor, welche Letztere der Cremoneſer mit ſeinen kleinen, ſtechenden Augen muſterte. Dann murmelte er vor ſich hin.„Nichts, als Guelphen und Guel⸗ phen! ein wahres Wespenneſt!“ Die Anweſenden betrachteten ihn unterdeſſen faſt eben ſo aufmerkſam, denn ſein armſeeliges Wamms bot zu den prachtvollen Gewaͤndern der uͤbrigen Gaͤſte einen gar auffallenden Contraſt dar; und nur der Begleitung Caſtruccio's und den goldenen Sporen an ſeinen Stiefeln hatte er es zu verdanken, daß er nicht ohne Weiteres, als der Näͤhe der Ritter unwuͤrdig, den Die⸗ nern zugeſellt wurde. Pepi bemerkte das veraͤcht⸗ liche Laͤcheln, mit dem man auf ihn niederſchaue⸗ te; und darob erzuͤrnt, redete er die Geſellſchaft folgendermaßen an: „Ihr edlen Ritter und Frauen, die Ihr, mit hochgeruͤmpften Naſen, auf mein aͤrmliches Ge⸗ wand blickt, horcht meiner Geſchichte, die ich Euch erzoͤhlen will, und beherzigt meine Worte, — 129— kommen ſie gleich aus dem Munde eines Ghibe⸗ linen! Ihr glaͤnzt in Gold und Seide; ich bin nur in ein ledernes Wamms gekleidet, in dem ſich vielleicht auch noch wohl obendrein ein Loch zu viel befinden mag; aber ich trage goldene Spo⸗ ren an meinen Fuͤßen und habe einen Palaſt und ein Pferd, wie es einem italieniſchen Edelmanne geziemt. Nun hoͤrt meine Geſchichte, und dann ſagt, ob ich Unrecht habe, den Ertrag meiner Felder nicht in ſchimmernden Narrenspoſſen zu verſchwenden. „Es lebte, wie Euch Allen bekannt ſeyn wird, vor Zeiten ein Kaiſer im Weſten, Karl der Gro⸗ ße genannt; ein gar maͤchtiger Eroberer, der ſei⸗ nen Scepter von den Wellen des Mittellaͤndiſchen Meeres, bis zu den Ufern der eiſigen Oſtſee ge⸗ bietend ausſtreckte. Italien wagte es nicht, ſich gegen ihn aufzulehnen, und geduldig trug Deutſchland das ihm aufgebuͤrdete Joch. Es war merkwuͤrdig, dieſen Fuͤrſten in der Mitte ſeiner Krieger zu ſchauen, einfach und ſchlecht gekleidet, wie ich jetzt vor Euch ſtehe, und ſich nur durch Caſtruccio. 1. Band. 9 — 130— innere Groͤße vor ihnen auszeichnend. Seine Hoͤflinge aber waren, wie die Hoͤflinge jeder, und alſo auch wie die Hoͤflinge jetziger Zeit; das Geld, welches ſie fuͤr andere noͤthigere Beduͤrf⸗ niſſe haͤtten aufſparen ſollen, ward von ihnen in koſtbaren Kleidungsſtuͤcken und aͤhnlichen Albern⸗ heiten vergeudet. „Eines Tages befand ſich Karl der Große in der Stadt Fugolano. Er war, wie immer, ganz einfach gekleidet, und an ihm nichts Glaͤnzendes zu ſchauen, als der Griff ſeines erprobten Schwerdtes. Die Hoͤflinge ſammelten ſich um den koͤniglichen Adler, dem aber ihre prunkvollen Aufzuͤge gar laͤcherlich vorkamen, und der daher beſchloß, ſich einen Spaß mit ihnen zu machen. „Trotz des fallenden Regens, wandelt mich eine Jagdluſt an!“ rief er ploͤtzlich,„Zu Roß, Ihr Herrn!“ und ſo ſprechend ſchwang er ſich auf ſei⸗ nen Renner, und fort ſprengte er in den Wald hinein.“ „Gar poſſierlich war es mit anzuſchauen, wie die Hoͤflinge in ihren bunten, ſeidenen Gewaͤndern — 131— mit ⸗langen Geſichtern folgten. Querfeldein ging es, durch Dick und Duͤnn, uͤber Graben und He⸗ cken, uͤber welche der Kaiſer im ſtolzen Fluge da⸗ hin ſetzte, waͤhrend an jedem Strauch etwas von der Kleidung ſeines Gefolges haͤngen blieb. Sei⸗ dene Faͤhnchen, Federn und aͤhnliche Dinge be⸗ deckten den Boden, oder prangten an den Zwei⸗ gen; und was dieſe verſchont hatten, ward von dem Regen verdorben, welcher die galanten Herr⸗ cchen bis auf die Haut durchnaͤßte.—„Ihr Thoren,“ rief der Kaiſer, als er mit der klaͤgli⸗ chen Schaar im Schloſſe wieder angelangt war, „ſchauet mein Buͤffelwamms an! es iſt unverſehrt, mein Koͤrper trocken.— Ihr aber ſeyd gerupft und durchweicht, und das mit Recht! So ſtraft ſich der Uebermuth und die geckenhafte untu Ich bitte Euch, es zu beherzigen.“ Nachdem Pepi auf dieſe Weiſe keine Rede ge⸗ endigt hatte, machte er der prachtvollen Geſell⸗ ſchaft eine tiefe Verbeugung, und begab ſich dann in das Schloß, wo er ſich ein Gemach anweiſen ließ und ſich zur Ruhe legte. Kaum aber war 9* am naͤchſten Morgen Caſtruccio von dem munte⸗ ren Schall der Trompeten erweckt worden, welche vom Schloßhofe herauf erklangen, die Ritter auf⸗ fordernd, ſich zu dem heutigen Turnier anzuſchi⸗ cken, als ſich auch ſchon die Thuͤr ſeines Zimmers oͤffnete, und Pepi reiſefertig zu ihm hereintrat. „Ich komme, von Euch Abſchied zu nehmen,“ ſprach er,„denn nach meiner geſtrigen Erzaͤhlung wuͤrde man mich hier nur mit ſcheelen Blicken be⸗ trachten. Ich kehre nach Cremona zuruͤck; zuvor aber muß ich Euch offenbaren, was mich eigent⸗ lich zu Euch fuͤhrte: ich wollte Euch naͤmlich be⸗ fragen, ob es Euch nicht lieber waͤre, wenn die Regierung meiner Vaterſtadt in die Haͤnde ei⸗ nes Eurer zuverlaͤſſigen Freunde kaͤme, ſtatt daß ſie, wie bisher, von einer Bande verraͤtheriſcher Guelphen verwaltet wuͤrde?“ Caſtruccio's Gedanken richteten ſich bei dieſer Rede ſogleich auf ſeine Freunde Galeazzo Vis⸗ conti, und Cane della Scala.„Ihr wuͤrdet mir“ entgegnete er lebhaft,„allerdings einen großen Gefallen erzeigen, koͤnntet Ihr durch Euren Ein⸗ — 135— fluß einen meiner Freunde zum Oberhaupt der Regierung von Cremona machen.“— „Kann ich bei einem ſolchen Unternehmen auf Euren Beiſtand rechnen?“ fragte Benedetto Pepi forſchend. „In dieſem Augenblick darf ich mich nicht von Lucca entfernen; im Auguſtmonat aber werde ich bei Euch in Cremona eintreffen. Wollt Ihr mir unterdeſſen Euren Plan mittheilen und Eure Verbuͤndeten nennen?“— „Fuͤr jetzt kann das noch nicht geſchehen!“ un⸗ terbrach ihn Pepi,„kommt zu mir am funfzehn⸗ ten Auguſt, aber allein, oder nur von einem Die⸗ ner begleitet! Um fuͤnf Uhr Abends wird auf der kleinen Bruͤcke unfern Cremona, Jemand Eurer harren; ruft ihm das Wort Lucca zu, und er wird Euch auf einem geheimen Wege in meinen Palaſt fuͤhren, wo Ihr dann Alles erfahren ſollt. Da Ihr indeß vielleicht abgehalten werden koͤnn⸗ tet, will ich Euch einen ganzen Monat lang, alſo bis zum 15ten September, erwarten. Erſcheint Ihr aber auch bis dahin nicht: muß ich mein — 134— Unternehmen auf andere Weiſe ins Werk zu rich⸗ ten ſuchen. Auf jeden Fall aber gelobt mir un⸗ verbruͤchliches Schweigen!“ „Noch kenne ich Euren Plan nicht, und ſo weiß ich auch noch nicht, ob ich Euch dabei werde huͤlfreiche Hand leiſten koͤnnen,“ verſetzte Ca⸗ ſtruccio, ſeinen vormaligen Reiſegefaͤhrten mit mißtrauiſchen Blicken betrachtend;„aber ich ver⸗ ſpreche Euch, zu ſchweigen, und werde noch vor dem 15ten September bei Euch eintreffen.“ „Das genuͤgt mir; und ſomit lebt wohl!“ ſprach Benedetto Pepi.„Die Sterne erbleichen. vor dem Gilanz der aufgehenden Sonne, und ich— moͤchte gern bald wieder in Lucca anlangen.“ So ſprechend ſchritt er zum Gemach hinaus, beſtieg ſeinen Klepper, und trabte von dannen, waͤhrend im Schloſſe von Valperga nach und nach Alles munter ward, um ſich neuer Freude hinzugeben, die dann auch waͤhrend der beiden letzten Tage des Feſtes, deſſen fernerer Beſchrei⸗ bung wir uns uͤberheben zu koͤnnen glauben, un⸗ geſtoͤrt unter den verſammelten Gaͤſten herrſchte. — 135— Nachdem dieſe ſaͤmmtlich wieder heimgekehrt waren, ſchickte ſich Caſtruccio an, ſich nach Ro⸗ vigo zu begeben, um dort mit ſeinem Freunde Galeazzo Visconti eine Zuſammenkunft zu hal⸗ ten. Zuvor wollte er Euthanaſia nach Florenz begleiten; gleich nach ſeiner Ruͤckkehr aus der Lombardei aber ſollte die Vermaͤhlungsfeier der — beiden Liebenden ſtatt finden.„ 10. Als Caſtruccio zu Rovigo anlangte, fand er Galeazzo Visconti, der nach dem Tode ſeines Va⸗ ters Herrſcher von Mailand geworden war, ſeiner ſchon harrend. Nach den erſten Begruͤßungen kamen die beiden Freunde ſogleich auf den Gegen⸗ ſtand ihrer Zuſammenkunft, die zum Zweck hatte, mit einander zu berathen, wie die Oberherrſchaft von Ferrara wieder in die Haͤnde des Marcheſe — 136— Obizzo zu bringen ſey.„Dieſe Stadt,“ ſprach Galeazzo,„welche ſo lange Zeit der Familie Eſte gehorchte, iſt jetzt den Guelphen unterthan; und der Statthalter des Pabſtes haͤlt ſie mit ei⸗ ner Schaar von einigen 100 Koͤpfen in Beſitz. Das Volk wuͤnſcht die Wiedereinſetzung ſeiner rechtmaͤßigen Fuͤrſten. Belagern wir die Stadt: ſtuͤrzen von allen Seiten die Guelphen uͤber uns her; und es iſt deshalb gerathener, uns der Liſt zu bedienen. Wir haben innerhalb der Stadt ſo viele Anhaͤnger, daß ich an einem guten Erfolge nicht zweifle, wenn es uns nur gelingt, eine Ver⸗ bindung mit ihnen zu bewerkſtelligen. Der Bi⸗ ſchof, unſer zuverlaͤſſiger Freund, ſandte mir vor einigen Tagen eine Botſchaft, worin er ſi ch, ob⸗ gleich nur in geheimnißvollen Worten, bereit er⸗ klaͤrte, uns die Stadt in die Haͤnde zu ſpielen; wir moͤchten demnach einen unſerer Anfuͤhrer beauftragen, mit ihm zu unterhandeln, denn ei⸗ nem Untergebenen koͤnne er ſeinen Plan nicht mittheilen. Dieß Geſchaͤft nun muͤßt Ihr uͤber⸗ nehmen, Freund Caſtruccio. Wir Anderen ſind dort Alle zu wohl bekannt; eine leichte Verklei⸗ dung aber bringt Euch ſicher durch die Wachen zu dem Biſchof Marſilio, an deſſen Einfluß und gu⸗ tem Willen ich keineswegs zweifle.“ Caſtruccio willigte ein, und noch an demſelben Abend ward er dem Marcheſe von Eſte vorgeſtellt, und von dieſem mit großer Auszeichnung em⸗ pfangen.— Am naͤchſten Morgen ſchon ſchickte er ſich an, ſich zu dem Biſchof von Ferrera zu begeben. Er nahm keine Papiere mit ſich, die ihn, im Entde⸗ ckungsfall, haͤtten verrathen koͤnnen, kleidete ſich, wie ein Handelsmann aus Ancona, gelangte un⸗ gehindert durch die Thore von Ferrera, und begab ſich unverzuͤglich nach dem biſchoͤflichen Palaſte. Der Biſchof war ein alter Mann, von unge⸗ mein ſanftem Aeußeren; dabei aber ſloͤßte ſeine hohe Geſtalt Achtung und Ehrfurcht ein. Auf ſeiner gefurchten Stirn kraͤuſelten ſich nur noch einige wenige greiſe Silberlocken, und ſein bis auf den Guͤrtel herabreichender Silberbart vermehrte das Ehrwürdige des Greiſes.— Caſtruccio naͤ⸗ „ — 138— herte ſich ihm mit großer Ehrerbietung, und nannte ſeinen Namen und die Urſache ſeines Er⸗ ſcheinens. Der Biſchof erwiederte:„Der Mar⸗ cheſe, edler Herr, hat endlich ſo gehandelt, wie ich es laͤngſt gewuͤnſcht habe, indem er mir Je⸗ manden ſendet, dem ich vertrauensvoll den Plan mittheilen darf, deſſen Ausführung dieſe Stadt hoffentlich wieder in ſeine Haͤnde bringen ſoll. Noch an dieſem Abend werden ſich meine Freunde hier in dieſem Palaſt verſammeln, und Ihr ſollt dann die Bedingungen erfahren, unter welchen ich bereit bin, Ferrara ſeinem rechtmaͤßigen Her⸗ ren wieder zu uͤberliefern.“— Bis der Abend heranruͤckte, unterhielten ſich nun die beiden Maͤnner miteinander, und ſo ſehr ſtimmten ſie in ihren Meinungen uͤberein, daß ſchon nach wenigen Stunden ein großes Vertrauen zwiſchen ihnen ſtatt fand. Der Biſchof neigte ſich zu den Ghibelinen hin, aber ſeine Beweg⸗ gruͤnde waren rein. Die Argliſt und die Aus⸗ ſchweifungen des paͤbſtlichen Hofes empoͤrten ihn, und ſein Abſcheu gegen die, ſeiner Meinung nach, von einer republikaniſchen Verfaſſung unzertrenn⸗ lichen, buͤrgerlichen Zwiſte erregten in ihm den Wunſch, ſich der kaiſerlichen Parthey anzuſchlie⸗ ßen. Als der Abend erſchien, verſammelten ſich die Anhaͤnger des Marcheſe von Eſte in dem biſchoͤf⸗ lichen Palaſte, um ſich mit einander zu berathen. Caſtruccio ward ihnen vorgeſtellt, und von Allen mit Achtung und Herzlichkeit aufgenommen. Faſt alle Edlen Ferrara's waren zwar Ghibelinen, aber dennoch hatte man von der Regierung gro⸗ ßen Wiederſtand zu befuͤrchten. Die Thore und Feſtungswerke waren in ihren Haͤnden, die Be⸗ ſatzung war gut bewaffnet, und ſo konnte Obiz⸗ zo's Wiedereinſetzung nur durch Liſt bewirkt wer⸗ den. 3 In einem Winkel des weitlaͤuftigen Gemachs, in dem die Verſammlung ſtatt fand, ſaßen zwei Frauen. Die eine war ſchon bejahrt, und altmo⸗ diſch gekleidet. Sie trug einen langen ſchwarzen Schleier, aber er war zuruͤckgeſchlagen, und ließ ein faltenreiches, ehrwuͤrdiges Antlitz erblicken. — 140— Dagegen aber war es faſt unmoͤglich, uͤber das Alter der neben ihr ſitzenden Geſtalt zu urtheilen, denn ſie hatte ſich dicht in ihren Schleier gehuͤllt, und ſaß fern von den Uebrigen, in den dunkelſten Winkel des Gemaches zuruͤckgezogen. 4 Der Biſchof nahm jetzt, zu Caſtruccio gewandt, das Wort:„Ihr kennt nun unſern Plan,“ ſprach er,„und habt Euch hoffentlich uͤberzeugt, wie ſehr uns danach verlangt, unſeren rechtmaͤßigen Fuͤrſten wieder uͤber uns herrſchen zu ſehn. Es bleibt mir jetzt nur noch uͤbrig, Euch den gehei⸗ men Eingang zu zeigen, deſſen ich erwaͤhnte, und den Tag zur Ausfuͤhrung des Unternehmens feſt zu ſetzen.“ Bei dieſen Worten erhob ſich die oben erwaͤhnte aͤltere Dame aus ihrem Seſſel:„Mein Bruder,“ ſprach ſie,„laß Beatrice den gluͤcklichen Tag be⸗ ſtimmen, an dem das wichtige Werk unternom⸗ men werden ſoll! Sprich, mein Kind! und moͤge die heilige Jungfrau deine Zunge lenken!“ So ſprechend, ſchlug ſie den Schleier ihrer Ge⸗ faͤhrtin zuruͤck. Caſtruccio gewahrte nun ein — 141— Antlitz von bewundrungswuͤrdiger, himmliſcher Schoͤnheit. Ihr dunkelſchwarzes Auge, halb von den langen, ſeidenen Wimpern bedeckt, ihr lieblich geformter Mund, die anmuthige Roͤthe ihrer Wange, ſchufen ein Bild, wie es ſich Guido ge⸗ dacht haben muß, wenn er die heilige Jungfrau oder eine Ariadne hinzauberte, oder wie er es nach dem Leben konterfeite, als er die ungluͤck⸗ liche Beatrice Cenci mahlte. Caſtruccio konnte ſich nur einen Augenblick lang dieſes entzuͤckenden Anblicks erfreuen, denn nach einem flehenden Blick auf die aͤltere Dame, zog die reizende Bea⸗ trice ihren Schleier wieder uͤber ihr Geſicht hinab, wobei ſie in einem ſo leiſen Tone ſprach, daß es Caſtruccio unmoͤglich ward, zu verſtehen, was ſie ſagte. Ihre Gefaͤhrtin verdollmetſchte indeß ihre Worte.„Beatrice“ ſprach ſie,„bittet Euch, je⸗ nen Tag erſt morgen zu beſtimmen; dann hofft ſie, mit Beiſtand Gottes und der heiligen Jung⸗ frau, Euch einen fuͤr Euer Unternehmen günſte gen zu nennen.“ 8 Lr — 142— „Gut dann!“ entgegnete der Biſchof, und zu Caſtruccio gewandt, fuhr er fort:„Ihr, edler Herr, wollt die Guͤte haben, meine Schweſter, Madonna Marcheſana, nach ihrem Palaſte zu be⸗ gleiten. Sie wird Euch den geheimen Eingang zei⸗ gen, und Euch die Mittel angeben, hereinzuge⸗ langen, ſobald Ihr mit dem Marchaſt Obizzo und ſeinen Kriegern erſcheint.“ Die Verſammlung brach nun auf, und Ca⸗ ſtruccio folgte der Madonna Marcheſana und ih⸗ rer reizenden Gefaͤhrtin. Die Roſſe wurden vor⸗ gefuͤhrt, die Damen beſtiegen ihre Zelter. Ca⸗ ſtruccio ſchwang ſich auf ſeinen Renner, und von mehreren Pagen und Die ern mit helllodernden Fackeln begleitet, ſetzte ſich der Zug, nach dem, nahe dem oͤſtlichen Thor von Ferrara gelegenen, pracht⸗ vollen Palaſte in Bewegung. Dort angelangt, entließ Madonna Marcheſana ihre Dienerſchaft, und fuͤhrte unſeren Helden in ein, der Sitte jener Zeit gemaͤß, mit reichen Teppichen behaͤngtes Ge⸗ mach. Schweigend hob ſie einen ſchweren Vor⸗ hang empor, und oͤffnete eine verborgene Wand⸗ — 143— thuͤr, welche auf eine lange, dunkle Gallerie fuͤhrte. Dann nahm ſie eine bereit liegende Ker⸗ ze, zuͤndete ſie an der, von der Decke des Gemachs herabhaͤngenden Lampe an, und ſie ihrer juͤngeren Gefaͤhrtin hinreichend, ſprach ſie:„Leuchte du uns vor, mein Kind, auf daß das Gluͤck unſere Schritte leite!“? Eine kleine, ſchneeweiße Hand, kaum groß ge⸗ nug, die Kerze zu umfaſſen, ſtreckte ſich aus dem dunkeln Gewande hervor, und ſchweigend ſchritt nun Beatrice voran, durch die Gallerie hin, mehn rere Stiegen hinab und durch lange Gewoͤlbe, bis ſie und Die, welche ihr folgten, endlich an dem Ende des unterirdiſchen Ganges anlangten. „Ihr muͤßt mir jetzt helfen, edler Herr!“ ſprach Madonna Marcheſana, indem ſie auf einen ſchwe⸗ ren Stein deutete. Caſtruccio legte raſch Hand ans Werk, waͤlzte das Geſtein fort, und ge⸗ wahrte nun hinter demſelben eine kleine, niedrige Thuͤr. Die Schweſter des Biſchofs ſchob die Riegel zuruͤck, gebot ihrer juͤngeren Gefaͤhrtin, — 144— den Schein der Kerze zu verbergen, und oͤffnete die Thuͤr. Unſer Held draͤngte ſich durch, und ſah ſich, zu ſeinem nicht geringen Erſtaunen, unfern der Befeſtigungswerke der Stadt, in einer mit Gebuͤſch bewachſenen Gegend.„Ferrara iſt un⸗ ſer!“ rief er freudig aus!„So hoffe ich,“ entgeg⸗ nete die aͤltere Dame mit einem zufriedenen Laͤ⸗ cheln;„ich bitte Euch, edler Herr, dem Marcheſe Obizzo die Verſicherung meiner unbegraͤnzten Ehr⸗ erbietung zu uͤberbringen, und ihm die Freude zu ſchildern, die es mir gewaͤhrt, zu ſeiner Wieder⸗ Keinſetzung in ſeine Rechte nach meinen ſchwachen Kraͤften mitwirken zu koͤnnen.— Nennt Ihr mich ihm aber als Graͤfin di Malvezzi, moͤchte er meinen Reden keinen Glauben beimeſſen, denn mein Gemahl war ſein bitterſter Feind. Er iſt nicht mehr! mir aber ward der Wille Gottes, durch dieſes himmliſche Maͤdchen, durch dieſe An⸗ cilla Dei, kund, wie ſie mit Recht genannt wird, durch dieſes Weſen, welches zur Erde hinabge⸗ ſandt ward, zum Beiſpiel und zur Belehrung der leidenden Menſchheite“ 4 Caftruccio herchte mit Erſtaunen, waͤhrend die geprieſene Jungfrau ſchweigend daſtand, das Antlitz mit dem Schleier bedeckt, die Arme auf der Bruſt kreuzweis uͤbereinander geſchlagen; die Augen ihrer aͤltern Gefaͤhrten glaͤnzten vor Stolz und Freude. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Dieſe fort;„Jetzt muß ich Euch noch ſagen, wie Ihr es anzufangen habt, um dieſen Eingang von außen zu finden. Seht dort jene Weiden, welche den aus⸗ getrockneten Graben umgeben! Sie ſind Eure Ge⸗ leitsmaͤnner. Vier Meilen vor Ferrara findet Ihr rechts an der Landſtraße einen Maulbeer⸗ baum, eine Pappel, und eine Cypreſſe, welche dicht nebeneinander wachſen; dort weicht Ihr vom Wege ab, und folgt der Weidenallee bis ſie Euch zum Ziele fuͤhrt.“ Nachdem ſie dieſe Rede geendet hatte, führte die Graͤfin unſeren Helden wieder durch den unter⸗ irrdiſchen Gang in das, mit Teppichen behaͤngte, Gemach. Beatrice blieb noch einige Augenblicke zurüͤck, um die Kerze auszuloͤſchen; als ſie aber wieder erſchien, verhuͤllte der neidiſche Schleier Caſtruccio. 1. Band..40 — 146— nicht laͤnger ihre himmliſche Schoͤnheit; ſie trug ein einfaches, weißes Gewand, welches durch einen ſei⸗ denen Guͤrtel zuſammen gehalten ward; auf ihrer Bruſt prangte ein goldenes Kreuz, und auf einer kleinen Silberplatte, die ihre Stirn ſchmuͤckte, las Caſtruccio deutlich die Worte: Ancilla Dei⸗ Ihr großes ſchwarzes Auge leuchtete, wie begeiſtert, und lebhaft bewegte ſie ihre, nur zum Theil ver⸗ huͤllten Lilienarme, als folgende Rede ihren i pen entſtroͤmte: „Mutter,“ ſprach ſie,„ich habe gelobr, mor⸗ gen den Tag zu nennen, an dem mein Herr und Fuͤrſt ſein Unternehmen beginnen ſoll! ich fuͤhle edle Ritter Eurem Bruder melden, daß ich mor⸗ gen in der St. Annenkirche, in der Mitte der Bewohner Ferrara's, in verſchleierten Worten den Augenblick der Befreiung nennen werde.“— So ſprechend, bewegte ſie ſich mit leichten, ſchwe⸗ benden Schritten zum Gemache hinaus. Caſtruc⸗ eio ſah ihr mit ſtaunenden Blicken nach.„Sagt meinem Bruder was Ihr vernommen!“ ſprach den Geiſt uͤber mich kommen.— Moͤge dieſer — 167— die Graͤfin,„und erlaubt uls⸗ Euch fuͤr han 3 entlaſſen.“ 11. Pon Neugier und Bewunderung erfoͤllt, kehrte Laſtruccio zu dem Biſchof zuruͤck, richtete die ihm gewordene Botſchaft aus, und fragte dann drin⸗ gend, wer dieſe bezaubernde Beatrice eigentlich waͤre, und ob ſie wirklich ein Engel ſey, zur Erde herabgeſtiegen, zum Heil der Menſchen? „Ihr habt“ ſprach der Biſchof,„ſo ſehr mein Vertrauen gewonnen, daß ich bereit bin, Eure Neugier zu befriedigen. Ihr wollt aber bedenken, daß weder meine Schweſter, noch die liebliche Jungfrau ſelbſt Kunde von Dem haben, was ich Euch jetzt, unter dem Siegel ſtrengſter Verſchwie⸗ genheit, zu offenbaren im Begfiiflſtehe.“ 10* — 148— Caſtruccio gelobte, zu ſchweigen, worauf der Biſchof ihm Folgendes mittheilte: „Habt Ihr je von einer Ketzerin und gefaͤhrli⸗ chen Betruͤgerin, die ſich Wilhelmine von Boͤh⸗ men nannte, gehoͤrt? Sie erſchien zuerſt in Ita⸗ lien im Jahre 1289, und ſchlug, nebſt einer weibli⸗ chen Gefaͤhrtin, Namens Magfreda, ihren Wohn⸗ ſitz in Mailand auf. Aeußerlich dem katholiſchen Glauben anhaͤngend, bildete ſie insgeheim eine Secte, vorgebend, ſie ſey der heilige Geiſt, hin⸗ ab auf die Erde geſandt, zum Heil des weiblichen Geſchlechts. Sie ſagte, ſie waͤre eine Tochter Conſtanzia's, der Koͤnigin von Boͤhmen, und daß, gleichwie der Engel Gabriel der heiligen Jung⸗ frau verkuͤndete, daß ſie den Heiland gebaͤren wuͤr⸗ de, der Engel Naphael ihrer Mutter kund gethan habe, daß durch ſie der heilige Geiſt nieder auf die Erde ſteigen werde. Zwoͤlf Monate darauf waͤre ſie gebohren worden. „Dieſe Betruͤgerin ſtarb 1302 im Rufe gro⸗ ßer Heiligkeit, und ward in der St. Peterskirche zu Malland begraben. Erſt zwei Jahre darauf, als — 149— ich mich grade zu Mailand befand, ward ihre Ketzerei entdeckt, und die ganze Stadt ſtaunte darob vor Entſetzen. Magfreda und ihr vorzuͤg⸗ lichſter Anhaͤnger, Andreas Saramita, wurden ge⸗ faͤnglich eingezogen, die Uebrigen aber von ihr Getaͤuſchten, mußten theils Wallfahrten unter⸗ nehmen, theils der Kirche reiche Almoſen ſpenden. Ich war damals grade in den geiſtlichen Stand getreten, und predigte, jung und lebhaft, wie ich war, mit einem ſolchen Eifer gegen dieſe neue Ke⸗ terei, daß man mich erwaͤhlte, meine Beredtſam⸗ teit anzuwenden, die verſtockte Magfreda, welche bisher ſelbſt den Qualen der Folter hartnaͤckig Trotz geboten hatte, zum Widerruf zu bewegen. Ich trat in ihren dunkelen Kerker, in dem ich ſie, als Nonne gekleidet, in einem Winkel knieend fand. Bei meinem Eintritt ſtand ſie auf, und fragte mich, mit einem ergebungsvollen Laͤcheln: „Iſt mein Urtheil gefaͤllt? Oder hat man neue Martern fuͤr mich in Bereitſchaft?“ „Kochter,“ entgegnete ich,„ich komme, Eure „Seele zu retten, nicht, Euren Koͤrper zuquaͤlen. Ei! — 150— nen Spiegel willich ihr vorhalten, daß ſie ihre Ver⸗ irrungen gewahre, und ſich zum Beſſeren wende.“ „Ich bin eine Gefangene, Ihr ſeyd hier Herr, und ſo ſeht Ihr mich bereit, Euch anzuhoͤren,“ er⸗ wiederte Magfreda.„Eure gutmuͤthigen Ge⸗ ſichtszuͤge aber, ungemein verſchieden von denen, die ich bis jetzt an dieſem Orte erblickte, floͤßen mir Vertrauen ein; ſo daß ich auf Eure Nachſicht hoffe, wenn ich Euch erſuche, Euch eine nutzloſe Muͤhe zu erſparen, und mich meine letzten Stun⸗ den in Ruhe verleben laſſen.“— „SIch kaͤmpfte mit dem Schwerdte meiner Be⸗ redtſamkeit mehrere Stunden gegen die Schwaͤr⸗ merin; aber vergebens; und ſchon war ich im Begriff, mich zu entfernen, als ſie ploͤtzlich meine Hand ergriff, in Thraͤnen ausbrach, und in ei⸗ nem herzzerreißenden Tone zu mir ſprach:„From⸗ mer Vater, ich weiß, daß ich ſterben muß, und gern ginge ich in den Tod, denn von jenſeits her winkt mir ja meine Gebieterin, laſtete nicht ein Geheimniß auf meiner Bruſt. Ihr ſcheint ſo fauft, ſo gut! Ihr habt mein Vertrauen gewon⸗ — 151— nen; ja ich glaube, daß ſie ſelbſt, die heilige Wil⸗ helmine, Euch ſandte, mir Troſt zu bringen. Er⸗ fahrt demnach, daß ein Kind lebt— Ihr Kind— aber bevor ich Euch mehr ſage: gelobt mir, dieß Kind in unſerem Glauben, und nicht in dem Euren auferziehn zu laſſen.“ „Dieß Verlangen empoͤrte mich. Ich entgegnete unmuthig:„Wie koͤnnt Ihr auch nur hoffen, daß ich eine unſchuldige Seele Eurem Unglauben opfern wuͤrde? Ich bin ein Diener des Heilan⸗ des, und werde meinen frommen Beruf nie ent⸗ wuͤrdigen.“ 85 „So ſey es dann!“ ſprach die Schwaͤrmerin nach einer Pauſe, in der ſie gebetet zu haben ſchien, „erfahrt alſo, daß Wilhelmine, zwei Jahre vor ih⸗ rem Tode, eine Tochter gebar. Wer der Vater geweſen, vermag ich nicht anzugeben, obgleich ich uͤberzeugt bin, daß eine goͤttliche Einmiſchung dabei ſtatt gefunden. Hat ſie doch, wenn ich dieſe Vermuthung aͤußerte, ſolche weder beſtaͤtigt, noch ihr widerſprochen; ſie bat mich dann nur jedes⸗ mal, mit dem ihr eigenthuͤmlichen, himmliſchen Lächeln, geduldig zu harren, bis mir Alles kund werden wuͤrde. Ich allein wußte um die Geburt dieſes Kindes, welches eine Stunde von hier, in einer Huͤtte, bei einem Weibe erzogen ward, dem die Mutter der Kleinen unbekannt war; ich aber begab mich faſt taͤglich dorthin, und ſah mit Freuden, wie das Kind an Schoͤnheit und Ver⸗ ſtand zunahm. Seit ſeiner Geburt hat es Wil⸗ helmine nicht wieder geſchauet. Sie weigerte ſich durchaus, die Huͤtte zu beſuchen, oder ſich die Kleine bringen zu laſſen. Stundenlang aber konnte ſie zuhoͤren, wenn ich ihr erzaͤhlte. Dieſe Tren⸗ nung, was auch immer ihr Grund geweſen ſeyn mag, hat, ich bin davon uͤberzeugt, das Erden⸗ leben meiner himmliſchen Gebieterin verkuͤrzt; denn ſie welkte dahin, wie eine, von dem Thau des Himmels unbenezt gelaſſene Blume.— In ihrer Sterbeſtunde legte ſie mir nochmals ihr Kind ans Herz. Ich habe Mutterſtelle bei demſel⸗ bem vertreten, ſo lange ich es vermochte; jetzt aber, da mein Ende naht, uͤbergebe ich das Kind in — 158— Eure Haͤnde, denn ich habe Vertrauen zu Euch ge⸗ faßt.— Vor einem Jahre ſtarb die Waͤrterin deſ⸗ ſelben, und ich nahm es nun zu mir. Als ich aber von der Verfolgung hoͤrte, die unſere Secte be⸗ drohe, als ich die Gefangennahme Andreas Sa⸗ ramita's erfuhr, ward mir bange um das Kind. Beſſer bei wilden Thieren, als bei wilden Men⸗ ſchen, dachte ich; und gleichſam, wie von einem inneren Drange getrieben, ſchloß ich das Kind in meine Arme, ſteckte eine, mit Gold gefuͤllte Boͤrſe zu mir, packte den Mundvorrath, den ich im Hauſe hatte, ein, verließ, als es dunkel gewor⸗ den war, Mailand, und eilte in den Wald, der den Weg nach Como begraͤnzt. Ich wußte, daß ein, mit dem Ausſatz*) behafteter, armer Mann 7 er ») Dieſe Krankheit war zu jener Zeit in Italien ge⸗ woͤhnlich. Der von ihr Befallene begab ſich dann gewoͤhnlich in die Hoͤhle eines Waldes, und nahm die Wohlthaͤtigkeit der Voruͤberziehenden in Anſpruch, indem er mit einem hoͤtzernen Löf⸗ fel auf irgend ein Gefäß ſchlug. Erſt wenn ſie — 154— dort in dem Dickigt lebe. Zu ihm begab ich mich, denn bei dieſem, von Jedermann Geflohenen glaubte ich das goͤttliche Kind ſicher; ich ſelbſt aber fuͤrchtete mich vor keiner Anſteckung.— Ich ſtrich indeß lange im Walde umher, bevor ich ſeine Hoͤhle entdecken konnte. Endlich fand ich ſie. Ihr armſeliger Bewohner ruhte, als ich eintrat, auf ſeinem Strohlager. Ich erweckte ihn, reichte ihm die Goldboͤrſe, und packte den mitge⸗ nommenen Mundvorrath aus.„Beſchuͤtzt dieſes Kind,“ ſprach ich,„und Gott wird es Euch be⸗ lohnen.— Pflegt es, und reicht ihm Nahrung! Vor Allem aber laßt es von keinem Menſchen ſchauen, und uͤberliefert es nur Dem, der es von Euch im Namen der heiligen Wilhelmine zuruͤck⸗ begehrt!“— So ſprechend, druͤckte ich die Toch⸗ ter meiner Gebieterin noch einmal an meine Bruſt; dann wandte ich mich ab, und flog von voruͤber waren, kam er hervor, die Almoſen auf⸗ zuheben, die auf einen dazu beſtimmten Stein niedergelegt wurden. — 155— dannen. Gleich nach meiner Ruͤckkehr ward ich eingekerkert. Seit fuͤnf Wochen ſchmachte ich nun im Gefaͤngniß, ungewiß, ob auch der Waldbewoh⸗ ner ſein Verſprechen erfuͤllte.— Euch, frommer Vater, beſchwoͤre ich jetzt, Euch dieſes Kindes an⸗ zunehmen.— Gelobt mir, es zu thun, und noch ſterbend werde ich Euch ſegnen.“ „Dieſe Rede der Schwaͤrmerin“ fuhr der Bi⸗ ſchof in ſeiner Erzaͤhlung fort,„bewegte mich auf ſeltſame Weiſe. Ich fuͤhlte mich von einem Mit⸗ leid erfaßt, von dem ich mir ſelbſt keine Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte, und auf das Kreuz, welches ich an meinem Halſe trug, die Hand le⸗ gend, entgegnete ich:“ Ich ſchwoͤre Dir, Ungluͤckli⸗ che, dieſes Kind nicht zu verlaſſen. Moͤge Gott ſich von mir wenden, wenn ich meinen Schwur breche.“ Magfredens Augen entſtroͤmten Thraͤ⸗ nen der Dankbarkeit. Ich empfahl ſie der Gnade des Ewigen, und verließ ihren Kerker. Sobald ich mich aber von Mailand entfernen konnte, eilte ich nach dem, mir von Magfreda angegebe⸗ nen Orte. Ich dachte nur an das beklagens⸗ — 156— werthe Kind, das ſich in den Haͤnden eines, von der Menſchheit ausgeſtoßenen Kranken befand. Ich vernahm das Almoſen erflehende Zeichen des Bettlers, und eilte dem Geraͤuſche nach, ihn auf⸗ zuſuchen. Anfangs bangte mir vor Anſteckung; aber meines Schwurs gedenkend, ſchlug ich das Kreuz, und trat auf den Elenden zu.„Bringt mich,“ rief ich, als ich ihn unter einem Baume, an einer Brodtrinde nagend, gefunden hatte, „bringt mich zu dem Kinde, das Euch im Na⸗ men einer gewiſſen Wilhelmine von Boͤhmen, welche ſich die Heilige nannte, anvertrauet wurde. „Der Kranke ſtarrte nich eine Weile an; dann fuͤhrte er mich bis vor ſeine Hoͤhle. Es war ein Anblick, deſſen ich nimmer vergeſſen werde, als gleich darauf das Engelskind mit dem ſchoͤnen Himmelsauge, dem Lockenhaar und der roſigen Wange an ſeiner Hand heraustrat. Als die Kleine mich gewahrte, machte ſie ſich von ihrem bisherigen Waͤrter los; und, auf mich zueilend, — 157— rief ſie:„Nehmt mich mit Euch! bringt mich von dieſem garſtigen Orte weg zu meiner Mutter!“ „Es war Beatrice. Brauche ich noch hinzuzu⸗ fuͤgen, daß ich das ungluͤckliche Maͤdchen unend⸗ lich lieb gewann? daß ich alles that, es dem Schickſal zu entziehn, von dem es bedroht ward? „Nach Mailand zuruͤckgekehrt, erfuhr ich, daß Magfreda als Ketzerin verbrannt worden ſey, und daß man ihre Aſche in die Winde geſtreuet habe. Der Kleinen lebte alſo außer mir auf Erden kein Beſchuͤtzer mehr. Ich uͤbergab ſie der Sorge eines Mannes, der mir Wohlthaten verdankte und ohn⸗ fern Mailand wohnte. Als ich aber zum Biſchof von Ferrara ernannt ward, brachte ich ſie mit hieher, und bat meine Schweſter, als Mutter fuͤr die Liebliche zu ſorgen. Beatrice, welche nun bald alle Herzen gewann, ward in dem katholi⸗ ſchen Glauben erzogen; und ſchon hoffte ich, daß ſie, frei von den Irrthuͤmern ihrer Mutter, ſich eines friedlichen, unbemerkten Lebens erfreuen wuͤrde; Gott aber hatte es anders beſchloſſen. — 1 H „Sie zeichnete ſich bald vor allen anderen Kin⸗ dern aus. Schon in ihrem ſiebenten Jahre ſaß ſie oft ganze Stunden allein, in tiefe Betrachtungen verſenkt. Fragte ich ſie, was ihr fehle, entſtroͤm⸗ ten Thraͤnen ihren Augen, und innig bat ſie mich dann, nicht weiter in ſie zu dringen. So wie ſie aͤlter ward, entwickelte ſich ihre Phantaſie immer mehr und mehr; ſie ſang ſelbſtgeſchaffene Lieder, beſonders aber ſchien ihre ganze Seele mit den Geheimniſſen unſerer Religion beſchaͤftigt. Jetzt aber ward ſie mittheilender; ſie erzaͤhlte mir, wie ſie oft uͤber die Wunder der Natur und uͤber die Guͤte Gottes nachdenke, bis ſie ihre Bruſt ſo ge⸗ preßt fuͤhle, daß ſie nur ſeufzen und weinen koͤnne. Sie bat mich, ihren Geiſt auszubilden, und ſie in den Stand zu ſetzen, das heilige Buch unſerer Religion leſen zu koͤnnen. 18 „Ich hoffte, die Erkenntniß der Wahrheit wuͤr⸗ de ihrem Herzen Frieden geben, und ſo that ich, wie ſie verlangte. Meine Hoffnungen aber wur⸗ den getaͤuſcht. Je mehr ſie hoͤrte, je mehr ſie las, je eifriger gab ſie ſich der Einſamkeit, dem Nach⸗ denken hin. Sie begann, zu prophezeihen, ward, auf wunderbare Weiſe, mit allen heiligen Baͤu⸗ men und Quellen bekannt, und behauptete, ſie koͤnne gewiſſe Tage im Voraus als gluͤcklich, oder ungluͤcklich bezeichnen. Mehrere ihrer Vorherſa⸗ gungen trafen wirklich ein, und ſchnell verbreitete ſich nun ihr Ruf durch ganz Ferrara. Die Zahl ihrer Anhaͤnger vermehrte ſich mit jedem Tage; meine Schweſter ſelbſt ward ihre eifrigſte Schuͤle⸗ rin. Beatrice haͤlt ſich ſeitdem wirklich fuͤr eine Ancilla Dei, fuͤr ein geweihetes Gefaͤß, in wel⸗ ſches Gott einen Theil ſeines Geiſtes ſenkte. Sie epredigt, prophezeiet, und verweilt oft ſtundenlang in tiefem Nachdenken, oder vielmehr in Traͤume⸗ reien, welche indeß, durch ihre thaͤtige Phantaſie, ſo ſehr Leben und Wirklichkeit erhalten, daß ſie dadurch immer mehr und mehr in ihrem Irr⸗ thum beſtaͤtigt wird. „Ich habe Euch dieß alles erzaͤhlt,“ ſprach der Biſchof weiter,„weil ich Vertrauen in Euch ſetze, zugieich aber auch, weil ich, falls ich ſterben ſollie, der Verlaſſenen in Euch einen Beſchuͤtzer hinterlaſ⸗ — 160— ſen moͤchte, der ſich ihrer annaͤhme, wenn ein Mißgeſchick ſie betraͤfe.“ Caſtruccio und der Biſchof beſprachen ſich noch lange uͤber das wunderbare Maͤdchen, und als ſie ſich endlich trennten, um ſich zur Ruhe zu be⸗ geben, konnte der Erſtere auf ſeinem Lager kei⸗ nen Schlummer finden, denn Beatricens hinrei⸗ ßende Schoͤnheit, und die wunderbare Schwaͤr⸗ merei ihres Weſens, beſchaͤftigten fortwaͤhrend ſeine Gedanken. Am näͤchſten Morgen begab er ſich nach der St. Annenkirche. Die Meſſe ward geleſen, aber vergebens nur ſchauete er ſich nach der reizenden Wahrſagerin um. Endlich, als der Gottesdienſt voruͤber war, erſchien ſie, von der Schweſter des Biſchofs begleitet. Ein himmel⸗ blaues Gewand hielt ihre reizenden Glieder um⸗ ſchloſſen, ihren Schleier aber hatte ſie zuruͤckge⸗ worfen, und ihre großen, ſchwarzen Augen leuchte⸗ ten von prophetiſcher Begeiſterung. Sie ſprach zu der verſammelten Menge, warf ihr Laͤſſigkeit im Glauben, ſorgloſen Eigennutz, und Mangel an Wäͤrme fuͤr die gerechte Sache — 161— vor, wodurch ſie dann auch zu einer Sclaven⸗ ſchaar fremder Tyrannen herabgeſunken waͤre.— Jedes Auge war auf ſie gerichtet; Alles weinte, wenn ſie weinte; Alles laͤchelte, wenn ein Schim⸗ mer von Heiterkeit ihre Wange uͤberflog; Alles gab ſich endlich der Hoffnung und dem Entzuͤ⸗ cken hin, als ſie, mit beredter Zunge, von den beſſeren Tagen ſprach, welche bald eintreffen wuͤr⸗ den.— Da aber ward ihre Rede ploͤtzlich durch ein Geraͤuſch in der Mitte der Kirche unterbro⸗ chen; mehrere Diener der Inquiſition umringten ſie, und erklaͤrten ſie fuͤr ihre Gefangene.— Bis jetzt hatte Caſtruccio ſchweigend dageſtanden, und, gefuͤhllos gegen alles Andere, rund um ſich her, nur in das Himmelsantlitz der reizenden Sprecherin geſchauet; als er aber gewahrte, wie die Diener der Juquiſition Anſtalt machten; ſich ihrer zu bemaͤchtigen, bebte er maͤchtig zuſam⸗ men; und von heftigem Zorn entbrannt, war er ſchon im Begriff, hin zu ſtuͤrzen, und das liebliche Maͤdchen den Haͤnden der Frevler zu entreißen. Aber der Gedanke, daß er, der Einzelne, nichts Caſtrucelv. 1. Band. 11 — 162— gegen die bewaffnete Schaar, welche die Abge⸗ ſandten der Inguiſition begleitete, vermoͤge, be. wog ihn, ſeine Gefuͤhle zu zuͤhmen, und ſich, waͤh⸗ rend man Beatricen fortſchleppte, eilig nach dem Palaſte des Biſchofs zu begeben.— Schon vor ihm war hier die Kunde angelangt, daß man die Ungläckliche nach dem St. Annenkloſter geſchafft habe, und daß am naͤchſten Morgen ein Gottes⸗ gericht entſcheiden ſolle, ob ſie ſchuldig ſey oder nicht. Der Biſchof wollte vor Schmerz vergehn „Sie iſt verloren!“ rief er unſerem Helden, in ei⸗ nem herzerreißenden Tone, entgegen.—„Beru⸗ higt Euch! verzagt nicht!“ erwiderte Caſtruccio, zuthig entſchloſſen,„Flucht nur kann ſie retten. — Ihr habt die Gewalt in Haͤnden; Ihr muͤßt ſie zu befreien ſuchen.— Iſt ſie nur erſt aus dem Kloſter entkommen: will ich ſie beſchuͤ⸗ tzen. Ich, ich will ſie an einen ſicheren Ort gelei⸗ ten,— ich will ihre Bruſtwehr ſeyn.“ Der Biſchof ſchwieg einen Augenblick lang. „Ja,“ ſprach er dann,„Ihr habt Recht! nur — 163— Flucht kann ſie retten. Sie wird ſich weigern; aber wir wollen wenigſtens das Unſrige verſuchen.“ Der Abend brach herein, und die beiden Freunde begaben ſich in das Kloſter. Caſtruccio blieb im Sprachzimmer; der Praͤlat aber verfuͤgte ſich in das Innere des Gebaͤudes, und verweilte dort mehrere Stunden, welche unſerem Helden langſam dahinſchlichen. Endlich kehrte der Bi⸗ ſchof zuruͤck; er gab ſeinem Begleiter einen Wink, ihm zu folgen, und ſo verließen Beide das Kloſter. „Nun, wo iſt ſie?“ war Caſtruccio's erſte Frage. „In Sicherheit, wie ich hoffe.“ eutgegnete der Biſchof.“ Der Abt des benachbarten Kloſters, der mit ſeinen Moͤnchen uͤber ſie Gericht halten wird, iſt ein Ghibeline und mein Freund; ich ließ ihn rufen, und bat ihn, der Flucht der Ungluͤcklichen nichts in den Weg zu legen.— Er aber meinte, dieß ſey voͤllig nutzlos, und gab mir ſein Wort, ſie auf andere Weiſe zu retten. Ich kann ihm ver⸗ trauen; und ſo uͤbergebe ich dann ihm und dem Hoͤchſten das Schickſal meiner theueren Beatrice.“ 11. † 12. Die Begebenheiten des vergangenen Tages hatten den ergraueten Biſchof maͤchtig erſchuͤttert, und fruͤhzeitig zog er ſich demnach in ſein Gemach zuruͤck. Caſtruccio hatte die vorige Nacht nicht geſchlafen, und ſo behauptete jetzt die Natur ihre Rechte. Seine ſchweren Augenlider ſanken hin⸗ ab, aber immer und immer ſchreckten ihn fieber⸗ hafte Traͤume wieder wach, in denen bald Eu⸗ thanaſia, bald die arme Beatrice, Beide von Ge⸗ fahren umgeben, Beide Thraͤnen vergießend und ſeine Huͤlfe in Anſpruch nehmend, vor ſeinen in⸗ nern Blick traten. Noch vor Tagesanbruch ward er von dem Diener des Biſchofs geweckt, und un⸗ verzuͤglich begab er ſich in das Zimmer des Praͤ⸗ laten, den er mit truͤben, von einer ſchlafloſen Nacht zeugenden, Augen auf ſeinem Lager ſitzend fand. „Verzeiht mir, wenn ich Euren Schlummer ſtoͤrte!“ begann der Greis,„ich kann nicht ſchla⸗ fen! In zwei Stunden ſoll das Gaukelſpiel begin⸗ nen! Ich fuͤhle mich außer Stande, es mit anzu⸗ ſchauen! Geht Ihr hin, ich bitte Euch! und kehrt bald mit der Kunde zuruͤck, daß der Abt ſein Wort gehalten, und daß ich meine theuere Bea⸗ trice bald wiederſehen werde!“ Caſtruccio bemuͤhte ſich, ſeinen traurenden Freund zu troͤſten; aber es wollte ihm nicht ge⸗ lingen.„Ich liebe ſie mehr, als je ein Vater ſein Kind liebte!“ jammerte der Praͤlat,„Geht! geht! entreißt mich bald der furchtbaren Ungewißheit, die mich toͤdtet!“ Vom hohen Thurme herab, begann jetzt das Gelaͤute der Glocken, verkuͤndend, daß die Moͤnche in dem Gebet begriffen waren, welches dem Got⸗ tesgericht jedesmal voranging; und Caſtruccio eilte nach dem Orte, wo die furchtbare Scene ſtatt finden ſollte. Ein großer Platz vor dem Kloſter, deſſen Moͤnche das Gericht halten ſoll⸗ ten, war dazu beſtimmt. Eine zahlloſe Men⸗ ſchenmenge hatte ſich dort zuſammengedraͤngt, und alle Fenſter und Soͤller, ja ſelbſt die Daͤcher der . 1 — 166— Haͤuſer, waren mit Zuſchauern angefuͤllt. Der dem Kloſter zunaͤchſt gelegene Theil des Marktes aber war von bewaffneten Kriegern umgeben, ſo daß die Menge hier einen freien Raum zu laſ⸗ ſen genoͤthigt war. Innerhalb dieſes Platzes waren Sitze angebracht fuͤr die Dominikaner⸗ Moͤnche, welche, in ihren ſchwarzen, mit rothen Kreuzen verſehenen Gewaͤndern, ſich ſchon fruͤh morgens hieher begeben hatten, und nun amphi⸗ theatraliſch gereiht da ſaßen. Ein anderer Theil dieſes Raumes war fuͤr einige Edelleute und Frauen beſtimmt, welche die furchtbare Scene mit anzuſchauen wuͤnſchten. Dicht vor der Kloſterpforte befand ſich endlich noch eine, mit zwei Eingaͤngen verſehene Abtheilung; vor dem einen hatte man ein großes Kreuz aufgepflanzt, vor dem anderen wehte eine weiße Fahne mit den Worten„Agnus Dei“; in einem Winkel dieſes kleinen Raumes hatte man einen Holgſtoß auf⸗ gehaͤuft. Eine halbe Stunde verging ſo in angſtvoller Erwartung. Caſtruccio vermochte ſich kaum auf⸗ — 1657— recht zu erhalten; ſeine Glieder bebten. Endlich oͤffnete ſich die Kloſterpforte, und heraus zogen nun die Moͤnche in einer feierlichen Prozeſſion, mit brennenden Kerzen in den Haͤnden. Sie be⸗ zeugten dem Kreuze ihre Ehrfurcht, und reiheten ſich dann um die Außenſeite der kleineren Abthei⸗ lung, worauf nach einer kurzen Pauſe Beatrice aus dem Kloſter gefuͤhrt ward; ein weites Ge⸗ wand hielt ihre ſchoͤnen Glieder umſchloſſen, und ein dichter Schleier ihr Himmelsantlitz bedeckt. Eine tiefe Stille herrſchte,— ſie ward zu dem Kreuze gefuͤhrt, und knieete nieder vor demſelben, waͤhrend die Moͤnche fortfuhren, ihre feierlichen Hymnen zu ſingen. Eine dritte Schaar von Moͤnchen erſchien dar⸗ auf mit Pflugſchaaren und Grabſcheidten; der . Holzſtoß ward angezuͤndet, und die Pflugſchaare wurden in die Flammen gelegt, waͤhrend ein Theil der Moͤnche mit ihren Grabſcheidten Fur⸗ chen in den Boden zogen, jede zwei Fuß von der andern entfernt. Endlich begann das Gelaͤute, welches einige Augenblicke lang geſchwiegen hatte, * — 168— von neuem, zum Zeichen, daß das Gericht ſeinen Anfang nehmen wuͤrde. Dem Gebot der Moͤn⸗ che Folge leiſtend, erhob ſich Beatrice aus ihrer knieenden Stellung, warf ihr weites Oberkleid von ſich, und ſtand nun da in einem kurzen ſchwarzem Gewande. Ihre Arme hatte ſie kreuz⸗ weiß uͤbereinander geſchlagen, ihre Haare hingen uͤber ihre Schultern herab, ihre Fuͤße, weißer als Marmor, waren unbekleidet. Sie ſchien die ſie umgebende Menſchenmenge nicht zu achten, ſon⸗ dern andaͤchtig zu beten. Ihre Wange war bleich, aber ihre Augen leuchteten; und aus ihrem Ant⸗ litz ſprach eine ſeltſame Miſchung von Furchtſam⸗ keit und von Vertrauen auf den Beiſtand einer hoͤheren Macht. Einer der Moͤnche band ihr nun die Arme, und verhuͤllte ihre Augen mit ei⸗ nem Tuche. Darauf wurden mit großen Zangen die gluͤhenden Pflugſchaare aus dem Feuer gezogen und in die Furchen gelegt; dann riß man das, die kleine Abtheilung beſchraͤnkende Gehege nie⸗ der; die Moͤnche begaben ſich an das entgegenge⸗ ſetzte Ende des groͤßeren Raums, und einer von 3 — 169— ihnen gebot Beatricen mit lauter Stimme, in⸗ dem er ſie der Gerechtigkeit des Ewigen anem⸗ pfahl, vorwaͤrts zu ſchreiten. In dieſem Au⸗ genblick pochte jedes Herz ſtaͤrker; Caſtruccio aber vermochte nicht laͤnger, die Begierde zu unterdruͤ⸗ cken, hinzueilen, und die Schritte der reizenden Beatrice zu hemmen. Aber noch bevor er dieß ins Werk richten konnte, war Beatrice ſchon mit verhuͤllten Augen, gebundenen Haͤnden und blo⸗ ßen Fuͤßen, uͤber die gluͤhenden Eiſen, leichten Schrittes, dahin geeilt, zum entgegengeſetzten Ende des eingehegten Raumes, wo ſie, dem Ewi⸗ gen fuͤr den ihr verliehenen Schutz dankend, auf — ihre Kniee niederſank. Ein lautes Jubelgeſchrei der Menge begleitete ihr Gebet. Nicht laͤnger ließ ſich nun das Volk durch die Schranken und durch die bewaffneten Krieger zuruͤckhalten; Alles ward uͤber den Haufen geworfen. Die Soldaten waren genoͤthigt, ſich zu entfernen. Gleich nach gluͤcklich uͤberſtandener Feuerprobe, hatte man von Beatricens Haͤnden die Bande ge⸗ loͤſt, und ihr das Gewand wieder gereicht; die an⸗ — 170— weſenden Edelfrauen draͤngten ſich um ſie; ſie ſchwieg und ſchien gefaßt; die innere Gemuͤthsbe⸗ wegung hatte zwar ihre Wange hoͤher gefaͤrbt, und ihre Glieder zitterten, ob der ungewohnten Anſtrengung; aber ſie nahm ihre ganze Faſſung zuſammen, und ſuchte ruhig und heiter zu erſchei⸗ nen. Sie empfing die Gluͤckwuͤnſche und die ehrfurchtsvollen Begruͤßungen ihrer Freunde und Anhaͤnger mit großer Herzlichkeit, waͤhrend das feierliche Te⸗Deum der Moͤnche ſich in das Ju⸗ belgeſchrei der Menge miſchte. Jedermann woll⸗ te wenigſtens das Gewand der Heiligen be⸗ ruͤhren; Muͤtter brachten ihre kranken Kin. der; Ungluͤckliche aller Art flehten ſie an, fuͤr ſie zu beten; und ſchuͤchtern, faſt wider Willen, war ſie genoͤthigt, der Menge ihren Segen zu ſpenden. Endlich erſchien eine Prozeſſion von Nonnen, aus der Gartenpforte ihres, ebenfalls nahe gelegenen Kloſters. Mit ihren langen Schleiern bedeckt, und Hymnen ſingend, nahmen ſie Beatricen in ihre Mitte, und fuͤhrten ſie, von den Edelfrauen gefolgt, in das Kloſter, wo Beatri⸗ — 171— cens muͤtterliche Freundin, die Graͤfin Marche⸗ ſana, ihrer harrte, ſie in ihre Arme zu ſchließen. Caſtruccio war unterdeſſen zuruͤck, zu dem Bi⸗ ſchof geeilt; aber die frohe Kunde war ſchon vor ihm dort angelangt. Der alte Praͤlat fuͤhlte ſich anfangs von allgewaltiger Freude ergriffen, bald aber ward ſein Entzuͤcken durch den Gedanken ge⸗ mildert, daß man den Namen des Ewigen ge⸗ mißbraucht habe, die Menge zu taͤuſchen.„Dieß iſt der gluͤcklichſte, und der beklagenswertheſte Tag meines Lebens!“ ſprach er, zu Caſtruͤccio ge⸗ wandt.— Am Abend ward der Palaſt des Biſchofs mit ſeinen Freunden angefuͤllt, welche, ſeine Theilnah⸗ me fuͤr Beatricen kennend, herbeieilten, ihm zu ihrem Siege, ſich und der ganzen Stadt aber Gluͤck zu wuͤnſchen, daß es dem Ewigen gefallen habe, ſich auf dieſe Weiſe hier zu verherrlichen. Die Schweſter des Praͤlaten und die liebliche Beatrice erſchienen nun auch. Alle Anweſenden draͤngten ſich um die holde Prophetin, und kuͤß⸗ ten ihr Haͤnde und Gewand, woͤhrend ſie Jeder⸗ — 172— mann mit einem freundlichen Laͤcheln begruͤßte. Caſtruccio war einer der eifrigſten ihrer Vereh⸗ rer; nie war ſie ihm ſo ſchoͤn erſchienen; ſie ſchien ihm ein ganz anderes Weſen, mehr begeiſtert, mehr aͤtheriſch, aber um ſo lieblicher. Nachdem ſich die Menge von Beſuchern wieder entfernt hatte, blieben nur noch die wenigen ver⸗ trauten Freunde des Biſchofs zuruͤck. Die Graͤfin Marcheſana nahm jetzt das Wort, und meinte, man muͤſſe ſich unverzuͤglich uͤber die Ruͤckkehr des Marcheſe Obizzo berathen.„Ich ſpreche nur den Willen meines Kindes aus!“ rief ſie; und zu ih⸗ rer holden Gefaͤhrtin gewandt, fuhr ſie fort:„Ver⸗ zeihe mir, heilige Beatrice, daß ich dir noch im⸗ mer dieſen Namen gebe! Es iſt mir ſo ſuͤß, dich Kind zu nennen, bin ich gleich unwuͤrdig, eine ſolche Tochter zu beſitzen, die vom Himmel ab⸗ ſtammt.“ Beatrice kuͤßte ehrfurchtsvoll und dankbar die Hand ihrer muͤtterlichen Freundin; dann ſprach ſie, zu den Anweſenden gewandt:„Ihr edlen Her⸗ ren, die Stunde des Sieges iſt nahe! In vier — 13— Tagen, am Abend des naͤchſtkommenden Mon⸗ tags, werden wir unſeren Fuͤrſten und Herrn wieder in unſerer Mitte ſchauen; und am darauf folgenden Morgen ſchon ſoll ſein Banner von den Mauern dieſer Stadt wehen.“ „Wie Ihr gebietet, ſo ſolls geſchehen!“ rief Caſtruccio lebhaft,„Morgen, mit Tagesanbruch, ehrwuͤrdiger Herr, werde ich Euch demnach ver⸗ laſſen. Euch, heiliges Maͤdchen, werde ich nicht wieder ſchauen, als bis ich Euren Herrn herfuͤhre, ſeine Rechte geltend zu machen. Ich bitte Euch alſo: ſegnet meine Waffen, auf daß ich ſie um ſo kraͤftiger gebrauchen kann, nachdem ſie von einer Gottgeſandten geweihet wurden.“ So ſprechend, knieete Caſtruccio vor der reizen⸗ den Jungfrau nieder, und hinauf ſchaute er zu ihr mit ſeinem feurigen Auge und dem maͤnnlich ſchoͤnen Antlitz. Sie erroͤthete, beruͤhrte mit ih⸗ rer Schwanenhand ſeine rabenſchwarzen Locken, und ſprach:„Gott ſchuͤtze Euch und Eure Sa⸗ che!“— Dann wandte ſie ſich raſch ab, faßte den Arm ihrer aͤlteren Gefaͤhrtin, und verließ die — 174— Halle, von einem neuen, wonnereichen Gefuͤhl bewegt. Der Plan zur Ruͤckkehr des Marcheſe Obizzo ward jetzt entworfen. Am Abend des vierten Au⸗ guſts ſollte er mit ſeiner Schaar vor dem gehei⸗ men Eingange anlangen, und der Marcheſe, nebſt Caſtruccio und einem kleinem Gefolge, in den Pa⸗ laſt der Graͤfin eingelaſſen werden; Galeazzo Vis⸗ conti aber mit Tagesanbruch die uͤbrige Schaar zum Stadtthore fuͤhren, welches der Marcheſe und ſein Gefolge von innen oͤffnen ſollten. Kaum erſtieg am naͤchſten Morgen die S Sonne. in Oſten, als auch ſchon Caſtruccig⸗ das Herß von mannichfachen Gefuͤhlen beſtuͤrmt, auf dem Wege nach Rooigo dahin eilte. Auf der Plattform des graͤflichen Palaſtes aber ſtand die holde Wahrſa⸗ gerin, ihre Blicke emporgerichtet zur Morgen⸗ ſonne, unter deren ſanften Strahlen ſie indeß nicht umhin konnte, nach einem ſtattlichen Rei⸗ ter zu ſchauen, der aus dem Thore von Ferrara dahinſprengte, und ihm nachzuſtarren, bis er zum kleinen, ſchwarzen Punkte ward, und endlich vor ihren Blicken verſchwand. Das Haupt auf ihre Schwanenhand geſtuͤtzt, verſank ſie in tiefes Nachdenken, und hielt irrigerweiſe die Traͤumereien ihrer Jugend und ihrer Liebe fuͤr goͤttliche Ein⸗ gebungen. Die Gefuͤhle ihres Herzens waren ihr durch einen Schleier verhuͤllt, den ſie nicht zu luͤften wuͤnſchte; ſie war ſeltſam bewegt, aber ſie war gluͤcklich; ſo uͤberirrdiſch gluͤcklich, daß ihr nur vor einer Stoͤrung dieſer Seligkeit bangte. Caſtruccio ward von ſeinen Freunden in Rovigo jubelnd empfangen; und kaum hatte er die Kun⸗ de, deren Ueberbringer er war, mitgetheilt, als auch unverzuͤglich Jedermann Hand anlegte, das Werk zu beginnen. Der Abend des vierten Tages brach herein, und die Schaar des Marcheſe Obizzo zog gen Ferrara. Die Graͤfin öͤffnete den geheimen Ein⸗ gang, und herein ſchluͤpften der Marcheſe, Ca⸗ ſtruccio und ihr Gefolge. Schweigend voran⸗ ſchreitend, fuͤhrte darauf die Hausherrin ihre Gaͤſte durch den unterirrdiſchen Gang, uͤber die Gallerieen, bis in das Gemach, in welchem ſich ☛ die Wandthuͤr befand, das unſer Held aber kaum wieder zu erkennen vermochte; denn es war jetzt mit koͤſtlichen ſeidenen Teppichen behaͤngt, mit Blumenguirlanden geſchmuͤckt, und von mehr als hundert Wachskerzen erhellt. Eine Tafel ſtand da, reichlich mit leckeren Speiſen und trefflichem Weine beſetzt, und mehrere Ruhebetten waren angebracht fuͤr Die, welche ſich durch einen kurzen Schlummer zu erquicken wuͤnſchten. Die Graͤfin hieß jetzt den Marcheſe mit vielem Anſtande willkommen.„Ihr werdet es Euch ge⸗ fallen laſſen muͤſſen, hoher Herr,“ ſprach ſie,„hier auf einige Stunden lang als mein Gefangener zu bleiben. Ich habe geſucht, Euren Kerker aus⸗ zuſchmuͤcken, ſo gut es in der Eile geſchehen konn⸗ te, und werde mein Haus gluͤcklich preiſen, daß es dazu beſtimmt ward, meinem Fuͤrſten Obdach zu gewaͤhren.“ Nachdem ihr der Marcheſe gedankt hatte, ent⸗ fernte ſie ſich, um ihrer theueren Beatrice von dem Geſchehenen Kunde zu bringen, und ihr zu berichten, wie ſich Caſtruccio ſogleich bei ihr nach dem Befinden der holden Wahrſagerin erkundigt habe. Aber trotz des prachtvollen Gefaͤngniſſes, ſchwanden dem Fuͤrſten und ſeinem Gefolge den⸗ noch die Stunden nur bleiern dahin, und laut auf jubelten ſie, als ſie das Licht der Sterne in dem Glanze der Morgenſonne erbleichen ſahn. Jetzt vernahmen ſie Pferdegetrampel, denn die Roſſe, welche ihnen der Biſchof ſandte, langten vor dem Thore des Palaſtes an. Der Marcheſe, Caſtruccio, auch ihr Gefolge, beſtiegen ſie, und langſam bewegte ſich nun der Zug durch die Gaſſen Ferrara's hin, waͤhrend ſich ihm immer mehr und mehr Bewohner der Stadt anſchloſſen, welche, ſich einander den Namen des Marcheſe zufluͤſternd, ſtaunend auf die Reiterſchaar blick⸗ ten, die, in einer der vorzuͤglichſten Straßen Fer⸗ rara's angelangt, nun ploͤtzlich ihre Roſſe in Ga⸗ lopp ſetzte, und unter dem lauten Kriegsgeſchrei der Ghibelinen durch die Stadt ſprengte, die Be⸗ wohner derſelben auffordernd, ſich mit ihr zu ver⸗ einen, um die fremden Tyrannen zu verjagen; Caſtruceio. 1. Band. 12 ein Aufruf, dem auch alſobald von allen Seiten Folge geleiſtet ward. Das Geklirr der Waffen, das Getrampel der Roſſe, und das Jubelgeſchrei der Menge ſchreck⸗ ten den paͤbſtlichen Statthalter aus dem Schlafe. Beſtuͤrzt rief er ſeine Mannen zuſammen; aber es war zu ſpaͤt. Der Marcheſe erreichte das Stadt⸗ thor, vertrieh die dort vorhandene Wache, und herein zogen nun Galeazzo und die ganze Schaar, der ſi ſich alle Edelleute Ferrara's anſchloſ⸗ ſen, u und an deren Spitze ſich darauf der Mar⸗ cheſe nach dem Palaſte des Statthalters begab. Die paͤbſtlichen Truppen wollten zwar Widerſtand leiſten, aber ſie wurden zuruͤckgetrieben, und fluͤchteten ſich in das Caſtell Tealdo, wo ſie we⸗ nigſtens keinen augenblicklichen Angriff zu be⸗ fuͤrchten hatten. Obizzo ließ, ſie zu beobachten, eine kleine Schaar zuruͤck, und begab ſich dann in den Palaſt, um die Gluͤckwuͤnſche ſeiner Un⸗ terthanen im Empfang zu nehmen. Freude war jetzt an der Tagesordnung. Man uͤberbrachte dem Fuͤrſten die Schluͤſſel der Stadt, — 179— und errichtete auf dem Marktplatze fuͤr ihn ei⸗ nen prachtvoll geſchmuͤckten Thron, den er beſtieg, und zu deſſen Fuͤßen man, waͤhrend die Krieger voruͤberzogen, die erbeuteten Fahnen niederlegte. Eine Anzahl der vornehmſten Edelleute Ferrara's ward abgeſandt, den Caroccio*) vor den Thron des Fuͤrſten zu bringen. Die paͤbſtlichen Fahnen wurden herabgenommen, und das Banner der Fa⸗ milie Eſte uͤberall wieder aufgepflanzt. Feſtlich⸗ keiten aller Art folgten der erfreulichen Bege⸗ benheit, die faſt ohne Blutvergießen ſtatt gefun⸗ den hatte; denn die meiſten Bewohner Ferrara's waren ihrem rechtmaͤßigen Fuͤrſten ergeben; die wenigen paͤbſtlichen Anhaͤnger aber ſahen voraus, daß ihnen Widerſtand zu nichts nuͤtzen wuͤrde, und verließen entweder die Stadt, oder begaben ſich zu den Fluͤchtlingen in das Caſtell Tealdo. *) Der Caroccio ward im 11ten Jahrhundert einge⸗ fuͤhrt. Es war ein großer Wagen, der roth ange⸗ mahlt, mit vielen Fahnen und dem Banner des Heerfuͤhrers geſchmuͤckt war. Sein Verluſt brach⸗ te große Schande, ſeine Eroberung aber Ruhm und Ehre. 12* 13. So wie das Gefecht voruͤber war, und Caſtruc⸗ cio gewahrte, daß Obizzo nur noch ſeinen friedli⸗ chen Fuͤrſtenpflichten oblag, flog er nach dem Pa⸗ laſte des Biſchofs; denn er war erſtaunt, dieſen nicht unter den Edlen zu gewahren, welche den Thron des Fuͤrſten umgaben. Der Greis war durch Unpaͤßlichkeit verhindert worden, ſich den Uebrigen anzuſchließen; denn die Begebenheiten der letzten Tage hatten ſeinen hinfaͤlligen Koͤrper maͤchtig erſchuͤttert. Unſer Held ward in ein Ge⸗ mach gefuͤhrt, in welchem der Praͤlat auf einem prachtvollen Ruhebette ſchlummerte, waͤhrend ſein Schuͤtzling, die liebliche Beatrice, pflegeſpendend ihm zur Seite ſtand. Als Caſtruccio eintrat, uͤberflog eine hohe Roͤthe ihre Wange, vergebens aber ſuchte ſie die Freude zu verbergen, die ihr ſein Erſcheinen gewaͤhrte. „Es geht beſſer mit ihm!“ fuuͤſterte ſie, Ca⸗ ſtruccios Frage erwiedernd,„Das Fieber hat ihn — 1831— verlaſſen! er ſchlummert ſanft. Da ſchauei nur heh wie er laͤchelt!“ Sie ſprach dieſes leiſe, aber ihr Geſicht war ungemein belebt. Da erwachte der Biſchof.„Bea⸗ trice, mein Kind,“ ſprach er,„ich habe lange ge⸗ ſchlafen, und fuͤhle mich um vieles leichter.“ Jetzt gewahrte er Caſtruccio, und hin trat dieſer nun zu dem Lager, und ausfuͤhrlich berichtete er dem Freunde den gluͤcklichen Erfolg des Unternehmens. So vergingen mehrere Stunden, waͤhrend wel⸗ cher Zeit Caſtruccio bald erzaͤhlte, bald ſtaunend auf die reizende Wahrſagerin ſchauete, welche raſtlos fortfuhr, dem Greiſe die zaͤrtlichſte Sorge zu ſpenden.„Wie ſchoͤn ſie iſt!“ dachte er,„was aber ſoll aus mir werden?“ Seine Augen fielen auf die Silberplatte, welche ihre Stirn ſchmuͤckte. „Ja ſie iſt wirklich eine Ancilla Dei, eine dem Ewigen und der Keuſchheit geweihete Jungfrau? Aber ihre feurigen Augen, ihre gluͤhende Wan⸗ ge, und ihre herrliche Geſtalt gehoͤren keiner Nonne! Ach, Beatrice, wollteſt du dich nur dem Ewigen weihen: haͤtteſt du einen undurchdringli⸗ — 1382— chen Schleier uͤber deine Reize werfen muͤſſen.— Sie iſt aber eine Prophetin— etwas Ueberirrdi⸗ ſches— wo auch nicht der leiſeſte Gedanke—“ Hier begegneten Beatricens Blicke den ſeini⸗ gen. Eine hohe Roͤthe uͤberflog ihre Wangen, und ſich daruͤber beklagend, daß die Silberplatte ihre Stirn druͤcke, loͤſte ſie das Band, und frei wall, ten nun ihre Locken uͤber ihren Schwanenhals hinab. Caſtruccio ſaß da, wie geblendet, und noch lange ſtarrte er ihr nach, als ſie, um den Sturm der Gefuͤhle ihrer Bruſt zu verbergen, bald dar⸗ auf das Zimmer verließ. In ihrem einſamen Gemache angelangt, ſank die Schwaͤrmerin nie⸗ der auf ihre Kniee, und innig flehte ſie zur hei⸗ ligen Jungfrau, ſie zu erleuchten. Dann verſank ſie wieder in ihre Traͤumereien, mit deren Huͤlfe ſie endlich auch ein Gewebe zu Stande brachte, deſſen Faͤden ſie fuͤr himmliſche hielt, waͤhrend ſie im Grunde nur den Schwingen der Liebe entzogen waren. — 185— Am naͤchſten Morgen traf ſie im Gemache des Biſchofs abermals mit unſerem Helden zuſam⸗ men. Jetzt blickte ſie ohne Verlegenheit auf ihn, und haͤtte ihr jungfraͤuliche Schaam nicht die Lip⸗ pen verſchloſſen: ſie waͤre im Stande geweſen, offen und frei die Gefuͤhle zu bekennen, die ihr in ihrer Schwaͤrmerei, wie von obenher geheiligt, erſchienen. Am geſtrigen Tage war ſie ſchuͤchtern und zuruͤckhaltend geweſen; jetzt leuchteten ihre Augen vor Entzuͤcken; unverkennbare Freude thronte auf ihrer Wange, und faſt zaͤrtlich ward ihr Ton, wenn ſie ihre Rede an Caſtruccio rich⸗ tete. Unſer Held erſchrak, denn grade dieſer Ton erinnerte ihn an Euthanaſia's liebevolle Worte, an ſie, die er leider zu lange ſchon ver⸗ geſſen hatte. Wenn er aber dann wieder auf die holde Seherin ſchauete, konnte er nicht umhin, ſich leiſe zuzurufen:„Wie ſchoͤn— wie himmliſch ſchoͤn ſie iſt!“ So vergingen mehrere Tage. Beatrice ward neuerdings verlegen; es ſchien, als ob ſie Caſtruc⸗ cio etwas mitzutheilen habe, und als wage ſie es — 184— nicht, ſich gegen ihn zu erklaͤren. Sie naͤherte ſich ihm, erroͤthete, und zog ſich zuruͤck; verſuchte es noch einmal, ſich ihm zu nahen, aber ebenfalls ohne beſſeren Erfolg. Sie hatte reiflich uͤberlegt, was ſie ſagen wolle; ſo wie ſich aber eine Gelegen⸗ heit darbot, ihm ihr Herz aufzuſchließen, ver⸗ ſagte ihr die Stimme den Dienſt, das Gedaͤcht⸗ niß ward ihr ungetreu, und erſt, wenn das Er⸗ ſcheinen eines Dritten ihrer Verlegenheit einiger⸗ maaßen ein Ende machte, ward das Band ihrer Zunge geloͤſ't, und innig beklagte ſie dann jedes⸗ mahl den unbenutzt dahingeſchwundenen Augen⸗ blick. Abends gab ſie ſich, wie gewoͤhnlich, ihren Traͤumereien hin, und da ſchien es ihr dann im⸗ mer, als zuͤrne der Geiſt von oben, daß ſie zoͤ⸗ gere und nicht vertrauensvoll den Pfad wandele, den er ihr vorgezeichnet habe.„Ja, ja,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt,„Er gebeut es mir, Er dort oben, der mir ſchon ſo oft ſeinen geheimen Willen kund gethan.— Vermag ich ſeine verborgenen Ab⸗ ſichten zu durchſchauen? Was kann ich thun, als ihm gehorchen? Hat er mich nicht ſtets weiſe ge⸗ fuͤhrt? Entging ich nicht noch vor wenigen Ta⸗ gen durch ſeinen wunderbaren Schutz dem ſchmaͤh⸗ lichſten Tode, den verderbenbringenden Anſchlaͤ⸗ gen meiner Feinde? Fort mit jeder anmaaßenden Vernuͤnftelei! Ihm will ich folgen, der mich ſtets geleitet, der mir jetzt den Pfad zum Gluͤcke zeigt.“ So entſchloſſen, ſuchte ſie am naͤchſten Morgen, mit niedergeſenkten Blicken, unſeren Helden auf. „Wo habt Ihr Euer Stirnband?“ fragte, als ſie ſich ihm nahete, Caſtruccio.„Seyd Ihr denn nicht laͤnger die Gott geweihete Jungfrau? Seit mehreren Tagen ſchon habt Ihr Euer Diadem ab⸗ gelegt.“ „Ich habe es aufbewahrt, um es Euch zu uͤber⸗ geben!“ fluͤſterte Beatrice.„Kommt um Mitter⸗ nacht vor den geheimen Eingang, der in den Pa⸗ laſt der Graͤfin fuͤhrt!“— Kaum waren dieſe Worte leiſe ihren Lippen entſchluͤpft, als ſie auch unwillkuͤhrlich von dannen eilte, ihre gluͤhende Wange in der Einſamkeit zu verbergen, und ſich aufs neue in die ſchwaͤrmeriſchen Traͤumereien zu verſenken, die ſie ins Verderben ſtuͤrzten. — 186— Caſtruccio erſchien.— Stand es in der Macht menſchlicher Tugend, der Einladung eines ſo reizenden Maͤdchens zu widerſtehen: war we⸗ nigſtens die unſeres Helden nicht ſtark genug, ei⸗ ner ſolchen Verlockung Trotz zu bieten.— Er erſchien— und ſank in Beatricens, nur zu willig geoͤffnete Arme— die ihm, als erſt die jung⸗ fraͤuliche Schaam beſiegt war, ein Herz voll un⸗ endlicher Zaͤrtlichkeit und Liebe aufſchloß. Er kehrte immer wieder und wieder— und wenn die Nacht ihren Schleier uͤber Ferrara ausgebrei⸗ tet hatte, durchwachte er wonnige Naͤchte, von den Armen der reizenden Beatrice umſchlungen.— Aus dieſem Sinnentaumel ward er zwar dann und wann durch die Aeußerungen der Schwaͤrmerin, daß ſie ihn auf immerdar als den Ihrigen be⸗ trachte, geweckt; dann bebte er zuſammen, und der Gedanke, treulos gehandelt zu haben, durch⸗ zuckte ſeine Seele. Aber er hatte ſich ja durch kein Geluͤbde gebunden— ſie hatte ſich ja unbedingt ihm uͤbergeben.— Dennoch aber erſtieg die Er⸗ innerung an Euthanaſia, an die hochherzige, ihm verlobte Braut mit jeder Stunde maͤchtiger in ſei⸗ ner Seele, waͤhrend ſich die ungluͤckliche, von ih⸗ rer lebhaften Phantaſie irregefuͤhrte Beatrice, der gluͤhendſten Liebe und allen ihren Seeligkeiten hingab, bis ſie aus dieſem entzuͤckenden Traume zur Wirklichkeit und zum Elend erwachte. Unterdeſſen ward zu Ferrara der Friede gaͤnz⸗ lich wieder hergeſtellt. Am 15ten Auguſt ergab ſich das Caſtel Tealdo, und der paͤbſtliche Statt⸗ halter verließ, ſammt der Beſatzung, das Gebiet des Marcheſe von Eſte. Galeazzo Visconti kehr⸗ te nach Mailand zuruͤck; Caſtruccio aber zoͤgerte noch immer. Er wollte fort, er fuͤhlte, daß er als ein Hoͤfling in Obizzo's Gefolge nicht an ſeinem Platze ſey; wie aber konnte er Beatricen verlaſſen? Die leidenſchaftliche Zaͤrtlichkeit, die ſie fuͤr ihn an den Tag legte, war kein voruͤbergehender Rauſch. Kein leiſer Gedanke von Trennung kam in ihre Seele; und ſo ſchloſſen ſich auch immer Caſtruccio's Lippen wieder, wenn er ſie eroͤffnete, der Beklagenswerthen zu verkuͤnden, daß ſie ſchei⸗ den muͤßten. Sie ſchien ſo gluͤcklich; frei von — 188— jeder Beſorgniß, ſchweiften ihre Gedanken freu⸗ dig umher, in dem Gebiet ihrer ſchwaͤrmeriſchen Einbildungskraft, welche ihr das Verhaͤltniß zu unſerem Helden mit jedem Tage immer mehr und mehr, als ein vom Himmel geheiligtes, erſchei⸗ nen ließ; und Caſtruccio ſchauderte, wenn er des Augenblicks gedachte, in dem er dennoch genoͤ⸗ thigt ſeyn werde, ſie zu enttaͤuſchen. Er kam, dieſer furchtbare Moment. Der Schleier fiel— und auf das ſchreckenvollſte, lag nun die Wirk⸗ lichkeit vor den Augen der Ungluͤcklichen da! Sie ſaßen beiſammen, in Beatricens Gemach. Die holde Schwaͤrmerin hatte ihre Arme um den Geliebten geſchlagen, ſie fuͤhlte ſich uͤberſelig. „Der Mond wird morgen erſt ſpaͤter am Himmel verſchwinden;“ fluͤſterte ſie,„du darfſt dich nicht hieher wagen, mein Caſtruccio! Aber ſage mir nun, biſt du denn jetzt ein Buͤrger von Ferrara geworden? Oder willſt du mich mit dir nach Lucca nehmen?“ Caſtruccio vermochte ihren ſanft, aber ernſthaft fragenden Blick nicht zu ertragen. Er wandte — 1839— ſich von ihr ab, und kuͤßte ſchweigend ihre Hand. „Was fehlt dir, du Lieber?“ fuhr Beatrice fort, „Ward dir boͤſe Kunde? Hat man dich abermals verbannt? Unmoͤglich!— der Geiſt haͤtte es mir ja vorhergeſagt;— aber wenn auch— ſey deshalb nicht traurig— deine Beatrice, mit pro⸗ phetiſchem Sinn begabt, wird dich zu groͤßerer Macht fuͤhren, als du je zuvor beſaßeſt.— Bis⸗ her haſt du mir noch ſo wenig von dir— ſelbſt von deinen Hoffnungen, von deinen Wuͤnſchen ge⸗ ſagt!— ich wuͤrde mit ganzer Seele deine Plaͤne umfaſſen.— Wende dich nicht weg von mir!— Weiß ich doch, daß, als mich der Ewige an dich knuͤpfte, mein Schickſal feſtgeſtellt ward.— Mag dir begegnen, was da wolle: ich theile dein Geſchick und bin gluͤcklich!— Jetzt aber ſprich! — ſprich! was hat deinen Sinn getruͤbt?“ „Nichts von Bedeutung, meine ſuͤße Bea⸗ trice,“ entgegnete Caſtruccio,—„laͤngſt aber habe ich mir vorgenommen, es dir zu offenbaren: ich muß— ja, ich muß allein nach Lucca zu⸗ ruͤckkehren!”“ 3 — 190— Beatricens ſchnelle Faſſungsgabe durchſchaue⸗ te ſogleich den furchibaren Sinn dieſer Worte. Sie richtete einen forſchenden Blick auf ihn, ſo als wolle ſie das innerſte Geheimniß ſeiner Seele 3 leſen.— Sie las es.— Sein niedergeſchlage⸗ nes Auge,— feine Beſtuͤrzung— die einzelnen Worte, die er hervorſtammelte, ſagten ihr Alles! — Todtenbleich, mit ſtarren Blicken, ſaß ſie da! Caſtruccio verſuchte, ſie zu beruhigen. „Ich werde dich wiederſehen— meine theuere Beatriee„“ ſprach er,„wir ſcheiden nur auf kurze Zeit.— Deine muͤtterliche Freundin, und den wackeren Biſchof, du darſſt ſie ja nicht verlaſſen! Sey unbeſorgt! wir werden uns wiederſehn.“— „Nie! nie! nimmermehr!“— rief die Ungluͤck⸗ liche, in einem herzzerreißenden Tone, der in Caſtruccio's tiefſte Seele drang. Er ergriff ihre Hand. Sie war kalt, wie Eis, Er wollte ſie an ſeine Lippen druͤcken! Beatrice aber entzog ſie ihm.—„Ich liebe dich! zweifle nicht daran!“ fuhr Caſtruccio fort,„wir werden uns wieder ſehn!— Jetzt nur muͤſſen wir uns trennen; doch 3 3 „ — 191—* nicht auf lange.— Nach wenigen Monden ſchon kehre ich zuruͤck,— und die Freude des Wiederſehens wird den kurzen Schmerz der Trennung reichlich aufwiegen.“— Wie kalt waren dieſe Worte fuͤr das gluͤhende Herz der Seherin, die da glaubte, der Himmel habe Caſtruccio auserwaͤhlt, ihn mit ihr zu ver⸗ einen— der heilige Geiſt habe ihren Bund ge⸗ ſegnet!— Der Wahn war zerſtoͤrt!— ſie er⸗ ſchien ſich jetzt nur noch als ein Spielwerk ſeiner muͤßigen Stunden. Ihr Herz, ihre ganze Seele, Alles, Alles hatte ſie ihm geopfert.— Er hatte nur das Werthloſeſte angenommen, das Uebrige aber in die Winde geſtreuet!— Die Rede des Geliebten brachte ihr demnach Ver⸗ zweiflung, aber keinen Troſt. Schweigend ſchuͤt⸗ telte ſie ihr Haupt. Caſtruccio ſprach wieder und wieder;— viele Worte aber ſind gefaͤhrlich, wo es etwas zu verbergen gilt. Mit jeder Sylbe, welche ſeinen Lippen entſchluͤpfte, ward ihr die furchtbare Wirklichkeit immer mehr und mehr entſchleiert. Sie ſchwieg; aber begierig ſog ſie jedes ſeiner Worte in ſich hinein. Sie wollte das Schlimmſte erfahren, aber ſie wagte nicht, zu fra⸗ gen. Sie glich einer Muter, welche das Todesur⸗ theil ihres kranken Kindes auf der Stirn des Arztes lieſt, aber es dennoch nicht uͤber ſich ge⸗ winnen kann, durch eine Frage ihre letzte Hoff⸗ nung zu zerſtoͤren.— Endlich begann der Tag zu daͤmmern. Sie ſaß noch immer ſtarr und bewe⸗ gungslos da. Caſtruccio raffte ſich zuſammen.„Ich muß jetzt fort, Beatrice:“ rief er,„ſoll man mein Hiriſeyu nicht entdecken! Lebe wohl dann!“ Dieſe Worte ſchreckten ſie aus ihrer Bewußtlo⸗ ſigkeit auf.— Wild ſprang ſie von ihrem Seſſel empor.„Noch nicht— noch nicht!“— ſprach ſie, —„ein einziges Wort nur noch!“— Liebſt du — eine Andere?“ Sie fragte dieß in einem gebietenden Tone— ihre flammenden Augen verlangten die Wahrheit — es ſchien, als ob ſie bereit waͤre, einem Blitz⸗ ſtrahle gleich, den Befragten zu Boden zu ſchmet tern, falls er es wagen wuͤrde, eine Luͤge uͤber A — 193— ſeine Lippen zu bringen. Caſtruccio war gewal⸗ tig ergriffen! er fuͤhlte: er mußte bekennen. „Ja!“ ſtammelte er. „Und wen?“ Euthanaſi ſa!“—— „Genug— genug!“ unterbrach ihn Beatrice, nich will dieſes Namens in meinem Gebete ge⸗ denken.— Jetzt gehe!— Verſuche es nie, hie⸗ her zuruͤckzukehren— du wuͤrdeſt den Eingang verſchloſſen ſinden.— Verſuche es auch nie, mich in dem Hauſe des Biſchofs zu ſehn!— Ich werde deine Naͤhe, gleich der eines Baſilisken, fliehn!— Dich wiederſchauen, waͤre mein Tod!— Bei allen meinen Hoffnungen ſchwoͤre ich es: nim⸗ mer, nimmer will ich dich wiederſehn“— Sie ſank hierauf todtenbleich auf ihren Seſſel, und bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden, als wolle ſie ſchon jetzt ihr Geluͤbde erfuͤllen; Caſtruc⸗ cio aber durfte nicht laͤnger verweilen; er floh von dannen, und verließ Ferrara noch an demſelben Tage. Er fuͤhlte ſich unbeſchreiblich elend; und gleichgiltig gegen den Weg, den er einſchlug, Caſtruccio. 1. Band. 13 — 194— ſuchte er nur die Einſamkeit. Als die Nacht ein⸗ brach, befand er ſich in den wilden Waldungen der Appeninen; hier hielt er ſein Roß an. Ein dichtes Fichtengehoͤlz umgab ihn; die Nacht war feucht und kalt; der Wind heulte durch die Zwei⸗ ge; aber dann und wann wetterleuchtete es am fernen Horizonte, durch die Baͤume zu ihm her, ſo daß er die Gegenſtaͤnde rund um ſich zu er⸗ kennen vermochte. Er warf ſich von ſeinem Ren⸗ ner, und gab ſich dem tiefſten Kummer hin; denn er fuͤhlte, daß er ein Weſen elend gemacht habe, das mit unendlicher Liebe an ihm hing.— Er uͤberhaͤufte ſich mit den bitterſten Vorwuͤrfen. Was aber war jetzt zu beginnen? Zu Beatri⸗ cen zuruͤck zu kehren, ſie zu beſchwoͤren, ſeiner zu vergeſſen— das war ja ſchon geſchehn. Ein fruͤheres Geluͤbde band ihn an Euthanaſia; ſie hatte ihm vertrauet, ſie hatte, außer ihm, Nieman⸗ den auf dieſer Welt.— Beatrice aber hatte nie ein Verſprechen von ihm verlangt,— ihm ſich unbedingt hingegeben.— So ſuchte er endlich, ſeine aufgeregten Gefuͤhle zu beſchwichtigen. „Sie wird mich vergeſſen!“ ſprach er vor ſich hin, „Ihre Seele gleicht dem Ocean, der, vom Sturme gepeitſcht, wild emporſteigt, ſo wie der Wind ſich aber legt, wieder ruhig ſich ebnet.— Sie hat viele Freunde, wird geliebt, angebetet, ihre ſchwaͤrmeriſchen Gewohnheiten werden mich aus ihren Gedanken verdraͤngen, und ſie wird ſich wieder gluͤcklich fuͤlen.— Sie, das Kind der Natur, wird ihren Kummer an irgend einer freundlichen Bruſt ausweinen, und das Lächeln der Freude wird dann wieder auf ihre Wange zuruͤckkehren.“. So legte ſich nach und nach der Sturm in ſei⸗ ner Bruſt, aber er wagte es nicht, jetzt ſchon zu Euthanaſia zuruͤckzukehren. Wie haͤtte er ihren unſchuldsvollen, reinen Blick ertragen koͤnnen? Da fiel es ihm ein, daß er verſprochen hatte, ſeinem alten Bekannten, Benedetto Pepi, einen Beſuch abzuſtatten. Er ſchwang ſich auf ſein Roß, gab ſeinem Renner die Sporen, und ſprengte, ra⸗ ſchen Fluges, auf dem Wege nach Cremona dahin. 13* 14. Es war am Abend des 10ten Septembers, als Caſtruccio bei der, ihm von Pepi bezeichneten Bruͤcke anlangte. Er fand Niemanden dort, als ein altes Weib, welches eifrig ſpann, und mit den gerunzelten Geſicht fuͤr eine der Parzen gehal⸗ ten werden konnte. Sie blickte Caſtruccio ſo for⸗ ſchend und ernſthaft an, daß er ſcherzend fragte, ob ſie ihm etwa ſein Schickſal verkuͤnden wolle? „„Bin ich gleich keine Hexe: weiß ich doch, was Euch herfuͤhrt.“ entgegnete die Alte;„Nennt das Wort, das Euch gegeben: und ich bringe Euch dorthin, wohin Ihr verlangt.“ „Lucca!“ rief unſer Held. „Genug. Folgt mir! Der, der Euch erwartet, wird ſich freuen, Euch allein kommen zu ſehn.“ So ſprechend, fuͤhrte ſie ihn, von der Landſtraße ab, durch mehrere, mit Gebuͤſch dicht bewachſene Nebenwege, auf denen ſich ſein Roß kaum fort⸗ bewegen konnte, bis ſie endlich, nachdem ſie durch — 197— mehrere enge, dunkle Gaſſen Cremona's gekommen waren, in einer Straße anlangten, die von der hohen, ſchwarzen Mauer eines Palaſtes begraͤnzt ward. Hier pochte die Alte an eine niedrige, ſtark mit Eiſen beſchlagene Thuͤr, welche, wie ſich Caſtruccio, nachdem ſie geoͤffnet worden, uͤber⸗ zeugte, an Dicke der Mauer auch nicht um einen Zoll breit nachgab. Es war Pepi's duͤrre Hand, welche den ſchweren Riegel zuruͤckgeſchoben hatte. Die Alte erhielt jetzt Befehl, das Pferd unſeres Helden zur Pforte des Palaſtes zu fuͤhren, wor⸗ auf der Cremoneſer die kleine Thuͤr wieder ſorg⸗ ſam verſchloß, eine bisher verborgen gehaltene Lampe zum Vorſchein brachte, und ſeinen Gaſt eine ſchmale Stiege hinan, durch mehrere Gaͤnge, in die oͤde, aber geriunide Halle ſeines Hauſes fuͤhrte. „Willkommen hier in meinem Palaſte, edler Eaſtruceio!“ ſprach jetzt Pepi;„Ich habe Eurer Ankunft ſehnſuchtsvoll entgegengeharrt. Bevor wir aber weiter reden, muͤßt Ihr Euch erwaͤrmen und erquicken. Kommt mit mir in ein anderes — 198— Gemach! Dort findet Ihr Feuer im Camin, ſo wie Speiſe und Trank; doch, wie geſagt, Ihr muͤßt mit mir vorlieb nehmen! Sparſamkeit iſt mir nun einmal zur anderen Natur geworden, denn nur durch ſie ward ich das, was ich bin.. Er ſprach dieſe letzten Worte in einem faſt tri⸗ umphirenden Tone, ſo daß Caſtruccio, der den Cremoneſer bisher nur fuͤr wenig mehr, als fuͤr einen Narren gehalten hatte, nicht begriff, was er vorhaben koͤnne. In dem Gemach, in das ihn ſein Wirth fuͤhrte, loderte in der That ein helles Feuer, und uͤber demſelben hing ein Keſſel, in dem das Abendeſſen kochte. Pepi breitete Caſtruccio's Mantel uͤber einen alten, hoͤlzernen Seſſel, ſchob fuͤr ſich eine Bank neben das Feuer, und beide Freunde, wenn man ſie anders ſo nen⸗ nen kann, nahmen Platz. Das Zimmer ward weder von einer Kerze, noch von einer Lampe er⸗ leuchtet; die helllodernde Flamme im Camin aber warf einen roͤthlichen Schein auf Benedetto's Antlitz, welches unſer Held mit Neugierde be⸗ trachtete. Pepi's Augenbraunen waren hoch em⸗ — 199— porgezogen, ſeine kleinen, ſtechenden Augen blinz⸗ ten freudig, und ein liſtiges Laͤcheln zeigte ſich um ſeinen Mund. Er warf noch einen maͤchti⸗ gen Holzklotz in die Flammen, dann begann er: „Ich denke, edler Herr, wir thun wohl, gleich zu unſerer Sache zu ſchreiten, denn ſind wir nur erſt uͤber die Bedingungen einig: muͤſſen wir auch unverzuͤglich Hand ans Werk legen. Im ver⸗ gangenen May ſagte ich Euch, wie Ihr Euch erinnern werdet, daß ich den Plan haͤtte, Cre⸗ mona wieder in die Haͤnde der Ghibelinen zu bringen. Dieß zu bewerkſtelligen, ſteht jetzt in meiner Macht. Cane, der Fuͤrſt von Verona, ruͤckt, wie ich weiß, mit einem Heere heran, dieſe Stadt zu belagern. Von mir haͤngt der gluͤckliche oder ungluͤckliche Erfolg ſeines Unternehmens ab. Willigt er nicht in meine Bedingungen: ſchlaͤgt ſein Unternehmen fehl, denn ich kann mit Recht ſagen, Cremona's Schluͤſſel ſind in meinen Haͤn⸗ den.— Haͤtte ich, als wir uns zuletzt ſprachen, von des Veroneſers Vorhaben etwas gewußt: ich haͤtte Euch ganz aus dem Spiele laſſen koͤnnen; — 200— aber die Rolle eines Vermittlers iſt auch nicht zu verachten; und ſo hoffe ich, daß Ihr freundlich das Wort fuͤr mich fuͤhren werdet.“ Pepi ſchwieg mit einem fragenden Blick; Ca⸗ ſtruccio aber bat ihn, fortzufahren, und ihm zu ſagen, welche Bedingungen er zu machen ge⸗ denke. „Meine Forderungen ſind leicht zu bewilligen,“ entgegnete Pepi.„Ohne Zweifel hat der Verone⸗ ſer keine andere Abſicht, als Cremona den Haͤn⸗ den der Guelphen zu entreißen, und es der Sorge irgend eines zuverlaͤßigen Ghibelinen anzuver⸗ trauen. So moͤge er mich dann zum Fuͤrſten dieſer Stadt ernennen! Macht er ſich hiezu anheiſchig: uͤbernehm' ich es, ſie ihm in die Haͤnde zu ſpielen. Auch will ich mich verpflichten, ihm in Krieges⸗ zeiten mit bewaffneten Mannen beizuſtehn, waͤh⸗ rend des Friedens aber gebuͤhrenden Tribut zu zahlen. Wie geſagt, nimmt er meinen Vorſchlag an: braucht er ſeine Krieger nur vor das Stadt⸗ thor zu fuͤhren, und es ſoll ſich ihm oͤffnen, ohne daß es ihn nur einen Blutstropfen koſtet.“ Caſtruccio horchte dieſer Worte mit unbeſchreib⸗ barem Erſtaunen. Er blickte in das hinterliſtige, haͤßliche Antlitz des Sprechers, gedachte ſeines plumpen, unbeholfenen Benehmens und ſeiner oft geaͤußerten, niedrigen Grundſaͤtze, und Verach⸗ tung und Widerwille gegen den Cremoneſer ſtiegen auf in ſeiner Bruſt. Bedenkend indeß, daß es gerathen ſeyn moͤchte, den ganzen Zuſammenhang von Pepi's Plan zu erforſchen, bemuͤhte er ſich, die Gefuͤhle ſeines Innern zu verbergen, und fragte daher nach einer Pauſe:„Und wo ſind die Schluͤſſel der Stadt, die Ihr Euch ruͤhmt in Be⸗ ſitz zu haben?“ „Wollt Ihr ſie ſehen?“ rief Pepi in einem triumphirenden Tone, indem er von der Bank emporſprang,„Kommt! folgt mir! Ihr ſollt Euch mit Euren eigenen Augen uͤberzeugen.“— Er rief die Alte, welche Caſtruccio zu ihm ge⸗ fuͤhrt hatte, und gebot ihr, nach dem Abendeſſen zu ſehen. Dann nahm er ihr die Lampe aus der Hand, und ſchritt, nachdem er zuvor die Wand⸗ thuͤr ſorgfaͤltig hinter ſich verſchloſſen hatte, von — 202— Caſtruccio begleitet, die ſchmale Wendelſtiege hin⸗ an, auf der unſer Held vormals, von ihm ge⸗ gefuͤhrt, hinauf zu dem Thurme gelangte. Als ſie ungefaͤhr die Mitte der Treppe erreicht hatten, blieb er ſtehen, und oͤffnete ein verborgenes Pfoͤrt⸗ chen in der Mauer, ſchritt hindurch, verſchloß es ſorgfaͤltig, und kam mit unſerem Helden nun uͤber eine dunkle Gallerie an eine lange, ſchmale Stiege, welche, wie es ſchien, in ein unterirdi⸗ ſches Gewoͤlbe des Palaſtes fuͤhrte. Bevor Ca⸗ ſtruccio hinabſtieg, hemmte er einen Augenblick lang ſeine Schritte, uͤberlegend, ob es auch ge⸗ rathen ſey, ſich ſeinem Fuͤhrer ſo unbedingt anzu⸗ vertrauen; als er aber bedachte, daß ſie Beide nur Mann gegen Mann ſtanden, daß er jung und kraͤftig, Pepi aber alt und ſchwach ſey, folgte er dem Cremoneſer die Treppe hinab. Es ſchien, als ob dieſe nimmer enden wolle; endlich aber langten ſie in einem dunkelen Keller an, wo Ca⸗ ſtruccio in einem Winkel zwei gewaltige, ziſetn⸗ Kiſten erblickte. „Dort,“ rief Pepi, auf ſie hindeutend,„dort liegen die Schluͤſſel der Stadt.“ „Wo?“ fragte Caſtruccio lebhaft;„Ich ſehe nichts.“ Poepi ſchwieg; mit einem triumphirenden Grin⸗ ſen aber zog er zwei Schluͤſſel aus ſeinem Wamms hervor, knieete nieder, und oͤffnete beide Kiſten; ſie waren mit Pergamentrollen angefuͤll. „Was ſollen dieſe Poſſen?“ zuͤrnte unſer Held, „Was haben dieſe ſtaubigen Pergamentrollen mit den Schluͤſſeln der Stadt gemein?“ Pepi rieb ſich freudig die Haͤnde.„Sie ſind nicht ſtaubig, nicht alt,“ rief er,„ſondern friſch gefer⸗ tigt, und gehoͤrig unterzeichnet und beſiegelt. Da leſ't nur! leſ't!“. Caſtruccio nahm eine der Rollen, und fand, daß es eine Schuldverſchreibung war, durch weelche ſich der Unterzeichnete verpflichtet hatte, an einem gewiſſen Tage ein Darlehn von 10,000 Stuͤck Dukaten zuruͤckzuzahlen, oder, im Nicht⸗ zahlungsfall, den Werth von 15,000 Dukaten, — 20¼— einzubuͤßen, fuͤr welche die Guͤter eines edlen Cre⸗ moneſer Grafen zur Sicherheit dienten. „Das ſind ja nichts, als Schuldſcheine mit Wu⸗ cherzinſen!“ rief Caſtruccio, veraͤchtlich die Rolle zu Boden werfend. 3 „Ganz recht!“ erwiderte Pepi, das Dokument ſorgfaͤltig wieder aufhebend;„Schuldſcheine ſinds, zugleich aber auch die Schluͤſſel der Stadt. Alle Edelleute ſind mir verſchuldet, ihre Guͤter faſt ſaͤmmtlich mein Eigenthum. Viele Termine ſind bereits verſtrichen; ein Wink von mir: und die Schuldner muͤſſen von Hab' und Gut.— Als die deutſchen Truppen die Stadt verließen, ſtroͤm⸗ ten die zu Bettlern gewordenen Guelphen in mein Haus. Da hieß es dann:„Herr Benedetto Pepi, helft! helft! man hat uns alles genommen! mein Palaſt liegt in Ruinen— Betten, Waͤſche, Klei⸗ der, Alles hat man uns geraubt! Alles, Alles! — Ohne Eure Huͤlfe muͤſſen wir verhungern.“ „Ey, ich bin ja mit Freuden bereit, zu dienen.“ war meine Antwort,„Hier iſt Pergament! un⸗ terzeichnet! da iſt Gold, Eurer Noth abzuhel⸗ fen.“— Ich hatte nehmlich zuvor alle meine Ausſtaͤnde eingetrieben, und mehrere Kiſten mit Goldſtuͤcken in Bereitſchaft. Sie laſen, jammer⸗ ten uͤber die hohen Zinſen; aber ſie brauchten Geld, mußten unterzeichnen, und ſo ſind ſie jetzt alle mein, mit Leib und Seele!— Auch Cane, der Veroneſer, iſt mein Schuldner. Hier iſt ſeine Verſchreibung uͤber zehntauſend Goldgulden. Aber, ſeht, ich will ſie mit eigener Hand verbren⸗ nen: macht er mich zum Fuͤrſten von Cremona.“ Caſtruccio, der ſeinen Unmuth und ſeine Ver⸗ achtung bisher nur mit Gewalt zuruͤckzuhalten vermochte, konnte jene Gefuͤhle nun nicht laͤnger zuͤgeln.„Gemeiner, elender Wucherer!“ ſchalt er mit donnernder Stimme;„Wage es nicht, noch einmal das Wort auszuſprechen! Du! Fuͤrſt von Cremona? Dul ein Betruͤger! ein Blutſauger!— Mit all' den Pergamentrollen da, biſt du nicht im Stande, dir einen einzigen Tropfen edlen Blutes zu erkaufen.— Glaubſt du, die Maͤn⸗ ner waͤren aus Stroh geſchaffen, daß du ſie mit papiernen Ketten zu feſſeln gedenkſt? Haben ſie — 206— nicht Schwerdter? Zittre, elender Wurm, wagſt du es, dich aus dem Staube zu erheben, in dem du zu kriechen beſtimmt wardſt! Unterfaͤngſt du dich, frei deine Blicke zu dem Hoͤheren zu erheben, ſoll dir mein Schwerdt den dir Sebühtenden Kreis bezeichnen!“ Pepi ſchaͤumte faſt vor Wuth. Sein Mund ver⸗ zog ſich zu einem widerwaͤrtigen, boshaften Laͤ⸗ cheln. Er entgegnete:„Denkt daran, daß Ihr Euch in meinem Palaſt befindet! daß kein Sterblicher von dieſen Gewoͤlben Kunde hat und daß ich allein die Schluͤſſel davon beſitze!“ „Elender! du wagſt es, zu drohen?“ rief Ca⸗ ſtruccio, den Wucherer, der mit der Hand in die Bruſt fuhr, und ſich hinter unſeren Helden zu ſchleichen verſuchte, mit kraͤftiger Fauſt bei der Gurgel faſſend. Pepi's Glieder bebten, und der bereits gezuͤckte Dolch entſank ſeiner Eraftlo ſen Hand. „Fuͤrchtet nichts von mir!“ ſprach Caſtruccio in einem ſtolzen Tone,„Ich kam als Freund zu Euch. Wolltet Ihr gleich ſchlecht an mir handeln, ſchnell als moͤglich zu verlaſſen.“ — 207— will ich Euch dennoch nicht mit gleicher Muͤnze bezahlen. Ich verſprach, Euer Geheimniß nicht zu verrathen, und ich will Wort halten. Aber nehmt Euch in Acht! Wagt Ihr es fuͤrder, auf dieſe oder auf andere Weiſe, Eure Landsleute zu bedruͤcken: ſollt Ihr mich kennen lernen! Her mit den Schluͤſſeln zu dieſen Maulwurfsgaͤngen! und voran! mir den Weg gezeigt!“ Zitternd und bleich, wie der Tod, reichte Pepi ihm die Schluͤſſel hin; dann richtete er noch einen ſchmerzlichen Blick auf ſeine lieben Kiſten, und ooran ſchwankte er, von unſerem Helden begleitet, welcher die Lampe in ſeiner Hand trug, und nach dem er ſich oft ſcheu umſah; denn in ſeinem argli⸗ ſtigen, feigen Sinn fuͤrchtete er, Caſtruccio moͤchte ihn hinterruͤcks niederſtoßen. Oben angelangt, wollte Pepi ſeinen Gaſt wie⸗ der zuͤruͤck in die Halle fuͤhren; Caſtruccio aber weigerte ſich, ihm zu folgen.“ Bringt mich auf dem kuͤrzeſten Wege zur Pforte!“ gebot er,„Mich verlangt danach, Eure hoͤlliſche Wohnung ſo — 208— „Euer Mantel liegt ja noch in der Halle;“ be⸗ merkte der Wucherer.„Er ſey Euch geſchenkt!“ entgegnete Caſtruceio,„Huͤllt Eure hinfaͤlligen Gebeine hinein, und erinnert Euch, wenn Ihr ihn um Euch ſchlagt, daß ich der Mann bin, mein Wort zu halten.“ So ſprechend, ſchwang ſich unſer Held auf ſein Roß, und ritt zur Pforte hinaus, jetzt ſich erſt wieder froh ſnhhend, als 4 3 die friſche Luft einhauchte. Er ſoll es mir bezahlen!“ murmelte Pee die Pforee verſchließend, hinter ihm drein,„Er ſoll es mir bezahlen, ſo wahr ich Benedetto der Reiche genandt werde! Ich ilt meine Schlinge ſo unſilich legen, daß er— er ſelbſt— gezwun⸗ gen ſeyn ſn. mich zum Fuͤrſten von Cremona zu machenn Dieſe Worte ſollten indeß nicht in Erfüllung gehen. Zehn Tage nach dieſer Zuſammenkunft, er⸗ ſchien Cane della Scala vor Cremona, es zu be⸗ lagern. Nachdem er aber, mehrere Wochen lang, fruchtloſe Verſuche gemacht hatte, die Stadt einzu⸗ nehmen, ndthigten ihn Unruhen, die in Verona — 209— ausgebrochen waren, ſich zuruͤckzuziehen. Ob Pepi von den Drohungen Caſtruccio's einge⸗ ſchuͤchtert war, oder ob er von dem Veroneſer eine gleiche Zuruͤckweiſung ſeiner Vorſchlaͤge befuͤrch⸗ tete, genug, er machte dieſes mal keinen Verſuch, mit dem Letzteren in Unterhandlung zu treten. . Im Maymonat des naͤchſten Jahres aber er⸗ hielt Cane, in ſeinem Palaſte, zu Verona, einen Beſuch des Wuchrers, welcher, vorſichtiger ge⸗ macht, der in Haͤnden habenden Schuldſcheine nicht erwaͤhnte, ſondern nur den Einſluß pries, den er in Cremona beſitze, gelobend, er wolle dem Veroneſer die Stadt uͤberliefern, falls dieſer ſich anheiſchig mache, ihn als Oberhaupt derſelben anzuerkennen. Cane nahm den Vorſchlag an, und Pepi kehrte voll ſtolzer Hoffnungen zuruͤck, um ſich zu ſeinem neuen Ehrenamte anzuſchicken. Sein erſtes Geſchaͤft beſtand nun darin, alle Edelleute Cremona's auf einmal, wegen der Be⸗ zahlung der ihm ſchuldigen Summen, anzugehn, wodurch in der Stadt zwar große Verwirrung entſtand, keineswegs aber der, von dem Wuch⸗ Caſtruceio, 1. Band. 14 — 210— rer gehoffte, Erfolg herbeigefuͤhrt wurde. Die Edelleute beſannen ſich, daß ſie Arme und Schwerdter hatten, und daß, da ſie nur einem und demſelben Glaͤubiger ſchuldig waren, der Tod Pepi's ſie ſämmtlich von der druͤckenden Laſt be⸗ freien koͤnne. Sie gaben demnach zwar ſcheinbar ſeinen Antraͤgen Gehoͤr— eines Morgens aber fand man Pepi auf ſeinem Lager ermordet. Der Dolch eines von ihm hart Grängtenchund ners, hatte ſeinem Wucherleben ein Ende ge⸗ macht. Das Volk, von ſeinem Verrathe unter⸗ richtet, ſtuͤrmte ſeinen Palaſt; die unterirdiſchen Gewoͤlbe aber wurden nicht entdeckt, und ſo blie⸗ ben die Schuldſcheine vieler Eölen Sremones he immer kebehtaben. 3 8 Ga nach Wedeeltſe mg d des Marcheſe von Eſte in die Regierung von Ferrara, kehrte Ga⸗ 8 — 211— leazzo Visconti, wie wir bereits erzaͤhlt haben, nach Mailand zuruͤck; bald darauf aber unter⸗ nahm er eine Reiſe nach Florenz. Er gab vor, er habe zur Abſicht, dort der Vermaͤhlungsfeier eines ſeiner juͤngeren Bruͤder beizuwohnen; ei⸗ gentlich aber hatte er einen anderen Beweggrund. Er hatte von der Liebe Caſtruccio's zu der Graͤfin von Valperga gehoͤrt; dieſe war ihm als eifrige Anhaͤngerin der Guelphen bekannt; und ſo be⸗ ſchloß er, von jeher der Letzteren bitterſter Feind, alle moͤglichen Kunſtgriffe anzuwenden, die Ver⸗ bindung der beiden Liebenden zu verhindern.— So allein hoffte er, unſeren Helden zu vermoͤgen, aufs neue gegen Florenz feindlich aufzutreten, und ihm zur Erreichung ſeines Lieblingszwecks: der gaͤnzlichen Wertilgung der Ghuelphem, behuͤlflich zu ſeyn. 5 Die Braut ſeines Bruders, des jungen Azzo Visconti, war mit Euthanaſia nahe verwandt, aber ihre Familie hatte ſich laͤngſt ſchon zu den Ghibelinen hingeneigt, und war mit dieſen ver⸗ bannt worden. 14* . Als der junge Abizzo jetzt von Mailand an⸗ kam, begab ſich Fiammetta, ſo nannte ſich ſeine Geliebte, nach dem Palaſte Euthanaſia's, denn von ihr, als von dem Oberhaupte der Familie, mußte die Braut abgefordert werden; und ſo thoffte Gaͤlleazzd, daß er Gelegenheit haben werde, den argliſtigen Plan, den er dütthdefen hän Ausfuͤhrung zu bringen. odien 129 1122 Die erlauchten Gaͤſte wütden zu Florenz mit großer Ehrerbietung empfangen! Ein Palaſt ward ihnen zu ihrer Wohnung angewieſen. Einige Edelleute wurden ernannt, ihnen die Merkwuͤr⸗ digkeiten der Stadt zu zeigen von denen den Hetr⸗ ſcher von Mailand nichts ſo ſehr anzog, als die Hoͤhlen der zahlteichen Loͤwen und Lowinnen, die jener Zeft auf Koſten der Republik erhalten atden Es waren hier gegen Hundert dieſer Thiere vorhaͤnden, welche, von dem Aberglauben 31 geyflegtz ein gar geinaͤchliches Leben fuͤhrten, denn die Florentitter waren uberzeugt, das Wohl der doͤwen und das ihres Staats ſey age Mit ein⸗ ander verbunden.. 8 Wenn Galeazzo und Abizzo dieſe und andere Seltenheiten in Augenſchein nahmen, wurden ſie ſtets von vielen Rittern und Frauen begleitet, un⸗ ter welchen Letzteren ſich dann auch gewoͤhnlich Euthanaſia und Fiammetta befanden, ſo daß der Mallaͤnder hinlaͤngliche Gelegenheit hatte, ſich uͤber den Character und die Grundſaͤtze der Erſte⸗ ren volle Gewißheit zu verſchaffen, und ſich zu uͤberzeugen, daß der Friede, den Caſtruecio mit Florenz geſchloſſen, und den er, Galeazzo, als eifriger Ghibeline, nie gebilligt hatte, ein Werk ader Geliebten unſeres Helden ſey. Er beſchloß demnach, zur Ausfuͤhrung ſeines Plans zu ſchrei⸗ ſten.„Edle Graͤfin,“ begann er eines Tages, als er, bei dem Beſuch eines merkwuͤrdigen Genb⸗ „gewoͤlbes, mit ihr hinter der uͤhrigen Geſellſchaft etwas zuruͤckgeblieben war,„laͤngſt ſchon habe ich mir die Gelegenheit, die ſich jetzt mir darbeut, ge⸗ wuͤnſcht, Euch mit mir bekannter zu machen. Als Caſtruccio's Freund, hoſfe ich, auch An⸗ ſpruch auf einen Theil Eurer Freundſchaft zu haben.“ — 214— Euthanaſia erwiederte dieſe Rede mit gleicher Zaflichkeit, und Galeazzo fuhr fort;„Da ich an der Spitze der Ghibelinen in der Lombardei ſtehe, iſt es kein Wunder, daß zwiſchen Caſtruccio und mir ein ungemein vertrauliches Verhaͤltniß ſtatt findet; denn wir haben nur ein und daſſelbe In⸗ tereſſe. Kann ich, durch die Verbindung: mit ihm, meine Herrſchaft im noͤrdlichen Italien noch wei⸗ ter ausbreiten: wird ihm dagegen hoffentlich mein Einfluß behuͤlflich ſeyn, ſeine Anſchlaͤge auf dieſe Stadt in Ausfuͤhrung zu bringen.“ „Seine Anſchlaͤge auf dieſe Stadt?“ wieder⸗ holte Euthanaſi⸗ ĩg. „Allerdings!“ nahm Seemmat muicder das Wort,„Er naͤhrt die Hoffnung, dieſes Neſt voll Republikaner zu zerſtoͤren, und ſich zum Fuͤrſten oder kaiſerlichen Statthalter von Toskana zu er⸗ heben.— Aber weshalb auch zu Euch von dieſer ſeiner Abſicht ſprechen? Ohne Zweifel ſeyd Ihr mit derſelben beſſer, als ich ſelbſt, bekannt. Au es vielleicht gefaͤhrlich, ſich uͤber ſolche D wenn auch nur fuͤſternd, zu unterhalten. könnten von dehend a einem Guelphen behorcht wer⸗ den. „Wahrlich, edler en hete n Ihr verſteht Euch aufs Rathen!“ verſetzte Euthanaſia mit einem La⸗ cheln.„Ich habe allerdings vernommen, was Ihr geſprochen, und ich bin eine Anhaͤngerin det Guelphen.“ „Unmoͤglich! Ihr ſeyd ja Caſtruccio's Braut!⸗ rief Galeazzo mit erkuͤnſteltem Erſtaunen. „Die bin ich!“ entgegnete die Graͤfin von Val⸗ perga,„aber ich bin auch Florentinerin. Es kann mir daher keineswegs angenehm ſeyn, zu hoͤren, daß mein Geliebter feindſelige Anſchlaͤge gegen meine Vaterſtadt im Sinne fuͤhrt. Ich hoffe in⸗ deß, daß Ihr Euch in dieſer Ruͤckſicht taͤuſcht; doch ſprecht, was wißt Ihr von ſeinen Planen: bindet anders nicht ein Geluͤbde Eure Zunge.“ „Caſtruccio, edle Graͤfin,“ verſetzte der ſchlaue Mallaͤnder,„beehrt mich mit ſeiner Freundſchaft: es hieße, treulos an derſelben handeln, wollte ich ſeine Plane verrathen. Als Einiges davon mei⸗ nen Lippen entſchluͤpfte, glaubte ich, zu Jemand — 216— zu peden, der um ſeine Abſichten wuͤßte. Habe ich unvorſichtig etwas ausgeplaudert: hoffe ich von Eurer Guͤte, Ihr werdet meine Worte als ticht ausgeſprochen betrachten.. Euthanaſia ſchwieg. Ihre Gefuͤhle woreg zu euſtragt als daß ſie uͤber ihr augenblickliches Benehmen einen Entſchluß haͤtte faſſen koͤnnen. Sie hatte feſt auf Caſtruecio's Verſprechen, den Frieden aufrecht halten zu wollen, gebauet, und unendlicher Schmerz zerriß ihre Seele, wenn ſie auch nur an die Moͤglichkeit dachte, daß er ſich einer Falſchheit gegen ſie ſchuldig gemacht haben könne. Am Abend des naͤchſten Tages erſchien Galeazzo in ihrem Palaſte, und berichtete ihr, daß ihm ein Bote ein Schreiben von Caſtruccio aus Ferrara uͤberbracht habe, worin ſein Freund ſich uͤber ſein langes Verweilen in jener Stadt eentſchuldige, und von ſeiner haldigen Ruͤckkehr ſpraͤche.„Ich werde Euch indeß, ſo ſchreibt er,“ fuhr Galeazzo fort,„wohl ſchwerlich noch in der oͤwenhoͤhle finden, denn Ihr werdet ohne Zwei⸗ ffel ſchon wieder fort ſeyn 1 wenn ich dort eintreffe. — — 6—— Waͤre es nicht einer koſtbaren Perle nde welche die wilden Beſtien mir dufbewähren: wuͤrde ihre Hoͤhlen nicht anders betreren, Dals um ſet in Ketten zu legen.“ aſsans Dieſe Worte gaben der armen Sthansß ſia voͤl⸗ 8— Gewißheit. Schweigend reichte ſie das Schrei⸗ ben zuruͤck, aber unendlicher Schmerz ſprach aus ellen ihren Zuͤgen. Sie erinnerte ſich des Geluͤb⸗ des: nimmer dem Feinde ihrer Geburtsſtadt ihre Hand zu reichen; und ſie war entſchloſſen, ihren Schwur zu halten. Ihr dießmaliger Aufenthalt in Florenz hatte ihr dieſe Stadt noch theurer ge⸗ macht. Sie hatte laͤnger, als gewohnlich, verweilt, unde viele ihrer alten Freundſchaftsbuͤnduiſſe er⸗ Meuert; konnte ſie ihr Schickſal an das eines Mannes knüͤpfen, der zur Abſicht hatte, das zu vertilgen, was ſie liebte? Nimmermehr! Ihr „Entſchluß ſtund feſt; und die Starke ährer Seele erechtigte ſ ſief zu Wnaben, daß ſie dühs Oofe⸗ brin⸗ e werde. 49 Bald darauf kehrte Galeazzo mit dejungen Fheane nach Mailand zuruͤck; und jetzt traf die — 218— Nachricht ein, daß Caſtruccio in einigen Tagen in Florenz anlangen werde. Euthanaſia bebte zuſammen, als ihr dieſe Kunde ward.— Noch vor kurzem hatte ſie ſeine Ruͤckkehr ſehnſuchtsvoll ge⸗ wuͤnſcht, denn noch immer hoffte ſie, er koͤnne den, bei ihr rege gewordenen, Argwohn entkraͤften; jetzt aber, nach ſeinem letzten Schreiben an Ga⸗ leazzo, ſchien es ihr, als ob ſein Erſcheinen ihr den Tod bringen muͤſſe. Die Gefuͤhle, mit de⸗ nen ſie von Florenz nach Valperga zuruͤckkehrte, vermoͤgen wir nicht, zu beſchreiben. Es war jetzt Herbſt geworden, und das Schwer⸗ muͤthige der Jahreszeit vermehrte Euthanaſia's traurige Gemuͤthsſtimmung. Hinausſtarrend in die entſchlummernde Natur, ſtand ſie eines Abends in ihrem Erkerfenſter; da vernahm ſie ploͤtzlich Hufſchlaͤge den Berg heran; die Zug⸗ bruͤcke ſank, ein Reiter ſprengte heruͤber, ſchwang ſich vom Roß, ſlog die Stiege hinauf— und Ca⸗ ſtruccio, der langerſehnte, jetzt gefuͤrchtete Ca⸗ ſtruecio, ſtand vor ihr.— So wie Euthanaſia's Augen den Geliebten erblickten, waren alle ihre ———— Vorſaͤtze auf einen Augenblick lang— aber auch nur auf einen Augenblick lang— vergeſſen; denn nachdem ſie ſich mit dem Ausrufe:„Caſtruccio! theurer, theurer Freund!“ in ſeine Arme geſtuͤrzt, und ihn innig an ihr laut pochendes Herz gedruͤckt hatte, wand ſie ſich heftig von ihm los, und Thraͤnen rollten uͤber ihre Wange hinab. „Was fehlt dir, Euthanaſi ſa?“ fragte Caſtruc⸗ cio erſtaunt. „Ich vermag ſest deine Frage Mühten beant⸗ worten!“ entgegnete Euthanaſia mit bebender Stimme,„morgen, morgen.“ „Nein] jetzt gleich! jetzt oder nie!“ rief Caſtrue⸗ tio lebhaft, Erklaͤre dich! Deine Geſinnungen blie⸗ ben doch dieſelben? Du gehoͤrſt mir doch an?“ „Ja,“ antwortete die Florentinerin in einem feſteren Tone,„ich gehoͤre dir an, wenn du dir anders ſelbſt noch angehoͤrſt.“— „Was ſoll das heißen?“ fragte Caſtruccio; „Weſſen klagſt Du mich an? Duſprichſt in Naͤth⸗ ſeln!“— Euthanaſia ſchwieg eine Weile, und ſuchte Faf⸗ ſung zu gewinnen; dann ſprach ſie:„Caſtruccio, du kennſt mein Herz! es iſt von Liebe fuͤr dich er⸗ fuͤllt.— Aber ich habe auch noch andere Pflichten; und die ſind mir heilig.— Ich bin eine Floren⸗ tinerin! Florenz iſt meine Geburtsſtadt!— Nie, nie werde ich verraͤtheriſch an ihr handeln!“ „Nun— und—“ „Hegſt du nicht feindliche Anſchlaͤge gegen Flo⸗ renz?“ fuhr Euthanaſia mit ſteigender Lebhaftig⸗ keit fort,—„Willſt du nicht Krieg und Verder⸗ — dann ſoll deine Antwort auf meine Frage uͤber unſer Schickſal entſcheiden.“ „Gute Nacht dann, Euthanaſia!“ entgegnete Caſtruccio unmuthig,„Du opferſt mich einer Sei⸗ fenblaſe, dem Schatten einer Seifenblaſe auf!— Ich werde deiner morgenden Entſcheidung ſo ge⸗ duldig, als moͤglich, entgegenharren.“ ben uͤber ſeine friedlichen Bewohner bringen?— Du wendeſt dich ungeduldig von mir— verlaß mich jetzt!— Morgen werde ich dich wiederſehn — 221— Er ging, und uͤberließ ſie ihren Zweifeln und Beſorgniſſen. Ihre Seelenſtaͤrke aber hielt ſie auf⸗ recht, und half ihr den Kampf ihrer Pflicht ge⸗ gen die Gefuͤhle ihres Herzens beſtehen. Ende des erſten Bandes. gedruckt in der Ruffſchen Buchdruckerei. ——x———— 8 ſſſſnnſſnſ ſiſnſinſſnſnſ mmtil. 8 9 10 11 5 1 2 13 14 1 6 17 1. 1