deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 8 von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 1 Pfs dndilnuds d dhneſte... 2 3 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.—. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 9, für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„—„ 3„=„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Abend ſank herab, in der ganzen Schön⸗ heit eines griechiſchen Himmels und die Sonne ſchien in ihrem Laufe zu zögern, als ſie mit ihren letzten Strahlen das prachtvolle Athen beleuchtete. Das Geräuſch des täglichen Le⸗ bens legte ſich nach und nach, Alles folgte der Aufforderung zur Ruhe, und die vor Kurzem mit Menſchen angefüllten Gaſſen wa⸗ ren leer und verödet. Nur hie und da ver⸗ nahm man den Geſang des Seemannes, der ſein Tagewerk auf morgen vorbereitete, oder ddie ſanften Töne eines Verliebten. Aber auch — — — dieſe verklangen endlich und als die Dunkel⸗ heit völlig hereingebrochen war, hatte die Natur ihr volles Recht in Beſitz genommen, 1 und man hörte jetzt nichts mehr, als das Schlagen der Wellen gegen das Athenienſtſche Ufer. Furcht und Hoffnung, die Pläne des Ehrgeizes und die heiße Begierde nach Ruhm ſchlummerten für den Augenblick und die ſonſt ſo unruhige Stadt war ruhig. Hätte man aber in das Innere der Wohnungen ſchauen können, man hätte ohne Zweifel manches wache Ange, manche ſtürmiſch bewegte Bruſt entdeckt; doch die Stadt ſelbſt, mit ihren prächtigen Denkmählern, ihren Tempeln, die⸗ ſen Monumenten des Geſchmacks und der Frömmigkeit, ihrer ſtarken Citadelle, und ih⸗ ren langen Straßen, welche ſich durch faſt unabſehbare Reihen herrlicher Gebäude da⸗ hindehnten, lag in ihrer ganzen nächtlichen Prackt da. Mit welchen Gefühlen mag wohl der Fremde dieſe Herrlichkeiten betrachtet ha⸗ ben, wenn ſein Auge ſie zum erſtenmal er⸗ ſchaute, wie aber vermöchten wir die Em⸗ pfindungen deſſen zu beſchreiben, welcher dieſe Stadt nach langer Abweſenheit wieder be⸗ ——— — — — 3 trat, um ſie auf immerdar zu verlaſſen? Dies war das Schickſal des Reuters, welcher ſein Roß in eins der Thore von Athen hin⸗ einlenkte. Der Zuſtand des Thieres beurkun⸗ dete die Eile ſeines Herrn und die ängſtliche Unruhe, mit der er ſich durch die Gaſſen da⸗ hin bewegte, zeugte, daß wenn Athen auch ſeine Geburtsſtadt war, es dennoch aufgehört hatte, ſeine Heimath zu ſeyn. Er war be⸗ waffnet und vom Kopfe bis zum Fuße ge⸗ rüſtet; weshalb aber trug mitten im Frieden er allein dieſe kriegeriſchen Zeichen? Und weshalb dieſe Haſt, dieſe umherſpähenden Blicke, dieſe lauſchende Wachſamkeit? Dies zu unterſuchen, iſt nicht der Zweck dieſer Geſchichte; wir wollen weder ſeine Blicke noch ſein ſchuldbelaſtetes Leben entziffern— er möge ſeines Weges dahin reiten, uns ge⸗ nügt es, dem theilnehmenden Leſer zu berich⸗ ten, daß es in dem ganzen großen, volkrei⸗ chen Athen keinen Sterblichen gab, der ſein Loos gegen das dieſes ſchmach und ſchuld⸗ 1* 4 beladenen nächtlichen Reuters vertauſcht ha⸗ ben würde. Er ritt dahin, der einſame düſtere Wan⸗ drer durch die Gaſſen, den Schauplatz ſeiner kindlichen Spiele,— er ſah das Haus ſeiner Väter, aber er vergoß keine Thräne. Glaube indeß nicht, mein freundlicher Leſer, daß ſeine Bruſt ruhig war, im Gegentheil, es tobte ein furchtbarer Kampf in ſeinem In⸗ nern und an ſeinem Herzen nagte ein ſchwe⸗ rer Gram. Unaufhaltſam ritt er dahin, bis er durch das heilige Thor und an einen Punkt gekommen war, wo er nunmehr Athen zum letztenmal erſchauen ſollte— jetzt hielt er ſein Roß an, um noch einen Blick auf die Stadt ſeiner Väter zu richten.— Die Natur, ſo ſagt man, erborgt die Farbe des Gefühls, mit dem wir ſie betrach⸗ ten; die Landſchaft wird lachender, beſchaut von dem Auge des Fröhlichen, ein trüber Flor aber umzieht ſie, wenn der Blick des -— Gu- Traurigen auf ihr ruht. Das prachtvolle, im vollen Mondlichte glänzende Athen, ward demnach von dem nächtlichen Reuter jetzt auch nur mit düſteren Empfindungen betrach⸗ tet, und nur finſter ſtarrte er hin auf die herrlichen Gebäude und auf das ſich in der Ferne ſtolz erhebende Parthenon. War es ein Wunders, daß er lange, lange hinſchaute, daß es ihm einen harten Kampf koſtete, ſich auf immer von der Stadt zu trennen, die er einſt geliebt hatte.„Griechenland,“ ſprach er dumpf vor ſich hin,„Du mein Vater⸗ land, und Dich, Athen, Wohnſitz meiner Vorfahren, Euch verlaße ich auf immerdar! Eure Tempel ſtehen offen, nicht aber für mich! Der Altar, vor dem meine Väter ihre Andacht verrichteten, das Bild vor dem ſie ihre Kniee beugten, war nie Zeuge meines Gebets; in den Gräbern, welche ihnen eine Ruheſtätte gewährten, werden meine Gebeine nicht raſten, mit Schmach belaſtet, wende ich Euch auf immer den Rücken.. Lebe wohl, 6 —— Du Pfand meiner Liebe, mein letztes Gebet gilt Dir! ich laſſe Dich in dem Lande, das mir unrecht that, aber es iſt mein Vater⸗ land! Möge es ſich gegen dich freundlicher beweiſen, als es gegen Deinen Vater ge⸗ than— möge Dein Loos ſo maübeiih ſahlen als das ſeinen elend war. Der nächtliche Reuter ſprengte ſeines We⸗ ges dahin, ſein ferneres Schickſal blieb un⸗ bekannt.— Athen erwachte zu ſeinem ge⸗ wohnten Tagewerk, unwiſſend, daß jener ſeine Gaſſen durchſtrichz und nur in einem öſtlich vom Hymettus gelegenen einſamen Thale lebte ſein Andenken fort; dort hatte eine niedere Hütte die Tochter des Scheiden⸗ den aufgenommen, rückſichtlich welcher man in der Umgegend nur wußte, daß einer ver⸗ wittweten Bäuerin eines Tages, von wem war unbekannt geblieben, ein kleines Mäd⸗ cchen übergeben worden, das der Gegenſtand ihrer Pflege und Sorgfalt wurde. 995 1edai. 1umz 1 Das ſich öſtlich vom Hymettu s hindehnen⸗ de Thal Praſiä, war höchſt anziehend, ſo⸗ wohl in Rückſicht ſeiner Scenerei als ſeiner Be⸗ wohner. Ein Amphitheater, gebildet von ei⸗ ner Reihe niedriger Hügel, welche) von der See begränzt wurden, umſchloß einen Raum, der eine Ebene hätte genannt werden kön⸗ nen, hätten ihm nicht die zahlreichen darauf befindlichen waldigen Anhöhen, das Anſehen einer aus mehreren Thälern beſtehenden Strecke Landes gegeben. Die Oliven⸗ und Platanen⸗ Bäume, welche die Wohnungen der Landleute umkränzten, waren vor dem Winde durch majeſtätiſche Fichten geſchützt, deren dunkle Kronen ſich mit dem Grün der Anhöhen miſchten, ſo daß von oben beſchaut, das ganze Thal bis zu dem Seeufer eine einzige Waldung ſchien. Bei einer näheren Betrach⸗ tung ward indeß dieſe, Landſchaft verſchieden⸗ 3 artiger; das Düſtere der Fichten wurde durch 3 das lichtere Grün der Olivenbäume belebt, und in einem jeden dieſer kleineren Thäler beurkundete eine unter einem Platanenbaum aufgeführte Hütte, daß dieſe einſame Ge⸗ gend dem Auge des Menſchen nicht entgan⸗ gen ſei. 3e6 ann*. Der Character der Bewohner dieſes Tha⸗ les ſtimmte übrigens mit ihrem Aufenthalte vollkommen überein. Ganz ſich nur dem Hange zu ihrer urſprünglichen Unabhängig⸗ keit hingebend, hatten ſie faſt keinen Theil an den Veränderungen genommen, welche der wachſende Reichthum in den Athenienſi⸗ ſchen Sitten hervorbrachte. Bei der Perſiſchen Invaſion hatten ſie zwar ihre Wohnungen verlaſſen, um die Griechiſche Flotte bevölkern zu helfen; gleich nach Beendigung dieſes Kampfes aber waren ſie in ihre vorige Ein⸗ ſamkeit zurückgekehrt, und ſo hatten denn ihre Anſtrengungen für das allgemeine Wohl für ſie keine andern Folgen, als daß dadurch der Schatz ihrer Legenden und Volkslieder 9 vermehrt wurde. Ihren übrigen Landsleu⸗ ten, welche ſich durch Handelsſpeculationen zu bereichern ſuchten, völlig unähnlich, ge⸗ ſielen ſie ſich in ihrer urſprünglichen Armuth, und hielten auf dieſe Weiſe die durch den wachſenden Reichthum ſo oft herbeigeführten Sorgen und Laſter von ſich fern. In dieſer Einfamkeit nun war es, wo Zoe, ſo ward die Tochter des Verbannten genannt, die erſten Jahre ihrer Kindheit ver⸗ lebte. Die ihre Ankunft im Thale begleiten⸗ den ſeltſamen Umſtände wurden nach kurzer Zeit vergeſſen, und Zoe zeichnete ſich bald nur vor den übrigen Mädchen ihres Alters durch ihre außerordentliche Schönheit und durch ihre geiſtigen Anlagen aus, welche mit ihrem niedrigen Stande keineswegs im Ein⸗ klange waren. Es war nicht Stolz, denn eines ſolchen war ihr ſanfter Sinn unfähig, ſondern ein anderes Gefühl, das ihre ein⸗ fachen Nachbaren nie begreifen konnten, wel⸗ ches jeder Vertraulichkeit zwiſchen ihr und 10 den übrigen Thalbewohnern ſtets hindernd in den Weg trat. Bei Krankheiten und Leiden aber war ſie ſtets die Erſte, welche hülfreiche Hand bot, und nie fühlten die jungen Mäd⸗ chen ihr oft ſchwer bedrücktes Herz ſchneller erleichtert, als wenn Zoe ihre Vertraute und Rathgeberin wurde. An den gemeinſchaftli⸗ chen Beluſtigungen aber, fand ſie durchaus keine Freude, und das Leben ſchien für ſie keinen andern Reiz zu haben, als den, für die Bedürfniſſe und Bequemlichkeiten der Frau zu ſorgen, welche ihr, ohne ihr das Daſeyn gegeben zu haben, jede Zärtlichkeit einer Mutter geſpendet hatte. In ihrer Einſam⸗ keit war ihre Leier ihre einzige Geſellſchaf⸗ terin, und die Geſänge, welche ihr Saiten⸗ ſpiel begleitete, beurkundeten eine ſinnende Schwermuth, in welcher die Matronen des Thales das Vorgefühl eines trüben Geſchicks zu erkennen glaubten.. So ſchwanden die Jahre dahin, und wäh⸗ rend ſich in dem ubrigen Griechenlande ein —————— 11 Gewitter zuſammenzog, welches endlich in dem Peloponneſiſchen Kriege ausbrechen ſollte, reifte Zoe in der Einſamkeit, uunr ihren ein⸗ fachen Pflichten nachlebend, zur herrlichen Jungfrau empor. Was ihre Kindheit ver⸗ ſprochen hatte, ging in Erfüllung, und je⸗ der, der ſie ſah, mußte bekennen, daß ſich ſelbſt die glühendſte Einbildungskraft keine reizendere Geſtalt ſchaffen konnte. Ihrem ſchlanken Wuchſe war die Kleidung des Lan⸗ des völlig angemeſſen. Eine von einem Gür⸗ tel zuſammen gehaltene Tunika wallte ihr in reichen Falten bis auf die Füße hinab, ein kurzes geſchmackvolles Oberkleid und eine Schärpe machten den übrigen Theil ihrer Kleidung aus. In ihrer Einſamkeit bedurfte es keines Schleiers, um den zudringlichen Blick fremder Augen abzuwehren, und es war demnach ihren dunklen, nur mit einer Roſenknospe oder mit einem Veilchenſtrauße geſchmückten Locken geſtattet, feſſellos über ihren Marmornacken hinab zu wallen. Das zarte Augenlied mit den dunklen Wimpern gab ihrem Antlitz den Ausdruck joniſcher Sanftmuth, wenn ſie aber das dunkle glän⸗ zende Auge aufſchlug, ſtrahlte aus demfelben athenienſiſcher Geiſt. War es zu denken, daß ſein Glanz je vom Kummer getrübt wer⸗ den, daß ſchmerzliche Thränen, die roſige Wange befeuchten ſollten, die nur beſtimmt ſchien, dem Lächeln zum Wohnſitz zu dienen? Wenn aber auch dann und wann Freude aus ihren Blicken lachte, war ihr Antlitz doch weit öfter von Schwermuth umſchattet, und häu⸗ figer hob ſich ihre Bruſt von Seufzern, als von frohen Gefühlen bewegt. Die einfachen Geſänge der Thalbewohner hallten von Zo e'8 Lobe wieder und noch lange nachher pflegte man in den hochzeitlichen Hymnen die Goͤtter anzuflehen, daß ſie der Braut Z de's Schön⸗ heit verleihen, ſie aber vor dem beklagens⸗ werthen Schickſal derſelben bewahren moͤchten. Zoe's Schickſal war in der That beklagens⸗ werth, aber es war zugleich auch ungemein —— 4. merkwürdig; denn trotz ihres ſcheinbar nie⸗ drigen Standes, war daſſelbe doch eng ver⸗ ſchlungen mit dem Geſchick eines edlen ehr⸗ geizigen Athenienſers, der ſich in jenem Zeit⸗ alter des Ruhmes auf das ruhmvollſte aus⸗ zeichnete. In der Periode, von der wir erzählen, war Alcibiadesnoch ein Jüngling; ſeine ſel⸗ tenen Geiſtesgaben, ſeine Sucht nach Ver⸗ guügungen und ſein Streben nach Ruhm aber hatten ihn bereits ſeinen Mitbürgern bekannt gemacht. Frühzeitig der Leitung eines Va⸗ ters beraubt, hatte er ſich in jede Aus⸗ ſchweifung geſtürzt, zu der ihn ſein leiden⸗ ſchaftlicher Sinn verlockte; auch fehlte ſeinem Erzieher Lycus, hatte derſelbe auch dazu die Macht, dennoch die Luſt, den Jüngling von ſeinen Verirrungen zurückzuhalten. Engher⸗ zig, ohne Grundſätze und Gefühl, glaubte er, daß bei ſeinem Zöglinge der Hang nach Ver⸗ gnügungen bald den Planen des Ehrgeizes 14 — und der Sucht nach Ruhm Raum geben würde. Hätte er bei dem Jünglinge irgend eine Nei⸗ gung zum ſtillen häuslichen Leben bemerkt, er würde ſich gewiß nach allen ſeinen Kräf⸗ ten bemüht haben, dieſelbe zu unterdrücken, aus Furcht, daß ſie ſeinen politiſchen Hoff⸗ nungen in den Weg treten möchte; er war aber im Gegentheil feſt überzeugt, daß Alei⸗ biades Leidenſchaftlichkeit ihn gar bald von der tobenden Jugendluſt hinweg zu dem ehr⸗ geizigen Streben nach Ruhm führen werde⸗ Perikles allein wäre im Stande geweſen, ſeinen gewichtigen Einfluß zu verwenden, um der wilden Rennbahn ſeines jungen Verwand⸗ ten Schranken zu ſetzen; die politiſchen Be⸗ ſchäftigungen aber, mit denen er überhäuft war, zwangen ihn, ſeine Leitung des Jüng⸗ lings auf gelegentliche Warnungen und ein⸗ zelne Verweiſe zu beſchränken. Alcibiades ſetzte demnach ſein wildes Leben fort, und ganz Athen hallte von ſeinen Thorheiten und ſeltſamen Ausſchweifungen wieder. ———— 3. Es gab indeß auch Augenblicke, in wel⸗ chen Alcibiades, des wüſten Herumtreibens müde, die Einſamkeit ſuchte. Sein Umgang mit Socrates und andern weiſen Männern, führte dieſe Momente immer häufiger herbei und oft eilte er jetzt hinaus in die Umgegend von Athen, wo ihm die Natur neue, ihm bisher unbekannte Genüſſe bot. Es war auf einer dieſer Streifereien, daß ihn der Zufall in das Thal Praſiä führte. Von der Schönheit der Landſchaft angezogen, weilte er lange in einer Gegend, die ſeinen Gefühlen ſo ganz zuſagte; und ſchon begann der Abend herein⸗ zubrechen, als er der Heimkehr gedenkend, eines jener vorerwähnten kleinen Thäler be⸗ trat, durch welches er wieder auf die Anhöhe zu gelangen hoffte. Sein weiteres Fortſchrei⸗ ten ward indeſſen plötzlich durch einen, dem Anſcheine nach unbedeutenden Zufall gehemmt. Als er nämlich einen der Hügel hinan ſchritt, welche das Thal begränzten, gewahrte er zu ſeinen Füſſen eine Hütte, die er bisher nicht bemerkt hatte. Vor derſelben ſaß eine Ma⸗ trone, emſig mit Handarbeit beſchäftigt und in einiger Entfernung ſah er eine Jungfrau, welche auf der Leier ſpielte und gar anmuths⸗ voll dazu ſang. Alcibiades hemmte ſeine Schritte, um hinabzuhorchen. Die gehalt⸗ reichen Worte eines griechiſchen Liedes, von der klangvollſten Stimme geſungen, drangen bis zu ſeinem Ohre empor, und als die Töne endlich nach und nach erſtarben, glaubte er nie eine entzückendere Melodie vernommen zu haben. Der Geſang war zu Ende, aber er ward gleich darauf van einem Liede ſchwer⸗ müthigerer Art gefolgt, welches die junge Sängerin mit noch mehr Innigkeit vortrug; ihre Stimme zitterte, und verhinderten gleich ihre dunklen Locken den Jüngling, ihr Antlitz zu ſchauen, konnte ſein ſcharfes Auge den⸗ noch deutlich gewahren, daß ihre Hand bebte, indem ſie den Saiten die ergreifenden Töne 17 entlockte. Uneingedenk, daß er hier ein Fremdling ſei, ohne die Folgen zu berechnen, die ein ſolcher Schritt nach ſich ziehen konnte, flog der leidenſchaftliche Jüngling die Anhöhe wieder hinab, und warf ſich, rückſichtslos gegen jede Sitte, zu den Füßen der beſtürz⸗ ten Jungfrau nieder. Es vergingen einige Momente, bis dieſe ſich überzeugte, daß der Fremdling, welcher ſo plötzlich vor ihr er⸗ ſchien, kein Gebilde ihrer Phantaſie ſei: erſt als er zu ſprechen begann, als er verſuchte, ſein ungeziemendes Benehmen zu entſchuldi⸗ gen, ward es ihr klar, daß wirklich ein un⸗ bekannter Jüngling vor ihr kniee. Seine Rechtfertigung fand ein günſtiges Ohr, denn wann hätte ſich die Schönheit je beleidigt gefunden, daß ihre Strahlen in einem Her⸗ zen allzu leidenſchaftliche Gluth entzündet? Die ehrwürdige Matrone und die reizende Zoe waren beide von dem einnehmenden Be⸗ tragen des Fremdlings bezaubert, welcher ſeinerſeits entzückt war, ob der ſtillen, ihm 2 18 bisher unbekannten friedlichen Häuslichkeit und der anſpruchsloſen Einfachheit der ſchö⸗ nen Bäuerin; auch entfernte er ſich nicht eher, als bis er die Erlaubniß erhalten hatte, die einſam gelegene Hütte wieder beſuchen zu dürfen. Wie ſo ganz verändert waren ſeine Ge⸗ fühle, als er jetzt nach Athen zurückkehrte! Gedankenvoll und ernſt geſtimmt hatte er die Stadt verlaſſen, mit feurigen Empfindungen, die Bruſt von frohen, jugendlichen Hoffnun⸗ gen belebt, kehrte er jetzt dorthin zurück; ſein unruhiger, nimmer raſtender Sinn hatte ſich ein neues, intereſſantes Ziel geſteckt, hatte einen Gegenſtand gefunden, anziehender, als je einer bisher ſeine Phantaſie beſchäftigte. Was waren ihm jetzt die Träume des Ehr⸗ geizes, die glänzendſten Ausſichten in die Zu⸗ kunft? Er lebte nur für die Gegenwart. Was kümmerte ihn die Stadt mit ihrem po⸗ litiſchen Treiben und ihren Vergnügungen? Er verachtete ihren Beifall; ihre Freuden hatten 19 für ihn jeden Reiz verloren. Alle ſeine Ge⸗ danken ſchweiften immer wieder und wieder nach dem Thale Praſiä, alle ſeine Gefühle waren nur der ſchönen Zoe geweiht. Wie langſam ſchlichen ihm die Stunden dahin, wie unerträglich waren ihm die Geſchäfte, die ihn in Athen feſſelten, und mit welchen beflügelten Schritten flog er nach Beendigung derſelben von dannen, der theuren Hütte zu. Ein Tag verging nach dem andern und immer ſeltner war Aleibiades in ſeiner Wohnung anzutreffen. Weder auf der öffent⸗ lichen Schule, noch auf dem Forum, noch an den Ufern des Iliſſus war er zu ſchauen. Das einſame Thal nur war ſein Aufenthalt; er hatte die Welt vergeſſen und lebte nur für Zoe. Ihre große Einfachheit, ihre rei⸗ nen Gefühle, ihre geiſtigen Vorzüge gewan⸗ nen ihr völlig ein Herz, welches zuerſt von ihrer Schönheit entzündet worden war. Sie hatte feurige Augen und wallende Locken, wie irgend eine der Athenienſerinnen, aber ſie 2* —— 3 20 beſaß dabei eine reizende Natürlichkeit, wel⸗ che jenen fehlte, und eine Bildung, welche die Lebensweiſe in Athen von den Bewoh⸗ nerinnen dieſer Stadt fern hielt. Sie horchte mit Entzücken, wenn Alcibiades Athen und deſſen Feſtlichkeiten ſchilderte, und ſprach ihre Gefühle überhaupt mit einem ſo arglo⸗ ſen Vertrauen aus, daß dadurch der Zauber ihrer Reize noch unendlich vermehrt wurde. Einfach, jeder Verſtellung unfähig, machte ſie keinen Verſuch, ihre Freude ob der Nähe eines Jünglings zu verhehlen, der ſo ganz in ihre Empfindungen einging. In ihrer Zu⸗ rückgezogenheit wäre ihr ohne Zweifel das Erſcheinen eines jeden Fremdlings willkom⸗ men geweſen, der mit der Anmuth der Ju⸗ gend die Bildung der feinen Welt vereinte; um ſo leichter alſo mußte der geiſtig und körperlich ſo reich begabte Alcibiades ihr Herz gewinnen. Die Einſamkeit iſt ſtets der Liebe günſtig. Sie geſtattet ein ungeſtörtes Beiſammenſeyn, 21 und welche Macht vermöchte da vor der Be⸗ redſamkeit der Schönheit zu ſchützen, leiht man dieſer Zauberin das Ohr. Alceibiades fühlte die Wahrheit dieſes Satzes nur allzu⸗ bald; zwar glaubte er anfangs, nur das Verlangen nach Einſamkeit halte ihn in dem Thale gefeſſelt, aber er irrte ſich, er liebte nur die Einſamkeit, welche die reizende Zoe mit ihm theilte; und die Schönheiten der Umgegend würden für ihn keine Reize gehabt haben, wären ſie ihm nicht von den Roſen⸗ lippen ſeiner lieblichen Führerin gedeutet worden. Immer wieder und wieder war er mit ihr das Thal durchſtrichen und noch immer hatte er es nicht gewagt, ſich ihr zu nennen. War es Stolz, was ihn abhielt, dem nie⸗ drigen Landmädchen ſeinen edlen Namen zu offenbaren? oder war es die Furcht, daß ihre jungfräuliche Sittſamkeit vor einem Jüng⸗ linge zurückſchaudern würde, der ſeine Be⸗ —y Aleibiades; und mit ihrer melodiſchen 22 rühmtheit eben ſo ſehr ſeinen Ausſchweifun⸗ gen als ſeinen Talenten verdankte? An dem Abend, an dem er ihr endlich ſeinen Namen nannte, hatten ſie ſich eine Strecke von der Hütte entfernt, und erfreueten ſich im Schatten der Kühle des Abends. Rund um ſie her hatte die Natur ihre Pracht entfaltet, und ſich ganz dieſem Zauber hin⸗ gebend, bat Alcibiades die holde Jungfrau, ein Lied anzuſtimmen. Zoe, auf welche die Nennung ſeines Namens, da ihr ſeine hohe Geburt wie ſeine Vergehungen gleich unbe⸗ kannt waren, nicht den mindeſten Eindruck gemacht hatte, entgegnete ſcherzhaft, daß ſie nichts zu ſingen wiſſe, als ein Lied, das ihn aus ſeiner thatenloſen Zurückgezogenheit auf⸗ ſcheuchen und ſeinen Patriotismus anfeuern würde. „Jedes Lied von Deinen Lippen, reizende Zoe, ſei es eine Hymne oder ein Kriegsge⸗ ſang, iſt mir gleich willkommen,“ entgegnete 23 Stimme trug die Jungfrau nunmehr einen einfachen, aber zu patriotiſchen Gefühlen be⸗ geiſternden Geſang vor. „Dieſe herrlichen Worte,“ rief der Jüng⸗ ling, als Zoe geendet hatte,„„ erwecken jetzt in meinem Herzen keine Theilnahme. Was kümmert mich jetzt das Schwerdt und der Lorbeer! Eine Roſe von Deiner Hand hat einen weit größeren Werth für mich, und für Zoe's Liebe gebe ich die ganze hochgeprie⸗ ſene, ruhmvolle Unſterblichkeit der Helden hin! Komm, folge mir, meine Zoe, verlaß dieſes Thal, wo Deine Reize ungekannt ver⸗ blühen. In Athen würde Deine Schönheit bewundert werden; in meinem Hauſe ſoll Dich der Glanz umgeben, der Dir gebührt! Glaube etwa ja nicht, daß meine Anbetung geringer ſeyn wird, wenn ich meine Nymphe ihren Wäldern und Quellen entführt haben werde.“ Die Gluth, welche bei dem Anfang ſeiner Rede Zoe's Wange gefärbt hatte, ver⸗ ſchwand plötzlich, und machte einer außer⸗ gewähren im Stande iſt, darum, Aleibia⸗ 24 ordentlichen Bläſſe Platz.„Iſt das freund⸗ lich, iſt das großmüthig, Alcibiades?“ fragte ſie,—„Du kamſt herab in unſer Thal— fandeſt eine Wohnung der Einfalt und des Friedens und möchteſt uns jetzt bei⸗ der berauben. Wir hatten Dir nur wenig darzubieten, aber wir boten Dir es mit wil⸗ ligem Herzen; willſt Du uns jetzt zur Beloh— nung unſerer Gaſtfreiheit die Zufriedenheit nehmen, welche die Armuth ſogar wünſchens⸗ werth macht? Die Unſchuld iſt mein einzi⸗ ger Reichthum und du willſt mich durch Glanz und Pracht von ihrem Wege verlocken! Das, Alcibiades, habe ich nicht erwartet— wir müſſen uns trennen, kehre Du zurück nach Deiner Stadt, die Du ſonſt bewohnteſt, ich eile zu unſerer ärmlichen Hütte, um die Stütze derjenigen zu bleiben, die ich, wie Du es verlangſt, verlaſſen ſoll; in der Erfüllung meiner einfachen Pflichten werde ich einen Frieden finden, den mir kein Reichthum zu 25 des, müſſen wir uns trennen, trennen auf immer!“ 1 Während dieſer Rede war Zoe's Stimme kräftig, ihr Blick feſt; in dem Bewußtſeyn, daß ſie ihre Pflicht erfülle, ging der Schmerz über ihre getäuſchten Hoffnungen unter. End⸗ lich aber ſank ihr der Muth und unfähig, ihre Gefühle länger zu beherrſchen, gab ſie ſich ganz der Heftigkeit ihres Kummers hin; ſie bedeckte ihr Antlitz mit den Händen und Thränen ſtrömten ihr über die Wangen hinab. Alcibiades fühlte ſich tief bewegt; ſein Herz konnte nicht theilnahmlos der Zeuge ei⸗ nes Grames ſeyn, deſſen Urſache er war; denn wenn ſich daſſelbe gleich oft verirrte, war es doch keineswegs unempfindlich für edle Gefühle.„Zoe,“ ſprach er,„höre mich an,— vergiß was ich geſagt habe— betrachte es wie die Aeußerungen eines Wahnſinnigen— wie das Gebilde eines ſchwe⸗ ren, jedoch vorübergegangenen Traumes. Nie, nie ſoll wieder ein Wort über meine Lippen N 26 kommen, das Deine reinen Gefühle verletzen könnte— im Gegentheil, ich will mich be⸗ mühen, durch tugendhafte ſchuldloſe Liebe Deine Verzeihung zu verdienen.— Wie Zoe, Du hörſt mich nicht— Du wendeſt Dich von mir? hab' ich denn in einem ein⸗ zigen leichtſinnigen Augenblick Alles verloren, was mir das Leben theuer machte? Um der Götter Willen, Zoe, höre mich! treibſt Du mich fort von Dir, iſt es um mich geſchehen! Sage nur, daß Du mich liebſt, und ich ge⸗ lobe Dir hier auf das Feierlichſte, den ehr⸗ geizigen Träumen von Ruhm und Macht auf immerdar zu entſagen. Dir, Dir will ich ſie opfern!— Weshalb ſollte ich nach einer hohen Verbindung ſtreben? Weshalb mit ir⸗ gend einer reichen Athenienſerin ein Eheband ſchließen, das mein Herz verabſcheut! Sage nur, daß Du mich liebſt, und ich fliege nach Athen. Mein Erzieher ſoll meinen Entſchluß vernehmen, er kann, er darf ſich meinen Wünſchen nicht widerſetzen.— Himmel und 27 Erde will ich in Bewegung ſetzen, meinen Zweck zu erreichen— nicht raſten will ich bis ich Dich, Dich, reizende Zoe, meiner Vater⸗ ſtadt als meine geliebte Gattin zeigte.“ Wirſt Du, mein freundlicher Leſer, die liebliche Zoe tadeln, daß ſie die Gefühle, welche ſich bei dieſen Worten des ſchönen Jünglings ihrer bemächtigten, nicht unter dem Schleier der Gleichgültigkeit zu verber⸗ gen vermochte? Wirſt Du ſie ſchelten, daß ſie, als der junge, feurige Athenienfer, vor ihr knieend, die heiligſten Verſicherungen ei⸗ ner reinen und ehrenwerthen Liebe ausſprach, nicht umhin konnte, die Empfindungen ihrer Bruſt durch einen ausdrucksvollen Blick zu erkennen zu geben? Er ſah, daß ihm Ver⸗ zeihung geworden, und die Geliebte innig umſchlingend, küßte er von ihren dunklen Augen die Perlen hinweg, welche ſich jetzt plötzlich aus Kummerzähren in Freudenthrä⸗ nen verwandelt hatten. Es vergingen meh⸗ rere Augenblicke, bis eines der beiden Lieben⸗ 1 23 1 den wieder Worte finden konnte; es ſchien, als wären ſie überzeugt, daß ihre Gefühle keiner Sprache bedurften. Alcibiades brach zuerſt das Schweigen.„Ich gehe, meine Zoe,“ ſprach er,„meinen Erzieher mit meinem Entſchluſſe bekannt zu machen, bald, bald kehre ich zu Dir zurück. Bis dahin aber empfange das feierliche Gelübde, mei⸗ ner unwandelbaren, durch nichts zu erſchüt⸗ ternden Liebe! Und hier dieſen Ring nimm zum Pfande meiner Treue!“ Während Alcibiades ſeine Tage in dem Thale Praſiä der Liebe weihete, waren üb⸗ rigens zu Athen wichtige Begebenheiten vor⸗ gefallen. Der Krieg war ausgebrochen, eine Flotte lag ſegelfertig, um nach Thrazien zu ſchiffen, und der ſtets nach Veränderung verlangende athenienſiſche Bürger freute ſich der Dinge, die da kommen würden. Lycus, der Erzieher von Aleibiades, vernahm die Kunde von dieſer Kriegesrüſtung, jedoch aus einem andern Grunde, ebenfalls mit Vergnü⸗ 7 * 29 gen. Er hatte die mit ſeinem Zöglinge vor⸗ gegangene Veränderung bemerkt und deſſen lange Abweſenheit von der Stadt und ſeine jetzige Lebensweiſe, ſo ganz verſchieden von ſeiner vormaligen, hatten ihn mit Beſorgniß erfüllt. Er ſpurte der Urſache dieſes Wan⸗ dels nur vergebens nach, beſchloß aber, dieſe Gelegenheit zu benutzen, den Gedanken des Jüͤnglings eine andere Richtung zu geben, und ihn wieder zum thatigen Leben zu füh⸗ ren. Dies war nicht ſchwer zu bewerkſtelli⸗ gen. Perikles erklärte ſich ſehr zufrieden damit, daß ſein junger Verwandter die krie⸗ geriſche Laufbahn beträte, und verſchaffte dem Jungliuge mit Leichtigkeit eine Befehlshaber⸗ ſtelle. Die erſte Nachricht hievon erhielt Al⸗ eibiades bei ſeiner Ankunft in Athen, und unverzüglich ſah er ſich nunmehr von allen Seiten mit Glückwünſchen beläſtigt. Ach, ihm gewährte ſeine neue Würde keine Freude; ja, er war ſogar anfangs entſchloßen, den ehrenvollen Antrag abzulehnen, der ſeiner 30 Liebe ſo ſtörend in den Weg trat; bei nähe⸗ rer Beleuchtung ſah er indeß das Thörichte eines ſolchen Betragens ein. Lycus, das begriff er wohl, würde ſich einer ſo unglei⸗ chen Verbindung kräftig widerſetzen, ſpäter⸗ hin konnte er deſſen Vorſtellungen unbeachtet laſſen, noch aber hatte er die Jahre der Mündigkeit nicht erreicht, und war demnach ſeinem Erzieher untergeben. Ueberdem ver⸗ ſicherte ihm Perikles, daß ſeine Abweſenheit nicht von langer Dauer ſeyn würde, und unterdeſſen konnte ja Zoe ungefährdet in ih⸗ rem jetzigen Aufenthalte bleiben. Alcibiades unterwarf ſich demnach ſei⸗ nem Schickſale, traf mit großer Schnelligkeit die Anſtalten zu ſeinem kriegeriſchen Zuge, und benutzte dann die wenigen, ihm am Abend vor ſeiner Abfahrt noch übrigen Stun⸗ den, um zu ſeiner Zoe zu eilen und ihr die Kunde von dem was ſich zugetragen, zu überbringen. Die düſtere Schwermuth auf ſeinem Antlitz ward von dem Auge der Liebe 31 unverzüglich bemerkt, und das Schlimmſte befürchtend, drang Zoe in ihren Geliebten, ihr zu offenbaren was vorgefallen. „Wir müſſen uns auf kurze Zeit trennen, theure Zoe,“ erwiederte Alcibiades,„ich habe den Befehl erhalten mit der Flotte nach Thrazien abzuſegeln; jede Widerſetzlichkeit von meiner Seite wäre nutzlos,— ich bin ge⸗ zwungen hier Alles was ich liebe zurück zu laſſen, um dort einen Ruhm zu Erſtreben, den ich verachte.“ „Nach Thrazien,“ ſeufzte Zoe,„ach Alcibiades, das liegt ja weit— weit von hier! viele Seen mußt Du durchſchiffen und zahlloſe Gefahren drängen ſich Dir entgegen.“ „Deine Sorge um mich, mein theures Mädchen, entwirft Dir ein allzugrelles Bild,“ verſetzte der Jüngling,„glaube mir, unſer Zug wird nicht lange währen, und was die Gefahr anbetrifft, da magſt Du dem Athe⸗ nienſiſchen Muthe vertrauen.“ 65. 3²„ „Ich will mich bemühen, meine Angſt zit beſchwichtigen,“ entgegnete Zoe,„Du mußt mir aber jenes verhaßte Thrazien beſchrei⸗ ben, und mir von dem höchſten Punkte un⸗ ſeres Thales aus die Gegend zeigen, wo es liegt. Dorthin will ich dann Morgens und Abends wandern, um für Deine Erhaltung mein inbrünſtiges Gebet zu den Göttern zu ſenden.— Aber Du wirſt doch nicht lange ausbleiben, mein Alcibiades, nicht wahr, Du wirſt bald, recht bald zurückkehren?““ „Vertraue meinem Worte, Zoe, Du ſiehſt mich bald wieder,“ antwortete der Jüngling, „aber theures Mädchen, kaum wag' ich es Dir zu offenbaren: Schon morgen muß ich unter Segel gehen!“ „Wie, ſchon morgen,“ wiederholte die liebende Jungfrau erſchrocken,„unmöglich! unmöglich! Nicht ein einziger Tag alſo wäre mir geſtattet, um mich auf den furchtbaren Schlag vorzubereiten, der mich vom Gipfel des Glücks in den Abgrund des Elends hin⸗ ¹ 01 01 * abſtürzt.— Nur einen, nur einen einzigen Tag gewähre mir, und ich will mein armes Herz ſtählen, um die furchtbare Trennung zu ertragen! Dann will ich, ohne eine Thräne zu vergießen, Dir Lebewohl ſagen, und wenn mich der Schmerz überwältigen will, will ich ihn kräftig, wie eine ungeziemende Schwärhe, bekämpfen!“— „Meine ſüße, angebetete Zoe,“ erwie⸗ derte Alceibiades,„hätte ich Jahre zu be⸗ willigen, ſie wären Dir geweiht. Aber mor⸗ gen ſchon geht die Flotte unter Segel, und „gewiß möchteſt Du um keinen Preis mich ei⸗ nen Feigherzigen ſchelten hören. Da wir uns trennen müſſen, iſt es überdem beſſer, wir ſcheiden ſchnell. Wie ſchwer auch der Kampf iſt, er muß beſtanden werden.— Gedenke der Freude des Wiederſehens. Lebe wohl, Du mein Leben, mögen die Götter Dich beſchützen, mögen ſi ſie Dir Frieden und Freude ſpenden! 142 34 4 Er ſchloß ſie in ſeine Arme, küßte ihre bleiche Wange und betrachtete ſie, als ſie „. 7 5 nun weinend an ſeiner Bruſt ruhte, mit Blicken, in denen der Ausdruck inniger Liebe, mit dem des tiefen Kummers gemiſcht war. Zoe ſah ihn kaum von dannen ſchreiten, wußte kaum daß er fort war— für ſie war jetzt die Welt verſchloſſen— die Zukunft trat ihr nur wie eine dichte Finſterniß entgegen. Er konnte ſeinen Gram in dem Geräuſche des thätigen Lebens begraben, ihre Einſam⸗ keit aber bot ihr keinen Gegenſtand der Zer⸗ ſtreuung dar, und ihr blieb demnach kein Troſt, als die Hoffnung auf ein baldiges Wie⸗ derſehen. 4. Die Sonne ſtieg prachtvoll über Athen empor, aber noch bevor ſie aus den Fluthen auftauchte, herrſchte an den Ufern ein ge⸗ ſchäftiges Treiben. Alt und Jung, der See⸗ mann wie der ruhige Bürger, Alles, Alles. — 39 ſtrömte dem Hafen zu, wo ein lautes Ge⸗ tümmel und Geſchrei die Anſtalten verkünde⸗ ten, die zur Abfahrt der Flotte getroffen wur⸗ den. Die Trauer des Gatten, die Schwer⸗ muth des Liebenden, kurz jedes wehmuthige Gefühl mußte dem athenienſiſchen Verlangen nach Ruhm und Glanz weichen. Selbſt Al⸗ cibiades vermochte, als er ſich dem Hafen näherte und die in der Morgenſonne glän⸗ zenden, vergoldeten Galeeren, die ſich zur Abfahrt anſchickenden zahlreichen Schiffe ge⸗ wahrte, ſeine Bruſt den ſtolzen Hoffnungen nicht zu verſchließen, welche ſein Vaterland nährte. Und als er nunmehr das Verdeck betrat, um den Göttern das gebräuchliche Opfer darzubringen, und er von allen Sei⸗ ten das feurige Gebet einer zahlloſen Men⸗ ſchenmenge vernahm, mit dem ſich das laute Jubelgeſchrei des ihn begrüßenden Schiffsvol⸗ kes miſchte, da fühlte er, daß auch der Ruhm etwas Anziehendes habe, und daß die Liebe die Stimme des Ehrgeizes nicht ganz zum 3* 36 Schweigen bringen könne. Und als endlich die Stadt vor ſeinen Blicken zurückwich, und als er der allgemeinen Bewunderung gedachte, die dort des ſiegreich Heimkehrenden harrte, er aber jetzt vor ſich den breiten Pfad des kriegeriſchen Ruhms erſchaute, wirſt Du Dich wundern, mein freundlicher Leſer, daß er da einen ſeligen Jugendtraum, träumte, daß ein herrliches glänzendes Phantaſiebild vor ihm empor ſtieg?. Alles war, wie geſagt, zu Athen Freude und Jubel; nur ein Weſen gab es, welches mit Thränen in den Augen, der ſich von der Athenienſiſchen Küſte entfernenden Flotte nach⸗ ſtarrte; und als dieſe endlich den Blicken entſchwunden war, ſchwermuthsvoll in die trübe Einſamkeit zurückkehrte, um dort ent⸗ ſchwundene Freuden zu beweinen. Die See⸗ lenangſt aber, welche ſich der armen Zoe be⸗ mächtigt hatte, ward bald von den frohen Kunden beſchwichtigt, die von Zeit zu Zeit eingingen; und als ſie von den Heldenthaten 1 —32 hörte, die ihr Geliebter vollbracht hatte, als ſein Name überall nur preiſend und rühmend erwähnt wurde, da ward die Thräne von ihrer Wange durch ein Lächeln verdrängt, welches zu gleicher Zeit ihren Stolz und ihr Glück beurkundete. Monde ſchwanden dahin und noch immer ward Alcibiades Rückkehr verhindert— verhindert, bis Begebenheiten ſtatt fanden, welche Zoe aus ihrem jetzigen Aufenthalte vertrieben und ihr reizendes Thal in eine öde Wüſte verwandelten. Der Ausbruch des Peloponneſiſchen Krieges erregte bei den Be⸗ wohnern des Thales Praſiä dieſelben Be⸗ ſorgniſſe, welche ganz Attika erfüllten, und bewog ſie, in Athen eine Sicherheit zu ſu⸗ chen, welche ihnen ihr bisheriger Aufenthalt nicht mehr zu gewähren vermochte. Zoe ſchloß ſich ihren Nachbaren auf der Flucht an; und eine niedrige Hütte in der Eile in⸗ nerhalb den Mauern von Athen aufgeführt, trat nunmehr an die Stelle ihrer bisherigen 33 , 1— ländlichen Wohnung. Dieſes aber war nur das geringſte Uebel, bald zeigten ſich in der jetzt noch volkreicheren Stadt, Spuren einer furchtbaren Krankheit, welche Tauſende hin⸗ wegraffte, und die um ſo entſetzlicher war, weil man ihre Urſache nicht kannte. Es währte lange, bis die unglücklichen Bürger, die bei ihnen ausgebrochene ſchreckliche Epi⸗ demie für das, was ſie leider wirklich war, für die Peſt erkannten.— Eine Zeitlang wurden ſie von der Hoffnung aufrecht gehal⸗ ten, und ſich einer trugvollen Selbſttäuſchung hingebend, verſicherte einer dem andern, daß das Uebel im Abnehmen ſei; die niedergeſenk⸗ ten trüden Blicke Aller aber, ſtraften dieſe Worte Lügen. Mit jedem Tage nahm die Krankheit immer mehr und mehr überhand, bis endlich auch der letzte Hoffnungsſtrahl verſchwunden war, und ſich alles einer ſtum⸗ men Verzweiflung hingab. Die Oberhäupter des Staats, von dem Verlangen beſeelt, die immer mehr wachſende Furcht zu beſchwichti⸗ 39 gen, ſuchten das Volk durch Beſchäftigungen und öffentliche Vergnügungen von ſeiner trau⸗ rigen Lage abzuziehen. Was aber vermag wohl die Aufmerkſamkeit zu feſſeln, wenn der hohe Preis, das Leben, auf dem Spiele ſteht? Und wer wird nicht bei der Auffor⸗ derung zu einer Luſtbarkeit zuſammenſchau⸗ dern, wenn der Tod rings um ihn her ſeine verheerende Senſe ſchwingt? Dies war jetzt der Fall zu Athenz und wie oft auch das Theater geöffnet wurde, dem ſonſt die Menge ſo begierig zuſtrömte, jetzt waren darin nur einige wenige Zuſchauer zu finden, weil ein jeder genöthigt war, einer weit ernſteren Tragödie beizuwohnen. So war bereits einige Zeit vergangen, als Alcibiades von dieſer ſchreckensvollen Lage der Dinge Nachricht erhielt; er war in einiger Entfernung von dem Hauptfeldlager beſchäftigt geweſen, und ſo erfuhr er erſt ſpäter, was dort ſchon allgemein bekannt war. Mit der Kunde, daß zu Athen die 49 Peſt ansgebrochen, ward ihm auch zugleich berichtet, daß das Peloponneſiſche Heer in Attika eingerückt ſei, und ſeine Beſorgniß ſtieg auf's Höchſte, wobei wir indeß zur Steuer der Wahrheit bekennen müſſen, daß jene weniger durch ſeine Vaterlandsliebe, als durch ſeine Leidenſchaft für die reizende Zoe herbeigeführt wurde. Seine Einbildungskraft dachte ſie ſich aus ihrem friedlichen Thale nach der Stadt vertrieben, wo ſie jetzt Elend und Gefahren aller Art umgaben. Dort war ſie den Nachſtellungen leichtſinniger Wüſtlinge, vielleicht den Qualen drückender Armuth preis gegeben! Wie leicht konnte nicht auch ſie von der furchtbaren Krankheit ergriffen wer⸗ den, und wer, wer ſtand ihr dann tröſtend und helfend zur Seite? Die Kunde, welche zu Thrazien von der zu Athen ausgebrochenen Peſt angelangt war, hatte übrigens nur ein ſchwaches Bild von der Lage der Dinge gegeben; die Be⸗ richte waren abgeſandt worden, als die Krank⸗ 441 heit noch im Beginnen war, als ſich jeder⸗ mann noch der Hoffnung hingab, daß ſie bald aufhören würde zu wüthen. Für einen Lie⸗ benden aber enthielt dieſe Nachricht der Schrek⸗ ken ſchon genug, und ſo drang denn Alci⸗ biades unverzüglich und mit großem Eifer darauf, daß man ihn auf der Stelle zurück⸗ ſenden möchte. Vergebens waren die Vor⸗ ſtellungen, Bitten und Drohungen des Heer⸗ fuͤhrers, der Jüngling achtete der Erſteren nicht und ſpottete der Letzteren. Man ſuchte nunmehr ſeine Furcht rege zu machen, ſchil⸗ derte ihm die ausgebrochene Krankheit in ih⸗ rer furchtbarſten Geſtalt, und bemühte ſich, ihm begreiflich zu machen, daß auch er von derſelben leicht ergriffen werden könne. Al⸗ les, alles umſonſt, was er vernahm, ließ ihn die Gefahren, in welchen ſeine Geliebte ſchwebte, nur in noch grellerem Lichte erſchauen, und beſtärkte ihn nur noch mehr in ſeinem Vorſatze. Der Feldherr war demnach genö⸗ thigt, nachzugeben, und ſchon nach kurzer 42 Friſt befand ſich Alcibiades auf der See, deren Wellen ihn der Vaterſtadt wieder zu⸗ trugen, die er mit ganz anderen Hoffnungen verlaſſen hatte. Es war Nacht, als er vor Athen an⸗ langte; und als nun die prachtvolle Stadt mit ihren Tempeln in ſtiller Majeſtät vor ihm da lag, verkündete nichts das furchtbare Ue⸗ bel, das in ihren Mauern wüthete.„Un⸗ möglich,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„kann hier der Tod raſen, Alles iſt ja ſo friedlich, ſo ruhig, ich höre kein Jammern, kein Weh⸗ klagen. Haben gleich Krieg und Krankheit hier verheerend gewüthet, toben ſie doch jetzt gewiß nicht mehr, und ich werde meine Zoe wiederſehen.“ Er bemerkte jetzt, daß ſich das Schiff, auf welchem er ſich befand, mit großer Schnel⸗ ligkeit dem Hafen von Athemn näherte; das Schiffsvolk hielt mit Rudern inne, denn von den Wellen getragen, ſchwebte die Galeere gemächlich dem Ufer zu. Dorthin waren jetzt 45 die Augen der Ankömmlinge gerichtet, dort hoffte man, wie ſonſt, eine die Landenden jubelnd begrüßende Menſchenmenge zu ge⸗ wahren; Niemand aber war zu erſchauen. Es war indeß Nacht, möglich, daß ihre An⸗ kunft nicht beachtet worden. Jetzt aber lang⸗ ten ſie in dem Hafen an, und noch immer ließ ſich keiner der Bewohner ſehen; es war doch ſeltſam, daß Niemand erſchien, ſie zu begrüßen, ſie willkommen zu heißen! Alles war ſtumm wie das Grab. In der Mitte dieſer Stille erhob ſich indeß plötzlich ein durchdringendes Geſchrei, welches die ganze Aufmerkſamkeit der Ankömmlinge feſſelte; ſie blickten nach allen Seiten umher, und be⸗ merkten endlich einen Menſchen, der ſich mit dem Aufwande ſeiner ganzen Körperkraft be⸗ mühte, aus den Wellen aufzutauchen, in de⸗ nen er vor der verheerenden Krankheit Schutz geſucht hatte. Sie hoben den Unglücklichen aus der Fluth, und nachdem ſie mit ihm das Ufer erreicht hatten, bot ſich ihnen nunmehr —4u ein gräßlicher Anblick menſchlichen Elends dar. Die dürre, von der Krankheit entſtellte Geſtalt war nur mit einem dünnen Gewande bedeckt, und auf das verzerrte Antlitz hatte der nahende Tod bereits ſein verheerendes Siegel gedrückt.„Ihr ſchaudert, wenn Ihr mich betrachtet,“ rief er den Ankömmlingen in einem wilden, krampfhaften Tone zu, „ſpart nur Euer Mitleid auf, Ihr werdet deſſelben frühzeitig genug für Euch ſelbſt be⸗ dürfen.— Geht nur, geht und ſucht Eure Weiber auf, ihre verpeſteten Umarmungen bringen Euch den Tod, betretet nur Eure Wohnungen, der Tod grinſt Euch dort aus jedem Winkel an. Ihr weicht von mir zurück! Glaubt Ihr etwa Eurem Geſchick entfliehen zu können, hier, wo jeder Athemzug den Tod giebt?“— Schaudernd bebten ſie vor dem Elenden zurück, welcher gleich darauf entſeelt zu Boden ſank; und von namenloſer Angſt gefoltert, ſchritten ſie nunmehr weiter hinein in die Stadt, wo ſich ihnen bei jedem 45 Schritte neue Gegenſtände des Schreckens darboten. Die Hütten, welche die Flüchtlinge in der Eil aufgeſchlagen hatten, ſtanden jetzt größtentheils verödet, denn die Krankheit hatte hier zuerſt gewüthet, und das nahe Beiſammenſeyn und die Armuth der Bewoh⸗ ner ihr Fortſchreiten ungemein befördert. Die Tempel waren mit Todten und Sterbenden angefüllt, über die ſich nur hie und da irgend ein theilnehmendes Weſen neigte; denn im Allgemeinen waren jetzt in Athen Liebe und Mitleid, Haß und Zorn, kurz alle Gefühle, welche Menſchen vereinen oder von einander ſtoßen, gänzlich erloſchen; ein jeder, nur mit der eigenen Gefahr beſchäftigt, hatte keine Zeit an Andere zu denken, und die Thränen der Theilnahme wurden ſchnell von der eiſigen Hand des Entſetzens getrocknet. Mit ſchwankenden Schritten und mit na⸗ menloſer Seelenangſt, wandte ſich Alcibia⸗ des nach dem Ceramikus, wo ſich das Haus des Perikles befand. Sein eigenes ſtand leer, und er erfuhr, daß ſein Erzieher die Stadt verlaſſen hatte, in der Hoffnung, auf dieſe Weiſe ſich der anſteckenden Krankheit zu entziehen. Wo aber war ſeine Zoe? Wo konnte ſie in der Mitte dieſes Elends eine Zuflucht gefunden haben? Wo ſollte er eine Spur von ihr entdecken? Wo Erkundigun⸗ gen ihretwegen einziehen? Und welche Aus⸗ kunft hatte er zu erwarten? Dieſe Betrach⸗ tungen durchkreuzten jetzt ſein Gehirn und vor dem Hauſe des Perikles angelangt, war er nur darüber mit ſich einig, daß keine Krankheit, ſie ſei auch noch ſo verheerend, keine Gefahr ihn von den Nachforſchungen nach ſeiner Geliebten abhalten ſolle. Er ſtand jetzt vor der Pforte der pracht⸗ vellen Wohnung des Perikles, vor der man ſonſt eine zahlloſe Menſchenmenge erſchauete, denn Alles, Alles drängte ſich dorthin, der Reiche wie der Arme, der ſtolze Ariſtocrat wie der ſchlichte Bürger, der Krieger wie 4 — ,.— 427 der Politiker, jeder war raſtlos bemüht, ſich dem Intereſſe des großen Staatsmannes zu weihen, welcher viele Jahre lang, mit unbe⸗ ſtrittener Obergewalt, Athen beherrſchte. Jetzt aber war dort Alles ſtill, denn man hatte aufgehört, der Stimme des Ehrgeizes Gehör zu geben, jetzt wo das Leben auf ſo furchtbare Weiſe bedroht wurde.— Alei⸗ biades ſtieß die Pforte auf und trat hinein— die geräumige Halle war menſchenleer— er durchſchritt die übrigen Gemächer, die Por⸗ ticos, die Gallerieen und Zimmer, wo ſonſt ernſte Debatten oder leichte anmuthige Ge⸗ ſpräche Statt fanden, die mit koſtbaren Kunſt⸗ ſchätzen geſchmückten Bibliotheken, nirgend, nirgend war eine Spur von Leben zu er⸗ ſchauen. Endlich gedachte Alcibiades der für die Frauen beſtimmten Gemächer, welche am äußerſten Ende des Palaſtes lagen, und wohin demnach, wie der Jüngling meinte, die Bewohner ſich geflüchtet haben könnten, um dort vor der Anſteckung Schutz zu ſuchen. 438 Dorthin lenkte er ſeine Schritte und ſiehe da, er hatte ſich nicht getäuſcht. Einige Selaven, welche bei der Annähe⸗ rung eines Fremden ſchreckhaft zuſammenfuh⸗ ren, öffneten ihm die Thür eines Gemachs, in welchem ſich Perikles mit einigen Freun⸗ den befand. Welche Lehre von der Wandel⸗ barkeit irdiſcher Größe! Welche Warnung vor dem allzugierigen Streben nach Ruhm und Macht bot ſich jetzt dem Eintretenden dar. Rückſichtslos gegen die Anweſenheit ſeiner Freunde— jeder Lebenshoffnung ent⸗ ſagend, lag Perikles, vom Kummer nieder⸗ gebeugt, auf ſeinem Lager da. Vergebens ward jede Macht der Beredſamkeit an ihm verſchwendet; er vernahm nicht, was man zu ihm ſprach, oder wenn er auch die Worte ſeiner Freunde ſchallen hörte, war er doch außer Stande, ihren Sinn zu deuten. Er lag da in einer dumpfen Gefühlloſigkeit, welche dem furchtbaren Schmerzensausbruche ſeines Vaterherzens gefolgt war; denn auch 1 —— — 49 er hatte es jetzt erfahren, wie wenig menſch⸗ liche Gewalt im Stande iſt, menſchliches Elend abzuwenden, wie ſo geringen Werth der öf⸗ fentliche Ruhm hat, wird das Herz von häus⸗ lichen Leiden bedrängt. Ohne auch nur im mindeſten ſeine Faſſung zu verlieren, hatte er oft das Gemurmel der Unzufriedenheit der verſammelten Volksmenge vernommen und ſich mit dem Bewußtſeyn erfüllter Pflicht getrö⸗ ſtet; ſelbſt das öffentliche Elend, ſo ſehr es ihn auch ſchmerzte, hatte er mit Geduld er⸗ tragen, denn er war ja überzeugt, daß es vorüber gehen würde. Als aber die ſchwere Hand des Schickſals endlich auch ſein eigenes Haus traf, und ihn die verheerende Krank⸗ heit aller ſeiner Kinder ohne Ausnahme be⸗ raubte, da ſchwand ſeine Seelenkraft von ihm, und in der Heftigkeit ſeines Schmerzes, verwünſchte er die ihm vom Geſchick verlie⸗ hene Gewalt, die ihn, ſeiner Meinung nach, nur zu einer noch ſichtbareren Zielſcheibe des Zornes der Götter gemacht hatte. Als er, 4 50 der kräftige, ſeelenſtarke Staatsmann, an der Bahre ſeines letzten Sohnes zuſammen⸗ ſank, und ſeinem ſonſt thränenloſen Auge Zähren der Wehmuth entſtrömten, da bewieß ihm die allgemeine Theilnahme, wie ſehr er geliebt ward. Aleibiades Ankunft wirkte übrigens höchſt wohlthätig auf Perikles, denn ſeine Gedanken wurden dadurch, wenigſtens auf eine Zeitlang, von ſeinem Schmerze abgelenkt; und als er ſeinen jungen Verwandten in ſeine Arme ſchloß, war es ihm, als ob ihm mit demſelben neue Hoffnung zurückgekehrt ſei. Dringend beſchwor nunmehr Perikles den Jüngling, ſich doch ja nicht in die Stadt zu wagen; der leidenſchaftlich liebende Alcibia⸗ des aber beharrte, ſtellte er ſich gleich als leihe er den ihm gemachten Vorſtellungen ein bereitwilliges Gehör, feſt in ſeinem Entſchluſſe. Er horchte den Worten des Perikles mit der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit, denn er hoffte von ihm etwas zu erfahren, was ihn* 51 auf die Spur ſeiner Geliebten leiten könne. Was aber konnte der angeſehenſte Staats⸗ mann Athens von der armen, verlaſſenen Zoe wiſſen? Auf ſeine eigenen Nachfor⸗ ſchungen beſchränkt, wartete Alcibiades demnach nur bis zum nächſten Morgen, und kaum war dieſer erſchienen, ſo flog er hin⸗ aus, den Aufenthalt ſeiner Geliebten zu er⸗ ſpähen. Er betrat zuerſt die nach dem Forum füh⸗ rende Gaſſe, entſchloſſen, dort jede Hütte zu durchſuchen, welche der armen Zoe Obdach gewährt haben konnte. Aber Alles war öde und leer; das dort ſonſt wogende geſchäftige Treiben war verſchwunden und in der ſonſt ſo geräuſchvollen Area herrſchte nunmehr Gra⸗ besſtille. Selbſt die Läden der Barbiere, ſonſt in Athen, wie überall, die Verkündigungs⸗ orte der Stadtneuigkeiten, waren geſchloſſen, oder von ihren Eigenthümern verlaſſen. Al⸗ eibiades wandte demnach dieſer Einöde den Rücken, und ſchlug den Weg nach einem 4* 52 andern Theile der Stadt ein; aber auch hier blieben ſeine Nachforſchungen fruchtlos und ſchon begann die Nacht hereinzubrechen, als er, um heimzukehren, die breite Straſſe be⸗ trat, welche von dem Marktplatze nach ſei— ner Wohnung führte. Hier ward ihm endlich die Ueberzeugung, daß das Leben aus Athen noch nicht gänzlich verſchwunden ſei; denn durch die ganze große Straſſe hin, gewahrte er jetzt plötzlich an beiden Seiten brennende Scheiterhaufen, auf denen Leichen verbrannt wurden. Die breiten Flammen ſtiegen him⸗ melan, und als ſie mit ihrem rothen Scheine die Züge derer beleuchteten, welche die Lei⸗ chen in die Gluth warfen, erſchaute Alci⸗ biades Geſichter, aus denen jede Spur des Gefühls verſchwunden ſchien. Die abergläu⸗ biſche Ehrfurcht, mit der man ſonſt Sorge trug, daß dem Scheiterhaufen des Hinüber⸗ gegangenen ſich keine fremde Aſche beimiſche, ward jetzt gänzlich verabſäumt, oder ſie gab auch wohl gar, wollte ſie hie und da irgend 53 5 einer beobachten, Anlaß zu heftigem Wort⸗ wechſel und blutigen Kämpfen. 4 Als Alcibiades nunmehr durch dieſe Schreckensſcene hindurchſchritt, vernahm er plötzlich eine ſchwache, weibliche Stimme, wel⸗ che um Hülfe ſchrie. Er ſtürzte in das Haus, aus welchem der Klageruf zu ihm drang, und gewahrte erſt, nachdem er eingetreten, daß er ſich in dem vormaligen Aufenthalte der Freude und des Scherzes, nämlich in der Wohnung der bewunderten Leucippe be⸗ fand. Jetzt hatten ſich hier ganz andere Gäſte, als ſonſt, eingefunden; die dort vorhandenen, reichen Schätze waren hinweggeſchleppt wor⸗ den, die koſtbaren Gemälde und Kunſtwerke lagen zertrümmert da, und dieſelben Sela⸗ ven, welche vormals den leiſeſten Winken ihrer Gebieterin gehorchten, hatten ſich nun⸗ mehr mit einer Bande wüſter, geſetzloſer Ge⸗ ſellen vereint, die das öffentliche Elend be⸗ nutzten, um durch Raub ihre Habſucht zu be⸗ friedigen. Einige von dieſen waren durch 54 ihre Frechheit bis in das Gemach der verlaſ⸗ ſenen Leucippe getrieben worden, und ver⸗ bitterten durch ihre Unverſchämtheit die letz⸗ ten Augenblicke der Unglücklichen. Die Bu⸗ ben entflohen indeß bei Alcibiades Annä⸗ herung und dieſer kam noch eben zeitig ge⸗ nug, diejenige ſterben zu ſehen, die er in ihrer Jugend und Schönheit ſo ungemein be⸗ wundert hatte. Noch ein einziges krampfhaf⸗ tes Zucken, und ſie erblich in ſeinen Armen. Furchtbares Geſchick! Sie, die noch vor Kurzem in Geſundheitsfülle prangend, von Jung und Alt geſchmeichelt und angeſtaunt wurde, lag jetzt, eine ſtarre Leiche, vor ihm da. Konnte nicht ſeine Zoe ein ähnliches Schickſal betroffen haben? Hauchte nicht auch ſie jetzt vielleicht, von Wüſtlingen und Bö⸗ ſewichtern umringt, ihren letzten Athemzug aus! Wo aber, wo ſollte er ſie ſinden? Wohin konnte ſie ſich geflüchtet haben? So wie dieſe Betrachtungen in ſeiner Seele em⸗ porſtiegen, ſtürzte er neuerdings auf die 55 Gaſſe, wo er wie vorhin ſeine Nachforſchun⸗ gen raſtlos, jedoch ohne Erfolg, fortſetzte, bis er endlich gegen Mitternacht, müde und ermattet, den Heimweg einſchlug, um einige Stunden zu raſten, dann aber ſein Forſcher⸗ geſchäft mit erneuerter Kraft wieder zu be⸗ ginnen. 4. Ein Tag ſchwand nach dem andern dahin. Alcibiades ſetzte ſeine Nachforſchungen un⸗ unterbrochen fort; er durchſpähte die ganze Stadt, durchſtrich alle Gaſſen, und ſuchte in jeder Hütte— nirgends, nirgends war eine Spur von Zoe zu finden. Seine heiße Sehn⸗ ſucht, etwas von der Geliebten zu erfahren, ließ ihn jeder Gefahr Trotz bieten, und be⸗ ſchützte ihn, da ſeine Seele nur mit jenem einzigen Gegenſtande beſchäftigt war, viel⸗ leicht vor der Anſteckung. Endlich beſchloß er, die Stadt zu verlaſſen, und ſeine Nach⸗ ſuchungen außerhalb derſelben fortzuſetzen. 56 Auch dort ſtieß er auf Leichenhaufen, welche von den Flammen verzehrt wurden, auch dort war die Ordnung aufgelöſt und nur die Ge⸗ ſetzloſigkeit herrſchte. Da ward Alcibiades Aufmerkſamkeit plötzlich von einer Gruppe wilder Geſellen gefeſſelt, welche vor einer armſeligen Hütte ſtanden, und wie ihre Ge⸗ behrden und einzelnen Ausdrücke verkündeten, einen Angriff auf dieſelbe zu beabſichtigen ſchienen. Der Jüngling hemmte ſeine Schritte und ſchaute in die Hütte hinein. Da erblickte er plötzlich eine weibliche Geſtalt, welcher An⸗ blick, hatte ſie ihm gleich den Rücken zuge⸗ wandt, dennoch einen Hoffnungsſtrahl in ſeine Bruſt ſenkte. Er verlor keinen Augenblick, und noch bevor ihn irgend jemand daran verhindern konnte, ſtand er in der Hütte und ſah nunmehr, wie die Jungfrau ſich über ein Lager neigte, auf dem eine bleiche, kranke Frau mit dem Tode rang. Gerade in dem Moment, in welchem Alcibiades in die Hütte trat, verkündete ein krampfhaftes Zuk⸗ —.— 57 ken der Sterbenden, daß ſie den Lebenskampf ausgerungen, und als ſie nunmehr ihre Au⸗ gen auf immerdar geſchloſſen hatte, fühlte die arme Waiſe, daß jetzt ihre einzige Freun⸗ din von ihr geſchieden ſei. Mit ſtarren, ver⸗ zweiflungsvollen Blicken ſtand ſie da, die Leiche betrachtend, da vernahm ſie plötzlich nahende Schritte, ſie wandte ſich, um zu ſe⸗ hen, wer ihre Jammerhütte betrat, und— ruhte im nächſten Augenblick in Alcibiades Armen. „Meine theure, theure Zoe,“ rief der Jüngling, ſie mit unbeſchreibbarer Innigkeit an ſeine Bruſt drückend,„ſo habe ich Dich endlich wiedergefunden! Ich halte Dich wie⸗ der mit meinen Armen umſchloſſen, und wahr⸗ lich fortan ſoll uns nur der Tod trennen! Dank, Dank den Göttern, die uns wieder zuſammen führten!— Aber Du giebſt mir la keine Antwort, meine Zoe,— ſchweigend und bleich ruhſt Du in meinen Armen, ſprich, o ſprich doch nur ein einziges Wort, damit 53 ich die Ueberzeugung erhalte, daß Du lebſt, für mich lebſt.“— Die Leiden der letzten Zeit hatten indeß die geiſtigen und körperlichen Kräfte der ar⸗ men Zoe allzugewaltig erſchöpft, ohnmächtig lag ſie an der Bruſt ihres Geliebten. Er trug ſie zu einem Sitze, und wollte dann fort, um Waſſer herbeizuholen, als er aber zu dieſem Ende ſeine Schritte nach einem an⸗ deren Theile der Hütte lenkte, ſtürzte plötzlich einer der wilden Geſellen, welche draußen ſtanden, herein, und ſtellte ſich zwiſchen den Jungling und deſſen Geliebte.„Glaubt nicht etwa,“ rief er,„die Dirne da ſei Eure Beute, ſie gehört uns an, wir haben ihr lange genug nachgeſtellt und werden uns jetzt unſer Wild nicht entgehen laſſen. Macht alſo, daß Ihr fortkommt, wollt Ihr nicht,“ — hier deutete er auf ſeine Schandgenoſſen, welche unterdeſſen den Eingang der Hütte gänzlich beſettzt hatten,—„daß ich und die da es Euch unmöglich machen, Euch hinweg zu begeben.“ So ſprechend ſchickte er ſich an, die ohn⸗ mächtige Zoe mit ſtarkem Arme zu erfaſſen, aber noch bevor er dies zu bewerkſtelligen vermochte, hatte ihn ein kräftiger Fauſtſchlag des Jünglings zu Boden geſtreckt. Seine Kameraden ſtürzten herein, um den Fall ihres Anführers zu rächen, und die Lage des Al⸗ cibiades ward demnach höchſt bedenklich; ja es war ſogar wahrſcheinlich, daß des Jünglings ruhmvolles Leben in dieſer arm⸗ ſeligen Hütte enden, daß er unter Mörder⸗ hand fallen würde. Die von einer gewalti⸗ gen Criſis oft herbeigeführte Seelenkraft aber rettete ihn; mit der ganzen Stärke der Ver⸗ zweiflung ſtieß er die auf ihn zuſtürzenden Böſewichte bis zur Thur zurück, umſchlang die noch immer ohnmächtige Zoe mit ſeinem linken Arme und ſchickte ſich an, indem er die rechte Hand ſchnell mit einem Stabe bewehrte, den er in einem Winkel der Hütte erſchaute, 60 mit ſeiner theuern Laſt durch die vor der Huͤtte verſammelte Gruppe zu dringen. Sein Muth, ſein entſchloſſenes Weſen machte die Buben beſtürzt, ſcheu wichen ſie vor ihm zu⸗ rück, während der Jüngling, mit flammenden Augen ſeine Waffe ſchwingend, unangetaſtet ſeine geliebte Bürde durch ſie hintrug. Einer Gefahr war er zwar nunmehr ent⸗ gangen, was aber ſollte er jetzt beginnen? wohin ſein theures Mädchen ſchaffen? Als er hierüber nachſann, gedachte er plötzlich einer Matrone, welche ihm ſtets die herzlichſte Theilnahme bezeigt hatte. Sie hatte ihn ſchon früher freundlich be. ſich aufgenommen, und würde, davon hielt er ſich überzeugt, auch jetzt ſeiner Geliebten einen Zufluchtsort nicht verweigern. Hierin täuſchte er ſich nicht; die wackere Zoippe empfing ihn mit der ihr eigenthümlichen Gutmüthigkeit, und that ſo⸗ fort alles, was in ihren Kräften ſtand, die bewußtloſe Zoe wieder zum Leben zu erwek⸗ d 61 — ken. Eine Zeitlang blieben ihre Bemühungen fruchtlos, wer aber vermöchte das Entzücken zu ſchildern, welches ſich des liebenden Jüng⸗ lings bemächtigte, als ſeine angebetete Zoe endlich die Augen wieder aufſchlug. Ueber⸗ ſelig ſchloß er bald ſeine Geliebte, bald de⸗ ren Pflegerin in die Arme und überhäufte die Letztere mit feurigen Verſicherungen ſeiner Dankbarkeit. Nach und nach ward Zoe deſ⸗ ſen bewußt, was rund um ſie her vorging, aber es währte lange, bis ſie ſich von der Lage, in der ſie ſich jetzt befand, überzeugen konnte, auch ſchwebten die Begebenheiten der letzten Zeit ihren noch immer umwölkten Sin⸗ nen nur wie ein ſchwerer, böſer Traum vor. Nach und nach kehrte indeß ihr völliges Be⸗ wußtſeyn zurück, und die Thränen, welche ſie nunmehr an der Bruſt ihres Geliebten vergoß, erleichterten ihr ſeit langer Zeit ſchwer bedrücktes Herz ungemein. Sie trennten ſich mit der fröhlichen Hoffnung eines baldigen Wiederſehns, und Alcibiades ſchlug nun⸗ * 62 mehr, die Bruſt von den freudigſten Gefüh⸗ len beſeelt, den Heimweg ein. Wie ſchnell ſchwanden die Tage dahin, die er jetzt ungeſtört ſeiner Zoe weihen konnte, wie unaufhaltſam entflogen ihm die Stunden, wenn er entweder dem Berichte ihrer Leiden horchte, oder ihr von ſeinen Abentheuern und Kriegsthaten erzählte! Sein Glück ward in⸗ deß dann und wann von der Beſorgniß ge⸗ trübt, daß ſein Erzieher von ſeiner Bekannt⸗ ſchaft mit Zoe Kunde erhalten könne, dann aber tröſtete er ſich mit dem Gedanken, daß in dieſem Augenblick der allgemeinen Noth, * jeder mit ſich ſelbſt genug zu thun habe und man ſich alſo nicht um ſeine Schritte beküm⸗ mern werde. Hierin täuſchte er ſich indeß; ſo lange die Peſt noch mit ihrer ganzen Hef⸗ tigkeit wuͤthete, ließ man ihn allerdings ge⸗ währen, ohne ſein Thun zu beobachten; jetzt aber begann die Krankheit nachzulaſſen und nach und nach kehrte nun alles wieder zu der 63 gewohnten Lebensweiſe zurück. Lycus ge⸗ wahrte demnach auch bald, daß ſein Zögling täglich die Stadt verlaſſe, er ſpürte deſſen Wanderungen nach, und erfuhr durch ſeine Späher den ganzen wahren Verlauf der Sache. Sofort ſtand nunmehr ſein Entſchluß feſt; er hielt die gemachten Entdeckungen vor Alcibiades ſorgſam verborgen, denn er war überzeugt, daß weder Vorſten agen noch Drohungen hier von Nutzen ſey urden. Er hatte ein gewagtes Spiel zu ſpielen, nie noch aber ging ein Spieler mit mehr Ruhe, mit größerer Kaltblütigkeit zu Werke, ein Beneh⸗ men, welches ihm um ſo leichter ward, weil her ſich, wie in dieſer Erzählung bereits frü⸗ her erwähnt worden, bei ſeinen Handlungen nie von ſeinen Gefühlen leiten ließ. Die politiſchen Abſichten, welche er mit ſeinem Zöglinge hatte, verlangten durchaus, daß eine Leidenſchaft geopfert werde, welche die Thatkraft des Jünglings lähmen und ihn vom Pfade des Ruhmes abziehen mußte; und ſo 1 64 ſchickte er ſich an, dem gemäß zu handeln, ohne zu bedenken, daß er, um ſeinen ehr⸗ geizigen Zweck zu erreichen, den Seelenfrie⸗ den und das Lebensglück ſeines Zöglings auf das Spiel ſetze. Unterdeſſen nahm die Krankheit immer mehr und mehr ab; die Bevölkerung war zwar bedeutend vermindert, aber man kann ſich kaum einen Begriff davon machen, wie ſchnell zu Athen bald alles wieder ſeine vo⸗ 3 rige Thätigkeit gewann. Die Straſſen waren wieder mit einer geſchäftigen Volksmenge an⸗ 8 gefüllt, der noch vor Kurzem verödete Markt war neuerdings ein Schauplatz des Handels geworden, und in dem Hafen gewahrte man wie ſonſt, eine große Anzahl ankommender und abgehender Schiffe. Alles, Alles war jetzt wieder Leben und Regſamkeit, und Athen ſchien nun nicht mehr die Stadt, in welcher noch vor Kurzem eine dumpfe Todtenſtille ge⸗ herrſcht hatte. Perikles, wenn gleich gei⸗ ſtig und körperlich ungemein geſchwächt, bot 65 dennoch Alles auf, was in ſeinen Kräften ſtand, die wiedererwachte Thätigkeit zu be⸗ leben; und unter ſeiner verſtändigen Leitung ging alles trefflich von ſtatten. Dies aber erkannten die Athenienſer keineswegs dankbar an, im Gegentheil, ſie ſchrieben die erdulde⸗ ten Leiden ihrem Staats⸗Oberhaupte zu, und beſchloſſen durch ſeine Abſetzung an ihm Rache zu nehmen. Intriguen und Partheigeiſt tha⸗ ten das Ihre und als der Sturm ausbrach, ſchien der Untergang deſſen, den er bedrohte, faſt unabwendbar. Eine Volksverſammlung fand ſtatt, und in dieſer entfalteten ſowohl die Feinde wie die Freunde des Perikles ddie ganze Macht ihrer Beredſamkeit. In der Zahl der Letzteren nahm Alcibiades einen bedeutenden Platz ein. Er ſprach mit großer Lebendigkeit und die Rede des Jünglings machte allgemeinen Eindruck; die Volkswuth trug aber dennoch den Sieg davon, und nicht eher ward Athen ruhig, als bis die Abſetzung ſeines bisherigen Staats⸗Oberhauptes ſtatt 5 6 gefunden. Wankelmüthig, wie immer, ſah man indeſſen dieſe Uebereilung bald ein; ſchon nach kurzer Zeit war Perikles wieder mit ſeiner vormaligen Würde bekleidet und Alles bewieß ihm jetzt wieder wie ſonſt die größte Theilnahme. Das erſte Geſchäft des wieder in ſein Amt getretenen Staatsmannes, beſtand nun⸗ mehr darin, den raſtloſen Sinn ſeiner Lands⸗ leute zu beſchäftigen. Er entwarf den Plan zu einem neuen Kriegszuge und gebot dem Phormio, eine Flotte auszurüſten, die gen Naupactus ſteuern ſollte. Dem Alcibia⸗ des hatte er dabei eine Befehlshaberſtelle beſtimmt. Kaum aber erhielt dieſer hievoen Kunde, als er ſich auch ſofort eiligen Schrit⸗ tes zum Perikles begab, und mit großer Feſtigkeit die ihm zugedachte Ehre von ſich ablehnte. Vergebens waren die Bitten und Vorſtellungen des Staats⸗Oberhauptes, der Jüngling beharrte unwandelbar in ſeinem Entſchluſſe. Keine Ueberredung, keine Macht 1 4 — — 62 der Erde, dies hatte er ſich gelobt, ſollte ihn wieder von ſeiner Vaterſtadt entfernen, be⸗ vor er, nach erlangter Mündigkeit, ſeine an⸗ gebetete Zoe zu ſeiner Gemahlin erhoben haben würde. Wenn er aber auch taub bei den Bitten und Vorſtellungen blieb, womit ihn Perikles und ſein Erzieher Lycus beſtürm⸗ ten, war dennoch ein Beweggrund vorhan⸗ den, dem ſein edles Herz nicht widerſtehen konnte. „Aleibiades,“ ſprach nämlich Perik⸗ les endlich in dem ihm eigenthümlichen, er⸗ greifenden Tone,„ich will nicht länger in Dich dringen, ich ſehe, Du biſt entſchloſſen; alle meine Bemühungen, Dich von Deinem Vorſatze abzubringen, würden doch nur frucht⸗ los bleiben.— Ich wäre vielleicht zu ent⸗ ſchuldigen, wenn ich Dich noch fürder be⸗ ſtürmte, weil mein Schickſal von Deinem Ent⸗ ſchluſſe abhängt,— aber ich will ſchweigen und mich ohne Murren in Deinen Willen fü⸗ gen, wirſt Du es gleich bereuen, daß Deine 4* 5:3 X 63 Weigerung mich um die Gewalt brachte, die Du mir zuzuwenden, noch vor Kurzem ſo großen Eifer bezeigteſt.“— „Wie kann mein Entſchluß ſolche Wir⸗ kung äußern?“ fragte Alcibiades erſtaunt, „wie kann meine Weigerung Deinem Anſe⸗ hen ſchaden? Nicht mein geringes Bemühen war es, was Dir Deine Macht wiedergab, Du verdankſt ſie nur Dir ſelbſt und Deinen Talenten— mein Benehmen kann auf Dein Schickſal keinen Einfluß haben.“ „Du irrſt, Alcibiades,“ entgegnete Perikles.„LTreten die angeſehenſten Athe⸗ nienſer von dieſem Unternehmen zurück, wird ſich der Unwille des Volkes neuerdings gegen mich richten,— auch ſehe ich kein Mittel mei⸗ nen Plan in Ausführung zu bringen, ſchlage ich nicht in der öffentlichen Verſammlung zu den Befehlshaberſtellen Männer und Jüng⸗ Ainge vor, die gleich Dir das allgemeine Vertrauen beſitzen.“ 69 „Glaubſt Du alſo wirklich, daß meine Weigerung Deinem Anſehen ſchaden könnte?“ fragte Alcibiades lebhaft. „Ich bin davon überzeugt,“ antwortete Perikles in einem feſten Tone. „So ſiehſt Du mich bereit, mich in Dei⸗ nen Willen zu fügen,“ rief der Jüngling raſch entſchloſſen, und gleichſam als fürchte er in ſeinem Entſchluſſe wieder wankend zu werden, eilte er ſofort nach ſeiner Wohnung, wo er blieb, bis die Verſammlung den Aus⸗ ſpruch gethan hatte, der ſein Schickſal auf immerdar feſt ſtellte. Wir ſchweigen von ſeiner letzten Zuſam⸗ menkunft mit Zoe und von den trüben Ahnun⸗ gen, welche die Seele der beiden Liebenden erfüllten. Der Kriegszug ſollte nur von kur⸗ zer Dauer ſeyn, auch hatte Perikles ver⸗ ſprochen, ſeinen jungen Verwandten binnen Kurzem zurück zu berufen. Weshalb alſo dieſe Herzensangſt? Alcibiades und Zoe konnten ſie ſich nicht erklären, aber das bange 20 — 1 Vorgefühl, welches ſie erfaßte, als ſie ſich einander Lebewohl ſagten, war von ſo furcht⸗ barer Art, daß ſie die Abſchiedsworte kaum über die Lippen zu bringen vermochten. 6. Kaum hatte die Flotte, auf welcher ſich Alcibiades befand, den Hafen von Athen verlaſſen, als ſich auch Lycus anſchickte, den finſtern Plan in Ausfuͤhrung zu bringen, den er entworfen hatte, um das politiſche Anſehen ſeines Zöglings, und dadurch. das ſeine feſt zu begründen.„Die Dirne muß fort,“ ſprach er gedankenvoll vor ſich hin, während er im Gemache auf und ab ſchritt, „ich muß ſie aus dem Wege ſchaffen— der Bube betet ſie an und nur leichtes Spiel würde es ihr ſeyn, ihn von dem Pfade des Ruhms gänzlich abzulocken— ihretwegen wäre er im Stande, alle ſeine angeſehenen Verbindungen abzubrechen und die ſtolze Hoffk⸗ nung, dermaleinſt Athens erſter Staats⸗ 71 mann zu werden, für die albernen Freuden eines häuslichen Lebens hinzugeben.— Aber ſie weiß nicht, wem ſie in den Weg zu tre⸗ ten wagte, mich, mich ſoll ſie nicht am Nar⸗ renſeile leiten.“— Nunmehr trat eine lange Pauſe ein, während welcher er Pläne ſchmie⸗ dete, die er ſelbſt nicht den Mauern ſeiner Wohnung anzuvertrauen wagte.„Er frei⸗ lich wird es ſchmerzlich fühlen,“ begann er endlich ſein Selbſtgeſpräch wieder—„ ſeine Leidenſchaft wird ſich aber wohl legen, und ich werde Mittel ſinden ihn zu überzeugen, daß eine ſo armſelige Dirne ſeiner unwerth war.— Jetzt aber raſch an's Werk!“ So ſprechend warf er ſeinen weiten Man⸗ tel um, und begab ſich eiligen Schrittes, nach einem unfern der Stadtmauer gelegenen, niedrigen Häuschen; er pochte an die Thür deſſelben und ward unverzüglich eingelaſſen. Er legte ſeinen Finger auf ſeine Lippen, um ſeinem Führer Schweigen zu gebieten, und ward in ein kleines Zimmer geleitet, wo er 72 den Zweck ſeines Beſuchs erſt dann offenbarte, als er ſich vollkommen überzeugt hatte, daß er von keinem fremden Ohre belauſcht wer⸗ den könne. „Dinias,“ begann er nunmehr mit lei⸗ ſer Stimme,„kann ich auf Deine Treue zählen? Ich habe Dir etwas von Wichtig⸗ keit mitzutheilen; ſprich, darf ich Dir ver⸗ trauen?“ „Und das fragſt Du noch, Lycus!“ lautete die Antwort,„habe ich Dir nicht bisher treu gedient? Wahrlich, ich werde nie vergeſſen, daß ich meine Freiheit und die Erhaltung meines Lebens nur Dir verdanke!“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Lycus, nich kann mich auf Dich verlaſſen, aber gieb wohl Acht, Dinias; was ich von Dir be⸗ gehre, muß ſchnell und nicht halb gethan werden.— Bei einer Matrone, Namens Zoippe, lebt eine Dirne, welche meinen Zög⸗ ling Alcibiades feſt umgarnt hält; dem Dinge muß ein Ende gemacht werden. Du 73 verſtehſt mich, Dinias, ich wünſche ſie fort von hier— aus dem Wege geſchafft.— Die Sache iſt leicht zu bewerkſtelligen; die Dirne iſt von unbekannter Abkunft, ſie hat weder Verwandte noch Freunde, und ſo wird es leicht ſeyn darzuthun, daß ſie eigentlich eine Sclavin ſei. Ich werde Dich mit den nöthigen Beweiſen verſehen, und Du mußt dann für einige Zeugen ſorgen und beſchwö⸗ ren, daß ſie vormals Dein Eigenthum war. Zoippe hat keine Mittel in Händen dem zu widerſprechen, und ſo muß das Urtheil zu Deinen Gunſten ausfallen, und die Dirne in unſere Hände bringen. Hüte Dich aber ja, Gewalt an ihr zu üben. Kehrt mein Zögling zurück, und es iſt mir gelungen, ſie an einen Mann niedrigen Standes zu verheirathen, wird er ſie unfehlbar vergeſſen; erfährt er aber, daß ihr Böſes zugefügt worden, hät⸗ ten wir beide die ganze Heftigkeit ſeines ju⸗ gendlichen Zornes zu fürchten. Für einen Mann für ſie will ich dann ſchon ſorgen, 74 davon indeß ſpäterhin.— Halte Du nur die Zeugen bereit, und triff Auſtalt, morgen ſchon Deine Klage vor dem Richter anzubrin⸗ gen. Bis dahin lebe wohl, und vergiß nicht, daß ich geleiſtete Dienſte zu belohnen, Ver⸗ rätherei aber zu beſtrafen weiß.“ „Kaltblütiger Böſewicht!“ murmelte Di⸗ nias, nachdem er hinter Lycus die Thür verſchloſſen hatte, vor ſich hin.„Miſſethat iſt mein Gewerbe, ich muß von ſolchen Strei⸗ chen leben,— daß aber ein ſo vornehmer Mann ſich damit befaßt, das vermag ich nicht zu begreifen. Möchte ich doch faſt den Tag verwünſchen, an dem er mein Leben rettete, an dem ich mich ihm verkaufte! Wahrlich, ein ſolches Sklavenjoch iſt ſchwer zu tragen. Aber ich muß vorwärts, ich kann nicht zurück— ſähe er mich auch nur wan⸗ ken, ich wäre verloren!“— Und ſo ſpre⸗ chend ſchickte er ſich an, ſeine Anſtalten für den nächſten Tag zu treffen. 4 25 Am folgenden Morgen verkündete ein lau⸗ tes Pochen an Zoippe's Thür, die Gegen⸗ wart der Diener der Gerechtigkeit, welche Zoe's Erſcheinen vor dem Richter begehr⸗ ten. Zoippe und Zoe erſtaunten, und beide wußten nicht, was ſie von dieſer Aufforderung denken ſollten. Durch die Trennung von ih⸗ rem Geliebten ohnehin ſchon heftig erſchüttert, erfüllte ſie dieſe Vorladung mit ungemeinem Schrecken, und es verging eine geraume Zeit, bis es der wackern Zoippe gelang, ſie auch nur einigermaſſen zu beruhigen. Die kaum gewonnene Faſſungskraft hielt indeß nicht lange Stand, denn als ſie den Gerichtshof erreichten, fühlte ſie ſich ſo ſchwach, daß ſie ſich kaum fortzubewegen vermochte, und halb ohnmächtig auf den für ſie beſtimmten Sitz niederſank. In dieſem Zuſtande der Bewußt⸗ loſigkeit vernahm ſie nichts von dem, was rund um ſie her vorging, und die von den Zeugen beſchworne Ausſage des Dinias, daß ſie eine Sklavin ſei, verklang von ihr 26 ungehört. Die vorgelegten Beweiſe ſchienen ſo klar, daß ſelbſt die alte Zoippe nichts dagegen einwenden konnte. Zoe's Abkunft war ihr unbekannt, und ſie war demnach außer Stande, das Bürgerrecht derſelben dar⸗ zuthun. Sie entgegnete daher auf die An⸗ klage des Dinias, daß ſie von der Grundlo⸗ ſigkeit derſelben vollkommen überzeugt ſei, und gab dem Richter die Verſicherung, daß der Athenienſer, welcher Zoe ihrer Sorge übergeben, ein freier Mann von hohem Range ſei, weshalb ſie bitte, das Urtheil zu ver⸗ ſchieben, bis ſie ihm von dieſem Vorfalle Nachricht geſandt haben würde. Ihr Erſu⸗ chen ward indeß nicht durch die Nennung ei⸗ nes Namens unterſtützt, den Alcibiades, wie ſie wohl wußte, verſchwiegen gehalten wünſchle, und die Richter ſprachen demnach das Urtheil zu Gunſten des Dinias. Ein anderes Reſultat hätte unfehlbar ſtatt ge⸗ funden, wäre die wackere Zoippe den Ein⸗ gebungen ihres Herzens gefolgt. Das Be⸗ A 72 kenntniß, daß Zoe die Braut des allgemein geſchätzten Alcibiades ſei, ſchwebte ſchon auf ihren Lippen; hätte ſie es ausgeſprochen, man würde ohne Zweifel die Entſcheidung verſchoben haben. Gerade aber, als ſie hiezu ihre ganze Kraft zuſammennahm, ward ihr ein Blättchen in die Hand geſteckt, deſſen Zeilen ſie aufforderten, der Sache ihren Lauf zu laſſen, und ſich verſichert zu halten, daß Zoe ſich bei dem Dinias in vollkommener Sicherheit befinden würde, und daß wegen dieſer Angelegenheit bereits ein Eilbote an Alcibiades abgeſandt worden ſei. Sie glaubte, wie es auch in der That der Fall war, daß dieſe Nachricht vom Ly⸗ cus komme, und ſich damit beruhigend, ließ ſie den Urtheilsſpruch geſchehen; entſchloſſen indeß, den Erzieher des Aleibiades aufzu⸗ ſuchen und wegen Zoe's Sicherheit mit ihm die nöthige Rückſprache zu nehmen. Zu die⸗ ſem Ende ſchickte ſie ſich an, Zoe in den Händen des Dinias zu laſſen und ſich aus 78 dem Gerichtsſaal zu entfernen, als die un⸗ glückliche Jungfrau, gewahrend, daß ſich auch jetzt ihre letzte Freundin von ihr abwende, und dadurch aus ihrer Bewußtloſigkeit auf⸗ geſchreckt, plötzlich einen lauten Schrei aus⸗ ſtieß, hervorſtürzte und Zoippes Gewand erfaßte. Der rührende Anblick, welcher ſich jetzt den Augen der Anweſenden darbot, mußte Aller Herzen bewegen. Mit aufgelöſtem Haar und ihren Thränen freien Lauf laſſend, be⸗ ſchwor die beklagenswerthe Zoe ihre Pflege⸗ rin auf den Knieen, ſie doch ja nicht frem⸗ den Händen zu überlaſſen, und Dinias ſah deutlich ein, daß, wenn er in dieſem Augen⸗ blick auf das ihm durch den Ausſpruch des Gerichts zugefallene Recht beſtände, er den Unwillen der Anweſenden und die Wuth des Volks gegen ſich richten würde. Er gab alſo nach und geſtattete der Matrone, Zoe wie⸗ der mit ſich nach Hauſe zu nehmen. Dieſe Menſchlichkeit aber war nur von kurzer Dauer, denn ſchon am nächſten Morgen war Zoe 29 eine Sclavin im Hauſe des Dinias. Ein heftiges Fieber war die Folge dieſer Gewalt⸗ thaͤtigkeit, das Leben der Unglücklichen ſchwebte eine Zeitlang in großer Gefahr, Hippareta aber, das Weib des Dinias, pflegte ſie ſorgſam und ſo kehrten endlich ihre Körper⸗ krafte zuruͤck; ihre Seelenkraft aber ſchien auf immerdar gebrochen, und Lycus konnte demnach ſeinen Plan mit ihr um ſo ungehin⸗ derter verfolgen. Die argliſtige, ſchlaue Hip⸗ pareta, welche ſich mit jedem Tage immer mehr und mehr in das Vertrauen der armen Zoe ſtahl, begann jetzt, dem Auftrage ihres Mannes Folge leiſtend, oft auf Alcibiades Flatterhaftigkeit anzuſpielen. Dieſe Verſuche aber, Zoe von dem Geliebten abzuziehen, blieben anfangs durchaus fruchtlos, denn die Liebe des Alcibiades war der Rettungsfel⸗ ſen, den die Unglückliche noch immer feſt um⸗ klammert hielt; die Gegenwart mochte auch noch ſo trübe ſeyn, aus der Ferne her däm⸗ merte ihr dennoch ein troſtgewahrender Hoff⸗ 80 nungsſtrahl, denn Alcibiades konnte ſie nicht getäuſcht haben. Sie hatte es indeſſen mit Menſchen zu thun, welche ſich durch fortgeſetzte Ausübung des Böſen, eine genaue Kenntniß des Men⸗ ſchenherzens verſchafft hatten, und die ent⸗ ſchloſſen waren, alles daran zu ſetzen, ih⸗ ren Zweck zu erreichen. Sie thaten alles, was ſie konnten, um auf den Geiſt der Un⸗ glücklichen einzuwirken und ihre Nerven ab⸗ zuſpannen. Ein Fernhalten von der freien Luft und Einſamkeit waren die Mittel, deren man ſich dazu bediente; in ihrem Schlummer ward ſie oft und wiederholt durch den buͤbi⸗ ſchen Dinias geſtört, und deſſen Weib that alles Mögliche, die Einbildungskraft der Be⸗ klagenswerthen durch abergläubiſche Prophe⸗ zeihungen zu ängſtigen; ſo ward die Phan⸗ taſte der armen Zoe fortwährend angeregt. Bald ſaß ſie nur noch am Tage da in düſte⸗ res Sinnen verſenkt, während furchtbare Träume ſie Nachts aus ihrem Schlafe auf⸗ — 31 ſchreckten. Unter ſolchen Umſtänden war es natürlich, daß ein Gedanke, den man fort⸗ während bemüht war ihr aufzudringen, ſich, hatte ſie ihn gleich anfangs kräftig von ſich geſtoßen, endlich Eingang bei ihr verſchaffte; und ſo ward ſie denn nach und nach dahin gebracht, an der Treue ihres Geliebten zu zweifeln. Noch immer aber hing ſie an ihm mit unendlicher Liebe, und wenn ſchreckenvolle Traumgebilde Nachts ihren Geiſt umfangen hielten, beſchwor ſie oft im Schlafe den fer⸗ nen Aleibiades, ſich doch nicht treulos von ihr abzuwenden, ſie doch nicht ganz zu ver⸗ laſſen.. Der letzte Schlag aber war noch nicht ge⸗ fallen, bald ward er indeß ertheilt, und das arme Opfer ſank unter ihm. Eines Tages trat Hippareta, dem Anſcheine nach unge⸗ mein beſtürzt, in Zoe's Kammer, und er⸗ zählte, nachdem ſie den ängſtlichen Fragen der Unglücklichen eine Zeitlang ausgewichen, derſelben, daß in Athen Anſtalten zu der 6 82 Vermählungsfeier des Alcibiades getroffen würden— auch händigte ſie ihr einige Zei⸗ len ein, worin der Ring, den ſie vormals von ihrem Geliebten empfangen, zurückgefor⸗ dert wurde. Es war die Handſchrift des Alcibiades, das Blatt war mit ſeinem Na⸗ men unterzeichnet.— Das war zu viel!— Dieſer letzte Schlag wirkte allzugewaltig; ſie ſprach kein Wort— ſie vergoß keine Thräne— der Ausdruck von Verzweiflung aber, welcher auf ihrem bleichen Antlitze zu ſchauen war, als ſie den Ring von ihrem Finger zog und ihn der Hippareta hinreichte, beurkundete, daß ihr Schickſal feſtgeſtellt ſei. Die Letztere benutzte dieſen ihren Gemüthszuſtand, um ihren Zweck zu erreichen, ſie beſtürmte die Arme mit Vorſtellungen, und rieth ihr, doch Rache an ihrem treuloſen Geliebten zu neh⸗ men und ihre Hand einem andern Manne zu reichen.— Zoe aber vernahm ihre Worte nicht— ſie verſtand nicht, was ſie ſagte— ihre umherſchweifenden Blicke, ihr ganzes 83 Weſen verkündeten, daß ihre Seelenkraft gänzlich von ihr gewichen, und daß ſie ſich ohne Widerſtand zu leiſten dorthin führen laſſen werde, wohin die, in deren Gewalt ſie ſich befand, ſie zu leiten geſonnen. Wir kommen nun zu den Begebenheiten, welche die Cataſtrophe, die jetzt Statt fand, herbeiführten. Zoippe hatte gleich, nach⸗ dem ſie gewaltſam von Zoe getrennt worden, mehrere Pläne entworfen, den Alcibiades von dem was vorgefallen zu unterrichten. Die Ausführung derſelben aber war durch die Argliſt des Lycus, welcher die Boten auffangen ließ, lange Zeit vereitelt worden. Ueberzeugt, daß die von ihr Abgeſchickten, den Ort ihrer Beſtimmung nicht erreicht hat⸗ ten, übertrug die wackere Matrone dies Geſchäft endlich einem ihrer Anverwandten, auf deſ⸗ ſen Treue ſie ſich mit Zuverſicht verlaſſen konnte. Hierüber aber war eine geraume Zeit vergangen, und ſo konnte Lycus ſeinen 6* 34 verruchten Plan in's Werk richten. Er hatte von Dinias die Kunde von dem gluͤcklichen Erfolge ſeines letzten Betruges vernommen, und er ſuchte demnach jetzt Zoe's Verhei⸗ rathung nach möglichſten Kräften zu beſchleu⸗ nigen. Derjenige, den er wer vormals ſo reizenden und allgemein bewunderten Zoe zum Gatten beſtimmte, war ein Athenienſer von niedriger Abkunft, ein Spielwerk in ſei⸗ nen Händen. Die Ausſicht auf eine anſehn⸗ liche Mitgift, machte ihn den Wünſchen des Lycus noch geneigter, denen die geiſtes⸗ und körperkranke Zoe jetzt auch nicht den minde⸗ ſten Widerſtand mehr entgegenſtellte. Es ſchien, daß mit dem Tage, an dem ihr die Nachricht von Alcibiades Untreue gewor⸗ den, jeder Kampf in ihrem Innern geendet, und als ob ſie, weilte ſie gleich noch unter der Zahl der Lebenden, dennoch bereits vor den Stürmen der Welt, in der Ruhe des Grabes Zuflucht geſucht habe. Kein Wort entſchlüpfte ihren Lippen— kein Seufzer ward 8⁵ von ihr vernommen— Alles was rund um ſie her vorging, wurde von ihr auch nicht im mindeſten beachtet— es war, als gehöre ſie ſchon einer andern Welt an. Selbſt die Feſtlichkeit zu Brauron, bei der ſie, gleich jeder Verlobten, der Diana vorgeſtellt wer⸗ den ſollte, ſchien auf ſie keinen Eindruck zu machen. Während des feierlichen Zuges dort⸗ hin, ja ſelbſt als die bei der Gelegenheit ge⸗ bräuchlichen Ceremonien ſtatt fanden, blit⸗ ihr bleiches Antlitz ſtarr und regungslos. Ge⸗ gen das Ende der Feſtlichkeit ſchien ſie indeß von einem Gedanken erfaßt zu werden, denn ſie hemmte plötzlich ihre Schritte, warf ihren Schleier zurück und ſchaute angſtvoll umher.) Der Gegenſtand aber, den ihre Blicke ſuch⸗ ten, war nicht zugegen; der Ausdruck von Bewußtſeyn verſchwand wieder aus ihrem Geſicht; ihre Blicke wurden wieder ſtarr wie vorhin, und gefühllos ließ ſie ſich in dem Zuge fortführen, welcher ſich jetzt nach Athen hinbewegte. 36 Der Anblick ihres Antlitzes hatte indeſſen die innigſte Theilnahme aller derjenigen er⸗ weckt, die ihr ſo nahe ſtanden, daß ſie ſie erſchauen konnten.— Noch ſo jung und ſchon ſo bleich, ſo ſchwermüthig!— Man kannte ihre Geſchichte nicht, daß ſie aber un⸗ glücklich ſei, war ja augenſcheinlich; und der geheimnißvolle Schleier, der ihr Schickſal verhüllte, ſteigerte nur noch das Intereſſe, welches man für ſie bereits fühlte. Die Prozeſſion bewegte ſich unterdeſſen ruhig fort, und ſchon hatte ſie bis Athen nur noch eine Stunde Weges zurückzulegen, als man plötzlich den Hufſchlag eines Roſſes vernahm und die Vorderſten des Zuges einen Reuter gewahrten, welcher mit großer Eile heranſprengte. Anfangs war es unmöglich, zu unterſcheiden, wer dieſer Reuter ſei, noch bevor er aber völlig herangekommen war, hatte man ihn erkannt, und Einer verkündete jetzt dem Anderen, daß der Nahende kein Anderer als Alcibiades ſei. Wer hätte —— 8² auch den ſchönen, ſtolzen Reuter auf ſeinem ſchäumenden Renner nicht auf den erſten Blick erkennen ſollen! Alles machte ihm Platz. Alles, Alles war begierig, zu erfahren, was ihn herbringe. Die Jungfrauen, welche Zoe umgaben, flo⸗ gen auseinander— und im nächſten Moment war die Letztere von Alcibiades Armen um⸗ ſchlungen. Er warf ihren Schleier zurück und ſtrich die Locken hinweg, welche ihm ihr bleiches Antlitz verbargen, es war in der That ſeine Zoe— die Geliebte ſeines Her⸗ zens— wie verändert aber, wie furchtbar verändert! Sie, die er in der vollen Blüthe der Jugend und der Schönheit verlaſſen hatte, ruhte jetzt bleich und verwelkt in ſeinen Ar⸗ men; das ſonſt ſo feurige Auge war leblos und ſtarr, und aus ihren vormals ſo ſpre⸗ chenden Geſichtszügen, war jeder Ausdruck von Gefühl verſchwunden. Alcibiades betrach⸗ tete die ſo ganz umgewandelte Geſtalt ſeiner Geliebten eine Zeitlang mit namenloſer Angſt; 88 anfangs wollte er ſeinen Augen nicht trauen, ſeine Phantaſie, glaubte er, zaubere ihm ein furchtbares Schreckgebilde vor; bald aber überzeugte er ſich, daß er die entſetzlichſte Wirklichkeit erſchaue, und ſich ganz ſeinem Schmerze hingebend, that er Alles, was in ſeinen Kräften ſtand, ſich der Unglücklichen verſtändlich zu machen und ihr Rede abzuge⸗ winnen. „Zoe, theuere, theuere Zoe,“ jammerte er,„ſo höre mich doch, ſo ſieh mich doch nur an, ich bin Dir ja treu geblieben, hänge ja wie ſonſt mit inniger Liebe an Dir.— Man hat Dich ſchändlich getäuſcht— noch aber iſt nichts verloren, Du biſt frei— biſt noch mein. So ſieh mich doch nur ein ein⸗ zigesmal an und überzeuge Dich, daß ich es bin, daß es Dein Alcibiades iſt, der mit Dir ſpricht.“—„Ihr Götter,“ fuhr er fort, als ihn Zoe noch immer mit einem lee⸗ ren, nichtsſagenden Blick anſtarrte,„welcher böſe Dämon hat dieſen furchtbaren Wandel — 4 hervorgebracht! Sie kennt mich nicht! ſie bebt vor mir zurück!— Ha, wer mir das gethan hat, der ſoll es mir blutig entgelten.“— Und die Geliebte neuerdings an ſeine Bruſt drückend, flehte er wiederholt:„Zoe, Zoe, mein theures Leben, ich täuſche Dich nicht, ich bin unverändert derſelbe, bin Dir treu bis zum Tode! Kein Gelübde, keine Macht auf Erden ſoll uns trennen, der Bund unſerer Herzen iſt von den Göttern geheiligt. Darum höre mich an, meine Zoe, ſie haben Dir ge⸗ ſagt, ich hätte mich von Dir abgewandt, wäre Dir treulos geworden, das war ſchänd⸗ lich gelogen, denn in meiner Treue zu Dir habe ich auch nicht einen Augenblick gewankt. Sprich doch nur ein Wort— nur ein einzi⸗ ges Wörtchen ſprich, um mich zu überzeugen, daß ich nicht der Elendeſte der Sterblichen bin.“. Dieſe Worte ſprach er mit ſo eindringen⸗ der Kraft, daß ſich der Ton ſeiner Stimme endlich Eingang bei ſeiner Zoe verſchaffte, 99— ſie hörte ihn, ſie verſtand ihn, ihr Geliebter war ihr wiedergegeben, er war ihr treu ge⸗ blieben, ſein Herz hatte ſich nicht von ihr abgewandt. Dieſe Himmelsbotſchaft aber kam zu ſpät!— Es giebt Momente, in welchen die Freude gefährlicher iſt als der Schmerz, wo eine einzige unerwartete fröhliche Nach⸗ richt das letzte Lebensflämmchen zu verlöſchen vermag. Dies war jetzt der Fall. Ein Lä⸗ cheln auf Zoe's Wange verkündete das Ent⸗ zücken, mit dem ſie ſeiner Rede horchte, und einen Augenblick lang richtete ſich ihr Auge wie ſonſt mit dem Ausdruck der innigſten Liebe auf ihn. Das aber währte auch nur einen Moment, der Strahl ihrer Vernunft erloſch ſchnell wieder in dem Eismeer ihrer Gefühlloſigkeit; aus ihren Geſichtszügen ſchwand das Lächeln, welches ſie noch ſo eben belebt hatte, und ihre Augen ſchloſſen ſich— auf immer. Sie war aus einer Welt, die ſich ſchwer an ihr vergangen hatte, hinüber⸗ 4 gegangen in ein Daſeyn, in welchem der 9¹ Geiſt Ruhe findet, wo es keine Bedrückung giebt, wo der Gram des Erdenlebens in der Wonne ewiger Seligkeit untergeht.— Wir wollen es nicht verſuchen, die Ge⸗ fühle des ſeines höchſten Erdenglücks beraub⸗ ten Alcibiades zu ſchildern, noch es unter⸗ nehmen, die Seelenangſt zu malen, mit der er ſich bemühte die Geliebte wieder ins Leben zurückzurufen, bis er ſich endlich der furcht⸗ baren Ueberzeugung hingeben mußte, daß ſeine Zoe für dieſe Welt auf immerdar von ihm geſchieden ſei. Verzweiflungsvoll wandte er ſich ab, um ſich hinweg zu begeben; ein Kuß noch auf die bleiche Wange, eine Locke ihres ſchönen dunklen Haares, ein Blick noch, ein einziger langer, ſchmerzlicher Blick— und er flog von dannen.— Folge ihm ja nicht, freundlicher Leſer, frage nicht nach ſeinen Gefühlen, aber ſchenke ihm Dein Mitleid und ſprich nicht das Verdammungsurtheil über ihn aus, wenn Du in den Büchern der Ge⸗ ſchichte ſeinen ruhmvollen Namen mit Thor⸗ Schreckensperiode aus dem Leben eines Brittiſchen Offiziers. Von ihm ſelbſt erzäahlt. Jch war ungefähr achtzehn Jahre alt, als ich mein väterliches Haus verließ. Ein weit⸗ läuftiger Verwandter meines Vaters, ein Di⸗ rector der Oſtindiſchen Compagnie, hatte ver⸗ ſprochen, mich unter ſeinen Schutz zu nehmen und mir eine ehrenvolle Anſtellung zu ver⸗ ſchaffen. Obgleich mein Vater weder Rang noch Reichthum beſaß, war ihm dennoch ein edles, würdevolles Benehmen eigen, auch ſcheute er keine Koſten, mir eine gute Erziehung zu ge⸗ — 2— heiten und Verbrechen befleckt ſindeſt. Die Religion, welche dem Chriſten Troſt zu ge⸗ währen vermag, bot ihm ja keine Beruhigungs⸗ gründe dar; was Wunder alſo, daß er, den keine warnende Stimme zurück hielt, dem ſein ganzes Erdenglück entriſſen war, ſich in einen wilden Strudel von Ausſchweifungen ſtürzte, um in dem Taumel der Gegenwart die Erinnerung an die Vergangenheit zu er⸗ tränken. Während ſeiner ganzen glänzenden Laufbahn aber, hatte er häufige Augenblicke, in welchen ſein beſſerer Engel zu ihm zurück⸗ zukehren ſchien, in welchen die Erinnerung an ſeine dahingeſchiedene Geliebte ihn beſänf⸗ tigte und zügelte; und als er endlich in der Blüthe ſeines Lebens ſtarb, fand man auf ſeiner Bruſt die Locke, welche er mit eigner Hand von dem Haupte ſeiner Zoe getrennt hatte. 9⁴ ben. Ich erhielt die beſten Lehrer und nichts ward verabſäumt, was mich in den Stand ſetzen konnte, in der feinen Geſellſchaft zu erſcheinen. Herr Somerville, ſo nannte ſich mein Beſchützer, war ein freundlicher, gutmüthiger, aber etwas bequemer Mann. Als ich nach meiner Ankunft in London zu ihm ging, be⸗ ſtand er darauf, daß ich bei ihm und nicht in einem Gaſthofe, wie ich anfangs geſon⸗ nen war, wohnen ſolle. Ich blieb nunmehr zwei Monate lang in ſeinem Hauſe, ohne daß er mir eine Anſtellung verſchaffte. Er ſelbſt dachte nie an die Zukunft, und ſo konnte er es auch nicht begreifen, wie ich mich ihret⸗ wegen ſo ſehr bekümmerte.„Ihre Geſell⸗ ſchaft iſt mir angenehm,“ ſprach er, wenn ich in ihn drang, mich doch endlich in Thä⸗ tigkeit zu bringen,„es kann Ihnen ja gleich⸗ viel ſeyn, ob Sie jetzt oder nach einem Mo⸗ nate eine Anſtellung erhalten, die Flotte ſe⸗ gelt ja ſobald noch nicht ab.“— — — — Zeit recht behaglich verſtrich. 95 Endlich, ungefähr eine Woche, bevor die Flotte unter Segel gehen ſollte, ſchien mein Beſchutzer ſich aus ſeiner Indolenz aufzuraf⸗ fen; er begab ſich zu ſeinen Mitdirectoren und ſuchte für mich um einen Platz nach, der vacant war und den er mir verſprochen hatte; er erfuhr indeß, daß man dieſe Sielle bereits einem Andern zugeſagt habe, meinte indeß, als er mir dieſe Nachricht mittheilte, daß ich ja bis zum Abgang der nächſten Flotte bei ihm bleiben könne. Meine abhängige, unthätige Lage aber war mir allzu ſehr zu⸗ wider, um noch länger in derſelben zu ver⸗ harren, und ſo verließ ich denn England als Kadet, nachdem mich mein Beſchützer mit Empfehlungsbriefen an ſeine Freunde in Oſt⸗ indien verſehen hatte. Auf unſerer Fahrt begegnete uns nichts Beſonderes; das Wetter war ſchön, und die Offiziere bildeten zuſammen einen höchſt an⸗ genehmen geſelligen Kreis, ſo daß mir die 96 Bei meiner Ankunft in Bengalem gab ich meine Empfehlungsſchreiben ab, und ward faſt von Allen, an die ſie gerichtet waren, freundlich aufgenommen. Wer niemals Eng⸗ land verlaſſen hat, kann ſich keinen Begriff von der Wärme machen, welche die Geſell⸗ ſchaften unſerer Landsleute in Oſtindien be⸗ lebt. Daheim ſind wir nur mit Freunden und Verwandten umgeben, wir betrachten jeden Fremden mit verdrießlichen Blicken wie einen Menſchen, der ſich bei uns eindrängen und unſere alte Ordnung ſtören will; unſere Theilnahme für den Einzelnen iſt nur geringe, weil ſo viele darauf Anſprüche haben, und nur ungern ſpenden wir einen Theil davon einem neuen Bewerber. In Oſtindien dage⸗ gen verliert ſich die Handvoll Engländer in der Aſiatiſchen Menſchenmenge, ihre Zunei⸗ gung kann ſich nicht ſo weit ausdehnen, und wird ſtark durch Concentration; Höflichkeit wird Freundſchaft, und Freundſchaft nicht ſelten zur Leidenſchaft. Jeder Ankömmling iſt Nahrung für ihr glühendes Herz, er hat ihnen ſo manches Neue zu erzählen, ſo viele Zweifel zu löſen, ſo manche Angſt zu heben, ſo manche ſüße Erinnerung zu wecken, daß er ſo⸗ fort als ein Freund betrachtet wird, und we⸗ nige Tage hinreichen eine Vertraulichkeit her⸗ beizuführen, die in England faſt nie, oder wenigſtens erſt nach Jahren ſtatt finden würde. Zu den Herren, an die mir Herr Somer⸗ ville Empfehlungsbriefe mitgegeben hatte, gehörte auch ein Obriſt, Namens Walker; er war lange in Oſtindien geweſen, und hatte ſich ein bedeutendes Vermögen erwor⸗ ben; er war von gutmüthiger, aber heftiger Gemüthsart und liebte ſeinen Stand und ſeine Ehre über Alles. Ich ward oft zu ihm eingeladen und fand in ſeinem Hauſe Alles, was ſich durch Rang oder Talent auszeich⸗ nete; er war Wittwer und hatte nur eine einzige Tochter, die ſich, als ich in ſeinem Hauſe bekannt wurde, auf einem Beſuche bei 7 93 einer etwas entfernt wohnenden Verwandten befand. Der Obriſt ſprach mit mir oft von dieſer ſeiner Tochter in Ausdrücken, die meiner Mei⸗ nung nach nur aus der Vaterliebe entſpringen konnten. Sie kehrte bald darauf zurück und als ich ſie zum erſten Mal ſah, gefiel ſie mir keineswegs; ihr Wuchs war nicht vorzüglich, und war gleich ihr Geſicht ſchön, fehlte doch ihren Zügen jene Zartheit, welche wir an dem Weibe ſo ſehr bewundern; auch ſprach ſie ihre Gefühle mit einer gewiſſen männli⸗ chen Kühnheit aus. Noch war ich nicht lange in Bengalen, als in dem Regimente des Obriſten Walker eine Fähnrichſtelle erledigt wurde, die man nunmehr mir ertheilte. Das Regiment lag in Garniſon an den Gränzen von Myſore, da aber die Oſtindiſche Compagnie zu jener Zeit Frieden mit dem Rajah hatte, hatte der Obriſt ſeinen Urlaub mehreremale erneuert bekommen und auch für mich die Erlaubniß 1 99 erhalten, bei ihm zu bleiben, bis er ſich wie⸗ der auf ſeinen Poſten verfügen würde, wo⸗ hin er ſich noch vor Ablauf des Monats zu begeben gedachte. Während dieſer Zeit war ich faſt beſtän⸗ dig in ſeinem Hauſe, und mit jedem Tage fühlte ich mich immer mehr und mehr zu ſei⸗ ner Tochter hingezogen. Die Eigenthümlich⸗ keit ihres Benehmens verletzte mich jetzt nicht mehr, ich ſchrieb ſie ihrem ſchuldloſen Herzen und ihrer gänzlichen Unbekanntſchaft mit den europäiſchen Sitten zu. Ich fühlte mich un⸗ glücklich, war ich nicht bei ihr, war aber weit entfernt, dieſe Empfindung für Liebe zu halten. Die Hand der Miß Walker war, wie mir ihr Vater geſagt harte, einem Kapi⸗ tain Thompſon, einem jungen Manne von Vermögen verſprochen, und da ich gehört hatte, daß Liebe nicht ohne Hoffnung beſte⸗ hen könne, hegte ich keine Beſorgniß, mich in ein Mädchen zu verlieben, das nie die Meine werden konnte. Das Unſichere meiner 7:5 3 100 Lage und mein geringes Vermögen, waren hinreichende Gründe mich zu verhindern, auf den Beſitz eines ſo reichen Mädchens zu hoffen. Eine Woche bevor ich Madras zu ver⸗ laſſen gedachte, langte Kapitain Thompſon an, um dem Obriſten einen Beſuch abzuſtat⸗ ten und ward von dieſem mit großer Freund⸗ lichkeit, von Miß Walker aber, wie ich zu bemerken glaubte, mit Innigkeit empfangen. Ich war Zeuge dieſer ſeiner Aufnahme, nicht ohne einen Anflug von Neid zu empfinden; aber ich bewies dem Kapitain diejenige Auf⸗ merkſamkeit, die ich dem künftigen Schwie⸗ gerſohne eines Mannes ſchuldig war, gegen den ich ſo große Verpflichtungen hatte. Thomp⸗ ſon's Aeußeres war übrigens angenehm, auch beſaß er ein einnehmendes Weſen. Da ich natürlich der Meinung war, daß meine Anweſenheit die Liebenden ſtören müſſe, ſo beſuchte ich von nun an das Haus des Obri⸗ ſten ſeltener. Als ich eines Tages wieder — 101 vort hin kam, fand ich Miß Walker allein. „Wie kömmt es, Herr B..., daß wir Sie jetzt ſeltener ſehen als ſonſt?“ fragte ſie; „ich hoffe, weder mein Vater, noch ich, ha⸗ ben etwas gethan, das Sie verletzen konnte.“ „O nein, gewiß nicht, Miß Walker,“ entgegnete ich;„wie kommen Sie auf den Gedanken? Wie könnten diejenigen, die mich mit Wohlthaten überhäufen, die ich ſo unge⸗ mein achte, mich beleidigen? Wenn ich wah⸗ rend der letzten Tage Ihr Haus ſeltener be⸗ ſuchte, geſchah es nur, weil ich Sie in an⸗ genehmerer Geſellſchaft wußte.„— „Wäre ich eine Schmeichlerin, mein lie⸗ ber Freund,“ verſetzte Miß Walker,„ich würde ſagen, das ſei unmöglich. Mein Va⸗ ter hat, wie ich jetzt merke, Ihnen in der Fülle ſeines Herzens offenbart, daß Kapitain Thompſon glaubt, eine Neigung für mich zu empfinden, und Sie glauben nun Ihrer⸗ ſeits, daß ich ihn liebe.“ 8 102, 7 „Allerdings, Miß Walker,“ erwiderte ich,„ſind Sie nicht längſt ſchon mit einan⸗ der einverſtanden?“ „So glaubt mein Vater,“ antwortete die Tochter des Obriſten,„Thompſon aber hat mit mir über dieſen Gegenſtand noch nie ernſthaft geſprochen; daß er Abſichten auf mich hat, habe ich indeſſen allen Grund zu vermuthen, und da ich Sie nun als einen Bruder betrachte, möchte ich gerne Ihren Rath, wie ich mich bei dieſer Gelegenheit zu benehmen habe. Die Männer ſehen oft ſchär⸗ fer als wir, und ich möchte gern Ihre Mei⸗ nung über Kapitain Thompſon wiſſen.“ „Ich bin ſtolz auf Ihr Vertrauen, Miß Walker,“ verſetzte ich,„wünſchte ich gleich, daß Sie mich über einen ſo zarten Gegenſtand nicht um Rath befragt hätten. Da mir in⸗ deſſen Ihr Benehmen zu verrathen ſcheint, daß Ihnen Kapitain Thompſon nicht gleich⸗ gültig iſt, ſo nehme ich keinen Anſtand, Sie zu 103 verſichern, daß er mir in jeder Hinſicht ge⸗ eignet ſcheint, Sie glücklich zu machen.“ „Und darf ich fragen, was Sie dies vermuthen läßt?“ fragte Miß Walker. „Herr Thompſon,“ erwiederte ich, „dat ein angenehmes Aeußeres, und beſitzt ein großes Einkommen, das ſind nicht zu verwer⸗ fende Dinge; und iſt nun der Beſitzer derſel⸗ ben, außerdem ein guter Menſch, welches mir der Kapitain zu ſeyn ſcheint, glaube ich wohl— daß er von Ihnen geliebt zu werden ver⸗ dient.“ 65 „Liebten Sie je?“ fragte Miß Walker, indem ſie mich ernſt anblickte, mit zitternder Stimme und glühender Wange. Dieſe Frage ſetzte mich in Verwirrung. „Ja— nein,“ ſtammelte ich,„allerdings— ich kann nicht läugnen, daß ich liebe— je⸗ doch ganz ohne Hoffnung.“— Und wahr⸗ lich, ich weiß nicht, wie weit ich in meiner Erklärung gegangen wäre, hätte mir nicht in dieſem Augenblick die Stimme des Obri⸗ 104 ſten meine Faſſung wiedergegeben. Ich ver⸗ ließ das Haus, kurz nachdem er eingetreten war, jedoch nicht ohne vorher verſprochen zu haben, am nächſten Tage zur Mittagstafil wieder zu erſcheinen. Während derſelben beobachtete ich nau ſorgſam das Benehmen der Miß Walker gegen Kapitain Thompſon, der am nich⸗ ſten Tage Madras wieder zu verlaſſen be⸗ ſchloſſen hatte. Daſſelbe war frei und un⸗ gezwungen, während ſich ihre Blicke, wenn ſie den meinigen begegneten, zu Boden ſenkten, wobei dann ſtets eine hohe Gluth ihre Wange färbte. Ich bemühte mich meine Gefühle zu verbergen, verriethen gleich dann und wann meine Blicke die Bewegung, die in meinem Innern ſtatt fand. Dies⸗ mal gefiel mir Thompſon weniger als ſonſt; er ſchien mir leichtſinnig, unbedacht, ich glaubte indeß, meine Eiferſucht verleite mich, ein zu hartes Urtheil über ihn zu fäl⸗ len, und ſo bemühte ich mich denn, den Wi⸗ 105 derwillen niederzukämpfen, der in meiner Bruſt gegen ihn emporzukeimen begann. Die Geſellſchaft brach früh auf, und nachdem ich dem Kapitain eine glückliche Reiſe gewünſcht hatte, begab ich mich nach Hauſe. Es war mir jetzt nur zu klar geworden, daß ich ohne den Beſitz des liebenswürdigen Mädchens nimmer glücklich werden könnte; aber ich ſah die Möglichkeit einer Verbindung mit ihr nicht ein. Wenn mir auch meine Eitelkeit dann und wann zuflüſterte, daß ich ihr nicht gleichgültig ſei, hatte doch ihr Va⸗ ter ihre Hand gewiſſermaſſen einem Andern zugeſagt, und nichts, das wußte ich, konnte ihn bewegen, ſein Wort zu brechen. Ueber⸗ dem war mein Nebenbuhler reich, ich war arm; er beſaß bereits einen Rang in der Armee, ich war nur Fähnrich und hatte noch nicht einmal einem Gefechte beigewohnt. Ich verdankte dem Obriſten mein Offizier⸗Patent und manche andere Wohlthaten,— durfte ich, zum Dank dafür, ſeine Pläne durchkren⸗ zen? Es ſchien mir leichter Unglück als Schande zu ertragen, und ich mied demnach von nun an das Haus meines Beſchützers gänzlich, unter dem Vorwande, daß ich zu meiner Abreiſe Anſtalten zu treffen hätte; und wenn ich dann und wann den Obriſten beſuchte, bemühte ich mich ſtets, jedes Allein⸗ ſeyn mit ſeiner Tochter zu vermeiden. Miß Walker ſchien meine Zurückhaltung zu bemerken und ſie den wahren Beweggrün⸗ den zuzuſchreiben. Wenn ſie ihre Blicke auf mich richtete, gewahrte ich in denſelben deut⸗ lich den Ausdruck einer nur ſchlecht verhehl⸗ ten Zärtlichkeit für mich; auch war ſie weit weniger heiter als ſonſt. Der Obriſt hatte mir einen ſchönen Ren⸗ ner zum Geſchenk gemacht, und es war be⸗ ſchloſſen worden, den Weg nach unſerem Be⸗ ſtimmungsorte zu Pferde zurückzulegen. Als ich am Morgen unſerer Abreiſe in Gegenwart ihres Vaters von Miß Walker Abſchied nahm, gab ſie mir ihr Bild, welches ſie an 10⁷ einer goldenen Kette am Halſe trug, zum Andenken.„Nehmen Sie,“ ſprach ſie,„dies Portrait zur Erinnerung an ein Mädchen, das Ihren Werth erkannte, und Ihre Wohl⸗ fahrt von ganzem Herzen wünſcht.“— Bei dieſer Rede zitterte eine Thräne in ihrem Auge.„Jenny iſt ein wackeres Mädchen,“ bemerkte der Obriſt,„ſie weiß die Freunde ihres Vaters zu ſchätzen.“— Ich drückte das Miniaturbild an meine Lippen.„So lange ich lebe,“ rief ich mit ſchmerzlichem Entzücken,„werde ich Ihrer, theure Miß, mit der innigſten Achtung und Ehrfurcht ge⸗ denken— dieſe Ihre Gabe ſoll fortan für mich ein unſchätzbares Gut ſeyn.“— Die Pferde waren unterdeſſen vorgeführt worden, der Obriſt umarmte ſeine Tochter, ich drückte ihre Hand an meine Lippen und ſagte ihr Lebewohl. Das Gemüth des Obriſten war beim An⸗ fang unſerer Reiſe faſt eben ſo bewegt wie das meine, das Neue der Gegenden aber, 103 durch die wir dahinritten, verſcheuchte bald unſere Schwermuth, wenigſtens zum Theil, und ſo legten wir denn unſeren Weg nicht nur glücklich, ſondern ſelbſt angenehm zurück. Der Obriſt Walker ward von den Offi⸗ zieren der Garniſon auf das Schmeichelhaf⸗ teſte empfangen, und da ſie in mir bald ſei⸗ nen Günſtling erkannten, behandelten ſie auch mich mit großer Freundlichkeit. Unter dieſen Offizieren gab es auch einen Kapitain Glo⸗ wer, der ein höchſt gerades Weſen affectirte und in ſeinem Benehmen äußerſt drollig war. Von dem Augenblick meiner Ankunft an ſchloß er ſich an mich, und ſeine Geſellſchaft war mir ſo angenehm, daß wir bald unzertrenn⸗ lich wurden. Unglückſelige Verbindung! Un⸗ heilbringende Brüderſchaft! Wie qualvoll iſt mir die Erinnerung an dieſen Böſewicht!— Dieſe meine Hand aber ſandte ihn zu ſeinem letzten Richter, und ſo ſteht es mir denn nicht an, fürder mit ihm zu rechten. —ÿ—x—x—:—]———-—— ———— 109 Ein Jahr verſtrich mir nunmehr auf höchſt angenehme Weiſe; der Garniſondienſt war durchaus nicht ſtrenge, und die Offiziere machten demnach oft kleine Ausflüge in die benachbarte Gegend, die wegen ihrer Schön⸗ heit und wegen vieler dort befindlicher Ueber⸗ reſte des Alterthums berühmt war. Obriſt Walker hatte ſich bald nach un⸗- ſerer Ankunft unwohl gefühlt und war nach Madras zurückgekehrt; ich unterhielt indeß einen fortwährenden Briefwechſel mit ihm, und empfing endlich von ihm zu meiner un⸗ beſchreibbaren Freude die Kunde, daß er völlig wieder hergeſtellt ſey, und von ſeiner Tochter begleitet, nächſtens zu uns kommen werde. Sie langten auch in der That bald darauf an, und ich fühlte nunmehr, daß die Abwe⸗ ſenheit meine Liebe zu Miß Walker noch geſteigert hatte; ich beſaß indeß Seelenſtärke genug, ihr nur diejenige Aufmerkſamkeit zu beweiſen, die ſie von dem Freunde ihres Va⸗ ters zu erwarten hatte. 4 110 Kurze Zeit darauf erhielt der Statthalter von der oberen Regierung die Anzeige, daß es, nach einigen Bewegungen in Myſore zu urtheilen, den Anſchein hätte, als ob es die Abſicht des Rajah ſey, die Compagnie an— zugreifen. In Folge dieſer Mittheilung mußte nunmehr der Dienſt ſtrenger beobachtet wer⸗ den, die Feſtung ward verproviantirt, und die Beſatzung gerade durch das Regiment ver⸗ ſtärkt, bei welchem Kapitain Thompſon ſtand. Obriſt Walker wünſchte, daß ſich ſeine Tochter, ihrer Sicherheit wegen, nach der Küſte begeben möchte; Jenny aber wei⸗ gerte ſich durchaus abzureiſen, erklärend, ſie ſey feſt entſchloſſen, ihren Vater im Augen⸗ blick der Gefahr nicht zu verlaſſen, und we⸗ der die Vorſtellungen ihres Vaters, noch die ihres beſtimmten Bräutigams, noch die mei⸗ nigen, konnten ſie von dieſem Entſchluſſe ab⸗ bringen.. Nur kurze Zeit verging, und die von dem Statthalter eingegangene Nachricht ward 111 durch den Aufbruch des Myſoriſchen Heeres beſtätigt; eine ſtarke Abtheilung deſſelben, mit einem furchtbaren Artillerie⸗Train bei dem ſich franzöſiſche Ingenieurs befanden, erſchien vor der Feſte. Bis jetzt waren mir die Schrecken des Krieges noch unbekannt geblieben, nunmehr lernte ich ſie kennen. Die ſtolzen Viſionen kriegeriſchen Ruhmes, welche ſich meine ju⸗ gendliche Phantaſie vorgezaubert hatte, wur⸗ den von den Rauchwolken brennender Dörfer umnebelt, und die herzerhebenden Töne der militairiſchen Muſik gingen unter, in dem Jam⸗ mergeſchrei und den Klagen der Flüchtlinge, die ihrer Habe beraubt, vor dem herandrin⸗ genden Feinde in unſerer Feſte Schutz ſuchten, verloren. Der Feind hatte gehofft uns zu überrum⸗ peln; ſein erſter Angriff geſchah' daher mit großer Kühnheit. Die Art und Weiſe aber, wie er empfangen ward, lehrte ihn brittiſche Ta⸗ pferkeit zu achten. Obriſt Walker, welcher 8 112 unter dem Statthalter befehligte, war überall zugegen, wo Gefahr drohte, und unter ſeinen Augen that jeder ſeine Pflicht. Die Belagerung hatte ſchon eine Zeitlang gedauert, und wenn gleich der Feind durch beſtändige Neckereien uns raſtlos unter den Waffen hielt, ſchien er doch keinesweges ge⸗ neigt, eher einen Sturm zu wagen, als bis ſeine trefflich bediente Artillerie unſere Wälle der Erde gleich gemacht haben würde. Wir hatten bereits mehrere Ausfälle verſucht, die⸗ ſelben aber hatten keinen Erfolg gehabt, und es ſchien, da ſich der Feind fortwährend ver⸗ ſtärkte, wir aber von jeder Verbindung mit den Unſrigen abgeſchnitten waren, hoͤchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß wir bald genöthigt ſeyn wür⸗ den, die Feſte zu übergeben. Obgleich ich meiner ſelbſt wegen völlig unbeſorgt war, kannte dennoch meine Angſt rückſichtlich Miß Walker keine Gränzen. Ich ſah diejenige, die ich anbetete, von Schrecken bedroht, die tau⸗ ſendfach furchtbarer waren als der Tod; und 8 113 es wäre mir jetzt unmöglich geweſen, vor irgend einem Dritten meine Leidenſchaft ver⸗ borgen zu halten. Jedermann aber hatte jetzt uviel mit ſich ſelbſt zu thun, um ſich um Andere zu bekümmern, und ſo blieben denn meine Gefühle unbeachtet; trugen gleich alle meine Handlungen das Gepräge deſſen, was in meiner Seele vorging. In dieſem Augenblick der Gefahr ſchien Miß Walker allein unerſchüttert; rief uns nicht der Kriegs⸗ dienſt, waren der Obriſt, Thompſon und ich nicht ſtets um ſie, und unſer Muth ward durch ihre Seelenſtärke geſteigert. Die Feſte war jetzt bereits ſechs Wochen lang belagert worden, und wir ſahen ein, daß wir uns nur noch einige Tage halten konnten; denn in den Wällen hatte der Feind bereits eine bedeutende Breſche geſchoſſen. Da ward ich in einer Nacht von dem Obri⸗ ſten Walker geweckt, deſſen Haus ich erſt vor zwei Stunden verlaſſen hatte. Er ſagte mir, daß ihm gleich nach meiner Entfernung 8 114 einer ſeiner Diener, ein wackerer und treuer Neger, offenbart habe, wie ſein Vater, der lange in dieſem Orte geweilt hätte, oft von einem unterirdiſchen Gange geſprochen, den ihn der Zufall endecken ließ und der weit hinein in das Land führte. Der Vater des Negers hatte ſeine Entdeckung dem damaligen Commandanten mitgetheilt und der Gang war in aller Stille verſchloſſen worden. Seitdem hatte der Diener des Obriſten gegen niemand etwas davon erwähnt, jetzt aber war es ihm eingefallen, daß man vielleicht auf dieſem Wege den Engländern von unſerer traurigen Lage Nachricht geben könne.„Ich fürchte,“ bemerkte der Obriſt,„daß unſere Truppen, unfähig, dem Hauptcorps Hyders die Spitze zu bieten, ſich gegen die Küſte zurückgezogen haben; aber es iſt nicht unmöglich, die Be⸗ ſatzung durch jenen Gang zu führen, und den Feind auf einem Punkt anzugreifen, wo er einen Ueberfall am wenigſten erwartet, ſeine vorzüglichſten Batterien zu zerſtören und uns 115 dann wieder in die Feſte zurückzuzehen. Ich wollte nicht bis morgen warten, un mit Ih⸗ nen über dieſe Sache zu ſprechet. Es iſt ein verzweiflungsvolles Project, gelugt es aber, hemmen wir die Operationen des Feindes, und gewinnen Zeit, bis wir Unterſtübung erhalten.“ Ich ſtimmte dem Obriſten be, daß dieſer Plan das einzige Mittel ſei, durch welches die Feſte vielleicht gerettet weiden könne; und nachdem wir uns nun noch darüber be⸗ rathen hatten, wie derſelbe am beſten aus⸗ zuführen ſei, begab ich mich wieder hinweg. Am nächſten Tage ſprach er über dieſen Gegenſtand mit dem Statthalter, derſelbe aber war dem Projecte nicht geneigt. Er behauptete, das Mißlingen deſſelben würde unfehlbar die Feſte in die Hände des Feindes liefern; nachdem ihm aber vorgeſtellt worden war, daß ohne einen ſolchen entſcheidenden Schritt der Platz doch verloren ſei, gab er 8* 116 ſeine Einwilligung, daß der Ausfall gewagt werden ſole. Der Eang war bald aufgefunden, der Eingang ſchrell geöffnet und alle nöthigen Anſtalten wuden nunmehr getroffen. Eine Schaar von iebenhundert Mann ward aus⸗ gewählt und Obriſt Walker an ihre Spitze geſtellt. Kaſitain Thompſon und ich be⸗ fehligten untr ihm. Miß Walker's Feſtig⸗ keit, die ihe ſo lange treu geblieben war, verließ ſie jitzt, und ohnmächtig ſank ſie in die Arme ilres Vaters, als dieſer ſie beim Abſchiede den Schutze des Himmels anempfahl. Ich ſagte ihr kein Lebewohl, denn ich fühlte, daß mir eine ſolche Scene alle Kraft rauben würde. Mit Einbruch der Nacht zogen wir auf unſer gefahrvolles Unternehmen aus, die Pa⸗ role war:„Ruhm und Alt⸗England!“ Der unterirdiſche Gang endete eine Meile jenſeit des feindlichen Lagers, dort ſtellten wir uns auf und ich ward nunmehr mit einer kleinen 117 Abtheilung ausgeſandt, um zu recognoseiren. Kein Argwohn ſchien rückſichtlich urſeres Pla⸗ nes ſtatt zu finden, und kein Geläuſch war vernehmbar, als der Ruf der Schildwachen. Ich kehrte zu den Unſrigen zurück, ſtattete Bericht ab, und ſofort gab der Obriſt Be⸗ fehl, vorzurücken. Wir bewegten uns im Dunkel der Nacht ſchweigend dahin, kein Flü⸗ ſtern ward gehört, ja wir wagten kaum zu athmen. Die Batterie, das Hauptziel unſers Angriffs, lag vor dem feindlichen Lager ei⸗ nem Thore der Feſtung gerade gegenüber, aus dem der Ueberreſt der Beſatzung, ſobald er unſer Feldgeſchrei vernehmen würde, ei⸗ nen Ausfall machen ſollte. In unſerer Hoffnung, den Feind zu über⸗ rumpeln, wurden wir indeß faſt gänzlich ge⸗ täuſcht. Noch bevor wir auch nur den hal⸗ ben Weg bis zu ſeinem Lager zurückgelegt hatten, wurden wir, da gerade in dieſem Augenblick der Mond mit ſeinem vollen Lichte aus einer Wolke trat, von einer Patrouille 118. — bemerkt, ſie gab Feuer und ſchnell kam nun im Lager Alles auf die Beine. Uns blieb jetzt nichts übrig, als uns mit Blitzesſchnel⸗ ligkeit vorwärts zu bewegen; wir thaten es und erreichten nach einigen Augendlicken die Verſchanzungen. Unſer Geſchrei, unſer Mus⸗ ketenfeuer, das Schmettern unſerer Trompe⸗ ten, der Schall unſerer Trommeln, gemiſcht mit dem Donner des feindlichen Geſchützes, brachte eine wahrhaft furchtbare Wirfung (hervor. 1 Die Größe der ihm drohenden Gefahr nicht kennend, leiſtete der Feind anfangs nur ſchwachen Widerſtand, unſere kleine Schaar durchſchnitt die ſie umgebende Menge wie ein Schiff den Ocean, und der glücklichſte Erfolg ſchien unſer Unternehmen krönen zu wollen, bis Graf d'Alton, ein tapferer und geſchick⸗ ter Franzöſiſcher Offizier, aus dem entfernte⸗ ren Theil des Lagers mit einer nach Euro⸗ päiſcher Weiſe disciplinirten Schaar heran⸗ rückte und ſich zwiſchen uns und die Feſtung 1¹9 —— ſtellte. Jetzt erſt begann der eigentliche Kampf; dreimal griffen wir dies Detaſche⸗ ment an, in der Hoffnung, die Batterie zu erreichen, dreimal wurden wir zurückgewor⸗ fen; während der ſich nach und nach von ſeiner Beſtürzung erholende Feind ſich hinter uns zu formiren begann, und uns ſo jede Möglichkeit nahm, uns auf dem Wege, den wir gekommen waren, zurüͤckzuziehen. Uns ſchien jetzt nichts übrig zu bleiben, als unſer Leben ſo theuer als möglich zu ver⸗ kaufen; da ſchwieg plötzlich das feindliche Feuer und Graf d'Alton forderte uns auf, uns zu ergeben, wobei er uns andeuten ließ, daß dies das einzige Mittel ſei, das Leben vieler tapferen Männer zu retten, indem ſeine wüthenden, undisciplinirten Verbündeten ſonſt uns Alle ihrer Wuth aufopfern würden. „Sagen Sie Ihrem Befehlshaber,“ ent⸗ gegnete Obriſt Walker dem Abgeſandten, „daß ich ſeine Menſchlichkeit zwar gebührend anerkenne, aber keines Pardons bedarf. Un⸗ 120 ſere eigene Kraft wird hoffentlich hinreichen, uns zu beſchützen, wenn nicht, werden wir ruhmvoll ſterben!“— Das gränzt ja in der That an wahre Tollkühnheit,“ rief Ka⸗ pitain Thompſon, welcher dem Obriſten zunächſt ſtand,„wir haben bereits gethan, was von Männern nur verlangt werden kann, längeren Widerſtand leiſten aber, hieße un⸗ ſere Leute zur Schlachtbank führen.“— Der Obriſt machte bei dieſen ungeziemen⸗ den Worten mit der Hand eine Bewegung nach dem Griffe ſeines Degens; er beſann ſich indeß und ſprach zu Thompſon ge⸗ wandt:„Sie haben ſich der Aufwiegelung ſchuldig gemacht, Herr! Kommen wir mit dem Leben davon, ſollen Sie zur Rechenſchaft gezogen werden, übrigens gebe ich Ihnen und Allen, die etwa Ihre Geſinnungen theilen möchten, die Freiheit, den Vorſchlag des Fein⸗ des anzunehmen und das Leben durch Schande zu erkaufen; wir werden um ſo muthiger fechten, ſind ſolche Feiglinge von uns fern.“ 121 Thompſon antwortete nichts, brach aber mit ungefähr zwanzig Mann von ſeiner Com⸗ pagnie auf und ergab ſich mit ihnen dem Feinde. Der Kampf ward nunmehr mit verſtärk⸗ ter Heftigkeit erneut, und die Feinde, die uns von hinten und von den Seiten bedräng⸗ ten, wurden mit jedem Augenblick wüthender in ihren Angriffen, während auch diejenigen vor uns, die ſich bisher nur vertheidigt hat⸗ ten, jetzt ebenfalls zur Offenſive übergingen. Ein Bataillon quarré formirend, boten wir zwar unſern Gegnern eine undurchdringliche Schanze dar, dennoch aber hätten wir wegen unſerer geringen Anzahl unfehlbar unterliegen müſſen, hätte nicht der Ausfall der Unſrigen aus der Feſte, der Sache plötzlich eine andere Wendung gegeben. Wir hörten ihr Feldge⸗ ſchrei, das wir anfangs nur in der Ferne vernommen, immer näher und näher erſchal⸗ len und überzeugten uns bald, daß ſie mit d'Alton ein Gefecht begonnen. Hiedurch 122 ermuthigt, nahmen wir unſere ganze Kraft zuſammen, und verſuchten es noch einmal, die feindlichen Reihen zu durchbrechen und uns mit den Unſrigen zu vereinen; der Feind, welcher zwiſchen uns ſtand, gerieth in Ver⸗ wirrung und machte uns Platz, dieſer Angriff aber hatte auch uns bedeutend geſchwächt, und ſo gelang es denn den Feinden, die uns im Rücken und in den Flanken bedrängten, mit großer Uebergewalt in unſere Reihen zu brechen, noch bevor wir die beabſichtigte Vereinigung bewerkſtelligen konnten. Der Vortheil, den uns unſere Disciplin verſchaffte, war nunmehr dahin, und perſönliche Tapfer⸗ keit allein konnte Nutzen bringen. In dieſem entſcheidenden Augenblick gewahrte ich, wie Obriſt Walker zuſammen ſank, ſich aber noch auf den Knieen gegen zwei Feinde ver⸗ theidigfe. Ich flog zu ſeinem Beiſtande und kam noch gerade zeitig genug, um einen Streich, der gegen ihn geführt wurde, und der leicht hätte tödtlich werden können, auf⸗ 82 123 ˖—— zuhalten. Ich hieb den einen ſeiner Gegner nieder, ſtieß den zweiten zu Boden, und ſetzte ſo den Obriſten in den Stand, ſich wie⸗ der aufzurichten. Wir ſtellten uns nunmehr Rücken an Rücken, und wehrten uns mit der Anſtrengung aller unſerer Kräfte, bis einige Grenadiere zu unſerem Beiſtande herbeieilten, mit denen wir jetzt gemeinſchaftlich wieder vorwärts drangen, in der Hoffnung, uns mit den Unſrigen zu vereinigen. Von unſerer Unerſchrockenheit in die größte Beſtürzung verſetzt, begann der Feind nun⸗ mehr zu weichen, und ſein ſchwacher Wider⸗ ſtand verhinderte jetzt unſere Freunde nicht mehr, bis zu uns zu dringen. Das Jubel⸗ geſchrei, welches wir anſtimmten, tönt noch in meinen Ohren, und nimmer wird der Triumph dieſes Augenblicks aus meinem Ge⸗ dächtniß entſchwinden; die überſtandene Ge⸗ fahr war vergeſſen, und der uns noch gegen⸗ überſtehende Feind flößte uns nicht länger Schrecken ein. Unſere vereinigten Reihen 123 ſtürzten ſich jetzt auf ihn mit einer Heftigkeit, der er nicht zu widerſtehen vermochte; ſeine Unord⸗ nung war gränzenlos und bald floh er nach allen Richtungen hin, wobei die Verwunde⸗ ten von den Hufen der Roſſe zertreten wur⸗ den. Wären wir im Stande geweſen, ihm in Maſſe zu folgen, ſeine Niederlage wäre vollkommen geweſen; ihm aber durch ſein Feldlager nachzuſetzen, mit deſſen Verſchan⸗ zungen wir unbekannt waren, hätte uns der größten Gefahr Preis gegeben, falls es ſei— nen Offizieren gelungen wäre, die Fliehenden wieder zu ſammeln. Das Lager aber in Brand zu ſtecken, welches wir ja leicht hät⸗ ten bewerkſtelligen können, wäre unvorſichtig geweſen, weil unſere Gegner ſich bei dem Scheine der Flammen von unſerer geringen Anzahl überzeugt haben würden. Wir be⸗ gnügten uns demnach damit, die Kanonen zu vernageln und die Batterien zu zerſtören, worauf wir uns unter lautem Jubelgeſchrei wieder in die Feſte zurückzogen. „ 125 Obriſt Wallace, der Statthalter, den ſeine Kränklichkeit verhindert hatte, an un⸗ ſeren Operationen ſo thätigen Antheil zu neh⸗ men, wie es ſeine Tapferkeit wünſchte, ſprach mit wahrhafter Bewunderung von unſerem Un⸗ ternehmen.„Nie,“ ſprach er,„haben Krieger eine ſchwierigere Aufgabe männlicher gelöſt;“ und ſich zu dem Obriſten Walker wendend, fuhr er fort:„Die Begebenheiten dieſer Nacht, mein Freund und Waffengefährte, haben der Welt dargethan, wovon ich ſchon längſt über⸗ zeugt war, daß nämlich Sie weit eher als ich den Oberbefehl führen ſollten.“ Obriſt Walker war zu bewegt, um hier⸗ auf etwas zu erwiedern; er umarmte ſeinen Befehlshaber ſchweigend, während die herum⸗ ſtehenden Soldaten neuerdings in ein lautes, anhaltendes Jubelgeſchrei ausbrachen. Ich wollte mich jetzt in mein Quartier begeben, Obriſt Walker aber beſtand darauf, daß ich ihn in ſein Haus begleiten ſolle. Wir trafen ſeine Tochter, welche ihrem Vater ent⸗ 126 gegen geeilt war. Es iſt unmöglich, die Freude dieſes Zuſammentreffens zu ſchildern; das Uebermaß meines Entzückens war ſo groß, daß ich außer Stande war, meine Ge⸗ müthsbewegung zu beherrſchen, ich ſchloß meine Geliebte in meine Arme, und drückte einen Kuß auf ihre Wange. Als der erſte Wonnerauſch vorüber war, fragte Miß Walker, wo Kapitain Thomp⸗ ſon ſei, und weshalb er nicht mit uns zu⸗ rückkehre.„Nenne den Namen des Unwür⸗ digen nicht,“ entgegnete ihr Vater,„ich ge⸗ biete Dir, jeden Gedanken an eine Verbin⸗ dung mit ihm aufzugeben.— Sprich nie wieder von dem Schändlichen, ein Feigling, wie er, kann nie mein Eidam werden. Ich Verblendeter, der ich den nichtswürdigen Buben für einen herzhaften Mann halten konnte!“ S Es ſchien mir nicht, als ob Miß Wal⸗ ker dies Gebot für ein ſtrenges hielt, ob⸗ gleich ſie ziemlich ängſtlich fragte, was dieſe 127 veränderten Geſinnungen ihres Vaters her⸗ beigeführt habe. Der Obriſt machte ſie dar⸗ auf mit der Feigherzigkeit ihres Bräutigams bekannt, deſſen ſchmachvolle Bande von dem⸗ jenigen Theil der Beſatzung, der zu unſerer Unterſtützung einen Ausfall aus dem Thor der Feſtung gemacht hatte, wieder gelöſt wor⸗ den waren. In der folgenden Woche waren wir be⸗ ſchäftigt, die Breſchen in den Wällen wieder auszubeſſern, während der Feind raſtlos thä⸗ tig ſchien, dasjenige wieder herzuſtellen, was wir zerſtört hatten. Wir erſtaunten demnach um ſo mehr, als eines Morgens plötzlich das ganze feindliche Lager abgebrochen war und wir ſelbſt den Nachtrab nur noch ganz in der Ferne erſchauen konnten. Im Lauſe des Tages langte ein von Sir Eyre Coote abgeſand⸗ ter Boote mit der Nachricht an, daß dieſer General ſich bereits auf dem Wege befinde, um die Feſte zu entſetzen. Der Feind hatte von ſeiner Ankunft Kunde bekommen, und 126 es nicht für rathſam gehalten, dieſe abzu⸗ warten. Nachdem Sir Eyre bei uns eingetroffen war, erklärte derſelbe ſich mit unſerer Ver⸗ theidigung vollkommen zufrieden; da aber der Vater des Kapitains Thompſon zu ſei⸗ nen Freunden gehörte, verwandte er ſich bei dem Obriſten für den Letzteren, und bat ihn, denſelben nicht vor ein Kriegsgericht zu ſtel⸗ len. Walker verſprach, den Wunſch des Generals zu erfüllen, aber nur unter der Bedingung, daß Kapitain Thompſon ſo⸗ fort um ſeine Entlaſſung anhalte; dies ge⸗ ſchah, und der Letztere verließ nunmehr die Feſte. 1 Einige Tage nach Th ompſons Entfer⸗ nung zog mich Obriſt Walker bei Seite. „Meine Tochter,“ ſprach er,„ſcheint ſich die Schmach ihres vormaligen Bräutigams nicht eben ſehr zu Herzen zu nehmen, das giebt mir die Ueberzeugung, daß ſie ihn nie wahrhaft geliebt hat. Da ich ſie aber um 129 einen Freier gebracht habe, iſt es billig, daß ich für einen anderen ſorge, der deſſen Stelle erſetzt. Wollen Sie, Edgar, mir bei der Wahl deſſelben beiſtehen?— Sie ſchweigen? Ich weiß Jemand, der ſie, wie ich glaube, glücklich machen würde. Ohne ihn hätte ſie jetzt keinen Vater mehr!“— Und meine Hand erfaſſend und ſie herzlich drückend, fuhr er fort:„Edgar, ſeit kurzem erſt habe ich gemerkt, daß Sie für meine Tochter ein wär⸗ meres Gefühl als Freundſchaft empfinden; auch achte ich die Gründe, die Sie verhin⸗ derten, Ihre Leidenſchaft zu erklären. Dieſe Gründe aber ſind jetzt nicht mehr vorhanden, mein Vermögen reicht für uns alle hin. Glau⸗ ben Sie wirklich, daß Jenny Sie glücklich machen kann, ſo werde ich mich freuen, daß es in meiner Macht ſteht, meinem Lebensretter meine Dankbarkeit wenigſtens einigermaſſen zu beweiſen.“ Ich war von ſeiner Güte ganz betäubt, und es währte lange, bevor ich mein Glück 3 9 130. für mehr als ein ſchmeichelndes Gebilde mei⸗ ner Einbildungskraft halten konnte. Endlich ſtammelte ich meinen Dank, äuſſerte aber zu⸗ gleich meine Beſorgniß, daß Miß Walker meine Gefühle vielleicht nicht theilen würde. „Eine ſolche Furcht iſt überflüſſig,“ er⸗ wiederte der Obriſt,„ich ſprach mit ihr ſo eben über dieſen Gegenſtand, und fand ſie keineswegs geneigt, ſich meinen Wünſchen zu widerſetzen. Jetzt aber habe ich Geſchäfte, und ſo können Sie die Gelegenheit wahrneh⸗ men, meiner Tochter Herz zu erforſchen.“ Ich machte mit Freuden von dieſer Er⸗ laubniß Gebrauch, eilte zu meiner Geliebten und ſprach meine Liebe mit beredter Zunge aus. War dies gleich das Erſtemal, daß ich meine Leidenſchaft in Worten äuſſerte, hatten doch meine Blicke ſchon allzudeutlich geſprochen, als daß Jenny über meine Er⸗ klärung hätte erſtaunen ſollen; auch geſtand ſie mir unverhohlen, daß die Gefühle ihres Herzens mit den Wünſchen ihres Vaters völ⸗ lig übereinſtimmten. 131 Einige Wochen darauf wurden vor dem Altare unſere Hände in einander gelegt und ich genoß ein Glück, wie es dem Sterblichen hienieden nur ſelten zu Theil wird. Ach, wie ſchnell vorübergehend war dieſe Selig⸗ keit! 1 Bald nach unſerer Verheirathung ſtarb der Statthalter, und Obriſt Walker erhielt ſeine Stelle; Capitain Glower ward zum Major, ich aber zum Capitain ernannt.— Nie war eine Ehe glücklicher als die unſere, ſo ſehr mir auch meine Gattin an Talenten überlegen war, ſo ſchien ſie doch nur Freude darin zu finden, die meinigen geltend zu ma⸗ chen. Sie beobachtete meine Blicke und lauſchte auf den Ton meiner Stimme, bevor ſie etwas billigte oder verwarf, kurz wir ſympathiſirten in jeder Hinſicht und waren nur glücklich, waren wir beiſammen. Um dieſe Zeit kam ein gewiſſer Herr Beaumont als Miſſionair in unſere Feſte; 5 9 2 132 er ſtammte aus einer angeſehenen Familie Englands, und war der Erbe eines großen Vermögens, worauf er indeſſen gewiſſermaſſen verzichtet hatte, weil er ſeinem Vater nicht gehorchen wollte, welcher darauf beſtand, daß er ſich von der Secte, zu der er gehörte, trennen ſolle. Ich traf mit ihm zum erſten⸗ mal in dem Hoſpitale zuſammen, wo ich ei⸗ nige kranke Soldaten von meiner Compagnie beſuchte. Nie hatte ich ein Gefühl empfun⸗ den demjenigen gleich, welches ſich beim An⸗ blick dieſes Mannes meiner bemächtigte. Seine Ausdrücke hatten eine Kraft, eine Wärme, wie ſie mir bisher noch nicht vorgekommen waren. Wenn er von den Freuden der Se⸗ ligen ſprach, ſchien der Friede des Himmels aus ſeinen Augen zu leuchten; verkündete er aber den Böſen Strafe, glich ſeine Stimme dem furchtbar rollenden Donner. Als er ſein Geſchäft bei uns geendet hatte und ſich an⸗ ſchickte aufzubrechen, näherte ich mich ihm, und bat um ſeine Freundſchaft. — „Meine Freundſchaft?“ wiederholte der Miſſionair.„Ein ungewöhnliches Verlangen von einem jungen, lebensfrohen Manne, an einen armen, verachteten Menſchen. Wozu kann Dir auch meine Freundſchaft dienen? Ich bin nicht mein eigner Herr, ſondern ich bin der Knecht deſſen, der mir geboten hat, die Augen des Unwiſſenden zu öffnen, den Trau⸗ ernden zu tröſten, und dem Elenden beizu⸗ ſtehen. In Geſellſchaft derer, die ſich der Freude und dem Sinnentaumel hingeben, würde ich eine höchſt unpaſſende Rolle ſpie⸗ len.“— Er war verſchwunden, noch bevor ich ihm eine Antwort zu geben vermochte. Ich erzählte meiner Gattin von dieſem auſſerordentlichen Manne und ihr Verlangen, ihn kennen zu lernen, war faſt eben ſo groß als das Meine. Als ich aber ſeiner gegen meine Kameraden erwähnte, fand ich, daß ihre Geſinnungen rückſichtlich ſeiner von den meinigen ſehr verſchieden waren. Obriſt Walker betrachtete jeden, der ſich ähnlichen 8 134 religiöſen Gefühlen hingab, als einen Schwär⸗ mer, während Major Glower in einem ſol⸗ chen nur einen Heuchler erblickte. Der Letz⸗ tere verſprach indeß der nächſten Predigt des Miſſionairs beizuwohnen, um, wie er ſagte, zu hören, was der Schelm vorbringen würde; zwei oder drei andere Offtziere verſprachen ihn zu begleiten. Ich meinerſeits beſchloß nicht mitzugehen; obgleich kein Schwärmer, achtete ich dennoch die Religion zu hoch, um mit einem ihrer Diener meinen Scherz zu treiben. Ueberdem hielt ich Herrn Beaumont für einen jener Männer, deren Entſchloſſenheit und feſter Charakter ſelbſt dann Achtung gebieten, wenn wir nicht umhin konnen, über ihre Handlun⸗ gen zu lächeln. Ich fühlte mich gezwungen, den Mann zu bewundern, der ſeinem Vater⸗ lande, ſeinen Verwandten und Freunden den Rücken wandte, der ein großes Vermögen aufopferte und jeder Bequemlichkeit entſagte, um im fernen Lande, unter mannigfachen -—. —OO————— — —— . Gefahren und Drangſalen, ſeinem, von ihm für heilig gehaltenen Berufe nachzuleben. Als Major Glower und die Offiziere von der Predigt des Herrn Beaumont zu⸗ rückkehrten, ſcherzten ſie viel über ihn und der Erſtere ſuchte ſogar ſeine Gebehrden nach⸗ zuahmen. Bis jetzt hatten mir ſeine Späſſe ähnlicher Art nie mißfallen, bei dieſer Gele⸗ genheit aber empörten ſie mich und ich bat ihn, damit inne zu halten. Mein Benehmen beleidigte ihn, wir hatten einen kleinen Wort⸗ wechſel mit einander, und erſt nach einiger Zeit ward unſere alte Vertraulichkeit wieder erneuert. Unterdeſſen hatte ich den Miſſionair be⸗ wogen, mich zu beſuchen; er wußte ſich aller⸗ dings in der Geſellſchaft zu benehmen, achtete aber nicht auf ihre gewöhnlichen Formen; er war gelehrt, verachtete aber die Gelehrſam⸗ keit; er predigte heftig gegen das Laſter, war aber milde gegen den Gefallenen, und “. — 136 überſah ſtets ſein eigenes Intereſſe, um das Anderer zu fördern. Die Geſellſchaft eines ſolchen Mannes war für meine Gattin höchſt intereſſant, und ſie ſpendete ihm demnach die größten Aufmerk⸗ ſamkeiten; ich wohnte dann und wann ſeinen Predigten bei und bewunderte dieſe eben ſo ſehr, als ſeine tröſtenden Worte am Bette der Kranken im Hoſpital und ſeine freundli⸗ chen Geſpräche an unſerem kleinen Tiſche. Meine Vertraulichkeit mit einem Manne, wie Herr Beaumont, verfehlte nicht, bei mei⸗ nen Kameraden großes Erſtaunen zu erregen; Obriſt Walker hatte indeß, bei näherer Be⸗ kanntſchaft des Miſſionairs, ſeine Meinung von ihm geändert, er billigte meinen Umgang mit demſelben und auch Major Glower ſchien ſich jetzt zu bemühen, mit dem außer⸗ ordentlichen Manne eine nähere Verbindung anzuknüpfen. Die Aufmerkſamkeiten, welche er ihrem Lieblinge ſpendete, trugen dazu bei, den 137 1 Major Glower in der Gunſt meiner Gattin⸗ zu heben; ſie betrachtete dieſen mit jedem Tage mit größerem Wohlgefallen, und fühlte ſich bald nur zufrieden, wenn er zugegen war. Anfänglich beunruhigte mich das kei⸗ neswegs, nach kurzer Zeit aber glaubte ich zu bemerken, daß ſie den Major Glower zum Vertrauten von Dingen machte, die ſie ſelbſt mir vorenthielt. Sie hatten oft Unter⸗ redungen mit einander und nach denſelben ſchien mich Jenny ſtets mit Gleichgültigkeit, ja faſt mit Widerwillen zu betrachten. Ich vertraute allzuſehr auf die Tugend meiner Gattin, um in dieſer Rückſicht etwas zu be⸗ ſorgen, aber ich konnte es nicht ertragen, ihre Neigung zu mir ſich vermindern zu ſehn und ich ſprach mit ihr über dieſen Gegen⸗ ſtand. Sie ſchien bewegt und ihre Lippen beb⸗ ten, indem ſie ſtammelte:„Es kann nicht ſeyn— man hat mich hintergangen— aber nein, das iſt ganz unmöglich!“— Und die ihr eigenthümliche Würde wieder annehmend, fügte ſie hinzu:„Ich finde in meinem Be⸗ nehmen nichts, was meine Vernunft mißbil⸗ ligt; iſt es nicht mehr daſſelbe wie vormals, befrage Dein eignes Gewiſſen um die Ur⸗ ſache.“ „Ich begreife Dich in der That nicht,“ rief ich.„Wenn die größte Zärtlichkeit, wenn die innigſte Liebe für Dich ein Verbre⸗ chen iſt, dann, ja dann habe ich gefehlt. Glaubſt Du aber, daß meine Geſinnungen rückſichtlich Deiner ſich veränderten, daß ich Dir auch nur in Gedanken untreu geworden, o, dann ſchwebſt Du in einem furchtbaren Irrthum. Wehe dann dem Elenden, der ei⸗ nen ſolchen Verdacht in Deiner Bruſt erweckte, keine Zweizüngigkeit, keine Macht der Erde ſoll ihn vor meiner Rache ſchützen.“. „O Edgar, wie quälſt Du mich!“ ſeufzte meine Gattin.„Es iſt mir unmöglich, mei⸗ nen eigenen Sinnen nicht zu trauen; eben ſo unfähig aber bin ich, Dich ſolcher Falſch⸗ — heit fähig zu halten. Laß uns nicht weiter von einer Sache reden, die uns beide ſo ſehr bekümmert. Ich habe ein feierliches Verſprechen gegeben, die böſe Kunde, die mir mitgetheilt wurde, in verſchwiegener Bruſt zu bewahren; einige Wochen, ja einige Tage reichen vielleicht hin, das zwiſchen uns be⸗ ſtehende geheimnißvolle Verhältniß zu heben. Bis dahin vergiß ein Benehmen, welches, wie ich annehmen will, durch falſche Nachrichten herbeigeführt wurde, und das nie wieder eintreten wird, wenn ſich anders mein, durch Deine Worte faſt verbannter Verdacht, nicht neuerdings beſtätigt.“— Vergebens war mein Bemühen zu erfah⸗ ren, was mir zur Laſt gelegt wurde und wer mein Ankläger geweſen; meine Gattin beſtand darauf, daß ſie ihr Geheimniß verſchweigen müſſe, und ſo war ich genöthigt mich zu ent⸗ fernen, ohne etwas von ihr herausgebracht zu haben. —. Mein Argwohn konnte auf Niemand an⸗ ders als auf Glower fallen, und ſo begab ich mich denn unverzüglich zu ihm. Er äuſ⸗ ſerte ſein unbegränztes Erſtaunen, als er von meiner häuslichen Uneinigkeit hörte, und ſein Benehmen war dabei ſo natürlich, daß ich von ſeiner Unſchuld faſt überzeugt wurde. „Ich wundre mich in der That, mein Freund,“ ſprach er,„daß Ihre Gattin ſich ſo leicht täuſchen ließ. Zwar hat ſie mir allerdings in der letzten Zeit den Verdacht geäußert, daß Sie insgeheim eine Verbindung mit ei⸗ nem andern Frauenzimmer unterhielten, ich aber vertheidigte Sie mit einer ſolchen Wärme, daß ich hoffte, ihren Argwohn beſeitigt, und ſie überzeugt zu haben, wie derſelbe nur um ihren häuslichen Frieden zu ſtören, bei ihr erregt worden.“ Ich wagte es nicht, mit meinem Schwie⸗ gervater über dieſen traurigen Gegenſtand zu ſprechen; da er ſeine Tochter und mich mehr als Alles in der Welt liebte, würde ihn die 141 Kunde, daß wir weniger glücklich miteinan⸗ der lebten, als er glaubte, unendlich ge⸗ ſchmerzt haben; auch war er wegen ſeines heftigen Temperaments zum Vermittler durch⸗ aus nicht geeignet. In die Freundſchaft und Weisheit des Herrn Beaumont ſetzte ich ein ungemeines Vertrauen, mein Zartgefühl aber verbot mir, mit ihm über dieſe Sache zu reden. So war die Lage der Dinge, da empfing ich eines Abends, als ich die Wache hatte, ein Billet von meiner Frau, welche mir an⸗ zeigte, daß ſie ſo eben von einer Freundin, deren Namen ſie mir nannte, die Nachricht erhalten, daß dieſelbe plötzlich erkrankt ſei und ſehnſuchtsvoll nach ihr verlange. Sie fügte hinzu, daß ſie einen Diener zu ihrer Begleitung mitnehmen würde und bat mich, nicht in Sorgen zu ſeyn, falls ſie erſt ſpät zurückkehren ſollte. Ich harrte ihrer Rückkehr bis ein Uhr Mor⸗ gens; und da ſie noch immer nicht erſchien, ——— 142 glaubte ich, ſie habe ihre Freundin vielleicht kränker gefunden als ſie erwartet hatte und legte mich zur Ruhe. Mit Tagesanbruch aber beſtieg ich mein Roß und ſprengte nach dem Landhauſe, wo ſich die Kranke befinden ſollte, hörte aber dort, daß dieſe gar nicht anwe⸗ ſend ſei, und auch keineswegs nach meiner Gattin geſandt habe. Ich ſprengte nunmehr ſofort zurück, eilte zum Obriſt Walker und theilte ihm die Schreckensnachricht mit. Er war eben ſo er⸗ ſchrocken als ich und es verging eine geraume Zeit, bevor wir zu irgend einem Entſchluſſe gelangen konnten; endlich hielten wir es für das Nathſamſte, eine kleine Schaar von Sol⸗ daten auszuſenden, um Jenny aus den Hän⸗ den ihrer Entführer zu befreien. Während der Obriſt ging, die hiezu nöthigen Befehle zu ertheilen, begab ich mich zum Major Glo⸗ wer, um mich auch mit ihm über dieſe An⸗ gelegenheit zu berathen. Mein Freund war ob meiner Nachricht weniger erſtaunt, als ich es vermuthet hatte; er verſicherte mich indeß ſeiner innigen Theil⸗ nahme und erbot ſich, das Commando über das Detaſchement zu übernehmen, welches zur Befreiung meiner unglücklichen Gattin ausgeſandt werden ſollte.„Sie werden,“ ſprach er,„ſich ohne Zweifel erkundigt ha⸗ ben, was für ein Menſch das geweſen, der Ihrer Gemahlin die falſche Einladung nach dem Landhauſe überbrachte; eine Beſchreibung ſeines Aeußern könnte uns vielleicht auf die Spur bringen.“— Ich hatte es in meiner Beſtürzung verſäumt, mir hierüber Auskunft zu verſchaffen und der Major begab ſich dem⸗ nach mit mir nach Hauſe, um ſich gemein⸗ ſchaftlich mit mir zu bemühen, in dieſer Rück⸗ ſicht etwas in Erfahrung zu bringen. Keiner meiner Diener aber hatte den Boten geſehen und einſtimmig verſicherten alle, daß meine Gattin nach der Rückkehr von einem Spazier⸗ gange dem Saib geboten habe, ſie auf das Land zu begleiten. ra. So wie ſich das Hausgeſinde entfernt hatte, richtete Glower einen bedeutenden Blick auf mich, erfaßte meine Hand und fragte in einem dumpfen, feierlichen Tone: „Ob ich auch überzeugt ſei, daß meine Gat⸗ tin die vorgebliche Botſchaft wirklich empfan⸗ gen habe?“— Ich fuhr zuſammen; die Art und Weiſe, auf welche Glower dieſe Frage that, verkündete, daß er Jenny für eine Betrügerin, nicht aber für eine Betrogene halte. Meine Seele war in dieſem Augenblick in einem ſolchen Aufruhr, daß ſie ſelbſt die thörigſten Eingebungen aufgenommen haben würde. Ich beſchwor Glower daher, falls er etwas wiſſe, das über dieſe entſetzliche Begebenheit Licht verbreiten könne, mich un⸗ verzüglich damit bekannt zu machen. „Beſter Freund,“ rief er,„ich möchte mich ſelbſt anklagen, daß ich Ihnen meinen Verdacht mitgetheilt habe; ich hege für ihre Gemahlin eine ſo hohe Achtung, daß ich, falls ich ſie ſchuldig fände, jeden Glauben 2 145 an weibliche Tugend verlieren würde; iſt ſie aber unſchuldig, wird mein unſeliger Arg⸗ wohn dazu beigetragen haben, Sie noch un⸗ glücklicher zu machen. Es hieße indeß einen Verrath an der Freundſchaft begehen, wollte ich Ihnen noch länger die Gründe vorenthal⸗ ten, die mich glauben laſſen, daß Ihre Gat⸗ iin ſich freiwillig aus Ihrem Hauſe entfernte. Es wird mich innig freuen, wenn ich mich irre, auch bitte ich Sie ja keinen Schritt zu thun, bis Sie ſich von der Wahrheit deſſen, was bis jetzt ja nur bloße Vermuthung iſt, überzeugt haben werden.“ Er behauptete darauf mit Zuverſicht, daß Jenny den Kapitain Thompſon weit mehr geliebt habe, als ihr Vater und ich geglaubt hätten, und daß Weiber oft Kindern glichen die heute begierig nach einem Spielwerke ha⸗ ſchen, das ſie erſt geſtern weggeworfen. „Sie foltern mich mit Ihren Vermuthun⸗ gen,“ unterbrach ich ihn,„wiſſen Sie um eine Thatſache, die mich zum Betrogenen, zum 10 146 Unglücklichſten aller Menſchen macht, o ſo ſprechen Sie— wenn aber nicht, ſo erſpa⸗ ren Sie mir den Schmerz, Aeußerungen an⸗ zuhören, die in meiner Seele Verdacht gegen ein Weſen erregen, das mir theurer als mein Leben iſt, das noch nie die Grundſätze der Ehre verletzte.“ Glower nahm hierauf wieder das Wort und berichtete, daß er eines Tages auf dem Tiſche meiner Gattin einen Brief geſehen habe, deſſen Adreſſe offenbar von Kapitain Thomp⸗ ſons Hand geweſen ſey. So wie Jenny bemerkte, daß er den Brief betrachte, habe hohe Gluth ihre Wangen gefärbt und ſie habe denſelben ſchnell bei Seite gelegt; auch habe er meine Gattin geſtern mit einem Menſchen ſprechen ſehen, in dem er Thompſons Be⸗ dienten erkannte, und dem ſie einen Brief einhändigte. 6 Ich hegte jetzt keinen Zweifel mehr, daß meine ungetreue Gattin mit Kapitain Thomp⸗ ſon entflohen ſey, welcher Letztere durch Für⸗ 147 ſprache wieder in der Armee aufgenommen worden und deſſen Regiment zehn engliſche Meilen von der Feſte in Garniſon lag. Ich beſchloß ſofort, mich dorthin zu begeben und ihn zur Rechenſchaft zu ziehen; Glower, dem ich dieſen Entſchluß mittheilte, erbot ſich, mich zu begleiten, ich aber lehnte ſein Aner⸗ bieten ab, worauf er beſchloß, an der Spitze des Detaſchements die Spur meiner Gattin nach einer andern Richtung hin aufzuſuchen, weil es ja doch möglich ſeyn könne, daß meine Gattin wirklich durch Gewalt entführt wor⸗ den. Ich verließ ihn darauf, nachdem ich ihn zuvor erſucht hatte, dem Obriſt Walker zu berichten, daß ich keinen Augenblick hätte verlieren wollen und aufgebrochen ſei, um meine Gattin ſelbſt aufzuſuchen. In wenigen Momenten war ich zu Pferde und auf dem Wege nach Thompſons Gar⸗ niſon. Ich ſpornte meinen Gaul raſtlos an und begab mich, dort angelangt, unverzüg⸗ lich nach dem Platze, auf dem die Beſatzung 4 10 2* 148 Parade hielt. Hier konnte ich Kapitain Thompſon nicht herausfinden und es ver⸗ gingen mehrere Minuten, bevor ich Gelegen⸗ heit fand, bei einem der Offtziere nach ihm zu fragen. Derſelbe berichtete mir, daß Ka⸗ pitain Thompſon ſchon zwei oder drei Tage von der Garniſon abweſend ſei und man nicht wiſſe, wann er zurückkehren würde. Gleich darauf erbot er ſich indeſſen, den Obriſten des Regiments deshalb zu befragen, und mir deſſen Antwort mitzutheilen. Ich bat ihn, dies zu thun, und als er bald darauf zurück⸗ kehrte und mir ſagte, daß Thompſon noch im Laufe dieſes Tages zurück erwartet würde, beſchloß ich ſeiner zu harren. Gegen Abend ward indeſſen meine Unge⸗ duld gränzenlos, und ich eilte zu dem Obri⸗ ſten, um ihn zu befragen, ob er auch über⸗ zeugt ſei, daß Kapitain Thompſon noch an dieſem Tage eintreffen werde. Derſelbe aber benachrichtigte mich, daß er ſo eben ein Schreiben empfangen hätte, worin ihm der „ 8 149 Kapitain anzeige, daß er gezwungen ſei, einige Tage länger auszubleiben; dieſen Brief hatte er zerriſſen, auch konnte er ſich, wie er verſicherte, nicht erinnern, von wo derſelbe datirt geweſen; er bemerkte indeß, daß Ka⸗ pitain Thompſon, ſeiner Angabe zufolge, die Abſicht gehabt habe, einige Freunde in der Nachbarſchaft unſrer Feſte zu beſuchen. Die ſchwache Hoffnung, welche ich noch immer gehegt hatte, daß Kapitain Thomp⸗ ſon an der Entführung meiner Gattin ſchuld⸗ los ſei, ſchwand jetzt völlig dahin, und ich fühlte mein Herz mit Haß gegen das ganze Menſchengeſchlecht erfüllt. Sie, in die ich ein unbegränztes Vertrauen ſetzte, hatte mich betrogen, hatte mein Lebensglück zertrümmert, hatte mich mit Schande belaſtet; ich hätte mit Freuden den Untergang der Welt mit anſchauen können, der Jammer der Sterben⸗ den wäre meinen Ohren eine Lebtäche Muſik geweſen. 250 1 Ich brach nunmehr auf, feſt entſchloſ⸗ ſen, den Verführer aufzuſuchen und blutige Rache an ihm zu nehmen. Kaum war ich in unſerer Feſte wieder angelangt, als. auch Obriſt Walker zurückkehrte, ohne irgend eine Entdeckung gemacht zu haben. Ich wollte ſofort nach einer entgegengeſetzten Richtung hin aufbrechen, mein Schwiegervater aber beſtand darauf, daß ich zuvor etwas raſten und einige Erfriſchungen zu mir nehmen ſollte; auch bemühte er ſich, wollte gleich ſein eignes Herz brechen, mich zu tröſten und mich in dem Gedanken zu beſtärken, daß Jenny von irgend einer herumſtreifenden feindlichen Par⸗ thie geraubt worden, und fuͤr ein Löſegeld wieder in Freiheit geſetzt werden würde. Wie wenig ahnete der unglückliche Va⸗ ter, daß mein größtes Unglück aus der Ue⸗ berzeugung entſprang, daß ſeine Tochter, auf deren Tugend er noch immer ein ſo großes Vertrauen ſetzte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, ihre Ehre freiwillig dahingegeben, und die — — S — r 151 heiligen ehelichen Pflichten einer ſtrafbaren Leidenſchaft geopfert hatte. Ich entgegnete nichts, denn es wäre mir unmöglich gewe⸗ ſen, den Schmerz des wackeren Mannes durch die Mittheilung meiner faſt bis zur Gewiß⸗ heit geſteigerten Vermuthung zu vermehren; aber ich bedeckte mein Geſicht mit den Haͤn⸗ den und ſeufzte laut, Mein beklagenswerther Schwiegervater rieth mir indeß bis zur Ankunft des Major Glower zu raſten, welcher auch endlich, aber nur mit der Nachricht anlangte, daß er trotz ſeiner ſ orgſamſten Bemühungen nicht im Stande geweſen ſei, den Aufenthalt meiner Gattin zu erforſchen. Darauf nahm mich derſelbe bei Seite und befragte mich über das Reſultat meiner Unterredung mit Kapitain Thomp⸗ ſon. Als er hörte, daß ich ihn nicht gefun⸗ den, bat er mich, bis zum nächſten Morgen keine weiteren Nachforſchungen anzuſtellen, und brachte in dieſer Rückſicht ſo manche Gründe vor, daß ich es für gerathen hielt, ſein Verlangen zu erfüllen; worauf er mich verließ, indem er ſagte, er ſei ungemein er⸗ müdet und genöthigt, ſich zur Ruhe zu be⸗ geben. Kaum aber hatte ſich Glower entfernt, als einer der Soldaten erſchien, und mit mir insgeheim zu ſprechen begehrte.„Es will ſich zwar nicht geziemen,“ begann er, „von irgend einem meiner Vorgeſetzten Uebles zu reden; ſeit der Nacht aber, in welcher Sie, Herr Hauptmann, und unſer Herr Obriſt uns aus den Klauen der Feinde retteten, giebt es bei unſerem Regimente auch nicht einen einzigen Mann, der nicht aus Liebe zu Ihnen muthig in den Tod gehen würde; und ſo muß ich Ihnen denn, wenn gleich Major Glower auch mein Offizier, und zwar ein recht tapferer Offizier iſt, offenbaren, wie ich der Meinung bin, daß der Major um den Aufenthalt ihrer Frau Gemahlin weiß.“ „Gebt Acht, was Ihr ſprecht,“ verſetzte ich;„Major Glower iſt mein beſter Freund, 6 153 ich dulde nicht, daß man ihn ungeſtraft ver⸗ läumdet.“ „Spreche ich die Unwahrheit, ſo beſtra⸗ fen Sie mich,“ entgegnete der Soldat,„zu⸗ vor aber leihen Sie mir ein geduldiges Ohr und dann urtheilen Sie. Der Bediente des Major Glower iſt mein Kamerad, es iſt ein gar kecker Burſche, der oft ſchon ſchlimm angekommen wäre, hätte ſein Herr nicht ſtets ſeine dummen Streiche wieder gut gemacht. Er ging geſtern Morgen aus und kehrte erſt ſpät Abends zurück; da traf ich mit ihm zu⸗ ſammen und ſtach eine Flaſche mit ihm aus; er kann nicht viel vertragen, und ſo begann er denn bald geſchwätzig zu werden und zu erzählen, daß er zu einem Geſchäfte gebraucht worden ſei, welches am andern Tage viel Lärm machen würde. Ich äußerte meine Verwunderung darüber, daß ſein Herr ihm dergleichen Unordnungen geſtatte, worauf er prahlend geſtand, daß er gerade auf Befehl des Majors gehandelt habe. Ich forſchte 154 — nach dem Näheren, aber nun ſchien er zu bemerken, daß er ſchon zu viel geſagt habe, denn es war weiter nichts aus ihm heraus⸗ zubringen. Ich hatte dies Geſpräch faſt gänz⸗ lich vergeſſen, als am nächſten Morgen das Detaſchement Ordre zum Aufbruch erhielt; während wir nun ſo die Gegend durchſtri⸗ chen, näherten wir uns einem kleinen Thale, vor dem ich einen Mann gewahrte, der uns zu beobachten ſchien. Da ich mich dicht bei dem Major befand, machte ich ihn darauf aufmerkſam, und bat um die Erlaubniß, den Verdächtigen näher zu beſchauen. Der Ma⸗ zor Glower aber erzürnte ſich gar gewaltig über meine Worte, und meinte, ich müſſe wohl betrunken ſeyn, denn er ſeinerſeits ſähe niemand; darauf führte er unſere Schaar ſehr ſchnell und in einer entgegengeſetzten Richtung zurück. Das Thal, welches uns Major Glower nicht betreten laſſen wollte, iſt offenbar trefflich dazu geeignet, um ſich dort verborgen zu halten, und ſo glaube ich 155 denn beſtimmt, daß Ihre Frau Gemahlin auf ſeinen Befehl dort hingeſchafft worden, denn ich hörte mit meinen eignen Ohren, wie er eines Tages in Gegenwart eines andern Of⸗ fiziers hoch und theuer ſchwor, ſich an Ihnen, Herr Hauptmann, rächen zu wollen, weil Sie die Freundſchaft des Heuchlers Beau⸗ mont der ſeinigen vorgezogen hätten.“ So unwahrſcheinlich mir auch dieſe An⸗ gaben ſchienen, war es doch möglich, daß der Verdacht des Soldaten gegründet ſeyn konnte, und ich fragte ihn demnach, ob er mich nach dem Thale führen könne. Er er⸗ klärte ſich hiezu bereit, und von mehreren wohlbewaffneten Soldaten begleitet, brachen wir ſofort dorthin auf. Die Nacht war ſehr dunkel und der Weg ungemein ſchlecht, ſo daß wir erſt nach einer Stunde bei dem von dem Soldaten bezeich⸗ neten Thale anlangten, deſſen Eingang mit Geſtrüpp und Gebüſch dergeſtalt bewachſen war, daß ich faſt die Hoffnung aufgab, hin⸗ 156 einzugelangen, bis ich plötzlich ein Licht durch das Gebüſch ſchimmern ſah. Dies ermuthigte uns; wir ſetzten unſere Bemühungen fort und fanden auch endlich einen Eingang, den ſorg⸗ ſam in einander gewundene Zweige verſteckt hielten. Obgleich wir dieſe aus dem Wege ſchafften, konnten wir doch eine ganze Strecke weit nur auf allen Vieren weiter gelangen; endlich aber ward der Pfad etwas geräumi⸗ ger; aber er wand ſich hin und her und ſchien abſichtlich ſo angelegt, um jeden Zugang zu⸗ wehren. So wie wir näher kamen, war das Licht immer deutlicher und deutlicher zu ſehen und endlich konnten wir unterſcheiden, daß es aus einer armſeligen Art von Hütte zu uns herſchimmerte. Ich hielt es jetzt für rathſam, unſeren Weg nur mit der größten Vorſicht fortzuſetzen; behutſam ſchritt ich vor⸗ an, meine Soldaten folgten. Als wir uns der Hütte näherten, hörte ich zwei Perſonen mit einander ſprechen, aber ich konnte ihre Stimmen nicht unterſcheiden⸗ 157 Wer aber beſchreibt mein Erſtaunen und mein Entſetzen, als ich, nachdem ich mich nun ganz nahe hinangeſchlichen und durch die zu gleicher Zeit zur Thüre und zum Fenſter die⸗ nende Oeffnung hineingeblickt hatte, in der Hütte den Major erſchaute, der mit meiner Gattin in einem Geſpräche begriffen war. Jenny's Augen ruhten voll Zärtlichkeit auf ihm, indem ſie verſicherte, wie unendlich ſie ihm dafür dankbar ſei, daß er ſie aus der drückendſten Sclaverei befreit habe. Ich konnte nichts mehr vernehmen, der Wirbelwind der Leidenſchaft hatte meine Sinne erfaßt, meine Fibern zuckten, meine Adern ſchwollen, ich ſtöhnte unwillkürlich. Von dem Geräuſch erſchreckt, fuhr Jenny von ihrem Sitze empor, während Glower ein Piſtol hervorzog und es abdrückte, ſo daß die Kugel meine Wange ſtreifte. Im nächſten Moment war ich in der Hütte und ſtürzte mit dem Degen in der Hand auf Glower zu, welcher. den ſeinigen ebenfalls gezogen hatte. Meine 158 Gattin, die mich erkannt hatte, warf ſich zwiſchen uns und beſchwor uns, inne zu hal⸗ ten. Ihr Dazwiſchentreten aber erregte mei⸗ nen Zorn immer heftiger. Ich ſtieß ſie bei Seite und griff ihren Verführer neuerdings an; da aber warf ſie ſich noch einmal zwi— ſchen uns, und— ward von meinem Degen durchbohrt.— Großer Gott! ein Dämon mußte mich erfaßt haben, daß ich die Bruſt, die ſonſt meinen Himmel ausmachte, bluten ſehen konnte, ohne auch nur das mindeſte Mitleid zu fühlen. Meine Wuth kannte keine Gränzen, und ich fuhr fort zu fechten, rück⸗ ſichtslos gegen meine eigene Erhaltung und nur von dem Verlangen beſeelt, meinen Stahl in das bübiſche Herz meines ſchändlichen Geg⸗ ners zu bohren. 1 ¹ Glower war ein geübter Fechter, und ſein kaltes Blut gab ihm einen großen Vor⸗ theil über mich. Er begnügte ſich, ſich zu vertheidigen, bis ich faſt völlig erſchöpft war, dann begann er ſeinerſeits mich anzugreifen, 159 und ich wäre unfehlbar gefallen, denn aus Reſpekt vor ihrem Major wagten es meine Begleiter nicht, dazwiſchen zu treten, auch würde ich eine ſolche Einmiſchung nicht ge⸗ duldet haben, wäre nicht ſeine Waffe derge⸗ ſtalt in meine Seite gedrungen, daß er ſie nicht ſchnell genng wieder zurückziehen konnte, und ich Zeit gewann, ihm mit meinem Degen das Herz zu durchbohren. Er ließ auf der Stelle ſeine Waffe fahren, ſtürzte zuſammen und gab ſeinen Geiſt auf. Meine Rache aber war noch keineswegs geſättigt; ich ſtürzte mich halb wahnſinnig auf den Leichnam meines Gegners um ihm noch mehr Wunden beizubringen, bis ich end⸗ lich vom Blutverluſt erſchöpft, ohnmächtig zuſammenſank. Als ich wieder zum Bewußtſeyn erwachte, gewahrte ich Jenny, die ſich todtenblaß wie eine Sterbende über mich neigte.„Mein ge⸗ liebter, gemordeter Gatte!“ jammerte ſie, „biſt Du wirklich in eine andere Welt hin⸗ 160 über gegangen, ohne von der Unſchuld der⸗ jenigen überzeugt zu ſeyn, die Dir einſt ſo theuer war! Aber ich will Muth faſſen,— nicht lange werden wir getrennt ſeyn, wir werden uns bald dort wiederfinden, wo es keinen Irrthum mehr giebt.“— Ich wandte mich mit Abſcheu von ihr, und gab ihr durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie mich verlaſſen ſolle. „Edgar, Edgar!“ ſtammelte meine unglückliche Gattin,„ich fühle den Tod nahen, aber ich ſterbe ſchuldblos.— Deine Beglei⸗ ter ſagten mir, es habe ein Betrug Statt gefunden; ich aber bin nur das Opfer, nicht die Theilnehmerin deſſelben. Ich hielt Major Glower für meinen Befreier aus Räuber⸗ händen, und Du ſelbſt hörteſt wie ich ihm dafür dankte, daß er mich Dir erhalten.— Die Vorſehung aber wollte meinen Tod.— Ueberlebſt Du mich, o ſo gedenke mit Zärt⸗ lichkeit derjenigen, deren ganzes Herz nur Dir gehörte, und die durchaus unfähig war, 161 Dich auch nur im mindeſten zu kränken.“— Hier ſank ſie ohnmächtig neben mir nieder. Ihre Worte erſchütterten mich allgewaltig; kaum konnte ich die Unglückliche noch für ſchuldig halten, und dennoch zögerte ich die Ueberzeugung von ihrer Unſchuld auszuſpre⸗ chen. In meiner Seele hatten in der letzten Zeit zu mannigfaltige Stürme getobt, um im Stande zu ſeyn, mit Beſtimmtheit zu ent⸗ ſcheiden, ob ich ihren Verſicherungen glauben ſolle, oder nicht. Mein Zorn aber war größ⸗ tentheils beſchwichtigt, ſowohl durch den Tod des Betrügers, als durch die Gefahr, in der meine Gattin ſchwebte; auch trug der Schmerz der eigenen Wunde dazu bei, mich milder gegen ſie zu ſtimmen, ſie mochte nun eine Verbrecherin ſeyn oder nicht; und ſo gewann ich es denn über mich, ihre Schläfe mit dem von meinen Soldaten herbeigeholten friſchen Waſſer zu beſprengen. Während ich damit beſchäftigt war, während ich die Züge be⸗ trachtete, aus denen mir ſo oft innige Zärt⸗ 41 162 lichkeit ſtrahlte, fühlte ich die heißeſte Liebe in meine Bruſt zurückkehren. Jenny ſchlug endlich die Augen wieder auf und belohnte meine Sorgfalt mit einem Blick, in dem Freude, Liebe und Dankbar⸗ keit gemiſcht waren, da vernahm ich plötzlich nahende Schritte, und kaum hatte ich meinen Begleitern ein Zeichen gegeben, auf ihrer Hut zu ſeyn, als ſich auch ſchon die Thür öffnete und Major Glower's Bedienter in die Hütte trat. Von dem Bewußtſeyn ſeiner Schuld überwältigt, leiſtete er keinen Wider⸗ ſtand, als ihn die Sodaten ergriffen, und feigherzig, wie es der Laſterhafte gewöhnlich iſt, warf er ſich vor mir nieder auf ſeine Kniee, und verſprach Alles zu bekennen, wenn ich ihm verzeihen wolle. Hiezu machte ich mich nun zwar durchaus nicht anheiſchig, aber ich verſprach, falls mir ſein Bekenntniß genügen würde, ihn nicht rachſüchtig zu ver⸗ folgen. Er entfaltete nunmehr ein Gewebe 163 von n Zweizüngigkeit und Bosheit, das nur ein Teufel erſonnen haben konnte. ᷓ Seiner Ausſage zufolge, hatte Major Glower, welcher ſeit langer Zeit meine Gat⸗ tin insgeheim, indeß hoffnungslos liebte, zu⸗ gleich gegen mich aber, weil ich Beaumonts Vertheidigung übernommen hatte, erbittert war, den Entſchluß gefaßt, ſich an mir zu rächen. Durch meinen Diener Saib, den er in ſein Intereſſe zu ziehen wußte, hatte er bei meiner Gattin den Verdacht erregt, daß zwiſchen mir und einem in der Vorſtadt wohnenden Frauenzimmer ein Verhältniß be⸗ ſtände; dies Geſchöpf, welches insgeheim im Intereſſe des Majors war, ſchrieb mir von ihm verleitet, Briefe, die Glower, der meine Handſchrift genau nachzuahmen wußte, in meinem Namen beantwortete. Das erſte dieſer Schreiben ward von Saib irgendwo hingelegt, wo es meine Gattin finden mußte, und da ich meinen Briefwechſel nie vor ihr geheim gehalten hatte, nahm ſie keinen An⸗ 3 11* — 164 ſtand, es zu leſen. Erſtaunt und beſtürzt ob des Inhalts dieſes Briefes, theilte ſie den⸗ ſelben dem Major mit, der meiner Gattin unter dem Siegel der Verſchwiegenheit be⸗ richtete, daß ich allerdings mit einem Frauen⸗ zimmer, deſſen Namen er aber nicht kenne, eine Bekanntſchaft unterhalte, und ihr den Rath gab, ſich zu ſtellen, als ob ſie nichts entdeckt habe, den Saib aber, durch deſſen Hände ohne Zweifel dieſe Briefe gingen, zu— bewegen, ihr die folgenden, ſo wie meine Antworten auszuliefern. Auf dieſe Weiſe wußte ſich der ſchändliche Glower immer mehr und mehr in das Ver⸗ trauen meiner getäuſchten Gattin zu ſchleichen⸗ Da er aber beſorgte, durch Offenbarung ſei⸗ ner verabſcheuungswürdigen Abſichten ſein teufliſches Gebäude mit einem einzigen Schlage wieder zu zertrümmern, beſchloß er, ſich ih⸗ rer Perſon durch Liſt zu verſichern, nicht zwei⸗ felnd, daß er die Betrogene, ſobald ihm die⸗ ſes gelungen, leicht bewegen würde, ihn nach 165 England zu begleiten, wohin er ſich ohnehin in einigen Wochen einſchiffen wollte. In Folge dieſes Entſchluſſes ſchrieb er je⸗ nes Billet, welches meine Gattin aus der Stadt lockte, nachdem er zuvor drei ſeiner Spieß⸗ geſellen in einen Hinterhalt gelegt, von wo aus ſie die Hintergangene überfallen und ſich ihrer bemächtigen ſollten. Dieſer Plan ward auf geſchickte Weiſe ausgeführt, denn kaum hatten die Buben meine Gattin in ihrer Ge⸗ walt, als auch verabredetermaſſen Major Glower mit ſeinem Bedienten erſchien und ſie aus ihren Händen befreite. Man kann ſich leicht Jenny's Freude denken, als ſie ſich auf dieſe Weiſe gerettet ſah. Sie dankte ihrem Befreier in den wärm⸗ ſten Ausdrücken, äußerte aber dabei den Wunſch, auf der Stelle nach Hauſe zurück⸗ zukehren. Major Glower verſicherte indeß, daß dies jetzt nicht mit Sicherheit geſchehen könne, weil ihn ein dringendes Dienſtgeſchäft zehn Stunden weit hinwegrufe, und ſie alſo, durchkreuzte. Ich ſchauderte aus ihren Ar⸗ 166 da er nicht im Stande ſei, ſie zu begleiten, leicht noch einmal von Maraudeurs überfal⸗ len werden könne. Er ſagte, er wiſſe einen Zufluchtsort, wo ſie ungefährdet verweilen könne, bis er mir Nachricht von dem Vorfalle gegeben haben wuͤrde. Jenny willigte ein und ward nunmehr von Glower nach der obenerwähnten Hütte geführt, wo er ſie auf kurze Zeit verließ, um mich und das Deta⸗ ſchement irre zu leiten, wohin er aber, wie wir geſehen haben, wieder zurückkehrte. Die Gefühle, die ich während dieſes lan⸗ gen Berichts empfand, vermag ich nicht zu beſchreiben; mein körperlicher Schmerz ging unter in der geſpannten Aufmerkſamkeit, mit der ich den Beweiſen von der Unſchuld mei⸗ ner geliebten Jenny horchte. Von ihrer Schuldloſigkeit nunmehr völlig überzeugt, ſchloß ich ſie freudeerfͤllt in meine Arme, bis der furchtbare Gedanke, daß ich nahe daran ſei, ſie auf immer zu verlieren, meine Seele 167 men zurück und klagte mich ſelbſt als ihren Mörder an. Endlich ſchlug ſie die Augen wieder auf, aber es war nur, um ſie bald auf immerdar zu ſchließen.„Edgar, mein theurer Ed⸗ gar,“ ſtammelte ſie, als ſie meine Todes⸗ angſt gewahrte,„ruhig— ruhig— es war der Wille des Himmels— faſſe Dich— er⸗ manne Dich— erſetze meinem Vater das ihm von der Hand der Vorſehung ſo früh geraubte Kind— lebe wohl— lebe wohl— für dieſe Welt!“— Ihre Stimme ward immer ſchwä⸗ cher, ſie zuckte krampfhaft und— war in ein beſſeres Leben hinübergegangen. Meine Seelenangſt war gränzenlos; ich ſtürzte auf ihren Leichnam nieder und ſank in Ohnmacht. Als ich wieder zu meiner Ge⸗ ſundheit gelangte, waren mehrere Monate vergangen, während welcher Zeit ein hitziges Fieber fortwährend für mein Leben hatte fürchten laſſen; die irdiſchen Ueberreſte mei⸗ ner unglücklichen Jenny waren längſt der 1 168 mütterlichen Erde wiedergegeben, und ihr beklagenswerther Vater war ihr bereits in das Grab gefolgt, der Schmerz über den Verluſt ſeiner Tochter hatte ihn getödtet. Als man mir dieſe letzte Schreckenskunde, wenn gleich mit vieler Vorſicht beibrachte, als ſich nunmehr das Bild der furchtbaren Wirklich⸗ keit neuerdings vor meinen bisher verwirrten Sinnen entfaltete, wollte mich Verzweiflung erfaſſen, und ich wäre ohne Zweifel ein Opfer meines ſchreckenvollen Seelenzuſtandes gewor⸗ den, wäre in dieſem entſcheidenden Moment nicht der fromme Beaumont an mein Lager getreten. Seinen frommen, eindringlichen Worten gelang es nach und nach, das ſtür⸗ miſche Meer in meiner Bruſt zu beſchwichti⸗ gen und meine Seele, wenn auch nicht zum Frohſinn, doch zur Geduld zu erheben. An die Stelle meines wilden Schmerzes trat eine ruhige Schwermuth, und ich beſchloß erge⸗ bungsvoll mein Geſchick zu ertragen. Ich widmete mich neuerdings dem Kriegsdienſte 169 mit großem Eifer, und fand Gelegenheit, mich in mehreren Gefechten auszuzeichnen; meine geringen Verdienſte wurden von meinem Va⸗ terlande über Gebühr anerkannt, aber weder Rang noch Reichthum, die mir ſpäterhin zu Theil geworden, vermögen das Andenken an jene Schreckensperiode meines Lebens in mei⸗ ner Erinnerung zu ſchwächen. Koͤnigin Johanna und ihr Hof. Ein Bild aus dem Leben.. Von einer liebenswürdigen, tugendhaften Mutter erzogen, ſchwanden der lieblichen Clara von Termes die erſten Jahre ihrer Kindheit fröhlich dahin; leider aber geſtatte⸗ ten ihr die Umſtände nicht, lange Zeit unter dem Schutze dieſer freundlichen Erzieherin zu bleiben. Ihr Vater, Robert von Termes, war ein jüngerer Bruder des berühmten Oli⸗ vier von Termes, welcher den heiligen Ludwig auf einem Kreuzzuge gegen die Un⸗ gläubigen begleitete, und bei dieſer Gelegen⸗ heit Wunder der Tapferkeit vollbrachte. Wenn gleich weit jünger als Olivier, zeichnete 121 ſich übrigens auf dieſer Ritterfahrt auch Cla⸗ rens Vater aus, und hüätte es nicht ſein Mißgeſchick gewollt, daß er gerade in dem Moment, in welchem er Robert, den Bru⸗ der des Königs, mit dem Schwerdte in der Hand gegen die auf denſelben eindringenden Heiden vertheidigte, ſchwer verwundet wer⸗ den ſollte, hätte er ſich ohne Zweifel einen eben ſo großen Ruhm erſtritten wie ſein äl⸗ terer Bruder. Als er nunmehr gewahrte, daß er ſeinem Vaterlande nicht mehr mit den Waffen in der Hand dienen könne, beſchloß er demſelben diejenigen Talente zu widmen, die er von der Natur empfangen hatte, und die unter der Sonne einer trefflichen Erzie⸗ hung gereift waren. Da ſeine Aeltern ihn anfangs für den geiſtlichen Stand beſtimmt hatten, kannte er die ältern Sprachen und war in der Rechtsgelahrtheit gar wohl be⸗ wandert. Von ſeinen Wunden wiederherge⸗ ſtellt, kehrte er demnach nach Paris zurück, wo ihn die Königin Blanka höchſt gnädig 3 1 empfing, und wo er nach der Wiederkehr des Königs von demſelben zum Grand Baillif von Soiſſons ernannt wurde. Dieſem Eh⸗ renamte ſtand er mehrere Jahre vorz da aber Olivier unterdeſſen in die Gruft ſeiner Vor⸗ fahren hinabgeſtiegen war, und der König neuerdings einen Zug in das heilige Land unternahm, beſchloß Elarens Vater, ihm dorthin zu folgen. Jedermann kennt den un⸗ glücklichen Erfolg dieſes zweiten Kreuzzuges; jedermann weiß, wie tief ganz Frankreich den Tod des beſten der Könige betrauerte. Robert von Termes war darob ſo tief be⸗ trübt, daß er jedem Hofamte entſagte, und ſich auf ſeine Beſitzungen zurückzog, nachdem er ſeinem theuren, hinübergegangenen Gebie⸗ ter die letzte Ehre erzeigt hatte. Der trüben Einſamkeit, welcher er ſich nunmehr einige Jahre hingab, ward er in⸗ deſſen durch die Reize und durch die Tugen⸗ den des liebenswürdigen Fräuleins von San⸗ cerre entriſſen; er bot ihr ſeine Hand, und 123 die holde Jungfrau nahm ſeinen Autrag an, war ſſe gleich weit jünger als er. Dieſem Ehebündniſſe verdankte die lieb⸗ liche Clara ihr Daſeyn; kaum aber hatte ſie das dreizehnte Jahr erreicht, als ihr der Tod ihren edlen Vater raubte. Ihre Mutter, welche nach dem Hinübergange ihres Gatten den Entſchluß faßte, ſich in ein Kloſter zu begeben, um dort ihre übrigen Tage dem Andenken des theuren Erblichenen zu widmen, führte die liebliche Clara nach Paris und ſtellte ſie bei Hofe vor. Die Königin Jo⸗ hanna von Navarra, Gemahlin des nun⸗ mehr regierenden Königs, Philipp des Schönen, war die vollendeſte Fürſtin ihrer Zeit. Mit beredter Zunge ſuchte ſie den Plan, den Claras Mutter für die Zukunft entwor⸗ fen hatte, derſelben auszureden; ihre Bemü⸗ hungen blieben aber bei der trauernden Wittwe gänzlich ohne Erfolg, und die Monarchin konnte von ihr nichts als die Einwilligung erlangen, ihre Tochter Clara bei ſich behal⸗ 174 ten und ſie ihren Ehrendamen anreihen zu dürfen. Der Glanz und die Vergnügungen des Hofes blendeten übrigens die ſanfte, liebens⸗ würdige Clara keineswegs; ſie vergoß die ſchmerzlichſten Thränen bei dem Abſchiede von ihrer Mutter, und wäre gern derſelben nach dem Kloſter gefolgt, um dort ihre dunkle Zelle zu theilen. Frau von Termes hätte ebenfalls gern dieſen Wunſch ihrer Tochter erfüllt, gern den freundlichen Engel mit ſich genommen in ihre düſtere Einſamkeit; konnte ſie ſich aber als eine verſtändige, für das Wohl ihres Kindes beſorgte Mutter, demje⸗ nigen widerſetzen, was jederman, vor Allen aber Herr von Sancerre, ihr Bruder, Cla⸗ rens ehrgeiziger Oheim, als ein ganz außer⸗ ordentliches Glück betrachtete? Nach der Abreiſe der Frau von Termes, bemühte ſich nunmehr am Hofe Alles, die zu⸗ rückgebliebene Clara aufzubeitern und zu zer⸗ ſtreuen; ihre Gefährtinnen waren holde, lieb⸗ 175 liche Jungfrauen, und wurden von der Mo⸗ narchin ſo gütig behandelt, daß auch nicht das leiſeſte Trauerwölkchen die fröhlichen Züge der jungen Schönen trübte. Eine Feſtlichkeit, eine Luſtbarkeit folgte der andern; dabei aber ward die Bildung der heranblühenden Mäd⸗ chen keineswegs verabſämut, denn nur eine Geſellſchaft edler und tugendhafter Frauen und tadelfreier Ritter war der Monarchin angenehm. Was ſie ſelbſt betraf, ſo bezau⸗ berte ſie Alles, was in ihre Nähe kam; denn ſie war zu gleicher Zeit ſchön, geiſtreich und großmüthig. Die älteren Herren aus der Zeit des heiligen Ludwigs, brachten faſt täg⸗ lich mehrere Stunden bei der Königin zu, und erzählten ihr und ihren Damen von den Großthaten, die unter jener Regierung ſtatt gefunden, von der Seelenſtärke der Königin Blanka, und von den hohen Tugenden der ſanften Margaretha von Provence. Die Königin Johanna hatte beſchloſſen, ſich nach dieſen erhabenen Muſtern zu bilden, und 125 7 man kann vielleicht mit Recht behaupten, daß fie von ihr noch übertroffen wurden. Der König, von Liebe und Achtung für ſeine Ge⸗ mahlin erfüllt, unternahm nicht das Mindeſte, ohne ſie um Rath zu befragen, und es wäre um ſeinetwillen zu wünſchen geweſen, daß er ſtets nur ihren Eingebungen gefolgt wäre. Einige Zeit nachdem Clara, deren Schön⸗ heit mit jedem Tage ſich immer mehr und mehr entfaltette, der Zahl der Ehrendamen der Monarchin angereiht worden war, er⸗ nannte der König zu ſeinem Stallmeiſter den liebenswürdigſten und ſchönſten Cavalier des ganzen Königreichs. Seine Familie, eine der älteſten Frankreichs, hatte große Be⸗ ſitzungen in der Normandie, ſeine perſön⸗ lichen Eigenſchaften aber überſtrahlten bei weitem die ihm von dem Glücke zugeworfenen Guter. Johanna zeichnete ihn bald vor allen andern Cavalieren des Hofes aus, und bezeigte ihm ein Wohlwollen, welches von Niemand mit eiferſüchtigen Augen betrachtet 177 wurde, ſo ſehr ward ſein Uebergewicht allge⸗ mein anerkannt. 1 Obgleich die reizende Clara von Termes zu jener Zeit noch ſehr jung war, machten dennoch die geiſtigen und körperlichen Vor⸗ züge dieſes Mannes auch auf ſie einen mäch⸗ tigen Eindruck, der über ihr ganzes künftiges Schickſal entſchied. Kein Widerſtand ſetzte ſich bei ihr einer aufkeimenden Leidenſchaft entgegegen, deren Folgen ſie nicht vorausſehen konnte. Sie ſah, daß der ganze Hof ihre Anſicht theilte und ſie war gewiſſermaſſen ſtolz auf dieſelbe. Sie horchte dem, was ihr Herz ihr zuflüſterte, ohne deſſen Sprache zu verſtehen; und als ſie dieſelbe endlich verſtand, ach! da war es zu ſpät, demſelben Schweigen zu gebieten. Täglich ſah ſie den ſchönen Enguerrand, und immer mehr und mehr fühlte ſie ſich zu ihm hingezogen; ſeine Gegenwart ſchon reichte hin, ſie über alles glücklich zu machen. Ihn zu ſehen, ihn zu hören, das war ihr einzi⸗ 12— ₰ 178 ger Wunſch, und lange Zeit glaubte ſie kei⸗ nen höhern hegen zu können. Enguerrand bewieß der Monarchin die tiefſte Verehrung und ſeine Aufmerkſamkeit kannte keine Grän⸗ zen. Der Königin Zärtlichkeit für ihren Gat⸗ ten aber, und ihre ſtrenge Sittlichkeit unterſagte jeden unerlaubten Gedanken, man mußte ſie wie die Gottheit verehren, deren ſchönſtes Werk ſie war. Die Anbetung, welche En⸗ guerrand für die Königin an den Tag legte, erſchien demnach der lieblichen Clara ſo na⸗ türlich, daß ſie weit entfernt war, Eiferſucht darüber zu empfinden. Der erſten Pallaſt⸗ dame der Königin aber, welche von dieſer über die Taufe gehalten worden war und wie ſie den Namen Johanna führte, war es vorbehalten, Clara, welche ſich inniger an ſie, als an ihre anderen Gefährtinnen angeſchloſſen hatte, jenes ſchmerzliche Gefühl zuerſt kennen zu lehren. Der König, welcher auf den Rath Enguerrands den Entſchluß gefaßt hatte, die Sitzungen des Parlaments 129 in Paris halten zu laſſen, ließ zu dieſem Ende ſeinen Pallaſt ausbeſſern und vergrößern, und beauftragte ſeinen ſo eben erwähnten Günſtling mit der Leitung dieſer Arbeiten. Als ſie vollendet waren, wollten der König und ſeine Gemahlin ſie in Augenſchein neh⸗ men; der ganze Hof begleitete ſie dorthin. Wie groß aber war das allgemeine Erſtau⸗ nen, als man, indem man in den zu den Verſammlungen beſtimmten Saal trat, die Statue des Monarchen gewahrte, welche in der edelſten Stellung aufrecht daſtand, in der einen Hand das Scepter haltend, die andere aber ausgeſtreckt gegen Enguerrand, der ſich, das eine Knie gebeugt und die Hand auf's Herz gelegt, ſo, als bringe er dem Herrſcher ſeine Huldigung dar, ebenfalls bild⸗ lich hatte darſtellen laſſen. Jederman bewun⸗ derte dies Kunſtwerk und den erfinderiſchen Geiſt deſſen, der es angeordnet; der König aber wendete ſich mit dem Ausdruck des innig⸗ ſten Wohlwollens zu ſeinem Günſtling und 12* — 180 ſprach, indem er huldvoll die Hand gegen ihn ausſtreckte:„Chevalier! dieſe Bilder ſind ungemein ähnlich!“— Bei dieſen Worten beugte Enguerrand ſeine Kniee vor dem Koönige, ſo daß jetzt die Gruppe lebend dar⸗ geſtellt wurde; und die Handedes Monarchen erfaſſend und ſie ehrfurchtsvoll an ſeine Lip⸗ pen führend, rief er aus:„Wird mein gnä⸗ digſter Herr es mir verzeihen, daß ich es ge⸗ wagt habe, ohne ſeine Erlaubniß den treue⸗ ſten ſeiner Unterthanen zu ſeinen Füßen zu legen? Und wird er es geſtatten, daß die⸗ ſes Monument der Nachwelt meine Ehrfurcht für ſeine erhaben Perſon beurkunde?“ „Ich achte,“ entgegnete der König,„das Gefühl, welches Euch bewogen hat, ſo zu handeln, allzuſehr, um nicht damit zufrieden zu ſeyn; die Statue ſoll bleiben, wie ſie hin⸗ geſtellt wurde.“ Dieſen Worten des Monarchen zollte der ganze Hof lanten Beifall, und Alles umringte 181 nunmehr den Günſtling, ihm Glück zu wün⸗ ſchen Unterdeſſen hatte ſich die Königin mit ih⸗ fren Damen der Marmorgruppe genähert, und Fräulein von Couchy, auf welche ſich die Monarchin ſtützte, fragte jetzt, als ſie gewahrte, daß die erſte Pallaſtdame Jo⸗ hanna, Enguerrand's Bild ſtarr be⸗ trachtete und ganz in den Anblick deſſelben verſunken ſchien, zu dieſer gewandt:„Fin⸗ det Ihr nicht auch, Fräulein, daß der Che⸗ valier Enguerrand de Marigny, nächſt unſerem Herrn, dem Könige, der ſchönſte Mann in Frankreich iſt?“ Von dieſer Frage in große Verlegenheit verſetzt, ſenkte Jo⸗ hanna die Augen und hohe Gluth färbte die reizenden Wangen, während ſie ſtockend und mit zitternder Stimme erwiederte:„Ich finde ihn— allerdings— recht hübſch!“—„Recht hübſch!“ entgegnete Fräulein von Couchy, „das iſt nicht der rechte Ausdruck!— Auch muß ich geſtehn, ich glaube, daß Euch der⸗ 182 ſelbe nicht vom Herzen kommt, habe ich Euch doch ſchon oft überraſcht, wenn Eure Blicke ſtarr auf ihm ruhten.“— Bei dieſer etwas unzarten Rede färbte ſich der holden Johanna Wange noch röther und eine Thräne drängte ſich ihr in das ſchöne Auge. Die Königin bemerkte dies und unterſagte, Mitleid mit der Verwirrung ihres Pflegekindes fühlend, dem Fräulein von Couchy die Fortſetzung dieſes Geſprächs. Der Hof ſchickte ſich nunmehr an, ſich wie⸗ der hinweg zu begeben, und mit ritterlicher Galanterie traten jetzt Prinz Carl, der Bru⸗ der des Königs, Prinz Robert und andere Cavaliere heran, um die Damen hinweg zu führen. Enguerrand, welcher in der vor⸗ derſten Reihe ſtand, näherte ſich, um der Königin ſeinen Arm zu bieten; da ihm aber der Graf d'Evreux zuvorkam, zog er ſich ehrfurchtsvoll zurück und erfaßte Johanna's Hand. Da wanndelten ſich plötzlich alle Züge der lieblichen Jungfrau, und die ſanfteſte 183 Heiterkeit trat an die Stelle des Unmuths, der durch die Spötterei ihrer Gefährtin über ſie herbeigeführt worden war. Dieſe Verän⸗ derung entging dem beobachtenden Auge Ela⸗ ra's nicht; ſie gab ihr die erſte Kunde von dem Herzenszuſtand ihrer Freundin, verſenkte aber ihr eignes Herz in tiefe Trauer. Sie fühlte ſich plötzlich unwohl, ihre Kniee ver⸗ ſagten ihr faſt den Dienſt und nur mit Mühe vermochte ſi ſie der Königin in ihr Gemach zu folgen, wo ſie ſich aber ſo krank fühlte, daß ſie es durchaus nicht länger verbergen konnte. Die treffliche Fürſtin ließ ihr ſofort jede Pflege ſpenden, und von der wärmſten Freund⸗ ſchaft angetrieben, beeilte ſich beſonders Jo⸗ hanna, ihr hülfreiche Hand zu leiſten. An der Aufrichtigkeit der Geſi nnungen Leſer Letz⸗ teren konnte Clara nicht zweifeln, ſie hatte davon bereits allzudeutliche Beweiſe erhalten; aber die Leidenſchaft macht ungerecht, Jo⸗ hanna's Sorgfalt war Claren jetzt zuwi⸗ der, ihre Nähe war ihr unangenehm. Sie 134 erſuchte die Monarchin, ſich auf ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen, und hier gab ſie ſich nunmehr in der Einſamkeit ihren trüben Be⸗ trachtungen hin. Tauſend verſchiedenartige Gedanken ſtiegen in ihrer Seele empor und beunruhigten ſie; ſie machte ſich Vorwürfe über ihre Undankbarkeit gegen Johanna und fragte ſich ſelbſt nach der Urſache derſelben. Ach, ſie entdeckte ſolche zu ihrer Beſchämung in Johannas Benehmen bei der Spötterei ihrer Gefährtin und in ihrer Freude über die Auszeichnung, welche ihr der allgemein be⸗ wunderte Enguerrand bewieß. Dieſer Vor⸗ zug war indeß doch nichts als eine Höflich⸗ keitsbezeugung— und war denn Johanna ſtrafbar, daß ſie den liebenswürdig fand, zu dem ſich eilles mit Liebe hinneigte? Clara wiederholte ſich dies Alles tauſendmal, ſie ſuchte jedes Mittel hervor, ihr aufgereg⸗ tes Gemüth zu beruhigen, aber ſie blieb be⸗ wegt, wie zuvor. Endlich verſchaffte ihr zwar ein Thränenſtrom einige Erleichterung, aber er 9 185 G konnte nicht wieder Ruhe in ein Herz ſenken, welches von dieſem Augenblicke an, der hef⸗ tigſten Leidenſchaft preisgegeben, beſtimmt ſchien, nur die Qualen der Liebe zu erdulden. Um dieſe Zeit entbrannte in Guienne ein Krieg; denn König Philipp hatte be⸗ ſchloſſen, das, ſeinem Bruder Carl von Va⸗ lois dem päbſtlichen Ausſpruche zufvlge zu⸗ ſtehende Recht, geltend zu machen; und der Letztere brach demnach auf, um den Fran⸗ zoſen zu Hülfe zu eilen, die von den Caſti⸗ lianern überall geſchlagen wurden, und de⸗ nen die Letztern ſämmtliche, von Philipp dem Kühnen vormals eroberte Plätze wie⸗ der abgenommen hatten. Roger Doria, der Feldherr der Caſti⸗ lianer, raubte und plünderte überall, wohin er ſeine ſiegreichen Waffen trug und beging die unerhörteſten Grauſamkeiten. Alle Frauen bebten für ihre Männer, alle Jungfrauen für ihre Geliebten, der Hof war in tiefe Trauer verſenkt, und alle Luſtbarkeiten hatten auf⸗ 136 gehört. Der Tod Margaretha's, der Ge⸗ mahlin des heiligen Ludwig, die ſo eben das Zeitliche geſegnet hatte; das Dahinſcheiden Al⸗ phons, Königs von Leon; Carls von An⸗ jou, Königs von Sizilien; des Pabſtes Mar⸗ tin V.; des Philipps von Savoyen und Anderer, welche ſämmtlich faſt zu gleicher Zeit erfolgten, hatten Aller Herzen mit Kum⸗ mer erfüllt und jede Freude verbannt. Nur bei der Monarchin fanden dann und wann noch kleine Geſellſchaften ſtatt, und bei dieſen war der liebenswürdige Enguerrand ſtets zugegen. Die alten Herren, welche ſich außer ihm bei der Monarchin einfanden, waren über die Jahre der Anſprüche hinaus, und ſo hegten ſie durchaus keine Eiferſucht gegen den allgemein Bewunderten. Die Wahrheit zu ſagen aber, ſchien auch Enguerrand keine der reizenden Frauen auszuzeichnen, die ſich ſeinen Blicken darboten. Höflich gegen alle Damen, machte er keiner beſonders den Hof, und ſeit jenem Tage, an dem er der — 187 ſchönen Johanna den Arm geboten, ge⸗ wahrte Clara nie wieder, daß er jene vor ihr und ihren anderen Gefährtinnen nur im 1 mindeſten auszeichne. Von ihrer Leidenſchaft fortgeriſſen, belauſchte ſie ängſtlich jeden ſei— ner Blicke, jede ſeiner Gebehrden, eine Be⸗ ſchäftigung, welche dazu beitragen mußte, ihre Liebe für den ſchönen Mann noch mehr zu ſteigern. Sein Einfluß am Hofe wuchs mit jedem Tage, und bald ward er von der Königin zum Präſidenten ihres geheimen Raths ernannt, dem ſie die Verwaltung ihres Kö⸗ nigreichs Navarra übertragen hatte. Seine Rathſchläge wurden ſo weiſe befunden, daß ihm auch bald der König eine Stelle in ſei⸗ nem geheimen Rathe ertheilte, welche Aus⸗ zeichnung aber nunmehr die Eiferſucht der Höflinge erweckte, die von jetzt an alles tha⸗ ten, was in ihren Kräften ſtand, um ihn zu ſtürzen und die ihn der Frechheit und der Anmaßung beſchuldigten, weil er es gewagt hatte, ſein Bild neben das des Königs zu 168 ſtellen. Unter dieſen ſeinen Feinden zeichnete ſich beſonders der Graf Jacques de Dreurx aus, derſelbe bediente ſich indeß nur dieſes Vorwandes, um die eigentliche Urſache ſeines perſönlichen Haſſes gegen Enguerrand zu verbergen. Er liebte die reizende Johanna, und ein ſchärferer Beobachter als Clara, hatte er noch früher als dieſe, die Leiden⸗ ſchaft der ſchönen Jungfrau für den liebens⸗ würdigen Marigny bemerkt. Fräulein von Couchy, welche eiferſüchtig auf Johanna war, weil die Königin ihr dieſe Letztere vor⸗ zog, wünſchte ſehnlichſt dieſe ihre Nebenbuh⸗ lerin durch eine ſchnelle Heirath zu entfernen; aber es war keineswegs ihre Abſicht, zwi⸗ ſchen ihr und dem liebenswürdigen Engner⸗ rand eine Verbindung zu bewerkſtelligen, weil ſie befürchten mußte, daß Johanna dann noch höher in der Gunſt der Monar⸗ chin ſteigen würde; ſie trat demnach auf die Seite des Grafen de Dreux und ſuchte, ſo oft ſie konnte, demſelben Gelegenheit zu ver⸗ 189 ſchaffen, ſich mit Johanna zu unterhalten. Die Letztere, nicht wiſſend, daß Clara ihre Nebenbuhlerin war, beklagte ſich oft auf das Schmerzlichſte gegen dieſe ihre Freundin, über die Zudringlichkeit des Grafen, und geſtand ihr endlich in einer vertraulichen Stunde of⸗ fenherzig ihre Leidenſchaft für den ſchönen Enguerrand. Obgleich von dieſer Offen⸗ heit tief gerührt, konnte es dennoch Clara nicht über ſich gewinnen, ihrer Freundin den Rath zu geben, der unter den obwaltenden Umſtänden am paſſendſten war, nämlich, der ſie liebenden Monarchin ihr Herz zu erſchlie⸗ ßen; ja ſie konnte ſogar nicht umhin, ſo ſehr wird die Freundſchaft von der Liebe verdrängt, die arme Johanna auf Marigny's Gleichgültigkeit gegen alle Frauen aufmerk⸗ ſam zu machen und ihr dagegen die Vorzüge des Grafen de Dreur ſo glänzend als mög⸗ lich darzuſtellen. Kaum befand ſich indeß Clara wieder allein, als ſie ſich auch ſofort über ihr ta⸗ 190 delnswerthes Benehmen die größten Vorwürfe machte; Johanna's Argloſigkeit hatte ſie verhindert, die wahre Urſache des Benehmens Clara's zu erkennen, und ſie ſchrieb daſ⸗ ſelbe nur einer reinen, uneigennützigen Freund⸗ ſchaft zu. Sie prüfte Clara's Aeußerun⸗ gen, fand, daß Enguerrand ſie wirklich eben ſo gleichgültig behandle, wie die anderen Damen des Hofes, und verſank, da ſie durch⸗ aus kein tröſtendes Wort von irgend jemand vernahm, endlich in eine Schwermuth, welche für ihre Geſundheit fürchten ließ. Der Graf de Dreur hatte ſich unterdeſſen bei der Mo⸗ narchin um ihre Hand beworben, und dieſe ſeinen Antrag ihrem Pflegekinde mitgetheilt. Johanna aber brach in Thränen aus, wor⸗ auf die edle Fürſtin ſie ſofort verſicherte, daß ſie durchaus zu keiner Heirath gezwungen wer⸗ den ſolle. Dieſe Worte ſenkten zwar einige Ruhe in das Herz der Armen, bald aber kehrte ihre alte Schwermuth zurück. 191 Unterdeſſen hatten die Franzoſen Guienne von dem Feinde gereinigt, und Carl von Valois kehrte nach Paris mit der jungen Fürſtin zurück, mit welcher er ſich in Ita⸗ lien vermählt hatte. Sie war die Tochter des letzten Kaiſers von Conſtantinopel, und brachte demnach ihrem Gatten die An⸗ ſprüche auf das Reich ihres Vaters zur Mit⸗ gift. Bei ſeiner Ankunft wurden glänzende Feſte gegeben, bei denen ſich die franzöſiſchen Ritter auf das Rühmlichſte auszeichneten. Carl von Valois trug alle Preiſe davon, und ohne die Königin und Johanna wäre ſeiner jungen Gemahlin auch der der Schön⸗ heit zugetheilt worden. Johanna nahm übrigens an den Feſtlichkeiten des Hofes nur geringen Antheil, denn der geliebte Enguer⸗ rand war gerade abweſend. Clara, welche aus eben dem Grunde keine Freude an den Luſtbarkeiten finden konnte, zog ſich gleich dieſer zurück, und theilte oft Johannas Einſamkeit; ein Benehmen, welches die Mo⸗ 192 narchin auf Rechnung der am Hofe allgemein bekannten Freundſchaft der beiden jungen Da⸗ men ſtellte. Da aber Johannas Schwer⸗ muth wuchs, und mit jedem Tage bemerkba⸗ rer wurde, beſchloß die Königin, Clara über die Urſache des Kummers ihrer Freun⸗ din zu befragen; ſie ließ dieſe eines Abends zu ſich rufen, und ſprach zu ihr gewandt: „Fräulein von Termes, Ihr hängt mit in⸗ niger Freundſchaft an meinem Kinde(ſo pflegte ſie Johanna ſtets zu nennend, ſie liebt Euch ebenfalls, und ſo müßt Ihr durch⸗ aus mit der Urſache ihres Kummers bekannt ſeyn. Beſorgt nicht, das Vertrauen Eurer Freundin zu mißbrauchen, indem Ihr ihr Geheimniß einer Königin offenbart, die ſie innig liebt. Wie kühn auch immer ihre Wün⸗ ſche ſeyn mögen, ſteht es in meiner Macht, ſie ſollen erfüllt werden.— Und ſo bitte ich Euch denn, ſprecht und ſeid aufrichtig gegen mich.“ 5 4 1 193 Dieſe Rede traf die arme Clara wie ein Blitzſtrahl, ſie wußte nicht was ſie antwor⸗ ten ſollte, die Worte erſtarben ihr auf den Lippen. Endlich aber ſchien in ihrer Bruſt die Freundſchaft über die Liebe den Sieg da⸗ von zu tragen.„Ich bin verloren,“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, und zu der ungeduldig har⸗ renden Monarchin gewandt, ſtammelte ſie: „Da Ihr es ſo gebietet, gnädigſte Frau— will ich Euch nicht verhehlen— wie ich glaube“— „Was— was glaubt Ihr?“ unterbrach ſie lebhaft die Königin. „Daß Johanna liebt“— entgegnete Clara entſchloſſen. Und„Wen— wen liebt ſie?“ forſchte die Monarchin weiter; aber noch bevor Clara hierauf eine Antwort ge⸗ ben konnte, öffneten ſich die Flügelthüren, und herein traten einige zu dem engeren Cir⸗ kel der Königin gehörende Cavaliere, der Graf de Dreur unter ihnen. So wie es der An⸗ 13 492.— ſtand erlaubte, wandte ſich dieſer Letztere an Fräulein von Termes, und erkundigte ſich mit inniger Theilnahme nach Johanna's Befinden.„Wir werden ſie gewiß verlie⸗ ren,“ entgegnete die Königin, welche ſeine Frage mit angehört hatte,„das theure Kind, die Zierde unſeres Hofes!— Sie weigert ſich, uns ihr Herz zu erſchließen— ſie liebt, ohne Zweifel, will uns aber den glücklichen Gegenſtand ihrer Wahl durchaus nicht offen⸗ baren.“ „Jungfräuliche Sittſamkeit, gnädigſte Frau, hält ihre Lippen verſchloſſen,“ erwie⸗ derte der Graf,„ich aber darf nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben— ich habe jeder Hoffnung auf ihren Beſitz entſagt, aber bringe ich dadurch gleich mein eigenes Lebensglück zum Opfer, will ich doch das der reizenden Johanna nach möglichſten Kräften beför⸗ dern.— Sie liebt— liebt Enguerrand von Marigny!“ 195 „Enguerrand von Marigny!“ wie⸗ derholte die Königin erſtaunt;„wer Graf, wer um des Himmels willen, hat Euch dies Geheimniß offenbart?“ Jetzt vermochte die arme Clara dem Kampf der Gefühle, welche ihr Innerſtes beſtürmten, nicht länger zu widerſtehen, ſie ſchwankte und ſank halb ohnmächtig zurück, auf einen Seſ⸗ ſel.„Der Zuſtand dieſer jungen Dame, der Vertrauten, der Buſenfreundin Johanna's,“ fuhr der Graf mit ſteigender Lebhaftigkeit fort,„beweißt Ew. Majeſtät, daß ich die Wahrheit geſprochen. Ich habe dieſe Liebe ſeit langer Zeit gefürchtet, die Augen eines Liebenden ſind ſchärfere Beobachter als tau⸗ ſend Andere.“ Unterdeſſen hatte ſich Clara wieder er⸗ holt und die Monarchin begab ſich nun un⸗ verzüglich nach dem Zimmer ihres Pflegekin⸗ des. Sie ſchloß die Leidende in ihre Arme, bat ſie dringend, ſich zu ſchonen, und lenkte, wie von ungefähr, das Geſpräch auf den 13* fernen Marigny.„Er wird bald zurückkeh⸗ ren,“ ſprach ſie,„die Dienſte, die er neuer⸗ dings dem Staate und uns geleiſtet hat, ver⸗ dienen eine angemeſſene Belohnung. Ich wäre nicht abgeneigt, ihm zur Vergeltung die Hand meiner Johanna darzubieten, vielleicht aber hegt ſie gegen ihn eine gleiche Abneigung wie gegen den Grafen de Dreux?“— „Fräulein von Termes hat mich verra⸗ then!— ſie hat das tiefſte Geheimniß mei⸗ nes Herzen offenbart!“ rief Johanna er⸗ ſchrocken, indem ſie ihr von jungfräulicher Schaam erglühendes Antlitz mit den Händen bedeckte.„Werden Sie mir je verzeihen, gnä⸗ dige Frau? Ich wollte meine Gefühle in ver⸗ ſchwiegener Bruſt bewahren— wollte ſie mit mir in die Gruft nehmen,— wollte meine Schwäche vor Euren und Aller Blicken ver⸗ bergen!— Ach, ich werde nicht wieder ge⸗ liebt, gnädigſte Frau! vergebens beſchließt Eure Güte, mein Glück durch eine Verbin⸗ dung mit Marigny zu begründen! Schlüge 192 er meine Hand aus, die Schaam würde mich tödten, reichte er ſie mir aber ohne ſein Herz, würde mich langſamer Gram verzehren!“— „Er wird Dich lieben, meine gute Toch⸗ ter,“ beruhigte die Königin,„er kennt ja Deine Gefühle nicht. Wie konnte er ſich auch ein ſolches Glück träumen laſſen? Wie bei Deiner jungfräulichen Schüchternheit auch nur der geringſten Hoffnung Raum geben! Wer könnte Dich ‚mein theures Kind, kennen, ohne Dich zu lieben?“ Die Monarchin fügte noch mehr tröſtende Worte hinzu, und überließ dann ihr Pflege⸗ kind der Sorge Clara's. Dieſe Letztere fühlte ſich durchaus außer Stande, der Rede der Monarchin noch etwas Beruhigendes hin⸗ zuzuſetzen, eben ſo wenig aber konnte ſie es über ſich gewinnen, die bei der liebenden Johanna durch die Worte der Fürſtin ge⸗ weckten Hoffnungen wieder zu vernichten. So wie die Sachen ſtanden, glaubte ſie nichts thun zu können, als Alles dem Zufalle zu 193 überlaſſen, und dieſer ſchien bald die Wünſche der Monarchin erfüllen zu wollen. Marigny kehrte von Navarra zurück, nachdem er dort die Ruhe völlig wiederher⸗ geſtellt, und erfahrne Statthalter ernannt hatte, die da völlig geeignet waren, den lo⸗ benswerthen Abſichten der Königin zu entſpre⸗ chen. Seine mit großer Umſicht getroffenen Einrichtungen verdienten allgemeinen Beifall und er ward demnach mit lautem Jubel em⸗ pfangen. Das Volk drängte ſich um ihn, hob ihn vom Pferde, und trug ihn unter lautem Jubelgeſchrei nach dem Pallaſte. Der Monarch empfing ihn mit großer Auszeich⸗ nung und ernannte ihn am nächſten Tage, im Angeſicht des ganzen Hofes, zum Groß⸗ Kämmerer von Frankreich. Mit dieſer neuen Würde bekleidet, begab ſich Engnerrand zu der Königin, gerade als dieſe dem ganzen Hofe Audienz geben wollte. Da die Fürſtin noch nicht im Audienz⸗ Saale erſchienen war, drängten ſich alle Anweſende um ihn und be⸗ eilten ſich, ihm zu ſeiner neuen Würde Glück zu wünſchen. Clara ſtand neben dem Fräu⸗ 4 lein von Couchy in einer Fenſter⸗Vertiefung, ſie zitterte an allen Gliedern, wagte es nicht, aufzublicken, als Marigny ſie im Vorüber⸗ gehen ehrerbietig begrüßte, und wäre aller Wahrſcheinlichkeit nach außer Stande gewe⸗ ſen, die in ihrer Bruſt wogenden Gefühle dem ſcharfen Blick des Fräuleins von Couchy zu verbergen, wäre nicht plötzlich durch das Erſcheinen der Königin. die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf dieſe gezogen worden. Enguerrand näherte ſich ehrfurchtsvoll der Monarchin und ſank auf ſeine Kniee vor ihr nieder. Johanna ſtand ihr zur Seite; ihr Antlitz war bleich, aber ſie war ſchön wie ein Engel. Die Königin reichte dem Groß⸗Käm⸗ merer huldreich ihre Hand zum Kuſſe dar, dankte ihm in den verbindlichſten Ausdrücken für die dem Staate und ihr geleiſteten, wich⸗ tigen Dienſte, und ſprach dann, indem ſie die Hand ihrer Pflegetochter erfaßte und in 200 die Marigny's legte:„Hier, wackerer En⸗ guerrand, überliefere ich Euch ein Pfand meiner Dankbarkeit. Ich gebe Euch dieſes edle Fräulein, das ich ſtets als meine Toch⸗ ter betrachtet habe, zur Gemahlin; ihre Tu⸗ genden und ihre Schönheit machen ſie Eurer würdig. Glaubt es mir, kein Fürſt vermag Euch reicheren Lohn zu ſpenden.“ Der ganze Hof zollte dieſen Worten der Monarchin lauten Beifall; Enguerrandaber erfaßte die ihm dargebotene Hand Johan⸗ na's, richtete einen ausdrucksvollen Blick auf die Königin, und entgegnete:„Ich fühle, gnä⸗ digſte Frau, die ganze Größe Eurer Güte, ” den ganzen Umfang meines Gluͤcks. Die rei⸗ zende Johanna verdient in der That die Huldigung und die Anbetung einer Welt, und — ich werde, indem ich ihr mein Leben weihe, Ew. Majeſtät meine aufrichtigſte Dankbarkeit zu beweiſen ſtreben.“ Dieſe Rede war unverkennbar an die Mo⸗ narchin ſelbſt gerichtet; die Gleichheit der Na⸗ 201 men diente dazu, Enguerrands wahre Ge⸗ fühle zu verbergen, und niemand am Hofe hegte rückſichtlich derſelben jetzt auch nur noch den geringſten Zweifel mehr.— Johanna war alſo nicht geliebt— und um der Wahr⸗ heit ihr Recht widerfahren zu laſſen, müſſen wir berichten, daß dieſe Ueberzeugung der hoffnungslos liebenden Clara einigen Troſt gewährte; dennoch war ihr der Gedanke un⸗ gemein ſchmerzhaft, Zeuge ſeyn zu ſollen von der Vermählung ihrer Nebenbuhlerin, zu der nunmehr die Anſtalten mit einer Pracht ge⸗ troffen wurden, welche der Gunſt der Mo⸗ narchin für das Brautpaar und Philipps Geſchmack an Glanz und Aufwand entſprach. Sie ſann darüber nach, wie ſie es anfangen könne, ſich den glänzenden Hoffeſten zu ent⸗ ziehen, denn ſie fühlte ſich außer Stande, in einer ſo großen Verſammlung ihre gewohnte Heiterkeit zu zeigen und die wahren Gefühle ihres Herzens zu verbergen. Da empfing ſſe plötzlich durch einen Eilboten ein Schreiben 202 ihrer Mutter, welche ſie bat, ſie in ihrer Einſamkeit zu beſuchen. Ihr Oheim, der Herr von Sancerre, erhielt von der Monarchin die Erlaubniß dazu und froh, ſich vom Hofe entfernen zu können, machte ſich Fräulein von Termes, in Geſellſchaft ihres Oheims, ſofort zu ihrer Mutter auf den Weg. Das Vergnügen, dieſe Letztere wiederzu⸗ ſehen, goß auf kurze Zeit Balſam in Clara's Seelenwunde; bald nach ihrer Ankunft im Kloſter aber erkrankte ſie, denn der Kampff ihres Innern hatte ſie allzuſehr angegriffen, und erſt, nachdem ſie wieder hergeſtellt war, konnte demnach Frau von Termes mit ihrer Tochter von der Urſache ſprechen, die ſie be⸗ wogen hatte, ſie zu ſich zu berufen. Sie bat jetzt Clara, ihr aufrichtig zu ſagen, ob ihr Herz noch frei ſei, und erklärte, als dieſe zitternd und erröthend die Frage bejahte, daß der Herr von Damartin ſich bei ihrem Oheim um ihre Hand beworben habe, und daß derſelbe nach Laon gekommen ſei, um 203 auch ihre Einwilligung zu erflehen.„Da ich indeß nicht wußte,“ fügte Frau von Ter⸗ mes hinzu,„ob auch Du, meine Tochter, dieſe Wahl billigen würdeſt, wollte ich mir hierüber Gewißheit verſchaffen, bevor ich ei⸗ nen Ausſpruch that, der vielleicht das Unglück meines geliebten Kindes herbeigeführt hätte.“ Von dieſer Güte tief gerührt, warf ſich Clara an die Bruſt ihrer Mutter und dankte ihr unter Thränen.„Laßt mich, theure Mut⸗ ter!“ rief ſie,„o laßt mich mein Leben bei Euch zubringen! Weshalb wollt Ihr mich wieder von Euch ſtoßen? Ich hege keinen Widerwillen gegen den Herrn von Damar⸗ tin, aber ich liebe ihn auch nicht— mein Herz hat bis jetzt“— bei dieſer Unwahrheit färbte höhere Gluth Claras Wangen—„nur die Gefühle kindlicher Liebe gekannt— und nie, nie wird es eine andere kennen lernen! Geſtattet mir demnach frei zu bleiben, und mich ganz jenen ſo theuren Pflichten zu wei⸗ hen. 77*. 204 Frau von Termes machte ihrer Tochter mannigfache Vorſtellungen; ſie bebte bei dem Gedanken, daß Clara in der Folge ihr Herz einem unwürdigen Gegenſtande ſchenken könne, war der Meinung, daß gegenſeitige Achtung hinreiche, eine glückliche Ehe zu begründen, und wünſchte durch eine ſolche ihr theures Kind vor den Gefahren einer unglücklichen Leidenſchaft zu bewahren. Ach, dieſe müt⸗ terliche Sorge kam zu ſpät; Clara beſchwor ihre Mutter, nicht länger in ſie zu dringen und dieſe gab endlich ihren Bitten nach. Sie übergab ihrer Tochter ein verſiegeltes Päck⸗ chen, welches ihren letzten Willen enthielt, unterſagte ihr aber auf das Strengſte, daſ⸗ ſelbe, falls ſie ſich nicht verheirathen ſollte, vor ihrem, der Mutter, Dahinſcheiden zu er⸗ brechen. Sollte ſie ſich aber vermählen, dann ſollte es ihr frei ſtehen, das Päckchen am Vorabend ihres Hochzeittages, in Gegenwart ihres zukünftigen Gatten zu eröffnen. 7 205 Elara nahm nunmehr von ihrer Mutter zärtlichen Abſchied, und trat mit ihrem Oheim, dem Herrn von Sancerre, welcher gekom⸗ men war, ſie abzuholen, den Rückweg an. Derſelbe war mit der Stimmung, in welcher er ſie fand, und mit ihrer Abneigung gegen eine eheliche Verbindung, höchſt unzufrieden, äußerte aber die Hoffnung, daß die fortge⸗ ſetzten Aufmerkſamkeiten des Herrn von Da⸗ martin ihren Widerwillen endlich beſiegen und ſie bewegen würden, ihren Entſchluß zu ändern. Um Ihretwillen, ſo verſicherte er, ſei er unverheirathet geblieben und habe den Vaterfreuden entſagt, weil er Clara durch⸗ aus als ſeine eigene Tochter betrachtete. Dieſe zärtliche Theilnahme ihres Oheims rührte Fräu⸗ lein von Termes ungemein, aber ſie fühlte ſich dennoch außer Stande, ſeinen Wünſchen zu genügen. So langte ſie bei Hofe an, feſt entſchloſſen, aus ihrem Herzen das Bild eines Mannes zu verbannen, der nie der Ihrige werden konnte. Ach, als ſie ihn ſah, waren 206 8 alle ihre Vorſätze vergeſſen! Seine Liebens⸗ würdigkeit, ſeine Schönheit, ſeine Talente, die Ehrenbezeugungen mit denen man ihn überhäufte und die er im vollen Maße ver⸗ diente, Alles, Alles trug dazu bei, ihre Lei⸗ denſchaft neuerdings zu beleben. Hiezu ge⸗ ſellte ſich nun noch ein anderer Umſtand; Jo⸗ hanna, welche man den Armen des Todes entriſſen hatte, um ſie in die eines Gatten zu legen, den ſie anbetete, Johanna, über⸗ häuft mit Gunſt⸗ und Zärtlichkeitsbeweiſen der Königin, geliebt von dem ganzen Hofe, an deren Glücke durchaus nichts zu fehlen ſchien, Johanna war in ihre vormalige Schwermuth zurückgeſunken, und ſtand neuer⸗ dings an den Pforten des Grabes. Weit davon entfernt, eine Nebenbuhlerin wieder⸗ zufinden, deren Glück vielleicht Clara's Neid erregt haben würde, fand dieſe nur eine Lei⸗ dende, deren trauriges Schickſal ihr ganzes Mitleid in Anſpruch nahm. Frau von Ma⸗ rigny verbarg unter einem ſanften, ruhigen 207 Aeußeren ein höchſt reizbares Gemüth. Die freundſchaftlichſte Aufmerkſamkeit, die Achtung, ja ſelbſt die Zärtlichkeit, welche ihr ihr Gatte bewies, genügten ihrem Herzen nicht, das ſich in gränzenloſer Leidenſchaft verzehrte; es ſchmerzte ſie tief, daß er keines wärmeren Gefühles fähig ſei und ſie grämte ſich ſchwei⸗ gend darüber, als ihr plötzlich ein furchtba⸗ res Licht aufging, und ihr die Ueberzeugung brachte, daß Marigny eines eben ſo hefti⸗ gen Gefühles als ſie fähig, daß daſſelbe aber einem anderen Gegenſtande gewidmet ſei. Eines Abends, als ſie ſich, um die friſche Luft zu genießen, mit ihrer vertrauten Kam⸗ merfrau im Garten ihres Pallaſtes befand, kam auch Enguerrand dorthin, welcher von der Königin zurückkehrte; er glaubte ſich al⸗ lein, denn die Dunkelheit und das Gebüſch verbargen ihm ſeine Gemahlin, und ſein Herz, von tauſend Gefühlen beſtürmt, machte ſich in folgenden Worten Luft:„Johanna, o anbetungswürdige Johannal Du biſt meine 208 Seligkeit! Welcher Sterbliche kann ſich glück⸗ licher ſchätzen als ich, welcher Sterbliche aber iſt mehr zu beklagen?“ 3 Bei dieſem Herzenserguſſe wollte ſich Frau von Marigny von ihrem Raſenſitze erheben, zu ihrem Gatten eilen und ihm die Verſiche⸗ rung bringen, daß ſie nur ſein Glück wünſche. Da aber fuhr Marigny in ſeinem Selbſt⸗ geſpräche folgendermaſſen fort:„Weshalb, ach weshalb hat das Schickſal zwiſchen uns eine unüberſteigbare Schranke geſtellt? Warum ward mir keine Krone, ſie Dir darzubieten? Warum Königin, Wohlthäterin? Weshalb biſt Du nicht von weniger hohem Stande? Von der Allgewalt der Liebe verzehrt, wie vermag ich aus dieſem ungleichen Kampfe als Sieger hervorzugehen! Ich muß Dich fliehen, oder unterliegen!— Dich fliehen!— O Him⸗ mel, Dich nicht wiederſehen! Nein, nein, ich will bleiben und dulden, und mich in Liebe und Schmerz verzehren. Nie, nie, angebetete Fürſtin, ſollſt Du die thörichte Liebe deſſen — 209 erfahren, der Dich wie eine Gottheit ver⸗ ehrt!“— Frau von Marigny hatte das Ende die⸗ ſer Rede nicht vernommen, ſie war ohnmäch⸗ tig in die Arme ihrer Kammerfrau geſunken. Dieſe, welche nicht wagte laut zu werden und Hülfe herbeizurufen, wartete bis der Groß⸗Kämmerer ſich entfernt hatte, und be⸗ mühte ſich dann, ihre Gebieterin wieder zum Leben zu erwecken. Johanna ſchlug endlich die Augen wieder auf; ſie vergoß keine Thräne und begab ſich in ihr Gemach zurück, ohne über das, was vorgefallen, auch nur ein ein⸗ ziges Wort zu verlieren. Sie unterſagte ih⸗ rer getreuen Kammerfrau auf das Strengſte, das, was ſie gehört, irgend jemand zu ent⸗ decken.„Für mein Unglück,“ ſprach ſie, „giebt es keine Hülfe, und ich will meinen Gatten nicht ins Elend ſtürzen, dadurch daß ich ſeine frevelhaften Wünſche offenbare. Er iſt nicht ſtrafbar gegen mich,“ fügte ſie hin⸗ zu,„ich kann mich nicht beklagen— weiß 14 210 ich doch nur zu gut, wie unmöglich es iſt eine Leidenſchaft zu überwinden, wenn dieſe ſich einen würdigen Gegenſtand erwählt.“ Von dieſem Augenblicke an verzehrte ſie ſich, ganz ihrem Schmerze hingegeben, im ſtummen Grame, dem ſie auch bald unterlag, ohne daß irgend ein Wort des Vorwurfs, rückſichtlich ihres Gatten, über ihre Lippen gekommen wäre, ohne daß ſie durch eine un⸗- vorſichtige Aeußerung die wahre Urſache ihres tiefen Kummers hätte ahnen laſſen. Fräulein von Termes erfuhr alle dieſe Umſtände erſt lange nachher von Johanna s Kammerfrau; der Monarchin ſelbſt aber ſind ſie ſtets ein Geheimniß geblieben. Alles be⸗ trauerte den frühen Tod der Frau von Ma⸗ rigny, die Königin aber war untröſtlich; ſie ließ die irdiſchen Ueberreſte ihres theuren Pfle⸗ gekindes mit fürſtlicher Pracht zur Erde be⸗ ſtatten, und der ganze Hof folgte unter Thrä⸗ nen dem Leichenzuge. 211 Clara ward zwar durch den Tod ihrer Freundin in die tiefſte Trauer verſenkt, und zollte dem Andenken derſelben die aufrichtig⸗ ſten Zähren; aber ſie konnte dennoch nicht umhin, denn ſie war ja ein Weib, die durch das Dahinſcheiden Johannas in ihrer Bruſt neuerdings geweckten leiſen Hoffnungen zu nähren, und ſie gab ſich demnach denſelben hin, bis ihr die Kunde von der obenerwähn⸗ ten getreuen Kammerfrau ihrer verewigten Freundin über Marigny's wahre Gefühle volles Licht verſchaffte, und ihr die Ueberzeu⸗ gung gewährte, daß ſie nie auf Enguer⸗ rands Beſitz hoffen, und daß ſelbſt in dem Falle, daß er ihr ſeine Hand reichen ſollte, ſie auch als ſeine Gattin nie glücklich werden könne. Dieſe Gewißheit beſtimmte ſie, den Hof auf immerdar zu verlaſſen, und ihre Liebe in der Einſamkeit zu begraben. Unter ½ dem Vorwande, die Gefährtin ihrer Mutter werden zu wollen, bat ſie die Monarchin um ihre Entlaſſung, und begab ſich, nachdem ſie 11* 212 ſolche erhalten, zu der Frau von Termes in das Kloſter, wo ſie, trotz aller Vorſtel⸗ lungen ihrer Mutter und ihres Oheims, nach Beendigung ihres Noviziats den Schleier nahm, und wo ſie, von nun an nur den frommen Beſchäftigungen ihres Ordens hin⸗ gegeben, endlich, wenn auch erſt nach Jah⸗ ren, ihren Seelenfrieden wiederfand. Alles beſetzt. Schwank nach Desforges bearbeitet. Perſonen. Landrath von Laun, Gutsbeſitzer. Emilie, ſeine Tochter. Auguſte von Wallen, ihre Freundin. Ein Reiſender. 8 Herr von Froſch, Emiliens beſtimmter Bräutigam. Frau Lantſch, Gaſtwirthin. Petronelle, ihre Magd. Ein Stallknecht. 214 Der Schwank ſpielt in einem Staͤdtchen in Pommern, im Gaſthofe der Frau Lantſch. Das Theater ſtellt einen Speiſeſaal vor, im Hin⸗ tergrunde fuͤhren einige Stufen in ein Schlafzimmer aus dem ein Fenſter, durch welches man in das Innere des Zimmers ſehen kann, heraus auf die Buͤhne geht. Rechts eine Thuͤr, links der Haupt⸗ eingang. Scene 1. (Es iſt Abend.) Landrath v. Laun und Herr v. Froſch ſitzen an einem Tiſche und ſpielen Piquet. 8 v. Froſch. Potz Mäuschen! ſchon zehn Uhr, Schwiegerpapa, und die liebe Jugend kommt noch immer nicht, wo zum Henker mag ſie ſtecken? v. Laun. Nur Geduld, Herr Schwieger⸗ ſohn in Spe, nur Geduld, die werden nicht ausbleiben.— Haben vielleicht während der Hitze des Tages geraſtet, und ſich erſt in der Kühle wieder aufgemacht. Eine Stunde ſpä⸗ ter oder früher, was thuts? Aufgepaßt aufs Spiel alſo— da hier, ich machte einen Neun⸗ ziger. 4 7 215 v. Froſch. Mein Seel ja, Schwieger⸗ papa— aber ich hatte Coeur As, ich war nicht caput, wer's glaubt. v. Laun(lachend). Nun was nicht iſt kann noch werden, laſſen Sie nur erſt die junge Frau kommen. v. Froſch. Unbeſorgt Schwiegerpapa, will mich ſchon in Acht nehmen. v. Laun. Da müßten Sie es traun pfif⸗ ſig anfangen. v. Froſch. Das werde ich auch, Papa⸗ chen, ja, ja ich habs hier(deutet ſich auf die Stirn) wer's glaubt. v. Laun. Nun, da wäre ich denn doch begierig.— v. Froſch. Wiſſen Sie was ich thue da⸗ mit ich nicht caput werde— ich ſpiele nicht Piquet mit ihr. v. Laun(laut lachend). Der Tenſcl Sie haben Verſtand. v. Froſch. Das will ich meinen; kommt Alles von meiner Reiſe nach Berlin— da 216 hab' ich mich ausgebildet— wer's glaubt! Vorher, ja da war ich dumm, heillos dumm! v. Laun. Ja, ja, Sie haben ſich verändert— v. Froſch. Nicht wahr 5 Ich kenne mich faſt ſelbſt nicht wieder. Sie follten mich nur erſt ſehen, wenns gilt,— auf unſerm Lieb⸗ haber⸗Theater— ho, ho, ich declinire Ih⸗ nen, wie der beſte Schanſpieler. v. Laun. Deklamire, wollen Sie ſagen. v. Froſch. Deklamire oder Declinire das gilt gleichviel, wer's glaubt. Hören ſie nur: Die Krone iſt von deinem Haupt gefallen, Du haſt nichts mehr von ird'ſcher Majeſtaͤt. Verſuch es, laß' dein Herrſcherwort erſchallen, DOb dir ein(er ſtockt)— Ob dir ein— Ob dir—— Na was ſagen Sie dazu? v. Laun(lachend). Bravo! Und das Al⸗ les haben Sie in Berlin gelernt? v. Froſch. Verſteht ſich— das und noch weit mehr. Aber die Reiſe hat mich guch was gekoſtet, zweihundert Louis'dor— zwei⸗ 212 hundert Louis'dor? Ho ho, weit mehr, tau⸗ ſend Thaler in Gold, wer's glaubt. Als nun aber mein Verſtand zu, mein Geld aber ab⸗ nahm, ſprach meine Tante zu mir: Baſtiän⸗ chen, nun haſt du Verſtand genug— des Geldes aber kann man nie genug haben— ſuche den Papa Laun zu perſuadiren, daß er dir ſeine Tochter giebt.— Geſagt, gethan; Sie kamen, mein Gut zu ſehen, und fanden Alles herrlich und ſchön— nicht wahr? v. Laun. Muß es wohl ſo gefunden ha⸗ ben, da ich Ihnen wohl etwas zu raſch die Hand meiner Tochter zuſagte, und ihr ſchrieb, ſich ſofort mit ihrer Freundin aufzumachen, um das Landgut in Augenſchein zu nehmen, das ich hier in der Nachbarſchaft erkaufte. v. Froſch. Sie weiß alſo noch nicht, daß ſie mich heirathen ſoll? v. Laun. Nein. v. Froſch. Schade, ſchade, Sie hätten es ihr ſchreiben ſollen, Schwiegerpapa, es würde dem lieben Kinde Freude gemacht ha⸗ 218 ben, wer's glaubt. Doch ich merke ſchon, ſie ſoll überraſcht werden. Na die wird eine Freude haben! (Die Wirthin und Petronelle ſind waͤhrend der letzten Repliken ab und zu gegangen, und decken den Tiſch im Hintergrunde). v. Laun. Wir wollens hoffen.— Jetzt aber fang' auch ich an die Geduld zu verlie⸗ ren,— es iſt ſchon nach zehn und ſie kom⸗ men noch immer nicht— wir wollen ihnen im Mondſchein entgegen gehn.(Zur Wirthin) Wenn unterdeſſen die beiden jungen Damen kommen ſollten, von denen ich mit Ihnen ſprach, Frau Wirthin, ſo führen Sie ſolche auf die für ſie beſtellten Zimmer. Fr. Lantſch. Es ſind die einzigen die ich noch leer habe, gnädiger Herr, alles Ueb⸗ rige iſt beſetzt; deshalb muß ich um die Na⸗ men der beiden jungen Damen bitten, damit keine Verwechſelung ſtatt finde. v. Laun. Emilie von Laun und Auguſte von Wallen. 29 Fr. Lantſch. Charmant, charmant 2 Petronelle No. 19 und 20 für die beiden Da⸗ men, die bald ankommen werden—— Sie wollen unterdeſſen noch einen kleinen Spazier⸗ gang machen meine Herrn? v. Froſch. Bis zum Thore, nicht weiter, Schwiegerpapa— keinen Schritt weiter— ſchnell kehren wir zurück. Daß wir dann das Abendeſſen fertig finden— ich ſage Ihnen, Frau Lantſch, es muß etwas Ungewöhnliches ſeyn, alles vollauf— ich bezahle— ho ho, ich bin genereus, wer's glaubt!— einen Thaler die Perſon— wir ſind unſerer vier— Du, Petronellchen, ſollſt uns bedienen, mach' deine Sachen gut, ich werde auch an Dich denken. Petronelle. Ich werde meine Pflicht ſchon thun, gnädiger Herr, thun Sie dann nur auch die Ihre. v. Froſch. Ha, ha, ha, nun was ſagen Sie dazu, Schwiegerpapa, haben wir Ver⸗ ſtand hier in Hinterpommern? bis auf die 220 Magd herab, Alles Geiſt und Witz, wer's glaubt. v. Laun(ungeduldig). Kommen Sie, wir wollen gehn— es wird ſpät.(bei Seite) Ein wahrhafter Geck— Thor der ich war mein Wort zu geben.(Ab durch den Haupteingang). v. Froſch. Ich komme ſchon— Was werden Sie uns denn auftiſchen, Frau Lantſch, laſſen Sie hören— ſo ein bischen von Al⸗ lem,— ſo was Appartes— Ich komme ſchon Schwiegerpapa,— Aber wo iſt er denn? ſchon fort? Laufen Sie doch nicht ſo, Schwiegerpapa, ich komme ſchon, ich komme. (Ab durch den Haupteingang). Scene 2. Frau Lantſch, Petronelle. Petronelle. Ein recht alberner Menſch, der Herr v. Froſch, ich beklage im voraus das arme Mädchen, das den nehmen muß. Fr. Lantſch. Das verſtehſt Du nicht Kind, er iſt dumm und reich, das giebt die beſten 221 Männer,— ſo ein Ehemann iſt ein wahrer Schatz für eine Frau.— Aber laß uns die Zeit nicht mit unnützen Redensarten verbrin⸗ gen— vergiß nicht, daß nun alle Zimmer beſetzt ſind, und wir auch keinen einzigen Reiſenden mehr aufnehmen können, und wollte er ſein Nachtlager mit Gold aufwiegen.— Doch wenn ich nicht irre, kommen da die beiden Frauenzimmer die wir erwarten.— Nur herein meine Damen, nur hier herein. Scene 3. Emilie von Laun und Auguſte von Wallen. Die Vorigen. Fr. Lantſch. Ihre Namen, meine gnä⸗ digen Damen, wenn ich unterthänigſt bitten darf. Emilie. Emilie von Laun. Auguſte. Auguſte von Wallen. Fr. Lantſch. Charmant, ganz charmant. Sie habe ich erwartet, nun iſt mein Haus für jedermann geſchloſſen. 1 222 Emilie. So? und weshalb das, Frau Wirthin? 1 Fr. Lantſch. Alle Zimmer ſind beſetzt, mein gnädiges Fräulein— ich bin gezwungen jedermann abzuweiſen— noch eben jetzt mußte ich einen jungen Herrn fortgehen laſſen, einen jungen liebenswürdigen Herrn, es that mir von ganzer Seele leid, aber ich konnte ihn doch nicht logiren. Auguſte(leiſe zu Emilien). Das war er gewiß— wie ſchade! (Frau Lantſch und Petronelle gehen waͤhrend des folgenden Geſpraͤchs ab und zu, und machen ſich mit dem Tiſche im Hindergrunde zu ſchaffen.) Emilie. Was willſt Du damit ſagen? der denkt nicht mehr an uns. Mein Vater beſtehlt mir, mich mit meiner Tante hieher zu begeben, die Tante wird krank und giebt mir, mit Erlaubniß meines Vaters, Dich meine Freundin zur Geſellſchaft mit— Dein Bru⸗ der weiß das Alles, wir reiſen ab und hören weiter nichts von ihunw! 223 Auguſte. Närrchen, das Du biſt! Nach⸗ dem wir hoffentlich auf immer das liebe Klo⸗ ſter verlaſſen hatten, wo wir uns kennen und lieben lernten, wo wir uns gemeinſchaftlich ſo recht herzlich langweilten, und wo mein Bruder unter dem Vorwande mich zu beſuchen, Dich, wenn gleich nur ſelten, ſehen konnte; was konnte der liebende Ritter beſſeres thun, als vor der Hand ſchweigen und uns voran⸗ eilen? Emilie. Wie, was ſagſt Du, er eilte uns zuvor? Auguſte. Ei das verſteht ſich. Emilie. Und wo iſt er jetzt? Auguſte. Nicht weit von hier. Emilie. Ach, ſprächeſt Du doch die Wahrheit!— Wenn mein Vater ihn kennen lernte!— Was wohl aber eigentlich mein Vater mit mir vorhaben mag— ich muß wirklich ſeinen letzten Brief noch einmal leſen; er iſt nur kurz; er ſchreibt laconiſch(ſie lieſ't) „Meine Tochter, ich habe das Landgut ge⸗ 224 N „kauft, und überhaupt in hieſiger Gegend „mehrere gute Geſchäfte gemacht— ſie be⸗ „treffen auch Dich, und ich erwarte Dich da⸗ „her ſo bald als möglich, ſammt Deiner „Freundin, die Dir ſtatt der kranken Tante „Geſellſchaft leiſten wird u. ſ. w. u. ſ. w. Dein treuer Vater Hans von Laun.“ Das klingt ſo wunderbar— ſo geheimnißvoll. Auguſte. Ei warum nicht gar, das liegt ja Alles klar am Tage; Dein Vater will Dir das neuerbaute Landgut zum Geſchenk machen und Deine Hand in die meines Bru⸗ ders legen. Emilie. In die Deines Bruders, den er noch nie geſehen hat? Auguſte.(lachend). Das iſt wahr, daran habe ich wahrhaftig nicht gedacht. 225 Scene 4. Die Vorigen, Petronelle, Frau Lantſch. Petronelle. Wenn es den gnädigen Fräulein gefällig iſt, Sich auf Ihre Zimmer zu begeben, es iſt Alles bereit.— Um Verzei⸗ hung aber, wer von den beiden jungen Da⸗ men nennt ſich Fräulein Emilie von Laun? Emilie. Ich, mein Kind, was giebts? Petronelle. Da, hier ein Briefchen an's gnädige Fräulein, das ſo eben gebracht ward. Emilie. Ein Brief an mich! Wunder⸗ bar, wir wollen doch ſehen.(ſie oͤffnet den Brief und lieſ't)„In Amors Namen wird geboten, „Alles zu ſehen, Alles zu hören und zu „ſchweigen, ohne irgend ein Zeichen der Ue⸗ „berraſchung von ſich zu geben.“ Wunder⸗ bar, höchſt wunderbar! 4 Au guſte. Laß einmal die Hand ſchen.— Sie iſt verſtellt; dahinter ſteckt etwas, aber 15 226 hoffentlich etwas Gutes. Wer weiß wer kommt, wer weiß?— Jetzt aber laß uns unſere Reiſekleider ablegen und uns zum Abend⸗ eſſen anſchicken. Emilie. Ich bin bereit, ich folge Dir. (ab durch die Thuͤr rechts) Petronelle. Das ſind ein Paar aller⸗ liebſte Fräulein; geſchwind, ich muß ihnen Licht bringen. (Waͤhrend dieſer letzten Worte tragen Fr. Lantſch und Petronelle den gedeckten Tiſch vorn hin auf die Buͤhne) 1 (Petronelle ab.) Scene 5. Ein Reiſender, ein Stallknecht, Frau Lantſch. Fr. Lantſch(zu dem Reiſenden). Was ſteht zu Dienſten, mein Herr?(der Reiſende antwortet nicht) Ich frage, was zu Dienſten ſteht? Der Reiſende. Niemals Madam,— 227 das taugt nichts— machen Sie übrigens keine Umſtände. (Er ſetzt ſich, legt Hut und Mantel ab.) Fr. Lantſch. Was heißt denn das? Spuckts etwa bei dem Herrn im Oberſtübchen? Der Stallknecht(welcher bei den letzten Worten eingetreten iſt, lachend) Nun das gerade nicht, aber taub iſt er, taub, wie unſer alter, zwanzigjähriger Schimmel, der ein Ge⸗ wehr nicht hört, wird es ihm auch dicht bei den Ohren abgeſchoſſen. Da ſteigt er ab und giebt mir ſein Pferd, es in den Stall zu führen,— ich ſagte ihm, wie es mir die Madam befahl, daß für ſeinen Gaul kein Platz im Stalle und für ihn keiner im Hauſe ſey.— Was giebt er mir zur Antwort? Daß ich Recht hätte, ſein Pferd wäre ein ſchönes Thier und ich ſollte es nur gut in Acht nehmen. Ich habe geſchrieen aus Lei⸗ beskräften, aber er hörte mich nicht, gab mir einen Gulden Trinkgeld, ging mir nichts, dir nichts ins Haus hinein und ließ mir das 15* 228 Pferd. Was war zu thun? Ich konnte das arme Thier doch nicht im Freien ſtehn laſſen; ich fuͤhrte es alſo in den Stall, und kam herauf, der Madam zu ſagen, was vorge⸗ fallen. Fr. Lantſch. Alles iſt beſetzt, ich kann ihn nicht logiren ₰ ich habe keinen Platz. Sein Pferd mag allenfalls bleiben, wo es iſt, er kann es morgen früͤh wieder abholen.. Der Stallknecht. Es ſteht auch eben nicht im Wege. Es iſt ein ſchmuckes Thier, eine wahre Pracht von einem Pferde. Ich will ihm jetzt gleich Futter vorſchütten; ſehe die Madam unterdeſſen zu, wie ſie den Herrn los wird.(ab) Fr. Lantſch. Er thut, als ob er zu 1 Hauſe wäre.— Ein hübſcher Mann— ſo jung noch— und ein ſolches Gebrechen!— Ich muß ihm aber doch verſtändlich zu machen ſuchen, daß ich ihn nicht beherbergen kann. (Mit lauter Stimme, zu dem Reiſenden gewandt) Mein Herr, es thut mir unendlich leid— „ 229 Der Reiſende. Ich wüßte nicht, Ma⸗ dam, es war ja heute ganz hübſches Wetter. Fr. Lantſch. Was das für eine ver⸗ kehrte Antwort iſt!(Noch lauter) Mein Herr, ich kann ſie nicht beherbergen. Der Reiſende. Sie haben ganz Recht, Madam, die Wege ſind gut. Fr. Lantſch. Das iſt mir eine ſaubere Unterhaltung— ſpreche ich vom Regen, ſpricht der vom Sonnenſchein.— Ich wills doch noch einmal verſuchen.(Sie ſchreit ſo laut ſie kann) Mein Herr, es thut mir unendlich leid— Der Reiſende. Mir auch, Madam, es gewährte mir ein wahres Vergnügen, eine herrliche Ausſicht in der That, ſo von der Anhöhe herab auf das Städtchen—— Fr. Lantſch. Das iſt wahrhaftig nicht zum Aushalten—— v. Froſch(hinter der Scene). Petronel⸗ chen, Petronelchen! Frau Wirthin! wo ſteckt ſie denn?— 230 Fr. Lantſch. Ach du mein lieber Gott, da kommt der Herr v. Froſch zurück, das wird eine ſaubere Beſcherung werden. Petronelle! Petronelle!(Petronelle kommt aus der Thuͤr rechts) ich will den Herrn v. Froſch nur eben durch die Gallerie auf die Zimmer der Fräu⸗ lein führen, ich komme gleich zurück, Du, Maäͤdchen, mußt unterdeſſen den tauben Gaſt da fortſchaffen.(ab) Der Reiſende ſſetzt ſich an den gedeckten Tiſch, zieht ſeine Brieftaſche hervor und nimmt ei⸗ nige Papiere heraus). Zwölftauſend Thaler auf Berlin, das Geld ſteht ſicher genug— zwanzigtauſend Thaler auf Königsberg, da iſt die Eincaſſirung ſch hwieriger; aber ich brau⸗ che ja das Geld nicht; ich kann ja warten. Petronelle. Das ſcheint ja ein gar reicher Herr! 4 Scene 6. Die Vorigen, Frau Lantſch. Fr. Lantſch. Nun, iſt Alles bereit? Ach Herr Jemine, der iſt noch da! 8 231 Petronelle. Hören ſie nur Madam, der iſt gar reich— der arme, junge Mann, ſo reich und ſo taub, es iſt ein rechter Jammer. Fr. Lantſch. Reich? Woher weißt Du das? Petronelle. Er ſprach da eben von Tauſenden, wie wir von Groſchen; da ſchauen ſie, jetzt eben ſteckt er die Brieftaſche wieder ein. Der Reiſende(mit ſehr lauter Stimme). Heda, Heda! Petronelle. Ihm antworten wäre un⸗ nütz. 3 Der Reiſende. Heda, He—— (Petronelle naͤhert ſich ihm, und giebt ihm durch Gebehrden zu verſtehen, daß ſie ſeine Befehle er⸗ 3 warte). Der Reiſende. Ach ja, es iſt wahr, ich habe Dir noch nichts gegeben, Du haſt Recht mich daran zu erinnern— ich bin mit⸗ unter etwas zerſtreut.— Da, hier, mein ſchönes Kind!(Er giebt ihr ein Stuͤck Geld). 252 Petronelle(macht einen Knix um ihren Dank auszudruͤcken; dann zu Fr. Lantſch, welche noch etwas auf dem Tiſche ordnet). Sehn Sie nur Madam, einen ganzen Gulden! Wollte Gott, es kehrten alle Tage ſolche Taube bei uns ein; ich bin gerade nicht intreſſiert, aber ich würde ſie nach beſten Kräften bedienen. Fr. Lantſch. Ich weiß in der That nicht, was ich aus dem Menſchen machen ſoll.— Hier kann er aber nun doch einmal nicht bleiben— die Herren und Damen, die ſich das Abendeſſen hier beſtellt haben, werden gleich erſcheinen—— ich weiß wahrhaftig nicht, was ich anfangen ſoll. Petronelle. Et, das wird ſich alles ſchon finden, laſſen ſie mich nur machen,— gehn Sie ruhig zu Bette, ich will alles ſchon beſtens beſorgen.: Der Reiſende(zu ſich ſelbſt, indem er ſeine Uhr hervorzieht). Hier ißt man aber auch ſehr ſpät zur Nacht.— Morgen mit dem Frühe⸗ ſten muß ich wieder fort; ich bin hungrig, durſtig und müde. Heda, heda!(Petronelle naͤhert ſich ihm) Ha, ha, da biſt Du ja. Sag mir doch, mein Kind, wann ißt man denn eigentlich bei Euch zu Lande? Petronelle. Sogleich, mein Herr! Der Reiſende. Darnach habe ich ja nicht gefragt, ich weiß ja, daß Du hübſch biſt,— ich ſagte Dir, daß mich hungere. Petronelle. Es iſt unmöglich,, ſich ihm verſtändlich zu machen.— Ach⸗ Gott, da kommen die Herrſchaften.— Na, die wer⸗ den die Augen aufreißen, wenn ſie den un⸗ gebetenen Gaſt finden. Scene 2. Die Vorigen, v. Laun, v. Froſch, wel⸗ cher mit affektirter Manier Emilie und Auguſte an der Hand hereinfuͤhrt. Emilie und Auguſte(indem ſie den Rei. 4 ſenden erblicken). O Himmel! (Der Reiſende ſieht ſich nicht um und laͤßt ſich üͤberhaupt nicht ſtoͤren). 2354 v. Froſch. Was giebt's, worüber er⸗ ſchrecken Sie, meine holden Geſtalten? v. Laun. Wer iſt denn der Fremde, der da ganz ruhig ſitzt, und uns nicht einmal zu bemerken ſcheint? Fr. Lantſch. Das iſt ein gar wunder⸗ barer Menſch, meine gnädige Herrſchaft,— mehr aber weiß ich wahrhaftig ſelbſt nicht von ihm.— Ich habe mein Möglichſtes ge⸗ than, ihn fortzuſchaffen, aber es half zu nichts,— jetzt verſuchen Sie Ihr Heil, ich ſcheide davon.(ab) (Der Reiſende thut, als ob er jetzt erſt die Frem⸗ den bemerkt, er ſteht auf und verbeugt ſich ehrer⸗ bietig gegen die Damen, die ſeinen Gruß erwiedern). v. Froſch. O, den wollen wir bald los werden, wer's glaubt!(Cer naͤbert ſich dem Rei⸗ ſenden) Mein Herr, Sie können hier nicht bleiben, das hier iſt kein Table d'hote, ha⸗ ben Sie die Güte, ſich hinweg zu begeben. Der Reiſende. Nein, mein Herr, nein, ich bitte recht ſehr, ich danke Ihnen für Ihre 3 235 Artigkeit— aber nimmermehr werde ich den oberſten Platz einnehmen. v. Froſch. Ei was, hier iſt weder von dem oberſten noch von dem unterſten Platz die Rede,— hier iſt gar kein Platz für Sie, alſo marſch, fort mit Ihnen. v. Laun. Sachte— ſachte Herr v. Froſch — ein wenig höflicher— Sie fallen ja mit der Thür ins Haus. Der Reiſende. Sie überhäufen mich in der That mit Höflichkeit, mein Herr, ſeyn ſie überzeugt, ich fühle ganz die Artigkeit Ih⸗ res Benehmens, aber glauben Sie mir, ich werde dieſen unterſten Platz nicht verlaſſen, es iſt der einzige, der mir in einer ſo lie⸗ benswürdigen Geſellſchaft zuſteht. v. Froſch. Ei was ſoll denn das Alles bedeuten; ich verſtehen ihn nicht— ich weiß nicht was er will. v. Laun. Mir deucht, das liegt doch klar am Tage.— Der junge Mann, der 236 1 ſonſt einen ganz feinen Anſtand hat, ſcheint leider taub zu ſeyn.. v. Froſch. Ja ſo, taub iſt er, wer's glaubt, warum ſagt er denn das nicht?(er naͤhert ſich dem Reiſenden) Sie ſind taub, mein Herr? Da hätten Sie mir hübſch ſagen ſol⸗ len: Entſchuldigen Sie mein Herr, ich habe das Unglück taub zu ſeyn und— aber ja ſo, er verſteht mich ja nicht, ich muß lauter re⸗ den. Ich habe Gottlob eine gute Stimme, wer's glaubt, und will ihm ins Ohr ſchreien, daß er mich ſchon verſtehen ſoll.(er ſchreit ganz laut) Mein Herr, hier iſt kein Platz für Sie, haben Sie alſo die Güte und bege⸗ ben Sie Sich hinweg.— (Waͤhrend des Anfangs dieſer Scene hat ſich von Laun an der anderen Ecke des Tiſches, dem Rei⸗ ſenden gegenuͤber geſetzt, Emilie und Auguſte ſetzen ſich an der breiten Seite des Tiſches, aber ſo, daß ein Platz zwiſchen ihnen frei iſt). Der Reiſende. Sie überhäufen mich in der That mit Höflichkeit mein Herr!— Wenn Sie es denn durchaus befehlen—(Er 257 Feeht auf, und ſetzt ſich zwiſchen den beiden Damen), ſo will ich den Ehrenplatz einnehmen, wenn die Damen es erlauben. v. Froſch. Endlich geht er, es iſt ſein Glück, er hätte mich ſonſt kennen lernen ſol⸗ len, wer's glaubt.(Er ſieht, daß der Reiſende ſeinen Platz eingenommen hat) Aber wie, was heißt denn das? Was ſoll denn das heißen?— Da ſitzt der verdammte Kerl auf meinem Platze— wo ſoll ich mich denn hinſetzen? Auguſte. Wenn Sie Sich nicht beruhi⸗ gen, Herr von Froſch, werden wir wohl ſämmtlich, hungrig zu Bette gehen müſſen.— Der Fremde iſt taub, aber er beträgt ſich anſtändig.— Ueberdem verſteht er ja kein Wort von unſerm Geſpräche, laſſen Sie alſo noch ein Couvert lningen und ſetzen Sie Sich dort hin. v. Laun. Das Fräulein hat Recht, das iſt der kürzeſte Weg. Der Herr da glaubt ſich in einem Gaſthofe am Table d'héte,—. er hat das Unglück, taub zu ſeyn— laſſen 238 wir ihn in Ruhe und machen wir ihm ſein trauriges Schickſal nicht noch fühlbarer. v. Froſch. Aber es bleibt doch immer—— Petronelle!—— doch immer—— Petro⸗ nelle, noch ein Couvert—— höchſt fatal; und noch dazu ſetzt er ſich gerade zwiſchen den beiden Damen. Der Reiſende. Mir, dem Fremden, dem Unbekannten, den Ehrenplatz einzuräumen—— eine Höflichkeit in der That, wie man ſie nur äußerſt ſelten auf Reiſen antrifft—— und das Alles mit einer Grazie, einer Liebenswür⸗ digkeit—— wahrlich mein Herr/ das werde ich Ihnen nie vergeſſen—— lich bin Ihnen unendlichen Dank ſchuldig. 23 v. Froſch(in einem plumpen Tone). Ge⸗ horſamer Diener— keine Urſache(er ruft) Petronelle! Petronelle! Petronelle(durch den Haupteingang). 3c komme, ich komme, was ſteht zu Befehl? v. Froſch. Das ſiehſt Du ja wohl— noch ein Couvert— der verwünſchte Taube, 259 der mit Teufelsgewalt mit uns eſſen will, hat ſich auf meinen Platz geſetzt. Mach' fort, geſchwind! Petronelle(legt noch ein Couvert hin, und lacht). Ha, ha, ha, ha!— v. Froſch. Nun worüber lacht denn die Närrin?. Petronelle. Ei nun, daß der Fremde mit ſeiner Taubheit weiter kömmt, als der gnädige Herr mit ſeinen ſtattlichen Ohren— So da hier iſt noch ein Couvert, nehmen Sie Platz und laſſen Sie es Sich wohl ſchmek⸗ ken— Sie müſſen ja ohnehin bezahlen. v. Froſch. Ja, ja ich zahle, verſteht ſich, für die beiden Damen und den Papa; aber für den Tauben, ja, das ſollte mir ge⸗ fallen. (Der Reiſende langt indeſſen wacker zu und ißt und trinkt mit großem Appetit). v. Laun. Wie köoönnen Sie denn glan⸗ ben, daß ein ſo anſtändiger Reiſender ſeine Zeche nicht bezahlen werde? 2240 Der Reiſende. Es ſchmeckt in der That alles ganz vortrefflich, das iſt das beſte Wirths⸗ haus, das ich je angetroffen.— Vor Allem aber die angenehme Geſellſchaft—(zu v. Froſch) Ihre Höflichkeit, mein Herr, hat mich wahr⸗ haft entzückt.— Das ſcheinen ja ganz exel⸗ lente Rebhühner,— meine Damen, wollen Sie erlauben, daß ich Ihnen vorlege—— Auguſte. Mit welchem Anſtande er tran⸗ chirt! Sehn ſie doch, Herr von Froſch, wahr⸗ haftig, ein recht liebenswürdiger Tauber. v. Froſch. Was geht das mich an. Ohne ihn hätten wir mit dem Papa von unſeren Angelegenheiten ſprechen koͤnnen—— 2 v. Laun. Was hindert uns denn daran? Der ungebetene Gaſt iſt ja taub. v. Froſch. Gleichviel, er iſt ja doch ein Fremder— wer's glaubt. v. Laun. Sehn Sie, er kümmert ſich nicht einmal um uns— er ißt ruhig vor ſich * 241 v. Froſch⸗ Er frißt, als ob er in acht Tagen nichts zu ſich genommen hätte— ſchlingt da unſer ſchönes Abendeſſen hinunter, daß es ein Jammer iſt, mit anzuſehen—— Emilie. Sie aber, mein Vater, eſſen ja gar nicht. v. Laun. Der Appetit des jungen Man⸗ nes ergötzt mich; und dabei kuckt er bald die Eine, bald die Andere von Euch an. Ha, ha, ha, er ſcheint mir eben kein Weiberfeind. v. Froſch. Ja, ja, ein ſauberer Gaſt, er ſpricht nicht, hört nicht, und ſchlingt Alles hinunter. Auguſte. Ich muß doch ſehen, ob es nicht möglich iſt, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen. v. Froſch. Eine ſaubere Unterredung; ſpricht man mit ihm von heute, ſpricht der von übermorgen, wer's glaubt. Auguſte. Ei nun, das paſſirt auch mit⸗ unter bei Leuten, die recht große, geſunde 16 242 Ohren haben. Ich will doch einmal einen Verſuch machen. Emilie. Weshalb mit dem Unglücke des jungen Mannes einen Scherz treiben? Iſt er nicht ohnehin genug zu beklagen? „v. Laun. Meine Tochter hat Recht, mein ſchönes Fräulein. Die Unglücklichen haben immer Anſprüche an unſer Mitleid. (In dieſem Augenblick will v. Froſch ein Stuͤck aus der Schuͤſſel nehmen, der Reiſende aber kommt ihm zuvor und nimmt es fuͤr ſich.) v. Froſch. Nun, das iſt noch ſchöner— da nimmt er mir den Biſſen vor der Naſe weg. Mag er immerhin taub ſeyn, er iſt doch nicht blind. Auguſte. Was für ein Aufhebens um einen armſeligen Rebhuhnflügel. v. Froſch. Ei was, armſelig hin oder her, es iſt mein Lieblingsbiſſen, wer's glaubt. Auguſte. Ich muß doch ſehen, ob es nicht möglich iſt, mich ihm verſtändlich zu machen; ich will ſo laut ſchreien als ich kann. 243 Sagen Sie, mein Herr, iſt Ihnen Ihre Taub⸗ heit angeboren, oder hat ſie ein Zufall her⸗ beigeführt? Der Reiſende. Keinesweges, mein Fräulein, ich kam hieher, Geſchäfte wegen. v. Froſch(lacht aus vollem Halſe). Ha, ha, ha, ha, jetzt ärgerts mich nicht mehr, daß er hergekommen iſt, jetzt fängts an, mir Spaß zu machen. Der Reiſende. Und zwar ernſter Ge⸗ ſchäfte wegen, mein Fräulein, ſehr ernſter Geſchäfte wegen. Auguſte(ihm laut ins Ohr). Und was ſind denn das für ernſte Geſchäfte, wenn man fragen darf? Der Reiſende. Mein Vater—— wollte ich ſagen mein Onkel, wohnt in hie⸗ ſiger Gegend, er will ſeine Tochter an einen Gimpel verheirathen, wider ihren Willen, verſteht ſich.— Mein Onkel aber iſt ſo gut, ich werde morgen ſchon Alles in Ordnung bringen, damit meine Couſine dem ihr dro⸗ 16* 24 4 henden Unglücke entgehe.— Zur Ehe mit einem ſolchen Dummkopfe gezwungen zu wer⸗ den, iſt das traurigſte Geſchick, das ich mir denken kann.— v. Froſch. Ja, ja, Schwiegerpapa, da hat er Recht. Es leben die Verbindungen, wo eins zu dem andern paßt, wie Ihre Toch⸗ ter und ich— das wird eine Ehe geben, glücklich wie im Paradieſe, wer's glaubt. (Er bricht in ein albernes Gelaͤchter aus). Der Reiſende. Sie müſſen nicht über das lachen was ich ſage, mein Herr! v. Froſch. Ha, ha, ha, ha. Nun glaubt der taube Kerl, ich lache über ihn! Der Reiſende. Meine Couſine iſt ein höchſt liebenswürdiges Mädchen; der ihr be⸗ ſtimmte Bräutigam iſt ein Narr; ſollte es ihm etwa einfallen, ſich eigenſinnig zu zei⸗ gen, tritt er ſelbſt nicht gutwillig zurück, ſchneide ich ihm die Ohren ab, darauf kann er ſich verlaſſen. Man darf einer tugendhaf⸗ ten Neigung keine Feſſeln anlegen; meine 245 Verwandte liebt einen jungen Mann, gegen deſſen Stand und Vermögen nichts einzuwen⸗ den iſt und der ſich auf dem Felde der Ehre ruhmvoll auszeichnete. Die Liebenden ſollen vereint werden, und wagt es der ihr zuge⸗ dachte Geck, Hinderniſſe in den Weg zu le⸗ gen, ſpaziert er zum Fenſter hinaus, mein Wort darauf. v. Froſch(ſetzt das volle Glas, das er ſo eben leeren wollte, vom Munde wieder ab, und behaͤlt es in der Hand). Potz Mäuschen, das iſt ja ein Teufelskerl, wie der zu Werke geht; aus dem Fenſter werfen, die Ohren abſchnei⸗ den—— Der Reiſende. Ihnen, mein Herr, von ganzem Herzen(Er ſtoͤßt mit ſeinem Glaſe an das des v. Froſch) auf Ihr Wohl! Ich habe die Ehre, Ihre Geſundheit zu trinken. Emilie. Wir haben jetzt gegeſſen; ich dächte, es wäre Zeit, uns zur Ruhe zu legen. v. Laun. Du haſt Recht, meine Tochter, 246 es wird ſpät, es hat uns Allen Gottlob recht gut geſchmeckt. 4 3*(Sie ſtehen auf) v. Froſch⸗ Ihnen, ja, das will ich glau⸗ ben— ich abet habe das Eſſen kaum geko⸗ ſtet, wer's glaubt; ich muß mich jetzt erſt daran halten.(Er ſetzt ſich an der breiten Seite des Tiſches und langt wacker zu) v. Laun(bei Seite). Komm meine Toch⸗ ter— nicht ſo traurig— ich werde Dich ja nicht opfern— hätte ich nur nicht allzu raſch mein Wort gegeben— komm, mein Kind— Morgen mehr davon, wir wollen ſchon ſehen, wie ſich die Sache in Ordnung bringen läßt. Gute Nacht, Herr v. Froſch! v. Froſch(trinkt). Auf Ihr Wohl, Schwie⸗ gerpapa, und auf das meiner Zukünftigen! wer's glaubt. Gute Nacht! (v. Laun ab mit beiden Maͤdchen. Alle drei machen dem Reiſenden ſchweigend eine Verbeugung, wel⸗ che dieſer auf gleiche Weiſe erwiedert und ſich dann in den Hintergrund zuruͤckzieht. Von Froſch ſitzt allein am Tiſche und ißt. Petronelle kommt 242 durch den Haupteingang mit einem Licht und einer Lampe, und traͤgt beides in das Schlafzimmer, zu dem im Hintergrunde die Stufen führen, und aus welchem ein Fenſter, durch welches man ſehen kann, was im Zimmer vorgeht, auf die Buͤhne hinaus geht.) Der Reiſende colgt dr in das Schlafzim⸗ mer). Der Lampe bedurfte es nicht, mein ſchönes Kind, ich bin Lewahn im Dunkeln zu ſchlafen.* Petronelle. Ich hrachte es auch nicht für Sie hieher, mein Herr, dies Zimmer iſt nicht das Ihre. Der Reiſende. Du ſorgſt allzuſehr fur mich; Du biſt ein ganz allerliebſtes Mädchen. (Er faßt ſie beim Kinn). Aber es ſoll auch Dein Schaden nicht ſeyn. Ich werde Dir klingende Beweiſe meiner Erkenntlichkeit geben. Petronelle. Ich habe ſchon ein Pröb⸗ chen davon erhalten. Das iſt ein ganz char⸗ manter Herr. Hier aber kann er doch nicht ſchlafen.— Ich weiß wahrhaftig nicht, was 243 ich aufangen ſoll, Ich wills dem Herrn v. Froſch ſagen, der mag ſehen wie er mit ihm fertig wird.(Sie ſteigt die Stufen hinab in den Spei⸗ ſeſaal). 3 Der Reiſende. So, nun will ich's mir bequem machen. EEr verſchließt die Thuͤr von innen). 3 Petronelle(zuv. Froſch). Gnädiger Herr, während ſie da das Verſäumte nach⸗ holen, geht der Taube in ihr Zimmer, und liegt vielleicht jetzt ſchon in ihrem Bette. v. Froſch. Alle Teufel!(Er ſpringt auf) Das iſt ein verfluchter Kerl der Taube, ein wahrer Satan— aber ich will ihm ſchon die Wege zeigen, wer's glaubt.(Er ſpringt die Stufen hinan und pocht heftig gegen die Thuͤr) Holla, Holla, Sie da drinnen, was iſt das für Manier, ich will mein Zimmer! Der Reiſende. Wie iſt hier doch Al⸗ les ſo ruhig in dieſem Gaſthofe— man könnte eine Fliege ſummen hören.— So habe ich 249 es gern, da kann man recht ungeſtört ſchla⸗ fen.(Er gaͤhnt). v. Froſch. Was ſagt er? Petronelle. Er freut ſich auf den ſanf⸗ ten Schlaf in Ihrem Bette. v. Froſch. Ja, das ſollte mir gefallen! Ich brauche Gewalt— ich ſtoße die Thür ein, wer's glaubt. Petronelle. Machen Sie doch keinen ſolchen Lärm, gnädiger Herr. Sie bringen ja das ganze Haus auf die Beine. v. Froſch. Meinethalben die ganze Stadt— meinethalben ganz Hinterpommern,— ich kümmere mich den Henker darum, ich will mein Zimmer, mein Zimmer will ich.— Was frage ich darnach, ob Andere ſchlafen, wenn ich kein Bett habe.—(Er ſtoͤßt mit dem Fuß neuerdings heftig gegen die Thuͤr). Der Reiſende. Ich glaube der Wind ſchlägt mit der Thür, ich werde den Tiſch hier vorſchieben. 250 Petronelle(zu v. Froſch, der fortwaͤhrend pocht) So hören Sie doch auf mit Lärmen, ich muß ſonſt die Leute wecken. v. Froſch. Meinethalben wecke den Teu⸗ fel wenn Du Luſt haſt— ich will mein Zim⸗ mer.(Er pocht neuerdings heftig). Scene 3. Die Vorigen. Frau Lantſch. Fr. Lantſch. Aber Du mein Himmel, was iſt denn das hier für ein Lärm, für ein Spectakel! v. Froſch. Der verdammte taube Kerl hat mein Zimmer eingenommen, aber ich laſſe nicht nach, ich will ihn ſchon heraustreiben. (Er pocht neuerdings mit aller Gewalt, und ſchreit aus Leibeskraͤften) Holla, Holla, aufgemacht, ich will in mein Zimmer! Fr. Lantſch. Aber gnädiger Herr, Sie ſchreien ja das ganze Haus aus dem Schlafe; Sie bringen ja wahrhaftig meinen Gaſthof —— in einen ſchlechten Ruf. Beruhigen Sie Sich, oder ich muß meine Leute rufen. v. Froſch. Rufen Sie den Satan, wenn Sie wollen, mein Zimmer will ich, mein Zimmer, aufgemacht!(Er pocht aufs Neue). Der Reiſende. Ich bin doch in der That recht zu beklagen.. Petronelle. St Er antwortet. v. Froſch.(legt ſein Ohr dicht an das Schluſ⸗ ſelloch). Der Reiſende. Ein recht großes Un⸗ glück iſt es, taub zu ſeyn. Am Tage, da geht es noch, da läßt mich die Bewegung der Lippen die Meinung der Sprechenden er⸗ rathen,— aber zur Nachtzeit und noch dazu in einem Gaſthofe! Es iſt ſonſt Alles ganz vortrefflich hier, die Wirthin ſcheint eine wackre Frau, und die Geſellſchaft die ich ſah, iſt höchſt angenehm. Wer aber mag ſonſt noch im Hauſe ſeyn? Den Thüren in den Wirthshäuſern iſt ſelten zu trauen. Noch ſo eben ſchlug der Wind hier tüchtig mit der 252 meinen. Glücklicherweiſe hat er ſich etwas gelegt, ich muß auf meiner Hut ſeyn. Ich habe mehr als dreißigtauſend Thaler in Wech⸗ ſeln bei mir und dreihundert Louisd'ors baar.— Wenn ich einſchlummerte und man mich be⸗ raubte!— Ich will lieber vor der Hand nicht ſchlafen.— Ich habe ohnehin ein Paar Briefe zu ſchreiben, ich will mich da an den Tiſch vor der Thür ſetzen und meine ſcharf gela⸗ denen Piſtolen neben mich legen. So bin ich doch vor dem erſten Anlauf geſichert. Rührt ſich etwas draußen, gebe ich Feuer. (v. Froſch, der noch immer mit dem Ohr an dem Schluͤſſelloch gehorcht hat, ſpringt erſchrocken die Stufen hinab, und laͤuft nach der andern Seite des Saales, wo er ſich erſchoͤpft auf einen Stuhl nie⸗ derſetzt.) Fr. Lantſch. Ha, ha, ha, ha. Nun, haben Sie noch Luſt, Ihr Zimmer mit Sturm zu nehmen? v. Froſch. Nein, beim Teufel, nein! So ein verfluchter tauber Kerl nimmt keine Rai⸗ 3 253 ſon an, er könnte Ernſt machen und losbren⸗ nen.— Aber zum Henker, wo ſoll ich denn die Nacht über bleiben ² Fr. Lantſch. Hier im Speiſeſaal, in einem Lehnſeſſel, gnädiger Herr, ich weiß in der That keinen andern Rath. Alle Zimmer ſind beſetzt. v. Froſch. Nun, wenn es nicht anders ſeyn kann, meinethalben. Aber ich wünſche den tauben Kerl da zu allen Teufeln.(Als er ſieht, daß Petronelle den Tiſch abdecken will) Nichts angerührt, ſag' ich, das iſt noch mein einziger Troſt, ich werde mir ſelbſt ein Bett auf zwei Stuͤhlen bereiten. Petronelle. Ganz nach Belieben, gnä⸗ diger Herr! Wünſche wohl zu ſchlafen. Fr. Lantſch. Gute Nacht, Herr v. Froſch, gute Nacht!(Beide ab.) Der Reiſende. Der Wind ſcheint ſich ganz gelegt zu haben, ich werde jetzt die Gar⸗ dinen zuziehen und mich zum Schreiben nie⸗ derſetzen.(Er zieht die Fenſtervorhaͤnge zu⸗ 254 Scene9. v. Froſch allein. Er ſtellt ſich zwei Stuͤhle zurecht, legt das Tiſch⸗ tuch daruͤber, bereitet ſich von den Servietten u. ſ. w. ein Kopfkiſſen, bindet ſich ein Tuch um den Kopf, loͤſcht das Licht aus, legt ſich nieder, deckt ſich mit ſeinem Rocke zu und ſpricht dann ſchlaftrunken zu den Zuſchauern: Gute Nacht, wer's glaubt. Scene 10. Es iſt Morgen. Das Zimmer von vorhin, v. Froſch liegt noch immer auf den Stuͤhlen und ſchlaͤft; es iſt heller Tag; v. Laun, Emilie und Auguſte treten auf. v. Laun. Ein ſchöner Morgen, Kinder⸗ chen— ein Morgen, der einen ſo recht heiter und fröhlich ſtimmt, zumal wenn man ſo recht wacker ausgeſchlafen hat wie ich.— Ich bin ſo recht ſeelenvergnügt. Nun aber laß auch Du das Köpfchen nicht mehr hängen, Töchterchen, froh aufgeſchaut, wird ſich Al⸗ les ſchon machen laſſen. Nur Geduld! 255 Auguſte. Geduld, Geduld! Wiſſen Sie denn nicht, mein vortrefflicher Herr Landrath, daß wir Mädchen das Wort Geduld nur dem Klange nach kennen? Sie Andern auferle⸗ gen, darin ſind wir Meiſterinnen, ſie ſelbſt aber üben, ja da ſteckt's! Darum raſch alſo ans Werk, Papachen, und Ihren Fehler hübſch wieder gut gemacht. Wie in aller Welt war es Ihnen auch möglich, da hier mein liebes Mielchen dem Pavian zur Frau zu verſpre⸗ c,en, den ich nicht nehmen würde, wäre er auch der einzige Mann in der Welt—— v. Laun. Könnt's Ihnen wahrhaftig nicht verdenken; weiß mein Seele nicht, wo ich die Augen gehabt habe. Sein Vater war mein Jugendfreund, ein Mann von ächtem Schrot und Korn. Da dacht ich denn, der Apfel könne nicht weit vom Stamme fallen, ich nahm das Gut in Augenſchein, fand Al⸗ les vortrefflich, das muß ich ſagen, Wirth⸗ ſchaftsgebäude, Wieſenwachs, Viehſtand, das blendete mich, den Landmann; ich meinte, ſo 256 ein guter Wirth müſſe auch einen guten Ehe⸗ mann abgeben, da gab ich ihm mein Wort. Emilie. Nehmens jetzt aber wieder zu⸗ rück, nicht wahr, mein gütiger Vater? v. Laun. Geht nicht, Kind, geht, hol mich der Teufel, nicht.— Sein Wort muß man halten und hat man es auch einem Schuft gegeben. Aber darum nur nicht den Muth verloren. Sieh', ich ſehe ja ein, daß ich zu raſch war, auch will ich meinen Fehler gern wieder gut machen. Ich habe nichts gegen den Mann, den Du gewählt, er iſt von gu⸗ ter Familie, hat ein hübſches Vermögen und hat ſich im Kriege ehrenwerth bewieſen. Scheint auch ein luſtiger Patron, ſpielte den Tauben erxellent, und Du weißt, ich kann die Duckmäuſer nicht leiden; alſo wie geſagt, ich gebe meine Einwilligung, verſteht ſich, wenn ich von den Froſch mein Wort zurück⸗ habe. Auguſte. Was iſt nun aber dabei an⸗ zufangen?— Da liegt er und ſchnarcht wie 8 ——— 1 257 ein Murmelthier. Verſtände ich mich aufs Zaubern, ich würde ihm im Traume erſchei⸗ nen, als ſeine Ahnfrau, im Leichengewande, und ihm mit hohler, dumpfer Stimme zuru⸗ fen:„Sebaſtian von Froſch, Erb⸗ Lehn⸗ und Gerichtsherr auf Quakendorf, wer's 5 glaubt, laß' ab von Fräulein Emilie von Laun, oder ich drehe Dir den Hals um.“— Da ich das aber leider nicht kann— v. Laun(aacht herzlich). Ha, ha, ha, ha. Emilie. Ich bitte Dich, iſt es denn jetzt Zeit zu ſcherzen—— Auguſte. Ei freilich. Mein Bruder 1 müßte ja nicht zu meiner Familie gehören, fände er nicht Mittel, uns von dem Ueber⸗ läſtigen zu befreien. Wo er aber nur blei⸗ ben mag! Für einen Liebhaber hat er einen ganz geſunden Schlaf.— Doch da rührt ſich ja etwas. (Ser Reiſende ſchiebt den Vorhang bei Seite und zeigt ſich beim Fenſter). Nrur heraus, Herr Bruder, die Sachen ſtehen gut. - 17 258 Seene 11. Die Vorigen. v. Wallen(der Reiſende). v. Wallen. Wie, wär's möglich? v. Laun. Ja, mein Herr. Ich bin von Allem unterrichtet, und billige die Wahl mei⸗ ner Tochter. v. Wallen. O, ich Glücklicher! Aber warum noch ſo niedergeſchlagen, meine Emilie? Auguſte. Es iſt noch ein Hinderniß aus dem Wege zu räumen, Herr Bruder, ein Feind aus dem Felde zu ſchlagen.— Herr v. Laun verſprach dem Froſch da Emiliens Hand. Er muß ſein Wort zurückhaben, ſonſt kann von Eurer Liebe keine Rede ſeyn. v. Laun. Ja, ja, ſo iſt's,— Giebt mir der Schläfer da mein Wort zurück, lege ich mit Freuden Emiliens Hand in die Ihre. v. Wallen. So ſteht unſerm Glücke nichts mehr im Wege; ich müßte ja nicht unter dem Marſchall Vorwärts gedient haben, —- 1. 259 beſäße ich nicht Kriegsliſt genug, einen ſol⸗ chen Buſchklepper zu delogiren. (Er zieht aus der Bruſttaſche zwei Piſtolen hervor). Emilie. Um des Himmels willen, keine Gewaltthätigkeit. v. Laun. Was ſoll denn das? Auguſte. Du wirſt doch nicht—— v. Wallen. Unbeſorgt.— Noch ein⸗ mal muß ich die Rolle eines Tauben ſpielen, aber nur auf kurze Zeit.(Auf v. Froſch deu⸗ tend) Von dem Uebel da hilft uns ein ein⸗ faches Schreckpulver. (Er ſchießt ein Piſtol los). v. Froſch(faͤhrt erſchrocken empor und bebt an allen Gliedern). Barmherziger Gott, was war das? Ich bin des Todes! v. Wallen(ganz ruhig zu den Damen). Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung wenn ich Sie erſchreckt habe, meine Damen, das Schloß an meinem Piſtol iſt auf der Reiſe etwas locker geworden, es ging los 17* 260 ohne daß ich es erwartete. Ich bitte tauſend⸗ mal um Verzeihung. v. Froſch. Da richtet der verfluchte taube Kerl ſchon wieder neues Unheil an— ſetzt ſich auf meinen Platz, nimmt mir die beſten Biſſen vor dem Munde weg, ſchläft in meinem Bette, und brennt nun gar ſein verdammtes Gewehr ab, daß man vor Schrek⸗ ken faſt den Tod hat, wer's glaubt.— Ha, ſieh da, Schwiegerpapa, meine theure Zu⸗ künftige, ſchon auf den Beinen? Geſchwind laſſen Sie uns machen, daß wir aus dem verwünſchten Loche hier fortkommen, ich will keinen Augenblick länger mit dem tauben Sa⸗ tan zuſammenbleiben. Heda Wirthin! Pe⸗ tronelle! Scene 12. Frau Lantſch die Rechnung in der Hand, Pe⸗ tronelle. Die Vorigen. v. Froſch. Schnell hieher, Frau Wir⸗ thin, die Rechnung, ich will bezahlen— wir 1 — wollen machen, daß wir fortkommen, wer's glaubt. v. Wallen(gwelcher unterdeſſen das Piſtol wieder geladen hat, ſieht das Papier in der Hand der Wirthin). Ja ſo, es iſt wahr, nun heißt's bezahlen— Das Abendeſſen am Table d'hoôte koſtet einen halben Thaler—(zieht ſeine Boͤrſe und zaͤhlt Geld auf dem Tiſch.) v. Froſch(ſchiebt es heftig zuruck). Ja, das ſollte ihm gefallen, hat für fünfe gegeſ⸗ ſen und will für einen halben bezahlen.(ſchreit ihm ins Ohr) Das Abendeſſen koſtet einen Thaler die Perſon, es war extra beſtellt— Sie müſſen einen Thaler zahlen. Emilie(bei Seite). Wie wird das Alles noch enden? 4 Auguſte. Nur unbeſorgt, laß ihn nur machen. v. Laun. Ha, ha, ha, ha, das giebt einen neuen Spaß. v. Wallen(zu v. Froſch) Sie treiben die Höflichkeit aber auch gar zu weit, mein Herr. 4 Wie, nach allen mir bewieſenen Artigkeiten wollen Sie auch noch meine Zeche bezahlen? Hätten Sie mir von Ihrer edlen Denkungs⸗ art nicht hinlängliche Beweiſe gegeben, ich müßte Ihr Benehmen faſt für eine Beleidi⸗ gung halten. v. Froſch. Was fällt ihm nun ein, nun meint er gar, ich wolle für ihn bezahlen? Das fehlte noche! Es iſt ein rechter Jammer, mit ſo einem tauben Satan— Frau Lantſch, machen Sie ihm doch verſtändlich, daß das Eſſen einen Thaler koſtet. (Frau Lantſch ſucht es durch Zeichen dem Reiſen⸗ den zu bedeuten.) v. Wallen. Ja, ja, ich verſtehe, Frau Wirthin; nicht zufrieden mich mit Hoͤflichkei⸗ ten aller Art überhäuft zu haben, will dieſer Herr, ein Muſter der Galanterie, auch noch einen Thaler für mich bezahlen.— Als ob ich meine Zeche nicht ſelbſt berichtigen könnte. Es iſt wahrhaftig das Erſtemal, daß ich eine 263 ſolche Demüthigung erfahre. Allzugroße Ar⸗ tigkeit wird nicht ſelten zur Beleidigung. v. Froſch(ſchreit aus vollem Halſe). Aber ich ſage Ihnen ja, mein Herr— v. Laun. Und wenn ſie auch noch lauter ſchreien, er würde Sie doch nicht verſtehen. Au guſte. Wiſſen Sie was, da iſt Dinte, Feder und Papier, ſchreiben Sie ihm. Fr. Lantſch. Ja, ja, das gnädige Fräu⸗ lein hat Recht, das iſt der kürzeſte Weg, v. Froſch. In der That, wer's glaubt; wenn er nur leſen kann. Auguſte. Wenn Sie nur ſchreiben können. v. Froſch. Ob ich ſchreiben kann. Ha, ha, ha, ha, ob ich ſchreiben kann. Fragen Sie nur in der ganzen Gegend herum, leſen Sie nur meine Liebesbriefe, das ſind Wen⸗ dungen, das iſt ein Styl, wer's glaubt. v. Wallen(zu Petronelle). Da hier mein Kind, nimm, da man mein Geld durchaus nicht will, ſchenke ich es Dir— ich kann auch großmüthig ſeyn, ich will dem Herrn da nicht nachſtehen. v. Froſch(welcher unterdeſſen geſchrieben! hat zu v. Wallen, indem er ihm das Blatt giebt). Da hier mein Herr, da Sie nicht hören kön⸗ nen, muß man Ihnen ſchreiben. v. Wallen. Was iſt das?(Er nimmt das Blatt und lies't)„Mein Herr Tauber!“ (zu v. Froſch) Wie, was heißt das? Mein Herr Tauber? v. Froſch. Er iſt's wohl nicht, he, he, he, he!— Schöſſe man eine Kanone neben ihm ab, er ſagte Proſit. v. Wallen. Zwar kann ich's nicht leug⸗ nen, ein Pulvermagazin, welches im letzten Kriege ganz in meiner Nähe in die Luft ge⸗ ſprengt ward, machte, daß ich auf dem einen Ohr etwas ſchwer höre; übrigens aber meine Damen glaube ich die Höflichkeitsäußerungen dieſes Herrn ſo emlich richtig beantwortrt zu haben —. —— 265 v. Froſch. Richtig— oja, wer's glaubt! v. Wallen. Dem mag nun aber ſeyn wie ihm wolle, ſchreibt man wohl an jemand: „Mein Herr Tauber?“— Geſetzt, ich hätte an einen Toͤlpel zu ſchreiben, mein Herr! würde ich da wohl ſchreiben:„Mein Herr Tölpel!“— Ein Mann von Ihrer Erzie⸗ hung—— doch leſen wir weiter:„Mein Herr Tauber“ alſo— weil es einmal ſo da. ſteht—„kund und zu wiſſen ſey Ihnen, daß Sie hier geſtern Abend nicht am Table d'hôte ſpeiſen thäten. Ich hatte eine Mahlzeit extra beſtellt— einen Thaler die Perſon. Sie müſ⸗ ſen alſo auch ihren Thaler bezahlen.“ cnach⸗ dem er geleſen) Aber, mein Herr, warum ſpra⸗ chen Sie denn nicht? v. Froſch. Nun ja— ſprechen mit ihm — eben ſo gut mit einer Mauer, wer's glaubt. v. Wallen. Aber wer, mein Herr, ums Himmels willen, hat ſie ſchreiben gelehrt? v. Froſch. Das kümmert Sie nicht, be⸗ zahlen Sie und damit gut. 266 v. Wallen. Ihr Lehrer hat wahrhaftig ſein Geld mit Sünden verdient.— Sehen Sie, meine Damen— bewundern Sie die Orthographie, den ſchönen Styl. v. Froſch. Nun ja— nun verlangt er gar, man ſoll mit einer Wirthstansfeder or⸗ thographiſch ſchreiben. v. Wallen. Einen Thaler alſo— gut— hier iſt meine Zeche. Jetzt ſind wir quitt, mein Herr. v. Froſch. Ja, Gott ſei Dank, wer's glaubt. Will mich hüten, mit dem tauben Schurken wieder zuſammen zu treffen. v. Wallen(dreht raſch den Kopf und ſieht ihn ſtarr an). Ha, was war das? v. Froſch(ſteht erſchrocken da, und reißt Mund und Augen groß auf.) v. Wallen. Herr, Sie nannten mich ei⸗ nen Schurken? v. Froſch(an allen Gliedern bebend). Ich — ich— J Gott bewahre— iſt mir nicht — — 262 eingefallen, wer's glaubt.(halb bei Seite) Was zum Teufel, nun hört er auf einmal? v. Wallen. Ja, mein Herr, ich höre, ich war nie taub. v. Froſch. Wie? was? Fr. Lantſch. Nicht taub! das wird eine ſchöne Wirthſchaft geben, da mache ich, daß ich fortkomme. Petronelle. Ei Herr Jemine, das muß ich geſchwind dem Stallknecht erzählen. (beide ab). Scene 133 4 Die Vorigen, ohne Wirthin und Petro⸗ — nelle. v. Wallen. Ich ſtellte mich nur taub aus Urſachen.— Ich habe Ihre geſtern und heute gegen mich ausgeſtoßenen Aeußerungen gehört und verſtanden. Ein verächtlicher Menſch nur kann über das körperliche Ge⸗ brechen eines Andern ſpotten. Dabei aber haben Sie es nicht einmal bewenden laſſen, Sie haben mich geſchmäht, beleidigt, Sie müſſen mir Genugthuung geben. v. Froſch(zitternd). J— i— ich— un— und wie das? v. Wallen. Holen Sie Ihren Degen. v. Froſch. J— i— ich trage keinen Degen. v. Wallen. Gut, ſo nehmen wir hier meine Piſtolen, das kommt auf eins heraus. v. Froſch. Das kommt nicht auf eins heraus, wer's glaubt, ich ſchlage mich nie 3 8 auf Piſtolen. v. Laun(bei Seite). Geht er auch zu weit? Emilie(zu Auguſte). Er wird doch nicht Ernſt machen? Auguſte. unpeſorge Laßt ihn nur ge⸗ währen. v. Wallen. Nicht, mein Herre Nun worauf ſchlagen Sie ſich denn? v. Froſch. Auf— auf— auf gar nichts, mein Herr, ich ſchlage mich nie und ſetze ei⸗ 4 nen Ruhm darein, wer's glaubt. Ich gehöre nicht zu den Eiſenfreſſern, die da einer Klei⸗ 269 nigkeit wegen einen Menſchen mir nichts, dir nichts in die andere Welt ſchicken. v. Wallen. Wenn man Sie nun aber beleidigt? v. Froſch. Das geſchieht mit der Zunge, da vertheidige ich mich mit der Zunge. v. Wallen. Und wenn Sie jemand be⸗ leidigen? v. Froſch. Iſt mir noch nie paſſirt, wer's glaubt. v. Wallen. So haben Sie mit mir Ihr Probeſtück gemacht, ich ward von Ihnen ge⸗ ſchmäht, beleidigt— hier ſtehen die Zeugen— ich will Genugthuung— da nehmen Sie,(er haͤlt ihm die Piſtolen hin) oder ich ſpieße Sie wie einen Froſch. v. Froſch. Was, wie mich ſelbſt? Das möchte ich mir denn doch verbitten; ich ſage Ihnen, mein Herr— ich ſchlage mich nicht. v. Wallen. So leiſten Sie ſchriftlich Abbitte ihrer Unverſchämtheit wegen, und das hier auf der Stelle. - 270 v. Froſch(frob). Ei, mit tauſend Freu⸗ den. Warum ſagten Sie das nicht gleich! v. Wallen. So ſchreiben Sie. v. Froſch(ſpringt an den Tiſch und ſetzt ſich zum Schreiben). Ich ſitze ſchon. v. Wallen(dictirt). Ich Endesunter⸗ ſchriebener bekenne hiedurch— v. Froſch. Bekenne hiedurch— v. Wallen. Daß ich mich gegen den Hauptmann von Wallen unverſchämt betragen habe,—— v. Froſch. Unverſchämt betragen habe— v. Wallen. Weshalb ich ihn hiedurch um Verzeihung bitte. v. Froſch. Um Verzeihung bitte. v. Wallen. Jetzt fügen Sie noch hinzu, daß Sie mir zum Erſatz Ihre Anſprüche auf die Hand des liebenswürdigen Fräuleins, Emilie von Laun, feierlich abtreten. v. Froſch(aufſpringend). Wie— wa— was? Was ſoll das? Nimmermehr— 221 Meine Braut trete ich Ihnen nicht ab. Was würde meine Tante dazu ſagen. v. Wallen. So kämpfen wir um ſie,— ſie iſt eines ritterlichen Kampfes wohl werth— da hier— nehmen Sie Chält ihm die Piſtolen wieder hin). v. Froſch. Ich ſagte Ihnen ſchon ein⸗ mal— ich ſchlage mich nicht— Schwieger⸗ papa, was iſt denn das? Was heißt denn das? v. Laun. Werden ſchon in den ſaueren Apfel beißen müſſen, Herr Ex⸗Schwieger⸗ ſohn, werden's auch um ſo leichter thun, wenn ich Ihnen ſage, daß die beiden jungen Leute längſt ſchon einander zugethan ſind. Emilie. Und daß ich nie und nimmer⸗ mehr die Ihre werden kann. Auguſte. Und daß ich Ihnen die Augen auskratze, greifen ſie nicht zur Feder. v. Wallen(mit donnernder Stimme). Und daß ich Sie niederſchieße, zögern Sie auch nur einen einzigen Augenblick. v. Froſch Cfliegt zum Stuhl). Ich— 18 222 ſchreibe ja ſchon— ich nehme ja Vernunft an.(Er greift zur Feder und ſchreibt). v. Laun(zu v. Wallen). Gut gemacht, Herr Schwiegerſohn, jetzt iſt meine Tochter die Ihre. v. Wallen. Theuere, theuere Emilie! Emilie. Eduard, mein Eduard!(Umar⸗ men ſich). v. Froſch. Sebaſtian von Froſch, Erb⸗ und Gerichtsherr auf Quakendorf— Punkt⸗ um.— So, da haben Sie Ihren Willen.— Was fang' ich nun aber an, was wird meine Tante ſagen? Wen ſoll ich denn nun hei⸗ rathen? Auguſte. Wiſſen Sie was, Herr v. Froſch, heirathen Sie Ihre Tante. v. Froſch. Potz Mäuschen, ein herrli⸗ cher Einfall, ja, ja, das thue ich— das thue ich— ich heirathe meine Tante— da werde ich mein Onkel, wer's glaubt. Der Vorhang faͤllt. —ö —— 223 Im Verlage der Buchbandlung C. H.Zeh in Nuͤrnberg iſt ſeit Kurzem erſchienen, und durch alle gute Buchhandlungen um den bemerkten Preis zu haben: Das Vater Unſer in ſiebenzehn neuen poetiſchen Umſchreibungen der häuslichen Andacht geweiht von D. L. Ch. Beyer. 2te Auflage, mit Gebeten zur Weihnacht⸗Feier und am Neujahr-Morgen verm. 8. gehef. mit Goldſchnitt. 15 kr. od. 1/6 Thaler. Das Gebet, gelehrt von Gottes Sohn, entfal⸗ tet in ſich eine reiche Fuͤlle, um in jeden bangen Stunden des Lebens Troͤſtungen zu empfangen. Mö⸗ gen auch dieſe Gebete gleiche Kraft in die Bruſt des darum Betenden entfalten, damit er feſter an Gott gebunden, ihm der Seelenfrieden wird. Uebrigens wird bemerkt, daß dieſe geiſtlichen Ge⸗ dichte die allgemeine Kirchenzeitung ruͤhmlich gewuͤr⸗ diget hatte. Der ſehr wohlfeile Preis dieſes ge⸗ ſchmackvoll herausgegebenen Buͤchleins wetteifert mit dem trefflichen Inbalt, und laͤßt dahey nichts zu wünſchen uͤbrig, da es zugänglich fuͤr ſeden Le⸗ ſer iſt.. 224 Die Kunſt ſelhe die koſtbarſten perennirenden Blumengewaͤchſe . ohne Glas⸗ und Treibhaus ſich zu verſchaffen. Das Reſultat zwanzigjähriger Verſuche für Blumen⸗Freunde von 4 6 J. C. von Reider. 8. In Carton. Preis 30 kr. oder 1/3 Thaler. Was in kurzen Andeutungen uͤber künſtliche Ver⸗ mmehrung aller Blumengewaͤchſe in dem beliebten Werke„Das Ganze der Blumenzucht“ wovon ſich die erſte Auflage in einigen Monaten vergriffen hatte, von demſelben Herrn Verfaſſer geſagt wurde, iſt im angezeigten Werke als ein treues Reſultat zwan⸗ zigjaͤhriger Verſuche nachgewieſen und dewaͤhrt. Hie⸗ durch iſt jeder Blumen⸗Freund in den Stand ge⸗ ſetzt, die koſtbarſten und ſeltenſten Blumengewaͤchſe ſich im Zimmer zu verſchaffen, ohne Koſten dabei zu haben. Indem der Inhalt ganz neu und originell 8 iſt, ſo wird ſolcher auch jeden Leſer befriedigen, 8 da zu erwarten ſteht, daß alſobald derſelbe nach⸗ gemacht werden wird. Dieſes veranlaßt die Beſtim⸗ mung, daß aufgeſchnittene Exemplare nicht mehr— zurück genommen werden koͤnnen. ——— 8 2 ſſnnſſſſſſſſſ 9 10 11 12 13 14 15 16 ſſiiſſſiſüiſſſiſ 17 18 19