— —— —— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . 5 Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 7 We.— Pf. 3„„„» 3„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X = — — — —,= — — N Die Königin der Flusspiraten Die Hyane des Urwaldes. * Kumantisches Rünbergemülde von Wilhelm Schröter. Momanliſche Seſebibliolhek. 20. Stand. Leipzig. Verlags⸗Contor. Die Känigin der Flußpiraten. Hiſtoriſch⸗romantiſche Original⸗Novelle von 1 Wilhelm Schröter. 1. Band. 1 7 4 1 4. Leipzig. Verlags⸗Conto r. ————— Erſtes Kapitel. Ungefähr zwei Meilen von dem Ufer des Miſ⸗ ſiſſippi nach Texas hinüber, zwiſchen Baton Rouge und Point Coupée, rauſchen noch immer die Blät⸗ ter auf den Aeſten der Urbäume und erzählen von den Zeiten der Inkas. Die dunkelrindigen Baum⸗ ſtämme bilden gleichſam die Säulen zu dem flüſternden Blätterdache, das die Hallen des ur⸗ ewigen Gottes überſchattet. Durch das Unterholz ſchleicht noch der Panther und die Stimme des Bären weckt noch das Echo.— An einem ſonnenſtrahldurchwebten Morgen, deſſen friſcher Wind mit den Zweigen ſpielte, rief eine männliche Stimme durch das hohe Röhricht, das einen der dort zahlreichen Sümpfe bedeckte, der aber von der Hitze der Sommerſonne mit 6 einer harten Kruſte verſehen war. Eine andere Stimme, deren Beſitzer ſich durch das Unterholz zu arbeiten ſchien, antwortete. Plötzlich ſprang eine männliche Geſtalt hinter einem Buſche vor und warf ſich ſogleich in das hohe Gras nieder. „Tom! Tom!“ ſchrie dieſe und legte, um den Schall zu verſtärken, zwei große, nervige Hände an den Mund. „Halloi!“ antwortete der Gerufene und in Kurzem erſchien er, indem er wüthend mit dem Meſſer unter die ihn umfaſſenden Schlingpflan⸗ zen ſchlug. Er machte noch einige Anſtrengungen und befand ſich nun vor ſeinem liegenden Came⸗ raden, der ſich dehnend ausſtreckte. 4 „God dam!“ ſagte der zu zweit Angekom⸗ mene—„Rob! Haſt du die Brandyflaſche noch? Ich habe, bei meinem ewigen Durſt! heute noch kein Schlückchen genommen.“ „Nie ohne dies! Hier— Tom, ich dächte aber, du hätteſt ſchon mehremal meine Flaſche geküßt“— antwortete der Liegende, indem er das Verlangte aus den Sägerhemd zog und dem durſtigen Tom hinreichte. — — „Kann ſein, Rob, aber ich habe einen vermale⸗ deiten Froſt im Leibe“— entgegnete Tom und ſetzte huſtend, mit geröthetem Geſicht die Flaſche ab. Im nächſten Augenblicke ſaß der Durſtige neben Rob im Graſe, ließ aber die Flaſche nicht aus den Händen und die eiferſüchtigen Blicke des Letzteren ruhten wie angeheftet auf ſeinem ſchwindenden Eigenthum.—— Rob iſt eine große breitbruſtige Perſon, deren Dimenſionen in den ſchönſten Verhältniſſen zu einander ſtehen. Seine Kleidung beſteht aus einem ledernen Hemd, das durch einen rothen, tuchenen Gürtel zuſammengehalten wird und einem Paar weiten, ehemals weißen„Unausſprechlichen“. Den Kopf bedeckt ein Strohhut, deſſen Krempe aufge⸗ droddelt iſt und in deſſen Bande eine Feder ſteckt. Eine doppelläufige Büchſe und eine Jagdtaſche hängen quer über die Schulter, ſo daß man in ihm einen jener raſtloſen Jäger der Urwälder zu er⸗ blicken glaubt und doch iſt er nur ein Holzfäller von dem Ufer des Miſſiſſippi. Der andere, Tom, iſt ein kurzer, dürrer Ge⸗ ſelle, deſſen Geſicht die Spuren des allzuhäufig 8 genoſſenen Branntweins trägt. Dabei blitzt aber aus ſeinen duuklen Augen ein unheimliches Feuer, deſſen Bedeutung ganz mit ſeinem vernachläſſigten Anzuge harmonirt. Eine Büchſe, eine kleine Taſche und ein breites Meſſer iſt ſeine Armatur. Er betreibt daſſelbe Geſchäft Rob's und iſt ein wüſter, ausgelaſſener Kerl, der einen Todtſchlag als eine„kleine Sache“ betrachtet. Er iſt händel⸗ ſüchtig, in deſſen Folge er als früherer Matroſe ſeinen Schlafkameraden einſt im Streite nach ſeiner Ausdrucksweiſe„abgemurkſt“ hatte. Er mußte flüchten, ergriff die Axt und iſt wegen ſeines Muthes, den er in den Kämpfen mit den Far⸗ mern an den Tag gelegt, weit berühmt.— Die Stelle, wo ſich die beiden gelagert haben, iſt ein freier Platz, der wie ein Rundtheil in den Wald ausgehauen iſt. Die Stämmagſiegen wie regelrecht im Quadrat und inmitten des Platzes befindet ſich ein Loch, das zu der Aufnahme eines Feuers beſtimmt iſt. Doch zurück zu den Män⸗ nern, die mehrmals mit der Flaſche gewechſelt haben und nun, da der Brandy getrunken iſt, ſich beide ſtarr anſehen. Ihre Blicke ſcheinen die Un⸗ — terhaltung zu führen, wodurch ſie dem läſtigen Sprechen überhoben ſind.— Plötzlich klingt ein wilder Geſang von der Nordſeite her, und Tom wirft Rob einen Blick zu, welcher ſagt: jetzt kommen ſie. Doch bleiben ſie ganz ruhig liegen und der Geſang endigt ſich in ein wildes Stimmengewirr. In einigen Minuten zeigt ſich ein Trupp Männer, ganz in der Art⸗und Weiſe Rob's ge⸗ kleidet. Einen Augenblick ſtutzen ſie, als ſie Tom und Rob erblicken, aber der nächſte Moment läßt ſie laut aufjubeln. „Hurrah, Tom! Hurrah, Rob! Hol der Satan meinen Mittelfinger, ihr ſeid ſchon dau— ſchrie einer der Männer. „God dam, Burſchen! Schon längſt“— ent⸗ gegnete Tom, veränderte aber nicht im Geringſten ſeine Miene. „Und du biſt auch mit da, kleiner Goliath!“ ſagte wieder ein anderer. „Wie ihr ſeht! Ihr ſeid aber auch verdammt langſam— 10 „Ho! Ho! Wer ſolche lange Stecken, wie du, Phötzlich unterbrach ein kreiſchender Schrei und ein wilder Fluch das Geſpräch. Alle drehten ſich herum und ſie gewahrten Tom, der von einem rieſigen Neger mit grauen Haaren gepackt war.— „Alle Teufel! Verdammter Nigger! Läßt du den Tom los?“— brüllte Rob und riß die Büchſe von der Schulter, während andere den Gefaßten von den Fäuſten des Schwarzen befreite. „Er hat Mord gemacht— Tom, weißen Jack geſchoſſen“— rief der Neger, vor deſſen Munde Schaum ſtand. „Schwarzer Hund! Du lügſt“— brüllte Tom, über deſſen bleichgewordenes Geſicht ein ſchnelles Zucken lief. „Nein“— ſchrie der Schwarze und wandte ſich an Rob, der ſchußfertig daſtand— ich ge⸗ ſehen— Maſter Rob— gewiß— ich will ſchwören.“— „Hol' mich Der und Jener— der alte Jack iſt todt. Ich habe ihn heute bei ſeiner Hütte er⸗ 11 ſchoſſen gefunden. Du warſt ja auch dabei Will Ralph— u⸗ „Jawohl— wir haben ihn geſehen“— ant⸗ worteten zweie, dem Sprecher, der ſchon ein alter Mann war. 3 Rob ließ die Büchſe ſinken und ſchaute ſtumm Tom an, der mit frechen Augen ſeine Umgebung muſterte. Er hatte das breite Meſſer feſt gefaßt und zog ſich langſam einige, Schritte zurück. „Tom— du haſt den alten Jack gemordet?“— fragte Rob dumpf. Der Gefragte antwortete nicht, dicke Schweiß⸗ tropfen ſtanden ihm auf der Stirn und er ſchien die letzte Hoffnung verloren zu haben, als Rob ihn mit finſtern, verächtlichen Blicken maß, aus denen der Abſcheu ſprach, mit einem Mörder in Freundſchaft geſtanden zu haben. „Erzählen— herrſchte Rob dem Neger zu. „An dem Tage— wo geſtern dazwiſchen iſt— ging ich an weißen Jacks Hütte vorbei— der kam heraus, plötzlich fiel ein Schuß— Jack fiel hin— war todt. Da kam Der“— der Neger wies auf 12 Tom—„und machte ihn mit dem Meſſer— ganz todt. Ich lief fort— ich hatte keine Büchſe.“ Der Schwarze hatte noch nicht geendigt, als Tom mit einigen Sprüngen im Dickicht war. Hier hielt ihn aber ein Zweig auf, ſein Kopf ſah blos noch aus den Gezweige— da riß Rob die Büchſe an den Backen— der Schuß donnerte und der Leichnam Toms rauſchte in das Gras.——— „Das ſchnellſte Gericht das gerechteſte!. God dam!“ murmelte einer der Holzfäller in der Pauſe, die auf die unverhoffte Wendung der Seene eingetreten war und wandte ſich gleichmüthig nach einem der Baumſtämme, auf den er ſich nieder⸗ ließ.—— Rob ſenkte die Büchſe und ſchaute eine Weile im Kreiſe ſeiner Freunde umher, die ſtumm, das ſchnelle Handhaben der Strafe billigten, indem ſie einestheils den Mörder ſo wie ſo würden gehängt haben, andeentheils haßten und fürchteten ſie Tom, und waren froh ſeine Perſon los zu ſein, der keineswegs, ungeachtet ſeines Muthes und ſeiner Tapferkeit in gutem Geruche ſtand.— Einige machten ſich auf und begruben den Leichnam des Mörders, der gekrümmt in den Schlingen der Pflanzen hing. Dieſe Unterbrechung ſchien keinen dauernden Eindruck auf das Gemüth dieſer Männer zu machen. Denn ruhig, als wäre nichts geſchehen, laſen ſie dürre Aeſte zuſammen, brachen ſie in Stücken, nahmen das Feuerzeug aus den Taſchen und bald loderte ein hohes Feuer aus dem Erdloche und einige Mitglieder der Verſammlung entſchloſſen ſich ein Mittagsbrot zu erjagen.— Während dieſe jagen, wollen wir uns mit dem Zwecke und Vor⸗ haben der Zuſammenkunft dieſer Männer bekannt machen.— Am Miſſiſſippi entlang klingt der Wald unter den Aexten dieſer Männer, die das geſchlagene Holz entweder an die vorbeifahrenden Dampfſchiffe verkaufen oder daſſelbe den Fluß hinab flößen und in irgend einer der kleinen Städte verhandeln. Ihr Gewerbe iſt keineswegs ehrlich, denn entweder ſchlagen ſie auf Boden, der nicht vermeſſen iſt und folglich der Union noch angehört, oder auf dem vermeſſenen Lande eines der Farmer. Letztere ſpüren auch darum eifrig den Holzſchlägern nach, und verbinden ſich mit den Nachbarsfarmern, 8 14 1— die förmlich Jagd auf die unberufenen Urbarmacher abhalten. Doch nach und nach wurden die Holz⸗ ſchläger pfiffiger. Sie bildeten Banden zu acht und zehn Mann, die vollſtändig bewaffnet jed⸗ weder Gewalt Trotz bieten konnten und das vom Geſetz verpönte Fällen öfters in der größten Ruhe fortſetzten. Dieſe einzelnen Banden unter einan⸗ der bildeten wieder ein Ganzes, um im Falle der dringendſten Noth ihre vereinten Kräfte entgegen⸗ ſetzen zu können.— Der kleinere Theil ſind ver⸗ worfene Geſellen, die einen andern Gelderwerb ſich nicht erringen konnten, der größere ſind ent⸗ weder Eingewanderte oder verarmte Farmer. Sie wählen Einen aus ihrer Mitte, der die Gelder caſſirt und Rechnung führt, welcher natürlich als ehrlich bekannt ſein muß. Alle Jahre haben fünf oder ſechs ſolche Banden eine Zuſammenkunft, bei der die Gewinne gleichmäßig vertheilt werden und wir ſahen in obigen Männern ſolche eben be⸗ ſchriebene Holzfäller, die ihren Jahresabſchluß halten wollen. Mit dem Gelde eilen ſie in die Städte, verſchwenden das Gewonnene und iſt es alle, ſchlagen ſie wieder Holz————— 15 Mancher ſpart, kauft ſich Land, wird Farmer und ſpürt ſelbſt dann ſeinen früheren Cumpanen als gefährlichſter Gegner mit der Büchſe nach. Der frühere Berbrecher wird der tüchtigſte Poli⸗ zeier, blos weil er die Schlupfwinkel und die man⸗ nigfachen Schliche kennt, die eer ſelbſt durchge⸗ macht hat. Doch zurück zu der Holzfällerbande, welche ſich in das ſehr weiche Gras geſtreckt hat, und belauſchen wir ihr oft init derben Flüchen und Kraftſprüchen geſpicktes Geſpräch. „Heiliges Seethier! Für ſo ſchlecht, ſo hunds⸗ gemeine, habe ich, bei meiner Unionsſeele! ihn nicht gehalten! Schießt dieſer gottewige Hund unſern alten, guten Jack über den Haufen!“— Rob, der dieſes geſprochen hatte, ſchüttelte den Kopf, als könnte er dieſe Unthat nicht glauben und begreifen und ſpielte mit dem Hahne ſeiner Büchſe. „Still, Rob! dem hab' ich lange ſonſt was zu⸗ getraut, denn ſeine verdammten Augen ſahen ſchlimmer wie die eines Tigers aus ſeinem bär⸗ häutigen Kopfe. Wir hätten gar nicht unſere Cameradſchaft mit dem Kerl theilen ſollen, denn er⸗ 16 24 war doch jener Mörder, der ſeinen Schlafcollegen im Schlafe getödtet hat. Mir hats einer drüben aus Miſſiſſippi geſagt, der mit ihm auf einem Boot geweſen iſt“— berichtete ein anderer. „Hüh! Wie wirds mit ſeinem Antheil? Hüd“ — frug ein ſpindeldürrer Kerl mit ausnehmend kleinem, eckigem Kopfe. „Darum müſſen wir den Werner fragen. Wahrſcheinlich wirds unter Alle vergeben“— ver⸗ ſetzte Ralph, ein früherer Soldat der franzöſiſchen Fremdenlegion in Algier. „Bah! Rothhoſe! Daß du deine acht Dollars ——QCOßy—— . kriegſt, ohne die Zehe gerührt zu haben! Nein!“— entgegnete Rob, den Vorſchlag verlachend und 3 nipp dabei den kleinen Franzoſen in den Arm, daß dieſer hätte vor Schmerz laut aufſchreien können. Das Geſpräch wurde durch den Neger, welcher Tom verrieth, unterbrochen, der keuchend unter die Holzfäller trat. „Maſſah kommt— er kommt— Maſſah Werner!“— ſagte er ſchnell und ſeine Mund⸗ winkel verzogen ſich bis zu den Ohren, indem er 17 5 nach einer Gegend hinwies, durch deren Büſche die Büchſen zweier Perſonen glänzten.— Alle ſprangen auf und erwarteten die Ange⸗ meldeten, die ſchnell jetzt in den Kreis ſchritten. Beſonders der eine wurde umringt und er hätte vierzig Hände haben müſſen, um die Begrüßungen vertheilen zu können. Der andere war, man ſah's an ſeinem ganzen Benehmen und Anzuge, ein alter Jäger. Der Erſtere heißt Werner, er iſt ſchlank aber dabei kräftig gewachſen. Eine breite Bruſt giebt ihm eine in die Augen fallende Stärke und ſein Kopf, der auf ein Paar runden, breiten Schultern ſitzt, harmonirt ganz mit der Geſtalt. Die For⸗ men des Geſichtes ſind antik und ein ſchwermüthi⸗ ger Ernſt hat ſich auf dieſe feſten Züge gelagert, die denen eines Adonis ähnlich ſind. Das Auge iſt blau, das Haar blond mit aſchfarbenen Schatti⸗ rungen und die Sprache, wie überhaupt eine ge⸗ wiſſe Ruhe verrathen den Deutſchen. Er ſcheint ganz dazu geſchaffen zu ſein, um zu herrſchen. Seine Blicke, die er um ſich wirft, ſind echt könig⸗ lich, ſtolz und doch freundlich und dieſes Bii licke hal⸗ Königin der Flußpiraten. I. 13. ten dieſes zuſammengewürfelte Corps wie mit Ket⸗ ten unter ſeiner Herrſchaft zuſammen. Zugleich zeichnet ſich ſeine Tracht vortheilhaft von der ſeiner Cameraden aus. Er trägt eine grüne Pi⸗ keſche und hohe Stiefeln von Hirſchleder. Seine Armatur iſt glänzend und ſeine Kopfbedeckung iſt eine leichte Kappe mit den Federn des Adlers ge⸗ ſchmückt, der von ihm ſelbſt geſchoſſen wurde. Die Begrüßungen ſind vorüber und bedächtig hängt er ſeine Jagdtaſche ab, in der ſich die aus⸗ zutheilenden Gelder befinden. Auf einem Klotz ſitzend, hält er eine Anrede an ſeine Untergebenen, die ruhig und andächtig ſeinen Worten lauſchen, denn ſeine vom Herzen kommende zu Herzen gehende Sprache hat eine eigenthümliche Gewalt und Force auf dieſe Weſen, bei welchen man den⸗ ken könnte, nur der urkräftige Fluch und die unge⸗ hobelte Sprache habe ihren Einfluß.— Als er geendet, wird ihm erzählt, daß Tom den alten Jack ermordet habe und daß der Mörder„gelyncht“ wäre.— Die Gelder werden vertheilt, ein Jeder bekommt etwas über 100 Dollar und nachdem die — — 19 Vertheilung zu Ende iſt, beginnen die Rum⸗ flaſchen ihren Umlauf durch den Kreis der Män⸗ ner. Laute Hurrahs ertönen, welche Wernern gelten, der dem Hirſchfleiſch im Verein einiger ſeiner Leute tüchtig zuſpricht.— „Ho, hallon, ſchreit Rob und wirft ſeine Mütze in die Luft,„ſingt, Brüder, ſingt Ho, hallo.“— „Ja, ſingen!“ murmelt Ralph und denkt an die Geſänge, die er geſungen hat, als er im Gliede der Compagnie durch die Ebenen Arabiens ſchritt und die Lieder ſchwollen in vollen Tönen auf nach dem ſternenbeſäeten Himmel— „Singt das: Geht der Jäger jagen, küßt er Weib und Kind, Küßt ſie zu zweimalen, die ihm theuer ſind.“ ſchrie Will luſtig. Der Geſang begann und die Töne ſchallten mächtig durch die rauſchenden Blätter und durch das raſchelnde Sumpfrohr.————— Werner ſtand ſeitwärts an einem Baume und lauſchte dem Klange des Liedes. Plötzlich riß er ſich aus ſeinen Träumen.—— . 2* 20 Er trat unter die Holzfäller, welche ſogleich ſchwiegen. „Brüder“, ſagte er,„in einem halben Jahre treffen wir uns nahe dem Red⸗River wieder. Ich wandere den Strom hinauf und wenn wir uns wiedergetroffen haben, ſo nehmen wir die dort ge⸗ legene Strecke in Arbeit. Lebt wohl!— Ehe die Männer etwas erwidern konnten, war er verſchwunden. Das Dickicht hatte ihn aufge⸗ nommen und die Holzfäller riefen ihm noch ein lautes„Lebewohl“ nach.— Zweites Kapitel. Nahe der Mündung des Red River in den Miſſiſſippi ſchwebte auf den ſchnellſtrömenden Wellen an dem mit Weiden beſetzten Ufer ein Fahrzeug hin. Dem Bau nach war es wie eine kleine Jacht, denn der ſpitze Schnabel und der leichtgewölbte Rumpf zeigten von der Schnelligkeit des Schiffchens, das jetzt aber träge ſich von dem Waſſer langſam tragen ließ. Der Abend däm⸗ merte herein, die Schatten der Nacht wälzten ſich über die Welt und ſie nahmen die Erde unter die dunklen Fittige, die ſchützend über Recht und Un⸗ recht lagen.— Auf dem leichtſchäumenden, gurgeln⸗ den Waſſer hob ſich ein dünner Dunſt gleich einem bläulichen Schleier und die Strahlen des auf⸗ gehenden Mondes fielen matt durch dieſen auf * G 22 den Strom. Zuweilen blies ein leichter Wind und die Bäume und Sträucher rauſchten und flüſterten, die Nebel ballten ſich zu Geſtalten mit weiten, ſchleppenden Gewändern und die bewegte Luft trieb ſie zwiſchen die Blätter und Zweige, oder die Dünſte ſchwankten zwiſchen den beiden Ufern wie das Reis der zitternden Pappel.———— 7* Der Löwe ließ ſein Wuthgeſchrei hören und eine ſtreifende Eule beantwortete krächzend den Ruf des Wetterhuhns.— Aber an der unend⸗ lichen, blauen Fläche des Himmels glänzten und blitzten wie Silber die Sterne einer nach den an⸗ dern durch die Nacht. Die Sterne flimmern gleich Lichtchen einer weiten, großen Stadt in ihrem* blendenden Glanze, da iſt auch unſer Ziel des 4 lebenslangen Strebens und Wanderns— das iſt 3 die Stadt der Seligen!— Das Schiff trieb langſam den Fluß hinab, nichts regte ſich auf dem Verdeck und nur manch⸗ mal pochte es inwendig an die Planken oder ein unterdrückter Ruf tönte heraus. Auf dem Deck. 4 4 übergoß der Mond mit ſeinen lichten Strahlen gleich einem Leichentuche mehrere Körper, die ge⸗ 5 — — 23 krümmt in einer Lache geronnenen Blutes lagen.— Waffen lagen zerſtreut umher und man ſah an den zerriſſenen Kleidern und in den verſchiedenen Wendungen und Lagen der Körper, daß der Kampf hitzig geweſen war.— Dort, jener Mann, der mit untergeſchlagenen Knieen an der blutgefärbten Planke lehnt, der mit der linken Hand den Rand der Gallerie krampfhaft gefaßt hat und mit der rechten den zerſplirterten Degen— iſt der Kapi⸗ tän. Auf der Bruſt ſeiner Uniform hängt etwas Weißes, wie Schneeflocken, es iſt das Gehirn ſeines Steuermannes, der mit zerſchmettertem Schädel zu ſeinen Füßen liegt.———— Weiterhin nach dem Steuer ſtrecken ſich meh⸗ rere Körper, die auf einem Klumpen liegen und die das geronnene Blut mit einander verbunden hat. Alles iſt ſtill— iſt todt! Das Steuer knarrt— das Waſſer ſchlägt rauſchend gegen die Planken— plötzlich geſchieht ein furchtbarer Ruck— und der Stern fährt in das Geſträuche. In demſelben Augenblicke ertönte ein herzzerſchneidender Schrei aus dem Innern des Schiffes— dann war wieder Alles ſtill!—— 24 Das Schiff legte ſich immer mehr und mehr auf die Seite, bis es ſo ſtand, daß es dem Waſſer einen Damm bildete. In dem Innern ſchlug Je⸗ mand gegen den Rumpf, als wollte es die Wand zerſchlagen.—————————— Als das Schiff auffuhr, ſprang ein Mann, der mit dem Fahrzeuge am Ufer fortgegangen war, ſchnell hinter einen Buſch und brachte ſeine Büchſe in Anſchlag.— Er glaubte, die geheim⸗ nißvolle Bemannung würde arbeiten und ſich regen, aber es blieb alles ſtill— nur manchmal war es ihm, als wenn jemand rufe.— Dieſer Mann war zu vorſichtig, ſich dem Schiffe zu nahen, denn einestheils glaubte er, daß die Mannſchaft gewiß einen Grund haben würde ſich nicht zu zeigen, und dann fürchtete er auch eine wohlgezielte Büchſenkugel, die ihm hätte für unzeitiges Hinein⸗ miſchen in eine ihm fremde Sache zugeſchickt wer⸗ den können. Alſo er blieb noch eine halbe Stunde in ſeinem Verſteck und beobachtete das fortwäh⸗ rende Sinken des Schiffes auf eine Seite und er ſchloß daher aus dieſer Gefahr für das Fahrzeug, daß, wenn Leute am Bord wären, dieſe gewiß — 25 ihrem Untergange durch Entfliehen zu entgehen ſuchen würden.— Der Lauſcher ſetzte zwei friſche Zündhütchen auf den Stift und ſchlüpfte vorſichtig zu einem andern Buſche, von welchem er wieder hinter einen Strauch ſprang, der dem Strome näher war. Jetzt hörte er ganz deutlich eine. Stimme, welche nach Hülfe rief.— Der Mann ſchob ſeine Büchſe unter den Arm, beugte ſich vor, um beſſer zu hören, als plötzlich ein gräßlicher Schrei an ſein Ohr ſchlug.— Bei dieſem Ruf zuckte es dem Unbekannten durch alle Glieder, er ſprang unwillkürlich in die Höhe, und mit einigen Sätzen befand er ſich im Schatten des Schiffes, das auf einen geſtürzten Stamm gefahren war. Der Fremde gewahrte eine Strickleiter, welche herunterhing und er machte ſogleich Gebrauch davon, indem er langſam hinaufſtieg.— Als er den Kopf über die Gallerie hob, konnte er ſich nicht erwehren, einen leiſen Schrei auszuſtoßen — er ſchwankte, doch nur momentan— und ſchwang ſich aufs Verdeck. Die Bretter waren mit Blut bedeckt und machten den Weg ſchlüpfrig, 26 der überdies auch mit Waffen und Gliedmaßen von Menſchen überſäet war. „Großer Gott!“ ſeufzte der Mann mit be⸗ klommenem Herzen und trocknete ſich den Schweiß, welcher ihm eiskalt auf der Stirn ſtand, ab. Das Licht des Mondes fällt auf ſein Geſicht und wir erkennen in ihm den Anführer der Holz⸗ fäller, Heinrich Werner.— Der junge Mann ſtand mit einem eigenthümlichen Gefühl unter den Leichen und er konnte ſich eines kleinen Schauers nicht entſchlagen, der erkältend über ſeinen Körper lief. Er war einige Schritte vorwärts gegangen, als es unverhofft zwei furchtbare, dröhnende Schläge gegen den Boden unter ſeinen Füßen gab, ſodaß er ſchnell auf den Fußſpitzen auf die Seite trat, ſich niederkauerte und glaubte, jener Pocher würde aus der Treppenlucke ſteigen.— Er ſah ſich nach der Lucke um und konnte mit Staunen das Geſuchte nicht finden, ſondern entdeckte nur zwei große Fäſſer, welche auf einer Fallthür, nach ſeiner Meinung, ſtanden.— Er richtete ſich wie⸗ der auf und ein Hülferuf überzeugte ihn jetzt, daß jemand im Innern ſei.— — „Wer ruft nach Hülfe?“ fragte Werner, hielt aber ſeine Büchſe bereit. „Rettet! Schnell!“— antwortete ängſtlich eine männliche Stimme, und die Antwort wurde von einem fürchterlichen Schlag gegen die Planke begleitet. „Wer ſeid ihr?“ fragte der junge Mann weiter. „Ein Unglücklicher! Hülfe! Das Waſſer“— der Sprechende wurde durch irgend Etwas unter⸗ brochen und Wernern kam es vor, als plätſcherte das Waſſer im untern Raume. „Gleich! Haltet euch nur noch einen Augen⸗ blick“— ſchrie letzterer und ſtämmte ſich mit aller Gewalt gegen die gewichtigen Fäſſer, welche, trotz ſeiner herkuliſchen Kraft nicht von der Stelle zu bewegen waren.— Einen Augenblick hielt er inne, um zu überlegen, plötzlich erfaßte er eine daliegende Art und das Eiſen von ſeinem Arm geſchwungen zerſchmetterte eine Daube. Das Waſſer, dieſes war der Inhalt der Fäſſer, ſtrömte über das Deck in ſolcher Maſſe, daß Werner für den zu Retten⸗ den fürchtete, wenn er nicht gewußt hätte, daß alle „ 28 in den Rumpf eines Schiffes gehenden Thüren hermetiſch ſchließen. Jetzt war es ein Leichtes die Fäſſer umzuwerfen und er öffnete die ſchwere Thüre— da ſtreckte ſich ihm ein ſchwarzer Arm entgegen, er erfaßte ihn— und— ein Neger lag zu ſeinen Füßen.— Er ließ die Thüre gleich wieder zufallen, ſchritt zurück und fragte den Schwarzen: „Was thateſt du in dem Raume und wer wa⸗ ren jene Leichen?“ „Herr!“ entgegnete bittend der Neger—„laßt uns ans Land.— Das Schiff ſinkt— o Herr laßt euch danken!“— „Ach was da— danke dem Höchſten, aber mir nicht und halte dich hübſch zehn Schritte mir vom Leibe oder—“ verſetzte Werner und er hob bedeutungsvoll das Gewehr. „Fürchtet ihr den Waffenloſen?“ klagte der Schwarze. „Zum Satan! Ich würde dich auch nicht fürch⸗ ten, wenn du eine Büchſe hätteſt, aber merke dir das, Burſche:„Vorſicht iſt zu allen Dingen nütze!“— ——o „Herr! Ich danke euch mein Leben—“ „Halts Maul! Nimm jenen Säbel dort und ſteige zuerſt die Leiter hinab. Ich will dir trauen“— ſagte Werner und ſchob den Neger, nachdem dieſer den Säbel genommen hatte, vor ſich her.—— Stumm verließen die Beiden das Wrack, das bei jedem Wellenſchlag bebte und zitterte und es war die höchſte Zeit, daß die Männer das Fahr⸗ zeug verließen. Als der Schwarze auf feſtem Bo⸗ den ſtand, ſprang er hoch in die Höhe, machte mehrere Verrenkungen mit den Armen und Bei⸗ nen und wollte dann Wernern wieder danken. „St! St!“ ſagte Werner und legte ſeine Hand auf den Mund des erſchreckten Schwarzen, welcher über die ſeltſame Beruhigung die Augen weit aufſperrte,„du ſollſt ſchweigen! Siehſt du jenen Hirſch nicht? Ich will ihn ichisen oder willſt du verhungern?— Der Neger ſchüttelte zu allen beiden Fragen den Kopf und holte tief Athem, da die Hand wie⸗ der von ſeinem Sprachorgan verſchwunden war. Er ſetzte ſich nieder und ſchaute Wernern nach, der faſt auf dem Bauche einem Hirſche zuſchlich, welcher auf einem freien Platze äſte und den Jäger nicht witterte. Plötzlich krachte die Büchſe und das geile Wild ſtürzte im Feuer. Werner eilte hin und ſchleppte es zu dem Schwarzen, der aus ſeiner Taſche einen Feuerſtein und Stahl gezogen hatte und jetzt Feuer ſchlug. Bald loderte eine kleine Flamme in dem Reiſighaufen, und nun ſchlug eine hohe Gluthſäule auf, die die beiden Männer grell beleuchtete. Der Braten war binnen einer Stunde braun, der Weiße und der Schwarze ſprachen dem Zleiſche tüchtig zu.— „Höre, Schwarzer, was war mit jenem Schiffe?“— fragte Werner, indem er dem Nach⸗ bar vertraulich auf die Schulter ſchlug. „Schlimme Geſchichte“— antwortete der Ge⸗ fragte blinzelnd, als wenn ihn die ganze Geſchichte nichts anging—„ſchlimme Geſchichte! Maſſah Portos fuhr in Natchez fort und auf der Mün⸗ dung wurden wir überfallen! Ich war unten in der Cajüte und wurde eingeſperrt, während ſie ſich oben todtſchlugen!— —————— 1 ²1 „Aber wenn du dich— wie heißt du?“— fragte Werner. „Zamor! Herr!“ „Aber wenn du dich in Point⸗Coupée ſehen läßt, wirſt du eingefangen, Zamor.“ „Nein, Herr, ich habe einen Freibrief—" Der Schwarze zog ein feuchtes Tuch aus der Jacke, in welches ein Papier eingeſchlagen war und hielt es Wernern hin. Drittes Kapitel. „Frederick, ſchnell, ſattle mir die Victoria!“— befahl eine Dame, welche an dem Geländer einer Veranda lehnte und, als ſie den Diener zögern ſah, den Befehl wiederholte. Dieſe Dame hat etwas Herriſches, beſſer ge⸗ ſagt, Männliches in ihrem ſchönen Antlitz, deſſen Ausdruck noch durch die langen, ſchwarzen Locken gehoben wird, die ſich wie Schlangen auf die Schultern niederringeln. Ihr Auge iſt groß und feurig, in ihm ſcheint dämoniſche Gluth zu lodern, die nur durch die langen, feidenen Wimpern ge⸗ mildert wird.— Es iſt die Gräfin Woodville, welche dem Geräuſche und dem Zwange der Sa⸗ lons entflohen und die Ruhe des Urwaldes dem langweiligen Leben der Städte vorgezogen hat. 33 Man ſagt, daß ſie ungeheuer reich ſei und ein Vermögen von wenigſtens einer Million beſitze, von deſſen Vorhandenſein allerdings ihre Ankäufe von Ländereien und überhaupt ihr ganzes Leben zeigen.— Man betrachte die liebliche Farm, eher einer Villa vergleichbar, mit den koſtbaren künſt⸗ leriſchen Schnitzarbeiten, die jeden Sims, jedes Fenſter und das Dach ſchmücken. Vier mächtige Säulen tragen die Veranda, deren Dach von bun⸗ ten Gläſern gebildet wird. Die Holzarbeiten ſind im gothiſchen Geſchmack und die Ranken des Immergrüns durchlaufen und weben ſich in die todten hölzernen Knospen ein. Oben vom Dach herab ſenken ſie ſich und geben feſt in einander geſchlungen eine dichte Wand und Schatten gegen die Strahlen der Sonne. Zwiſchen dieſem dunklen Grün und den blauen Blüthen denke man ſich das reizende Geſicht der Gräfin, das von einem ſelt⸗ ſamen Duft, den die grüne Farbe ſtets dem Fleiſche verleiht, angehaucht iſt.— . Der Diener, dem der Befehl zukam, iſt ein. rieſiger, ſchwarzer Burſche, mit einem entſetzlich großen Munde, deſſen Größe er ſtets dadurch ins Königin der Flußpiraten. I. 3 —— — — — — 34 rechte Licht zu ſetzen ſucht, daß er jedes Wort mit einem freundlichen Grinſen begleitet und die Mundwinkel bis beinahe zum Ohren zieht.— Er zögerte und blieb ſtehen, indem er die Gräfin mit ſeinen Lächeln anblickte und zugleich ſeine großen Zähne zeigte. Nämlich an dieſem Kerl iſt alles groß und gigantiſch.— „Nun, Frederick, wirds bald d“ rief die Gräfin und knallte mit der Reitpeitſche.— Als Antwort lächelte der Neger wieder. „Ich habe befohlen zu ſatteln“— ſchrie ent⸗ rüſtet die Dame und die ſchlanke Spitze der Peitſche berührte die Schulter des Ungehorſamen, welcher noch immer lächelte.— „Nun, Frederick, ich möchte nicht den Bill mit der Peiſche rufen!“— „Miſſis“— antwortete jetzt der Ungehorſame und zeigte wieder die Zähne—„Miſſis— zwei große Bär draußen— Frederick hat ſie — ſo groß wie Frederick!“— „Aha, Burſche, du haſt Angſt um mich!“— „Ja, Miſſis!“— „Du haſt die Bären geſehen? Iſt es auch geſehen — 35 — wahr, Frederick?“ fragte die Gräfin, deren Wan⸗ gen ſich mit einen dunkeln Roth färbten, wührend ihre Augen unheimlich brannten. „Wahrhäftig, ich ſie geſehen!“— Frederick legte betheuernd die Hand auf die breite Bruſt. „Marſch! Sag dem Blll, er ſoll Alles zur Jagd bereit machen!“ befahl die Dame und wandte ſich von ihren kopfſchüttelnden Diener, der ſich auf der Hacke herum drehte und auf die Wohnung des Verwalters zuſchritt.— Die Gräfin Woodvillle fühlte plötzlich eine un⸗ geheure Jagdluſt. Launenhaft, entſchloſſen und Gefahren ſuchend, wie ſie war, brannte ſie vor Be⸗ gierde, die beiden Bären zu jagen; hätte ſie ſich aber ſagen können, was für ein unendliches Wag⸗ niß für ein Frauenzimmer eine Jagd auf Bären iſt, ſo hätte ſie es wohl bleiben laſſen.— Mancher Hirſch ſchon war unter ihren Kugeln verendet und ſie dachte, daß einen Bären zu erlegen nicht ſchwieriger ſein würde.— Sie war eine vortreffliche Reiterin, ſie ſchoß gut und war bis zum höchſten Grade männlich kühn. In kurzer Zeit war der Jagdzug briet n und 3 ·—“ — beſtand aus fünf bis ſechs Schwarzen, dem Ver⸗ walter Bill, einem entſchloſſenen Manne, und der Gräſin ſelbſt, welche einen wunderſchönen Schimmel beſtieg, der ungeduldig den Boden ſcharrte.— Frederick hatte ein großes Horn, dem er Signale entlockte, worauf ſich die Geſellſchaft bewegte, und hinaus in den dunkeln Urwald zog.— Die Gräfin wiegte ſich wie eine Amazone in ihrem Sattel, über deſſen Knopf ein doppelläufi⸗ ges Gewehr lag. Sie hatte ihren früheren Anzug mit dem Coſtüme einer Jägerin verkauſcht.—— „Frederick“— ſagte die ſchöne Jägerin—„in welcher Gegend ſind ſie?“ Der Neger wies mit ſeiner Trompete nach Norden und machte ein höchſt trauriges Geſicht. „Spuren habe ich auch geſehen“— warf Bill ein—„und wenn ich nicht lüge, ſind ſie in der Größe von engliſchen Gardiſten.— „Vorwärts!“— Die Gräfin, ſchnalzte mit der Zunge, das Pferd griff aus, Bill folgte und die Schwarzen rannten wie Teufel behend neben⸗ her.——— Plötzlich krachten zwei Schüſſe, der Zug hielt — und man konnte ganz deutlich das Grunzen und Brummen der Bären hören.————— Wir wollen jetzt eine kleine Unterbrechung machen und zu Werner und Zamor zurückkehren, welche, nachdem ſie eine Nacht an dem Ufer des Miſſiſſippi zugebracht hatten, ihren Marſch über Point⸗Coupée fortſetzen. Werner gedachte an der Mündung des Red⸗River zu ſchlagen oder zu jagen und darum war ihm auch Zamor ein willkommener Gefährte, der ſich freund dſchaftlichſt an Werner angeſchloſſen hatte, welcher den Neger wie einen langjährigen Freund betrachtete und behandelte. Zamor war mit jenem großen Schiffs⸗ ſäbel bewaffnet und woohceinuih ſchritten die Bei⸗ den vorwärts.—— Einige Meilen über Point⸗Coupée hatten ſie ſich gelagert, Werner hatte einige Hühner geſchoſ⸗ ſen, welche gebraten wurden und eben gegeſſen werden ſollten— als ſich ein ſchmunzelndes Brummen hören und die Männer bei ihrer Mahl⸗ zeit unterbrechen ließ.— Werner kannte dieſe Töne und ergriff ſeine Büchſe, indem Zamor ſei⸗ —yyy— —— — — 38 nen Säbel in die Hand nahm und auf die Füße ſprang. Es war die höchſte Zeit, denn gerade trabten ein alter und ein jüngerer Bär gemüthlich auf die Männer zu, welchen nur noch ſo viel Zeit blieb, hinter die Bäume zu ſpringen.— Die Beſtien fielen hungrig über die für Menſchen⸗ magen beſtimmte Mahlzeit her und brauchten nicht den zehnten Theil Zeit die Hühner aufzueſſen, die Zamor und Werner gebraucht hätten.— Die Bä⸗ ren waren fertig und der größere rieb ſich die Schnauze am Boden, dann wendeten ſie ſich, um fortzutrollen; aber Werner gedachte ſie nicht ſo wohlfeilen Kaufes loskommen zu laſſen und zielte auf das größere Vieh. Sein Finger berührte den Drücker— und der Bär ſtieß ein furchtbares Gebrüll aus und ſtürzte ſich nach dem Baume, hinter welchem Zamor ſtand, der ihn mit ge⸗ ſchwungenem Schiffsſäbelerwartete und dem Thiere einen tiefen Hieb am Halſe verabreichte, dem er mehrere folgen ließ und dabei immer rund um den Baum mit ſeinem Verfolger rannte, der ihn brummend haſchen wollte. Während der Zeit hatte Werner dem andern 39 Bären zwei Kugeln in das Fell geſandt underwartete nun ſtehenden Fußes ſeinen Feind, der mit aufge⸗ ſperrtem Rachen, und ſeine Vordertatzen wie Arme ausgebreitet auf den jungen Mann zu⸗ ſtürzte, welcher den Hirſchfänger mit ausgeſtrecktem Arme vor ſich hinhielt, um den Bären in die Waffe rennen zu laſſen. Das große Thier neigte den Kopf, brüllte noch einmal und— bei dem Zuſam⸗ menſtoß traf der Hirſchfänger: die eiſenfeſte Hirn⸗ ſchale und zerſprang.— Werner wollte zurück⸗ ſpringen, aber im nächſten Augenblicke lagen ihm ſchon die mit langen Klauen verſehenen Tatzen auf den Schultern und er fühlte, wie ſich unter dem Griffe des Ungeheuers das Fleiſch von dem Knochen löſte und das Blut an der Bruſt herun⸗ ter lief.— Seinerſeits faßte er nun den Bären an dem Halſe und griff nach ſeinem Bowie⸗ meſſer, welches er unter dem Jägerhemd trug. Er erfaßte es und verſetzte ſeinem Würger heftige Stöße in den Hals und unter die Schulterblätter. Das Thier biß nun Wernern in die Schulter, der jetzt die letzte Kraft anſtrengte, um das Thier von ſich zu drängen. Es gelang ihm— und er 40 ſprang zurück, und ſtreckte den Arm aus. Plötz⸗ lich wurde es düſter vor ſeinen Augen, er ſchwankte und mit dem gräßlichen quälenden Gedanken, von der Beſtie in Stücke zerriſſen zu werden, ſtürzte er hin, da plötzlich ein Blitz, ein Knall und der Bär ſank von einem Schuß getrof⸗ fen zuſammen. Eine Dame auf einem weißen Pferd ſprengte auf den Kampfplatz. Sie war der Schütze ge⸗ weſen, der den Bären getödtet hatte.— Es iſt die Gräfin Woodville, welche jetzt von dem Roſſe ſteigt und Wernern zu Hülfe eilt.— Jetzt kamen auch Bill und die Neger, welche Zamor umringten, der auch wimmernd am Boden lag. Nämlich, der Bär hatte ſich beim Verfolgen um den Baum haſtig umgedreht und war ſo Zamor, welcher ihm ſeinen Säbel in den Rachen ſtieß, entgegen gekom⸗ men.— Aber beim Fallen faßte der Bär mit ſeiner Tatze nach ſeinem Schenkel und zog ihn mit ſich nieder. Der Bär war todt, aber Zamor konnte nicht aufſtehen.— Die Gräfin beugte ſich über Werner, übex deſſen Lippen noch ein leiſes Athmen ſchwebte. 41 Sein Geſicht war bleich, aber dieſe Bläſſe konnte den Ausdruck ſeiner Schönheit nicht mindern, welche der Gräfin auffiel und die zu ſich ſelbſt ſagte, daß ſie nie einen ſchönern Mann geſehen hätte. Sie hob ihm den Kopf auf und rief ihre Leute, welche herbeikamen und eine Trage von Zweigen und Flinten machten. Die beiden Verwundeten wur⸗ den auf dieſelben gelegt, die Gräfin und Bill ſchwangen ſich auf die Pferde und langſam ging es der Villa zu.— Frederick und einige andere ſeiner Farbe ban⸗ den jeden der todten Thiere einen Strick um den Hals und ſchleppten ſie mit großer Kraftanſtren⸗ gung dem Zuge nach. Die Hunde umbellten die beiden gewaltigen Thiere, biſſen ſie in die mächti⸗ gen Tatzen, zerrten daran und. hinderten mehr⸗ mals Frederick im Fortziehen, welcher mit ſeinem breiten Grinſen hinter ſich ſchaute. Werner und Zamor wurden in der Villa auf Betten gelegt und ein Arzt aus Point⸗Coupée wurde geholt, welcher natürlich erſt nach achtzehn Stunden eintraf.— Zamor's Verwundung war weniger gefährlich 42 und ſchmerzhaft, deſto mehr that ihm aber ſein ſchwer krank darnieder liegender Herr leid, welcher in heftiger Fieberhitze phantaſirte, und von welchem ſeine großen ſchwermüthigen Augen keinen Blick verwandten.— —,——— Viertes Kapitel. Wer hätte noch nicht gehört von den aller Beſchreibung ſpottenden, erhaben ſchönen Nächten Central⸗Amerika's? Mit ihrem tiefblauen, von unzähligen in ſieben Farben glänzenden Geſtirnen bedeckten Himmelszelte, deſſen Lichtſtrahlen in einer breiten hellen Wolke ſich ſammeln, welche ſich über die Gipfel des Nacht und Grauen bergen⸗ den finſtern Urwald lagert! Von den leiſen Süd⸗ und Weſtwinden, welche die Millionen Blätter des letzteren bewegen und ihn durch die Nacht wie ein ſchlafendes Meer rauſchen laſſen. Hier endet der Wald! Vor dem Auge liegt in den Schleier der Dämmerung gehüllt, eine kleine Ebene und inmitten dieſer erhebt ſich ein Block⸗ haus, aus deſſen Rauchfang eine leichte Wolke — ——— 44 aufſteigt! Etliche hohe Bäume umſtehen das Haus und ein faſt mannshohes Spalier umfaßt ſchützend den ganzen Bau und den Garten.— Die Woh⸗ nung iſt groß und lang; ſie hat vier Fenſter in der Breite, die mit Strohmatten und Holzläden ge⸗ ſchloſſen werden können. Die Vorderfronte iſt mit großen eirunden Blättern einer Schlingpflanze be⸗ deckt, welche mit ihrem Saftgrün die Fenſter um⸗ rahmt, die Balken umſchlingt und nach dem Dache aufftrebt Neben der Thüre befindet ſich eine Bank unter einem Akazienbaume, welche jetzt von drei Per⸗ ſonen beſetzt iſt. Auf der einen Seite ſitzt ein junges Mädchen mit ſchöner, klarer Stimme, auf der andern ein junger Mann und in der Mitte ein Mann von ungefähr ſechzig Jahren. Dem Munde eines jeden der Männer entquellen dichte Rauchwolken welche den langen, deutſchen Pfeifen entzogen werden und den Mosquitos ein Gegen⸗ mittel ſind. Dieſe Thierchen umſchwärmen ſie in langen, dichten Streifen und umgaukeln blutdürſtig das Geſicht und die Hände, ſelbſt in die Jacken⸗ ärmel ſchlüpfeny 45 „Will, mit deiner Bärenjagd iſt's nichts!— Vielleicht läßt uns die Gräfin einige Pfund Mark ab“— brummte der alte Mann und blies einige dicke Wolken vor ſich hin unter die Schaaren der Mosquitos. „Ich bin den zottigen Schuften ſchon auf der Spur geweſen und doch habe ich ſie nicht gefunden und jenem Weibe laufen ſie vor die Mündung“— entgegnete der junge Mann und blies ebenſo wie ſein Vater eine Wolke⸗von ſich. Bah! Vor die Mündung. Ich ſage dir aber, Will, daß ſie die Petze nicht ſelbſt gefunden hat— verſetzte der Alte. „Wer denn?“— fragte das Mädchen. „Ich weiß es! Heute kam der Bill herüber, welcher fluchte und ſchimpfte, daß er zum Arznei⸗ manne reiten müſſe. Ich fragte ihn ob jemand krank geworden ſei und da hat er mir denn erzählt, daß, wie geſtern die Gräfin auf der Jagd, plötzlich einige Schüſſe knallen und Bären brummen— ſie eilt hin und ſieht zwei Männer, welche ſich mit den haarigen Geſellen herumhauen. Schießen kann ſie, und paff! ſie wirft dem einen eine Kugel in die 46 Augen. Der andere Bär war ſchon todt. Die beiden verwundeten Fremden hat ſie mit nach Hauſe genommen— der eine iſt ein Landsmann von uns“— erzählte der alte Farmer. „Es iſt ein Baier?“— fragte die Tochter. „Ja!— es wäre mir lieber, ich hätte ihn ge⸗ rettet, denn da käme wieder einmal ein Deutſcher in meine vier Pfähle“— murmelte der Vater. „Wenn er geſund iſt, laden wir ihn ein herüber zu kommen!— verſetzte der Sohn und deutete zu⸗ gleich auf eine Geſtalt, welche vom Walde her dem Hauſe näher kam. Vater und Schweſter ſahen auch hin und letztre meinte, daß es Pantherfuß ſein müſſe, welcher Meinung auch Will war.— Die Geſtalt ſchritt ſchnell heran und war in eine große, dicke Decke gehüllt, welche bis zu den Knieen niederfiel. Als er vor der Farmersfamilie ſtand, ließ er die Decke ſinken und nickte mit dem Kopfe zur Begrüßung. „Pantherfuß!“— rief der Alte. „Ja“— entgegnete der Indianer in tiefem Tone—„Du haſt geſagt, rother Mann wär 5 47 weißen Mann ſein Bruder.— Ich bitte dich um Eſſen!“— „Ach was Papperlappap! Setz dich hierher, ich habe es geſagt und halte auch mein Wort! Du willſt eſſen?n— „Ja!“— war die trockene Antwort der Roth⸗ haut, die ſich auf die Decke niedergekauert und den Geſchwiſtern die Hände gereicht hatte. „Kannſt du noch warten, Pantherfuß?“— fragte Eva. 3 Statt aller Antwort nickte der Gefragte mit dem Kopfe und ſeine Züge heiterten ſich auf, als er die klangvolle Stimme Eva's hörte. „Pantherfuß, es iſt gut, daß du gekommen biſt, wir gehen morgen jagen. Biſt du dabei?“ William ſtellte dieſe Frage an die Rothhaut und klopfte ihm auf die Schulter. „Wir gehen an die Ufer des großen Stromes— ich habe die Flöße von vielen geſehen“— ant⸗ wortete Pantherfuß und zog zugleich an einen Fa⸗ den, welchen er am Gürtel befeſtigt hatte, ein Thier in der Größe von einem Jadhund näher an ſich heran. Das Thier wimmerte leiſe— und der Wilde beruhigte es durch Streicheln.— „Freund!“— ſagte er—„gebt dem rothen Manne zwei Theile, eins für ihn und eins für ſeinen Gefährten.“— Bei den letzten Worten ſtöhnte wieder das Thier und kletterte an ſeinem Herrn in die Höhe, indem es dieſem das Geſicht leckte, und wir ſehen, daß es ein Panther iſt. „Ja wohl! Eva hol ein Stück von dem Schweinchen“— befahl der Alte, und die Tochter lief gehorſam ins Haus, um das Verlangte zu ho⸗ len.— Während der Zeit führten die drei Männer folgendes Geſpräch. Nämlich als Eva den Rücken wandte, ſtieß Pantherfuß einen Schrei aus, ein Zeichen, daß ihn die Beiden anhören ſollten.— „Auf den Strom“— die Rothhaut meinte den Miſſiſſippi—„fließt Blut— viel Blut denn Weiße und Schwarze ſind dort—“ „Wie meinſt du das?“— fragte der Alte. „Ich ſage, es ſind Räuber dort“— fuhr Pan⸗ therfuß ruhig fort—„ſie überfallen die Schiffe und Kähne!“— — A —— 49 „Ich habe auch ſchon davon gehört!“— warf Will ein und ſtreichelte dem knurrenden Panther den Kopf.. „Wir e morgen h hin zehen— dort liegt ein großer Kahn— ſehr groß— „Vielleicht iſt das Schiff uüſgefaren⸗— ver⸗ ſetzte der Alte. „No! No! Es iſt nicht geſcheidert— oben liegen Leichen und ſie ſchwammen in einem Blut⸗ ſee!!“ 1 „Pantherfuß! Wir gehen morgen nach dem Platze! Es iſt—“ „Zwiſchen dem erſten und zweiten großen Dorfe!“ ergänzte der Wilde Williams Rede. Eva kam jetzt wieder und brachte eine tüchtige Portion für den zahmen Panther, der mit ringelndem Schwanze und heiſerm Grunzen über ſein Abendbrod herfiel. Sein Herr, die Rothhaut, riß ſich ein Stück davon ab und verſchlang es gierig⸗ „Du haſt ſchrecklichen Hunger“— rief Wil⸗ liam lachend ſeinem rothen Freund zu. Dieſer nickte mit dem Haupte und ſagte, indem ſeine Stimme immer tiefer ſank: Königin der Flußpiraten. J. 4 „Ich habe zwei Tage am Ufer gelegen und nichts gegeſſen.— Ich habe den Strom getrunken und wollte die Räuber ſehen, wo ſie ihre Hütten haben.“—* „Habt ihr etwas gefunden?“— und erbrach ihn der Alte. „Nichts habe ich geſehen und gehört, als den Aufgang der Sonne und das Schreien des Waſſer⸗ huhnes!“— „Laßt uns hereingehen, mich fröſtelt“— rief William und die Geſellſchaft ſchritt in das Haus, wo einer anfgetragenen Mahlzeit alle Ehre ange⸗ than wurde.—— „Das heißt Mönche in Rom ſuchen, wenn du willſt auf dem Strome Räuber finden“, ſagte der alte Millner, indem er ein großes Stück Fleiſch in den Mund ſteckte. „Was iſt das?“— fragte Pantherfuß, und machte die Augen weit auf, erſtaunt über den Ausſpruch des alten Millners. „Was meinſt du, Pantherf fuß?“ entgegnete William. „Was iſt das, Mönche in Rom ſuchen?“ wieder⸗ 51 holte der Wilde, und wißbegierig wie er war konnte er die Antwort und Erklärung nicht erwarten. „Das ſind fromme Männer, Prediger die an den Gekreützigten glauben“— erklärte Millner dem Wilden.— „Ahl das ſind mähriſche Brüder und auch meine Brüder— ich glaube auch an Chriſtus, den Sohn Gottes— aber warum in Rom ſuchen, weißer Bruder?“— 1 „Weil dort eine Menge Mönche ſind. Rom iſt nämlich eine Stadt, wo der Papſt herrſcht. „Dann ſind es nicht meine Brüder— ich glaube an keinen Papſt.— Mein Lehrer hat mir geſagt:„Glaube nicht an den Papſt, ſondern blos an Chriſtus und Gott!“— „Dann biſt du ein Proteſtant!“— „Richtig, weißer Bruder! ich bin Proteſtant. Aber“— fuhr der Wilde fort—„gieb mir einen Tropfen Brandy.“— Der alte Farmer lächelte ſtets, wenn Panther⸗ fuß lange geſprochen hatte, denn dann trug dieſer nach einem Glas Brandwein Verlangen, das ihm natürlich mit Vergnügen gereicht wurde, da er ein 4* 52 alter Freund des Hauſes war, der dem alten Millner, als dieſer eingewandert, ſein Blockhaus mit aufbauen half und für ihn jagte. Sie waren Freunde geworden, obgleich der Wilde damals noch jung war. Jetzt iſt Pantherfuß dem jungen Millner das, was er dem Alten war.—— Die Rothhaut hatte auch einen Sohn gehabt, welcher aber einſt verſchwunden war und ſeit der Zeit ſuchte er die Einſamkeit, doch vernachläſſigte er keineswegs Millners. Ein Panther, den er jung gefangen und abgerichtet hatte, war ſein ſteter Begleiter und mehrmals auf der Bärenjagd ſchon ſein Retter geweſen.— Für dieſe Dienſte behandelte er das Thier wie einen Freund und er nannte ihn nicht anders als ſein„Liebchen“. Fünſtes Kapitel. Den Miſſiſſippi hinauf ſegelte ein ſogenanntes „Flaatboot“, auch ſehr bezeichnend Arche genannt, indem es flach gebaut iſt. Einen langen ſilbern glänzenden Streifen hinter ſich laſſend durchſchnitt das Boot rauſchend das Waſſer, welches bedeutend geſtiegen und von der hinweggeriſſenen Ufererde gelblich gefärbt war. Der Strom wälzte ſich, wo das Ufer niedrig war hinüber in die Waldungen, wo zwiſchen dem Waſſer und den niederhängenden Zweigen tiefe Dunkelheit herrſchte. Ein Waſſer⸗ huhn flatterte dann und wann ſcheu, ſein unken⸗ artiges Geſchrei ausſtoßend über die Spiegelfläche und verſchwand in den grünen Schattirungen der ſchwankenden Blätter oder in dem einige Fuß hohen Graſe und Schilfe. Ein eigenthümlicher Zauber ergreift das Herz des Menſchen, wenn er die reizende Landſchaft voll melancholiſcher Stille betrachtet! Hier rauſcht das Waſſer an dem ſan⸗ digen Ufer über die Kieſel hin, dort drängt es in eine dunkle Bucht, die von fetten Weiden beſchattet und von einem Baumſtamme der ſich feſtgerannt hat, förmlich eingeſchloſſen wird. Die Wellen ſteigen und gurgeln über denſelben weg, einen Trichter bildend, deſſen Strömung weite Ringe zeichnet und in dem ſich Blätter und Zweige luſtig drehen.—— Wie erhebend und zugleich einfach drängt ſich die Macht der Schönheit der Natur auf! Seht jenes Stück Wald, das ſich gleich einer Zunge in das Land erſtreckt, und wie tiefdunkel, faſt blau⸗ grün verſchwinden die Wipfel in dem Horizont.— Auf dem Verdecke des Bootes ſtehen mehrere Männer, andere ſitzen auf Ballen und Fäſſern. Das Thema der Unterhaltung dreht ſich um die gefallenen Baumwollenpreiſe.— Hinten am Steuer ſteht ein junger ſchmächtiger Mann, der das Schiff geſchickt von den, oft wie Barrikaden entgegen⸗ ſtehenden, von wilden Orkanen am Ufer heraus⸗ geriſſenen Baumſtämmen ablenkt. Seine kleine Hand ſcheint gar nicht zu der beſchmutzten blauen Jacke zu paſſen, aus der ſie zuweilen vortaucht, in⸗ dem der Aermel des Kleidungsſtückes die Finger bis zu den Spitzen bedeckt. Ein breiter neuer Strohhut bedeckt ſchwarze, gelockte Haare und das eine Auge wird von einer weißen Binde, welche viel⸗ leicht eine Verwundung oder den gänzlichen Mangel des Sehorgans verbirgt, verhüllt, während das andere Auge, dunkelbraun und voll Feuer, von den Paſſagieren auf den Strom und von dieſen wieder auf erſtere ſich heftet. Das Geſicht iſt fein und ſchmal, ein ſchwarzer Backenbart umrahmt die Wangen. Auf der linken Wange zeigt ſich bei näherer Betrachtung eine gut verharſchte Narbe, welche von einem Säbelhieb herzurühren ſcheint. Seine Geſtalt iſt in Mittelgröße und beſitzt eine gewiſſe Geſchwindigkeit, die den Leuten von großem, ſtarkem Körperwuchſe abgeht und erſetzt ſomit die fehlende Stärke.— Kurz und einſilbig beantwortet dieſer Mann die geſchwätzigen Reden eines Kaufmannes, welcher zu ihm getreten iſt und ihn mit einer Maſſe von 56 Fragen, über Dinge, die ihn als Kaufmann wenig intereſſiren können, beläſtigt.— „Wie heißt ihr?“ fragte jetzt der Jünger des Merkur, der ſich ſchon in den dreißiger Jahren befand.— „Herr! Nennt mich nur Tom und geht mir aus dem Wege“— entgegnete der Steuermann. Der Kaufmann ſchien wenig befriedigt zu ſein und er bezog den Zuſatz der Antwort des Matro⸗ ſen„geht mir aus dem Wegen auf ſein allzunahes Herantreten an das Steuerrad. „Wie heißt euer Vater, lieber Freund?“— unterbrach jetzt der Kaufmann wieder die Ruhe, welche eingetreten war. „Mein Vater hieß Schwamm und der Satan nennt mich ſeinen lieben Freund! Verſteht ihr? Ich bin Niemandes Freund, höchſtens der meiner Fäuſte, in deren Verein ich jedem Schwätzer das Maul dreſche!“— * Dieſe Worte waren mit einer klaren, beſtimm⸗ ten Stimme geſprochen worden und auf dieſe Ant⸗ wort zog ſich der Abgetrumpfte wie eine Schnecke —— —y zurück, indem er etwas von einem„Allerwelts⸗ maul“ brummte.— Er ſchritt auf eine Gruppe Männer zu, bei der ſich mehrere Quäker befanden und machte dieſe mit der Grobheit des Steuermanns bekannt, der ihnen den Rücken zugekehrt hatte und auf den Strom ſchaute.— „Ich will ihn zur Raiſon bringen, dieſen Lüm⸗ mel!“— rief einer der Männer, ein reicher Kauf⸗ mann aus Texas, welcher die meiſten Waaren am Bord hatte und ſich dadurch eine kleine Herr⸗ ſchaft über die Andern erlaubte. Dieſer Mann ſchritt im Gefolge von allen Paſſagieren auf den groben Matroſen zu, der immer noch ſeinen Rücken der Verſammlung wies. Der Kaufmann legte die Hand auf des Steuer⸗ mannes Schultern, machte ein ernſtes Geſicht, griff ſich ans Kinn und erhob ſeine Stimme. „Höre, Steuermann“— ſprach er—„wer giebt dir das Recht, einen reſpectablen Gentleman mit Grobheit zu bedienen. Ich bitte dich ernſtlich höflich zu ſein oder—“ 58 „Fahrt zum Teufel! ſagz ich! oder ich ſpringe ins Waſſer, ſchwimme ans Ufer und überlaſſe euch etrer Dummheit“— entgegnete der junge Mann, deſſen Geſicht ſich färbte und deſſen Lippen bebten. „Höre, ich rathe dir nochmals, höflicher zu ſein! Wir haben dich in Point Koupée gemiethet, um uns den Strom heraufzuſchiffen, aber merke dir das, es giebt noch mehr Steuerleute“— verſetzte der Kaufmann eruſt und ſeine Rede wurde mit Bei⸗ fall von ſeiner Umgebung aufgenommen. „Welll Ich werde gehen“— ſagte der Matroſe mit entſchloſſenem Geſicht. Die Männer lächelten Alle, weil es ihnen un⸗ möglich ſchien, auf dem Waſſer auszuſteigen und ſich davon zu machen. an „Very well! Geht! Geht!“— ſchrie Einer. „Ihr wollts haben!“ antwortete der Störrige und brachte durch einen Ruck des Steuerruders das Boot dem Ufer näher. Sämmtliche Männer lachten, aber plötzlich wurden ihre Geſichter länger, als ſie ſahen, wie der Steuermann ruhig an den Bord trat und Miene machte, ſich in die Wellen zu ſtürzen. 4 59 „Seht!“ ſagte er unheimlich lachend„dort jene Baumſtämme mit ihren Aeſten, die an den Ufern liegen—“ Die Kaufleute ſchauten alle nach dem ange⸗ deuteten Orte. „Vielleicht kann Jemand von euch ſteuern, ſonſt rennt ihr auf die Stämmchen und die Fiſche verſpeiſen euch“— berichtete der Matroſe, der in ſich hinein lachte, weil es ihm nicht einfiel von dem Schiffe fortzuſchwimmen. Er wollte nur die Kauf⸗ leute etwas demüthigen, und ſie dahin bringen, ihn mit reſpectvollen Augen zu betrachten.— Sie ſahen alle ſich nacheinander an, als woll⸗ ten ſie ſich fragen„kannſt du ſteuern?“— Die Ernährung der Fiſche ſtimmte ſie noch mehr herab und der Kaufmann aus Texas erfaßte die Jacke des Steuermanns. „Bleibt!— ſprach er in bittendem Tone, doch plötzlich ließ er die Jacke los und rief mit ver⸗ ändertem Tone—„Geht!“— Der Kaufman erblickte nämlich in dieſem Augen⸗ blicke einen der drei Matroſen, welche noch am Bord waren und die ſich bisjetzt in den untern Schiffs⸗ 60 räumen aufgehalten hatten; er glaubte, daß gewiß einer dieſer Leute ſteuern könne und daß er dann dieſen trotzigen Kerl nicht zu bitten brauche.— Er rief dieſen Matroſen, einen kleinen, runden, ver⸗ ſchmitzt ausſehenden Kerl, näher, welcher langſam heranſchritt und pfiff.— Nicht wahr, ihr könnt ſteuern!“— meinte der Kaufmann und er ſah den Matroſen an, welcher lächelte. Niemand bemerkte, daß der Steuermann jenem mit ſeinem einen Auge blinkte. „Nein, bei meiner Seele nicht!“ entgegnete der Gefragte und ſchob die rotht adinwoülnd Miütze tief in die Stirn.— „Ihr könnt nicht ſteuern?!“ war die nochmalige Frage, welche durch Kopfſchütteln beantwortet wurde.— „Auch eure Cameraden nicht?“— „God dam! Nein, ebenſo als wie ein Fiſch nicht bellen kann!“— Bei dieſen Worten drehte ſich der Matroſe auf dem Abſatz herum, ging einige Schritte fort und legte ſich pfeifend in die Sonne.— „Seht ihr!“ ſagte der Steuermann und ver⸗ 6¹ biß ſich das Lachen über die Dummheit dieſer Männer, welche glaubten, daß jene Matroſen nicht ſteuern könnten. Der Kaufmann aus Texas drückte dem wider⸗ ſpenſtigen Steuerer einen Dollar in die Hand und ſchwenkte mit ſeiner Geſellſchaft, welche plötzlich ſchweigſam geworden, weil ſie immer an die Fiſche dachte, um. „Seht, Männchen, Hochmuth kommt zum Fall!“ brummte der Befriedigte und ſtellte ſich wieder ans Steuer. Einer der Matroſen ſtellte ſich jetzt neben ihn und blickte aufs Waſſer. „Kapitän,“ liſpelte dieſer,„wir werden nicht mehr rudern, ſonſt kommen wir noch zu Tage an der Inſel an!“— „Bah, Will, es dämmert ſchon!“ Der Steuermann hatte ebenſo leiſe geantwortet, und drehte, um nicht die Aufmerkſamkeit der Kauf⸗ leute auf ſich zu lenken, dem Matroſen den Rücken zu.—— Vorn auf dem Schiffe ſaßen in einem Halb⸗ kreis die erwähnten Kaufleute, welche im Verein dieſes Boot für den Transport ihrer Waaren 62 käuflich an ſich gebracht hatten, da ihnen ein ſolches zu miethen nicht gelungen war. Sie flüſterten leiſe zu einander und ihre Er⸗ zählungen ſchienen die Aufmerkſamkeit in einem hohen Grade zu feſſeln.— „Du ſagſt mir“— unterbrach einer der Quäker—„daß hier auf dem Strome Räuber ſeien!“—— „God dam!“ fluchte der Erzähler kräftig, daß die Quäker zuſammenfuhren—„ich will's be⸗ ſchwören!— Mein früherer Compagnon iſt auf ſeinem Boote am Natchez abgefahren und in Francisville hat ſich kein Spänchen ſehen laſſen.“ „Du haſt recht, Leiken“— ſagte der andere Quäker—„mir iſt geſagt worden, das Boot des Spaniers ſei auch geplündert und alles Lebende darauf getödtet worden.— „Auf welcher Strecke ſind denn die Räubereien begangen worden?“ fragte wieder ein dritter Kauf⸗ mann. „In der Nähe der Mündung“— berichtete der Quäker. 88 „Und wo ſind wir jetzt?“— 63 „Fragen Sie doch den groben Steuermann“— entgegnete einer der heiligen Secte. „He! Steuermann! Wo befinden wir uns?“ rief der Käufmann von Texas dem Matroſen zu, welcher vor ſich auf den Strom blickte.— Es däm⸗ merte ſchon der Abend herein und bekanntlich wechſelt in Amerika Tag und Nacht ſchuell. „Wir werden ungefähr um 11 Uhr heute Nacht in der Nähe der Mündung des Red River ſein“— war die Antwort. Unwillkürlich ſahen alle nach ihren Uhren; jetzt war es um acht und drei Stunden Angſt wurden zu ebenſoviel Tagen. Ein jeder ſah ſchon die Räuber, und alle außer den Quäkern ſahen nach ihren Revolvern, welche ſie neben ſich gelegt hatten.— „Nun mögen ſie kommen, ſechs und dreißig Schüſſe ſollen ſie begrüßen“— ſagte der Kauf⸗ mann von Texas; doch die andern Herren fanden den Augenblick, wo man jemand mit Kugel begrüßt und ebenſo den Dank bekommt, gar nicht lächerlich, und machten traurige Geſichter.—— —QCOC—H—Oʒ—ẽOẽB—¶xůãñ·B·———— 64 „Wollen Sie ſich nicht ſchlafen legen?“=fragte ein Matroſe, welcher zu den Kaufleuten getre⸗ ten war.—. „Nein! Nein! Wir ſind nicht ſchläfrig!“ ant⸗ wortete ein Herr im Namen Aller. „So!“ Mit dieſem Aufruf wandte ſich der Matroſe lächelnd ab und zeigte ſeine gelben, ſchmutzigen Zähne.— „Sie werden ſchon ſchlafen müſſen!“ murmelte er und wandte ſich zu ſeinem Cameraden, welcher grinſend, indem er die Jacke aufknöpfte, auf ſein Meſſer wies und welches der erſtere den„Aus⸗ tauſch von Gedanken“ nannte. Der Tageszeitenwechſel der tropiſchen Gegenden ſind mehr Ueberraſchungen als allmähliche Ueber⸗ gänge. Die Sonne iſt untergegangen und ſchon flim⸗ mern die Sterne in die Dunkelheit, welche das Land umfängt.— Die Nacht brach herein, das ſchneller ſtrömende Waſſer bekundete, daß das Boot der Mündung des Red⸗River näher kam. Der Strom wurde breiter, die Dünſte bedeckten gleich Nebeln ringsum die Gegend, ſo daß es unmöglich war, 4 — ☛ eer——— · 65 die Ufer zu erkennen. Die Inſeln flogen gleich dunklen Schatten an dem Boote vorbei und öfters trieb die Strömung einen Stamm gegen die Plan⸗ ken, daß dieſe knarrten.— Der Steuermann mußte ſehr bewandert und bekannt mit dem Strome ſein, denn obgleich manchmal Zweige auf dem Verdeck hinſtrichen, ſo berührte doch nicht einmal das Boot nur irgendwo ein vorſtehendes Erdſtück oder einen der dort zahlreich angeſchwemmten Stämme. Das Waſſer ſchien vernehmbarer zu rauſchen, was aber der größeren Stille zuzuſchreiben war, welche jetzt auf dem Boote herrſchte, denn die Kaufleute ſaßen ruhig und mit ſtieren Augen jedwede Inſel be⸗ trachtend, an der ſie vorüber kamen.———— Der Steuermann legte ſich halb über die Gallerie und horchte ſpannend in die Nacht hin⸗ aus, denn ſein Ohr und die der beiden Matroſen, welche neben ihm ſtanden, hörten das Geräuſch von Ruderſchlägen. Einer der Männer huſtete und ſchien ſich ihnen nähern zu wollen. „Verdammter Burſche, ſteh ſtill und halte deinen gottewigen Mund“— flüſterte der Hor⸗ chende und der Geſch oltene blieb ruhig ſtehen. Königin der Flußpiraten. I. 5 66 „Hört ihr Etwas, Kapitän Hardy?u fragte der Eine. „Sie kommen!“ murmelte der vermeintliche Steuermann und zog aus ſeiner Jacke zwei Re⸗ volvers. Ein nahes Rauſchen verrieth das Kom⸗ men eines Bootes, es rief jemand, der Steuer⸗ mann antwortete, die drei Matroſen frohlockten laut auf und die Kaufleute griffen nach ihren Pi⸗ ſtolen.— 5. Das unbekannte Boot fuhr heran, dunkle Ge⸗ ſtalten ſchwangen ſich aufs Verdeck und dieſe ſtürzten unter der Anführung des Steuermannes auf die Kaufleute zu. Einige Dutzend Schüſſe zerriſſen die Luft, mehrere Piraten ſanken getrof⸗ fen von den Kugeln nieder; aber die andern, der Kapitän Hardy, der vermeintliche Steuermann an der Spitze, fielen über die wenigen Männer her, welche ſich zwar tapfer wehrten, aber bald unter den Kugeln und Meſſern der Piraten endeten.— Der Steuermann glich einem Tiger, der im gewaltigen Sprunge ſein Opfer zerfleiſcht, er, ſprang auf den Kaufmann aus Texas zu und bohrte ihm das lange Meſſer in die Bruſt, ſo daß 67 dieſer ohne Schrei, ohne den geringſten Laut aus⸗ zuſtoßen, todt niederſank.— Noch einer ſtürzte unter dem Stahle des Kapitäns und— in eini⸗ gen Minuten herrſchte die tiefſte Ruhe auf dem Boote. Alle Kaufleute waren getödtet und die Piraten umringten ihren Kapitän, der mit funkeln⸗ dem Auge das blutige Feld ſeiner That betrachtete und ſeine Zufriedenheit durch Stampfen mit dem Fuße und Kopfnicken kund gab.— „Recht ſo! Recht ſo!“— kreiſchte er mit heller Stimme, die der eines aufgeregten, wüthenden Weibes glich,„wer heißt ſie ſich mir anzuver⸗ trauen! dieſe Schurken!“— „Kapitän, ich dächte, wir kröchen in unſer Loch“— unterbrach Tim, der bei der Abweſenheit des Kapitäns deſſen Stelle vertrat. „Ja, Tim! Laßt nur alles an die Inſel ſchaf⸗ fen, bejahte der junge Piratenführer. „Gut!“— entgegnete Tim. „Und ſeht zu, daß keine Körper auf dem Strom hinunterſchwimmen!“— Das erbeutete Boot war in Schlepptau ge⸗ nommen, an die Inſel gefahren und dort an einem 5* 68— Baum befeſtigt worden.— Kapitän Hardy ging an die Inſel, während die Piraten unter der Auf⸗ ſicht Tims die Ballen und Fäſſer, überhaupt was alles an Bord war, ans Land trugen. Jedem Leichnam banden ſie einen Strick um den Hals, an dieſen einen Stein und die Wellen des Miſſiſ⸗ ſippi rauſchten über die Körper der Todten.—— Nach dieſem eilte einer in den untern Raum des Bootes und ſchlug dort mit einer Axt ein gewal⸗ tiges Loch in deſſen Boden. Noch einmal ſchwang der Pirat die Axt und ein Stück Bodenpfoſte ſprang ab— erſt rauſchte das Waſſer, Blaſen ſtiegen auf und dann ſtürzten ungeſtüm die Wellen herein, und ließen dem Manne nur noch ſo viel Zeit, ſich aus den Luken auf das Verdeck, und von dieſem auf das Land zu ſchwin⸗ gen. Langſam tauchte das Boot unter, mehr und mehr verſchwanden die hohen Planken, in einem weiten Umkreiſe wälzten ſich die Gewäſſer gleich Ringen und— jetzt verſchwand es unter der Oberfläche, der Strom bildete einen Trichter, und— einige Secunden nachher ſtiegen auf der —— — 3. Stelle, wo ſich das Boot befunden hatte, Blaſen zur Höhe.—— Die Inſel, an welcher die Piraten gelandet waren, war eine der zahlreichen, welche ſich auf dem Miſſiſſippi befinden, und war ungefähr eine Stunde lang und eine Viertelſtunde breit. Der Rand war mit dichtem Geſtrüpp und Baumwollen⸗ ſprößlingen förmlich bedeckt, und dem Auge war es unmöglich, durch dieſes Dickicht zu dringen, was dieſem Schlupfwinkel der Piraten, welche hier das Panier des Raubes und Mordes aufgepflanzt hatten, ſehr zu Statten kam. Die Bande ſelbſt war ſehr zahlreich und weit verbündet in der ganzen Umgegend; ſie beſaß ſogar Agenten, welche die er⸗ beuteten Waaren verkauften. Selbſt mehrere Boote hatten dieſe Räuber zu ihrer Verfügung, und hielten dieſelben auf der Inſel ſo ſorgſam verborgen, daß ſie ſelbſt dem geübten Auge des Miſſiſſippifahrers unentdeckt blieben.—— Die Form der Inſel war länglichrund und an den Enden abgeſtumpft. Sie war durch Anhäu⸗ fung von den für den Miſſiſſippi⸗Schiffer ſo ge⸗ 70 fährlichen Baumſtämmen, und durch die verſenkten Wraks manches erbeuteten Bootes unzugänglich geworden. Nur an einer den Räubern bekannten Stelle konnte man landen. Ihres verderblichen Aus⸗ ſehens wegen zeigten daher die vorüberfahrenden Fahrzeuge nie Luſt zu einer Landung an ihr und entfernten ſich im Gegentheil ſo weit ſie nur konn⸗ ten, von ihren Uferm Die Mitte der Inſel bildete ein Thal, in wel⸗ chem ſich Blockhäuſer befanden. Die Zahl der Mannſchaft belief ſich auf ſiebzig und das Com⸗ mando führte Kapitän Hardy, ein junger, ent⸗ ſchloſſener Mann, und Tim hatte den Grad, wel⸗ chen die Soldaten als Corporal bezeichnen.— Die ganze Bande war ein wildes, zuſammen⸗ gewürfeltes Corps, welches ſich nicht geſcheut hätte, nach dem Ausſpruche des würdigen Herrn Tim nden Teufel aus der Hölle zu holen“ und doch waren Alle überzeugt, daß ſie eher von dieſem ge⸗ holt würden.—— Wenden wir uns von dieſer Schreckensſcene ab, und machen wir einen Beſuch unſern Kranken: 71 Werner und Zamor.— Der endlich herbeigekom⸗ mene Arzt fand den Zuſtand des erſtern ziemlich bedenklich und befahl ihn der beſondern Pflege ſeiner Umgebung. Die Gräfin that Alles was in ihren Kräften ſtand und vertraute ihn, wenn ſie. nicht anweſend ſein konnte, der Obhut eines ihrer gewiſſenhafteſten Diener an. Erſt nach einigen Tagen kam Werner wieder zum vollſtändigen Be⸗ wußtſein, und ſah ſich in einem ſehr eleganten Zimmer, deſſen geſchlofſene denedachänge über Alles ein wohlthuendes Düſter verbreiteten. An ſeiner Seite ſtand die ſtolze, ſchöne Geſtalt der Gräfin, welche ihm liebreich ins Auge ſchaute, und der es Mühe zu koſten ſchien, eine Frage nach ſeinem Befinden zu unterdrücken, um ihn nicht etwa unnöthiger Weiſe aufzuregen. Ihre kleine Hand ſtrich dagegen leiſe über ſeine Stirne und erneuerte dann die Binde um die Wunde am Schulterblatt. Dann entfernte ſie ſich geräuſchlos über den Parquetfußboden hingleitend. An ihre Stelle trat der erwähnte Diener und empfahl Werner theilnehmend die größte Ruhe, um den Verband nicht aus ſeiner Lage zu bringen. Werner 72 leiſtete Folge, und über die ſeltſame Verwandlung von Ort und Zuſtand nachdenkend, ſchlief er, im⸗ mer noch matt und ſehr entkräftet, bald ein. Es vergingen wiederum einige Tage, und das Befin⸗ den Werners wurde immer erfreulicher, ſo daß er längere Geſpräche mit der Gräfin, welche fort⸗ fuhr ihm die liebevollſte Pflege angedeihen zu laſſen, führen konnte. Nach Verlauf einer Woche erlaubte ihm endlich der Arzt das Bett zu ver⸗ laſſen und jetzt uh Kraft ſeiner ſtarken Natur über die Krankheit. Zamor, der bereits ganz und gar geneſen war, erheiterte ihn mit ſeinen drolligen Einfällen und verkürzte ihm die Tage, an welcher die Gräfin, die oft gezwungen war, Geſchäfte halber die Villa verlaſſen zu müſſen, abweſend war. Doch, konnte Zamor Wernern auf die Dauer nicht genügen, er ſehnte ſich nach Beſchäf⸗ tigung, welche ihm auch bald werden ſollte. Eines Tages, als er mit der Gräfin auf der Veranda ſaß, und ihr einige intereſſante Erlebniſſe ſeiner Vergangenheit erzählte, lenkte die aufmerkſam zu⸗ hörende Frau das Geſpräch auf ſeine Zukunft. 73 Da Werner äußerte, daß er vorläufig noch keinen beſtimmten Plan für dieſelbe ſich gemacht hätte, ſchlug ſie ihm vor Adminiſtrator ihrer Güter zu werden, da ſie dieſelben immer in Aufſicht zu haben durch zeitweilige Abweſenheit verhindert wäre. Werner nahm freudig dieſes Anerbieten an, und die Gräfin wünſchte ſich Glück zu der Wahl dieſes ihr mehr und mehr intereſſant wer⸗ denden jungen, ſchönen Mannes. Unſer Held bekam⸗eine prachtvolle Wohnung, mit allem erdenklichen Comfort angewieſen, und Zamor blieb ſein Diener und Freund.— Auf ſchnellem Roſſe durchjagte der erſtere nun täglich die weiten Beſitzungen ſeiner Herrin, überall mit Strenge und Milde Befehle ertheilend, Nachläſ⸗ ſigkeiten rügend, Neues ſchaffend, Altes kräftigend und erhaltend. Sein Eifer erkaltete nie, wiewohl er ſich bekennen mußte, daß er dieſes nicht allein aus dem Beweggrunde der Dankbarkeit gegen die Gräfin, oder aus dem ihm angeborenen Triebe kraftvoll zu wirken und zu ſchaffen that, nein, eine feurige Gluth erfüllte ihn, jener Frau mit den ſchönen, langen, ſchwarzen Locken und den Liebe verheißenden Blicken, welche ſo hilf⸗ reich an ſeinem Siechbette geſtanden hatte, zu gefallen.— Bechstes Kapitel. Vor Millners Farm ſtanden fünf Männer, es waren der alte Millner, ſein Sohn, Panther⸗ fuß, Werner und Zamor, welche von der Jagd zurückgekehrt ſind und nun einen Grog brauen laſſen, um nach den Anſtrengungen derſelben ſich bene ſein zu laſſen. Werner hatte in ſeiner Stel⸗ lung oft Gelegenheit gehabt, mit Nachbar Millner zuſammen zu kommen und hatte ihn ſeines Charak⸗ ters wegen hoch ſchätzen gelernt. Nach mehren Beſuchen in der Farm fühlte er ſich ſo von dieſen liebenswürdigen Landsleuten angezogen, daß er oft die Woche zwei⸗ bis dreimal bei ihnen einſprach und auch mit größter Herzlichkeit von ihnen auf⸗ genommen wurde. Der Alte war ein echter Deut⸗ ſcher; treu, brav und aufrichtig benahm er ſich 76 gegen Jeden. William iſt das Abbild ſeines Va⸗ ters, nur etwas mehr amerikaniſirt, indem er in ſeinen Entſchlüſſen ſchneller, aber zugleich kalt⸗ blütig iſt.— Pantherfuß iſt wohl der näheren Beſchreibung werth, zumal er einer der letzten jener Stämme iſt, die ſich in ihrem Starrſinn gegen die Cultur ſelbſt aufgerieben haben, und deßhalb meiſtens untergegangen ſind. Die noch exiſtiren⸗ den Indianer ſind meiſtens Laſtträger, zu deren Beſchäftigung ſie aber öfters zu faul ſind, weil ſie durchaus nur zum Jagen und Kriegführen Neigung haben und ſich nicht an eine regelmäßige Arbeit gewöhnen können. Meiſtens leben ſie vom Steh⸗ len, ſobald ſie ſich in der Nähe von Städten auf⸗ halten, und zu dieſer Beſchäftigung zeigen ſie eine ſehr ausgebildete Verſtandeskraft, indem ſie ihre Diebſtähle mit der größten Liſt und Gewandheit ausführen.— Doch zurück zu Pantherfuß, der eine Ausnahme von der Regel, offen, ehrlich und treu, dabei aber verſchloſſenen, düſteren Cha⸗ rakters iſt. Seine Geſtalt iſt hoch und ſeine Mus⸗ keln ſpielen unter der rothen, reinlichen und be⸗ malten Haut mit ſtählerner Elaſticität, die ſich in „ — 8 77 allen ſeinen Bewegungen kund giebt. Er ſpricht wenig, aber was er ſpricht, iſt bedeutend, und ſein Engliſch iſt gebrochen und ſchlecht. Werner und Zamor kennen wir und es iſt nur noch zu ſagen, daß Letzterer ungefähr ſich in den zwanziger Jah⸗ ren befindet und nicht ein Neger von jener Race mit der gedrückten platten Naſe, den herausſtehen⸗ den Backenknochen und den aufgeworfenen Lippen iſt, ſondern einer angehört, welche ſich ſogar dem arabiſchen Geſichtsſchnitte nähert.——— Dieſe fünf Männer waren eben angekommen. Das erlegte Wild hing an Haken, welche zu dieſem Gebrauche an dem Hauſe angebracht waren und die Hunde wurden winſelnd von zwei Negern hin⸗ ter einen Verſchlag gezogen, wo ſie ihr Freſſen fanden. Jetzt ſetzten ſich die Männer auf die Bank nieder, nur Pantherfuß breitete ſeine Decke aus und ließ ſich darauf nieder.— Eva erſchien in der Thüre, ihr Blick fiel auf Werner und die beiden jungen Leute errötheten, ſo daß ein aufmerkſamer Beobachter hätte eine ge⸗ wiſſe Vertraulichkeit der Beiden entdecken können. Eva war achtzehn Jahre alt. Ihr Geſicht glich 78 dem einer Madonna, die unſer Dürer ſo voll Sanftmuth und Milde malte. Ihre Augen ſind blau wie die Cyane und ihr Haar, welches einfach geſcheitelt iſt, iſt blond. Ihre Bewegungen ſind graziös und anmuthig, und ihre Sprache weich und wohlklingend.— Als Werner ſie zum erſten Male geſehen hatte, war er entzückt über die ſanfte Schönheit dieſer lieblichen Blume der Wildniß. Nur immer ſie zu bewundern war ſein innigſter Wunſch, ſie aber zu pflücken däuchte ihm ein Ver⸗ brechen. Hatte die Gräfin eine ungeſtüme Gluth in ſeinem Herzen erregt, ſo hatte dagegen der An⸗ blick Eva's ihn mit einem ſtillwonnigen, faſt an⸗ dächtigen Gefühle beſeelt. Seine Geſpräche mit ihr waren daher nur rein gemüthlicher Natur und frei von allen leiden⸗ ſchaftlichen Aeußerungen. Aber was ſeine Worte verſchwiegen, das ſagten ſeine Augen, und kündete der ſanfte aber verweilende Druck ſeiner Hand.— Eva begrüßte ihn herzlich und ſetzte ſich mit auf die Bank. n „Mord und Todtſchlag!“ rief plötzlich William, welcher ein Zeitungsblatt aus der Taſche genom⸗ men und flüchtig darin geleſen hatte.— „Was haſt du, Will?“ ſagte der Alte welcher ſeine Pfeife wieder angebrannt hatte, deren Wolken ſich um ſein Haupt kräuſelten. „Mord und Todtſchlag! Vater! Hier ſteht es. Es ſind wieder mehrere Leichen in Point⸗Coupée angeſchwemmt worden, deren Beſichtigung ergeben hat, daß ſie nicht ertrunken, ſondern durch die Ku⸗ gel oder durch die Meſſer gefallen ſind.— „Ich weiß es ganz genau“, berichtete Zamor. „Du weißt's, Schwarzer?— Was weißtdu?— fragte Pantherfuß und ſtreichelte den zahmen Pan⸗ ther, der zu ſeinen Füßen lag. „Das Schiff, auf dem ich gefahren bin, wurde überfallen“— erzählte Zamor und fühlte ſich am Arme krampfhaft gepackt. Der Indianer hatte zu⸗ gefaßt und ſchaute ihn mit ſtarren Augen an.— „Erzähle!“— rief er und ließ Zamors Arm los, welcher glaubte, daß er ſich in einem Schraub⸗ ſtock befunden hätte. „Ich will erzählen! Ich bin gefahren mit mei⸗ 80 nem frühern Henun von dem ich meinen Freibrief habe, auf einmal— „Du ſagſt nicht, wo es war“— unterbrach die Rothhaut den Schwarzen. „Ich weiß nicht!— Auf einmal— auf einmal kam ein andres Schiff und— ich fiel aus Ver⸗ ſehen hinunter in's Boot— haſt du mich verſtan⸗ den?“— Pantherfuß nickte mit dem Haupte.— Zamor fuhr fort: A. „Und oben kämpften und machten ſie ſich ein⸗ ander todt! Ich konnte nicht hinauf, ich hörte meinen Herrn ſchreien— ich ſtemmte mich gegen die Lucken⸗ thür, aber es mußte ein Faß oben drauf ſtehen und das Blut lief zwiſchen den Brettern durch aui meinen Kopf.“— Zamor ſchwieg, die Erinnerung malte ihm den Augenblick und er ballte krampfhaft die Hände, während Pantherfuß ſeinen Panther in die Ohren knipp, ein Zeichen, daß der Zorn in ihm erwachte. „Und?“— fragte letzterer mit verbiſſenem Un⸗ muth. —— ⸗ℳ;⸗ℳ⸗—--— „Dann rannte das Schiff auf und Werner ret⸗ tete mich!“— Zamor ſah nach ſeinem Retter mit einem Blick voll Dank und Liebe, welcher ihm nicht erwiedert werden konnte, indem Werner mit Eva leiſe ſprach, da William und ſein Vater auf einige Minuten ins Haus gegangen waren.— Plötzlich rief der alte Millner: „Herein, Kinder! Herein! Vergeßt jetzt die traurigen Geſchichten.Er iſt fertig!“ Mit dem„er“ meinte er den Grog, welcher unter der Obhut Williams von einem Negermädchen ge⸗ braut worden war, und die Männer folgten der Einladung. Werner drückte Eva die Hand; dieſe erwiederte den Druck, und jener war glücklich.— Die Geſellſchaft ſetzte ſich um den Tiſch; aus jedem Geſicht leuchtete Glück, Friede und Zufriedenheit und Pantherfuß beſonders betrachtete mit glück⸗ lichem Blicke die große Grogterrine, aus der der aromatiſche Duft der Incredienzen ſtieg, und das Zimmer mit ſeinem gaumenkitzelnden Geruch füllte. Königin der Flußpiraten. I. 6 82 Die Gläſer wurden gefüllt und geleert, und jede Zunge wurde nach und nach geläufiger als ſie ſonſt war.— „Unſer Deutſchland lebe!“ rief der alte Millner, erhob das Glas und ſeine Stimme klang ſo voll, ſo ſtark aus ſeiner breiten Bruſt, die ſchon in die ſechzig Jahre geathmet hatte. „Es lebe!“ ſtimmte Werner ein und ſämmt⸗ liche Gläſer klirrten und klangen zu dem Wunſche, den Pantherfuß beſonders dadurch bekräftigte, daß er ſein Glas bis auf den Grund leerte. Alle tranken auf„Du“ und ein deutſcher ge⸗ müthlicher Geiſt ſchwebte über der Geſellſchaft. „Wie kamſt du nach Amerika?“— fragte William Werner, welcher mit den Augen an dem blühenden Angeſicht Eva's hing. „Erzählt, wenn ihr wollt, warum ihr hier herüber kamet?“ fragte auch jetzt Eva und ſchlug das Zögern Werners nieder, der, als ſie zu ihm ſprach, lächelnd das Haupt hob, das er, vielleicht von unangenehmen Erinnerungen beſchwert, ge⸗ ſenkt hatte.— 8 34 „Meine Geſchichte iſt einfach, ſehr einfach!“ —— — 9 — murmelte er, indem er mit der Hand über die Augen ſtrich, denn er dachte an ſeine verſtorbene Mutter.— „Vorwärts“„ruf ich mit einem der größten Deutſchen!“ ermunterte nochmals der Alte. „Nun ja!— Ich bin ein geborener Holſteiner, die ihrem Namen nach Dänen, aber dem Herzen nach echte Deutſche ſind. Ein Kind jenes Volkes, das ewig der Zankapfel der Diplomatie ſein wird, aber groß in ſeiner Treue zu Deutſchland da⸗ ſteht.—— Das Volk der Schleswiger beſchwor die Sonne der Freiheit empor und mit den Waffen in der Hand ſuchte es ſich von dem Zwange des däniſchen Joches frei zu machen. Mein Vater war Soldat, er war Sergeant und einer der erſten, die die Fahne der Freiheit aufpflanzten. Ich war fünfzehn Jahre alt, und glühte in demſelben Grade für unſre Rechte als mein Vater. Ich wünſchte Soldat zu ſein— aber meine Jugend verwehrte mir den Eintritt in die Reihen der Vaterlands⸗ kämpfer, die von Siege zu Siege flogen. Deutſch⸗ land ſtand kräftig bei, Baiern, Sachſen und Han⸗ noveraner fochten wie für ihr eigenes Vaterland 6* 84 und nur ein deutſcher Staat— doch ſtill davon, die Weltgeſchichte iſt das Weltgericht, das Jahr⸗ hundert hat über ihn geurtheilt und die Sache wurde beigelegt. Schleswig⸗Holſtein wurde wieder Knecht des Dänen und die Patrioten mußten fliehen. Mein Vater floh mit ſeiner Familie nach Baiern und dort, mit Ruhm ſei es nachgeſagt, fand er bereitwillige Aufnahme. Ich kam auf die Münchner Akademie, um mich zum Maler auszubilden— da— fünf Jahre hatte ich ſtudirt, mehrere meiner Bilder wurden gut aufgenommen— ſtarb mein Vater, in kurzer Zeit meine Mutter. Ich verdoppelte meine Anſtrengung und meine Entbehrung, um meinen grenzenloſen Schmerz zu beſiegen und mein Daſein zu friſten. Es gelang mir auch allmählich, aber da zwang mich—“ „Was zwang dich?“ fragte Eva theilnahms⸗ voll.— Werner wurde blaß und roth und fuhr dann fort: „Ein Duell zwang mich auszuwandern. Ich kam in Amerika an, und wurde, wie es vielen geht, auf jede Art und Weiſe betrogen und um das 85 wenige Geld auf ſchändliche Art gebracht. Mittel⸗ los, wie ich nun daſtand, unterzog ich mich jeder Arbeit, ſelbſt der des Holzfällers, um nicht zu ver⸗ hungern. Da auf einem Streifzuge im Walde hatte ich, wie ihr wißt, einen Kampf mit zwei un⸗ geſchlachten Bären zu beſtehen, dem ich faſt als Opfer gefallen wäre, wenn ich nicht durch meine edle ſchöne Gräfin, der ich nun, um nicht undank⸗ bar zu erſcheinen, alle meine Kräfte weihe, vom Tode errettet worden.“ 1 Eva hatte mit ganzer Hingabe Werners Er⸗ zählung angehört. Sie beneidete die Gräfin, daß dieſelbe die Lebensretterin ihres Freundes geworden ſei und ſich dadurch den Letzteren zu ſolch warmer Dankbarkeit verpflichtet hatte. „Das würde jeder andere auch gethan haben!“ verſetzte ſie, ohne wie die Gräfin gleich Erkennt⸗ lichkeit dafür zu fordern und Euch mit der Inſpec⸗ tion ihres Gutes zu beauftragen.“ „Ja, aber— ſagte Werner. „Kind, das verſtehſt du nicht, bei der heiligen 86 Jungfrau!“ erklärte der Alte;„wenn ſie aber nun in dieſem Augenblicke nicht gekommen wäre! Was?“ „Ja! dann— u flüſterte das Mädchen. „Ja dann wär er mit Haut und Haar ge⸗ freſſen worden, ſag' ich dir!“— polterte haſtig der Vater und blies wild eine Dampfwolke vor ſich hin. Eva bemeiſterte ihre neidiſche, faſt eiferſüchtige Regung und freute ſich mit den Uebrigen, daß ihr lieber Gaſt einem ſolchen ſchrecklichen Tode ent⸗ gangen war. Es war ſpät geworden und Werner und Zamor trennten ſich von der ihnen ſo lieb gewor⸗ denen Familie und traten den Heimweg nach der Villa der Gräfin an. Schweigſam ſchritten ſie neben einander her. Beide dachten vielleicht an ihre Heimath. Zamor an die gewaltigen Töne des afrikaniſchen Kriegs⸗ hornes, das mächtig durch die Thäler erklingt und an das ſchwarze Liebchen und Werner an 87 das wie wohl politiſch machtloſe, aber an Ge⸗ müthlichkeit, Treue und ſchöner Sitte ſo reiche Deutſchland, deſſen Geiſt ihm eben, weit entfernt im tiefen Urwalde Amerikas, ſein Herz erhoben und beſeligt hatte. Biebentes Kapitel. Als Zamor und Werner vor der Villa an⸗ kamen, welche feſtlich hell erleuchtet war, hielt ein kleiner Wagen mit einem Schimmelgeſpann vor der Thüre. Das Gefährt ſchien in dieſem Augen⸗ blicke erſt angekommen zu ſein, denn die Gräfin, welche, wie ſie Wernern berichtet hatte, auf die Farm eines befreundeten Kaufmannes und Pflan⸗ zers hatte verreiſen wollen, war wieder zurückge⸗ kommen und ſaß noch im Wagen. Sie hatte ſich in einen großen Mantel gehüllt und bemerkte Wernern, welcher an den Schlag trat, um ſie zu begrüßen, nicht eher, als bis dieſer ſchon mehrere Worte ge⸗ ſprochen hatte.— „Ah, Werner!— Ich dachte eben an Sie, in 89 Folge deſſen Sie gewiß meine Unachtſamkeit ent⸗ ſchuldigen werden!“— Bei dieſen Worten glänzten ihre Augen in einem unbeſchreiblich zärtlichen Feuer, und ſie zog die Mantille, welche von ſchwarzer Farbe und mit langen ebenſofarbigen Spitzen beſetzt war, von ihrem reizenden Antlitz, das etwas bleicher wie gewöhnlich von den ſchwarzen Locken, deren Elaſticität auf der Reiſe verſchwunden war, um⸗ rahmt wurde.* „Für mich ſehr ſchmeichelhaft, Miſſis!“ ent⸗ gegnete Werner in froſtigem Tone, deſſen Ge⸗ danken bei Eva weilten, und reichte ihr die Hand, um bei dem Ausſteigen behilflich zu ſein. „Nicht zu cermoniell, ich habe das nicht gern, ich liebe an einem Manne eher das Ungebundene und Freie. Vorgeſtern traten Sie viel kecker gegen mich auf und ich hoffe doch nicht, daß Ihnen etwas⸗ in meinem Hauſe mißfällt. Wo waren Sie dieſen Abend?“— „Beim Farmer Millner, Miſſis!“— „So, ſo! ich denke doch nicht, daß dieſe Leute — a e 5 ò Sie zu einen Frommen machen werden! Apropos, aus wie viel Mitgliedern beſteht dieſe Familie?“— „Dem Vater, Sohn und—“ Werner zögerte etwas und fuhr ſich ſchnell mit der Hand über die Stirn, während ihn die Gräfin fixirte. „Und?“ fragte die Gräfin gedehnt. „Und einer Tochter!“— ſetzte er ſchnell und unverſtändlich hinzu. Die Gräfin machte keinen Gebrauch von ſeiner Höflichkeit beim Ausſteigen, ſondern ſchob ſeine Hand weg, bedankte ſich und ſprang leichtfüßig auf den Boden. Sie ſchob ihren Arm ſchnell unter den Werners und ging in deſſen Geleit die Treppe hinauf. Hier angekommen wollte ſich Werner verab⸗ ſchieden, aber die Gräfin hielt ihn am Arme und warf einen bezaubernden Blick in ſeine Augen. „Sie wollen ſchon gehen“— ſagte ſie.— Ich bin ungewöhnlich munter, und mein von dem Fah⸗ ren aufgeregtes Blut will mich nicht ſchlafen laſ⸗ ſen. Darum ſchlag' ich Ihnen vor, in mein kleines Zimmer mitzukommen, in dem wir beide noch eine Stunde plaudern wollen. Aber halt— ſetzte ſie 93 Ecktiſchchen“— klangen plötzlich die Worte der Grä⸗ fin aus dem Boudoir. Werner ſtand auf und zündete ſich eine der Cigarren an, deren feiner Duft ſich in die Höhe kräuſelte und in dem Dampfe, welcher bezaubert ſchien, zeichnete ſich das liebliche Geſicht der Gräſin——————— Werner ſtarrte nach der Thüre,, durch die die Gräfin verſchwunden war, plötzlich rauſchte der Vorhang—er ſchien geblendet zu werden, er glaubte zu träumen und doch war es Wirklichkeit— die Gräfin erſchien in dem reizendſten Coſtüm. Die lächelnde Dame ſchaute auf Werner hin, welcher von ihrem Anblick trunken ſchien. Ein blen⸗ dend weißes, einfaches Kleid umſchloß die ſchlan⸗ ken Glieder und den ſchwanenweißen Hals, die ſchwarzen Locken fielen auf die Schulter und in das Haar waren die Blüthen des mmergrüns eingeflochten.— „Nun“— ſagte ſie und ließ ſich neben Werner nieder. 3 5 Ein„Ach, wie ſchön!“ entſchlüpfte unwillkür⸗ 94 lich ſeinem Mund und eine leichte feine Röthe färbte ſeine Wangen. „Erlauben Sie! noch einen Augenblick“— ſie ſtand auf, ſtellte mehrere Champagnergläſer und Flaſchen auf den Tiſch, holte die Cigarettenſtel⸗ lage und brannte ſich zu dem immer mehr ſteigen⸗ den Staunen Werners eine Cigarre an, indem ſie ſich neben ihn ſetzte. „Trinken Sie— trinken Sie!“— ſagte ſie haſtig und er ließ den Inhalt eines Glaſes ver⸗ ſchwinden. „Sie ſind bezaubernd, bei allen Heiligen!“— phantaſirte Werner—„bei Gott in dieſem Augen⸗ blick ſchöner wie Eva!“— „Ach! wie die Farmerstochter! meinen Sie“— verſetzte ſie und ihre kleine Oberlippe kräuſelte ſich, indem ſie ihm einen blitzenden Blick zu⸗ warf.— „Ja!“— entgegnete er und ergriff ſein Glas, während das Blut in ihm kreiſte und brauſte wie ſchäumender Moſt.—— Sie trank fleißig und ſchien den jungen Mann mit den Augen zu fragen. Ihr Mund floß über 4 95 von neckenden Worten und er entgegnete in dem⸗ ſelben Tone, der einen eigenthümlichen Charakter annahm. Es wurde ihm ſiedend heiß an der Seite dieſer ſchönen Frau, welche bei allem ihren äthe⸗ riſchen Weſen ebenſo trank und rauchte wie er. Dieſes war eben das Pikante, das Reizende, und eine Stunde verfloß gleich einigen Minuten.— Plötzlich ſank ſie in die Kiſſen zurück und um⸗ ſchlang mit ihrem weißen Arm Werners Nacken. Er fühlte das Pulſiren ihres Herzens und er drückte in jugendlichem Feuer einen Kuß auf ihren Mund. Sie erwiederte ihn und— Werner machte ſich ſchnell aus ihrem Arme los, ſprang auf und holte tief Athem.— „Frei!“— lispelte er, küßte ſie auf die Stirn und ſtürzte zur Thür hinaus.———— Betroffen ſchaute ihm die Gräfin nach, ſie wurde bleicher und ſprang auf. Ihr kleiner Fuß ſtampfte unwillig den Boden, ihre Hand löſte die Locken und ſie warf das Köpfchen in den Nacken. „Er liebt mich!“— murmelte die ſchöne Gräfin—„aber er iſt ſcheu und furchtſam, der Schelm, der mir eine ſo tiefe Leidenſchaft einzu⸗ flößen vermochte. Aber ich werde ſiegen, bei meinem Tod, ich werde ſiegen!“—— Sie ſchellte ihrem Kammermädchen, welches eil⸗ fertig erſchien und das ſie beim Auskleiden über Eva Millner befragte. Sie war eiferſüchtig und in einem ſo hohen Grade, daß ſie bei dem bloßen Gedanken, es könnte ſich Jemand zwiſchen ſie und Wernern ſtellen, zitterte.—— Werner war auf ſein Zimmer geeilt. Ein wol⸗ lüſtiges Feuer brannte noch immer in ſeinen Adern und nur nach und nach ſtellte ſich die Harmonie ſeines Geiſtes wieder her. Bei ſcharfer Sebſt⸗ prüfung mußte er ſich nun geſtehen, daß die in⸗ tereſſante Erſcheinung der Gräfin ihn zu dem Wunſche ihr zu gefallen getrieben habe, und daß dieſer durch die öftere Abweſenheit wie durch eine, wie wohl es ihm erſchien, abſichtliche Zurückhal⸗ tung ſeiner Herrin der Keim zu einer leidenſchaft⸗ lichen Neigung zu ihr wurde; daß er gewagt hatte, ihr ſtatt mit der Ergebenheit eines Dieners mit der Ritterlichkeit eines Liebhabers zu nahen, Bräfin ſich weit williger in ſein Benehmen gefügt, als er erwartet hatte, ja daß ſie nicht 97 angeſtanden habe, ihm auf eine ſo heftige, leiden⸗ ſchaftliche, faſt rein ſinnliche Art bemerkbar zu machen, daß er wieder geliebt werde, daß er etwas dadurch verſtimmt wurde, weil er ſie einer idealern Liebe fähig geglaubt hatte. Als er nun das holde liebe Mädchen, die ſtille züchtige Eva kennen ge⸗ lernt hatte, verblaßte allerdings das Bild der ſchönen Tochter des Genuſſes immer mehr und mehr, doch konnte er nicht umhin, jedoch mit größerer Mäßigung mit der Gräfin auf galante Weiſe zu verkehren. In ſeinem Herzen rang verſtrickende Sinnlichkeit mit edler, erhebender Liebe, welche nach dem heutigen Vorfall als Siegerin aus dem Kampfe hervorging, wiewohl es noch wollüſtige Zuckungen durchbebten. Noch lange ſah man in Werners Zimmer Licht. Seine Gedanken ſchwebten hinüber zu der geliebten Blume des Urwaldes und woben Pläne einer freundlichen Zukunft.— Königin der Flußpiraten. I. Achtes Kapitel. Point Coupée und Francisvill liegen ſich, durch den Miſſiſſippi getrennt, ſchräg gegenüber und eine Dampffähre trägt ihre Paſſagiere hin⸗ über und herüber. Erſtere Stadt iſt etwas größer als letztere und darum auch mehr frequentirt und doch findet man öfters viel Leute vom jenſeitigen Ufer hier, weil ſ ſie meinen billiger einzukaufen; aber unter uns geſagt, iſt es in beiden Städtchen theuer.— Um die Zeit, in welche die Erzählung fällt, war es in Piemontsville belebter als bei ſei⸗ nem Nachbar, denn eine Eiſenbahn wurde gebaut und die Arbeiter derſelben ließen ihren Lohn in den Schenken aufgehen, trieben ihr Weſen bis in die Nacht, ja zuweilen noch ſpäter, ſo daß ſie öfters mit dem Aufgang der Sonne aus den Schenken kamen. Die Conſtabler hatten vollauf zu thun, weil dieſe Arbeiter ein rüdes, rohes und unverſchämtes Volk waren und zu denen noch die Holzſchläger, die unter Werners Leitung geſtanden hatten, kamen, welche auch hier ihre Feiertage feierten. Täglich gab es blutige Schlägereien zwiſchen den Eiſen⸗ bahnarbeitern und den Matroſen, welche ſich hier aufhielten und ihre Stärke in großen blutigen Löchern, die ſie ihren Feinden in den Kopf ſchlugen, bewieſen. Und ſo war⸗es denn eine Zeitlang Ge⸗ brauch, daß jeden Abend die Arbeiter ſich pünkt⸗ lich nach ihrer Arbeit an dem Strande einfanden, wo ſie von den Matroſen erwartet und tüchtig durchgewammſt oder letztere von erſtern durchge⸗ hauen wurden. Dieſe Prügeleien ſchienen förmlich eine Motion der beiden Corps auszumachen und kein Tag verſtrich, wo nicht mehrere von beiden Parteien einige Unzen Blut verloren hatte. Doch wir wollen einer ſolchen Schlägerei beiwohnen.— Es wird Abend. Am Strande liegen eine Menge Boote, auf denen ſich erwartungsvoll die Matroſen aufgeſtellt haben. Halt! jetzt läuten ſie auf dem Eiſenbahnbaue zum Feierabend, dieſe 7* 100 Glocke iſt das Zeichen, daß binnen einer halben Stunde die Arbeiter ſich mit ihren eiſernen Fäuſten einſtellen werden.— Richtig ein lautes Geſchrei tönt von dem Hügel herab, auf dem Francisvill erbaut iſt und in Kurzem wälzt ſich eine Colonne Männer, prügelſchwingend herunter an den Strom. Während dieſer Zeit ſind auch Matroſen ans Land geſtiegen und man bemerkt in ihren Händen tüch⸗ tige Stücke Holz, mit denen ſie einen Ochſen todt⸗ ſchlagen könnten.— Das Plänkeln beginnt, Redens⸗ arten, Flüche und andere ſchöne Worte fliegen von einer Partei zur andern, bis ſich zuletzt gar ein Stein unter die geſchleuderten Schimpfwörter verirrt.— Der Stein hat einen Matroſen getroffen; mit Wuthgeſchrei ſtürzen die Parteien gegeneinander, hocherhobenen Knüttels und mit Gebrüll— jetzt werden ſie an einander prellen— jetzt— halt— was iſt das, nur einige Schritte entfernt bleiben ſie ſtehen und brüllen und ſchimpfen.— Eine hohe, dunkle Geſtalt ſteht zwiſchen den Parteien, ſie iſt in eine große Decke gehüllt und eine doppelläufige Büchſe wiegt ſie in den Händen. 101— Zu ihren Füßen krümmt und windet ſich ein Thier, aus deſſen Kopf zwei feurige Augen glühen, es iſt ein Panther und die Geſtalt der Indianer Pan⸗ therfuß. „God dam! Verdammter Geſelle, wir werden dich zu Brei ſchlagen und an den Arzeneimann verkaufen!“— ſchreit ein Matroſe dem wie eine Säule daſtehenden Indianer zu. „Ich zerbreche dir die Knochen im Leibe ein⸗ zeln!“ ein anderer. 4 „Hol' mich der Schwarze! er ſteht da wie ein Maſt und rührt ſich nicht! Marſch fort, verfluchter Landkrebs!“— knirſcht ein dritter Matroſe. „Was hat dieſer Hund zwiſchen uns zu laufen, wenn wir uns ſchmeißen wollen, god damnet! flucht ein Arbeiter und ſtreckt ſeinen Arm aus, den er aber bei einem leiſen Schnurren des Panthers— haſtig zurückzieht. „Ich bin gekommen des Weges, ruhig und ſtill, was kann der Indianer dafür, daß er zwiſchen Streitende kam!“— antwortete kalt und ruhig Pantherfuß in tiefem Tone. „Ha was dal was zwiſchen die Zähne kommt, —— 102 wird gekaut, das merke dir, Bürſchchen, oder ich breche dir das Genick!“— tobt ein rieſiger Ameri⸗ kaner. „So thuts!“— entgegnete der Indianer in ziſchendem Tone, hob aber dabei die Büchſe und der Panther zu ſeinen Füßen ſtieß ein Geheul aus. Bei den Tönen des Thieres traten alle unwill⸗ kürlich einen Schritt zurück, denn das Thier kauerte ſich wie zum Sprunge zuſammen und ringelte den Schweif. „Schlagt ihn todt! Schlagt ihn todt, den Pökel⸗ hering!“. „Mord und Brand, hängt ihn an den nächſten Baum!“ „So thuts!“— ſagte Pantherfuß noch ein⸗ mal—„wenn ihr könnt!“— „Faßt ihn! Ihr fürchtet euch doch nicht vor der Büffelhaut! Hierher! Vorwärts!“ ſchrie ein langer Matroſe und der ganze Haufen, Arbeiter und Matroſen, hoben ihre Knüttel, Meſſer blitzten und wurden geſchwungen— plötzlich drängt ſich ein jugendlicher Mann durch das Gewohe und ſtellte ſich vor den ſchußfertigen Indianer. 103 „Halt, Brüder! keine Gewaltthat! Was hat ruch dieſer Mann gethan und warum wollt ihr ihn todtſchlagen?“— fragte der Angekommene mit lauter Stimme. „Er iſt uns zwiſchen die Beine gelaufen!“— „Es iſt ein Indianer.“- „Ein Hund!“— 5 o ſchrie es durcheinander, nur die Mehrzahl der Matroſen zogen ſich zurück vor dem jungen Manne, der ein Kapitän oder etwas anderes zu ſein ſchien. „Ich ſage euch, geht hier vom Platze, der Con⸗ ſtabler iſt mir auf den Hacken und—“ er konnte nicht zu Ende ſprechen, Pantherfuß war ver⸗ ſchwunden und die beiden Parteien lagen ſich in den Haaren., das Fluchen und Stöhnen, das Schlagen und Brüllen umringten den jungen Mann, der ſich mitten drin befand und zu ſeinem Schutz das breite Meſſer entblößt hatte. Er kam glücklich aus dem Haufen und die Arbeiter wurden glänzend von den Matroſen geſchlagen, die ſich nicht die Mühe nahmen die Flüchtigen zu ver⸗ folgen.— 104 Der Kampfplatz war mit Blut beſudelt und jetzt umringten die meiſten der Matroſen den jungen Mann, der faſt jedem etwas ins Ohr flüſterte, worauf ſie ſich zerſtreuten. Bald ſah ſich der Ret⸗ ter Pantherfuß's allein und ſchickte ſich zum Gehen, denn es war ſchon dunkel, als plötzlich ein Mann auf ihn zu eilte. „Ich danke euch!“ murmelte er, es war Pan⸗ therfuß. „Gar nicht nöthig, geht eure Wege!“ entgeg⸗ nete der Andere. Pantherfuß ſah etwas erſtaunt auf, wandte dem groben Mann den Rücken und verſchwand in der Dunkelheit.— Der Andere ſah ſich erſt einigemal um und eilte dann an das Ufer zu einigen Matroſen, welche dort ſtanden und ihn zu erwarten ſchienen. „Ihr habt eure Revolver?"“— fragte der junge Mann. „Jawohl,“ entgegneten einſtimmig die Ge⸗ fragten. „Well! Geht an Bord und betrinkt euch nicht. In Kurzem bin ich bei euch.“— 105 ——. „DYes, Kapitän!“ antworteten wieder die Matroſen und gingen dem Weſten zu, der Kapitän eilte nach der Stadt hinauf und glante nicht, daß jener Indiauer mit dem Panther ihm gefolgt und dieſe wenigen Worte belauſcht hatte. Berichten wir jetzt, auf welche Weiſe Panther⸗ fuß Zeuge dieſes Tumultes geworden. Dieſer war auf ſeinem Kahn herunter nach Francisvill ge⸗ kommen, um Pulver zu kaufen, welches ihm aus⸗ gegangen war. In einer Schenke hatte er den jungen Kapitän getroffen, welcher ſich einigen Kaufleuten als Steuermann anbot und doch Kapi⸗ tän ſich nennen ließ. Sein Benehmen kam dem ſchlauen Indianer verdächtig vor und darum hegte er, er wußte ſelbſt nicht was für einen Verdacht und beſchloß dem Kapitän zu folgen. Zum Unglück kam er mit jenen Matroſen und Arbeitern in Colliſion, als plötzlich ihn der Verdächtige von der wilden Schagr befreite, und ihn ſeinen Einfluß auf die Matroſen erkennen ließ, und durch dieſes ihm nur noch ver⸗ dächtiger wurde.— Seine Augen waren den Matroſen gefolgt und er merkte ſich das Boot ge⸗ nau, welches ſie beſtiegen. Nun ſchlich er an das 106 Ufer nach der Stelle, wo ſein Boot angebunden war und fuhr dieſes in die Nähe des ihn ſo ver⸗ dächtig vorkommenden großen Bootes.— In dem Schatten einer mächtigen Arche ſchaukelte ſich ſein Kahn und wer jetzt Pantherfuß geſehen hätte, mit vorgebeugtem Oberkörper und lauſchender Stel⸗ lung und zu ſeinen Füßen der Panther mit ge⸗ ſpitzten Ohren, der hätte glauben müſſen, er ſähe den Spion eines Indianertrupps, welcher einen Ueberfall wagen will.— Zwei Stunden waren ſchon dem unermüdlichen Pantherfuß verfloſſen, als er plötzlich die Stimme jenes Mannes hörte, die nach dem Boote rief.. Ungefähr noch eine halbe Stunde verging, als plötzlich der Ruf zur Abfahrt auf jenem Boote erſchallte. „Hallai! Alles an Bord?“— „Alles an Bord!“— klang es zu dem Indianer herüber. Mit dieſem Ruf bewegte auch er die Ruder und der kleine Kahn fuhr ſchnell durch die ſchäu⸗ menden, undurchſichtigen Wellen, welche große gelbe Blaſen und Giſcht an die Planken warfen.— — 106— Das Flaatboot des verdächtigen Steuermanns rauſchte erſt ein Stück nach der Mitte des Stromes dann wandte es ſich rechts und arbeitete langſam ſtromaufwärts. Dem Indianer wurde es nicht ſchwer in ſeinem leichten kleinen Fahrzeug jenem zu folgen, aber er wurde unruhig, als er nach einiger Zeit auf dem Waſſer hin lange Nebel⸗ ſtreifen gewahrte, welche für ihn ein gefährlicher Feind werden konnten, denn dieſe Streifen prophe⸗ „zeihten einen Miſſiſſippinebel, bei dem es ſchwer werden durfte dem Boote ſich ſo weit zu nähern, um nicht von ihm entdeckt zu werden, und doch alles bemerken zu können, was darauf vorging. Pantherfuß war zu genau mit den Erſchei⸗ nungen ſeines Vaterlandes bekannt, als daß er ſich nur einen Augenblick hätte täuſchen ſollen. Er beſchleunigte die Schnelligkeit ſeines Kahnes— als plötzlich ein Krach hörbar wurde und eines ſeiner Ruder brach. Der Kahn ſchuellte herum,— die Strömung ergriff und führte ihn ein großes Stück zurück, ſo daß Pantherfuß jetzt ſchon nicht mnehr das Boot ſehen konnte. Trotz aller Bemühungen konnte er den Kahn 108 — nicht wieder herumbringen und mißmuthig, aber mit der Tröſtung, daß er die Verfolgung wieder⸗ holen würde, ſteuerte er den Kahn rechts nach dem Ufer, um dort zu übernachten.— Die Wolken des Nebels waren dichter geworden, gleich einem dichten Schleier hing er über dem Strome und über den bewaldeten Ufern. Pantherfuß fuhr an einer Stelle an, zog den Kahn aus dem Waſſer, verbarg ihn unter Büſchen und ging einige Schritte in Begleitung ſeines Panthers unter den weiß⸗ ſtämmigen Nußbäumen hin. Er ſuchte einen Lagerplatz— als plötzlich eine Salve Schüſſe, zwar entfernt, aber deutlich an ſein Ohr ſchlug. Unwillkürlich kauerte er ſich ſchnell nieder, aber die Knalle wiederholten ſich nicht und er kroch ein Stück fort, um Reiſer zuſammenzuſuchen.— Pantherfuß war im Beſitz von Pulver, Stahl und einem Feuerſtein, und mit deſſen Gebrauch loderte bald ein kleines Feuer, in deſſen Wärmekreiſe er einige Maisbrode verzehrte, und von ſeinem in der Stadt gekauften Brandy koſtete.— Er legte noch einige Stücke Holz auf das Feuer, breitete die Decke aus und ſchlief ein. Neben ihm lag der Panther, legte den Kopf neben die Bruſt ſeines Herrn und ſchlief ebenfalls ein.———— Als Pantherfuß erwachte und ſich ſeine Um⸗ gebung näher anſah, gewahrte er mit Freuden, daß er ſich in der Nähe, ungefähr ſechs Meilen, von Millners Farm befand. Schnell wickelte er ſeine Decke zuſammen, freudig umkreiſte ihn das Thier und ſchlug den nächſten Weg, welchen er kannte, ein. Ungefähr zwei Meilen noch vor der Farm wurde plötzlich der Panther unruhig und kauerte ſich ſchnurrend an die Erde. Der India⸗ ner folgte dem glühenden Auge des Thieres und er erblickte einen großen Bären, welcher ſich auf dem gabelartigen Stamme eines Hikory wiegte.— Pantherfuß dachte jetzt an keine Jagd, aber er nahm ſich vor, daß wenn der Bär nicht ausreiße, er Gebrauch von dem Gewehr machen würde, wel⸗ ches aber gar nicht nöthig war, da die ſchwarze Beſtie bei der Anſicht des Indianers vom Baume ſprang und mit weiten Sätzen im Dickicht ver⸗ ſchwand. Pantherſuß befand ſich nun auf der kleinen Ebene und er erblickte ſchon Millners Farm, als 110 er zwei Geſtalten erblickte, in welchen er Werner und Eva erkannte, die auch ihn geſehen hatten und jetzt auf ihn zukamen.. „Guten Morgen, Pantherfuß!“ ſchrie Werner und winkte mit der Hand. „Guten Morgen,“ entgegnete der Indianer jetzt erſt, wo er ſich Werner gegenüber befand. „Wo biſt du ſo lange?“ fragte Eva. „Wo ich war?— Ich war in der Stadt,“ antwortete der Gefragte, indem er das hungrige Pantherthier ſtrich, das einen klagenden Laut aus⸗ ſtieß.— Das Geſpräch drehte ſich jetzt um den Bären, welchen Pantherfuß geſehen hatte und welchen ſie im Verein mit Zamor und William zu jagen be⸗ ſchloſſen, als Hufſchläge erſchallten und aus dem Walde die Gräfin auf ihrem weißen Zelter und Bill, der Verwalter, kamen.—— „Wo waren dieſe?“ fragte der Indianer haſtig. „Verreiſt!“ entgegnete Werner. Pantherfuß maß die ankommende Gräfin mit finſtern Blicken, die auf die Gruppe zugeſprengt kam und ihr Roß kurz vor Werner bäumen ließ, indem ſie mit dem Köpfchen ſchnell nickte.— Werners Augen flogen vergleichend über Eva's und der Gräfin Geſtalt weg und mit Erröthen gedachte er der Secunde, in welcher ihn die Leiden⸗ ſchaft überwältigte und er letztere küßte. Jetzt kam ihm ſeine Schwachheit doppelt ſchuldig vor, indem er bewußtlos Eva's Hand immer noch in der ſei⸗ nigen hielt.— 2 Die ſchöne Gräfin Woodeville machte ein dü⸗ ſteres Geſicht, auf dem ſich der ſchlecht verhehlte Unmuth ausſprach und ihre ſchmalen Augenbrauen zogen ſichüberihr dunkles,blitzendes Auge zuſammen. Plötzlich hellte ſich das in ſeinem Zorn immer noch ſchöne Antlitz auf, als wenn ihr ein Gedanke durch den Kopf gegangen wäre, welcher ihr den Wegzeigte, wie ſie den Schatten, der zwiſchen ihr und Werner ſchwebte, bannen könnte. „Nun, ſchönes Fräulein,“ ſagte die Gräfin zu Eva mit der Eleganz eines Dandy,„ich wünſche nicht, daß ich überraſcht habe!“ Die Wangen der Farmerstochter umzogen ſich 112 mit der Purpurgluth der Scham, denn eine Ahnung beſtätigte ihr, was die hohe Frau meinte. „Im Gegentheil, Frau Gräfin, ich bin er⸗ freut—“ Die Gräfin unterbrach die Rede des Mädchens durch einen Reitpeitſchenknall und lachte dazu, in⸗ dem ſie ſich zu Werner wendete, welcher ſchon eine ernſtere Wendung des Geſpräches erwartete, der er vorzubeugen ſuchte.— „Werner, kommen Sie jetzt mit zur Villa?“ „Nein, Frau Gräfin, ich werde einen Bären mit jagen!“ „Schon gut! Wir ſehen uns heute Abend!“ Mit den letzten Worten ſchlug die Gräfin ihr Pferd und gallopirte der Villa zu.— Aber noch einen Blick warf ſie zurück, der Eva vernichten zu wollen ſchien.—— Werner blieb über Mittag in der Farm. Za⸗ mor kam auch hierher und der Nachmittag wurde beſtimmt, den Bären aufzuſuchen.— Die vier Männer, Werner, William, Panther⸗ fuß und Zamor machten ſich auf, nachdem erſterer 4 A 4* 113 noch Eva getröſtet hatte, die ein Unglück, das ihn auf der Jagd treffen könnte, befürchtete.— Am Waldesrand ſchwenkte Werner noch ein⸗ Pmal den Hut und verſchwand dann mit ſeinen Cameraden in den Schatten des Urwaldes. Einige Stunden ſind vergangen. Die Sonne hat ſich ſchon geneigt und wirft ihre Strahlen durch die ſchwankenden Gipfel der Eichen, die Luft iſt warm und leiſe bewegt und ſpielt mit den Ranken des Strauches, die das Fenſter der Farm um⸗ rahmt. Die Zweige ſtreben nach dem Dache, aber oben ſinken ſie ohne Anhaltepunkt zurück, neigen ſich und bilden ſomit ein Dach, welches mit dunk⸗ len gelben Blüthen durchwebt iſt. Die Blätter des Strauches ſind an den Spitzen röthlich und geben den Augen eine freudige Abwechſelung. In dem duftigen Schatten ſitzt Eva; träumend ſpielt ſie mit einer Blume und ſtarrt nach dem Walde, aus deſſen Grün ihre ſchaffende Phantaſie und ihre ſtille Liebe Werner treten läßt.— Jetzt ſieht ſie ihn wieder, er lächelt und winkt mit der Hand; ſie Königin der Flußpiraten. I. 8 ſteht auf und breitet die Arme aus— es iſt ein Trugbild!— Langſam läßt ſie die Arme ſinken, zerrupft die Blume und murmelt und ſpricht für ſich— ſie betet, daß er geſund wiederkehre.— Plötzlich blickt ſie ſchnell auf, ihr Auge gewahrt eine Geſtalt, welche ſchwankend aus dem Walde tritt und ſie erkennt einen alten, ſilberlockigen Mann, der ſich äußerſt matt auf einen Stab ſtützt.— Ohne ſich zu beſinnen, ſpringt ſie auf und eilt dem Manne zu, um ihm ein Obdach an⸗ zubieten.— Sobald ſie der alte Mann gewahrt, winkt er mit der Hand, ſie beflügelt ihre Schritte und ſteht jetzt vor dem Alten, der ſie mit brechen⸗ dem Auge anblickt. Sie faßt ihn unter die Arme,— aber er winkt mit der Hand. „Was wollt Ihr?“ fragt ſie mitleidig. „Mädchen,“ antwortet er mit matter Stimme, „ich bin halb erblindet und kann dich kaum er⸗ kennen. Mein Sohn iſt nach Francisville gegangen, und will mich an dem Baum, wo er mich verließ, bei ſeiner Rückkehr wieder antreffen. Ich verließ aber den Baum, um einmal an den Strom zu 115 gehen, und kann ihn nun nicht wieder finden. Acht Meilen von hier liegt unſere Farm, der Abend bricht an und ich weiß nicht, wie ich ohne meinen Sohn nach Hauſe kommen ſoll.“ „Armer Mann,“ entgegnete mitleidig Eva, „haſt du dir vielleicht ein Kennzeichen von dem Baum gemerkt?“ „Es war ein Marienbild daran.“ „Aha!“ rief Eva und klatſchte in ihre kleinen Hände,„das iſt das Bild der Mutter Gottes, welches mein Vater dorthin geſtellt hat,— komm ſchuell, ich will dich geleiten!“ „Nur nicht ſchnell,“ flüſtert der Alte,„ich kann nicht.“ Eva greift dem Alten unter die Arme und führt ihn in das Dickicht, auf einen ſchmalen Weg, den ſie alle Morgen geht, um an jenem Marienbilde zu beten.—— Einige hundert Schritt ſind ſie gegangen— da kommen ſie auf eine freie Stelle von dichten Büſchen umgeben und inmitten ſteht ein ſtarker Baum, an welchem ein Marienbild befeſtigt iſt. „Hier habe ich ihn verlaſſen,“ ächzt der Mann. 8* 116 „Aber Euer Sohn iſt noch nicht da,“ ſagt Eva und blickt ſich um. „Ich will rufen, er iſt vielleicht nicht mehr fern,“ antwortete der Alte, indem er Eva's Arm feſter hält.. „Tom!“ ſchreit er und klammert ſich noch ſtär⸗ ker an das Mädchen.—— Plötzlich rauſchten die Büſche, drei vermummte Geſtalten ſprangen hervor, Eva wollte fliehen— aber der Alte hatte ſie gepackt— eine rauhe Hand hielt ihren Mund zu— ſie wurde ohnmächtig und fühlte nur noch, daß man ein Tuch vor ihren Mund und ihre Hände mit Stricken band. Neuntes Kapitel. „Fort!“— ſchrie Werner und ſchlug ſich mit den Händen vor das Goſicht. „Ahem“— antwortete der alte Neger, welcher auf ſeinem Lager ausgeſtreckt dalag. Sein Athem war ſchwer und keuchend, gleich der eines Kranken und die Bettdecke war mit Blut beſudelt. Bei näherer Betrachtung konnte man gewahren, daß der eine Arm des Schwarzen in zehnfache Binden gewickelt war. „Wie ſah der Alte, der ſie anpackte?“ frug Werner mit zitternder Stimme, während Zamor ihn zu tröſten ſuchte. „Ich will erſt Arzenei— eh ich erzähle!“— entgegnete der kranke Schwarze und ſtreckte ſeinen geſunden Arm nach dem dargereichten Glas Brand⸗ wein aus, welches ihm William präſentirte. Der Neger ließ mit einigen Wohlgefallen den Spiritus verſchwinden und einige Secunden hörte man nur ein dumpfes Gurgeln. „Biſt du fertig!“— fragte William den im Bette Liegenden, der mit der Zunge ſeine vom Brandwein befeuchteten Lippen ableckte. Der Schwarze nickte und warf einen Blick nach dem Tiſche, auf welchem die Flaſche ſtand. „Ich war geſtern“— erzählte der Neger— „bei den Hunden hinter dem Fang.— Da kam ein alter Mann—“ „Der Satan hole ihn!“— unterbrach William die Erzählung. „Da kam ein alter Mann und ſetzte ſich an den Rand des Maisfeldes, wißt ſchon, Miſter William, dahin auf das Feld, zu dem ihr den Samen von dem Nachbar Feller gekauft habt. Der Miſter Feller iſt jetzt nach Texas—— „Zum Teufel, Alter, du ſollſt uns von Eva erzählen“— zürnte der Sohn vom Hauſe. „Ja, ja— und Miſſis rannte hin“— fuhr der Neger fort.— 1 —— 19. „Und dann“— ſagte haſtig Werner. Und dann gingen ſie in den Wald. Da bin ich ganz leiſe hinterher geſchlichen— bis zu dem Bilde— dort rief der Alte und da bin ich gerade hingefallen.„Weiß Gott, Miſter William, auf meinen Arm bin ich gefallen und als ich aufſtand, war Miſſis fort— weit fort, ich hörte nur noch die Pferde trappeln.“— Der Schwarze hielt erſchöpft inne. „Ich binn fuhr er nach einer Pauſe fort— „dann aufgeſtanden und hinterher gerannt, bis ich ſie eingeholt hatte, ich ſah ſie ſchon, auf ein⸗ mal drehte ſich einer um und—“ Der Erzähler ſtieß ein langes Geheul und griff nach ſeiner Schulter, die ihm verwundet wor⸗ den. Er blies die Backen auf, verdrehte die Augen und murmelte etwas. „Was willſt du noch?“— fragte Zamor den Kranken. „Arzenei!“— ſtammelte er in einem kläg⸗ lichen Tone, der den Frager zwang das Verlangte zu verabreichen.— 120 „Nach welcher Richtung gingen die Schufte?“ knirſchte Werner. „Nach dem Strome zu!“— entgegnete der Neger. „Dann iſt ſie für uns verloren!“— warf Pantherfuß ein, der bisjetzt zu den Füßen des alten Millner geſeſſen hatte, der wie zerſchmettert in der Ecke ſaß. Eva war ihm über Alles ge⸗ gangen, er bevorzugte ſie zwar vor William nicht, aber ſie war es geweſen, die ihn an ſeine gute verſtorbene Frau erinnerte, welche ſie ihm theil⸗ weiſe erſetzt hatte. „Verloren!“— weinte der alte Millner, wäh⸗ rend ihm die Thränen über die rauhen Wangen ſtrömten—„verloren!— Mein liebes Kind, ſie iſt fort, komm her William, komm an meine Bruſt, du biſt das Einzige, was mir geblieben.— Oh, wenn ich ihr in die Augen ſchaute!“— Die Sprache löſte ſich in ein leiſes Schluch⸗ zen auf. „Tröſtet euch“— ſprach Zamor, dem Alten auf die Achſel klopfend—„ich und wir Alle hier werden ſie ſuchen und den Räuber tödten.“— 121 „O, wer weiß, welcher Teufel ſie entführt hat und— o ich wage den Gedanken nicht auszu⸗ ſprechen“ ſchrie Werner in verzweifeltem Tone— „laßt uns fort, wir theilen uns—“ „Wir werden uns nicht theilen, ſondern die weißen Brüder werden mit dem Neger und der Rothhaut gehen!“ warf Pantherfuß beſtimmt ein und erhob ſich von ſeinem Platze. Sein Panther leckte auf der Diele das Blut des verwundeten Schwarzen auf, der ſchon mehrmals von ſeiner Arzenei genoſſen hatte. „Was Pantherfuß ſagte, verſteht ſich von ſelbſt— wir können uns nicht theilen, denn im Falle, wir holen die Schurken ein, ſo wären ihrer zwei zu wenig, ihnen die koſtbare Beute abzu⸗ jagen“— verſetzte William, indem er die Büchſe über die Achſel warf und dann ſeinen Vater auf die Stirn küßte. „Gut! Ich bin fertig!“— ſagte auch ſeiner⸗ ſeits Zamor und Werner ſtand auf.— Einige tüchtige Schweißhunde, deren Fähigkeit ſchon mehr als einmal auf die Probe geſtellt worden war, folgten den vier Verbündeten, die mit langen 122 Schritten dem Walde zueilten, während der alte Millner ihnen ſo lange als er konnte nachſchaute und dann als er ſie nicht mehr ſehen konnte, halb⸗ ohnmächtig ſich an die Thürpfoſte lehnen mußte, um nicht umzuſinken. Millner war in die ſechszig Jahre alt, und hatte die ärgſten Strapazen bei ſeiner Einwanderung ausgehalten, die einen andern zu Grunde gerichtet hätten. Mit ſeiner Frau war er einer der erſten Anſiedler in dieſer Gegend und zu der Zeit hatte er manche Kugel den Indianern zugeſendet, welche ihm feindlich gegenüber ſtanden. Dann wurde ihm der William geboren und einige Jahre ſpäter Eva, aber die Mutter ſtarb im Wochenbett. Darum ſchon war Eva der Liebling des Vaters geweſen; dazu kam noch ihr zartes, ſchönes aber dennoch feſtes, ent⸗ ſchloſſenes Weſen, das jeden für ſie einnehmen ließ. Und jetzt traf ihn der furchtbare Schlag, die Entführung ſeiner holden Tochter, die ihn im Alter pflegen und tröſten ſollte; ſie iſt fort und vielleicht auf immer.— Er wankte ins Haus zurück und betete-— — — 123 welche unter dem Baume, an welchem das Ma⸗ donnabild ſich befindet, ſtehen, und nochmals be⸗ rathen, ob ſie zuſammen oder getheilt gehen wollen. Endlich entſchieden ſie ſich fürs Erſtere und eben wollten ſie gehen, als Pantherfuß einen falſchen grauen Bart aufhob und Werner glaubte, daß dieſer dem alten Manne angehört habe, welcher Eva ent⸗ führt. An gebrochenen Zweigen gewahrten ſie, welchen Weg die Räuber eingeſchlagen hatten. Sie gehen durch das Dickicht vorwärts, indem der Vorſatz Eva zu retten, ſie zur Eile antreibt, wäh⸗ rend aber die Aufmerkſamkeit die Spur der Räüber nicht zu verlieren, peinlich ihre Haſt zügelt.— Plötzlich bleibt Pantherfuß ſtehen, mechaniſch ſpitzt der Panther die Ohren, der Indianer hatte einen Schrei gehört, der aber zu entfernt nicht errathen ließ, was für einem Geſchöpfe die Stimme ange⸗ hörte.— Der Zug ſetzte ſich nun vorſichtiger in Bewegung und nach einigen hundert Schritten fand Pantherfuß, da er der Erſte war, ein Stück abgeriſſenes Zeug zwiſchen den Sträuchern hän⸗ gend.— Er zeigte es William und dieſer erkannte es als ein Stück von dem Kleide, welches ſie bei der Entführung getragen hatte.—— Einer der Spürhunde war der Liebling der Entführten ge⸗ weſen, dieſer wurde herbeigerufen und der junge Millner zeigte ihm den Fetzen Zeug und dann lief er ein Stück fort. Jetzt roch der Hund daran, er ſtieß ein heiſeres Geheul aus und ſprang in mäch⸗ tigen Sätzen vorwärts, er hatte das Zeug er⸗ kannt.— Die Männer folgten ſchnell dem Schweißhunde, der die Naſe am Boden haltend, winſelnd fortrannte, während die anderen Hunde ihm folgten.— Auf der etwas feuchten Erde konnte man ganz deutlich Spuren von Männer⸗ füßen und die Hufe eines Pferdes ſehen, alſo mußte Eva auf dem Roſſe geſeſſen haben. An dem Boden, der weich und lehmig wurde, bemerkten ſie, daß ſie ſich dem Strome näherten deſſen dumpfes Rauſchen man hörte.— Die Fußabdrücke auf dem Boden waren friſch und hatten noch ganz ſcharfe Formen, aus denen man ſchließen konnte, daß erſt vor einer Stunde dieſe Stelle konnte paſſirt ſein. Je näher ſie dem Strome kamen, deſto dichter 125 wurde das niedere Geſtrüpp und erlaubte gar keine Fernſicht.—— Pantherfuß ſah zuerſt das Waſſer durch die Zweige blitzen— der Spürhund war voraus ge⸗ ſprungen und bellte nach kurzer Zeit. Sie eilten hinzu und ſahen den Hund an dem Ufer einer kleinen Bucht, welche der Strom gebildet hatte. Hier hörten die Spuren auf und es war denn bis zur Gewißheit erwieſen, daß die Räuber hier ihre Beute auf ein Boot gebrucht und damit auf dem Strome entflohen waren. Dieſe Bucht eignete ſich vorzüglich zu einem kleinen Hafen, indem das Ufer ringsherum mit dichten Weiden umrahmt war. Vorn an dem Eingang welcher ſchmäler war, waren die Büſche beſonders dicht, ſo daß von dem Strom aus man die Bucht gar nicht gewahren konnte. Unter den Zweigen, Blättern und Stücken Holz, die der Strom angeſchwemmt hatte, fand Werner ein rothes Band und William erkannte dieſes als das ihres Gürtels.— Troſtlos ſtarrte Werner auf die Fluth hinaus und küßte das gefundene Band voll Inbrunſt. So hatte er doch noch wenigſtens 126 ein Andenken, eine Erinnerung an ſie, wenn ſie auf immer verloren ſein ſollte.— Doch die Hoffnung ließ er nicht ſinken, denn die Zukunft bot ihm an Eva's Seite ein zu glänzendes Bild!—— Pan⸗ therfuß ſah ſinnend vor ſich nieder, als wollte er ſich an etwas erinnern und William unterſuchte mit ſcharfen Augen die Umgegend. Werner drehte ſich jetzt ſchnell herum und zu Pantherfuß, welcher das Schloß ſeiner Büchſe unterſuchte. „Pantherfuß“— ſagte Erſterer—„wir wer⸗ den jetzt ſchnell wieder umkehren und ein Boot holen.“ „Haſt du eins?“— fragte der Indiauer. „Nein! Aber ich werde mir das der Gräfin leihen“— entgegnete der Mann in zuverſicht⸗ lichem Tone. „Von der Gräfin?“— murmelte Panther⸗ fuß in einem auffallenden Tone. „Nun ja!“— ſetzte er ſchnell hinzu— und die Männer gingen ſchnell aber traurig zurück, um ein Boot zur Verfolgung zu holen.— Zehntes Kapitel. Werner und William kamen in die Farm zu⸗ rück und meldeten dem alten Millner alles, was ſie von der Entführung Eva's entdeckt hatten, und belebten in ihm dadurch die Hoffnung, ſein gelieb⸗ tes Kind vielleicht wiederſehen zu können.— Der Alte ging, ohne ein Wort zu ſprechen, in der Stube auf und ab und küßte alle Bänder und Kleidungsſtücke, welche Eva getragen hatte. Er zauberte ſich ihre Gegenwart an das Fenſter, wo ſie ſo oft, das blühende Antlitz über eine Näharbeit gebeugt, geſeſſen hatte. Voll Ehrfurcht durchſuchte er ihre Käſtchen und Schränke, in denen ſie mit ihren kleinen roſenfarbigen Fingern gekramt hatte und das Geringſte war ihm eine Reliquie, obgleich , 128 ſie erſt einen Tag fort und noch Hoffnung vor⸗ handen war, ſie wieder zurückzuführen.— Werners Herz ward von unſäglichen Schmer⸗ zen durchwühlt und kämpfte heldenhaft die Thrä⸗ nen, die ſeinen Augen entſtürzen wollten, zurück, um den alten Millner nicht noch mehr aufzu⸗ regen.— 1 Er verließ das Zimmer und ſagte Pantherfuß 4 und William, daß er bald wiederkehren würde, und eilte mit Zamor nach der Villa, um die. Grä⸗ fin wegen ihres Bootes anzuſprechen. Werner wollte der Wohnung der Gräfin zuſchreiten, als ihm Frederick, der ſchwarze Diener, in den Weg kam und ihn zurückhielt. „Miſſis nicht da!“ ſagte der Schwarze und zeigte ſeine Zähne dem Tageslicht, welche wie Perl⸗ mutter ſpiegelten. „Nicht! Wo iſt ſie?“ fragte Werner erſchrek⸗ kend, denn in der ganzen Gegend war kein Boot aufzutreiben. „Weiß nicht, Miſter!“ entgegnete Frederick reſpectvoll und verbeugte ſich täpp. ſch. „Habt Ihr noch ein Boot?— Ihr wißt doch hier auf der Villa, daß Eva, des Farmers Toch⸗ ter, entführt worden iſt?“ ſagte der junge Mann, den die Unruhe auf glühenden Kohlen ſtehen ließ. „Weiß nicht!“ verſetzte der Schwarze grinſend . und drehte ſich herum. Werner war aufgelegt, das Kleinſte übelzu⸗ nehmen und hätte dem Schwarzen über ſein Lächeln, mit dem er ſeine Worte begleitete, eine derbe Zurechtweiſung geben können. Zamor war während der Zeit näher gekommen und dieſem er⸗ öffnete Werner, daß jene Hallunken um ſo und ſo viel Zeit Vorſprung gewönnen. Mit pochendem Herzen durcheilte er das Haus, um die andern Diener zu fragen, ſtaunend aber gewahrte er, daß kein einziger vorhanden war. Wahrſcheinlich waren ſie mit der Gräfin, welche, wie den Leſern bekannt, faſt aller acht Tage zwei⸗ mal verreiſte. Sie beſuchte, ihrem Vorgeben nach, den Kaufmann Smith, einen reichen Kaufmaffn, welcher einige Meilen ſelwäntaie eine große Pflan⸗ zung beſaß.—— Werner blieb ſinnend ſtehen; wenn er und ſeine Cameraden nicht wenigſtens in einer Stunde ein Königin der Föußpiraten. 1. 9 130 Boot bekamen, ſo war Eva für ihn auf immer ver⸗ loren. Mit dieſem für ihn ſo ſchrecklichen, quälen⸗ den Gedanken wollte er wieder hinunter eilen, als er plötzlich lachen und ſchäkern hörte. Es kam ihm vor, als wenn er Zamors Stimme vernähme und er beugte ſich um die Ecke herum. Er ſah in ein Zimmer, in welchem ſich das Kammermädchen der Gräfin befand. Zamor ſtand vor ihr, und gab ſich Mühe, mit Worten und Geberden dem Mäd⸗ chen etwas verſtändlich zu machen, welche aber über die komtſchen Geſticulationen, das ernſte Weſen und die gebrochenen Worte des Negers lachte. Doch dabei ſah ſie den Zamor mit gutmeinenden Augen an, in denen ſich die Genugthuung für ihn ausſprach, daß ihr, wenn auch nicht der Farbe, doch der Form nach ſchöne Neger nicht mißfiele und ſie ihn gern hätte. Werner war im Begriff in das Zimmer zu gehen und Zamor Vorwürfe über ſeine Tändelei in dieſer ſo drängenden und ernſten Stunde zu machen, als es ihm ſchwarz vor den Augen wurde. Er lehnte ſich an die Wand; vor ſich hinſtarrend fühlte er, es kam ihm wenigſtens ſo vor, daß ſein 131 Geiſt nach und nach ſchwächer wurde. Er hörte nicht mehr Zamors und des Mädchens Stimme, die Gegenſtände vor ſeinen Augen wurden bleicher und formlos— da war es ihm, als wenn Alles um ihn herum verſänke, er wollte ſich an der Wand feſthalten, aber ſeine Finger fanden keinen Halt— er ſtieß einen Schrei aus— und ſank in die Arme des herbeieilenden Zamor. Er war ohnmächtig geworden. Dieſer Tag mit ſeiner Schreckensnachricht, mit ſeinen gewal⸗ tigen Anſtrengungen, hatte zu erſchütternd auf den hin und wieder noch an Nachwehen ſeiner über⸗ ſtandenen Krankheit leidenden Werner eingewirkt. In dieſem Augenblicke hörte man einen leichten Schritt auf der Treppe, Zamor ſah auf und die Gräſin ſtand vor ihm.—. Nur einen unterdrückten Schrei hörte man aus ihrem Munde, denn ſie war zu ſtark, als daß ſie hätte bei dem Anblick des halbtodten Werner, ob⸗ gleich ſie ihn bis zum Sterben liebte, eine Schwäche verrathen oder gar ohnmächtig werden ſollen.— Sie kniete nieder und umarmte ſchluchzend den jungen Mann, den Gebieter ihres Herzens, zu⸗ 9* 2⁹ 132 gleich voll einer gewiſſen Luſt, daß ſie das Haupt des Bewußtloſen an ihrer bange klopfenden und fürchtenden Bruſt bergen konnte. An ſeinem war⸗ men Athem fühlte ſie, daß ſein jugendlich ſchwellen⸗ des Leben zwar langſam, aber noch mit kräftigen Schlägen arbeitete, und wonnetrunken bot ſie ihr Geſicht dem ausſtrömenden Athem, indem ſie ein leichter, aber angenehmer Schauer überflog. Sie glaubte ſich in dieſem Moment ſo glücklich, ſo zu⸗ frieden und reich, daß ſie ihrem ärgſten Todfeind vergeben konnte Sie ſchaute Werrier ins Geſicht und muſterte den feinen Schnitt der Züge und die wachsartige, bleiche Farbe, die über dieſen Formen wie hingegoſſen lag. Plötzlich verfinſterte ſich ihr Geſicht,— ſie dachte an Eva und die Liebe, welche Werner zu jener fühlte— ſie wollte ihre Arme losmachen, da athmete er tiefer, und mit neuer Liebe, die gleich einer glühenden Kohle vom Winde zur flackernden Flamme angefacht wurde, umſchloß ſie ſeinen Nacken mit ihren blendend weißen run⸗ den Armen und küßte, unbekümmert um den da⸗ ſtehenden Zamor, den bleichen Mund des Ohn⸗ mächtigen roth. Gleich einem Wüſtenwanderer, welcher durſtig mit verſengter Haut eine Quelle findet und das klare, herzerquickende Waſſer ſchlürft, das er ſo lange entbehrt, ſo ſchien die Gräfin von dem Munde Werners friſches Leben und Kraft, Zärtlichkeit und Liebe zu ſaugen, und in dieſen Momenten verleugnete ſich ganz ihr mannbarer, allen feineren Empfindungen entfernter Charakter und ihrer Perſönlichkeit ſchien dieſes neue Aufleben in der Liebe einen neuern Reiz, eine Art Glorie ihrer Schönheit zu verleihen.—— „Miſſis,“ ſagte Zamor traurig,„wollen wir den guten Werner nicht auf ein Bett bringen?“ „Verſteht ſich! Hier kann er nicht bleiben, der liebe Mann!“ entgegnete die Gräfin und küßte Werner, der ſich immer mehr und mehr erholte. Zamor faßte Werner an und trug ihn ſanft und langſam die Treppe hinab nach dem Zimmer, welches er bewohnte. 1 Hier wurde er niedergelegt, ſeine Bruſt hob ſich wieder ſchneller und jetzt ſchlug er das Auge auf. Er ſah die Gräfin zwar ohne allen Ausdruck an, ſeine Gedanken waren noch zerſtreut, darum fühlte er nicht, daß er an dem Buſen der Gräfin, 134 welcher unter ſeinen Empfindungen wogte, lag. Mit geſenktem Haupte hatte Zamor eine Hand ſeines Freundes gefaßt und ſah zuweilen von ihm auf das ſchöne Weib zu veſſen Haupte. Sie hatte ſich über ihn gebeugt und ihre ſchönen ſchwarzen Locken fielen gleich einem bergenden Vorhang um ihr Haupt, das ſich zum Kußraube beugte und verhüllte ſo das Unternehmen des ſchönen Mundes der Gräfin.— Die tiefſte Stille herrſchte in dem Zimmer, kein Laut regte ſich, nur⸗die Athemzüge“ der drei Leute hörte man.— Plötzlich hörte man auf dem Hofe Zank, Fredericks Stimme ſchien Jemand den Eintritt in das Haus zu verwehren, dann ſchrie er laut— und die Gräfin und Zamor hörten einen flüchtigen Schritt auf der Treppe. Die Thüre wurde aufgeriſſen, Pantherfuß erſchien in derſelben, aber er prallte zurück, als er den ſchlafenden Werner in den Armen dieſes Weibes ſah, das er, er wußte ſelbſt nicht aus welchem Grunde, tödtlich haßte.— „Verloren!“ knirſchte er und drehte ſich wieder herum, nachdem er noch einmal über die Gruppe geſchaut.— Mit ſtolzen Blicken betrachtete die 135 Gräfin den Wilden, welcher nur einen Augenblick durch ſeine Gegenwart überraſchend geweſen war und ſie ſtrich mit ihrer Hand, wahrſcheinlich Pan⸗ therfußes Haß kennend, über die Wange Wer⸗ ners.—— Noch einen Blick voll unbeſchreiblichen Hohns oder Haſſes warf der Wilde auf ſie, dann ſchlug er ſeine Decke maleriſch, mit ſteifer ſtolzer Haltung des Körpers über die Schulter und entfernte ſich ohne Gruß und Wort, nur ſah er noch bedauernd auf Zamor, weil er glaubte, daß dieſer und Wer⸗ ner freiwillig hier geblieben wären.— „Bei Gott! ein frecher Menſch das!“ ziſchte die Gräfin und ihre rechte Hand ballte ſich wie zum Schlagen.„Ich will ihm ſchon Sitten lehren!“ „Was ſagtet Ihr, Miſſis?“ fragte Zamor, welcher die gemurmelten Worte der Gräfin wohl gehört hatte, aber ihren Sinn nicht auffaſſen konnte. „Ich ſagte, daß Werner mich dauere,“ ent⸗ gegnete ſie,„übrigens kann ich jetzt Deines Bei⸗ ſtandes entbehren und bitte Dich, mich mit Werner allein zu laſſen.“— Zamor ließ Werners Hand fahren und ſah in einen gegenüberhängenden Spiegel. Seine nicht allzu wolligen Haare in Ordnung bringend und ſeine Jacke zuknöpfend, ſchlich er mit einem leiſen Gruß, er glaubte daß ein ſchnelles Davongehen beleidigt hätte, fort. Kaum ſchloß ſich die Thüre hinter ihm, als er ſich horchend umſchaute, als wenn er fürchtete, auf ſeinem Wege⸗mit Jemand zuſammenzutreffen.— Eine leiſe Mädchenſtimme ſang, jetzt erhob ſich der Neger auf den Zehen und horchte mit unver⸗ kennbarer Freude der Melodie.— 1 „Ahem!“ murmelte er,„ſchön! ſchöͤn!— O wie ſchön muß ſich der Mund küſſen, der ſolche zärtliche Worte ſingen kann! Ob ſie mich lieben wird? O! Ahem!— Ich bin— ſchwarz und ihr Geſicht iſt rein wie Linnen!“— Bei dieſen Worten muſterte er ſich— aber plötzlich ſchnellte er empor, ſchnalzte mit der Zunge, und machte noch einen kühnen Sprung. Er lief den Gang hinter und blieb vor einer Thüre ſtehen, durch welche der Geſang tönte.— Zamor neigte den Kopf, ſein Auge wurde glänzender, ſein Mund verzog ſich zum Lächeln, ſo daß man ſeine ſchönen weißen Zähne ſehen konnte und er legte die eine Hand leiſe auf die Klinke. Aber drinnen mußte das Knarren der Klinke die Ankunft eines Fremden verrathen haben, denn eine klangvolle reine Stimme fragte: „Wer iſk da?“— 1 Bei dieſer Frage veränderte ſich Zamors Ge⸗ ſicht auf eine eigenthümliche Weiſe, ſein Mund, welcher lächelte, verzog ſich wehmüthig, das Auge wurde unſtäter und die Hand nur öffnete herz⸗ hafter die Thüre. Zamor ſchob ſich langſam hinein und in dieſem Augenblicke erſchien er wie ein Kind, welches irgend etwas Koſtbares zer⸗ brochen hat und vor die ſtrafende, aber dennoch geliebte Mutter tritt.— Er wagte nicht auf die Mädchengeſtalt zu ſehen, welche an dem Fenſter ſaß und mit Nähen beſchäftigt war.— „Um Gotteswillen! Was fehlt Dir denn?“ fragte das Mädchen, indem ſie ſtarr den ſchönen Neger anſah. Ihr Geſicht war ſchmal, blaß, wenn auch nicht ſchön, aber doch hübſch, und dazu beſaß ſie eine Stimme, welche gleich einem Glöckchen klang.—. „Viel! viel!“ antwortete der Gefragte und ſeine Hand zuckte unwillkürlich, denn dieſe wollte ſich auf die Stelle legen, wo das Herz ſitzt und bei Verliebten die Schmerzen ihr Weſen treiben. „Viel, ſagſt Du, Zamor? Miſter Werner iſt wohl ſehr krank?“ fragte von Neuem das Mädchen. „Ja, aber es iſt auch noch jemand Anders krank, Miß Betty!“ Das Mädchen ſchwieg, denn ſie wollte nicht fragen, wer noch krank ſei, weil ſie wußte, daß er dann mit„Ich“ geantwortet hätte.— Eine Pauſe trat ein, welche für Zamor unendlichen Reiz hatte, denn er heftete ſein feuriges Auge auf das Antlitz Betty's, als wollte er in ihre Seele ſehen. „Miß Betty,“ flüſterte er leiſe. „Was ſoll ich?“ verſetzte das Mädchen. Sie fing an ſchneller zu nähen und beugte ſich über ihre Arbeit, indem eine feine Röthe ihr Geſicht deckte. 132 „Ich muß—“ fuhr ſchirchtern Zamor fort. „Nun—“ unterbrach ihn Betty und ſah ihn groß an. Zamors Muth ſank, das hatte er nicht gehofft, daß ſie ihn bei ſeiner Anrede anſehen würde und was war das für ein Blick, als wenn ſie ſchon alles wüßte, was er ſagen wollte. Aber er faßte ſich ein Herz, trat an ſie näher heran und erhaſchte ihre Hand.— Einige Minuten wurde es ganz ſtille, manchmal zuckte die Hand Betty's, um ſich der Zamors zu entziehen, aber— „Laß mich gehen, ich muß nähen, doch wenn Du meine Hand hältſt—“ lispelte das Mädchen. „O,“ hauchte der Neger,„dann iſt's mir ſo wohl, Betty! Ich könnte Sie—“ Das Mädchen hob den Kopf ſchnell, Zamor ſenkte den ſeinigen, ſeine feurigen Lippen berührten die ihrigen, und— wie auf einen Schlag prallten ſie aus einander. Beide wußten nicht warum, wahrſcheinlich war es jenes Gefühl, das man Scham nennt, und alle zwei wie der Donner rührte.— Ihre Hand war aus der ſeinigen und Betty 149 ſah zum Fenſter hinaus, während eine brennende Röthe ihre Wangen bedeckte. Zamor ſpielte ver⸗ legen mit ſeinen Fingern, indem er dieſe alle durch⸗ einander zwängte, ſo daß ſie⸗knackten.— Nach und nach drehte ſie ſich immer mehr und mehr herum, verſtohlen verſuchte ſie ihn von der Seite anzublicken, aber— o Himmel— dieſen Blick fing er auf, ſein Auge ſog ihn ein, das Lächeln ſchwebte wieder auf ſeinen Lippen und— Betty's Hand lag wieder in der Zamors.— Von nun an entſpann ſich ein lebhafteres Ge⸗ ſpräch. In Anbetracht ſeiner Liebe zu Betty hatte er dieſe erſt immer nur Sie und Miß angeredet, aber nun hieß es„Betty, ich liebe Dich!“— O Herzen!—————— ———ęę—ę——— Elftes Kapitel. Als Pantherfuß Wernern in den Armen der Gräfin geſehen hatte eilte er nicht, nein er jagte wie ein ungeſtümes, ſchnaubendes Roß von der Villa fort, zornige Verwünſchungen ausſtoßend. Bald ſieht er die Farm, dort ſteht William an der Thür, der alte Millner ſitzt auf der Bank.— William kam auf ihn zu und fragte mit erſtick⸗ ter Stimme. „Wo iſt Werner, wo iſt Zamor?“ Pantherfußes Mund umzuckte ein leiſes Spöt⸗ teln. „Der— liegt an der Bruſt der Gräfin! „Hal ha!“ Der junge Farmer wurde bleich und fuhr ſich mit der Hand über die Stirn, als ſollten Gedanken 142 des Mißtrauens in demſelben nicht Platz greifen. Nur ein ſanftes, tonloſes„So“ entfuhr ſeinem Munde, denn er wußte von der Liebe ſeiner Schweſter zu Werner.— Williams Zutrauen ließ ſich jedoch nicht nur durch etwaige Vermuthungen erſchüttern, ſondern er verlangte Beweiſe und als er die Erzählung des Indianers hörte, wie und wo er die Gräfin und Werner und letztern in wel⸗ chem Zuſtande gefunden hatte, blieb ihm kein Zweifel, daß letzterer, von dem fürchterlichen Er⸗ eigniß und den Strapazen des Tages übermannt, unwohl geworden ſei und die Gräfin ihrem Schütz⸗ ling die ſorglichſte Hülfeleiſtung habe angedeihen laſſen. Pantherfuß jedoch blieb bei ſeiner Meinung, daß die ihm verhaßte Gräfin Wernern Liebe ein⸗ geflößt habe, und kein Beweisgrund Williams konnte ihm das jedem Indianer angeborene Miß⸗ trauen nehmen. Der alte Millner ſaß ſtumm und in ſich ge⸗ kehrt da, und nichts von dem, was um ihn vor⸗ ging, konnte ihn aus ſeinem Brüten reißen. Hin —O—Q—ę——ę—Q—C—Q—Q—QCQ—QC—C—Q—Q—Q—Q—Q—Q—C—C—C—C—Q—C—Q—C—C—O—BᷓNO—— ——Q—QOꝑ—SLꝑA—— und wieder ſtahl ſich eine heiße, ſchmerzliche Thräne aus ſeinen Augen. „O du gute Eva! Entweder ſeh' ich dich wieder oder ich ſterbe!— rief er mit herzzerreißendem Tone und ſchritt ins Haus und warf ſich auf das Lager und ſchien todmatt einzuſchlummern. Er träumte von ſeiner Eva, wie ſie ihn küßte, liebkoſte und— mit einen jähen Schrei fuhr er empor, als ihn die Wirklichkeit von dem täuſchenden Phan⸗ tome des Traumes überzeugte. William ſaß wie zarſchmettert von dem jähen Blitz des Unglücks auf der Bank, das ſchöne freie Antlitz geſenkt, die kraftvollen Arme läſſig im Schooß. „Auf, Will, auf!“ rief Pantherfuß, der dieſen An⸗ blick nicht ertragen konnte, ihm zu.„Sind wir nicht Männer, ebenſogut wie Werner, laß uns beide allein die Eva ſuchen.. Er zog ihn eine Strecke in den Wald hinein mit ſich fort. Sie kamen an das Ufer des Stromes, wo in einer kleinen Bucht der Kahn des Pantherfuß an einem Baum feſtge⸗ bunden lag. Sie entfeſſelten denſelben und ſpran⸗ gen in das kleine zerbrechliche Fahrzeug. Auf den ———— 144 von einem heftigen Winde gepeitſchten Wellen des Miſſiſſippi lag ein dichter Nebel, ſo daß man kaum eine Hand breit vor ſich etwas erkennen konnte. „Pantherfuß,“ ſagte William,„aber welche Nacht! Behüte uns der Himmel vor einem ſchwim⸗ menden Stamme, der uns ſammt dem Boote auf den kühlen Grund bettete!“ „Nein, Bruder,“ entgegnete der Indianer, „der Herr wird uns erhalten, wir ſind auf dem Wege Gutes zu thun.“) „Die Fügungen des Schickſals ſind unbegreff lich, murmelte William und er ſtarrtei in die Nacht, in der die Nebel gleich tauſenden von luftigen Ge⸗ ſpenſtern ſchwebten.— Der Wind wurde ſtärker, man hörte das Knacken gebrochener Zweige, das Geräuſch heftig bewegter Baumgipfel, das Krächzen der Eulen unnd Wetterhähne, und der Nebel ballte ſich immer dichter, immer ſtärker,— in langen Streifen wogte er auf dem Waſſer hin und her— und die Bei⸗ den mußten aufmerkſam und tüchtig arbeiten.— „Sieh den glühenden Punkt!“ ſagte Panther⸗ fuß und zeigte vor ſich hin. 145 — „Ein Dampfſchiff,“ entgegnete William. Das Waſſer rauſchte unter den Rädern des Dampfſchiffes, der Rauch puſtete zur Eſſe hinaus und von allem ſah man nichts als durch die Luken den Feuerheerd,— das Schiff brauſte vorbei, und bald hörte man nichts mehr.—— Die Fahrt war äußerſt beſchwerlich, die Waſſer ziſchten gegen die Planken und der Kahn ſchankelte wie ein vom Winde bewegtes Blatt.— „Eine ſchreckliche Nacht!“ klagte William und ſtemmte ſich mit aller Gewalt gegen das Ruder, welches herumzuſchlagen ſchien.„Ich fürchte wir fahren umſonſt, denn der Nebel ſchwindet erſt, wenn die Sonne ihr Haupt erhebt und ihre Strah⸗ len in die Dünſte wirft.— Wollen wir an⸗ legen?“— „Nein, ſo lange wir können, fahren wir. Ge⸗ rade jetzt bei ſolchem Wetter könnte Gott es fügen, daß wir die verdammten Schurken finden. Das iſt ein Nebel, den ich in meinem Leben noch nicht geſehen habe,“ verſetzte Pantherfuß und er ſteuerte ſo, daß vas Boot nach der Mitte des Stromes zuſchoß. Königin der Flußpiraten. 1. 146 „Hier könnte man im Kreiſe herumfahren, man würde es nicht merken. So verdammt dick wie Maisbrei iſt der Nebel.— Halt, Pantherfuß, ſteure nicht mehr, ich glaube wir ſind in der Mitte.“— „Nein, William, noch einige Schläge—“ Mit furchtbarer Gewalt und Schnelligkeit wurde aber jetzt der Kahn fortgetrieben, wie es aber ſchien, nicht in gerader, ſondern mehr in ſeit⸗ wärtſer Richtung. Sie waren in eine Strom⸗ ſchnelle gerathen und waren daher wieder in der Nähe des Ufers. Die Wellen wälzten ſich über einander und murmelten und rauſchten unheimlich, als verlangten ſie ein Opfer.— Plötzlich bebte der Kahn von einem furchtbaren Rucke, William ſtürzte rücklings in die Büſche des Ufers, an welches Pantherfuß, im Glauben auf die Mitte zu kommen, hingeſteuert hatte.— Der junge Mann tauchte unter, das eiskalte Waſſer umfing ihn, da ſteht ein Zweig hervor, er erfaßt ihn und hält ſich mit dem Kopfe über der Fläche des Waſſers. Nicht weit von ſich hört er etwas plätſchern, — 141 er denkt es iſt Pantherfuß und ruft ſeinen Namen. Statt der Antwort ertönt ein furchtbares Geheul — es iſt der Panther, welcher bei dem Namen ſeines Herrn brüllte.— Nochmals ruft er ſeinen Freund, aber Niemand antwortet ihm. Es ver⸗ geht eine halbe Stunde, er ruft ſich heißer und macht vergebliche Anſtrengungen ſich ans Ufer⸗zu ſchwingen, aber ſeine Füße ſind in Flechten und Wurzeln verwickelt, und der rettende Zweig ſcheint brechen zu wollen. Ein fürchterlicher Froſt ſchüttelte ſeine C Glieder, ſein Hals, bis zu welchem das Waſſer ſtand, ſchien ſich zuſammenzuſchnüren und die Zähne ſchlugen aufeinander. Seine Hände wurden langſam ſteifer, und unfähig den Zweig zu halten. „Hierher Pantherfuß! Hierher!“— ruft er wieder voller Verzweiflung, und es iſt ihm als hörte er in der Ferne eine antwortende Stimme. Aber Sehnen und Muskeln werden ſchlaffer, er ſank— das Waſſer ſtrömte in ſeinen Mund, die Augen wollen brechen, die Beſinnung verſchwindet ihm..... Da tönt es mit lauter ängſtlicher Stimme,„ich komme, Willi, ich komme, ich ſehe 148 Dich. Mit der letzten Anſtrengung ſeiner Kräfte ſchnellt ſich William an dem Zweige empor, zwei kräftige Arme umfaſſen ſeinen Leib, welche Pan⸗ therfuß angehören, und— ziehentſihn herauf ans Ufer. Waſſer und Blut entfließt den Lippen des Unglücklichen, der kalt und ſtarr auf dem Raſen liegt. Der Indianer reibt ihm die Herzgrube, den Inhalt ſeiner Flaſche gebraucht er zum Waſchen der Schläfe Williams, und in einigen Minuten keucht und ſtöhnt der Gerettete, er bewegt eine Hand, die Gegend des Herzens wird wärmer und Pantherfuß weint eine Thräne der Freude.— Der Indianer reißt Zweige von den Bäumen, bettet dann William darauf und deckt ihn wiederum mit Blättern! Seinen Panther legt er an den kal⸗ ten Körper, um daß die thieriſche Wärme ſich dem wieder auflebenden Menſchen mittheile und wäh⸗ rend dem ſchneidet und hackt er mit ſeinem Meſſer aus einem Baume zwei Stück Holz.— Er ſam⸗ melt Laub, ſeine Waidtaſche birgt Papier, das ſich trocken erhalten und er reibt nun die beiden Hölzer mit einer ſolchen Vehemenz und Schnelligkeit, daß —— 149 ihm die Schweißtropfen über das Geſicht herab⸗ perlten. Endlich ſprüht ein Funken,— bald lodert eine kleine Flamme, ſie verliſcht wieder,— jetzt glüht das Holz,— das Papier brennt und einige Minuten ſpäter flackert ein Feuer empor.— An zwei in die Erde geſteckte Stöcke hängt er die Decke, um ſie zu trocknen und zu erwärmen und dann William hinein zu wickeln.— Nun kauert er ſich neben den Kranken— er hebt deſſen Kopf— legt deſſen Mund an den ſei⸗ nigen— und bläſt ihm“ ſeinen Odem ein.— Er legte ſeine warme Wange an die kalte des Freun⸗ des und mit hoher Glückſeligkeit gewahrt er, daß ſich deſſen Zuſtand beſſert.— Er zieht ihm die Kleider herunter und wickelt ihn in die warme Decke. William ſchlägt die Augen auf— und ſieht ſtarr Pantherfuß an, als wollten ſie ihm danken — dann ſchloſſen ſie ſich wieder.—— Panth erfuß ſetzte ſich ans Feuer und vergehrte einige Stücke naſſe Maisbrote, dann kniete er hin und betete.—— Nachdem der Indianer gebetet, ſtreckte er ———C—Q—QOQO————Qę—/O..⅛·—yj 150 ſich neben ſeinen Freund, umſchlang ihn mit ſeinen Armen und entſchlief.— Der Panther wachte.—— Der Morgen erwachte.— Die Sonne ſchoß ihre Pfeile auf die Erde und die Nebel flohen. Pantherfuß erwachte und fand ſeinen jungen Freund ſchon munter; er nahte ſich ihm. „Fort! an dir klebt Eva's Blut,“ tobte Wil⸗ liam— er hatte das Fieber. „William, um Gotteswillen, träumſt du noch? Ich bin Pantherfuß“— ſchluchzte die Rothhaut. „Spion! Hund!“— kreiſchte der Kranke und ſchlug wild um ſich herum, ſodaß ihn Pantherfuß mit aller Kraft und angeſtrengter Gewalt halten mußte.— „Laß mich fort! Meine Büchſe! Lade ſie dop⸗ pelt! Dort liegt ſie, meine Eva—" rief er mit klagendem Tone. „Still, William! Du bringſt mich zur Ver⸗ zweiflung!“—— Pantherfuß weinte. Die hellen Thränen floſſen über ſeine gebräunten Wangen und fielen William aufs Geſicht.——— Letzterer wurde ſtiller 151 und die Rothhaut wickelte ihn in die Decke, nahm ihn in die Arme und trug ihn tiefer in den Wald.—— Ein Tag verging langſam. Gleich der ſorg⸗ fältigen Mutter, welche ihr krankes Kind wartet, beobachtete er jede Bewegung, jedes Regen des Fieberkranken und die Filzdecke, mit welcher er zugedeckt war, wurde jeden Augenblick von Pan⸗ therfuße's Häuden berührt, um ja keine Lücke zu laſſen, durch welche ein kaltes Lüftchen dem jungen Mann anwehen konntk.— Der Indianer baute eine Hütte von Zweigen, und ſie bot, da ſie feſt verflochten und mit großen Blättern und Baum⸗ rinde gedeckt war, hinlänglich Schutz für einen nicht allzuſtarken Regen. welcher eintreten konnte. Der kleine Proviant reichte wohl für eine Perſon zwei Tage aus, da William nichts zu ſich nehmen konnte, als etwas Thee, welchen Pantherfuß von einem gewiſſen Kraute in ſeinem Blechbecher. braute.— Der zweite Tag verging und immer noch nicht hatte ſich der Zuſtand des Kranken ſo gebeſſert, daß er gehen konnte; der Indianer ver⸗ ſchob daher noch den Aufbruch. Zuſammenge⸗ 152 kauert, neben ihm der Panther, ſaß er an dem Kopfende Williams und pflegte und tröſtete ihn. Die zahlreichen Mosquitos verſcheuchte man durch ein ungnterbrochenes Feuer.— Die Nacht legte er ſich zu dem Kranken und der dritte Morgen herauf.— Mit Schrecken gewahrte Pantherfuß, daß ſein kleiner Vorrath zu Ende dämmerte war und es war nothwendig, etwas zu erjagen. Aber wie wollte er es anfangen, den Kranken nicht allein zu laſſen und dennoch auf einige Stunden ſich zu entfernen?— Da fielen ſeind Gedanken auf den Panther, welchen er zurücklaſſen wollte, und die Mittagsſonne ſah, den Indianer im Walde herumſchleichen.— Er brachte einen Hirſch zum Schuß und überdies erbeutete er auch noch Vogeleier für William. Mit inniger Luft kehrte er zurück und noch größer wurde ſeine Freude, als er von Ferne ſchon ſah, wie ſich William aufgerichtet hatte und mit dem Pan⸗ ther ſpielte.—— In weiten Springen kam er herbei und freude⸗ trunken hing ſein Auge an dem Antlitze des Kran⸗ ken, welches ſich wieder etwas gefärbt hatte. Er — 153 gab ihm Eier und der Geneſende verzehrte ſie mit vielem Appetite.— Dem jungen Farmer waren die Tage des Krankſeins wie Stunden vergangen, während ſie den Indianer Jahre lang dünkten.— 1 Zwölſtes Kapitel. Werners Unwohlſein war ſchnell wieder ver⸗ gangen und nach eintägigem Liegen ſtand er wieder auf und— ſeine erſte Frage war nach— Eva.— Zamor erzählte ihm ſein Liebesglück und die Gräfin überhäufte ihn mit Schmeicheleien und Liebe.— Am Tage nach der Entfernung Wil⸗ liams und Pantherfußes bat er die Gräfin, nach der Farm des alten Millners reiten zu dürfen.— Die Gräfin bewilligte ſeine Bitte mit Vergnügen, fügte aber hinzu, daß ſie ihn begleiten würde.— Zwei Pferde wurden vorgeführt und die ſchöne Dame nebſt Werner galloppirten der Farm zu. Auf dem Wege dahin war letzterer verſtimmt und mißmuthig, während die ſchöne Begleiterin ausge⸗ laſſen luſtig war. —yy—y— 155 Als ſie an der Farm ankamen, nahmen ihnen die Neger die Pferde ab und als ſie ins Haus treten wollten, kam der alte Millner mit einem offenen Briefe herausgeeilt.— „Ach, Werner!“— murmelte der Alte—„wer hätte das gedacht? Ich bin unglücklich——“ „Was fehlt euch?“ fragte Werner und ſtützte den Greis, welcher in dieſen Tagen des Kummers zu einem ſchwachen, ſtützebedürftigen Manne ge⸗ worden war. „Leſen Sie“— enkgegnete halb weinend Mill⸗ ner und hielt dem jungen Manne den Brief hin. Dieſer griff heftig zu; ſeine Augen flogen ſchnell über die Zeilen und bleich, aber gefaßt, gab er den Brief zurück. „Was iſt euch, Werner? Was iſt mit dem Briefe?“— fragte die Gräfin und ihre Augen zeugten Theilnahme für Werner. „Nichts, Gräfin!— Und doch— Sie ſollen es wiſſen— hier dieſer Brief iſt von dem Ent⸗ führer Eva's, einem jungen Manne, der uns kurz mittheilt, daß Eva mit ihrer Einwilli⸗ gung entführt worden ſei. Dieſe Heuchlerin!— 156 Sie hat ſich ſelbſt unterſchrieben, die Falſche! O Gott!—— „Tröſtet euch, Werner, und laßt euch tröſten! Theilet euren Schmerz mit mir, ſchüttet euer Herz in dem meinigen aus—“ „Nein, Gräfin, alle Menſchen ſind gegen mich falſch! Alle!—„ „Alle!?— Werner, freveln Sie nicht, o wüß⸗ ten Sie welch warmes Herz für Sie ſchlägt?“ „Alles iſt Lüge, Gräfin!—“ „Nein! Nein! Bei Gott nicht, Werner! Was ich ſage, iſt reine Wahrheit. Jenes Herz würde froh ſein, ſeine Liebe mit euch zu theilen!“— Werner ſchwieg. Die Gräfin betrachtete ihn glühenden Auges, während der alte Millner auf eine Bank geſunken war.— Plötzlich fuhr letzterer in die Höhe. 4 „Gräfin,“ ſagte er,„Eva läßt mir ſchreiben, ich ſoll kommen.— Ohne ſie kann ich nicht leben, 3 und ich habe den Entſchluß gefaßt, hin zu ſüör zu gehen, und zu— vergeben!“— „Wo hält ſie ſich denn auf?“— fragte die Angeredete. 157 „In Natchez, Gräfin!— Ich habe eine Bitte an euch, leiht mir euer Bbvot—.“ „Recht gern, Millner! Aber dieſes geht heute ſchon mit einer Fracht Baumwolle, welche der Kaufmann Smith gekauft hat, zufällig nach Nat⸗ chez. Wenn ihr heute ſchon mitfahren wollt?— „Ich danke euch von Herzen! Und wenn es dieſe Minute wäre! Gilt es doch, meine Tochter, meinen Engel wieder zu ſehen— o!—“ Werner hatte während dieſer Zeit ſtumm da⸗ geſtanden und vor ſich'niedergeſtarrt und nur der Ausruf des Alten weckte ihn aus ſeiner Lethargie. Er nahm Millner noch einmal den Brief aus der Hand, überflog ihn und warf das Papier zürnend auf den Boden und machte Miene den Fuß darauf zu ſetzen. Ehe er aber dieſes thun konnte, hatte ihn der Alte aufgehoben, an die Lippen geführt und küßte ihn, gleich einer Reliquie. „Was wollt ihr thun?“— rief der Alte, den Brief an die Bruſt preſſend—„ſeid ihr beſeſ⸗ ſen?— Sie iſt mein Kind, mein ſüßes Kind— o wenn William da wäre— „Kommt, Werner, wir ſind hier überflüſſig,“ 158 ſagte die Gräfin und faßte den Angeredeten unter den Arm und zu Millnern ſich wendend ſagte ſie noch:„Alſo machen Sie ſich fertig, heute Abend fährt das Boot ab, ich werde Sie erwarten.“— Ohne Gruß und Wort verließ Werner mecha⸗ niſch das Zimmer, denn dieſer Schlag war zu furchtbar, als daß er hätte ſeine Wirkung verfeh⸗ len ſollen.— Die Gräfin zog ihn zu den Pferden, und mußte ihn mehrmals auffordern, aufzuſteigen, er hörte es kaum, denn ſeine Gedanken weilten noch immer bei dem Inhalte des Briefes.— Bewußtlos und der treuloſen Eva zürnend gab er dem Pferde die Sporen, daß dieſes ſtürmend vorwärts flog und die Gräfin kaum folgen konnte. Endlich hatte ſie ihn erreicht, ſie faßte ſeine Hand und ſie fühlte, daß ſie wieder gedrückt wurde. Sie ritten tiefer in den Wald, in dem ein ſtetes, geheimnißvolles Düſter herrſchte. Die Gräfin drängte ihr Pferd dichter an das Werners und ihr Fuß berührte den ihres Nachbarn. „Werner,“ liſpelte ſie, den rechten Moment benutzend,„Ihr ſeid immer ſo hart gegen mich.“ 159 „Hart, Gräfin? Nein, ich glaube mein Charak⸗ ter iſt ſo?“ „Ihr Charakter, Werner? Keine Entſchuldi⸗ gung!— Ich bin ſo freundlich mit Euch und Ihr ſo mürriſch, ſo verſchloſſen, ſo daß ich mich öfters fürchte, Euch anzureden! Mißfalle ich Euch?“— „Nein, Gräfin! Nein!“— Werner hob das Auge, ſein Geſicht wurde roth, denn nie war ihm die Gräfin ſo ſchön vorgekommen. „Alſo mißfalle ich Euch nicht?“—. „Gräfin, ich bin Euer Diener“— antwortete der Gefragte, welcher die Hand ſeiner Herrin auf der Schulter fühlte. „Ach ja, Werner, ich möchte Eure Herrin ſein!“— verſetzte ſeufzend die Schöne.——— Wernern fielen dieſe Worte auf, ein leichtſin⸗ niger Gedanke durchſchoß ſeinen Kopf, er beſchloß ſich an Eva durch⸗Wiedervergeltung zu rächen. Er führte ihre Hand an die Lippen,— die Gräfin beugte ſich zu ihm und er küßte ſie feurig. Die Liebkoſungen wechſelten, und eine Stunde verflog auf ihren blitzesſchnellen Flügeln.— Die Gräfin glaubte geſiegt zu haben, aber die 160 Zukunft wird es zeigen, daß Wernern nur eine 1 momentane Schwäche übermannte.———— Während der Abweſenheit der Gräfin und Werners ſteht Zamor neben Betty und erzählt ihr von ſeinem Vaterlande. Ende des erſten Bandes. Druck von Levpold Schnauß in Leipzig. ——