a. „ — 92 ₰ℳæ Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eiß- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 2 Uhr 35 Abends 8 Uyr offen. 4 g korgens jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 6 1—— eher: auf 1 Monat: 4 Mer— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und deſeete Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 4 3 . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1b 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 9. h 2 — 3 — — — Die Herwaisten. —— 4¼ Roman von Amalia Schoppe, geb. Weiſe, Verfaſſerin der Armida„Eugenia, Lebensbilder, Gluͤck aus Leid u. a. m. Anch die Tugend iſt dem Leid unterworfen: aber die Schuld allein dem Unglück. * Zweiter Theil. Leipzig: 8 Heinſi us'ſche Buchhandlung. 1 8 2 5. 1 4 Fortſetzung von Roſaliens Bekenntniſſen; aus ihrem Tagebuche. Am 20ten May nach Mitternacht. Jetzt iſt alles gut,— meine Tante weiß um unſer Verhaͤltnis! ſie hat uns uͤberraſcht und hatte es wohl darauf ange⸗ legt, es zu thun. Sie wußte gewiß auch darum, als ich dem Prinzen die erſte geheime Zuſammenkunft geſtattete, und nur ihre große Verſtellungsgabe ließ ſie es vor mir ſo geſchickt verbergen, um uns deſto ſicherer zu machen und in ihr Garn zu locken. Daß ſie Abſichten mit uns und un⸗ ſerer Liebe hatte, war mir lange klar; aber daß ſie ſolche Verſtellung uͤben koͤnnte, haͤtte 1* 4 ich nie geglaubt. Obgleich ihre Handlungs⸗ weiſe mich gluͤcklich macht und gegen jede Gefahr ſicher ſtellt, ſo ſchaudre ich doch davor zuruͤck, und in dieſem Augenblick er⸗ ſcheint mir ihr ganzes Leben als eine große Luͤge, als eine Kette von Verſtellungen;— mein Vertrauen hat ſie auf ewig einge⸗ buͤßt! Wie hielt ſie uns am Faden, wie lenkte ſie uns nach ihrem Willen, ohne daß wir es wußten! und kam bei ihren weit⸗ ausſehenden Plaͤnen wohl unſer inneres Gluͤck im Geringſten in Betracht? rechnete ſie vielmehr nicht einzig und allein auf mein aͤußeres? Das Diadem wollte ſie auf mein Haupt ſetzen, gleichviel um wel⸗ chen Preis, und darum ſpielte ſie ein ſo gefaͤhrliches Spiel, denn ihr ungemeſſener Stolz, ihre Eitelkeit gefaͤllt ſich in dem Gedanken, ihren Zoͤgling auf dem Fuͤrſten⸗ ſtuhle zu ſehen und im Wiederſcheine ſeines Glanzes ſelbſt zu glaͤnzen. Wie aber? wenn ſie ſich nun in dem Prinzen getaͤuſcht ge⸗ habt haͤtte, wenn er der Mann von Ehre — 5 und Gewiſſen nicht geweſen waͤre, den ſie in ihm vermuthete? Sie konnte das nicht wiſſen, denn wie wenig weiß ſie uͤberhaupt von ſeinem innern Seyn und Weſen! Aber ich, ich durfte ihm vertrauen, ich wußte gleich, was ich an ihm beſaß und durfte ſo auf ſeine Liebe und Treue rechnen, weil ich ihn ganz erkannt hatte. Kaum hatte ich dem Freunde das verab⸗ redete Zeichen mit der Guitarre gegeben und wir ſaßen in ſeliger Freude in der ſchoͤ⸗ nen Bluͤthenlaube nebeneinander, ſo erſchien meine Tante am Eingange derſelben, und doch war ſie vor einer Staude ſchon wegge⸗ fahren. Erſchrocken fuhren wir empor und ſtanden wie arme Verbrecher vor der anſchei⸗ nend Zuͤrnenden, die beſonders den Prin⸗ zen mit harten Worten anredete, der ſich aber bald wieder faßte, und ihr mit maͤnn⸗ licher Feſtigkeit und Wuͤrde, aber nicht ohne Ehrerbietung, entgegentrat.„Ich fuͤhle,“ ſagte er,„daß Sie ein Recht haben zu fra⸗ gen, in welcher Eigenſchaft ich hier neben 6 Roſalien bin, und ich will es Ihnen mit der Offenheit beantworten, die mir eigen⸗ thuͤmlich iſt. Wohlan denn, Frau Baro⸗ nin, ich liebe Roſalien, bete ſie an, und bin bereit ihr meine Hand vor dem Altare zu reichen, ſobald die Umſtaͤnde ſich geaͤn⸗ dert haben werden, die uns jetzt noch zwin⸗ gen, unſre Liebe geheim zu halten; ich brauche Ihnen nicht mehr zu ſagen, denn Sie werden verſtehn, was ich unter dieſer Veraͤnderung der Umſtaͤnde meine.“ „Und was verbuͤrgt mir, daß der Mann, der ſich ohne mein Vorwiſſen in das Herz meiner Pfletochter einſchlich, ja, der ihren Ruf ſo wenig achtete, daß er ſie zu gehei⸗ men Zuſammenkuͤnften beredete, die ihn und ſie gleich ſtrafbar machten, wenn das Wort auf einen Fuͤrſten anzuwenden iſt; wer verbuͤrgt es mir, ſage ich, daß dieſer es redlich mit meinem Kinde meint?“ „Sein Ehrenwort, gnaͤdige Frau, das bisher noch eben ſo unangetaſtet daſteht, als Roſaliens Ruf.“ X△ —e X△ 7 „Und wenn mir dieſe Buͤrgſchaft, mit der ich vielleicht als Mutter zufrieden waͤre, als Pflegemutter nicht genuͤgte, und ſie darf mir als ſolche nicht genuͤgen, wenn ich den einmal uͤbernommen ſchweren Verpflichtungen genug thun will, was dann mein Prinz?“ Emil ſtand einen Augenblick beſängt da und ſann nach; dann faßte er ſich und ſprach mit feſtem Tone: „Ich ehre Ihr Pflichtgefuͤhl, Frau Ba⸗ ronin, ſelbſt da wo es mich verletzt, und bin bereit Ihnen eine andre Buͤrgſchaft zu geben, mit der Sie ſich hoffentlich zufrie⸗ den ſeyn und ſich mit Ihrem Gethiſſen abfin⸗ den koͤnnen. Zwiſchen Roſalien und mir, das weiß ich, haͤtte es einer ſolchen nicht bedurft, denn ſie vertraut mir, und weiß daß ſie es dasfs aber auch Sie ſollen Vertrauen 3 rein iſt, und zwiſchen zwei Huegen zu 1 — — 8 treten, die dazu beſtimmt ſind ſich zu lieben und zu begluͤcken. Ich bin bereit, Ihnen ein ſchriftliches Verſprechen, in aller Form Rechtens und mit meiner Unterſchrift und meinem Siegel verſehn, zu geben, daß ich Roſalien als meine fuͤrſtliche Verlobte betrachte und nie einer andern Gattin meine Hand vor dem Altare reichen will als ihr; ſind Sie damit zufrieden und unter dieſer Bedingung mit unſerm Bunde ausgeſoͤhnt?“ Meine Tante machte zwar noch einige, aber nur ſcheinbare, Einwendungen, denn trotz ihrer tiefen Vorſtellungsgabe zeigte mir doch der Triumph, den ich in ihren Blicken las, daß ſie das Ziel ihrer Wuͤnſche erreicht habe. Endlich wurden Beide einig, und der Prinz verſprach, ihr den folgenden Tag die Urkunde einzuhaͤndigen. Dann beſann er ſich einen Augenblick, und fuͤgte hinzu: „Aber nein, nicht Ihnen, ſondern Roſa⸗ lien uͤbergebe ich dieſes wichtige Papier, und ſie muß mir geloben, es nie aus den Haͤnden zu laſſen; zu dieſer Forderung habe ich meine Gruͤnde, deren Enthuͤllung Sie mir hoffentlich erlaſſen werden.“ Dieſes gab Veranlaſſung zu neuem Streite, aber da meine Tante ſah, daß der Prinz feſt auf ſeinem Beſchluſſe beharrte, gab ſie endlich nach, und ſo trennten wir uns. Dieſe ganze Verhandlung war mir in tiefſter Seele zuwider, denn ſie ſchien mir den zarten Bluͤthenſtaub von unſrer Liebe zu ſtreifen, und noch jetzt kann ich nicht ohne Widerwillen daran denken;— ach mir war waͤhrend derſelben immer, als ſey ich das Opferlamm, um das man feilſchte und handelte, um es zur Schlachtbank zu fuͤhren! Warum aber Emil will, daß ich jenes verhaͤngnisvolle Papier bewahre, und nicht ſie, iſt mir begreiflich, denn ſteht es ihm wohl zu verargen, wenn er Mißtrauen gegen die Mißtrauiſche hegt? und wie gefaͤhr⸗ lich koͤnnte jenes Blatt in meiner Tante Haͤnden nicht werden! O! mein Geliebter, zwiſchen uns bedarf es einer ſolchen Sicherſtellung nicht; aber 10 — ſie wird uns Ruhe und ſtilles Gluͤck ver⸗ ſchaffen, und ſo mag jenes Papier immer⸗ hin geſchrieben werden, denn es wird meine Tante in den Schutzengel unſrer Liebe umwandeln, da ſie ſonſt die Verfolgerin der⸗ ſelben geworden waͤre. 4 33 1 Am 22ſten Myy. Das Blatt iſt in meinen Haͤnden; Emil uͤbergab es mir mit einer Feierlichkeit, die mich erſchreckte; wie? ſollte er jene Schrift fuͤr ſo wichtig halten? Er empfahl mir nochmals, es nie von mir zu laſſen, und es Niemand, auſſer meiner Tante, zu zeigen. Wie er vermuthet hatte, ſuchte ſie mich zu bereden, es ihr zur Bewahrung anzuvertraun.„Ich will ja einzig und allein Dein Gluͤck, das mußt Du fuͤhlen, meine Roſalie,“ ſagte ſie,„in Deinen Jahren iſt man noch zu leichtſinnig, um etwas ſo wichtiges, als dieſe Schrift es iſt, in den Haͤnden haben zu duͤrfen; ver⸗ 11 traue dieſes Papier alſo mir an; welchen Gebrauch koͤnnte ich je davon machen, als einen, der zu Deinem wahren Wohle diente?“ Ich blieb aber dennoch ſtandhaft, denn ich hatte Emil ja mein Wort gege⸗ ben, und ſelbſt als ſie zuͤrnte, blieb ich feſt; ſo iſt alſo dieſer Sturm gluͤcklich abgeſchla⸗ gen, und ich darf auf Ruhe hoffen! Meine Tante hat mir jetzt geſtanden, daß ſie um meine erſte Zuſammenkunft mit dem Prinzen wußte, und mir, mit Vor⸗ ſatz Gelegenheit zu einer zweiten ſelbſt gab, um uns zu uͤberraſchen. Fanchette hatte ihr erzaͤhlt, daß ich, bald nachdem ſie weg⸗ gefahren, in den Garten hinab gegangen ſey, und zwar voͤllig angekleidet; ihr Scharfſinn hatte das Uebrige richtig erra⸗ then. So waren wir ihr Spiel,— das Gluͤck unſers Lebens das Spiel einer ehr⸗ ſuͤchtigen Frau! Und wenn ſie es nun trotz ihrer Vorſicht verloren haͤtte? wenn Emil nicht redlich genug geweſen waͤre, ihr die .12 begehrte Sicherſtellung zu geben? was dann?— en Freilich darf ich nicht undankbar gegen ſie ſeyn, denn ſie will gewiß mein Gluͤck; aber ſie begehrt es mir auf eine andre Weiſe zu geben, als dieſes liebende Herz es verlangt; ich wollte allein Emil's Liebe und meinem grenzenloſen Vertrauen zu ihm daſſelbe zu verdanken haben,— ſie begehrte nur aͤußere Ehre fuͤr mich und glaubt wohl gar daß der Glanz eines Dia⸗ dems, das ſie noch dereinſt um meine Stirne zu winden hofft, dieſes Herz ganz zufrieden ſtellen koͤnne; o wie ſehr irrt ſie ſich! Emil waͤre mir lieber noch, wenn das Wort auf mich anwendbar waͤre, da ich ihm das Hoͤchſte weihe, was ein Men⸗ ſchenherz nur dem Geliebten entgegentragen kann, wenn er mir gleichgeboren waͤre; die Ausſicht auf zukuͤnftige Groͤße erſchreckt mich nur. Emil nannte mich heute im Taumel der ſuͤßen Freude, die uns bei der gluͤckli⸗ chen Wendung unſers Verhaͤltniſſes umfing, ſeine Verlobte, ſeine Gattin!— wie das Wort mich durchbebte! Meine Tante aͤchelte zufrieden, als er mich in ihrer Ge⸗ genwart mit dieſen heiligen Namen belegte; o ſie verſtand nichts von der Wonne, die in unſern Herzen war, denn ihr gilt kein Gefuͤhl, ſondern nur das Aeußere, das be⸗ merke ich immer mehr; wie haͤtte ſie ſich auch ſonſt an einen ſolchen Mann wegwer⸗ fen koͤnnen als es mein Onkel iſt, der von einem Menſchen kaum mehr als die aͤußere Geſtalt hat?— Den 1ſten Juni. Adelaide iſt jetzt anders gegen mich als ſonſt; ſollte ſie etwas in unſerm Betra⸗ gen bemerkt haben, das ſie auf die richtige Spur leitete? Wir ſind doch ſo vorſichtig, ſo gemeſſen gegen einander, wenn wir mit Fremden zuſammen ſind! Freilich iſt Ade⸗ laide viel ſcharfſichtiger und beſonnener als ihre Schweſter, die von allen Dingen nur den aͤußern Schein auffaßt und ſich bei keinem die Muͤhe giebt, in das Innere zu dringen. Emil hat ſich viel beſſer in ſeiner Gewalt als ich, denn er iſt unter dem ſteten Zwang des Hoflebens aufgewachſen und weiß ſich beſſer zuſammenzunehmen. Wie koͤnnte ich mich auch des angſtlich⸗ ſuͤßen Herzklopfens erwehren, wenn ich maͤnnliche Fußtritte auf dem Saale hoͤre, der zu dem Gemache der Prinzeſſinnen fuͤhrt? denn ſo oft Emil es nur kann, koͤmmt er in den Stunden dahin, wo er weiß, daß ich bei ſeinen Schweſtern bin. Oeffnet ſich dann die Thuͤre, ſo fliegt ein leiſes, freudiges Erroͤthen uͤber meine Wan⸗ gen und alle Pulſe ſtocken;— ſchnell aber ſuche ich mich dann wieder zu faſſen und eine Gleichguͤltigkeit zu heucheln, die nicht in mir ſeyn kann. Emil nennt mich Du,— wie ſchwer wird es mir nun, in Anderer Gegenwart, ihn mit den kalten Worten anzureden, welche 15 die Convenienz erfordert, und tauſendmal ſchwebt das mir geſtattete trauliche Wort auf meinen Lippen, tauſendmal war ich ſchon in Gefahr unſer ſuͤßes Geheimnis zu verrathen. Ich will mir lieber die Wonne verſagen, ihn ſo oft zu ſehen und ſeltener die Prinzeſſinnen beſuchen. Auch er ſcheint ſehr aͤngſtlich zu ſeyn, den ſtets empfiehlt er mir die groͤßte Vorſicht an. Meine Tante hat ihm den Schluͤſſel zu unſerm Gartenhaͤuschen, auf ſein dringen⸗ des Bitten, gegeben; wenn er oͤffentlich ſo oft zu uns kaͤme, wuͤrde es Verdacht erwe⸗ cken, denn ſagt nicht ein Dichter: „Manch' liebend Paar zu trennen und zu quaͤlen, „Sind Haß und Stolz verſchworen und be⸗ reit.“—*) Den 10ten Juni⸗ Prinz Wilhelm iſt krank und Emil ſcheint ſehr beunruhigt.— Er liebt dieſen *) A. W. von Schlegel. —— Bruder nicht, und kann ihn nicht lieben, denn wie unaͤhnlich ſind ſich nicht Beide? wie kann ihn aber dann die Krankheit deſſel⸗ ben ſo ſehr bewegen? Emil iſt in drei Tagen nicht bei mir geweſen, aber er hat mir ge⸗ ſchrieben, daß er nicht kommen koͤnne, weil das Uebelbefinden des Erbprinzen ihn noͤthige, den Hof nicht zu verlaſſen. Welche Liebe, welche Gluth athmen ſeine Briefe! O Emil, verdiene ich denn, daß Du mich ſo liebſt und mir ſo viele, große Opfer bringſt? Ich weiß, daß Deine große, reine Seele jede Art von Verſtellung und Luͤge haßt, und doch haſt Du Dich ihnen jetzt unter⸗ worfen, um mich ungeſtoͤrt lieben zu duͤr⸗ fen! Wie kann ich Dir das vergelten? ſollte ich es je koͤnnen, auch wenn ich mich Dir ganz zum Opfer darbraͤchte? Den 11ten Juni. Meine Tante iſt jetzt heitrer denn je; die immer mehr zunehmende Krankheit des Erbprinzen, ich weiß es, erfuͤllt ſie mit — 1= 5 — 1= 5 17 den glaͤnzendſten Hoffnungen. Noch heute ſagte ſie mir mit triumphirender Miene, indem ſie die Locken von meiner Stirn ſtrich:„Werde ich es bald erleben, daß die fuͤrſtliche Stirnbinde dieſen geliebten Scheitel ſchmuͤckt?“ Sie emphahl mir auch wiederholt, das verhaͤngnisvolle Papier nicht aus den Haͤnden zu geben; ſollte ſie glauben koͤnnen, daß Emil es je zuruͤck⸗ fordern wuͤrde? ſollte ſie ihn ſo verkennen? o wie wenig kennt ſie ihn dann!— Und wenn er es forderte?————— Den 16ten Juni. Emil war bei mir————! 9 ſtille, ſtille du armes vielgequaͤltes Herz! warum bangt dir ſo? Liebt er mich nicht mehr denn je? II. 1 Den 20ſten Juni. Ich habe dem Geliebten jetzt nichts mehr zu geben; er iſt mein Gatte vor dem An⸗ geſichte Gottes, ich bin ganz ſein; das er⸗ fuͤllt mich mit Entzuͤcken und Schrecken zu⸗ gleich. O Emil, jetzt haſt Du zu vergel⸗ * ten, ich habe Deine Schuldforderung an mich getilgt, mehr als getilgt;— das Ue⸗ brige iſt Vertrauen! Den 24ſten Juni. Er kam zu mir, ſo voll Unruhe, ſo lie⸗ begluͤhend, ich glaubte ihn an meinem Her⸗ zen zu beruhigen, ich bot alle Zaͤrtlichkeit, welche meine Seele fuͤr ihn hegt auf, um die Wolken zu zerſtreuen, welche ſich auf ſeiner ſchoͤnen Stirn geſammelt hatten, und es gelang mir! Froh wie ſonſt oft, ruhte er an meinem Herzen.„Ich habe Dich ja,“ ſagte er in ſuͤßer Trunkenheit,„und nichts ſoll Dich mir entreißen, ich trotze 19 einer Welt voll Hinterliſt und Tuͤcke, und mein ſoll die Krone aller Frauen ſeyn, un⸗ getheilt mein!“ O meine Beſchuͤtzerin, warum weilteſt Du in dieſer Stunde fern von mir, warum wachte Deine Klugheit und Beſonnenheit nicht uͤber uns? Hatteſt Du auch dieſes berechnet? waren Jugend, Liebe, Leiden⸗ ſchaft und guͤnſtige Gelegenheit auch mit in Deine kalten Berechnungen gezogen? „ Den 25ſten Juni. Emit hat mir geſtanden, daß ſeine Schweſter Adelaide unſer Geheimnis weiß; das, und des Bruders Krankheit, hatten ihn ſo unruhig gemacht; Adelaide hat es gewagt, ihm zu drohen, wenn er nicht zu ſeiner Pflicht, wie ſie es nannte, zuruͤckkehrte, Alles dem Fuͤrſten zu entdecken, und er hat ihr gelobt, was er nie zu hal⸗ ten gedachte; ſo ſind wir alſo jetzt ganz von Luͤge umſtrickt, und ich mit dem Bewußt⸗ 2* 20 ſeyn der Schuld im Herzen; das iſt ſchrecklich! 3 Welch' ein Gluͤck iſt es fuͤr mich, daß ich jetzt nicht an den Hof zu fahren brauche, denn wuͤrde ich das Auge zu ſeinen Schweſtern erheben koͤnnen? wuͤrden ſie nicht das Geſtaͤndnis meiner Schuld auf meiner Stirne leſen?— Wie bebe ich nicht ſchon, wenn meine Tante ſeinen geliebten Namen nennt, und doch haͤtte ſie kein Recht, mir zu zuͤrnen, mich mit Vorwuͤr⸗ fen zu uͤberhaͤufen— ſie nicht! Aber mache ich ſie mir nicht ſelbſt, und iſt das nicht noch ſchlimmer? Den 26ſten Juni. Wie ganz anders ſieht man das Unrecht in der Stunde der Trunkenheit, der Sin⸗ nenberauſchung an, als nachher, wenn Tage daruͤber hingerauſcht ſind! Was uns die hoͤchſte und ſchoͤnſte Bluͤthe des Lebens —— 21 ſchien, erſcheint dann verwelkt, giftig, grauſenerregend. 4 Nein, ich kann mich nicht beruhigen, was Emil auch ſagen mag, deſſen Liebe durch mein Opfer erhoͤht ſcheint; zaͤrtlicher habe ich ihn nie geſehen, als jetzt; aber warum erneut er jetzt die Schwuͤre der Treue ſo oft? ſonſt forderte er Vertrauen und durfte es, aber er will mich nur beru⸗ higen, ich weiß es, und danke es ihm von Herzen. Den 1ſten Juli. Warum gedenke ich jetzt meiner Schweſ⸗ ter Marie ſo oft, deren Bild faſt ganz aus meinem Gedaͤchtnis verſchwunden war? Was ſie wohl macht! wie es ihr wohl ergeht! Sollte ſie auch ſchon die Liebe mit ihren Freuden und Leiden kennen!— Zu Anfang hat ſie mir oͤfterer geſchrie⸗ ben, aber ihre Briefe waren ſo kindiſch und leer und ich hoͤrte auf ihr zu antworten, 22 auch war es mir zuwider, daß meine Tante immer die Briefe der armen Schweſter be⸗ ſpoͤttelte und ſie nur die Producte einer ganz verfehlten Bildung nannte. Michte ſie mir doch jetzt einmal wieder ſchreiben; ich ſehne mich ordentlich nach einer Mittheilung von einem Weſen, das die Natur ſo eng mit mir verbunden hat, und doch wage ich es nicht, ihr zuerſt wieder zu ſchreiben. Was koͤnnte ich ihr auch ſagen, da meine Seele nur Einen Gedanken hat, und den muͤßte ich ja doch ſorgfaͤltig vor ihr verhuͤllen. Leere, kalte Worte? das vermag ich nicht! Schriebe ſie mir doch jetzt! Ach, ich ſtrecke unaufhoͤrlich die Hand) nach Huͤlfe aus, und Niemand er⸗ faß it ſie und ſpricht mir liebend Troſt zu! Ich bin ſo allein, ſo einſam wie noch nie! Das Herz iſt voll, aber nur von Some, —— 23 — 4 Den 10ten Juli⸗ Meine Tante wird ſichtbar durch meine Blaͤſſe, die wirklich auffallend iſt, beunruhigt, ſie will mich oft uͤber etwas befragen, und wagt es nicht; heute rieth ſie mir gar, Roth aufzulegen, aber dazu werde ich mich nie bequemen! Kann man denn nicht einmal bleicher ſehn als ſonſt, ohne daß es gleich die ganze Welt bemerkte? Emil koͤmmt jetzt ſo ſelten, und dann auch nur auf Augenblicke, denn ſein Bru⸗ der iſt ſehr krank; man ſagt, er habe die Schwindſucht; das Land freut ſich im Stil⸗ len und ſieht mit froher Hoffnung auf Emil, der dem Fuͤrſtenſtuhle am naͤchſten ſteht wenn der Erbprinz ſtirbt. Warum bebt auch jetzt mein Herz, wenn ich des Todes ſeines Bruders und ſeiner zukuͤnfti⸗ gen Groͤße gedenke? Iſt er denn nicht mein Gemahl, und vermag irgend Etwas uns jetzt noch zu tren⸗ nen? Wie ein ſchmerzender Stich durch⸗ 24 bebt mich der Gedanke: wenn es dennoch möglich waͤre, jetzt noch moͤglich waͤre?! Den 22ſten Juli. Graf M. iſt wieder hier;— er hat uns noch keinen Beſuch gemacht, aber ich ſah ihn bei dem Geheimenrath S. Wie ſcharf er mich beobachtete! oder ſchien es mir nur ſo? Als ich, von einem Herrn der Geſellſchaft zu Tiſche gefuͤhrt, an ihm voruͤber ſtreifte, war es mir als oh ein tiefer, ſchlecht unterdruͤckter Seufzer ſich ſeiner Bruſt entraͤnge—; ich fuhr unwill⸗ kuͤhrlich zuſammen und blickte auf ihn; er ſenkte das Auge zu Boden, und ich war froh, daß dieſes Alles nur einen Moment dauerte, denn faſt verlor ich alle Faſſung, die mir doch nie noͤthiger war als eben damals. Bei Tiſche ſaß er mir ſchraͤg gegenuͤber und ich bemerkte, daß er ſehr zerſtreut, ſehr mit ſeinen Gedan ken beſchaͤftigt war, denn 25 ſeine Tiſchnachbarinnen wurden in der Un⸗ terhaltung faſt ganz von ihm vernachlaͤßigt. So oft er ſich von mir unbemerkt glaubte, ruheten ſeine Augen auf mir; angeredet aber hat er mich mit keinem Worte, und es war ein Gluͤck fuͤr uns Beide daß die Ge⸗ ſellſchaft ſo groß war, denn ſonſt wuͤrde das aufgefallen ſeyn, da er ſich fruͤher ſo viel mit mir nnterhielt. Ich mußte, auf den Wunſch meiner Tante und der Geſellſchaft, die Harfe ſpie⸗ ten und dazu ſingen; wie es mir in dieſer Stimmung nur moͤglich war, einen Ton hervorzubringen, begreife ich nicht, und den⸗ noch konnte ich es. Ich waͤhlte ein ſehr einfaches Lied, eine herzige und ſchoͤne Com⸗ poſition zu einer uͤberaus lieblichen Dicht⸗ ung von Uhland: „Lebe wohl, lebe wohl, mein Lieb!“ und ohne daß ich es wußte, rannen mir die Thraͤnen uͤber die Wangen. Als ich aufſtand und die Harfe an den Fuͤgel lehn⸗ te, ſtand der Graf dicht hinter mir; da ich ihn zufaͤllig anſah, bemerkte ich, daß eine große Thraͤne in ſeinem Auge ſtand; er wendete ſich aber raſch ab, um ſie vor meinen Blicken zu verbergen. Emil ward in der Geſellſchaft erwartet, aber er kam nicht; es war ein Gluͤck fuͤr mich, daß er wegblieb, denn ſonſt haͤtte ſich unſer Geheimnis den ſcharfen Blicken des Grafen leicht enthuͤllen koͤnnen; ich war in jeder Hinſicht ſo ſchmerzlich aufgeregt, ſo tief erfaßt von Gegenwart und Vergangen⸗ heit, daß ſelbſt der heimliche Zuruf meiner Tante:„nicht aufmerkſam auf miich zu machen,“ mich gicht empor zu ruͤtteln ver⸗ mochte, ich dankte Gott, als endlich der „Wagen vorfuhr; der Graf haͤtte ſich ſchon fruͤher entfernt. X„ 4 Den 26ſten Juli. Graf M. hat uns ſeinen Beſuch ge⸗ macht; meine Tante wollte, daß ich ihn mit empfangen ſollte, alſo mußte ich ja! 8 27 Er war nicht verlegen, aber ſehr ernſt und ſtill, auch ſchien er mir blaͤſſer als gewoͤhn⸗ lich; meine Tante mußte faſt allein das Geſpraͤch im Gange erhalten und that es mit der ihr eigenen Anmuth und Ge⸗ ſchicklichkeit. Aa n Meine Harfe ſtand im Zimmer; der Graf erblickte ſie und ſagte mit Nachdruck: „Bin ich nicht vielleicht allzu zudringlich, mein Fraͤulein, wenn ich ſie erſuche, das ſchoͤne Lied von letzthin noch einmal zu ſin⸗ gen? Ich wollte Sie nicht gern belaͤſtigen, und kann doch den Wunſch nicht in mir unterdruͤcken, Sie dieſe Toͤne nochmals ſin⸗ gen zu hoͤren, die zwar nie meinem Ge⸗ daͤchtnis entſchwinden werden, aber doch auch nicht oſt genug von mir wieder vernom⸗ men werden koͤnnen.“ Ich nickte bejahend mit dem Haupte und ging an das Inſtrument; der Graf half mir, es herbeizuſchaffen. Als es in meinen Armen ruhte, ſiel mein Blick zufaͤl⸗ lig auf den Platz, worauf die Roſe gelegen 28 hatte, die mir Emilis erſte Schriftworte uͤberbrachte; ich konnte meine Empſindungen nicht beſtegen und lehnte das Haupt gegen die Saiten. Dann, mich beſinnend, griff ich einige raſche Accorde, die wie ein Weh⸗ geſchrei klingen mußten, den der Graf, der noch immer neben mir ſtand, bebte ſichtbar zuſammen. Ich lenkte jetzt ein und ging allmaͤhlig zu der ſanften Melodie des Liedes uͤber, ſie als Thema zu einem Vor⸗ ſpiele benutzend; dann ſang ich das Lied ſelbſt, aber mit ſo unſicherer, ſchwacher Stimme, daß ich mich herzlich freute, als die wenigen Verſe zu Ende waren. „Dir muß heute nicht wohl ſeyn, Ro⸗ ſalie,“ ſagte meine Tante mit dem Tone des Vorwurfs, denn es war ihr unange⸗ nehm, daß ich mich ſo wenig glaͤnzend ge⸗ zeigt hatte,„Du haſt noch nie mit ſo ſchwacher Stimme und mit ſolcher Unſicher⸗ heit geſungen.“ Ich vermochte nicht zu antworten, denn meine Seele war bei Emil und das Da⸗ ——— —— 29 mals und Jetzt hielt mich ſo ganz gefangen, daß ich unfaͤhig war, eine gewoͤhnliche Ent⸗ ſchuldigung hervorzubringen. Zum Gluͤck kam mehr Beſuch, denn es war die Stunde, wo meine Tante gewoͤhnlich Geſellſchaft annimmt. Als ſie ſich anſchickte, die Neu⸗ angekommenen zu bewillkommen, neigte ſich der Graf zu mir und fluͤſterte mir zu: „Ich danke Ihnen fuͤr das Lied, wie es war, denn ſo hat es mir am wohlſten ge⸗ than; dieſe Worte, dieſe Melodie haben wie ein Agathodaͤmon auf mich gewirkt und rein nehme ich Ihr Bild mit mir, wenn ich reiſe, was in wenigen Tagen geſchieht.“ Er ergriff bei dieſen Worten meine Hand und hauchte einen leiſen Kuß auf dieſelbe. Die Geſellſchaft vermehrte ſich nach und nach, und dehnte ſich zu einem bunten Kreiſe aus; der Graf blieb hinter meinem Stuhle. Als Alles in lautem Geſpraͤche begriffen war und er ſicher ſeyn konnte, von den An⸗ dern nicht gehoͤrt zu werden, ſluͤſterte er mir noch zu:„Sie ſind nicht gluͤcklich, d 30 Roſalie,— o moͤchten Sie es doch ganz ſeyn! Aber beduͤrfen Sie nicht vielleicht des Freundes, des Vertrauten? und darf ich mich Ihnen dazu nicht anbieten? Nur den Wunſch hat das Herz noch, das einſt, groͤßere, ſchoͤnere hegte, Ihnen nuͤtzlich ſeyn zu koͤnnen, in irgend Etwas zu Ihrem Gluͤcke beizutragen.“ „Warum waͤhnen Sie, Herr Graf,“ entgegnete ich ihm faſt athemlos, ndaß ich nicht gluͤcklich ſey?“ „Ich waͤhne es nicht, Roſalie, ich weiß es, glauben ſie auch mich taͤuſchen zu koͤnnen? Sollte ich ſchon vergeſſen ha⸗ ben wie ich Sie verließ, aufjauchzend in Freude und Wonne, und jetzt habe ich Sie ſo wiedergefunden?“ „Sie koͤnnten ſich dennoch irren, Heur Grafl“ antwortete ich raſch, und ohne daß ich es wollte, faſt mit dem Tone des beleidigten Gefuͤhls. „Sie weiſen mich wieder ab, mein Fraͤulein, und ich kann mich wegen mei⸗ — yy— — 31 ner anſcheinenden Zudringlichkeit kaum ent⸗ ſchuldigen; doch wuͤßten Sie, welchem Her⸗ zen ſie entfloß, ich waͤre dennoch vor Ih⸗ nen entſchuldigt, aber jetzt werde ich ſchwei⸗ gen, ſchweigen auf ewig!“ Er wandte ſich bei dieſen Worten von mir und begab ſich in einen andern Theil des Zimmers. 3 Den 27ſten Juli. Mirr geht heute unaufhoͤrlich Goethe's Spruch durch den Kopf: „Mag kommen was da kommen mag; „Die Stunde rennt doch durch den wildſten Tag!“ Warum iſt mir denn ſo unausſprechlich weh! bin ich der Liebe des Geliebten nicht gewiſſer als jemals? O ich waͤre ſehr undank⸗ bar, wenn ich je verkennen koͤnnte, wie heiß er mich liebt, wie er unablaͤßig bemuͤht iſt mir Muth und Vertrauen einzuſprechen, mir Troſt zu reichen; aber Troſt quillt in 32 ſolchen Lagen und Verhaͤltniſſen nur aus dem eigenem Herzen; woher ſollte ich ihn aber nehmen? Auch koͤrperlich fuͤhle ich mich ſehr un⸗ wohl.— Waͤren es doch die letzten Puls⸗ ſchlaͤge meines verkuͤmmerten Lebens, die mich ſo aͤngſtigen; mit Ruhe wollte ich dieſe Angſt, dieſe Beklemmung dann ertra⸗ gen, im Gefuͤhle daß es bald aus ſeyn wuͤrde! Meine Tante iſt ſehr beſorgt um mich; ich erkenne ihre Liebe, aber kann ſie mir helfen? kann irgend Jemand mir helfen? 1 3 Den 2gſten Juli. Meine Schweſter Marie hat geſchrie⸗ ben; gerade jetzt geſchrieben, nach ſo langer, langer Zeit einmal wieder. Iſt es doch, als habe ſie mein Sehnen nach ihr in der Ferne gefuͤhlt, und wer will ſolche geiſtige Mittheilung ableugnen? Ihr Brief war herzlich⸗ſchoͤn, ſo ſchweſterlich⸗freundlich; es ſpricht ein ſo reiner, milder Geiſt aus ihren 33 Schriftzuͤgen und Worten an; ol ich moͤchte hin zu ihr eilen, in ihre Arme, an ihr ſchweſterliches Herz ſinken und ihr zurufen: Nimm die Schuldbewußte liebreich auf, Marie, Du haſt ja keine andre Schweſter. als die vor Dir vergehende Roſalie, wie koͤnnteſt Du ſie denn von Dir ſtoßen? Aber die Reine wuͤrde mich nicht verſtehen in dieſem Schmerzensſchrei, und entdecken koͤnnte ich ihr nicht, was dieſes Herz zerreißt. Ich will ihr antworten, will mich faſſen, zuſammennehmen, ſie ſoll nicht mehr daran zweifeln, daß mein Herz dem ihrigen eng⸗ verbunden blieb, wie auch das Leben mit ſeinen Verhaͤltniſſen trennend zwiſchen uns trat. Es giebt Bande, welche keine Zeit, keine Trennung loͤſt; es ſind die der Natur. Wie lange habe ich ſie verkannt, wie lange die einzige Schweſter verſaͤumt! Ach, ich habe ja noch mehr als das, verblendet vom Schimmer des aͤußern Gluͤcks, verſaͤumt!— Habe ich wohl dankend und liebend deßen gedacht, durch den ich bin, von dem ich II. 3 . Alles habe? Vieles hat man mich ge⸗ lehrt, aber das Beten nicht! Jetzt ringt ſich oft ein Gebet aus dem gequaͤlten Herzen los und will emporſtreben zu dem hoͤchſten Weſen, aber mit Schauder fuͤhle ich, daß es wieder zuruͤck ſinkt, daß es mir nicht Troſt gewaͤhrt, wie doch Andern wohl, die dieſen ſo oft dadurch fanden. Im Gluͤck gedachte ich oft des milden Gebers nicht, und troſtlos ſteht jetzt die arme Bettlerin an der Gnadenthuͤr,— ſie oͤffnet ſich nicht! Wehe mir! ſollte ſie mir auf ewig verſchloſ⸗ ſen ſeyn?—.. An demſelben Tage, ſpaͤter. Ob meine Tante wohl je gebetet hat? ob ſie wohl je das Beduͤrfnis fuͤhlte zu beten? Den 1ſten Auguſt. Der Erbprinz iſt todt!— 35 Den 10ten September. Wehe mir, welche Entdeckung! und meine Tante weiß jetzt Alles— Alles! Warum oöffneſt du dich nicht Erde, und birgſt mich in deinem Schooß? was ſoll ich noch auf dir, entehrt bemitleidet, ich, die ich ſo ſtolz auf deine Bluͤthen trat? O raͤche, raͤche den frevelhaften Uebermuth der vergangenen Zeit und reiße mich in deine dunkeln Tiefen hinab! Den 12ten September. Emil war bei mir;— wie blaß, wie zerſtoͤrt er war. Sollte der Tod des Bru⸗ ders allein ihn ſo haben ergreifen, vernich⸗ ten koͤnnen? Er duldete meine Liebkoſun⸗ gen, aber er war ſo in Schmerz verſunken, daß er ſie kaum erwiederte.—— Schreck⸗ liche Gedanken ſchienen ſein Herz zu durch⸗ wuͤhlen und jede frohe Lebensregung in demſelben zu hemmen. Seitdem des Bru⸗ ders Krankheit einen ernſten Character an⸗ 3 . 3* 36 nahm, war er ſo; o Gott, wie wird, wie kann das enden?! Ich darf nicht an den Hof fahren, meine Tante will es nicht; ich werde fuͤr krank ausgegeben; und bin es denn nicht? Sie hat mir keine bittern Vorwuͤrfe ge⸗ macht, aber ihr ſanfter Tadel verwundete mich tiefer, als ihre Vorwuͤrfe es gethan haben wuͤrden. Sie empfahl mir auf s drin⸗ gendſte, mit dem verhaͤngnisvollen Blatte, das mir Emils Hand am Altare verſpricht, ja recht behutſam zu ſeyn und es unter keiner Bedingung dem Prinzen zu geben; ſie hat mir ihre Verzeihung nur unter die⸗ ſer Bedingung ertheilt; ihr Fluch werde mich treffen ſagte ſie, wenn ich je ſo thoͤrig ſeyn koͤnnte, es aus den Haͤnden zu laſſen:— die Wuͤrfel waͤren jetzt geworfen, und der Gewinn ſicher unſer, wenn ich nur klug und vorſichtig waͤre. Sollte Emil es je fordern tounen,. waͤre das nur denkbar! Und wenn er es forderte?— Ich glaube ich habe ſchon . 37 einmal dieſelbe Frage gethan und fand keine Antwort darauf, wie auch jetzt nicht, weil es mir ganz unmoͤglich ſcheint, daß es je geſchehen koͤnne. Den 16ten September. Emil iſt jetzt immer nur auf Angen⸗ blicke bei mir und dann ſo aͤngſtlich, ſo zer⸗ ſtreut; mein Herz bebt, wenn ich Vergan⸗ genheit und Gegenwart gegen einander halte— und die Zukunft! O breite deine verhuͤllenden Schleier, Tod, du ſicherſter aller Troͤſter, uͤber dieſe damit ich nicht ahne was die Hand der furchtbaren Norne fuͤr mich umhuͤllt traͤgt! Nur wer reines Herzens iſt, kann voll Vertrauen und Ver⸗ langen in die Zukunft blicken; dem Schul⸗ digen iſt ſie ein ſchauderhaftes Geſpenſt, das mit jedem nahenden Schritte das Ver⸗ derben naͤher traͤgt. 38 . Den 17ten September⸗ Ich habe heute gebetet;— die Seele drang zum Lichte und erging ſich in den reinen Stralen. Dank dir, Ewiger, daß ich beten konnte, und ſo ganz aus der Fuͤlle des Herzens; klang mein Gebet gleich wie ein Schmerzensſchrei, ſo hat dein Ohr es doch gnaͤdig vernommen, das fuͤhle, das weiß ich. Den 9ten December. Die Erde ſtarrt unter der Huͤlle des Froſtes, eine dicke Eisrinde hat ſie bedeckt und ihre Pulſe ſcheinen zu ſtocken; ſo iſt auch in mir alles Leben erſtarrt— todt, Alles todt, kalt und ſtumm! Stumm? o nein! denn laut, laut ruft es in mir: Alles Alles iſt verloren! Den 24ſten December. An dieſem Tage, dem ich in der fro⸗ hen Kindheit ſtets mit wachſendem Verlan⸗ 39 gen entgegenſah, ſchreibe ich in dieſes Ge⸗ denkbuch meines Lebens:„Fuͤr mich wird „es nie mehr einen Feſttag geben;, nie, ich ſage es mit voller Ueberzeugung! Heute empfing Emil die Schrift aus. mei⸗ nen Haͤnden zuruͤck;— er forderte ſie ja, er ſchrieb mir, daß er ſie fordern muͤſſe; was ſollte ſie mir auch noch, da er ſie ver⸗ langen konnte? Ich ſchob die Erfuͤllung dieſes ſeines Wunſches bis zum heutigen Tage auf; ich wollte ihm auch einmal ein Chriſt⸗ Angebinde geben, aber in ſeine eigenen Haͤnde wollte ich es legen, das hatte ich mir ausbedungen, und ſo kam er demn bleich, zitternd, vernichtet wie es ſchien. „Verlange jene Schrift noch eigah 7 ſagte ich, indem ich ihn mit den erloſchenen, von Thraͤnen erblindeten Augen anſah; „Du mußt ſie nochmals fordern, wenn ich ſie Dir geben ſoll.“ Er konnte nicht reden, das verhaͤngnisvolle Wort nicht ſprechen; in Thraͤnen aufgeloͤſt lag er vor mir und umfaßte meine Knie. f 40 „So rede doch, fordre Emil,“ ſagte ich; „ich war lange darauf gefaßt, denn Deine ſchoͤnen Reden von Pflicht, von dem was Du Deinem Vater, Deinem Lande ſchuldig biſt, hatten mich laͤngſt auf dieſes Opfer vorbereitet; aber nicht Deine Schriftzeichen ſollten mir jenes Papier abfordern, ſondern eben dieſe Lippen, die mir ſo oft Treue geſchworen und Liebe geheuchelt, eben dieſer Mund, der ſo verſchwenderiſch in Betheu⸗ rungen der heißeſten Liebe gegen mich war.“ „Und ſo leicht gabſt Du mich auf, Ro⸗ ſalie?“ ſtammelte er, noch immer zu mei⸗ nen Fuͤßen liegend;„darauf warſt Du ge⸗ faßt, wie Du ſagſt?“* „Das Wort vergebe Dir Gott, Emil, wenn es vor ſeinem Throne Vergebung fin⸗ den kann. Ich haͤtte Dich aufgegeben? Wie konnte ſolche Luͤge uͤber Deine Lippen kommen? Faſſung aber iſt die einzige heil⸗ bringende Frucht namenloſen Elends, und das habe ich ja in der letzten Zeit in ſeiner ganzen grauſenvollen Geſtalt kennen ge⸗ — — 41 lernt,— da ward ich gefaßt— auf Alles! Als Du mir jenen Brief ſchriebſt, worin Du mir mit klaren Worten ſagteſt, daß die Nothwendigkeit, daß Deine Pflicht als Erbe des Landes, das die des Sohnes es Dir gebiete, von mir jenes Papier zuruͤck zu begehren, als Du das Opfer von mir verlangteſt, begreife was es ſagen will: das Opfer meiner ganzen irdiſchen Gluͤckſelig⸗ keit, da leerte ich den vollen Becher des Schmerzes noch einmal ganz, der mir ſchon vorher tropfweiſe von Dir zugetheilt wor⸗ den war, und was ich mir in dieſer Stunde ſelbſt noch reiche, iſt die letzte Hefe nur— — es ſollte nichts zuruͤckbleiben. So greift der Ungluͤckliche, in deſſen Buſen das Eiſen des Moͤrders wuͤhlt, mit krampfhafter Hand nach demſelben und ſtoͤßt es ſich tiefer in das Herz; in dieſem Gefuͤhle wollte ich Dich noch einmal ſehen, von Deinen Lip⸗ pen das mich vernichtende Wort hoͤren; ſo ſprich es denn! Er konnte nicht antworten, ſondern 42 beugte ſich wie leblos uͤber meine Hand, an der ſeine erſtarrten Lippen hingen. Da erfaßte mich eine unausſprechliche Wehmuth — er war mir noch einmal der Geliebte meiner Seele, und er ſchien mir das Opferlamm, mehr noch als ich ſelbſt es war. „Mußt Du das Blatt fordern Emil? mußt Du das wirklich!“ fragte ich ſanfter; „iſt es nicht Dein eignes wankelmuͤthiges Herz, das Dich dazu treibt, den Dolch in das meine zu ſtoßen?“ „Bei dem Ewigen uͤber uns!“ ich muß, Roſalie, und fuͤhlteſt Du, was ich in dieſer Stunde leide, Du, ſelbſt Du, o Du ſo tief von mir Verletzte, haͤtteſt noch mehr Mitleid mit mir, als mit Deinem eigenen Geſchick. Aber ich kann den Fluch meines Vaters, der faſt ſchon am Rande des Gra⸗ bes ſteht, das meinen Bruder eben ver⸗ ſchlungen hat, nicht mit mir durch das Leben ſchleppen, kann nicht, mit demſelben belaſtet, hoffen gluͤcklich zu werden, noch Dich gluͤcklich zu machen. Er weiß Alles— 43 — mein Vater kennt unſre Liebe; Adelaide hat uns beobachtet und iſt hinter unſer Ver⸗ haͤltnis gekommen; ich fuͤrchte, daß die Zofe Deiner Tante, durch ihr Gold und ihre Verſprechungen geblendet, ſie, die wir ſo treu glaubten, ſo ganz unſerm Intereſſe ge⸗ wonnen, zur Verraͤtherin an uns ward, denn ſeit einem Monate iſt ſie im Dienſte meiner Schweſter; aber ſie ſoll der Ver⸗ geltung nicht entgehen; das ſchwoͤre ich Dir bei unſerm Ungluͤck!“ „Keine Rache Emil, denn ſie gehoͤrt nur kleinen Seelen an.“ „An der Leiche meines Bruders,“ fuhr er fort,„befragte mich der Fuͤrſt und ver⸗ langte als Vater und Regent Wahrheit von mir,— konnte ich ſie ihm verweigern? Ich geſtand ihm unſre Liebe, meine Wuͤn⸗ ſche und Hofnungen, ich beſchwor ihn, mich nicht namenlos elend zu machen; aber mein Flehen war vergebens,— er bedrohete mich mit ſeinem Fluche und ſagte mir, daß Fuͤr⸗ ſten nicht auf Gluͤck, auf ſolches nicht, wie 44 ich es fordre, Anſpruch zu machen haͤtten; ihnen ſey ein anderes vom Schikſal be⸗ ſtimmt, im Heile, in der Wohlfahrt ihrer Voͤlker, und der Schimmer der Diamanten in ihrer Herrſcherkrone muͤſſe nur zu oft durch die Thraͤnen erkauft werden, die ſie als Menſchen vergoͤßen. Konnte ich dieſen Gruͤnden widerſtehen, durfte ich ſeinem Fluche trotzen, Roſalie!“ Da war mein Herz erweicht und beſiegt; wir weinten lange ſchmerzlich mit einander, dann ging ich an den Schrank, der jenes Papier umſchloſſen hielt und ſuchte es her⸗ vor; ich hatte es in einem Kaͤſtchen ver⸗ wahrt, das mir einſt Emil zum Geburts⸗ tags⸗Angebinde ſchenkte, und ich uͤberreichte ihm das Blatt in demſelben. „O nicht dieſes Augedenken einer ſchoͤ⸗ nen Zeit, der ſchoͤnſten unſers Jugendlebens, weiſe auch von Dir Roſalie,“ ſagte er ſchmerzlich bewegt;„ſchreklich genug iſt es ja, daß ich den Inhalt dieſes Kaͤſtchens fordern mußte; laß mir den Troſt, daß Dich 1 45 dieſe Zeichen meiner nie endenden Liebe ſtets umgeben werden, denn verſoͤhnt, als reine Opfer des Geſchick, ſcheiden wir ja von einander.“ „Mich Emil, wird Dein Andenken nie verlaſſen; wiſſe denn, erfahre es in dieſer Trennungsſiunde, daß jener Augen⸗ blick, der mich Dir auf ewig zu eigen gab, der mir vor den Augen Gottes die Rechte Deiner Gattin verlieh,— daß“—— Ich konnte nicht weiter reden, aber er errieth mich. „Auch das noch!“ ſagte er mit einem Blick zum Himmel, in dem der hoͤchſte See⸗ lenſchmerz ſich abſpiegelte; dann fuhr er fort: „So kann mich nur troͤſten, daß Gott Zeuge meiner Geſinnungen iſt und in dieſes zerriſſene Herz ſieht! Ja, Roſalie, Geliebte, Gat⸗ tin miener Wahl, ewig werde ich Deine Rechte anerkennen und vor dem Himmel biſt du allein meine rechtmaͤßige Gemahlin; was ſonſt geſchieht, dem gebe ich mich nur 46 als willenloſes Opfer hin, und lehne ſo alle Schuld feierlich von mir ab!“ 6 Sie iſt voruͤber dieſe ſchwerſte aller Le⸗ bensſtunden, Emil iſt fort, ich werde ihn nicht wiederſehen! Auf der Brandſtaͤtte meines Erdengluͤcks ſtehe ich nun und ſchaue mich nach allen Seiten um, ob nicht noch ein einziger Pfeiler ſtehen geblieben, an den ich mich anlehnen koͤnnte in der toͤdt⸗ lichen Ermattung die mich ergriffen hat; aber auch der letzte ſank in Aſche. Alles Leben iſt um mich, in mir erloſchen und kalte Oede rings um her. Nur im Herzen glimmt noch ein matter Funke fort, wie in der Lava, die ſich brennend aus dem Veſuv ergoß und noch lange nachher ihre Waͤrme behaͤlt, Tod und Zerſtoͤrung im Innern tragend; bei jedem leiſen Reiz, ich fuͤhle es, bei jeder unſanften Be⸗ ruͤhrung werden Daͤmpf und Gluth wieder hervorbrechen, bis Alles zu Einer kalten Felſenmaſſe erſtarrt iſt; welche Zeit aber habe ich mehr zu fuͤrchten, die der innern 47 Gluth oder jene der gaͤnzlichen Erſtarrung! Ich weiß es nicht! So iſt mein Chriſtgeſchenk gegeben,— die Lichter werden ausgeloͤſcht und Alles geht zu Bette; Jeder iſt ſo reich heute, auch der aͤrmſte Bettler in der Huͤtte— und ich ſo unausſprechlich arm! Habe ich ſie nicht theuer bezahlt, den Glanz und die Flittern meines fruͤhern Lebens? Am i1ſten Januar. Ein neuer Zeitabſchnitt hat begonnen; warum meſſe ich denn Tage und Jahre! koͤnnen noch welche kommen die mir Freude zu bringen vermoͤchten? Breite raſch deine Fluͤgel aus, o Zeit! und trage mich leicht und ſchnell zum gewuͤnſchten Ziele,— fuͤr mich giebt es nur Eines noch— den Tod. Am 6ten Januar. Meine Tante tobt und wuͤthet; hat ſie dazu ein Recht? Sie will mich verſtoßen, 48 weil ich das Einzige that, was mir zu thun noch uͤbrig blieb; konnte ich ihm denn jenes Blatt verweigern? haͤtte irgend Eine an meiner Stelle, mit meinem Herzen und Gefuͤhl ihm daſſelbe verweigert da er darum bat, ſo darum bat! Ich ſollte den Fluch gemeiner Geſinnungen, der graͤnzen⸗ loſeſten Selbſtverachtung auch noch auf mein vernichtetes Leben laden, um unter der dop⸗ pelten Buͤrde ganz zu Boden zu ſinken? Waͤre heute noch zu thun, was ich gethan habe, ſo geſchaͤhe es gewiß, und mit mehr Faſſung und Ruhe noch, als damals. Das Veilchen duftet noch, wenn es zu Boden getreten wird;— ſollte der Menſch niedrig werden und aufhoͤren das Rechte zu thun, wenn er ungluͤcklich wird? Daß hoͤchſte 4 Ungluͤck iſt ja doch Selbſtverachtung, und wie groß auch meine Schuld war, ſo habe ich mich auf dieſe Weiſe doch davor be⸗ wahrt. 6 Wer das Gluͤck ſeines Lebens auf immer 49 Am 9ten Januar. Ich habe nach dreien Tagen meine Tante heute wieder geſehen; ihre Faſſung ſcheint ſie ganz verlaſſen zu haben, ſie iſt wie umgewandelt, auch ſieht ſie ſehr bleich aus; ihre Vorwuͤrfe habe ich ertragen, aber ihr krankes Ausſehen aͤngſtigt mich. Am 10ten Januar. Wir wollen reiſen, oder vielmehr ich ſoll es, denn meine Tante will es ſo. Eine Erbſchafts⸗Angelegenheit, wie ſie vor⸗ ſchuͤtzt, nicht gegen mich ſondern gegen An⸗ dere, macht dieſe Reiſe nothwendig. Mein Herz dankt ihr dieſe zarte Schonung meiner Ehre. Wir wollen den Winter, vielleicht auch den ganzen naͤchſten Sommer, in Italien zubringen; mir iſt jeder Punkt der Erde, auf den ich wandeln muß, ganz gleich, wenn ich nur nicht hier bleibe, wo Alles mich an das Verlorne erinnert. II. 4 50 verloren hat, fuͤr den giebt es keine Hei⸗ math mehr, und es kann ihm gleichviel ſeyn, wohin ihn das Schickſal fuͤhrt, je wei⸗ ter je beſſer; des Menſchen Heimath iſt da, wo ſein Gluͤck bluͤht, und wo waͤre dann wohl die meine zu finden? Aber die Ruͤckkehr an einen Ort, wo man fruͤher gluͤcklich war, iſt ſchrecklich, und nur mit Schauder kann ich daran denken, daß auch wir zuruͤckkehren werden. Viel⸗ leicht laͤßt mich auch meine Tante in irgend einem Winkel der Erde, denn was kann ſie jetzt noch mit mir, von mir wollen? . Am 11ten Januar. Ich habe mich heute nach langer Zeit zuerſt wieder im Spiegel geſehen und er⸗ ſchrak vor mir ſelbſt, nicht weil jene fluͤch⸗ tige Bluͤthe der Schoͤnheit ſiel, auf die ich einſt ſo ſtotz war;— nein, weil ich mir wie mein eigenes Geſpenſt vorkam das — 51 zum Schrecken der Lebenden noch unter ihnen herumwandelt. Wird, muß das nicht bald anders werden! Am 12ten Januar. Die Reiſekoffer ſind gepackt; wir neh⸗ men keine Bedienung mit uns, als den alten Jean, den franzoͤſiſchen Kammer⸗ diener meines Onkels, auf deſſen aͤcht alt⸗ franzoͤſiſche Treue und Verſchwiegenheit wir uns verlaſſen koͤnnen; nun wohlan auf die Reiſe! Piſa, im Maͤrz. Ich habe mein Kind, ſein Kind in die Arme geſchloſſen; dann hat man es mir entriſſen; meine Tante ſagt, es ſey geſtorben und hier in der fremden Erde begraben. Ruhe leicht auf meinem Kinde, heilige Erde, was ſollte es auch auf dir? Schande und Elend waͤre vielleicht dein 4* 52 Loos geweſen, arme Tochter, wie es das deiner Mutter iſt; o ich beneide dein gluͤckli⸗ cheres Schikſal und doch muͤſſen dieſe Augen ſo viel weinen, dieſe Augen, die dich kaum geſe⸗ hen, kaum ſeine geliebten Zuͤge in deinem Geſichte erkannt haben? Der einzige Laut, den deine Mutter von dir vernahm, war das Wimmern des Schmerzes.— Die Natur zeigt uns ſchon bei der Geburt an, wo⸗ zu wir im Leben beſtimmt ſind, indem ſie uns weinend das Licht der Welt erblicken laͤßt. Wohl dir, meine Tochter, dein Schmerz war kurz wie dein Daſeyn, und deine ungluͤckliche Mutter iſt eine Thoͤrin, daß ſie ſo viel um dich weint! Aber dort am Throne des Ewigen fordre ich dich zuruͤck, dort biſt du mein, denn mit namenloſen Schmerzen habe ich mir das Recht auf deinen Beſitz erkauft. Auf der Ruͤckkehr, im Herbſte. Willenlos, maſchinenmaͤßig, mache ich — Mieine Tante dachte anders; ſie bot mich 53 meinen Weg, um zu dem Orte zuruͤckzukeh⸗ ren, wo der alte Kreislauf der Muͤhen und Schmerzen wieder beginnt. Nun, auch das noch! — Zu Anfang des Winters, in der Reſidenz. Meine Schweſter und meine Tante Sophie ſind da— ich ſoll ſie ſehen, ſoll vor ihre Augen treten. Nur den Schatten deſſen was ich einſt war, werden ſie erbli⸗ cken und kopfſchuͤttelnd auf die arme Roſalie ſehen, von der der Ruf ihnen ſagte, daß ſie einſt ſchoͤn, jung und bewundert war; wie kann ich es wagen, ſo vor ihre Augen zu treten, ſo im Gefuͤhle der gaͤnzlichen Vernichtung? 1 Ich habe„Emilia Gallotti“ geleſen; ſchwer haben die Worte Odoardo's mein Herz getroffen:„Eine Roſe geknickt⸗ ehs der Sturm ſie entblaͤttert!“ 54 ſelbſt dem Zerſtoͤrer dar, und jetzt, wo die abgeriſſenen Blaͤtter in den wehenden Luͤf⸗ ten umherflattern, jetzt zuͤrnt ſie noch mit mir? Iſt das recht? kann ſie das ver⸗ antworten? wenn auch alles Uebrige! Aber ich will ihren Fehler nicht nachahmen, ich will nicht mit ihr rechten! Zwei Tage ſpaͤter. 39 habe meine Schweſter, dieſes holde, engelsgute, liebe Geſchoͤpf geſehen und an mein aͤngſtlich ſchlagendes Herz ge⸗ druͤckt! Es war die erſte Lebensregung wieder, die es nach ſo langer Zeit beſeelte. Dank dir, himmliſcher Vater, fuͤr dieſen Tropfen Freude in den bittern Kelch mei⸗ nes Lebens! Ich fuͤhle es, Marie und ich, wir werden uns lieben, ſo ſehr dieſes Herz noch zu lieben vermag. Wie doch Alles ſo ganz anders koͤmmt, als man glaubt,— nie haͤtte ich gedacht, daß ein . 55⁵ Schimmer von Freude es beleben wuͤrde, und doch iſt dem nun ſo! Ohne Datum. Ich habe ihn wiedergeſehen an der Seite ſeiner Verlobten; er ſaß neben ihr im Wagen; ach! wie bleich ſah er aus! Er hat mich auch geſehen, obgleich ich, ſo⸗ bald ich ihn erblickt hatte, ſo raſch in das Haus meiner Tante Sophie eilte, als gaͤbe die Angſt mir Fluͤgel; kaum konnte der mich begleitende Bediente mir folgen. Was die jungen Maͤnner, was meine Schweſter und Tante wohl von mir ge⸗ dacht haben? Es war mir unmoͤglich, mich gleich wieder zu faſſen, denn immer war es mir, als habe er aus dem Wagen ſpringen und mir nachfolgen muͤſſen, auch ſah ich mich in der Thuͤr noch darnach um, ob er mir nicht wirklich folge. 3 —— 56 8 Im December. Was meine Schweſter wohl von mir denken mag, und meine gute Tante! Oft iſt es mir, als muͤſſe ich dieſen theuren geliebten Menſchen an das Herz ſinken und ihnen Alles geſtehen, meine Schuld und mein Ungluͤck; aber wuͤrden ſie mich nicht verachten, nicht vielleicht von ſich ſtoßen? Meine Tante Joſephine kann es nicht gut leiden, wenn ich meine Schweſter und Sophie“n lobe; ſie fuͤrchtet gewiß, daß ich ſie in mein Vertrauen ziehen werde und dieſer Gedanke iſt ihrem Stolze uner⸗ traͤglich; ſte verlangte, daß ich ihr geloben ſollte, auf immer gegen die Meinen uͤber meine traurige Vergangenheit zu ſchweigen; ich aber habe ihr das verweigert, denn da⸗ durch raubte ich mir ja den letzten Troſt, den, dereinſt in ihrer Vergebung und Liebe den Frieden zu finden, der noch fuͤr mich auf Erden bluͤhen kann. Seit ich dieſe trefflichen Menſchen kennen lernte, iſt Vieles anders in mir geworden; ich ſehe wieder 1 * 57 mit groͤßerer Zuverſicht in die Zukunft; Zuverſicht? wie koͤmmt das Wort in meine Feder? Im December. Sollte Marie nicht ſehen, daß Wil⸗ helm ſie liebt, oder ſollte ſie es nicht ſehen wollen? Mir ſcheint das letztere wahr⸗ ſcheinlich, denn wir Maͤdchen ſind ja in dieſem Punkte ſo ſcharfſichtig! Ich begreife nicht, warum ſie ſo gemeſſen und kalt in ihrem Betragen gegen den jungen Mann iſt, der ſie ſo ſichtlich auszeichnet und ſo viele liebenswuͤrdige Eigenſchaften beſitzt, die wohl das Herz eines unbefangenen Maͤdchens zur Erwiederung der entgegenge⸗ tragenen Gefuͤhle zu bewegen vermoͤchten; oder ſollte ſie einen Andern lieben?— Aber nein; ſie war ſo heiter, ſo unbefangen, als ich ſie kennen lernte, und ſind nicht Liebe und Schmerz faſt unzertrennliche Gefaͤhrten? — 58 Im Januar. Mieine gute Tante hat Recht, So⸗ phie hat Recht, ich muß ihr mein Herz oͤffnen, muß es, wenn der Schmerz es nicht brechen ſoll; ich muß fort von hier und unter Menſchen leben, denen ein ge⸗ rechter Kummer heilig iſt und die die Dor⸗ nenkrone des Schmerzes nicht noch tiefer in die wunde Stirne druͤcken. Joſephine behandelt mich ſchrecklich; ich war ihr nichts, gar nichts mehr, ja vielleicht gar zur Laſt, nachdem ihre eitlen Hoffnungen auf eine glaͤnzende Zukunft zugleich mit meinem Gluͤcke zu Grabe getragen wurden. Ich konnte ihre Vorwuͤrfe heute nicht mehr mit Gelaſſenheit anhoͤren und antwortete ihr mit Bitterkeit; ſie ſchalt mich eine Undank⸗ bare, und ſo iſt denn unſer Verhaͤltnis in ein ganz gewoͤhnliches, fuͤr beide Theile gleich erniedrigendes ausgeartet; kann das ſo noch laͤnger bleiben, und muß es nicht bald anders werden? Auch ihn habe ich wieder geſehen, den 59 ich nie haͤtte wiederſehen muͤſſen, wenn die Wunden meines Herzens vernarben ſollten, und wie kann das hier vermieden werden? Seine Vermaͤhlung mit der Prinzeſſin von C. iſt jetzt feſtgeſetzt— ſie iſt liebens⸗ wuͤrdig, wie man ſagt, und auch ſchoͤn,— alſo werde ich bald ganz vergeſſen ſeyn? Was will ich denn auch noch in ſeinem An⸗ denken fortleben, und wozu? Das Opfer⸗ lamm blutet, die Feierlichkeit hat ein Ende, und Alles geht nach Hauſe! Im Januar. Kaum hielt ich mich heute, als Marie ſo liebend in mich drang, ihr meinen Kum⸗ mer zu entdecken— wie koͤnnte ich es aber! Nein, ſie die Reine, Fleckenloſe darf von mir nichts weiter wiſſen, als was ſie ſieht; aber meine Tante Sophie, welch' ein Engel in menſchlicher Huͤlle iſt ſie nicht, welche Kraft, Wuͤrde, Milde und Klarheit! und alle dieſe herrlichen Eigenſchaften durch 60 Liebe mit einander verbunden! Wie gluͤck⸗ lich war Marie, als ſie eine ſolche Pfle⸗ gemutter fand;— ich habe keine ſolche ge⸗ funden, das erkenne ich immer mehr und mehr, wenn ich ſo Sophie und Joſephine einander gegenuͤber ſtelle; die Erſtere will nur ſeyn, die Letztere ewig nur ſcheinen. O wie verſchieden iſt das Loos der Verwaiſten gefallen, wie gluͤck⸗ lich habe ich meine Schweſter zu preiſen! Auch ich haͤtte gut und gluͤcklich ſeyn koͤn⸗ nen, wenn Sophie meine zweite Mutter geworden waͤre, denn in mir liegen alle Elemente des Guten und Schoͤnen, das habe ich mit Stolz in manchen Stunden gefuͤhlt; aber jetzt hat das Unkraut des Welt⸗ und Scheinlebens alles mir angeborne Gute uͤberwuchert, und unter den Truͤm⸗ mern meines Seyns ſtehe ich da, die Ver⸗ nichtung im Herzen tragend. Mußte es ſo ſeyn, Schickſal? konnte ich nicht grrettet werden?— 61 Im Januar. So oft es am Hofe Feſte giebt, habe ich einen boͤſen Tag, denn wir werden nicht mehr dazu geladen; koͤnnten wir denn auch dort noch erſcheinen? Ich glaube meine Tante wuͤrde hingehen, wenn man ſie ein⸗ luͤde und dem ihr von allen Seiten begeg⸗ nenden Uebelwollen die eiſerne Faſſung ent⸗ gegenſtellen, die ich ſo oft an ihr bewun⸗ dert habe; bewundert? nein! ſie hat mich ſtets nur in Erſtaunen geſetzt. Ja, es muß anders werden, das fuͤhle ich beſtimmt, denn ſo wie ich jetzt zu meiner Tante ſtehe, kann es nicht bleiben; ich ertrage ihr fin⸗ ſtres Zuͤrnen, ihre ewige Mißlaune nicht laͤnger, die, wie eine ſchlecht gedaͤmpfte Flamme, bei jeder vorkommenden Gelegen⸗ heit wieder emporlodern und neue Schmer⸗ zen mir bereiten. 62 Nachſchrift an meine Tante Sophie. Zitternd, geliebte Schweſter meiner fruͤh verklaͤrten Mutter, uͤbergebe ich Ihren Haͤnden dieſe Gedenkblaͤtter meiner Vergan⸗ genheit; richten Sie nach der Milde Ihres Herzens uͤber meine Schuld, nicht nach der V Strenge des einmal beſtehenden Sittenge⸗ ſetzes, das, ich weiß es, mich unbedingt ver⸗ dammt! Ich habe dieſen Begleitern mei⸗ nes ſchmerzerfuͤllten Lebens nichts weiter hinzuzufuͤgen, denn kaum geziemt mir die Bitte um milde Schonung; ob ich noch wuͤrdig ſey Ihres Schutzes zu genießen? b noch wuͤrdig unter den Reinen zu wandeln, denen Ihre Liebe und muͤtterliche Sorgfalt die hoͤchſten Guͤter des Lebens bewahrte? daruͤber werden Sie entſcheiden, meine ge⸗ liebte Tante, nachdem Sie mein Tage⸗ buch geleſen haben. Verſtoßen aber auch Sie mich, ſo weiß ich keine Staͤtte mehr auf Erden, wohin ich das muͤde Haupt le⸗ 63 gen koͤnnte, denn hier kann ich nicht blei⸗ ben, das werden Sie mit mir fuͤhlen. Wie der Schiffbruͤchige nach dem letzten Brete greift, das ihn der tobenden Gewalt der Wellen entreißen koͤnnte und ihm die Hoffnung giebt, in irgend einem Hafen zu landen, ſo ſtrecke ich die Hand nach Ihnen aus; ſoll es vergebens geſchehen ſeyn? Doch ich will nicht murren noch klagen, wenn auch Sie mich zuruͤckſtoßen, wenn Sie mich fuͤr unwuͤrdig halten, unter Ihren Augen ein neues Daſeyn zu beginnen, und dieſes Herz von den Schlacken zu reinigen, womit eitles Streben und verkehrte Erziehung es erfuͤlten. Ich fuͤhle, ſeit ich Sie und meine Schweſter ſah, die Kraft und den Muth in mir, noch einmal den Kampf mit dem Leben zu beginnen und mir das zu er⸗ ringen, was fuͤr mich noch zu erringen uͤbrig bleibt: Ruhe durch Reue, Thraͤnen und Beſſerung. Die Jugend liegt hinter mir, die Zeit der Bluͤthe iſt dahin,— ein giftiger Wurm 64 zernagte ihre zarte Knospe; aber der Le⸗ bensbaum kann doch wieder Blaͤtter treiben und ſo Schatten, wenn auch nie mehr ſuͤße Frucht verleihen, Schatten in der Schwuͤle des Mittags! O goͤnnen Sie ihm denn, wenn Sie irgend koͤnnen, das Erdreich worin er allein noch gedeihen kann! Roſalie. 17. Was die Landraͤthin Roſalien auf dieſe Bekenntniſſe antwortete, wiſſen wir aus dem, demſelben vorangehenden Abſchnitt und dieſes milde und ſchonende Entgegen⸗ treten der herrlichon Frau war der erſte Lichtſtral wieder, der in ihr freudenloſes veroͤdetes Daſeyn ſiel; es war auch Zeit, daß ihr geholfen wurde, denn in der That erlag ſie der Laſt, welche vom Geſchick auf ihr Herz gehaͤuft worden war. 65 Roſalie zog ſchon nach wenigen Ta⸗ gen zu der Landraͤthin und ihren Schwe⸗ ſtern, denn auch Emilie nannte ſie auf deren Bitte mit dieſem theuren Namen; und dieſe drei wuͤrdigen Menſchen waren unablaͤſſig bemuͤht, die Wunden ihres Her⸗ zens durch Liebe und zarte Schonung zu heilenz ſie athmete in dieſer Naͤhe zuerſt wieder frei auf. Die Baronin hatte, ſeit Roſalie von ihr gezogen war, die Stadt verlaſſen, und machte mit ihrem Gemahle, der in ſei⸗ ner geiſtigen Beſchraͤnktheit von allem Vor⸗ gefallenen nichts ahnete, Beſuche auf ver⸗ ſchiedenen Landſitzen, deren Bewohner den Winter uͤber nicht in der Stadt wohnten. Sie ſuchte alle Arten von Zerſtreuungen auf, aber die Harpyen der Reue umlager⸗ ten ihr Herz; wie haͤtte ſie da gluͤcklich ſeyn koͤnnen? Das letzte Weſen, ja faſt das einzige, welches ſie auf Erden geliebt hatte, war freiwillig von ihr geſchieden, nicht aus II. 5 66 ſchwarzem Undank, wie ſie ſich ſelbſt ſagen mußte, ſondern weil es in der That nicht laͤnger bei ihr weilen durfte, und ſo ſtand ſie jetzt in einem Lebensalter verlaſſen und allein da, wo eine liebevolle Umgebung, wo Kindestroſt und Kindesgluͤck fuͤr das menſch⸗ liche Herz ein ſo großes, unabweisbares Beduͤrfnis iſt. Geſchieden hatte ſich wie⸗ der, was nie hätte zuſammenkommen ſol⸗ len, denn nur das Gleichgeartete kann auf die Dauer neben einander beſtehen. Obgleich nun die Baronin Roſalien in der letzten Zeit faſt unmenſchlich gequaͤlt hatte, ſo war doch ſene Liebe, welche ſie ihr. trotz dem, noch immer entgegengetragen und welche di gei ihr zur ſuͤßen Gewohnheit gemacht hatte, auch jetzt nicht ganz in ih rem Herzen erloſchen, und ſie fuͤhlte eine Leere, eine Unbehaglichkeit in ſich, die nichts auszufuͤllen vermochte. Das An⸗ denken an das, was Roſalie ihr in den Tagen ihres Glanzes geweſen war, der Stolz, womit ſie einſt auf dieſe ſeltene 67 Bluͤthe blickte, die Hoffnungen, welche ſie auf die Macht ihrer geiſtigen und koͤrperli⸗ chen Vollkommenheiten gebaut hatte, waren jetzt eben ſo viele ſchmerzliche Erinnerun⸗ gen, als ſie ihr ſonſt Gegenſtaͤnde eines un⸗ gezuͤgelten Hochmuths und Uebermuths geweſen. Von Allem, was ſie einſt gewuͤnſcht hatte, ward ihr nichts zu Theil und jede Freude in ihr Gegentheil umge⸗ wandelt. Zuerſt im Leben zog ſie ihre Klugheit in Zweifel und ward ungewiß uͤber ſich ſelbſt, ja, es gab Stunden, worin ſie ſich mit bittern Vorwuͤrfen uͤberhaͤufte, denn wer koͤnnte den innern Richter ganz in ſich erſticken? Gewiß, ſie war fuͤr ihre Thorheit und Verkehrtheit genug beſtraft, denn das Ge⸗ ſchick hatte die Waffen, welche ſie demſel⸗ ben entgegenzuſetzen geſtrebt, um es nach ihrem Willen zu lenken, jetzt alle gegen ſie ſelbſt gewendet und ſie blutete an tauſend ſelbſtgeſchlagenen Wunden. Wenden wir uns alſo trauernd von ihr ab und weihen 5* 68 wir ihr unſer Bedauern, ſtatt unſers Haſſes. Prinz Emil war nicht gluͤcklich; wie haͤtte er es auch ſeyn koͤnnen, da ſein innerer Richter auch ihn anklagte, ein Geſchoͤpf vernichtet zu haben, das ſo ſehr verdiente gluͤcklich zu ſeyn, das der Liebe zu ihm ſein ganzes Lebensgluͤck, mit ſei⸗ nen Grundſaͤtzen geopfert hatte? Er haͤtte vorausſehen muͤſſen, daß jenes Verhaͤlt⸗ nis nicht gluͤcklich enden konnte, und ſo waͤre Schonung der Geliebten ſeine heiligſte Pflicht geweſen; liebend, vertrauend gab ſie ihm ihr Alles hin, und ihr Lohn dafuͤr war Verderben. Er haͤtte wiſſen muͤſſen/ daß an eine Vereinigung zwiſchen ihnen, auch im gluͤcklichſten Falle, nicht zu denken war, denn kannte er denn nicht die einen⸗ genden Schranken, womit der Fuͤrſtenſtand, und bei der Kraͤnklichkeit des Bruders, die nahe Ausſicht auf den Thron, ihn umgaben? Konnte er ſich wirklich einen Augenblick aruͤber taͤuſchen? Aber wie es den Men 4 8 N 1 A 69 ſchen meiſt ergeht, wenn Leidenſchaft ihre Sinne umnebelt, ſo erging es auch ihm; er ſcheute es, ſich Rechenſchaft uͤber ſich ſelbſt und ſeine Verhaͤltniſſe und Pflich⸗ ten abzulegen, um nicht durch ſein Ge⸗ wiſſen daran verhindert zu werden, das zu thun, was ihm wohlgeſiel. So brach ſeine maͤnnliche Begierde die ſuͤße Bluͤthe jungfraͤulicher Ehre im wilden Taumel der Leidenſchaft, ſo vernichtete er das We⸗ ſen das er am heißeſten liebte, fuͤr das er gern ſein Leben zum Opfer dargebracht haͤtte, dem er aber nicht das der maͤnnli⸗ chen Selbſtuͤberwindung zu bringen ver⸗ mochte. Er war mit einem Weibe am Altare verbunden, das er nicht lieben konnte, weil noch immer Roſalie ungetheilt ſein Herz beſaß, und hatte Pflichten uͤbernommen, ge⸗ gen die ſich ſein Gefuͤhl ſtraͤubte, weil ſie allen ſeinen Wuͤnſchen und Hoffnungen ent⸗ gegen waren. Die nahe Ausſicht auf die Herrſchergewalt und das fuͤrſtliche Diadem 70 vermochte ihm fuͤr das Verlorne keinen Er⸗ ſatz zu bieten, denn er war nicht ehrgeizig genug, einen zu hohen Werth auf dieſe Dinge zu legen; auch gehoͤrte er zu den Natu⸗ ren, die große Muͤhen und Laſten ſcheuen, weil ſie ſich ihnen nicht ganz gewachſen fuͤhlen, und ſo dachte er nur mit Schrecken an die Zeit, wo das ganze Gewicht der Volksregierung auf ihn fallen wuͤrde, denn die Krankheit des Fuͤrſten, ſeines Vaters, war nicht von der Art, daß man auf eine gänzliche Heilung haͤtte hoffen duͤrfen, ſo wenig als auf ein langes Leben. Auf der andern Seite aͤngſtete es ihn, daß auch ſeine junge Gemahlin, ein durch⸗ aus liebenswuͤrdiges Weſen, das des ſchoͤn⸗ ſten Gluͤckes wuͤrdig geweſen waͤre und ihn mit dem Feuer der erſten Jugendliebe liebte, auf die Laͤnge nicht durch ihn begluͤckt wer⸗ den konnte, denn kann ein getheiltes Herz, kann kalte Achtung da genuͤgen, wo unſere Seele den reichen, vollen Schatz der Liebe begehrt? — in eben dem Maaße kalt und verſchloſſen, 7¹ — Prinzeſſin Adelaide⸗ welche ihrem kraͤftigen Temperament nach, ihren einzi⸗ gen Bruder ſehr liebte, machte ſich jetzt geheime Vorwuͤrfe daruͤber, daß ſie ihn un⸗ gluͤcklich gemacht habe, denn daß er es ſey, ſagten ihr ſein blaſſes Geſicht und die duͤſtre Schwermuth, die noch immer ſeine ſonſt ſo ſchoͤnen und freundlichen Zuͤge be⸗ ſchattete. Er, von ſeiner Seite, war jetzt ſehr ernſt und zuruͤckhaltend gegen ſie, und als er ſonſt liebend und zutraulich gegen ſeine Schweſtern geweſen. Alles, was ſie verſuchte, das alte Verhaͤltnis zwiſchen ih⸗ nen wieder herzuſtellen, uͤberzeugte ſie nur noch mehr, daß es unwiederbringlich zer⸗ ſtoͤrt ſey, ja, als ſie einſt in einer Stunde wo ſie einander allein gegenuͤberſtanden, es wagte ihn an die Vergangenheit zu mah⸗ nen und ihn um die Ruͤckkehr ſeiner bruͤder⸗ lichen Liebe und ſeines ſie begluͤckenden Ver⸗ trauens zu bitten, entgegnete er ihr kalt und finſter:„Laß es gut ſeyn mich an die 22 Vergangenheit zu mahnen, Adelaide; ſie kann Dir nur Beſchaͤmung und mir nur Reue und Schmerz bieten. Du haſt mein Lebensgluͤck auf immer vernichtet, denn wiſſe, ich liebte dieſe Roſalie, wie nur je ein Mann ein edles weibliches Geſchoͤpf lie⸗ ben kann, und Du zwangſt mich ſie elen⸗ der zu machen als Du ahneſt. Mein Ver⸗ trauen forderſt Du? und bedienteſt Dich eines Huͤlfsmittels, das Fuͤrſten wenig⸗ ſtens, als zu niedrig, verſchmaͤhen ſollten, um hinter meine zarten Geheimniſſe zu kommen und ſie Andern zu verrathen, in deren Haͤnden mein Schickſal lag? Du weißt nicht, was Du gethan haſt, welche Schuld und Vernichtung Du auf mein Leben gehaͤuft, und ſo kann ich Dir chriſtlich ver⸗ geben, aber nicht meinem Herzen zu Dei⸗ nen Gunſten gebieten.“ Unter dieſen Umſtaͤnden war es Ade⸗ laiden ſehr erwuͤnfcht, daß ein benachbar⸗ ter Fuͤrſt um ihre Hand warb, und ohne 73 — Liebe folgte ſie dem durchaus Unliebens⸗ wuͤrdigen zum Altare, nur um des Anblicks eines durch ſie ungluͤcklich gewordenen Bru⸗ ders enthoben zu ſeyn, der ihr ein ewiger Vorwurf war. Mathilde, die leichtſinnige Ma⸗ thilde dagegen, flatterte von Blume zu Blume, von Freude zu Freude, denn ſie ſuchte nichts Hoͤheres im Leben als dieſe und war zu frivol, um den Abgang alles deſſen zu fuͤhlen, was das Herz und den Geiſt er⸗ hebt und das Daſeyn zu einem Quell hoͤherer Genuͤſſe macht. Von allem dem, was um ſie her vorgegangen war, wußte ſie nichts, denn Adelaide war zu ver⸗ ſteckt und zu vorſichtig, um ihr die Geheim⸗ niſſe der Familie mitzutheilen. Roſalien entbehrte ſie nur wenig, obgleich ſie fruͤher oft behauptet hatte, nicht ohne ſie leben zu koͤnnen, denn da dieſe in der letzten Zeit ihres Beiſammenſeyns ſehr ernſt und oft ſogar verſtimmt geweſen war, hatte ſich ihr 74 Herz allmaͤhlig entfremdet und ſich der ge⸗ ſchaͤftigen Ottilie zugewendet, die nun im Vollgenuß der heißerſehnten Fuͤrſten⸗ gunſt ſchwelgte und ſich nicht wenig Muͤhe gab, ihren, eigentlich von Natur ernſten und ſchwerfaͤlligen Charakter zu der Fri⸗ volitaͤt umzuſtimmen, die, wie ſie wußte, der Prinzeſſi n am meiſten zuſagte; und es gluͤckte ihr ſo ziemlich damit, obgleich es ihr recht ſchwer zu Zeiten fiel, ſich den Sultanslaunen ihrer wetterwendiſchen Ge⸗ bieterin zu fuͤgen. Es iſt jetzt Zeit, uns wieder zu Ver⸗ ttniſſen zu wenden, die unſre Theilnahme naͤher in Anſpruch nehmen, naͤmlich zu Wilhelm und Marie'n, die wir uͤber Roſaliens Schickſal faſt ganz aus den Augen verloren haben. ——— — 75 Wilhelm war jetzt voͤllig geneſen und bedurfte der Pflege ſeiner Verwandten nicht mehr, und auch die Landraͤthin ſehnte ſich innig nach der Ruͤckkehr auf ihr ſtilles Seethal, das, ſo hoffte ſie mit Zuverſicht, beſonders Roſalien mit ſeiner friedlichen Stille wohl thun wuͤrde. Wilhelm hatte bereits das Haus ſeiner liebevollen Pflegerinnen verlaſſen, und auch Sophie fuͤhlte ſich ſtark genug, die Ruͤck⸗ reiſe antreten zu koͤnnen. Der junge Mann, obgleich verſchuͤchtert durch Ma⸗ rie'ns letztes Betragen, das er ſich nicht zu erklaͤren wußte, fuͤhlte doch, daß der Zeitpunkt da ſey, wo er ſich offen an ſie wenden muͤſſe, und ſo ſpaͤhte er eifrig nach einer guͤnſtigen Gelegenheit; aber ſo o ſie zu erfaſſen glaubte, entſchluͤpfte n Marie wieder, die ſeine Abſicht nur allze wohl ahnete. An einem Abende endlich gluͤckte es ihm Marie allein im Zimmer zu treffen; ſie machte ſogleich Miene die Anderen her⸗ 76 beizurufen, er aber hielt ſie zuruͤck und bat ſie dringend, ihm einige Augenblicke Gehoͤr zu ſchenken; ſo mußte ſie wider ihren Willen bleiben. Endlich war er nun da, der langge⸗ fuͤrchtete Augenblick der freiwilligen Ent⸗ ſagung ihres ſchoͤnſten Lebensgluͤcks! Der heißgeliebte Mann flehte um ihre Hand und berief ſich auf das, was bei ſeiner Verwundung durch den Sturz vom Pferde vorgefallen war, um ſicher auf ihrr Ein⸗ willigung zu dem erſehnten Bunde hoffen zu duͤrfen. Sein Ton, ſeine Blicke, ſeine Worte und Betheurungen verkuͤndeten die heißeſte und zugleich die ehrfurchtsvollſte Liebe;— er glaubte ſeines Gluͤcks, ihrer Gegenliebe, ſo gewiß ſeyn zu koͤnnen!— Ach! und liebte ſie ihn denn nicht auch mit dem ſchoͤnen Feuer der erſten, unentweihten Jugendliebe! Einen Augenblick ſchwankte ihr Herz noch; denn vor ihr ausgeſchuͤttet lag das reiche Fuͤllhorn des hoͤchſten Erdengluͤcks, 77 ſie durfte nur die Hand darnach ausſtrecken, um es zu erfaſſen, nur ein Wort ſprechen, um gluͤcklich zu ſeyn und gluͤcklich zu machen; wer begriffe den Kampf nicht, der ſich in ihrer Seele erhob? Und auch das hatte ſie noch zu erwaͤgen und zu bekaͤmpfen, welcher Mißdeutung ſie ſich von Seiten Wilhelms ausſetzte, wenn ſie jetzt noch ſeinen Antrag zuruͤckwieſe, da ein unbewachter Augenblick ihm ihre Gefuͤhle fuͤr ihn verrathen hatte. Mußte ſie nicht befuͤrchten, daß er ſie als eine herzloſe Coquette, als ein Maͤdchen be⸗ trachtete, das ſich ein heilloſes Spiel mit einem liebenden Herzen erlaube, um eitle Triumphe zu feiern? Sie wand ſanft ihre Hand aus der ſei⸗ nigen und trat einige Augenblicke an das Fenſter, um ſich zu faſſen und zu dem Opfer vorzubereiten, welches ſie der Dank⸗ barkeit zu bringen bereit war. Dann trat ſie auf Wilhelm zu und ſagte mit bebender Stimme, die nur zu ſehr den Aufruhr ihres Innern verkuͤndete: — 2.—— „Verkennen ſie mich nicht, Wilhelm, aber ich kann nie die Ihrige werden!“ „Darauf war ich nicht gefaßt, Marie, darauf nicht!“ entgegnete er betaͤubt;„ſo trieben Sie nur ihr Spiel mit dieſem red⸗ lichen Herzen? ſo lieben Sie vielleicht einen Andern, und doch konnten Sie mir in einer ſo ernſten Stunde die ſchoͤnſten Hoffnungen geben? Koͤnnen Sie das ver⸗ antworten, vor ſich und dem himmliſchen Richter dort droben?“ „Nein Wilhelm, daß ich ihnen Hoff⸗ nungen gab, die ich nie erfuͤllen kann, das kann ich nicht verantworten, und habe den ungluͤckſeligen Augenblick mit bittern Reue⸗ thraͤnen abgebuͤßt; aber forſchen Sie nicht weiter, vergeben Sie mir großmuͤthig, was nur eine Schuld der augenblicklichen Ueber⸗ raſchung und Schwaͤche war; ach! ich waͤhnte nicht, daß Sie dieſe unbeſonnenen Worte hoͤren wuͤrden, die mich jetzt in Ihren Augen zu einer Schuldigeren ſtempeln, als ich es wirklich bin.“ 3 79 O Marie, wie kann, wie ſoll ich mir Ihre Worte deuten, wo den Faden finden, der aus dieſem Labyrinthe leitet; fuͤhlen Sie denn nicht, daß Sie, wenn auch nicht dem Geliebten, doch dem Menſchen, dem Freunde eine Erklaͤrung ſchuldig ſind, die ihn einigermaßen beruhige und ihm ſo ſein Ungluͤck ertraͤglicher mache?“ „Auch dieſes darf ich nicht Wilhelm, ich darf es nicht, ſonſt wuͤrde Ihnen dieſes Herz eine Erklaͤrung, die Sie mit ſo vielem Rechte fordern, nicht verweigern.“ „Dann nur noch eine Frage, Marie, lieben ſie einen Andern, oder hat ein An⸗ derer vielleicht ihre Schwuͤre? Wuͤrde mein Freund Auguſt, an meiner Stelle ſtehend, wohl gluͤcklicher ſeyn als ich? Dies muß ich ſie fragen, denn das gebeut mir die Pflicht der Freundſchaft.“ „O niemals, niemals!“ rief Marie von dieſen Worten uͤberraſcht;„ich liebe Auguſt nicht und koͤnnte nie die Seine 80 werden, wie ſehr ich ihn auch als Freund, als Ihren Freund Wilhelm, achte.“ „So geziemt mir jetzt Schweigen und Entſagung, ſagte er ernſt und wehmuͤthig, indem er noch einmal ihre Hand ergrif und an ſeine Lippen druͤckte. Er fuͤhlte ſie in der ſeinigen beben und ſah einen unaus⸗ ſprechlichen Schmerz ſich uͤber ihre ſanften Zuͤge verbreiten; ein Thraͤnenſtrom draͤngte ſich aus den langen dunkeln Wimpern her⸗ vor und benetzte ihre Wangen. „Marie,“ ſagte er, indem er ſie lie⸗ bend und ſehnſuchtsvoll anſah,„Marie, Alles ſagt mir, daß ich vor einem lieben⸗ den, mich liebenden Herzen ſtehe, und doch verſagt derſelbe Mund, der einſt Worte ſprach, welche mich zum gluͤcklichſten Sterb⸗ lichen machten, mir jetzt das Wort der Liebe der Einwilligung zu einem beſeligen⸗ den Bund? Wird nicht einſt eine Zeit kom⸗ men, wo mir dieſe Raͤthſel geloͤſt werden koͤnnen? und geben Sie mir nicht die feier⸗ 81 — licher Zuſicherung, daß es dann geſche⸗ hen ſoll?“ Marie konnte ihm nicht antworten, ſondern ſchuͤttelte nur wie verneinend das abgewandte Haupt; dann entfernte ſie ſich langſam und heftete, noch beim Austritt aus der Thuͤr, einen langen ſchmerzlichen Blick auf den geliebten Mann. Das Opfer war gebracht, der ſchwere Kampf ſiegreich beſtanden, und der Dank⸗ barkeit genug gethan worden! Wie erhe⸗ bend aber waren die Gefuͤhle, welche ſie trotz des Schmerzes empfand, der ihre Seele durchzuckte! Gewiß, in ſolchen Augen⸗ blicken empfinden wir den ganzen, vollen Werth der Tugend, ſie allein vermag uns ſtark zu machen zu ſo hochherziger Entſagung, und uns fuͤr Alles zu ent⸗ ſchaͤdigen, was wir ihr aufopferten. Wilhelm verließ ſtill das Haus, ohne Jemand von den Andern geſprochen zu ha⸗ den und kehrte ſinnend und langſam nach iner Wohnung zuruͤck. Das, was er Il. 6 82 eben erfahren hatte, ſchmerzte ihn nicht allein tief, ſondern es beunruhigte ihn zu gleicher Zeit, indem es ihm in jeder Hin⸗ ſicht raͤthſelhaft war. Der Liebe Marie'ns glaubte er gewiß zu ſeyn, und ſelbſt jetzt noch, blieb ihm uͤber dieſelbe kein Zweifel; warum aber verwarf ſie ihn dennoch? Sein Betragen gegen ſie, das wußte er, konnte ihr keine Veranlaffung gegeben ha⸗ ben ſeine Bewerbung abzulehnen, und we⸗ der auf ſeine Sitten, noch auf ſeine Geſin⸗ nungen konnte irgend ein Schatten gewor⸗ fen werden; was war es aber dann?— Er fuͤhlte, daß es ihm unmoͤglich ſeyn werde, Marienn wiederzuſehen. Warum ſich auch durch ihren Aublick neuen Schmerz bereiten? Er ſchrieb daher an Sophie'n: daß ihn einige unabweisbare An gelegenhei⸗ ten zu einer ſchleunigen Entfernung nothig⸗ ten und daß er ſich deshalb ſchriftlich bei ihr beurlaube. Sein Brief an ſie ſtröͤnite von den Gefuͤhlen des Dankes und der zaͤrtlichſten Hochachtung uͤber, aber krin 4 8³ Wort in demſelben deutete auf das, was ihr Mutterherz fuͤr Emilien wuͤn⸗ ſchen mußte; er gruͤßte beide Maͤdchen, wie auch Roſalien freundlich und bat ſie um ihr Angedenken, aber er erwaͤhnte Emiliens mit keiner Sylbe beſonders. Nachdem die Landraͤthin dieſen Brief geleſen hatte, der wenige Stunden vor ihrer Abreiſe eintraf, war jede Hoffnung fuͤr das Gluͤck ihres Kindes in ihr ertoͤdtet; Wilhelm haͤtte ſich jettzt erklaͤren muͤſſen, wenn es je ſeine Abſicht geweſen waͤre der Gatte ihrer Tochter zu werden, und ſo beſchloß ſie, Emilien mit Schonung auf das Fehlſchlagen ihrer Wuͤnſche und Hoffnungen vorzubereiten und mit Mutter⸗ treue die Wunden zu heilen, die eine uner⸗ wiederte Liebe dem Maͤdchenherzen ſchla⸗ gen mußte. 8 t So hatte alſo Marie ein vergebliches Opfer gebracht und durch ihre Entſagung nichts fuͤr die geliebten Menſchen gewonnen, 6* 84 fuͤr die ſie ſich gern ganz hingegeben haͤtte! Sie ſelbſt fuͤhlte das, denn ihr Geiſt war zu hell, als daß ſie ſich daruͤber haͤtte taͤuſchen koͤnnen; aber ihr Zartgefuͤhl, ihre Dankbarkeit und Tugend gingen ſo weit, daß ſie ſelbſt lieber entſagen wollte, als da im Beſitz ſchwelgen, wo die Geliebten darben mußten, die mit gleicher Sehnſucht wie ſie ein theures Gluͤck begehrten. Wer vermag es, eine ſolche Tugend Exaltation zu nennen! Freilich iſt ſie nicht gewoͤhnlich aber darum doch nicht minder wahr, und ſi nden wir nicht ſelbſt in der Jugendwelt aͤhnliche Beiſpiele der liebenden Aufopferung! Der Knabe, welcher in der Kadetten⸗ An⸗ ſtalt zu Paris ſich den Geuuß des wei⸗ ßen Brotes verſagte, weil ſeine ſehr arme Familie taͤglich nur grobes, ſchwarzes zu eſſen hatte; zeigte er nicht eben die Seelen⸗ ſtaͤrke, die unſere Marie jetzt bewies?— Auch ſie verzichtete auf den Beſitz, weil die welche ſte liebte, durch denſelben zu Entſagungen gezwungen worden waͤren. 8⁵ Und dieſe Tugend war einzig die ſchoͤne Frucht einer trefflichen Erziehung, da Ma⸗ rie mit ſehr fehlerhaften Neigungen gebo⸗ ren war; nur Sophie'ns ſtete Sorg⸗ falt fuͤr ihre innere Ausbildung, nur ihre wachſame Liebe, hatte ſie zu dem gemacht was ſie jetzt war; das erkannte ſie, da jetzt die Jahre des Nachdenkens und der geiſtigen Reife fuͤr ſie gekommen waren, nur allzuwohl, und ſo ſollte auch ihre Pfle⸗ gemutter die erſte Frucht ihres ganz gebeſ⸗ ſerten Herzens aͤrnten, ſo wollte ſie ihr, wenn gleich in's Geheim, das erſte große Opfer der Entſagung bringen, zu der ſie allein ſie faͤhig gemacht hatte. Freilich, wer nie die Wonne einer ſol⸗ chen Selbſtuͤberwindung kennen lernte, wer nie einen ſo großen Sieg uͤber ſich davon trug, der wird eine Tugend wie dieſe wohl eine Chimaͤre nennen, ja ſie nicht einmal begreifen, und ihm haben wir nur unſer Bedauern zu weihen, denn er kennt das 86 Hoͤchſte nicht, was ein Menſchenherz zu em⸗ pfinden vermag. 19 19. Das Stillleben, welches Roſalien auf Seethal umfing, wirkte heilend und beſaͤnftigend auf ihr Gemuͤth und dieſes intereſſante, ſeltene Weſen, deſſen liebens⸗ wuͤrdige Eigenſchaften ſo lange im Gewuͤhl des Welttreibens, wenn auch nicht voͤllig untergegangen, doch verſchloſſen geweſen waren, entfaltete in dieſem Aufenthalte des Friedens all' das Schoͤne und Große, welches die Natur in ihr Herz gelegt hatte. Sie war, freilich erſt nach langem, ſchwerem Kampfe, dahin gekommen, ſich mit Sophie'n uͤber ihre Vergangenheit be⸗ ſprechen zu koͤnnen, und dieſe herrliche Frau, welche das Menſchenherz in allen ſeinen Falten kannte, ſuchte ihrem gerechten 37 Schmerze dadurch den verwundenden Sta⸗ chel zu rauben, daß ſie ſie noͤthigte, recht oft mit ihr uͤber denſelben zu reden. Es iſt gewiß, daß nur das Leid ſchmerzlich brennt, welches ungeklagt in unſerm In⸗ nern lodert; ſo bald die verzehrende Flam⸗ me einen Weg nach außen gefunden hat, hoͤrt ſie auf furchtbar zu ſeyn und erliſcht endlich in ſich ſelbſt. Das wußte Sophie und in dieſer Anſicht ſuchte ſie jede ſich ihr darbietende Gelegenheit auf, Roſalien zum Reden, zur Klage zu bewegen. Bald war zwiſchen beiden jede fremdartige Scheidewand eingeſunken und Roſaliens innerſtes Seyn und Weſen entfaltete ſich frei vor ihrer neuerworbenen muͤtterlichen Freundin. Mit Liebe und Bewunderung ſchaute Sophie auf das theure Geſchoͤpf, welches das Schick⸗ ſal ihr ſo unerwartet zugefuͤhrt hatte. Viel, das mußte ſie ſich ſagen, war in Roſalien durch die ganz verfehlte Erziehung, wenn gleich nicht ganz untergegangen, denn das wahrhaft Schoͤne und Gute iſt auch zugleich 88 —õ unvergaͤnglich, aber doch von dem wuͤſten Unkraute des Weltlebens uͤberwuchert wor⸗ den, aber viel mehr war doch noch geblieben, und entfaltete ſich jetzt in ſchoͤner Freiheit und unter liebender Pflege auf das herr⸗ lichſte. Ueber Einen Punkt in Roſaliens Schickſal war die Landraͤthin noch im Dunkeln; ſie glaubte naͤmlich nicht, daß das Kind, welches ſein Daſeyn deren Ver⸗ haͤltnis zum Prinzen verdankte, wirklich todt ſey, und wohl war der Baronin ein ſolcher Betrug zuzutrauen, denn haͤtte das Kind gelebt, ſo wuͤrde Roſalie ſich nicht von demſelben haben trennen wollen, und eine Vereinigung Beider konnte, nach Jo⸗ ſephinens Anſichten, nur dazu dienen, Roſalien in den Augen der Welt ganz und gar zu verderben. Sie huͤ⸗ tete ſich wohl, ihrer neuen Tochter dieſe Vermuthung mitzutheilen, die ſie mit Recht beunruhigt haben wuͤrde, und beſchloß ſich an die Baronin ſelbſt zu wenden, um 89 — wo moͤglich durch dieſe ihre Zweifel geen⸗ digt zu ſehen, denn lebte das Kind noch, ſo mußte es der Mutter wiedergegeben werden, weil ihrem Gefuͤhle und ihren An⸗ ſichten nach, eine ſolche Trennung eben ſo unnatuͤrlich als abſcheulich war. Zu die⸗ ſem Zwecke ſchrieb ſie nachſtehenden Brief an Joſephinen, die, wie ſie wußte, wie⸗ der nach der Reſidenz zuruͤckgekehrt war, nachdem ſie vergebens Troſt und Beruhi⸗ gung auf ihren Exeurſionen geſucht hatte. Sophie an die Baronin. Seethal im May. Vergebens, gnaͤdige Frau, habe ich ver⸗ ſucht, gewiſſe beunruhigende Zweifel und Gedanken in mir nieder zu kaͤmpfen, und ſehe mich ſo genoͤthigt, um ſie voͤllig zu be⸗ ſeitigen, Ihnen nochmals mit einer Ange⸗ legenheit beſchwerlich zu fallen und eine Vergangenheit in Ihnen aufzuregen, die Sie gewiß gern ganz aus Ihrem Gedaͤcht⸗ nis vertilgten, wenn das moͤglich waͤre. 90 Ich kenne nicht nur einen Theil von der Geſchichte unſerer Roſalie, ſondern kenne dieſe ganz, und alſo auch die Vor⸗ faͤlle in Piſa. Fern ſey es von mir, Ih⸗ nen noch Vorwuͤrfe machen zu wollen; ich ehre Ihren Schmerz, der gerecht iſt, ohne weiter dem nachzuſpuͤren, was die Veran⸗ laſſung dazu war, denn das gehoͤrt einem anderen Richter an, als mir. Der Jrrthum iſt ja das Erbtheil der armen Menſchen, und wer koͤnnte ſich von demſelben frei ſpre⸗ chen? So konnten auch Sie irren, gnaͤdige Frau, aber fuͤgen Sie zu der Verirrung nun nicht auch noch eine freiwillige Schuld, die, der Natur ihre heiligen Rechte vorzu⸗ enthalten. Roſalie hat zu Piſa einer Tochter das Daſeyn geſchenkt, auf deren Beſitz ſie ſich durch Schmerz und Reue die heiligſten Rechte erworben hat, wenn ſie noch leben ſollte, wie ich faſt vermuthe. Es war leicht, die junge ungluͤckliche Mut⸗ ter zu taͤuſchen, die von Schmerz und Krankheit befangen, nicht klar in dieſer 91 Angelegenhezt ſehen konnte und ſo Ihnen unbedingt vertrauen mußte, auch erkenne ich die Gruͤnde an, die Sie zu einer ſolchen Taͤuſchung bewegen konnten und tadle Sie deshalb nicht einmal. Dieſe Gruͤnde ſind jetzt weggefallen; Roſalie iſt feſt entſchloſſen der Welt zu entſagen und fortan ein durch⸗ aus ſtilles, eingezogenes Leben zu fuͤhren; ſie wird nie mehr, ſo habe ich ſie erkannt, in Verhaͤltniſſe zuruͤckzukehren wuͤnſchen, die ihr den Zwang auferlegten, die Stimme der Natur zu verlaͤugnen und ihren erſten und heiligſten Pflichten zu entſagen. Sollten Sie, trotz dieſer Verſicherung, noch einigen Zweifel hegen, ob es rathſam ſey, mir die Wahrheit zu ſagen, ſo fuͤge ich meinerſeits die hinzu, daß ich Alles aufbieten werde, den Anſtand zu retten und Roſal iens Ruf vor den Augen der Welt aufrecht zu erhalten. Jene Tochter wird, falls ſie noch leben ſollte, welches mein Herz faſt mit eben der Zuverſicht hofft, als es lebhaft wuͤnſcht, als eine 92 Waiſe oder entfernte Anverwandte nach Verlauf einiger Zeit von mir aufgenom⸗ men werden, und ich gebe Ihnen mein Wort, daß nichts verſaͤumt werden wird, dieſem verzeihlichen Betruge den Anſchein der Wahrheit zu geben. Dieſes arme, jetzt ausgeſtoßene, der Frem⸗ de anvertraute Kind wird dann unter meinen und der jungen Mutter Augen aufwachſen, wir werden pereint unſre Pflichten gegen daſſelbe erfuͤllen, und Sie die ſchoͤne Be⸗ ruhigung haben, das Roſaliens Segen Ihnen folge und das Andenken an Sie in ihrem wohlwollenden, reinen Herzen wieder gelaͤutert daſtehe; einen andern Preis, ich geſtehe es, habe ich Ihnen nicht zu bieten; aber iſt er fuͤr das Herz nicht groß genug, das einſt dieſe Roſalie ſo ſehr liebte, und nicht aufgehoͤrt haben kann, ſie zu lie⸗ ben, denn wer iſt wohl der innigſten Nei⸗ gung wuͤrdiger als eben ſie! Und iſt Lie⸗ be nicht eine ſo ſuͤße Gewohnheit, daß 9³ das Menſchenherz ſie nicht laſſen kann, ſo lange es noch ſchlaͤgt? Glauben Sie es mir gnaͤdige Frau, auch Sie werden ruhiger und mit der Ver⸗ gangenheit ausgeſoͤhnter werden, als es jetzt der Fall ſeyn kann, wenn Sie die heilige Pflicht erfuͤllen, der Mutter ihr Kind zuruͤckzugeben;— wenn Sie je ſelbſt Mutter geweſen waͤren, ſo wuͤrden Sie wiſ⸗ ſen, um was ich Sie fuͤr unſere Roſalie bitte. Laſſen Sie aber, trotz dem, die Stimme der Natur nicht ungehoͤrt vor Ihrem Herzen verhallen, ich flehe Sie um Ihre eigene Gluͤckſeeligkeit, um die Ruhe die Sie fuͤr Ihre Sterbeſtunde wuͤnſchen, darum an! Um dieſen Brief durchaus keinen, viel⸗ leicht unguͤnſtigen, Zufaͤllen auszuſetzen, da er der Bewahrer eines wichtigen Geheim⸗ niſſes iſt, ſende ich Ihnen denſelben nicht auf der Poſt ſondern durch einen vertrauten Diener, der mir auch Ihre Antwort zuruͤck⸗ bringen wird, auf die ich mit Zuverſicht hoffe. 94 Ich wuͤrde Ihnen freundliche Gruͤße von unſerer Roſalie,— unſerer ſage ich, denn koͤnnte ich je die Rechte verkennen, welche Ihnen Ihre Liebe auf dies theure Weſen gab!— zu beſtellen haben, wenn ſie um dieſen Brief wuͤßte und wiſſen duͤrfte; um ſie nicht auf's Neue, vielleicht fruchtlos, zu beunruhigen, habe ich ihr ein Geheimnis aus meiner Anfrage an Sie gemacht, und deckt die Erde wirklich ſenes arme kleine Geſchoͤpf ſo ſoll ſie nie darum wiſſen; wozu dann auch noch? Ich fuͤhle ſelbſt, gnaͤdige Frau, daß dieſer Brief das Gepraͤge einer gewiſſen aͤngſtlichen Ge⸗ zwungenheit an ſich traͤgt, die ſonſt meinem Weſen fremd iſt, und muß es Ihrem Her⸗ zen und Gefuͤhle uͤberlaſſen, es zu entſchul⸗ digen; o moͤchte doch bald die Zeit kommen, wo auch zwiſchen uns jede fremdartige Scheidewand einſaͤnke und die Herzen ſich dem freieſten Erguſſe uͤberlaſſen duͤrften! Wie innig wuͤnſche ich das fuͤr Sie und fuͤr mich! Sie machten an das Leben ſo — 9⁵ große Anſpruͤche,— hat es ſie Ihnen aber erfuͤllt? Dennoch giebt es andere, mit denen wir nie zuruͤckgewieſen werden; ſie haben in unſerm Herzen ihren Sitz; nehmen denn auch Sie jetzt Ihre Zuflucht zu dieſen und glauben Sie feſt, daß die hoͤchſten und rein⸗ ſten Freuden des Lebens nicht vor Ihnen verſchloſſen bleiben werden, wenn Sie Sich recht innig darum bewerben. Nur was das aͤußere Leben zu bieten vermag, nur das iſt dem Zufall unterworfen, aber was wir ſehnſuchtsvoll fuͤr unſer Inneres begeh⸗ ren, das iſt demſelben nicht unterthan und die reichſten Schaͤtze liegen ſtets ausgebreitet vor uns da,— wir duͤrfen ſie nur er⸗ greifen. Roſalie, unſere theure Roſalie, ſie, die beſchraͤnkten Begriffen nach, Alles einge⸗ buͤßt hat was das Leben ſchmuͤcken und verſchoͤnern kann, iſt ſchon auf dieſem Wege zur Ruhe, ja ſelbſt zur Freudigkeit gelangt, und der Schmerz erſcheint ihr jetzt nicht mehr als eine herbe Beimiſchung des Le⸗ bens, ſondern nur noch als eine reinigende, laͤuternde, und wohl ihr! Mit Sehnſucht ſehe ich Ihrer Antwort entgegen; mein Herz ſagt mir, daß Sie meine Hoffnungen nicht taͤuſchen werden noch koͤnnen, und ich gelobe Ihnen, daß ich Ihr Wort, wie es auch ausfalle, als Wahrbeit aufnehmen will, zu fuͤrchten daß Sie mich jetzt noch taͤuſchen koͤnnten, hieße die Menſchheit in Ihnen entehren, und fern ſey das von mir! Sge Ihre ergebene Sophie von Seethal. 20. Der vorſtehende Brief der Land raͤ⸗ thin machte auf die Baronin einen ſeltſamen, ja faſt wunderbaren Eindruck, und ſie konnte ſich nicht enthalten, ihn mehrere Male zu leſen. Anfangs hatte er 97 ſie erſchreckt, wegen der Zumuthung, die er enthielt, und im erſten Augenblick behielt ihre, durch das Welttreiben verderbte, Na⸗ tur die gewohnte Herrſchaft uͤber ſie; ſie war feſt entſchloſſen, durch hartnaͤckiges Laͤugnen eine Angelegenheit zu beendigen, die ſie von vielen Seiten bedruͤckte und quaͤlte, denn hatte ihr nicht Sophie ſelbſt gelobt, ihren Worten zu vertrauen und war ſie, ſobald ſie ſich einmal ſoweit uͤber⸗ wunden hatte auch dieſe Luͤge noch auszu⸗ ſprechen, nicht mit Allem fertig? Dann las ſie den Brief noch einmal; welche Nach⸗ ſicht, welche Milde und Wahrheit ſprach ſie nicht aus dieſen Zeilen an, welch' ein heiliges Vertrauen ward ihr noch von einer Frau geſchenkt, die ſo ſehr das Recht hatte, ſie zu verachten und ihr zu mistrauen? Ein wunderbarer Kampf entſtand in ihrem Innern und waͤhrend deſſelben trat der Vorſatz Sophien zu taͤuſchen, nmer mehr in den Hintergrund ihrer Seele zu⸗ ruͤck, ja ſie fuͤhlte nicht mehr die Kraft zur II. 7 Luͤge in ſich, ſo feſt ſie auch zu derſelben anfangs entſchloſſen geweſen war. Von der andern Seite quaͤlte und aͤng⸗ ſtigte der Gedanke ſie unendlich, mit dem Geſtaͤndnis einer neuen Schuld wieder vor Menſchen treten zu ſollen, auf deren Ach⸗ tung ſie, wenn gleich nur ins geheim, einen ſo großen Werth ſetzte. Sophie, die ſie fruͤher naͤher gekannt hatte, uͤbte von jeher, ohne daß dieſe es ſelbſt wußte, eine große Gewalt uͤber ſie aus, indem ſie ihr eine Achtung und Bewunderung abzwang, die ſie nur allein ihr weihte. Sie hatte, als Beide noch zuſammen in der Haupt⸗ ſtadt lebten, mehrere Male den Verſuch gemacht, ihr naͤher zu treten, aber ihr ungemeſſener Stolz erlaubte ihr nicht ſich offenbar um die Neigung dieſes ed⸗ len Weſens zu bewerben, denn ſie war es immer nur gewohnt, daß man ihr ent⸗ gegenkam, und Sophie, welche ſie gaͤnz⸗ lich nur von einem eitlen Welttreiben um⸗ fangen glaubte und ihr keine tiefere Empfin⸗ 99 dung zutraute, fuͤhlte nicht eben die Nei⸗ gung in ſich, ein naͤheres Verhaͤltnis mit ihr zu ſuchen. So ſtanden bald Beide ein⸗ ander ganz fremd gegenuͤber und ihre beider⸗ ſeitige Verheirathung machte nur die Spal⸗ tung noch groͤßer. Sophie fand ihre Anſichten uͤber Joſephinen durch deren Wegwerfung an einen ihrer durchaus un⸗ wuͤrdigen Mann nur beſtaͤtigt, weil ſie nicht ahnete, daß Verzweiflung uͤber eine un⸗ gluͤckliche Liebe ſie dazu gebracht habe, und Joſephine hatte mit dieſer Verbindung auf alles reſignirt, was Herz und Gefuͤhl zu geben vermoͤgen. Als ein Zufall die Land⸗ raͤthin ſpaͤterhin mit dem Motiv bekannt machte, welches die Baronin zu der, ihr ſo tadelnswuͤrdig ſcheinenden, Verbindung ver⸗ leitet hatte, bedauerte ſie ſie von Herzen, aber jetzt war an ein Naͤhertreten zwiſchen ihnen nicht mehr zu denken, denn Joſe⸗ phine ſchien ganz und gar verloren, und was fruͤher wohl noch zu ihrem Herzen geſprochen haben wuͤrde, glitt jetzt an dem 7* 8 kuͤnſtlich erſtarrten Sinn derſelben frucht⸗ los ab. A Nach ſo vielen Jahren der gaͤnzlichen Trennung, nachdem Beide es fuͤr unmoͤg⸗ lich gehalten hatten, daß je wieder ein Wort des Vertrauens zwiſchen ihnen ge⸗ wechſelt werden koͤnnte, hatten gleichmaͤßig uͤbernommene Verpflichtungen gegen die verwaiſten Kinder ſie jetzt wieder einander nahe gefuͤhrt. Sophie, die Joſephine nur mit Haß und Verachtung gegen ſich erfuͤllt glaubte, von der ſie nur bittre Vor⸗ wuͤrfe erwartete, gab ihr einen Beweis des Vertrauens und deutete ſogar in den letzten Zeilen ihres Briefes darauf hin, daß ein Verſtaͤndnis zwiſchen ihnen doch vielleicht noch moͤglich ſey;— wie haͤtte die⸗ ſes Alles ſeine Wirkung auf ein nicht ganz erſtarrtes Herz verfehlen koͤnnen? wie nicht mit mildem Sonnenblick die Eisrinde, die ſich um daſſelbe gelagert hatte, auf Augen⸗ blicke ſchmelzen muͤſſen? 10¹1 Ohne daß ſie es wußte, floſſen ihre Thraͤnen, als ſie dieſen Brief nochmals las; alle Jugenderinnerungen, die ſie bisher ſorgfaͤltig verbannt hatte, kamen wieder uͤber ſie und uͤbten eine heilſame Gewalt uͤber ihr Gemuͤth. Sie mußte der Tage gedenken, wo ihr Herz ſo ſehr darnach ver⸗ langt hatte, in Sophienn eine Freundin zu beſitzen, und ihr Stolz es ihr doch wie⸗ der nicht erlaubte, ſich Derſelben mit der Bitte um Liebe zu nahen, und grade jetzt, wo ſie ſich ſo unausſprechlich einſam fuͤhlte, mußte eben dieſe Sophie ſich ihr mit troͤ⸗ ſtenden, verheißenden Worten nahen? Die⸗ ſes Ereignis erſchien ihr in dieſem Augen⸗ blick als die erſte wahrhafte Gunſt des Schickſals gegen ſie, und der Entſchluß ging aus ihrer Seele hervor, ſich nicht unwuͤrdig zu zeigen. Als ſie raſch aufſtand, um an ihren Schreibtiſch zu eilen und Sophie'n zu antworten, fiel ihr Blick zufaͤllig auf Ro⸗ —— 10² ſaliens Portrait, das, von Meiſterhand gemalt und treffend aͤhnlich, uͤber demſelben hing. Wie flehend ſchienen die dunkeln Augen des geliebten Bildes auf ſie zu blicken und jeden Augenblick glaubte ſie, ſich die Lippen zu der ſanften Bitte oͤffnen zu ſehen: Gieb mir mein Kind, gieb mir das Einzige zuruͤck, was mich noch mit dem Leben aus⸗ zuſoͤhnen vermag! „Ja,“ rief ſie aus,„indem ein Strom von Thraͤnen uͤber ihre Wangen ſchoß,„ja Du ſollſt es haben, dieſes Kind der Schmer⸗ zen, mag die Welt uͤber Dich und mich ſagen was ſie will; die Forderungen der Natur duͤrfen nicht zuruͤckgewieſen, So⸗ phie'ns heiliges Vertrauen darf nicht ge⸗ taͤuſcht werden!“ In dieſem Gefuͤhle ſchrieb ſie nachſtehenden Brief an die Landraͤ⸗ thin und uͤbergab ihn dann eilig dem har⸗ renden getreuen Diener derſelben; denn ſie war dahin gekommen, ſich ſelbſt zu mis⸗ trauen und fuͤrchtete, daß bald andere An⸗ ſichten ſie wieder zu einer Aenderung ihres 103 gegenwaͤrtigen Entſchluſſes bewegen koͤnn⸗ ten, wenn ſie nicht gleich dieſem Im⸗ puls beſſerer Gefuͤhle auch die Ausfuͤhrung zugeſellte. So wunderbar iſt das Men⸗ ſchenherz geartet; wer duͤrfte von ſich be⸗ haupten, daß er alle Tiefen deſſelben ergruͤn⸗ det habe? Joſephine an Sophie. Es iſt mir in dieſer Stunde, uͤber die ich Ihnen vielleicht ſpaͤterhin Rechenſchaft zu geben vermag, nicht moͤglich, Ihnen ausfuͤhrlich zu ſchreiben, und ich beſchraͤnke mich darauf, Ihr Vertrauen, das mich, laſſen Sie es mich Ihnen geſtehen, erho⸗ ben und erfreut hat, zu rechtfertigen. Ja, Sophie— einſt nannte ich Sie bei dieſem Namen, und mache ſo die alten Rechte wieder geltend— ja, das Kind un⸗ ſerer Roſalie lebt und Ihre Ahnung taͤuſchte ſie nicht. Nach den letzten Nach⸗ richten, welche ich uͤber daſſelbe habe, und dieſe ſind erſt wenige Tage alt, iſt es ge⸗ ſund und bluͤht lieblich empor. Ich habe es, in der Naͤhe von Piſa, guten Haͤnden anvertraut und durch einen reichlichen Jahr⸗ 1 gehalt dafuͤr geſorgt, daß man ſeine Pflichten⸗ gegen daſſelbe erfuͤllt und das Leben deſſel⸗ ben wuͤnſchen muß. Um jeder moͤglichen Entdeckung vorzu⸗ beugen, iſt es unter dem Namen Adele von Reichenhall getauft worden und toſalie als die Wittwe eines Oberſten in franzoͤſiſchen Dienſten ausgegeben; fuͤr eine ziemlich bedeutende Summe und unter dem Verſprechen, daß das Kind in der— katholiſchen Religion erzogen werden ſolle, hat ein Prieſter in Piſa mir die Hand N zu dieſem Werke geboten und es ſo in das Kirchenbuch eingetragen; mit dieſer Einrich⸗ tung, die das Kind gegen jeden Flecken ſichert, der auf ſeine Geburt fallen koͤnnte, glaube ich meine Pflicht gegen daſſelbe er⸗ fuͤllt zu haben. 10³ Alles Andere wird unſer treuer fran⸗ zoͤſſcher Kammerdiener Jean, den ich in mein Vertrauen ziehen mußte und durfte, Ihnen berichten; ich ſende ihn noch heute nach Seethal mit dem Befehle ab, Ihnen uͤber Alles die genaueſte Auskunft zu geben und werde ihn mit einer Vollmacht verſe⸗ hen, die Sie in den Stand ſetzt, das Kind von ſeinen bisherigen Pflegeeltern zuruͤck⸗ zufordern, ſobald Sie deiſes paſſend ſinden. Sie ſelbſt, Sophie, waren edel ge⸗ nug, mich jeder Entſchuldigung wegen die⸗ ſes Schrittes zu uͤberheben, den ich fuͤr nothwendig hielt, ſowohl um Roſaliens Ehre vor der Welt, als auch ihr Gefuͤhl als Mutter zu ſchonen, denn welchen Kampf wuͤrde es ihr gekoſtet haben, ſich von ihrer Tochter zu trennen, wenn ſie dieſe am Le⸗ ben gewußt haͤtte? Ihnen, Sophie, meinen Dank fuͤr die milde Schonung zu ſagen, mit der ſie mich in Ihrem Briefe behandeln, vermag ich in dieſer Stunde noch nicht; aber es 106 werden andere ruhigere kommen und ich dann die heilige Schuld gewiſſenhaft abtra⸗ gen. In mir iſt vieles durch die letzten ſchmerzlichen Ereigniſſe anders geworden, und mehr noch durch Ihren Brief; ich habe Thraͤ⸗ nen vergoſſen, die einem edleren Schmerze geweiht waren als dem ſeit vielen Jahren genaͤhrten, und das iſt ja ſchon ein Gluͤck! Denken ſie ohne Haß und Verachtung an mich, Sophee, und laſſen Sie auch Roſalien ohne dieſe an mich denken,— ich ertruͤge das Gegentheil jetzt nicht mehr! Die Ihrige Joſephine. 4. Nachdem die Baronin dieſen Brief geſiegelt und abgeſandt hatte, fuͤhlte ſie ſich ruhiger und leichter als bisher; ihr war gleichſam eine Laſt vom Herzen genom⸗ men, wie man ſich gewoͤhnlich, und nicht unpaſſend, ausdruͤckt. Sie las das Schrei⸗ ben der Landraͤthin jetzt noch mehrere Male durch und fand ſich immer getroͤſteter „—— 107 durch daſſelbe, ja es waͤre ihr in dieſer Stunde eine Wonne geweſen, derſelben ge⸗ genuͤberzuſtehn und ihr fuͤr das Vertrauen zu danken, das ſo heilend auf ihr wundes Gemuͤth gewirkt hatte; aber das konnte ja nicht geſchehen, und ſo mußte ſie ſich auf eine ſchriftliche Mittheilung beſchraͤnken, die ſie ſich feſt vornahm, ſobald ſie die gehoͤ⸗ rige Faſſung dazu erlangt haben wuͤrde. 21. Waͤhrend ſich nun fuͤr die Bewohner von Seethal, und ſelbſt fuͤr die Baro⸗ nin, die Angelegenheiten ebneten und aus⸗ glichen, fuͤhlte der verlaſſene Wilhelm eine Unruhe und einen Schmerz in ſeinem Her⸗ zen, wouͤber er nicht Herr zu werden ver⸗ mochte, ſo kraͤftig auch ſeine Natur an und fuͤr ſich war, und ſo treu und liebend ihn auch Auguſt unterſtuͤtzte: Marie, die er ſo innig liebte, war ihm ein Naͤthſel 108 in ihrem Betragen gegen ihn, und das pei⸗ nigte und aͤngſtigte ihn faſt noch mehr, als ſeine ungluͤckliche Liebe. Er war gerecht genug gegen ſie, ſie nicht anzuklagen, aber doch fand er auch wieder keine Entſchuldi⸗ gungsgruͤnde fuͤr ſie in ſeinem Innern, und ſelbſt der ſcharfſichtige Auguſt konnte ihm nicht die Hand bieten, und aus dieſem Labyrinth von Zweifeln ziehen. Sophie hatte ihm gleich nach ihrer Ankunft auf Seethal ſehr freundlich und herzlich geſchrieben, aber kein Wort in ihrem Briefe dentete darauf hin, daß Ma⸗ vie an eine Verbindung mit einem Andern denke, und eine ſolche konnte es ja doch allein geweſen ſeyn, die ſie abhielt, die Seinige zu werden, nachdem ihm ein Zufall ihre Liebe fuͤr ihn entdeckt hatte. Er antwortete der Landraͤthin ſogleich und gab ihr die begehrten Aufſchluͤſſe uͤber ſein Befinden, das, ſeine Seelenleiden ab⸗ gerechnet, vollkommen gut war; am Schluſſe gruͤßte er die Schweſtern und Emilien 109 — ohne jedoch der letztern mit irgend einem beſondern Worte zu erwaͤhnen. Nach dem Empfange dieſes Briefes, und nachdem Wilhelm ſie hatte abreiſen laſſen, ohne ſich gegen ſie oder Emilien ſelbſt uͤber ſei⸗ ne Liebe zu erklaͤren, war Sophie feſt davon uͤberzeugt, daß er nie an eine Verbindung mit ihrer Tochter gedacht habe, und ſelbſt dieſe hatte ſichſchon mit der Idee der Entſagung vertraut gemacht, obgleich erſt nach ſchweren Kaͤmpfen. Daß unter dieſen Verhaͤltniſſen keine Froͤhlichkeit, wie ſie ſich fuͤr die heitre Ju⸗ gend ſchickt, in dem kleinen Kreiſe aufkom⸗ men konnte, kann man ſich vorſtellen; aber das Leid hatte keinen betruͤbenden Anſtrich, es war frei von aller Bitterkeit, und glich einem umwoͤlkten Himmel an Sommertagen, unter dem die Natur auszuruhen ſcheint ohne zu trauern; das Feld, das Gruͤn, die Bluͤthen haben eine etwas dunklere Faͤr⸗ bung angenommen, aber an Duft gewonnen. So wirkt edles Leid auch auf die Menſchen, es fuͤhrt ſie in ihr Inneres zuruͤck und d 110 giebt ihnen dort reichlich wieder, was ſie aͤußerlich verloren. Marie war ſehr ſtill geworden, und auch etwas blaͤſſer als ſonſt, aber, trotz dem, war eine ſelige Ruhe in ihrem Herzen und nur mit Freudigkeit blickte ſie auf den Ver⸗ luſt zuruͤck, dem ſie ſich freiwillig unterwor⸗ fen hatte. Reue uͤber das Geſchehene, verwundender Mißmuth und ein bittres Gefuͤhl, konnten in einer Seele wie die ihrige nicht auffommen, denn nicht in einem unklaren, dunkeln Gefuͤhle, ſondern nach reiflicher Ueberlegung hatte ſie gehandelt, und Verluſt und Erſatz gegen einander auf⸗ gewogen. Zudem hatte ſie in ihrer Schwe⸗ ſter die ſanfteſte und liebevollſte Troͤſterin gefunden, denn reich war Roſaliens Herz an Liebe wie an Troſt, fuͤr ſie. Emilie dagegen, hatte ſchwerere Kaͤmpfe zu beſtehen, denn ihr tiefverletztes Herz und das bittre, ja faſt demuͤthigende, Gefuͤhl der unerwiederten Liebe, verſchloſſen ihr die Lippen und machten es ihr zum Beduͤrf⸗ 111 nis, ſchweigend und ungeklagt ihr Leid zu tragen. Sophie, die begriff, was in den Herzen ihres geliebten Kindes vorging, ehrte dieſes Zartgefuͤhl allzuſehr, als daß ſie Emilien zur Mittheilung haͤtte auffor⸗ dern ſollen; denn eben ſo ſehr als Roſa⸗ liens Verhaͤltnis und der Zuſtand ihres Innern es zum Beduͤrfnis fuͤr dieſe machen mußten, ſich uͤber das Erlebte auszuſprechen, war es fuͤr Emilien nothwendig zu ſchwei⸗ gen und Alles nur mit ſich ſelbſt abzuma⸗ machen. So iſt es ein tiefgefuͤhltes, wah⸗ res Wort des Dichters, daß ſich Eines nicht fuͤr Alle ſchicke; jeder innere Zu⸗ ſtand erfordert andere Ruͤckſichten, und eben durch den richtigen Takt, womit ſie Jedem nach ſeiner Individualitaͤt behandeln und jeden Zuſtand verſchieden auffaſſen, zeichnen ſich begabtere Menſchen vor den unbegab⸗ ten aus; Letztere wollen Alles, ſelbſt bei dem beſten und freundlichſten Willen, in Eine Form faſſen, und verwunden ſo oͤfterer als ſie heilen. 112 — Sobald Sophie die erbetene Nachricht von der Baronin empfangen hatte, ſuchte ſie Roſalien auf das vorzubereiten, was dieſe jetzt erfahren mußte, und trotz dieſer Vorſicht war die Wirkung ſehr heftig, wel⸗ che dieſes Ereignis auf ihr Gemuͤth machte. Bisher hatte Roſalie ſich als ziemlich al⸗ lein ſtehend, als faſt voͤllig abgeriſſen von der Welt und dem Leben betrachtet, wenn gleich die Liebe, welche ſie zu Sophie'n und ihren Schweſtern fuͤhlte, ohne daß ſie es ahnete, ſchon wieder zarte Bande zwiſchen ihr und der Menſchheit geknuͤpft hatte; ſo wie ſie aber erfuhr, daß ihre Tochter lebe, fuͤhlte ſie ſich ploͤtzlich wieder mit tauſend unzerreißbaren Faͤden an das Daſeyn geket⸗ tet und ihre Sehnſucht nach dem geliebten Kinde kannte keine Grenzen. Dennoch war es fuͤr den Augenblick unmoͤglich, dieſe zu befriedigen, denn auch der Anſtand hatte ſeine Rechte und der Schein mußte gerettet werden, um ihr in der Welt den Platz zu ſichern, den ſie noch immer wuͤrdig war 113 einzunehmen und den ſie nicht aufgeben durf⸗ te, wenn ihr Leben nicht durch tauſend Kraͤn⸗ kungen verbittert werden ſollte; auch hatte Sophie ja der Baronin die ſtrengſte Beruͤckſichtigung alles deſſen zugeſichert, was den Schein retten konnte. Aber auch ohne dieſes Verſprechen wuͤrde ſie ſich die groͤßte Vorſicht zur Pflicht gemacht haben, eben weil ſie wußte, daß man ſich nicht ungeſtraft mit der Welt und der oͤffentli⸗ chen Meinung entzweit und daß ſelbſt das reinſte innere Bewußtſeyn uns nicht im⸗ mer uͤber das zu troͤſten vermag, was wir durch Nichtberuͤckſichtigung des einmal Be⸗ ſtehenden eingebuͤßt haben. So wie der Buchſtabe des Geſetzes auch aufrecht erhal⸗ ten werden muß, obgleich er nur im Allge⸗ meinen recht entſcheidet und in einzelnen, ſeltenen Faͤllen unrecht thut, ſo muß es auch mit der Meinung der Welt, dieſer großen und furchtbaren Richterin, geſchehen, deren Urtheilſpruch wir uns, ſchweigend, und ohne zu murren, unterwerfen muͤſſen, II. 8 114 wenn wir nicht mit uns ſelbſt und zugleich mit allen Andern zerfallen wollen. Oft zwar lockte die Sehnſucht nach dem fernen, geliebten Kinde Thraͤnen in Roſaliens Augen, oft zwar ſtreckte ſie die Arme ſeh⸗ nend nach der Gegend aus, die es umſchloß; aber Sophie forderte, daß ſie dieſe be⸗ zwinge, noch in ſich unterdruͤcke, und ohne zu murren gehorchte ſie ihr. Um ſie zu zerſtreuen, verlangte die Landraͤthin, daß ſie mit Eifer alle die ſchoͤnen Talente wie⸗ der uͤbe, die ſie ſich ſchon fruͤher erworben hatte, und machte den Gedanken zum Sporn ihrer geiſtigen Thaͤtigkeit: daß es ihr bald vergoͤnnt ſeyn werde, alles was ſie fuͤr ſich erworben, auf ihre Tochter uͤber⸗ tragen zu koͤnnen und ſo demſelben Dauer zu verleihn. Sie hatte recht geurtheilt, als ſie dieſes fuͤr am beſten dazu geeignet hielt, Roſalie zu dem zu bewegen, was ſie ſo ſehnlichſt fuͤr ſie wuͤnſchte, denn dieſe fing nach und nach wieder an Alles her⸗ vorzuſuchen, was ihr einſt Freude und Ge⸗ 115 nuß gewaͤhrt hatte. Bald ruhte die ſchoͤne Harfe nicht mehr beſtaͤubt im Winkel, und wenn gleich oft noch eine Thraͤne in ihr Auge trat, ſobald ihr Blick auf die Stelle fiel, auf der Emils Roſe einſt lag, ſo uͤberwand ſie doch dieſe Schwaͤche bald und das Leid tauchte im Liede unter. Der Fruͤhling war uͤberdies wunderbar ſchoͤn und die Gegend uͤberraſchend reich an Naturſchaͤtzen; Sophie bemuͤhte ſich unaufhoͤrlich, ihre leidenden Kinder auf dieſe aufmerkſam zu machen, und es gelang ihr vollkommen, denn ſie begegnete offenen Her⸗ zen und empfaͤnglichen Gemuͤthern. Wer aber kennt ihn nicht, den ſanften, ſtill hei⸗ lenden Troſt, den Gott in die Natur ge⸗ legt hat! Wenn Alles uns auch verlaͤßt, ja ſich feindlich von uns abwendet, ſo hat dieſe liebevolle Troͤſterin ſtets die Arme fuͤr uns offen und ſpricht durch tauſend Duͤfte und Stimmen zu unſerm Herzen. Sie klagt uns nie an, ſie verwundet uns 8* — — — —— —— 116 — nie, ſo lange wir uns nur nicht feindlich von ihr abwandten, und ſelbſt dann noch erſcheint ſie uns nicht zuͤrnend, ſondern nur in Trauer gehuͤllt; ſie weiß ewig den Weg zu unſerm Herzen zu finden, und fein und leicht wie der Aether, dringt ſie allenthal⸗ ben hin, denn es giebt fuͤr ſie keine Schran⸗ ken. Fluͤſtert ſie nicht ſelbſt dem Gefange⸗ nen in den Mauern ſeines Kerkers ihren milden Troſt zu! ſpricht ſie nicht zu ihm durch den einzelnen Lichtſtral, der ſich an den finſtern Waͤnden bricht, oder durch den Schimmer des Mondes, der ſein Gitter⸗ fenſter mit ſeinem Silber faͤrbt? O Geiſt der Liebe und Milde, Erhabner, den ich ich im Stanbe anbete, Du gabſt deinen Menſchen die Natur, und ſie klagen noch und nennen ſich arm und elend? So lange noch mein Auge ihre Wunder ſchaut, ſo lange das Ohr ihre tauſend und aber tauſend Klaͤnge vernimmt, oder ein friſches Luͤftchen meine Stirn umfaͤchelt, will ich mich ſol⸗ cher Suͤnde nicht theilhaft machen! Die 8 — 117 große Tafel iſt gedeckt und mit ewig hei⸗ trer Miene ſteht der große Bewirther hin⸗ ter ihr,— ſo greift denn friſch und froͤh: lich zu meine Bruͤder und Schweſtern, und darbt nicht mehr bei ſo reichem Ueber⸗ fluſſe! 22. Der Sommer war endlich verſchwunden und der froͤhliche Herbſt faͤrbte Flur und Wald mit ſeinen wechſelnden Lichtern und Farben, und dieſer Zeitpunkt war von So⸗ phiein dazu beſtimmt, Roſa lie mit ihrem Kinde zu vereinen. Ihre, im vorigen Win⸗ ter leidende, Geſundheit gab leicht einen Vorwand zu einer Reiſe nach dem Suͤden und ſelbſt die Aerzte, die ſie befragte, riethen ihr fuͤr den herannahenden Winter einen Wechſel des Klimas an. Man beſchloß, erſt das ſuͤdliche Frankreich und von dort, 118 im naͤchſten Fruͤhlinge, Piſa zu beſuchen, wo die Landraͤthin die Baͤder zu gebrau⸗ chen wuͤnſchte. Roſalie ließ ſich mit ſtil⸗ ler, verborgener Freude alle dieſe Anord⸗ nungen gefallen, denn ſie allein kannte ja den Zweck der Reiſe, waͤhrend die beiden Maͤdchen in einem ganz andern Sinne ſich darauf freuten und von dem keine Ahnung hatten, was man damit beabſichtigte. So⸗ phie hatte es Roſalien zur Pflicht ge⸗ macht, ihr ſchmerzliches Geheimnis vor den Schweſtern zu verbergen, weil das ihre Unbefangenheit rettete, auch war kein Grund vorhanden, der ſie haͤtte bewegen duͤrfen, es vor ihnen zu enthuͤllen, dagegen gab es eine Menge anderer zarterer Ruͤckſichten, die dieſes Geheimhalten geboten. Zu eben der Zeit, wo die Schwalben Ab⸗ ſchied von dem unerfreulichen Norden nah⸗ men und einem milderen Himmelsſtriche zueilten, ſtiegen auch unſere Freundinnen in den wohlverſehenen und bequemen Reiſe⸗ wagen, der ſie dem Suͤden zufuͤhren ſollte. 119 —— Die Reiſe ging ohne alle Unfaͤlle ab, und bald hatte man das ſuͤdliche Frankreich und die Kuͤſten des mittellaͤndiſchen Meeres er⸗ reicht; in Marſeille und Montpellier verweilte man laͤngere Zeit, zu lange faſt fuͤr Roſaliens, kaum mehr bezwingbare, Sehnſucht nach ihrem Kinde; dann als der Lenz ſich jenen Gegenden mit ſtarken Schritten nahte, begab man ſich nach Ita⸗ lien und dem Ziele der Reiſe. Da es noch ſehr fruͤh war fand man die Baͤder noch wenig beſucht und man hatte die Aus⸗ wahl unter den beſten Gaſthoͤfen. Wie ſchlug Roſaliens Herz, als ſie nun durch die ihr ſo wohl bekannten und ewig unvergeßlichen Straßen der ſchoͤnen Stadt fuhr, als ſie den praͤchtig daher ſtroͤmenden Arno wiederſah und die herrlichen Villen und Palaͤſte, an denen ſie vor zwei Jahren mit ſo tief verletztem Herzen voruͤberſtreifte. Auch jetzt noch zuckte es oft krampfhaft zu⸗ ſammen, wenn ſie der Vergangenheit ge⸗ 120 dachte, aber, trotz dem, war dem Schmerze ſein Stachel geraubt und er zeigte ſich ihr in milderer, verſchoͤnerter Geſtalt. Und ging ſie nicht einer großen und ſchoͤnen Hoffnung entgegen? ſollte ſie ihr Kind, ihre, als verloren beweinte, Tochter nicht an das Mutterherz druͤcken, mit dieſer vereint wer⸗ den, um ſich nie mehr von ihr zu trennen? Sophie begriff ihre innere Bewegung und gab ihr ihre Theilnahme durch einen ſanften Druck der Hand zu erkennen. Es war ihr unmoͤglich, ihre Thraͤnen zu ver⸗ bergen und in reichen Stroͤmen floſſen ſie uͤber ihre Wangen. Die Schweſtern, wel⸗ che wußten, daß ſie ſchon fruͤher dieſe Orte beſucht habe, ſchoben ihre Wehmuth auf die Erinnerungen, welche ſie in ihr erwecken mußten, und zollten ihr ſo, ohne den wah⸗ ren Quell dieſer Thraͤnen zu ahnen, ihre liebevollſte Theilnahme. Man hatte Beide mit einem Theile ihrer Vergangenheit be⸗ kannt gemacht und ſie wußten, daß eine un⸗ gluͤckliche Liebe Roſaliens Lehensgluͤck 121 —— untergraben hatte; ſo konnte es ihnen nicht beſonders auffallen, daß gerade dieſer Ort, wohin die Baronin Roſalien vor zwei Jahren gefuͤhrt hatte, um ſie zu zerſtreuen, ſie nun wieder mit wehmuͤthigen Erinne⸗ rungen erfuͤllte. 1.* Gleich den Tag nach ihrer Ankunft fuhr die Landraͤthin, nur von dem getreuen Jean begleitet, den die Baronin ihnen fuͤr dieſe Reiſe abgetreten hatte, weil er mit Allem vertraut war, aus, und kehrte erſt nach mehrern Stunden zuruͤck. Ihr Geſicht verkuͤndetete die reinſte Heiterkeit, als ſie wieder ins Zimmer trat; Roſalie konnte ihre innere Bewegung kaum ver⸗ bergen und Roͤthe und Blaͤſſe wechſelten auf ihren Wangen ab. Bald nahm ſie einen Vorwand, ſich zu entfernen, und wie ſie gehofft hatte, folgte ihr Sophie, wenige Augenblicke ſpaͤter, nach. Als ſie dieſelbe zu ſich eintreten ſah, eilte ſie ihr entgegen und verbarg ihr, vor Schaam ergluͤhendes, 3 122 Geſicht an ihrem Buſen; lange hielten ſich Beide umfaßt und vermochten kein Wort zu ſprechen, dann ſagte Sophie ſanft: „Freue Dich, meine Roſalie, Du biſt eine gluͤcklihe Mutter; Dein Kind iſt hold und bluͤhend, und ſchon morgen ſollſt Du es in Deine Arme ſchließen, denn Alles iſt mit den guten Leuten abgemacht, die deſſelben bisher mit Elterntreue pflegten. Ich habe die Pflichten der Dankbarkeit ge⸗ 1 gen ſie erfuͤllt und ſie reichlich beſchenkt, auch hat Deine Tante Joſephine ihnen einen Jahrgehalt ausgeſetzt, mit dem ſie ſehr zufrieden ſeyn koͤnnen.“ „Wie ſoll, wie kann ich Ihnen danken, meine theure, geliebte Tante, meine zweite Mutter?“ rief Roſalie, ihre Hand mit ihren Thraͤnen und Kuͤſſen be⸗ deckend;„o ſollte es wohl auf Erden ein zweites Herz wie das Ihrige geben!“ „Setze Deinen Gefuͤhlen Schranken, meine Tochter,“ entgegnete Sophie ſanft, „und bedenke, daß die groͤßte Vorſicht von⸗ 123 noͤthen iſt, wenn unſer Unternehmen gelin⸗ gen ſoll; ſo nahe am Ziele noch zu ſchei⸗ tern, waͤre ſchrecklich, und doch werden Deine Schweſtern den wahren Zuſammen⸗ hang der Sache ahnen, wenn Du Dir ſo wenig gebieten kannſt. Morgen erſcheint der gute Paolo, der Pflegevater Deiner Tochter, mit derſelben hier; er wird unter dem Vorwande kommen, ſich nach einer Frau von Reichenhall zu erkundigen, die ihm vor einigen Jahren ihr Kind uͤbergeben und dann nichts weiter. von ſich habe hoͤren laßen. Ich werde ihm antworten, daß ich mich erinnere, den Tod dieſer Dame in den Zeitungen geleſen zu haben und mich dann erbieten, das Kind mit mir zu nehmen, wenn er mir deſſen Geburtsſchein liefert, den Jean zu dieſem Zwecke ſchon in dieſer Stunde beſorgt; ſo wird Alles gut gehn und jeder Schein von Verdacht entfernt werden, denn ich will Alles ſo einrichten daß die ganze Scene unter den Augen Deiner Schweſtern und der Dienerſchaft 1 “ 4 124 vorgehe, die wir mitgebracht haben; beſon⸗ ders werde ich Sorge tragen, daß meine Kammerfrau zugegen iſt, denn Leute der Art koͤnnen uns in ſolchen Faͤllen oft eben ſo nuͤtzlich ſeyn, als ſie in anderen wieder gefaͤhrlich ſind.“ Roſalie dankte ihrer Tante nochmals mit den zaͤrtlichſten Ausdruͤcken, dieſe aber lehnte ihren Dank mit den Worten ab: „Wenn Du mir etwas zu danken haſt, meine Roſalie, ſo iſt es dafuͤr allein, daß ich mich, Dir zu Liebe, zu Dingen be⸗ quemte, die meiner innern Natur durchaus zuwider ſind, denn dieſes wird, ich darf es ſagen, weil es wahr iſt, der erſte Betrug meines Lebens ſeyn, und nur das kann mich daruͤber troͤſten, daß er mir von der Nothwen⸗ digkeit geboten wird und an und fuͤr ſich unſchuldig iſt; ich hatte nur zwiſchen zwei Uebeln zu waͤhlen und waͤhlte ſo das kleinſte. Dieſe Unterredung ward durch den Ein⸗ tritt Emiliens und Marie'ns unter⸗ brochen, die mit einer Nachricht kamen, 125 die Allen gleich unerwartet war. Sie hat⸗ ten naͤmlich Wilhelm und Auguſt in Begleitung ihrer Diener aus einem Wagen ſteigen ſehen und verſicherten, ſich nicht ge⸗ irrt zu haben. Marie zitterte ſichtbar, als ſie Emi⸗ liens Ausſage beſtaͤtigte und ſelbſt der Landraͤthin entging ihre Unruhe und Bewegung nicht.„Du ſcheinſt erſchro⸗ cken zu ſeyn, Marie,“ ſagte ſie, in⸗ dem ſie dieſelbe ſcharf anſah, ſo daß die Jungfrau den Blick vor dem ihrigen zu Boden ſenken mußte;„freut es Dich ſo we⸗ nig, dieſe alten Freunde wieder zu ſehen?“ Marie vermochte nicht hierauf zu ant⸗ worten, denn es war ihr unmoͤglich, eine Luͤge zu ſagen und die Wahrheit durfte ſie ja nicht geſtehen. Auch Emilie war innerlich ſehr bewegt, aber was ſie empfand war ihrer Mutter weder raͤthſelhaft noch ein Geheimnis. So werde ich wohl unſere jungen Freunde bewillkommen muͤſſen,“ ſagte die 126 Landraͤthin;„ich hoffe, ſie werden uͤber dieſes ſeltſame Zuſammentreffen recht ſehr erfreut ſeyn und auch ich geſtehe, daß ich es von Herzen bin.“ Sie ging bei dieſen Worten aus dem Zimmer um einen der Aufwaͤrter zu rufen, der, nach Verlauf eini⸗ ger Zeit, den eben Angekommenen ſagen ſollte, daß ſich Landsmaͤnninnen und gute Bekannte von ihnen ſehr freuen wuͤrden, ſie bei ſich zu ſehen, ſobald es ihnen gefaͤllig ſeyn werde, ſie zu beſuchen. Es dauerte auch keine halbe Stunde, ſo traten Wilhelm und Auguſt in das Zimmer. Der erſte Augenblick war nicht ohne Verlegenheit, aber bald kehrte das alte tranliche Verhaͤltnis zwiſchen ihnen zu⸗ ruͤck; nur Marie war ſichtbar befangen und konnte, ſo viele Muͤhe ſie ſich auch gab, nicht die gehoͤrige Faſſung erringen. So ſollte der Kampf, den ſie ſchon be⸗ ſtanden zu haben glaubte, aufs Neue begin⸗ nen? ſo war ſie dem Manne wieder gegenuͤber⸗ geſtellt, den ſie noch immer ſo heiß liebte und 127 deſſen Naͤhe ſie doch ſo ſehr fuͤrchtete? Ro⸗ ſalie, die allein ihren Zuſtand begriff, weil ſie Mitwiſſerin ihres zarten Geheim⸗ niſſes war, trat zu ihr und ſprach ihr leiſe Muth ein, waͤhrend Wilhelms Blicke jede ihrer Bewegungen verfolgten und an ihren Lippen zu hangen ſchienen, obgleich er ſo weit von ihnen entfernt war, daß er nicht verſtehen konnte, was ſie mit ein⸗ ander redeten. Es entging ihm nicht, daß Marie bleicher ausſah, als fruͤher, und der Gram ſeinen Sitz in ihren freundlichen Zuͤgen aufgeſchlagen hatte! Wie! ſollte die Liebe zu ihm dieſe Veraͤnderung hervorgebracht ha⸗ ben? Er wagte es nicht, ſich dieſen Hoff⸗ nungen hinzugeben, ſo heiß er es auch wuͤnſchte. Die Sehnſucht, ſich der Geliebten ein⸗ mal wieder auf gewohnte Weiſe zu nahen, trieb ihn an das Fenſter, an dem ſie jetzt einſam ſtand, weil Roſalie ſie verlaſſen hatte und mit den Andern ſprach. Auguſt, 128 der ſeine Abſicht merkte, ſich mit Marieen ungeſtoͤrt zu unterhalten, ſuchte dieſe da⸗ durch zu befoͤrdern, das er die Uebrigen in ein Geſpraͤch verwickelte, daß die Auf⸗ merkſamkeit von dieſen Beiden ablenken mußte. Er erzaͤhlte ein Reiſe⸗Abentheuer, das ſie in einem Gaſthofe zu Flore nz gehabt hatten, mit einer an ihm ſonſt ungewoͤhn⸗ lichen Breite, und wußte ſo viel aͤcht komi⸗ ſche, ergoͤtzliche Zuͤge darin anzubringen, daß er, trotz dem, ihre Theilnahme feſthielt. „Ich ſehe Sie wieder, Marie,“ ſagte Willhelm,„und es hat der Zufall mir ein Gluͤck verſchafft, nachdem ich ſo lange vergebens ſeufzte; aber zuͤrnen Sie demſel⸗ ben nicht vielleicht eben ſo ſehr, als ich mich deſſelben freue!“ Marie, die, in Gedanken vertieft und den Blick nach der Straße gewendet, ſein Nahen nicht bemerkt hatte, wendete ſich bei dieſen Worten nach ihm um und er ſah eine Thraͤne zwiſchen den langen Wim⸗ pern glaͤnzen, obgleich ſie ſie zu zerdruͤcken 1 1 129 ſtrebte; ſie wagte es nicht, ihm auf ſeine Anrede zu antworten, denn das Beben ihrer Stimme wuͤrde ihm ihre innere Be⸗ wegung verrathen haben. „Gilt dieſe Thraͤne mir und meinem truͤben Geſchick, das mich zu einer hoffnungs⸗ loſen Liebe verdammt,“ fuhr er fort, nach⸗ dem er eine Weile vergebens auf ihre Ant⸗ wort gewartet hatte,„ſo empfangen Sie mei⸗ nen innigſten Dank dafuͤr Marie;— Sie geben mir, was Sie mir zu geben haben, wie ſollte ich das nicht mit Nuͤhrung erken⸗ nen?“ „Ich beſchwoͤre Sie bei Allem was Ihnen heilig iſt,“ fluͤſterte ihm Marie jetzt in Todesangſt zu, denn ſie fuͤrchtete, daß ſeine Worte von Sophie'n gehoͤrt werden moͤchten, die ihnen am naͤchſten ſtand,„jetzt zu ſchweigen, Wilhelm; ich darf, ich kann ſolche Worte nicht von Ih⸗ nen anhoͤren.“. Wilhelm zog ſich jetzt von ihr zu⸗ ruͤck und trat in der ſichtbarſten Verſtim⸗ II. 9 13⁰ mung zu den Uebrigen, die noch immer von Auguſt unterhalten wurden! Marie aber verließ das Zimmer und bald nach ihr tha⸗ ten dies auch die Freunde, denn es duldete Wilhelm nicht in Marie'ns Naͤhe, auch ſehnte ſich ſein tiefverletztes Herz nach Mittheilung gegen Auguſt. 23. Am andern Tage kam Paolo mit der kleinen Adele und ſpielte ſeine Rolle ſo geſchickt und gut, daß Alles auf das er⸗ wuͤnſchte ſte voruͤberging; Roſalie hatte ſich waͤhrend dieſer Scene auf Sophie'ns Rath entfernen muͤſſen, weil dieſe fuͤrchtete, daß das Mutterherz ſich bei dieſem erſten Wiederſehen verrathen wuͤrde; aber Wil⸗ helm und Auguſt waren zugegen, denn die Landraͤthin hatte dieſe mit Vorſatz zum Fruͤhſtuͤck eingeladen. Das Kind war wunderſchoͤn und ſchon 13¹1 ſehr weit fuͤr ſein Alter, denn es ſprach, trotz ſeiner zwei Jahre, ziemlich deutlich, und ſo ging es bald von Arm zu Arm; ſelbſt die jungen Maͤnner fuͤhlten ſich von dem verwaiſten Geſchoͤpf angezogen und Marie konnte nicht ſatt werden, es mit Kuͤſſen zu bedecken, waͤhrend ſeine aume Mutter in ihrem Gemache auf den Knien lag und Gott um die Staͤrke bat, deren ſie in dieſem, mit Wonne und Schmerz ge⸗ miſchten, Augenblicke ſo ſehr bedurfte. „Auch Roſalie muß unſern neuerwor⸗ benen Schatz kennen lernen,“ ſagte die Landraͤthin, indem ſie das Kind von Marie'ns Schooße nahm und mit ihm davon eilte. „Mutter, da iſt Dein Kind!“ rief ſie indem ſie die holde Kleine in Roſaliens zitternde Arme legte;„dieſer Augenblick iſt ganz Dein und er gehoͤre den Gefuͤhlen der Mutter an.“ Roſa lie konnte nicht reden, aber ſie ſchloß ihre Tochter in ihre Arme und be⸗ 9* 132 deckte ſie mit ihren Thraͤnen und Kuͤſſen; die Kleine, welche nicht ſcheu that, ließ ſich dieſes gefallen, ja ein geheimer Zug der Natur ſchien ſie zu ihrer Mutter hin⸗ zuziehen, denn ſie umfing ſie mit ihren beiden Aermchen und lehnte ihre bluͤhende Wange an die thraͤnenfeuchte der ſchoͤnen Mutter. Sophie ſtand in dem reizenden An⸗ blick verloren,— ihr ſchoͤnes Herz feierte einen ſuͤßen Triumph, indem ſie wieder vereint ſah, durch ihre Vermittelung ver⸗ eint ſah, was durch die Bande der Natur ſo innig mit einander verbunden war; die⸗ ſer Augenblick belohnte fuͤr Alles, was ſie fuͤr Roſalien gethan hatte. Die junge Mutter vernahm jetzt die erſten Worte von den Lippen ihres Kindes und ſie klangen ihr wie die ſuͤßeſte Melodie; ſie konnte nicht muͤde werden, das holde Geſchoͤpf zu betrachten, das ihr von nun an ganz und ungetheilt angehoͤren ſollte, und erſt auf wiederholte, dringende Anforderung 133 Sophie'ns entſchloß ſie ſich, es von ſich zu laſſen, damit dieſe es wieder zur Geſell⸗ ſchaft zuruͤckfuͤhre; ſie ſelbſt blieb noch in ihrem Zimmer, um erſt wieder die gehoͤrige Faſſung zu erlangen. So war denn dieſe— fuͤr die, welche ſie betraf ſo wichtige— Angelegenheit gluͤcklich beſeitigt und Roſalie ſah ſich im ungetruͤbten Beſitz ihres Kindes, fuͤhlte ſich durch dieſes wieder mit dem Geſchick verſoͤhnt und eine Freudigkeit in ihrem Her⸗ zen, die ſie uͤber alles das hinweg hob, was noch als heißer Lebensſchmerz ihr an⸗ hing. Sie erkannte die Zuͤge des geliebten Mannes, vermiſcht mit ihren eigenen, in dem Geſichte ihrer Tochter, aber dieſes erweckte keine ſchmerzliche Erinnerungen in ihr, denn ſie hatte Emil ſeine Schuld vergeben, war ganz mit ihm verſoͤhnt, ſeit ſie ihre, ſeine Tochter, an ihr Mutterherz gedruͤckt hatte. Auch Joſephinens ge⸗ dachte ſie jetzt ohne Vorwurf, denn hatte dieſe nicht die Hand freundlich dazu gebo⸗ à 134 ten, ſobald ſie von Sophie'n dazu aufge⸗ fordert ward, ſie in den Beſitz des hoͤchſten und einzigen Gutes zu ſetzen, das auf Erden noch Werth fuͤr ſie hatte? So iſt es gewiß, daß ein ſchoͤnes, langerſehntes Gluͤck edle Seelen zue Verſoͤhnlichkeit hin⸗ neigt, waͤhrend es unedle nur noch haͤrter, uͤbermuͤthiger und liebloſer macht. Die kleine Adele war bald Aller Lieb⸗ ling, denn wenige Kinder ihres Alters konnten ſie an Liebenswuͤrdigkeit, Anmuth und Schoͤnheit uͤbertreffen. Die Landraͤthin wußte es ſo einzurichten, daß ſie bei Ro⸗ ſalien im Zimmer ſchlief, und wie dankte ihr dieſe auch dafuͤr! Es iſt Zeit, jetzt nachzuholen, was auf Wilhelms und Marie'ns Zuſammen⸗ treffen in Piſa Bezug hat. Auguſt, der mit Schrecken wahrnahm, daß ſein Freund einem unheilbaren Grame um den Verluſt der Geliebten erlag, hatte, um dieſen zu zerſtreuen, ihre fruͤhern Rei⸗ ſeplaͤne wieder in Anregung zu gebracht⸗ 135 von denen er auch fuͤr ſich ſelbſt eine heil⸗ ſame Wirkung hoffte, denn eine ſo große Gewalt er auch uͤber ſich beſaß und ſo maͤnnlich er ſich zu beherrſchen wußte, ſo war doch die Wunde noch nicht ganz geheilt, die ihm Marie'ns Anblick ge⸗ ſchlagen hatte. Wilhelm war leicht zu einer großen Reiſe zu bewegen, zumal da ſich ſeine Anſtellung noch immer verzoͤgerte, und es war ihm lieb, auf laͤngere Zeit von dem Orte wegzukommen, der ihm ſo viele ſchmerzliche Erinnerungen darbot. So hatten die Freunde bereits Frank⸗ reich, die Schweiz und Italien durch⸗ ſtreift und waren eben auf der Ruͤckreiſe begrif⸗ fen, als ein Zufall, von dem ſie nicht wußten, ob ſie ihn gluͤcklich oder ungluͤcklich nennen ſollten, ſie mit dem Gegenſtande ihrer Neigung wieder zuſammenfuͤhrte. Eine geraume Zeit war nun verſtrichen, und ſie ſtanden wieder auf dem al⸗ ten Punkte, in den alten Verhaͤltniſſen; nichts hatte ſich veraͤndert als der Ort. Marie war noch unvermaͤhlt, und wie fruͤher glaubte Wil⸗ ——— helm annehmen zu duͤrfen, daß ſein Bild in ihrem Herzen lebe, aber ein unbegreifli⸗ ches Verhaͤngnis ſie aͤußerlich trenne. Nach einem langen und heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt, beſchloß er dieſe Zweifel zu enden und ſich eine Gewißheit, ſie moͤge nun ſeyn wie ſie wolle, zu verſchaffen, denn er fuͤhlte, daß er ſeinen gegenwaͤrtigen Zu⸗ ſtand nicht laͤnger ſo ertragen koͤnne. Ein ganz eigener Zufall, der ſich in dieſen Ta⸗ gen begab, beſtaͤrkte ihn in dieſem Vorſatze, denn immer raͤthſelhafter ward ihm das geliebte Maͤdchen. 24. Die kleine Adele war eine große Freundin von Bildern und ſuchte ſich dieſe auf alle Weiſe zu verſchaffen; Marie, die ſich gern mit ihr beſchaͤftigte, hatte ihr einſt aus ihrer Zeichenmappe welche gezeigt 137 und ſie ſich dieſe ſo wohl gemerkt, daß ſie, als ſie Marie'ns Reiſekoffer offen ſtehen ſah, unvermerkt die Mappe herausnahm und damit zu Wilhelm eilte, der in ſeinem Zim⸗ mer ſaß und ſich mit Briefen beſchaͤftigte, die er aus der Heimath empfangen hatte. Die Kleine deutete ihm durch Worte und Zeichen an, daß er ihr die Mappe oͤffnen helfen und den Anblick der begehrten Bilder verſchaffen ſolle. Da er Marie'ns Namen auf der⸗ ſelben ſah und nicht anders glaubte, als daß dieſe ſelbſt dem Kinde die Zeichnungen gegeben habe, ließ er ſich gleich willig dazu finden und bald lag der Inhalt der Mappe ausgebreitet vor ihnen da. Eine kleine Kapſel von rothen Marozuin fiel ihm in die Augen; er oͤffnete ſie, denn er konnte keine Ahnung haben, daß irgend ein Ge⸗ heimnis unter einer Sache verborgen ſeyn könne, die man dem Kinde zum Spielen anvertraut hatte. Wie freudig ward er aber uͤberraſcht und von welchem Staunen ergriffen, als ihm ſein eigenes ſehr wohl⸗ —O getroffenes Miniaturbild aus der verhuͤllen⸗ den Kapſel entgegenſtralte! „Ja ſie liebt dich, liebt dich noch immer wie auch der Schein und ihr ſeltſames Be⸗ tragen dagegen ſprechen, und die Kaͤlte, die Abneigung, welche ſie dir zeigt, ſind nur Verſtellung!“ jubelte ſein Herz im hoͤchſten Entzuͤcken. Aber zu welchem Ende uͤbt ſie dieſe ſo hartnaͤckig aus? fragte er ſich, als ſich die Beſonnenheit wieder bei ihm einſtellte. Er mußte endlich Licht in einer Sache ha⸗ ben, die ihn ſo nahe anging, und von ihr ſelbſt, das wußte er ja durch ſo viele ver⸗ gebliche Verſuche, durfte er die erſehnte Aufklaͤrung nicht erwarten. Aber Sophie, ſagte er ſich, iſt redlich, offen und mir un⸗ bezweifelt gewogen; 4 wird mir Wahr⸗ heit geben und endlich dieſe Zweifel enden, die mein Leben zerſtoͤren und keine Ruhe in meinem Herzen aufkommen laſſen. Er beſchloß alſo, die erſte Gelegenheit wahrzu⸗ nehmen, ſich gegen dieſe zu erklaͤren und ſie dringend um die gewuͤnſchten Aufſchluͤſſe 139 —— zu bitten. Auguſt, dem er ſeinen Vor⸗ ſatz mittheilte, konnte dieſen nur billigen, und ſo wartete er mit Sehnſucht auf die erſte guͤnſtige Stunde, die ſich ihm bald darbot. Die Landraͤthin hatte ſchon angefangen die in der Naͤhe von Piſa be⸗ findlichen heilſamen Baͤder zu gebrauchen, welche ihr auch uͤberaus gut bekamen; ſobald ſie von denſelben zuruͤckgekehrt war⸗ hatte ſie die Gewohnheit, ſich eine Stunde zum Ausruhen niederzulegen⸗ und dieſe Zeit benutzten die Uebrigen oft, die Stadt und die reizenden Umgebungen derſelben zu beſe⸗ hen. Auguſt ſchlug dieſesmal eine Waſſer⸗ fahrt auf dem Arno vor und mit der Landraͤthin wewſ uns ward dieſer Vor⸗ ſchlag angenommen; ilhelm aber ſchloß ſich abſichtlich von der Luſtfahrt aus, denn auf dieſe Weiſe konnte er Zeit und Raum gewinnen, ſein Vorhaben auszufuͤh⸗ fuͤhren; ſeine Unruhe war jetzt bis zu einem Grade geſtiegen, die ihm jede Stunde Auf⸗ ſchub zur unertraͤglichſten Pein machte. —ä] Sobald er nun von der Kammerfrau Sophie'ns vernommen hatte, daß ihre Gebieterin aufgeſtanden ſey und ihr Fruͤh⸗ ſtuͤk verlangt habe, ließ er ſich bei ihr melden und ward ſogleich angenommen. Mit welcher Unruhe, ja mit welchem Zittern trat er zu ihr ein, denn ſollte nun nicht endlich ſein Shiſ eſchteden wer⸗ den?— „Ich glaubte ſie mit von der Dartie⸗ lieber Wilhelm,“ ſagte die Landraͤthin bei ſeinem Eintritt heiter;„wie koͤmmt 25, daß ſie ſich ausſchloſſen?“ 1 „Ich wuͤnſchte dieſe Stunde zu einem vertraulichen Geſpraͤche mit Ihnen zu be⸗ nutzen, beſte Couſine,“ entgegnete er ihr, indem er ehrfurch ötsvoll ihre Hand an ſeine Lippen druͤckte;„ſind Sie aber auch aufgelegt, mir jetzt Gehoͤr zu ſchenken?“ Zu jeder Stunde, mein junger Freund; was haben Sie auf dem Herzen?“ Jetzt begann Wilhelm ihr ſein ganzes ſeltſames Verhaͤltnis zu Marien mit 141 — aller Offenheit darzulegen und mit immer ſteigenderem Intereſſe, ja gewiſſermaßen mit einer faſt aͤngſtlichen Spannung hoͤrte ſie ihm zu; dann, als er geendet hatte, ſah er daß ihr Auge in Thraͤnen ſchwamm, die ſie nicht vor ihm zu verbergen ſtrebte. „Jetzt, theure, hochverehrte Frau,“ ſchloß er ſeine lange Rede,„jetzt loͤſen Sie mir mit der Wahrheit und Offenheit, die Ih⸗ nen ſo eigenthuͤmlich ſind, dieſe Raͤthſel und Zweifel; ſagen Sie mir, ob Marie vielleicht ſchon durch andere Verhaͤltniſſe gebunden iſt und deshalb mein liebendes Herz zuruͤck⸗ weiſt, um nicht treulos zu erſcheinen. Ich bin auf Alles gefaßt und werde als Mann mein Sohckiſal zu ertragen wiſſen, wenn es mich auch zur ewigen Entſagung des hoͤch⸗ ſten Lebensgluͤcks verdammt; nur dieſe Un⸗ gewißheit, dieſes Schweben zwiſchen Furcht und Hoffnung konnte ich nicht laͤnger ertra⸗ gen, denn ich fuͤhlte, daß meine beſten Seelenkraͤfte dabei zu Grunde gingen. Die Landraͤthin ſchwieg noch immer, 142 denn eine zu maͤchtige Ruͤhrung hattte ihr Herz ergriffen, als daß ihr ſogleich das ver⸗ mittelnde Wort zu Gebote geſtanden haͤtte; dann erhob ſie ſich, trat nahe zu ihm hin und ſagte, ſeine Hand ergreifend:. „Geben Sie Sich der ſchoͤnſten Hoff⸗ nung hin Wilhelm; Marie iſt frei, ganz frei und Ihrer wuͤrdiger als Sie glau⸗ ben, als es mir vergoͤnnt iſt Ihnen in die⸗ ſem Augenblick zu enthuͤllen. Es muͤſſen noch Raͤthſel zwiſchen uns bleiben, aber dieſe duͤrfen Sie nicht aͤngſtigen und Mar ie ſelbſt kann Ih⸗/ nen einſt den Schluͤſſel dazu geben, wenn ein ſchones und begluͤckendes Band zwei ſo wuͤrdige Menſchen vereint haben wird.“ Wilhelm wollte noch fragen, aber Sophie bat ihn, ſich zu beruhjgen und nicht weiter zu forſchen.„In wenigen Stunden,“ fuͤgte ſie hinzu,„wird Ihnen aͤber Ihr Gluͤck kein Zweifel mehr bleiben; Marie liebt Sie, Sie ſind ihre erſte und einzige Neigung, und was bisher ſtoͤrend zwiſchen Sie trat, wird ſie vor Ihnen der⸗ 143 einſt verantworten koͤnnen, wie ihr ſchoͤnes Herz es nicht vor Dem zu verhuͤllen brauchte, der in das Innere der Menſchen ſieht; jetzt mein Freund verlaſſen Sie mich, denn dieſe Stunde iſt wichtiger, ſchoͤner, ernſter fuͤr mich, als ſie ahnen koͤnnen; ſie giebt mir den herrlichſten Lohn fuͤr treu erfuͤllte Pflichten, und es iſt mir ein unabweisbares Beduͤrfnis, mein Herz vor Gott auszuſchuͤt⸗ ten, der mir dieſe reinſte aller Menſchen⸗ wonnen ſchenkte. Bald rufe ich ſie wieder, um Sie dann auf ewig mit dem geliebten Maͤdchen zu vereinen.“ Wilhelm entfernte ſich und Sophie blieb in großer innerer Bewegung zuruͤck. Ihr hellſehender Geiſt hatte gleich das Wahre und Richtige dieſes Verhaͤltniſſes ergruͤndet und die Pflegetochter ſtand in der hoͤchſten Glorie des Edelmuths vor ihrer Seele. So war es ihr gelungen, ſo hatte der Saame des Guten und Schoͤ⸗ nen, den ſie mit ſo vieler Liebe und Sorg⸗ falt in die junge Seele der ihr Anvertrau⸗ 144 ten geſtreut hatte, Wurzel geſchlagen und Bluͤthe und Frucht dargebracht. Welch' ein großes, heiliges belohnendes Gefuͤhl war in dieſer Stunde in dem beſten edelſten weiblichen Herzen, und wie dankte ſie Gott dafuͤr! Kein Gedanke an niedre Selbſtſucht und Eigennutz truͤbte ihr den Vollgenuß dieſer Augenblicke; Emilie und Marie waren ihr beide gleich lieb und theuer und ſo mußte ihr das Gluͤck der Einen wie der Andern auch gleich ſeyn. Marie, das ſagte ſie ſich mit der vollſten Ueberzeugung, hatte ſich des hoͤchſten Gluͤckes durch hel⸗ denmuͤthige Entſagung, durch eine Selbſt⸗ aͤberwindung ohne gleichen am wuͤrdigſten gemacht, und ſo war es nur Gerechtigkeit des Himmels, daß ihr es jetzt auch zu Theil ward. Mit liebender Sehnſucht harrte ſie der Ruͤckkehr ihrer Kinder, und die Stunden ihrer Abweſenheit dehnten ſich ihr faſt zu Tagen aus. Endlich hoͤrte ſie gegen Mit⸗ 145 tag Fußtritte auf dem Saale, der zu ihrem Zimmer fuͤhrte, und heiter traten ihr die Zuruͤckkehrenden entgegen. Marie'ns Augen ſchienen Wilhelm zu ſuchen, deſſen Ausſchließung von der Fahrt, ſie wußte ſelbſt nicht warum, ſie geaͤngſtet hatte; aber ſie erblickte ihn nirgends. Sophie ſchob, weil das Mittagseſſen angerichtet war, ihre Unterredung mit Marie'n bis zu dem Nachmittag auf, aber ſie konnte ſich nicht enthalten, ſie mit dem Gefuͤhle der innigſten Zaͤrtlichkeit an ihr Herz zu ſchließen. Wilhelm und Auguſt waren chun vorher von ihr eingeladen worden, Antheil an dem Mittagsmahle zu nehmen, und ſo fanden ſich Beide dazu ein. Erſterer konnte ſeine Unruhe nicht verbergen und war, obgleich ihm die Landraͤthin ſeinen Platz neben Mäarie'n angewieſen hatte, ſehr ein⸗ ſylbig und zerſtreut; wie waͤre es ihm auch moͤglich geweſen, von gleichguͤltigen Din⸗ gen zu reden, da ſein Gemuͤth mit ſo gro⸗ It. 10 146 ßen Hoffnungen und Erwartungen er⸗ föͤllt war? ain Marie, ihrerſeits war auch aͤngſtlich und beklommen, obgleich ſie ſich nicht zu erklaͤren wußte, warum? So oft ſie So⸗ phie'ns leuchtenden Blicken begegnete, die mit Freude auf ihr zu ruhen ſchienen, ſenkte ſie das Auge ſcheu zu Boden, wie wenn ſie ſich einer großer Schuld bewußt geweſen waͤre, und doch durfte ſie es ja ſo frei zu Gort und den Menſchen erheben! Die feierliche Stimmung dieſer Drei blieb auch den Andern nicht verborgen und ſie ahneten irgend ein wichtiges Geheimnis; aber es mußte ein frendiges Ereignis ſeyn das ihrer harrte, denn wie haͤtte ſonſt die geliebte Mutter ſo heiter ſeyn koͤnnen! Nach Tiſche entfernten ſich Roſalie und Emilie auf das Zimmer der Erſteren, um die kleine Adele zu Bette zu bringen, die von der ziemlich langen Waſſerfahrt, der ſie beigewohnt hatte, ſehr muͤde und angegriffen war; Marie wollte den Schwe⸗ — — 147 ſtern folgen, aber ein Wink der Mutter hielt ſie zuruͤck. Die beiden Maͤnner nah⸗ men jetzt auch die Gelegenheit wahr, ſich entfernen koͤnnen, denn ſowohl Wilhelm als Auguſt ſehnten ſich nach freier und ungeſtoͤrter Mittheilung, wozu ſie vor Tiſche nicht Zeit gehabt hatten; ſo blieb Marie mit der Mutter allein zuruͤck, und zwar nicht ohne ein ſehr aͤngſtliches, beunruhigtes 25. „Sollteſt Du Deiner muͤtterlichen Freun⸗ din nichts zu vertrauen haben, Marie 2 fragte die Landraͤthin, ſobald ſich Beide allein ſahen;„es iſt mir nicht entgangen, daß Du ſeit laͤngerer Zeit weniger heiter als ſonſt und auch blaͤſſer biſt; was iſt Dir meine geliebte Tochter? darf ich nicht An⸗ ſpruch an Dein volles Vertrauen machen!“ Marie ſenkte bei dieſen Worten erblei⸗ chend das Auge zur Erde; dann fiog ein 10 ½ 148 hoͤherer Purpur uͤber ihre Wangen die zu⸗ gleich ein Strom von Thraͤnen bedeckte. „Mir iſt ganz wohl, beſte Mutter, glau⸗ ben Sie es mir, ganz wohl!“ entgegnete ſie dann mit muͤhſam errungener Faſſung;„Sie haben nicht Urſache, ſich uͤber mein Befin⸗ den zu beunruhigen.“ Ihr Auge haftete bei dieſen Worten noch immer am Boden, denn ſie fuͤrchtete den Blicken ihrer Pflege⸗ mutter zu begegnen und dieſer die Thraͤne zu zeigen, die in den ſeldenen Wimpern zitterte. „Schaue zu mir auf, Marie, edles, großmuͤthiges Weſen, denn Du darfſt es!“ ſagte Sophie, die Bewegte an ihr Herz ſchließend,„jede Verſtellung verſchwinde zwiſchen uns; ich weiß Alles, weiß daß Dich Wilhelm liebt, daß Du ihn liebſt und ihm entſagteſt, weil ich einſt eine Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und Emilien zu wuͤnſchen wagte.“ „O meine Mutter!“ rief die Vergehende und konnte keinen Laut weiter hervorbrin⸗ 149 gen. Die Gefuͤhle dieſes entſcheidenden Augenblicks, die ſo unerwartet, ſo unvorbe⸗ reitet auf ihr Herz einſtuͤrmten, verwirrten ihre Sinne und ohnmaͤchtig faſt lehnte ſie das Haupt an den Buſen der Pflegemutter, die ſie zitternd in ihren Armen hielt und ſie mit den theuerſten Namen in's Daſeyn zuruͤckrief. „Sey gluͤcklich, wie Du es verdienſt, meine Marie,“ ſagte ſie bewegt, als die Jungfrau endlich wieder die Augen auf⸗ ſchlug und ſie mit ſuͤßer Schaam und Ver⸗ wirrung anblickte. „Und Emilie!“ fragte dieſe zitternd. „Emilie hat laͤngſt entſagt; wie haͤtte ſie auch noch auf Gegenliebe von Seiten Wilhelms rechnen duͤrfen, da er von uns ſchied, ohne ſich auch nur durch ein Wort gegen ſie zu erklaͤren? Sie hat ihre Nei⸗ gung beſiegt und Dein Gluͤck wird in ihrem Herzen, wie in dem meinigen, nur die reinſte Freude erwecken; Du kennſt uns, und ſo zweifle nicht!“ 150 Marie konnte ſich noch immer nicht faſſen, nicht begreifen, daß ihr, durch die wunderbarſte Fuͤgung, jetzt ein Gluͤck ſo nahe ſtehe, dem ſie laͤngſt entſagt zu haben glaubte, das unwiederbringlich fuͤr ſie ver⸗ loren ſchien. „Ich ſende Dir jetzt Wilhelm,“ fuhr die Landraͤthin fort,„denn was nun noch abzumachen iſt, kann nur zwiſchen Euch geordnet werden; Ihr werdet als ein gluͤckliches und wuͤrdiges Paar wieder unter uns treten.“ Mit dieſen Worten verließ ſie Ma⸗ rie'n, die im Drange ihrer Gefuͤhle auf ihre Knie ſank und ihr Herz zu Dem er⸗ hob, der ihr jetzt die Fuͤlle des hoͤchſten Erdengluͤcks geſpendet hatte. Sie durfte zu ihm aufſchauen, durfte ihr Herz zu ihm erheben; denn hatte ſie nicht nach ſeinen heiligen Vorſchriften gehandelt, ſich nicht der Wonne wuͤrdig gezeigt, die er jetzt uͤber ſie ausſchuͤttete! 151 Alls ſie ſich erhob ſiann Wwilhelm hun ter ihr. 3 .„Mari el⸗e rief er, indem er ihr ſeh⸗ nend die Arme entgegenſtreckte, und ergluͤ⸗ hend ſank ſie an die treue Bruſt, die ſo ſtandhaft ein Herz voll Liebe fuͤr ſie be⸗ wahrt hatte. Er fragte nicht, forderte keine Auf⸗ ſchluͤſſe von ihr, denn er war zu gluͤcklich, als das er an etwas Anderes haͤtte denken koͤnnen als an die holde Gegenwart. „So biſt Du ganz und ewig mein, Marie?“ fragte er in ſuͤßer Trunkenheit indem ſein leuchtender Blick den Uhrigem ſuchte. „Ewig und ungetheßt Dein, Wil⸗ helm!“ entgegnete die Jungfrau, das ergluͤhende Haupt ſanft zu ihm neigend. „fEmpfangt auch den Segen der Schwe⸗ ſterliebe,“ ſprach Roſalie, die unver⸗ merkt eingetreten war;„Ihr Gluͤcklichen, Ihr Geliebten!“ Eine Thraͤne trat bei dieſen Worten in ihr glaͤnzendes Auge, aber 152 ſie gehoͤrte nicht mehr dem Schmerze, ſon⸗ dern der Freude an. Die kleine Adele, welche ſie an der Hand gehalten hatte, als ſie eintrat, ſchmiegte ſich jetzt liebend an ſie an und hauchte den Kuß kindlicher Zaͤrtlichkeit auf ihre Hand. Ein Blick zum Himmel ver⸗ kuͤndete allein, was in dieſem Augenblick in Roſaliens Herzen vorging; dann nahm ſie das Kind auf ihre Arme und eilte raſch auf ihr Zimmer. Jetzt kamen auch die Uebrigen, um ihre Gluͤckwuͤnſche darzubringen, denn Sophie hatte ſie vorbereitet. Der Tag verfloß in ſtiller Gluͤckſeligkeit und Heiterkeit, denn kein Herz war unbefriedigt geblieben, und ſelbſt Emilie ſah ohne Neid auf das, was ihrer geliebten Schweſter an dieſem Tage geworden war. Sophie hatte Recht; laͤngſt hatte ſie ſich aller Wuͤnſche und Hoffnungen auf den Beſitz des geliebten Mannes begeben, und ſo konnte es ſie nur 133 — freuen, daß ihre geliebte Marie fuͤr ihre Entſagung ſo herrlich belohnt ward. Eben ſo ſtand es um Auguſt, und man wird es nicht unnatuͤrlich finden, daß Beider Herzen ſich nach und nach einander naͤherten und ſie endlich kurz vor der Ab⸗ rieſe von dem Orte, wo Wilhelm und Marie das Gluͤck ihres Lebens gefunden hatten, mit der Bitte vor die Landraͤthin traten, auch ihren Bund zu ſegnen. Jetzt erſt war die Frende vollkommen, denn ſo⸗ wohl in Wilhelms als Marie'ns Her⸗ zen, war bis zu dieſem Augenblick noch im⸗ mer ein Stachel zuruͤckgeblieben, der ſie nicht ſelten ſchmerzlich verwundete. Es wurden jetzt von den vier gluͤcklichen Menſchen Plaͤne fuͤr die Zukunft entwor⸗ fen. Wilhelm freute ſich, Marieins Vorliebe fuͤr das Landleben beruͤckſichtigend, daß ſich ſeine Anſtellung noch verzoͤgert hatte, denn er war entſchloſſen, ſich in der Naͤhe von Seethal anzukaufen, und Au⸗ guſt fand, daß er ſein Lieblingsſtudium, das der Naturwiſſenſchaften, doch wohl nirgends beſſer und ungeſtoͤrter treiben koͤnne, als auf dem Lande; ſo wollte er ſeine Stelle niederlegen und mit ſeiner jungen Gattin fortan auf dem ſchoͤnen Landſitze wohnen, an den ſie, ſelbſt in der reizenden Umge⸗ bung Piſa's, nicht ohne Sehnſucht den⸗ ken konnte. Sophie war entzuͤckt uͤber alle dieſe Vorſaͤtze und Einrichtungen, denn wie ſehr ſtimmten ſie mit ihren Wuͤnſchen uͤberein! Immer hatte ſie gefuͤrchtet, Eins ihrer ge⸗ liebten Kinder von ſich getrennt zu ſehen, indem ja doch der Zeitpunkt kommen mußte, wo dieſe einem Gatten und ihrer Beſtim⸗ mung folgten. Jetzt aber behielt ſie nicht nur Beide in ihrer Naͤhe, ſondern ihr Gluͤck hatte ſich auch noch durch Roſalien, die ihr immer theurer wurde, vermehrt, denn dieſe wollte ſich nicht mehr von ihr trennen.. Es lief auch in dieſer Zeit ein Brief von Joſephinen ein, an welche Sophie — 155 ſogleich geſchrieben hatte, ſobald die Ange⸗ legenheit, um derentwillen ſie die Reiſe unternommen, gluͤcklich beendigt geweſen war; die Landraͤthin hielt dies fuͤr ihre Schuldigkeit und ſelbſt Roſalie ſchrieb ihr einige freundliche Worte, was ſie be⸗ ſonders erfreut zu haben ſchien. Der Brief der Baronin an So⸗ phie'n enthielt die Nachricht, daß der regierende Fuͤrſt mit Tode abgegangen ſey und der Erbprinz die Regierung angetre⸗ ten habe; die Ehe des jungen fuͤrſtlichen Paares werde aber nicht zu den gluͤcklichen gerechnet, und ſie ſelbſt, die Baronin, ſey noch immer von den Zutritt am Hofe ausgeſchloſſen, welches ſie tief niederzubeu⸗ gen ſchien, denn fortwaͤhrend konnte ſie ihr Herz nicht von Glanz, aͤußerer Ehre und irdiſcher Hoheit losreißen, und das iſt be⸗ greiflich, da ſie nichts anderes beſaß was ſie dafuͤr haͤtte entſchaͤdigen koͤnnen. Roſalienſchrieb ſie, das Graf M. wie⸗ der da geweſen ſey, um im Namen ſeines 156 —— Hofes zu condoliren und zum Regierungs⸗ Antritt des neuen Fuͤrſten Gluͤck zu wuͤn⸗ ſchen. Er hatte auch ſie beſucht und ſich ſehr angelegentlich nach Roſalien erkundigt; er war noch immer unvermaͤhlt. Die Baronin kam mehrmals auf den Grafen in ihrem Briefe zuruͤck und ſchien in einer Stelle des⸗ ſelben, die Roſalie nicht ohne Abſcheu las, ſogar darauf hinzudeuten, daß man wohl noch jetzt auf ihre Vermaͤhlung mit dem Geſandten hoffen duͤrfe, da dieſer ihrer mit dem lebhafteſten Intereſſe gedenke und ſich ſehr genau nach ihrem gegenwaͤrtigen Aufenthalte und der Lage von Seethal erkundigt habe. b Dieſe Briefe in ſo guter Abſicht ſie auch geſchrieben waren, und ſo viel Freundliches ſie auch, ſowohl fuͤr Roſalien als So⸗ phie'n enthielten, erweckten doch in der Letztern den Gedanken, daß das eitle Welt⸗ treiben Joſephinen allzueng umgarnt hal⸗ te, als daß man je die Hoffnung hegen 157 duͤrfe, ſie demſelben entriſſen zu ſehn. Frei⸗ lich erwachten in ſeltenen, beſondern Mo⸗ menten beſſere und hoͤhere Ideen in der armen Frau, aber es waren Lichtblitze, die bald wieder von der Finſternis verſchlun⸗ gen wurden, in die ſie ſich freiwillig ge⸗ ſtuͤrzt hatte. Es iſt nicht ſo leicht, wie man glaubt, von dem Gewohnten zu laſſen, und Anſichten und Ideen, die wir einmal in uns aufgenommen, ja jahrelang in uns herumgetragen und genaͤhrt haben, verlieren nur ſchwer ihre Gewalt wieder uͤber uns. Darum iſt es ſo wichtig, in welchen Ideen und Anſichten der Menſch erzogen wird, denn wie der Baum fuͤr die ganze Zeit ſeiner Dauer die Richtung be⸗ haͤlt, die man ihm in der Jugend gab, ſo iſt dies auch mit dem Menſchen der Fallz ein maͤchtiger Sturm kann beide wohl auf Augenblicke heftig erſchuͤttern und ihnen eine entgegengeſetzte Richtung geben, aber wie die Gewalt deſſelben nachlaͤßt, kehren ſie in die eigenthuͤmliche zuruͤck. 158„ — Roſalie war eine von den wenigen Ausmahmen dieſer allgemeinen Regel, denn nicht allein rettete ein guͤnſtiges Geſchik ſie noch fruͤh genug aus dem Verderben, ſondern ihre innere edle Natur hatte ſich auch ſtets ge⸗ gen den Zwang einer widernatuͤrlichen Rich⸗ tung geſtraͤubt, und ſo kehrte ſie freundig zu der beſſern zuruͤck, ſobald ſie ſich ohne Feſ⸗ ſeln fuͤhlte. 26. Sobald die Landraͤthin ſich durch das Bad hinlaͤnglich geſtaͤrkt fuͤhlte; ſchickte man ſich zur Ruͤckreiſe nach Seethal an, denn dahin ſehnten ſich Alle gleich ſehr. Man legte den Weg zur geliebten Heimath ohne alle Beſchwerden und Hinderniſſe zu⸗ ruͤck und begruͤßte den geliebten laͤndlichen Aufenthalt in der ſchoͤnſten Jahreszeit. Alles bluͤhete und duftete, als man daſelbſt 159 anlangte, und Freude und Jubel herrſchte uͤberall. Obgleich man nun die ſchoͤnſten Gegenden Europa's beſucht hatte, ſo kam man doch darin uͤberein, daß die Heimath der einzige Ort ſey, wo man ſich vollkom⸗ men gluͤcklich fuͤhlen koͤnne, und daß jeder andere Aufenthalt, ſo ſchoͤn er auch immer ſeyn moͤge, doch ſtets noch Sehnſucht und unerfuͤllte Wuͤnſche im Herzen zuͤruͤcklaſſen wuͤrde. Der Menſch iſt inniger mit dem Boden verbunden, der ihn werden ſah, als er glaubt, und ſelbſt in Tempe's geprieſenem Thale wuͤrde ihn fruͤh oder ſpaͤt die Sehn⸗ ſucht nach der Heimath foltern und ihm den Genuß verkuͤmmern. Trauert und kraͤnkelt doch ſchon die Pflanze, die man dem heimathlichen Boden entriß, um ſie in einen andern zu verſetzen; ſingt doch der Vogel trauriger ſein Lied, wenn man ihn in die Fremde bringt; wie ſollte es denn mit dem Menſchen anders ſeyn; fuͤr den es noch uͤberdem tauſend andere gei⸗ ſtige Bande giebt, die ihn an die Heimath 160 ketten und ewig ſein Sehuen in dieſelbe zuruͤckleiten. Wo kann er ſich ſo verſtanden fuͤhlen, als in dieſer, wo gleiche Gewohn⸗ heiten ein ſo feſtes Band um Alles ſchlin⸗ gen? wo kann ihm Jedes ſo leicht werden, als da, wo er von Kindheit auf ſeine Gei⸗ ſtes⸗ und Koͤrperkraͤfte gleich auf das uͤbte, was das Leben von ihm fordert?— Bald nach der Ruͤckkehr vereinte der Segen der Kirche die beiden gluͤcklichen Paare. Wilhelm und Marie blieben noch auf Seethal, daß geraͤumig genug fuͤr Alle war, bis Erſterer Gelegenheit fin⸗ den wuͤrde, ſich ganz in der Naͤhe anzu⸗ kaufen, denn man wollte nichts uͤbereilen, um zu dieſem gewuͤnſchten Ziele zu gelan⸗ gen. Anfangs ſtieß man dabei auf manche Schwierigkeiten, denn die benachbarten Gutsbeſitzer waren nicht zum Verkauf ge⸗ neigt, weil die Gegend ſchoͤn und ergiebig war, und ſo verfloſſen faſt zwei Jahre, bis Wilhelm etwas Paſſendes fand, und die 161 — — Uebrigen ſahen dieſe Verzoͤgerung als einen Gewinn an, denn ſie mochten nicht daran denken, dieſe Geliebten zu miſſen. Einige Monden nach der Verbindung der beiden gluͤcklichen Paare erſchien Graf M. wirklich, wie es Joſephine voraus⸗ geſagt hatte, auf Seethal und ward mit Achtung von Allen empfangen, denn Ro⸗ ſalie hatte eine zu vortheilhafte Schilde⸗ rung von dieſem wuͤrdigen Manne gemacht, als daß ſein Beſuch ihnen nicht ehrend und erfreulich zugleich geweſen waͤre. Er konnte noch immer die ſo heiß von ihm geliebte Roſ alie nicht vergeſſen, und naͤhrte in ſeinem treuen Herzen fortwaͤh⸗ rend die Hoffnung, ſie dereinſt noch fuͤr ſeine Wuͤnſche gewinnen. So ergriff er der Baronin Anerbieten, Roſalien auf ſeiner Ruͤckehr nach Schweden einen Brief von ihr zu uͤberbringen, mit dem groͤßten Vergnuͤgen, und fand ſich auf Seethal ein. Das Geruͤcht hatte ihm zwar Mancher⸗ lei uͤber Roſaliens Verhaͤltnis zu dem II. 11 162 Prinzen zugefluͤſtert, was zu ihrem Nach⸗ theile gereichen mußte, aber ſein edles Herz verwarf es als etwas ganz Unglaub⸗ liches und ihrer Unwuͤrdiges, und ſein Glaube an ihren Werth und ihre Tugend ward keinen Augenblick dadurch erſchuͤttert. Es mag wahr ſeyn, ſagte er ſich, daß ſie den Prinzen geliebt hat, und welches Verbre⸗ chen waͤre dies denn auch, da der Prinz ganz dazu geeignet war, einem ſchoͤnen Her⸗ zen heftige Neigung einzufloͤßen? Jetzt aber iſt dieſes Band ſicher getrennt, wenn es je geknuͤpft ward; Roſalie hat ſich reiwillig zuruͤckgezogen und er iſt der Gatte einer Anderen geworden,— ſo ſind ſeit laͤn⸗ gerer Zeit ſchon alle ihre Hoffnungen auf ſeinen Beſitz verſchwunden, ſie iſt frei und ich darf mich wieder um ſie bewerben. Mit dieſen ſchoͤnen Ausſichten trat er die Reiſe nach Seethal an und ſein Herz ſchlug faſt hoͤrbar, als er bei dem Einfahren in den Schloßhof, Roſaliens geliebte 163 —— Geſtalt am Fenſter erblickte; bald ſtand er vor ihr. Ein ſanftes Erroͤthen uͤberflog ihre Wange, als er ſie ehrfurchtsvoll begruͤßte, und ihre Hand erzitterte in der ſeinigen, als er ſie an ſeine Lippen fuͤhrte; Roſalie war nie ſchoͤner, nie reizender geweſen, als in dieſem Augenblick, und doch erſchien ſie ihm ſo ganz anders als ſonſt! Der Schmerz, der ſich bei ihrem letz⸗ ten Zuſammentreffen wie ein beſchattender Schleier uͤber ihre ſchoͤnen Zuͤge ausgebreitet hatte, war ganz verwiſcht und das dunkle, ſee⸗ lenvolle Auge ſtralte in neuem Glanze und neuen Klarheit; ein leichter Anflug von Roͤthe faͤrbte die fruͤher ſo blaſſe Wange wieder, die hohe Stirn war unumwoͤlkt von den Schatten des Grames; aber an die Stelle der un⸗ befangenen Froͤhlichkeit war eine ſanfte Wuͤrde getreten, die Ehrfurcht gebot und mit Bewundrung erfuͤllte.. DSophie beobachtete Beide mit regem Intereſſe, denn ſie konnte ſich des Ge⸗ 11* ———“ 8 164 dankens nicht erwehren, wie gluͤcklich Ro⸗ ſalie an der Seite eines ſo durchaus wuͤrdi⸗ gen Mannes haͤtte werden muͤſſen, wenn Joſephinens Thorheit ſie nicht fuͤr im⸗ mer getrennt haͤtte. Roſalie, davon war ſie feſt uͤberzeugt, wuͤrde der Liebe und den Bewerbungen des Grafen nicht wider⸗ ſtanden haben, wenn die Baronin nicht, gleich zu Anfang ihres Verhaͤltniſſes mit dem Prinzen, thoͤrige Wuͤnſche und Hoff⸗ nungen in dem Herzen ihrer Pflegetochter erweckt haͤtte; denn weihte ihm nicht Ro⸗ alie, als ſie ihn naͤher kennen lernte, die a ngetheilteſte Achtung, ja ſogar eine Be⸗ wunderung die an Liebe gräͤnzte? 4 8 5 Der Graf war, zweimal durch No⸗ ſalie zuruͤckgewieſen, ſehr ſchuͤchtern gegen ſie geworden, und ſelbſt als er ihr allein gegenuͤberſtand, entſchluͤpfte kein Wort ſei⸗ nen Lippen, das auf die Vergangenheit ge⸗ deutet haͤtte; wie dankte ſie ihm dieſe milde Schonung ihrer Gefuͤhle! 1 — mich haben, ein Vater zu ſeyn. So iſt 156 Sehr erwuͤnſcht war es ihm, als So⸗ phie ihn einlud, einige Zeit bei ihnen zu verweilen, wenn es ſeine Geſchaͤfte erlau⸗ ben wuͤrden, denn es war ihr lieb, daß ſich eine Gelegenheit zeigte, Roſaliens Grundſaͤtze zu pruͤfen, und eine ſolche bot ſich jetzt dar. Sie vermied es ſorgfaͤltig mit dieſer uͤber den Grafen zu reden, denn Alles mußte von ihr ſelbſt ausgehen und ſie ſich vollkommen unbeſchraͤnkt fuͤh⸗ len um ſo handeln zu koͤnnen wie es ihr Herz gebot. „Ich bin ganz frei!“ entgegnete der Graf Sophie'n auf ihre freundliche Einladung;„ich habe meinem Vaterlande nach Kraͤften gedient und ſo meine Ver⸗ pflichtungen gegen daſſelbe erfuͤllt; mein letztes Geſchaͤft war das eben beendigte, und ich bin feſt entſchloſſen, fortan nur mir ſelbſt zu leben, und den Unterthanen auf meinen Guͤtern, die gerechte Anſpruͤche an mir guäͤdige Frau, Ihre Einladung ſehr 166 willkommen und ich nehme ſie mit der Frei⸗ muͤthigkeit eines Soldaten an.“ Roſalie war zugegen, als dieſe Unter⸗ redung vorfiel, und konnte ihre innere Un⸗ ruhe kaum verbergen; ſie hatte ſo ſicher gehofft daß der Graf ſich bald wieder ent⸗ fernen wuͤrde, und dieſer Gedanke hatte ſie bisher allein aufrecht erhalten; jetzt aber war er von ihrer Tante, die ſie hierin nicht begriff, auf eine unbeſtimmte Zeit, die er nach ſeinem Gefallen ausdehnen konnte, eingeladen worden, und ſie ſo der Qual unterworfen, ihm laͤnger noch gegenuͤber zu ſtehen. der Graf ſchien entzuͤckt uͤber die Menſchen, zu denen ihn ein gluͤcklicher Zu⸗ fall gefuͤhrt hatte, und lernte den Werth derſelben mit jedem Tag mehr erkennen; welch' ein Gewinn mußte eine ſolche Um⸗ gebung nun nicht auch fuͤr Roſalien ſeyn! In der That fand er ſie nicht nur aͤußer⸗ lich ſondern auch innerlich durchaus veraͤn⸗ dert; verſchwunden war jener Anſtrich von —— erhoͤhte die Farben der Blumen. 167 Frivolitaͤt, den man in der großen Welt, und beſonders am Hofe, ſo leicht annimmt, und die ihn auch oft an Roſalien geaͤng⸗ ſtigt hatte, obgleich er erkannte, daß ſie nicht eigentlich aus ihrem Innern hervor⸗ ging, ſondern gewiſſermaßen nur ein An⸗ flug von außem war; an die Stelle derſel⸗ ben war jetzt eine ſanfte Wuͤrde, ein hoher Ernſt getreten, die jedes Kleinliche und Niedrige zu verſchmaͤhen ſchienen. Endlich konnte er ſeine Gefuͤhle nicht mehr zuruͤckhalten und ſuchte nach einer Gelegenheit ihnen Worte zu geben. An einem ſchoͤnen Morgen ſtand er fruͤh auf um einen Spaziergang durch den Garten zu machen, denn ſeine innere Unruhe ſieß ihn nicht ſchlafen. 3 Der Thau lag noch auf auf den Bluͤ⸗ chen, die Lerchen wirbelten jubelnd von den nahen Saatfeldern empor, die Sonne faͤrbte alles mit einem ſanften Purpurlichte und Er machte einige Gaͤnge durch einen 168 ſchattigen Laubgang des Gartens, dann trat er in eine Laube von duftigem Jelaͤn⸗ gerjelieber, um ſich auszuruhn und ſeinen Gedanken Raum zu geben. In derſelben ſaß Roſalie, das ſchoͤne Haupt auf die Hand geſtuͤtzt und ſo ſehr in Nachdenken vertieft, daß ſie ſeinen Eintritt nicht einmal bemerkt hatte. Sobald ſie ſeine Naͤhe gewahr ward, wollte ſie aufſtehn und machte, durch eine unwillkuͤhrliche Bewegung, den Verſuch ihm zu entfliehen, denn grade an ihn, an das Gluͤck, welches ſie an ſeiner Seite, in ſeiner Liebe gefunden haben wuͤrde, dachte pe in dieſem Augenbilck, und jetzt ſtand er ſo unerwartet vor ihr! „Roſalie!“ rief er, ſie ſanft zuruͤck⸗ haltend,„Roſalie, noch immer fliehen Sie vor mir? vermag denn die reinſte und heißeſte Liebe, eine Liebe die an Anbetung graͤnzt, nichts uͤber Ihr Herz? Sollten Siee nicht ahnen, was mich hieher gefuͤhrt hat, in Ihre Naͤhe? die mich wie ein uͤn⸗ vwiderſtehlicher Zauber anzieht!“ „Kuͤxzen Sie die Schmerzen dieſes Augenblicks, Herr Graf,“ ſagte Roſalie erbleichend,„und entſagen Sie meinem Beſitze auf immer; ich kann nie die Ihrige werden.“ Eine Theine draͤngte ſich bei dieſen Worten aus ihren Augen hervor, die aͤngſtlich flehend auf ihn blickten. „Ich ahne was ſie zu dieſem Ausſpru⸗ che bewegt, Roſalie,“ entgegnete er ihr, 169 —— indem er noch immer ihre Hand nicht los ließ,„Ihr Zartgefuͤhl ſtraͤubt ſich dagegen mir ein getheiltes Herz zu ſchenken, Sie liebten einen Andern, ich weiß es, und ſind zu großſinnig, mich mit dem abfinden zu wollen, was dieſe Neigung Ihnen uͤbrig ließ. Aber laſſen Sie mich Ihre Zweifel durch ein Geſtaͤndnis beſeitigen: auch dieſes Herz liebte einſt in den ſchoͤnen Tagen der Jugend heiß und feurig; die Geliebte war uͤber meinem Stand und fuͤr einen Thron beſtimmt, den ſie jetzt ziert. Die Noth⸗ wendigkeit gebot uns Trennung, wir enk⸗ ſagten einander und es gehoͤrten viele, viele Jahre dazu, bis dieſes Herz von ſeinen Wunden geneſen konnte. So blieb ich bis jetzt unvermaͤhlt, glaubte auf ewig der Liebe entſagt zu haben, bis ich Sie erblickte, bis Ihr Anblick mich uͤberzeugte, daß eine Ruͤckehr ſolcher Gefuͤhle dennoch fuͤr mich moͤglich ſey. Ja Roſalie, ich liebe Sie, wie ich die Geliebte meiner Jugend liebte; ſollte denn nun auch bei Ihnen ein gleicher Wandel nicht moͤglich ſeyn?“ Er ſah ihr bei dieſen Worten zaͤrtlich und bittend in die Augen; dann fuhr er fort:„Ich fordere nicht, daß Sie ſchon jetzt einwilligen die Meinige zu werden; Ihr Herz muß Zeit haben zu geneſen; ich verlaſſe Sie, ſobald Sie es wuͤnſchen, ja ſelbſt in dieſer Stunde noch! aber geben Sie mir die Hoffnung mit auf den Weg, daß es dereinſt anders werden koͤnne und Sie mir dann angehoͤren 170 wollen; Roſalie, nur darum wage ich Sie zu bitten!?“ v „Das waͤre Grauſamkeit,“ entgegnete Roſalie raſch;„nein Herr Graf, es muß Alles klar zwiſchen uns werden: ich kann nie, nie die Ihrige ſeyn, jetzt nicht mehr!“ „So haſſen, ſo verachten Sie mich!“ „Ich habe nie einen Mann ſo geachtet, wie ich Sie achte; ich haͤtte Sie lieben koͤnnen, wenn— doch nichts mehr davon! Warum ſollte ich die mir vom Schickſal geſchla⸗ genen Wunden durch Erinnerung wieder zum Bluten reizen? Verlaſſen Sie mich, fliehen Sie von dieſem Orte auf immer, der auch Ihnen nicht wohl thun kann, und laſſen Sie es mein letztes Wort an Sie ſeyn, daß ich Ihnen nie angehoͤren werde, nie ange⸗ hoͤren dar f“ „Sie reichen mir in Einem Becher Troſt und Galle, Roſalie, indem Sie mir geſtehn, daß ich Ihnen nicht gleichguͤl⸗ tig war; wodurch verlor ich dieſes Gluͤck? darf ich nicht einmal dieſes wiſſen? was machte mich deſſelben in Ihren Augen unwuͤrdig?“ 1 „Sie werden ewig dieſem Herzen der Wuͤrdigſte bleiben, aber dennoch“——— „O ſprechen ſie das Wort nicht wieder aus, das alle meine Hoffnungen zu Boden donnert! Ueben Sie Barmherzigkeit an mir, laſſen Sie mich wiſſen, welches Schickſal uns ſo feindlich trennt, und mir ein Gluͤck entreißt, dem ich, wie Sie mir ſelbſt ge⸗ — — ————— 17¹ — ſtanden, ſo nahe war! Entlaͤßt man doch den Bettler, dem man keine Gabe reichen kann, oft mit einem ſrenn dſichru Fätt: und mich wollen Sie ohne ein ſolches in die t hinausſtoßen! Herz auf iblichen Oede der Hoffnungsloſigkei Was trennt dieſes edle, ſanfte ewig von mir, Roſalie?!“ Sie ſah ihn mit einem unbeſchre Blicke an; ihre Pulſe ſchienen einen Augen⸗ blick zu ſtocken, das Blut zog ſich von ihren Wangen zuruͤck, die ſich mit einer Todten⸗ blaͤſſe bedeckten;„Sie wollen es wiſſen— Ihnen muß, kann ich es denn, auch dieſes Opfer mu werden! Nicht ein feindliches aͤußeres Hindernis tritt zwiſchen uns, ſon⸗ dern allein das Gefuͤhl: da ungluͤckliche Roſ alie Ihrer Liebe, der Liebe eines edlen Mannes ſich nicht wuͤrdig erhielt.“ Sie ſank bei dieſen ſchrecklichen Worten der Selbſtanklage, dem Anſcheine nach, leb⸗ los auf den Raſenſitz zuruͤck; ſchloſſen ſich, lhr Herz ſchien af ſtand einen ſtarrt neben ihr, denn was hatt vernehmen muͤſſen! Dann ergriff ein tiefes Mitleid ſein Herz; er trat ſich uͤber ſie und heruͤhrte i Der Gr mit einem leiſen Kuſſe. „Roſalie,“ rief er,„ das Leben zuruͤck, das, einem dem Ihrigen, noch reiche Freuden zu bieten zu ihr, hre bleiche Stirn kehren Sie in Herzen wie ihre Augen gebrochen. Augenblick er⸗ e er eben —— ſagen; wohlan ß noch gebracht Geſchick, kein ß die vernichtete, beugte vermag! Sie konnten nur ungluͤcklich, nie ſchuldig werden, und das Herz ihres Freun⸗ des, wenn Sie anders auch dieſen Titel nicht verweigern, wird nie aufhoͤren, Ih⸗ nen den Zoll der hoͤchſten Bewunderung darzubringen.“. Sie richtete ſich empor und reichte ihm die Hand, die er voll Ehrfurcht an ſeine Lippen druͤckte, dann ſah er ſie noch lange mit einem Blicke an, worin ſich Liebe und Mitleid ſtritten, und ſchied von ihr. Nach einer Stunde hatte er Seethal verlaſſen, um nie dahin zuruͤckkehren; aber er konnte es ſich nicht verſagen, noch oft an Roſalien zu ſchreiben und es entſpann ſich in der Folge ein ſchoͤnes Freundſchafts⸗ verhaͤltnis zwiſchen ihnen, das nur mit ihrem Leben endete und Beiden einen fuͤßen Troſt gewaͤhrte. 27. 4 Ein hoͤheves Gluͤck noch ſollte Wil⸗ helm und Marie kroͤnen; letztere gebar ihrem Gatten einen holden Knaben, der ganz das Ebenbild des gluͤcklichen Vaters war. Als Marie zuerſt ihr Kind in Ro⸗ ſaliens Arme legte, die es mit den Thraͤ⸗ nen der Freude benetzte, fluͤſterte ihr Jene zu:„Und Du, kennſt Du die Wonne nicht, die jetzt in meinem Herzen Raum gewon⸗ nen hat?“. — 173 Adele iſt meine Tochter,“ ſagte Ro⸗ ſalie, das mit ſuͤßer Schaam uͤbergoſſene Haupt an dem Buſen der Schweſter ver⸗ bergend. „Ich wußte es lange, Du Geliebte,“ ſprach Marie ſanft,„wußte es ſchon in Piſa; als einſt das Kind auf Deinem Schooße ſaß und mit den glaͤnzenden ſchwar⸗ zen Augen zu Dir aufblickte, da ſtand das Bild unſerer Kindheit ploͤtzlich vor meiner Seele, denn ſo, eben ſo ſahſt Du oft zu unſerer verklaͤrten Mutter empor, ſo konnte nur Dein Kind zu Dir aufblicken!“ „Und du ſchwiegſt, Marie!“ „Ich ſchwieg, weil ich es Dir uͤberlaſſen wollte, die Stunde zu einer ſolchen Mit⸗ theilung zu waͤhlen und nach Deinem eigenen Gefuͤhle zu beſtimmen, und nur dieſer ſeligſte Augenblick meines Lebens riß mich hin; kannſt Du es mir vergeben?“ „O Marie, habe ich doch Deine Verzeihung anzuflehen, daß nicht ſchon lange mein Herz in Vertrauen zu Dir uͤberfloßl“ Beide umarmten ſich herzlich, dann kam der gluͤckliche Wilhelm mit Adelen, die den kleinen Bruder zu ſehen begehrt hatte, denn ſo nannte ſie den Neugebornen, den ſie nicht ſatt werden konnte zu betrachten und zu kuͤſſen; es war in der That ein be⸗ zaubernder Anblick. Wilhelm fand endlich, was er ge⸗ wuͤnſcht hatte, ein ſchoͤnes Landgut in der Naͤhe von Seethal, und fuͤhrte Gattin 174 und Kind dahin; Auguſt, Emilie und Roſalie blieben bei Sophie’n zuruͤck. Die Baronin verlor nach einigen Jahren ihren Gemahl und aͤußerte in einem Briefe den Wunſch Secthal zu beſuchen; man lud ſie freundlich ein, und ſie mochte wohl mit der Abſicht kommen, ſich fuͤr im⸗ mer dort anzuſiedeln, denn ſie ließ gleich anfangs einige Worte daruͤber fallen. Man bot ihr von allen Seiten freundlich die Haͤnde dazu, aber bald ergriff ſie die alte Sehnſucht nach dem Gewuͤhl der Haupt⸗ ſtadt, und ehe man ſich's verſah, kuͤndigte ſie Allen den Entſchluß an, dahin zuruͤck⸗ kehren zu wollen. Sophie, die Beſſeres von ihr gehofft hatte, ſah ſie mit Betruͤb⸗ nis ſcheiden, aber halten konnte ſie ſie nicht. Da die kleine Adele ihr, durch ihre auſſerordentliche Schoͤnheit, ſehr gefallen atte, ſchickte ſie fuͤr dieſe unaufhoͤrlich die oſtbarſten Geſchenke, ja ſie wagte es ſogar darauf hinzudeuten, daß es ihr Freude machen wuͤrde das holde Kind ſtets um ſich zu haben, in welchem Falle ſie es zu ihrer einzigen Erbin ernennen werde; aber man achtete natuͤrlich nicht darauf. Was Sophie an Roſalien gewon⸗ nen hatte, war ihr erſt recht klar gewor⸗ den, ſeit dieſe in der Pruͤfung mit dem Grafen ſo herrlich beſtand; beide Frauen trennten ſich nicht wieder. Die Landraͤ⸗ thin liebte Adelen; wie ſie die Kinder ihrer Emilie und Marie liebte, wovon — —— 175 bald ein bluͤhendes Haͤuflein ſie umgab, und wenn auch in Roſaliens Herzen noch einmal der Schmerz uͤber die Irr⸗ thuͤmer ihrer Se ahenegeit aufdaͤmmern wollte, ſchloß ſie ihr Kind in die Arme, das ihr fuͤr das Verlorne ein reicher Erſatz ward, zumal da ſie jetzt in der Naͤhe ihrer Lieben, ihrem Muttergefuͤhle keinen Zwang aufzulegen brauchte. 1 Sophie aͤrntete die Fruͤchte ihres rei⸗ nen Strebens in dem Gluͤck und der Liebe ihrer Kinder; ſie war des Hoͤchſten wuͤrdig was das Erdenleben zu geben vermag, und es ward ihr zu Theil. Die Keime des Guten, die ſie ſo ſorgſam ausgeſtreut hatte, uͤberdauerten ſie, denn ſie gediehen in ihren Kindern und Enkeln fort. 1 Die Baronin ſtarb nach einigen Jah⸗ ren an einer unheilbaren Krankheit die ſie ſich bei einem Hoffeſte zugezogen, denn man hatte ihr endlich den Zutritt wie⸗ der geſtattet. Um ihr Bett ſtanden nur beſoldete Diener und eine fremde Hand druͤckte ihr das brechende Auge zu. Ro⸗ falie und Sophie weinten ihr eine Thraͤ⸗ ne des herzinnigſten Mitleids nach, die ihr Schickſal, wenn gleich eigene Thorheit es ihr bereitete, dennoch verdiente.„Ihr gan⸗ zes Leben,“ ſprach Sophie,„war ein großer Irrthum, moͤge ſie gelaͤutert aus dem Grabe hervorgehn!“ So eben ſind bei uns erſchienen, und in allen Buchhandlungen zu haben: Die Liebesbriefe der Koͤnigin Maria von Schottland an Jacob Earl von Bothwell nebſt ihren Liebesſonnetten, Ehekontrakten und anderen Urkunden. Aus dem Engliſchen des Hugh Campbell. Zwei Theile, mit dem Bruſtbilde der Koͤni⸗ gin; ſauber brochirt. Preis 2 Thlr. 8 Laͤnger als zwei Jahrhunderte ſchon, iſt Maria Stuart von der Buͤhne des Lebens abgetreten, aber noch immer lebt ſie in dem An⸗ denken der Nachwelt, und was uͤber ſie erſcheint wird mit Intereſſe geleſen!— Dies duͤrfte be⸗ ſonders bei dieſen Briefen der Fall ſeyn, wel⸗ che einen tiefen Blick in das eigentliche Privat⸗ leben dieſer,„ſoviel gehaßten und gelieb⸗ ten“ Koͤnigin gewaͤhren, und die gewiß Nie⸗ mand unbefriedigt aus der Hand legen wird. Heinſius'ſche Buchhandlung in Leipzig. — ſnfnſinſnfſſnſſſffffff 15 16 1 8 9 11 12 13 14 6 7 18