— — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet, wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 u— u. 9— u II— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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An ihrer Seite war ihm das Leben wie ein ſchoͤner Fruͤh⸗ lingstag, angelacht von einer mildern Sonne, umkraͤnzt von tauſend duftigen Bluͤthen da⸗ hingeſchwunden; durch ſie hatte er, nach langem Umhertreiben in der Welt, die ihm fuͤr gehoffte wahre Freuden nur Schein und Trug bot, das ſchoͤne Gluͤck einer ſtillen, engbegrenzten Haͤuslichkeit kennen lernen; durch ſie hatte ſich ſein Seyn und Weſen erſt recht entfaltet und er verwirklicht ge⸗ ſehen, woran er faſt verzweifelt war, daß er noch die Faͤhigkeit beſitze, gluͤcklich zu ſeyn und gluͤcklich zu machen. So ſchien ſie es ihm jetzt faſt unmoͤglich, daß er ohn —————Q—Op=——OAO—ꝭ—————— 8 2 1— 4 werde fortbeſtehn koͤnnen, und wie es in Zukunft mit ihm werden duͤrfe, davon hatte ſeine verduͤſterte Seele keinen Begriff, denn ſie konnte ja nur Einen Gedanken faſſen: den ſeines unerſetzlichen Verluſtes. Die erſten Stralen des Tages, die ihre Augen nun nicht mehr erblicken konn⸗ ten, fielen ſchon durch die Oeffnungen der noch immer vorgezogenen Fenſter⸗Vorhaͤnge und kaͤmpften mit dem immer mehr erloͤ⸗ ſchenden Lichte der Nachtlampe, die noch vor dem Sterbebette auf dem Tiſche ſtand. Beide Lichter werfen nun ihre matten Stralen auf das ſchoͤne erbleichte Antlitz der Geſchiedenen, das ſanft zu laͤcheln ſchien und auf dem man jene himmliſche Ruhe und ſtille Freudigkeit wahrnahm, die ſchoͤ⸗ nen Leichen eigen zu ſeyn pflegt und ſo ruͤh⸗ rend als herzerhebend iſt. Die Wanduhr im Zimmer ſetzte ſo ruhig und ungeſtoͤrt ihren einfoͤrmigen Pendelſchlag fort, als ſey in ihrer Naͤhe gar nichts geſchehen; die Mobilien, die Buͤcher ſtanden in eben der — 5 Ordnung, worin die Verblichene ſie zu ſe⸗ hen liebte, und waͤhrend Alles im alten Gleiſe fortging und fortbeſtand, war mit der eine ſo große Veraͤnderung vorgegan⸗ gen, die die Seele des Ganzen geweſen war. Endlich verließ der Baron ſeinen Platz am Sterbebette der Geliebten, um die Fen⸗ ſtervorhaͤnge in die Hoͤhe zu ziehn und dem Lichte des Tags den freien Eingang zu ge⸗ ſtatten; die volle Lichtmaſſe fiel jetzt auf das erkaltete, erbleichte Antlitz und die morgendliche Aurora faͤrbte die Wange der Geſchiedenen mit einem taͤuſchenden Pur⸗ pur; ſchoͤner war das geliebte Weib nicht geweſen, als er es zum Traualtare fuͤhrte, und eben ſo ſuͤß wie damals ſchien es zu laͤcheln! Er bog ſich uͤber die Leiche und hauchte einen leiſen Kuß auf die feſt ge⸗ ſchloſſene Lippe— ach! die Eiſeskaͤlte des Todes weckte ihn ſchrecklich aus dem ſuͤßen Traume, in den dieſer Anſchein von Leben ihn gewiegt hatte! Seine Thraͤnen floſſen — es waren die erſten, die dem erſtarrten — 63 Auge entſtroͤmten, aber ſie gaben ihm die erſehnte Linderung. Leiſe oͤffnete ſich jetzt die Stubenthuͤre, und die gute alte Eliſabeth trat herein, eine Tante der Verſtorbenen, die man, weil ſie unvermaͤlt geblieben und fruͤher die lie⸗ bevolle Pflegerin der Baronin geweſen war, in das Haus genommen hatte. Eli ſabeth war eine jener ſchwachen, aber auch zu⸗ gleich ſanften und liebenden Naturen, die ſich uͤberall leicht behaglich fuͤhlen, weil ſie ſich nuͤtzlich und beliebt zu machen wiſſen und ſich' nie ſchwer auflegen. Beſonders ſie Mutterſtelle vertrat, und die ihr ſpaͤ⸗ „terhin auf alle Weiſe zu vergelten ſuchte, was ſie einſt fuͤr ſie gethan;— ſo hatte auch Eliſabeth viel in ihr verloren, und nur die ihrem Weſen eigenthuͤmliche Reli⸗ aufrecht zu erhalten. Sie hielt, als ſie in das Sterbezimmer trat, an jeder Hand eine der Toͤchter des lieb war ſie der Erblaßten geweſen bei der gioſitaͤt vermochte ſie in ihrem Schmerze —— 3 ——— * 7 Barons; die armen Kleinen hatten nach der Mutter verlangt und die Großtante wollte ihnen die geliebten Zuͤge derſelben noch einmal zeigen, ehe die grauſenvolle Hand der Verweſung ſie bis zur Unkennt⸗ lichkeit entſtellte.= Sie ſchlaͤft ſehr feſt,“ ſagte die ſechs⸗ jaͤhrige Marie leiſe, indem ſie die Hand der Mutter ſanft mit den Fingerſpitzen be⸗ ruͤhrte;„wir wollen ſtill ſeyn, damit wir ſie nicht erwecken!“ „Nein ſie iſt todt, Marie,“ entgeg⸗ nete ihr die um zwei Jahre aͤltere Roſa⸗ lie traurig, indem ſie die Thraͤnen vom Auge trocknete;„ſie iſt todt und wird nicht wieder aufwachen; fuͤhlſt Du denn nicht, wie kalt ihre Hand iſt?— Sieh nur, die Augen ſind feſt geſchloſſen und nie wird ſie ſie wieder oͤffnen, um uns ſo liebevoll wie ſonſt anzuſehen, wenn wir Morgens vor ihr Bette traten, um ſie mit einem Kuß zu wecken.“— „Todt? was iſt das? ich verſtehe das 8 — nicht, Roſalie— kannſt du es mir nicht erklaͤren? Dieſes unſchuldige Geſchwaͤtz der beiden holden Kinder erſchuͤtterte die Erwachſenen unendlich; die fromme Eliſabeth bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden, um die Thraͤnenfluth zu verbergen, die ihren Au⸗ gen entſtroͤmte, und der Baron ſtuͤrzte außer ſich am Lager der Entſchlafenen nie⸗ der, indem er mit dem Tone der hoͤchſten Verzweiflung ausrief:„Ja, ſie iſt todt, todt! ſie wird Keinen von uns allen je wieder anlaͤcheln!“ Wenige Monden, nachdem man den Sarg der Mutter in den kuͤhlen Schooß der Erde geſenkt hatte, erlag auch der Va⸗ ter dem finſtern, unheilbringenden Grame, der ihn ſeit ſeinem harten Verluſte umfan⸗ gen hielt, und auch ihn trug man in die letzte Behauſung. So ſtanden die Kinder in dem zarteſten Lebensalter verwaiſt da, Fremden uͤberlaſſen und der Elternliebe und Elternſorgfalt beraubt, da ſie beider 7 noch ſo ſehr bedurften! Zwar wuͤnſchte die treue Eliſabeth ſie bei ſich zu behalten, und ihnen den Reſt ihrer Tage zu weihn, aber die ihnen von Seiten des Gerichtes geſetzten Vormuͤnder beſtimmten anders uͤber ſie, und Röſalie und Marie. wurden zwei nahen Verwandten ihres Hauſes an⸗ vertraut; die den Wunſch hegten die Ver⸗ waiſten bei ſich zu haben. Roſalie, die ſchoͤne lebhafte, von Allen bewunderte Ro⸗ ſalie, fiel der Baronin von Wieburg zu, die in der Reſidenz lebte und dort ein ſogenanntes großes Haus machte; und Marien, die kraͤnklich und minder liebens⸗ wuͤrdig als ihre Schweſter war, fuͤhrte das Geſchick in die Arme ihrer Tante, der Landraͤthin von Seethal, welche, fern vom Gewuͤhl und Geraͤuſche der großen Welt, in ſtiller Abgeſchiedenheit auf einem reizend gelegenen Landſitze lebte und in ih⸗ rem fruͤhen Wittwenſtande bisher keinen andern Troſt gehabt hatte, als ihre einzige Tochter, deren Bildung ſie ſich ganz wid⸗ 10 mete. In dieſen ſtillen Kreis war Marie zu treten beſtimmt, waͤhrend ein viel glaͤn⸗ zenderes Loos der Schweſter zu harren ſchien. 2 Die Baronin Wiebu rg war eine von den Frauen, welche gewohnt ſind, eine be⸗ deutende Rolle in der Welt zu ſpielen. Herz⸗ und gemuͤthlos, aber fruͤher mit rei⸗ cher Schoͤnheit und großen Talenten aus⸗ geſtattet, war ſie in ihrer Jugend ein Stern erſter Groͤße am Hofe geweſen, denn ſchon in ihrem ſechzehnten Jahre ward ſie zur Hofdame ernannt, weil ihre ſehr mittelmaͤ⸗ ßigen Vermoͤgensumſtaͤnde eine ſolche An⸗ ſtellung fuͤr ſie wuͤnſchenswerth gemacht hatten. Die ganze maͤnnliche Jugend des Hofes bewarb ſich um die Gunſt und Nei⸗ gung des ſchoͤnen Fraͤuleins, ohne auch nur das geringſte Zeichen des Entgegenkommens von ihrer Seite erlangen zu koͤnnen, denn . 11 ſie liebte bereits, und zwar ungluͤcklich. Der einzige Mann, der ihr zu imponiren gewußt hatte, dem ſie ſich mit der ganzen Gluth einer jugendlichen Neigung hingege⸗ ben haben wuͤrde, brach ihr die Treue und ward der Verlobte einer Andern, und an eben dem Tage, da dieſer ſeine Hand ihrer gluͤcklichen Nebenbuhlerin reichte, verlobte ſie ſich mit dem um viele Jahre aͤltern, geiſt⸗ und herzloſen, aber unermeßlich reichen Baron von Wieburg, der ſich mit unter der Zahl derer befand, die ſich um ihre Hand bewarben. Dem Pſychologen iſt es freilich ein nicht zu loͤſendes Raͤthſel, wie Maͤnner und Frauen, die durch ein unguͤnſtiges Schick⸗ ſal verfolgt, nicht zum Beſitze deſſen gelan⸗ gen koͤnnen, was ihnen allein ihrer Nei⸗ gung wuͤrdig ſcheint, ſich, um den Schmerz ſolches Verfehlens zu beſchwichtigen, ſo oft an das Unwuͤrdige wegwerfen, gleichſam als ſuchten ſie dadurch dem Geſchicke zu trotzen, daß ſie nun gar nichts mehr von 4 demſelben annehmen wollen, aber trotz dem ſind ſolche Beiſpiele eben ſo haͤufig als be⸗ truͤbend. Joſephine— ſo hieß die Baronin— war mit dem Leben in gewiſſer Hinſicht fer⸗ tig, als ſie dem ungeliebten Manne ihre Hand am Altare reichte und ſich freiwillig in die Feſſeln einer unwuͤrdigen Ehe ſchmie⸗ den ließ. Sie empfand tung gegen den albernen Menſchen, deſſen Namen ſie fuͤhrte, aber ſie verbarg klug dieſe Geſinnungen, weil ſie fuͤhlte, daß der gerechteſte Tadel ſie treffen wuͤrde, wenn ſie ſie laut werden ließe, und obgleich ein Schwarm von Bewunderern ſie noch nach ihrer Vermaͤhlung umgaukelte, ſo bewahr⸗ ten ſie angeborner Stolz und ein ganz er⸗ kaltetes Herz gegen jeden Fehltritt gewoͤhn⸗ licher Art, und ſelbſt der Neid wußte kei⸗ nen Flecken auf ihren Ruf zu bringen. Dagegen war ſie auch unermeßlich ſtreng und unduldſam gegen Andere, und ſelbſt tiefſte Verach⸗ nicht der kleinſte aͤußere Verſtoß gegen die 13 Sitte fand bei ihr Entſchuldigung oder Nachſicht. Sie nannte dieſe Strenge Tu⸗ gend— ach! ſie war es nicht, und die einzige, welche dieſe Ungluͤckliche zu beſitzen ſich ſchmeichelte, war nur Schein, denn nie hatte ſie mit ſich zu kaͤmpfen: gehabt um ſie zu erringen, und Tugend iſt ja nur das was uns Opfer koſtete. Sie ver⸗ achtete den groͤßten Theil der Maͤnner, die ſchönen Frauen nur zu oft Gelegenheit geben ſie entweder in einem veraͤchtlichen oder laͤcherlichen Lichte zu erblicken. Ueber⸗ dies durch eigne Schuld an einen durchaus unwuͤrdigen Gatten gefeſſelt, den ſie in allen Stuͤcken weit uͤberſah, glaubte ſie das ganze maͤnnliche Geſchlecht nach ihm beur⸗ theilen zu duͤrfen, und wirklich wollte es ihr ungluͤckliches Geſchick, daß ſie keinem bedeutenden Manne weiter begegnete. Haͤtte der Himmel ihr Kinder geſchenkt, ſo wuͤrde die immer mehr uͤberhand nehmende Erſtar⸗ rung ihres Gemuͤths ſich vielleicht in der Liebe zu dieſen aufgeloͤſt haben; aber auch .— dieſe hatte der Himmel ihr verſagt und da⸗ mit die letzte Hoffnung zur Rettung! Einſam, voͤllig iſolirt ſtand ſie ſo in der Welt und ſuchte Troſt dafuͤr in der Be⸗ wunderung, die ſie von ihr zu erzwingen ſtrebte; ach! Bewunderung befriedigt nur die Eitelkeit und macht das Herz kalt, arm und leer, waͤhrend Liebe es mit tauſend Schaͤtzen bereichert, und es des ſchoͤnſten Gluͤckes wuͤrdig macht! Das Haus der Barorin war der Sam⸗ melplatz aller Kuͤnſte und Wiſſenſchaften, denn mit wahrhaft fuͤrſtlicher Freigebigkeit, unterſtuͤtzte ſie verarmte Kuͤnſtler und Ge⸗ lehrte, deren Beſchuͤtzerin zu ſeyn ihrem ungemeſſenen Stolze ſchmeichelte; ihr Herz hatte auch an dieſen Werken, die ihm Ehre gemacht haben wuͤrden, wenn ſie ihm ent⸗ ſtammt waͤren, keinen Antheil. Die koſt⸗ barſten und ſchoͤnſten Gemaͤlde und muſika⸗ liſchen Inſtrumente und eine auserleſene Buͤcherſammlung, die alles Bedeutende der in⸗ und auslaͤndiſchen Literatur umfaßte, 15 ſchmuͤckte ihr Haus, und das geſchmackvollſte und koſtbarſte Geraͤthe machte es zu einem wahren Feenpallaſte. Inmitten aller dieſer vielbegehrten Dinge thronte ſie nun als un⸗ eingeſchraͤnkte Beſitzerin; aber war ſie des⸗ halb gluͤcklicher als Andre, denen das Schick⸗ ſal ſie verſagte? Ach nein! es giebt nur Einen wahren Reichthum— er hat im Herzen ſeinen Sitz, und wer deſſen ent⸗ behrt, iſt aͤrmer als der Bettler der ſich ſeiner bewußt iſt. Freilich ſtand ſie von Vielen beneidet da, freilich gab faſt ſie allein den Ton in der Reſidenz an und es draͤngte ſich alles um ſie, was Anſpruͤche an Geiſt, Schoͤnheit, Geburt und Reichthum machen durfte, ja ſelbſt der Fuͤrſt, ein Mann von hoher Bil⸗ dung und gelaͤutertem Geſchmack, erſchien oft in den glaͤnzenden Zirkeln, die ſie um ſie zu verſammeln wußte; aber fuͤllte alles die⸗ ſes wohl die Leere aus, welche ſte trotz dem oft mit Schauder in ſich fuhlte?— Zu dieſer Frau fuͤhrte das Schickſal die 16 arme Roſalie, ein Kind von uͤberraſchen⸗ der Schoͤnheit und von der Natur mit ei⸗ nem feurigen, liebebeduͤrftigen Herzen und einer reichen Phantaſie ausgeſtattet. Aus den großen, dunkeln Augen blickte eine ſanfte Schwaͤrmerei; der kuͤhne Bau der hochge⸗ woͤlbten Stirn verrieth eine Fuͤlle von Ge⸗ danken und Bildern, wie einen feurigen, emporſtrebenden Sinn; um den ſchoͤn ge⸗ formten Mund hatten ſich Wohlwollen, Gutmuͤthigkeit und Offenheit gelagert und vollendeten ſo die Schoͤnheit und das cha⸗ rakteriſtiſche dieſes wirklich bezaubernden Antlitzes. Dem entſprechend war alles An⸗ dere an der aͤußern Erſcheinung Roſaliens und ſelbſt der Anſtand dieſes kaum neun⸗ jaͤhrigen Kindes imponirte ſchon. Mit ſichtbarer Ueberraſchung und Freude weilten Joſephinens Augen auf dem ſchoͤnen Kinde, und mit unverſtellter Zaͤrt⸗ lichkeit ſchloß ſie daſſelbe in ihre Arme; eine ſolche Tochter zu beſitzen, wie wuͤrde das ihren Stolz, ihre Eitelkeit befriedigt haben! 17 Doch was ihr die Natur neidiſch verſagt hatte, war ihr das nicht jetzt auf andere Weiſe durch die Gunſt des Geſchickes erſetzt worden? Roſalien maͤtterlich zu lieben, in ihr ſich eine wuͤrdige Schuͤlerin ihrer Grundſaͤtze und Lebensanſichten zu erziehn, das war es, was ſie ſich beim erſten An⸗ blick des wunderholden Kindes gelobte. Eine Menge Lehrer wurden ſogleich an⸗ genommen, eine franzoͤſiſche Gouvernante ward verſchrieben, ein engliſches Maͤdchen das nur ſeine Mutterſprache verſtand, zur Bedienung Roſaliens angewieſen, waͤh⸗ rend die Baronin ſelbſt nur italiaͤniſch mit ihr redete, welche Sprache ſie ganz inne hatte und in der ſchoͤnen roͤmiſchen Mund⸗ art ſprach. Zur Bewunderung Aller wuchs . Roſalie empor; ihr reger Geiſt ergriff mit Begierde alles ihm auf dieſe Weiſe dargebotene und ihr richtiger Verſtand ließ ſie fruͤh auf die Vorzuͤge aufmerkſam wer⸗ den, welche uns die Bildung gewaͤhrt, ſo⸗ 1. 2 18 wohl in Hinſicht unſerer Stellung zur Welt, als fuͤr unſer inneres Leben. Mit Stolz, mit voͤllig befriedigter Ei⸗ telkeit ſah Joſephine auf dieſes ſeltene Geſchoͤpf, das ſie ganz als ihr Werk be⸗ trachtete, und zuerſt ſeit vielen Jahren wie⸗ der fuͤhlte ihr Herz die Regungen der Liebe; ja ſie liebte Roſalien wirklich und dieſe Liebe wirkte ſelbſt veredelnd auf ſie, indem ſie dadurch milder wurde, als ſie es fruͤher geweſen war. Aber Roſalie mußte unter dieſer um⸗ gebung nothwendig verlieren, denn ſelbſt die edelſte Natur nimmt nach und nach etwas von der Farbe deſſen an, was ſie ſtets um⸗ giebt, wenn ſie gleich ſelten ganz untergeht und ſich fruͤher oder ſpaͤter, ſobald wieder guͤnſtigere Umſtaͤnde fuͤr ſie eintreten, aus ihrer moraliſchen Erniedrigung emporzurich⸗ ten vermag. Roſalie mußte begreiflicher⸗ weiſe nach und nach den Adel ihres Ge⸗ muͤths einbuͤßen, da Selbſtſucht und Herz⸗ ſigkeit unablaͤßig bemuͤht waren, ihre 19 beſten Gefuͤhle zu unterdruͤcken. Sie ward eitel, gefallſuͤchtig und herriſch, denn Alles was ſie umgab, ſchmeichelte ihr und beugte ſich ihrem Willen, weil die Baronin nicht litt, daß man ihr widerſprechen durfte; ſie wollte ſich gleichſam in ihr gehuldigt ſehen, und da ſie ihre Pflegetochter auszeichnete, weil ſie ſie liebte, mußte ſich Alles derſelben unterordnen. Roſalie lernte ſo nicht, ſich einen Wunſch zu verſagen, ſie lernte die Kraft nicht kennen und uͤben, welche Gott in un⸗ ſer Herz gelegt hat, um uns, ſobald wir nur ernſtlich wollen, zu Herren unſerer thoͤrigen Wuͤnſche und Leidenſchaften zu machen; und wehe dem, der dieſe Kraft nicht kennen lernt, denn er wird fruͤher oder ſpaͤter das Opfer ſeiner eigenen Be⸗ gierden und Wuͤnſche werden! Von ihrem zwoͤlften Jahre an, durfte Roſalie alle geſelligen Vergnuͤgungen der Baronin theilen, denn dieſe war ungedul⸗ dig ſie in die große Welt einzufuͤhren und 2* durch ſie zu glaͤnzen. Nicht ſelten ward ihr die Auszeichnung, zu den jungen Prin⸗ zeſſinnen, den Toͤchtern des regierenden Fuͤrſten, berufen zu werden, die faſt mit ihr von gleichem Alter waren, ſich außerordent⸗ lich zu ihr hingezogen fuͤhlten und großes Gefallen an der Geſellſchaft der geiſtreichen Roſalie fanden. Prinzeſſin Mathilde, ein junges feu⸗ riges Weſen, mit einer allzulebhaften Phan⸗ taſie und einem leichterregten Herzen, gleich Roſalien, ausgeſtattet, ſchloß ſich immer feſter und feſter an dieſe, und konnte end⸗ lich kaum einen Tag verbringen, ohne ſie wenigſtens auf Augenblicke geſehn zu haben. Der Fuͤrſt, welcher die Baronin achtete und Wohlgefallen an dem reizenden, geiſt⸗ reichen Kinde fand, hatte nichts gegen dieſe Freundſchaft, ſondern befoͤrderte ſie ſogar, da er als ein ſehr zaͤrtlicher Vater auf jede Weiſe ſeine Kinder gluͤcklich und froh zu machen ſuchte. So ward das Band zwi⸗ ſchen Roſalien und den Prinzeſſin⸗ 21 nen immer inniger und feſter, beſonders aber zwiſchen Jener und Mathilden, die bald keine Freude genießen wollte, die ihre Freundin nicht mit ihr theilte. Joſephine ſah mit befriedigtem Stolze auf alles dieſes, und ſelbſt ihr kalter, ge⸗ muͤthloſer Gemahl, der bisher kaum einen andern Gedanken gehabt hatte, als die Zahl ſeiner Jagdhunde und Pferde zu ver⸗ mehren, fuͤhlte ſich durch die Auszeichnung geſchmeichelt, die der Pflegetochter von al⸗ len Seiten zu Theil ward. Er ließ ſich jetzt oͤfterer als ſonſt herab mit Roſalien zu reden, ließ ſich ihre Zeichnungen zeigen, und gaͤhnte nur verſtohlen, wenn ſie ihm auf ihrem praͤchtigen Fluͤgel eine Sonate meiſterhaft vortrug, ja er ſagte ſogar ein⸗ mal zu ſeiner Gemahlin:„Sie haben dem Fraͤulein in der That eine ganz vortreffliche Education gegeben, ma chere; ſie macht Ihnen wahrhaftig Ehre, die charmante petite Rosalie!“ 22 „Meinen Sie?“ fragte die Baronin mit einem veraͤchtlichen Laͤcheln.“ „Ma foi! ich badinire nicht, meine Liebe; das Kind iſt ſo allerliebſt, daß ich wuͤnſchte ſie waͤre unſre Tochter!“ Ein tiefer Seufzer war die Antwort der Baronin auf dieſe letzten Worte;— Ro⸗ ſalie ihre Tochter, welch' ein Gluͤck!— 3. Welch' ein ganz anderes Loos war dage⸗ gen Marie'n gefallen! Sie war als Kind, wie ſchon angedeutet worden, kraͤnk⸗ lich, und dadurch von ihrer ſehr zaͤrtlichen Mutter etwas verzogen worden, doch auch ohne das bildete ſowohl ihr Inneres, als ihr Aeußeres einen auffallenden Contraſt zu dem ihrer Schweſter. Roſalie war feu⸗ rig, lebhaft, heftig in ihren Wuͤnſchen und ihrem Begehren, aber dabei offen, hinge⸗ bend und ſelbſt aufopfernd, ſobald ſie Je⸗ — 23 mand eine Freude machen konnte; Marie dagegen ſtill, verſchloſſen und berechnend; um zwei Jahre juͤnger als ihre Schweſter, beherrſchte ſie dieſe doch ſchon in fruͤheſter Kindheit durch ihre berechnende Klugheit und indem ſie ihr ſcheinbar nachgab. Wuͤnſchten Beide mit gleicher Heftigkeit ſich irgend Etwas anzueignen, ſo ſah man Marie'n ſtets ſtill zuruͤcktreten; aber nicht weil ſie wirklich ihre Wuͤnſche denen der Schweſter unterordnete, ſondern weil ſie ſo ſicherer war es nun zu erhalten; denn ſah ſich Roſalie ohne Widerſtand in den Beſitz des Begehrten geſetzt, ſo hatte es bald allen Werth fuͤr ſie verloren und ſte trat es nun freiwillig an Marie'n ab, die es feſter zu halten wußte und heimliche Triumphe uͤber das Gelingen ihrer Liſt feierte; freilich auf Koſten ihres Herzens und ihres Gemuͤths. Marie war eine jener Naturen, die mit eigenſinniger Beharrlichkeit etwas ein⸗ mal Erfaßtes feſt halten; bei richtiger Lei⸗ 24 tung entſteht daraus eine edle Feſtigkeit; bei unrichtiger, Eigenſinn und Selbſtſucht. Ueberdies war Marie durch ihre ſtete Kraͤnklichkeit eine arge Egoiſtin geworden, denn im Elternhauſe dachte man faſt nur an ſie, ſuchte ſie allein aufzuheitern und ihr, der Leidenden, Freude und Vergnuͤ⸗ gen zu machen, waͤhrend man ſich wenig um die viel liebenswuͤrdigere, ganz geſunde Roſalie bekuͤmmerte, die ihren eigenen Weg ging und nicht eben allzu große An⸗ ſpruͤche machte. Dadurch hatte Marie fruͤh gelernt, alles nur auf ſich zu beziehn und ſich fuͤr ſehr wichtig, fuͤr den Mittel⸗ punkt von Allem zu halten, und das war es beſonders, was ihrem Gemuͤthe eine falſche Richtung gab, und in Verbindung mit den ihr angebornen Fehlern, ſie zu ei⸗ nem durchaus herz⸗ und gemuͤthloſen Weſen zu machen drohte. Mit dem ihr eigenthuͤmlichen Scharfblick durchſchaute die Landraͤthin bald die Feh⸗ ler des ihr vom Schickſal anvertrauten Kin⸗ 25 des und war bemuͤht ihnen mit Ernſt, der aber keinen Anſtrich von Strenge hatte, die bei ſolchen Naturen alles verdirbt, indem ſie ſie zur Heuchelei verleitet, zu begegnen; uͤberdieß neigte ſich der Character dieſer ed⸗ len, durchaus gediegenen und trefflichen Frau keineswegs zur Haͤrte hin, denn je reifer und vollkommener ein Weſen in ſich iſt, je milder und ſanfter wird es auch ſeyn; nur innere Unklarheit und Zerriſſenheit erzeugt die Strenge im Gemuͤthe. Der Landraͤthin Bemuͤhn ging vor allen Dingen dahin, ihrem kleinen Zoͤglinge alle Gelegenheit zu entziehn, auf's Neue in die alten Fehler zu verfallen und in die⸗ ſer Anſicht gewaͤhrte ſie Marie'n alles Er⸗ laubte, wenn ſie freimuͤthig und offen darum bat, aber mit der groͤßten Feſtigkeit ward ihr das verweigert, warum ſie ſich durch Liſt bemuͤht, was ſie durch ihre kleinen Kuͤnſte zu erreichen geſucht hatte; dadurch lernte das Kind Offenheit erkennen und den 1 26 Werth derſelben ſchaͤtzen, und wie viel war nicht damit ſchon gewonnen! Die koͤrperliche Geſundheit Marien's gewann zuſehend in der reinen Landluft und dem oͤftern Auf⸗ enthalt im Freien, womit ſich von Seiten der Tante die ſorgſamſte Pflege auf's herr⸗ lichſte vereinte, ſo daß ſie ſchon nach einem Jahre ein voͤllig geſundes Kind war und die erſten Roſen der Geſundheit ſich auf den ſonſt ſo bleichen Wangen zeigten. Das Bemuͤhn der Landraͤthin um die ihr anvertraute Waiſe ward auf's Beſte von ihrer eigenen Tochter Emilie unter⸗ ſtuͤtzt, die ein ſo durchaus liebenswuͤrdiges und holdes Geſchoͤpf war, daß Keiner ihr widerſtehen konnte. Bald liebte Emilie, deren ſchoͤnes, weiches Herz ein unendliches Liebesbeduͤrfniß hatte, Marie'n ſchweſter⸗ lich, und da die Mutter es mit ſtets wacher Sorgfalt vermied, daß das Intereſſe beider Kinder ſich feindlich beruͤhrte, ſo konnte auch Marie ihr Herz nicht vor Emilien's Liebenswuͤrdigkeit verſchließen und nach Ver⸗ 27 lauf einiger Jahre waren Beide die innig⸗ ſten, unzertrennlichſten Freundinnen; mit ſtillem Entzuͤcken ſah aber die Mutter ihr ſchoͤnes Werk gedeihen und reifen.— O! wer kennte es nicht, dieſes hoͤchſte und ſe⸗ ligſte aller Gefuͤhle, ſich der Rettung eines Menſchen vom moraliſchen Verderben be⸗ wußt zu ſeyn? wer wuͤßte es nicht, daß man ein Weſen mit verdoppelter Zaͤrtlichkeit liebt, das man ganz als ſein Werk betrachtet, um das man zagte und bangte? Liebt man doch die Kinder, die phyſiſch leiden, wenn gleich mit großem Schmerze, doch mit erhoͤhter Zaͤrtlichkeit; ſo wird ein edles Gemuͤth, das auch immer des wahren Mitleids faͤhig iſt, ein geiſtig leidendes Geſchoͤpf bald mit jener ſchmerzlichen Neigung lumfaſſen und uͤber deſſen Geneſung die herzinnigſte, rein⸗ menſchlichſte Freude empſinden. Die Land⸗ raͤthin machte bald keinen Unterſchied mehr zwiſchen ihren beiden Kindern, denn war Emilie ihr theuer, weil ſie ſie unter ihrem Herzen getragen hatte und ſeltene angeborne Vorzuͤge und Tugenden beſaß, ſo war es ihr auch Marie, um die ſie ſo viele und mannichfache Sorge gehabt. Die Liebe aber, wenn ſie gepaart mit Ernſt und Klugheit iſt, muß Alles erringen was ihres Wun⸗ ſches wuͤrdig iſt, eben weil ſie Alles zu ge⸗ ben vermag. So waren bald alle Schatten verſchwun⸗ den, welche Marien's Gemuͤth und Cha⸗ racter in fruͤher Kindheit verdunkelten, und ihre außerordentliche Klugheit und Feſtig⸗ keit ließen ſie das einmal Ergriffene feſthal⸗ halten und das Gute wuͤrdigen, ſobald die Vernunft die Herrſchaft uͤber ſie gewonnen hatte. Auch in Hinſicht ihres Aeußern trug ſich eine erfreuliche Veraͤnderung zu; man ſah ihre ſich Zuͤge faſt taͤglich verſchoͤnern und erblickte jenen angenehmen Ausdruck von regem geiſtigem Leben in ihrem Ge⸗ ſichte, der es oft ſchoͤner macht als die bloſe Schönheit der Formen, weil er es iſt der allein zum Herzen ſpricht, waͤhrend letz⸗ 3 — 29 tere oft zwar Bewunderung erregen, aber doch kalt laſſen. Die hohe Bildung, der reiche Scha von Kenntniſſen, welche Sophie, ſo hieß die Landraͤthin, ſich angeeignet hatte, wucherte jetzt fuͤr ihre Kinder, indem ſie dieſe ſelte⸗ nen Vorzuͤge auf ſie uͤbertrug. Sie lebte aber auch dieſen ihr vom Geſchick anver⸗ trauten Pfaͤndern ganz allein und unge⸗ atheilt; ſie waren ihre einzige Sorge, ihre einzige Beſchaͤftigung, da ein anſehnliches Vermoͤgen ſie in den Stand ſetzte, die klei⸗ nen ermuͤdenden Sorgen und Quaͤlereien des Lebens fern von ſich zu halten, und ihre Neigung zur Stille, zu einem abge⸗ ſchiedenen, engbegrenzten Leben und Wirken ihr dabei zu Huͤlfe kam. Sophie hatte die Welt zwar kennen gelernt, aber auch alles das wenig ihres Wunſches wuͤrdig ge⸗ funden, was ſie zu bieten vermag; ſie kannte die Menſchen und bedauerte ihre Irrthuͤmer, ohne ſie aber zu verachten. Alles an ihr war klar, gediegen und feſt; ſie liebte das Schoͤne, bewunderte das Große, ſchaͤtzte Kenntniſſe und Erfahrungen, aber ſie uͤber⸗ ſchaͤtzte nichts. Nach Auszeichnung und Bewunderung zu ſtreben, war ihrer Natur durchaus fremd; aber mit Wohlwollen und Herzlichkeit begegnete ſie gleichen Gefuͤhlen in Andern. Alles diefes machte ſie zum Gegenſtande der allgemeinſten Achtung und Bewunderung, wovon ſie ſelbſt aber keine Ahnung hatte, eben ſo wenig wie die Noſe es weiß, daß ſie ſchoͤn und duftig iſt. Sophie kannte die Baronin, zu der Roſalie gebracht worden war, und zitterte deshalb fuͤr das Schickſal des armen Kin⸗ des, aber es ſtand nicht in ihrer Macht auch dieſes zu retten, und ihr blieb nichts als Ergebung uͤbrig. Sehr haͤufig und an⸗ gelegentlich erkundigte ſie ſich nach Roſa⸗ lien und vernahm nur Gutes von ihr, was ſie dann wieder in etwas beruhigte. Wenn man ihr aber dieſelbe als das ſchoͤnſie Maͤd⸗ chen der Hauptſtadt prieß, dann entſtieg ein ſchwerer Seufzer ihrer Bruſt, denn ſie 31 wußte wie gefaͤhrlich ihr dieſe Himmels⸗ gabe unter ihrer gegenwaͤrtigen Umgebung werden mußte. Sie machte mehrere, aber vergebliche Verſuche, die Baronin zu be⸗ wegen ihr auch Roſalie abzutreten, und ſah ſo mit Schmerz ein, daß ſie ſich jeder Hoffnung begeben muͤſſe. 4 Marie was ſechszehn Jahr alt, als unabweisbare Geſchaͤfte die Landraͤthin nach der Reſidenz riefen, ja ſie ſogar zwan⸗ gen, ſich laͤngere Zeit daſelbſt aufzuhalten. Ihr verſtorbener Gatte hatte ihr einen ſehr verwickelten Prozeß mit einem entfern⸗ ten Verwandten hinterlaſſen, in dem aber das Recht ſo ſehr auf ſeiner Seite war, daß er ſie ſterbend bat denſelben nicht auf⸗ zugeben und ihn fortzuſetzen, bis ſie ihn gewonnen haben wuͤrde, welches nach ſei⸗ ner Anſicht durchaus geſchehen mußte. 32 Er betraf ein ſehr anſehnliches Capital, das ein habſuͤchtiger Vetter von einer Erb⸗ ſchaft ungerechter Weiſe in Anſpruch genom⸗ men hatte. Sein Gegner, der mit allen Rechts⸗ kniffen vertraut war, hatte dieſen Pro⸗ zeß in die Laͤnge zu ziehn gewußt, und ob⸗ gleich das Recht klar auf des Landraths Seite war, gab ihm die fruͤhere mangel⸗ hafte Geſetzverfaſſung in Teutſchland Mittel genug an die Hand, dieſen Rechtsſtreit und den letzten richterlichen Spruch aufzuhalten, ja, als er ihn ehdlich durch alle Inſtanzen verloren hatte, war er geſonnen ihn noch nach Wetzlar an das Reichskammer⸗ gericht zu bringen. Der Landrath war indes geſtorben, und Sophie'ns Advokat rieth ihr, ſich lieber mit ihrem Gegner zu vergleichen, als es dahin kommen zu laſſen; aber getreu ihrem, dem Gatten gegebenen, Verſprechen, widerſetzte ſie ſich ernſtlich dem Vorſchlag, bis der Tod ihres Gegners der Sache ploͤtzlich eine ganz andere Wen⸗ dung gab⸗ 5 — 33 Der einzige Sohn und Erbe deſſelben, ein junger Mann von dem beſten Rufe, ſchrieb ihr gleich nach dem Tode ſeines Vaters einen Brief, worin er ihr anzeigte, daß er die Unrechtmaͤßigkeit von deſſen An⸗ ſpruͤchen eingeſehen und keinen lebhafteren Wunſch habe als dieſen ungerechten Pro⸗ zeß zu unterdruͤcken, wozu aber ihre An⸗ weſenheit in der Reſidenz erforderlich ſeyn werde, um alles ſo ſchnell als moͤglich und in der gehoͤrigen Form, zu beenden. Der Brief des jungen Heimthal— ſo hieß er— zeugte fuͤr eben ſo rechtliche als offene Geſinnungen, ſo daß die Land⸗ raͤthin ſich ſogleich entſchloß die Reiſe anzutreten. Lange kaͤmpfte ſie mit ſich ſelbſt, ob ſie ihre Toͤchter mit ſich nehmen oder ſie zu⸗ ruͤcklaſſen ſolle; aber der Gedanke ſich auf laͤngere Zeit von ihnen trennen zu muͤſſen, war ihr unertraͤglich, und ſo ward beſchloſ⸗ ſen daß dieſelben ſie begleiten ſollten; auch um ſo mehr, da Marie wiederholt den 1. 3 34 Wunſch ausſprach, die langentbehrte Schwe⸗ ſter einmal wiederzuſehn, und Sophie ge⸗ waͤhrte ihr ja ſo gern alles, was ſich mit der Pflicht vereinen ließ. Obgleich man ſchon ziemlich weit im Herbſte vorgeruͤckt war und die Landraͤ⸗ thin uͤberdies an einem leichten Erkaͤltungs⸗ ſieber litt, wollte und konnte ſie die Reiſe nicht fuͤglich laͤnger aufſchieben, wenn der Zweck derſelben nicht verfehlt werden ſollte. Die rauhe Herbſtluft und eine ſehr unguͤn⸗ ſtige Witterung wirkten aber ſo nachtheilig auf ihre ohnedem leidende Geſundheit, daß leich nach ihrer Ankunft in der Reſidenz zu einem Arzte geſendet werden mußte, der das Uebel fuͤr ziemlich bedeutend erklaͤrte. Lieb war es ihnen Allen nur, daß ein Freund fuͤr eine eben ſo bequeme als an⸗ ſtaͤndige Privatwohnung geſorgt hatte, denn bei ihrem Aufenthalte in einem Wirths⸗ hauſe wuͤrden ſie unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden noch mehr zu leiden ezabs haben. 35 Sobald Sophie ſich einigermaßen er⸗ holt hatte, zeigte ſie ihrem Vetter ihre An⸗ kunft an und bat ihn um ſeinen Beſuch; er ſaͤumte nicht ſich ſogleich einzuſtellen, und zeigte gleich bei ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft ſo tuͤchtige und wackere Geſinnungen, daß die Landraͤthin ihn herzlich lieb ge⸗ wann und ihm gern die Erlaubnis gab, ſie oͤfterer beſuchen zu duͤrfen, warum Wil⸗ helm— ſo hieß er— ſie mit offener Frei⸗ muͤthigkeit zu bitten wagte. Marie ward ſehr burch die Nachricht betruͤbt, daß Roſalie, auf deren Wieder⸗ ſehen ſie ſich ſo ſehr gefreut hatte, und die ſie durch ihre unerwartete Ankunft uͤberrar wan wollte, verreiſt ſey; aber man zeigte zugleich an, daß ſie in wenigen Wochen der Baronin zuruͤck erwartet werde, das milderte einigermaßen ihre anfaͤng⸗ ² Betruͤbnis. die Familie wuͤrde nun ſehr verlaſſen in Hauptſtadt geweſen ſeyn, wenn Wil⸗ Ims Umgang, der bald auch noch ſeinen 3* 36 Freund Auguſt einfaͤhrte, ihnen nicht die einſamen, unerfreulichen Tage auf eine hoͤchſt angenehme Weiſe verkuͤrzt haͤtte. Wilhelm hatte ſo eben ſeine Studien vollendet und wartete auf eine Anſtellung, zu der ihn ſeine Kenntniſſe und ein Ver⸗ ſprechen des Miniſters berechtigten; alſo hat⸗ te er jetzt Muße genug, ſich ſeinen neuerwor⸗ benen Freunden ganz zu weihn, und in der That war ſein oͤfteres Kommen keinem kaͤ⸗ ſtig, ja ſelbſt Sophie empfand Freude uͤber ſeinen gebildeten Umgang. Er beſaß neben großen Kenntniſſen manche angeneh⸗ me Talente; er las ſehr gut vor und ſpielte meiſterhaft den Fluͤgel, worauf er den Ge⸗ ſang beider Maͤdchen nicht ſelten begleitete. Auch Auguſt war bald gern geſehn, da er ſich, wie ſein Freund, durch Bildung und Sitte auszeichnete, und ſo bildete ſich um Sophien’s Krankenlager, denn noch immer war dieſe leidend, bald ein Kreis auf den ſie mit großem Wohlgefallen blickte. Endlich zeigte ein Bedienter der Baro⸗ 37 nin Wieburg, Marienn an, daß dieſe mit Roſalien zuruͤckgekehrt ſey, und letz⸗ tere ſehnlichſt nach der Schweſter verlange, die ſie zu ſich bitten ließ; und auf den Fluͤ⸗ geln der Schweſterliebe eilte Marie zu der Langentbehrten. 5. Mit faſt aͤngſtlichem Herzklopfen eilte Marie die Stufen hinan, die zu dem Zimmer der Schweſter fuͤhrten, und weilte einige Augenblicke zaudernd an der Schwelle. Roſalie ſaß, das Haupt auf die Hand geſtuͤtzt, mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤr gewendet, als Marie eintrat. „Roſalie, meine geliebte Roſalie!“ rief dieſe beim Anblick der Schweſter, indem ſie ihr die Arme entgegenſtreckte. Wie aus ſchweren Traͤumen erwachend, ſprang Ro⸗ ſalie auf und wendete ſich nach ihr um; . darauf ſanken ſie einander an das Herz und 38 weinten lange vereint, ohne ein Wort ſagen zu koͤnnen; dann ergriff Roſalie tiefbewegt der Schweſter Hand und fuͤhrte ſie zum Sopha. Lange ſchien ſie Marie'n mit ſichtlichem, aber zugleich ſchmerzlichem Wohl⸗ gefallen zu betrachten; vor ihr ſtand jetzt die als ſchoͤne, bluͤhende Jungfrau, die ſie als ein leidendes, kraͤnkliches Kind verlaſſen hatte; Heiterkeit und Seelenfriede ſtralten aus den großen tiefblauen Augen; ein ſanf⸗ ter Purpur roͤthete die volle Wange, das Haar fiel in blonden natuͤrlichen Locken uͤber die weiße hohe Stirn und der Wuchs war, obgleich nicht eben groß, doch in allen Thei⸗ len harmoniſch und ſchoͤn; Marie war in der That jetzt ein ſehr reizendes Maͤdchen. „O wie lieblich emporgebluͤht ſinde ich Dich wieder, meine Marie,“ ſagte Ro⸗ ſalie, indem ſie einen leiſen Kuß auf die bluͤhende Wange der Schweſter hauchte; „wie fliegt Dir mein ganzes Herz entge⸗ gen, Du Theure, Geliebte Du!“ Bei dieſen freundlichen, ſchmeichelnden 39 Worten der Schweſter richteten ſich un⸗ willkuͤrlich Marien's Blicke auch auf dieſe; bis jetzt hatte die Wonne ſie wieder zu ſehen, jeden Gedanken an Beobachtung verdraͤngt; ach aber der Anblick der Schwe⸗ ſter war nicht dazu geeignet, ihr Herz mit Freude zu erfuͤllen, denn deutete nicht die ganze Geſtalt Roſalien's auf tiefempfun⸗ denes Leid? Faſt ganz erloſchen war die Glut der ſchoͤnen dunkeln Augen und eine leiſe Roͤthe der Augenlieder zeigte von vie⸗ len erſt kuͤrzlich vergoſſenen Thraͤnen. Er⸗ bleicht waren die Roſen der Wangen, und um den ſchoͤn geformten Mund zuckte ein leiſer Schmerz; in unordentlichen dunkeln Locken ſielen die Haare auf Stirn und Bu⸗ ſen nieder, und die hohe, ſchoͤne Geſtalt der Schweſter war, von der Laſt des tief⸗ ſten Grames, niedergebeugt und in ſich zu⸗ ſammengeſunken. Dieſer Anblick erſchreckte Marie'n, und ihre Hand ergreifend, fragte ſie ſchmerzlich bewegt:„biſt du krank meine Roſalie?“ 40 „Krank?“ erwiederte dieſe mit einem tiefen Seufzer, indem ſie mit der Hand nach dem Herzen fuhr;„nein, krank bin ich nicht Mariel!“ 3 Eine Pauſe folgte dieſem kurzen Ge⸗ ſpraͤch, denn keine wagte weiter zu reden. Marie nicht, weil ſie fuͤrchtete der lei⸗ denden Schweſter wehe zu thun, und Ro⸗ ſalie ſchwieg, da ſie ſeit laͤngerer Zeit je⸗ des Geſpraͤch uͤber ſich und ihr Aeußeres ſcheute. Maie brach zuerſt dieſes Schweigen, indem ſie ihrer Schweſter von Sophie'n zu erzaͤhlen anfing; ſie konnte nicht muͤde werden, dieſer wuͤrdigen Frau Lobſpruͤche zu ertheilen und ihr Gluͤck zu preiſen, das ihr eine ſolche Pflegemutter gegeben hatte. Roſalie ſeufzte mehrere Male bei dieſen Erzaͤhlungen tief auf und Joſephinen's Name ward nicht zwiſchen ihnen genannt. Endlich ſchlug die Stunde der Trennung und mit ſchwerem Herzen ſchied Marie von der ſo ſichtbar leidenden Schweſter; — 41 gern haͤtte ſie dieſe ſchon jetzt um die Ur⸗ ſache ihres tiefen Grames befragt, aber die lange Trennung hatte etwas Fremdes zwi⸗ ſchen ſie gebracht, und ſo wagte ſie, trotz der Bande des Blutes die ſie vereinten, eine ſolche Frage noch jetzt nicht. Auf's innigſte fuͤhlte ſie ſich jedoch zu der Schwe⸗ ſter hingezogen und nahm ſich auf dem Ruͤckwege feſt vor, ſich um deren volles Vertrauen zu bewerben, um durch ihre lie⸗ bevolle Theilnahme die Laſt des Grames mildern zu koͤnnen, der ſie ſo ſichtbar zu Boden druͤckte. 6. Wilhelm befand ſich eben bei So⸗ phie'n, als Marie zuruͤckkehrte; jene war noch immer leidend, obgleich in der Beſſerung, und er las ihr aus einem geiſt⸗ reichen Buche vor, um ſie auf eine ange⸗ nehme Art zu zerſtreuen. Nie war Marie dem jungen Manne ſo reizend erſchienen, als in dieſem Augen⸗ blick; der ſchnelle Gang in der ſcharfen Winterluft hatte ihre Wange mit einem hoͤhern Purpur gefaͤrbt, das tiefblaue Auge ſchaute ſo feurig und doch wieder ſo ſinnig aus den ſeidenen Wimpern hervor, und auf der ſchoͤnen Stirn ruhte ein ernſtes Nach⸗ denken; zuerſt uͤberraſchte ihn ſo ihre Wohl geſtalt. Mit Bewunderung betrachtete der Juͤng⸗ ling das reizende Maͤdchen; fruͤher hatte er oft zwiſchen Marie'n und Emilien ge⸗ ſchwankt, indem er Beide gleich reizend und liebenswuͤrdig fand; aber dieſer Augenblick entſchied uͤber ſein Leben, denn wer kann es laͤugnen, daß die Schoͤnheit uͤber die Jugend ſtets eine ſiegende Gewalt ausuͤbt, und nur zu oft die Liebe durch die Augen der Weg zum Herzen findet? Sein Schwanken war jetzt geendet, mit ho⸗ hem Entzuͤcken ſagte er ſich, daß er Ma⸗ rie'n liebe, und wie gluͤcklich machte ihn 43 dieſes Gefuͤhl, denn was konnte einer Ver⸗ bindung zwiſchen ihm und der Geliebten hindern in den Weg treten, da Sophie ihm gewogen war und eine leicht zu ver⸗ zeihende jugendliche Eitelkeit ihm zufluͤſterte, daß Marie ihm nicht aber abgeneigt ſeyn koͤnne? Dieſe ſprach nur wenig, denn ſie war allzuſehr mit ernſten Gedanken beſchaͤftigt, als daß ſie an gleichguͤltigen Geſpraͤchen haͤtte Antheil nehmen koͤnnen; Roſalien's theures, von Gram umwoͤlktes Bild ſtand vor ihrer Seele, und nur an ſie konnte ſie in dieſem Augenblicke denken; von ihr zu reden vermochte ſie aber nicht. Endlich ent⸗ fernte ſich Wilhelm, und jetzt befragte Sophie ſie um die Schweſter. Mit dem ſchoͤnen Vertrauen, welches zwiſchen ihr und der Pflegemutter herrſchte, geſtand ſie ihr, daß der Anblick derſelben ſie betruͤbt habe, und Sophie lauſchte ihrer Beſchrei⸗ bung mit geſpannter Aufmerkſamkeit und der innigſten Theilnahme. 8 „Meine Ahnungen ſind leider einge⸗ troffen,“ ſprach ſie, als Marie jetzt ſchwieg;„wohl wußte ich, daß eine Frau, wie die Baronin, nicht dazu geeignet ſeyn koͤnne, ein jugendliches Gemuͤth zu leiten und der Erziehung eines M enſchen vorzuſtehn; allein es war nicht in meine Macht gegeben ihr Deine Schweſter zu entreißen, und ſo blieb mir nichts uͤbrig als Ergebung in den Willen Gottes, der ja in ſeiner unerforſchlichen Weisheit dem Sturme oft geſtattet, daß er die ſchoͤnſten Bluͤthen knickt und entblaͤttert; zu welchem Endzwecke wiſſen wir kurzſichtigen Sterbli⸗ chen nicht, aber der Glaube giebt uns Vertrauen!“ „O! meine Mutter, ſollte Roſalie denn nicht noch jetzt zu retten ſeyn! ſollte ſte uns nicht folgen wollen in unſre ſtille laͤndliche Wohnung, dem Sitze des Gluͤcks und des Seelenfriedens! Ich will ſie dar⸗ um bitten und beſchwoͤren; ſie iſt ſelbſtſtaͤn⸗ dig genug, um jedem unwurdigen Zwange 45 entwachſen zu ſeyn; ſie wird uns folgen und gluͤcklich mit uns werden!“ „Wie gern wollte ich dazu die Haͤnde bieten, meine Marie, aber ich kann mich der Hoffnung nicht hingeben, daß Roſa⸗ lie, aufgewachſen im Gewuͤhl und Getreibe der großen Welt, uns in unſre ſtille Woh⸗ nung folgen werde, und daß ſie, ließe ſie ſich auch wirklich dazu uͤberreden, ſich auf die Laͤnge gluͤcklich in einem ſo engbegrenz⸗ ten Leben fuͤhlen werde. Das ſind ja eben die Gefahren der großen Welt, daß unſer Sinn fuͤr das einfache, ruhige, ſchoͤne Gluͤck abgeſtumpft wird und wir nur Ge⸗ fallen am Schein finden; doch wir wollen uns durch dieſe Betrachtung nicht abhalten laſſen, bei Roſalien einen Verſuch zu machen und ſie fuͤr das Beſſere zu gewinnen; vor allen Dingen aber muͤſſen wir ihr volles Vertrauen zu erringen ſuchen.“ „O, meine Mutter, dieſe Worte gie⸗ ßen Balſam in mein Herz und beruhigen es. Wenn Sie Roſalien geſehen haben, 46 werden Sie wie ich fuͤhlen, daß ſie jeder Bemuͤhung um ihr Gluͤck wuͤrdig iſt, und daß ihr Leben durch eine verkehrte Erzie⸗ hung vielleicht eine falſche Richtung gewin⸗ nen, aber nie ihr Gemuͤth verderbt werden konnte; wie liebenswuͤrdig, wie ruͤhrend iſt der Anblick meiner armen Schweſter.“ Das Geſpraͤch endete hier, denn Emi⸗ lie trat zu ihnen ein, und obgleich dieſe von ihrem Vertrauen nicht ausgeſchloſſen war, ſo fanden Beide doch eine offene Mit⸗ theilung fuͤr eine andere Zeit paſſender, wo auch ſie dann von von Allem unterrichtet, an ihren Berathſchlagungen Antheil neh⸗ men konnte. 7. Wilhelm eilte, als er Marie'n ver⸗ laſſen hatte, nicht ſogleich in ſeine Woh⸗ nung, ſondern zu ſeinem Freunde Auguſt, gegen den er gewohnt war ſein ganzes — 47 Herz auszuſchuͤtten, und vor dem er nie ein Geheimnis hatte. Man kann ſich kein ſchoͤneres und innigeres Band denken, als es das war, welches dieſe beiden Maͤnner von fruͤheſter Jugend an mit einander ver⸗ einte; gleiche Neigungen, gleiches Streben, gleiche Gefuͤhle hatten ſie einander unent⸗ behrlich und theuer gemacht, und ein gluͤck⸗ licher Zufall geſtattete ihnen ſtets vereint zu leben. Auguſt war fruͤh zur Waiſe geworden, und Wilhelms Vater ward ſein Vormund; ſo erzog man Beide in deſ⸗ ſen Hauſe und ſandte ſie dann zugleich auf die Univerſitaͤt; Auguſt widmete ſich mit ganzer Seele dem Studium der Medizin und Wilhelm dem der Staatswiſſenſchaft. Mit reichen Kenntniſſen ausgeſtattet kehr⸗ ten Beide zuruͤck, und Auguſt trat ſogleich als Profeſſor in ſeine Berufsgeſchaͤfte, waͤh⸗ rend Wilhelm auf die ihm verhießene Anſtellung wartete; in Hinſicht des Vermoͤ⸗ gens war ſowohl der Eine, wie der An⸗ dere, durchaus unabhaͤngig. 48 Willhelm fand Auguſt leſend, als er zu ihm eintrat; mit Augen, worin ſich das reinſte Entzuͤcken abſpiegelte, ſchloß er ihn an ſein Herz und theilte ihm ſeine neuen Gefuͤhle mit. Ohne ihm ein Wort erwidern zu koͤn⸗ nen, ſtand dieſer vor ihm da und horchte ſeiner begeiſterten Rede; jetzt, als Wil⸗ helm endlich ſchwieg und auf eine Ant⸗ wort von ihm zu harren ſchien, fragte er ihn mit einer Stimme, deren Schwan⸗ ken nur zu ſehr ſeine heftige innere Bewe⸗ gung verrieth:„Und, Marie, erwiedert ſie Deine Neigung? Gab ſie Dir Beweiſe ihrer Liebe? Geſtattete ſie Dir Hoffnungen auf ihren Beſitz?“ Wilhelm, zu ſehr beſchaͤftigt mit ſei⸗ nen Gefuͤhlen und dem neuen ſchoͤnen Gluͤcke, welches ſein Herz bewegte, be⸗ merkte anfangs nicht, was in der Seele des Freundes vorging und antwortete ihm, er habe Urſache zu glauben, daß Marie ihm nicht abgeneigt ſey. Jetzt aber fiel ſein 49 Blick zufaͤllig auf das Antlitz Auguſt's, und mit Schrecken nahm er wahr, daß es zum Marmor erbleicht war; eine Ahnung durchflog ſeine Seele die ihn mit Schmerz erfuͤllte, aber er mußte Gewißheit haben, und ſo trat er dem Freunde um einige Schritte naͤher, ergriff deſſen Hand und ſagte mit einem feſt auf ihn gehefteten Blicke:„Du weißt jetzt mein Geheim⸗ nis Auguſt, aber ich auch Deines? dieſes erbleichte Antlitz, dieſe Thraͤne in Deinem Auge verriethen es mir; auch Du liebſt Marie'n, liebteſt ſie ſchon laͤnger als ich— und ſo trete ich zuruͤck!“ „Wofuͤr haͤltſt Du mich, Wilhelm,“ entgegnete ihm Auguſt, der jetzt ſeine Faſſung wieder gewonnen hatte,„daß Du mir einen ſolchen Vorſchlag machſt? Du empfingſt, wie mir Dein eigener Mund ge⸗ ſtand, Hoffnungen auf Marie'ns Beſitz, und wie koͤnnte ich je den Wunſch zu dem erheben, was Dein iſt? Sey gluͤcklich in Deiner Wahl, in Deiner edlen Liebe, mein 1. 4 theurer Freund!“ fuͤgte er mit bewegter Stimme hinzu, indem er ihn in die Arme ſchloß. „Nicht alſo Auguſt, keineswegs em⸗ pfing ich von der Jungfrau ſolche Beweiſe der Zuneigung, die mich zu der feſten Ue⸗ berzeugung berechtigten, daß ſie mich wie⸗ der liebe; laß uns Beide denn um ihre Neigung uns ferner bewerben, und wen ſie erwaͤhlt, der genieße ſein Gluͤck in De⸗ muth, begleitet vom Segen der Freund⸗ ſchaft; ja, ich ſchwoͤre es Dir, daß ich nie wieder ihr Haus betreten werde, wenn Du nicht in dieſen Vorſchlag willigſt, denn wie koͤnnte ich den Gedanken ertragen, Dich verdraͤngt zu haben?“ Auguſt machte noch mehrere Einwen⸗ dungen, welche ſein Edelmuth und ſeine Freundſchaft ihm eingaben, aber Wilhelm beharrte bei ſeinem Beſchluſſe, und ſo ſah er ſich endlich gezwungen ihm nachzugeben. Auf dieſe Weiſe entſpann ſich nun ein ſelt⸗ ſam ſcheinendes Verhaͤltnis; man ſah zwei 7 B 51 innnig verbundene Menſchen als Neben⸗ buhler in die Schranken treten, ohne daß dieſes ihrer Freundſchaft den mindeſten Ein⸗ trag gethan haͤtte. Wer aber das wahre Weſen der Freundſchaft kennt, wer weiß, daß ſie uns uͤber Alles zu troͤſten vermag, uns jeden Verluſt leicht zu machen weiß, dem wird auch dieſes Verhaͤltnis begreiflich und klar ſeyn, das nur dem gemuͤthertoͤd⸗ tenden Egoismus als unwahrſcheinlich er⸗ ſcheinen kann. 5 8. Als beide Freunde am naͤchſten Tage Arm in Arm ihren Beſuch bei der Landraͤ⸗ thin machten, fanden ſie ſowohl Joſephi⸗ nen als Roſalien dort; Erſtere machte Sophienn eine Biſite, weil ſie von deren Krankheit gehoͤrt hatte und alſo nicht er⸗ warten durfte, daß dieſe zuerſt zu ihr kom⸗ men wuͤrde, und Roſa lie hatte ſich innigſt 4* 52 darnach geſehnt die Schweſter wieder zu ſehen, die ihr gleich beim erſten erneuerten Anblick ſo theuer geworden war. Das iſt eben das hohe Gluͤck der Bande womit die Natur uns umſchlingt, daß man einan⸗ der nach langer Trennung, ja ſelbſt dann, wenn man ſich zuvor auch gar nicht gekannt hat, doch nicht ganz fremd gegenuͤber ſteht und Vertrauen haben darf, indem jede Fa⸗ milie ja doch eigentlich nur ein gemein⸗ ſchaftliches Jutereſſe hat. Zwiſchen Roſa⸗ lien und ihrer Schweſter fand aber noch ein anderes Band ſtatt: das der herzinnig⸗ ſten Zuneigung; ſie fuͤhlten Beide, daß ſie nicht allein Schweſtern, ſondern auch ge⸗ borene Freundinnen waren, ſo wie ſie ſich einander nur in's Auge ſchauten. Roſalie ſchien heute gefaßter zu ſeyn, als ſie es am Tage ihrer erſten Zuſammen⸗ kunft geweſen war; aber Marie'n entging es nicht, welche Muͤhe ſie ſich gab, ſich aufrecht zu erhalten und in den Ton der 53 geſellſchaftlichen Unterhaltung mit einzu⸗ ſtimmen. Es war Abend, und die jungen Maͤnner ſchlugen vor ein kleines Concert zu veran⸗ ſtalten, wozu ſie die Maͤdchen einluden, die ſich auch dazu willig finden ließen. Man fuͤhrte mit verſchiedenen Inſtrumenten, denn Wilhelm ſowohl als Auguſt waren de⸗ ren mehrerer kundig, ein ſchoͤnes Muſikſtuͤck auf, wobei Marie den Fluͤgel ſpielte; als man damit fertig war bat Wilhelm ſie, die Geſellſchaft doch auch durch ihren Ge⸗ ſang zu erfreun, und nach einiger Weige⸗ rung, die dann bei aͤhnlichen Faͤllen nie auszubleiben pflegt, entſchloß ſie ſich dazu ſich ein ſchoͤnes Lied von Auguſt begleiten zu laſſen. Marie hatte nie ſeelenvoller, aber auch nie aͤngſtlicher zugleich geſungen, als an dieſem Abende; ſie ſollte ihre Kunſt vor der Baronin und vor ihrer Schweſter zeigen, welche letztere man ihr als eine Meeiſterin im Geſange geruͤhmt hatte, und das machte ſie beſangen. Als ſie geendet 54 hatte, uͤberhaͤufte ſie die Baronin mit Lob⸗ ſpruͤchen und wunderte ſich, daß es moͤglich geweſen ſey, auf dem Lande ein Talent in dem Grade auszubilden.„Aber nun bitte ich auch Dich,“ fuhr ſie zu Roſalien ge⸗ wendet in ihrer Rede fort,„Deine Fort⸗ ſchritte in der Muſik gleichfalls zu zeigen; ſinge uns die ſchoͤne Arie von Generali, die ich ſo gern hoͤre.“ „Ich ſingen!“ entgegnete ihr Roſalie; „Sie wiſſen, ich ſinge ſeit langer Zeit ſchon nicht mehr!" „Das iſt es eben, was ich an Dir ktadle liebe Roſalie, daß Du Dein ſchoͤnes Ta⸗ lent ſo ſichtbar vernachlaͤſſigſt; ich bitte Dich aber jetzt nochmals darum, uns dieſe Arie zu ſingen.“ Sie legte auf dieſes„Nochmals“ einen beſondern Ausdruck, ſo daß es faſt wie ein Befehl klang, und Roſalie wagte nicht ſich weiter zu widerſetzen, ſondern trat mit ſichtbarer Anſtrengung an das Inſtrument. Nach einem ſchoͤnen Vorſpiele —— 5⁵ begann ſie mit ihrer vollen biegſamen Stimme das begehrte Lied zu ſingen; als ſie aber bis zur Mitte deſſelben gekommen war, verwirrten ſich die Toͤne unter ihren Fingern und in ihrer Kehle, und unfaͤhig fortzufahren, ſtand ſie mit hervorquellenden Thraͤnen, bleich wie eine Leiche, vom Fluͤ⸗ gel auf und verließ mit ſchwankenden Schrit⸗ ten das Zimmer; Marie folgte ihr er⸗ ſchrocken und fuͤhrte ſie in ihr Gemach, in⸗ dem ſie ihr den Arm bot. „Das arme Kind,“ ſagte die Baro⸗ nin, die trotz dieſes Auftritts ihre Faſſung nicht verloren hatte,„leidet ſeit einiger 7,.. e. Zeit an Nervenuͤbeln und dieſe werden be⸗ ſonders durch die Muſik geweckt; ich bitte in ihrem Namen um Entſchuldigung wegen der Stoͤrung, die ſie veranlaßte.“ „Dann haͤtten Sie ſie nicht zum Spiel und Geſange zwingen ſollen, gnaͤdige Frau,“ entgegnete ihr Sophie mit dem Tone lei⸗ ſen Vorwurfs;„Roſalie ſcheint in der 56 That ſehr leidend zu ſeyn, und dieſe Ueberzeugung betruͤbt mich innigſt.“ „Sie brauchen ſich keiner Befuͤrchtung ihretwegen hinzugeben, Frau von See⸗ thal,“ erwiederte die Baronin kalt und ſtolz;„ihr Zuſtand iſt weder gefaͤhrlich, noch von Dauer, wie mich ſehr erfahrene Aerzte verſicherten, die ich deshalb zu Rathe zog.“ „Gebe Gott, daß dem ſo ſey!“ ſagte Sophie mit einem tiefen Seufzer, und hier endete das fuͤr beide Theile ſehr pein⸗ liche Geſpraͤch. 9. Als Roſalie und Marie auf dem Zimmer der letztern angelegt waren, warf ſich die Leidende mit den Zeichen des hoͤch⸗ ſten Schmerzes in die Arme ihrer Schweſter. „Rette mich,“ rief ſie mit einer Thraͤ⸗ nenfluth,„rette mich vor der Angſt und Verzweiflung, die mein Herz umkrallt halten!") 57 „Arme, arme Schweſter, wie ſoll, wie kann ich Dich retten, da ich nicht weiß, welches Ungluͤck Dich verfolgt?“ entgegnete ihr Marie, indem ſie die Leidende ſanft in ihre Arme ſchloß;„o koͤnnteſt Du mir doch ſchon jetzt vertrauen meine Schweſter, gewiß, Dir wuͤrde leichter werden! Nenne mir Deinen Gram, laß Deine einzige Schweſter auch Deine einzige Vertraute ſeyn und glaube feſt, daß ich Dir mit Freuden mein Leben aufopfern wuͤrde, wenn es Dich ganz gluͤcklich machen koͤnnte; ich liebe Dich mehr als Worte es zu ſagen vermoͤgen!“ „Ich glaube Dir Marie, indem ich Deine Empfindungen nach denen beurtheile, welche ich fuͤr Dich hege; dennoch kann ich Dich nicht, darf Dich nicht in mein Un⸗ gluͤck einweihen; aber ſchenke mir ohne das Dein Mitleid, Deine herzinnige Theilnahme, ach! verdiene ich ſie auch nicht, ſo bedarf ich ihrer doch ſo ſehr!“ „Was koͤnnte vorgefallen ſeyn, Roſalie, 58 daß es die liebende Schweſter nicht wiſſen duͤrfte? oder bedarf es der Zeit, des laͤn⸗ gern Umgangs zwiſchen uns, um mir Dein Vertrauen zu erwerben?“ „Nicht das, meine Schweſter, aber dennoch, dennoch muß ich Dir verſchweigen, was mich ſo tief niederbeugt; nein, Deine reine Seele, der Sitz der Tugend und der Unſchuld darf durch meine Geſtändniſſe nicht befleckt werden!“ „Wie Roſalie, Du haͤtteſt Schuld auf Dich geladen? Schuld, die Deine Schweſter nicht wiſſen duͤrfte? entſetzlich!“ „Wohl, wohl, aber forſche nicht weiter Maries doch wiſſe, daß, wie ſchuldig ich mich auch fuͤhle, mein Ungluͤck dennoch groͤ⸗ ßer iſt, als meine Vergehungen es ſind.“ „hind Sophie, meine Pflegemutter, die Schweſter unſrer theuren verſtorbenen Mutter, dieſe edelſte, beſte und mildeſte der Frauen, darf auch ſie nicht um Dein Ge⸗ heimnis wiſſen? Wenn Du auch meiner Ingend und Unerfahrenheit nicht vertrauſt, 59 ſo wirf Dich in ihre rettenden Arme; ſie iſt ſo klug und verſtaͤndig als engelgut und mild,— nicht richten wird ſie Dich, ſondern einzig bemuͤht ſeyn Dir zu helfen, zu ra⸗ then. Und dann, meine Roſalie, verlaß dieſen Ort, wo Dir ſo viele Gefahren dro⸗ hen, wo vielleicht ſchreckliche Erinnerungen jeden Augenblick die ſchwer errungene Ruhe wieder vernichten; fluͤchte Dich zu uns in unſre ſtille Einſamkeit, in unſern haͤusli⸗ chen Frieden! Du wirſt in Sophie'n eine Mutter, in Emilien und mir zwei liebende Schweſtern finden; die Zeit wird Deinen Schmerz mit lindernder Hand be⸗ ruͤhren, gewiß, Du wirſt wieder gluͤcklich und heiter werden!“ „Gluͤcklich und heiter! Du weißt nicht was Du ſagſt, Marie; fuͤr den Schuldbe⸗ wußten giebt es kein Gluͤck mehr! Einem gaͤnzlich zerſtoͤrten Leben, der zerknirſchenden Reue, entkeimen ſolche Bluͤthen nicht wie⸗ der! Aber Du haſt Recht, hier darf ich, kann ich nicht bleiben, denn jeder Augen⸗ — 60⁰ blick mahnt mich an das verlorene Gluͤck, an Alles, Alles was ich verlor! Ich fuͤhle mein Leben, meine Kraͤfte dahin ſchwinden und oft mich jenem Zuſtande nahe, in dem Traum und Wahrheit ſich mit einander vermiſchen, dem Wahnſinn!“ Marie konnte ihr nicht mehr antwor⸗ ten, die Schilderung ſolcher Leiden, obgleich ſie den Quell derſelben nicht kannte, er⸗ ſchuͤtterte ſie allzuſehr, als daß ſie ihre Ge⸗ fuͤhle durch Worte haͤtte ausdruͤcken koͤnnen, aber ihre Thraͤnen floſſen in heißen Stroͤ⸗ men auf den Buſen nieder und ihr Herz bebte krampfhaft, ſo oft ſie den Blick auf die neben ihr vergehende ungluͤckliche Schwe⸗ ſter wandte, die, das bleiche Geſicht feſt gegen das Sopha gedruͤckt, nicht einmal eine Thraͤne fand, um die Laſt ihrer Schmer⸗ zen zu vermindern. Endlich richtete ſich Roſalie empor und ſchritt mehrere Male mit ſchnellen Schritten durch das Zimmer; ſie ſchien mit einem Entſchluſſe zu ringen und nicht einig mit ſich werden zu koͤnnen; 3 6¹ zuweilen blieb ſie vor Marie'n ſtehn, als wolle ſie zu ihr reden, dann aber verließ ſie ſie wieder, um ihre Wanderung fortzu⸗ ſetzen. Der heftigſte Kampf zagte ſich in allen ihren Mienen; den Mund umflog ein krampfhaftes Zucken, die dunkeln Augen hatten ihre vorige Gluth wieder gewonnen und auf den Wangen zeigte ſich ein An⸗ flug von krankhafter Roͤthe. In dieſem Augenblicke oͤffnete ſich die Thuͤr und Sopehie trat ein. Die Baro⸗ nin hatte ihren Wagen vorfahren laſſen, und die Landraͤthin, ſo krank und ſchwach ſie auch war, das Geſchaͤft ſelbſt uͤbernom⸗ men Roſalien es anzuzeigen, weil ſie fuͤrchtete, ſie den Blicken der Neugierde und Indiscretion blos zu ſtellen, wenn ſie dieſen Auftrag einem Andern gaͤbe. Marie in Thraͤnen ſchwimmend, Ro⸗ ſalie in der hoͤchſten Bewegung, boten ſich ihren Blicken dar; ſie ſtand einen Augen⸗ blick zoͤgernd in der Thuͤr, dann ſchloß ſie dieſe hinter ſich und trat zu Roſalien, 62 die ihre Schritte gehemmt hatte, ſobald ſie ſie eintreten ſah. „Tochter meiner einzigen Schweſter,“ ſprach ſie mit dem ihr ſo eigenthuͤmlichen Ton der Milde und Sanftmuth,„welch' ein ſchwerer Gram belaſtet Dein jugendli⸗ ches Herz? und darf ich ihn kennen? Be⸗ darfſt Du des Troſtes, Roſalie, ſo wirſt Du ihn bei uns finden; der Liebe, ſo wei⸗ hen wir ſie Dir gewiß; darum rede, erleich⸗ tere Dein Herz und nimm auch den Schmerz von uns, Dich leiden zu ſehn ohne Dir helfen zu koͤnnen, da wir den Quell Deines Kummers nicht kennen!“ „Ich bedarf der Milde, der Nachſicht, der Vergebung!“ rief Roſalie, uͤberwaͤl⸗ tigt von dieſen Worten, indem ſie vor So⸗ phie'n niederkniete und deren Hand an ihre brennenden Lippen druͤckte. „Armes, armes Kind! aber auch dieſe wirſt Du bei mir finden, darum faſſe Muth und Vertrauen, denn nur ein raſcher Ent⸗ ſchluß heilt ſolche Wunden!“ 63 „Bald, bald werde ich zu Ihnen reden koͤnnen, nur jetzt nicht und nur nicht muͤnd⸗ lich; ich will mich der Qual unterwerfen, in die Vergangenheit zuruͤck zu gehen und Ihnen ſchriftlich mein Ungluͤck und meine Schuld mittheilen, denn dieſes zerriſſene Herz muß ſich Mitleid und Theilnahme von einem edlen Weſen erkaufen, ſelbſt um den hoͤchſten Preis, um den, vielleicht zu glei⸗ cher Zeit Verachtung auf ſich zu laden!“ „Verachtung! dieſe gebuͤhrt nur dem welcher mit Bewußtſeyn auf dem Wege des Unrechts vorwaͤrts ſchreitet; dem Bereuen⸗ den, dem zur Tugend Zuruͤckkehrenden iſt das Herz inniges Mitleid und herzliche Liebe ſchuldig.“ So, ſo habe ich Sie mir immer gedacht, mit dieſer himmliſchen Milde, dieſer Nach⸗ ſicht mit den Irrenden! Auch ich werde jetzt dieſe Tugenden in Anſpruch nehmen muͤſſen, meine theure, meine geliebte Tante, aber richten Sie mich nicht, ehe Sie meine Bekenntniſſe geleſen haben; ich habe mein 64 Leben zerſtoͤrt, mein Gluͤck auf immer unter⸗ graben, aber mein Herz blieb unbefleckt und meine Geſinnungen rein; ich fehlte jugend⸗ lich, ich lud Schuld auf mich, aber ich ver⸗ zweiſle nicht an Gottes Vergebung, nicht an der Ihrigen, verehrte Frau!“ Roſaliens Geſtalt hatte ſich bei die⸗ ſen Worten empor gerichtet, ihr Auge gluͤhte und ſie ertrug mit Feſtigkeit den Blick So⸗ phie'ns; dann uͤberflog ein leiſes Erroͤthen ſanfter Schaam ihre Wangen und ſie ſenkte das Auge zu Boden. Die Baronin harrt Deiner mit Un⸗ geduld,“ ſagte jetzt die Landraͤthin;„wir muͤſſen uns trennen Roſalie; aber ver⸗ giß nicht Dein Verſprechen zu halten!“ „Gewiß nicht, theure Tante, aber goͤn⸗ nen Sie mir Zeit,— ach welche Kaͤmpfe muß ich noch beſtehen, ehe ich zu Ihnen reden kann!“ Roſa lie folgte jetzt Sophie'n in das Wohnzimmer, wo ſchon laͤngſt die Baro⸗ nin ihrer wartete; das Ausbleiben der 65 Landraͤthin hatte ſie ſehr geaͤngſtigt, denn der Gedanse, daß ſich zwiſchen Roſalien und ihrer Tante ein ſehr nahes, vertrauli⸗ ches Verhaͤltnis entſpinnen koͤnne, war ihr hoͤchſt peinigend. „Iſt Dir jetzt beſſer?“ fragte ſie mit einem feſten Blick auf Roſalien. „Ja,“ war die kurze Antwort derſelben, und jetzt begaben ſich Beide mit ſehr ver⸗ ſchiedenen Gefuͤhlen in den bereitſtehenden Wagen, der ſie nach ihrer Wohnung fuͤhrte, ohne daß ſie unterweges ein Wort mit ein⸗ ander redeten. 10. Die jungen Maͤnner empfahlen ſich jetzt auch, denn ihnen war die ſichtbare Ver⸗ ſtimmung der Familie nicht entgangen und ſie begriffen, daß ihre Gegenwart unter dieſen Umſtaͤnden laͤſtig fallen muͤſſe. „Nein, ſo geht es doch nicht,“ ſagte I. 5 66 der lebhafte Wilhelm auf dem Heimwege zu ſeinem Freunde;„vor lauter Gewiſſen⸗ haftigkeit und Zartgefuͤhl gegen einander verlieren wir am Ende Beide die Geliebte und ein Dritter traͤgt den Preis davon, um den wir uns bemuͤhn; Du wagteſt an dieſen Abende kein einziges Wort, ja nicht einmal einen Blick auf Marie'n zu rich⸗ ten, um mir nicht wehe zu thun, und mir ging es nicht beſſer; ich habe den ganzen Abend mit Emilien geplaudert und Ma⸗ riein anſcheinend vernachlaͤſſigt; ja Du machteſt Dich ſogar an die Baronin, die, wie ich weiß, Dir in tiefſter Seele ver⸗ haßt iſt, nur um mich an Großmuth zu uͤbertreffen.“ „Weißt Du,“ ſagte Auguſt, ohne in ſeine Reden einzugehn,„daß ich meine alte Reiſeluſt wieder in mir verſpuͤre? Als die Baronin heut' Abend ſovielvon den Herr⸗ lichkeiten Italiens erzaͤhlte, da ward es mir recht klar, welch' ein Thor ich geweſen bin, mich ſchon ſo fein buͤrgerlich niederzu⸗ 67 laſſen und in das Joch der Geſchaͤfte zu ſpannen, ohne vorher den heißen Trieb zum Reiſen befriedigt zu haben; was Du auch einwenden magſt Wilhelm, ich packe ein und reiſe noch, die naͤchſte Woche, mutgrn vielleicht ſchon!“ „Ich habe Dich mit Fleiß ausweden laß⸗ ſen Auguſt, aber nun hoͤre auch mich ge⸗ geduldig an: wenn Du reiſen willſt, ſo bin ich Dein Begleiter und in Einer Stunde verlaſſen wir die Reſidenz und— Marie:n. Du kennſt mich, und wirſt alſo wiſſen, daß ich Wort halte, wenn ich dergleichen gelobe.“ Auguſt antwortete ihm nicht, ſondern ſchloß ihn ſchweigend in die Arme; dieſes edle, großmuͤthige Freundesherz wollte nicht dulden, daß der Freund ſich ihm zum Opfer bringe, und da er Wilhelm zu genau kannte, um nicht mit Gewißheit ſich vor⸗ ausſagen zu muͤſſen, daß er ſeine Vorſaͤtze ausfuͤhren werde, war von der Reiſe nicht weiter die Rede, die nur ein Vorwand ge⸗ weſen war, ſich von Mariein zu trennen 5 X 68 und das Gluͤck des Freundes zu begruͤnden. Wie es aber in Zukunft gehen werde, war ihm, wie Wilhelm ein Naͤthſel, denn die Bemerkung deſſelben hatte ſich ihm ſchon aufgedrungen. Dabei aͤngſtigte ihn ein Um⸗ ſtand, den er dieſem nicht einmal mitzu⸗ theilen wagte, um ihn nicht noch befange⸗ ner zu machen: es war ſichtbar, daß Emi⸗ lie ſeinen Freund auszeichne, denn ſo oft er mit ihr redete, zeigte ſich die lebhafteſte Freude in ihren geiſtreichen Zuͤgen, und nie ſpielte und ſang ſie ſchoͤner und ſeelenvoller, als wenn er ſie begleitete. Ihre jugendliche Unbefangenheit, die gaͤnzliche Unbekannt⸗ ſchaft mit den neuen Gefuͤhlen welche ihr Herz beſchlichen hatten, ließen ſie nicht ge⸗ nug auf ihrer Huth ſein, und ſo hatte Au⸗ guſt ihr ſuͤßes Geheimniß errathen, ehe ſie ſich noch ſelbſt Rechenſchaft daruͤber abgelegt hatte. Auch der La eu c wa war es nicht entgangen, daß Wilhelm einen tiefen Eindruck auf Emiliens Herz gemacht habe; da ſie aber dem liebenswuͤrdigen jungen 2 69 Manne ſehr gewogen war und ſich fuͤr ihr einziges Kind kein groͤßeres Gluͤck denken konnte, als es mit einem Manne verbun⸗ den zu ſehn, der in jeder Hinſicht zu den Ausgezeichnetſten ſeines Geſchlechts gehoͤrte, ſo erfuͤllte ſie dieſe Bemerkung mehr mit Freude als mit Beſorgniß, beſonders da auch Wilhelm ſtets ſehr aufmerkſam ge⸗ gen Emilien war, und vorzuͤglich an die⸗ ſem letzten Abende, wo er ſich faſt nur aus⸗ ſchließlich mit ihr unterhielt. Es lag nicht in ihrem Charakter und ihren Grundſaͤtzen, dieſes Verhaͤltnis, ſo erwuͤnſcht es ihr auch in jeder Hinſicht war, zu befoͤrdern, denn wohl wußte ſie, daß die Bluͤthe der Neigung nur in voͤlliger Frei⸗ heit gedeihe und ſich erfreulich entfalte, und daß ſie treibhausartig gezeitigt, meiſt im⸗ mer kraͤnkele; aber ſie fand auch keine Ver⸗ anlaſſung, ihrem freien Entfalten Hinder⸗ niſſe in den Weg zu ſtellen. Daß Emilie Wilhelm liebe, daruͤber konnte ihr kein Zweifel bleiben, denn ſo oft er eintrat, uͤber⸗ flog die Roͤthe der Freude ihre Wangen, und wenn er ging, eilte ſie gewoͤhnlich an das Fenſter, um ihn ſo lange nachzuſehen, bis eine Straßenecke ihn ihren Blicken entzog! Hatte Wilhelm irgend ein Muſik⸗ ſtuͤck gelobt, ſo uͤbte ſie es mit verdoppeltem Fleiße ein, und als er einſt die Zeichnung einer Stickerei tadelte, ſetzte ſie die Hand nicht mehr daran. Die Mutter ſchien dies Alles, ihren Grundſaͤtzen getreu, nicht zu bemerken, aber es entßing ihr trotz dem nicht das Geringſte davon, und ſo beſchloß ſie, auch Wilhelm mit Aufmerkſamkeit zu beobachten, von dem es ihr noch nicht recht klar war, ob er Emilien oder Ma⸗ rie’n auszeichne. In ihrem frommen Herzen ſtellte ſie Gott dieſe wichtige Gele⸗ genheit anheim, denn wohl wußte ſie, daß menſchliches Eingreifen in t ſolche Verhaͤlt⸗ niſſe meiſt verderblich iſt. Auch um Marie e'ns Herz ſtand es jetzt anders, als zur Zeit ihrer Abkunft in der Stadt.— Wilhelm hatte einen tie⸗ —-— 71 fen, unausloͤſchlichen Eindruck auf daſſelbe gemacht und ſie ſich ſchon Rechenſchaft uͤber ihre Gefuͤhle gegen ihn abgelegt, denn ihr Verſtand war zu hell, ihr Geiſt zu klar, als daß ſie lange haͤtte im Dunkeln ſeyn koͤnnen. Zwar kannte ſie die Liebe eben ſo wenig aus eigener Erfahrung als Emilie, aber ſie hatte Buͤcher geleſen, worin von dieſer die Rede war, denn Sophie ver⸗ ſagte ihren Toͤchtern die Freude nicht, aus einem guten, ſittlichen Romane, wie unſre Huber, Pich er und Chezy ſie ſchrei⸗ ben, Erhohlung nach ernſter Arbeit zu ſchoͤpfen, und ſo kannte Marie die Liebe aus dieſen, Emilie war von Natur im Ganzen viel kindlicher und unbefangener als Marie, daher hatte ſie ſich bisher nie Rechenſchaft uͤber ihre Gefuͤhle abgelegt und uͤberließ ſich denſelben ohne weiteres Nachdenken, waͤhrend dieſe ſchon uͤber ſich im Reinen war, und ſie nur aus maͤdchen⸗ hafter Schuͤchternheit und Verſchaͤmtheit ſorgfaͤltig verbarg; denn wehe der Jung⸗ 3 ——-- 72 frau, welche Gefallen daran ſindet, dieſe erſten heiligen Jugendgefuͤhle zur Schau zu tragen! So taͤuſchte ſie auch die ſonſt ſo ſcharf⸗ ſichtige Sophie und dieſe hatte keine Ah⸗ nung davon, daß ihre beiden geliebten Kin⸗ der Einen und denſelben Gegenſtand mit ihrer Neigung umfaßten. 4. Roſalie beſuchte die Landraͤthin und ihre Schweſter Marie jetzt faſt taͤglich, obgleich die Baronin in's Geheim ſehr ge⸗ gen dieſes haͤufige Zuſammenkommen warz aber ſie fand doch kein Mittel es zu verhindern, denn unter welchem Vorwande haͤtte ſie es verweigern koͤnnen, daß die Geſchwiſter ſich ſahen? Dabei hoffte ſie von Tag zu Tag, daß Sophie, deren Abneigung gegen das Stadtleben ſie kannte, ſich bald wieder ent⸗ kernen werde, denn die Angelegenheit, welche 73 ſie in die Reſidenz gefuͤhrt hatte, war laͤngſt beendet, und nur der Ausſpruch des Arztes, der eine Winterreiſe als ſehr nachtheilig fuͤr ihre leidende Geſundheit erklaͤrte, hielt ſie noch davon ab wieder nach Seethal zu⸗ ruͤckzukehren. Roſalie ſchien jetzt ruhiger als anfangs zu ſeyn, wenigſtens hatte ſie ſo viel Faſſung errungen, daß ſie ihren innern Zuſtand vor den Augen der Neugierde zu verbergen vermochte. Sie ſchien ſich auf Augenblicke ſogar mit Eifer und Freude dem geſelligen Vergnuͤgen hingegeben, aber es ſ chien auch nur ſo, denn der Wurm hoͤrte nicht auf an der Bluͤthe ihres Lebens zu nagen. Wilhelm und Auguſt erwieſen ihr die groͤßte Aufmerkſamkeit, denn wie roh haͤtte das Herz ſeyn muͤßen, das nicht tief geruͤhrt geweſen waͤre, durch dieſe ſchoͤne, leidende Geſtalt, die nur noch in Einem Gefuͤhle: dem Schmerze, zu leben ſchien und jede Anſtrengung, ſich demſelben auf Augenblicke zu entreißen, mit der groͤßten 714 Abſpannung buͤßte? Beide junge Maͤnner erſchoͤpften ſich in zarten Aufmerkſamkeiten gegen ſie, und kamen darin uͤberein: daß Roſalie eine der liebenswuͤrdigſten Jung⸗ frauen geweſen ſeyn muͤße, ehe ein eben ſo tiefer als Allen unerklaͤrbarer Gram ihre Bluͤthe zerſtoͤrte. Ein ſeltſamer Zufall erweckte eines Ta⸗ ges, als Alle beim Fruͤhſtuͤk verſammelt waren, eine Menge von Vermuthungen in Jedes Bruſt. Roſalie, die ſonſt faſt immer fuhr, war diesmal, gefolgt von einen Be⸗ dienten, zu Fuße zur Landraͤthin gekom⸗ men, und trat mit dem Anſchein des hoͤchſten Schreckens, ja mit einer Miene, als glau⸗ be ſie ſich verſolgt und ſuche Schutz hier, in das Zimmer. Erſchrocken eilte man ihr entgegen und fuͤhrte ſie zum Sopha, wel⸗ ches ſie willig geſchehen ließ und worauf ſie in voͤlliger Erſchoͤpfung niederſank. Ihre Au⸗ gen hingen ſtarr an der Thuͤr, als fuͤrchte ſie irgend ein Schrecknis durch dieſelbe ein⸗ treten zu ſehen, dann faßte ſie ſich, blickte 2— 75 die Umſtehenden der Reihe nach an, als beſinne ſie ſich wo ſie ſey, ſtrich die dunkeln Locken von der hohen Stirn und ſeufzte tief auf. „Wie iſt Dir, meine Theure!“ fragte Marie, indem ſie naͤher an ſie hintrat und ihr die Hand reichte. „Ganz wohl, meine Liebe, recht ſehr wohl!“ entgegnete ſie mit erkuͤnſtelter Ruhe und Faſſung; dann, das Auffallende und Contraſtirende fuͤhlend, welches zwiſchen dem eben erlebten Auftritte und dieſer Antwort lag, fuͤgte ſie hinzu:„Jetzt iſt mir wieder ganz gut, ich bin ja in Eurer Mitte!— Auguſt und Wilhelm, welche begriffen daß ihre Gegenwart laͤſtig, oder wenigſtens ſtoͤrend ſeyn koͤnne, ſuchten nach einem Vor⸗ wande ſich zu entfernen, den ſie aber nicht fanden, da ſie erſt kurz zuvor die Einladung der Landraͤthin angenommen hatten, bei ihr zu fruͤhſtuͤcken und ſpaͤterhin ihr und den Maͤd⸗ chen aus einem neu herausgekommenen Buche vorzuleſen, das Auguſt zu dieſem Zwecke mitgebracht hatte; und ſo ſahen ſie ſich wi⸗ der ihren Willen gezwungen, wenigſtens noch eine kurze Zeit zu bleiben, um nicht unhoͤflich zu erſcheinen. Das Geſpraͤch ſtockte eine Weile, weil ſelbſt Sophie durch das eben Erlebte ihre Faſſung verloren hatte, dann aber wußte Wilhelm es zu beleben, indem er ein allbeltebtes Thema, das Theater, auf die Bahn brachte. Die Maͤdchen hatten fruͤher nur ſelten, und dann ſelbſt nur das ziemm: lich ſchlechte Schauſpiel einer kleinen Pr⸗ vinzialſtadt geſehen, und fanden daher das groͤßte Vergnuͤgen daran, jetzt fleißig das Theater der Reſidenz zu beſuchen, welches in Geſellſchaft ihrer Hauswirthin geſchah, die eine aͤltliche ſehr anſtaͤndige Frau war, und dieſe Art von Vergnuͤgen leidenſchaft⸗ lich liebte. Sophie, noch immer leidend, hatte ſie nur ſelten begleiten duͤrfen, aber troßz dem den geliebten Kindern den Genuß, nach dem ſie ſo großes Verlangen trugen, unter ſo anſtaͤndiger Begleitung gern geſtateet, und ſo hatten ſie alle neuen Stuͤcke geſehn, ja ſelbſt mehrere treffliche alte, welche in dieſer Zeit aufgefuͤhrt worden waren, und ſprachen gern mit ihren jungen Freunden davon.„Emilia Gallotti' war die letzte Darſtellung geweſen, der ſie beige⸗ wohnt hatten; dieſes Stuͤck wurde in allen Theilen vortreflich aufgefuͤhrt und hatte ſie ganz beſonders ergriffen. „Sie ſahen dieſes Stuͤck gewiß oͤfterer, mein Fraͤulein,“ wandte ſich Auguſt an Roſalien, die ſchweigend daſaß und nur geringen Antheil an der Unterhaltung zu nehmen ſchien,„duͤrften wir Sie auch um Ihr Urtheil uͤber daſſelbe bitten?“ „Welches Stuͤck?“ fragte Roſalie, aus ihren Traͤumen bei dieſer an ſie gerich⸗ teten Anrede erwachend und ihn ſtarr an⸗ ſehend. „Wir redeten von Leſſings Emilia Galionti 44 Roſalie erbleichte ſichtbar bei Nen⸗ nung dieſes Stuͤcks, dann richtete ſie ſich 78 empor, ſah den Frager mit ihren großen dunkeln Augen ſtarr an und ſagte nach einer Pauſe:„O wohl dem Kinde, das einen Vater wie Odoardo, ein Herz wie das Emilia's hat, das den Tod der Schande vorzieht!“ Dann lehnte ſie ſich wieder zuruͤck und verſank in ihre alten Traͤume, aus denen man ſie nicht wieder durch Fragen erweckte. Endlich konnten Wilhelm und Auguf ſich beurlauben und man ſah ſie diesmal gern gehen, denn ſo theuer ſie der Familie auch waren, ſo hatte ihre Gegenwart dieſe doch in dieſem Augenblick bedruͤckt. Marie, welche glaubte daß Roſalie ſich vielleicht am liebſten mit ihrer Pflege⸗ mutter unterhalten duͤrfte, entfernte ſich, indem ſie Emilien ſie zu begleiten bat, und ſo blieb die Leidende mit Sophien allein zuruͤck. „Meine theure Roſalie,“ ſagte dieſe, nachdem die Maͤdchen ſich entfernt hatten, „darf deine muͤtterliche Freundin nicht hofe 79 fen, daß ſich bald Dein Herz ihr oͤffnen werde! Wir ſehen Dich dem finſterſten, verzehrendſten Grame hingegeben, wir trauern Alle mit Dir und koͤnnen Dir nicht helfen, weil Du Dich fortwaͤhrend vor uns verſchlieſeſt; wenn wird dieſer Zu⸗ ſtand enden? und ſoll ich ohne den Troſt von hier ſcheiden, die Laſt dieſer Schmerzen von Dir genommen, oder doch wenigſtens gemildert zu haben? Was war es, das Dich auf's Neue ſo ſehr erſchuͤtterte! Dich ſo heftig bewegte, daß ſelbſt der Anblick dieſer fremden jungen Maͤnner Dir Deine Faſſung nicht wieder zu geben vermochte? Darf ich es noch immer nicht wiſſen, was in dieſem wunden, vielgequaͤlten Herzen vorgeht!“— „O! nur noch wenige Tage Geduld und Nachſicht ſchenken Sie mir liebe Tante; bald ſollen Ihnen nichts mehr ein Geheim⸗ nis ſeyn, denn von Ihnen allein erwarte ich Troſt und Rettung, und auf ſie hofft einzig noch dieſes gebrochene Herz. Sie werden mich nicht von ſich ſtoßen, auch ſelbſt dann nicht, wenn Sie meine Geſtaͤnd⸗ niſſe geleſen haben; Sie werden mir eine Freiſtatt in Ihrem Hauſe geben und mich einem Orte entreißen, Verhaͤltniſſen, in denen ich phyſiſch und moraliſch untergehen muß.“ „Aber d die Baronin, wird ſie in eine Trennung von Dir willigen? Sie ſcheint Dich zu lieben, Du haſt Verpflichtungen gegen ſie die ſich nicht auf die Seite ſchie⸗ ben laſſen, ohne Dich mit Undank zu beflecken.“* „Ich habe ihr gezahlt Tante, gezahlt mit dem ganzen vollen Gehalt meines Lebens,— ſie hat keine Forderungen weiter an mich, das weiß ſie ſelbſt!“ „Liebe aber, Roſalie, kann nur mit Liebe vergolten werden, und ſie liebt Dich.“ „Sie mich lieben?! Wirft man doch eende den Strauß hin, mit dem man ſich zu einer Geſellſchaft den Buſen ſchmuͤkte; I ſolch' ein verwelkter Strauß bin ich. O! glau⸗ ben Sie es mir, meine Gegenwart iſt ihr jetzt eine Laſt, weil ſie ihr ein ſteter Vor⸗ wnrf iſt,— gern wird ſie mich ziehen laſſen, denn wie Nebelſchatten ſind die ſtol⸗ zen Traͤume zerronnen, die ſie einſt auf mich begruͤndete, und ſie haßt mich, weil ich ſie um den Preis nicht zur Wahrheit machen wollte, mich ganz veraͤchtlich vor mir ſelbſt zu finden. 3 „Die unbeſonnene, allzuleicht gereizte Jugend ſtellt alles gleich auf die Spitze, liebe Roſalie, darum mißtraue Deinem Urtheil uͤber die Baronin jetzt auch. Du kannſt Urſache haben, Dich uͤber ſie zu beklagen, aber ich zweifle ſehr daran, daß Deine jetzigen Anſichten uͤber ſie die rich⸗ tigen ſind; die Baronin hat, ich geſtehe es, manche Fehler an ſich, manche irrige Grund⸗ ſaͤtze, und ich zitterte, als ich das Kind meiner Schweſter in ihre Haͤnde gegeben ſah; aber nie ſah man ſie ehrlos, nie offen⸗ 6 2 1 82 bar ſchlecht handeln, und Dich ſchien ſie wahrhaft zu lieben, einzig vielleicht Dich im weiten Kreiſe der Schoͤpfung, davon habe ich mehrere Beweiſe gehabt und dieſes Zeugnis geben ihr Alle, welche ſie beobachteten; ſo konnte ſie Dich nicht mit Abſicht an den Rand des Verderbens fuͤhren, und nur vom Irthum, der ja ſo menſchlich iſt, kann hier die Rede ſeyn,“ Roſalie ſchwieg jetzt; ſie ſchien mehr reden, ſich ihrer Tante ganz entdecken zu wollen, aber die Schaam ſchloß ihr die Lippen, waͤhrend ſich das Herz innigſt nach gaͤnzlicher Mittheilung ſehnte. Die Tante begriff ihren Zuſtand und drang, ſie ſchonend, nicht weiter i in ſie; ihre fruͤ⸗ hern halben Geſtaͤndniſſe, und mehr noch ihre Aeußerungen bei Gelegenheit des Geſpraͤchs uͤber Emilia Galotti, ließen ſie einen tiefern Blick in Roſaliens Schickſale thun, als dieſe ahnete; ach! nicht erfreulich, ſondern tief niederbeugend, waren dieſe Ent⸗ deckungen fuͤr ihr theilnehmendes Herz. 5 1 1 8³ Roſalie durfte jetzt nicht laͤnger ver⸗ weilen, weil die Baronin zu Mittag Ge⸗ ſellſchaft bei ſich ſah, wozu ſie ſich noch um⸗ kleiden mußte, und ſo ſagte ſie der Tante Lebewohl. 12. In dieſer Zeit that auch Marie einen tiefern Blick in das Herz Emiliens und erkannte mit Schrecken, daß dieſe Wil⸗ helm liebe. 3 Emilie beſaß das Talent der Malerei in einem ausgezeichneten Grade und war ſehr gluͤcklich im Treffen der Geſichzuͤge, Als Marie nun uͤber der Freundin Zei⸗ chenmappe kam, in der ſie ein Stickmuſter ſuchte, fand ſie mehrere halb vollendete Miniatuͤrbilder auf Elfenbein, aus denen ihr Wilhelms geliebte Zuͤge entgegen⸗ ſtralten und unter dieſen ein ganz vollen⸗ detes, das die treffendſte Aehnlichkeit hatte, 6* 84 Sie hielt es lange in der Hand und betrach⸗ tete es mit dem lebhafteſten Intereſſe, woruͤber endlich Emilie hinzukam. Kaum erblickte dieſe das Bild in Marie'n s Hand, ſo uͤbergoß ein hoͤherer Purpur ihre Wange und ſie ſenkte das ſchoͤne, ſeelenvolle Auge zu Boden. 4 Marie ſtand athemlos vor ihr, das Bild noch immer in der Hand haltend, denn ach! war die Ahnung wahr, die jetzt durch ihre Seele zuckte, ſo war Wilhelm fuͤr ſie verloren. Aber ſie mußte Gewiß⸗ heit haben, denn dieſen Zweifeln, dieſen Befuͤrchtungen wuͤrde ſie erliegen muͤſſen, das fuͤhlte ſie und die niederbeugendſte Ueberzeugung war ihr ertraͤglicher als jene. „Emilie,“ ſagte ſie mit zitternder, tief⸗ bewegter Stimme,„Em ilie Du liebſt Wilhelm! dieſe Gemaͤlde haben mir Dein Geheimnis verrathen.“ Dieſe ſtand einen Augenblick zweifelhaft, dann drang ein Thraͤnenſtrom aus den langen ſeidenen Wimpern hervor und feſt 85 ſchloß ſie die ſchweſterliche Freundin in ihre Arme, ihr, mit dem ſuͤßen Erroͤthen der Schaam uͤbergoſſenes, Antlitz an ihrem Buſen verbergend. „Ich verſtehe Dich,“ ſagte Marie gefaßt, indem ſie ſich ſanft aus ihren Armen loswand und ihr in das thraͤnenſchwere Auge blickte;„ja Du liebſt ihn Emilie!“ „Noch vor wenigen Tagen wußte ich das nicht, Marie, ſonſt haͤtte ich es Dir gewiß ſchon fruͤher geſagt, denn vor Dir kann ich kein Geheimnis haben, auch kaͤmpfte ich ſchon zwei Tage mit dem Vorſatze Dir meine Liebe mitzutheilen, aber immer ver⸗ mochte ich es nicht, jetzt magſt Du aber auch Alles wiſſen: ja, ich liebe Wilhelm, ich fuͤhle, daß ich ohne ſeine Gegenliebe nicht wieder gluͤcklich werden werden kann, und alles was in den Buͤchern uͤber die Liebe ſtand, iſt fuͤr ihn in meinem Herzen!“ „Und wie machteſt Du dieſe Entdeckung?“ fragte Marie mit faſt hoͤrbarem Herz⸗ klopfen. 86 „Als er uns neulich aus dem alten ſchoͤ⸗ nen Buche vorlas, worin zwei Liebende allen Gefahren trotzten und ſich am Ende ſelbſt dem Tode weihten, um nur einander anzugehoͤren, wenn auch nicht in dieſem doch in einem andern Leben, da fuͤhlte ich, daß ich fuͤr Wilhelm, mit Wilhelm auch ſo freudig ſterben wuͤrde, wenn er auf keine andere Weiſe mein werden koͤnnte, und ſeitdem weiß ich daß ich ihn liebe.“ „und unſere Mutter, weiß ſie um Deine Gefuͤhle? billigt ſie dieſelben!“— „Ihr habe ich gleich Alles geſtanden, denn als Wilhelm ſchon lange fort war,— es war an dem Tage wo Du Roſalien beſuchteſt,— mußte ich noch immer 1 die einfache Erzaͤhlung weinen, und als ſie es bemerkte, mich uͤber die Urſache meiner Thraͤnen befragte, da ſagte ich ihr warum ſie mich ſo ſehr ergriffen habe.“ „Und was erwiederte ſie Dir darauf, Emilie?“. 87 — „ Sie lobte Wilhelm ſehr, Du weißt ja wie ſie ihn ſchaͤtzt, und ſagte, daß ſie dieſe Neigung billige und keinen inni⸗ geen Wunſch hege, als mich gluͤcklich durch dieſelbe zu ſehn.“ Marie wußte nun genug und fragte nicht weiter, abex welch' ein ſchwerer Kampf ſtand ihr bevor! Jetzt, jetzt ſollte ſie die Tugend uͤben, die Sophie mit ſo muͤtterlicher Sorgfalt in ihr Herz gepflanzt hatte, aber auch zu gleicher Zeit das ſchwer⸗ ſte Opfer ihres Lebens bringen, und doch! konnte ſie nur einen Augenblick zoͤgern? nur den Gedanken faſſen, es nicht zu bringen? Nur ſo konnte ſie ja Sophie'n in Emi⸗ lien vergelten, was dieſe fuͤr ſie gethan, nur ſo ſich ihrer Lehren wuͤrdig zeigen! Sophie war es geweſen, welche den gif⸗ tigen Wurm des herzloſen Egoismus in ihrer jungen Seele ertoͤdtete 3 ihr allein verdankte ſie Alles und jetzt auch dieſe Kraft der Tugend, die ihr ein ſolches Opfer ſchwei⸗ gend zu bringen gebot; ſo ſollte dieſe denn die Frucht ihrer Bemuͤhungen, ihrer muͤt⸗ terlichen Sorge um ſie ernten,— ſie wollte entſagen und ſchweigen! Zwar bleichten die Roſen ihrer Wan⸗ gen unter dieſem ſchweren Kampfe und matter ſtrahlte das ſonſt ſo heitre Auge, aber auf ihren Lippen ſchwebte ein ſorgſam erkuͤnſteltes Laͤcheln, waͤhrend das arme Herz unter den ſich ſelbſt auferlegten edlen Leiden brach.— Naͤher als je ſtand ihr jetzt Roſalie, deren Stimmung ihr nicht mehr ſo fremd war als fruͤher, und dieſes befeſtigte das Band der Liebe immer mehr zwiſchen ihnen: denn was verbindet die Seelen wohl mehr als gemeinſchaftliches Leid! Der Schwe⸗ ſtern hoͤchſter Wunſch war, nicht wieder getrennt zu werden, und beide wagten mit Zuverſicht darauf zu hoffen daß die Zu⸗ kunft ſie auf immer vereinen werde. Nur Roſalie ſollte dann, ſo traͤumte Marie, um ihr ſchmerzliches Geheimnis wiſſen, nur von ihren ſanften Lippen wollte ſie den —ęOQ᷑⸗ñ⸗=Xꝑꝑ— Troſt der Liebe empfangen und das Lob, welches ihr Opfer, ihre Entſagung verdien⸗ ten. Anders ſtand es um Roſalie⸗ Ma⸗ rie durfte nie ihre Vergangenheit erfahren, nie wiſſen, welche Schuld ſie zu Boden druͤckte; aber ohne die Art ihrer Leiden zu kennen, hoffte ſie, wuͤrde ſie ihr Mitleid und rege Theilnahme zollen, und ſchon die⸗ ſes war ein ſuͤßer Troſt. fuͤr ſie, die begie⸗ rig nach dem ſchwaͤchſten griff, der ſich ihr darbot. Marie war, ſeit ſie um Emiliens Liebe zu Wilhelm wußte, ſehr vorſichtig und gemeſſen in ihrem Betragen gegen die⸗ ſen; ſie vermied es ſorgfaͤltig viel mit ihm zu reden und bewachte jede ihrer Aeußerun⸗ gen und Handlungen, damit ſie nicht zu Verraͤthern an ihr wuͤrden. Oefterer als ſonſt wandte ſie die Rede an Auguſt, ließ ſich von ihm ihre Lieder auf dem Fluͤgel be⸗ gleiten und naͤhrte ſo ohne es zu ahnen in ſeiner Bruſt Hoffnungen, die ſie nie erfuͤl⸗ len konnte. 90 „Sie liebt Dich, Du biſt der Gluͤckliche“ ſagte Wilhelm an einem Abende, als beide Freunde zuſammen nach Hauſe gingen; —, mich beachtet ſie gar nicht mehr, ſieht mich kaum an— wie koͤnnte ich da noch zweifeln, daß auf Dich ihre Wahl gefallen ſey? So nimm ſie und ſey gluͤcklich, mein Auguſt!“ fuͤgte er mit einem unterdruͤck⸗ ten Seufzer hinzn. 9 Wilhelm, rede mir nicht von Gluͤck, wie koͤnnte ich gluͤcklich ſeyn, da ich Dich leidend weiß! Gott ſieht in mein Herz daß ich Wahrheit rede; ich wuͤrde ſie Dir freudig, ohne Schmerz abgetreten haben, wenn ihre Wahl auf Dich gefallen waͤre.“ „ Ja, ſo kenne ich Dich noch von un⸗ ſern Knabenſpielen her; das Beſte war im⸗ mer fuͤr mich, und jetzt belohnt Dich der Himmel dafuͤr in der Liebe eines wuͤrdigen Maͤdchens.“ Beide Freunde waren ſehr geruͤhrt, und Beide gleich ſchmerzlich; Wilhelm liebte Marien mit allem Feuer der Ju⸗ 91 gend und der erſten Liebe, und Auguſt ſchien jetzt nur auf Koſten deſſen die Heiß⸗ erſehnte erreichen zu koͤnnen, der ihm nach Marie'n das Theuerſte auf Erden war; konnte man das aber wohl, fuͤr ein Gemuͤth wie das ſeine, ein reines und ſchoͤnes Gluͤck nennen? ——ʃ—;/———— 43. So ſtanden die. Verhaͤltniße, als ein ganz eigener Zufall den verworenen Knaͤuel der⸗ ſelben wenigſtens in Etwas loͤſte. Wilhelm war ein ſehr geſchikter und eifriger Reiter; er hatte ſich, um dieſe Lieb⸗ lingsneigung befriedigen zu koͤnnen, mehrere ſchoͤne Pferde angeſchafft und jetzt, wo er alle Hoffnung auf Marie ns Liebe aufgeben zu muͤßen glaubte, ſuchte er Zerſtreuungen aller Art auf, worunter auch das Reiten gehoͤrte. Ein Bekannter hatte einen Tauſch mit ihm gemacht und ihm ein junges, aber 92 uͤberaus ſchoͤnes Pferd, gegen ein aͤlteres und ruhigeres gegeben. Wilhelm, der gern ſeine Geſchicklichkeit zeigte, war mit dieſem Tauſche ſehr zufrieden und hatte den Maͤdchen verſprochen, ihnen ſein ſchoͤnes, muthiges Thier vorzureiten, wozu eine Stunde beſtimmt ward, wo er mit dem⸗ ſelben unter ihren Fenſtern erſcheinen wollte. Aus Eitelkeit, die bei der Jugend ſo verzeihlich iſt, ließ er das, noch faſt unzu⸗ gerittene Thier mehrere Kuͤnſte machen, um ſeine Reitergeſchicklichkeit zu zeigen; aber ein durch die Gaſſe kommender Leichenzug machte das Pferd ſo ſcheu, daß es ſich baͤum⸗ te, uͤberſchlug und ſo den Reiter abwarf, der ungluͤcklicherweiſe mit dem Kopfe derge⸗ ſtalt gegen einen Eckſtein fiel, daß er beſinn⸗ ungslos liegen blieb und das Blut in Strͤ⸗ men ihm aus der Stirn hervorquoll, waͤhrend das geaͤngſtete Thier im ſchnellſten Laufe davon eilte. Mit einem Schrei des Entſetzens fuhren beide Maͤdchen vom Fenſter zuruͤck, als ſie 93 das Ungluͤck ſahen. Man eilte vor die Haus⸗ thuͤr und hob den anſcheinend Lebloſen auf, um ihn in das Haus zu tragen. Das Geſicht und die Kleider Wilhelms boten einen wahrhaft ſchrecklichen Anblick dar; das aus einer großen Kopfwunde hervorſtroͤmende Blut bedeckte beides, waͤhrend er ſelbſt ohne Zeichen des Lebens mit feſtgeſchloſſenen Augen da lag, der große Blutverluſt, wie die Betaͤubung durch den Fall, hatten ihn ohnmaͤchtig gemacht. Man trug ihn auf ein Lager und Sophie eilte an ihre Schraͤnke, um Leinewand zum Verbande und blutſtillende Mittel zu ſuchen, waͤhrend Emilie, halb todt vor Schmerz und Schrecken, ſich auf ihren Befehl bei der Hauswirthin nach dem geſchickteſten und naͤchſtwohnenden Wundarzte erkundigte und mehrere Diener des Hauſes nach einem ſolchen ausſandte. Marie war allein bei dem Bewußtloſen zuruͤck geblieben und ver⸗ ſuchte mit ihrem Tuche den Strom des Blutes zu hemmen. Als ſie den geliebten Juͤngling ſo blutend und ohne Anſchein des Lebens vor ſich liegen ſah, ließ der Schmerz, den ſie uͤber dieſes Ereignis empfand, ſie alle ihre fruͤhern Vorſaͤtze vergeſſen; halb außer ſich kniete ſie neben dem Geliebten nieder, ergriff ſeine Hand und bedeckte ſie mit ihren Thraͤnen und Kuͤſſen.„Rette, rette ſein theures Leben und nimm meines dafuͤr zum Opfer,“ flehte ſie mit lautem, inbruͤnſtigem Gebete zu Gott;„ich kann ja doch nicht leben, nicht gluͤcklich ſeyn ohne ihn, den einzig meine Seele liebt!“ „Marie, geliebte, theure Marie, Du liebſt mich!?“ rief Wilhelm mit matter aber freudiger Stimme, und das erfahre ich erſt in dieſem Augenblick?“ Er war, waͤhrend ſie neben ihm nieder kniete, aus ſeiner Ohnmacht erwacht und hatte ſo die Worte der liebenden Jungfrau gehoͤrt. Marie ſprang erſchrocken und beſchaͤmt auf; Wilhelm ſtreckte ihr ſeine Arme ent⸗ gegen, aber ſie trat zuruͤck und ſenkte den Blick zu Boden. In dieſem Augenblick kehrte 95 Emilie mit Sophie'n zuruͤck; man ver⸗ band die Wunde ſo gut es gehen wollte, und harrte mit aͤngſtlicher Ungednld des Wundarztes, der zum Gluͤck zu Hauſe geweſen war. Er unterſuchte die Wunde genau, und erklaͤrte zu Aller Freude daß ſie nicht gefaͤhr⸗ lich ſey, indem lkein edler Theil verletzt worden waͤre. Wilhelm empfand große Schmerzen waͤhrend der Unterſuchung, aber er huͤtete ſich ſie laut werden zu laſſen, um ſeine Umgebung nicht zu aͤngſtigen. Marie lehnte waͤhrend der Operation das todtenbleiche Geſicht gegen die Fenſterſchei⸗ ben, denn hinzuſehen wagte ſie ſich nicht, aus Furcht die Gefuͤhle zu verrathen, die ihre Bruſt durchwuͤhlten; waͤhrend Emilie zitternd neben dem Wundarzte ſtand und jede ſeiner Bewegungen bewachte. Endlich war der Verband angelegt und der Arzt empfahl dem Verwundeten Ruhe. Sophie hieß die beiden Maͤdchen hinaus gehen, waͤhrend ſie ſelbſt die erſten Stunden bei ihm zubringen wollte. Er verfiel auch bald in einen leichten Schlummer, herbeige⸗ fuͤhrt durch den ſtarken Blutverluſt und die Schmerzen, welche ihm die Unterſuchung des Wundarztes verurſacht hatten. Sophie verbot jedes Geraͤuſch im Hauſe und ſetzte ſich mit einem Buche an das Lager des Schlummernden. In Marie'ns Herzen flutheten indes ſeltſame Empfindungen auf und ab, halb gehoͤrten ſie dem Schmerze, halb der Freude an; denn wußte ſie nun nicht mit Gewiß⸗ heit, daß Wilhelm ſie liebe? und mußte ſiie dieſer Liebe nicht dennoch entſagen, weil hoͤhere Pfiichten es ihr geboten? Mit Schmerz erfuͤllte es ſie, daß auch ſie dem Geliebten eine Neigung veerathen hatte um die er nimmermehr wiſſen durfte, wenn ſie ihr edles Vorhaben ausfuͤhren wollte Wilhelm mit Emilien zu vereinen, und ſie wußte ſich fuͤr den Augenblick we⸗ der zu rathen noch zu helfen, um das Ge⸗ ſchehene wieder gut zu machen. Dann trat 97 nach langem Kampfe der Entſchluß vor ihre Seele, von nun an ſo kalt und gemeſſen in ihrem Betragen gegen Wilhelm zu ſcheinen, daß dieſem jede Hoffnung auf ihren Beſitz und ihre Liebe verſchwinden muͤße, dagegen Emilie'n ſo oft als moͤglich in ſeine Naͤhe zu bringen, von deren Liebens⸗ wuͤrdigkeit und Neigung zu dem edlen jun⸗ gen Manne ſie das Beſte zu hoffen wagte. Streng vermied ſie es daher, in das Kran⸗ kenzimmer zu treten und verſagte ſich unter mancherlei Vorwaͤnden die ſchmerzliche Won⸗ ne, durchtreue Pflege und Aufmerkſamkeiten aller Art Wilhelms Zuſtand zu erleichtern. Wohl wußte ſie, daß ihr Charakter da⸗ durch vor dem Geliebten in einem hoͤchſt zweideutigen Lichte erſcheinen mußte, aber ſie wollte lieber dieſes ertragen, ſo peini⸗ gend es auch fuͤr ſie war, als einer ſich ſelbſt auferlegten Pflicht untreu werden, denn ſeit ſie wußte, daß auch So⸗ phie'n eine Verbindung zwiſchen Wil⸗ helm und Emilien erwuͤnſcht ſey, blieb 1 7 98 —— ihr kein Zweifel mehr daruͤber, was ſie thun muͤſſe. Wilhelm dagegen wußte ſich ihr Betragen durchaus nicht zu erklaͤren, denn ſeit dem Augenblick, wo ſie die ſtaͤrk⸗ ſte und maͤchtigſte Neigung gegen ihn an den Tag gelegt, ſeit das Geſtaͤndnis ihrer Liebe ihm begluͤckt, ja gleichſam in's Leben zuruͤckgerufen hatte, ſah er ſie nicht wieder. Endlich wußte er ſich nicht anders zu hel⸗ fen, als daß er ihr Benehmen einem zu weit getriebenen jungfraͤulichen Zartgefuͤhle zuſchrieb, und damit beruhigte er ſich, ob⸗ gleich es ihm ſchmerzlich und peinigend zu⸗ gleich war, ſie jetzt nicht zu ſehen, nach der ſeine Seele ſo innig verlangte. Auguſt beſuchte ihm gleich nachdem er von dieſem Unfalle gehoͤrt hatte und freute ſich, ſeine Befuͤrchtungen wegen des Freun⸗ des nicht beſtaͤtigt zu ſinden, denn das Ge⸗ ruͤcht hatte alles ſehr vergroͤßert. Er fand Wilhelm ſchwach und blaß von dem gro⸗ ßen Blutverluſte, aber voͤllig bei Beſinnung und, wie es ihm ſchien, ſogar ungewoͤhn⸗ — 99 lich heiter. Der Arzt hatte ihm das Ne⸗ den verboten, aber er ergriff die Hand ſei⸗ nes Freundes und druͤckte ſie innig. Nachdem einige Tage Ruhe und ſorg⸗ ſame Pflege ihn ſoweit wieder hergeſtellt hatten, daß es ihm erlaubt war, einige Worte mit Auguſt zu ſprechen, konnte er ſeiner offenen Natur gemaͤß, ſein Gluͤck nicht laͤnger vor dieſem verbergen. Er nahm ſeine Hand, ſah ihm liebend in das Auge und ſprach mit ſchwacher Stimme: „Auguſt, kannſt Du mir vergeben? Marie liebt mich, ich vernahm es von ihren eigenen Lippen, und auch ſie weiß, daß ich ſie liebe.— Der Augenblick uͤber⸗ raſchte uns, und wider ihren und meinen Willen entſchluͤpfte dieſes Geſtaͤndnis unſern Lippen.“ „Sey geſegnet, Du Gluͤcklicher!“ ent⸗ gegnete Auguſt geruͤhrt;„immer habe ich gehofft daß es ſo kommen wuͤrde!“ Wilhelm konnte ihm nicht antworten, denn die Ruͤhrung uͤberwaͤltigte ſein Herz; 7 N* — 100 aber eine Thraͤne trat in ſein maͤnnliches Auge und doppelt liebte er den edlen, ent⸗ ſagenden Freund. Daß auch er im glei⸗ chen Falle eben ſo gehandelt haben wuͤrde wie dieſer, das war es, was ſein Herz be⸗ ruhigte und ihm den Muth gab, dieſes Geſtaͤndnis zu thun. Eine Pauſe erfolgte, wuͤhrend welcher Jeder mit ſeinen Gefuͤhlen allzuſehr beſchaͤftigt, keine Worte finden konnte; dann ſagte Auguſt ſanft:„Und nun erzaͤhle mir, wenn es Dich nicht an⸗ greift, wie alles kam, mein Wilhelm.“ Dieſer berichtete ihm nun mit matter Stimme was zwiſchen ihm und Marie'n in dem Augenblicke vorgefallen war, als man ihn, dem Anſcheine nach leblos, mit ihr allein gelaſſen hatte, und auch in Au⸗ guſt's Herzen blieb kein Zweifel, daß das edle Maͤdchen ſeinen Freund liebe. Wilhelm theilte ihm nun auch ſeine Beſorgniſſe mit, wegen Marie'ns gaͤnzli⸗ cher Entfernung von ihm, ſeit dieſes Ge⸗ ſtaͤndnis ihren Lippen entſchluͤpft war; aber d 101 Auguſt wußte ihn daruͤber zu beruhigen, indem er ihm denſelben Troſt gab, womit er ſelbſt ſchon einigermaßen ſeine Sorge be⸗ ſchwichtigt hatte, und ſo ſchieden ſie von einander. Marie begegnete Auguſt auf dem Vorſaale und fragte ihn mit einiger Aengſt⸗ lichkeit nach dem Befinden Wilhelm's. Das Zittern ihrer Stimme, die hohe Purpur⸗ roͤthe auf ihren Wangen, das zum Boden gewendete Auge der Jungfrau, verriethen dem Scharfſichtigen ihren innern Zuſtand. „Mein Freund wuͤrde ſchneller beſſer werden“ entgegnete er ihr mit Nachdruck, indem er das Auge feſt auf ſie heftete, „wenn Sie, Marie, ihn nicht ganz verſaͤumten und ſeine Pflege nicht blos den Andern uͤberließen.“ „Ich bin feſt davon uͤberzeugt, daß meine Tante und Emilie nichts verſaͤu⸗ men, was zu ſeiner baldigen Wiederher⸗ ſtellung dienlich ſeyn koͤnnte,“ entgegnete ſie mit einem hoͤhern Erroͤthen. 102 „Wilhelm waͤre der undankbarſte Menſch, wenn er das nicht mit geruͤhrtem Herzen anerkennte; aber dennoch Marie bitte ich ſie, meinen Freund nicht laͤnger uͤber Ihre Geſinnungen gegen ihn im Zwei⸗ fel zu laſſen; er harrt Ihrer mit Sehn⸗ ſucht, ihm iſt Ihr gaͤnzliches Zuruͤcktreten, Ihre anſcheinende Theilnahmloſigkeit ein Gegenſtand der Beunruhigung, und ich bitte Sie dringend ſeinen Zuſtand nicht durch gerechten Kummer zu verſchlimmern.“ „So hat Wilhelm uͤber dulch Seklagt fragte ſie raſch. „Gaben Sie ihm nicht Auiaß zur Klage Marie?“ Sie verſtummte bei dieſen Worten, denn ihr Zuſtand war zu peinigend, ihre Lage zu verworren, als daß ſie ihin haͤtte ant⸗ worten koͤnnen. „Ich werde zu ihm gehn, da er es wuͤnſcht,“ ſagte ſie nach einer langen Pauſe indem ein Seufzer ihren Buſen hob. „Thun Sie das, thun Sie Alles was 103 Ihnen Ihr gutes, gefuͤhlvolles Herz ein⸗ giebt, Marie, und ſeyn Sie feſt uͤber⸗ zeugt, daß Wilhelms Dank fuͤr jeden Beweis der Theilnahme, die Sie ihm ſchenken, nur mit ſeinem Leben enden wird.“ Auguſt entfernte ſich bei dieſen Wor⸗ ten und ließ ſie in der groͤßten Unruhe und Verwirrung zuruͤck. So wußte auch er um ihr ſchmerzliches Geheimnis? ſo hatte ſich Wilhelm dem Freunde vertraut und ge⸗ gen dieſen uͤber ſie geklagt? Was aber ſollte und konnte ſie nun beginnen, wie ſich Ver⸗ haͤltniſſen entziehen, die ſie von allen Sei⸗ ten aͤngſteten und bedruͤckten? Konnte ſie dem geliebten Juͤnglinge wieder vor die Augen treten, nachdem was zwiſchen ihnen in einem unbewachten Augenblicke vorgefal⸗ len war? ſollte ſie ihm neue Hoffnungen geben, die ſie nie in Erfuͤllung bringen durfte, wenn ſie nicht ihren Grundſaͤtzen ungetreu werden wollte? oder ſollte ſie ſei⸗ nen Zuſtand dadurch verſchlimmern, viel⸗ leicht gar gefaͤhrlich machen, daß ſie ſich 104 mit anſcheinender Kaͤlte fortwaͤhrend ſeinem gerechten Wunſche, ſie nur auf einige Au⸗ genblicke an ſeinem Krankenlager zu ſehen, Terſene⸗ ndlich entſchloß ſie ſich, mit Emilie'n und ppien auf kurze Zeit zu ihm zu gehn, aber ſie nahm ſich feſt vor, ihm keinen Anlaß zu neuen Hoffnungen zu ge⸗ ben, ſondern nur als theilnehmende Freun⸗ din vor ihm zu erſcheinen. In Sophienns Begleitung trat ſe daher einige Stunden ſpaͤter in Wilhelms Krankenzimmer; ihre Knie bebten, als ſie uͤber die Schwelle deſſelben trat, und als ihr Blick auf den bleichen, leidenden, ach ſo heißgeliebten Juͤngling fiel, der ihrer ſo ſehnſuͤchtig harrte und deſſen Herz ſie ſo tief durch den Anſchein der Gleichguͤltigkeit betruͤbt hatte, da trat eine Thraͤne, ihr ſelbſt unbewußt, in ihr Auge, und nur mit der groͤßten Anſtrengung erhielt ſie ſich aufrecht. Ein freudiger Glanz zeigte ſich in Wil⸗ 105 — helms Augen, als er endlich die theure, geliebte Geſtalt eintreten ſah; ſeine blaſſen Wangen faͤrbten ſich mit einem leiſen An⸗ flug von Ro³ͤthe und ſich mit Muͤhe empor⸗ richtend, ſagte er mit matter, ruͤhrender Stimme: 8 „Sie kommen endlich, endlich, theure Marie?“ Dann, fuͤhlend, daß er auf dem Punkte ſtehe, ſein Geheimnis vor der mit⸗ eingetretenen Sophie zu verrathen, wandte er ſich mit den Worten an dieſe:„Sie waren guͤtiger, beſte Couſine, denn Sie opferten faſt Ihre eigene, kaum wiederer⸗ rungene Geſundheit auf, um an meinem Krankenlager zu wachen, und auch Emi⸗ lien bin ich tief verſchuldet.“ 3 „Sie thun unſerer M arie Unrecht, lieber Vetter,“ entgegnete die Landraͤ⸗ thin ſanft,„wenn Sie waͤhnen, daß Sie minder großen Antheil als wir an Ihrem Unfalle und Ihren Leiden nahm; ſie aber, die rege Geſchaͤftigkeit beſonders liebt, be⸗ ſorgte mit unermuͤdlichem Fleiße den gan⸗ 106 zen Haushalt, und nur ein Zufall war es wohl, daß ſie bisher nicht in dieſem Zim⸗ mer erſchien; dagegen hat ſie ſich oft und angelegentlich genug nach dem Zuſtande des Freundes erkundigt, uͤber den wir ſie, Gott ſey gedankt, ganz beruhigen konnten.“ Wilhelm wagte nicht ihr hierauf zu antworten, aber ſein leuchtendes Auge hing mit Entzuͤcken an der theuren Geſtalt der Geliebten, die in unnennbarer Verwirrung zur Seite ſeines Bettes ſtand und den Blick nicht zu ihm zu erheben wagte, aus Furcht, daß er zum Verraͤther ihrer Ge⸗ fuͤhle werden moͤchte. Das Geſpraͤch nahm jetzt eine andere Wendung und endete ſo die Verlegenheit Beider, Marie weilte nur ſo lange im Zimmer, bis Emilie eintrat; unter dem Vorwande einer haͤuslichen Beſchaͤftigung entfernte ſie ſich dann wieder, denn mit Recht fuͤrchtete ſie, daß irgend ein Zufall ſie Wilhelm allein gegenuͤberſtellen koͤnnte, und dieſes mußte vermieden werden. — 107 [—— Von dieſer Zeik an erſchien ſie regelmaͤ⸗ ßig, aber immer nur auf eine kurze Zeit, in dem Krankenzimmer, und ſchnitt ſo Wil⸗ helm jede Gelegenheit ab, ein Geſpraͤch unter vier Augen mit ihr zu fuͤhren. Die⸗ ſem entging ihr aͤngſtliches Bemuͤhn, das Alleinſeyn mit ihm zu vermeiden, keines⸗ wegs und welche Unruhe bemaͤchtigte ſich nicht ſeines liebenden Herzens! Wie? ſollte Marie vielleicht nicht mehr frei, ſollte ſie ſchon durch andre Bande gefeſſelt ſeyn? Nur ſo konnte er ſich ja einigermaßen ihr Betragen, ihre ſichtbare Zuruͤckhaltung gegen ihn erklaͤren, denn wie haͤtte er, nachdem was er von ihren Lippen vernommen hatte, noch daran zweifeln koͤnnen, daß ſie ihn liebe? Die Befuͤrchtungen und Beſorgniſſe, welche ſein Herz quaͤlten, hielten ſeine Geneſung auf, die ſonſt fruͤher erfolgt ſeyn wuͤrde, und dieſer Umſtand war es, der Sophienn auch laͤnger in der Reſidenz feſt hielt, denn ſie konnte ſich nicht entſchließen, den ihr ſo theuer gewordenen Verwandten fremder Pflege und Sorgfalt zu uͤberlaſſen; ehe er ganz wiederhergeſtellt ſeyn wuͤrde, wollte ſie nicht nach Seethal zuruͤckkehren, ſo hatte ſie es ſich und ihm gelobt. 14. Roſa lie erſchien jetzt ſeltener als fruͤher bei ihrer Tante; die Baronin hatte ihr erklaͤrt, daß ſie es lieber ſaͤhe, wenn Ma⸗ rie ſie beſuche, und ſie hatte dieſe daher gebeten zu ihr zu kommen. Die Zuſammen⸗ kuͤnfte beider Schweſtern waren jetzt noch mehr getruͤbt als fruͤher, denn auch Marie war nicht mehr heiter und Roſalie verſank in immer tiefere Schwermuth, aus der ſie ſich nicht mehr aufraffen zu koͤnnen ſchien. Ganz und gar befangen von dem eigenen tiefen Lebensſchmerze bemerkte ſie nicht, daß auch Marien's Wangen immer bleicher wurden, und die froͤhlichen Lebenshoffnungen * 109 — welche dieſe ſonſt beſeelt hatten, faſt ganz verſchwunden waren. An einem Abende, an dem Roſalie ungewoͤhnlich bewegt geweſen war, reichte ſie Marie'n beim Scheiden ein verſiegeltes Paquet, indem ſie ſie mit bebender Stim⸗ me bat, es Sophie'n zuzuſtellen. „Mein Schikſal wird jetzt entſchieden werden, Marie,“ ſagte ſie, indem ein ein Strom von Thraͤnen aus ihrem Auge ſchoß;„nachdem Deine Pflegemutter die⸗ ſes geleſen hat, wird es entſchieden ſeyn; es enthaͤlt mein Tagebuch— meine Ver⸗ gangenheit; verwirft ſie mich, findet ſie mich ihrer, eurer Mähe unwuͤrdig, dann wehe mir!“ „O Roſalie, wenn auch ſie Dich verließe, wenn alle Welt Dich verließe, ſo bleibt Dir ja doch Marie! Nimm hier meinen Schwur, wie auch Sophie'ns Ausſpruch iſt, ſo trennt uns nichts wieder! Die Natur vereinte uns, ehe wir uns noch der Bande bewußt ſeyn konnten, die uns 110 ſo eng an einander feſſeln, und jetzt, ſeit ich Dich wiedergefunden, wiedergeſehen habe, verbindet uns ja auch noch die herzinnigſte Liebe; ich kann nicht wieder von dir laſſen, ich theile Dein Schikſal.“ „Du großmuͤthige Seele! aber ich duͤrfte Dein Opfer nicht annehmen; die auch von Sophien verſtoßene Roſalie haͤtte keinen andern Zufluchtsort, als das Grab; Du aber gehoͤrſt dem freundlichen Leben und dereinſt ſchoͤnen Pflichten an; Dir laͤcheln Freude und Gluͤck entgegen, Du haſt noch tauſend Forderungen an das Leben zu machen, die es dir erfuͤllen wird— ich darf nichts mehr begehren, als Schonung, als Nachſicht von edlen Menſchen;— ach ich bin ſo weit gekommen, daß meine einzige Hoffnung auf Erden die iſt, daß Sophie mich liebend in eurer Naͤhe dulden wird; ſo ſcheiden ſich ja unſre Wege, trotz der ſchoͤnen Neigung unſrer Herzen.“ „Roſalie, meine Schweſter, waͤhne nicht ferner in mir eine zum Gluͤck, zur — 111 — 1 Freude, zum heitern Lebensgenuß Beſtimm⸗ te zu ſehen; auch dieſes Herz hat der Schmerz mit ſeiner kalten Hand berührt— ich bin nicht gluͤcklich!“ „ Auch Du nicht Marie! O das in ſchrecklich! Es war mein letzter, mein ein⸗ ziger Troſt, Dich gluͤcklich zu wiſſen, warum mußte das Geſchick mir auch dieſen, noch rauben?! Doch ſage, erzaͤhle mir, was Dich niederdruͤckt; vielleicht vermag die ſelbſt Troſtloſe, Dir doch Troſt zu reichen.“ Marie theilte jetzt der Schweſter mit, was wir von ihren Verhaͤltniſſen ſchon wiſ⸗ ſen und dieſe lauſchte ihrer Erzaͤhlung mit dem lebhafteſten Intereſſe; dann, als ſie geendet hatte, ſchloß ſie ſie unter Thraͤnen der Liebe und Bewunderung in die Arme, indem ſie ſagte:„Du Gluͤckliche, Benei⸗ deuswerthe, welch' ſchoͤnes, welch' edles Leid druͤckt Dich nieder! Ach, an welchen ganz andern, ſelbſtgeſchlagenen Wunden verblutet dieſes Herz! Wohl iſt auch Dein Lebenshimmel umwoͤlkt, aber nicht * 112 von ſchwarzen, verderbendrohenden Gewit⸗ terwolken, und bald wird ein gluͤcklicher Augenblick die leichten Sommerwoͤlkchen zerſtreuen, die Dankbarkeit und edle Ent⸗ ſagung an demſelben aufſteigeneneßen; ſtegreich wird die Sonne des verdiente⸗ ſten Gluͤckes aus ihnen hervorbrechen und dich mit ihrem ſchoͤnſten Glanze umfließen; nur der Schuldige hat nichts mehr zu hoffen,— der Unſchuldige darf vertrau⸗ end ſeine Haͤnde nach allen Lebensguͤtern ausſtrecken!“ „Meine Roſalie verzweifle auch Du nicht daran, daß noch einſt die Freude wie⸗ der auf Deinem Pfade erbluͤhen wird,— hoffnungslos iſt jetzt nur Dein Herz, weil ein allzuheftiger Gram die ſchoͤne Gottheit daraus verdraͤngt hat, die ihn uns mit Bluͤthen beſtreut; aber ſie wird wiederkehren, und auch Du wirſt wieder hoöffen und gluͤcklich ſeyn:“ Roſalie ſchuͤttelte verneinend das ſchoͤne Haupt und ſaß lange ſinnend neben ihr, 3— 8 113 dann ſagte ſie wie, aus ſchweren Traͤumen erwachend:„Du verdienſt gluͤcklich zu ſeyn Marie, und der Himmel iſt gerecht, Du wirſt es werden! Ja waͤre Dir auch von ihm ewige Entſagung auferlegt, dennoch wuͤrdeſt Du nicht uͤngluͤcklich ſeyn koͤnnen; mit dem Gefuͤhl ſolcher Tugend, ſolcher Großmuth im Herzen, wie leicht muß da das Erdenweh zu ertragen ſeyn! O glaube mir, geliebte Schweſter, Du kennſt den Schmerz noch nicht, den Schmerz nicht, der mich nun ſchon ſo lange zerfleiſcht. Auf ein gaͤnzlich verſtoͤrtes, vernichtetes Leben zuruͤckſchauen zu muͤſſen, einer Zukunft ent⸗ gegen zu gehn, deren einzige Gluͤckſeligkeit Reue ſeyn kann, das, das iſt Schmerz und der Himmel bewahre Dich vor ſolchem.“ Der Eintritt der Baronin unterbrach dieſes Geſpraͤch; Marie glaubte in ihren Mienen eine ungewoͤhnliche Bewegung zu leſen und entfernte ſich deshalb, da der Wagen der ſie nach Hauſe bringen ſollte, ſchon lange auf ſie wartete. Die Baronin I. 8 114 ging mehrere Male mit raſchen Schritten im Zimmer auf und nieder, waͤhrend Ro⸗ ſalie die thraͤnenſchweren Augen gegen das Sophakiſſen druͤckte, um die Gluth derſel⸗ ben zu kuͤhlen. Endlich blieb Joſephine vor ihrer ungluͤcklichen Pflegetochter ſtehen und betrachtete ſie lange mit durchdringen⸗ den Blicken, dann ſagte ſie mit faſt lautloſer Stimme: „Prinz Emil iſt jetzt mit der Prin⸗ zeſſin von C. vermaͤhlt!— das ſind nun die Folgen Deiner romantiſchen Ideen, in dieſes Verderben haſt Du Dich und mich durch Deine Ueberſpannung geſtuͤrzt!“ Dieſe erneuten harten, vorwurfsvollen Worte erweckten Roſalien aus ihrer geiſtigen Abſpannung und Erſtarrung; ſie richtete ſich empor, ſah die Baronin feſt an und ſagte: „Duͤrfen Sie mir wegen des Geſche⸗ henen Vorwuͤrfe machen? Haben Sie ein NRecht dazu dieſes vielgepeinigte Herz noch 115 mehr zu zerfleiſchen und mit giftigen Reden zu durchbohren 1˙* „Wohl habe ich ein Recht Dich we⸗ gen Deiner Thorheit zu ſchelten, da meine Bitten, mein Flehen nichts uͤber Deine unſeligen Entſchluͤſſe vermochten; haͤtteſt Du meinem Nathe gefolgt, ſo ſtaͤndeſt Du jetzt an der Stelle der Prinzeſſin.“ „Damals, gnaͤdige Frau, damals haͤtten Sie mich warnen, zuruͤckhalten ſollen, als eine ungluͤckliche Leidenſchaft zu einem Manne, der, den einmal beſtehenden Ver⸗ haͤltniſſen nach, nie der Meine werden konnte, meine Vernunft bethoͤrte; nicht Sie, deren gereiftere Erfahrung alle Folgen einer ſolchen Verbindung haͤtte vorausſehen ſollen, haͤtten ihr Vorſchub leiſten muͤſſen; Sie verſprachen mir Mutter zu ſeyn und ſind meine Verderberin geweſen.“ „Thoͤriges undankbares Maͤdchen, was habe ich denn gewollt, als Dein Gluͤck, und dieſe Vorwuͤrfe ſind der Lohn meiner Liebe fuͤr Dich!“ 8* 116 „Sie haben ſie mir abgezwungen; ſoll ich denn zu Tode bluten unter den Vorwuͤr⸗ fen, womit Sie mich taͤglich und ſtuͤndlich verwunden, ohne durch einen Schrei des Schmerzes mein Gefuͤhl kund zu geben? Ich habe bis zu dieſem Augenblick geſchwie⸗ gen und geduldet, ja, meine Selbſtverleug⸗ nung ging ſo weit, daß ich mir allein die Schuld der Vergangenheit aufbuͤrdete, unter der ich faſt erlag, bis Sie ſelbſt mich einen Blick in Ihre ehrſuͤchtigen Plaͤne, und da⸗ durch in Ihr Herz thun ließen; ja, ich habe jetzt erkannt, daß Sie mindeſtens eben ſo ſchuldig ſind, als ich es bin, und vielleicht noch mehr!“ „Und was anders als Liebe fuͤr Dich konnte mich ein ſo gefaͤhrliches Spiel wagen laſſen? Nun ja, ich hegte den Wunſch, Dich zu dem Range einer Fuͤrſtin erho⸗ ben zu ſehen, und Du waͤrſt es geworden, wenn Deine thoͤrigen Grundſaͤtze von Großmuth und jene romantiſche Ueberſpan⸗ 117 nung Dich nicht zu einem Schritte verleitet haͤtten, der alle meine Plaͤne auf einmal untergrub; freilich, ſolche Thorheit von Seiten eines Maͤdchens, das ich erzog, in meinen Grundſäaͤtzen erzog, konnte ich nicht mit in meine Berechnungen ziehn, und ſo haben wir freilich beide das Spiel verloren, das ohnedem gewonnen geweſen waͤre, denn nie haͤtte der Prinz es wagen duͤrfen, ſich einem andern Maͤdchen zu ver⸗ loben, ſo lange jenes feierliche, ſchriftliche Eheverſprechen noch in unſern Haͤnden ge⸗ weſen waͤre.“ „Wehe Ihnen, daß Sie mit dem Gluͤcke zweier Menſchen, mit ihren Herzen ein Spiel treiben konnten! Was ich aber in Hinſicht auf jenes ſchriftliche Verſprechen gethan, das, nur das allein werde ich nie bereuen; es war die erſte Erhebung von dem tiefen Falle, in den Jugend, Liebe und Unbeſonnenheit mich geſtuͤrzt haben. Emil ſelbſt forderte dieſes Papier von mir zuruͤck, 118 er mußte es von mir zuruͤckfordern, wie haͤtte ich es ihm da noch wertveigern koͤn⸗ nen? ⸗⸗ „Und was willſt Du nun beginnen, da er ſeine Hand am Altare einer Andern reichte?“ „Mich dem Himmel und ſeinen Be⸗ ſchluͤſſen zu unterwerfen, ſchweigen und bereuen.“ „Weiß die Landraͤthin etwas von Deinen Verhaͤltniſſen? biſt Du auch ſo thoͤrig geweſen, dieſe zur Vertrauten zu machen? 42** „Sie wird Alles erfahren, mein Herz⸗ bedurfte der Theilnahme, und bei Ihnen fand ich nur Vorwuͤrfe,“ enggegnete ihr Roſalie feſt. „ungluͤckliche, was haſt Du gethan! Auch der Demuͤthigung muß ich mich alſo nooch unterwerfen, dieſer ſtolzen Frau erroͤthend gegenuͤber zu ſtehn?“ ſagte die 6 149 Baronin erbleichend, indem ſie ſich auf den Stuhl zuruͤcklehnte. ——⸗—— 15. Sophie hatte die nachfolgenden Be⸗ kenntniſſe Roſaliens geleſen nnd legte ſie ſtill vor ſich hin, indem ſie das thraͤ⸗ nenſchwere Haupt mit der Hand ſtuͤtzte und ſinnend eine Zeitlang in dieſer Stel⸗ lung ſitzen blieb. 3 „Dahin iſt es alſo mit dieſem eben ſo hoffnungsvollen als ſchoͤnen Maͤdchen gekom⸗ men,“ ſagte ſie endlich, 1m, daß alle Bluͤthen des Lebens zerknickt vor ihm lie⸗ gen? Dieſe Roſalie, die von der Natur dazu beſtimmt ſchien, ein Meiſterſtuͤck der Schoͤpfung zu ſeyn, ein Gegenſtand allge⸗ meiner Bewunderung, fleht jetzt das Mit’ leid und die Nachſicht eines gefuͤhlwollen Herzens an, und ſucht darin den letzten Troſt! Ja, komm' an dieſe Bruſt, in dieſe 120 Mutterarme, Du Mißgeleitete! Dieſe Augen haben Thraͤnen fuͤr Deinen gerechten Schmerz, dieſes Herz hat Liebe fuͤr Dich! Du haſt menſchlich, jugendlich geirrt, aber nicht gelang es der Verſchrobenheit und dem herzloſen Ehrgeize Dein Herz zu ver⸗ giften;— Dein Leben, Dein Gluͤck konnten ſie vernichten, aber nicht Dir den angebor⸗ nen Adel der Geſinnungen rauben.“ In dieſem Geiſte der Milde ſchrieb Sophie an Roſalien und ſchloß ihren Brief mit den Worten: G„Sch fuͤhle, mein geliebtes, unglüͤckliches „Kind, daß eine Veraͤnderung des Aufent⸗ mhalts, daß thaͤtige Liebe und Troſt Dir „Noth thun! So eile denn zu uns, theile nunſre begluͤckende Abgeſchiedenheit von der „Welt und jenen truͤgeriſchen Freuden, die „den Sinnen ſchmeicheln, und das Herz leer „laſſen. Unſere Arme ſind Dir geoͤffnet; „Du wirſt zwei zaͤrtliche Schweſtern und „eine liebende Mutter finden, die Wunden, „welche das Geſchick Dir ſchlug, werden, 121 „ſanft beruͤhrt von der Zeit, heilen, und „die Thraͤnen, welche jetzt ſo heiß Deinen „Augen entſtroͤmen, milder fließen.“ „Rede offen mit der Baronin, denn „das biſt Du ihr ſchuldig, ihr und Dir ſelbſt; „aber faſſe einen feſten und wuͤrdigen Ent⸗ „ſchluß. Hier, wo Dich Alles an die Ver⸗ „gangenheit und an das erinnert, was Du „verlorſt, hier darfſt Du nicht bleiben, denn „Dein Leben wuͤrde von dieſem Aufenthalte, „in der Naͤhe des heißgeliebten Mannes, „bedroht werden, und Du darfſt nicht fre⸗ „ventlich in Dein Daſeyn greifen, welches „ſelbſt dadurch geſchieht, daß man einen „ſolchen Gram naͤhrt und ihm die Herr⸗ „ſchaft uͤber ſich geſtattet.“ 4 a. „Deine Schweſtern duͤrfen nicht erfah⸗ „ren, welche Art von Ungluͤck Dich zu „Boden druͤckt; ſie werden Dir ihre Theil⸗ „nahme ſchenken, ohne zu wiſſen woher „Dein Schmerz ſtammt; ich kenne ja ihre „weichen, gefuͤhlvollen Herzen.“ „Ich halte es fuͤr noͤthig, daß auch ich 1 122 „mit der Baronin rede, ſo ſchwer es „mir auch werden wird, mich derſelben in „dieſer Angelegenheit gegenuͤber zu ſtellen; naber alles was von uns gethan wird, „muß offen geſchehen, denn keine Art von „Hinterliſt, ſelbſt zu guten Zwecken nicht, „darf ſich der geſtatten, der mit ſeinem „Bewußtſeyn in Einigkeit zu leben wuͤnſcht, „und dahin ging immer mein Streben. „Ich werde alſo mit Joſephinen reden, „werde ihr offen meine Anſichten uͤber das „Vorgefallene mittheilen und ſie dann bit⸗ nten, Dich in Frieden ziehn zu laſſen; nich zweifle nicht, daß ſie es zugeben wird; „Du haſt Recht, Trennung iſt fuͤr Euch „Beide das Wuͤnſchenswertheſte.“ „Bis zu unſerm naͤchſten Wiederſehen nempfehle ich Dich der Gnade und Obhut „des Allmaͤchtigen; vereint wollen wir ihn „darum bitten, daß er Dir Kraft verleihe „Deinen Schmerz zu ertragen.“ „Deine zaͤrtlich liebende Tante“ „Sophie von Seethal.“ 123 Nachdem dieſer Brief vollendet und abge⸗ jendet war, begab ſich Sophie zu ihren Kindern, die ſie bei Wilhelm fand, dem Beide abwechſelnd vorlaſen. Aengſtlich forſchte Ma rie nach den Mienen ihrer geliebten Pflegemutter, denn ſie wußte, daß dieſe Roſaliens Bekennt⸗ niſſe geleſen hatte, die ſie ihr ſelbſt uͤber⸗ bringen mußte, und daß nun das Schickſal der armen Schweſter, in ſofern, es von Sophie'n abhing, entſchieden ſey. Die Landraͤthin, welche ihre Blicke verſtand, reichte ihr zaͤrtlich ihre Hand, die ſie ehrfurchtsvoll an die Lippen druͤckte. „Ich habe an unſre Roſalie geſchrie⸗ ben,“ fluͤſterte Sophie der aͤngſtlich Be⸗ wegten zu,„und hoffe, daß ſie die Unſre werden wird; faße Muth und Hoffnung, meine Tochter!“ Dieſe wenigen Worte beruhigten Ma⸗ rie'n unendlich, und ſie war an dieſem Abende heitrer, als ſio es ſeit langer Zeit ageweſen. Ihre frohe Stimmung theilte ſich 124 ſelbſt Wilhelm mit, der neue Hoffnungen fuͤr die Zukunft zu ſchoͤpfen begann, als er die Geliebte ſo ungewoͤhnlich froh ſah. Au⸗ guſt fand ſich auch noch zu ihnen ein, denn ungern verſaͤumte er es, ſich wenigſtens auf einige Stunden des Tages bei dem lei⸗ denden Freunde aufzuhalten. Am andern Morgen fuhr Sophie zu Joſephinen und erbat ſich von ihr eine geheime Unterredung, die ihr nicht verwei⸗ gert werden konnte, ſo ſehr ſich auch die Baronin davor fuͤrchtete. Roſalie, die ihre Tante hatte kom⸗ men ſehen, begab ſich mit einem aͤngſtlichen Herzklopfen auf ihr Zimmer, denn ſie wußte ja, daß die Unterredung beider Frauen Be⸗ zug auf ihr Schickſal haben wuͤrde und dſ zitterte ſie mit Recht davor. „Ich komme, Frau Baronin,“— Sophie ernſt) nachdem Beide auf dem Sopha Platz genommen hatten,„ich kom⸗ me Sie zu bitten, mir die Tochter meiner geliebten verſtorbenen Schweſter mit nach 125 —— Seethal zu geben, wohin ich in Kurzem zuruͤck zu kehren gedenke.“ „Dieſe Forderung uͤberraſcht mich in der That, Frau Landraͤthin,“ entgegnete Joſephine mit erzwungener Kaͤlte;„ich glaubte, daß ſich Roſalie wohl bei mir befaͤnde, und ſo hoffe ich, daß ihr der fer⸗ nere Aufenthalt in meinem Hauſe auch ange⸗ nehm ſeyn wuͤrde, wie ich ihn paſſend fuͤr ſie ſinde.“ „Roſalie befaͤnde ſich wohl, gnaͤdige Frau? und Sie koͤnnten wirklich glauben, daß der fernere Aufenthalt an dieſem Orte und unter dieſen Verhaͤltniſſen heilſam fuͤr ſie waͤre?“ Sie ſah bei dieſen Worten die Baro⸗ nin mit einem Blicke des Vorwurfs an, den dieſe nicht zu ertragen vermochte, ſon⸗ dern daz Auge zu Boden ſenkte, ohne ihr antworten zu koͤnnen. „Ich haſſe jede Art von Vorſtellung,“ fuhr Sophie fort;„ich weiß Alles; Ro⸗ falie, die ungluͤckliche Roſalie ſelbſt, ſetzte 126 mich in Kenntnis von dem, was zwiſchen ihr und dem Prinzen vorgegangen iſt; ſie hatte den Muth, mir nichts, gar nichts zu verhehlen, und ſo dringe ich ernſtlich auf ihre ſchleunige Entfernung von einem Orte, wo ſchon ihre Tugend Gefahren erlag und ferner erliegen koͤnnte, wo Alles ſie an das Ungluͤck ihres grauſam verkuͤmmerten Da⸗ ſeyns erinnern muß.“ „Und mir machen Sie Vorwuͤrfe wegen des Geſchehenen?“ fragte Joſephine mit der Roͤthe der Beſchaͤmung und Verwirrung auf den Wangen. „Sie fragen mich, ſonſt wuͤrde ich hier⸗ uͤber meine Anſicht verſchwiegen haben; alſo denn, Frau Baronin, Sie, Sie allein klage ich an, Sie waren es, die, um eines verwerflichen Ehrgeizes willen, ein edles, hochherziges Geſchoͤpf dem ſichern Verderben weihten und ſie dem fuͤrſtlichen Verfuͤhrer in die Arme lieferten. Wohin konnte ein Verhaͤltnis zwiſchen einem, vom Schickſal ſo hochgeſtellten, Manne und meiner Nichte 127 fuͤhren, als zum Ungluͤck der Letztern! Was vermochten alle Verſprechungen, ſchriftliche oder muͤndliche, gegen den Willen des Ge⸗ walthabers, der ſie alle durch ein Macht⸗ wort vernichten konnte? Mit fuͤrſtlichem Glanze wollten Sie Roſalien geſchmuͤckt ſehen, mit den funkelnden Diamanten der Herrſcherkrone!— ach! Sie vermochten nur Perlen des herbſten Schmerzes in ihre Au⸗ gen zu locken und ſtatt des Diadems reich⸗ ten Sie ihr die Dornenkrone des verletzten Bewußtſeyns! Dieſes holde, liebliche Ge⸗ ſchoͤpf, beſtimmt dazu, die Wonne eines Mannes zu ſeyn, beſtimmt zu dem ſchoͤn⸗ ſten Gluͤck, und vermoͤge ſeiner edlen Natur ſo wuͤrdig deſſelben, wurde auf immer durch Sie dem verzehrendſten Schmerze geweiht und der nimmer endenden Reue! Sie ver⸗ ſprachen, ihre Jugend vor Fallſtricken zu beſchuͤ⸗ tzen, die Unſchuld Roſaliens zu bewahren; erinnern Sie ſich, wie ſtolz Sie mir ant⸗ worteten, als ich Sie dringend bat, meiner Sorgfalt auch dieſes zweite Kind mei⸗ 128 ner geliebten Schweſter zu uͤbergeben; jetzt frage ich Sie im Angeſichte Gottes, ſind Sie es nicht, die dieſe ſuͤße Bluͤthe knickten?“ Die Landraͤthin ſchwieg erſchoͤpft von dieſer langen und heftigen Rede, waͤhrend die Baronin lautſchluchzend ihr Geſicht in ihr Tuch verbarg. Ja, dieſes kalte, ſtolze Herz war endlich erfaßt von dem Ge⸗ fuͤhle ſeines Unrechts und ſeiner Unwuͤrdig⸗ keit, dieſe gerechten Vorwuͤrfe einer ſo ed⸗ len und ſonſt ſo milden Frau brachten das Gefuͤhl der Vernichtung uͤber daſſelbe und ſo wagte Joſephine es nicht, den Blick zu ihr zu erheben. „Jetzt,“ fuhr Sophie mit ſanfterer Stimme fort,„jetzt Frau Baronin, goͤn⸗ nen Sie mir die ſchmerzliche Wonne, die⸗ ſes arme vernichtete Geſchoͤpf, dieſe zertre⸗ tene Bluͤthe mit mir zu nehmen, um zu verſuchen, was Liebe und wahre Zaͤrtlichkeit noch fuͤr ſie zu retten vermoͤgen; Sie haben eine Zeitlang mit dieſer prachtvollen Blume geſpielt, ſie iſt in in Ihren Haͤnden welk 129 und unſcheinbar geworden, was koͤnnen Sie jetzt noch mit damit wollen? Laſſen Sie mich ſie nun vom Boden aufheben, denn fuͤr mich hat ſie noch Werth— Ihnen antn ſie nichts mehr gelten!“ Sophie'ns Thraͤnen floſſen bei dieſen Worten; die Wehmuth, der heißeſte Le⸗ bensſchmerz hatten ihren edlen, gerechten Zorn verdraͤngt und ſelbſt nicht ohne Mit⸗ leid ſchaute ſie auf die weben ihr vergehende Joſephine. Dieſe richtete ſich endüich empor, und ihre Thraͤnen trocknend, ſagte ſie: i Can 5 Ja nehmen Sie ſie hin/ Saphie, nehunen ſie Roſalien hin,— ſie war das einzige Weſen, welches ich wahrhaft auf Erden liebte, und. dennoch konnte ich ſie dem Verderben uͤberliefern, weil Eitelkeit und Stolz mich verblendeten.— Ich ver⸗ diene nicht laͤnger ſie zu beſi itzen, und ſie hat ein Recht mich zu haſſen; aber Sie Sophie, die man mild und gut nennt, naͤhren Sie nicht den Haß in dem einzigen 1. 9 4130 Herzen, von dem ich geliebt zu ſeyn wuͤnſchte, laſſen Sie Roſalien meinem Andenken mnicht fluchen! Ihre Verwuͤrfe habe ich ver⸗ dient, Sie hatten ein Recht hart gegen mich zu ſeyn, aber Roſalie hat es nicht, denn ich liebte ſie ja unendlich!“,e ** Bei dieſen Worten verließ ſie raſch das Zimmer, denn ſie vermochte ihren Thraͤ⸗ nen nicht mehr zu gebieten und wollte doch den Anblick derſelben Sophie'n entziehen. „ungluͤckliche!“ ſeufzte dieſe ihr nachſe⸗ hend⸗,„du liebteſt ſie und konnteſt ſie den⸗ noch ſo namenlos elend machen? was haben dane nicht 8. die eza benigie die du dehseſee A 1 l S 35 1112343 11196 Roſaliens Bekenntniſſe;. 4 lhatmeſe uoshu hnir 16 Am 7ten Maͤrz. Das war einmnat wieder ein froher dan Die beiden Prinzeſſinnen waren ſo 6 4 f 13¹ heiter, ſo freundlich gegen mich, und Alles Beneidete mich ſichtbar wegen dieſer aus⸗ zeichnenden Gunſt, beſonders die alberne Ottilie, die ſich ſo gern das Anſehn einer Favorite geben moͤchte und doch nie weiter koͤmmt, als daß Prinzeßin Mathilde eeine oft grauſame Neckerei mit ihrer Einfalt und innern Beſchraͤnktheit treibt, und ihre Schwe⸗ ſter Adelaide ihr allerlei Geſchaͤfte auf⸗ buͤrdet, die ſich fuͤr ihren Stand und ihre Verhaͤltniſſe nicht ſchicken. Wenn ſie dann unter den Arbeiten, die eigentlich der Kam⸗ merfrau zukommen, faſt erliegt, ſchleichen wir Drei uns in ein andres Zimmer und freuen uns, ihren ſpaͤhenden Blicken und ihrem Aufhorchen, was uns oft bei unſern Geſpraͤchen ſehr uſis Fint, entgangen zu ſeyn. Meine Tante war r heute auch mit mir zufeieden, denn der ſchwediſche Geſandte, Graf M. konnte nicht muͤde werden, mein Spiel auf der Harfe und meinen Geſang zu bewundern; ich glaube, der gute Hert 9* 132 hat Abſichten auf mich und iſt nicht unge⸗ neigt mir ſeine Hand anzubieten. Er iſt unermeßlich reich, beſitzt viele Kenntniſſe, ein angenehmes Benehmen, viel Ritterlich⸗ keit und Anſtand— aber er iſt wenigſtens vierzig Jahr alt, und das ſtellt alle ſeine guten Eigenſchaften in den Schatten. Nein, ich koͤnnte mich nie uͤberwinden, einem Manne von vierzig Jahren meine Hand zu reichen, und waͤre er ein Muſter aller Vollkommenheiten! Alſo abgeſtanden, mein Herr Graf von allen Ihren Haiaungen und Wuͤnſchen! Meine Tante hat mir in der Freude ihres Herzens, uͤber des Grafen breites Lob, gleich eine der ſchoͤnſten Pariſer Pe⸗ dalharfen verſprochen, und das freut mich, denn die Prinzeſſinnen haben auch welche erhalten; ich glaube, das war auch ein Beweggrund fuͤr meine Tante mehr, ſie mir zu geben, denn ſie ſieht es gern, wenn ich in keiner Hinſicht hinter den Prinzeſſinnen zuruͤckſtehe; auch iſt ſie 4 133 ja ſo unermeßlich reich, daß ſie dieſer Grille wohl Raum geben darf! 1 Am 19ten Maͤrz. Der Graf ruͤckt mit ſeinen Abſichten naͤher, und auch meine Tante ſcheint es zu bemerken, aber ich kann noch immer nicht errathen, ob ſie ſeine Wuͤnſche begaͤnſtigt oder nicht; dem ſey nun wie ihm wolle, der Graf wird nie mein Gemahl! Frei⸗ lich ſieht man ihm ſeine vierzig Jahr noch kaum an, denn er kleidet ſich geſchmackvoll und hat ſich ſehr gut conſervirt, aber trotz allen dieſen koͤnnte ich mich nie entſchließen die Seine zu werden, denn wie wuͤrde Mathilde ſſich uͤber mich aufhalten, wenn ich einem Manne die Hand gaͤbe, der mehr als noch einmal ſo alt iſt, als ich es bin! und was zwaͤnge mich auch dazu, einen ſolchen Schritt zu thun? bin ich den nicht gluͤck⸗ lich!— Gluͤcklich?— zuweilen iſt es mir, als ſey ich es doch nicht ganz, aber ich weiß 134 nicht was mir eigentlich fehlt, um es voll⸗ kommen zu ſeyn; wenn ich aber ganz gluͤck⸗ lich waͤre, wuͤrde ich dann wohl oft eine ſolche Leere in meinem Herzen fuͤhlen, die durch nichts ausgefuͤllt wird, was mir meine Verhaͤltniſſe darbieten? Zuweilen faͤllt es mir ſchwer auf die Seele, daß ich doch eigentlich ein ganz verwerfliches, unnuͤtzes Leben fuͤhre, das zu gar keinem ſchoͤnen und erfreulichen Ziele leitet, das keinen andern Zweck hat als mich zu ergoͤtzen; ich habe einmal mit den Prinzeſſinnen daruͤber geſprochen, aber ſie haben mich ausgelacht, ja es ſchien mir, als verſtaͤnden ſie nicht einmal was ich meinte; nun, ſie moͤgen Recht haben und ich bin wohl nur eine Thoͤrin, eine arge Schwaͤrmerin. Bei meiner Tante wuͤrde ich mit ſolchen Ideen gar uͤbel ankommen und ich haͤtte gewiß eine Standrede uͤber Undank⸗ barkeit gegen ſie auszuhalten, wenn ich ihr einmal ſagte, daß ich, trotz allem dem was ſie fuͤr mich thut, mich doch oft recht ſehr nicht leiden wenn ich einmal ernſt ausſehe, und nennt mich dann gleich eine Grillenfaͤn⸗ gerin, eine heilloſe Schwaͤrmerin; ſollten es denn wirklich Grillen ſeyn, die mich zuweilen beunruhigen und ernſt machen? 1 d r 21. 3 2 n. 3 nit Am 24ſten Maͤrz. Das war ein glaͤnzender Ball; und auch Prinz Emil beehrte uns mit ſeiner Ge⸗ genwart dabei, was die Tante ganz beſon⸗ ders zu erfreuen ſchien, denn ſie hatte nicht gehofft, daß er kommen wuͤrde, da er den Tanz nicht eben beſonders liebt. Der Prinz iſt der ſchoͤnſte und angenehmſte Mann, den ich je geſehen habe; er koͤmmt jetzt viel öͤfterer als ſonſt in die Gemaͤcher ſeiner Schweſtern und unterhaͤlt ſich oft Stunden lang mit uns; auch Mathilde und Ade⸗ läide ſehen das gern, denn immer fuͤhrt er uns eine heitre, angenehme Unterhal⸗ tung zu. 136 Ich bin noch ſo angeregt und kann nicht ſchlafen, weil mir die rauſchende Ballmuſik noch immer vor den Ohren herum gaukelt; da will ich mich denn mit dem Niederſchrei⸗ ben des eben Erlebten beſchaͤftigen. Der Prinz tanzte faſt den ganzen Abend nur mit mir und ich habe es ihm nicht angemerkt, daß er ſich ungern die⸗ ſem Vergnuͤgen hingiebt. Graf M. ſchien recht ſehr verſtimmt zu werden, als er mir ſeine Hand zum Tanze bot und der Prinz mit der Bemerkung dazwiſchen trat, daß ich mich ihm ſchon verſprochen habet; das war eine kleine Luͤge von ihm, aber im Herzen freute ich mich doch daruͤber, denn ſie ſchmeichelte meiner Eitelkeit. Graf M. trat jetzt mit Beſcheidenheit zuruͤck, aber ich las es in ſeiner Miene, daß er ſchmerzlich betroffen war, als ich wieder mit Emil tanzte; er zog ſich zuruͤck und ſchauete den ganzen Abend nur noch zu; es that mir leid, ihn mit unangenehmen Gefuͤhlen kaͤmpfen zu ſehen, denn je mehr ich ihn kennen lerne, 137 je weniger kann ich ihm meine Achtung, ja ich moͤchte faſt ſagen, meine Bewunderung, verweigern; er zeichnet ſich in der That vor allen andern Maͤnnern durch die Tiefe ſeines Geiſtes und ſeine Ueberlegenheit aus; ich glaube ich koͤnnte ihn lieben, wenn— aber ſtille, ſtille, du thoͤriges Herz, das was dich in dieſem Augenblick durchzuckte, darfſt du dir ſelbſt nicht geſtehen! Es waͤre vielleicht beſſer, vielleicht recht gut, wenn ich die Bewerbung des Grafen beguͤnſtigte, und ich wuͤrde an der Seite dieſes edlen Mannes eine ſehr gluͤckliche Gattin werden, das leidet keinen Zweifel. Selbſt der Fuͤrſt ſprach neulich mit der hoͤch⸗ ſten Achtung von ihm und nannte ihn einen der kenntnisreichſten und ausgezeichnetſten Maͤnner des Jahrhunderts.—— Ob meine Tante wohl wuͤnſcht, daß ich ſeine Neigung beguͤnſtige! ich glaube das kaum, denn ſeit einiger Zeit ladet ſie ihn ſeltener als ſonſt zu uns ein. — 138 Am 25ten Maͤrz. Warum beobachtet mich meine Tante immer ſo genau, wenn der Prinz mit mir redet? warum will ſie immer wiſſen, was er zu mir geſprochen hat? Sollte in der That ein unwuͤrdiger Gedanke— 2— Aber nein, das iſt nicht moͤglich, ſie kennt meine und des Prinzen Grundſaͤtze und Ge⸗ ſinnungen; auf Emil, der in jeder Hin⸗ ſicht ein Muſter ſeines Standes iſt, und der hoͤchſten Sittlichkeit und Rechtlichkeit in Worten und Thaten ſich befleißigt, iſt kein Schatten von Verdacht zu bringen, und darum gebe ich mich dem Verkehr mit ihm auch ſo ohne alle Furcht hin. Und wenn meine Tante wirklich Mistrauen gegen ihn haͤtte, wuͤrde ſie uns dann ſo oft Gelegenheit geben uns zu ſehen und zu ſprechen? muͤßte ſie nicht meine Beſuche bei ſeinen Schweſtern einſchraͤnken, wo ſie immer ſicher iſt, daß ich ihn ſehe? Das kann es alſo nicht ſeyn, was ſie zu ſolchen 4 139 Nachforſchungen bewegt— was dann AIeE tt Am 30ten Mäͤrz.) ur Iſt es meine Pflicht, daß ich meinet Tante jedes Wort wiedererzaͤhle, was Emil zu mir ſpricht? Er iſt jetzt ganz anders in ſeinem Betragen gegen mich, als fruͤher; ehrfurchtsvoller, feierlicher moͤcht' ich es nennen; aber darum nicht minder herzlich. Ich bemerke, daß es ihn beun⸗ ruhigt, wenn ich mit dem Grafen rede, und doch macht mir dies Vergnuͤgen, weil ich nie Jemand ſo geiſtreich ſprechen hoͤrte als ihn. Wie er die Welt und die Men⸗ ſchen kennt und mit welchem Scharfblick er alle Verhaͤltniſſe uͤberſchaut! Alles beugt ſich vor ſeinem Geiſte und wie ein Heros ſteht er unter den Andern ſtets da; ſelbſt Emil ſcheint ihn zu bewundern, obgleich er ihn nicht liebt. Heute fragte er mich mit einer gewiſſen aͤngſtlichen Unruhe:„Finden Sie denn ſo 140 großes Vergnuͤgen daran, mit dem Grafen zu ſprechen? Mich duͤnkt, die Geſpraͤche eines ſo ernſten und aͤltlichen Mannes“— er legte auf das letzte Praͤdicat einen beſon⸗ dern Ausdruck—„duͤrften nicht eben gar zu große Reize fuͤr eine ſo junge, heitre Dame haben, als Sie mein Araͤuldtn es ſind!“ Die letzte Denerkung, ich geſtehe es, verdroß mich ein wenig; wie! haͤlt der Prinz mich denn fuͤr ſo leer und flach, daß ein tiefes und ernſtes Geſpraͤch mir nicht zuſagen duͤrfte? In dieſer gereizten Empfindlichkeit antwortete ich dem Frager raſch und ohne mich gehoͤrig zu bedenken: „Sie treten in der That dem Grafen und mir zu nahe, mein Prinz! ihm, wenn Sie waͤhnen, daß er mich von Gegen⸗ ſtaͤnden unterhielte, die kein Intereſſe fuͤr mich haben koͤnnten, und mir, wenn ſie glauben, daß nur flache und frivole Reden mir gefallen; des Grafen Unterhaltung iſt immer von der Art, daß ſie Jedem zuſagen 1441 muß, der Geiſt und Herz hat, und er weiß den Stoff dazu immer nach der Faͤhigkeit benen zu waͤhlen, mit dem er ſpricht.“ en Der Priinz hoͤrte mir mit einer erſtaun⸗ ten, gekraͤnkten Miene zu, dann ſagte er empfindlich:„Ich habe wirklich um Verzei⸗ hung zu bitten mein Fraͤulein, und ahnete nicht, daß es ſo ſtuͤnde— daß das Gluͤck des Grafen und mein Unsſücs ſchon entſchieden waͤre!“ 16 Mit dieſen Worten entfernte er 9 von mir, und meine Tante, welche uns nach ihrer Gewohnheit mit den Augen bewacht hatte, ergriff die erſte paſſende Gelegen⸗ heit, ſich zu mir zu begeben und mir zuzufluͤſtern:„Was ſagte der Prinz? er ſchien ſehr unmuthig, als er mit Dir ſprach, ja er ſchied ſichtbar mit Unwil⸗ len von Dir! Sieh nur, wie er daſitzt und in Gedanken verloren ſcheint.’ Ich ſah mich jetzt nach Emil um, und bemerkte daß er in der That ſehr traurig ausſah und vergebens nach Faſſung rang⸗ 142 In der Uebereilung erzaͤhlte ich meiner Tante unſre ganze letzte Unterredung, und ſie antwortete mir darauf kopfſchuͤttelnd: „Du haſt nicht wie ein kluges Maͤdchen gehandelt, und ſehr unrecht gethan dem Prinzen die Idee zu laſſen, ja ihn darin zu beſtaͤrken, daß der Graf Dir etwas ſey; doch uͤber dieſes Kapitel muͤſſen wir ſpaͤterhin bei mehr Muße deutlicher reden, denn ich ſehe daß es Zeit iſt, Dir die Augen endlich zu oͤffnen!l’““ ils Dieſe Worte verſetzten mich in das — Erſtaunen und verſenkten mich in ein Nachdenken, aus dem ſelbſt das Ge⸗ wuͤhl der großen Geſellſchaft mich nicht zu erwecken vermochte, und nur der leiſe Zu⸗ ruf meiner Tante:„Faſſe Dich doch Roſalie, und gieb keine Veranlaſſung zur Aufmerkſamkeit durch ein ſo ſeltſames Betragen;“ machte mich auf das aufmerk⸗ ſam was ich dem Anſtande ſchuldig war. Der Prinz nahte ſich mir den ganzen Abend nicht wieder, aber er verfolgte mich —— 443 mit ſeinen Blicken, und als Graf Ma mir den Aum bot, um mich zur Tafel zu fuͤh⸗ ren, ſah ich eine hohe Roͤthe ſein Geſicht uͤberflammen. O Gott, wenn meine Ahnun⸗ gen wahr waͤren, wenn Emil mich liebte, wenn meine Tante die Meinung hegte, daß er—— 2 Ich verliere mich in ein Labyrinth von Vermuthungen, und win fur heunt fäließen— 819 42 20 A 2 u8u Ss Ans 1öten Apat. in. 4s geiß, er liebt mich, Emil liebt uncht wie koͤnnte ich noch zweifeln, nach⸗ dem was ich heute erlebt, was ich dieſe ganze Zeit uͤber bemerkt habe? Der Prinz war, ſo oft ich ihn ſah, truͤbe und in ſich gekehrt; begegnete ihm zufaͤllig mein Blick, ſo wandte er den ſeinigen ab, anicht mit mit Unwillen, aber mit Schmerz; redete er mich an, ſo zitterte ſeine Stimme und nur muͤhſam verbarg er ſeine innere Bewegung. Heute ſagte Mathilde zu mir:„Mein 144 Bruder hat ſich ganz und gar veraͤndert, wir Alle kennen ihn kaum mehr, und aus dem heitern jungen Manne iſt ein finſtrer Traͤumer geworden; ich mag ihn ſo gar nicht und es iſt mir jetzt immer unangenehm wenn er zu uns koͤmmt, denn ſeine Gegen⸗ wart verſcheucht jede heitre Laune, ſtatt daß er ſie ſonſt zu uns brachte. Er muß verliebt oder ein Philoſoph geworden ſeyn, denn er ſchließt ſich oͤfters ein und ſtudirt Tag und Nacht. Auch gegen Sie Roſalie, iſt er nicht halb ſo freundlich wie ſonſt; Sie haben ihn doch nicht etwa beleidigt?“ Dieſe Worte peinigten mich unendlich und ich wußte nicht, was ich ihr darauf antworten ſollte; dann ſagte ich ihr etwas ziemlich Albernes und freute mich, als der Eintritt Ottiliens unſer Geſpraͤch unterbrach, Dieſe kam mit einem niedlichen Koͤrbchen voll der ſchoͤnſten Provinzroſen, die der Schloßgaͤrtner im Treibhauſe gezogen hatte und nun durch ſie den Prinzeſſinnen uͤberreichen ließ. Weil er wußte, daß dieſe 145 die Roſen beſonders liebten, war der gute alte Mann bemuͤht, zu jeder Jahreszeit Roſenſtoͤcke in Bluͤthe zu haben, und nun brachte er ihnen fuͤr den Fruͤhling die letzte Huldigung damit dar, indem in Freien die Knospen ſchon ſtark ſchwellen, ſie alſo bald uͤberall bluͤhen werden. „Ei, ſieh da, unſer alter Freund,“ ſagte Adelaide uͤber den lachenden Anblick erfreut,„bringen Sie ihm das zur Gegen⸗ gabe liebe Ottilie, und unſern freundlich⸗ ſten Dank dazu!“ Bei dieſen Worten reichte ſte der Geſchaͤftigen einige Goldſtuͤcke, die damit davon eilte, um ſie dem Schloßgaͤrt⸗ ner zuzuſtellen. „Jetzt wollen wir einmal recht ver⸗ ſchwenderiſch ſeyn,“ ſagte die froͤhliche Mathilde, und uns insgeſammt zu Ro⸗ ſenkoͤniginnen machen; Haupt und Buſen ſollen mit den ſchoͤnen Blumen prangen und der ſuͤßeſte Wohlgeruch ſchon von weitem verkuͤndigen, welchem Feenſitze man hier nahe.“ G 1 10 Mit dieſen Worten ſteckte ſie mehrere der koͤſtlichen Blumen in das Haar und vor die Bruſt und forderte auch mich und ihre Schweſter auf, ihrem Beiſpiele zu folgen; in wenigen Minuten ſaßen wir mit den holden Kindern der Flora geſchmuͤckt da und erwarteten die Ruͤkkehr Ottiliens, denn es ward noch als eine Nebenfreude beabſich⸗ tigt, dieſe, die uͤberhaupt etwas ſparſam iſt, mit einer ſolchen Verſchwendung zu uͤberraſchen, die ſie nicht verfehlen wuͤrde laut zu tadeln. 5 Die Thuͤr öͤffnete ſich, und ſtatt Otti⸗ lien trat der Prinz in das Zimmer; unſer Anblick uͤberraſchte ihn ſichtbar und er blieb verwundert ſtehen; dann trat er freund⸗ licher als bisher naͤher und lobte unſern natuͤrlichen Schmuck uͤber die Maaßen. „Ach es iſt verdruͤßlich,“ rief die froͤh⸗ liche Mathilde,„daß es gerade der Bru⸗ der ſeyn muß, der uns in dieſem ſchoͤnen Putze uͤberraſcht; wir waͤren gern von An⸗ à4 — — 9 147 deren auch geſehen, ohne uns eben damit zur Schau auszuſtellen!“ „Haltet Ihr mich denn nicht fuͤr faͤhig, auch das Schoͤne zu bewundern?“ „Du? nein Emil, denn Du biſt ja jetzt ein Stoiker, ein aͤchter Philoſoph und bewunderſt nichts als den Plato.“ „Wer hat Dir denn das geſagt, Ma⸗ thilde?“ fragte er mit einem fluͤchtigen Erroͤthen. „Wer anders, als die Falten auf Deiner Stirn, denn nur ein Philoſoph hat dieſe bei ſolcher Jugend. 2 „Du moͤcheſt dennoch irren, liebe Schweſter,“ entgegnete er mit einem tiefen Seufzer,“ und wenn ich jetzt den Plato ſo eifrig ſtudire und bewundere, ſo dient er mir doch nur dazu, gewiſſe—— nun wie taufe ich es denn gleich?— gewiſſe Grillen zu zerſtreun. Ich bewundere noch Anderes als den Plato, aber ich bin mit dieſer Bewunderung uͤbel angekommen, und ſuche nun Troſt bei dem Stoiker.“ Er warf bei 10* * 148 dieſen Worten einen bedeutenden Blick auf mich, der mir das Blut lin die Wangen trieb und mich das Auge zu Boden ſenken ließ; er bemerkte es und ſchwieg. Das Geſpraͤch nahm jetzt eine andere Wendung und ſo konnte ich mit reden. Der Prinz erzaͤhlte uns von einer Reiſe, die er zu unternehmen gedenkt, ſobald ſich ſein Vater, der regierende Fuͤrſt, etwas beſſer befindet, der in dieſem Augenblick ſehr lei⸗ dend iſt und fuͤr deſſen Leben die Aerzte nicht ganz ohne Beſorgniſſe ſind, da er an einem chroniſchen Uebel leidet, das ihm die⸗ ſesmal ſehr hart zuſetzt. Der Prinz ſprach mit großer Zaͤrtlichkeit und Achtung von ſei⸗ nem Vater, der auch in der That beide verdient. Im Laufe des Geſpraͤchs entfiel eine der Roſen meiner Bruſt; der Prinz buͤckte ſich eiligſt darnach und verwahrte ſie, von ſeinen Schweſtern unbemerkt, in dem Buſen; ich erroͤthete, ohne daß ich es jedoch wagte ſie von ihm zuruͤck zu fordern, um kein Aufſehen zu erregen. Er nahm einen andern Augen⸗ 4 ——B—ÿ—ͦ—ỹ—x—ᷣ——˖—:——B—ꝛ—:—⏑ r:— 3 149 blick wahr, wo ſich die Prinzeſſinnen mit einem Kupferwerke beſchaͤftigten, das die unermuͤdet dienſtfertige Ottilie fuͤr ſie her⸗ beigebracht hatte, mir zuzufluͤſtern:„Die⸗ ſer leichte Raub wird einen Andern, Gluͤck⸗ lichern nicht aͤrmer machen, und fuͤr mich iſt er ein unſchaͤtzbares Kleinod; darum goͤn⸗ nen Sie mir Ihre Namensſchweſter, No⸗ ſalie, da Sie auf dem Punkte ſtehn, ſich ſelbſt mir ewig zu entreißen, mich auf immer elend zu machen!“ Eine Thraͤne trat in ſein Auge, indem er dies ſprach. Seine Worte verſetzten mich in die groͤßte Ver⸗ wirrung, und ich weiß nicht, war es ſein Schmerz der mich ſo gewaltſam ruͤhrte, war es die Erinnerung an die Warnung meiner Tante, ihn nicht in dem Glauben zu beſtaͤrken, daß ich den Grafen liebe und dieſem meine Hand reichen werde, aber es draͤngten ſich mir die Worte auf die Lip⸗ pen:„Nie, nie wird das geſchehen, was Sie andeuten, Sie ſind durchaus im Jer⸗ thum!“ Mehr konnte ich ihm nicht ſagen, 150 denn Adelaide wandte ſich nach uns um und ſchien auf unſer Gefluͤſter aufmerkſam geworden zu ſeyn. Dieſe wenigen Worte reichten aber hin, den Prinzen in einen ganz andern Men⸗ ſchen umzuwandeln; eine ſtille Seligkeit blitzte aus ſeinen ſchoͤnen Augen hervor und er ſah mich mit einem unausſprechlichen Blicke an, in dem ſich ſein ganzes Herz abſpiegelte. Er verließ uns darauf bald, und nicht ohne mir noch zugefluͤſtert zu haben: „Gedenken Sie dieſes„Nie, Nie!“ denn jetzt wuͤrde ich das Dennoch nicht mehr zu ertragen vermoͤgen!“ Ich verſtand ihn; wie haͤtte ich ihn nicht verſtehen ſollen? Ja, er liebt mich, liebt mich! koͤnnte ich jetzt noch daran zweifeln?— Den 16ten April. Aber wohin kann das fuͤhren? Emil und ich?— welch ein Abſtand! Kann er je 151 der Meinige werden! Und dennoch, wuͤrde er ſo grauſam ſeyn koͤnnen, Hoffnungen in mir zu erwecken, wenn er ſie ſelbſt nicht hegte? Iſt er nicht als der rechtlichſte Mann bekannt? ruht irgend ein Flecken auf ihm? weinen Betrogene uͤber ihn? Nein, vertraue dem Geliebten unbedingt und feſt, mein Herz, er iſt des edelſten, feſteſten Vertrau⸗ ens wuͤrdig! Den 17ten April. Graf M. hat ſich bei meiner Tante anmelden laſſen— ach ich errathe warum er koͤmmt, und wie aͤngſtlich pocht mein Herz!— Jetzt, gerade jetzt iſt er bei ihr; wird ſie mich nicht vielleicht dennoch bereden wollen, dieſe in jeder Hinſicht glaͤnzende Verbindung einzugehn, und was kann ich ihr entgegnen, wenn ſie es thun ſoll⸗ te?— Darf ich ihr mein ſchmerzlich 152 ſuͤßes Geheimnis verrathen, und wuͤrde ſie mit ihrer Klugheit mich nicht ein wahnwit⸗ ziges Maͤdchen ſchelten, wenn ich ihr meine Hoffnungen mittheilte? Geduld alſo, die Entſcheidung liegt nahe, aber dazu fuͤhle ich die Kraft in mir, dem Geliebten mein Wort zu halten, und es mag kommen wie es wolle, ſo wird Graf M, nie mein Gemahl! Den 18ten April. Das waͤre vorbei, und gluͤcklich vor⸗ bei.— Meine Tante hat mir des Gra⸗ fen ehrenden Antrag mitgetheilt, denn wie ich vermuthete, hat er ſie um ihre Einwil⸗ ligung gebeten, ſich um meine Hand bewer⸗ ben zu duͤrfen, und ſie konnte ihm das nicht verweigern, aber ſie ſelbſt redet mir mit keinem Worte zu, ihn zu beguͤnſtigen, viel⸗ mehr ſchien es ihr lieb zu ſeyn, als ich mich beſtimmt gegen dieſe Verbindung erklaͤrte und ſie bat, dieſes dem Grafen 153 mitzutheilen; ſie fragte nicht einmal nach der Urſache dieſer Weigerung, ſondern ſagte im Weggehen die bedeutungsvollen Worte: „Du handelſt ganz in meiner Anſicht, Ro⸗ ſalie, und ich werde Dir beiſtehn Deine hohen Wuͤnſche in Erfuͤllung zu bringen; aber vertraue mir ganz und ſey ſtets offen gegen mich!“ Wie? ſollte ſie ahnen, was mich dazu bewog, des Grafen Antrag abzulehnen? follte auch ſie hoffen, was dieſes Herz zu hoffen wagt? ſo waͤre alſo das hohe Ziel meiner Waͤnſche nicht unerreichbar?—— Den lofte April. Graf M. verlangte mit mir ſelbſt zu ſprechen; ich durfte. ihm das aber nicht bewilligen, denn haͤtte ich nicht fuͤrchten müͤſſen, mein Herz vor dem Menſchenken⸗ ner zu verrathen? Ich habe ihm auf ſeine ſchriftliche Bitte wegen dieſer Unterredung⸗ auch ſchriftlich geantwortet und ihm jede 154 fernere Hoffnung abgeſchnitten, indem ich ihm erklaͤrte, daß ich feſt entſchloſſen ſey, noch in keine Verbindung zu willigen und mir noch meine Freiheit zu erhalten wuͤnſche. Er reiſt morgen ab, denn ſeine Geſchaͤfte an unſerm Hofe ſind beendigt und er ſcheint abſichtlich ſeine Erklaͤrung bis zu dieſem Zeit⸗ punkte aufgeſchoben zu haben, um ſich und mich der Unannehmlichkeit zu entheben, uns wiederzuſehn, wenn ich mich gegen ſeine Wuͤnſche und Hoffnungen erklaͤren ſollte; wie dankt ihm mein Herz dieſes Zartgefuͤhl! Ja, wahrlich, M. iſt ein edler, ſeltener Mann und meine Achtung folgt ihm und ſeinem Andenken. So wird nun auch Emil ruhig ſeyn und nicht mehr zweifeln⸗ daß ich ihm mein Wort halte! Ich habe ihn ſo lange nicht geſehen; die Krankheit ſeines Vaters unterbricht jede Geſelligkeit und der gute Sohn verlaͤßt den Leidenden nicht, obgleich auch der Erb⸗ prinz, ſein Bruder, ſchleunigſt von ſeinen Reiſen zuruͤck gekommen iſt, vermuthlich, 155 —ö um bei der Hand zu ſeyn, wenn der Tod des Fuͤrſten ihn in den Beſitz des Dia⸗ dems ſetzen ſollte. Er iſt ein flacher, in jeder Hinſicht erbaͤrmlicher Menſch, und ſo ſchwach an Koͤrper als an Geiſt. Ein ſehr wuͤſtes Treiben in der Jugend hat beides gleich zerruͤttet; er iſt ganz und gar das Gegentheil von Emil und nie hat man wohl unaͤhnlichere Bruͤder geſehn, als dieſe, auch liebt ihn ſein fuͤrſtlicher Vater nicht, wie ich ſelbſt bemerkt habe. Ich erſchrack wahrhaftig, als dieſe Jam⸗ mergeſtalt zu uns eintrat, denn war er fruͤher ſchon in jeder Hinſicht abſchreckend geweſen, ſo hatte die Reiſe ihn noch weiter heruntergebracht; welche Hoffnungen kann das Land dereinſt von einem ſolchen Herr⸗ ſcher hegen! O wie ungerecht iſt doch das Schickſal, daß es Emil nicht an ſeinen Platz ſtellte! Und doch! wuͤrden dann nicht alle meine Hoffnungen zertruͤmmert, und duͤrfte die Tochter eines Freiherrn ihre Au⸗ 156 gen wohl zu dem zukuͤnftigen Beherrſcher eines Landes erheben? Den 24ſten April Der Fuͤrſt beſſert ſich, die Aerzte geben Hoffnung, daß ſein Leben erhalten werde und das ganze Land jubelt. Ich habe Emil auf einige Augenblicke bei ſeinen Schweſtern geſehn; der war auſſerordentlich heiter und konnte ſich nicht enthalten, die doppelſinni⸗ gen Worte zu ſagen:„Der Graf M. iſt abgereiſt, ohne ſeine Hoffnungen erfuͤllt zu ſehen; wie dankt mein Herz denen, die ihn ſo heimſchickten!“ „Wie? mein Bruder,“ fragte Prinzeß Mathilde,„ich meinte, der Graf ſey in ſeiner Sendung gluͤcklich geweſen und habe alle Anftraͤge ſeines Herrn zur Zufriedenheit beider Hoͤfe ausgerichtet?“ „Es gab gewiſſe geheime Artickel,“ fuhr der Prinz mit einem bedeutenden Blicke auf mich fort, den ich nur zu wohl 157 verſtand,„in denen er nicht ſo gluͤcklich war, als in den uͤbrigen; glaube mir das auf mein Wort, liebe Mathilde, denn 3 Du verſtehſt doch nichts weiter davon.“ „Ich gebe zu, daß ich eben keine große Politikerin bin, lieber Emil,“ entgegnete ſie heiter,„und gaͤbe auch gar nichts darum, etwas von Euren Geheimniſſen zu erfahren.“ „Das ſind ſehr loͤbliche Geſinnungen fuͤr ein Frauenzimmer, und ich bitte Dich darin zu verharren, denn eine Eliſabeth oder Katharina wirſt Du doch nun einmal nicht, gute Schweſter!“ „Wie die Bruͤder doch grob ſind!“ ſagte ſie, Goethe parodirend. „Das iſt kein ſo boͤſer Ausſpruch als du meinſt Mathilde, denn Schlegel nennt die Grobheit ſogar goͤttlich.“ „Ich wette, daß Du dem Grafen bei ſeinen Abſichten entgegen warſt,“ nahm jetzt Adelaide das Wort,„denn Du ſchienſt nicht eben ſein Freund zu ſeyn.“ „Ich war weniger ſein Widerſacher in 158 politiſchen Dingen, als Ihr glaubt; nur ſei⸗ nen geheimen Zwecken widerſetzte ich mich, indem ich dagegen ſeine oͤffentlichen, die recht gut waren, und gleich erſprießlich fuͤr beide Laͤnder, nach Kraͤften unterſtuͤtzte.“ „Nun, aus Eurer Staatsklugheit werde klug, wer da kann!“ entgegnete Mathilde, und hier endete das fuͤr mich ſehr peinliche Geſpraͤch, indem der Prinz ſich entfernte. Den 11ten May. Wie bebt noch mein Herzl ich habe Emil zum erſtenmale heimlich geſehen; er bat mich ſo dringend um dieſe Zuſammenkunft und ich konnte ſie ihm nicht verſagen, obgleich ſich meine Grundſaͤtze dagegen ſtraͤubten; oft iſt es mir, als ob Emil mich nicht darum haͤtte bitten, nicht ſo bitten ſollen, denn wie haͤtte ich es ihm abſchlagen koͤnnen? Er wußte, daß meine Tante und ich zu einem großen Feſte geladen waren und beredete mich, an dieſem Tage einen hefti⸗ 159 gen Kopfſchmerz vorzugeben, um zu Hauſe bleiben zu duͤrfen. Anfangs erſchreckte mich dieſer Vorſchlag und ich war geſonnen es ihm beſtimmt abzuſchlagen; dann, als ich in ſein flehendes Auge ſah, als er dieſe Zuſammenkunft als einen Beweis meines Vertrauens forderte, da konnte ich es nicht, und ein zitterndes„Ja“ entſchluͤpfte, nach langem Kampfe, meinen Lippen. Die Lage unſers Landhauſes, das ſchon mit Gruͤn bedeckte Bosket des Gartens, das weit hin⸗ ter dem Hauſe liegt, beguͤnſtigten ſeine Ab⸗ ſichten, er hatte ſich das alles wohl gemerkt, und kannte die Gegend auch ganz genau. Waͤren wir nicht wegen des ſich diesmal ſehr fruͤhzeitig einſtellenden Lenzes ſchon hinaus gezogen, ſo wuͤrde es unmoͤglich geweſen ſeyn, unſre Zuſammenkunft zu bewerkſtelligen; ſo aber ging alles nach Wunſch und ſelbſt mein Onkel, der nur ſelten die Geſellſchaften mit beſucht, erklaͤrte ſich heute willig dazu meine Tante zu beglei⸗ ten, weil ſie ſonſt allein haͤtte fahren muͤſſen. —z — 160 Nachdem ſie ohngefaͤhr eine Stunde weg waren, ſtand ich von meinem Lager auf und ließ mich unter dem Vorgeben anklei⸗ den, daß mich der Kopf etwas weniger ſchmerze und ich von der friſchen Abendluft voͤllige Geneſung hoffe; aber wie klopfte mein Herz bei allen dieſen Schritten, wie ſchaͤmte ich mich vor mir ſelbſt, wie fuͤrch⸗ tete ich jeden Blick meiner Kammerjungfer, und haͤtte ſie mein Zittern, meine ungewiſſe Stimme nicht fuͤr eine Folge meines Uebel⸗ n halten muͤſſen, ſo wuͤrde ich mich ver rathen haben. Ich wußte gar nicht was ich that und konnte ihr kaum den An⸗ zug nennen, den ſie ie mir bringen ſollte, und wie verwunderungsvoll blickte ſie mich an, als ich endlich ſtatt eines leichten, bequemen Negligees, das fuͤr eine wirkliche Kranke doch wohl am paſſendſten geweſen waͤre, ein ordentliches Kleid begehrte, denn wie haͤtte ich in dem erſteren vor Emil erſcheinen koͤnnen? Die Angſt, die Unruhe, worin ich ſchwebte, machten mich wirklich krank 4161. 2 und leiſe Fieberſchauet durchbebten meine Glieder. „Ew. Gnaden ſollten lieber im Bette bleiben, Sie ſind in der That kraͤnker als Sie glauben,“ ſagte das gutmuͤthige Maͤd⸗ chen, indem ſie mich anzog;„ich glaube Sie haben ein Fieber! Mein Gott, wenn die Frau Baronin hier waͤren, ſie wuͤr⸗ den nie erlauben, daß Sie ſich in dieſem Zuſtande der kuͤhlen Abendluft ausſetzten!“ „Doch, doch, mir ward im Freien beſ⸗ ſer werden, laß mich nur Fanch 7 entgegnete ich ihr und war vergnägt, ſo leichten Kaufs davon zu ommen. Endlich konnte ich in den Garten hinuntergehn; ich nahm die Guitanes aus dem Kaſten, denn durch ſie hatte ich Emil ein Zeichen zu geben verſprochen. Er ſaͤumte nicht lange und laͤg bald zu meinen Fuͤßen. Noch bbennen ſeine Kuͤſſe auf meinen Lippen, noch toͤnen ſeine Liebesſchwuͤre in meine Ohren. O wenn er je treulos wer⸗ f. 11 den koͤnnte, wenn er mich verließe, nach⸗ dem ich dies fuͤr ihn gewagt, ihm alle meine Grundſaͤtze aufgeopfert, mich zu der enteh⸗ renden Luͤge fuͤr ihn bequemt habe;— wenn das moͤglich waͤre, ſo waͤre nichts auf Erden mehr heilig, und Alles nur eine furchtbare, große, ſchauderhafte Luͤge! Wie hat er es mir aber gedankt, daß ich gekommen bin und alle dieſe Schwierigkeiten uͤberwunden habe, um ihn zu erfreun, und wie ehr⸗ furchtsvoll ſeine Liebe gegen mich war! O gewi, wir durften das Auge Gottes nicht ſcheuen bei dieſer Zuſammenkunft, und unſre Liebe darf ſelbſt vor der Welt nicht erroͤthen, denn ſie entſtroͤmt den heiligſten Quellen! Ueber die Zukunft haben wir noch nicht mit einander geredet, denn die Augenblicke waren uns zugemeſſen und die ſchoͤne Ge⸗ genwart nahm uns ſo ganz hin, daß wir nur in ihr lebten. Mag nun kommen, was da will, ich habe das hoͤchſte Erdengluͤck genoßen; ſo lieben und ſo geliebt zu ſeyn, das iſt es! —y— 163 Und das Herz, an dem ich mit ſo hei⸗ ligem Vertrauen ruhte, koͤnnte auf Ver⸗ rath ſinnen und treulos ſeyn? Es iſt un⸗ moͤglich! Und was ſtellt ſich unſrer Ver⸗ einigung denn ſo ſehr entgegen? Der alte Fuͤrſt iſt ſo krank, daß er, ſelbſt wenn er dieſesmal dem Tode entrinnt, nicht lange mehr leben kann; dann tritt Emil's Bru⸗ der die Regierung an und dieſer wird freier. Und rinnt denn nicht auch in meinen Adern ed⸗ les Blut? nennt die Geſchichte nicht auch meine Ahnen, wie die ſeinigen in ihren Jahrbuͤchern? Haben nicht unſre Vorfah⸗ ren vereint mit dem Kreuze bezeichnet vor Jeruſalem geſtritten und waren beide dort nicht gleichgeborne Ritter? Daß die ſeini⸗ gen ſpaͤterhin durch Vermaͤhlungen, Erbſchaf: ten und Standeserhoͤhungen ſich zur Fuͤrſten: wuͤrde empor ſchwangen, waͤhrend die mei⸗ nigen in der angeerbten Wuͤrde verblieben, macht das denn einen ſo großen Unterſchied zwiſchen uns, daß er ſich ſchaͤmen muͤßtez mir ſeine Hand vor dem Altare zu reichen! 11* 164 ——— Auch meine Tante ſcheint das einzuſehn und eben ſo zu denken wie ich, wie wuͤrde ſie denn ſonſt bei all' ihrer Klugheit unſre Liebe, die ihr vom erſten Augenblick an kein Geheimnis mehr war, beguͤnſtigt haben? Haͤtte ſie dieſe Anſicht nicht gehabt, ſo wuͤrde ſie gewiß den Grafen auf jede Weiſe in ſeiner Bewerbung um mich unterſtuͤtzt haben, ſtatt ihn durch mich zuruͤck weiſen zu laſſen. Ach, ſie glaubte nur ihren ehrgeizigen Plaͤ⸗ nen zu dienen und wurde dadurch der Schutz⸗ engel unſrer Liebe! Aber wir wollen es ihr dennoch danken, denn ſind wir es nicht, die die Frucht ihrer Bemuͤhungen ernten? Emil hat mir das Verſprechen abgedrun⸗ gen, ihm auf eben dieſe Weiſe naͤchſtens wie⸗ der eine Zuſammenkunft zu geſtatten, und ich habe es ihm zugeſagt, warum ſollte ich mich ſeiner Liebe, ſeiner Großmuth nicht anvertrauen? Mag doch meine Tante wie⸗ dererfahren, daß ich gluͤcklich bin— mag mag ſie es! ſie wird nichts dagegen haben und uͤber unſre Zukunft wird Emil ſie ge⸗ — 165 — wiß beruhigen; dann iſt alles noch viel beſ⸗ ſer als jetzt, dann werde ich ruhig und gluͤcklich zugleich ſeyn! Dennoch zittre ich vor dem morgenden Tage, wo ich ihr wieder vor die Augen tre⸗ ten muß, nachdem ich ſie ſo hinterging;:— warum zittre ich denn? darf ich denn fuͤrch⸗ ten daß ſie mich verdammen wuͤrde, wenn ſte auch Alles wuͤßte? —— Den 12ten May. Ich habe meine Tante geſehen; mit welchem Herzklopfen trat ich in ihr Zimmer; aber ſie war freundlich wie ſonſt gegen mich und erwaͤhnte des geſtrigen Abends mit kei⸗ nem Worte weiter, als daß ſie mich fragte, wie es mir mit meinen Kopfſchmerzen ergan⸗ gen ſey? Eine brennende Roͤthe flos bei dieſer Frage uͤber meine Wangen und ich vermochte ihr kaum zu antwarten; aber ſie ſchien es nicht zu bemerken, und begann mir von dem geſtrigen Feſte zu erzaͤhlen, bei dem ſie ſehr vergnuͤgt geweſen war. Mein 166 Onkel trat jetzt auch zu uns ein, und hatte gleich ſo viele Geſchichten von Hunden und Pferden bei der Hand, daß bald jede Ver⸗ legenheit fuͤr mich verſchwunden war. Ich kann mir Alles im Weſen meiner Tante erklaͤren, und glaube ſie beſſer in jeder ihrer Regungen zu kennen, als irgend ein Anderes; doch wie es ihr moͤglich war, ihre Hand einem ſolchen Manne zu rei⸗ chen, das iſt und bleibt mir ein Raͤthſel. Aber wie ſchonend ſie ihn behandelt, welche Geduld und Nachſicht ſie gegen ihn uͤbt, das ſetzt mich noch mehr in Erſtaunen und floͤßt mir Be⸗ wunderung fuͤr ſie ein. Mich duͤnkt, ich wuͤrde vor Schaam ſterben, ſo oft er in Geſellſchaften den Mund aufthaͤte, aus dem nie andre Geſpraͤche hervorgehn, als uͤber ſeine Lieblingsthiere; ſie aber hoͤrt das ſo rnhig und ſelbſt aufmerkſam an, als waͤren es Orakelſpruͤche und ihr ganz neu, und doch weiß ſie jedes Wort vother, was er ſprechen wird. Man ſagt, ſis habe eine ungläeklche — Neigung in ihrer Jugend gehabt und dar⸗ auf dieſem Manne ihre Hand gereicht; ich fuͤhle daß ich es eben ſo machen koͤnnte, wenn Emil mir entriſſen wuͤrde; dann gar keinen Mann, oder, wenn Andere es ſehr wuͤnſchten, einen ſolchen, das waͤre mir ganz einerlei; aber wuͤrde ich Emils Verluſt uͤberleben?!— Heute ſoll ich ihn in Begleitung ſeiner Schweſtern wierſchinz alle Drei haben verſprochen dieſem Tage zu uns zu kom⸗ men; aber ugis ſein Herz, damit dein Po⸗ chen unſer füßes Geheimnis nicht verrathe! Wie ſchwer wird es mir werden, ſo kalt und fremd gegen ihn zu ſeyn, wie fruͤher— ihn jetzt mit dem fremden 8 anzureden, da ſchon das ſuͤße„Du“ gegen ihn uͤber meine Lippen kam, die noch von ſeinen Kuͤſ⸗ ſen brennen! Aber ſeine maͤnnliche Faſſung wird mir die meinige wiedergeben und Al⸗ les beſſer gehn, als ich erwarte. 46⁸ 3: Am Abende deſſelben Tages. Ich habe ihn wiedergeſehen, den theuren den heißgeliebten Mann! Nur ein verſtohl, ner Blick, ein fluͤchtiger Haͤndedruck beim Voruͤberſtreifen ſagte mir, daß er gluͤcklich ſey in meiner Naͤhe. Die Roſen prangen ſchon im vollſten Glanze im Garten; er brach eine ab, die eben die duftige Huͤlle geſprengt hatte, und befeſtigte ſi ſie in ſein Knopfloch. „Sehen Sie,“ ſagte Malhilde, die es bemerkte,„mein bekennt ſich zur Parthey der rothen Ro „ Die rothe Roſe fuͤr immer ſprach er raſch, indem er die ſuͤße Bluͤthe ſanft mit ſeinen Lßpen beruͤhrte. Dieſe es Spiel ergoͤtzte mich und ich ſetzte den Scherz fort. „Wenn der Prinz ſich nach dem Beiſpiele der ſtreitenden Haͤuſer zur Parthey der rothen Roſe bekennte,“ ſprach ich,„ſo muͤßte er ſie an den Huth befeſtigen, wie jene Her⸗ ren es thaten.“ „Wohin ſie immer wollen, mein Fraͤu⸗ ———— lein,“ entgegnete er heiter;„an den Huth, in's Knopfloch, auf meinen Schild, und nochmals rufe ich: die rothe Roſe fuͤr immer!“— 3 „Der gebehrdet ſt ich ja,“ nahm Ade⸗ laide das Wort,„ganz wie einer der Pae ladine von Koͤnig Arthurs Tafelrunde.“ „und wo ward mir dieſe Vorliebe fuͤr die rothen Roſen denn anders eingeimpft, als in Eurem Zimmer neulich, liebe Schweſ⸗ tern? Dort war es, wo ich die Magie die⸗ ſer Blume kennen lernte und mich ihr ewig verſchwor!? „ Du willſt wohl wieder gut machen, was Du uͤbel machteſt, indem Du uns bei⸗ den alles Regierungstalent abſprachſt,— wir dagegen fertigten Dich mit dem Spruch von Goethe ab; wenn Du Dich aber ſo zu beſſern fortfaͤhrſt, ſo ſoll er Dir nie wieder vorgefuͤhrt werden,“ ſagte Ma⸗ 2 thilde heiter. In dieſem Tone ward die unterhaltung noch eine Zeitlang fortgefuͤhrt und immer 170 wußte Emil ſeinen Worten eine zarte, nur mir verſtaͤndliche, Bedeutung zu geben, ſo daß er unaufhoͤrlich zu mir redete, ohne doch mit mir zu reden. Wie entzuͤckte mich dieſe ſinnige Art, ſich mit mir von dem zu unterhalten, was ſeinem liebenden Herzen am naͤchſten lag, ohne daß Jemand in der Geſellſchaft in unſer ſuͤßes Geheimnis drin⸗ gen konnte! Als man ſich endlich zum Fort⸗ gehen anſchickte, nahm er die Roſe von der Bruſt und trug ſie eine Zeitlang in der Hand, dann legte er ſie, anſcheinend zufaͤl⸗ lig, auf meine Harfe, die im Zimmer ſtand, aber ſein Blick ſagte mir, daß ich ſie zu mir nehmen ſolle; ich haͤtte es ohnedies ge⸗ than, denn uͤberbrachte mir die zarte Bluͤ⸗ the nicht ſeine Kuͤſſe? Kaum hatte man ſich entfernt, ſo griff ich nach der Blume und fand in dem Kel⸗ che derſelben ein feſt zuſammengerolltes, ſehr kleines Papier, das nur die wenigen Worte enthielt:„Wann werde ich wieder ſo gluͤck⸗ lich ſeyn, als geſtern Abend? wann, Ge⸗ 1 8 8 171 liebte? Laß eine, wie zufaͤllig verlorne Roſe mir die Antwort bringen⸗“ Ich hatte die Vorſicht, die Blume wie⸗ der auf die Harfe zu legen, ſobald ich das Papier herausgenommen hatte, denn des war mir nicht entgangen, daß meiner Tante Blick dem Prinzen folgte, als er ſie dahin legte, auch ſuchte ihr Auge ſie Meah urnen. alg ſie in's Zimmer zuruͤck⸗ kehrte; mein Buſen hatte aber ſchon den Scha aüfgenommen, den ſie fruͤher um⸗ ſchoſſen hielt. 1 ſuͤßes Geheimnis, biſt du nicht gleich⸗ ſam der Bluͤthenſtaub der Liebe und er⸗ ſcheint ſie nicht all ihres ſchoͤnen Schmuckes entkleidet ohne dich? Ich weiß nicht, ob das nicht ſchon irgend ein Dichter vot mir geſagt hat, aber die Wahrheit dieſer Worte habe ich an dieſem hinliſ ſchoͤnen Tage ganz gefuͤhlt. 2 Wer, als ein Liebender kann all' die reine Seeligkeit ermeſſen, die das Menſchen⸗ herz in ſich aufzunehmen vermag? Wie 172 arm, wie duͤrftig, wie leer iſt das Leben ohne die Liebe! Jetzt weiß ich, was mir fehlte, als ich mich in all' dem Glanze der mich umgab, doch oft traurig und ungluͤck⸗ lich fuͤhlte; dich o heilige Liebe, dch kannte 10 damals noch nicht! Den 16ten May. Es wird mir moͤglich ſeyn, Emil eine zweite Zuſammenkunft zu geſtatten, meine Tante giebt mir ſelbſt die Mittel dazu an die Hand, indem ſie eine Landparthie an⸗ genommen hat, auf der ich ſie nicht beglei⸗ ten ſoll, weil ſich, wie ſie ſagt, einige junge Damen dabei beſinden werden, mit denen ſie mich nicht gern zuſammenbringt; ich werde Emil auf die verabredete Weiſe Tag und Stunde beſtimmen, denn morgen ſah⸗ ren wir an den Hof, wo Adelaidens Geburtstag gefeiert werden wird, und zwar mit allem nur erdenklichen Glanze, denn es iſt ein Prinz angelangt, der Abſichten auf ſie zu haben ſcheint, die man hegnuͤ⸗ 173 ſtigt, weil die Verbindung mit ihm ſehr erwuͤnſcht waͤre.. Warum kann ich wohl jetzt nicht mehr ſo herzlich, zutraulich und offen gegen die Prinzeſſinnen ſeyn, als ich es ſonſt war? Immer iſt es mir, als haͤtte ich ir⸗ gend ein Unrecht gegen ſie begangen, eine Schuld auf meinem Gewiſſen, und ſo oft ſie den Namen ihres Bruders nennen, klopft nicht mein Herz nur freudig, ſondern zugleich auch aͤngſtlich und beklommen. Ich weiß aber, daß ſie, obgleich ſie ſo ziemlich alle Vorurtheile ihres hohen Standes abge⸗ ſtreift haben, doch unſre Liebe mißbilligen wuͤrden, weil ſie ſich kein gutes Ende der⸗ ſelben denken koͤnnten, und das iſt es wohl was mich in ihrer Gegenwart jetzt ſo pei⸗ nigt. Nein, ſie duͤrfen um unſer Geheim⸗ nis nicht wiſſen, jetzt noch nicht, denn ſie wuͤrden Alles aufbieten, um uns zu tren⸗ nen, davon bin ich feſt uͤberzeugt. Alſo muͤſſen ſie getaͤuſcht werden, was es mich auch koſte! 174 Den 17ten May Abends ſpaͤt. Emil hat meine Roſe aufgenommen, und er wird nun ſicher ſich zur beſtimmten Stunde einſtellen; dieſesmal zittre ich ſchon weniger, als da ich ihm die erſte Zuſam⸗ menkunft geſtattete, denn der gluͤckliche Er⸗ folg derſelben hat mich muthiger gemacht, auch iſt jetzt gar keine Gefahr vorhanden und ich brauche weder eine Krankheit zu heu⸗ cheln, noch ſonſt meine Umgebung mit Un⸗ wahrheiten zu hintergehn. Die Luͤge, ſelbſt die ſogenannte unſchuldige, iſt mir in tief⸗ ſter Seele verhaßt, denn ſie wuͤrdigt den Menſchen herab: o Emil, nur Dir konnte Roſalie auch dieſes ſchwerſte aller Opfer bringen! Ende des erſten Theils. Von derſelben Verfaſſerin erſchien bei unst Die neue Armida. Ein Roman, welcher in den geachtetſten Zeitſchriften auf das guͤnſtigſte beurtheilt wurde, und der gebildeten Leſewelt hoͤchſt willkommen ſeyn wird. —— ——— Fnſſnſſnſſſſnſſſſſſſiſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 4*