7 — Leihbibliothekr f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ 3 — on... Eduard Oltmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 8 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von 7 jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für ichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſſ auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 N. Pf. 85. 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Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemaͤlde aus der neueren Geſchichte Portugals und Braſiliens in zwei Abtheilungen von H. E. R. Belani.— 4 Bände. 1839. eleg. geh. 6 Thlr. 8 Gr. Der bekannte geiſtreiche Verfaſſer ſchildert in dieſem hiſtoriſch⸗romantiſchen Gemälde: die merkwürdige Hof⸗ und Regierungsgeſchichte Johann VI. von Portugal, ſeine Flucht nach Braſilien; den Wahnſinn ſeiner Mutter; die Intriguen ſeiner Gemahlin; die Erziehungsgeſchichte ſeiner Kinder; die Aufſtände von Portugal und Brafilien; die Er⸗ hebung des letzteren zum Kaiſerreiche; Dom Pedro und Dom Miguel dargeſtellt nach ihren merkwürdigen Charakterzügen; deren Feindſchaft endlich und Bruderkrieg— dazu noch die romantiſchen Einflechtungen der Liebesverhältniſſe Dom Pe⸗ dro's zur Condeſſa Lavradio, und des Marquis von Loulé zur Infantin Joſephe—— wer dürfte nicht Verlangen tra⸗ gen, dieſe anziehenden Begebenheiten, in der bekannten leben⸗ digen Manier des beliebten Verfaſſers vorgetragen, in ſeine Erinnerung zurückzurufen!— 4* . —— 3 ——— Tycho de Brahe. — 8 Hiſtoriſcher Roman von Amalia Schoppe, geb. Weiſe. Erſter Band. 1839. Leipzig, Verlag von Aug. Taubert. Erſtes Kapitel. „Ihr moͤgt ſehen, Junker Brahe, wie Ihr mit Eurem Oheime fertig werdet; ich waſche, Gott iſt mein Zeuge, meine Haͤnde in Unſchuld,“ ſagte ein langer, hagerer Mann, dem die Gelehrſam⸗ keit und Pedanterie aus jeder Falte des vor der Zeit gerunzelten Geſichtes hervorſah, zu einem Juͤnglinge, der ſchweigend und gedankenvoll neben ihm herritt, und ſo wenig auf ſein Roß und den einzuſchlagenden Weg Acht gab, daß er, Gott weiß wohin, gerathen waͤre, wenn er keinen Fuͤh⸗ rer gehabt haͤtte. —„Was ſagtet Ihr eben, mein wuͤrdiger Meiſter Andreas?“ fragte der junge Mann, aus I. 1 2 d ſeines Pferdes wieder aufraffte, der ſeiner Hand entſunken war. —„In welchem Sterne waret Ihr denn ſchon wieder, mein Junker, daß Ihr meine laut genug geſprochenen Worte uͤberhoͤrt habt?“ fragte der Andere mit dem Tone des Vorwurfs. —„Verzeiht, guter Meiſter Andreas,“ ſagte Tycho, indem er ſich mit der Hand uͤber die Stirn fuhr,„ich war wirklich abweſend, und bitte Euch alſo, das Geſagte zu wiederholen, damit ich Euch darauf antworten kann.“ —„SIch ſagte,“ nahm jetzt der Andere das Wort,„daß wir einer ſchweren Stunde entgegen⸗ gehen.“ —„Wie ſo?“ fragte der Junker verwundert. —„Wie ſo? ſeltſame Frage! Muͤſſen wir nicht dem Herrn Admiral, Eurem geſtrengen Oheime, in wenigen Stunden vor Augen treten, und ihm Rechenſchaft uͤber unſere Studien auf der Univer⸗ ſitaͤt Leipzig ablegen? Was haben wir aber vor tiefem Nachſinnen erwachend, Adem er deſie ,— V — 3 uns gebracht? Wie weit ſind wir in der edlen Jurisprudenz gekommen? Wie viel haben wir von den Pandecten inne gekrigt? Daß Gott erbarme! wir wiſſen nicht ſo viel davon, um einen Hund damit vom Ofen zu locken, und haben fuͤnf ſchoͤne Jahre, in denen wir'was Recht⸗ ſchaffenes haͤtten vor uns bringen koͤnnen, weil es uns an Kopf nicht fehlt, rein verloren.“ —„SIch meine, fleißig genug geweſen zu ſein, und meine Zeit nicht verloren zu haben,“ ver⸗ ſetzte der Juͤngling. —„So meint Ihr, mein junger Fant,“ ſagte Meiſter Andreas Soͤrenſen mit eifrigem Tone;„aber ſo meine ich nicht, und Euer Oheim, fuͤrchte ich, wird ſich ſo ſehr zu meiner Meinung hinneigen, daß er Euch ſeine Neigung gaͤnzlich entziehen und Euch Eurem Schickſale uͤberlaſſen wird. Es war ſein ausdruͤcklicher Wille, daß Ihr ein großer Rechtsgelehrter werden ſolltet; aber ſtatt Euch zur Fahne der edlen Goͤt⸗ tin Themis zu halten, habt Ihr Alotria getrieben, 1*X 4 3 und ſtatt in die Pandecten zu ſehen, in die Sterne geguckt. Es wird ſich nun ausweiſen, was Herr Georg Brahe, Euer wuͤrdiger Oheim und Pflegevater, dazu ſagt; wie es aber auch kom⸗ men moͤge, Ihr werdet mir das Zeugniß geben muͤſſen, daß ich es an Warnungen und Ermah⸗ nungen, und, ſo weit es ſich thun ließ, ſelbſt an Strenge nicht fehlen ließ, um Euch von der eingeſchlagenen Irrbahn ab, und auf die rechte zu leiten.“ —„Beruhigt Euch uͤber dieſen Punkt voll⸗ kommen, mein wackerer Meiſter Andreas,“ ver⸗ ſetzte der Juͤngling laͤchelnd;„ich werde Euch das buͤndigſte Zeugniß von der Welt, vor meinem Oheime und jedem Andern geben, daß Ihr mich baß mit dem gehaßten Jus und den langweiligen Pandecten gequaͤlt habt, ſo daß mir keine andere Zeit, als die Nacht, uͤbrig blieb, meinem Lieb⸗ lingsſtudium zu leben.“ —„und was denkt Ihr mit dem von Euch erlangten Wiſſen anzufangen?“ fragte der Ephorus 5 mit ſpottendem Tone.„Hofft Ihr etwa als Hof⸗ Aſtrolog und Sterndeuter angeſtellt zu werden? Koͤnig Friedrich der Zweite, ein gelehrter und kluger Herr, iſt zu geſcheut und aufgeklaͤrt dazu, auf ſolche Thorheiten einzugehen und Maͤnner zu ſchaͤtzen und zu belohnen, die ſich mit eitel Traͤumereien abgeben. Statt alſo, wie Euer wuͤrdiger Oheim es wollte und von Euch hoffte, ein grundgelehrter, hochanſehnlicher und dem Staate nuͤtzlicher Mann zu werden, wird Euch nichts weiter uͤbrig bleiben, als Euren Kohl dereinſt auf dem vaͤterlichen Gute zu bauen, mit einem Worte, ein Krautjunker zu werden, wie man zu ſagen pflegt.“ —„Dahin wird es nicht kommen,“ verſetzte Tycho, dem die Roͤthe in's Geſicht ſtieg;„habe ich doch etwas gelernt und hoffe es in meiner Wiſſenſchaft noch weiter zu bringen.“ —„Cui bono? frage ich nochmals. Eure Viiſeeſchaft iſt keinen Pfeifenſtiel werth; oder hofft Ihr wohl gar ein Kopernicus zu werden und eine neue Weltordnung zu erfinden?“ —„Es koͤnnte immer dahin kommen,“ ver⸗ ſetzte der Juͤngling, indem er ſtolz das Haupt emporhob. —„und wenn ſelbſt dieſe eitlen Traͤume in Erfuͤllung gingen,“ erwiederte ihm eifrig der Hofmeiſter,„ſo behaupte ich dennoch, daß Eure Wiſſenſchaft der edlen Jurisprudenz nicht das Waſſer reicht. Was gehen uns die Sterne an? Was kann es frommen, zu wiſſen, ob die Erde ſich um die Sonne, oder die Sonne um die Erde dreht? Wird man den Lauf beider doch nicht veraͤndern koͤnnen —„Guter Meiſter Andreas,“ unterbrach Tycho den Strom ſeiner Rede,„wie oft haben wir uns ſchon uͤber dieſen Gegenſtand geſtritten, ohne daß es zu einem Reſultate kam; laſſen wir ihn alſo ruhen! Erſt die Zukunft wird entſchei⸗ den, wer von uns Beiden Recht hatte; ſo viel aber weiß ich ſchon jetzt, daß ich durch das 2 eifrigſte Studiren nie ein tuͤchtiger Rechtsgelehrter geworden waͤre, da mir das Organ fuͤr die Juris⸗ prudenz fehlt; dagegen hoffe ich in Zukunft als Aſtronom, Mathematiker und Chemiker etwas Tuͤchtiges zu leiſten, und ſo Goött will, meinen Namen ſo gut auf die Nachwelt zu bringen, als Nicolaus Kopernicus den ſeinigen darauf gebracht hat.“ Die Unterredung hatte hier ein Ende und Jeder uͤberließ ſich ſeinen Gedanken. Aehnliche waren ſeit faſt fuͤnf Jahren zwiſchen dem Zoͤg⸗ linge und dem Hofmeiſter— Ephorus ließ ſich dieſer am liebſten nennen— faſt Tag fuͤr Tag vorgefallen, ſo daß Fragen und Antworten beinahe ſtereotyp geworden waren, was nament⸗ lich Tycho im hoͤchſten Grade langweilte. Im Uebrigen aber liebten und achteten ſie einander von Herzen und es kam nie zum voͤlligen Bruche zwiſchen ihnen, obgleich ſie die verſchiedenartigſten Naturen waren, die nur je die Laune des Schick⸗ ſals zuſammengefuͤhrt. Meiſter Andreas Soͤrenſen 8 oder Severinus, wie er ſich unterſchrieb, war der Rechtswiſſenſchaft ſo mit Leib und Seele ergeben, daß es fuͤr ihn außer ihr kein Heil gab, waͤhrend Tycho de Brahe von vorn herein einen unuͤberwindlichen Ekel dagegen hatte und ſich, ſelbſt ſeinem Oheime zu Liebe nicht, obgleich er Alles gethan haben wuͤrde, den Willen deſſelben zu erfuͤllen, ihr hingeben konnte. Eine Naturbegebenheit— die große Son⸗ nenfinſterniß, welche am 12. Auguſt des Jahres 1560 eintrat— hatte Tycho's Aufmerkſamkeit zuerſt auf den Himmel gelenkt, und, obgleich er damals erſt ſechszehn Jahr alt war, den Ent⸗ ſchluß in ihm aufkommen laſſen, ſich der Ster⸗ nenkunde weihen zu wollen. Dies fand natuͤrlich bei Meiſter Andreas, der ihn zur Verfolgung ganz anderer Zwecke auf die Univerſitaͤt begleitet hatte, den groͤßeſten Widerſpruch, und ſo mußte der wißbegierige Juͤngling die Nacht zu Huͤlfe nehmen, um ſich in ſeiner Lieblingswiſſenſchaft weiter zu bringen. 1 —— 9 Statt ſich, wie andere junge Leute ſeines Standes, nach vollbrachtem Tagewerke der Ruhe oder dem Vergnuͤgen zu uͤberlaſſen, ſtahl er ſich heimlich aus ſeinem Bette, beobachtete die Sterne, ſchrieb ſeine Bemerkungen daruͤber nieder und verfertigte ſich eine kleine Himmelskugel, die ſein theuerſtes Beſitzthum war, aber ſorgfaͤltig von ihm vor den Augen ſeines Hofmeiſters verborgen gehalten werden mußte, weil dieſer ſie in's Feuer geworfen haben wuͤrde, wenn er ſie erblickt haͤtte. Bald geſellte ſich zum Studium der Aſtronomie, Mathematik und Chemie auch noch das der Aſtro⸗ logie, welches letztere fuͤr den dichteriſchen phan⸗ taſiereichen Tycho bald einen großen Reiz hatte. Vielleicht haͤtte ihn die Aſtrologie auf einen Irr⸗ weg gefuͤhrt; allein der Zufall nahm ſich ſeiner an, indemer ihn eine Bekanntſchaft machen ließ, die von der groͤßeſten Wichtigkeit und Bedeut⸗ ſamkeit fuͤr ſein Leben werden und ihn wieder auf den richtigen Weg zuruͤckfuͤhren ſollte. In Leipzig lebte zu der Zeit, wo Tycho die 10 Univerſitaͤt beſuchte, der beruͤhmte Schuͤler des großen Mathematikers Johann Hommel, Bar⸗ tholomaͤus Scultetus. Dieſer fand Gefallen 4 an dem ſtrebſamen Juͤnglinge und nahm ſich ſei⸗ V ner mit Eifer an. Zwar durfte Tycho ſeinen Lehrer nur heimlich beſuchen; allein eben dieſes hatte fuͤr ihn noch einen groͤßeren Reiz, und bald hing er mit einer faſt ſchwaͤrmeriſchen Liebe an ſeinem Bartholomaͤus Scultetus, der ihm ſeiner⸗ ſeits dieſelbe aufrichtig vergalt, da er den kuͤnfti⸗ gen großen Mann in dem Juͤnglinge bereits ahnete. Wie groß war Tycho's Erſtaunen und Ent⸗ zuͤcken, als er im Jahre 1563 die merkwuͤrdige Zuſammenkunft des Jupiters und Saturns unter Anleitung ſeines Bartholomaͤus und durch deſſen Irſſtrumente beobachtete und dadurch tiefer in die Wunder und Geheimniſſe der Sternenwelt ein⸗ dringen konnte. Von dieſem Augenblick an war er uͤber ſeinen kuͤnftigen Beruf voͤllig entſchieden und die Wiſſenſchaft hatte einen der groͤßeſten — 11 Geiſter gewonnen, die ſie je aufzuweiſen ge— habt. Indeß war der Juͤngling zu voll von ſeinem Gluͤcke, als daß er es vor Meiſter Andreas haͤtte verſchweigen koͤnnen, und bei dieſer Gelegenheit kam derſelbe hinter alle ſeine Geheimniſſe. Er verdoppelte nun zwar ſeine Aufſicht und Strenge und der arme Tycho mußte den ganzen Tag uͤber ſich mit den verhaßten Pandecten quaͤlen; allein in der Nacht lag er ſeinen andern Studien ob, wodurch denn freilich ſeine Geſundheit nicht wenig litt. Weniger ſtoͤrte Meiſter Andreas ſeinen Zoͤg⸗ ling darin, Gedichte zu machen, wozu er gleich⸗ falls Geſchick und Neigung hatte, weil er dieſe, wie damals uͤblich, in lateiniſcher Sprache ſchrieb. Sie waren faſt alle zu Ehren der Wiſſenſchaft, die noch die einzige Geliebte des Juͤnglings war. Man kann ſich aber vorſtellen, mit welchem Kummer es den armen Pedanten— der uͤbrigens ein grundgelehrter Mann war— erfuͤllte, daß 1²2 ſein Zoͤgling nicht nur die von ihm uͤber alle andere Wiſſenſchaften geſtellte Jurisprudenz von ganzer Seele haßte, ſondern auch, trotz ſeiner bedeutenden Geiſtesgaben, nicht die geringſten Fortſchritte darin machte, und einer andern, von ihm nicht hinlaͤnglich gewuͤrdigten Wiſſenſchaft ſeine ganze Liebe zuwandte. Es erging dem armen Magiſter mit ſeinem Zoͤglinge, wie es der Henne ergeht, der man ein Enten⸗Ei untergelegt, und die, nachdem ſie es ausgebruͤtet, die junge verwegene Brut zu Waſſer gehen ſieht. Mit gleichem Schrecken ſah der arme Mann ſich Tycho in einem Elemente bewegen, das ihm durchaus widerwaͤrtig war, und uͤberdies hatte er ſich noch vor den Vorwuͤr⸗ fen des Admirals, Tycho's Oheim, zu fuͤrchten, der ihm befohlen hatte, einen tuͤchtigen Rechts⸗ gelehrten aus demſelben zu machen und dem er jetzt einen Traͤumer, wie er waͤhnte, ein unnuͤtzes Subject zuruͤckbringen ſollte. — 9*— 13 Dieſen und aͤhnlichen, wenig erfreulichen Betrachtungen mochte ſich Meiſter Andreas Seve⸗ rinus uͤberlaſſen, als er jetzt an der Seite ſeines Zoͤglings ſich dem Orte ihrer Beſtimmung, der Hauptſtadt Kopenhagen, naͤherte. . 2 Auch Tycho mochte vielleicht einige Beforg⸗ niſſe wegen des ihn erwartenden Empfanges von Seiten ſeines Oheims naͤhren; doch verbarg er ſie vor ſeinem Hofmeiſter, um dieſen nicht noch mehr zu aͤngſtigen; ja, er ſtellte ſich ſogar voͤllig ruhig und gleichguͤltig an, als ſie endlich in der Hauptſtadt und vor dem Hauſe des Admirals, Herrn Georg Brahes, anlangten. Mit einer raſchen Bewegung ſchwang Tycho ſich vom Pferde und uͤbergab dieſes dem Diener, waͤhrend Meiſter Andreas nur langſam abſtieg und ſich noch dieſes und jenes am Zaum und dem Sattelwerk ſeines Roſſes zu ſchaffen machte, um nur einige Augenblicke ſpaͤter in das Haus 14 treten zu duͤrfen. Am liebſten waͤre es ihm gewe⸗ ſen, gleich weiter zu reiten und in die weite Welt zu gehen; denn er fuͤrchtete ſich entſetzlich vor dem Admiral, der zwar ein vortrefflicher, aber auch ſtrenger Mann war. Zweites Kapitel. Mit ſchnellen Schritten war indeß der Juͤng⸗ ling die breiten ſteinernen Steige der Haustreppe hinangeſtiegen und ſtand jetzt athemlos vor dem Gemache, in dem ſich, wie man ihm geſagt hatte, ſein Oheim befinden ſollte. Er zoͤgerte, theils um Athem in die Bruſt zu ſchoͤpfen, theils in einer gewiſſen Beklemmung, erſt einige Augen⸗ blicke, bevor er mit leiſem Finger an die Thuͤr klopfte. Ein volltoͤnendes:„Herein!“ lud ihn zum Eintritte ein. Befangen und ſchuͤchtern blieb er einige Secun⸗ den an der Thuͤr ſtehen und wagte nicht naͤher zu treten, bis ſein Oheim ſich auf ſeinem Sitze 16 nach ihm umgedreht und mit dem Lichte beleuch⸗ tet hatte, das vor ihm auf dem Tiſche ſtand, als Tycho eintrat. —„Mein Oheim!...“ ſtammelte Tycho. —„Du?“ rief dieſer, ſchnell aufſpringend und ihm entgegentretend;„Du ſchon, Tycho? Ich habe Dich dieſen Abend nicht mehr erwartet. Weshalb aber bleibſt Du wie ein armer Suͤnder an der Thuͤr ſtehen und eilſt nicht gleich in meine Arme? Du haſt doch ein gutes Gewiſſen?“ Tycho war ſo verlegen, daß ihm die Antwort auf den Lippen erſtarb. —„Du ſcheinſt mir ein bloͤder Schaͤfer ge⸗ worden zu ſein,“ nahm der Admiral wieder das Wort.„Freilich ſind es fuͤnf Jahre her, ſeit wir einander nicht geſehen; aber trotz dem ſteht es dem Manne nicht an, eine ſolche Bloͤdigkeit beim Wiederſehen ſeines naͤchſten Verwandten, ſeines Vaters, zu zeigen. Du haſt Dich wohl zu ſehr in Deinem Studirzimmer eingepfercht— man meldete mir, daß Du fleißig geweſen— 6 12 und biſt nicht genug mit Deinesgleichen umge⸗ gangen?“ —„Ich glaube meine Zeit wohl angewendet zu haben,“ erwiederte Tycho, deſſen Verlegenheit mit jeder Minute ſtieg. Der Admiral muſterte ihn vom Kopfe bis auf die Fuͤße und ſagte dann: —„Du biſt wenig gewachſen, ſeit ich Dich nicht geſehen habe, und ſiehſt uͤberhaupt krank und angegriffen aus. Wenn Dein Vater Dich jetzt ſaͤhe, wuͤrde er mir Recht geben, daß ich Dich nicht zum Krieger machen wollte: die Feder hinterm Ohr wird Dir beſſer ſtehen, als der Degen an der Seite. Du kommſt mehr dem Geſchlechte Deiner Mutter nach, als dem unſrigen: die Bille's ſind ſchmaͤchtig und nicht eben groß, das heißt, nicht groß an Koͤrper, denn was den Geiſt und die Tuͤchtigkeit anbetrifft, ſo darfſt Du auf die muͤtterlichen Vorfahren ſchon ſtolz ſein. Die Bille's haben dem Lande treffliche Krieger, Gelehrte und Staatsmaͤnner gegeben, 18 und ich hoffe, daß ſie ſich ihrer Nachkommen auch nicht ſchaͤmen ſollen, wenn es ihnen vergoͤnnt iſt, aus dem Leben in der andern Welt in dieſes Leben zu blicken. Die Nachrichten, welche ich von mehren Seiten uͤber Dich erhielt, waren gut: Du haſt Dich fleißig an's Studiren gehal⸗ ten und die edle Zeit nicht an Dirnen, Wuͤrfel⸗ ſpiel und Becher verſchwendet. Deshalb habe ich mich auf Dich gefreut, und denke einen tuͤch⸗ tigen, angeſehenen Mann aus Dir zu machen. Der Koͤnig, mein gnaͤdiger Herr, weiß bereits von Dir und den Abſichten, die ich mit Dir habe, und hat mir befohlen, Dich bald nach Dei⸗ ner Ankunft zu ihm zu fuͤhren. Da wird es Dir an einer Anſtellung nicht fehlen, und ich, mein Sohn, muß um ſo mehr wuͤnſchen, Dich bald verſorgt zu ſehen, da der Krieg mit Schwe⸗ den gewiß iſt und ich nicht wiſſen kann, ob ich aus demſelben zuruͤckkehren werde. Auch der Koͤnig denkt, in Perſon ſeine Truppen nach Schweden hinuͤber zu fuͤhren; er iſt ein tapferer ——— —— ꝗoä-— 19 Herr, der die Gefahren nicht ſcheut, und im Kriege fallen die Looſe oft wunderbar. Kurz, ich habe Dich kommen laſſen, um, bevor ich mit der Flotte auslaufe, Dein Schickſal geſichert zu ſehen, ſo weit dies in Menſchenhand ſteht. Eines⸗ theils erheiſcht dies meine Liebe zu Dir, andern⸗ theils bin ich Dir eine Verſorgung ſchuldig, da ich, ſelbſt kinderlos, Dich Deinem Vater faſt mit Gewalt entriſſen habe, um mir in Dir einen Sohn zu erziehen; ich hoffe, Du wirſt den Vater nicht entbehrt haben, und die Mutter auch nicht,“ fuͤgte er hinzu;„Frau Margarethe, Deine Baſe, liebt Dich ja mit wahrhafter Mutterzaͤrtlichkeit.“ —„Mein theurer, mein guͤtiger Oheim,“ ſagte Tycho jetzt, der mit ſeinem innern Kampfe fertig geworden und zu einem feſten Entſchluſſe gekommen war,„ich bitte Euch, mich nicht dem Könige vorzuſtellen...... 4 —„und weshalb nicht, mein junger Fant?“ unterbrach ihn der Admiral voll Verwunderung. —„Weil ich,“ ſagte Tycho, indem ihm eine 20 Thraͤne in's Auge trat,„ſeiner und Eurer Guͤte nicht wuͤrdig bin.“ —„Ich verſtehe Dich nicht; erklaͤre Dich deutlicher,“ erwiederte ihm Herr Georg, indem ſich ſeine Stirne runzelte.„Sollteſt Du, trotz der Erziehung, die ich Dir habe geben laſſen, trotz des guten Beiſpiels von Seiten glorreicher Ahnen, eine Schuld auf Deine junge Seele gela⸗ den und Dich des Namens Brahe unwuͤrdig gemacht haben?“ fuhr er mit furchtbarem Ernſte fort.„Dann freilich duͤrfte ich es nicht wagen, Dich meinem gnaͤdigen Herrn und Koͤnige vor⸗ zuſtellen. Sprich, was iſt es; Du quaͤlſt mich mehr, als Du glaubſt mit dieſem hinter'm Berge halten.“ —„Ihr ſollt Alles wiſſen, mein theurer, hochverehrter Oheim,“ ſagte Tycho nach einer Pauſe, waͤhrend welcher er uͤber den Eingang ſeiner Rede nachgeſonnen zu haben ſchien;„und Gott ſei gelobt, daß ich Euch nichts zu berichten habe, woruͤber ich vor Euch, dem alle Ehren 8 —— —x — 21 ſchmuͤcken, zu erroͤthen haͤtte. Zwar machte ich mich durch Ungehorſam gegen Euren Willen ſchul⸗ dig; allein ich konnte nicht anders und kaͤmpfte vergebens gegen meine Neigung, mit noch ſchlech⸗ terem Erfolge gegen meine Abneigung gegen die Rechtswiſſenſchaft an, die Ihr mir zu ſtudiren befahlt.“ 3 Der Admiral unterbrach ihn nicht und deu⸗ tete ihm mit der Hand an, daß er in einem Seſſel neben ihm Platz nehmen und in ſeiner Mittheilung fortfahren ſolle. Tycho gehorchte und begann jetzt das Gemaͤlde ſeiner Vergangenheit vor ſeinem Oheime aufzu⸗ rollen; er verhehlte ihm nichts und ſchloß mit den Worten, die der große Reformator auf dem Reichstage zu Worms ſprach. Als er geendet hatte, erhob ſich der Admiral, ſchritt einige Male mit ſchnellen Schritten durch das ſehr große Gemach und ſagte dann, vor ihm ſtehen bleibend, mit zornigem Tone: —„Du haſt meine ſchoͤnſten Hoffnungen 22 vernichtet und ich bekomme jetzt meine Beſtrafung dafuͤr, daß ich Dich Deinen Eltern mit Gewalt entfuͤhrt, Dich eine Laufbahn einſchlagen ließ, die wider den Willen Deines Vaters war, der Dich, ſeinen Erſtgeborenen, zum Krieger beſtimmte. Ehre und Freude hoffte ich an Dir zu erleben, Dich zum beruͤhmten, zum großen Manne zu erziehen, dem Koͤnig in Dir einen treuen Diener, dem Vaterlande eine Zierde zu geben, und jetzt wird aus allem dieſen nichts. Du wirſt Dein Leben vertraͤumen, wirſt ein Spott Deiner Stan⸗ desgenoſſen als ein bloßer Stubengelehrter wer⸗ den, und auch auf mich wird man mit Spott weiſen und ſagen: wahrlich, es war der Muͤhe werth, ſich ſolchen Sohn, ſelbſt auf Koſten der Verfeindung mit ſeinem einzigen Bruder hin, zu erobern!“ —„Beim Himmel!“ rief Tycho und ſein Auge ſpruͤhete Funken,„beim Himmel, mein Oheim, auf ſolche Weiſe ſoll man Euer nicht ſpotten duͤrfen! Ich will ſterben oder Euch Ehre machen, Euch und dem Namen, den wir Beide fuͤhren. Es iſt eine Fuͤlle der Kraft in mir, die es mir verbuͤrgt, daß ich dieſe Verheißung wahr machen werde; ſo laßt mich denn dieſe Kraft auf die Wiſſenſchaft wenden duͤrfen, fuͤr die meine Seele in heißer Liebe gluͤht, denn an alles Andere wuͤrde ich ſie nur verſplittern. Ihr ſeid nicht nur ein weiſer, ſondern auch ein kluger Mann,“ fuhr er nach einigen Augenblicken fort, waͤhrend welchen er auf die Antwort des Admirals gewar⸗ tet zu haben ſchien;„ſo werdet Ihr wiſſen, daß der Menſch nur in dem ſelbſtgewaͤhlten Berufe gluͤcklich und groß werden kann, und daß jeder aufgedrungene zur Halbheit fuͤhren muß. Laßt mich meine geiſtigen Schwingen frei entfalten; laßt mich ungehindert den Flug nehmen, den ich nehmen muß, weil eine innere Nothwendigkeit mich treibt, und ich werde vielleicht hoch fliegen, mein Oheim!“ Er hatte ſich bei dieſen Worten dem Admiral genaͤhert, ergriff ſeine Hand und kuͤßte ſie voll 24 Ehrerbietung; dieſer litt es, denn er war nicht zornig mehr, ſondern bewunderte vielmehr den Juͤngling, der zugleich mit ſolcher Begeiſterung und Klarheit ſprach. —„Sende mir Meiſter Andreas,“ ſagte er dann nach einer Pauſe, und gehe Du ſelbſt zu Deiner Baſe, um ihr Deine Ankunft anzuzeigen.“ —„Mein theurer Oheim,“ nahm Tycho wie⸗ der bittend das Wort,„ich beſchwoͤre Euch im Namen der Gerechtigkeit, deren Freund Ihr ſeid, nicht hart mit Meiſter Andreas zu verfahren, der an dem, was Euch an mir mißfaͤllig, voͤllig unſchuldig iſt. Der treffliche Mann hat in Wahr⸗ heit Alles aufgeboten, mir Neigung fuͤr die Wiſ⸗ ſenſchaft beizubringen, der er ſelbſt mit Leib und Seele anhaͤngt; ja er hat“— ſein Geſicht ver⸗ zog ſich bei dieſen Worten, trotz des Ernſtes der Situation, zu einem Laͤcheln—„ſogar einen Theil der mir ſo verhaßten Pandecten in latei⸗ niſche Verſe gebracht, um ſie mir ſo beſſer bei⸗ zubringen, da ihm meine Vorliebe fuͤr die edle ——ʒ—— 2⁵ Poeſie bekannt iſt. Aber auch dieſes wollte nichts helfen und die Pandecten widerten mich ſowohl in Poeſie, als in Proſa an, ſo daß er die Hoff⸗ nung auf meine Bekehrung aufgeben mußte. Ich weiß, er fuͤrchtet ſich vor Euch, ſo ſchuldlos er ſich auch in ſeinem Innern fuͤhlen muß; daher bitte ich Euch nochmals...... 4 —„Schon gut!“ verſetzte der Admiral, wel⸗ cher nur mit Muͤhe ein Laͤcheln unterdruͤckte. „Sende mir ihn her und uͤberlaſſe es ihm ſelbſt, ſich bei mir zu entſchuldigen. Iſt er doch ein Juriſt und wird als ſolcher ſchon ſeine Sache zu fuͤhren wiſſen.“ Tycho gehorchte und ſchon nach wenigen Minuten trat Meiſter Andreas Severinus ſehr demuͤthiger Haltung und mit laut pochendem Herzen zu ſeinem hohen Goͤnner in das Gemach. Der Admiral ging noch immer mit raſchen Schritten auf und ab, als der Hofmeiſter zu ihm eintrat, um ſeine Befehle zu vernehmen. Dieſes Hin⸗ und Hergehen ſchien dem armen 2 26 Manne von der uͤbelſten Vorbedeutung zu ſein, und er machte ſich daher auf einen heftigen Sturm gefaßt. Der Admiral, welcher an ſeiner verwirrten Miene ſeine große Angſt abnehmen mochte und dieſer ein Ende machen wollte, ſagte, zu ſeinem nicht geringen, aber freudigem Erſtaunen mit guͤtigem Tone zu ihm: —„ETretet naͤher, Meiſter Andreas, und ſetzt Euch zu mir; ich habe mit Euch zu reden.“ —„Mein gnaͤdiger Gebieter zuͤrnt nicht mit mir?“ fragte der erſtaunte Mann mit ſchuͤchter⸗ nem Tone. —„Weshalb ſollte ich Euch denn zuͤrnen, Meiſter Severinus?“ entgegnete ihm der Admi⸗ ral.„Weiß ich doch von meinem Neffen⸗ſelbſt, daß Ihr Eure Pflicht gethan habt und ein getreuer Hirt des Schaͤfleins geweſen ſeid, daß i0 unter Eure Obhut gegeben.“ —„Aber die edle Jurisprudenz, wir haben, Gott ſei es geklagt, nichts davon vor uns 2 gebracht,“ ſagte der Magiſter mit einem tiefen Seufzer.„Ew. Gnaden koͤnnen es mir aber auf's Wort glauben,“ fuhr er mit traurigem Tone fort,„daß dies mir mehr graues Haar und groͤßern Kummer gemacht hat, als ſonſt irgend Etwas in der Welt. Haͤtten Ermahnungen und Beiſpiel helfen koͤnnen, ſo waͤre unſer Jun⸗ ker jetzt ein Licht der Gelehrſamkeit und wuͤrde ein ſo wuͤrdiger Prieſter der Themis werden, wie es nur je einen gegeben hat und geben wird; allein ich predigte tauben Ohren, und obgleich mir in allen andern Dingen gehorſam, ſo lehnte er ſich doch in dieſem Punkte ſo gegen mich auf, daß ich, wie man zu ſagen pflegt, mit meinem Latein zu Ende war.“ —„Ich weiß das Alles von ihm ſelbſt,“ nahm der Admiral das Wort,„und Ihr habt an ihm den beſten Vertheidiger. Nur das wuͤnſche ich noch von Euch in Erfahrung zu bringen, wie mein Neffe ſich im Uebrigen auffuͤhrte, und ob er den von ihm erwaͤhlten Studien mit Eifer oblag?“ 2* —„Ich kann Ew. Gnaden die Verſicherung geben, daß unſer Junker von allen Leuten als das Muſter ſeines Standes und Alters betrachtet wurde, daß er ſich weder in Venere noch in Bacche je die mindeſte Ausſchweifung erlaubte; daß er den Umgang mit Raufbolden ſorgfaͤltig vermied und nie die verderblichen Wuͤrfel in die Hand nahm. Sein Umgang war ſtets der aller⸗ beſte, mit Ausnahme eines gewiſſen Bartholo⸗ maͤus Scultetus, den ich als ſeinen Verfuͤhrer betrachten und deshalb haſſen muß, ſo weit ein guter Chriſt ſeinen Mitmenſchen haſſen darf....“ —„Eben dieſen hat er mir als das Muſter der Gelehrſamkeit und der guten Sitten geruͤhmt?“ unterbrach ihn der Admiral. —„Weder ſeine Gelehrſamkeit, noch ſeine guten Sitten kann ich in Abrede ſtellen,“ erwie⸗ derte Meiſter Andreas,„und wenn ich ihn als den Verfuͤhrer unſers edlen Junkers bezeichnete, ſo bitte ich Ew. Gnaden, nichts Anderes darun⸗ ter verſtehen zu wollen, als daß er dieſen zu der K. 29 Aſtronomie verfuͤhrte und ihn noch mehr in ſei⸗ ner Abſcheu gegen die edle Jurisprudenz beſtaͤrkte, ihm auch die Mittel und Wege an die Hand gab, ſeiner Neigung zum Sternengucker froͤhnen zu kͤnnen. Ich darf wohl behaupten, daß es mir, trotz des unerklaͤrlichen, gleichſam angeborenen Widerwillens unſeres Junkers gegen das Jus und die Pandecten, doch noch gelungen waͤre, ihn auf die rechte Bahn zu fuͤhren, wenn jener Bartholomaͤus in einer Stunde nicht wieder zerſtoͤrt haͤtte, was ich in vielen Stunden auf⸗ gebauet.“ —„In allem dieſen ſeid Ihr ohne Fehl, mein guter Meiſter Andreas,“ verſetzte der Admi⸗ ral;„nur haͤttet Ihr mir bei Zeiten Nachricht von der Richtung geben ſollen, die der Geiſt meines Neffen genommen; ich wuͤrde dann ſeine Studien ganz anders eingerichtet und ihm die Freiheit verſchafft haben, ſeiner Neigung unge⸗ hindert genug thun zu koͤnnen. Jetzt hat er die Nacht zu Huͤlfe nehmen muͤſſen, da Ihr ihn den 30 Tag uͤber mit Dingen quaͤltet, die ihm nicht zuſagten, und iſt mir dadurch ſchier ein Schwaͤch⸗ ling geworden.“ —„Ich konnte mich nicht entſchließen, mei⸗ nen guten Junker, der mir ſonſt nicht die min⸗ deſte Veranlaſſung zur Unzufriedenheit gab, bei Ew. Gnaden anzuklagen, obgleich ich ihn oft damit gedroht,“ ſagte Meiſter Andreas kleinlaut. —„Es waͤre ja keine Anklage gegen ihn geweſen, wenn Ihr mir geſchrieben haͤttet, daß er keine Neigung zu der Wiſſenſchaft habe, fuͤr die ich ihn beſtimmt, wohl aber fuͤr eine andere,“ erwiederte ihm der Admiral.„Niemand weiß beſſer, wie ich, daß man gegen ſeine Neigung in Hinſicht des Berufs nicht ankann, denn ich ſelbſt habe einen aͤhnlichen Kampf beſtanden, wie mein Neffe. Mein Vater wollte mich zum Ge⸗ lehrten machen, mich, der ich nichts Anderes dachte und traͤumte, als Schlachten und kriege⸗ riſche Thaten, der ich den Degen ſchon als klei⸗ nes Knaͤbchen mit Kraft fuͤhrte, und dem die 31 Feder ein Graͤuel war. Es wuͤrde ein erbaͤrmli⸗ cher Gelehrter aus mir geworden ſein, wenn mein Vater nicht bei Zeiten von ſeinem Vorſatze abgeſtanden waͤre, und als Krieger und See⸗ mann, ſo hoffe ich, habe ich das Meinige gelei⸗ ſtet und mich des Namens meiner Vaͤter nicht unwuͤrdig gemacht.“ —„Gewiß nicht,“ verſetzte Meiſter Andreas, „der Name und die Thaten Ew. Gnaden leben in Aller Munde und Ihr Ruf geht in Gold und Purpur gekleidet durch die ganze Welt. Kam es doch unſerm Junker oft zu ſtatten, daß er den Namen Brahe fuͤhrte. Wenn man ihn fragte, ob er mit dem beruͤhmten Admiral verwandt ſei, der das groͤßte Schiff, das der Ocean trug, der Makeloͤes, enterte und mit ihm in die Luft geſprengt wurde, und er dann antwortete: das iſt mein Oheim und Pflegevater, da haͤttet Ihr ſehen ſollen, mit welchem Reſpect man auf ihn blickte und ſagte: wenn er aus ſolchem Blute iſt, wird gewiß was Rechts aus ihm werden. Das waͤre es auch gewiß, wenn die vermaledeiete Aſtronomie uns nicht dazwiſchen gekommen waͤre.“ —„Ich hoffe, daß er Euch und mir auch jetzt noch Ehre machen wird,“ ſagte der Admi⸗ ral.„Der Wege zum Ruhme ſind ja viele— er ſoll von nun an ungeſtoͤrt und ungehindert den ſeinen gehen. Was Euch aber anbetrifft, Meiſter Andreas, ſo halte ich Euch, was ich Euch verſprach, als Ihr die Fuͤhrung meines Neffen uͤbernahmt, und habe das Wort meines gnaͤdigen Koͤnigs, daß Ihr eine gute Anſtellung haben ſollt. Geht jetzt, und haltet Euch davon uͤber⸗ zeugt, daß ich Euch auf keine Weiſe zuͤrne, noch anklage, ſondern Euch vielmehr von Herzen gewo⸗ gen bin, da Ihr redlich Eure Pflicht gethan und mir den Neffen als einen ſittlichen und wohl unterrichteten Juͤngling zuruͤckgebracht habt, der, 4 wenn er unſere Wuͤnſche in dem einen Punkte auch nicht erfuͤllte, ſie in einem andern vielleicht uͤberfluͤgeln wird.“ Er reichte bei dieſen Worten dem hocherfreuten —,— * — Magiſter die Hand, die dieſer voll Dankbarkeit * kuͤßte. —„Es verſteht ſich von ſelbſt,“ fuͤgte der Admiral hinzu,„daß Ihr ſo lange in meinem Hauſe bleibt und Euren bisherigen Gehalt bezieht, bis ſich eine paſſende Anſtellung fuͤr Euch gefun⸗ den haben wird. Schon morgen rede ich mit meinem gnaͤdigen Herrn, dem Koͤnige, von Euch, und erinnere ihn an ſein mir in Hinſicht Eurer gegebenes Verſprechen.“ — Selten hat wohl die Welt einen gluͤcklichern Menſchen geſehen, als Magiſter Andreas Seve⸗ rinus in dem Augenblicke war, wo er auf ſolche Weiſe von einem Manne entlaſſen wurde, von dem er die heftigſten Vorwuͤrfe zu hoͤren befuͤrch⸗ tet hatte. Er ging nicht, ſondern er flog vielmehr, ganz gegen ſeine Gewohnheit, die Treppe hinab, um △ ſeinen Schuͤler aufzuſuchen und dieſem ſein Gluͤck zu melden; auch Tycho war natuͤrlich nicht wenig 4 froh uͤber den Ausgang einer Sache, die ihm, 34 mehr in Bezug auf ſeinen armen Lehrer, als auf ſich ſelbſt, banges Herzklopfen gemacht hatte. Der Oheim, den er ſehr jung verlaſſen, ſchwebte ſeiner Erinnerung als ein uͤberaus hef⸗ tiger, und ſogar etwas jaͤhzorniger Mann vor, und ſo hatte er vor dem Augenblick gezittert, vor ihn hintreten und ihm ſagen zu muͤſſen: das was Du von mir gewollt, habe ich nicht gethan; das was Du von mir erwarteſt, kann ich nicht erfuͤllen. Dieſen Augenblick fuͤrchtete er aber, wie ſchon geſagt, weniger fuͤr ſich ſelbſt, 4 als fuͤr ſeinen Lehrer, da der Zorn des Oheims alle Hoffnungen des armen Mannes auf die Zu⸗ 1 kunft zu Grunde richten konnte. Was ihn ſelbſt anbetraf, ſo war er entſchloſſen, der von ihm erwaͤhlten Wiſſenſchaft Alles zum Opfer zu brin: gen, ſelbſt die Liebe und das Wohlwollen ſeines Oheims, ſo großen Werth er auch auf beide legte. f Fuͤr das aͤußere Leben, fuͤr Reichthum, Be⸗ quemlichkeit, Anſehen, Stand und Ehren hatte er, der nur in der Wiſſenſchaft ſein Gluͤck, und * 3⁵ in ihr Erſatz fuͤr alle Entbehrungen fand, wenig Sinn; ſeine Beduͤrfniſſe beſchraͤnkten ſich auf das Nothwendigſte, auf einige Buͤcher und Inſtru⸗ mente, auf ein Kaͤmmerchen, von dem aus er den geſtirnten Himmel betrachten und ſeine Beobachtungen anſtellen konnte, auf ein Blatt Papier und einige Federn, um ſie niederzuſchrei⸗ ben oder die Empfindungen ſeiner Seele in Ver⸗ ſen zu ergießen, wozu ihn ein innerer Drang oft trieb.— Fuͤr ſeine Zukunft hatte er keine Sorge und wuͤrde ſie auch dann nicht gehabt haben, wenn ſein Oheim ihn in ſeinem Zorne gaͤnzlich ver⸗ ſtoßen haͤtte: lebten ihm doch noch beide Eltern, die, obſchon ihm entfremdet, da der Admiral ihn denſelben im zarteſten Alter entriſſen hatte, ſich doch nicht weigern wuͤrden, ihn bei ſich aufzu⸗ nehmen, ihm ein Kaͤmmerchen in ihrem Schloſſe einzuraͤumen und fuͤr ſeine ſonſtigen wenigen Beduͤrfniſſe zu ſorgen; oft war ihm ſogar der Gedanke gekommen, daß er vielleicht in einem ſolchen Verhaͤltniſſe gerade am gluͤcklichſten ſein wuͤrde, da das Getreibe und Geraͤuſch großer, volkreicher Staͤdte ihn anekelte, das ſtille Land⸗ leben, die groͤßeſte Abgeſchiedenheit ihm dagegen erwuͤnſcht waren, weil ſie ihm die zu ſeinen Stu⸗ dien erforderliche Ruhe gewaͤhrten. Tycho's Vater, der Reichsrath Otto Brahe, aus einem der edelſten Geſchlechter Schwedens ſtammend, war Herr zu Knudſtrup in Scho⸗ nen, das damals noch unter daͤniſchem Scepter ſtand; ſeine Mutter war eine Bille, welche gleichfalls ſich dem aͤlteſten Adel Schwedens zu⸗ zaͤhlen durften; ſie fuͤhrte den Vornamen Beate. Der Erſtgeborene dieſes edlen Paares war unſer Tycho. Als er das Licht der Welt erblickt hatte, und ſein Oheim, Herr Georg Brahe, ihn zur Taufe hielt, ſagte dieſer halb ſcherzend zu ſeinem Bruder: —„Sollteſt Du mehr Soͤhne in Deiner Ehe erzielen, ſo gehoͤrt dieſer Knabe mir, dem Kinderloſen.“ 3²³ Tycho's Vater ging darauf ein, weil er das Geſagte fuͤr einen Scherz von ſeinem Bruder hielt; als die Ehe des letztern aber kinderlos blieb und Herrn Otto noch ein Sohn und mehre Toͤchter geboren wurden, drang der Admiral auf die Erfuͤllung des ihm gegebenen Verſprechens, und als der Bruder erklaͤrte, Alles nur fuͤr Scherz gehalten zu haben und nimmermehr in ein ſolches Verlangen willigen zu wollen, ergriff jener den Ausweg, den Knaben mit Gewalt aus dem Hauſe ſeiner Eltern zu entfuͤhren und mit ſich nach Kopenhagen heruͤber zu nehmen, wo er ihn der Aufſicht und Pflege ſeiner Gattin, der Frau Margarethe, uͤbergab. Ein langer und heftiger Zwiſt war die Folge dieſer Gewaltthat, und faſt waͤre es daruͤber zu einem Rechtsſtreite zwiſchen den Bruͤdern gekom⸗ men; Freunde vermittelten indeß die Sache und Herr Georg, der geſchworen hatte, den Knaben nie wieder herausgeben zu wollen, da er ſich auf 38 das Verſprechen ſeines Bruders ſtuͤtzen zu duͤrfen glaubte, blieb im Beſitze deſſelben. Mit einer außerordentlichen Zaͤrtlichkeit, die nicht groͤßer haͤtte ſein koͤnnen, wenn Tycho wirk⸗ lich ſein Sohn geweſen waͤre, hing der Admiral an dem Kinde, das ſchon fruͤh zu großen Hoff⸗ nungen berechtigte, da ſich ſein Verſtand und ſeine Urtheilskraft ungewoͤhnlich ſchnell entwickelten. —„ÄEr ſoll ein Gelehrter, ein großer Mann werden,“ ſagte Herr Georg, wenn die mit Sorg⸗ falt gewaͤhlten Lehrer die außerordentlichen und ſeltenen Geiſtesfaͤhigkeiten des fuͤr ſein Alter nicht eben großen und faſt ſchwaͤchlichen Knaben lob⸗ ten;„zum Krieger paßt er ſich nicht, denn er wird nicht groß und ſtark werden, wie wir Brahe'’s ſind: hat er doch ganz das Geſicht und den zar⸗ ten Gliederbau ſeiner Mutter.“ Dieſer Ausſpruch des Admirals erweckte aber neuen Widerſpruch bei Herrn Otto, Tycho's Vater, der aus ſeinem Erſtgeborenen durchaus einen Krieger gebildet ſehen wollte, der, wie der 39 Admiral, den Glanz des Hauſes durch Waffen⸗ thaten vermehrte. Der Admiral kehrte ſich aber an dieſen Wider⸗ ſpruch nicht, und ſein Pflegeſohn erhielt von vorn herein eine gelehrte Erziehung. Schon in ſeinem ſiebenten Jahre gab man Tycho'n Unterricht in der lateiniſchen Sprache, in der er bald bedeu⸗ tende Fortſchritte machte. An dieſem knuͤpfte ſich der der freien Kuͤnſte, was ihn veranlaßte, ſich bald in lateiniſchen Verſen zu verſuchen, uͤber die ſein Oheim eine große Freude hatte. Schon mit dem dreizehnten Jahre wurde der Knabe fuͤr faͤhig gehalten, die hohe Schule in Kopenhagen zu beſuchen, und hier war es, wo die große, am 12. Auguſt 1560 vorfallende Son⸗ nenfinſterniß uͤber ſeinen kuͤnftigen Beruf ent⸗ ſchied, indem ſie ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zog und die Liebe fuͤr die Sternenkunde in ihm erweckte. Nachdem er zwei Jahre in Kopenhagen zu⸗ gebracht hatte, fand Herr Georg es fuͤr rathſam, ihn unter der Aufſicht eines wuͤrdigen und gelehr⸗ ten Mannes nach Leipzig zu ſenden, um dort, am Quell der Weisheit und Gelehrſamkeit, die Rechte zu ſtudiren, fuͤr die ſein Oheim ihn be⸗ ſtimmt hatte. Die Wahl des Admirals fiel, als er ſich nach einem Fuͤhrer fuͤr ſeinen Neffen um⸗ ſah, auf den Magiſter Andreas Soͤrenſen, der, nach der Sitte jener Zeit unter den Gelehrten, ſeinen aͤcht daͤniſchen Namen lateiniſirt hatte und ſich Severinus ſchrieb. In der That konnte Herr Georg ſeinen Liebling keinen beſſern Haͤn⸗ den anvertrauen, als denen des Meiſters Andreas, der, etwas Pedanterie abgerechnet, ein ganz vor⸗ trefflicher Mann war und ſich in der Folge ſelbſt einigen Ruhm als Hiſtoriker erwarb. Wie es Tycho'n, trotz ſeines guten Willens, aber unmoͤglich geweſen war, dem Wunſche ſei⸗ nes Oheims in Hinſicht des Ganges ſeiner Stu⸗ dien nachzukommen, iſt im Vorhergehenden ſchon erzaͤhlt worden. Durch ſeinen Umgang mit dem gelehrten Bartholomaͤus Scultetus wurde er * r 41 noch mehr in ſeiner Neigung fuͤr die Mathema⸗ tik, Aſtronomie und Chemie beſtaͤrkt und hegte nebenbei einen ihm angeborenen Widerwillen gegen die Rechtswiſſenſchaft. Er begriff fruͤh, daß er in den erſteren Wiſſenſchaften vielleicht Bedeuten⸗ des, in der letztern nie Etwas leiſten werde, und ſuchte ſo nur Mittel und Wege, um ſich dem verhaßten Zwange entziehen und ſeiner Lieblings⸗ neigung nachleben zu koͤnnen. Drittes Kapitel. Ein unendlich behagliches Gefuͤhl ergriff Tycho als er nach der mit ſeinem Hofmeiſter gehabten Unterredung das fuͤr ihn von ſeiner guten Baſe Margarethe bereitete huͤbſche und wohleingerichtete Gemach betrat. Ihm war, als waͤren ihm ploͤtz⸗ lich ſchwere, druͤckende Feſſeln abgenommen wor⸗ den, die bisher ſeinen Geiſt eingeſchnuͤrt gehalten und ihn am freien Aufathmen verhindert hatten. Trotz ſeiner Muͤdigkeit von der Reiſe packte er noch in derſelben Nacht ſeine bisher ſorgfäͤltig vor Meiſter Andreas Blicken verſteckt gehaltenen aſtronomiſchen, mathematiſchen und chemiſchen Buͤcher aus; ja ſelbſt einige aſtrologiſche durften 4³ jetzt aus ihrem Verſteck hervorgeholt und aufge⸗ ſtellt werden; denn auch mit der Aſtrologie hatte er ſich heimlich beſchaͤftigt, obgleich ſein aufge⸗ klaͤrter Freund und Lehrer, Herr Bartholomaͤus, dieſe Wiſſenſchaft fuͤr ein bloßes Hirngeſpinſt erklaͤrte und ſie durchaus verwarf. Die Neigung dafuͤr war aber ſchon zu tief in Tycho gewur⸗ zelt, als daß er ſie nicht heimlich trotz dem haͤtte pflegen ſollen, und eben, daß er ſie vor Jeder⸗ mann verbergen mußte, verlieh ihr einen um ſo groͤßeren Reiz. Die erſte Nacht im Hauſe ſeines Oheims wurde faſt ſchlaflos verbracht; es erging ihm wie den Kindern nach der Weihnachtbeſcheerung: die Freude und das Verlangen nach dem ſchoͤnen folgenden Tag verſcheuchten den Schlaf von ſei⸗ nen Augenlidern. Auch war er mit dem erſten Sonnenſtrahle wieder auf und ordnete ſeinen Buͤcherſchatz aufs Neue. Daß Alles, was auf die verhaßte Juriſterei Bezug hatte, auf die Seite geworfen wurde, verſteht ſich wohl von 44 ſelbſt; es wurde in die Kiſte gepackt, worin er ſeine Sachen vorweg nach Hauſe geſchickt hatte, und der ihm aufwartende Diener erhielt Befehl, dieſe auf den Boden zu ſchaffen; ihm war, als muͤſſe ihn noch ein boͤſer Zauber befangen, ſo lange dieſe fuͤr ihn ſo unheimlichen Buͤcher noch in ſeiner Naͤhe waͤren. Nach dem Fruͤhmahle, welches er auf ſeinem Zimmer einnahm, ließ ſein Oheim ihn zu ſich berufen. Tycho ging jetzt ohne Zagen zu dem verehrten Manne und wurde mit Freundlichkeit von ihm empfangen. —„Du biſt von heute an Herr Deiner Zeit und Deiner Studien,“ ſagte der Admiral zu ihm, nund wuͤrdeſt die letzteren ſchon laͤngſt mit Dei⸗ nen Neigungen haben vereinigen koͤnnen, wenn Du mehr Zutrauen zu mir gehabt haͤtteſt. Ich haſſe allen Zwang und weiß, daß vor allen Dingen der Menſch in Hinſicht ſeines Berufes freie Wahl haben muß, wenn etwas Tuͤchtiges aus ihm werden ſoll. So wuͤrde ich mich auch * 4⁵ Deiner Neigung nicht widerſetzt haben, wenn ich fruͤher durch Dich von derſelben unterrichtet worden waͤre. Fuͤnf Jahre ſind auf dieſe Weiſe fuͤr Dein Gluͤck, und zum Theil auch fuͤr die von Dir erwaͤhlte Wiſſenſchaft, verloren gegangen: Du wirſt ſie wieder einzubringen ſuchen; ich ver⸗ traue Dir und Deinem Worte, daß Du mir durch Deinen Fleiß Ehre machen werdeſt und hoffe fuͤr die Zukunft das Beſte von Dir.“ Tycho war durch die Guͤte ſeines Oheims ſo geruͤhrt, daß er nur Worte des Dankes ſtammeln konnte.. —„Genug, mein Sohn,“ ſagte der Admi⸗ ral;„es handelt ſich nicht um Worte zwiſchen uns, ſondern um Thaten. Verlaß mich jetzt, da ich wichtige Geſchaͤfte habe, und kleide Du Dich an, um Deinem Oheime muͤtterlicher Seits, Herrn Steen Bille, einem wuͤrdigen und gelehrten Manne, Deinen Beſuch abzuſtatten. Ihr werdet bald gute Freunde werden, da er die von Dir erwaͤhlte Wiſſenſchaft vor allen andern liebt; nur huͤte Dich, Dich nicht von ihm zur Alchemie und Sterndeuterei, und wie die Thor⸗ heiten ſonſt heißen moͤgen, verleiten zu laſſen, denn zu dieſen Hirngeſpinſten ſoll er ſich ſehr hinneigen, ſo verſtaͤndig er ſonſt auch iſt.“ Tycho that, wie ſein Oheim befohlen hatte und fand bei Steen Bille den freundlichſten Empfang. Sehr bald vertieften ſich Beide in ein wiſſenſchaftliches Geſpraͤch und der Oheim fand ein ſo großes Wohlgefallen an dem Neffen, daß er ihn fleißig zu beſuchen bat, was dieſer mit Freuden angelobte. Auf Tycho's Wunſch hatte ſeine Baſe, Frau Margarethe, ihm noch ein Stuͤbchen im oberſten Theile des Hauſes einrichten laſſen, und dahin war er mit allen ſeinen Inſtrumenten gezogen; oon hier aus konnte er den Himmel mit ſeinen Sternenwundern beobachten; hier war er ſo gluͤck⸗ lich, wie es nur ein Menſch auf Erden ſein kann. Nur ſelten verließ er ſein Paradies, und faſt nur auf die Anforderung ſeines Oheims, des 8 * 4²⁷ Admirals, der fuͤr ſeine Geſundheit fuͤrchtete, wenn er ſich zu eifrig dem Studiren hingaͤbe, ſtellte er dann und wann einen Spaziergang an, indem er dem Meeresufer zueilte und an dieſem entlang ging, um die friſche, erquickende Seeluft einzuathmen, die ſeinen oft angegriffenen Nerven unendlich wohl that. Ein ſehr ſchoͤner Juni⸗Abend lockte ihn wei⸗ ter, als er ſonſt zu gehen gewohnt war. Him⸗ mel und Erde ſchienen ſich verbuͤndet zu haben, den Tag zu einem der ſchoͤnſten zu machen, den die Welt je geſehen hat. Die dunkle Blaͤue der Oſtſee verſchmolz mit der durchſichtigern, klarern des Horizontes, der an ſeinem fernſten Rande wie eine leichte Wolke auf dem herrlichen, geheim⸗ nißvollen Waſſerſpiegel lag; die bereits im Unter⸗ 3 gehen begriffene Sonne warf nur noch ſchraͤge 1 Strahlen auf das Meer, in deſſen kleinen Well⸗ chen ſie ſich abſpiegelten und die ſie mit Gold⸗ und Purpurſchein ſaͤumten. Kaum vernahm man das Rauſchen der Wellen, die ſich nur 4 . 5 ₰ 4 6 8 2 48 langſam, gleichſam ermuͤdet von ihrem Tage⸗ werke, an den Strand waͤlzten und die farbigen Steine und Muſcheln deſſelben benetzten, ohne ſie mit Schaum zu beſpritzen. Friſch glaͤnzten die Blaͤtter des ſich in einiger Entfernung vom Strande hinziehenden Buchenwaldes, aus deren mit Abendgold beſtreuetem Laubdache die letzten Geſaͤnge der Voͤgel, die bereits das Neſt ſuchten, erſchallte; aus den ſanft vom Abendwinde beweg⸗ ten Zweigen fluͤſterten ſuͤße Laute, wie die der begluͤckten Liebe. Tycho ſchritt, ihm ſelbſt unbewußt, immer weiter. Mit einem Entzuͤcken, von dem er nie vorher einen Begriff gehabt hatte, uͤberließ er ſich der ſanften Schwaͤrmerei, die eine ſolche choͤnheit der Natur in einer poetiſch geſtimmten Seele ſo leicht hervorruft. Die ihn umgebende Stille und Ruhe in der Natur wurde nur dann und wann durch den fernen Ruf des Kukuks, durch das Geſchrei eines zum Neſte heimkehrenden Kiebitz oder den 49 Fluͤgelſchlag der uͤber das Meer hinſchwebenden, weißgefluͤgelten Moͤve unterbrochen, die, noch auf Beute ausgehend, ſich vom Sonnenglanze auf die Oberflaͤche des Waſſers herausgelockte Fiſche im ſchnellen Fluge zu erhaſchen wußte und mit dieſen zum Neſte heimſchwebte. Auch in Tycho's Seele war Alles ſtill und feierlich, und ſo ſchoͤn auch die Natur war, ſo lieh ihr doch die Poeſie ſeines Innern, ſeine lebhaft angeregte Phantaſie noch hoͤhern Reiz. Mit immer langſameren und leiſeren Schrit⸗ ten eilte er vorwaͤrts, unbekuͤmmert darum, daß er der Nacht entgegen ging und ſich immer weiter von der Stadt und ſeiner Wohnung entfernte. Ihm war, als muͤſſe er immer ſo fortwandeln, in die große, weite, ſchöne Welt hinein, koͤnne er gar nicht wieder in die engen Wohnun: gen der Menſchen zuruͤckkehren und nur gluͤcklich in der voͤlligſten Ungebundenheit, im innigſten Vereine mit der Natur ſein. Seine umherſchweifenden, gleichſam die I. 3 Schoͤnheit des Abends einſaugenden Blicke wur⸗ den bald durch eine uͤber alle Beſchreibung rei⸗ zende Erſcheinung gefeſſelt, und lange konnte ſeine Vernunft die aufgeregte Phantaſie nicht davon uͤberzeugen, daß es nicht eine goͤttliche ſei. Ein junges Maͤdchen, das, der Schlankheit ſeiner Taille nach, etwa vierzehn bis fuͤnfzehn Jahre alt ſein mochte, ſaß auf einem der maͤßig hohen Steine, welche am Meeresſtrande zu liegen pflegen, und badete die ſchneeweißen Fuͤßchen in den kryſtallhellen Wellen. Das blonde, reiche Haar war aufgeloͤßt und wallte in den herrlich⸗ ſten Locken um Nacken und Hals; der Abend⸗ wind ſpielte leiſe damit und blaͤhete es von Zeit zu Zeit auf, ſo daß es das Haupt wie eine gol⸗ Kind mit einer unbeſchreiblich reizenden Bewe⸗ gung den Kopf und ſtrich das Haar, welches ihm das Geſicht bedecken wollte, mit beiden Haͤn⸗ den aus der Stirn zuruͤck. Alles an der liebli⸗ chen Erſcheinung war Anmuth und Schalkhaftig⸗ dene Glorie umgab. Dann ſchuͤttelte das ſchoͤne 51 keit; bald bewegte ſie die Fuͤßchen wie zum Tanze in den Wellen, bald ruͤhrte ſie dieſelben voll Muthwillen ſo auf, daß ſie uͤber ſie hinflogen und ſie gaͤnzlich durchnaͤßten; bald ſtand ſie von ihrem Sitze auf und wagte ſich, hoͤher aufge⸗ ſchuͤrzt, mit unſichern Tritten tiefer in das Meer hinein; ſo wie aber eine groͤßere Welle ſich her⸗ anwaͤlzte, floh ſie erſchrocken zuruͤck und nahm wieder ihren Sitz auf dem Steine ein. Tycho, bezaubert durch den Anblick des ſchoͤ⸗ nen Kindes und ſeines reizenden Spiels, ſtand lange, gegen einen groͤßern Felsblock gelehnt, in einiger Entfernung von demſelben, ohne von ihm bemerkt zu werden; da wandte ploͤtzlich das Maͤdchen das Haupt nach ihm um, und ſein Erſchrecken war ſo groß, als es ſich von einem fremden jungen Manne in ſolcher Naͤhe bei ſei⸗ nem muthwilligen Spiele belauſcht ſah, daß es einen Schrei der Ueberraſchung ausſtieß und faſt in's Meer gefallen wäͤre. —„Erſchrick nicht vor mir, reizendes Maͤdchen,“ 3* 52 ſagte Tycho, indem er naͤher zu ihr hintrat und ſie freundlich anblickte,„und vor allen Dingen zuͤrne mir nicht, daß ich es wagte, Dich bei Deinem anmuthigen Spiele zu belauſchen.“ Das Maͤdchen war ſo verwirrt, daß es ihm nicht zu antworten vermochte. Mit zu Boden geſenktem Blicke, mit Wangen, auf denen das ſchoͤne Roth der Beſchaͤmung brannte, ſtand es vor ihm und wagte das Auge nicht zu ihm zu erheben. —„Wie iſt Dein Name?“ fragte Tycho, der ihrer Beſchaͤmung ein Ende und ſie zutraulich gegen ſich machen wollte. —„Chriſtine!“ fluͤſterte ſie mit leiſer Stimme. —„Ein ſchoͤner Name!“ ſagte Tycho;„und wie nennſt Du Dich weiter?“ —„Das weiß ich nicht,“ war die Antwort des Maͤdchens. —„Das weißt Du nicht?“ fragte ſie Tycho voll Verwunderung.„Haſt Du denn keine Eltern?“— 53 —„Doch!“ erwiederte das Maͤdchen, jetzt zuerſt die großen, tiefblauen Augen zu ihm erhe⸗ bend,„doch, ich habe einen Vater!“ —„und welchen Namen fuͤhrt dieſer?“ forſchte Tycho? —„Man nennt ihn nur bei ſeinem Vorna⸗ men, Knud,“ war ihre Antwort. —„und er wohnt mit Dir in jenem Dorfe?“ fragte der Junker, mit der Hand auf das nahe Fiſcherdoͤrſchen zeigend. —„Ihr habt es getroffen,“ verſetzte Chri⸗ ſtine, die jetzt ihre ganze Unbefangenheit wieder erlangt hatte. —„Noͤchteſt Du mich wohl zu Deinem Vater fuͤhren, Chriſtine?“ fragte Tycho ſie auf's Neu.„Ich bin ſehr ermuͤdet; es iſt zu ſpaͤt, um noch nach der Stadt zuruͤckkehren zu koͤnnen, und mich hungert und duͤrſtet; vielleicht faͤnde ich unter dem Dache Deines Vaters Alles, was ich bedarf.“ —„Wenn Euch unſer Haus nicht zu gering 54 und zu klein iſt, gewiß,“ verſetzte Chriſtine; „denn mein Vater weiſ't nie Jemanden zuruͤck, der Gaſtfreundſchaft von ihm begehrt. Allein ob es Euch, den ich, nach der Kleidung zu ſchließen, fuͤr einen feinen Junker aus der Stadt halte, bei uns gefallen wird, iſt eine andere Frage.“— 4 „Gewiß wird es das,“ verſetzte Tycho;„es wird mir uͤberall gefallen, wo Du biſt, ſchoͤnes Kind,“ fuͤgte er galant hinzu. Das Maͤdchen ſchien die letzten Worte uͤber⸗ hoͤrt zu haben. Nachdem es ſeine Schuhe und Struͤmpfe aufgenommen hatte, die es ausgezogen und neben den Stein gelegt, auf dem es bei Tycho's Ankunft ſaß, ſetzte es ſich in Bewegung und ſagte:„So folgt mir und haltet Euch einer freundlichen Aufnahme gewiß.“ Der Junker ließ ſich das nicht zweimal ſagen und ſchritt ruͤſtig neben Chriſtinen her, dem nahen Doͤrſchen zu. Eine Bauernhuͤtte am Eingange des Buchenwaldes, welches in einiger Entfernung 55⁵ von den uͤbrigen Wohnungen des Dorfes lag, wurde von ihr als die ihres Vaters bezeichnet, und ſchon nach wenigen Minuten langte man bei der ſteinernen Umzaͤunung, die den Bauern⸗ hof einfaßte, an. Zwei große Hunde bewachten den Eingang; ſo wie ſie nahende Tritte hoͤrten, ſprangen ſie auf und erhoben ein furchtbares Ge⸗ bell; ſobald ſie aber Chriſtinen erblickten, legten ſie ſich ruhig wieder auf den Bauch nieder, we⸗ delten mit dem Schwanze, krochen zu ihr hinan, und gaben auf alle Weiſe ihre Freude uͤber die Ruͤckkehr ihrer Herrin zu erkennen. —„Geht nur ohne Furcht durch das Thor, ſie thun Euch jetzt nichts,“ ſagte Chriſtine laͤchelnd, als ſie ſah, daß Tycho, durch den Anblick und das Gebell der großen, ſehr ſtarken Hunde ge⸗ ſchreckt, in einiger Entfernung ſtehen geblieben war.„Sobald mein Vater oder ich dabei ſind,“ fuhr ſie fort,„thun ſie Keinem etwas; ſonſt wollte ich es freilich Niemanden rathen, in den 56 Hof zu treten, denn jeder von ihnen ſteht ſeinen Mann.“ Tycho, der ſich ſchaͤmte, ſeine Furcht zu aͤußern, folgte jetzt ſeiner ſchoͤnen Begleiterin, und unangefochten von den beiden Cerberuſſen, langten ſie bei dem Hauſe an. Mehre auf dem ziemlich geraͤumigen Hof⸗ raum zum Trocknen aufgehangene Netze verriethen dem Junker die Hauptbeſchaͤftigung des Haus⸗ bewohners; auch lagen Ruderſtangen, Aalſtecher, Bretter, Theile von Fiſcherkaͤhnen, die außer Dienſt geſetzt worden waren, umher, und ver⸗ ſperrten faſt den Eingang. Die breite Hausthuͤr, von ſchwerem Eichen⸗ holze und von Innen, ſtatt mit einem Schloſſe, nur mit einem ſtarken hoͤlzernen Riegel verſehen, ſtand zur Haͤlfte offen; nach der laͤndlichen Sitte jener Zeit beſtand ſie aus zwei Stuͤcken, aus einer obern und einer untern Thuͤr; die erſtere war zuruͤck gelehnt, waͤhrend vor die letztere der Riegel geſchoben war. 5* —„Ich werde meinen Vater rufen, der wohl im Garten iſt,“ ſagte Chriſtine zu ihrem Begleiter;„wir Beide bringen den ſchweren Riegel nicht zuruͤck, der etwas drange geht. Wartet indeß nur hier ein Weilchen; ich bin gleich wieder bei Euch.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich das Maͤdchen und entſchwand Tycho's Blicken, indem es um die Ecke des Hauſes bog. Nicht lange hatte er gewartet, ſo ſah er die zum Garten hinausgehende zweite Thuͤr des Hauſes ſich öffnen; durch ſie trat eine uͤberaus große, faſt rieſige Maͤnner⸗Geſtalt in das Haus; ihr folgte Chriſtine. Schweigend, aber mit einem anſtaͤndigen Gruße, ſchob der Vater des Maͤdchens— denn dieſer war es— den Riegel von der untern Thuͤr zuruͤck und noͤthigte ſeinen Gaſt durch eine Bewegung mit der Hand zum Eintritte in das Haus. —„Entſchuldigt meine Zudringlichkeit,“ 58 nahm Tycho etwas verlegen das Wort, denn ihm imponirte ſowohl die rieſige Geſtalt des Hausherrn, als ein gebietender Ausdruck, der in ſeinen Geſichtszuͤgen lag. —„Ihr ſeid entſchuldigt, Junker,“ verſetzte der Hausherr;„meine Tochter hat mir geſagt, daß Ihr hungrig, durſtig und muͤde ſeid, und mehr bedarf es nicht, um Euch Zutritt zu mir zu verſchaffen. Tretet ein und ſeht Euch als den Herrn dieſer Huͤtte an, ſo lange es Euch gefaͤllt, in derſelben zu verweilen.“ In der Stimme und in der Art und Weiſe, mit der Knud— mit dieſem Namen wollen wir ihn von nun an benennen— ſprach, lag etwas Gewinnendes, Zutraun Erweckendes; auch war das Geſicht des Mannes, obſchon es ſtark von der Sonne gebraͤunt war, ſchoͤn und regelmaͤßig geformt. Er mochte etwa fuͤnfzig bis fuͤnf und fuͤnfzig Jahr alt ſein; allein noch hatte ſich kein graues Haar unter die dichten, krauſen Locken gemiſcht, die ſein Haupt umgaben, 59 und die ſchoͤnen, dunkelblauen Augen blitzten noch ſo feurig, wie die eines jungen Mannes. Knud's Kleidung war ein Gemiſch von baͤu⸗ eriſcher und kriegeriſcher Tracht. An den Fuͤßen trug er eine Art von Halbſtiefeln, die, an ihrem obern Theile ſehr weit, ſich in viele Falten legten und trotz ihrer betraͤchtlichen Laͤnge faſt bis zur Ferſe hinabſanken. In dieſe gingen lange, eng anſchließende Beinkleider von gelbem Hirſchleder hinab, die oben durch einen breiten Gurt von ſchwarzem Leder mit einer blanken Metall⸗Schnalle gehalten wurden. Die Jacke war dagegen von ſchwarzem Zwillich und ganz nach baͤueriſchem Schnitte; wegen der großen Hitze des Tags trug er kein Kamiſol darunter, ſondern nur ein Hemd, das ſich durch ſeine Weiße auszeichnete, auch etwas feiner war, als die Hemden gewoͤhn⸗ licher Landleute. —„Chriſtine,“ wandte ſich Knud an dieſe, indem er ihr mit der Hand die noch immer feuchten Locken aus der weißen Stirn ſtrich, 60 „Chriſtine, mein Kind, ſorge fuͤr die Bewirthung unſeres werthen Gaſtes. Ich denke, es wird noch ein Krug von dem trefflichen Meth im Keller ſein; den Paul, der gute Junge, uns vor'm Jahre mit aus Norwegen gebracht. Trage auch herbei, was Du ſonſt Gutes haſt, etwa die geraͤucherte Lammskeule und von den gedoͤrrten Seebuͤtten, die fuͤr die Staͤdter ein Leckerbiſſen zu ſein pflegen.“ Chriſtine ging, und Knud fuhr, gegen Tycho gewendet fort: —„Ihr werdet freilich fuͤrlieb nehmen muͤſſen, mein edler Junker; allein ein Schelm giebt's beſſer, als er's hat.“ —„Ein Schelm waͤre Der, welcher eine Gaſtfreundſchaft, wie die Eurige, nicht zu wuͤr⸗ digen wuͤßte,“ verſetzte Tycho, indem er Knud, der ihm ſehr gefiel, zutraulich die Hand reichte. —„Laßt es mich Euch geſtehen,“ fuhr er fort,„daß es mir in Eurem Hauſe ſehr wohl und behaglich iſt, und daß ich Gott aufrichtig 61 danke, mich dieſen Abend unter ein ſo gaſtliches Dach gefuͤhrt zu haben.“ —„Ihr treibt wohl nur Euern Scherz mit mir und meiner Armuth,“ verſetzte Knud laͤchelnd; „allem Anſcheine nach, haͤttet Ihr es fuͤr dieſe Nacht weit beſſer haben können, als unter dem Dache eines armen Fiſchers, denn der bin ich nur, weiter nichts.“ Er raͤumte mit dieſen Worten einige Dinge, welche auf dem Tiſche umherlagen, hinweg, ſchob dieſen naͤher an die hoͤlzerne Bank, welche die Stelle der Seſſel und Stuͤhle vertreten mußte, nahm ein hoͤlzernes Naͤpfchen mit Salz, eine Pfef⸗ ferbuͤchſe von dunklem, gebranntem Horn und einige Meſſer aus einem kleinen Eichenſchranke hervor, der an einem der Waͤnde des Gemaches hing, und bereitete ſo Alles zum Nachtimbiſſe vor, der auch ſofort von Chriſtinen mit anmuthiger Geſchaͤftigkeit aufgetragen wurde und dem hung⸗ rigen und durſtigen Junker trefflich mundete. Beſonders ſchmeckte ihm der herrliche alte Meth, 62 den Chriſtine aus einem großen ſteinernen Kruge in einen kleinern ſchenkte, und ihm, mit ihren roſenrothen Lippen, nach der Sitte der Zeit und des Landes, daran nippend, kredenzte; er glaubte noch nie einen ſo koͤſtlichen Trunk gethan zu haben, und ſprach dem blanken zinnernen Kruge fleißiger zu, als ſonſt ſeine Gewohnheit war. Der Meth, welcher, wenn er alt und aͤcht — und dieſer war beides— ein uͤberaus be⸗ rauſchendes Getraͤnk iſt, verfehlte nicht, ſeine Wirkung auf den Junker auszuuͤben, der dadurch, wenn auch weit davon entfernt trunken zu ſein, doch ungewoͤhnlich beredt und mittheilend da⸗ durch wurde. Er erzaͤhlte ſeinem Gaſtfreunde unaufgefor⸗ dert, wer er ſei und welcher Familie er ent⸗ ſproſſen und theilte dieſem offen Alles mit, was auf ſeine Jugend und ſeine Studien Bezug hatte. Mit der anmuthigſten Beredtſamkeit ſchil⸗ derte er ihm und der mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit ihm zuhoͤrenden Chriſtine ſeine Leiden 63³ unter Meiſter Andreas ſtrenger Aufſicht, und wie er dieſen betrogen, indem er Nachts ſeine aſtronomiſchen Studien betrieben, ſtatt ruhig zu ſchlafen, wie jener gewollt und gewaͤhnt. Er miſchte in ſeine Erzaͤhlung ſo manchen komiſchen Zug ein, daß ſich Knudis ernſte Lippen unwill⸗ kuͤrlich zu einem Laͤcheln verzogen, waͤhrend das naive Kind laut und herzlich auflachte. Kurz, Vertrauen, Wohlgefallen an einander und un⸗ ſchuldige Froͤhlichkeit herrſchten in dem kleinen Kreiſe, der ſich hier ſo zufaͤllig zuſammen gefun⸗ den hatte, und die Stunden gingen ſo unver⸗ merkt hin, daß man erſt um Mitternacht Tycho'n das fuͤr ihn bereitete Lager anwies, auf dem er, unbekuͤmmert um alle Sterne des Firmaments, den ſuͤßeſten Schlaf ſeines Lebens ſchlief. Ihm traͤumte von Chriſtinen, und zwar ſo, daß er nie zu erwachen gewuͤnſcht haͤtte. Das holde Kind ſaß neben ihm in der Bluͤthenlaube eines Gaͤrtchens, welche die Ausſicht auf die See geſtattete; ihre kleine zarte Hand ruhte in der 64 ſeinigen; ihr Athem umſpielte ſeine Wangen; ihr goldnes Haar flatterte im Winde, wie am Abende zuvor, als er ſie zuerſt erblickt, und jetzt, o na⸗ menloſes, nie zuvor gekanntes Entzuͤcken! jetzt neigte ſie ihren roſigen Mund ganz dicht an den ſeinigen, und er fuͤhlte den erſten weiblichen Kuß auf ſeinen noch unentweihten Lippen bren⸗ nen! Die Wonne ward faſt zum Schmerze fuͤr den Juͤngling; mit einem lauten Rufe fuhr er empor, oͤffnete die Augen und blickte um ſich. Die holde Erſcheinung war verſchwunden; nicht die Bluͤthenlaube umfing ihn, ſondern der ziem⸗ lich dichte Bettvorhang, den er raſch aus ein⸗ ander ſchlug. Die Sonne ſchien ſchon hell in ſein Zimmer und draußen vernahm er bereits Knud's Tritte, der auf dem Vorplatze hin⸗ und herging und wahrſcheinlich ſein Fiſchergeraͤth ord⸗ nete, denn er hatte am Abende zuvor geſagt, daß er auf' Fiſchen ausgehen wolle. Mit einem Satze war der Langſchlaͤfer aus dem Bette, und ſchon nach wenigen Minuten 6⁵ ſtand er voͤllig angekleidet vor ſeinem Gaſtfreunde, der ihm zutraulich die Hand reichte und ihn fragte, ob er gut geſchlafen habe? —„Vortrefflich, wie noch nie in meinem Leben,“ verſetzte der Junker;„Dank ſei es Eu⸗ rem Meth und der ſpaͤten erhaltung, ber will ich eilen, den Ruͤckweg zur Stadt anzutreten, wo man gewiß ſchon um mich in Sorge iſt, da ich ſonſt Nachts nicht auszubleiben gewohnt bin.“ —„Ihr werdet mein Haus nicht ohne Fruͤh⸗ imbiß verlaſſen,“ ſagte Knud;„waͤre es doch ein Schimpf fuͤr mich, wenn Ihr hungrig und die wir mit einander geflogen. durſtig in Eurer Wohnung anlangtet. Seht, da iſt Chriſtine ſchon mit der friſchen Milch, die ſie uns vorſetzen will,“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich nach der Tochter umwandte, die bluͤhend wie eine junge Roſe, welche ſich dem erſten Strahle des Tages erſchloſſen, mit der Schuͤſſel in beiden Haͤnden zu ihnen eintrat, und den 66 werthen Gaſt mit einer leiſen Beugung des Hauptes begruͤßte. Tycho, der ſich bei ihrem reizenden Anblicke ſeines Traumes erinnern mochte, wurde uͤber und uͤber roth, und eben jene Empfindung, welche i eckt hatte, durchzuckte ſein Herz, das klopfen begann. Er konnte den Blick von der holden Erſcheinung nicht wieder abwenden, und war doch zu ſchuͤchtern, Chriſti⸗ nen, die an ihm voruͤberging, auch nur ein ein⸗ ziges freundliches Wort zu ſagen. Eine Einladung Knud's, ihm zum Fruͤhſtuͤck zu folgen, erweckte ihn aus der ſuͤßen Traͤumerei, in die er verſunken war, und faſt mechaniſch folgte er dem Vater und der Tochter zu dem eichenen Tiſche, neben dem bei ſeinem Eintritte Knud ſchon mit gefalteten Haͤnden ſtand, um das Tiſchgebet, wie es die fromme Sitte jener Zeit erheiſchte, zu ſprechen, was er mit lauter wohltoͤnender Stimme that. Wie einer der Engel auf den Heiligenbildern 6 der großen Meiſter der Vorzeit, ſtand Chriſtine mit gefalteten Haͤnden und ſittſam zu Boden geſenkten Blicken neben dem Vater; Tycho ver⸗ nahm die Worte kaum, die dieſer ſprach: er konnte nur ſie ſehen! Nach geendigtem Mahle nahm er den herz⸗ lichſten Abſchied von ſeinen Gaſtfreunden und wagte es, mit leiſer Stimme die Bitte auszu⸗ ſprechen, gelegentlich wieder kommen zu duͤrfen. —„Ihr ſollt mir herzlich willkommen ſein, mein wackrer Junker,“ verſetzte Knud auf ſeine Bitte, indem er ihm zum Abſchiede kraͤftig die Hand druͤckte;„Eure Perſon gefaͤllt mir uͤber die Maaßen wohl,“ fuhr er fort,„und Eure Erzaͤhlungen von geſtern Abend werden mir noch manchen Stoff zum Nachdenken geben. Auch ich liebe die Sterne und habe ſie oft vom hohen Bord des Schiffes, wenn ich in der Nacht die Wache am Steuer hatte, mit Erſtaunen und Entzuͤcken betrachtet. Ihr ſollt mir, ſofern es Euch in meiner Huͤtte gefallen hat und Ihr 68 wieder kommen wollt, mehr von Eurer Wiſſen⸗ ſchaft erzaͤhlen; ich will Euch dagegen die Beob⸗ achtungen, die ich auf weiten See⸗Reiſen uͤber ſo manche Natur⸗Erſcheinung gemacht habe, mit⸗ theilen, und ſie duͤrften Euch vielleicht intereſ⸗ ſiren, obgleich meine Kenntniſſe nur gering ſind.ꝭ. —„Gewiß werden ſie das,“ verſetzte Tycho; „die Seeleute ſind von jeher gute Beobachter in Hinſicht der Naturwunder geweſen, und unſere Wiſſenſchaft verdankt ihnen viel. Ich freue mich auf Eure Mittheilungen, und wenn Ihr es mir erlaubt, werde ich Euch das naͤchſte Mal eine von mir verfertigte Himmelskugel mitbringen, auf der Ihr den Lauf der Geſtirne erſehen koͤnnt. Jetzt aber gehabt Euch wohl, denn es draͤngt mich, zur Stadt zuruͤck zu kehren, wo mein verehrter Oheim vielleicht ſchon in Sorge um mich iſt.“ Er reichte Knud bei dieſen Worten nochmals die Hand, und kaͤmpfte noch mit dem Wunſche, 69 ſie auch Chriſtinen zu reichen, als dieſe ihm ſchon die ihrige in kindlicher Unſchuld und Unbefangen⸗ heit entgegenſtreckte. Wie zitterte ſeine Hand, als er ihre weichen, warmen Finger beruͤhrte, und wie gern haͤtte er ſeine Lippen darauf gedruͤckt! —„Chriſtine,“ ſagte dann der Vater, als Tycho bereits in der Thuͤr ſtand,„geleite den Junker doch die Strecke durch den Buchenwald; der Weg iſt um eine halbe Stunde naͤher und weit kuͤhler; am Strande brennt die Sonne be⸗ reits heiß, und ſelbſt vom Meere kommt nicht einmal Kuͤhlung, da die Luft ganz ſtill iſt.“ Chriſtine gehorchte ohne die mindeſte Ziererei. Ruͤſtig ſchritt ſie neben dem Juͤnglinge her, und wußte ihm Mancherlei zu erzaͤhlen, ſo daß ſie ihn, der zu Anfang ſchweigſam und befangen geweſen war, mit geſpraͤchig machte. —„Hier ſeid Ihr wieder auf dem rechten Wege,“ ſagte ſie, als der Wald ſich lichtete, ſo wie er dem Strande nahe kam.„Ihr koͤnnt 20 jetzt nicht mehr fehlgehen. Gehabt Euch wohl und vergeßt das Wiederkommen nicht!“ Mit dieſen Worten ging ſie, oder floh viel⸗ mehr durch den kuͤhlen Schatten des Waldes, leicht wie ein junges Reh, vom Horn des Jaͤgers aufgeſchreckt. Tycho ſtand noch lange und ſah ihr nach, bis ſein Auge ſie nicht mehr zu erreichen vermochte. Viertes Kapitel. Mit Tycho's Innern war ſeit dieſer Begegnung Chriſtinens eine ſo große Veraͤnderung vorgegangen, daß er ihrer ſelbſt inne wurde, ſich aber in ſeiner Unerfahrenheit die Urſache derſelben nicht zu er⸗ klaͤren wußte. Wenn auch einmal der Gedanke in ihm aufkam, daß er das ſchoͤne Maͤdchen, das reizendſte, welches ſein Auge je erblickt, viel⸗ leicht gar liebe, ſo beruhigte er ſich anſcheinend immer wieder damit, daß es ja noch ein halbes Kind ſei und er demſelben nichts als Wohlwol⸗ len und Theilnahme entgegentruͤge. Immer aber zog es ihn wieder nach dem romantiſchen Fiſcherdorfe hin; immer ſchweiften 22 ſeine Gedanken von den ernſten Studien, in die er ſich zu vertiefen ſuchte, zu dem reizenden Bilde Chriſtinens hinuͤber, wie ſie, gleich einer ſchoͤnen Waſſerfei, am Meeresſtrande ſaß und mit den kryſtallhellen Fluthen ſpielte, und ſchon nach wenigen Tagen war die Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen ſo groß und unbezwinglich in ihm geworden, daß er ihr mit all der ihm an⸗ geborenen Kraft der Selbſtbeherrſchung nicht laͤnger zu widerſtehen vermochte. Schon ſchickte er ſich an, den Weg nach dem Fiſcherdorfe anzutreten, als ſein Oheim, der Ad⸗ miral, ihn zu ſich beſcheiden ließ, um ihm anzu⸗ zeigen, daß er ſich bereit halten ſolle, mit ihm nach dem Kloſter Antwortſchow zu gehen, wo Koͤnig Friedrich II. damals ſeinen Hof hielt. —„Der Koͤnig, welcher bereits von Deiner Ankunft unterrichtet iſt,“ ſagte der Oheim zu ihm,„will, daß ich Dich ihm vor eſtellen ſoll. Er iſt nicht nur ein tapferer, erfahrener und un⸗ erſchrockener Krieger, ein kluger und weiſer Re⸗ * 73 gent, ſondern zugleich auch ein Mann, der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften liebt; wirklich gelehrte Naͤnner duͤrfen feſt darauf rechnen, bei ihm An⸗ erkennung und Befoͤrderung zu finden. Freilich haſt Du, mein Sohn, bis jetzt noch nichts Ruhmwuͤrdiges geleiſtet; allein Dein Fleiß berech⸗ tigt zu einigen Hoffnungen, und ſo wird es mich freuen, wenn mein gnaͤdiger Herr Dir ei⸗ nige Aufmerkſamkeit ſchenkt, um ſo mehr, da mich ſeit einiger Zeit die truͤbe Ahnung quaͤlt, daß ich von dem Seezuge, den ich in Kurzem gegen Erich's von Schweden Flotte unternehme, nicht zuruͤckkehren werde.“ —„Gott wolle in Gnaden ein ſo großes Ungluͤck verhuͤten!“ rief Tycho bei dieſen Worten des Oheims faſt erſchrocken aus. „Sein Wille geſchehe!“ verſetzte der Ad⸗ miral.„Ich bin jede Stunde bereit, vor ihm zu erſcheinen und ihm Rechenſchaft uͤber meinen Wandel und meine Handlungen abzulegen, und vertraue ſeiner Gnade und Barmherzigkeit, die I. 4 * 24 nicht allzuſtreng mit mir in's Gericht gehen wird; denn Suͤnder ſind wir allzumal.“ Der Admiral fuhr ſich bei dieſen Worten uͤber die ſonſt ſo klare, heitre, jetzt aber bewoͤlkte Stirn, und verharrte einige Augenblicke in einem truͤben Schweigen, worauf er fortfuhr: —„Ich wuͤnſche, mein Sohn, daß Du Dich bei Hofe in einem Deinem Stande und Deiner Geburt angemeſſenen Aufzuge zeigeſt; denn viel haͤngt, wie ich weiß, von unſerm er⸗ ſten Auftreten bei großen und maͤchtigen Herrn ab. Ich habe Dir zu dem Ende einen ganz neuen Anzug von ſchwarzem Sammet— denn Ihr Gelehrten kleidet Euch ja am liebſten und auch am ſchicklichſten in Schwarz— bei Meiſter Hartwig, dem Schneider, beſtellen laſſen; Deine Baſe, meine Ehegenoſſin, wird fuͤr einen ſaubern Spitzenkragen ſorgen, und dieſe ſchwere goldne Kette hier, mit dem daran hangenden werth⸗ vollen Kleinode, verehre ich Dir; ſie moͤge Dir 8 25 ein Andenken an mich und meine Liebe ſein, wenn ich nicht mehr bin.“ Er war bei dieſen Worten an einen kleinen, im Gemache befindlichen Schrein von ſchwerem Holze gegangen, ſchloß ihn auf und nahm eine koſtbare Kette vom feinſten Golde und der herr⸗ lichſten Arbeit daraus hervor; ſie war ein Fa⸗ milien⸗Erbtheil und ihm ganz beſonders werth, da Koͤnig Friedrich I. ſie ſeinem Vater umge⸗ hangen hatte, als dieſer ſich durch eine tapfere That ſeinen Dank erworben. Indem er dieſe Kette mit Aufmerkſamkeit und gewiſſermaßen mit Ruͤhrung betrachtete, wurde er gewahr, daß einer der ſtarken Ringe derſelben einen Sprung erhalten hatte, ſo daß ſie in zwei Theile zerfiel, als er ſie durch die Hand gehen ließ. Der ſonſt ſo ſtarke, ſich durchaus nicht zum Aberglauben hinneigende Mann, erleichte ſichtbar, und indem Tycho ſich buͤckte, das zu Boden 4* 2 26 gefallene Stuͤck der Kette wieder aufzuheben, ſagte er mit bewegter Stimme: —„Dieſer Vorfall beſtaͤrkt mich noch mehr darin, daß Gott meinem Erdenleben bereits das Ziel geſteckt hat. Zwei Tage vor dem Tode meines Vaters trug ſich ganz daſſelbe mit dieſer Kette zu: eben wie jetzt, nachdem ſie lange ruhig im Schrein gelegen, war ein Ring ganz von ſelbſt daran zerſprungen, was meine Mutter, die auf Vorbedeutungen hielt, gleich mit Schrecken und banger Beſorgniß erfuͤllte, die zwei Tage darauf, durch den unerwarteten Tod ihres Gatten ſich als voͤllig begruͤndet erwieſen. Mein Vater, ein ruͤſtiger und lebensluſtiger Mann, dazu ein eifriger Jaͤger, ſtuͤrzte naͤmlich auf der Eberjagd mit dem Pferde und wurde uns auf den Tod verwundet in's Haus gebracht, wo er ſchon nach— wenigen Stunden den Geiſt aufgab.“ Tycho, auf den in Hinſicht des Glaubens an Ahnungen und Vorbedeutungen viel von dem Geiſte ſeiner Großmutter uͤbergegangen ſein mochte, 1 22 war ſo erſchrocken uͤber das, was ſich ſo eben zu— getragen und der herzlich von ihm geliebte Oheim ihm mitgetheilt hatte, daß er kein Wort hervor⸗ zubringen vermochte; ſeine bleiche Geſichtsfarbe und ſeine verſtoͤrten Mienen verriethen dem Oheime aber, was in ſeiner Seele vorging, und dieſer legte, wie ihn ſegnend, die Hand auf ſein Haupt. Dann betrachtete der Admiral die Kette noch⸗ mals mit der groͤßeſten Aufmerkſamkeit Ring fuͤr Ring, ſchuͤttelte mit einem wehmuͤthigen Laͤcheln das Haupt und ſagte: —„Es iſt ſo, wie ich vermuthete: derſelbe Ring, welcher vor dem Tode meines Vaters ſprang, iſt wieder geſprungen; ich konnte ihn daran erkennen, daß er einen ſchmalen Silber⸗ ſtreif hatte, womit der ihn wiederherſtellende Goldſchmied, wohl kein großer Meiſter in ſeiner Kunſt, ihn zuſammengefuͤgt. Trage Du, mein Sohn, ſie jetzt zu einem geſchickteren Kuͤnſtler, damit er ſie Dir gleich wieder herſtelle, und auch Du zu vergeſſen, Tycho, daß Du mich ſo 28 moͤge der jetzt zerſprungene Ring Dir noch recht lange halten!“ Er wandte ſich bei dieſen Worten von dem Neffen ab, und trat an das Fenſter, aus dem er einige Augenblicke ſtill hinausſchaute, wie, als wolle er eine unangenehme Empfindung erſt voruͤbergehen laſſen. Dann richtete ſich ploͤglich ſeine hohe, kraͤftige Geſtalt wieder ſtolz empor, und er ſagte mit faſt gebietendem Tone zu dem Neffen: —„Daß kein Anderer erfahre, was eben vorgefallen und zwiſchen uns geredet worden iſt; denn es wuͤrde mir wenig Ehre bei den Leuten bringen, wenn ſie wuͤßten, daß ich mich mit Ahnungen quaͤle. Verachte ich mich doch ſelbſt wegen der Schwaͤche, die mich ſeit einiger Zeit beſchlichen hat, und mich mir ſelbſt ganz un⸗ kenntlich macht, uͤber die ich aber, trotz der mir angeborenen Kraft und Staͤrke, nicht in allen Stunden Herr zu werden vermag. Suche denn 29 ſchwach geſehen, und erinnere mich nicht wieder an dieſe Stunde, die mich vor mir ſelber er— roͤthen macht.“ —„Mein theurer Oheim und Gebieter,“ ſagte Tycho, indem er die Hand des verehrten Mannes ergriff und ſie voll ehrerbietiger Liebe an ſeine Lippen druͤckte,„Ihr thaͤtet gewiß beſſer, etwas auf dieſe Ahnungen und Zeichen zu geben; denn Gott, der ſie uns zuſendet, hat gewiß die Abſicht damit, uns vor bevorſtehenden Gefahren zu warnen und zur groͤßern Vorſicht aufzufordern. Iſt es daher irgend moͤglich, ſo lehnt den Ober⸗ befehl uͤber die zum Seekriege auslaufende Flotte des Koͤnigs ab und uͤberlaßt es einem Andern, den Schweden zu zeigen, daß wir Daͤnen noch immer die Herren zur See ſind.“ Daß Geſicht des Admirals bedeckte ſich bei dieſen Worten ſeines Neffen mit jener dunklen Roͤthe, welche immer die Verkuͤnderin eines großen Zornes in ihm war, und mit einer Hef⸗ 80 tigkeit, die Tycho ſonſt noch nie von ihm erfahren hatte, fuhr er ihn an: —„Biſt Du ein Baſtard und kein aͤchter Brahe, daß Du mir einen ſo ſchmaͤhlichen Rath zu ertheilen wagſt? Wie, ich ſollte zu Hauſe, hinter dem Ofen bleiben, waͤhrend das Vaterland in Gefahr, und meines Armes, meiner Erfahrungen im Kriegsweſen beduͤrftig iſt? Ich ſollte Schmach und Schande auf mein Geſchlecht, auf mein ſchon ergrauendes Haupt laden, ich, der ich das groͤßeſte Schiff des Oceans, der fuͤr unuͤberwind⸗ lich gehaltene Makeloͤs enterte und mit ihm, da wir es nicht behaupten konnten, lieber in die Luft flog, als es dem Feinde wieder zu uͤber⸗ laſſen. Damals war es Gottes Wille, mich zu retten, damals that ſeine Gnade faſt ein Wunder fuͤr mich unwuͤrdige, elende Kreatur; denn von allen den Vielen, die auf dem Schiffe waren, und die große Luftreiſe zugleich mit mir machten, wurden, außer mir, nur noch dreizehn Perſonen gerettet. So geſchehe denn auch jetzt was mein * ——Q˖—C—Q—Q—Q———— 81 Vater im Himmel uͤber mich beſchloſſen hat, und will er mir beſondere Gnade verleihen, ſo geſtatte er mir, in treuer Ausuͤbung meiner Pflicht ge⸗ gen mein Vaterland und meinen großen Koͤnig zu ſterben.“ Tycho wagte es jetzt nicht mehr, ſeinem Oheime Vorſtellungen zu machen, da er fuͤrchten mußte, den Zorn deſſelben noch mehr zu reizen; aber ſeine Seele war dermaßen mit Trauer und Unruhe erfuͤllt, daß er ſich entfernen wollte, ohne die verhaͤngnißvolle Kette mit ſich zu neh⸗ men. Sein Oheim rief ihn zuruͤck und befahl ihm, die Kette ſofort zum Goldſchmiede zu tragen und ſie in ſeinem Beiſein wieder herſtellen zu laſſen, damit er ſie am Nachmittage umhaͤngen und mit ihr geſchmuͤckt, vor dem Koͤnige er⸗ ſcheinen koͤnne. Tycho gehorchte; das Kleinod aber, welches ihm unter andern Umſtaͤnden gewiß Freude ge⸗ macht haben wuͤrde, war ihm faſt verhaßt und grauenhaft geworden, und mit einem bangen, 8²2 unheimlichen Gefuͤhle hing er es um, als er ſich am Nachmittage ankleidete, um mit dem Seinte zum Koͤnig zu gehen. Dieſer Gang an und fuͤr ſich haͤtte den Juͤng⸗ ling ſchon mit einer gewiſſen Beklemmung er⸗ fuͤllen koͤnnen, denn noch nie war er bisher ſo hohen Perſonen unter die Augen getreten und machte ſich ſo von dem Ernſte und dem gebieteriſchen Weſen eines Königs eine ſeltſame Vorſtellung. Indeß hatte ſein Oheim, ja, der Koͤnig ſelbſt ſein Erſcheinen befohlen, und es blieb ihm nichts weiter uͤbrig, als zu gehorchen. Als er zu dem Admirale in's Zimmer trat, um den ihn beklemmenden Weg mit ihm anzu⸗ treten, war dieſer wieder ganz ſo gefaßt und ruhig wie ſonſt; ja, er ſcherzte ſogar mit Tycho und muſterte mit der Genauigkeit eines Stutzers jedes Stuͤck des Anzugs des Neffen, denn er wollte, daß dieſer auch durch ſeine aͤußere Er⸗ ſcheinung gefiele und ihm Ehre mache. A Fünftes Kapitel. Der Koͤnig war in ſeinem Kabinet mit Da⸗ niel Ranzow, dem großen, ihm ſo treu er⸗ gebenen Feldherrn, beſchaͤftigt, als Georg Brahe mit ſeinem Neffen zu ihm eintrat, was zu jener Zeit von Maͤnnern, wie der Admiral, noch un⸗ angemeldet geſchah. Als er jedoch den Koͤnig in einer ſehr ernſten und, wie es ſchien, wich⸗ tigen Unterredung mit dem Feldherrn vertieft ſah, blieb er mit Tycho im Hintergrunde des ſehr großen Gemaches ſtehen, das in fruͤherer Zeit das Refectorium der Moͤnche von Antwortſchow geweſen war, um das Ende der Unterredung abzuwarten und dann erſt Tychv vorzuſtellen. 84 Koͤnig Friedrich, ein ſchoͤner, ſtattlicher Herr, aus deſſen Augen zugleich Geiſt und Milde ſprachen, erblickte unſere Beiden bald, erhob ſich von ſeinem Seſſel und trat ihnen einige Schritte entgegen. —„Sieh da, auch mein tapfrer Admiral!“ rief der Koͤnig, dem von ihm verehrten und hochgehaltenen Manne treuherzig die Hand ent⸗ gegenſtreckend.„Noch mehr Gutes in einer und derſelben Stunde,“ fuhr er ſichtbar heiter fort; „unſer Daniel Ranzow bringt uns ſo eben die gute Nachricht, daß es ihm gelungen, das rebel⸗ liſche deutſche Kriegsvolk, deſſen wir zum ſchwe⸗ diſchen Kriege nicht entbehren koͤnnen, und das ſich zu Malmoͤe gegen uns aufgelehnt, wieder zum Gehorſam zuruͤckgefuͤhrt zu haben, weſſen wir von Herzen froh ſind, denn noch vor we⸗ nigen Tagen ſah es wahrlich ſchlimm um uns aus. Was bringt Ihr uns denn Gutes, außer Eurer geſchaͤtzten Perſon, die uns ſtets willkommen iſt, mein tapferer Degen?“ n. 8⁵ —„Leider nicht eben viel von Belang, mein gnaͤdiger Herr,“ verſetzte der Admiral laͤchelnd; „nur dieſes winzige, unſcheinbare Buͤrſchchen, meines Bruders Otto auf Knudſtrup in Schonen und der Beate Bille Sohn, mein Pflegekind und Neffe, dem Ihr befohlen habt, Euch zuzufuͤhren.“ —„Aha, ich erinnere!“ verſetzte der Koͤnig, indem er einen ſchmalen Blick auf Tycho warf, der verſchaͤmt und verwirrt wie ein junges Maͤd⸗ chen, das Auge vor dieſem forſchenden Blicke, der in der Tiefe ſeiner Seele leſen zu wollen ſchien, zu Boden ſenkte, und lebhaft erroͤthete. „Ihr habt dieſen Euren Neffen dem Gelehrten⸗ ſtande gewidmet, wenn ich nicht irre?“ fuhr Friedrich gegen den General gewendet fort. —„So that ich, mein geſtrenger Herr,“ war Georgs Antwort. —„Er ſoll mir auch als ſolcher herzlich willkommen ſein,“ verſetzte der Koͤnig.„Wir muͤſſen, um das Andenken an unſere Regierung in jeder Hinſicht, ruͤhmlichſt auf die Nachwelt 86 zu bringen, auch gelehrte und kunſterfahrene Maͤnner um unſern Thron verſammeln, und ein Brahe wird, er mag ergreifen was er wolle, immer das Ausgezeichnete leiſten.“ —„Mein Herr und Koͤnig erweiſt meinem armen Geſchlechte zu viele Ehre und Gnade,“ verſetzte der Admiral, fuͤr den dieſe Worte im hoͤchſten Grade ſchmeichelhaft waren. —„Nicht mehr, als Ihr verdient, mein wackerer Degen,“ ſagte der Koͤnig.„Erſt der Zukunft muß es vorbehalten bleiben, Eure Dienſte, die ich jetzt bloß anzuerkennen vermag, wuͤrdig zu belohnen. Jetzt ſind wir noch zu arm, un⸗ ſeren dankbaren Herzen genug thun zu koͤnnen, denn der Krieg mit unſerm Vetter Erich in Schweden— Gott wolle ſein armes krankes Gehirn erleuchten!— verſchlingt alle unſere Mittel, und doch duͤrfen wir ihn um unſerer eigenen Ehre und des Reiches Wohlfahrt willen nicht aufgeben, bevor wir gute Bedingungen fuͤr den Frieden erzielt haben. Bis dahin muͤſſen 8* die Dienſte unſerer Edlen in unſerm Herzen auf⸗ gezeichnet bleiben, und ſie ſich mit unſerm Danke und unſerer Anerkennung begnuͤgen. Die Zeiten werden aber beſſer und unſere dankenden Worte zu Thaten werden.“ —„Die erſteren ſind unuͤberſchwenglicher Lohn fuͤr Den, der nichts als ſeine Pflicht thut,“ verſetzte Brahe. —„Doch thatet Ihr bei Oeland mehr als Eure Pflicht, Herr Georg,“ ſagte der Koͤnig, „und waͤre Alles ſo, wie es ſein follte, ſo muͤßte eine ſo außerordentliche That auch einen außeror⸗ dentlichen Lohn finden. Indeß wir ſind arm, wie ſchon geſagt, ſo arm ſogar, daß uns die deut⸗ ſchen Landsknechte, des fehlenden Soldes wegen, den Dienſt und Gehorſam aufkuͤndigen durften, und ohne unſern werthen Vetter, Herrn Daniel, waͤre es uns wohl gar uͤbel ergangen. Doch zuruͤck zu Eurem Neffen, dem blöͤden jungen Manne da, mit dem blaſſen, aber geiſtreichen Geſichte der Bille's; ſagtet Ihr mir nicht von 88 ihm, daß er ſich mit Eifer auf das Studium der Sternenkunde gelegt habe?“ —„So that er, mein Fuͤrſt,“ verſetzte Brahe. „Seine Neigung trieb ihn wider meinen Willen zu dieſer Wiſſenſchaft; ich hatte ihn fuͤr eine an⸗ dere beſtimmt: nach meinem Wunſche ſollte er ſich auf die edle Jurisprudenz legen, um dereinſt ſeinem Koͤnige und ſeinem Vaterlande im Rathe und mit der Feder zu dienen, wie ſeine Vor⸗ fahren es mit dem Schwerte thaten.“ —„Er wird auch ſo dem Vaterlande nuͤtz⸗ lich und erſprießlich werden koͤnnen,“ ſagte der Koͤnig.„Es fehlte uns ſeither an Maͤnnern, die ſich mit Ernſt und Eifer um die Wunder des Himmels bekuͤmmerten und ſeit Nikolaus Kopernicus liegt die Sternenkunde faſt gaͤnzlich darnieder. Moͤge Euer Neffe denn dieſer ſchoͤnen Wiſſenſchaft einen neuen Aufſchwung geben und ſich verſichert halten, daß, wenn er es in ihr zu etwas Außerordentlichen bringt, woran ich nicht zweifle, da er den Namen Brahe fuͤhrt, 89 er an mir einen Freund und Beſchuͤtzer finden ſoll, ſobald ich das Schwert niederlegen und mich um die Kuͤnſte und Wiſſenſchaften des Friedens bekuͤmmern darf, wie es meine Neigung iſt. Hal⸗ tet ihn alſo fuͤr jetzt nur zum fleißigen Studiren und Forſchen an, und fuͤhrt ihn mir von Zeit zu Zeit vor die Augen, damit ich ſehe, was fuͤr ihn zu thun ſein wird.“ —„Moͤge mein Fuͤrſt ſich ſeiner auch gnaͤ⸗ digſt dann noch erinnern, wann ich nicht mehr bin,“ verſetzte der Admiral, indem eine Wolke wieder uͤber ſeine Stirn zog. —„Ei, mein tapferer Freund, Ihr werdet hoffentlich noch lange leben, zum Frommen des Landes und zu Eurer eignen Ehre,“ verſetzte der Koͤnig;„allein ſollte es Gottes Wille ſein— denn wir Alle ſind ja ſterbliche Menſchen— Euch vor der Zeit und vor mir abzurufen, ſo empfanget mein koͤnigliches Wort, daß ich wie ein Vater fuͤr Euren Neffen und Pflegling ſorgen, und an ihm vergelten will, was Ihr mir und dem Vater⸗ lande gethan habt.“ Eine Ruͤhrung, wie der ſtarke, kraͤftige Mann ſie noch nie zuvor im Leben in ſeinem Herzen verſpuͤrt hatte, bemaͤchtigte ſich jetzt des Admirals, und Tycho's Hand ergreifend, ſagte er zu dieſem:— —„Mein Sohn, danke Du dem Koͤnig fuͤr dieſe ſchoͤne Verheißung, ich vermag es nicht mit Worten zu thun!“ Tycho war ſo ergriffen, ſo begeiſtert von dem was er aus dem Munde des Koͤnigs vernommen hatte, daß er vor demſelben niederkniete und in ſtummer Ehrfurcht das Gewand des Monarchen an ſeine Lippen druͤckte. Friedrich aber legte ſeine Hand auf das Haupt des Juͤnglings und ſagte nicht ohne Ruͤhrung: —„Sei brav, mein Sohn, und ich werde ſtets Dein Freund ſein.“ Der Eintritt eines andern jungen Edelmanns, welcher dem Koͤnige eine Nachricht zu bringen 91 hatte, unterbrach dieſe Scene, durch die Tycho ſich auf eine faſt wunderbare Weiſe gehoben fuͤhlte; ihm war, als habe er durch den großen Koͤnig gewiſſermaßen die Weihe erhalten und waͤren ſeine gelehrten Beſtrebungen durch den⸗ ſelben erſt geadelt worden. Auch war er auf dem Ruͤckwege, ganz gegen ſeine Weiſe und Ge⸗ wohnheit, faſt redſelig und erſchoͤpfte ſich gegen ſeinen Oheim in dem Lobe des Monarchen. Herr Georg hoͤrte ihm ſchweigend und in ſich gekehrt zu, ohne ihm mehr, als durchaus noͤthig war, zu antworten. Die Natur dieſes ſonſt ſo ſtarken Mannes hatte ſich ſeit wenigen Tagen gaͤnzlich veraͤndert. Eine Muthloſigkeit hatte ihn beſchlichen, die ihm bis dahin fremd geweſen war und wegen derer er ſich gleichſam ſelbſt verachtete. Indeß hatte das Verſprechen des Koͤnigs in Hin⸗ ſicht Tycho's ihn ſehr beruhigt, denn er wußte, daß dieſer es halten wuͤrde. Tycho begab ſich gleich nach ſeiner Ruͤckkehr vom Koͤnig auf ſein Gemach. Das Herz war 9²2 ihm ſo voll, er hatte ſo viel zu denken, an ſo Vieles ſich zu erinnern, daß die groͤßeſte Einſam⸗ keit ihm ein Beduͤrfniß war. Sogar Chriſtinens reizendes Bild, das ihn am Morgen eben dieſes Tages noch ſo lebhaft beſchaͤftigt hatte, trat vor dem Neuerlebten gaͤnzlich in den Schatten, ſo daß er ihrer nicht weiter gedachte. Er traͤumte nur von zukuͤnftigem Ruhme, von Ehren, Wuͤr⸗ den und Groͤße; er ſah ſich als hellen Stern am Horizonte der Gelehrſamkeit glaͤnzen, von einem großen Koͤnig ausgezeichnet, von den Beruͤhmt⸗ heiten der Zeit aufgeſucht, und gelobte es ſich mit einem Eide, Alles aufzubieten, um ein ſolches Ziel zu erreichen. Zuerſt im Leben ſchwellte der Ehrgeiz, dieſe allmaͤchtige Leidenſchaft, die kaum einer andern an Staͤrke weicht, ſein junges Herz, und ſie gewann gleich eine ſolche Gewalt uͤber daſſelbe, daß ſie von nun an feſt darin wurzelte.— Nachdem er dieſen verlockenden Traͤumen lange genug nachgehangen hatte, trat ihm der 93 ungewoͤhnliche und leidende Zuſtand ſeines Oheims durch den Anblick der von dieſem erhaltenen Kette welche er beim Eintritt in ſein Gemach abgelegt hatte, vor das geiſtige Auge, und erfuͤllte ihn mit gerechter Unruhe. Glaubte er doch ſelbſt weit mehr als Herr Georg an Traͤume, Ahnungen und Vorherſagungen; auch hatte der Vorfall mit dem Zerſpringen der Kette einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht, ſo daß er ſich den ſchwaͤrzeſten Be⸗ fuͤrchtungen fuͤr das Leben des verehrten Man⸗ nes hingab, und beſchloß, die Sterne wegen des Schickſals deſſelben zu befragen. Es war faſt Mitternacht, als er dieſen Ent⸗ ſchluß faßte, und er durfte ſo ſicher ſein, in ſei⸗ nen Operationen nicht geſtoͤrt zu werden. Bald verfinſterte ſich ſein Auge; ſeine Wangen wurden mit einer Todtenblaͤſſe bedeckt und ein kalter Schweiß drang ihm aus allen Poren hervor. Seine Wiſſenſchaft zeigte ihm naͤmlich fuͤr den naͤchſten Tag eine ſehr hochgeſtellte Perſon, die er fuͤr keine andere, als die des Koͤnigs ſelbſt 94 halten konnte, in der hoͤchſten Lebensgefahr, ſeinen. Oheim aber, der in derſelben den Tod fand. Er ſchaute und ſchaute, aber immer zeigte ſich ihm wieder daſſelbe troſtloſe Bild: Alles ſchien ohne Rettung fuͤr den geliebten, hochverehrten Mann verloren zu ſein, der zugleich von der Erde und dem Waſſer mit Untergang bedroht wurde. Ein Schwindel ergriff ihn; namenloſe Angſt preßte ſein Herz zuſammen und machte alles Blut in ſeinen Adern erſtarren; ſeine Sinne, vielleicht ſchon allzuſehr durch die Begebenheiten des vorhergehenden Tages aufgeregt, verließen ihn, und er ſank ohnmaͤchtig von ſeinem Stuhle zur Erde nieder. Sechſtes Kapitel. Der Tag daͤmmerte bereits, als er aus ſeiner Ohnmacht erwachte. Er raffte ſich auf und trat an das Fenſter, um friſche Luft zu ſchoͤpfen, denn noch immer ſchwindelte es ihm und Alles verwirrte ſich vor ſeinen Blicken; eine faſt tödt⸗ liche Schwaͤche hatte ihn ergriffen und gab ihm das Gefuͤhl, als ſei er von einer langen Krank⸗ heit kaum wieder hergeſtellt. Vergebens ſuchte er ſich zu uͤberreden, daß die Aſtrologie eine truͤgeriſche, auf keinem feſten Grunde beruhende Wiſſenſchaft ſei: ſeine Seele konnte durch keine Vernunftgruͤnde von der Angſt 96 befreit werden, die ſie ſeit der vorhergehenden Nacht folterte. Er liebte ſeinen Oheim aufrichtig; ja, er ſah in demſelben gleichſam ein hoͤheres Weſen, denn unter allen Verhaͤltniſſen hatte er ihm edel und großſinnig gefunden. Zudem war der Admiral gleichſam ſeine einzige Stuͤtze, da er ſeiner Fa⸗ milie gaͤnzlich entfremdet war. Weder ſeine El⸗ tern, noch Geſchwiſter bekuͤmmerten ſich um ihn, mit Ausnahme ſeiner aͤlteſten Schweſter Sophie, in der ſich ein ihm verwandter Geiſt regte, und die ihm von Zeit zu Zeit ſchrieb, um ſeinen Rath bei den gelehrten Studien in Anſpruch zu nehmen, denen ſie ſich, ganz gegen die damalige Sitte der Frauen, gewidmet hatte. Sie ſchrieb dieſe Briefe in lateiniſcher Sprache, und Tycho antwortete ihr in derſelben; auch ſendete ſie ihm von Zeit zu Zeit lateiniſche Gedichte und Abhand⸗ lungen uͤber verſchiedene wiſſenſchaftliche Gegen⸗ ſtaͤnde. Dies Alles hatte ein Band zwiſchen Tycho und dieſer Schweſter geknuͤpft; doch war 97⁷ es das einzige, welches ihn noch mit ſeiner Fa⸗ milie verband, da die Eltern den ihnen fruͤh ent⸗ riſſenen Sohn kaum mehr als den ihrigen aner⸗ kannten und die Liebe, welche ſie ihm ſonſt viel⸗ leicht geweiht haben wuͤrden, auf ſeine zahlreichen Geſchwiſter uͤbertragen hatten, die unter ihren Augen aufgewachſen waren. Zudem war der Vater jetzt mehr denn je mit ſeinem Erſtgeborenen unzufrieden; denn wenn er ſich gleich endlich darin ergeben hatte, daß Tycho kein Krieger, ſondern ein tuͤchtiger Rechtsgelehrter wuͤrde, wie ſein Oheim Georg gewollt; ſo kamen ihm die jetzigen Studien des Sohnes, von denen er keinen richtigen Begriff hatte, doch ſo nichtig vor, daß er ihn faſt verloren gab und nur als einen Traͤumer anſah, der es nie im Leben zu Etwas bringen und den Ruhm ſeines Geſchlech⸗ tes nie vergroͤßern wuͤrde. Seltſam genug hatten die Eltern ihren Erſtgeborenen, ſeit der Admiral ihnen Tycho entfuͤhrt, nicht einmal wiedergeſehen; Herr Georg hatte, in der Furcht, daß man ihm I. 5 98 ſeinen Adoptivſohn wieder entreißen wuͤrde, dieſes Wiederſehen in den erſten Jahren ſorgfaͤltig zu verhindern geſucht, in der Folge war ſowohl in Tycho, als in den Eltern der Wunſch nach Wie⸗ dervereinigung gaͤnzlich erkaltet, und ſo war es bis zu dieſer Stunde geblieben. Mit Sehnſucht und Unruhe erwartete Tycho den voͤlligen Anbruch des Morgens; denn nach einem langen und heftigen Kampfe mit ſich ſelbſt war er zu dem Entſchluſſe gekommen, ſeinem Oheime, ſelbſt auf die Gefahr hin, von dieſem geſcholten zu werden, mit ſeinen Beobachtungen bekannt zu machen, und dieſen zu bitten, an dem Unheil drohenden Tage das Haus nicht zu verlaſſen. Er hegte eine leiſe Hoffnung, bei dem⸗ ſelben mit ſeinen Bitten und Vorſtellungen um ſo eher durch zudringen, da er waͤhnte, der Vor⸗ fall mit der Kette wuͤrde einen tiefen Eindruck auf das Gemuͤth des Admirals gemacht haben. Es dauerte auch nicht lange, ſo erblickte er ſeinen Oheim, der fruͤh aufzuſtehen gewohnt war, in den Gaͤngen des hinter dem Hauſe liegenden Gartens, wo er ſeigen Morgenſpaziergang hielt und ſich an den Blumen ergoͤtzte, die in der Nacht ihre farbigen Kelche geoͤffnet hatten und jetzt freudig glaͤnzend die Strahlen des jungen Morgens in ihren Kelch aufnahmen. Tycho, der dieſen Augenblick fuͤr den geeig⸗ netſten hielt, Eingang mit ſeinen Vorſtellungen bei dem Oheime zu finden, eilte zu dieſem in den Garten hinab, und ſtand bald neben dem ihn freundlich Begruͤßenden. Der Admiral war durch die Schoͤnheit des Juni⸗Morgens in die heiterſte Stimmung ver⸗ ſetzt worden. Er freute ſich an den kuͤhlen Mor⸗ genluͤftchen, die ſein Haupt umſpielten, an dem goldenen Glanze der Sonne, an den Blumen, die im Perlenſchmucke des Nachtthaues glaͤnzten. Jeder Schatten, jede Unruhe ſchien aus ſeiner Seele verwiſcht zu ſein. Er redete mit froher Hoffnung von der Zukunft, von dem bevorſte⸗ henden Seezuge, von der beſondern Gnade ſeines 5* 100 guten und großen Koͤnigs gegen ihn und ſein Haus, und ſchien des Vofalls mit der Kette durchaus nicht mehr zu gedenken. Tycho ſchritt ſchweigend und in traurigen Gedanken vertieft neben ſeinem Oheime her, und immer mehr und mehr ſank ihm der Muth, da er dieſen ſo heiter und unbefangen ſah, mit ſeinen finſtern Befuͤrchtungen hervorzutreten: kam es ihm doch faſt wie eine Suͤnde vor, dunkle Schatten auf das heitre Seelenbild des geliebten Mannes zu werfen. —„Biſt Du krank, mein Sohn?“ fragte ihn endlich der Admiral, dem ſein finſtres Schwei⸗ gen auffiel.„Du ſtudirſt zu viel,“ fuhr er fort, nachdem er in Tycho's bleiches und verſtoͤrtes Antlitz geſehen hatte, das ſeine Befuͤrchtungen zu beſtaͤtigen ſchien,„und wirſt Deinen ohnehin ſchwachen Koͤrper dadurch voͤllig ruiniren. Ge⸗ wiß haſt Du wieder die ganze Nacht wachend und mit der Beobachtung der Sterne verbracht, 101 und das nach einem Tage, der nothwendig im hoͤchſten Grade anregend fuͤr Dich ſein mußte!“ Tycho ſchwieg noch immer, und der Oheim fuhr fort: —„Ich liebe es an Dir, daß Du Deine Studien mit ſo großem Eifer betreibſt, denn da⸗ durch wirſt Du allein es zu Etwas in der von Dir erwaͤhlten Wiſſenſchaft bringen koͤnnen; allein ich tadle wieder an Dir, daß Du es ſoweit damit treibſt, daß Deine Geſundheit darunter leiden muß. Ihr Lateiner habt ein wahres Sprich⸗ wort: nur im geſunden Leibe kann eine geſunde Seele wohnen; Du aber beherzigeſt daſſelbe nicht und ſtuͤrmſt auf Deine Geſundheit los, als ob ſie ein veraͤchtliches Gut waͤre, da ſie doch das hoͤchſte von Allen Guͤtern iſt.“ —„Mein Oheim,“ ſagte Tycho, indem er Muth zu faſſen ſuchte,„ich bitte Euch, denkt nicht an mich, ſondern allein an Euch ſelber. Was iſt denn mein Leben, mein armes, unbe⸗ deutendes, noch von keinem Ruhme gekroͤntes 102 Leben gegen das Eure? und dieſes theure, dem Vaterlande ſo wichtige, ja, unentbehrliche Leben, es iſt in Gefahr!“ —„Traͤumer!“ ſagte der Admiral mit einem Tone, worin einiger Unwille lag. —„Habt Ihr den Vorfall mit der Kette vergeſſen?“ fragte Tycho, der vergebens einen ſchicklichen Eingang zu dem ſuchte, was er dem Oheime ſagen wollte und ſagen mußte, um ſei⸗ ner namenloſen Angſt ledig zu werden. —„Das alſo iſt’s, was Dich ſo beunruhigt?“ erwiderte der Admiral laͤchelnd.„Ich ſelbſt denke nicht mehr daran, will nicht mehr daran denken,“ fuͤgte er mit einer ſtaͤrkeren Betonung hinzu; „und ſo erſuche ich Dich, mich nicht ferner da⸗ ran zu erinnern, beſonders in guten Stunden nicht, wie dieſe. Mag kommen, was da will,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, indem er ſich mit der Hand uͤber die Stirn fuhr;„meine Rech⸗ nung iſt fertig; allein ich will mir die Gegen⸗ wart nicht durch finſtre Grillen truͤben laſſen; 103 ja, ich erroͤthe vor mir ſelbſt, daß ich ihnen nur einen Augenblick Gehoͤr gab und mich dadurch in die Reihe jener Traͤumer ſtellte, die ich ſonſt ſo ſehr verachtete.“ —„Ich muß reden, trotz Eures Verbots, mein theurer Oheim, muß es ſelbſt auf die Ge⸗ fahr hin, Euren ganzen Zorn auf mich zu laden,“ ſagte Tycho, indem er eine ſeiner Haͤnde ergriff. „Zuͤrnt mir, ſo viel Ihr wollt,“ fuhr er fort; „ja, verſtoßt mich aus Eurem Angeſichte, weil ich Euch ungehorſam war und eine Wiſſenſchaft betrieb, die Ihr ſelbſt und viele aufgeklaͤrte Leute mit Euch verachten; allein verſprecht mir, um der namenloſen Angſt zu begegnen, die mich fol⸗ tert, an dieſem Tage das Haus nicht zu ver⸗ laſſen!“ —„Wie, Du glaubſt, daß ich Deinem Aberglauben durch die Gewaͤhrung dieſer Bitte Vorſchub leiſten werde?“ verſetzte der Admiral faſt zornig.„Wohl, Du beſtrafſt mich dafuͤr, daß Du mich einen Augenblick ſchwach geſehen 104 haſt,“ fuhr er immer heftiger werdend fort;„aber Knabe, erinnere mich nicht ferner daran, daß ich ſchwach war, denn ich ertrage es nicht!“ Er wandte ſich mit dieſen Worten von dem Neffen ab und kehrte in das Haus zuruͤck; Tycho, welcher ſein vom Zorn geroͤthetes Geſicht bemerkt hatte, wagte nicht, ihm zu folgen, ſondern blieb im Garten mit ſeiner namenloſen Angſt zuruͤck. —„Truͤgen die Sterne diesmal,“ ſagte er dann nach einem langen, finſtern Dahinbruͤten, „ſo ſchwoͤre ich, ſie niemals wieder zu befragen, und unter Denen, die es verſpotten, aus ihnen die Zukunft und das Geſchick der Menſchen vor⸗ herſehen zu koͤnnen, der Erſte und Eifrigſte zu ſein;z denn nie waren Zeichen drohender und be⸗ ſtimmter, als die ich in der verfloſſenen Nacht erblickte. Sollten aber meine ſchrecklichen Be⸗ fuͤrchtungen in Erfuͤllung gehen, dann ſpotte ich der Spoͤtter, will immer tiefer den Blick in die Naturgeheimniſſe verſenken und zu der Erleuch⸗ 105 tung empor zu dringen ſtreben, die nur wenigen Sterblichen zu Theil wird!“ Er begab ſich jetzt in das Haus, um ſeiner Baſe, Frau Margarethen, ſeine Befuͤrchtungen mitzutheilen, und ſie aufzufordern, ihren Gatten davon abzuhalten, an dieſem Ungluͤck drohenden Tage das Haus zu verlaſſen. Frau Margarethe war, wie man ſich vorſtellen kann, nicht wenig erſchrocken uͤber die Mittheilungen ihres Neffen und gelobte, Alles aufbieten zu wollen, den Ad⸗ miral am Ausgehen zu verhindern. Indem Beide noch ſo mit einander redeten, wurde ein Herr vom Hofe, Junker Tage Krabbe, angemeldet, welcher im Auftrage des Koͤnigs mit dem Admiral zu ſprechen begehrte. Frau Margarethe befahl dem ihn anmeldenden Diener, den jungen Edelmann zu ihnen zu fuͤh⸗ ren, waͤhrend ſie ſelbſt zu Herrn Georg in das Nebenzimmer ging, um dieſem die Ankunft Herrn Tage'’s anzuzeigen. Dieſer Junker, ein ſchoͤner junger Mann, ge⸗ 106 hoͤrte zu den Stutzern jener Zeit. Er bildete ſich nicht wenig darauf ein, eine Zeitlang in Paris geweſen zu ſein und ſich an dem uͤppigen Hofe Karls des Neunten zu einem vollkommenen Edel⸗ manne ausgebildet zu haben. Auch zeichnete er ſich vor allen andern jungen Hoͤflingen ſowohl durch ſeine Kleidung, als durch ſeine Sprache aus, indem er ſeine Mutterſprache reichlich mit franzoͤſiſchen Brocken ausſpickte. Der Koͤnig fand, trotz der Geckenhaftigkeit Krabbes, einiges Ge⸗ fallen an ſeinem Umgange, da dieſer ſtets heiter und manchmal voll ſeltſamer Einfaͤlle war, ſo daß er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, die Stelle eines Hofnarren vertrat und zur Ergoͤtzung ſeines hohen Goͤnners diente. Auch jetzt ſtach der Kitzel, den Witzling ſpielen zu wollen, Herrn Krabbe, und da er am Tage zuvor aus dem Munde des Koͤnigs das Lob des jungen Gelehrten vernommen hatte, den er ihm zum Muſter aufſtellte, glaubte er ſich einen Scherz mit Tycho, den er wenig kannte, erlauben und V V 105 ihn wegen ſeines zu eifrigen Studierens ver⸗ ſpotten zu duͤrfen. 3* —„Ich gruͤße Euch ſchoͤnſtens, Herr Dio⸗ genes der Cyniker!“ ſagte er, ſich zu Tycho umwendend, der, ohne Notiz von ihm zu nehmen, ruhig am Fenſter geſtanden war, waͤhrend der Junker ſeinen Auftrag an Frau Margarethe aus⸗ richtete. —„Wie verſteht Ihr das?“ fragte Tycho, dem die Roͤthe des Zorns uͤber dieſe Anrede des ihm nur wenig bekannten Gecken in's Geſicht ſtieg. —„Ihr liegt ja ſtets in Eurem Behaͤltniſſe, wie Diogenes in ſeinem Faſſe,“ war die Ant⸗ wort Tages, der mit ſeinem Witze ſo zufrieden war, daß er ihn ſelbſt belachte. Tycho's Geſicht bedeckte ſich bei dieſen unver⸗ ſchaͤmten Worten mit einer noch brennendern Roͤthe; denn er wußte recht gut, daß ihn die jungen Edel⸗ leute ſeiner Bekanntſchaft, welche zum Theil ein ſehr wuͤſtes, ungeregeltes Leben fuͤhrten, wegenſeiner Ein⸗ 108 gezogenheit und ſeines fleißigen Studirens ver⸗ ſpotteten.. —„Ich,“ ſagte er dann, das Auge voll Zorn auf den Spoͤtter richtend,„ich, Junker Tage Krabbe, will Euch nicht mit einem ſo ge⸗ ringen Manne vergleichen. Nein, Ihr ſeid dem Julius Caͤſar gleich!“ —„In wie fern?“ fragte der Junker, der ſich daruͤber wunderte, zum Preiſe fuͤr ſeine Grob⸗ heit eine Artigkeit zu erhalten. —„Caͤſar wollte lieber der Vornehmſte in jeder andern Stadt, als der Zweite in Rom ſein,“ verſetzte Tycho ruhig,„und Ihr wollt lieber der Erſte unter allen Gecken ſein, als der Zweite oder Dritte der Weiſen.“ —„Gut geantwortet, mein Sohn Tycho!“ ließ ſich jetzt die Stimme des Admirals verneh⸗ men, welcher, ohne daß Beide es bemerkt, durch die halb geoͤffnete Thuͤr dieſe Unterredung mit angehoͤrt und ſich uͤber die Unverſchaͤmtheit des Junkers gegen ſeinen Neffen geaͤrgert hatte;„gut 109 geantwortet! Und Ihr, Herr Tage Krabbe,“ wandte er ſich an den Beſchaͤmten,„geſteht nur ein, daß mein Pflegeſohn, ſeiner cyniſchen Natur gemaͤß, gut um ſich zu beißen weiß, wenn er unverſehens angefallen wird. Sollte es Euch aber etwa belieben ihn ferner mit Eurem Witze zu verfolgen, oder ihm wohl gar einen Schimpf⸗ namen aufzubuͤrden,“ fuhr er ernſter werdend fort;„ſo wird er Euch beweiſen, daß er den Namen Brahe fuͤhrt und ein gutes Schwert an ſeiner Seite traͤgt. Jetzt ſagt mir guͤtigſt, was mein hoher Gebieter von mir will, in deſſen Auftrage Ihr, wie ich hoͤrte, zu mir gekommen ſeid.“— Der Junker war ſowohl durch die Antwort Tycho's, als durch die Worte des Admirals ſo in Verwirrung gerathen, daß er, trotz ſeiner ſonſtigen Maulfertigkeit, kaum zu antworten wußte, und ſeinen Auftrag nur herſtottern konnte. Dieſer beſtand darin, daß der Admiral zum Koͤnige beſchieden wurde, um mit dieſem die im Hafen 110 vor Anker liegende Flotte zu beſuchen, die Fried⸗ rich vor ihrem Auslaufen noch erſt beſehen wollte. Nachdem Tage Krabbe dies beſtellt hatte, ent⸗ fernte er ſich eilig, und gewiß mit dem feſten Vorſatze, ſich nie mehr an Tycho zu reiben, der ſo gute Antworten zu geben wußte. —„Der Spott des Narren hat mich ver⸗ droſſen, obgleich Du ihn derb abgefuͤhrt,“ nahm der Admiral, gegen Tycho gewendet, das Wort. —„Ich denke, er wird ihn nicht erneuern,“ verſetzte dieſer:„und ſollte er es noch einmal wagen, ſo werde ich ihm, wie es ſich fuͤr einen Edelmann geziemt, mit dem Degen antworten.“ —„So recht, mein Sohn,“ erwiderte ihm der Admiral;„wenn ſie in Dir den Federfuchſer verhoͤhnen wollen, zeig' Du ihnen das Schwert. Es iſt uͤberhaupt mein Wunſch,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„daß Du Dich ſowohl als Edelmann hervorthueſt, denn als Gelehrter, und zu dem Ende bitte ich Dich, mehr als bisher mit Deinen Standesgenoſſen Umgang zu pflegen; 111 ja, wenn Gott mir das Leben noch einige Zeit vergoͤnnen ſollte, iſt es meine Abſicht, Dich auf Reiſen zu ſenden und Dir Zutritt zu fremden Fuͤrſten und Herren durch eigene Empfehlungen und die meiner Freunde zu verſchaffen, damit Du fremde Sitten und Gebraͤuche kennen lerneſt und mit Ehren in der beſten Geſellſchaft auf⸗ treten kannſt. Iſt es mir doch,“ fuhr er mit weicherem Tone fort, indem er Tycho'n die Hand reichte,„als ſei meine eigene Laufbahn vollbracht und lebe ich nur noch in Dir fort!“ Tycho druͤckte die ihm dargebotene Hand des vielgeliebten Mannes an ſeine Lippen, worauf der Admiral ſich in das anſtoßende Gemach begab. —„Folgt ihm, theure Baſe,“ flehte Tycho Frau Margarethe an,„und bietet Eure ganze weibliche Beredſamkeit auf, ihn heute am Aus⸗ gehen zu verhindern; vielleicht gelingt es Euch. Wie dieſe Botſchaft des Koͤnigs mich aͤngſtigt! Iſt ſie doch ſchon die halbe Erfuͤllung deſſen, 8 112 was ich in den Sternen geleſen: der Koͤnig wird die hohe Perſon ſein, die in große Lebensgefahr geraͤth, und mein theurer Oheim das Opfer derſelben werden, wenn es Eurem Flehen nicht gelingt, ihn heute zu Hauſe zu halten.“ —„Es wird mir nicht gelingen,“ ſagte Frau Margarethe, von gleicher Angſt gefoltert;„kenne ich ihn doch: er wird meiner und Deiner Furcht ſpotten und dem an ihn ergangenen Befehle nachkommen.“ Mit dieſen Worten ging ſie dem Admiral nach. Man hoͤrte ſie erſt leiſe und flehend, dann immer dringender ſprechen, und endlich den Ad⸗ miral ihr zornig und laut antworten; troſtlos kehrte ſie zu Tycho zuruͤck und verkuͤndete dieſem, daß Alles vergebens ſei und ihr Gemahl ſie hart mit ihren Befuͤrchtungen abgewieſen habe. Siebentes Kapitel. Die Angſt, von der Tycho gefoltert wurde, trieb ihn in's Freie hinaus. Es duldete ihn nicht laͤnger in dem Hauſe, deſſen Raͤume ihm ſo traurig und duͤſter vorkamen, daß er ihnen auf ewig zu entfliehen wuͤnſchte. Ohne daß er es beſtimmt wollte, nahm er den Weg nach dem Meeresſtrande und ſchritt, in Gedanken vertieft, mit eiligen Schritten immer vorwaͤrts, bis er bei jenem Steine anlangte, auf dem Chriſtine ſich ſeinen Blicken, ein ſo anmu⸗ thiges Bild abgebend, zuerſt gezeigt hatte. Ploͤtz⸗ lich tauchte das Andenken an ſie wieder aus ſeiner Seele empor und er beſchloß, ſie aufzuſuchen, 114 um durch ihren Anblick vielleicht beruhigt oder doch wenigſtens auf eine kurze Zeit zerſtreut zu wer⸗ den; denn die Minuten dieſes verhaͤngnißvollen Tages dehnten ſich fuͤr ihn zu Stunden aus, und er haͤtte Alles darum gegeben, ihn ſchon hinter ſich zu haben. Indem er noch ſo am Strande ſtand und ſich nach dem Wege durch den Wald umſah, begegneten ſeine Blicke einem Trupp Reiter, der im geſtreckteſten Galopp daher geſprengt kam. Sein ſcharfer und ſchneller Blick erkannte unter dem Haufen Herrn Tage Krabbe, und eilig wandte er ſich feldeinwaͤrts, um von dieſem nicht auch erkannt zu werden. —„War das nicht unſer Philoſoph?“ wandte ſich Tage an ſeinen naͤchſten Nachbar, Manderup Parsberg, einen jungen Edel⸗ mann, der durch ſeine wuͤſten Sitten ſelbſt unter ſeinen Genoſſen beruͤchtigt war. —„Beim Teufel, ich glaube, daß er es war!“ verſetzte dieſer, Tycho mit unruhigen 115 Blicken verfolgend.„Laß uns ſehen, wohin er geht.“ —„Ich weiß, was Du fuͤrchteſt,“ fluͤſterte ihm Tage laͤchelnd zu;„und wahrhaftig,“ fuhr er fort,„er ſchlaͤgt den Weg nach jenem Fiſcher⸗ Dorfe ein, wo die ſchoͤne Dirne wohnt, auf die Du Dein Auge geworfen. Du wirſt doch nicht dul⸗ den, daß der Traͤumer Dir in's Gehege kommt?“ —„Reite mit den Andern voraus,“ verſetzte Manderup, von der wuͤthendſten Eiferſucht ge⸗ foltert;„ich muß in Erfahrung bringen, wohin er ſeinen Lauf nimmt, und wehe ihm, wenn ſich meine Befuͤrchtungen beſtaͤtigen ſollten! Ich habe die Dirne zuerſt erblickt, und ſie muß mein wer⸗ den. In meinem ganzen Leben bin ich noch nicht ſo verliebt geweſen, als in dieſes reizende Ge⸗ ſchoͤpf.“ —„und Du machſt ſo viele Umſtaͤnde mit einer Fiſcherdirne?“ fragte Tage lachend;„ſind Dir doch ſchon ganz andere Eroberungen gegluͤckt! 116 Du biſt reich, Dein Vater iſt kein Geizhals, und mit einer Hand voll Geld wuͤrde Alles ab⸗ zumachen ſein.“ —„Das meinſt Du,“ verſetzte Manderup; „allein die Sache ſteht anders, als Du denkſt; das Maͤdchen iſt ſchoͤn wie Venus und keuſch wie Diana, wie die Poeten ſagen wuͤrden; als ich ihm neulich im Walde begegnete, wo es Reiſig zuſammen las, floh es vor mir, wie vor dem Beelzebub, weil ich es gewagt hatte, ihm eine Liebeserklaͤrung zu machen, und ſeitdem habe ich es nicht wieder geſehen.“ —„Ziererei!“ ſagte Tage,„nichts als Zie⸗ rerei, verlaß Dich darauf, wir kennen das! Und Du warſt, ganz gegen Deine Gewohnheit, ein ſo bloͤder Schaͤfer, daß Du ſie nicht weiter verfolgteſt?“ —„Wohl that ich das, und waͤre dreiſt genug geweſen, ihr in ihre Huͤtte nachzufolgen; aber zwei Hunde, ſtark genug, um es mit Zweien 11⁷ aufzunehmen, wieſen mir fletſchend die Zaͤhne und noͤthigten mich zum eiligen Ruͤckzuge.“ —„Nimm es mir nicht uͤbel, Parsberg,“ verſetzte Tage lachend,„aber bei dieſer Geſchichte haſt Du Dich blamirt; ſich von einem Paar Hunden abſchrecken zu laſſen, pfui! Wenn Dir der Traͤumer und Sterndeuter den Rang bei der Dirne ablaͤuft, ſo rechne nicht auf mein Bedauern, denn Du haſt Dein Schickſal verdient.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und eilte den Andern nach, die bereits eine gute Strecke voraus waren und große Eile hatten, weil ſie den Koͤnig auf ſeiner Fahrt zur Flotte begleiten wollten. Manderup Parsberg hatte Tycho indeß ſchon aus den Augen verloren, da er aber auch den naͤhern Weg durch den Wald kannte, in dem er oft zu jagen pflegte, weil er zu den Beſitzungen ſeines Vaters gehoͤrte, ſchlug er dieſen ein, und langte ſo zeitig genug an, um Tycho, den die Hunde ſogleich wieder erkannten und ungehindert 118 paſſiren ließen, in den Hofraum und in das Haus gehen zu ſehen. Chriſtine war allein, als Tycho zu ihr ein⸗ trat, und eine lebhafte Roͤthe uͤberflog ihre Wan⸗ gen bei ſeinem unerwarteten Anblicke. —„Werdet Ihr mir nicht zuͤrnen, daß ich ſchon wieder da bin?“ fragte er ſie, indem er die Spindel aufhob, die ihr bei ſeinem Eintritte entfallen war, und ſie ihr darreichte. —„Mein Vater wird ſich ſehr freuen, Euch ſchon wieder zu ſehen,“ antwortete ſie ihm mit anmuthiger Verwirrung;„Ihr habt ihm ſehr gefallen, Herr Junker, und er findet viel Ver⸗ gnuͤgen an Eurer Unterhaltung.“ —„Ich wuͤrde nicht ſo unbeſcheiden geweſen ſein, ſchon heute wieder Eure Gaſtfreundſchaft in Anſpruch zu nehmen,“ verſetzte Tycho,„wenn es mir nicht Beduͤrfniß geweſen waͤre, dieſe Stunden, die voll der folterndſten Unruhe fuͤr mich ſind, unter guten Menſchen zu ver⸗ bringen.“ 119 —„So habt Ihr Kummer, Sorge, Junker Brahe?“ fragte ſie theilnehmend. —„Nur aͤngſtliche Befuͤrchtungen,“ verſetzte er, ſich mit der Hand uͤber die verduͤſterte Stirn fahrend.„Mir iſt, als ſollte mir heute ein großes Unheil begegnen,“ fuͤgte er hinzu;„aber laſſen wir das: der Himmel wolle Alles zum Beſten lenken!“ Ein wuͤthendes Gebell der beiden großen Hunde auf dem Hofraume lenkte Chriſtinens und Tycho's Aufmerkſamkeit dahin. Man eilte an das einzige, zum Hofe hinaus⸗ gehende Fenſter und erblickte einen jungen Mann in reicher, ritterlicher Kleidung, welcher es ver⸗ ſuchte, mit dem Degen in der Fauſt den Durch⸗ gang zu erzwingen; allein die wackern Hunde hielten ſo gut Stand, daß er ſich fluchend zuruͤck ziehen mußte. —„Das iſt der Junker Manderup Parsberg, ich, erkenne ihn,“ ſagte Chriſtine, indem ſie er⸗ bleichend vom Fenſter zuruͤcktrat. 120 —„Ihr kennt ihn?“ fragte Tycho erſtaunt. —„Wohl!“ verſetzte ſie,„und ich bitte Euch, laßt Euch nicht vor ihm ſehen; er iſt ein boͤſer, verwegner Menſch, vor dem ſich Alles fuͤrchtet. Das Schloß ſeines Vaters liegt hier in der Naͤhe, und ſelbſt dieſes Dorf iſt ſein Eigenthum; ſo muß ich ihn wohl kennen“ —„Was kann er aber bei Euch wollen?“ forſchte Tycho, deſſen Unruhe ſich mit jedem Au⸗ genblick vermehrte. 3 —„Ich weiß es nicht,“ ſtotterte Chriſtine, und eine brennende Roͤthe uͤberflog ihre Wangen. „Wenn nur mein Vater ihn nicht erblickt, es koͤnne ſonſt ein Ungluͤck geben,“ fuhr ſie fort; „denn ſo gut und brav mein Vater iſt, ſo kann er doch auch fuͤrchterlich ſein, und ſcheut in ſei⸗ nem Zorne nichts.“ —„So fuͤrchtet Ihr, daß dem Junker ein Ungluͤck begegnen moͤge?“ fragte Tycho, die vor Angſt Zitternde forſchend anſehend und mit ſchlecht verhehlter Unruhe. 121 —„Das nicht, gewiß nicht!“ ſagte Chriſtine; —„Nun?“— Chriſtine ſchwieg einige Augenblicke in der hoͤchſten Verwirrung und Verlegenheit, und beide wuͤrden noch laͤnger gedauert haben, wenn der Eintritt des Vaters ſie nicht davon befreit haͤtte. —„Was giebt es auf dem Hofe?“ fragte dieſer, der, aus der Helle des Tages kommend und von der Sonne geblendet, ſeinen Gaſt in dem etwas dunklen Gemache nicht ſogleich er⸗ blickte, ſeine Tochter mit ziemlich barſchem Tone. —„Eure Hunde bellten einen zweiten Be⸗ ſuch an, der ſich bei Euch einfinden wollte, Meiſter Knud,“ ſagte Tycho, indem er auf ihn zutrat und ihm die Hand reichte. —„Wie, Ihr ſeid es, Junker Brahe?“ fragte Knud erſtaunt, indem er die ihm darge⸗ botene Hand nicht annahm. Tycho begriff, daß ſein ſo ſchnell wiederholter 1 6 122 Beſuch ſeinem Gaſtfreunde mißfällig ſei und den⸗ ſelben mit Argwohn gegen ſeine Abſichten er⸗ fuͤllte. —„Zuͤrnt mir nur nicht wegen meiner Zu⸗ dringlichkeit,“ ſagte er mit bittendem Tone; „Ihr ſollt erfahren, was mich aus meiner Woh⸗ nung fort und zu Euch trieb, denn ich fuͤrchte nicht, von Euch verſpottet zu werden, wenn ich Euch die Wahrheit ſage.“ —„Die Hunde ſind wie raſend,“ ſagte Knud, an das Fenſter tretend und hinausſchau⸗ end;„was haben ſie denn, und wer iſt der zweite Gaſt, von dem Ihr vorhin redetet, Herr Junker?“ —„Eure Tochter nannte ihn Manderup Parsberg; ich kenne ihn nicht,“ antwortete ihm Tycho.„Er ſucht mit Gewalt den Eingang hier zu erzwingen, Eure Hunde aber weiſen ihm die Zaͤhne.“ —„Der?!“ ſagte Knud, und ſein Geſicht roͤthete ſich vor Zorn.„ Er ſoll es nur wagen, 123 der Elende,“ fuhr er mit gereiztem Tone fort; „meine Hunde haben ganz recht, ihm die Zaͤhne zu weiſen, und wenn er nicht nachgeben will und ſie nicht mit ihm fertig werden koͤnnen, will ich ihnen helfen, obſchon er der Sohn meines Gutsherrn und ein reicher, vornehmer Junker iſt. Ihr muͤßt wiſſen,“ wandte er ſich nach Tycho um, der ihm voll Erſtaunen zuhoͤrte, „daß der Junker ein Maͤdchenjaͤger iſt und ſeine Augen auch auf mein armes Kind geworfen hat, das ſich vor ſeinen Verfolgungen nicht zu retten weiß.“ 4 Chriſtine ſchlug bei dieſen Worten des Vaters die Augen nieder und erroͤthete lebhaft. —„Du brauchſt Dich nicht zu ſchaͤmen,“ nahm der Vater mit milderem Tone wieder das Wort;„ich weiß, daß Du dem Elenden keine Veranlaſſung gegeben haſt, Deine Tugend und Ehrbarkeit in Zweifel ziehen zu duͤrfen; aber Du brauchſt auch nichts zu fuͤrchten, denn ſo lange ich lebe, ſoll es Keiner wagen duͤrfen, und wenn 6* 124 es der Koͤnig ſelbſt waͤre, ſich Dir mit laſter⸗ haften Zumuthungen zu nahen.“ Die Hunde hatten ſich indeß zur Ruhe be⸗ geben und ſich am Eingange des Hofes friedlich gelagert, ein Zeichen, daß der Junker ſich wieder entfernt habe. Der Fiſcher bot jetzt ſeinem Gaſte einen Platz neben ſich auf der Bank an, und befahl Chriſtinen, einen Trunk herbei zu ſchaffen. Tycho nahm dieſen Augenblick wahr, ſeinem Gaſtfreunde zu erzaͤhlen, was ihn hergefuͤhrt habe und bat ihn nochmals, ſein ſchnelles Wie⸗ derkommen mit ſeiner großen innern Unruhe ent⸗ ſchuldigen zu wollen. Mit Aufmerkſamkeit hoͤrte ihm der Fiſcher zu; dann ſagte er, als Tycho geendet hatte: —„SIch vertraue Euch und Eurem Worte, Herr Junker Brahe; in Eurem Weſen und Ge⸗ ſichte liegt Etwas, das mir volles Zutrauen zu Euch einfloͤßt, und ich gebe Euch von dieſem gewiß den groͤßten Beweiß, indem ich meine Thuͤr nicht vor Euch verſchließe, wie vor dem „— 125 Junker Manderup, ſondern Euch vielmehr herz⸗ lich willkommen heiße. Ich theile Eure Angſt und Beſorgniſſe, die auf Eurer Wiſſenſchaft ge⸗ hoͤrig begruͤndet ſind, um Euren theuren Oheim und Verwandten. Ich ſelbſt habe wunderbare Dinge erlebt, die kein Weiſer zu erklaͤren ver⸗ mochte, die von den ſogenannten Klugen als unmoͤglich beſtritten wurden, und trotz dem wahr, unbeſtreitbar wahr waren. So erſchien mir in der Nacht nach dem Tode meines Vaters, von dem ich, auf fernen Meeren umherſchweifend, keine Ahnung haben konnte, die mit Blut be⸗ deckte Geſtalt deſſelben und befahl mir, den Lauf meines Schiffes zu aͤndern, und nicht in Aalborg einzulaufen, wohin ich, Alles beim Alten glaubend, eben ſteuern wollte. Ich ſchlief nicht, es war kein Traum, der mich neckte, ſondern eine wirk⸗ liche Erſcheinung, und haͤtte ich der warnenden Stimme Gehoͤr gegeben; haͤtte mein kluͤgelnder Verſtand mir nicht zugefluͤſtert, daß das, was ich geſehen und gehoͤrt hatte, nur eine Ausgeburt 5 126 meiner Phantaſie und meines kranken Gehirns ſei, ſo waͤre ich einer großen Gefahr entgangen, in der ich umzukommen drohte. Seitdem gehoͤre ich in allen dieſen Dingen zu den Glaͤubigen, und gebe was auf Ahnungen und Geſichte; denn mein Vater war, wie ich ſpaͤterhin erfuhr, den Tag vor jener Nacht, in welcher ich die Er⸗ ſcheinung gehabt hatte, eines gewaltſamen Todes geſtorben. Euer Oheim wuͤrde daher gewiß gut gethan haben, auf Eure Warnungen und Bitten zu hoͤren, und dieſen Ungluͤckstag nicht außer ſeinen vier Wäͤnden zuzubringen. Indeß, wer kann von den Blinden verlangen, daß ſie ſehen ſollen?“ Chriſtine war waͤhrend dieſer Geſpraͤche ab und zu gegangen und hatte nur Bruchſtuͤcke von demſelben vernommen, auch ſchien es, daß ihr Vater es abſichtlich vermied, in ihrer Gegenwart von ſeiner eigenen Vergangenheit zu reden, denn ſobald ſie eintrat, ſchwieg er, und gab jetzt, nachdem ſie ſich mit ihrer Spindel zu ihnen ge⸗ 12⁷ ſetzt hatte, dem Geſpraͤche eine andere Wendung; ja, als Tycho auf ihre fruͤhere Unterhaltung zu⸗ ruͤckkommen wollte, brach er es faſt gewaltſam ab, ſtand auf und trat an das Fenſter, aus dem er eine Weile hinausſchaute und dann erſt wie⸗ der zu ſeinem Gaſte zuruͤckkehrte. Das, was Tycho von Knud gehoͤrt hatte, ſo wie die gebildete Sprache, welche dieſer, ganz gegen die Gewohnheit der Leute ſeines Standes, redete, gaben ihm viel zu denken, und es wurde fuͤr ihn eine ausgemachte Sache, daß ſein Gaſt⸗ freund fruͤher andern Verhaͤltniſſen, hoͤheren, als ſeine jetzigen waren, angehoͤrt haben muüſſſe. Dafuͤr ſprach, außer dem bereits Angefuͤhrten, auch noch die ſtolze, edle Haltung des Mannes und das Gebieteriſche, das in ſeinen Mienen und ſeinem Weſen lag. Man konnte es ſich nicht denken, daß dieſer ſtolze Nacken von jeher gewohnt geweſen ſei, ſich zu buͤcken; haͤtte Knud ein Schwert an der Seite gehabt, ſo wuͤrde er das vollkommene Bild eines kraͤftigen, ſiegge⸗ 128. wohnten Kriegers dargeſtellt haben; auch in ſei⸗ nem Auge lag eine Kuͤhnheit, aus demſelben blitzte ein Feuer, die Ehrfurcht und Bewunde⸗ rung geboten. —„Ihr ſeid nicht, was Ihr ſcheint,“ ſagte Tycho, der ſich eine Zeitlang ſeinen Betrach⸗ tungen uͤberlaſſen hatte, als er ſich wieder einige Augenblicke ſeinem Gaſtfreunde allein, gegenuͤber befand. —„Ihr moͤchtet in Eurer Vorausſetzung Recht haben, Herr Junker,“ entgegnete ihm Knud;„doch jetzt ſtill davon; ich erzaͤhle Euch das wohl ein ander Mal, wenn unſere Freund⸗ ſchaft etwas aͤlter geworden iſt, und mag nicht, daß mein armes Kind darum weiß, daß es zu hoͤhern Anſpruͤchen an das Leben berechtigt iſt, als ich ihm jetzt gewaͤhren kann. Wir haben wunderbare, wild bewegte Zeiten erlebt, und in ſolchen geſtalten ſich die Verhaͤltniſſe der Men⸗ ſchen oft ſeltſam. Ich, fuͤr meinen Theil, bin endlich zur Ruhe gekommen und habe mich ſo 129 ziemlich in mein Schickſal gefunden, obgleich von Zeit zu Zeit der Wunſch wieder in mir lebendig wird, wie ſonſt am hohen Bord eines Kriegs⸗ ſchiffes zu ſtehen, mit ſcharfem Auge nach dem Feinde und willkommener Beute uͤber das weite, unabſehbare Meer hin zu lugen. Wenn mein Kind nicht waͤre, das ich uͤber Alles liebe, ſo wuͤrde ich ſicher Dienſte auf der Flotte Eures großen Oheims ſuchen und den verhaßten Schwe⸗ den zeigen, daß die Kraft meines Arms noch nicht ermattet, mein Muth noch der alte iſt. Allein jetzt muß ich mir die Grillen ſchon ver⸗ gehen laſſen, denn ich bin meiner Chriſtine Schutz und Schirm ſchuldig, bis ich einen wackern Mann fuͤr ſie gefunden, dem ich ſie und ihr Schickſal ruhig anvertrauen kann, was mir freilich ſchwer fallen wird, da ich nicht geſonnen bin, ſie einem dieſer Fiſcher, die ſich etwa um ſie bewerben duͤrften, zum Weibe zu geben.“ Dieſes Geſpraͤch wurde durch Chriſtinens Ruͤckkehr unterbrochen, die mit verſtoͤrtem, todten⸗ 130 bleichen Geſichte zu den Beiden eintrat und ihnen faſt athemlos zurief: —„Er kommt!“ —„Wer kommt?“ fragte ſie Knud, ſchnell von der Bank aufſtehend. —„Der Junker,“ erwiderte ſie.„Er hat die Gartenmauer uͤberſtiegen und ſchritt, als ich zu Euch eilte, ungehindert von den Hunden, die er getaͤuſcht hat, durch den Garten auf das Haus zu.“ —„So will ich ihn in Empfang nehmen!“ rief Knud, und ſeine Geſichtszuͤge druͤckten den heftigſten Zorn aus. In dem Augenblick aber, wo er das Gemach verlaſſen wollte, um dem Junker entgegen zu gehen, oͤffnete ſich die Thuͤr ſchon, und Manderup Parsberg trat zu ihnen ein.. —„Wer eine Schenke haͤlt, ſagte er, ſich uneingeladen auf die Bank niederlaſſend und ohne weder Tycho, noch die uͤbrigen Anweſenden u begruͤßen,„wer eine Schenke haͤlt, der ſole 131 ſo unverſchaͤmte, biſſige Koͤter nicht am Eingange aufſtellen; faſt haͤtten ſie mich abgeſchreckt, hier einzukehren.“ —„Was meint Ihr mit der Schenke Herr Junker?“ fragte Knud, dem vor Zorn die große Ader auf der Stirn aufſchwoll.„Haltet Ihr mein Haus etwa fuͤr eine ſolche?“ —„Nun, wofuͤr ſollte ich es ſonſt halten, als fuͤr eine Schenke, und zwar fuͤr eine recht feine, da Ihr vornehme Leute bei Euch aufnehmt und bewirthet?“ antwortete ihm Manderup frech, indem er den Blick nach Tycho hinuͤberſchweifen ließ.„Ich ſehe, daß Ihr guten Meth ſchenkt, Herr Wirth,“ fuhr er fort, ein Goldſtuͤck auf den Tiſch werfend;„ſchafft mir einen Krug da⸗ von herbei, mich duͤrſtet.“ —„Ich muß Euch ſagen, Herr Junker, daß Ihr Euch in der Vorausſetzung irrt, daß mein Haus ein oͤffentliches ſei, in das Jeder einkehren kann, dem es beliebt, mich mit ſeinem Beſuche beehren zu wollen,“ verſetzte Knud, 132 deſſen Stimme vor Zorn bebte,„und daß, wenn ich einen Gaſt bei mir bewirthe, dies auf meine und nicht auf ſeine Koſten geſchieht; vor allen Dingen merkt Euch aber,“ fuhr er mit drohendem Tone fort,„daß ich mir das Recht nicht neh⸗ men laſſe, ſolche Gaͤſte fortzuweiſen, die unver⸗ ſchaͤmt und mir mißfaͤllig ſind.“ —„Sagſt Du das in Bezug auf mich, elender Sclave?“ rief Manderup aufſpringend und nach dem Degen an ſeiner Seite greifend. —„Gerade in Bezug auf Euch, Herr Jun⸗ ker,“ verſetzte Knud, der ſich ihm furchtlos, mit uͤbereinander geſchlagenen Armen entgegenſtellte und ſo gleichſam ſeinen Angriff herausforderte. „Mit welchem Rechte aber nennt Ihr mich einen Sclaven?“ fuhr er fort;„bin ich etwa der Eu⸗ rige oder der Eures Vaters?“ —„und was waͤreſt Du anders?“ verſetzte der Junker hoͤhnend;„wohnſt Du doch auf ſei⸗ nem Grund und Boden und biſt ihm zu Hof⸗ dienſten verpflichtet.“ 133 —„Mit nichten,“ ſagte der Fiſcher;„ich bin ein freier Mann, und Eurem Vater zu Nichts verpflichtet, als ihm die Grundſteuer fuͤr mein Haus und meinen Hof zu bezahlen. Fragt ihn, ob ich damit im Ruͤckſtande bin, und jetzt be⸗ fehle ich Euch, und werde Euch im Weigerungs⸗ falle dazu zu zwingen wiſſen, mein Haus, mein freies Eigenthum, auf der Stelle zu verlaſſen, um es nie wieder zu betreten!“ —„Und wenn ich trotz dem bleibe?“ fragte Manderup hoͤhniſch, die Hand an ſein Schwert legend. —„Laßt Euer Kaͤſemeſſer ſtecken, Herr Junker, ich rathe es Euch,“ ſagte Knud furcht⸗ los;„ich werde mit Euch und jenem fertig, und das mit meinen bloßen Faͤuſten. Jetzt packt Euch, denn meine Geduld iſt zu Ende!“ Mit dieſen Worten ſchritt er auf Manderup zu, entriß ihm mit einer raſchen Bewegung das Schwert, zerbrach es und warf ihm die Stuͤcke vor die Fuͤße. Als dieſer ſich entwaffnet und 134 den rieſigen Mann mit vor Zorn funkelnden Augen ſich gegenuͤber ſah, ergriff ihn Kleinmuth und er begann, fuͤr ſein Leben zu fuͤrchten. —„Werdet Ihr, Herr Junker Brahe,“ wandte er ſich kleinlaut an dieſen,„ruhig zu⸗ ſehen, daß man einen Standesgenoſſen alſo be⸗ gegnet, ihm vielleicht gar nach dem Leben trachtet?“ d —„Die Behandlung, welche Ihr erfahrt, habt Ihr ſelbſt verſchuldet,“ entgegnete ihm Tycho ruhig;„was aber Euer Leben anbetrifft, ſo ver⸗ buͤrge ich mich mit meiner Ehre dafuͤr, daß die⸗ ſer brave Mann ſeine koͤrperliche Ueberlegenheit nicht mißbrauchen und es nimmermehr gefaͤhrden wird, ſofern Ihr ſeinem gerechten Willen Folge leiſtet und Euch augenblicklich entfernt. Wo nicht, ſo muͤßt Ihr die Folgen Eurer Unver⸗ ſchaͤmtheit und Hartnaͤckigkeit tragen; erwartet aber in dieſem Falle nicht von mir, daß ich auf Eure Seite treten werde, da ihr im vollen Un⸗ rechte ſeid. Ich trage mein Schwert nicht, um 13⁵ das Recht zu unterdruͤcken, ſondern um den un⸗ ſchuldig Leidenden gegen Unbill zu beſchuͤtzen. Laßt Euch daher rathen, und nehmt Euren Ruͤckzug, denn nur das fordert mein Gaſtfreund von Euch.“ —„Ihr nennt Euch einen Brahe, einen Edelmann,“ rief Manderup Parsberg in der hoͤch⸗ ſten Wuth,„und wollt Euer Schwert fuͤr die Kanaille, gegen einen Standesgenoſſen ziehen? Ein Baſtard moͤgt Ihr ſein, der Sohn irgend eines Knechts auf dem Gute Eures Vaters; aber das Blut der Brahes fließt in Euren Adern nicht!“ —„Auf dieſe neue Unverſchaͤmtheit wuͤrde mein Schwert Euch die gehoͤrige Antwort geben, wenn das Eurige nicht zerbrochen am Boden laͤge,“ verſetzte Tycho mit vor Zorn funkelnden Blicken.„Ich treffe Euch aber ſchon einmal bewaffnet an und werde dann Rechenſchaft wegen dieſer Beleidigung von Euch fordern.“ —„Jetzt packt Euch, oder ich rufe die 136 Hunde herbei, die ſchon mit Euch fertig werden, Junker Parsberg, ohne daß ich noͤthig haͤtte, mich mit Eurem Blute zu beſudeln,“ ſagte Knud im hoͤchſten Zorne, indem er drohend auf ihn zuſchritt. —„Ich weiche der Uebermacht,“ rief Man⸗ derup, indem er das Zimmer verließ;„allein die Stunde wird nicht fern ſein, wo ich an Euch Allen Rache nehmen darf. Ihr aber, Junker Brahe,“ wandte er ſich noch in der Thuͤr an dieſen,„macht Euch gefaßt darauf, ſchon mor⸗ gen das Gelaͤchter der ganzen Hauptſtadt zu ſein, und ein Baſtard in den Augen aller Derer, die auf die Ehre ihres Standes halten.“ —„Elender, heimtuͤckiſcher Ehrenſchaͤnder, rechne darauf, daß mein Arm dieſen jungen Mann raͤchen wird, dieſer Arm, der mit ganz Andern fertig wurde, als Du biſt!“ rief ihm Knud nach, indem er vor Wuth zitterte. —„ueberlaßt es mir allein, ihn zu zuͤchti⸗ gen, ſofern er es wagen ſollte, ſeine Drohungen 137 wahr machen zu wollen,“ ſagte Tycho;„ich be⸗ darf dazu der Huͤlfe keines Andern. Ihr wißt mich zu finden, Junker Manderup Parsberg,“ rief er dem davon eilenden Junker nach;„wißt, daß ich Euch jeden Augenblick zu Dienſte ſtehe.“ Der Junker hatte die Hausthuͤr erreicht und wollte ſich durch dieſe und uͤber den Hofraum fortbegeben; allein Knud befahl ihm, eben den Weg wieder zuruͤck zu gehen, auf dem er ge⸗ kommen war. —„Wer durch die Hinterthuͤr in's Haus kommt muß es auch durch die Hinterthuͤr wie⸗ der verlaſſen, ſo iſt's recht und billig,“ ſagte er mit Hohn zu dem Fliehenden. Der Junker hoͤrte in ſeiner Wuth nicht auf ihn; als er aber auf den Hof hinaus trat, fuhren die Hunde ſo wuͤthend auf ihn los, daß er erſchrocken wieder in's Haus zuruͤck eilte und die Thuͤre ſchnell hinter ſich zu machte. „—„Hab' ich's Euch nicht geſagt?“ fragte der Fiſcher ihn hoͤhnend.„Da iſt Euer Weg, 138 und Ihr ſollt ihn diesmal noch ungehindert gehen duͤrfen. Rechnet aber fuͤr die Folge nicht mehr darauf, denn ich werde die Hunde von nun an vertheilen und einem davon ſeinen Poſten an der Hinterthuͤr anweiſen, um Gaͤſte Eurer Art am Einſchleichen zu verhindern.“ Der Junker antwortete ihm nicht weiter und ſchlich beſchaͤmt davon. Der Fiſcher, in dem der Zorn noch immer maͤchtig tobte, ſchritt mit großen Schritten durch das Gemach auf und ab, dann blieb er vor Chriſtinen ſtehen, die, mit todtenbleichem Ant⸗ litze und vor Schrecken uͤber das Vorgefallene an allen Gliedern zitternd, am Fenſter ſtand, und ſagte: —„Fuͤrchte Dich nicht, mein Kind, Dir ſoll, ſo lange ich lebe, kein Leid geſchehen.“ —„O, mein Vater!“ ſagte ſie, ihn heftig weinend mit ihren beiden Armen umfaſſend, „nicht fuͤr mich, ſondern fuͤr Euch zittere ich. Der Junker iſt, wie Jedermann weiß, ein boͤſer, 139 rachſuͤchtiger Mann, und wird ſeine Drohungen gegen Euch und den Junker fruͤh oder ſpaͤt wahr machen, wozu ihm ja, ſeines Standes und Reichthums wegen, die Macht nicht fehlen kann.“ —„Verlaß uns jetzt, meine Tochter,“ ſagte Knud, nachdem er einige Augenblicke im finſtern Dahinbruͤten verharrt hatte;„ich habe mit dem Junker zu reden, und wuͤnſche es ohne Zeugen zu thun.“— Chriſtine gehorchte und Knud befand ſich ſei⸗ nem Gaſte allein gegenuͤber. —õõâ Achtes Kapitel. —„Ich muß Euch ſchon jetzt, durch die Um⸗ ſtaͤnde gezwungen, ein Vertrauen ſchenken, das ich fuͤr eine ſpaͤtere Zeit aufzubewahren gewilligt war,“ nahm der Fiſcher nach einer Pauſe das Wort. „Ich bin durch das, was ſo eben vorgefallen iſt, zu der Ueberzeugung gekommen, daß meines Bleibens an dieſem Orte nicht laͤnger ſein kann, nicht weil ich fuͤr mich fuͤrchte, ſondern fuͤr mein Kind, das mir das Theuerſte auf Erden iſt. Auch draͤngt und treibt es mich faſt gewaltſam, meine fruͤhere Lebensweiſe, die die einzige iſt, welche mir zuſagt, und in welcher ich mich an meinem Platze fuͤhle, wieder zu ergreifen. Ich 141 bin noch nicht gar alt und habe noch ganz die⸗ ſelbe Kraft in meinem Arme, wie fruͤher. Soll ich dieſe fuͤr den Reſt meines Lebens dazu ver⸗ wenden, das Ruder zu fuͤhren und Netze auszu⸗ werfen, um arme Fiſche zu fangen und zum Ver⸗ kaufe auf den Markt zu tragen, eine Beſchaͤf⸗ tigung, die weder mit meiner Neigung, noch mit meinen fruͤheren Gewohnheiten, noch mit meiner Geburt uͤbereinſtimmt? Doch bevor ich fortfahre, laßt mich Euch fragen, ob Euch nicht vielleicht ein ſicherer Zufluchtsort fuͤr meine Chriſtine bekannt iſt?— denn bevor ich fuͤr dieſe auf eine genuͤgende Weiſe geſorgt, darf ich an mich ſelbſt und meine eigenen Neigungen nicht denken.“ Tycho ſann auf dieſe Aufforderung einige Augenblicke nach; dann ſagte er: —„Wohl wuͤßte ich einen ſichern und ſchick⸗ lichen Aufenthalt fuͤr Eure Chriſtine, und zwar bei meiner leiblichen Schweſter, auf Knudſtrup in Schonen, dem Erbgute meines Vaters. Von allen meinen Verwandten iſt mir Sophie am 142 meiſten gewogen, weil ſie mich wegen der Wiſſen⸗ ſchaften liebt, denen ich mein Leben geweiht habe, und denen auch ſie, ganz gegen die Gewohnheit ihres Geſchlechts, großen Geſchmack abgewonnen. Wenn Ihr dieſe Schweſter in meinem Namen begruͤßt und ihr Eure Tochter zufuͤhrt, wird ſie nicht anſtehen, ſie bei ſich zu behalten und ihr Obdach und Schutz waͤhrend Eurer Abweſenheit zu gewaͤhren. Die Reiſe uͤber das Meer iſt nicht weit, und Ihr ſelbſt wuͤrdet Chriſtine an einem ruhigen Tage nach der jenſeitigen Kuͤſte hinuͤber⸗ bringen koͤnnen; fuͤr eine gute Aufnahme der⸗ ſelben bei Sophien kann ich mich aber verbuͤrgen. Ja ich will, um Euch uͤber dieſe vollſtaͤndig zu beruhigen, einige Zeilen an meine Schweſter ſchreiben, die gewiß ihre Wirkung nicht verfehlen werden.“ —„Ich bin Euch zu dem hoͤchſten Danke verpflichtet, und nehme Euer Anerbieten gern an,“ verſetzte Knud,„und da mir Alles daran liegt, mein Kind ſchon den naͤchſten guten Tag 143 in Sicherheit und außer dem Bereiche dieſes ihrer Unſchuld nachſtellenden Junkers zu bringen, ſo bitte ich Euch, mir die wenigen Zeilen fuͤr Eure Schweſter ſogleich einzuhaͤndigen; denn Aufſchub hat ſchon oft Reue gebracht. Auch draͤngt es mich, da der Krieg gegen Schweden bereits er⸗ klaͤrt iſt, meiner jetzigen Unthaͤtigkeit ſobald als moͤglich zu entſagen und die Kraft meines Arms dem bedraͤngten Vaterlande zu weihen, das durch einen tollkoͤpfigen Feind verhoͤhnt wird.“ Er ging mit dieſen Worten an einen im Zimmer an der Wand haͤngenden kleinen Schrank, nahm Tinte, Feder und Papier aus demſelben hervor, feuchtete die Tinte, welche ganz einge⸗ trocknet war, mit etwas Waſſer an, und breitete Alles zum Schreiben vor Tycho aus. —„Wie, Ihr ſeid auch ein Gelehrter, Knud,“ fragte Tycho laͤchelnd,„und haltet Euch mit dergleichen Dingen auf?“ —„um meine Gelehrſamkeit moͤchte es ſchlecht ſtehen, und jetzt ſogar, wo ich es lange nicht geuͤbt, auch wohl um mein Schreiben,“ verſetzte der Fiſcher;„doch habe ich letzteres in meiner Jugend gelernt, da ich einer ordentlichen Erziehung genoß. Dieſes Alles erzaͤhle ich Euch ſpaͤterhin; jetzt aber habt die Gefaͤlligkeit, den Brief an Eure Schweſter, der mir und Chriſti⸗ nen zum Geleitsbriefe dienen ſoll, zu ſchreiben. Ich gehe indeß auf den Hof hinaus, um meine Netze aufzuhangen, die vom letzten Fange noch naß daliegen. In Kurzem bin ich wieder bei Euch, und werde dann, ſobald Ihr fertig ſeid, Euch die Begebenheiten und Schickſale meines Lebens mittheilen, die wechſelnd und wunderbar genug ſind, um Eure Neugierde in Anſpruch zu nehmen.“ Nach dieſen Worten entfernte ſich Knud aus dem Gemache und ging in den Hofraum hinaus, um ſeine naſſen Netze an den dazu aufgerichteten Pfaͤhlen aufzuhangen, waͤhrend Tycho den Brief an ſeine Schweſter Sophie ſchrieb. Der Fiſcher war noch nicht lange draußen geweſen, als die 145 Hunde, welche in der Sonne am Hofthore lagen, laut anſchlugen. Da er denken mochte, daß Jun⸗ ker Manderup das Spiel vielleicht noch nicht auf⸗ gegeben habe und mit Verſtaͤrkung von dem Schloſſe ſeines Vaters zuruͤckgekehrt ſei, um wegen des erlittenen Schimpfes Rache an ihm und Tycho zu nehmen, griff er nach einer tuͤchtigen Ruder⸗ ſtange, die ihm zu Fuͤßen lag, und eilte mit dem Entſchluſſe, ſein Leben wacker zu vertheidigen, an das Hofthor. Als er aber, um den erwarteten Feind zu erſpaͤhen, auf die ſteinerne Befriedigung ſtieg, die den Hofraum von allen Seiten ein⸗ ſchloß, ſah er bloß einige Fiſcher daherkommen, welche ſich laut und angelegentlich mit einander unterhielten und Furcht und Schrecken in ihren Geberden zeigten. —„Was giebt es?“ fragte ſie Knud, als ſie nahe genug herangekommen waren, um von ihnen gehoͤrt zu werden. „Ihr thut erſchrocken, Nachbarn und Freunde; ſollte ſich irgend ein Ungluͤck zugetragen haben? 1. 7 146 —„Wohl ein Ungluͤck, und ein großes!“ ent⸗ gegnete ihm ein alter Fiſcher. —„Er war ein ſo guter Herr und großer Koͤnig!“ ſagte ein Andrer. —„und gerade jetzt mußte er umkommen, wo die verhaßten Schweden uns den Krieg erklaͤrt haben!“ fuͤgte ein Dritter hinzu —„Nun wird's wieder eine ſchoͤne Ver⸗ wirrung im Lande geben, wie zu Koͤnig Chri⸗ ſtians des Zweiten Zeiten,“ nahm der alte Fiſcher wieder das Wort;„Gott beſchuͤtze das Land und uns Alle nur vor der Herrſchaft der Schweden, die unſre Erbfeinde ſind, und vor allen Dingen vor der ihres tollen Koͤnigs, Erich, den man lieber in ein Tollhaus ſperren, als auf dem Throne laſſen ſollte!“ —„So waͤre der Koͤnig todt, vielleicht gar ermordet?“ fragte Knud erſchrocken. —„Todt, aber nicht ermordet,“ verſetzte der alte Fiſcher;„wer haͤtte einen ſo guten Koͤnig wohl ermorden ſollen?“ 142 —„Seid Ihr Eurer Sache auch gewiß, und ſprecht nicht einem bloßen Geruͤchte nach?“ fragte Knud. —„Leider ſind wir ihrer gewiß genug,“ nahm einer der andern Maͤnner das Wort; „waren wir doch ſelbſt auf der Amacker Bruͤcke, wo wir mit unſern Fiſchen ſtanden, um ſie zu ver⸗ kaufen, Zeugen des ganzen ungluͤckſeligen Vorfalls!“ —„Sahen,“ nahm ein Anderer das Wort, „wie das Boot, worin der Koͤnig mit einigen Herren vom Hofe ſtand, durch die Unvorſichtig⸗ keit der Bootsleute heftig gegen einen Pfeiler der Bruͤcke ſtieß, wie der Koͤnig ſchwankte und in das Meer hinabſank. Einer ſeiner Begleiter ſprang ihm ſogleich nach; man wußte nicht beſtimmt zu ſagen, wer es geweſen ſei; Einige meinten, es waͤre der Admiral, der, ihn zu retten, ſein eig⸗ nes Leben wagte.“ —„So viel iſt aber gewiß,“ nahm der alte Fiſcher wieder das Wort, als der andere Erzaͤh⸗ ler einen Augenblick inne hielt, um Athem zu 7* 148 ſchoͤpfen,„daß beide todt ſind; denn obgleich wir durch die immer mehr anwachſende Menge von der Bruͤcke verdraͤngt wurden, ſo hoͤrten wir doch das Heulen und Wehklagen des Volkes uͤber den Tod des Koͤnigs, der, wie auch Ihr wiſſen wer⸗ det, ſehr beliebt und ein guter Herr, ein wahrer Vater ſeiner Unterthanen war.“ —„Vielleicht raͤchte der Himmel die Suͤnden ſeiner Vaͤter an ihm,“ nahm ein Anderer das Wort; denn des Koͤnigs Großvater und Va⸗ ter handelten nicht recht an Koͤnig Chriſtian dem Zweiten. Friedrich der Erſte, fruͤher nur Herzog von Holſtein, hielt das ſichere Geleit nicht, welches die daͤniſchen Herren vom Adel dem landesfluͤchtigen Koͤnige verſprochen hatten, und ließ ihn in harter Gefangenſchaft ſchmachten, was eine Suͤnd' und Schande war, und ſein Sohn machte es nicht beſſer mit dem armen gefange⸗ nen Koͤnige.“ —„Du kommſt immer mit Deinem Koͤnige Chriſtiern, der ein wahrer Bluthund, eine Peſt 149 fuͤr die drei vereinigten Reiche war, und durch den Schweden fuͤr uns verloren ging,“ fiel ihm der alte Fiſcher zuͤrnend in die Rede.„Statt den allzufruͤhen und ungluͤckſeligen Tod eines guten und gerechten Koͤnigs zu beklagen, der fuͤr ſeine Perſon nichts verbrochen hat, ſiehſt Du in dieſem Ungluͤck nur ein Strafgericht des Himmels, waͤh⸗ rend alle Gutgeſinnten es beweinen.“ —„Wenn es nach Recht und Gerechtigkeit ginge,“ verſetzte Jener,„ſo muͤßte Prinz Johann, der rechtmaͤßige Sohn Koͤnig Chriſtians, jetzt Koͤ⸗ nig im Lande ſein, und nicht der Nachkomme eines kleinen Herzogs von Holſtein. Was hat Prinz Johann denn verbrochen, daß man ihn vom Throne ausſchließt? Vielleicht wuͤrde auch er uns ein guter Koͤnig ſein.“ —„Du Narr, Prinz Johann iſt ja ſchon eben ſo lange todt, als ſein Vater in die Gefan⸗ genſchaft gerieth,“ erwiederte ihm ſein Gegner. —„Ich ſage Dir aber, daß er lebt!“ betheuerte der Anhaͤnger Chriſtierns eifrig,„und daß man 150 ſeinen Tod nur ausſprengt, um in Ruhe herrſchen zu koͤnnen.“ Hieruͤber erhob ſich ein ſolcher Streit zwiſchen den unwiſſenden Leuten, daß ſie faſt handgemein mit einander wurden und ſich unter heftigen Schimpfreden trennten, denn Jeder ver⸗ theidigte ſeine Meinung mit der großten Hart⸗ naͤckigkeit. Als Knud ſah, daß er von ihnen weiter nichts erfahren wuͤrde, da ihre politiſchen Meinungen ihnen voͤllig die Koͤpfe verdreht, eilte er, voll der wichtigen Nachrichten, die er ſo eben empfangen hatte, in das Haus zuruͤck, um ſie Tycho'n mitzutheilen. —„Ich bringe boͤſe Kundſchaft, mein edler Junker,“ ſagte er zu dem emſig Schreibenden, der eben die Feder niederlegte, weil er mit ſeinem Briefe an die Schweſter fertig war. —„Boͤſe Kundſchaft?“ wiederholte Tycho, indem er haſtig aufſprang und ſichtbar erbleichte.... „Mein Oheim, nicht wahr?...“ Das Wort erſtarb ihm auf den Lippen und er vermochte nicht wei⸗ ter fortzufahren. 151 —„Faßt Euch, und ſeid ein Mann,“ erwie⸗ derte ihm Knud;„nicht von Eurem Oheime, ſo hoffe ich, iſt bei dem Unfalle, der ſich in der Hauptſtadt zugetragen haben ſoll, ſondern vom Koͤnige ſelbſt die Rede, den ein Geruͤcht todt ſagt. Setzt Euch wieder, Herr Junker, und hoͤrt mir mit mehr Faſſung zu; Ihr ſeht ja aus, wie ein Mann des Todes— wie Euch das erſchreckt hat!“ Tycho rang vergebens nach Faſſung; er wußte, daß der Streich gefallen war, der ſein Herz faſt toͤdtlich treffen ſollte, und hoͤrte der Erzaͤhlung ſeines Gaſtfreundes nur mit halbem Ohre zu. —„Der Koͤnig iſt gerettet, und mein Oheim todt!“ ſagte er dann mit gebrochener Stimme. „Die Sterne luͤgen nicht; ſo verkuͤndeten ſie es mir! Jener Mann, der nach dem Berichte der Fiſcher dem Koͤnige nachſprang, war kein Anderer, als mein Oheim, denn Keiner liebte ſeinen Herrn ſo wie er, Keiner, wie er, wuͤrde das eigene Leben in die Schanze geſchlagen haben, um das des geliebten Fuͤrſten zu retten.“ 152 Er eilte bei dieſen Worten aus dem Hauſe fort und mit ſchnellen Schritten der Stadt zu; allein trotz ſeines Eilens kam es ihm vor, als ob er Blei an den Fuͤßen habe und nicht von der Stelle koͤnne. Der Schweiß drang ihm aus allen Poren hervor und der Bruſt fehlte der Athem. In dieſem Zuſtande erreichte er endlich die Hauptſtadt und wagte kaum an die erſte ihm in der Gaſſe begegnende Perſon die Frage zu richten: —„Lebt der Koͤnig, oder iſt er todt?“ „Der Koͤnig lebt, Gott ſei gedankt,“ war die Antwort;„allein der Admiral, welcher ihn rettete, hat ſich dabei eine toͤdtliche Verwundung zugezogen und iſt jetzt wohl ſchon todt, der brave, von Allen geliebte Mann!“ 4 Obgleich Tycho bereits auf das Schrecklichſte gefaßt war, ſo erſchuͤtterte ihn die Gewißheit ſei⸗ nes Ungluͤcks doch ſo, daß er ſich kaum aufrecht zu erhalten vermochte und ſich einige Augenblicke an die Mauer des Hauſes, vor dem er ſtand, 153 lehnen mußte, bevor er ſeinen Weg zu der eige⸗ nen Wohnung fortſetzen konnte. 3 Endlich langte er im Hauſe des Admirals an und begab ſich ſogleich in das Gemach ſeiner Baſe Margarethe, die er in Thraͤnen und dem Sterben nahe vor Schmerz fand. So wie ſie ihn erblickte, ſtreckte ſie ihm beide Arme entgegen und umfing ihn damit; ſie wollte reden, ver⸗ mochte es aber vor Thraͤnen nicht. —„Iſt er bereits todt?“ fragte ſie Tycho endlich ſeinen Schmerz bekaͤmpfend;„iſt der beſte und edelſte der Maͤnner nicht mehr unter den Lebenden?“ —„Noch lebt er,“ ſagte ſie;„aber jede Hoffnung, ihn zu retten, iſt nach der Ausſage des Arztes verſchwunden. Er ſelbſt weiß, was ihm bevorſteht, und iſt auch im Tode groß und ruhig, wie er es im Leben war. Ich mußte ihn auf ſeinen Befehl verlaſſen, weil er mit ſeinem Seelſorger allein ſein wollte.“ —„Hat er nach mir gefragt?“ 154 —„Zu mehrern Malen, mein Sohn; Gott ſei gedankt, daß Du noch zeitig genug anlangteſt, um ſeinen letzten Segen zu erhalten. Er ſchien ungern aus der Welt ſcheiden zu wollen, ohne Dich zuvor noch geſehn zu haben; auch gedachte er mehrmals Deiner Prophezeihung und wieder⸗ holte die Worte:„„So truͤgt doch die geheim⸗ nißvolle Schrift des Himmels nicht?— Die Sterne ſagten wahr, ich bin ein Mann des Todes, werde in voller Kraft des Lebens und der Geſundheit von einem jaͤhen Tode dahinge⸗ riſſen! Das iſt hart— doch der Wille des Herrn geſchehe!““ Dann fragte er nach dem Koͤnige, ſeinem geliebten Herrn, und ein Verklaͤrungsglanz uͤberflog ſein Antlitz, als man ihm die Verſicher⸗ ung gab, daß dieſer lebe und außer aller Gefahr ſei. Der Gedanke, ſein Leben fuͤr das ſeines guten und großen Fuͤrſten aufgeopfert, den Tod deſſelben durch den eigenen abgekauft zu haben, iſt ein Lichtblick, der in ſeine ſich bereits verdun⸗ kelnde Seele faͤllt.“ 15⁵5 Dieſe Rede der guten, tiefbetruͤbten Frau wurde durch ein ſehr lebhaftes Geraͤuſch, das ſich vor dem Hauſe vernehmen ließ, unterbrochen. Beide eilten an das Fenſter und erblickten eine Saͤnfte, die von zwei in die koͤnigliche Livree gekleideten Traͤgern getragen und von einigen Her⸗ ren vom Hofe zu Fuße begleitet wurde; ihnen nach draͤngte ſich ein großer Volkshaufe, der, ſo wie die Saͤnfte ſich oͤffnete und der Koͤnig, noch bleich und ſichtbar ſehr angegriffen, dieſelbe ver⸗ ließ, in einen lauten, lang nachhallenden Jubel⸗ ruf ausbrach. Der Koͤnig wandte ſich nach ſei⸗ nen ihn mit ſolcher Freude begruͤßenden Unter⸗ thanen um, winkte mit der Hand, worauf augen⸗ blicklich Stille erfolgte, und ſagte dann mit lau⸗ ter, aber bewegter Stimme: —„Stille, meine Kinder! Hier in dieſem Hauſe ſtirbt ein großer Mann, der Euer Freund, wie der meinige war. Uns Allen geziemt tiefe Trauer, nicht Jubel⸗ und Freudenruf.“ Alles wurde jetzt ſtill; man ſchaͤmte ſich faſt ſeiner vor⸗ 156 hin geaͤußerten Freude; der Koͤnig begab ſich in das Haus, auf deſſen Flur ihn die tiefbetruͤbte Margarethe und Tycho empfingen. —„Lebt mein Freund, Euer wackerer Ehe⸗ gemahl, noch, Frau Brahe?“ fragte der Koͤnig ſie mit hoͤrbar bewegter Stimme;„werde ich ihn noch wiederſehen und ihm fuͤr Alles danken koͤn⸗ nen, was er mir und dem Vaterlande gethan hat?“ —„Er lebt noch; doch ſind ſeine Augenblicke gezaͤhlt, wie Meiſter Helmond ſagt, den Ew. Gnaden zu uns geſandt haben, um, wo moͤglich ſein theures Leben zu retten,“ verſetzte Frau Mar⸗ garethe, die ihren Thraͤnen nicht laͤnger zu gebie⸗ ten vermochte, mit zitternder Stimme. —„Dem Himmel ſei gedankt, daß meine Augen ihn noch ſehen ſollen, bevor er von dieſer Erde ſcheidet, deren Zierde er war!“ verſetzte der Koͤnig tief ergriffen. Der Blick des Koͤnigs ſiel jetzt auf Tycho, der dem hoͤchſten Schmerze hingegeben, bleich und faſt athemlos neben ſeiner Baſe ſtand. 15³ —„Folge mir, mein Sohn,“ ſagte er mit guͤtigem Tone zu dem Tiefergriffenen;„Du gehoͤrſt an das Sterbebett Deines Oheims und zweiten Vaters, der Dich, wie ich weiß, ſehr geliebt hat; auch kann es Dir fuͤr die Folge Deines Lebens von Nutzen ſein, zu ſehen, wie ein Chriſt und ein großer Mann ſtirbt. Solche Eindruͤcke, in friſcher Jugend empfangen, verwiſchen ſich nicht leicht wieder aus der Seele. Wie Dein wackerer Oheim Dir im Leben ein herrliches Bei⸗ ſpiel war, ſo ſei er es dir auch im Tode!“ Seine Blicke ſuchten jetzt noch einen Gegen⸗ ſtand und blieben an einer hohen, kraͤftigen Maͤn⸗ nergeſtalt in kriegeriſcher Kleidung hangen, die ſich unter ſeinem Gefolge befand. —„Daniel Ranzow,“ ſagte dann der Koͤnig zu dieſem, deſſen Geſicht die tiefſte Trauer aus⸗ druͤckte,„folgt auch ihr mir zu unſerm gemein⸗ ſchaftlichen Freunde, um den letzten Abſchied von ihm zu nehmen. Ihr werdet bald keinen Neben⸗ buhler des Ruhmes mehr in dieſem Reiche haben; 158 aber ich kenne Eure Seele, und weiß, daß Euch dieß tauſendmal mehr betruͤbt, als erfreut; denn ein ſo großes Herz kennt den kleinlichen Neid nicht.“ —„Doch, mein Koͤnig,“ verſetzte Daniel Ranzow, der nur mit der groͤßten Anſtrengung ſeine Ruͤhrung unterdruͤckte;„Doch! Jetzt zuerſt im Leben habe ich den Neid kennen gelernt, ſonſt aber dem werthen Freunde alle Siegeskraͤnze gegoͤnnt. Jetzt, wo er fuͤr Ew. Gnaden ſterben darf, wo er mit ſeinem Leben das meines großen Koͤnigs erkaufte, jetzt aber beneide ich ihn um ſeinen ruhmwuͤrdigen Tod, und bitte Gott, mir die Gnade verleihen zu wollen, es ihm dereinſt gleich thun zu koͤnnen!“ Der Koͤnig, der noch ſehr ſchwach von dem erlittenen Unfalle war, vermochte die Thraͤne nicht zu unterdruͤcken, die dieſe Worte des gro⸗ ßen Mannes in ſein Auge lockte; doch ſchaͤmte er ſich ihrer, wandte ſich ab, um ſie zu verber⸗ 159 gen, und ſagte mit leiſer, kaum vernehmbarer, vor Ruͤhrung bebender Stimme: —„Folgt mir jetzt! Gott verleihe uns Allen Staͤrke, dieſe Stunde uͤberſtehen zu koͤnnen!“ Neuntes Kapitel. Die Abendſonne warf ihre letzten Purpurſtrah⸗ len auf das Lager, auf dem der Schwerverletzte lag. Zur Seite deſſelben ſaß Meiſter Helmond, ein erfahrner Heilkuͤnſtler und Leibarzt des Koͤnigs, den dieſer, ſo wie er wieder zu ſich gekommen war, zu dem Verwundeten geſandt hatte, um ſeine ganze Kunſt aufzubieten, den Admiral zu retten. Dieſer lag, dem erſten Anſcheine nach bereits eine Leiche, voͤllig regungslos da; allein er hatte die Augen geoͤffnet und ſchaute mit unverwandtem Blick in die untergehende Sonne. Meiſter 161 Helmond hatte die Vorhaͤnge ſchließen wollen, er es aber nicht geduldet. —„Das Licht,“ ſagte der Sterbende,„war ſtets meine Freude; ſo will ich mich an ihm freuen, ſo lange ich es noch vermag. Wie oft hat auf hohem Schiffe im weiten Meere der Anblick der auf⸗ oder untergehenden Sonn mein Herz beſeligt, meine Seele zu dem Schoͤpfer aller Dinge erhoben; goͤnnt mir alſo auch jetzt ihren Anblick und laßt mich an die Gewißheit ihrer Auferſtehung nach dieſem Untergange eine frohe Hoffnung fuͤr meine eigene Fortdauer knuͤpfen.“ Er hatte eben dieſe Worte geredet, als die Thuͤr des weiten Gemachs ſich oͤffnete und Koͤnig Friedrich, welcher Tycho an der Hand fuͤhrte und von Daniel Ranzow und Frau Mar⸗ garethen gefolgt wurde, zu dem Sterbenden ein⸗ trat. Dieſer erkannte ſeinen Gebieter ſogleich und verſuchte demſelben die Arme entgegen zu ſtrecken, ließ ſie aber mit einem aͤchzenden Schmer⸗ zenslaut wieder zuruͤckſinken. Durch einen hefti⸗ 162 gen Stoß gegen einen im Meere verborgenen Fel⸗ ſen hatte er ſich, indem er ſich dem Koͤnige nach⸗ ſtuͤrzte, das Bruſtbein zerſchmettert und ſo war jede, auch die leiſeſte Bewegung fuͤr ihn mit furchtbaren Schmerzen verknuͤpft. Wie es ihm, trotz dieſer ſchrecklichen Verwundung moͤglich gewe⸗ ſen war, den Koͤnig noch zu erfaſſen und mit demſelben auf die Oberflaͤche des Waſſers herauf⸗ zukommen, begriff Keiner, der die Art ſeiner Verwundung kannte; trotz dem war das Unglaub⸗ liche geſchehen und der Koͤnig von dem zum Tode Verletzten gerettet worden. —„Mein Freund, mein theurer Freund,“ ſagte der Koͤnig, indem er an das Lager des Sterbenden hinantrat und ſeine Haͤnde auf die des Admirals legte,„ich bitte Euch, ſtrengt Euch auf keine Weiſe an. Ich bin hier, um, ſofern Ihr noch reden koͤnnt, von Euch zu vernehmen, was Ihr mir zu ſagen, welchen Wunſch Ihr noch auf Eurem Herzen habt; denn mit Eurem Tode endet meine Dankbarkeit gegen Euch nicht, 163 und waß Ihr auch zu bitten habt, mag es das Wohl des Vaterlandes, mag es das der theuren Eurigen betreffen, es ſoll Euch, ſofern es nur in der Macht eines Menſchen ſteht, gewaͤhrt ſein.“ —„O, mein großer Koͤnig und vielgeliebter Gebieter,“ verſetzte der Sterbende mit ſchwacher Stimme,„ſo ſoll ich doch als Euer großer Schuldner ſterben? Wie im Leben, ſo im Tode, uͤberhaͤuft Ihr mich mit unverdienter Huld und Gnade; doch wollt Ihr das Maaß derſelben unuͤberſchwenglich voll machen, ſo laßt einen geringen Theil davon auf meinen geliebten Sohn, auf Tycho, uͤbergehen, der waͤhrend meines Lebens meine ganze Zaͤrtlichkeit in Anſpruch nahm, und den ich mit ſchwerer Sorge allein und ſchutzlos in der Welt zuruͤck laſſe.“ Tycho hielt ſich bei dieſen Worten nicht laͤn⸗ ger; des Koͤnigs Gegenwart und Alles um ſich her vergeſſend, kniete er neben dem Lager ſeines Oheims nieder und bedeckte die ſchon erkaltenden Haͤnde deſſelben mit ſeinen Thraͤnen und Kuͤſſen. 1 8 164 —„Mein Oheim,“ ſtammelte er,„mein theurer, uͤber Alles geliebter Wohlthaͤter, ſchenkt mir auch noch das Hoͤchſte und Letzte, bevor Ihr auf immer von dieſer Erde ſcheidet: Euern vaͤterlichen Segen!“ —„Er iſt mit dir, mein guter Sohn,“ ſagte der Admiral, ſeine zitternde Hand nur mit der groͤßeſten Anſtrengung auf Tycho's Haupt legend;„und wie Deine Kunſt mir dieſen fruͤhen, unerwarteten Tod vorherſagte,“ fuͤgte er nach einigen Augenblicken hinzu,„ſo, mein Sohn, will ich, deſſen geiſtiges Auge der nahende Tod ſchon erweitert hat, Dir ein Leben voll unſterblichen Ruhmes und Glanzes vorherſagen. Immer hat der Name Brahe in den Geſchichtbuͤchern des Vaterlandes eine ehrenvolle Stelle eingenommen; doch Du, mein Tycho“— hier hob ſich ſeine Stimme, und ſein Auge glänzte wie in den Tagen der vollſten Kraft und Geſundheit.—„Du wirſt ihn in die Sterne ſchreiben und er wird dort durch alle Zeiten im unvergaͤnglichen Glanze ſtrahlen!“ 165 —„Amen!“ ſagte der Koͤnig tief ergriffen von den Worten des ſterbenden Sehers. Eine Pauſe erfolgte; tiefe, feierliche Stille herrſchte in dem Gemache; der Sterbende ſchloß auf einige Augenblicke die ſchon immer ſchwerer werdenden Augenlider, ſo daß man glaubte, er ſei bereits in ein beſſeres Jenſeits hinuͤber geſchlum⸗ mert. Daniel Ranzow trat jetzt auch an das Lager, legte ſeine Hand auf das mit Todesſchweiß bedeckte Haupt ſeines Freundes und ſagte: —„Fahr' in Frieden hin, großes Herz! Und Ihr, Tycho,“ wandte er ſich an dieſen, „ſeht in mir fortan den Vater, den Beſchuͤtzer. Ich habe wackere Soͤhne; aber trotz dem ſollt Ihr nicht der letzte Sohn in meinem Herzen ſein.“ Tycho kuͤßte die ihm dargereichte Hand des großen Mannes voll Ehrerbietung; ein himmli⸗ ſches Laͤcheln aber flog uͤber die ſchoͤnen, edlen, ſelbſt durch den nahen ſchmerzhaften Tod nicht entſtellten Geſichtszuͤge des Sterbenden; er oͤffnete noch einmal die Augen, blickte auf ſeinen Sohn, auf den Freund, auf ſeinen Koͤnig, der tiefer⸗ ſchuͤttert und unfaͤhig, ein Wort hervorzubringen, da ſtand, und dann mit dem hoͤchſten Ausdruck der Liebe auf Margarethe, die treue, liebevolle Gefaͤhrtin ſeines Lebens. Reden konnte er nicht mehr; aber ſeine Blicke erſetzten die Sprache, und Alle verſtanden, was in ſeinem brechenden Herzen vorging. —„Ich bitte Ew. Gnaden, ſich jetzt entfer⸗ nen zu wollen,“ ſagte Meiſter Helmond mit leiſer Stimme zu dem Koͤnige. —„und weshalb?“ fragte dieſer, wie aus einem Traume erwachend;„der Anblick dieſes Sterbenden kraͤftigt und erhebt mich.“ —„Das kraͤftige Leben dieſes Mannes wird noch einen ſchweren Kampf mit dem Tode zu beſtehen haben,“ verſetzte der Heilkuͤnſtler leiſe, indem er den Koͤnig fortzog;„der Anblick duͤrfte Ew. Gnaden nicht gut thun, zumal nach dem gehabten großen Schrecken nicht. Mein Koͤnig 167 wolle bedenken,“ fuͤgte er faſt flehend hinzu, „daß er ſein Leben und ſeine Kraft dem Vater⸗ lande jetzt doppelt ſchuldig iſt, wo dieſes eine ſeiner feſteſten Stuͤtzen verliert.“ Der Koͤnig warf noch einen letzten Blick auf den ſterbenden Helden, dann befahl er auch Tycho'n und Frau Margarethen, ihm zu folgenz Beide gehorchten nur ungern. Die Furcht Meiſter Helmonds war indeß eine vergebliche geweſen; die Natur, ſonſt in ihren Beſtrebungen und Aeußerungen oft ſo grau⸗ ſam, erwies ſich bei dieſem Todeskampfe mild: ein heftiger Blutſturz verloͤſchte in wenigen Se⸗ cunden das dahinſchwindende Leben des Admirals voͤllig, und bevor der Koͤnig noch das Vorzim⸗ mer erreicht, war der Kampf, vor dem ſich Meiſter Helmond ſo ſehr gefuͤrchtet hatte, ſchon vollendet. Daniel Ranzow druͤckte dem geſchiedenen Ruhmesgenoſſen das Auge zu und entfernte ſich dann ſtill aus dem Gemache und dem Sterbe⸗ 168 hauſe. Ihm war fuͤr den Augenblick die tiefſte Einſamkeit, die groͤßeſte Stille ein Beduͤrfniß. Sein Herz betrauerte nicht bloß den geſchiedenen Freund, ſondern auch das Vaterland, dem Brahes tapferer Arm und ſeine großen Erfahrungen als Seeheld und Fuͤhrer der Flotte nie mehr Noth gethan hatten, als gerade jetzt, wo der Krieg zwiſchen Erich dem Vierzehnten und Friedrich dem Zweiten bereits erklaͤrt war und man von der Flotte faſt noch groͤßere Dienſte erwarten mußte, als von den Landtruppen. Zwar gab es unter den Capitainen zur See noch viele tapfere und unerſchrockene Maͤnner; allein mit Georg Brahe konnte Keiner ſich meſſen, und ſo ſah es um den bevorſtehenden Seekrieg dem An⸗ ſcheine nach ſehr ſchlimm aus. Der Koͤnig, welcher in der That ſehr ange⸗ griffen war, hatte ſich in Frau Margarethens Gemach, wohin dieſe und Tycho ihn gefuͤhrt, in einen Seſſel niedergelaſſen und ſaß lange ſchweigend und in ſich gekehrt da. Dann warf 169 er den Blick auf Tycho, der gleichſam in Schmerz aufgeloͤſt am Fenſter ſtand und in die ſchon daͤmmernde Gaſſe hinabſchaute, ohne zu ſehen, was darin vorging, denn ſeine Gedanken waren ausſchließlich bei dem Sterbenden, und nachdem er den Juͤngling eine Weile betrachtet hatte, be⸗ rief er ihn zu ſich. Tycho gehorchte faſt mecha⸗ niſch und ſtellte ſich neben den Seſſel des Koͤnigs. —„Von welcher Prophezeihung wegen des heutigen Tages redete der Sterbende?“ fragte ihn Friedrich.„Sollteſt Du wirklich die Bege⸗ benheiten deſſelben in den Sternen vorhergeſehen haben?“ —„So war es, mein Koͤnig,“ erwiderte Tycho;„doch fand ich leider kein Gehoͤr mit meinen Befuͤrchtungen bei dem theuren Oheime, Meine Baſe Margarethe weiß, daß ich Alles aufgeboten habe, ihn davon abzuhalten, an die⸗ ſem Tage, wo die Sterne ihn mit dem Tode, Euch, mein gnaͤdiger Herr, mit einer großen I. 3 8 120 Lebensgefahr bedrohten, das Haus zu verlaſſen; allein weder meine Vorſtellungen und Bitten, noch die Thraͤnen meiner Baſe fanden Eingang bei ihm, und ſo mußten wir uns dem Unver⸗ meidlichen ergeben, da wir es nicht verhindern konnten.“ —„Das Alles iſt wunderbar,“ ſagte der Koͤnig nach einer langen Pauſe, waͤhrend wel⸗ cher er nachgedacht zu haben ſchien,„und Du wirſt uns zu einer gelegenern Zeit mehr davon erzaͤhlen.“ Die fernere Rede des Köonigs wurde durch den Eintritt des Arztes unterbrochen. Meiſter Helmond ſagte nichts, allein ſeine Miene ſprach nur zu deutlich aus, daß Alles vorbei und der Admiral nicht mehr unter den Lebenden ſei. Ein Schrei des Schmerzes, den ſie trotz der Anweſenheit des Herrſchers nicht zu unterdruͤcken vermochte, entfuhr den Lippen Frau Mar⸗ garethens. Der Koͤnig erhob ſich, ſah Meiſter Helmond 121 fragend an, und als dieſer das Auge betruͤbt zu Boden ſenkte, ſagte er zu Margarethen: —„Faßt Euch! Keine unwuͤrdige Trauer um einen ſo wuͤrdigen Todten! Ihm iſt wohl, wohler als uns Allen, die wir den Kampf mit dem Leben und dem Tode noch vor uns haben. Fuͤr ſeine Beſtattung ſorge ich, und ſie ſoll Zeug⸗ niß davon ablegen, wie ich ihn geliebt und ge⸗ ehrt habe.“ Sein Blick fiel jetzt auf Tycho, der, unfaͤhig ein Wort zu ſprechen, in ſtummem Schmerze da ſtand. —„Auch Dir werde ich halten,“ ſagte er zu dieſem,„was ich dem theuren Verſtorbenen verſprochen habe, und wenn Daniel Ranzow ſich Dir zum Vater neben der Leiche ſeines Freun⸗ des und Ruhmesgenoſſen gab, ſo ſieh in mir fortan den Beſchuͤtzer, Deinen gnaͤdigen König, und zum Beweiſe, daß dies nicht bloß leere Worte ſind, belehne ich Dich von dieſer Stunde an mit dem Kanonikat von Rothſchild, deſſen 8* 122 Einkuͤnfte Du zur Foͤrderung wiſeenſchaftlicher Zwecke verwenden wirſt.“ Tycho wollte danken, vermochte es aber nicht, auch verſchloß ihm ein Wink des Koͤnigs die Lippen. Dieſer nahm den Arm Meiſter Helmonds, ſtuͤtzte ſich darauf und verließ, die Anweſenden gruͤßend, das Gemach; Tycho und Margarethe wollten ihn begleiten, allein er litt es nicht und befahl Beiden, zuruͤck zu bleiben. Die Einſamkeit war dieſen beiden tiefbetruͤbten, gleichſam zerſchmetterten Herzen auch eine große Erquickung; durften ſie doch nun ungeſtoͤrt ihren Thraͤnen und Klagen um den theuren Todten freien Lauf laſſen, und wahrlich, ein reichlicher Tribut von Liebe und Schmerz wurde demſelben gezollt! Dann begab ſich Tycho in das Sterbezimmer, welches auf Meiſter Helmonds Befehl von zwei Dienern des Hauſes bewacht wurde, und blieb, nachdem er dieſe fortgeſchickt, allein bei der ge⸗ liebten Leiche, deren theure Zuͤge durch zwei neben 123 dem Sterbebette ſtehende Candelabern erhellt wurden. Nie war der Admiral im Leben ſo ſchoͤn ge⸗ weſen, wie er es im Tode war, obgleich man ihn immer, namentlich in ſeiner Jugend, zu den ſchoͤnten Maͤnnern gerechnet; der Verklaͤrungs⸗ glanz, welcher ſich uͤber ſeine Zuͤge ausgebreitet hatte, die Milde und Güte, die in denſelben lagen; die Ruhe, welche an die Stelle aller der Leidenſchaften getreten war, die das Leben ver⸗ wirren und den Geſichtszuͤgen ihren eigenthuͤm⸗ lichen, man möchte ſagen, den kindlichen Ausdruck rauben, verſchoͤnerten dieſen Todten ſo ſehr, daß Tycho nur mit Ehrfurcht und Be⸗ wunderung darauf blicken konnte, und jenes Grauen nicht empfand, welches ſonſt auch den Beherzteſten beim Anblick einer Leiche zu ergreifen pflegt. Nachdem er die geliebten Zuͤge lange betrachtet hatte und ſie ſeinem Gedaͤchtniſſe gleichſam fuͤr immer einzupraͤgen bemuͤht geweſen war, ſagte 124 er, die Hand auf die ſchon erkaltende Bruſt des Todten legend: —„Du haſt mir eine ſchwere Aufgebe fuͤr das Leben zuruͤckgelaſſen: groͤßer ſoll mein Ruhm werden, als der Deinige und der vieler glor⸗ wuͤrdigen Vorfahren war; wohlan, ich nehme Dein Vermaͤchtniß an; Alles in mir ſoll ſich dem großen Ziele unterordnen, das Du mir ge⸗ ſteckt, und habe ich es erreicht, dann, verklaͤrter Geiſt, tritt mir freundlich auch in jenem Leben entgegen, wie Du es in dieſem thateſt, und freue Dich des Sohnes, den Du Dir erworben und erzogen! Nicht ermatten will ich auf der Bahn, die Du mir vorgezeichnet; allen Beſchwer⸗ den und Hinderniſſen zum Trotze will ich den Namen, den auch Du fuͤhrteſt, unſterblich machen!“ Durch dieſes Geloͤbniß war eine Begeiſterung uͤber ſeine Seelo gekommen, die allen Schmerz uͤber den großen Verluſt, den er erlitten, in den Hintergrund draͤngte. Er war ploͤtzlich zum ern⸗ 125 ſten Manne in der hoͤchſten Bedeutung des Worts geworden und hatte alles Schwankende, noch Unbeſtimmte, das dem Juͤnglinge eigen zu ſein pflegt, von ſich abgeſtreift. Noch einen Blick warf er auf das theure Antlitz und entfernte ſich dann ſtill aus dem Gemache, um ſich auf das ſeinige zu begeben. Zehntes Kapitel. In der fuͤr Tycho ſo traurigen Zeit, welche dieſem Ereigniſſe folgte, waren die Briefe ſeiner Schweſter Sophie und ein Freund, den er ſich durch ſeine Wiſſenſchaft gewann, ein großer Troſt fuͤr ihn. Sophie, obgleich ſie ſich auf den Willen ihrer Eltern, aber gegen ihre Neigung, mit einem jungen Edelmanne, Otto Tott, hatte vermaͤhlen muͤſſen, hing trotz dem noch immer mit der in⸗ nigſten Liebe an den Wiſſenſchaften und korres⸗ pondirte daher fleißig mit ihrem Bruder, den ſie, obgleich ſie ihn nicht perſoͤnlich kannte, mehr liebte, als eins ihrer andern Geſchwiſter. ——.,— 1²⁵⁷ In der Nachſchrift von einem ihrer Briefe meldete ſie ihm, daß das junge Maͤdchen, wel⸗ ches er ihr empfohlen, bei ihr angelangt, und ſeinem Wunſche gemaͤß, gut von ihr aufgenom⸗ men worden ſei. Gern haͤtte Tycho, der ſehr erfreut uͤber die Nachricht war, daß Chriſtine ſich unter dem ſichern Schutze Sophiens befaͤnde, auch noch in Erfahrung gebracht, wie jene der Schweſter gefiele? allein Sophie hatte ſich nicht daruͤber ausgelaſſen, und ſie zu befragen, wagte er nicht, da er das Geheimniß ſeines Herzens dadurch zu verrathen fuͤrchtete, das er gern ſich ſelbſt verhehlt haͤtte. Die ſchriftlichen Mittheilungen zwiſchen ihm und Sophien hoͤrten ſelbſt dann nicht auf, als er auf den Wunſch ſeiner Baſe Margarethe, die in allen Stuͤcken dem Willen ihres verſtorbenen Ehegatten nachleben wollte, ſich auf Reiſen begab, um ſeine Kenntniſſe zu erweitern und ſich jene Bildung ganz anzueignen, die man allein in der Fremde erlangt. 128 Waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſetzte er ſeine Studien mit dem ihm eigenthuͤmlichen Eifer, ſowohl in der Aſtronomie, als der Aſtrologie fort, denn die letztere hatte, durch das Ereigniß mit ſeinem Oheime, wieder die groͤßeſte Bedeut⸗ ung fuͤr ihn gewonnen, und er glaubte auch in ihr durch fortgeſetztes Studieren feſten Grund und Boden gewinnen zu koͤnnen. Zu Roſtock in Mecklenburg war es, wo Tycho die Aufmerkſamkeit von ganz Europa auf ſich zog und namentlich unter den Gelehrten ſein Verdienſt um die Aſtronomie in das hellſte Licht ſtellte. Er hatte naͤmlich die im October 1566 einfallende große Mondfinſterniß durch fleißi⸗ ges Studium vorher berechnet und machte in einem lateiniſchen Gedichte, das er oͤffentlich anſchlagen ließ, darauf aufmerkſam und aͤrntete großen Ruhm und gerechte Bewunderung, als jene Finſterniß genau zu der von ihm vorher beſtimmte Zeit eintraf. Indeß ſollte dieſe Freude nicht ohne bittere 129 Beimiſchung von ihm genoſſen werden, indem er, fleißiger denn je auch ſeinen aſtrologiſchen Studien obliegend, den Tod des tuͤrkiſchen Kai⸗ ſers an eben dem Tage vorher verkuͤndet hatte, an dem jene Mondfinſterniß eintrat, und ſich dieſer zwar in der Folge beſtaͤtigte, aber nicht zu der von ihm angegebenen Zeit erfolgt war. Seine Neider und Feinde ließen es natuͤrlich bei dieſer Gelegenheit an Spott nicht fehlen, um ſeine wirlichen Verdienſte zu verkleinern. Indeß war die Welt auf ihn aufmerkſam geworden und ſein Name ging von Mund zu Munde. Sein Ruhm vergroͤßerte ſich noch, als er im Fruͤhlinge des folgenden Jahres eine merk⸗ wuͤrdige Sonnenfinſterniß vorher berechnete. Ehe er aber ſeine Entdeckungen oͤffentlich bekannt machte, ſtattete er ſeinem großen Beſchuͤtzer, dem Koͤnige Friedrich, Bericht daruͤber ab und erhielt von dieſem, als ſich das von ihm vorher verkuͤn⸗ dete Naturereigniß wirklich im April an dem 180 beſtimmten Tage zutrug, ein ermunterndes Belob⸗ ungsſchreiben. —„So gluͤcklich ihn nun auch ſeine Studien machten und die großen Fortſchritte und Entdeck⸗ ungen, welche er in ſeiner Wiſſenſchaft machte, ſo blieb doch in ſeinem Herzen eine Leere zuruͤck, die durch nichts ausgefuͤllt werden konnte, und ſo eifrig er auch bemuͤht war, das Bild Chriſti⸗ nens aus ſeiner Seele zu verbannen, ſo behaup⸗ tete es doch fort und fort ſeinen Platz darin. Die Sehnſucht nach ihr wurde endlich ſo maͤchtig, daß er beſchloß, das Gut ſeiner Schweſter, wor⸗ auf dieſe ſich nach dem bald nach ihrer Vermaͤhl⸗ ung erfolgten Tode ihres Gatten noch immer aufhielt, zu beſuchen und Chriſtinen bei dieſer Gelegenheit wieder zu ſehen. Zum Begleiter auf dieſer Reiſe erſah er ſei⸗ nen Freund und Schuͤler, Chriſtian Langen⸗ berger, der ſich ſpaͤterhin unter dem Namen Longomontanus in der Gelehrtenwelt be⸗ ruͤhmt gemacht hat. 181 Sophie empfing den geliebten Bruder und den Freund deſſelben mit der groͤßten Herzlichkeit; allein dieſe ſchweſterliche Liebe vermochte das Beduͤrfniß ſeines Herzens nicht gaͤnzlich zu befriedigen; eine andere hatte ihn nach Schonen hinuͤber gefuͤhrt. Trotz dem wagte er es in der erſten Zeit nicht, nach Chriſtinen zu fragen, und da auch Sophie uͤber ſie ſchwieg, war es ihm nicht einmal moͤglich, in Erfahrung zu bringen, ob das reizende Maͤdchen noch auf dem Gute und unter dem Schutze ſeiner Schweſter ſei. Endlich beſiegte die Ungeduld ſeine Schuͤchternheit, und er erkundigte ſich bei Sophien nach dem Schickſale ſeines und ihres Schuͤtzlings. —„Habe ich Dir von Chriſtinen noch nichts geſagt?“ verſetzte dieſe auf ſeine Frage.„Das gute Kind wohnt eine kleine Stunde von hier bei ſeinem Vater, der als Invalide aus dem Kriege gegen die Schweden, den er auf der Flotte mit⸗ gemacht, zuruͤckgekehrt iſt und ſich hier angekauft hat. Er bebaut mit Huͤlfe ſeiner Tochter eine kleine Landſtelle. Beide leben, wie man mir ſagt, in 8 182 Frieden und Einigkeit mit einander, nur ſcheint ſich der Vater ernſtlich daruͤber zu betruͤben, daß Chriſtine jeden Heiraths⸗Antrag ſtandhaft zuruͤck⸗ weiſt, obgleich wackere Juͤnglinge und Maͤnner ſich um die Hand des ſchoͤnen und ſittlichen Kin⸗ des beworben. Knud, der ſeit ſeiner Ruͤckkehr aus dem Kriege mißmuthig und hinfaͤllig gewor⸗ den iſt, muß eben jetzt mehr denn je wuͤnſchen, ſeine Tochter verſorgt zu ſehen, da er nicht wiſſen kann, wie lange er noch leben und ihr zum Schutze und zur Stuͤtze dienen wird. Allein Chriſtine bleibt trotz ſeiner Bitten und meiner Vorſtell⸗ ungen bei ihrem Entſchluſſe, noch unvermaͤhlt blei⸗ ben zu wollen, und da ihr Vater ſie nicht zwin⸗ gen will, ſeinen Willen zu thun, ſetzt ſie den ihrigen durch. 1 Tycho hoͤrte dieſe Nachricht mit einer gehei⸗ men Freude an, und die Sehnſucht nach Chri⸗ ſtinen wurde ſo maͤchtig in ihm, daß er Alles darum gegeben haben wuͤrde, ſie ſogleich befrie⸗ digen zu koͤnnen. Allein der Umſtand, daß So⸗ η 183 phie ihn gebeten hatte, ſie an eben dieſem Tage zum Strande zu begleiten, um dort ihre Her⸗ zensfreundin, Liuva in Empfang zu nehmen, ſtellte ſich ſeinem heißen Verlangen in den Weg, denn er konnte ſeine Begleitung Sophien nicht abſchlagen, ohne ſein Herz vor der Schweſter zu verrathen. —„Du wirſt Dich fertig halten, mich zu begleiten,“ nahm Sophie nach einer Pauſe das Wort;„die Pferde werden geſattelt und aufge⸗ zaͤumt und wir wollen ſogleich an das Meer reiten, um meine geliebte Liuva dort in Em⸗ pfang zu nehmen, die verſprochen hat, an dieſem Tage von Kopenhagen heruͤber zu kommen. Der Wind iſt guͤnſtig und hoffentlich wird ſich ihrer Fahrt kein Hinderniß in den Weg geſtellt haben.“ Schon nach Verlauf einer kleinen Viertel⸗ ſtunde befanden ſich die Geſchwiſter auf dem Wege nach dem von dem Schloſſe Frau Sophiens kaum eine Meile entfernten Meeresſtrande. Vor⸗ 184 ſäͤtzlich hatte dieſe dem Bruder bisher nichts von den ſowohl leiblich als geiſtig ſeltenen Vorzuͤgen ihrer Freundin geſagt, denn ſie wollte dieſen da⸗ mit uͤberraſchen und hatte die Zuſammenkunft Beider nicht ohne Abſicht veranſtaltet. Wie er⸗ ſtaunte Tycho daher nicht, als er ein faſt feen⸗ haft ſchoͤnes Weſen aus dem leichten Boote ſteigen ſah, das Liuva von dem groͤßern Schiffe an den Strand gebracht hatte. Liuva, die einzige Tochter und Erbin eines angeſehenen daͤniſchen Edelmannes, hatte eine Italienerin zur Mutter gehabt und von dieſer jene piquante Schoͤnheit geerbt, die man ſonſt im Norden nicht anzutreffen pflegt. Eine hohe, ſchlanke Geſtalt, ein ſchwarzes, blitzendes Auge, aus dem Geiſt und Leben ſpruͤheten; eine edelgebaute Stirn, eine feingebogene Naſe, das reichſte und ſchoͤnſte ſchwarze Haar und ein ro⸗ ſigter Mund, mit zwei Reihen weißer Perlen⸗ zaͤhne, der anmuthig zu laͤcheln verſtand, machten Liuva zu einer eben ſo reizenden als ſeltenen Er⸗ 185 ſcheinung. Ihre Schoͤnheit wurde noch durch eine Fuͤlle der dunkelſten Locken und eine etwas phantaſtiſche Kleidung erhoben. Sie trug auf dem Haupte eine ſchwarze Sammt⸗Toque mit einer langen weißen Feder, die nachlaͤſſig auf den Nacken hinabfiel und vorn durch eine Agraffe von Diamanten gehalten wurde. Eine Art von Reitkleid von feinem ſchwarzen Tuche, das ſehr lang auf die Fuͤße hinabging und unter der Bruſt durch eine breite goldene Kette gehalten wurde, welche die Stelle des Guͤrtels vertrat und vorn in langen Enden herabfiel, umſchloß die reizenden, ſich auf die anmuthigſte Weiſe be⸗ wegenden Glieder. So ſtand Liuva, die Bewunderung heraus⸗ fordernd, in dem leichten Boote, das ſie auf tanzenden Wellen an den Strand trug, im Vor⸗ dertheile deſſelben, als Tycho mit der Schweſter ihr am Strande entgegenritt. So wie die ſchoͤne Jungfrau die auf ſie Harrenden von fern erblickte, ſchwenkte ſie ihr weißes Tuch und gab durch die 186 anmuthigſten Bewegungen zugleich ihre Freude und ihre Ungeduld zu erkennen. Sophie, die Liuva wegen ihrer Geiſtesver⸗ wandtſchaft aufs Zaͤrtlichſte liebte, war ſo erfreut uͤber die Ankunft derſelben, daß ſie vergaß, wie ſie ſich doch vorgenommen hatte, ihren Bruder zu beobachten, und ſo entging ihr die große Ueberraſchung deſſelben beim Anblick des feenhaften Weſens, das ſich ihm hier ſo unerwartet zeigte. —„Mein Bruder Tycho, der Aſtronom,“ ſagte Sophie, nachdem ſie die Freundin umarmt hatte und dieſe ihm an der Hand zufuͤhrte. —„Du haͤtteſt nicht noͤthig gehabt, hinzu⸗ zufuͤgen, welcher Wiſſenſchaft er ſein Leben ge⸗ weiht,“ verſetzte Liuva;„hat er doch ſchon genug von ſich reden gemacht, um ſelbſt mir, trotz meiner weiblichen Unwiſſenheit, bekannt zu ſein.“ Jedes Wort, welches Liuva ſprach, war Muſik, in dem Tone ihrer zugleich weichen und vollen Stimme lag ein unwiderſtehlicher Zauber. 187 Tycho war ſo verwirrt und befangen, daß er die Artigkeit zu erwidern vergaß, welche ſie ihm ge⸗ ſagt hatte. Sie ſchien, ihrer Reize und ihres Sieges uͤber jedes Maͤnnerherz gewiß, den Grund ſeines Verſtummens zu ahnen und nicht unzu⸗ frieden mit dem Eindrucke zu ſein, den ſie auf dieſe angehende Beruͤhmtheit gemacht hatte, und betrachtete ihn ſo, trotz ſeiner faſt unſcheinbaren Geſtalt, mit ſichtbarem Wohlgefallen. —„Wirſt Du mir auch zuͤrnen,“ wandte ſich Liuva jetzt wieder an Sophie,„daß ich, außer meiner Dienerſchaft, Dir auch noch einen ungebetenen Gaſt mitgebracht habe? Mein Vetter wollte es ſich nicht nehmen laſſen, mich auf der Ueberfahrt nach Schonen zu begleiten, und ich habe es mir nicht verſagen koͤnnen, ihm als Er⸗ widerung auf dieſe Artigkeit, Deine Bekannt⸗ ſchaft zu verſprechen. Es ſoll indeß gaͤnzlich von Dir abhangen, ob ich mein ihm gegebenes Wort werde halten koͤnnen: er weilt noch im Schiffe 188 und wartet auf Deine Erlaubniß, landen zu duͤrfen.“ —„Laß ihn immerhin kommen,“ verſetzte Sophie;„als Dein Verwandter darf er ſicher ſein, von mir wohl aufgenommen zu werden.“ „Und wir ſchicken ihn wieder fort, ſobald er uns langweilt,“ fluͤſterte Liuva Sophien laͤchelnd zu;„auch zweifle ich daran, daß er ſich lange bei uns behaglich fuͤhlen wird; ſo wird er ſchon von ſelbſt bald wieder gehen. Indeß es faͤllt mir ein,“ wandte ſie ſich nach einem kurzen Nach⸗ denken an Tycho,„daß ich vor allen Dingen Eure Erlaubniß, Herr Junker Brahe, daruͤber einzuholen habe, ob mein Vetter ſich in dieſer Geſellſchaft zeigen darf oder nicht; Ihr habt, wenn ich recht gehoͤrt, einen Strauß mit ihm gehabt?“— —„Mit Eurem Vetter, ſchoͤnes Fraͤulein?“ fragte Tycho erſtaunt;„das ſollte mir in Wahr⸗ heit leid thun!“ —„Doch!“ verſetzte ſie laͤchelnd;„mein 189 Vetter iſt Junker Tage Krabbe, eben der, den Ihr ſo geiſtreich als witzig mit Julius Caͤſar verglichet. Der Geck hat die Anecdote ſelbſt er⸗ zaͤhlt, und ſich nicht wenig laͤcherlich damit ge⸗ macht. Daß Ihr, mein edler Junker, die Lacher alle auf Eurer Seite hattet, brauche ich wohl kaum hinzuzufuͤgen.“ —„Euer Vetter mag immerhin kommen, unſre Sache iſt voͤllig abgemacht,“ verſetzte Tycho, „und wenn er mir eben ſo wenig mehr wegen meiner Antwort grollt, als ich ihm wegen ſeiner Anrede jetzt noch zuͤrne; ſo werden wir in Frie⸗ den mit einander leben. Mich duͤnkt, man ſollte beim Wortkampfe eben die Courtoiſie beobachten, wie beim Zweikampfe, und ſich, nachdem die Streiche gefallen, wieder freundlich die Hand reichen.“ —„Freilich ſollte man das,“ ſagte Liuva; „allein die Wunden, die der Eitelkeit geſchlagen werden, heilen viel langſamer, als die der Haut und dem Fleiſche beigebrachten. Indeß iſt mein 190 Vetter, etwas Narrheit abgerechnet, kein böͤſer Menſch, und ich geſtehe, daß ich begierig darauf bin, wie er ſich Euch gegenuͤber benehmen wird.“. —„Mein Bruder wuͤrde gut thun,“ nahm Sophie das Wort,„dadurch den erſten Schritt zur Ausſoͤhnung zu thun, daß er ſelbſt den Junker vom Schiffe zu uns heruͤber holte. Was meinſt Du zu dieſem Vorſchlage, Tycho?“ —„Ich bin bereit Alles zu thun, was Du wuͤnſcheſt,“ verſetzte dieſer. —„Gut, ſo reiten wir indeß voraus,“ ſagte Sophie;„ein Diener kann mit zwei Handpferden zuruͤckbleiben, welche Euch uns ſchnell nachbringen werden. Auf dem Wege kann dann ſchon die Verſoͤhnung zwiſchen Euch beiden ſtreitenden Maͤchten geſchloſſen werden.“ Mit dieſen Worten winkte ſie einem der Diener ein ſchneeweißes Handpferd, das man fuͤr Liuva mitgebracht hatte, herbei zu fuͤhren, und leicht wie eine Sylphe ſchwang dieſe ſich in 191 den Sattel des ſchoͤnen, wohlgezaͤhmten Thieres. Tycho ſtand noch eine Weile, um der reizenden Erſcheinung nach zu ſehen, bevor er das Boot beſtieg, um an Bord des Schiffes zu fahren und Junker Tage Krabbe von demſelben ab⸗ zuholen. Man kann ſich das Erſtaunen und die Ver⸗ wirrung des armen Junkers denken, als er den Mann, welchen er, nach ſeinen engherzigen Be⸗ griffen, fuͤr ſeinen Feind oder doch wenigſtens fuͤr ſeinen Gegner halten mußte, mit ruhiger Freundlichkeit auf ſich zukommen ſah und von ihm auf das Schloß ſeiner Schweſter geladen wurde. Unter andern Umſtaͤnden wuͤrde er dieſe Einladung vielleicht abgelehnt haben; allein jetzt nahm er ſie an, da ihm zu viel daran gelegen war, in der Geſellſchaft ſeiner reizenden Muhme zu bleiben, in die er ſich alles Ernſtes verliebt zu haben einbildete. Tycho's zwar ernſtes, aber doch freundlich⸗ hoͤfliches Weſen beruhigte ihn bald uͤber die in 19²2 dieſem zu Anfange vorausgeſetzten feindlichen Abſichten, zumal da Tycho ihm offen ſagte, daß er es grade aus dem Grunde, gleich von vorn herein ein gutes Verhaͤltniß zwiſchen ihnen zu begruͤnden, uͤbernommen habe, ihn vom Bord abzuholen. Es lag ſo viel Offenheit und Wahr⸗ heit in ſeinem Weſen, daß Junker Krabbe nicht laͤnger daran zweifeln konnte, daß er es mit keinem Feinde und boͤſen Widerſacher zu thun habe und das Vergangene rein von Tycho ver⸗ geſſen ſei. Bald lenkte Tage, als Beide neben einan⸗ der herritten, das Geſpraͤch auf ſeine ſchoͤne Muhme und ſuchte Tycho daruͤber auszuforſchen, welchen Eindruck Liuva auf ihn gemacht habe, nicht weil er fuͤrchtete, in dieſem einen Nebenbuhler zu bekom⸗ men, denn das hielt er in ſeiner großen Gecken⸗ haftigkeit und Einbildung von ſich ſelbſt nicht fuͤr moͤglich, zumal da er wirklich ein huͤbſcher junger Mann und Tycho durch keine aͤußern Vorzuͤge ausgezeichnet war, als vielmehr, Die⸗ 193 jenige auch von einem Andern geprieſen und bewundert zu ſehen, die er anbetete und bald als ſeine Ehegenoſſin in ſein Haus zu fuͤhren hoffte. Tycho aber war wenig zur Mittheilung uͤber den Eindruck, den Liuva auf ihn gemacht hatte, geneigt, und ſo ließ er zwar den Reizen derſel⸗ ben Gerechtigkeit widerfahren, aber ohne in das begeiſterte Lob einzuſtimmen, das Tage ihnen zollte. Dieſen fing die verſtellte Kaͤlte und Gleich⸗ güͤltigkeit Tycho's zu aͤrgern an, und je einſil⸗ biger Tycho wurde, um ſo beredter wurde er; ja, er wagte es ſogar, ſeinen Begleiter mit ſei⸗ ner vermeinten Liebſchaft mit dem huͤbſchen Fiſcher⸗ maͤdchen, die ihn ploͤtzlich wieder einfiel, da Man⸗ derup Parsberg ihm von ſeinem Begegnen Tycho's in Knuds Huͤtte erzaͤhlt hatte, aufzu⸗ ziehen, und die Behauptung aufzuſtellen: daß wohl allein ſeine Liebe fuͤr die ſchoͤne Dirne Schuld daran ſei, daß er ſich nicht auf den erſten Blick in die reizende Liuva verliebt habe und ihr vor allen andern Frauen den Preis zuerkenne. I. 9 194 Tycho's Geſicht uͤberzog ſich mit einer brennen⸗ den Roͤthe, als der Junker ſo unerwartet Chri⸗ ſtinens erwaͤhnte, und Tage, der es bemerkte, fuhr laͤchelnd fort: —„Ihr braucht vor mir nicht zu erroͤthen, Junker Brahe; ich bin kein Neuling in derglei⸗ chen Sachen und gewiß der Letzte, welcher es an euch tadelt, ein Verhaͤltniß der Art unter⸗ halten zu haben; gehoͤrt das doch zu den Vor⸗ rechten unſeres Standes!“ —„Welches Verhaͤltniß meint Ihr?“ fragte Tycho, auf deſſen Wangen ſich die Roͤthe des Zorn's mit der der Verwirrung vermiſchte, indem er den Junker zuͤrnend anſah. — ‚Welches Verhaͤltniß?“ entgegnete der An⸗ dere noch immer laͤchelnd.„Glaubt Ihr mich noch taͤuſchen zu koͤnnen, mich, der ich Alles von Man⸗ derup Parsberg ſelbſt weiß, der Himmel und Hoͤlle gegen Euch aufruft, daß ihr ihm den leckern Biſſen vor der Naſe weggekapert habt? Aber im Ernſte, wo ſeid Ihr mit der Dirne geblieben? 195 Ihr werdet ſie doch nicht gar mit Euch auf Rei⸗ ſen genommen haben, um Euch bei Euren aſtro⸗ nomiſchen Studien behuͤlflich zu ſein?“ —„Welche Unwuͤrdigkeit!“ rief Tycho empoͤrt aus.„So iſt alſo die Welt, ſo urtheilt die Welt! Erfahrt denn, Junker Tage Krabbe, Ihr, der Ihr Alles zu wiſſen glaubt, daß ich nie in dem Sinne, wie Ihr meint, in einem Verhaͤltniſſe zu der Dirne geſtanden habe, und daß mir, obgleich ich ſie gegen die unſittlichen Verfolgungen Eures laſterhaften Freundes zu beſchuͤtzen ſuchte, ihre Unſchuld und Tugend ſo heilig waren, wie es mir die meiner Schweſter geweſen ſein wuͤrden.“ —„Das iſt die allerſeltſamſte Geſchichte von der Welt, und, nehmt es mir nicht uͤbel, Jun⸗ ker Brahe, zugleich die unglaublichſte. Wie, Ihr haͤttet umgang mit der ſchoͤnen Dirne gepflogen, um ihre Tugend zu beſchuͤtzen, und das ſoll ich glauben, ich, der ich kein Gimpel, kein Neuling bin, und weiß, wie es in der Welt zugeht?“ —„Haltet es mit dem Glauben, wie Ihr 9*. 196 wollt,“ verſetzte Tycho;„die Sache iſt ſo, wie ich Euch geſagt habe und ich kann Euch ſchwoͤ⸗ ren, wenn Ihr meiner einfachen Verſicherung nicht trauen ſolltet, daß ich das Maͤdchen ſeit dem Tage, wo Euer Freund es ſich erlaubte, mit Gewalt in ein Haus zu dringen, wo man ſeine Gegenwart nicht dulden wollte, nicht wie⸗ der geſehen habe.“ —„Wenn dem wirklich ſo iſt,“ ane Tage, noch immer zweifelhaft,„ſo thatet Ihr wahrlich nicht gut, Euch einen Feind, wie Manderup Parsberg, auf den Hals zu ziehen. Ich kenne ihn und weiß, daß er es euch nie vergeben wird, bei jener Gelegenheit ſich ihm in den Weg geſtellt zu haben. Was, mit Eurer guͤtigen Erlaubniß, ging Euch die Tugend und Sittſamkeit jener Fiſcherdirne an? Weßhalb ließet Ihr meinem Freunde nicht freies Spiel mit ihr, wenn Ihr ſie nicht fuͤr Euch ſelbſt haben wolltet? Nur das Letztere konnte ein Grund ſein. Euch mit einem Manne zu verfeinden, der nie vergiebt, der unter 192 allen Umſtaͤnden haͤlt, was er ſeinem Feinde ver⸗ ſpricht, und deſſen Rachſucht Euch fruͤh oder ſpaͤt ſicher einen boͤſen Streich ſpielt.“ —„Alſo Laſterhaftigkeit wuͤrde mir zur Ent⸗ ſchuldigung gereicht haben,“ ſagte Tycho bitter, „ und der Schutz, den ich der Tugend und Unſchuld verlieh, mir von Euch und Euresgleichen zum Verbrechen angerechnet? Wohlan denn,“ fuhr er mit erhoͤhter Stimme fort,„wenn die Welt, die große Welt, von der Ihr doch wohl nur redet, indem Ihr ſolche Grundſaͤtze auſſtellt, ſo iſt, wie Ihr ſagt; dann will ich von ihm angefeindet und verfolgt ſein, und lieber Alles uͤber mich ergehen laſſen, als mich unter das ſchimpfliche Panier des Laſters zu ſtellen. Sagt uͤbrigens Eurem Freunde, wenn er je wieder uͤber dieſe Angelegenheit mit Euch reden ſollte, daß ich ein Schwert an der Seite trage und es ſo gut zu fuͤhren verſtehe, wie jeder aͤchte Edelmann dieß verſtehen muß. Will er ſich mir mit ehrlichen Waffen entgegenſtellen, ſo bin ich jederzeit zu 198 ſeinen Dienſten; ſollte er ſich aber anderer gegen mich bedienen wollen, Waffen, die ich als mei⸗ ner unwuͤrdig verſchmaͤhe, ſo treffe die Schande ihn, wenn auch mich der Nachtheil trifft. Ich ſtamme aus einem ritterlichen Geſchlechte, und will der Welt allezeit beweiſen, ſei es durch mein Schwert oder durch mein Leben, daß ich einer ſo ehrenvollen Abſtammung wuͤrdig bin.“ —„Ihr ſeid ein Gelehrter, Junker Brahe,“ verſetzte Tage Krabbe, der verlegen uͤber die Ant⸗ wort war, welche er geben mußte, und doch Etwas antworten wollte,„und ſeht ſolche Dinge aus einem andern Geſichtspuncte an, wie wir andern jungen Edelleute.“ —„Man braucht nicht eben gelehrt zu ſein, um zu wiſſen, daß Laſter den Menſchen ſchaͤn⸗ den,“ verſetzte Tycho mit hohem Ernſte.„Iſt es doch eine Schande fuͤr unſer Vaterland,“ fuͤgte er nach einer Pauſe hinzu,„daß die Sitten⸗ verderbniß unter unſerm Adel, unter der Claſſe von Leuten, die allen andern mit gutem Bei⸗ 199 ſpiele vorangehen ſollten, ſo weit geht, daß der Koͤnig ſich genoͤthigt geſehen hat, ein eigenes Geſetz gegen dieſelbe zu erlaſſen. Heil und Preis ſei Koͤnig Friedrich, der ein ſolches Geſetz erließ; aber Schande und Schmach uͤber unſere adeliche Jugend, die es durch Laſter aller Art, durch eine Sittenloſigkeit, wie man ſie nur wohl noch in Frankreich findet, hervorrief.“ Unter dieſen und aͤhnlichen Geſpraͤchen waren unſere Beiden vor dem Schloſſe angelangt. Tycho war herzlich froh, endlich einer Unterhal⸗ tung quitt zu ſein, die ihm je laͤnger, je wider⸗ waͤrtiger geworden war und ihm das laſterhafte Gemuͤth eines Menſchen aufſchloß, mit dem er fortan auf laͤngere Zeit unter einem Dache woh⸗ nen ſollte. „ Ende des erſten Bandes. Druck von C. Polz in Leipzig. ———— —— ſſſſſſnnffeſnſſſſ 8 9 10 11 12 13 14 1 ſifſſinſſiſnſennſſtnniſt 5 16