Leihbibliothek 1 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur hch. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 Ter Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8 8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: *3. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung für beſch 4 lich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſam gemacht, daß das eiterverleihen een darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —D—— Tycho de Brahe. Zweiter Band. Neuigkeiten 1839. Bechſtein, Ludw., Hallup der Schwim⸗ mer. Novelle. Velinpapier. eleg. geh. —— Aus Heimath und Fremde. Erzaͤh⸗ lungen. 2 Bde. Velinpap. eleg. geh. Belani, H. E. R., Der abtruͤnnige Bourbon. Geſchichtlicher Roman. 3 Bde. Velinpapier. eleg. geh. —— Dom Joäo VI. und ſein Hof. Hiſto⸗ riſch⸗romantiſches Gemaͤlde aus der neueren Geſchichte Portugals und Braſiliens. 2 Bde. Velinpapier. eleg. geh. —— Die feindlichen Bruͤder. Hiſtoriſch⸗ro⸗ mantiſches Gemaͤlde aus der neueſten Geſchichte Portugals und Braſiliens. 2 Baͤnde. Velinpa⸗ pier. eleg. geh. Herloßſohn, Carl, Zeit und Lebensbil⸗ der. Novellen, Humoresken, Jronien und Reflexionen. 3 Baͤnde. Velinpapier. eleg. geh. —— Eine Theater⸗Liebſchaft. Novelle. Velinpapier. eleg. geh. Schoppe, A., geb. Weiſe, Die Schlacht bei Hemmingſtaͤdt. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. Velinpapier. eleg. geh. Tycho de Brahe. — 8— Hiſtoriſcher Roman von Amalia Schoppe, geb. Weiſe. Zweiter Band. 1839. Leipzig, Verlag von Aug. Taubert. ———— Elftes Kapitel. Nur weniger Tage bedurfte es, um Tycho, auf den Liuva's erſter Anblick ſchon einen tiefen Eindruck gemacht hatte, gaͤnzlich in den Zauber⸗ kreis dieſer neuen Armida zu ziehen; auch war es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ſie es ganz darauf angelegt hatte, ſein Herz zu gewin⸗ nen, denn ſie war in eben dem Grade gefall⸗ ſuͤchtig, als ſie ſchoͤn und verfuͤhreriſch war. Eben ſo unterrichtet— ja, wenn man will, ſogar ge⸗ lehrt— als ſchoͤn, feſſelte ſie ihn bald durch ihre Unterhaltung und ihre nie ruhende Wißbegierde, bald durch ihr neckiſches Weſen und ihre heitre Laune, bald durch ihre wahrhaft bezaubernde II. 1 Schoͤnheit, bald durch die Erweckung einer ſeiner Seele bis dahin fremden Leidenſchaft, der Eiferſucht. Denn wenn ſie ihm gleich die groͤßte Achtung und Aufmerkſamkeit bewies; wenn ſie gleichſam an ſeinen Lippen hing, ſo oft er ein wiſſentſchaftliches Geſpraͤch mit ihr anknuͤpfte; ſo hatte ſich doch auch ihr Vetter Tage Krabbe nicht uͤber ſie zu beklagen, und oft brach ſie, wenn ſie zu bemerken glaubte, daß dieſer ſich bei ihren ernſten Geſpraͤchen mit Tycho lang⸗ weilte, dieſe ploͤtzlich ab, um ein anderes anzu⸗ knuͤpfen, das ſeiner Neigung und ſeinen beſchraͤnk⸗ ten Ideen mehr zuſagte; ja oft nahmen dieſe Unterhaltungen einen ſo frivolen Charakter an, daß Tycho ſich mit Unwillen davon abwandte und tief verletzt das Gemach verließ. Bemerkte Liuva aber, daß er ihr zuͤrne oder nur unzufrieden mit ihr ſei, ſo lenkte ſie ſchnell wie⸗ der ein, und ſie, die eben noch uͤber eine frivole Anecdote ihres Vetters, uͤber die Erzaͤhlung ſeiner nicht immer ſittlichen Pariſer Abentheuer gelacht 3 hatte, vertiefte ſich wieder in wiſſenſchaftliche Meditationen und war auf dieſem Felde zu Hauſe, wie es wenige Naͤnner jener Zeit waren. Oft brachte ſie, freilich immer in Begleitung Sophiens, die halbe Nacht unter den von ihm aufgeſtellten Inſtrumenten zu, ließ ſich den Lauf der Geſtirne von ihm erklaͤren und ſeine Anſich⸗ ten uͤber die Ordnung des Weltgebaͤudes entwickeln. Denn in jener Zeit bruͤtete ſein raſtloſer, ſcharf⸗ ſinniger Geiſt ſchon uͤber jenem Syſteme, dem er den Namen gegeben hat, und ſuchte das ſeines großen Vorgaͤngers, des Nicolaus Koper⸗ nikus, zu erſchuͤttern; damals ſetzte er alle die großen und ſeltenen Kraͤfte ſeiner Seele daran, ein Gebaͤude umzuſtoßen, das auf Wahrheit be⸗ ruhte und fruͤh oder ſpaͤter eben deshalb wieder zu Ehren kommen mußte, obgleich es Tycho's Scharfſinn gelang, den Ruhm ſeines großen Vorgaͤngers fuͤr einige Zeit durch ſein neu er⸗ ſonnenes Weltſyſtem zu verdunkeln und ſeiner 1* entgegengeſetzten Anſicht ſchaffen. Eingang zu ver⸗ Fuͤr Tycho war der Irrthum indeß Wahrheit: er wollte nicht taͤuſchen, ſondern taͤuſchte ſich ſelbſt, und eben weil er ſelbſt ſo feſt uͤberzeugt, weil er ſo durchdrungen von dem war, was er lehrte, uͤberzeugte er Andere. In jener Zeit, wo er Liuva, und wie er waͤhnte, zugleich zuerſt die Allgewalt der Liebe kennen lernte— denn ſeine fruͤhere Neigung zu Chriſtinen kam ihm, ſeit er Jene geſehen, nur wie ein Traum vor— gingen ſeltſame Dinge in ſeiner Seele vor, und dieſe befand ſich in einem Zwieſpalte, der ſein ganzes Weſen zu zer⸗ ſtoͤren drohte. Von der einen Seite zog ihn die Liebe zu einer zugleich ſchoͤnen, gebildeten und gelehrten Frau mit ſolcher Gewalt in ihre magiſchen Kreiſe, daß die neuen Gefuͤhle, welche ſich ſeiner Seele —— 5 bemaͤchtigt hatten, ſtark genug waren, ſein gan⸗ zes Daſein auszufuͤllen, und von der andern nahmen wieder die neuen Entdeckungen, welche er taͤglich in ſeiner Wiſſenſchaft machte, alle ſeine geiſtigen Kraͤfte gleichfalls in Anſpruch. Wie nach der Sage Mahomets Sarg, von zwei gleich⸗ kraͤftigen Magneten angezogen, frei in der Luft ſchwebt, hatte auch ſeine Seele von zwei gleich ſtarken Kraͤften bedraͤngt, voͤllig ihren Haltpunkt verloren, und vielleicht wuͤrde Wahnſinn ſein trauriges Loos geweſen ſein, wenn nicht eine koͤrperliche Krankheit, die eine Folge allzugroßer Anſtrengungen war, ſich zur Vermittlerin aufge⸗ worfen haͤtte. Tycho war nicht gluͤcklich als Liebender. Zu den Anforderungen, die eine heftige Leidenſchaft an ſeine Seele machte, hatte ſich bald auch noch die Qual der Eiferſucht geſellt, indem er nicht laͤnger daran zweifeln konnte, daß Liuva zwi⸗ ſchen ihm, den ſie wegen ſeines Wiſſens und ſei⸗ nes Ruhmes ſchaͤtzte, und ihrem Vetter Tage 6 Krabbe in ihrer Wahl ſchwanke. Der letztere war unbeſtreitbar ein ſchoͤner junger Mann, dazu reich, von gutem Hauſe und nach der Meinung Vieler, ein Guͤnſtling des Koͤnigs. Dieſer, wel⸗ cher von ernſten und anſtrengenden Geſchaͤften gern auf eine Stunde ausruhete, ließ ſich des Junkers Geſchwaͤtz3oft gefallen und hoͤrte ihm gern zu, wenn er ſeine Anecdoten erzaͤhlte und ſeichte Witze vor⸗ brachte; ſo galt denn Junker Tage Krabbe fuͤr ſeinen Guͤnſtling, obgleich er es in der That nicht— K war. Als Tycho von ſeiner ſchweren Krankheit geneſen war und der Kampf auf's Neue in ſei⸗ nem Innern begann, ſagte er ſich, daß ein Zuſtand wie der ſeinige auf die Laͤnge nicht zu ertragen ſei, und beſchloß, die Entſcheidung ſeines Schick⸗ ſals durch eine Erklaͤrung ſeiner Liebe gegen Liuva bei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit herbei zu fuͤh⸗ ren. Er fuͤhlte ſich wohl ſtark genug, einen großen Schmerz ertragen zu koͤnnen, allein dieſes Zerren an ſeinen heiligſten, tief innerſten Gefuͤh⸗ XK 2 len vermochte er nicht laͤnger zu ertragen, und war ſo feſt entſchloſſen, demſelben ein Ende zu machen. Die von ihm gewuͤnſchte Gelegenheit zeigte ſich bald. Er hatte einen neuen, ſehr glaͤnzen⸗ den Stern am Himmel entdeckt und ſowohl Liuva, als ſeine Schweſter zur Beobachtung deſſelben eingeladen; Beide ſagten zu, als aber die Nacht herangekommen war, ließ ſich Sophie mit einer Unpaͤßlichkeit entſchuldigen, die ſie wirklich befal⸗ len hatte, Liuva erſchien aber trotz dem, da ihre Neugierde zu lebhaft angeregt worden war, um kleinlichen Bedenklichkeiten Raum geben zu koͤnnen. Nie hatte das Fraͤulein bisher ſeiner Bewunder⸗ ung fuͤr Tycho's Wiſſen ſo freien Lauf gelaſſen, als in dieſer Nacht, wo der junge Aſtronom durch die zum Theil von ihm ſelbſt erfundenen optiſchen Inſtrumente die ganze Pracht des geſtirn⸗ ten Himmels vor den Blicken der Staunenden entfaltete, und Liuva ſprach dieſe Bewunderung 8 mit ſo feurigen, lebhaften Worten gegen ihn aus; ſie prophezeihte ihm, als er ſein neu erfun⸗ denes Syſtem vor ihr entfaltete, ſolchen unſterb⸗ lichen Ruhm bei der Nachwelt, daß ſie ſeine Seele in das ungemeſſenſte Entzuͤcken wiegte. —„Liuva,“ ſprach er, indem er mit ſeiner zitternden Hand ihre zarte, warme ergriff und ſie an ſeine Lippen druͤckte,„Liuva, Eure Lip⸗ pen ſpenden meinem Wiſſen Lob, ja ,ich bin ſo ſtolz, es zu ſagen: Bewunderung; Euer Geiſt faßt und ergreift den meinigen; aber dieſes Alles iſt mir noch nicht genug, und das vielleicht allzu kuͤhne Herz fordert gebieteriſch auch ſeinen Antheil. Liuva, brauche ich es Euch noch erſt mit Wor⸗ ten zu ſagen, daß ich Euch liebe, daß ich alle Groͤße, allen Ruhm, die, wie Ihr ſagt, meiner warten, fuͤr einen einzigen Blick der Gegenliebe von Euch hingeben wuͤrde?“ Er war ihr zu Fuͤßen geſunken; er umfaßte ihre Knie, er flehte um ein Wort der Liebe von ihren ſchoͤnen Lippen, nur um ein einziges ihm Hoffnung gebendes Wortl —„Herr Junker Brahe,“ ſagte ſie mit ver⸗ ſtellter Ueberraſchung, denn lange ſchon war ſie, die feine Beobachterin und Kennerin der Herzen, auf einen ſolchen Augenblick gefaßt geweſen und hatte ſich ſo auf denſelben vorbereitet;„Herr Junker Brahe, Ihr uͤberraſcht mich in der That durch dieſes unerwartete Geſtaͤndniß ſo ſehr, daß ich Euch fuͤr jetzt die Antwort ſchuldig bleiben muß.“ —„Wie, Liuva, Ihr haͤttet bis zu dieſer Stunde nicht gewußt, daß ich Euch liebe, daß meine ganze Seele Euch angehoͤrt, daß ich nur noch in Euch lebe und athme und ohne Eure Gegenliebe nicht mehr leben kann?“ —„In der That, Junker Brahe,“ ſtammelte ſie, indem ſie ſich ſanft von ſeinen ſie noch im⸗ mer umſchlingenden Armen losmachte, ich waͤhnte, daß die Wiſſenſchaft Eure einzige Geliebte waͤre, und ging in dieſem Wahne mit Euch auf eine ſo ungezwungene Weiſe um, daß Ihr vielleicht —õõõõõõÿõʒõõỹõÿÿõ— v 3ů—— 10 dadurch das Recht erlangtet, mich und meine jungfraͤuliche Zuͤchtigkeit in Zweifel zu ziehen. Es war gewiß ſehr unbedachtſam von mir, mit einem Manne, beſonders mit einem ſo jungen wie Ihr ſeid, einen Theil der Nacht allein zuzu⸗ bringen, und wenn Ihr nicht ganz ſo edel und rein waͤret, als wofuͤr ich Euch halte, ſo wuͤrdet Ihr aus dieſer Unbeſonnenheit Folgerungen zie⸗ hen, die meiner Ehre im hoͤchſten Grade nach⸗ theilig ſein muͤßten. —„Ihr weicht mir aus, Liuva,“ ſagte Tycho mit traurigem Tone, indem er ſich erhob;„ich ſehe, daß mein Schickſal entſchieden iſt und daß ich nichts mehr vom Leben zu hoffen habe, als vielleicht etwas Ruhm durch das, was ich in der Wiſſenſchaft zu leiſten gedenke; doch ach! wie gering iſt dieſer Erſatz fuͤr die Leiden eines ohne Hoffnung auf Gegenliebe liebenden Herzens? Wenn ein großer Name, wenn der Beifall der Mitwelt, wenn die Bewunderung der Nachwelt 11 mir etwas gelten, ſo ſollten ſie ja nur die Kraͤnze ſein, womit ich meine Liebe reicher ſchmuͤckte; ſo hatten ſie nur Werth in meinen Augen, indem ich ſie Euch zu Fuͤßen zu legen hoffte; jetzt wer⸗ den ſie nur den Leichenſtein meines Gluͤckes um⸗ kraͤnzen!“ —„Ihr geht zu weit in Euren Voraus⸗ ſetzungen, Junker Brahe,“ nahm ſie nach einer Pauſe das Wort;„in meinem Herzen ſpricht nicht nur Etwas, ſondern Viel fuͤr Euch, und iſt die Bewunderung nicht ſelbſt oft der Anfang der Liebe? Noch ehe ich Euch perſoͤnlich kannte, zollte mein Herz dieſe Euch und Eurem Ruhme, und laßt es mich Euch geſtehen,“ fuhr ſie zoͤ⸗ gernd fort,„der immer lebhafter in mir werdende Wunſch, den Mann kennen zu lernen, von deſſen Wiſſen und Forſchungen die Welt nur mit Er⸗ ſtaunen ſpricht, war es wohl allein, der mich zu einer Zeit nach Schonen fuͤhrte, wo ich wußte, daß ich Euch daſelbſt treffen wuͤrde. Wollt Ihr 12 nach dieſem Geſtaͤndniſſe noch verzweifeln„Tycho? wollt Ihr nicht vielmehr hoffen?“ —„Ja, ich will hoffen, himmliſches Weſen!“ rief Tycho begeiſtert und gehoben durch dieſe guͤtigen, vielverheißenden Worte,„will hoffen und ſtreben, will alle Kraͤfte meiner Seele auf⸗ bieten, um mich Deiner Liebe wuͤrdig zu machen! Wie man um den koͤniglichen Reif ringt, um die Gnade Gottes und das Anrecht auf die ewige Seligkeit, ſo, Liuva, will ich um Deinen Beſitz ringen. Kannſt Du auch noch die Flammen nicht theilen, welche mein Herz fuͤr Dich ver⸗ zehren, ſo ſollſt Du es doch in der Folge muͤſſen; denn geſtehe es nur, Deine große und edle Seele liebt den Ruhm, ſetzt einen unſterblichen Namen uͤber alle andern Guͤter der Erde. Beide ſind mir von den Lippen eines theuren Sterbenden verheißen worden, und ich fühle die Kraft in mir, dieſe Prophezeihung wahr zu machen. Wenn ich Koͤnig im Reiche des Wiſſens bin; 1 13 wenn mein Name von Mund zu Munde geht, dann, Liuva, dann wirſt Du es nicht verſchmaͤhen, Dich mir zu eigen zu geben; dann wird Dein Herz fuͤr den Mann ſchlagen, der auch Deinen Namen in das Buch der Unſterblit,keit zu tragen vermag. O noch ein Wort der frohen Ver⸗ heißung von Deinen Lippen, Liuva, und ich fuͤhle die Kraft eines Gottes in meiner Bruſt!“ —„Strebe und hoffe!“ ſagte Liuva, ihm ihre Hand zum Kuſſe reichend, und entfloh dann eilig. Tycho blieb in einer Trunkenheit des Gluͤcks zuruͤck, von der Worte keinen Begriff zu geben vermoͤgen. Ihm war, als muͤſſe er ſich auf die Erde niederwerfen und die Stelle kuͤſſen, die ihr Fuß betreten, als waͤren ſeine Lippen durch die Beruͤhrung ihrer Hand geheiligt. Er brachte den Reſt der Nacht ſchlaflos zu, aber nicht, um ſeine Beobachtungen an dem geſtirnten 14 Himmel fortzuſetzen, ſondern um an ſein Gluͤck, an ſeine Hoffnungen, an Liuva's Verheißungen zu denken: war doch der ſchoͤnſte Stern ſeines Lebens ihm im eigenen Herzen aufge⸗ gangen! 7 Zwölftes Kapitel. Die Schoͤnheit des erwachenden Morgens und die Ueberfuͤlle der Empfindungen in ſeiner Seele trieben ihn mit dem erſten Strahle des Tages in's Freie hinaus. Ueber dem noch tiefblau ge⸗ faͤrbten Meere ging eben die Sonne auf und faͤrbte dieſes im fernen Oſten mit Purpurgluthen; an jedem Halme unter ſeinen Fuͤßen hing ein Thautropfen, in dem ſich tauſend Farben brachen; in den von Thau beſchwerden Buͤſchen regte es ſich leiſe, indem die erwachenden Voͤgel ihr bun⸗ tes Gefieder ſchuͤttelten und durch ihre Bewegung einen ſanften Regen hervorriefen, der von den Zweigen zur Erde niederfiel. Selbſt das ſtarre, 16— duͤrre Kraut am Strande des Meeres, das waͤh⸗ rend des Tages den duͤrftigen Charakter des Bodens an ſich traͤgt, dem es entſproſſen, und die unſcheinbare blaue Scabioſe, die neben der blaßrothen Grasnelke im Meeresſande bluͤht, hatten hoͤhere Tinten angenommen und glaͤnzten freudiger im jungen Morgenſtrahle. Nur leicht kraͤuſelte der bereits verſtummende Nachtwind die ſonſt ſo aufgeregte Flaͤche des Meeres, und ſanfte Wellchen kuͤßten die bunten Steine und Muſcheln des Strandes, ohne ſie mit ihrem weißen Schaume zu beſpritzen. Blaue Molus⸗ ken, dieſe wunderbaren, durchſichtigen Blumen⸗ thiere des Meeres, ſchwammen, begierig nach dem erſten Sonnenſtrahle, der ihr kryſtallenes Reich erhellen und erwaͤrmen wuͤrde, auf der Oberflaͤche des Waſſers; weiß und ſchwarz ge⸗ fiederte Moͤven erhoben ſich nicht ſchreiend, wie beim Sturme, von ihren Neſtern, ſondern ſchweb⸗ ten ſtill, mit lang ausgedehnten Fluͤgeln, uͤber die blaue Flaͤche hin, waͤhrend die ſich ſeltſam 12 blaͤhenden Strandlaͤufer, deren Lauf faſt dem Fluge an Schnelligkeit gleich kommt, auf ihren langen, duͤnnen Beinchen und mit ſich ſtraͤuben⸗ dem Gefieder, das gleichſam um den Kopf einen Helm bildet, dem Neſte zueilten, ſo wie ſie nahende Tritte vernahmen. — Die Stille und Feier in der Natur be⸗ ſchwichtigten nach und nach den Sturm in Tycho's Bruſt. Auch in ihr wurde es ſtill und die gewaltſam aufgeregten Gefuͤhls⸗Wellen kehrten ebbend in ihr Bett zuruͤck. Sein Blick erheiterte ſich, je mehr ſich ſein Herz ſuͤßen Hoffnungen oͤffnete. Ein Leben voll Liebesgluͤck und Ruhm lag vor ihm; er durfte auf beide hoffen, da er ſich ihrer auf keine Weiſe unwuͤrdig gemacht hatte. Keine Erinnerung an fruͤhere Schuld heftete ſich als Eumenide an ſeine Ferſen; frei durfte er das Auge zum Himmel erheben und frei, ohne Vorwurf, den geiſtigen Blick in ſein Inneres ſenken. Dazu die Fuͤlle der Kraft in ſeiner Seele, dieſer gewaltigen geiſtigen Kraft, 18 die oft, weil ſie nicht Spielraum genug fand, ſich zu uͤben, das ſchwache Gefaͤß zu zerſprengen drohte, das ſie umfaßte; der Thatendurſt bei noch ungeſchwaͤchtem Vermoͤgen; die innige Ver⸗ bindung, in der er mit der großen Natur ſtand, Alles, Alles machte ihn zum Gott! Kuͤhn und ſtolz erhob er das Haupt und blickte um ſich wie ein Sieger, ſo gluͤcklich an dieſem ſchoͤnen Morgen auch manche Kreatur ſein mochte, ſo war er doch gluͤcklicher als alle, da er allein ſei⸗ nes Gluͤckes ſich bewußt war. Eine kleine Strecke vom Strande, ſo weit nur von demſelben entfernt, daß er den Inſaſſen eines Fiſcherboots noch mit der Stimme erreichen konnte, erblickte ſein Auge einen ſolchen. Der Fiſcher hatte ſeine Netze ausgeworfen und war ſo emſig beſchaͤftigt, daß er ihn vermuthlich nicht geſehen hatte, denn als Tycho ihn anrief, wandte er ſich faſt erſchrocken nach ihm um, und fragte nach ſeinem Begehren. 1 —„Ich wuͤnſche eine Strecke von Euch in's 19 Meer hinausgerudert zu werden,“ rief Tycho ihm zu,„und will Euch Eure Muͤhe und Ver⸗ ſaͤumniß gut belohnen.“ —„Ich komme ſchon, Herr Junker Brahe,“ war die Antwort des Fiſchers, der eilig ſeine Netze einzog und an den Strand ruderte. Tycho war nicht wenig verwundert, ſich von einem, wie er waͤhnte, ihm ganz fremden Manne bei Namen nennen zu hoͤren; noch groͤßer aber ward ſein Erſtaunen, als er in dem jetzt ganz nahe Herangekommenen ſeinen ehemaligen Freund, den Fiſcher Knud erkannte. —„Wie, Ihr ſeid es, Knud?“ fragte er verwundert ſowohl uͤber dieſes ſeltſame Zuſam⸗ mentreffen, als uͤber die große Veraͤnderung, welche mit dem einſt ſo kraͤftigen, ſchoͤnen Manne vorgegangen war. —„So erkennt Ihr mich doch noch wieder, Herr Junker?“ fragte Knud mit traurigem Tone, indem er ein hoͤlzernes Bein uͤber den Rand des Boots hinausſetzte.„Ja ſeht nur,“ fuhr er fort, 20 „ſo hat mich der Krieg zugerichtet: ein Kruͤppel bin ich geworden; ſie haben mir das Bein zer⸗ ſchoſſen, die verdammten Schweden! Ich war mit dabei, als ſie unſre armſeligen vier Schiffe, die unter Herrn Peter Hoitfelds Befehl ſtanden, an der pommerſchen Kuͤſte mit acht und zwanzig Schiffen auf den Strand jagten. Ich glaube, daß wir von uns ſprechen gemacht haben, denn wir hielten, trotz der großen Ueber⸗ macht, wacker Stand, und waͤre Euer großer Ohm dabei geweſen, ſo waͤren wir wohl gar mit den Schweden und ihrem großmaͤuligen Klaus Horn, dem Admiral, fertig geworden. Aber Peter Hoitfeld, obgleich ein braver Mann und Held, iſt kein Brahe; ſo mußten wir, nach⸗ dem wir das Noͤgliche gethan hatten, unſre vier Schiffe bei Grypswalde auf den Strand ſetzen und nur das nackte Leben zu retten ſuchen. Wir hatten dann noch den Kummer zu ſehen, wie ſie unſre ſchoͤnen Schiffe, die ſie nicht wieder flott machen und mit ſich nehmen konnten, in 21 Brand ſteckten. Ich war einer der Letzten, welche die Schiffe verließen, und bekam dabei eine ſchwediſche Kugel in's Bein, die mir den Knochen dergeſtalt zerſplittert hat, daß alles Flicken des Feldſcheers nichts helfen wollte, und mir das Bein abgenommen werden mußte.“ —„Armer Freund!“ ſagte Tycho, voll Mit⸗ leid auf den Verſtuͤmmelten blickend;„Euer Auge i*ſt aber noch ganz ſo ſcharf wie ſonſt,“ fuͤgte er hinzu,„denn Ihr erkanntet mich ja aus ziem⸗ licher Entfernung ſogleich wieder.“ —„Ja, Gott ſei gedankt, bis auf das feh⸗ lende Bein bin ich noch ſo ziemlich, was ich ſonſt war,“ verſetzte der Fiſcher;„Euch wieder⸗ erkennen konnte ich aber um ſo leichter, da ich wußte, daß Ihr ſchon laͤngere Zeit auf dem Gute Eurer Schweſter waret; auch ſeid Ihr ſogar ein⸗ mal in Begleitung Frau Sophiens und einer andern ſchoͤnen Dame an unſerem Hauſe vorbei⸗ geritten; Chriſtine, das gute Kind, erkannte Euch auf den erſten Blick wieder. Sie forderte 22 mich immer auf, doch einmal zu Euch zu gehen; aber, nehmt es mir nicht uͤbel, Herr Junker, dazu war ich zu ſtolz, und ſagte zu Chriſtinen: — Er wird wiſſen, daß wir hier ſind, und ſchon zu uns kommen, wenn er noch etwas mit uns zu ſchaffen haben will; wo nicht, ſo mag ich mich ihm nicht aufdringen. So iſt's denn bis heute dabei geblieben, daß ich Euch nicht aufſuchte, und nun ſagt mir, mein edler Junker, was Euch zu Befehl ſteht? denn noch immer bin ich wie ſonſt gegen Euch geſinnt, und Euch in allen ſchicklichen Dingen ſtets gern zu Dienſt.“ Tycho ſchaͤmte ſich faſt dieſem Manne gegen⸗ uͤber ſeiner Undankbarkeit und Vergeßlichkeit, und ſuchte ſich deßhalb bei Knud zu entſchuldigen. —„Laßt das, Junker,“ ſagte dieſer ernſt; „Ihr braucht Euch bei mir deßhalb nicht zu ent⸗ ſchuldigen, auch habe ich nie Anſpruch daran gemacht, daß Ihr, der Ihr in Ehre und Freude lebt und Euch nebenbei mit der Wiſſenſchaft be⸗ —— 23 ſchaͤftigt, Euch meiner noch ferner erinnern ſolltet, der ich in Euren Augen nur ein ganz niedrer, unbedeutender Mann bin. Es war mein Wunſch und meine Abſicht, noch wieder einmal eine Rolle in der Welt zu ſpielen und meinem Namen neuen Glanz zu verleihen, der einſt ſo ſehr geglaͤnzt; allein der Himmel hat es anders gewollt, und ſtatt des gehofften kriegeriſchen Ruhmes, habe ich dieſes hoͤlzerne Bein davon getragen. Jetzt iſt Alles vorbei!“ ſagte er, ſich mit der Hand uͤber die gebraͤunte Stirn fahrend,„und als der Bauer und Fiſcher Knud muß ich fortan leben und ſterben.“ —„Ihr verſpracht mir, als wir uns zuletzt ſahen, die Geſchichte Eures Lebens zu erzaͤhlen,“ ſagte Tycho, indem er ſich zu dem Fiſcher in das Boot ſetzte.„Der Morgen iſt ſo ſchoͤn; es war vorhin ſchon mein Wunſch, eine Strecke in das Meer hinauszufahren, weßhalb ich Euch anrief; erzeigt mir daher jetzt, ſofern ihr nichts daruͤber zu verſaͤumen habt, dieſen Dienſt, und erzaͤhlt 2 mir dabei Eure Geſchichte, auf die ich ſehr begie⸗ rig bin.“ —„Das will ich gern thun,“ ſagte Knud; naber nicht hier auf dem Meere, mein Junker, denn ſie duͤrfte zu lang werden. Ich darf jetzt nicht lange ausbleiben, ohne meine Chriſtine zu aͤngſtigen, die, ſeit ich das hoͤlzerne Bein habe, mich nur immer mit Zittern und Zagen das Boot beſteigen ſieht, weil ich mich jetzt nicht, wie ſonſt, durch Schwimmen retten koͤnnte, wenn ich zufaͤllig in's Meer fiele, und das faͤllt beim Fiſchen wohl einmal vor. Bleibe ich daher uͤber die beſtimmte Zeit aus, ſo vergeht das arme Kind gleich vor Angſt. Wollt Ihr mir aber zu meiner Huͤtte folgen, die da druͤben, dicht hinter dem Huͤgel am Strande liegt, ſo will ich Euch bis dahinan fahren, und Ihr ſollt mir, wie fruͤher, ein lieber Gaſt ſein, auch endlich meine Geſchichte hoͤren, die ich Euch bei einem Kruge guten Biers oder Meths in einer huͤb⸗ ſchen Laube meines Gaͤrtchens erzaͤhlen will; Chri⸗ —4—— —y— 25 ſtine aber darf nichts davon erfahren; es iſt beſ⸗ ſer fuͤr ſie, wenn ſie ſich nach wie vor fuͤr die Tochter des Fiſchers Knud haͤlt und ſich keine Grillen in den Kopf ſetzt.“ —„Ich bin mit Eurem Vorſchlage zufrie⸗ den,“ ſagte Tycho, ſich im Boote zurecht ſetzend. „Wird mir aber nicht vielleicht Chriſtine zuͤrnen, daß ich es ſo lange verſaͤumte, Euch und ſie zu beſuchen?“ —„Welches Recht haͤtte ſie dazu?“ fragte Knud verwundert.„Zu kommen und wegzu⸗ bleiben, mußte ganz in Eurem freien Willen ſtehen, mein edler Junker; zwar wuͤrde es Chriſtinen und mich gefreut haben— denn das gute Kind redet noch gar oft von Euch, und auch bei mir habt Ihr ſtets im beſten Andenken geſtanden— wenn Ihr Euch unſer noch erinnert haͤttet; allein es iſt uns nicht eingefallen, Euch zu zuͤrnen, daß Ihr es nicht gethan, und ich begreife gar wohl, daß Ihr unter den gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden ſo II. 2 26 unbedeutender Leute, wie wir ſind, vergeſſen konntet.“ —„Wie meint Ihr das? und welche Um⸗ ſtaͤnde koͤnnten mich wegen einer Verſaͤumniß entſchuldigen, wegen deren ich mich ſelbſt jetzt anklage?“ fragte Tycho. —„Nun, mein Junker,“ entgegnete ihm Knud unbefangen,„die Leute ſagen, daß Ihr im Begriff ſteht, Euch eine ſchoͤne, reiche und ange⸗ ſehene Ehegenoſſin zuzulegen, eben jene ſchoͤne Jungfrau, an deren Seite Ihr an unſerm Hauſe vorbei rittet, und wenn dem wirklich ſo ſein ſollte, ſo war es Euch wahrlich nicht zu verdenken, daß Ihr des Beſuches bei dem armen Fiſcher Knud und ſeiner Tochter vergaßet.“ —„Die Leute reden allerlei thoͤrigtes Zeug!“ ſagte Tycho tief erroͤthend. —„Ihr braucht deshalb nicht roth zu wer⸗ den, Junker Brahe,“ verſetzte der Fiſcher.„Ein Mann in Euren Jahren, von Eurem Stande und Vermoͤgen darf ja an das Heirathen denken, 27 und Ihr werdet wohl daran thun, es nicht all⸗ zu lange aufzuſchieben. Es kommt fuͤr junge Leute nichts Gutes dabei heraus, wenn ſie zu lange ledig bleiben; eine gute, ſchoͤne und tugend⸗ hafte Frau iſt immer ein großer Schatz, und daͤchten unſere Junker fruͤher an das Freien, ſo wuͤrden ſie nicht ſo ausgelaſſene Sitten zeigen, wie ſie jetzt leider zum Theil thun.“ —„Ihr moͤgt Recht haben, Knud,“ ſagte Tycho;„indeß kann ich Euch die Verſicherung geben, daß ich fuͤr den Augenblick noch nicht an's Freien denke, und aus dem Grunde den Beſuch bei Euch nicht bis zu dieſer Stunde auf⸗ geſchoben habe.“. Sie waren jetzt bei dem Landungsplatze an⸗ gelangt, und Knud trug, trotz ſeines hoͤlzernen Beins, ſeinen Gaſt auf den Schultern durch die Meeresſtrecke, welche ſie noch vom Ufer trennte; das Meer war hier zu ſeicht, als daß das Boot dicht am Strande haͤtte landen koͤnnen. Nach⸗ dem Knud ſeinen Kahn wohlbefeſtigt hatte, 2* 28 ſchritt er neben Tycho um den Fuß des Huͤgels herum, hinter dem ſeine beſcheidene Wohnung in einem Kranze herrlicher Buchen lag. —„Seht,“ ſagte der Fiſcher vergnuͤgt,„das iſt doch wohl ein gutes Ruheplaͤtzchen fuͤr einen Invaliden, wie ich bin, und auch meine Chriſtine gefaͤllt ſich da ſo wohl, daß ſie das Haͤuschen nur ſelten verlaͤßt, beſonders ſeit Klaus, der Sohn eines reichen Landmanns hier in der Naͤhe, ſie mit ſeiner Liebe verfolgt, die ſie leider nicht erwiedern kann. Ich ſage leider, denn einen wack'’rern und ſelbſt huͤbſchern Burſchen, als Klaus Erikſon, giebt es in ganz Schonen nicht, und wie die Sachen jetzt ſtehen, koͤnnte mir kein groͤßeres Gluͤck begegnen, als Chriſtine mit einem braven Manne verbunden zu ſehen. Indeß werde ich ihrer Neigung nie Zwang anthun, und ſie mag ganz nach ihrem Sinne waͤhlen.“ Er oͤffnete mit dieſen Worten die Hausthuͤr und ließ Tycho zuerſt eintreten. Ein Freudenruf, welcher aus einem Winkel der etwas dunklen Stube zu ſeinem Ohre drang, verrieth Tycho Chriſtinens Naͤhe; er konnte ſie nicht gleich ſehen, da die draußen herrſchende Sonnenhelle ſeine Augen geblendet hatte. —„Ihr ſeid es, Herr Junker?!“ rief das Maͤdchen, indem es die Spindel zu Boden warf, um ihm entgegen zu eilen;„ſo habt Ihr Eure alten Freunde doch noch nicht gaͤnzlich vergeſſen?“ „Wer Euch einmal ſah, Chriſtine, wird Eurer nimmer wieder vergeſſen,“ verſetzte Tycho, deſſen Blicke mit Erſtaunen an der ſchoͤnen Ge⸗ ſtalt Chriſtinens hing, die ſich, ſeit er ſie nicht geſehen, wunderherrlich entfaltet hatte. Sie glich der vollen Roſe, wie ſie ſo erroͤthend vor ihm ſtand, deren Kelch der erſte Sonnenſtrahl des jungen Morgens aufgekuͤßt hat. Bald aber er⸗ bleichte der Purpur der Ueberraſchung auf ihren Wangen und Tycho mußte bemerken, daß ſie weit blaſſer als fruͤher war; auch ſchaute ihr tiefblaues Aug ernſter und ſinniger, als in jener 30 erſten Zeit wo es noch faſt in kindlicher Heiter⸗ keit ſtrahlte. —„Nicht wahr, ich habe Dich angenehm mit unſerm werthen Gaſte uͤberraſcht?“ fragte der Vater, indem er ſie mit ſichtbarem Wohlge⸗ fallen anblickte;„einen ſo werthen Beſuch haſt Du gewiß in ſo fruͤher Morgenſtunde nicht er⸗ wartet?“ —„Gewiß nicht!“ betheuerte Chriſtine,„ob⸗ gleich wir ja wußten, daß ſich Junker Brahe ſeit einiger Zeit ſchon auf Totthof, dem Schloſſe Frau Sophiens, aufhielt.“ Sie erroͤthete bei dieſen Worten lebhaft und ſenkte das Auge zu Boden; ein leiſer Seufzer, den ſie vergebens zu unterdruͤcken ſtrebte, hob ihren Buſen. —„Ich fuͤhle mich in der That ſehr ſchul⸗ dig, nicht ſchon fruͤher gekommen zu ſein,“ ſagte Tycho verlegen, denn das Erroͤthen und der Seufzer des ſchoͤnen Kindes waren ihm nicht entgangen und er fuͤhlte ſich durch beide angeklagt. B 31 —„Sorge fuͤr einen Morgen⸗Imbiß, mein Kind,“ unterbrach der Fiſcher dieſes Geſpraͤch; „gieb das Beſte her, was wir haben und trage es uns in die Gartenlaube. Ich denke, dem Junker ſoll es ſchon ſchmecken, wenn es auch nicht ſo gut iſt, wie er es gewohnt; ein fruͤher Spaziergang und die friſche Seeluft geben einen rechtſchaffenen Hunger und dieſer wuͤrzt die ſchlechteſten Speiſen. Folgt mir jetzt zur Laube, Herr Junker,“ wandte er ſich an Tycho;„das Kind wird indeß das Noͤthige beſorgen.“ Er fuͤhrte jetzt den werthen Gaſt in den Garten hinaus, der ſich, auf beiden Seiten von Weißdorn⸗Hecken eingefaßt, an den Huͤgel lehnte und bis zur hoͤchſten Spitze deſſelben hinauf ging. Hier war eine Laube von Flieder gepflanzt, die den anmuthigſten, ſchattigſten Sitz und zugleich eine unuͤbertreffliche Ausſicht auf das weite Meer darbot. Am fernen Horizonte zeigte ſich die Kuͤſte von Seeland dem geuͤbten und ſcharfen Auge wie ein blauer Nebelſtreif; ſonſt ſah man 32 nichts, als Meer und Himmel, die an Blaͤue und Klarheit gleichſam mit einander wett⸗ eiferten. Tycho, tief von dem majeſtaͤtiſchen Schau⸗ ſpiele ergriffen, das ſich vor ihm ausbreitete, ſtand lange in ſtummem Entzuͤcken da, und ſelbſt Knud, ſo gewohnt er deſſelben auch war, freute ſich uͤber die Herrlichkeit des Meeres und des Himmels. —„Seht,“ ſagte er dann, und die Stimme des ſtarken Mannes bebte vor Nuͤhrung,„ſeht, dies iſt der Platz, wo ich dann und wann noch einmal gluͤcklich bin und mich in die Zeiten meiner friſchen und froͤhlichen Jugend zuruͤckver⸗ ſetze. Iſt es mir doch, wenn ich auf dieſem Huͤgel ſtehe, deſſen Fuß von den Wellen des Meeres benetzt wird, als ſtaͤnde ich auf hohem Schiffe am Steuer, den Lauf deſſelben lenkend und mit frohem Muthe unbekannten Fernen zu⸗ eilend. Das Seeleben hat Reize, wie kein an⸗ deres; daher kann ſich, wer es einmal gekoſtet, 33 auch nicht mehr auf dem Lande zugeben, wo Alles ſo engbeſchraͤnkt, ſo begrenzt, ſo abgetheilt iſt, wo mich hier eine Hecke, dort eine Befrie⸗ digung, dort wieder ein Schlagbaum daran er⸗ innert, daß der Boden unter meinen Fuͤßen einem Andern gehoͤrt und ich mich nicht frei und nach Gefallen darauf bewegen darf. Das Meer aber gehoͤrt Keinem an, und eben deshalb Allen, dort iſt Jeder, der es zu beſchiffen verſteht, Herr und Koͤnig, und Keinem unterthan, als dem Herrn der Welten. Aus dieſem Grunde habe ich die Seekoͤnige, von denen die alten Ge⸗ ſchichten erzaͤhlen, auch fuͤr weit begluͤckter ge⸗ halten, als andere Herrſcher, denen dieſer Nachbar das, jener dies d'rein reden darf. Jetzt aber kommt, nehmt in der Laube neben mir Platz; unſre Chriſtine ſchreitet ſchon ſchwer beladen den Huͤgel hinan; dieſe Stunde iſt wie dazu gemacht, Euch die Ge⸗ ſchichte meines vielbewegten Lebens zu erzaͤhlen, die Ihr endlich doch erfahren muͤßt.“ 8 Tycho gehorchte ihm und bald befanden ſich denn beſcheiden hatte ſich Chriſtine zuruͤckgezogen, nachdem ſie die Maͤnner bedient und mit allem Noͤthigen verſehen hatte. S8 ‿ S 8 8 8 E ⅝ ½ S Z8 ZB 8 8 —η 8 — S8 η 8 8 S 8 g 8 — 8 Morgenimbiß gegenuͤber, allein in der Laube; Dreizehntes Kapitel. Euch werden,“ hob Knud ſeine Erzaͤhlung an,„die Begebenheiten jener fuͤr Daͤnemark ſo ungluͤcklichen Zeiten, wo der ſogenannte Gra⸗ fenkrieg wuͤthete, nicht unbekannt ſein. Koͤnig Chriſtian der Zweite, den die Schweden gern Chriſtiern nennen, hatte nicht nur Schweden, ſondern auch die daͤniſche und norwegiſche Krone durch ſeine Grauſamkeit und ſein ſchlechtes Re⸗ giment eingebuͤßt. Unter Guſtav Waſa, der ſeitdem ein großer, guter und maͤchtiger Koͤnig geworden iſt, empoͤrten ſich zuerſt die Schweden gegen Chriſtiern, der durch das Stockholmer Blutbad gerechten Haß auf ſich geladen hatte; 4 36 ſpaͤterhin kuͤndigten ihm auch die andern Reiche, in Folge ſeines ſchlechten und grauſamen Re⸗ giments, den Gehorſam auf und er mußte lan⸗ desfluͤchtig werden. Statt ſeiner erwaͤhlten die beiden nordiſchen Reiche, Daͤnemark und Nor⸗ wegen, Herzog Friedrich von Holſtein, ſeinen Vetter, zu ihrem Beherrſcher, der aber, da es vorzuͤglich der Adel und die Ritterſchaft war, welche ihm die Krone zuwendeten, Bedingungen unterſchreiben mußte, die dieſen beiden bevor⸗ rechteten Staͤnden die allergroͤßeſten Freiheiten zuſicherten, Freiheiten, die ſich mit dem Wohle des gemeinen Mannes nicht vertrugen. —„Aus eben dieſem Grunde behielt der vertriebene Koͤnig Chriſtiern, trotz ſeiner Grau⸗ ſamkeit und ſeines ſchlechten Regiments, noch immer viele Anhaͤnger unter dem Buͤrger⸗ und Bauernſtande, und haͤtte er es recht anzufangen gewußt, ſo wuͤrde er ſein Reich wohl wieder haben erobern können, zumal da der roͤmiſche Kaiſer ſein Schwaͤher war und er an dieſem 6 4 eine maͤchtige Stuͤtze hatte. Allein war es aus eigner Unklugheit oder weil er Verraͤthern ſein Ohr lieh, ſtatt kraͤftig auftretend, mit gewaffneter Hand ſein Reich wieder zu erobern zu ſuchen, ließ er ſich nach einigen mißgluͤckten Verſuchen, Koͤnig Friedrich wieder zu vertreiben, auf Unter⸗ handlungen mit den daͤniſchen Großen ein, und erbat ſich ſicheres Geleit von ihnen, nachdem er den gemeinen Mann durch zugeſchickte Briefe fuͤr ſich zugewinnen geſucht hatte, in denen er ihm große Privilegien und ein beſſeres Regiment fuͤr die Zukunft verhieß. Die Staͤnde ſchlugen ihm auf dieſen Antrag vor, mit Koͤnig Friedrich ſelbſt in Unterhandlung zu treten, und als dies geſchehen und er unter einem ſichern Geleitsbriefe, den ihm Knud Gyldenſtierne, Biſchof von Odenſee, ausgeſtellt hatte, nach Kopenhagen in gutem Glauben kam, erklaͤrte Koͤnig Friedrich, daß ſeinem Vetter, Koͤnig Chriſtiern, beſagter Geleitsbrief wider ſeinen Willen und ausdruͤck⸗ lichen Befehl ausgeſtellt worden ſei, ließ den 38 Vertriebenen feſtnehmen und ſetzte ihn auf das Schloß zu Sonderburg als Gefangenen.“ —„Obgleich nun einige behaupten wollen, daß Koͤnig Friedrich wirklich dem Knud Gylden⸗ ſtierne habe verbieten laſſen, jenen Geleitsbrief auszuſtellen; ſo erregte die Gefangennahme Chri⸗ ſtierns doch großes Mißvergnuͤgen, namentlich unter dem gemeinen Manne, der Friedrichen ſchon wegen der dem Adel verliehenen großen Vorrechte abgeneigt war. Eine zahlreiche Partei bildete ſich im Reiche, welche, wenn auch nicht den abgeſetzten Koͤnig ſelbſt, doch den Sohn deſ⸗ ſelben, den Prinzen Johann, auf den Thron ſetzen wollte; allein dieſer junge Prinz ſtarb in einem zarten Alter zu Regensburg, und Friedrich der Erſte regierte fortan ziemlich ruhig in beiden vereinten Reichen. —„Nach ſeinem Tode aber, als es darauf ankam, einen Nachfolger fuͤr ihn zu erwaͤhlen, regten die Luͤbecker, welche ſich durch die Nieder⸗ laͤnder in ihrem Oſtſee⸗Handel beeintraͤchtigt „ glaubten, und vergebens an Daͤnemark das Verlangen geſtellt hatten, dieſen den Sund zu verſchließen, einen furchtbaren Krieg um die Erb⸗ folge in Daͤnemark auf. Die naͤchſten Anſpruͤche auf den Thron hatte Koͤnig Friedrichs Erſtge⸗ borener, Herzog Chriſtian von Holſtein; allein die Luͤbecker wußten es durch ihren Einfluß da⸗ hin zu bringen, daß das Reich ein ganzes Jahr ohne Koͤnig blieb; zu gleicher Zeit ruͤſteten ſie ſich zum Kriege wider Daͤnemark, und zwar unter dem Vorgeben, den vertriebenen und ge⸗ fangengehaltenen Chriſtiern wieder auf den Thron bringen zu wollen. —„In Luͤbeck fuͤhrten zu jener Zeit zwei an Geiſt und Kraft außerordentliche Maͤnner faſt ausſchließlich das Regiment, und was ſie woll⸗ ten geſchah unbedingt. Der eine war Markus Mejer, ſeiner Profeſſion nach ein Schmidt, der, nachdem er dieſes Handwerk eine Zeitlang in Hamburg betrieben, es niederlegte und in den Krieg ging. Er zeichnete ſich in ſeinem neuen 40 Stande bald ſo aus, daß, als die Luͤbecker ſechs⸗ hundert Mann Huͤlfstruppen nach Ungarn wider die Tuͤrken ſenden wollten, er zum Anfuͤhrer derſelben ernannt wurde. Als aber dieſe Sen⸗ dung unterblieb, diente er König Friedrich dem Erſten bei der Belagerung von Kopenhagen, ließ ſich dann haͤuslich in Luͤbeck nieder, heirathete die Witwe eines Buͤrgermeiſters und errang end⸗ lich ſelbſt dieſe Wuͤrde. Die Geſchichte hat nur wenige ſo gewaltige Maͤnner aufzuweiſen, wie es Markus Mejer war, ſowohl was die Geiſtes⸗ als die Koͤrperkraͤfte anbetrifft. Er war der Freund und Waffengenoſſe meines Vaters, und unter ihm erlernte auch ich das Kriegshand⸗ werk.“ —„Mit Markus Mejer theilte zu jener Zeit ein anderer großer und kuͤhner Mann das Regiment in Luͤbeck; ſein Name war Juͤrgen Wollen⸗ weber. Auch er hatte ſich zu der Wuͤrde eines Buͤrgermeiſters in dieſer Stadt emporgeſchwungen, und wenn Markus Mejer ſeine Mitbuͤrger durch 41 die Staͤrke ſeines Armes und ſeinen kriegeriſchen Ruhm in Gehorſam hielt; ſo that Juͤrgen Wollen⸗ weber dies durch die Macht ſeiner außerordent⸗ lichen Beredtſamkeit, in der wohl kaum ein Mann ſeiner Zeit ihm gleich kam. —„Dieſe beiden gewaltigen und außeror⸗ dentlichen Maͤnner waren Freunde, ſtrebten nach einem Ziele und hatten es ſich gelobt, den ver⸗ triebenen und gefangengehaltenen Koͤnig Chri⸗ ſtiern wieder auf den Thron zu ſetzen, weil ſie von ihm die Vorrechte wieder zu erlangen hoff⸗ ten, die Luͤbeck fuͤr ſeinen Handel in Anſpruch nahm. Sie wußten nicht nur ein ganzes Jahr zu verhindern, daß Koͤnig Friedrichs Erſtgeborner Herzog Chriſtian, zum Koͤnige in Schweden und Norwegen erwaͤhlt wurde, ſondern ſie brachten auch eine anſehnliche Kriegsmacht zuſammen und ſuchten ſogar in Schweden Aufruhr zu ſtiften. —„Da ſie gern einen angeſehenen Mann, der zugleich im Stande waͤre, Einfluß in Daͤne⸗ mark zu gewinnen, an ihrer Spitze haben woll⸗ 42 ten, erließen ſie ein Schreiben an den Grafen Chriſtoph von Oldenburg, der zu jener Zeit Kanonikus in Köln und ein armer Herr, aber erfahrener Krieger war, und luden dieſen ein, den Oberbefehl uͤber das gegen Daͤnemark beſtimmte Heer zu uͤbernehmen. Graf Chriſtoph, der Nichts zu verlieren hatte, und, wenn die Sachen gut gingen, Viel gewinnen konnte, ſtand nicht an, ihrer Aufforderung Folge zu leiſten, und ſo begann jener furchtbare Krieg, den man nach dem Grafen Chriſtoph, den Grafenkrieg nennt. —„Alles was geſchah, wurde im Namen des gefangenen Chriſtierns gethan, und da dieſer noch immer viele Anhaͤnger im Reiche hatte, theils weil ſein Ungluͤck und ſeine Gefangenſchaft das Mitleid der Gutgeſinnten fuͤr ihn aufregte; theils, weil der gemeine Mann Schutz von ihm gegen die Bedruͤckungen des Adels erwartete, konnte es den beiden Luͤbeckſchen Buͤrgermeiſtern und dem Grafen Chriſtoph an Erfolgen nicht fehlen, zumal da ſich auch andere Staͤdte dem 4³ Bunde wider Koͤnig Chriſtian den Dritten — denn der Herzog von Holſtein war indeß von den Staͤnden zum Koͤnige erwaͤhlt worden — anſchloſſen. —„Das Gluͤck der Waffen ſchwankte bald hierhin, bald dorthin; was auf der einen Stelle verloren wurde, gewann man an einem andern Orte wieder. Zur See aber waren die Ver⸗ buͤndeten lange faſt ausſchließlich die Meiſter, und hier war es, wo mein Vater, der unter dem Namen des Kapitains Klement ſich bekannt genug gemacht hat, eine ſo große Rolle ſpielte..... —„Wie,“ unterbrach Tycho den Erzaͤhler mit Erſtaunen,„jener beruͤhmte Seeheld, von deſſen Thaten noch viele Lieder melden, war Euer Vater?“ —„Er war es,“ verſetzte Knud,„und ich denke, daß ich mich meiner Abkunft nicht zu ſchaͤmen habe. Nie hat wohl die See einen kuͤhnern und gewaltigern Mann geſehen, als ihn, nie einen 4 unerſchrockenern. Auch wußten Markus Mejer und Juͤrgen Wollenweber ihn ſeinem vollen Werthe nach zu ſchaͤtzen und vertrauten ſeinem Muthe und ſeiner Erfahrung die wichtigſten und zugleich gefaͤhrlichſten Unternehmungen an. —„Nicht niedrer Eigennutz war es, der meinen Vater trieb, ſein Schwert fuͤr die Sache des gefangenen Koͤnigs zu erheben, ſondern die Dankbarkeit, denn dieſer hatte ihn, ſo wie ſeinen Freund und Waffengenoſſen, den Klaus Knip⸗ hof, welcher von den Hamburgern gefangen ge⸗ nommen und hingerichtet wurde, mit Wohl⸗ thaten uͤberſchuͤttet. Mein Vater war von ihm zum erſten Schiffer des Reiches ernannt worden, was damals eine große Auszeichnung war. Man nannte ihn daher auch oft den Schiffer Klement, und ſein Name war ſo bekannt, daß jedes Kind von ihm zu erzaͤhlen wußte. —„Zu der Dankbarkeit, die mein Vater ſeinem Koͤnige und Wohlthaͤter zollte, geſellte ſich wohl auch das Mitleid; denn was Koͤnig 4⁵ Chriſtiern auch verbrochen haben mochte, ſo war ſein Loos doch jetzt ſo traurig, daß ihn ſelbſt Die bemitleiden mußten, welche ihn zuvor zu haſſen das Recht gehabt hatten. Zu ſeinen Gunſten ſprach auch noch der Umſtand, daß er unter ſicherem Geleite— wenigſtens waͤhnte er dies— zu ſeinem Vetter und Gegner nach Kopenhagen gekommen, trotz dem, wider alles Voͤlker⸗ und Menſchenrecht, gefangen genommen worden war. Wenn man dieſes Alles zuſam⸗ men faßt, wird man begreifen, daß es ihm, trotz ſeiner fruͤhern Vergehungen, nicht an Anhaͤngern fehlen konnte, und mein Vater war einer der eifrigſten derſelben. —„Das Gluͤck der Waffen war dem Grafen Chriſtoph von Oldenburg und den mit ihn ver⸗ buͤndeten Luͤbeckern ſo hold, daß bald nichts mehr zu erobern uͤbrig blieb, als Juͤtland. Graf Chriſtoph beſchloß daher, auch auf dieſe Provinz einen Verſuch zu machen, und beauftragte mei⸗ nen Vater, in den er auch ein großes Vertrauen 46 ſetzte, mit zwei Schiffen nach Juͤtland zu gehen, dort mit einigen ihm beigegebenen Truppen zu landen und die Juͤten zum Gehorſam gegen ihren rechtmaͤßigen Koͤnig zuruͤck zu bringen. —„Mein Vater drang bis Aalborg vor, bemaͤchtigte ſich mit ſeinem kleinen Haͤuflein der Stadt und zwang bald darauf Herrn Peter Lykken, dem man das feſte Schloß anvertraut hatte, auch dieſes zu uͤbergeben. Im Beſitze die⸗ ſes feſten Punktes, durchzog er als Sieger ganz Venſyſſel und ließ dem gefangenen Koͤnige uͤber⸗ all huldigen, indem er zugleich den Bauern im Namen deſſelben große Vortheile und Erleichter⸗ ungen verſprach, was die beabſichtigte Wirkung nicht verfehlte. Denn als Herr Holger Roſen⸗ kranz und Erich Banner, angeſehene und reiche Edelleute, ein Heer gegen meinen Vater zuſammenbrachten, der ihnen damals an Streit⸗ kraͤften lange nicht gleich war, verſammelten ſich ſechstauſend Bauern aus Venſyſſel um den letz⸗ tern und gingen unter ſeiner Anfuͤhrung den Adli⸗ 4⁷ chen muthig entgegen. Der Kampf war bald entſchieden, da dieſe ſo unvorſichtig geweſen wa⸗ ren, ſich in einige ſumpfige, vom Regen aufge⸗ weichte Ackerfelder zu wagen, wo ihre Roſſe ſtecken blieben. Als dies die Bauern ſahen, gingen ſie auf ſie los und machten Alles nieder, was ſie nur erreichen konnten. —„Mein Vater benutzte dieſen Sieg und wußte auch die Bauern in andern juͤtſchen Stif⸗ ten auf die Seite des gefangnen Koͤnigs zu zie⸗ hen, worauf er beſchloß, auch Randers anzu⸗ greifen. Da ſich aber die Adlichen hier verſchanzt hatten und es ihm an Geſchuͤtz zum Angriffe fehlte, mußte er dieſen Plan aufgeben und ſich nach Aalborg zuruͤckziehen, das er noch immer behauptete. —„Indeß hatten die Luͤbecker, welche ſich von den Holſteinern in ihrer eigenen Stadt hart bedraͤngt ſahen, mit dem Koͤnige Chriſtian dem Dritten, als Herzog von Holſtein, Friede geſchloſſen, waͤhrend ſie ihn in Daͤnemark, 48 als erwaͤhlten Koͤnig dieſes Landes, noch immer bekaͤmpften. Dadurch gewann der neue Koͤnig aber bedeutend, denn jetzt konnte er ſeine ganze Macht gegen den Grafen Chriſtoph und die Anhaͤnger des gefangenen Koͤnigs richten. —„Der neue Koͤnig landete bald darauf in Juͤtland und ſein großer Feldherr, Johann Ranzow, belagerte ſofort Aalborg, in dem mein Vater ſich verſchanzt hatte. Nach einer tapfern Vertheidigung fielen Stadt und Feſtung am achzehnten des Chriſtmonds in die Haͤnde der Angreifenden. Furchtbar war das Blutbad, das jetzt angerichtet wurde. Alles was man, außer Weibern und Kindern, in der Stadt fand, wurde niedergehauen, und allein an zweitauſend Bauern aus Venſyſſel verloren das Leben dabei. —„Als mein Vater ſah, daß kein Wider⸗ ſtand mehr moͤglich ſei, ſchwang er ſich auf ſein Pferd und ſuchte ſich zu retten; allein er wurde von einem verraͤtheriſchen Bauer, der ſein eig⸗ nes Leben dadurch erkaufen wollte, daß er das 49 ſeines ehemaligen Anfuͤhrers preis gab, erkannt, gefangen genommen und dem Grafen Johann von Ranzow ausgeliefert, der ihn in Ketten legen und dann hinrichten ließ. Es finden ſich immer Leute, die des gefangenen und getoͤdteten Loͤwen zu ſpotten ſich nicht entbloͤden, und ſo ſetzte man auch dem abgeſchlagenen Haupte mei⸗ nes Vaters eine Krone von Blei auf und trieb noch andern heilloſen Hohn mit der Leiche des gefallenen Helden, vor dem man, ſo lange er lebte, ſo große Furcht gehabt hatte.“ Hier ſchwieg Knud einige Augenblicke und ſchien ſich in ein trübes Nachdenken zu verſenken, aus dem ſein Zuhoͤrer, ſeine Gefuͤhle ehrend, ihn nicht aufwecken mochte. Nach einer Pauſe von einigen Minuten fuhr er fort: —„Ich befand mich, waͤhrend ſich dieſes Alles zutrug, auf offener See; denn da ich bereits einige Proben meines Muthes abgelegt, hatte der Freund meines Vaters, Markus Mejer, mich fuͤr tuͤchtig gehalten, ſelbſt ein Schiff zu befehli⸗ II. 3 50 gen, und ſo war mir ein Luͤbeckiſches anvertraut worden, auf dem ich Ordre erhielt, Herrn Pe⸗ ter von Geldern, der ein natuͤrlicher Sohn des Herzogs von Geldern und ein tapferer Degen war, abzuholen. Meine Fahrt war in ſofern gluͤcklich, daß ich, nachdem ich einige Stuͤrme beſtanden hatte, den Zweck derſelben erreichte und mit meinem tapfern Begleiter in die Oſtſee ein⸗ lief. Hier auf dem Meere, auf dieſer Fahrt war es, wo ich die Erſcheinung hatte, von welcher ich Euch ſchon erzaͤhlt zu haben glaube. Die Geſtalt meines theuern Vaters, den ich uͤber Alles liebte und verehrte, erſchien mir naͤmlich in der Nacht in ſeinem mit Blut bedeckten Leichentuche und ermahnte mich, meine Fahrt nicht fortzuſetzen, ſondern vielmehr umzukehren, weil ich ſonſt in die groͤßeſte Gefahr gerathen wuͤrde. Zugleich ſprach ſie die merkwuͤrdigen Worte zu mir: „„Nicht nur ich bin verloren und weile ſchon nicht mehr unter den Lebendigen, denn zu Kol⸗ ding iſt mein Leib auf's Rad geflochten, und — —— 51 mit meinem einſt ſo gefuͤrchteten Haupte treiben jetzt feige Buben ihren Spott; ſondern auch die Sache iſt es, fuͤr die ich Leib und Leben aufs Spiel ſetzte, und in Kurzem wird Der uͤberall Sieger ſein, den ich und die Meinen ſeither mit ſo großem Erfolge bekaͤmpft haben. Drum kehre um, mein Sohn, gehe nicht nach Aalborg ,wohin Du auf mein fruͤheres Geheiß jetzt ſteuerſt, und ſpare Dich fuͤr eine beſſere Zeit, fuͤr eine andere Sache auf.““ —„Ich wußte im erſten Augenblicke nicht, ob ich traͤumte oder wachte; dann aber uͤberre⸗ dete ich mich, daß nur ein boͤſer Traum mich geneckt habe; denn ich gehoͤrte zu jener Zeit zu den ſogenannten Aufgeklaͤrten und wuͤrde mich geſchaͤmt haben, an Traͤume, Erſcheinungen und Vorherſagungen zu glauben. Ich ſchlug alſo dieſe Warnung in den Wind und ſttzte getroſt meine Fahrt fort, lief auch, obgleich ich die Flagge meiner Parthei auf meinem Schiffe aufgepflanzt hatte, ungehindert in den Hafen ein. Man 3* 52 hatte dies geſchehen laſſen, weil man ſo ſicher* war, mich am gewiſſeſten zu fangen. Kaum hatten Peter von Geldern und ich aber das Land betreten, ſo wurden wir umringt und in das Gefaͤngniß geworfen; doch mit dem Unterſchiede, daß man ihn wie einen Kriegsgefangenen, mich wie einen todeswuͤrdigen Verbrecher behandelte. Sicher wuͤrde man auch mit mir, dem Sohne eines ſo gehaßten und gefuͤrchteten Mannes, einen kurzen Proceß geſpielt und mich meinem Vater in die Ewigkeit nachgeſandt haben, wenn meine Jugend und mein Ungluͤck nicht ein menſchliches Herz geruͤhrt haͤtten. —„Die Tochter meines Kerkermeiſters, ein gutes, ſchoͤnes und mitleidiges Kind, ſchenkte mir bald ihre Neigung, und ſetzte ihr eignes Leben auf's Spiel, um das meinige zu retten. Die Thuͤr meines Kerkers oͤffnete ſich in der Nacht, welche dem Tage vorherging, wo ich vor Gericht geſtellt und, aller Wahrſcheinlichkeit nach, zum Tode verurtheilt werden ſollte, und Chriſtine— —,— —— — 53 aus Dankbarkeit gegen ſie, habe ich meine Toch⸗ ter nach ihr benannt— trat zu mir ein. —„„Entflieh!““ ſagte ſie mit bebender Stimme zu mir;„„die Thuͤr Deines Kerkers ſteht offen; rette Dein junges Leben und denke zuweilen an Chriſtine, die Dir mit Gefahr des ihrigen ſie oͤffnete!““ —„Ich wollte ihr danken, wollte ſie, deren Liebe ich ahnete, mit mir zur Flucht bereden; allein ſie blieb ſtandhaft, denn ſie war eine gute, fromme Tochter und ihrer Eltern einziges Kind, weßhalb ſie fuͤrchten mußte, dieſe durch ihre Flucht auf den Tod zu betruͤben. So entfloh ich denn, von den heißeſten Wuͤnſchen meiner edlen Ret⸗ terin begleitet, allein, und da ich die Gegend wohl kannte, gelang es mir, indem ich mich am Tage in Waͤldern und Suͤmpfen verſteckte, nach dem noͤrdlichſten Theile von Juͤtland zu entkom⸗ men. Dort war ich ſicher, denn mein Vater hatte in der Gegend von Garbo noch manchen Freund und Anhaͤnger, auf deſſen Treue ich mich 54 verlaſſen konnte. Ich gab mich, von Hunger und Muͤdigkeit erſchoͤpft, endlich einem wackern Landmanne, der nebenbei die Fiſcherei betrieb, zu erkennen, und er nahm mich wie einen geliebten Sohn auf. Um allen Verdacht von mir zu ent⸗ fernen, trat ich als Knecht in ſeine Dienſte, und in dieſem Verhaͤltniſſe war es, wo ich alle die ſchweren Arbeiten erlernte, welche fuͤr den Stand des Landmannes und Fiſchers erforderlich ſind. —„Bald jedoch war ich auch hier nicht mehr ſicher; ein Verraͤther hatte mich geſehen und erkannt und ſich gleich auf den Weg gemacht, mich anzugeben. Ich mußte alſo meinen Zufluchts⸗ ort verlaſſen, mich wieder auf die Flucht begeben, und mich gluͤcklich ſchaͤtzen, Dienſte als Boots⸗ mann auf einem Schiffe zu finden, mit dem ich eine Zeitlang das Meer befuhr. Mein Patron war aber ein roher, ungerechter und harter Mann, und als es daher Friede im Reiche wurde, nahm ich meinen Abſchied und ging nach Seeland hin⸗ uͤber, in der Abſicht, andere Dienſte zu ſuchen. 5⁵ Indeß wollte es das Schickſal anders, und die Liebe ſpielte mir einen Streich. —„Ich lernte naͤmlich die Mutter meiner Chriſtine kennen, die ein uͤberaus ſchoͤnes Geſchoͤpf, die einzige Tochter eines nicht ganz unbeguͤterten Fiſchers war, und da ihre Schoͤnheit und Her⸗ zensguͤte mich maͤchtig anzogen, ſuchte ich bei ihrem Vater in Dienſt zu kommen, was mir auch gelang. Bald hatte der Alte, der ein bra⸗ ver Mann und mit mir ſehr zufrieden war, unſre gegenſeitige Neigung entdeckt, und gab mir meine geliebte Anna zum Weibe, worauf er ſich hin⸗ legte und ſtarb. —„Ich war im Beſitze meines Weibes in den erſten Jahren zu gluͤcklich, als daß ich noch an meinen früͤhern Stand haͤtte denken ſollen; auch war, wie mir die Erſcheinung meines Va⸗ ters in jener merkwuͤrdigen Nacht prophezeiht hatte, fuͤr die Sache, der ich freudig Blut und Leben geweiht haben wuͤrde, Alles verloren; denn feſt ſaß Koͤnig Chriſtian der Dritte auf ſeinem 56 Throne, auf dem er ſich durch ein Buͤndniß mit dem ſchwediſchen Guſtav noch mehr befeſtigt hatte, und Koͤnig Chriſtiern ſchmachtete, jetzt von Allen verlaſſen, in ſeinem Gefaͤngniſſe.“ —„SIch blieb alſo mit meinem Weibe, das mir nach einigen Jahren eine Tochter gebar, ruhig auf dem kleinen freien, ererbten Hofe und ſetzte das Geſchaͤft meines Schwiegervaters fort. Kurz aber nur ſollte mein Gluͤck ſein, denn der Tod entriß mir meine Anna in der Bluͤthe ihres Lebens und unſres Liebesgluͤckes. Nichts blieb mir uͤbrig, als mein Kind; auf das ſich jetzt meine ganze Zaͤrtlichkeit richtete. Das Chriſtine dieſe belohnt, habt Ihr geſehen, Herr Junker,“ ſchloß Knud ſeine Erzaͤhlung;„ſie iſt mir die beſte, liebevollſte Tochter, und wird ſicher die treue Pflegerin meines Alters werden, wenn Gott mir ein langes Leben ſchenken ſollte. —„Noch einmal traͤumte mein unruhiger, nach Thaten duͤrſtender Geiſt davon,“ fuhr Knud nach einer Pauſe fort,„wieder Ehren und Wuͤr⸗ 1 * —— 52 den erlangen und meine fruͤhere Stellung in der Welt wieder einnehmen zu koͤnnen, und ſo begab ich mich auf die Kriegsflotte, wo ich mich durch kühne Thaten auszuzeichnen und dadurch Be⸗ gnadigung von dem jetzigen Koͤnige zu erlangen hoffte; denn er iſt ein guter und großer Fuͤrſt, und ich diente ihm redlich und mit Freuden. Eine ſchwediſche Kugel hat alle dieſe Hoffnungen zu Schanden gemacht; ich kann dem Vaterlande nichts mehr ſein und bin jetzt feſt entſchloſſen, den Reſt meiner Tage ruhig und in dem niedern Stande zu verleben, in den ein unverdientes Ge⸗ ſchick mich verſetzt hat. Wenn man am Ende ſeines Lebens die Rechnung macht, ſo wird, denke ich, es auf Eins herauskommen, ob man ein Held und vornehmer Mann, ob ein einfacher Bauer war, der den Boden, welcher uns Alle ernaͤhrt, im Schweiße ſeines Angeſichts bebaute. Nur dahin, mein junger Freund, hat man zu ſtreben, daß man vor Gott und vor ſich ſelbſt beſtehen, dereinſt ohne Zittern vor den Thron 58 des Ewigen treten und Rechenſchaft uͤber ſein Thun und Wollen ablegen kann.“ Tycho, dem ſeine Erzaͤhlung eine große Theil⸗ nahme eingefloͤßt hatte, druͤckte ihm die Hand, und Beide traten jetzt den Ruͤckweg nach der Huͤtte Knud's an. Sie trafen Chriſtine mit ihrer Arbeit unter den hohen Buchen, welche ihre Wohnung beſchatteten, denn die Sonne war indeß hoch emporgeſtiegen und ſie ſuchte Kuͤh⸗ lung unter dem gruͤnen, duftigen Laubdache der herrlichen Baͤume. Als ſie Tycho an der Seite ihres Vaters erblickte, ſtand ſie auf und trat ihm mit einem ſanften Erroͤthen, das ſie uͤberaus verſchoͤnerte, einige Schritte entgegen. Er ſetzte ſich zutraulich zu ihr und ſie plauderten wie zwei gute, un⸗ ſchuldige Kinder mit einander, waͤhrend Knud in ihrer Naͤhe, ſich ein Liedchen pfeifend, ſeine Netze aufhing, damit ſie im hellen Sonnenſcheine trockneten. Es war Tycho'n unbeſchreiblich wohl in 59 Chriſtinens Naͤhe. Ein ſuͤßer Friede war uͤber ſein Herz gekommen, in dem der Sturm der Leidenſchaft, der es noch in der vorhergehenden Nacht ſo heftig bewegt hatte, gaͤnzlich beſchwich⸗ tigt war. Das einfache Geſpraͤch der Jungfrau, das ſich nur um gewoͤhnliche Dinge drehte, ge⸗ waͤhrte ſeinem unruhigen, ſtets auf das Forſchen gerichteten Geiſte eine angenehme Erholung, und nicht nur Chriſtinen und ihrem Vater, ſondern auch ſich ſelbſt gelobte er, ſeinen Beſuch bald wiederholen zu wollen. Vierzehntes Kapitel. Als er wieder auf dem Schloſſe ſeiner Schweſter anlangte, traf er Liuva nicht dort; Sophie ſagte ihm auf ſein Befragen, daß ſie in Begleitung ihres Vetters ſchon am fruͤhen Morgen einen Spazierritt angetreten habe, und noch nicht zu⸗ ruͤck gekehrt ſei. Eine lebhafte Unruhe erfuͤllte ihn bei dieſer Nachricht und er fuͤhlte ſich nicht wenig dadurch gekraͤnkt, daß Liuva, nachdem was in der vor⸗ hergehenden Nacht zwiſchen ihnen vorgefallen war, ſich ihren Vetter zum Begleiter hatte erwählen koͤnnen, da es ihr doch nicht unbekannt geblieben ſein konnte, daß er Tage Krabbe mit eiferſuͤch⸗ —— 61 tigen Augen betrachte; denn nur zu oft hatte er ſein Herz in dieſer Hinſicht vor ihr ver⸗ rathen.— Einige Stunden nach ſeiner Ruͤckkehr trat ſie mit Tage auf Totthof ein; ſie ſchien verſtimmt zu ſein und wuͤrdigte ihn nur eines fluͤchtigen Grußes, worauf ſie ſich auf ihr Gemach begab. Tycho wußte ſich dieſe Erſcheinung nicht zu erklaͤren und ſuchte in ſeiner Unruhe Gelegenheit, mit Tage Krabbe, ſo widerwaͤrtig ihm dieſer Menſch auch ſonſt war, allein zu ſprechen, um von ihm zu erfahren, was Liuva, die, wie So⸗ phie ihm erzaͤhlt hatte, ſehr heiter weggeritten war, ploͤtzlich ſo verſtimmt haben koͤnne. Tage Krabbe, der ſelbſt vor Begierde brannte, ſeine Neuigkeiten an den Mann zu bringen und den verhaßten Nebenbuhler— denn als ſolchen betrachtete er Tycho bereits— zu quaͤlen und zu necken, kam ihm auf halbem Wege entgegen und ſobald ſie ſich allein befanden, ſagte er zu ihm: —„Es iſt mir von jeher geſagt worden, daß die groͤßeſten Moralprediger auch zugleich die groͤßten Suͤnder ſeien, und Ihr, Herr Jun⸗ ker Brahe, beſtaͤtigt die Wahrheit dieſer Behaup⸗ tung auf eine ſchlagende Weiſe. Noch jetzt muß ich uͤber mich ſelbſt und meinen Kinderglauben Euch gegenuͤber lachen, und wie klein ich mich vor Euch und Euren Sittenpredigten fuͤhle; wahrlich, Ihr ſeid ein großer Heuchler!“ —„Ich verſtehe Euch nicht!“ verſetzte Tycho, nicht wenig erſtaunt uͤber dieſe ſeltſame Anrede und die unverdiente Beſchuldigung, die der Geck ſich gegen ihn auszuſprechen erlaubte. —„Nehmt nur immerhin die Maske ab, Junker Brahe,“ fuhr Tage Krabbe in dem vori⸗ gen Tone fort;„ich kenne Euch doch, und mich taͤuſcht Ihr nicht mehr. Man iſt hinter alle Eure Schliche gekommen, und weiß recht gut, daß Euch nicht die Liebe zu Eurer Schweſter, ſondern eine ganz andere auf dieſes einſam gelegene Schloß gefuͤhrt hat. Aber das muß ich Euch 63 zum Ruhme nachſagen, daß Ihr Eure Sache ſchlau anzufangen und vor der Welt den Schein zu bewahren verſteht, wie kein Anderer, und waͤre der Zufall mir nicht zu Huͤlfe gekommen, ſo hielte ich Euch zur Stunde noch fuͤr einen Heiligen und ſchaͤmte mich meiner wuͤſteren Sitten vor Euch.“ 1 —„Ihr werdet beleidigend, Junker Krabbe,“ ſagte Tycho, dem der Zorn zu uͤbermannen drohte.„Ich kann Euch ſchwoͤren, daß ich Euch ſelbſt jetzt noch nicht verſtehe, daß ich mich durch⸗ aus frei von Schuld fuͤhle, und Euch ſo erſuchen muß, Euch deutlicher gegen mich zu erklaͤren, damit ich meine Ehre gegen Eure beleidigenden Vermuthungen und Vorausſetzungen vertheidigen kann; denn dies zu koͤnnen, hoffe ich zu Gott.“ —„Nun, ſo ſagt mir, vor allen Dingen, Herr Junker, wo habt Ihr dieſen Morgen zu⸗ gebracht?“ fragte ihn Tage mit unverhehltem Spotte. 64 Tycho erroͤthete und blieb in ſeiner Verwir⸗ rung uͤber dieſe unerwartete Frage einige Augen⸗ blicke die Antwort ſchuldig. —„Ihr ſchweigt erroͤthend,“ nahm Tage wieder das Wort;„dieß iſt mehr als ein halbes Eingeſtaͤndniß.“ —„Nein,“ ſagte Tycho, das Haupt ſtolz emporhebend,„ich habe weder Euch, noch ſonſt Jemanden ein Geſtaͤndniß abzulegen, das nicht ehrenvoll fuͤr mich und meine Sitten waͤre. Wie koͤnnte es nur entfernt ein nachtheiliges Licht auf mich werfen, daß ich einige Stunden mit einem Manne zubrachte, den ich, trotz ſeines niedern Standes, achte und ehre?“ —„Dieſer ehrenwerthe Mann— ein Fiſcher und Landbauer, wenn ich nicht irre,“— ver⸗ ſetzte Krabbe giftig, indem er den Blick feſt auf Tycho heftete,„hat aber eine ſchoͤne, ja, eine ſehr ſchoͤne Tochter, und dieſe Tochter iſt eben die Dirne, welche Ihr— verſteht ſich, aus lauter Tugend, Großmuth und Sittlichkeit— der — 6⁵ Luͤſternheit Parsbergs ſo geſchickt zu entziehen und bisher ſo gut zu verbergen wußtet. Geſteht, daß Ihr mit mir am Rande ſeid, Junker Brahe, und daß Ihr mit darunter verſtanden waret, als der Koͤnig ſein Mandat wider die Sitten⸗ und Zuchtloſigkeit des jungen Adels erließ.“ —„Uunwuͤrdiger Verdacht!“ rief Tycho, deſſen Blut mit ungewohnter Heftigkeit durch die Adern brauſ'te.„Ich kann bei meiner Ant⸗ wartſchaft auf die ewige Seligkeit ſchwören, daß kein unheiliger Gedanke beim Anblick jenes rei⸗ zenden Maͤdchens in meine Seele gekommen iſt, und daß, wenn ich ſie vor den Zudringlichkeiten Manderups zu beſchuͤtzen ſuchte, dies einzig aus dem Grunde geſchah, ihre engelgleiche Unſchuld und Seelenreinheit vor dem giftigen Anhauche 1 ſters zu bewahren. Mehr noch, ich kann ſchworen, daß mein heutiges Zuſammentreffen mit Chriſtinen durchaus zufaͤllig und ein erſtes Wiederſehen war, obgleich ich durch meine Schweſter, deren Schutze ich ſie anvertraut hatte, 66 wußte, daß ſie ſich hier in der Naͤhe mit ihrem Vater aufhielt.—“ —„Muß ich Euch das Alles ſo aufs Wort hin glauben?“ fragte Tage ironiſch und mit ei⸗ nem haͤßlichen Laͤcheln. —„Ihr muͤßt es, ſofern Ihr nicht ſelbſt in meinen Augen fuͤr einen Luͤgner und Meineidigen gelten wollt,“ verſetzte Tycho.„Aber jetzt, ich bitte Euch,“ fuͤgte er, ſich faſſend und den Zorn ſeines Innern mit Gewalt bekaͤmpfend, hinzu, „jetzt erzaͤhlt mir, wie Ihr an dieſem Morgen zu Euren wichtigen Entdeckungen gelangt ſeid?“ —„Darauf will ich Euch dienen,“ erwiederte ihm Tage;„die Geſchichte haͤngt ganz einfach ſo zuſammen: Meine ſchoͤne Muhme bezeigte an dieſem Morgen, durch den herrlichen Tag ange⸗ lockt, den Wunſch, einen Spazierritt zu machen. Sie wuͤnſchte dazu nicht nur meine, ſondern auch Eure und Frau Sophiens Begleitung; aber von Euch hieß es, daß Ihr bereits vor Tages⸗ —ʒ 6* anbruch das Schloß verlaſſen haͤttet, und Eure Schweſter fuͤhlte ſich noch immer nicht ganz wieder hergeſtellt; ſo traten wir Beide den Spazierritt allein an. Da es ſehr warm zu werden begann, ritten wir, der Kuͤhlung wegen, die von der See heruͤberkommt, am Strande hin, und erblickten, als wir wieder zuruͤckkehrten in einer ziemlichen Entfernung von uns einen jungen Mann von Eurem Wuchſe und Eurer Kleidung, der in Begleitung eines andern Mannes von hoher Statur und einer weiblichen Perſon um einen Huͤgel herum kam, und dort von ſeinen beiden Begleitern, einen, wie es ſchien, herzlichen Abſchied nahm. —„Das iſt Tycho!“ rief meine Muhme, deren Falkenblick Euch ſogleich erkannt hatte. Ich beſtritt es, denn ich glaubte, daß der von uns Geſehene von groͤßerer Statur ſei, als Ihr ſeid. Es kam zu einem kleinen Streite, und wir beſchloſſen, dieſen dadurch ein Ende zu machen, daß wir bei den Leuten, welche um den 68 Huͤgel gebogen und wieder zuruͤckgekehrt waren, nachdem ſie Euch verlaſſen hatten, nachfragten, ob Ihr es geweſen waͤret, oder nicht.“ —„Geſagt, gethan! Wir ritten etwas ſchaͤr⸗ fer zu und ſahen ſo die beiden Perſonen, welche nur ſehr langſam geſchlendert ſein mußten, noch in ihre Huͤtte treten, die am jenſeitigen Fuße des Huͤgels lag... —„Ihr haͤttet auf eine weit leichtere Art Eurer Ungewißheit ein Ende machen koͤnnen,“ wandte Tycho ein,„indem Ihr mir nachgeritten waͤret, den Ihr leicht eingeholt haben wuͤrdet, da ich zu Fuße war.“ —„Gewiß,“ verſetzte Krabbe;„allein ſo⸗ wohl meine Muhme, als ich, waren neugierig, die Perſonen kennen zu lernen, mit denen Ihr, wie es den Anſchein hatte, in einem ſo vertrau⸗ lichen Verkehr ſtaͤndet, ohne daß wir etwas da⸗ von wußten, und ſo ritten wir auf das Fiſcher⸗ haͤuschen zu, ſtiegen am Eingange deſſelben ab, 69 banden unſere Roſſe an einen Baum und traten mit hoͤflichem Gruße in das Haus.“ —„Ein Maͤdchen, ſchoͤn wie der Tag, zier⸗ lich wie eine Nimphe, ſchlank wie eine Tanne, trat uns entgegen und ſah den unerwarteten Beſuch nicht ohne lebhafte Verwunderung, die ſich deutlich in ſeinen Blicken abſpiegelte, eintre⸗ ten; dann aber, als es einen Blick auf meine ſchoͤne Begleiterin geworfen hatte, erroͤthete es lebhaft und ſenkte das Auge zu Boden. —„Wir glaubten Junker Brahe noch hier zu treffen,“ nahm ich das Wort, um ihrer Ver⸗ legenheit ein Ende zu machen. —„Ihr kommt zu ſpaͤt; er iſt bereits weg⸗ gegangen,“ verſetzte das Maͤdchen, das noch immer das Auge zu Boden geſenkt hatte,„doch werdet Ihr ihn zu Roſſe leicht einholen koͤnnen, da er zu Fuße iſt, fuͤgte ſie hinzu. —„„Chriſtine!““ rief jetzt eine maͤnnliche Stimme vom Boden des Hauſes herunter, „„Chriſtine, mit wem redeſt denn Du?““ —„Mit zweien Fremden, die nach Junker Brahen fragen,“ antwortete das ſchoͤne Kind, indem es an die zum Boden hinauf fuͤhrende Leiter trat. —„Der Name Chriſtine fiel mir auf. Ich wußte, daß die Dirne, der Manderup Parsberg auf Seeland nachgeſtellt, und die ihm auf eine ſo unbegreifliche Weiſe entfuͤhrt worden war, den⸗ ſelben Namen fuͤhrte, und glaubte jetzt auf der rechten Faͤhrte zu ſein. Daher bat ich fuͤr mich und meine Begleiterin um Erlaubniß, einige Augenblicke unter dem Schatten der Buchen aus⸗ ruhen zu duͤrfen, die vor dem Hauſe ſtanden, und zugleich um einen Labetrunk. Beides wurde uns freundlich gewaͤhrt; allein das ſchoͤne Maͤd⸗ chen zeigte ſich nicht wieder, ſondern ſtatt ſeiner erſchien der Vater deſſelben, ein rieſenhafter Stelzfuß, der uns mit Freundlichkeit bediente. —„„Schade,““ ſagte er in einer gebildetern Sprache, als ich, nach ſeinem Anſehn auf ſeine Bildung ſchließend, von ihm erwartet hatte, * 21 „„Schade, daß Ihr nicht eine Viertelſtunde fruͤher kommt; unſer edler Gaſt wuͤrde ſich gewiß gefreut haben, in ſo guter und ſchoͤner Geſellſchaft den Ruͤckweg nach Totthof antreten zu koͤnnen.““ —„Junker Brahe iſt ein alter Bekannter von Euch?“ fragteich mit dem Tone der vollkommenſten Gleichguͤltigkeit. —„„Ich kenne den edlen Junker ſchon ſeit Jahren,““ war die Antwort. —„So muͤßt Ihr ihn ſchon in Kopenhagen gekannt haben? denn er iſt erſt ſeit Kurzem hier.“ —„„So that ich““ entgegnete er. —„Ihr waret Fiſcher und Landbeſitzer in Parsbergsdorf?“ fragte ich ihn ſcharf anſehend, was ihn in einige Verlegenheit zu ſetzen ſchien. —„Er zoͤgerte einige Augenblicke mit der Antwort, ſah mich mit mißtrauiſchen Blicken an, und ſagte dann:„„Ihr habt es getroffen; doch erklaͤrt mir guͤtigſt, Herr Junker, wie ich zu der Ehre komme, von Euch gekannt zu ſein? denn ich erinnere mich nicht, Euch je geſehen zu haben.““ 22 —„Mein Freund Brahe hat mir von Euch erzaͤhlt, von Euch und Eurer ſchoͤnen Tochter Chriſtine, der Manderup Parsberg, ein junger Wuͤſtling, der Sohn Eures Grundherrn, nach⸗ ſtellte.“. —„„So,““ verſetzte der Stelzfuß und ſah mich unglaͤubig an; dann verließ er uns, ohne ſich weiter in ein Geſpraͤch einlaſſen zu wollen.“ —„Meine Muhme), welche bisher das tiefſte Stillſchweigen beobachtet hatte und, wie es ſchien, in Gedanken verſunken dageſeſſen war, brach nach der Entfernung des Fiſchers ihr Schweigen und wollte von mir wiſſen.“..... —„und Ihr erzaͤhltet Eurer Muhme ein huͤbſches Maͤhrchen?“ unterbrach ihn Tycho zu⸗ gleich mit Unruhe und Bitterkeit. „Nun, ich ſagte ihr“..... ſtotterte Tage und hielt dann inne. —„Was ſagtet Ihr dem Fraͤulein? Ich muß, ich will es wiſſen!“ rief Tycho mit zorn⸗ flammenden Blicken.„Wehe Euch, wenn Ihr 73 mit dem, was Ihr Liuva uͤber mein Verhaͤltniß zu dieſen Leuten ſagtet, meiner Ehre auch nur entfernt zu nahe tratet!“ —„Ihr droht mir?“ verſetzte Tage, indem er die Hand an ſeinen Degen legte. —„Laßt ihn ſtecken, wenigſtens fuͤr jetzt noch,“ ſagte Tycho, der ſeinen Zorn mit Ge⸗ walt bezwang,„und folgt mir vorerſt zu Eurer Muhme; alles Andere wird ſich hernach finden.“ —„Was ſoll ich dort?“ fragte Tage ver⸗ wundert und verwirrt. —„In meiner Gegenwart wiederholen, was Ihr dem Fraͤulein uͤber mein Verhaͤltniß zu Chriſtinen geſagt habt, ſo will es die Redlichkeit ſo verlange ich es von Euch.“ 7 —„und wenn ich mich weigere, das zu thun?“ fragte Krabbe in der hoͤchſten Verlegen⸗ heit, denn er ſah ein, daß er ſich in einen boͤſen II. 4 74 Handel verwickelt hatte und wußte weder mehr aus noch ein. —„So erklaͤre ich Euch vor Jedermann fuͤr einen frechen, ehrloſen Verlaͤumder,“ verſetzte Tycho. —„Das wird mein Schwert Euch ſchon verbieten,“ ſagte Tage, indem er es aus der Scheide zog. —„Nicht Euer Schwert, ſondern Eure gif⸗ tige Zunge fuͤrchte ich,“ entgegnete ihm Tycho, der auch das ſeinige zu ſeinem Schutze zog. In dem Augenblick oͤffnete ſich die Thuͤr und Liuva trat zu den beiden erhitzten Gegnern ein. Ihr Auge flog von dem Einen zu dem Andern und ſchien zu fragen: was giebt es hier? allein ihre Lippe ſchwieg. So wie Tycho ſie erblickte, ſenkte er das Schwert, ging auf ſie zu und ſagte mit aufgereg⸗ tem Tone: 25 —„Ich bitte Euch, Fraͤulein, befehlt Eurem Vetter, noch hier zu bleiben und mir vor Euren Ohren Rede und Antwort zu ſtehen.“ —„Ein Wortgefecht alſo?“ fragte Liuva mit veraͤchtlichem Tone.„Maͤnner pflegen ſonſt ihre Streitigkeiten nicht mit Worten, wie die Weiber, abzumachen,“ fuͤgte ſie, ſich von Tycho kalt abwendend, hinzu. —„Ich begreife,“ ſagte Tage, ermuthigt durch ihr kaltes, faſt veraͤchtliches Betragen gegen Tycho, mit der ihm eigenthuͤmlichen Frechheit, „daß ein Gelehrter, wie Herr Junker Brahe, es vorzieht, einen Strauß lieber mit der Zunge als mit dem Degen auszumachen. Zu jeder meinem Gegner beliebigen Satisfaction mit dem letztern bin ich bereit; wenn es aber auf einen Wortkampf ankommt, ſo erklaͤre ich mich im Voraus fuͤr uͤberwunden, denn das iſt ein Ge⸗ biet, auf dem ich nicht zu fechten verſtehe.“ Er wollte ſich, nachdem er dieſe giftigen Worte ge⸗ . 4* * ſprochen hatte, entfernen, Tycho aber vertrat ihm den Weg und antwortete ihm mit vor Zorn be⸗ bender Stimme: —„Wohlan, ſo entſcheide, wie Du willſt erſt das Schwert zwiſchen uns! Dann aber, Luͤgner, Verlaͤumder und Verraͤther, ſoll mir Deine giftige Zunge vor dieſer edlen Dame auch noch Genugthuung geben, ſofern Dir ſo viel Athem und Leben dazu uͤbrig bleiben ſollte. Folgt mir, denn ich duͤrſte nach Eurem Blute!“ —„Steckt Eure Schwerter ein!“ gebot Liuva, indem ſie zwiſchen die beiden zornentbrannten Gegner trat. Beide zoͤgerten, ihrem Befehle Folge zu leiſten. —„Steckt Eure Schwerter ein!“ rief ſie nochmals, und ſich gegen Tage Krabbe wendend, fuͤgte ſie hinzu:„Jetzt, Vetter Tage, gebiete ich Euch, ſofern Euch an meiner Achtung gelegen 72 iſt, erſt Eurem Gegner Rede und Antwort zu ſtehen, denn ſo will es die Gerechtigkeit.“ —„Dank, Dank aus der Fuͤlle der Seele Euch fuͤr dieſes Wort!“ rief Tycho, indem er ſich bemuͤhte, ihre Hand zu ergreifen und ſie an ſeine Lippen zu druͤcken; ſie entzog ſie ihm aber und ſagte kalt: —„SJetzt redet, was brachte Euch ſo zuſam⸗ men?“ —„Ich erlaubte mir einen Scherz mit Jun⸗ ker Brahe,“ ſtammelte Tage Krabbe, deſſen Ver⸗ legenheit den hoͤchſten Grad erreicht hatte,„in⸗ dem ich ihn mit ſeinem Verhaͤltniſſe zu einer ſchoͤnen Fiſcherdirne neckte.“ —„Einen Scherz haͤttet Ihr mit mir treiben wollen, einen bloßen Scherz, indem Ihr mich fuͤr einen Verfuͤhrer der Unſchuld, einen ſitten⸗ loſen Menſchen erklaͤrtet, und nicht allein gegen mich ſelbſt, ſondern, wie ich vermuthe, auch ge⸗ gegen dieſe edle Dame?“ fragte Tycho in der hoͤchſten Empoͤrung. 28 —„Wiſſet, Junker Krabbe,“ fuhr er mit erhobener Stimme fort, daß ich ſolche Scherze fuͤr Niedertraͤchtigkeiten halte, und Den, der ſie ſich ohne Fug und Recht gegen einen Andern erlaubt, fuͤr einen Ehrloſen. Ich nehme Him⸗ mel und Erde zu Zeugen, daß Ihr mich und meine Sitten vor dieſem Fraͤulein verlaͤumdet habt, und daß mir Tugend und Sittlichkeit ſo theuer ſind, wie ſie es nur einer reinen, unent⸗ weihten Jungfrau ſein koͤnnen. Ihr, der Ihr Euch mit gleichgeſinnten Genoſſen im Schlamme der Laſter waͤlzt, Ihr moͤgt es belaͤcheln, daß ein Mann auf ſolche Ehre haͤlt, daß er es ſich nicht vielmehr zum Verdienſte anrechnet, fuͤr ei⸗ nen Verfuͤhrer der Unſchuld zu gelten; Euern Spott hieruͤber muß ich erdulden, wenn er mir nicht zu Ohren kommt; aber wehe Euch, wenn Ihr es je wieder wagt, mich durch Ver⸗ laͤumdungen vor Andern Eurer Genoſſenſchaft beigeſellen zu wollen!“ Seine Wangen gluͤhten, ſeine Augen ſpruͤhe⸗ 29 ten Feuer, indem er ſo ſprach, und mit ſicht⸗ barem Wohlgefallen hingen Liuva's Blicke an ihm. Ihr Zorn, ihr Unmuth gegen ihn hatten beſſeren Gefuͤhlen Platz gemacht: ja, ſie lilbte ihn in dem Augenblicke feſt und vertraute ſeinen Worten, die das Gepraͤge der reinſten Wahrheit unverkennbar an ſich trugen. —„Jetzt,“ ſagte Tycho nach einer Pauſe, gegen Krabbe gewendet,„jetzt ſtehe ich Euch weiter zu Befehl, Herr Junker.“ ¹ —„Mich duͤnkt, der Kampf duͤrfte zu Ende ſein,“ nahm Liuva das Wort;„wenigſtens ſcheint Ihr, Junker Brahe, eine gehoͤrige Satis⸗ faction an Eurem Gegner genommen zu haben, da er ſo tief beſchaͤmt vor Euch ſteht.“ —„Mit nichten!“ verſetzte Tage;„erſt das Schwert wird zwiſchen uns entſcheiden; ich er⸗ klaͤre mich noch nicht fuͤr uͤberwunden.“ —„Auch das Schwert,“ ſagte Tycho ruhig 80 und folgte ihm aus dem Gemache nach, ohne daß Liuva ihn daran verhindern konnte, obgleich ſie ihn bat und beſchwor, ſein Leben nicht auf's Spiel gegen dieſen Unwuͤrdigen zu ſetzen. Fünfzehntes Kapitel. Tage Krabbe, der fuͤr einen ſehr geuͤbten Fechter galt, hegte die Hoffnung, ſehr bald mit Tycho fertig zu werden, und durch ſein Schwert die durch ſeine Zunge erlittene Niederlage wieder gut zu machen; denn daß er vor den Augen Liuva's in einem hoͤchſt erbaͤrmlichen Lichte erſcheinen mußte, konnte er ſich, trotz ſeiner Einbildung nicht verhehlen. So vollkommen ſeine Niederlage aber auch geweſen war, ſo hoffte er durch ſeine Geſchicklichkeit im Fechten allen Vortheil wieder auf ſeine Seite zu bringen; denn nur zu wohl war es ihm bekannt, daß die Frauen in der 8²2 Regel gegen tapfere Maͤnner ſehr nachſichtig ſind ‚und ſich leicht auf ihre Seite wenden.. Er ſah ſich aber in ſeiner Vorausſetzung ge⸗ taͤuſcht, in Tycho einen mittelmaͤßigen, wenn nicht gar ſchlechten Fechter zu finden, da dieſer nicht nur auf der Univerſitaͤt, ſondern auch ſpaͤ⸗ terhin im Hauſe ſeines Oheims allen ritterlichen Uebungen mit großem Eifer obgelegen hatte. Die beiden Gegner waren, Tage Krabbe voran, Tycho ihm mit ſchnellen Schritten fol⸗ gend, bis zu einem entlegenen Theile des großen Gartens gelangt, als Krabbe anhielt und ſeinen Gegner aufforderte, das Schwert zu ziehen. Dieſer war ſogleich bereit und legte furchtlos gegen ihn aus. Lange konnte Keiner dem Andern etwas an⸗ haben, da Tage mit groͤßerer Geſchicklichkeit, Tycho mit außerordentlicher Kaltbluͤtigkeit focht; endlich aber ſiegte die letztere, und Tage Krabbe bekam einen Hieb uͤber die Hand, daß ihm das Schwert entfiel. — — 8³ —„Ich denke, Ihr habt genug,“ ſagte Tycho zu ſeinem Gegner, indem er das Schwert ſenkte; „wo nicht, ſo ſtehe ich Euch zu jeder andern Zeit, wenn Eure Hand w der geheilt ſein wird, noch⸗ mals zu Dienſten.“ Tage Krabbe, faſt außer ſich vor Wuth und Verzweiflung uͤber dieſe abermalige Niederlage, antwortete ihm nichts, und trat, ihm folgend, den Ruͤckweg nach dem Schloſſe an, um ſich verbinden zu laſſen, und dann, da jetzt ſeines Bleibens auf Totthof nicht laͤnger ſein konnte, ſobald als moͤglich nach Kopenhagen zuruͤck zu kehren. So ſchmerzlich es ihm auch waͤr, abermals beſiegt und ſogar verwundet zu ſein; ſo war ihm der Gedanke, Liuva verlaſſen und einem verhaßten Nebenbuhler das Feld raͤumen zu muͤſſen, doch noch weit unertraͤglicher, und er wuͤrde Alles darum gegeben haben, dieſer letztern Nothwendigkeit uͤberhoben zu ſein. Wie haͤtte er es aber, trotz aller ihm eigenthuͤmlichen Frech⸗ 84 heit, wagen duͤrfen, noch laͤnger die Gaſtfreund⸗ ſchaft einer Frau in Anſpruch zu nehmen, deren Bruder er beleidigt, mit dem er ſich auf Tod und Leben geſchlagen hatte? 8 Seine letzte, wiewohl ſchwache Hoffnung war, daß er Liuva vielleicht bewegen wuͤrde, die Ruͤck⸗ reeiſe nach Seeland zugleich mit ihm anzutreten; ſobald er ſeine Wunde daher hatte verbinden laſſen, ſuchte er ſeine Muhme auf und kuͤndigte derſelben ſeine nahe bevorſtehende Abreiſe an. —„Ihr werdet ſehr wohl daran thun, Euch ſobald als moͤglich von einem Orte zu entfernen, deſſen Ruhe Ihr durch Worte und Schwertſtreiche geſtoͤrt habt,“ entgegnete ihm Liuva, ohne von ihrer Arbeit aufzuſehen, mit kaltem Tone. —„und Ihr, meine ſchoͤne Muhme,“ fragte Tage, nachdem er einige Male in dem Gemache auf⸗ und abgeſchritten war und jetzt neben ihr ſtehen blieb,„werdet Ihr noch laͤnger hier bleiben?“ —„Gewiß,“ verſetzte ſie,„da ich mich 8⁵ uͤberzeugt halten darf, daß man mich gern noch laͤnger hier ſieht, und es mir nirgends ſo gut gefaͤllt, als in der Geſellſchaft meiner theuren Freundin Sophie.“ —„und ihres Bruders, des edlen Jun⸗ kers Tycho de Brahe,“ fuͤgte Tage Krabbe gif⸗ tig hinzu. 2 —„Ihr habt es getroffen, Vetter,“ ant⸗ wortete ihm Liuva ohne die mindeſte Verlegen⸗ heit;„auch auf ſeine Geſellſchaft ſetze ich einen großen, ja einen ſehr großen Werth und rechne es mir zur Ehre an, des Umgangs eines ſo ge⸗ lehrten und beruͤhmten Mannes genießen zu duͤrfen.“ —„Vortrefflich!“ ſagte Tage Krabbe, indem er ſich vor Wuth in die Lippen biß. —„In wenigen Tagen,“ fuhr Liuva fort, die ſich ſtellte, als habe ſie ſeinen Ausruf nicht gehoͤrt,„wird auch Herrn Brahes Freund, Lon⸗ gomontanus, hier wieder eintreffen, und da man mir auch dieſen als einen hoͤchſt gelehrten und 86 liebenswuͤrdigen Mann geſchildert hat, darf ich auf einen Zuwachs der Genuͤſſe rechnen, die mir von jeher die erſten und liebſten geweſen ſind.“ —„O, ich zweifle nicht daran, daß Ihr, meine ſchoͤne und gelehrte Muhme,“ erwiederte ihr der Junker giftig,„an dieſem Orte Alles finden werdet, wonach Euer Herz nur irgend Verlangen traͤgt; vielleicht ſogar in Junker Brahen den Ehegenoſſen nach Eurem Sinne, wenn es dieſem naͤmlich gefallen ſollte, Euch den Vorzug vor der ſchoͤnen Fiſcherdirne zu geben, V der er bis jetzt ſeine Huldigungen mit ſo großem Eifer und einer ſo ruͤhrenden Treue darge⸗ bracht.“ Ddceer Zorn uͤber dieſe Unwuͤrdigkeit und ab⸗ ſſichtliche Beleidigung machte Liuva einige Au⸗ genblicke verſtummen; ſie ſah auf ihren Vetter mit veraͤchtlichen Blicken und ſagte dann: —„Ihr habt es darauf angelegt, mich zu beleidigen; dies koͤnnte Euch aber nur dann ge⸗ —.,— —— * b 87 lingen, wenn Ihr meines Zornes wuͤrdiger waͤ⸗ ret, als Ihr in der That es ſeid; ſo begnuͤge ich mich damit, Euch zu verachten.“ Sie wandte ihm bei dieſen Worten den Ruͤcken zu und machte Miene, ſich entfernen zu wollen. Er begriff jetzt, daß er ſie aufs ſchwerſte belei⸗ digt, ſich ſelbſt aber in ihren Augen ſo herabge⸗ ſetzt habe, daß nur ein kuͤhner Schritt von ſei⸗ ner Seite ſie wieder mit ihm auszuſoͤhnen ver⸗ moͤchte.. —„Liuva!“ rief er, indem er ihr nacheilte und ſie zuruͤckzuhalten ſtrebte,„Liuva, habt Ihr denn kein Mitleid, kein Erbarmen in Eurer Bruſt?“ —„Mitleid mit Eurer Armſeligkeit? gewiß!“ verſetzte ſie kalt;„wenn Euch damit gedient iſt, ſo beruhigt Euch und ſcheidet in Frieden von hinnen.“ —„Ihr wißt,“ ſagte er in der hoͤchſten Ver⸗ wirrung und Aufgeregtheit,„daß Liebe und Ver⸗ zweiflung mich allein dahin brachten, Euch zu 88 beleidigen, und waͤret Ihr ein aͤchtes Weib, ſo haͤttet Ihr Verzeihung dafuͤr in Eurem Herzen. Schon lange kann es kein Geheimniß mehr fuͤr Cuch ſein, daß ich Euch anbete, daß das Leben ohne Euch eine unertraͤgliche Qual fuͤr mich ſein wuͤrde; daß ich Euch allein in der„Hoffnung, Eure Gunſt zu gewinnen, endlich das Ziel mei⸗ ner heißeſten Wuͤnſche zu erreichen, hieher folgte; aber kein Zeichen der Gunſt oder nur der Theil⸗ nahme belohnte mich fuͤr dieſe gnuͤgliche Hingabe an Euch, und um meine Verzweiflung zu ver⸗ mehren, ſchenkt Ihr einem Andern freiwillig, ungebeten das, warum ich vergebens mich bemuͤ⸗ hete.“ —„Ungebeten? wer ſagt Euch, daß Tycho ſich nicht um meine Liebe bewarb?“ fragte Liuva, deren weiblicher Stolz ſich durch die Vorausſetz⸗ ung auf's Neue verletzt fuͤhlte, daß ſie einem Manne ihre Liebe gleichſam angetragen habe. —„Ich weiß nicht mehr, was ich rede,“ ſagte Tage,„und verletze Euch, ohne es zu 89 wollen; haltet das einem Ungluͤcklichen zu gute, den hoffnungsloſe Liebe und Verzweiflung faſt an den Rand des Wahnſinns gefuͤhrt haben, und richtet den zu Euren Fuͤßen Vergehenden nur durch ein einziges Wort des Troſtes auf!“ Er warf ſich bei dieſen Worten vor ihr nie⸗ der und umſchlang ihre Knie, indem ſeine Augen die heißeſten Thraͤnen vergoſſen. —„Armer Vetter, Ihr ſeid in der That ſehr krank,“ ſagte Liuva, deren Herz einen Augen⸗ blick durch die Schoͤnheit des zu ihren Fuͤßen Liegenden beſiegt wurde, und ihm nicht mehr zu zuͤrnen vermochte;„Eure Wunde hat Euch ein Fieber zugezogen,“ fuhr ſie fort;„geht auf Euer Kaͤmmerlein und ſucht das Lager auf, damit Ihr nicht gar noch heftiger erkranket.“ —„Das iſt Alles, was Euer Mitleid mir zu reichen hat?“ ſagte Tage;„Alles, Liuva? O, die Wunde meines Herzens brennt ſchmerz⸗ licher, als die an meiner Hand, und wird ewig 90 bluten, wenn Eure Milde nicht den Balſam der Hoffnung in dieſelbe traͤufelt!“ —„Was koͤnnt Ihr noch weiter von mir verlangen, als daß ich Euch verzeihe?“ erwiederte Liuva mit milderem Tone als bisher.„Ich will mir Muͤhe geben, zu vergeſſen, was an dem heutigen Tage vorgefallen iſt, und Alles auf Rechnung einer Leidenſchaft ſchreiben, die mein Mitgefuͤhl in Anſpruch nimmt, wenn ich ſie gleich nicht theilen kann.“ —„Dieſes Wort iſt der Abgrund, der mein ganzes Lebensgluͤck hinabſchlingt, und Ihr ſprecht es ſo ruhig aus, Liuva? Redet, was muß ich thun, um Euch zu gefallen, welchen Pruͤfungen mich unterwerfen, welche Kaͤmpfe beſtehen, um mich Eurer Neigung wuͤrdig zu machen? Reich⸗ thum, Ehre, eine adelige Geburt, die beſonderẽ 3 Gunſt eines Koͤnigs, lege ich Euch zu Fuͤßen; aber ich fuͤhle, daß dies Alles nicht genug iſt, um Euch damit zu erkaufen, Euch, Liuva, deren Beſitz ein unſchaͤtzbareres Gut iſt, als der einer 8 Weiber, ſo wuͤrdet Ihr meiner Liebe den Preis 4 91 Krone. O lebten wir noch in den Zeiten des Ritterthumes, dann wuͤrde es mir vielleicht moͤg⸗ lich ſein, Euch zu erkaͤmpfen; jetzt bleibt mir nichts weiter uͤbrig, als zu verzweifeln, da das, was meinem Nebenbuhler mehr Werth in Euren „Augen verleiht, als Alles, was ich Euch zu bie⸗ ten habe, nicht von mir errungen werden kann; ſollte aber eine ſo heiße Liebe, wie die meinige, nicht Junker Brahe's Gelehrſamkeit und Ruhm aufwiegen? Waͤret Ihr ein Weib, wie andere zuerkennen.“ —„Ihr nennt Hermn Tycho Euern Neben⸗ buhler,“ verſetzte Liuva;„wer ſagt Euch denn, daß Ihr Euch nicht in dieſer Vorausſetzung irrt? Wenn ich mein Herz befrage, ſo ſagt mir dieſes zwar, daß ich ſeine vortrefflichen Eigen⸗ ſchaften, ſeine großen Gaben und ſeinen Ruhm verehre, daß ſein Charakter mir Hochachtung einflößt; allein dieſes Alles iſt noch nicht Liebe und wird es vielleicht nie werden.“ —„Dieſe Worte ſind ein Troſt, ſchoͤne Muhme, wenn auch nur ein ſchwacher,“ ſagte Tage, indem er es wagte, Liuva's Hand zu kuͤſſen, die ſie ihm nicht mehr entzog.„So iſt es mir doch noch ferner vergönnt, um Eure Liebe und Euren Beſitz zu ringen und nicht gaͤnzlich ſehe ich mich von dem Paradieſe ausgeſchloſſen, dem meine Sehnſucht mit ſo heißem, unwider⸗ ſtehlichem Verlangen zuſtrebt. Habt Dank, Liuva, daß Ihr meine Seele vor Verzweiflung bewahrt habt!“ Er entfernte ſich jetzt, um ſich zur Abreiſe anzuſchicken, die er nicht laͤnger aufſchieben durfte und Liuva blieb allein, ihren Gedanken uͤberlaſſen, zuruͤck. Dieſe mußten peinlich ſein und ſie vor ſich ſelbſt anklagen: hatte ſie doch, in dem innern, von ihr ſelbſt unbegriffenen Zwieſpalt ihres Weſens zwei Maͤnnern Hoffnung auf ihren Beſitz und ihre Liebe gemacht, und konnte ſie doch, wenn ſie genau ihr Herz pruͤfte, keinem von Beiden gaͤnzlich angehoͤren, weil Keiner im vollſtaͤndigen 93 Beſitze ihrer Neigung war. Denn wenn Tycho ſie durch ſeine ſeltenen Kenntniſſe, ſeinen liebens⸗ wuͤrdigen und rechtlichen Charakter anzog, ſo blieben ihre Sinne bei ihm, der keine angenehm in die Augen fallende Perſoͤnlichkeit hatte, doch leer, und wenn Tage Krabbe von der andern Seite den gebieteriſchen Anforderungen derſelben Gnuͤge zu leiſten vermochte, ſo genuͤgte er in ſeiner Fadheit und Flachheit ihrem Geiſte doch ſo wenig, daß ſie nur mit Schauder daran denken konnte, ſich ihm auf immer zu eigen zu geben. Sechzehntes Kapitel, Tycho war indeß, wie er es dieſem verſprochen hatte, ſeinem Freunde Langenberger entgegen geritten, der an dieſem Tage wieder auf Totthof eintreffen wollte, von wo er ſich in Geſchaͤften auf laͤngere Zeit hatte entfernen muͤſſen. Fuͤr Tycho's uͤberſtroͤmendes Herz war die Ruͤckkehr des vertrauteſten Freundes, mit dem er Alles beſprechen konnte, was in ſeinem In⸗ nern vorging, ein wahres Feſt, und mit faſt uͤberſtroͤmender Freude ſchloß er Langenberger in ſeine Arme. Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß Tycho dem Freunde gleich nach der erſten Begruͤßung 9⁵ von ſeiner Liebe, von Liuva und ſeinen Hoff⸗ nungen auf ihren Beſitz erzaͤhlte, und dieſen von der Geliebten eine Schilderung entwarf, die Langenbergern mit dem lebhafteſten Wunſche erfuͤllen mußte, ein ſo vollkommnes Weſen ken⸗ nen zu lernen. Nur erfuͤllte der Umſtand den ernſten, beſonnenen Mann um das kuͤnftige Gluͤck des geliebten Freundes mit einiger Unruhe, daß Liuva ihren Beſitz an die Bedingung des kuͤnftigen Ruhmes Tycho's geknuͤpft hatte, nicht, weil er daran zweifelte, daß dieſer ihn erlangen wuͤrde, ſondern weil er ſich fagte, daß die wahr⸗ haft Liebende eine ſolche Bedingung nimmermehr aufgeſtellt haben wuͤrde: Liuva liebte alſo ſeinen Freund nicht, ſondern wollte nur ſeinen Ruhm mit ihm theilen, nicht dem geliebten, ſondern nur dem hochgeehrten Manne angehoͤren. „—„Weiß Deine Schweſter um Deine Nei⸗ gung? und was ſagt ſie dazu?“ fragte Langen⸗ berger, der lange geſchiegen und Tycho'n aufmerk⸗ ſam zugehoͤrt hatte, den Freund. —„Ich glaube es,“ verſetzte dieſer;„doch redete ich ihr nie davon.“ —„und weßhalb nicht?“ fragte Langenber⸗ ger.„Sie, als eine kluge und erfahrene Frau, haͤtte Dich am beſten mit Rath und That unter⸗ ſtuͤtzen, Dir bei ihrer Freundin das Wort reden und die Verbindung ſchon jetzt herbeifuͤhren koͤn⸗ nen, die das Ziel aller Deiner Wuͤnſche iſt.“ —„Freilig haͤtte ſie das,“ verſetzte Tycho; „allein ich mochte ihr, die auf's Neu einen ſchwe⸗ ren Kampf mit ſich ſelbſt und dem eigenen Her⸗ zen zu beſtehen hat, nicht mit meinen Angele⸗ genheiten kommen. Du mußt wiſſen,“ fuͤgte er hinzu,„daß Erich Lange, der Mann der erſten Jugendliebe meiner armen Schweſter, wieder da iſt und ſich nochmals um ihren Beſitz bewirbt.“ —„Weßhalb reicht ſie ihm jetzt, wo der Tod ſie von dem ihr aufgedrungenen Gatten befreit hat, nicht ihre Hand?“ fragte Langenberger. —„Wie fruͤher, ſtellt ſich der beſtimmte Wille meiner Eltern dieſer Verbindung entgegen,“ 9*⁷ erwiederte ihm Tycho;„Erich Lange iſt von dunkler Geburt— ſein Vater war ein armer Landpfarrer— ohne Vermoͤgen und ohne Stand, und ſo haben unſere Eltern der armen Sophie die Verbindung mit ihm auf das Strengſte ver⸗ boten; ihr bleibt nur die Wahl zwiſchen der Ent⸗ ſagung ihrer Liebe und dem Elternfluche, und Du kannſt Dir vorſtellen, welche Kaͤmpfe die Arme zu beſtehen hat, da ſie heiß und innig liebt, zugleich aber auch eine gute und fromme Tochter iſt. Du wirſt ſie ſehr veraͤndert finden; ſie iſt kaum mehr ein Schatten von dem, was ſie fruͤher war, und ſo wuͤrde ich es fuͤr eine Suͤnde halten, ihr auch noch meine Sorgen auf⸗ zubuͤrden oder ſie, die gaͤnzlich an Freude darbt, zur Zeugin meines Gluͤcks zu machen, das mir aber gewiß von Keinem lieber gegoͤnnt werden wuͤrde, als von dieſer guten, liebevollen Schweſter.“ Unter dieſen und aͤhnlichen Geſpraͤchen waren die Freunde auf dem Schloſſe angelangt, und II. 5— 98 Tycho hatte kein groͤßeres Verlangen, als ſeinen gelehrten und liebenswuͤrdigen Freund, auf den er gleichſam ſtolz war, der Geliebten vorzuſtellen, der er ſchon oft von ſeinem Longomontanus— wie er ihn gern nannte— erzaͤhlt hatte. Mit ſichtbarem Wohlgefallen nahm Liuva Langenberger auf; dieſer war nicht nur ein durch ſeine Gelehrſamkeit beruͤhmter Mann, ſon⸗ dera zugleich auch einer der ſchoͤnſten Maͤnner ſeiner Zeit. Ein hoher, ſchoͤner und kraͤftiger Wuchs, ein edles, intereſſantes Geſicht, eine vor⸗ treffliche Haltung und ein feines Benehmen zeich⸗ neten Langenberger vor vielen andern jungen Maͤnnern aus, und dies um ſo mehr, da er ſich ſeiner innern und aͤußern Vorzuͤge durchaus nicht bewußt zu ſein ſchien. Der große Ernſt ſeines Weſens, die Tiefe ſeines Gemuͤthes wur⸗ den durch eine gewinnende Freundlichkeit gleich⸗ ſam verklaͤrt, und ſeine Beſcheidenheit bei ſo ſel⸗ tenen Verdienſten, ſetzte allen ſeinen Tugenden die Krone auf. Hatte ſchon der erſte Anblick dieſes Mannes auf Liuva einen bedeutenden Eindruck gemacht, ſo wurde die Bewunderung fuͤr ihn durch eine naͤhere Bekanntſchaft noch geſteigert; denn Keiner erzaͤhlte angenehmer, als er, der ſeinen Geiſt auf Reiſen, ſein Benehmen durch den Umgang mit vielen beruͤhmten und vornehmen Leuten aus⸗ gebildet und abgeruͤndet hatte. 1 Lange hatte er keine Ahnung davon, welchen Eindruck er auf die Geliebte ſeines Freundes ge⸗ macht habe; als aber Liuva, von einer unbeſieg⸗ baren Leidenſchaft fuͤr ihn hingeriſſen, ihm ge⸗ genuͤber gaͤnzlich ihre gewohnte Haltung verlor; als jeder ihrer Blicke, jedes ihrer Worte ihm ihre Liebe verrieth, erſchrak er und zog ſich in eben dem Maaße von ihr zuruͤck, als ſie ſich ihm naͤherte; nicht, weil er ihren leiblichen und gei⸗ ſtigen Reizen nicht volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſondern weil er ein zu treuer Freund, ein zu redlicher Mann war, als daß er an Tycho eine Treuloſigkeit haͤtte begehen koͤnnen. 5* V 100 Dieſer, der durchaus arglos und voll Ver⸗ trauen ſowohl gegen die Geliebte, als gegen den Freund war, ahnete nichts von dem, was in Liuva's Herzen vorging, vielmehr machte es ihm die groͤßeſte Freude, den geliebten Freund mit Auszeichnung von ihr behandelt zu ſehen, und er ſelbſt fuͤhrte oft Gelegenheiten herbei, daß Beide allein mit einander waren, wozu die Wiſſenſchaften mancherlei Veranlaſſungen gaben. Wenn ſich nun gleich Langenberger durch dieſe Verhaͤltniſſe ſehr bedruͤckt und beengt fuͤhlte; wenn er nicht nur Liuva's Neigung, ſondern auch die eigene, fuͤr ſie in ſeinem Herzen auf⸗ keimende zu bekaͤmpfen hatte; ſo war doch der Zuſtand der Jungfrau weit beklagenswerther, als der ſeinige, da es ihr an innerem Halte ge⸗ brach und ſie ſich da verſchmaͤht, vielleicht gar verachtet glaubte, wo ſie ſo heiß, ſo uͤber Alles liebte; denn nie verrieth Langenberger auch nur durch ein Wort oder ein Zeichen, was in ſeiner 101 Seele vorging; ja, es traten oft ſogar Faͤlle ein, wo er, um vor ſich ſelbſt beſtehen zu koͤnnen, hart gegen ein Weſen ſein mußte, das ihn ſo uͤber Alles liebte. tt Dieſer Zuſtand wuͤrde auf die Laͤnge weder fuͤr Liuva, noch fuͤr Langenberger zu ertragen geweſen ſein, und ſchon ſann dieſer darauf, ſich zu entfernen, um ihm ein Ende zu machen, als ein Brief von Frau Margarethen Brahe ihren Neffen Tycho nach der Hauptſtadt berief. Sie fuͤhlte ſich, in Folge einer ſchweren Krankheit, ſo angegriffen, daß ſie dem Ende ihres Lebens nahe zu ſein waͤhnte und, da ſie ihren Pflege⸗ ſohn mit wahrhaft muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit liebte, dieſen vorher noch einmal ſehen und in ihre Arie ſchließen wollte. LTycho befand ſich, als dieſer Brief Frau Margarethens eintraf, auf dem Gute ſeiner El⸗ tern, denen er von Zeit zu Zeit einen Beſuch abſtattete, obgleich ſein Herz keineswegs von dem Empfange befriedigt ſein konnte, den er bei ihnen 102 fand. Er war ihnen, dies ſagte er ſich mit Schmerz, voͤllig ein Fremdling geworden; aber die Pietaͤt gebot ihm trotz dem, ſie oͤfter zu ſehen und wenigſtens ihnen den zaͤrtlichen, ergebenen Sohn zu zeigen, wenn ſie es gleich verſchmaͤhten, ihm liebende Eltern zu ſein. Der Brief ſeiner guten Baſe Margarethe, den man ihm durch einen reitenden Boten von Totthof nach Knudſtrup ſandte, erſchreckte ihn nicht wenig und er traf ſogleich Anſtalten zu ſeiner Abreiſe. Da ihn aber ſein Weg von dem Gute ſeines Vaters an Knud's Wohnung vor⸗ uͤberfuͤhrte, beſchloß er, von dieſem und Chriſti⸗ nen auch noch erſt Abſchied zu nehmen, weil er nicht wiſſen konnte, ob es ihm die Umſtaͤnde erlauben wuͤrden, bald wieder nach Schonen zuruͤck zu kehren. 4 Er traf Chriſtinen allein zu Hauſe an, als er bei ſeinen Freunden einkehrte. Der Vater war, wie gewoͤhnlich, mit dem Fiſchfange auf 103 der See, und Chriſtine mit haͤuslichen Arbeiten beſchaͤftigt. Eine ganze Weile ſtand er, von ihr unge⸗ ſehen, in der offenen Hausthuͤr und ſah dem an⸗ muthigen Treiben des holden Kindes ſtill zu; da wandte ſie ſich ploͤtzlich um und erblickte ihn, mit dem ſie ſich eben in Gedanken beſchaͤftigt haben mochte.. Ein Schrei der Ueberraſchung entſchluͤpfte ihren Lippen; ihre Arme hoben ſich, als wolle ſie ihn damit umfangen; doch ließ ſie ſie, uͤber und uͤber erroͤthend, ſogleich wieder ſinken, und ſtammelte in der hoͤchſten Verwirrung und Ver⸗ legenheit: —„Ihr, Herr Junker? Wie Ihr mich er⸗ ſchreckt habt!“ Tycho antwortete ihr nicht; er war zu er⸗ ſchrocken dazu, denn jetzt zuerſt begriff er, daß er von dem armen Kinde geliebt ſei, und dieſer Gedanke wurde zur Qual fuͤr ihn. —„Wo iſt Euer Vater?“ fragte er endlich, 104 nachdem ſie ihm lange tieferroͤthend und mit zu Boden geſenkten Blicken gegenuͤber geſtanden war und ſeine Antwort erwartet zu haben ſchien. —„Mein Vater iſt auf der See,“ antwor⸗ tete ſie ihm;„wollt Ihr, daß ich ihm von der Spitze des Huͤgels aus ein Zeichen gebe, daß er ſchnell zuruͤckkehre?“ —„Thut das, Chriſtine,“ ſagte er;„ich habe keine Zeit, lange auf ihn zu warten und moͤchte doch auch gern von ihm noch Abſchied nehmen.“ —„Abſchied?“ fragte ſie, und das Wort erſtarb faſt auf ihren erbleichenden Lippen. —„Ich werde ſchon morgen Schonen ver⸗ laſſen und das wohl auf lange Zeit,“ verſetzte erz„ein Befehl meiner guten Baſe, Frau Mar⸗ garethens, beruft mich nach Kopenhagen, und da moͤchte ich zuvor Eurem Vater, Chriſtine, noch einmal die Hand druͤcken.“ Sie antwortete ihm nicht; ſie vermochte nicht 105 zu antworten; nur ein Strom von Thraͤnen, der zwiſchen ihren langen, dunklen Wimpern hervor⸗ quoll, verrieth ihm, was in ihrem Innern vor⸗ ging. Sie wandte ſich ab, um ihn vor Tycho zu verbergen, dieſer hatte ihn aber trotz dem ge⸗ ſehen und ein Seufzer hob unwillkuͤrlich ſeine Bruſt. —„Geht jetzt, Chriſtine,“ ſagte er mit wei⸗ cher Stimme,„und gebt dem Vater das Zeichen der Ruͤckkehr; ich kann nicht lange auf ihn war⸗ ten und muß gehen, ohne Abſchied von ihm zu nehmen, wenn er nicht bald kommt.“ Chriſtine ging jetzt und kehrte lange nicht zu⸗ ruͤck; ſie kaͤmpfte oben in der Laube mit ihren Thraͤnen, deren Strom ſie vergebens zuruͤckzu⸗ halten bemuͤht war. Knud, der ſchon auf der Ruͤckkehr begriffen geweſen war, als er das Zeichen zu derſelben von Chriſtine erhielt, trat bald zu ſeinem werthen Gaſte in das Gemach. 106 —„Wie, Ihr ſeid allein?“ fragte er den Junker, indem er ihm die Hand reichte. —„Eure Tochter hat mich verlaſſen, um Euch herbei zu rufen,“ verſetzte Tycho;„ich bin hier, um Abſchied von Euch zu nehmen.“ Chriſtine, die von der Laube aus die An⸗ kunft ihres Vaters geſehen haben mochte, trat jetzt zu ihnen ein und ſetzte ſich, ohne ein Wort zu ſagen, in dem dunkelſten Winkel des Gemachs mit der Spindel nieder, die ſie mit ſichtbarer Heftigkeit drehete. Der Vater, dem es nicht entgangen war, daß ſie geweint hatte, ſah bald ſie, bald ſeinen Gaſt forſchend an, doch ſagte er nichts, ſondern war vielmehr einſylbiger, als gewoͤhnlich. Tycho fuͤhlte ſich unter dieſen Verhaͤltniſſen ſehr beklemmt und beeilte ſich, Abſchied von ſei⸗ nen Gaſtfreunden zu nehmen. Er wagte es nicht, wie ſonſt, Chriſtinen beim Scheiden die Hand zu reichen, ſondern rief ihr — — 102 nur in der Thuͤr ein Lebewohl zu; ſie war un⸗ faͤhig, ihm etwas darauf zu erwiedern. Als er ſich aber entfernt hatte, verließ ſie das Gemach und ſtieg den Huͤgel hinauf, um ſich die ſchmerzliche Freude zu goͤnnen, ihn noch einmal zu ſehen, ihn ſo lange zu ſehen, als ihr ſcharfes Auge ihn noch zu erreichen vermochte. Dann, als er ihren Blicken gaͤnzlich entſchwun⸗ den war, kehrte ſie ſtill in das Haus zuruͤck und ſetzte ſich an ihre Arbeit. Ihr Vater, der ihr ſchmerzliches Geheimniß ſchon laͤngere Zeit geahnet haben mochte, deſſen Vermuthungen aber jetzt zur Gewißheit gewor⸗ den waren, ſagte ihr nichts und ließ ſie ſtill ge⸗ waͤhren; er ehrte ihren Schmerz und theilte ihn. Daß er ihn durch Worte nur noch vermehren wuͤrde, begriff er, und ſchwieg ſo. Nur in ſei⸗ nem Weſen war er von dieſem Tage an noch ſanfter nnd liebevoller, als ſonſt gegen ſie; liebte er ſie jetzt doch gleichſam doppelt, wo er ihr armes Herz mit Schmerz erfuͤllt wußte. 108 Bald nach Tycho's Entfernung fand ſich eine neue Gelegenheit zur Verſorgung fuͤr Chriſtine, doch auch dieſe ſchlug ſie aus, und Knud machte ihr jetzt keine Vorſtellungen daruͤber, wie er ſonſt wohl gethan hatte. 8 ——— 5 Siebzehntes Kapitel. Eine ſchwere Laſt war gleichſam von Langen⸗ bergers Herzen genommen, als er mit dem Frreunde auf hohem Meere ſchwamm. So lange er auf Totthof und in Liuva's Naͤhe geweſen war, hatte er ſich des druͤckenden Gefuͤhls nicht erwehren koͤnnen, daß er doch vielleicht ſein Herz vor der Jungfrau verrathen und dadurch ein großes Unrecht gegen den geliebten Freund be⸗ gangen habe, denn er beſaß, wie alle edlen und großen Menſchen, ein uͤberaus zartes Ge⸗ wiſſen und dieſes hatte ihn, ſo große Vorſicht er auch geuͤbt, oft mit Vorwuͤrfen gequaͤlt. Zu ſeiner großen Freude und Beruhigung 110 fand Tycho ſeine Baſe bei ſeiner Ankunft in voller Geneſung, die Meiſter Helmond, der be⸗ ruͤhmte Heilkuͤnſtler, durch ſeine Kunſt und Wiſſenſchaft herbeigefuͤhrt hatte. Denn ſobald Koͤnig Friedrich von Margarethens Krankheit gehoͤrt, ſandte er ſeinen Leibarzt zu derſelben und band es ihm auf die Seele, Alles aufzubieten, um das Leben der verehrten Frau zu retten. Durch Meiſter Helmond erfuhr der Koͤnig die Anweſenheit Tycho's und ließ dieſen ſogleich zu ſich beſcheiden; denn der große Fuͤrſt hatte das Verſprechen nicht vergeſſen, das er ſeinem ſterbenden Freunde in Hinſicht ſeines Pflegeſohns gegeben hatte. Aber auch ohne dieſes wuͤrde er ſich fuͤr den jungen Aſtronomen intereſſirt haben der ſich bereits einen bedeutenden Ruf erwor⸗ ben hatte, und auf den das Vaterland ſtolz ſein durfte. 3 Als Tycho in dem Kloſter Antwortſchow, das der Koͤnig zu jener Zeit bewohnte und in ſeine Reſidenz hatte umwandeln laſſen, anlangte, 111 fand er das Vorzimmer mit einer Menge von Hoͤflingen, Bittſtellern und Gnadenſuchenden an⸗ gefuͤllt, die ſaͤmmtlich begierig auf den Augen⸗ blick warteten, vorgelaſſen zu werden, und deren Geduld auf eine ziemlich lange Probe geſtellt wurde, da der Graf Daniel Ranzow, welcher eben aus Schweden zuruͤckgekehrt war, eine lange Unterredung mit dem Monarchen hatte. Tycho ſtellte ſich, fern von dem bunten, be⸗ wegten Hauſen, in eine Fenſterbruͤſtung und ließ die Blicke uͤber die Verſammlung hingleiten, uͤber die er mancherlei Betrachtungen anſtellte. Da oͤffnete ſich die nach dem Vorſaale hinaus⸗ fuͤhrende Thuͤr und Tage Krabbe trat in Be⸗ gleitung von Manderup Parsberg, welcher letz⸗ tere eine kriegeriſche Kleidung trug, in das Ge⸗ mach. Der Junker halte Dienſte unter den gegen Schweden beſtimmten Truppen genommen und war jetzt da, um ſich beim Koͤnige zu be⸗ urlauben, indem er ſchon am folgenden Tage zur Armee abgehen wollte. 112 Da Tycho, von allen Uebrigen abgeſondert, allein in der Fenſterbruͤſtung ſtand, hatten Beide ihn trotz des Gedraͤnges in dem großen Saale erkannt, und es entging ihm nicht, daß ſie gif⸗ tige Blicke auf ihn ſchoſſen und ſich mit leiſer Stimme uͤber ihn unterhielten. Daniel Ranzow, der in dieſem Augenblicke aus dem Gemache trat, ließ ſeine Blicke uͤber die Verſammelten hinſchweifen, als ſuche er Jemanden, und als ſie auf Tycho gefallen waren, erheiterten ſie ſich ſichtbar. Er ging auf ihn zu, umarmte ihn und ſagte: —„Der Koͤnig hat mir aufgetragen, Euch zu ihm zu ſenden, Junker Brahe; er erwartet Euch, verfuͤgt Euch alſo zu ihm. Dieſen Abend aber habe ich, obwohl von Geſchaͤften hart bedraͤngt, ein Stuͤndchen fuͤr Euch uͤbrig und erwarte Euch zum Nachtmahle bei mir. Schon morgen geht es wieder fort und dem Feinde entgegen; doch wuͤnſche ich zuvor noch Mancherlei mit Euch zu beſprechen: fehlt daher nicht!“ 113 —„Gewiß nicht, mein werther Herr und theurer Beſchuͤtzer,“ verſetzte Tycho, welcher ſich nicht wenig geehrt durch die freundliche Bewill⸗ kommung des Mannes fuͤhlte, der nach dem Koͤnige der Erſte im Reiche war. Der Graf druͤckte ihm nochmals die Hand und ſchritt dann durch die Menge, welche ihm ehrerbietig Platz machte, zur Thuͤre hinaus, Tycho aber begab ſich in das Gemach des Koͤnigs, wie ihm befohlen worden war. —„Der wird hoch fliegen!“ ſagte Tage Krabbe zu ſeinem Nachbar Manderup Pars⸗ berg, indem er Tycho nachſah.„Wer ſolche Goͤnner hat, wie den Koͤnig und Herrn Daniel Ranzow, darf ſicher ſein, Alles zu erreichen, was er nur wuͤnſcht. Ich ſelbſt hoͤrte den Koͤnig oft mit der groͤßeſten Theilnahme von dieſem Sterngucker ſprechen, und nun ihn gar der Feld⸗ herr auch noch unter ſeine Fluͤgel nimmt.“.... —„Beſtellte der Graf ihn nicht auf dieſen Abend? fragte Manderup, ihn unter brechend. .—/O:———— 1 1 1 114 —„So that er,“ war Tage's Antwort. —„Ich bin noch tief in ſeiner Schuld und habe nur noch dieſen Abend,“ ſagte Manderup giftig;„morgen gehe ich zum Heere ab, und will, da eine ſchwediſche Kugel mich eben ſo leicht treffen koͤnnte, als jeden Andern, nicht als ſein Schuldner von hier gehen.“ —„Du willſt Dich mit ihm ſchlagen, und das noch heute?“ fragte Tage Krabbe, der ihn nur zum Theil verſtand. Manderup Parsberg ſtellte ſich, als habe er die Frage uͤberhoͤrt; wenigſtens antwortete er ihm nicht darauf, ſondern blickte wild und fin⸗ ſter vor ſich hin. Er wuͤrde es nicht gewagt haben, ſeinen teufliſchen Plan vor Tage Krabbe laut werden zu laſſen, der, wenn er auch ein ſeichter, abgeſchmackter und ſittenloſer Menſch war, doch ſich nie zu einem Meuchelmorde bequemt haben wuͤrde, und auf einen ſolchen ſann Manderup, dem es an der wirklichen 115 Tapferkeit fehlte, der aber dagegen Rachſucht und Bosheit in ſeinem Charakter vereinte. —„Wie lange er beim Koͤnige bleibt!“ nahm Manderup nach einer Pauſe das Wort wie⸗ der, indem er ſich nach der Thuͤr umwandte, durch die Tycho zu dem Monarchen eingetreten war. —„Alles dies ſind Zeichen einer angehenden Guͤnſtlingsſchaft,“ verſetzte Tage Krabbe; ich ſagte Dir ja ſchon oft, daß der Koͤnig eine große Meinung von ihm hat und ſich angelegentlich um ihn bekuͤmmert. Dazu kommt nun noch die Vorliebe Daniel Ranzows fuͤr ihn, der Alles in dieſem Reiche vermag, und die Gunſt, in der ſein Oheim, der Admiral, beim Koͤnige ſtand; dieſes Alles wird ihm den Weg zu Ehren und Wuͤrden bahnen, und eh' wir es uns ver⸗ ſehen, werden wir uns an ihn wenden muͤſſen, wenn wir beim Koͤnige eine Gnade zu ſuchen haben.“ 1 —„Dahin wird's nicht kommen, verlaß Dich darauf!“ ſagte Manderup, indem ein haͤß⸗ 116 liches, boshaftes Laͤcheln ſich in ſeinen de gir zuͤgen zeigte. Einige andere Hoͤflinge, die ſich, mgeduldig wie unſere Beiden uͤber den langen Verzug der beim Koͤnige nachgeſuchten Audienz, zu ihnen geſellten, unterbrachen das Geſpraͤch oder gaben ihm doch eine andere Wendung. Alle aͤrgerten und verwunderten ſich nicht wenig daruͤber, daß ein Mann wie Tycho, den ſie bisher fuͤr ſo unbedeutend gehalten hatten, den Vorzug vor allen Andern erhielt und, was noch auffallender war, ſo lange bei dem, wie man wußte, ſehr beſchaͤftigten Monarchen bleiben durfte, waͤhrend ſo viele vornehme und angeſehene Maͤnner war⸗ ten mußten. Endlich oͤffnete ſich die Thuͤr und Tycho trat aus derſelben in den Vorſaal ein. Seine Geſichts⸗ zuͤge druͤckten die lebhafteſte Zufriedenheit aus, ſo daß man deutlich in ihnen wahrnehmen konnte, daß ihm etwas ſehr Angenehmes begegnet ſei. In der That hatte der König auch mit ihm den 117 Bau jener, in der Geſchichte der Aſtronomie ſo beruͤhmt gewordenen Sternenwarte auf der Inſel Hween verabredet, die Ausfuͤhrung deſſelben aber bis nach erfolgtem Frieden aufgeſchoben. Die ihm ehrerbietig, obgleich mit verbiſſenem Ingrimm Platz machenden Höͤflinge fluͤchtig gruͤßend, durchſchritt Tycho das Gemach und ent⸗ fernte ſich eiligſt. Sein Herz war zu voll von der Guͤte und Auszeichnung, die ihm ſo eben von dem die Kunſt und WViſſenſchaft liebenden Monarchen widerfahren war, als daß er nicht das Beduͤrf⸗ niß haͤtte fuͤhlen ſollen, ſein von Freude uͤber⸗ ſtroͤmendes Herz vor Liuva auszuſchuͤtten, was er, ſowie er in ſeinem einſamen Gemache ange⸗ langt war, in einigen Verſen und einem Briefe an die Geliebte ſeines Herzens that. Fiel doch alle Ehre, die ihm erwieſen wurde, auf ſie zuruͤck; ſollte ihm doch ſein wachſender Ruhm, die Auszeichnung, die ihm von ſeinem Koͤnige zu Theil ward, der nicht nur ein maͤchtiger 118 Monarch, ſondern zugleich einer der ausgezeich⸗ netſten Maͤnner ſeiner Zeit war, zu dem hoͤchſten Gluͤcke, zu Liuva's Beſitze, den Weg bahnen! Nachdem er dieſen Brief geſchrieben und ſein volles Herz vor der Heißgeliebten ausgeſchuͤttet hatte, trieb ihn ein anderes Beduͤrfniß deſſelben dazu an, die Sterne uͤber eine Zukunft zu befra⸗ gen, die in einem ſo heitern Lichte vor ihm zu liegen ſchien: er wollte nicht nur die Hoffnung, er wollte die Gewißheit ſeines Gluͤckes haben. Seitdem er das Ungluͤck ſeines verehrten, ihm ewig unvergeßlichen Oheims in den Sternen vorhergeſehen, hatte ihn eine innere Scheu, die er ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren wußte, davon abgehalten, ſich bei den Geſtirnen Raths uͤber die Zukunft zu erholen; jetzt aber konnte er dem Triebe nicht widerſtehen, den Schleier der⸗ ſelben in Bezug auf ſein eigenes Schickſal zu luͤften, und ſo ſtellte er ſich das Horoscop. Allein es war, als ob eine daͤmoniſche Macht ihn dazu antriebe, nur dann die geheimnißvollen 119 Blaͤtter der Zukunft aufzuſchlagen, wenn dieſe das Schrecklichſte fuͤr ihn oder fuͤr Diejenigen, die ihm am theuerſten auf Erden waren, ent⸗ hielten. So ſah er ſich denn nicht nur in ſei⸗ nen Liebeshoffnungen getaͤuſcht, ſondern auch ſein Leben von einer Gefahr bedroht, die eben ſo groß, wenn nicht noch groͤßer war, wie die, welche ihm in Bezug auf ſeinen Oheim aus den Sternen verkuͤndet worden war. Bei dem Anblick der ſo großes Unheil ver⸗ kuͤndenden Zeichen ergriff ihn eine Muthloſigkeit, ein Schmerz, daß er nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als der Tag moͤge ſchon voruͤber und der Wille der Gottheit an ihm erfuͤllt ſein, und ſelbſt Langenbergers troͤſtender Zuſpruch, ja, der Spott deſſelben uͤber ſeine Furchtſamkeit und Leichtglaͤu⸗ bigkeit vermochten nicht, ihn aufzurichten; denn der Freund nahm zu dem letztern ſeine Zuflucht, da er ſah, daß Vernunftgruͤnde ihre Wirkung auf das kranke Gemuͤth Tycho's verfehlten. In der That gehoͤrte auch Langenberger zu 120 Denen, die der Aſtrologie durchaus abhold wa⸗ ren und ſie gaͤnzlich verwarfen. Ueber ſein ern⸗ ſtes, feſtes und kraͤftiges Gemuͤth hatte die Phan⸗ taſie durchaus keine Gewalt; fuͤr ihn war nur das da, was er mit ſeiner Vernunft begreifen, mit Zahlen und unumſtoͤßlichen Schluͤſſen aus⸗ rechnen konnte, und ſo tadelte er es nicht ſelten mit einiger Bitterkeit an dem ſonſt ſo innig von ihm geliebten Freunde, daß dieſer ſich ſo gern mit Wiſſenſchaften beſchäftigte, in denen, nach ſeiner feſten Ueberzeugung, kein ſicherer Grund und Boden zu gewinnen war, wie mit der Aſt⸗ rologie, Alchemie und Pyromantie, denen Tycho, zu ſeinem großen Leidweſen eine Zeit weihete, die in der That beſſer von ihm haͤtte angewen⸗ det werden koͤnnen. Um den Freund zu zerſtreuen, blieb Langen⸗ berger bis zum Abende bei ihm, ja, er begleitete ihn ſogar, da Tycho es nicht unterlaſſen konnte, dem großen Feldherrn ſein Wort zu halten, bis 121 zu Daniel Ranzow's Hauſe und nahm mit einem leichten Spotte von demſelben Abſchied. —„Siehſt Du,“ ſagte er,„daß der von Dir ſo gefuͤrchtete Tag voruͤber und kein Un⸗ glück Dir begegnet iſt, kein anderes Ungluͤck, als daß Du Dir mit traurigen Befuͤrchtungen gute Stunden verdorben haſt?“ —„Der Tag iſt noch nicht voruͤber,“ ent⸗ gegnete ihm Tycho ahnungsvoll, druͤckte ihm die Hand und trat in das Haus. Mit der groͤßeſten Herzlichkeit, empfing ihn ſein wuͤrdiger Freund und Beſchuͤtzer und ob⸗ gleich, ſeiner vielen Geſchaͤfte und ſeiner ſo nahe bevorſtehenden Abreiſe wegen, dem Feldherrn jeder Augenblick koſtbar war; ſo gefiel er ſich doch ſo ſehr in den Geſpraͤchen mit ſeinem Adop⸗ tivſohne, daß er ihn laͤnger bei ſich behielt, als er zu Anfang gewollt hatte. Die Stunde der Mitternacht war ſchon nahe, als Tycho ſich von ihm beurlaubte und von ſeinem beſten Wuͤnſchen begleitet, das Haus beliez II. 6 122 Das Wetter, welches den Tag uͤber ſehr ſchoͤn geweſen war, hatte ſich gegen Abend in Folge eines heftigen Gewitters durchaus veraͤn⸗ dert. Der Himmel war mit ſchweren, dunklen Regenwolken bedeckt, die, vom Sturme geiagt in reißender Schnelle uͤber die volle, glaͤnzende Mondſcheibe hinzogen und dieſe oft gaͤnzlich ver⸗ deckten. In den ſonſt ſo belebten Gaſſen der Haupt⸗ ſtadt war es bereits ganz ſtill geworden, denn zu jener Zeit begab ſich Alles noch vor der zehn⸗ ten Stunde zur Ruhe, und ſo war Tycho der Einzige, welcher noch die Gaſſen durchſchritt, was er, trotz der oft großen Finſterniß und den Hinderniſſen 3 die ihm das ſehr ſchlechte Pflaſter entgegenſtellte, mit eiligen Schritten that. Ihm war, als wuͤrde er geborgen, von dem ihn be⸗ drohenden Unheile gerettet ſein, ſobald er ſeine Wohnung erreicht haben wuͤrde. Nicht lange, ſo hoͤrte er, der bis dahin nur 123 ſeine eigenen Tritte vernommen hatte, noch an⸗ dere hinter ſich; er wandte ſich um und erblickte beim vollen Scheine des Mondes, der eben aus einer dunklen Wolke glaͤnzend hervortrat, eine hohe maͤnnliche, in einen weiten Mantel gehuͤllte Geſtalt, die ihm dicht auf dem Fuße nachfolgte. Er wollte erſt ſtehen bleiben, um den unbekann⸗ ten naͤchtlichen Wanderer, der fuͤr ihn etwas Un⸗ heimliches hatte, an ſich voruͤbergehen zu laſſen; allein er ſchaͤmte ſich ſeiner Furchtſamkeit und ſetzte nur mit noch raſcheren Schritten ſeinen Weg fort. Der Andere folgte ihm, und zwar ſo, daß wenn er ſchneller ging, dieſer es auch that, und wenn langſamer, Jener ſeine Schritte gleichfalls anhielt. Dies wurde ihm je laͤnger, je unheimlicher, und als er bei einer ſehr einſamen Gegend, ei⸗ nem mitten in der Stadt liegenden Kirchhofe anlangte, griff er an den Degen und blieb ſtehen, um den Unbekannten an ſich voruͤber gehen zu 6* 124 laſſen, von dem er ſich an dieſem unheimlichen, ab⸗ gelegenen Orte nicht auf die bisherige Weiſe mehr wollte verfolgen laſſen. Doch indem er ſtill ſtand und ſich nach ſeinem Verfolger umwandte, empfing er mi' dem Schwerte einen Hieb in's Antlitz, daß er ſogleich zu Boden ſtuͤrzte. Der Moͤrder entfloh, ohne ein einziges Wort zu ihm zu ſprechen; vom nahen Kirchthurme aber ertoͤnte der Klang der Glocke, welche Mit⸗ ternacht anzeigte. Er hoͤrte nur noch die erſten Schlaͤge derſelben, denn der Schmerz und der große Blutverluſt, den er aus ſeiner tief gehen⸗ den Wunde erlitt, machten ihn ohnmaͤchtig. Er erwachte aus dieſem Zuſtande durch einige rauhe Maͤnnerſtimmen, die ſich ganz in ſeiner Naͤhe vernehmen ließen, auch fuͤhlte er, daß man den Verſuch machte, ihn aufzuheben und fortzu⸗ tragen. Es war die Schaarwache, welche ihn, als ſie die Runde durch die Stadt machte, in ſeinem Blute ſchwimmend am Eingange des 125 Kirchhofs gefunden hatte und jetzt bemuͤht war, ihn aufzuheben und in das naͤchſte Wachthaus zu tragen, da man ihn nicht kannte und nicht wußte, wohin er gehoͤre. Sobald ihm die Beſinnung wieder gekehrt war, nannte er ſeinen Stand und Namen und bat, ihn in ſeine Wohnung zu bringen, was man bereitwillig that. Er war ſo ſchwach und hinfaͤllig, daß er dahin getragen werden mußte, da er nicht zwei Schritte gehen konnte, ohne eine neue Anwandlung von Ohnmacht zu fuͤhlen. Man kann ſich den Schrecken der auf ihn wartenden und nach ihm aufſitzenden Dienerſchaft Frau Margarethens denken, als man ihn mit Blut bedeckt in einem faſt ſterbenden Zuſtande in das Haus trug. Einige von ihnen eilten, die Gebieterin des Hauſes zu wecken, Andere rannten nach Aerzten, nachdem man ihn zu Bett gebracht und einigermaßen von dem Blute ge⸗ 126 reinigt hatte, das ſein Geſicht bedeckte und ihn faſt unkenntlich machte. Entſetzt wich aber Alles zuruͤck, als jetzt die tiefe und lange Wunde zum Vorſchein kam, die ſein Geſicht gleichſam in zwei Haͤlften theilte, und Keiner glaubte, daß er eine ſo furchtbare Verwundung nur noch eine Stunde wuͤrde uͤberleben koͤnnen. Auch Meiſter Helmond, den man herbeigeholt, ſchuͤttelte be⸗ denklich das Haupt, nachdem er die Wunde un⸗ terſucht hatte. Frau Margarethe Brahe, die ihren Neffen und Pflegeſohn mit einer wahrhaft muͤtterlichen Zaͤrtlichkeit liebte, uͤberließ ſich einer Verzweif⸗ lung, die man an der ſonſt ſo ruhigen, feſten und ſtarken Frau nicht gewohnt war; ſie gab Tycho gaͤnzlich verloren und wollte ſo von kei⸗ nem Troſte hoͤren. Nur Meiſter Helmond, der große Heilkunſtler, verlor die Faſſung und ſeine gewohnte Ruhe und Beſonnenheit nicht, ſondern ordnete alles 12⁷ zur Rettung Erforderliche des Verwundeten voll Bedachtſamkeit an, obgleich er ſelbſt an dieſe nicht glaubte, da ihm eine ſo ſchwere Ver⸗ wundung noch kaum vorgekommen war. Achtzehntes Kapitel. ma Die Nachricht von dem Ungluͤck, das Tycho begegnet war, gelangte durch Langenberger, der ſeinen Freund keinen Augenblick verließ, ſo lange noch Gefahr fuͤr denſelben vorhanden war, zu Frau Sophien, denn ſo hatte es Tycho gewollt, der, entſchloſſen ſeine voͤllige Wiederherſtellung auf dem Gute ſeiner Schweſter abzuwarten, den Freund vorausgeſchickt hatte, um ſowohl Frau Sophie, als Liuva auf die Veraͤnderung vor zu bereiten, die mit ihm durch die furchtbare Ver⸗ wundung ſeines Geſichts vorgegangen war. Sie war ſo groß, ſo entſtellend, daß er ſich ſelbſt kaum wieder zu erkennen vermochte und ſich ſo mit ———————:O;OCꝛ—LOUßn]j·ᷓnii 129 Recht davor fuͤrchtete, der Schweſter, der Ge⸗ liebten unvorbereitet vor Augen zu treten. In der Hauptſtadt machte, wie man denken kann, der auf Tycho verſuchte Mordanfall das groͤßeſte Aufſehen und man erſchoͤpfte ſich in Vermuthungen daruͤber, wer wohl der heimliche Feind eines ſo allgemein geachteten Mannes ſein koͤnne; denn daß es ein ſolcher geweſen ſei, der Tycho nach dem Leben getrachtet, daruͤber glaubte man keinen Zweifel hegen zu duͤrfen, da Diebe oder Raͤuber ihr Schlachtopfer zugleich beraubt haben wuͤrden, was nicht geſchehen war. Waͤhrend Alle uͤber dieſen Gegenſtand im Dunkeln ſchwebten und die oͤffentliche Meinung bald hierhin, bald dorthin ſchwankte, wußte Tage Krabbe genau, wie die Sache zuſammenhing indem er ſich der Worte erinnerte, die Manderup Parsberg an dem Tage der Audienz in Bezug auf Tycho zu ihm geredet hatte; allein er huͤtete ſich wohl, ſeine, alle Wahrſcheinlichkeit fuͤr ſich habenden Vermuthungen mitzutheilen, bis die 130 Furcht vor dem Koͤnige, verbunden mit der, ſelbſt fuͤr den Thaͤter gehalten zu werden, ihn dazu zwang, dem Monarchen mitzutheilen, was er wußte, dieſer hatte naͤmlich in ſeinem gerechten Zorne uͤber ein ſo ſchaͤndliches Verbrechen an einem Manne, den er vor Vielen werth hielt, geſchworen, daß er Alles aufbieten werde, den Thaͤter zu entdecken und daß die Beſtrafung deſſelben der von ihm veruͤbten Schaͤndlichkeit gleich kommen ſolle. Da Tage Krabbe nun fuͤrchten mußte, daß der Koͤnig ſich beſonders darnach bei Tycho erkundigen wuͤrde, mit wem dieſer in der letzten Zeit Streit gehabt, ſo hielt er es fuͤr gerathener, ſeinen Freund Manderup Parsberg aufzuopfern, als ſich ſelbſt dem Verdachte bloßzuſtellen, daß er Tycho nach dem Leben getrachtet habe. Bei den Mittheilungen, die er dem Koͤnige bei dieſer Gelegenheit machte, kamen auch andere Verxhaͤltniſſe, die auf Tycho's Leben in der letzten Zeit Bezug hatten, zur Sprache, 131 denn der König wollte von Allem genau unter⸗ richtet ſein, um keinen Fehlgriff zu thun. Man⸗ derup Parsbergs Charakter war uͤbrigens allge⸗ mein von einer Seite bekannt, daß man ihm eine ſolche verraͤtheriſche That wohl zutrauen konnte: er galt nicht nur fuͤr einen Wolluͤſtling, ſondern auch fuͤr einen rohen, rachſuͤchtigen und dabei feigen Menſchen und er war ſo, trotz ſei⸗ ner vornehmen Geburt und ſeines großen Ver⸗ moͤgens, eben ſo gefuͤrchtet, als verachtet. Sobald Koͤnig Friedrich durch Tage Krabbe von allen dieſen Umſtaͤnden unterrichtet worden war, ließ er einen Befehl an Daniel Ranzow ergehen, den muthmaßlichen Verbrecher, welcher gleich am Morgen nach dem von ihm veruͤbten Bubenſtuͤck zum Heere nach Schweden abgegan⸗ gen war, feſtnehmen und unter ſicherer Bedeck⸗ ung nach Kopenhagen ſenden zu laſſen. Allein eine ſchwediſche Kugel war dem Strafgerichte, das Manderup Parsberg in ſeinem Vaterlande wartete, bereits zuvorgekommen und dieſer hatte 132 den Tod unverdienter Weiſe auf dem Schlacht⸗ felde gefunden. Man kann ſich vorſtellen, mit welchem Schrecken Frau Sophie die Nachricht von dem Unfalle erfuͤllte, der ihren geliebten Bruder betrof⸗ fen hatte. Ganz anders aber wirkte ſie auf Liuva, die ſich gleichſam durch den Gedanken erleichtert fuͤhlte: daß es Tycho doch jetzt nicht mehr einfallen koͤnne, Anſpruch auf ihren Beſitz zu machen, zu dem ſie ihm fruͤher Hoffnung gegeben. Geliebt hatte ſie ihn, wie wir wiſſen, nie; allein trotz dem war ſie ſo unbeſonnen geweſen, ſeine Neigung nicht allein nicht mit Feſtigkeit zuruͤck zu weiſen, ſondern ihm viel⸗ mehr in der Ueberraſchung des Augenblicks Hoff⸗ nungen zu geben, die ſie nimmermehr zu erfuͤl⸗ len im Stande geweſen ſein wuͤrde. Von einem Manne wie Tycho, geliebt, verehrt, ange⸗ betet zu werden, einen Theil ſeines beginnenden Ruhmes an ihren Namen zu knuͤpfen und dadurch gleichſam mit auf die Nachwelt zu kom⸗ 1 . 133 men, hatte ihre Eitelkeit nicht wenig geſchmei⸗ chelt; allein ſo oft ſie daran dachte, ihm fuͤr immer angehoͤren, ihr Schickſal unaufloͤslich an das ſeine knuͤpfen zu ſollen, war ihr dieſer Gedanke unertraͤglich geweſen, ſelbſt noch von jener Zeit, wo ſie Langenberger ſah und eine Leidenſchaft fuͤr dieſen faßte, die nur mit ihrem Leben enden ſollte, obgleich ſie ungluͤcklich war und dem Anſcheine nach unerwiedert blieb. Jetzt, wo Tycho's Entſtellung, die Langenber⸗ ger ihr auf Tycho's ausdruͤcklichen Wunſch ganz der Wahrheit gemaͤß ſchilderte, ſie von der Furcht befreite, daß jener noch Anſpruͤche auf ſie machen wuͤrde, athmete ſie ſeit langer Zeit zuerſt wieder frei auf und uͤberließ ſich ohne Vorwurf ihren Gefuͤhlen fuͤr den Mann ihrer Liebe; ja, die Leidenſchaft gewann eine ſolche Gewalt uͤber ihr Herz, daß ſie, alle weibliche Schuͤchternheit und Sitte beiſeite ſetzend, ſich offenbar um ſeine Gegenliebe bewarb und ihm ſolche Schritte entgegen that, daß es endlich 134 zu einer Erklaͤrung zwiſchen ihnen kommen mußte. Dieſe vernichtete indeß Liuva's Hoff⸗ nungen auf immer; denn Langenberger hatte nicht nur die Kraft, ſeine eigenen Gefuͤhle vor ihr zu verbergen, ſondern er ſagte ihr auch, daß er, ſelbſt in dem Falle, daſt er ſie liebte, nie eine Treuloſigkeit an ſeinem Freunde begehen wuͤrde. Dieſe Erklaͤrung, verbunden mit der Ueber⸗ zeugung, daß Sophie ſie weder mehr achten noch lieben koͤnne, ſeit ſie um ihre Treuloſigkeit gegen Tycho und ihre Liebe fuͤr Langenberger wußte— und beide hatten dieſer kein Geheim⸗ niß mehr bleiben koͤnnen— bewogen Liuva, eilig das Schloß zu verlaſſen und ſich auf eine Beſitzung zu begeben, die ſie auf Seeland beſaß, einestheils um Tycho's Ankunft nicht erſt abzu⸗ warten, anderntheils um ungeſtoͤrt ihr Ungluͤck beweinen zu koͤnnen. Liuva hielt ihre Liebe fuͤr Langenberger feſt und blieb, obgleich ſie ein ſehr hohes Alter erreichte und von vielen Maͤn⸗ 13⁵ nern geſucht wurde, bis an ihr Ende unver⸗ maͤhlt. Den Wunſch, durch ihr Verhaͤltniß zu Tycho auf die Nachwelt zu kommen, hat ſie indeß erreicht, da ſie mehrfach in der Geſchichte ſeines Lebens genannt und in derſelben als ſeine Freundin bezeichnet wird. Bald nach Liuva's Entfernung, die der Eile wegen faſt einer Flucht glich, traf Tycho auf Totthof ein, und Langenberger konnte nicht umhin, ihm jegliche Hoffnung auf den Beſitz der Geliebten zu benehmen, obgleich er es ſorg⸗ ſam vor ihm verſchwieg, daß die Liebe zu ihm Antheil an Liuva's Beſchluſſe habe, Tycho'n ihre Hand nicht reichen zu wollen. Obgleich ſchon waͤhrend der Reiſe bange Zweifel in der Seele des Liebenden aufgeſtie⸗ gen waren, ſo traf ihn doch die Gewißheit ſei⸗ nes Ungluͤcks ſo ſehr, daß er aufs Neu in eine heftige Krankheit verfiel und ohne die zaͤrtliche Pflege der Schweſter und den troſtreichen Zuſpruch ſeines Freundes gewiß das Opfer der⸗ 136 ſelben geworden waͤre; dieſe aber retteten durch ihre vereinten liebevollen Bemuͤhungen ſein Leben und erhielten ihn der Welt und dem Gluͤcke einer ſchoͤnern Zukunft. In Tycho's Seele war es indeß ſo wuͤſt und leer geworden, daß er kaum begriff, wie er das Leben noch ferner wuͤrde ertragen koͤnnen. Selbſt die Wiſſenſchaften, welche ihm fruͤher Troſt fuͤr Alles gewaͤhrt, hatten ihren Reiz fuͤr ihn verloren, und es gab Stunden, in denen ſie ihn ſagar anekelten, obgleich Langenberger Alles aufbot, ſie ihm wieder lieb zu machen und ſeine Seele wie fruͤher dafuͤr zu entflammen. So floſſen ihm Herbſt und Winter in trau⸗ riger Stille dahin, und er waͤre vielleicht für immer fuͤr die Wiſſenſchaften verloren geweſen, wenn ſeine Seele nicht durch Chriſtinens Begeg⸗ nen einen neuen Impuls erhalten haͤtte. Ein Mai⸗Morgen, ſo ſchoͤn, wie ihn nur der Himmel der Erde zu geben vermag, lockte ihn in's Freie hinaus. Die Natur war ganz ſo 13³ ſchoͤn, wie ſie nach jener Nacht geweſen war, in der Liuva ſein Herz mit Hoffnungen auf eine durch Liebe begluͤckte Zukunft erfullt hatte. Welch ein Abſtand zwiſchen damals und jetzt! Nur ein Jahr lag zwiſchen jenem Tage, der ihm die Kraft eines Gott's, das beſeligende Volhggeefuͤhl, zu koͤnnen, was er wollte, gegeben hatte; ein Jahr nur war verfloſſen, und erlo⸗ ſchen war das Feuer in ſeiner Seele, das fuͤr die Ewigkeit auszureichen geſchienen hatte! Er gedachte jenes Morgens, wo er von Gluͤck und Seligkeit gehoben, kaum noch mit ſeinen Fuͤßen die Erde zu beruͤhren ſchien, wo Alles ihm gluͤhendere Farben, ſchoͤnere, reinere Formen zeigte, wo das Entzuͤcken ſeiner Seele ſich gleicham der ganzen Natur mittheilte, die zum Spiegel ſeines Innern wurde. Eine maͤch⸗ tige Wehmuth ergriff ihn— damals ſo reich und jetzt ſo arm! Damals ſo begluͤckt und jetzt ſo freudenleer! Damals uͤberſtroͤmende Hoffnungen — jetzt voͤllige Hoffnungsloſigkeit! 138 Die Traurigkeit uͤbermannte ihn bei dem Gedanken ſo ſehr, daß er nicht weiter vorwaͤrts zu ſchreiten vermochte und ſich auf einem Steine, der am Wege ſtand, niederließ, um auszuruhen und ſich ſeinen traurigen Betrachtungen und Ge⸗ danken zu uͤberlaſſen. 1 Nicht lange blieb er ſo allein; eine weibliche Geſtalt, die mit eiligen Schritten auf ihn zukam, zeigte ſich in einiger Entfernung. Es war ihm unangenehm, daß ſeine Einſamkeit geſtoͤrt wurde und ſchon wollte er ſich von ſeinem Sitze erheben um den Ruͤckweg anzutreten, als ein Freudenruf ſein Ohr traf. Die Stimme kam ihm bekannt vor; er blickte die Daherkommende ſchaͤrfer an und erkannte Chriſtine in derſelben. So wie dieſe ſich auch von ihm erkannt ſah, hielt ſie mit maͤdchenhafter Schuͤchternheit ihre Schritte an, er aber, der ihr nicht mehr aus⸗ zuweichen vermochte, ſtand auf und trat ihr ent⸗ gegen.— 1 1 —„Ihr habt mich aus ſo weiter Ferne er⸗ 139 kannt, Chriſtine?“ fragte er, indem er ihr die Hand reichte. —„Ich glaubte Euch zu erkennen Herr Junker,“ ſtammelte ſie in der anmuthigſten Ver⸗ legenheit, indem ſie das ſchoͤne Auge zu Boden ſenkte. —„SIch durfte vermuthen, daß Ihr mich kaum wieder erkennen wuͤrdet, wenn ich auch dicht vor Euch ſtaͤnde,“ ſagte er mit traurigem Tone;„habe ich mich doch ſo ſehr veraͤndert, ſeit wir uns zuletzt ſahen!“ —„Wie ſo?“ fragte ſie und erhob ſchuͤchtern das Auge zu ihm. —„Seht Ihr denn nicht, wie ein Boͤſewicht mich zugerichtet hat?“ fragte Tycho verwundert; „kenne ich mich doch ſelbſt kaum mehr!“ —„Ihr meint die Narbe, die Ihr im Ge⸗ ſichte tragt?“ antwortete ſie;„mich duͤnkt, ſie ſteht Euch gut, Herr Junker,“ fuͤgte ſie unſchul⸗ dig hinzu. —„und doch hat eben ſie mir mein ganzes 140 Lebensgluͤck gekoſtet!“ ſagte er mit einem tiefen Seufzer. 1 5 —„So leidet Ihr noch Schmerzen in der Narbe?“ fragte ſie. —„Das nicht;z aber mein Herz hat eine Wunde empfangen, von der es nimmer geneſen wird,“ ſagte er mit traurigem Tone. Chriſtine verſtand ihn und ein Seufzer hob ihren Buſen. Sie wußte, daß die Heirath zwi⸗ ſchen Tycho und dem Fraͤulein, die man in der Umgegend als ausgemacht angeſehen hatte, ruͤck⸗ gaͤngig geworden war; denn Liuva hatte ſich ge⸗ gen ihre Zofe, ein geſchwaͤtziges Ding, dem ſie gleichwohl ihr Vertrauen ſchenkte, uͤber die Ur⸗ ſache ausgelaſſen, die ſie von Totthof ſo eilig forttrieb, und Frau Sophiens Dienerſchaft hatte weiter geplaudert. —„Was macht der Vater?“ fragte Tycho, der eine Weile ſchweigend neben ihr hergeſchritten war, um dem Geſpraͤche eine andere Wendung zu geben. 141 —„Ihm iſt nicht ganz wohl und ich bin in’s Feld hinausgegangen, einige heilſame Kraͤu⸗ ter fuͤr ihn zu ſuchen,“ war Chriſtinens Antwort. „Gut, Herr Junker, daß Ihr mich daran erin⸗ nert, faſt haͤtte ich den Zweck meines Ausgehens vergeſſen,“ fuͤgte ſie hinzu.„Dort unten, am Raine, ſtehen die Kraͤuter, deren ich bedarf; ſie werden gute Dienſte thun, denn nie ſind ſie kraͤfttger und wirkſamer, als eben im Fruͤh⸗ linge.“ —„Ich werde ſie Euch leſen helfen und dann mit Euch zum Vater gehen,“ verſetzte Tycho. —„Ihr ſeid ſehr guͤtig,“ ſagte ſie, einen dankbaren Blick auf ihn werfend;„und wie wird ſich auch der Vater freuen!“ —„So gedenkt Ihr noch immer mit Theil⸗ nahme mein?“ fragte er. —„O mein Gott, wie ſollten wir nicht?“ verſetzte ſie und erroͤthete lebhaft.„Wir haben uns oft nach Euch erkundigt, Herr Junker,“ 142 fuͤgte ſie mit leiſer Stimme hinzu,„und uns herzlich gefreuet, wenn wir hoͤrten, daß es Euch wohl erging. Mein Vater hat zufaͤllig Bekannt⸗ ſchaft mit einem alten Diener Frau Sophiens, Eurer Schweſter, gemacht, und da der gute Greis ſich bei uns gefiel, iſt er oft auf ein Stuͤndchen zu uns gekommen und hat uns von Euch und ſeiner Gebieterin erzaͤhlt, die er, als Ihr noch klein waret, auf Knudſtrup oft auf ſeinen Armen getragen, wie er ſagte.“ Sie waren jetzt bei dem Raine angelangt, wo die von Chriſtinen gewuͤnſchten Kraͤuter ſtanden und Tycho, dem zuerſt nach ſo langer, banger Zeit wieder wohl war, half ſie ihr ſuchen. Bald war das Handkoͤrbchen Chriſtinens damit gefuͤllt und man trat den Weg zu Knuds Huͤtte an.. Auch dieſer war nicht wenig erfreut, den Junker wieder zu ſehen und bald ſaßen dieſe drei guten Menſchen einander eben ſo traulich gegenuͤber, wie das erſte Mal, als Tycho in die 143 Huͤtte Knuds auf Seeland getreten war und ſeine Gaſtfreundſchaft in Anſpruch genommen hatte. Es gab auch jetzt viel zu erzählen und die Stunden verfloſſen ſo ſchnell, daß der Mit⸗ tag herangekommen war, ohne daß man es be⸗ merkt hatte. —„Ihr werdet unſer Gaſt zum Mittags⸗ eſſen ſein muͤſſen,“ ſagte Knud freundlich zu Tycho;„Chriſtine wird ſchon fuͤr ein frugales Mahl geſorgt haben; freilich werdet Ihr fuͤrlieb nehmen muͤſſen, Herr Junker; allein ich weiß, daß Ihr nicht eben großen Werth auf Leckerbiſſen legt, und ſo wage ich es getroſt, Euch auf meine ſchmale Koſt einzuladen.“ Tycho willigte gern ein, und Chriſtine trug bald die mit großer Sorgfalt von ihr bereiteten, obgleich hoͤchſt einfachen Speiſen auf den Tiſch. Wie ſchoͤn, wie anmuthig ſie bei ihren haͤuslichen Beſchaͤftigungen war! Mit welcher Grazie ſie den beiden Maͤnnern die Speiſen vorlegte, das Ge⸗ 144 traͤnk kredenzte! Wie ſanft ſie erroͤthete, wenn ihr Auge Tycho's Blicken begegnete! Ihm war ſeltſam zu Sinne. All' der bittre, herbe Schmerz, der ſeine Seele in der letzten Zeit erfuͤllt hatte, war durch die Naͤhe des We⸗ ſens, von dem er ſich ſo rein, ſo innig geliebt wußte, von ſeiner Seele genommen, und die Begebenheiten, welche zwiſchen dem erſten und dieſem letzten Begegnen des holden Kindes lagen, erſchienen ihm nur noch wie ein boͤſer, beaͤng⸗ ſtigender Traum. Warum, fragte er ſich auf dem Rückwege, den er in einer weit heit'rern Stimmung antrat, warum habe ich doch mein Gluͤck nicht in der Liebe dieſes reinen, unſchuldvollen Weſens ge⸗ ſucht? Warum ſuchte ich uͤberhaupt in der Ferne, was mir ſo nahe lag? Neunzehntes Kapitel. Weder Sophien noch Langenberger entging die Veraͤnderung, die mit Tycho ſeit dieſem Spazier⸗ gange vorgegangen war; allein ſie ſchrieben dieſe dem Zauber zu, den die Natur auch auf das kraͤnkſte Gemuͤth auszuuͤben die Macht hat. Gern ſahen ſie es daher, wenn Tycho jetzt oft ſchon am fruͤhen Morgen das Schloß verließ und erſt mit einbrechendem Abende wiederkehrte, denn immer heiterer und friſcher kehrte er zu ihnen zuruͤck. Wirklich verging jetzt faſt kein Tag mehr, an dem er ſeine Freunde in der Fiſcherhuͤtte nicht aufgeſucht haͤtte; denn nur dort war ihm noch wohl, dort nur konnte er ſeine Seele vor einem II. 3 7 146 Weſen ausſchuͤtten, das ihn mehr mit dem Her⸗ zen, als mit dem Verſtande begriff, und eben dieſes that ihm ſo wohl. Oft nahm er Chriſtinens Hand in die ſeine, und ſie duldete es; oft ſah er ihr liebend in das ſchoͤne, ſeelenvolle Auge und erblickte einen ganzen Himmel von Liebe in demſelben. Jedes Wort, das ſie, ihr ſelbſt unbewußt, zu ihm ſprach, athmete zugleich die tiefſte, innigſte und reinſte Zuneigung; jedesmal, wenn er zu ihr eintrat, brachte er den Himmel in ihre Huͤtte. —„Chriſtine,“ ſagte er einſt, uberwäͤltigt von dem ſeligen Gefuͤhle, von dem reinſten, beſten und unſchuldigſten Weſen ſo geliebt zu ſein,„Chriſtine, Du liebſt mich, ich weiß es: willſt Du mein Weib, die Gefaͤhrtin meines Lebens ſein?“ Er hatte bei dieſen Worten ihre Hand er⸗ griffen, die heftig in der ſeinigen zitterte; zu antworten vermochte ſie nicht, nur durch einen 142 Strom von Thraͤnen machten ſich ihre Gefuͤhle Luft. —„Du antworteſt mir nicht?“ fuhr Tycho fort.„So habe ich mich alſo uͤber die Art Deiner Gefuͤhle fuͤr mich getaͤuſcht und fuͤr Liebe gehalten, was vielleicht nur Theilnahme, ja wohl gar nur Mitleid war? Wohl weiß ich,“ fuhr er mit ſchmerzlich bewegter Stimme fort,„daß mein Aeußeres nicht dazu geeignet iſt, das Auge eines ſchoͤnen jungen Maͤdchens zu beſtechen; ich taͤuſche mich nicht daruͤber, wie haͤßlich ich jetzt bin, wie entſtellt durch jenen Streich, den eine moͤrderiſche Hand nach mir fuͤhrte; aber von Dir, Chriſtine, von Dir glaubte ich, daß Du den Koͤrper ver⸗ geſſen und meine Seele lieben koͤnnteſt“..... —„O mein Gott!“ rief Chriſtine und brach auf’s Neu in einen Strom von Thraͤnen aus, „Dich, nur Dich, Tycho, habe ich vom erſten Augenblicke unſeres Begegnens an geliebt, Dich nur werde ich ewig lieben und nie das Weib eines Andern ſein! Du aber, Tycho, traͤgſt Du 7* 148 nicht das Bild jenes Fraͤuleins, nicht Liuva's Bild im Herzen, die tauſendmal ſchoͤner, reicher, gelehrter und dazu von einem Stande iſt, der Dich nicht vor der Verbindung mit ihr erroͤthen laſſen duͤrfte, wie dieß bei mir der Fall ſein muͤßte? Was koͤnnte ich, das arme, unwiſſende Maͤdchen von niederer Geburt, was koͤnnte ich Dir ſein? Woher wuͤrdeſt Du den Muth neh⸗ men, die Tochter des Fiſchers Knud vor der Welt als Deine Gattin anzuerkennen? Wuͤrde Dich nicht zugleich mit mir ihre Verachtung treffen? Nein, Tycho, ſo ſoll es nicht ſein: Du ſollſt von ihr geachtet, bewundert leben, ſollſt eine ſchoͤne, gebildete und Dir ebenbuͤrtige Ehe⸗ genoſſin in Dein Haus fuͤhren. Ohne Neid wie ich auf Dein und ihr Gluͤck ſehen, Dich zu lieben bis zum letzten Hauche meines Lebens, dieſes wird mir Keiner verwehren, Keiner zum Verbrechen machen koͤnnen, und dieſe Liebe ſei mein Antheil am Gluͤcke.“ Tycho hoͤrte ihr mit einem Entzuͤcken zu, 149 das keine Sprache zu ſchildern vermag. Dann ſchloß er ſie in ſeine Arme, hauchte den erſten Kuß auf ihre Lippen und ſprach: —„Wie Du mich, Chriſtine, engelgleiches Weſen, vom erſten Augenblick an geliebt, ſo liebte ich auch, trotz meines Verhaͤltniſſes zu Liuva, nur Dich; nur war ich mir bis jetzt ſelbſt nicht klar und traute mir die Kraft nicht zu, Dich und Deinen Beſitz dem Schickſal abzutrotzen; dieſe Kraft hat mir jetzt Deine Liebe gegeben und ich fordere die Welt heraus, Dich mir noch wieder zu entreißen. Mit den Vorurtheilen aufgewachſen, die einer Geburt und einem Stande, wie die meinigen, ankleben wagte ich es nicht, daran zu denken, daß eine Vereinigung zwiſchen uns ſtattfinden koͤnne, und doch bedurfte mein Herz der Liebe. So ſah ich Liuva, in der ſich Alles vereinte, was die Welt ſchaͤtzt und verehrt, und lenkte auf ſie meine Hoffnungen und Wuͤnſche. Doch wohl mir, daß ſie mich verſchmaͤhte; denn trotz ihrer 150 Schoͤnheit, ihres Geiſtes und vieler andern Vor⸗ zuͤge, die ſie in Wahrheit beſitzt, wuͤrde ich an ihrer Seite ewig zum Darben beſtimmt geweſen ſein: ſie traͤgt kein Herz in ihrer Bruſt, das geeignet waͤre, mich zu begluͤcken, und haͤtte mir nichts zu bieten gehabt, als was ich ſelbſt ſchon beſitze. Soll Liebe aber wahrhaft begluͤcken, ſo muͤſſen die Liebenden einander ergaͤnzen, wie wir es thun, meine Chriſtine. Daß Du in mir fandeſt, was Dir fehlt, das eben war es, was Dich mit ſo unwiderſtehlicher Gewalt zu mir hinzog, und was mich, den Mann des ſtrengen Forſchens, des Wiſſens zu Dir fuͤhrt, iſt, daß ich in Dir jene Unſchuld, jene Einfach⸗ heit und Kindlichkeit gefunden habe, die im Strudel der großen Welt fuͤr mich ſelbſt verlo⸗ ren gegangen ſind, und nach denen ich mich trotz dem immer ſehnen muß, wie die erſten Eltern nach dem verlorenen Paradieſe.“ Der Eintritt des Vaters unterbrach dieſes Geſpraͤch. Tycho ſtand auf, nahm Chriſtinen —— 151 an der Hand, fuͤhrte ſie ihm entgegen und ſagte mit bewegter Stimme: —„Vater, ſegnet Eure gluͤcklichen Kinder!“ Knud war durch das, was er hoͤrte, nicht uͤberraſcht, denn ſchon lange war ihm die Liebe der Beiden kein Geheimniß mehr und er hatte gewußt, daß Alles ſo kommen wuͤrde. Er ſegnete Tycho und Chriſtine mit ſeinem beſten vaͤterli⸗ chen Segen, forderte aber als ein kluger, welt⸗ erfahrener Mann von dem erſteren, daß ihre Verbindung vorlaͤufig noch geheim gehalten wuͤrde; nur der treue Langenberger und Frau Sophie, von denen man keinen Widerſpruch zu erwarten hatte, ſollten in das Geheimniß einge⸗ weiht werden. Schon nach wenigen Tagen vereinte ein Prieſter die Liebenden auf immer zu dem ſchoͤnſten, begluͤckendſten Bunde, der, allen ihnen in den Weg gelegten Hinderniſſen zum Trotze, bis zu dem Ende ihres Lebens fortdauern ſollte. Zwiſchen der Wiſſenſchaft und Liebe getheilt, 152 verlebte Tycho die ſchoͤnſten Tage. Seine Seele hatte gleichſam einen neuen Schwung bekommen und viele ſeiner großen Entdeckungen fallen in jene Zeit ſeiner geheimen Liebe und Ehe. Nun als der Tod ſeines Vaters, der ihn zum Lehnserben von Knudſtrup, dem vaͤter⸗ lichen Gute, machte, ihm volle Freiheit gab, ſtand er nicht laͤnger an, ſeine Verbindung oͤffentlich zu erklaͤren, was er ſeiner geliebten Chriſtine um ſo mehr ſchuldig zu ſein glaubte, da ſie ein Pfand ſeiner Liebe unter ihrem Her⸗ zen trug. uhs 123 a Wenn ſich Tycho gleich bei dieſer Erklaͤrung auf einen Sturm von Seiten ſeiner adelſtolzen Anverwandten gefaßt gemacht hatte, ſo uͤbertraf doch der Zorn derſelben alle ſeine Erwartungen. Man vereinigte ſich, und zwar die beiden Haͤuſer Brahe und Bille, zu einem Familien⸗ Congreſſe und ſtellte in dieſem einſtimmig feſt, daß man Chriſtine, die Tochter des Fiſchers Knud, nie fuͤr die rechtmaͤßige Ehegenoſſin 153 Tycho's, noch die dieſem von ihr geborenen Kinder fuͤr erbfaͤhig halten wolle; ja ſelbſt Tycho's Mutter und Geſchwiſter, mit Ausnahme der edlen, vor⸗ urtheilsfreien Sophie, traten der Meinung der Uebrigen bei und unterzeichneten den gemeinſam gefaßten Beſchluß. Tycho laͤchelte, als man ihm denſelben mit⸗ theilte und ertrug geduldig die unverdiente Verachtung, mit der man ihn von allen Sei⸗ ten uͤberhaͤufte. War er doch ſo gluͤcklich im Beſitze ſeiner Chriſtine, daß dieſes Gluͤck nicht ohne Schatten bleiben konnte! Zwanzigſtes Kapitel. Cs war im Jahre 1586. Der Name und Ruhm Tycho's hatten ſich nicht nur durch ſein Vaterland, ſondern durch ganz Europa verbreitet. Koͤnige, Fuͤrſten und andere hohe Herren ſuch⸗ ten ſeine Bekanntſchaft und beehrten ihn mit ihrer Freundſchaft. Er hatte ſich auf Reiſen ausgebildet, den fuͤr die Sternenkunde ſo wichtigen Quadranten erfunden und ſeine große Himmels⸗ kugel, ein Werk, das allgemeines Erſtaunen er⸗ regte, verfertigen laſſen. Koͤnig Friedrich uͤber⸗ ſchuͤttete ihn mit Gnadenbezeigungen und wies ihm alle zur Ausfuͤhrung ſeiner großen Plaͤne erforderlichen Summen mit koͤniglicher Freigebig⸗ keit an. Die reizende Inſel Hween, welche zwiſchen Seeland und Kopenhagen im Oreſund liegt, war Tycho zum Lehen gegeben worden und er hatte auf derſelben jene großen und merkwuͤrdigen Ge⸗ baͤude auffuͤhren laſſen, die mit Recht ein ſo außerordentliches Erſtaunen erregten. Auf einer maͤßigen Anhoͤhe mitten in der Inſel erhob ſich das Schloß Uranienburg, das nach allen Seiten eine freie Ausſicht gewaͤhrte. Schoͤnheit und Nuͤtzlichkeit waren der Hauptzweck geweſen, den Tycho bei dieſer großartigen Anlage vor Augen gehabt hatte. Eine viereckige Mauer, deren Ecken ſich nach den vier Himmelsgegenden wendeten, umſchloß die Anhoͤhe. In jeder Ecke befand ſich ein Luſt⸗ haͤuschen und außerdem noch zwei Haͤuſer, die Tycho's Schuͤlern und ſeinem Dienſtperſonale zum Aufenthalte dienten; in einem derſelben be⸗ fand ſich auch eine Druckerei. Von dieſen Haͤu⸗ 156 ſern fuͤhrte ein breiter, mit Gitterwerk eingefaßter Weg zu dem eigentlichen Schloſſe, das von Luſt⸗ gaͤrten, anmuthigen Waͤldchen u. ſ. w. umringt war. Durch dieſe gelangte man auf einen cirkel⸗ runden Schloßplatz, der geraͤumig genug war, um das herrliche, 60 Fuß in's Gevierte haltende Gebaͤude von allen Seiten betrachten und be⸗ wundern zu koͤnnen. Der Eingang war in ei⸗ nem eckichten Thurme, in der Mitte der Fronte angebracht, und hatte ein Portal von ioniſcher und doriſcher Ordnung. Das Schloß enthielt acht Hauptgemaͤcher und war zwei Geſchoſſe hoch; auf jeder der vier Ecken war eine Pyramide an⸗ gebracht. In einem ſanften Bogen erhob ſich dann das Gebaͤude bis an die Kuppel, uͤber welcher ein reichvergoldeter Pegaſus, der, vom Winde bewegt, im oberſten Saale des Hauſes an der Decke durch einen Weiſer den jedesmaligen Wind auf einer Scheibe anzeigte. Unter einem Thuͤrmchen uͤber der Kuppel war ein uͤberaus kuͤnſtliches Uhrwerk angebracht; unter der Kuppel 157 befand ſich ein achteckichter Saal, mit freier Aus⸗ ſicht nach allen Seiten, außen mit einer Galerie verſehen. Auf einigen kleinen Kuppeln daneben ſtanden die Sinnbilder der vier Jahreszeiten; ge⸗ gen Suͤden und Norden waren vier Obſervato⸗ rien auf Thuͤrmen mit großer Kuͤhnheit erbaut; von dieſen aus ſtellte der große Aſtronom ſeine Beobachtungen an. Die Seitengebaͤude enthielten eine Studir⸗ ſtube und eine, fuͤr die damalige Zeit, ſehr an⸗ ſehnliche Bibliothek, auch Wohnungen fuͤr eine Menge Schuͤler, die Tycho auf den Wunſch des Koͤnigs unterrichtete. Das Souterrain beſtand aus mehren großen Gewoͤlben, in denen ein chemiſches Laboratorium und eine Glasbrennerei angelegt waren; in der letztern wurden ſehr ſchoͤne farbige Glaͤſer verfertigt. In allen Anlagen war Tycho ſinnreich ver⸗ fahren und hatte mit dem Nutzen die Schoͤnheit zu verbinden gewußt. Selbſt der Brunnen auf 158 dem Hofe war ein Kunſtwerk, und mehre Fon⸗ tainen ſprangen aus Thierbildern hervor. Außer dieſen merkwuͤrdigen Gebaͤuden erhob ſich auf einer Anhöhe auch noch die Sternburg, deren unterirdiſche Gewoͤlbe ſo eingerichtet waren, daß man ſelbſt am Tage den geſtirnten Himmel darin beobachten konnte. Dieſer Ort war gleich⸗ ſam das Allerheiligſte und nur der getreue Langen⸗ berger und einige Lieblingsſchuͤler durften ihn betreten und ſich mit dem großen Meiſter zugleich der Beobachtung des Himmels uͤberlaſſen. In der Sternburg waren auch die wichtigſten In⸗ ſtrumente, Quadranten, Himmelskugeln, Fern⸗ roͤhre u. ſ. w. aufgeſtellt, die zum Theil ſeine eigene Erfindung und von ihm und ſeinen Schuͤ⸗ lern angefertigt waren. Tycho ſtand eben auf der ſchoͤnen Galerie ſeines Schloſſes und ließ ſeine Blicke uͤber die reichen, ſchoͤnen Fluren, uͤber die herrlichen Buchen⸗ waͤlder ſeines Beſitzthums hinſchweifen, als Meiſter Johannes, der Vorſteher ſeiner Druckerei, zu 159 ihm trat, und ihm ein zierlich gedrucktes Buch uͤberreichte, das ohne des Verfaſſers Wiſſen fertig und in aller Eile gebunden worden war; denn man wollte den geliebten Meiſter und Herrn damit uͤberraſchen. Tycho empfing es nicht ohne große innere Bewegung aus den Haͤnden des wackern Man⸗ nes und ſchlug das Titelblatt deſſelben auf: es war ſein neues Weltſyſtem, die Frucht ſeiner unermuͤdlichen Forſchungen und Arbeiten. Was er ſo lange nur in ſeinem Innern getragen hatte, war jetzt in die Welt hinausgetreten; die Kennt⸗ niſſe und Beobachtungen, welche bisher nur ſein ausſchließliches Eigenthum geweſen waren, ſollten jetzt durch den Druck ſeines Manuſcripts ein Ge⸗ meingut fuͤr Alle werden! Der Augenblick war groß und feierlich; Tycho fuͤhlte das ganze Gewicht deſſelben und eine Thraͤne trat in ſein Auge. Er druͤckte Meiſter Johannes Hand, zum Beweiſe ſeines Dankes, und bat dieſen dann, ihn allein zu laſſen; ihm 160 war in dieſem feierlichen Augenblicke Einſamkeit das erſte Beduͤrfniß. Der wackre Mann ver⸗ ſtand ihn und entfernte ſich mit leiſen Schritten. Nur wenige Minuten waren Tycho aber ver⸗ goͤnnt, ſich ungeſtoͤrt ſeinen Gefuͤhlen uͤberlaſſen zu koͤnnen, denn er erblickte, indem er ſeine Au⸗ gen umherſchweifen ließ, in einiger Entfernung vom Schloſſe einen Zug von Leuten, die ſich demſelben naͤherten. Schon nach wenigen Au⸗ genblicken erſchien Meiſter Johannes abermals und rief ihm faſt athemlos entgegen: —„Es iſt der Koͤnig ſelbſt, der mit einem großen Gefolge ſo eben gelandet iſt und Euch zu beſuchen kommt!“ —„Der Koͤnig?“ fragte Tycho uͤberraſcht. —„Der Koͤnig in hoͤchſteigener Perſon, Ihr duͤrft Euch darauf verlaſſen,“ war die Antwort. „Einer meiner Druckgehuͤlfen ſah ihn landen und eilte voraus, Euch die Nachricht zu bringen, damit Ihr Zeit haͤttet, Euch auf den Empfang des hohen Gaſtes vorzubereiten.“ 2 161 —„Benachrichtigt vor allen Dingen Frau Chriſtine,“ ſagte Tycho;„ich werde Sr. Majeſtaͤt indeß entgegengehen; ſagt ihr, daß ſie Alles auf⸗ bieten moͤge, was in ihren Kraͤften ſteht, unſern hohen Gaſt zwar nicht nach Wuͤrden, aber doch nach unſerm Vermoͤgen zu bewirthen.“ —„Es ſoll geſchehen,“ verſetzte Meiſter Johannes und entfernte ſich wieder, um den er⸗ haltenen Befehl auszurichten. Tycho eilte indeß in ſein Gemach, um ſeine beſten Kleider anzulegen und ging dann ſeinem guten, gnaͤdigen Koͤnige entgegen, den er bereits ganz in der Naͤhe des Schloſſes antraf. —„Wir haben Euch uͤberraſcht, Herr Brahe,“ ſagte Friedrich mit heiterm Blicke, indem er Tycho die Hand zum Kuſſe reichte; „aber wir hoffen, Euch trotz dem nicht unwill⸗ kommen zu ſein, obgleich wir Euch einige Laſt machen werden, zumal da auch unſre werthe Ehegenoſſin, Frau Sophia, dem Wunſche nicht länger zu widerſtehen vermochte, die ſo vielge⸗ 162 prieſenen und beſprochenen Wunder dieſer Inſel in Augenſchein zu nehmen und Eure deianliche Bekanntſchaft zu machen.“ —„Ihr haͤuft ſo viele Gnade und Gunſt auf mich, mein gnaͤdiger Koͤnig und Herr, daß ich faſt unter denſelben erliege,“ erwiederte Tycho,„und woher ſoll ich Worte nehmen,“ fuͤgte er, gegen die Koͤnigin gewandt, hinzu, „ auch meiner gnaͤdigen Frau und Koͤnigin nach dem Beduͤrfniſſe meines Herzens fuͤr die große mir erzeigte Gunſt zu danken?“ Er bog bei dieſen Worten ein Knie vor der Koͤnigin und wollte ihr Gewand an ſeine Lippen druͤcken; ſie aber reichte ihm ihre ſchoͤne weiße Hand, hob ihn empor und ſagte ihm freundliche, anerken⸗ nende Worte, denn ſie war eine kluge und unterrichtete Frau und wußte den Werth eines Mannes, wie Tycho war, zu ſchaͤtzen. Der Zug langte unter heitern und anmuthi⸗ gen Geſpraͤchen im Schloſſe an. Dem Koͤnige gefiel Alles ſo ſehr, daß er faſt jeden Augen⸗ — 163 blick in Lobeserhebungen der ſinnigen und geſchmackvollen Anordnungen, die er jetzt zuerſt ſah, ausbrach und ſeine Gemahlin darauf auf⸗ merkſam machte. Zu Aller Verwunderung fand man in dem großen Saale des Schloſſes bereits eine Tafel gedeckt und mit allerlei Erfriſchungen beſtellt, am Eingange des Saales empfing Frau Sophie Tott, Tychos Schweſter, die ſeit Jahren ſchon ibren Wohnſitz bei dem geliebten Bruder aufge⸗ ſchlagen hatte, die hohen Gaͤſte. Tycho ſtellte ſie ſeinem Koͤnige und der Koͤnigin als ſeine Schweſter vor, und auch an ſie wurden nicht wenige freundliche Worte von dem hohen Paare gerichtet. 2 Nachdem man die ſehr willkommenen Erfriſch⸗ ungen eingenommen hatte, verlangte der Koͤnig, daß Tycho ihn, ſeine Gemahlin und ſein Gefolge in den ſehenswerthen Gebaͤuden und Anlagen umherfuͤhre und ihnen Alles zeige, was beide an Merkwuͤrdigkeiten enthielten. Seine X Freude uͤber das was er ſah, ſeine Bewunder⸗ ung fuͤr Tycho's Geiſt und Genie erreichten den hoͤchſten Gipfel, und mit beredten Worten pries er ſein Gluͤck, daß es ihm vorbehalten geweſen ſei, etwas ſo Großes, Schoͤnes und fuͤr die erhabenſte aller Wiſſenſchaften Verderlhes mit in's Leben rufen zu koͤnnen. Wie groß, wie liebenswuͤrdig er in ſeiner Freude war! Wie jedes ſeiner Worte Tycho's Seele erhob! Zu welchem Feuereifer ſie ihn anſpornten! Man brachte mehre Stunden mit dem Beſehen zu; denn der Koͤnig wollte Alles ken⸗ nen lernen, von jedem Inſtrumente den Zweck und Nutzen wiſſen, Alles ſeiner geliebten Gemah⸗ lin zeigen, damit auch ſie begriffe, wie Großes und Wichtiges hier zu Stande gebracht worden ſei. Endlich kuͤndete ein Diener den hohen Gaͤſten an, daß die Mittagstafel bereit ſei und man verfuͤgte ſich in den Speiſeſaal, wo Alles 165 auf das Schoͤnſte und Beſte geordnet war. Duftende Blumen in zierlichen Vaſen waren auf der Tafel aufgeſtellt und die aufgetragenen Speiſen verbreiteten einen ſo einladenden Geruch, daß ſie auch eine ſchwache Eßluſt zum Genuſſe gereizt haben wuͤrden. Sobald der Koͤnig ſich geſetzt hatte, erſchien licher Kleidung mit einem Sammtkiſſen, auf dem ein Buch lag; er kniete, ſo wie er neben dem Seſſel des Koͤnigs angelangt war, nieder und hielt dieſem das zierlich gebundene Buch hin. Der Koͤnig warf erſt einen freundlichen Blick auf den ſchoͤnen Knaben, dann nahm er das Buch von dem Kiſſen, oͤffnete es und las den Titel mit ſichtbarer Freude: es war Tycho's neues Weltſyſtem, eben das Buch, welches ihm am Morgen dieſes gluͤcklichen Tages von Meiſter Johannes uͤberreicht worden war. —„Die Urkunde Eurer Anwartſchaft auf die Unſterblichkeit!“ ſagte Koͤnig Friedrich zu ein Knabe, ſchoͤn wie der Liebesgott, in zier⸗ 166 Tycho.„Ich danke Euch fuͤr dieſes werthe, ja wahrhaft koͤnigliche Geſchenk, das mir mehr Freude macht, wie irgend eins, daß ich in mei⸗ nem Leben empfangen habe: ich werde zu ver⸗ gelten ſuchen!“ 2 ¶● Dann, ſich an den ſchoͤnen Knaben wendend, der noch immer neben ihm kniete, fuhr er fort: —„Auch Du darfſt nicht ohne ein Geſchenk bleiben, und wenn Dein Gebieter nichts dagegen einzuwenden hat, ſo nehme ich Dich unter die Edelknaben meiner Gemahlin auf. Wie iſt Dein Name?“ —„Brahe!“ antwortete der Knabe. —„Euer Sohn?“ wandte ſich der Koͤnig an Tycho. —„Mein Erſtgeborener,“ verſetzte der Gefragte. —„ und ſeine Mutter, weshalb ſehe ich ſie nicht hier?“ fragte der Koͤnig weiter. Tycho ſchwieg. —„So werden wir unſre gute Wirthin ſelbſt zur Tafel holen muͤſſen,“ ſagte der Koͤnig, — der ſich Tycho's Schweigen und Verlegenheit recht gut zu deuten wußte.„Schoͤner Knabe,“ wandte er ſich freundlich an den jungen Brahe, „Du wirſt uns zu Deiner Mutter fuͤhren.“ —„Das will ich gern,“ verſetzte der Knabe; „ſie iſt aber in der Kuͤche beſchaͤftigt.”... 25—„So holen wir ſie von dort ab,“ ſagte Friedrich;„ſie darf an dieſem Feſt⸗ und Freu⸗ dentage nicht an unſerer Seite fehlen.“ Er entfernte ſich mit dieſen Worten aus dem Saale und kehrte wenige Augenblicke darauf mit einer noch immer ſchoͤnen, zwar ſehr einfach, aber mit der hoͤchſten Sauberkeit gekleideten Frau zuruͤck. Ein lebhafter Purpur bedeckte die Wangen Frau Chriſtinens, als ſie an der Hand des guͤ⸗ tigſten und beſten der Koͤnige in den feſtlich ge⸗ ſchmuͤckten Saal trat, und ſie wagte es nicht, ihr Auge zu der Verſammlung zu erheben. —„Frau Brahe, die treue Ehegenoſſin un⸗ ſers werthen Gaſtfreundes, der ſeinen Ruhm mit 168 unſterblicher Schrift in die Sterne geſchrieben hat!“ ſagte der Koͤnig, ſeiner Ganablin Chriſtine zufuͤhrend. h Wilonn Dieſe erhob ſich von ihrem Site und um⸗ armte die vor Ueberraſchung Bebende, indem ſie ihr zugleich die Stirn kuͤßte. —„Jetzt laß mich ſterben, o mein Bater im Himmel!“ rief Tycho, die Haͤnde empor⸗ hebend;„oder ſollte das Gluͤck dieſes Tages nur ein Traum ſein, mich nie wieder erwachen!“ Druck von E. Polz in Leipzig. — 6 7 8 — 9 EenannnmaRRVRRNERNEERYMRVNNMRRRMx 11 12 13 14 15 1 1 10 6