X Leihbibliothek deutſcher⸗ engliſcher und franzöſiſcher Literatur von—. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.*. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 7„—„ 3„„ 4„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 2 5 6. 3 der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch da ür zu ſtehen haben. 5 5 ——— 9 4 p = . 7 4 Neue Novellen. Von Johanna Schopenhauer. Zweiter Theil. Mit Königlich Würtembergiſchem Privilegium. —— Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer⸗ 1832. —-— Lebens⸗Verhältniſſe. Miüde zum Umfallen, und doch zu aufgeregt um ſogleich den Schlaf ſuchen zu können, lag Eugenia in ihrem Lehnſtuhl nachläſſig hinge⸗ ſtreckt, und ließ ungeſtört die geſchäftigen Hände ihrer Zofe walten, die ſie von dem bunten ſchimmernden Putz befreiten, in wel⸗ chem ſie ſo eben als ein Stern erſter Größe, auf dem koſtümirten Balle des“** ſchen Ge⸗ ſandten geglänzt hatte. Die Zunge der guten Chriſtel war während des Anskleidens ihrer Ge⸗ bieterin ebenſo beweglich als ihre zierlichen Fin⸗ ger; mit unerſchöpflicher Beredſamkeit theilte ſie derſelben ihre Bemerkungen über alles was ſte auf dem Balle geſehen und gehört hatte mit, dem ſie ebenfalls, freilich nur als demüthige Zuſchauerin, durch beſondere Begünſtigung der Kammerjungfer der Frau Geſandtin, beigewohnt — 6— hatte. Doch Eugenien gieng noch die Muſik des letzten Kottillions im Kopf herum, und ſie hörte nur mit halbem Ohr auf das Ge⸗ plauder der treuen Seele. Der Ball, von dem Eugenia eben zu Hauſe kam, war frellich der höchſte Lichtpunkt der diesjährigen Karnevalsfreuden geweſen, deren lange glänzende Reihe er beſchloß. Sämmt⸗ liche Damen, nebſt dem ganzen ihren Winken folgendem Heere von Schneidern, Putzmache⸗ rinnen und Kammerjungfern, waren ſchon mehrere Wochen vorher mit Zurüſtungen zu demſelben beſchaͤftigt geweſen, denn eine ſolche Gelegenheit, ohne eine entſtellende Geſichts⸗ maske, in den ausgeſuchteſten und kleidſamſten Trachten fremder Nationen ſich zu zeigen, war ihnen früher noch nie geboten. Auch Eugenia hatte es ſich angelegen ſein laſſen, eine ſo wich⸗ tige Staatsangelegenheit mit der gehörigen Auf⸗ merkſamkeit zu behandlen, ſie hatte indeſſen Urſache gehabt mit dem Erfolg ihrer Bemü⸗ . — , — 2= hungen am heutigen Abende zufrieden zu ſeyn, und ruhte nun ſchweigend und ſtill ſinnend auf ihren Lorbeeren aus, während Chriſtel den Anzug der ausgezeichnetſten Masken, bald lo⸗ bend, bald tadelnd, ihr nochmals vorführte. „Aber Keine von Allen ſah doch ſo göttlich aus, als mein gnädiges Fräulein:“ ſprach ſie, indem ſie vor Eugenien hinkniete, um ihr die goldnen Pantöffelchen auszuziehen:„nein, wie der Reiherbuſch Ihnen ſtand, und die Tunika von goldgeblümtem Flor, und die weißatlaß'“⸗ nen Pagtalons! auch ſagten es alle Leute. Wie die armen kleinen Füßchen brennen! und w das nun ausſieht, gegen heute Morgen,“ ſetzte ſie hinzu, und hielt die Schuhe, denen man die geleiſteten Dienſte freilich anſah, ge⸗ gen das Licht;„nun hin iſt hin, auf dieſer Welt iſt alles vergänglich. Die kleinen Din⸗ ger ſind aber auch gar nicht vom Tanzplatz weggekommen, die Augen vergingen einem ordentlich, wenn man Ihnen genau zuſah, . — 8.— Sie ſo flink ſich bewegten, auch ſagte es der Hofmeiſter der kleinen Excellenzen des Herrn Geſandten, der neben mie ſtand. Fliegt Ihre Dame doch wie ein Vogel durch den Saal, als ob ſie den Fußboden gar nicht berühre, ſagte er, und gewiß und wahrhaftig er hatte Recht.“ „Du biſt ein gutes albernes Ding, und ſprichſt eben wie du es verſtehſt,“ erwiederte Eugenia lächelnd:„aber gieb mir noch eine Taſſe Thee, und trage dann den Flitterſtaat in die Garderobe, damit ich ihn nur Morgen nicht wiederſehen muß.“ 4. „Aber Eines möchte ich doch noch fra⸗ gen,“ ſprach Chriſtel indem ſie den Thes ein⸗ ſchenkte:„iſt es denn wirklich wahr, daß Graf Klothar geiſtlich werden muß? ich wunderte mich ſo, ihn ganz allein in ſeinem gewöhnli⸗ chen ſchwarzen Nock, mitten unter den bunt geſchmückten Herrn und Damen ſtehen zu ſe⸗ hen, und da ſagte es mir der Herr Hofmeiſter. Er darf nicht mehr tanzen, Nweil der Biſchof — —— —— ——————— — 9— ö in dieſen Tagen herkommt, und er dann zum geiſtlichen Stande eingeweiht werden ſoll. Er dauerte mich recht, wie ich ihn darauf anſah, er ſah ſo ſchön, und dabei ſo traurig aus. Solch ein reicher, vornehmer, junger Herr! es iſt doch Jammerſchade! Aber das iſt doch eine wunderliche Einrichtung bei den Katholiken, da ſind wir Lutheraner beſſer daran, bei uns weiß man von dergleichen nichts.“ Ein halbunterdrückter Seufzer aus tiefſter Bruſt, war die einzige Antwort, die Chriſtel auf ihre Frage erhielt. Es war eben zur erſten Frühlingszeit, in welcher die Nächte merklich kürzer werden. „Sieh' Chriſtel,“ ſprach Eugenia, und blickte träumeriſch nach dem ihr gegenuͤber⸗ ſtehenden Fenſter, das auf ein kleines ſehr ſchmales Gäßchen hinausging, denn ihr Zim⸗ mer lag im Hintergebäude der eleganten und geräumigen Wohnung ihrer Mutter.„Sieh', der Tag fängt ſchon an zu grauen, und wir ſind noch nicht zu Bette. Wahrlich die Nach⸗ baren ſtehen ſchon auf, drüben, im Dachkäm⸗ merchen des kleinen Hauſes, uns gegenüber, wird ſchon Licht angezuͤndet.“ „Ach das iſt die fleißige Jungfer Holder⸗ lein,“ erwiederte Chriſtel:„das arme Ding ſteht immer mit den Lerchen auf, und ſitzt doch oft bis ſpät nach Mitternacht noch bei der Arbeit. Ach ja! das Brodeſſen wird ar⸗ men Leuten in dieſer Welt ſauer gemacht. Sie hat es wohl nöthig, der Vater iſt ein Klempner und hat wenig Kundſchaft, die Mut⸗ ter kränkelt, da muß die Tochter freilich das Beſte dabei thun. Aber geſchickt iſt ſte, das muß man ihr laſſen. Ihr' Gnaden ſollten's nur ſehen, ſie hat jetzt zu der Ausſtattung der reichen Krämers Tochter dort unten an der Ecke, viel zu ſticken. Batiſttücher, denken Ihro Gnaden, achtundvierzig Züpfel jeder an⸗ ders! das will was ſagen. Aber ſie macht es ſo ſauber und nett, wie gemalt ſage. — 4— ich Ihnen—— aber Sie ſchlafen wohl ſchon?“ „Ich ſchlafe nicht, ich kann noch nicht ſchla⸗ fen,“ rief Eugenia ſich raſch aufrichtend:„ich habe alles gehört von der Jungfer Holderlein; beſtelle ſie nur auf morgen, wenn ich auf⸗ geſtanden bin, und gehe zu Bette, Chriſtel, ich will das Meinige ſchon ohne dich finden, aber du kannſt morgen doch nicht ſo lange ausſchlafen als ich, darum geh' jetzt, und be⸗ ſtelle nur morgen die Holderlein.“ Chriſtel ging endlich. Eugenia ſetzte in ihrem Lehnſtuhl ſich zurecht, zog das Licht nä⸗ her an ſich heran indem ſie es putzte, und wickelte aus ihrem Taſchentuch einige in die kleinſte Form künſtlich zuſammengefaltete eng beſchriebene Blätter, die Graf Klothar auf dem Balle ihr heimlich in die Haͤnde zu ſpie⸗ len gewußt. Vom Augenblick überraſcht, hatte ſie die⸗ ſelben angenommen; daß ſie bei beſſrer Be⸗ — 12— ſinnung ſie nicht ungeleſen ihm zurückgab, war die erſte und einzige Verletzung der Regeln des Schicklichen, die ſie ſich jemals erlaubt hatte; aber wie wäre es möglich geweſen, den ſtum⸗ men und doch ſo rührenden Bitten ſeiner Au⸗ gen zu widerſtehen, und den durch ſein har⸗ tes Geſchick ſchmerzlich Verletzten, durch Härte und Stolz noch tiefer zu beugen. „Wenn jedes Ueberſchreiten, der einmal zur Regel gewordnen Form geſelliger Konvenienz, in jedem Fall ein Unrecht bliebe:“ ſchrieb Klo⸗ thar:„ſo bedürften dieſe Zeilen des vollen Uebermaßes der Ihnen eigenen Milde, um Verzeihung zu erlangen; und wenn die dem innerſten Heiligthum des Gefuͤhls innewoh⸗ nende Stimme irren könnte, ſo dürfte ich nur zögernd, verworren, mich in dieſem Augenblick an Sie wenden, von Furcht befangen, Sie möchten dieſes Blatt ungeleſen mir zurück ge⸗ ben, und dadurch mein ganzes Daſeyn in ewige Nacht begraben.“ — 33— „Doch nein, Eugenia! die Wonne, die im Anſchauen Ihrer himmliſchen Klarheit mich durchſtrömt, kann mich nicht täuſchen, das von dem Tage an, da ich zuerſt Sie erblickte, mit ſchöpferiſcher Gewalt mein ganzes Weſen umgeſtaltete, kann mich nicht irre führen. Das offne treue Auge, in welchem ich nicht Mit⸗ leid, nicht Theilnahme allein, in welchem ich ſo oft Erwiederung des ſtill in meiner Bruſt verborgnen Gefühles las, es konnte mir nicht lügen; die zarte Hand, deren leiſeſtes Berüh⸗ ren mein ganzes Weſen erſchüttert, ſie kann mich nicht zurück ſtoßen. Geliebte, ich habe die wortloſe Sprache Ihres Herzens verſtan⸗ den, wie Sie die des meinigen. Sie erwie⸗ dern, Sie theilen das Gefühl das zu Ihnen allmächtig mich hinreißt, ich weiß es, denn ich fühle es, und mit einem Entzücken für das jede Sprache zu arm iſt, wage ich Ihnen zu geſtehen, daß ich es weiß. Irre ich, wäre es nicht ſo, nun ſo iſt auch alles Glauben — 44— und Hoffen des Menſchen, im Himmel und auf Erden, eine ungeheure Lüge.“ „Und ſo laſſen Sie denn mein ganzes Leben, mein ganzes Hoffen, alles was ich denke und empfinde, vor Ihnen in Worten mich frei ent⸗ falten, Worte habe ich nur dafür, ſeit ich Sie kenne, mein ganzes Daſehn war früher nur ein traumähnliches Schwanken in dumpfer Ahnung. Im Schatten der Kirche wuchs ich auf, unbezeichnet und unbeachtet floſſen meine Jugendtage an mir vorüber, ſtrenge Lehrer und Heiligenbilder ſtanden gleich Nebelgeſtalten mir zur Seite, ich erkannte weder ſie, noch mich ſelbſt, noch meine unbemerkt ſich entwickelnden Kräfte. Endlich erblickte ich Sie, Eugenia, und der helle volle Strahl des Bewußtſeyns brach durch die ſtarre Umhüllung, die Nebel wichen, meine innre Welt war erſchaffen, meine Gedan⸗ ken, meine Wünſche gewannen eine andere Rich⸗ tung, und ich fühlte Muth und Kraft in meiner lange verödeten Bruſt. Beim Sonnenlicht der — Leidenſchaft, das damals mich entwickelte und nun mich verzehrt, überblickte ich zum erſten⸗ mal klar und deutlich den Standpunkt auf dem ich ſtehe, das ganze Gewebe der Verhältniſſe, in denen ich befangen bin.“ „Sie kennen Sie zum Theil, dieſe Verhaͤlt⸗ niſſe, Eugenia, Sie wiſſen auch, daß der Bruder meines Vaters, der Biſchof meine Beſtimmung mir gab. Sie wiſſen auch, daß die beſondere Gunſt des heiligen Vaters ihn vor vielen andern auszeichnet, und ihm Macht verleiht, meine Bahn glorreich zu brechen, meine Schritte ſicher dem Ziele zuzuleiten. Seit er mich, im Knabenalter noch, dem geiſtlichen Kollegium übergab, in welchem ich meine Erziehung erhielt, habe ich ihn nicht wieder geſehn, jetzt kommt er in wenigen Tagen, um nach kurzer Prüfung mir die letzten Grade der Prieſterweihe zu ertheilen. Er kommt um mit gewichtiger Hand mir das Paradies des Lebens zu verſchließen, —--———— — 16— mein Herz mit den Banden frommer Knecht⸗ ſchaft zu beladen. O Eugenia!“ „Ehemals, ja ehemals, da lockte mich noch der ehrwürdige Prunk, die unbeſchränkte Ge⸗ walt über die Geiſter und über die Gemüther, denen der mir angewieſene Weg mich entge⸗ gen tragen ſollte. Mit unerſchütterlichem Glau⸗ ben hing ich an den Lehren der frommen Väter, und träumte von künftigem ausgebrei⸗ tetem Wirken für die Wohlfahrt der Kirche und meiner Brüder. Mit Abſcheu wendet mein Gemüth ſich jetzt von dem Gedanken ab, das neu erwachte jugendliche Gefühl in mir mit verſagender Strenge zu erſticken; ich fühle die Unmöglichkelt des Opfers, das der geiſtliche Stand von mir verlangt, und bin zu wahr ſie mir verhehlen zu wollen. Eugenia! aus dem Kelch des Herrn würde deine Geſtalt mir entgegen leuchten, deinen Namen nur würde ich im Gebet zu der Hochgebenedeiten Himmels⸗ Königin nennen, von dir nur würde ich dem ———— — 17— Sterbenden ſprechen, um ihn zu troͤſten, und dem reuigen Sünder würde ich dein Bild, ſtatt deſſen eines Heiligen zur Nachahmung aufſtel⸗ len, denn ich ſinne und denke und fühle nur dich! Meine Kirche verſtößt mich, denn ihre Macht will mich ja nicht befreien, ihre Tröſt⸗ ungen ſchwinden, bei dem Gedanken an dei⸗ nen Verluſt.“ „Reines, mildes, heiliges Weſen! Sie ken⸗ nen die Wuth der Leidenſchaft nicht, die in mir tobt, die wilde Flamme kann Sie nicht ergrei⸗ fen, ſie neigen ſich mir zu, wie Engel zu Sterblichen niederſteigen, o nehmen Sie in den Himmel Ihres Friedens mich auf!“ „Erkennen Sie mich ganz, ich kann Ihnen nichts verhehlen.“ „Alle die Huldigungen, die ſo viele ausge⸗ zeichnete Männer Ihnen darbringen, ich konnte ſte, zwar nicht ruhig in meinem Innern, aber doch mit Faſſung ertragen, doch heute nannte man mir Fürſt Waldheim unter der Zahl II. 2 — 18— derer, die ernſtlich um Sie ſich bewerben; ich fühlte, der Augenblick der Entſcheidung meines Geſchick's ſey gekommen, Glück, Freiheit, Tod oder Leben ſtehen auf dem Spiel, ich lege getroſt alles in Ihre Hände, entſcheiden Sie üher mich.“ „Um Ihren Beſitz entſage ich allen meinen Ausſichten auf eine glänzende Zukunft, die ich mit dem Opfer jeder Jugendfreude erkaufen müßte. Ich wage noch mehr!“ „Nicht ohne bängliches Erſtarren vermag ich das gewichtige Wort vor Ihnen auszuſpre⸗ chen, ich bin bereit die Glaubensformel abzu⸗ ſchwören, die von Ihnen mich trennt, und der Gewalt des mir verwandten berrſhlücht pen Prieſters mich unterwirft!“ „O, ſchaudern Sie nicht vor dieſem über⸗ kühnen Wort zuruͤck, meine Eugenia, kein Ruchloſer, kein meineldig Abtrünniger ſchrieb es nieder. Schon lange lebte die beſeligende Hoff⸗ nung in meinem Gemüthe, daß die vernich⸗ — 19— tende Spaltung enden werde, und das bald, welche Milllonen dem Quell des Lebens, der göttlichen Liebe entfremdet, ihren Glauben ver⸗ wirrt, in nie zu loͤſende Labirinthe des Zwei⸗ fels ſie ſtürzt. Ich bin überzeugt, dieſe gräß⸗ liche Zwiefachheit des Heiligſten wird ſich löſen, ein einziges, heiliges, beſeligendes Band wird alle in Liebe vereinen, in unſern Tagen noch; dem aufmerkſamen Beobachter kann es nicht entgehen, wie viel in dieſer Zeit für dle Ver⸗ einigung der Kirche ſchon gethan iſt, und nogp immer gethan wird, um dieſes große welt⸗ beglückende Ereigniß vorzubereiten.“ „Jeder Einzelne, dem die gute Sache am Herzen liegt, iſt zur Mitwirkung verpflichtet.“ „Mein Oheim, in dunkelm aber feſten Glau⸗ ben an das ihm allein heilig Dünkende ergraut, wendet zwar mit Abſcheu von dem Gedanken an das ſich ab, was kommen wird, und kom⸗ men muß, ſo gewiß als der morgende Tag. Aber Gott legte nicht vergebens das Gefühl, † 2* 3— 20— das allmählig zu Ihnen, der Proteſtantin, mich hinreißt, in des ſeinem Dienſte geweih⸗ ten Bruſt; er bedarf nicht großer Mittel um Wunder zu wirken, und biſt nicht auch du, Eugenia, ein vom Ewigen ausgehender Licht⸗ ſtrahl, der hinab geſandt ward, die Nacht der Welt zu erhellen?“ „Es mag ſeyn, daß mein jetziger Aufent⸗ halt in dem Hauſe des Geſandten, der ſtete Umgang mit deſſen Gemahlin auf mich ein⸗ wirkt, daß die ſanfte helle Seele dieſer Pro⸗ teſtantin mich begreifen lehrte, wie alle Wege zum Heil führen können; aber war es dann nicht die Hand des Regierers der Welt, die mich hieher leitete, in deine Nähe, Eugenia? blind müßte der ſeyn, der ſie im ſeltnen Zu⸗ ſammentreffen ſo vieler Zufälligkeiten verken⸗ nen wollte.“ 3 „Ich bin während des Schreibens klarer, gefaßter geworden, ich habe mir Beſonnenheit erſchrieben, und feſt ſteht die Ueberzeugung in — à— mir, daß kein Geiſt des Truges deine himm⸗ liſche Geſtalt angenommen hat um mich zu verlocken. So führe denn du dem wahren Heil mich zu, ſorglos wie ein Kind folge ich dir, meinem guten Engel.“ „Aber lohne auch du mein Vertrauen mit Gegenvertrauen, du, mein Leben! meine Welt! folge auch du mir getroſt auf der Bahn, die von ſelbſt ſich mir ebnet, im hellſten Son⸗ nenſchein liegt ſie vor mir. Sey es auch, daß das Unvermeidliche im vollſten Umfange uns träfe, daß der Zorn des Biſchofs mich verſtößt und verfolgt, die Macht ſeines mit dem Krumm⸗ ſtabe bewaffneten Arms reicht über die Gränze ſeiner Kirche nicht hinaus, und in dem Bruder meiner Mutter gab mir das gütige Geſchick einen Beſchützer.“ „Von meiner Kindheit an war ich ſein Lieb⸗ ling, er allein von allen meinen Verwandten hat von jeher dem Plan, mich dem geiſtlichen Stande zu widmen, ſich widerſetzt, er wird —————hhhhhſſſſſ — 22— mich nicht verlaſſen; von ſeinem Könige hoch⸗ begünſtigt, ſtehen als General und Geſandten ihm zahlloſe Mittel zu Gebote, mir den Weg zu einer ehrenvollen ſogar glänzenden Exiſtenz zu ſichern. Von jeher war er gewohnt, ohne Rückſicht auf verjährte Vorurtheile, ſeinen elg⸗ nen raſchen Weg zu verfolgen.“ „Er, der gegen den Wlllen ſeiner ganzen Familie eine Proteſtantin ſich zur Gemahlin erwählte und mit ihr unbeſchreiblich glücklich iſt, wird meinem Entſchluß nichts entgegen ſetzen, ihm vertraue ich ganz mich an, ohne Zaudern, ſobald Sie nur das einzige Wort ausgeſprochen haben, das mir allein die Le⸗ bensſicherheit geben kann, deren ich bedarf.“ „Und wenn Eugenia mir dennoch dieſes Wort verſagte! furchtbares ſtets widerkehrendes Phantom laß endlich ab von mir! Meine Pulſe ſtocken, das Blut in meinen Adern wird zu Eis, alle Bande des Lebens wollen ſich loͤſen, ein Vorgefühl endloſer Vernichtung, nie auszu⸗ füllender ertödtender Leere, ergrelft mich mit entſetzlicher Gewalt.“ „O Eugenia, das Wort! das einzige Wort des Lebens, in Todesangſt erflehe ich es von dir, und vergib, o du Heilige! vergib dem zagenden Gemüth, das ſich ohne daſſelbe nicht von allen Zweifeln losringen kann.“ Sinnend ſaß Eugenia da; ihr in Thränen ſchwimmendes Auge blieb feſt auf dem Briefe haften, den ihre nachläͤſſig in den Schooß geſunkne Hand noch hielt. Das hatte ſie nicht gewollt noch erwartet, nicht dieſe wilde ſchwärmeriſche Leidenſchaft. Dieſes verzehrende Feuer hatte ſie nicht anzu⸗ fachen gemeint, als ſie dem Jünglinge ſich freundlich zuneigte, den ſie der ihm aufge⸗ drungenen Beſtimmung mit ſichtbarem innerem Widerſtreben entgegen gehen ſah⸗ Die ſtille Neigung des Bedauernswürdigen war ihr freilich nicht ganz ein Geheimniß ge⸗ blieben, ſie hatte ſie oft in ſeinen Augen ge⸗ —— — 24— leſen, ohne ihr eine ſo ernſte Deutung zu ge⸗ ben. Eugenia war der lauten Bewunderung, der Huldigungen gewohnt, die ihr von allen Seiten dargebracht wurden, und die anſpruchs⸗ loſe, wortloſe Verehrung, die Klothar ihr nur von Ferne darzubringen wagte, hatte vielleicht ſchon um des Kontraſtes willen mit jenen, einen tiefern Eindruck auf ſie gemacht. Ihr Auge blickte milder, der Ton ihrer Stimme wurde unwillkührlich weicher, wenn ſie mit ihm ſprach, und ſie ſuchte die Gelegenheit dazu gerne auf, weil ſie fühlte, daß ſie ihm dadurch Troſt gewähre. Von Natur zur heiterſten Fröhlichkelt ge⸗ ſtimmt, erlaubte ſie ſich doch in Klothars Nähe keinen Scherz, der ſein ohnehin wundes Ge⸗ fühl hätte verletzen können; ihr ganzes Betra⸗ gen gegen ihn nahm den Ausdruck der innig⸗ ſten Theilnahme an ſeinem Geſchicke an, den ſie auch wirklich dieſem ſchuldloſen Opfer eigennütziger Familienrückſichten nicht verſagen konnte. Bis jetzt hatte ſie das was ſie für Klothar empfand, Mitleid genannt, aber ſie hatte nie bedacht, oder vielmehr, um einer an⸗ genehmen Selbſttäuſchung ſich nicht zu entreiſ⸗ ſen, nie bedenken wollen, wie nahe dieſes Ge⸗ fühl in einem weiblichen Herzen, einem andern weit wärmeren verwandt iſt, und wie leicht es in dieſes übergeht. So war ſie denn in frled⸗ licher Unbewußtheit immer weiter und weiter gegangen, viel weiter als ſie es ſelbſt gewollt, ohne zu bemerken, welchem Neulinge im Leben ſte gegenüber ſtand, der bei ſeiner Unbekannt⸗ ſchaft mit dem Tone der großen Welt, ihr Be⸗ nehmen gegen ihn ganz anders verſtand, als ſie es gemeint hatte. Jetzt war es plötzlich Licht um ſie geworden, ſie ſah mit Schrecken was ſie gethan, ſie ſah, daß ſie in einem glühenden Gemüthe Hoffnungen erregt hatte, die zu erwecken nie ihr Wille ge⸗ weſen, deren Erfüllung ihr unmöglich ſchien. Was ſollte, was konnte ſie nun beginnen! — 26— Das heiße liebende Herz durch Härte und abſtoßende Kälte verwunden? Den Unglückli⸗ chen der Verzweiflung, vielleicht dem Tode zuzu⸗ treiben? welch ein Lohn für ſeine, kein Opfer ſcheuende Liebe! ihr ganzes Gemüth empörte ſich dagegen. Vor ſich ſelbſt erröthend, empfand ſie zum erſtenmal was er ihr ſey; wie viel höher als alle Andre ſie in ihrem Herzen ihn ſtelle. Ihre Phantaſie führte ſein Bild ihr vor„ wie ſie vor wenigen Stunden ihn geſehen; bleich, regungslos, das dunkle Feuer⸗Auge auf ſie geheftet. Im glänzend hellen Saal, von der bunten Menge umgaukelt, von den reizendſten Geſtalten umtanzt, ſah er nur ſie, nur ſie allein. Ste mußte im Tanz einige Minuten vor ihm ſtehen bleiben, um zu erwarten, daß die Neihe deſſelben wieder an ſte käme, ſein Auge hob, Unausſprechliches erflehend, zu ihr ſich auf, als ſie nach ihm ſich umwandte, er faßte ihre Hand, zitternd drückte er das verhängniß⸗ 1 volle Blatt in dieſelbe, und ſtand da, von athem⸗ loſer Erwartung wie vernichtet. Ihm es wle⸗ der zu geben, wie ſie gewiß jedem Andern gethan, vermochte ſie nicht, und ſie wußte ſelbſt jetzt noch nicht, ob ſie dieſes bereue oder nicht. Nur die Huldigungen gewöhnlicher Kurmacher, und die ernſteren Anträge einiger junger hei⸗ rathsluſtiger Männer, waren bis jetzt ihr genaht, doch nie die Stimme wahrer inniger Liebe. Sie hatte gelernt dieſes Gefühl, als längſt aus der Mode gekommen und veraltet, nur noch in Nomanen und Theaterſtücken exiſtirend zu betrachten, und nun lag ihr Herz wie um⸗ gewandelt in ihrer Bruſt, erfüllt von der in Sehnſucht übergehenden Ahnung eines ihr un⸗ bekannten Glücks, tief ergriffen gab ſie dem ſüßen Zauber ſich hin, den das ganze ihr ſehr romantiſch dünkende Verhältniß Klothars noch erhöhte. Aber nun, wie ſollte das enden? was ſollte, was konnte ſie beginnen, um die Verwirrung — 28— zu löſen, die immer gewaltſamer ſie ergriff, je länger ſie nachdachte! Um ihretwillen wollte Klothar dem Zorn des mächtigen Biſchofs Trotz bieten, allen Ausſichten auf ein ihm längſt geſichertes glänzendes Glück;; ſogar dem durch eine lange Reihe von Ahnen auf ihn vererbten Glauben ſeiner in dieſem Lande herrſchenden Kirche entſagen; ein Schritt, der Haß und Verachtung, bei Hohen und Niedern im ganzen Lande ihm zuziehen, der alle Welt, alle ſeine mächtigen und vornehmen Verwand⸗ ten gegen ihn empören mußte. Und ſie würde man als die Veranlaſſung zu demſelben nennen; was würde die Welt, was ihre eigne Famille, was ihre Mutter dazu ſagen? daß man ſie eines helmlichen lange verborgen gehaltnen Liebesverſtändniſſes mit Klothar beſchuldigen würde, war das Geringſte was ſie erwarten konnte, und welches Aufſehen mußte das alles in dem Kreiſe, in welchem ſie lebte, erregen! ihr ſchauderte bei dem bloßen Gedanken daran, — 29— denn von Jugend auf war ſie gewöhnt nichts ſo ſehr zu ſcheuen als gerade dieſes, und alles was auffallen konnte faſt ängſtlich zu vermeiden. Guten Morgen, rief, wie aus weiter Ferne, eine liebliche Stimme und ſchreckte Eugenien aus den halbwachen Träumen auf, in welche die lautloſe Stille um ſie her, und ihr vergeb⸗ liches Streben, einen Ausgang aus dem Laby⸗ rinthe von Gefühlen und Verhältniſſen in wel⸗ ches ſie gerathen war, zu erſinnen, ſie verſenkt hatten. Eugenia fuhr raſch empor, das Wachs⸗ licht neben ihr war, ohne daß ſie es bemerkt hatte, eingebrannt, die Sonne war eben im Aufgehen, das verkündete ihr der in den erſten Strahlen derſelben erglühende Thurmknopf einer fernen Kirche, der über die verworrene Maſſen von Dächern dicht vor ihr hervorragte. Die fleißige Nachbarin, Eugenten gegenüber, hatte ihr Licht ausgelöſcht, das niedrige Fen⸗ ſter ihres Dachkämmerchens geöffnet, mit Kopf und Schultern ſich durch daſſelbe durchgezwängt, — 30— und rief noch einmal guten Morgen, als ob ſie dem azurblauen Himmel ihn zuriefe, dem ihr Auge mit unbeſchreiblicher Freundlichkeit zugewandt war. Aber der Gruß ſchien doch einem irdiſchen Weſen zu gelten, denn Eugenia hörte gleich darauf, hoch über ſich im Nebenhauſe ein Fen⸗ ſter ſich öffnen, und eine tiefere recht ſonore Stimme ihn erwiedern. Das Maͤdchen lächelte, nickte noch einmal hinauf, zog das Köpfchen ſehr vorſichtig zum Fenſter wieder hinein, das ſie verſchloß; blieb aber noch ein Weilchen hin⸗ ter demſelben ſtehen. Eugenia konnte von ihrem Lehnſtuhl aus ſie ungeſehen beobachten, und meinte nie etwas reizenderes geſehen zu haben, als dieſe ſchlanke und doch volle Ge⸗ ſtalt, mit dem ſchneeweißen Nachthäubchen, das ſich vorhin, beim Anſtoßen an den Fenſterrah⸗ men, etwas verſchoben hatte, ſo daß eine Fülle blonder glänzender Locken ihm entquoll, die längſt dem blüthenweißen Hälschen, über die — 31— Schultern und den ſittſam verhüllten Buſen ſich ergoſſen. Das Mädchen lächelte noch einmal zu dem Nachbar gegenüber hinauf, legte mit einem ganz eignen ſchlauen Blick den Finger an die roſigen Lippen, die, indem ſie zum Lächeln ſich öffneten, zwei Neihen glänzender Perlzähnchen ſichtbar werden ließen, und verlor ſich dann in die dunklere Tiefe der Kammer. Nach eini⸗ gen Sekunden ſtand es wleder am Fenſter, die eine Hand hielt eine ſpiegelblanke blecherne Sparbüchſe, die andere lteß mit hochgehobnem Arm, langſam, einen nach dem andern, vier harte Thaler in die Spalte derſelben fallen, bet jedem einzelnen Fall nickte das hübſche Kind, gleichſam zählend; nichts konnte anmuthiger ſeyn als das Spiel der weißen runden Arme, der zierlichen Hände; das Maͤdchen ſchüttelte wie triumphirend die Büchſe hoch über den Kopf zuſammen, warf, gleichſam abſchiednehmend, dem Eugenien unſichtbaren Nachbar ſchnell einen Kuß zu, und hüpfte davon, wahrſcheinlich — 32— um ſeinen kleinen Schatz wieder an Ort und Stelle zu bringen. Es währte nicht lange, ſo war die hübſche Nachbarin wieder da, vermuthlich hatte ſie die Unordnung ihres Kopfputzes bemerkt, ſie brachte einen winzig kleinen kaum Handbreiten Spiegel herbei, den ſie am Fenſterrahmen befeſtigte, und warf ganz heimlich und verſtohlen einen Blick zum Fenſter des Nachbars hinauf. Ste ſah es wohl, ſie wurde von ihm belauſcht, das verrieth ihre hocherröthende Wange, ihr ſchüch⸗ tern zu Boden geſchlagner Blick, aber das blaue ſchelmiſche Auge wollte doch thun als ſähe es nichts. Mit raſcher Hand zog ſie das verſchobne Häubchen vollends herunter, und ſtand nun einen Augenblick von einem Meer von Locken und Löckchen umfloſſen, die in reizender Unord⸗ nung ihr bis tief über die Hüften hinab wall⸗ ten. Die unſchuldige von der Natur ſelbſt ihm eingegebene kleine Koketterie des hübſchen — 33— Mädchens, lockte der unſichtbaren Zuſchauerin derſelben ein beifälliges Lächeln ab, das Mäd⸗ chen ſelbſt ſchien erſt ſpäter ſich ihrer bewußt zu werden, oder hatte der Freund gegenuͤber, von dem lieblichen Anblick gelockt, ſich vielleicht zu deutlich an ſeinem Fenſter offenbart? Genug, tiefe Schamröthe ergoß ſich plötzlich ihm über Geſicht und Hals, es zog eilends vom Fenſter ſich zurück, erſchien erſt nach einigen Minuten, in einer die goldne Pracht ſittſam verhüͤllenden Bürgerhaube, an demſelben wieder, zog den Nähtiſch dem Tageslicht näher, und begann emſig zu arbeiten. Nur wenn ein neuer Faden in die Nadel eingefädelt werden mußte, warf die fleißige Stickerin einen kurzen ſchnellen Blick nach dem Nachbarshauſe quer über die Straße hin, doch jenes Fenſter ſchien jetzt unbeſetzt zu ſeyn, denn ſie arbeitete immer ruhig wieder fort. Armes glückliches Geſchöpf! ſeufzte Eugenta aus vollem Herzen und tiefbewegter Bruſt; du wiſ geliebt und darfſt lieben; nichts ſtellt . 3 N— 34— deiner Liebe ſich entgegen, als vielleicht der Mangel an dem, was ich in Ueberfluß beſitze, und was mich nicht glücklich macht. Dich kennt die Welt nicht, deren Urtheil ich fürchten muß, und von ihr unbeachtet darfſt du den geheimen Wünſchen deines Herzens folgen, wührend ich! ach, Klothar! Die Natur forderte indeſſen doch ihre Rechte, und körperliche Ermüdung zwang end⸗ lich Eugenien dem Schlafe ſich hinzugeben, und die Sonne hatte ſeit wenigſtens einer Stunde die Mittagslinie überſchritten, ehe die Träumerin wieder erwachte. Ihr erſter Blick fiel auf Klothars Brief, den ihre Hand ſelbſt im tiefſten Schlummer feſtgehalten hatte, und tauſend ihr ganz neue Gedanken und Eefühle drangen bei deſſen Anblick wieder auf ſie ein. Unſchlüſſig, fürchtend und wünſchend, wußte ſie ſelbſt nicht was ſie wollte oder ſollte, und ſah mit nie gefühltem Bangen der Abendſtunde entgegen, in welcher, wie ſie feſt überzeugt war, Klothar erſcheinen werde, um wenigſtens aus der Art wie ſie ihn empfangen würde, die Entſcheidung ſeines Schickſals zu errathen. Ihr Blick fiel unwillkürlich auf das kleine Häuschen ihr gegenüber, die fleißige Nachbarin ſaß noch immer ämſig mit ihrer Arbeit beſchäf⸗ tigt an ihrem vorigen Platz; Klothar! ſeufzte Eugenia nochmals und ihr ſchönes Auge fullte ſich mit Thränen ſchmerzlich ſüßer Sehnſucht. Chriſtel war indeſſen dem Befehle ihrer Ge⸗ bieterin eingedenk geblieben, den dieſe längſt wleder vergeſſen hatte; während Eugenta noch bei ihrem Frühſtücke ſaß, führte ſie ohne wei⸗ teres die fleißige Nachbarin zu ihr hinein, und ging dann hinaus, um wie gewöhnlich die Vor⸗ kehrungen zur Toilette zu beſorgen. Eugenia erkannte das Mädchen gar wohl, das angſtlich ſchüchtern an der Thüre ſtehen blieb; es kam ihr in dieſer Nähe noch zehnmal hübſcher und reizender vor, als vorhin hinter dem Fenſter, aber ſie war ſo verſunken in ſich ſelbſt, ſo 3* — 36— beſchäftigt mit ihrer eignen Lage, daß ſie ſich nicht gleich darauf beſinnen konnte, weshalb ſie es eigentlich hatte zu ſich beſtellen laſſen. „Wie heißen Sie liebe Jungfer?“ fragte ſie endlich mit jener Verlegenheit, die vornehme Leute, ſogar Fürſten und Fürſtinnen, Unbe⸗ kannten aus den niederen Ständen gegenüber befällt, und ihnen von jenen ſo oft als unge⸗ meßner Stolz ausgelegt wird. „Anna Holderlein,“ erwiederte das Mäd⸗ chen tief erröthend, mit einem kleinen kurz ab⸗ geſtoßnen Knicks, um deſſen linkiſcher Grazie die in naiven Nollen berühmteſte Schauſpielerin es hätte beneiden können. Eugenia fixirte das Mädchen mit lächelndem Ernſt; je länger ſie es anſah, je inniger mußte ſie die Schönheit und Anmuth der lieblichen Erſcheinung be⸗ wundern:„machen Sie Ihre Kleider ſelbſt?“ fragte ſie endlich in einem Anfall von Zerſtreut⸗ heit.„Ja, Ihr Gnaden,“ lispelte das Mädchen augenſcheinlich beſchämt, und ein paar lange ſeidne Augenwimpern ſenkten ſich tief über dle großen Kornblumenfarbnen Augen herab. Auch Eungenia ſchämte ſich recht herzlich der albernen Frage, die ihr entſchluͤpft war; der ärmliche Sonntagsſtaat, den Jungfer Hol⸗ derlein ihr zu Ehren angelegt hatte, eignete ſich wahrlich nicht dazu, ſie zu entſchuldigen; das dünne, enge, überall zu kurze Kleidchen von verwaſchenem Kattun, das zierlich geſtickte, aber auch nicht minder zierlich vielfach ausge⸗ beſſerte Halstuch, von nicht feinem Mull, aus welchem der Hals nur eben hervorſah, deſſen blendende Weiße elnige künſtlich aufgezogene Reihen des dunkeln Cytiſusſaamen erhoben, die enge Schürze von ſchwarz aufgefärbtem Taft, deren urſprünglichen Glanz man ſchon oft vergebens durch Krauſemünz⸗Waſſer zu er⸗ neuern geſucht hatte. Aber das alles war ſo ſorgfältig und nett gehalten, es ſchmiegte ſo beſcheiden und doch ſo verrätheriſch den friſchen jugendlichen For⸗ — 38— men ſich an, daß, wenn man das Ganze oben⸗ hin betrachtete, man gar leicht auf den Ge⸗ danken kommen konnte, das liebliche Kind ver⸗ danke der Kunſt des Schnelders, was es doch nur der gütigen Natur verdankte, die zum Er⸗ ſatz für manche andre Entbehrung es mit je⸗ nem unnennbaren Neiz ausgeſtattet hatte, den Keine erwirbt, der er nicht angeboren iſt. Als Eugenia noch immer ſchwieg, faßte Jungfer Holderlein ſich endlich ein Herz, und trat näher an ſie heran.„Mamſell Chriſtel⸗ chen hat mir geſagt, daß Eure Gnaden etwas von melnen Arbeiten zu ſehen befohlen,“ flü⸗ ſterte ſie ängſtlich leiſe, und zog ein Päckchen hervor, das ſie bis jetzt unter dem Arme ge⸗ halten. Die Bahn zu einem Geſpräch, das ſo⸗ wohl das reiche vornehme, als das arme Mäd⸗ chen gleich lebhaft intereſſirte, war nun gebro⸗ chen, die Stickereten wurden vorgezeigt, beſe⸗ hen, bewundert, nach Verdienſt geprieſen, und die große Verſchiedenheit ihrer beiderſeltiger Ver⸗ — 39— hältniſſe ſchien, für den Augenblick, von dem Fräulein wie von Anna vergeſſen. Eugenia hohlte eine Mappe voll der herr⸗ lichſten Stickmuſter eigenhändig herbet; Anna's Augen glänzten vor Freuden darüber, ſie und das Fräulein gingen miteinander die Muſter durch, lobten, tadelten, wählten und verwar⸗ fen, nach eigenem Geſchmack. Eugenia wählte endlich einige derſelben aus, nach welchen Anna ihr ein Kleid ſticken ſollte. Anna nahm den Auftrag mit Freuden an, verſicherte, daß ſie alles ſo billig als möglich einrichten wolle; weigerte ſich aber ſtandhaft den Preis ihrer Arbeit im Voraus zu beſtimmen, und nun be⸗ ſtimmte Eugenia einen, über den die Arme wirklich erſchrack. „Ach, Ihr Gnaden, das iſt zu viel, ſo viel Geld habe ich noch in meinem Leben für keine meiner Arbeiten bekommen:“ rief ſie. „Das war ſehr unrecht von den Leuten, die bei Ihnen arbeiten ließen,“ erwiederte Eu⸗ — 40— genia:„Ihre Stickerelen, liebes Kind, dürfen ſich dreiſt neben den beſten Franzöſiſchen in dieſer Art ſehen laſſen, und warum ſollten wir unſre Landsleute den Fremden nachſetzen? ich verſichere Sie, daß ein Pariſer Kleid, wie das, welches ich bei Ihnen beſtelle, mir vielleicht noch um die Hälfte theurer zu ſtehen kommen würde.“ „Nun ſo lohne es Ihnen Gott, Ihr Gna⸗ den,“ rief Anna, und küßte Eugeniens Hand, ehe dieſe es wehren konnte.„Sie wiſſen nicht was Sie an mir armen Kinde thun, aber die heilige Jungfrau ſieht und weiß es, und ich will zu ihr beten, daß ſie Ihnen alles geben ſoll, was Ihr Herz liebt und wünſcht.“ Eugenia ſah in Anna's Augen ein paar große helle Thränen glänzen, deren Bedeutung ſie nicht ganz verſtand.„Sind Ste etwa in au⸗ genblicklicher Verlegenheit, liebes Kind?“ fragte ſie von der heftigen Bewegung des armen Mädchens ergriffen, und ſuchte ihre Geldbörſe — 1— hervor:„brauchen Sie gleich Geld, ich will Ihnen gern ſogleich etwas auf Abſchlag, die Hälfte wenn ſie wollen..“ ALAnna hielt ohne Umſtände die Hand, welche den Beutel öffnen wollte, feſt:„nein, nein, o nein,“ rief ſie:„vorgegeßnes Brod thut nim⸗ mer gut, doch arbeiten will ich, fleißig ſeyn, ſo lange die Sonne am Himmel ſteht. Die Tage werden Gottlob nun wieder hübſch lang, heute werde ich mit der Arbeit für Mamſell Meyer fertig, und morgen fange ich das liebe Kleid an, das mein Meiſterſtück werden ſoll, und tummeln will ich mich, damit Ihr Gna⸗ den noch vor Pfingſten es erhalten.“ „Meine liebe Nachbarin will ſich Kaplta⸗ lien ſammeln, wie es ſcheint,“ ſprach Eugenia indem ſie ihre Börſe wieder weglegte:„ich habe wohl geſehen, wie Sie heute bei Sonnen⸗ aufgang die harten Thaler zählten. Sie ſind nur viel zu hübſch dazu, ſonſt könnte man wohl auf den Gedanken kommen, Sie wären — 22— ein kleiner Harpagon. Ein kleiner Geizhals meine ich,“ ſetzte ſie erläuternd hinzu, als ſie bemerkte, wie Anna ſie verwundert anſah. „Geizig! ach Gott nein das bin ich gewiß nicht,“ rief Anna ſehr lebhaft und legte betheu⸗ rend die kleine Hand auf die Bruſt:„ich ein Geizhals, liebſter Gott, ich!“ ſprach ſie, und ſchüttelte wehmüthig das Köpfchen. „Ich habe heute früh Euch noch mehr be⸗ lauſcht, nämlich einen ſehr freundlichen gu⸗ ten Morgen, der wahrſcheinlich einem mir un⸗ bekannten Herrn Nachbar hier neben an galt,“ ſprach Eugenia ſchalkhaft lächelnd. Anna ſtieß einen kleinen Schreckensſchrei aus, ward bleich, dann wieder feuerroth, ſchlug beſchämt die Augen nieder, faßte ſich aber doch bald.„Nun, was iſt es denn am Ende wei⸗ ter,“ ſprach ſie halb vor ſich hin,„warum ſollte ich es dem gnädigen Fräulein nicht geſtehen, Sie ſind ſo gütig gegen mich, und könnten am Ende Wunder was von mir denken. Seit — 43— zwei Jahren bin ich ſo gut als Braut, Ihr Gnaden; daß meine Eltern darum wiſſen ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt,“ ſprach ſie mit einemmale herzhaft zu Eugenien gewendet, ſchlug aber doch, als dieſe ihr ins Geſicht ſah, verſchämt die Augen nieder, und zupfte an ihrem Schür⸗ zenbande. „Und der Bräutigam wohnt hier im Hauſe neben an, und wird alle Tage zuerſt mit ei⸗ nen guten Morgen begrüßt, damit die Arbeit am Stickrahmen hernach deſto beſſer gerathe,“ erwiederte ſchnell Eugenia, Anna winkte ſchalk⸗ haft lächelnd.„Und wie heißt er denn? Hat er ſein artiges Bräutchen auch recht lieb? und wann wird die Hochzeit ſeyn?“ fragte Euge⸗ nia mit ſteigendem Intereſſe an dem lliebli⸗ chen Naturkinde. „Ignaz Blum heißt er, und lieb hat er mich, ach! nur zu lieb,“ erwiederte Anna ſchnell;„aber mit der Hochzeit ſteht es wohl noch im weiten Felde,“ ſetzte ſie trübſelig hinzu. — 44— „Jetzt freilich, heute meine ich, haben wir wohl einige Hoffnung durch die ſchöne Arbeit für Ihro Gnaden. Wir wollten auf Oſtern Hoch⸗ zeit halten, Vater und Mutter wollten es auch, langes Warten thut bei jungen Brautleuten kein Gut, ſagen ſte, und wir haben lange ge⸗ nug gewartet, das weiß der Himmel.“ „Zu lange, viel zu lange,“ ſprach lä⸗ chelnd Eugenta. „Es ging eben nicht anders an, halten Sie zu Gnaden,“ erwiederte Anna ſehr eifrig, Ig⸗ naz nährt ſich redlich mit Rechnen und Schrei⸗ ben, er ſchreibt wie geſtochen, Ihr Gnaden, aber was er verdient, reicht meiſtens nur aus der Hand in den Mund, und wenn er auch zuweilen etwas erübrigte, ſo war das doch immer kein ſichres Auskommen. Aber die lie⸗ ben Heiligen nehmen ſich immer der Armen an, wenn man nur redlich und fleißig iſt, und mit feſtem Vertrauen auf ihre Hülfe baut. Auch meinen Ignaz haben ſie nicht— vergeſſen; wie heute mir, ſo haben ſie vor ei⸗ nigen Wochen auch ihm einen reichen vorneh⸗ men Gönner zugeführt, man nennt ihn Graf Klothar, wenn Ihre Gnaden ihn etwa kennen.“ Jetzt war die Reihe roth zu werden an Eugenien, auch ward ſie es, doch Anna be⸗ merkte es in ihrem Eifer nicht. „Graf Klothar muß ein lieber frommer gnädiger Herr ſeyn,“ fuhr ſie fort,„ich habe ihn niemals geſehen, aber Ignaz weiß nicht genug von ihm zu erzählen. Der hat ihm denn immer zu ſchreiben gegeben, ſo daß er vollauf zu thun hat. Auch Noten; Euer Gna⸗ den ſollten nur einmal ſehen, wie Ignaz die ſchreibt, und alles bezahlt er ihm überreichlich. Aber das iſt noch nicht alles, Ignaz war ein⸗ mal recht betrübt, ſo recht was man ſagen kann, desperat, weil es immer und immer mit uns beiden nichts werden wollte, und da hat der gnädige Herr ſo lange in ihn gedrungen, bis er ſein Leid ihm geſtand. Dem Grafen — 46— ſollen dabei wirklich die Thränen in die Au⸗ gen gekommen ſeyn, und er hat tief aufge⸗ ſeufzt, das iſt doch viel, von einem ſo vorneh⸗ men Herrn. Und nun denken Ihro Gnaden, nun hat er uns gar zu einem Schreiberdienſt bei der Kanzlei rekommandirt, gleich nach Oſtern treten wir ihn an, und haben jährlich dreihundert Gulden Gehalt!“ „Dreihundert Gulden!“ rief Eugenia,„da⸗ von kann aber doch keine Familie leben.“ „Es geht ſchon Ihro Gnaden,“ jubelte Anna,„wenn man ſich lieb hat und dabei fromm und ſleißig iſt, da hilft der liebe Gott unſer eiem ſchon weiter.“ „Aber habt Ihr einander auch ſo recht von Herzen lieb, um Sorge und Mangel eines um des andern Willen, ohne Reue zu ertragen?“ fragte Eugenia mit ſorgendem Ernſt.„Be⸗ denken Sie das wohl, liebe Jungfer Holder⸗ lein. Sie werden bei alle dem mit Ihrem Ignaz doch nur ein kuͤmmerliches Leben führen. 4 — 27— Wenn nun ein reicher Freier käme, Sie ſind ein piel zu hübſches Mädchen, als daß ein ſol⸗ cher nicht, vielleicht ſehr bald, ſich melden ſollte. Wenn Sie dann im Wohlſtande le⸗ ben, Ihren Eltern ein ruhiges Alter bereiten könnten..“ „Nicht um die Welt, nicht um die Welt, von meinem Ignaz laß ich nimmermehr,“ fiel Anna ſehr lebhaft ihr ein,„nein, das thue ich nicht, und wenn der vornehmſte Graf im Lande käme. Arbeiten will ich für meine El⸗ tern, Tag und Nacht, unermüdlich, bei Waſſer und Brod, wenn es ſeyn muß, aber meinen Ignaz kann ich nicht verlaſſen. Es wäre ja recht Gottvergeſſen und ſchlecht von mir, wenn ich um zeitlicher Güter willen meinem Bräu⸗ tigam nicht treu bleiben wollte, und das Herz müßte ja uns beiden brechen oben ein. Ihro Gnaden melnen es auch gewiß nicht ſo, Sie wollen mich nur auf die Probe ſtellen, ob ich auch rechtes Vertrauen in Gottes Führung — 48— habe, aber der und die lieben Heiligen haben noch keinen verlaſſen.“ Der kindlich frommen Anna feſte Zuver⸗ ſicht auf unmittelbare göttliche Einwirkung auf ihr Geſchick, machte einen ganz eignen Ein⸗ druck auf Eugenien, deren Gemüth, noch nie von einem wahrhaft religiöſen Gefühl erwärmt worden war. Was Schmerz und Kummer ſey, hatte ſie an ſich ſelbſt noch nie erfahren; nie hatte die Wandelbarkeit irrdiſchen Glücks nnd irrdiſchen Hoffens ſie gezwungen, nach Troſt und Hoffnung zum Himmel aufzublicken. Es lag überhaupt nicht in ihrer Art, ſich viel mit Nachdenken über religiöſe Gegenſtände zu beſchäftigen, nur das ganz Begreifliche hatte in ihren Augen die Stimme der Wahrheit für ſich, und jede fromme Aeuſſerung Anderer, die über die Gränzen deſſelben hinaus ging, ſchien ihr entweder Heuchelei oder frommer Wahn. Eugenia war wohlthätig und gut, doch nur weil das ihr angeborne Naturell ſie dazu trieb, — 4— und weil ſie zu glücklich war um anders zu ſeyn; denn dem Glücklichen wird das Gutſeyn in dieſer Welt ſo leicht gemacht! Anna war das erſte Weſen, das die ihm innewohnende Religioſttät auf eine Weiſe gegen ſie ausſprach, die es ihr unmöglich machte an der Wahrheit derſelben zu zweifeln. Sie wollte den tröſtli⸗ chen Glauben des einfältigen Mädchens als einen ſchönen Irrthum belächeln, aber ſie ver⸗ mochte es nicht, und war ſogar nahe daran, es um denſelben zu beneiden. Das Geſpräch mit dieſem Naturkinde war Eugenien indeſſen doch zu intereſſant geworden, als daß ſie nicht hätte wünſchen ſollen es noch ein wenig fortzuſetzen.„Iſt es denn ſchon lange her, daß Sie und Ignaz ſich lieben?“ fragte ſie. „Ach ja ſchon ſehr lange,“ erwiederte Anna,„Gott hat uns wunderbar zuſammen geführt. Es geht ſchon in's ſechſte Jahr, daß er aus Gründorf hieher kam. Er hatte noch II. 4 — 30— einen jüngern Bruder, der ſollte zu uns auf's Handwerk, und da kam Ignaz einigemal zum Vater, um die Sache mit ihm ins Neine zu bringen. Ich war damals ein ganz junges Ding von kaum fünfzehn Jahren, aber ich konnte ihn nicht genug darauf anſehen, wie er ſo redlich war, und ſo klug, und dabei doch auch noch ſo jung, er war erſt einund⸗ zwanzig Jahre alt und handelte ſchon an ſeinem Geſchwiſter wie ein Vater. Der Bruder aber war ein Thunicht⸗gut; als alles abgemacht war, und er nun kommen ſollte, war er davon gelaufen. Ignaz meinte ſchon, er würde ihn in ſeinem Leben nicht wieder finden, er hat ihn denn doch gefunden, aber nun mußte alles wieder anders werden. Die ganze Geſchichte hat ihm viel Noth und Kummer gemacht, ich lernte meinen Ignaz dabei erſt recht kennen, ach Gott, ich ſah ihm ſo gerad in das Herz, wie ſonſt wohl kein Menſch auf der Welt. Wenn er mit dem Vater war, da nahm er — 51— ſich freilich zuſammen, aber mit mir und der Mutter, da weinte er oft ſeine hellen Thränen um den böſen Buben, für den er ſo in Sorge ſtand. Die Mutter wollte ihm immer tröſtlich zureden, ich aber grämte mich mit ihm, und ich denke immer das war der erſte Grund, wes⸗ halb Ignaz mich ſo lieb gewann; er will das zwar nicht Wort haben, ſondern behauptet, ich habe gleich, als er mich zuerſt ſah, ſein Herz gewonnen, das kann aber nicht ſeyn, Ihr Gna⸗ den, ich war damals noch ein kleines unge⸗ ſchicktes Ding, und bin erſt nachher mit einem⸗ male ſo in die Höhe geſchoſſen.“ „Nun und wie wurde es denn welter, mit dem Bruder Thunicht⸗gut und mit Euch bei⸗ den?“ fragte Eugenia. „Mein Ignaz brachte ihn ſelbſt in die Lehre oder auf die Schule, ich weiß nicht recht wohin, wo er das Gewerbe lernte, zu dem er eigentlich Luſt hatte, denn ſein Sinn ſtand ihm hoch, darum wollte er auch nicht zum 4* — 52— Handwerk; ſonſt war es ein guter Junge, er iſt auch hinterher recht brav geworden, ſagt Ignaz, zuletzt iſt er weit weg in die Fremde gezogen, und es ſoll ihm recht gut gehen. Aber nicht nur was er ſelbſt von ſeinen Eltern beſaß, ſondern auch das ganze Erbtheil des armen Ignaz iſt bei der Gelegenheit faſt ganz darauf gegangen, und Ignaz mußte das Stu⸗ diren aufgeben, womit er ſchon angefangen hatte, und ſich ſo durch die Welt zu helfen ſuchen. Eigentlich hat er aber auch wohl die Luſt verloren, geiſtlich zu werden, ſeit er, ſeit er..“ „Seit er die hübſche Anna geſehen,“ fiel Eugenia dem verlegen ſtammelnden Mädchen ein, und gedachte dabei nicht ohne einen halb⸗ unterdrückten Seufzer an Graf Klothar;„und nun weiter, mein Kind,“ ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe hinzu. „Nun Ihr Gnaden, nach ein paar Monaten kam Ignaz wieder her, und ging viel bei uns 89 aus und ein, denn meine Eltern moͤchten ihn gern leiden. Er gab ſich immer mit mir ab, eichnete mir Muſter, lehrte mich auch ein wenig zeichnen und rechnen und ſchreiben, ſo wurden wir uns denn von Herzen gut, und gewannen uns immer lieber und lieber. Am Tage ſahen wir uns wenig, auch nicht einmal alle Tage, denn er mußte am Schreibtiſche und ich am Nährahm arbeiten, aber wenn wir ein⸗ mal an einem Feſttage oder Abends wieder zu⸗ ſammen kamen, war die Freude um ſo größer. Bis vor zwei Jahren, da ſagte meine Mutter, daß ſchicke ſich nicht mehr.“ „Was ſchicke ſich nicht mehr?“ fragte Eugenia. „Je nun,“ erwiederte Anna ganz kleinlaut und rollte, feuerroth im Geſicht, ihr Schürzen⸗ band auf und zu:„die Mutter hatte wohl recht, das merkte ich ſelbſt; aber ich weinte, und Ignaz bat, und ſo ſprach ſie dann mit dem Vater, und der Vater meinte, weil es denn doch einmal Gottes Wille wär. So gab mir denn die Mutter, den Trauring ihrer ſeligen Mutter, und Ignaz holte einen Ning, den er von ſeinem Vater geerbt hatte, und ſo wurden wir denn ein paar verlobte Brautleute und ſind es noch bis auf den heutigen Tag. Ich wäre ſchon alles zufrieden, und das War⸗ ten ſollte mich gar nicht verdrießen, wenn ich ihn nur mehr ſehen könnte. Aber alle Tage darf er nicht kommen, das wollen meine El⸗ tern nicht, um der Leute willen; und ich muß vom Morgen bis in die Nacht nähen und ſtik⸗ ken, und er ſitzt auch drüben ebenſo an ſeinen Schreibetiſch wie angenagelt. Das wird auch wohl in Zukunft nicht anders werden, aber wir werden doch in einem Zimmer ſitzen, unſre beiden Tiſche dicht neben einander. Ach, wenn ich mir das denke! ſollte es wohl möglich ſeyn, daß ein paar Menſchen noch auf Erden ſo glück⸗ lich werden könnten, als wir dann ſeyn wer⸗ den, wenn er mich und ich ihn immer haben! 15 — 55— Anna ſeufzte aus tiefſter Bruſt bei dieſen Worten, Eugenia auch. „Ich habe darüber oft meiune eignen Ge⸗ danken,“ ſprach Anna nach einer kleinen Pauſe und ſchüttelte nachdenklich mit dem Köpfchen. „Mir iſt zuweilen als müſſe all unſer Hoffen in Nauch aufgehen, denn was ſind wir denn, daß Gott gerade uns ſo beſonders gnädig ſeyn ſollte? es wäre vielleicht auch nicht einmal gut für unſer Seelenheil, denn wenn einem paar Menſchen ſchon die Erde hinleden zum Him⸗ melreich wird, wie kann das den Gedanken an den Tod nur ertragen, der uns doch zum rechten ewigen Leben einführen ſoll! Darum kann ich noch immer nicht recht daran glauben, daß es mit uns bis zur Hochzeit kommt; geben Euer Gnaden nur Acht, wir erleben es nicht.“ „Was ſind das für trübſelige Grillen!“ rief Eugenia lachend.„Auf Oſtern erhält Herr Ignaz ſeine Stelle, wie lange iſt es noch bis dahin?“ — 56— „Vier Wochen und drei Tage,“ erwlederte Anna ſehr ſchnell mit erheitertem Geſicht:„aber damit ſind wir noch lange nicht über den Berg. Mit gar nichts in den Händen können wir doch unſern Haushalt nicht anfangen, eine kleine Ausſteuer an Wäſche und tauſenderlei, was man eben im Hauſe bedarf, muß ich mei⸗ nem Manne doch zubringen, und ein neues Brautkleid, ſey es auch noch ſo gering, werde ich doch auch haben müſſen, wäre es auch nur der Nachbarn wegen,“ ſetzte ſie mit einem trüb⸗ ſeligen Blick auf ihre dürftige Kleidung hinzu. „Zweihundert, wenigſtens Hundert und fünfzig Gulden brauchen wir zu dem Allen, ich habe auch ſchon ſeit den zwei Jahren darauf hinge⸗ ſpart, und mein Vater hat mir expreß eine ſchöne verſchloßne Sparbüchſe gemacht, in die lege ich alle Sonnabend, was ich die Woche über von meinem Arbeitslohn mir erübrigen konnte.“ „Und heute iſt Sonnabend,“ ſprach lä⸗ chelnd Eugenia. — 57— „Ach ja, und dieſe Woche iſt eine wahre Glückswoche, und endigt nun auch noch ſo ſchön!“ rief Anna freudig.„Vier große harte Thaler habe ich erſpart, wie Euer Gnaden viel⸗ leicht geſehen haben, aber der Fall kommt nicht oft; manche Woche kann ich kaum den vierten Theil ſoviel in mein liebes Schatzkäſtlein thun, manche fällt ganz aus, beſonders im Winter, wenn es kalt und die Tage kurz ſind, oder wenn die Mutter krank iſt, und wir zum Dok⸗ tor und Apotheker ſchicken müſſen. Ignaz thut aber auch vom Seinigen hinzu, ſo viel er kann; er bringt es mir den letzten jedes Monats, und dann zählen wir miteinander unſre Baarſchaft durch, und ſind vergnügt wie die Könige, wenn unſer kleiner Schatz recht merklich zugenommen hat.“ Eugenia ermahnte Anna guten Muthes zu ſeyn, verhieß ihr für das Brautkleid ſelbſt ſor⸗ gen zu wollen und für den Myrthenkranz oben⸗ drein, wiederholte noch einmal ihre Anordnungen, 58— wegen der ihr aufgetragenen Arbelt, und ent⸗ ließ ſie endlich. Wie auf Flügeln der Hoffnung und Freude getragen, flog Anna leicht wie ein Schmetter⸗ ling quer über die Straße, ihrer ärmlichen Wohnung zu. Eungenia ſah ihr nach, im näch⸗ ſten Augenblick ſah ſie am Fenſter ſie ſtehen, Ignaz war an dem Seinen wahrſcheinlich eben⸗ falls ſichtbar, denn Anna machte einige Zeichen, durch die ſie wahrſcheinlich dem Geliebten zu verſtehen geben wollte, daß ſie ihm viel Gutes und Erfreuliches zu verkünden habe, und daß er deshalb doch ja nicht verſäͤumen möge ſich Abends einzuſtellen. Dann warf ſie noch einen Kuß ihm zu, und verlor ſich in den Hintergrund der Kammer. Ein paar Minuten 3 ſpaͤter erſchien ſie wieder, ſie hatte ihren Sonn⸗ tagsputz abgelegt, ſaß wieder in ihren noch ärm⸗ lichern Alltagskleidern an ihrem Nähtiſch, und die Nadel flog wieder, mit verdoppelter Schnelſe unter ihren fleißigen Händen. „O dieſe glücklichen Armen!“ ſeufzte Eu⸗ genia, indem ſie trüben Sinnes vom Fenſter ſich abwandte.„Wie ſchön erleuchten Liebe und Hoffnung ihr in ſeeliger Dunkelheit hin⸗ fließendes Leben!“ An der armen Anna reinem, lieberfüllten Herzen hatte auch Eugeniens Herz ſich erwärmt, Annas Vorahnen des überſchwänglichen, für dieſes Erdenleben faſt zu großen Glücks, das trotz Mangel und Dürftigkeit, an der Seite des Geliebten ſie erwartete, hatte Eugeniens Phantaſte mit Bildern angefüllt, vor deren Le⸗ bendigkeit ſie erſchrack, hatte Hoffnungen in ihr wach gerufen, von deren Möglichkeit ſie im Ge⸗ räuſch der großen Welt, beim Anblick des zwel⸗ deutigen Glücks der konvenzionellen Ehen um ſte her, nie einen Begriff gehabt hatte. Liebend geliebt, beglückend beglückt zu ſeyn, welch ein Gedanke! Ihre Wange glühte, ihr Auge flammte, ihr ganzes Weſen war von nie vorher gekann⸗ — 60— ter Begeiſterung ergriffen, die ſie hoch über ſich ſelbſt und alles Gewohnte erhob. Eugenia fühlte wie in eine andre Welt ſich verſetzt, ihr Buſen ſchwoll von nicht zu unterdrückender Sehnſucht, die Neuheit des auf ſie einſtrömen⸗ den Gefühls übertäubte die Stimme der Ver⸗ nunft, die ihr deutlich machen wollte, wie, ſelbſt um Klothars willen, es ihr Pflicht ſey, dieſes Gefühl zu bekämpfen. „Auch ich bin geliebt, wie noch kein Weib es ward, wie noch kein Dichter es erſann;“ ſprach ſie zu ſich ſelbſt, indem ſie mit raſchem, faſt triumphirendem Schritt in ihrem Zimmer auf und ab ging.„Was iſt des armen Schrei⸗ bers Treue, Annas mühſeliger Fleiß, die zahl⸗ loſen kleinen Entbehrungen, die das zäͤrtliche Paar ſich auferlegt, was iſt das alles, gegen die allgewaltige Glut, die hier in jeder Silbe ſich ausſpricht?“ rief ſie, indem ſie Klothars Brief heranzog, und tief bewegt den Inhalt deſſelben nochmals durchlief.„O Klotharl wie 1 3 4 4 3 * — 6— konnte es mir nur in den Sinn kommen, deine heiße alles üͤberwältigende Liebe der ſtillen Nei⸗ gung jener Beiden zu vergleichen. Beſchränkt wie ihre Lage, ſind auch ihre Anſichten, ihre Wünſche; die Höhe, auf der du mit deinem glühenden Herzen ſtehſt, kennen ſie nicht, ſie vermögen es, Monate, Jahre lang, in uner⸗ füllter Sehnſucht hinzuſchmachten, ängſtlich zu berechnen, wie viel ſie ſich noch abdarben müſ⸗ ſen, um zuerſt ihren Haushalt einrichten und dann hochzeitlich angethan, vor den Altar treten zu können. Königlich groß wirfſt du um meinetwillen das fürſtengleiche Loos, das im Dienſte deiner Kirche dich erwartet, hin, wie Spreu vor dem Winde. Von deinen Ver⸗ wandten verſtoßen, gehaßt, verbannt, von Nle⸗ mand außer mir mehr anerkannt, willſt du, ein Fremder unter Fremden, eine neue Hei⸗ math dir ſuchen, um nur mich zu gewinnen. So lange die Erde ſteht, war keine Liebe dei⸗ ner gleich, und ich ſoll ſie von mir ſtoßen! — 62— Dleſes ſchöne Herz, ich ſoll es brechen! o Klo⸗ thar, Klothar, wie ſoll das enden, was ſoll aus dir, was aus mir werden!“ Eugenia brach in Thränen aus, die unge⸗ ſtümmen Schläge, ihres in Angſt und Freude ängſtlich pochenden Herzens, drohten ſie zu er⸗ ſticken, ſte benahmen ihr Sprache und Athem. Vom Glücke verwöhnt, unfähig zu jedem feſten Entſchluß, konnte ſie nur in Klagen ſich er⸗ gießen, unbeſtimmten Wünſchen, Hoffen und Fuͤrchten, ſich hingeben, und ſich ganz der Ge⸗ walt des Augenblicks überlaſſen. Sie wußte, ſie fühlte wohl was ihr hier obliege zu thun, aber ſie wähnte es nicht mehr zu koͤnnen, ihr ganzes Herz ſprach fuͤr Klothar. Schwankend, unentſchloſſener denn zuvor, zitternd vor Erwartung, und im bängſten Kampfe mit ſich ſelbſt, ſah ſie am Abend die Geſellſchaft in den Zimmern ihrer Mutter ſich verſammeln, und fuhr beim Eintritt jedes neu Ankommenden erſchrocken zuſammen. Ihre un⸗ — 63— gewöhnliche Bläſſe, die fieberhafte Bewegung in der ſie ſich befand, fielen jedem auf, aus⸗ genommen ihrer Mutter, die mit dem Em⸗ pfange ihrer Gäſte, und der Anordnung der Spieltiſche beſchäftigt war. Alle Welt drängte um Eugenien ſich her, die Damen mit lautem Bedauern ihres ſichtbaren Unwohlſeyns, und mit Ermahnungen ſich künftig mehr zu ſcho⸗ nen und weniger zu tanzen; die Männer mit ſchmeichelnder Bewunderung ihrer geſtrigen Er⸗ ſcheinung. Der durch Neuheit wie durch Glanz ſich auszeichnende Ball des Geſandten, war na⸗ türlicherweiſe das Haupt⸗Thema, um welches das Geſpräch ſich drehte. Kleine auf denſelben Bezug habende Anekdoten wurden in Umlauf gebracht, einzelne Geſtalten bald lobend bald tadelnd erwähnt, über manches hin und her disputirt, alles war, wie es ſchon tauſendmal geweſen. Eugenia pflegte ſonſt an Unterhaltun⸗ gen dieſer Art recht heitern Antheil zu nehmen, und ſich dabei ſehr wohl zu befinden; heute — 64— jedoch kam ihr alles unerträglich langweilig vor, ſie war zerſtreut, hoͤrte nur halb auf das was man ſagte, und ſah alle Augenblicke nach der Thüre ſich um. Endlich, endlich erſchien Klothar, und faſt mit ihm zugleich Fürſt Felix von Waldheim. Eugenia fühlte wie vou Fieberſchauer ſich er⸗ griffen, indem ſie beide neben einander er⸗ blickte. Klothars Augen ſuchten gleich bei ſei⸗ nem Eintritt Eugenien; als er ſie gefunden, überzog dunkle Purpurröthe die ſonſt bleichen ern⸗ ſten Züge ſeines edlen Geſichts; er vermochte kaum die Schwelle des Zimmers zu überſchrei⸗ ten, und ergriff die Lehne eines nahe an der Thuͤre ſtehenden Stuhles, als ob er dieſer Stütze bedürfe um nicht umzuſinken. Mit dem ſichern und doch gefälligen Anſtande el⸗ nes vornehmen Weltmannes, ſchritt indeſſen Fürſt Felir an ihm vorüber, durch den Saal hin, um am außerſten Ende deſſelben die ſchöne Tochter vom Hauſe zu begrüßen. Alle die auf ſeinem Wege ſich befanden, machten mit geräuſchloſer, von kleinſtädtiſcher Komplimentirſucht himmelweit verſchiedner Höf⸗ lichkeit, ihm willig Raum, und thaten es gern; denn abgerechnet von ſeinem höheren Range, eignete auch die ganze Perſönlichkeit des lie⸗ benswürdigen Mannes ſich dazu, ihm allge⸗ meine Achtung zu erwerben. Wie ſehr er Eugenien vor allen andern jungen Damen auszeichnete, war übrigens auch kein Geheim⸗ niß; Viele waren überzeugt, daß er in ſeinem Herzen ernſtere Abſichten auf ſie hege, die ent⸗ weder zwiſchen ihnen ſchon zur Sprache gekom⸗ men wären, oder doch nächſtens es würden, Mit in der guten Geſellſchaft uüblicher Diskre⸗ tion, zog daher einer nach dem Andern ganz unmerklich von den Beiden ſich zurück, um ih⸗ nen freies Feld zu laſſen, und ſie in einem, dem Anſchein nach immer angelegentlicher werdenden Geſpräche nicht zu ſtören, bei welchem Ohren⸗ zeugen fürchten mußten, läſtig zu erſcheinen. 5 — 66— Graf Klothar ſtand indeſſen noch immer an der Thüre, das dunkle brennende Auge feſt auf Eugenien geheftet. Er ſah wie Eugenia, als der Fürſt ſich ihr näherte, von ihrem Sitze ſich erhob, wie ſie, ſeinem Gefühle nach viel zu freundlich, den Gruß deſſelben erwiederte, und mit einer leichten Bewegung der Hand ihn einlud, den eben neben ihr leer gewordnen Platz einzunehmen; ein Wink, den der Fürſt augenblicklich befolgte. Er ſah ein angenehmes Lächeln das männlich ſchöne Geſicht des Für⸗. ſten verklären, indem er zu Eugenien ſprach, was ſie nicht ungern zu hören ſchien. Und endlich gar! Klothar meinte ihm müßten die Sinne vergehn, als der Fürſt, in ſichtlichem Entzücken über etwas wahrſcheinlich ſehr ange⸗ nehmes, was ſie ihm erwiederte, Eugeniens Hand ergriff und feurig an ſeine Lippen drückte. Er hielt dieſe, für eine bloße Höflich⸗ keitsbezeugung, dort viel zu lange feſt, und ſeine Augen ſtrahlten von ungewohntem Feuer. Klo⸗ thar fühlte den Boden unter ſich wanken, aber er nahm ſich zuſammen, um das Ende von dem Allem abzuwarten. Das Geſpräch zwiſchen Eugenien und dem Fürſten wurde indeſſen von Seiten beider mit gleicher Lebhaftigkeit, und mit augenſcheinlich ſcheinendem Intereſſe fortgeſetzt; es konnte füg⸗ lich für ein tete a téte gelten, denn die übrige Geſellſchaft hatte ſich weit genug von den Bei⸗ den zurückgezogen, um ihnen alle Sicherheit, die ſie wünſchen konnten, dabei zu gewähren. Bald ſchienen ſie über den Gegenſtand, den ſie unter ſich verhandelten, einerlei Meinung zu ſeyn, bald wieder nicht. Eugeniens Züge belebten ſich immer mehr und mehr, ihre Augen glänzten in lächelnder Zufriedenheit, die des Fürſten drückten die reinſte Bewunderung aus. Er ſchien etwas von ihr erbitten zu wollen, was ſie anfangs ziemlich ernſthaft ihm verweigerte, doch allmäh⸗ lig ſchien dieſer Ernſt in holdes Nachgeben 5* „ übergehen zu wollen. Klothars Pulſe ſtockten, eine Welt laſtete auf ſeiner ſchwer athmenden Bruſt, und doch mußte er wie vom Starr⸗ krampf gefeſſelt ſtehen bleiben, ohne den Blick von dem was dort vorging, abwenden zu können. Eugenia gewährte, was von ihr verlangt wurde, Klothar las es deutlich in ihren Mie⸗ nen, in dem dankbaren Entzücken des Fürſten. Er ſah ſie von ihrem Sitze aufſtehen, den Fürſten mit ihr zugleich ſich erheben. Ein dich⸗ ter Nebel verbreitete ſich vor ihm im Saal, das Geräuſch der vielen Stimmen um ihn her, traf toſend, wie das Brauſen des empör⸗ ten Meeres, ſein Ohr; verdreifacht, verzehn⸗ facht, drehten die Kronleuchter in wildem Durch⸗ einanderkreiſen ſich vor ſeinen Augen, und mit⸗ ten durch dieſes alles erblickte er in ſchwan⸗ kenden Umriſſen Eugeniens Geſtalt gerade auf ihn zu eilen, ihr Kleid ſtreifte an ihn an, indem ſie, ſich verneigend, an ihm vorüber ging. „Eugenia! Sie fliehen!“ ſtammelte Klo⸗ — 69— thar ton⸗ und athemlos, und wußte kaum, daß er ſprach.„Auf mein Zimmer, ein No⸗ tenbuch zu holen, aus dem ich ſingen ſoll,“ erwiederte ſie freundlich, aber ſichtbar befan⸗ gen, mit bewegter unſicherer Stimme; und eilte durch das Vorzimmer, einem an dieſes anſtoßenden, der Geſellſchaft nicht geöffneten Kabinette zu, durch welches der Weg zu einer kleinen Seitentreppe ging, die nach dem Theil des Hauſes führte, in welchem ihr Zimmer lag. Das Geſpräch Eugeniens mit dem Für⸗ ſten war in der That weit weniger bedeu⸗ tend geweſen, als der Anſchein es gab. Fürſt Felix hatte anfangs Engenien über ihre ge⸗ ſtrige Erſcheinung viel ſchönes, wirklich tief empfundnes geſagt; und eben weil ſie letzte⸗ res bemerkte, war ſie in ihren Antworten nicht ganz ſo unbefangen geweſen, als es wohl ſonſt ihre Art war. Sie ſuchte das Geſpräch einem andern Gegenſtande zuzuleiten, und brachte es auf die ausgezeichnet ſchöne Tanz⸗ — 70— muſik; von dieſer ging es auf die Oper über, und zuletzt auf neuere Muſik überhaupt. Eu⸗ genia war eine eifrige Anhängerin der italie⸗ niſchen Componiſten, der Fürſt verehrte mit ungeheucheltem Enthuſiasmus Mozarts hohen Genius. Jedes von ihnen vertheidigte ſeine Lieblinge nach beſten Kräften und mit vieler Wärme; der Streit wurde von beiden Theilen mit heitrer Laune und großer Mäßigung ge⸗ führt, von Seiten des Fürſten aber auch noch mit ſo viel tiefer wirklicher Sachkenntniß, daß Eugenia das Geſpräch mit ihm gewiß höchſt intereſſant gefunden haben würde, hätte nicht Klothars tiefer Schmerz, die innere Qual ſei⸗ ner Seele, die in allen ſeinen Zügen ſich aus⸗ ſprach, auch ſie beängſtigt. Sie ſuchte zwar von Zeit zu Zeit durch einen, heimlich ihm zugewandten gütigen Blick, den Freund zu tröſten und zu ermuthigen, doch vergebens. Klothar hatte nur für das, was wie mit tauſend Dolchſtichen ihn folterte, Augen und — 1— Sinn, und immer höher ſtieg ſeine Verzweif⸗ lung. Eugenia mußte endlich einen wilden Ausbruch der in ihm tobenden Leidenſchaften fürchten, ihr ſchauderte vor dem Gedanken, er könne ihr, hier gleich auf der Stelle, eine Scene machen, welche ſie dem Geſpötte, dem Gerede, nicht nur der Geſellſchaft, ſondern auch der ganzen Stadt Preiß geben mußte, und ſo gab ſie denn in der Angſt den Bitten des Fürſten endlich nach, zur Ausgleichung ihres muſikaliſchen Streites, eine Arie von Mozart, und eine von einem ihrer Lieblings⸗Componi⸗ ſten zur Harfe zu ſingen. Sie beendete auf dieſe Weiſe, wenn gleich ungern, ein Geſpräch, das ſie unter andern Umſtänden gewiß länger ausgeſponnen haben würde, auch ging ſie ſelbſt die Notenhefte zu holen, was ſie recht füglich einem Bedienten hätte auftragen können. Eugenia betrat in einer höchſt aufgeregten Stimmung ihr Zimmer, das Herz ſchlug ihr ängſtlich, ihr Gemüth war in nie gekanntem — 22— Zwieſpalt befangen, ſie wußte ſelbſt nicht warum. Die Ermüdung des geſtrigen Balles, die dieſem folgende, in heftiger Gemüths⸗Un⸗ ruhe, bis zum Aufgang der Sonne ſchlaflos hingebrachte Nacht, für die der ſpäte Morgen⸗ ſchlummer ſie nicht entſchädigen konnte, hatten ihre Nerven angegriffen und ihr Blut in fie⸗ berhafte Wallung gebracht. Die Luft ihres traulich ſtillen, nur von dem einzigen Lichte, das ſie in der Hand trug, erleuchteten Zim⸗ mers, wehte ihr erquicklich entgegen; ſie ſetzte das Licht in eine weit entfernte Ecke hinter einen Lichtſchirm hin, und trat, um ſich von der ſchwülen Luft, von dem blendenden Lich⸗ terglanz, von dem Geräuſch des Salons un⸗ ten, ein Paar Minuten zu erholen, an das offenſtehende Fenſter, das Chriſtel zu ſchließen vergeſſen. Erleichtert aufathmend blickte ſie in die Frühlingsnacht hinaus, deren Kühle ihr un⸗ endlich wohlthat, der Vollmond ſtand ſenkrecht hoch über ihr, dicht um ſie her war alles noch in tiefes Dunkel verhüllt, aber die kleinen Häuſer ihr gegenüber lagen von ſeinem hell⸗ ſten Lichtglanz umfloſſen; in allen ſchien ſchon die tiefſte Nuhe zu herrſchen, kein Lichtſtrahl ließ ſich erblicken, alle Nachbarn, auch Anna's Hausgenoſſen, ruhten, vermuthlich ſchon lange, in tiefem Schlafe von den Mühen eines in Arbeit hingebrachten Tages aus, während die vornehmere Welt erſt recht zu leben anfing. Ein leiſes Gefluͤſter, dicht unter ihrem Fenſter, das nur durch die ganz lautloſe Stille der Nacht hörbar werden konnte, zog indeſſen Eugeniens Aufmerkſamkeit gar bald an; ſie lauſchte darauf, indem ſie einen halben Schritt zurücktrat, um ſichrer ungeſehen zu bleiben, und ihr ſehr feines Ohr vernahm ſüße Liebes⸗ worte, liebkoſende Namen, wie nur das innigſte Herzensverſtändniß ſie zu erfinden vermag. Anna und ihr Geliebter waren es, die, bet einem zärtlichen Stelldichein, vor dem verrä⸗ — 22— theriſchen Mondenlicht, in den verbergenden Schlag⸗Schatten des großen Hauſes ſich geflüch⸗ tet hatten. „Nun gute Nacht, gute Nacht, du Lieber, Einziger,“ flüſterte Anna:„ach bleibe noch!“ flehte Ignaz. „Ich darf nicht, ſo gern ich möchte,“ er⸗ wiederte Anna:„die Mutter könnte aufwachen, ſie iſt heute nicht ganz wohl. Ohnehin iſt es doch nicht recht von uns, daß wir hier ſo heimlich zuſammen kommen.“ „Noth kennt kein Gebot,“ antwortete Ig⸗ naz, ſie umfaſſend,„heute, du liebes Herz, heute mußten wir uns doch nicht blos ſehen, ſondern auch ſprechen.“ „Heute! ach heute!“ erwiederte Anna, mit einem Ton, dem man, obgleich ſie ſehr leiſe ſprach, den kaum zu verhehlenden Jubel in ih⸗ rer Bruſt deutlich anhörte;„ach heute war der ganze Tag doch gar zu lieb! Der ſchoͤne freund⸗ liche Engel hier über uns,“ ſetzte ſie mit ei⸗ nem Blick nach Eugeniens Fenſter hinzu;„ob er wohl ſchon ſchläft? doch wohl; der matte Schein dort hinten, kommt wohl von ihrer Nachtlampe. Nun, Gott gebe ihr heute eine recht gute Nacht.“ „Und meinem Grafen Klothar ebenfalls,“ erwiederte Ignaz.„Er kam mir heute ſo abſonderlich, ſo unruhig, ſo traurig vor, wie noch nie.“ „Was dem guten Herrn doch nur ſeyn mag!“ ſprach Anna. „Das mögen die Heiligen wiſſen,“ erwie⸗ derte Ignaz:„ich denke immer er hat auch was Liebes im Herzen, und nun, du weißt es ja, nun ſoll er ein geiſtlicher Herr werden.“ „Ach du liebe Zeit, der unglückliche Herr! da ſind wir hei aller unſrer Armuth doch beſ⸗ ſer daran,“ ſeufzte Anna, umſchlang den Nacken ihres Ignaz mit einem Arm, während ſie das Köpfchen an ſeine Bruſt gelehnt, zärt⸗ lich zu ihm aufblickte. Das liebende Paar 76— hatte nicht bemerkt, daß der höherſteigende Mond den Schatten zerſtreute, der bis dahin es verhüllte. Eugenia zog vor ſeinem Schein in eine dunkle Ecke des Fenſters ſich zurück, fuhr aber mit angeſtrengter Aufmerkſamkeit fort, das Paar zu belauſchen, deſſen Geſpräch in dieſem Augenblick ein noch weit höheres Intereſſe für ſie gewann. „Ja wohl, ja wohl ſind wir beſſer daran, und ich möchte um keinen Preiß mit ihm tau⸗ ſchen,“ erwiederte Ignaz ſeiner Anna, und drückte das Mädchen feſter an's Herz.„Glaube mir, Liebe, ich habe manchmal meine eignen Gedanken und Sorgen um den Grafen. Vor⸗ hin brachte ich ihm, was ich für ihn abge⸗ ſchrieben habe, hernach, als er wegfahren wollte, ſtand ich noch mit dem Kammerdiener unten am Thorwege; wie er ausſah, als er die Treppe herunter kam, kann ich dir gar nicht beſchreiben; er blieb vor mir ſtehen, und ſah mit ſeinen großen ſchwarzen Augen mich av, — 77— ich kann dir gar nicht ſagen wie; mir wurde ganz wunderlich dabei. Grüße dein Mädchen, ſprach er ganz leiſe, und betet für mich, ich gehe einen ſchweren entſcheidenden Gang. Als er weiter ging, um in den Wagen zu ſteigen, ſprach er noch ein paar Worte ſo ganz in ſich hinein, ich konnte es nicht deutlich verſtehen, aber es klang mir wie: auf Leben und Tod.“ „Das iſt grauerlich!“ erwiederte Anna „mich ſchauderts recht! wenn ihn nur die lie⸗ ben Heiligen vor Unglück und böſen Gedanken bewahren, den armen Herrn. Höre, Ignaz, wir haben's zwar nicht übrig, aber ſo etwas bringt Seegen; wir wollen morgen in aller früh eine Meſſe für ihn leſen laſſen, an dem kleinen Altare in der Ecke, du weiſt wohl, zur Muttergottes, die betrübte liebende Herzen trö⸗ ſtet; ich habe um deinetwillen oft vor ihr geknieet, und ſie hat mich auch erhört, zu ihr wollen wir morgen gehn, und recht inbrünſtig will ich für den guten gnädigen Grafen beten, — 28— und du mußt es auch. Du lieber Gott! wenn ihm nur kein Leides wiederfährt!“ Eugenia mochte nichts weiter hören; tief erſchüttert zog ſie vom Fenſter ſich zurück und brach in einen Strom von Thränen aus. Sie erleichterten ihr das gepreßte Herz, aber ſie ſuchte doch ſo ſchnell als möglich ſie zu trock⸗ nen, um zur Geſellſchaft zurück zu kehren, in welcher ihr längres Ausbleiben Aufſehen erre⸗ gen konnte. Ellig raffte ſie die Notenhefte zuſammen, die ihr glücklicher Weiſe gleich zur Hand lagen, hauchte vor dem Spiegel noch ein paarmal in die kleinen Hände, hielt ſie vor die Augen, um jede Spur der eben vergoß⸗ nen Thränen zu vertilgen, und eilte dann, das Licht in der Hand, durch den langen dunklen Gang der zur Hintertreppe führte. Faſt unhörbar leiſe hörte ſie nahe an der Treppe ihren Namen nennen, und ſah eine dunkle Geſtalt, aus der Vertiefung einer Sei⸗ tenthuͤre hervor, ihr in den Weg treten. Er⸗ ſchrocken fuhr ſie zuſammen und behielt kaum Beſinnung genug, um einen lauten Schrei zu unterdrücken.„Klothar,“ flüſterte ſie bebend. „O vergieb, erſchrick nicht vor mir,“ bat leiſe Klothar,„meine Kraft war dem Erliegen nahe! ich trug es nicht länger.“ „Aber bedachten Sie denn nicht, welcher Gefahr Sie mich ausſetzten,“ flüſterte Eugenia, „guter Gott! wenn man Sie geſehn hat!“ „O ſchelten Sie den Armen nicht, der untergehend den Saum Ihres Kleides ergreift, um ſich zu retten,“ ſprach Klothar;„Niemand in der Geſellſchaft hat mich geſehen, wer beach⸗ tete mich, wenn Sie Ihr Auge von mir wen⸗ den? und das Vorzimmer war leer.“ Eugenia blickte ihn an, und vermochte kein Wort aufzubringen, mit gebognem Knie, geſenk⸗ tem Haupte, mit dem vollen Ausdruck der ſchmerzlichſten Ergebung, der heißeſten Bitte, der bängſten Erwartung, ſtand in der flehend⸗ ſten, demüthigſten Stellung der ſchoöne ſchlanke — 80— Jungling tiefgebeugt vor ihr, wie vor dem Altare einer Gottheit. Auch ihre Kniee bebten, ihr ganzes Weſen war in nie gefühlter Aufregung befangen; konnte, durfte ſie ihn mit Härte von ſich ſtoſ⸗ ſen? ihn, der nur in ihrem Anſchauen lebte, ihn, der ſeine ganze Zukunft in ihre Hände legte. „Ich konnte nicht anders, Eugenia,“ flü⸗ ſterte Klothar nochmals,„ich mußte Ihnen fol⸗ gen, oder von meiner innern unausſprechlichen Qual überwältigt, vor aller Augen bewußtlos niederſinken. Ich flehe nur um Entſcheidung, mein vorahnendes Herz iſt auf alles gefaßt. Komme was da wolle, ſtumm will ichs tra⸗ gen, verwirf mich, vernichte mich mit allen meinen Hoffnungen, weihe mich dem Unter⸗ gange, kein Seufzer, kein ſtiller Vorwurf ſoll dich anklagen; nur Entſcheidung!“ flüſterte er faſt unhörbar, ſank wie von aller Lebenskraft verlaſſen, nun wirklich auf das Knie, und ver⸗ barg ſein Geſicht mit beiden Händen. Was Eugenia ihm erwiederte, was belde ferner mit einander ſprachen, wer könnte das nachſchrelben, ſie ſelbſt wußten es kaum. Der Eindruck, den das Geſpräch zwiſchen Anna und Ignaz auf Eugeniens Gemüth gemacht hatte, war noch lange nicht verklungen; in ſüſſer Be⸗ täubung, kaum ihrer ſelbſt ſich bewußt, wand ſie endlich aus Klothars ſie feſt umſchlingnden Armen ſich los, und der Bund der Liebe war geſchloſſen. Sie eilte der Geſellſchaft wieder zu, von der ſie nicht länger entfernt zu blei⸗ ben wagte, der überglückliche Klothar aber ver⸗ mochte nicht ihr zu folgen; er flog hinaus in die mondhelle Nacht, dem hohen heitern Him⸗ mel ſein Entzuͤcken zu verkünden, der ſo oft Zeuge ſeiner Klagen geweſen war. Das heimliche Liebesverſtändniß der Bei⸗ den gieng von dieſer Stunde an, den raſchen Gang, der Verhältniſſen dieſer Art anfangs gewöhnlich iſt; Eugenia wandte alle ihre in der großen Welt erworbene Lebensgewandtheit, II. 4 — 82— Klothar alle ſeine in klöſterlicher Beſchränktheit gewonnene Umſicht dazu an, es vor aller Au⸗ gen verborgen zu halten. Ihr Bemühen ge⸗ lang, weil Niemand nur von Ferne daran dachte, eine Verbindung zwiſchen dieſen Bei⸗ den nur als möglich zu betrachten. Klothars ſichtbare Schwermuth, war bisher allgemein ei⸗ nem gewiſſen Widerwillen gegen den von ſei⸗ nen Verwandten für ihn erwählten Stand zu⸗ geſchrteben worden; man war dabei aber auch billig genug, einem durch Geburt und perſoͤn⸗ liche Vorzüge ſo ausgezeichneten Jünglinge es nicht zu hoch anzurechnen, wenn ſein jugend⸗ liches Gefühl ſich nicht ſogleich allen Entbeh⸗ rungen fügen wollte, die ihm bevorſtanden. Mit der Zeit, würde er im Verfolg ſeiner zu hohen Ehren und Würden führenden Laufbahn ſich ſchon beſſer in alles finden, meinte man, und über den ihm umgebenden Glanz das Opfer leicht verſchmerzen, das er beim Antritt derſelben zu bringen gezwungen geweſen. Selbſt 8. — 33— die größre Heiterkelt, die ſeit kurzem zuweilen in Klothars Weſen aufleuchtete, beſtärkte ſeine Bekannten in der von ihm vorgefaßten Mei⸗ nung; die Ankunft des Biſchofs war durch mancherlei Zufälligkeiten auf unbeſtimmte Zeit, vielleicht auf mehrere Monate, hinaus verſcho⸗ ben worden, und was konnte natürlicher ſeyn, als daß Klothar ſich des ihm dadurch geword⸗ nen Zeitgewinnes freute. Auch wurde dieſe ihm ungewohnte Heiterkeit immer ſehr bald durch trübe Wolken wieder verdrängt, die ſeine Stirn von neuem umdüſterten. Eugenia blieb ſich in jeder Hinſicht gleich: heiter und liebenswürdig, wie ſie es von jeher geweſen, war ſie noch immer die Seele der Geſellſchaft, die Königin des Tages, der alle gern huldigten, vor allen aber Fürſt Felix. Die Art wie dieſer ſich immer in ihrer Nähe zu halten ſuchte, ſeine Blicke, ſein ganzes Be⸗ tragen verriethen zu deutlich wie ſehr ſie ihn entzücke, als daß die Geſellſchaft über das was 6* — 34— er für ſie empfand, hätte zweifelhaft bleiben können. Eugenia wurde dadurch, ſobald ſie nicht gegenwärtig war, der Gegenſtand von ziemlich laut werdenden Vermuthungen und Bemerkungen, die den unglücklichen Klothar oft in Verzweiflung ſetzten. Er vertraute ſei⸗ ner ſchönen Geliebten, er war unfähig ſie bei ruhiger Beſinnung eines Treubruchs, einer Un⸗ wahrheit anzuklagen; aber Eiferſucht iſt eine Krankheit, von der weder Vernunftgründe, noch ſelbſt der Augenſchein zu heilen vermögen. Wer einmal ihr verfiel, bleibt, ſelbſt bet dem beſten Willen ihr zu widerſtehen, dennoch ewig . ihr verfallen, und keiner darf ſagen: er habe ſie überwunden, denn Keiner iſt ſicher davor, daß ſie nicht, bei der unbedeutendſten Veran⸗ laſſung dazu, wiederkehrt. Eugenia hatte ſich in ihrem Leben nicht glücklicher gefühlt, als in dieſer Zeit des erſten Erwachens ihres Herzens. Klothars Eiferſucht war ihr nur ein neuer Beweis der Stärke — 85— ſeiner Leidenſchaft, die Ausbrüche derſelben, denen er oft, beſonders ſchriftlich ſich überließ, würden ihr ſogar geſchmeichelt haben, wenn ſie ihr nicht zugleich Mitleid mit ſeinem Leiden eingeflößt hätten. Hingeriſſen von der Neu⸗ heit ihres jetzigen Verhältniſſes, beruhigt durch die Nachricht, daß die Ankunft des gefürchte⸗ ten Biſchofs, folglich auch der Moment der Entſcheidung, noch lange nicht ſo nahe wären, als es anfangs geſchienen, gab ſie im froh⸗ ſten Jugendmuth, vom holdeſten Leichtſinn um⸗ fangen, der ſchönen Gegenwart ſich hin. Sie erfreute im vollſten Maaße ſich der⸗ ſelben, ohne in die Zukunft blicken zu wollen, der mit Beſorgniß entgegen zu gehen, ſie noch nie Urſache gehabt hatte. Faſt täglich ſah ſie den Geliebten, zwar ſelten ohne von überläſtigen Zeugen umringt zu ſeyn, aber ſie ſah ihn doch, und konnte manches freundliche Wort an ihn richten, deſ⸗ ſen eigentliche Deutung außer ihnen beiden — 36— niemand weiter verſtand. Der arme Klothar litt dabei freilich weit mehr als ſie; oft ſtand er fern von ihr, wie in ſeinen hoffnungsloſeſten Tagen, den düſteren Blick auf ſie geheftet, während ſie in dem ſie umgebenden Kreiſe Leben und Freude verbreitete. Innere Qual ſtieg oft bis zum unleidlichen, wenn er den Fürſten an ihrer Seite, nur mit ihr beſchäftigt erblickte, wenn er ſehen mußte, wie Eugenia mit holder Frreundlichkeit ſich jenem zuneigte; doch die Geliebte ließ ihn nie lange in dieſem peinlichen Zuſtande, alle die kleinen heimlichen Liebeszei⸗ chen, die nur Liebende kennen, ſtanden ihr ja zu Gebote, um ihn demſelben zu entreißen, und ſie wußte ſehr wohl ſie zur rechten Zeit anzuwenden. Ein verſtohlen ihm zugewandter Blick, ein im abſichtlichen an⸗ ihm⸗ Vorüberſtreifen, ihm heimlich zugeflüſtertes Wort, oft auch ein paar liebevolle Zeilen, die ſie, wenn er es am we⸗ nigſten vermuthete, ihm geſchickt in die Hände — 87— ſpielte, riſſen, ſobald ſie es wollte, ihn aus dem Abgrund des tiefſten Schmerzes, um ihn in einen Himmel voll Entzücken zu verſetzen. Zuweilen wußte ſie auch, mitten im Schwarm der Geſellſchaft, ein paar unbelauſchte Minuten für ihn und ſich zu gewinnen, und fühlte ſich dann nicht minder ſelig als er es war. Im jugendlichen Uebermuth überließ ſie ſich ganz und gerne dem holden Spiele, das ſie auf dieſe Weiſe mit Klothars Herzen trieb, ohne ſonderlich daran zu denken, was er dabei leiden mochte. Sie wußte ja, wie ſehr es in ihrer Macht ſtand, ihn überreich dafür zu ent⸗ ſchädigen. Nichts iſt verführeriſcher für ein welbliches Gemüth, als das Bewußtſeyn, mit einem Blick Leben und Tod geben zu können. Eugenia kannte ihre Zaubergewalt, und übte ſie gern, aber Klothar wurde ihr auch dadurch immer werther; es gab Stunden, in denen ſie überzeugt war, mit leidenſchaftlicher Gluth an ihn zu hängen, und die Trennung von — 88— ihm nicht überleben zu knnen. Abends be⸗ lauſchte ſie oft Anna's heimliche Zuſammen⸗ künfte mit ihrem Bräutigam, ſie hörte das Liebesgeflüſter des verlobten Paares, vor der Thüre des väterlichen Hauſes, ſie ſah Anna vom Arm des Geliebten umſchloſſen, ſeinen Küſſen ſcheinbar abwehrend und doch vom eig⸗ nen Herzen bezwungen, ſich ihnen hingebend. Seufzend pflegte Eugenia dann wohl Klo⸗ thars Namen zu nennen, und Sehnſucht und Liebe ſchwellten ihre junge Bruſt, in der die Natur laut ward, ohne ſie mit einem unedlen Gedanken zu beflecken; und doch war ſie zu glücklich in der Gegenwart, um eine Abände⸗ rung derſelben ernſtlich herbeiwünſchen zu kön⸗ nen. Eigentlich hatte das Geheimnißvolle ihres jetzigen Verhältniſſes für ſie einen unbeſchreib⸗ lichen Reiz, den ſie ſich aber nicht eingeſtehen mochte; die ſtete Beſchäftigung mit Klothar, alle die kleinen Liſten und Känſte, die ſie er⸗ ſinnen mußte, um nur einige Minuten unge⸗ — 89— ſtört ihn zu ſprechen, brachten Leben und Be⸗ wegung in ihre, bis dahin, ziemlich einförmig zwiſchen Langerweile und ſich ſtets wiederho⸗ lenden Vergnügungen getheilten Exiſtenz. Ste liebte ihren Klothar, er wurde mit jedem Tage ihr theurer, aber ſie hätte ihr Geſchick, wie es in dieſer Zeit ſich geſtaltet hatte, recht gelaſſen noch ein paar Jahre geduldig ertragen; das Bewußtſeyn, von einem liebenswürdigen Mann mit heißer Leidenſchaft geliebt zu ſeyn, genügte ihr, und eigentlich graute ihr auch innerlich vor den gewaltſamen Scenen, die einer Ver⸗ änderung ihrer jetzigen Lage nothwendig vor⸗ angehen mußten. Anders, weit anders, ſtand es um Klo⸗ thar; ihm war es nicht gegeben, wie Eugenia, alles nur von der Minute zu fordern, und er war deshalb weit davon entfernt, die ſorgloſe Sicherheit der Geliebten mit ihr zu theilen. Die Gewißheit, daß ſie ſeine glühende Liebe er⸗ wiedre, konnte ihm nicht genügen, er ſchmach⸗ — 90— tete nach ihrem Beſitz, nach der unzertrennlichen Vereinigung mit ihr, und all' ſein Denken und Streben war darauf gerichtet, das ihm verhaßte Joch, unter dem er noch immer ſeufzte, vol⸗ lends abzuſchüͤtteln. Das ſich immer noch ver⸗ längernde Ausbleiben des Biſchofs konnte ihn nicht zu unthätiger Sicherheit einlullen, aber er nahm es als eine beſondere Gunſt des Himmels, als einen höheren Wink, die wie durch ein Wunder ihm geſchenkte Friſt ſchnell und eifrig zu benutzen. Ohne Eugenien davon zu benachrichtigen, deren Einwendungen er mit Recht fürchtete, ergriff er die erſte ihm günſtig ſcheinende Gelegenheit, um ſeiner proteſtanti⸗ ſchen Tante, und durch dieſe dem Geſandten, ihrem Gemal, ſich zu entdecken. Mit leiden⸗ ſchaftlicher Beredſamkeit ſchilderte er ihr ſeinen unbezwinglichen Widerwillen gegen den geiſt⸗ lichen Stand, ſeinen feſten Entſchluß ihm zu entſagen. Auch ſein ihn üͤber alles beglücken⸗ des Verhältniß zu Eugenien geſtand er der — 91— freundlichen Vertrauten. Rückhaltslos ſchüttete er ſein ganzes Herz vor ihr aus, alle ſeine Wünſche und Pläne und Gedanken, er ver⸗ ſchwieg ihr ſogar nicht ſeinen Vorſatz, zur pro⸗ teſtantiſchen Kirche überzutreten, im Fall er hoffen duͤrfe, dadurch um ſo eher und um ſo ſicherer zu Eugeniens Beſitz zu gelangen. Die ſanfte, gute, zum romanhaften wie zur welchſten Sentimentalität ſich ſtark hinnei⸗ gende Frau, nahm Klothars Geſtändniß ganz ſo auf, wie er es von ihr erwartet hatte. Sie ſtrebte den leidenſchaftlich Aufgeregten mit beruhigenden Worten zu tröſten, verſprach ihm, bet ſeinem Oheim ſich eifrig für ihn zu verwenden, und hielt redlich Wort, aber es wurde ihr welt ſchwerer den Geſandten denl Plänen und Wünſchen Klothars günſtig zu ſtimmen, als dieſer und auch ſie ſelbſt es ſich gedacht hatte. „Der arme Junge iſt durch ſeine leldige Erziehung nun einmal für das praktiſche Leben durchaus verdorben,“ ſprach der Geſandte, „bei allen ſeinen übrigen vielgeprieſenen gelehr⸗ ten Kenntniſſen, fehlt es ihm doch an dem, was eigentlich dazu gehört, um auf eine be⸗ deutende Anſtellung im Staate Anſpruch ma⸗ chen zu dürfen, und an eine diplomatiſche Ka⸗ riere iſt für ihn nun vollends gar nicht zu denken. Mit ſeinem trübſeligen Geſicht, auf dem alles, was er denkt und fühlt, deutlich zu leſen iſt, und mit ſeiner linkiſch⸗ehrlichen. Ungewandtheit, würde er als Geſandter elne ſchöne Figur ſpielen! nur die militäriſche Lauf⸗ bahn bleibt ihm offen, um mit einigem An⸗ ſchein des Gelingens ſeine jetzige Beſtimmung mit ihr zu vertauſchen, und auf dieſer will ich dann nach Kräften ihm fortzuhelfen ſuchen, weil er nun doch einmal umſatteln will und muß.“ Klothar nahm mit dankbarem Entzücken dieſen Ausſpruch ſeines Oheims auf, der mit ſeinen eigenen Wünſchen vollkommen überein⸗ — 94— ſtimmte. Von Jugend auf hatte er zum Kriegsdienſt ſich hingezogen gefühlt, vielleicht eben um des Kontraſtes willen mit ſeinem damaligen Stande. Die geiſtliche Erziehung hatte ihn zwar etwas ſchüchtern gemacht, aber den kühnen Muth nicht zu unterdrücken ver⸗ mocht, den die Natur ihm in das Herz ge⸗ legt; im Neiten, im Fechten, in allen ritter⸗ lichen Uebungen, hatte er auf Befehl des Bi⸗ ſchofs gehörigen Unterricht erhalten, weil die⸗ ſer überzeugt war, daß dieſes der einzige Weg ſey, jenen freien ungezwungenen Anſtand ſich anzueignen, deſſen der vornehmere Geiſtliche eben ſo wohl als der Weltmann bedarf, um ſich den Augen der Menge zugleich würdig und gefällig zu zeigen. Klothar kannte im Herzen weder Furcht noch Gefahr, wenn es dem galt, was ihm das Rechte zu ſeyn ſchien, und die äußere blöde Scheu, von der er in der Geſellſchaft ſich nie ganz losmachen konnte, entſtand nur aus der zu großen Zurückgezogen⸗ — 94— heit, in welcher er ſeine erſten Jugendjahre zubringen müſſen. Er war des Geräuſches nicht gewohnt, und fand auch, als angehen⸗ der Geiſtlicher, zu wenig Berührungspunkte mit andern jungen Männern ſeines Standes, als daß er an dem Treiben und der Unterhal⸗ tung derſelben, hätte lebhaften Antheil nehmen können. Für den Augenblick ruhte zwar die Welt in anſcheinendem Frieden vom blutigen Kriege aus, aber am politiſchen Horizonte thürmten noch ringsum ſchwere Gewitterwolken ſich auf,* und eine Ahnung, daß noch nicht Alles voll⸗ bracht ſey, laſtete auf den Herzen der Steger. Napoleon war auf der Inſel Elba, die ver⸗ bündeten Heere ſtanden noch immer kampffer⸗ tig an Frankreichs Grenzen, und ſuchten in⸗ zwiſchen die Lücken auszufüllen, die der Krieg in ihre Reihen geriſſen. Der Geſandte fand für Klothars Hoffnungen den Augenblick zu günſtig, um ihn zu verſäumen, und beſchloß daher, daß dieſer ſogleich die Stadt heimlich verlaſſen, und mit Empfehlungen von ihm ausgerüſtet, zum Hauptquartier des Monarchen eilen ſolle, in deſſen Dienſten er ſelbſt ſtand. Bei des Biſchofs Ankunft verhieß der Ge⸗ ſandte Klothars Vertheidigung ſelbſt zu über⸗ nehmen:„ſey nur getroſten Muthes, und laß mich deine Sache bei dem geiſtlichen Herrn führen, ich will mit ihm ſchon fertig werden,“ ſprach er mit feinem Lächeln, und klopfte Klo⸗ thar ermuthigend auf die Schulter, dem bei dieſer Verſicherung ein großer Stein vom Her⸗ zen fiel; denn gerade die erſte Erklärung mit dem ſtrengen Wanne, dem er von Kindheit auf unumſchränkten Gehorſam zu leiſten ge⸗ wohnt geweſen, war das einzige, wovor er innerlich gezagt hatte. Der Geſandte aber ſchten der Gelegenheit ſich zu freuen, dem ſtolzen herrſchſüchtigen Geiſtlichen einen Lieb⸗ lingsplan zu vereiteln; denn ohnerachtet der zwiſchen ihnen obwaltenden Familienbande, — 96— und der Belbehaltung eines äußern guten Ver⸗ nehmens, waren beide im Herzen einander doch nie ſonderlich hold geweſen und oft in kleine Streitigkeiten gerathen, die ſie mit vielem An⸗ ſtande, aber auch vieler innerer Erbitterung gegenſeltig ausfochten. Eugenia vernahm mit einem ſehr gemiſch⸗ ten Gefühl die endliche Entſcheidung der näch⸗ ſten Zukunft ihres Geliebten. Sie freute ſich derſelben, und doch koſtete der Gedanke an die nahe unvermeidliche Trennung, ihr heiße Thrä⸗ nen. Was ſollte ſie, wenn er nun fern war, mit ihrem Herzen, was mit ihrer Zeit anfan⸗ gen, welche er, ſelbſt vend ſe ihn nicht ſah, bis jetzt faſt ganz allein ausgefüllt hatte? Wie ſchnell, wle langweilig mußte fortan das Le⸗ ben ohne ihn ihr erſchelnen, wie würde es ihr möglich ſeyn, demſelben nur einiges Intereſſe abzugewinnen! Zum erſtenmal ergriff ein rein menſchlicher Schmerz ihr Gemüth, ſie gab wlderſtangslos ſich ihm hin; alles Fremde in — 97— der großen Welt ihr Angebildete, war in dem Augenblick, als Klothar, was er gethan und was er beſchloſſen, ihr entdeckte, von ihr ge⸗ wichen, und ſie erſchien ganz als das, was ſie eigentlich war, ein liebendes, vor der Tren⸗ nung von dem Geliebten ängſtlich bangendes Mädchen, und nie, ſelbſt nicht in ihren glän⸗ zendſten Tagen, wenn Alle von ihrer Schön⸗ heit, ihrer Anmuth bezaubert ſich fühlten, war ſie dem zwiſchen Wonne und Schmerz getheil⸗ ten Klothar blendender, rührender, entzücken⸗ der erſchienen, als jetzt, in ihren Thränen, die ihm, dem Ueberſeligen, unaufhaltſam floſſen. Doch in der Einſamkeit kamen Eugenien zu⸗ weilen auch andere troſtbringende Anſichten und Gedanken. Sie ſah den Geliebten im Geiſte, wie er nach kurzer Trennung von ihr, in der reichen glänzenden Uniform, in welcher ſeine ſchöne ſchlanke Geſtalt ſich ſehr vortheilhaft ausnehmen mußte, zu ihr zurückkehrte, vielleicht gar mit einem Orden auf der tapfern Bruſt, II.. 7 — 28— und ihr Herz tanzte leicht und froh der ſchö⸗ nen Stunde des Wiederſehens entgegen. Treu bleiben wollte ſie ihm, das verſtand ſich von ſelbſt; und daß, wenn er auf dieſe Weiſe wiederkehrte, ſeiner Vermählung mit ihr ſich keine unüberwindlichen Schwierigkeiten mehr entgegenſtellen würden, ſchien ihr gewiß. In⸗ deſſen blieb bei der jetzigen Einrichtung wenig⸗ ſtens alles Aufſehen vermieden, was ſie ſo ſehr zu erregen fürchtete, Nlemand konnte, wie die Sachen jetzt ſtanden, auf den Gedanken kommen, daß Klothar um ihretwillen das Brevier mit dem Schwerdte vertauſcht und ſeine Verwandten heimlich verlaſſe, um zur Armee zu gehen. Hatten doch, vor kaum mehr als einem Jahre, viele Söhne der angeſehenſten Familien das nehmliche gethan. Freilich in einer ganz andern Zeit und unter ganz andern Verhältniſſen; doch dieſes zu bedenken, dazu fühlte Eugenia ſich gar nicht geneigt, oder vielleicht fiel es ihr auch nicht ein. — 99— Sanfte gefühlvolle Frauen pflegen, ihrer Natur nach, heimliche Liebe gern zu fördern und zu beſchützen, und ſo nahm denn auch Klothars Tante des zärtlichen Paares, deſſen Vertraute ſie jetzt geworden, mit ſorgſamem Wohlwollen ſich an. Der angehende Frühling hatte, wie immer, eine Art von Stillſtand in das gewohnte geſellige Treiben der Societät gebracht, Eugeniens Mutter hatte von jeher mit dem Hauſe des Geſandten auf beſonders freundſchaftlichem Fuße geſtanden, und ſo konn⸗ ten weder ſie noch Andere, in dieſer Zeit der ungeſelligen Muße in Eugeniens häuſigeren Beſuchen bei der liebenswürdigen Gemahlin deſſelben, etwas auffallendes ſinden. Klothar und Eungenia trafen faſt täglich bei der güti⸗ gen Tante zuſammen, und genoſſen Stunden des ungeſtörteſten Glücks, wie ſie nie zuvor es gekannt. Immer feſter und enger verzweig⸗ ten ſich ihre Herzen, ihre Liebe wuchs mit jedem Tage, aber zugleich auch ihr unaus⸗ . 7* 8* — 100— ſprechliches Bangen vor der nahenden Tren⸗ nung. Vergebens trieb der Geſandte ſeinen Neffen zur Abreiſe an, und ermahnte ihn, da er von deſſen Verhältniſſen zu Eugenien nur halb un⸗ terrichtet war, doch endlich einmal ein Ende mit ſeinen Liebeleien zu machen; er drohte ihm mit der vielleicht ſehr bald und unerwartet ein⸗ tretenden Ankunft des gefürchteten Biſchofs, er ermahnte ihn, da er doch einmal zum Schwerte greifen wollte, ſich nicht wie ein weichlicher Knabe zu gebärden, der ſelbſt nicht wei er will; aber umſonſt. Klothar fühlte von ſeinen Vorwürfen ſich mächtig ergriffen, er⸗ klärte gleich am morgenden Tage abreiſen zu wollen, doch er ſah Eugenien weinen; ſeine beſten Entſchlüſſe ſcheiterten an ihren Thränen, und der Tag der Trennung wurde immer wei⸗ ter und weiter hinausgeruͤckt. Unterdeſſen war über Annas ehenenen Dache ein heller Glücksſtern aufgegangen; 4 — — 101— Oſtern war vorüber, Ignaz hatte den Schrei⸗ berdienſt wirklich angetreten, zu welchem Graf Klothar ihn empfohlen, und mit Hülfe der Freigebigkeit, mit welcher Klothar und Euge⸗ nia beider Arbeiten belohnten, war die kleine zur Ausſtattung des dürftigen Paares nothwen⸗ dige Summe, ſo ziemlich zuſammen gebracht. Um das Glück der Liebenden zu vollenden, wurde in dem Hauſe, in welchem Anna's Eltern wohnten, eine Wohnung leer, gerade klein genug für ein paar Menſchen, die kein öheres Glück ſich wünſchten, als das, einan der ſo wenig als möglich aus den Augen zu ver⸗ lieren. Ohne deshalb ihre Eltern verlaſſen zu müſſen, konnte Anna nun dem Geliebten ſich vereinen, ſie konnte für die Bedürfniſſe derſel⸗ ben fortwährend ſorgen, der ſchwächlichen Mut⸗ im Haushalte beiſtehen wie zuvor, und zu jeder Stunde zur Wartung und Pflege derſelben her⸗ beieilen, wenn dieſe krank würde. Freudeglühend flog Anna zu Eugenien her⸗ — 102— uͤber, um ihr dieſes große Glück zu verkuͤndi⸗ gen, und wußte nicht Worte genug zu finden, um es ihr, ganz ſo wie ſie es fühlte, zu beſchreiben. und denken Ihro Gnaden nur, wir werden nächſten Sonntag in der Klrche aufgeboten und morgen ſchon zieht Ignaz bel uns ein, denn ſeine jetzige Wohnung iſt vermiethet, und in drei Wochen iſt die Hochzeit; ach wir ſind doch gar zu glücklich, und wie wird es erſt künftig, noch werden!“ rief Anna in ihrer Freudentrun⸗ kenhelt. Eugenla wünſchte mit herzlicher Theilnahme, aber doch mit getrübten Blicken, der jungen Braut zu ihrer nahen Vermählung Glück, wie⸗ derholte das Verſprechen für Hochzeitkleid und Moyrthenkranz zu ſorgen, rief Chriſteln herbei, damit Anna ſich mit dieſer darüber beſprechen könne, und eilte von düſteren Ahnungen ge⸗ drückt, zu der Geſandtin, die zur ungewohnten Stunde ſie eilends zu ſich hatte einladen laſ⸗ ſen. Das Herz war ihr ſchwer, Annas jubeln⸗ . — 103— des Entzücken hatte einen Vergleich ihrer eig⸗ nen Lage, mit der, der freudigen Braut ihr aufgedrungen, es hatte alle anderen Gaben, mit denen das Glück ſie ſo reichlich begünſtigte, in dunkle Schatten geſtellt, ſie vergaß wie unent⸗ behrlich alles was ſie beſaß, ihr durch lange Gewohnheit geworden, und wähnte wirklich in dieſem Augenblick allem entſagen zu können, um in Dunkelheit und Armuth, von denen ſie ſo wenig als andre Reichgeborne einen Begriff hatte, mit ihrem Klothar glücklich zu ſeyn, wie Anna mit ihrem Ignaz es war. Als ſie das Zimmer der Geſandtin betrat, kam Klothar ſeltſam aufgeregt ihr entgegen, ſein Auge flammte von ungewohntem Feuer, alles an ihm war anders als ſonſt. Er faßte ihre Hände, blickte einige Augenblicke ſtumm ſie an, ſank dann, ihre Knie umfaſſend, vor ihr nieder, und verbarg, heftig bewegt, ſein Geſicht. „Laß das ſeltſame Betragen dieſes wilden — 104— wunderlichen Menſchen dich nicht zu ſehr er⸗ ſchrecken, meine Eugenia,“ ſprach die Geſand⸗ tin, und umſchlang ſie freundlich. „Der große Augenblick iſt da, gehe ihm mit Faſſung entgegen, du Liebe. Klothar muß morgen mit Tagesanbruch fort, ein Kurier hat meinem Manne die wichtige Nachricht uͤber⸗ bracht, daß Napoleon von der Inſel Elba ent⸗ flohen, und ſchon auf dem Wege nach Paris ſei. Von neuem entflammt ſich der Krieg, und du begreifſt gewiß, welche günſtige Wen⸗ dung Klothars Schickſal dadurch gewinnen kann; aber du fühlſt auch die Nothwendigkeit, ſeine Abreiſe zur Armee nicht länger zu verzögern. Mein Mann dringt darauf, er hat ſchon längſt alles dazu vorbereitet, er droht ſeine Hand ganz von Klothar abzuziehen, und erklärt ihn für feige und unmännlich, wenn er, unter den gegenwärtigen Umſtänden ſich noch länger wei⸗ gern will, der ehrenvollen Beſtimmung, die er ſelbſt ſich erwählte, augenblicklich zu folgen.“ Eugenia hörte von dem Allen nur, daß die Stunde der Trennung gekommen ſey; aufge⸗ lößt in Schmerz hing ſie in den Armen der Freundin, und ließ von ihr zum Sopha ſich führen. Klothar folgte ihr, er ſetzte ſich ne⸗ ben ſie, er bedeckte ihre Augen, ihre Hände mit heißbrennenden Küſſen; ße ruhte wider⸗ ſtandslos an ſeiner Bruſt, vom eignen Herzen und den Ausbrüchen ſeiner glühenden Lelden⸗ ſchaftlichkeit überwältigt. Mit faſt unhörbar flüſternder Stimme, mit all der mächtig überredenden Gewalt eines in Liebe, Trennungsſchmerz und Eiferfucht verge⸗ henden Gemüths, mit glühenden, tief bis an das Innerſte ihres Herzens dringenden Blicken, mit jenem leiſern Flehen, deſſen zitternder ſüß ſchmeichelnder Ton in ihrer eignen Bruſt einen Wiederhall fand, wagte Klothar es jetzt, ſeine Wünſche, ſein Hoffen, ſeine namenloſe Verzweiflung, wenn er ohne Erhörung von ihr ſcheiden müſſe, Eugenien zu erklären. Er — 106— ſchilderte ihr mit aller Farbengluth einer auf das Hoͤchſte geſteigerten Phantaſte, das Schreck⸗ liche ſeiner Lage, wenn er ſie, von Bewunde⸗ rern umgeben, zuruck laſſen müſſe, ohne an⸗ dere Anſprüche auf ſie und ihre Treue, außer denen die ihr Herz ihm gab, und obendrein in der Nähe des von ihm noch immer gefürch⸗ teten Fürſten Felix, deſſen täglich ſichtbarer ſich zeigende Neigung, in Eugeniens Mutter eine nur zu mächtige Fürſprecherin fand. „Von Muth und Kraft verlaſſen, werde ich fern von dir umherirren,“ ſprach er,„wenn düſtre Ahnung der Gefahren, die meinem ein⸗ zigen Glücke drohen, mich ergreifen, werde ich feige vor dem Feinde fliehen, und zu dir eilen oder wie ein Verzweiflender, im wildeſten Ge⸗ tümmel der Schlacht, dem ſichern Tode mich entgegenſtürzen, denn ohne dich kann ich, will ich nicht leben.“ Eugenla wollte durch feierliche Verſicherung ewiger Treue ihn beruhigen, doch Klothar hörte — — ſie nicht an.„Schwöre nicht, gelobe mir nichts, du einzig Geliebte,“ rief er,„an dir kann ich nie irre werden. Ich wäre der Elendeſte, Un⸗ würdigſte auf Erden, wenn jemals der kleinſte Zweifel an deine Treue in mir aufkommen könnte. Aber ſie werden dich auf alle Welſe täuſchen, mit heuchelnden ſchmeichelnden Wor⸗ ten dich überreden, ich kenne deine weiche Nach⸗ giebigkeit, deine reine argwohnfreie Seele. Sie werden dich betrügen, durch erſonnene Nach⸗ richten dich täuſchen, mich als in der Schlacht gefallen angeben, und du! Eugenia, wenn ich dann zu ſpät wiederkehre, iſt Wahnſinn oder Selbſtmord mein furchtbares unausbleibliches Loos.“ Die Geſandtin, die aus Rückſicht für die Liebenden ſich entfernt hatte, kehrte jetzt zu ih⸗ nen zurück. Sie trat auf Klothars Seite; auch ſie drang mit all' der ſchmeichelnden Ueberre⸗ dungsgabe, die ihr ſo ſehr zu Gebote ſtand, in Eugenien, dem Geliebten die letzte Bitte — 108— zu gewähren, von deren Erfüllung die Ruhe ſeines Lebens, ſeine Ehre, ja ſein Leben ſelbſt abhingen; für jede Einwendung, jeden Zwei⸗ fel Eugeniens, hielt ſie eine Antwort in Be⸗ reitſchaft. Eugenia, von allen Seiten ſo be⸗ ſtürmt, betrübt vom Schmerz des Augenblicks, tief erſchüttert durch die Neuheit ihrer Lage, durch alles was ſie hörte, ſah und empfand, wußte ſich weder zu rathen noch zu helfen; völlig faßungslos konnte ſie keinen einzigen Ge⸗ danken feſthalten; unfähig zu jedem Wider⸗ ſtande, ergab ſie ſich endlich in den Willen der Freundin und des Geliebten. Aus dem Kabinette der Geſandtin, trat auf einen Wink von dieſer, der proteſtantiſche Geiſtliche im völligen Ornate herein. Der hohe Nang der Geſandtin, ihre Stellung in der kleinen Gemeinde, welcher er vorſtand, ga⸗ ben ihr in ſeinen Augen ein großes Ueberge⸗ wicht. Von jeher war ſie ſeine gütige Be⸗ ſchützerin geweſen, der er manche Verbeſſerung — 109— ſeiner nicht glänzenden Lage verdankte, und ſo war es ihr dann nicht allzu ſchwer geworden, ihn zu einem Schritt zu verlelten, der freilich weit über die Gränzen ſeines Amtes hinausging. Naur die Geſandtin allein war Zeuge der gleich darauf erfolgenden Trauung, durch die der Geiſtliche mit würdigem Ernſt und ge⸗ nauer Beohachtung des ihm vorgeſchriebenen Formulars, die Liebenden auf immer verband, indem er den Seegen der Kirche über ihre Vereinigung ausſprach. Es wurde beſchloſſen, daß dieſe heilige Handlung ein unverbrüchliches Geheimniß blei⸗ ben ſollte, indem das Paar jedenfalls, nach Klothars Zurückkunft, noch einmal in der ka⸗ tholiſchen Kirche öffentlich getraut werden mußte, um ſie ganz rechtskräftig zu machen. Auch war kein Anſchein vorhanden, daß das Geheimniß jemals offenbar gemacht werden dürfe. Für des Pfarrers Verſchwiegenheit bürgte die Ge⸗ fahr, die er lief ſein Amt zu verlieren, wenn — 110— der Schritt bekannt werden ſollte, den er hier ſich erlaubt; auch der Geſandtin ſelbſt lag unendlich viel daran, daß ihr Gemahl nie er⸗ führe, was ſie aus Liebe zu Eugenien und ihrem Neffen, vielleicht auch aus ihrer beſon⸗ dern Vorliebe für alles romanhafte gewagt; denn ſie wußte ſehr gut, daß ein ſolches heim⸗ liches, eigentlich widerrechtliches Verfahren, von ihm ſehr mißbilligt werden dürfe. „Allons, junger Freund, der Wagen hält an der Thüre, alles iſt bereit und gepackt. Einen kurzen Abſchied von den Damen, und dann fort!“ rief einige Stunden ſpäter der Geſandte, indem er die Thüre des Zimmers mit großem Geräuſch weit aufriß, in welchem das liebende Paar der nahenden Abſchiedsſtunde entgegen bebte, und die Geſandtin ihm Muth und Troſt einzuſprechen ſuchte. Eugenia ſtieß einen lauten Schrei aus, und ſank beinahe be⸗ wußtlos ihrer erbleichenden Freundin in die Arme. — 111— „Herr Onkel, bis zum Tagesanbruch ſind noch viele Stunden,“ rief Klothar, indem er faſt zürnend vom Stuhle aufſprang,„und dieſe Willkührlichkeit..“ „Iſt bei dir höchſt nothwendig, Herr Neffe,“ erwiederte ganz gelaſſen der Geſandte.„Ich kenne ſattſam dein ewiges Zögern und bin deſ⸗ ſen endlich überdrüßig. Im Felde hoffe ich, wirſt du dich anders betragen. Wäre alles gethan, wie es hätte gethan werden ſollen, ſo wärſt du längſt ſchon dort, wohin du gehörſt, und das wäre viel beſſer für dich. Abſichtlich habe ich deine Abreiſe um einige Stunden be⸗ ſchleunigt, ich mußte dich überraſchen, um dich endlich in Gang zu bringen, ſonſt ſäßen wir oielleicht noch morgen um dieſe Zeit hier bei⸗ ſammen, ich kenne deine Art. Jetzt eile dich, nimm Abſchied von dem ſchönen Fräuleln, das mehr Theil an dir zu nehmen ſcheint als du verdienſt. Ich will indeſſen beſcheiden hier zum Fenſter hinaus nach dem Anſpannen — 112— ſehen. Küß der Tante die Hand, du darfſt ſie auch umarmen, ich wills erlauben,“ ſprach er lachend, das Geſicht gegen das Fenſter ge⸗ kehrt, dann wandte er plötzlich ſich um:„und nun fort, fort mit dir, die Luft in dieſem Zimmer thut dir länger kein gut;“ rief er, er⸗ griff den Neffen beim Arm, und eilte mit ihm, ohne auf ſein Widerſtreben zu achten, zur Thure hinaus, zwei Minuten ſpäter hörte man den Poſtillon blaſen, und das Raſſeln der davon eilenden Räder. Eugenia wußte nicht wie ihr geſchehen, der gefürchtete Augenblick des Abſchieds war, wie auf Sturmesflügeln, an ihr vorüber ge⸗ rauſcht; daß ſie vermählt ſey, daß ſie den Ge⸗ liebten nicht wieder ſehen ſolle, erſchien ihr wie ein wüſter wilder Traum, und ihre Ge⸗ danken verwirrten ſich, ſobald ſie das alles ſich deutlich vorſtellen wollte. Die Geſandtin hatte mit gutem Vorbedacht von der Mutter derſelben, ſich Eugeniens Geſellſchaft für den ganzen Tag 15 — 113— erbeten, was ſie ſchon öfters gethan, und Eu⸗ genia gewann glücklicher Weiſe dadurch Zeit, ſich einigermaßen zu faſſen und zu erholen. Als ſie ziemlich ſpät in der Nacht endlich zu Hauſe kam, hatte ihre Mutter ſchon längſt zur Nuhe ſich begeben, und ſie konnte unge⸗ hindert auf ihr Zimmer gehen, wo ſie unter dem Vorwande unleidlicher Migräne gleich das Bette ſuchte, um Chriſteln ihre verweinten Au⸗ gen nicht ſehen zu laſſen. Am folgenden Morgen meldete Eugenia ſich krank, und war es wohl auch, nach den erſchütternden Scenen des vorigen Tages. Ihr Lebensmuth war gebrochen, ſie konnte mehrere Tage lang ſich nicht entſchließen ihr Zimmer zu verlaſſen, ihr graute vor der Geſellſchaft, in der ſie nicht mehr hoffen durfte den Gelieb⸗ ten zu finden, und in welcher ſein gellebter Name jetzt auf allen Zungen ſchweben mußte, oielleicht vom bitterſten Tadel begleitet. Ein Beſuch der Geſandtin beruhigte ſie indeſſen II. 8 —— — 114— einigermaßen; ſie vernahm von der treuen Freundin, daß am erſten Tage freilich viel über das unerwartete Verſchwinden des Grafen Klo⸗ thar geſprochen worden war, einige hatten ſeine Flucht unbeſonnen, ſelbſt frevelhaft geſcholten, andre aber hatten ihn in Schutz genommen. Als es bekannt wurde, er ſey zur Armee ge⸗ gangen, hatten ſie den Schritt, den er gewagt, als einen Beweis eines edlen ächtdeutſchen Sinnes und heißer Vaterlandsliebe, ſogar höchlich geprieſen. Jetzt aber, nach drei Ta⸗ gen, denkt kelne Seele mehr an ihn, und ſein Name wird gar nicht genannt, ſetzte die Ge⸗ ſandtin hinzu: Napoleons plötzliches Widerer⸗ ſcheinen in Paris beſchäftigt alle Welt viel zu ſehr, als daß man noch für irgend etwas an⸗ deres ſich interreſſiren könnte, als für die zu er⸗ wartenden großen Ereigniſſe, die alle Welt in ſteter Spannung erhalten. Ein Brief von Klothar, den er unterweges geſchrieben, und den Eugenia durch ihre Freun⸗ — 4415— din erhielt, gab einige Tage ſpäter ihr wieder neue Lebenskraft. Den Brief leſen und wider leſen, ihn beantworten, die Zeit berechnen, in der ſie einen zweiten zu erhalten hoffen durfte, war ihr eine liebe erheiternde Beſchäf⸗ tigung. Die Korrespondenz der Liebenden ging anfangs, mit Hülfe der Geſandtin, einen ziem⸗ lich ordentlichen, lebhaften Gang. Klothars Briefe drückten die zärtlichſte Sehnſucht nach der Geliebten, aber auch zugleich viel Zufrie⸗ denheit mit ſeinen jetzigen Verhältniſſen aus; in jedem derſelben theilte er ihr ſeine glän⸗ zenden Hoffaungen für eine glückliche Zukunft mit, die ihn vielleicht innerhalb wenigen Mo⸗ naten, unter den günſtigſten Ausſichten, zu ihr zurückführen würde. Eugenla theilte dieſe Hoff⸗ nungen mit ihm, ihr Gemüth wurde ruhiger, ſie ward wieder fähig, Theil an dem zu neh⸗ men, was außer ihr vorging; ihr Leben ſchien allmählig in das alte Geleis zurückkehren zu wollen. Klothars Briefe trafen freilich nach 8* — 116— einigen Wochen nicht mehr ſo regelmäßig ein, als wohl ehedem, und blieben zuletzt ganz aus, doch dieſes war eine ſehr natürliche Folge des durch den Krieg gehemmten Poſtenlaufs; freilich war es Eugenien ſehr ſchmerzlich, aber ſie fand doch, daß es thöricht ſeyn würde, ſich dadurch gar zu ſehr beunruhigen zu laſſen, und hörte gern auf die Troſtgründe ihrer Freundin, die ihr deutlich zu beweiſen ſuchte, daß es für den Augenblick nicht anders ſeyn könne, als es eben war. Eugenia hatte in den erſten Tagen an Anna gar nicht mehr gedacht; ſo lange ſie ſich unwohl fühlte, blieben die Nouleau's an ihrem Fenſter niedergelaſſen, um ihre Augen zu ſcho⸗ nen; der Anblick des kleinen Hauſes ihr ge⸗ genüber, hatte ſie nicht an ihren Schützling erinnern können, und über die ſchmerzgliche Verwirrung, die jetzt in ihr eignes Leben ge⸗ treten war, war Anna voöllig vergeſſen wor⸗ den. Jetzt, da ſie ſelbſt ſich ruhiger fühlte, — 117— fielen eines Morgens ihre Blicke von ungefähr wieder auf Anna's Wohnung, und das In⸗ tereſſe an dem lieblichen Mädchen erwachte von neuem in ihr. „Wer ſteht denn da drüben am Fenſter?“ fragte ſie Chriſteln,„die lange, bleiche, geſpen⸗ ſterartige Geſtalt kann doch unmöglich Anna ſeyn.“ „Ach Gott ja, freilich iſt ſie es ſelbſt, die arme Jungfer Holderlein,“ erwiederte Chriſtel mitleidig ſeufzend,„die Leute ſagen ſchon es ſey mit ihr im Kopfe nicht mehr recht richtig, und wenn ihr Bräutigam ſterben muß, wird es wohl ganz vorbei mit ihr ſeyn. Ich wollte nur früher mit Fleiß nichts davon ſagen, weil Sie ſelbſt ſo unwohl und ſo leidend waren.“ Eugenia erſchrack heftig, ihr war, als ſähe ſie in Anna's Geſchick das Eigene, wie in ei⸗ nem Spiegel:„ſo muß denn alles auf Erden unglücklich ſeyn, und jedes Hoffen iſt eitel!“ ſeufzte ſie ſchmerzlich. „Ja wohl, ja wohl,“ erwiederte Chriſtel, „was iſt unſer Leben! Heute ſollte die Hoch⸗ zeit der Jungfer Holderlein ſeyn, ich war auch ſchon darauf gebeten. Das Brautkleid iſt längſt fertig und ſitzt ihr ganz herrlich, der Gärtner hat mir heute Morgen den ſchönſten Kranz von blühenden Myrthen gebracht, den ich für ſte bet ihm beſtellt hatte; nun kann der Bräu⸗ tigam ihn mit in den Sarg nehmen. Er wird wohl nicht wieder aufkommen, er liegt an ei⸗ nem hitzigen Nervenfieber und kann nicht le⸗ ben und nicht ſterben. Sie ſagen, er habe nach großer Erhitzung einen kalten Trunk ge⸗ than; wer weiß, ob es wahr iſt, aber Krank⸗ heit und Tod wollen immer ihre Urſachen haben.“ Während Chriſtel ſprach, betrachtete Eu⸗ genia die Geſtalt am Fenſter ihr gegenüber genauer, es war Anna, es waren Anna's Züge, aber wie ſehr, wie bis zum Unkenntli⸗ chen verändert! Lang, abgemagert, ſtand ſie ————— — 119— ſtarr und ſteif an der nehmlichen Stelle, wo Eugenia ihrer zuerſt gewahr worden war; die krampfhaft zuſammengfalteten Hände hingen an den kraftloſen lang ausgeſtreckten Armen hinab, als vermöchten ſie nicht mehr ſich zum Gebete zu erheben, die weitgeöffneten erloſchnen Au⸗ gen blickten unbeweglich gerade vor ſich hin, als ſähe ſie in Todesangſt dem kommenden unausweichbaren Untergange entgegen, die krei⸗ deweißen Lippen des einſt ſo lieblichen Mun⸗ des, waren von unausſprechlichem Jammer ver⸗ zogen, ſie ſahen aus, als ob ſie nie wieder lächeln könnten, jede Spur ehemaliger Anmuth war aus dem todten bleichen Geſichte der Ar⸗ men verſchwunden. Vom innigſten Mitleid durchdrungen, öffnete Eugenia ihr Fenſter.„Anna! Gute liebe Anna, wie geht es dir?“ rief ſie. Anna fuhr bei dem Tone erſchrocken zuſammen, ſie riß ihr kleines Dachfenſter auf, zwängte mit Hopf und Schultern ſich hindurch, und ſah wie verwil⸗ — 120— dert zu dem Fenſter, wo Ignaz ſonſt gewohnt hatte, hinauf, genau ſo, wie an jenem Mor⸗ gen, und doch wie ſo ganz anders! Ihre Haube war von dem Stoß an dem Fenſterrah⸗ men ganz herabgefallen, und die ſeit vielen Tagen ungepflegten, ungeflochtnen Haare, um⸗ ſchatteten in wilder Unordnung die bleiche Stirn, die eingefallnen Wangen. Sie lauſchte eine Weile zu dem Nachbarshauſe ſtarr hinaufſehend, auf Eugenia ſiel ihr Auge nicht; dann ſah ſie mit auf Wahnſinn deutenden Blicken die enge Straße hinauf und hinab, und zog den Kopf wieder in das Fenſter zurück. Einige Sekun⸗ den ſtand ſie nachdenkend da, als ob ſie ſich auf etwas zu beſinnen ſuche, ihr Geſicht ver⸗ zog ſich zur Gebärde des jammervollſten Wei⸗ nens, aber die erſchöpfte Natur verſagte ihr auch dieſe Erleichterung ihrer namenloſen Schmerzen, keine Thräne entquoll mehr den ausgetrockneten Augen. Plötzlich ſchlug ſie mit wilder Bewegung beide Hände vor das — — 121— Geſicht und ſtürzte mit einem lauten Schrei, den Eugenia deutlich vernahm, in ihrer Kam⸗ mer zu Boden; eine alte Frau, wahrſcheinlich ihre Mutter, eilte weinend zu ihrer Hülfe herbei. „Ach du Arme!“ ſeufzte Eugenia, tief gerührt, mit Thränen in den Augen:„Chri⸗ ſtel, iſt denn auch für den Kranken gehörig geſorgt, er iſt noch ſo jung, es kann vielleicht ihm noch geholfen werden.“ „Ach gewiß, alles mögliche iſt für ihn ge⸗ ſchehen, Doctor und Chirurgus gehen täglich bei ihm ein und aus; was die guten Leutchen ſich zu ihrer Einrichtung erſpart hatten, iſt ſchon mehr als zur Hälfte in die Apotheke getragen, doch für den Tod kein Kraut ge⸗ wachſen iſt. Uebermorgen iſt der eilfte Tag, da wird es ſich ja ausweiſen zum Leben oder zum Sterben, ſagen ſie.“ Am Morgen des eilften Tages war der arme Ignaz ſanft aus dem Leben geſchieden, — 122— einige Stunden vorher war es in ſeinem durch die Gewalt des verzehrenden Fiebers umdun⸗ kelten Geiſte wieder licht geworden, er hatte ſeine Lieben, die weinend ſein Lager umſtan⸗ den, erkannt, hatte tröſtend ihnen zugeredet, hatte, mit der Bitte, denſelben gleich auf die Poſt zu bringen, dem alten Vater einen Brief übergeben, an welchem er in den erſten Ta⸗ gen ſeiner Krankheit, ehe er das Bewußtſeyn verloren, eifrig geſchrieben, hatte von ſeiner verzweifelnden Braut den zärtlichſten Abſchied genommen und ſie zur Ergebung in den Wil⸗ len Gottes ermahnt, und war dann ruhig entſchlummert. Zwei Tage ſpäter ſah Eugenia mit ſchwe⸗ rem Herzen ihn zur letzten Ruheſtätte tragen, Anna's Myrthenkranz lag auf dem Deekel ſei⸗ nes ſchmuckloſen Sarges, wenige Freunde folg⸗ ten ihm als Leidtragende, in ihrer Mitte An⸗ na's Vater, ein vor der Zeit ergrauter, durch Noth und Kummer tiefgebeugter Mann.„Der 1 1 — 123— Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſey gelobt!“ rief er mit wankender Stimme und fromm zum Himmel gewandten Blick, auf der Schwelle ſeines Hauſes, ehe er dieſelbe überſchritt, um dem kleinen Leichenzuge ſich anzuſchließen. Alle Fenſter in der Nachbarſchaft waren von Zu⸗ ſchauern beſetzt, und kein Auge blieb trocken, indem der Zug ſich langſam fortbewegte, denn jedermann war dem jungen beſcheidenen Paar freundlich gewogen geweſen, deſſen trauriges Geſchick, hart an der Schwelle des lange er⸗ ſehnten Glückes, auch den gleichgültigſten Ge⸗ müthern das tiefſte Mitleid einflößte. Eugenia vergaß in dieſem Augenblicke ih⸗ ren Widerwillen gegen die Wohnungen des Jammers und der Armuth, denen ſie immer gern Hülfe angedeihen ließ, aber ohne jemals ſie zu betreten; ſogar ihrer faſt kindiſchen Furcht vor Anſteckung gedachte ſie nicht, und eilte ſelbſt hinüber zu der unglücklichen Anna, um — 124— in dieſer ſchweren Stunde ihr tröſtend zur Seite zu ſtehen. Doch Anna war unfähig ſie zu vernehmen. Eugenia bebte ſchaudernd zurück, und glaubte eine zweite Leiche zu ſehen, als ſie die Thüre ihrer Kammer öffnete; völ⸗ lig regungslos lag Anna auf dem Fußboden hingeſtreckt, ihr bleiches Haupt ruhte im Schooſe ihrer über ſie ſtill weinenden und betenden al⸗ ten Mutter, ihre Augen waren geſchloſſen, und nur einzelne große Thränen, die ſchwer und kalt unter den langen dunkeln Augenwimpern ſich hervordrängten und über ihre bleichen Wan⸗ gen hinabrollten, verriethen, daß ſie lebe. So lag ſie da bis zum andern Morgen, ohne auf die, ſo ſie tröſten wollten, zu hören, oder auch nur ein Zeichen zu geben, daß ſie die Anweſenheit derſelben bemerke. Schwei⸗ gend, raſtlos, wie von unausſprechlicher inne⸗ rer Angſt getrieben, wankte ſie ſpäter aus ei⸗ nem Winkel des Hauſes in den andern, als 1 4 — 125— koͤnne ſie nirgend eine bleibende Stätte mehr finden, ein Bild des tiefſten unbezwinglichen Jammers. Ihre frommen Eltern ſuchten ver⸗ gebens ihr Gemüth zu Gott zu erheben, jedes re⸗ ligiöſe Gefühl ſchien in dem ſonſt ſo gottesfürch⸗ tigen Mädchen erloſchen. Mit ſcheuer Aengſt⸗ lichkett wich ſie jedem aus, der tröſtend ihr zureden wollte, ſelbſt dem Vater und der Mut⸗ ter, und nannte ſich eine von Gott Verſtoßne, unwürdig der Theilnahme guter Menſchen. Noch einmal, vom innigſten Mitleid getrieben, be⸗ gab Eugenia ſich zu ihr, aber Anna, ſobald ſie ihrer anſichtig wurde, flüchtete ſich in die entfernteſte Ecke ihrer Kammer; mit weltvor⸗ geſtreckten Armen, um Eugenien von ſich ab⸗ zuhalten, beſchwor ſie dieſelbe auf ihren Knieen und mit herzzerreißenden Worten, von einer Unglücklichen, von Gott Verlaßnen fern zu bleiben, die Schande und Unheil über alle brächte, die Theil an ihr nähmen. Eugenia wandte ſchaudernd ſich von ihr ab, und das — 126— Bild des armen zerrütteten Geſchöpfes ſchwebte noch lange vor ihrem Geiſte. Wochen waren verſtrichen, ohne daß nur ein Ton aus Klothar's gegenwärtigem Leben zu Eugenien hinüber drang, und von neuem umdüſterte ſich ihr Gemüth; der Geſandte war zu ſeinem Könige berufen, die Gemahlin deſ⸗ ſelben zu fernen Verwandten gereiſt, und über dem Schauplatz des Krieges ruhte undurch⸗ dringliches Dunkel. Unverbürgte Gerichte, bald freudige, bald niederſchlagende, flogen von Mund zu Mund, die Zeitungen waren damit angefüllt, und bedrückten oder erhoben wech⸗ ſelsweiſe die Gemüther. Indeſſen haſchte doch alles nach den Zeitungen, obgleich noch keine derſelben ein wirklich bedeutendes Ereigniß ver⸗ kündet hatte, denn man ſah mit geſpannter Erwartung in den nächſten Tagen den entſchet⸗ dendſten Begebenheiten entgegen. Junge Mäd⸗ chen, Frauen, die ſich ſonſt nie um hlos po⸗ litiſche Blätter bekümmert hatten, waren, wie — 127— eben Eugenia auch, eifrige Zeitungsleſerinnen geworden. Eugenia verſäumte nie, in den Stunden, wo dieſe Blätter ihrer Mutter ge⸗ bracht wurden, in dem Zimmer derſelben zu verweilen, um ſie ſchon an der Thüre dem Bedienten abzunehmen, und ehe ſie ihrer Mut⸗ ter dieſelben überreichte, ſie flüchtig zu durch⸗ laufen. „Wie du nun wieder einmal voreilig biſt, liebes Kind,“ ſprach eines Tages bei einer ſol⸗ chen Gelegenheit Eugeniens Mutter ziemlich verdrießlich; denn die gegenwärtige, jede andre Unterhaltung, ſelbſt das Spiel ausſchließende Tendenz der Societät, hatte ſchon längſt an⸗ gefangen ihr recht ſehr langweilig zu werden: „So lies mir denn doch wenigſtens die Zei⸗ tung vor, damit ich heute Abend doch weiß, wovon die Nede iſt, und mitreden kann.“ „Engenia gehorchte, eintönig und ſchnell flog ſie über Nachrichten aus England, Peters⸗ burg, Spanien hinweg, denn ihre Mutter — 128— wollte alles hören, bis ſie zu dem Artikel aus dem Hauptquartier kam, bei welchem Klothar ſich aufhielt, dem erſten, als wirklich offiziell angekündigten Bericht, ſeit langer Zeit. „Geſtern,“ las ſie,„fand in unſerer Nähe das erſte bedeutende Gefecht, zwiſchen einem kleinen Detaſchement unſrer Truppen und dem Feinde ſtatt. Es galt einen Transport von Munition und Lebensmitteln aufzuheben, der von feindlicher Seite bei Nacht, unter einer ſtarken Bedeckung, der Feſtung“** zugeführt werden ſollte; der Kampf war anhaltend und wurde von beiden Theilen mit großer An⸗ ſtrengung fortgeſetzt, bis ſich endlich der Feind mit Zurücklaſſung der Transport⸗Wagen zurück⸗ zog. Zwanzig, theils ſchwer Verwundete, theils Todte, blieben von ſeiner Seite auf dem Platz, wir unſrer Seite zählen nur vier Verwundete und einen Todten, doch leider traf das letztere Loos einen jungen Offizier, Namens...“ Gegen das Ende der Vorleſung war Euge⸗ niens Stimme immer unſicherer, zuletzt ganz unverſtändlich geworden, bis endlich das Blatt ihren Händen entſank. Die erſchrockne Mut⸗ ter eilte auf ſie zu, rief ſie überlaut bei Na⸗ men, rieb ihr die Schläfe mit köllniſchem Waſ⸗ ſer, ließ ſie flüchtiges Salz einathmen. Euge⸗ nia vermochte nicht zu ſprechen, krampfhaftes Schluchzen hemmte ihr Athem und Stimme, ihr Buſen wogte ungeſtümm, gewaltſames Zit⸗ tern hatte aller ihrer Glieder ſich bemächtigt. Unerachtet ihrer Angſt und ihres Schrek⸗ kens, errieth die Mutter doch, daß hier etwas Geheimnißvolles vorwalte, und war beſonnen genug, das verhängnißvolle Blatt vom Boden aufzuheben, und zu durchlaufen, dem ſie den furchtbaren Zuſtand zuſchreiben mußte, in wel⸗ chem ſie Eugenien ſah.. Klothar war der junge Offizier, der auf dem Kampfplatz den ehrenvollen Tod gefunden. Auf ſein inſtändiges Bitten hatte ſein General ihmn alaube das Detaſchement bei der geheim⸗ II. 9 — 130— nißvollen Expedition zu begleiten; angeborne Tapferkeit, Jugendſinn und Unerfahrenheit, hat⸗ ten ihn zuweit in das Getümmel des Gefechts vorwärts getrieben, dem erſten dem er beiwohnte. Er wollte ſich ehrenvoll auszeichnen, und fiel vom Säbel eines feindlichen Chaſſeurs zum Tode getroffen. Seine Obern wie ſeine Kame⸗ raden, hieß es in der Zeitung, betrauern den Verluſt des hoffnungsvollen Jünglings, der einſt eine ausgezeichnete Zierde ſeines Standes zu werden verſprach; ſein entſeelter Körper ward nach dem Hauptquartier zurückgebracht, um mit allen militatriſchen Ehren dort beſtattet zu werden; der General ſelbſt legte ſeinen Degen, mit einem Lorbeerzweig umwunden, ihm auf den Sarg, und ſprach einige herzrührende Worte zu ſeinem Lobe. „Eugenia, Herzenskind, ſo komm doch wie⸗ der zu dir, ſo erhole dich doch,“ rief jetzt die Mutter;„es iſt ſehr betruͤbt, der arme Graf thut auch mir von Herzen leid, er hätte frei⸗ — 131— lich beſſer gethan bei ſeinem erſten Stande zu bleiben, aber er war ein recht liebenswürdiger junger Mann. Du haſt immer mehr als andre mit ihm geſprochen, und ſein Tod muß dir deshalb nahe gehn, aber im Kriege iſt es nun einmal nicht anders, alle können nicht wieder zu Hauſe kommen, das bedenke und..“ „Klothar! Klothar! mein Gatte, mein Geliebter!“ rief Eugenia, ohne die Worte oder auch nur die Gegenwart ihrer Mutter zu beach⸗ ten.„Du biſt dahin,“ rief ſie mit wildem Händeringen,„du biſt dahin und ich lebe! ich ſelbſt jagte dich in den Tod, ich, dein Weib, ich, dein Weib nur eine Stunde lang, unn lebenslang deine troſtloſe Wittwe.“ „Klothar! ſeliger Geiſt, kannſt du mir ver⸗ geben, ich habe dich getödtet, ich bin deine Mörderin!“ So klagte ſie fort, weinte, zerraufte ihr Haar. Die Mutter ſtand im ſchmerzlichſten Erſtaunen neben ihr; ſie glaubte anfangs Eu⸗ 9* — 132— genien rede irre, aber der Zuſammenhang in ihren Reden, deren Inhalt unerachtet ihrer Verworrenheit ſich immer gleich blieb, brachte ſie bald auf andre Gedanke. Die beſonnene weltkluge Frau beſchloß ſogleich, erſt dann ihre Leute zur Hülfe herbet zu rufen, wenn Eugenia im erſten Sturm leidenſchaftlicher Aufregung ſich ausgetobt ha⸗ ben würde. Auch trat bei dieſer gar bald ein an Betäubung gränzender Zuſtand von Erſchö⸗ pfung ein, welcher der Mutter erlaubte ſie in ihr Zimmer bringen zu laſſen. Eugenia wurde gefährlich krank, viele Tage lang lag ſie an⸗ ſcheinend gleich fühllos für die Vergangenhelt wie für die Gegenwart, ohne ein Lebenszei⸗ chen ſchweigend da; die Mutter wich während der ganzen Zeit keinen Augenblick von ihr, theils um für ihre Pflege zu ſorgen, theils um jede ihrer Aeußerungen zu bewachen. Eugenta's Jugend trug endlich nach eini⸗ gen Wochen den ſchweren Sleg über Krankheit —— — 133— und Tod vollkommen davon; ſie wurde von ihrer Mutter mit der zarteſten Schonung be⸗ handelt, bis dieſe ſie endlich ſtark genug glaubte, um ein ernſtes Geſpräch zu ertragen, in wel⸗ chem ſie auf höchſt freundliche Weiſe, zum of⸗ fenen Geſtändniß ihrer eigentlichen Lage ſie zu bringen ſuchte. Eugenia bezeigte ſich dazu ſehr geneigt, ihr ſchmerzerfülltes Gemüth bedurfte der Erleichterung, ſich in Klagen zu ergießen, ihre Famille war noch immer abweſend, Nie⸗ mand war ihr nahe, dem ſie hätte Vertrauen ſchenken können, Niemand, der um ihr Geheim⸗ niß wußte, außer dem Geiſtlichen, der ſie ge⸗ traut hatte, und dieſen kannte ſie wenig. Seit die Nachricht von Klothars Tod ſich allgemein verbreitet hatte, ſchien der gute, aber um ſich ſelbſt zu äͤngſtlich beſorgte Mann, jede Aufforderung ſich ihr zu nähern ängſtlich zu vermeiden, und Eugenia konnte ſich ſelbſt nicht entſchließen, ihn auf irgend eine moͤgliche Weiſe in Verlegenheit zu ſetzen. —— ——- — 134— So blieb ihr denn Niemand außer ihrer Mut⸗ ter, in deren Arme ſie zum erſtenmal mit kindlichem Vertrauen ſich warf, und unter einem Strom heißer Thränen alles bekannte, was zwiſchen Klothar, der Geſandtin und ihr vorgegangen war, von jenem Balltage an bis auf die heutige Stunde. Sie brachte alle Briefe herbet, die ſie von Klothar erhal⸗ ten, nebſt ſeinem Porträt, das er in einem Portefeuille verborgen ihr gegeben, und flehte unter herzzerreißenden Klagen ihre Mutter um Geduld mit ihrem Schmerz, um Mitleid, um Verzeihung ihres geheimnißvollen Betragens, demuͤthig an. Der kühle Sinn der Mutter fuͤhlte in die⸗ ſem Augenblick ſich doch erwärmt, ſie nahm die Tochter in ihre Arme, der ſie nicht zürnen konnte, weil ſie ſo ſchwer an den Folgen ei⸗ nes freilich nicht zu billigenden Schrittes trug, von dem die Weltfrau, die nur die leicht ge⸗ ſchlungnen und eben ſo leicht wieder gelößten —— — 135— Bande gewöhnlicher Liaiſons kannte, gar nicht begriff, was Eugenia nur möglicher Weiſe hätte bewegen können ihn zu wagen. Die Ge⸗ ſandtin allein trug in ihren Augen die Schuld davon, und ſie fühlte ſich gegen dieſelbe nicht wenig entrüſtet, aber ſie nahm ſich doch vor ihr dieſes nie merken zu laſſen, um nicht jetzt, da doch nichts mehr dadurch geändert werden könne, ſich Feinde zu machen, und in der Ge⸗ ſellſchaft unnützes Aufſehen zu erregen. Noch einmal mußte Eugenia die Ge⸗ ſchichte ihrer heimlichen Trauung, und über⸗ haupt alles was an jenem Abende im Hauſe des Geſandten vorgegangen war, ihr umſtänd⸗ lich wiederholen. Mit einem Ernſte, einem Scharſſinn, der dem erfahrendſten Inquirenten eines Kriminalgerichtes Ehre gemacht haben würde, forſchte ſie auch den geringfügigſten bei, vor und nach der Trauung vorgefallnen Umſtänden nach; wagte Fragen, deren Sinn Eugenia gar nicht verſtand, und üͤberzeugte ſich — 8. — — 136— endlich, daß der übereilte Schritt ihrer Tochter, ohne alle ihre Ehre gefährdenden Folgen, ewig verborgen bleiben könne, indem außer der Ge⸗ ſandtin und dem Geiſtlichen keine lebende Seele darum wußte, denen beiden unendlich oiel daran liegen mußte, ihn zu verſchweigen. Jetzt erſt umarmte ſie mit einem wahrhaft freudigem Gefühl die ihr wiedergeſchenkte Toch⸗ ter abermals.„Ja, meine Eugenia, mein liebes Herzenskind! ich vergebe dir, ich empfinde zu viel Mitleid mit deinen Leiden, als daß ich durch den leiſeſten Vorwurf dich betrüben möchte, ich will alles für dich thun, um deinen Schmerz, den ich nicht ganz unnatürlich finde, dir zu erleichtern und dich zu tröſten. Ich muß ſogar deine Klugheit loben, die dich ab⸗ hielt, wie Andre deines Gleichen an deiner Stelle gewiß gethan hätten, eine deiner jun⸗ gen Freundinnen zur Vertrauten in dieſer un⸗ glücklichen Liebesgeſchichte dir zu erwählen. 5 5 — 137— Wie die Sachen jetzt ſtehen, biſt du ſicher, daß dein Geheimniß nie unter die Leute kommen, und dich zum Mährchen der Stadt machen kann; zu der Heldinn eines kleinen larmo⸗ hanten Nomans, auf die man mit Fingern wei⸗ ſen würde, wo ſie ſich blicken ließe. Alles iſt vergeben und vergeſſen, und dir bleibt nichts übrig als auch ferner dein Geheimniß heilig zu bewahren, dich ſo viel möglich zu faſſen, das Unabänderliche allmählig zu verſchmerzen, und mit der Zeit auch zu vergeſſen.“ „Verſchmerzen! Vergeſſen, dich vergeſſen, Klothar!“ rief Eugenia lebhaft, und drückte das vor ihr noch auf dem Tiſche liegende Bild des Geliebten an ihre Herz, an ihre Lippen. „Das gibt ſich Alles mit der Zeit, wenn du dieſes auch jetzt noch nicht glauben kannſt,“ ſprach die Mutter mit vieler Ruhe.„Du biſt ein vernünftiges Mädchen, wie lange kann es währen, ſo wirſt du ſelbſt einſehen, daß du doch nicht ewig in deinem eingebildeten Witt⸗ — 138— wenſtande beharren kannſt; daß du wieder unter Menſchen, in die Welt gehen mußt, thäͤteſt du es gleich anfangs nur um meinetwillen, um mich nicht durch eigenſinnig fortgeſetzte Trauer zu betrüben, die den Verlornen dir doch nicht wiedergeben kann. Bedenke ſelbſt, was du damit gewinnſt, wenn du, ewig über deinen Verluſt brütend, deine Tage in Schwermuth verſeufzeſt, bedenke, was ich, deine zärtliche Mutter, dabei leiden muß, die dieſe Kränkung warlich nicht um dich verdient. Und vor Allem, Eugenia, bedenke, welchen Eindruck dein ganz verändertes Betragen, auf die Societät machen würde. Man würde ſich nicht genug darüber wundern können, man würde der Ver⸗ anlaſſung dazu nachforſchen, und nicht erman⸗ geln, ſie wenigſtens zum Theil zu errathen; man würde dich verlachen, dich verläumden, du wäreſt in der Achtung der Welt verloren, und ich, deine Mutter, mit dir.“ So fuhr ſie noch lange in dieſem Tone ——— —— — — 139— fort ihrer Tochter zuzureden, ſie wußte ſo ge⸗ ſchickt die am leichteſten anſprechenden Seiten des Gemüthes derſelben zu berühren, daß dieſe endlich zur vollkommenen Ueberzeugung der Nothwendigkeit gelangte, ſowohl ihre heimliche Verbindung als ihren tiefen Schmerz, mit der größten Sorgfalt vor jedermann zu verbergen. „Ich will alles, alles thun, was meine zu gütige nachſichtsvolle Mutter verlangt,“ rief ſie weinend;„ich will ſchweigen, nie ſoll Klo⸗ thar's theurer Name anders, als in der tief⸗ ſten Einſamkeit üͤber meine Lippen kommen, ich will meinen ewigen Schmerz im Innerſten meines Herzens verſchließen, und, wenn ich die Kraft dazu behalte, vor der Welt erſchel⸗ nen wie ſonſt. Nur vergeſſen, vergeſſen, die⸗ ſes einzige verlange nicht von mir, meine liebe Mutter,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Hand derſelben an ihre Lippen drüͤckte;„denn dieſes ſteht nicht in meiner Macht. Klothar kann ich nie vergeſſen, nie ſeine heiße beiſpielloſe — 140— Liebe, aber ich werde ihn, und mein durch ſeinen frühen Untergang zerſtörtes Glück un⸗ geſehen beweinen, das gelobe ich dir; ſo viel ich es verhindern kann, ſoll der Anblick einer Thräne dein Herz nie betrüben.“ Das wird ſich alles ſchon von ſelbſt geben, dachte die Mutter bei ſich, und umarmte mit verdoppelter Zärtlichkeit ihre Tochter. „Und was iſt denn aus Anna geworden?* fragte Eugenia ſpäterhin ihre Chriſtel;„ſeit ich wieder mein Bett verlaſſen durfte, ſah ich keine Seele in dem kleinen Hauſe drüben ſich regen, die arme Anna iſt doch nicht etwa todt?“ „Todt? die? ach ich bitte, Ihr Gnaden, die denkt nicht an Todſeyn, die lebt herrlich und in Freuden,“ antwortete Chriſtel mit bitterm verachtendem Lachen.„Die ſchöne Jung⸗ fer Holderlein hat ſich verheirathet, gleich in den erſten Tagen, als ſie krank wurden.“ „Verheirathet? Anna Holderlein verheira⸗ 2— — 141— thet? Chriſtel, du weißt wohl nicht, was du für Unſinn ſprichſt?“ erwiederte Eugenia. „Wie ich es ſage, ſo iſt es,“ war Chri⸗ ſtels Antwort.„Acht bis zehn Tage mochten nach dem Begräbniß ihres Bräutigams vergan⸗ gen ſeyn, da kam ein recht hübſcher ſtattlicher Mann in dem Trauerhauſe an, und acht Tage ſpäter zog Jungfer Holderlein luſtig und gu⸗ ter Dinge mit ihm in die Kirche, und ließ ſich mit dem Fremden trauen. Hochzeitsgäſte waren nicht gebeten, die ganze Familie packte ſich noch am Hochzeitstage in einen Wagen und fuhr auf und davon, Vater und Mutter und Alles, Haus und Laden blieben ſeitdem verſchloſſen. Ja, Ihro Gnaden haben wohl Recht darüber zu erſtaunen, habe ich doch ſelbſt über die ſaubre Geſchichte mich nicht genug verwundern können. Wer hätte ſo etwas von dem Mädchen denken ſollen! Als ihr Bräuti⸗ gam ſtarb, wollte ſie aus Verzweiflung verrückt werden, und nun nimmt ſie, vierzehn Tage — 142— darauf, den erſten beſten Fremden, und zieht mit ihm in die weite Welt. Wohlhabend mag er ſeyn, danach ſah er wohl aus, aber ſo zu handeln, iſt doch eine Schande und alle Nach⸗ barn haben ſich darüber verwundert„ aber es gibt eben weder Treu' noch Glauben mehr in der Welt. Mich dauerte nur das ſchöne Braut⸗ kleid, das ich ſelbſt ihr habe machen müſſen, aber es ſaß ihr auch wie angegoſſen, und en⸗ gelſchön ſah ſie darin aus, obgleich ein wenig blaß. Was wahr iſt, muß man ſagen.“ „So ſind dieſe Menſchen!“ rief Eugenia, als das erſte Erſtaunen über eine ſo unerwar⸗ tete Nachricht vorüber war,„ſo ſind dieſe gemei⸗ nen Leute, deren edelſte Gefühle unter dem Druck des engen bürgerlichen Lebens erſtickt werden. Von Jugend auf kennen ſie nur die Sorge für den morgenden Tag, und ein ſich⸗ res ehrliches Auskommen, wie ſie es nennen, iſt das einzige Ziel ihrer Wünſche, wie ihrer Beſtrebungen. Es war wohl thöricht, daß ich — 143— von dieſem, in dunkler Gemeinheit aufgewach⸗ ſenen Mädchen, etwas anders, als Gemeines erwartete; ſchon die Aengſtlichkeit, mit der Anna für ihre Ausſtattung Sorge trug, und daß ſie fähig war ihre Verbindung mit dem Mann ihres Herzens deshalb Jahrelang zu ver⸗ ſchieben, hätte über ihre eigentliche Sinnesart mich aufklären können. Ihre Verzweiflung galt gewiß eben ſo wohl dem verlornen Eta⸗ bliſſement, als dem verlornen Bräutigam, und ſie ergriff ein neues, ſobald ſich ihr eines dar⸗ bot. So fahre ſie dann hin und ſey auf ihre Art glücklich. Sie folgte der ihr angebornen Sinnesart; und ich will ſie darum nicht hart beurtheilen, weil dieſe Art die meinige nicht iſt.“ Sobald Eugenia von ihrem Arzte Erlaub⸗ niß erhielt ihr Zimmer zu verlaſſen, vefehlte ſie nie die Abendſtunden bei ihrer Mutter zu⸗ zubringen, um das derſelben geleiſtete Ver⸗ ſprechen, ſo viel dieſes möglich war, zu er⸗ füllen. Die Societät war freilich, theils durch — 144— die ſchöne Jahreszeit, theils durch die Krieges⸗ begebenheiten in alle vier Winde verſtreut; in der Stadt war nur ein ſehr kleiner Theil der⸗ ſelben zurück geblieben, große Feſte gab es für den Augenblick nicht, aber ein Kreis ge⸗ nauerer Bekannte, und ſogenannter Haus⸗ freunde, unter denen der Fürſt obenan ſtand, verſäumte doch nie ſich um den Thee⸗, mitun⸗ ter auch um den Spleltiſch der noch immer liebenswürdigen Frau zu verſammeln, die bei ſolchen Gelegenheiten, mit einer ihr ganz eigenen Grazie, die angenehme Wirthin zu ſpielen verſtand. Von ihr aufgemuntert, bot Eugenia alle ihre Kraft auf, um nicht aus ihrem Benehmen die immer trübe Stimmung ihres Gemüthes durchblicken zu laſſen; ſie be⸗ mühte ſich heiter zu erſcheinen, und ward es darüber zuweilen wirklich, doch oft überkam ſie auch, mitten in der Luſt, ein ungeheurer Schmerz, ein Gefühl von Einſamkeit, von un⸗ ausfüllbarer Oede und Verlaſſenheit. Stumm, V — 145— einſilbig, in Schwermuth verſunken, ſaß ſie dann mitten unter den Scherzen und Lachen der Uebrigen, theilnamlos da, als ob ſie gar nicht mehr zu ihnen gehöre. Ihre Freunde, im gewöhnlichen Sinne des Wortes, fanden an der kaum von ſchwerer Krankheit Geneſe⸗ nen dieſe plötzlich eintretende Mattigkeit und Erſchöpfung ganz natürlich, und dachten ſich nichts weiter dabei; aber das Auge der Liebe ſieht ſchärfer. Fürſt Felix war der Einzige, der deutlich erkannte, daß Eugenia weniger körperlich als im Gemüth leide; ſie wurde ihm dadurch noch werther, aber zugleich erwachte auch in ihm ein faſt ängſtliches Beſtreben, die Urſache ihres Kummers zu erkennen, um, auf welche Weiſe es immer ſey, ihn erleichtern zu können. Der ſchwermüthige Ausdruck ihres ſchönen, ſonſt immer jugendlich frohen Geſichts, die ſichtbare Mattigkeit, die jede ihrer Bewegungen begleitete, gaben ihr in ſeinen Augen einen II. 10 — 146— neuen unwiderſtehlichen Reiz. Und immer deut⸗ licher offenbarte ſich die Neigung, die mit ſie⸗ gender Allgewalt ihn zu Eugenien zog, die Bemerkungen, welche die Freunde über das ihnen längſt ſchon gewiß ſcheinende Verhältniß des jungen Paares ſich erlaubten, wurden im⸗ mer dreiſter und lauter. Eugeniens Mutter ſah mit ſchwer zu verhehlender Freude die im⸗ mer ſteigende Liebe des Fürſten, ſie vergaß darüber zuweilen die ihr ſonſt eigne beſon⸗ nene Vorſicht, und ihre nichts geſtehende, aber auch nichts verneinende Art jene Bemerkungen aufzunehmen, konnte alle ihre Bekannten nur in dem feſten Glauben an eine nahe Vermäh⸗ lung Eugeniens mit dem Fürſten beſtärken. Eugenia ſah und hörte das alles, es that ihr wohl und weh' zugleich, und ein Zwieſpalt entſtand dadurch in ihrem Gemüthe, der auch auf ihr Betragen wirkte, und ſie zu einer Un⸗ gleichheit des Benehmens beſonders gegen den Fürſten verleitete, die ihr ſonſt immer fremd — — 147— geblieben war. Sie wollte ihrem Klothar die Treue bewahren, und doch war es ihr un⸗ möglich, bei dem wahrhaft edlen Beſtreben des jungen ſchönen, auf jede Weiſe ausgezeichneten Mannes, gleichgültig zu bleiben; der Einzige unter allen, der ſie verſtand, der mit der zar⸗ teſten Schonung, ohne ihr wundes Gefühl durch Zudringlichkeit zu verletzen, ſie zu erhei⸗ tern ſuchte. Sie wollte nicht getröſtet ſeyn, weil ſie an Klothars Andenken ſich dadurch zu verſündigen glaubte, ſein Bild war in den erſten Tagen ihr Alles geweſen, jetzt hatte ſie mit vollem Vorbedacht ſich gewöhnt, Abends, wenn ſie ſich in ihr Zimmer zurückzog, eine Art Kultus mit demſelben zu treiben; ſonſt hatte ſie jeden freien Augenblick benutzt, es zu betrachten, jetzt hatte ſie gewiſſe Stunden ſich dazu beſtimmt. Oft, wenn ſie durch des Fürſten Gegenwart ſich beſonders erheitert ge⸗ fühlt hatte, war ihr als blicke es zürnend ſie an, und von neuem ſloſſen ihre Thränen. O5 10* — 148— dem Andenken ihres Gatten? oder dem ſich wieder erhebenden Kampf in ihrem Herzen? wußte ſie ſelbſt nicht, und mochte es auch nicht erforſchen. Mit unkbeſchreiblichem Entzücken glaubte indeſſen der Fürſt, die für ihn in ihrem Ge⸗ müthe aufkeimende Neigung in Eugeniens Au⸗ gen zu leſen; er liebte ſie wahrhaft, nicht wie ein in eingebildeter Liebespein vergehender Knabe, ſondern mit aller Kraft ſeines feſten männlichen Charakters. Er wünſchte nichts ſehnlicher als gleich auf der Stelle ſeine Liebe ihr entdecken und Herz und Hand ihr bieten zu können; doch das Geheimnißvolle ihres We⸗ ſens, das er erſt ſelt ihrer Krankheit an ihr bemerkte, der Wechſel in ihrem unſtäten, bald ihn abſtoßenden, bald wieder anziehenden Be⸗ tragen, hielten zur Zeit ihn noch von einem Schritte zurück, den ſeine Vernunft uͤbereilt nannte, ſo lange er nicht überzeugt ſeyn konnte, daß er Eugenien werth genug ſey, um ihm a— 35 — 149— jenes unbedingte Vertrauen zu ſchenken, wel⸗ ches er bei ſeinem eignen, wahren und offnen Karakter, von der künftigen Gefährtin ſeines Lebens unbedingt verlangte. Wenn gleich Eugenia nicht in Leidenſchaft ſich ihm zuneigte, ſo ehrte ſie ihn doch, und er war ihr mehr als Andre; ihr Herz war frei von jeder andern Liebe, außer jener ſtillen aber tiefen Neigung, die zu ihm ſie zog, davon wurde er immer feſter überzeugt, je länger er ſie, ihr Betragen gegen ihn und gegen Andre dergleichend, beobachtete. Von jeher hatte er ſich ihr gezeigt wie er war, an ſeiner treuen Ergebenheit, ſeinem innigen Antheil an allem was ſie betraf, konnte ſie unmöglich zweifeln. Hatte er denn ſo wenig ihr Vertrauen verdlent, daß ſie auch gegen ihn fortfahren mußte, die Geheimnißvolle zu ſpielen? daß ſie mit ſcheuer Aengſtlichkeit oder ſtolzer Zurückhaltung ihm auswich, ſobald er nur von ferne es wagte, ſie um das Vertrauen bitten zu wollen, das — 150— er unbedingt, bei jeder Gelegenheit ihr ſelbſt bewieß? Immer heißer ward ſein Verlangen, doch endlich von ihr zu erfahren, was ſie ſorgſam ihm zu verhehlen ſich beſtrebte; er beſuchto ihr Haus in ſolchen Stunden, wo er ſicher ſeyn konnte, keine andere Geſellſchaft dort an⸗ zutreffen. Eugeniens Mutter pflegte dann ge⸗ wöhnlich eine Urſache ſich zu entfernen zu fin⸗ den. Der Fürſt verdankte ihr dieſes innerlich und war ſelbſt jeder verſteckten Abſichtlichkeit zu entfremdet, um dabei an eine ungünſtige Auslegung ihres Betragens nur zu denken. Dann ſaß er allein Eugenien gegenüber, eine direkte Frage an ſie erlaubte ſein bänglich klopfendes Herz ihm nicht, aber alles an ihm, die innige Theilnahme, die er ihr bewieß, ſeine Worte, ſeine Blicke, flehten ſie an, ihm doch endlich die Urſache der auffallenden Verände⸗ rung ihrer Stimmung zu geſtehen. Begierig lauſchte er nur auf ein einziges Wort von ihr, —õyõ—— das ihn hätte veranlaſſen können, ein Geſpräch daran zu knüpfen, welches zum Ziele ihn füh⸗ ren könne. Doch vergebens, Eugenia blieb fortwährend ſchweigſam, zurückhaltend, oft bis zur Förnlichkeit. Der Fürſt vermochte dieſen Zuſtand nicht länger zu ertragen: vielleicht weiß ſie nicht wie nothwendig, bei meiner Art zu fühlen und zu denken, ihr volles reines Vertrauen, wie unerträglich jede Art von verſtecktem Weſen mir iſt, dachte er, und nahm ſich feſt vor die erſte Gelegenheit zu ergreifen, um Eugenien tief und klar in das Innerſte ſeines Herzens blicken zu laſſen. Eine ſolche fand ſich bald; die Geſellſchaft in der Stadt zerſtreute ſich immer mehr und mehr, und eines Abends war nur ein ſehr kleiner Kreis von einigen, mit den Angelegen⸗ heiten des Hauſes längſt vertrauten Freunden, bei Eugeniens Mutter verſammelt. Das Ge⸗ ſpräch nahm bald eine Wendung, wie der Fürſt — 152— ſie verlangte; man ſprach von Glück, von Freundſchaft, von Liebe, und jeder gab ohne Nückhalt ſeine Meinung über dieſe Gegenſtände zum Beſten. n „Ich für mein Theil,“ nahm der Fürſt jetzt mit einem ſcharfen Blick auf Eugenien, das Wort,„ich kann mir nichts ſeligeres den⸗ ken, nichts worüber man alle Schatten, alle Plagen des Lebens ſo leicht vergeſſen könnte, als wenn zwei Freunde ſo feſt einander vereint ſind, daß auch ihre Gemüther gleichſam nur eins werden, keine Trennung ihrer Leiden und Freuden mehr kennen, und jeder von ihnen das, was den Freund betrifft, hinnimmt, als wäre es ihm ſelbſt geſchehen, weil er das Herz deſſelben bis auf den Grund ſo klar durchſchaut, als wäre es das eigne.“ „Ich habe lange darnach geſucht, aber bis jetzt nie dieſes hohe Vertrauen gefunden, auf dem doch eigentlich das höchſte Glück des Le⸗ bens beruht,“ ſetzte er auffallend bewegt hinzu. — 153— „Wie welt entzückender muß es noch in der Liebe ſein! ich koͤnnte ihm nun und nimmer entſagen. Und liebte ich mit heißbrennender Leidenſchaft, bis zur An 19, bis zum Wahn⸗ ſinne, ich müßte mit Blutendem Herzen von der Geliebten auf Nimmerwiederſehn mich losreißen, wenn ich nur den Schatten eines Geheimniſſes, nur die kleinſte Spur von Miß⸗ trauen in mich, in ihrer Seele entdeckte, nur einen Gedanken den ſie mir zu verhehlen ſuchte. Ich ſelbſt bin offen und wahr, und alle Men⸗ ſchen ſollten es ſeyn, denn Mißtrauen, Un⸗ wahrheit ſind die Wurzel alles Böſen; unbe⸗ dingte Offenheit aber iſt der ächte Grundſtein des Glücks, in der Freundſchaft wie in der Liebe! vor allem aber in der Ehe.“ Der Fürſt verfehlte gänzlich den eigentli⸗ chen Zweck ſeiner Nede, wahrſcheinlich weil er zum erſtenmal in ſeinem Leben abſichtlich ge⸗ ſprochen, und den Inhalt derſelben ſich vorher ausgedacht hatte. Eugenia glaubte eine Art — 154— verſteckter, ihr Selbſtgfühl bedingender Dro⸗ hung darin zu finden, die ſie erbitterte und verſtimmte.„Warten Sie nur, mein Fürſt, bis das Cölibat der katholiſchen Geiſtlichkeit aufgehoben wird,“ ſprach ſie ziemlich ſpitz, mit faſt höhnendem Lächeln:„dann braucht jeder Prieſter nur eine ſeiner Beichttöchter zu heirathen, und der glücklichen Ehen, nach Ih⸗ rem Sinne, wird es im Ueberfluß geben. Sie müßten aber dann freilich ſich ſelbſt gefallen laſſen, die Tonſur zu nehmen, ſonſt möchten Ihre Wünſche für Ihre eigne Perſon ſchwerlich in Erfüllung gehen.“ Die Geſellſchaft lachte, der Fürſt aber wurde bleich, blieb ernſt und ſtumm, warf einen trüben ſchmerzlichen Blick auf Eugenien, und verließ bald darauf die Geſellſchaft. Am nächſten Tage ließ er ſich nicht wie⸗ der ſehen, an dem dieſem folgenden war er abgereißt. „Da haſt du die Früchte deines unver⸗ — — 155— ſtändigen Benehmens,“ rief die Mutter etwas Furienartig, und warf Eugenien die Abſchieds⸗ karten des Fürſten hin.„Er iſt fort und du biſt blamirt, die Leute werden auf die ſitzen⸗ gebliebene Braut ohne Bräutigam mit Finger zeigen, du biſt der ganzen Societät zum Spott geworden, muß ich das an meinem einzigen Kinde erleben! Das kommt von deinem Ei⸗ genſinn, von deiner Unvernunft, von deinem Heimlichthun, von deiner Kopfhängeret. Wem das Glück begegnet, der halte es feſt, wenn er dernünftig iſt; und wer ein Geheimniß zu bewahren hat, der ſtelle ſich nicht vor den Leu⸗ ten hin, und laſſe den Kopf hängen, und ſchneide trübſelige Geſichter, ſo daß ſie wohl fragen müſſen, was fehlt dir denn?“ „Geſchäfte, er wird wieder kommen,“ ſtottert Eugenia,„und überdem, liebe Mutter, iſt doch noch kein entſcheidendes Wort zwiſchen mir und dem Fürſten..“ Die Mutter ließ ſie nicht ausreden, ſie — 156— fuhr fort ihre Tochter mit auf das tiefſte ver⸗ letzenden Vorwürfen zu überhäufen. Dieſe litt unendlich dabei, und würde noch viel mehr ge⸗ litten haben, wenn nicht ohnehin ihr Gemüth ſchon ſo wund geweſen wäre, daß der innere gröſ⸗ ſere Schmerz den äußern geringern übertäubte. Der Fürſt kam nicht wleder; er hatte auf ſeine Güter, in den Schoos ſeiner Familie ſich zuruͤckgezogen, ſeine Wohnung in der Stadt wurde geräumt, ſeine Mobilien verkauft; ſeine Gemälde und Kunſtwerke eingepackt und fort⸗ geſandt, und bald darauf erfuhr man mit Ge⸗ wißheit, daß er eine Reiſe nach Italien, viel⸗ lelcht nach Griechenland angetreten habe, von der er unter Jahr und Tag nicht heimkehren wuͤrde. Was Eugenia bei allem dieſem empfand, iſt ſchwer zu beſchreiben. Sie war völlig mit ſich ſelbſt zerfallen. Schaam, Reue, Liebe, Erbitterung gegen den Fürſten und ge⸗ gen ſich ſelbſt, zerriſſen wechſelsweiſe ihr Gemüth. — 157— Die Geſellſchaft war ihr unerträglich, und die Einſamkeit war es nicht minder; ſie glaubte in jedem Geſichte bald Spott, Hohn, Schaden⸗ freude, oder, was ihr noch verhaßter war, ein gewiſſes beleidigendes Bedauern zu leſen, das ſie noch empfindlicher traf als alles Uebrige. Wenn ein paar Perſonen beiſammen ſtanden, die das Geſpräch plötzlich abbrachen, ſobald ſie ihnen nahte, ſo war Eugenia feſt überzeugt, daß ſie und der Fürſt, der Gegenſtand der Unterhaltung geweſen waren. Auch die Sorg⸗ falt, mit der Jedermann vermied den Namen des Fürſten in ihrem Beiſein zu nennen, trug nicht wenig dazu bei ihre tiefe Kränkung zu vermehren. Sie fühlte ſich durch dieſe belei⸗ digende Schonung gedemüthigt, von der Höhe auf der ſie geſtanden, geſunken, und vermochte nicht dieß Gefühl mit leidlicher Faſſung zu 'ertragen. 2 Der Entſchluß ihrer Mutter, ſie in einen ziemlich weit entfernten ſehr beſuchten Badeort — 158— zu führen, um ſie wenigſtens in der erſten Zeit den Leuten aus den Augen zu bringen, obgleich er eben nicht mit großer Schonung ihr verkündet wurde, klang daher der armen Eugenia wie eine troſtbringende Stimme vom Himmel. Sie bedeckte die Hände ihrer vergebens gegen ihre Liebkoſungen ſich ſträubenden Mutter mit Küſſen und Thränen, ſie gelobte hoch und theuer alles zu verſuchen, um ſich die Liebe derſelben wieder zu gewinnen, und ſie von ih⸗ rer tief gefühlten Dankbarkeit für dieſe große Güte zu überzeugen, und ging nun mit erleich⸗ tertem Gemüthe, faſt freudig, die nöthigen An⸗ ſtalten zur Reiſe auf das eiligſte zu beſorgen. Im Bade ſelbſt, dem Verſammlungsorte einer eben ſo glänzenden als zahlreichen Ge⸗ ſellſchaft, konnte die Ankunft zweier durch Ge⸗ burt und Reichthum und jede liebenswürdige Eigenſchaft ſo ausgezeichneten Damen, wie Eugenia und ihre Mutter, des gewohnten Eindrucks nicht verfehlen. Das geſellige Ta⸗ — 159— lent der Mutter, der Tochter ſeltne Schön⸗ heit, die anmuthige Beſcheidenheit derſel⸗ ben, bei ſo vielen Anſprüchen an Bewunde⸗ rung, öffneten ihnen ſogleich den Eintritt in den glänzenden Cirkel aller damals durch Geiſt, Nang und Talent ausgezeichneten Anweſenden, der ſich täglich um eine Fürſtin vom höchſten Nange verſammelte, welche ſeit wenigen Tagen angekommen war, um die Brunnenkur zu ge⸗ brauchen. Eugeniens Ohr traf kein Tadel mehr, keine ihr Gemüth verletzenden Aeußerun⸗ gen, kein giftig forſchender Blick. Was ſie hörte und ſah trug den Ausdruck ungeheu⸗ chelter Bewunderung, welche ihre liebenswür⸗ dige Erſcheinung auch ſolchen einflößte, die ihr am Fernſten ſtanden. Und ſo ſah ſie ſich denn wieder in das Element verſetzt, in welchem ſie eigentlich einheimiſch war. „Niemand kannte und nannte hier den Für⸗ ſten Felix, Niemand hatte nur die leiſeſte Ah⸗ nung von allem was ihr Gemüth noch vor — 160— Kurzem ſo ſchmerzlich getroffen. Sie war wie⸗ der die Königinn des Tages wie der Herzen, ſie ſah ſich bewundert, vorgezogen, ausgezelch⸗ net, geliebt ſogar; denn unter den vielen an Geburt und Vermögen Eugenien gleichſtehen⸗ den Männern, welche die Gegenwart der Für⸗ ſtin, und die ihre Anweſenheit bezeichnenden Feſte herbeigezogen, befanden ſich mehrere, die ſich ſehr ernſtlich um Eugenien bewerben zu wollen ſchienen. Unter ſolchen Verhältniſſen war es wohl natürlich, daß Eugenia wieder anfing zu ſich ſelbſt Vertrauen zu faſſen, ihr Gemüth war beruhigter, die Noſen blühten auf ihren Wangen wieder auf, an denen tie⸗ fer Gram zerſtörend genagt hatte. Der leiſe An⸗ hauch ſanfter Schwermuth, der ſich nicht gleich ganz vertilgen laſſen wollte, verbreitete über ihre Schönheit einen eignen rührenden Zauber, und ihre Mutter fing wieder an das liebens⸗ würdige Weſen mit ſehr verzeihlichem mütter⸗ lichen Stolz zu betrachten, bei deſſen Anblick —— — — 161— alle ihre früher für daſſelbe gefaßten Hoffnun⸗ gen, von neuem ſich belebten. Die Zeit verging unter täglich ſich erneu⸗ ernden Feſten und Freuden, und Eugenia war nahe daran alles, was ſie verloren und gelit⸗ ten, wenn nicht zu vergeſſen, doch zu ver⸗ ſchmerzen, als die Beſtimmung des nahen Ta⸗ ges der Abreiſe der Fürſtin und mehrerer der angeſehenſten Brunnengäſte ſie plötzlich daran erinnerte, daß die Badeſaiſon beinahe verſtri⸗ chen ſey, und ſie ſelbſt in ſehr kurzer Zeit nach ihrem Wohnorte zurückkehren würde, wo alle ihre Wunden wieder aufbrechen, alle ihre Schmerzen ſich erneuern mußten. Unausſprech⸗ liches Grauen, wahre Todesangſt ergriff ſie bei dem Gedanken an die bekannten Geſichter, welche lauernde Neubegier in allen Zügen, ſie dort empfangen würden; an das beleidigende Mitleld, an den unter erheuchelter Theilnahme verborgnen Hohn, an die leiſe hinſchleichende Verläumdung, denen ſie von neuem ſich aus⸗ II. 11 — 162— ſetzen müſſe. Ihre Phantaſie trieb Eugeniens innere Angſt bis zu einer unglaublichen Höhe hinauf, ſo daß ihre Mutter ſie in einem wirk⸗ lich Beſorgniß erregenden Zuſtande antraf, und ſo lange mit Bitten und Fragen in ſie drang, bis Eugenia in ihre Arme ſich warf, und ihr alles bekannte, was ſie fühlte und dachte. „Iſt es nur das, was dich quält, Euge⸗ nia?“ erwiederte die Mutter ganz gelaſſen. „Freilich im Grunde haſt du ſo unrecht nicht, du gehſt ſehr unangenehmen Verhältniſſen ent⸗ gegen, ich habe das ſchon lange bei mir ſelbſt bedacht. Aber es liegt ja in deiner Hand dem Allem abzuhelfen. Zwingen, bereden will ich dich zu nichts, aber du ſelbſt weißt ja, daß es nur bei dir ſteht, eine Wahl zu treffen, die über alle dieſe Widerwärtigkeiten dich hoch erhebt. Graf B..., Baron X.. und der ſchöne allbewunderte Obriſt von G... bewer⸗ ben ſich ernſtlich um deine Hand, alle drei, ehrenwerthe angeſehene Männer; an Geburt —— f V V — — 163— und Vermögen ſtehen ſie dir wenigſtens gleich. Graf B., iſt freilich die glänzendſte Parthie, aber vielleicht gefällt er dir nicht genug. Nun, ſo wähle dir einen von den beiden Andern, ich laſſe dir völlige Freiheit. Jeder von die⸗ ſen dreien, welchen du auch immer dir erwäh⸗ len magſt, wird nicht nur vor allen Beleidi⸗ gungen, die du mit Recht fürchteſt, dich ſchüz⸗ zen, ſondern dich auch zum Gegenſtande des Neides deiner Freundinnen erheben. Liebe Eu⸗ genia, ſtelle dir nur einmal recht den Triumph vor, wenn du als die glückliche Braut eines reichen angeſehenen Mannes in die Helmath wiederkehrſt, über den man den wankelmüthi⸗ gen Fürſten Felix wohl vergeſſen kann; denke dir nur, wie dieſem ſelbſt zu Muthe ſeyn wird, wenn er von deinem glänzenden Etabliſſement und wie wenig ſein Verluſt dich betrübt hat, Nachricht erhält.“ Eugenia ſchauderte, ihr Herz zog ängſtlich ſich zuſammen, während ihre Mutter in dieſem 11* — 164— Tone ſprach. Aber die ſchlaue Frau verſtand es zu gut, ſie bei der ſchwächſten Seite ihres Gemüthes zu faſſen und zu halten. Sie wußte alles, was Eugenien daheim erwartete, in ſo grellen Farben ihr darzuſtellen, und ihre Furcht davor dermaßen zu ſteigern, daß dieſe endlich keine andre Rettung vor ſich ſah, als ſich der Leitung ihrer Mutter zu ergeben. „Komme es wie es wolle, unglücklicher, wie ich dort, unter jenen Menſchen, umringt von bittern Erinnerungen an Ehemals, es ſeyn würde, kann ich auch in der unglücklichſten Ehe nie werden,“ ſeufzte ſie. Ihre Mutter beeiferte ſich, ſie in dieſer Stimmung zu er⸗ halten, und nach mancher ernſten Berathſchla⸗ gung entſchieden ſich endlich beide für den Grafen B.. Die Mutter, weil er der reichſte und vornehmſte unter den drei Bewerbern war, die Tochter wählte ihn in einem Anfall ſelt⸗ ſamer Schwärmerei, weil er geiſtig und per⸗ ſöalich zu unbedeutend ſchien, um ihr jemals id ¹ * 1 — 165— werth werden zu können. Sle tröſtete ſich da⸗ mit, daß ſie die ihrem Klothar gelobte ewige Treue am wenigſten verletzte, indem ſie eine Ver⸗ bindung mit einem unliebenswürdigen Manne einging, zu welcher nur die harte Nothwendig⸗ keit, keinesweges aber die Stimme ihres Her⸗ zens ſie bewegen könne. Eugeniens Verlobung mit dem Grafen wurde noch vor ihrer Abreiſe aus dem Bade⸗ orte deklarirt. Gleich nach ihrer Heimkehr in die Vaterſtadt wurde die Hochzeit mit ſtandes⸗ mäßiger Pracht gefeiert, und zufolge der herr⸗ ſchenden Mode, trat das neuvermählte Paar noch am nehmlichen Tage eine Reiſe an, welche auf ziemlichen Umwegen, es dem in einem andern Theil von Deutſchland belegnen Wohn⸗ orte des Grafen B.. zuführte. 7 Eugeniens übereilte Wahl war leider nicht zur guten Stunde getroffen; der Mann, an — 166— welchen ſie mit unaufloͤslichen Banden ſich durch dieſelbe gefeſſelt, war nicht allein unbe⸗ deutend, er gehörte auch zu jenen verzognen Kindern des Glückes, deren beſchränkte Natur ſie allein in ſich ſelbſt den Mittelpunkt der Welt erblicken läßt, über welchen hinaus ſie nichts weiter des Beachtens werth halten. Die zwar ſehr oberflächliche, aber doch glaͤnzende Erziehung, die er, als dereinſtiger Erbe eines faſt fürſtlichen Vermögens von ſeinen Eltern erhalten, half ihm zwar einigermaßen unter den feinern Formen eines Weltmannes die innre Roheit ſelnes Gemüthes in der guten Geſellſchaft zu verbergen, aber er fühlte den Zwang, den er ſich dabei anthat, und dieſer war ihm nicht minder läſtig, als jede andre geiſtige Anſtrengung es war. Sobald er ſich nicht mehr geniren mußte, wie er es nannte, überließ er rückſichtslos ſich den Ausbrüchen der ihm innewohnenden Gemeinheit, um ſich für den Zwang zu entſchädigen, den er ſich —— —,.— — 167— angethan; als nehmlich nur erſt die Flitter⸗ wochen und mit ihnen die kurze Freude vorüber war, welche die Neuheit ihres Beſitzes, und der über ſeine Nebenbuhler davongetragene Sieg ihm anfangs gewährten; und vor wem hätte ein Mann ſeiner Art ſich wohl weniger zu ge⸗ niren gebraucht, als vor ſeiner eignen Frau? Langeweile war ſeine ewige Plage, ſie jagte ihn raſtlos von einem Genuſſe, von einem Zeitvertreibe zum andern, und wenn kein an⸗ drer ſich bot, ſo quälte er ſeine Gattin mit kindiſchen Ausbrüchen der unangenehmſten ver⸗ drüßlichſten Launen, mit Vorwürfen über ihren Mangel an Liebe, mit Eiferſüchteleien, deren Ungrund er ſelbſt einſehen mußte, um nur irgend etwas zu haben, was ein paar Stun⸗ den lang über den trägen Lauf der Zeit ihm hinaus half. Eugenta war die unglücklichſte der Frauen; unerachtet des ſie umgebenden Glanzes, uner⸗ — 168— achtet ſie in den Aagen andrer alles beſaß, was man vernünftiger Weiſe ſich nur wünſchen kann. Bittre Reue über die Uebereilung, mit der ſie jede Hoffnung ihrer Zukunft ſelbſt zerſtört hatte, nagte verzehrend an ihrem Leben; ver⸗ gebens ſuchte ſie den Widerwillen gegen den Grafen, der immer mächtiger in ihr wurde, durch Vernunftgründe zu bekämpfen; was hatte ſie denn eigentlich ihm vorzuwerfen? was that er denn Großes ihr zu Leide? ſie konnte kei⸗ ner namhaften Beleidigung ihrer ſelbſt, kei⸗ ner eigentlichen Verletzung ſeiner Pflichten ge⸗ gen ſie, ihn beſchuldigen. Er quälte ſie, er vergällte durch tauſendfache Kränkungen ihr täglich das Leben, aber keine derſelben war, einzeln betrachtet, ſo bedeutend, daß ſie dem dabei Unbefangenen nicht eher lächerlich als wirklich beachtenswerth hätte erſcheinen ſollen. Die arme Eugenia glich einem Unglücklichen, der mit Nadelſtichen zu Tode gequält wird, ohne eine Wunde aufzeigen zu können, die — 169— groß genug wäre, um eine Klage darauf zu begründen. Die Jahre vergingen, Eugeniens Lebens⸗ muth erſtarb nach und nach gänzlich, und im⸗ mer fühlbarer wurde ihr die furchtbare Welt⸗ einſamkeit, in der ſie mitten im Geräuſch, in Pracht und Glanz, in der Glorie der Jugend und Schönheit allein ſtand. Ihre erſte Liebe zu Klothar war vielleicht, wenigſtens zum Theil, nur eine ſchöne Täuſchung ihres erwachenden Gefühles geweſen, aber die dadurch erweckte, nie geſtillte Sehnſucht nach einem Glücke, wel⸗ ches ſie einſt faſt ſchon erreicht zu haben wähnte, blieb unauslöſchlich in ihrem Gemüthe zurück. Erinnerung und Phantaſie vereinten ſich, um die auf ewig ihr entſchwundene Zeit ihres Jugendglücks in einem welt blendenderen Lichte ihr zu zeigen, als ſie es damals empfunden. Um ſo furchtbarer ſtieg das Bild ihres jetzigen, derödeten, hoffnungsloſen Daſeyns vor ihr auf, und oft war ſie nahe daran, über die — 170— Ausſicht, es vielleicht noch Jahrelang tragen zu müſſen, ſich der wildeſten Verzweiflung zu übergeben. 1 Sehnſucht, Gram, Hoffnungsloſigkeit zehr⸗ ten an ihrem innerſten Leben, ihre Jugend verblühte lange vor der Zeit, und die einſt allbewunderte Eugenia war nach wenigen Jah⸗ ren kaum noch der Schatten von dem, was ſie in voller Jugendpracht einſt geweſen. Aber wer einmal in ihrer jetzigen Zerſtörung ſie ge⸗ ſehen, konnte die rührende Geſtalt nie wieder vergeſſen. Die edlen Züge waren ihr geblie⸗ ben, die hohe Anmuth und Grazie, die ſelbſt ihrer jetzigen Hinfälligkeit einen eignen, tief zum Herzen dringenden Zauber lieh. Man hätte alles für ſie thun mögen, um dieſes ſchöne, in überirdiſchem Glanz leuchtende Auge, die marmorartigen Züge des ernſten bleichen Geſichtes, die im zarteſten Noſenroth blühen⸗ den Lippen des unbeſchreiblich lieblichen Mun⸗ des, nur noch einmal Lächeln zu ſehen. 9.— 12* — 171— Nur ihr Gemahl war der Einzige, auf welchen das allmählige Hinſchwinden der ſchö⸗ nen liebenswerthen Frau dieſen Eindruck nicht machte; gewöhnlich gab es ihm nur Stoff zu widerwärtigen Klagen über ſein Hauskreuz, wie er es nannte, zu unzarten ſchonungsloſen An⸗ ſpielungen auf das Unglück an eine kranke nervenſchwache Frau gebunden zu ſeyn; ſobald aber der Sommer eintrat, diente es ihm zum Vorwande, Eugenien von einem Badeorte zum Andern zu ſchleppen, wo er gewiß war, we⸗ nigſtens am grünen Tiſch das beſte Mittel ge⸗ gen die ihn quälende Langeweile zu finden. Schon war die Neihe der groͤßern Bäder von ihm durchzogen, ſie hatten den Reiz der Neuheit für ihn verloren, er fing an über den Gedanken, wohin er dieſen Sommer ſich wenden könne, in die unleidlichſte Laune zu „gerathen, als es glücklicher Weiſe ihm einfiel, daß er noch nie in Aachen geweſen. Verge⸗ bens wandten die Aerzte ihm ein, daß gerade — 172— dieſe Quelle für Eugeniens Zuſtand durchaus 2 unpaſſend ſey;„Bad iſt Bad, und Waſſer iſt Waſſer,“ erwiederte er lachend und zog mit ſeiner leidenden Frau, wohin ſein Eigenſinn ihn trieb. Das Leben in der großen, mit Brunnen⸗ gäſten aus allen Ländern überfüllten Stadt, geſiel ihm gleich anfangs über alle Maßen. Hier brauchte er ſich nicht zu geniren, weil Niemand ihn kannte, und Niemand in dem Gewühl auf ihn merkte; ungehindert konnte er allen ſeinen Lieblingsvergnügungen nachgehen, und fand auch gar bald Geſell⸗ ſchafter, die ſeinem Geſchmacke zuſagten, und ſich gern in die wunderlichſten Launen des reichen Mannes fügten, der ſich immer berelt finden ließ, aus ſeinem Beutel für ſie zu zah⸗ len. Eugenia bekam ihn den Tag über wenig 1* zu ſehen, die dadurch ihr gewordne Ruhe that ihr unendlich wohl, ſie ſelbſt war zu leidend, zu lebensmüde, zu erſchöpft an Kräften, um ₰ᷣ —— — 473— neue Bekanntſchaften oder Vergnügungen auf⸗ zuſuchen, die ſchon längſt allen Reiz für ſie verloren hatten; aber eine Freude war ihr doch geblieben, oder vielmehr, ſeit ſie jeder andern entſagte, in ihr erwacht, die Freude an der Natur, die gewöhnlich erſt dem ſtiller werdenden Gemüthe, im ſpätern Alter, zur Entſchädigung wird, wenn alle andre Freuden von uns abfallen. In Aachens reichen Umgebungen konnte ſie dieſelbe im vollſten Maaße deſeledigen und that es auch. Sobald ſie nur leidlich wohl ſch fühlte, fuhr ſie in einem leichten Wagen in's Freie, gewöhnlich nur von einer ihrer Kammerfrauen und ihren Dienern begleitet; ſie pflegte immer vorzugsweiſe ſolche Gegenden zu wählen, die der Entfernung wegen, nur ſelten von dem gewöhnlichen Schwall der Fremden beſucht wurden, und kehrte oft ziemlich ſpät wieder nach Hauſe, ohne daß der Graf etwas dage⸗ — 174— gen eingewendet hätte, denn dieſer war jetzt in der Laune ſich faſt gar nicht um ſie zu bekümmern. So fuhr ſie dann auch eines Tages nach einer der vielen Fabrikanſtalten, die rings um Aachen herum ein fröhliches, durch Induſtrie und Thätigkeit beglücktes Leben verbreiten. Mit RNecht hatte man die außerordentlich ſchöne Lage des kleinen Ortes ihr gerühmt, die An⸗ muth des von üppig grünenden Bergen umge⸗ benen Thales. Eugenia vergaß die Länge des Weges über die Schönheit der von allen Seiten ſich ihr bietenden Anſichten; ſie fühlte ſich leicht, hei⸗ ter, wie lange nicht, und als der Wagen vor dem artigen Gaſthof hielt, deſſen hellpolirte Fenſter ſchon von Ferne die in demſelben herr⸗ ſchende niederländiſche Ordnungs⸗ und Rein⸗ lichkeitsliebe verkündeten, die ſchon in dieſen Ge⸗ genden einheimiſch iſt, fühlte ſie ſich kräftig ge⸗ — 2 ——ò — 175— nug, um ganz allein einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Mit wahrer Freude betrachtete ſie das große mit ſolider Pracht erbaute Wohnhaus des reichen Fabrikherrn, deſſen auf weiſe nützliche Thätigkeit gerichteten Sinn alle die Hunderte, die rings um ihn her wohnten, ihr ſtill be⸗ ſcheidnes Glück verdankten; alles gefiel ihr hier; der große zu dem Herrnhauſe gehoͤrige Park, deſſen weite ſchattenreiche Gänge ſie zum Theil durch das prächtige Eiſengitter überſehen konnte, das ihm zur Eingangs⸗Pforte diente, die zier⸗ lichen, unter Obſtbaͤumen und Reben hell her⸗ vorſchimmernden Wohnungen der Arbeiter, mit den kleinen Gärtchen voll Blumen und blühen⸗ dem Geſträuch. Langſamen Schrittes ging ſie immer weiter und weiter, bis an das andre Ende des Ortes, wo dicht vor demſelben eine in voller Blüthe prangende uralte Linde, ſie zum Ausruhen auf der von ihren gewaltigen Aeſten beſchatteten Gartenbank einlud. — 176— Ein eignes Gefühl von Nuhe, innrer Zu⸗ friedenheit, wie ſie es lange nicht empfunden, überkam Eugenien, indem ſie die Gegenſtände rings umher aufmerkſamer betrachtete. Alles was ſie erblickte, trug das Gepräge eines fried⸗ lichen behaglichen Lebens, in enger aber genuß⸗ reicher Beſchränktheit. In dem hohen Laubge⸗ wölbe über ihr, rauſchte es von dem luſtigen Treiben und Gezwitſcher zahlloſer Vögel, denen man es anmerkte, daß ſie als gern geſehene Gäſte, in voller Sicherheit hier hauſen dürften. Ihr gegenüber, nur durch die Landſtraße und einem Vorgärtchen von der Linde geſchie⸗ den, lag das freundlichſte, von üppigen Wein⸗ Reben umrankte Landhaus, das ſie jemals ge⸗ ſehen zu haben meinte. Die grünen Jalouſien waren zurückgeſchlagen, die großen hellen Fen⸗ ſter welt geöffnet, um der Abendkühle freien Durchzug zu gewähren. Eugenla konnte durch dieſelben die ganze prunkloſe aber höchſt wohnliche Einrichtung, der ungemein freundlichen Zimmer überſehen. Ein paar mit Jelängerjelieber bis hoch hinauf bekleidete Säulen, zu beiden Seiten der Thüre, trugen einen kleinen mit einem zierlichen eiſer⸗ nen Gitter umgehnen Balkon, anmuthig ſpie⸗ lend hatte früher eine glückliche Hand die Blätter und Knospen der auf demſelben in Aeſchen ſtehenden Hortenſien in einer gewiſſen Ordnung durch die Stäbe des Gitters gezogen. Die Btätter waren jetzt groß geworden und faſt wie ein grüner Teppich anzuſehen, und die Blumen nickten ſeltſam und fremdartig mit ihren großen Köpfen auf die mit Blüthen bedeckten Oleander hinab, die das Vorgärtchen zierten, gleichſam ihre Landsleute begrüßend. Ueberall in dem Gärtchen herrſchte die größte Nettigkeit und Ordnung; Stühle, Gartenbänke, nebſt dem es umgebenden Staket, waren blen⸗ dendweiß angeſtrichen; kein Unkraut, keine ein⸗ zige wilde Blume verunſtaltete den Smaragden⸗ grünen Sammet des kleinen runden Grasplaz⸗ II. 12 — 178— zes vor dem Hauſe, in deſſen Mitte eine recht geſchmackvoll gearbeltete Sonnen⸗Uhr angebracht war. Nings umher glänzten und dufteten zahlloſe Blumen, Noſen, und blühendes Ge⸗ grräuch aller Art; neben den Säulen ſtanden zwei mit Blüthen überdeckte Orangenbäume in zierlichen Kübeln; ein kleiner Tiſch, und ein paar Gartenſtühle neben einem derſelben, lieſ⸗ ſen Eugenien verrathen, daß die glückliche Be⸗ wohnerin dieſes reizenden Aufenthalts, dieſen Platz nur eben verlaſſen haben müſſe, um ir⸗ gend einem häuslichen Geſchäfte im Innern des Hauſes nachzugehen, denn ein kleiner Stickrahm und andres weibliches Arbeitsge⸗ räth, lag noch auf dem Tiſche. Ein ſchöner, fünf bis ſechsjähriger Knabe kam jetzt mit einem Teller voll abgefallner Blüthen, die er wahrſcheinlich aufgeſammelt hatte, hinter einem der Orangenbäume hervor; er ſah die fremde Dame unter der Linde mit ein paar großen dunkelblauen Augen verwundert — 470— an, und ſchüttelte zugleich die reiche Fülle ſeiner glänzendblonden Locken, die beim Bücken ihm über das Geſicht gefallen waren, mit einer ganz eigenthümlichen Bewegung des Kopfes zu⸗ rück, ſo daß ſie ihm weit uͤber den Rucken hin⸗ abfielen. Ein wunderbares Gefühl, gleich An⸗ klängen aus einer längſt verſchollnen Zeit, über⸗ kam Eugenien bei ſeinem Anblick, das Kind ſchien ihr bekannt, und doch erinnerte ſie ſich nicht, es früher geſehen zu haben. „Kannſt du mir wohl ein Glas Waſſer bringen, lieber Kleiner?“ rief ſie quer über den Weg ihm zu, weniger aus Luſt zu trin⸗ ken, als weil ſie den ſchoͤnen Knaben in der Nähe zu ſehen, ihn zu liebkoſen, und nach ſeinen Eltern ſich zu erkundigen wünſchte. Das Kind nickte ein freundliches Ja, und ſprang augen⸗ blicklich in das Haus. Nach einer kleinen Weile kam es mit einem Porzellan⸗Teller, auf dem das Glas Waſſer ſtand, und einem zierlichen Körbchen voll aus⸗ 12* — 180— erleſener Garten⸗Erdbeeren und Kirſchen aus dem Hauſe heraus:„Ignaz, Ignaz, fein be⸗ dächtig und verſchütte nur nichts,“ rief eine helle wohlklingende Stimme aus dem Innern deſſelben ihm nach, und gleich darauf folgte eine junge hübſche Frau, bürgerlich, aber höchſt ſauber gekleidet, ihm nach, und ging auf Eugenia zu. Auf einem Arm trug ſie ein wie die Geſundheit ſelbſt blühendes Kind, etwa ſechs Monate alt, in der andern Hand einen Teller mit Backwerk. Ein wunderhüb⸗ ſches, kleines, dreijähriges Mädchen, mit dun⸗ kelbraunen Augen und Haaren, hielt verſchämt lächelnd an ihrer Schürze ſich an, indem es ihr folgte. „Verzeihen Ihre Gnaden meine Zudring⸗ lichkeit,“ ſprach ſie freundlich bittend,„aber in unſerm Gärtchen hätten die gnädige Frau es doch bequemer, hier unter der Linde zieht es immer ein wenig, wollten Sie uns nicht die Ehre erzeigen, dort ein wenig auszuruhen?“ — 181— Eugenia ſah der Frau mit ſichtbarem Er⸗ ſtaunen ſtarr in's Geſicht:„ich danke, ich danke herzlich,“ erwiederte ſie endlich, und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. „Nein, es iſt nicht möglich, und doch, und doch— liebe junge Frau,“ ſprach ſie gewalt⸗ ſam ſich zuſammennehmend,„ich wage wohl eine ungeſchickte Frage, aber Ihr Anblick, Ihre Stimme, Ihr Dialekt laſſen mich in Ihnen, wenn auch nicht eine alte Bekannte, doch we⸗ nigſtens eine Landsmännin erkennen, ich muß Sie wirklich bitten, mir vor allen Dingen Ih⸗ rem Namen zu ſagen. „Anna Blum,“ erwiederte die Frau ſehr freundlich, mit einem kleinen kurz abgeſtoßnen Kniks, der Eugenien mit einemmal eine längſt vergeßne Vergangenheit deutlich zurück rief! „Anna! Anna Holderlein!“ rief ſie:„aber Sie nannten ſich Blum, auch der Name iſt mir nicht fremd, doch das kann ja nicht ſeyn, Ignaz Blum iſt ja längſt.. Verzeihen Sie — 182— mir, aber in der That, meine Gedanken ver⸗ wirren ſich ganz.“ 3 „Jeſus Maria!“ rief die junge Frau laut jubelnd,„jetzt erſt erkenne ich Ste an der Sprache!“ und legte das Kind neben ſich in das Gras, und ergriff Eugeniens Hände, und bedeckte ſie mit tauſend Küſſen, ohne daß dieſe es ihr wehren konnte;„ſind Sie denn wirklich Ihro Gnaden, ach ja, Sind ſie es leibhaftig, o über die Freude! Ignaz, Anna, kommt Kin⸗ der, das iſt die ſchöne gütige Dame, von der ich dem Vater immer erzähle:„Eugenia,“ rief ſie, indem ſie das kleine Kind wieder auf den Arm nahm,„ſieh, das iſt deine gnädige Pathe, ja, nun kannſt du lachen und die Händchen nach ihr ausſtrecken, du Schelm! nehmen Ihro Gnaden es mir ja nicht ungnä⸗ dig, daß wir uns unterſtanden haben, dem kleinen Ding Ihren Namen zu geben. Und ach, wie wird mein Mann ſich freuen, wenn er zu Hauſe kommt. Aber daß ich Sie nicht ——ʒV—ʒ— — 183— gleich erkannt habe! Freilich ſind Sie auch ſo blaß, auch etwas mager geworden, Sie ſind wohl krank geweſen? man ſieht es Ihnen wirk⸗ lich ein wenig an, nun Gott und die lieben Heiligen werden ſchon helfen, und auf dem Waſſer in Achen ruht auch ein beſonderer Seegen, es hat ſchon an Manchem Wunder⸗ kraft bewieſen.“ „Ich freue mich, daß es Ihnen wohl geht, Madame Blum,“ ſprach Eugenia mit einem⸗ mal ſo höͤflich⸗kalt und gemeſſen, daß Anna darüber erſchrocken zurückfuhr, und mit ſchmerz⸗ lichem Erſtaunen ſie anſah. Während dieſe dem Erguß ihrer wirklich großen Freude ſich üͤberließ, war in Eugenien die Erinnerung an Annna's eben ſo unerklärlichem als unerwar⸗ tetem Betragen, gleich nach dem Tode eines über alles geliebten Bräutigams, klar erwacht, und hatte das wärmere Wohlwollen, das ſie bei ihrem erſten Anblick für dieſelbe fühlte, in eine Art von Verachtung umgewandelt, — 184— welches ſie ſich nicht die Muͤhe geben mochte, ihr zu verhehlen. „Als ich zuletzt Sie ſah, hatte ich gewiß nicht erwartet, Sie ſo wieder zu finden. Ich wünſche Ihnen Glück dazu, daß Sie die Gabe leicht und obendrein ſo ſchnell vergeſſen zu können, in ſo hohem Grade beſitzen, ſie iſt nicht Jedem verliehen,“ ſetzte Eugenia mit ſcharfem ſchneidendem Tone hinzu, während die Röthe des in ihr aufſteigenden Zornes ihre bleichen Wangen färbte. Anna ſtand vor ihr wie verſteinert, erblaſ⸗ ſend, mit ſchmerzlich zitternder Lippe, Thränen im Auge:„nein, das halte ich nicht aus,“ ſeufzte ſie leiſe vor ſich hin.„Geht, Kinder, geht zurück in den Garten,“ ſprach ſie müh⸗ ſam ſich faſſend.„Ignaz, ſammle die übrigen Blüthen und abgefallnen Früchte, unter den Orangenbäumen hinter dem Hauſe auf, und laß mir keine liegen; Anna, du ſammelſt die abgefallnen Noſenblätter, und ja recht ſorgſam, — 185— mein Herzchen, geht, Kinder, geht, wenn ich den Vater kommen ſehe, rufe ich euch ſchon.“ „Nein, nein, ſo laſſe ich Sie nicht!“ rief Anna, als Eugenia jetzt ebenfalls fortgehen wollte, umklammerte ihre Kniee und hielt faſt gewaltſam ſie feſt.„Ungehört dürfen Sie mich nicht verdammen; hören ja auch die Heiligen im Himmel jeden an, der zu ihnen ſich wendet. Sie waren mir immer wie eine Heilige auf Erden, darum kann ich Ihnen nichts verheh⸗ len. Sie duürfen mich nicht verachten, Sie dürfen mich nicht für ſchlechter halten, als ich bin, und darum muß ich Ihnen bekennen, wovon außer meinem lieben Mann, keine le⸗ bendige Seele etwas weiß und auch nicht wiſſen ſoll. Sie verachten mich jetzt, gnädige Frau, und das darf, das kann ich nicht ſo über mich ergehen laſſen. Sie werden vlelleicht, ja ſie werden gewiß anders von mir denken, wenn ſie alles wiſſen, und Gott und die Hei⸗ ligen mit mir preiſen, die gnädig durch Angſt ——— — 186— und Trübſal mich zu meinem Glücke geführt haben.“ Von neuem bedeckte Anna Eugeniens Hände mit Küſſen, ihr reines klares Auge blickte ſo flehend zu ihr auf, Eugenia konnte dem allen nicht widerſtehen.„Setzen Sie ſich zu mir, Frau Blum,“ ſprach ſie in milderem Ton,„ich will Sie ruhig anhören, und mich herzlich freuen, wenn Alles anders iſt als ich es mir allerdings vorſtellen mußte.“ Anna aber ſetzte ſich nicht, ſondern blieb vor ihr im weichen Graſe knieen, ihr kleines Kind lag neben ihr weich gebettet, und lächelte im ſüßeſten Schlummer. „Als man mein Alles, das Glück meines Lebens davon trug,“ fing Anna nun an,„ha⸗ ben Sie die Gnade gehabt zu mir zu kom⸗ men, meine Mutter hat es mir geſagt, denn ich wußte nichts von dem was um mich ge⸗ ſchah: ſie ſagte mir auch, daß ſie um mich ge⸗ weint haben; das war zu viel, denn ich ver⸗ — 187— diente es damals nicht, mein Schmerz war kein chriſtlicher Schmerz, er kam aus keinem gottergebnen Herzen, wie doch jeder, auch im tiefſten Leid, es ſich bewahren ſoll und muß. Darum hatte auch die heilige Mutter Gottes ſich eine Zeitlang von mir abgewendet, und dem böſen Geiſte der Verzweiflung Raum ge⸗ geben, der mich nicht mehr gläubig beten ließ, der mir die Gedanken verwirrte, in unſaͤglicher Angſt vor der Welt, vor dem Elende, vor der Schande, die ich über mich ſelbſt und über die Meinigen nun bringen mußte. Ach, ver⸗ ſtoßen, verachten ſie mich darum nicht, ich habe ſchwer es abgebüßt. In den Augen der Leute iſt mein Ignaz als mein Bräutigam ge⸗ ſtorben, vor Gott war er mein Ehegatte,“ flüſterte ſte kaum hörbar.„Liebe, Freude über unſer unendlich nahes Glück, Einſamkeit, Ge⸗ legenheit, ach wir lebten ja ſchon unter einem Dache, alles ſchien uns ſchon zu ſehn, wie es doch künftig erſt werden ſollte, und in drei — 188— Wochen war unſer Hochzeitstag beſtimmt!“ ſtammelte ſie faſt unvernehmhar, und verbarg laut ſchluchzend ihr Geſicht. „O ferne, ferne ſey es von mir, den Stab uͤber dich brechen zu wollen, du Arme!“ rief Eugenia ſehr bewegt, und bemühte ſich ſie aufzurichten:„Anna, gute Annal ſetze dich zu mir, faſſe dich, erhole dich, deine Kinder, fremde Leute könnten kommen, ſo darf dich Niemand ſehen.“ Anna trocknete ihre Thränen, und ſetzte ſich aufrecht in das Gras zu Eugenien's Füſ⸗ ſen hin. „Soll ich mein Elend Ihnen noch weiter beſchreiben?“ ſprach ſie als ſie ſich etwas ge⸗ faßt hatte.„Meine Eltern ahneten nichts, Gottlob ſie ſind beide ſanft zur ewigen Ruhe gegangen, ohne es zu erfahren. Mit Todes⸗ angſt ſah ich der Zeit entgegen, in der ich meine Schmach ihnen nicht mehr wuͤrde ver⸗ — 189— hehlen koͤnnen; daß dieſe Zeit kommen werde, kommen müſſe, war mir gewiß; daß es mei⸗ ner Mutter, vielleicht meiner beiden Eltern Tod ſeyn würde, wußte ich ebenfalls. Tag und Nacht ließ der Gedanke, daß ich ihre Mörderin ſey, mir keine NRuhe. An mich ſelbſt, an mein künftiges Leben in Elend und Schande dachte ich kaum, böſe Gedanken ſind mir da⸗ mals oft durch den gottvergeßnen Sinn ge⸗ zogen! aber die Heiligen hielten Wache über mich Sünderin, und wollten doch nicht ganz mich verlaſſen. Wie lange mein Jammer ge⸗ währt hatte, als der Bruder meines Ignaz zu uns kam, weiß ich nicht, Tage und Nächte waren mir gleich, ich konnte ſie nicht merken. Ich denke ichj habe Ihro Gnaden von die⸗ ſem Bruder ſchon erzählt. Er kam, meine El⸗ tern zu troͤſten und ihnen beizuſtehen, als wär er ihr leiblicher Sohn: er ſah ſo mittleidig mich an, er bewies ſich ſo fromm, ſo redlich, ſo gut gegen uns alle drei, mein verhärtetes — 190— Herz erweichte ſich zum erſtenmal wieder, als ich ihn reden hörte.“ „Liebe, liebe gnädige Frau, er ſah ſeinen Bruder auch gar im mindeſten nicht gleich, aber er hatte doch eine gewiſſe Aehnlichkeit mit ihm, und auch ſeine Stimme, und ſeine Troſtesworte klangen mir, als riefe Ignaz ſie aus ſeinem Grabe mir zu.“ „Wie er eine Weile dageweſen, verlangte er, mit mir unter vier Augen zu ſprechen; es ſind wohl ſieben Jahre ſchon her, aber ich weiß doch noch alles was er ſagte, als wäre es geſtern geweſen; liebe Schwägerin ich weiß alles was dich drückt und quält, mein ſeeliger Bruder, Gott tröſt ihn, hat auf ſeinem Ster⸗ bebette mir alles geſchrieben, von dir und von ihm, darum bin ich gekommen dir unter Got⸗ tes Beiſtand zu helfen, faſſe nur Muth und Vertrauen. Ich weiß, du warſt vor Gott wie in ſeinem eignen Herzen nicht mehr ſeine Braut, ſondern ſeine Frau, und weil du den — 191— einzigen Menſchen, den ich ſo über alles lieb hatte, und lieb haben mußte, ebenfalls ſo über die Maßen lieb gehabt haſt, biſt du auch mir erſt recht werth geworden, und ich werde dich ehren und lieben und hoch halten mein Leben lang. Ach, was hat er nicht alles für mich gethan und gelitten! ohne ihn wäre ich ja ganz zu Grunde gegangen! Ich habe viel Noth und Kummer ihm gemacht, und doch verdanke ich ihm alles was ich habe und bin. Er wußte aber auch was er an mir hatte, er kannte mein ganz verändertes Gemüth, darum hat er das Liebſte was er auf der Welt beſaß, dich, ſeine vielgeliebte Anna, in ſeinem Briefe mir ausdrücklich vermacht, und nun bin ich da, um mein Vermächtniß abzuholen, und nun er dahin iſt, wird es auch mir das Liebſte auf Erden ſeyn.“ „O wie ich weinte, ich glaubte in Thrä⸗ nen zu zerfließen, aber ich verſtand es doch — 192— nicht ganz, wie er es meinte, Anton weinte mit mir; Anton heißt er, Ihro Gnaden.“ „Ich denke, liebe Anna, du wirſt dich nicht weigern, den ausdrücklich niedergeſchrle⸗ benen Willen deſſen zu befolgen, der es mit uns beiden ſo gut gemeint hat; thue es um ſeinetwillen, von mir weißt du noch zu wenig, aber du ſollſt es nie bereuen, ihn er⸗ füllt zu haben, das gelobe ich dir als ein redlicher Mann, bei dem Andenken meines Bruders, der ſo früh ein Engel im Himmel werden mußte, weil er hier auf Erden ſchon einer war. Laß mich ganz an meines Bru⸗ ders Stelle treten, wie er ſelbſt es angeord⸗ net hat, werde meine liebe Frau und folge mir mit deinen Eltern in meine Helmath, dort wollen wir beide ſie pflegen bis an ihr ſeliges Ende. Und wenn du gleich mit mir getraut biſt, ſollſt du doch, von mir ungehindert, dein Wittwenjahr halten, wle es recht und billig iſt; und ich will mit dir um unſern Ignaz — 193— trauren, und wir beide wollen ſein Andenken immer in Ehren halten; und ſein Kind, wenn es das Licht der Welt erblickt, ſoll mein Kind, vor der Welt wie in meiner Liebe ſeyn, und Niemand ſoll um dieſes Geheimniß wiſſen, auch deine Eltern nicht, denn ſie ſind ſchwach und da nimmt man nicht alles ſo mit der gehörigen Nachſicht mehr auf. Aber um dieſes Geheimniß recht ſicher auch in der Folge zu bewachen, wird es nothwendig ſeyn, daß wir uns ſo bald als möglich trauen laſſen, lieber heute als morgen, damit allem künftigen Arg⸗ wohn vorgebeugt wird. Um das Gerede der Leute hier kümmere dich nicht, du ſollſt nicht darunter leiden; und es geht dich auch wei⸗ ter nichts an, denn wir reiſen gleich nach der Helrath nach Hauſe, und es wird dir und deinen Eltern dort gewiß recht gefallen. Ich bin geworden, wornach mein Jugendſinn ſtrebte, der damals meinem lieben Bruder ſoviel Kummer und Noth gemacht hat. Ich bin II. 13 ————— — 194— weit von hier, bei einer großen Fabrik an⸗ geſtellt, und habe mein reichliches Auskom⸗ men, für mich und Frau und Kinder; dabet Arbeit die Hülle und die Fülle, zu meiner größten Luſt. Ach wie oft habe ich meinen lieben Bruder gebeten, zu mir zu kom⸗ men, und mein Glück mit mir zu theilen, aber er wollte nicht fort von hier, um deinet⸗ willen, liebe Anna, weil er wohl wußte, daß du deine Eltern nicht verlaſſen konnteſt; er war auch der Meinung, daß Keiner ſich von Andern helfen laſſen muß, der ſich ſelbſt noch helfen kann. Er hat mir nie geklagt, obgleich es ihm oft knapp genug gegangen ſeyn mag, wie ich jetzt leider zu ſpät merke. Du wirſt es gut haben bei mir, liebe Anna, und deine Eltern auch; zu Hauſe iſt ſchon alles auf dei⸗ nen Empfang eingerichtet, denn ich habe den Leuten geſagt, daß ich heimreiſe, um mir aus der Heimath eine liebe junge Frau zu holen.“ „Anton ſagte das Alles nicht ſo in einem — 195— Stücke hin, wie ich es Ihro Gnaden hier er⸗ zͤhle, ich ſprach wohl manchmal mit darein, aber immer kam er darauf zurück, daß der ſelige Ignaz es ſo angeordnet habe, und was konnte ich dagegen einwenden? er zeigte mir auch den Brief, aber ich konnte ihn vor Thrä⸗ nen nicht leſen. So gingen wir denn hinunter zu den Eltern, Anton trug die Sache ihnen vor, er wußte ſeine Worte gut zu ſtellen, und ſie willigten in Alles, weil der ſelige Ignaz es ſo gewollt, und dankten mit lauter Stimme Gott, der es ihm in's Herz gegeben, noch im Tode für mich Verlaßne zu ſorgen. Wir wur⸗ den getraut, ach Ihro Gnaden, das war ein trauriger Tag! aber Anton bewieß ſich ſo himmliſch gut gegen mich, und iſt es geblieben bis auf die heutige Stunde. Alles, alles was er mir verſprochen, hat er redlich gehalten.“ „Wenn ich täglich um Ignaz weinte, und ſeinen Tod nicht vergeſſen konnte, ſo hatte er nicht nur Geduld mit mir, er theilte meinen 13* — — 196— Schmerz; Ignaz iſt gleichſam der Schutzgelſt unſres Hauſes, an den wir täglich denken, in Freud und Leid. Als mein Aelteſter geboren war, nahm Anton mit Freudenthränen ihn in den Arm, wie nur ein wirklicher Vater es ge⸗ konnt häͤtte, und bis auf den heutigen Tag iſt der Knabe ſein Liebling geblieben, weil er dem geliebten Verſtorbnen in Allem ſo ähnlich iſt, wie ein Waſſertropfen dem andern, nur die Augen und die Haare hat er von mir. Anton hat ſich in ſeinen Geſchäften ſo gut betragen, daß unſer Herr, unerachtet ſeiner Jugend, ihn vor drei Jahren als Oberaufſeher bei der Fa⸗ brik angeſtellt hat. Unſre Lage wurde dadurch noch ſehr verbeſſert, und wir bezogen dieſe ſchöne Wohnung. Gottlob, unſre Eltern ha⸗ ben das noch erlebt, erſt vor einem Jahre ſind beide bald nach einander— Ach da kommt er!“ rief Anna hier plötzlich abbrechend, ſprang auf und nahm die noch ſchlummernde Kleine vor⸗ ſichtig in die Arme:„Kinder, Kinder ge⸗ ſchwinde, der Vater kommt,“ rief ſie ſo laut ſie konnte. Ignaz und die kleine Anna eilten jauchzend herbei, in weiten Sprüngen lief Ignaz dem Kommenden entgegen, warf ſich ihm um den Hals, und der Freudenbezeugungen war von beiden Seiten kein Ende, bis auch Anna mit den beiden kleinern Kindern hinzukam, um ebenfalls Theil daran zu haben. Wehmüthig ernſt betrachtete Eugenia aus der Ferne die heitere Gruppe, ſie fühlte ganz den hohen Werth des ſtillen Gluͤcks dieſer ein⸗ fachen Seelen, und gedachte dabei ſeufzend der tiefen Verödung ihres eigenen Lebens. Ihre Kräfte waren jetzt der völligen Erſchöpfung nahe, kaum daß ſie noch Antons Herankom⸗ men abwarten konnte, dann ließ ſie ihren Wagen herbei holen, nahm gerührt Abſchied von dem glücklichen Paar, dem ſte verſprach, es nächſtens auf einen ganzen Tag zu beſuchen, —— — 198— und fuhr noch ſtlller, noch bläſſer als gewöhn⸗ lich nach Aachen zurück. Mit den Veilchen des nächſten Frühlings zugleich ſank auch Eugenia in ihr Grab. Eine unheilbare Erſchöpfung ihrer Lebenskraft beendete ſanft, in der vollſten Blüthenzeit ihrer Jugend, ihr früh zerſtörtes kurzes Leben. In ſtillem Frieden, den ſte auf Erden nicht zu finden wußte, ruht ſie unter einem prachtvollen Marmorſtein von ihrem verfehl⸗ ten, verkünſtelten Daſeyn aus, das ſich ſo glücklich hätte geſtalten können, hätte ſie nicht allzu gewaltſam von den Verkehrthelten der Welt, in die ihr Schickſal ſie geworfen, ſich hinreißen laſſen, wäre ſie nur der Natur ge⸗ treuer, und auch gegen ſich ſelbſt immer wahr geblieben. 8 Anna lebt noch, denn ihre einfache Geſchichte iſt in der That keine Erdichtung; alle Haupt⸗ züge derſelben ſind dem wahren wirklichen Le⸗ ben entnommen. —— — — 199— Im heitern Kreiſe ihres Hauſes, wo ſie als glückliche Mutter, von einem vollen rei⸗ chen Kranze blühender Kinder umgeben, ſtill freundlich waltete, von der ganzen Nachbar⸗ ſchaft geehrt und geliebt, iſt ſie die Freude und der Stolz ihres wackern Mannes, und nie hat auch nur der Schatten eines Makels ihren guten Namen berührt. Niemand hat eine Ahndung davon, wem ihr äͤlteſter Sohn eigentlich das Leben verdankt, er iſt und bleibt der Liebling beider Eltern, be⸗ ſonders aber hängt Anton mit wahrhaft rühren⸗ der Liebe an dem ſchönen Knaben, in welchem er das vollkommene Ebenbild des geliebten früh verlornen Bruders, dem er alles verdankt, wieder aufblühen ſieht, und deſſen Andenken mit einer Art Schwärmerei heilig hält, die man dem heitern, rüſtigen, praktiſch⸗tüchtigen Manne kaum zutrauen ſollte. — 4 2 ——— ffffſfffffff fffffffffen 10 11 12 13 16 17 18 19 20