Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ e — den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: 2 Tel— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 8 d „„ 5„=„ nä= b 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerrifſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erfetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. - . 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf i4 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3 — 3 Die Jahrszeiten. Ein lyriſch-didaktiſches Gedicht von Friedrich Schmitthenner. —— Erſte Abtheilung. Der Fruͤhling. —— Gieſſen, gedruckt bei Georg Friedrich Heyer. 1829.— lyriſch-didaktiſches Gedicht don Friedrich Schmitthenner. Worwort. Von einem größern Gedichte, das die Reflexionen meiner einſamen Stunden enthält, übergeb⸗ ich hie⸗ mit einen Theil, meiſt das Erzeugniß meiner frühern Jugend, der Preſſe, weniger um ihn in das größere Publicum zu bringen, ſondern um in den Kreiſen meiner Freunde und Schüler, denen mich die wech⸗ ſelnden Verhältniſſe des Lebens entriſſen, mein An⸗ denken zu erneuern.— Auf den Namen eines vollendeten Kunſtwerkes machen dieſe harmloſen Verſe keinen Anſpruch; denn ſie ſind nicht nach vorbedachtem Plane, ſondern zu⸗ fällig, wie Geiſt und Gefühl mich trieben, entſtan⸗ den. Abſicht iſt es indeſſen, daß oft der Choriambus im Anfange des Verſes für den Dijambus ſteht; wie ich überhaupt im Versbau den Regeln gefolgt bin, die ich in meiner Ausführlichen deutſchen Sprachlehre aufgeſtellt habe. Hoffentlich wird ſich kein zartes Gemuͤth daran ſtoßen, wenn in dem Frühling, der wieder den Ein⸗ gang zu dem größern Ganzen bildet und, wie be⸗ merkt, meiſt Erzeugniß früherer Jugend iſt, nicht alle Fragen über die höhern Verhältniſſe des Lebens genügend gelöſ't ſind. Ich bin in dieſer Hinſicht ängſtlich. Denn ſo herzlich ich den dummen Zeloten haſſe und den freien Glauben ehre; ſo halt' ich es doch für den Beruf des Dichters, nicht zu zerreißen und niederzubeugen, ſondern zu verſöhnen und zu erheben. Dr. Schmitthenner. + 2& do Eingang. 1. Ich ſah die hohe Schönheit auf der Erde Im Schimmer himmliſcher Vollendung glühn; Ich ſah mit ſüßer, ſeliger Gebärde Die Freude durch das Menſchenleben ziehn; Ich ſah den Ruhm, im Sturm der Schlacht errungen, Hoch-leuchtend um das Haupt des Helden wehn; Den Erdengott, der ſeine Welt bezwungen, Im lauten Lärm der Huldigungen ſtehn. 2. und ſieh, die Schönheit, die den Engel mahlte, Der Jubel, der bei hohen Feſten klang, Der Ruhm, der um das Haupt des Helden ſtrahlte, Der Erdengott, der ſtolz das Zepter ſchwang, Und alles Große, das ich hier gefunden Des Lebens Prunk, der Menſchenwerke Pracht, Sind von dem Angeſicht der Welt verſchwunden, Wie von der Stirn ein bunter Traum der Nacht. Schmitthenner's Jahrszeiten. 1 3. Mit Träumen trat ich auf des Lebens Schwelle und ſah entzückt die Welt voll Wunder an, Begeiſtert eilt' ich zu der Freudenquelle, Die taumelnd meine Blicke ſprudeln ſah'n. Die holde Hoffnung mit dem Zauberſtabe 5 Gieng mir voraus in's angeſtaunte Land, Die Liebt bot mir ihre ſchönſte Gabe Der Glaube kam und reichte mir die Hand. 6. und ach! auf einmal von dem Wahn geneſen, Erwacht' ich bebend, aber glaubte kaum, Daß alles Traum und eitel Trug geweſen, 8 und ſuchte trauernd nach dem ſchönen Traum. und als mein Blick ſich hob, von Thränen freier, Die Liebe ſuchend und der Hoffnung Licht, Da blickt' ich durch des Wahns zerriß'nen Schleier Der Würklichkeit in's blaſſe Angeſicht⸗ 5. Als ich nun Alles wandeln ſah im Leben,) Wo nur ein ewiges Vergehen bleibt; Mich ſelber auf dem Rad des Wechſels ſchweben, Das unaufhaltbar auf und nieder treibt: 3 Da flüchtete die Seele ſich voll Schrecken Von den Erſcheinungen der Gegenwart, Und ſchwang ſich auf, die Räume zu entdecken, Wo wandellos das Ewige beharrt. 6. Den hohen Hort der Wahrheit aufzufinden, Durchzog ſie der Gedanken weites Land, und kann nun, kehrend aus den Irrgewinden, Kaum ſagen, daß ſie den erſehnten fand. Nur Blumen hat ſie hier und dort gefunden, Wie ſie der Luſt, wie ſie dem Leid entblühn; Zu Kränzen hat die Muſe ſie gewunden, und reicht verſchämt die ſchlichten Kränze hin. I. Geſang. Der Morgen. Sonnenaufgang. Allgegenwart Gottes. . 7. Die Nacht entweichet, lichter wird der Schleier, Der um das Angeſicht der Dinge fließt; 3 Still rüſtet ſich die Erde zu der Feier Des jungen Tags, der dämmernd ſie begrüßt. Verſtohlne Stimmen aus des Waldes Klüften Und leiſe Töne der bethauten Flur 3 Verſchweben in den aufgewachten Lüften Wie glühende Gebete der Natur. 8. Jetzt, wo zum Feſte mich die Schöpfung ladet, und Geiſt des Lebens durch die Kühle haucht, Jetzt auf, und in dem Quell der Kraft gebadet, In Morgengluth die ird'ſche Bruſt getaucht! 5 Am Fuß des Hügels dort, wo über Kieſeln Vom Felſen nieder in die Tannennacht Des Quellbachs Silberwellen ſchwätzig rieſeln, Laß mich den Tag begrüßen, der erwacht. 9. Wie du mich anblickſt, ſüßer Stern der Liebe, Der ſtrahlend du im blauen Oſten ziehſt! Wie du dich hebſt, mein Herz, in heißem Triebe Dem ſchimmernden Geſtirn entgegen glühſt! Weit ſchwebt es durch des Himmels reine Räume, Weit von der Erd' ihm der Gedanke nach, Sein Strahl berührt den Blick und tauſend Träume Der tief-bewegten Seele werden wach. 10. Woher die ſtillen, räthſelvollen Schauer, Die Gluth der Sehnſucht durch die Seele wehn? Woher des Geiſtes wunderſame Trauer, Mit der wir aufwärts zu den Sternen ſehn? Woher, daß Alles mächtig aufwärts ſtrebet, Was aus dem Mutterſchoß' der Erde blüht, Daß Alles, was dort fühlend ſich erhebet, Sich von dem Staube los zu kommen müht? Wohl ſcheint es Wahrheit, daß von höhern Sternen Der Keim der irdiſchen Geburten ſtammt, Da täglich noch aus jenen ſtillen Fernen Das Oel ſich gießt, von dem das Leben flammt. Erfreuend ſtrömt es aus den ew'gen Quellen, All-würkſam ſtrahlt es in der Erde Schoß Und zündet Leben an, die Keime ſchwellen Und winden ſich zum heitern Daſein los. 12. Gegrüßt hienieden ſei das Licht vom Himmel, Dos Gluth des Lebens in die Tiefen flößt, und zu des Daſeins freudigem Gewimmel Der Schwere Band durch ſeinen Zauber löſ't;z Wo ſeine Kräfte nicht beglückend walten, Da ſchimmert nicht des Lebens ſüßer Schein, Da kehrt der Tod mit ſeinen Schreckgeſtalten In den Behauſungen der Nächte ein. 13. Sie kömmt! Sie kömmt! Süß⸗lächelnd kömmt die Sonne, Ein Purpurmeer umfluthet ihre Bahn, und Leben-wekend ziehen Wärm' und Wonne Der holden Königinn des Tag's voran. 3 7 Indem die Strahlenfluten ſich ergießen, Erheben ſich vom tiefen Bett der Au In ungeheuerm Zug die Nebelrieſen Und Diamanten gleich erblinkt der Thau. 14 Sanft=ſchimmernd ſpielet um der Berge Gipfel, Wie Blitze leicht-beſchwingt der Morgenglanz und zuckt purpuriſch durch die dunkeln Wipfel Des Tannenhains in geiſterhaftem Tanz, Und weiter, immer weiter trägt ſein Schweben Von Berg zu Berg, vom Blicke kaum erreicht, Bis, wo die fernſten Höhen ſich erheven, Sein Gold in wolkenloſem Blau verbleicht. 15. Mit ſüßen Trillern hebt in's Reich der Lüfte Des Morgens Botinn ſich, die Lerch', empor, und kaum erreicht ihr Ruf des Waldes Klüfte, So ſchallt in freudigem Akkord' ſein Chor. Wild-jubilirend wirbelt jene Kehle Der Freude Lieder durch den dunkeln Hain, und zagend, klagend, voll Gefühl und Seele, Miſcht dieſe ſanfteres Getön' hinein. Der Andacht Feuer glüht durch die Geſänge, Des Schöpfers Hohheit feiert die Natur, und zündend bahnt die ſüße Gluth der Klänge Zur Menſchenbruſt ſich die geheime Spur. O Klara, ſage mir, was Luſt und Schmerzen Geheim hinüber in die Seele ſpielt, Warum das Klaggetön der kleinen Herzen So tief im großen menſchlichen ſich fühlt? 17. Was iſt es wol, was Seel' an Seele bindet, In ewig ungeſtörter Harmonie Die Welten auf verſchlung'nen Bahnen windet? Wir nennen's Kräfte, Liebe, Sympathie. Doch wer kann finden, wer vermag zu faſſen, Was ſich belebend in dem Innern regt, Wo ſcheinbar nur in toden, trägen Maſſen Ein Weltſyſtem mechaniſch ſich bewegt. 18. Von Pol zu Pol der Welten ſtrömt ein Leben, Auf ſeinen Quellen ſchläft die Ewigkeit, Die Wellen, die aus ſeinem Schoß ſich heben, Geſtalten ſich zum Wechſelſpiel der Zeit; 9 Und wie die Wellen auf dem Weltmeer wallen, So ſchwebt die Seele auf dem Meer der Welt; Die Wellen wogen, wirbeln und zerfallen, Die Seele ſchwindet und die Form zerſchellt. 19. Doch in der Formen ſtetem Uebergange Iſt eine ew'ge Ordnung aufgeſtellt, Ein Staubkorn nimm aus dem Zuſammenhange, Und in einander bricht der Bau der Welt; und ruhig in dem wilden Wechſel waltet Der Wandelloſe, der ihn ſicher lenkt, Hier eine Welt zum Lebenslicht entfaltet, Dort in ein Auge Todesſchlummer ſenkt. 20. So ſpielt mit ſüßen, wunderſamen Klängen In Waldes Nächten eine Sängerinn; Sich ſelber übertreffend in Geſängen, Verſteht ſie nicht der Lieder hohen Sinn; Denn was die Klagen voll Empfindung dichtet Und von den Lippen ſeiner Kreatur Ermahnend an die Menſchenſeele richtet, Das iſt die große Seele der Natur. 10 21. Wo bin ich? Rings Geheimniſſe und Wunder, Der Weltenabgrund wölbt ſich über mir, und führt unendlich unter mir hinun ter, Ein Staub im Alle, ſteh' ich bebend hier. Horch! Stimmen, ſüß wie Gruß der Freundesgeiſter! Sie reden meine Seele traulich an, Nennt mir, ihr Stimmen, den verhüllten Meiſter, Der uns erhält im Weltenocean! 22. Um Erden ſeh' ich ſtille Monde tanzen, um Sonnen winden ſich die Erden hin, Und eine Sonne ſteht im großen Ganzen, In deren Schimmer alle Welten glühn. Hier frag' ich nach dem großen Weltenmeiſter, — Gott wohnt nicht, wo der Sterne höchſter ſteht 3 Er iſt die Sonne in dem Reich der Geiſter, Und iſt der Geiſt, um den die Welt ſich dreht. 23. Was kräftig rings das Leben umgeſtaltet, Was unermüdlich in der Tiefe ſchafft, und raſtlos Blüthen an der Sonn' entfaltet, Das iſt ſein Arm, das ſeine ew'ge Kraft; — 11 Vor ſeinem Blicke wandeln alle Weſen, Er leiht das Leben und des Lebens Luſt, und legt, wann ſich im Tod die Glieder löſen, Mit treuer Hand ſie an des Friedens Bruſt. 24. Genade meiner Seele, Gott der Sterne, Ich fühle ſchaudernd deine Majeſtät; Du walteſt hier und in der blauen Ferne Bis drüben, wo der letzte Athem weht; Im dunkeln Sturm, der unter Erderbeben Die Eichen knickt, die Thürme niederreißt, und in den Lüften, die um Blüthen ſchweben, Verehr' ich deine Nähe, guter Geiſt. 25. Die große Burg, die ſich aus dunkeln Gründen Zu Höhen hebt, wo dem Gedanken graut, Und Weltſyſteme unerkannt verſchwinden, Die große Sternenburg haſt du gebaut; Das Schauſpiel, wo das Schickſal Völker richtet Und bald dem Ruhme, bald der Schande weiht, Die Weltgeſchichte, Gott, haſt du gedichtet, In Allem Alles, Gott von Ewigkeit. 1² 26. Ein Paradies, durch Zauberſpruch geſtaltet, Voll Wonnen und voll Wunder iſt die Welt, Hier, wo die Wuth der Sterblichen nicht waltet und, was Du ſchufſt, mit Frevelſinn entſtellt; Rings ſchauern ſüße Nachtigallenlieder In Balſamdüften der beblümten Flur, Vom Himmel fließt ein mildes Licht hernieder und reizt und regt die Kräfte der Natur. ⸗ 27. Hier, wo die Tage ſchmerzenlos enteilen, Im Eden der Natur, das um mich blüht, Hier laß mich wallen, laß mich glücklich weilen, So lang Gefühl in dieſem Herzen glüht, 4 Und wann das ſüße Daſein einſt genoſſen, Wann nach des Lebens ſchnell- verſchwund'ner Luſt, Mein Auge ſich zum langen Schlaf geſchloſſen, So ruhe ſanft mein Haupt an ihrer Bruſt. 13 II. Geſang. Die Schöpfung. Der Menſch. Die Geſchichte. 28. Voreinſt—, ſo melden halb- verklungne Sagen,— umfieng das All noch dumpfe Dunkelheit, Still war die Nacht; die Elemente lagen und ſchliefen feſten Schlaf der Ewigkeit, Und ob des Abgrunds ſtummen Schrecken ſchwebte Einſam der Geiſt des Unerſchaffenen, Kein Athem wehte, keine Seele lebte, Er war allein im Unermeßlichen. e a 29. Ermüdet durch die Ewigkeit voll Grauen,, Beſchloß er für die Luſt ein lautes Haus Voll Lebender und Liebender zu bauen, und ſprach das große Wort des Werdens aus. Da regten und bewegten ſich die Tiefen, Der wackre Geiſt des Lebens ſtieg herauf und rief die Elemente, die da ſchliefen, Die Welt zu bauen und zu bilden auf. 30. Das Waſſer, das mit nimmer müdem Fleiße Die Miſchungen der Stoffe regt und rührt; Die Luft, die lauſchende, die lind' und leiſe Umherſchleicht und des Lebens Flamme ſchürt; Das Licht, der leichte, luſtige Geſelle, Der durch die große Werkſtatt der Natur Geſchäftig wandert mit Gedankenſchnelle, Der Gottheit Sohn, der Freund der Kreatur. 31. und alle Kräfte, all' die dienſtbar'n Mächte Erwachten raſch und hoben ſich empor, Die Sonnen blitzten aus dem Schoß der Nächte, Den hehren Tanz begann der Sterne Chor. Hoch droben ſiehe ſie voll Schönheit prangen, Sie ſchimmern jugendlich von ihren Höh'n, Zweihundert Menſchenalter ſind vergangen, Sie ſind noch jung und ſind noch immer ſchän. 1 15 32. In jenen Weiten ſchweifen die Gedanken, In ihr Geheimniß ſpäht des Geiſtes Blick, Doch unerſteigbar ſind die alten Schranken, Und der Gedanke kehret matt zurück, Und ſinkt auf einen Stern, wo Fluch von Sklaven, Wo Wehruf unterdrückter unſchuld ſchallt, Und über Gräbern, wo ſchon Tode ſchlafen Zum Himmel an die Leichenglocke hallt. 33. Das iſt das Erdenrund, das durch die Nächte Des weiten Oceans der Welten ſchwimmt, Ein Eiland, einem göttlichen Geſchlechte Zur Stätte ſeiner Würkſamkeit beſtimmt. Ein Bild aus Staub, doch wunderbar vollendet, In das der Geiſt der Gottheit denkend fuhr, Das hohe Antlitz himmelwärts gewendet, Lebt dort der Menſch, die Krone der Natur. 34. Im Umkreis der Erſchaff'nen ohne Gleiches, Im ew'gen Wechſel ſeiner ſelbſt bewußt, Im Haupte Sonnenlicht des Geiſterreiches und Höll' und Himmel im Gewölb der Bruſt; äeee“ 16 So ſteht er vor dem Angeſicht der Sterne Und träumt ſich dort ein ſchön'res Vaterland, Es ruft, es reißt ihn ewig in die Ferne und hält ihn ewig an den Staub gebannt⸗ 35. Mit freier Wahl zu ſuchen und zu meiden, Halb Thier, halb Gott, das Wunder dieſer Welt, Iſt er am Rande, wo zwei Welten ſcheiden, Erhaben und gefährlich hingeſtellt; Wann er die Seele rein bewahrt vom Böſen, Der Erbe göktlicher Glückſeligkeit, Und das unſeligſte von allen Weſen, Wann er den Himmel ſeiner Bruſt entweiht, 5 36. Das Böſe ſoll nicht ſein, das Gute ſiegen; In ſeinem Innern eine Stimme ſpricht, Und mag die Jugend ewig unterliegen, Die Stimme läßt von ihrer Ford'rung nicht. Er ruft des Himmels Mächten— doch ſie ſchweigen. Und was ihm hier die Gegenwart nicht gab, Das, meint er, werde dort die Zukunft reichen, und hofft den Himmel— und verſinkt in's Grab. 17 37. Welch Schickſal ruft auf dieſem Erdenrunde und auf der Menſchheit, die hier leidend lebt? Wer iſt der Sehende? Wer giebt mir Kunde? Iſt keine Hand, die mir den Schleier hebt? Um uns und über uns iſt Nacht, wir wallen Im Dämmerlichte der Vergangenheit, Und auf den Morgen der Geſchichte fallen Die ſchwarzen Schatten einer Ewigkeit. 38. Doch ſtreben ſoll der freie Menſch und wagen Den Aufſchwung zu der Wahrheit goldnem Licht, Wer reines Herzens nahet, dem verſagen Die Himmliſchen den Lohn des Strebens nicht. Was ſie beſchloſſen mit der Nächte Siegel, Das ſtehet klar vor ſeinem Auge da; Denn ewig zeigt die Geiſterwelt im Spi egel, Was je im Reiche der Natur geſchah. 39. Erſt herrſchten die zerſtörenden Gewalten, Des Abgrunds finſtre Geiſter hatten Macht, Es konnte ſich nichts Bleibendes geſtalten, Und was der Tag gebar, verſchlang die Nacht. Noch würkte ſich in Mißgeſtalt verloren Der Trieb der Schöpfung unbewältigt aus, Die Ungeheuer wurden da geboren Und zogen waltend in die Welt hinaus. 40. Mit hoher, götterähnlicher Gebärde Erſchienen in dem Vollbeſitz der Kraft, Die Helden dann im Reich der jungen Erde Und griffen muthig nach des Speeres Schaft. Kampfluſtig maß in mörd'riſchem Gefechte Sich mit den Ungeheuern ihre Schaar, Bis vor des Lichtes ſchönerem Geſchlechte Die Brut der Finſterniß verſchwunden war. 41. Nun kam der Geiſt des Friedens auf die Erde, Glückſelig trieb auf ſegenreicher Flur Der Hirte ſingend ſeine traute Heerde Und opferte den Mächten der Natur. Noch zogen hehre, himmliſche Geſtalten Auf Wegen, die des Menſchen Fuß betrat, Und wunderbare Götterſtimmen hallten Dem Zweifelhaften aus der Tiefe Rath. 19 42. Noch war kein Schmerz, noch wühlten ſcharfe Und grimme Reu' nicht durch des Menſchen Bruſt, Des Schickſals Schrecken waren ihm verborgen, Die dunkeln Graun des Todes unbewußt. Weh' uns, verſchwunden ſind die goldnen Tage Der friedevollen Unentſchiedenheit; Nur in der dumpfen halbverſcholl'nen Sage Verblieb ein Nachhall ihrer Seligkeit. 43. Die frei auf Haiden ihre Heerden führten Vereinte nun des Staates ſchöner Bund, Und als die Kräfte zündend ſich berührten, Ward alles Göttliche des Herzens kund, Und als die Menſchheit in ſich ſelbſt gefunden, Was himmliſch iſt und wahr und gut und ſchön, Da war der Götter ſtolzes Reich verſchwunden, Verödet ſtanden des Olympos Höh'n. 44. Wohl ſagten Prieſter, daß ſie droben thronten; Allein im Weltlauf ward es offenbar, Daß ſie das Haupt des Schuldigen verſchonten, Indeß der Edle Ziel des Zornes war. Sorgen —y⁴——— Ein großes Schauſpiel zeigte die Geſchichte, Der Menſchengeiſt, gekräftigt und erhellt, Saß über ſeine Götter zu Gerichte und ſtürzte höhnend ſie vom Thron der Welt. 45. Und in dem Herzen, das zum Heerd der Liebe Die Himmliſchen gebildet und geweiht, Entbrannten nun der Selbſtſucht heiße Triebe, Die Leidenſchaft in aller Schrecklichkeit, Aufloderten des Bürgerkrieges Flammen, Die Erde ward voll Toben und Tumult, Der Bau der Staaten brach im Sturm zuſammen, Die Freiheit floh aus einer Welt voll Schuld. 46. Es geht ein guter Geiſt durch die Geſchichte, Auch Arges lenkt er lindernd zu dem Ziel; Doch fordert frech der Gräuel die Gerichte, So tritt er ſtrafend in das frevle Spiel. Dann kommen Zeichen und geſchehen Wunder Das Ungeſehene tritt ſichtbar auf, Die alte Welt mit ihrer Schuld geht unter Und neue, ſchön're Zeiten ziehn herauf. 21 47. Ein milder Jüngling ſtieg zur Erde nieder, Wo von des Horebs Höhn der Kidron fällt, Der ſprach voll Sanftmuth: Menſchen liebt euch wieder, Die Liebe waltet auf dem Thron der Welt! Die Welt, vom Geiſt der Finſterniß geleitet, Empfieng das Wort mit übermuth und Spott, In Schmerz und Schmach des Irdiſchen entkleidet, Entſchwebte zu des Himmels Höhn der Gott. 48. Jedoch ſein Wort verſcholl nicht mit dem Toden, Denn in ihm war des Himmels Kraft und Reiz, In alle Welten zogen ſeine Boten Und lehrten fromm das hohe Wort vom Kreuzz Obwohl verfolgt, erklang's im Schoß der Nächte Leiſ von Jahrhundert zu Jahrhundert fort, Denn Kraft verliehn des Himmels hohe Mächte Den Tod zu leiden für das theure Wort. V — ͦ ͦ-oco———— 49. Auf fuhr im Zorn der finſtre Geiſt der Erde und trieb, wie Sturm ein wetterdunkles Meer, Mit wildem Wüthen eine Völkerheerde Im Umkreis der bewohnten Welt einher. —— 1 Doch ob mit Schrecken ſich die Erde füllte, Bei'm Sturz der Throne, bei der Völker Mord Der Sturm am Himmel der Geſchichte brüllte, Sanft in ſein Sauſen klang das Himmelswort. 50. uUnd freundlich leuchtete mit warmer Wonne, Als ſich der Windsbraut wilde Wuth gelegt, Am Firmament die ſüße Geiſterſonne, Zu neuem Leben ward die Welt erregt, Der Laie riß die Binde vom Geſichte, Der Sklave warf die Ketten jubelnd hin, Und Fried' und Freude blühten vor dem Lichte, Das ſegenreich in's Erdenleben ſchien. 51. Unſterblich aber, wie das Haup der Hyder Mehrfältig wächſ't, ſo oft es blutend fällt, Erhebt ſich der gebannte Typhon wieder Und ſchreitet wild durch die erſchrockne Welt, Und wo, die Weltgeſchichte zu vollenden, Der Genius der Menſchheit vorwärts ſtrebt, Da ſucht ihn der gewaltige zu wenden Und rührt die Kräfte, daß die Welt erbebt. So ſtrömet die Geſchichte, Nacht- umſchleiert! Unzählliche Geſchlechter haben laut Das Feſt des Lebens an dem Licht gefeiert Und Werke für die Ewigkeit gebaut; Die Sonne ſteht noch an dem Firmamente, Die all-erfreuend ihren Tag erhellt, Doch jene Menſchen, jene Monumente . Sind weggeſpült vom Angeſicht der Welt. 53. Da ſtehen wir. Die Stunden ziehn vorüber, Wie Well' an Welle raſtlos drängt und treibt, Vorüber Alles, Leid und Luſt vorüber, Kein fühlend Herz, kein Marmordenkmal bleibt, Und ſehen kann kein Seher dieſer Erden, 3 Was ungeboren ſchläft im Schoß der Zeit; Doch wiſſet, was wir werth ſind, wird uns werden, Das Schickſal richtet mit Gerechtigkeit. — 54. Wol iſt das Leben Streben nur und Streiten, Der Tod allein Befriedigung und Ruh', Und über Schutt und Scheiterhaufen ſchreiten Die Schickſalsgeiſter ihrem Ziele zu 24 Doch keine Thräne rinnet hier vergebens, Kein Tropfen Blut wird ohne Frucht geſä't, Denn aus der Aſche des erloſch'nen Lebens Erſteht der Geiſt in höh'rer Majeſtät. 25 III. Geſang. Die Blumenwelt. Die Kindheit. Die Liebe. 55. Welch Paradies hat ſich umher geſtaltet, Indeß mein Geiſt den Strom der Zeit befuhr, Als hätten Feien zauberiſch gewaltet, Umglühen ſüße Reize die Natur! Als fühlte ſich im Innerſten die Erde Von Luſt durchbebt, von heißer Lieb' entbrannt, So ſteht ſie da, mit lächelnder Gebärde Das Angeſicht dem Himmel zugewandt. 56. Im Walde ſchweift der Liebe ſüßes Wehen, Ihr Schimmer glühet in der Auen Pracht, In Thales Tiefen und in Himmels Höhen Erfahren die Lebend'gen ihre Macht. Schmitthenner's Jahrszeiten. 2 Den Hain durchhaucht wie Klänge der Strenen Voll Zaubersmacht das Lied der Nachtigall Und weckt im Buſen ſchmerzlich ſüßes Sehnen, Wie in der Schlucht der Hall den Widerhall. 57. Gewürzig, wonnig ſchweben Blüthendüfte In unſichtbaren Wolken um mich hin Und miſchen Balſam in die milden Lüfte, Die buhlend um die bunten Blumen ziehn; Denn ſieh! die Blumen in des Thales Tiefen, Die, von dem Kelche ſicherm Schirm bedeckt, Beim kühlen Hauch der Morgenwinde ſchliefen, Hat alle nun der Sonne Strahl geweckt. 58. Sieh, wie ſie drüben an dem heitern Hügel Im Schimmer unentweihter Jugend glühn, Und drunten an des Baches lauterm Spiegel; Des Bildes ſtolz, ſehn ſie die Wellen ziehn. Geſchmückt mit ſilberhellem Thaugefunkel, Erfüllen ihre Schaaren Thal und Höhn, Bis drüben, wo im heil'gen Schattendunkel Die letzten in dem Weiß der unſchuld ſtehn. Seid, Blumen, mir gegrüßet! Mit Entzücken Durchſchauern mich die Wonnen eurer Flur. Ihr ſchweigt ſo ſtill, allein aus euern Blicken Spricht ſinnvoll zu dem Herzen die Natur. In euch verehrt mein Herz der Mächte Walten, Die, was ſie wirkten in der heil'gen Nacht, Geſchäftig nun am Sonnenlicht entfalten In ſüßem Glanz, in hoher, lichter Pracht. ————— 2 — 60. So lang mit ſeiner Wetter finſterm Schwarme Der Winter wüthend durch die Felder fuhr, Lag, wie ein Toder in des Friedens Arme, Der Keim am treuen Herzen der Natur. Und als der Lenz erſchien und Hauch der Liebe Belebend glühte durch der Mutter Schoß, Da wacht' es auf in friſchem, freiem Triebe, Und wand ſich von dem Mutterherzen los. 61. Da ſteht es, eine Welt in ſich; die Säfte Durchſtrömen es in nimmer-müdem Lauf. Es ſteigt gehoben durch geheime Kräfte Zur heitern Höhe ſeines Daſeins auf. 0ͤ—ͤ; 28 Gleichwie von tiefem, unverſtand'nem Sehnen Die Menſchenbruſt, die fühlende, ſich hebt, Sieht man die Knospe ſich zur Fülle dehnen Vom Geiſt des Lebens, der im Innern webt. 62. und die belebend ſich im Innern mühte, Die Seele öffnet das geſchloßne Haus und tritt, bekleidet mit dem Gold der Blüthe Vor's Angeſicht der Himmliſchen heraus. Und fragſt du nach dem mächtigen Getriebe, Vor dem die bergende Verhüllung weicht; In allen Weſen iſt es Drang der Liebe, Durch den das Leben ſeine Höh' erreicht. 63. Denn wie in ſteten Trennen und Verbinden Der Puls der lebenden Natur ſich ſchwingt und, wo im Gegenſatz ſich Weſen finden, Ein ewiges Geſetz zur Einheit zwingt; So trennt im Schoß der Blüthe ſich das Leben, Wie Mann und Weib, zu doppelter Geſtalt, und mit der Scheidung iſt der Trieb gegeben, Der Einheit heiſcht mit magiſcher Gewalt. 29 64. Das iſt der Liebe wunderbares Walten, Daß Eins in unterſchiednen Formen lebt und, aus einander in dem Leib gehalten, Im Geiſte nach dem Glück der Einheit ſtrebt; Zwei Leben, die von einem Funken ſtammen, Sie ſuchen ſich, wie durch Magnetes Macht, Und wo ſie lodernd in einander flammen, Da wird der Trieb des dritten angefacht. 65. So miſchet in der Mädchen milde Spiele Der Knabe ſich mit unſchuldvoller Luſt; Sie tauſchen fromm die kindlichen Gefühle, Der Sinn der Engel lebt in ihrer Bruſt. Doch mehr und mehr entfaltet ſich das Leben, Die ſtille Stätte, wo das Mädchen weilt, Vermag dem Jüngling keine Ruh' zu geben, Der feurig in den Kampf des Lebens eilt. 66. Er kehrt, bewähret in des Lebens Proben, Die Scheitel mit dem Kranz des Ruhms geſchmückt, Zum hehren Kreis der Väter, die ihn loben, Der Mütter, die ſein Heldenglanz entzückt, 39 Und wie erhöhet in des Mittags Hitze Ein hell'res Roth um's Haupt der Roſe ſchwebt, Erglüht die Jungfrau vor des Blickes Blitze, Der brennend durch die zarte Seele bebt. 1 67. Es zünden ſich des Herzens lichte Flammen Am ſüßen Feuer ſeiner Augen an, Der Liebe Zauber bindet ſie zuſammen, Die Seelen hüllt ein ſüßer Himmelswahn. Erzitternd trinken an dem Kelch der Engel Die Irriſchen des Himmels höchſte Luſt, Und die Erinnerung der Welt und ihrer Mängel Verhallt im ſtummen Jubel ihrer Bruſt. 68. Doch ach! des Daſeins ſchönſte Hälfte endet Sich mit des Daſeins höchſtem Augenblick. Er ſchwindet ſchnell, des Lebens Sonne wendet, Der Kreis des Daſeins führt in Nacht zurück. Der Glanz der Blume ſinkt in Staub darnieder.— Verſtrich des Blühens karg- gemeß'ne Zeit, So fordert die Natur das Leben wieder, Das ſie den Weſen nur als Lehn verleiht. 31 69. Nicht anders blüht der Menſch in ſüßer Fülle, Den hohen Buſen ſchwellet Göttermuth, und all- verklärend fließt um ſeine Hülle, Aus ſeinen Blicken leuchtend, Himmelsgluth. Still-flutend wogt der Strom der Zeit hernieder, Unmerklich fallen ſeine Blüthen ab, Es löſen ſich die Bande ſeiner Glieder, Die weite Bruſt bedeckt ein enges Grab. 70. Wie die Geſtirne, die am Himmel ſchweben, Sich ohne Raſt und Ruh' im Kreiſe drehn, Verſchwebet und verſchwindet alles Leben, Muß alle Pracht des Irdiſchen vergehn. Nichts kann die arme Gegenwart geſtatten, Sie iſt und iſt nicht, nur ein Augenblick, Das Schönſte des Genuſſes iſt ſein Schatten Und Trug und Traum der Seele höchſtes Glück. 71. Auch ihr, der Hoffnung Kinder, holde Träume Gehört der Seele nicht für ewig an; Denn ſtehlend treibet euch, wie leichte Schäͤume, Des Wechſels Woge fort auf ihrer Bahn. — ͦ— ¼ — ——— ———— Viel Hohes hat im Herzen ſich entfaltet, An ſeine Ewigkeit hab' ich geglaubt, Doch ach! es iſt verändert und veraltet, Was Schmerz verfehlter Wünſche nicht geraubt. 72.— Ein Bild nur hält die Seele feſt, das ſtrahlet In Farben namenloſer Seligkeit, Wie von der Hand der Himmliſchen gemahlet; Das iſt der Kindheit kummerloſe Zeit, Das Bild der Tage, wo der uUnſchuld Flügel Die Seele ſchirmte vor des Lebens Noth, Und alles Irdiſche ſich in dem Spiegel Des innern Himmels himmliſch wiederbot. 73. Dein denk' ich, Thal der Ruh', in deſſen Frieden Die Heerden harmlos ſchweifen, deſſen Flur Die Geiſter des Gebirges ſchirmend hüten, Wie einen heil'gen Tempel der Natur, Und denke deiner Triften, deiner Quellen, Des Eichenhains, der deine Hügel ſäumt, Wo ſchwärmeriſch, an ſtill-geweihten Stellen Die Seele ihren Jugendtraum geträumt. 33 74. So muß das Herz der Seligen empfinden, Wie damals dieſes ſtille Herz empfand, Als ich, um Blumen mir zum Kranz zu winden, Still-ſpähend gieng an deiner Quellen Rand.— Oft ſcholl ein hohles Murmeln aus der Tiefe, Mir war's, als ob in unſichtbarem Wehn Der alte Geiſt der Quelle warnend riefe, Und bebend ließ ich ihm die Blumen ſtehn. —— 75. Wo ſoll ich Worte für die Wonne ſuchen, Die dieſe Bruſt gehoben und geſchwellt, Als unterm Schattendache deiner Buchen Uns Knaben muntre Luſt des Spiels geſellt. Uns hatte noch das Leben nicht geſchieden, Noch hemmte nicht die Regel unſre Luſt, Kein Argwohn ſtörte noch des Herzens Frieden, Dem Menſchen offen ſtand die Menſchenbruſt. — ỹy— Und wie den Himmel der Empfindung mahlen, Der um die Blicke meiner Seele hieng, Wann ich, umſchimmert von den letzten Strahlen Der Abendſonne, durch die Fluren gieng. —— Den Hain vergoldete die Abendröthe Und vom Gefilde tönte der Geſang Der muntern Schnitter zu der Hirtenflöte, Die wehmuthsvoll durch das Gebirge klang. 77. DOft war das Licht des Tages ſchon geſchieden, Derklungen ſchon der laute Lärm der Flur, Dann blieb ich einſam noch im tiefen Frieden 5 In deinen Hallen, heilige Natur, Und lauſchte träumend, wie ſo traurig trübe Ein Klagelied zu meinem Herzen ſprach, Die ſeelenvolle Sängerinn der Liebe War in der Grabesruh' des Haines wach. 78. Die ſanfte Sehnſucht ihrer ſüßen Lieder Zog wunderbar bewegend in mein Herz, Und klagſam klangen ſeine Saiten wieder, Wie angerührt von namenloſem Schmerz. Die Seele trugen leichte Geiſterflügel Zu unbekannten Höhen himmelan, Prophetiſch ſah ſie dort im Zauberſpiegel Der Phantaſie die Zukunft aufgethan. 79. und ſah ein Bild in jenen heitern Reichen, Das lebte fort im liebenden Gemüth, Es war dem ſtillen Engel zu vergleichen, Um den der Schimmer der Verklärung glüht. Oft wann des Lebens wechſelnde Geſchicke Den Geiſt umſchatteten mit Nacht und Noth, Erſchien dieß hohe Bild dem innern Blicke, Und von ihm floß der Hoffnung Morgenroth. 80. Ich ſah es wieder in dem Lenz der Liebe, Wo, wie von Geiſterſonnenſchein beglüht, Bewegt vom wonnenvollen Sturm der Triebe, Die innerſten Gefühle aufgeblüht. Was da die Seele wunderbar durchbebte, Daß trauernd ſie in der Verklärung Licht, Und jubelnd durch des Schmerzes Nächte ſchwebte, Ach! dieſen Schmerz voll Jubel mahl' ich nicht. 81. Als, Klara, ich in dir das Bild erkannte, Das meiner Seele ſich ſo ſchön enthüllt, Durch all' mein Weſen der Gedanke brannte, Der kühnſte Wunſch des Herzens werd' erfüllt; —— 36 Als ich's in glücklicher Verwirrung wagte, Dir das Geheimniß meiner Bruſt geſtand, Dein ſanftes Aug' um die Erwied'rung fragte, Und in dem Blicke die Erwied'rung fand. 82. O! Klara! mancher Schmerz iſt uns gegeben, Doch legte mir das launiſche Geſchick Nur Laſt und Leiden in das lange Leben, Ich trüge ſie für dieſen Augenblick. Dort ſtand ich auf des Lebens heit'rer Höhe, Und alle Hoffnung und Erinnerung Zerrann in Jubel in des Himmels Nähe, In unausſprechliche Beſeligung. 83. Sie iſt nun auch dahin, die Luſt der Liebe? Ich ſtehe ſtaunend nun, und ſeh' umher Die Welt ſich wandeln und mein Blick wird trübe, O Himmel, das iſt jene Welt nicht mehr. Wie anders warſt du, Lenz der Lieb' und Lieder, An dem das Herz geblutet und geblüht. Wo biſt du hin? O kehre, komme wieder, Daß nur noch einmal dich mein Auge ſieht. 37 34. Vergebens fließt die heiße Flut der Zähren, Der Sturm des Lebens hat das Herz entlaubt; Ich ſeh den Lenz im Kreis des Jahres kehren, Der Zauber, der ihn ſchmückte, iſt geraubt. Nur Widerſchein des Herzens iſt der Schimmer Der magiſch durch die Nacht des Daſeins glüht, Der Wechſellauf der Zeiten bringet nimmer Den Frühling, der im Inneren nicht blüht. IV. Geſang. Der Genuß der Natur. Das Landleben. 85. Mit Weinen wend' ich meinen Blick vom Leben, Es blinkt und blitzt von tauſendfachem Tand, Und kann nur weniges dem Herzen geben, Dem es das Glück verhieß und Glauben fand, Und ſuche Ruh' in ſchöneren Bezirken, Wo die Natur, die milde Mutter, wohnt; Denn Wahrheit iſt in allem ihrem Wirken Und Freud' und Friede, wo die treue thront. 86. Sieh! höher hat die Sonne ſich gehoben, Von ihrem Throne flammt des Mittags Strahl, Ein Zauberſchein, aus Gluth und Glanz gewoben, Umzieht wie Gold das farbenreiche Thal; 39 Die Auen glühn, die holden Fluren blinken, Von Himmelsſegen ſchwelgeriſch bedeckt, Wie weiße Wohnungen der Feien winken Des Dorfes Hütten, halb vom Laub verſteckt. 87. Dort wölbt ſich, friſches Grün zum Schmucke tragend, Vom Athem der Verjüngung angehaucht, 4 Der Hain zur Höhe, wo verwegen ragend Sein Haupt ſich in das Blau des Himmels taucht, Und höher, bis dem Auge ſchwindelt, thürmen Die blauen Berge ſich zum Himmel an; Den Rieſen gleich, die den Olymp beſtürmen Betrachten ſie die jähe Wolkenbahn. 88. Erfindungsreich., in mahleriſchen Gruppen, Hat ihre Formen die Natur gemiſcht Vom Thal hinauf zu des Gebirges Kuppen, Wo aller Glanz in armem Grau erliſcht. Gekrümmte Fichten ſtehen auf der Gränze, Wo Tod und Leben ſcheiden, Greiſen gleich, Im Haus des Lebens ſchallen Freudentänze, Und ſchweigend ſchläft es in des Todes Reich. — 39. Doch hoch am Haupt, wo in der Tiefe Grauen Ein ſtilles Wölkchen durch die Bläue ſchwimmt, Iſt der verwegne Jäger noch zu ſchauen, Der mit dem Spürhund über Klippen klimmt; Er ſucht den Adler in den Wolkenſitzen Und ſtark und kühn, dem Donnergotte gleich, Verfolgt er kundig mit des Todes Blitzen Den flinken Flüchtling in der Lüfte Reich⸗ 90. Vom ſchönen Pfade der Natur gewichen, Bewegt im Irrthum ſich das Leben fort, Das friſche Grün der Freude iſt verblichen, Der Freiheit Baum verdorben und verdorrt. Die Kräfte göttlicher Gedanken ſterben Im Kerker der Verhältniſſe dahin, Das blühende Gefühl der Bruſt verderben Die böſen Wetter, die durch's Leben ziehn. 91. Der Waidmann nur iſt frei und froh geblieben, Der droben wandelt auf der Wolken Spur, Und treu und traulich, wie mit ſeinen Lieben, Verkehrt er mit den Geiſtern der Natur z 41 Laß Wetter wüthen, laß bei Nacht und Grauen Die Blitze drohend durch die Wolken glühn, Er zieht hinaus mit freudigem Vertrauen— und ſtählt die Bruſt im Kampfe mit den Müh'n. 92. Auf jenen Bergen, näher bei den Sternen, Iſt er der Freiheit freudig ſich bewußt, Die ſchwarzen Sorgen müſſen ſich entfernen, Gefühl der Kraft erweitert ſeine Bruſt; Dem Zwange der Verhältniſſe entrücket, Beſchaut aus Räumen, wo die Freiheit thront, Er ſtolz die Tiefen, wo von Müh'n bedrücket Das duldende Geſchlecht der Menſchen wohnt. 93. Hernieder ſteigend dann auf ſteilem Pfade, Betritt, er mit dem Todesrohr bewehrt, Das Graun des Waldes, wo des Himmels Gnade Die freien Thiere kleidet und ernährt. Und die dort wohnen in des Waldes Nächten Empfangen bebend ihn in ihrem Haus; Denn Tod und Leben liegt in ſeiner Rechten, Die Loße theilt er nach Gefallen aus. So ſchimmert, wie ein heitrer Früͤhlingsmorgen Sein Leben in der Freude mildem Licht; Sein Herz iſt frei von der Geſellſchaft Sorgen, Die Schmerzen ihrer Sünden kennt er nicht. Es iſt das glücklichſte von allen Loßen,“ Das freundlich die Natur dem Liebling bot, Am Tag des Lebens der Geſundheit Roſen, Und an dem Abend einen leichten Tod. 95. Zur Waldnacht laß auch mich die Schritte leiten, Doch nicht um Störer ſhrer Ruh zu ſein z Denn die Vernichtung ſoll mich nicht begleiten, Nur die Betrachtung trete mit mir ein. Wo keine Künſte die Natur verletzen, Wo Menſchenhand ihr Würken nicht entſtellt, Verweil ich ſinnend und den Geiſt ergetzen Die Wunder einer unentweihten Welt. 96. Welch tiefes Schweigen ſtarret durch die Naͤchte, Die ſtrahlenlos in dieſen Hallen wehn; Wie furchtbar lauſchen um mich her die Mächte, Die hier das Räderwerk der Schöpfung drehn. 43 In deine Tiefen tief hinab getragen, Erkennt mein Geiſt des Lebens frühſte Spur, Im Herzen fühl' ich deine Pulſe ſchlagen, Allmutter, All-belebende Natur! 97. Gebannet in der Forſchung Irrgewinden, Bemüht ſich eitel-ſtrebend der Sophiſt, Und meint der Dinge rechtes Maß zu finden, Wann er die Welt an ſeinem Schädel mißt; Den Plan, nach dem das ſchöne All entſtanden, Wie zu des Lebens lichtem Farbenſchein Die dunkeln Kräfte bildend ſich verbanden, Berechnet er in engem Kämmerlein. 98. Was er entdeckt, iſt Ziffer nur und Hülle, In der das Weſen ſich nicht faſſen läßt, Die Würklichkeit, des Daſeins heitre Fülle Iſt dem Begriff ein unbegriffner Reſt, Und ſtieg er auf der dürren Himmelsleiter Der ſelbſt- geſchaffenen Begriffe bis hinauf In das unendliche, er irrt nur weiter, Die eitele Berechnung geht nicht auf. — 6éõsꝛ—— Drum laß' den leeren Wahn, in Schattenriſſen Von Schatten die Geſtalt der Welt zu ſehn, Den armen Thoren, die vor eitel Wiſſen Das Nächſte nicht, ſich ſelber nicht verſtehn, und komm' und trinke Muth des freien Strebens Hier, wo nicht Zweifels Angſt die Wange bleicht, Wo Kraft der Jugend, Hochgefühl des Lebens Im Kelche ſchäumt, den die Natur uns reicht. 100. 1 — Die Wahrheit iſt ſo ſchwer nicht aufzudecken, Wenn mit dem Muth ſich reiner Sinn vereint; Nur ſelbſt- geſchaffne Täuſchungen beflecken Des Spiegels Plan, in dem ihr Bild erſcheint. Verſuch' es nur die Träume hinzugeben, Von dem, was nie geſchehn wird, nie geſchah, und blick' umher, denn vor dir ſteht voll Leben Die weite Welt in ihrer Wahrheit da. 101. Betrachte nur das muntre Spiel der Kräfte, Um die das Leben ſeine Bande ſchlingt, Und wie im mannigfaltigen Geſchäfte Ein ſtiller Trieb die Harmonie erzwingt, 45 Bis daß ſich blinkend Blatt an Blatt entfaltet, Bis ſich die Blüthe ſtrahlend aufgethan, Da blickt die Seele, die im Innern waltet, Dich lächelnd aus den hellen Augen an. — 102. Auch hier in niedern Kreiſen, wo der ſtumpfe, Getrübte Blick nur tode Kräfte ſieht, Begeht das Leben prächtige Triumphe, Das feurig durch der Schöpfung Glieder zieht. Erſt eingeſchloſſen in des Stoffes Schranken, Verklärt es ſich von Stuf' zu Stufe, bis der Geiſt, Auftauchend in dem Reiche der Gedanken, Der Feſſel ſich in kühnem Schwung entreißt. 103. Voll Andacht forſche ferner, in den Loßen Der Schattenkinder nimm dein Schickſal wahr, Wie ſich das Kleine ſpiegelt in dem Großen, So ſtellt das Große ſich im Kleinen dar. Denn das Geſetz, durch deſſen Trieb gedrungen, Die Blüthe ſtrahlend aus einander fährt, Lenkt auch die mächtigen Entwickelungen, In denen ſich die Geiſterwelt verklärt. 46 104. Sieh! dort die Wellen auf dem Bache zittern, Sie ziehen hin und geben andern Raum, Sieh! hier die Blätter an dem Baume flittern, Sie bricht der Wind und andre treibt der Baum. Und eine ernſte ehrſame Sibyllle, Steht in dem Wechſel, der das All bewegt, Verſchleiert die Natur in hoher Stille Den Finger deutend auf ihr Buch gelegt. 105. Lies nur, die Wellen, die dort niedertanzen, Die Blätter, die der Baum von Neuem treibt, Das ſind die Einzeln in dem großen Ganzen; Sie wechſeln ewig und das Ganze bleibt. Noch ſtehſt du vor des Himmels Angeſichte, Bald wird kein ſterblich Auge dich mehr ſehn, Und Andre werden vor dem Sonnenlichte, Gleich dir, erſcheinen, blühen und vergehn. 106. Nichts kann dich aus des Strudels Strömung retten, Dein banges Schmerzgefühl hält ihn nicht auf, und deine Thränen können ihn nicht ketten, Und deine Klage hemmt nicht ſeinen Lauf. 47 Verſuche dich! Bezwinge Millionen, Durchſchreite Welten mit Erob'rungsſchritt, Erbaue Pyramiden, ſteh' auf Thronen, Der Tod erſcheint, der Strudel reißt dich mit. 107. Nur wer den Geiſt der Selbſtſucht überwunden, Und würkſam ſich dem Wohl des Ganzen weiht, Der hat den wahren Talisman gefunden, Der ſicher die Unſterblichkeit verleiht. Wer an ein edles Werk ſich ſelbſt gegeben, Der ſäht des Lebens ſegenreiche Saat; Ein frommes Leben iſt ein ew'ges Leben, Die beſte Urn' iſt eine gute That. 108. Des Leibes Blüthe werden Würmer rauben, Das Denkmal über ſeinem Grabe bricht, Und ſeine Aſche wird im Wind zerſtauben, Die Nachwelt nennt vielleicht den Namen nicht; Doch würkt er ſegnend fort; denn eingeringet Der Folgenkette, die unendlich weit Durch das Gebiet der Ewigkeit ſich ſchlinget, Iſt auch das Werk, dem er ſich fromm geweiht. 48 109. und jener Muth, ſich ſelber zu entſagen, Mit edler, männlicher Entſchloſſenheit Des Daſeins Laſt und Leiden zu ertragen Und doch zu würken für die Ewigkeit, Er wird nur da gewonnen, wo entfernet Von dem zerſtreuenden Geräuſch der Welt Der Geiſt in ſeine Tiefen blicken lernet, In die der Schimmer der Begeiſtrung fällt. 110. Ein Fremder, geht der große Menſch durch's Leben, Der Kreis, in dem die Menge ſich bewegt, Vermag ihm nicht Befriedigung zu geben, Wann ſich der Genius im Innern regt. Geleitet von dem beſſeren Gefühle, Verfolgt er ſtill des Friedens goldne Spur, und findet, fern vom rauſchenden Gewühle, Die Heimath in den Hallen der Natur. 111. Hier iſt es, wo, erregt von Idealen, Der Trieb zu ſchaffen ſeine Seele ſchwellt, Wo die Begeiſterung mit Himmelsſtrahlen Den tiefen Abgrund ſeiner Seele hellt; Hier, wo mit höhern Weſen eng vertrauet, Er ſtill die Schritte durch die Schatten lenkt, Und die bewunderten Gebilde bauet und die unſterblichen Gedanken denkt. 112. Hier durfte der geprieſene Curete*) In Weiheſtunden ſeiner Göttinn nah'n, Der Ruhm, der um die Scheitel Roma's wehte, War vor dem Blick des Geiſtes aufgethan, und jenen Staat, der mühſam in den Schranken Des Erdenrundes ſeine Gränzen fand, umſchloß er mit dem glühenden Gedanken, Wann ſinnend er am Quell der Nymphe ſtand, 113. Hier gieng der Menſchheit gnadenreicher Meiſter Mit ſeinem Herzen über ſich zu Rath, Bewältigte das Haupt der böſen Geiſter und ward geſtärkt zu ſeiner großen That, Der Tag der That erſchien mit bittern Schmerzen, Mit Grauen kam des Todes finſtre Nacht, Allein die Liebe ſiegte in dem Herzen, Die Arbeit der Erlöſung ward vollbracht. ²2) Numa Pompilius, der zweite König der Römer, der des vertrauteren Umgangs der Nymphe Egeria genießend, der Geſetzgeber Roms war. Schmitthenner's Jahrszeiten. 3 und die Geſchichte wußte groß zu lohnen; Vom Glanz der Glorie das Haupt umhellt, Erhaben ſteht er über Millionen, Wie eine Sonne über ihrer Welt. Den Millionen ward ſein Wort geboten, In Nächten gab es Licht, in Nöthen Ruh', In ſeinem Namen ſchlafen nun die Toden, Nach ihm gewendet ſank ihr Auge zu. 115. Wer nennet alle, die im Heiligthume Der Einſamkeit die Gluth der Bruſt genährt, und Thaten ausgeführt, von deren Ruhme Ein Strahlenglanz durch die Geſchichte fährt. Wer ſagt, wer all' die Herrlichen geweſen, Die einſam, durch den Genius gelehrt, Im tiefen Buche der Natur geleſen und ſeinen Sinn der Menſchheit aufgeklärt! 116. Des Sängers nur ſoll noch mein Lied gedenken, Der eng vertraut dem Geiſte der Natur, 4 Beglückt mit ſeinen herrlichſten Geſchenken, Der Dinge Grund und ihren Sinn erfuhr, 51 Der, wie Petrark an Laura's Engelsblicken, Am Auge der Natur begeiſtert hängt, Und tief durchglüht von innigem Entzücken, Die ſüßen Gaben ſeiner Braut empfängt. 117. In Tod und Dunkel wandelt ſich das Leben, Doch alle Stürme, die um's Angeſicht Des Himmels mit Gewitterwolken ſchweben, Erſchüttern das Gemüth des Sängers nicht. Sein Blick iſt nach der ſtillen Welt gerichtet, Und was auf milden Himmelsauen blüht, Was ſich im Glanze höh'rer Sonnen lichtet, Das ſpiegelt ſein geheiligtes Gemüth. 118. Wo Blumen blühn, wo lautre Quellen rauſchen, Iſt früh und ſpät der Sonderling zu ſehn; Er ſucht die Geiſter heimlich zu belauſchen, Die ſchöpfend hier am Quell der Dinge ſtehn, Und Geiſt und Geiſter finden ſich zuſammen, Ein Strahl der höhern Welt durchzuckt das Herz, Die Seele heben der Begeiſtrung Flammen In ſteigender Verklärung himmelwärts. 3* Beſeligend erſcheint der Geiſt der Lieder, und was ſo tief in ſeinem Herzen lebt, Das legt er freudig im Geſange nieder, Der lieblich von der heißen Lippe ſchwebt! Die Himmelsworte, die der Klänge Meiſter In großen Stunden der Begeiſtrung ſprach, Die denken hoch-gehoben alle Geiſter, Die fühlen gkühend alle Seelen nach. 120. Wann einſt der Sänger lange ſchon hinüber, Aus dieſer Welt voll Thränen und voll Trug, Zu jenen Räumen ſchwebte, wo herüber Der Geiſterſtrahl in ſeine Seele ſchlug, Dann leuchten noch die ewigen Gedanken Und zünden in den Herzen, die in Wahn und niedere Beſtrebungen verſanken, Die heil'gen Flammen höhern Lebens an. 121. Juch wen das Schickſal nicht zu hohem Streben, Zu Werken der unſterblichkeit erſchuf, Weimn zu genießen es den Trieb gegeben und froh zu ſein den freundlichen Beruf, 53 Der winde ſchnell ſich aus des Zwanges Ketten und ſuche vor des Lebens Neid und Noth Das Herz im Haven der Natur zu retten, Wo ſeinem Glück der Untergang nicht droht. 122. Die Einſamkeit, als Lehrerinn der Tugend Führt ihn den Weg zum ſeligſten Genuß, Sein Antlitz ſchmückt mit Blumen ew'ger Jugend Die Mäßigkeit und wehrt dem überdruß. Er ſiehet ſchreckenlos im Strom der Zeiten Die ſchönen Stunden ſeines Lebens ziehn; Denn, immer neue Freuden ſpendend, ſchreiten Vier Brüder vor der ſtillen Villa hin. 123. Vier Brüder ſind es, die ſich nie verloren, Da keiner doch den Schritt des andern weiß, Ein ſchöner Jüngling ward zuerſt geboren, Der jüngſte von den Brüdern iſt ein Greis. Nicht jünger als die Sonn' und ihre Söhne, Kurz iſt ihr Daſein und ſie ſterben nie, Verſchwendriſch ſtrömt von ihnen alles Schöne Und allen Reiz des Lebens rauben ſie. 54 124. Erſt kömmt ein Jüngling, lieblich anzuſchauen, Ein Kranz von Veilchen blinket um ſein Haupt, Und wo er wandelt, da erglühn die Auen, Der tode Hain wird lebend und belaubt, Die gold'nen Säle der Natur erſchallen Von Jubelklängen wie ein Freudenhaus, Verſchwendriſch ſtreut beim Sang der Nachtigallen Der Jüngling rings die ſüßen Blumen aus. 125. und nach ihm kömmt ein ſchöner Mann gezogen, Geflochtne Blumenſträuß im hellen Haar, Vielfarben funkelt wie ein Regenbogen Von tauſend goldnen Blumen ſein Talar. Aus ſeinem Füllhorn ſtreut er reichen Segen und Wärm' und Wonnen auf die holde Flur, Des Lebens Gluth und mächtiges Bewegen Durchzittern alle Adern der Natur. 126. Ein ält'rer folgt ihm, bunt und blendend blinken Sein AÄhrenkranz, ſein güldenes Gewand, Die Nektarſchaale hält er in der Linken, Den Korb mit Früchten in der rechten Hand, 55 und reichlich theilt er ſeine Himmelsſpenden An alle Weſen, die der Herr erſchuf, Die Erde ſchwelgt in Luſt und aller Enden Erſchallet triumphirend Freudenruf. 127. Zuletzt erſcheint ein Greis mit Silberlocken und wandelt Alles mit dem Zauberſtab; Der Sturm wird los, des Lebens Pulſe ſtocken, Die Erde giebt den Schmuck des Lebens ab. Rings baut er künſtlich ſchimmernde Palläſte, uUnd ſinnreich denkt er neue Freuden aus, Dem Schützen giebt er in dem Wald die Feſte, Den Läufer ruft er auf die Bahn hinaus. — 11 er 128. In ſeiner Villa waltet ſtill der Weiſe und ſieht, gehüllt in heitre Seele ruh', Des Lebens ſtetem wunderbaren Kreiſe, Der Wiederbringung aller Dinge zu. Er klaget nie, daß eine Nacht der Lieder, Ein Tag mit ſeinen Roſen niederfuhr, Die Brüder bringen ihre Wonnen wieder, Selbſt im Verwandeln treu iſt die Natur. 56 129. Belächelnd hört er auf den Lärm der Schulen, Die neidiſch, und in heißem Federſtreit Sich tummelnd, um den Ruhm der Weisheit buhlen, Indeß ihr Treiben ſie der Thorheit zeiht. Wie die Sophiſtik ſie in ihren Kreiſen Umhertreibt und die Kraft des Lebens raubt, Daß künſtlich ſie das Daſein ſich beweiſen, Woran das matte Herz mit Mühe glaubt. 130. Ihm iſt die Kraft des Herzens nicht zerronnen, Sein Geiſt hat im Genuſſe der Natur Die hohe Sicherheit des Blicks gewonnen, Die nimmer abirrt von der Wahrheit Spur. Das Buch der Schöpfung liegt vor ihm entſtegelt, Der Dinge Tiefſtes iſt ihm offenbar und in der fleckenloſen Seele ſpiegelt Der Wahrheit Bild ſich hell und himmelklar. 2 131. Sein Auge ſieht den Geiſt der Weltgeſchichte Erhaben überm Menſchendaſein ſtehn, und ſchlichtend ſeine ſtrafenden Gerichte Durch die Verwicklungen des Lebens gehn. 57 Er hört es, wie die Könige ſich drohen, Das Rachſchwert in der Hand der Völker ziſcht Und bei des Krieges Wuth und blut'gem Lohen Sich Siegesruf und Todesröcheln miſcht, 132. Ihn kümmert nicht der Kampf der Nationen, Ihn geht der Zank der Könige nichts an, In ſeiner Villa kann er ſicher wohnen Selbſt unbeſorgt, beklagt er ihren Wahn. Er darf im Hain, im Dufterfüllten Garten, Wo liebestraut der Geiſt der Quelle ſpricht, Betrachtend ſtehn und ſeiner Blumen warten, Das Schrecken nahet dieſen Räumen nicht.— 133. Gern läſſet er die Großen dieſer Erde, Die auf den Höhn der Welt erhaben ſtehn Mit ſteter Angſt und ewiger Beſchwerde Die Dornenwindungen der Ränke gehn, Läßt gern den Flitterſtaat erborgter Ehre, Der Gnaden unerquicklichen Genuß, Im lauten Lärm des Herzens Todesleere, Im Freudenmeer den bittern überdruß. 134. Er hat ſich klug ein ſchönres Loß erkoren, Mit Lieb' und Luſt empfängt ihn ſeine Flur, Mit treuem Lächeln grüßen ihn die Horen, Mit ew'ger Huld die Geiſter der Natur. und alle Gaben, alle Güter wenden Sie diebend dem beglückten Günſtling zu, Mit Reichthum füllen ſie ſein Haus und ſpenden Dem Leibe Wohlſein und der Seele Ruh'. 135. Ein Temyel ſteht auf alten, ew'gen Saͤulen, Ihn hat die Hand der Menſchen nicht gebaut, Des Stroms Gebrüll, des Sturmes wildes Heulen, Des Quells Getön', der Weſte linder Laut, Das ſüße Lied aus den belebten Hainen, Der Lerchen Jubel und der Heerden Klang, Der Sang des muntern Schnittervolks vereinen Sich dort in feierlichem Feſtgeſang. 136. Dort pflegt er vor den Ewigen zu treten und bringt mit frommem Sinn auf dem Altar In Dankgefühl und glühenden Gebeten Die ſchönen Opfer ſeines Herzens dar. 59 Die Seele wird in Andachtsgluth geläutert, Das Herz zum Heerd des Himmliſchen geweiht, Den Geiſt erhebet und die Bruſt erweitert Die Vorempfindung der Unſterblichkeit. * 137. Es ſchwebt und ſchwankt ein Schifflein ohne Steuer Auf havenloſen Fluthen durch die Nacht, Mit dem verirrten ſpielen ungeheuer Der Winde Wuth, der Wellen wilde Macht. Dem Schifflein gleicht die Seele, deren Streben Nicht ſicher ruht auf unentweihter Kraft, So treibt ſie unſtät durch das dunkle Leben, Mit ihrer Beute ſpielt die Leidenſchaft. 138. Feſt ſteht ein Fels im Sturm der Meereswogen, Die braußend um ihn ziehn mit wilder Wuth, uUnd blickt, wann ſich der finſtre Sturm verzogen, Aus Himmelshöhen auf die milde Flut. Dem Felſen iſt die Tugend zu vergleichen, Wann Sturm und Noth das Licht des Lebens raubt, Sie hofft und harret aus, die Wolken weichen und die Verklärung ſchimmert um ihr Haupt⸗ 1 . 60 139. So ſteht der Edle in dem Schirm der Tugend Und wandelt ruhig des Geſetzes Spur, Um ſeine Blicke ſchwebt der Glanz der Jugend, Die Seele gleicht der wolkenloſen Flur. Wohlthuend würkt auf Jeden ſeine Nähe, Und wo er wandelt, iſt ein heil'ger Ort, Den niedern Sinn erhebet ſeine Höhe, Der Sturm des Herzens ſchweigt vor ſeinem Wort. 140. In ſel'ger Stille, wie auf ſeine Saaten Am Frühlingsabend ſich der Thau ergießt, Verbreitet er den Segen ſeiner Thaten, Der eignes Glück in fremdem Glück genießt. Den Dürftigen erquicken ſeine Gaben, Der Pilger kehrt in ſeinen Hallen ein, Den Kranken weiß er lievevoll zu laben, Dem Schmerz erfüllten Tröſtung zu verleihn. 141. und ſittig ſteht die Zeuginn ſeiner Thaten, Die fromme Frau, als reine Prieſterinn, Am heil'gen Heerd, am Altar der Penaten; Denn an den Göttern hängt ihr frommer Sinn. 61 Zum ſchönen Bild der Welt nach ihrer Weiſe Geſtaltet, ſinnig ordnend, ſie das Haus, Das Schöne pflegt ſie ſtill in ihrem Kreiſe, Das Gute ſtreut ſie ohne Rauſchen aus. 142. Ein Säugling iſt's, in dem der Bund der Triebe Im Reiche der Erſcheinung ſichtbar blüht, Und in dem Kinde lieben ſie die Liebe, Die in den Tiefen ihrer Seelen glüht. Der Vater ſieht ſein Bild in ſeinen Blicken, Iſt ſeiner ſich in ſeinem Sein bewußt, Die Mutter drückt mit glühendem Entzücken Den Engel an die liebevolle Bruſt. 148. Und an dem treuen Mutterherzen ranken Die ſchwankenden Gefühle ſchön empor, Der Vater ruft die ſchlummernden Gedanken Durch kindliche Belehrungen hervor. Sein Wiſſen legt er in der Seele nieder, Dem Herzen prägt er ſeine Tugend ein und aus dem Kinde ſtrahlt ſein Weſen wieder In friſchem Glanz, in jugendlichem Schein. 62 144. So fließen ihm geweiht des Lebens Tage und wolkenlos im Kreis der Liebe hin, Bis endlich, bei des Herzens matterm Schlage, Des Leibes Silberſtricke ſchlaffer ziehn. Dann kömmt der Abend mit gelindem Lächeln, An dem die Sonne ſeines Lebens ſinkt, und furchtlos ſieht er, wie mit ſanftem Lächeln Der ſtille Genius des Todes winkt. 145. Er kehret zu dem Kreis der Väter wieder. Im trauten Arme der geliebten Flur umblüht von ſeinen Blumen ſinkt er nieder und ſchläft am treuen Herzen der Natur. Zu ſeinem Grabe führt der Liebe Sehnen In ſpäten Tagen noch der Enkel Schaar, Sie bringen ihre fromm-geweinten Thränen Als Todesopfer ſeiner Aſche dar. 146. Wie glücklich, wem das ſchöne Loß gefallen, Fern von den Menſchen, auf ererbter Flur Des Lebens Tage frei und froh zu wallen Im glücklichen Genuſſe der Natur! 63 Er braucht Verirrungen nicht zu beklagen, Vermag ſich ſelber ewig treu zu ſein, Ein heitrer Himmel lächelt ſeinen Tagen Und ſchmerzlos ſchläft er zu dem Tode ein. V. Geſang.⸗ Die Schönheit der Natur. Theodicee. 147. O holder Bach, du gleichſt dem ſchönen Bilde In deiner Lebenskraft, in deiner Ruh'; Still wandelſt du in ſüßer Schattenmilde und lüſtern äugeln dir die Blumen zu. Laß mich dir folgen durch des Waldes Klüfte Hernieder in das lebenreiche Thal, Das drüben ſich am Athem freier Lüfte Entzückend dehnt gleich einem Wunderſaal. 148. Was ſeh' ich? Darf ich meinem Auge trauen? Ich tret' in einem Zaubergarten ein, Rings von den Bergen aus den Burgen ſchauem Die Geiſter der Gebanneten hinein. 65 Smaragdne Wieſen dehnen ſich im Bogen Von Rebenhügeln mahleriſch bekränzt, Und mitten wälzen ſich die Silberwogen Des Stromes, der im Gold der Sonne glänzt. 149. Hoch ſchwebt der Aar am azurblauen Himmel, — Ein Todesengel— und betrachtet kalt Das luſtige, unendliche Gewimmel Der Lebenden, das durch die Ebne wallt. Wild-ſcherzend ſpielt unzählliches Geflügel Am Schilf-bekränzten Rand des Stromes hin, Indeſſen graſend an dem Fuß der Hügel In bunten Gruppen Rinderheerden ziehn. 3 150. Der Dörfer Thürme blitzen in dem Glanze, Der zauberiſch die bunte Scene hellt, Ein wunderbarer Ton umſchwebt das Ganze, Wie ſüße Ahnungen der Geiſterwelt,. Die ſich mit Macht in die Gefühle drängen, Wie Götteranhauch durch die Seele glühn, und allgewaltig, gleich Sirenenklängen, Die ſchwärmenden Gedanken mit ſich ziehn. 66 151. Die Schöheit ſtieg aus ihren hohen Sphären Hinab in das geſtaltenreiche Thal, Die dunkle Stirn des Irdiſchen verklären Ihr ſüßer Reiz, ihr wunderbarer Strahl. Süß und beſeligend iſt ihre Nähe, Doch mit dem Glanz des Himmels angethan, Tritt ſie in heil'ger, überird'ſcher Höhe Die Menſchenſeele wie ein Wunder an. 152. Süß-ſtrahlend, lächelnd ſchwebt ſie um die Pforte, Aus der das Leben ſich zum Lichte wand, Faſt unberührbar für die rohen Worte, Ein Räthſel für den rechnenden Verſtand, Und wer verſucht ihr Weſen und Erſcheinen, Die Allmacht ihres Zaubers zu verſtehn, Der muß das Einzle in dem Allgemeinen, Das Allgemeine in dem Einzeln ſehn. 1538. Wo der Natur der große Griff gelungen, Wo die Idee mit ſchöpferiſcher Kraft Belebend durch das Irdiſche gedrungen, und ſich den Leib nach ihrer Regel ſchafft. 67 Da blicket aus dem Ebenmaß der Glieder, Den Roſen, die am Quell des Lebens blühn,— Die Göttinn mit dem ſanften Auge nieder und zieht die Blicke feſſelnd auf ſich hin. 154. Wie, wann des Oſtens reine Lüfte lächeln, Das düſtere Gewölk vom Himmel flieht, Und nun die Sonne mit holdſel'gem Lächeln Ins Erdenleben ſanft herniederſieht; So zieht erweicht die rohe, ird'ſche Hülle Im Drange der Entfaltung ſich zurück und ſtrahlend tritt in ſüßer Lebensfülle Das Himmliſche vor den erſtaunten Blick. 155. Auch drunten ſchon auf den kryſtallnen Fuuren, Wo noch kein Puls des warmen Lebens ſchlägt, Sind blank und ſtrahlenreich der Göttinn Spuren In wohl- gemeßnen Formen ausgeprägt. Doch ach! nur halb iſt hier ihr Werk gelungen, Blos den Entwurf zum Leben trägt der Stein, Allein die Seele hat umſonſt gerungen Und ſchlief erſchöpft und unentfaltet ein. 68 156. Bewundernd folgt mein Auge der Geſtaltung, Die wechſelreich und ſpielend ſtetig ſteigt, 4 Bis endlich in vollendeter Entfaltung Die Seele ſich am Licht der Sonne zeigt. unſchuldig und beſcheiden ſteht die Pflanze, Die erſte, an des Lebens Schwelle da, Die Blüthe treibend, und in ſüßem Glanze Iſt auch der Schönheit hohe Göttinn nah. 157. Beglücktre Weſen ſtehn auf höhern Stufen, Die Süßigkeit des Daſeins fühlt ihr Herz, Empſindende, verwandte Seelen rufen Die Seelen an und theilen Luſt und Schmerz. Sanft-ſchwellend iſt der Glieder Bau geründet, Die Maſſen ſind der Regel unterthan, und in verſtändiger Bewegung kündet Die Seele ſich dem Sinn des Forſchers an, 158. und oben, wo das Irdiſche ſich endet, und ſchön und ſchauerlich, wie Blitz der Nacht, Ein Strahl der Geiſterwelt das Auge blendet, Seh' ich ein Weſen in erhab'ner Pracht, 69 Im Blicck den Blitz unendlicher Gedanken, Das Angeſicht von Grazie erhellt, So ſteht er ſtrahlend an der Schöpfung Schranken und blickt hinüber in die Geiſterwelt. 159. Fürwahr, ein großes Loß iſt ihm gefallen, Er ſteht zuerſt im Reich der Weſen da Und iſt, bevorzugt und geehrt vor Allen, Dem hohen Thron des Unerſchaffnen nah. Er darf ſein Haupt zum hohen Himmel heben, Sein Blick begrüßt der Sterne ſüßes Licht, Die lichten Blitze des Gedankens ſchweben Verklärend um ſein hohes Angeſicht. 160. unendlich iſt des Schöpfers Macht und Milde, Was ſchön-vertheilt in der Natur erſcheint, Das hat er, ew'ger Liebe voll, im Bilde Des hohen Menſchen wunderbar vereint. Wer ſich erkühnt, ſein Weſen zu erwägen, 8 Der werde ſich der weiten Welt bewußt, Denn all' die Kräfte, die das All bewegen, umfaſſ't des Menſchen eng⸗ gewölbte Bruſt. 7 . 70 161. Der Schlange Liſt, der fromme Sinn der Taube, Des Fuchſes Schlauheit und des Löwen Muth, Des Tigers heißer Durſt nach blut'gem Raube, Des Lammes unſchuld und Hiänenwuth, Die dunkle Bosheit und die lichte Güte, Der Trieb des Viehs und göttlicher Verſtand Sind in dem unergründlichen Gemüthe In Eins geſchlungen durch des Schöpfers Hand. 162. Er iſt ein Engel, wann der Geiſt der Liebe Beim Feuer des Gefühls zur Wacht geſtellt, In inniger Vereinigung die Triebe und im Geleiſe des Geſetzes hält, und iſt ein Teufel, wann der Geiſt des Böſen Die freche Flamme der Begierden ſchürt, Die Kräfte ſich aus ihren Banden löſen und wilder Aufruhr die entbundnen rührt. 163. Geduldig trägt die Seele Sklavenketten, Folgt matt und keichend ihrer Leidenſchaft, und kann ſich ewig helfen und erretten, In heil'ger Tiefe trägt ſie dieſe Kraft. 71 Wohl kann kein Aug' in dieſer Tiefe leſen, Die Wiſſenſchaft der Weiſen wird zum Spott, Denn unergründlich iſt des Menſchen Weſen, Und unergründlicher ſein Schöpfer, Gott. 164. Gleich unbegreiflich iſt die reiche Fülle Der Bildungen im Reiche der Natur, Das Licht des Lebens ſtrahlt durch ihre Hülle Und jedes Weſen trägt der Schönheit Spur. Geheimnißvoll ſind Geiſt und Sinn verwebet Und Eins und Alles ſteht in Harmonie, Wie jedes zu dem eig'nen Ziele ſtrebet, So huldigt es der großen Sympathie. 165. Wohl geht der rohe Menſch durch ihre Auen unfühlend und ſein ſelber nur bewußt, Die fremde Seele kann ſein Blick nicht ſchauen, Ihr ſüßer Gruß verhallt an ſeiner Bruſt. Ey fühlet wenig von des Herzens Glühen, An das er furchend ſeinen Samen legt, Verlangt nur Speiſ' und Trank für ſeine Mühen Und iſt zufrieden, wenn das Land ſie trägt. 7² 166. Er ſieht, wie künſtleriſch im dunkeln Flieder Der Fink aus Haaren ſich ſein Netz gewebt, Vernimmt die ſüßen, ſeelenvollen Lieder, In denen das Gefühl der Liebe lebt, und kennt die Kunſt nicht, ahnet nicht die Sprache Der Elternſorge und der Liebesgluth und nimmt, gefühllos für die Schmerzensklage, Das ſchöne Neſt mit ſeiner zarten Brut. 167. Was kümmern ihn die Harmonie der Sphaͤren, Die hohen Wunder in dem Weltenlauf, Am Strahl der Gonnſ reifen ſeine Ahren, Beim Neumond gehn die Saaten beſſer auf. Der dumme Dichter macht am Abend Lieder und ſchweifet ſchwärmend bei der Sterne Licht, Der brave Mann legt ſich bei Zeiten nieder, Zufrieden, wenn kein Traum den Schlummer bricht. 168. Nicht ſo der Forſcher, der in hoher Feier Der Seele wandelt auf der Wahrheit Spur, Ihm hebet ſich der Iſis heil ger Schleier Und öffnet das Geheimniß der Natur. 73 2 Er ſiehet, wie ein liebeluſtig Leben Durch alle Adern der Natur ſich zieht, Und tauſend Geiſter walten, würken, weben, Und wie der Eine herrſchend niederſieht. 169. Das kleine Weſen, das mit frohem Herzen Dem großen Geiſt ein Halleluja ſingt Und mühelos in Luſt und Liebesſcherzen Sein angewieſ'nes Lebenswerk vollbringt, Erregt ſein Herz zu andachtsvollen Trieben, Ihm liegt in ſeinem Lied ein Geiſterruf: unendlich muß das Herz des Schöpfers lieben, Der dieſes Weſen für die Liebe ſchuf. 170. Bewundernd folgt er auf den blauen Fluren Der ſtillen Hand, die dort die Sterne treiht Und kunſtreich die erhabenſten Figuren Der Meßkunſt an's Gewölb des Himmels ſchrelbt. Gleichwie der Geiſt im Element der Meinung Sich eine Welt als Bild der Schöpfung ſchafft, Iſt ihm die Welt im Ganzen der Erſcheinung Ein göttliches Syſtem der Wiſſenſchaft. Schmitthenner's Jahrszeiten. 4 Nie raſtend ſchweift ſein ſpaͤhender Gedanke Im unermeßnen Umkreis der Natur, Beflügelt ſchwebt er über jede Schranke und trifft der Weisheit und der Schönheit Spur, Und ihre Tiefen ſucht er aufzudecken Und findet ihre Fügung ſchön und gut. Was iſt ſie anders als ein Reich von Zwecken, Das all- befriedigt in ſich ſelber ruht. à 172. Jedoch, was ſeh' ich! Wie der Pfeil vom Bogen, Raſch, unentrinnbar ſchießt der Aar dahin, Dem ſcheuen Täublein kömmt er nachgezogen, und ach! vergebens ſucht es zu entfliehn. Der Krampf des Todes krümmet ſeine Glieder, Aus jeder Regung ſchreit der wilde Schmerz, Ich fühl ihn in dem tiefſten Weſen wieder und mit-gefühlt zerreißt er mir das Herz. 173. Gott, Vater, reich an Gütern und an Gnaden, Der unausſprechlich ſchön die Welt erſchuf, Zur Freude ſind die Weſen eingeladen und alle horchen jubelnd dieſem Ruf, 75 Der Sinn für Glück ward Jeglichem gegeben, Mit Luſt am Daſein jedes Herz geſchwellt, O ſprich: was ſoll der Schmerz in dieſem Leben, Was ſoll der Tod in deiner ſchönen Welt. 174. Doch ew'gen Dank dem großen Geiſt der Liebe, Der in mein ſterblich Haupt Vernunft geſenkt, Ich blick' in das verwickelte Getriebe Wie gnadenvoll ſein Finger Alles lenkt, Nicht Miſſethat, noch Schmerz, noch Tod verletzen Die Ruh' der unempfindenden Natur, Es läuft nach feſten, ewigen Geſetzen Das Räderwerk der großen Weltenuhr. 175. Erſt in des Lebens fühlenden Geſtalten Zertheilte ſich die unentſchiedne Kraft, In einer Richtung iſt das Thier gehalten, Sein Wille liegt in einer Leidenſchaft. Zu ſcharfen Gegenſätzen unterſchieden, Ifſt Krieg und Streiten hier des Lebens Spiel; Das Starke hat im Raube ſeinen Frieden, Das Schwächere im Untergang ſein Ziel. 4* 76 176. Entweder eine Schöpfung voller Engel Und ew'ger Ruhe oder eine Welt, Die, eingeengt in Schranken und in Maͤngel, Der Trieb des Lebens in Bewegung hält; Denn Schmerzen ſind die Federn in dem Leben, Gefühl des Mangels iſt der Reiz der Kraft, Der All- befriedigte beſitzt kein Streben, Der Trieb, der keine Schranke kennt, erſchlafft. 177. Wohl iſt der Menſch unendlich kühn geſchaffen, Der Herr der Welt aus leichtem Staub gebaut, unſichern Händen ſind der Freiheit Waffen Zum Wohl und Weh' der Weſen anvertraut, Der Dinge ſchöne Ordnung darf er ſtoͤren, Und was ſein ſtolzes Herz will, darf er thun, Sein Wille kann ſich gegen Gott empören und all-genugſam auf ſich ſelber ruhn. 178. Doch von der Hand des Schöpfers ſelbſt geſchrieben, Steht das Geſetz der Welt in ſeiner Bruſt, Auch von dem Sturm der Leidenſchaft getrieben Iſt ſich die Seele dieſes Sterns bewußt. 77 Wie ſich die Thaten von dem Herzen löſen, Fügt ſie die Allmacht in der Dinge Lauf, und ſtreuet auch der Menſch die Saat des Böſen, Durch Gottes AÄnd'rung geht das Gute auf. 179. und wehe, wer der Ordnung widerſprochen, Die Gottes Hand dem Lauf der Dinge gab, Indem er frevelnd das Geſetz gebrochen, Brach er die Wurzel ſeines Daſeins ab. Umſonſt! des Schickſals Geiſter zu verhöhnen, Der ungeheure Kampf mit ihrer Macht, Sein Ew'ges mit dem Lichte zu verſöhnen, Verſenken ſie ſein Irdiſches in Nacht. 180. Was iſt der Tod im Maskenball des Lebens? Ein Diener Gottes, der die Larven tauſcht, Für den allein ein Grund des bangen Lebens, Der ſich am Kelch der Sinnenluſt berauſcht. Den trifft er nicht, der in erhab'ner Tugend Sich demuthsvoll dem Wohl des Ganzen weiht; Der Menſch im Menſchen blüht in ew'ger Jugend, Der Leib zerfällt nur, den die Erde leiht. 78 181. Laß dann Kometen auf verweg'nen Bahnen, und Geiſter auf dem Weg der Sünde ziehn, Ein großer Meiſter lenkt nach ſeinen Planen Das Ganze kräftig zu dem Ziele hin. Gerad' der Widerſpruch im niedern Leben, Der Mißklang, der in dieſen Tiefen tönt, Vermag die Bürgſchaft einer Welt zu geben, Wo Alles ſich in Harmonie verſöhnt. 79 VI. Geſang. Die Ordnung der ſittlichen Welt. 182. Heil dir, Betrachtung, die mit Himmelswonnen Die ſtillen Tiefen des Gemüthes füllt, Das ſchöne Wort der Räthſel iſt gewonnen, Der Schöpfung Schönheit meinem Blick enthüllt. Das iſt der Götter Luſt hinabzulauſchen, Tief unten, wo in ew'ger Nächte Graun Die reichen Strömungen des Lebens rauſchen Der Dinge Glied'rung und Geburt zu ſchaun. 7 183. Leih' dem Gedanken ferner deine Schwingen, um muthig, wie der Aar das Firmament, Die Höh'n der Geiſterſonne zu erringen, Die leuchtend in die Nacht des Lebens brennt, 80 Auf daß er in dem Würken freier Geiſter, Das wild-verworren durch die Zeiten ſtrebt, Den Plan erſpäh', nach dem der Weltenmeiſter Die wirren Fäden der Geſchichte webt. 184. Im Wehen der Begeiſt rung fortgetragen, Durchſpäht er ernſt und mit geſchärftem Blick Des Menſchen Leben und mit tauſend Fragen Zergliedert er ſein Weſen und Geſchick. Kühn ſucht er ſeine Wunder aufzuzählen, Und bebet bang vor ſeiner Herrlichkeit; Ein Gott nur ſoll ſich dieſen Vorwurf wählen, Das große Thema einer Ewigkeit. 185. Am Graänzmal, wo ſich der Gedanke lichtet, Steht er, den unerſchaffnen Geiſtern nah, Die Stirne zu den Sternen aufgerichtet, Das Wunder der Natur, erhaben daz Wo die Natur die höchſten Feſte feiert, Die ird'ſche Blüthe, hat ſie vor dem Blick Des ſtolzen Geiſtes in dem Schoß verſchleiert und tritt beſchämt von ihrem Werk zurück. 81 186. Dem Manne ward der leuchtende Gedanke Als Genius des Lebens zugetheilt, Der kühne Sinn, der über jede Schranke Mit unerſättlichem Gelüſten eilt. Im Raum der Gegenwart ſoll er nicht ſaͤumen, Die Zukunft iſt ſein angewieſnes Haus, Begeiſtert breitet er in ihren Räumen Die Ideale ſeines Herzens aus. 187. Durch ihn vollbringt der Gott des Lebens Werke und die Geſchichte wird durch ihn bewegt, Drum ward in ſeinen Arm die Rieſenſtärke, Auf ſeine Stirn des Lebens Ernſt gelegt. Man ſieht ihn nach vermeſſ'nen Wünſchen jagen und heißer Kampf iſt ihm ein ſüßes Spiel; Kühn ſtürmt er fort, mit ſchauderlichem Wagen Gelangt er an das fern- geſteckte Ziel. 7 188. Ermattet ſinkt der kühne Sieger nieder, Minuten ruht die wilde Leidenſchaft, und ſieh! da faßt der dunkle Sturm ihn wieder, Zu neuen Kämpfen wird er fortgerafft. 8² Doch auch ein großer Anblick in dem Leben, Das iſt des Mannes ſtille Majeſtät, Der, von der Glorie des Ruhms umgeben, Am Endziel eines großen Strebens ſteht. 189. um ſeine Schöpfung göttlich zu vollenden, Nahm Gott das Schönſte, das der Himmel bot, Das reinſte Licht, das ſeine Sonnen ſenden, Von Paradieſesroſen Lebensroth Und die unſterbliche Geſtalt der Engel Zum Vorbild für den anmuthsvollen Leib, Nahm zu dem Himmliſchen der Erde Maͤngel, und ſchuf ſein ſchönſtes Werk— er ſchuf das Weib. 190. Zum hohen Heiligthum der keuſchen Liebe Ward das Gewölb der ſchönen Bruſt gebaut, Die Himmelsflamme göttlich-reiner Triebe Dem Herzen der Veſtalinn anvertraut. Weh', wehe, wann die brennende Begierde Entweihend in die Gluth der Liebe bricht, Der Schöpfung Schande wird der Schöpfung Zierde und die Gefallene erhebt ſich nicht. 83 191. Erzitternd, wann die Schlachtengoͤtter toſen, Flieht ſie den Lärm des Lebens ſanft und ſcheu, und pflegt daheim der Liebe güldne Roſen, Des Hauſes Göttern unverbrüchlich treu. Wann ſchwarz die Wetter der Geſchichte grauen, Der Engel der Zerſtörung draußen ſtürmt, Dann flieht das Schöne in den Kreis der Frauen und alles Herrliche wird dort geſchirmt. 192. Der Mann bedarf im heißen Drang des Strebens Der Liebe Labung, die ihm Lindrung ſchafft, Das ſchwache Weib im Wechſelſpiel des Lebens Zum ſichern Stab des Mannes feſte Kraft. Es führen ſie zum ewigen Bund der Liebe Die Mächte der Natur einander zu, In ſüßer Einheit ſchmelzen ihre Triebe, Das Herz gewinnt Befriedigung und Ruh. . 193. Gleichwie des Baumes prangende Geſtaltung Aus der geheimen Erdennacht empor, So tritt die Lieb' in blühender Entfaltung Im Kreiſe der Familie hervor, 84 und die Penaten*) walten in der Mitte Zum Schutz des Heerds als Genien beſtellt, und bilden frei, erkannt in Sinn und Sitte, Der Liebe Kreis zu einer eignen Welt.. 194. Auf Erden kann das Glück nicht ewig dauern, Die Frende hat da keinen ſichern Ort,— Des Vaters Tod erfüllt das Haus mit Trauern 7 Und die Penaten ziehen jammernd fort. 4 Die Töchter ſcheiden von dem trauten Heerde, Die Brüder gründen ſich ein eignes Haus, uUnd tauſendgliedrig breitet auf der Erde Das Leben ſich in neuen Kreiſen aus. 195. Je nach dem Maß der angebornen Kraͤfte 3 Und wie das hlinde Loß des Lebens fiel, Vertheilen ſie die Rollen. und Geſchäfte uUnd Jeder ſtrebt nach einem eignen Ziel; Doch gegenſeitiges Bedürfniß füget Zur Einheit wieder, was die Arbeit ſchied, Dem Leib der Zünfte, der Gemeinden ſchmieget Sich Jeder an als ein gelenkes Glied. — ²) Der römiſche Name der Familiengeiſter 196. Still blinkt das Dorf, wo bei der Vaͤter Erbe, Den alten Sitten treu, der Landmann lebt; Stolz prangt die Stadt, vom Rauſchen der Gewerbe, Vom Lärm des Handels tauſendfach durchbebt. Und ſchweigend ſchwebet der Penaten Meiſter, Der Volksgeiſt, wachend über Stadt und Land, Gewaltig lenkt er die Familiengeiſter Und Fried' und Freiheit ſind in ſeiner Hand. 197. Die Kraft des Lebens, die mit blindem Wuͤrken Die ſchöne Gliederung des Ganzen baut, Verkläret ſich in höheren Bezirken Zu dem Gedanken, der ſich ſelbſt beſchaut. Wo die Natur und ihre Kräfte enden, Ein Wunderwerk, das Gott natürlich ſchuf, Mit freier Wessheit künſtlich zu vollenden, Das iſt des Fürſten göttlicher Beruf. . 198, EinsWBild der Gottheit thront er in dem Staate, Die Allmacht ruht in ſeinem Herrſcherſtab, Sein Thun iſt heilig und ſein Wort iſt Gnade, Vor Gott nurnlegt er ſeine Rechnung ab. 86 Erhaben hält, im Streit das Recht zu wägen, Die Waage des Gerichtes ſeine Hand, Von ſeinem Munde ſtrömt der Ordnung Seegen Des Friedens Honig durch das weite Land. 199. und alle Kraͤfte, die im Herzen ſchliefen, Was ungeahnt im Grund der Seele lag, Erwachen nun und treten aus den Tiefen Im Himmelsglanze herrlich an den Tag. Die Kunſt verſucht dem Schöpfer nachzuahmen, und alles Herrliche der Geiſterwelt, Das Schöne wird in ihrem goldnen Rahmen Verkörpert vor den ird'ſchen Sinn geſtellt. 200. Die Wiſſenſchaft erbricht der Dinge Siegel, Das Triebwerk der Natur wird offenbar, Anſchaulich ſtellt in ihrem Zauberſpiegel Sie die Geheimniſſe des Schöpfers dar, und alle Kräfte, die noch ungeboren Im dunkeln Schoß der weiten Schöpfung ruhn, Die werden zauberiſch heraufbeſchworen Dem Herrn der Erde ihren Dienſt zu thun. 87⁷ 201. Der Handel ſchwebet kühn nach allen Zonen Auf Meereswogen mit dem Kiel hinaus, und knüpft verbrüdernd alle Nationen und bringt die Segnungen der Welt nach Haus, Des Reichthums Reiz, des Lurus Gaben rauſchen Belebend durch das ganze Gliederthum, und die Bedürfniſſe, die Kräfte tauſchen Sich zur Befriedigung des Ganzen um. 202. Vom wild-bewegten Element der Meinung In ihren Feſten drohungsvoll umſtürmt, Steht ſo, des Lebens herrlichſte Erſcheinung, Die Burg des Staats erhaben aufgethürmt. Von höchſten Höhn des Menſchenlebens ragen Die Zinnen in des Geiſterhimmels Blau, Die ehr'nen Säulen des Geſetzes tragen, Des Volkes Sitte ſtützt den ſtolzen Bau. 7 203. Auf Erden breitet, wie des Meeres Wogen Unendlich wallend, mit Gewalt und Braus 3 Aus dunkelm Schoß des Meers hervorgezogen, Sich das Geſchlecht des Menſchen zahllos aus. 88 Auf kühnem Kiel beſucht es jede Küſte, Bis zu den Polen lenkt er ſeinen Lauf und drückt der Kreatur der rauhen Wüſte Den Stempel ſeiner ſtolzen Herrſchaft auf. 204. Anbetend ſteht die Schaar der Völkergeiſter Am Thron der Welt in großem Chor gereiht, Aus ihren Huldigungen ſchäumt dem Meiſter Der Becher ſchrankenloſer Seligkeit. Vollenden wird ſich die Geburt der Dinge, luch die Geſchichte hat einſt ihre Ruh', Raſch läuft das Rad der Zeiten in dem Ringe Der Ewigkeit dem großen Ziele zu. 89 VII. Geſang. Der Abend. Die Burg Falkenſtein»*). 205. Welch hohes Schauſpiel öffnet ſich den Blücken, Die Sonne hat den Kreis des Tags vollbracht, Noch einmal blickt ſie von des Berges Rücken Und ſenkt ſich dann in wunderbarer Pracht. Aus blauer Tiefe ſprützt das Blut der Flammen, Ein düſtrer Schimmer färbt der Wolken Rand, Als ſinke lodernd eine Welt zuſammen Und breite durch den Himmel ihren Brand. 206. Leb' wohl, du Himmelsköniginn, geliebte Sonne! Du ſüßes Licht, das unſer Leben hellt, Zu andern Welten bringſt du Luſt und Wonne, Grüß mir die Brüder in der andern Welt! *) Unfern des Feldberges, im Herzogthum Naſſau. Ein auf dieſe Erzählung bezügliches Wunder der innern Welt wird der Verfaſſer ſpäter mittheilen, 90 Wie anders Alles! Leicht-beflügelt gleitet Die Schaar der Farben durch das Abendthor, und was hier fühlt und was hier lebt, bereitet Sich andachtsvoll zu ernſtern Scenen vor. 207. Der Ruhe Balſam hat ſich rings ergoſſen, Ein hoher Friede heiligt die Natur, Die Blumen haben ihren Kelch geſchloſſen, Die Grille zirpet einſam auf der Flur. und melancholiſch ſchallet aus der Kirche Des ſtillen Dorfes Vesperglockenklang, Wie Todesbotſchaft ſchweift er im Gebirge, Mit ihm verhallt im Haine der Geſang. 208. Dem Todesengel gleich auf grauem Flügel Erſcheint der Abend in dem Himmelsraum, Und ſchwarze Schatten ſchweben um die Hügel, Wie um die Stirn ein ſchauerlicher Traum. Der Hirte treibt die Heerde von dem Berge, Der Landmann eilt der ſtillen Hütte zu, Wie die Geſtorbenen in ihre Särge Verſinkt die Welt in Dunkelheit und Ruh. Sieh! eine hohe, heilige Matrone, Zieht durch der Schöpfung Thor in düſtrer Tracht, Auf ihrem Haupt die goldne Sternenkrone, Gemeßnes Schritts, die alte Mutter Nacht. Zwei Knaben trägt ſie auf den dunkeln Armen und ſchickt ſie freundlich in die Welt hinaus, Die ſtillen Engel ſuchen voll Erbarmen Des Müden Lager und des Kranken Haus. 210. Erleichtrung bringt der eine von den Brüdern Der Seele, die der Pfeil der Sorge traf, Den Schmerz der Mühe nimmt er von den Gliedern, Sein Nah'n iſt lieblich und ſein Name— Schlaf. Nur dunkler und mit ſtillerm Flügelſchlage Erſcheint der Bruder in dem Haus der Noth und ſtillt den Laut der hoffnungsloſen Klage, Sein Nah'n iſt feierlich, ſein Name— Tod. . 211. Wie durch das Wunder eines Zauberſchlages Iſt der erhabne Wechſel nun vollbracht, Verklungen iſt der letzte Laut des Tages und einſam waltet die verſchwiegne Nacht. — 9² Der Mond, dem Auge Gottes zu vergleichen, Das einſam durch die ſchwarzen Schatten ſchaut, Blickt ernſthaft in das ſchauerliche Schweigen, Das über dem entſchlafnen Leben graut, 212. Schön iſt zu wandeln, wann der bleiche Schleier Des Monds das Angeſicht der Welt umzieht, Die Sternenburg in hoher, heil'ger Feier Im Licht der Millionen Sonnen glüht, Als ob Getön von Engelharfen ſchallte und Hochgeſang von einem Geiſterchor In dem Gewölb des Buſens widerhallte, So zieht es wunderbar die Seel' empor. 213. Schöoͤn liegt die Erde da in Schlaf gefallen, Im Angeſicht der Ruhe ſüße Luſt, An ihrem Herzen traͤumen Nachtigallen und ihre Blumen ruhn an ihrer Bruſt. Nur Nebelbilder ziehen durch die Helle, und ſchweifen ſchleichend über Au und Feld Bis wo aus dunkeln Linden die Kapelle Des Kirchhofs ſchimmert, ſchauerlich erhellt. 9³ 214. O ſchöne Erde, o ihr trauten Linden, In deren Schirm die Schaar der Toden ruht, Kann wohl die Seele Ruhe bei euch finden Und Linderung in der Gefühle Gluth? Doch nein! ihr habt für ſie nicht Freud' und Frieden Ihr Sehnen ſchwebet über euch hinaus, Ihr könnt der Pilg'rinn keine Herberg bieten, In euern Gräbern iſt für ſie kein Haus. 215. So lang' der Tag die höh're Welt verdunkelt, Erträgt ſie ruhig der Entfernung Schmerz, Wann aber ſchön die Schaar der Sterne funkelt, Strebt ſie voll heißer Sehnſucht himmelwärts. Sie möchte ſcheiden und hinübereilen Zu jenen Räumen, wo kein Leiden iſt, Wo die geliebten Freundesgeiſter weilen, Die trauernd ſie auf dieſer Welt vermißt. . 216. Sei ruhig meine Seele, hoff' und glaube! Durch dunkle Wolken ſtrahlt ein ſüßes Licht, Dein Staubgewand verwehet in dem Staube, Dich aber deckt die ſchwarze Erde nicht. 94 Der Tod erſcheint, vom Schmerz dich zu erlöſen, und von dem Trug der Erde zu befrein, und was hier unten nur ein Traum geweſen, Das wird dort oben helle Wahrheit ſein. 217. 8 Gedanke, der wie Nähe guter Engel Die Seele mit Beſeligung durchbebt, Wie triumphirt ſie über Leid und Mängel, Wann ſie dein Flügel zu dem Himmel hebt! Ein ſchöner Schein von Farben iſt das Leben, Wann ſich ein Himmelsſtrahl im Staube bricht, Der bunte Schimmer wird in Nichts verſchweben, unſterblich aber iſt das Himmelslicht. 218. In dir verſteh' ich, wie im tiefen Grauen Des Erdenfriedens, den kein Fußtritt ſtört, Wo meine Blicke nirgends Leben ſchauen, Mein Ohr die Stimme keines Weſens hört, Doch, wie erzeugt von drohenden Gewittern, Ein Geiſterwehen um mein Weſen ſchwebt, und hehre Schauer durch die Seele zittern, Daß meine ſterbliche Geſtalt erbebt. 95⁵ 219. Gebrechlich ſtützt den Fuß die ſchöne Erde, Ich irr' am Abgrund einer andern Welt, In deren Lichtglanz ich erſt blicken werde, Wann in mein Auge Nacht des Todes fällt. Die Welt iſt Schein, das Erdenleben Träume und alles Schöne, das hienieden blüht, Treibt ſeine Wurzel in verhüllte Räume, Wo die Idee im Geiſt der Gottheit glüht. 220. Wohl liegt ein tiefes Schweigen vor der Pforte Der Welt des Lichts, nach der mein Auge ſpäht, Doch eine Ahnung, deutlicher als Worte, Durchzittert mich, die ihre Näh' verräth. Wenn auch mein Finger nie den Schleier küpfet, Der um das Angeſicht der Iſis ſchwebt, Dem reinern Blick des Genius entſchlüpfet Die Seele nicht, die durch das Ganze webt. 221. Der Donner in der dunkeln Nacht poſaunet Den Gruß des Geiſtes, der vorüberbraußt, Das Blümlein an des Baches Rande raunet Das Wort der Seele, die im Innern hauſtt, 1 † 1 6 —— 96 Das junge Leben, das aus Sarges Ritzen Liebäugelnd nach dem Licht der Sonne blickt, Verräth die Kraft, die aus verhüllten Sitzen Die zarten Kinder zu dem Lichte ſchickt. 222. Beruhigt ſteh' ich in dem Reich des Todes und ſehe, wo ein Leben untergeht, Ein andres, das im Glanz des Morgenrothes In ſchönerer Entfaltung auferſteht. Die Geiſter ſtreben und ſich zu verklären, Zerbrechen ſie das enge Erdenhaus und breiten ſtrahlend ſich in höhern Sphären In immer höherer Vollendung aus. 223. Mit dem Gedanken, daß den höhern Räumen Das Beſſere des Menſchen angehört Und nach des Lebens ſchnell⸗- verflognen Träͤumen Zu ſeiner hohen Heimath wiederkehrt, Kehr' nun mein Geiſt zurück zu dem Genuſſe Des ſüßen Friedens, der die Welt umfängt und ſchmeichleriſch mit labendem Erguſſe Sich in die glühenden Geſühle drängt. 97 224. Ein Leichenſchleier fließt des Mondes Schimmer um's Haupt der Burg, die auf der Höhe ragt, Aus deren Moos-bewachſenem Getrümmer Die Eule ſchaurig in die Winde klagt, Still liegt ſie vor mir, dunkel und erhaben, Wie eine Inſchrift, die der Genius Vergangner Zeiten lehrend eingegraben, Daß alles Irdiſche zerfallen muß⸗ 225. Einladend iſt der Friede dieſer Scene, Die magiſch in dem Schein des Mondes glüht, Doch in mein Auge ſtiehlt ſich eine Thräne und Wehmuthsſchauer füllen mein Gemüth, Wie könnt' ich ruhen, wo die Weltgeſchichte Mit ihren Schreckniſſen vorüberfuhr, Ruinen ſind die Male der Gerichte und Todenaſche ſtaubt auf ihrer Spur. 226. Wo nun die Freundinn freudenlofer Toden, Die Schwermuth, unter Grabesſchauern thront, Hat einſt das Leben Freuden ausgeboten, Dort haben frohe Sterbliche gewohnt. Schmitthenner's Jahrszeiten. 5 98 Ein ſtiller Zeuge iſt der Mond am Himmel, Er ſah den Geiſtern der Zerſtörung zu, Einſt ſchien er in der Lebenden Getümmel, Nun blickt er in des Todes kalte Ruh'. 227. Hier ſchlich in ſüßem Thatentraum der Knabe Zur Kammer, wo der Väter Rüſtung hieng, Der Stunde harrend, wo die Ehrengabe Des Ritterſchwertes ſeine Hand empfieng. Der Vater ſah mit innigem Erfreuen, Wie hohe Kraft des Knaben Seele trug Und wie, den Ruhm der Väter zu erneuen, Des Hauſes Geiſt die ſtolzen Flügel ſchlug. 228. Der Jüngling zog hinaus in die Gefahren, Die Jungfrau blieb allein mit ihrem Harm, Doch ſchöner kehrte nach dem Kampfes Jahren Der Jüngling ſiegreich in den treuen Arm, Des Lebens Höchſtes hat ihr Herz empfunden, Der Himmel war den Seelen aufgethan, Ich frage nun, wo ſind ſie hingeſchwunden, und ſchweigend blickt mich die Vernichtung an. 99 229. Als lange ſchon ihr Herz in Staub zerfallen, Vergeſſenheit auf ihrem Namen lag Und waltend in den unbewohnten Hallen Der Winde Wuth die morſchen Mauern brach, Da hatte dort, wo noch die Thore glänzen, Auf die der Mond durch's Laub der Linden ſchaut, Wie eine Herberg an des Lebens Gränzen, Ein Klausner ſich ein Häuslein aufgebaut. . 230. Mit eig'nen Augen hab' ich ihn geſehen, Wie ſinnend er im Lindendunkel gieng, Gern mocht' ich zu dem frommen Greiſe gehen, Der ſtets das Kind mit Freundlichkeit empfieng. Redſelig trug er mir die bunten Mähren, Der Vorzeit ſchauerliche Sagen vor, und in mein Auge ſanken Wehmuthszähren, Bezaubert hieng an ſeinem Mund mein Ohr. . 231. Einſt, ſprach der Alte, wohnt' in dieſen Hallen, Ein Fräulein, das ſich durch der Schönheit Lob und durch des Herzens Güte unter Allen, Wie unter Blumen eine Roſ' erhob. 5* unzählbar und aus allem Land erſchienen 100 Die reichſten Ritter in des Vaters Schloß, um Herz und Hand der Jungfrau zu verdienen, Doch keiner war, der ihrer Gunſt genoß⸗ 232. Ein Ritterjüngling nur, noch zart von Jahren, Doch frommes Herzens und zum Kampfe kühn, Gelobte nach dem heil'gen Grab zu fahren, Geſegne Gott ſein redliches Bemühn. Als nun das Fräulein ſich zu ihm gewendet, Geſtand er nach der Treue Wechſelwort, Es ſei der Liebe Werk noch nicht vollendet, Ihn ruf' ein heiliges Gelübde fort. 2833. So geht erſt, das Gelübde zu erfüllen, Sprach Bertha und voll Thränen ſank ihr Blick, Vollbringet fromm des Heilands heil'gen Willen, Er führ' euch glücklich an mein Herz zurück. Nehmt dieſen Ring als Pfand der Treu und Liebe, Bis drei Mal ſich der Kreis des Jahrs erneut, Tewahe ich trauernd euch die treuen Triebe, Die euch mein Herz in dieſer Stunde beut. 101 234. Weit zog der Jüngling mit den frommen Schaaren Die Ritterspflicht und Sinn des Chriſten rief, Vor Heidenwuth das hohe Grab zu wahren, Wo der Erlöſer Schlaf des Todes ſchlief. Erſchrecklich in dem Schlachtenungewitter, Voran auf dunkeln Wegen der Gefahr, Vollführte Herrliches der tapfre Ritter, So lang' ſein Arm der Schirm der Chriſten war. 235. Als nun zwei Jahre ſchnell dahin gegangen Im Staub der Mühen und im Lärm der Schlacht, Ergriff den Ritter ſehnliches Verlangen und zog ihn heimwärts wie durch Zaubersmacht. Die Stätten, die des Heilands Fuß betraten, Die heil'gen Hügel, die ihn bluten ſah'n, Verließ der Liebende; die Winde wehten, Die Schiffe eilten durch des Meeres Plan. „ 1 236. Als er drauf anſtieg am erſehnten Lande Und einzog in der Stadt des Conſtantin, Da ſchlugen Häſcher grauſam ihn in Bande Tief unten, wo kein Licht der Sonne ſchien. — — —— 10² Verlaſſen lag er, zählte bang die Stunden, Der Sehnſucht Flügel trug die Seele fork, Doch Ketten hielten ſeinen Fuß gequnden, Errettung hofft' er nicht vom Schreckensort. 237. Einſt war der Schlaf auf ſeine Stirn geſtiegen, Da kam im Traum ihm ſeine Bertha vor, Im Arm des Andern ſchien ſie froh zu liegen, und wüthig riß ihn Höllenſchmerz empor, und einen Fremden ſah er vor ſich ſtehen, Der ſprach: ich weiß, wohin das Herz euch treibt, und ſchaff' euch hin ſchnell wie die Winde wehen, Wenn ihr euch mir mit euerm Blut verſchreibt. 238. Gewaltig, mit der ganzen Wucht der Ketten Erhub der Ritter von dem Lager ſich: Unhold, ich würde dir dein Grab hier betten, Die Bande meines Armes retten dich. und ſieh! der Unbekannte war verſchwunden, Es trat ein Scherge mit den Worten ein: Herr Ritter, ihr ſeid ohne Schuld befunden, Ich bin hieher geſandt, euch zu befrei'n. 103 239. Mit heiterm Muthe lenkte nun die Schritte Der Ritter zur erſehnten Heimath hin, Und unterwegs in eines Waldes Mitte Erbot ſich ihm ein Pilger mitzuziehn. So giengen ſie zuſammen viele Tage, Der Pilger, der die beßten Wege fand, Verkürzte durch Geſpräch des Weges Plage Und war bei allem Volke wohl- bekannt. 240. Doch eines Abends irrten ſie vom Wege, Der Pilger ſchwieg, der Ritter gieng ihm nach, und ſie empfieng ein ſtilles Waldgehege, Auf dem die Nacht mit ihren Schatten lag. So zogen ſie und irrten manche Stunde, Es ſchien kein Stern, es ſchien kein Erdenlicht, Es gab kein Laut von einer Seele Kunde, Es zog die Zeit, die Schatten zogen nicht, 7 241. Und endlich, um das Schrecken zu vollenden, Verſperrte eine Mauer ihre Bahn, Sie giengen rückwärts, aber aller Enden Hub ſich die Mauer düſter himmelan. ⸗ 104 Ermattet brachen dann des Ritters Glieder, Vor ſeine Seele trat der dunkle Tod, und zitternd fank er auf die Knie nieder um Gott zu flehen in der höchſten Noth. 242. Da ſprach der Pilger dann voll arger Freude, Drei Mal vollendet ſich der Jahre Lauf, Die Seele, die ihr liebt, verliert ihr heute, Noch ſchwebt das Spiel, ſetzt auch die eigne drauf und hört: ich ſchaff' euch frei und frank zur Stelle, Wann ihr vor Schlaf die müden Augen wahrt, Doch ſchließt der Blick ſich vor des Tages Helle, So ſeid ihr mein zum Lohn der weiten Fahrt.— 243. In der Gefühle ſchrecklichſter Bewegung Beſchwor der Ritterjüngling Gottes Macht, Allein vergebens, ſtumm und ohne Regung, Als wäre Gott geſtorben, blieb die Nacht. und dem Gedanken, den der Geiſt des Böſen Ihm heimlich in die bange Seele ſprach, Es könne Gott nicht helfen und erlöſen, Gab er in ſchrecklicher Bethörung nach. 244 Drei Fahre, dacht' er, ſind ſeit unſerm Scheiden, Die ich geliebt, wird eines Andern ſein, Ich muß ſie ewig laſſen, ewig meiden, Und ward voll Grimm und gieng das Bündniß ein. Sieh Knabe, ſprach der Klausner, mit Entſetzen Bedenk' ich, was er that um eit les Glück, Wär's um die Welt mit allen ihren Schätzen, Ich unterzög mich nicht dem Wageſtück. 245. Hoch über des Geſichtes blauen Schranken Mit Wind und Wolken fuhr der Höllenwicht, Dem armen Ritter ſchwanden die Gedanken Und Schlaf umzog der Augen müdes Licht. Da kamen ziſchend, wie der Pfeil vom Bogen, Im Augenblick der dunkelſten Gefahr Zwei Falken, Engeln gleich, daher geflogen und öffneten das müde Augenpaar⸗ 246. Er war geretket Gottes Auge wachte, Als das des ſchwachen Menſchen nicht mehr ſah, und als die Seele zu vergehn gedachte, Da war die Hilfe von dem Himmel da⸗ —-—-— ——— 106 Raſch gieng die Fahrt, mit raſcherem Gefieder Umſchwebte ſie das treue Falkenpaar, Laut-murrend ließ der Unhold ihn hernieder und ſchlich ſich fort, ihn nahm kein Blick mehr wahr. 247. Hoch-jubelnd ſcholl es aus des Schloſſes Pforte und weckte Sorgen in des Ritters Bruſt, An einen Diener wandt' er bang die Worte: Woher ſo ſpät der laute Lärm der Luſt? Der ſprach: Ihr ſeid willkommen bei dem Feſte, Das heut' dem Bräutigam die Herrinn eint, Kommt näher, denn es iſt nur Lärm der Gaͤſte, Was Euch mit Staunen zu erfüllen ſcheint. 248. Voll Schmerzen trat er in des Schloſſes Hallen und ſchlich ſich ſchweigend in den lauten Lärm Der muntern Gäſte, ungekannt von Allen, Bleich war ſein Antlitz und entſtellt von Harm. Als drauf der Humpen gieng im Kreis der Zecher, Leert' ihn der Ritter auf des Hauſes Glück, Und warf den Ring in den geleerten Becher, Ein Diener trug ihn zu der Braut zuruͤck, 107 249. Die nahm ihn und erbebte und erblaßte, Und Staunen griff die Gäſte im Gelag, Bis ſie vom Sturm des Schreckens ſich erfaßte Und zu dem Bräutigam die Worte ſprach: Noch hat uns Hand des Prieſters nicht verbunden, Gewähret, daß ſie nimmer uns vereint, Er iſt nicht tod, er hat ſich eingefunden, Den wir im Reich des ſtillen Grabs vermeint. 250. Es prüfte dann der Bräutigam die Menge Der Freunde, die zum Feſt verſammelt war, und einen Fremden ſah er im Gedränge und führte ſchweigend die Geliebte dar. und willſt du nun nach Braut und Ritter fragen, So frag' das Grab, dort ruhet ihr Gebein. Das Wunder melden noch des Landes Sagen, Noch führt die Burg den Namen Falkenſtein. 251. Alſo der Klausner. Auf die bleichen Wangen Ergoß in Silbertropfen ſich der Schmerz, und wie durchbebt von dunkelm Geiſterbangen Hob er die feuchten Blicke himmelwärts. 108 Ach! ihn empſieng nun lange ſchon die Pforte, Von der ſo oft der fromme Schwärmer ſprach, Wie Geiſtertöne klingen ſeine Worte In ſtiller Tiefe meiner Seele nach⸗ ⸗ 109 VIII. Geſang. Der Dorfkirchhof. An den Genius. 252. Des Abends Winde ſchweben um die Rüſtern Gelinde lispelnd in der tiefen Ruh', Wie Geiſter der Geſchiedenen, und flüſtern Die Namen der Verſchwundenen mir zu. Ach! die Erinnerung der theuern Seelen, Die drüben weilen, zittert in mein Herz, Ich denke ſie und fühle, daß ſie fehlen, uUnd durch den Buſen glüht der Wehmuth Schmerz. 253. Dort, wo das Mondlicht in die düſtern Schauer Des Todenhofs wie Zauberleuchtung fällt, Wo die Natur mit mütterlicher Trauer Die toden Kinder an dem Herzen hält, 110 Dort laß' mich, der ich künftig tod ſein werde, Vom Vorgefühl des Todes tief erfüllt, Den Brüdern klagen, die im Schoß der Erde Der lange Schlaf in ſeine Schatten hüllt. 3 254. Schöͤn iſt das Eiland Erde, wann in Blüthen Der Frühling auf die Auen niederſchwebt, Die Nachtigall in den geweihten Frieden Der Sommermondnacht ihre Zauber webt, und ſchön auf ihr zu wohnen und zu würken Und ſüß die Liebe unterm Sonnenlicht, Doch in des Grabes nächtlichen Bezirken, Da wohnt die Luſt, da weilt die Liebe nicht. 4 255. Am Götterkelch darf ſich der Menſch berauſchen, Wann er den hohen Bund der Freundſchaft ſchwoͤrt, um Luſt und Leid mit einer Bruſt zu tauſchen, Die ewig treu und trauend ihm gehört, Doch Freundſchaft wohnt nicht in den Finſterniſſen, Wo das Gefühl der warmen Bruſt erliſcht, Dort hat der Tod die Bündniſſe zerriſſen, und Feind und Freund in bunten Reih'n gemiſcht. — —— 111 256. Jedoch, was klag' ich um ein eitles Leben, Das fälſchlich der betrognen Seele lacht, In dem die Hoffnungen vorüberſchweben Wie Gauckeleien der durchträumten Nacht. Nur über dieſer Erde ſchallen Klagen und unter ihr iſt ſchmerzenloſe Ruh', Die Wunden, die das Schickſal hier geſchlagen Deckt dort das Grab mit ſeinen Nächten zu. 257. Die nun dort ruhen, ſtanden in dem Sturme Des Lebens, der die bange Seele ſchlug, Das Herz zerfreſſen von des Grames Wurme, Und ſtets geäfft von falſcher Träume Trug. Wie windſtill iſt es in des Grabes Haven, Wie friedvoll in der Toden kühlem Haus, Getrunken iſt der Schmerzenkelh, ſie ſchlafen Nun ruhig von dem Rauſch des Lebens aus. 7 258. Am Grabe drüben, wo mit leichtem Flügel Der Wind ſich in den Blumendüften wiegt, Fließ' eine Thräne, denn es iſt der Hügel, In deſſen Schoß das arme Julchen liegt. 11² Ein finſtrer Sturm zerriß ihr ſchönes Leben, Hart war ihr Schickſal, namenlos ihr Schmerz, Nun hat das Grab den Frieden ihr gegeben, und ausgeblutet hat das wunde Herz⸗ 259. Ihr ganzes Leben war ein zartes Lieben, Sie fand des Herzens höchſte Seligkeit In ihrem Wilhelm, der mit treuen Trieben Sein reines Daſein ihrer Huld geweiht. Doch ach! den Jüngling ohne Schuld und Maͤngel, Der ihr die Seligkeit des Himmels gab, Brach, kalt für Seelenweh', der Todesengel Wie eine Blume von dem Leben ab⸗ 260. Sie rief zum Himmel, aber acht vergebens, Der Todengräber grub des Grabes Schacht, Die Glocken klangen und das Glück des Lebens Verſank am Sargſtrick donnernd in die Nacht⸗ Wann Wind und Wetter tobten, wallte draußen An Wilhelms Grab die blaſſe Todenbraut, Und miſchte weinend in das wilde Braußen Des Wetterſturms der Klage Jammerlaut, 113 261 Da deckten gnädig des Geſchickes Mächte Die Würklichkeit der kranken Seele zu; Sie fand, umſchleiert durch des Wahnes Nächte In irren Träumen die verlorne Ruh', und pflanzte Roſen an dem theuern Grabe Und brachte mit der Blume, die erſchien, Als ob ſie Nachricht von dem Toden habe, Die langen Tage in Geſprächen hin. 262. Bis daß des Jahres wechſelvolle Stunden Mit ſtiller Hand der Roſe Schmuck geraubt, Da bluteten von Neuem ihre Wunden und ſterbend ſank das ſchmerzenvolle Haupt. Sechs kleine Bretter und ein Grabtuch faſſen Dort unten das zerfallene Gebein, Des Lebens Leiden hat ſie uns gelaſſen und ſchlummert ſanft in ihrem Kämmerlein. . 263. Nicht Gleiches iſt dem Büßenden beſchieden, Der drüben wohnet in dem grünen Grab; Denn mit ſich nahm er in des Todes Frieden Die namenloſe Qual der Schuld hinab. 114 Nun ſchleicht er, wie die ſchauerliche Sage Seit alten Zeiten in dem Dorfe geht, Im Graun der Nacht vom zwölften Glockenſchlage, Bis daß der Hahn zum erſten Male kräht. 264. Er wußte mit der Liebe falſchen Schwüren, Dem Wort der Treue, das er trüglich gab, Das liebetraute Mädchen zu verführen Und brach die Blume ihrer Unſchuld ab. Still wuchs der Keim an ihrem bangen Herzen, Verzweifelnd ſah ſie ſchon die Schande nah'n, und ſprach den Mann um Troſt in ihren Schmerzen, um die Erfüllung ſeines Schwures an. 265. und heuchleriſch mit ſchlangenglattem Worte Verhieß er, Rath und Rettung zu verleihn, Der armen Braut, an abgeleg'nem Orte Im ſtillen Graun der Mitternacht zu ſein. Vertrauend kam das Opfer ſeiner Sünden, Er führte tändelnd ſie am Bach hinab Und ſtieß— wer kann das Menſchenherz ergründen? Die trauende in's kalte Flutengrab. 115 266. Vergebens bat ſie, ſeinen Arm umklammernd, Den harten Mann, er wand ſich kräftig los, Vergebens rang ſie mit den Fluten, jammernd und ſterbend ſank ſie in den ſchwarzen Schoß. Als tiefe Finſterniß die Erde drückte, Da ward die ſchaudervolle That vollbracht; Nur Einer ſchlief nicht, ernſt und prüfend blickte Das Auge Gottes durch die ſchwarze Nacht. 267. Die Fluten nahmen ihren Raub und flohen, Nur noch ein Todesſeufzer kam herauf, Allein der Seufzer klang wie Gottes Drohen Und weckte donnernd das Gewiſſen auf; Die That, ſo klein, als ſie noch ungeboren Am Herzen ſchlief, ſtand vor ihm rieſengroß, Die Hölle ließ aus ihren ſchwarzen Thoren Die grimmen Schlangen der Verzweiflung los. . 268. Hat auch die Nacht ihr Schweigen nicht gebrochen, Blieb auch das Grab des Mädchens ewig ſtumm, Von jenen Schlangen ward ſein Herz zerſtochen, Er trug die Strafe in der Bruſt herum. 116 und in der letzten feierlichen Stunde, Wo von dem Blick der Trug der Sinne fällt, Erſcholl die Anklag' aus dem eignen Munde, Wie eine Stimme aus der andern Welt. 269. Das Leben iſt dem armen Leib genommen, Des Lichtes Schimmer dem gebrochnen Blick, Doch kann die Seele nicht zur Ruhe kommen, Die Sünde ruft ſie in die Welt zurück. Wo dort die Weiden an dem Bache ſtehen, Iſt der verſchmähte, ſchauerliche Ort, Wo ſpäte Wanderer den Toden ſehen, Beim Hauch des Morgens geht er ſeufzend fort. 270. So gehet ſeit der Väter alten Tagen Die Geiſterſage ſchon im Dorf umher, und dennoch hör' ich unſre Weiſen ſagen, Der Tod verſtatte keine Wiederkehr, und unterſteh' mich nimmer, daß ich richte, Denn Tod und Leben ſind ſich furchtbar nah, Ein kleiner Schritt führt aus dem Sonnenlichte In's Schattenland, das nie ein Auge ſah. 117 271. Die Gränzen ſeiner Welten barg ihr Meiſter Behutſam vor dem Blick der Sterblichen, und legte um die Werkſtatt ſeiner Geiſter Den bunten Schleier der Erſcheinungen. und die gewagt den Schleier aufzudecken, Die frag' ich nicht, wie das Geheimniß heißt, Geſpenſterartig, mit der Hölle Schrecken Umſchwirren Räthſel den verwirrten Geiſt. — —— —— 272. Auch das erklärt mir wenig, daß ich wiſſe, Es laſſe ſeinen Raub das Grab nicht los, Nur weil ich Wahrheit der Erſcheinung miſſe, Iſt mir das Wunder der Erſcheinung groß; Denn die Geſpenſter, die im Raume wandern, Die Nachtgeſtalten, die wir ſchaudernd fliehn, Sind Bilder, aber rückgeſtrahlt von andern, Die leuchtend durch die Welt des Innern ziehn. . 273. Wie groß iſt nicht der Menſch in ſeinem Walten! Er ſchwingt den Zauberſtab der Phantaſie, und Geiſter kommen, himmliſche Geſtalten Durchziehn die Welt, gehorſam der Magie. 118 Er ſchlägt die Augen auf und werdend glühet Schön eine Schöpfung in des Lebens Schein, Er ſchließt die Blicke ſterbend und es ziehet Der jüngſte Tag in eine Welt hinein. 274. Und doch wie klein in aller ſeiner Größe, Ein Fehltritt nur, ein leiſer Fingerdruck, und blutend liegt der Gott in ſeiner Blöße, Verweſend ſtaubt des Lebens Blüthenſchmuck. Er zählt der Zeiten unermeßne Ferne und nach Jahrzehnden läuft ſein Leben ab; Er legt den Maßſtab an die Bahn der Sterne Und kaum fünf Schritte mißt ſein ganzes Grab. 275. Wol Manchen hegte dort des Dorfes Mitte, Der mit dem Ehrenkranz von Silberhaar Ein Muſterbild des Volks in Sinn und Sitte Und das Orakel ſeiner Nachbarn war. In Abendſtunden und an Feiertagen Erſchien der Greis in ſeiner Nachbarn Chor, und trug der Väter ſchauerliche Sagen, Die goldnen Sprüche ſeiner Weisheit vor. 1 119 276. Wie manche Jungfrau ſtand in ſüßer Blüthe, Ein Kind der unverkünſtelten Natur, Die zaub'riſch ungeſuchter Reiz umglühte, Wie eine Blume auf der freien Flur. Ihr Preiß erſcholl aus jedes Jünglings Munde, An ihren Reizen hieng ein jeder Sinn, 3 Und herrlich ſtrahlend in der Frauen Runde War ſie des Dorfes ſtolze Königinn. 277. Und manche Mutter zog mit tauſend Mühen In jenen Hütten ihren Knaben groß, Mit ſtiller Freude ſah ſie ſein Erblühen Und träumte froh von ſeines Lebens Loß. Und herrlich trat er an des Lebens Werke, Sein zartes Antlitz färbten Milch und Blut, In ſeinen Armen wohnte Rieſenſtärke, Aus ſeinen Blicken flammte Heldenmuth. 7 278. Da liegen ſie, mit allen ihren Traͤumen, Mit Allem, was die Seele hier gerührt, Gebannet in den ſchaudervollen Räumen, Wo die Verweſung ihren Haushalt führt. 1²⁰ Von ihrem Leben und von ihrem Lieben, Von allem Reiz der blühenden Geſtalt Iſt keine Spur auf dieſer Welt geblieben, Sogar der Laut des Namens iſt verhallt. 279. Zu ihnen war das hohe Wort erklungen: Es nehme nach des Lebens kurzem Lauf, Wann ſtark der Kampf des Todes ausgerungen, Ein ſchönes Reich die reinen Seelen auf. Und als des Lebens Sterne niederzogen, und nun das Graun der langen Nacht erſchien, Da ſpannte noch den goldnen Strahlenbogen Die Hoffnung durch die ſchwarzen Schatten hin. 280. Die Sterne ziehen und der Zeiger eilet Am Blatt der Weltenuhr bald auf, bald ab; Sie ſchlug ſchon ſechs Jahrtauſend und es weilet Die Schaar der Toden immer noch im Grab. Urahn und Enkel hat das Grab verſchlungen, Geſchlechter giengen ihren letzten Gang, Allein noch Keiner hat ſich losgerungen. Ach Gott! der Schlaf der Toden dauert lang! 7 1²¹1 281. Hier, wo die ſchwarzen Todeskreuze blinken, Es ſei die Gränze der Lebendigen, Vom Himmel hoch die Sterne freundlich winken, Es ſei kein Tod im Reich des Ewigen, Laß mich, mit Gott und mir allein, es wagen, Und die verwegenſte der Fragen thun, Vielleicht wird er's dem künft'gen Toden ſagen: Was iſt das Loß der Schläfer, die dort ruhn? 282. Ich hoff' und harre, eine Stunde ſchwebet Vorüber mir mit trägem Eulenflug; Ich harre ſchaudernd, eine andre ſchwebet Vorüber mir mit trägem Eulenflug. Kein Fußtritt hallt, kein Athem weht, rings ſtarret Die ſchreckenvolle Ruh der Ewigkeit, Nur in dem Thurme der Kapelle knarret Des Pendels Schlag, der dumpfe Puls der Zeit. 283. Ach! ernſt und ſchweigſam iſt des Todes Feier, Einſam und ſchauerlich des Grabes Rand, Dreifache Nacht umhüllt mit ihrem Schleier Die Ausſicht in das ſchöne Wunderland; Schmitthenner's Jahrszeiten. 6 1²² Und ob es nur ein eitler Wahn geweſen, Ob Wahrheit in den ſüßen Träumen lag, Iſt Keiner dann, der dieſes Räthſel löſen, Der ihren Traum der Seele deuten mag? — 284. Horch! eine Stimme an des Grabes Pforte! Wer flüſtert mir den ſüßen Geiſtergruß? Wer redet zu der Seele Friedensworte? Ha! du biſt's, alter treuer Genius. „Vergebens, daß die lüſternen Gedanken In's dunkle Reich der Zukunft ſpähend ziehn, Der Strom der Zeiten wälzet ohne Schranken und unabſehbar dort die Fluten hin.“ 285. „Verlangt dein Herz die glücklichen Genüſſe Der Hoffnung und des Glaubens reichen Hort; So laſſe des Verſtandes ſtolze Schlüſſe und halt' in Demuth am Prophetenwort. Und willſt du ſchauen, lern; das Herz beſiegen, Entſage muthig auf das Glück der Zeit, Im Oceane höhern Lebens liegen Die ſchönen Inſeln der unſterblichkeit.“ 123 286. Wohl ich verſtehe. Aus dem Sinnenleben Zur Höhe, wo die Geiſterſonne glüht, Soll ſich der Geiſt in kühnem Schwung erheben, Um dort zu ſchauen, was unſterblich blüht. In ſchönern Räumen vor dem großen Meiſter Beſteht bei der Ide'en ſanftem Licht Die ſelige Gemeinſchaft aller Geiſter. Dieß aber löſ't den Zweifelsknoten nicht. 287. Sein oder Nicht-ſein, das iſt nicht die Frage. uUnſterblich iſt der hohe Geiſt und ſchwebt In Himmelshöhen, wann die Leichenklage Sich an dem Grabe des Gebeins erhebt. Schon hier befreiet von des Stoffes Schranken, Unendlich waltend über Raum und Zeit, Durchſchwebt er mit den ewigen Gedanken Die heitern Sphären der Unſterblichkeit. 288. Ob aber, wann der Geiſt zum Himmel ſchwebet, Der Schatz des Wiſſens, den er hier erwirbt, Das Schöne, das in der Erinn'rung lebet, Zurückbleibt und im ſchwarzen Grab verdirbt, 1 1²⁴ Ob in dem Bunde der Verklärten, Reinen, In den Myſterien der andern Welt, Der Geiſt mit ird'ſcher Liebe darf erſcheinen, Das iſt die Frage, die man billich ſtellt. 289. Für ew'ge Freundſchaft hat mein Herz geſchlagen, Zerreißt der Tod die Bündniſſe der Zeit, So kann mein Geiſt ein ew'ges Sein nicht tragen, Die Langeweile der unendlichkeit. 8 Ich habe ew'ge Liebe hier geſchworen, und lieben die Unſterblichen nicht mehr, So laßt den Riegel vor des Himmels Thoren, Ich trinke gern den Kelch der Lethe leer. 290. Vergebens fragt der Geiſt euch höh're Geiſter, Was drüben kömmt, wann er die Hülle tauſcht, Auch teiner der Dämonen hat dem Meiſter Dieß heilige Geheimniß abgelauſcht. Die Nacht iſt ſtumm und wilde Wogen ſchlagen Mit tauſend Schrecken an das ſchwache Boot, Es gilt zu hoffen und es gilt zu wagen, Das Auge Gottes wacht auch in dem Tod⸗ 291. Wohlan, es frage nun mein Mund nicht weiter, Den Schleier rühre meine Hand nicht an, Du, treuer Genius, ſei mein Begleiter, Ich wandle fort auf angewieſ'ner Bahn, Und wann ſich einſt die dunkeln Nächte lichten, Der Herr der Geiſter den Gerichtstag hält, Hier ſteh' ich und erfülle meine Pflichten und halte mich an das Geſetz der Welt. 292. Siehſt du die Sterne ziehn in jenen Weiten? Mit ihnen läuft der Kreis des Lebens ab, Ich muß mich ſchon zum letzten Schritt bereiten Und vor dem letzten Schritte liegt mein Grab. Wann dieſes Herz, das einſt ſo tief gefühlet, So froh und frei geſchlagen, kraftlos bricht, Der letzte Schmerz durch meinen Buſen wühlet, Hör', treuer Alter, dann verlaß mich nicht! —————— — — ffnneeenneff ämcmempmſamst ſandänſndmſmd 12 3 14 16 17 18 19 l 8 *