1 E Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vo Eduard Otfkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. JLeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 8„8 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————O;·— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3,„=„„=„„—„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer 8 Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſigeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Albun. Bibliothek deutſcher Originalromane. b 8 Herausgegeben von J. L. Kober. b — S Sechzehnter Jahrgang. Siebzehnter Band. Apoll von Byzanz. 4 Wien. H. Markgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.). 1861. Von Ernſt Hellmuth. Vierter Theil. . Wien. H. Markgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 18641. S 8 5 8 = 8₰ 2 H& Prag. Inhalt des vierten Theils Erſtes Kapitel: Herr Ludwig von Chénier..... 1 Bweites Kapitel: Das Refectorium........ 18 Drittes Kapitel: Robespierre.......... 50 Viertes Kapitel: Ueberraſchungen........ 65 Fünftes Kapitel: Das letzte Lied....... 88 Sechſtes Kapitel: Der Blitz des Thermidor..... 102 Siebentes Kapitel: Vor den Tuilerien....... 121 Achtes Kapitel: Schluß = — g = 5 — — — 5 6 Arſtes Kapitel. Herr Ludwig von Chenier. Die Zeit hatte einen noch blutigeren Charakter an⸗ genommen und die Hoffnungen, welchen ſich die Mehrzahl des Volks am Tage des Feſtes des höchſten Weſens hin⸗ gegeben, hatten ſich als ſehr eitel erwieſen. Kein Regi⸗ ment der Milde, der Nachſicht, ja der Gerechtigkeit, von ſo unendlich Vielen erſehnt, kam; im Gegentheil: die Blut⸗ gerichte mehrten ſich im Monat Juni 1794 in erſchrecken⸗ der Weiſe und nahmen mehr und mehr den Charakter von Gemetzeln an, welche das blutdürſtige Volk abſtumpfte und Alle, die noch Menſchen geblieben waren, mit Abſcheu gegen eine ſolche Freiheit erfuͤllte. Tagtäglich ſchleppten die Karren zwanzig, dreißig, ja bis zu achtzig nach der Guillotine— oft die Blüthen des weiblichen Geſchlechts, der Intelligenz, des ehemaligen Adels, faſt immer ſchuld⸗ loſe Geſchöpfe, die ſterben mußten, weil die Freiheit mit Blut getränkt werden ſollte. Selbſt bei denen, welche die Todesurtheile fällten, hatte jetzt ein Widerwille ge⸗ gen dieß traurige Amt die Oberhand erhalten; aber die 1861. 17. Apoll von Byzanz. IV. 1 2 Furcht vor der Gulllotine trieb ſie zur Verrichtung des⸗ ſelben. Die Schreckensherrſchaft war auf ihrem Gipfel, aber Jeder ahnte, daß eine furchtbare Kriſis nahte und über kurz ein großer Umſchwung der Dinge ſtattfinden müſſe. Unwillkürlich prägte ſich dieſe Ahnung auf Aller Antlitz— die ganze Phyſiognomie der erſten Tage des Juli hatte et⸗ was Unheimliches, Gedrücktes: das große Gewitter, wel⸗ ches heraufzog, lag in allen Giedern, in denen des Sicher⸗ heitsausſchuſſes, des Convents, des Jacobinerelubbs, in denen jedes Menſchen. Auch Robespierre, obgleich er der Herr Frankreichs und ſeine Macht in Wahrheit, wenn auch nicht der Form nach, eine diktatoriſche war, fühlte das Unbeſtimmte, Dun⸗ kele und Zweideutige ſeiner Lage. Er zeigte ſich merk⸗ würdig unentſchloſſen, dabei auffahrend, zerſtreut, ewig wie von einem rieſigen Gedanken beſchäftigt. Bald klagte er die Ausſchüſſe der Grauſamkeit, bald der Nachſicht an — er grollte unaufhörlich, aber man wußte nicht, wem, und deßhalb verlor er an Freunden und Anhang. Man dachte, er ſinne auf die Diktatur und ſeine Feinde ſtreu⸗ ten das Mißtrauen gegen ihn fleißig aus, ſie organiſirten eine Verſchwörung und dieſe nahm mit einem Male unge⸗ heure Dimenſionen an, reichte bis in den Jacobinerclubb, wo Robespierre noch vergöttert wurde, bis in die Aus⸗ ſchüſſe, welche Robespierre's Befehle zu vollziehen hatten. 3 Die Kriſis nahte.... es fragte ſich nur, welches Reſul⸗ tat derſelben entſteigen werde. Es war der dierte Juli, ein heißer Tag; denn die Sonne ließ ſich nicht irre machen und ſchien in dem repub⸗ likaniſchen Monat Thermidor ebenſo glühend hernieder, wie im ariſtokratiſchen Juli, den die Republik, wie den ganzen alten Kalender, abgeſchafft hatte. Gilbert liegt im Vorzimmer ſein es Herrn nach ge⸗ wohnter Weiſe auf der Erde und ſchläft. Der brave Burſch hat ſeine Hochzeit verſchoben, denn Roſa war bis vor Kur⸗ zem noch immer leidend geweſen in Folge der Gemüths⸗ bewegungen während ihres Opferdienſtes beim Feſt der Vernunft; auch wollte Gilbert eine beſſere, ruhigere Zeit abwarten, ehe er den Dienſt bei Dr. Maury aufgab. Roſa hatte dieſe Idee in ihm angeregt, denn im Grunde war der brave Kerl ſelbſt nicht reich an Gedanken und in Bezug auf die Politik naiver, als den Umſtänden nach an⸗ genommen werden könnte. Plötzlich tönte die Klingel. Gilbert aber ſchlief den Schlaf des Gerechten und rührte ſich nicht. Die Hitze konnte der Burſch gar nicht vertragen. Die Schelle wird noch einmal und ſtärker gezogen. Aber der Geliebte Roſa's verwebt den Ton, der im Schlaf in ſeine Ohren dringt, wahrſcheinlich mit ſeinen Träumen. Nach zwei Minuten trat Dr. Maury in den Vorſaal, 1*⅔ 4 um, wie ſo häufig, ſelber zu öͤffnen, wenn die alte Urſula gerade nicht zugegen war. Der Arzt warf einen nachſichtig lächelnden Blick auf ſeinen ſchlafluſtigen Diener und ohne ihn zu ſtören, öffnet er die Thür. Zwei Perſonen ſtanden vor ihm— ein Greis und ein Burſch von etwa fünfzehn Jahren. Der Alte war ſorg⸗ fältig gepudert und trug eine Art Livrse, an der man die dunklen Stellen wahrnehmen konnte, auf denen einſt die Galons ſich befunden hatten. Er zog ſeinen Hut mit viel Reſpekt, warf aber zugleich einen Blick des Mißtrauens um ſich und in das Vorzimmer hinein, ſowie er auch bei Seite trat, um zuerſt den Knaben eintreten zu laſſen. Der Burſch genirte ſich auch nicht, ſondern ging die Melodie der Marſeillaiſe pfeifend, durch die Thür auf den Arzt los, der ihn ziemlich verwundert, aber ruhig be⸗ trachtete. Er ſchien ſogar zu leichtem Spott aufgelegt, denn er ſagte zu dem Burſchen, als dieſer mit Pfeifen aufhörte: „Fange dieſen Vers noch einmal an, mein Kind.“ Wirklich begann der Burſch, ohne in Verlegenheit geſetzt zu ſein, nochmals einen Vers der Marſeillaiſe zu pfeifen. Es ſchien ihm ſeinerſeits Spaß zu machen, dem Spott des Arztes zu trotzen. Der Burſch war nicht häß⸗ lich und eine ganz neue rothe Mütze ſaß keck auf einem Ohre; ſonſt hatte er aber manche Blößen; denn er trug keine Schuhe, wahrſcheinlich um des Namens Ohnehoſe würdig zu ſein. Endlich trug er den Zweck ſeiner Anweſenheit vor. „Der Bürger Robespierre iſt krank,“ ſagte er mit einem ſehr entſchiedenen Ton und einer ſeltſamen Grimaſſe. „Um zwei Uhr ſollen ſie zu ihm kommen.“ „Maury gab ihm ein Zweiſousſtück, als er wieder gehen wollte. Der Burſch aber warf es trotzig in eine der Fenſterſcheiben, daß ſie in hundert Stücke barſt, und tanzte dann die Treppe hinunter, indem er ſich das Ca irn pfiff. Maury, ohne durch dieſen Zwiſchenfall weiter be⸗ rührt zu ſein, wandte ſich nun an den alten Bedienten. „Was wünſchen Sie?“ fragte er, indem er ihn ein⸗ zutreten nöthigte. Der Alte ſchloß nun erſt mit vieler Vorſicht die Thür des Vorſaales, blickte noch einmal um ſich und kam ſicht⸗ lich in Angſt, als er Gilbert bemerkte, welcher inzwiſchen erwacht war und kerzengerade an der Wand ſtand. „Ich wollte, mein Herr,“ ſtotterte er faſt unvernehm⸗ lich, Die Frau Herzogin iſt heut ſehr leidend...“ „Welche?“ fragte Maury etwas hart;„reden Sie ſchnell und lauter. Ich weiß nicht, bei wem Sie in Dien⸗ ſten ſtehen.“ Der alte Mann ſchien über dieſe rauhe Sprache er⸗ ſchrocken zu ſein, ebenſo wie er durch den jungen Sans⸗ culotten in Verlegenheit geſetzt worden war. Seine wel⸗ 6 ken Wangen färbten ſich plötzlich roth und er zitterte. Nach einer ganzen Weile erſt entgegnete er auf des Doktors Worte furchtſam und mit noch leiſerer Stimme, einen ſcheuen Blick auf Gilbert werfend: „Die Frau Herzogin von St. Aignan..“ „Gut, gut, mein Freund,“ unterbrach ihn Maury freundlicher,„ich habe ſie nicht vergeſſen. Noch heute Mit⸗ tag werde ich ſie in St. Lazare beſuchen; beruhigen Sie ſich deßhalb. Hoffentlich hat ſie über nichts Ernſtliches zu klagen?“ „Sie lebt wie alle Tage,“ antwortete der Alte; „auch iſt die Anweſenheit einer Perſon im Gefängniß für ſie ein großer Troſt. Aber ich habe viel Urſache, um dieſe Perſon zu bangen und— bedenken Sie, welchem Schmerz Madame preisgegeben ſein würde, wenn.... O, Sie verſtehen mich! Sie wird ihren Leiden erliegen, ſie wird nicht wieder aufkommen in dieſem Falle!“ „Nun, nun, alter Mann, die Frauen, welche leicht verzweifeln, wiſſen ſich auch ſchnell wieder zu tröſten. Ich⸗ habe einige Mittel, um die Schwachen zu kräftigen. Wie geſagt, heute Mittag werde ich nach St. Lazare kommen.“ Darauf grüßte Maury leicht und trat in ſein Ar⸗ beitskabinet, während der Alte im Vorzimmer zurückblieb. Weit entfernt, dieſen Wink der Verabſchiedung zu verſte⸗ hen, ſchritt er nach einigen Minuten, deren er zur Faſ⸗ ſung des Entſchluſſes bedurfte, glei chfalls nach der Thür 7 des Arbeitszimmers, öffnete ſie etwas zögernd und trat dann endlich mit allen Zeichen der Angſt ein. Doktor Maury konnte ſich dieſes Benehmen nicht erklären und herrſchte, gereizt durch den Beſuch, den Alten abermals an: „Sind Sie denn von Sinnen?“ fragte er und maß ihn ſtreng von Kopf bis zu Füßen. „Nein, mein Herr, ich bin verdächtig,“ antwortete der Alte ſchnell. „So!“ meinte nun der Arzt ruhiger.„Das iſt etwas Anderes und eine ſehr traurige Lage, wenn auch eine ehrenvolle.“ Indem er dann den Fremden aufmerkſamer und freundlicher muſterte, fuhr er fort:„Ich hätte es bei⸗ nahe aus der Vorliebe, die Verkleidung eines Bedienten anzunehmen, errathen können. Das iſt eine Monomanie bei allen denen, welche ſich retten wollen. Nun, Herr“— und er ſchritt auf einen großen Schrank zu—„hier iſt ein Platz für Sie, wenn Sie Luſt haben, denſelben einzu⸗ nehmen. 4 Er öffnete die beiden Flügel des Schrankes und machte dabei zu dem„Verdächtigen“ eine einladende Be⸗ wegung. „Freilich,“ ſetzte er hinzu,„fürchte ich, daß Sie hier nicht gerade ſehr bequem placirt ſein werden; aber es waren ſchon ſechs Perſonen, eine nach der anderen, in dieſem Aſyle.“ 8 Der Alte war allen dieſen Bewegungen und Worten des Arztes mit einer Ruhe gefolgt, welche bedeutend ge⸗ gen ſein bisheriges Weſen abſtach. Er ſchien ſich, ſeitdem er mit Maury allein war, vollſtändig verändert zu ha⸗ ben: aus dem zitternden Bedienten war ein ſchöner, we⸗ nig gebeugter, würdiger Greis geworden. Er neigte lä⸗ chelnd ſein Haupt als Antwort auf die Einladung, in den Schrank zu treten, ſetzte ſich ſtatt deſſen mit einem ſiche⸗ ren Anſtande auf einen Stuhl und ſprach dann folgender⸗ maßen, indem er dabei die Nobleſſe ſeiner Haltung gel⸗ tend machte: „Mein Herr, ich werde Sie von Allem über meine Perſon und den Grund meines Beſuches ins Klare ſetzen. Ich bin Louis von Chenier und habe vier Söhne, von denen unglücklicher Weiſe zwei im Gefängniß ſitzen, der eine in der Provinz, der andere hier in St. Lazare. Ein drit⸗ ter iſt der Dichter des„Karl IX.“ und Conventsmitglied— ich bin nicht ſtolz darauf, mein Herr, im Gegentheile. Am meiſten geht mir nun das Schickſal meines Jüngſten, des André, zu Herzen. Zwar wird ihn das Gefängniß etwas ernüchtert haben, und das hat ſein Gutes, aber, mein Gott! ich weiß wirklich nicht, weßhalb ſie den Schwärmer, den Apoll von Byzanz, wie er genannt wird, hinter Riegel und Schloß geſetzt haben. Ich habe mich zeitig genug aus der Revolution gezogen und meinen 9 Söhnen oft genug geſagt, daß die Freundſchaft mit Blut⸗ menſchen geſährlich ſei... „Sie vergeſſen, Herr von Chenier,“ unterbrach ihn der Arzt,„daß ich heut zu einem dieſer Blutmenſchen eingeladen bin. 4 err Doktor; aber 115 glaubt genſchaft als Ar cſchehen, es ſei lediglich mmd 13g eine Stellung, für welche ich übrigens die hochſte Achtung hege; denn nach den Aerzten der Seele, wie die Prediger und alle Geiſtlichen ſind, denn ich will keinen von ihnen ausnehmen, ſind die Aerzte des Körpers...“ „Verpflichtet, zu rechter Zeit zu erſcheinen, wollen ſie helfen, u unte erbrach ihn aberr mals Maury, um der ihn verdrießenden Geſchwätzigkeit des Be ſeher ein Ende zu machen.„Ich k kenne übrige ens Ihre Söhne....“ „O das wußt' ich, Herr Doktor, auch kenne ich, wiewohl nur oberflaͤchlich Frau von St. Aignan und das Verhältniß, welches, 3 man ſagt, mein André mit ihr haben oll; 8 igens iſt dieß ein ganz natürliches und verletzt die Dehors in Nichts Ich weiß auch, daß Sie der Arzt von F Frau von St. Aigdan ſind— deßhalb führte ich mich durch ſi ſie bei Ihnen ein. Die arme Frau! Ihr Gemahl, der Herzog, iſt nun auch guillotinirt worden! Aber um auf den Zweck meines Beſuches zurück zu kom⸗ men, Herr Doktor, eben weil Sie meinen Andre kennen, habe ich die Hoffnung gefaßt, daß Sie ihn befreien könn⸗ 10 ten; er ſoll auch, das werde ich ſchon von ihm err eichen, keine Verſe mehr machen, mindeſtens nichts mehr drucken laſſen.“ „Sie ſind grauſam,“ warf der Arzt ein, der ſich übrigens in Geduld gefaßt hatte. „O nein! Das bin ich nicht. Ich weiß recht gut, André hat Geiſt und ſein Brief über die Jacobiner und den Prozeß Ludwig XVI. war ein Meiſterſtück. Aber, mein Herr, ich muß Ihnen doch ſagen, welches im Grunde meine Geſinnungen ſeien; denn Sie ſind, ich weiß es, ein Charakter, ein Mann von Charakter, obgleich Sie mit vielen dieſer Blutmenſchen umgehen müſſen.“ „Meine Pflicht kann ſich durch die Leidenſchaften der Menſchen nicht berührt fühlen. Ich bin Arzt, Herr von Chenier, für allerlei Kranke, und das hat mit mei⸗ nem perſönlichen Charakter keine Berührungen.“ „Bei Gott!“ rief jetzt Herr von Chenier mit einer gewiſſen militäriſchen Derbheit.„Wiſſen Sie, daß es abſcheulich wäre, einen ſo liebenswürdigen Mann wie Sie zu compromittiren, indem man von ihm eine Gefälligkeit erbittet?“ Doktor Maury, noch immer im Glauben, der alte Herr wolle ein Aſyl beanſprechen, wies wieder zuvor⸗ mend auf ſeinen Schrank, indem er dabei ſagte: „Ich hatte ſchon die Ehre, Ihnen anzubieten, was ich vermag... 11 „O dieß iſt durchaus nicht das, was ich nöthig habe,“ unterbrach ihn Herr von Chenier;„ich will mich nicht verſtecken, Herr Doktor; im Gegentheil, ich will mich zeigen, mehr als bisher. Wir ſind in einer Zeit, wo man einen Entſchluß faſſen muß und am Ende fürchte ich auch nichts mehr für meinen alten Kopf. Aber der André, der liebe André geht mir zu Herzen, Herr Doktor, und ich kann es nicht länger ertragen, ihn in dieſem gräulichen Hauſe von St. Lazare zu wiſſen! Doktor Maury warf einen durchdringenden Blick auf den alten Herrn, als wolle er ſich überzeugen, daß die eben gehörten Worte ernſt gemeint ſeien; dann ent⸗ gegnete er faſt rauh: „Er muß im Gefängniß bleiben; das iſt das Beſte, was zu thun iſt.“ „Ich werde verſuchen.... „Hüten Sie ſich, etwas zu verſuchen 19 „Ich werde ſagen... „Hüten Sie ſich, etwas zu ſagen! Herr von Chenier ſchwieg wie betäubt und faltete ſeine Hände zwiſchen den Knieen mit dem Ausdruck ſo tie⸗ fer Trauer und Reſignation im Geſicht, daß der härteſte Charakter bei dieſem Anblick gerührt worden wäre. Er betrachtete dabei Maury mit einem Blicke, indem ſich ein Gemiſch der widerſprechendſten Gefühle kund gab und der zu fragen ſchien: Bin ich denn recht hier? Iſt dieß der 77 71 12 Doktor Maury? Scherzt er mit mir oder iſt Alles Ernſt, was er da geſprochen hat? Seine Stirn bedeckte ſich mehr und mehr mit tiefen, geſchwungenen Runzeln und bald ſtiegen dieſe Falten durch das Erſtaunen empor, bald glätteten ſie ſich, wenn die Traurigkeit in dem Alten die Oberhand erhielt. Endlich ſagte er mit einem halben Seufzer: „Ich ſehe wohl, daß Frau von St. Aignan ſich ge⸗ täuſcht hat. Ich will Sie auch durch Nichts zu beſtimmen ſuchen, denn, am Ende, in dieſer Zeit geht jeder Menſch ſeinen eigenen Weg. Nur um Eins bitte ich, Herr Maury, nämlich um Stillſchweigen, um Verſchwiegenheit. Ich werde Sie auch nicht wieder beläſtigen, Bürger.“ Doktor Maury, welcher bisher durch keine Miene verrathen hatte, wie nahe ihm die Gefühle des alten Herrn, der ſeinen Sohn frei wiſſen wollte, gegangen, wurde durch das letzte Wort ſichtlich ſcharfberührt, denn Herr von Chänier hatte es mit einer eigenthümlich harten Betonung geſpro⸗ chen. Es hatte wie eine Art Verwünſchung geklungen und war Maury um ſo mehr aufgefallen, als der Greis es bisher noch gar nicht gebrauchte. Es war unmöglich zu verkennen, daß es in dieſer Betonung Verachtung, Schmerz und Verzweiflung ausdrücken ſollte. Ueberdies hatte ſich Herr von Chenier gleich darauf erhoben, indem er ſeine blutgeaderten Hände auf die Armlehnen des Fauteuils 13 geſtützt, als könne er nur vermittelſt ſolcher Hilfe ſein Vorhaben ausführen. Doktor Maury drückte den alten Herrn, als er end⸗ lich aufrecht ſtand, mit beredtem Kopfſchütteln ſanft in das Fauteuil zuruck und ſagte dabei: Frau von St. Aignan hat Sie durchaus nicht ge⸗ käuſcht; Sie ſind vor einem zuverläſſigen Mann, mein Herr. Ich habe niemals den Schmerz irgend einer Perſon gemißbraucht, obgleich ich der Vertraute ſehr vieler Her⸗ zensſorgen geweſen, beſonders ſeit einiger Zeit...“ Herr von Chenier ſchüttelte wie ungläubich ſein Haupt: Doktor Maury aber fuhr im geſteigerten Tone fort: „Glauben Sie mir, ich kenne die Lage der Gefan⸗ genen beſſer wie Sie und beſonders die desjenigen, der Ihnen das Leben ſchuldet und dem ſie es rauben werden, wenn Sie fortfahren, ſich in derſelben Weiſe wie mir ge⸗ genüber für ſein Schickſal zu intereſſiren. Bedenken Sie, Herr, daß man während der Erdbeben ſtill und unbeweg⸗ lich auf ſeinem Platze bleiben muß.“ Herr von Chenier antwortete nur durch eine Bewe⸗ gung der Reſignation und zurückhaltender Höflichkeit und Doktor Maury fühlte, daß er durch ſeine anfängliche Rauhheit das Vertrauen dieſes Mannes verloren hatte. Herrn von Chéniers Augen waren mehr als geſenkt, faſt geſchloſſen, während der Arzt fortfuhr, ihm tiefes Still⸗ 14 ſchweigen und vollſtändige Unthätigkeit anzuempfehlen, und ihm ſo höflich als möglich bemerklich machte, daß jedes Alter ſeine Thorheiten, alle Leidenſchaften ihre Kurz⸗ ſichtigkeiten haben und die Vaterliebe beinahe eine Leiden⸗ ſchaft ſei. „Seien Sie überzeugt,“ fuhr er fort,„daß, wenn ich Ihnen auch die einzelnen Gründe noch vorenthalten muß, ich gewiß nicht mit meinen Vorſtellungen ſo in Sie drin⸗ gen würde, und zwar unter ſo ernſten Umſtänden, wenn ich nicht überzeugt wäre, in welche Gefahr die geringſte Verwendung für Ihren Sohn dieſen ſtürzen wird. Auch ich liebe ihn ja wie ein Vater und Sie wiſſen es wohl, weßhalb. Deßhalb glauben Sie mir auch ohne Angabe der einzelnen Motive, die mich beſtimmen, ſo zu rathen. In meiner Stellung genieße ich nicht ſelten das Vertrauen der gegenwärtigen Machthaber und ſchon oft habe ich von der Gunſt eines Augenblicks Vortheil gezogen und ei⸗ nige bereits verfallene Menſchenköpfe dadurch der ſchon wartenden Guillotine entzogen. Wenn ich Ihnen h ſage: thun Sie nichts, gar nichts, ſo weiß ich, weß⸗ ¼ alb ich dieß ſage; denn ſeit Monden ſinne ja auch ich darauf, Ihren Sohn, der mir theuer iſt und deſſen Genie ich wür⸗ dige, ebenſo wie Frau von St. Aignan, welche mir und ihm näher ſteht, als Sie glauben, den Blutrichtern zu entziehen. Es kann nur noch Tage dauern, das weiß ich; die Zeit wandelt ſich und wer dieſe Wandlung überſteht, iſt 15 gerettet. Daher, Herr von Chenier, erkläre ich Ihnen ausdrücklich, daß Sie ſich vollſtändig unthätig verhalten, und die Vorſehung allein walten laſſen müſſen. Auch ein Schiff ohne Steuer und Segel wird zuweilen den Launen des Windes vertrauensvoll überlaſſen.“ s gibt Charaktere von ſolcher Empfindlichkeit, ſo feinnervig und abgeſchwächt, daß ſie vollſtändig unfähig ſind, den erſten, durch ein Wort hervorgebrachten Eindruck zu überwinden. So ſprach auch Doktor Maury jetzt rein in den Wind; Herr von Chenier hatte ſein Urtheil gefaßt und es war unumſtößlich. Er ſtimmte anſcheinend Allem bei, was der Arzt ihm ſagte und ließ nicht den leiſeſten Widerſpruch ſeinerſeits vernehmen; aber es geſchah aus Höͤflichkeit und in der Abſicht, zu Ende zu kommen, das Geſpräch nicht durch Gegenrede lebhafter zu machen. Der Eigenſinn der Greiſe, der ſo oft unheilvoll ſich geltend machte und den Umſtänden ebenſowenig wie das Feuer der Jugend Rechung zu tragen weiß, zeigte ſich in Herrn von Chenier ungewöhnlich ſtark. Sobald nun Dr. Maury ſah, daß all' ſein Reder ohne Erfolg und vollſtändig nutzlos ſei, ſchwieg er, und als Herr von Chenier ſich darauf erhob, geleitete er ihn ſtumm bis zur Thür des Vorzimmers. Aber, als wolle er zum letzten Male verſuchen, dieſen empfindlichen Mann zu verſöhnen und von der geahnten Unbeſonnenheit zurück⸗ zuhalten, ergriff er ſeine Hand und drückte ſie herzlich. Wirklich wurde der Greis auch durch dieſen Beweis der wahren Geſinnungen Maury's gegen ihn bewegt; er wandte ſich zurück und ſagte in verbindlicher Weiſe: „In der That, ich bin untröſtlich, Sie mit meiner Bitte beläſtigt zu haben.“ „Und ich,“ entgegnete der Arzt, der ſehr wohl fühlte, daß der Eigenſinn des alten Herrn in nichts erſchüttert war;„und ich, daß Sie mich nicht beſſer verſtehen wollen und einen guten Rath mit ſolchem Mißtrauen aufnehmen. Ich hoffe nur, daß Sie darüber noch nachdenken werden.“ Herr von Chenier grüßte höflich und ſtieg dann die Treppe hinunter. Doktor Maury befahl Gil lbert, die Thür wieder zu ſchließen und ging in ſein Arbeitscabinet zurück. Er war ſehr ernſt, ſehr in ſich gekehrt und ein quälender Gedanke ſchien ihn zu beſchäftigen. Eine Zeit⸗ lang ſah er ſinnend durch die Scheiben auf die Straße hinab, dann murmelte er vor ſich hin: „Der Unglückliche kann ſeinen Sohn ins N erderben ſtürzen im Moment, wo alle Hoffnungen auf ſeine ee tung ſeigen. O nein, es iſt nicht möglich, der Vie r muß eine Ahnung haben, wenn er einen Schritt unternimmt, der ſein Kind dem Tode überliefert! Er wird ſich b beſinnen 1— ja, ja, er muß über meine Wcxi nachdenken und fühlen, was ich meinte. André und Frau von St. Aignan— ne Gott! Wenige Tage nur und ich glaube, ſie ſind rei!“ Die alte Urſula kam nach Hauſe und überreichte ih⸗ rem Herrn ein Billet. Nachdem der Arzt es haſtig überflogen und dann nochmals aufmerkſamer geleſen, zuckte es um ſeinen Mund und wie aus tiefer Bruſt tönten ſeine leiſe vor ſich hin geſprochenen Worte: „Am ſiebenten— und dann! Alſo noch drei Tage und dieſes Regiment hat ſein Ende gefunden. Suchen wir allem Mißgeſchick für ſo kurze Zeit vorzubeugen!“ Er ging einige Minuten in Gedanken auf und ab in ſeinem Zimmer, dann ſchien er mit ſeinen Plänen in Ord⸗ nung zu ſein, denn er ſagte, indem er ſich an ſein Schrei⸗ bepult ſetzte: „Ich werde ſogleich nach St. Lazare gehen, von da zu Robespierre, deſſen Ruf ich folgen muß. Ein Brief an Marie⸗Joſeph Chenier muß ihn beſtimmen, ſeinen Vater bis übermorgen in Hausarreſt, ſchlimmſten Falls, zu halten, ſonſt iſt André verloren!“ Haſtig flog die Feder über das Papier. Der Brief wurde verſiegelt und Gilbert mußte ihn auf der Stelle zu Maria⸗Joſeph Chenier tragen, der ſich im Convent befand. Mit Gilbert zuſammen verließ Dr. Maury ſeine Wohnung und ſchritt nach dem Faubourg St. Denis zu. Er machte Frau von St. Aignan den erbetenen Beſuch. 1861. 17. Apoll von Byzanz. IV. Zweites Kapitel. Das Refectorium. Der alte griesgrämige Vater Ricot öffnete das Thor von St. Lazare und zog reſpektvoll ſein Käppchen ab, als er den Arzt eintreten ſah. Auf dem Vorhofe begegnete ihm Roſa, die traulich und heiter auf ihn zuſprang und Maury die Hand reichte. Zwiſchen Beiden war ſeit der Krankheit Roſa's ein ziemlich herzliches Verhältniß ent⸗ ſtanden; die Roſe von St. Lazare machte den Arzt zum Vertrauten ihrer Empfindungen, Maury hatte in ihr eine treue Botſchafterin der ihm theuren Gefangenen gefunden, ein gutmüthiges, gebildetes Mädchen, welches zu jedem vorſichtigen Rettungsverſuch dem Arzte ſeinen Beiſtand geben konnte. „Sie wollen gewiß zur Frau von St. Aignan?“ fragte Roſa und richtete ihre klaren dunkeln Augen auf das ernſte Antlitz Maury's. „Ja, mein Kind,“ entgegnete dieſer,„ich glaube, ſie wird einen Troſt nöthig haben.“ „Aber Sie kommen zu ſpät!“ Maury warf einen Blick des Erſchreckens auf Roſa; doch die ruhige Miene derſelben verſicherte ihn, daß dieſe Worte keinen unheilvollen Sinn hatten. 19 „Was meinſt Du damit, Roſa,“ fragte er. „Ich meine, es iſt jetzt Mittagszeit und Sie werden die Frau von St. Aignan nicht mehr in ihrer Zelle treffen. Sie iſt im Reſectorium, wo die Gefangenen zuſammen ihr Mittageſſen halten.“ „So, ſo!“ verſetzte Maury ſinnend und wie zu ſich ſelbſt;„da war ich noch nie. Indeſſen,“ fuhr er zu dem Mädchen gewendet fort,„man wird mich doch wohl hin⸗ einlaſſen?“ „O ohne Zweiſel, Herr Doktor! Sie haben ja ſtets freien Eintritt hier. Und dann,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu, „wenn's wirklich nicht ginge— da iſt der Brutus, der Schließer, der mir Alles zu Liebe thut, was ich haben will; denn der Mann iſt bis über die Ohren verliebt in mich, ich weiß es, er hat es mir hundertmal geſagt und ich habe ihm eben ſo oft geantwortet: Brutus, Du biſt brav und rechtſchaffen, aber ſieh! ich bin des Gilbert Braut und hab' ihm mein Wort gegeben; das muß eine Republikanerin halten, wie?— und dann ſagte er immer: Ja freilich, aber es iſt ſchlimm, daß dem ſo iſt, denn ich liebe Dich, Roſa, unausſprechlich.— Wenn ich dann ein freundlich Geſicht mache oder gar einen Kuß verſpreche, was thut der dann nicht Alles für mich! Und für Sie, Herr Doktor, geb' ich dem Brutus ſogar einen Kuß.“ Maury lächelte und ſagte dabei: 28 „Nun, ſo geleite mich und bringe mich in's Refec⸗ torium. Dort finde ich wohl auch Herrn von Chenier?“ „Chenier? Ach ja, der junge finſtere Mann. Ge⸗ wiß, der iſt auch im Refectorium. Roſa war bereits ins Haus getreten und mehrere Corridore vorausgegangen. Als ſie Brutus vor dem Refectorium ſah, ſagte ſie zu ihm: „Brutus, hier iſt der Doktor Maury, welcher einige Gefangene beſuchen muß; er hat die Erlaubniß dazu, alſo öffne. Man ſpeiſt doch noch nicht?“ Brutus verneinte und öffnete ohne jeden Anſtand das Refektorium, in welches Maury allein eintrat. Es war ein großer hoher Saal. Eine lange und breite Tafel theilte ihn der Länge nach und diente zum Speiſetiſch der Gefangenen. Ohne Tiſchtuch, ſtanden dar⸗ auf eine Menge Zinnteller, Becher, Steingutkrüge und Schüſſeln von blauer Fayence; eichene Holzbänke ſtanden daneben; ſie waren ſchwarz und glänzend vom langen Ge⸗ brauch, an vielen Stellen ausgehöhlt und rochen nach Theer. In großen Körben befanden ſich runde Brode. Plumpe Säulen trugen die eingeräucherte Decke. Längs der blaßgrünen, mit grobem Mörtel beworfenen Wände ſtanden gleichfalls Bänke und Seſſel; die Wände ſelbſt waren zerkratzt, mit Figuren und Namen überdeckt. Die Fenſter waren ſtark vergittert und in ſo tiefen Niſchen, daß trotz der hohen Juliſonne nur ein fahles Dämmer⸗ 21 licht auf die andere Seite des Saales ſiel. Die Luft war abſcheulich, heiß, athembenehmend und von jenem Geruch, den man nur in Gefängniſſen findet, welche vielen Per⸗ ſonen zum Aufenthalt dienen. Doktor Maury hielt einen Augenblick an der hinter ihm wieder verſchloſſenen Thüre an, um ſeinen Blick durch den Saal ſchweifen zu laſſen. In der einen Ecke ſah er einen Kreis von Perſonen, die ſich lebhaft unter⸗ hielten. Ihr Benehmen, die Höflichkeit ihrer Sprache ließen ſofort erkennen, daß hier lauter wohlerzogene Leute beiſammen waren. Neben ihnen ſah er Frau von St. Aignan auf einem Stuhle ſitzend. Noch ehe er ſie erreicht hatte, war ſie aufgeſtanden und ihm entgegeng egangen. „Ach vortrefflich, Doktor,“ ſagte ſie,„daß Sie uns hier eine Viſite machen; das wird für Sie von Intereſſe ſein ſund ich bitte Sie, ſich in Ihrer Betrachtung nicht ſtören zu laſſen. Wir haben Zeit, uns zu ſprechen.“ Der Arzt verbeugte ſich, geleitete Sie zu ihrem Stuhl zurück und nahm auf einem anderen daneben Platz. Am anderen Ende des Saales war eine zweite, größere Gruppe, viel lauter und bewegter als dieſe, in deren Nähe Maury war. Man hörte von dort her helles Lachen und Sprechen— dem Arzt erſchien die Gruppe wie eine große Quadrille in Neglige am Tage nach einem Balle. Die jungen Leute ſchienen ſich zu necken; 22 ſie ziſchelten ſich gegenſeitig in die Ohren, wieſen Einer den Andern mit Fingern; dann lachten ſie wieder halblaut oder hoch auf; zuweilen klang der Vers eines Liedes aus königlichen Zeiten übermüthig hindurch und der Re⸗ frain desſelben wurde an Stelle von Caſtagnetten mit Fingerknallen begleitet. Die Gruppe bildete einen Kreis und man konnte ganz deutlich wahrnehmen, daß ſich in der Mitte desſelben irgend Etwas zutrug, welches das In⸗ tereſſe der Geſellſchaft erweckte und dieſelbe zu ihren ver⸗ ſchiedentlichen Gefühlsäußerungen veranlaßte. Hin und wieder trat ein vollſtändiges tiefes Schweigen ein; dann ein lautes Geſchrei des Tadels oder des Jubels, Beifalls⸗ geklatſch oder Gemurmel der Urzufriedenheit, wie nach einer guten oder ſchlechten Scene im Theater. Ein Kopf erhob ſich plötzlich in der Mitte über Alle empor und verſchwand dann wieder im Nu. Unwillkürlich hatte Doktor Maury dieſe ſeltſame Gruppe und ihr Treiben beobachtet. Endlich fragte er die Herzogin: „Das ſcheint irgend ein unſchuldiges Spiel da drü⸗ ben zu ſein?“ Frau von St. Aignan ſchüttelte wie mißfällig ihr ſchönes Haupt und entgegnete: „O mein Gott, nein! das iſt ein abſcheuliches Spiel, Doktor! Ich hatte ſie ſo ſehr gebeten, es nicht wieder zu treiben, aber ſie können ihren Uebermuth nicht bändigen. — — Gehen Sie hin, Doktor— für Sie iſt es neu und viel⸗ leicht intereſſant. Ich will mich ihnen nicht zeigen, um ſie nicht zu ſtören, denn ſie werden mir zur Liebe ihr Spiel einſtellen.“ Maury ſtand auf und ging mit ſichtlicher Neugierde auf die Gruppe am anderen Ende des Saales zu. Es war eins jener Gefängnißſpiele, welches man dort trieb und deren es hundertweiſe gibt, beſonders in franzöſiſchen Gefängniſſen. Der Franzoſe iſt in dieſer Beziehung ein wirklicher Philoſoph; er nimmt ſelbſt vom Unglück die lä⸗ cherlichen und ſcherzhaften Seiten und macht ſich ſo das härteſte Loos erträglich. Im Alterthum war es gewiſſer⸗ maßen ein Verdienſt, mit Grazie zu ſterben, beſonders wenn man den Tod wegen politiſcher Verbrechen öffent⸗ lich erleiden mußte. Hier, ein Refektorium von St. Lazare, hatte man einen Zeitvertreib aus dieſem Verdienſt des Al⸗ terthums gemacht, übte ſich darin, mit Anſtand gulllotinirt zu werden— natürlich ohne Guillotine—, wobei tauſend Verwünſchungen und Bitterkeiten gegen die Selaven des ſouveränen Bolks ausgeſtoßen wurden. Maury fand das ſonderbare Spiel im beſten Zuge. „Sie ſind an der Reihe, Frau von Perigard,“ ſagte eben ein junger Mann in blauſeidenem Rock,„zeigen Sie, wie Sie es machen!“ 9„Und was Sie zeigen,“ ſetzte ein Anderer frivol inzu. 24 „Zur Strafe! Zur Strafe!“ ſchrieen darauf Meh⸗ rere auf denjenigen, welcher dieſe Zweideutigkeit ge⸗ ſprochen. „Das war zu frei und von ſchlechtem Ton!“ „Schlechter Ton? Wie's beliebt,“ entgegnete der Angegriffene;„aber das Spiel iſt ja doch zu nichts Anderem da, als um zu ſehen, welche Dame es am decen⸗ teſten macht.“ „Welche Kinderei!“ ſagte eine ſehr hübſche Frau von etwa dreißig Jahren, in der wir Frau von Porigard aus dem Salon der Herzogin von St. Aignan wieder er⸗ kennen.„Ich beſteige den Stuhl nicht, ehe er nicht beſſer geſtellt iſt.“ „O! das iſt eine Schande, Frau von Perigard,“ rief eine andere Dame, welche kurz vorher das Experiment mit ziemlichem Unglück gemacht hatte, inſofern als ſie beim Beſteigen des Stuhles ihren brodirten Strumpf bis zum Knie den Augen der jungen Männer bloß gegeben hatte, ohne daß deren Jubel darüber ſie in Verlegenheit geſetzt. Frau von Perigard trat an den Stuhl heran. „Aber wo ſetzt man den Fuß ein, um hinaufzu⸗ ſteigen?“ fragte ſie etwas verwirrt. Man lachte. Jeder drängte ſich vor, Viele bückten ſich— eine Menge ſchrien durcheinander: „Hier iſt ein Brett dazu!“ „Nein, dort.“ „Der Stuhl iſt ja nicht hoch!“ „Kaum zwei Fuß!“ „Nun, wer leben bleibt, wird ja ſehen, ob's draußen ſo iſt 1u „Im Gegentheil! Wer ſtirbt, wird's ſehen!“ Ein neues Gelächter folgte dieſen Worten. „Sie verderben das Spiel,“ ſagte ein ernſter Mann, indem er mit ſeinem Lorgnon die Füße der Frau von Pe⸗ rigard betrachtete. „Nun, meine Herren,“ nahm dieſe wieder das Wort, „machen Sie Ihre Bedingungen! Es handelt ſich darum, das Schaffot zu beſteigen?“ „Das Theater,“ corrigirte eine Dame. „Nun wie Sie wollen,“ verſetzte Frau von Porigard und ſtieg mit einem leichten Anſtand auf den Stuhl, ohne daß ſich ihr Kleid mehr als zwei Zoll über die Knöchel er⸗ hoben hätte.„Hier bin ich!“ Sie ſtand wie triumphirend einen Moment auf dem Stuhle und ſchien ſich des allgemeinen Beifalls zu freuen. Dann fragte ſie lächelnd: „Und wer kommt nach mir?“ „Nach Ihnen? O das kümmert Sie nicht mehr!“ „Der Todtengräber!“ ſchrie ein übermüthiger junger Mann. 4 „Nach Ihnen? Wollen Sie vielleicht das Volk auf⸗ 26 wiegeln?“ fragte eine Nonne von vierundzwanzig Jahren. „Das wäre doch wohl von keinem guten Geſchmack.“ „Und auch unnütz!“ Während dieſes allgemeinen Durcheinander von Be⸗ merkungen trat ein ältlicher Herr an den Stuhl heran und gab Frau von Perigard, um ihr beim Herunterſpringen be⸗ hilflich zu ſein, ſeine Hand. Zu dem Zweck waren auch unſere alten Bekannten Herr von Micault, der Parlamentsrath, die beiden Trudaine und Herr von Vergennes herzugeeilt. Frau von Perigard jedoch reichte Keinem die Hand, ſon⸗ dern ſprang mit der Leichtigkeit und Decenz vom Stuhle, wie einſt aus ihrer Caroſſe. In dieſem Angenblick riefen die jungen Männer nach einer anderen Seite hin: „Ah, jetzt werden wir ſehen! Ah, jetzt wird unſere Geduld belohnt werden!“ Ein ſehr junges Mädchen, an Geſtalt eine Hebe, kam heran und trat mitten in den Kreis. Sie war faſt noch Kind und hatte die Manieren eines ſolchen, zugleich aber die Grazie und Sicherheit einer Frau. Ihr Gang war ein Schweben, ein Tanzen, kaum daß ſie den ſchmutzi⸗ gen Fußboden mit ihrem Fuß zu berühren ſchien. Ihre dunklen Haare waren in Flechten gelegt und hinten zu ei⸗ ner Krone geformt, zu der ein goldenes Band die Zierrath abgab. So erſchien ſie wie eine der Muſen Griechenlands, und in der That war ihre ganze Tracht griechiſch, der An⸗ 27 fang jener Mode, welche wenige Tage ſpäter in Paris herrſchen ſollte und den Puder vollends aus der Geſellſchaft verbannte. Es war Fräulein von Coigny. Auch ſie hatte das bittere Geſchick getroffen, ihre blühende, kindliche Schönheit wochenlang den düſteren Mauern des Kerkers zu zeigen und Robespierre ſelbſt hatte ſie, wie die junge Demoiſelle von Chamans, dem Tribunal überwieſen mit der Marginalbemerkung:„Sehr royaliſtiſch, obgleich ſehr jung.“ Es war ein eigenthümlicher Zufall, daß ſich ſo im Laufe des Monats Juni alle jene Perſonen in St. La⸗ zare wiederfanden, welche die Soiréen von Verſailles be⸗ ſuchten und von denen wir ſo viele im Salon der Frau Herzogin von St. Aignan kennen gelernt haben. Es lag ein ungemeiner Troſt für Alle in dieſem Umſtand, denn ſo ſetzte ſich das gewohnte Geſellſchaftsleben auch im Ge⸗ fängniß fort. Fräulein von Coigny war auch hier im Kerker jene friſche, roſige, ſeltſam feſſelnde Erſcheinung, die in den Salons von Verſailles ſo oft ihre magnetiſche Wirkung auf die Männerwelt geübt und von ſo unendlich vielen Verſuchungen umlagert war. In ihr lag etwas Dämoni⸗ ſches, Uebermuth und kindliche Unſchuld, Leidenſchaft und träumeriſche Ruhe. Ihr Blick ſtrahlte vor Vergnügen und Freude, als ſie den Kreis betreten hatte und die ver⸗ ſchiedenen Bemerkungen der Männer hörte, deren Zwei⸗ deutigkeiten viel zu ſehr im Geſchmacke der ariſtokratiſchen 28 Salons jener Zeiten waren, als daß ſie die ſiebzehnjäh⸗ rige Jugend der Demoiſelle von Coigny hätten erröthen laſſen können. Sie war eben im Begriff, mit all' dem ihr eigenen Uebermuth den Stuhl zu beſteigen und die dianenhafte Schönheit ihres Fußes den düſteren Augen der Umſtehen⸗ den zu zeigen, als plötzlich ein Mann in grauem, halb militäriſchen Rock ſich in die vorderſte Reihe drängte und ihr zurief: „O, Sie nicht! Sie nicht! Steigen Sie nicht hinauf, ich bitte Sie!“ Fräulein von Coigny wandte ſich zu dem jungen Mann, der dieſe Worte geſprochen hatte, um, machte eine Bewegung mit ihren Schultern, wie ein Kind, welches ſchmollt, und legte dabei ihre Hand verlegen auf den Mund. Unſtreitig bedauerte ſie, in ihrem Vorhaben geſtört zu ſein und andererſeits wollte ſie den jungen Mann auch durch ein Mißachten ſeiner Bitte nicht kränken. Sie ſtand da, unſchlüſſig und richtete ihren Blick auf den, der ſie gebeten, nicht den Stuhl zu beſteigen. In dieſem Augenblick rief eine Stimme aus dem Kreiſe: „Frau von St. Aignan kommt!“ Sofort beſeitigte man mit ebenſo viel Geiſtesgegen⸗ wart als Zartſinn den Stuhl in der Mitte, löſte den Kreis auf und inproviſirte einen Contretanz, um der Herzogin 29 die ſonderbare Vorſtudie des Guillotinirens zu verbergen. Die Frauen begrüßten und umringten ſie derart, daß ſie keinen Blick in den Kreis hineinwerfen konnte; denn man wußte, daß ſie das Guillotinſpiel haßte und mußte befürch⸗ ten, daß der unwillkürliche Anblick desſelben in ihrem Zu⸗ ſtande gefährliche Folgen nach ſich ziehen könne. Es wa⸗ ren dieß dieſelben Rückſichten und Aufmerkſamkeiten, welche die junge, jetzt verwitwete Herzogin in Verſailles empfangen hätte. Der gute Ton verliert ſich nie, und ſchloß man die Augen, hätte man geglaubt, ſich hier in einem Salon zu befinden. Frau von St. Aignan hatte bei alledem einen bren⸗ nenden Blick auf Fräulein von Coigny geworfen. Doktor Maury, welcher jetzt wieder zu ihr trat und ihr erwünſchte Gelegenheit gab, ſich von den ſteumringenden Frauen los⸗ zumachen, verſtand die Empfindungen der Herzogin. Sie war zuſammengebebt auf ihrem Stuhl, als jener junge⸗ Mann im grauen Rock ſich zu Fräulein von Coigny ge⸗ drängt hatte und, ihrer geheimen Leidenſchaft folgend, auf geſprungen und zu der Gruppe getreten, welche ſich an dem ihr ſo verhaßten Spiele weidete. Niemand, außer Maury und noch zwei Perſonen, ahnten vielleicht, was vor weni⸗ gen Augenblicken das Herz dieſer jungen Frau zuſammen⸗ gezogen hatte, die den Tod ihres Gemahls vor einem Mo⸗ nat wohl mit Schmerz, aber im Angeſicht der eigenen To⸗ desgeſahr und des Verluſts ſo vieler Freunde nicht mit 30 Verzweiflung aufgenommen. Die ſtillgenährte, ernſtliche Liebe zu André Chenier hatte ihr einen Troſt gegeben. André Chenier war der junge Mann, welcher ſo dringend Fräulein von Coigny vom Beſteigen des Stuhles abgehalten hatte. Er war, ſobald aus dem Blick derſel⸗ ben zu erſehen, daß ſie ſeinen Wunſch befolgen werde, wieder in den Saalraum geſchritten und lief dort mit großen Schritten, die Arme gekreuzt, erregt auf und ab, um die einzelnen Säulen herum, einen grimmen Blick auf die Mauern und die vergitterten Fenſter werfend. Er glich einem Löwen, der wild in ſeinem Käfig auf und abſchreitet und an der Erinnerung ſeiner Wüſtenfreiheit nagt. Er war gegen ſonſt bleich, ſein Geſicht eingefallen, ſein An⸗ zug durch die lange Gefangenſchaft nachläſſig und ab⸗ genützt. Frau von St. Aignan hatte mit Doktor Maury den Saal ſo durchſchritten, daß Herr von Chenier ihr beim Umkehren nothwendiger Weiſe begegnen mußte. Sie ſprach ihn mit einigen freundlichen Worten, wie Jemanden an, den man tagtäglich zum Umgange hat, und André er⸗ griff darauf lebhaft ihre Hand, küßte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen und begrüßte alsdann Maury mit ſichtlicher Herzlichkeit. Der Arzt und Freund war ſchon öfter in ſeine Zelle gekommen, Beide hatten ſich nichts Neues zu ſagen. So ſchritten ſie, in ihrer Mitte Frau von St. Aignan, der Bank am Tiſche zu und nahmen dort Platz. 31 André Chenier war in ſein altes Brüten geſunken und warf irrende, wilde Blicke durch den Saal; Leonie von St. Aignan folgte denſelben unwillkürlich und mit einer Unruhe, die dem prüfenden Blick des Arztes nicht entging. Wo die drei Befreundeten ſaßen, war es ziemlich dunkel gegen den übrigen Theil des Saales. Die bunte Menge der Gefangenen ging an ihnen lärmend und ſchwir⸗ rend vorüber. Zuweilen ſchien es, als wenn Fräulein von Coigny bei ihnen vorbei gehen mußte; aber es geſchah nie, ſie vermied es abſichtlich, nahte ſich bis auf wenige Schritte, warf einen flammenden Blick auf André und Frau von St. Aignan und kehrte dann wieder mit den Herren um, welche ihr den Hof machten und die ſie mit einem ſichtlich erkünſtelten, daher beißenden Uebermuth neckte. Die Drei ſprachen lange Zeit kein Wort. Frau von St. Aignan ſchien mit ihren Gedanken beſchäftigt zu ſein, André nicht minder, Maury wußte nicht, womit er ein mehr als nichtsſagendes Geſpräch beginnen ſollte. Die Situation wurde zuletzt etwas peinlich nnd deßhalb ergriff Maury auf gut Glück das Wort. „Es muß für Sie ein großer Troſt ſein,“ ſagte er, „ſich hier im Refectorium täglich einige Stunden lang treffen und ſprechen zu können.“ „Das macht allen Gefangenen Freude, wie Sie ſe⸗ 32 hen, außer mir;“ entgegnete André düſter.„Ich kann mich nicht freuen, ich fühle etwas Unheilvolles nahen und kann meinen Geiſt nicht aus den Banden dieſer Ahnung reißen.“ Maury ſchwieg. Er wollte ſeine Befürchtungen, die ihm Herr Louis von Chenier, der Vater André's, einge⸗ flößt, nicht mittheilen. Aber Frau von St. Aignan griff das Wort Andre's auf und ſagte: „Erſchrecken Sie mich doch nicht! Ich bin ja ſchon ſo reich an Kummer und Befürchtungen— ſoll ich mich nun noch über Ihre Thorheiten grämen?“ Und ſich zum Ohre des Arztes beugend, ſetzte ſie hinzu: „Hier gibt es überall Spione, achten Sie darauf, daß er ſich nicht compromittirt. Auch mich hört er leider zu wenig und ich zittere für ihn alle Tage, weil er ſtets in der übelſten Laune iſt.“ Doktor Maury warf unwillkürlich einen Seitenblick auf André Chénier und dieſer, welcher geahnt haben mochte, was die Herzogin geflüſtert, lächelte ihm bitter zu und murmelte: „O ſie denkt, daß ich mich noch compromittiren kann!“ 3 Maury überließ ſich einen Augenblick den Gedanken, welche dieſe Scene in ihm aufgerufen. Es lag ein eigen⸗ 33 thümlicher Reiz darin, neben ſich eine ſchöne, junge Frau zu haben, die den Schmerz um einen Gemahl beherrſchte und des ſtill Geliebten dabei mit der Unſchuld eines Mäd⸗ chens gedachte; zur anderen Seite einen niedergedrückten, faſt verzweifelten Dichter, deſſen Todesſehnſucht alle ſeine Empfindungen überwog. Die Pauſe, welche wiederum eingetreten war, hatte indeſſen ſo viel Unangenehmes, daß Maury ſeinen Gedan⸗ kengang ſchnell abbrach, das angefangene Thema ſich wie⸗ der in Erinneruug rief und dann zu Andr in der väterlich⸗ freundlichſten Weiſe ſagte: „Ich habe ſtets geglaubt, daß die Dichter ſo etwas wie Vorahnungen zu empfinden vermögen.“ Andre richtete wieder ſeinen Kopf in die Höhez ſein Auge blitzte auf und traf ſympathiſch das des Arztes— aber nur einen Augenblick, dann entgegnete er mit ſicht⸗ lich em Mißtrauen: „Denken Sie auch, was Sie eben ſagten? Ich weiß niemals, ob die Leute der großen Welt ernſthaft reden tnee nicht, denn es iſt ein franzöſiſches Uebel zu perſi⸗ iren.“ Maury beachtete di jungen Freundes nicht. „Ich bin nicht nur ein Mann der großen Welt,“ entgegnete er,„und ſpreche immer im Ernſt. Können Sie daran zweifeln?“ 1861. 47. Apoll von Byzanz. IV. 3 eſe krankhafte Gereiztheit ſeines 34 „Nein— es iſt wahr, ich müßte Sie kennen, und will daher auch glauben, daß ſie ernſthaft meinten, was Sie ſprachen. Warum auch nicht? Haben Sie mir doch ſtets nur Beweiſe des Wohlwollens und der Freundſchaſt gegeben. Ja, ja, Doktor.“ ſetzte Andre dann hinzu,„die Dichter ahnen voraus!“ „So haben Sie wohl auch im Voraus geahnt, daß ſich Fräulein von Coigny den Fuß verletzen werde, wenn ſie den Stuhl beſteige?“ warf Frau von Aignan ein, in⸗ dem ſie die innen freſſende Eiferſucht durch ein mühſames Lächeln zu verbergen ſuchte. Doktor Maury war einigermaßen erſtaunt über dieſe Blöße, welche ſich die ſonſt ſo taktvolle und edelſinnige Herzogin gab, und die Worte derſelben belehrten ihn, daß die Eiferſucht doch vor Allem eine Leidenſchaſt des echt weiblichen Gemüths ſei, welche am wenigſten beherrſcht zu werden vermag. Denn war es nicht merkwürdig, daß ſich der geheimnißvolle Kampf zwiſchen Frau von St. Aignan und Fräulein von Coigny aus der Eleganz der Salons auch noch hier in dem düſteren Orte des Gefängniſſes fortſetzte und das gemeinſame Unglück nicht im Stande war, den Egoismus des Herzens zu verbannen? André Chenier ſchien von den Worten der Herzogin gar nicht berührt zu ſein. Seine Züge veränderten ſich in Nichts, weder daß ſie Erſtaunen, noch daß ſie Gereiztheit ausdrückten. Dieſe Natur ſchien, außer dem Haß gegen 35 die Schreckensmänner, nichts mehr von jener Lebhaftigkeit und Elaſticität zu haben, die ſie früher beſeſſen und ſelbſt über die Größe und den Unterſchied der Gefühle, welche André für Frau von St. Aignan und Demoiſelle Coigny hegte, zeigte ſich nirgends ein Anhaltspunkt. Als die Her⸗ zogin jene Worte geſprochen, nahm er vertraulich eine ihrer Hände und antwortete: Ich hatte keine Abſicht weiter, als Ihnen den Anblick des grauſamen Spiels zu entziehen. Ich vermuthe, daß es ſich über Gebühr verlängern könnte und das beun⸗ ruhigte mich um Ihretwegen. Und dann, das ſchöne Kind—“ „Kind, ganz gewiß,“ unterbrach ihn heftig Frau von St. Aignan, indem ſie ihre Hand ſchnell aus der ſeinigen zog;„dieß Kind hat aber auf Ihren Geiſt mehr Einfluß, als Sie ſelber glauben; es läßt Sie durch ſeinen Ueber⸗ muth tauſend Unvorſichtigkeiten ausſprechen und beſitzt dabei eine Koquetterie, welche ſchon in den Salons das verzeihliche Maß überſchritt. Betrachten Sie ſie nu, wie ſie mit den Männern umgeht.“ Fräulein von Coigny kam in dieſem Augenblick dicht an die drei auf der Bank Sitzenden; ſie war inmitten zweier junger Männer, denen ſie den Arm gegeben und welche über ihre Einfälle lachten; andere folgten oder gingen ihr, rückwärts laufend, voraus, in der allgemeinſten und leb⸗ hafteſten Unterhaltung mit ihr. Als ſie faſt vor Frau 3*¾⅔ 36 von St. Aignan war, ſchob ſie ihren reizenden Fuß unter der Robe hervor und machte eine Bewegung, als wenn ſie tanzen wolle, indem ſie dabei, als ſei es Folge des Ge⸗ ſprächs, zu Herrn von Trudaine ſagte: „.... Da es keine Frauen mehr gibt, welche zu tödten wiſſen, ehe ſie ſterben, ſo finde ich es ſehr natürlich, daß die Männer demüthig ſterben, wie Ihr Alle binnen wenigen Tagen beweiſen werdet.“ André Chenier that, als wenn er mit Maury ſich unterhielte; aber er erröthete nach den Worten des Fräu⸗ lein von Coigny und biß ſich auf die Lippen. Er mußte es verſtanden haben, daß ſich die junge Gefangene wegen einer Unterhaltung rächen wollte, die ihr zu vertraulich war. Frau von St. Aignan zeigte gleichfalls äußerlich, daß ſie die Bemerkungen ihrer Rivalin nicht beachtet; mit dem ihr eigenen Takt miſchte ſie ſich in das Geſpräch und ſprach lebhaft zu André, aus Furcht unſtreitig, daß dieſer dem Fräulein von Coigny den Vorwurf beantworte und ſich dabei abermals zu Unvorſichtigkeiten hinreißen laſſe. Ihre Furcht ſtieg um ſo mehr, als ſich einige verdächtige, nicht gekannte und nicht zu dieſer Geſellſchaft gehörige Perſonen in ihrer Nähe patrouillirend und hinter den Pfeilern zeigten. Es waren die Mouchards der Schreckens⸗ regierung.— Maury verſtand die Situation und um das Geſpräch 37 gewaltſam auf einen anderen Gegenſtand zu lenken, wandte er ſich plötzlich zu André und ſagte: „Heut morgen habe ich Ihren Vater geſprochen. André Chenier fuhr erſtaunt empor.— „Doktor,“ entgegnete er,„ich habe ihn ebenfalls heut früh geſprochen.“ „Wann?“ „Um elf Uhr.“ „Da kam er von mir,“ rief der Arzt in ſichtlicher Beſtürzung.„Was hat er Ihnen geſagt, ich bitte?“ „Der alte Mann hat Sie angeklagt.“ „Das dachte ich!— der Kurzſichtige ahnt nicht, daß er Ihr Unglück herauf beſchwört!“ „Mein Unglück?“ rief André aus, ſprang auf und ſtellte ſich vor Frau von St. Aignan und Maury hin. „Was iſt mein Unglück?“ fuhr er dann heftig fort;„daß ich dieſe Moͤrder nicht ſterben ſehe und nicht weiß, ob ſie nach meinem Tode noch weiter leben werden! Mein Un⸗ glück? O was ich im Journal de Paris geſchrieben, in des braven Rouchers Journal, den ich ins Gefängniß ge⸗ bracht und deſſen Umgang mir dieſe Elenden nicht einmal laſſen— was ich in den Salons geſprochen, ich will es hier dieſen verkappten Sbirren und draußen den elenden Henkern in die Ohren ſchreien—“ „um Gottes Willen!“ unterbrach ihn angſtvoll die junge Witwe, indem ſie ſeinen drohend erhobenen 38 Arm ergriff.„Hören Sie auf! Reden Sie nicht weiter, André!“ Ohne ihre Bitten zu beachten, zog Chenier, einmal in Leidenſchaft gerathen, ein Stück Papier aus der Taſche und rief, indem er dabei mit der Hand auf das Papier ſchlug: „Sagen will ich, daß ſie geſetzſchmierende Henker ſind; daß, da beſtimmt iſt, daß nie ein Degen in meiner Fauſt blitzt, mir meine Feder als mein einziger Schatz bleibt; daß, wenn ich je wieder den Tag frei begrüße, ich ihre Namen verfluchen, ihren Untergang beſingen werde, der bald ſtattfinden muß. Ha, die Geißel, die über dem Haupte dieſer Triumvir ſchwebt, ich will ſie ſchwingen, daß ſie ſtürzen! Ja, das ſage ich inmitten tauſend Anderer, die Thoren ſind, wie ich und abgeſchlachtet werden, um dem elenden Götzen, dem ſouveränen Volk und ſeinen Sklaven vorgeworfen zu werden!“ André hatte ſo laut geſprochen, daß ſich die meiſten der Gefangenen um ihn geſammelt und aufmerkſam ihm zugehört hatten. André war vollſtändig ein Anderer ge⸗ worden; er ſchien größer zu ſein, ſeine Augen funkelten — er war ſchön. Maury wandte ſich zu der leichenblaſſen Frau von St. Aignan. „Das Blut iſt zu heiß in den Adern dieſer Familie,“ 39 ſagte er,„ich werde es kaum verhindern können, daß es vergoſſen wird.“ André hatte vielleicht etwas von den Worten des Arztes vernommen; mindeſtens ſchwieg er, ſprach nicht weiter und lehnte ſich, wieder der finſtere Mann, an einen Pfeiler, Frau von St. Aignan betrachtete ihn ſtarr und ſchien keiner Gedanken fähig zu ſein. Ein alter Bekannter trat zu André und klopfte ihn auf die Schulter. Es war Herr von Roquelaure. „Nun,“ ſagte er,„Du ärgerſt Dich noch über die regierende Canaille? Es wäre beſſer, wir pfiffen die ſchlech⸗ ten Schauſpieler aus, bis der Vorhang fällt, zuerſt auf uns und dann auf ſie.“ Er machte eine Pirouette und murmelte, indem er wieder fortging:„Das Leben iſt eine Reiſe.“ Jetzt raſſelte die Thür auf: Das Mittagsmahl ſollte ſervirt werden. Die Gefangenen nahmen nun ſchnell ihre Plätze ein, Es mochten etwa fünfzig ſein, St. Lazare enthielt zu jener Zeit aber an ſieben hundert. Sobald dieſe fünfzig ſaßen, anderte ſich ihr Weſen. Sie warfen ſich halbe Blicke zu und waren niedergeſchlagen. Hinter ihnen befanden ſich die Schließer, die Aufwär⸗ ter, einige Poliziſten und Sansculotten, welche den Genuß haben wollten, die Opfer des Terrorismus ihre Mahlzeit — vielleicht ihre letzte— halten zu ſehen. Auch einige„Da⸗ 40 men der Halle“ mit ihren Kindern befanden ſich im Saale, um Zuſchauer zu bilden; man erkannte ſie an dem Fiſch⸗ geruch, den ſie ausſtrömten und der einigen Gefan⸗ genen des Eſſen verleidete. Die ſes Publikum ſchien ver⸗ wundert darüber zu ſein, daß es am Tiſche ſo friedlich und anſtändig herging, wie überall, wo gebildete, wohlerzo⸗ gene Menſchen beiſammen ſind. Fräulein von Coigny hatte um ſich einen Wall von fünf, ſechs jungen Leuten gebildet, welche ſich bemühten, ihr die unverſchämten Sansculotten und Fiſchweiber vom Leibe zu halten. Sie ſelbſt genoß ihre Bouillon mit einem Anſtande, als befände ſie ſich in einem Salon und moquirte ſich in ihrer gewöhnlichen Weiſe über die Zuſchauer und deren Ausſehen und Weſen. Frau von St. Aignan aß nichts; ſie zürnte André Chénier und war jedenfalls mit ihren eigenen Gedanken ſo beſchäftigt, daß ſie ſich wenig darum kümmerte, was um ſie her geſchah. Doktor Maury war neben ihr und zuweilen ſprach ſie mit dieſem. „Doktor!“ ſagte ſie nach einer abermaligen langen Pauſe. Herr von Chenier ſagt, daß die Ruhe und Scho⸗ nung dieſer Jacobiner ſchlechte Anzeichen ſeien. Ich bitte Sie, verhindern Sie ihn, wieder in Zorn zu gerathen.“ Ihre Augen baten dringender noch als dieſe Worte. Doktor Maury konnte ihr nichts entgegnen, denn André 41 Chenier wandte ſich vom Tiſch zurück und ſprach ihn in ruhigſter Weiſe an: „Sie waren in England, Doktor! Kommen Sie je einmal wieder dorthin, und lernen Sie Edmund Burke kennen, ſo ſagen Sie ihm, daß ich es bereue, ihn kritiſirt zu haben, wie ich gethan. Er hatte nur zu ſehr recht, als er uns das Regiment der Laſtträger prophezeihte! In dieſem Augenblick ließ ſich ein mächtiges Poltern außerhalb des Saales vernehmen. Die Schüſſeln und Teller, die Scheiben und die Frauen erbebten. Eine angſtvolle Stille trat ein: denn man rollte die Henker⸗ karren vom Hofe zu St. Lazare. Dieſer Lärm war zu be⸗ kannt; man kannte ihn wie den Donner. Auch war es nicht das gewöhnliche Wagengepolter; es hatte etwas Knirſchendes, etwas von jenem Dröhnen, welches die Schaufel Erde hervorbringt, die man zum Abſchied auf den Sarg wirft. Die Oberaufwärterin, welche die Portionen ver⸗ theilte, ſchrie jetzt in mitten der Todesſtille höhniſch: „Nun! Bürger! Eſſen Sie! Eſſen Sie doch!“ Man antwortete ihr nicht und folgte ihr nicht. Alle ſaßen ſo da, wie in dem Augenblick, als ſich das entſetz⸗ liche Karrengeraſſel vernehmen ließ. Die Geſellſchaft war wie erſtarrt, ähnlich jenen, die man bei der Ausgrabung von Herkulanum und Pompeii aufgefunden, noch in der⸗ 42 ſelben Situation, wie ſie von der Aſche des Veſuvs ver⸗ ſchüttet worden. Die alte Sems, die Oberaufwärterin, hatte gut Teller wechſeln— Niemand rührte ſich, ſo groß war das Erſtaunen über dieſe Grauſamkeit. Man hatte dieſen Unglücklichen eine gemeinſchaftliche Tafel gegeben, eine Unterhaltung von mehreren Stunden, um ihren Kummer, das Elend ihrer Zelleniſolirung zu vergeſſen; man hatte ihnen die Vertraulichkeit, die Freundſchaft, den Esprit, ſelbſt wohl die Liebe zum Genuß gegeben, und Alles nur, um Allen den Tod des Einzelnen ſehen und hören zu laſſen! O das war grauſam, eins jener Spiele Caligu⸗ la's, vor denen die Menſchheit ſich entſetzt. Abermals öffnete ſich jetzt mit lautem Geräuſch die Thür des Refectoriums. Drei Commiſſäre traten herein in langen, ſchmutzigen Röcken, Stutzſtiefeln und rothen Schärpen. Hinter ihnen wälzte ſi ſich wieder eine Menge von Pöbel, entmenſchte Weiber, Pikenträger und Sansculotten, die Alle ein gräßliches Freudengebrüll er⸗ tönen ließen, die rothen Mützen ſchwangen und auf den Tiſch, an dem die Gefangenen ſaßen, zuſtürmten. Aber bald legte ſich der rohe Jubel des eingedrungenen Volks und machte einer Art Verlegenheit Platz. Die unver⸗ wüſtliche Ruhe der Gefangenen, ihre offen bezeugte Ver⸗ achtung gegen die, welche ſie für ihre Mörder hielten, der ganze impoſante Anſtand dieſer fünfzig Opfer, Männer 43 und Frauen der beſten Stände, imponirte dem Pöbel und wies dieſem plötzlich die zweite Rolle zu, während die Ge⸗ fangenen, ſtolz auf dieſen Eindruck, den ſie hervorbrachten, die kommenden Dinge erwarteten. Ein Commiſſär war vorgetreten. Er hielt einige Pa⸗ piere in der Hand, um davon abzuleſen. Er rief die Na⸗ men einzelner Gefangenen auf, und jedesmal, wenn er einen Namen geſprochen, holten zwei Pikenträger den Gefangenen, der ihn trug, von ſeinem Platze und übergaben ihn den vor der Thür ſtehenden Gendar⸗ men, die ihn dann einen der wartenden Karren beſtei⸗ gen ließen. Es handelte ſich, wie der Commiſſär ſagte, um eine hier im Saale angezettelte Verſchwörung gegen das Volk und zur Ermordung der Deputirten ſowie der Mit⸗ glieder des Wohlfahrtsausſchuſſes. Die erſte Perſon, welche unter der Anklage dieſes Verbrechens fortgeführt wurde, war eine Frau von achtzig Jahren, eine Aebtiſſin von Montmorency. Die edle Greiſin erhob ſich mühſam von ihrem Sitz, als die Pikenträger auf ſie zukamen; dann grüßte ſie mit mildem Lächeln alle ihre Unglücksge⸗ noſſen. Die ihr zunächſt Befindlichen küßten ihr die Hand, aber Niemand weinte, denn zu jener Zeit ließ der Anblick des Blutes die Augen trocken. Als die Aebtiſſin den Saal verließ, ſagte ſie noch: „Mein Gott, verzeihe ihnen, denn ſie wiſſen nicht was ſie thun!“ 44 Ein tiefes Schweigen herrſchte im Saale. Von draußen horte man wildes Geheul, welches an⸗ kündigte, daß die alte Dame an der Pöbelmenge vorüber⸗ gehe. Steine ſchlugen gegen die Scheiben und die Mauern, ohne Zweifel gegen die Aebtiſſin geſchleudert. Man ver⸗ nahm ſogar in dem tollen Lärmen einen Schuß, und ſicher⸗ lich hatten auch hier die Gendarmen zu thun, um dem Opfer noch vierundzwanzig Stunden Leben zu erhalten. Im Saale fuhr der Commiſſär indeſſen mit dem Na⸗ mensaufruf fort. Ein junger Mann von dreiundzwanzig Jahren ward abgeführt. Der Commiſſär hatte ihm eine Reihe von Anklagen an den Hals geſchleudert, unter an⸗ deren auch, daß ſeine emigrirte Tochter gegen Frankreich conſpirire. Der Gefangene war nicht einmal verheiratet und lachte laut auf über die Anklage. Aber er nahm ſich nicht die Mühe, den Commiſſär zu belehren, ſondern drückte ſeinen Freunden die Hand und ging zum Karren. Draußen empfing auch ihn das Brüllen der Menge. Mehr und mehr verſchwanden ſo von der ernſten Tafelrunde. Jedesmal, wenn Einer von dort abberufen wurde, nahm die alte Semè ſein Couvert fort und die Uebrigen rückten zuſammen, gegenſeitig ſich durch ein bitteres Lächeln begrüßend. André Chenier war aufgeſtanden und befand ſich ne⸗ ben Frau von St. Aignan und Doktor Maury, welcher mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit dem ganzen Vorgange 45 folgte. André hatte ſeine Arme über die Bruſt gekreuzt, ſeine Augen funkelten und jedem Genoſſen, der das Re⸗ fectorium verließ, ſandte er einen Blick von Wehmuth und Zorn nach. Sein ganzes Weſen ſchien zu fragen, ob ſolch' Henkerſchauſpiel möglich ſei, ob der Himmel ſolche Handlung dulden koͤnne? Die Beſchützer und Courmacher des Fräulein von Coigny wurden einer nach dem andern abgeführt, ſo daß ſie ſich zuletzt faſt ganz allein am Ende der Tafel befand. Nun erhob ſie ſich und ging auf die Gruppe um André zu. Gleichſam wie unter deſſen Schutz ſetzte ſie ſich unweit von ihm, allein und verlaſſen, nieder. Ihr edles Antlitz leuchtete von Stolz, aber die Natur in ihr unterlag und Arme und Beine zitterten ihr. Frau von St. Aignan vergaß ihre Eiferſucht— ſie reichte dem unglücklichen Kinde die Hand und Fräulein von Coigny, überwältigt von ihren Gefühlen, ſank der Rivalin an die Bruſt und weinte heftig. Der Commiſſär ſetzte unterdeſſen ſein Geſchäft fort. Als wolle er die Folter verlängern, ſprach er mit ſeiner rauhen Stimme langſam die Taufnamen aus, Silbe für Silbe davon abreißend; dann, mit einem Male, ſchnell wie das Beil niederſauſt auf den Hals des zu Richten⸗ den, nannte er den Familiennamen. Jedesmal begleitete er die Abführung eines Opfers mit Verwünſchungen, die Einleitung jener des Pöbels im Saal und auf den Corri⸗ b 46 doren. Er mußte auch ſtark dem Wein zugeſprochen ha⸗ ben, denn ſein Geſicht glühte und er ſchwankte öfter auf ſeinen Beinen. Die Menge umringte ihn. Schon ſeit einiger Zeit hatten ſich zwei Menſchen ganz dicht zu ihm geſtellt. Auf der einen Seite des Commiſſärs ſtand in mitten der mit ihr ſcherzenden Hallenweiber die Roſe von St. Lazare, anſcheinend neugierig und aufgelegt, mit dem Commiſſär Späße zu treiben— ein Umſtand, der anfangs den Doktor Maury auffiel, aber bald von ihm verſtanden wurde. Auf der anderen Seite hatte Maury zu ſeinem freudigen Erſtaunen den Gärtner Jean in ſeiner Artillerieuniform der Nationalgarde erkannt. Er ſah mit der größten Gleich⸗ giltigkeit über die Schulter des Commiſſärs auf die Pa⸗ piere in deſſen Hand und ſeine Uniform ſchien den ihn umgebenden Pikenträgeru und Sansculotten einen be⸗ deutenden Reſpekt einzuflößen. Der Commiſſär hatte mehr und mehr Schwierigkei⸗ ten beim Ableſen der Namen gemacht, entweder, weil es ihm vom Weine vor den Augen flirrte, oder weil er die ſchlechte Schrift nicht gut leſen konnte. Jean wollte ihm behiflich ſein und nahm dem Commiſſär den Hut aus der Hand, damit er unbehinderter ſei. Bei dieſer Bewe⸗ gung entfielen dem Beamten einige Papierzettel, die Roſa im Nu aufraffte, ohne daß Jemand der Umſtehenden davon etwas bemerkt hatte oder einen Argwohn gefaßt hätte. — I 47 Der Namensaufruf dauerte noch immer fort. Män⸗ ner, Weiber und ſelbſt Kinder wurden aufgerufen und hin⸗ ausgeführt. Die Tafel war faſt leer geworden, denn fünfunddreißig der Gefangenen waren von ihr fortgeholt worden. Die Uebrigen ſaßen vereinzelt, wohl auch zu zweien, weit von einander getrennt..... Plötzlich ſchwieg der Commiſſär. Seine Liſte war zu Ende, Alle athmeten hoch auf. Aber mitten durch dieſe peinvolle Stille tönte plötz⸗ lich die Stimme André Chéniers: „Fahren Sie doch fort,“ rief er;„ich bin ja noch da!“ Der Commiſſär ſah ihn verdutzt an; dann griff er nach ſeinem Hut, ſuchte darin, in ſeinen Taſchen, zwiſchen der Schärpe, und da er nichts fand, ließ er den draußen ſtehenden Huiſſier des Revolutionstribunals rufen. Der Huiſſier kam; es war ein ernſter, bleicher Mann mit wehmüthigen Zügen im Geſicht. Es ſchien, als er⸗ fülle ihn ſeine Pflicht mit Trauer. „Ich werde die Heerde zählen,“ ſagte er zum Com⸗ miſſär,„wenn Du nicht die ganze Ladung haſt, um ſo ſchlimmer für Dich!“ „Es muß, dächt' ich, noch einen Zettel geben,“ ent⸗ gegnete der Commiſſär verwirrt;„ich entſinne mich des Namens Coigny, ein junges Mädchen—— Er ward haſtig vom Huiſſier unterbrochen, der in 48 brusker, ſeinem ganzen Weſen ſichtlich widerſprechender Weiſe dem Commiſſär ſagte, daß er ſich wohl irre und Perſonen eines anderen Saales im Kopfe habe; dieß käme daher, daß er zu viel getrunken. In ſolchem Wort⸗ wechſel gingen Beide mit einander hinaus, der Huiſſier ſchimpfend, der Commiſſär ſchwankend, das Volk im Saale zog mit hinaus, jubelte draußen und bezeigte ſeine Freude abermals durch Steinwürfe und Schläge mit den Stök⸗ ken gegen den Fußboden. Als die Thür des Refectoriums wieder geſchloſſen war, ſaß Frau von St. Aignan am Tiſche, die Arme darauf geſtützt, den Kopf in den Händen, Fräulein von Coigny erhob ſich und warf einen thränenumflorten Blick durch den Saal. André Chéniers Mund umſpielte ein bitteres Lächeln und er murmelte zu Maury: „Warum laſſen Sie uns hier? Haben Sie nicht ge⸗ hört, daß dieſer trunkene Commiſſär noch den Namen des Fräulein von Coigny ausſprach? Und warum holt man mich nicht?“ „Schätzen Sie ſich glücklich, André,“ flüſterte ihm Maury zu.„Sie ſind noch zu retten— zwei, drei Tage und ich hoffe, dieſe Henkerſcenen ſind zu Ende. Sie ſind ohne Verhaftsbefehl arretirt, das weiß Ihr Bruder und deßhalb ſchweigt er. Das iſt nicht Gleichgiltigkeit gegen Sie, das iſt das einzige Mittel, Sie zu retten. Ihr Name iſt noch auf keiner Liſte— ſpräche man ihn vor Jenen aus, welche 49 die Guillotine verſorgen, er würde unſtreitig auf eine Tod⸗ tenliſte kommen. Bedenken ſie dieß, ſchonen Sie ſich und vertrauen Sie uns, mir und Ihrem Bruder!“ „Mein Bruder!“ rief André faſt traurig aus und ſenkte dabei ſein Haupt. Zweifel und Liebe tönten aus dieſem Ausrufe hervor. Eine Thräne rollte aus ſeinem Auge und der junge Mann ließ ſie über ſeine Wange fließen. Plötzlich ſagte er mit Ironie: „Mein Vater iſt nicht ſo vorſichtig. Er ſetzt ſich Gefahren aus, denn er iſt, wie er mir ſagte, heut Mittag zu Robespierre gegangen, um meine Freiheit zu erbitten.“ Maury trat erſchrocken einen Schritt zurück. „O mein Gott!“ rief er aus und ſchlug ſeine Hand gegen die Stirn;„ich hatte eine Ahnung davon!“ Er ergriff haſtig ſeinen Hut— Andre hielt ihn zurück. „Bleiben Sie, Doktor— ſehen Sie hier Frau von St. Aignan, ſie iſt ohnmächtig!“ In der That, Frau von St. Aignan hatte das Be⸗ wußtſein verloren und Fräulein von Coigny ſowie zwei andere noch anweſende Frauen bemühten ſich bereits, ihr beizuſtehen. Bald kam die Herzogin auch wieder zu ſich. Als Maury ſich davon überzeugt, verließ er das Refecto⸗ rium, ohne Jemanden Lebewohl zu ſagen und unbemerkt 44 von den ihm bekannten Perſonen, welche ſich eifrig mit Frau von St. Aignan beſchäftigten. Er hörte im Fort⸗ gehen nur noch die Worte des Fräulein von Coigny, 1861. 17. Apoll von Byzanz. IV. 4 50 welche dieſe mit einer Miene erzwungenen Mitleids und etwas von ihrer angeerbten Malice zu einer anderen jun⸗ gen Dame richtete: „Dieſer arme Apoll von Byzanz! Ich bedaure ihn, ſo ſehr einer verheirateten Frau ergeben zu ſein, welche ihre Pflichten niemals verletzen wird.“ Drittes Kapitel. Nobespierre. Von Angſt getrieben hatté inzwiſchen Doktor Maury das Gefängniß von St. Lazare verlaſſen und den Weg nach der Saine zu einſchlagen. Die Scenen, deren Zeuge er ſo eben geweſen, beſchäftigten ihn noch während des haſtigen, ſonſt an ihm gar nicht gewohnten Laufes; er rief ſich in Gedanken alle die Bilder aus dem Refectorium zurück und konnte ſich nicht enthalten, einige Augenblicke bei ihrer Betrachtung und Prüfung zu verweilen. Wie dicht ſtand nicht André Chenier, der ihm theuer war, an der Guillotine? Wie ſchnell konnte nicht dieſes Leben, die⸗ ſer mächtige Dichtergeiſt, welcher ſeiner Blüthe erſt ent⸗ gegenreifte, durch die Henker des Schreckens vernichtet werden, die unbarmherzig tödteten, unbekümmert, ob ihre Opfer eine höhere Miſſion im Leben erfüllen könnten. Und —OQ·Q—O—ę—QL— —OQ·Q—O—ę—QL— 51 Frau von St. Aignan? Ihr Gatte war ihr im Tode vor⸗ angeeilt— ein, zwei Monate waren ihr vielleicht nur noch gegönnt und dennoch widmete ſie dieſe Friſt, vom Schmerz um einen zwar nicht geliebten, aber achtungswerthen Gat⸗ ten, dem Ideal ihres Herzens, Weib auch noch in dieſer Situation, welche all' ihren Muth und Heroismus erſor⸗ derte? Ein, zwei Monate— o, bis dahin mußte ſicher⸗ lich ſchon das Regiment der Terroriſten zu Ende und das Leben zahlloſer Opfer gerettet ſein! Aber André Chonier, der Dichter, den zwei Frauenherzen liebten, war in höch⸗ ſter Gefahr— ſein eigener Vater hatte ihn Robespierre, wie Andreé erzählte, ins Gedächtniß gerufen und das war ſo viel wie der Tod. Maury wußte dieß und es war ſeine Angſt. Nur zwei Tage noch Zeit gewinnen, dachte er, und die Bewegung wird losbrechen— er hatte zu viel Kenntniß davon. Nur zwei Tage noch, und Robespierre mit all' ſeinen Kreaturen war aller Wahrſcheinlichkeit nicht mehr, die Gefangenen, André, Frau von St. Aignan, Fräu⸗ lein von Coigny, waren gerettet. Dieſe zwei Tage muß⸗ ten gewonnen werden. Robespierre war krank; gut, ſagte ſich Maury, ich werde ihn zwei Tage lang krank laſſen, möglicherweiſe krank machen, um einige Opfer zu retten! Auf dem Boulevard ſuchte er, um ſchneller zu Ro⸗ bespierre zu gelangen, mit den Augen nach einem Wagen. Er bemerkte keinen, denn zu jener Zeit waren ſie wenig zahlreich in Paris. Aber indem er umher ſpähte, bemerkte 4* 52 er Jean in ſeiner Nationalgardiſten⸗Uniform; er hatte ihn augenſcheinlich hier an der Ecke des Boulevard erwartet und trat jetzt haſtig auf ihn zu. „Nehmen Sie, Herr Doktor,“ raunte er ihm zu, in⸗ dem er ihm ein zuſammengeknittertes Papier zuſteckte; „das Mädchen aus St. Lazare, die Tochter des Schließers, hat mir es gegeben und geſagt, es ſei für Sie.“ Er machte dabei ein pfiffiges Geſicht und der Arzt verſtand ihn. Er entfaltete den Zettel und las ihn flüch⸗ tig durch. Es war eine Fortſetzung der Liſte der Gefan⸗ genen im Refectorium, welche der trunkene Commiſſär ſich hatte entwenden laſſen. Zwiſchen mehreren anderen Na⸗ men fanden ſich auch noch folgende: „André Chenier, 31 Jahre alt, geboren zu Conſtan⸗ tinopel, Schriftſteller, früher Rue de Cléry, dann in Ver⸗ ſailles.“ „Frau St. Aignan, Verſailles.“ „Coigny, ſiebzehn Jahre, acht Monate, Tochter des Ex⸗Adeligen gleichen Namens, einſt Univerſitätsſtraße, dann in Verſailles.“ Es waren die Namen jener drei Geſangenen, zwi⸗ ſchen denen eine ſo eigenthümliche Verbindung beſtand; ſogar Frau von St. Aignan war darunter. Wollte man ſie nur verhören oder in der That mit dem Kinde im Mutter⸗ leibe guillotiniren? Maury dachte nicht weiter darüber nach, ſondern zerriß das Papier in unendlich kleine Stücke, 53 die er alsdann einzeln durch den Luftzug entführen ließ oder zuſammengewirbelt zwiſchen den Staub der Straße warf. Dann drückte er dem Gärtner⸗Nationalartilleriſten die Hand und ſagte mit kaum verhaltener Rührung: „Braver Freund— hoffen wir, daß all' ihre Hilfe endlich die Bedrohten rettet!“ „Es ſcheint, als hätte mich der Himmel ſelbſt heut nach St. Lazare geführt, denn ich ging ohne Abſicht der Volksmenge nach. Uebrigens ſcheint es, als habe ſich der Huiſſier über den Commiſſär geärgert, denn er ließ ihn den Karren an Stelle der fehlenden Opfer beſtei⸗ gen;— wahrſcheinlich ſchläft der arme Teufel ſeinen Rauſch auf dem Saffot aus!“ Ein Fiacre kam in dieſem Augenblick leer den Bou⸗ levard herauf. Maury winkte ihm. „Ich habe Eile, lieber Freund— auf Wiederſehen!“ Und dann ſich zu Jean dicht heranbiegend, ſetzte er flü⸗ ſternd hinzu:„Ich gehe zu Robespierre!“ Er ſprang haſtig in den Wagen, nachdem er dem Kutſcher zugerufen:“ „Rue St. Honoré, zum Bürger Robespierre!“ Der Fiaere fuhr ſchnell nach dem ihm wohlbekannten Hauſe des erſten Machthabers der Republik. Dieß Haus war ziemlich alt und einfach und gehörte einem Tiſchler Namens Duplay. Der Exadvokat des 54 Parlaments und jetzige Herr Frankreichs bewohnte es ſchon ſeit längerer Zeit. Es zeichnete ſich gleichwohl durch Nichts aus, höchſtens dadurch, daß ſämmtliche Fenſterlä⸗ den der Front geſchloſſen waren, ebenſo die Thür und die Vorzimmer. Eine Todtenſtille herrſchte in dem Gebäude; es war blind und ſtumm. Einige Weibergruppen ſtanden unfern des Hauſes auf der Straße und klatſchten mit unterdrückter Stimme. Hin und wieder öffnete ſich die Thür und ein Gendarm trat heraus oder ein Sansculotte oder ein Spion, meiſt ein weiblicher. Dann löſten ſich die Klatſchgruppen ha⸗ ſtig auf und die Einzelnen traten in ihre Hausflure. Wer vorüber ging, machte einen Halbbogen und ſah auf die andere Seite. Bemerkenswerth war noch, daß der Damm mit Stroh bedeckt war, um das Geräuſch der Wagen zu vermeiden. Kaum hatte Maury mit dem Ring an das Thor ge⸗ klopft, als dieſes ſich öffnete und der Concierge beſtürzt herbeieilte, fuͤrchtend, der Eintretende könnte die Thür zu heftig zuſchlagen. Maury, erfüllt von ſeiner Angſt, fragte ſogleich, ob nicht vor einiger Zeit ein Greis, nämlich Herr von Chenier, deſſen Ausſehen er beſchrieb, zu Ro⸗ bespierre gekommen ſei? Der Concierge mit einem eis⸗ kalten Geſicht ſchüttelte verneinend den Kopf und ſagte: „Ich kann nicht ſagen!“ Maury ließ ſich damit nicht abweiſen. 55 „Beſinnen ſie ſich,“ drang er in ihn;„iſt keine ſolche Perſon heut zwiſchen zehn und zwölf Uhr gekommen? Sie erwieſen mir einen unendlichen Dienſt durch die Be⸗ antwortung dieſer Frage, denn ich ſuche dieſe Perſon.“ „Ich kann nicht ſagen!“ Mehr brachte der Arzt aus dem wohldreſſirten Cerberus nicht heraus. Mißmuthig und von doppelter Beſorgniß durch die zweideutige Antwort das Concierge erfüllt, ſtieg Maury die ziemlich dunkle Treppe hinauf. Oben angelangt, durch⸗ ſchritt er eine Reihe von Zimmern, ohne daß eins derſel⸗ ben verſchloſſen oder eine Perſon in einem derſelben ge⸗ weſen wäre. Erſt im vierten Zimmer fand er zwei Neger auf den Stühlen ſitzen und zwei Sekretäre an ihren Pul⸗ ten, die fortarbeiteten, ohne den Kopf zu ihm zu erheben. Als Maury an ihren Schreibtiſchen vorbeiging, warf er einen ſchnellen Blick auf ihre Arbeit—— es war eine Anſertigung von Liſten, lauter Namen, ſicherlich von Ro⸗ bespierre dem Henker für den nächſten Tag bezeichnet! Ein Neger führte Maury in das Empfangzimmer Robespierre's. Es geſchah, ohne daß ein Wort geſpro⸗ chen wurde, ſelbſt der Schritt ward auf dem dicken, aber verſchoſſenen Teppich unhörbar. In dem Zimmer ſelbſt herrſchte ein melancholiſches Halbdunkel. Seine Fenſter gingen auf den Hof und große grüne Marquiſen dämpf⸗ ten das Licht und machten die heiße Thermidorluft im Zim⸗ mer dicker, drückender. 56 Robespierre ſaß auf einem grünledernen Fauteuil, vor ſich ein großes Schreibbureau, in der einen Hand ein engliſches Journal, in der andern einen Löffel, den er in einer Taſſe mit Camillenthee herumrührte, um den hin⸗ eingeworfenen Zucker zu ſchmelzen. Er hatte auf den er⸗ ſten Blick nichts, was ihn als einen beſonderen Charakter erkennen ließ, nur zwiſchen Stirn und Kinn war das Ge⸗ ſicht eingedrückt. Das Geſicht Robespierre's, damals fünf⸗ unddreißig Jahre alt, war weiß wie Papier, wie be⸗ gypſt und noch häßlicher gemacht durch die vielen Blatter⸗ narben. Weder Blut noch Galle ſchien in ſeinen Adern zu ſein. Seine Augen waren klein, todt, matt und ſahen niemals Jemanden gerade ins Angeſicht; ſte zwinkerten fortwährend und dieß machte ſie um ſo widerwärtiger, beſonders wenn die grünen Augengläſer ſie nicht ganz be⸗ deckten. Um ſeinen Mund ſpielte ſtets ein eigenthümli⸗ cher Zug, eine Art Lächeln, die ſich eingefurcht hatte und wie ſtereotypirt erſchien. Mirabeau hatte es einmal zur Charakteriſtrung Robespierre's gebraucht, indem er ſagte, er ſehe aus wie eine Katze, dir Eſſig getrunken. Seine Haarfriſur war zierlich, ſorgfältig und pretentiös. Seine Finger, ſeine Schultern, ſein Hals zuckten und krümmten ſich fortwährend und unwillkürlich, denn er litt an nervö⸗ ſen Convulſionen. Schon vom frühen Morgen an war er vollſtändig angekleidet und Niemand hatte ihn je im Ne⸗ gligs überraſcht. Heute trug er einen braunſeidenen, weiß⸗ 57 bordirten Rock, eine mit Blumen bedruckte Weſte, Ja⸗ bot, weißſeidene Strümpfe und Schuhe mit Schnallen. Er hatte ganz das Ausſehen eines galanten, eleganten Mannes. Als Doktor Maury eingetreten, war ihm Robes⸗ pierre mit ſeiner gewöhnlichen füßlichen Höflichkeit ent⸗ gegen gekommen. Er hatte ſeine Brille abgeſetzt und grüßte den Arzt in verbindlicher Weiſe; dann ſetzte er ſich wieder. Maury, ohne zu zögern, machte in ſeiner ernſten Art von ſeinem ärztlichen Rechte Gebrauch. Er ſtrich die Manſchette Robespierre's zurück und prüfte den Puls. „Fieber,“ ſagte er gleichgiltig nach einer Weile. „Das kann ſein,“ entgegnete der Machthaber, in⸗ dem er die Lippen zuſammenkniff und wieder von ſeinem Stuhle aufſprang. Er ſchritt dann feſt und erregt einige Male durchs Zimmer und rieb ſich die Hände dabei. Endlich ließ er einen Ausruf von Mißmuth vernehmen und nahm abermals Platz. „Setzen Sie ſich hierher, Bürger, und hören Sie zu. Es iſt etwas ganz Sonderbares!“ Nach jedem dieſer Worte warf er einen lauernden Blick über ſeine Brille hinfort auf den Arzt. „Denken Sie ſich, man ſchmäht mich—was ſagen Sie dazu?“ Er ſchlug dabei heftig auf das engliſche Zei⸗ tungsblatt. Maury hatte im erſten Moment erkannt, daß aller Zorn und alle Entrüſtung Robespierre's erheu⸗ 58 chelt waren— er gab doppelt Acht auf ſich.„Die Ty⸗ rannen,“ ſetzte der Exadvokat hinzu und ſeine Stimme war ſcharf und ſchneidend,„die Tyrannen können die Freiheit nicht vertragen. O das iſt eine ſehr demüthi⸗ gende Sache für die Menſchheit. Leſen Sie nur hier, le⸗ ſen Sie nur hier! Es iſt abſcheulich! Indem er Maury die Zeitung vorhielt, fuhr er, mit dem Finger einige Stellen bezeichnend, fort:„Robes⸗ pierre's Armee! Robespierre's Truppen!“ Als wenn ich Armeen hätte! Als wäre ich ein König und als wäre Ro⸗ bespierre Frankreich! Als ginge Alles von mir aus und hinge von mir ab! Die Truppen Robespierres! Welche Albernheit! Welche Verleumdung—wie?“ Er nippte an ſeiner Taſſe mit Thee und ſetzte die Brille auf, um den Arzt durch dieſe zu betrachten. „Ich will hoffen, daß man ſich hier niemals ähnlicher Ausdrücke bedient. Oder haben Sie dergleichen ſchon ge⸗ hört? Spielt man vielleicht ſo unter dem Volk?— Nein! Nur der Pitt redet ſo, der Pitt denkt ſo beleidigend von mir! Wer kann mir den Namen eines Diktators von Frankreich geben? Nur die Regktionäre, die Dantoni⸗ ſten und Hébertiſten von Ehemals, die noch im Convent ſind und die ich nächſtens von der Tribüne herab denunci⸗ ren werde; oder die Diener Herzogs von England, die Verſchwörer, welche mich dem Volke verhaßt machen wol⸗ len, weil ſie die Reinheit meines Bürgerſinns kennen und 4 59 weil ich ihre Laſter tagtäglich bekannt mache— Catili⸗ na's wie Desmoulins und Chaumette. Solche Kreatu⸗ ren, wie die Könige, ſind frech genug, mir eine Krone außzuſetzen. Soll ſie etwa eines Tages fallen, wie die ihrige? Schlimm genug, daß ihnen hier falſche Repu⸗ blikaner und Elende, die nur ein Verbrechen aus meinen Tugenden machen wollen, Gehör ſchenken!—— Seit ſechs Wochen bin ich ſchon krank, Sie wiſſen es; ich er⸗ ſcheine ſeit der Zeit nicht mehr im Wohlfahrtsausſchuß— wo iſt alſo die Diktatur? Aber die Verſchwörung, die mich ſtürzen will, ſieht ſie überall, denn ich bin ein un⸗ bequemer und zu gewiſſenhaſter Wächter. Dieſe Ver⸗ ſchwörung rührt ſich jetzt; Verbrecher und Elende ſtehen ihr zu Gebote— ſie läßt verbreiten, ich ſei verhaftet wor⸗ den, getödtet! Getödtet? Ja, das kann ſein— aber verhaftet? Ich werde nie verhaftet ſein!—— Dieſe Verſchwörer haben noch mehr ſolche Thorheiten ausge⸗ ſprengt, ſo, daß Saint⸗Juſt die Ariſtokratie retten wolle, weil er ſelbſt adelig geboren ſei. Was thut's, wie er ge⸗ boren iſt, wenn er nach guten Grundſätzen lebt und ſtirbt? Hat er nicht gerade das Dekret im Convente beantragt und durchgebracht, daß alle Exadlige verbannt und zu unverſöhnlichen Feinden der Revolution erklärt wurden? Ah, dieſe Feinde hinter den Gebüſchen haben das Feſt des höchſten Weſens lächerlich gemacht und klagen mich wegen all' der Todesurtheile an— die alte Leier Briſſots und der Girondiſten! Iſt das wahr?—“ 60 Maury machte ein Zeichen mit dem Kopf und Ro⸗ bespierre fuhr fort: „Ich will, daß man von den Gräbern die gottloſe Inſchrift eutferne: Der Tod ſei ein Schlaf! Es ſoll heißen:„Der Tod iſt der Anfang der Unſterblichkeit!“ Maury ſah etwas erſtaunt zu ſeinem Patienten auf. Dieſe plötzliche Abſchweifung vom bisherigen Thema fiel ihm auf und er erwartete die Erklärung davon. Aber Robespierre lächelte nur zufrieden und leerte ſeine Taſſe, die er dann mit vieler Zierlichkeit wieder auf ſein Bureau ſetzte. Da jedoch der Doktor die im Geheimen begehrte Schmeichelei nicht hören ließ, nahm der eitle Machtha⸗ ber wieder das Wort: „Ich weiß, daß Sie meiner Anſicht ſind, Bürger,“ ſagte er,„obwohl Sie viel von den Anſichten der Leute von Ehemals haben. Aber Sie ſind ehrlich und rein, das iſt ſehr viel. So viel weiß iſt, daß Sie den Militär⸗ despotismus ebenſowenig lieben als wie ich— und wenn man mich nicht hören wird, werden wir ihn erhalten. Er wird die Zügel der Revolukion ergreifen, wenn ich ſi ſie fal⸗ len laſſe und die erniedrigte Geſetzgebung umſtoßen.“ „Das ſcheint mir nur zu wahr zu ſein, Bürger,“ erwiderte Maury. Robespierre lächelte,„wie eine Katze, die Eſſig ge⸗ trunken.“ 61 „Sie würden noch lieber meinen Despotismus vor⸗ ziehen— was?“ Maury zog auch eine Grimaſſe, indem er einige Töne von ſich gab, die man für Alles halten konnte, für was man wollte. ⸗ „ Dieſer wäre mindeſtens für den Bürger,“ fuhr Robespierre fort,„für Ihresgleichen, ausgehend von einem Bürger, der den Weg der Tugend gewandelt und keine andere Furcht kannte, als in Berührung mit unrei⸗ nen Menſchen zu treten.“ Er ſchmatzte behaglich mit ſeiner Zunge, als habe dieſe Phraſe ihm wie köſtlicher Honig gemundet. „Sie haben jetzt wohl wenig Menſchen, mit denen Sie in Berührung ſtehen, nicht wahr?“ fragte Maury. „Man beläſtigt Sie nicht.“ Robespierre kniff die Lippen zuſammen und drückte ſeine Brille dicht an die Augen, um ſeinen Blick zu ver⸗ bergen. Dann antwortete er: „Weil ich zurückgezogen lebe, ſeit Wochen ſchon gänzlich. Aber verleumdet werde ich doch.“ Während dieſer Worte hatte er einen Bleiſtift genom⸗ men und anſcheinend ohne Gedanken damit auf einem Blatt Papier gekritzelt.— Es war der Name Doktor Maury, beſtimmt für die neue Liſte der zu Guilloti⸗ nirenden. Lächelnd, wie immer, warf ſich Robespierre zurück. „Ja, verleumdet! nahm er wieder ſeine Rede auf. „Ohne Scherz, ich liebe nur die Gleichheit, wie Sie es auch wiſſen, und Sie werden noch ferner ſehen, daß ich die Pflicht als Wächter der Freiheit höher ſtelle, als ſelbſt die Macht perſönlicher Gefühle. Dieſe Engländer ſollen mich kennen lernen!“ Dabei zerknitterte er heftig die engliſche Zeitung, aber ſein Zorn ging doch nicht ſo weit, das Journal zu zerreißen. Der ſeinem Ehrgeiz ſchmeichelnde Artikel darin — wie oft hatte ihn Maximilian Robespierre nicht ſchon geleſen, wie oft mochte er ihn noch leſen wollen, allein, unbewacht, unbeobachtet?„Die Truppen Robespierres“ — das war Muſik für ihn! Seine Hände und Schultern zuckten krampfhaft. Er ſtand auf und ging in ſeinem Zimmer auf und ab. Maury that ein Gleiches und ging neben ihm. „Ich wollte Ihnen dieß zu leſen geben, bevor ich Ihnen von meiner Geſundheit ſprach und mit Ihnen plau⸗ derte,“ ſagte Robespierre nach einer Weile, indem er dem Arzte ſeine Schrift übergab.„Sie können meine Freund⸗ ſchaft für den Autor, St. Juſt— es iſt ſein Projekt. Leſen Sie einmal darin. Ich erwarte ihn heute zu Tiſche und möchte mit ihm darüber reden. Setzen Sie ſich— ich werde bald zurückkommen.“ Schnell war er an die Thür getreten und hatte dieſe geöffnet. Er floh mehr, als er ging. Maury, die Schrift 63 in der Hand, ſah ihm verwundert nach und erwog einen Augenblick die Unruhe dieſes Mannes, den er ſo lange ſchon kannte und nie ſo geſehen. Es mußte etwas im Werke ſein oder er mußte ein Attentat befürchten. Durch die Thür, welche er paſſirte, hatte Maury eine Menge geheimer Polizeiagenten bemerkt; und ſchon ſeit ſeiner Ankunft draußen in den Vorzimmern ein Ab⸗ und Zulau⸗ fen von Perſonen vernommen, das auffallend war. Man ſprach jetzt draußen leiſe mit einander. Maury horchte, aber er verſtand nichts. Eine gewiſſe Furcht bemeiſterte ſich ſeiner. Er wollte aus dem Zimmer gehen— aber merkwürdiger Weiſe war die Thür geſchloſſen. Maury war gefangen. Als er dieſe Ueberzeugung hatte, kehrte ſeine Ruhe zurück. Er ſetzte ſich nun auf einen Stuhl und durchblät⸗ terte die Schrift, mit der ihn Robespierre allein ge⸗ laſſen. Es war ein Geſetzentwurf St. Juſt's. Anfangs wie gelangweilt, dann aber mit wachſendem Erſtaunen las Maury die Schrift, indem er zuweilen zwiſchen ſeinen Zähnen murmelte: „O unſchuldiger Würger! Engliſcher Henker! Ein reizender Knabe!“ Hören wir, was die Schrift St. Juſt's enthielt: „Die Kinder verbleiben der Natur.“ 64 „Sie werden zu jeder Jahreszeit in Leinwand ge⸗ kleidet.” „Sie werden gemeinſchaftlich ernährt und leben nur von Wurzeln, Früchten, Gemüſe und Milch.“ „Die Menſchen, welche tadelfrei gelebt haben, wer⸗ den mit ſechzig Jahren eine weiße Schärpe tragen.“ „Mann und Weib, die ſich lieben, ſind Gatten.“ „Haben ſie keine Kinder, kann ihr Verhältniß geheim bleiben.“ „Jeder Mann von 21 Jahren muß im Tempel ver⸗ künden, wer ſeine Freunde ſeien.“ „Freunde trauern um einander.“ „Die Freunde bereiten ſich gegenſeitig das Grab.“ „Freunde werden in den Schlachten zuſammenge⸗ ſtellt.” „Wer ſagt, daß er an keine Freundſchaft glaube und wer keine Freunde hat, wird verbannt.“ „Wer des Undanks überführt iſt, wird verbannt.“ „Begeht Einer ein Verbrechen, ſo werden ſeine Freunde verbannt.“ „Die Mörder werden ſchwarz gekleidet ihr Lebelang und hingerichtet, wenn ſie dieſe Kleidung ablegen.“ Maury ſchüttelte mit eindm wehmüthig⸗ſpöttiſchen Lächeln ſein Haupt.. „Unſchuldsvolle Seele!“ murmelte er.„Iſt es nicht undankbar, Dich zu verkennen? Deine Gedanken ſind ſo 65 rein und man ſpricht über die paar hundert Menſchen, die Du unter das Meſſer gebracht haſt!“ Maury las von Neuem den Geſetzentwurf St. Juſt's durch und er mußte dabei von ſo mächtigen Reflexionen be⸗ ſchäftigt ſein, daß er den Ort, wo er ſich befand, und die Umſtände, unter denen er hier bleiben mußte, vergaß. Er vernahm nicht, daß die Thüre geöffnet wurde; minde⸗ ſtens richtete er den Kopf nicht empor und ſchien das Ge⸗ räuſch, wiewohl es plötzlich und laut war, nicht vernom⸗ men zu haben. Erſt die rauhe Stimme des Eintretenden ſchreckte ihn aus ſeiner Träumerei empor. Viertes Kapitel. Ueberraſchungen. Es war ein junger Mann von etwa dreißig Jahren, den Maury in der Thür ſtehen ſah. Er war von ſtatt⸗ lichem Aeußern, ganz militäriſch⸗hochfahrend, mit Stulp⸗ ſtiefeln und Sporen, eine Reitgerte in der Hand. „Ah, Du weißt nicht, ob man ihn ſprechen kann,“ ſetzte er ſeinen Streit mit dem ihn geleitenden Neger in der Thür fort.„Nun, ſage nur, der Autor des Cajus Grac⸗ chus und Chant du Départ ſei hier!“ Der Neger kehrte in das Vorzimmer zurück, ohne 1861. 17. Apoll von Byzanz. IV. 5 66 etwas auf die ſtolzen Worte Marie⸗Joſeph Cheniers, denn der war es, erwidert zu haben. Man höͤrte, daß er die Thür wieder verſchloß. Marie⸗Joſeph war, ohne den ſitzenden Maury zu beachten, auf den großen Spiegel über dem Kamin zugeſchritten und indem er davor ſtand und ſeine Haarfriſur ausbeſſerte, bramarbaſirte er nach dem Arzt hinüber: „Du warteſt wohl ſchon lange, Bürger? Nun ich, als Volksvertreter, hoffe nicht, auf den Bürger Robes⸗ pierre warten zu müſſen. Er muß mich ohne Aufenthalt abfertigen. Auch habe ich ihm nur ein Wort zu ſagen.“— Er beſah ſich cokett ſeine Stiefel und fuhr dann fort: „Ich bin auch kein Bittſteller! O nein! Ich ſage ganz laut, was ich denke; unter dem Regime der Bour⸗ vons that ich's ſchon. Frei heraus mit der Sprache, ſo gehört ſich's!“ Maury betrachtete den jungen Poltron mit lächeln⸗ den Mienen. Als Chenier ſich jetzt wieder zu ihm wandte, erkannte er auch ſofort den Arzt und dieß beſtimmte ihn, ſein Weſen abzulegen. Er trat haſtig auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und flüſterte, ſichtlich erſtaunt: „Sie hier, Doktor? Ah, das iſt eurios!“ „Haben Sie meinen Brief erhalten?“ raunte ihm Maury zu.. „Ja, zugleich auch einen von Robespierre. Und Sie? Hat er ſie etwa auch beſtellt?“ 67 „Ja,“ verſetzte Maury; aber er hat mich nur als Arzt rufen laſſen. Das kann nicht auffallen, da ich öfter in dieſem Falle bin.“ „Hm! Hm!“ brummte Marie⸗Joſeph und ſchlug dabei mit der Reitgerte gegen ſeine Stulpen. Dann marſchirte er im Zimmer auf und ab, bis er wieder zu Maury zu⸗ rückkehrte. „Wo iſt er denn?“ fragte er darauf leiſe. „Ich weiß nicht. Er ließ mich hier allein.“ „Er ließ Sie allein?!“ Chenier ſah den Arzt bedenk⸗ lich an und flüſterte dann, ſichtlich geängſtigt: „Was mag das bedeuten? Warum hat er mich rufen laſſen? Was iſt mit André— wiſſen Sie etwas? Ich habe meinen Vater nicht ſprechen können, er war nicht zu Haus.“ „Pſt!“ entgegnete Maury und legte den Finger auf den Mund, um den Fragenden zur Vorſicht zu mahnen. In der That, jeden Augenblick konnte Jemand ein⸗ treten, man konnte horchen, durch irgend ein verborgenes Loch beobachten— bei Robespierre war dergleichen zu vermuthen. So erhob ſich denn Maury und marſchirte gleichfalls durch das Zimmer, damit der Schall der Tritte den Laut der Worte übertöne. Marie⸗Joſeph verſtand ihn und durchſchritt ebenfalls polternd das Gemach. Die beiden Männer glichen zwei in ihrem Ab⸗ und Zugang ſich kreuzende Schildwachen. Ein Jeder that, als verfolge er 5* 68 nur ſeine eigenen Gedanken und nur wenn ſich beide be⸗ gegneten, warfen ſie ſich leiſe die Worte zu, welche den ſie gemeinſam bewegenden Befürchtungen zum Ausdruck dienten. Maury rieb ſich die Hände. „Es kann ſein,“ flüſterte er dem vorbeiſtreifenden Volksvertreter zu, daß man uns mit Abſicht zuſammen⸗ geführt.“ Dann ſetzte er laut hinzu: „Ein hübſches Zimmer!“ Chenier traf abermals auf ihn und antwortete: „Ich glaube es auch!“ Dann weiterſchreitend fuhr er laut auf die letzten Worte des Doktors fort: „Es geht auf den Hof hinaus.“ Sie begegneten ſich wieder. „Ich habe Ihren Bruder heut beſucht, ſagte Maury und mit lauter Stimme:„Ein ſchöner Tag heute!“ Abermalige Kreuzung. „Ich dachte mir's. Meinen Vater habe ich lange nicht geſehen. Die Sachen ſtehen gut.— In der That, ein prachtvoller Thermidor!“ Sie ſchritten wieder von einander. „Tallien, Courtois, Barras, Clauzel,“ raunte Maury beim nächſten Begegnen zu,„vortreffl iche Leute, entſchloſ⸗ ſen, zur That bereit.— Ihr„Timoleon“ iſt ein vorzüg⸗ licher Stoff zum Drama.“ Als Chenier zurückkehrte antwortete er: 69 „Alles bereit. Auch Collot d'Herbois, Bourdone, Barrère!— Mein„Fenelon“ intereſſirte mich doch bei weitem mehr.“ Man traf ſich abermals. „Noch zwei Tage!— Man ſagt die Verſe im„Ti⸗ moleon“ ſollen ſehr ſchön ſein.“ Chénier ſtieß Maury mit dem Ellenbogen im Vor⸗ beiſtreifen. „Höchſtenſt drei! Die Triumvir holt der Teufel!— Ich habe neulich bei der Bürgerin Veſtris einige Scenen vorgeleſen.“ „Hüten Sie ſich, den Namen ihres Bruders auszu⸗ ſprechen!“ warnte Maury mit gedämpfter Stimme; dann rief er: „Die Entwickelung ſoll ausgezeichnet ſein!“ „Selbſtverſtändlich,“ raunte Choͤnier.„Ich laſſe ihn todt, am 8. oder 9. werde ich ihn befreit ſehen!“ Dann laut:„die Entwickelung? Ah, die mag ſogar ein wenig zu gut ſein!“ In dieſem Moment ward die Thür geöffnet: die bei⸗ den Männer ſtanden jeder in einer Ecke des Zimmers. Robespierre trat ein und hatte St. Juſt an der Hand. St. Juſt war aber erſt aus der Provinz gekom⸗ men, ſein Rock war noch ſtaubig, ſogar zerriſſen. Robespierre hatte über ſeine Brille hinfort beim Eintritt einen lauernden Blick auf Maury und Chenier 70 geworfen; die Entfernung zwiſchen Beiden ſchien ihm zu gefallen, denn er lächelte. „Bürger“ ſagte er, indem er St. Juſt vorſtellte, „Sie werden dieſen Reiſenden wohl kennen? Maury und Chenier, die in der That den allmäch⸗ tigen Günſtling des allmächtigen Robespierre kannten, grüßten ihn mit ziemlicher Verlegenheit, wogegen St. Juſt einen gewiſſen Uebermuth nicht verbergen konnte. St. Juſt ſetzte ſich neben Robespierre, der wieder ſein Lederfauteuil an dem Tiſche eingenommen und ſeinen Gäſten ſich gegenüber Plätze angewieſen hatte. Eine Zeit⸗ lang ſprach Niemand ein Wort. Maury ließ ſeinen Blick über die drei Anweſenden ſtreifen; Chenier ſchaukelte ſich auf ſeinem Stuhle in einer burſchikoſen Weiſe, die nur ſeine Aengſtlichkeit verbergen ſollte. St. Juſt hatte ſein ſchönes Haupt mit dem faſt mädchenhaften, melancholiſchen Geſicht auf ſeine Schulter geneigt; ſein braunes, volles Haar lag in wirrem Gelocke auf ſeiner Stirn, und er ſeufzte bisweilen. Man mußte ihn für einen jungen Hei⸗ ligen halten, für einen Märtyrer, ein Opſer. Robespierre ſeinerſeits betrachtete alle drei mit dem ſtereotypen lauerndeu Katzenblick. Endlich nahm er das Wort und ſprach mit einer ge⸗ wiſſen Feierlichkeit. „St. Juſt, unſer Freund, kommt ſoeben von der Ar⸗ mee zurück. Er hat dort den Verrath erſtickt, er wird 71 es auch hier thun. Das wird überraſchen, nicht wahr, Chénier?“ Er warf dabei einen diaboliſchen Blick auf den Con⸗ ventsdeputirten, wie um ſich an deſſen Verwirrung zu weiden. „Du haſt mich rufen laſſen, Bürger;“ entgegnete Marie⸗Joſeph, der ſich verdrießlich ſtellte und die Frage Robespierre's ignorirte.„Iſt's wegen Geſchäftsangele⸗ genheiten geſchehen, ſo laß uns eilen, denn man erwartet mich im Convent.“ „Ich wollte Dich nur mit dieſem Herrn zuſammen⸗ führen, der ſehr viel Antheil an Deiner Familie nimmt,“ erwiderte der Exadvokat mit Ironie und zeigte dabei auf den Doktor Maury, welcher durch dieſen unvorhergeſehe⸗ nen Angriff etwas außer Faſſung gekommen war. Ebenſo Marie⸗Joſeph, der den Arzt ſtarr anblickte und durch dieſen Blick allen ſeinen Befürchtungen Ausdruck gab. Maury faßte ſich zuerſt. „Wir kannten uns bereits,“ ſagte er.„Ich liebe die Literatur und durch„Fenelon“—“ „Ah“ unterbrach Robespierre,„à- propos, Chenier. Ich mache Dir mein Compliment wegen Deines„Timo⸗ leon“, den Du in den Salons vorgeleſen haſt, nachdem Du ihn vor einigen Wochen erſt verbrannteſt. Man ſpricht ſehr viel und lobend davon.— Kennſt Du ihn nicht?“ wandte er ſich ironiſch zu St. Juſt. 72 St. Juſt lächelte verächtlich und wiſchte mit dem Zipfel ſeines Rockes den Staub von ſeinen Stiefeln, ohne eine Antwort für nöthig zu halten. „Aha,“ meinte Chénier zu Maury und ſuchte einen ſcherzhaften Ton anzuſchlagen;„für den iſt das zu ge⸗ wöhnlich!“ St. Juſt hob ſeine ſanften, lieblichen Augen zu dem Autor des„Timoleon“ und betrachtete ihn mit einer hei⸗ tern Ruhe. „Ein Mitglied des Convents,“ ſagte er,„der ſich im Jahre II der Republik damit amuſirt, ſcheint mir ein Genie zu ſein.“ „Meiner Treue!“ verſetzte Chénier,„wenn man ſeine Hand nicht in den Staatsgeſchäften hat, kann man auf ſolche Weiſe der Nation noch am beſten dienen.“ St. Juſt zuckte die Achſeln. Robespierre zog ſeine Hand, als erwarte er etwas, und ſagte dann mit profeſſorlicher Miene: „Du weißt, Bürger Chenier, meine Meinung über die Schriftſteller. Ich nehme Dich aus, weil ich Deine republikaniſchen Tugenden kenne; aber im Allgemeinen betrachte ich ſie für die gefährlichſten Feinde des Vater⸗ landes. Es muß nur Einen Willen geben, ſo weit ſind wir. Er muß republikaniſch ſein und daher muß es nur republikaniſche Schriften geben; Alles übrige entartet das Volk. Das Volk muß zuſammengehalten und der Bour⸗ 73 gois beſtegt werden, denn er verſchafft uns innere Geſah⸗ ren. Das Volk muß mit dem Convent ſtehen und der mit ihm. Man ſoll die Sansculotten bezahlen und auf⸗ wiegeln und ſie in den Städten laſſen. Wer aber wi⸗ derſetzt ſich meinen Anſichten? Die Schriftſteller, die Verſe⸗ macher— dieſe Leute, die corrumpiren und ſtiften Un⸗ heil. Der Convent ſollte diejenigen, welche der Republik nicht nützlich ſind, als Contrerevolutionäre behandeln.“ „Das wäre ſehr ſtreng,“ warf Cheͤnier etwas er⸗ ſchreckt und zugleich in ſeiner Eitelkeit verletzt ein. „O ich ſpreche nicht von Dir,“ fuhr Robespierre in ſüßlichem Tone fort.„Du warſt ein Krieger, Du biſt Ge⸗ ſetzgeber und nur, wenn Du nichts Beſſeres zu thun haſt, Poet.“ „Durchaus nicht! Durchaus nicht!“ rief Joſeph in eigenthümlicher Betonung.„Ich bin im Gegentheil gebor⸗ ner Poet und habe meine Zeit bei der Armee und im Con⸗ vent verloren.“ Maury mußte unwillkürlich lächeln. So hätte wohl André Chonier reden können, dachte er, aber nicht Joſeph. Auch mochte Robespierre etwas Aehnliches denken, denn er fuhr fort, den Conventsdeputirten und Autor der Revolu⸗ tionsdramen zu quälen. „Nun, nun,“ ſagte er mit erheuchelter Liebenswür⸗ digkeit,„Du biſt zu beſcheiden; Du lehnſt zwei Lorbeer⸗ kronen fuͤr eine aus Roſen ab.“ — 74 „Mir ſcheint indeſſen, daß Du dieſe Blumen einſt auch liebteſt, Bürger,“ verſetzte Chénier.„Ich habe von Dir ſehr hübſche Verſe geleſen. Z. B.: 0 Dieux! que vois-je, mes amis? Un crime trop noloire. 0 malheur affreux! 0 scandale honteux! Pose le dine à-peine; Pour vous j'en rougis, Pour moi j'en gèmis! Ma coupe n'est pas pleine. Auch ein Madrigal kenne ich noch: Garde loujours ta modeslie; Sur le pouvoir de les appas Demeure tonjours alarmée: Tu n'en teras que mieux aimée Si tu crains de ne l'étre pas. Das iſt doch gewiß nicht übel! Außer dem haben wir zwei Reden über die Todesſtrafe, eine dafür, die andere dagegen. Auch eine Lobrede auf Greſſet kenne ich, ſogar eine ſehr ſchöne Stelle daraus; ich glaube gar, ich habe ſie bei mir, gedruckt unter dem Namen„M. von Robespierre, Parlamentsadvokat.“ Der Exadvokat war nicht aufgelegt zum Scherz. Er begnügte ſich, wieder das Geſicht einer Katze zu machen, die Eſſig getrunken. St. Juſt, der ſich langweilte und von etwas Anderem 75 reden wollte, fragte ihn auch ſogleich, nach dem Chénier geendet: „Wann erwartet man Dich bei den Jacobinern?“ „Später,“ warf ihm Robespierre in Laune zu.„Laß mich jetzt, denn ich amüſire mich.“ Er lachte dabei in einer diaboliſchen Weiſe. „Es kommt noch Jemand,“ ſetzte er dann hinzu.— „Doch ſag' mir, St. Juſt, was machteſt Du mit den Poeten?“ „Ich habe es Dir ſchon mitgetheilt; das zehnte Ka⸗ pitel meines Entwurfs handelt davon.“ „Nun, ſag's mir!“ St. Juſt machte ein Zeichen der Verachtung und blickte dann um ſeine Füße herum, als ſuche er eine Steck⸗ nadel auf dem Teppich. „Man ſoll von ihnen am erſten jeden Monats Hym⸗ nen zu Ehren des höchſten Weſens und der guten Bürger verlangen, wie es ſchon Plato wollte. Am erſten Ger⸗ minal haben ſie die Natur und das Volk zu verherrlichen; im Floreal die Liebe und die Gatten; im Prairial den Sieg; im Meſſidor die Kinder; im Thermidor die Jugend; im Fruktidor das Glück; im Vendemiaire das Alter; im Brumaire die Unſterblichkeit der Seele; im Frimaire die Weisheit; im Nivoſe das Vaterland; im Pluvioſe die Arbeit, und im Ventoſe die Freunde.“ Robespierre klatſchte in die Hände. 76 „Vortrefflich eingetheilt!“ rief er. „Und wer nicht ſo dichten kann, der ſterbe!“ ſpottete Chenier. St. Juſt erhob ſich ernſt. „Nun, und weßhalb nicht?“ ſagte er zu Marie⸗Jo⸗ ſeph.„Warum nicht, wenn ihre patriotiſchen Gefühle ſie nicht zu begeiſtern vermögen? Dann möoögen ſie ſterben! Es gibt nur zwei Grundſätze: die Tugend oder der Schrecken.“ Er ſenkte wieder den Kopf und lehnte ſich mit dem Rücken an den Kamin, als habe er nun Alles geſagt und als ſei er überzeugt, daß er Alles wiſſe. Er war ruhig, ſein Geſicht ſanft, wie verklärt. „Seht, das nenne ich einen Dichter!“ rief Robes⸗ pierre und ſtreckte ſeine Hand gegen ihn aus.„Er ſieht im Großen; er vergnügt ſich nicht nur an den mehr oder minder geſchickten Stylformen; ſeine Worte hellen wie Blitze die Finſterniß der Zukunft auf und er fühlt, daß die Beſtimmung der Menſchen zweiten Ranges auf die Ausarbeitung jener Ideen geht, welche wir beleben und einführen; daß kein Geſchlecht gefährlicher für die Freiheit iſt, feindſeliger gegen die Gleichheit, als das der Ariſto⸗ kraten der Intelligenz, deren theilweiſe Berühmtheit auch theilweiſe unheilvollen Einfluß übt, welcher die Einheit bedroht, die herrſchen ſoll.“ Nach dieſen Worten ſah er Maury und Chenier an. 7 Sie waren betroffen. Beſonders Chenier ſchien nicht zu wiſſen, was er zu erwidern habe; aber nach einer Weile brach der ſanguiniſche Charakter ſeiner Familie durch. „Allerdings,“ ſagte er zu Maury,„ich habe in mei⸗ nem Leben ſchon eine Menge Dichter gekannt, denen nichts weiter dazu fehlte als Poeſie.“ Robespierre nahm ein Journal und that, als hätte er nichts gehört. St. Juſt indeſſen ſchien Gefallen an den Worten Chsniers zu finden, mindeſtens ſagte er mit einer unver⸗ gleichlichen Naivität, indem er ſtarr die gegenüberliegende Wand betrachtete. „Der Bürger Chenier hat recht. Ich fühle, daß ich Dichter bin, wenn ich ſage: Große Männer ſterben nicht in ihren Betten. Oder: Die Umſtände ſind nur für die⸗ jenigen ſchwierig, welche vor dem Grabe zittern. Oder: Ich verachte den Staub, aus dem ich beſtehe. Oder: Die Geſellſchaft iſt nicht das Werk eines Menſchen. Oder: Das Gute iſt zuweilen ein Mittel zur Intrigue; man muß undankbar ſein, um das Vaterland zu retten.“ „Das ſind ſchöne Maximen und Paradoxen nach Art der ſpartaniſchen,“ warf Maury ein;„aber für die Poeſie? Ich zweifle!“ St. Juſt beliebte nicht darauf etwas zu entgegnen und ein allgemeines Schweigen trat ein. Niemand wußte, was er noch hätte ſagen können, um die ſeltſame Unter⸗ 78 haltung fortzuführen. Eine jede Fortſetzung mußte ge⸗ fährlich werden, da eine allgemeine Gereiztheit vorhan⸗ den war. Dieſerpeinlichen Situation wurde durch einen unvor⸗ hergeſehenen Zwiſchenfall ein Ende gemacht, denn Robes⸗ pierre nahm plötzlich eine kleine, vor ihm ſtehende Klingel zur Hand und ſchellte. Ein Neger trat ein und führte einen Greis in's Ge⸗ mach. Kaum hatte dieſer einen Blick auf die Perſonen geworfen, als er vor Erſtaunen ſtehen blieb. „Hier iſt noch Einer Ihrer Bekanntſchaft,“ ſagte Robespierre hämiſch zu Maury;„ich habe Ihnen abſicht⸗ lich dieß Rendezvous verſchafft.“ Der Greis war Herr Ludwig von Chenier. Sein Eintritt brachte auf Alle eine ſichtliche Wir⸗ kung hervor. Maury ward ſichtbar ängſtlich; Marie⸗Jo⸗ ſeph, der Sohn, ſah betroffen auf den Arzt. Robespierre lachte. St. Juſt fragte ſeinen Collegen mit dem Auge, was dieſe Zuſammenkunft zu bedeuten habe. Alles hing jetzt von Herrn von Chénier, dem Vater ab; denn es war unmöglich, ihm ein Zeichen zu geben, zu ſchweigen oder vorſichtig zu ſprechen. Eine Intrigue war geſpielt und er wußte es nicht, daß er ſeinen Sohn André, deſſen Rettung ſo nahe war, der Gulllotine überliefern konnte. Maury und Joſeph warteten auf ſein Wort wie auf einen Schlag, der ſie niederſtrecken kann. 79 Der alte Herr faßte ſich endlich und ſchritt mit Würde auf ſeinen Sohn zu. „Es iſt fehn lange her, daß ich Sie nicht geſehen habe, Herr,“ ſagte er ſchneidend.„Zu Ihrer Ehre nehme ich an, daß Sie derſelbe Beweggrund hergeführt hat wie mich.“ Marie⸗Joſeph, ſonſt ſo hoffährtig, hochfahrend und Poltron, war vollſtändig in ſich gebrochen. Furcht und Schmerz drückten ihn nieder. „Mein Vater,“ antwortete er und jede Silbe kam mühſam hervor.„Mein Gott, mein Vater! Haben Sie wohl bedacht, was Sie ſagten?“ Der Vater wollte ſprechen; aber ſein Sohn rief, um es zu verhindern, haſtig: „Ich weiß, ich ahne beinahe die Angelegenheit.“ Und ſich dann gegen Robespierre wendend, fuhr er lächelnd fort: „Eine ſehr einfache, geringfügige Angelegenheit. Und zu ſeinem Vater: „Von der Sie ſprechen wollen. Es wäre beſſer, Sie hätten mir die Sache übergeben. Ich bin Deputirter und... „Ich weiß, was Sie ſind,“ unterbrach ihn der Va⸗ ter kalt. „O nein,“ fuhr Joſeph übereifrig fort und näherte ſich dem Alten.„Sie wiſſen gar Nichts, durchaus Nichts! 80 — Es iſt ſchon ſo lange her, Büͤrger, daß mich mein armer Vater nicht ſehen wollte! Er weiß nicht einmal, was ſich in der Republik zuträgt. Ich bin überzeugt, daß Alles irrig und unklar iſt, was er Ihnen mittheilen wird.“ Er trat ihm dabei auf den Fuß; aber der Greis ver⸗ ſtand ihn nicht. „Was ich jetzt thue, war eigentlich Deine Pflicht,“ entgegnete er ſtreng;„aber Du haſt ſie nicht erfüllen wollen.“ „Gott des Himmels und der Erde!“ rief Joſeph aufs Aeußerſte gebracht. „Sind ſie nicht alle Beide ſonderbar? fragte Robes⸗ pierre St. Juſt mit einer ſchneidenden Stimme und lau⸗ niſcher Miene.„Warum ſchreien Sie ſo??? Der alte Herr trat auf den Machthaber zu. „Ich habe die Verzweiflung im Herzen. Maury, ebenfalls vor Angſt zitternd, ernuf Herrn von Chénier am Arm. Der Sohn nahm Robespierre an der Hand und ſagte zu ihm: „Bürger, erlaube mir ein paar Worte allein mit Dir ſprechen, oder meinen Vater einen Augenblick von hier fortzuführen. Er muß krank ſein, geiſtesſchwach.“ „Unwürdiger! Willſt Du auch noch ein ſo ſchlechter Sohn ſein, als Du ein ſchlechter— „Herr,“ fiel ihm hier Maury ins Wort,„es war ganz unnütz, daß Sie mich heut um Rath fragten.“ 81 „Nein, Nein,“ meinte Robespierre mit ſchnarrendem Ton und ſeinem diaboliſchen Froſt.„Nein, Chenier, ich will nicht, daß Dein Vater mich verläßt! Ich habe ihm Audienz gegeben, alſo muß ich ihn hören. Und warum willſt Du auch, daß er gehen ſoll?— was fürchteſt Du denn, daß er mir ſage? Weiß ich nicht ſo ziemlich Alles, was geſchieht und ſelbſt den Inhalt Deiner Rathſchläge von heut früh, Doktor?“ „Alles verloren!“ murmelte Maury und fiel wie ſchwindelnd in ſeinen Stuhl zurück. Marie⸗Joſeph trat, um einen letzten Verſuch zu ma⸗ chen, haſtig zwiſchen ſeinen Vater und Robespierre und ſagte zu dieſem: „Alles in Allem, ſo ſind wir gleich, wird ſind Brü⸗ der— nicht wahr? Nun gut! Ich kann Dir alſo ſagen, Bürger, was kein anderer Convents⸗Deputirter das Recht hat Dir zu ſagen, nicht wahr?— Nun, ich ſage Dir alſo, daß mein guter Vater hier, mein alter guter Vater, der mich jetzt verabſcheut, weil ich Deputirter bin, Dir eine ganz geringfügige Familiengeſchichte erzählen will, mit der Du Dich bei den großen Geſchäften nicht befaſſen kannſt. Siehſt Du, Bürger Robespierre? Du haſt viel zu thun, Du biſt allein, Du haſt genug Sorgen— alle Klei⸗ nigkeiten, alle inneren Krämereien ignorirſt Du, und Du thuſt recht, Du mußt Dich nicht damit befaſſen!“ Und er drückte ihm die Hand dabei. 1861. 47. Apoll von Byzanz. IV. 6 82 „Nein,“ fuhr er dann fort;„ich will durchaus nicht, daß Du ihn anhörſt— ſiehſt Du, ich will nicht!“ Und ge⸗ zwungen lachend ſetzte er hinzu:„Es ſind ja wahre Albern⸗ heiten, die er mittheilen will! Einige Klagen aus vergan⸗ genen Zeiten, alte, alte monarchiſche Ideen, die er hegt. Gott weiß was!—— Höre mich, mein Freund, Du, unſer großer Bürger, unſer Herr, ja, ja, ich ſage es ganz offen, unſer Herr! Geh', geh' an Deine Geſchäfte, in die Verſammlung, die Dich erwartet— oder vielmehr, ſieh' — ſchicke uns fort! Ja ganz offen, ganz ungenirt, werf' uns zur Thür hinaus, wir ſind hier unnütz.— Meine Her⸗ ren, wir ſind unbeſcheiden, gehen wir.“ Er nahm ſeinen Hut, bleich und außer Athem, zitternd und mit Schweiß bedeckt. „Gehen wir, Doktor! Gehen wir, Vater— ich muß Dich ſprechen. Wir ſind wirklich unbeſcheiden! Und St. Juſt, der ſo weit hergekommen iſt, um ihn zu ſprechen! Von der Nordarmee! Iſt's nicht wahr, St. Juſt?“ Er kam und ging und hatte Thränen in den Augen; er nahm Robespierre beim Arm, ſeinen Vater bei den Schultern— er war vollſtändig zerfahren. Robespierre erhob ſich jetzt und reichte mit einer Miene voll hinterliſtiger Güte dem Greiſe über Chenier hinfort die Hand. Der Alte glaubte, Alles ſei gerettet; die Andern wußten, Alles war jetzt verloren. Herr Ludwig von Che⸗ 4½ 83 nier war durch den Händedruck Robespierre's gerührt, außer ſich. „O, Sie ſind gut!“ rief er aus.„Sie haben Ihr Syſtem, nicht wahr? Ihr Syſtem macht, daß man glaubt, Sie wären ſchlecht? Geben Sie meinen Sohn André frei, Herr von Robespierre! Geben Sie ihn frei, ich beſchwöre Sie! Er iſt in Saint⸗Lazare. Es iſt der beſte von allen — o, Sie kennen ihn nicht! Er bewundert Sie und alle Ihre Collegen— er hat mir oft davon geſprochen. Er iſt auch durchaus nicht überſpannt, obgleich man es Ihnen wird geſagt haben. Dieſer hier hat Furcht, ſich zu com⸗ promittiren und der hat Ihnen gewiß nicht davon gere⸗ det; aber ich, ich bin Vater, mein Herr, ich bin alt und Furcht kenne ich nicht. Ueberdieß, Sie ſind ja ein vor⸗ trefflicher Menſch, ein wohlerzogener Mann, und mit ei⸗ nem ſolchen verſtändigt man ſich ſehr leicht, nicht wahr?“ Zu ſeinem Sohn ſich wendend, fuhr er dann fort: „Mach' mir keine Zeichen! Unterbrich mich nicht! Laſſe den Herrn nur nach ſeinem Herzen handeln— er verſteht ſich wohl etwas beſſer aufs Regieren als Du, der immer oben hinauswill. Du warſt ſtets eiferſüchtig auf André, ſchon von Kindheit an. Sei ſtill— ich will Dich nicht mehr hören!“ Der Unglückliche! Er hätte auch nichts mehr geſpro⸗ chen— er war ſtumm vor Schmerz und Verzweiflung. „Ah,“ ſagte Robespierre, indem er ſich vieder ſebte 84 und ruhig, wie mit Behaglichkeit ſeine Brille abnahm; „das war die Angelegenheit? Hm! Hm! St. Juſt, was ſagſt Du! Die bildeten ſich hier ein, ich wüßte nichts von der Verhaftung des André Chenier, gloriöſen Apoll von Byzanz? Dieſe Leute müſſen glauben, ich ſei nicht ge⸗ ſcheidt, wahrhaftig! Allerdings, das iſt wahr, daß ich mich mit ihm in den nächſten Tagen noch nicht beſchäftigt hätte. Nun,“ fügte er hinzu und kritzelte mit ſeiner Feder auf ein Blatt Papier,„die Angelegenheit Deines Sohnes ſoll be⸗ ſorgt werden.“ Maury ſah den Alten wehmüthig an. Dieſer je⸗ doch, der noch nicht recht wußte, was er über dieſe letzten Worte denken ſollte, fragte:. „Wie? In wiefern beſorgt werden?“ „Man wird ihn vor das Revolutionstribunal ſtel⸗ len,“ erklärte ihm Saint⸗Juſt mit größter Gleichgiltig⸗ keit.„Da kann er ſich vertheidigen.“ „Unmöglich!“ rief Herr von Chenier. „Warum unmöglich?“ fragte Saint⸗Juſt. „Es gibt keine Anklage gegen ihn.“ „Das thut nichts, um ſo beſſer für ihn.“ „Es exiſtirt kein Verhaftsbefehl!“ „Nun, wenn das iſt,“ warf Robespierre ein, indem er fortwährend ſchrieb,„ſo kann er dieß vor Gericht anführen. „Aber weßhalb ſoll er vor Gericht kommen?“ fragte der Greis geängſtigt. 8⁵ „Damit er ſich rechfertige,“ verſetzte Robespierre, und er ſchrieb noch immer. „O, man wird nicht auf ihn hören!“ ſprach Marie⸗ Joſeph wie vor ſich. Robespierre rückte ſeine Brille und fixirte den Con⸗ ventsdeputirten einige Sekunden. Sein Blick leuchtete noch durch die grünen Augengläſer hindurch. „Bezweifelſt Du etwa die Gerechtigkeit des Tribu⸗ nals?“ fragte er. Joſeph Chenier ſenkte ſein Haupt. 4 „Nein!“ entgegnete er mit tiefem Seufzer. „Das Gericht ſpricht zuweilen frei,“ ſagte Saint⸗ Juſt. „Zuweilen!“ wiederholte der alte Herr zitternd und von Schmerz erfüllt. „Du, Saint⸗Juſt,“ nahm jetzt Robespierre wieder das Wort und begann von Neuem zu ſchreiben;„weißt Du, daß dieß auch einer von den Poeten iſt? Juſt ſpra⸗ chen wir von dieſen. Sie ſprachen aber auch von uns. Höre nur einige Complimente des byzantiniſchen Apoll für uns. Er nannte uns Henker, Geſetzverhöhner, Elende, Blutmenſchen. Er ſprach heut Mittag noch davon— nicht wahr, Doktor Maury?“ „Wenn's nur das iſt!“ verſetzte Saint⸗Juſt, indem er auf das Papier blickte, das Robespierre beſchrieben. „Da kenne ich ihn nur zu ſehr wieder. Ich entſinne mich — 86 ſeiner— er war mit einem Male verſchwunden, verſchol⸗ len. Gut, daß der Herr Papa ihn wieder lebendig macht, denn es muß ihm langweilig ſein, fortwährend im Ge⸗ fängniß zu leben.“ Dieſer diaboliſche Hohn vernichtete den alten Mann; der jetzt nur zu ſehr erkannte, wie verblendet er gehan⸗ delt und wie richtig Doktor Maury und Joſeph Chenier die Sache betrachteten. Er fühlte, daß er ſeinen Lieb⸗ lingsſohn, anſtatt zu retten, der Guillotine überliefert habe. Plötzlich zog Robespierre ſeine Uhr, erhob ſich ha⸗ ſtig und rief:„Vier Uhr!“ Er grüßte und eilte der Thür zu, durch die er mit Saint⸗Juſt eingetreten war. Als er ſie geöffnet und ſich überzeugt hatte, daß im Nebenzimmer ſeine Schergen wa⸗ ren, drehte er ſich nochmals um, aber ſo, daß er im Nothfall ſofort die Thür zuſchlagen konnte, und rief mit feſter, ſchneidender Stimme zurück: „Ich wollte Euch nur zeigen, daß ich Alles weiß, was geſchieht, Alles, und ſelbſt das Geheimſte!“ Dann zu St. Juſt gewandt, der ihm gefolgt war und ihn mit einem milden, nur ihm eigenthümlichen Lä⸗ cheln betrachtete, fuhr er fort:. „Nun, was ſagſt? Verſtehe ich mich nicht ebenſo gut wie die Poeten auf die Compoſition von Familien⸗ ſcenen?“ 87 „Halt, Maximilian!“ ſchrie jetzt plötzlich Marie⸗ Joſeph und ballte drohend die Fauſt gegen ihn. Und in⸗ dem er zu der Thür nach dem Vorſaal ſchritt, die ſich dießmal öͤffnen ließ, rief er dem grinſenden Robes⸗ pierre zu: „Ich gehe in den Convent! Ich gehe mit Tallien!“ „Und ich gehe zu den Jacobinern!“ entgegnete Ro⸗ bespierre trocken und ſtolz. „Mit St. Juſt!“ ſetzte dieſer ſelbſt mit furchtbarer Stimme hinzu. Die beiden Machthaber ſchlugen die Thür zu. Maury war Joſeph Chenier gefolgt. Als er an dem alten Herrn von Chenier vorbeiging, der bleich und wie in ſich gebrochen noch immer auf dem alten Platze ſtand, ſagte er zu ihm: „Erhalten Sie ſich Ihren zweiten Sohn, denn den älteſten haben Sie getödtet!“ Und er verließ mit Joſeph die Wohnung Robespier⸗ re's, ohne noch einen Blick nach dem alten unglücklichen Mann zurückzuwenden. 4 88 ZFünftes Kapitel. Das letzte Lied. Die vornehmſte Sorge Maury's wie Joſeph Cheé⸗ nier's war, ſich der Rache Robespierre's zu entziehen. Sie fanden Beide leicht einen Verſteck, denn damals verweigerte faſt Niemand, trotz der zu erwartenden Todesſtrafe, dem Verfolgten ein Aſyl. Joſeph verbarg ſich in einer Win⸗ kelſtraße der Cité; Maury betrat ſeine Wohnung nicht wieder, ſondern verbrachte den Tag und die Nacht bald bei dieſem, bald bei jenem ſeiner Bekannten. Gilbert und Urſula erhielten die Nachricht davon; ſie hatten auf An⸗ fragen zu ſagen, daß der Arzt verreiſt ſei. Marie⸗Joſeph, durch ſeines Vaters Unvorſichtigkeit und die Angſt vor dem Schickſal ſeines Bruders einem verzweiflungsvollem Schmerz preisgegeben, hatte eine ſonſt ihm nicht eigene Energie gefunden. Er wußte, daß Robespierre jetzt perſönlich auf ihn fahnde und der Trieb der Selbſterhaltung machte ihn muthig und entſchloſſen. Des Tages verborgen, lief er des Nachts zu ſeinen Freun⸗ den, zu den Verſchworenen, um ſie zur That zu drängen und Robespierres Sturz zu beſchleunigen. Beſuchte er den Convent, ſo ging er dorthin und verließ ihn in der Um⸗ gebung ſeiner Freunde, Deputirter, an die man nicht Hand 89 zu legen wagte. Draußen ſorgte man, daß Chenier ver⸗ ſchwand, ſo daß die Spione Robespierre's, ſo ſchlau und aufmerkſam ſie auch waren, jedesmal ſeine Spur verloren. Er wußte nichts von ſeinem Bruder, er konnte keine Nach⸗ richt von ihm erhalten— man ließ Niemanden mehr in St. Lazare hinein. Doktor Maury ſelbſt ward an der Thür abgewieſen und hatte es der Dankbarkeit Vater Ricot's zu danken, daß er nicht, wie Robespierre es beſohlen, bei dieſer Gelegenheit verhaftet wurde. Aber Joſeph hoffte noch. Er kannte die Abſichten der Verſchwörer— zwei, drei Tage und der Schlag mußte geſchehen. Drei Tage höchſtens, und er rettete ſeinen Bruder. Maury, ſonſt allem politiſchen Treiben perſönlich fern, betheiligte ſich dießmal, empört über die Perfidie Robes⸗ pierre's und zitternd um das Loos ſeines jungen Freundes André, leidenſchaftlich an den Vorbereitungen zum Sturz der Triumvir Robespierre, St. Juſt und Couthon. Es handelte ſich darum, wer dem Andern zuvorkam: Robespierre mit ſeinem Anhang, oder die Verſchworenen und mit ihnen der Convent. Die Verſchworenen hielteu des Nachts Verſammlungen ab, um zu berathen, in wel⸗ cher Weiſe der Angriff zu geſchehen habe. Es waren die ſpäter als„Thermidoriſten“ bezeichneten Männer, Tallien, Barras, Lecointre, Vadier. Sie waren alle entſchloſſen, aber nicht einig; ſie hatten einen Gedanken, aber noch fehlte der Muth, ihn gemeinſam auszuführen. 90 Die Republik war dergeſtalt von zwei Seiten unter⸗ minirt. Die Mine Robespierre's ging vom Stadthauſe aus, wo die Ausſchüſſe ſeine Sclaven waren; die Contre⸗ mine Talliens von den Tuilerien, wo die Ausſchüſſe des Convents tagten. An dem Moment, wo beide Mineure auf einander ſtießen, mußte die Exploſion erfolgen. Robes⸗ pierre hatte den Vortheil, daß er mit ſich einig war, wo⸗ gegen der Convent uneinig ſeinen Angriff abwartete. Alle Anſtrengungen, die Verſchworenen zu bewegen, zuerſt den Schlag auf den Schreckensmann und ſein Regiment zu führen, waren vergeblich— man beſchloß die Vertheidigung, um durch ſie zu ſiegen. Während deſſen ganz Paris in Vorahnung der Kriſis bang und gedrückt war und die Verſammlungen auf den Plätzen, auf den Straßen, die ganze Phyſtognomie der Stadt belehrten, daß eine neue Phaſe der Revolution her⸗ annahe, hatte Robespierre nicht aufgehört, die Opfer ſei⸗ ner Rache oder ſeines tugendhaft⸗blutigen Patriotismus dem Henker zu überliefern. Er ließ abſichtlich maſſenweiſe hinrichten, um zu zeigen, daß er ſich Herr fühle und nicht fürchte;— ehe ſein Sturz erfolge, wollte er ſeine Macht in ihrer letzten Kraft erſchoͤpſen. Eine Ahnung ſagte ihm, daß es ſich in den nächſten Stunden um ſeinen eigenen Kopf handle; aber Niemand ſollte wiſſen, daß er es ahne, daß es möglich ſei. So ſetzte ſeine blutige Juſtiz ihren Gang fort und bis zu dem Moment, wo er ihr ſelbſt ver⸗ 91 fiel. Er fühlte, daß ſich daß Volk verändert habe— man murrte bereits bei den Hinrichtungen und jauchzte nicht mehr, wie ſonſt bei dem Anblick der abgeſchlagenen Köpfe. Robespierre ließ ſich dadurch nicht einſchüchtern— er be⸗ fahl vielmehr, ganze Maſſen auf einmal zu gulllotiniren, um dem Volk zu trotzen. So brachten die Karren, die ſonſt zwanzig bis dreißig Opfer trugen, in den letzten Tagen ſeiner Herrſchaft fünfzig, ſechszig, ja über achtzig zur Richtſtätte.— Auch André Chenier entging dieſer letzten Rache Ro⸗ bespierre's nicht. Sein eigener Vater hatte ihn unbewußt dem Schreckensmann bezeichnet und das genügte, um ihn zu prozeſſiren. Schon am nächſten Morgen nach der ſonderbaren Zu⸗ ſammenkunft der Nächſten André Cheniers bei Robespierre, wurde dieſer von St. Lazare nach der Conciergerie gebracht. Er hatte weder Frau von St. Aignan, noch Fräulein von Coigny davon benachrichtigen können und ſie ſahen ihn nicht wieder. Kaum angelangt in jenem großen Vorſaal des To⸗ des, in dem Kirchenſchiff der Conciergerie, wurde André vor das Tribunal geführt. Fouquier⸗Thinville las die Anklageakte vor. Sie war, wie Robespierre ſie ſelbſt in Gegenwart des Herrn von Chenier, Vaters, aufgeſetzt hatte; aber in allen formellen Theilen nachläſſig und falſch. Man ſah es 92 dem Dokument an, daß es über Nacht in Eile abgefaßt war. Es brachte mehrere Umſtände zur Sprache, die auf die Perſon des im Departement gefangenen Bruders von André Bezug hatten und dieß mochte durch die irrige Er⸗ ledigung des Verhaftsbefehls gegen André von Seiten des Commiſſärs entſtanden ſein. Der Angeklagte, welcher ſein Schickſal im Voraus kannte und zu lebensſatt war, als daß ihm an Rettung gelegen geweſen, berichtete ſelbſt mit höhniſchem Tone ſeine Perſonalien. Dann fuhrte man ihn in die Conciergerie zurück, um am nächſten Tage den Prozeß zu Ende zu führen. André wußte, daß der nächſte Tag der letzte ſeines Lebens war. Er ſtreckte ſich auf ſein Bett in der Zelle und ließ ſein Leben an ſich vorüberziehen, in jene Dämmerträume⸗ rei, die uns zugleich der Wirklichkeit mildthätig entrückt. Lange, lange blieb ſeine Phantaſie bei dem reizenden Bilde Valeriens, der einzig Geliebten— es ſtiegen die alten poetiſchen Geiſter wieder in ihm auf, ſie umſchwebten das Grab Valeriens und ſtreuten Blumen darauf. Dazwiſchen wob ſich das keuſche, milde Bild der Herzogin und die üppige, ſchoͤne Geſtalt der Demoiſelle de Coigny; ſeine Gedanken blieben bei ihr; er dachte, wenn nun auch dieſes junge, herrlich begabte Mädchen ſterben müßte, ſie, deren Weſen inhaltvollſten, ſprudelnſten Lebens war. Sie liebte 93 ihn, das wußte er, ſie und die Herzogin buhlten um ſein Herz— er konnte ſich nicht verhehlen, die glühende Leiden⸗ ſchaft des Fräuleins von Coigny zog ihn mächtiger an, als die reinere, ſtillere Liebe der Frau von St. Aignan. O, mit einer Liebe ſterben— wie ſchön! Wie ſchön für einen Dichter, am Fuße des Schaffots noch einmal ſeine Leyer zu ſchlagen und die Saiten derſelben mit einem leiden⸗ ſchaftlichen Accord zu zerreißen... Er ſtand auf; er rief den Wächter und forderte Licht, Papier, Tinte und Feder. Man brachte ihm das Gewünſchte. „So laß entſtrömen, was das Herz im Sterben noch aufwallen macht!“ rief er aus.„André! bald kommſt du an die Reihe! So laß den Strahl des Himmels noch ein⸗ mal ein in deine Bruſt— den Zephyr nochmals durch die Lyra gleiten!“ Er ſetzte ſich hin und ſchrieb. Es war ſein letztes Lied, geweiht der jungen Gefangenen von St. Lazare, die er in der Sprache der Tochter Jephta's klagen läßt. Es waren wundervoll melodiſche Töne, die hier ein zum Tode Beſtimmter ſeinem Herzen entlockte— es war das letzte Lied eines herrlichen Sängers, ſein ſchönſtes, ſein Schwa⸗ nenſang: Ob auch die Sichel droht, die Aehre reift ans Licht: Die junge Rebe grünt und denkt der Kelter nicht, Und bleibt dem ſüßen Morgenthau ergeben: — 94 Und ich, ſo jung, ſo ſchön, wie dieſe beiden ſind, Wenn meine Stunden jetzt auch lauter Leiden ſind, Ach, wie begehr' ich doch noch fortzuleben! Wenn trock'nen Aug's ein Held dem Tod entgegen eilt, Mein ſtiller Seufzer hofft; und wenn ein Nordwind henlt, Mein Haupt verbeugt, doch es erhebt ſich wieder; Ein trüber Tag iſt mir der künft'gen Freude Keim, Denn ohne Bitterkeit, wo iſt ſein Honigſeim, Wo iſt ein Meer und wogt nicht auf und nieder? Die mir im Buſen wohnt, die Zuverſicht iſt mein; Die Kerkermauer drückt vergebens auf mich ein, Ich überfliege ſie auf Hoffnungsſchwingen; Dem Vogelſtellernetz entgeht die Nachtigall, Um noch lebendiger, mit doppelt ſüßem Schall Ihr wolkenhohes Lied empor zu ſingen. Was ſoll ich ſterben! Sanſt hat mich der Tag geweckt, Gelaſſen mich die Nacht in Schlummer zugedeckt, Mein Wachen war ſo ruhig wie mein Träumen; Mein bloßer Anblick reißt den Gram zum Lächeln hin, Und Freude ſtrahlt, ſeitdem ich hier gefangen bin, Beinahe ſchon aus diefen finſtern Räumen. Und wie entfernt vom Ziel iſt noch mein Reiſeplan, Wenn ich ſeit heute erſt von meiner ganzen Bahn Den erſten Ulmenbaum im Rücken laſſe? Wenn bei dem Feſtgelag, das mir das Leben gibt, Die junge Lippe kaum vom Rande noch genippt Des vollen Bechers, den ich eben faſſe! 95 Ich kenne nur den Lenz, ich will den Schnitter ſehn', Will wie die Sonne durch die Jahreszeiten geh'n, Will meine Zeit nicht vor der Zeit beſchließen; Als Blume will ich noch auf meinem Stengel blüh'n, Mit jedem Morgenglüh'n verlang' ich mitzuglüh'n Und meine Tage zu genießen. Entferne Dich! Noch iſt's nicht Zeit, o Tod! Erlöſe dort ein Herz, wo ſorgenbleiche Noth, Wo die Verzweiflung eines hat zerriſſen; Mir grnügt ein Hirtengott in grüner Einſamkeit, Des Schäferkußes und der Flöten Widerſtreit, Ich mag noch nichts vom Todesgotte wiſſen! — So ſprach ein Mädchen, das mit mir gefangen lag; Ihr unverſtelltes Leid ſprach meine Leyer nach, 3 Von ihrem Wort gerührt im Herzensgrunde; Schwer lag am Nacken mir der Knechtſchaft bitt'res Joch, Doch überwältigend erſchien als Lied mir noch Der Wohllaut aus dem keuſchen Mädchenmunde. Es ward Morgen. Der ſiebente Thermidor! Man holte André Chénier wieder vor das Tribunal. Und unter den vierundzwanzig anderen Gefangenen, welche mit ihm zuſammen vor Gericht erſchienen, um das vorausgekannte Todesurtheil zu empfangen, befand ſich auch Andre's Freund, Roucher, der Redakteur des„Jour- nal de Paris“, der Verfaſſer des ſinnigen Gedichtes von den Monaten, welcher ſeit dem Oktober im Ge⸗ 96 fängniſſe war. Robespierre hatte ſich jetzt auch ſeiner erinnert. Roucher ſaß einem Maler im Augenblick, wo man ihm den Befehl brachte, vor dem Tribunal zu erſcheinen. Er bat den Gerichtsdiener, zu warten, bis ſein Portrait, das er für ſeine Frau und Kinder beſtimmt hatte, beendet ſein würde. Ein paar Striche noch und es war fertig. Während der Maler dieſe letzten Striche machte, ſchrieb Roucher auf ſeinen Knieen folgende Inſchrift zu dem Portrait: Iſt eine Spur des Grams in dieſem Bild zu leſen, So trauert dennoch nicht, geliebte Weſen! Dieſelbe Stunde hat's der Künſtler konterfeit, Die's an den Galgen ſchlug und die ich Euch geweiht. Dann ging er hinauf in den Saal des Juſtizpalaſtes. Das Prozeſſiren ging ſchnell zu jener Zeit, ſchnel⸗ ler als zuvor. Seit dem 22. Prairial war jede Verthei⸗ digung verboten. Man las ganz einfach die Anklage vor, verhörte einige Minuten lang, um die Identität des An⸗ geklagten feſtzuſtellen und ſprach dann über alle vor Ge⸗ richt Stehenden das Urtheil auf einmal. Die vierundvierzig Angeklagten des ſiebenten Ther⸗ midor waren nach drei Stunden verhört. Man ſprach ſechs davon frei, achtunddreißig wur⸗ den als Feinde des Volks und Theilnehmer an den Ver⸗ brechen Capets zum Tode verurtheilt. Darunter André 97 Chenier und Roucher, ein Baron von Trenck, ein Graf Montalembert, ein Graf Crequi. Robespierre und die Schreckensherrſchaft hatten Eile. Seit zwei Tagen gab man den Verurtheilten keine Friſt mehr, man ließ ſie auf der Stelle hinrichten. So wurden dieſe Verurtheilten aus dem Gerichts⸗ ſaal in den großen Saal der Conciergerie geführt, um die Henkertoilette zu erhalten. Man vereinigte mit ihnen noch gegen fünfzig Andere, die vom Tage zuvor übrig ge⸗ blieben waren, band Allen die Hände auf den Rücken zuſammen und ließ ſie dann einen großen Karren beſtei⸗ gen. Es waren mehr als achtzig Perſonen auf dieſem Karren, der Abends gegen ſechs Uhr aus der Conciergerie nach der Barrière du Thrône, damals Barriôre de Vin⸗ cennes genannt, fuhr, wo ſich ſeit einigen Monaten be⸗ reits die Guillotine befand. Die Achtzig waren dicht neben einander gepreßt und mußten aufrecht ſtehen. Sie waren von jedem Alter, je⸗ dem Geſchlecht; ihre Köpfe waren unbedeckt; man ſah das weiße Haar der Greiſe, die ſchwarzen Lockenſtümpfe von Mädchen. Einige Frauen hatten weiße Ballroben an, andere die Bauerntracht; es gab Offiziere, Prieſter und Handwerker darunter, ſogar zwei Weiber, welche jedes ihren Säugling an der Bruſt hatte und ihm noch alle Milch, alles Leben gaben, welches ihnen bis zum Tode blieb. 7 1 7 1861. 47. Apoll von Byzanz. VI. 4 98 Draußen auf den Straßen von Paris war es ſchwül, erſtickend heiß. Die Sonne war von einem dichten Dunſt umgeben und neigte ſich bereits zum Untergang. Ueberall wogte das V Volk, Pikenmänner, Jacobiner, Sanseulot⸗ ten, Weiber. Es war eine ſeltſame Auftegung unter den Maſſen, die unwillkürlich dem Wagen nach oder vor⸗ ausgingen, mit einem dumpfen Gemurmel, deſſen Char⸗ akter man noch nicht zu unterſcheiden vermochte und das immer mehr anwuchs, immer hohler brauſte, jemehr die Menſchenmaſſe ſich mehrte. Der Karren war ſo ſchwer, daß drei Pferde ihn kaum ziehen konnten. Auch hielt das Volk öfter den Wa⸗ gen an und ſchrie und tobte, man wußte nicht weßhalb. Man reichte Bekannten und Freunden auf dem Henker⸗ karren die Hand und gab ihnen ein letztes Adieu. * André Chéenier ſtand neben Roucher. Das Schickſal war ſo mildherzig geweſen, daß es den lang vermißten Freund ihm zum letzten Gange zurückgab. André ſah dü⸗ ſter, verwundert auf die Meng ze, welche die Gendarmen mit Gewalt daran verhinderte, d dem Wagen Platz zu ma⸗ chen. Roucher blickte muthlos über die Menſchen: er dachte an Weib und Kinder. Die Gendarmen und Pikenträger wollten zuletzt die Menge mit Gewalt vertreiben. Unmöglich! Tauſende von Stimmen brüllten„Nein! Nein!“ und der Karren konnte noch immer nicht von der Stelle. 99 Erſt nach längerem Andrängen der bewaffneten Macht gelang es, den Pferden Luft zu machen— das murrende Volk, ſichtlich überdrüßig der Todtenmahlzei⸗ ten, war noch zu furchtſam, noch nicht energiſch genug, ſein gebieteriſches Veto dagegen einzulegen. Aber ſeine Haltung belehrte, daß des Blutregiments Ende nahe war. Mühſam, unendlich langſam holperte der Karren weiter. Seine Ueberlaſt ließ ihn ſchwanken und es ſchien, als müßte er über kurz oder lang umfallen. Die Sonne war durch einen Wolkenſchleier verdeckt worden. Es fing bereits an zu dunkeln und noch immer war der Karren nicht an der Barrieère du Throne. Kurz vor derſelben hielt ihn die Menge von Neuem auf. Das Geſchrei wuchs und man ſchlug ſich mit den Gendarmen.— Fünfzig Schritte weiter ſtieg eben der Henker auf das Schaffot und ſtellte den eiſernen Korb auf, in den die Köpfe der Guillotinirten geworfen wer⸗ den ſollten. Ein wirklicher Kampf entſpann ſich jetzt, das Volk wollte den Karren nicht weiter laſſen, die Gendarmen er⸗ oberten ihm jeden Schritt vorwärts. Das Geſchrei wurde wüthender, die Menge wuchs und ſtemmte ſich gegen den Wagen, ohne indeſſen den Muth zu haben, mehr zu un⸗ ternehmen. André ſah Roucher fragend an. 7*½ 10⁰ „Was meinſt Du?“ ſagte er.„Wie viel Tage wird es dauern, daß unſere Henker noch regieren? „Nicht drei Tage; ich kenne die Pariſer,“ entgeg⸗ nete Roucher, der um ſo gefaßter und muthiger gewor⸗ den war, jemehr er ſich dem Platz der Hinrichtung nä⸗ erte. „Nicht wahr? Dumm, dumm, daß wir dieſe drei Tage nicht noch leben!“ „Gut, daß wir ſterben und wiſſen, wir ſind mit die letzten Opfer!“ „Ja, Du haſt Recht— unſere Freunde, unſere Theu⸗ ren werden leben!“ André dachte noch einmal flüchtig an Frau von St. Aignan und Fräulein von Coigny. „Und unſere Feinde werden ſterben!“ „Roucher! Robespierre's Kopf iſt vielleicht der nächſte nach uns unter dem Fallbeil. Preiſen wir unſeren Tod!“ Plötzlich kam eine auffallende Bewegung in die Menſchenmaſſe, die den Wagen noch immer umlagert hatte. Sie zerſtreute ſich, ſie wich aus und gab allen Widerſtand auf. Man ſah ganze Schaaren ſich flüchten und die Tauſende wurden binnen Kurzem zu Hunderten. Die Weiber ſchrieen und ſchlugen Tücher um ihren Kopf; die Kinder liefen davon— der ganze Krawall, der wahr⸗ ſcheinlich noch mit der Befreiung der Verurtheilten geen⸗ det hätte, war zu Ende. Alles war ſtill und Niemand 101 kümmerte ſich darum, den Marſch der Pferde vor dem Karren aufzuhalten. Es regnete. Wer Paris kennt, wird dieſen Umſtand bei Revo⸗ lutionen zu würdigen wiſſen. Der Regen ſiſtirte auch dießmal eine offene Empörung. Dank dieſem unglücklichen Ereigniß, erreichte jetzt der Karren das Schaffot und die Opfer ſtiegen nieder. Das Volk, welches kurz zuvor noch ſich empört ge⸗ zeigt hatte, daß dieſe Achtzig dem Tod entgegengeführt werden ſollten, hatte jetzt in alter Neugierde die Guillo⸗ tine umringt, um dem blutigen Schauſpiel beizuwohnen. Es war ſtumm und feige. Die Guillotine hob ihren Arm auf. Man hörte den Regen herniederrauſchen, weiter nichts. Der Erſte beſtieg das Schaffot und im Nu ſank ſein Kopf in den eiſernen Korb. Ihm folgten mehrere Weiber, einige Greiſe. Stumm und ſchnell durchſchnitt das Eiſen ihren Hals. Der Kör⸗ per fiel auf die Planken zurück, der Kopf in den Korb. Zweiunddreißig waren guillotinirt, da kam Roucher an die Reihe. Er drückte André zuvor die Hand und küßte ihn. „Auf Wiederſehen— dort!“ ſagte er feſt. André lächelte ihm zu und citirte den Vers aus „Andromache:“ 10²2 Oui puisque je reirouve un ami si fidèle.... Roucher's Haupt fiel einige Secunden ſpäter. André Chénier ſprang auf das Schaffot. Einen Mo⸗ ment hielt er noch an, als beſchäftigte ihn ein Gedanke, den er zu Ende bringen wollte. Er ſchlug ſich plötzlich mit der Hand vor die Stirn und murmelte: „Schade iſt's doch, denn ich hatte etwas hier drinnen!“ Dann legte er ſeinen Hals auf den Block, noch warm vom Blut Rouchers.... Ein dumpfer Schlag— das Fallbeil hatte das Leben des edlen Dichters durchſchnitten. Und der Henker warf den Kopf des Apoll von By⸗ zanz in den Korb, wo er ſich neben den Rouchers bettete. Sechſtes Kapitel. Der Blitz des Thermidor. Das Haupt André Cheniers war gefallen, ohne daß ſein Vater, ſein Bruder oder Doktor Maury etwas davon wußten. Sie vernahmen dieſe Trauerbotſchaft erſt in⸗ mitten der furchtbaren Ereigniſſe der nächſten Tage. Am Tage nach der Hinrichtung der Achtzig, am 8. Thermidor, zeigte Alles, daß das langgedrohte Gewitter ſeinem Ausbruche nahe ſei. Auf den Straßen wimmelte es von Menſchen, die heftig debattirten; die Ausſchüſſe 103 des Convents in den Tuillerien, ſowie die der Gemeinde im Stadthauſe waren pern nanent; der Convent ſelbſt hatte einen düſteren, drückenden Charakter— man fühlte die Verſchwörung darin. Robespierre hatte beſchloſſen, das„Entweder— oder“ zu ſpielen. Er ſah die Gefahr kommen und hoffte ſie zu beſiegen, indem er ihr kühn entgegentrete. Der Convent ſollte durch eine lang ſtudirte Rede hingeriſſen und zum Schemel ſeiner Diktatur gebraucht werden. Als er in die Verſammlung gehen wollte, warnten ihn ſeine Freunde. „Sie gehen heute großen Gefahren entgegen;“ ſagte man.„Laſſen Sie ſich von Ihren Freunden umgeben und nehmen Sie Wa affen mit unter Ihren Kleidern.“ ein,“ antwortete Robespierre;„ich bin von mei⸗ nem Ramen umgeben und bewaffnet mit den Wünſchen des Volks. Ueberdieß iſt die Maſſe des Convents rein. Ich habe nichts zu fürchten inmitten der Vertretung, welcher ich nichts aufzwingen, ſondern nur den Weg zu ihrer eige⸗ nen Rettung zeigen will.“ Er trug dasſelbe Coſtum, das er bei der Feier des höchſten Weſens getragen hatte. Ohne Zweifel wünſchte er, daß das Volk ihn an dieſem Coſtum wiſderorkeſen ſolle. Lebas, Couthon und Saint⸗Juſt hatten ſich vor ihm in die Sitzung verfügt. Der Convent war zahlreich; die Gallerien waren von 104 Jacobinern beſetzt. Die Verſchworenen, zur That im ent⸗ ſcheidenden Moment entſchloſſen, ſtanden gruppenweiſe unten im Saale. Tiefes, dumpfes Schweigen herrſchte, als Robespierre eintrat und ſogleich die Tribune beſtieg. Er rollte langſam ſein Manuſcript in ſeiner rechten Hand wie eine Waffe, mit der er ſeine Feinde zu zermal⸗ men gedachte. Er zeigte dadurch ſeinen Collegen, daß er ſeinen Zorn wohl überlegt hatte und daß ſeine Worte eine Abſicht waren. In ſeiner breiten Weiſe begann er nun die lange Rede ſeiner Rechtfertigung. Der Convent hörte ſie ruhig, faſt ehrfurchtsvoll mit anz ein Jeder zitterte vor Allen. Robespierre ging zufrieden auf ſeine Bank und ſeine Umgebung verbeugte ſich vor ihm. Noch immer herrſchte das ängſtigende Schweigen. Endlich verlangte ein De⸗ putirter den Druck dieſer Rede Robespierre's, ein anberer widerſetzte ſich dem Antrage— und der Convent blieb immer noch ſtill. Dieſes Stillſchweigen war gegen Robespierre ge⸗ richtet; aber ſeine Freunde, beſonders Couthon, ſchüchtern nochmals den Convent ein und der Druck wird beſchloſſen. Aber nun, im Angeſicht der beginnenden Niederlage, raffen ſich die Verſchworenen zur Energie auf. Cambon bezeichnet Robespierre als den, welcher den Nationalcon⸗ vent lähme. Andere Vorwürfe erheben ſich gegen ihn und ihr Eindruck ruft mit einem Male eine laute, drohende Entrüſtung gegen den Machthaber hervor, der noch immer ruhig daſitzt, als wiſſe er ſich der Mächtigere. Die An⸗ klagen werden rückſichtsloſer und zuletzt nimmt der Con⸗ vent das Dekret wieder zurück, welches den Druck der Rede Robespierre's verordnete. Außer ſich geht Robespierre nach dieſer Niederlage aus dem Convent in den Jacobinerelubb. Dort auf die Tribüne getragen, verlieſt er inmitten eines enthuſiaſtiſchen Geſchreis des Clubbs die von dem Convent verworfene Rede. Wuthgebrüll und Gebärden der Vergötterung unterbrechen ſeinen Vortrag. „Brüder,“ ſetzt Robespierre zuletzt noch mit der Miene eines Märtyrers hinzu,„dieſe Rede iſt mein Te⸗ ſtament!“ „Nein! Nein! Du wirſt leben, oder wir ſterben mit Dir!“ antworteten die Gallerien, indem ſie die Arme gegen den Redner ausſtrecken. „Ja, ſie iſt mein Teſtament,“ fährt er mit propheti⸗ ſcher Feierlichkeit fort;„ich habe es heut geſehen— der Bund der Schurken iſt ſo ſtark, daß ich nicht hoffen kann, ihm zu entrinnen. Ich unterliege ohne Klage! Ich hinter⸗ laſſe Euch mein Gedächtniß— es wird Euch theuer ſein und Ihr werdet es vertheidigen.“ Die Jacobiner ſind außer ſich. Die Häupter des Clubbs ſtürzen vor und beſchworen Robespierre, das Vater⸗ land zu vertheidigen. Henriot, der Commandant der Na⸗ 106 tionalgarde, ruft wie wahnſinnig, daß er mit ſeinen Ka⸗ nonen den Convent umſtimmen werde. „Nun wohll ja!“ verſetzt Robespierre mit leuchten⸗ dem Blick.„Trennt die Schurken von den Schwachen! Befreit den Convent von den Elenden, die ihn unterdrücken. Marſchirt, und rettet das Vaterland! Wenn wir trotz⸗ dem unterliegen, nun wohl, meine Freunde, dann werdet Ihr mich mit Ruhe den Giſtbecher trinken ſehen!“ „Wir Alle, wir Alle werden mit Dir zu Grunde gehen!“ tönt es wild von tauſend Stimmen.„Wer mit Dir fällt, der fällt für das Volk!“ Der Augenblick war günſtig; ein Wink, und Robes⸗ pierre hätte mit dieſer fanatiſchen Maſſe den Convent überfallen und beſiegt. Aber der Chef der Jacobiner zö⸗ gerte, ſei es aus Furcht, ſei es aus Rechtſchaffenheit— er zögerte unkluger Weiſe, und ſeine Freunde liefen auf das Stadthaus, um für ihn den Angriff zu organiſiren. Aber auch die Thermidoriſten blieben nicht unthätig. Sie waren zahlreicher den je; Joſeph Chénier, wüthend über den Tod ſeines Bruders, rief alle ſeine Freunde zu⸗ ſammen, um in der Nacht vom 8. zum 9. Thermidor einen Entſchluß zu faſſen. Das Schickſal des Kampfes auf Le⸗ ben und Tod mußte außerhalb des Convents von der Ent⸗ ſchloſſenheit der Männer der That abhängen, welche ihn mit einer handvoll Bajonnete gegen einen Wald von Pi⸗ ken und Kanonen zu vertheidigen hätten; im Innern des 107 Convents von den Ergebniſſen der nächſten Sitzung. Man beſchloß daher, an Barras das Commando in den Straßen zu übergeben und in der Sitzung Robespierre von der Tri⸗ büne zu ſtoßen. Sein Schweigen ſollte ihn ſtürzen. Der neunte Thermidor kam— das Gewitter mußte ſich heut furchtbar entladen. Robespierre war ſiegesgewiß. „Ich erwarte nichts mehr vom Berge,“ ſagte er zu ſeinen Freunden, mit denen er die Nacht über berathen. „Sie erblicken in mir einen Tyrannen, deſſen ſie ſich ent⸗ ledigen wollen, weil ich Ordnung ſchaffen will; aber die Maſſe des Convents iſt für mich.“ Der Convent war ſchon zuſammen, als Robespierre mit St. Juſt und Couthon eintrat. Er war noch ſorgfältiger gekleidet als gewöhnlich; ſein Gang war langſam, ſeine Haltung ſicher, ſeine Stirn voll Zuverſicht. Er ſetzte ſich, ohne an irgend Jemanden um ſich her eine Gebärde, ein Lächeln oder einen Blick zu richten. Saint Juſt, deſſen ganze Haltung dieſelbe Ruhe, ja eine gewiſſe ſiegesſichere Entſchloſſenheit ausdrückte, hatte die Tribune beſtiegen. Er wollte den Kampf einleiten. Er klagte Robespierre's Feinde an und lobte die Tugend des befreundeten Genoſſen. Er rieth den Tod der Gegner an, ohne ihn zu gebieten. „Robespierre,“ ſagte er,„hat ſich geſtern nicht ge⸗ 108 nugſam erklärt. Es hat ein Plan beſtanden, die Gewalt durch Hinrichtung einiger Mitglieder der Ausſchüſſe zu uſurpiren. Ich ſtelle keinen Antrag gegen die Schuldigen. Ich wünſche aber, daß ſie ſich rechtfertigen.Ä“ Tallien, der Chef der verſchworenen Thermidoriſten, unterbrach ihn hier. „Bürger!“ rief er.„Ueberall ſucht man nur die Leute zu beunruhigen. Geſtern hat ſich ein Mitglied der Regierung vereinzelt und in ſeinem alleinigen Namen eine Rede gehalten. Heut thut ein anderes Mitglied ein Glei⸗ ches. Man will die Leiden des Vaterlandes noch drücken⸗ der machen, will es zerfleiſchen und in den Abgrund ſtür⸗ zen. Ich verlange, daß der Vorhang zerriſſen werde!“ Donnerndes Beifallsgeſchrei verkündete, daß der Convent im Aufſtande war. „Man hat den Convent zu erwürgen beſchloſſen!“ ruft Billaud⸗Varennes dumpf über den Lärmen.„Geſtern im Jacobinerclubb!“ Empöͤrt erheben ſich die Conventsmitglieder. „Der Augenblick iſt da, die Wahrheit zu ſagen,“ fährt er fort.„Nach dem, was vorgegangen iſt, wundere ich mich, St. Juſt noch auf der Tribüne zu ſehen. Er hatte den Ausſchüſſen verſprochen, ihnen ſeinen Bericht zu zeigen. Verhehlen wir es uns nicht, die Verſammlung iſt von zwei Seiten bedroht. Sie wird zu Grunde gehen, wenn ſie ſchwach iſt....“ 109 „Nein! Nein!“ tönt es wild. „Es lebe der Convent! Es lebe der Wohlfahrtsaus⸗ ſchuß!“ ſchreien die Gallerien. „Erklären wir uns!“ fährt Billaud fort.„Die be⸗ waffnete Macht iſt mörderiſchen Händen anvertraut, Hen⸗ riot iſt Mitſchuldiger an der Verſchwörung. Ihr werdet ſchauern, wenn Ihr erfahrt, daß hier ein Mann iſt— er wirft einen Blick auf Robespierre— der nicht einmal zwanzig Conventsglieder würdig fand, ſie in die Departe⸗ ments zu ſchicken.“ Neue Entrüſtung auf allen Bänken. „Robespierre entſtellt die Wahrheit, wenn er auch ſagt, daß er keine Hintergedanken hat!“ Ein lautes Gemurre unterbricht ihn; dann fährt er fort: „Ja, wißt Ihr, daß der Präſident des Revolutions⸗ tribunals geſtern bei den Jacobinern offen den Vorſchlag gemacht hat, die Mitglieder aus dem Convent zu ſtoßen, welche man opfern müſſe? Aber das Volk iſt da!“ „Ja! Ja!“ ſchreien die Gallerien. „Die Patrioten werden für die Rettung der Depu⸗ tirten zu ſterben wiſſen!“ „Ja! Ja!“ tönt es noch furchtbarer herab. „Ich wiederhole es, wir werden zu ſterben wiſſen! Es gibt nicht einen einzigen Repräſentanten, der unter einem Tyrannen leben möchte!“ 110 „Nein! Nein! Tod den Tyrannen!“ Billaud⸗Varennes fährt fort: „Die Menſchen, die unaufhörlich von Gerechtigkeit und von Tugend ſprechen, ſind diejenigen, welche dieſelben mit Füßen treten!“ Eine ungeheure Bewegung wächſt mehr und mehr empor. Als Billaud die Tribüne verläßt, beweiſt das Bei⸗ fallsgeſchrei, daß er für Alle geſprochen. Bleich, zitternd vor Wuth, ſtürzt jetzt Robespierre auf die Tribüne. „Nieder mit dem Tyrannen!“ donnern die Stimmen vom Berge ihm zu. Er verſucht zu ſprechen, aber ein furchtbares Geſchrei übertäubt ſeine Stimme. Tallien ſtößt ihn zuletzt mit Gewalt von der Rednerbühne und auf ſein Zeichen wird es ſtill im Saal. Ihn will man hören. „Ich verlangte ſoeben,“ rief er,„daß man den Vor⸗ hang zerreißen ſoll. Er iſt endlich zerriſſen! Die Ver⸗ ſchwörer ſind entlarvt; ſie werden vernichtet werden, die Freiheit wird triumphiren! „Ja, ſie wird triumphiren!“ rufen hundert wilde Stimmen. „Alles weiſſagt, daß der Feind des Convents unter ſeinen eigenen Streichen erliegen wird. Bisher hatte ich mir nur deßhalb Schweigen auferlegt, weil ich von einem Mann aus der näheren Umgebung des Tyrannen wußte, 111 daß derſelbe eine Aechtungsliſte aufgeſ ſetzt hatte. Aber geſtern habe ich der Sitzung der Jacobiner beigewohnt; ich habe geſehen, ich habe gehört, ich habe gezittert für das Vaterland. Ich habe die Armee des neuen Cromwell ſich bilden geſehen, und ich habe mich mit einem Dolch be⸗ waffnet, um ihm das Herz zu durchbohren, im Fall der Convent nicht den Muth hätte, den Anklageſtand gegen ihn zu dekretiren!“ Tallien hatte einen Dolch hervorgezogen und denſel⸗ ben gegen Robespierre gezückt, der zu ückweicht, ohne in⸗ deſſen die Tribüne zu verlaſſen. „Wir Republikaner,“ fährt Tallien fort,„wir wol⸗ len den Tyrannen mit der Loyalität des Muthes vor dem franzöſiſchen Volke verklagen! Nein! Was auch die An⸗ hänger des Mannes, den ich anſchuldige, hoffen mögen, es wird keinen 31. Mai, es wird keine Aechtungen geben. Die Nationaljuſtiz allein wird die Schurken treffen?“ Der ganze Saal erdröhnt von Zurufen. „Ich verlange die Verhaftung Henriots, damit die bewaffnete Macht nicht durch ihre Führer irre geleitet werde. Sodann werden wir die Prüfung des Dekrets vom 22. Prairial(wonach die Vertheidigung der Angeklagten verboten wurde) verlangen, welches auf den alleinigen Vor⸗ ſchlag des Mannes erlaſſen wurde, der uns beſchäftigt.“ Er ſprach den Namen Robespierre's nicht aus. „Wir ſind nicht gemäßigt!“ ruft er nach dem Berg 112 gewandt;„aber wir wollen, daß die Unſchuld nicht unter⸗ drückt werde!“ Donnernder Beifall. „Mögen alle Patrioten erwachen! Ich rufe alle al⸗ ten Freunde der Freiheit, alle ehemaligen Jacobiner, alle republikaniſchen Journaliſten auf! Mögen ſie mit uns wirken, um die Freiheit zu retten!... Der Mann, der auf der Tribüne neben mir ſteht, iſt ein neuer Catilina! Robespierre wollte uns vereinzeln und der Reihe nach an⸗ greifen, um mit ſeiner laſtertrunkenen, verdorbenen Rotte allein zu bleiben. Ich verlange, daß wir uns permanent erklären, bis das Schwert des Geſetzes die Republik ſicher geſtellt und die Creaturen dieſes Menſchen erreicht hat.“ Mit Jubelgeſchrei nimmt man Talliens Anträge an. Robespierre verſucht wieder zu ſprechen. „Nieder mit dem Tyrannen!“ donnerts abermals wild und drohend ihm entgegen. Barrore ergreift das Wort. Er hatte geſtern noch Robespierre vertheidigt; heut zermalmt er ihn mit kaltem Blute. Er ſtellt den Antrag auf Abſetzung Henriot's und Erlaß folgender Proklamation:„Bürger! Die Freiheit iſt verloren, wenn wir zwiſchen einigen Menſchen und dem Vaterlande wählen, die revolutionäre Regierung wird mitten unter uns angegriffen. Wenn Ihr Euch nicht ſam⸗ melt um die Nationalvertretung, ſo iſt das franzöſiſche Volk der ganzen Nachewuth der Tyrannen preisgegeben.“ 113 Dieſe Proklamation an das Volk wird mit Zurufen angenommen. Robespierre lächelt mitleidig. Er bleibt noch immer unerſchütterlich auf der Tribüne, gleich als hätte ſeine Lage noch nichts Verzweifeltes, ſo lange dieſer Sturm ihn noch nicht von ihr herabgeſtürzt hätte. Er ſtand an der Ballu⸗ ſtrade gelehnt, die Arme über der Bruſt gekreuzt, die Lippe eingekniffen, die Geſichtsmuskeln, Schultern und Hände zuckend, die Augen umherſchweifend, in ſeinem Antlitz bald Zorn, bald Verachtung, bald Ergebung. Vadier folgte nach Barrére. Er gibt Robespierre dem Spotte preis. „Bis zum 22. Prairial,“ ſagte er,„hatte ich kein richtiges Bild von dieſem hinterliſtigen Menſchen, welcher alle Masken anzunehmen verſtand und wenn er ſeine Crea⸗ turen nicht retten konnte, ſie ſelbſt auf die Guillotine ge⸗ ſchickt hat. Der Tyrann, das iſt der Name, den ich ihm gebe, wollte beide Ausſchüſſe veruneinigen. Er wollte Hoherprieſter eines neuen Cultus werden!“ Ein höhniſches, gezwungenes Gelächter erhebt ſich. Robespierre wird noch bleicher, denn der Spott würdigt ihn mehr herab als die Beſchimpfung. Vadier fährt fort: „Wenn man dieſen Menſchen hört, ſo iſt er der ein⸗ zige Vertheidiger der Freiheit. Er ſagt, Alle conſpiriren gegen ihn, alſo auch gegen die Republik!“ 1861. 47. Apoll von Byzanz. IV. 8 114 Tallien verliert die Geduld. „Ich verlange die Diskuſſion auf die wahre Frage zurückzuführen!“ ruft er. „Ich werde das ſelbſt thun!“ ſagt Robespierre und will ſprechen. Man übertönt ſeine Stimme durch ein furchtbares Lärmen und Geheul. „Laſſen wir die Einzelnheiten!“ ſchreit Tallien.„Es iſt Keiner unter uns, welcher nicht irgend einen Akt der Inquiſition oder der Tyrannei gegen ihn aufzuweiſen hätte! Dieſer Menſch, mit deſſen Tugend und Patriotis⸗ mus man ſo viel Rühmens macht; dieſer Menſch, welchen man zur Zeit des 10. Auzuſt erſt drei Tage nach der Re⸗ volution wieder zum Vorſchein kommen ſah und der in den Ausſchüſſen der Vertheidiger der Unterdrückten ſein ſollte, hat dieſelben ſeit ſechs Wochen verlaſſen, um ſie zu ver⸗ leumden, während ſie das Vaterland retteten!“ „Ja!“ ſchrien ein paar hundert Stimmen. „So iſt's! So iſt's!“ „O wenn ich alle Akte der Unterdrückung aufführen wollte, welche ſtattgefunden haben, ſo könnte ich beweiſen, daß dieſelben in der Zeit begangen worden ſind, wo Robes⸗ pierre die oberſte Polizei unter ſich hatte!“ Robespierre ſchwingt ſich entrüſtet an Talliens Seite. „Das iſt falſch!“ ſchreit er.„Ich...“ Das Getümmel ſchneidet ihm jedes weitere Wort ab und der Mann des Schreckens ſteigt jetzt, beſtürzt über die 115 Maſſe und Unerbittlichkeit ſeiner Feinde, die Treppe der Tribüne herab, erſteigt die Bänke des Berges und wirft ſeinen ehemaligen Freunden ihren Allfall vor. „Verſchafft mir das Wort!“ bittet er. Sie kehren alle die Köpfe weg und hören ihn nicht. Robespierre dringt von Neuem in ſie. „Zurück, von dieſen Bänken!“ antworten ſie.„Der Schatten Dantons muß Dich wegſtoßen!“ „Alſo Ihr wollt Danton rächen?“ verſetzt Robes⸗ pierre, und dann geht er ſinnend hinunter zu den Reſten der ehemaligen Gironde. „Bei Euch,“ ſagt er bittend zu dieſen.„Bei Euch, Ihr reinen Männer, will ich eine Zufluchtsſtätte ſuchen und nicht bei dieſen Banditen!“ Er ſetzt ſich zu ihnen. „Elender!“ ertönt es rings um ihn.„Das war der Platz von Vergniaud!“ Entſetzt ſpringt der Vervehmte auf und flüchtet ſich von Neuem auf die Tribüne. „Mörderpräſident!“ kreiſcht er, indem er die Fauſt gegen den Präſidenten ſchüttelt.„Willſt Du mir das Wort geſtatten?“ „Wenn an Dich die Reihe kommt!“ entgegnet der Präſident. Aber der ganze Convent erhebt ſich dagegen. „Nein! Nein! Nein!“ donnert es. 8*⁵ 116 Der Lärm erſtickt Robespierre; er geſtikulirt, er droht, er bittet; ſeine Stimme wird heiſer und gurgelt. „Dantons Blut eſſtickt Dich ja!“ ſchreit ihm Einer furchtbar zu und dieß Wort vernichtet den Machthaber des Terrorismus. „Ich verlange den Verhaftsbefehl gegen Robes⸗ pierre!“ ruft eine Stimme und wie erſtaunt über dieſes Verlangen verſtummen plötzlich alle Flüche und Rufe. Man ſcheint in Robespierre die Majeſtät des Volks zu ſehen und nicht zu wagen, dieſelbe anzutaſten. Endlich, nach langem Zögern, faſſen die Verſchworenen Muth und klatſchen dem Antrag Beifall zu. Ihnen nach ſtimmt der ganze Convent darein. Der jüngere Bruder Robespierre's will jetzt den Be⸗ drohten vertheidigen— man beachtet ſeine Worte nicht. Robespierre ſtößt ſelbſt einige Worte für ſeinen ihn vertheidigenden Bruder hervor— man antwortet darauf mit Schmähungen und Fußſtampfen. „Präſident!“ ruft man,„ſoll man ſagen, daß ein einziger Mann Herr des Convents ſei?“ „Er iſt es allzu lang geweſen!“ ſagt ein Anderer. „O, iſt es denn ſo ſchwer, einen Tyrannen nieder⸗ zuſchlagen?!“ „Abſtimmung! Abſtimmung!“ ſchreit der Convent. „Die Verhaftung!“ 117 Alle erheben ſich und ſtimmen für die Verhaftung. Sie jubeln über dieſen Beſchluß, indem ſie rufen: „Es lebe die Republik!“ „Die Republik?“ ruft Robespierre ſpottend;„ſie iſt verloren, denn die Banditen triumphiren!“ Und er ſteigt mit gekreuzten Armen zum Fuß der Tribüne herab. Während das Verhaftsdekret abgefaßt wird, ſchürt Fréron, Talliens Freund, den Zorn des Convents. „Bürger!“ ſagt er,„jetzt ſind das Vaterland und die Freiheit wieder aus ihren Trümmern erſtanden! Man wollte ein Triumvirat bilden, welches an die Aechtungen Sulla's erinnert hätte. Dieſe Triumvir Robespierre, Couthon und Saint⸗Juſt wollten ſich aus unſeren Leichen Stufen machen, um den Thron zu beſteigen....“ „Bah!“ ruft Couthon, indem er ſeinen Mantel von den Füßen wegzieht und auf ſeine Lähmung wehmüthig⸗ lächelnd anſpielt.„Ich nach dem Throne trachten!“ Der Präſident Collet d'Herbois, ein Verſchworener, ergreift jetzt das Wort. „Bürger!“ ſpricht er.„Ihr habt ſoeben das Vater⸗ land gerettet! Das Vaterland, deſſen Schooß zerfleiſcht war, hat nicht vergebens zu Euch geſprochen. Man ſagte, es hätte ein 31. Mai gegen Euch erneuert werden ſollen.“ „Das lügſt Du!“ kreiſcht ihm Robespierre zu. Ein furchtbares Geſchrei antwortet ihm. Man ver⸗ 118 langt die Verhaftung; die Huiſſiers zögern, denn ſie kön⸗ nen im Augenblick ſich der langgehegten Ehrfurcht vor den Machthabern nicht entziehen. Endlich ergreifen die Gen⸗ darmen Robespierre's Arm und ſchleppen ihn mit ſeinen Mitangeklagten fort. Robespierre wüthet, Saint⸗Juſt geht ſtolz hinter ihm her, Couthon iſt reſignirt in dem Seſſel, auf dem ihn die Gendarmen unter Geſpött und Gelächter des Convents hinaustragen. Auch der jüngere Robespierre und Lebas folgen den Verhafteten; ſie wol⸗ len freiwillig deren Schickſal theilen— die einzigen treuen Freunde. Der Convent hob ſeine Sitzung auf, um ſeinen Aus⸗ ſchüſſen in den Tuilerien Zeit zur Herſtellung einer neuen Gewalt zu geben. Robespierre war inzwiſchen nach einem kurzen Ver⸗ hör in das Gefängniß des Luxembourg gebracht worden, ſein Bruder nach Saint⸗Lazare, Saint⸗Juſt ins Ecoſſais, Lebas nach La Force, Couthon in die Bourbe. Als ſie den Gefängniſſen überliefert werden ſollten, weigerten ſich alle, ſie auffunehmen. Der Schrecken dieſer großen Namen erfüllte die Kerkermeiſter derart mit Furcht, daß ſie auch jetzt noch nicht Hand an die Machthaber von Geſtern legen wollten. Ganz Paris war in Aufruhr. Die Jacobiner zogen durch die Straßen und hinter den Ge⸗ fangenen her— als ſie vor den Gefängniſſen Halt mach⸗ ten, benutzten ſie die Gelegenheit und befreiten die Be⸗ 119 drohten mit Gewalt; nur Robespierre wollte ſich nicht der Haft entziehen. In Triumph führte man die Befreiten nach dem Stadthauſe, wo die Ausſchüſſe der Gemeinde, ergebene Anhänger Robespierre's tagten und den Aufſtand organi⸗ ſirten. Robespierre allein hatte ſich, trotz aller Bitten und Vorſtellungen in ein Mairiegebäude begeben und wollte das Geſetz, obwohl es ſeine Feinde erlaſſen hatten, nicht verletzen. Es konnte Tugend ſein oder Muthloſigkeit, denn wer im Moment der Gefahr nicht eine nothwendige That vollbringen kann, der iſt nicht für die That ge⸗ ſchaffen. Aber auf dem Stadthauſe verlangte man Robes⸗ pierre. Coffinhal nahm eine Anzahl Pikenträger mit ſich und ſtürmte mit Gewalt ins Gefängniß Robespierre's, hob ihn in ſeine Arme und trug ihn bis in den Saal des Generalraths auf dem Stadthauſe. „Wenn dabei ein Verbrechen iſt,“ rief er Robespierre zu,„ſo fällt es mir zur Laſt; wenn Ruhm zu holen iſt, ſo kommt der Ruhm Dir zu und die Rettung des Volkes iſt Dein Werk. Die Scrupeln ſind für das Verbrechen gemacht, niemals für die Tugend. Indem Du Dich ret⸗ teſt, retteſt Du die Freiheit und das Vaterland. Wage es, um dieſen Preis ein Verbrecher zu ſein!“ Die Sturmglocken ertönten; die Jacobiner mit ihren Piken ſind im Saale und vor dem Platz des Stadthauſes; 120 die Nationalgarden ſtehen auf der Straße, und warten auf den Befehl. „Vorwärts!“ ſchreit Coffinhal dem hereinſtürzenden Henriot, Commandanten der Nationalgarde, zu.„Vor⸗ wärts, Henriot— Du haſt Deinen Rauſch, ſchlage ihn aus mit den Truppen— raſch, ſchnell auf's Pferd, Du General der Republik, der heut die Freiheit retten ſoll! Es iſt Zeit, hohe Zeit! Der Convent iſt noch nicht zu⸗ ſammen, die Ausſchüſſe ſind in den Tuilerien— alſo, nie⸗ der mit den Tuilerien! Nieder mit dem Convent!“ „Nieder mit dem Convent! Es lebe Robespierre!“ ſchrie der Commandant und riß ſeinen Säbel aus der Scheide; dann ſchwankte er, vom Weine ſchwer, hinaus und in wenigen Minuten hörte man ſein wahnſinniges Commandorufen auf dem Platze. „Nach den Tuilerien!“ kreiſchte er und ſchwang ſich auf ſein Pferd. „Es lebe die Republik!“ ſchrieen die Pikenträger. 121 Siebentes Kapitel. Vor den Tullerien. Die Ausſchüſſe waren in den Tuilerien. Die ſtür⸗ miſche Berathung wechſelte den Charakter, je nachdem die Nachrichten lauteten, welche bunt und wirr durcheinander ausgerufen wurden. Plötzlich, es war ſchon Nacht, ward jede Unterhaltung durch ein furchtbares Lärmen draußen auf dem Carouſſelplatze unterbrochen— es war Henriot, der mit den Kanonen auffuhr. Beſtürzt eilten die Depu⸗ tirten hinaus; der Präſident ſchwang ſich auf ſeinen Stuhl und rief: „Bürger, jetzt iſt der Augenblick da, auf unſerem Poſten zu ſterben!“— „Wir werden auf demſelben ſterben!“ antwortet ihm der ganze Convent. Das Volk auf den Gallerien, imponirt durch dieſe heroiſche Haltung, brach in Rufen der Begeiſterung für den Convent aus und ſchrie aus den Fenſtern herab: „Nieder mit den Verſchwörern! Nieder mit Henriot!“ „Kanoniere!“ rief ein Deputirter aus dem Fenſter. „Werdet Ihr Euer Vaterland entehren, nachdem Ihr Euch ſo viel Verdienſte um dasſelbe erworben? Sehet dieſen Menſchen an, er iſt betrunken! Wer anders als ein Be⸗ 122 trunkener könnte Feuer auf die Repräſentanten und gegen das Vaterland commandiren?“ Beim Schein der Fackeln konnte man ſehen, daß die Officiere die Geſchütze mit großer Gleichgiltigkeit aufſtell⸗ ten und leiſe mit einander ſprachen. Sie befahlen ihren Kanonieren gar nichts, gingen ſtumm auf und ab und ſchie⸗ nen unentſchloſſen zu ſein, auf welche Partei ſie ſich ſchla⸗ gen ſollten. Die Kanoniere thaten gleichfalls nichts; die meiſten ſaßen auf der Erde; andere lehnten an ihren Ge⸗ ſchützen. Einer von ihnen allein folgte mit geſpannteſter Auf⸗ merkſamkeit allen Vorgängen bei den Geſchützen. Es war Jean, der Nationalgardiſt. Er ſaß, anſcheinend auf Be⸗ fehle wartend, auf ſeinem Geſchütz und fühlte, daß der entſcheidende Moment gekommen ſei, in welchem auch er ſeine Rolle ſpielen konnte. Ein Kamerad trat zu ihm. „Nun,“ meinte dieſer,„was ſagſt denn Du, Jean; was wird geſchehen?“ Jean nahm eine Fackel und brannte ſeine Pfeife an. „Haſt Du gehört?“ entgegnete er. „Die da oben vom Convent, ja!“ „Wirſt Du auf ſie ſchießen?“ Der Kanonier juckte ſich hinter den Ohren. „Der Teufel!“ ſagte er verlegen. „Haben die da oben recht oder Henriot?“ 123 „Aber die Disciplin!“ „Ah, gut, die Disciplin!“ verſetzte Jean.„Der Con⸗ vent iſt unſer Obercommandant; er hat Henriot abgeſetzt.“ „Er wird ſich's nicht gefallen laſſen.“ „Glaub's.“ „Da, ſieh, da rücken wieder welche an, ſeine Ge⸗ treuen!“ Eine Menge von Nationalgarden, Pikenträger und Volk wälzte ſich jetzt von der anderen Seite des Carouſſel⸗ hofes gegen die Tuilerien. Im Nu wimmelte der Platz von Truppen; aber merkwürdiger Weiſe rückten ſie ſtumm heran und von der wilden Begeiſterung, die noch vor dem Stadthaus ausgebrochen, war keine Spur mehr zu be⸗ merken. Der Convent hatte ſich ſo gefürchtet im Volk ge⸗ macht, ſeine Autorität wurde als ſo hochſtehend empfun⸗ den, daß Alle vor einem Attentat auf dieſe Verſammlung zitterten. Wie toll ſprengte jetzt Henriot durch die Reihen. Er ſchwankte auf ſeinem Pferde und ſchwang wild den Säbel, als er der Artillerie zuſchrie: „Bürger Kanoniere! An Eure Geſchütze! Ich bin der General Henriot, Ihr kennt mich, ich werde die Republik retten! Schreit: Es lebe Robespierre! meine Kinder. Hier ſind die Verräther, Kinder— brennt ihnen den Pelz ab! He? Wollen doch'mal ſehen, ob ſie brave Kinder ſo herumſpringen laſſen können, wie ſie wollen! Hier iſt noch 124 der Henriot, der General Henriot, der Retter der Repu⸗ blik— Ihr kennt mich, Kinder, nicht wahr?“ Niemand antwortete. Henriot, etwas betroffen, warf ſich auf ſeinem Pferde zurück und ſtellte ſich dann mit ſeiner ganzen impoſanten Figur in die Steigbügel, ſo daß ſein Pferd unter der Laſt zitterte. „Nun?“ ſchrie er.„Wo ſind denn die Offiziere? Mord⸗Element!“ Er ließ ſein Pferd ſich bäumen und brüllte dabei: „Es lebe die Nation! Donnerwetter! Es lebe Ro⸗ bespierre, mein Freund!“ Und da ſein Ruf noch immer kein Echo fand, fuhr er in ſeiner ſich ſteigernden Trunken⸗ heit fort: 1 „Vorwärts! Wir ſind Sansculotten und brave Pa⸗ trioten, die ſich vor dem Teufel nicht fürchten, nicht wahr? — Ihr kennt mich doch, Morbleu! He? Ich bin Henriot! Ihr wißt, Kanoniere, daß ich zehn royaliſtiſche Generäle im Leibe habe! Vorwärts! Richtet die Geſchütze auf die⸗ ſe Neſt da drüben, wo jetzt die Schufte des Convents ind.“ Ein Offtzier trat auf ihn zu und ſagte phlegmatiſch: „Nun gut, geh' nur ſchlafen. Ich bin nicht bei der whhihir Weder geſehen, noch gekannt, Du langweilſt mich. Es kam ein zweiter hinzu und rief: 125 „Du, ſage doch, weißt Du denn, daß er General iſt? Dieſer alte Trunkenbold General?“ „Ganz gleich,“ entgegnete der Erſte.„Was thut's denn auch; laß ihn ſchwatzen!“ Henriot ſchäumte vor Wuth. „Ich ſpalte Dir den Schädel wie eine Melone!“ ſchrie er.„Gehorche mir, Donner und Wetter, oder— Der erſte Offtzier zuckte verächtlich mit den Achſeln. „Nur Ruhe alter Narr!“ ſagte er und hielt ihm das Ende eines Kanonenwiſchers unter die Naſe.„Nur Ruhe, hörſt Du, Bürger!“ Jetzt miſchten ſich die Adjutanten Henriots mit in den Streit und ſuchten die Offiziere zu beſtimmen. Man beachtete ihre Worte noch weniger als die des trunkenen Generals, der ein paar Minuten lang vor Wuth zu er⸗ ſticken ſchien. Er ſchwankte in ſeinem Sattel hin und her, dann ſchrie und fluchte er wieder, heulte, drohte, ſchlug ſich gegen die Bruſt, ſtieg vom Pferde und wälzte ſich an der Erde, ſtieg wieder in den Sattel und ließ wie wahn⸗ ſinnig ſein armes Thier ſich bäumen, daß er faſt hinten⸗ über fiel und ſein Hut verloren ging. Wüthend und rath⸗ los ſprengte er dann auf und ab, ſo daß er die Leute zu Boden warf, immer den Säbel ſchwingend und ſchreiend. Die Kanoniere betrachteten ihn und lachten. Die Pikenträger und die Nationalgarden hielten die 126 Fackeln in die Höhe, um ihren trunkenen General zu ſehen. Auch ſie lachten. Wüſtes Geſchimpf ertönte. „O das große Schwein!“ riefen die Kanoniere. „Ein Schwein!“ wiederholten die Nationalgardiſten. „Was will der eigentlich von uns, dieſer Saufaus.“ Henriot ſeinerſeits fluchte und ſchrie für ſich: „Zu mir die braven Sansculotten! Zu mir, Ihr Patrioten! Hört Ihr? Mord⸗Element! Dieſe verfluchte Canaille Talliens muß in die Hölle fahren! Drehen wir ihnen die Gurgel ab, ſchlitzen wir dem Convent den Bauch auf, reißen wir den Verräthern die Zunge aus; machen wir alle dieſe Banditen, die Billaud, Collet, Tallien zu Brei, meine Kinder!“ „Genug!“ ſchrie ihm jetzt der Major der Artillerie zu.„Troll Dich jetzt, alter Narr, wir haben genug von Dir. Dieſer Wahnſinn muß einmal ein Ende nehmen. Du warſt lange genug auf dem Poſten!“ Zugleich ſchlug er mit ſeinem Säbelknauf auf die Naſe von Henriots Pferd, welches in Folge deſſen wild quer über den Platz des Carouſſel rannte, mit dem hilf⸗ loſen General oben auf, rechts und links die Menſchen niederwerfend, tretend, erdrückend. Ein furchtbares Wuth⸗ geſchrei erſcholl darüber und dies Alles zuſammen ernüch⸗ tete etwas den Oberbefehlshaber der Nationalgarde. Er 127 ſprengte wieder zu der Artillerie zurück und rief einem Offizier zu: „Denke daran, Bürger, daß der Befehl, Feuer auf den Convent zu geben, von der Gemeinde ausgeht, von Robespierre, Saint⸗Juſt und Couthon. Ich habe zu ge⸗ horchen und bin Befehlshaber der ganzen Garniſon, ver⸗ ſtehſt Du, Bürger?“ Der Offizier nahm ſeinen Hut ab, entgegnete aber mit großer Kaltblütigkeit: „Zeige mir eine ſchriftliche Ordre, Bürger. Glaubſt Du, daß ich ſo dumm ſein werde, feuern zu laſſen, ohne den Befehl dazu geprüftzu haben? Das wäre nicht ſchlecht! — Ich bin ja nicht ſeit geſtern im Dienſt, um mich mor⸗ gen guillotiniren zu laſſen. Gib mir eine ſchriftliche Ordre und ich ſchieße das Nationalpalais und den Convent zu⸗ ſammen, daß kein Stück davon bleibt.“ Er drehte dabei ſeinen Schnurrbart und ging fort, indem er noch hinzufügte: „Wo nicht, ſo kommandire Du ſelber zu feuern; ich rühre mich nicht.“ Henriot ergriff dieſen Gedanken. Er ſprengte direkt auf Jean zu. „Kanonier!“ rief er,„ich kenne Dich!“ Jean ſah den General ruhig an und verſetzte: „Ah, Du kennſt mich?“ „Ich befehle Dir, die Kanone auf dieſe Mauer da zu richten und Feuer zu geben.“ Jean lächelte verſchmitzt; dann ging er mit vieler Langſamkeit ans Werk. Das Geſchütz wurde gewendet und von Jean und ſeinen Kanoniren vorwärts gerollt. Seine Mündung zeigte gerade auf das große erleuchtete Fenſter über dem Portal des Schloſſes. Man konnte die Mitglieder des Convents deutlich auf ihren Sitzen ſehen, wie ſie den Verlauf der Dinge erwarteten; nur einige von ihnen zeigten ſich hin und wieder unten im Portale und haranguirten das Volk und die Soldaten. Als Henriot das Geſchütz von Jean richten ſah, triumphirte er. „Brav, Kanonier, brab! Das Vaterland wird Dir danken; Du wirſt Offizier werden— ganz beſtimmt, ich mache Dich zum Ofſtzier!“ „Jean warf einen verächtlichen Blick auf den General und ſagte: „Es lohnt nicht der Mühe!“ Das Geſchutz ſtand noch immer nicht feſt; die Un⸗ ebenheit des Bodens bewirkte, daß es auf ſeinen Rädern immer wieder zurückrollte. Jean und ſeine vier Kano⸗ niere verſuchten vergebens der Kanone einen feſten Stand zu verſchaffen. Die Offiziere und die übrigen Artilleriſten, das Volk zu beiden Seiten, der Convent, auf den das Rohr gerich⸗ 129 tet war, ſahen ſtumm und in höchſter Spannung den Anſtrengungen Jeans zu. Mehr oder minder waren Alle eine Beute der Angſt und der Ungewißheit. Wollte der Kanonier wirklich dem Beſehl Henrets gehorchen? Wollte er Feuer geben auf den Convent? Alle fühlten, daß er gewiſſermaßen das Schickſal Fraukreichs in ſeinen Hän⸗ den habe. Feuerte er, ſo war der Convent geſprengt, und Robespierre mit der Ghemennde ſiegte. Mit dieſen das Schreckensregiment, aus dem— wer weiß? ein Crom⸗ well oder ein Cäſar erſtehen mußte. Ein dumpfes Murmeln lief durch die Reihen. Es zeigten ſich Symptome, als wollte man Jean mit Gewalt an der Ausführung des Befehles Henriots verhindern. Ein Offizier trat zu ihm heran und ſagte; „Biſt Du toll, Kanonier? Du willſt dieſem Trun⸗ kenbold gehorchen? 2 „Bürger Lieutenant,“ erwiderte Jean,„fürchte Nichts. Ich will ihm etwas Spaß machen.“ Das Geſchutzſ ſtand endlich feſt. „Ach brav, brav!“ ſe r rie Henriot außer ſich.„Jetzt Feuer Nieder mit den Sch huften da drüben!“ Eine athemloſe S lle herrſchte auf dem großen, von Volk und Soldaten dicht gedr rängten Hofe des Carouſſel. Aller Augen hafteten auf dem Kanonier, den man beim lodernden Fackelſchein an der Kanone ſtehen ſah. „Feuer! commandirte Henriot.„Feuer!“ 41864. 17. Apoll von Byzanz. IV. 9 130 Jean nahm die Fackel aus der Hand eines Kano⸗ niers und ſchleuderte ſie in den leeren Raum vor der Ka⸗ none. „Was machſt Du?“ rief Henriot. „ Ich habe die Fackel weggeworfen!“ entgegnete Jean kaltblutig. „Warum?, „Weil mir's gefiel.“ „Schuft, willſt Du mich narren?“ „Narren? das wär' ſchwer.“ „Feuer, commandire ich.“ Jean ſetzte ſich auf den Lauf des Geſchützes und be⸗ trachtete den General mit hohniſchem Lächeln. „Teuer!“ ſchrie Henriot roth vor Wuth. „Das iſt gegen das Geſetz,“ verſetzte Jean. Henriot riß ſeinen Säbel aus der Scheide, in die er ihn geſteckt hatte und ſprengte dicht an den Kanonier heran. „Wirſt Du gehorchen?“ Jean zuckte mit den Achſeln. Außer ſich vor Wuth ſchlug Henriot mit ſeinem Sä⸗ bel nach dem Kanonier; aber Dank ſeiner Trunkenheit und ſeines blinden Zornes, der Hieb ſtreifte nur leicht d ie Schulter Jeans. Aber nun war auch das Zeichen des Losbruchs gegen Henriot gegeben. Das Volk, welches bisher mit angſt⸗ voller Spannung dem Vorgange zugeſehen, brach in einen 1 131 Schrei der Emporung aus. Die Kanoniere ſchlugen mit Kanonenwiſchern und Fäuſten auf Henriots Pferd. Ein wildes Lärmen toſte dabei. „Nieder mit Henriot!“ „Nieder mit Robespierre!“ „Es lebe der Convent!“—„Es lebe der brave Ka⸗ nonier!“ Henriot riß endlich ſein Pferd zurück und ſprengte aus dem Hofe der Tuilerien nach dem Stadthauſe, verfolgt von dem Wuthgeſchrei der Menge. Auf der andern Seite verkündeten Conventsmitglieder jetzt, daß Robespierre, Saint⸗Juſt, Couthon und Henriot außer dem Geſetz erklärt ſeien und die Nationa Farden wie Pikenträger antworteten darauf mit einem Jubelge⸗ ſchrei. Man ſteckte die Fackeln auf die Flintenläufe und nicht aufhören wollten die Rufe: Es lebe die Freiheit! Es lebe der Convent! Nieder mit den Tyrannen!“ Man ſtürmte nach dem Stadthauſe; der gerettete Convent voran, um das Neſt des Feindes zu zerſtören. Auf dem Carouſſelplatz blieb nur die Artillerie zurück. Man hatte Jean, den Kanonier umringt, mit Vi⸗ vats betäubt, ungeachtet ſeiner Verwundung ihn umarmt, geküßt— geſchüttelt. Durch den dichten Kreis, der ſich um ihn gebildet, drängte ſich jetzt noch ein Mann haſtig 9* 132 hindurch, ergriff Jeans Hand und rief mit gerührter Stimme. „Du warſt heut die Vorſehung Frankreichs, Freund! O ich habe wohl gewußt, wie es endet, als ich Dich er⸗ kannte. Jean, Jean, Du haſt mehr gethan, als Dir je ver⸗ golten werden kann!“ Jean lächelte. „Doktor Maury,“ ſagte er und ſtreifte ſeine Aermel auf.„Die Schramme iſt zwar nicht ſchlimm, aber ſie ſchmerzt. Heut müſſen Sie mich ſchon auch einmal be⸗ handeln.“ Maury hatte bereits ſein Taſchentuch genommen und band es auf die blutende Wunde des Kanoniers. „Nun komm' mit mir, Freund, Du haſt Deine Schul⸗ digkeit gethan! Wir fahren zu Dir, zu Deiner Frau.“ Maury nahm ihn unter den Arm und führte ihn bis zu einem Wagen, der Beide nach der Gärtnerwohnung brachte. Unterdeſſen hatte der Convent ſeine Macht organi⸗ ſirt. Barras war zum Oberbefehlshaber ernannt und er ritt mit den militäriſchen Deputirten, mit denen er ſich umgeben, bei Fackelſchein durch die Straßen von Paris, mit lauter Stimme die Bürger zu Hilfe für den Convent rufend. So bildete er binnen Kurzem eine ganze Armee, denn die meiſten Nationalgarden und Pikenträger gingen auch zu ihm über. * 5 133 Barras umzingelte das Stadthaus und ſchnitt die Zuzüge der Jacobiner durch Beſetzung der Nebenſtra⸗ ßen ab. Im Stadthauſe ſelbſt herrſchte die großte Beſtur⸗ zung und Rathloſigkeit. Die Männer, die ſonſt ſo ſchnell in ihren Entſchlüſſen waren, wußten jetzt, wo ihre Sache ſank, keinen Rath. Robespierre war in vollſtändiger Unempfindlichkeit und ſah gleichgiltig auf alle die unru⸗ higen Bewegungen um ſich her. Saint⸗Juſt und Cou⸗ thon verſuchten vergeblich, ihn zur Energie aufzuſtellen und zum Kampf um ſeine Diktatur aufzuſtacheln. Er war zu muthlos, er verzweifelte an ſich ſelbſt. „Raffe Dich auf, Robespierre, und wir können noch ſiegen!“ rief ihm Couthon in geſteigerter Dring⸗ lichkeit zu. „Nein, ich kann nicht,“ entgegnete Robespierre. „Dann haben wir nur noch zu ſterben!“ „Du ſagſt es,“ verſetzte Robespierre phlegmatiſch. „Dann biſt Du es alſo, der uns tödtet,“ ſagte Saint⸗Juſt. Robespierre antwortete nichts. Dieſe Haltung hatte trotz ihrer Paſſivität doch zu⸗ gleich etwas Impoſantes für Robespierre's Freunde. Couthon beklagte ſich, dieſe Unempfindlichkeit des Pa⸗ triotismus nicht zu finden; Saint⸗Juſt wagte nicht mehr zu ſprechen, weil ſein bewunderter Meiſter ſchwieg. 134 Jetzt rollten unten die Kanonen gegen das Stadt⸗ haus heran: der Convent hatte ſie erobert und kehrte ſie gegen die Gemeinde. Man ſchlug die Thüren des Stadt⸗ hauſes ein und eine bewaffnete Schaar drang nach dem Sitzungsſaale vor. Beim Lärm der nahenden Feinde hatte Lebas, der zwei Piſtolen beſaß, eine davon Robespierre überreicht und ihn beſchworen, ſich den Tod zu geben. Aber Robes⸗ pierre wie Saint⸗Juſt und Couthon lehnten den Selbſt⸗ mord ab und zogen es vor, von der Hand ihrer Feinde zu ſterben. Unbeweglich um einen Tiſch im Saale der Gleichheit ſitzend, hörten ſie den Lärm der Heraufſtürmen⸗ den und erwarteten ſie ihr Geſchick. Beim erſten Kolbenſtoß gegen die Saalthür ſchoß ſich Lebas ins Herz und ſank todt zuſammen. Der jün⸗ gere Bruder Robespierre's ſprang aus dem Fenſter in den Hof und brach ſich ein Bein. Coffinhall packte den ſtumpf⸗ ſinnig dakauernden Henriot und, um ſeine Wuth auszu⸗ laſſen, ſchleuderte er ihn aus dem Fenſter auf einen Miſt⸗ haufen. „Geh', elender Trunkenbold,“ rief er ihm nach, „Du biſt des Schaffots nicht werth.“ Jetzt brachen die Soldaten des Convents in den Saal. „Tod dem Tyrannen!“ ſchrieen ſie. „Wer iſt der Tyrann?“ —C—C—C—yſ 135 Ein Gendarm zielte auf Robespierre und rief dabei: „Der iſt's!“ Er ſchoß und zerſchmetterte Robespierre die Kinn⸗ lade. Man nahm ſeine Freunde und auch ihn gefangen. In Colonne, gebunden, wurden ſie Alle nach dem Con⸗ vent geführt. Robespierre, von vier Gendarmen auf ei⸗ ner Sänfte getragen, das Geſicht mit einem blutigen Ta⸗ ſchentuch umbunden, eröffnete den Zug. Hinter ihm der lahme Couthon; der jüngere Robespierre, ohnmächtig von zwei Männern in den Armen getragen; Lebas Leich⸗ nam, bedeckt mit einem blutbefleckten Tiſchteppi ich; Saint⸗ Juſt, zu Fuß, die Hände gebunden, baarhäuptig und die Augen in Ergebung geſenkt; zuletzt die uübrigen Mitglie⸗ der der Gemeine. Man brachte die Gefangenen nach den Condent. Robespierre wurde im Vorzimmer auf einen Tiſch gelegt ein umgelegter Stuhl diente ihm zum Kop fäten. Das Volk ſtrömte beſtändi ig in dieß Vorzimmer aus und ein, um den geſtürzten Herrn der Re eyublit zu ſehen. Dieſes Begaffen war das demüthi gendſte für Robespierre, denn man erſparte zihm weder Blicke, noch Schmähungen, noch Beweiſe der Verachtung. Die Huiſſiers zeigten ihn, wie man ein wildes Thier im Käfig zeigt und Robespierre, um dieſen Schimpf ertragen zu ko: nnen, ſtellte ſich todt. Schonung mit dem Unglück kannte man nicht. Ein Huiſ⸗ 136 ſier löſte Robespierre ein Knieband, zog ſeine Strümpfe bis auf die Franſen herab, legte dann die Hand auf ſein entblößtes Bein und fühlte ihm den Puls, deſſen Schläge noch die Fülle des Lebens verriethen. „Seht Ihr, wie er ſich verſtellen kann!“ rief er dann der Menge zu. Man durchſuchte die Kleider des Verwundeten und fand in der Rocktaſche zwei Piſtolen in ihrem Futteral. Die Wappen Frankreichs waren auf dieſem Futteral ein⸗ gelegt. „Seht den Schurken!“ rief die Menge.„Da iſt ja der Beweis, daß er nach dem Throne trachtete.“ Legendre, ein Mitglied des Convents, kam heraus und höhnte ſeinen Feind. „Heda, Tyrann!“ ſagte er.„Du, für den geſtern die Republik nicht groß genug war, Du nimmſt heute zwei Fuß auf dieſem kleinen Tiſch ein.“ Robespierre ſah und hörte Alles. Er litt unſäglich, nicht allein durch dieſe öffentliche Ausſtellung, ſondern auch durch den Schmerz ſeiner Verwundung. Er ſuchte ſein Blut zu ſtillen und benetzte zuweilen ſeine Lippen mit dem Eſſigſchwamm, den man neben ihn gelegt hatte. Die Julihitze machte das Zimmer ſchwül und Robespierre, vom Fieber geſchüttelt, floß der Schweiß von der Stirn. Endlich brachte man ihn nach dem Sicherheitsaus⸗ ſchuß, wo er ſein erſtes Verhör zu beſtehen hatte. Von 137 hier transportirte man ihn ins Hotel⸗Dieu, wo er ärzt⸗ liche Hilfe erhielt. Auch Couthon und Henriot und der jüngere Robespierre waren hier. Nachdem der Verband angelegt, wurden Alle nach der Conciergerie gebracht, wo Saint⸗Juſt ſich bereits befand. Der Prozeß wurde ihnen mit derſelben Schnelligkeit gemacht, welche ſie bisher angeordnet hatten. Schon um drei Uhr Nachmittags führte man ſie vor das Revolutionstribunal, welches, bis Tags zuvor ein Werkzeug Robespierre's, heut ebenſo gehorſam der Macht des Convents ſich beugte. Fouquier⸗Thinville mußte ſeinen Gonner Robes⸗ pierre anklagen. Er that es. Der Spruch konnte nicht zweifelhaft ſein: es war der Tod. Zwei Stunden ſpäter warteten bereits die Karren am Fuß der großen Treppe auf die Verurtheilten, die mehr oder minder am Körper verſtümmelt waren. Man band ſie grauſamer Weiſe noch an die Pfoſten des Kar⸗ rens, ſo daß ihnen das Schwanken des Karrens auf dem Pflaſter Schmerzensrufe entriß. Der Zug ging durch die bevölkertſten Theile von Pa⸗ ris. Die Thuͤren, Fenſter, Balkone, die Dächer waren vollgedrängt von Zuſchauern und namentlich von feſtlich geputzten Frauen. Sie beklatſchten die Hinrichtung, in der Meinung, den Schrecken zu ſühnen durch Verfluchung des Mannes, welcher ihm ſeinen Namen gegeben. 138 „Zum Tod! Zur Guillotine!“ riefen um den Kar⸗ ren her die Söhne, Verwandten und Bekannten der von dem Schreckensregiment Geopferten. Das Volk bildete Spalier. Es zeigte keine Sym⸗ pathien mehr für den Mann, den es einſt vergöttert. Düſter und ohne ein Zeichen des Bedauerns oder der Befriedigung ließ es den Zug vorüber. Nur hin und wieder durchbrach ein Mann oder ein Weib das Spalier, um Robespierre mit Verwünſchungen zu überſchütten. Es war ihre Rache für den Verluſt eines Sohnes, eines Vaters, eines Gatten. Robespierre wandte den verbundenen Kopf ab und zuckte die Achſeln, gleich als bemitleide er den Irrthum, welcher ihm allein ſo viele Verbrechen zurechnete, die auf ſeinen Namen zurückfielen. Er war reſignirt und hielt es nicht mehr für werth, ſich vom Leben bewegen zu laſſen. Couthon war tiefſinnig; Robespierre der Jüngere verſuchte ſeinem Bruder nachzuahmen. Henriot allein zeigte ſich widerlich; man hatte ihm ſeine Uniform vom Leibe geriſſen und ſeine ganze Kleidung beſtand in einem ſchmutzigen Hemde. Saint⸗Juſt war heiter, wie begeiſtert von ſeinem Martyrium. Man kam endlich zum Schaffot. Robespierre ſtieg feſten Schrittes die Stufen hinan. Man riß ihm den Verband ab und der furchtbare Schmerz in Folge deſſen entrang der Bruſt des Unglücklichen einen 9- 139 gellenden Schrei, den man bei der tiefen Stille ringsum⸗ her weithin vernehmen konnte. Ein dumpfer Schlag— er war gerichtet! Jetzt athmete die Menge tief auf und dann brach ſie in einen langen, brauſenden Beifallsjubel aus. Wenige Minuten ſpäter hatten auch die anderen Ver⸗ urtheilten ihr Leben ausgehaucht..... Man warf die zweiundzwanzig Köopfe in eine Kalkgrube. Schluß. Fünf Jahre waren ſeit dem Thermidor verfloſſen. Von den ſtürmiſchen Zeiten der Revolution war kaum noch eine Spur zu bemerken; Frankreich war ruhig, es herrſchte Ordnung, ſeine Armeen holten ſich Lorbeeren. Bonaparte war Conſul und regierte mit ſtarker Hand. Schon fühlte man, daß es die eines Cäſars ſei. Es war an einem Julitage eine Meſſe für die Opfer der Revolution angeſetzt worden. In der Kirche St. Enſtache befand ſich die glan⸗ zendſte Verſammlung. Der alte Adel, die Ariſtokratie der Geburt und des Geiſtes wohnte daſelbſt dem Todtenamt bei. Ein prächtiger Kranz von Damen war rings um den 140 Hauptaltar, der ſchwarz ausgeſchlagen, von zahlloſen Ker⸗ zen erleuchtet und mit Immortellen geſchmückt war. Die Meiſten hoͤrten in wahrer Andacht der Meſſe zu; hier und da ſah man Thränen, zuweilen tönte auch ein leiſes Schluchzen durch die hohen Hallen der Kirche. Die Meſſe war zu Ende und ſtill, der Andenken an die Hingerichteten noch voll, verließ die Menge die Kirche. An einem der zahlreichen Pfeiler gelehnt, nahe dem Hauptausgange, ſtand Dr. Maury. Er war der alte ernſte Mann von früher, nur hatten die Züge des Kummers ſich tiefer gegraben. Er drückte einem noch jungen Mann die Hand, der ſich eben von ihm verabſchiedete: es war Marie⸗ Joſeph Chenier, der Bruder Andre's, der für dieſen und ſeinen inzwiſchen geſtorbenen Vater gebetet hatte. Sein Anſehen war womöglich noch geſtiegen, denn ſeine neuen Tragödien feierten ſchon die Zeit des Cäſarismus. Plötzlich rauſchte eine herrliche Erſcheinung an dem Doktor vorüber. Unwillkürlich trat er ihr in den Weg und ließ ſein Auge forſchend auf ihr ruhen. Die Dame maß den Arzt mit hochmüthigem Blick, dann aber, als erkenne ſie ihn, rief ſie in liebenswürdigſter Freundlichkeit aus: .„Ich täuſche mich nicht— nicht wahr? Doktor Maury?“ „Ich bin es und Sie Fräulein von Coigny.“ „Nicht mehr,“ entgegnete ſie mit kokettem Lächeln. „Seit zwei vermählt.“ „Und Sie fühlen ſich wohl?“ „Die Ehe iſt leicht zu tragen, Doktor. Doch à-pro- bos— ich vermuthe, auch Sie haben heut der Mahnen des unglücklichen Freundes, André Cheniers, gedacht?“ Maury verneigte ſich. „Armer junger Mann! Sein letztes Gedicht habe ich wie einen koſtbaren Schatz mit aus dem Gefängniß genommen. Sie können denken, wie ſchmerzlich mir es iſt, der Freundſchaft dieſes edlen Menſchen zu gedenken, und doch thue ich es oft, nur zu oft!“ Die Herzogin war dabei ernſt; in ihren Augen perlte eine Thräne. „Und die Herzogin von St. Aignan?“ fragte ſie nach einer Weile.„Ich habe ſeit unſerer Befreiung nach dem Sturze der Schreckensherrſchaft nie wieder etwas von ihr gehört. Iſt ſie in Paris?“ „Ich kann nicht dienen, Frau Herzogin,“ verſetzte Maury.„Auch ich habe Frau von St. Aignan nie wieder geſehen, vermuthe aber, daß ſie ſich auf ihr Schloß in der Normandie zurückgezogen hat und dort einzig und allein der Erziehung ihres Kindes und dem Andenken ihres Gat⸗ ten und ſeines Freundes lebt.“ „So haben Sie doch unter der Hand eine Nachricht von ihr erhalten?“ Jahren ſchon bin ich an den Herzog von Fleury 142 „Allerdings, Frau Herzogin, ſogar von ihr direkt, aber aus dem Schloſſe von St. Aignan. Die edle Frau ſchrieb mir vor etwa drei Jahren. Sie hatte mir, als ſie ſich im Gefängniß von St. Lazare befand, eine Kapſel mit einem Portrait anvertraut und dieß verlangte ſie damals von mir zurück.“ „Ein Portrait?“ fragte Frau von Fleury. „Ja, das Portrait André Cheniers.“ Die Herzogin biß ſich ein wenig auf die Lippen; es ſchien, als habe dieß Wort ihr einen Stich ins Herz ver⸗ ſetzt. Dann neigte ſie ein paarmal ſinnend ihr ſchönes Haupt auf und nieder und indem ſie Maury ihre Hand gab, ſagte ſie: „Doktor Maury, wir haben uns in der Noth kennen gelernt; ich hoffe, Sie werden mich nach derſelben zu⸗ weilen auch mit Ihrer Theilnahme beehren. Ich wohne jetzt für immer wieder in Paris.“ Maury verbeugte ſich und küßte die Hand der Her⸗ zogin von Fleury; er geleitete ſie dann noch hinaus bis zu ihrer Equipage und ſah der ſchnell Fortrollenden einige Secunden nach. „Die Frauen,“ murmelte er,„ſind treu in ihrer Eiferſucht.“ Er ging in ſeine Wohnung zurück. Die alte Urſula war längſt geſtorben und auch Gilbert nicht mehr bei ihm. Derſelbe hatte ſich ein paar Wochen nach Robespierre's Tod mit der Roſe von St. Lazare verheirathet und in der Nähe von Paris eine kleine Gaſtwirthſchaft gekauft, die ſichtlich gedieh und ihn wohlhabend machte. Doktor Maury hatte ſtatt ſeiner einen andern Die⸗ ner. Ueberdies lebte er womöglich noch zurückgezogener denn früher; ſeine einzige Erholung war hin und wieder ein Spaziergang nach dem Gaſthauſe Gilbert's und Roſa's, und oft nach dem Garten Jean Colliers, der ſeit der Ret⸗ tungsthat vom Thermidor nie wieder die Uniform ange⸗ zogen hatte. Er lebte glücklich mit Margot und im Kreiſe ſeiner aufblühenden Kinder. ſſiſſſſſnnſſiſſſnrnſffnſnſſffffffſſſſſſſſſſſſſtiſinſinſnſtiühnn 3 1 5 1 1 8 1 8 9 10 11 12 1 4 1 6 7 1