Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur u.. Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen... 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für ic hentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———-—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 7„—„„„„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer tun Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X eNeeNeerehke ’ f — =—⸗-—-:—— „ — A Album. Bibliothek deutſcher Originalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Sechzehnter Jahrgang. Sechzehnter Band. Apoll von Byzanz. Wien. H. NMarkgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1861. Apoll von Buzanz. Von Ernſt Hellmuth. Dritter Theil. Wien. H. Markgraf& Comp. (Früher Kober& Markgraf.) 1861. 4—— ———— Druck von Heinr. Mercy. Prag. Inhalt des dritten Theils. Erſtes Kapitel: Die Roſe von St. Lazare Bweites Kapitel: Das Feſt der Vernunfſt. Drittes Kapitel: Die Flucht... Viertes Kapitel: Ein unglücklicher Zunu. Fünftes Kapitel: Danton. Sechſtes Kapitel: In der Zelle. Siebentes Kapitel: Man muß Staatsmann ſein. Achtes Kapitel: Das Feſt des höchſten Weſens. — d η — η — d Irſtes Kapitel. Die Noſe von St. Lazare. Im Faubourg St. Denis, nicht weit von den Boule⸗ vards und ihrem bunten, glänzenden Treiben, zieht ſich eine hohe graue Mauer etwa hundert Schritte lang zwiſchen den alten Häuſern dahin. Unwillkürlich richtet man ſeinen Blick darauf, um von dem Grau dieſer Mauer abzuleſen, was ſie hinter ſich verberge. Man denkt ſogleich an ein Kloſter, und in der That hat man ſo unrecht nicht. Dieß Haus hinter dieſer alten Mauer iſt St. Lazare, in frühe⸗ ren Zeiten eine bedeutende Priorei, deren Bau in die letzte Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts fällt. Die alten Könige von Frankreich pflegten hier zweimal Halt zu ma⸗ chen, einmal, wenn ſie ihren Einzug in Paris hielten und dann hielten ſie hier im Kloſter Raſt und ſtärkten ſich durch den guten Wein des Priors, das andere Mal, wenn ſie Paris verließen, um in die Gruft von St. Denis ge⸗ bracht zu werden und dann ſegnete man ihre Leichen in der Kirche des Kloſters ein. Gegenüber dieſer Priorei war daher auch ein kleines Hotel, von dem jetzt keine Spur 1861. 46. Apoll von Byzanz. III. 1 mehr vorhanden iſt und welches das Logis des Königs hieß. Später, Gott weiß weßhalb die frommen Mönche hier fortgingen! ward St. Lazare eine Kaſerne, dann Staats⸗ gefängniß und Correktionshaus. Bald der Mönche, bald der Soldaten, bald der Verſchwörer und Freudenmädchen wegen hat man im Lauf der Zeit dies alte Gebäude er⸗ weitert, umgebaut und im Innern verändert, bis es heut, als Aufenthaltsort der zur Strafe verurtheilten Mädchen der Liebe, ein freundlicheres Ausſehen bekommen hat. Zur Zeit der Revolution war dieß Haus Gefängniß und ein trauriger, ſchmutziger Aufenthalt. An einer gro⸗ ßen ſchwarzen Stange über dem Hausthor wehte damals eine blau⸗ und rothgeſtreifte Fahne, verſchoſſen in ihren Farben, vom Regen halb in einander gewiſcht. Auf einer ſchwarzen Marmortafel ſtand in großen weißen Buchſta⸗ ben das Motto der franzöſiſchen Republik, welches ſich auf allen öffentlichen Gebäuden zeigte: Einheit, Untheilbarkeit der Republik, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod. Vor dem Wachthaus hinter der Mauer im kleineren Vorhof ſaßen auf Eichenbänken die Nationalgarden, ihre kurzen Thonpfeifen rauchend oder mit ihren Piken im Sande Gulllotinen zeichnend, oder ſingend und ſpielend. Sie bewachten dieſen Aufenthalt des Elends und der To⸗ desangſt.„ Denn das war St. Lazare und ſein düſteres Aeußere 3 wies darauf hin. Heute iſt Alles anders geworden. Ueber⸗ all findet man Reinlichkeit und Ordnung, luftige, helle Zellen, weiße Mauern, gewaſchene Corridore. Die Ge⸗ fängnißwärter, die Schließer, nennen ſich heute Beamte und tragen Uniform, ſind höflich, menſchlich und zuweilen ſcherzen ſie auch mit dem oder jenem hübſchen Mädchen, welches um ihrer Liebe willen hier ein paar Wochen bü⸗ ßen muß. Aber im Jahre 1793 glich dieſes ſchmutzige Haus von St. Lazare einem großen Käfig für wilde Thiere. Damals exiſtirte nur ein altes Gebäude, das frühere Kloſter, ein plumper, hoher, viereckiger Steinkaſten, in deſſen vier Etagen die Gefangenen, bunt durcheinander gemiſcht, Ariſtokraten und Bauern, Männer und Wei⸗ ber, meiſt auf ihre Verurtheilung zur Guillotine warte⸗ ten. Die Fenſter waren von außen mit ungeheueren Ei⸗ ſenſtangen verſehen, mit eingemauerten Reifen, durch welche von oben nach unten und von den Seiten piken⸗ artige Stangen gingen, ſo daß die Fenſter, blind über⸗ dies, kaum noch zu ſehen waren. Drei breite Gänge, die ewig durch elendes Laternenlicht erleuchtet werden muß⸗ ten, theilten jedes Geſchoß im Innern dieſes Gefängniſſes; in jedem Corridor waren an vierzig Zellen, elende, ſchmutzige Gemächer, in deren Thür ſich ein Guckloch befand, durch welches die Schließer ungenirt und zu jeder Zeit den Ge⸗ fangenen in der Zelle beobachten konnten. 3 1* 4 Ein kleiner Hof war zwiſchen der Straßenmauer und dieſem Gefängniß. Auf ihm ſtanden gewöhnlich jene ſchrecklichen Karren, welche zum Transport der Opfer nach der Guillotine beſtimmt waren. Mn dem Gebäude dehnte ſich der große, öde, von hohen Mauern umgebene Hof aus, in den nur in hohem Sommer zur Mittagszeit die Sonne ihre Strahlen wer⸗ fen konnte. Ein ſteinernes Baſſin mit einer kleinen Fon⸗ taine ſtand in der Mitte des Hofes, deſſen Seiten mit vier Reihen Bäumen bepflanzt waren. An den hinteren Mauern, ſicherlich noch aus den Kloſterzeiten her, hing ein weißer Chriſtus an einem rothgeſtrichenen Kreuz. Eben befanden ſich zwei Fhu baſelbſt, eine junge und eine ſehr alte. Die Jüngere lag auf ihren Knieen, ihr Kopf hing auf dem Buſen, ihre Hände waren gefaltet; ſie be⸗ tete inbrünſtig und weinte dabei. Die Alte begoß zwei Weinſtöcke, welche ſich ſpärlich am Fuße des Kreuzes emporrankten. Dieſe Weinſlöcke ſind noch heute dort— wieviel Tropfen unde Thränen mögen ſeitdem ihre Trau⸗ ben benetzt haben! Am Baſſin zwuſch ein Schließer ſein Hemd und ſang dazu; das war das Leben im Hofe. Die Neugier, welche den Menſchen treibt, den Jam⸗ mer und die Marter leiner Brüder kennen zu lernen, hat uns ſo weit in das Innere dieſes Hauſes geführt, wie⸗ 5 wohl wir am Eingangsthor ein viel anziehenderes Bild hätten betrachten können. Hinter dieſem Thor nämlich und deſſen furchtbaren Eiſenbeſchlägen und Riegeln ſaß der Gefangenwärter in einem jener ungeheuren, groben Seſſel, deren Lehne man vermittelſt von an den Seiten befindlichen Eiſenzähnen nach Belieben zurücklegen kann. Es war ein„Großvater⸗ ſtuhl“ der alten Art, aus dem ſich im Nu ein Bett ma⸗ chen läßt und die man heut noch in ſchlichten Haushal⸗ tungen und auf dem Lande ſieht. Hier pflegte der Wärter zu ſchlafen und zu wachen; hier war ſein Bett und ſein Stuhl, ſeine Wohnung, ſo lange er ſich auf dem Poſten befand, und das war immer der Fall. Gegen Hitze und Kälte gleichgiltig, ſaß der rauhe, ewig mürriſche Mann hier Tag um Tag und Nacht um Nacht, öffnete auf das Klopfen mechaniſch hundertmal des Tages das Thor, prü⸗ fend, wer eintrat, unerbittlich und unermüdlich in ſeiner Pflichterfüllung. In der einen Hand hielt er ſtets das rieſige Schlüſſelbund, die andere lag faſt immer auf dem ungeheuren Schloß des Thores, um ſogleich öffnen zu können. „Hinter ſeinem Lehnſtuhl ſtand ein junges Mädchen, die Hände in den Taſchen ſeiner kleinen Schürze; denn es war ein ziemlich kalter Dezembertag und zwei Tage vor dem Weihnachtsfeſt 1793. Sie war eine liebliche Erſcheinung; friſch blühten ihre Wangen, ihre Angen 6 leuchteten unſchuldig und etwas ſchelmiſch; ihre Naſe und ihre Lippen hatten noch kindlichen Ausdruck; ihr Wuchs aber war üppig und eine volle Büſte ruhte auf dem ſtol⸗ zen Schwung ihrer Hüften. Zugleich fiel in dieſem ſchmu⸗ tzigen Aufenthalt die außerordentliche Sauberkeit auf, mit der ſie gekleidet war. Ein rothwollenes Kleid preßte ſich um ihre vollen Formen, eine weiße Haube, garnirt mit einer großen Trikolore, ſaß auf ihrem vollen dunklen Haar. Es war des Gefängnißwärters einziges Kind, Gil⸗ berts Geliebte, Roſa, allgemein im Viertel wegen ihrer Friſche und Lieblichkeit„die Roſe von St. Lazare“ ge⸗ nannt. Ihre Anweſenheit in dieſem traurigen Aufenthalt hatte etwas doppelt Auffallendes; ſie paßte viel eher in die Freiheit der Wieſen, unter Blumen und Halmen, als in dieſes düſtere Gemäuer, an der Thür von St. Lazare, wo die Gefangenen hereingeführt und durch ihren Anblick an die Freiheit bitter gemahnt wurden. Welch' eine Grau⸗ ſamkeit, dieß hübſche, roſige Kind in einem Gebäude woh⸗ nen zu wiſſen, wo Unglückliche weinten und ſeufzten! Am Morgen wachte ſie auf durch das Geraſſel der Karren, die ihre Ladung für die Guillotine nahmen— zitternde Greiſe und Frauen, noch in der Kleidung der Salons, aus denen ſie die Schergen geholt; ſtolze Männer und Jungfrauen, ſtrahlend in der Schönheit der Jugend und in der Ver⸗ klärung der Todeserwartung. Roſa wohnte in der That in dem Gefängniß und der 7 häufige Anblick des Elends hatte Sie ſchon unempfindli⸗ cher dagegen gemacht, wiewohl Gutmüthigkeit und Mit⸗ leid unaufhörlich in ihr ſprachen. Aber ſie fühlte ihre Machtloſigkeit, und die Furcht vor dem Vater, der kein Lächeln kannte, leitete ihre Handlungen. Nur wenn ſie Gelegenheit fand, die Lage einer der Gefangenen ohne Verletzung der Pflicht zu erleichtern, ſo that ſie es und oft mit einer Gefälligkeit, die an Aufopferung gränzte. Sie beſorgte Briefe, wenn man ſie darum bat; ſie ver⸗ ſchaffte den Gefangenen von ihren Angehörigen Kleider; ſie erreichte es zuweilen, daß ſie Beſuche erhalten durften, und für Alles dieß konnten die Meiſten ſie nicht belohnen. Ja, ſie that noch mehr— ſie ſang zuweilen auf dem Hof des Gefängniſſes mit ihrer friſchen Stimme ein improvi⸗ ſirtes Lied, welches ziemlich deutlich die Ereigniſſe mit⸗ theilte, die draußen ſtattgefunden. Es ward von den Ge⸗ fangenen verſtanden und ſo erhielten ſie durch die ſchel⸗ miſche Gutmüthigkeit dieſes Mädchens oft wichtige Zei⸗ tung von draußen. Sie war Republikanerin mit Leib und Seele, weil es ſo ſein mußte, und doch hatte ſie Mit⸗ leid mit den Feinden der Republik, die im Kerker ſaßen. S ie hatte ihrem Vater das kärgliche Mittagseſſen hinausgetragen und der Alte legte für einige Minuten ſein Schlüſſelbund an ſeine Seite, ließ das Schloß los, nahm die Schüſſel auf ſeine mit einem dicken Schafpelz be⸗ deckten Kniee und aß. Roſa wartete ſtumm auf das Ende des Mahles. 8 „Hier!“ ſagte der Alte nun rauh und reichte den Napf ſeiner Tochter. Roſa nahm ihn und fragte dann: „Ich mag nachdem fortgehen, Vater; Du erlaubſt es doch?“ „Wohin wieder?“ rief der Alte, indem er ſich in ſeine gewohnte Poſition zuruckſetzte. „Die Bürgerin Lavilliere wünſcht, daß ich ihr einen Brief forttrage.“ „Das geht nicht mehr— neue Ordre da!“ ſtieß der Wächter hervor.. „Pah!“ entgegnete Roſe und warf ihr Köpfchen zur Seite,„neue Ordre! Alle Tage neue Ordre und nichts daran gelegen! Was kann der Brief ſchaden? Wer weiß, wie lange die arme junge Frau noch lebt!“ „Ja, wer weiß!? Das geht mir nichts an.“ „Na, Väterchen, wenn's nach Ordre ginge, dürfte Gilbert auch nicht hier hereinkommen. Roſa lächelte und ſtrich dem Alten unters Kinn. Eine Weile brummte dieſer vor ſich hin, dann ſchien er von der Logik ſeiner Tochter überzeugt zu ſein. „Kommt auch nicht mehr hinein,“ meinte er.„Wo⸗ hin ſoll's führen, mille tonnerres! die Liebſchaft iſt mir längſt leid.“ „Aber mir nicht, Vater.“ „Naſeweis! Marſch, ins Zimmer!“ —— 9 9 Roſa merkte dem Vater an, daß er's nicht ernſt meinte und deßhalb folgte ſie nicht dem Befehl. „Warum biſt Du denn heut ſo bös, Vater? Ich bin hier ſo allein und verlaſſen und Du willſt mich nicht mehr hinaus laſſen. Ich hab' keine Mutter mehr und Du küm⸗ merſt Dich auch nicht um mich, und nun ſoll ich nicht ein⸗ mal den brade Burſch mehr lieben, dn Gilbert? Iſt das Freiheit? Tyrannei iſt das, Tyrannei!“ „Schwat nicht ſolch' Zeug, Mädchen!“ polterte der Alte.„Die Politik geht Dir nichts an. Meinetwegen mach' was Du willſt. 7 Roſa ging ſchelm iſch lächelnd auf ihren Vater zu, bückte ſich und ſah ihm in die Augen unter den buſchigen Brauen. „Auch Hochzeit?“ fragte ſie dann. „Mach', daß die Geſchichte zu End' kommt. Heirate, veuſt Du aus dem Haus kommſt, wo Du nichts nütze biſt.“ „Ach, Vater, das iſt doch nicht bös gemeint?“ Der Alte ſchüttelte ſein Haupt und indem er dann freundlicher zu ſeiner Tochter hinblickte, antwortete er: „Gut gemeint iſt’s, Du Hex'! Ich will Dich unter Menſchen wiſſen, hinaus aus dieſem Neſt, wo Du nicht hintaugſt.“ „Und Du?“ 4 10 „Pah! Ich alter Mann lebe ſchon zwanzig Jahre hier und bleibe auch hier.“. „Nun warte nur, Väterchen,“ rief Roſa,„ich werde mit dem Gilbert reden, der wartet nur auf meine Zuſtim⸗ mung, um mich zu heiraten. Na, und ich hab's mir über⸗ legt— er ſoll ſie haben, weil er doch kreuzbrav iſt. Dann fangen wir einen Handel an und Du mußt dabei ſein, ich nehm' Dich dann zu mir. Schau, hier iſt's doch auch traurig und Du ſollſt ſehen, kommſt Du nur wieder in die Natur, unter die Menſchen, wie freundlich Du wieder werden wirſt!“ Der Alte konnte nicht antworten, denn es klopfte der eiſerne Ring ſchwer an die Thür. Er öffnete wie gewöhnlich das Thor eben nur ſo weit, daß eine Perſon durchgehen konnte. Ein Mann mit dem Anſtand eines Theaterdieners und mit einem Geſichte, auf dem Eitelkeit und Laſter ge⸗ zeichnet, trat ſchnell herein, während das Thor ſich ſofort dröhnend hinter ihm ſchloß. „Ah, Vater Rieot,“ rief er halb ärgerlich, Euer verwunſchtes Thor hätte mir bald die Hacken von den Stiefeln geriſſen! Das iſt eine ſehr dumme Gewohnheit und Ihr ſolltet Euch die Leute hübſch anſehen, die da kommen.“ Der Alte ſah den Mann finſter an und ſagte kein Wort auf ſeine Rede. Roſa war hinter dem Seſſel ihres 11 Vaters ſtehen geblieben und betrachtete halb verwundert, halb neugierig den Eingetretenen. Kaum hatte ſie dieſer geſehen, als ſein Geſicht ſich zu widerlicher Freundlichkeit verzerrte und er auf Roſa zutrat. Er wollte ſie unter's Kinn faſſen, aber das Madchen ſtieß derb ſeine Hand zurück. „Ei, Täubchen,“ ſagte er, indem er ſie mit lüſternen Augen betrachtete,„Du biſt gewiß die Roſe von St. Lazare?“ Vater Ricot's Augen flammten vor Zorn. „Was ſoll das ſein, Bürger?“ rief er mit ſeiner rauhen Stimme.„Wer biſt Du? Was ſuchſt Du hier?“ Der Fremde drehte ſich zu dem Alten und ſagte: „Wie? Du kennſt mich nicht? Du kennſt den mäch⸗ tigſten Mann nicht in Frankreich? Nun, ich verzeihe Dir, weil Du wie eine Eule in dieſem Neſt lebſt und nichts von draußen hörſt und ſiehſt. Wiſſe, ich bin Chaumette, Erzhoherprieſter der Republik, Wiederherſteller der Ver⸗ nunft und Schutzengel der Freiheit!“ Beim Vernehmen dieſes Namens veränderten ſich Vater Rieots Züge ſichtlich. Er hatte wohl von Chau⸗ mette gehört, der zwei Tage zuvor in Notre⸗Dame das Feſt der Vernunft celebrirt hatte und wirklich damals eine Macht beſaß, die außerordentlich war. Der Gefängniß⸗ wärter erhob ſich deßhalb auch faſt demüthig und ſtand da wie ein Beamter, der die Befehle ſeines Herrn erwartet. 12 Roſa blickte verwundert auf ihren Vater. Sie kannte den Namen Chaumette nicht. „ Ah, ſiehſt Du?“ fuhr Chaumette nun ſichtlich be⸗ friedigt von dem Eindruck, den die Nennung ſeines Na⸗ mens auf Vater Ricot gemacht, fort.„Ich ſehe, Du biſt ein guter Bürger und haſt Patriotismus. Das iſt mir lieb, denn wenn dem nicht ſo wäre, müßte ich Dich auch auf die Guillotine ſchicken. In dieſer Beziehung bin ich ganz unerbittlich und ſage ganz, wie mein Freund und College Robespierre:„Lieber todt, als ſchlechter Patriot.“ Vater Ricot ward ſichtlich bleich; die Drohung des Todes war ihm nie begegnet, die Republik hatte ſich bis⸗ her um ihn nicht gekümmert. Nicht minder erſchrocken blickte Roſa auf Chaumette, der einen Augenblick lang ſich an dem Anblick des Mädchens weidete und dann mit dem Bewußtſein der Genugthuung die bleichen Wangen desſelben beklopfte. Roſa wagte diesmal nicht, die freche Hand zurück zu ſtoßen. „O, auch Du biſt eine gute Patriotin!“ ſagte Chau⸗ mette, indem er fortfuhr, Roſa's Wangen zu klopfen und zuletzt ihr Kinn ſtreichelte.„Ich ſeh's an der Tricolore an Deiner Haube. Das hab' ich auch gedacht und deß⸗ halb komme ich, um Dir Ehre zu bringen, Dir die Gnade zu ſchenken, dem Vaterlande einen Dienſt zu erweiſen.“ Roſa ſah noch mehr erſchrocken zu Chaumette auf; 13 Vater Ricot wartete reſpektvoll auf das, was der republi⸗ kaniſche Machthaber verlangen würde. Dieſer wandte ſich nun halb zu ihm und rief in ſal⸗ bungsvollem Ton: „Ja, Heil Dir, Du Alter, daß ich Dich ſuche! Große Ehre iſt Dir und Deinem Haus widerfahren! Morgen werden wir in dieſem Viertel von Paris das Feſt der Ver⸗ nunft feiern, deſſen Erfinder und Hoherprieſter ich bin. In den alten Götzentempel von Loretto wird das Volk der Freiheit ziehen und die alten Altäre der lügneriſchen Prieſter zerſchlagen, feiern den neuen Kultus der wahren Religion, die ich eingeführt, der Vernunft. Vernunft, mein Freund, iſt Alles, das iſt das Höchſte, das iſt wahr⸗ haft göttlich. Ein vernünftiger Menſch iſt ein Menſch, der wie Gott iſt und daher iſt Vernunft die wahre Religion. Verſtehſt Du das? Man hat das Volk lange genug in den Finſterniſſen des römiſchen Aberglaubens gelaſſen und es gelehrt, die Welt als einen Ort des Jammers zu be⸗ trachten, von dem der Menſch ſich fortſehnen ſoll. Welche Schändlichkeit! Welche Unvernunft! Wozu wären wir ge⸗ ſchaffen, wenn wir hier nur im Elend lebten? Wozu ſol⸗ len wir Gott preiſen, wenn er uns abſichtlich hier in eine Jammerwelt geſetzt? Du ſiehſt, wie dumm das iſt und Dummheit iſt das Schlimmſte. Gott iſt Vernunft, Ver⸗ nunft iſt das höchſte Weſen— der Menſch ſoll ſich freuen, daß er lebt, weil er lebt und vergnügt das Leben genießen. 14 Das iſt echte Religion und die ſoll morgen auch in den Tempel einziehen, auf dem man lange genug dem Baal geopfert.“ Chaumette war während dieſer philoſophiſchen Ab⸗ handlung, die Hände reibend, auf und ab in dem breiten, überdachten, ſteingepflaſterten Thorweg gegangen. Es war erſichtlich, daß er fror. Indeſſen unterdrückte er noch jede Aeußerung darüber und fuhr fort, indem er ſich gegen Roſa wendete: „Wie ſchön, daß ich Dich ſelbſt treffe, Du Roſe von St. Lazare! Ja, man hat mir nicht zu viel geſagt— Du biſt würdig, die Göttin der Vernunft vorzuſtellen. Preiſe Dein Geſchick, Tochter der Vernunft, daß Du erwählt biſt, unter den Vielen, zu dienen dem höchſten Kultus und dem Vaterland, allem Volk zu zeigen, was es von jetzt anzubeten hat! Ich, Chaumette, der Prophet der neuen Lehre, erhebe Dich zur Göttin der Vernunft und will Dich morgen einziehen laſſen in den Tempel mit allem Volk in Feier und in Pomp, um den alten böſen Geiſt aus Loretto zu vertreiben und den neuen Kultus einzuführen. Was, Täubchen,“ ſetzte er hinzu, indem er von Neuem Roſa's Kinn ſtreichelte,„das macht Dich ſtumm vor Glück? Nun, Du wirſt mir dankbar dafür ſein, nicht wahr? Ein Küßchen auf Abſchlag könnte mich etwas er⸗ wärmen, denn hier iſt eine abſcheuliche Kälte.“ Chaumette hatte bei dieſen Worten die Taille des Mädchens umfaßt und ihm einen Kuß auf die roſigen Lip⸗ pen gedrückt. Die Arme, zitternd wie eine gehaſchte Taube, ließ es gewähren. Sie ſchien keinen Gedanken dafür zu haben; auf ihrem Geſicht malte ſich nur der Schrecken vor dieſem Manne, das Erſtaunen über ſeine Worte, deren Sinn ihr unklar war, die Ahnung, daß ihr noch Schlim⸗ meres bevorſtehe, als ein Kuß von dieſem widerlichen Prie⸗ ſter der Vernunft. Vater Ricot, das Schlüſſelbund in der Hand, ſtand noch immer reſpektvoll an der Thür. Er hatte keinen Muth, ſeine Tochter vor den Zudringlichkeiten eines ſo mächtigen Menſchen, wie Chaumette war, zu ſchützen; ja die Worte desſelben hatten inſofern einen Eindruck auf ihn gemacht, als ſie ihn über den eigentlichen Grund des Kommens Chaumette's beruhigten und die ſeiner Tochter zugedachte Ehre dem rohen Gefühl ſeiner Niedrigkeit ſchmeichelte. Chaumette ärgerte ſich, daß keiner von Beiden ihm antwortete. Nachdem er ein paar Mal auf und ab ge⸗ trabt, um ſeine erſtarrenden Füße zu erwärmen, fuhr er plötzlich heftig auf den Gefangenwärter los: „Nun, Du Eisbär, was ſtehſt Du da und ſprichſt kein Wort? Warum freuſt Du Dich nicht und bedankſt Dich bei mir?“ Vater Ricot wurde verwirrt. „Bürger....“ ſtotterte er. „Ich frage Dich, warum Du Dich nicht freuſt?“ wie⸗ 16 derholte Chaumette zorniger.„Iſt das eine Manier, ſo dazuſtehen, als wie ein Prellpfeiler, wenn man vernimmt, daß das Vaterland Dir eine Ehre erweiſt? Halloh, Va⸗ ter Ricot, Du biſt am End' gar kein braver Sansculotte? Ich ſage Dir, Du biſt kein braver Sansculotte, weil Du Dich nicht freuſt, weil Du nicht laut aufſchreiſt vor Freude. Und nur Sansculotten bleiben leben, alle Anderen müſſen vom Erdboden vertilgt werden, Alle. Dafür laß nur mich und meinen Freund Robespierre ſorgen; ehe wieder dieß verfluchte Neſt hier von der Sommerſonne geheizt wird, gibt's ein ganz neues Geſchlecht, ganz neue Sitten, neue Kunſt, neue Poeſie— und das Alles werde ich gethan ha⸗ ben, ich, Chaumette!“ Er ſah dabei Vater Ricot ſcharf an, als ob er ver⸗ muthe, in deſſen Augen könne ſich ein leiſer Zweifel an dem, was er behauptet, regen. Da er aber nur Reſpekt, Verwirrung und Demüthigkeit in den Blicken des Wäch⸗ ters bemerkte, beruhigte er ſich. Die Worte Ricots ſtell⸗ ten ihn vollends zufrieden. „Bürger,“ ſagte Ricot nämlich, nachdem er ſich ge⸗ ſammelt;„Ihr denkt ungerecht von mir. An mir iſt Al⸗ les republikaniſch, ſanseulottiſch, ich und meine Tochter. Ich preiſe Euch, daß Ihr mir die Ehre gebet, meine Toch⸗ ter zu der großen Feierlichkeit auszuwählen. Es iſt kaum glaublich— ich armer, unbekannter Mann, wie ich dazu komme.... Nehmt's nicht für ungut, Bürger, ich freu' 17 mich nach meiner Weiſe und die iſt, ſtill und wortkarg zu ſein.“ Chaumette lächelte ſelbſtzufrieden, dann meinte er: „Gut, ich verzeihe Dir; ich ſehe, Du biſt ein braver Burger und Deine Tochter auch.“ Er ging wiederum, heftig mit den Füßen aufſtampfend, auf und ab, indem er. jedesmal, wenn er bei Roſa vorbeikam, die Wangen der⸗ ſelben mit einigen ſeiner lüſternen Aeußerungen kniff. Roſa war wie vernichtet, ſie rührte ſich nicht und ließ ſich Alles von Chaumette gefallen. Die Angſt, er könne auf ihren Vater Verdacht faſſen und ihn verderben, lähmte alle Wil⸗ lenskraft und alle Gefühle dieſes Mädchens. „Euch friert, Bürger?“ fragte endlich Ricot de⸗ müthig. „Hier iſt's abſcheulich eiſig, die Steine ſind ſo kalt, daß Einem die Füße erſtarren,“ erwiderte Chaumette. „Aber das thut nichts— mir wird ſchon wärmer, auch werde ich gleich gehen. Nur muß ich das hüſche Kind noch etwas inſtruiren, das iſt nothwendig. Ich werde Dir er⸗ zählen, wie ich vorgeſtern in Notre⸗Dame den neuen Kul⸗ tus der Vernunſt eingeführt habe. Das wird Dich am Beſten au kait ſetzen. Dieſer neue Kultus iſt feierlich vom Convent dekretirt worden; ich habe ihm die Göttin der Vernunft vorgeführt,— es war eins der reizendſten Mäd⸗ chen von Paris, ein wenig leichtſinnig zwar, aber wirklich eine göttliche Geſtalt, deren üppige Formen unter dem 1861. 46. Apoll von Byzanz, III 2 18 Schleier, der ſie verhüllte, außerordentlich wirkſam waren. Der ganze Convent betete ſie auch an und tanzte vor Freude, daß ich eine neue Religion erfunden. Vorgeſtern nun habe ich ſelbſt in Notre⸗Dame celebrirt— ah, es war magnifique! Unerhört magnifique! Alle Behörden, der Convent, die Gemeinde, zehntauſend Menſchen waren in Notre⸗Dame, Muſik und Trommeln weihten die Feier ein— o, Jammerſchade, daß Du das nicht mit angeſehen haſt, Täubchen. Die ſchöne Maillard von der Oper war die Göttin. Sie wurde im Triumph vom Volk, voran ich, abgeholt und nach Notre⸗Dame geführt. Sie war ent⸗ zückend und Du wirſt ganz ebenſo ausſehen, wenn Du die Kleidung angelegt haben wirſt. Ich werde Dir erzählen, wie ſie ausgeſehen hat. Ihre reizenden Füße— Du haſt deren gewiß auch, nicht wahr? Chaumette warf dabei einen prüfenden Blick auf Roſa's Füße, die bis zum Knöchel frei in den plumpen Schuhen zu ſehen waren.„Ah, laß nur gut ſein,“ ſagte er zu dem tief errötheten Mädchen, indem er es vornehm auf die Schulter klopfte,„Du wirſt morgen einen ſchönern Fuß haben. Du ziehſt den Cothurn an. Cothurn, das iſt ein griechiſcher Stiefel, den die Schauſpielerinen in Athen trugen, wenn ſie bei feierlichen Seenen auftraten, wodurch ſie größer waren. Nun, um Dir alſo zu ſagen, wie die Matllard gekleidet war: Co⸗ thurn, phrygiſche Mütze auf dem Kopf, weiße Tunica leicht um den Körper, ſo daß man noch die Schönheit des⸗ 19 ſelben frei ſehen konnte; über der Tunica eine wallende Chlamys von himmelblauer Farbe— Du wirſt Dir vor⸗ ſtellen, wie ſchön das ſteht! Was Du in der Kirche zu thun haſt, iſt ſehr wenig. Du machſt ein begeiſtertes Ge⸗ ſicht, das findet ſich von ſelbſt, Du biſt ſehr ernſt, gravi⸗ tätiſch, ſteckſt dann auf ein Zeichen die Fackel an, die hin⸗ ter Dir auf dem Altar ſtehen wird, und dann bleibſt Du ruhig auf dem Seſſel ſitzen, bis Alles zu Ende iſt. Nun, wie gefällt Dir die Rolle?“ Noſa warf einen ſchmerzlichen Blick auf ihren Vater, der ihr kein Zeichen von Theilnahme gab. Sie ſeufzte und ſchwieg. Chaumette, der auf Antwort gewartet hatte, wieder⸗ holte nun ſehr gereizt: „Nun, frage ich, wie gefällt Dir die Rolle?“ „O Bürger!“ antwortete Roſa ängſtlich,„ich werde zu ungeſchickt ſein....“ „Papperlapapp! Das findet ſich Alles, wenn man guten Willen hat und Patriotismus.“ „Ich fürchte mich....“ „Warum fürchteſt Du Dich? Närriſches Mädchen, Andere würden außer ſich vor Entzücken ſein, wenn ſie an Deiner Stelle ſein könnten.“ „O, ſo waͤhlet eine Andere....“ Roſa hielt erſchrocken inne, denn Chaumette faßte ſie roh an die Hand und rief zornig: 20 „Ich glaube gar, Du willſt nicht?“ Oho, Kleine, ich laſſe Dich gleich von Deinem Vater einſperren und kirren, wenn Du nicht willſt. Ich befehle es und Du wirſt gehorchen Nicht wahr, Vater Ricot?“ Vater Ricot beeilte ſich zu antworten. „Es war nicht ſo gemeint, Bürger, ¹ ſagte er faſt bittend.„Denkt, es iſt ein junges Mädchen und es hat Scham. Sie war ja noch nie unter? Menſchen und nun gar bei einer ſolchen Feierlichkelt— wie ſollte ſie nicht bangen!“ „Ich frage, ob ſie morgen die Göttin der Vernunft ſein wird?“ „Gewiß, Bürger, wenn Ihr es wünſcht,“ entgegnete Rievt. Chaumette wandte ſich zu Roſa.„Was?“ fragte er ſie ſchneidend. „Ich gehorche,“ gab das arme, willenloſe Mädchen zur Antwort. Sogleich nahmen Chaumette's Jüge wieder die häß⸗ liche Freundlichkeit an und indem er der Thür zuſchritt, ſagte er zu Roſa: „Brav, mein Kind, brav! Ich werde Dir noch heute eine von den Jungfrauen ſchicken, welche die Maillard auf dem Zuge nach Notre⸗Dame begleiteten. Sie wird Dir Deinen Anzug bringen und Dich zur Probe ankleiden, auch ſonſt noch Dir den nöthigen Unterricht geben. Folge 21 ihr hübſch, Täubchen, ſie kennt die Sache und weiß, wie ich's gern habe. Nur fein luftig angekleidet, wenn's auch ein wenig kalt iſt. Hörſt Du, Roſa, hübſch frei unter der Tunica, der Buſen offen, die Arme bis oben frei— nun, Deine Kammerfran wird Dir's ſchon zeigen. Alſo, auf Wiederſehen!“ Er ließ ſich das Thor öffnen und ging hinaus. Vater Ricot ſchob ſogleich die ſchweren Riegel wieder vor. Der Gefängnißwärter hatte ein Gefühl von der Un⸗ würdigkeit der Rolle, die er vor Chaumette geſpielt und ſo zogen ſich dann, kaum daß dieſer das Haus verlaſſen, ſeine Züge wieder zu dem alten mürriſchen Ausdruck zu⸗ ſammen. Ja, er ſah finſterer aus, denn je, ſeine Augen verſchwanden faſt unter den ſtarken Augenbrauen, die Züge gingen tiefer, die Runzeln weiter. Sichtlich ſcheute er ſich, an ſeine Tochter, die noch immer auf ihrem Platze ſtand, das erſte Wort zu richten; er ſetzte ſich vielmehr zurück in ſeinen Seſſel, das Schlüſſelbund in der einen Hand, die andere auf den Riegel am Thor gelegt. So ſaß er finſter vor ſich hin und ſprach kein Wort lange Zeit. Roſa ihrerſeits, wenn auch keine gerade fein beſaitete Natur, war von Chaumette's Worten doch zu ſehr in ihrem Schamgefühl verletzt worden, als daß ſie gegen ihren Vater, der nichts zu ihrem Schutze aus Furcht vor Chaumette verſucht hatte, im Herzen nicht einen Vorwurf getragen hätte. Aber ſie ſchwieg auch lange Zeit, aus 22 Furcht, den Vater, deſſen Empfindungen ſie inſtinktartig ahnte, zu reizen. Sie erkannte, daß ſie dem Willen Chau⸗ mette's gehorchen müſſe und ihr Vater nicht vermöge, ihr die ſchreckliche Erfahrung zu erſparen. Als ſie geſehen, daß der Vater ſich ſeinen Gedanken überließ, wandte ſie ſich endlich zum Gehen. Der Alte fuhr empor und rief ſie hart und rauh zu ſich. „Was willſt Du, Vater?“ fragte ſie ihn faſt tonlos. „Du wirſt thun, was man von Dir verlangt,“ herrſchte er und richtete ſeinen Blick auf ſie, als wolle er ihr drohen, keine Weigerung zu geben. Roſa ſchwieg. Dies Schweigen war ein Ja. Aber Ricot, gequält von ſeinem Gewiſſen, zornig über ſeine Würdeloſigkeit, die ſeiner Tochter plötzlich ein moraliſches Uebergewicht verlieh, fuhr fort: „Ich ſage Dir, Du gehorchſt— oder willſt Du ins Gefängniß? Soll ich vom Amt, vielleicht auf die Guil⸗ lotine? Roſa ſah den alten Mann, der dieſe ſchrecklichen Bil⸗ der aufrollte, um ſein Benehmen vor ſich zu entſchuldigen und ſeiner Tochter jedes weitere Nachdenken darüber zu benehmen, lange und wehmüthig an. Dann entgegnete ſie ſanft und ſchmerzlich: „Nein, Vater— ich gehorche.“ „Du wirſt heute Dich ſchon darauf vorbereiten.“ „Ich werde es.“ 23 „Und morgen— es iſt für's Vaterland, da kannſt Du das Opfer bringen. Ich verſteh' Dich, Roſa,“ fuhr er nun mit einem Mal ungewohnt mild und bewegt fort. „Geh, mein Kind, ich konnte nicht helfen— thu, was man von Dir will, und habe Muth, Roſa, Muth, dann wird's ja gut vorübergehen. Es iſt ja auch nichts Uebles.“ Roſa ging in das Zimmer, welches ſie mit ihrem Vater in dem kleinen Hauſe im Vorhofe von St. Lazare bewohnte. Vater Rieot fiel in ſein finſteres Sinnen zurück. Zweites Kapitel. Das Feſt der Vernunft. Ohne Ahnung von der Rolle, zu welcher die Roſe von St. Lazare gezwungen worden, war Gilbert am Morgen nach dem Beſuch Chaumettes bei Vater Ricot ſchon früh gerüſtet, um zu ſeiner Geliebten zu gehen. Er hatte heute einen ganz freien Tag, da Doktor Maury ſeinem„Bür⸗ ger Aufwärter“ geſtattet hatte, bis zum Abend nach ſei⸗ nem Geſchmack zu leben. Der gute Burſch gedachte dieſe Zeit weidlich zu benützen. Es war ein prächtiger Dezem⸗ bertag; die Sonne ſchien an einem auffallend heiteren Himmel; faſt mild war die Luft, welche wehte, während 24 Tags zuvor doch einer der unfreundlichſten Wintertage geweſen war. Das war ein prächtiges Wetter, hatte ſich Gilbert geſagt, um mit Roſa einen Spaziergang nach dem Gehölz von Vincennes zu machen, mit ihr dort bei ſeinem Freund Plachet, der einen Tanzſaal und eine Re⸗ ſtauration'daſelbſt hatte, zu Mittag zu ſpeiſen und Nach⸗ mittags zu tanzen. Das arme Ding, die Roſa, kam ſo faſt gar nicht aus ihrem duſteren, unheimlichen Gefängniß heraus in die freie, ſchöne Natur, die auch im Winter ihre Reize hat! Wie oſt hatte ſie nicht ſchon geſagt: „Gilbert, nun zeigſt Du mir bald einmal den Wald und das Feld, das verlange ich von Dir, ſonſt werde ich bös. Es gibt nicht eher einen Kuß, ſage ich Dir, ehe Du mich nicht ausführſt. Ich mag nicht immer in dieſem alten Hof mit Dir ſein, ich will hinaus unter Menſchen; dafür biſt Du mein Bräutigam.“ Und heute nun konnte er ihren Wunſch erfüllen; ſie ſollte heute ganz mit ihm zufrieden ſein, denn ein Mit⸗ tagbrod aus dem Hauſe und in Geſellſchaft war noch nicht vorgekommen. Heut war Mittwoch, da war immer viel Leben bei Plachet, Muſik, Tanz und allerlei ſonſtige Kurzweil. Das war ganz etwas Neues für Roſa. Und noch mehr. Er wollte mit ihr endlich den Hochzeitstag feſtſetzen und hatte ſeit ein paar Tagen darüber ſchwer und ernſtlich nachgedacht. Grandguillot, ſein Michbruder, wollte ſein kleines Krämergeſchäft an der Barrière de 25 !'Enfer verkaufen, um ein gebſhares, 8 Paris zu etabli⸗ ren. Das Geſchäft nährte ſeinen Mann; es war ein Handel mit Milch und Käſe, Cyder, Eiern und derglei⸗ chen, auch pflegten die Ar deiter jener Gegend dort früh morgens ihre Kohlſuppe zu eſſen und Mittags und Abends daſelbſt zu ſpeiſen. Grandguillot hatte es aus guter Freundſchaft Gilbert angeboten und wollte ihm für vier hundert Franken Aſſignaten das ganze Inventarium, die Vor athe und die Knäſchaſt verkanfen⸗ Vierhundert Franks war freilich für Gilbert viel Geld, aber er konnte auf hun⸗ dert Franks von ſeinem Herrn rechnen, die waren ihm verſprochen; das Uebrige hatte er ſich ſchon geſpart. Er hatte aus einem großen Koffer einen alten Lederbeutel hervorgezogen und, nachdem er vorſichtig ſich umgeſchaut und die Thüren geprüft, ob ſie auch verſchloſſen wären, deſſen Inhalt auf einem Tiſch geleert. Lauter ſilbernes Geld war heraus ggerollt— alte Kronenthaler, Lire⸗ und Frankenſtücke. Gilbert hatte ſie bedäc ctig und mit ſtllem Entzücken gezählt und abermals aus der Hand auf den Tiſch gezählt. „Vier und achtzig Franks— ganz recht,“ hatte er vor ſich hingemurmelt.„Vier und achtzig gute, ſilberne Lire von den Bourbons, die mehr Geld hatten, wie die Republik! das iſt ein ſchoͤnes Geld. Dafür kann ich mir heute über Zwehundert Aſſignaten kaufen.“ Und nun in Gedanken den Kaufspreis mit ſeinem Vermögen verglei⸗ 26 chend, fuhr er fort:„Einhundert Aſſignaten und zwei⸗ hundert ſind dreihundert. Da fehlen mir noch hundert.“ Er ging wieder zu ſeinem Koffer und holte ein altes Gebetbuch heraus. Unter dem Deckel desſelben lagen meh⸗ rere Aſſignaten, die Gilbert wohlgefällig zwiſchen die Finger nahm und nun zählend und mit ſeinen Bemerkun⸗ gen neben das Silbergeld legte: „Fünfzig Franks— das iſt die Aſſignate von Herrn von Chénier, dieſem braven Herrn, die er mir geſchenkt hat, als ich das arme Fräulein aus der Salpetriore fort⸗ kutſchirte. Das liebe Mädchen, daß es ſterben mußte— es war eine feine Dame gewiß. Herr von Chenier und mein Herr weinten, als ſie begraben ward. Ich glaub', es muß eine Tochter des Herrn Doktors geweſen ſein; die alte Urſula ſpielte'mal darauf an. Na, es geht mir nichts an.“— Er legte eine zweite Aſſignate auf den Tiſch. „Fünfzig Franks und fünfundzwanzig ſind fünfundſieb⸗ zig“, rechnete er dabei.„Dieſe habe ich vom Herrn Doktor gekriegt, als ich mit dem Wagen nach der Salpetriere fuhr. Und das hier,“ fuhr er ſchmunzelnd fort,„habe ich mir von meinem Lohn und den Trinkgeldern erübrigt, das ſind zehn, zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig, ſechzig Fran⸗ ken— macht zuſammen hundert fünf und dreißig Franken und dreihundert dazu— da habe ich mehr wie den Kauf⸗ preis an Grandguillot. Nun ziehe ich noch an vierzig bis fünzig Franks an Lohn und Trinkgeldern bis zur Hochzeit 27 und dazu die baaren hundert Silberfranken von Roſa— und da ſind wir reich und können ein Geſchäft über⸗ nehmen.“ Glücklich in dieſer Vorſtellung und zufrieden mit ſei⸗ nem Vermögen, packte Gilbert ſorgſam das Silber und dann die Aſſignaten wieder fort. Eine behielt er zurück und ſteckte ſie zu dem Kupfer in ſeiner ſchmutzigen Börſe. —„Das iſt für heute— da ſoll's auf ein paar Franks nicht ankommen,“ murmelte er dabei vor ſich hin. Nachdem er ſeinen Koffer wieder verſchloſſen, ver⸗ ließ er die Wohnung, um in ſeinem Sonntagsſtaat, kaf⸗ feebraunem baumwollenen Frack, rothkarrirter Weſte, brau⸗ nen Tuchhoſen, die bis auf die Schuhe reichten, eine re⸗ publikaniſche Mütze auf dem Kopf, zu Roſa zu gehen. Der brave Junge dachte anterweges nur immer an die Hochzeit, an Roſa und an ſein zu kaufendes Geſchäft. „Ei“, ſprach er vor ſich hin,„wie ſchön wird das ſein, wenn Roſa hinter dem Buffet ſteht, mit der weißen Schürze bis zum Halſe, und Eier verkauft, Milch ein⸗ mißt, die Speiſen zurecht macht, die ich dann meinen Gäſten vorſetze. O ſie ſollen nicht klagen— ich werde für gute Waare ſorgen. Von Plachet, der ſelbſt ſchlachtet, laß' ich mir die Wurſt geben, von Blaffard, meinem Dutz⸗ Bruder, beziehe ich den Cyder— das wird ein gutes Ge⸗ ſchäft geben und vielleicht kaufe ich mir dann noch ein klei⸗ nes Haus bei Paris mit einem Gärichen— natürlich, 28 wenn ich erſt hübſch verdient habe— dind da kommen denn alle Tage die Gäſte und Sonntags iſt Tanzmuſik. Das wird luſtig ſein und Roſa— Gilbert hielt plötzlich inne. Er hatte den von ihm betretenen Faubourg hinabgeblickt und vor St. Lazare ei⸗ ne dichte Menſchenmenge ſtehen geſehen. Ueberraſcht über dieſe an ffällige C Erſcheinun ag beſchleunigte er ſeine Schritte. „Man wird doch nicht wieder ſo wie im September handeln?“ murmelte er vor ſich hin und ſein Herz ſchlug dabei vor Angſt.“ Die arme Roſa! Sie käme ja um vor Schrecken.“ Aber als erkläre er ſich plötzlich dieſen Aufla: uf, fuhr er fort „A, man wird wieder ein paar Karren mit armen Teufeln nach der Guillotine führen und das Volk war⸗ tet darauf, um ſie zu ſehen. Gewiß, wieder ein paar Ariſtokraten oder ſchöne Frauen.“ Er war an die Erſten des Menſchenhaufens her⸗ angekommen und fragte: „Wer zieht den heute ab, Bürger, daß hier ſo viel Menſchen warten?“ die Verſchwörer meinſt Du?“ a twortete Je⸗ ner.„Die ſind ſchon fort und gewiß ſchon guillotinirt. Es waren vier alte Frauen, zwei Mädchen, Ariſtokrat⸗ tinen, und ein Karren voll Maännern. Darauf warten wir nicht, ſondern auf die Göttin der Vernunft.“ 29 verwundert.„Was iſt denn das? Der Sansculotte maß den Frager mit einem miß⸗ trauiſchen Blick von oben bis unten; dann ſagte er: „Das Feſt der Vernunft wird heut in dieſem Viertel gefeiert, in der alten Lorettokirche, die wir ausräuchern werden, damit der alte Geiſt hinauskommt. Du wirſt doch wiſſen, Bürger, daß die Vernunft jetzt die Religion der Republik iſt?“ Gilbert hatte nur oberflächlich davon gehört, aber er hütete ſich wohl, ſeine Unkenntniß merken zu laſſen; der Blick des Sansculotten hatte ihn zur Vorſicht ge⸗ mahnt. „Allerdings, Bürger,“ erwiderte er daher.„Ich bin ein guter Patriot, parbleu! Aber was zum Henker! macht man denn in St. Lazare? Wohnt denn da die Göt⸗ tin der Vernunft, die man, wie Ihr ſagt, abholt?“ In dieſem Augenblick entſtand eine große Bewegung vor dem Thore von St. Lazare. Das Volk ſtieß Freuden⸗ rufe und Vivats auf die Vernunft und auf Chaumette aus. Man ſah über den Häuptern der Menge eine Gruppe von weißgekleideten Mädchen, in maleriſcher Haltung eine in der Mitte des Wagens auf einem Seſſel ſitzende weib⸗ liche Geſtalt umgebend. „Da iſt die Göttin der Vernunft!“ rief der Sans⸗ 30 culotte, indem er auf dieſe Mädchengruppe wies und dann ſich in der vorwärts fluthenden Menge verlor. Gilbert hatte neugierig ſeinen Hals ausgereckt, um die Göttin der Vernunft zu ſehen. Aber es gelang ihm nicht. Der Wagen hatte ſich ſofort in Bewegung geſetzt, umringt von einer großen Menſchenmenge, die zwiſchen ihm und Gilbert drängte und nicht zu durchbrechen war. Unwillkürlich ſchloß ſich Roſa's Bräutigam dem Zuge an. Am Thor von St. Lazare hielt er einen Augenblick ſtill, als überlege er, ob er nicht lieber hier eintreten ſolle. Doch die Neugierde und der Umſtand, daß es doch noch früh am Tage war, beſtimmten ihn, dem Zuge weiter zu folgen und dem Feſt der Vernunft einige Zeit beizu⸗ wohnen. Als er endlich mit in die Kirche gekommen war, ſah er deutlicher die Geſtalten der Mädchengruppe, welche be⸗ reits auf dem Altar Platz genommen hatte. Er traute anfangs ſeinen Augen nicht— es ſchien ihm, als ſei das Mädchen auf dem Thronſeſſel am Altar ſeine Roſa— er erbleichte und endlich ſchrie er laut auf. „Nilles tomerres! das iſt ja Roſe!“ Eine rauſchende Muſik ließ die Worte ungehört ver⸗ hallen. Ein paar Nebenſtehende hatten nicht darauf ge⸗ achtet, ſondern waren in dem Anblick der Mädchengeſtal⸗ ten wie verſunken. Gilbert wandte gleichfalls kein Auge von der reizenden Gruppe, aber Zorn und Schmerz lag 31 in ſeinem Blick. Es war keine Täuſchung, er erkannte ganz genau in der Göttin der Vernunft ſeine Braut. Sie ſaß, kaum ihre üppige Bruſt bedeckt mit der weißen Tu⸗ nika, die phrygiſche Mütze auf dem dunklen, phantaſtiſch fri⸗ ſirten Haar, ſtarr und bleich in ihrem Seſſel, die bloßen Arme vor ſich ſchlaff auf den Lenden liegend, deren For⸗ men man durch das feine, luftige Gewand wahrnehmen konnte. Um ſie herum ſtanden Mädchen in weißen Klei⸗ dern mit dreifarbigen Gürteln; ſie waren womöglich noch leichter gekleidet als Roſa; ihre Buſen waren frei, ihre Gewänder ſo geſchützt, daß man ihre Beine bis zum Knie ſehen konnte, wenn ſie ſich wandten. Auch ſie rührten ſich nicht. Während der aufregenden Muſik, die durch die ho⸗ hen Hallen rauſchte, gaben ſie ſich dem Anblick der gieri⸗ gen Menge preis. Gilbert fühlte einen brennenden Schmerz in ſeiner Bruſt; ſein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen— er ſagte all' ſeinen Hoffnungen und Träumen Lebewohl. „Das hätte ich nicht geglaubt,“ murmelte er vor ſich hin,„als ich heut morgens ausging, um mit ihr zu Plachet zu gehen! Nun iſt's aus und für immer! Die Elende, die mir nicht einmal davon ſagte— und Vater Ricot, der ſonſt ſo ſtreng iſt und nun ſeine Tochter in ſolcher Kleidung öffentlich ſich ausſtellen läßt. Göttin der Vernunft! der Teufel— dazu gibt's wohl andere Wei⸗ ber als die Roſe, die Braut iſt! Und hätte ſie mir nur 32 etwas davon geſagt, ich würde nicht ſo erbittert ſein als jetzt, wo ſie's thut, ohne daß ich etwas davon wußte. Pfui das iſt ſchändlich! Und das Mädel hat dabei ſo dezent gethan, ſo unſchuldig— nicht anrühren mochte ſie ſich laſſen! Wie iſt das nur möglich? Oho, ſoll man ſpäter ſagen: der Gilbert hat die Roſe von St. Lazare zur Frau, die einmal in Lorett die Göttin der Vernunft ge⸗ macht und deren Buſen ich geſehen habe, ſo frei wie ihre Wangen? Nein, ich bin parbleu! der Gilbert und der iſt brav, und aus iſt's nun mit uns, wie mir's auch an⸗ kommt— aus iſt's doch für immer.“ Der arme Burſch hielt Folterqualen aus, aber er war ſtandhaft, er rührte ſich nicht, er ließ Niemanden mer⸗ ken, was in ihm vorging.„Aber nachher gehe ich zu ihr und zu Vater Ricot,“ dachte er bei ſich,„ich werde zu ihr kommen, wenn ſie noch dieſe Kleider auf ihrem Leibe trägt und ſie ſoll hören, was ich von ihr denke.“ Die Muſik ſchwieg jetzt. Eins der Mädchen trat jetzt zu Roſa heran und gab ihr eine brennende Kerze. Mechaniſch nahm die„Göttin der Vernunft“ das Licht in die Hand, erhob ſich mühſam und ſchritt dann, ſichtlich mit Aufbietung aller Kräfte, auf eine mächtige Fackel am Altar zu. Sie zündete ſie an und dann faßte ſie nach der Lehne des Seſſels, um ſich daran aufrecht zu halten, denn ſie war einer Ohnmacht nahe, die Arme. Gilbert bemerkte das ſehr gut und plötzlich blitzte der Gedanke 33 durch ſeinen Kopf, daß Roſa zu der Rolle, die ſie jetzt ſpielen mußte, gezwungen und ſie unſchuldig ſei. „Man ſieht's ihr ja an,“ ſagte er ſich,„ja, ja, ſie iſt nicht ſchuldig, ſte wäre deſſen nie fähig geweſen.“ Und Gilbert war bereits verſöhnt. Als die Fackel, welche das Licht der Philoſophie be⸗ deuten ſollte, loderte, nahm einer der von Chaumette in⸗ ſtallirten Prieſter aus den Händen zweier Acolythen das Rauchgefäß mit Weihrauch, kniete nieder und räucherte. Er ſprach dabei mit Pathos von der Hoheit der neuen Religion und mit Empörung von dem alten Götzendienſt. Die Muſik ſchallte wieder— die profanen Klänge von Tanzmelodien tönten durch die ehrwürdigen Hallen. Die Mädchen mit den dreifarbigen Gürteln traten jetzt vor und begannen einen jener indezenten wollüſtigen Tänze, wie ſie unter der Republik Mode waren; nur hatte das Raffine⸗ ment Chaumette's den Tanz mehr in griechiſchen Geſchmack zugeſtutzt. Die ſinnlichſten Bewegungen wurden von den Tänzerinnen unter dem rohen Beifallsgeſchrei der Menge ausgeführt; bald bogen ſie ihre Leiber zurück, um die Wölbung ihrer Buſen und die anſchwellenden Formen ihrer Beine zu zeigen, bald bildeten ſie Gruppen, welche in lei⸗ denſchaftlicher Weiſe mit Geſten das Gefühl des Verlan⸗ gens ausdrückten. Plötzlich ſah man die Göttin der Vernunſt, welche bisher regungslos und bleich neben der Fackel geſtanden 4861. 46. Apoll von Byzanz. III. 3 34 hatte, zuſammenbrechen, ohne einen einzigen Ton von ſich zu geben. Ein Gemurmel des Unwillens über ſolche Stö⸗ rung der Feierlichkeit ließ ſich vernehmen; die Tänzerin⸗ nen waren zu der am Boden Liegenden geeilt; einzelne Männer ſprangen bereits auf die Erhöhung. Da theilten die Arme Bilberts mächtig die Menge, in einer Minute hatte er ſich Bahn bis zu den Stufen gebrochen, ſprang hinauf, auf Roſa zu und hob ſie wie ein Kind auf ſeinen Arm, indem er das himmelblaue Gewand, welches ſie noch über ihrer weißen Tunika trug und welches hinten herabgehangen hatte, abriß und um ihre Bruſt ſchlug. Im Moment war er wieder unten und rief der erſtaunten und zornblickenden Menge mit Donnerſtimme zu: „Zurück! Platz! Ich trage meine Braut! Ein Schuft, wer ſie anrührt! Ein Elender, der mich aufhält! Sie ſtirbt, ſte ſtirbt! Scheu wie vor einer höheren Gewalt wich das Volk zurück. „Sie ſtirbt! Sie ſtirbt! rollte es durch die Menge und überall wich ſie vor Gilbert zurück. Er trug Roſa vor ſich, man ſah ihren Kopf mit dem todten Antlitz über ſeinen Arm herabhängen. Ohne Hinderniſſe erreichte er die Kirchenthür und ohne Aufenthalt eilte er mit ſeiner Bürde über die Straßen. Er hielt mit übermenſchlicher Kraft die Geliebte in den Armen, trotzdem der Tod ihr Gewicht verdoppelt hatte. Das Volk, das auf den 35 Straßen war, ſah ihm verwundert nach und konnte ſich die Erſcheinung nicht erklären. Plötzlich ſtieß er einen Freudenſchrei aus und lief quer über die Straße einem ſchwarz und elegant geklei⸗ deten Mann entgegen. Er hatte in ihm ſeinen Herrn, den Doktor Maury, erkannt. „Helfen Sie, helfen Sie um Gott! ſtieß Gilbert athemlos hervor, indem er ſeinem Herrn die ſtarre Ge⸗ ſtalt Roſa's entgegenhielt.„Sie kann nicht todt fein— o nein, ſie wird noch leben, aber Sie müſſen helfen, Herr Doktor, mein Herr!“ Einen Augenblick nur war Doktor Maury von dem Begebniß und dem Schmerz ſeines Dieners, der ſich in Worten wie Gebärden kund gab, betroffen, dann befahl er Gilbert, mit ſeiner Bürde in das nächſte Haus zu treten. „Nein, Herr,“ entgegnete dieſer,„da drüben iſt St. Lazare, dort wohnt ſie.“ Und ohne die Antwort des Dok⸗ tors abzuwarten, lief er nach dem wenige hundert Schrit⸗ entfernten Hauſe, ſchlug gegen das Thor und legte Vater Ricot, der wie immer finſter auf ſeinem Platze war, ſeine Tochter in den Schooß. „Der Arzt kommt,“ rief er dabei und ſchüttelte die erſtarrten Arme,„laßt das Thor auf, Vater Ricot und dann laßt mich Roſe ins Zimmer tragen.“ „Mein Kind iſt todt!“ ſtieß jetzt der Gefangenwär⸗ ter in ſeiner rauhen Weiſe heraus, aber man hörte es der 35 36 Stimme an, daß die Vaterliebe ſie vibriren ließ. Er blieb unbeweglich ſitzen, ſtarrte ſeine Tochter an, die bleich und ſtarr auf ſeinem Schooße lag. „Was iſt geſchehen, Gilbert,“ fragte er endlich wie⸗ der.„Hat man ſie gemordet?“ „Naͤchher, Vater Ricot— da kommt der Doktor, es iſt mein Herr.“ Doktor Maury trat ein. Hinter ihm ſchloß ſich das Thor vor den Menſchen, welche ſich dort verſammelt hat⸗ ten. Vater Ricot nahm alsdann ſein Kind in die Arme, erhob ſich und trug es, gefolgt von Maury und deſſen Diener, über den Hof in ſein Zimmer. Dort legte er Roſa aufs Bett und ſtellte ſich, ohne ein Wort geſprochen zu haben, an die Thür zu Gilbert. Doktor Maury löſte die Kleider von der Bruſt des Mädchens und legte ſeine Hand auf die Herzgegend. Er fühlte Nichts. Er ſtrich ihr über die Augen und es regte ſich Nichts. Er ſprengte aus einem im Zimmer ſtehenden Topf Waſſer in ihr Geſicht— er netzte ein bleiches Antlitz, aus dem das Leben gewichen war. Sinnend und prüfend betrachtete der Arzt einen Moment die todte Geſtalt, der er zartſinnig wieder die Blößen bedeckt hatte, dann fragte er Gilbert, der angſtvoll alle Handlungen ſeines Herrn verfolgt, was mit dem Mäͤdchen geſchehen. „Am Altar in der Kirche iſt ſie plötzlich zuſammen⸗ geſtürzt,“ antwortete Gilbert.„O ſie hatte furchtbar ge⸗ 37 fandft ſchon lange eh's geſchah; ich habe es wohl ge⸗ ehen.“ Der Arzt prüfte dabei noch immer Roſa, an der ſich kein Glied regte. 7 4 „Bürger,“ fragte jetzt Vater Ricot,—„was iſt's,— iſt ſie todt oder nicht?“’? „Sie iſt nicht todt,“ antwortete der Arzt,„geht, ruft mir eine Frau zur Wartung und laßt mich dann allein.“ Die beiden Männer, von ihrer Angſt befreit, ver⸗ ließen das Zimmer. Vater Rieot rief eine der Frauen der Wächter und ſchickte ſie zum Arzt. Dieſer hatte in⸗ zwiſchen eine Taſſe genommen, den einen Arm Roſa's, der ſchon ſteif war, aus dem Bett gelegt und die Ader ge⸗ ſchlagen, als die Frau zur Hilfeleiſtung anweſend war. Ein paar Sekunden vergingen, ehe Blut kam, dann tropfte es langſam, endlich ſchneller aus der Ader in die Taſſe. Aber noch immer regte ſich Roſa nicht. Der Arzt legte den Verband um und ſie blieb ſtarr; er fühlte ihr Herz wieder ſchlagen und doch zog kein Leben in die Glieder. Er befahl der Frau, die Bruſt Roſa's mit einem wollenen Tuche zu reiben und erſt, als dies mehrere Minuten lang geſchehen, zuckte der Körper. Nun aber kehrte ſchnell das Leben zurück, bald ſchlug ſie die Augen auf und ſtieß einen Seufzer aus. Sie war gerettet, vom Tode gerettet, denn 38 ohne die ſchnelle Hilfe wäre jeder Wiederbelebungsverſuch fruchtlos geweſen. Doktor Maury gab der Frau ſeine Verhaltungsbe⸗ fehle und verließ dann das Zimmer. Er ſagte in wenigen Worten Vater Ricot, was geſchehen, und ſchritt dann wie⸗ der zum Thore hinaus.. „Das war ein Glück, Vater Ricot, daß ich meinen Herrn auf der Straße traf,“ ſagte dann Gilbert zu dem Wächter, der wieder in ſein murriſches Weſen zurückgefal⸗ len war.„Nun, Gottlob! daß es ſo vorübergegangen iſt und ich nun auch weiß, wie es zugegangen, daß Roſa die⸗ ſem Feſte hat als Göttin beiwohnen müſſen. Vater Ricot, Ihr hättet es nicht dulden ſollen.“ Der Alte antwortete nicht auf dieſen Vorwurf. „Ihr ſeid doch Roſa's Vater“, fuhr Gilbert fort, „und der Bürger Chaumette würde nicht darauf beſtanden haben, Eure Tochter zu dieſem Feſt zu zwingen, wenn Ihr geſagt hättet: das geht nicht, das leide ich nicht, ſucht Euch ein anderes Mädchen.“ Vater Ricot zog die buſchigen Augenbrauen enger zuſammen und knurrte dann: „Burſch, was ſchwatzeſt Du? Der Bürger Chau⸗ mette hätte mich abgeſetzt, vielleicht noch mehr.“ „Wie kam er denn dazu, gerade Roſa ſich auszu⸗ ſuchen?“ „Wenn ich das wüßt'!“ 39 „Die arme Roſa, ſie hätte den Tod davon haben können! Was iſt das ſchon für Unvernunft, im Winter mit ſo leichten Kleidern paradiren zu müſſen, als ſei Juli⸗ tag. Sonderbare Einfälle haben die Bürger aber doch, das iſt wahr.“ Der Alte ſchwieg; auch Gilbert, der unter dem Thor auf und ab ging, ſprach kein Wort mehr; der gute Burſch hatte alle Angſt und allen Zorn über den Worten ſeines Herrn vergeſſen, der ihm geſagt, daß Roſa außer Gefahr ſei. Nach einer Weile kam die Frau über den Hof und berichtete, daß Roſa ins Bett gebracht worden und bis auf eine große Schwäche ganz geſund ſei. „Nun, Vater Ricot, laßt mich zu ihr gehen,“ nahm Gilbert darauf das Wort,„ich hab' doch viel auf dem Herzen und mocht' mit ihr reden.“ Der Alte winkte nur mit dem Kopf und Gilbert ging in das kleine Haus im Hofe und trat in Roſa's Zimmer. Sie empfing den Geliebten mit mildem, freundlichen Lächeln, reichte ihm aus dem Bett heraus die eine Hand und ließ ihn ſich auf den neben dem Bett ſtehenden Stuhl ſetzen. „Gut, Gilbert, daß Du kommſt“, ſagte ſte dann, „ich hab' ſchon gehört, daß Du es warſt, der mich aus dieſer ſchrecklichen Verſammlung gebracht. Ach, Gott! Du wirſt ſchlecht von mir denken.—“ „Nein, nein Roſa, Vater Ricot hat mir ſchon erzählt, wie's zugegangen iſt,“ unt auch gleich gemerkt, daß Du nicht mit dem Herzen dabei warſt, als Du ſo ſtarr und blaß auf dem Altar ſtandſt. Laß nur gut ſein, Roſa, 40 erbrach ſie Gilbert.„Ich hatt's und gräm' Dich nicht mehr— ſie werden Dich wohl in Ruhe laſſen.“ „Darüber hab' ich A ngſt— ich ſag' Dir, der Bür⸗ ger Chaumette iſt ein böſer Menſch; deßhalb that ichs auch, daß ich mich zu dieſer Stelle hergab, denn er hätte den Vater am End' gar ins Gefängniß geſetzt und mich auch.“ „Nun denke Dir mein Erſtaunen, als ich hieher kam, um Dich abzuholen und ſehe Dich als Göttin der Ver⸗ nunft auf dem Wagen. Erſt kannte ich Dich gar nicht, dacht' auch nicht, daß es m in der Kirche ganz genau oͤglich ſein könnte, bis ich Dich ſah. Jammerſchade um den ſchönen Tag, Roſa; ich hatte heut ganz frei und wollt; Dich nach dem Walde von Vincennes zu Plachet führen. Da hätten wir dinirt und dann getanzt. Und noch mehr! Ich wollt' mit Dir von der Hochzeit reden— ich hab' ein ſchönes Geſchäft zum Kaufe angeboten erhalten.“ Er er⸗ zählte nun davon und von ſeinen Berechnungen und von ſei⸗ nen Träumen. Roſa hörte ihn eifrig mit an, ſie begann ſogar wieder zu debattiren und mit ihren Ideen die ihres Geliebten zu beherrſchen. des tragiſchen Vorfalls vo So malten ſich Beide, trotz m Morgen, ihre Zukunft aus 41 und ſchieden endlich, als es dunkel wurde, einig wie nie, von einander. Als Gilbert wieder zu Vater Ricot kam, erzählte er auch ihm mit ſichtlichem Behagen den Inhalt ſeines Ge⸗ ſprächs mit Roſa.„Nicht wahr, Vater Ricot, wir machen nun bald Hochzeit?“ fragte er ſchließlich, und der Alte, im Herzen froh und Gilbert mehr denn je gewogen, nickte mit ſeinem rauhen Geſicht dazu und ſchob den Riegel des Thores zurück. Gilbert ging zufrieden wieder zu Doktor Maury, ſeinem Herrn. Drittes Kapitel. Die Flucht. Der Neujahrstag 1794 war vorüber. In den roya⸗ liſtiſchen Kreiſen von Verſailles und St. Germain hatte man ihn bedeutungsvoller denn je gefeiert, als den Tag eines Jahres, deſſen Ende vielleicht beſſer ſei als ſein An⸗ fang, und als den Tag der Reunion, auf der man von Manchem fürs Leben Abſchied nahm. Denn über Allen hing das Damoklesſchwert. Tagtäglich wurden aus die⸗ ſen Kreiſen Einige in die Kerker von Paris geführt; Nie⸗ mand war gewiß, ob er den andern Morgen noch ein freier Mann ſei, ſeiner Familie und ſeinen Freunden ge⸗ 42 höre. Die Scho'nung, welcher ſich waͤhrend des Lebens der Girondiſten die royaliſtiſchen Kreiſe zu erfreuen ge⸗ habt, war mit der Vernichtung jener Partei einer unauf⸗ hörlichen Verfolgung Seitens des Wohlfahrtsausſchuſſes gewichen. Wäh rend die Machthaber der Republik bisher ihre gefährlichen Feinde in den Männern der Gironde er⸗ kannt und auf deren Vernichtung alle ihre Kräfte concen⸗ trirt hatten, waren ſie jetzt wieder eifriger in der Einker⸗ kerung und Hinrichtung der Royaliſten, da dieſe noch am meiſten zu Opfern eines Regiments ſich eigneten, welches— durch den Schrecken beſtand. Die Feinde, welche bereits ſich ſchaarten, um mit den Schreckensmännern einen Kampf auf Leben und Tod, wie die Gironde, zu beſtehen, zeig⸗ ten ſich ihnen noch nicht, um ihre Aufmerkſamkeit von den meiſt gefahrloſen Royaliſten abzuziehen. André Chenier wohnte noch immer im Hauſe des Herzogs von St. Aignan, in jenem Zimmer, welches nach dem Fluße hinausging und von wo zugleich der Weg nach dem Rettungboote führte. Noch hatte man kein An⸗ zeichen der Gefahr bemerkt, aber die Gitter des Hauſes waren ſeit Wochen ſchon und immer geſchloſſen. Niemand als Bekannte durften eintreten! der Herzog hatte für den Moment der Fluchit Alles vortereitet, die Koſtbarkeiten und ſein baares Vermögen wohl in Sicherheit gebracht. Viele von den Freunden des Hau ſes waren bereits in den Kerkern; der erſte war Roucher geweſen, der in St. La⸗ 43 zare ſchmachtete, ohne prozeſſirt zu werden; auch Herr von Roquelaure und Frau von Perigard, Herr von La⸗ garde und der alte Parlamentsrath waren bereits verhaf⸗ tet; einige Andere glücklich ihren Verfolgern entflohen. Der Herzog hatte unweit ſeiner Wohnung in Verſailles einen Wagen und kräftige Pferde geſtellt, um mit dieſen die Flucht nach der Bretagne oder nach der Küſte zu er⸗ möglichen. Im Augenblick der Gefahr hoffte man dieſen Wagen ſicher zu erreichen. André war heut in einer ſeltſamen Aufregung. Es dunkelte bereits, aber er hatte noch nicht nach Licht ge⸗ klingelt. Er ſaß vor dem flackernden Kaminfeuer und ſtarrte mit ſeinen ſchwarzen, flammenden Augen hinein, die Beute einer Flut von Gedanken, welche wild durch ſein Hirn trieb. Zorn und Schmerz malten ſich in ſeinem Antlitz. Er war längſt wieder in den Zuſtand der Le⸗ bensüberdrüſſigkeit gefallen, aber er brütete darauf, ſein Leben um einen hohen Preis hinzugeben. Um welchen? Er wußte es nicht. Zuweilen rollte eine Verwünſchung zwiſchen ſeinen Zähnen und dann zuckte es in ſeinen Wan⸗ gen und die Stirnhaut hob und ſenkte ſich mit dem kurzen, ſchwarzen Haar. Die Zuſtände Frankreichs, das Regi⸗ ment der Terroriſten, der Jacobiner, die Ohnmacht, ſie zu vernichten, brachten unaufhörlich das Blut dieſes hochher⸗ zigen Patrioten in Wallung. „O Schande! o Schmach!“ ſagte er vor ſich hin und 44 ſein Fuß ſtieß heftig gegen das kleine Eiſengitter vor dem Kamin.„Gott, nur leben möcht' ich ſo lange, um dieſe Elenden ſterben zu ſehen! Nur ſo lange bitte ich um das Licht meiner Augen, um die Sonne Frankreichs wieder über Menſchen, nicht mehr über Ungeheuer leuchten zu ſehen. Die Elenden! Sie würgen Frankreichs Edelſte dahin, ſie vergeuden das beſte Blut, ſie knicken die Blü⸗ the, um es für ewig der Freiheit zu entziehen, die Race der Selaven wuchern zu machen. Und dieſes Volk ſieht geduldig zu, ſieht dieſem Henkerſchauſpiel zu, als ſpielte man ein Stück von Picard!“ Er ſprang haſtig auf und ſchritt auf und ab in ſei⸗ nem Zimmer, bald die heiße Stirn gegen die beſchlage⸗ nen Fenſterſcheiben drückend und in den entlaubten Wald gegenüber ſtarrend, in dem der Mond zwiſchen den Bäu⸗ men ſpielte, bald an den Tiſch vor dem Kanapee tretend, auf dem eine Menge Papiere lagen. Es klopfte; ein Die⸗ ner trat ein und ſtellte einen ſilbernen Armleuchter mit brennenden Kerzen auf den Tiſch. „Die Frau Herzogin laſſen fragen,“ wandte ſich dann der Diener höflich gegen André,„ob Sie heut dem Souper beiwohnen werden, Herr von Chénier?“ „Ich werde kommen, Francois. Beſuch iſt doch nicht da?“ „Niemand, Herr von Chenier. Alle Eingänge ſind bereits verſchloſſen.“ „Gut, ich gehe heut auch nicht mehr fort.“ Der Diener ging. Andre ſetzte ſich auf das Kana⸗ pee und legte den Kopf gegen die Lehne. Der Zwiſchen⸗ fall hatte ihn der Betrachtung der Zeit entrückt; das Bild der Frau von St. Aignan ſtand vor ſeiner Seele. Er liebte ſie mit einem ſanften Feuer, ohne je durch eine Miene oder ein Wort die Gattin ſeines Freundes in die Verſuchung geführt zu haben, das Myſterium ihres Her⸗ zens zu verletzen. Er wußte ſich geliebt und kein Stachel drückte ſich in ſein Gemüth, wenn er an dieſes ſympa⸗ tiſche Leben dachte, welches zwiſchen ihm und Leonie nun ſchon ein Jahr lang beſtand, ohne von der Leidenſchaft er⸗ regt, oder durch eine Sünde verbittert worden zu ſein. Es war eine keuſche, züchtige Liebe zwiſchen Beiden, die der Frau von St. Aignan ſanftes Gemüth glücklicher machte, als das André Cheniers, welches von jeher vor⸗ zog, mit Leidenſchaften einen Kampf zu beſtehen. Er war nicht im Stande, ſich je ſein Inneres klar zu machen und alles Nachdenken über ſein Gefühl zur Herzogin löſte ſich unwillkürlich in allerlei andere Empfindungen auf. Auch jetzt, wo er das Bild der ſchönen, edlen Frau vor Augen hatte und ſich in Gedanken ſagte: ſie liebt Dich und Du liebſt ſie wieder; auch in dieſem Augenblick, wo er ſein auf⸗ geregtes Gemüth mit dem Gedanken an Leonie beruhigen und andächtigen wollte, ſchweifte bald wieder die Phantaſie fort, zurückkehrend zu dem holden Gegenſtand, wie der 46 Schmetterling zu einer Blume, aber immer wieder davon⸗ flatternd. Valeriens Bild trat dazwiſchen und das Andenken an ſie vermochte noch immer dieſen Mann zu begeiſtern. „Dahin, dahin!“ rief er faſt wehmüthig aus.„Da⸗ hin die Zeit, wo ich Himmel erſtürmte, auf den Flügeln göttlichſter Leidenſchaft der Sonne zuflog, wo ich Brü⸗ cken über Meere, Leitern an Gebirge lehnte! Der Kra⸗ ter hat ausgelodert, Apoll iſt ein Menſch geworden. O Valerie, welch' eine Liebe begreifſt Du— welch' eine Liebe könnte wieder die Leidenſchaften wecken, die Dir gehörten und auf Deinem Grabe entſchliefen!“ Einen Augenblick dachte er hierbei an das feurige, blendende Fräulein von Coigny, die er am Neujahrstag zum erſten Mal ſeit langer Zeit wieder in der Soiree bei Frau von Paſtoret geſehen hatte. Er fühlte einen mächti⸗ gen Blutandrang zum Herzen— aber nur einen Augen⸗ blick, dann ſtrich er mit der Hand über die Stirn und murmelte: 4 d7Sic Weßhalb denke ich an Sie? Sie iſt ein Kind.“ Er ergriff die Feder und wollte ſchreiben. Er ſchleu⸗ derte ſie zornig wieder fort. „Es iſt aus— die Poeſie iſt mir entflohen,“ rief er, „die Feder iſt in meiner Hand eine Feder und ſie ſchreibt nur noch mit Tinte. O, ich bin jämmerlich umgekom⸗ men! Zwecklos, werthlos iſt mein Leben geweſen, meine 47 Ideale ſind zertrümmert, meine Schwingen wie die des Ikarus nur von Wachs geweſen, geſchmolzen, als die Sonne ſie traf. Da liegen ſie, die Kinder: der Muſe“’— er zeigte dabei auf beſchriebene Blätter—„ungerat hene Kinder, die man vernichten muß. Ja, ve rnichten!“ fuhr er wild auf.„Ich werde wie Saturn handzeln!“ Er ergriff eine handvoll Papiere, auf denen ſeine jüngſt verfaßten Gedichte ſtanden, zerknitterte die Bl ätter und warf ſie ſchnell in die Flamme des Ka mins. „Es thut Einem weh, ſo ſein eige nes Selbeſt zu morden,“ ſagte er ſchmerzlich und verfol gte mit ſi inen Augen die Flamme, welche ſchnell die Pa piere verze hrte. „Aber es liegt ein Hochgenuß in dieſer Sel bſtpeinigur ig.“ Abermals griff er nach einem Stoß. Papiere und warf ſie in die Flamme. Ein Blatt flog neben den Ka⸗ min, er hob es auf, um es ins Feuer zu werfen. S ein Blick traf auf die Schrift. „‚Nein,“ ſagte er,„Du wollteſt nich)t umkommen— ich will Dich nicht morden. Er legte„:s auf den Tiſ ch zurück und vertiefte ſich in die Lektüre ſ eines eigenen Ge⸗ dichts. Es war eine Hymne an die Freundſchaſt— ein Preislied auf Frau von St. Aignan. Plötzlich klirrte es an dem Fenſte x, welches nach dem Waſſer hinausging. Es war, als we an Jemand mit Erde dagegen geworfen hätte. André ſtutzte. Er horchte la age Zeit, ohne ſich von 48 dem Tiſch zu bewegen, an dem er ſtand. Was konnte das bedeuten? Er war einen Augenblick lang unentſchloſſen, ob er das Licht auslöſchen ſolle oder nicht. Aber konnte nicht das Geräuſch zufällig hervorgebracht ſein? Viel⸗ leicht, dachte er, war es auch nur eine Einbildung. Er war aufgeregt— es war auch kein Grund vorhanden, über das Geräuſch ſich Gedanken zu machen. So ſetzte er ſich in ſein Kanapee, mit der Hand die glühende Stirne ſtützend. Abermals ward jetzt gegen das Fenſter geworfen und heftiger. Die kleinen Kieſelſteine, welche ſich in der Erde befunden haben mußten, brachten einen ſchrillen Ton her⸗ vor. André ſprang auf— es war keine Täuſchung mehr, es mußte irgend Jemand unter dem Fenſter ſein. Er offnete den Gewehrſchrank, ergriff eine der Doppelpiſtolen und eilte an das Fenſter. Schnell riß er es auf und blickte hinunter in das Waſſer. Es war dunkle Nacht und er ſah Nichts. Er horchte eine Weile und ſtarrte in den Wald gegenüber, aus dem ſich in der That eine dunkle Geſtalt bis dicht an den Rand des ſchmalen, kaum zwanzig Fuß breiten Gewäſſers bewegte. „Pſt!“ tönte es wie warnend von dorther. „Wer da?“ fragte André mit halber Stimme hin⸗ über, indem er den Hahn ſeines Piſtols knacken ließ. „Jean, Meiſter Jean!“ entgegnete die Stimme, die Andrè auch ſogleich für die des Gärtner Colliers erkannte. 49 Beruhigter, aber neugierig rief nun der Dichter, in⸗ dem er ſich aus dem Fenſter bog, hinüber: „Was, zum Teufel! Jean! Was führt Dich noch hierher?“ „Schnell, ſchnell— die Polizei hält Razzia— flie⸗ hen Sie, ich erwarte Sie.“ Dieſe haſtig ausgeſtoßenen Worte belehrten André hinlänglich. „Fünf Minuten, Jean, antwortet er,„und wir ſind drüben.“ „Nur ſchnell, ſchnell!“ drängte der Gärtner⸗National⸗ gardiſt der Artillerie. André war bereits vom Fenſter zurückgetreten; er hatte das Piſtol auf den Tiſch geworfen, den Armleuchter ergriffen und verließ nun ſchnell das Zimmer. Einige Sekunden ſpäter trat er in das Arbeitscabinet des Her⸗ zogs. „Mein Freund,“ rief er ihm entgegen.„Die Po⸗ lizei iſt in der Nähe und ſucht auch Sie. Retten wir uns.“ Der Herzog ſah André mit einer etwas ungläubigen Miene an. 1 „Ah, mon cher, haben Sie einen Inſtinkt?, „Jean, der Gärtner, iſt draußen im Wald. Er hat gewarnt— ſäumen wir nicht!“ „Parbleu! Mein Freund, beſorgen Sie inzwiſchen Alles— zwei Minuten und wir ſind im Kahn.“ 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 4 50 André kehrte haſtig nach ſeinem Zimmer zurück, um dort die Fallthür nach dem Kellerraum zu öffnen. Inzwiſchen ſtürzte der Herzog nach dem Gemach ſeiner Gattin und forderte ſie zur eiligen Flucht auf. Wie längſt gefaßt auf dieſe Botſchaft, ruhig, nur leicht erblaſſend, zeigte ſich die Herzogin bereit. Sie warf im Nu das leichte Kleid ab, das ſie trug; ihre herbeigeeilte Zofe reichte ihr ein ſchwar⸗ zes Seidenkleid, den Mantel, den Hut, eine kleine Scha⸗ tulle. Die Dienerſchaft war längſt auf den Fall vorbe⸗ reitet— man hatte ihr nur Lebewohl zu ſagen. Als die Herzogin ihre Hand der weinenden Zofe ent⸗ zog, trat ihr Gemahl vollſtändig reiſefertig, aber ernſter denn gewöhnlich herein. „Frangois meldete mir eben, daß die Agenten ſchon am Thor ſind,“ rief er ſeiner Gemahlin zu.„Es iſt höchſte Zeit— kommen Sie.“ Er nahm die Hand der Herzogin und führte ſie ſchnell durch die Zimmer. Man vernahm ganz deutlich vom Gar⸗ ten her rauhe Stimmen, Rütteln an den Eiſenſtangen, Flüche. „O mein Gott!“ lispelte die Herzogin, unwillkür⸗ lich zitternd.. „Aengſtigen Sie ſich nicht, Madame; ſie müſſen erſt das Gitter überſteigen und dann die Thüre einſtoßen. Eine Viertelſtunde iſt das Mindeſte, deſſen ſie dazu be⸗ dürfen— ſehen Sie, wir ſind bereits zur Stelle.“ 51 Sie hatten Andrè's Zimmer erreicht. Herr von Ché⸗ nier führte die Herzogin zur Fallthür, während Herr von St. Aignan zwei Doppelpiſtolen in ſeine Manteltaſchen ſteckte. Die Herzogin, an der Hand gehalten von André, war die Treppe herabgeſtiegen. Unten hielt ſie einen Au⸗ genblick an, da der Herzog noch oben war, drückte die „Hand Chäniers und lispelte: „O mein Freund, ſo werden wir jetzt ſcheiden müſſen! Ob wir uns je wiederſehen?“ André's Herz ſchlug. Er zog die ſchöne, feine Hand an ſeine Lippen und meinte:„Sobald Sie in Sicherheit ſind— Leonie, ich folge Ihnen.“ Der Herzog kam herunter, er öffnete die Thür, die in den Gang führte; dann die, welche nach dem Waſſer ging. Mit einem Ruck rollte der Kahn in den Fluß; die drei Flüchtlinge ſtiegen ein und landeten eine Minute ſpä⸗ ter auf dem gegenſeitigen Ufer. Jean kam ihnen entgegen. „Ich habe meinen Wagen im Wege, kaum fünfzig Schritt von hier, ſtehen,“ rief er André zu. „Mein braver Freund, ich danke Dir und werde mit Dir gehen.“ Dann ſich zum Herzog wendend, fuhr Che⸗ nier fort.„Nun, Glück zu, Herr von St. Aignan! Eilen Sie mit Ihrer Gemahlin Ihren Wagen zu erreichen und . 4* R 52 laſſen Sie mir Nachricht zukommen, wenn Sie in Sicher⸗ heit ſind. Adieu!“ Er drückte dem Herzog die Hand und nochmals und innig die der Herzogin, dann ſchritt er mit Jean durch den Wald nach deſſen Wagen. Herr von St. Aignan führte ſeine Gemahlin nach der Chauſſee von Verſailles. Bald erreichten Beide auch dieſelbe und das Haus, in dem der Herzog Wagen und Pferde bereit gehalten. Fünf Minuten ſpäter rollte das Geſpann, vom Herzog geführt, durch Verfailles. 5„Es ging beſſer, als ich dachte,“ ſagte er zu Leonie, die dicht in ihren Mantel gehüllt, hinter ihm in der Ecke des Wagens ſaß.„Die Pferde halten bis Mitternacht aus und dann—ℳ. „Er hielt inne, denn ein Trupp von Polizei⸗Agenten, der bei der Dunkelheit der Nacht nicht zu ſehen geweſen, war plötzlich den Pferden i in die Zügel gefallen. „Halt! Halt!“ ſchrieen die rauhen Stimmen. „Zurück!“ rief der Herzog und ſchoß in demſelben Augenblick ein Piſtol unter die Menge. Die Pferde, von den Agenten unmittelbar nach dem Schuß einen Augen⸗ blick losgelaſſen, ſetzten in Carriere an und der durchſau⸗ ſende Wagen warf rechts und links zu Boden, was dort ſtand. Ein Wuthgeſchrei folgte den Fliehenden; mehrere Schüſſe fielen hinter ihnen, aber bald war Alles wieder 53 ſtill: der davonjagende Wagen hatte die Verfolger weit zurückgelaſſen.. „Für's Erſte gerettet!“ rief der Herzog.„Nur Muth, Madame; ich hoffe Sie in Sicherheit zu bringen.“ Gemäßigter, aber immer noch ſchnell rollte der Wa⸗ gen fort. Die Herzogin, vom erſten Schrecken erholt und vertrauter mit ihrer Situation, ſpannte ihre Augen an, um mit ihrem Blick durch die Dunkelheit dringen zu können. Plötzlich ſchien es ihr, als bewege ſich vor ihnen, quer über den Weg, eine Menſchenmenge. „Horace!“ rief ſie angſtvoll.„Sehen Sie nicht?“ Der Herzog hielt mit einem Ruck die Pferde an. „Um Gott, das iſt Cavallerie!“ antwortete er. In demſelben Augenblick ſprengten auch bereits ei⸗ nige Soldaten an den Wagen. „Wohin?“ rief der Offizier. „Nach Orleans!“ antwortete der Herzog feſt. „Ihr Paß, Bürger!“ Herr von St. Aignan reichte den Paß hin, den er ſich längſt vorher zu verſchaffen gewußt. Der Offizier hielt ihn an die Blendlaterne, welche einer ſeiner Soldaten hatte und prüfte den Paß mit ei⸗ nem erſten ſchnellen Blick. „Der Paß iſt falſch!“ rief er.„Seit drei Tagen haben alle Päſſe einen anderen Stempel und dieſer lautet nur auf drei Tage.“ 54 Herr von St. Aignan antworkete nichts; er war zu ſtolz, um zu lügen und erkannte auch die Fruchtloſigkeit weiterer Ausflüchte. „Sie ſind verdächtig, Bürger,“ fuhr nun der Offi⸗ zier fort.„Wir werden Sie nach Verſailles zurück escor⸗ tiren.“— Vergeblich machte der Herzog noch einen Verſuch, den Verdacht des Offiziers zu beſchwichtigen. Er ward mit ſeiner Gemahlin in ſeinem Wagen zurückgeführt. Noch vor Verſailles ſtieß die Escorte auf die Polizeiagenten, welche vorher den Wagen des Herzogs aufzuhalten ver⸗ ſucht hatten. „Halt!“ rief der Chef dieſer Polizeipatrouille dem Offizier zu.„Ihr bringt uns da einen Entwiſchten zu⸗ rück. Er hat einem braven Republikaner den Arm mit einem Piſtolenſchuß zerſchmettert.“ Und wild auf den Her⸗ zog losfahrend, der jetzt neben ſeiner Gattin ſaß, rief er: „Wer biſt Du? Wie heißt Du?“ „Ich bin der Herzog von St. Aignan und das iſt meine Gemahlin,“ antwortete der Herzog ſtolz, da er an keine Rettung mehr denken konnte.„Mit welchem Recht hält man mich in meiner Reiſe auf?“ „Was?“ rief der Poliziſt triumphirend.„Ihr ſeid der Herzog von St. Aignan? Den hab' ich auf meiner Liſte! Ah, Ihr wolltet entwiſchen— denn juſt ſucht Euch die Polizei.“ 5⁵ „So thut Eure Pflicht,“ entgegnete Herr von St. Aignan reſignirt. Nachdem man den Herzog ſeiner Waffen beraubt, führte man ihn im Wagen nebſt ſeiner Gemahlin nach Paris. Es war Mitternacht, als er in La Force als Ge⸗ fangener abgegeben wurde. Frau v. St. Aignan, die ge⸗ faßt ihr Schickſal ertrug, ward getrennt von ihrem Ge⸗ mahl und kam ins Gefängniß von St. Lazare. Viertes Kapitel. Ein unglücklicher Zufall. Während Herr und Frau von St. Aignan ihre Flucht unternahmen, deren Mißlingen wir erzählt haben, war André Chénier mit Jean auf deſſen leichten Blumenwa⸗ gen nach Paris gefahren und in der Wohnung des Gärt⸗ ners abgeſtiegen. Unterwegs hatte ihm Jean erzählt, durch welchen Umſtand er veranlaßt worden, zu Cheniers Warnung nach Verſailles zu kommen. Er hatte am Mor⸗ gen, als er wieder die Wache im Gemeindehauſe comman⸗ dirte, gehört, daß die ſeit einigen Tagen ſchon gemachten Razzia der Polizei in Verſailles an dieſem Abende in größe⸗ rem Maßſtabe unternommen werdenſollten. Ganze Trupps Poliziſten und Nationalgarden waren zu dieſem Zweck nach 56 Verſailles abgegangen und hatten die Ausgänge des Orts beſetzt, um etwaige Fluchtverſuche zu vereiteln; nur auf den Weg nach Paris wurden weniger Vorſichtsmaßregeln getroffen, da man nicht ohne Grund annahm, daß ſchwer⸗ lich Jemand nach der Stadt zu ſeine Flucht nehmen werde. Chenier hatte anfangs dem Gärtner, der ſeine Artillerie⸗ uniform trug, Vorwürfe darüber gemacht, daß er ihn von dieſem Umſtand nicht während der Anweſenheit des Her⸗ zogs in Kenntniß geſetzt, um dieſem größere Vorſicht an⸗ zurathen, möglicherweiſe ihn zu veranlaſſen, mit nach Pa⸗ ris zu flüchten. Jean geſtand ganz unumwunden, daß die Rettung alsdann ſicher nicht geglückt wäre, da die Wachen am Thore nur diejenigen Perſonen ungehindert paſſiren ließen, welche einen Wachtſchein beſäßen. Er für ſeine Perſon hätte einen ſolchen und durch Liſt auch einen zwei⸗ ten für Chénier. Die Flucht nach der Provinz könnte für den Herzog jedenfalls nur glücklicher ablaufen, als nach Paris, wo ſeine Verhaftung ſicher erfolgen müßte. André Chenier mußte unter ſolchen Umſtänden dem Gärtner bei⸗ pflichten; er hoffte überdies, daß ſelbſt im Falle, wo der Herzog auf den Chauſſeen aufgehalten würde, ſein Paß ihn beſchütze; auch er hatte keine Ahnung davon, daß die Päſſe ſeit drei Tagen verändert waren. Er war lange nicht auf der Beſitzung Jeans gewe⸗ ſen und Margots Freude war deßhalb eine doppelte. Die Freundin Valeriens hatte während der ſechzehn Monate, 57 ſeit denen die Marquiſe Dupleſſis todt war, ihr ſtilles und glückliches Familienleben nur wenig unterbrochen geſehen. Mit ihrer glücklichen Natur hatte ſie alles Ungemach der Zeit zu überwinden gewußt und ſogar mit Scherz ihren „Grenadier“ verfolgt, wie ſie ihren Mann ſeit der Zeit, wo er Nationalgardiſt war, nannte. Das beſte Herz, die treueſte Seele, war ihr einziger Spazierweg nach dem weitabgelegenen Friedhof, auf dem Valerie ruhte. Auf deren Grabhügel vergoß ſie ihre Thränen der Erinnerung. André ſaß mit dieſen braven Leuten, denen er ſchon ſo viel zu danken hatte, bei der einfachen Nachtmahlzeit; ſeine Gedanken folgten mit unwillkürlicher Bangigkeit dem Wagen des Herzogs von St. Aignan; das klare Bild der Herzogin ward oft durch das Andenken an Valerie über⸗ ſchattet, welches an dieſem Orte nur zu mächtig auf ihn eindrang. „Ach, Herr von Chenier,“ fragie Margot endlich, um das peinliche Stillſchweigen zu beenden, indem ſie ihr Abendeſſen ſchloß,„wann wird denn endlich dieſe furcht⸗ bare Zeit zu Ende gehen?“ „Ja, gute Frau— was weiß ich?“ entgegnete Ché⸗ nier.„Die Wölfe werden vom Blut nicht ſatt, ſelbſt wenn ſie ihre Opfer nicht mehr verzehren können. „Morbleu, Herr von Chenier!“ nahm der Gärtner das Wort. Hätt' ich in meinem Leben gedacht, daß ich einmal für dieſe Mörder eine Kanone bedienen und unter 58 ſo einem Vieh wie Hanriot Soldat ſpielen werde! Das thut Einem bis ins Herz weh und doch muß man ſtill ſein, bis zum rechten Moment, und der wird ſchon kommen— ich wittere ſo etwas.“ „Still, Grenadier!“ rief Margot lächelnd.„Iſt das Disciplin?“ 3 „Die Margot,“ fuhr Jean fort,„hat einen Char⸗ akter, den ich beneide; ſie läßt den Kopf nicht hängen. Wenn ſie nicht wäre— Du lieber Gott, mich hätten ſie längſt ins Gefängniß gebracht; aber jedesmal, wenn ich aus dem Haus gehe, heißt's: Jean, Kopf zuſammen, Herz zugemacht, die Lippen feſtgekniffen! Denk an Deine Kin⸗ der! Da bin ich dann gleich vorſichtig und ſpiel' den Re⸗ publikaner mit. Am End, iſt's auch gut ſo. Ich hab' ſchon ſo Manchem das Leben retten können, was ſonſt nicht hätte geſchehen können— und kommt's einmal zum Umſchlag früher oder ſpäter, ſo hab' ich— morbleu! doch gleich eine Kanone!“ „Du wärſt ein Thor, Jean, wollteſt Du nutzlos Dich opfern; denn Du haſt Weib und Kind. Und es iſt wahr, Du kannſt etwas nützen— haſt mich doch ſchon zweimal gerettet. Ich dank's Dir, braver Jean, aber glaub' mir, ich fürchte mich nicht und mache mir auch nichts aus dem Tode. Für mich iſt Alles dahin, ich haſſe mein Leben— ich möchte es gern verlieren, aber die Robespierre und St. Juſt möcht' ich erſt ſterben ſehen!“ So ſetzte ſich das Geſpräch der drei fort, bis ſie zur Ruhe gingen. Am andern Morgen war Chenier ſchon früh bereit, nach der Stadt zu gehen, um Erkundigungen einzuziehen. Eine große Unruhe bewegte ihn; er wollte ſich vergewiſſern, ob der Herzog und ſeine Gemahlin keinen Unfall erlitten. Er konnte mindeſtens erfahren, ob ſie nach Paris abgeführt worden ſeien. Vergebens baten ihn Margot und Jean, ſich nicht unnütz in Gefahr zu begeben. Sie erinnerten ihn daran, daß man allgemein glaube, er ſei verhaftet und daß es der Zufall herbeiführen könne, daß ihn einer oder der andere ſeiner Feinde ſehe. Chenier ließ ſich nicht umſtimmen und verſprach nur, ſo ſchnell wie möglich wieder zurück zu kommen. Man konnte ſehr leicht Erkundigungen darüber ein⸗ ziehen, ob Jemand verhaftet worden ſei. Es gab ein eige⸗ nes Bureau, dem ſogleich von ſämmtlichen Gefängniſſen in Paris die Meldungen über die neu eingelieferten Ge⸗ fangenen zukommen mußten und in dem man ſich gegen einen Empfehlungsbrief eines Deputirten oder Gemeinde⸗ mitgliedes Auskunft geben laſſen konnte. Chenier zögerte nicht, zu ſeinem Bruder zu gehen und deſſen Hilfe in An⸗ ſpruch zu nehmen. „Bleibe einen Augenblick bei mir,“ ſagte Joſeph zu 60 ſeinem Bruder, nachdem er deſſen Wunſch vernommen, „ich werde meinen Tacitus deßhalb ſchicken.“ Joſeph Chänier ſchrieb nun an den Commiſſär ein paar Zeilen, die von dem vorſichtigen Manne folgender⸗ maßen abgefaßt wurden: „Bürger Commiſſär! Es iſt nöthig, daß wir wach⸗ ſam ſind. Noch immer ſitzt der Ariſtokrat, ehemals Herzog St. Aignan in ſeiner Villa. Wann wird man ihn endlich und ſeine Frau verhaften? Ich bitte um Antwort. Marie⸗ Joſeph Chenier, Conventsmitglied.“ Er las dieſen Brief ſeinem Bruder vor und als er deſſen erſtaunte Mienen ſah, ſagte er: „Ja, mein Lieber, Du wunderſt Dich. Aber ich werde Dir den Schlüſſel zu dieſem Räthſel geben. Du haſt mir erzählt, daß man geſtern den Herrn von St. Aignan verhaften wollte und daß er geflüchtet iſt; folglich konnte ich ihn heut denuneiren, ohne ihm zu ſchaden, ſei er nun verhaftet oder entwiſcht; die Sache bleibt dieſelbe. Noch mehr. Ich ſtehe ſchon bei manchen von dieſen Terro⸗ riſten in keinem guten Geruch— das wird mir alſo ein paar Argusaugen wieder beſeitigen, daß ich die Verhaf⸗ tung eines Ariſtokraten verlangt habe, ganz gleich, ob dieſer Ariſtokrat ſchon verhaftet iſt. Mein guter Wille wird mir angerechnet werden, um ſo mehr, als man mich in Verdacht hatte, Dich bei St. Aignan verſteckt zu haben. Das macht mich demnach vollſtändig wieder weiß. So 61 muß man heut laviren, um nicht guillotinirt zu werden, und zu letzterem, ich geſtehe es, habe ich durchaus keine Luſt. Das Leben iſt Ruhm und ich liebe das Leben.“ Er hatte inzwiſchen Tacitus das Billet zur Beſor⸗ gung übergeben und kaum ein halbe Stunde nachher, während welcher Zeit ſich die beiden Brüder ſeit langer Zeit wieder einmal das Herz ausgeſchüttet hatten, brachte Joſephs Diener ein Billet als Antwort zurück. Der Con⸗ ventsdeputirte öffnete es und reichte es dann, nachdem er geleſen, achſelzuckend ſeinem Bruder. Kaum hatte dieſer den Blick darauf geworfen, als er erſchrocken aufſtand und ausrief: „Großer Gott! Alſo doch? Verhaftet!“ In dem Billet ſtanden folgende Zeilen: „Bürger Repräſentant des Volks! Die Republik ſchont keinen ihrer Feinde. Dieſe Nacht iſt der Ex⸗Herzog St. Aignan und ſeine Frau verhaftet worden, als ſie aus Verſailles entfliehen wollten.— Der Commiſſär Trubeau.“ „Es hilft da Nichts,“ André; nahm Joſeph ernſter wieder das Wort,„die Männer Robespierres brauchen Gefangene und Prozeſſe. In einer ſolchen Zeit, wo man täglich ein paar Dutzend guillotinirt, verliert Freiheit und Leben allen Werth; denn man kann Beides ſchon ſelbſt im nächſten Augenblick verlieren.“ „Infam! Imfam] rief André aufgeregt.„Was gäbe 62 ich nicht darum, wenn dieſe beiden mir theuren Perſo⸗ nen dieſem Schickſal entgangen wären! Und nicht helfen können!— Arme Leonie! hauchte er dann leiſe und ſeuf⸗ zend vor ſich hin. Schmerz erfüllt verließ er ſeinen Bruder, um wieder nach Jeans Wohnung zu gehen. Kaum hundert Schritte von dem Hauſe entfernt, wo Joſeph wohnte, begegnete ihm ein Fiaker, aus deſſen Junern plötzlich laut der Ruf erſcholl: „Heh! Heh! Halt, Kutſcher! Halt!“ Der Wagen hielt, der Schlag öffnete ſich, ein junger Mann ſtürzte leuchtenden Angeſichts auf André zu! „Beſter Freund, endlich ſeh' ich Dich wieder— komm' mit mir, komm'!“ Und ehe André noch einen Beſchluß faſſen konnte, hatte ihn der Freund in den Fiaker gedrängt, der darauf ſchnell ſeinen Weg fortſetzte. „Mein Gott, Pange,“ rief jetzt endlich Chénier halb freundig, halb erſtaunt,„was iſt Dir, wohin willſt Du?“ „Zur Marquiſe Paſtoret, deren Namenstag heut ge⸗ feiert wird. Ich bitte Dich, komm' mit, die Freude wäre groß und Du wirſt die beſte Geſellſchaft dort finden, was heut viel ſagen will, denn ſie ſitzt meiſt in den Ge⸗ fängniſſen.“ „Ja das iſt nur zu wahr!“ entgegnete Chenier und über ſein Geſicht zog eine Wolke ſchmerzlichen Zornes. 63 „Soeben habe ich erfahren, daß auch St. Aignans ver⸗ haftet ſind.“ „Unmöglich, Andre!“ ſtieß Pange erſchrocken hervor. „Nicht unmöglich. Sie ſind Beide verhaftet.“ „Aber Frau von Paſtoret... ah, ſie wird ſehr er⸗ ſchrocken ſein! Sie wollte ſie heute früh noch beſonders zu ſich einladen.“ „So wird ſie die Nachricht von dieſem ſchmerzlichen Ereigniß bereits haben.“ „Doch rede, Freund, Du warſt doch bei St. Aignan verborgen wie ein Maulwurf; wie iſt das gekommen? Wie haſt Du Dich gerettet? Andre erzählte die Vorfälle vom Abend zuvor. „Es war,“ ſchloß er,„Alles ſo durchdacht vorbereitet, daß ich keinen Augenblick daran zweifelte, ſie würden in Sicherheit kommen. Der Himmel hatte es anders be⸗ ſchloſſen— die Arme ſeufzt jetzt bereits in einem Kerker, ich weiß nicht einmal wo? Theile der Marquiſe und ihrer Geſellſchaft dieſe Einzelheiten mit, mein Freund; es iſt einmal ein merkwürdiger Troſt darin, daß man vom vaoliit der Menſchen die umſtändlichſte Schilderung iebt.“ „Nun?“ warf Pange hierauf etwas verwundert ein. „Es ſcheint, als wollteſt Du die Marquiſe nicht be⸗ fuchen?“ 64 „In der That— ich war noch nicht dazu gekommen, Dir dieß zu ſagen. Nach dem, was ich Dir erzählte, wirſt du begreifen, daß ich keine Laune habe, in Geſellſchaft zu ehen.“ 9„Geſellſchaft! Mein Lieber, was nennſt Du heut Geſellſchaft? Das ſind Familienzirkel, Reunionen Ver⸗ folgter und Verdächtiger, welche der Gefahr mit ihrem Esprit und der Attitüde der Leute von Welt trotzen, wo ſich Einer an der Zuverſicht, dem Stolz und dem Witz des Andern aufrichtet und Jeder beſtärkt darin wird, gute Miene zum böſen Spiel zu machen. Ah, das tröſtet, André, und dort lernt man Trauer und Schmerz bewälti⸗ gen. Willſt Du zu Hauſe den Kopf hängen und mit den Zähnen knirſchen?“ André ſchien unentſchloſſen; er geſtand ſich, daß Pange Recht habe und fand überhaupt keinen Grund, die darge⸗ botene Gelegenheit einer geſellſchaftlichen Zerſtreuung und eines Zuſammenſeins mit ihm werthen Perſonen von der Hand zu weiſen. Wie lange, dachte er, daß man dieſe Leute noch ſieht und ſpricht? Kann ich oder können ſie nicht morgen ſchon im Kerker ſitzen? demnach entgeg⸗ nete er: Ich habe verſprochen, zu den braven Leuten zurück⸗ zukehren, ehe es Mittag iſt. Es iſt mein früherer Solda⸗ tenburſche Jean, der jetzt ein wohlhabender Gärtner iſt, — bei dem ich ein Aſyl gefunden habe. Ich bin ihm ſo 65 viel Dank ſchuldig, auch ſeiner Frau. Es würde die Leute kränken, wenn ich nicht zurückkehrte; ſie würden beſorgt ſein, denn ſie lieben mich.“ „Nun,“ verſetzte Pange,„wir fahren heut Abend mit⸗ ſammen nach Haus. Die braven Leute werden ſich bis zum Abend wohl keiner großen Sorge um Dich hingeben. Man hat Dich ſchon ſo lange nicht geſehen, Fräulein von Coigny beſonders hat oft nach Dir gefragt...“ „ Ich ſah ſie ja erſt zu Neujahr,“ warf Andre ein. „Sie iſt heute bei der Marquiſe, ſo kannſt Du ſie noch einmal ſehen.“ Dieſe Worte, wie wohl ſie ganz ohne Abſicht ge⸗ ſprochen waren, verfehlten nicht, auf Chenier einen ent⸗ ſchiedenen Eindruck zu machen. Fräulein von Coigny hatte für Chenier eine magnetiſche Anziehungskraft, er wußte ſelbſt nicht weßhalb? Er hatte eine jener Seelen, die der Liebe und der Frauenſympathien bedürftig ſind, um leben und ſchaffen zu können, die athmen müſſen in dieſer narkotiſchen Luft der Gefühle, geheimer Leidenſchaften und Liebeswünſche, ſollen ſie nicht ſchlaff werden und ſterben. Er hatte nur eine Ahnung, daß Fräulein von Coigny ihn liebte, aber dieſe Ahnung machte ihn glücklich und beſtimmte ihn jetzt, wo er dem ſanften Zauber der Frau von St. Aignan entzogen war, dieſem flammenden Blick ſich zu nähern. Unwillkürlich geſchah es; ohne beſtimmte Gefühle, als dem unerklärlichen der Dichter, die ihre Phantaſie in die 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 5 66 Sonne und auf die Blumen der Erde ziellos jagen, hingen ſeine Gedanken plötzlich an der Dianengeſtalt des Fraͤu⸗ lein von Coigny. Es hatte dieſe Empfindungsverwand⸗ lung nichts mit Unſtätigkeit und Untreue des Herzens ge⸗ mein. Edle Dichternaturen lieben nicht wie die große Maſſe der Menſchen; ſie lieben in der Einen die Schönheit der Geſtalt, in der Andern die Bildung und Schönheit der Seele, in der Dritten die ſie begeiſternde Leidenſchaft. Nichts änderte ſich in André Chenier, als er an Fräulein von Coigny dachte— aber ein mächtiger Zug trieb ihn an, ſie in der Verwaiſtheit ſeines Herzens aufzuſuchen. „Gut,“ antwortete er daher nach einigen Sekunden ſeinem Schulfreunde;„ich gehe mit Dir.“ Bald waren Beide in dem Landhauſe der Marquiſe von Paſtoret, welche eine jener Frauen war, die mit dem Manne zuſammen eine politiſche Partei lenkten. Der Marquis von Paſtoret hatte zur Zeit der Nationalver⸗ ſammlung eine bedeutende Rolle geſpielt; er gehörte zu den Chefs der conſtitutionellen Partei, der auch André Chénier, die beiden Pange und Trudaine, Sieyes, der Herzog von St. Aignan und der Philoſoph Condorcet an⸗ gehörten, welche vornehmlich den Cirele bei Herrn von Paſtoret bildeten. Die Marquiſe, eine der geiſtreichſten und gebildetſten Franzöſinen, hielt neben dem Salon ihres Gemahls noch ihren eigenen. Sie empfing die beiden Freunde mit dem Ausdruck ungeheuchelten Schmerzes. 67 „ Ach, meine Herren,“ rief fie,“ wir ſind faſt ganz verlaſſen. Halb Verſailles iſt vorgeſtern und geſtern in die ab⸗ ſcheulichen Kerker von La Force und St. Lazare geführt worden! Ich bin troſtlos! denken Sie ſich, die St. Aignans auf der Flucht verhaftet, Herr von Brazais verhaftet, Frau und Fräulein Gusrin verhaftet— Gott, alle unſere Freunde faſt ſind im Gefängniß und wir ſind frei! Herr von Chénier— Sie müſſen ja von der Herzogin von St. Aignan Näheres wiſſen. Ich bitte Sie, erzählen Sie— kommen Sie in mein Arbeitscabinet, den der Raum iſt groß genug ſür unſere Colonie. Mein Dejeuner wird mit Ihnen, meine Herren, aus acht Perſonen beſtehen.“ André und Herr von Pange folgten der Marquiſe, die ihren ſie beſtürmenden Empfindungen alſo durch Worte Luft gemacht, in das Arbeitscabinet. Sie fanden in der That nur noch fünf Perſonen daſelbſt: Herrn von Paſtoret, Condoreet, Frau von Saillière, Frau von Tru⸗ daine und Fräulein von Coigny. Als Andre ſeinen Blick über die Letztere ſchweifen ließ, traf ihn ein Gluthſtern aus zwei herrlichen Augen: es ſchien, als wenn Triumph, Glück und Liebe das Feuer dieſer Augen erhöht hätten. Die Geſchichte der Flucht des Herzogs und der Her⸗ zogin von St. Aignan bildete während des Dejeuner den Hauptgegenſtand des Geſprächs. Man konnte deutlich bemerken, mit welcher Spannung Fräulein von Coigny den 3* 68 Worten Andre's lauſchte. In dieſem glutvollen Herzen flammte die Eiferſucht gegen die geehrte Nebenbuhlerin trotz deren Mitleid erregendes Geſchick auf, denn kein grö⸗ ßerer und grauſamerer Egoiſt, als ein Weib, welches liebt und geliebt ſein will. „Wir ſind,“ meinte deßhalb auch das junge Mäd⸗ chen etwas ſcharf im Tone,„alle auf ein ſolches Geſchick ſeit lange gefaßt, wir, die durch unſere Exiſtenz ſelbſt gegen die Republik und deren Machthaber proteſtiren. Das Gefängniß, ſelbſt der Tod iſt kein Unglück für uns, weil eine Erfüllung der Pflicht darin liegt, deren wir uns, wenn es ſein muß, zu unterziehen haben. Aber dieſe Pflicht wird oft ſchwer gemacht, wenn wir außerhalb der Kerker⸗ mauern ein Weſen wiſſen, mit dem auch im düſterſten Kerker zu leben, die Wonne des Lebens in ſich ſchließt.“ André fühlte den Stich und ſtrafte die leiden⸗ ſchaftliche Dame mit ſeinem Blick. Herr von Condorcet entgegnete: „Ei, ei, welche Fortſchritte Sie doch ſchon in der Philoſophie gemacht haben!“ „In der Philoſophie?“ fragte Fräulein von Coigny faſt entrüſtet. Ah, Herr Marquis, Sie verſtehen ſich ſehr ſchlecht auf das Herz eines Mädchens. „Allerdings, allerdings, beſonders wenn die Leiden⸗ ſchaftlichkeit ſeines Herzens etwas Antikes hat.“ „Brav, brav! rief Marquis von Paſtoret lächelnd. 69 „Er hat Sie vortrefflich erkannt, Demoiſelle— ja, Herr von Condorcet hat eine große Schule hinter ſich, nicht nun als Mathematiker und Philoſoph! Etwas Antikes! Ir Wahrheit, Demoiſelle— wir könnten Sie taufen, wie wir Herrn von Chenier getauft haben. Ich habe neulich die reizende Liebesgeſchichte von der Nymphe Clymene und Apolls geleſen— einen Apoll haben wir, wie wär's, wenn Sie Clymene wären?“ „Herr Marquis,“ antwortete Fräulein von Coigny leicht, aber ihr Auge ſtreifte dabei wie ſragend zu Andre, „Sie vergeſſen, daß Apoll ſtets unglücklich liebte.“ „Aber da Sie einmal in die Mythen gekommen ſind,“ unterbrach hier Frau von Trudaine rechtzeitig,„ſo könnte uns Fräulein von Coiguy einmal wieder die Zukunft weis⸗ ſagen. So viel ich weiß, hatte ja auch Apoll mit dem Orakel Zuſammenhang.“ „In gewiſſer Hinſicht, Madame,“ ſagte Herr von Paſtoret;„Apoll tödtete den Drachen Python mit ſeinen Pfeilen, weil er ſeine Mutter Latona verfolgte. Auf dem Platze, wo der Drache ſtarb, wurde ſpäter der pythiſche Dreifuß aufgerichtet, von dem herab die Orakelſprüche ertönten.“ „Sie ſind ja überraſchend bewandert in der Mytho⸗ logie,“ meinte lächelnd der Herr von Pange. „Ich treibe ſie jetzt, um die Gegenwart zu vergeſſen.“ 70 „Aber die Orakel, die Orakel!“ drängte Frau von Trudaine. „Ich beſorge die Karten,“ ſagte Frau von Paſtoret, indem ſie aufſtand. „Sie zwingen mich dazu,“ rief Fräulein von Coigny. „Ich proteſtire, ich will keine Karten.“ „Sie haben mir ſchon ſo oft verſprochen—“ „Madame, dieſe Kunſt iſt abſcheulich.“ „Aber wenn ich Sie bitte?“ „Und ich?“ meinte nun auch die alte Frau von Sail⸗ liores. „Und ich?“ riefen Herr von Condorcet und Her von Pange.— „Und Sie, Herr von Chénier— Apoll von Byzanz?“ fragte Fräulein von Coigny den Dichter, der ihr lächelnd erwiderte:„Ich bitte auch.“ Mit guter Miene nahm nun die junge Dame das Spiel Karten, welches ihr Frau von Paſtoret reichte, rückte ihren Seſſel näher zum Tiſch und legte die einzelnen Blätter nach einem gewiſſen Syſtem auf die Decke des⸗ ſelben. Eine entfernte Uhr ſchlug vier Uhr— es dunkelte bereits. Es war auch mit einem Mal eine Stille und Andacht in dem kleinen Zirkel, die wirklich etwas Geheim⸗ nißvolles hatte. Alle ſchienen gleichſam in einem Märchen eingeſponnen, während Fräulein von Coigny mit einer faſt 71 ernſten Miene mit den Karten manövrirte, einzelne bei Seite, andere verkehrt legte. „Seltſam!“ rief ſie nach einer Weile.„Das ſcheint wirklich auffallend zu ſein.“ „Was denn?“ fragten die beiden Frauen geſpannt. „Koumt die Republik zum Fall?“ „Wird Robespierre herrſchen?“ „Im Gegentheil, meine Damen und Herren!“ rief Fräulein von Coigny aus.„Er kommt um.“ Ein Ruf des Erſtaunens und der Freude ließ ſich hören. André's Lippen zeigten ein ſarkaſtiſches Lächeln. „Weiter, Demoiſelle, weiter!“ meinte Frau von Trudaine, die leidenſchaftlich das Wahrſagen liebte. „in Soldat wird über Frankreich herrſchen. Hier iſt er,“ fuhr das ſchöne Mädchen fort, indem ſie eine Figur bei Seite legte, aber es iſt kein Bourbon; von denen zeigt ſich keiner hier.“ „Wer ſollte dieſer Soldat ſein?“ fragte Herr von Condorcet. „Der erſte König war ein glücklicher Soldat,“ ſagte Herr von Paſtoret;„denken Sie daran, mein Lieber; wir werden eine neue Dynaſtie erhalten. „Nun ſagen Sie uns noch, was mit uns geſchieht,“ rief Frau von Trudaine. „Mit uns?“ meinte Frau von Saillisres betroffen. „Ich bitte Sie, Madame, laſſen wir den Scherz.“ 72 „O nein! Sagen Sie uns nur unſer Schickſal voraus, Demoiſelle!“ „Abſcheulich!“. „Was thut's?“ warf Condorcet ein.„Das gehört mit zum Amuſement.“ „Ein ſchlechter Spaß!“ „Nicht doch, Frau Marquiſe,“ rief André—„laſſen Sie das Orakel zu Ende reden. „Gut,“ ſagte Fräulein von Coigny übermüthig.„Wir werden einmal ſehen, was aus uns wird.“ Sie warf die Karten zuſammen, miſchte ſie und legte ſie nach einer neuen Ordnung. Dann nahm ſie nach einander einige Figuren aus den Reihen und deckte ſie um, indem ſie dabei ſagte:„Das ſind Sie, Frau von Saillières — bitte, merken Sie ſich Ihre Karte.— Das ſind Sie, Frau von Paſtoret.— Herr Marquis— Herr von Con⸗ doreet— Herr von Chenier— und ich. Aber ich rede durch⸗ aus die Wahrheit, verlaſſen Sie ſich darauf.“ Mit mehr oder minder großer Spannung folgten die Umſitzenden ihren Manövern. Nach einer Weile rief Fräu⸗ lein von Coigny: „Auf dieſer Karte ſteht der Tod.“ Sie warf ſchonungslos die Karte um— ſie gehörte Herrn von Condorcet. „Ah, ah!“ meinte der Philoſoph etwas erblaſſend. „Alſo ich bin beſorgt.“ 73 „Ich bitte Sie,“ rief die ängſtliche Frau von Sail⸗ lidres der Wahrſagerin zu, entfernen Sie mindeſtens meine Karte.“ „Das würde die ganze Berechnung ſtören, Madame,“ entgegnete das Mädchen, indem es ruhig in ſeiner Kab⸗ bala fortfuhr.„Hier iſt ſchon Ihre Karte, Madame,“ meinte ſie dann und warf das Blatt um—„Sie werden die Revolution überleben.“ 5„Gott ſei Dank!“ rief ſie aus und ſah nun ruhiger dem fatalen Spiel zu. Fräulein von Coigny ſtieß die Karte der Marquiſe von Paſtoret aus:„Guillotinirt, Frau Marquiſe.“ Frau von Paſtoret ſuchte zu lächeln. Bald darauf kündigte die Stimme des Fräulein von Coigny auch Herrn von Paſtoret dasſelbe Loos an. Dann kamen Frau von Trudaine und Herr von Pange, deren Zukunft gleichfalls die Guillotine war; dann Fräulein von Coigny ſelbſt, die leben bleiben ſollte. „Ah, das iſt fatal!“ rief ſie aus.„In ſo guter Ge⸗ ſellſchaft iſt ſterben beſſer, als leben. Aber ich ſehe es genau aus den Karten, daß ich durch einen günſtigen Zu⸗ fall dem Kerker und dem Tode entzogen werde.— Alſo nun noch Sie, Herr von Chénier!“ Alle folgten geſpannt den Bewegungen des Mäd⸗ chens. Endlich legte ſie zitternd ihren Finger auf die Karte. Sie erbleichte dabei und ſprach kein Wort. 74 „Nun?“ riefen die Uebrigen ungeduldig. „Beſtimmen Sie auch mir die Guillotine?“ fragte Herr von Chenier. „Die Karte ſagt's,“ hauchte ſie tonlos hin. „Die Karte ſagt's,“ verſetzte Andre ſpöttiſch,„ich hätte auch ohne Karte dieſe Prophezeiungen geben können.“ Fräulein Coigny warf die Karten zuſammen, indem ſie in einem gereizten Tone ausrief:„Es wäre in der That beſſer geweſen, dies alberne Spiel zu unterlaſſen. Was mir aber die Karten zeigen, habe ich geſagt. Ein undankbares Geſchäft iſt's bei alledem. Wenn aber,“ fuhr ſie in halb ſcherzendem Tone fort,„die Pythia auf dem Dreifuß ſitzt, kann ſte nichts verſchweigen, und wenn ſie es auch konnte, ſie darf es nicht.“ „Gewiß, gewiß,“ bekräftigte Herr von Pange lä⸗ chelnd, um den mißlichen Eindruck bei den Anweſenden zu verſcheuchen.„Sie würden in Gefahr kommen, den Gott zu beleidigen, der durch Ihren Mund ſpricht. Man erhob ſich und ſprach von anderen Dingen. Bereits waren die Lichter angebrannt worden und man wollte zur Tafel gehen. Plötzlich jedoch ſtürzte der Die⸗ ner des Herrn von Paſtoret bleich und verſtört herein und rief: 3 „Die Polizei hat das Haus umringt... Sie kommen!“ Allen entfuhr ein Schrei der Ueberraſchung oder der 75 Angſt. Noch ehe man ſich etwas geſammelt hatte, ward die Thür aufgeſtoßen und ein Commiſſär, gefolgt von mehreren Polizeiagenten, trat in den anſtoßenden Salon. Frau von Paſtoret ging den Beamten würdevoll ent⸗ gegen. „Wen ſuchen Sie, Buürger?“ fragte ſie. „Die Bürgerin Paſtoret, Ex⸗Marquiſe,“ antwortete der Commiſſär. Die Marquiſe trat erſchrocken einen Schritt zurück. Dann ſagte ſie mit gepreßter Stimme:. „Sie haben ohne Zweifel einen Verhaftsbefehl.“ „Hier iſt er,“ und dabei zeigte der Beamte den Be⸗ ſehl vorz„Sie ſind woht ſelbſt die Ex⸗Marquiſe Paſto⸗ ret 24. „Ja, das bin ich— geſtatten Sie mir nur, meinen Anzug ein wenig für die Jahreszeit und den Ort, wo ich demnächſt wohnen werde, zu verändern.“ „Das geht nicht, Bürgerin. Wir haben ſtrengen Befehl, Niemanden durch unſere Gutmüthigkeit entwiſchen zu laſſen.“ Inzwiſchen waren die Herren näher gekommen. Herr von Paſtoret machte einen Verſuch, den Commiſſär umzu⸗ ſtimmen; aber dieſer, aus Furcht, die Marquiſe könnte ihm entwiſchen und ſeine Leute würden ihn denunziren, be⸗ kan in dieſem rauhen Ton, die Frau von Paſtoret feſtzu⸗ alten. 76 Mehrere Agenten ergriffen die würdevoll daſtehende Dame. „Zurück!“ rief jetzt Andre, indem er zwei der Poli⸗ ziſten in der Kraft des Zornes zurückſchleuderte.„Wage es Niemand, dieſe Dame anzurühren! Seid Ihr Franzo⸗ ſen, um nicht die Achtung zu kennen, die man einer Frau ſchuldet?“ Einer der zurückgeſtoßenen Poliziſten drängte ſich mit wuthblitzenden Augen wieder hervor und indem er ſeine Hand drohend ſchüttelte, rief er: „Bürger Commiſſär! das iſt der Ariſtokrat Chenier! Er muß entſprungen ſein, denn ſeit ein paar Monaten ſchon iſt er verhaftet. Ich habe den Befehl ſelbſt ge⸗ ſehen.“.— „Ah, Baſile, Du Elender!“ ſprach André verächtlich, als er in dem Agenten den früheren Gärtnerburſchen Jeans wieder erkannt hatte.„Fürwahr, Madame,“ wandte er ſich dann zur Marquiſe,„es iſt ein hartes Loos, in die Hände ſolcher Schufte fallen zu müſſen!“ Er wollte ſich umwenden, aber Baſile ergriff ihn mit dem Ausdruck der Rache im Geſicht am Arm und ſagte zu dem Commiſſär: „Dieſer Mann muß verhaftet werden.“ Wenn Du wahr geſprochen haſt— ſo muß es ge⸗ ſchehen,“ antwortete der Commiſſär. „Auch ohne Verhaftsbefehl?“ fragte Chenier. 77 Der Commiſſär bejahte. Widerſtand wäre Thor⸗ heit geweſen, ſo fügten ſich denn die beiden Verhafteten und verabſchiedeten ſich von der beſtürzten Geſellſchaft des Herrn von Paſtoret. Fräulein von Coigny, ernſt, aber ſehr gefaßt und ruhig, trat zu André und ſagte zu ihm: „Ich war eine Caſſandra— bewahren Sie ein An⸗ denken an die letzte Stunde Ihrer Freiheit. Vielleicht ſe⸗ hen wir uns noch wieder. . André lächelte bitter; dann bat er ſeinen Freund Pange, den Gärtner Collier von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu ſetzen, um ſeinen Bruder zu veranlaſſen, Schritte zur Befreiung zu thun. Endlich befahlen die Agenten den Aufbruch. Mit gutem Humor nahm die Marquiſe von Paſto⸗ ret den Arm, den ihr Andro geboten, und ſagte: „Da ſich doch unſer Geſchick erfüllt— ſo bin ich glücklich, daß Sie in dieſer Stunde noch mein Cavalier ſind. Unſere Freunde werden hoffentlich unſer Unglück ſo ſtandhaft tragen, wie wir ſelbſt.“ Beide beſtiegen den Fiaker, der unten wartete. Der Commiſſär und zwei Agenten, zum Glück Baſile nicht darunter, ſetzten ſich zu ihnen; dann ging's nach Paris. Vom Fenſter herab ſchaute das ſchöne Geſicht des Fräuleins von Coigny. Zwei große Thränen rollten über die zarte Roſa ihrer Wangen, aber Niemand bemerkte es. Der Fiaker, in dem ſich Frau von Paſtoret und Herr 78 von Chenier befanden, gelangte in der Dunkelheit nach Paris. Vor dem Gefängniß La Force ließen die Polizei⸗ Agenten halten. Sie übergaben die Marquiſe dem In⸗ ſpektor des Gefängniſſes. Herrn von Chenier weigerte ſich der Beamte aufzunehmen, da ihm der Commiſſair keinen Verhaftsbefehl vorzeigen konnte. „Ihr ſeht, Bürger⸗Commiſſär,“ ſagte darauf An⸗ dré zu ihm,„daß meine Verhaftung eine ungerechtfer⸗ tigte iſt. Auf die Denunciation eines Elenden hier ver⸗ haftet man keinen Bürger. Ihr werdet Verantwortung zu übernehmen haben.“ Der Commiſſär indeſſen, der nur zu gut wußte, daß zu viel Eifer den Machthabern der Republick nicht unangenehm war, erwiderte: „Laßt das meine Sorge ſein, Bürger. Ein Beam⸗ ter hat Euch denuncirt und das iſt genügend, um mich zu rechtfertigen. Man wird Euch verhören und dann muß ſich ja herausſtellen, ob Baſile Recht oder Unrecht ge⸗ habt hat.“ Chenier antwortete nicht. Er wußte, daß es viel leichter war, in die Pforten des Kerkers hinein, als wieder hinaus zu kommen. Er war reſignirt und hatte kein In⸗ tereſſe daran, ſeine Freiheit erzwingen zu wollen. Man führte ihn nach dem Gefängniß des Luxem⸗ burg; doch auch hier weigerte ſich der Inſpektor, den Verhafteten ohne Befehl aufzunehmen. Unverdroſſen be⸗ 79 fahl der Commiſſär nun, nach St. Lazare zu fahren. Hier endlich war man weniger ſkrupulös: André Chenier wurde in eine Zelle geführt. Er fühlte ſich nicht unglücklich: der Gedanke, in demſelben Gefängniß zu ſein, in dem auch Frau von St. Aignan ſchmachtete, war ein Troſt für ihn. Er konnte hoffen, mit dieſer ihm theu'ren Frau mehrmals in den Ae ſden oder im Refektorium zuſammen zu treffen. Noch an demſelben Abend hatte Herr von Pange den Gärtner Jean Collier von der Verhaftung André's in Kenntniß ſetzen laſſen und man kann ſich denken, wie ſchmerzlich dieſe Nachricht den braver Meiſter und ſeine Frau berührte. Schon in der Frühe des nächſten Tages war Jean bei André's Bruder. Marie⸗Joſeph liebte ſeinen Bruder trotz aller Zer⸗ würfniſſe, welche in letzter Zeit zwiſchen Beiden vorgefal⸗ len waren. Im Stillen hing er ſogar ſeit dem Sturz der Gironde ſeinen gemäßigten Anſichten an, wenn er auch ſo guter Republikaner war, wie André Royaliſt. Er verdammte die Blutherrſchaft, die Willkür der Jacobiner, die Verfolgungen der Terroriſten, die grauſamen Metze⸗ leien, welche im Namen der Freiheit geſchahen. Aber er rechnete ſich zu Robespierre's und Dantons Freunden und war nicht muthig genug, ſeine Ueberzeugungen offen auszuſprechen; auch geſtand er ſich, daß eine eiſerne Noth⸗ 80 wendigkeit die Schreckensmänner zwinge, rückſichtslos zu verfahren, um die Republik aufrecht zu erhalten. Nach dem Sturz der Girondiſten gab es Niemanden außer den Jacobinern, welche im Stande waren, die Herrſchaft in Frankreich zu führen. Gern oder ungern mußte man mit ihnen gehen— es war das einzige Mittel, das Leben zu erhalten und ſich für die Zukunft aufzuſparen. Marie⸗ Joſeph Chenier fand keinen Grund, unnützer Weiſe mit ſeinen Freunden zu brechen; er begnügte ſich, als Dichter Mäßigung zu predigen und den Thaten der Schreckensmän⸗ ner möglichſt fern zu bleiben. Bei alledem aber war er mit einer der einflußreichſten Männer des Convents, denn Alle achteten ihn als den größten Dichter der Revolution. Nach dem, was Joſeph von dem Gärtner erfahren, war die Hauptſache, um einen Prozeß ſeines Bruders zu hintertreiben, die Einſchreibung desſelben in die Liſte der Gefangenen zu hintertreiben. Er mußte verſuchen, ſeinen Namen den Augen Fouquier⸗Thinville's, des unerbittli⸗ chen Anklägers, und denen der Gemeinderaths⸗Mitglie⸗ der zu entziehen. Aus perſönlichen Rückſichten, das war er überzeugt, würde man nie ſeinen Bruder ſchonen; die Freundſchaft Robespierres ging nicht ſo weit, ſeine repu⸗ blikaniſche Tugend durch eine Begnadigung oder geheime Entlaſſung eines Gefangenen zu verletzen. Alle dieſe Schreckensmänner kannten ſelbſt gegen ihre Nächſten nur eine unerbittliche Gerechtigkeit. 81 Joſeph Chénier ging ins Commiſſariat, wo die Berichte über die am Tage zuvor eingelieferten Gefan⸗ genen einkamen und für die Gerichte die Liſte der Ver⸗ hafteten ergänzt wurde. Ohne Schwierigkeit fand er den Namen ſeines Bruders auf den eingelaufenen Rapporten der Gefängnißinſpektoren. Er erfuhr damit zugleich, daß André in St. Lazare gefangen ſaß. Aber vergeblich be⸗ mühte er ſich, dem Commiſſär klar zu machen, daß ſein Bruder ohne Verhaftsbefehl eingekerkert ſei, daß nur ein unglücklicher Zufall ſeine Verhaftung bewirkt habe— der Commiſſär wollte nicht darauf eingehen, den Namen An⸗ dré Chéniers auf der großen Liſte der Gefangenen auszu⸗ laſſen. Weiteres Drängen wäre ebenſo nutzlos, für Jo⸗ ſeph ſelbſt aber vielleicht gefährlich geweſen; man hätte leicht auch gegen ihn Verdacht ſchöpfen können. So ent⸗ fernte er ſich dann, hoffend, ſeinen Bruder gerade durch deſſen Verhaftung vergeſſen machen zu laſſen bis zu einer günſtigen Zeit. „Es gibt nur dieſe Rettung,“ ſagte er ſich.„Er iſt im Gefängniß ſicherer als wo anders und da kein ordentli⸗ cher Verhaftsbefehl exiſtirt, wird man ihn immer überſe⸗ hen. Ich kenne den Gang der Prozeſſe. Bei der Menge von zu Prozeſſirenden bildet der Verhaftsbefehl allein das Dokument der Anklage, wo dieſer fehlt, geht man nur auf ſpeziellen Befehl der Gemeinde an den Prozeß. Und das wird nicht eintreffen, ſo lange André's Namen nicht 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 6 82 in Erinnerung gebracht wird. Er iſt ſeit drei Monaten von mir vergeſſen gemacht worden; ich werde dafür ſor⸗ gen, daß es noch ferner geſchieht. Das iſt die einzige Rettung.“ Fünftes Kapitel. Danton. Das Wort Vergniauds: die Revolution ſei wie Sa⸗ turn, ſie verſchlinge ihre eigenen Kinder, war nur zu wahr. Es hatte ſich an ihm ſelbſt und an den Girondiſten überhaupt bewährt. Sie waren die Häupter der Revolu⸗ tion geweſen und ihre Köpfe waren unter dem Beil der Guillotine gefallen. Nach ihnen folgte einer nach dem andern von den verſchiedenen Machthabern. Von den beiden eigentlichen Größen der Revolution waren nach Marats Tod und der Hinrichtung der Giron⸗ diſten nur noch zwei am Ruder! Danton und Robes⸗ pierre. Beide konnten nicht nebeneinander exiſtiren, Einer von ihnen mußte untergehen. Es war, wie immer, der Edlere, Danton. Danton hatte ſich ſeit einiger Zeit freiwillig aus dem Wohlfahrtsausſchuß zurückzogen, ſei es nun, um dem Neide Schweigen aufzuerlegen, oder um fern den blutigen 83 Scenen in Paris die Muße zu genießen, die ihm theurer war als der Ehrgeiz. Er bewohnte ein hübſches Land⸗ haus in Sevres ſeit dem Frühjahr; er hatte kaum ein Jahr zuvor zum zweiten Mal geheiratet und liebte ſeine junge, ſchöne Frau und ſeine Kinder unausſprechlich. In dieſem Kreiſe und in dem ſeiner Freunde, von denen wir Camile Desmoulins bereits können gelernt haben, ver⸗ lebte er die Tage bei Schmaus und Fröhlichkeit, während „NRobespierre ſich anſchickte, den tödtlichen Streich auf das Haupt ſeines Nebenbuhlers zu führen. Danton heuchelte Gleichgiltigkeit gegen die Politik, aber er war gereizt und ſchmähte die Regierung rückſichts⸗ los. Er fühlte ſeine Bedeutung und zeigte ſich gekränkt, daß die Republik ſich derſelben nicht ganz und gar füge. „Frankreich“, ſagte er oft,„glaubt mich entbehren zu können, wir werden ſehen!“ Er ſchonte Robespierre nicht und verdammte ſeine Blutherrſchaft; der Riß zwiſchen Beiden, von denen Jeder eine ſurchtbare Macht war, ward von Tag zu Tag größer. Die Jacobiner, welche Danton liebten und Robes⸗ pierre fürchteten, verſuchten, Beide wieder auszuſöhnen. Bei einem ihrer gemeinſchaftlichen Freunde in Charenton ſprachen ſie ſich in der That gegenſeitig aus und der Zwieſpalt zwiſchen ihnen ſchien vorüber zu ſein. Aber ſchon beim Ende des Mittagmahles zeigten ſie ſich wieder als erbittertſte Gegner. 6* 84 Danton ſchmähte auf die Regierung und meinte: Ich bin für den Frieden, ich wünſche die Eintracht, aber ich werde meinen Kopf den dreißig Tyrannen nicht geben.“ „Wen nennen Sie Tyrannen?“ verſetzte Robes⸗ pierre.„Das Vaterland allein iſt Tyrann einer Republik.“ „Das Vaterland? beſteht dies etwa aus einer Clique von Diktatoren, die nach meinem Blute dürſten?“ „Sie täuſchen ſich; der Ausſchuß dürſtet nur nach Gerechtigkeit. Aber ſind diejenigen gute Bürger, welche die Republik mitten im Kampfe entwaffnen wollen, und die ſich mit dem Mantel der Nachſicht ſchmücken, waͤhrend wir für ſie die Gehäſſigkeit und Verantwortlichkeit dieſer Strenge übernehmen?“ „Soll das eine Anſpielung ſein?“ fragte Danton. „Nein, eine Anklage“, ſagte Robespierre. „Ihre Freunde wollen meinen Tod.“ „Die Ihrigen den Tod der Republik.“ Danton erwiderte gereizter: „Ihr bringt ebenſoviel Unſchuldige um als Schul⸗ dige!“ „Iſt ein einziger Menſch ohne Urtheilsſpruch geſtor⸗ ben?“ entgegnete Robespierre gleichfalls gereizt.„Hat man einen einzigen Kopf abgeſchlagen, der nicht vom Ge⸗ ſetze geächtet war?“ Bei dieſen Worten ſchlug Danton ein bitteres, her⸗ ausforderndes Gelächter auf.„Unſchuldige! Unſ chuldige!“ 8⁵ rief er,„vor dieſem Ausſchuß, welcher in Lyon den Ku⸗ geln und in Nantes der Loire die Wahl überlaſſen hat! Du ſcherzeſt, Robespierre! Ihr betrachtet den Haß, den man gegen Euch hegt, als Verbrechen! Ihr erklärt alle Eure Feinde als ſchuldig!“ „Nein,“ ſagte Robespierre,„und der beſte Beweis iſt, daß Du noch lebſt!“ Bei dieſen Worten ſtand Robespierre auf und ent⸗ fernte ſich mit den ſichtbaren Zeichen der Ungeduld und des Zornes. Auf der ganzen Fahrt von Charenton bis zu ſeiner Wohnung in der Straße St. Honoré ſprach er kein Wort; aber vor der Hausthür ſagte er zu einem Freunde, der ihn begleitet hatte: „Du ſiehſt, es iſt keine Möglichkeit, dieſen Mann wieder in die Regierung zurückzuführen. Er will ſich auf Koſten der Republik wieder populär machen. Drinnen ver⸗ derbt er ſie, draußen bedroht er ſie. Wir ſind nicht ſtark genug, um Danton zu verachten, wir ſind zu muthig, um ihn zu fürchten; wir wollen den Frieden, er will den Krieg— er ſoll ihn haben.“ Danton ſeinerſeits ſpielte in Sevres den Gleichgiltigen weiter. Vergebens drangen ſeine Freunde darauf, daß er auf ſeiner Hut ſei und dem Wohlfahrtsausſchuß entweder durch die Flucht oder durch Kühnheit zuvorkomme. „Der Berg gehört Dir!“ ſagte Legendre zu ihm. „Die Truppen ſind für Dich!“ rief Weſtermann. 86 Die öffentliche Meinung iſt für uns!“ meinte Des⸗ moulins.. Danton lächelte gleichgiltig: „Es iſt nicht Zeit,“ antwortete er; auch wäre hierzu Blut nöthig und ich bin deſſen überdrüſſig. Ich habe das Leben ſatt, ich möchte es nicht um dieſen Preis bezahlen. Lieber guillotinirt werden als guillotiniren. Ueberdies werden ſie es nicht wagen, mich anzugreifen, ich bin ſtärker als ſie.“ Danton irrte ſich oder ſuchte ſich ſelbſt zu täuſchen. Er war eine ungeheure Kraft, aber dieſe Kraft hatte keinen Stützpunkt mehr, um ihre Hebel außzuſtellen und die Republik aufzuregen. Sollte er ſich an die Jacobiner halten? Er hatte ſie ſelbſt Robespierre überlaſſen. Oder an den Convent? Seitdem er ihn nicht mehr beſucht, war er noch mehr Sclave des Wohlfahrtsausſchußes geworden. Danton war in der That waffenlos; ſeine Macht war jetzt nur noch eine eingebildete. Robespierre ſeinerſeits zögerte nicht, ſeinen Feind zu vernichten, ehe er ſich wieder Macht verſchaffen konnte. Danton brauchte nur einmal wieder im Convent ſeine Donnerſtimme erſchallen zu laſſen und er war wieder furchtbar. Dem mußte zuvorgekommen werden. Noch in derſelben Nacht berief Robespierre die Mit⸗ glieder des Sicherheitsausſchußes zu einer geheimen Sitzung zuſammen. Allen, die kamen, ahnte, was beſchloſſen 87 werden ſollte: ſie fürchteten den Beſchluß und doch hatten ſie auch nicht den Muth, einen Mann für unſchul⸗ dig zu erklären, den Robespierre ſchuldig fand. Scheu blickten ihre Augen, düſter ihre Mienen, als St. Juſt, Freund und Genoſſe Robespierre's, mit ſeiner lieblichen Stimme das Furchtbare ausſprach. Die Republik, ſagte er, ſei unter dem Convent ſelbſt minirt; ein lange Zeit nützlicher, jetzt aber gefährlicher Mann habe ſich von den Regierungsausſchüſſen zurückgezogen, um ſeine Sache von der ſeiner Genoſſen zu trennen und ihnen hernach die Rettung des Vaterlandes als Verbrechen auszulegen. Dieſer Mann, der ſich von Complotten genährt, mit Reichthümern gemäſtet habe, der ſeiner Verräthereien zuerſt mit dem Hofe, dann mit Dumauriez,hernach mit der Gironde, endlich mit den Reak⸗ tionären überwieſen ſei, ſinne jetzt auf die gefährlichſte von allen, die Verrätherei der Nachſicht. Unter dem Vorwand dieſer erheuchelten Menſchlichkeit mißleite er die öffentliche Meinung, reize die Unzufriedenheit, erbittere die Gemüther, ſäe Zwietracht in der Nationalvertretung, nähre die Hoffnung der Vendee, correſpondire vielleicht mit den verbannten Tyrannen; er ſammle ſeine Freunde, laſterhafte und ſchwache Menſchen, um ſich und theile ihnen die ver⸗ ſchiedenen Rollen zu.„Dieſer Mann, Ihr habt ihn auch bereits Alle genannt“, fügte St. Juſt nach einer Pauſe hinzu, „es iſt Danton! Seine Verbrechen ſtehen ſelbſt in dem Schweigen geſchrieben, das Ihr jetzt beobachtet. Wenn er 88 rein wäre, ſo würdet ihr mich durch unwilliges Gemurre beſchämt haben. Aber Niemand glaubt an ſeine Unſchuld, Jedermann jedoch an ſeine Gefährlichkeit. Haben wir den Muth unſerer Ueberzeugung! Haben wir die Unbeug⸗ ſamkeit unſerer Pflicht! Ich verlange, daß Danton und ſeine Hauptmitſchuldigen in der Nacht verhaftet und vor das Revolutionstribunal geſtellt werden!“ Die düſteren Geſichter blickten Robespierre an. Robespierre ſchwieg. St. Juſt hatte für ihn mitge⸗ ſprochen. So wagte denn Niemand eine Einrede, der Verhaftsbefehl wurde bei beklemmender Stille unterzeich⸗ net.— Inzwiſchen hatte man Danton gerade in dieſer Nacht dringend gewarnt. Seine junge Frau, von einem Inſtinkt geleitet, hatte ſich, in Thränen aufgelöſt, ihrem Manne zu Füßen geworfen und ihn beſchworen, bei ihrer Liebe und der ſeiner Kinder, dieſe Warnung nicht zu verachten und ſich für einige Tage mindeſtens in Sicherheit zu bringen. Danton zanderte. War es aber Ungläubigkeit oder das demüthige Bewußtſein, dem Tode auszuweichen, oder Ueberdruß am Zweifel— er beſchloß zu bleiben.„Sie werden ſich lange beſinnen, ehe ſie einem Mann wie mir zu Leibe gehen,“ ſagte er;„ſie werden ſich ſo lange be⸗ ſinnen, bis ich ſie überrumpele.) Er ging dann ſchlafen. 89 Um ſechs Uhr Morgens drangen die Gendarmen in ſein Zimmer und zeigten ihm den Verhaftsbefehl des Aus⸗ ſchuſſes. „Sie wagen's alſo doch!“ rief er ans und lachte bitter.„Nun gut, Sie ſind kecker, als ich glaubte.“ Er kleidete ſich an, beruhigte dann ſein Weib, küßte ſie mit Liebe und folgte dann den Gendarmen, die ihn in einem Wagen in das Gefängniß des Luxemburg führten. In derſelben Stunde riß man Camile Desmoulins aus den Armen ſeiner Geliebten. „Ich gehe ins Gefängniß,“ ſagte er zu ihr, weil ich die Opfer beklagt habe.“ Als er nach dem Luxemburg kam, waren die anderen Freunde Dantons, darunter We⸗ ſtermann und auch Chabot, den wir in der Soiree bei Manuel kennen lernten, bereits dort. Die Gefangenen im Luxemburg konnten die Gedan⸗ ken nicht faſſen, daß Danton, der Machthaber die Revo⸗ lution, mitten unter ihnen und wie ſie verhaftet ſei. Die Royaliſten glaubten an eine Contrerevolution; ſie dräng⸗ ten ſich zu ihm und fragten ihn. Gereizt rief Danton: „Nun, was zweifelt Ihr? Ja ich bin Danton! Schaut ihn nur recht an! Ich muß geſtehen, das Spiel hat ſich nicht übel gemacht. Ich hätte nicht geglaubt, daß Robespierre mich auf ſolche Art in die Taſche ſchieben würde. Man muß auch ſeine Feinde zu loben wiſſen, wenn 90 ſie ſich als Staatsmänner zeigen! Im Uebrigen hat er wohlgethan,“ fügte er zu den Royaliſten gewendet hinzu; „noch einige Tage und ich hätte Euch Alle befreit. Ich bin hier, weil ich Eurem Elende und Eurer Gefangen⸗ ſchaft ein Ende machen wollte.“ Er wandte ſich darauf zu ſeinen Freunden, indem er Heiterkeit und Sorgloſigkeit zur Schau trug.„Wozu dieſe Thränen?“ ſagte er zu Desmoulins, der verzweifelt war, weil er an das Schickſal ſeiner Geliebten dachte. „Da man uns auf das Schaffot ſchickt, ſo laßt uns fröh⸗ lich dahin gehen.“ Aber der Troſt, mit den Freunden und Leidensgefähr⸗ ten beiſammen zu ſein, wurde Danton bald genommen. Er, wie jeder ſeiner Genoſſen erhielt ein Gefängniß; doch vermochten ſie durch die Gitter der Fenſter mitſammen zu ſprechen. Unterdeſſen hatte ſich das Gerücht von Dantons Ver⸗ haftung in Paris verbreitet und überall außerordentliche Senſation gemacht. Anfangs wollte Niemand an dieſes Uebermaß von Verwegenheit Seitens des Wohlfahrts⸗ ausſchußes glauben, bis man zuletzt die Beſtätigung der Nachricht von allen Seiten erfuhr. Im Convent war die Aufregung ungeheuer, aber Niemand wagte ſeine Mei⸗ nung offen auszuſprechen: die einzelnen Mitglieder gin⸗ gen mit düſteren Mienen ſtill auf ihre Plätze und erwar⸗ teten von Seiten des Wohlfahrtsausſchußes die Crklä⸗ 91 rung ſeiner vermeſſenen That. Aber die Mitglieder die⸗ ſes Ausſchuſſes ließen heute warten, als wollten ſie ihre Souveränetät empfinden laſſen. Deer Convent war unſtreitig eine Macht. Auf weſſen Seite er ſich ſchlug, der war Herr in Frankreich. Stimmte er Robespierre zu, ſo war Robespierre Alles, klagte er ihn wegen Danton an, ſo war er verloren. Auch trat mitten in der allgemeinen, von Staunen erfüllten Rath⸗ loſigkeit ein muthiger Mann auf, der für Danton ſprach und damit Robespierre anklagte. Es war Legendre. „Bürger!“ rief er.„Ich glaube Danton ſo rein wie mich ſelbſt. Er liegt ſeit heute Nacht in Feſſeln. Man hat ohne Zweifel gefürchtet, ſeine Stimme möchte ſeine Ankläger zu Schanden machen. Ich verlange deß⸗ halb, daß bevor ihr einen Bericht anhört, Danton vor uns beſchieden und vernommen werde!“ Zu ſeinem Glück trat jetzt Robespierre in den Saal; es war in dem Augenblick, wo der Convent, durch Le⸗ gendres Worte veranlaßt, Danton als lebendigen Zeugen der Verwegenheit Robespierre's vor ſich laden wollte. Dieß hätte entſchieden, denn Datons durch den Zorn ge⸗ hobenes Rednertalent hätte Alle auf ſeine Seite geriſſen. Das ahnte auch Robespierre und ſo ſchwang er ſich ſchnell auf die Tribüne und klagte in ſeiner breiten Weiſe den gefangenen Rivalen an. „Bürger,,“ ſprach er,„aus dieſer ſeit langer Zeit 92 ungekannten Unruhe, die in dieſer Verſammlung herrſcht, aus der Aufregung, welche durch die letzten Worte des Redners vor mir hervorgerufen wurde, iſt in der That leicht zu erſehen, daß es ſich um ein großes Intereſſe han⸗ delt, daß es ſich darum handelt, ob etliche Menſchen heut über das Vaterland obſiegen dürfen. Legendre hat von Danton geſprochen, weil er ohne Zweiſel glaubt, daß an dieſen Namen ein Vorrecht geknüpft ſei. Nein, wir wol⸗ len kein Vorrecht, nein, wir wollen keine Götzen!“ Anhaltender Beifall unterbrach den Redner, der durch ein Zucken um den Mund, ſchnell wie ein Blitz, verrieth, wie ſicher er jetzt ſeiner Sache ſei. „Wir werden heute ſehen,“ fuhr er muthiger fort, „ob der Convent einen ſeit langer Zeit werth gewordenen angeblichen Götzen zu zertrümmern wiſſen, oder ob dieſer in ſeinem Sturz den Convent und das franzöſiſche Volk zermalmen wird. Welches Vorrecht ſollte denn Danton be⸗ ſitzen? In was iſt er ſeinen Mitbürgern überlegen? Etwa weil einige getäuſchte Individuen und Andere, die nicht getäucht wurden, ſich um ihn geſchaart haben, um in ſeinem Gefolge zum Glück und zur Gewalt zu ge⸗ langen? Je mehr er die Patrioten täuſchte, um ſo mehr muß er die Strenge der Freunde der Freiheit empfinden. Bürger! Der Augenblick iſt gekommen, die Wahrheit zu ſagen. Ich erkenne in Allem, was man geſagt hat, nur ein unglückſeliges Vorzeichen für den Untergang der Freiheit. Man mißtraut den Männern, welchen der Nationaleon⸗ vent ſein Vertrauen geſchenkt hat und welches die öffent⸗ liche Meinung heiligte. Ich ſage, daß Jeder, der in dieſem Augenblick zittert, ſchuldbewußt iſt, denn die Unſchuld fürchtet niemals die öffentliche Uiberwachung.“ Neuer Beifall auf dieſe echt Robespierre ſche Phraſe. „Man hat mich gewarnt, mir gedroht! Bürger! Was liegt mir an der Gefahr! Mein Leben gehört dem Vaterlande, mein Herz iſt frei von Furcht, und wenn ich ſterbe, ſo geſchäͤhe es ohne Tadel und ohne Schimpf. 2 Danton iſt in meinen Augen ein Feind des Vaterlandes.“ Robespierre's Rede erſtickte alle Verſuchungen der Freunde Dantons, für dieſen zu ſprechen. Man fühlte die Ueberlegenheit und heuchelte Ueberzeugung aus Furcht, zu den Schuldbewußten gezählt zu werden. Legendre ſelbſt bebte vor Angſt und ſtammelte Beſchuldigungen. Um den Sieg Robespierre's zu vollenden, trat nun noch St. Juſt auf und hielt ſeinen Bericht über die angeblichen Verbre⸗ chen Dantons. Er that es mit ſo ernſter und eintöniger Stimme, daß der willkürlichen That der Anſchein uner⸗ ſchrockener Gerechtigkeit gegeben wurde. „Die Tage des Verbrechens ſind vorüber,“ ſchloß er dann.„Wehe denjenigen, die Dantons Sache ver⸗ theidigen wollen! Alles was verbrecheriſch war, muß zu Grunde gehen! Man macht Republiken nicht mit ſchonen⸗ 94 den Rüchſichten, ſondern mit der unbarmherzigen, unbeug⸗ ſamen Strenge gegen Alle diejenigen, welche verrathen haben.“ Darauf verlas er das Anklagedekret gegen Danton und deſſen Freunde. Nicht eine einzige Stimme erhob ſich gegen dieſe Anträge. Der Beſchluß war ebenſo einmüthig als das Entſetzen.— Unterdeſſen beruhigte ſich Danton in ſeinem Gefäng⸗ niſſe und trug Gleichgiltigkeit gegen ſein Schickſal zur Schau. Er ſcherzte durch die Fenſter hindurch mit den anderen Gefangenen und verhöhnte die Mitglieder des Wohlfahrtsausſchuſſes. „Die Republik wird ſie zermalmen,“ ſagte er. „Wenn ich dem lahmen Couthon meine Beine und dem impotenten Robespierre meine Manneskraft zurücklaſſen könnte, ſo möchte das Ding noch einige Zeit feinen Fort⸗ gang haben. Ich für meine Perſon ſehne mich nicht nach der Herrſchaft zurück, denn in den Revolutionen bleibt der Sieg immer den größten Schurken.“ Einige Tage nach ſeiner Verhaftung führte man Danton nach der Conciergerie. Als Danton dieſen Vor⸗ ſaal der Guillotine betrat, verlor ſich die Sorgloſigkeit und die Nähe des Todes machte ihn düſter. Gleich darauf begann der Prozeß. Alle Geſchwo⸗ renen, von Fouquier⸗Thinville, dem vom Wohlfahrts⸗ 95 ausſchuß beſtellten öffentlichen Ankläger, ausgewählt, wa⸗ ren Danton und ſeine Genoſſen bekannt. Fouquier⸗Thin⸗ ville ſelbſt verdankte ſeinem Verwandten Camille Des⸗ moulins die Stelle, die er jetzt bekleidete. Aber das Auge des Ausſchuſſes ſchwebte über allen dieſen Leuten, die nicht Gerechtigkeit, ſondern den Tod zu ſprechen hatten. Man führte zuerſt Danton in den Gerichtsſaal. Als der Präſident ihn um Namen, Alter und Woh⸗ nung fragte, antwortete er: „Ich bin Danton, ziemlich bekannt in der Revolu⸗ tion. Ich zähle fünfunddreißig Jahre. Meine Wohnung wird bald das Nichts ſein und mein Name wird leben im Pantheon der Geſchichte.“ „Und ich,“ ſagte Camille Desmoulins,„ich bin drei⸗ unddreißig Jahre alt, das gefähr lichſte Alter für Revo⸗ lutionäre, das Alter, in dem der Sanseulotte Jeſus ſtarb.“ Man verhörte erſt die Uebrigen, Chabot, Bazire, Fabre; dann warf der Präſident Danton die Verbindun⸗ gen mit Dumouriez vor und ſeine geheime Mitſchuld bei dem Plan, das Königthum wieder herzuſtellen, dadurch, daß man die Armee beſteche und gegen Paris fortreiße. Entrüſtet, außer ſich vor Zorn, ſprang Danton auf und rief mit ſeiner Donnerſtimme: „Die Elenden, die mich verleumden, warum greifen ſie mich nicht offen an? Sie ſollen ſich zeigen und bald werde ich ſie mit Schmach bedecken. Im Uebrigen,— ich 96 1 wiederhole es: meine Wohnung iſt bald im Nichts und mein Name im Pantheon. Mein Kopf iſt da, er haftet für Alles... Das Leben iſt mir zur Laſt, ich ſehne mich, davon befreit zu werden!... Männer meines Schlages ſind unbezahlbar.. Auf ihrer Stirne iſt in unverwiſchba⸗ ren Zeichen das Siegel der Freiheit, der republikaniſche Geiſt aufgedrückt— und mich beſchuldigt man, am Fuße der Höfe herumgekrochen zu ſein! St. Juſt! Du ſollſt bü⸗ ßen für die Verleumdungen, welche Du gegen den beſten Freund des Volkes geſchleudert haſt. Indem ich dieſes Verzeichniß von Gräueln leſe, erzittert mein ganzes We⸗ ſen!“— Nachdem ihm darauf der Präſident bemerklich ge⸗ macht, daß dieſe Art und Weiſe, ſich zu vertheidigen, die Anklage in Nichts entkräfte, erklärte Danton, ſich zu einer Rechtfertigung herabzulaſſen. Aber balb beherrſchte ihn wieder der Art die Wuth, daß alle ſeine Worte nur Schmä⸗ hungen wurden. Immer verworrener ward der Gang ſei⸗ ner Rede, die unter der Maſſe und Zuſammenhangloſig⸗ keit ſeiner Ideen zu erſticken ſchien. Die wahre Beredt⸗ ſamkeit eines Angeklagten: die Kaltblütigkeit der Wahr⸗ heit und der innige Ton des Gewiſſens mangelten ihm. Er ſuchte ſie durch Pathos und Lärm zu erſetzen; er ſtei⸗ gerte ſich bis zur Excentricität, aber niemals bis zur Ent⸗ rüſtung. Die krampfhaften Bewegungen ſeines Geſichts, ſeine haſtige, kurz abgebrochene Rede, ſeine Gebärde, der 97 Schaum, der ihm auf die Lippen trat, der Athem, welcher ihm ausging,— Alles zeigte, daß er nicht die Kraft beſaß, länger zu ſprechen. Er ſchwieg daher und man führte ihn ins Gefäng⸗ nitz zurück. Am Abend dieſes Tages ſchrieb Camile Desmoulins einen rührenden Brief an ſeine Geliebte, die Freundin von Dantons Frau, mit der zuſammen ſie bald darauf hinge⸗ richtet wurde. „O meine theure Lucilie!“ ſchrieb er.„Ich war ge⸗ boren, um Verſe zu machen, um die Unglücklichen zu ver⸗ theidigen, um Dich glücklich zu machen und um mit Deiner Mutter, meinem Vater und einigen Perſonen nach unſe⸗ rem Herzen ein Otahaiti zu bilden. Ich hatte eine Re⸗ publik geträumt, welche Jedermann angebetet haben würde. Ich konnte nicht glauben, daß die Menſchen ſo grauſam und ungerecht wären. Ich verhehle es mir nicht, daß ich als ein Opfer meiner Freundſchaft für Danton ſterbe. Ich danke meinen Mördern, daß ſie mich mit ihm ſterben laſ⸗ ſen. Verzeih' meine theure Freundin, mein wahres Leben, das ich verloren habe in dem Augenblick, wo man uns trennte; ich beſchäftige mich mit meinem Andenken: ich ſollte mich weit mehr damit beſchäftigen, Dich es vergeſſen zu machen, meine Lucilie! Ich beſchwöre Dich, rufe mich nicht mit Deinem Geſchrei; es würde mir noch im Grab mein Herz zerreißen. Lebe für unſer Kind! Erzähle ihm 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 7 98 von mir, ſage ihm, was es von mir ſelbſt nicht hören kann, daß ich es ſehr geliebt haben würde! Trotzdem, daß ich hingerichtet werde, glaube ich an einen Gott. Mein Blut wird meine Fehler, meine menſchlichen Schwächen verwi⸗ ſchen; was aber Gutes an mir war, meine Tugenden, meine Liebe zur Freiheit, dieſe wird Gott belohnen. Ich werde Dich einſt wiederſehen, Lucilie! Kann ich bei mei⸗ nem innigen Gefühl für meine Mitmenſchen einen Tod, der mich von dem Anblick ſo vieler Verbrechen erlöſt, für ein ſo großes Unglück halten? Lebe wohl, mein Leben, meine Seele, meine Gottheit auf Erden! Lebe wohl, Lu⸗ eilie! Meine Lueilie! Meine theure Lucilie! Lebe wohl, Horace! Annette! Adele! Lebe wohl, mein Vaterl ich fühle das Geſtade meines Lebens von mir fliehen. Ich ſehe noch Lucilie! Ich ſehe ſie, meine Heißgeliebte, meine Lu⸗ cilie! Meine gebundenen Hände umarmen Dich und mein abgetrennter Kopf läßt ſeine ſterbenden Augen noch auf Dir ruhen.“— Am nächſten Tage trat Danton nicht minder heftig als am Tage vorher auf. Er hatte Theilnahme unter dem Volk bemerkt, welches in dem Sitzungsſaal war und auf dem Hof des Juſtizpalaſtes, auf den Straßen um denſel⸗ ben ſtand. Heimliche Zeichen hatten ihm zu wiſſen ge⸗ than, daß man das Volk zu ſeinen Gunſten draußen bear⸗ beite und er hoffte im Geheimen, einen Aufſtand zu er⸗ 99 regen und dadurch in der letzten Stunde ſeine Freiheit wieder zu erhalten. Dieſe Hoffnung prägte ſich heute auch in ſeinem ganzen Weſen aus. Beſonders ſprach er ſo furchtbar laut, daß man, da die Fenſter des Gerichtsſaales offen ſtanden, ſeine Stimme unten auf der Straße vernehmen konnte. Und dieſe Stimme, das wußte Danton, konnte eine ma⸗ giſche Wirkung auf das Volk ausüben. „Volk,“ ſchrie er.„Meine Stimme ſoll nicht bloß hier gehört werden, ſondern von ganz Frankreich!“ Die Sturmglocke des Aufruhrs ſchien in ſeiner Bruſt u ſchlagen, ſeine Gebärde zermalmte die Richter, die Ge⸗ ſchworenen und die Zuhörer. Die Klingel des Präſidenten gebot unaufhörlich und vergeblich Schweigen. „Hörſt Du die Glocke nicht?“ rief ihm der Präſi⸗ dent zornig zu. „Präſident,“ antwortete Danton,„die Stimme ei⸗ nes Menſchen, der ſein Leben vertheidigt, muß die Ge⸗ beine Deiner Glocke überwältigen.“ Von einem nach dem Sitzungsſaale zu ſich öffnenden Dachfenſter der Druckerei des Tribunals wohnten mehrere Mitglieder des Ausſchuſſes unſichtbar dieſem Drama bei. Mit Schrecken bemerkten ſie die Verlegenheit der Richter, ſelbſt die Fouquier⸗Thinville's angeſichts der Sympathieen, die unſtreitig Danton und mit ihm Camile Desmoulins 7* 100 unter dem Volke beſaßen und die ſich bereits drohend ge⸗ gen die Richter zu äußern begannen. Sie machten dem Präſidenten ein Zeichen, die Sitzung aufzuheben und dar⸗ aufhin verweigerte dieſer Camile Desmouslins, welcher aufgeſtanden war, um ſeine geſchriebene Vertheidigung zu leſen, das Wort. Camille war entrüſtet. Er zerriß die Schrift, die er in ſeiner Hand hatte und warf die Stücke davon zur Erde. Dann aber, als beſinne er ſich eines Anderen, hob er ſie wieder, ballte ſie zu Kugeln zuſammen und begann damit eine wüthende Kanonade nach dem Kopf Fouquier⸗ Thinville's. Auch Danton, der für ſeinen Zorn eine phy⸗ ſiſche Bewegung brauchte, ſchleuderte dieſe Kugeln auf die Richter, und die Wuth und Erbitterung, mit der Beide es thaten, machte dieſe Handlung bedeutungsvoller, als es ſonſt der Fall hätte ſein können. Es waren Angeklagte, denen man die Mittel der Vertheidigung raubt und die in der Entrüſtung mit den Fetzen ihrer Beweiſe ihr Blut den Richtern ins Geſicht ſchleudern, als eine Rache oder als eine Verwünſchung. Darauf führte man Beide in die Kerker zurück.— Der Wohlfahrtsausſchuß war an dieſem Tage in der größten Beſtürzung, ſelbſt Robespierre bangte. Immer deutlicher zeigte ſich die Gährung zu Gunſten Dantons im Volk, immer mehr war zu fürchten, daß der Schlag, 101 den Robespierre auf Danton führen wollte, auf ſein ei⸗ genes Haupt zurückfalle. Der Zufall hatte ſie von einer Verſchwörung zu Gunſten Dantons unterrichtet, die ſehr weit griff und deren Abſicht ohne Zweifel glücken konnte, wenn Robespierre ihr nicht zuvorkam. Die ſchöne Frau Camile Desmoulins ſollte ſich am nächſten Tage mitten un⸗ ter das Volk ſtürzen und durch ihre Stimme und ihren Schmerz die Menge gegen das Tribunal und den Convent aufwiegeln. Der Wohlfahrtsausſchuß berieth, was zu thun ſei. Er konnte den Prozeß weder aufheben noch unterbrechen, denn das Geſetz verlangte, daß die Debatten wenigſtens drei Tage dauern ſollten. Die Sitzung am folgenden Tage aber konnte die Freiheit und den Triumph der Dan⸗ toniſten mit ſich führen. St. Juſt war es wieder, der für Robespierre handelte. Er rief den Convent zu einer außerordentlichen Sitzung zuſammen und verlangte ein Dekret, daß jeder der Verſchwörung Angeklagte, welcher die Nationaljuſtiz beſchimpft habe, von den Debatten ausgeſchloſſen und ſeines Vertheidigungsrechtes beraubt werden ſolle. Der Convent gehorchte ſklaviſch. Drei Mitglieder des Wohlfahrtsausſchuſſes laufen augenblicklich zu Fou⸗ quier⸗Thinville und bringen dieſem das Dekret. Es war ſo gut wie das Todesurtheil der Angeklagten. Zugleich ließ man Camile Desmoulins Geliebte, 102 Lucilie, und Dantons ſiebzehnzähriges Weib, ſowie die bei der Verſchwörung Betheiligten verhaften. Am andern Tage las Fouquier⸗Thinville den Ge⸗ ſchwornen das Dekret des Convents vor. Danton fuhr wild auf und ſchrie: „Ich rufe Alle zu Zeugen auf, daß wir das Tribu⸗ nal nicht beſchimpft haben.“ Das Volk im Zuhörerraume beſtätigte durch Beifalls⸗ geſchrei dieſe Behauptung; es ſah Danton durch die Will⸗ kür bedroht und dadurch ſtieg ſeine Sympathie für ihn. Bereits drang es gegen die Barrieren und murrte gegen die es abwehrenden Gendarmen. Wäre Einer aufgetreten, um ſeinen Zorn zu erhöhen, es hätte die Schranken durch⸗ brochen und die Gefangenen befreit. Aber da dieſe An⸗ erkennung fehlte, beruhigte ſich die Menge nach und nach wieder. Danton fuhr inzwiſchen in ſeinem Proteſtiren fort: „Die Wahrheit,“ rief er,„wird einſt an den Tag kommen! Ich ſehe großes Unglück über Frankreich herein⸗ brechen. Das iſt die Diktatur!“ Plötzlich bemerkte er in einem Seitenkabinet die un⸗ ruhigen Geſichter einiger Mitglieder des Ausſchuſſes, Ver⸗ trauter Robespierre's. Er ballte ſeine Fauſt gegen ſie und ſchrie: „Seht da! Seht dieſe feigen Mörder! Sie lauern auf unſern Tod!“ 103 „Die Schurken!“ rief Camile. Der Präſident erklärte die Sitzung und die Debat⸗ ten für geſchloſſen. „Ich proteſtire!“ brüllte Danton wuthſchnaubend. „Ihr wollt mein Blut! Ich möchte es Euch ins Antlitz ſpritzen! Die Gendarmen führten ihn hinaus. „Man hat mich meiner Vertheidigung beraubt,“ rief Camile.„Ihr habt wie Mörder gehandelt!“ Er klammerte ſich feſt an ſeine Bank und wollte den Sitzungsſaal nicht verlaſſen. Die Gendarmen mußten ihn mit Gewalt fortbringen. „O, Du elendes Volk!“ rief er zornglühend noch den Zuhörern zu.„Du ſiehſt die Henkerthat und rührſt kei⸗ nen Finger! Pfui, Du warſt nicht werth, daß ein Mann von Geiſt etwas für Dich gethan hat. Muth haſt Du nicht, Du Canaille; Du jauchzeſt heut' Deinen Götzen zu und ſteinigſt ſie morgen! Frei kann man Dich machen, aber weder gerecht noch groß!“ Die Geſchwornen zogen ſich indeſſen zur Berathung zurück. Eine furchtbare Angſt laſtete auf dem Gewiſſen der Meiſten, denn wohl keiner von ihnen glaubte an das Ver⸗ brechen Dantons. Um dieſen handelte es ſich doch zumeiſt, die übrigen Angeklagten theilten immer nur das Schick⸗ ſal Dantons. Die Geſchworenen ſchienen zu ſchwanken; ſie führten heimliche Geſpräche unter einander; ſie ſuchten 104 in den Augen gegenſeitig zu erforſchen, ob ſie für Leben oder für Tod ſtimmen ſollten. Viele liebten Danton, ge⸗ hörten zu ſeinen Freunden und haßten im Geheimen Robes⸗ pierre. Einige gingen auf und ab, als wollten ſie dem Urtheilsſpruch nur zuletzt beitreten.. „Nun,“ ſagte Einer von dieſen zu einem Andern, „was machſt Du?“ „Ich ſinne nach über das, was kommen ſoll. „Ich habe mich bereits beſonnen, ich bin fertig.“ „Was haſt Dn beſchloſſen?“ „Ich habe zu mir geſagt, daß dieß kein Prozeß ſei, ſondern eine Maßregel. Die Umſtände gebieten, daß wir nicht mehr gerecht ſind, ſondern die Nothwendigkeit der Politik geſchehen laſſen müſſen.“ „Du biſt nicht übel berathen. Alſo ſind wir keine Geſchworne mehr, ſondern Staatsmänner, vielleicht Mörder?“ „Staatsmänner, das iſt das Rechte.“ „Aber gibt es denn zwei Arten von Juſtiz? Eine für den gemeinen Haufen und eine für die großen Männer?“ „Bah! Seien wir nicht ſpitzfindig, Freund, ſondern von praktiſchem Verſtand. Wir ſind wo wir ſind. Gehen wir nicht mit, gehen Andere und man wird uns beſeitigen. Beſeitigen wir daher lieber. Danton und Robespierre können ſich nie wieder vertragen. Einer muß fallen— fällt Danton nicht, ſo Robespierre. Soll das Vaterland gerettet wer⸗ 105 den, dürfen Beide nicht wieder zuſammenkommen. Frage Dich ſelbſt als guter Patriot und ſage Dir nach Deinem Ge⸗ wiſſen: welchen von Beiden glaubſt Du in dieſem Augen⸗ blick entbehrlicher für die Republik, Robespierre oder Danton?“ „Danton!“ entgegnete der Andere, ohne ſich zu be⸗ denken. „Gut, ſo ſtimme für Dantons Tod!“ Und alſo lautete das Verdikt der Geſchworenen.— Man hatte die gemeinſam Angeklagten wieder in ein einziges Gefängniß gebracht und ſo troͤſteten ſie ſich und ſpra⸗ chen ſich Muth zu für den letzten Gang, denn keiner von ihnen bezweifelte ſein Geſchick und keiner war im Angeſicht des Todes feige. Nur Chabot war es geweſen; er hatte Gift geſchluckt; aber zu feig den Todeskampf auszuhalten, hatte er um Hilfe gerufen und war für die Guillotine gerettet worden. Er winſelte und man ließ ihn ohne Troſt, weil man ihn verachtete. Camile Desmoulins, der um Luci⸗ liens Willen vom Leben nicht laſſen konnte, hatte ſich wenig⸗ ſtens äußerlich gefaßt; aber er war eine ſchwache Natur — er hatte mit der Revolution geſpielt und wollte noch immer nicht glauben, daß die Revolution mit ihm Ernſt machen könne. Er hoffte im Stillen, daß Robespierre ihn in der letzten Stunde noch retten werde. Danton zeigte ſeine gewohnte Gleichgiltigkeit und gefiel ſich im Apo⸗ theoſiren ſeines Ruhmes. 106 „Sie glauben mich entbehren zu können,“ ſagte er, „aber ſie täuſchen ſich. Ich war der Staatsmann Europas. — Sie haben keine Ahnung von der Lücke, welche dieſer Kopf hinterläßt,“ fuhr er fort, indem er ſein Haupt mit beiden Händen faßte.„Was mich betrifft, ſo lache ich dazu. Ich habe meinen Augenblick des Daſeins gut ge⸗ noſſen; ich habe viel Lärmen gemacht auf der Welt; ich habe mir's wohl ſein laſſen im Leben— ſchlafen wirjetzt!“ Und er machte mit dem Kopfe und dem Arm die Ge⸗ bärde eines Mannes, welcher ſich zur Ruhe legen will. Um vier Uhr kamen die Henkersknechte, um den Ver⸗ urtheilten die Hände zuſammen zu binden und die Haare abzuſchneiden. „Sie ließen ſich's ohne Widerſtand gefallen und würzten die Todestoilette noch mit Spöttereien. „Das iſt wohl gut für dieſe Dummköpfe, die uns auf der Straße angaffen werden,“ ſagte Danton,„aber vor der Nachwelt werden wir anders erſcheinen.“ Als die Henker Camile Desmoulins ergreifen wollten, um ihn gleich den Anderen zu binden, wehrte er ſich wie ein Verzweifelnder gegen dieſe Vorbereitungen, welche ihm jeden Zweifel an ſeinem Tode benahmen. Der künſtlich hervorgerufene Muth brach in ihm zuſammen und die Angſt vor dem Tode äußerte ſich fortan in Fluchen und Wuth⸗ ausbrüchen, untermiſcht mit Klagen und Jammern. Vergebens ſprach ihm Danton zu. Die Henker muß⸗ 107 ten zuletzt Gewalt brauchen, um Camile zu feſſeln und ihm die Haare abzuſchneiden. Gebändigt und gebunden flehte er dann Danton an, ihm eine Haarlocke von Luci⸗ lie, die er bei ſich trug, in die Hand zu geben, damit er noch im Tode etwas von ſeiner Geliebten an ſich drücken könne. Danton erwies ihm dieſen Liebesdienſt und reichte ſeine Hände alsdann den Henkern. Ein einziger Wagen nahm die Verurtheilten auf. Eine furchtbare Menge des Volkes füllte die Straßen, durch welche Danton geführt ward. Ueberall begegnete ihm anfangs Ernſt und Stille— das Volk ehrte ſich und ſeinen einſtigen Herrn. Nur eine kleine Zahl zerlumpter Männer und Weiber, die der Wohlfahrtsausſchuß gedun⸗ gen hatte, zog hinter dem Karren her und überhäufte die Verurtheilten mit Hohn und Verwünſchungen. Danton würdigte ſie keines Blickes, aber er ließ ſeine Feueraugen über das ernſte Volk rollen, als hoffe er noch, daß es zu ſeiner Befreiung herbeiſtürzen werde. Camile Desmoulins dagegen vollendete das Bild der Verzweiflung, welches er ſeit einigen Stunden geboten hatte. Er ſchrie und redete unaufhörlich zu der Menge. „Edelherziges Volk, unglückliches Volk!“ rief er. „Man täuſcht Dich, man richtet Dich zu Grunde, man ſchlachtet Deine beſten Freunde! Erkennet mich, rettet mich! Ich bin Camile Desmoulins! Ich bin es, der Euch am 108— 14. Juli zu den Waffen gerufen! Ich bin es, der Euch die Nationalkokarde gegeben hat!“ Dabei geſtikulirte er mit den Schultern ſo furchtbar, daß ſein Rock und ſein Hemd zerriſſen und die hagere, knochige Bruſt beinahe entblößt über den Karren hinaus ragte. Das Volk, beleidigt durch dieſen feigen Todeskampf, wandte ſich ab von ihm oder ſchmähte ihn. Danton ſelbſt fühlte ſich dadurch gedemüthigt. Er überhäufte ſeinen Freund mit Vorwürfen und zwang ihn, ſich auf die Bank niederzuſetzen. „Bleib doch ruhig!“ herrſchte er ihm unwillig zu, „und laß dieſe elende Canaille gaffen!“ Als man unter den Fenſtern des Hauſes vorbeikam, welches Robespierre bewohnte, verdoppelte die Hefe des Volks hinter dem Karren ihre Beſchimpfungen, als wollte ſte ihrem Götzen durch Marterung ſeines Nebenbuhlers eine Huldigung darbringen. Die Fenſter des Hauſes in der Rue St. Honoré, in dem Robespierre wohnte, waren geſchloſſen. „Das wird ihm wohlthun,“ meinte Danton höhniſch. „Das wird ſein Herz luſtig ſtimmen! Dieſer Heuchler— er wird ein trübes Geſicht dazu machen, als wenn des Vaterlandes Wohl dieſe Pflichterfüllung von ihm erheiſcht habe. Nun, ich weiß, daß mein Blut ihn umbringt. Nicht drei Monate gehen hin und Robespierre geht denſelben 109 Weg wie ich. Er wird's erfahren und ich hätte einen Ge⸗ nuß, es ihm hinauf zu ſchreien. Am Schaffot angelangt, küßten ſich die Meiſten noch zum letzten Mal im Leben. Camile Desmoulins hatte im letzten Augenblick ſeine Faſſung wieder gewonnen. Er rollte zwiſchen ſeinen Fin⸗ gern die Haare ſeiner Frau, gleich als hätte ſeine Hand ſich losmachen wollen, um dieſe koſtbare Reliquie an ſeine Lippen zu führen.— Als der Kopf des Erſten unter ihnen gefallen war, trat er an die Guillotine, betrachtete kalt das vom Blut des Freundes gefärbte Meſſer und beſtieg dann das Schaffot. „Das alſo iſt das Ende des erſten Apoſtels der Frei⸗ heit!“ rief er dem Volke zu.„Die Ungeheuer werden mich morden, aber nicht lange überleben.“ Dann ſich zum Scharfrichter wendend, ſagte er: „Laß dieſe Haare meiner Schwiegermutter zu⸗ kommen.“ Einen Augenblick ſpäter rollte ſein Kopf in den ei⸗ ſernen Korb. Danton war der letzte. Stolz und Achtung gebietend, als beſteige er die Rednerbühne, trat er auf das Schaffot. Mit einem Blick des Mitleids und der Verachtung ſchaute er noch einmal auf das Volk und ſchien damit ſagen zu wollen: 110 „Schau mich nur recht an, Du wirſt keine Männer mehr ſehen, die mir gleichen!“ Er warf dann noch einen Blick auf ſein ganzes Le⸗ ben zurück, wie der Menſch es vermag, wenn er an der Schwelle des Todes ſteht. Ein einziger Blick, mit dem er Alles umfaßt. Er dachte an ſein junges Weib und ward ſanft. Thränen ſtiegen ihm in die Augen und er liſpelte: fehen meine Theure, ich werde Dich alſo nicht mehr Aber dann, als mache er ſich dieſe Rührung zum Vorwurf, rief er ſich rauh zu. „Danton! Keine Schwäche!“ Und dann zum Henker gewandt, ſagte er mit gebie⸗ tender Stimme: „Du wirſt meinen Kopf dem Volke zeigen, es iſt wohl der Mühe werth.“ Sein Kopf fiel, der Henker zeigte ihn, die rohe Menge klatſchte. Aber von einer Seite der Richtſtätte erſcholl auch plötzlich der Ruf: „Hoch Danton! Nieder mit Robespierre!“ Dieſe Verwegenen ſchienen nichts weiter bezweckt zu haben, als das Volk durch dieſen Ruf gegen Robes⸗ pierre aufzureizen. Sie wühlten ſich ſchnell unter die Menge, Andere ſuchten das Weite in die entlegeneren Straßen. 111 Eine Schaar von Poliziſten ſetzte ihnen nach, um ſie einzufangen. An der Spitze derſelben war Baſile, der durch eine Heldenthat ſeine Rangerhöhung bewirken wollte. Wüthend verfolgte er die Flüchtigen und war weit ſeinen Kameraden voraus. Er ſchwang ſeinen Säbel und ſchrie: „Haltet ſie, die Verſchwörer! Haltet ſie, im Na⸗ men des Geſetzes!“ Aber Niemand ſtellte ſich den Flüchtigen in den Weg, welche mit Auſbietung aller Kräfte vorwärts eilten. Sie erreichten zuletzt einen Neubau, an dem ſich das Baugerüſt noch befand. Um die Stangen desſelben ſich ſchwingend, bogen ſie in den Thorweg des Hauſes ein, um über den Hof die hinterliegenden Gärten zu erreichen. Baſile, hof⸗ fend, daß er ſie noch zuvor erreiche, verfolgte ſie mit ver⸗ doppelter Energie. Auch er ſchwang ſich um die Gerüſt⸗ ſtangen— doch noch ehe er unter den Thorweg gekommen war, lag er unter den herabgeſtürzten Brettern des Ge⸗ rüſtes. Als man ihn endlich wieder hervorzog, war er längſt eine Leiche. Die Bretter hatten ſeinen Kopf zer⸗ ſchmettert. 112 Sechſtes Kapitel. In der Zelle. Doktor Maury ſaß in ſeinem Studierzimmer und war in einem wiſſenſchaftlichen Werke vertieft. Das hohe, ſtattliche Gemach mit ſeinen mächtigen Bücherrealen längs der Wände, den langen Tiſchen mitten im Zimmer, auf denen Karten, Bücher, Gläſer, Globen, eine Menge der verſchiedenſten medieiniſchen Gegenſtände lagen und ſtan⸗ den, machte einen gleich ernſten Eindruck, wie der Mann ſelber, der hier Herr war. Die warme Luft des Som⸗ merabends ſtrömte durch die offenen Fenſter— ſchon dun⸗ kelte es und der Arzt ſtand auf, trat ans Fenſter und ſchaute in den Aether. Seine Gedanken ſchweiften in die Regionen der Sterne. Er dachte an Valerie, er hatte in den letzten Ta⸗ gen zahlreiche Briefe von ihrer Hand geleſen, einzeln, an⸗ dachtsvoll, als wolle er die ſuͤße Qual des erneuerten Schmerzes verlängern. Dieſe Briefe waren in einer Scha⸗ tulle geweſen, welche der Vater Valeriens anderthalb Jahr ſich nicht zu öffnen getraute. Erſt jetzt, wo er ſich Herr ſeines Grames wußte, hatte er dieſe Briefe geleſen, geküßt, mit Thränen genetzt. Sie hatten ihm alle Tiefen des Gemüths ſeiner Tochter gezeigt. Seine Gedanken ——— — — ͦ 113 ſchweiften unwillkürlich von Valerie auf ihren Geliebten André Chenier über. Er kannte alle Umſtände ſeiner Ge⸗ fangenſchaft, nicht allein durch Jean und Joſef Chenier, ſondern auch durch die Briefe, welche ſein Diener Gilbert aus St. Lazare hin und wieder mitbrachte. Doktor Maury, überzeugt, daß André nur dann zu retten ſei, wenn man ſeiner nicht erwähnte, hatte ohne Umſtände Verbindungen mit den Gefangenen anknüpfen können, welche in St. La⸗ zare ſich befanden. Sein Diener Gilbert, der ſeine Hoch⸗ zeit verſchoben hatte, Roſa, welche ſeit ihrer Geneſung ihrem Retter ſich dankbar zu bezeigen ſuchte, der alte Va⸗ ter Ricot, der gegen Alle, nur nicht gegen Maury, mür⸗ riſch war, ſie hatten Alle dazu beigetragen, dem Arzte zu⸗ weilen Eingang in die Zellen ſeiner Freunde, André Ché⸗ niers und der Frau von St. Aignan zu verſchaffen. Er erhielt Briefe von ihnen, er beſuchte ſie, angeblich um ih⸗ nen äͤrztlichen Beiſtand zu leiſten, er tröſtete ſie und un⸗ terrichtete ſie von den Ereigniſſen. Mehr zu thun war un⸗ möglich. Maury war auch der Arzt Robespierre's— er kannte deſſen Natur, er wußte, daß er keine Gnade übte und auf ſeine Nachſicht nicht zu rechnen war. So mußte denn Aufſchub oder Vergeſſen ihres Prozeſſes das einzige Mittel der Rettung bleiben und Doktor Maury hoffte, beide ihm liebgewordene, ihm vertraute Perſonen um ſo eher dem Tode entziehen zu können, als bereits Anzeichen einer geheimen Agitation gegen Robespierre und das 1861. 46. Apoll von Byzanz. III. 8 114 Schreckensregiment von ihm bemerkt worden waren. Er ließ, da alle Berechnungen ſich als eitel erwieſen, den Zu⸗ fall walten und traute ſich zu, im entſcheidenden Moment das Richtige zu erfaſſen. Urſula brachte die Lampe. Bald darauf trat Gilbert in ſeiner linkiſchen Weiſe ein und übergab dem Doktor ein Billet. Maury erkannte auf den erſten Blick die feine Hand⸗ ſchrift der H Herzogin von St. Aignan. Er öffnete das Billet, deſſen Inhalt aus folgenden Zeilen beſtand: „Ich habe Sie drei Wochen nicht geſehen— kommen Sie morgen, ich bitte Sie; Sie müſſen mich tröſten. An⸗ dré iſt auf einen anderen Flügel gekommen, mich hat man in ſeine Zelle geſetzt. Auch mein Glück. Alſo morgen, Doktor!... L. St. Aig.“ Doktor Maury lächelte etwas.„Auch ein Glück!“ Dieſe Stelle des Billets verrieth ihm abermals ein Ge⸗ heimniß, welches er längſt erkannt hatte. Frau von St. Aignan liebte André Chenier, dieſe Liebe war ein Troſt für dieſe unglückliche Frau im Kerker. Am nächſten Morgen begab ſich Doktor Maury nach St. Lazare. Vater Ricot begrüßte ihn ſo freundlich, als möglich Roſa, die aus ihrer Stube trat, zeigte ihn ein lächelndes Geſicht. Dceer Arzt trat in das düſtere Gebäude, durchſchritt 115 die ihm längſt wohlbekannten Corridore und hielt vor der Zelle an, die früher André Chénier bewohnt hatte. Ein Schließer kam herzu, erkannte den Doktor Maury, der Zugang zu den Gefängniſſen hatte, ſchob den Riegel vor der Thür zurück und ließ den Arzt in die Zelle treten. Die Thür ward alsdann wieder zugeworfen. Als Manry eintrat, vernahm er einen leichten Aus⸗ ruf der Ueberraſchung und bemerkte auch ſofort, daß Frau von St. Aignan in Verlegenheit war. Bei alledem war das Bild der Herzogin in Nichts geſtört— wie im Salon trug ſie eine vollkommene Grazie und eine edle Haltung, Ruhe, ſanfte Ergebenheit, engliſche Geduld und natür⸗ liche Weiblichkeit zur Schau. Sie hatte die Augen vor Verwirrung niedergeſchlagen und ein ſanſtes Roth hatte ihr Antlitz übergoſſen. Ihre Zelle war klein und heiß, denn ſie lag nach Mittag und die Sonne brannte täglich mehrere Stunden lang in ihrer vollen Glut hinein. Frau von St. Aignan hatte kein anderes Mittel gehabt, ſich gegen die Sonne zu ſchützen, als indem ſie vor das Fenſter einen großen Shawl, den einzigen, den man ihr gelaſſen, gehängt hatte. Ihr ſchwarzes Seidenkleid, in welchem ſie aus ihrem Hauſe entflohen, war in ziemlicher Unordnung; ihre Arme hatte ſie entblößt— man ſah, daß ſie trachtete, in ihrer Zelle und bei der Hitze ſo wenig wie möglich von ihren Kleidern beläſtigt zu werden. 8* 116 Sie hatte ſich beim Eintritt des Arztes erhoben: „Ah, mein Gott!“ rief ſie und kreuzte in ſcham⸗ hafter Verwirrung ihre beiden Arme über den offenen Buſen. Doktor Maury bemerkte dabei ein paar Thränen in ihren Augen. Die Scham mußte ſie hineingetrieben ha⸗ ben. Indeſſen, als Frau von St. Aignan bemerkte, daß Doktor Maury nur allein ſei, faßte ſie ſich ſchnell, ſetzte ſich auf den Rand ihres Bettes und bot ihm freundlich lächelnd den Rohrſtuhl an, den einzigen, den ſie beſaß, indem ſie hinzufügt: „Lieber Doktor, ich erwartete Ihren Beſuch erſt um Mittag, doch Sie ſind ſtets willkommen.“ Maury hatte, als er ſich niederſetzte, einen der Füße der Herzogin entblößt geſehen; ſie hielt in ihrer Hand den ſchwarzen geſtickten Seidenſtrumpf. „Madame,“ rief nun der Arzt ſcheltend,„Sie hät⸗ ten nur ein Wort zu äußern gebraucht....“ „Laſſen Sie doch, die arme Königin hat ja Aehnli⸗ ches durchmachen müſſen!“ Die Herzogin ſprach dieſe Worte ſehr lebhaft und lächelte dabei mit würdevoller Freundlichkeit, indem ſie den Arzt mit ihren großen Augen anſah. Bald aber veränder⸗ ten ſich die Züge ihres Geſichts; auf ihre edle Stirn la⸗ gerte ſich ein Schatten der Sorge und ſanfter Schwer⸗ muth, welche ſie ſeit einiger Zeit erfüllte. 117 „Sie wiſſen, Doktor,“ hob ſie nach einer Weile an, „daß ich in Folge meines Zuſtandes Ihrer gütigen Ver⸗ mittlung dieſe Friſt verdanke, welche mir noch zu leben bleibt—— „Schon gut, ſchon gut,“ unterbrach ſie Maury, um den Dankbezeugungen der jungen Frau zu entgehen. „Es iſt ein Aufſchub,“ fuhr ſie fort.„Aber die Karren gehen tagtäglich faſt mit ihren Opfern nach dem Revolutionsltribunal. Ach dieſe Karren!“ rief ſie und warf dabei einen faſt irren Blick nach dem Fenſter, wel⸗ ches auf den Hof hinausging,„Dieſe ſchrecklichen Kar⸗ ren! Wenn ſie kommen, zittern alle Mauern von St. La⸗ zare, alle meine Nerven werden erſchüttert. Man fühlt ſie kommen und gehen. Wie leicht ſind ſie und wie hohl ſie raſſeln, wenn ſie durch den Thorweg auf den Hof fah⸗ ren, wie ſchwer und langſam holpern ſie mit ihrer Laſt wieder hinaus. Doktor!“ rief ſie und ſchien die Beute einer heftigen Aufregung zu ſein.„Heut früh haben ſie wieder Manner und Frauen und Kinder fortgeführt— ich habe es gehört und Roſa hat es mir vorhin geſagt. Dieß gute Mädchen! Bald ſingt ſie unter meinem Fenſter, bald kommt ſie zu mir hinein! O ſie iſt ein Troſt für mich!“ Sie ſchwieg einen Augenblick, ſtrich mit ihren Hän⸗ den über die Augen und fuhr dann in einer leichteren Weiſe fort: „Ich wollte Sie fragen, ob Sie ein Mittel beſitzen, 118 das Kind, das ich unter meinem Buſen trage, vor dem Einfluß meiner Leiden und Aufregungen zu ſchützen. Deß⸗ halb bat ich Sie um Ihren Beſuch, denn ich habe Furcht, daß... Sie unterbrach ſich plötzlich und die wieder ins An⸗ tlitz ſteigende Röthe zeigte, daß ſie einen Gegenſtand zar⸗ teſter Natur berühren wollte. Erſt nach einigen Minuten, und nachdem Maury ſchweigſam geblieben, fuhr ſie, ſicht⸗ lich etwas gereizt, wieder fort: „Die Männer und Sie, obgleich Sie Arzt ſind, Sie kennen nichts von djeſem Stolz und dieſer Furcht, welche ein Frauenherz in ſolcher Lage beſtürmen. Aller⸗ dings glaube ich, daß ich mehr als andere Frauen furcht⸗ ſam bin. O mein Gott,“ rief ſie in lebhafterer Weiſe, „welch' eine entzückende Furcht iſt das!! Welch' ein ewig neues Empfinden der Frau! Ein anderes Herz unter dem meinigen ſchlagen fühlen, die Seele eines Engels in mei⸗ ner gequälten leben und dort ein geheimnißvolles Daſein führen wiſſen, was nie gerechnet wird— Doktor, ſolche Gefühle verſtehen Sie nicht! Denken, daß Alles was für mich Aufregung, für dieſes arme Weſen Leiden iſt, daß meine Sorgen ihm Schmerzen, wie meine Schmerzen ihm Foltern, meine Foltern ihm den Tod bereiten— o mein Gott, wenn ich daran denke, wage ich mich nicht mehr zu rühren, nicht mehr zu athmen! Ich fürchte mich vor meinen Ideen, ich mache mir aus meiner Liebe und 119 meinem Haß Vorwürfe— ich ergebe mich, ich dulde, als wäre ich eine Heilige! Sehen Sie, das iſt mein Zuſtand,“ ſchloß ſie dann plötzlich. Sie ſah entzückend dabei aus und hatte ihre überkreuzten Arme gegen den Schooß ge⸗ drückt, in dem ſie ſeit einigen Wochen erſt das Leben eines Kindes zum erſten Mal empfunden hatte. „Geben Sie mir eine Idee, die mir ſtets gegen⸗ wärtig bleibe, ſtets meinen Geiſt erfülle,“ fügte ſie hinzu und blickte den Arzt feſt dabei an.„Geben Sie mir ein Mittel, meinem Sohn kein Uebel zuzufügen.“ Der Doktor lächelte ein wenig. Es geſchah wegen der Beſtimmtheit, mit welcher Frau von St. Aignan, wie alle jungen Mütter, die Exiſtenz eines Sohnes vor⸗ ausſetzte. „Sie bemitleiden mich,“ ſagte ſie,„ich ſehe es.“ „O nein... „O ja, Doktor! Ach, wenn Sie nur eine Ahnung davon hätten, wie eine Mutter fühlt, welche Empfin⸗ dungen, welche Wünſche und, inmitten aller Sorgen und Leiden, welche Wonne ihr Herz durchſtrömt!“ Sie ſchwieg wieder einen Augenblick und fuhr dann, indem ſie ihr ſchönes Haupt auf die Bruſt neigte, ruhi⸗ ger fort: „Es iſt meine Pflicht, mein Kind bis zur Stunde der Geburt zu ſchützen, wiewohl dieſe die letzte meines Lebens ſein wird. O Doktor! Man läßt mich ja nur deß⸗ 120 halb noch auf Erden— Sie wiſſen es, Sie haben meinen Prozeß bis zu dieſer Zeit aufſchieben laſſen! Ich bin nur noch gut dazu, ich bin nichts als eine Schale, deren Kern reifen ſoll und die man zerbricht, wenn er reif iſt. Nein, nein! Mehr bin ich nicht, mein Herr! Glauben Sie“— und ſie ergriff dabei Maury's Hand—„glauben Sie, daß man mir noch einige Stunden gönnen wird, um mein Kind anzuſehen?— O es wäre zu grauſam, wollten ſie mich ſogleich tödten— nicht wahr? Wenn ich nur noch ſo viel Friſt erhalte, um mein Kind ſchreien zu hören, es einen Tag lang zu küſſen— ich würde ihnen Alles verzei⸗ hen, glaube ich, ſo ſehr würde mich dieſe Wonne er⸗ faſſen!“ Doktor Maury war von dieſem Ausbruch der Mut⸗ terliebe gerührt. Er drückte der Herzogin die Hände und küßte ſie mit Reſpekt; doch der ſchweigſame Mann ſprach noch kein Wort. Die Herzogin lächelte wieder mit aller Grazie einer Frau von vierundzwanzig Jahren. Ihre Thränen ſchienen Perlen der Freude zu ſein. „Mir kommt es ſtets ſo vor, als wenn Sie Alles wiſſen müßten,“ ſagte ſie wieder.„Es iſt mir, als brauchte ich Sie nur zu fragen und Sie löſten alle Zweifel durch Ihre Antwort, wären die Vorſehung, die mich immer be⸗ ſchützt. Warum, Doktor, iſt eine Frau ſo Mutter, daß ſie alles Andere viel weniger iſt— weniger Freundin, 121 weniger Tochter, ſelbſt weniger Gattin, weniger eitel, zartfühlend und ſelbſt nachdenkend? Warum iſt ein Kind, das noch Nichts iſt, Alles? Warum ſind die, welche le⸗ ben, weniger als es? Das iſt ungerecht und doch iſt es. Warum aber? Das quält mich. „Beruhigen Sie ſich!“ entgegnete Maury.„Sie haben etwas Fieber, Sie ſprechen ſchnell und laut.„Be⸗ ruhigen Sie ſich!“ „Ach mein Gott!“ fuhr ſie nun plötzlich wie verzwei⸗ felt auf.„Ich werde mein Kind nicht nähren!“ Und wie erdrückt von dieſem Gedanken, warf ſie ſich lang auf das Bett und drückte ihr glühendes Geſicht in die Decke, um dort zu weinen. Ihr Herz war ſo übervoll, daß ſie ſich um den Doktor nicht mehr zu kümmern ſchien. Maury beobachtete mit Aufmerkſamkeit dieſen Schmerz, der ſich ſo offen kund gab. Er bewunderte an der Herzogin das gänzliche Sichvergeſſen ihrer ſelbſt, ihrer Güter, ihres Ranges, der zarten Rückſichten des Lebens um ihres Kindes willen. Es war eine jener Erſcheinun⸗ gen, welche gerade während der Revolution zahlreich auf⸗ traten, daß nämlich diejenigen, welche am meiſten verlie⸗ ren, ſich immer am wenigſten darum beklagen. Die Ge⸗ wohnheit der feinen Welt und die beſtändige Wohlhaben⸗ heit erheben den Geiſt über den Luxus, den man alle Tage ſieht und den nicht mehr zu ſehen kaum als Beraubung erſcheint. Eine feine Erziehung gibt Verächtlichkeit gegen 122 phyſiſche Leiden und adelt mit einem mitleidigen Lächeln die kleinlichen und elenden Sorgen des Lebens; ſie lehrt, nur die Leiden der Seele für etwas zu rechnen, ohne Ent⸗ ſetzen einen Sturz thun, deſſen Höhe man vorher ſchon berechnet hat. Das Gefühl deſſen, was man iſt und gilt, wird den gebildeten Geiſt ſtets über der Macht der Er⸗ eigniſſe ſtehen laſſen, während der ungebildete darunter erliegt. Das iſt das immenſe Vorrecht der Bildung, wel⸗ ches keine Gewalt der Erde vernichten kann. Frau von St. Aignan zeigte, als ſie ihr Geſicht in die Decke des elenden Bettes hüllte, ebenſo viel Würde, als hätte ſie in ihrem Boudoir den herrlichen Kopf gegen die Lehne des ſammtenen Fauteuils gedrückt. Auch die Würde wird mit der Zeit eine Eigenſchaft, die ins Blut übergeht und in alle Bewegungen, welche ſie damit adelt. Es wäre wohl Niemandem eingefallen, die Stellung der Herzogin anſtößig zu finden, wiewohl der kleine entblößte Fuß, überkreuzt von dem anderen, den ein ſchwarzſeidener Strumpf bekleidete, uͤber den Saum ihres Kleides her⸗ vorragte. Auch Doktor Maury, an und für ſich ſchon ein zu ernſter Mann, dachte nicht daran, ſich über das Beneh⸗ men und den reizenden Fuß der Herzogin zu wundern. Er kannte überdies die Frauen. Mit der ihm eigenthümli⸗ chen unverwüſtlichen Ruhe zog er ſeine Uhr heraus und merkte ſich, wieviel es an der Zeit ſei. Er wußte, daß 123 keine Viertelſtunde vergehen würde und Frau von St. Aignan hatte ſich wieder gefaßt. Er ließ ſie ungeſtört, weil die Erfahrung ihn gelehrt, daß ſolche Affektionen, wie ſie die Herzogin momentan hatte, durch Nichtbeachtung am ſicherſten geheilt werden. Maury begann das Innere der Zelle jetzt näher zu prüfen. Sein Blick war auf die Lehne des Stuhles ge⸗ ſallen, auf dem er ſaß. Dieſe Lehne war breit, ſchwarz und blank geworden durch die Menge von Fingern, die ſie ſeit Jahren angefaßt hatten, durch die Menge von Thrä⸗ nen, welche hierauf gefloſſen. Ueberal ſah man Spuren eingedrückter Nägel, Riſſe, Striche, ganze Zeichnungen eingeſchnitten, dazwiſchen zeigten ſich Namen, Kreuze, ein⸗ zelne Buchſtaben, theils mit Meſſern oder Nägeln eingra⸗ virt, theils mit Nadeln, Glas oder ſonſtigen Inſtrumenten eingeriſſen. Der Arzt vertiefte ſich mehr und mehr in die Prü⸗ fung dieſer Hieroglyphen und Worte und es ſchien, als hätte er die arme Gefangene ganz vergeſſen. Frau von St. Aignan weinte noch immer; Doktor Maury ſagte ſich, daß es das Beſte ſei, was ſie thun konne, da er ihr nicht beweiſen könne, daß ſie thöricht ſei. Würde er dies verſuchrn, würde ſie ſicherlich mehr weinen. So wandte er ſeine Aufmerkſamkeit dann von Neuem auf die Stuhl⸗ lehne zurück. Die Namen auf derſelben waren die mannichfaltig⸗ 124 ſten, bald bizarr, bald intereſſant wegen ihrer Berühmt⸗ heit; gewöhnlich ſtanden ein paar Worte daneben, deren Sinn zu deuten zuweilen ausnehmend reizte. Von allen denen, welche hier geſchrieben hatten, trug keiner bei jener Handlung ſeinen Kopf feſt auf den Schultern. So war dieſe Stuhllehne eine Art Album. Die Reiſenden, welche ſich darin eingeſchrieben, waren alle an dem einzigen Ha⸗ fen angelangt, wo man ſicher einmal hinkommen muß; alle ſprachen von ihrer Reiſe mit Verachtung und ohne viel Bedauern, ohne Hoffnung zuweilen auf ein anderes Leben, zuweilen mit einem frommen Glauben an dasſelbe. Meiſt aber begegnete man in den Inſchriften weder Glau⸗ ben noch Atheismus, aber faſt immer Leidenſchaften, ge⸗ heime Empfindungen, welche der gegenwärtige Gefan⸗ gene ſeinem Nachfolger vermacht hatte. Maury dachte unwillkürlich an einen Kirchhof mit ſeinen Grabmälern, Monumenten und Inſchriften darauf. Er beugte ſich nieder und begann zu entziffern. Er traf zuerſt auf folgende Sätze: Sterben?— Schlafen. Rougeot de Montcrif, Garde du Corps. Das mußte ein Stück Hamletcharakter geweſen ſein. Eine andere Inſchrift in engliſcher Sprache: Treuloſigkeit, Dein Name iſt Weib! An welche Frau mußte dieſer Mann gedacht haben, 125 um in dem Augenblick vor dem Tode ſich üder die Untreue der Weiber zu beklagen? Und doch war er glücklich darin geweſen; er dachte nur an ſich und ſeine Wuth, während die Guillotine ſchon auf ihn wartete. Unter dieſem Satz befand ſich, umgeben von Ara⸗ besken und Schnörkeln, folgende ſeltſame Auslaſſung: Hier hat in Ketten geſeufzt Agricola Adorable Frau⸗ conville von der Sektion Brutus, guter Patriot, Feind des Handels, Exhuiſſier, Freund des Sansculottismus. Er geht als ein fleckenloſer Republikaner in das Nichts. Doctor Maury, wie gelangweilt durch dieſe In⸗ ſchrift, drehte ſeinen Kopf zur Seite, um zu ſehen, ob die Herzogin noch immer nicht gefaßter ſei. Sie weinte noch und demnach ſetzte der Arzt, entſchloſſen, ſie nicht zu ſtö⸗ ren, ſeine Lektüre an der Stuhllehne fort. Er traf auf eine ſehr feine Frauenhandſchrift: Gott ſchütze Ludwig XVII. und meine armen Eltern! Marie von Saint⸗Chamans, 16 Jahre alt. Maury's Antlitz zeigte die Wehmuth, welche dieſe Worte in ihm hervorgerufen hatten. Er hatte Fräulein von Chamans gekannt, ſie war eine Zierde der Salons geweſen, ein ſchönes, wildes Kind, faſt wie Fräulein von Coigny. Auch ſie hatte in dieſer Zelle geſeſſen und war längſt guillotinirt. Robespierre hatte für das Schaf⸗ 126 fot durch folgende Worte bezeichnet, die er an den Rand ihres Anklagedekrets geſchrieben: „Sehr ſtark im Fanatismus und gegen die Freiheit, obgleich ſehr jung.“ msrl ickveblt Abe der Arzt auf Frau von St. Aignan. Es ſchien, als wenn ſie etwas beruhigter wäre. Indeſſen, da ſie noch immer das Geſicht in das Bett gedrückt hatte, fand er keine Veranlaſſung, ſich mit ihr zu beſchäftigen. Er warf wieder ſein Auge auf die Stuhllehne und ſtieß auf folgende Worte: Leide, Herz, von Haß geſchwellt und gierig nach Gerechtigkeit! Weine, Tugend, weine, wenn ich ſterbe. Es war keine Unterſchrift dabei, aber einige Zeilen weiter abwärts ſchienen noch dazu zu gehören: In and'ren Augen ſah ich die Liebe lächeln, Sanſt ſtrahlen aus dem Herzen wider, Von ihrem Munde aber fielen Worte Nur zum Entzücken And'rer nieder. Als Maury, intereſſirt durch dieſe Verſe, näher zu⸗ ſehen wollte und auch unwillkürlich ſeine Hand darauf be⸗ wegte, fühlte er einen leichten Schlag auf ſeiner Schulter. Er wandte ſich um und bemerkte Frau von St. Aignan, in den Augen noch Thränen, die Wangen geröthet, die Lippen vom Fieber trocken. Sie ſtand in einer Art neuer Aufregung vor ihm und der Arzt ſah ſie mit erſtaunter 127 Miene an. Es ſchien ihm, als drückten ihre Züge die Frage aus:„So fragen Sie mich doch!“ „Nun?“ ſagte endlich Maury zu ihr. „Verwiſchen Sie gar nicht dieſe Schriſt,“ erwiderte ſie mit ſanfter Stimme und indem ſie ſich auf die Schulter Maury's wie bittend beugte.„Er war in dieſer Zelle. Man hat ihn fortgebracht, nach einem anderen Flügel, aber ich ſehe ihn des Mittags. Herr von Chenier iſt unſer Freund, Sie wiſſen es; ich bin glücklich, dieß An⸗ denken während der Zeit zu haben, die ich noch hier ver⸗ leben werde.“ Maury bemerkte ein Lächeln innerer Freude um die Lippen der Herzogin. Unwillkürlich fragte er ſich, was denn wohl die letzten Verſe zu bedeuten haben mochten? Frau von St. Aignan ſchien die Gedanken des Arz⸗ tes mit einem feinen Fraueninſtinkt errathen zu haben, denn ſie ſagte: „Ich weiß nicht, welche Eiferſucht dieſe Verſe aus⸗ drücken.“ „Vielleicht auf Herrn von St. Aignan.“ „Unmöglich!“ verſetzte die Herzogin ohne Verwir⸗ rung.„Herr von Chenier iſt ein Freund des Herzogs von St. Aignan.“ „Nun?“ fragte der Arzt mit ſeltſamer Betonung. „Es iſt unmöglich,“ bekräftigte die Gefangene,“ „das müßten Sie wiſſen, daß kein Grund der Eiferſucht 128 zwiſchen dem Herzoge und Herrn von Chenier obwalten kann.“ Maury ſchwieg eine Weile, dann ſagte er wie ohne Nebenabſicht: „Vielleicht ſind dieſe Verſe für Fräulein von Coigny gemacht?“ „Wie kommen Sie zu dieſer Vermuthung?“ fragte ſie und ein leichtes Roth überzog ihr Antlitz. Sie hatte unwillkürlich ihren Arm von der Schulter Maury's gezo⸗ gen und ein paar Schritte durch die Zelle gemacht. „Es iſt wahr,“ fuhr ſie dann fort und man hörte ihrer Stimme die Gereiztheit an,„es iſt wahr, dieſes Mädchen iſt ſehr kokett, aber es iſt bei alledem doch noch ein Kind. Ich weiß nicht, wie Sie annehmen können, daß ein Mann von dem Geiſt des Herrn von Chenier ſich bis über einen gewiſſen Grad von Aufmerkſamkeit mit ihr beſchäftigen kann.“ Der Arzt lächelte. Als Frau von St. Aignan dieß be⸗ merkte, nahmen ihre Züge wieder den Ausdruck der Würde an und ſtolz wie eine Königin trat ſie auf Maury zu. „Herr von Chenier hat mir die Umſtände ſeiner Ver⸗ haftung erzählt, er ſprach auch dabei von Fräulein von Coigny, welche die Karten bei der Marquiſe von Paſtoret gelegt hat. Das leichtſinnige Kind hat viele Todesur⸗ theile vorhergeſagt, auch Herrn von Chénier. Was mei⸗ nen Sie dazu?“ 129 Maury zuckte mit den Achſeln. „Es kann ſein,“ ſagte er. „Wie? Es kann ſein?“ „Ich meine, es iſt heut Keiner ſicher vor der Guil⸗ lotine.“ „Nicht wahr, Doctor? Und Sie glauben, daß es kein Mittel gebe, Herrn von Chenier zu retten?“ „Nur eins kenne ich und auch dieß bietet keine Bürg⸗ ſchaft.“ „Welches?“ „Ich habe es Ihnen ſchon einmal geſagt— Herr von Chenier muß vergeſſen gemacht werden.“ „Ein verzweifeltes Mittel, mein Freund.“ „Wie ſo?“ „Er kann jahrelang im Kerker bleiben.“ „Sie irren ſich, Robespierre wird nicht jahrelang mehr regieren.“ „Gut, aber nach ihm?“ „Robespierre iſt der Gipfelpunkt der Revolution, nach ihm geht ſie wieder zurück.“ „Und haben Sie Hoffnung, daß Robespierre's Re⸗ giment bald ein Ende findet?“ „Ich glaube. Er ſteht jetzt ganz allein auf der Höhe. Allle ſeine Nebenbuhler hat er beſeitigt. Danton iſt todt, Chaumette und Hébert hat er wie Marionetten vernichtet, die ihn zuletzt gelangweilt haben. Er iſt Machthaber und 9 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 130 wird für ſeinen Ehrgeiz einen Titel wünſchen. Er wünſcht ihn ſchon— erſt geſtern war ich bei ihm, weil er mich rufen ließ. Er iſt in der That krank, aber die Krankheit iſt unheilbar.“ Frau von St. Aignan ſah den Arzt fragend an. „Er leidet am Ehrgeiz,“ ergänzte Maury.„Dieſe Krankheit hat den Tod zur Folge.“ „Den Tod!“ „Den unausbleiblichen Tod, ja. Robespierre's Herrſchaft zählt nur noch nach Wochen.“ „So könnte auch ich hoffen?" ſtieß Frau von St. Aignan hervor. 3 „Hoffen Sie,“ entgegnete Maury.„Ich werde über Sie wachen, ſo lange ich kann.“ „Und über Herrn von Chenier?“ Maury lächelte abermals, ſagte aber dabei: „Und uͤber Herrn von Chénier.“ 5 Sie reichte ihm die Hand und ſprach aus vollem erzen: „Sie ſind ein wahrer Freund, der beſte aller Aerzte.“ „Aber machen Sie mich für Nichts verantwortlich,“ erwiderte er, den Druck ihrer Hand erwidernd.„Ich kann keine Bürgſchaften geben, keine Verſprechungen, nur Hoff⸗ nungen neben Beſürchtungen.“ Die Herzogin ſchien die letzten Worte überhört zu haben. Sie war plötzlich in ein ernſtes Nachſinnen ge⸗ 131 fallen und einige Minuten lang vergaß ſie die Anweſen⸗ heit des Arztes. Endlich richtete ſie ihre Worte mit einer gewiſſen Feierlichkeit an ihn. „Herr Dokter,“ ſagte ſie, ich habe eine ſehr hohe Idee von Ihnen und ich will Ihnen den Beweis davon geben.“ S ie zog aus ihrem Buſen ein kleines Etui. „Dieſes Etui enthält ein mir ſehr koſtbares Kleinod. Ich habe gehört, daß man die Gefängniſſe wieder viſiti⸗ ren wird. Viſitiren, Doktor, das heißt ſo viel, wie uns be⸗ rauben. Haben Sie die Güte, dieſes Etui ſo lange an ſich zu nehmen, bis dieſe Befürchtung oder Viſitation vorüber iſt. Ich werde es mir von Ihnen wieder zurückfordern, wenn ich mich ſicher genug glaube. Ich nehme dabei das Leben aus— davon ſpreche ich nicht. Leben oder Sterben gleichviel— nur dieſes Etui ſoll in keine fremden Hände fallen.“ „Gut, ich verſtehe,“ antwortete Maury, indem er aus der Hand der Herzogin das Etui entgegennahm. Durch den Druck an einer Feder hatte Frau von St. Aignan es geöffnet und der Doktor konnte ſehr wohl unter der Kapſel ein Portrait bemerken. Aber er that als hätte er nichts geſehen, drückte mit dem Daumen die Kapſel wieder in das Schloß und wollte mit der Miene eines Mannes, der zu diskret iſt, um wiſſen zu wollen, was man ihm anvertraut, das Etui in ſeine Bruſttaſche ſtecken. O* 13²2 Die Herzogin war ſeinen Bewegungen mit einigem Erſtaunen gefolgt. „Mein Gott,“ rief ſie, weßhalb öffnen Sie denn das Etui nicht? Ich erlaube es Ihnen. „O Fran Herzogin“, entgegnete Maury,„ſeien Sie überzeugt, daß der Inhalt des Anvertrauten in Niches auf meine Diskretion und Gewiſſenhaftigkeit einwirken kann.“ „Aber ſie koönnen alle meine Geheimniſſe wiſſen.“ „Iſt hier ein Geheimniß verſchloſſen? fragte der Arzt. „Keines, um ſo weniger brauchen Sie ſich zu ſcheuen, Mitwiſſer davon zu werden.“ „Ich will nicht wiſſen, was das Etui enthält“, ver⸗ ſetzte Maury beſtimmt. Frau von St. Aignan ſchien dadurch etwas ver⸗ letzt worden zu ſein. Mit einem kurzen, haſtigen Ton ſagte ſie: „So! Ich will indeſſen nicht, daß Sie glauben, es handle ſich hier um etwas Heimliches oder Geheimniß⸗ volles. Es iſt durchaus kein Grund dazu vorhanden, mein Herr. Sie wiſſen, daß Herr von St. Aignan faſt in dem⸗ ſelben Alter ſteht wie Herr von Chenier; Sie werden bemerkt haben, daß ſie Beide aufrichtige Freundſchaft mit einander geſchloſſen hatten. Herr von Chenier, damals als er nur noch der Apoll von Byzanz hieß und ein Apoll war, hat ſich für meinen Gemahl portraitiren laſſen. Das Bild, 133 ſagte er damals, ſollte ihn überleben; es war für uns be⸗ ſtimmt— wir waren Mitwiſſer ſeiner geheimſten poeti⸗ ſchen Empfindungen. Ich habe dieß Portrait von Herrn von St. Aignan als ein Geſchenk erhalten und zugleich als ein Vermächtniß eines Dichters betrachtet— eines großen Dichters,“ ſagte ſie lebhafter.„Nur ich kann dieß ganz ſagen, denn ich habe alle ſeine Poeſien gehabt. Wenn die Welt alles das kennen würde, was ich von André Chénier's Muſe vernommen, was er mir zu leſen gegeben — er würde auch für die Welt ein großer Mann ſein und bleiben.“ „Und dieſe Gedichte?“ „Herr von Chänier hat ſie verbrannt.“ „Alle?“ „Theilweis. Einen andern Theil habe ich durch Ab⸗ ſchrift der Nachwelt aufbehalten.“ „Und dieſe Abſchriften?“ „Sie ſind in einer Schatulle in einem geheimen Wandſchrank meines Zimmers. Sollte ich ſterben, Doktor, ſo ſuchen Sie dieſelbe wieder zu erhalten und der Welt zu übergeben.“ „Sie Glückliche!“ ſagte Doktor Maury.„Die Ver⸗ traute eines Dichters!“ „Ich war es, ja“, verſetzte Frau von St. Aignan. „Und welche andere Frau hätte es mit mehr Recht ſein können?“ 134 Frau von St. Aignan war durch dieſe ſeltene Schmei⸗ chelei des Arztes wie umgewandelt. Vielleicht war dieß Compliment das geweſen, was ſie bedurft hatte, um ge⸗ tröſtet zu ſein. Sie reichte mit liebreizendem Lächeln Maury ihre Hand und der Arzt, indem er auf die Spitzen ihrer Finger einen leichten Kuß hauchte, ſagte dabei in einem gutmüthig⸗ironiſchen Ton: „Madame— verdammen Sie nicht Fräulein von Coigny, denn eine Frau iſt immer ein Kind.“ In dieſem Augenblick vernahmen die beiden Inſaſſen der Zelle auf den Corridoren ein lautes Nufen und Pol⸗ tern. Die Riegel wurden vor der Thür der Zelle von Frau von St. Aignan zurückgeriſſen und ein Schließer ſchrie dabei haſtig hinein: „Frau Aignan! Heh! Das Refektorium! Allons!“ „Hören Sie?“ ſagte die Herzogin mit ſanfter Stimme und feinem Lächeln zu Maury.„Meine Leute melden mir, das das Mittagsmahl ſervirt iſt.“ Doktor Maury reichte der Herzogin, welche hinter ihrem Bett ſchnell den Strumpf und den Schuh auf den entblößten Fuß gezogen hatte, den Arm und führte ſte bis zum Corridor. Dort verabſchiedet er ſich von ihr und Frau von St. Aignan ging nach dem Refektorium, dem Speiſeſaal eines Theils der Gefangenen von St. Lazare. 135 Siehentes Kapitel. Man muß Staatsmann ſein. Marie⸗Joſeph Chenier, der Bruder des gefangenen Apoll von Byzanz, Repräſentant des Volkes im Convent, gefeierter Dichter der Revolution, hatte während der Zeit, wo ſein Bruder zu unfreiwilliger Unthätigkeit verurtheilt war, eine neue Fruchtbarkeit ſeines Talents entfaltet. Wir haben geſehen, wie wenig ihn das Geſchick feines Bruders grämte, nicht, daß er ihn nicht wirklich geliebt hätte, ſon⸗ dern weil er, und mit Recht, unter den vorhandenen Um⸗ ſtänden die Einſperrung Andrés für das beſte Mittel zu deſſen Rettung hielt.„Man muß Staatsmann ſein,“ hatte er zu Dr. Maury geſagt und Dr. Maury hatte ihm beigeſtimmt. Es war ſtaatsmänniſch zu ſchweigen, ver⸗ geſſen zu machen, wenn man dadurch Andre retten, durch fn unvorſichtiges Wort ihn unter die Guillotine bringen onnte. Der Vater Andres und Joſephs, der ehemalige fran⸗ zöſiſche Generalconſul Louis von Chenier, verſtand die Zeit und auch ſeinen Sohn nicht mehr. Er lebte unweit von Paris ganz einſam, ſeit Monaten in Kummer, denn zwei ſeiner Söhne waren im Gefängniß; der ältere, Sau⸗ veur, erwartete in Tours ſein Todesurtheil, André ſaß 136 ſeit dem Januar in St. Lazare und der Vater begriff nicht, weßhalb ſein Proceß nicht erfolge. „Wir müſſen ihn vergeſſen machen, da kein ordent⸗ liches Anklagedekret gegen ihn erlaſſen iſt,“ hatte ihm Jo⸗ ſeph geſagt. Der Alte hatte den grauen Kopf geſchüttelt und ſei⸗ nen Sohn, den Repräſentanten des Volks, der Liebloſig⸗ keit angeklagt. „Du warſt Generalconſul,“ hatte ihm das Convents⸗ mitglied geantwortet,„aber Du biſt kein Staatsmann.“ Herr von Chenier hatte darauf verſprochen, ſich in Alles zu fügen und Nichts auf eigene Hand zur Ret⸗ tung André's zu unternehmen.„Es iſt ein Unglück, Vater von Söhnen zu ſein,“ meinte er dabei,„welche ſich an Re⸗ volutionen betheiligen. Ich habe ihrer drei— der Eine, Sauveur, iſt zu viel Royaliſt, der Andere zu viel Dichter, der Dritte, das biſt Du, Joſeph, zu viel Staatsmann.“ Joſeph war übrigens nach der Verhaftung ſeines Bruders mehr denn je den Machthabern der Revolution verdächtig geworden. Er that zu wenig im Convent, um zu imponiren, er hatte neuerer Zeit keine Poeſie zu Tage gefördert, welche den Revolutionären gefielen. Feinde und Neider waren überdies genug vorhanden, um ihn zu verkleinern und anzuſchwärzen; es war Joſephs Glück, daß Robespierre ihn hielt und für keine der Verdächtigungen Couthons empfänglich war. Dennoch hatte man ihn aus der 137 Commiſſion des öffentlichen Unterrichts entfernt. Das war für Joſeph Chenier ein Wink geweſen, in Nichts An⸗ laß zu neuem Argwohn zu geben. Indeſſen es geſchah, ohne daß er es ahnte. Marie Joſeph, von Ehrgeiz getrieben, die alten Lor⸗ beeren der Tragödie KarlIX. aufzufriſchen, hatte ein neues Stück: Timoleon geſchrieben. Er hatte davon geſpro⸗ chen, die Erwartungen geſpannt und hoffte, daß der Wohl⸗ fahrtsausſchuß wieder mit ihm zufrieden ſein werde, da er der verwaiſten Bühne ein neues Stück lürrgebe Aber Couthon und die Feinde Marie⸗Joſephs ſtreu⸗ ten im Wohlfahrtsausſchuß Argwohn gegen den Inhalt und die Tendenz dieſes neuen Stückes aus und in Folge deſſen wurde von Robespierre ein Inquiſitor zu dem Dich⸗ ter geſchickt. Er ſollte ſich das Stück vorleſen laſſen und Bericht darüber erſtatten. Marie⸗Joſeph nahm keinen Anſtand, ſeinen Timo⸗ leon vorzuleſen. Der Abgeordnete Robespierre's war aber nicht we⸗ nig erſchrocken, als er in den Perſonen des Stückes alle Machthaber des Berges wieder erkannte und Verſe, wie folgende, mit anhören mußte: La tyrannie altière et de meurtres avide, D'un masque révére couvrant son front livide, Usurpant sans pudeur le hom de liberté, Roule au sein de Corinthe un cher ensanglanté. 138 Die Freiheitstyrannei eines St. Juſt und Robespierre konnte nicht ſchärfer bezeichnet und letzterer ſelbſt nicht beſ⸗ ſer charakteriſirt werden, als durch den Vers: Vest-on jamais iyran qu'avec un diadème? Als nun gar die nähere Bezeichnung erfolgte: Je ne crois plus en ioi-qu'un lâche ambiteux, rief der Inquiſitor zornig: „Chenier, ich habe Dich immer für einen Reaktionär gehalten.“ „Du irrſt Dich,“ antwortete der Dichter, ich liebe die Freiheit.“ Der Abgeordnete ging ſchnell von dannen und mel⸗ dete Robespierre, was er gehört. „Aha,“ ſagte Robespierre darauf mit ſüßlichem Lä⸗ cheln,„er iſt ein guter Republikaner, glaube mir. Man ſpricht davon, daß ich die Diktatur anſtrebe, ſchlechte Men⸗ ſchen glauben, ich habe ſolchen elenden Ehrgeiz— Marie Joſeph ſpricht ſich im Timoleon dagegen aus und er hat recht.“ Aber Robespierre begann jetzt den befreundeten Dich⸗ ter kühler zu behandeln und Cheniers Feinde beeiferten ſich, dieſe Entfremdung Beider zu vergrößern. „Er wird wie ſein Bruder Girondiſt,“ meinte Cou⸗ thon einmal;„er ſoll ſich hüten, daß wir ihm nicht wie André den Prozeß machen.“ 139 Robespierre hörte zum Glück abſichtlich oder unab⸗ ſichtlich nicht auf dieſe Worte; der Name André Chenier ging an ſeinem Ohre vorüber, ohne ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen, die den Tod des Gefangenen zur Folge gehabt hätte. Couthon mußte glauben, der Prozeß André'e ſei eine beſchloſſene Sache, jedenfalls kannte er nicht die Um⸗ ſtände ſeiner Verhaftung. Als Joſeph Chenier gleichwohl die Aufführung Ti⸗ moleons vorbereitete, rührten ſich auch ſeine Feinde. Ein Mitglied der Commiſſion für den öffentlichen Unterricht ſchrieb an Robespierre:„Die Vorſtellung des Timoleon, glaube ich, bringt die ſchlechteſte Wirkung her⸗ vor. Die Dichter werden ſich nach Chénier bilden, und wir werden bald auf der Bühne Könige als rechtliche Leute und zahme Republikaner geſchildert ſehen. Eine ſchöne Lektion für das Volk!“ Timoleon wurde einſtudirt, die Probe gehalten. Ein zahlreiches Publikum hatte ſich dazu eingefunden. Als die Seene kam, wo Antikles die königliche Stirn⸗ binde um das Haupt des Timophanes legt, rief ein Mit⸗ glied des Convents: „Wenn es in Corinth nur einen Timoleon gab, ſo gibt es in Paris unzählige Feinde des Königthums. Die Aufführung eines ſolchen Stückes iſt eine Beſchimpfung für ſie!“ 140 Joſeph Choͤnier wollte die Geduld des Sicherheits⸗ ausſchußes nicht länger auf die Probe ſtellen. „Man muß Staatsmann ſein,“ ſagte er ſich,„und ſeinen Ehrgeiz unterdrücken.“ Er nahm eine Abſchrift von ſeinem Stück und nahm dann das Originalmanuſcript mit zu Robespierre, der eben mit einigen Freunden, worunter auch Couthon, bei⸗ ſammen war. „Man verdächtigt mich,“ ſagte Chénier,„und ſo will ich ein Opfer bringen, das dem Dichter ſchwerer iſt als dem Patrioten. Es wäre eine Schande für den Ver⸗ faſſer von„Karl IX.“ und„Heinrich VIII.,“ wenn der Si⸗ cherheitsausſchuß ein neues Stück desſelben des Mangels an Patriotismus anklagen könnte.„Man ſoll kein Aer⸗ gerniß daran haben, wenn es mißlungen iſt, ich werde es verbrennen.“ Und vor den Augen Robespierres warf er das Ma⸗ nuſcript in das Kaminfeuer. Drei Monate ſpäter ließ er Timoleon mit einem zur Feier von Robespierres Sturz gedichteten Prolog aufführen. Mit dieſem Stück begann die Reaktion auf der Bühne, wie mit Karl IX. die Revo⸗ lution. Aber dadurch, daß Chénier vor Robespierres Augen das Mannſeript von Timoleon verbrannte, hatte er eine drohende Gefahr von ſeinem Haupte abgewandt. Sein Patriotismus, der ihn zu wirklicher Begeiſterung hinzu⸗ 141 reißen vermochte, ſchuf bald darauf eine Hymne, welche ſchnell ein Nationallied der Franzoſen wurde. Mit ihr er⸗ warb ſich Chenier vollends die Gunſt Robespierres zurück. Die Siege der republikaniſchen Waffen, die heroiſchen Thaten der Franzoſen zu Lande wie zur See begannen damals die Bewunderung der ganzen Welt zu erregen. Ein furchtbarer Kampf der franzöſiſchen Flotte mit der engliſchen brachte den Fanatismus der Bravour auf den Gipfel. Die franzöſiſche Flotte, 28 Schiffe, worunter der Berg mit 130 Kanonen, war Ende Mai 1794 auf die 33 Segel ſtarke engliſche Flotte an den Küſten der Nor⸗ mandie geſtoßen und hatte den Kampf mit derſelben auf⸗ genommen. Während zweier Tage, wo man ſich ſchlug, wurde die halbe Flotte der Franzoſen von den Engländern vernichtet. Trotzdem ſetzte der Reſt der franzoſiſchen Schiffe den verzweifelten Kampf noch am dritten Tage fort. Die Engländer ſammelten ſich, griffen die Front der republikaniſchen Flotte von Neuem an, zerſchnitten ſie in zwei Theile, trennten dieſen und zerſchmetterten den einen mit der Uebermacht ihrer Kanonen. Gleichwohl rückte kein Schiff von der Stelle, die Franzoſen vertheidigten ſich, bis Schiff um Schiff in den Grund ſank oder in die Luft flog. Viertauſend Kanonen donnerten von beiden Flotten auf Piſtolenſchußweite mit Kartätſchen; ſie duellirten ſich auf Tod und Leben. Die Maſte wurden zerhackt, die Segel 142 verbrannt, die Verdecke waren überſäet mit verſtümmelten Leichen und Takelwerk. Die Franzoſen wurden geſchla⸗ gen, aber nicht beſiegt; ihr Admiral hatte auf ſeine Flagge die Inſchrift geſetzt: Sieg oder Tod; ſein Schiff hatte dreitauſend Kugeln in ſeinen Flanken. Wieder ward es Nacht und Tag; mehrere der repub⸗ likaniſchen Schiffe waren unzingelt, ihr Verderben un⸗ ausbleiblich— aber ſie wußten es und wollten keine Schonung. Der Rächer, eines dieſer Schiffe, brannte und war überall zerſchmettert, zerriſſen, zerfetzt; aber es kämpfte trotzbem. Die Mannſchaft, trunken von Blut, trieb den Stolz der Flagge bis zum Selbſtmord in Maſſe. Sie nagelte die Flagge auf den Rumpf eines Maſtſplit⸗ ters, wies jede Capitulation zurück und feuerte, während es ins Meer verſank. Nachdem die unterſte Batterie un⸗ ter die Wellen geſunken, feuerte die Mannſchaft die obere auf den Feind, und als das Waſſer das Verdeck beſtrich, blitzte die letzte Lage noch über das Meer. Und als der Pulverrauch ſich verzogen, ſahen die Engländer den Rä⸗ cher unterſinken, die Mannſchaft auf dem Bordrand, ru⸗ fend: Es lebe die Republik! Dieſe That erfüllte ganz Frankreich mit Stolz. Der Convent dekretirte, daß ſich die Flotte, deren Reſte ſich gerettet hatten, um das Vaterland wohl verdient gemacht habe. Er befahl, ein Modell des Rächers in dem Ge⸗ wölbe des Pantheon aufzuhängen. Joſeph Chenier machte 143 es durch ſeine Verſe unſterblich; er dichtete ihm und den Siegern von 1714 zu Ehren den Chant du départ, die Abſchiedshymne, von der wir folgende Strophen in freier Ueberſetzung anführen: Ein Deputirter des Volks: Die Siegsgeſänge öffnen uns die Bahnen, Die Freiheit lenket unſren Schritt; Ringsum ruft die Trompete zu den Fahnen Und reißt zum Kampfe Alle mit. Nun zittert, Frankreichs Feinde, bebet Ihr Könige, vom Blute trunken, Es iſt ein fürſtlich Volk, das lebet, Ihr ſeid in Eure Gruſt geſunken! Denn die Loſung gab uns die große Die Republik zu verſteh'n: Für ſie muß ſiegen der Franzoſe Für ſie der Franzoſe vergeh'n. Eine Familienmutter: Was noch hätten wir Weiber mit Thränen zu ſchaffen? Unſer Mutterauge, wo wär' es benetzt? Wir jauchzen Triumph, denn Ihr greift zu den Waffen, Und das Jammern, das iſt an den Königen jetzt. Wir ſchenkten das Leben Euch nicht, o Kinder, Nicht ſtehet es mehr in Eurer Hand, Dem Vaterlande gehört es nicht minder, So ſetzet es ein für’s Vaterland! Denn die Loſung gab uns die große Frankenrepublik zu verſteh'n: Für ſie ſiegen muß der Franzoſe Und der Franzoſe für ſie vergeh'n. 144 Durch dieſes Gedicht hatte Joſeph Chénier eine neue Popularität errungen, er war wieder der gefeierte Na⸗ tionaldichter, eine moraliſche Macht, gegen welche nun plötzlich alle Geguer ſich ſchonender und freundlicher er⸗ wieſen. „Man muß nur Staatsmann ſein!“ ſagte ſich Che⸗ nier und rieb ſich zufrieden die Hände.„Die Poeſie iſt eine ungeheure Macht, wenn man ſie zu gebrauchen ver⸗ ſteht. Dieſe Schreckensmänner bilden ſich ein, meine Hymne ſei auch ihnen zu Ehren, und ſie gehört doch nur dem Vaterlande, ſie gehört Frankreich.“ Aber Robespierre trennte bereits den Begriff Frank⸗ reich nicht mehr mit dem ſeiner Perſon. In dieſem Manne, der an der Spitze der Verwaltung ſtand, Haupt des Ja⸗ cobinerelubbs und der gefürchtetſte Mann im Convent war, lebte bereits der Gedanke, das Haupt Frankreichs zu blei⸗ ben, die Diktatur zu erringen. Freilich, ſeine Tugend verbot ihm, dieſen ehrgeizigen Plan zu verrathen, indeſſen er hatte Freunde, welche für ihn arbeiteten. Robespierre wollte Joſeph Chéniers Patriotismus, der ſich ſo leidenſchaftlich in dem Chant du départ geäu⸗ ßert hatte, auf eine neue Probe ſtellen. Er ließ den Dichter zu ſich rufen und ſagte dann zu ihm: „Du haſt meine Rede im Convent gehört, Chenier, was ſagſt Du dazu?“ Chenier, der wirklich dieſe berühmte Rede Robes⸗ 145⁵ pierre's am 7. Juni, in der er die Religion verherrlicht hatte, gehört, antwortete: „Was ſoll ich ſagen? Du haſt den unendlichen Bei⸗ fall gehört. Ich ſage, Du haſt nie hinreißender, nie be⸗ geiſterter geſprochen.“ „Ich habe nie für eine ſchönere Sache geſprochen— das iſt der Grund. Man hat mich durch Meuchelmord vernichten wollen. Dieſer Plan iſt geſcheitert, die Vor⸗ ſehung hat über Frankreich gewacht. Meuchelmord, ja das bleibt den Feinden der Freiheit noch übrig, nachdem wir ihre Heere geſchlagen und ihre Flotten unſere Tapfer⸗ keit nicht erreichen können. Chenier, Du haſt in Deiner Hymne die Gefühle aller Patrioten ausgeſprochen, das hat mich wieder mit Vertrauen zu Dir erfüllt, denn ich hatte Dich ſchon aufgegeben. Du haſt nur eins vergeſ⸗ ſen und ich preiſe mich glücklich, daß ich es heut vor ganz Frankreich ausgeſprochen habe.“ Robespierre ſprach wie zu ſich ſelbſt und als Chenier ſich ſtill verhielt, fuhr er mit wachſender Lebhaftigkeit zu reden fort: Wir haben die Gottheit und Unſterblichkeit der Seele verkundet, anſtatt des Atheismus dieſes elenden Chaumette; wir haben die Tugend im Namen der Repub⸗ lik geboten— das war es, was uns fehlte und ich war es, der es geſagt hat. Was die Republik begründet, das iſt aber weder der Sieg, noch das Glück, noch die Erobe⸗ 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 10 146 rung, noch die vorübergehende Begeiſterung, ſondern die Weisheit der Geſetze und hauptſächlich die öffentliche Tu⸗ gend. Die Geſetze müſſen gemacht, die Sitten müſſen re⸗ generirt werden. Verkehrten Weſen iſt es gelungen, die Republik und die Vernunft in das Chaos zu ſtürzen. Es handelt ſich jetzt darum, den Einklang der moraliſchen und der politiſchen Welt wiederum zu ſchaffen. Würde Frank⸗ reich einige Monate hindurch von einer verirrten und ver⸗ dorbenen Geſetzgebung regiert, ſo wäre die Freiheit verloren.“ Robespierre warf bei dieſen Worten einen verſtoh⸗ lenen Blick auf Chenier, der ſehr gut die darin verſteckte Anſpielung auf die Diktatur verſtand und kluger Weiſe mit dem Kopf nickte, als wenn er im Geheimen dem Ge⸗ danken ſeine volle Zuſtimmung gebe. Sichtlich geſchmeichelt dadurch, nahm Robespierre wieder das Wort. „Indem ich ſolche Dinge ſage, wetze ich vielleicht Dolche gegen mich, aber eben deßhalb ſage ich ſie. Ich habe genug gelebt! Ich habe das franzöſiſche Volk aus dem Schooß der Verdorbenheit und der Knechtſchaft auf den Gipfel des Ruhmes und der republikaniſchen Tugend ſich emporſchwingen geſehen; ich habe ſeine Ketten gebro⸗ chen und die ſchuldbeladenen Throne, die auf der Erde laſten, unter ſeinen triumphirenden Händen zu Boden ge⸗ worfen oder erſchüttert geſehen. Ich habe noch mehr ge⸗ 147 ſehen: ich habe eine mit der Allmacht der franzöſiſchen Nation bekleidete franzöſiſche Verſammlung ſchnellen und feſten Trittes auf das öffentliche Glück losſchreiten, das Beiſpiel aller Arten von Muth und Tugenden geben geſehen. Ich war ein Theil derſelben— ich kann ſterben!“ Er ſchwieg, aber man ſah es ihm an, daß er in einer mächtigen Aufregung war und ein Gedanke ſein ganzes Weſen erfüllte. „Chénier“, fragte er nach einer Weile wieder,„der Convent hat mich erwählt, den Cultus des höchſten We⸗ ſens wieder einzuführen, den elenden Götzendienſt der Un⸗ tugend abzuſchaffen. Das iſt das ſchönſte Werk meines Lebens— morgen werde ich dieß Feſt des höchſten We⸗ ſens begehen, dann will ich gern ſterben.“ Sein Aeußeres ſtrahlte dabei von dem Glanz der Begeiſterung, eine eigenthümliche Verklärung lag auf den häßlichen Zügen dieſes Mannes. „Ich ſehne mich“, ſagte er,„die Aera der Hinrich⸗ tungen durch die Aera der Brüderlichkeit und der Nach⸗ ſicht zu beſchließen. Warum muß auf dem Boden Frank⸗ reichs noch ein Schaffot aufgerichtet worden ſein? Das Leben allein ſollte morgen vor der Quelle alles Lebens erſcheinen. Ich werde die Hinrichtung für morgen einſtellen laſſen.— Ha morgen! Chenier, das iſt ein großer Tag für Frankreich! Ich habe Dich zu mir eingeladen, um 10* 148 Deine Poeſie noch heut Abend zu entflammen. Du mußt das Feſt des höchſten Weſens durch eine Hymne verherr⸗ lichen— ſie wird Deinen Ruhm unvergänglich machen.“ Chenier, der bisher im Unklaren darüber geweſen, was Robespierre von ihm begehren mochte, war ſichtlich überraſcht durch dieſe Forderung. „Ei, Robespierre,“ verſetzte er,„glaubſt Du, daß ich Hynnen aus dem Aermel ſchüttele?“ „Ein guter Patriot hat ſtets Worte für ſeine Be⸗ geiſterung, ein Dichter wie Du ſtets Verſe für ſeine Em⸗ findungenl“ „Du magſt recht haben— doch wenn das Gedicht mißlingt?“ „Es wird nicht mißlingen.“ „Alſo gut.“ „Du machſt alſo die Hymne?“ fragte Robespierre haſtig. „Noch heut Abend.“— „Morgen Mittag iſt das Feſt, Du kannſt Vormit⸗ tag proben laſſen— die Muſik iſt in einer Stunde gemacht.“ „Muſſk und Poeſie ſtehen im Dienſte der Republik.“ „Des Vaterlandes,“ ergänzte Robespierre. „Ich werde den Beweis liefern.“ „Ich werde ſtolz darauf ſein, daß Du dieſe Hymne gedichtet.“ 149 „Du wirſt zufrieden ſein.“ „Alſo es iſt abgemacht, Chenier.“ „Ohne Widerrede.“ „So leb' wohl, ich habe viel zu thun.“ Chénier verließ den Mann, der heut' glücklich in dem Gedanken war, am nächſten Tage das Feſt des höchſten Weſens zu feiern, die Reliegion in Frankreich wieder her⸗ zuſtellen. Als der Dichter ſeine Wohnung betrat, ſagte er: „Man muß Staatsmann ſein— ich werde die Hymne machen.“ Achtes Kapitel. Das Feſt des höchſten Weſens. Der 8. Juni 1794 war ein wundervoller Sommer⸗ tag. Der Himmel prangte in orientaliſcher Reinheit, die Sonne beſtrahlte die mächtigen Baumkronen der Tuile⸗ rien, die Kirchen und Häuſer von Paris ſo klar und hell, wie ſie je auf die Tempel Attika's ihren Glanz ge⸗ worfen. Robespierre konnte für ſein Feſt keinen ſchöneren Tag haben. Sein Feſt, ſagen wir. In der That, es gehörte ihm, das höchſte Weſen, worunter Gott verſtanden wurde, wie⸗ 150 wohl man dieſen ariſtokratiſchen Namen nicht auszuſpre⸗ chen wagte, war von ihm allein wieder an die Stelle der Vernunft geſetzt, mit der Chaumette ſeinen Götzendienſt einige Monate getrieben. Robespierre hatte dieſes Feſt ange⸗ regt, der Convent hatte ihn zum Präſidenten gemacht, damit der Urheber des Dekretes, welches das höchſte Weſen wieder der Religion der Republik zurückgab, auch der erſte Vollzieher desſelben werde. Es war eine Zuvorkommenheit, eine Auszeichnung Robespierre's, die hauptſächlich aus Furcht vor ihm ertheilt wurde und durch eine öffentliche Handlung ihn als faktiſchen Herrn, den Erſten der Repub⸗ lik auch vor aller Welt erſcheinen ließ. Darum hing Ro⸗ bespierre mit ſo großer Leidenſchaftlichkeit daran, dieß Feſt war ihm ein Triumph, in dem er ſich berauſchte, ehe er ihn noch genoß. Er hatte dieſen Tag mit der Ungeduld eines Mannes erwartet, der einen großen Plan in ſich trägt und befürchtet, der Tod möchte ihn von der Ausführung desſelben abhalten. Von allen Miſſionen, die zu erfüllen er beſtimmt ſei, war in ſeinen Augen die höchſte und hei⸗ ligſte die Wiederſtellung des religiöſen Gefühls im Volke. Den Himmel wieder an die Erde knüpfen durch das von der Republik zerriſſene Band eines Glaubens und ver⸗ nunftgemäßen Cultus ſchien ihm die Vollendung der Re⸗ volution. Und er war es, der dieſe Vollendung bewirkte! War das nicht der höchſte Ruhm?— Von dem Tage an, wo die Vernunft und die Freiheit ſich im Bewußtſein wieder 151 mit Gott verbinden würden, glaubte er dieſelbe unſterb⸗ lich wie Gott ſelbſt. Nach dieſem Tage wollte er gern ſterben. Schon mit Tagesanbruch am 8. Juni begab er ſich in die Tuilerien, um daſelbſt den Zuſammentritt ſeiner Collegen zu erwarten und die Anordnungen des religiöſen Gepränges einer letzten Probe zu unterwerfen. Er trug heut, zum erſtenmal in ſeinem öffentlichen Leben, das Amtskoſtüm der Repräſentanten. Ein Frack von etwas matterem Blau als der Frack der Conventsmitglieder, eine weiße Weſte, gelbe damhirſchlederne Hoſen, Stulp⸗ ſtiefel, ein runder Hut, umſchattet mit einem wallenden Büſchel dreifarbiger Federn, zogen die Blicke Aller auf ihn. In der Hand hielt er einen großen Blumen⸗ und Aehrenſtrauß. Joſeph Chenier war in den Tuilerien, um die Auf⸗ führung ſeiner Hymne mit anzuhören. Sie war in der Nacht gedichtet, in der Nacht auch noch componirt worden. Robespierre hörte mit Andacht zu und war entzückt von der Muſik wie von den Worten. „Bürger,“ ſagte er mit Feierlichkeit und vor Freude leuchtenden Blickes zu Cheénier,„habe ich Dir nicht ge⸗ ſagt, daß dieſe Hymne ſchön ſein wird? Du biſt der Dichter der Revolution— Dein Andenken wird unver⸗ gänglich ſein wie die Freiheit und die Religion. Ich war 152 immer Dein Freund, ſelbſt als Du läſſiger Patriot warſt — ich werde Dir dieſen Dienſt hoch anrechnen, Chénier.“ Der Dichter, plötzlich von dem Gedanken erfaßt, dieſe ſeltene Stimmung Robespierre's zu benutzen, um Andre zu befreien, erfaßte die dargebotene Hand und ſagte dabei mit halblauter Stimme: „Ich bin glücklich, denn wieder habe ich den Beweis, daß Dein Herz allen ſchönen Gefühlen zugänglich iſt. Robespierre, Du kannſt für mich etwas thun, was mich belohnen würde.“ Robespierre ſah ſich um, als wolle er ſich vergewiſ⸗ ſern, daß er nicht allein ſei. Er trat unmerklich den übri⸗ gen Anweſenden näher, um Chenier's vielleicht verfänglicher Bitte entwiſchen zu können. Gleichwohl flüſterte er dabei: „Ich bin nicht Herr, ich bin nicht Diktator— ich bitte Dich dieß nicht zu vergeſſen. Meine Macht iſt nicht die, um zu belohnen.“ „Belohnen? Nein, wenn Du willſt. Ein Dekret, um einen Kerker zu öffnen—“ „Chénier, Du verlangſt irgend eine Nachſicht gegen ein Verbrechen, das iſt gegen die Tugend eines Republi⸗ kaners,“ unterbrach ihn Robespierre haſtig, indem er dabei vor dem Dichter zurücktrat, als ſürchte er ſich vor einer deutlicheren Erklärung desſelben.„Ich ſage Dir,“ fuhr er mit erhöhter Stimme fort,„die Tage ſind gezählt, wo die Republik Blut vergießen muß— bald wird die Sonne 153 der Liebe allein ſcheinen. O könnte ich es ermöglichen, daß ſie, wie heut, ſo alle Tage auf glückliche Menſchen niederſtrahle! Aber es gibt Feinde, welche die Freiheit zu vernichten ſtreben und gegen dieſe darf keine Schonung walten.“ Chenier ſchwieg und zog ſich zurück. „Heuchler,“ dachte er bei ſich.„Armer André, muß ich wieder ſagen, daß es ein Glück füͤr Dich iſt, die Frei⸗ heit zu entbehren! Du lebſt vergeſſen in Deinem Kerker und nicht vom Tod bedroht, wie wir, die wir frei ſind. Dein Kerker wird ſich öffnen, wenn die wahre Freiheit wieder herrſcht und Du wirſt die ſchlechteſte Zeit der Re⸗ volution verträumt haben. Glücklicher André! Es wäre Mord, Dich zu befreien, Dir das Gefängniß zu öffnen, Deinen Namen dieſen Menſchen in's Gedächtniß zurück⸗ zurufen!“ Robespierre war ſo beſchäftigt und von Eifer erfüllt geweſen, daß er vergeſſen hatte, bisher irgend etwas zu genießen. Er bezeigte jetzt den Wunſch nach einem Im⸗ biß und Villate, welcher das Feſt in Scene geſetzt hatte und in den Tuilerien wohnte, lud ihn ein, an ſeiner Tafel zu frühſtücken. Robespierre nahm es an und überhörte es gefliſſent⸗ lich, daß Einer der Neueingetretenen ihm meldete, der Convent ſei bereits in ſeinem Sitzungsſaale verſammelt und ſtehe im Begriff, ſich nach dem Orte der Feier im 154 Zuge zu begeben. Der Convent mochte warten bis Robespierre gegeſſen habe! Als Robespierre bei Villate eintrat, warf er ſeinen Blumenſtrauß auf einen Lehnſtuhl und lehnte ſich, auf den Ellenbogen geſtützt, an das Fenſter. Er ſchien entzückt über den Anblick der zahlloſen Menſchen, welche ſich in den Alleen des Tuilleriengartens drängten, um dem Feſte mit beizuwohnen. Die Frauen hatten ihren friſcheſten Schmuck angelegt und hielten ihre Kinder bei der Hand. „Seht!“ rief Robespierre freudeſtrahlend aus.„Das iſt der rührendſte Theil der Menſchheit. Das Weltall iſt hier verſammelt in ſeinen Zeugen. Wie beredt iſt die Natur, wie majeſtätiſch! O Freunde, ein ſolches Feſt muß die Tyrannen und Ruchloſen zittern machen.“ Er ſetzte ſich zur Tafel, aber er aß nur wenig und ſprach auch faſt Nichts. Am Schluß des Mahles, im Augenblick, wo er aufſtand um an die Spitze des Zuges zu treten, der ſich zu bewegen anfing, kam eine im Hauſe Villate's wohlbekannte junge Frau mit ihrem kleinen Kinde. Als ſie eintrat, ſprach Villate gerade den Namen Robespierre aus. Erſchreckt wich die junge Frau zurück; der Name mochte ſie mit Entſetzen erfüllt haben. Der ehemalige Advokat zu Arras bemerkte die Wir⸗ kung und ein Gefühl befriedigter Eitelkeit, vermiſcht mit — Beſchämung und Kränkung trieb ihn, haſtig auf die Frau loszugehen und lächelnd zu ihr zu ſagen: „Bürgerin— der Name Robespierre hat ſie er⸗ ſchreckt. Ich hoffe, die Nachwelt wird ihn einſt ohne Flüche nennen.“— Er ſpielte mit dem Kinde, er war ſo heiter und lie⸗ benswürdig, wie man ihn noch nie geſehen hatte. Er ſcherzte ſogar mit der jungen Frau, welcher er ſeinen Blumenſtrauß ſchenkte— es mochte abſichtlich geſchehen, daß der Präſident des Convents alle dieſe Beſchäftigungen ſuchte, um ſich aufzuhalten und den Convent warten zu laſſen. Die Collegen mochten murren über ſein Ausblei⸗ ben; er ſchien ſich an ihrem Warten, dieſem Zeichen der Unterordnung zu weiden. Endlich verließ er mit Villate die Tuilerien. Ein großes Amphitheater, ähnlich den Rängen eines antiken Cirkus, war an den Palaſt der Tuilerien für die Feierlichkeit des Tages angebaut worden. Eine breite Treppe führte von dem Erdboden bis zu den höchſten Si⸗ tzen desſelben. Der Convent trat zur ebenen Erde durch die Fenſter des ſüdlichen Tuilerien⸗Pavillons, wie die Cäſaren etwa in ihre Coliſäen traten. Mitten in dem Amphitheater war eine Tribüne, höher als die Sitze der Conventsmit⸗ glieder und beinahe einem Throne ähnlich. Robespierre hatte dieſen Sitz für ſich errichten laſſen. 156 Gegenüber dieſer Tribüne befand ſich eine koloſſale Gruppe ſinnbildlicher Figuren, die einzige Poeſie dieſer Zeit, welche der römiſchen nachahmte; dieſe Gruppe ſtellte den Atheismus, den Egoismus, das Nichts, die Verbre⸗ chen und die Laſter dar. David, der große Republikaner und Maler, hatte dieſe Bilder in brennbare Stoffe ſkul⸗ pirt, denn ſie ſollten als die Opfer des Feſtes verbrannt werden. Die Idee Gottes ſollte ſie in Aſche wandeln. Alle Deputirten, gleichmäßig in blauen Fracks mit rothen Aufſchlägen und einem ſymboliſchen Strauß in der Hand, hatten bereits auf den Stufen Platz genommen. Viele runzelten bedenklich die Stirn über Robespierres Warten, Einzelne flüſterten mit einander. Eine Gruppe junger Männer murrte ganz laut. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Einer... „Warum läßt Robespierre uns warten?“ ein An⸗ derer. „Sind wir weniger als er?“ „Du ſiehſt es ja.“ „Freilich,“ warf ein junger Mann höhniſch ein,„der Convent iſt der Sklave Robespierre's.“ „Tallien, das muß ein Ende finden.“ „Pſt! Pſt!“ riefen Einige warnend. „Seht ihr denn nicht, daß die Tribüne wie ein Thron erbaut iſt?“ „Für Se. Majeſtät Robespierre?“ ergänzte Tallien. —— 157 „Er probirt heut.“ „Er zeigt heut, daß er der Herr iſt.“ „Bah, er ſoll ſeinen Irrthum kennen lernen.“ „Der Verräther!“ murmelte wieder Einer. Pſt! Pſt!“ „Pſt! Pſt! Und Alle warfen ſich vielſagende Blicke zu, denn der Präſident des Convents, der Advokat Robespierre, Mit⸗ glied des Wohlfahrtsausſchußes, erſchien. Er betrat allein den ungeheuren Raum und das hatte ſeinen Grund. Seine Vereinzelung, ſeine Erhe⸗ bung, ſein Federbuſch, ſein großer Blumenſtrauß, den er aus der königlichen Flora des Tuileriengartens von Neuem beſchafft, gaben ihm das Anſehen eines Herrn. In der That glaubte die Menge, Sklave ſeines Namens, man werde bei dieſer Gelegenheit die Diktatur Robes⸗ pierre's verkünden. Die Zurufe, die ihn begrüßen, ſpiel⸗ ten bereits darauf ein; die düſteren Geſichter der Con⸗ ventsmitglieder ſchienen die Vermuthung zu beſtätigen. Robespierre beſtieg die Tribüne und ſprach mit ei⸗ ner ſtarken Stimme: „Franzoſen! Republikaner! Endlich iſt dieſer für immer glückſelige Tag gekommen, welchen das franzöſi⸗ ſche Volk dem hochſten Weſen weiht! Niemals hat die von ihm geſchaffene Welt ihrem Schöpfer ein Schauſpiel dar⸗ geboten, das ſeiner Blicke würdiger wäre. Er hat auf der Erde die Tyrannei, das Verbrechen und den Betrug herr⸗ 158 ſchen geſehen. In dieſem Augenblick ſieht er eine ganze Nation, welche mit allen Unterdrückern des Menſchenge⸗ ſchlechtes im Kampfe liegt, den Gang ihrer heldenmüthi⸗ gen Arbeiten einſtellen, um ihre Gedanken und ihre Wün⸗ ſche zu dem großen Weſen zu erheben, das ihr den Be⸗ ruf gab, ſie zu unternehmen und die Kraft, ſie auszu⸗ führen! 4 „Er hat die Könige nicht geſchaffen, um das Men⸗ ſchengeſchlecht zu verſchlingen; er hat die Prieſter nicht geſchaffen, um uns gleich gemeinem Vieh an den Wagen der Könige zu ſpannen und um der Welt das Beiſpiel der Niederträchtigkeit, des Hochmuths, der Treubrüchig⸗ keit, der Habſucht, der Wolluſt und der Lüge zu geben: ſondern er hat das Weltall geſchaffen, um ſeine Macht zu verkünden, er hat die Menſchen geſchaffen, um ſich ge⸗ genſeitig zu unterſtützen, zu lieben und auf dem Wege der Tugend zum Glück zu gelangen. „Er iſt es, der in die Bruſt des Unterdrückers die nagende Reue und in das Herz des unterdrückten Unſchul⸗ digen die Ruhe und den Stolz legt; er iſt es, der den gerechten Menſchen zwingt, den ſchlechten zu haſſen und den ſchlechten nöthigt, den gerechten zu achten; er iſt es, der die Stirne der Schönheit mit Scham ſchmückt, um ſie noch ſchöner zu machen; er iſt es, der den mütterlichen Buſen wogen macht von Zärtlichkeit und Freude; er iſt es, der die Augen des an den Buſen ſeiner Mutter ge⸗ 159 drückten Sohnes in wonnigen Thränen badet, der die ge⸗ gebieteriſchſten und zärtlichſten Leidenſchaften verſtummen macht vor der erhabenen Liebe zum Vaterlande; er iſt es, der die Natur mit Reizen, Reichthümern und Majeſtät bedeckt hat. Alles Gute iſt ſein Werk, das Böſe gehört dem verdorbenen Menſchen, welcher Seinesgleichen un⸗ terdrückt oder unterdrücken läßt. „Der Schöpfer der Natur hatte alle Sterblichen durch eine unermeßliche Kette von Liebe und Glück mit ein⸗ ander verbunden: mögen die Tyrannen untergehen, die ſich erfrecht haben, ſie zu zerreißen! „Weſen der Weſen! Wir haben keine ungerechten Bitten an Dich zu richten; Du kennſt die aus Deinen Händen hervorgegangenen Geſchöpfe, ihre Bedürfniſſe entgehen Deinen Blicken ebenſo wenig als ihre geheim⸗ ſten Gedanken. Der Haß gegen die Tyrannei und die Heuchelei brennt in unſeren Herzen neben der Liebe zur Gerechtigkeit und zum Vaterlande. Unſer Blut fließt für die Sache der Menſchheit. Dieß unſer Gebet, dieß un⸗ ſere Opfer, dieß die Verehrung, welche wir Dir dar⸗ bringen!“ Es war eine phraſenvolle Rede Robespierre's, wel⸗ che gar keinen Eindruck machte. Die rings herum ſitzenden Mitglieder des Convents ſchwiegen; die Rede ihres Präſidenten hatte ſelbſt ſeine Anhänger nicht erwärmt. 160 Nur das Volk, aus Furcht und Höflichkeit, beju⸗ belte den Schluß der Rede. Empfindlich gab Robespierre dem ungeheuren Mu⸗ ſikchor im Cirkus einen Wink und ſogleich ertönte die Hymne, welche erſt am Morgen componirt worden war. Als Greiſe und Jünglinge ſinnbildlich koſtümirte Sänger traten vor und begannen die erſte Strophe des von Chenier gedichteten Liedes: Das für die Heimath treu geſtritten, Dieß Volk, Allmächt'ger, es iſt Dein; D'rum holt der Sieg mit Rieſenſchritten So frühe deſſen Fahnen ein. Den Sturz der herriſchen Gedanken Sah Pyrenä'n und Alpenwelt, Und unſer eignes Aehrenfeld Begrub die nordiſchen Phalangen. Ein mächtiger Sängerchor fiel nun ein: O Schwert! wir ſchwören Dir nicht ohne Ruh' und Raſt, Bis Du die Brut der Tyrannei vernichtet haſt! Eine Gruppe von Frauen trat auf und ſang: O, Gott, vernimm der Mütter Flehen, Der Töchter Fleh'n um Fruchtbarkeit, Denn blutend für die Freiheit ſtehen Uns Bruder, Sohn und Mann im Streit. Und wenn der Söldlinge Verbrechen Solch einen Edlen niederſtreckt, Sei uns, o Gott! der Sohn erweckt, Um den Gefallenen zu rächen! 161 Der Chor: So ſchwört, daß Euer Schwert nicht auf zu ſchlagen hört, Bis ausgerottet die Tyrannenrace! Schwört! Den Schlußvers ſangen Männer und Frauen: In Eurer Liebe bringt, Ihr Schönen, In Deinem Zorn, Du Kriegerſchaar, Ihr Greiſe bringt in Euren Söhnen Dem Vaterland das Opfer dar. Preiſt dieſen Stahl, den Kettenbrecher, Den ihre Hand geheiligt ſchwingt, Schon ſchreibt der Ewige— lobſinget! Den Sieg auf dieſen Menſchheitsrächer. Der Chor: So ſchwört: Dies iſt das Schwert, das alle Ketten bricht Wir ſchwören: In ſeine Scheide kommt es eher nicht. Als die Hymne geendet war, ſtieg Robespierre von ſeiner Tribüne herab und ſchritt auf die allegoriſche Gruppe zu. Er nahm eine Fackel aus der Hand einer weißgekleideten Jungfrau und zündete damit das Sinn⸗ bild des Atheismus an. Ein Beifallsgeſchrei der Menge erſchallte und währte ſo lange, als bis die Flamme erloſch und ein ſchwarzer Aſchenhaufen dalag. Dann tönte ein Feſtmarſch und die Mitglieder des Convents erhoben ſich von ihren Sitzen, um ſich nach dem Marsfelde zu begeben, wo der Schluß des Feſtes ſtatt⸗ finden ſollte. Ein Spalier von weißgekleideten jungen 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 11 162 Mädchen, durch dreifarbige Bänder miteinander ver⸗ bunden, war dazu beſtimmt, den Feſtzug paſſiren zu laſſen. Zuerſt kam Robespierre. Er drehte ſich häufig zu⸗ rück, um den zwiſchen ihm und ſeinen Collegen gelaſſenen Zwiſchenraum zu bemeſſen, gleichſam als wollte er das Volk gewöhnen, ihn in ſeiner Ehrfurcht von denſelben zu trennen, wie er ſich durch die Entfernung von ihnen trennte. Auch folgten ihm wirklich, als der wichtigſten Perſönlichkeit, die Blicke Aller mit Neugierde, Argwohn oder Hoffnung. Robespierre fühlte ſich; er hatte auf ſei⸗ ner Stirne den Hochmuth und auf ſeinen Lippen ein Lä⸗ cheln ſtolzer Siegesgewißheit. In zwei Colonnen ſolgten ihm die Volksvertreter durch die Wogen des Volks. Zwiſchen den beiden Zügen bewegten ſich Fuhrwerke mit Attributen der Landwirth⸗ ſchaft, Pflugſchaaren von Stieren gezogen, und andere Symbole der Induſtrie und des Handwerks. In der Mitte des ungeheuren Marsfeldes hatte man einen Hügel errichtet, an derſelben Stelle, wo einſt der Altar des Vaterlandes geſtanden hatte. Der Zugang zu demſelben war ſchmal und ſteil. Robespierre beſtieg zuerſt den Hügel und ſetzte ſich auf den Seſſel, der allein auf dem Gipfel ſtand; dann wurde Couthon, der lahme Schreckensmann, hinaufgetragen; zuletzt nahm auch St. Juſt neben Robespierre Platz. Der Reſt des Convents —— 163 verbreitete ſich planlos auf den Seiten der Berges und ſchien es mit Demüthigung zu empfinden, daß er vor den Augen des Volkes von dieſer Gruppe von Triumvirn be⸗ herrſcht wurde. Robespieere, nachdem einige Ordnung hergeſtellt worden war, verkündete von ſeiner Höhe aus das Glau⸗ bensbekenntniß des franzöſiſchen Volks. Artillerieſalven donnerten dazwiſchen. Das Volk war trunken, der Convent düſter. Der majeſtätiſche Vorſitz Robespierre's, die aus⸗ ſchließliche Begeiſterung des Volks für ihn, die unterge⸗ ordnete Stelle, welche der Präſident ſeinen Collegen auf dem Hügel angewieſen hatte; der diktatoriſche Abſtand, den er zwiſchen ihnen und ſich während des Zuges hielt, das Drängen der Menge nach religiöſen Ideen, von welchen aus dieſes bewegliche Volk auf ſehr bequeme Weiſe in den alten Aberglauben zurückgleiten konnte; die Thatſache, daß Robespierre ſeinen Namen mit Ver⸗ kündigung des höchſtens Weſens vereinigte und ſich ſomit im Geiſte der Nation durch die Göttlichkeit der Lehre, welche er der Republik zurückgab, eine gewiſſe Weihe er⸗ theilte; endlich ſchon die Idee dieſer Wiederherſtellung der Unſterblichkeit, welche den Meiſten im Convent zu⸗ wider war— das Alles hatte eine bedenkliche Gährung in den Conventsmitgliedern erzeugt. Das zermalmende Uebergewicht eines Mannes, der ſeine Volksthümlichkeit 11* 164 in den Grundinſtinkt des Menſchengeſchlechts pflanzte und ſich als Oberprieſter des Gewiſſens der Nation bemäch⸗ tigte, um ſich desſelben vielleicht am folgenden Tag als Cäſar zu bemächtigen— alle dieſe Gedanken, dieſe Eingebungen des Neides, der Furcht und des Ehrgeizes wurden bereits leiſe von Mund zu Ohr geflüſtert, brachen aber zuletzt in ein faſt lautes Gemurre unverholenen Un⸗ muthes aus. Drohende Blicke, verdächtige Gebärden, zweideutige Worte, doppelſinnige Reden ließen ſich vor Robespierre während des Rückmarſches vom Marsfelde nach den Tuilerien vernehmen— Robespierre that mit einem un⸗ vergleichlichen Hochmuth, als höre er dieſelben nicht und verſtehe ſie nicht. „Es iſt nur ein Schritt vom Capitol bis zum tarxe⸗ jiſchen Felſen!“ rief ihm Einer zu. „Es gibt noch Brutus!“ murmelte ihm ein Anderer ins Ohr. „Sieh Dich vor!“ warnte ein Dritter im Vorbei⸗ ſtreifen. „Siehſt Du dieſen Menſchen!“ fragte Einer aus der Gruppe, die wir ſchon belauſcht haben, einen neu Hin⸗ zugekommenen und jedenfalls Geſinnungsgenoſſen.„Er hält ſich bereits für einen Gott und er will die Republik gewöhnen, einen anzubeten, um ſpäter ſich ſelbſt anbeten zu laſſen.“ ——— 4 165 „Wir werden es verhindern, verlaß Dich darauf!“ ant⸗ wortete der Angeſprochene und ſein Auge flammte dabei. „Er will Opferprieſter ſein,“ meinte Tallien,„er kann ein Opfer werden.“ „Hört, es muß zu Ende gehen mit der Comödie! Heut Abend....“ Der dieſe Worte ſprach, machte ein bedeutſames Zei⸗ chen, die Uebrigen nickten, als hätten ſie ihn verſtanden. „Heut Abend,“ murmelten ſie und zerſtreuten ſich. Robespierre, wiewohl er Gleichgiltigkeit gegen die Drohungen in Gebärden und Worten geheuchelt, hatte eine Ahnung der gehäſſigen Regungen, die er ſoeben gegen ſich aufgerufen hatte. Er fühlte, daß er ſeinen Nimbus verloren und auf demſelben Altar, wo er das höchſte Weſen eingeſetzt, ſich ſeiner Popularität entkleidet hatte. Er wußte, daß er durch den heutigen Tag in den Augen des Volkes groß, im Convent jedoch geſtürzt ſei. Nachdenklich kehrte er in ſeine Wohnung zurück. Eine Menge von Briefen wurden ihm übergeben; er entfaltete ſie und lächelte diaboliſch: es waren anonyme Glückwünſche an den Wiederherſteller der Religion und der Gerechtigkeit. Manche dieſer Billets drangen in ihn, ſich zum Diktator zu machen; in vielen ſtand nur das ein⸗ zige Wort: Wage! Sinnend ging der Mann auf und ab, in deſſen Bruſt der Ehrgeiz mit der Unentſchloſſenheit ſtritt. Er trat ans 166 Fenſter, unter dem eine zahlreiche Volksmenge Lebehochs auf ihn ausbrachte. Es that ihm wohl, ſich von dieſem unbeſtimmten Hauch der öffenlichen Gunſt anwehen zu laſſen, aber der Muth zur entſchloſſenen That fehlte ihm. St. Juſt beſuchte ihn und wollte ihn zur That drängen. „Nun,“ ſagte er zu ihm, als ſie Beide allein auf einem Canapee ſaßen,„warum zögerſt Du?— Deine Freunde ſind bereit.“ „Zögern!“ antwortete Robespierre, in dem er ſelbſt ſeinem intimſten Freunde gegenüber eine gewiſſe Zurück⸗ haltung in den Aeußerungen beobachtete.„Was meinſt Du damit?“ „Bah, Du verſtehſt mich.“ „Keineswegs.“— „Ich meine, Du ſollſt die Diktatur ergreifen.“ „Thor! Etwa weil das Volk mir heut zujubelt? Ich ſage Dir, St. Juſt, es wird mich morgen ſteinigen, wenn ich heut ſeinen Willen thue.“ „Das Uebel hat den höchſten Gipfel erreicht, Ro⸗ bespierre,“ entgegnete St. Juſt; die Anarchie zerfleiſcht uns; die Geſetze, mit denen wir Frankreich überſchwemmen, ſind nur Mordwaffen, welche wir in den Händen aller Faktionen ſchleifen. Jeder Volksrepräſentant bei der Armee oder in den Departements iſt König in ſeiner Pro⸗ vinz; ſie herrſchen und wir ſind hier nur eitle Schatten⸗ * 167 bilder der Einheit. Das Blut überſtrömt uns, das Gold verbirgt ſich, die Gränzen ſtehen entblößt, der Krieg wird plan⸗ und zuſammenhanglos geführt, und ſelbſt unſere Siege ſind glorreiche Zufälle, welche uns Ehre bringen, ohne uns zu retten. Im Innern morden wir uns gegen⸗ ſeitig; jede Partei frißt, indem ſie ſich frißt, das Vater⸗ land. Können wir auf ſolche Art die Republik von Hand zu Hand ſchwanken laſſen, ohne daß ſie zuletzt dem Volke zum Abſcheu und den Königen zum Geſpötte werde? Müſſen ſo viele krampfhafte Zuckungen am Ende zur Ohnmacht führen oder zur Kraft? Wollen wir leben oder woollen wir ſterben? Es gibt nur eine Rettung für Alle — das iſt die Einheit der Regierung perſonifizirt in einem Menſchen.“ Robespierre wiegte ſein Haupt. Nach einer Weile ſagte er: „Haſt Du nicht heut ſchon bemerkt, wie der Convent mir gedroht hat?“ „Er droht, ſo lange er Unſchlüſſigkeit bemerkt— ein feſter Griff und er ſchweigt.“ „Ein feſter Griff,“ entgegnete Robespierre mit ſchlauem Lächeln,„wer ſoll ihn thun? Wer iſt der Mann, hoch genug über den Schwächen und dem Verdacht der Menſchheit, daß die Republik ſich in ihm verkörpern kann? Dieſe Rolle iſt üͤbermenſchlich, die Auſgabe furcht⸗ bar, die Geſahr ſchrecklich, wenn die Wahl eine Täu⸗ 168 ſchung ſein ſollte. Denn dieſer Mann,“ fuhr er lebhaft fort und ſchritt haſtig durch das Zimmer,„muß in ſeinem Kopfe den Geiſt der Zeit, in ſeinen Sitten die Tugenden der Republik, in ſeinem Herzen die Unbeugſamkeit des Vaterlandes, in ſeinem Leben die Reinheit der Prinzi⸗ pien, in ſeiner Seele die Unverfälſchbarkeit ſeiner Glau⸗ bensſätze haben; er muß für das öffentliche Leben an dem gleichen Tage geboren ſein, wie die Revolution, er muß ihr Schritt für Schritt durch alle ihre Entwicklungen hin⸗ durch gefolgt ſein und dabei immer zugenommen haben an Patriotismus und an Tugend. Er muß eine vollen⸗ dete Kenntniß der Menſchen und der Dinge beſitzen, welche ſich ſeit fünf Jahren auf der Bühne bewegen; er muß ſich endlich eine ſouveräne Volksthümlichkeit erworben haben, kraft welcher ihm die öffentliche Stimme ſchon vorher die Diktatur zuerkenne.“ „Nun,“ rief St. Juſt—„bei dem Bilde eines ſol⸗ chen Mannes nennt Jeder ohne Bedenken...“ „Sprich keinen Namen aus,“ unterbrach ihn Robes⸗ ierre. 1„Bah, Freund, ſeien wir offen! Es handelt ſich um das Wohl des Vaterlandes. Ich nenne nicht Dich, Ro⸗ bespierre, ſondern Deine Tugend hat es gethan. Wenn Du Diktator wirſt, ſo hat Dich die Vorſehung der Re⸗ publik dazu gemacht.“ Robespierre's Angeſicht leuchtete. 169 Gerade in demſelben Augenblick ſchrie unter den Fen⸗ ſtern ſeiner Wohnung das Volk begeiſtert: „Es lebe Robespierre! Es lebe die Republik!“ Robespierre weidete ſich einige Minuten an der Er⸗ regung in ſeiner Bruſt, dann ſchien er ſie gewaltſam er⸗ ſticken zu wollen und ſagte hart und kurz: „Es iſt zu ſpät oder zu früh, brechen wir ab.“ „Zu ſpät? Ja, zu ſpät, verſetzte St. Juſt.„Heut früh konnteſt Du Alles thun, das Volk hätte Dich auf den Händen getragen, der Convent war von der Begeiſte⸗ rung des Volkes für Dich umzingelt, er war ohnmächtig.“ „Man hätte mich morgen einen Uſurpator genannt.“ „Und wenn?“ „Man hätte mich einen Tyrannen genannt.“ „Und wenn? Robespierre, Du haſt keinen Muth, die Stimme des Neides zu vernehmen? „Es iſt noch zu früh, ſage ich Dir. Das Volk muß ſich erſt an den Gedanken gewöhnen, daß Einer in der Republik herrſche.“ „Und wann meinſt Du, daß dieß ſein wird?“ „Wer weiß?“ entgegnete Robespierre.„Vielleicht in einem Monct, vielleicht in zwei.“ „Und Deine Feinde?“ „Ich verachte ſie.“ „Sie werden in einem Monat Zeit haben, ſich ge⸗ gen Dich zu verſchwören!“ 1861. 16. Apoll von Byzanz. III. 12 170 „Sie mögen es thun, ich werde ſie überwachen.“ „Robespierre, ich warne Dich!“ „Sei ruhig, ich warne mich alle Stunde ſelbſt.“ St. Juſt nahm ſeinen Hut, um zu gehen. Nachdem er ſich von Robespierre verabſchiedete, richtete er noch in der Thür folgende Frage an ihn: „Denkſt Du an Cäſar, der ſich die Krone anbieten ließ, bereit Antonius zu verleugnen, wenn der Cirkus murrte, bereit dieſelbe aufzuſetzen, wenn das Volk zu⸗ jauchzte?“ Robespierre ſah St. Juſt betroffen an. „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich werde Antonius ſein und im Wohlfahrtsaus⸗ ſchuß den Antrag ſtellen, Dir die Diktatur zu übertragen. Murrt man, ſo verleugne mich, jauchzt man mir zu, ſo nimm die Diktatur an.“ „Unvorſichtiger!“ rief Robespierre erſchrocken, aber St. Juſt war bereits aus dem Zimmer. „Er kann doch Recht haben,“ murmelte er nach einer Pauſe, während welcher er in Nachſinnen verſunken ge⸗ weſen.„Spiele er die Rolle des Antonius, wir werden ja ſehen...“ Am Abende desſelben Tages war bei Tallien eine Verſammlung von Männern aus dem Convent, unter de⸗ nen ſich die meiſten derjenigen befanden, welche während des Feſtes ſo bittere Reden gegen Robespierre geführt. —— † 171 Es war unſtreitig eine bereits ſeit einiger Zeit angefan⸗ gene Verſchörung. Tallien, Barras und Fréron waren die Seelen derſelben. Dieſe drei Deputirten hatten, von ihren Sendungen in Bordeaux, Marſeille und Toulon ab⸗ berufen, ſehr ungern die Allmacht ihrer Amtsverrichtun⸗ gen niedergelegt. Lange Zeit unumſchränkte Proconſuln, ſouveräne Gebieter über das Leben und die Beute, konn⸗ ten ſie ſich nur mit bitterem Aerger dazu verſtehen, wieder einfache Deputirte zu werden und gar unter einem Collegen, wie Robespierre es war, zu zittern. Die diktatoriſche Gewalt, welche ſie bei den Armeen ausgeübt, die Gewohnheit mit⸗ zufechten, der Stolz der Siege, die Dienſte, welche ſie der Republik geleiſtet, die Uniform, welche ſie an der Spitze der Colonnen getragen, hatten ihren Charakteren etwas Mi⸗ litäriſches gegeben. Worte und Reden hatten lange nicht den Werth für ſie, als eine entſchloſſene That. Sie bil⸗ deten ſo mitten unter den Maͤnnern des Wortes den Keim einer militäriſchen Partei, die bereit war, mit dem Säbel den Knoten des Gewebes zu zerhauen, welches ſie immer enger einſchnürte. Tallien, gegen Robespierre erbittert, weil dieſer ſeine Geliebte, die er in den Gefängniſſen von Bordeaux ge⸗ funden, wieder hatte verhaften laſſen, hatte heut Abend ſeinen beſtimmten Plan entwickelt. „Bürger,“ ſagte er,„die Hauptſache iſt, Robespierre unpopulär zu machen, ſeine Angriffe abzuwehren oder ih⸗ 12*½ 172 nen zuvorzukommen, ſeinen Ehrgeiz zu entlarven, ſeine Tyrannei zu brandmarken.“ „Er ſpielt ſein letztes Spiel,“ warf Froͤron ein,„paſ⸗ ſen wir auf!“ „Wenn er ſich der Diktatur bemächtigt, was machen wir dann?“ fragte Barras. „Er darf nicht dazu kommen,'entgegnete ein anderer Deputirter.„Spähen wir ſeine Schritte aus, ſeine Hand⸗ lungen, ſeine Thaten. Verfolgen wir ihn, greifen wir ihn tagtäglich im Convent an, werben wir Bundesgenoſſen, die uns helfen, ihn athemlos zu machen, die Maske abzu⸗ reißen, in Leidenſchaft zu verſetzen.“ „Und wenn er die Diktatur ergreift,“ rief Tallien leidenſchaftlich, indem er einen Dolch aus ſeiner Taſche zog,„Bürger, mein Wort, ich ſtoße ihn nieder auf der Tribüne inmitten ſeiner Feſtrede!“ „So halten wir zuſammen!“ „Und ſtumm wie das Grab.“ „Führen wir die Spione Robespierre's irre— alle Tage eine andere Parole, alle Tage wie zufällig Verſamm⸗ lungen, bald hier, bald dort. Und habet Acht— ſtill wie das Grab— ſchwört!“ „Wir ſchwören!“ riefen die Anweſenden mit dumpfer Stimme. „Er ſoll es wagen!“ murmelte Tallien mit drohen⸗ der Gebärde, indem er die Verſchworenen entließ. Ende des dritten Theiles. — * iſ TInaraunnmmmEnannmanauunnmmmmrnnnaaanummmmrnnnaaaanmmmmmmprnraauun 13 14 11 1 15 16 17 18 1